Decision ID: c8868cee-629c-455f-a198-bf4924332565
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 13. Mai 2022 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte (Akten der Vorinstanz [...] / N [...] [SEM-act.] 1),
dass das SEM mit Verfügung vom 25. Juli 2022 – eröffnet am 26. Juli 2022
– in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach Italien anord-
nete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz spätestens am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (SEM-act. 24),
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwer-
deführer verfügte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 2. August 2022 gegen diesen
Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob (Akten des
BVGer [Rek-act.] 1),
dass er beantragt, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und die
Vorinstanz anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten, eventualiter sei
die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen,
dass der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren und der
Vollzug der Wegweisung im Sinne einer superprovisorischen Massnahme
auszusetzen sei,
dass ihm, dem Beschwerdeführer, die unentgeltliche Prozessführung zu
gewähren und insbesondere davon abzusehen sei, einen Kostenvor-
schuss zu erheben,
dass der Beschwerdeführer mit einer weiteren undatierten Eingabe (Ein-
gang am 3. August 2022) verschiedene Dokumente ins Recht legte
(SEM-act. 2),
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am 3. Au-
gust 2022 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG),
dass ebenfalls am 3. August 2022 der Vollzug der Überstellung gestützt
auf Art. 56 VwVG superprovisorisch ausgesetzt wurde (Rek-act. 3),
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Considerations:
und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass als staatsvertragliche Grundlage die Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
ist (nachfolgend: Dublin-III-VO, ABl. L 180/31 vom 29.6.2013), zur Anwen-
dung gelangt,
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dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird,
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ein-
geleitet wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt
wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens nach Art. 21 und 22
Dublin-III-VO (engl.: take charge), wie es vorliegend gegeben ist, die in Ka-
pitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführ-
ten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden sind, und dabei von der Situation zum
Zeitpunkt auszugehen ist, in dem Asylsuchende erstmals einen Antrag in
einem Mitgliedstaat gestellt haben (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass der Beschwerdeführer gemäss einem Abgleich seiner Fingerabdrü-
cke mit der «Eurodac»-Datenbank (SEM-act. 7) und seinen eigenen Anga-
ben anlässlich des am 10. Juni 2022 durchgeführten Dublin-Gesprächs
(SEM-act. 14) am 29. beziehungsweise 30. April 2022 über Italien illegal in
das Hoheitsgebiet der Dublin-Mitgliedstaaten gelangte,
dass nach Massgabe des Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO mit der illegalen Ein-
reise über Italien die Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates zur Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens begründet wurde, weil kein
höherrangiges Zuständigkeitskriterium des Kapitels III der Dublin-III-VO
auf einen anderen Mitgliedstaat verweist,
dass die Vorinstanz somit am 23. Mai 2022 zu Recht die italienischen Be-
hörden gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO um Aufnahme des Be-
schwerdeführers ersuchte (SEM-act. 11),
dass die italienischen Behörden das Aufnahmegesuch innert der Frist des
Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO unbeantwortet liessen und damit die Zustän-
digkeit Italiens implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass der Beschwerdeführer die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens nicht
bestreitet, sondern geltend macht, es gebe besondere Gründe für eine
Übernahme der Zuständigkeit durch die Schweiz,
dass es nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts, an der entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers festzuhal-
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ten ist, keine Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Antragstellende in Italien wiesen – trotz punktueller
Schwachstellen – systemische Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2
und 3 Dublin-III-VO auf (vgl. etwa Referenzurteile des BVGer D-4235/2021
vom 19. April 2022 E. 10.1 und F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9),
dass daher eine Übernahme der Zuständigkeit gestützt auf die genannte
Bestimmung nicht angezeigt ist,
dass gemäss Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO jeder Mitgliedstaat abwei-
chend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen kann, einen bei ihm von
einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten Antrag auf in-
ternationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verord-
