Decision ID: 0ce5c29e-db04-4c63-a99f-1036abca4373
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
betreffend Gefährdung des Lebens etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster, Strafgericht, vom 4. Juni 2020 (DG190012)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich (vormals Staats-
anwaltschaft IV des Kantons Zürich) vom 28. November 2017 (Urk. 16) ist diesem
Urteil beigeheftet.
Urteil und Beschluss der Vorinstanz: (Urk. 79 S. 25 ff.)
1. Das Verfahren betreffend die Vorwürfen der mehrfachen einfachen Körper-
verletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 und Ziff. 2 StGB sowie der versuch-
ten Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 und Abs. 2 StGB in Verbindung
mit Art. 22 Abs. 1 StGB wird eingestellt.
2. Die Kostenfolgen dieses Beschlusses werden mit nachfolgendem Erkenntnis
geregelt.
3. Mündliche Eröffnung und Begründung im Dispositiv mit nachfolgendem
Erkenntnis.
4. Gegen diesen Entscheid kann innert 10 Tagen von der Zustellung an beim
Obergericht des Kantons Zürich, III. Strafkammer, Postfach, 8021 Zürich,
schriftlich und begründet Beschwerde eingereicht werden.
Wird gegen das Urteil Berufung erklärt, so gilt dieser Beschluss als mitange-
fochten, soweit er von der Berufung betroffen wird.
Sodann wird erkannt:
1. Der Beschuldigte, A._, wird vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens
im Sinne von Art. 129 StGB freigesprochen.
2. Der Antrag auf Anordnung einer Landesverweisung wird als gegenstandslos
geworden abgeschrieben.
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3. Der Antrag auf Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Infor-
mationssystem wird als gegenstandslos geworden abgeschrieben.
4. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf Fr. 3'000.–.
Wird auf eine schriftliche Begründung des Urteils verzichtet, so reduziert
sich die Gerichtsgebühr um einen Drittel.
5. Die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'405.30 Auslagen Untersuchung (Gutachten IRM+Ergänzung) Fr. 287.50 Auslagen Untersuchung (Dolmetscher) Fr. 1'260.– Kosten der Kantonspolizei Zürich
Fr. 2'500.– Gebühr für das Vorverfahren (§ 4 Abs. 1 lit. d GebV StrV)
6. Die Entscheidgebühr und die weiteren Kosten, ausgenommen die Dolmet-
scherkosten, werden dem Beschuldigten auferlegt.
7. Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für seine Bemühungen als amtlicher Ver-
teidiger des Beschuldigten in den erstinstanzlichen Verfahren DG170032-I
sowie DG190012-I (inkl. Beschluss des Obergerichts vom 17. Dezember
2019 in UH190180-O) mit insgesamt Fr. 19'850.– (inklusive Barauslagen
und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
Es wird vorgemerkt, dass bereits eine Akontozahlung in der Höhe von
Fr. 13'800.– ausbezahlt wurde. Dementsprechend ist Rechtsanwalt lic. iur.
X._ mit zusätzlich Fr. 6'050.– aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse ge-
nommen, im Umfang von Fr. 7'368.35 definitiv. Eine Nachforderung der rest-
lichen Kosten (Fr. 12'481.65) bleibt gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorbehal-
ten.
8. Dem Beschuldigten wird keine Genugtuung zugesprochen.
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Anträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 90 S. 1)
1. Es seien der Beschluss und das Urteil des Bezirksgerichts Uster,
Strafgericht, vom 4. Juni 2020 (DG190012) zu bestätigen;
2. Die Kosten des Berufungsverfahrens, einschliesslich jener der amtli-
chen Verteidigung, seien definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich:
(Urk. 89 i.V.m. Urk. 80 S. 2)
Vorbehalten neuer Erkenntnisse aus der Beweisabnahme
• sei A._
− der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB,
− der mehrfachen einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 und Ziff. 2 StGB, sowie
− der versuchten Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 und Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig zu sprechen.
• Er sei zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten und einer
Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 100.00 (entsprechend
Fr. 2'000.00).
• Es sei ihm der bedingte Vollzug der Freiheitsstrafe und der Geldstrafe
zu gewähren unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren.
• Es sei eine Landesverweisung von 10 Jahren anzuordnen.
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• Es sei die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener In-
formationssystem anzuordnen.
• Es seien A._ die Kosten aufzuerlegen.
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Considerations:
Erwägungen:
I.
1. Einleitung
Vorliegend geht es um einen Vorfall häuslicher Gewalt, zu welchem es am Abend
des 2. Juli 2017 gekommen sein soll. Laut Anklage soll der Beschuldigte A._
seine Ehefrau B._ im Rahmen einer heftigen, zunächst verbalen Aus-
einandersetzung mehrmals heftig gegen den Körper und das Gesicht geschlagen
haben, sie an den Haaren gerissen und sie durch die Wohnung geschleift haben.
Auch soll er mehrere Male ihren Hals ergriffen und sie gewürgt haben. Im Zuge
des Streits soll er ferner Todesdrohungen ausgestossen haben (Urk. 16).
2. Verfahrensgang
2.1. Mit Anklageschrift vom 28. November 2017 erhob die Staatsanwaltschaft I
des Kantons Zürich Anklage beim Bezirksgericht Uster wegen Gefährdung des
Lebens (Art. 129 StGB), mehrfacher einfacher Körperverletzung (Art. 123 Ziff. 1
und Ziff. 2 StGB) sowie versuchter Drohung (Art. 180 Abs. 1 und Abs. 2 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB; Urk. 16).
Am 22. März 2018 fällte die Vorinstanz ein Urteil, mit welchem sie das Verfahren
bezüglich der Vorwürfe der einfachen Körperverletzung und der versuchten Dro-
hung sistierte und den Beschuldigten vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens
freisprach (Geschäfts-Nr. DG170032-I, Urk. 49). Dieser Entscheid wurde mit Be-
schluss SB180213-O/U vom 26. Februar 2019 der I. Strafkammer des hiesigen
Obergerichts wegen falsch gewählter Entscheidform bzw. Unvollständigkeit auf-
gehoben und zur Durchführung einer neuen Hauptverhandlung und Beschluss-
fassung resp. Urteilsfällung zurückgewiesen (Urk. 52).
In der Folge sistierte die Vorinstanz das (nunmehr unter der Geschäfts-Nummer
DG190012-I geführte) Strafverfahren mit Beschluss vom 18. Juni 2019 im Sinne
von Art. 55a StGB, insoweit es um die Vorwürfe der mehrfachen einfachen Kör-
perverletzung sowie der versuchten Drohung geht (Urk. 62). Auf eine von der
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Staatsanwaltschaft dagegen erhobene Beschwerde trat die III. Strafkammer des
hiesigen Obergerichts mit Beschluss vom 17. Dezember 2019 nicht ein, nachdem
sie zum Schluss gekommen war, dass der Sistierungsbeschluss an sich nicht da-
zu geeignet sei, für die Staatsanwaltschaft einen nicht wieder gutzumachenden
rechtlichen Nachteil zu bewirken; anzufechten sei der Sistierungsentscheid durch
ein Rechtsmittel gegen den Endentscheid über die Einstellung des Verfahrens im
Sinne von Art. 55a Abs. 3 StGB [in dessen damals in Kraft stehenden Fassung
vom 5. Oktober 2007], zumal sich die Sistierung offensichtlich auf den Inhalt des
Endentscheids auswirken könne (Urk. 64, insb. E. II/5).
Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Beschluss vom 4. Juni 2020
stellte die Vorinstanz im Anschluss an die gleichentags durchgeführte Hauptver-
handlung das Strafverfahren gegen den Beschuldigten im Sinne von Art. 55a
Abs. 3 aStGB ein, soweit es die Vorwürfe der mehrfachen einfachen Körperver-
letzung sowie der versuchten Drohung betrifft (Urk. 79 S. 25, dessen Erwägungen
ergeben sich aus Urk. 73 S. 4). Mit dem unmittelbar anschliessend ergangenen
Urteil sprach die Vorinstanz sodann den Beschuldigten vom Vorwurf der Gefähr-
dung des Lebens seiner Ehefrau frei. Ferner schrieb es die Anträge auf Landes-
verweisung und um deren Ausschreibung im Schengener Informationssystem als
gegenstandslos geworden ab und regelte die Kosten- und Entschädigungsfolgen
(Urk. 79 S. 25 f.).
Für die Einzelheiten zum Verfahrensgang bis zum 4. Juni 2020 kann zur Vermei-
dung von unnötigen Wiederholungen auf die Erwägungen der Vorinstanz verwie-
sen werden (Urk. 79 E. 1 S. 4 ff.).
2.2. Gegen die mündlich eröffneten Entscheide der Vorinstanz vom 4. Juni 2020
(Prot. I S. 19 und 21 f.) meldete die Staatsanwaltschaft rechtzeitig Berufung an
(Urk. 73A/3 und 74; Art. 399 Abs. 1 StPO). Nach Zustellung des begründeten
Entscheides (Urk. 77 und 78/3) reichte sie sodann fristwahrend eine Berufungser-
klärung dem hiesigen Obergericht ein (Art. 399 Abs. 3 StPO) und stellte gleichzei-
tig einen Beweisantrag (Urk. 80).
Mit Präsidialverfügung vom 9. Oktober 2020 wurde die Berufungserklärung den
weiteren Verfahrensbeteiligten zugestellt, um gegebenenfalls Anschlussberufung
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zu erheben oder ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 82). Der
Beschuldigte liess am 23. Oktober 2020 mitteilen, er erhebe keine Anschlussberu-
fung, es sei das Urteil der Vorinstanz zu bestätigen (Urk. 84). Aufforderungs-
gemäss reichte er ausserdem das Datenerfassungsblatt samt Unterlagen zu sei-
nen finanziellen Verhältnissen ein (Urk. 84 und 85/1–6; zu den finanziellen Ver-
hältnissen vgl. auch die Aktualisierungen in Urk. 91/3, Urk. 110 S. 9 und Urk. 111/
3 f.).
