Decision ID: ef14d818-0132-5767-b1a9-9fdcaab1991e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin reichte am 20. Juli 2020 im Bundesasylzentrum in
Zürich ein Asylgesuch ein. Ihre Mutter und die minderjährigen Halbge-
schwister ersuchten gleichentags ebenfalls um Asyl (Ref-Nr. [...]). Die Ver-
fahren wurden in der Folge getrennt geführt. Anlässlich der Personalien-
aufnahme vom 24. Juli 2020 gab sie nebst drei tunesischen Reisepapieren
auch eine am 30. September 2017 abgelaufene französische Aufenthalts-
bewilligung zu den Akten (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 10).
B.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 3. August 2020 gewährte das SEM
der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Frank-
reichs für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu ei-
ner allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. In
Bezug auf den abgelaufenen französischen Aufenthaltstitel gab sie an, dort
ein Verlängerungsgesuch gestellt zu haben. Hierbei sei ihr eine Bescheini-
gung ausgestellt worden, mit welcher sie sich habe ausweisen können.
Diese sei mittlerweile abgelaufen. Wegen anderer Papiere, die sie hätte
vorlegen müssen und der Corona-Pandemie sei der neue Aufenthaltstitel
noch nicht ausgestellt worden, sie habe jedoch ein Recht darauf. Sie werde
eine «Carte de séjour» erhalten, welche nicht nur für sie, sondern die
ganze Familie gelte. Sodann führte die Beschwerdeführerin aus, in Frank-
reich habe der Stiefvater oft ihre Mutter betrogen, geschlagen und sie spä-
ter sogar mit dem Tod bedroht. Ferner habe er die minderjährigen Ge-
schwister nach Tunesien entführen und sie selber wegen der Beziehung
der Mutter zu einer anderen Frau entweder mit ihrem Cousin verheiraten
oder umbringen wollen. Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, er-
gänzte sie, an Asthma zu leiden und manchmal einen Asthmaspray zu be-
nötigen. Zudem würden ihre Finger bei grosser Hitze anschwellen (SEM
act. 12).
C.
Am 7. August 2020 richtete die Vorinstanz an die französischen Behörden
ein Informationsersuchen im Sinne von Art. 34 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
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D.
Die französischen Behörden bestätigten am 14. August 2020, dass die Be-
schwerdeführerin vom 1. Oktober 2016 bis 30. September 2017 im Besitze
einer temporären Aufenthaltsbewilligung gewesen sei. Ihr Gesuch um Ver-
längerung sei am 15. Mai 2020 abgewiesen worden und für den 16. Okto-
ber 2020 sei ein Interview vorgesehen gewesen (SEM act. 18).
E.
Am 17. August 2020 ersuchte das SEM die französischen Behörden um
Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO
(SEM act. 20).
F.
Mit Verfügung vom 24. August 2020 trat die Vorinstanz auf die Asylgesuche
der Mutter der Beschwerdeführerin und ihrer Halbgeschwister nicht ein und
wies sie nach Frankreich weg. Die Betroffenen haben die ihnen zugewie-
sene Unterkunft danach verlassen und gelten seit dem 1. September 2020
als unbekannten Aufenthalts.
G.
Vom 21. August 2020 bis 31. August 2020 befand sich die Beschwerdefüh-
rerin im Rahmen einer Krisenintervention in der Integrierten Psychiatrie
X._ in stationärer Behandlung. Im Anschluss daran erschien sie am
8. September 2020 beim Stadtärztlichen Dienst der Stadt Zürich zu einem
psychiatrischen Konsilium (SEM act. 23 und 24).
Am 11. September 2020 reichte die zugewiesene Rechtsvertretung einen
ärztlichen Bericht vom 9. September 2020 nach (SEM act. 25).
H.
Die französischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen vom
17. August 2020 am 5. Oktober 2020 gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-IIl-
VO zu (SEM act. 26).
I.
Mit Verfügung vom 6. Oktober 2020 (eröffnet am 7. Oktober 2020) trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte ihre Überstel-
lung nach Frankreich und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den
Kanton Zürich mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte der Beschwer-
deführerin die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und
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stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine
aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 29).
J.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 14. Oktober 2020
beantragt die Beschwerdeführerin, die angefochtene Verfügung sei aufzu-
heben und das SEM anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutreten; eventu-
aliter sei die Sache zur vollständigen Sachverhaltsabklärung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht sie um
Erteilung der aufschiebenden Wirkung, Erlass vorsorglicher Massnahmen,
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses (BVGer act. 1).
K.
