Decision ID: e5a3fbea-2123-55fc-bf19-8683cd3e51cf
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 12. April 2005 zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle des
Kantons St. Gallen an (IV-act. 1). Der behandelnde Dr. med. B._, Facharzt für
Allgemeinmedizin, berichtete am 9. Juni 2005, der Versicherte leide an einem
chronischen Alkoholabusus mit Status nach wiederholten Synkopen, generalisierten
tonisch-klonischen Krampfanfällen und deliranten Zuständen und an einer aethylischen
Hepatopathie. Diese Diagnosen hätten eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Im
gegenwärtigen Zustand komme überhaupt keine Tätigkeit für den Versicherten in
Frage. Unter der Voraussetzung einer vollständigen Alkoholabstinenz wäre dem
Versicherten jede körperlich leichte bis mittelschwere Arbeit, bei der keine grossen
intellektuellen Anforderungen gestellt würden, zumutbar (IV-act. 13). Im Auftrag der IV-
Stelle begutachteten die Dres. med. C._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, und D._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychiatrisches Zentrum E._, den Versicherten am 31. Januar und 14. Februar 2006.
Sie diagnostizierten eine Alkoholabhängigkeit, gegenwärtig (wahrscheinlich) abstinent
(ICD-10: F10.20), bestehend seit ca. 1986, und eine generalisierte Osteoporose (bei
Status nach Tibiaplateaufraktur links, 2002, und Status nach Impressionsfraktur
BWK 6, 11/2004), bestehend seit ca. 2 Jahren. Im Vordergrund der aktuellen
Beschwerden stehe die somatische Einschränkung durch die Osteoporose und den
Status nach Tibiafraktur sowie BWK-Fraktur. Aufgrund des jahrelangen chronischen
Alkoholkonsums hätten sich schon einschneidende körperliche Erkrankungen ergeben,
die den Gesundheitszustand des Versicherten stark beeinträchtigen würden. Für die
bisherige Tätigkeit als Koch bestehe - unter Ausklammerung des primären
Suchtleidens - eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Aktuell könne bezogen auf eine sehr
leichte Tätigkeit von einer maximalen Belastbarkeit von ca. 3 bis 4 Stunden pro Tag
ausgegangen werden, wobei ein geschützter Rahmen indiziert sei (Gutachten vom
20. Februar 2006, IV-act. 22). Auf Anfrage der IV-Stelle vom 5. April 2006 (IV-act. 24)
A.a.
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ergänzte Dr. D._ am 12. April 2006, prinzipiell könne davon ausgegangen werden,
dass eine Tätigkeit im geschützten Rahmen einen sehr positiven Einfluss auf die
Entwicklung der Eingliederungsfähigkeit haben könne. In diesem Sinn beantworte er
die Frage, ob eine Tätigkeit im geschützten Rahmen die Eingliederungsfähigkeit mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit dauerhaft und nachhaltig verbessern werde, mit
«eher ja» (IV-act. 25). RAD-Arzt med. pract. F._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, kritisierte am psychiatrischen Gutachten, dass die darin
vorgenommene Einschätzung der körperlich bedingten Beeinträchtigungen von den
Beurteilungen der somatisch behandelnden Ärzte abweiche. Daher empfahl er eine
Verlaufsbeurteilung bei Dr. B._ einzuholen (Stellungnahme vom 29. Juni 2006, IV-
act. 27). Dieser berichtete am 28. August 2006, die Impressionsfraktur auf der Höhe
von Th 6 und der Status nach Tibiaplateaufraktur links würden eine körperlich
anstrengende Arbeit nicht zulassen. Die Ausübung einer körperlich leichten Arbeit sei
dem Versicherten dagegen ohne weiteres möglich. Die derzeitige Alkoholkarenz habe
sich sehr günstig auf die aethylische Hepatopathie ausgewirkt (IV-act. 29). Daraufhin
zog RAD-Arzt med. pract. F._ den Schluss, es sei kein Gesundheitsschaden
ausgewiesen, der die Arbeitsfähigkeit in invalidenversicherungsrechtlich relevanter
Weise beeinträchtigen würde (Stellungnahme vom 18. September 2006, IV-act. 30).
