Decision ID: 6f50194d-c008-5745-987c-3298dbb50df6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der aus B._ stammende Beschwerdeführer verliess seinen Heimat-
staat eigenen Angaben zufolge am (...) November 2013. Zunächst sei er
mit einem gefälschten Pass von C._ nach D._ (Indien) ge-
reist, wo er sich während dreier Jahre aufgehalten habe. Danach sei er –
wiederum mit einem gefälschten Pass – über den Oman nach Istanbul ge-
reist und habe sich bis zu seiner Weiterreise nach Griechenland am
28. November 2018 dort aufgehalten; er sei in Griechenland angehalten
und registriert worden, habe dort aber kein Asylgesuch eingereicht. Am (...)
Januar 2019 sei er schliesslich von Athen nach Rom geflogen und an-
schliessend mit dem Zug am 29. Januar 2019 in die Schweiz gelangt. Er
suchte gleichentags um Asyl nach.
B.
An der Befragung zur Person (BzP) vom 6. Februar 2019 gab der Be-
schwerdeführer zu Protokoll, er habe von 2005 bis 2008 für den Studen-
tenflügel der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gearbeitet, bis seine
Schwester hätte zwangsrekrutiert werden sollen. Um seine Schwester vor
der Rekrutierung zu bewahren, habe er selber sich den LTTE als Mitglied
zur Verfügung gestellt. Er habe in dieser Zeit von einem Depot aus Waffen,
Medikamente und Nahrungsmittel sowie andere Vorräte an die Front
geschickt. Nachdem er sich am (...) Mai 2009 den Behörden gestellt habe,
sei er in das Rehabilitationsprogramm geschickt worden. Mit weiteren
300 Personen sei er am (...) März 2012 unter der Bedingung entlassen
worden, jeden Sonntag beim zuständigen Polizeiposten Unterschrift zu
leisten. Nach sechs Monaten sei er anlässlich einer Unterschriftenleistung
aufgefordert worden, an einer Versammlung teilzunehmen, und sei
schliesslich in das (...)-Camp mitgenommen worden, wo er befragt und
misshandelt worden sei. Die Soldaten hätten ihm dabei Schlimmes ange-
droht, sollten sie Beweise dafür finden, dass er bereits vor seiner eigentli-
chen Rekrutierung für die LTTE gearbeitet habe. Er sei insgesamt zweimal
dorthin verbracht worden, weshalb er aus Angst seinen Onkel väterlicher-
seits habe überzeugen können, seine Ausreise nach Indien zu organisie-
ren. Nach seiner Ausreise sei seine Familie belästigt und zu seinem Auf-
enthaltsort befragt worden. Er leide seit Jahren unter Schlafstörungen und
habe starke Rückenschmerzen, die er medikamentös behandle.
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C.
Am 15. Februar 2019 informierte die (...) E._ über die Mandats-
übernahme und reichte eine entsprechende Vollmacht zu den Akten.
D.
Am 26. Februar 2019 verfügte das SEM die Beendigung des zuvor eröff-
neten Dublin-Zuständigkeitsverfahrens.
E.
Mit Mitteilung vom 13. November 2019 liess der Beschwerdeführer einen
ärztlichen Bericht der (...) F._ einreichen, wonach er deutliche
Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sowie
einer mittelgradigen depressiven Episode zeige.
F.
Anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen vom 8. Juni 2020 (unter Ein-
haltung der Schutzmassnahmen gemäss der Verordnung vom 1. April
2020 über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem
Coronavirus [Covid-19-Verordnung Asyl, SR 142.318]) legte der Beschwer-
deführer verschiedene Beweismittel ins Recht, unter anderem einen Arzt-
bericht vom 29. Oktober 2019, seinen Geburtsschein samt Übersetzung,
ein Wohnsitz-Bestätigungsschreiben des Dorfvorstehers und eine Haft-
bestätigungskarte sowie ein Haftbestätigungsschreiben des Internationa-
len Roten Kreuzes (IKRK). Er gab zudem Totenscheine von einigen Ver-
wandten, ein "LTTE-Foto" seines Halbbruders / Cousins und eine Foto-
grafie zu den Akten, die ihn zusammen mit einem IKRK-Mitglied, mit einem
Parlamentsvertreter und mit einem LTTE-Regionalleiter zeige.
Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer aus, er habe von 2005
bis 2007 lediglich als Angestellter für die LTTE gearbeitet und, erst als
seine jüngere Schwester habe zwangsrekrutiert werden sollen, sei er an
deren Stelle der Bewegung beigetreten. Er habe in der Militärabteilung der
LTTE gearbeitet, sei aber in den Verwaltungsapparat versetzt worden, weil
sein Halbbruder / Cousin ein ranghohes LTTE-Mitglied gewesen sei. Nach-
dem er sich im Mai 2009 den Behörden ergeben habe, sei er verhaftet und
bis im Jahr 2012 an verschiedenen Orten festgehalten und gefoltert wor-
den. Kurz vor seiner Entlassung habe er Instruktionen erhalten, wie er sich
nach seiner Entlassung zu verhalten habe. Nach der Freilassung habe er
sich bis im November 2012 zu Hause aufgehalten bevor er wiederum für
einen Monat ins (...)-Camp in G._ verbracht worden sei. Im Mai
2013 habe man ihn erneut festgenommen und erst nach 15 Tagen gegen
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Bestechungsgeld aus dem (...)-Camp in B._ entlassen. Bei der Ent-
lassung hätten die Soldaten Drohungen gegen ihn ausgesprochen und ihn
aufgefordert, mit ihnen zusammenzuarbeiten sowie andere LTTE-Mitglie-
der zu denunzieren. Bei diesen Festnahmen hätten sie von ihm Informati-
onen zu Wertsachen verlangt, welche die LTTE in der letzten Kriegsphase
vergraben habe. Schliesslich sei er mit einem gefälschten Pass am (...)