Die Berufungsverhandlung fand am 15. Juni 2021 in Anwesenheit des Vertreters
der Anklagebehörde sowie des Beschuldigten und dessen amtlichen Verteidigers
statt; die Geschädigte nahm an der Verhandlung nicht teil (Prot. II S. 4). Nach ei-
ner kurzen Zwischenberatung im Anschluss an die Parteiverhandlungen (Prot. II
S. 5 ff.) wurde den Parteien eröffnet, dass eine Ergänzung der rechtsmedizini-
schen Begutachtung eingeholt werde (Prot. II S. 21, Art. 389 Abs. 3 StPO). Ange-
sichts dessen erklärten sich diese mit einer schriftlichen Weiterführung des Beru-
fungsverfahrens einverstanden (Prot. II S. 22).
Die Fragen an den Gutachter wurden den Parteien mit Beschluss vom 3. August
2021 (Urk. 92) unterbreitet mit der Möglichkeit, sich dazu zu äussern und allen-
falls eigene Anträge zu stellen. Nachdem die Verteidigung davon Gebrauch ge-
macht hatte (Urk. 94; der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis gebracht [Urk. 96/1]),
erging am 12. Oktober 2021 der Auftrag zu einem Ergänzungsgutachten samt er-
gänztem Fragenkatalog an Prof. Dr. med. C._ (Urk. 97 f.). Das Ergänzungs-
gutachten datiert vom 20. April 2022 und ging am Folgetag bei der erkennenden
Kammer ein (Urk. 102). Die Staatsanwaltschaft nahm mit Eingaben vom 2. Mai
2022 (Urk. 108) und 31. Mai 2022 (Urk. 115) Stellung, die Verteidigung mit sol-
chen vom 19. Mai 2022 (Urk. 110) und 1. Juni 2022 (Urk. 117; vgl. auch Urk.
120).
Nachdem das Verfahren nun spruchreif ist, hat ein Urteil zu ergehen.
3. Umfang der Berufung
Die Berufung der Staatsanwaltschaft zielt auf eine anklagegemässe Verurteilung
des Beschuldigten. Die Berufung ist ausdrücklich nicht beschränkt (Urk. 80 S. 1)
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und richtet sich namentlich auch gegen eine (teilweise) Verfahrenseinstellung im
Sinne von Art. 55a Abs. 3 aStGB (Urk. 80 S. 3). Zur Anfechtbarkeit des Endent-
scheids über die Einstellung des Verfahrens im Sinne von Art. 55a Abs. 3 aStGB
(statt des Sistierungsbeschlusses) äusserte sich bereits einlässlich und zutreffend
die III. Strafkammer des hiesigen Obergerichts in ihrem Beschluss vom 17. De-
zember 2019 (Urk. 64); darauf kann hier zur Vermeidung von unnötigen Wieder-
holungen verwiesen werden.
Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung aufschieben-
de Wirkung. Nachdem der Beschuldigte ausdrücklich auf Anschlussberufung ver-
zichtete (Urk. 84), ist das Urteil der Vorinstanz hinsichtlich der Dispositivziffern 6
(Auferlegung der Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens dem Beschuldigten)
und 8 (keine Genugtuung für den Beschuldigten) in Rechtskraft erwachsen
(Art. 402 StPO), was vorab in einem Beschluss festzustellen ist. Abgesehen da-
von steht mit der unbeschränkten Berufung der Staatsanwaltschaft die gesamte
strafrechtliche Beurteilung des inkriminierten Vorfalls vom 2. Juli 2017 zur Dispo-
sition.
II.
1. Ausgangslage
Gegenstand der Anklage ist – wie eingangs schon erwähnt – ein Vorfall, der sich
am 2. Juli 2017 zugetragen haben soll. Dass es an jenem Abend zwischen den
Eheleuten A._B._ eine verbale Auseinandersetzung gab, in deren Ver-
lauf es zu gewalttätigen Ausbrüchen kam, ist unbestritten (vgl. Urk. 2/1 Frage/Ant-
wort 16, Urk. 2/2 F/A 12, Urk. 2/3 F/A 26, Urk. 2/5 F/A 15; Urk. 3/1 F/A 12,
Urk. 3/2 F/A 21 ff.). Beide Beteiligten erstatteten anderntags, je gegenseitig,
Strafanzeige (Urk. 1/2 und Urk. 1/3). Dass ein – irgendwie gearteter – gewalttäti-
ger Übergriff stattfand, kann somit als erstellt gelten.
Zu beurteilen ist nun primär, ob sich der Beschuldigte bei dieser Begebenheit der
Gefährdung des Lebens seiner Ehefrau schuldig gemacht hat. Diese Frage ist
Dreh- und Angelpunkt des vorliegenden Verfahrens, zumal auch umstritten ist, ob
der Entscheid über den Hauptvorwurf Implikationen auf die Frage hat, ob das Ver-
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fahren bezüglich der weiteren Tatvorwürfe (mehrfache einfache Körperverletzung,
versuchte Drohung) – bei ansonsten gegebenen Voraussetzungen – nach
Art. 55a StGB eingestellt werden konnte. Und schliesslich hängt auch die Frage
der Landesverweisung mit dem Hauptvorwurf zusammen.
2. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift vom 28. November 2017 (u.a.) vor-
geworfen, er habe an besagtem Abend im Rahmen einer zunächst verbalen Aus-
einandersetzung die Geschädigte mehrere Male heftig mit der Hand und mit sei-
nen Fäusten gegen den Körper und das Gesicht geschlagen; er habe sie an ihren
Haaren gerissen und sie durch die Wohnung geschleift (Urk. 16 S. 2). Ausserdem
habe der Beschuldigte mehrere Male den Hals der Geschädigten ergriffen: (1.) Im
Streit habe er mit einer Hand den Hals der Geschädigten ergriffen und mindes-
tens kurz zugedrückt, wobei sich die Geschädigte jedoch habe wehren können.
(2.) Im Zuge der weiteren Auseinandersetzung habe er erneut mit einer, eventuell
mit beiden Händen, ihren Hals ergriffen und mindestens kurz zugedrückt. Auch
dies habe die Geschädigte abwehren können. (3.) Einige Minuten später habe der
Beschuldigte im Zuge der weiteren Auseinandersetzung die bäuchlings schräg
seitlich auf dem Boden liegende Geschädigte von hinten mit beiden Händen am
Hals gepackt und sie neuerlich, nun ungefähr eine halbe Minute lang kräftig ge-
würgt, sodass sie nicht mehr habe atmen können und Drehschwindel gehabt ha-
be. Da habe sie mit einer Hand auf den Boden geschlagen (um die akute Not-
situation und subjektiv wahrgenommene Todesgefahr zu signalisieren). Die Ge-
schädigte habe in diesem Moment eine Bewusstseinstrübung und Sehstörung
gehabt. Schliesslich habe der Beschuldigte von der Geschädigten abgelassen
(Urk. 16 S. 3 f.).
Was die Folgen der Tatausführung betrifft, wirft die Anklage dem Beschuldigten
vor, dass durch seine Gewalteinwirkung die Geschädigte sich
− am rechten Auge ein ungefähr 2 auf 1 cm umfassendes Hämatom und
punktförmige Einblutungen ins Gewebe,
− am linken Auge ein 3 auf 1,5 cm messendes Hämatom mit starker Schwel-
lung ("blaues Auge"),
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− im Bereich des linken Ohres verschiedene Hämatome,
− auf der linken Wange eine starke Schwellung und
− im Bereich der Brust und des Rückens verschiedene Prellungen
zuzog. Diese Verletzungen seien einige Wochen deutlich sichtbar und mindestens
einige Tage sehr schmerzhaft gewesen. Auch habe die Geschädigte mindestens
über Wochen hinweg ein durch die Schläge, eventuell durch das Würgen, verur-
sachtes Schwindelgefühl gehabt (Urk. 16 S. 2 unten).
Die Todesdrohungen habe die Geschädigte nicht ernst genommen und hätten sie
demnach nicht in Angst versetzt (Urk. 16 S. 3).
Das Würgen stuft die Anklage als hochgefährlich ein. Es habe die nahe Gefahr
eines Todeseintritts aufgrund der durch das Würgen reduzierten Blutzirkulation
bestanden. Zusätzlich habe die hohe Gefahr schwerer Atemwegsverletzungen
resp. eines Kehlkopfbruchs und damit nebst einer hirnorganischen Schädigung
eigentliche Erstickungsgefahr bestanden (Urk. 16 S. 4).
Die Anklage wirft dem Beschuldigten vor diesem Hintergrund vor, durch das Wür-
gen den Tatbestand der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB er-
füllt zu haben.
3. Tatbestand der Gefährdung des Lebens nach Art. 129 StGB
Der Gefährdung des Lebens macht sich schuldig, wer einen Menschen in skrupel-
loser Weise in unmittelbare Lebensgefahr bringt (Art. 129 StGB). Unmittelbar ist
die Lebensgefahr nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, wenn sich aus
dem Verhalten des Täters nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge direkt die
Wahrscheinlichkeit oder nahe Möglichkeit der Todesfolge ergibt. Ein abstraktes
oder vages Risiko des Todeseintritts genügt nicht. Sie ist aber auch nicht erst
dann gegeben, wenn die Wahrscheinlichkeit des Todes grösser ist als die Wahr-
scheinlichkeit seiner Vermeidung, sondern schon dann, wenn überhaupt eine na-
he Möglichkeit der Tötung vorliegt. Der Tatbestand setzt eine naheliegende, keine
sehr naheliegende Todesgefahr voraus (Urteile des Bundesgerichts 6B_1258/
2020 vom 12. November 2021 E. 1.4, 6B_1017/2019 vom 20. November 2019
E. 2.2 mit Hinweisen; BGE 121 IV 67 E. 2b und 2d). Gefordert ist eine gegenüber
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dem Alltagsrisiko relevant erhöhte konkrete Wahrscheinlichkeit des Ablebens, die
durch den direkten Zusammenhang mit dem Verhalten des Täters charakterisiert
ist. Der Begriff der "unmittelbaren Lebensgefahr" ist ein Rechtsbegriff. Die Beur-
teilung der unmittelbaren Lebensgefahr fusst jedoch auf den rechtsmedizinisch
erhobenen und bewerteten Befunden. Das Gericht ist bei der Würdigung der gut-
achterlichen Feststellungen zwar grundsätzlich frei, darf aber in Fachfragen nicht
ohne triftige Gründe davon abweichen.
