Decision ID: 6c06b994-eea1-40c6-946c-0f2e666bb17e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein Staatsangehöriger von Afghanistan suchte am
28. April 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Die Abklärungen des SEM
ergaben, dass er zuvor bereits am (...) März 2022 in Bulgarien und am
(...) April 2022 in Österreich ein Asylgesuch eingereicht hatte.
B.
Am 5. Mai 2022 fand die Personalienaufnahme im Rahmen einer ZEMIS-
Direkterfassung statt.
C.
Anlässlich des Gesprächs gemäss Art. 5 Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) wurde dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zu einer allfälligen Zuständigkeit Bulgariens und Öster-
reichs gewährt. Im Hinblick auf Bulgarien machte er geltend, dass er dort
kein Asylgesuch habe stellen wollen und zur Fingerabdrucksabgabe ge-
zwungen worden sei. In der Schweiz lebe ferner sein Bruder, weshalb er
hier bleiben möchte.
D.
Am 3. Juni 2022 ersuchte das SEM die bulgarischen Behörden um Wie-
deraufnahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b i.V.m.
Art. 23 Abs. 1 Dublin-III-VO. Dieses Gesuch blieb innert der in Art. 25
Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet.
E.
Mit Verfügung vom 12. Juli 2022 (eröffnet am 14. Juli 2022) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b des Asylgesetzes vom 26. Juni
1998 (AsylG; SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht
ein (Dispositiv-Ziffer 1) und verfügte die Wegweisung nach Bulgarien, wel-
ches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines Asylgesuchs zustän-
dig sei (Dispositiv-Ziffer 2). Es verfügte, dass der Beschwerdeführer die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist verlassen müsse, an-
sonsten er inhaftiert und unter Zwang nach Bulgarien zurückgeführt wer-
den könne (Dispositiv-Ziffer 3). Gleichzeitig wurde der Kanton B._
D-3180/2022
Seite 3
mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt (Dispositiv-Ziffer 4) und fest-
gestellt, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine
aufschiebende Wirkung zu (Dispositiv-Ziffer 6). Schliesslich wurden ihm die
editionspflichtigen Akten ausgehändigt (Dispositiv-Ziffer 5).
F.
Mit Beschwerde vom 21. Juli 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer sinngemäss, die Verfügung vom 12. Juli
2022 sei aufzuheben, auf sein Asylgesuch sei einzutreten und in der
Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen. Eventualiter bean-
tragte er die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung. In prozessualer Hin-
sicht beantragte er einen Vollzugsstopp mittels einer superprovisorischen
vorsorglichen Massnahme, die Gewährung der aufschiebenden Wirkung
sowie der unentgeltlichen Prozessführung und den Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses.
G.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 22. Juli 2022 setzte das Bundes-
verwaltungsgericht den Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 25. Juli 2022 hiess das Bundesverwaltungs-
gericht, das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz ein, sich
vernehmen zu lassen.
I.
In seiner Stellungnahme vom 4. August 2022 beantragte das SEM die Ab-
weisung der Beschwerde.
J.
Mit Verfügung vom 5. August 2022 wurde dem Beschwerdeführer das Rep-
likrecht zur vorinstanzlichen Vernehmlassung eingeräumt. Der Beschwer-
deführer reichte am 17. August 2022 eine Replik ein, auf die soweit we-
sentlich in den Erwägungen näher eingegangen wird.
K.
Die vorinstanzlichen Akten liegen dem Bundesverwaltungsgericht seit dem
22. Juli 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
D-3180/2022
Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968 (VwVG;
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der
Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005
[BGG; SR 173.110]).
1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3. Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
somit einzutreten.
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Das Bundesverwaltungsgericht hebt deshalb die
angefochtene Verfügung auf und weist die Sache zu neuer Entscheidung
an das SEM zurück, sofern es den Nichteintretensentscheid als unrecht-
mässig erachtet (vgl. BVGE 2011/30 E. 3, 2011/9 E. 5).
