Decision ID: 0291b419-d6b8-543a-95d8-b414e550d469
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin – eine Angehörige der Volksgruppe der
B._ – suchte am (...) in der Schweiz um Asyl nach. Am 2. Septem-
ber 2019 fand die Personalienaufnahme (PA) und am 20. September 2019
das persönliche Dublin-Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr.
604/2013 statt.
A.b Am 16. Oktober 2019 wurde die Beschwerdeführerin vom SEM sum-
marisch befragt und am 4. November 2019 einlässlich zu den Ausreise-
gründen angehört. Dabei brachte sie vor, sie sei in C._ geboren,
jedoch als Kleinkind mit ihrer Familie nach D._ in E._ gezo-
gen, wo sie die ersten (...) Schuljahre absolviert habe. Im Jahr (...) sei ihr
(Nennung Verwandter) verstorben. (Nennung Zeitpunkt) später sei sie mit
ihrer Familie nach C._ zurückgekehrt. In F._ habe sie die
weiteren Schuljahre bis zur (...) Klasse besucht. Eine weitere Ausbildung
sei ihr von ihrem (Nennung Verwandter), der sie grossgezogen habe und
sehr streng gewesen sei, verwehrt worden. Im Jahr (...) habe sie gegen
ihren Willen geheiratet. Aus jener Ehe stamme ihr Sohn. Während der Ehe
sei sie von ihrem damaligen Ehemann wiederholt geschlagen worden. Im
Jahr (...) habe sie sich nach Brauch scheiden lassen, nachdem ihr damali-
ger Ehemann wegen (Nennung Grund) zu (...) verurteilt worden sei. Nach
der Scheidung habe ihr (Nennung Verwandter) sie geschlagen, da sie ihm
zufolge eine Schande für die Familie gewesen sei. Im Jahr (...) sei sie nach
D._ zurückgekehrt, wo sie bei ihrem (Nennung Verwandter) ge-
wohnt und zu Hause – da sie auf Anweisung von (Nennung Verwandter)
das Haus nicht habe verlassen dürfen – als (Nennung Tätigkeit) gearbeitet
habe. Im (...) habe ihr eine Verwandte ein Foto eines B._ namens
G._ gezeigt (G._ wurde in der Schweiz am [...] als Flüchtling
anerkannt, vgl. N [...]; Anmerkung BVGer). In der folgenden Zeit habe sie
ohne das Wissen ihrer Angehörigen telefonischen Kontakt mit G._
gehabt und schliesslich ihre Mutter sowie ihren Bruder H._ über die
Beziehung informiert. Am (...) habe sie mit G._ nach muslimischem
Brauch telefonisch die Ehe geschlossen. Anlässlich eines Aufenthalts in
I._ vom (...) bis (...) – sie habe (Nennung Grund) – habe sie
G._ erstmals getroffen. Am (...) habe sie sich gesetzlich von ihrem
ersten Ehemann scheiden lassen. Nachdem sie am (Nennung Zeitpunkt)
von D._ nach F._ zurückgekehrt sei, habe der (Nennung
Verwandter) ihr am (Nennung Zeitpunkt) eröffnet, dass sie einen älteren,
einflussreichen Mann namens J._ heiraten müsse. Sie habe dies
D-853/2020
Seite 3
abgelehnt, worauf (Nennung Verwandter) sie geschlagen, ihr mit dem Tod
gedroht und sie dann in ein Zimmer gesperrt habe. Die Ehefrau von (Nen-
nung Verwandter) sei an jenem Abend zu ihr ins Zimmer gekommen und
habe sie gebeten, J._ zu heiraten, weil sie sonst von der Familie
nicht in Ruhe gelassen würde. Sie habe dies weiterhin abgelehnt und der
Ehefrau von (Nennung Verwandter) den wahren Grund ihrer Weigerung –
nämlich ihre Heirat nach Brauch mit G._ – mitgeteilt. Da (Nennung
Verwandter) von seiner Ehefrau in der Folge darüber informiert worden sei,
sei sie (Beschwerdeführerin) von ihm am nächsten Tag erneut geschlagen
worden. Zudem habe er gedroht, er werde ihre Brüder auffordern, sie zu
töten. Sodann habe sich ihr (Nennung Verwandter) aus D._ nach
F._ begeben und sie ebenfalls geschlagen. Ihre (Nennung Ver-
wandte) hätten ihr mitgeteilt, dass G._ von den russischen Behör-
den gesucht worden sei und sie deshalb befürchten müssten, wegen ihm
von den Behörden getötet zu werden. Aufgrund deren Beziehung zum
(Nennung Behörde) sei ihren (Nennung Verwandte) jedoch nichts gesche-
hen. Am (...) habe ihr Bruder H._ sie aus dem Zimmer, wo sie ein-
gesperrt gewesen sei, befreit und zu ihrem (Nennung Verwandter) nach
K._ gebracht. Nachdem ihre (Nennung Verwandte) ihren Aufent-
haltsort herausgefunden hätten, seien diese sowie der ganze Teyp (Clan)
(...) beim Haus von (Nennung Verwandter) erschienen. (Nennung Ver-
wandter) habe ihre Mitnahme aber damals verhindern können. Am (Nen-
nung Zeitpunkt) seien zirka zehn maskierte unbekannte Männer in das
Haus ihres (Nennung Verwandter) eingedrungen und hätten sie mitgenom-
men; der Aussprache nach habe es sich bei den Männern nicht um
B._ gehandelt. Sie sei in einer Zelle in einem Parkhaus eingesperrt
worden, wo Fingerabdrücke und Fotos von ihr gemacht worden seien. Die
unbekannten Männer hätten sie über G._ und seinen Aufenthaltsort
ausgefragt. Ausserdem sei sie aufgefordert worden, alles zu unterschrei-
ben, was ihr vorgelegt worden sei. Da sie dies verweigert habe, sei sie mit
einem Gummiknüppel geschlagen und bedroht worden. Dann seien die
Männer weggegangen und ein Mann in Uniform sei erschienen, der sie
ebenfalls über G._ befragt und ihr mitgeteilt habe, dass G._
gesucht werde. Er habe sie gezwungen, ein leeres Blatt Papier zu unter-
schreiben, und ihren russischen Reisepass weggenommen, ihr aber den
Inlandpass zurückgegeben. Danach sei der Mann weggegangen. In der
Folge sei sie entlassen und von anderen Männern in einem Personenwa-
gen in der Nähe des Hauses ihres (Nennung Verwandter) abgesetzt wor-
den. Am (...) habe (Nennung Verwandter) sie zur (Nennung Verwandte)
nach L._ gebracht, wo sie bis zu ihrer Ausreise am (Nennung Zeit-
D-853/2020
Seite 4
punkt) geblieben sei. Ihren Sohn habe sie in Russland zurücklassen müs-
sen, da er ihr von ihren (Nennung Verwandte) weggenommen worden sei.