Bereits die Vorinstanz ging darauf ein, dass das gefährliche Element beim Wür-
gen die Halsweichteilkompression ist (vgl. Urk. 79 E. 6.4.1 S. 14). Das Gefähr-
dungspotential besteht u.a. darin, dass dadurch den in den Halsweichteilen unter-
gebrachten Schlagadern und Venen die Zufuhr und/oder der Abfluss des Blutes
zum und vom Gehirn beeinträchtigt oder gar komplett unterbrochen werden kann.
Ferner befinden sich in den Halsweichteilen auch die Luftröhre und der Kehlkopf,
deren Zudrücken die Atmung behindert. Durchblutungsstörungen des Gehirns
können zu einem Sauerstoffmangel führen und dort relativ rasch irreversible
Schädigungen verursachen, die zum Tod führen können (WEDER/SCHWEITZER,
Der Begriff der Lebensgefahr im Strafrecht, forumpoenale 1/2017, S. 25 ff., 29).
Als charakteristische Symptome einer für die Annahme einer Lebensgefahr rele-
vanten zentralnervösen Beeinträchtigung bzw. einer Hirndurchblutungsstörung
gelten nach rechtsmedizinischen Massstäben nebst Stauungsblutungen auch von
Betroffenen berichtete Bewusstseinsstörungen, unwillkürlicher Urin- oder Kotab-
gang, optische oder akustische Sensationen, Schluckschmerzen oder -beschwer-
den, Heiserkeit und subjektiv empfundene Atemnot; sie können als Folge eines
vorübergehenden Sauerstoffmangels interpretiert werden (Schweizerische Ge-
sellschaft für Rechtsmedizin SGRM, Schädigung durch Strangulation, Ausgabe
Mai 2012, S. 18 ff. [SGRM-Weisung]). Liegen solche Zeichen einer Hirndurch-
blutungsstörung vor, ist rechtsmedizinisch eine Lebensgefahr gegeben, die ge-
mäss SGRM dem juristischen Begriff der "unmittelbaren Lebensgefahr" im Sinne
von Art. 129 StGB entspricht (a.a.O, S. 21 lit. a und b). Der Begriff der "unmittel-
baren Lebensgefahr" ist indes ein Rechtsbegriff. Entsprechend kann und muss
ein Rechtmediziner die Frage, ob unmittelbare Lebensgefahr bestand, im Grunde
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nicht beantworten. Er hat einzig das medizinische Fundament zu legen, auf dem
das Gericht zu dieser Stellung nehmen kann.
4. Standpunkte der Parteien
4.1. Der Beschuldigte bestritt den Vorwurf der Gefährdung des Lebens seiner
Ehefrau von Anfang an (Urk. 2/5 F/A 37) und nach wie vor. Bei der Befragung zur
Sache machte er im gerichtlichen Verfahren von seinem Aussageverweigerungs-
recht Gebrauch und verwies an seinen Verteidiger (Prot. I S. 8, Prot. II S. 15).
4.2. Die Verteidigung konzedierte an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung
vom 4. Juni 2020, dass an jenem Abend die Situation der beiden Eheleute eska-
liert sei, wozu aber die Ehefrau massgeblich beigetragen habe (Urk. 71 S. 10 f.).
Was die beiden rechtsmedizinischen Gutachten vom 7. Juli 2017 (Urk. 4/4) bzw.
vom 14. November 2017 (Urk. 4/7) angeht, dürften diese aufgrund der Aussagen
der Geschädigten nicht zu Lasten des Beschuldigten ausgelegt werden in dem
Sinne, dass sich nach der subjektiven Wahrnehmung der Geschädigten während
des Würgens alles gedreht habe (Urk. 71 S. 8). Schliesslich erinnerte die Vertei-
digung daran, dass es vielerlei Gründe für Schwindel gibt, und vertrat die These,
dass der Schwindel vielmehr auf ein (nicht zur Anklage gebrachtes) Schlagen des
Kopfes der Geschädigten auf den Boden zurückzuführen sei (Urk. 71 S. 9 f.). Es
könne damit nicht zur Überzeugung gelangt werden, dass der Beschuldigte seine
Ehefrau in unmittelbare Lebensgefahr gebracht habe, weshalb er in dubio pro reo
vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens freizusprechen sei (Urk. 71 S. 10).
An diesem Standpunkt hält die Verteidigung auch im Berufungsverfahren fest:
Nach ihr fehlt es am Nachweis einer unmittelbaren Lebensgefahr (Urk. 90 S. 7 f.).
4.3. Die Staatsanwaltschaft argumentierte an der erstinstanzlichen Hauptver-
handlung vom 4. Juni 2020, der Tatvorwurf basiere im Wesentlichen, aber nicht
ausschliesslich, auf den konstanten, detailreichen Aussagen der Geschädigten,
welche die Vorgänge offen und unbeschönigt geschildert und sich selbst keines-
wegs als "Lämmchen" dargestellt habe. Die Geschädigte wolle ihren Mann offen-
kundig nicht belasten (Urk. 70 S. 2 f.). Demgegenüber seien die wenigen Aussa-
gen des Beschuldigten wenig plausibel, unspezifisch, pauschal, inkonstant, mit
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Strukturbrüchen behaftet bzw. logisch inkonsistent (Urk. 70 S. 3 f.). Es zeige sich,
dass die Geschädigte zwar das Ihrige zum Streit beigetragen habe, der Beschul-
digte sich dann jedoch einem eigentlichen Gewaltexzess hingegeben habe
(Urk. 70 S. 3). Hinzu kämen die Fotoaufnahmen der Verletzungen der Geschädig-
ten, welche sich mit ihren Schilderungen exakt decken würden, und die Ergebnis-
se ihrer rechtsmedizinischen Untersuchung (Urk. 70 S. 4 ff.). Die Staatsanwalt-
schaft sah und sieht auch im Berufungsverfahren den angeklagten Sachverhalt
als erstellt an. Die Begründung, der Schwindel könne irgendeine Ursache haben
und müsse nicht zwingend vom Würgen herrühren, genügt der Staatsanwaltschaft
nicht (vgl. Urk. 80 S. 4 f., Urk. 89 S. 2 f.). Aus ihrer Sicht ist vielmehr davon aus-
zugehen, dass sich die Geschädigte durch die massive Gewalteinwirkung seitens
des Beschuldigten in Lebensgefahr befand (Urk. 108 S. 2).
5. Grundsätze der Sachverhaltserstellung und Beweiswürdigung,  Beweismittel
5.1. Die Vorinstanz hat die Grundsätze der Sachverhaltserstellung und der Be-
weiswürdigung zutreffend dargelegt (Urk. 79 E. 4.2 und 4.3 S. 8 f.). Ergänzt wer-
den kann dazu noch was folgt: Wenn – wie vorliegend – für die zentralen Punkte
keine direkten Beweise vorliegen resp. möglich sind, ist der Nachweis der Tat mit
Indizien, d.h. mit indirekten, mittelbaren Beweisen, zu führen. Der Indizienbeweis
ist dem direkten Beweis gleichwertig, wobei die Gesamtheit der einzelnen Indi-
zien, deren "Mosaik", zu würdigen ist. Da ein Indiz immer nur mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit auf die Täterschaft oder die Tat hinweist, lässt es, einzeln be-
trachtet, die Möglichkeit des Anders-seins offen, enthält es daher auch den Zwei-
fel. Es ist jedoch zulässig, aus der Gesamtheit der verschiedenen Indizien, welche
je für sich allein betrachtet nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine be-
stimmte Tatsache oder Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offen lassen,
auf den vollen rechtsgenügenden Beweis von Tat und/oder Täter zu schliessen.
Der Indizienprozess als solcher verletzt weder die Unschuldsvermutung noch die
aus ihr abgeleiteten Teilrechte. Der Grundsatz "in dubio pro reo" findet auf das
einzelne Indiz keine Anwendung (Urteile des Bundesgerichts [BGer] 6B_360/2016
vom 1. Juni 2017 E. 2.4, nicht publ. in BGE 143 IV 361; BGer 6B_605/2016 vom
15. September 2016 E. 2.8 und BGer 6B_1021/2016 vom 20. September 2017
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E. 4.1 mit Hinweisen). Er entfaltet seine Wirkung bei der Beweiswürdigung als
Ganzes. Massgebend ist nicht eine isolierte Betrachtung der einzelnen Beweise,
welche für sich allein betrachtet nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit begründen
und insofern Zweifel offenlassen, sondern deren gesamthafte Würdigung (BGer
6B_699/2018 vom 7. Februar 2019 E. 2.3.2; WOHLERS, StPO-Kommentar, 3. Aufl.
2020, Art. 10 N 27; OBERHOLZER, Grundzüge des Strafprozessrechts, 4. Aufl.
2020, Rz. 1090). Auf diesen Aspekt zielen auch die Ausführungen der Staatsan-
waltschaft in Urk. 108 S. 2 und in Urk. 115 S. 2.
5.2. Des Weitern hat die Vorinstanz die ihr vorgelegenen, wesentlichen Beweis-
mittel vollständig aufgezählt (Urk. 79 E. 5.1 S. 9) und deren Verwertbarkeit grund-
sätzlich zu Recht bejaht (Urk. 79 E. 5.2 S. 9). Ob auch die erste polizeiliche Ein-
vernahme des Beschuldigten verwertbar ist, an welcher er noch unverteidigt war,
kann offen bleiben. Sie ist für den Ausgang des Verfahrens weder zugunsten
noch zulasten des Beschuldigten von Bedeutung, nachdem dieser sich später,
anlässlich der Hafteinvernahme, in Gegenwart seines Verteidigers davon unab-
hängig im Wesentlichen gleich äusserte. Und zwar räumte er ein, die Geschädigte
am Hals gepackt und weggestossen zu haben (Urk. 2/3 F/A 33), wobei es sein
könne, dass er sie dabei fester gedrückt habe, jedoch habe er sie nicht gewürgt
am Boden (Urk. 2/3 F/A 39 f. und 44).
