Decision ID: 4dd7caa2-5396-4a4f-9277-ae4b54174313
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 2. Juni 2018 wegen einer S-
förmigen Rotationsskoliose der Wirbelsäule bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an
(IV-act. 5). Sie arbeitete seit 1. Mai 1991 in vollem Pensum als B._ bei der C._.
Nach zwei Stürzen am 23. Januar und 22. Februar 2018 war sie vom 22. Februar 2018
bis 27. Februar 2018 zu 100 %, ab dem 28. Februar 2018 zu 50 % krankgeschrieben
(vgl. IV-act. 12-2, 31 und 47-2 sowie act. G4.2/1-2 f.).
A.a.
Im Rahmen des Assessment- und Verlaufsprotokolls vom 24. Januar 2019 hielt
der Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle fest, die Versicherte sei aktuell zu 50 %
krankgeschrieben. Der Arbeitsplatz bei der C._ sei optimal eingerichtet. Die
Versicherte fühle sich nicht mehr als 50 % arbeitsfähig, was von ihrem Hausarzt
bestätigt werde. Demnach sei keine Begleitung durch die berufliche Integration
angezeigt (IV-act. 31). Mit Mitteilung vom 24. Januar 2019 wies die IV-Stelle das
Gesuch um berufliche Massnahmen ab (IV-act. 34).
A.b.
Mit Stellungnahme vom 5. Juni 2019 hielt der RAD fest, eine fachorthopädische
Betreuung sei seit 2016 nicht mehr erforderlich. Die Versicherte absolviere einmal
monatlich Physiotherapie und dazwischen ein konsequentes Heimtraining. Die
Belastbarkeit der Wirbelsäule und der rechten Schulter seien dauerhaft vermindert. Seit
Februar 2018 habe wegen Schulterschmerzen nach Trauma und exazerbierter
Rückenschmerzen eine Arbeitsfähigkeit von 50 % bestanden. In der angestammten
Tätigkeit, welche adaptiert sei, bestehe medizinisch-theoretisch ab sofort eine
Arbeitsfähigkeit von mindestens 80 % (Pensum 100 %, maximal 20 % zusätzliche
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Pausen; IV-act. 46). Gestützt hierauf stellte die IV-Stelle der Versicherten mit
Vorbescheid vom 6. Juni 2019 die Abweisung ihres Rentenbegehrens in Aussicht (IV-
act. 49). Dagegen erhob die Versicherte am 24. und 28. Juni 2019 Einwand (IV-act. 52
und 54).
Mit Bericht vom 19. September 2019 attestierte Dr. med. D._, Fachärztin für
Physikalische Medizin und Rehabilitation, der Versicherten bei Torsionsskoliose
thorakolumbal eine Arbeitsfähigkeit von 50 % bei verminderter körperlicher
Belastbarkeit und einem hohen Pausenbedarf (IV-act. 66).
A.d.
Am 12. November 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, zur Klärung der
Leistungsansprüche sei eine bidisziplinäre Begutachtung (Orthopädie/Neurologie)
notwendig. Die Begutachtung erfolge durch die SMAB AG Swiss Medical (nachfolgend:
SMAB; IV-act. 72).
A.e.
Mit Gutachten vom 5. Februar 2020 stellten die SMAB-Gutachter keine Diagnose
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
diagnostizierten sie eine thorakolumbale Skoliose, kompensiert mit leichtgradiger
Funktionseinschränkung bei balancierter Rumpfmuskulatur, eine Supraspinatussehnen-
Ruptur ohne Funktionseinschränkung, ein chronisches Zervikalsyndrom, aktuell mit
freier Funktion, Verdacht auf beginnendes sensibles Sulcus-ulnaris-Syndrom rechts,
eine Irritation des Interkostalnervs Th10 rechts, Adipositas (BMI 35.6) und einen
Hypertonus. Die Versicherte sei in der Lage, körperlich leichte Tätigkeiten
durchzuführen. Zwangshaltungen der Wirbelsäule seien zu vermeiden. Die Tätigkeit als
Telefonistin sei leidensadaptiert. Als Ressourcen würden die stabile Familien- sowie
Arbeitsplatzsituation gelten. Die Versicherte erledige ihren Alltag nahezu selbständig.