Bei einer Rückkehr würde sie von ihren (Nennung Verwandte) sicherlich
umgebracht.
Die Beschwerdeführerin reichte (Aufzählung Beweismittel) zu den Akten.
A.c Am 11. November 2019 wurde die Beschwerdeführerin dem erweiter-
ten Verfahren zugewiesen.
B.
Mit Verfügung vom 14. Januar 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerde-
führerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch
ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Wegweisungsvollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 13. Februar 2020 erhob die Beschwerdeführerin gegen
diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie bean-
tragte, es seien die Ziffern 1 bis 5 des Dispositivs der angefochtenen Ver-
fügung aufzuheben und es sei ihr in der Schweiz Asyl zu gewähren, even-
tuell sei vom Vollzug einer Wegweisung aus der Schweiz abzusehen und
die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht beantragte
sie, es seien ihr die gemäss Aktenverzeichnis nicht zugestellten Akten, die
im Aktenverzeichnis in der Editionsklasse mit A, B, C, D und E gekenn-
zeichnet seien, zuzustellen, es sei ihr die unentgeltliche Prozessführung zu
gewähren und ihr Rechtsvertreter sei als amtlicher Rechtsbeistand zu er-
nennen.
Der Beschwerde lagen (Aufzählung Beweismittel) bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Februar 2020 hiess die Instruktionsrichte-
rin den Antrag auf Akteneinsicht teilweise gut und wies das SEM an, der
Beschwerdeführerin bis am 5. März 2020 im Sinne der Erwägungen Ein-
sicht in die mit "D" und "E" gekennzeichneten vorinstanzlichen Akten zu
gewähren; im Übrigen wies sie den Antrag ab. Ferner hiess sie die Gesu-
che um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beigabe
eines amtlichen Rechtsbeistands gut, verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und bestellte der Beschwerdeführerin den rubrizierten
Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand.
D-853/2020
Seite 5
E.
In der Vernehmlassung vom 10. Juli 2020 hielt die Vorinstanz nach einigen
ergänzenden Bemerkungen an ihren Erwägungen vollumfänglich fest.
F.
Mit Verfügung vom 30. September 2020 wies die Instruktionsrichterin –
nach zweimaliger Fristerstreckung – das dritte Gesuch um Erstreckung der
Replikfrist – unter Hinweis auf Art. 32 Abs. 2 VwVG – ab.
G.
Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 12. Oktober 2020 un-
ter Beilage weiterer Beweismittel in Kopie (Nennung Beweismittel).
H.
Mit Eingabe vom 20. Oktober 2020 legte die Beschwerdeführerin eine Kos-
tennote ihres Rechtsvertreters ins Recht.
I.
Mit Eingabe vom 23. November 2020 reichte die Beschwerdeführerin die
mit Schreiben vom 18. November 2020 in Aussicht gestellten Dokumente
und deren Übersetzungen (Aufzählung Beweismittel) ein.
J.
Mit Verfügung vom 25. November 2020 lud die Instruktionsrichterin das
SEM zur ergänzenden Vernehmlassung ein.
K.
Mit Eingabe vom 3. Dezember 2020 legte die Beschwerdeführerin ein wei-
teres Beweismittel (Nennung Beweismittel) ins Recht.
L.
In der ergänzenden Vernehmlassung vom 8. Dezember 2020 hielt die Vor-
instanz nach einigen ergänzenden Bemerkungen an ihren Erwägungen
vollumfänglich fest.
M.
Mit Eingabe vom 9. Dezember 2020 liess die Beschwerdeführerin dem Ge-
richt Kopien weiterer Unterlagen (Aufzählung Beweismittel) zukommen
und machte ergänzende Ausführungen zum Sachverhalt.
N.
Mit Verfügung vom 11. Dezember 2020 räumte die Instruktionsrichterin der
D-853/2020
Seite 6
Beschwerdeführerin die Gelegenheit ein, sich bis zum 4. Januar 2021 zur
ergänzenden Vernehmlassung des SEM zu äussern.
