Decision ID: 6e30f696-bb71-56f6-9b00-f4321d191674
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 26. Oktober 2020 für sich und ihre
Tochter in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Abklärungen des SEM ergaben, dass die Beschwerdeführerin und ihre
Tochter in Griechenland als Flüchtlinge anerkannt sind. Das SEM ersuchte
daraufhin am 6. November 2020 gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008
über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rück-
führung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger (sog. Rückführungs-
Richtlinie) und das Abkommen zwischen dem Schweizerischen Bundesrat
und der Regierung der Hellenischen Republik über die Rückübernahme
von Personen mit irregulärem Aufenthalt vom 28. August 2006 die griechi-
schen Behörden um Rückübernahme der Beschwerdeführerin und ihrer
Tochter. Die griechischen Behörden stimmten diesem Ersuchen am 11. No-
vember 2020 zu.
C.
C.a Der Beschwerdeführerin wurde im Rahmen der Befragung vom
13. November 2020 das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintre-
tensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsyIG (SR 142.31) und zur
Wegweisung nach Griechenland gewährt.
C.b Die Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin beantragte im Rahmen
dieser Befragung eine Nachbefragung der Beschwerdeführerin mit der Be-
gründung, das SEM habe den Sachverhalts betreffend die von der Be-
schwerdeführerin in Griechenland geltend gemachte Verfolgungssituation
unvollständig erhoben. Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin da-
raufhin am 17. November 2020 die Gelegenheit, sich ein weiteres Mal
schriftlich zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und zur Wegwei-
sung nach Griechenland zu äussern.
C.c Die Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin nahm mit Eingabe vom
20. November 2020 dazu Stellung und beantragte nochmals eine Zusatz-
befragung.
D.
Am 26. November 2020 stellte das SEM dem Bereich Pflege des Bunde-
D-6371/2020
Seite 3
sasylzentrums (BAZ) C._ per Mail mehrere Fragen zum Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter. Tags darauf wur-
den die Fragen beantwortet und mehrere medizinische Akten mitgeschickt.
E.
Am 2. Dezember 2020 übermittelte das SEM den Entwurf des angekündig-
ten Nichteintretensentscheids der Rechtsvertretung zur Stellungnahme.
Aufgrund eines technischen Fehlers wurden die entscheidrelevanten Akten
unvollständig übermittelt. Am 3. Dezember 2020 nahm die Rechtsvertre-
tung Stellung und wies auf den Mangel hin.
F.
Am 8. Dezember 2020 wurde der Entwurf mit allen entscheidrelevanten
Akten der Rechtsvertretung nochmals zur Stellungnahme übermittelt. Die
Rechtsvertretung reichte am 9. Dezember 2020 eine Stellungnahme ein.
G.
Mit am gleichen Tag eröffneter Verfügung vom 10. Dezember 2020 trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf die Asylgesuche
der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter vom 26. Oktober 2020 nicht ein.
Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den
Vollzug der Wegweisung an.
H.
Mit Eingabe der Rechtsvertretung vom 17. Dezember 2020 liess die Be-
schwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht gegen diesen Ent-
scheid Beschwerde erheben und beantragte, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben und auf die Asylgesuche sei einzutreten. Eventualiter sei
die Verfügung aufzuheben und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie die Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
I.
Mit Verfügung vom 23. Dezember 2020 stellte der Instruktionsrichter fest,
die Beschwerdeführerinnen dürften den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Gleichzeitig gab er dem SEM Gelegenheit, eine Vernehmlas-
sung zur Beschwerde einzureichen.
D-6371/2020
Seite 4
J.
Am 13. Januar 2021 reichte das SEM eine Vernehmlassung ein.
K.
Am 3. Februar 2021 nahm die Beschwerdeführerin zur Vernehmlassung
Stellung.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist mit ihrem Kind durch die angefochtene Verfügung besonders
berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung bezie-
hungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legi-
timiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf
die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 3 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
D-6371/2020
Seite 5
3.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht die angefochtene Verfügung insoweit ohne Ein-
schränkung prüft.
4.
4.1 In der Beschwerde wird gerügt, das SEM habe den rechtserheblichen
Sachverhalt betreffend den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
nicht vollständig abgeklärt. Anlässlich der Befragung vom 13. November
2020 habe die Beschwerdeführerin geltend gemacht, dass es ihr psychisch
nicht gut gehe. Aus den medizinischen Akten gehe hervor, dass sich die
Beschwerdeführerin bereits am 5. November 2020 wegen Atemnot und
Schlafstörungen bei der Pflege in der Unterkunft gemeldet habe und diese
Leiden wiederholt beklagt und gemeldet habe, dass die Schlaftabletten wir-
kungslos seien. Da es ihr von Tag zu Tag schlechter gegangen sei, habe
sie am 25. November 2020 psychotherapeutische Behandlung verlangt.
Dem medizinischen Datenblatt vom 24. November 2020 sei zu entnehmen,
dass der Zentrumsarzt ein Verdacht auf Panikstörungen diagnostiziert
habe, welcher jedoch nie fachärztlich abgeklärt worden sei. Dem SEM
müsse widersprochen werden, insofern es darauf hinweise, die Beurteilung
der Notwendigkeit einer Untersuchung liege allein in der Beurteilung des
Gesundheitspersonals. Dieses habe keine Verfahrensfunktion. Es liege an
der Verfahrensleitung, für das Verfahren notwendige Abklärungen anzuord-
nen. Es sei notorisch, dass das Pflegepersonal angewiesen werde, über
die Grundversorgung hinausgehende Abklärungen und Behandlungen nur
sehr restriktiv in die Wege zu leiten. Ausserdem würden weder die Pflege
noch die Betreuungspersonen in den Zentren, aber auch der Zentrumsarzt
nicht über die psychologisch/psychiatrische Fachkompetenz verfügen, um
den medizinischen Sachverhalt abklären zu können. Weitere habe die Be-
schwerdeführerin fast täglich über Belästigungsvorfälle in der Unterkunft
berichtet, welche sie jeweils der ORS und der Securitas vor Ort gemeldet
habe. Zudem habe sie vom Gefühl der Lustlosigkeit und Hilfslosigkeit so-
wie Suizidgedanken berichtet. Es handle sich bei den psychischen Proble-
men der Beschwerdeführerin nicht um einen blossen Bagatellfall. Das SEM
sei anzuweisen, den medizinischen Sachverhalt unter Einbezug von psy-
chologisch/psychiatrischen Fachspezialisten rechtsgenüglich abzuklären.
Schliesslich wird in der Beschwerde gerügt, das SEM habe die Untersu-
chungs- und Begründungspflicht verletzt, indem es keine fallspezifische
Analyse von der gegenwärtigen Situation unternommen habe, obwohl die
Beschwerdeführerin als alleinerziehende psychisch angeschlagene Mutter
mit einem kleinen Kind, vulnerable Personen seien. Gemäss neuster
D-6371/2020
Seite 6
Rechtsprechung hätte eine vertiefte Abklärung vorgenommen werden sol-
len.
