Decision ID: 65ed8fae-8fdf-5093-9be8-78be09894c1a
Year: 2019
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1980 geborene A_ ist seit 1. Oktober 2003 bei der Kantonspolizei
St. Gallen angestellt und dadurch bei der Versicherung X_ obligatorisch gegen die
Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert. Am Samstag, 9. Dezember 2017,
wurde er am Schlepplift für Kinder in Gonten AI durch einen Skiliftbügel an der rechten
Hand verletzt.
B. Am 4. April 2018 suchte A_ Dr. med. B_, Fachärztin Allgemeine Innere Medizin,
St. Gallen, auf, welche als Diagnose den Verdacht auf Kapseltrauma/Zerrung Beugesehne
Dig. IV rechts stellte (act. 5/A2 und act. 5/M1). Die Schadenmeldung UVG von A_ an die
Versicherung X_ datiert vom 5. April 2018 (act. 5/A1). Am 16. April 2018 füllte A_ den
Fragebogen der Versicherung X_ zum Ereignis vom 9. Dezember 2017 aus (act. 5/A2).
C. Mit Schreiben vom 9. Mai 2018 teilte die Versicherung X_ A_ mit, dass es sich beim
Ereignis vom 9. Dezember 2017 rechtlich gesehen nicht um einen Unfall handle, weshalb
kein Anspruch auf Leistungen bestehe (act. 5/A3). Dagegen erhob A_ am 12. Mai 2018
Einwand (act. 5/A4).
D. Mit Verfügung vom 4. Juni 2018 hielt die Versicherung X_ daran fest, dass kein
Anspruch auf Leistungen bestehe, da das Ereignis weder einen Unfall im Sinne von Art. 4
ATSG darstelle noch unter die unfallähnlichen Körperschädigungen gemäss Art. 6 Abs. 2
UVG falle (act. 5/A5). Dagegen erhob A_ am 18. Juni 2018 Einsprache (act. 5/A6).
E. Mit Einspracheentscheid vom 28. September 2018 wies die Versicherung X_ die
Einsprache ab (act. 5/A7).
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F. Am 8. Oktober 2018 erhob A_ beim Obergericht Appenzell Ausserrhoden Beschwerde
mit dem eingangs wiedergegebenen Antrag (act. 1). In der Vernehmlassung vom 25.
Oktober 2018 beantragte die Versicherung X_ die Abweisung der Beschwerde (act. 4).
Am 13. November 2018 ging die Replik von A_ ein (act. 7). Die Versicherung X_
verzichtete mit Schreiben vom 21. November 2018 auf eine Duplik (act. 9).
G. Auf die Vorbringen der Parteien in den Rechtsschriften sowie die Ausführungen in den
Akten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Erwägungen
1. Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht als kantonales
Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die
örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 58 Abs. 1 ATSG).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. März
1981 über die Unfallversicherung [UVG, SR 832.20] i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und
Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002
über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Strittig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf Versicherungsleistungen
im Zusammenhang mit dem Ereignis vom 9. Dezember 2017.
2.1
Die Zusprechung von Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung setzt grundsätzlich
das Vorliegen eines Berufsunfalls, eines Nichtberufsunfalls oder einer Berufskrankheit
voraus (Art. 6 Abs. 1 UVG). Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende
Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine
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Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod
zur Folge hat (Art. 4 ATSG).
Nach Art. 6 Abs. 2 UVG erbringt die Versicherung ihre Leistungen auch bei folgenden
Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung
zurückzuführen sind: Knochenbrüche (lit. a), Verrenkungen von Gelenken (lit. b),
Meniskusrisse (lit. c), Muskelrisse (lit. d), Muskelzerrungen (lit. e), Sehnenrisse (lit. f),
Bandläsionen (lit. g), Trommelfellverletzungen (lit. h).
Ist die versicherte Person infolge des Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art. 6
ATSG), so hat sie Anspruch auf ein Taggeld (Art. 16 Abs. 1 UVG). Sie hat zudem Anspruch
auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Art. 10 UVG).