November 2013 nach Indien gereist, wo er sich bis zum (...) Juli 2016 ille-
gal aufgehalten habe.
G.
Am 15. Juni 2020 liess der Beschwerdeführer dem SEM erneut den Arzt-
bericht vom 29. Oktober 2019 zukommen.
H.
Mit Verfügung vom 20. August 2020 – eröffnet am 21. August 2020 – lehnte
das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
I.
Gegen diese Verfügung liess der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
21. September 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhe-
ben. Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie die
Asylgewährung; eventualiter sei ihm wegen Unzulässigkeit, allenfalls Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme in der
Schweiz zu gewähren. In prozessualer Hinsicht liess er um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung (samt Verzicht auf Erhebung eines Kos-
tenvorschusses) und Rechtsverbeiständung ersuchen.
Zur Untermauerung seiner Vorbringen legte er das Schreiben eines
Friedensrichters aus seinem Dorf sowie seiner Gastfamilie in Indien ins
Recht.
J.
Am 25. September 2020 liess der Beschwerdeführer zum Nachweis seiner
Mittellosigkeit eine Fürsorgebestätigung vom 21. September 2020 nach-
reichen.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 13. Oktober 2020 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und setzte MLaw Cora Dubach als amtliche
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Rechtsbeiständin ein. Gleichzeitig wurde das SEM zur Einreichung einer
Vernehmlassung eingeladen.
L.
Die Vernehmlassung des SEM vom 27. Oktober 2020 wurde dem Be-
schwerdeführer mit Verfügung des Instruktionsrichters vom 3. November
2021 zur Stellungnahme zugestellt.
M.
Die Replik des Beschwerdeführers datiert vom 18. November 2020.
N.
Mit Instruktionsverfügung vom 14. Dezember 2021 wurde der Beschwer-
deführer aufgefordert, einen in der Beschwerde angekündigten Arztbericht
und allfällige weitere sachdienliche Beweismittel nachzureichen.
O.
Nach gewährter Fristerstreckung legte der Beschwerdeführer am 18. Ja-
nuar 2022 eine ärztliche Bestätigung der Gemeinschaftspraxis (...) vom
29. Dezember 2021 sowie einen Austrittsbericht der (...) F._ vom
17. Dezember 2019 ins Recht. Aus diesen Berichten geht hervor, dass sich
der Beschwerdeführer aufgrund der ihm diagnostizierten PTBS sowie de-
pressiven Störung und der körperlichen Beschwerden habe entsprechend
behandeln lassen, sich sein subjektiver psychischer Leidensdruck in der
Zwischenzeit deutlich reduziert habe, er aber weiterhin unter intermittieren-
den Schlafstörungen und Schmerzen (vor allem im Rückenbereich) leide.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung des ablehnenden Entscheids gab das SEM an, es
werde zwar nicht angezweifelt, dass der Beschwerdeführer zwischen 2009
und 2012 an einem Rehabilitationsprogramm teilgenommen habe, doch
sei er offiziell und legal entlassen worden. Die in der Folge vorgebrachten
Schwierigkeiten mit den heimatlichen Behörden könnten aufgrund der
unsubstanziierten und widersprüchlichen Darlegungen des Beschwerde-
führers nicht geglaubt werden. So habe er an der Anhörung – im Gegen-
satz zur BzP – angegeben, an der ersten Festnahme im November 2012
für einen Monat und an der zweiten Festnahme im Mai 2013 für ungefähr
15 Tage festgehalten worden zu sein. Wie es zur ersten Festnahme ge-
kommen sei und in welches Camp er damals verbracht worden sei, habe
er ebenfalls widersprüchlich angegeben. Völlig anders dargestellt habe er
sodann den Grund für seine definitive Ausreise. Zunächst habe er vor-
getragen, er befürchte, die heimatlichen Behörden könnten seine Tätigkei-
ten für die LTTE zwischen 2005 und 2008 entdecken, wohingegen er an
der Anhörung angegeben habe, die heimatlichen Behörden würden davon
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ausgehen, er verfüge über Informationen betreffend in der Schlussphase
des Krieges vergrabenem Geld, Schmuck und Waffen. Diese Zweifel am
Wahrheitsgehalt der Vorbringen würden bestärkt durch die unterschiedli-
chen Darstellungen seiner Tätigkeiten zugunsten der LTTE. Er habe sein
diesbezügliches Engagement an der Anhörung deutlich intensiver be-
schrieben als noch an der BzP; insbesondere seine Aktivitäten betreffend
die durch die LTTE vergrabenen Gegenstände habe er an der BzP mit
keinem Wort erwähnt. Die Festnahmen im Jahr 2012 und 2013 habe er
sodann unsubstanziiert beschrieben und deren konkreten Ablauf, seine
Entlassung wie auch die Unterschiede zur Rehabilitationshaft nicht detail-
liert zu schildern vermocht. Insgesamt sei deshalb nicht davon auszuge-
hen, dass er die beiden Festnahmen nach seiner Rehabilitationszeit selber
erlebt habe. Das Vorbringen, die heimatlichen Behörden hätten ihn nach
seiner Ausreise zu Hause aufgesucht, erscheine ungereimt und nicht nach-
vollziehbar, weil er seiner Meldepflicht bereits ab Mai 2013 nicht mehr
nachgekommen sei, aber erst sechs Monate später das Land verlassen
habe. Er habe sodann nicht überzeugend darzulegen vermocht, wo er sich
während den sechs Jahren nach dem Verlassen seines Heimatstaates auf-
gehalten habe; die Vermutung liege deshalb nahe, er habe seinen Heimat-
staat erst einige Zeit später definitiv verlassen. Insgesamt habe er nicht
glaubhaft machen können, er sei nach der Rehabilitation Opfer von Verfol-
gungsmassnahmen flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmasses geworden.
Allfällige im Zeitpunkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten dem-
zufolge kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden
auszulösen vermocht.
