Decision ID: 33e0a32b-c50a-40dd-a259-cd5069428c13
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Eth-
nie aus B._ (Distrikt C._) – suchte am 17. Oktober 2017 im
damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) D._ um Asyl
nach. Das SEM informierte ihn gleichentags, dass er per Zufallsprinzip der
Testphase des Verfahrenszentrums E._ zugewiesen worden sei.
Am 23. Oktober 2017 fand die Personalienaufnahme und am 1. November
2017 ein Dublin-Gespräch (ohne Dublin-spezifische Fragen) statt.
B.
Am 23. Januar 2018 wurde der Beschwerdeführer im Rahmen der Erstbe-
fragung – im Beisein der ihm zugewiesenen (vormaligen) Rechtsvertretung
– zu seiner Person und ausführlich zu seinen Asylgründen befragt. Er fer-
tigte dabei eine Skizze zu den beschriebenen Örtlichkeiten an.
C.
Am 13. März 2018 verwies das SEM das Asylgesuch ins erweiterte Verfah-
ren und teilte den Beschwerdeführer dem Kanton F._ zu.
D.
Mit Schreiben vom 21. März 2018 zeigte die zugewiesene Rechtsvertre-
tung des Beschwerdeführers dem SEM die Beendigung des Mandatsver-
hältnisses an.
E.
E.a Am 16. August 2018 wurde der Beschwerdeführer (ergänzend) zu sei-
nen Asylgründen angehört. Er brachte dabei – sowie bereits anlässlich der
Erstbefragung – zur Begründung seines Asylgesuchs im Wesentlichen vor,
dass er in G._ gearbeitet und seinen Arbeitsweg zu Fuss und mit
dem Bus zurückgelegt habe. Auf dem Weg von seinem Zuhause zur Bus-
haltestelle habe er an mehreren Checkpoints beziehungsweise Camps der
sri-lankischen Armee vorbeigehen müssen. Am (...) 2017 sei er bei einem
dieser Camps von zwei Soldaten geschlagen, mit dem Tod bedroht und
sexuell genötigt worden, nachdem er sich geweigert habe, einen Auftrag
für sie auszuführen, und ihnen damit gedroht habe, sich an ihren Vorge-
setzten zu wenden. Er sei von einem der Soldaten zu Oralsex gezwungen
worden, während der andere die Szene auf Video aufgenommen habe. Ihm
sei dann gesagt worden, dass er nichts weitererzählen dürfe, ansonsten er
umgebracht und das Video im Internet veröffentlicht würde. In der Folge
sei er etwa vierzehn weitere Male auf seinem Nachhauseweg bei drei
D-5402/2018
Seite 3
Checkpoints von Soldaten – seine ersten Peiniger hätten ihren Freunden
von ihm erzählt – abgefangen und zu sexuellen Handlungen gezwungen
worden. Dies sei jedes Mal der Fall gewesen, wenn er den Bus habe neh-
men müssen und nicht etwa mit Dorfbewohnern auf deren Motorrad habe
mitfahren oder das Motorrad seines Arbeitgebers habe benutzen können.
Am (...) 2017 habe er sodann seine Schwester H._ von I._
für die Pflege und Unterstützung seiner kranken Mutter abgeholt. Auf dem
Weg von der Bushaltestelle nach Hause seien er, seine Schwester und ein
Dorfbewohner namens J._ bei einem der Checkpoints von Solda-
ten kontrolliert worden. Seine Schwester sei dabei ins Innere des Camps
gebracht worden. Als er sie schreien gehört habe, sei er hineingegangen.
Ein Soldat habe sie umklammert, während ihre Kleider zerrissen und ihre
Haare zerzaust gewesen seien. Er habe den Soldaten umgestossen und
sei mit seiner Schwester und J._ über einen Waldweg nach Hause
gerannt. Am nächsten Morgen seien vier Soldaten zu ihm nach Hause ge-
kommen und hätten ihn unter dem Vorwurf, er habe am Vortag bei einer
Kontrolle betrunken einen Soldaten geschlagen, mitgenommen. Im Camp
sei er von Soldaten geschlagen worden. Danach sei er vom Vorgesetzten
der Soldaten befragt worden, wobei er diesem von den sexuellen Übergrif-
fen durch die Soldaten erzählt habe. Der Vorgesetzte habe ihm jedoch
nicht geglaubt und ihn getreten. Ihm sei befohlen worden, ab sofort jeden
Morgen Unterschrift zu leisten. Auch J._ sei von den Soldaten ins
Armeecamp geholt und zum Vorfall befragt worden; zudem sei auch ihm
eine Meldepflicht auferlegt worden.
Er selbst sei am (...) 2017 seiner Meldepflicht nachgekommen und habe
dabei ein Blatt mit einem Text, den er nicht verstanden habe, unterschrei-
ben müssen respektive habe er dies schon tags zuvor machen müssen.
Da J._ seiner Meldepflicht an diesem Tag nicht nachgekommen sei,
hätten die Soldaten Nachforschungen über ihn angestellt. Er sei dann mit
dem Hinweis, dass J._ bei der Bewegung gewesen sei, zu
J._ und seiner Beziehung zu ihm ausgefragt worden beziehungs-
weise sei er an diesem Tag nicht befragt worden, sondern habe bei einem
Gespräch zwischen Soldaten heraushören können, dass J._ bei
den LTTE gewesen sei. Als er am Nachmittag das Armeecamp habe ver-
lassen dürfen, habe er sich zu seiner Schwester nach I._ begeben
und bei ihr übernachtet.
Am (...) 2017 hätten Soldaten bei ihm Zuhause nach ihm gesucht, weil er
an diesem Morgen keine Unterschrift geleistet habe. Seine Mutter habe
D-5402/2018
Seite 4
vorgegeben, dass er bei der Arbeit sei, worauf sich die Soldaten dort nach
ihm erkundigt und erfahren hätten, dass seine Schwester in I._
wohne. Am Abend seien Soldaten vom Armeecamp in I._ zum Haus
seiner Schwester gekommen und hätten ihn aus dem Haus gezerrt. Da er
geschrien habe, seien Nachbarn herbeigeeilt. Die Soldaten hätten ihn dann
losgelassen und ihm befohlen, noch am gleichen Tag im Armeecamp in der
Nähe seines Zuhauses vorzusprechen. Er habe jedoch befürchtet, von dort
nie mehr herauszukommen, weil die Soldaten ihm Verbindungen zu den
LTTE unterstellen würden. Er habe daher seine Mutter angerufen und ihr
alles erzählt. Diese habe ihm gesagt, er solle bei seiner Schwester bleiben
und sie würde ihn am nächsten Tag zu einem seiner Arbeitskollegen
(K._) nach L._ bringen. Am (...) 2017 habe ihm seine Mutter
telefonisch – er habe sich mittlerweile bei K._ aufgehalten – aus-
richten lassen, dass Soldaten erneut an seinem Arbeitsplatz erschienen
seien und er gemäss Telefongespräch mit seinem Vorgesetzten deswegen
seine Arbeit verloren habe. Nach etwa zwei Wochen sei er von seinem Va-
ter nach Colombo gebracht worden, von wo aus er (...) 2017 sein Heimat-
land verlassen habe. Nach seiner Ausreise sei er mehrmals von Soldaten
zuhause gesucht worden. Weitergehend wird auf die Protokolle in den Ak-
ten verwiesen.
E.b Der Beschwerdeführer liess im vorinstanzlichen Verfahren durch seine
ihm zugewiesene (vormalige) Rechtsvertretung zwei Arbeitsbestätigun-
gen, eine Fotografie von ihm und seinen Arbeitskollegen, vier Fotografien
zum Vorfall vom (...) 2017 (auf einem USB-Stick) sowie eine "Postal ID"
und eine beglaubigte Kopie seiner Geburtsurkunde zu den Akten reichen.