5.3. Den wesentlichen Inhalt der Aussagen der Beteiligten, aber auch der beiden
damals vorgelegenen Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin (IRM; Urk. 4/4
und Urk. 4/7) inkl. Fotodokumentation der Polizei (Urk. 1/5) hat die Vorinstanz kor-
rekt wiedergegeben (Urk. 79 E. 6.2.1 S. 10 f., E. 6.2.3 S. 11 f., E. 6.3.2 S. 12 f.,
E. 6.3.3 S. 13 f.). Die vom Beschuldigten anlässlich der Berufungsverhandlung
gemachten Aussagen ergeben sich aus dem entsprechenden Protokoll (Prot. II
S. 15 f.); Neues zur Sache deponierte er nicht. Über diese allgemeine Feststel-
lung hinaus wird auf die Aussagen der Direktbeteiligten sowie auf die Gutachten
nachfolgend näher einzugehen sein, soweit dies für die Entscheidfindung im Be-
rufungsverfahren notwendig ist.
- 16 -
6. Würdigung der Aussagen
6.1. Was die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten betrifft, liegt auf der Hand, dass
er angesichts der Vorwürfe gegen ihn ein eminentes Interesse daran hat, die Ge-
schehnisse in einem für ihn günstigen Licht erscheinen zu lassen. Das gilt na-
mentlich für den schwerwiegendsten Vorwurf der Gefährdung des Lebens, der für
ihn nicht nur mit Scham behaftet sein dürfte, sondern im Fall eines Schuldspruchs
auch zu einer empfindlichen Strafe und zudem zu einer sein Leben grundlegend
verändernden Landesverweisung führen kann.
Bei der Geschädigten gilt es im Auge zu behalten, dass die durch Aussenstehen-
de bisweilen nur schwer zu durchdringende Beziehungsdynamik negative Auswir-
kungen auf ihre Bereitschaft zur wahrheitsgemässen Aussage haben kann.
Das entscheidende Kriterium für den Beweiswert von Aussagen sind allerdings
nicht Überlegungen zur allgemeinen Glaubwürdigkeit der Aussagenden, sondern
der materielle Gehalt ihrer jeweiligen Depositionen.
6.2. Die Geschädigte schilderte die Vorkommnisse bei der Polizei nur wenige
Stunden nach den Ereignissen, am Morgen des 3. Juli 2017, umfassend, detail-
liert und lebensnah (Urk. 3/1). Zu Befragungsbeginn allgemein zu den familiären
Verhältnissen und ihrem Alltag befragt, stellte die Geschädigte ausführlich und
nachvollziehbar dar, welche Probleme dem Ehepaar allgemein zu schaffen mach-
ten (geschwächtes Vertrauen, Eifersucht, zu wenig Zeit für die Beziehungspflege),
wie der Spannungsaufbau über mehrere Tage hinweg verlief und es dann zum
Streit kam (Unstimmigkeiten wegen des Geldes resp. neu gekaufter Schuhe,
schlechte Stimmung mit Aus-dem-Weg-gehen, beidseitiger Gereiztheit, Aggres-
sionssteigerung, gegenseitige Beleidigungen etc.), wie der Streit schliesslich es-
kalierte und es zu gewalttätigen Ausbrüchen, teils auch wechselseitigen, kam
(Urk. 3/1 S. 2–4). Sie bettete damit das Geschehen vom 2. Juli 2017 stimmig in
die Dynamik ihrer Beziehung ein. Widersprüche zeigen sich in ihren Schilderun-
gen nicht – auch keine gegenüber ihren im Polizeirapport festgehaltenen Anga-
ben bei der Tatbestandsaufnahme vor Ort durch die Polizei (Urk. 1/1 S. 4). Na-
mentlich fällt auf, dass die Geschädigte ihren eigenen Anteil an der Auseinander-
setzung nicht verschweigt, sondern etwa erwähnt, dass auch sie den Beschuldig-
- 17 -
ten beleidigt habe, dass sie sich mit Fusstritten zu wehren versucht habe, u.a.
schmerzhaft zwischen die Beine, dass sie ihm das Telefon von der Hand ge-
schlagen habe, ihn zu schubsen versucht habe und dass sie einen Plastikkleider-
bügel nach ihm geworfen habe (Urk. 3/1 S. 3 unten und 4). Eindrücklich schildert
sie, wie sie über eine Zeit lang, wenngleich körperlich unterlegen, aktiv dagegen
gehalten habe, bevor er "richtig zugeschlagen und gewürgt und dann [...] [ihren]
Kopf ständig auf den Boden geknallt und mit dem Fuss gegen das Gesicht getre-
ten" habe. Als sie auf dem Boden gelegen sei, habe er sie erneut gewürgt; sie
habe gedacht, "es sei bald vorbei"; sie habe nur noch auf den Boden geklopft,
weil sie nicht mehr habe sprechen können (Urk. 3/1 S. 4 Mitte). Gleichbleibend
detailliert, ohne Strukturbrüche und ebenso nachvollziehbar vermochte die Ge-
schädigte auch die Phase nach dem (vorgeworfenen) akuten Gewaltakt zu schil-
dern (Urk. 3/1 S. 4 unten). Ihre Schilderungen blieben dann auch in den an-
schliessenden Detailbefragungen beständig, anschaulich und nachvollziehbar.
Näher zum Würgen befragt, schilderte die Geschädigte mehrere Würgevorgänge,
wobei die ersten drei bis vier Mal kurz aber stark gedrückt gewesen seien; das
letzte Mal sei dann "sicher eine halbe Minute lang" gewesen, und der Beschuldig-
te habe dabei "mega" gedrückt, so dass sie nicht mehr habe sprechen können
(Urk. 3/1 F/A 14). Bei diesem letzten Mal habe sie nicht mehr atmen können; es
sei alles verschwommen geworden; sie habe Angst gehabt und habe gemerkt,
dass er sich nicht mehr beherrschen könne (Urk. 3/1 F/A 15). Hinsichtlich der
Symptome aufgrund des Würgens gab die Geschädigte an, sie habe beim Wür-
gen nichts gemerkt von einem Urinabgang. Davor aber, als sie sich angeschrien
hätten, habe sich bei ihr beim Schreien Urin gelöst. Sie habe später, bei der me-
dizinischen Untersuchung gesehen, dass sie Urin in der Unterhose gehabt habe
(Urk. 3/1 F/A 17). Betreffend Schwindel deponierte die Geschädigte folgende
Aussage: "Nach den ersten 2 Mal Würgen hat es sich etwas gedreht, dann die
letzten 2 Male war ich irgendwie wie weg" (Urk. 3/1 F/A 17). Übertreibungsten-
denzen sind weder bei der Schilderung der Würgevorgänge noch in anderem Zu-
sammenhang erkennbar. Sie beschreibt einen folgerichtigen, nachvollziehbaren
Ablauf der Ereignisse.
- 18 -
6.3. Bei der Staatsanwaltschaft in Gegenwart u.a. des Beschuldigten schilderte
die Geschädigte, einvernommen als Auskunftsperson, die Vorkommnisse mit ei-
ner zeitlichen Distanz von rund zehn Tagen (am 13. Juli 2017; Urk. 3/2). Erneut
ging sie ausführlich auf die Vorgeschichte ein, die Auseinandersetzung wegen
des Geldes nun noch vertiefend (Urk. 3/2 F/A 20 f.). Was die Vorgeschichte be-
trifft, enthält die Schilderung der Geschädigten die bereits bei der Polizei geschil-
derten Vorkommnisse grösstenteils, wenn auch teils mit etwas anderen Hervor-
hebungen. Gerade diese lebendige Varietät der Erzählung spricht für Spontanität
und damit für tatsächlich Erlebtes. Vom Kerngeschehen her sind die beiden
Schilderungen identisch. Sodann kam das Gespräch darauf, wie es zum offenen
Streit und schliesslich zur tätlichen Auseinandersetzung kam (Urk. 3/2 F/A 22, 25
a.E. und 38). Wie genau es zum ersten Schlag kam, vermochte die Geschädigte
nun zwar nicht mehr zu sagen (Urk. 3/2 F/A 31). Es muss aber nicht erstaunen,
wenn da die Erinnerung an Details des Ablaufs ein Stück weit bereits verblasst,
möglicherweise auch verdrängt war, zumal die Geschädigte offenbar bereits ge-
willt war, ihrem Ehemann zu verzeihen (vgl. Urk. 3/2 F/A 90), und ihre Motivation,
die Geschehnisse nochmals gedanklich aufzurufen, nicht mehr ganz so gross
gewesen sein dürfte. Bei der Detailbefragung zum Würgen schilderte die Ge-
schädigte, dass der Beschuldigte sie beim ersten Mal glaublich mit einer Hand
von vorne gepackt und kurz gedrückt habe (Urk. 3/2 F/A 44 f.). Diese ersten Vor-
gänge seien noch "leichter" gewesen (Urk. 3/2 F/A 47). Beim letzten Mal, wo sie
im Gästezimmer auf dem Bauch am Boden gelegen sei, habe er sie irgendwie
gepackt, und sie habe versucht zu sagen, dass es zu viel sei (Urk. 3/2 F/A 53 f.).
Es folgt dann kurz darauf eine besonders interessante Passage im Einvernahme-
protokoll (Urk. 3/2 F/A 59 ff., vgl. auch Urk. 3/3: 00:48:43):
" 59. Beschreiben Sie mir bitte das Würgen:
Das letzte Mal war halt länger, so ca. 30 Sekunden. Es war nicht zu lange, aber das ist so das was ich denke, ich habe ja nicht mitgezählt.
60. Was haben Sie wahrgenommen?
Mir war schlecht, übel.
61. Konnten Sie atmen?
Zu dem Zeitpunkt des Würgens konnte ich nicht atmen.
- 19 -
62. Was haben Sie gesehen?
Ich habe schon gesehen, aber es drehte sich alles. [Urk. 3/3, 00:48:45: "Ich habe schon gesehen... Ich habe nur gemerkt, es dreht sich alles."]
63. Konnten Sie sprechen oder schreien?
Nein, also was man halt noch so rausbekommt. Reden konnte ich nicht, sonst hätte ich ihm gesagt, dass es zu viel war. Ich versuchte Geräusche zu machen. Ich weiss auch nicht was sonst noch mit meinen Händen war."