4.2 In der Vernehmlassung wird auf die Ausführungen in der Verfügung
verwiesen. Das Gesundheitspersonal in den BAZ sei in der Akutbetreuung
geschult. Zudem habe die Pflege festgehalten, dass es sich bei der Be-
schwerdeführerin um keinen Notfall handle und sie somit vor Ort betreut
werden könne. Eine Verweigerung der Untersuchung des psychischen Zu-
standes der Beschwerdeführerin könne dem Gesundheitspersonal pau-
schal nicht vorgeworfen werden. Aus den chronologisch und sauber aufge-
listeten Einträgen der Pflege ergebe sich über alle Besuche und Anliegen
der Beschwerdeführerin eine transparente, sachliche und gewissenhafte
Einschätzung des vorliegenden Falles.
4.3 In der Replik wird nochmals betont, dass die umfassende Abklärung
des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin unabdingbar sei, da
insbesondere auch das Kindeswohl der vierjährigen Tochter davon ab-
hänge. Die Abklärung des medizinischen Sachverhalts, die für das Verfah-
ren notwendige Abklärungen zu erkennen und entsprechend anzuordnen,
sei Aufgabe der Verfahrensleitung und könne weder der Pflege im Zentrum
noch der Beschwerdeführerin auferlegt werden. Sie habe sich hinsichtlich
ihrer psychischen Probleme an die Pflege gewandt, sowie sich im Verfah-
ren dazu geäussert und um Hilfe ersucht. Sie habe jedoch kein Gehör ge-
funden. Diese zahlreichen Hilferufe würden die Ohnmacht der Beschwer-
deführerin ausdrücken. In der Beschwerde sei ausführlich dargelegt wor-
den, dass sie mit der gesamten Situation überfordert sei und das in Grie-
chenland Erlebte nicht habe verarbeiten können. Insofern das SEM geltend
mache, die aktuelle Berichterstattung könne ihre Vorbringen nicht belegen,
sei anzumerken, dass die beantragte Zusatzbefragung für die Feststellung
des Sachverhalts abgelehnt worden sei und der Beschwerdeführerin somit
die Möglichkeit ausführlich über die erlebten Schwierigkeiten in Griechen-
land zu erzählen, verwehrt worden sei.
4.4 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unvollständig ist
die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrele-
vanten Sachumstände berücksichtigt wurden. Gemäss Art. 8 AsylG hat die
D-6371/2020
Seite 7
asylsuchende Person demgegenüber die Pflicht an der Feststellung des
Sachverhaltes mitzuwirken (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2).
Der in Art. 29 Abs. 2 BV verankerte Anspruch auf rechtliches Gehör, wel-
cher in den Art. 29 ff. VwVG konkretisiert wird, dient einerseits der Aufklä-
rung des Sachverhalts, andererseits stellt er ein persönlichkeitsbezogenes
Mitwirkungsrecht der Partei dar. Der Anspruch auf rechtliches Gehör ver-
langt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen tat-
sächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung be-
rücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder-
schlagen muss (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.3).
4.5 Das SEM hat den medizinischen Sachverhalt im Zusammenhang mit
einem Wegweisungsvollzug nach Griechenland hinreichend festgestellt.
Als die Beschwerdeführerin anlässlich der Befragung vom 13. November
2020 gesundheitliche Probleme geltend machte, wurde sie vom Befrager
darauf hingewiesen, sich bei der Pflege zu melden. Da keine medizini-
schen Unterlagen zu den Akten gereicht wurden, fragte das SEM bei der
Pflege im BAZ an, wie es um den Gesundheitszustand der Beschwerde-
führerin und ihrer Tochter stehe. Die Pflege schätzte den Gesundheitszu-
stand der Beschwerdeführerin gut und den der Tochter als unauffällig ein.
Aus einem medizinischen Datenblatt geht hervor, dass der Zentrumsarzt
am 24. November 2020 zwar den Verdacht auf eine Panikstörung bei der
Beschwerdeführerin diagnostizierte. Anders als in der Stellungnahme vom
3. Dezember 2020 behauptet, geht aus dem Datenblatt jedoch nicht her-
vor, dass der Arzt es für nötig erachtet hätte, die Beschwerdeführerin an
eine/n Psychologin/en oder Psychiater/in weiter zu verweisen oder dass
bei diesen bereits ein Termin vereinbart worden wäre. Vor diesem Hinter-
grund bestand für das SEM keine Veranlassung, weitergehende gesund-
heitliche Abklärungen für einen Wegweisungsvollzug nach Griechenland
vorzunehmen.
In der Replik wurde eine Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend ge-
macht, weil der Beschwerdeführerin die Möglichkeit verwehrt worden sei,
über die erlebten Schwierigkeiten in Griechenland in der beantragten Zu-
satzbefragung zu berichten. Das SEM gab der Beschwerdeführerin jedoch
mit Schreiben vom 17. November 2020 Gelegenheit, sich ein weiteres Mal
auf dem schriftlichen Weg zu äussern. Damit wurde dem Gehörsanspruch
der Beschwerdeführerin genüge getan.
D-6371/2020
Seite 8
Das SEM hat den relevanten Sachverhalt hinreichend festgestellt und sei-
nen zehnseitigen Nichteintretensentscheid auch umfangreich begründet,
wobei es betreffend den Wegweisungsvollzug auf die individuelle Situation
der Beschwerdeführerin Bezug genommen hat. Es hat ausgeführt, hin-
sichtlich der geltend gemachten fehlenden Unterstützung durch die grie-
chischen Behörden sei es der Beschwerdeführerin unbenommen sei, ihre
Rechte bei den griechischen Behörden gerichtlich geltend zu machen. Be-
züglich der geltend gemachten Verfolgung durch von ihrem Ehemann be-
auftragten Afghanen, verwies es auf die funktionierenden griechischen Po-
lizeibehörden. Es nahm sodann Stellung zu den geltend gemachten ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen und begründete, warum diese einer
Wegweisung nach Griechenland nicht entgegenstünden. Das SEM hat in-
soweit eine fallspezifische Analyse vorgenommen.
5.
5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG tritt das SEM auf ein Asylgesuch
nicht ein, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b
AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann, in welchem
sie sich vorher aufgehalten hat.
5.2 Den Akten ist zu entnehmen, dass sich die Beschwerdeführerin mit ih-
rem Kind vor der Einreise in die Schweiz in Griechenland aufgehalten hat,
dort als Flüchtling anerkannt worden ist und über einen bis zum 24. Juni
2022 gültigen griechischen Aufenthaltstitel verfügt. Griechenland ist ein
verfolgungssicherer Drittstaat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG (vgl.
Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007) und die griechi-
schen Behörden haben der Rückübernahme der Beschwerdeführerin und
ihrer Tochter am 11. November 2020 zugestimmt.
5.3 Griechenland hat unter anderem das Abkommen vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention, FK;
SR 0.142.30) ratifiziert und bietet grundsätzlich Gewähr für die korrekte
Durchführung von Asylverfahren. Dass die Beschwerdeführerin in Grie-
chenland über einen Schutzstatus verfügt, wird in der Beschwerde nicht
bestritten. Ferner hat die Beschwerdeführerin nicht behauptet, das Asylver-
fahren in Griechenland sei fehlerhaft gewesen beziehungsweise es würden
ihr dort die Rückschiebung in ihr Heimatstaat unter Verletzung des Refou-
lement-Verbots drohen. Auch die Beschwerde enthält keine diesbezügli-
chen Einwände, so dass das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a
AsylG zu Recht auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerin und ihrer
Tochter nicht eingetreten ist.
D-6371/2020
Seite 9
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es gemäss Art. 44 AsylG in der Regel die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz
der Einheit der Familie. Im Übrigen finden für die Anordnung des Vollzugs
der Wegweisung die Artikel 83 und 84 AIG (SR 142.20) Anwendung.
6.2 Die Beschwerdeführerin und ihr Kind verfügen weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Das SEM hat die Wegweisung demnach zu Recht an-
geordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.
8.1 Das SEM führte hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs aus, dass das
Refoulement-Gebot bezüglich des Heimatstaates nicht zu prüfen sei, da
die Beschwerdeführerin und ihre Tochter in einen Drittstaat reisen könnten,
in dem sie Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG
fänden. Weder die in Griechenland herrschende Situation noch andere
Gründe sprächen gegen die Zumutbarkeit der Wegweisung in diesen
Staat. In der summarischen Befragung vom 13. November 2020 sowie in
den schriftlichen Stellungnahmen vom 20. November 2020, 3. Dezember
2020 und 9. Dezember 2020 habe sich die Beschwerdeführerin über
schlechte Bedingungen im Camp beklagt, wo sie die ersten zweieinhalb
Monate in Griechenland untergebracht worden seien. Anschliessend hät-
ten sie in der Wohnung einer ihnen bekannten Person gelebt, diese unter-
halten und als Gegenleistung wenig Miete gezahlt. Zudem sei sie von ih-
rem in Deutschland lebenden Bruder unterstützt worden. Ihr Ehemann sei
2018 von Griechenland in den Iran zurückgekehrt. Nur zu Beginn ihres Auf-
enthaltes in Griechenland sei sie von der UN unterstützt worden. Von den
D-6371/2020
Seite 10
griechischen Behörden habe sie keine Unterstützung erhalten. Sie habe
sich über diese genervt. So hätten die griechischen Behörden ein Jahr ge-
braucht, um ihr eine Identitätskarte auszustellen. Am 29. September 2020
habe sie mit der Hilfe ihres Rechtsvertreters in Griechenland eine Anzeige
gegen ihren Ehemann und zwei Afghanen erstattet. Diese beiden Afgha-
nen hätten sie im Auftrag ihres Ehemannes bedroht. Zudem würde ihr Ehe-
mann im Iran ihre Familie bedrohen. Nach Einreichung der Anzeige habe
die griechische Polizei ihr nicht gesagt, wie sie sich zu verhalten habe, res-
pektive schützen könne. Auch ihre Rechtsvertretung in Griechenland habe
ihr nicht sagen können, wie es weitergehe. Die griechischen Behörden
könnten sie somit nicht schützen. Ihre Rechtsvertretung in der Schweiz
habe ergänzt, die Verfolgungs- und Bedrohungssituation in Griechenland
könne nicht im Rahmen der summarischen Befragung rechtsgenüglich
überprüft werden. Nach der summarischen Befragung werde lediglich eine
kurze Zusammenfassung des Gesagten erstellt. Ihre Rechtsvertretung
habe deshalb eine Zusatzbefragung beantragt. In den Stellungnahmen
vom 3. Dezember 2020 und 9. Dezember 2020 habe sie noch einmal die
schwierige Situation für alleinstehende Flüchtlingsfrauen und die Verschär-
fung bei der Gewährung von Sach- und Geldleistungen in Griechenland
betont. Die Argumentation des SEM sei lediglich textbausteinartig. Bei ei-
ner Rückkehr sei keine Wohnung – nicht einmal eine Notwohnung – ga-
rantiert. Hinsichtlich der von ihr geltend gemachten fehlenden Unterstüt-
zung durch griechische Behörden sei festzuhalten, dass Griechenland
durch die Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 13. Dezember 2011 über Normen für die Anerkennung von Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen als Personen mit Anspruch auf inter-
nationalen Schutz, für einen einheitlichen Status für Flüchtlinge oder für
Personen mit Anrecht auf subsidiären Schutz und für den Inhalt des zu ge-
währenden Schutzes (sog. Qualifikationsrichtlinie) gebunden sei, Perso-
nen mit Schutzstatus dieselben Rechte zu gewähren wie griechischen
Staatsbürgern bezüglich des Zugangs zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt
oder Sozialversicherungen. Die in Griechenland im Allgemeinen schwieri-
gen ökonomischen Lebensbedingungen sowie die herrschende Woh-
nungsnot würden die ganze Bevölkerung treffen und vermöchten die Zu-
mutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung nach Griechenland nicht zu wi-
derlegen. Es liege zudem nicht an den Schweizer Behörden, sicherzustel-
len, dass Personen mit Schutzstatus in Griechenland, sobald sie dorthin
überstellt werden, über ausreichende Lebensgrundlagen verfügen. Sollte
Griechenland seinen Verpflichtungen hinsichtlich der Fürsorgeleistungen
ihr und der Tochter gegenüber nicht nachkommen, sei es ihr unbenommen,
ihre Rechte bei den griechischen Behörden gerichtlich geltend zu machen.