3.2 Zur Begründung seiner Beschwerdeanträge wies der Beschwerde-
führer zunächst darauf hin, dass nicht legitim erscheine, dass das SEM
widersprüchliche Aussagen zwischen der BzP und der vertieften Anhörung
derart stark gewichte. Solche Ungereimtheiten seien gemäss Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts nur dann relevant, wenn es um
Fragen betreffend die Abklärung der Flüchtlingseigenschaft gehe und die
Aussagen diametral voneinander abweichen würden. Zu widersprechen
sei der vorinstanzlichen Verfügung, soweit das SEM darin davon ausgehe,
die Vorfälle im Rahmen des Rehabilitationsprogramms würden nicht zu sei-
nen Fluchtgründen zählen. Diese Erlebnisse könnten nicht völlig losgelöst
von den Behelligungen nach seiner Entlassung aus der Rehabilitation
beurteilt werden. Die durch den Beschwerdeführer verheimlichten Aktivitä-
ten zugunsten der LTTE würden ein aktuelles Interesse der Regierung an
seiner Person als nachvollziehbar erscheinen lassen. Die durch die Vor-
instanz ins Feld geführten Widersprüche würden sich lediglich auf die an
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der Anhörung (im Gegensatz zur BzP) nicht erwähnten Aufforderung zur
Teilnahme an einer laufenden Versammlung beziehen. Tatsächlich falsch
geäussert habe er sich an der BzP in Bezug auf seine zweimalige Inhaftie-
rung im (...)-Camp. Es sei jedenfalls positiv zu werten, dass er diesen Feh-
ler aus Eigeninitiative während der Anhörung korrigiert habe. Als Grund für
die leicht unterschiedlichen Darstellungen der Gründe für seine Mitnahmen
nach der Rehabilitation sei zu erwähnen, dass er dabei lediglich Vermutun-
gen und Ängste geäussert habe. Es sei absurd, dass diese von ihm geäus-
serten Vermutungen nun als Widersprüche gewertet würden. Nicht zu
überzeugen vermöge auch der Vorwurf des SEM, die an der Anhörung na-
turgemäss detaillierter ausgefallene Umschreibung seiner Aufgaben für die
LTTE stelle eine massiv gesteigerte Beschreibung dar, welche als unglaub-
haft zu werten sei. Das SEM stelle gerade in Bezug auf den fehlenden Rei-
sepass unzulässige Vermutungen an, welche mit keinerlei Beweisen oder
Indizien belegt werden könnten. Demgegenüber sei den zahlreich einge-
reichten Beweismitteln der Beweiswert abgesprochen worden, ohne dies
angemessen zu begründen. Mit den während des Rehabilitationspro-
gramms unbestrittenermassen erlebten sexuellen Übergriffen sowie den
Entführungen, Verhaftungen und Folterungen habe er ernsthafte Nachteile
im Sinn von Art. 3 Abs. 2 AsylG erlebt, welche ihm ein menschenwürdiges
Leben im Heimatstaat verunmöglichen würden; diese würden nämlich so-
wohl die notwendige Intensität erreichen als auch einen unerträglichen
psychischen Druck darstellen, weshalb ihm die Flüchtlingseigenschaft zu-
zuerkennen sei. Zumindest sei von einem Gefährdungsprofil entsprechend
der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts auszugehen, zumal
er Verbindungen zu den LTTE habe und weitere risikobegründende Fakto-
ren erfülle, wie das Fehlen erforderlicher Identitätspapiere, die Asylgesuch-
stellung im Ausland sowie Narben am Körper. Diese Annahme, dass ihm
bei einer Rückkehr asylrelevante Verfolgung drohe, werde bestätigt durch
den aktuellen Regierungswechsel sowie die damit einhergehende Zu-
nahme an Repressionen.
3.3 In der Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, es sei zwar als glaub-
haft erachtet worden, dass der Beschwerdeführer ein Rehabilitations-
programm durchlaufen habe, aber die tatsächliche Intensität seiner Tätig-
keiten für die LTTE werde angezweifelt. Als unglaubhaft würden sodann
die geltend gemachten Festhaltungen nach seiner Rehabilitation und die
in diesem Zusammenhang angeblich erlebten Misshandlungen qualifiziert,
welche ausschlaggebend für seine Ausreise gewesen seien. Es sei noch-
mals auf Substanzlosigkeiten und Widersprüche seiner diesbezüglichen
Schilderungen hinzuweisen und insbesondere darauf, dass er an der BzP
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nicht erwähnt habe, er sei nach der Entlassung aus der Rehabilitation wie-
derum in das (...)-Camp in G._ gebracht worden; dies sei befrem-
dend, weil er dort gemäss seinen Angaben während der Rehabilitations-
phase die schwerste und damit wohl einprägsamste Zeit verbrachte habe.