Ausserdem reichte seine Rechtsvertretung ein Formular "Medizinische In-
formationen" vom 8. November 2017 ein, welchem unter anderem zu ent-
nehmen ist, dass der Beschwerdeführer seit eineinhalb Jahren an Schmer-
zen (...) (nach Fusstritten im Heimatland) leide.
F.
Mit Verfügung vom 23. August 2018 – tags darauf eröffnet – stellte das
SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
fülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
G.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
20. September 2018 – handelnd durch MLaw Angela Stettler (damals Ad-
vokatur Kanonengasse) – Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
D-5402/2018
Seite 5
Er beantragte dabei in materieller Hinsicht, die vorinstanzliche Verfügung
sei vollumfänglich aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzu-
stellen und ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei die vorläufige Aufnahme
anzuordnen, subeventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sach-
verhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Bewilligung
der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und um Bestellung einer unentgeltlichen Rechtsbei-
ständin in der Person seiner Rechtsvertreterin. Der Beschwerde lagen als
Beweismittel vier Fotografien vom (...) 2017 (auf einem USB-Stick), medi-
zinische Unterlagen (ärztlicher Bericht des Instituts für [...] des [...] vom
15. November 2017, sowie zwei Formulare "Medizinische Informationen"
vom 8. und vom 22. November 2017) und eine Kopie der vom Beschwer-
deführer angefertigten und dem Protokoll der Erstbefragung angefügten
Skizze betreffend seine Asylgründe (resp. zu seinem Weg von der Bussta-
tion nach Hause) mit ergänzenden Erläuterungen bei.
H.
Mit Schreiben vom 24. September 2018 bestätigte das Bundesverwal-
tungsgericht den Eingang der Beschwerde.
I.
Mit Eingabe vom 25. September 2018 reichte die (damalige) Rechtsvertre-
terin des Beschwerdeführers (vorab per Fax) eine Fürsorgebestätigung
nach.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 26. September 2018 hielt die Instruktionsrich-
terin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Sie hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung – unter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung
der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers – gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte MLaw Angela Stettler
als amtliche Rechtsbeiständin ein.
K.
Am 7. Dezember 2018 übermittelte MLaw Angela Stettler dem Bundesver-
waltungsgericht ihre provisorische Honorarnote per Fax.
D-5402/2018
Seite 6
L.
L.a Mit Eingabe vom 7. März 2019 beantragte MLaw Angela Stettler beim
Gericht die Entlassung aus dem Mandat als amtliche Rechtsbeiständin und
ersuchte – zusammen mit dem rubrizierten Rechtsanwalt (damals Advoka-
tur Kanonengasse) – zugleich, ihn mit sofortiger Wirkung als unentgeltli-
chen Rechtsbeistand für das weitere Verfahren einzusetzen.
L.b Mit Verfügung vom 11. März 2019 entband die Instruktionsrichterin
MLaw Angela Stettler per sofort von ihrem Amt als amtliche Rechtsbeistän-
din des Beschwerdeführers. Zudem forderte sie den rubrizierten Rechts-
anwalt auf, eine schriftliche Vollmacht einzureichen. Nachdem dieser mit
Schreiben vom 12. März 2019 eine auf ihn lautende Vollmacht nachreichte,
wurde er mit Zwischenverfügung vom 14. März 2019 dem Beschwerdefüh-
rer als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet.
M.
Mit Eingabe vom 5. Juli 2021 reichte der Beschwerdeführer – handelnd
durch seinen Rechtsvertreter – einen Notfallbericht des Kantonsspitals
M._ vom 4. Juni 2021 betreffend akuter (...)schmerzen zu den Ak-
ten. Ausserdem erkundigte er sich nach dem Verfahrensstand und den wei-
teren Verfahrensschritten.
N.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2021 (dem Beschwerdeführer mit einem Antwort-
schreiben vom gleichen Tag betreffend die vorgenannte Anfrage zum Ver-
fahrensstand in Kopie zugestellt) wurde das SEM eingeladen, eine Ver-
nehmlassung einzureichen. Das SEM nahm mit Vernehmlassung vom
3. August 2021 – innert erstreckter Frist – zu den Beschwerdevorbringen
Stellung.
O.
Mit Eingabe vom 10. September 2021 machte der Beschwerdeführer – in-
nert erstreckter Frist – von seinem mit Verfügung vom 12. August 2021
eingeräumten Replikrecht Gebrauch. Mit der Replik reichte er die Ausdru-
cke der vier Fotografien vom (...) 2017 (in aufgehellter Form) sowie die
(ebenfalls) bereits im vorinstanzlichen Verfahren eingereichte Fotografie
von ihm und seinen Arbeitskollegen zu den Akten. Des Weiteren lag der
Replik eine Honorarnote vom 10. September 2021 bei.
P.
Mit Eingabe vom 10. Dezember 2021 brachte der Beschwerdeführer dem
D-5402/2018
Seite 7
Bundesverwaltungsgericht neue Ereignisse in seinem Heimatland zur
Kenntnis (vgl. E. 5.4.2 nachstehend), wozu er ein Video (auf einem USB-
Stick) einreichte. Des Weiteren verwies er auf den der Eingabe beiliegen-
den Arztbericht der (...) vom 20. Oktober 2021, gemäss welchem bei ihm
eine mittelgradige depressive Episode (eigenanamnestisch St. n. Suizid-
versuch) sowie (aufgrund der Vorgeschichte mit Missbrauchserlebnissen)
am ehesten eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wur-
den, wobei bezüglich letzterer im Verlauf eine weitere Evaluation erfolge.
Der Eingabe lag ausserdem eine aktualisierte Honorarnote bei.
Q.
Mit Eingabe vom 7. März 2022 informierte der Rechtsvertreter das Bun-
desverwaltungsgericht über seinen Kanzlei- und Adresswechsel. Er er-
suchte das Gericht mit Blick auf das gutgeheissene Gesuch um Gewäh-
rung der amtlichen Rechtsverbeiständung, die noch festzulegende Ent-
schädigung für die bisher angefallenen Aufwendungen zu Handen der Ad-
vokatur Kanonengasse und die künftigen Leistungen an seine neue Ad-
resse zu entrichten.
R.
R.a In ihrer Verfügung vom 27. April 2022 hielt die Instruktionsrichterin fest,
dass der Beschwerdeführer gemäss Eintragung im ZEMIS (Zentrales Mig-
rationsinformationssystem) seit dem (...) 2021 einer Erwerbstätigkeit nach-
gehe ([...] bei der [...] in M._). Sie forderte ihn daher zwecks Über-
prüfung seiner Bedürftigkeit auf, bis zum 12. Mai 2022 seine aktuellen fi-
nanziellen Verhältnisse offenzulegen, verbunden mit der Androhung, bei
ungenutzter Frist werde davon ausgegangen, dass keine prozessuale Be-
dürftigkeit mehr vorliege.
R.b Mit Eingaben vom 11. und 13. Mai 2022 reichte der Rechtsvertreter
Unterlagen zu den finanziellen Verhältnissen des Beschwerdeführers so-
wie eine ergänzende Honorarnote ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
D-5402/2018
Seite 8
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005
(AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integ-
rationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Geset-
zesartikel sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Vorab sind die formellen Rügen des Beschwerdeführers betreffend Ver-
letzung seines Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie unvollständiger und
unrichtiger Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts seitens der Vor-
instanz zu prüfen.
3.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest. Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29
Abs. 2 BV, Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), das alle Befugnisse umfasst,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
D-5402/2018
Seite 9
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden sowie Einsicht in die Akten zu nehmen. Mit
dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen
tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung ange-
messen zu berücksichtigen. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung,
wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berück-
sichtigt wurden, unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwid-
riger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wur-
den. Die Begründung der Verfügung muss so abgefasst sein, dass die be-
troffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten
kann (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b). Die Behörde muss die
wesentlichen Überlegungen nennen, von denen sie sich hat leiten lassen
und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist hingegen, dass
sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinander-
setzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich erwähnt oder widerlegt.