D-6371/2020
Seite 11
Aus der Zustimmung der griechischen Behörden betreffend ihre Rücküber-
nahme vom 11. November 2020 gehe zudem hervor, dass sie und ihre
Tochter über eine aktuell gültige Aufenthaltsbewilligung, gültig vom 25. Juni
2019 bis zum 24. Juni 2022, verfügen würden. Es sei ihr unbenommen,
nach Ablauf der Aufenthaltsbewilligung eine Verlängerung des Aufenthalts-
titels bei den griechischen Behörden gemäss der nationalen Regelungen
und Gesetze zu beantragen Zwar beziehe sie sich in den Stellungnahmen
vom 3. Dezember 2020 und 9. Dezember 2020 auf nicht näher von ihr be-
zeichnete Berichte über die allgemeine Situation für Flüchtlinge in Grie-
chenland. Diese Berichte, welche die prekären Lebensbedingungen von
Schutzberechtigten in Griechenland aufzeigen würden, seien auch dem
SEM bekannt. Jedoch vermöchten diese die oben genannten Einschätzun-
gen des SEM nicht umzustossen, wonach Griechenland seinen völker-
rechtlichen Verpflichtungen nachkomme und keine systematischen Verlet-
zungen der Qualifikationsrichtlinie vorlägen. Bei den Berichten handle es
sich offensichtlich um Inhalte mit allgemeinem Charakter, welche sie nicht
persönlich beträfen. Sie bezweifle zwar, dass sie von den Garantien der
griechischen Behörden profitieren könne. Sie belege diese Mutmassung
jedoch mit keinerlei Beweisen. Dementsprechend könnten diese eine Ver-
letzung ihrer persönlichen Rechte in Griechenland nicht aufzeigen. Betref-
fend die von ihr gescholtene textbausteinartigen Abhandlungen des SEM
sei anzumerken, dass in der vorliegenden Verfügung ihre persönliche Si-
tuation gewürdigt werde gemessen an den Standards, welche die oben er-
wähnte Qualifikationsrichtlinie setze. Das SEM könne in seinen Formulie-
rungen nicht von den in dieser Richtlinie vorgeschriebenen und ausformu-
lierten Bestimmungen abweichen. Bezüglich der von ihr zu Protokoll gege-
benen Verfolgung durch von ihrem Ehemann beauftragen Afghanen sei an-
zumerken, dass Griechenland ein Rechtsstaat sei, welcher über eine funk-
tionierende Polizeibehörde verfüge, die sowohl als schutzwillig wie auch
als schutzfähig gelte. Sollte sie sich in Griechenland vor Übergriffen durch
Privatpersonen fürchten oder sogar solche erleiden, könne sie sich an die
zuständigen staatlichen Stellen wenden. Wie sich aus ihren Angaben und
der zu den Akten eingereichten Anzeige ergebe, habe sie diese Möglichkeit
genutzt. Es sei Sache der nationalen griechischen Strafverfolgungsbe-
hörde und seiner weiteren Organe allfällige strafrechtlich relevante Verge-
hen nach Möglichkeit zu verfolgen und zu ahnden. Bezüglich ihren Einwän-
den in den Stellungnahmen vom 3. Dezember 2020 und 9. Dezember 2020
sei zu sagen, dass es aufgrund beschränkter Ressourcen keinem Staat auf
der Welt gelinge, alle Personen, die sich auf seinem Territorium aufhalten
würden, prophylaktisch vor allfälligen Straftaten zu schützen. Die Möglich-
keiten seien insbesondere dann eingeschränkt, wenn es sich – wie von ihr
D-6371/2020
Seite 12
dargestellt – um eine unbekannte Täterschaft handle. Bei begründeten
Zweifeln an der Arbeitsweise der lokalen griechischen Polizei habe sie
auch die Möglichkeit – nötigenfalls unter der Zuhilfenahme eines Anwalts
– einer Anzeige bei den zuständigen Behörden und höheren Instanzen
Nachdruck zu verleihen bis hin zu Schutzmassnahmen, wie zum Beispiel
Wohnortswechsel, Personenschutz etc., welche als Instrumente auch von
den griechischen Strafverfolgungsbehörden eingesetzt werden könnten.
Aufgrund dieser Erwägungen erübrige sich die von ihrer Rechtsvertretung
beantragte Ansetzung einer Nachbefragung zur weiteren Abklärung der
geltend gemachten Drittverfolgung in Griechenland. Insbesondere habe
sie im zusätzlich gewährten rechtlichen Gehör vom 17. November 2020
ausreichend Gelegenheit erhalten, ihre bereits an der summarischen Be-
fragung geäusserten Bedenken gegen eine allfällige Überstellung nach
Griechenland noch einmal zu präzisieren. Des Weiteren habe sie im recht-
lichen Gehör gesundheitliche Beeinträchtigungen angeführt. Sie leide un-
ter Stress, Schlafstörungen und Albträumen. Deshalb sei sie bereits in
Griechenland für zwei Monate in ärztlicher Behandlung gewesen, welche
sie jedoch abgebrochen habe. Im Bundesasylzentrum habe sie sich bei der
Pflege gemeldet und Schlafmittel erhalten, die jedoch nicht wirken würden.
Ihre oben genannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen gingen einher
mit Atembeschwerden, Unwohlsein und Ekzemen. Hierzu sei festzuhalten,
dass Griechenland durch die bereits oben erwähnte Qualifikationsrichtlinie
auch dazu verpflichtet sei, Personen mit Schutzstatus dieselben Rechte
einzuräumen wie griechischen Staatsbürgern bezüglich des Zugangs zu
medizinischer Versorgung. Es lägen keine Hinweise vor, wonach Griechen-
land ihr eine medizinische Behandlung verweigert habe oder zukünftig ver-
weigern würde. Vielmehr habe sie mit ihren Aussagen bestätigt, dass sie
in Griechenland Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen gehabt habe.
Mit ihrer Angabe, sie habe die Behandlung abgebrochen, könne sie dem
griechischen Gesundheitspersonal und seinen übergeordneten Behörden
eine fehlende Unterstützung nicht pauschal vorwerfen. Sollte Griechenland
seinen Verpflichtungen hinsichtlich der Fürsorgeleistungen ihr gegenüber
nicht nachkommen, sei es ihr unbenommen, auch hier ihre Rechte bei den
griechischen Behörden gerichtlich geltend zu machen. Aus der Mitteilung
der Pflege in der ihr zugewiesenen Unterkunft im Bundesasylzentrum
C._ vom 27. November 2020 gehe hervor, dass sie wegen der
Schlafstörungen und einhergehenden Atembeschwerden sowie Hautprob-
lemen medikamentös behandelt werde. Gemäss Auskunft der Pflege seien
ihr nach der letzten Visite vom 24. November 2020 stärkere Tabletten in
Reserve verordnet worden, welche sie jedoch seither nicht in Anspruch ge-
nommen habe. Sonst sei ihr allgemeiner Gesundheitszustand als gut zu
D-6371/2020
Seite 13
werten und derjenige ihrer Tochter unauffällig. Somit sei der Gesundheits-
zustand von ihr und der Tochter der Pflege soweit bekannt, dass allfällig
notwendige weiterführende Behandlungsmassnahmen sofort in die Wege
geleitet werden könnten. Sollte sich bis zur allfälligen Überstellung nach
Griechenland ihre Gesundheit verschlechtern und sie weitere medizinische
Untersuchungen für notwendig erachten, stehe es ihr jederzeit offen, sich
erneut an das Gesundheitspersonal in dem ihr zugewiesenen BAZ zu wen-
den. In der Folge ausgestellte medizinische Unterlagen könne sie via ihre
Rechtsvertretung dem SEM zukommen lassen. Einem pauschalen Antrag
auf psychologische Abklärung könne zum heutigen Zeitpunkt nicht Folge
geleistet werden. So obliege die Beurteilung dessen, ob eine psychiatrisch-
psychologische Untersuchung dringlich – das heisse aufgrund der
Schwere der Symptomatik und damit die Qualifikation als akuten Notfall –
angezeigt sei, allein in der Kompetenz des medizinisch und in der Akutbe-
treuung geschulten Gesundheitspersonals in und ausserhalb des BAZ.