Am 15. Oktober 2020 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer
act. 2).
Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten der Vorin-
stanz in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
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2.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu
behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.H.).
4.
In formeller Hinsicht rügt der Parteivertreter, die angefochtene Verfügung
sei unzureichend begründet, weil sich die Vorinstanz nur sehr knapp zur
Thematik der drohenden Zwangsheirat geäussert habe. Was die Begrün-
dungspflicht gemäss Art. 35 VwVG anbelangt, so soll sie den Betroffenen
in die Lage versetzen, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Die Be-
hörde hat kurz die wesentlichen Überlegungen zu nennen, von denen sie
sich leiten liess und auf die sie ihren Entscheid stützt. Dabei ist sie nicht
gehalten, zu jedem Argument der Partei explizit Stellung zu nehmen. Es
genügt, wenn aus der Gesamtheit der Begründung implizit hervorgeht,
weshalb das Vorgebrachte als unrichtig oder unwesentlich übergangen
wird (vgl. BGE 137 II 266 E. 3.2 m.H.; BVGE 2012/24 E. 3.2). Das SEM hat
die diesbezüglichen Befürchtungen der Beschwerdeführerin in der ange-
fochtenen Verfügung wiedergegeben (S. 4 oben) und dazu inhaltlich –
wenn auch kurz – Stellung genommen (S. 6 oben), womit es seiner Be-
gründungspflicht hinreichend nachgekommen ist. Für eine Rückweisung
an die Vorinstanz besteht daher kein Anlass.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
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Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung dieses
Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan-
trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten
Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dub-
lin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip
der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO)
anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem die betref-
fende Person erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat,
auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnah-
meverfahrens («take back») findet demgegenüber grundsätzlich keine (er-
neute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE
2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
5.3 Besitzt ein Antragsteller einen gültigen Aufenthaltstitel, so ist gemäss
Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO derjenige Mitgliedstaat für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz zuständig, der den Aufenthaltstitel ausge-
stellt hat. Falls der Aufenthaltstitel seit weniger als zwei Jahren abgelaufen
ist, gelangt Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO ebenfalls zur Anwendung, sofern
der Antragsteller das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten nicht verlassen hat
(Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO). Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchen-
den kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
6.
6.1 Den vorinstanzlichen Akten ist zu entnehmen, dass die Beschwerde-
führerin in Frankreich vom 1. Oktober 2016 bis 30. September 2017 im Be-
sitze einer befristeten Aufenthaltsbewilligung war. Ihr Gesuch um Verlän-
gerung der Aufenthaltsbewilligung wurde am 15. Mai 2020 abgewiesen.
Ein Gespräch hierzu wäre für den 16. Oktober 2020 vorgesehen gewesen
(SEM act. 15 und 18). Aktenkundig ist ferner, dass die Beschwerdeführerin
nach Einreichung des Verlängerungsgesuches eine Bescheinigung erhielt,
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mit welcher sie sich jeweils ausweisen konnte. Die französischen Behör-
den haben ihr die Anwesenheit auf ihrem Staatsgebiet während der Hän-
gigkeit des Verlängerungsverfahrens bis zum 15. Mai 2020 mithin aus-
drücklich erlaubt und dies in der Antwort auf das Informationsersuchen be-
stätigt (SEM act. 18), was als «gültiger Aufenthaltstitel» im Sinne von
Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO ausreicht. Anders verhielte es sich, wenn die
Betroffene sich nach Ablauf der erteilten Aufenthaltsbewilligung illegal im
betreffenden Mitgliedstaat aufgehalten hätte, was hier nicht der Fall ist
(zum Ganzen vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum Europäischen
Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018, N. 16 – 18 zu Art. 12 Dublin-III-VO).
Aufgrund der korrekt übermittelten Angaben haben sich die französischen
Behörden am 5. Oktober 2020, gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO,
denn auch mit der Übernahme der Beschwerdeführerin einverstanden er-
klärt (SEM act. 26). Die grundsätzliche Zuständigkeit Frankreich ist somit
gegeben, weshalb dem Eventualbegehren um Rückweisung der Angele-
genheit an die Vorinstanz zwecks Klärung des Aufenthaltsrechts nicht statt-
zugeben ist.
6.2 Nachfolgend ist demnach im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Frankreich würden
systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch-
lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-
Grundrechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist.
7.
7.1 Frankreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
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7.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
8.