Diese Schilderung wirkt so, dass das in Antwort 62 geschilderte Sich-alles-Drehen
im Rahmen des Berichts über das Würgen, in Zusammenhang damit stehend
gemeint und geschildert wurde, und zwar so, dass es nach der Erinnerung der
Geschädigten genau da von ihr wahrgenommen wurde. Auch der bloss in der Vi-
deoaufnahme über die Einvernahme (Urk. 3/3) ersichtliche Sprechfluss und die
Mimik der Geschädigten (Urk. 3/3: 00:48:45) legen diesen Schluss nahe.
Kurz nach dieser Stelle, in derselben Einvernahme, wurde die Geschädigte über
die dem Beschuldigten vorgeworfenen Drohungen befragt, unter anderem dar-
über, was sie nach diesen gefühlt habe. Die Geschädigte verneinte, durch sie in
Angst versetzt worden zu sein. Sie habe einfach nicht mehr gewusst, was sie ma-
chen solle, auch wegen der Schläge, und habe dann die Polizei gerufen. Ihr habe
"nur noch der Kopf gedreht" (Urk. 3/2 F/A 72; vgl. auch Urk. 3/3: 00:56:05). Letz-
tere Besonderheit stimmt inhaltlich überein mit der zuvor bei der Polizei deponier-
ten Aussage, wonach sie nach dem akuten Gewaltvorfall, in einem eigentlichen
Schock stehend – erst allmählich und vermehrt noch nachdem sie sich hingelegt
habe – gemerkt habe, wie sich bei ihr alles gedreht habe (Urk. 3/1 S. 4 unten).
Schliesslich ging der befragende Staatsanwalt noch näher auf die Schläge des
Kopfs auf den Boden ein (Urk. 3/2 F/A 73; Urk. 3/3: 00:57:15):
" 73. Hat er Ihren Kopf im Laufe des Streits auch gegen den Boden geschlagen?
Ja.
74. Wie und wann im Ablauf?
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Einmal im Gästezimmer, wann wie und so weiss ich nicht mehr, aber im  und auch im Flur. Er hat meine Haare gepackt und mich auf den Boden geschlagen.
75. Mit welchem Teil des Kopfes schlugen Sie auf?
Ich denke mit dem Gesichtsbereich oder seitlich. Nicht nach hinten.
76. Wie heftig machte er das?
Heftig genug, dass es mir kreiselte, mir schlecht ging." [Urk. 3/3 00:58:27: "Ja, was soll ich sagen? Heftig genug, dass es mir schlecht ging, dass es mir kreiselte im Kopf."]
Hier spricht die Geschädigte erneut von einer Art Schwindel, wobei auffällt, dass
sie mit "Kreiseln" nicht denselben Ausdruck verwendet wie kurz davor zur Be-
schreibung der Bewusstseinsstörung im Rahmen des Würgens oder auch nach
der akuten Phase ("es drehte sich alles"). Ausserdem stellte sie auch keinen Be-
zug zu jenen Aussagen her, etwa indem sie auf das bereits beschriebene Gefühl
verwies.
Die Tatsache, dass sich bei der körperlichen Untersuchung der Geschädigten
kurz nach dem Vorfall an der Halshaut beidseits sowie im Nacken deutliche Haut-
unterblutungen sowie Hauteinblutungen fanden (siehe auch Urk. 5/5 Bilder 3–5),
die laut Gutachten im Sinne von Würgemalen interpretiert werden können
(Urk. 4/4 S. 5), steht im Einklang mit den Schilderungen der Geschädigten.
Die Aussagen der Geschädigten zu den Würgevorgängen sind mithin grundsätz-
lich glaubhaft.
6.4. Wie bereits die Vorinstanz zutreffend analysierte (Urk. 79 E. 6.2.2 S. 11),
überzeugen demgegenüber die Aussagen des Beschuldigten namentlich zum
Würgevorgang nicht. Seine Aussagen sind ausweichend, sobald aus seiner Sicht
heikle Details zur Sprache kamen. Der Beschuldigte erinnerte sich offensichtlich
noch an die Geschehnisse, die im Zeitpunkt der Hafteinvernahme (Urk. 2/3) noch
keine zwei Tage zurück lagen. Dass er dennoch keine Antwort darauf hatte, wie
es zum Verletzungsbild bei der Geschädigten kommen konnte (Urk. 2/3 F/A 33),
überzeugt nicht. Bloss durch ein Wegstossen mittels Packen am Hals (Urk. 2/3
F/A 33) und weiteres von sich Wegstossen (Urk. 2/3 F/A 41) konnten die multiplen
- 21 -
Verletzungen unmöglich entstanden sein, so wie sie in der Fotodokumentation
(Urk. 1/5) ersichtlich sind und wie sie vom Gutachten als mit dem Ereigniszeit-
raum im Einklang stehend bezeichnet wurden (Urk. 4/4 S. 6). Ein ähnliches Mus-
ter von vagen Zugaben verbunden mit behauptetem Nichtwissen über die Details
seines Verhaltens zeigt sich in der gesamten Einvernahme. Mit dem vom Be-
schuldigten implizit eingestandenen Kontrollverlust nach dem Fusstritt der Ge-
schädigten in seinen Genitalbereich (Urk. 2/3 F/A 29 ["sie hat mich attackiert"],
F/A 30 ["grosse Schmerzen"], F/A 33 ["Ich hatte Schmerzen, dass ich sie so fest
gestossen habe"] und F/A 35 ["Dieses Mal habe ich nur so reagiert, weil ich
Schmerzen hatte"], vgl. auch Urk. 2/1 F/A 19) und seiner unmittelbar darauf fol-
genden, als blosses Wegstossen bezeichneten Reaktion beschreibt der Beschul-
digte offensichtlich nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten Geschehens. Auf
diesen kurzen Moment kommt er mehrmals zurück. Es zeigt sich darin besonders
deutlich der Versuch, seine eigene Rolle in der Auseinandersetzung schönzu-
reden, indem er die Sache umkehrt und sich selber als Opfer darstellt, das sich in
Notwehr handelnd durch Wegstossen mittels Druck auf den Hals gegen eine At-
tacke zur Wehr setzt. Aufgrund des klaren Kräfteungleichgewichts (vgl. Urk. 1/5
S. 16 und Urk. 1/6 S. 3 f.), aber vor allem der von der Geschädigten glaubhaft ge-
schilderten Vorgeschichte kann keine Rede sein von einer Situation, bei der sich
der Beschuldigte seinerseits einem Angriff gegenübersah. Insgesamt erweisen
sich die Aussagen des Beschuldigten als auffällig vage und ausweichend, wobei
vereinzelt auch Scham und Betroffenheit über das Verletzungsbild der Geschä-
digten durchschimmert (so etwa in Urk. 2/3 F/A 34). Seine Bestreitung, die Ge-
schädigte wie von ihr geschildert gewürgt zu haben, erweist sich jedenfalls als
nicht glaubhaft.
6.5. Es ist folglich grundsätzlich auf die inhaltlich überzeugenden Aussagen der
Geschädigten abzustellen, aus denen sich zusammengefasst ergibt, dass sie am
Abend des 2. Juli 2017 in der ehelichen Wohnung vom Beschuldigten im Verlauf
einer heftigen verbalen und wechselseitigen tätlichen Auseinandersetzung zwi-
schen den Eheleuten zunächst zwei Mal kurz gewürgt wurde und es einige Minu-
ten später zu einem dritten, längeren und kräftigeren Würgen kam, bei welchem
- 22 -
die Geschädigte im Gästezimmer bäuchlings auf dem Boden lag und der Be-
schuldigte sie von hinten mit beiden Händen würgte.
Was die Dauer dieses letzten Würgevorgangs angeht, so schätzte die Geschädig-
te diese auf ca. 30 Sekunden (Urk. 3/2 F/A 59, so schon Urk. 3/2 F/A 14). Sie tönt
es an, wenn sie sagt, sie habe nicht mitgezählt (Urk. 3/2 F/A 59 a.E.). Niemand
hat die Zeit gestoppt. Zeiträume dieser Grössenordnung sind schwierig zu schät-
zen; am meisten dann, wenn dramatische Geschehnisse ablaufen. Die Schätzung
der Geschädigten dürfte stark auf subjektivem Empfinden beruhen. Die genaue
Zeitdauer dieses letzten Würgevorgangs kann einzig auf die Aussage der Ge-
schädigten basierend nicht eruiert werden. Eine halbe Minute, wie in der Anklage-
schrift festgehalten wurde, erscheint sehr lang; allenfalls könnte es auch etwas
weniger lang gewesen sein.
Sodann ist davon auszugehen, dass die Geschädigte beim letzten, längeren
Würgen über die erwähnte Zeitspanne hinweg nicht sprechen konnte und in
Atemnot geriet (Urk. 3/2 F/A 63), worauf sie mit dem Klopfen der Hände auf den
Boden hinwies (Urk. 3/1 F/A 13, vgl. auch Urk. 3/2 F/A 63). Subjektiv muss sie Er-
stickungsangst verspürt haben, wie sie es kurz nach dem Vorfall bei der Polizei
erwähnte (Urk. 3/1 F/A 15). Die bei der Polizei deponierte, an sich glaubhafte
Aussage der Geschädigten, es sei "alles verschwommen" geworden (Urk. 3/1 F/A
15) resp. sie sei dann "irgendwie wie weg" gewesen (Urk. 3/1 F/A 17), dürfte als
Bewusstseinstrübung/Sehstörung in die Anklage übernommen worden sein (ver-
gleiche Urk. 16 S. 4 oben). Von diesem Phänomen ist im Sinne einer subjektiven
Wahrnehmung im fraglichen Moment grundsätzlich auszugehen. Und schliesslich
ist aufgrund der glaubhaften Schilderung der Geschädigten auch von einem
Drehschwindel-Gefühl im Augenblick des Würgens auszugehen (vgl. Urk. 3/2 F/A
62 sowie Urk. 3/1 F/A 17). Trennscharf abgrenzen lassen sich diese beiden sub-
jektiven Wahrnehmungen indes nicht; vielmehr dürfte eine Kombination aus Seh-
störungen/Verschwommen-Sehen und einem unspezifischen Schwindelgefühl
vorgelegen haben, wovon bei der weiteren Beurteilung auszugehen sein wird.