An den beiden Befragungen habe er auch unterschiedliche Gründe für die
beiden Mitnahmen ab 2013 angegeben, an der BzP die länger andauern-
den Festhaltungen in diesem Zusammenhang gänzlich unerwähnt gelas-
sen und schliesslich seine Tätigkeit bei den LTTE an der Anhörung ausge-
weitet. An der BzP seien zudem die längeren Festhaltungen nach seiner
Rehabilitation unerwähnt geblieben. Bei diesen Ungereimtheiten handle es
sich keineswegs um unwichtige nebensächliche Versäumnisse, sondern
um relevante Fakten, die der Beschwerdeführer – entgegen dessen Be-
hauptung – auch an der Anhörung nicht selbstständig und ohne Aufforde-
rung aufgelöst habe. Bezeichnenderweise sei in der Beschwerdeschrift
nicht auf die durch das SEM als unsubstanziiert erachteten Vorbringen
nach der Rehabilitation eingegangen worden. Das mit der Beschwerde ein-
gereichte Schreiben der angeblichen Gastfamilie des Beschwerdeführers
in Indien sei ohne Beweiswert, zumal daraus nicht ersichtlich werde, in wel-
chem Verhältnis er zu diesen Personen stehe und dieses Dokument
ebenso inhaltsarm ausgefallen sei, wie seine diesbezüglichen Schilderun-
gen. Die Rehabilitation habe sodann offensichtlich nicht den von ihm
geltend gemachten unerträglichen psychischen Druck bewirkt, zumal er
sich weder nach seiner Entlassung noch zwischen den vorgebrachten
Festnahmen um seine Ausreise bemüht habe. Fragewürdig erscheine
auch, dass er sich nach der letzten Festnahme noch 15 Tage zu Hause
aufgehalten habe, bevor er nach C._ gereist sei, wo er weitere
sechs Monate verbracht habe; hätte er tatsächlich in der Haft massive
Morddrohungen erhalten, hätte er sich sofort an einen sichereren Ort be-
geben. Weil sowohl die Festnahmen nach der Entlassung aus der Rehabi-
litation als auch sein Aufenthalt in Indien nicht glaubhaft seien, müsse dem-
nach gefolgert werden, dass er seinen Heimatstaat jedenfalls nicht auf-
grund der angeblichen Vorfälle im Jahr 2012 und 2013 verlassen habe.
Schliesslich habe der Beschwerdeführer den schweizerischen Asylbehör-
den seinen Pass vorenthalten und keine weiteren Beweismittel eingereicht,
die seinen konkreten Ausreisezeitpunkt belegen könnten, weshalb absolut
zweifelhaft sei, ob er tatsächlich schon im Jahre 2013 ausgereist sei. Ins-
gesamt sei nicht davon auszugehen, ein menschenwürdiges Leben sei ihm
in Sri Lanka verunmöglicht oder in unzumutbarer Weise erschwert. Die im
Beschwerdeverfahren eingereichten Fotos von angeblichen Narben könn-
ten keine Gefährdungssituation nach Entlassung aus der Rehabilitation
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belegen und die übrigen Beweismittel seien als Gefälligkeitsschreiben
ohne Beweiskraft zu qualifizieren.
3.4 In seiner Replik liess der Beschwerdeführer ausführen, das SEM habe
sich mit den während der Rehabilitation erlebten Misshandlungen nicht ver-
tieft auseinandergesetzt, weshalb davon auszugehen sei, die Vorinstanz
habe keine Indizien gefunden, welche die Darstellungen als unglaubhaft
erscheinen lassen würden. Es sei jedoch stossend, dass diese glaubhaften
Vorbringen nicht in die Gesamtbetrachtung einbezogen, sondern schlicht
ignoriert worden seien. Es sei nochmals darauf hinzuweisen, dass es un-
zulässig sei, widersprüchliche Aussagen zwischen den beiden Befragun-
gen so stark zu gewichten, und er habe durchaus an der vollständigen
Sachverhaltsfeststellung mitgewirkt, indem er die fehlerhaften Aussagen
der BzP an der Anhörung angepasst habe. Er habe, entgegen der Behaup-
tung der Vorinstanz, auch an der Anhörung explizit zu Protokoll gegeben,
dass er während der ersten Entführung ebenfalls misshandelt worden sei.
Dass die befragende Person darauf aber nicht näher eingegangen sei,
könne nicht zu seinem Nachteil ausgelegt werden. Die erzwungene Teil-
nahme an der Versammlung habe er an der Anhörung nicht erwähnt, weil
er diese nicht als Grund für seine Entführung und deshalb als nicht relevant
betrachtet habe. Es könne zudem nicht jedes Vergessen eines gewichtigen
Details direkt und unumstösslich als Widerspruch gewertet werden und der
Vorwurf, er habe Antworten meist erst auf Nachfrage hin geliefert, hinke
schon deshalb, weil er selbstständig kaum habe einschätzen können,
welche Aussagen für das Asylverfahren wesentlich seien. Der Umstand,
dass eingereichte Beweismittel als beweiswertlos abgetan würden, verun-
mögliche es Asylsuchenden faktisch, ihre Situation anhand von Beweismit-
teln zu belegen, die von Privatpersonen ausgestellt worden seien. Die
Ansicht der Vorinstanz, dass die nach der Rehabilitation erfolgten Ent-
führungen ausschlaggebend für seine Ausreise gewesen sein müssten, sei
unzutreffend. Die psychischen, physischen und sexuellen Misshandlungen
während der Rehabilitation hätten einen derartigen (objektiven und subjek-
tiven) Druck erreicht, dass ihm Asyl zu gewähren sei. Die nachfolgenden
Entführungen hätten lediglich das Fass zum Überlaufen gebracht. Er habe
sich nach der zweiten Entführung ausserdem zu Hause aufgehalten, bis er
die Möglichkeit zur Ausreise organisiert habe, weil er jeweils gerade nicht
von zu Hause aus mitgenommen worden sei.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Nach Durchsicht der Akten schliesst sich das Bundesverwaltungsge-
richt im Ergebnis der Einschätzung der Vorinstanz an.
5.2
5.2.1 Dem Beschwerdeführer ist zwar insoweit zuzustimmen, als die Auf-
fassung des SEM, der Beschwerdeführer habe mehrere Details an der BzP
nicht erwähnt und nur von niederschwelligen Aktivitäten für die LTTE be-
richtet, welche er an der Anhörung regelrecht ausgebaut habe, nicht voll-
umfänglich zu überzeugen vermag.
5.2.2 So wurde ihm – nachdem er aufgefordert worden war, seine Ge-
suchsgründe anzugeben – lediglich noch die offene Frage gestellt, welche
Tätigkeiten er für die LTTE ausgeübt habe. Die darauffolgenden fünf
Fragen betrafen hingegen nur noch seine politischen Aktivitäten nach der
Rehabilitation, seine Misshandlungen während der Rehabilitation sowie
weitere Probleme mit den heimatlichen Behörden. Vor diesem Hintergrund
erscheint jedenfalls der Vorwurf des SEM, der Beschwerdeführer habe an
der BzP wichtige Details zu seinen Tätigkeiten für die LTTE unerwähnt ge-
lassen, nicht berechtigt.