Somit darf sich die Vorinstanz bei der Begründung der Verfügung auf die
für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken und ist nicht
gehalten, sich ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung ausei-
nanderzusetzen (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
3.3
3.3.1 Der Beschwerdeführer rügt konkret, er habe anlässlich der Anhörung
Fotografien zum Vorfall vom (...) 2017 auf seinem Handy zeigen wollen,
habe dieses indessen in der Loge abgeben müssen und das SEM habe es
unterlassen zu veranlassen, das Handy in einer Pause aus der Loge zu
holen. Ihm sei sodann nicht die Gelegenheit gegeben worden, die Fotogra-
fien nachzureichen, da die angefochtene Verfügung nur sieben Tage nach
der Anhörung ergangen sei. Dadurch habe das SEM relevante Beweismit-
tel nicht erhoben.
3.3.2 Der Beschwerdeführer verkennt mit dieser Rüge zwar, dass die be-
treffenden Fotografien dem SEM bereits von seiner zugewiesenen (vorma-
ligen) Rechtsvertretung am 21. März 2018 auf einem USB-Stick abgege-
ben wurden (vgl. Akten SEM 1020289-27/1 und Beweismittelverzeichnis).
Das SEM erwähnte die Fotografien jedoch in der angefochtenen Verfügung
– bei seinen Ausführungen zu den eingereichten Beweismitteln – mit kei-
nem Wort, weshalb unklar ist, ob es diese überhaupt zur Kenntnis nahm.
Dadurch hat es den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Ge-
hör verletzt. Diese Verletzung kann jedoch angesichts dessen, dass sich
das SEM in der Vernehmlassung (vgl. E. 5.3 nachfolgend) – wenn auch
D-5402/2018
Seite 10
nur kurz – zu den Fotografien äusserte, der dazu gewährten Gelegenheit
zur Stellungnahme und unter Berücksichtigung der Kognitionsbefugnis des
Bundesverwaltungsgerichts als geheilt erachtet werden kann.
3.4
3.4.1 Der Beschwerdeführer kritisiert weiter, er habe bereits anlässlich des
Dublin-Gesprächs zu Protokoll gegeben, dass er Schmerzen im (...) habe
und deswegen beim Arzt gewesen sei. Anlässlich der Erstbefragung habe
er sodann angegeben, dass er Schmerzen an den (...) gehabt habe, weil
er in Sri Lanka mehrmals von den Soldaten mit Schuhen in den (...) getre-
ten worden sei. Das SEM habe es trotzdem unterlassen, die entsprechen-
den Arztberichte, die seine Vorbringen bestätigen würden, einzuholen.
3.4.2 Die in diesem Zusammenhang mit der Beschwerde eingereichten
Arztberichte respektive Formulare "Medizinische Informationen" wurden
alle im November 2017 erstellt. Zu diesem Zeitpunkt war der Beschwerde-
führer durch seine zugewiesene Rechtsvertretung vertreten, welche das
Formular "Medizinische Informationen" vom 8. November 2017 denn auch
zu den vorinstanzlichen Akten reichte (vgl. 1020289-15/2). Es wäre ihr res-
pektive dem Beschwerdeführer oblegen, die nachfolgenden ärztlichen Do-
kumente (insb. den ärztlichen Bericht des Instituts für [...] des [...], von
welchem der Beschwerdeführer gemäss Eintrag im Formular "Medizini-
sche Informationen" vom 8. November 2017 aufgeboten werde resp. wor-
den war), zu beschaffen und gegebenenfalls zu den Akten zu reichen. In-
sofern kann dem SEM diesbezüglich – vor allem auch unter Berücksichti-
gung der Aussagen des Beschwerdeführers zu seinen Schmerzen anläss-
lich der Anhörung (vgl. 1020289-32/18 F138 f.) – kein Vorwurf gemacht
werden. Aufgrund der Ausführungen in der angefochtenen Verfügung ist
indessen wiederum unklar, ob das SEM das Formular "Medizinische Infor-
mationen" vom 8. November 2017, welches gemäss Ausführungen in der
Beschwerde einzig dazu dienen soll, seine Asylvorbringen zu belegen,
überhaupt zur Kenntnis nahm. Die entsprechende Verletzung des An-
spruchs des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör kann jedoch aus
den oben angeführten Gründen (vgl. E. 3.3.2 vorstehend) als geheilt er-
achtet werden.
3.5 Nach dem Gesagten erweisen sich die verfahrensrechtlichen Rügen
als unbegründet respektive konnten die Verfahrensmängel geheilt werden.
Auch der in der Beschwerde (S. 10) angesprochene Umstand, dass dem
Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung nicht die Gelegenheit gegeben
wurde, zu Ungereimtheiten in seinen Aussagen Stellung zu nehmen, stellt
D-5402/2018
Seite 11
keinen Grund für eine Kassation der angefochtenen Verfügung dar. Der
Subeventualantrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur
rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung
ist demzufolge abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.
5.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, dass die
Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standzuhalten vermöchten. Der Be-
schwerdeführer habe widersprüchliche und unlogische Angaben zur Zu-
rücklegung seines Arbeitsweges gemacht. Einmal habe er zu Protokoll ge-
geben, dass sein Vorgesetzter ihm für den Arbeitsweg ein Motorrad aus-
geliehen habe, während er ein anderes Mal angegeben habe, er habe für
den Arbeitsweg jeweils bei den Dorfbewohnern auf dem Hintersitz mitfah-
ren können. Zudem habe er nicht zu erklären vermocht, weshalb er nach
dem ersten Übergriff durch die Soldaten überhaupt noch einmal seinen Ar-
beitsweg zu Fuss und mit dem Bus zurückgelegt habe. Sein Einwand, dass
D-5402/2018
Seite 12
sein Vater ihn mit dem eigenen Tuktuk aus Kostengründen nicht habe zur
Arbeit bringen können, wirke unlogisch und entspreche nicht der allgemei-
nen Erfahrung. Seinen Angaben könne nicht entnommen werden, dass er
zumindest versucht habe, den Fussweg zur Busstation (recte: von der Bus-
station nach Hause) zu vermeiden. Die sexuellen Nötigungen und Drohun-
gen durch die Soldaten, so wie der Beschwerdeführer sie geschildert habe,
seien daher unglaubhaft. Der angebliche sexuelle Übergriff der Soldaten
auf seine Schwester (am [...] 2017) könne sodann nicht geglaubt werden,
weil er sich hinsichtlich des betreffenden Checkpoints (erster resp. dritter
Checkpoint) klar widersprochen habe. Auch seine Behauptung, von den
heimatlichen Behörden wegen einer vermuteten Verbindung seinerseits
mit den LTTE (verfolgt zu werden), sei aufgrund eines offensichtlichen Wi-
derspruchs in seinen Aussagen unglaubhaft und seine Furcht davor somit
unbegründet. So habe er anlässlich der Anhörung angegeben, von
J._s LTTE-Vergangenheit erfahren zu haben, als er bei der Aus-
übung seiner ersten Meldepflicht Soldaten miteinander sprechen gehört
und diese die Wörter J._ und LTTE benutzt hätten; er sei bei der
Abgabe der Unterschrift nicht befragt worden. Demgegenüber habe er an-
lässlich der Erstbefragung angegeben, bereits bei der Einvernahme am
Vortag und jener anlässlich der Ausübung seiner ersten Unterschriftsleis-
tung intensiv zu J._s Unterstützung der LTTE und allfälligen Verbin-
dungen mit seiner Person (befragt) worden zu sein. Schliesslich habe er in
der Anhörung erklärt, dass er nach dem Mitnahmeversuch der Soldaten bei
seiner Schwester zuhause mit seiner Mutter telefoniert und ihr von den se-
xuellen Übergriffen der Soldaten erzählt habe. Diesen Angaben widerspre-
chend habe er anlässlich der Erstbefragung angegeben, dass er nach dem
erwähnten Mitnahmeversuch bei seiner Mutter gewesen sei, ihr von den
sexuellen Übergriffen erzählt habe und seine Mutter ihm geraten habe, bei
ihr zu bleiben. Diese Ausführungen zur selben Sache seien nicht miteinan-
der vereinbar und könnten deshalb nicht geglaubt werden. Es sei ihm damit
nicht gelungen, die geltend gemachte Furcht vor Verfolgung durch die hei-
matlichen Behörden glaubhaft zu machen. Die eingereichte Fotografie mit
seinen Arbeitskollegen und die Arbeitsbestätigungen würden nicht seine
Kernvorbringen betreffen und vermöchten die vorherigen Erwägungen
nicht umzustossen.