Sie scheine zum Untersuchungszeitpunkt weder schmerzgeplagt noch nennenswert
funktionseingeschränkt. Eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auf 50 % lasse sich
orthopädisch nicht begründen. Neurologisch lasse sich das Ausmass der beklagten
Schmerzen thorakal nicht nachvollziehen. Diskrepant zu den Angaben seien das hohe
Aktivitätsniveau und die geringe Einnahme von Schmerzmitteln. In der angestammten
wie in jeder anderen adaptierten Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 100 % (IV-
act. 74-6 f.).
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gestützt auf das SMAB-Gutachten stellte die IV-Stelle der Versicherten mit
Vorbescheid vom 12. Februar 2020 erneut die Abweisung ihres Rentenbegehrens in
Aussicht (IV-act. 79). Gegen diesen Vorbescheid erhob die Versicherte mit Eingabe
vom 3. März 2020 sowie, nun vertreten durch Rechtsanwalt Mark A. Glavas, mit
Eingaben vom 12. März und 18. Mai 2020 Einwand (vgl. IV-act. 82, 84 und 94) und
reichte ein Attest von Dr. D._ vom 23. März 2020 ein. Sie führte im Wesentlichen aus,
sie gelange bereits nach vier Stunden Arbeit an ihre Belastbarkeitsgrenze. Die
"Gesundschreibung" gemäss dem von der IV-Stelle in Auftrag gegebenen Gutachten
könne deshalb nicht nachvollzogen werden. Dr. D._ habe das Gutachten geprüft und
erklärt, die Versicherte sei in jeglicher Tätigkeit zu 50 % eingeschränkt. Die
bidisziplinäre Begutachtung sei eine Momentaufnahme gewesen und wenig geeignet,
ihre Leistungsfähigkeit zu bemessen. Eine arbeitsmedizinische Abklärung sei
erforderlich, um die Leistungsfähigkeit korrekt zu beurteilen. Im beigelegten Attest
führte Dr. D._ aus, bei der Versicherten bestehe eine Abschwächung der
tiefenstabilisierenden Muskulatur und Haltungsinsuffizienz, zudem eine Valgusstellung
der Knie und Druckschmerzen thorakolumbal. Weiter bestehe eine muskuläre
Dysbalance mit diversen Triggerpunkten in der gesamten Rücken- und Beinmuskulatur
und eine eingeschränkte Atemfunktion mit erhöhter Anfälligkeit für
Atemwegserkrankungen. Eine Arbeitsreduktion um 50 % sei notwendig, damit Zeit für
Erholung, Therapien und Heimübungen sowie die Möglichkeit zum Abliegen vorhanden
sei (IV-act. 94-3).
A.g.
Mit Verfügung vom 5. Juni 2020 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab. Zur
Begründung führte sie zusammengefasst aus, das bidisziplinäre SMAB-Gutachten sei
auch mit Blick auf die Einschätzung von Dr. D._ beweiskräftig, sodass darauf
abzustellen sei (IV-act. 98).
A.h.
Gegen diese Verfügung erhebt die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin),
weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt Mark A. Glavas, am 6. Juli 2020 Beschwerde.
Sie beantragt, die angefochtene Verfügung vom 5. Juni 2020 sei aufzuheben und ihr sei
eine halbe Invalidenrente auszurichten. Eventualiter sei die Streitsache zu weiteren
Abklärungen, insbesondere einer arbeitsmedizinischen Untersuchung, zurückzuweisen.
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich Mehrwertsteuer zu Lasten der
Beschwerdegegnerin. Zur Begründung führt sie aus, die Beschwerdegegnerin habe
den Untersuchungsgrundsatz verletzt, denn ihre medizinischen Abklärungen seien
ungenügend gewesen. Eine arbeitsmedizinische Abklärung wäre unerlässlich gewesen.