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Seite 12
5.2.3 Die Schilderungen des Beschwerdeführers anlässlich der vertieften
Anhörung sowohl in Bezug auf seine Tätigkeiten zugunsten der LTTE als
auch betreffend seine Rehabilitation enthalten sodann zahlreiche Real-
kennzeichen und hinterlassen einen selbsterlebten Eindruck. Er vermochte
seine Tätigkeiten für die LTTE (vgl. A18 ad F42 ff., F48) wie auch seine
Festnahme, die in Rehabilitation verbrachten Jahre (vgl. a.a.O. ad F52 ff.,
F56, F59 ff.) und die Funktion seines verstorbenen Halbbruders (vgl. a.a.O.
ad F50) anschaulich und lebensnah zu erläutern. In nachvollziehbarer
Weise schilderte er seine Lebenssituation nach der Rehabilitation und die
Umstände im Zusammenhang mit seiner Meldepflicht (vgl. a.a.O. ad F65,
F66: "[...] Und wenn man dorthin ging, häufig gab es kleine Schikanen.
Wenn die Beamten betrunken waren, dann musste man knien [...]."; F67 f.;
F69: "[...] Es gab auch häufig Vorfälle, wenn man unterschrieb, dass man
unterschrieb, dass man das Geld, welches man auf sich trug, einem weg-
nahm [...]").
5.2.4 Letztlich ist aber festzuhalten, dass auch das SEM von der Glaubhaf-
tigkeit des Vorbringens ausging, der Beschwerdeführer habe wegen seiner
Verbindung zu den LTTE eine längere Rehabilitationszeit erleben müssen
(vgl. Vernehmlassung S. 1).
5.3
5.3.1 Zu Recht hat die Vorinstanz jedoch Zweifel an den Vorbringen betref-
fend die angeblich nach der Rehabilitation erfolgten Festnahmen des Be-
schwerdeführers sowie am Umstand geäussert, dass er drei Jahre lang in
Indien gelebt habe, ohne das in irgendwelcher Weise bestätigen zu kön-
nen:
5.3.2 Der Beschwerdeführer stellte einerseits die Umstände seiner ersten
Verhaftung ungereimt dar (vgl. angefochtene Verfügung S. 4 m.H.a. A6
S. 6 und A18 ad F70). Andererseits trug er anlässlich der BzP vor, er sei
zweimal ins (...)-Camp gebracht worden (vgl. A6 S. 6: "[...] Von dort aus
brachten sie mich in das (...) Camp, wo sie mich befragten und schlugen.
Sie brachten mich zweimal dort hin [...]."), wohingegen er an der Anhörung
geltend machte, die Beamten hätten ihn 2012 im (...)-Camp in G._
und im Jahr 2013 im (...)-Camp festgehalten (vgl. A18 ad F27). Diesen
Widerspruch vermag seine Erklärung, er habe womöglich von einem an-
deren Vorfall gesprochen (vgl. a.a.O. ad F99), nicht aufzulösen.
5.3.3 Es ist weiter mit der Vorinstanz festzustellen, dass er an den beiden
Befragungen unterschiedliche Gründe für die erneuten Festnahmen nach
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Seite 13
seiner Entlassung aus der Rehabilitation angegeben hat. An der BzP
erklärte der Beschwerdeführer, sie hätten ihm mit dem Tod gedroht, würden
sie erfahren, dass er bereits von 2005 bis 2008 für die LTTE gearbeitet
habe (vgl. A6 S. 6). Diese Befürchtung erscheint bereits deshalb nicht
nachvollziehbar, weil er sein damaliges Engagement (als Angehöriger des
LTTE-Studentenflügels von Schule zu Schule gehen und Schulmaterial an
arme Kindern verteilen; vgl. A6 S. 7) aus Sicht der sri-lankischen Behörden
zweifellos weitaus weniger problematisch waren war als seine Tätigkeiten
ab 2008.
An der einlässlichen Anhörung sprach er einerseits an mehreren Stellen
davon, dass die heimatlichen Behörden bei den Festnahmen Informatio-
nen verlangt hätten zu Schmuck und Geld, welches die LTTE in der letzten
Kriegsphase vergraben habe (vgl. A18 ad F32; F42: "[...] Die Armee nimmt
mich jeweils fest, weil sie meinen, dass ich in diesem Zusammenhang
Informationen habe und sie wollen diese Informationen von mir raus-
bekommen [...]."; F74). Andererseits gab er an, er habe anlässlich der
Festnahme im Jahr 2012 gedacht, irgendjemand habe ihn denunziert und
man werde ihn jetzt nie wieder freilassen (vgl. a.a.O. ad F72). Auf die Nach-
frage, was es denn zu denunzieren gegeben hätte, wich der Beschwerde-
führer offensichtlich aus (vgl. a.a.O. ad F73). An anderer Stelle hingegen
äusserte er die Vermutung, man habe ihn beim zweiten Mal wohl ver-
schleppt, weil man Geld habe von ihm erpressen wollen (vgl. a.a.O. ad
F80) und verneinte explizit seine Angst davor, die heimatlichen Behörden
hätten etwas über ihn herausfinden können (vgl. a.a.O. F103: "Ich habe
nicht Angst gehabt, dass sie irgendetwas über mich herausfinden könnten.
Ich habe Angst gehabt, dass wegen erneuten Festnahmen sie mir nicht ein
Leben dort ermöglichen würden. Es gibt nichts mehr, das sie über mich
hätten herausfinden können."). Auf diesen Widerspruch angesprochen,
räumte er ein, er habe vergessen zu erwähnen, dass ihn damals diese
Angst geplagt habe (vgl. a.a.O. ad F104).