Weiter kam das SEM zum Schluss, dass allfällige, im Zeitpunkt der Aus-
reise des Beschwerdeführers bestehende Risikofaktoren (im Sinne des
Referenzurteils des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016) kein Verfol-
gungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht
D-5402/2018
Seite 13
hätten, zumal er nicht glaubhaft gemacht habe, vor seiner Ausreise asylre-
levanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein und er
sich nach Kriegsende noch während über sechs Jahren im Heimatstaat
aufgehalten habe. Es sei daher aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich,
weshalb er bei einer Rückkehr nunmehr in den Fokus der Behörden gera-
ten und in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte. Rückkehrer, die il-
legal ausgereist seien, über keine gültigen Identitätsdokumente verfügten,
im Ausland ein Asylverfahren durchlaufen hätten oder behördlich gesucht
würden, würden zwar am Flughafen zu ihrem Hintergrund befragt. Diese
Befragung allein und das allfällige Eröffnen eines Strafverfahrens wegen
illegaler Ausreise würden indes keine asylrelevante Verfolgungsmassnah-
me darstellen. Auch allfällige Kontrollmassnahmen am Herkunftsort wür-
den grundsätzlich kein asylrelevantes Ausmass annehmen.
5.2 In der Beschwerdeschrift wird an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
des Beschwerdeführers festgehalten und der Vorinstanz insbesondere vor-
geworfen, die für die Glaubhaftigkeit sprechenden Elemente in seinen Aus-
sagen (bspw. äusserst ausführliche und substanziierte freie Schilderung,
Zeigen von Emotionen sowie Erwähnung von Interaktionen und Dialogen,
von nebensächlichen Details, von Gedanken und Sorgen) komplett unbe-
rücksichtigt gelassen zu haben. Seine Ausführungen seien sodann ohne-
hin im Wesentlichen widerspruchsfrei und die Vorinstanz habe ihm wieder-
holt Sätze in den Mund gelegt, die er gar nie gesagt habe. Sie verkenne
sodann, dass das Schreiben seines Arbeitgebers seine Vorbringen bestä-
tige und die Fotografie mit den Arbeitskollegen zum Vergleich mit den "neu"
eingereichten Fotografien, welche zeigen würden, wie er am (...) 2017 von
Soldaten ins Freie gezerrt und getreten worden sei, herbeigezogen werden
könne. Dank dem Vergleich sei ersichtlich, dass es sich auf der darauf ab-
gebildeten Person um ihn handle. Die Fotografien vom (...) 2017 würden
sodann mit seinen Aussagen, wonach dieser Vorfall ungefähr um acht Uhr
abends passiert sei, übereinstimmen. Des Weiteren würden auch die ein-
gereichten Arztberichte seine Vorbringen belegen.
Die Verfolgung sei gestützt auf ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv er-
folgt, da er überhaupt erst aufgrund seien Ethnie an den Checkpoints kon-
trolliert worden sei und die Soldaten ihm eine oppositionelle politische Hal-
tung unterstellt hätten. Schliesslich könne nicht von einer internen Flucht-
alternative ausgegangen werden, da es sich um staatliche Verfolgung
handle und er innert kürzester Zeit auch von Soldaten in I._ aufge-
sucht und verfolgt worden sei. Auch gemäss aktuellen Berichten über die
D-5402/2018
Seite 14
Sicherheitslage in Sri Lanka (resp. tamilische Rückkehrer), die ein besorg-
niserregendes Bild zeichnen würden, bestehe eine überwiegende Wahr-
scheinlichkeit, dass er entweder bereits am Flughafen Colombo oder zu-
mindest bei einer Rückkehr an den Heimatort von Soldaten identifiziert,
verhaftet, verhört und misshandelt würde.
5.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz im Wesentlichen fest, dem
Beschwerdeführer gelinge es mit seinen Beschwerdevorbringen nicht, ihre
Argumente glaubhaft zu entkräften. Auf den eingereichten Fotografien sei-
en lediglich dunkle Schatten erkennbar. Was die angeblichen Verletzungen
an den (...) angehe, so gehe aus dem eingereichten Arztbericht nicht her-
vor, dass die Probleme an den (...) etwas mit äusserer Gewalt zu tun hät-
ten. Zudem könnten solche Verletzungen zahlreiche Ursachen haben und
müssten nicht im geltend gemachten Zusammenhang entstanden sein.
Aufgrund der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen könne auch offengelassen
werden, ob die Vorbringen asylrelevant wären. Was die allgemeine Situa-
tion der Tamilen in Sri Lanka angehe, so hätten sowohl das SEM wie auch
das Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass Tamilinnen und Tamilen in
Sri Lanka nicht grundsätzlich in asylrelevanter Weise gefährdet seien. Der
Beschwerdeführer verfüge über keine Risikofaktoren gemäss Grundsatz-
urteil des Bundesverwaltungsgerichts, die an dieser Einschätzung etwas
ändern könnten.
5.4
5.4.1 In der Replik wird diesen Ausführungen des SEM im Wesentlichen
entgegengehalten, dass der Beschwerdeführer zumindest auf einer der
eingereichten Fotografien zum Vorfall vom (...) (recte: [...]) 2017 sehr wohl
gut erkennbar und zweifelsfrei identifizierbar sei. Da das SEM die schlechte
Qualität der Aufnahmen moniert habe, würden mit der Replik auch aufge-
hellte Ausdrucke der entsprechenden Fotografien eingereicht. Bereits im
Arztbericht vom 15. November 2017 sei sodann festgehalten, dass der (...)
"vereinbar [ist] mit posttraumatischen, narbigen Veränderungen". Posttrau-
matisch bedeute "nach einer Verletzung" beziehungsweise auf "ein Trauma
folgend", womit die Verletzung aus medizinischer Sicht auf eine (Gewalt-
)Einwirkung von aussen zurückzuführen sei. Mit Blick auf die sehr detail-
reichen und substanziierten Schilderungen des Beschwerdeführers sowie
die im Arztbericht vom 4. Juni 2021 festgehaltene Anamnese sei es über-
wiegend wahrscheinlich, dass die Verletzungen in der Tat von den Miss-
handlungen in Sri Lanka stammen würden. Schliesslich sei bezüglich der
Argumentation des SEM, wonach der Beschwerdeführer über keine Risi-
D-5402/2018
Seite 15
kofaktoren verfüge, (erneut) festzuhalten, dass er gleich mehrere Risiko-
faktoren im Sinne der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung er-
fülle, wozu sich das SEM bezeichnenderweise nicht geäussert habe. Es
sei diesbezüglich auf die massive Verschärfung der politischen Situation in
Sri Lanka seit Beschwerdeeinreichung im September 2018 zu verweisen.
Mit der Rückkehr der ehemaligen Regierungsführer und den Entwicklun-
gen während der wenigen seither vergangenen Monate sei von einer äus-
serst unsicheren, labilen und gewichtigen Gefährdungslage für Angehörige
der tamilischen Minderheit auszugehen, insbesondere solchen, welche
sich durch (mutmassliche) Vorbeziehungen zu den LTTE, Unterstützung
des tamilischen Befreiungskampfes, exilpolitischen Aktivitäten und/oder
Ausreiseversuche und Asylgesuche im Ausland bereits verdächtigt ge-
macht hätten.
