Decision ID: acad4d4e-e4f6-48e0-a7bd-566e3d0ebb10
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
Die 1965 geborene X._
, welche in ihrem Heimatland eine Aus
bildung als Schneiderin absolviert hatte, reiste im Oktober 1996 in die Schweiz ein und erzielte gemäss Auszug aus dem individuellen Konto (IK-Auszug vom 14. September 2016) – nebst zwischenzeitlicher Arbeitslosigkeit und Nichter
werbstätigkeit – bescheidene Einkünfte aus ihrer Erwerbstätigkeit als Angestellte oder als
Selbständigerwerbende
. Am 5. September 2016 (Eingangsdatum) meldete sie sich unter Hinweis auf eine psychiatrische Erkrankung, bestehend seit dem Jahr 2014, bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (Urk. 7/1, Urk. 7/14 und Urk. 7/18). Die IV-Stelle tätigte beruflich-erwerbliche sowie medizinische Abklä
rungen und teilte der Versicherten mit Schreiben vom 1. Februar 2017 mit, dass zurzeit keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen angezeigt seien (Urk. 7/27). In der Folge liess sie die Versicherte polydisziplinär (internistisch, orthopädisch und psychiatrisch) beguta
chten (Urk. 7/41). Das Y._
erstattete das polydisziplinäre Gutachten am 25. Januar 2018 (Urk. 7/52). Nach Rückfragen (Urk. 7/53) des Regionalen Ärztlichen
Dienstes (RAD), Dr. med. Z._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, wurde das Gutachten am 19. April 2018 ergänzt (Urk. 7/58). Daraufhin wurde die Versicherte am 27. Juni 2018 zusätzlich von Dr.
Z._
untersucht, welche ihren Bericht am 24. Juli 2018 erstattete (Urk. 7/65). Nach durchgeführtem
Vorbe
scheidverfahren
(Vorbescheid vom 1. Oktober 2018 [Urk. 7/71], Einwand vom 2. November
2018 [Urk. 7/76] inklusive Ergänzung vom 7. Dezember
2018 [Urk. 7/79]) sowie Einholung ei
nes Berichts der psychiatrischen Klinik A._
vom 20. Mai 2019 (Urk. 7/81) beziehungsweise einer
Stellungnahme der Versicherten dazu vom 9. Dezember 2019 (Urk. 7/87) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren der Versicherten mit Verfügung vom 17. April 2020 ab (Urk. 2 [= Urk. 7/89]).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 19. Mai 2020 Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu ver
pflichten, ihr die gesetzlichen Leistungen, insbesondere eine Rente der Invaliden
versicherung, zu gewähren. In prozessualer Hinsicht wurden die Anordnung eines zweiten Schriftenwechsels sowie die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege beantragt (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 17. Juni 2020 schloss die Be
schwerdegegnerin unter Hinweis auf die Akten auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6).
Da das Gericht zum Schluss gelangte, es könne in psychiatrischer Hinsicht nicht schlüssig beurteilt werden, welcher ärztlichen Einschätzung – der Einschätzung der begutachtenden Psychiaterin
des
Y._
oder der RAD-Fachärztin
– zu folgen sei, stellte es mit Beschluss vom 10. Juli 2020 in Aussicht, ein Gerichtsgutachten bei
Dr.
med. B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
einzuholen. Es gewähr
te der Beschwerdeführerin zudem
die unentgeltliche Rechtspflege und beschloss, keinen zweiten Schriftenwechsel anzuordnen. Die Beschwerdeantwort wurde der Beschwerdeführerin
sodann
zur Kenntnisnahme zugestellt (Urk. 8).
Mit Beschluss vom 27. Oktober 2020 (Urk. 12) beschied das Gericht den Antrag der Beschwerdegegnerin vom 13. August 2020 auf Durch
führung einer zusätzlichen neuropsychologischen Untersuchung sowie auf Er
gän
zung des Fragenkatalogs (Urk. 10) abschlägig. Es hielt am in Aussicht gestell
ten Fragenkatalog fest und ernannte Dr.
B._
zum Gutachter. Dieser erstattete sein Gutachten am 29. März 2021 (Urk. 19). Die Beschwerdeführerin beantragte in ihrer Stellungnahme vom 22. April 2021, es sei vollumfänglich auf das Gutachten abzustellen und die Beschwerde sei gutzuheissen (Urk. 23).