Ihr Hausarzt habe erklärt, dass auch die durch ihn attestierte Restarbeitsfähigkeit von
50 % bloss dank der regelmässigen Fortführung der Physiotherapie und täglicher
Eigenübungen möglich sei. Auch Dr. D._ attestiere ihr nur eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit und erachte ihre aktuelle Tätigkeit als optimal angepasst. Das SMAB-
Gutachten sei nicht schlüssig und nicht umfassend. Die Kurzatmigkeit der
Beschwerdeführerin sei überhaupt nicht abgeklärt worden. Aufgrund der Berichte der
behandelnden Fachärzte sei davon auszugehen, dass sie die 50%ige Arbeitsfähigkeit
auch an einer anderen Stelle nicht erhöhen könnte (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 19. August 2020 beantragt die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde. Die Rüge der
Beschwerdeführerin, dass keine pneumologische Abklärung durchgeführt worden sei,
sei unbehelflich. Aus dem Gutachten gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin ihren
Alltag nahezu selbständig und ohne wesentliche Unterstützung bewältige. Die
Beschwerdeführerin habe zum Untersuchungszeitpunkt weder schmerzgeplagt noch
nennenswert funktionseingeschränkt gewirkt. Sie habe angegeben, wenn sie sich
körperlich anstrenge, komme sie rasch in Luftnot. Ihr Hobby sei das Velofahren. Es sei
demnach ausgeschlossen, dass die angegebene Kurzatmigkeit die Beschwerdeführerin
in ihrer angestammten leichten Bürotätigkeit relevant einschränken würde. Eine
pneumologische Abklärung sei somit nicht angezeigt gewesen. Die SMAB-Gutachter
hätten sich auch nicht mit der angegebenen Kurzatmigkeit auseinandersetzen müssen.
Die von Dr. D._ angegebene erhöhte Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen würde
nicht zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führen, da keine
Atemwegserkrankung vorgelegen habe (act. G4).
B.b.
Mit Replik vom 8. Oktober 2020 bringt die Beschwerdeführerin vor, eine pneumo
logische Abklärung wäre notwendig gewesen, zumal Dr. D._ erklärt habe, dass die
Torsionsskoliose zu einer eingeschränkten Atemfunktion und einer erhöhten Anfälligkeit
für Atemwegserkrankungen führe. Selbst bei der doch leichten Bürotätigkeit komme
diese gesundheitliche Störung zum Tragen, sodass die Beschwerdeführerin nicht über
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
das aktuell ausgeübte 50%-Pensum reüssieren könne. Die SMAB-Gutachter hätten
sich zumindest mit dieser Gesundheitsproblematik auseinandersetzen müssen. Das
Gutachten sei daher nicht umfassend und schlüssig (act. G8).
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G10).B.d.
Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG (in der bis 31. Dezember 2021 gültigen und vorliegend
anwendbaren Fassung; vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. Februar 2022,
8C_455/2021, E. 2) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
1.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
351 E. 3a mit Hinweisen).
Auf ein im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholtes Gutachten ist
rechtsprechungsgemäss abzustellen, wenn nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4, BGE 135 V 466 E. 4.4;
Urteile des Bundesgerichts vom 15. Juli 2020, 8C_335/2020, E. 4.1, und vom
13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3). Gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung entspricht es einer Erfahrungstatsache, dass behandelnde
Arztpersonen mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im
Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 22. Februar 2021, 9C_683/2020, E. 5.1.2, mit Hinweisen). Dabei handelt es sich
um eine Richtlinie, die als solche mit dem Grundsatz der auch im
Sozialversicherungsrecht geltenden freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG)
vereinbar ist. Bei der Abschätzung des Beweiswerts im Rahmen einer freien und
umfassenden Beweiswürdigung dürfen allerdings auch die potentiellen Stärken der
Berichte behandelnder Ärzte nicht vergessen werden. Der Umstand allein, dass eine
Einschätzung vom behandelnden Mediziner stammt, darf nicht dazu führen, sie als von
vornherein unbeachtlich einzustufen; die einen längeren Zeitraum abdeckende und
umfassende Betreuung durch behandelnde Ärzte bringt oft wertvolle Erkenntnisse
hervor. Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen
(Fach-) Arztes einerseits und Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten
fachmedizinischen Experten anderseits lässt es jedoch nicht zu, ein Administrativ- oder
Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu
nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen.
Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil
die behandelnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation
entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder
ungewürdigt geblieben sind (statt vieler: Urteile des Bundesgerichts vom 27. Mai 2008,
9C_24/2008, E. 2.3.2, vom 17. Februar 2021, 8C_783/2020, E. 5.2, und vom 3. Mai
2021, 8C_164/2021, E. 3.2.1, je mit Hinweisen). Zudem ist auch dem Umstand, dass
1.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
die ärztliche Beurteilung von der Natur der Sache her unausweichlich Ermessenszüge
trägt, Rechnung zu tragen (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Januar 2019,
9C_804/2018, E. 2.2 mit Hinweisen).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz (Art. 61 lit. c ATSG).
Das Gericht hat seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes
vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl.
BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit Hinweisen).
1.5.
Zwischen den Parteien streitig und nachfolgend zu prüfen ist, ob auf das
bidisziplinäre Gutachten abgestellt werden kann. Die Beschwerdeführerin macht
diesbezüglich insbesondere geltend, nebst der durchgeführten orthopädischen und
neurologischen Begutachtung hätte auch eine pneumologische Abklärung stattfinden
müssen (vgl. act. G1 und G8).
2.1.
Die Beschwerdeführerin klagte schon im Jahr 2018 über eine behinderte Atmung
bzw. Schmerzen auf der Brust (vgl. Bericht des Hausarztes vom 24. Oktober 2018, IV-
act. 27-3, und Protokoll des Assessmentgesprächs vom 19. Dezember 2018, IV-
act. 31-1). Dennoch erachteten offensichtlich weder ihr Hausarzt noch Dr. D._ es
bisher für erforderlich, einen Facharzt für Pneumologie hinzuzuziehen. Beide Behandler
scheinen die von der Beschwerdeführerin beschriebene Einschränkung der
Atemfunktion mit dem subjektiven Gefühl, zu wenig Luft zu bekommen, als Folge der
Rückenschmerzen bzw. der verspannten Muskulatur mit Ausstrahlung in den Brustkorb
anzusehen.
2.2.
Dr. D._ erklärte nicht, wie von der Beschwerdeführerin geltend gemacht, dass
die Torsionsskoliose zu einer eingeschränkten Atemfunktion und einer erhöhten
Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen führe. Sie stellte im Gegenteil keine
pneumologische (Verdachts-)Diagnose, sondern diagnostizierte einzig eine
Torsionsskoliose. Auf die Frage, welche Einschränkungen bei der Beschwerdeführerin
bestünden, antwortete sie unter anderem: "Eingeschränkte Atemfunktion, erhöhte
Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen." Sie legte nicht nachvollziehbar dar, inwiefern
die Atemfunktion der Beschwerdeführerin eingeschränkt sei und weshalb ein erhöhtes
Risiko für Atemwegserkrankungen bestehe. Dass die Torsionsskoliose als solche diese
Anfälligkeit auslöse oder weshalb das der Fall sein soll, oder dass eine eigenständige,
pneumologische Erkrankung diese Einschränkung und Anfälligkeit auslöse, hat
Dr. D._ nicht ausgeführt (vgl. zum Ganzen IV-act. 27-3 und 94-3).
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Anlässlich einer orthopädischen Untersuchung in der Klinik E._ wurde eine
uneingeschränkte Atmung festgestellt (vgl. Bericht Klinik E._ vom 24. August 2018,
IV-act. 22-3). Die geltend gemachte Kurzatmigkeit/Luftnot verunmöglicht der
Beschwerdeführerin sodann weder ihre Erwerbstätigkeit noch die Haushaltführung. Sie
machte zwar in der Vergangenheit geltend, sie müsse alles gemütlich nehmen, und
bringt im vorliegenden Verfahren vor, sie müsse nach vier Stunden Arbeit ihre
Atemübungen machen. Sie musste deswegen aber keine Tätigkeit vernachlässigen und
konnte auch Fahrradfahren. Beispielsweise fuhr sie bewusst mit dem Velo zum
Bahnhof, um ihre Lunge zu trainieren, und bezeichnete anlässlich der SMAB-
Begutachtung das Velofahren als ihr Hobby (vgl. IV-act. 31-1, 74-17 und 74-33).
2.4.
Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, die SMAB-Gutachter hätten sich
zumindest mit der geltend gemachten Atemnot auseinandersetzen müssen (act. G8),
ist festzuhalten, dass den SMAB-Gutachter die subjektiven Atembeschwerden der
Beschwerdeführerin bekannt waren. So hielten sie etwa in der Zusammenfassung der
Krankheitsentwicklung fest, die Beschwerdeführerin habe bis 2016 keine Schmerzen
gehabt, sodann hätten sich atemabhängige Beschwerden entwickelt (IV-act. 74-5), und
zu den spontanen Angaben der Beschwerdeführerin vermerkten die SMAB-Gutachter
deren Aussage, wenn sie sich körperlich anstrenge, wie etwa beim Laufen nach einer
Bahnfahrt, komme sie rasch in Luftnot (IV-act. 74-15 f.). Auch die SMAB-Gutachter
gingen offenkundig davon aus, dass der von der Beschwerdeführerin beschriebenen
Luftnot keine pneumologische Erkrankung zugrunde liegt, sondern dass diese
Empfindung der Beschwerdeführerin mit ihrem Schmerzerleben der von ihnen
gestellten Diagnosen zusammenhängt. Andernfalls hätten sie eine entsprechende
Diagnose gestellt oder weitere Abklärungen empfohlen (vgl. IV-act. 74-5 f.; die
Gutachter nannten nebst den Diagnosen aus ihren jeweiligen Fachgebieten auch
sonstige Erkrankungen, nämlich Adipositas und Hypertonus).
2.5.
Unter diesen Umständen war eine pneumologische Begutachtung nicht angezeigt,
zumal aus einer solchen Untersuchung kein zusätzlicher Erkenntnisgewinn erwartet
werden durfte. Die Beschwerdeführerin scheint denn auch nach wie vor keinen
pneumologischen Facharzt konsultiert zu haben und hat, soweit aus den Akten
ersichtlich, keine spezifischen, von der Rückenproblematik unabhängigen
Therapiemassnahmen gegen die geltend gemachte Kurzatmigkeit ergriffen.
2.6.
Die Beschwerdeführerin beruft sich auf die von der gutachterlichen Einschätzung
abweichende Meinung ihres Hausarztes und der behandelnden Fachärztin, wonach
lediglich eine Arbeitsfähigkeit von 50 % bestehe.
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Der Hausarzt hat sich nach der SMAB-Begutachtung nicht mehr zur Angelegenheit
geäussert. Als Behandler und Allgemeinmediziner ohne Facharzttitel in Orthopädie oder
Neurologie kommt seiner vor der SMAB-Begutachtung vertretenen medizinischen
Einschätzung des orthopädisch-neurologischen Sachverhalts bzw. der sich daraus
ergebenden Arbeitsfähigkeit gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung (vgl.
E. 1.4 vorstehend) nurmehr ein geringer Stellenwert zu. Den SMAB-Gutachtern waren
die Berichte des Hausarztes bekannt (vgl. IV-act. 74-10 ff.). Dennoch gelangten sie zu
einer abweichenden Einschätzung bezüglich der Arbeitsfähigkeit und begründeten
diese auch (vgl. IV-act. 74-5 ff., 74-21 ff. und 74-35 ff.). Die früheren Berichte und
Atteste des Hausarztes vermögen den Beweiswert des SMAB-Gutachtens somit nicht
zu erschüttern.
3.2.
Dr. D._ verfasste zwar nach der Erstellung des SMAB-Gutachtens am 23. März
2020 einen Bericht, den die Beschwerdeführerin sowohl im Einwand- und
Beschwerdeverfahren vorlegte (IV-act. 94-3 und act. G1.3). Darin hielt die Fachärztin
jedoch ohne tiefergehende Begründung an ihrer bisherigen medizinischen Meinung fest
und setzte sich nicht mit dem SMAB-Gutachten auseinander. Sie legte namentlich
nicht dar, inwiefern die Feststellungen und Folgerungen der Gutachtenspersonen
unzutreffend sein sollten. Insbesondere hatte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin Dr. D._ die Frage gestellt, ob anhand von objektiv überprüfbaren
Kriterien widerlegt werden könne, dass die Beschwerdeführerin zu 100 % arbeitsfähig
sei (IV-act. 94-2). Dr. D._ antwortete daraufhin: "Arbeitsreduktion notwendig, damit
ausreichend Erholungszeit, Möglichkeit zum Abliegen und Zeit für die Therapien/
Heimübungen vorhanden ist" (IV-act. 94-3). Sie hat damit keine wichtigen Aspekte
benannt, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben
wären, sodass das SMAB-Gutachten wegen ihrer abweichenden Beurteilung nicht in
Frage zu stellen ist (vgl. E. 1.4 vorstehend).