5.4.2 In der Eingabe vom 10. Dezember 2021 brachte der Beschwerdefüh-
rer sodann vor, dass am (...) 2021 drei Angehörige des sri-lankischen Mili-
tärs in seinem Elternhaus erschienen seien und seiner Familie mitgeteilt
hätten, er müsse sich innert einem Monat im Militärcamp melden, ansons-
ten sein jüngerer Bruder verhaftet und mitgenommen werde. Seine Familie
habe sich in der Folge zu Verwandten begeben, wo sie sich seither ver-
steckt aufhalte. Als Beweismittel reichte er ein von seinem Bruder heimlich
aufgenommenes Video ein.
6.
6.1
6.1.1 Zunächst ist auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachten se-
xuellen Nötigungen und Drohungen durch Armeeangehörige auf seinem
Arbeits- respektive Nachhauseweg einzugehen. Diesbezüglich können die
vorinstanzlichen Erwägungen zu seinen widersprüchlichen und unlogi-
schen Aussagen bezüglich Zurücklegung seines Arbeitsweges im Wesent-
lichen bestätigt werden. Der in der Beschwerde vertretenen Ansicht, wo-
nach er sich in seinen entsprechenden Aussagen nicht widersprochen,
sondern ergänzt habe, kann unter Hinweis auf die dazu in der Anhörung
konkret gestellten Fragen, bei welchen er das Ausleihen eines Motorrades
bei seinem Arbeitgeber – im Gegensatz zur Erstbefragung – nicht mehr
erwähnte (vgl. 1020289-32/18 F24 f.), nicht gefolgt werden. Abgesehen
von diesem (unglaubhaften) Vorbringen und seinen Hinweisen auf manch-
mal vorhandene Mitfahrgelegenheiten sind seinen Ausführungen keine
weiteren Bemühungen zur Umgehungen seines Fusswegs (auf dem Nach-
hauseweg [vgl. 1020289-32/18 F21 ff. und insb. F33]; etwa Übernachten
D-5402/2018
Seite 16
bei Geschwistern in I._ oder Kollegen) zu entnehmen. Bereits des-
halb bestehen massivste Zweifel an der Glaubhaftigkeit der vom Be-
schwerdeführer geltend gemachten sexuellen Nötigungen durch Armeean-
gehörige.
6.1.2 Entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Ansicht sind so-
dann seine Schilderungen nicht als ausreichend substanziiert zu bezeich-
nen. Seine Ausführungen im Rahmen der freien Schilderung anlässlich der
Erstbefragung zum behaupteten ersten Vorfall vom (...) respektive (...)
2017 (vgl. 1020289-21/17 F26 [S. 5 unten f.]; 1020289-32/18 F26 f.) sind
zwar – im Gegensatz zu den knappen und pauschalen Schilderungen zu
den angeblichen weiteren sexuellen Nötigungen (vgl. 1020289-21/17 F26
[S. 6 unten f.], vgl. im Übrigen ebenda F60 f. sowie 1020289-32/18 F18 ff.
und 33 ff.) – wortreich ausgefallen. Es fehlt ihnen dennoch am erforderli-
chen Detailreichtum. Aus seinen Aussagen ergibt sich über wesentliche
Teile etwa keine Differenzierung zwischen seinen beiden Peinigern. So er-
wähnte er beispielsweise, dass ihre Augen (plötzlich) rot geworden seien
und er Angst bekommen habe, als er sie angeschaut habe (vgl. 1020289-
21/17 F26 [S. 6 Mitte]; vgl. dagegen: ebenda F63). Er beschrieb die beiden
Soldaten zudem nicht ansatzweise und schilderte keinerlei Interaktionen
zwischen ihnen. Insbesondere machte er auch keine Angaben dazu, wo
genau er (in der Nähe des Camps) geschlagen und mit dem Gewehr be-
droht worden sein soll und wo es anschliessend zu erzwungenem Oralver-
kehr gekommen sein soll.
6.1.3 Nach dem Gesagten sind die vom Beschwerdeführer geltend ge-
machten sexuellen Nötigungen und Drohungen durch die Soldaten auf sei-
nem Arbeitsweg als unglaubhaft zu bezeichnen. Dies gilt auch unter Be-
rücksichtigung der in der Beschwerdeschrift angeführten Realkennzeichen
in seinen Aussagen (Schilderung von Dialogen und nebensächlichen De-
tails sowie von Gedanken und Sorgen) und insbesondere des Umstandes,
dass er bei der Schilderung der behaupteten ersten sexuellen Misshand-
lung Tränen in den Augen hatte. Ebenfalls vermag er aus dem im Arztbe-
richt der (...) vom 20. Oktober 2021 geäusserten Verdacht einer posttrau-
matischen Belastungsstörung (vgl. Bst. P vorstehend) nichts zu seinen
Gunsten abzuleiten, zumal er diesbezüglich – obwohl anwaltlich vertreten
– bis zum heutigen Tag keine weitere Evaluation einreichte. Im Übrigen
bildet die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung für sich al-
lein ohnehin keinen Beweis für eine behauptete Misshandlung (vgl.
BVGE 2015/11 E. 7.2.1 f.).
D-5402/2018
Seite 17
6.2
6.2.1 Hinsichtlich des Vorfalls vom (...) 2017 und den darauffolgenden
Problemen des Beschwerdeführers erscheint sodann der Einwand in der
Beschwerde, wonach das SEM ihm wiederholt Worte in den Mund gelegt
habe, berechtigt. Dies gilt insbesondere bezüglich des vom SEM aufge-
zeigten Widerspruchs in den (angeblichen) Aussagen des Beschwerdefüh-
rers zum Checkpoint, bei welchem an besagtem Datum der sexuelle Über-
griff eines Soldaten auf seine Schwester stattgefunden haben soll (vgl. Be-
schwerdeschrift Ziff. 3.2). Auch wenn aufgrund des Kontextes der Schluss
naheliegt, dass der Beschwerdeführer anlässlich der Erstbefragung tat-
sächlich von der Bushaltestelle und nicht etwa von seinem Zuhause aus
auf den ersten Checkpoint zeigte, kann dies mangels entsprechender
Nummerierung auf der vom Beschwerdeführer angefertigten Skizze res-
pektive genauerer Angabe in der diesbezüglichen Protokollnotiz nicht mit
hinreichender Sicherheit angenommen werden. Dem Beschwerdeführer
kann somit nicht vorgeworfen werden, sich hinsichtlich des Checkpoints
widersprochen zu haben. Seine entsprechenden Aussagen sind indessen
oberflächlich und pauschal ausgefallen (vgl. 1020289-21/17 F26 [S. 7];
1020289-32/18 F48). Insbesondere aber sind – wie nachfolgend aufge-
zeigt – seine Vorbringen zu den Folgen dieses Vorfalls als unglaubhaft zu
qualifizieren.
6.2.2 Seine Ausführungen zur Mitnahme durch Soldaten am (...) 2017 wei-
sen zwar durchaus gewisse Übereinstimmungen auf und sind anlässlich
der Anhörung einigermassen wortreich ausgefallen (vgl. 1020289-21/17
F26 [S. 7]; 1020289-32/18 F54 ff., insb. 64), jedoch bestehen in wesentli-
chen Punkten Widersprüche. So erklärte der Beschwerdeführer in der Erst-
befragung, er sei in das Camp hineingeführt und einfach geschlagen wor-
den; daraufhin hätten "sie" ihm gesagt, der Leiter werde kommen und ihn
befragen. Gemäss seinen Ausführungen in der Anhörung soll er dagegen
zunächst nicht geschlagen, sondern erst anlässlich der behaupteten Be-
fragung durch den Vorgesetzten der Soldaten von diesem getreten und
später von zwei Soldaten mit Stöcken geschlagen worden sein (vgl.