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (IV-act. 37) wies die IV-Stelle das
Rentengesuch mit Verfügung vom 1. Februar 2007 ab (IV-act. 38). Diese erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
Am 26. Juni 2016 meldete sich der Versicherte bei der IV-Stelle zur Früherfassung
an und führte aus, seit 31. Dezember 2007 mit einem Beschäftigungsgrad von 100%
als Lagermitarbeiter erwerbstätig gewesen zu sein. Aus gesundheitlichen Gründen
(«Rücken, Magen, Depression, Beinschmerzen») sei er seit 2014 wiederholt
arbeitsunfähig gewesen. Am 10. Mai 2016 habe er die Kündigung des
Arbeitsverhältnisses erhalten (IV-act. 41). Der Vertrauensarzt des leistungspflichtigen
Krankentaggeldversicherers, Dr. med. G._, Facharzt für Innere Medizin, berichtete
am 7. August 2016, der Versicherte leide an einer Dekonditionierung bei schlankem
Habitus und Status nach klinisch relevanter Osteoporose mit Impressionsfraktur
BWK 6 8/2003 und an einem Status nach rezidivierender depressiver Stimmungslage
mit Status nach Aethylexzessen 2003, 2004 und 2006. Die aktuelle Tätigkeit als
A.b.
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physisch geforderter Mitarbeiter in der Logistik belaste den Versicherten je länger
desto mehr, was immer wieder zu rezidivierender depressiver Stimmungslage mit
Kompensationsversuchen mittels Aethylkonsums führe. Sie sei ihm nicht mehr
zumutbar. Hingegen könne dem Versicherten eine «mental und physisch gemischte
Tätigkeit» zugemutet werden (fremd-act. 2-3 f.). Der Aufforderung der IV-Stelle vom
26. Juli 2016 (IV-act. 43) folgend reichte der Versicherte am 21. Oktober 2016 eine
Wiederanmeldung zum Leistungsbezug ein (IV-act. 44). Mit der Wiederanmeldung
reichte er u.a. einen Bericht der seit dem Jahr 2012 behandelnden Dr. med. H._,
Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation, vom 18. Oktober 2016 ein,
worin diese ausgeführt hatte, aufgrund der mehrfachen Frakturen der Wirbelsäule sei
die körperliche Belastbarkeit des Versicherten minimal. Zusätzlich bestehe eine
schmerzbedingte Verminderung der Leistungsfähigkeit (IV-act. 47). RAD-Ärztin
Dr. med. I._, Praktische Ärztin, gelangte in der Stellungnahme vom 28. November
2016 unter Bezugnahme auf Berichte aus dem Jahr 2006 zur Auffassung, dass sich der
Gesundheitszustand in einer für die Arbeitsfähigkeit relevanten Weise geändert habe
und weitere Abklärungen angezeigt seien (IV-act. 57).
Am 9. Januar 2017 berichtete die am Psychiatrie-Zentrum J._ seit 16. April 2015
behandelnde Oberärztin Dr. med. K._, der Versicherte leide an einer rezidivierenden
depressiven Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10: F33.0). Ihr lägen keine
Hinweise auf einen fortgesetzten übermässigen Alkoholkonsum vor. Gegenwärtig sei
der Versicherte aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Sicht zu 100% arbeitsfähig.
Allerdings habe sich in der Vergangenheit «eine Instabilität beim Zustand» gezeigt (IV-
act. 60). Infolge einer notfallmässigen Selbstzuweisung mit Erbrechen war der
Versicherte vom 5. bis 9. März 2017 in der Klinik für Innere Medizin am Spital L._
hospitalisiert. Die dort behandelnden medizinischen Fachpersonen führten die
Beschwerden des Versicherten am ehesten auf eine akute Verschlechterung der
alkoholischen Hepatopathie zurück. Am 9. März 2017 sei der Versicherte in gutem
Allgemeinzustand nach Hause entlassen worden (IV-act. 64-8 ff.). RAD-Ärztin Dr. I._
ging in der auf den Akten beruhenden Stellungnahme vom 20. April 2017 davon aus,
dass der Versicherte bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten per sofort über eine
50%ige Arbeitsfähigkeit verfüge, die innerhalb von 2 bis 3 Monaten auf ein Vollpensum
gesteigert werden könne. Die schrittweise Steigerung solle die körperliche
A.c.