5.3.4 Die Ausführungen in der Beschwerdeschrift, seine unterschiedlichen
Vermutungen zum Grund für seine Festnahmen könnten ihm nicht als
Widersprüche angelastet werden (vgl. Beschwerde S. 18 f.), vermögen
das Gericht nicht zu überzeugen.
E-4670/2020
Seite 14
5.3.5 Das Gericht schliesst sich auch den Ausführungen der Vorinstanz in
der angefochtenen Verfügung an, wonach zweifelhaft erscheint, dass der
Beschwerdeführer über keinerlei Beweismittel verfügen wollte, um seine
Aufenthaltsorte für eine Zeitspanne von sechs Jahren nachzuweisen (vgl.
A18 ad F28 und F94 ff.). Bei dem in diesem Zusammenhang im Beschwer-
deverfahren nachgereichte Bestätigungsschreiben vom 15. September
2020 lässt sich weder der Verfasser des Schreibens noch dessen Inhalt in
zuverlässiger Weise verifizieren. Es reicht demnach jedenfalls nicht aus,
um die durch den Beschwerdeführer geltend gemachten Aufenthaltsorte
glaubhaft zu machen.
5.3.6 Schliesslich beschrieb der Beschwerdeführer anlässlich seiner Be-
fragungen zwar die angeblich nach der Entlassung aus der Rehabilitation
erlebten sexuellen Misshandlungen relativ anschaulich und ähnlich detail-
liert wie seine Vorbringen im Zusammenhang mit seiner Rehabilitationshaft
(vgl. A6 S. 7 und A18 ad F59 und F101 f.). Und in seiner Beschwerde vom
21. September 2020 wies er darauf hin, dass er sich wegen der erlebten
sexuellen Folter – respektive deren physischen Folgen auf sein Sexual-
leben – in ärztlicher Abklärung befinde; er kündigte an, er leite den entspre-
chenden abschliessenden Bericht seiner Ärzte sofort an das Gericht weiter
(vgl. Beschwerde S. 9, 22 und 37). Nachdem der Beschwerdeführer keinen
solchen Arztbericht eingereicht hatte, wurde er mit Instruktionsverfügung
vom 14. Dezember 2021 einerseits zur Einreichung des angekündigten
urologischen Berichts "über die Erkenntnisse und die aktuellen Verletzun-
gen" und andererseits weitere medizinische Berichte zu seinem physi-
schen und psychischen Gesundheitszustands aufgefordert. Die in der
Folge mit Eingabe vom 18. Januar 2022 eingereichten ärztlichen Unterla-
gen enthalten keinerlei Angaben zu allfälligen Folgen der vorgebrachten
sexuellen Folter (vielmehr handelt es sich um einen Therapiebericht betref-
fend die Behandlung der PTBS sowie der depressiven Störung des
Beschwerdeführers sowie eine ärztliche Bestätigung, gemäss welcher der
Beschwerdeführer wegen einer Diskushernie, wegen Verdachts auf
Appendizitis und wegen Kopfschmerzen sowie einer Coronapneumonie
medizinisch betreut werden musste). Dass der durch eine im Asylrecht ver-
sierte Juristin vertretene Beschwerdeführer einen von ihm selbst angekün-
digten Bericht über die körperlichen Folgen der angeblich erlittenen sexu-
ellen Übergriffe nicht von sich aus nachreichte, war bereits überraschend;
dass er aber selbst der unmissverständlichen Aufforderung des Instruk-
tionsrichters keine Folge leistete und diese Unterlassung zudem mit kei-
nem Wort begründete, ist befremdlich und bei der Beurteilung der Glaub-
haftigkeit seiner Vorbringen zu seinen Ungunsten zu berücksichtigen.
E-4670/2020
Seite 15
5.4 Nach dem Gesagten vermochte der Beschwerdeführer die geltend ge-
machten Verfolgungshandlungen nach der Entlassung aus der Rehabilita-
tion (im Jahr 2012) nicht glaubhaft zu machen. Letztlich sind nicht nur seine
Aufenthaltsorte, sondern seine gesamten Lebensumstände ab diesem
Zeitpunkt unklar.
5.5 Die Entlassung des Beschwerdeführers aus der Rehabilitation liegt
nunmehr bereits zehn Jahre zurück. Aufgrund der vorangegangenen Er-
wägungen ist davon auszugehen, es seien danach – bis zum unbekannten
Zeitpunkt der Ausreise aus Sri Lanka – keine staatlichen Kontroll- und
Überwachungsmassnahmen erfolgt, die ein asylrelevantes Ausmass an-
genommen hätten. Insgesamt erscheint die geltend gemachte subjektive
Furcht des Beschwerdeführers, erneut festgenommen zu werden, folglich
unbegründet.
5.6 In Bezug auf die Hinweise in der Beschwerdeschrift auf die veränderte
Lage in Sri Lanka seit Regierungswechsel vom November 2019 ist festzu-
halten, dass das Bundesverwaltungsgericht die aktuelle Lage aufmerksam
verfolgt, sich der Veränderungen in Sri Lanka bewusst ist und diese bei
seiner Entscheidfindung berücksichtigt. Zwar ist beim derzeitigen Kennt-
nisstand durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungs-
lage auszugehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausge-
setzt sind beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Refe-
renzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 m.w.H.). Dennoch
gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Ein persönlicher Bezug des Be-
schwerdeführers zur Präsidentschaftswahl ist aus den Akten nicht ersicht-
lich, zumal seine Lebensumstände ab dem Jahr 2012 unbekannt sind.
Die Präsidentschaftswahlen von 16. November 2019 und daran anknüp-
fende Ereignisse vermögen im Hinblick auf den Beschwerdeführer keine
objektiven Nachfluchtgründe zu begründen (vgl. dazu BVGE 2010/44
E. 3.5; Urteil des BVGer E-1156/2020 vom 20. März 2020 E. 6.2;
E-6426/2019 vom 8. November 2021 E. 6.6).