1020289-32/18 F62 ff.), was er allerdings in der Erstbefragung nicht er-
wähnte. Seinen Aussagen anlässlich der Erstbefragung zufolge musste er
sodann bereits am Tag der Mitnahme etwas unterschreiben. Er erklärte da-
bei explizit, er habe nicht gewusst, weshalb er habe unterschreiben müs-
sen, aber er habe unterschrieben und er sei am nächsten Tag auch dorthin
gegangen, um zu unterschreiben (vgl. 1020289-21/17 F26 [S. 7 unten] und
66). In der Anhörung erklärte er dagegen, er habe erst am Tag nach seiner
D-5402/2018
Seite 18
Mitnahme (resp. am Tag, an welchem er einmalig seiner Meldepflicht nach-
gekommen sei) einen Brief unterschreiben müssen (vgl. 1020289-32/18
F65, 81). Er äusserte sich sodann widersprüchlich dazu, ob er sich bereits
am (...) 2017 (nach der behaupteten Ausübung seiner Meldepflicht) oder
erst am darauffolgenden Tag zu seiner Schwester begeben haben soll (vgl.
1020289-21/17 F26 [S. 8], 55, 67; 1020289-32/18 F84). Insbesondere wi-
dersprach er sich – was bereits in der angefochtenen Verfügung angeführt
wurde – aber dazu, ob er am Tag der Ausübung der Meldepflicht befragt
worden sei und wie er durch die Soldaten von J._s Verbindungen
zu den LTTE erfahren haben soll. So erklärte er in der Erstbefragung, Sol-
daten hätten ihn am Tag der Ausübung seiner Meldepflicht zu J._
und seinen Verbindungen zu ihm befragt und ihm gesagt, dieser sei bei der
Bewegung gewesen und nicht in die Haftanstalt gegangen (vgl. 1020289-
21/17 F26 [S. 8 oben]). In der Anhörung erklärte er dagegen, von
J._s LTTE-Vergangenheit erfahren zu haben, als er bei der Aus-
übung seiner Meldepflicht Soldaten miteinander sprechen gehört und diese
die Wörter J._ und LTTE benutzt hätten. Ferner gab er explizit zu
Protokoll, an diesem Tag nicht befragt worden zu sein (vgl. 1020289-32/18
F85 f. und F95 ff.). Die diesbezüglichen Beschwerdevorbringen (vgl. Be-
schwerdeschrift Ziff. 3.3) überzeugen nicht, zumal sie gewisse der oben-
genannten Aussagen des Beschwerdeführers ausblenden.
6.2.3 Angesichts der unglaubhaften Aussagen des Beschwerdeführers zu
der ihm angeblich auferlegten Meldepflicht ist dem geschilderten Vorfall
vom (...) 2017 bei seiner Schwester zuhause die Grundlage entzogen. Sei-
ne entsprechenden Ausführungen sind denn auch wiederum (insb. anläss-
lich der Anhörung) zwar relativ wortreich, indessen oberflächlich ausgefal-
len (vgl. 1020289-21/17 F26 [S. 8]; 1020289-32/18 F99). Es erstaunt so-
dann, dass er in der Erstbefragung noch nicht erwähnte, von den Soldaten
geschlagen, geohrfeigt, mit den Schuhen getreten sowie gefesselt worden
zu sein und er in der Anhörung wiederholt von seinem Nachbarn, der die
eingereichten Fotografien gemacht haben soll, und seinem Zuhause
sprach (vgl. 1020289-32/18 F6, 9 f., 13, 99). Ebenfalls ist nicht nachvoll-
ziehbar und wurde von ihm auch nicht dargelegt, weshalb er sich bis zur
Erstbefragung – er hätte seit Asylgesuchstellung drei Monate Zeit gehabt
– nicht darum bemühte, die Fotografien zum angeblichen Vorfall vom (...)
2017 erhältlich zu machen und er diese dann erst zwei Monate nach der
Erstbefragung einreichen konnte (vgl. die Erwähnung entsprechender Fo-
tografien in der Erstbefragung: 1020289-21/17 F67). Den eingereichten
Fotografien (auch in aufgehellter Version), auf welchen er gar nicht respek-
tive – entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Ansicht und unter
D-5402/2018
Seite 19
Berücksichtigung der eingereichten Fotografie von ihm und seinen Arbeits-
kollegen – zumindest nicht zweifelsfrei identifizierbar ist, kommt vor diesem
Hintergrund kaum Beweiswert zu. Weitere Ausführungen dazu erübrigen
sich demzufolge.
6.3 Die völlig unsubstanziierten Aussagen des Beschwerdeführers zu den
angeblichen Suchen nach ihm durch Armeeangehörige nach seiner Aus-
reise bestätigen die Unglaubhaftigkeit der von ihm geltend gemachten Er-
lebnisse vor seiner Ausreise zusätzlich (vgl. 1020289-21/17 F29 ff.). So-
dann vermögen auch die Ausführungen in der Eingabe vom 10. Dezember
2021 zum angeblichen Vorfall vom (...) 2021 sowie das dazu eingereichte
Video nicht zu einer anderen Einschätzung hinsichtlich der Glaubhaftigkeit
der geltend gemachten Verfolgungsvorbringen zu führen. Abgesehen da-
von, dass – selbst bei Wahrunterstellung der Verfolgungsvorbringen des
Beschwerdeführers – unwahrscheinlich erscheint, dass Armeeangehörige
vier Jahre nach seiner Ausreise noch nach ihm suchen, steht für das Ge-
richt mangels eingereichter Übersetzung nicht fest, was überhaupt mit dem
angeblichen Vater des Beschwerdeführers gesprochen wurde.
6.4 Abschliessend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer auch aus
den eingereichten Arztberichten im Zusammenhang mit seinen Schmerzen
im (...) nichts zu seinen Gunsten abzuleiten vermag, wobei diesbezüglich
auf die zutreffenden Erwägungen des SEM in der Vernehmlassung hinzu-
weisen ist (vgl. E. 5.3 vorstehend). Selbst wenn die Schmerzen auf eine
(Gewalt-)Einwirkung von aussen zurückzuführen sind, ändert dies – unab-
hängig der insbesondere im Arztbericht vom 4. Juni 2021 festgehaltene
Anamnese – nichts am kaum vorhandenen Beweiswert der ärztlichen Un-
terlagen hinsichtlich der vom Beschwerdeführer unglaubhaft vorgetrage-
nen Asylgründen. Inwiefern sodann die im vorinstanzlichen Verfahren ein-
gereichten Arbeitsbestätigungen seine Asylvorbringen belegen sollen, er-
schliesst sich dem Gericht nicht.
6.5 Nach dem Gesagten vermochte der Beschwerdeführer seine Asylgrün-
de nicht glaubhaft zu machen. Es erübrigt sich, auf weitere Unglaubhaftig-
keitselemente in seinen Aussagen sowie die Frage der flüchtlingsrechtli-
chen Relevanz seiner angeblichen Ausreisegründe einzugehen.
6.6
6.6.1 Es bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr
nach Sri Lanka aus anderen Gründen flüchtlingsrechtlich relevante Verfol-
gungsmassnahmen zu befürchten hätte.
D-5402/2018
Seite 20
6.6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich nach Beendigung des Bür-
gerkrieges im Mai 2009 wiederholt und eingehend mit der (nach wie vor
prekären) Menschenrechtslage in Sri Lanka im Allgemeinen und mit der
Situation von Rückkehrenden tamilischer Ethnie im Besonderen befasst
(vgl. insb. BVGE 2011/24 E. 8, und Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 8 je mit umfassender Quellenanalyse). Nach wie vor be-
steht seitens der sri-lankischen Behörden gegenüber Personen tamilischer
Ethnie, die aus dem Ausland zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit. In-
dessen kann nicht generell angenommen werden, jeder aus Europa oder
der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende sei alleine aufgrund
seines Auslandaufenthaltes der ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung
und Folter ausgesetzt (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 8.3).