O.
In ihrem Schreiben vom 23. Dezember 2020 teilte die Beschwerdeführerin
mit, es sei nicht klar, welche Dokumente der Vorinstanz zum Zeitpunkt der
Vernehmlassung vom 8. Dezember 2020 zur Verfügung gestanden seien.
Zur Klärung dieser Frage sei ihr eine Kopie des Aktenverzeichnisses des
Verfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht zuzustellen und entspre-
chende Auskunft zu erteilen. Aufgrund dieser unklaren Sachlage und in Be-
rücksichtigung der Feiertage sowie der Pandemiesituation sei die Frist zur
Ausübung des rechtlichen Gehörs sowie zur Einreichung einer ergänzen-
den Kostennote bis zum 31. Januar 2021 zu erstrecken.
P.
Mit Verfügung vom 11. Januar 2021 teilte die Instruktionsrichterin der Be-
schwerdeführerin mit, dass dem SEM im Zeitpunkt der Erstellung seiner
ergänzenden Vernehmlassung vom 8. Dezember 2020 die von der Be-
schwerdeführerin bis und mit Beweismitteleingabe vom 3. Dezember 2020
ins Recht gelegten Dokumente vorgelegen hätten, die Vorinstanz im Zeit-
punkt der Erstellung der Vernehmlassung vom 8. Dezember 2020 jedoch
klarerweise nicht im Besitz der am 9. Dezember 2020 beim Bundesverwal-
tungsgericht eingereichten weiteren Dokumente (Nennung Dokumente)
gewesen sei. Der Vorinstanz seien daher die Beschwerdeakten zu einer
weiteren ergänzenden Vernehmlassung nochmals zuzustellen. Sodann er-
klärte die Instruktionsrichterin, die mit Verfügung vom 11. Dezember 2020
gesetzte Frist zur Stellungnahme werde hinfällig, stellte die Beschwerde-
akten D-853/2020 der Vorinstanz zu und lud sie zur Einreichung einer Stel-
lungnahme ein.
Q.
In der ergänzenden Vernehmlassung vom 25. Januar 2021 hielt die Vor-
instanz nach einigen ergänzenden Bemerkungen an ihren Erwägungen
vollumfänglich fest.
R.
Die Beschwerdeführerin reichte – nach zweimalig gewährter Fristerstre-
ckung – ihre Stellungnahme vom 26. April 2021 ein.
S.
Mit Schreiben vom 10. Mai 2021 beantwortete die Instruktionsrichterin die
D-853/2020
Seite 7
im Schreiben der Beschwerdeführerin vom 4. Mai 2021 gestellte Frage be-
züglich der Zustellung der Stellungnahme vom 26. April 2021 an das SEM
und lehnte das Ersuchen um Einladung zur Ergänzung der Honorarnote
ab.
T.
Mit Eingabe vom 19. Mai 2021 ergänzte die Beschwerdeführerin ihre Stel-
lungnahme vom 26. April 2021 und reichte eine aktualisierte Kostennote
ihres Rechtsvertreters zu den Akten.
U.
Die Beschwerdeführerin reichte mit Eingabe vom 14. Juli 2021 (Nennung
Beweismittel) zu den Akten und erneuerte ihren Antrag auf Einholung eines
fachärztlichen Berichtes und eines psychiatrischen Gutachtens.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
D-853/2020
Seite 8
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m. Verw.).
3.3 Gemäss der schweizerischen Praxis sind Befürchtungen, künftig staat-
lichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu werden, dann asylrelevant,
wenn begründeter Anlass zur Annahme besteht, dass sich diese mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen wer-
den. Es genügt nicht, dass bloss auf Vorkommnisse verwiesen wird, wel-
che sich früher oder später eventuell ereignen könnten. Ob im konkreten
Fall eine solche Wahrscheinlichkeit besteht, ist aufgrund einer objektivier-
ten Betrachtungsweise zu beurteilen. Dementsprechend müssen hinrei-
chende Anhaltspunkte für eine individuelle und konkrete Bedrohung vor-
handen sein, die bei anderen Menschen in vergleichbaren Situationen
Furcht vor Verfolgung hervorrufen könnten (vgl. BVGE 2010/44 E. 3.3 f.
S. 620 f.).
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung betreffend die
Beschwerdeführerin zum Schluss, deren Vorfluchtgründe würden den An-
forderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand-
halten.