2.2
Art. 4 ATSG umschreibt zum einen unter Heranziehung von vier Kriterien (Plötzlichkeit,
Unfreiwilligkeit, Ungewöhnlichkeit, äusserer Faktor) das Unfallereignis und hält zum
anderen fest, dass das so definierte Unfallereignis eine bestimmte Folge (Beeinträchtigung
der Gesundheit oder Tod) haben müsse, damit ein Unfall im Sinne des Gesetzes
anzunehmen ist (UELI KIESER, a.a.O., N. 7 und N. 61 zu Art. 4 ATSG).
Das Bestehen einer vom Unfallversicherer zu übernehmenden unfallähnlichen
Körperschädigung hängt nicht vom Vorliegen eines äusseren Ereignisses ab. Die Tatsache,
dass eine in Art. 6 Abs. 2 UVG genannte Körperschädigung vorliegt, führt zur Vermutung,
dass es sich hierbei um eine unfallähnliche Körperschädigung handelt, die vom
Unfallversicherer übernommen werden muss (Botschaft vom 30. Mai 2008 zur Änderung
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung, in BBl 2008 S. 5411 [Ziff. 2.1.2] und 5424
[zu Art. 6 Abs. 2]; Zusatzbotschaft vom 19. September 2014 zur Änderung des
Bundesgesetzes über die Unfallversicherung, in BBl 2014 S. 7922 [Ziff. 2.2] und 7934 [zu
Art. 6 Abs. 2 ]).
2.3
Die leistungsansprechende Person muss die Umstände des Unfallgeschehens glaubhaft
machen. Zur Glaubhaftmachung genügt es nicht, einen Gesundheitsschaden
nachzuweisen, der möglicherweise auf ein Unfallereignis zurückgehen könnte, sondern es
müssen über das konkrete Geschehen wahre, genaue und wenn möglich ins Einzelne
gehende Daten namhaft gemacht werden, aufgrund derer der Versicherer in die Lage
versetzt wird, sich über die Umstände des Ereignisses ein Bild zu machen und diese in
objektiver Weise abzuklären. Im Streitfall obliegt es dem Gericht zu beurteilen, ob die
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einzelnen Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt sind. Zu diesem Zweck hat es den
Sachverhalt von Amtes wegen zu untersuchen, kann aber die Mitwirkung der Parteien
beanspruchen (RUMO-JUNGO/HOLZER, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl.
2012, S. 29).
3. 3.1
In der Schadenmeldung UVG sowie in dem von der Versicherung X_ zugesandten
Fragebogen schilderte der Beschwerdeführer das Ereignis vom 9. Dezember 2017
dahingehend, als er beim Versuch, einen Bügel mit der rechten Hand zu greifen, mit der
Hand abgerutscht sei. Durch den Zug des Lifts beziehungsweise des Bügels habe es ihm
einen „Ruck“/“Zwick“ in die Hand gegeben (act. 5/A1 und act. 5/A2). In der Einsprache vom
18. Juni 2018 führte er ergänzend aus, es sei nicht nur ein (isoliertes) Greifen des Bügels
und Abrutschen mit der rechten Hand gewesen. Es sei ein Zusammenwirken zwischen dem
Bügel, der mit einer bestimmten Geschwindigkeit in seine rechte Hand geschlagen sei und
dem anschliessenden Abrutschen infolge nicht richtigen Greifens gewesen. Beim Bügel
handle es sich um einen Kinderlift, dessen Haltevorrichtungen Griffe seien. Der
ungewöhnliche äussere Faktor sei dieser Griff, welcher wider Erwarten in seine rechte
Hand geschlagen und ursächlich für seine Verletzung gewesen sei (act. 5/A6).