Im Kern geht die Rechtsprechung davon aus, dass jene Rückkehrer eine
begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG
haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden Bestrebungen zuge-
schrieben werden, den nach wie vor als Bedrohung wahrgenommenen ta-
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen respektive den sri-lanki-
schen Einheitsstaat zu gefährden. Die in diesem Zusammenhang geltend
und glaubhaft gemachten Risikofaktoren sind in einer Gesamtschau, inklu-
sive ihrer allfälligen Wechselwirkung und unter Berücksichtigung der kon-
kreten Umstände, in einer Einzelfallprüfung dahingehend zu prüfen, ob sie
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit für eine flüchtlingsrelevante Verfolgung
sprechen (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 8.5.5). Als stark risikobe-
gründende Faktoren, welche bereits für sich allein genommen zur Beja-
hung einer begründeten Furcht vor asylrelevanter Verfolgung bei der Rück-
kehr nach Sri Lanka führen können, hat die Rechtsprechung dabei nament-
lich einen Eintrag in die sogenannte „Stop-List“ (d.h. das Vorhandensein
eines Eintrags mit Hinweis auf ein Strafurteil, eine gerichtliche Anordnung
oder einen Haftbefehl im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder ver-
muteten Verbindung zu den LTTE; vgl. a.a.O. E. 8.2, 8.4.1, 8.4.3 und
8.5.2), Verbindungen zu den LTTE (vgl. a.a.O E. 8.4.1 und 8.5.3) und die
regimekritische Betätigung im Ausland (vgl. a.a.O. E. 8.4.2 und 8.5.4) iden-
tifiziert. Demgegenüber stellen schwach risikobegründende Faktoren (na-
mentlich) dar: Das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente bei der Ein-
reise in Sri Lanka, eine zwangsweise respektive durch die IOM begleitete
Rückführung oder Narben (vgl. a.a.O. 8.4.4, 8.4.5 und 8.5.5); der Dauer
eines Aufenthaltes im Ausland kommt keine direkte Risikorelevanz zu (vgl.
a.a.O. E. 8.4.6, 9.2.4). Diese Risikofaktoren verstehen sich nicht als ab-
schliessend (a.a.O. E. 9.1).
D-5402/2018
Seite 21
6.6.3 Im Zentrum der vorinstanzlichen Argumentation bezüglich einer künf-
tigen Verfolgungsgefahr stehen die zutreffenden Feststellungen, dass der
Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht habe, vor seiner Ausreise asyl-
relevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein und all-
fällige, im Zeitpunkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren kein Verfol-
gungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht
hätten. Erhebliche Faktoren, die für eine Verfolgungsgefahr bei der Rück-
kehr sprechen würden, sind nicht ersichtlich. So werden keine Aktivitäten
des Beschwerdeführers in der Schweiz geltend gemacht, welche ihn in den
Fokus der heimatlichen Behörden hätten rücken lassen. Die bei ihm vorlie-
genden Umstände – tamilische Ethnie, aus der Nordprovinz stammend,
langjähriger Aufenthalt in der Schweiz und Rückkehr ohne Identitätspa-
piere – reichen für die Annahme einer künftigen Verfolgungsgefahr nicht
aus.
Aus den Darlegungen des Beschwerdeführers lassen sich insgesamt keine
Anhaltspunkte ersehen, die den Schluss nahelegen würden, der sri-lanki-
sche Staat könnte in ihm jemanden vermuten, der dem tamilischen Sepa-
ratismus zum Wiedererstarken verhelfen wollte. Es kann folglich nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass er
bei einer Rückkehr Ziel behördlicher Verfolgungsmassnahmen in asylrele-
vantem Ausmass werden könnte. An dieser Einschätzung vermögen vor-
liegend auch die im Zuge des Regierungswechsels veränderte politische
Lage in Sri Lanka sowie die nachträglichen Ereignisse nichts zu ändern. In
einer Gesamtwürdigung ist seine geltend gemachte subjektive Furcht, im
Heimatland asylrelevanten Nachteilen ausgesetzt zu sein, objektiv nicht
begründet.
6.7 Das SEM hat zusammenfassend die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers zu Recht verneint und dessen Asylgesuch zutreffend ab-
gelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
D-5402/2018
Seite 22
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
D-5402/2018
Seite 23
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im
Hinblick auf eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die
aus einem europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wie-
derholt befasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. Septem-
ber 2013, Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011,
Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011,
Nr. 54705/08; J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017,
Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller
Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine un-
menschliche Behandlung. An dieser Einschätzung vermögen die politi-
schen Entwicklungen insbesondere im Umfeld der Kommunalwahlen vom
Februar 2018 (vgl. Urteil des BVGer D-5880/2018 vom 12. Februar 2019
E. 11.2.2), die Ende 2019 erfolgten Präsidentschaftswahlen sowie die Par-
lamentswahlen vom August 2020 nichts Grundlegendes zu ändern. Das-
selbe gilt für die neuesten Ereignisse im Zusammenhang mit Rücktritten
von Regierungsmitgliedern (einschliesslich des Präsidenten und des Pre-
mierministers).
Es bestehen aufgrund der Akten keine konkreten Hinweise, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genann-
ten "Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im
In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre.
Weder die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat noch indi-
viduelle Faktoren in Bezug auf die Situation des Beschwerdeführers lassen
demnach den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
D-5402/2018
Seite 24
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Frage der generellen Zumut-
barkeit der Wegweisung nach Sri Lanka im schon erwähnten Referenzur-
teil E-1866/2015 (E. 13) geprüft und sich im Sinne einer Aufdatierung der
davor letzten Lagebeurteilung (BVGE 2011/24) eingehend mit der aktuel-
len politischen und allgemeinen Lage in Sri Lanka auseinandergesetzt
(E. 13.2 f.). Dabei kam es zum Schluss, der Vollzug der Wegweisung in die
Nord- und Ostprovinz sei grundsätzlich zumutbar, sofern das Vorliegen der
individuellen Zumutbarkeitskriterien bejaht werden könne, insbesondere
die Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes
sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation.
Bezüglich der im Referenzurteil E-1866/2016 noch offen gelassenen Frage
der Zumutbarkeit des Vollzugs von Wegweisungen ins sogenannte Vanni-
Gebiet (siehe dazu BVGE 2011/24 E. 13.2.2.1) stellte das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 (E. 9.5; als Re-
ferenzurteil publiziert) fest, dass dieser ebenfalls zumutbar ist.
8.3.3 Der Beschwerdeführer lebte bis zu seiner Ausreise – mit Ausnahme
von wenigen Jahren – in B._, Distrikt C._, Vanni-Gebiet (vgl.
1020289-21/17 F8 ff.). Die Vorinstanz hat bezüglich der individuellen Zu-
mutbarkeitskriterien zu Recht festgehalten, dass er mit seinen Eltern und
vier Geschwistern, wovon drei verheiratet sind, über ein tragfähiges Bezie-
hungsnetz und eine gesicherte Wohnsituation verfügt. Daran vermögen die
Ausführungen in der Eingabe vom 10. Dezember 2021 bezüglich Untertau-
chens seiner Familie nichts zu ändern, zumal der geltend gemachte Vorfall
vom (...) 2021 aufgrund obiger Erwägungen nicht geglaubt werden kann.
Des Weiteren schloss das SEM – unter Hinweis auf die schulische Bildung
und die Berufserfahrung des Beschwerdeführers – zu Recht darauf, dass
er die Möglichkeit des Aufbaus einer wirtschaftlichen Lebensgrundlage
habe.