Die Beschwerde
geg
nerin verwies in ihrer Stellungnahme vom 10. Mai 2021 (Urk. 24) auf die Stel
lungnahme des RAD vom 5. Mai 2021, welcher die Ei
nschätzung von Dr.
B._
teilte
(Urk. 25). Mit Verfügung vom 11. Mai 2021 wurden die vorgenannten Stellungnahmen der jeweiligen Gegenpartei zugestellt (Urk. 26).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [ATSG]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
1.2.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in
ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objek
tivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2.2
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen (E.
7.2; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.1). Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsun
fähigkeit schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 7.1; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nach d
er Pra
xis nicht ohne zwingende
Gründe von der Einschätzung der medizinischen Fachleute ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen
bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann
vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist
oder
wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schluss
folgerungen gelangt.
Eine a
bweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachleute dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch eine weitere Fachperson im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne eine solche vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (
BGE 143 V 269 E. 6.2.3.2, 125 V 351 E.
3b/
aa
).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog in der angefochtenen Verfügung im Wesent
li
chen, die Beschwerdeführerin habe vor Auftreten der gesundheitlichen Probleme kein regelmässiges und erhebliches Einkommen erzielt. Angesichts dessen und in Berücksichtigung des Alters der Beschwerdeführerin seien keine beruflichen Massnahmen eingeleitet worden. Aus den eingeholten ärztlichen Berichten hätten bei sich widersprechenden Diagnosen keine eindeutigen Schlüsse gezogen werden können. Gemäss den medizinischen Abklärungen würden die gesundheitlichen
Beeinträchtigungen keine langdauernde Erwerbsunfähigkeit begründen. Dies habe
die Untersuchung beim RAD gezeigt. Es seien massive Inkonsistenzen und starke
Hinweise auf Aggravation sichtbar geworden. Im
Y._
-Gutachten seien im kur
zen Befund nur die von der Beschwerdeführerin geschilderten Beschwerden aufge
führt worden; Inkonsistenzen seien nicht diskutiert worden (Urk. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte demgegenüber im Wesentlichen vor, sie leide an einer paranoiden Schizophrenie. Es könne nicht auf die Beurteilung des RAD abgestellt werden. Vielmehr sei ihr gestützt auf das
Y._
-Gutachten eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Der Verlauf der Erkrankung werde auch durc
h die behandelnden Ärzte der A._
als
chronifiziert
betrachtet. Die Beurteilung des RAD stehe in absoluter Diskrepanz zum psychiatrischen Gutachten und zum akten
kundigen Verlauf. Das
Y._
-Gutachten sei beweiskräftig. Eine davon losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach Massgabe des strukturierten Beweisverfah
rens sei sodann unzulässig (Urk. 1).
3.
Dr.
B._
führte
in seinem Gutachten vom 29. März 2021 die folgenden Dia
gnosen
auf
(Urk. 19 S. 48):
-
Chronische paranoide Schizophrenie, mit zunehmendem Residuum zwischen den
Episoden (ICD-10
F20.04
)
-
Prodromalphase in der Adoleszenz
-
Erste paranoide Psychose (2001/2002) mit vollst
ä
ndiger Remission
-
Zweite paranoide Psychose (10/2006-2011) mit Teilremission
-
mit optischen
und akustischen (kommentierenden/
imperativ
en
) Halluzinationen
-
mit Wahnwahrnehmungen und systematisiertem Wahn
-
Dritte Psychose (ab 8/2013) mit Residuum (kognitive St
ö
rungen, allgemeiner Interesseverlust,
R
ü
ckzug aus sozialen Bez
ü
gen, Apa
thie/
Anhedonie
, verflachter/inad
ä
quater Affekt,
Antriebsarmut, Verwahr
lo
sungs
tendenz)
-
mit taktilen Halluzinationen (
Dermatozoenwahn
) ab 2015
-
mit agoraphobischem Vermeidungsverhalten (
Ö
V, Haus alleine verlassen)
-
Generalisierte Angststörung (ICD-10
F41.1
)
ab circa 2009
-
mit unkontrollierbaren Sorgen bzgl. k
ü
nftigem Ungl
ü
ck, Nervo
si
t
ä
t, erh
ö
hter motorischer
Spannung mit Muskelschmerzen und vegetativer
Ü
bererregbarkeit
Der Gutachter
hielt in seiner Expertise
fest, die Beschwerdeführerin sei 1965 in Casablanca (Marokko) als zweites von fünf Kindern geboren worden und auf
gewachsen. Bei einem schweren Autounfall circa im Jahr 1964 sei ihre Mutter im Gesicht schwer verletzt worden, der jüngste Bruder und das Au-Pair-Mädchen seien gestorben.