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Rekonditionierung nach Umstellung der Opiatmedikation und eine nachhaltige
berufliche Integration fördern (IV-act. 65). Demgegenüber bescheinigte Dr. H._ dem
Versicherten am 30. Mai 2017 eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit für leichte, körperlich
wechselnde Tätigkeiten (IV-act. 72). Am 5. Januar 2018 berichtete sie, der Versicherte
leide an einem myofaszialen Schmerzsyndrom bei muskulärer Dysbalance und
Hypermobilität, einem Cervico- und Lumbovertebralsyndrom bei Osteochondrose und
Spondylophyten der Wirbelsäule, einer Epicondylopathie und an einer Osteoporose mit
Impressionsfrakturen BWK 2-6. Je nach Belastungsprofil sei ihm eine
leidensangepasste Tätigkeit für 2 bis 4 Stunden zumutbar (IV-act. 78).
Die am Psychiatrie-Zentrum J._ behandelnden medizinischen Fachpersonen
führten im Verlaufsbericht vom 30. Januar 2018 aus, der Versicherte leide an einer
rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10: F33.0), und
an einer anhaltenden Schmerzstörung (ICD-10: F45.4). Das psychische Zustandsbild
hänge stark von den subjektiv erlebten somatischen Schmerzen ab. Deshalb sei eine
Prognose auch von der somatischen Situation abhängig. Bereits seit längerer Zeit
scheine keine deutliche Verbesserung (oder Verschlechterung) einzutreten, weshalb
nicht von einer deutlichen Zustandsveränderung ausgegangen werden könne. Die im
Gegensatz zum Beginn der Therapie 2015 stark ausgeprägte depressive Symptomatik
habe sich mittlerweile reduziert und mache einen stabilen Eindruck (IV-act. 81).
A.d.
Dr. med. M._, Facharzt für Allgemeinmedizin, in dessen Behandlung der
Versicherte seit 1. Januar 2009 stand, bescheinigte für leidensangepasste Tätigkeiten
eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (Bericht vom 9. April 2018, IV-act. 84).
A.e.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 20. Juli, 11. und 28. September
2018 in der estimed AG, Zug, polydisziplinär (allgemeininternistisch, rheumatologisch
und psychiatrisch) begutachtet. Die Gutachter und die Gutachterin stellten folgende
Diagnosen, denen sie eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beimassen: eine
vorbekannte schwere Osteoporose mit alten Impressionsfrakturen BWK 2-6; ein
chronisches Cerviko- und Lumbovertebralsyndrom sowie «MRI BWS 11/18» mit Status
nach mehreren Wirbelkörpersinterungen in der oberen BWS (BWK 6), jeweils mit
Hinterkantenbeteiligung, ohne Beteiligung des Spinalkanals. Ohne eine Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit seien u.a. die bestehende Alkoholkrankheit mit aktuellem
A.f.
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B.
Alkoholmissbrauch und ein Status nach depressiver Episode. Aus rheumatologischen
Gründen wurde dem Versicherten bezogen auf die bisherige Tätigkeit als Lagerist eine
100% Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Für leidensangepasste Tätigkeiten wurde dem
Versicherten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bescheinigt. Diese Einschätzung gelte auch
retrospektiv seit dem 1. Februar 2007. Aus rein psychiatrischer Sicht erscheine es
rückblickend möglich, dass in der Vergangenheit zwischenzeitliche
(Teil-)Arbeitsunfähigkeiten aufgrund von depressiven Phasen bestanden haben
könnten, was allerdings nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden könne. Es bestehe
eine primäre und damit versicherungspsychiatrisch nicht relevante
Abhängigkeitserkrankung (Gutachten vom 19. November 2018, IV-act. 97,
insbesondere IV-act. 97-13 f. und IV-act. 97-16 f.). RAD-Ärztin Dr. I._ hielt die
gutachterliche Beurteilung für konklusiv und widerspruchsfrei (Stellungnahme vom
26. November 2018, IV-act. 98).
Am 26. November 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass das
Leistungsbegehren hinsichtlich beruflicher Massnahmen abgewiesen werde (IV-
act. 101).
A.g.
Auf der Grundlage einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten ermittelte die IV-Stelle einen 6%igen Invaliditätsgrad und wies das
Rentengesuch nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (IV-act. 104) mit Verfügung
vom 8. April 2019 ab (IV-act. 105).
A.h.
Gegen die Verfügung vom 8. April 2019 erhob der Beschwerdeführer am 24. Mai
2019 Beschwerde. Er beantragte deren Aufhebung und sinngemäss die Ausrichtung
einer Invalidenrente. Zur Begründung brachte er im Wesentlichen vor, dass er aufgrund
seiner körperlichen Leiden nicht arbeitsfähig sei. Ausserdem finde er aufgrund seines
Alters keine Stelle mehr (act. G 3.1). Der Beschwerde legte er ein ärztliches Attest von
Dr. H._ vom 9. Mai 2019 bei, worin diese den Standpunkt vertrat, dass für den
Beschwerdeführer eine leichte körperliche Tätigkeit bei chronischem Alkoholkonsum
nicht umsetzbar sei (act. G 3.2).