Wie sich aus den Unterlagen der Pflege im BAZ C._ ergebe, sei sie
an den Seelsorger im Betreuungsbereich verwiesen und somit kein Notfall
festgestellt worden. Eingedenk obiger Erwägungen betreffend den Ge-
sundheitszustand von ihr und ihrer Tochter sei anzumerken, dass für das
weitere Verfahren einzig die Reisefähigkeit ausschlaggebend sei. Diese
werde erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt. Allfällig benötigte
Medikamente könnten bei der Überstellung in einer Menge mitgegeben
werden, welche einen angemessen berechneten Zeitraum bis zu einer wei-
teren medizinischen Behandlung in Griechenland zu überbrücken ver-
möge. Schliesslich weise das SEM noch einmal auf die zumutbare und
adäquate Möglichkeit zur Untersuchung und Behandlung allfälliger physi-
scher und psychischer Leiden auch in Griechenland hin. Aus den vorlie-
genden Akten ergäben sich keine Hinweise auf lebensbedrohliche physi-
sche oder psychische gesundheitliche Beeinträchtigungen ihrer Person
und ihrer Tochter, sodass bei einer Überstellung nach Griechenland auf
eine gesundheitliche Gefährdung zu schliessen wäre, welche die Rückfüh-
rung – auch unter der Berücksichtigung einer allfälligen Verletzung von
Art. 3 EMRK – als nicht zulässig oder zumutbar erscheinen lassen könnten.
Der Vollzug nach Griechenland sei zulässig und zumutbar.
8.2 In der Beschwerde wird demgegenüber geltend gemacht, die Be-
schwerdeführerin sei als Minderjährige zwangsverheiratet, von ihrem Ehe-
mann geschlagen, misshandelt und vergewaltigt worden. Nachdem er sie
auch in Griechenland vergewaltigt habe, habe sich die Beschwerdeführerin
im Januar 2017 von ihm getrennt. Die gemeinsame Tochter habe während
der Trennungszeit bei ihrem Vater gelebt. Er habe die Besuchszeiten nach
D-6371/2020
Seite 14
Lust und Laune beschränkt. Sie habe während dieser Zeit keine behördli-
che Hilfe in Anspruch nehmen können, weil ihre konservativ-traditionell-re-
ligiöse Familie sie wegen der Familientradition und –ehre unter Druck ge-
setzt und aufgefordert habe, zu ihrem Ehemann zurückzukehren. Nach-
dem die Beschwerdeführerin von der schlechten psychischen Auffassung
ihres Ehemannes von Bekannten erfahren habe, habe sie sich grosse Sor-
gen um ihre Tochter gemacht und diese mit Hilfe eines Freundes im Feb-
ruar 2018 zu sich geholt. Ihr Ehemann habe sie danach bedrängt und be-
droht. Um seine Missionstätigkeit durchzuführen, habe er Griechenland im
Jahr 2018 verlassen, aber zwei Personen beauftragt, die Beschwerdefüh-
rerin im Auge zu behalten, einzuschüchtern und die Tochter zu entführen.
Die Beschwerdeführerin sei von diesen beiden Personen ausfindig ge-
macht und im Februar 2020 bedroht worden. Sie habe sich nicht mehr ge-
traut, aus dem Haus zu gehen und habe während mehreren Wochen mit
ihrer Tochter in einem kleinen Zimmer verbracht, welches sie von einem
Bekannten günstig gemietet habe. Ein Zimmer im Frauenhaus sei ihr nicht
zur Verfügung gestanden und aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel
habe sie auch nicht die Wohnung wechseln können. Am 27. September
2020 als sie mit der Tochter auf einem Kinderspielplatz gewesen sei, hätten
sich zwei Männer genähert und sie angesprochen. Sie hätten ihr mit der
Entführung ihrer Tochter gedroht, wenn sie nicht zurück in den Iran gehe.
Nur durch Eingreifen von Passanten habe sich die Beschwerdeführerin ret-
ten können. Unverzüglich habe sie Anzeige bei der Polizei erstattet. Eine
Rechtsvertreterin einer Hilfsorganisation habe ihr gesagt, dass die Polizei
zwar die Anzeige aufgenommen habe, aber ihr keinen effektiven Schutz
bieten können. Die Rechtsvertretung habe ihr geraten, den Wohnort zu
wechseln. Daraufhin sei sie ausgereist. Bei einer Rechtsberatungsstelle ei-
ner Hilfsorganisation in Griechenland habe sich die Beschwerdeführerin
nach Schutzmassnahmen erkundigt. Diese hätten sie über die beschränkte
Anzahl Plätze in Frauenhäuser informiert und dass die meisten Frauen-
häuser überfüllt seien. Eine Wohnung für sich und ihre Tochter zu finden
sei für sie nicht möglich, weil sie keine Arbeitsstelle und kein Einkommen
habe. Aus dem Länderbericht 2019 des US State Departement sei zu ent-
nehmen, dass NGOs und internationale Organisationen darauf hinweisen
würden, dass in Griechenland die Strafverfolgungsbehörde nicht angemes-
sen auf Migrantinnen, die häusliche Gewalt anzeigen, reagieren würden.
Weiter sei der Beschwerdeführerin die Täterschaft namentlich bekannt und
es habe ihr trotzdem keinen Schutz durch die Behörden garantiert werden
können. Die Beschwerdeführerin sei bei einer allfälligen Wegweisung nach
Griechenland auf sich allein gestellt und weiterhin psychischem Druck, Be-
D-6371/2020
Seite 15
drohungen und Nötigungen ohne Schutz ausgesetzt und habe eine Kin-
desentführung ernsthaft zu befürchten. Eine Wegweisung gestützt auf
Art. 3 EMRK sei deshalb im vorliegend Fall unzulässig. Im November 2019
sei in Griechenland das neue Asylgesetz in Kraft getreten und im März
2020 verschärft worden. Dem neuen Gesetz 4674/2020 zufolge verlören
Flüchtlinge mit subsidiärem Schutzstatus 30 Tage nach Erhalt des Schutz-
status ihr Recht auf Unterkunft, Sach- und Geldleistungen. Somit würden
auch die UNHCR-ESTIA-Zulagen, die Asylsuchenden helfen sollten, einen
Teil der Miete für Privatwohnungen zu bezahlen, beendet. Auch der Zu-
gang zur grundlegenden medizinischen Versorgung sei erschwert worden
(vgl. OZAN TURHAN, «Greek asylum law ano 2020: changing perspektives»,
Asyl3/2020, S. 11-14). Für die Geltendmachung dieser Ansprüche sei eine
Vielzahl von Dokumenten erforderlich. Die Ausstellung dieser Dokumente
sei faktisch kaum möglich, da sie an Voraussetzungen geknüpft seien, die
viele internationale Schutzberechtigte nicht erfüllen würden und teils wech-
selseitig vom Vorhandensein weiterer Dokumente abhängig seien (vgl.