nung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (sog. Selbst-
eintrittsrecht),
dass Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) das Selbsteintrittsrecht landesrechtlich konkretisiert und es
ins pflichtgemässe Ermessen der Vorinstanz legt, ein Gesuch aus humani-
tären Gründen auch dann zu behandeln, wenn die Prüfung ergeben hat,
dass ein anderer Staat dafür zuständig ist,
dass indessen auf die Ausübung des Selbsteintrittsrechts ein einklagbarer
Anspruch besteht, wenn die Überstellung des Antragstellers in den an sich
zuständigen Mitgliedstaat übergeordnetes Recht, namentlich eine Norm
des Völkerrechts verletzen würde (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2; ferner Urteil
des BVGer E-2851/2021 vom 28.6.2021 E. 8.4.1; je m.H),
dass Italien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) ist, und seinen sich daraus ergebenden völkerrechtlichen
Verpflichtungen nachkommt,
dass auch anzunehmen ist, dieser Staat anerkenne und schütze weiterhin
die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäi-
schen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge-
meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna-
tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni
2013) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen
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für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen
(sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013), ergeben,
dass zwar die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen ein, im Einzelfall widerlegt werden kann, es hierfür aber konkreter und
ernsthafter Hinweise bedarf, die gegebenenfalls vom Betroffenen glaubhaft
darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f),
dass der Beschwerdeführer die Befürchtung äussert, nach einer allfälligen
Überstellung nach Italien müsste er auf der Strasse leben und würde bei
medizinischen Problemen nicht behandelt,
dass sich diese Befürchtungen nicht auf konkrete Erfahrungen oder Vor-
fälle stützen, sondern allein auf einer vom Bundesverwaltungsgericht ab-
weichenden Beurteilung der allgemeinen Lage in Italien beruhen und daher
nicht geeignet sind, die Vermutung einer völker- und gemeinschaftsrechts-
konformen Behandlung durch die italienischen Behörden zu erschüttern,
dass der Beschwerdeführer ferner geltend macht, er werde in Italien durch
sich dort aufhaltende kriminelle Landsleute verfolgt, wobei der Rechtsstaat
in Italien «nicht ausreichend» sei, wie jüngste Ereignisse zeigten,
dass der Beschwerdeführer dabei auf ein Tötungsdelikt an einem nigeria-
nischen Strassenhändler Bezug nimmt, das Ende Juli 2022 im italienischen
Civitanova Marche am helllichten Tag und auf offener Strasse vor zahlrei-
chen Zeugen verübt wurde, über das in den internationalen Medien breit
berichtet werde,
dass dem Beschwerdeführer vorweg entgegenzuhalten ist, dass eine ab-
solute Sicherheit vor Straftaten von keinem Staat auf der Welt garantiert
werden kann,
dass sodann der tragische Einzelfall, auf den der Beschwerdeführer Bezug
nimmt, offensichtlich nicht geeignet ist, die allgemeine Feststellung der
Vorinstanz in Frage zu stellen, wonach Italien ein Rechtsstaat sei, der über
eine funktionierende Polizeibehörde verfügt, die sowohl als schutzwillig wie
auch als schutzfähig gilt und an die sich der Beschwerdeführer wenden
kann, sollte er sich bedroht fühlen,
dass schliesslich die behauptete Gefährdung nicht nachvollziehbar be-
gründet wird und der Sachverhalt anlässlich des Dublin-Gesprächs und im
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Rahmen der als Beilage zur Beschwerde eingereichten persönlichen Stel-
lungnahme in wesentlichen Punkten abweichend geschildert wurde, dem
Beschwerdeführer daher ohnehin nicht geglaubt werden kann,
dass andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben würden, von ihrem
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu
machen, weder geltend gemacht werden noch ersichtlich sind, wobei an
dieser Stelle festzuhalten bleibt, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchen-
den kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszu-
wählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass die Vorinstanz demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten
ist und in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Italien an-
geordnet hat,
dass unter diesen Umständen allfällige Vollzugshindernisse gemäss
Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen sind, da das
Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nicht-
eintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE
2015/18 E. 5.2 m.w.H.),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen ist und die Verfü-
gung der Vorinstanz zu bestätigen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als
gegenstandslos erweist,
dass das sinngemässe Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus den vorste-
henden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen waren, wes-
halb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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