- 23 -
7. Dem Urteil der Vorinstanz zugrunde liegende medizinische Begutachtung
7.1. Gemäss dem rechtsmedizinischen Gutachten vom 7. Juli 2017 von Profes-
sor Dr. med. C._ vom Institut für Rechtsmedizin (IRM), ausgearbeitet unter
Beizug von Dr. med. D._ und Dr. med. univ. E._ (letztere als fallbefasste
IRM-Ärztin), liessen sich bei der körperlichen Untersuchung der Geschädigten ca.
2 Stunden nach dem Vorfall Befunde der Halshaut feststellen, welche als Würge-
male interpretiert werden könnten (Urk. 4/4 S. 2 und 6). Laut selbigem Gutachten
zeigten sich des Weitern punktförmige Hauteinblutungen am rechten Augenoben-
und -unterlid, am linken Augenunterlid sowie an der linken Halsseite. Diese könn-
ten im Zusammenhang mit der stumpfen Gewalteinwirkung entstanden sein und
seien somit – so das Gutachten – nicht als objektive Zeichen einer Lebensgefahr
heran zu ziehen. Folge man jedoch den anlässlich der gutachterlichen Untersu-
chung deponierten subjektiven Angaben der Geschädigten, wonach es im Rah-
men des Würgens zu Schwindel und unwillkürlichem Urinabgang gekommen sei,
so lägen subjektiv Symptome einer sauerstoffbedingten Hirnfunktionsstörung vor,
die auf Lebensgefahr schliessen liessen (Urk. 4/4 S. 5).
7.2. Bereits kurz nach der medizinischen Untersuchung, nämlich am 3. Juli 2017
bei der Polizei, erklärte die Geschädigte indes, dass sich bei ihr nicht während
des Würgens, sondern zeitlich davor liegend, als sie sich gegenseitig angeschrien
hätten, Urin gelöst habe (Urk. 3/1 F/A 17; später sinngemäss wiederholt in Urk. 3/
2 F/A 65 f.). Vor diesem Hintergrund holte die Staatsanwaltschaft ein Ergän-
zungsgutachten ein, welches sich ergänzend, unter Berücksichtigung auch der
obigen Schilderung der Geschädigten, zur Frage der unmittelbaren Lebensgefahr
äussern solle (Urk. 4/5).
Am 14. November 2017 erstattete Prof. Dr. med. C._, unter Beizug von
Dr. med. D._ und Dr. med. univ. E._ (letztere wiederum als fallbefasste
IRM-Ärztin), ein aktenbasiertes Ergänzungsgutachten. Die Beurteilung der gestell-
ten Frage lautete da kurz und knapp wie folgt (Urk. 4/7 S. 2):
"Gemäss Aussage von B._ im Rahmen der Einvernahme vom 13.07.2017 habe 'sich alles gedreht'. Diese subjektive Wahrnehmung ist ein Hinweis auf eine sauerstoffmangelbedingte Hirnfunktionsstörung, welche  aus rechtsmedizinischer Sicht auf eine unmittelbare Lebensgefahr
- 24 -
schliessen lässt, auch wenn während des Würgens ein unwillkürlicher  unterblieb."
8. Beweisergänzung
8.1. Die Staatsanwaltschaft stellte im Berufungsverfahren den Beweisantrag, es
sei die an der bisherigen rechtsmedizinischen Begutachtung beteiligte Dr. med.
E._ als sachverständige Zeugin, eventualiter ein Oberarzt oder eine Oberärz-
tin des IRM als Sachverständige einzuvernehmen (Urk. 80 S. 2). Denselben An-
trag hatte die Staatsanwaltschaft erfolglos bereits vor Vorinstanz gestellt (Prot. I
S. 7 f., Urk. 69). Die Staatsanwaltschaft begründete ihren Antrag damit, dass der
Umstand, dass die beidseitig festgestellten Stauungsblutungen nicht mit nur ein-
seitigen Hämatomen im Augenbereich korrespondierten, in den beiden knapp ge-
haltenen Gutachten (Urk. 4/4 und Urk. 4/7) nicht diskutiert worden sei. Würden die
Blutungen von Schlägen herrühren, wären – so die Staatsanwaltschaft – auch
symmetrische Hämatome zu erwarten. Auch das Bezirksgericht Uster habe sich
im angefochtenen Entscheid nicht mit diesem Umstand auseinander gesetzt.
Stattdessen weiche es von beiden Gutachten ab, wenn es zum Schluss gelange,
es habe keine Lebensgefahr bestanden. Es sei die zentrale Schlussfolgerung der
Gutachten, dass eine solche bestanden habe. Die Begründung, der Schwindel
könne irgendeine Ursache haben und müsse nicht vom Würgen herrühren, genü-
ge nicht (Urk. 80 S. 4 f.; Urk. 89 S. 2 f.).
8.2. Die Vorinstanz wich mit ihrer Feststellung, es habe keine unmittelbare Le-
bensgefahr bestanden, im Ergebnis vom erwähnten Ergänzungsgutachten vom
14. November 2017 ab, indem sie der These der Verteidigung folgend auf der
Sachverhaltsebene zum Schluss kam, dass die von der Geschädigten beschrie-
benen Symptome nicht zwangsläufig durch das Würgen bedingt seien. Es könne
– so die Vorinstanz – auch sein, dass der Schwindel, wie auch die in der Ankla-
geschrift umschriebenen Symptome, durch Schläge gegen den Kopf ausgelöst
wurden.
Wie bereits ausgeführt (vgl. vorn E. II/6.3), schilderte die Geschädigte, dass das
Schlagen des Kopfes gegen den Boden dazu geführt habe, dass ihr "kreiselte".
Beim späteren, letzten, stärksten und längsten Würgen habe der Beschuldigte
- 25 -
"mega" zugedrückt, so dass sie nicht mehr habe sprechen und atmen können. Es
sei alles verschwommen geworden bzw. sie habe schon sehen können, aber es
habe sich alles gedreht. Die Geschädigte scheint also – subjektiv – den beiden
Vorgängen separate Folgen zugeordnet zu haben.
Ein Zusammenhang zwischen den Schlägen und den von der Geschädigten im
Zusammenhang mit dem letzten Würgen geschilderten Zuständen kann ohne
medizinisches Fachwissen nicht bejaht werden. Die Staatsanwaltschaft hielt zu-
treffend fest, dass die beiden bisher vorhandenen Gutachten sich zu diesem
Thema nicht äussern. Auch die These der Verteidigung konnte aber nicht ohne
weiteres bzw. allein unter Hinweis auf die Darstellung der Geschädigten verwor-
fen werden. Die Gutachten bzw. das Ergänzungsgutachten vom 14. November
2017, in dem eine konkrete bzw. unmittelbare Lebensgefahr einzig unter Hinweis
auf eines der bekannten charakteristischen Zeichen einer Hirndurchblutungsstö-
rung, welche ihrerseits rechtsmedizinisch eine Lebensgefahr begründet, die ge-
mäss SGRM dem juristischen Begriff der "unmittelbaren Lebensgefahr" im Sinne
von Art. 129 StGB entspricht (vgl. Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin
SGRM, Schädigung durch Strangulation, Ausgabe Mai 2012, S. 18 f. und S. 21 lit.
a und b), genügt als medizinisches Fundament unter den konkreten Umständen
für die rechtliche Beurteilung nicht.
Es drängte sich daher eine Beweisergänzung im Sinne von Art. 389 Abs. 3 StPO
auf (vgl. Urk. 92).
8.3. Das inzwischen vorliegende ergänzende rechtsmedizinische Gutachten vom
20. April 2022 von Prof. Dr. med. C._ vom IRM, ausgearbeitet unter Beizug
von F._ als fallbefasstem IRM-Arzt sowie Dr. med. univ. G._, geht nun
vertieft auf die sich stellenden Fragen ein.
Die für den vorliegenden Entscheid wesentlichen Aussagen des rechtsmedizini-
schen Gutachtens sind – auf den Kern reduziert – die folgenden:
− Die bei der Geschädigten an der Halshaut sowie im Nacken festgestellten
Hautunterblutungen bzw. Hauteinblutungen (Würgemale) lassen aus
rechtsmedizinischer Sicht keine Aussagen über die Dauer und Intensität der
Krafteinwirkung zu (Urk. 102 S. 3 f., Antwort auf Frage 1).
- 26 -
− Die festgestellten Punktblutungen am rechten Augenober- und -unterlid
könnten im Zusammenhang mit stattgefundener stumpfer Gewalteinwirkung
entstanden sein und sind – weiterhin – nicht als objektive Zeichen einer Le-
bensgefahr als Folge des geltend gemachten Würgens heranzuziehen.
Hierbei sei anzumerken, dass bei der rechtsmedizinischen Untersuchung
keine Stauungsblutungen in den Augenbindehäuten festgestellt worden sei-
en, zu welchen es bei Strangulationen besonders häufig kommt (Urk. 102 S.
4 f., Antwort auf Frage 2).
− Eine Aussage darüber, ob die von der Geschädigten berichtete Störung ihrer
Gleichgewichts- und Sehwahrnehmung (der Drehschwindel) einer trauma-
tisch-mechanischen Schädigung des Gleichgewichtsorgans (durch Schläge)
zuzuordnen ist oder aber stattdessen einer sauerstoffmangelbedingten
Schädigung der sinnesverarbeitenden Gehirnareale (durch Würgen) ist der
Rechtsmedizin nicht möglich, wenn beide Schädigungsvorgänge in einem
zeitlich eng definierten Zeitraum liegen (Urk. 102 S. 6 f., Antwort auf Frage
3a).
− Wenn die von der Geschädigten geschilderten Symptome zeitnah, d.h. in-
nerhalb weniger bis mehrerer Sekunden nach dem erfolgten traumatischen
Ereignis aufgetreten sind, würde es aus rechtsmedizinischer Sicht als eher
wahrscheinlich angesehen, dass das Verschwommen-Sehen und der Dreh-
schwindel auf das Schlagen des Kopfes gegen den Boden zurückzuführen
sind als auf ein allfällig zuvor oder erst später stattgefundenes Würge-
ereignis (Urk. 102 S. 7, Antwort auf Frage 3b).