PRO ASYL, Selbst anerkannten Flüchtlingen droht die Verelendung,
14.09.2020, https://www.proasyl.de/news/griechenland-selbst-anerkann-
ten-fluechtlingen-droht-verelendung/ zuletzt abgerufen am 17.12.2020).
Die Beschwerdeführerin habe über die fehlende Unterstützung durch die
griechischen Behörden und den fehlenden Zugang zum Wohnungsmarkt
in Griechenland berichtet. So sei sie lediglich während des Asylverfahrens
durch das UNHCR unterstützt worden. Nach der Asylgewährung seien die
finanziellen Hilfen gestrichen und von ihr sofortige Selbstständigkeit ver-
langt worden. Nach der Trennung von ihrem Ehemann habe die Beschwer-
deführerin zwar als vorübergehende Notlösung in einem Zimmer in der
Wohnung eines Bekannten wohnen, ohne sich an der Adresse anmelden
zu können. Im Gegenzug habe sie die Wohnung putzen müssen. Sie sei
die ganze Zeit von ihrem Bruder, welcher in Deutschland lebe, finanziell
unterstützt worden. Bei einer allfälligen Wegweisung nach Griechenland
hätten sie keinen Platz mehr zum Schlafen, da der Bekannte, welcher ihr
das Zimmer in der Wohnung günstig vermietet habe, nach seiner Ausreise
wahrscheinlich das Zimmer weitervermietet habe. Auch könne sie auf die
finanzielle Unterstützung ihres Bruders nicht mehr zählen, da dieser nicht
mehr länger bereit dafür sei. Auch habe die Beschwerdeführerin aufgrund
der fehlenden Mittel und fehlenden Sozialversicherung nach der Asylge-
währung eine Weiterführung der psychotherapeutischen Behandlung in
Griechenland sich nicht leisten können und die Therapie nach zwei Mona-
ten abbrechen müssen. In der jüngsten Rechtsprechung (BVGer-Urteil D-
2014/2020 [recte: D-2041/2020] vom 28. April 2020) mache das Gericht
geltend, dass die Vorinstanz der Situation einer alleinerziehenden Mutter
D-6371/2020
Seite 16
im Lichte der jüngsten Entwicklungen in Griechenland besondere Beach-
tung schenken solle. Dies betreffe vor allem den angekündigten Aus-
schluss von der Unterbringung von Personen, die internationalen Schutz
geniessen, sowie der Ausschluss oder erschwerte Zugang zum Gesund-
heitssystem. Die neusten Entwicklungen würden von der Vorinstanz in
casu nicht in Betracht gezogen und äussere sich textbausteinartig über die
allgemeinen Schwierigkeiten. So werde dem Umstand, dass es sich bei
der Beschwerdeführerin um eine alleinerziehende Flüchtlingsfrau handle,
welche besonders stark von der verschärften Gesetzeslage betroffen sei,
nicht Rechnung getragen. Der Rechtsvertretung sei nicht klar, welche wei-
teren konkrete Beweise hätten erbracht werden sollen. Insbesondere sei
auf die Bedürfnisse der vierjährigen Tochter und auf das Kindeswohl zu
verweisen. Der fehlende Zugang zur notwendigen medizinischen Behand-
lung und eine damit einhergehenden Zustandsverschlechterung der Be-
schwerdeführerin habe gravierende Auswirkungen auf das Kind, für das sie
alleine sorge und gefährde das Wohl des Kindes. Auch die drohende Ob-
dachlosigkeit und die fehlende Sicherung der Grundbedürfnisse seien of-
fensichtlich nicht mit den aus der Kinderrechtskonvention abzuleitenden
Verpflichtungen zu vereinbaren. Die Vorinstanz sei anzuweisen, Garantien
in Bezug auf die kindsgerechten Unterbringungen einzuholen.
8.3 In der Vernehmlassung führt das SEM aus, dass sich bei gewissen Per-
sonen eine suizidale Tendenz bemerkbar mache, wenn auf deren Asylge-
such nicht eingetreten und die Wegweisung aus der Schweiz angeordnet
werde. Es wäre aber stossend, wenn die Beschwerdeführerin – auch unter
Berücksichtigung ihrer Situation als alleinerziehende Mutter – durch Beru-
fung auf eine tatsächliche oder vermeintliche Selbstmordgefahr die Behör-
den zum Einlenken zwingen könne. Auch in Griechenland sei eine entspre-
chende Infrastruktur für Personen mit Schutzstatus gewährleistet. Im vor-
liegenden individuellen Fall lägen keine Hinweise vor, dass die griechi-
schen Behörden die Beschwerdeführerin bezüglich der Drittverfolgung
nicht genügend schützen würden. Zudem habe die Beschwerdeführerin
Griechenland kurz nach der Anzeige verlassen. Der Länderbericht der US
State Departement habe lediglich allgemeinen Charakter und könne des-
halb nicht auf den vorliegenden Fall angewendet werden. Es verweise
hierzu auf die Urteile des Bundesverwaltungsgericht E-2169/2020 und E-
4617/2020. Das Bundesverwaltungsgericht habe sich zum neu in Kraft ge-
tretenen griechischen Asylgesetz bereits im Urteil E-2508/2020 geäussert.
Im Zusammenhang mit der Beendigung der UNHCR-ESTIA-Zulagen ver-
weise es auf das neu eingeführte HELIOS-Programm (Hellenic Integration
Support for Beneficiaries of International Protection), welches Personen
D-6371/2020
Seite 17
mit Schutzstatus zur Verfügung stehe. Auch beim Bericht von Pro Asyl
handle es sich um ein Dokument allgemeinen Charakters, welches die Be-
schwerdeführerin nicht persönlich betreffe. Zudem seien die Aussagen der
Beschwerdeführerin zu den Aufnahmebedingungen in Griechenland nicht
belegt und eine Verletzung der Richtlinien nicht aufgezeigt worden. Bezüg-
lich des Zugangs zu Sozialleistungen sei noch einmal zu sagen, dass Per-
sonen mit Schutzstatus in Griechenland sich auf die sogenannte Qualifika-
tionsrichtlinie berufen könnten. Ferner stehe der Beschwerdeführerin in
Griechenland auch die Möglichkeit offen, sich bezüglich einer Unterstüt-
zung an eine der vielen im Land tätigen Nichtregierungs- und Hilfsorgani-
sationen zu wenden. Das Kindeswohl stelle im vorliegenden Fall kein Voll-
zugshindernis dar. Es bestünden keine Hinweise darauf, dass sich Grie-
chenland – als Signatarstaat der Kinderrechtskonvention – nicht an seine
völkerrechtlichen Pflichten halten würde. Diese Einschätzung werde vom
Bundesverwaltungsgericht in den Urteilen E-2508/2020 (Familie mit Kin-
dern), D-2160/2020 (Mutter mit Kleinkindern) und E-2113/2020 (Familie mit
Kleinkind) gestützt.