Zwar sei ihre persönliche Lage aufgrund der familiären Konstellation als
schwierig zu bezeichnen. Sie befinde sich jedoch wegen der Übergriffe und
den Drohungen seitens der (Nennung Verwandter) nicht in einer ausweg-
losen Situation. Der russische Staat sei schutzfähig und Opfer häuslicher
Gewalt könnten sich grundsätzlich auf das Strafgesetzbuch berufen. Die
Beschwerdeführerin habe sich denn auch von ihrem Ex-Mann, der sie wäh-
rend der Ehe misshandelt habe, sowohl nach Brauch als auch amtlich und
ohne Wissen und Unterstützung seitens ihrer Familie scheiden lassen kön-
nen. Es wäre der Beschwerdeführerin daher zuzumuten gewesen, sich we-
gen den Übergriffen ihrer (Nennung Verwandter) erneut an die Behörden
zu wenden. Ferner lasse die Tatsache, dass ihr (Nennung Verwandter) ihre
D-853/2020
Seite 9
Übergabe an den Clan (...) habe verhindern können, den Schluss zu, dass
ihre Familie (...) nicht über einen uneingeschränkten Machteinfluss in der
Region verfüge und sie sich dem Einfluss der Familie (...) erfolgreich habe
entziehen können. Das Vorbringen, ihre (Nennung Verwandte) hätten Be-
ziehungen zum (Nennung Behörde) gehabt und einzelne Verwandte wür-
den dort hohe Positionen einnehmen, sei vage geblieben und müsse als
blosse Parteibehauptung qualifiziert werden. Ihre diesbezüglichen Aussa-
gen würden deshalb keine Asylrelevanz entfalten. Zudem sei es ihr – auch
in Berücksichtigung der in Russland verfassungsmässig garantierten Nie-
derlassungsfreiheit – möglich und zumutbar, sich den lokal bedingten
Nachteilen durch einen Wohnortwechsel innerhalb der Russischen Föde-
ration zu entziehen, weshalb sie nicht auf den Schutz der Schweiz ange-
wiesen sei. Das Gleiche gelte auch für die geltend gemachte Mitnahme
vom (...) durch unbekannte Männer. Ferner stelle ihr Vorbringen, es habe
sich bei den Männern um russische Behördenmitglieder gehandelt, ledig-
lich eine Mutmassung dar. Ausser ihren Angaben bezüglich der Uniformen
ergäben sich keine weiteren Indizien dafür, dass sie von den Behörden
mitgenommen worden sein solle, welche auf der Suche nach G._
gewesen seien. Die Männer hätten sich ihren Angaben zufolge nicht als
Behörden zu erkennen gegeben und sie auch nicht in einem Amt, sondern
in eine Tiefgarage zum Verhör gebracht. Da es sich nicht um eine offizielle
Amtshandlung gehandelt habe, sei nicht auszuschliessen, dass es sich bei
den Männern um Drittpersonen gehandelt habe. Da die Beschwerdeführe-
rin nach (Nennung Dauer) wieder freigelassen worden sei, sei nicht auf ein
anhaltendes Interesse dieser Männer an ihrer Person zu schliessen. Auf-
grund der dargelegten Geschehnisse sei nicht von einer begründeten
Furcht vor einer Verfolgung durch russische Behörden auszugehen. Es
wäre ihr zudem möglich gewesen, deswegen die Behörden um Schutz zu
ersuchen. Ihr (Nennung Verwandter) habe ihr denn auch geraten, ein me-
dizinisches Gutachten wegen der erlittenen Misshandlung anlässlich des
Verhörs erstellen zu lassen. Es wäre (Nennung Verwandter) in diesem Zu-
sammenhang offen gestanden, sich diesbezüglich auch an offizielle Behör-
den und nicht nur an Menschenrechtsorganisationen zu wenden, um An-
zeige zu erstatten. Die von ihr in Aussicht gestellten Unterlagen, welche
eine Kontaktaufnahme von (Nennung Verwandter) mit Menschenrechtsor-
ganisationen belegten, habe sie nicht eingereicht. Das Vorbringen, ihr
(Nennung Verwandter) habe vergeblich um Schutz ersucht, stelle somit
eine blosse Behauptung dar.
Zum Vorbringen, sie sei am (...) mit G._ nach muslimischem Brauch
D-853/2020
Seite 10
die Ehe eingegangen, sei festzuhalten, dass sie zu diesem Zeitpunkt zivil-
rechtlich noch mit ihrem Ex-Mann verheiratet gewesen sei. Zudem sei auch
G._ im Zeitpunkt der angeführten Heirat in der Schweiz noch zivil-
rechtlich verheiratet gewesen, da dieser erst am (...) von seiner ersten Frau
geschieden worden sei. Die Eheschliessung nach Brauch vom (Nennung
Zeitpunkt) könne daher nach ZGB nicht anerkannt werden, da es sich da-
bei um eine den hiesigen Gesetzesbestimmungen verbotene Mehrfachehe
handle. Weiter habe sie nie mit G._ zusammengelebt, sie habe ihn
vor ihrer Einreise in die Schweiz lediglich im (Nennung Zeitpunkt) während
einigen Tagen in I._ gesehen. In der Schweiz lebten sie nicht zu-
sammen und aus den Akten seien auch keine diesbezüglichen Bemühun-
gen ersichtlich. Es sei demnach nicht von einer eheähnlichen Gemein-
schaft auszugehen. Die Voraussetzungen für einen Einbezug nach Art. 51
Abs. 1 AsylG seien somit nicht gegeben. Es stehe der Beschwerdeführerin
jedoch jederzeit offen, ein solches Gesuch um Einbezug zu stellen, sollten
die Voraussetzungen dafür dereinst erfüllt sein.