− Beim Würgen, insbesondere beim Würgen mit den Händen (im Vergleich zu
einem Unterarmwürgegriff), handle es sich um ein hochgradig dynamisches
Ereignis, sodass keine belastbaren Aussagen über die Dauer, Intensität und
Kontinuität der Krafteinwirkung während des Würgens im Allgemeinen und
für das gegenständliche Ereignis im Speziellen gemacht werden könnten
(Urk. 102 S. 9, Antwort auf Frage 6).
− Von den von der Geschädigten genannten Beschwerden seien aus rechts-
medizinischer Sicht lediglich das Verschwommen-Sehen ("es wurde alles
verschwommen") und der Schwindel ("ich konnte schon sehen, aber es
- 27 -
drehte sich alles") als Zeichen einer sauerstoffmangelbedingten Gehirnfunk-
tionsstörung zu werten. Die restlichen Beschwerden ("nicht sprechen und
atmen können" und gegebenenfalls mehrere Tage anhaltende Schmerzen
am Hals) würden "lediglich" eine stattgefundene Gewalt gegen den Hals be-
legen (Urk. 102 S. 9, Antwort auf Frage 7).
− Die Geschädigte habe einen Schwindel im Rahmen des Würgens beschrie-
ben. Basierend auf diesem subjektiv geschilderten Symptom sei davon aus-
zugehen, dass es zum Zeitpunkt des Schwindels bereits zu einer relevanten
sauerstoffmangelbedingten Hirnfunktionsstörung gekommen sei, womit sich
die Geschädigte im Zeitpunkt deren Auftretens in Lebensgefahr befunden
habe (Urk. 102 S. 11, Antwort auf Frage 8).
− Eine Obstruktion der Atemwege (Verletzung der Atemwegsstrukturen) im
Rahmen eines Würgens sei zwar grundsätzlich nicht auszuschliessen, je-
doch sehr untypisch bzw. selten und setze eine starke Würgeintensität vo-
raus. Dass eine so starke Würgeintensität bestanden hätte, ergebe sich vor-
liegend aus den Verletzungsbefunden nicht. Die Gefahr eines Erstickens als
Folge der gegenständlichen Würgevorgänge werde daher für eher bis sehr
unwahrscheinlich gehalten (Urk. 102 S. 11, Antwort auf Frage 9).
8.4. Die Staatsanwaltschaft hält in ihrer Vernehmlassung vom 2. Mai 2022 zum
vorgenannten Gutachten vom 20. April 2022 an ihren bisher gestellten Anträgen
fest (Urk. 108 S. 3). Von ihren Ausführungen aufzugreifen sein werden namentlich
folgende Punkte:
Einerseits sieht die Staatsanwaltschaft im Umstand, dass sich das Hämatom ein-
seitig ungefähr einen Tag später nicht weiter ausgebildet habe, ein starkes Indiz
für eine eher geringe Gewalteinwirkung auf diese Gesichtsseite, was wiederum
die Annahme stütze, dass es eben doch zu beidseitig aufgetretenen Stauungsblu-
tungen gekommen sei. Dieser Umstand sei im Gutachten nicht näher ausgeführt
worden (Urk. 108 S. 1).
Nicht von Bedeutung ist nach der Staatsanwaltschaft, ob zum Zeitpunkt des
Würgens bereits eine durch heftige Gewalt gegen den Kopf verursachte Beein-
trächtigung der Wahrnehmung des Opfers bestand oder nicht. Die Geschädigte
- 28 -
habe Schwindel und Verschwommen-Sehen geschildert mit Bezug auf den Zeit-
punkt, als sie gewürgt worden sei. Hätte der Schwindel da schon vorbestanden,
so wäre ihr dies (nach Ansicht der Staatsanwaltschaft) nicht als Leitsymptom zum
Zeitpunkt des Würgens aufgefallen (Urk. 108 S. 2).
Nach der Staatsanwaltschaft wäre schliesslich – falls man mit der Vorinstanz da-
von ausgehen würde, der Schwindel sei einzig durch die stumpfe Gewalt an den
Kopf verursacht worden – die Frage zu klären, ob diese Schläge nicht ebenfalls
lebensgefährlich gewesen seien (Urk. 108 S. 2).
8.5. Die Verteidigung bringt in ihrer Vernehmlassung vom 19. Mai 2022 zum vor-
genannten Gutachten vom 20. April 2022 im Wesentlichen vor, dass sie auch in
dessen Kenntnis am Parteivortrag vom 15. Juni 2021 und an den gestellten An-
trägen der Verteidigung und des Beschuldigten festhalte (Urk. 110 S. 9 Rz. 7).
Auch nach der Beantwortung der Fragen durch Prof. Dr. med. C._ bleibe un-
klar, ob das Würgen oder ob die Schläge gegen den Kopf ursächlich für das
Schwindelgefühl der Geschädigten gewesen seien. Gemäss dem Gutachten sei
ferner auch nicht von einer stattgehabten Erstickungsgefahr auszugehen
(Urk. 110 S. 8 f.).
8.6. In ihrer abschliessenden Stellungnahme vom 31. Mai 2022 betont die
Staatsanwaltschaft nochmals, wie eindrücklich die Geschädigte den Ablauf ge-
schildert habe. Zusammen mit den dokumentierten Verletzungen und den
rechtsmedizinischen Gutachten würden aufgrund der Schilderung der Geschädig-
ten keine Zweifel daran verbleiben, dass sie sich aufgrund der Gewaltanwendung
des Beschuldigten in Lebensgefahr befunden habe (Urk. 115).
8.7. In ihrer Stellungnahme vom 1. Juni 2022 (Urk. 117) repliziert die Verteidi-
gung schliesslich noch auf die Vernehmlassung der Staatsanwaltschaft vom
2. Mai 2022: Was die Ausbildung des Hämatoms einseitig und die daraus zu zie-
henden Schlüsse betrifft, referiert die Verteidigung nochmals die Ausführungen
des Ergänzungsgutachtens vom 20. April 2022 und hält daran fest, dass – entge-
gen der Ansicht der Staatsanwaltschaft – keinerlei Anzeichen dafür bestünden,
dass es eben doch beidseits zu Stauungsblutungen gekommen sei (Urk. 117 S. 1
- 29 -
f. Rz. 2). Weiter hält die Verteidigung dafür, dass nach wie vor nicht erstellt sei,
woher der Schwindel gestammt habe; es spreche vieles dafür, dass er von den
Schlägen und nicht vom Würgen verursacht worden sei (Urk. 117 S. 2 Rz. 3). Mit
einer allfälligen, bloss durch die Schläge hervorgerufenen Lebensgefahr habe
sich das Gutachten sodann auseinandergesetzt; solche seien aber nicht doku-
mentiert, und aus rechtsmedizinischer Sicht hätten keine solchen Einflussfaktoren
bestanden (Urk. 117 S. 3 Rz. 4; vgl. ferner Urk. 120).
9. Würdigung in Bezug auf die Frage der unmittelbaren Lebensgefahr
9.1. Objektive Zeichen, wie etwa Stauungsblutungen, welche klar dem Würge-
vorgang zugeordnet werden könnten und welche eine Lebensgefahr belegen
würden, sind gemäss den plausiblen Ausführungen im Rahmen der Begutachtung
nicht feststellbar.
Nicht zu überzeugen vermag in diesem Zusammenhang das Vorbringen der
Staatsanwaltschaft (Urk. 108 S. 1), wonach im Umstand, dass sich bei der Ge-
schädigten das Hämatom einseitig ungefähr einen Tag später nicht weiter ausge-
bildet habe, ein starkes Indiz für eine eher geringe Gewalteinwirkung auf diese
Gesichtsseite zu sehen sei, was wiederum die Annahme stütze, dass es eben
doch zu beidseitig aufgetretenen Stauungsblutungen gekommen sei. Es fehlen
jegliche Anhaltspunkte dafür, dass bei der medizinischen Begutachtung eine sol-
che Kausalkette ohne triftigen Grund ausser Acht gelassen wurde. Vielmehr wird
vertieft argumentiert, weshalb an der im Rahmen des früheren Gutachtens erfolg-
ten Beurteilung festgehalten wird, wonach die festgestellten Punktblutungen nicht
als objektive Zeichen einer Lebensgefahr als Folge des geltend gemachten
Würgens heranzuziehen sind (vgl. Urk. 102 S. 3–6). Hier entgegen der medizini-
schen Beurteilung Indizien zu erkennen, wäre reine Spekulation.
Nicht erhärten liess sich auch, dass objektiv Erstickungsgefahr als Folge der
Würgevorgänge bestand (namentlich wegen schwerer Atemwegsverletzungen
resp. eines Kehlkopfbruchs), nachdem eine solche im Gutachten vom 20. April
2022 mit plausibler Begründung als eher bis sehr unwahrscheinlich bezeichnet
wird (Urk. 102 S. 11).
- 30 -
Dass sich die Geschädigte aufgrund stumpfer Gewalt an den Kopf in unmittel-
barer Lebensgefahr befunden haben könnte (was nach Ansicht der Staatsanwalt-
schaft [Urk. 108 S. 2] auch noch zu klären gewesen wäre, falls man mit der Vor-
instanz davon ausgehe, der Schwindel sei womöglich so verursacht worden), fällt
nicht in die nähere Betrachtung, nachdem weder ein dahingehender Vorwurf dem
Beschuldigten in der Anklage gemacht wird (Urk. 16), noch konkrete darauf hin-
weisende Verletzungen dokumentiert sind und freilich nicht jeder Schwindel eine
unmittelbare Lebensgefahr impliziert (vgl. auch Urk. 102 S. 6 und 8).