3.3.
Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, ihre aktuelle Tätigkeit bei der C._
sei optimal adaptiert (vgl. act. G1), ist zu erwähnen, dass auch die SMAB-Gutachter
diese angestammte Tätigkeit gleichzeitig als eine adaptierte Tätigkeit ansahen (vgl. IV-
act. 74-6). Insofern besteht zwischen der Darstellung der Beschwerdeführerin und der
Einschätzung der Gutachtenspersonen Einigkeit.
4.1.
Die Beschwerdeführerin stellt sich auf den Standpunkt, zur umfassenden
medizinischen Erstellung des Sachverhalts wäre eine arbeitsmedizinische Abklärung
unerlässlich gewesen. Indem die Beschwerdegegnerin keine solche Abklärung
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
veranlasst habe, habe sie den Untersuchungsgrundsatz (Art. 43 ATSG) verletzt
(act. G1). Die Gutachtenspersonen haben bei der Wahl ihrer Untersuchungsmethode
wie auch bei der ärztlichen Beurteilung naturgemäss einen gewissen
Ermessensspielraum (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 23. Januar 2019,
9C_804/2018, E. 2.2, und vom 27. September 2017, 8C_820/2016, E. 5.5). Die SMAB-
Gutachter haben die Beschwerdeführerin persönlich befragt, eingehend klinisch
untersucht und den nach ihrem Erachten nötigen Tests unterzogen sowie die Vorakten
für ihre Beurteilung beigezogen. Sie erachteten diese Ausgangslage offenkundig als
ausreichend, um eine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit abzugeben. Darüber hinaus
wäre fraglich, ob eine arbeitsmedizinische Abklärung verwertbare Resultate hätte
liefern können, da die Problematik bzw. unterschiedliche Anschauung der
Arbeitsfähigkeit wohl darin besteht, dass sich die Beschwerdeführerin nicht
höhergradig arbeitsfähig sieht. Wesentliche zusätzliche Erkenntnisse wären von einer
arbeitsmedizinischen Abklärung demnach nicht zu erwarten gewesen. Unter diesen
Gegebenheiten ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin keine solche
Abklärung veranlasste. Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes liegt nicht vor.
Weiter bringt die Beschwerdeführerin vor, bloss dank der regelmässigen
Fortführung der Physiotherapie und täglicher Eigenübungen könne sie die
Restarbeitsfähigkeit von 50 % aufrechterhalten. Gegenüber der neurologischen
Gutachterin erwähnte sie dazu, die dafür erforderliche Zeit betrage 1 1⁄2 Stunden pro
Tag, wobei sie ihre Therapien und das Training immer mit der Arbeit kombiniere (IV-
act. 74-17). Auch im SMAB-Gutachten wird zum Erhalt der motorischen Kraft und
wegen der Irritation des Intercostalnervs Th10 eine Fortführung der Therapie und der
Eigenübungen empfohlen, zudem eine Medikation mit Pregabalin und eine jährliche
ambulante neurologische Untersuchung (IV-act. 74-24 und 74-36 f.). Allein der geltend
gemachte Zeitbedarf für Physiotherapie und Eigenübungen lassen eine reduzierte
Arbeitsfähigkeit nicht rechtfertigen, umso mehr als auch gesetzlich vorgeschriebene
Arbeitspausen für Eigenübungen genutzt werden können. Die erforderliche
Physiotherapie und Eigenübungen rechtfertigen somit keine Einschränkung des
zumutbaren Arbeitspensums. Die Beschwerdeführerin kommt mit den von ihr bereits
durchgeführten Massnahmen auch ihrer Selbsteingliederungspflicht gemäss Art. 7 und
7b IVG vorbildlich nach, wobei die medizinischen Massnahmen insbesondere
hinsichtlich der empfohlenen Medikamenteneinnahme sogar noch optimiert werden
könnten.
4.3.
Das SMAB-Gutachten ist nach dem Gesagten entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführerin für die streitigen Belange umfassend und beruht auf allseitigen
4.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.