4.2 Die Beschwerdeführerin entgegnete in der Rechtsmittelschrift, sie hätte
sich zu ihrem Schutz vor den (Nennung Verwandte) oder vor den Männern
im Zusammenhang mit dem Vorfall vom (...) schon deshalb nicht an die
russischen Behörden wenden können, weil sie von den russischen Behör-
den gesucht werde. Die eingereichten (Nennung Beweismittel) belegten,
dass sie nicht nur in C._, sondern in der ganzen Russischen Föde-
ration gesucht werde. Es handle sich dabei auch nicht um bloss lokal be-
dingte Nachteile. Die Tatsache, dass ihr (Nennung Verwandter) ihre Über-
gabe an den Clan nicht zugelassen habe, lasse nicht den Schluss zu, sie
sei keiner Gefahr ausgesetzt gewesen, da der betreffende Clan sehr ein-
flussreich sei und ihre (Nennung Verwandte) Beziehungen zum (Nennung
Behörde) hätten. Es gehe nicht an, ihre diesbezüglichen Aussagen als
blosse Behauptungen zu qualifizieren. Zwar habe sie sich vor ihrer Aus-
reise mehrere Monate in L._ aufgehalten. Sie hätte sich dort aber
nicht länger aufhalten können, weil die russischen Behörden längerfristige
Aufenthalte von B._ in L._ nicht akzeptierten. Es bestünden
noch immer Restriktionen für Personen aus dem (Nennung Gebiet) oder
aus E._ für die Städte L._ und M._. Im Weiteren
hätte die Gefahr bestanden, dass sie von ihren (Nennung Verwandte) auch
in L._ aufgespürt und getötet worden wäre. Der russische Staat sei
weder in der Lage noch willens, sie gegen solche Übergriffe zu schützen.
Aus diesen Gründen könne sie sich auch nicht durch einen Wohnsitzwech-
sel innerhalb der Russischen Föderation den Nachteilen der ihr feindlich
D-853/2020
Seite 11
gesinnten Familienangehörigen entziehen. Bezüglich der Mitnahme res-
pektive Entführung am (...) sei anzunehmen, dass es sich dabei um russi-
sche Behördenmitglieder gehandelt habe, die sie hätten verhaften wollen,
da diese Militär- oder Polizeiuniformen getragen hätten. Das von ihr ange-
führte und auch von Menschenrechtsaktivisten gerügte Vorgehen russi-
scher Behörden sei bekannt, wobei solche Handlungen nicht als offizielle
Amtshandlungen deklariert würden. Es sei auch nicht ersichtlich, wer aus-
ser einer staatlichen Behörde ein Interesse an ihr und ihrem Ex-Ehemann
haben sollte. Auch sei eine begründete Furcht vor einer Verfolgung durch
dieselben zu bejahen. Im eingereichten Schreiben der (Nennung Organi-
sation) werde bestätigt, dass von Behörden und Geheimdiensten verfolgte
Personen keine Überlebenschance hätten.
4.3 In der Vernehmlassung vom 10. Juli 2020 hielt das SEM fest, die Be-
schwerdeführerin habe auf Beschwerdeebene (Aufzählung Beweismittel)
eingereicht. Es sei nicht ersichtlich, warum lediglich Übersetzungen, denen
keinerlei Beweiswert zukomme, aber nicht die Originale eingereicht wor-
den seien. Das Schreiben der (Nennung Organisation) besage, dass die
Beschwerdeführerin G._ geheiratet habe, welcher auf der föderalen
Fahndungsliste stehe. Diese Heirat sei vom SEM nie in Abrede gestellt
worden. Im erwähnten Schreiben würden sodann keine weiteren Ausfüh-
rungen zu ihrer persönlichen Gefährdungssituation gemacht, sondern auf
die allgemeine Situation von Personen, welche von den russischen Behör-
den und dem Geheimdienst verfolgt würden, hingewiesen. Es werde nicht
ersichtlich, dass die (Nennung Organisation) irgendwelche Recherchen
bezüglich ihrer Gefährdungssituation getätigt habe. Das Schreiben sei da-
her als reines Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren.
4.4 In ihrer Replik vom 12. Oktober 2020 brachte die Beschwerdeführerin
vor, aus den Daten der eingereichten Unterlagen sei ersichtlich, dass sie
erst vorgeladen worden sei, nachdem sie in der Schweiz ein Asylgesuch
gestellt habe. Ihre Verwandten seien über diese Vorladungen informiert
worden. Da die russischen Behörden den Verwandten von vorgeladenen
Personen keine Originale, sondern nur Kopien aushändigen würden, sei
sie nicht im Besitz von Originaldokumenten. Mit der Beschwerde vom
13. Februar 2020 seien Übersetzungen dieser Dokumente eingereicht wor-
den. Zudem würden weitere Belege, welche sie per E-Mail von ihrem Bru-
der erhalten habe, ins Recht gelegt: So (Nennung Dokumente). Da der
nach islamischem Recht mit ihr verheiratete G._ in Russland ver-
folgt werde und in der Schweiz als anerkannter Flüchtling lebe, sei es ihr
nicht möglich, Originale dieser Vorladungen zu organisieren. Sodann sei
D-853/2020
Seite 12
es ihr als um Asyl ersuchende Person nicht erlaubt, mit den russischen
Behörden in Kontakt zu treten. Daher sei die Beschaffung der Originalvor-
ladungen nicht möglich. Sie sei mit G._ nach religiösem Brauch ver-
heiratet. Die Anerkennung der Heirat beziehungsweise eine zivilrechtliche
Neuverheiratung in der Schweiz bei fehlender Anerkennung der religiösen
Heirat sei nicht möglich, da sowohl G._ als anerkannter Flüchtling