8.1 In der Rechtsmitteleingabe vom 14. Oktober 2020 führt die Beschwer-
deführerin hierzu aus, eine Wegweisung nach Frankreich erweise sich auf-
grund der ihr dort drohenden Zwangsheirat mit ihrem Cousin als unzulässig
und verstosse gegen Art. 3 EMRK. Ebenso fürchte sie sich vor Gewalt sei-
tens des Stiefvaters und ihres leiblichen Vaters sowie vor einer möglichen
Verschleppung. Die Fachstelle für Zwangsheirat komme zum Schluss,
dass für eine junge Frau aus Tunesien in Frankreich diesbezüglich ein un-
genügender Schutz bestehe. Damit einher gehe eine Verschlechterung ih-
res Gesundheitszustandes. Die Angst vor der drohenden Zwangsheirat sei
ursächlich für den zehntägigen stationären Aufenthalt in der Integrierten
Psychiatrie X._ gewesen. Aufgrund ihrer Erlebnisse würde eine
Überstellung nach Frankreich zu einer Re-Traumatisierung und einer mas-
siven psychischen Destabilisierung führen, weshalb eine Wegweisung
auch deshalb unzulässig sei und einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar-
stellte.
8.2 Wie die Vorinstanz zutreffend festhält, steht es der Beschwerdeführerin
nach erfolgter Überstellung nach Frankreich offen, dort um Asyl nachzusu-
chen und damit Zugang zu den asylrechtlichen Aufnahmestrukturen zu er-
halten bzw. den bisherigen Aufenthaltsstatus zu regeln oder zu klären. Die
Betroffene hat in diesem Zusammenhang kein konkretes und ernsthaftes
Risiko dargetan, die französischen Behörden würden sich weigern, sie wie-
der aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Ein-
haltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn
auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Frankreich werde in
ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur
Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit
aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie
Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu wer-
den. Ausserdem hat die Beschwerdeführerin nicht dargetan, die sie bei ei-
ner Rückführung erwartenden Bedingungen in Frankreich seien derart
schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
8.3 Des Weiteren gibt es auch keine Hinweise für die Annahme, Frankreich
würde der Beschwerdeführerin dauerhaft die ihr gemäss Aufnahmerichtli-
nie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer
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allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte sie sich nötigenfalls an
die französischen Behörden wenden und die ihr zustehenden Aufnahme-
bedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtli-
nie). Das Bundesverwaltungsgericht geht trotz der Kritik am französischen
Asylsystem davon aus, dass Asylsuchende in Frankreich die von der Auf-
nahmerichtlinie garantierten Grundleistungen erhalten und dort keine un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK zu
befürchten haben (vgl. etwa Urteile des BVGer F-4121/2020 vom 25. Au-
gust 2020 E. 5.2, E-3733/2020 vom 31. Juli 2020 E. 6.3 oder F-282/20202
vom 23. Januar 2020 E. 7.3).
8.4 Insoweit die Beschwerdeführerin Furcht vor Zwangsheirat, Verschlep-
pung ins Heimatland und Übergriffen durch Familienangehörige geltend
macht, kann sie sich diesbezüglich an die französische Polizei wenden und
um Schutz ersuchen. Frankreich ist ein Rechtsstaat, welcher über ein funk-
tionierendes Justiz- und Polizeisystem verfügt. Es liegen keine Hinweise
vor, dass die Sicherheitsbehörden der Beschwerdeführerin einen allenfalls
notwendigen Schutz gegen Übergriffe durch Familienangehörige oder
Landsleute verwehren würden. Die mündlich wiedergegebene Einschät-
zung der Fachstelle Zwangsheirat ändert, da die grundsätzliche Problema-
tik betreffend und nicht auf den Einzelfall Bezug nehmend, nichts. Es wer-
den somit keine Umstände vorgetragen, welche bei der vorliegenden Be-
urteilung relevant wären.