6.
6.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender (aktueller)
Vorverfolgung bei einer Rückkehr in seinem Heimatland ernsthafte Nach-
teile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
E-4670/2020
Seite 16
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind. Zur Beurteilung des Risikos
von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren identifiziert.
Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene Verbindung
zu den LTTE, ein Eintrag in der "Stop-List" und die Teilnahme an exilpoliti-
schen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobegründende
Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten Umständen
bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begründeten Furcht
führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentlicher Identitäts-
dokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine gewisse Aufent-
haltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegründende Faktoren
dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden Risikofaktoren
erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3 AsylG zu
befürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden bestrebt sei, den
tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, und so den sri-lanki-
schen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Risikofaktoren
seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen in der am
Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" vermerkt seien und deren
Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Straf-
registereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten
Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für sri-lankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten (vgl.
Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5).
6.3
6.3.1 Die Asylvorbringen des Beschwerdeführers mussten als teilweise un-
glaubhaft und im Übrigen asylrechtlich irrelevant qualifiziert werden.
Angesichts der glaubhaften dreijährigen Rehabilitation ist zwar von einer
(die Rehabilitation auslösenden) Mitgliedschaft des Beschwerdeführers bei
den LTTE auszugehen. Er hat jedoch angegeben, er habe für die LTTE im
Verwaltungsapparat gearbeitet und sei lediglich ein gewöhnliches Mitglied
gewesen (vgl. A18 ad F32 und F48); gemäss seinen protokollierten Aus-
führungen hatte er keine Kaderfunktion inne und war auch nicht in Kampf-
handlungen involviert (vgl. a.a.O. ad F37). Aus seinen Angaben geht aller-
dings nicht hervor, dass ihm über die blosse LTTE-Mitgliedschaft hinaus-
gehende Taten vorgeworfen werden könnten. Nachdem er auch nicht an-
gibt, sich in der Schweiz exilpolitisch betätigt zu haben, sind den Akten
E-4670/2020
Seite 17
keine konkreten Anhaltspunkte für die Annahme zu entnehmen, die sri-
lankischen Behörden könnten in ihm eine Person vermuten, die bestrebt
wäre, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen.
6.3.2 Eine Rehabilitationshaft von drei Jahren erscheint zwar als lange;
vorgesehen war in der Regel eine Rehabilitationsdauer von einem Jahr, die
jedoch verlängert werden konnte (vgl. Urteil des BVGer D-2224/2020 vom
22. Februar 2022 E. 7.3.5 m.H.a. SEM, Focus Sri Lanka: Lage ehemaliger
Mitglieder der Liberation Tigers of Tamil Eelam [LTTE], 15. März 2019,
S. 10 [abrufbar unter https://www.sem.admin.ch > lka > LKA-ex-ltte-d]).
Die sich aufdrängende Frage, welche Umstände zu einer vergleichsweise
derart langen Rehabilitation geführt haben mögen, muss angesichts der
Beteuerungen des Beschwerdeführers, er habe keine exponierte Tätigkeit
bei den Tigers ausgeübt, indessen offen bleiben. Letztlich kann es nicht auf
Aufgabe der schweizerischen Asylbehörden sein, über weitergehende
Tätigkeiten oder Funktionen des Beschwerdeführers bei der tamilischen
Guerilla zu spekulieren, wenn er selber Derartiges bestreitet.
6.3.3 Neben der gemäss Akten wenig intensiven Verbindungen zu den
LTTE sind als schwach risikobegründende Faktoren das (angebliche)
Fehlen von Reisepapieren, der mehrjährige Aufenthalt in der Schweiz und
die Narben des Beschwerdeführers zu berücksichtigen (gemäss den ein-
gereichten Fotografien an durch Kleider abdeckbaren Stellen am Rumpf
und an den Beinen sowie auf der durch Haare bedeckten Kopfhaut).
6.4 Insgesamt erscheint nicht überwiegend wahrscheinlich, dass der
Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Ver-
folgungsrisiko ausgesetzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3
Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte.
7.
Das SEM hat nach dem Gesagten zu Recht festgestellt, dass der
Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und sein Asyl-
gesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
E-4670/2020
Seite 18
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
E-4670/2020
Seite 19
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.).
9.2.4 Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst
(vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, Urteil vom 31. Mai
2011, Beschwerde Nr. 41178/08; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Ja-
nuar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom
20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien,
Urteil vom 17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07; Rechtsprechung
bestätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017,
Beschwerde Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht
in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen
drohe eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müssten im Rahmen der
Beurteilung, ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für die Befürch-
tung habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Befragung ein
Interesse, verschiedene Aspekte – welche im Wesentlichen durch die im
Referenzurteil E-1866/2015 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind
(vgl. EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94; EGMR, E.G. gegen
Grossbritannien, a.a.O., § 13 und 69) – in Betracht gezogen werden. Dabei
sei dem Umstand gebührend Beachtung zu tragen, dass diese einzelnen
Aspekte, auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglicherweise kein
"real risk" darstellen, diese Schwelle bei einer kumulativen Würdigung er-
reichen könnten.
9.2.5 Nachdem der Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht hat, dass
er befürchten müsse, bei einer Rückkehr in den Heimatstaat die Aufmerk-
samkeit der sri-lankischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür,
ihm würde eine menschenrechtswidrige Behandlung in Sri Lanka drohen.
E-4670/2020
Seite 20
9.2.6 Aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts besteht bei der heutigen
Aktenlage kein Grund zur Annahme, dass sich die jüngsten politischen Ent-
wicklungen in Sri Lanka konkret auf den Beschwerdeführer auswirken
könnten. Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als generell unzulässig
erscheinen und der Beschwerdeführer bringt seinerseits keine individuel-
len Merkmale glaubhaft vor, welche eine Unzulässigkeit des Vollzugs
begründen könnten.