Im Alter von
14
Jahren
habe die Beschwerdeführerin ihren Vater verloren, dieser sei an einem Herzleiden gestorben. Zwei Jahre vor der Matura sei es zu einer Adoleszentenkrise gekommen
. N
ach
einer
Psychotherapie,
einem
Schulwechsel und
einem
Umzug zu Verwandten
habe sie
doch noch
einen erfolg
reichen
Abschluss
absolviert
.
Danach habe sie eine
Schneiderlehre in Casablanca
besucht, Spanisch gelernt und eine
Modeschule in Paris
besucht
. Zurück in Marokko
habe sie zunächst
an der Rezeption einer
Import-Exportfirma
gearbeitet
und schliesslich
ein eigenes Modegeschäft
in Casablanca
erfolgreich geführt.
1994
habe sie ihren sp
äteren Ehemann
kennen
ge
l
ernt, welchen sie 1996 geheiratet habe
.
In der Schweiz
sei
die Beschwerde
füh
rerin
mangels anderer Möglichkeiten als Kellnerin in Restaurants tätig
gewesen
.
2001
sei die
erste Psychose
aufgetreten
mit
der
Angst, der Ehemann wolle sie vergiften. 2002
sei es zur Trennung und 2005 zur
Scheidung
gekommen. Die Psychose sei vollständig remittiert.
2005
habe die Beschwerdeführerin eine
zweite Beziehung (ohne Heirat) mit einem gut situierten
US-amerikanischen Geschäfts
mann begonnen und mit ihm in einer
teure
n Wohnung in C._
gewohnt
. Nach einem
mehrmonatigen Aufenthalt bei der Sch
wester in der West
schweiz ab Oktober
2006
sei die
zweite
Psychose
aufgetreten; die Beschwerde
führer
in
habe
das Gefühl gehabt, ihr Partner habe mit der CIA zu tun und
überwache sie mit in ihren Zähnen implantierten Sendern. Sie habe sich damals die Zähne
ziehen lassen, um von
diesen Sendern
befreit
zu werden.
Im Mai
2008
sei es zu einem
Arbeitsversuch in einer
Reinigun
g in D._
gekommen, welcher wegen
paranoiden Ängsten
gescheitert sei. Schliesslich sei die Beschwerde
füh
rerin im
Winter
2009/2010
obdachlos geworden und habe T
raumatische
s erlebt. Dur
ch das Sozialwerk E._
sei die Beschwerdeführerin wieder aufge
fan
gen worden und es sei zur
Teilremission der psychotischen Symptome
ge
kommen. Die Beschwerdeführerin sei
in
der Lage
gewesen
, sozial ausreichend zu funktionieren und die in den Hintergrund getretenen Halluzinationen
und Ver
folgungsängste nach aussen zu verheimlichen.
Im weiteren Verlauf habe sich die
psychotische Symptomatik aufgrund eines schwierigen Arbeitsklimas (Stelle durch
RAV vermittelt) wieder verstärkt. Die Beschwerdeführerin
habe geglaubt, sie w
erde gesucht und habe sich ab August
2013,
im Rahmen einer dritten Psychose, nicht mehr getraut, das
Haus zu verlassen.
In der Folge sei sie in ihrer Wohnung geblieben, abgesehen von seltenen Arztbesuchen und versorgt durch die Nachbarin. Ihre Schwester aus der Westschweiz habe zunehmend besorgt Kontakt gesucht, sei aber nicht eingelassen worden. Als es dieser im August 2016 mit Hilfe der Sozialberatung gelungen sei, sich Zutritt zur Wohnung zu verschaffen, sei diese vermüllt gewesen und die Beschwerdeführerin – sonst eine sehr saubere und gepflegte Person – sei in einem verwahrlosten und gemäss Schwester abge
magerten Zustand gewesen.