3.2
Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, er habe die Versicherung X_ zweimal
schriftlich darauf aufmerksam gemacht, dass sie den Sachverhalt nicht korrekt
beziehungsweise unvollständig wiedergegeben habe. Es sei nicht nachvollziehbar, dass
der äussere Faktor – mithin der überraschende Aufschlag des Haltegriffs in seine Hand –
den Rahmen des Üblichen nicht sprenge. Seine Hausärztin sowie der Handchirurg hätten
unfallbedingte Verletzungen festgestellt, so dass bei ihm zu prüfen sei, ob nicht eine
Körperschädigung im Sinne der im Gesetz enthaltenen Liste vorliege.
Die Versicherung X_ wendet im Wesentlichen ein, das vom Beschwerdeführer als
äusserer Faktor geltend gemachte Auftreffen des Bügels auf die Hand sei keineswegs
ungewöhnlich und überraschend, sondern gewollt gewesen. Das nicht richtige Schliessen
der Hand beziehungsweise das etwas Abrutschen der Hand entspreche einem inneren
Faktor und etwa dem Wegrutschen einer schweren Bücherkiste. Der Unfallbegriff sei zu
verneinen. Ferner liege keine Diagnose einer Listenverletzung im Sinne von Art. 6 Abs. 2
UVG vor.
3.3
Seite 6
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist ohne besonderes Vorkommnis bei einer
Sportverletzung das Merkmal der Ungewöhnlichkeit und damit das Vorliegen eines Unfalls
zu verneinen (BGE 130 V 117 E. 2.2). Der äussere Faktor ist nur dann ungewöhnlich, wenn
er – nach einem objektiven Massstab – nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den
jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist, nicht aber, wenn ein Geschehen in die
gewöhnliche Bandbreite der Bewegungsmuster des betreffenden Sports fällt (Urteil des
Bundesgerichts 8C_835/2013 vom 28. Januar 2014 E. 5.1 mit zahlreichen Hinweisen;
ANDRÉ NABOLD, in: Hürzeler/Kieser [Hrsg.], UVG, 2018, N. 22 zu Art. 6 UVG). Kleine
Vorfälle, wie sie sich täglich zutragen, sollen grundsätzlich nicht als Unfälle im Sinne von
Art. 4 ATSG betrachtet werden (ANDRÉ NABOLD, a.a.O., N. 20 zu Art. 6 UVG).
Das Geschehen nach dem vom Beschwerdeführer geschilderten Sachverhalt, mithin der
Griff nach dem Bügel und dessen Aufprall in die Hand, fällt in die gewöhnliche Bandbreite
der Bewegungsmuster beim Fahren mit einem Kinderskilift. Diese weisen in der Regel
einen besonderen Haltegriff auf und keinen klassischen Skiliftbügel, weshalb auch dies kein
besonderes Vorkommnis darstellt. Weder dass der Bügel oder Griff mit einer bestimmten
Geschwindigkeit auf die Hand des Beschwerdeführers traf noch das Abrutschen infolge
nicht richtigen Greifens stellte etwas „Programmwidriges“ dar. Somit ist anhand des
vorgebrachten Sachverhalts in Bezug auf das Ereignis vom 9. Dezember 2017 ein
Unfallereignis nach Art. 4 ATSG beziehungsweise das Unfallbegriffsmerkmal des
ungewöhnlichen äusseren Faktors nicht dargetan.
3.4
Zu prüfen bleibt, ob das beim Beschwerdeführer durch das Ereignis vom 9. Dezember 2017
festgestellte Beschwerdebild allenfalls eine unfallähnliche Körperschädigung darstellt,
welche die Leistungspflicht der Vorinstanz zu begründen vermag.
Zur Beurteilung sozialversicherungsrechtlicher Leistungsansprüche ist das Gericht auf
Angaben ärztlicher Experten und Expertinnen angewiesen, welche das Gericht zu würdigen
hat (BGE 134 V 231 E. 5.1; BGE 125 V 351 E. 3a).