B.a.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Nachfolgend zu prüfen ist das mit der Wiederanmeldung vom 21. Oktober 2016
gestellte Rentengesuch des Beschwerdeführers (IV-act. 44).
Die Beschwerdegegnerin beantragte in der Beschwerdeantwort vom 4. Juli 2019
die Abweisung der Beschwerde. Im Wesentlichen vertrat sie den Standpunkt, dass die
polydisziplinäre gutachterliche Arbeitsfähigkeitsbeurteilung überzeugend und gestützt
darauf zu Recht ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad ermittelt worden sei. Die
Alkoholsucht sei als primär einzustufen und daher bei der Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit ausser Acht zu lassen. Die Verwertbarkeit der 100%igen
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten sei zu bejahen, da dem
Beschwerdeführer im massgebenden Zeitpunkt der gutachterlichen Beurteilung
immerhin noch fünfeinhalb Jahre bis zum Erreichen des ordentlichen AHV-Rentenalters
verblieben seien. Weitere Einschränkungen, die gegen die Verwertbarkeit sprechen
würden, seien weder ersichtlich noch vorgebracht worden (act. G 7).
B.b.
Am 22. August 2019 wurde dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten) für das Verfahren vor dem
Versicherungsgericht entsprochen (act. G 10).
B.c.
Der Beschwerdeführer verzichtete stillschweigend auf eine Replik (act. G 14).B.d.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
1.1.
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2.
Zunächst ist zu prüfen, ob der medizinische Sachverhalt mit dem polydisziplinären
estimed-Gutachten vom 19. November 2018 (IV-act. 97) spruchreif abgeklärt wurde.
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 Satz 1 IVG).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der
medizinischen Fachpersonen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines medizinischen Berichts ist entscheidend, ob er für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a).
1.4.
Es ist nicht ersichtlich und ergibt sich namentlich auch nicht aus der
Stellungnahme von Dr. H._ vom 9. Mai 2019 (act. G 3.2), dass die Gutachter und die
2.1.
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Gutachterin der estimed AG bei ihrer Expertise objektiv relevante Gesichtspunkte
ausser Acht gelassen hätten.
Hinsichtlich der Alkoholthematik gilt es zu beachten, dass das Bundesgericht mit
BGE 145 V 215 vom 11. Juli 2019 die bisherige Rechtsprechung, wonach primäre
Abhängigkeitssyndrome bzw. Substanzkonsumstörungen zum Vornherein keine
invalidenversicherungsrechtlich relevanten Gesundheitsschäden darstellen konnten
und ihre funktionellen Auswirkungen deshalb keiner näheren Abklärung bedurften,
fallen gelassen hat. Es hat entschieden, dass fortan - gleich wie bei allen anderen
psychischen Erkrankungen - auf der Grundlage eines strukturierten Beweisverfahrens
(Standardindikatorenprüfung) nach BGE 141 V 281 zu ermitteln ist, ob und
gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyndrom
im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person auswirkt. Dabei kann und
muss im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens insbesondere dem Schweregrad
der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden. Aus Gründen der
Verhältnismässigkeit kann immerhin dort von einem strukturierten Beweisverfahren
abgesehen werden, wo es nicht nötig oder geeignet ist. Es bleibt daher etwa dann
entbehrlich, wenn für eine - länger dauernde (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG) -
Arbeitsunfähigkeit nach bestehender Aktenlage keine Hinweise bestehen oder eine
solche im Rahmen beweiswertiger fachärztlicher Berichte in nachvollziehbar
begründeter Weise verneint wird und allfälligen gegenteiligen Einschätzungen mangels
fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen Gründen kein Beweiswert beigemessen
werden kann (BGE 145 V 228 E. 6.3 und E. 7). Diese neue Rechtsprechung ist auf alle
im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des
Bundesgerichts vom 6. Oktober 2020, 9C_845/2019, E. 2) und somit auch im
vorliegenden Fall massgebend.
2.2.