als auch sie selber als Asylsuchende mit den russischen Behörden keinen
Kontakt aufnehmen und somit die erforderlichen Papiere für eine Anerken-
nung der Heirat respektive für eine Neuheirat nicht in Russland beschaffen
dürften. Es treffe zu, dass im Zeitpunkt der religiösen Heirat die formellen
Voraussetzungen gemäss schweizerischem Recht für eine Heirat mit
G._ nicht gegeben gewesen seien. Dieser formelle Fehler führe je-
doch nicht automatisch zu einer Nichtanerkennung der Ehe. Die schweize-
rischen Aufsichtsbehörden würden solche Eheschlüsse in der Regel dann
anerkennen, wenn im Zeitpunkt der Anerkennung die formellen Hinder-
nisse nicht mehr bestünden. Da aber vorliegend keine für eine Heirat nach
zivilem Recht oder für eine Anerkennung erforderliche Originaldokumente
beschafft werden könnten, sei ein entsprechendes Vorgehen derzeit chan-
cenlos. Sie halte sich oft in der Wohnung von G._ auf, wodurch fak-
tisch eine eheliche Gemeinschaft gelebt werde. Eine formelle Wohnsitz-
nahme sei infolge der geringen Grösse der Wohnung nicht möglich. Falls
ihr kein Asyl erteilt werden könne, wäre sie aufgrund der Gefährdungssitu-
ation oder aus humanitären Gründen zumindest vorläufig in der Schweiz
aufzunehmen. Sodann sei über die zuständige diplomatische Vertretung
abzuklären, ob sie in C._ oder in Russland insbesondere wegen
der Tatsache, dass G._ in der Schweiz als anerkannter Flüchtling
lebe, in Gefahr wäre. Entgegen der Behauptung des SEM habe die (Nen-
nung Organisation) für deren Schreiben vom (...) durchaus Abklärungen
getätigt. Das von ihr angeführte Vorgehen von Mitgliedern des (Nennung
Behörde) und anderer Behörden sei bekannt und solche Handlungen wür-
den jeweils nicht als offizielle Amtshandlungen deklariert.
4.5 In seiner Vernehmlassung vom 8. Dezember 2020 führte das SEM an,
die im Rahmen der Replik eingereichten Dokumente seien Kopien, die auf-
grund ihrer leichten Manipulierbarkeit einen verminderten Beweiswert auf-
weisen würden. Die Beweismittel vermöchten daher die im Asylentscheid
aufgeführten Erwägungen nicht zu entkräften. Aufgrund der Aktenlage wür-
den sich weitere Abklärungen via Schweizer Vertretung in L._ zur
Überprüfung der Authentizität dieser Dokumente erübrigen.
D-853/2020
Seite 13
4.6 In der Vernehmlassung vom 25. Januar 2021 hielt das SEM bezüglich
der mit Eingabe vom 9. Dezember 2020 ins Recht gelegten Dokumente
(Aufzählung Beweismittel) fest, über die Authentizität dieser Beweismittel
seien keine verbindlichen Angaben möglich, da diese nur als Kopien vorlä-
gen. Zudem bestünden Zweifel am Inhalt der Beweismittel. In der (Nen-
nung Dokument) werde erwähnt, dass in (Nennung Örtlichkeit) F._
diverse (Nennung Gegenstände) gefunden und beschlagnahmt worden
seien. Es sei eine Mitteilung bei der (Nennung Behörde) eingegangen,
dass die Beschwerdeführerin an dieser Straftat beteiligt sein könnte. Des-
halb sei im Anschluss an den Fund der (Nennung Gegenstände) zwecks
ihrer Festnahme an ihrem Wohnsitz eine Hausdurchsuchung durchgeführt
worden. Es sei nicht nachvollziehbar, warum die Beschwerdeführerin von
den Behörden mit dem angeblichen Fund von (Nennung Gegenstände)
überhaupt in Zusammenhang gebracht worden sein sollte, nachdem sie
nie geltend gemacht habe, irgend- etwas mit (Nennung Gegenstände) zu
tun gehabt zu haben und zudem ihr Heimatland mehr als (Nennung Dauer)
vor dem angeblichen Fund der (Nennung Gegenstände) bereits verlassen
habe. In der (Nennung Dokument) fehle denn auch eine Begründung, wa-
rum die Verbindung zur Beschwerdeführerin gemacht worden sei. Der In-
halt dieser Beweismittel wirke vor diesem Hintergrund konstruiert.
4.7 In ihrer Stellungnahme vom 26. April 2021 hielt die Beschwerdeführerin
an ihrem Antrag um Abklärungen vor Ort fest und führte aus, die ins Recht
gelegte (Nennung Beweismittel) seien deshalb in Kopie übergeben wor-
den, weil die Behörden sie nicht persönlich angetroffen hätten. Sie wisse
nicht, warum sie über (Nennung Dauer) nach ihrer Ausreise von den Be-
hörden mit dem (Nennung Vorfall) in Zusammenhang gebracht worden sei,
da sie nichts mit (Nennung Gegenstände) zu tun gehabt habe und zudem
Handlungen der korrupten russischen Behörden kaum durchschaubar
seien. Entsprechend sei es unzutreffend, dass die (Nennung Beweismittel)
auf einem konstruierten Sachverhalt beruhen würden. Im Weiteren sei auf
die Situation betreffend Zwangsverheiratung und Ehrenmord im (Nennung
Gebiet) zu verweisen.
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung der Abklärungspflicht. Sie
macht geltend, das SEM habe die Pflicht zur richtigen und vollständigen
Abklärung des Sachverhalts verletzt, indem es der Frage einer allfälligen
Reflexverfolgung infolge ihrer (religiösen) Heirat mit einem von den russi-
schen Behörden gesuchten politischen Opponenten nicht nachgegangen
ist.