9.2.7 Der Vollzug der Wegweisung erweist sowohl im Sinn der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Was die allgemeine
Situation in Sri Lanka betrifft, aktualisierte das Bundesverwaltungsgericht
in den Referenzurteilen E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2–13.4 und
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 die Lagebeurteilung bezüglich der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Nord- und Ostprovinzen
Sri Lankas. Dabei stellte es fest, dass der Wegweisungsvollzug sowohl in
die Nordprovinz als auch in die Ostprovinz unter Einschluss des Vanni-
Gebiets zumutbar ist, wenn das Vorliegen von individuellen Zumutbar-
keitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder
sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkom-
mens- und Wohnsituation) bejaht werden kann. Auch die jüngsten politi-
schen Entwicklungen in Sri Lanka – namentlich die Wahl von Gotabaya
Rajapaksa zum Präsidenten und deren Folgen – sowie die Nachwirkungen
der Anschläge vom 21. April 2019 und des damals verhängten, zwischen-
zeitlich wieder aufgehobenen Ausnahmezustands führen nicht dazu, dass
der Wegweisungsvollzug generell als unzumutbar angesehen werden
müsste.
E-4670/2020
Seite 21
9.3.3 Das SEM stellte sich hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs nach Sri Lanka auf den Standpunkt, dass dieser sowohl in
allgemeiner als auch in individueller Hinsicht als zulässig und zumutbar
einzustufen sei. Der Beschwerdeführer habe eine gute Schulbildung und
verfüge in seiner Herkunftsregion über ein familiäres Beziehungsnetz, wel-
ches ihn bei der Reintegration bei einer Rückkehr in den Heimatstaat
werde unterstützen können. Es würden keine Anhaltspunkte vorliegen,
dass er in Sri Lanka in eine existenzielle Notlage geraten würde. Seine
PTBS könne er in seiner Heimat medizinisch behandeln lassen; es würden
nämlich sowohl verschiedene Privat-Kliniken wie auch die öffentlichen Spi-
täler in Colombo und Vavuniya solche Behandlungen anbieten.
Der Beschwerdeführer entgegnete in seiner Beschwerde, dass sich der
Vollzug der Wegweisung bereits aufgrund der bei ihm diagnostizierten
PTBS als unzumutbar erweise. Psychisch erkrankte Menschen würden in
Sri Lanka regelmässig diskriminiert und auch der Zugang zu psychiatri-
scher Versorgung im ehemaligen Konfliktgebiet sei unzulänglich und prob-
lematisch, weil es an qualifiziertem psychiatrischem Personal mangle.
9.3.4 In der angefochtenen Verfügung setzte sich das SEM mit sämtlichen
Einwänden des Beschwerdeführers gegen den Vollzug der Wegweisung in
seinen Heimatstaat eingehend auseinander. Um Wiederholungen zu ver-
meiden kann auf diese überzeugenden Erwägungen verwiesen werden.
Angesichts seiner guten Schulbildung, seiner Berufserfahrung sowie des
vorhandenen Beziehungsnetzes ist nicht davon auszugehen, er gerate bei
einer Rückkehr in seine Heimatregion in eine existenzielle Notlage.
9.3.5 In Bezug auf seine gesundheitliche Situation wurde der ärztlichen
Bestätigung vom 29. Dezember 2021 zufolge der Beschwerdeführer so-
wohl wegen physischen Beschwerden als auch aufgrund der ihm diagnos-
tizierten PTBS und der mittelgradig depressiven Störung mit somatischen
Syndrom behandelt. Die PTBS als auch die depressive Störung wurden
bereits im Austrittsbericht der (...) vom 17. Dezember 2019 als weitgehend
remittiert (lat. remittere: nachlassen) bezeichnet. Im Bericht vom 29. De-
zember 2021 wird diesbezüglich bloss auf den (...)-Bericht verwiesen.
E-4670/2020
Seite 22
Praxisgemäss ist bei einer Rückweisung von Personen mit gesundheitli-
chen Problemen nur dann von einer medizinisch bedingten Unzumutbar-
keit auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit einer Weiterbehand-
lung eine drastische und lebensbedrohliche Verschlechterung des Ge-
sundheitszustands nach sich zöge. Diese Schwelle ist nach dem Gesagten
nicht erreicht. Die notwendige medizinische Versorgung in Sri Lanka ist für
den Beschwerdeführer gewährleistet (vgl. etwa das Urteil BVGer
E-5214/2016 vom 1. Mai 2020 E. 8.4 m.w.H.).
Der Vollständigkeit halber ist auch auf die Möglichkeit einer medizinischen
Rückkehrhilfe (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG; Art. 75 der Asylverordnung 2
vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]) hinzuweisen.
9.3.6 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl in genereller als auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
9.4 Es obliegt sodann dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr weiteren notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Angesichts der mit
Zwischenverfügung vom 13. Oktober 2020 gewährten unentgeltlichen
Prozessführung werden keine Verfahrenskosten auferlegt, nachdem den
Akten keine Hinweise auf eine relevante Veränderung der finanziellen Ver-
hältnisse zu entnehmen sind.
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11.2 Das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung wurde ebenfalls mit
derselben Zwischenverfügung vom 13. Oktober 2020 gutgeheissen, und
MLaw Cora Dubach wurde als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Ihr ist
zulasten der Gerichtskasse ein Honorar zuzusprechen.
Mit der Beschwerde wurde eine Kostennote eingereicht. Der darin aufge-
führte Vertretungsaufwand von 12 Honorarstunden erscheint angemes-
sen. Unter Berücksichtigung der weiteren im Beschwerdeverfahren ge-
machten Eingaben ist das Honorar demnach auf insgesamt Fr. 2700.–
(inklusive sämtlicher Auslagen) festzusetzen und MLaw Dubach durch die
Gerichtskasse zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-4670/2020
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