D-3180/2022
Seite 5
2.3. Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorliegend han-
delt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staats prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss der Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Übernahme zugestimmt hat oder von dessen Zu-
stimmung infolge unterlassener Antwort innerhalb der genannten Frist aus-
zugehen ist, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen, ist zu
prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig
bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig be-
stimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zu-
ständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO).
3.4. Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, ei-
nen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem ande-
ren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat, nach Massgabe der Art. 23, 25
und 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-
VO).
D-3180/2022
Seite 6
3.5. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (sog. Selbsteintrittsrecht; Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-
VO).
4.
4.1. In ihrer Verfügung hielt die Vorinstanz fest, dass der Abgleich der Fin-
gerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Datenbank Eurodac ergeben
habe, dass er in Bulgarien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten
eingereist sei und dort am (...) März 2022 ein Asylgesuch gestellt habe.
Der Einwand des Beschwerdeführers, er habe dort kein Asylgesuch stellen
wollen, vermöge nichts an der Feststellung zu ändern, dass er ein Asylge-
such in Bulgarien gestellt habe. Da die bulgarischen Behörden innerhalb
der festgelegten Frist zum Übernahmeersuchen des SEM keine Stellung
bezogen hätten, sei gemäss Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO die Zuständigkeit
für das weitere Verfahren an Bulgarien übergegangen. Zum Vorbringen
des Beschwerdeführers, er sei in Bulgarien im Gefängnis gewesen, sei
festzuhalten, dass es Bulgarien freistehe, Personen im Einklang mit der
nationalen Gesetzgebung und dem anwendbaren Völkerrecht zu inhaftie-
ren. Bulgarien sei ein Rechtsstaat, der Beschwerdeführer könne bei der
zuständigen Stelle Beschwerde einreichen, sollte er sich ungerecht oder
rechtswidrig behandelt fühlen. Des Weiteren gebe es keine wesentlichen
Gründe für die Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für Asylsuchende in Bulgarien Schwachstellen aufwiesen, die eine
Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne
von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta ABl. C 364/1 vom 18. Dezember
2000) und Art. 3 EMRK mit sich brächten. Das SEM gehe nicht davon aus,
dass der Beschwerdeführer in Bulgarien in eine existenzielle Notlage ge-
riete oder ohne Prüfung seines Asylgesuchs und unter Verletzung des Non-
Refoulement-Gebots in seinen Heimat- oder Herkunftsstaat überstellt
werde. Da Bulgarien die Aufnahmerichtlinie umgesetzt habe, könne sich
der Beschwerdeführer an die zuständigen Behörden wenden, um eine Un-
terkunft und sozialstaatliche Unterstützung zu erhalten. Zusätzlich könne
er bei einer der karitativen Organisationen um Hilfe ersuchen. Im Referenz-
urteil F-7195/2018 vom 11. Februar 2022 habe das Bundesverwaltungsge-
richt festgestellt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in
Bulgarien «Unzulänglichkeiten» aufwiesen, jedoch keine Gründe dafür er-
sichtlich seien, dass systemische Schachstellen vorlägen. Das SEM gehe
daher nicht davon aus, dass der Beschwerdeführer bei einer Überstellung
D-3180/2022
Seite 7
nach Bulgarien gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK ausgesetzt würde. Es seien
trotz der Anwesenheit seines Bruder in der Schweiz auch keine Gründe
ersichtlich, die die Anwendung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO erfordern
würden. Es lägen auch keine Gründe vor die Souveränitätsklausel anzu-
wenden und der Beschwerdeführer habe keine gesundheitlichen Probleme
geltend gemacht. Es sei in diesem Kontext darüber hinaus nicht ersichtlich,
dass ihm in Bulgarien keine angemessene medizinische Versorgung zuteil
werden würde, allfälligen medizinischen Problemen werde zudem im Zuge
der Überstellung Rechnung getragen. Da Bulgarien demnach für das Asyl-
gesuch zuständig sei und die Schweiz die Souveränitätsklausel nicht an-
wende, werde auf das Asylgesuch nicht eingetreten.