9.2. Die Geschädigte beschrieb zwar mit der Sehstörung (Verschwommen-
Sehen) und dem Schwindelgefühl Symptome einer sauerstoffmangelbedingten
Gehirnfunktionsstörung, die an sich auf eine (unmittelbare) Lebensgefahr schlies-
sen lassen. Mit der Verteidigung (vgl. Urk. 110 S. 7 unten) ist ein solcher Schluss
aber nur zuverlässig möglich, sofern diese Beschwerden während des Würgens
aufgetreten sind und keinen direkten Zusammenhang zu anderweitigen Ursachen
wie namentlich Schlägen und/oder Tritten gegen den Kopf bzw. das Schlagen des
Kopfes gegen den Boden haben.
Beim relevanten Vorfall handelt es sich um ein stark dynamisches Geschehen,
bei dem es in kurzer Abfolge zu ebensolchen Schlägen und/oder Tritten gegen
den Kopf bzw. Schlagen des Kopfes gegen den Boden einerseits und Würgevor-
gängen andererseits kam. Für die kritische Phase schildert sie das Zuschlagen
und Würgen miteinander und ergänzt, dass er dann ihren Kopf ständig auf den
Boden geknallt und mit dem Fuss gegen das Gesicht getreten habe. Sie stellt fer-
ner auch für den Zeitraum nach Beendigung des "Angriffs" dar, dass ihr ziemlich
schlecht und übel gewesen sei und sie einen Schwindel gehabt habe (Urk. 3/1
S. 4). Der Schwindel hielt also auch noch an, als der durch das Würgen bedingte
Unterbruch der Versorgung des Gehirns mit Blut in jedem Fall beendet war
(Urk. 3/1). Was die Folge wovon ist resp. ob sich die Symptome allenfalls auch
zeitlich überlagern mit dem vorangegangenen oder darauffolgenden Übergriff,
lässt sich rückblickend nicht mehr eruieren. Insbesondere ergibt sich aus den
Schilderungen der Geschädigten keinen zeitlichen Unterbruch zwischen den
- 31 -
Schlägen und dem Würgen, so dass keine klare Zuordnung der Ursache des
Schwindels möglich ist.
Unter den gegebenen Umständen kann deshalb trotz der überaus validen Aussa-
gen der Geschädigten nicht klar gesagt werden, dass die von ihr beschriebenen
eingetretenen Störungen der Seh- und Gleichgewichtswahrnehmung unmittelbar
auf das Würgen durch den Beschuldigten zurückzuführen sind – mit anderen
Worten, dass das Verschwommen-Sehen und/oder der Schwindel auf eine statt-
gehabte sauerstoffmangelbedingte Gehirnfunktionsstörung schliessen lassen. Es
bestehen auch keine hinreichenden medizinischen Anhaltspunkte dafür. In der
Tat kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Störungen namentlich in un-
mittelbarem Zusammenhang mit dem Schlagen des Kopfes gegen den Boden
standen.
Es ist somit nicht rechtsgenügend erwiesen, dass sich die Geschädigte infolge
des Würgens in unmittelbarer Lebensgefahr befand, auch wenn an der Heftigkeit
der körperlichen Einwirkung durch den Beschuldigten keine Zweifel bestehen.
Im Ergebnis ist die Schlussfolgerung der Vorinstanz, dass der rechtsgenügende
Beweis für eine unmittelbare Lebensgefahr nicht erbracht werden könne (Urk. 79
E. 6.5.2 S. 18), nicht zu beanstanden. Der Beschuldigte ist demnach vom Vorwurf
der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB in dubio pro reo freizu-
sprechen.
10. In Anwendung von Art. 55a StGB sistierte und eingestellte Delikte ( einfache Körperverletzung, versuchte Drohung)
10.1. Seit dem 1. Juli 2020 steht eine Fassung von Art. 55a StGB in Kraft, wel-
che zur Verbesserung des Schutzes gewaltbetroffener Personen höhere Anforde-
rungen an eine Einstellung stellt als gemäss der bisherigen, tatzeitaktuellen Aus-
gestaltung. Neu sieht der Gesetzeswortlaut ausdrücklich vor, dass die Sistierung
u.a. geeignet erscheinen muss, die Situation des Opfers zu stabilisieren oder zu
verbessern (Art. 55a Abs. 1 lit. c StGB in der Fassung vom 14. Dezember 2018).
Grundsätzlich gilt das Recht, das im Zeitpunkt der Verübung einer Straftat aktuell
war (Art. 1 i.V.m. Art. 2 Abs. 1 StGB; auch völkerrechtlich garantiert mit Art. 7
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Abs. 1 EMRK und Art. 15 IPBPR). In der Zwischenzeit neu in Kraft getretene
Normen des Strafrechts sind aber, ausnahmsweise, dann anwendbar, wenn sie
sich für den Beschuldigten als milder erweisen (Art. 2 Abs. 2 StGB). Vorliegend ist
eine rückwirkende Anwendung der neuesten Fassung nicht geeignet, ein für den
Beschuldigten milderes Ergebnis herbeizuführen. Potentiell würde sich diese
vielmehr zulasten des Beschuldigten auswirken. Es ist daher die bisherige, auf
den 1. April 2004 bzw. 1. Januar 2011 in Kraft getretene Fassung anwendbar.
10.2. Die Vorinstanz kam in ihrem Beschluss vom 18. Juni 2019 mit einlässlicher
Begründung zum Schluss, dass die Voraussetzungen für eine Sistierung des Ver-
fahrens gegeben seien, nachdem unter anderem die Geschädigte nachvollziehbar
begründet hatte, mit ihrem Ehemann weiter zusammenleben und ihnen beiden
noch eine Chance geben zu wollen (Urk. 62 E. 2.8). Der Vorinstanz ist insoweit
ohne Weiterungen zuzustimmen (Urk. 62 E. 2; Art. 82 Abs. 4 StPO). Auch die Er-
wägungen, welche die Vorinstanz zur Einstellung des Verfahrens im Sinne von
Art. 55a Abs. 3 aStGB im erwähnten Umfang führten (vgl. Urk. 73 S. 4), sind nicht
zu beanstanden und zu übernehmen.
10.3. Wie sodann bereits die Vorinstanz zutreffend erkannte (Urk. 62 E. 2.7–2.9),
war es im Zusammenhang mit der teilweisen Einstellung des Verfahrens keine
notwendige Voraussetzung, dass es in Bezug auf den gesamten, hier interessie-
renden Lebensvorgang (Vorfall vom 2. Juli 2017) zu gar keiner Verurteilung
kommt. Die vorliegende Konstellation ist wohl ähnlich, aber nicht direkt vergleich-
bar mit jener, die dem Bundesgerichtsentscheid 4S.454/2004 vom 21. März 2006
zugrunde lag. Namentlich kann hier keine Rede davon sein, dass sich der Einstel-
lungsantrag nur auf einen "ganz untergeordneten Anklagepunkt" auswirken wür-
de, sodass die Einstellung im fraglichen Punkt keine nennenswerte Erleichterung
der familiären Situation bringen könnte (so im erwähnten Bundesgerichtsent-
scheid unter E. 3 a.E.).
Auch der Grundsatz "ne bis in idem" verhindert nicht, das Verfahren in Bezug auf
die relativen Offizialdelikte (Art. 123 Ziff. 1 und Ziff. 2 Abs. 4 StGB sowie Art. 180
Abs. 1 und Abs. 2 lit. a i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB) einzustellen, es aber in Bezug
auf das einzige absolute Offizialdelikt (Art. 129 StGB) weiterzuführen. Insofern un-
- 33 -
terscheidet sich die Situation nicht von der recht häufig anzutreffenden Situation,
dass eine Verurteilung wegen eines Antragsdelikts mangels Strafantrags nicht in
Frage kommt, eine Verurteilung wegen eines gleichzeitig begangenen Offizial-
delikts aber schon.
10.4. Den Willen der Geschädigten gilt es nach dem Gesagten zu respektieren,
sodass es bei der Einstellung des Verfahrens im Sinne von Art. 55a aStGB in Be-
zug auf die erwähnten beiden Delikte zu bleiben hat.
Anzumerken bleibt, dass der Beschuldigte offenbar, nach aktueller Darstellung
der Verteidigung (Urk. 110 S. 9 Rz. 8), nach wie vor mit der Geschädigten und
dem gemeinsamen Sohn zusammenlebt, einer geregelten Erwerbstätigkeit nach-
geht und sich seit dem Vorfall vom 2. Juli 2017 kein weiterer Zwischenfall ereignet
hat. Dies ist Grund zur Hoffnung, dass sich die Situation namentlich des Opfers,
aber auch des Beschuldigten, effektiv nachhaltig stabilisiert hat.
11. Fazit zum Schuldpunkt
In Bezug auf die Vorwürfe der mehrfachen einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 1 und Ziff. 2 Abs. 4 StGB sowie der versuchten Drohung im Sin-
ne von Art. 180 Abs. 1 und Abs. 2 lit. a i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB ist damit das
Verfahren einzustellen. Von der Gefährdung des Lebens seiner Ehefrau im Sinne
von Art. 129 StGB ist der Beschuldigte freizusprechen.
Damit entfällt ohne Weiteres, im Rahmen dieses Verfahrens eine strafrechtliche
Sanktion zu verhängen und namentlich auch, einen Entscheid über die von der
Anklagebehörde beantragte Landesverweisung und deren Ausschreibung im
Schengener Informationssystem zu treffen.
- 34 -
III.
1. Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist das erstinstanzliche Kostendispositiv
(Dispositivziffern 4, 5 und 7; Art. 421 Abs. 1 und Art. 422 StPO) zu bestätigen,
soweit es nicht bereits in Rechtskraft erwachsen ist (vgl. E. I/3).
2. Kosten des Berufungsverfahrens
Da die Staatsanwaltschaft mit ihren Anträgen im Berufungsverfahren vollumfäng-
lich unterliegt, gehen die Kosten für das Berufungsverfahren zu Lasten des Staa-
tes (Art. 428 Abs. 1 StPO).
3. Entschädigung der amtlichen Verteidigung
Der amtliche Verteidiger machte für das Berufungsverfahren einen Aufwand von
Fr. 6'997.70 geltend (Urk. 118). Der von ihm bezifferte Aufwand ist ausgewiesen
und erscheint angemessen. Damit ist die amtliche Verteidigung mit Fr. 6'997.70
(inkl. Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.