8.4 In der Replik wird geltend gemacht, dass wenn von einem Wegwei-
sungsvollzug Kinder betroffen seien, so bilde im Rahmen der Zumutbar-
keitsprüfung das Kindeswohl ein Gesichtspunkt von gewichtiger Bedeu-
tung. Nach erfolgter Gesamtbetrachtung stehe fest, dass es nicht dem Kin-
deswohl entspreche, die Beschwerdeführerin und ihre Tochter nach Grie-
chenland zurückzuschicken. Dort würde sich die Beschwerdeführerin auf-
grund ihrer bereits bestehenden Vulnerabilität respektive ihrer psychischen
Erkrankung und der zufolge fehlender medizinscher Versorgung zu erwar-
tender Verschlechterung des Gesundheitszustandes, nicht mehr genügend
um ihre Tochter kümmern können. Die Tochter sei vor Obdachlosigkeit und
Entführung durch ihren Vater zu schützen. Das Kindeswohl sei vom SEM
gänzlich ausser Acht gelassen worden. Durch die neue Gesetzeslage
werde den Betroffenen die Möglichkeit entzogen, ihr Recht auf Wohnung
sowie auf Sach- und Geldleistungen gerichtlich geltend zu machen. Zudem
sei zu beachten, dass die alleinerziehende kranke Beschwerdeführerin zu-
sätzlich mit Sprachbarrieren, kulturellen Unterschieden und fehlendem Fa-
milienrückhalt bei der Durchsetzung der ihn in die ausreichender Weise
zustehenden Rechte zu kämpfen habe.
9.
9.1 Der Vollzug der Wegweisung ist nach Art. 83 Abs. 3 AIG unzulässig,
wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der
D-6371/2020
Seite 18
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen.
9.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts betreffend die Zuläs-
sigkeit des Vollzugs der Wegweisung von Personen, denen von den grie-
chischen Behörden ein Schutzstatus verliehen wurde, wird das Vorliegen
eines Vollzugshindernisses nur unter sehr strengen Voraussetzungen be-
jaht. Grundsätzlich geht das Gericht davon aus, dass in Griechenland
Schutzberechtigte Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1
AsylG finden. Ebenso geht das Gericht davon aus, dass Griechenland als
Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984
gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende
Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der FK sowie des Zusatzpro-
tokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) seinen entsprechen-
den völkerrechtlichen Verpflichtungen grundsätzlich nachkommt. Zwar an-
erkennt das Gericht, dass die Lebensbedingungen in Griechenland
schwierig sind, dennoch ist diesbezüglich nicht von einer unmenschlichen
oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK respektive
einer existenziellen Notlage auszugehen. Personen mit Schutzstatus sind
griechischen Bürgern und Bürgerinnen gleichgestellt in Bezug auf Für-
sorge, den Zugang zu Gerichten und den öffentlichen Schulunterricht res-
pektive gleichgestellt mit anderen Ausländern und Ausländerinnen bei-
spielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder Gewährung einer Unter-
kunft (vgl. Art. 16-24 FK). Unterstützungsleistungen und weitere Rechte
können direkt bei den zuständigen Behörden eingefordert werden, falls
notwendig auf dem Rechtsweg. Nicht zuletzt können Schutzberechtigte
sich auch auf die Garantien in der Qualifikationsrichtlinie 2011/95/EU beru-
fen, auf die sich Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaften lassen muss.
Von Interesse sind diesbezüglich insbesondere die Regeln betreffend den
Zugang von Personen mit Schutzstatus zu Beschäftigung (Art. 26), zu Bil-
dung (Art. 27), zu Sozialhilfeleistungen (Art. 29), zu Wohnraum (Art. 32)
und zu medizinischer Versorgung (Art. 30). Im Falle einer Verletzung der
Garantien der EMRK steht gestützt auf Art. 34 EMRK auch letztinstanzlich
der Rechtsweg an den EGMR offen (vgl. Referenzurteil D-559/2020 vom
13. Februar 2020 E. 8).
9.3 Die Beschwerdeführerin und ihre Tochter wurden in Griechenland als
Flüchtlinge anerkannt und verfügen über eine bis am 24. Juni 2022 gültige
Aufenthaltsbewilligung. Es besteht daher kein Anlass zur Annahme, es
drohe ihnen eine Verletzung des in Art. 33 Abs. 1 FK verankerten Grund-
satzes der Nichtrückschiebung.
D-6371/2020
Seite 19
9.4 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die noch nicht vollständig
abgeklärte gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin stehe einem
Wegweisungsvollzug entgegen, da davon auszugehen sei, dass ihr in Grie-
chenland der Zugang zur medizinischen Behandlung verwehrt werde. Aus
den medizinischen Unterlagen geht hervor, dass die Beschwerdeführerin
unter Schlafproblemen, Atembeschwerden, Thoraxschmerzen und einem
Ekzem an den Unterschenkeln leidet sowie der Verdacht einer Panikstö-
rung besteht. Der Allgemeinzustand wurde als «gut» erachtet. Der Be-
schwerdeführerin wurde Temesta für die Schlafprobleme und Betnovate-
Creme für das Ekzem verschrieben. Die erwähnten gesundheitlichen Prob-
leme der Beschwerdeführerin können offensichtlich nicht unter die vom
EGMR in seinem Urteil vom 13. Dezember 2016 (Nr. 41738/10 Paposhvili
gg. Belgien), §183, genannten "other very exceptional cases" subsumiert
werden. Es handelt sich bei ihr nicht um eine schwerkranke Person, bei
der die ernsthafte Gefahr besteht, dass sie bei einer Rückschaffung nach
Griechenland einer schwerwiegenden, rapiden und irreversiblen Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustandes, verbunden mit übermässigem
Leiden oder einer bedeutenden Verkürzung der Lebenserwartung, ausge-
setzt wäre, zumal die medizinische Versorgung in Griechenland gewähr-
leistet ist und sie dort gemäss ihren Angaben bereits behandelt worden ist.