Dr. med. B_ diagnostizierte im Bericht vom 20. April 2018 einen Verdacht auf
Kapseltrauma/Zerrung Beugesehne Dig. IV rechts (act. 5/M1).
Der beratende Arzt der Versicherung X_, Dr. med. C_, Facharzt FMH Chirurgie, hielt
in der Stellungnahme des medizinischen Dienstes vom 31. Mai 2018 fest, dass es sich
beim Ereignis vom 9. Dezember 2017 nicht um eine gesicherte Listendiagnose gemäss Art.
6 Abs. 2 UVG handle. Es bestehe nur ein Verdacht auf Kapseltrauma/Zerrung Beugesehne
Seite 7
Dig. IV rechts. Keine Diagnosen gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG seien Sehnenläsionen
(Zerrungen und Dehnungen) (act. 5/M2).
Dr. med. D_, Facharzt FMH Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates sowie Handchirurgie, Orthopädie am Rosenberg, St. Gallen, stellte in
seinem Bericht über die ambulante Untersuchung vom 29. Mai 2018 die Diagnose
persistierende Arthralgie Grundgelenk Strahl IV rechts bei Status nach Kontusion und
Distorsion Grundgelenk palmar Dezember 2017. Durch die Verletzung habe sich ein
chronisches Schmerzsyndrom im Grundgelenk Strahl IV mit reaktiver Schmerzausstrahlung
und Verkrampfung in den Unterarm entwickelt. Diesbezüglich sei nach der Physiotherapie
eine Besserung eingetreten, wobei der lokalisierte Schmerz dorsoulnar im Grundgelenk
geblieben sei. Da die Arthralgie (Psychrembel, Klinisches Wörterbuch, 261. Aufl., 2007, S.
145, Arthralgie = Gelenkschmerz) doch schon sehr lange dauere, sei eine
Gelenksinfiltration entschieden worden. Erfahrungsgemäss können diese
Fingerdistorsionen Monate hinhalten, aber man dürfe nach ca. drei Monate dann jeweils
eine Infiltration versuchen. Der Effekt dieser Massnahme sei abzuwarten, es bestehe eine
100%-ige Arbeitsfähigkeit (act. 5/M5).
Dr. med. E_, Facharzt FMH Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, hielt in seiner Stellungnahme vom 14. Juni 2018 zuhanden der
Versicherung X_ fest, dass in der vorhandenen Dokumentation eine Listendiagnose nicht
ausgewiesen sei. Ein diesbezüglicher Verdacht reiche nicht aus, die Diagnose als etabliert
zu betrachten (act. 5/M3).
Gesamthaft gesehen geht aus den medizinischen Akten somit hervor, dass der
Beschwerdeführer nach Ansicht von Dr. med. C_ Sehnenläsionen erlitten hat
beziehungsweise nach der Meinung von Dr. med. D_ persistierende Gelenkschmerzen
vorliegen. Jedoch fallen weder eine persistierende Arthralgie noch eine Sehnenläsion in die
Liste der unfallähnlichen Körperschädigungen nach Art. 6 Abs. 2 UVG, da eine
Sehnenläsion kein Sehnenriss im Sinne von Art. 6 Abs. 2 lit. f UVG darstellt (KILIAN RITLER
KIESER, Die unfallähnliche Körperschädigung (UKS), in: Unfall? Novembertagung 2015
zum Sozialversicherungsrecht, 2016, S. 112; ANDRÉ NABOLD, a.a.O., N. 47 zu Art. 6 UVG).
3.5
Zusammenfassend liegt weder ein Unfall noch eine unfallähnliche Körperschädigung vor,
für welche die Versicherung X_ die gesetzlichen Leistungen zu erbringen hat.
Die Beschwerde ist somit abzuweisen.
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Seite 9
4. 4.1
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 UVG).
4.2
Der obsiegenden Versicherung X_ ist keine Parteientschädigung auszurichten (BGE 126
V 143 E. 4).