4.2. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Bulgarien ein Asylgesuch
eingereicht zu haben, vielmehr macht er in seiner Beschwerde im Wesent-
lichen geltend, die Vorinstanz sei ihrer «zentralen Aufgabe» der Überprü-
fung, ob individuelle Gründe vorliegen, welche einer Wegweisung aus der
Schweiz entgegenstehen, nicht nachgekommen. Die Vorinstanz habe die
aus der Untersuchungsmaxime folgende Verpflichtung zur umfassenden
Erstellung des entscheidrelevanten Sachverhalts substanziell verletzt.
Dies folge unter anderem daraus, dass es in Bulgarien für Asylsuchende
massive und schwerwiegende Mängel des Asylsystems gäbe, die einen
Selbsteitritt rechtfertigen würden. Der Beschwerdeführer verweist in die-
sem Kontext neben älteren Berichten insbesondere auf die geänderte Si-
tuation durch die Ankunft vieler schutzbedürftiger Personen aus der Ukra-
ine, die eine Verschärfung der dem Referenzurteil F-7195/2018 vom
11. Februar 2022 zugrundeliegenden Ausgangslage darstelle, das die Si-
tuation bereits als besorgniserregend bezeichnet habe. Das grösste Prob-
lem stelle der Ausschluss von staatlichen Leistungen für Dublin-Rückeh-
rende dar, weswegen dem Beschwerdeführer bei einer allfälligen Rückkehr
kein durchsetzbarer Anspruch auf Unterkunft und medizinische Versorgung
zukomme. Das SEM habe es in diesem Kontext unterlassen, einzelfallbe-
zogen seine persönlichen Erfahrungen miteinzubeziehen und in seinen
Ausführungen im Wesentlichen pauschal auf die rechtlichen Verpflichtun-
gen Bulgariens und einzelne Entscheidungen aus der Judikatur des Bun-
desverwaltungsgerichts verwiesen. Die allgemeine Lage in Bulgarien sei
zudem durch die Ankunft vieler schutzbedürftiger Personen aus der Ukra-
ine noch prekärer geworden, was durch öffentlich zugängliche Berichte und
das selbst Erlebte bestätigt werde. Dies würde sich auf das ohnehin schon
an seine Grenzen stossende Aufnahmesystem auswirken und mit grosser
D-3180/2022
Seite 8
Wahrscheinlichkeit zu einer weiteren Verschlechterung der Aufnahmebe-
dingungen führen, womit sich die Vorinstanz gar nicht auseinandergesetzt
habe, weshalb der Verfügung ein unvollständiger Sachverhalt zugrunde
liege. Zudem habe das SEM als Folge des unvollständig erhobenen Sach-
verhalts auch eine fehlerhafte Ermessensentscheidung getroffen, da es
nicht alle relevanten Gesichtspunkte berücksichtigt habe.
4.3. In seiner Vernehmlassung verweist das SEM darauf, dass es an sei-
nen Erwägungen aus der Verfügung vom 12. Juli 2022 vollumfänglich fest-
halte. Des Weiteren führt es aus, dass der Zuzug ukrainischer Kriegsflücht-
linge bisher nicht dazu geführt habe, dass die Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts vom Vorliegen systemischer Mängel ausgehe.