9.5 In Bezug auf den von der Beschwerdeführerin geschilderten Entfüh-
rungsversuch ihrer Tochter und die Bedrohungen durch zwei von ihrem
Ehemann beauftragte Afghanen ist festzuhalten, dass Griechenland ein
Rechtsstaat ist, der über einen funktionierenden Polizei- und Justizapparat
verfügt (vgl. das Referenzurteil des BVGer D-559/2020 vom 13. Februar
2020 E. 9.2). Die Beschwerdeführerin hat sodann mit Hilfe einer Rechts-
vertretung in Griechenland Anzeige gegen die Täter erstattet, reiste jedoch
unmittelbar danach in die Schweiz. Das SEM hat diesbezüglich zutreffend
festgehalten, dass es keinem Staat auf der Welt gelinge, alle Personen, die
sich auf seinem Territorium aufhalten würden, prophylaktisch vor allfälligen
Straftaten zu schützen. Nötigenfalls müsste die Beschwerdeführerin auf
dem Rechtsweg vorgehen, wenn sie an der seriösen Arbeitsweise der grie-
chischen Polizei zweifelt.
9.6 Es liegen somit keine konkreten Hinweise vor, dass die Beschwerde-
führerin und ihre Tochter im Falle ihrer Rückkehr nach Griechenland einer
unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3
EMRK ausgesetzt wären. Der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland
erweist sich somit als zulässig.
D-6371/2020
Seite 20
10.
10.1 Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG für Auslän-
derinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Her-
kunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner
Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Gestützt auf
Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Wegweisung in
einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist. Es obliegt der be-
troffenen Person, diese Vermutung umzustossen.
10.2 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs mit zutreffender Begründung bejaht. Zur Vermei-
dung von Wiederholungen kann vorab auf die betreffenden Erwägungen in
der angefochtenen Verfügung (vgl. Ziff. III 2.) verwiesen werden. In der Be-
schwerde und in der Replik finden sich keine über diejenigen in den Stel-
lungnahmen vom 20. November 2020, 3. Dezember 2020 und 9. Dezem-
ber 2020 substanziell hinausgehenden Einwendungen, welche zu einer an-
deren Betrachtungsweise führen könnten. Soweit vorgebracht wird, die Zu-
stände in Griechenland seien für anerkannte Schutzberechtigte unmensch-
lich, ist festzustellen, dass das griechische Fürsorgesystem nicht nur für
Asylsuchende, sondern auch für Personen mit Schutzstatus in der Kritik
steht (vgl. EGMR, Saidoun gegen Griechenland [Beschwerde 40083/07]
und Fawsie gegen Griechenland [Beschwerde 40080/07], beide vom
28. Oktober 2010). Trotz dieser Kritik ist festzuhalten, dass Griechenland
an die erwähnte Richtlinie 2011/95/EU gebunden ist. Im Kapitel VII werden
die den Flüchtlingen zu gewährenden Rechte geregelt. Selbst wenn die
Lebensbedingungen in Griechenland aufgrund der herrschenden Wirt-
schaftslage nicht einfach sind, liegen keine Hinweise für die Annahme vor,
dass die Beschwerdeführerin oder ihr Kind bei einer Rückkehr nach Grie-
chenland einer existenziellen Notlage ausgesetzt wären. Die Beschwerde-
führerin verfügt über einen Aufenthaltstitel als Flüchtling in Griechenland
und besitzt den griechischen Flüchtlingspass. Sie machte nicht geltend, je-
mals von Obdachlosigkeit betroffen gewesen zu sein. Sie verfügt in Grie-
chenland über Kontakte, was ihr bei der Wohnungssuche behilflich sein
kann. So hat sie einen Bekannten, der ihr ein Zimmer im Gegenzug zum
Putzen seiner Wohnung günstig zur Verfügung stellte. Sie erwähnte zudem
einen Freund, mit dessen Hilfe sie die Tochter zu sich geholt habe. Sie
reichte sodann mehrere Zertifikate von Kursen ein, welche sie in den Jah-
ren 2017 und 2018 in Griechenland besucht hatte. Zudem gab sie an, zwei
Monate in Griechenland aufgrund ihres Stresses behandelt worden zu
sein. Sie wusste sich auch zu helfen, als sie sich an die Rechtsvertretung
D-6371/2020
Seite 21
in Griechenland wendete, um eine Anzeige zu erstatten. Die alleinerzie-
hende Beschwerdeführerin erweckt mithin nicht den Eindruck, dass sie auf-
grund von Sprachbarrieren und ihren psychischen Beschwerden nicht in
der Lage wäre, sich um Unterstützung zu kümmern oder die erforderliche
Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. etwa Urteil des
BVGer D-5676/2019 vom 7. November 2019 E. 7.2.2).
10.3 Ferner spricht auch das Kindeswohl nicht gegen den Wegweisungs-
vollzug. Es liegen keine erhärteten Hinweise vor, wonach sich Griechen-
land als Signatarstaat des Übereinkommens vom 20. November 1989 über
die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) nicht an seine entsprechenden
völkerrechtlichen Verpflichtungen halten würde. Das Bundesverwaltungs-
gericht hat denn auch in letzter Zeit in mehreren Urteilen die Wegweisung
von Familien mit flüchtlingsrechtlichem Schutzstatus in Griechenland als
zulässig und zumutbar qualifiziert und entsprechende Nichteintretens- und
Wegweisungsverfügungen des SEM bestätigt (vgl. etwa Urteile des BVGer
D-2160/2020 vom 6. Mai 2020 E. 8.4, E-2508/2020 vom 24. September
2020 E. 6.3.3 m.w.H.).
10.4 Bei dieser Sachlage besteht kein Anlass für die Einholung individuel-
ler Garantien (vgl. hierzu BVGE 2017 VI/10), weshalb der entsprechende
Antrag abzuweisen ist. Der Vollzug der Wegweisung in den EU-Mitglied-
staat Griechenland erweist sich nicht als unzumutbar.
11.
Die zuständigen griechischen Behörden haben gestützt auf das einschlä-
gige Abkommen die Rückübernahme der Beschwerdeführerin und ihrer
Tochter am 11. November 2020 explizit zugesichert. Der Vollzug der Weg-
weisung der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter nach Griechenland er-
weist sich somit auch als möglich im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG.
12.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der vom SEM angeordnete Wegwei-
sungsvollzug nicht zu beanstanden ist. Eine Anordnung der vorläufigen
Aufnahme fällt demnach ausser Betracht (vgl. Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
13.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
D-6371/2020
Seite 22
14.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den
Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr Ge-
such um unentgeltliche Prozessführung mit Zwischenverfügung vom
23. Dezember 2020 gutgeheissen worden und von keiner veränderten fi-
nanziellen Lage der Beschwerdeführerinnen auszugehen ist, sind keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-6371/2020
Seite 23