Was sodann seine gesundheitlichen Probleme betrifft, wurde weder auf
Beschwerdeebene geltend gemacht, noch ist aufgrund der derzeitigen Ak-
D-5402/2018
Seite 25
tenlage ersichtlich, dass diese einem Wegweisungsvollzug entgegenste-
hen würden. Gemäss Notfallbericht des Kantonsspitals M._ vom
4. Juni 2021 wurde bei ihm eine (...) diagnostiziert und er erhielt – neben
Schmerzmitteln – eine zweiwöchige Antibiotikatherapie. Mangels weiterer
diesbezüglich eingereichter ärztlicher Berichte ist davon auszugehen, dass
er aktuell keine behandlungsbedürftigen Beschwerden im (...) hat. Bezüg-
lich seiner psychischen Probleme ist sodann unklar, ob er sich zurzeit in
einer Therapie befindet. Es ist aber immerhin festzustellen, dass er kurz
nach der Diagnosestellung eine Arbeitsstelle (im umfangreichen resp. Voll-
zeitpensum) antreten konnte. Zudem ist festzuhalten, dass er bei einer wei-
terhin bestehenden depressiven Symptomatik und gegebenenfalls auch ei-
ner mittlerweile diagnostizierten posttraumatischen Belastungsstörung
seine psychischen Beschwerden ohnehin grundsätzlich auch in Sri Lanka
behandeln lassen kann. Einer Knappheit eines allenfalls benötigten Medi-
kaments aufgrund der dortigen Wirtschaftskrise könnte im Rahmen er me-
dizinischen Rückkehrhilfe Rechnung getragen werden (vgl. Art. 93 Abs. 1
Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2,
SR 142.312]; vgl. Urteil des BVGer D-1724/2022 vom 1. Juni 2022 S. 6 f.).
Auch eine allfällige Suizidalität vermag nach gefestigter Rechtsprechung
einen Vollzug der Wegweisung nicht als unzumutbar erscheinen zu lassen.
Einer solchen wäre bei einem zwangsweisen Wegweisungsvollzug im Rah-
men der Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen.
8.3.4 Der Vollständigkeit halber bleibt anzumerken, dass sich Sri Lanka
derzeit in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Situation befindet, welche
zu Unruhen und der Ausrufung eines Notstandes während einiger Tage ge-
führt hat. Diese Schwierigkeiten betreffen indessen die gesamte sri-lanki-
sche Bevölkerung und vermögen angesichts des oben Ausgeführten nicht
zur Annahme zu führen, der Beschwerdeführer werde nach der Rückkehr
in eine existenzielle Notlage geraten.
8.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
D-5402/2018
Seite 26
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer ist im vorliegenden Verfahren unterlegen, wes-
halb er grundsätzlich kostenpflichtig ist (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
10.2 Mit Zwischenverfügung vom 26. September 2018 wurde das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Zum damaligen Zeitpunkt war der Beschwer-
deführer fürsorgeabhängig. Seit November 2021 ist er indessen arbeitstä-
tig und er konnte mit den in den Eingaben vom 11. und 13. Mai 2022 ge-
machten Angaben, in welchen die dem Beschwerdeführer seitens seines
Arbeitgebers zukommende Verpflegung im Wert von Fr. 220.– unberück-
sichtigt gelassen wurde, sowie den beiliegenden Unterlagen nicht nach-
weisen, dass weiterhin eine prozessuale Bedürftigkeit besteht. Damit sind
die kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen zur Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung heute nicht mehr gegeben. Dementsprechend
ist die Ziffer 2 des Dispositivs der Zwischenverfügung vom 26. September
2018 in diesem Punkt wiedererwägungsweise aufzuheben und der Antrag
auf Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG mit Wirkung ex nunc abzuweisen (vgl. Urteil des BVGer
E-3115/2019 vom 12. Mai 2021 E. 9.1). Folglich sind dem Beschwerdefüh-
rer mangels heutiger prozessualer Bedürftigkeit die Kosten des Verfahrens
aufzuerlegen, die grundsätzlich Fr. 750.– betragen würden. Da zu Recht
Verfahrensmängel gerügt wurden, erscheint eine Reduktion der Verfah-
renskosten auf Fr. 600.– gerechtfertigt.
10.3 Praxisgemäss ist von Amtes wegen eine anteilsmässige Parteient-
schädigung zuzusprechen, wenn – wie vorliegend – eine Verfahrensverlet-
zung auf Beschwerdeebene geheilt wird. Gestützt auf die in Betracht zu
ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 des Reglements vom 21. Feb-
D-5402/2018
Seite 27
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) ist die vom SEM auszurichtende Par-
teientschädigung auf pauschal Fr. 125.– festzusetzen.
10.4 Mit Zwischenverfügung vom 26. September 2018 wurde auch das
Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung gemäss aArt. 110a Abs. 1
Bst. a AsylG gutgeheissen und die vormalige Rechtsvertreterin als amtli-
che Rechtsbeiständin eingesetzt. Mit Verfügung vom 11. März 2019 wurde
sie von ihrem Amt als amtliche Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers
entbunden und mit Zwischenverfügung vom 14. März 2019 der rubrizierte
Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Nachdem die Vo-
raussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht mehr erfüllt sind und der ent-
sprechende Entscheid vom 26. September 2018 wiedererwägungsweise
aufgehoben wird, mangelt es auch an den Voraussetzungen für die Bestel-
lung eines Anwaltes im Sinne von aArt. 110a AsylG. Folglich wäre die Ziffer
3 des Dispositivs der Zwischenverfügung vom 26. September 2018 eben-
falls wiedererwägungsweise aufzuheben und das Gesuch um Beiordnung
einer unentgeltlichen Rechtsvertretung mit Wirkung für die Zukunft (vgl.
KAYSER/ALTMANN, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal-
tungsverfahren [VwVG], 2019, Rz. 51 zu Art. 65) abzuweisen. Da das Be-
schwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil jedoch abgeschlossen wird, er-
übrigt sich ein solcher Widerruf (vgl. Urteil des BVGer D-2294/2019 vom
5. Juni 2020 E. 12.2.).
10.5 Den amtlichen Rechtsbeiständen des Beschwerdeführers ist im Um-
fang des Unterliegens ein amtliches Honorar auszurichten, wobei deren
Aufwendungen bis und mit Eingabe vom 7. März 2022 der Advokatur Ka-
nonengasse zu entrichten sind (vgl. Bst. Q vorstehend und Instruktionsver-
fügung vom 11. März 2019). Die Festsetzung des amtlichen Honorars er-
folgt in Anwendung der Art. 8–11 sowie Art. 12 VGKE. In der letzten mass-
geblichen Honorarnote vom 9. Dezember 2021 werden ein Aufwand von
17.60 Stunden sowie Auslagen von Fr. 52.80 geltend gemacht, was ange-
messen erscheint. Der – für den Fall des Unterliegens – ausgewiesene
Stundenansatz von Fr. 220.– bewegt sich im Rahmen der vom Gericht fest-
gelegten Praxis bei amtlicher Vertretung. Demnach sind dem Advokatur-
büro Kanonengasse für die amtliche Rechtsvertretung des Beschwerde-
führers ein amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 4105.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag sowie unter Abzug der Parteientschädigung)
zuzusprechen.
D-5402/2018
Seite 28
10.6 Mit Eingabe vom 11. Mai 2022 reichte der Rechtsvertreter sodann
eine Honorarnote für seine weiteren Aufwendungen ein. Darin wies er ei-
nen Aufwand von 1.50 Stunden sowie Auslagen von Fr. 9.60 aus, was an-
gemessen erscheint. Für seine weitere Eingabe reichte er keine aktuali-
sierte Honorarnote ein, weshalb das Gericht die auszurichtende Entschä-
digung von Amtes wegen festsetzt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehen-
den Bemessungsfaktoren ist das MLaw Roman Schuler auszurichtende
amtliche Honorar auf insgesamt Fr. 430.– festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5402/2018
Seite 29