Bulgarien werde im Rahmen des Kohäsionsfonds von der Schweiz bei der
Bewältigung der aktuellen Herausforderungen als Förderland berücksich-
tigt, ein Verzicht auf Dublin-Verfahren sei aber nicht vorgesehen. Infolge
des Konflikts seien 532'000 unkrainische Staatsangehörige nach Bulgarien
eingereist, von denen 123'000 Personen sich für einen temporären Schutz-
status registriert hätten. Von diesen hielten sich noch etwa 85’000 Perso-
nen in Bulgarien auf und etwa 21'000 Personen seien von den bulgari-
schen Behörden untergebracht worden. Bulgarien sei dementsprechend
primär ein Transitland. Das Dublin-System kenne keinen Aussetzungsme-
chanismus und Bulgarien (anders als Polen, die Slowakei, Tschechien, Un-
garn und Rumänien) habe auch keine Mitteilung an die anderen Dublin-
Mitgliedstaaten gemacht, in der um ein Absehen von Dublin-Überstellun-
gen gebeten wurde, woraus zu schliessen sei, dass Bulgarien keine Über-
lastung seines Asylsystems fürchte. Zudem habe sich die Situation in der
Ukraine deutlich verbessert, so dass sich die Anzahl der ein- und ausrei-
senden Personen die Waage halte und etwa Rumänien der Wiederauf-
nahme von Dublin-Überstellungen zugestimmt habe. Im Hinblick auf die
medizinische Versorgung bestehe zudem aufgrund der Herkunft und der
Sprachkenntnisse des Beschwerdeführers kein offensichtlicher Konflikt mit
ukrainischen Schutzsuchenden um verfügbare Ärzte. Im Kontext der Prü-
fung des Selbsteintrittsrecht führt die Vorinstanz an, dass sich der Be-
schwerdeführer nur relativ kurz in Bulgarien aufgehalten habe und nach
einer Rücküberstellung nicht als Neuankömmling behandelt würde, son-
dern in ein hängiges Asylverfahren und die entsprechenden Strukturen in-
tegriert würde. Es sei dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die Vermu-
tung der völker- und gemeinschaftsrechtskonformen Behandlung ernsthaft
zu erschüttern.
D-3180/2022
Seite 9
4.4. Der Beschwerdeführer verweist in seiner Replik auf das Vorbringen in
der Beschwerde und führt darüber hinaus aus, dass die Einschätzung der
Vorinstanz der prekären Lage in Bulgarien weiterhin nicht gerecht werde.
Für ihn bestehe ein reales Risiko einer EMRK-Verletzung wodurch das
Selbsteintrittsrecht zu einer Selbsteintrittspflicht werde. Insbesondere wi-
dersprächen neuere Berichte zum Einfluss der Fluchtbewegungen aus der
Ukraine der Einschätzung des SEM diametral, insbesondere sei gerade
nicht gesichert, dass er bei einer allfälligen Rückkehr als asylsuchende
Person behandelt und in die entsprechenden Asylstrukturen intergiert
würde. Vielmehr sei nicht klar, ob der Asylantrag bereits in Abwesenheit
abgelehnt worden sei und er dementsprechend als «irregulärer Migrant»
behandelt würde. Bei afghanischen Personen habe die Schutzquote in den
letzten Jahren zwischen 1.5% und 4% gelegen und diese sei auch nach
August 2021 lediglich auf 10% angestiegen. Es sei notwendig, dass das
SEM im Einzelfall vertiefte Abklärungen vornehme, wenn der Verdacht be-
stehe, das Asylverfahren in Bulgarien sei nicht ordnungsgemäss abgelau-
fen, und es bestehe die Gefahr einer Kettenabschiebung. Mit der in der
angefochtenen Verfügung vorgenommenen Einschätzung habe das SEM
dem vorliegenden Fall in verschiedener Weise nicht angemessen Rech-
nung getragen. In diesem Kontext fehle es auch an der notwendigen Ein-
holung einer individuellen Garantieerklärung von den bulgarischen Behör-
den bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren sowie angemessener Auf-
nahmebedingungen und eines fairen und diskriminierungsfreien Asylver-
fahrens, so dass auch in dieser Hinsicht der Sachverhalt unvollständig er-
stellt sei. Er halte dementsprechend an den Rechtsbegehren aus der Be-
schwerde fest.
5.
5.1. Der Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers ergab, dass
er am (...) März 2022 in Bulgarien und am (...) April 2022 in Österreich
Asylgesuche eingereicht hatte. Er bestritt das Ergebnis des Fingerabdruck-
vergleichs nicht. Somit steht fest, dass der Beschwerdeführer in Bulgarien
und in Österreich als asylsuchende Person registriert wurde.
5.2. Die bulgarischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen vom
3. Juni 2022 innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist
unbeantwortet, womit sie die Zuständigkeit Bulgariens implizit anerkannten
(Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständigkeit Bulgariens
ist somit gegeben.