8.5 Die Beschwerdeführerin beruft sich ferner darauf, ihr Gesundheitszu-
stand stehe einer Überstellung entgegen. Was den medizinischen Sach-
verhalt anbelangt, so kann eine zwangsweise Rückweisung von Personen
mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss
gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine vom EGMR definierte Konstellation
betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemesse-
ner medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko kon-
frontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu
intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar-
tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. De-
zember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
8.6 Eine solche Situation liegt nicht vor. Am 7. August 2020 stellte das Am-
bulatorium Kanonengasse bei der Beschwerdeführerin Asthma bronchiale,
Kurzsichtigkeit und Angststörungen fest, worauf ihr ein Antiasthmatikum
verschrieben wurde (SEM act. 17). Vom 21. August 2020 bis 31. August
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2020 befand sie sich in stationärer psychiatrischer Behandlung. Der ent-
sprechende Kurzaustrittsbericht der Integrierten Psychiatrie X._ di-
agnostizierte bei ihr Anpassungsstörungen mit beginnender depressiver
Störung, die durch verschiedene psychosoziale Belastungssituationen
(vornehmlich im familiären Umfeld) ausgelöst worden seien. Es sei eine
weitere Unterstützung durch die psychiatrische Spitex indiziert, um die Ent-
wicklung einer depressiven Störung und die Notwendigkeit einer medika-
mentösen antidepressiven Behandlung zu verhindern (SEM act. 23 und
24). Am 8. September 2020 fand sich die Beschwerdeführerin danach zu
einem psychiatrischen Konsilium beim Stadtärztlichen Dienst der Stadt Zü-
rich ein. Die behandelnde Ärztin bestätigte hierbei die bereits diagnosti-
zierte Anpassungsstörung und stellte eine beginnende depressive Störung,
differenzialdiagnostisch auch eine rezidivierende depressive Störung, fest.
Ihr aktueller Zustand entspreche dem Bild einer mindestens leichtgradig
depressiven Episode. Für das weitere Prozedere wurde der Beschwerde-
führerin empfohlen, die bisherige Medikation (ein pflanzliches Arzneimittel
gegen Verstimmungszustände, ein pflanzliches Sedativum) fortzuführen.
Bei Bedarf falle zudem die Einnahme eines Antidepressivums in Betracht.
Sodann wurde ihr geraten, angenehmen Aktivitäten nachzugehen und bei
Stabilisierung und Klärung der Aufenthaltssituation eine psychotherapeuti-
sche Behandlung anzufangen (SEM act. 24). Der vom Parteivertreter nach-
gereichte Arztbericht vom 9. September 2020 deckt sich weitgehend mit
dem Befund zum psychiatrischen Konsilium (SEM act. 25). Seither sind
keine medizinischen Unterlagen hinzugekommen. Aus den in den akten-
kundigen Arztberichten figurierenden Diagnosen ergibt sich mithin, dass
sich die Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht nicht zwingend in der
Schweiz aufhalten muss, sondern eine adäquate Behandlung der festge-
stellten Leiden in Frankreich möglich ist. Wie erwähnt, wird sie medikamen-
tös versorgt und auch die sonstigen ärztlichen Anordnungen lassen erken-
nen, dass keine akute bzw. schwere Erkrankung vorliegt, welche der Über-
stellung entgegenstehen würde. Dementsprechend gelingt es der Be-
schwerdeführerin nicht nachzuweisen, dass sie nicht reisefähig sei oder
eine Überstellung nach Frankreich ihre Gesundheit ernsthaft gefährden
würde. Ihr Gesundheitszustand vermag eine Unzulässigkeit im Sinne die-
ser restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. Die in diesem Zu-
sammenhang zitierten Urteile D-768/2018 und F-3457/2019 lassen sich
nicht heranziehen, kann aufgrund der anlässlich des Dublin-Gesprächs ge-
schilderten Vorgeschichte (siehe SEM act. 12) bei einer Wegweisung nach
Frankreich doch nicht von einer Re-Traumatisierung ausgegangen werden.
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8.7 Im Übrigen verfügt Frankreich über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die
erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist
die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigen-
falls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine Hinweise vor, wonach Frank-
reich der Beschwerdeführerin eine adäquate medizinische Behandlung
(konkret Fortführung der Medikation, allenfalls psychotherapeutische Be-
treuung) verweigern würde.
8.8 Anzumerken gilt es darüber hinaus, dass die schweizerischen Behör-
den, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind,
den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modali-
täten der Überstellung der Beschwerdeführenden Rechnung tragen und
die französischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spe-
zifischen medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-
VO). Dies ist vorliegend geschehen, sind die jeweiligen Diagnosen (Angst-
störungen, «andere Angststörungen», Vitamin-D-Mangel, Asthma, Kurz-
sichtigkeit) in den Überstellungsmodalitäten doch aufgelistet (SEM act. 30).
8.9 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die-
sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine
Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Un-
terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des-
halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
8.10 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Frankreich der für
die Behandlung des Asylgesuches der Beschwerdeführerin zuständige Mit-
gliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten. Da
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Seite 12
sie nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilli-
gung ist, wurde die Überstellung nach Frankreich in Anwendung von Art. 44
AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
11.
Der am 15. Oktober 2020 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegen-
dem Urteil dahin.
12.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Er-
wägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind, weshalb die Vor-
aussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Die Verfahrens-
kosten sind daher der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Dispositiv Seite 13
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