Das estimed-Gutachten wurde am 19. November 2018 ausgefertigt und erging
noch vor der bundesgerichtlichen Praxisänderung. Der psychiatrische estimed-
Gutachter charakterisierte die Abhängigkeitserkrankung des Beschwerdeführers als
primär und sprach ihr in Nachachtung der damaligen bundesgerichtlichen Praxis aus
versicherungspsychiatrischer Sicht eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ab (siehe
etwa IV-act. 97-16 unten). Dieser Umstand begründet für sich allein betrachtet
allerdings noch keinen weiteren medizinischen Abklärungsbedarf. Gemäss altem
Verfahrensstandard eingeholte Gutachten verlieren nämlich nicht per se ihren
Beweiswert. Vielmehr ist im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls mit
seinen spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rügen entscheidend, ob ein
abschliessendes Abstellen auf die vorhandenen Beweisgrundlagen vor Bundesrecht
2.2.1.
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standhält. In sinngemässer Anwendung der nunmehr materiell-beweisrechtlich
geänderten Anforderungen ist in jedem einzelnen Fall zu prüfen, ob das medizinische
Gutachten - gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fachärztlichen Berichten - eine
schlüssige Beurteilung im Licht der massgeblichen Indikatoren erlaubt oder nicht. Je
nach Abklärungstiefe und -dichte kann zudem unter Umständen eine punktuelle
Ergänzung genügen (BGE 141 V 309 E. 8 und Urteil des Bundesgerichts vom
6. Oktober 2020, 9C_845/2019, E. 2).
Von Bedeutung ist vorweg, dass das polydisziplinäre Gutachten (siehe etwa IV-
act. 97-124 f.), insbesondere der psychiatrische Gutachtensteil, eine
Auseinandersetzung mit dem Alkoholkonsum des Beschwerdeführers und insgesamt
eine Beurteilung anhand der sogenannten Standardindikatoren enthält. So fand denn
auch die Abhängigkeitserkrankung in die psychiatrische Konsistenz- und
Plausibilitätsbeurteilung Eingang (IV-act. 97-139). Zudem gehen aus der Untersuchung
durch den psychiatrischen estimed-Gutachter keine Hinweise für das Bestehen von
alkoholsuchtbedingten gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Sinn von Art. 7 Abs. 2
ATSG hervor. Insbesondere wurden keine kognitiven Defizite festgestellt (siehe IV-
act. 97-132). Im Gegensatz zur allgemeininternistischen Begutachtung vom 20. Juli
2018, bei der ein Alkoholspiegel von 2.1 Promille gemessen worden war (IV-act. 97-58),
präsentierte sich der Beschwerdeführer bei der psychiatrischen Begutachtung am
11. September 2018 nicht in einem alkoholisierten Zustand. Vielmehr zeigte die
dannzumal durchgeführte Laboruntersuchung, dass er in den vorausgegangenen
72 Stunden wohl alkoholabstinent gewesen war (IV-act. 97-134 oben). In damit zu
vereinbarender Weise lässt sich den Akten entnehmen, dass der Beschwerdeführer
zwar phasenweise einen Alkoholexzess betrieb, dieser aber nicht von dauerhafter Natur
war und über die mit dem Rausch unmittelbar verbundenen Folgen hinaus zu keiner
dauerhaften psychischen Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit führte. So hielten
auch die medizinischen Fachpersonen des Psychiatrie-Zentrums J._ im Bericht vom
9./11. Januar 2017 fest, dass keine Hinweise auf einen fortgesetzten übermässigen
Alkoholkonsum vorliegen würden (IV-act. 60). Weder darin noch im Bericht vom
23. Juni 2016 (fremd-act. 2-6 ff.) massen sie dem Alkoholkonsum des
Beschwerdeführers eine Bedeutung zu. Aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Sicht
verneinten sie zudem eine Arbeitsunfähigkeit. Aus dem Verlaufsbericht vom 30. Januar
2018 ergibt sich nichts Anderes (IV-act. 81-2 f.). Auch Dr. M._ sprach im Bericht vom
13. Juni 2016 lediglich von einem «zeitweisen Alkoholüberkonsum», der mehrfach zu
Spitalaufenthalten geführt habe (fremd-act. 2-9). Bei der Hospitalisation im Spital L._
vom 15. bis 26. September 2016 wurde eine Entzugstherapie mit Seresta erfolgreich
2.2.2.