D-3180/2022
Seite 10
5.3. Gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, der Beschwerdeführer werde im Falle einer
Überstellung nach Bulgarien menschenunwürdige Zustände sowie kein fai-
res Asylverfahren zu erwarten haben, weil dasselbe und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende dort systemische Schwachstellen aufwiesen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Art. 4 EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bräch-
ten. Asylsuchende können gemäss der Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts aus der Souveränitätsklausel keine unmittelbar rechtlich durchsetz-
baren Ansprüche ableiten (vgl. BVGE 2010/45). Im Beschwerdeverfahren
können sie sich jedoch auf die Verletzung einer direkt anwendbaren Be-
stimmung des Völkerrechts oder einer Norm des Landesrechts
– insbesondere auf Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August
1999 (AsylV 1, SR 142.311) – berufen, die einer Überstellung entgegen-
steht. Ist die Rüge begründet, muss die Souveränitätsklausel angewendet
werden, und die Schweiz ist gehalten, sich für die Prüfung des Asylgesuchs
zuständig zu erklären (vgl. BVGE 2010/45 E. 5).
5.4. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Lage von Asylsuchenden in
Bulgarien im Hinblick auf die Durchführung von Überstellungen im Rahmen
von Dublin-Verfahren in einem länderspezifischen Koordinationsentscheid
(vgl. Urteil des BVGer F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 [als Referenz-
urteil publiziert]) einer einlässlichen Prüfung unterzogen.
5.4.1. Das Gericht stellte im dortigen Asylverfahren und bei den Aufent-
haltsbedingungen von Asylsuchenden erhebliche Unzulänglichkeiten fest.
Die erkannten Probleme lassen indes nicht den Schluss zu, es bestünden
systemische Mängel, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwür-
digenden Behandlung im Sinne von Art. 4 EU-Grundrechtecharta und
Art. 3 EMRK mit sich brächten und es rechtfertigten, generell auf die Über-
stellung von Asylsuchenden nach Bulgarien zu verzichten (vgl. a.a.O.,
E. 6.6.7). Dies schliesst aber nicht aus, dass im Einzelfall von der Überstel-
lung abzusehen ist, weil für die betroffene Person eine konkrete und ernst-
hafte Gefahr besteht, bei einem Vollzug der Wegweisung nach Bulgarien
eine Verletzung ihrer Rechte aus Art. 4 EU-Grundrechtecharta oder Art. 3
EMRK zu erleiden (vgl. a.a.O., E. 6.6.9). Es ist somit im Einzelfall zu prüfen,
ob Hinweise auf die Gefahr einer entsprechenden Rechtsverletzung beste-
hen.
5.4.2. Gemäss Auffassung des Gerichts folgt aus den festgestellten Defizi-
ten nicht, dass Asylsuchenden in Bulgarien systematisch die Möglichkeit
D-3180/2022
Seite 11
einer korrekten Prüfung ihrer Asylgesuche verwehrt wird (vgl. a.a.O.,
E. 6.6.7). Vorliegend befürchtet der Beschwerdeführer aufgrund der Tatsa-
che, dass in Bulgarien nur wenige der afghanischen Asylsuchenden als
schutzberechtigt anerkannt werden, er könnte im Falle des Vollzugs der
Wegweisung nach Bulgarien nach Afghanistan ausgeschafft werden, ohne
dass sein Asylgesuch durch die bulgarischen Behörden rechtskonform ge-
prüft würde. Dem Referenzurteil ist zu entnehmen, dass in den Jahren
2017 und 2018 in der Tat nur 1.5 % beziehungsweise 6 % der afghanischen
Staatsangehörigen als schutzberechtigt anerkannt wurden (vgl. a.a.O.,
E. 6.6.1 S. 30). Diese Praxis scheint sich in Anbetracht des Länderberichts
der Asylum Information Database AIDA (Asylum Report Database, Country
Report: Bulgaria, 2020 Update, S. 49) auch in den Jahren 2019 und 2020
nicht grundlegend geändert zu haben. So wurde im Jahr 2019 4 % der
afghanischen Asylsuchenden Schutz gewährt, im Jahr 2020 sank die
Schutzquote auf 1 %. Auch bis Ende 2021 wurden die Asylgesuche von
afghanischen Staatsangehörigen, die nach den Ereignissen von August
2021 – Übernahme der Macht durch die Taliban – gestellt wurden, von den
bulgarischen Asylbehörden als unbegründet eingestuft (AIDA, Asylum Re-
port Database, Country Report: Bulgaria, 2021 Update, S. 12). Der Be-
schwerdeführer gab im Rahmen des Dublin-Gesprächs an, er sei mehrere
Tage in einer Autowerkstatt unter unwürdigen Bedingungen inhaftiert und
dort auch geschlagen worden. Zudem sei ihm trotz einer Erkrankung mit
Fieber die medizinische Behandlung vorenthalten worden. Weitere Anga-
ben zum Stand des Asylverfahrens machte der Beschwerdeführer nicht.