D-853/2020
Seite 14
5.2 Der mit Grundrechtsqualität ausgestattete Grundsatz des rechtlichen
Gehörs fordert, dass die verfügende Behörde die Vorbringen der Betroffe-
nen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfin-
dung berücksichtigt, was sich entsprechend in einer sachgerecht anfecht-
baren Entscheidbegründung niederzuschlagen hat (vgl. BVGE 2015/10,
E. 3.3, m.w.H.). Dem Bundesverwaltungsgericht obliegt gemäss Art. 49
Bst. b VwVG (beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) eine umfas-
sende Sachverhaltskontrolle (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozes-
sieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.188). Er-
mittelt das Bundesverwaltungsgericht eine fehler- oder lückenhafte Fest-
stellung des Sachverhalts, hebt es die Verfügung auf und weist die Sache
an die Vorinstanz zurück, damit diese den rechtserheblichen Sachverhalt
neu und vollständig feststellt (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O.,
Rz. 2.191; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwal-
tungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1155). Der Untersu-
chungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des Verwal-
tungs- beziehungsweise Asylverfahrens (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG).
Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollstän-
dige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das
Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten
Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen.
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder wenn die Vo-
rinstanz nicht alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachver-
halts prüfte, etwa, weil sie die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Un-
recht verneinte. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht
alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wur-
den (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043).
5.3 Aus den Asylakten der Beschwerdeführerin sowie denjenigen von
G._ (N (...); vgl. auch Bst. A.b oben) geht hervor, dass G._
in der Schweiz am (...) als Flüchtling anerkannt wurde. Die Beschwerde-
führerin ging mit G._ am (...) nach Brauch die Ehe ein und legte
diesbezüglich den entsprechenden Eheschein als Beleg ins Recht (vgl. act.
21/14, F32 f.; act. 30/2). Diese Heirat wird vom SEM nicht in Abrede gestellt
(vgl. Vernehmlassung SEM vom 10. Juli 2020 S. 2, letzter Absatz). Ferner
liess sich G._ den Akten zufolge am (...) von seiner ersten Ehefrau
N._ (ebenfalls N (...)) scheiden (vgl. act. 23/19, S. 16, mit Hinweis
auf das Scheidungsurteil des [Nennung Behörde] vom [...]).
D-853/2020
Seite 15
Die Beschwerdeführerin stützt ihre Asylvorbringen unter anderem auch da-
rauf, dass sie infolge ihrer Heirat mit G._ Opfer einer Reflexverfol-
gung geworden sei und weiterhin einer solchen unterliege. Unter Re-
flexverfolgung sind behördliche Behelligungen von Angehörigen aufgrund
des Umstandes zu verstehen, dass die Behörden einer gesuchten, poli-
tisch unbequemen Person nicht habhaft werden oder schlechthin von de-
ren politischen Exponiertheit auf eine solche auch bei Angehörigen schlies-
sen.
Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil E-7024/2011 vom
18. Oktober 2013 betreffend die erste – und wie vorstehend erwähnt mitt-
lerweile von G._ geschiedene – Ehefrau N._ erkannt, dass
sie als Ehefrau eines politischen Opponenten begründete Furcht habe, bei
einer Rückkehr Opfer einer Reflexverfolgung zu werden, die auf der vorab
gegen ihren Ehemann gerichteten politischen Verfolgungsmotivation der
russischen Behörden beruhe und damit den Anforderungen von Art. 3
AsylG genüge. Dabei wurde festgehalten, die Ehefrau habe glaubhaft do-
kumentiert, dass die russischen Behörden nach ihrer Ausreise gegen
G._ eine Fahndung eingeleitet hätten, welche die Wahrscheinlich-
keit erhöhen dürfte, dass gegen dem Gesuchten nahestehende Personen
ebenfalls Verfolgungsmassnahmen ergriffen würden (vgl. a.a.O. E. 6.1).
Weder im angefochtenen Entscheid noch in den beiden Vernehmlassun-
gen des SEM finden sich Hinweise darauf, dass sich die Vorinstanz bei der
Prüfung der Asylvorbringen veranlasst gesehen hätte, infolge der Heirat
der Beschwerdeführerin mit G._ von sich aus nach Anhaltspunkten
für eine Reflexverfolgung zu suchen, obwohl ihr die nach Brauch geschlos-
sene Ehe mit einem von den russischen Behörden offensichtlich gesuchten
Oppositionellen sowie der in diesem Zusammenhang bestehende positive
Asylentscheid von G._ und das oben erwähnte Urteil des Bundes-
verwaltungsgerichts bezüglich der ersten Ehefrau von G._ damals
schon bekannt waren. Weiter hat die Vorinstanz weder im angefochtenen
Entscheid noch im Rahmen ihrer Vernehmlassungen – trotz entsprechen-
den Hinweisen in der Rechtsmitteleingabe (S. 8) und der Replik (S. 3) –
das Dossier von G._ im Hinblick auf das allfällige Vorliegen einer
Reflexverfolgung beigezogen oder eine entsprechende Prüfung durchge-
führt, weshalb dementsprechend auch keine inhaltliche Auseinanderset-
zung mit dieser Frage stattfand. Eine Reflexverfolgung der Beschwerde-
führerin ist aber jedenfalls nicht ohne Weiteres auszuschliessen. Dies gilt
namentlich vor dem Hintergrund der im erwähnten Bundesverwaltungsge-
richtsurteil E-7024/2011 enthaltenen Darlegungen zur Gewaltbereitschaft
D-853/2020
Seite 16
der russischen Behörden gegenüber Familienangehörigen von politisch
missliebigen Personen als auch dem Umstand, wonach sowohl innerhalb
als auch ausserhalb von C._ in Russland Angehörige von Terror-
verdächtigen – wenn auch nicht regelmässig, so doch grundsätzlich – einer
Reflexverfolgung ausgesetzt werden könnten (vgl. [...]), zumal das SEM
selber nicht grundsätzlich in Frage stellte, dass die Beschwerdeführerin
von uniformierten Männern an einen ihr unbekannten Ort mitgenommen
und zu G._ befragt wurde.