Es sei zu einer langen Phase
sozialpsychiatrischer Reintegration
mit
Hospitalisationen
, tagesklinischer Behandlung sowie betreutem Wohnen gekommen. Aktuell lebe die Beschwerdeführerin in einem Zimmer, ein
gebettet in eine grössere betreute Wohngemeinschaft. Sie sei knapp in der Lage, für sich zu kochen, beim Einkaufen benötige sie mitunter Begleitung oder müsse zumindest ermuntert werden, ebenso bei der Hygiene (Duschen sei weiterhin angstbesetzt). Ihre Freizeit verbringe sie passiv mit Rauchen. Hier würden ent
sprechend der schizophrenen Negativsymptomatik Antrieb, Motivation, Interesse, Konzentration und Durchhaltevermögen fehlen
.
Die bis zum Krankheitsbeginn vorhandenen Ressourcen würden nun fehlen. Geblieben sei eine (kindlich anmu
tende) Kooperationsbereitschaft, wobei die Beschwerdeführerin ohne soziale Ani
mation im Wollen steckenbleibe. Für die verbindliche Umsetzung übernommener Aufgaben, einschliesslich Besuch von Therapieterminen und medikamentöser Compliance, fehlten der Antrieb, die Konzentration, der Fokus und die Ausdauer
(Urk. 19 S. 49 f.).
Das Aktivitätsniveau sei in den unterschiedlichen Lebensbe
reichen vergleichbar eingeschränkt (Urk. 19 S. 51).
Dr.
B._
konstatierte, der späte Behandlungsbeginn, die fehlende Offenheit gegenüber Bezugspersonen und Ärzten, durch die eine wirksame Behandlung ver
schleppt worden sei, sei krankheitsbedingt und keine Frage von Kooperation oder
Ressourcen. Die Behandlung mit
Leponex
und
Risperdal
sei lege
artis
. Zusätzliche Massnahmen, welche zu einer überwiegend wahrscheinlichen Verbesserung der Arbeitsfähigkeit führen sollten, könnten nicht benannt werden (Urk. 19 S. 50). Die geklagten Symptome und/oder Funktionsbeinbussen seien konsistent und
plausibel, die Untersuchungsergebnisse valide und nachvollziehbar (Urk. 19 S. 51).
Der Guta
chter gelangte zum Schluss,
seit Beginn der dritten Psychose im August 2013
bestehe
keine verwertbare Arbeitsfähigkeit mehr (Urk. 19 S. 65).
4.
4.1
Es besteht kein Anlass, von dieser gutachterlichen Einschätzung abzuweichen. Dr.
B._
tätigte
sorgfä
ltige und umfas
sende Abklärungen,
wobei er eigens Auskünfte bei der Schwester der Beschwerdeführerin, der behandelnden Psy
chiaterin und der Leiterin des Betreuten Wohnens einholte (Urk. 19 S. 7). Er
legte
sodann
in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
in n
achvollziehbarer Weise dar, weshalb
die geklagten Symptome und/oder Funktionsbeinbussen
der Beschwer
de
führerin
konsistent und plausibel und die Untersuchungsergebnisse valide seien
. In diesem Zusammenhang begründete er auch
schlüssig
und unter Be
rücksichtigung der massgeblichen Kriterien
gemäss
BGE 141 V 281
, weshalb er sich der Einschätzung
von Dr.
Z._
(RAD)
nicht anschliessen könne (Urk. 19 S. 51 ff.). Seine
Beurteilung
steht überdies
im Einklang mit der Einschätzung der begutachtenden Psychiaterin des
Y._
im polydisziplinären Gutachten vom 25. Januar 2018 (Urk. 7/52), welche der Beschwerdeführerin ebenfalls aufgrund einer paranoiden Schizophrenie eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert hatte (Urk. 7/52/24 und 33)
.
Dem Gerichts
gutachten
, welches von den Parteien in den Stellungnahmen vom 22. April 2021 (Urk. 23) und 5./10. Mai 2021 (Urk. 24 und 25) nicht in Frage gestellt wurde,
kommt
somit
volle Beweiskraft zu.
4.2
Damit ist mit dem im Sozialversicherungsrecht massgebenden Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die Beschwerdeführerin seit
August
2013
i
n sämtlichen Tätigkeiten zu 100
% arbeitsunfähig ist.