Da er afghanischer Staatsangehöriger ist, stellt sich unter Hinweis auf die
vorstehend geschilderte Asylpraxis in Bulgarien und seine Aussagen die
Frage, ob sein Asylgesuch durch die bulgarischen Behörden in einer Weise
geprüft würde, die dem Non-Refoulement-Gebot ausreichend Rechnung
trägt (vgl. dazu insbesondere Urteil des Bundesverwaltungsgericht
D-1569/2022 vom 26. Juli 2022 E.8.2). Da die bulgarischen Behörden das
Rückübernahmegesuch des SEM unbeantwortet liessen, ist über den
Stand des Asylverfahrens des Beschwerdeführers in Bulgarien nichts be-
kannt. Somit ist auch nicht bekannt, in welche rechtliche und tatsächliche
Situation er zurückkehren würde.
5.5. Somit erweist sich, dass der rechtserhebliche Sachverhalt offensicht-
lich nicht ausreichend abgeklärt ist.
6.
6.1. Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur, weshalb des-
sen Verletzung grundsätzlich ungeachtet der materiellen Auswirkungen zur
D-3180/2022
Seite 12
Aufhebung des betreffenden Entscheides führt (vgl. BVGE 2008/47
E. 3.3.4). Vorliegend sieht sich das Bundesverwaltungsgericht nicht veran-
lasst, mittels durch das Gericht vorzunehmender weiterer Sachverhaltsab-
klärungen eine Heilung der Gehörsverletzung vorzunehmen, zumal dem
Beschwerdeführer dadurch eine Instanz verloren ginge und die fehlende
Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz nicht mit vertretbarem Auf-
wand hergestellt werden kann.
6.2. Aufgrund des vorstehend Gesagten ist die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Sache ist zur weiteren vollständigen Sachverhaltsab-
klärung an das SEM zurückzuweisen. Dabei wird das SEM bei den bulga-
rischen Behörden Abklärungen zum Stand des Asylverfahrens des Be-
schwerdeführers zu machen haben und sich mit seinen konkret begründe-
ten Befürchtungen, die bulgarischen Behörden würden ihn nach Afghanis-
tan zurückschaffen und damit das Gebot des Non-Refoulement verletzen,
auseinanderzusetzen haben. Abhängig vom Ergebnis der Abklärungen,
wird das SEM – sollte es erneut die Fällung eines Nichteintretensent-
scheids beabsichtigen – zudem zu prüfen haben, ob es aufgrund der aktu-
ellen zusätzlichen Belastung des bulgarischen Aufnahmesystems durch
Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine von den bulgarischen Behörden eine Zu-
sicherung, dass der Beschwerdeführer in Bulgarien adäquat untergebracht
und medizinisch behandelt würde, einzuholen hat. Nach rechtsgenüglicher
Erstellung des Sachverhalts wird das SEM unter Berücksichtigung aller
Sachverhaltselemente einen neuen Entscheid zu fällen haben.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
8.
Da der Beschwerdeführer im Beschwerdeverfahren durch die ihm zuge-
wiesene Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102f Abs. 1 i.V.m. Art. 102h
Abs. 3 AsylG vertreten war, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe
von Art. 102k AsylG entschädigt werden, ist keine Parteientschädigung
auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3180/2022
Seite 13