5.4 Da sich in den Erwägungen keine Hinweise finden lassen, dass sich
das SEM mit der Frage des allfälligen Vorliegens einer Reflexverfolgung
beschäftigt und Gründe dafür oder dagegen einander gegenübergestellt,
abgewogen und seine Schlussfolgerungen argumentativ dargelegt hätte,
hat es nicht nur seine Pflicht zur Erstellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts, sondern auch seine Begründungspflicht und gleichsam den An-
spruch der Beschwerdeführenden auf rechtliches Gehör verletzt.
5.5 Derart schwere prozessuale Mängel des erstinstanzlichen Verfahrens
sind einer Heilung auf Beschwerdeebene nicht zugänglich. Überdies hat
die Vorinstanz das Fehlende auch im Rahmen des Vernehmlassungsver-
fahrens nicht nachgeholt, was eine Heilung zusätzlich verunmöglicht.
5.6 Das SEM ist daher anzuweisen, die notwendigen Verfahrenshandlun-
gen nachzuholen und das Asylgesuch danach neu zu beurteilen. Hierzu
werden zunächst die Akten des Asylverfahrens des Ehemannes und seiner
ersten Ehefrau beizuziehen und auszuwerten sein. Sollte dies nicht bereits
zur Gutheissung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin führen, werden
insbesondere auch die zahlreichen Beweismittel der Beschwerdeführerin
mit geeigneten Mitteln abzuklären und einer weitergehenden inhaltlichen
Überprüfung zu unterziehen sein. Dies erscheint in der vorliegend beson-
deren Konstellation als angebracht, auch wenn bloss in Kopie eingereichte
Beweismittel im Allgemeinen als wenig beweiskräftig zu erachten sind. So-
weit das SEM in diesem Zusammenhang Zweifel am Inhalt gewisser Be-
weismittel äusserte – so hinsichtlich des Funds von (Nennung Gegen-
stände) in (Nennung Örtlichkeit) und der gemäss heimatlichen Behörden
angeblichen Beteiligung der Beschwerdeführerin in dieser Angelegenheit –
kann dieser Einschätzung jedenfalls nicht ohne Weiteres gefolgt werden,
zumal die Strafverfolgungsbehörden auch in C._ teilweise Beweise
gegen Beschuldigte fingieren (vgl. [...]).
D-853/2020
Seite 17
6.
Die Beschwerde ist demzufolge gutzuheissen, die Verfügung vom 14. Ja-
nuar 2020 aufzuheben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur voll-
ständigen Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
7.
Angesichts des Verfahrensausgangs erübrigt es sich, auf die weiteren Aus-
führungen in den Eingaben der Beschwerdeführerin einzugehen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens sind keine Verfah-
renskosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Instruktionsverfü-
gung vom 20. Februar 2020 wurde ohnehin das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut-
geheissen.
8.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Seitens der Rechtsvertretung wurde mit Eingabe vom 20. Oktober 2020
eine Kostennote und mit Eingabe vom 19. Mai 2021 eine ergänzte Kosten-
note ins Recht gelegt. Nach letzterer Kostennote belaufen sich die Bemü-
hungen auf 23 Stunden bei einem – als angemessen zu erachtenden –
Stundenansatz von Fr. 220.–. Zusätzlich werden Auslagen in der Höhe von
Fr. 59.– aufgeführt. Der aufgeführte zeitliche Aufwand erweist sich als
überhöht. Die Stellungnahmen vom 12. Oktober 2020 und vom 26. April
2021 enthalten teilweise redundante Ausführungen und – insbesondere
hinsichtlich der Letzteren – zahlreiche Verweise auf bereits Gesagtes. Aus-
serdem beschränken sich verschiedene Beweismitteleingaben auf die
Kommentierung des aus den eingereichten Belegen bereits ersichtlichen
Inhalts, auf die blosse Ankündigung weiterer Eingaben und auf insgesamt
sechs Fristerstreckungsgesuche mit teilweise identischem Inhalt. Als an-
gemessen ist ein Aufwand von insgesamt sechzehn Stunden zu erachten.
Unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl.
Art. 8 ff. VGKE) ist die Vorinstanz anzuweisen, der Beschwerdeführerin
eine Parteientschädigung in der Höhe von gerundet Fr. 3855.– (inkl. Aus-
lagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen ist. Der Anspruch auf das
D-853/2020
Seite 18
amtliche Honorar des mit Verfügung vom 20. Februar 2020 als amtlicher
Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertreters wird damit gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
D-853/2020
Seite 19