Angesichts dessen erübrigt sich ein
Einkommen
svergleich. Da sich die Beschwerdeführerin erst am 5. September 2016 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet hat
(Urk. 7/14),
kann ein Rentenanspruch (vorliegend ein Anspruch auf eine ganze Rente) gemäss Art. 29 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 29 Abs. 3 IVG frühestens nach der sechsmonatigen Anmeldefrist, das heisst per März
2017
entstehen.
4.3
Nach dem Gesagten ist d
ie Beschwerde gutzuheissen, und der Beschwerdeführerin ist eine ganze Rente der Invalidenversicherung ab dem
1.
März
2017
zuzu
sprechen.
5.
5.1
Da der Streitgegenstand die Bewilligung oder Verweigerung von Versiche
rungs
leistungen betrifft, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG)
auf Fr. 1’000.
--
festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin auf
zuerlegen.
5
.2
5
.2.1
Besteht ein Zusammenhang zwischen Untersu
chungsmangel seitens der Verwal
tung und der Notwendigkeit, eine Gerichtsexpertise anzuordnen, können
die Ko
sten eines Gerichtsgutachtens der Verwaltung auferlegt werden. Dies ist unter anderem dann der Fall, wenn die Verwaltung zur Klärung der medizinischen Situation notwendige Aspekte unbeantwortet gelassen oder auf eine Expertise abgestellt hat, welche die Anforderungen an
eine medizinische Beurteilungs
grundlage nicht erfüllt (BGE 140 V 70 E. 6.1 mit Hinweisen).
Das Gericht gelangte mit Beschluss vom
10. Juli 2020 (Urk. 8) zum Schluss, es könne aufgrund der Akten nicht schlüssig beurteilt werden, welcher
der beiden
ärztlichen Einschätzung
en, der Einschätzung der begutachtenden Psychiaterin des
Y._
oder der Psychiaterin des RAD,
zu folgen sei. Die beiden Fachärztinnen (Gutachterin und RAD) hätten derart unterschiedliche Befunde erhoben und
das
Verhalten der Beschwerdeführerin bezüglich Konsistenz dermassen gegensätzlich bewertet, dass die eine Beurteilung die andere zwangsläufig ausschliesse. Proble
matisch erscheine, dass eine Abgrenzung zwischen den von der begutachtenden Psychiaterin selbst erhobenen und den von ihr gestützt auf die Anamnese festgestellten Befunden praktisch nicht möglich sei. Damit lasse sich auch nicht feststellen, ob sie sich bei ihrer Beurteilung primär auf die Angaben der Be
schwerdeführerin abgestützt habe oder nicht.
Die festgestellten Inkonsistenzen
würden
möglicherwei
se auf eine Aggravation schlies
sen
lassen. Ebenso sei
aber auch denkbar, dass diese mit einer Einschränkung des Gesundheitszustands in Zusammenhang stehen könnten, was vom Ger
icht nicht beurteilt werden könne
. Die Einholung einer p
sychiatrischen Expertise erweise
sich daher als notwendig.
5.2.2
Die Differenzen in den Beurteilungen der beiden
obgenannten
Fachärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie liessen sich aufgrund der Akten nicht auflösen. Damit lag ein durch die Verwaltung ungenügend abgeklärter Sachverhalt vor
,
weshalb die
Kosten des Geric
htsgutachtens im Betrag von Fr. 9’000.-- (Urk. 20
) der Beschwerdegegnerin zu überbinden
sind
.
5.3
Ausgangsgemäss hat die vertretene Beschwerd
eführerin Anspruch auf eine Pro
zessen
tschädigung, wobei diese dem
mit
Beschluss
vom
10. Juli 2020 (Urk. 8
) für das vorliegende Verfahren bestellten unentgeltlichen Rechtsvertreter, Recht
san
walt Kaspar Gehring
, zuzusprechen ist. Nach § 34 Abs. 3
GSVGer
bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der Bedeutung der Streits
ache, der Schwierigkeit des Pro
zesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksic
ht auf den Streitwert. Der geltend gemachte Verfahrensaufwand von 11.5 Stunden
(Urk. 23 S. 2)
erweist sich als angemessen.
Rechtsanwalt Kaspar Gehring ist deshalb mit Fr. 2'8
00.--
(
inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer
) zu entschädigen.