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durchgeführt (Alkoholspiegel bei Eintritt: 3.09 Promille, IV-act. 64-5). Ebenso zeigte sich
bei einer weiteren Hospitalisation im Spital L._ vom 5. bis 9. März 2017, dass der
Beschwerdeführer unter der Entzugstherapie mit Seresta gut führbar gewesen sei und
in gutem Allgemeinzustand habe entlassen werden können (Alkoholspiegel bei Eintritt
0.88 Promille, IV-act. 64-8 f.). Bei der vom 9. bis 12. November 2017 wegen langsam
progredienter Bauchschmerzen erfolgten Hospitalisation im Spital N._ zeigten sich
keine starken Entzugssymptome (IV-act. 84-7). Dr. G._ legte ausserdem plausibel
dar, dass es sich beim Aethylkonsum des Beschwerdeführers um
Kompensationsversuche im Zusammenhang mit der depressiven Stimmungslage
gehandelt habe (fremd-act. 2-4; zu den Kompensationsbedürfnissen des
Beschwerdeführers siehe auch fremd-act. 2-3; zum stimmungsabhängigen
Alkoholkonsum siehe auch IV-act. 22-4 und IV-act. 97-124 f.). Eine dauerhafte
Alkoholabhängigkeit von besonderer Schwere ist nicht ausgewiesen. Unter diesen
Umständen erscheint die gutachterliche Schlussfolgerung im Ergebnis überzeugend,
dass aus psychiatrischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit besteht. Diese Einschätzung
gilt umso mehr, als nicht die Folgen des zeitweisen Alkoholüberkonsums, sondern die
somatischen Beschwerden im vom Beschwerdeführer beklagten Leidensbild im
Vordergrund stehen (siehe hierzu etwa IV-act. 42-25, IV-act. 47-1, IV-act. 97-123 und
act. G 3.1). Zudem ist weder ersichtlich noch dargetan, dass es dem Beschwerdeführer
- bei entsprechender Motivation - an ausreichender Willenskraft zu einem mit einer
Erwerbstätigkeit zu vereinbarenden Umgang mit Alkohol fehlen würde. Vielmehr gab
der Beschwerdeführer selbst an, dass er den Wunsch habe, keinen Alkohol zu
konsumieren, und dass ihm dies nicht schwerfallen würde (IV-act. 97-125).
Dr. H._ erwähnte in ihrem ausführlich begründeten ärztlichen Attest vom
18. Oktober 2016 keine Alkoholproblematik bzw. mass einer solchen keine Bedeutung
zu (IV-act. 47). Nichts Anderes gilt mit Blick auf den Bericht vom 5. Januar 2018. Erst
im Rahmen der Medikation erwähnte sie (lediglich) einen Status nach Alkoholabusus
(IV-act. 78-4), was zumindest gegen einen andauernden Überkonsum oder eine
dauerhafte ausgeprägte Abhängigkeit spricht. Dass Dr. H._ erstmals in der
Stellungnahme vom 9. Mai 2019 einem chronischen Alkoholkonsum bzw. einer
alkoholischen Polyneuropathie mit neuropathischen Schmerzen eine erhebliche
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit einräumt (act. G 3.2), steht mit ihren eigenen
früheren Berichten sowie der übrigen Aktenlage im Widerspruch. Ohnehin scheint die
von ihr bescheinigte vollständige Arbeitsunfähigkeit im Wesentlichen auf einer
vorbehaltlosen Übernahme der Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers zu
beruhen, was auch in ihrer ausdrücklich erwähnten Unterstützung der Anfechtung der
2.2.3.
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3.
Wie die Beschwerdegegnerin zutreffend ermittelte (act. G 7, III. Rz 4), verblieb dem
Beschwerdeführer im für die Beurteilung der Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit
massgebenden Zeitpunkt noch eine berufliche Aktivitätsdauer von 5 Jahren. Zwar führt
dieses fortgeschrittene Alter zu einer Erschwernis in der Stellensuche. Angesichts der
100%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten und der nicht allzu
restriktiven qualitativen Anforderungen an eine körperlich leichte Tätigkeit (IV-
act. 97-16 f.) ist die Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit bezogen auf einen
ausgeglichenen Arbeitsmarkt aber dennoch zu bejahen, zumal keine langjährige
Abwesenheit vom Arbeitsmarkt vorliegt.
4.
Auf der Grundlage einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
kann die Vornahme eines konkreten Einkommensvergleichs offenbleiben, da der
Beschwerdeführer als Gesunder im Vergleich zu den statistischen Hilfsarbeiterlöhnen
keine überdurchschnittlichen Verdienste erzielte (vgl. IV-act. 52) und ein
Prozentvergleich selbst mit einem höchstzulässigen 25%igem Tabellenlohnabzug
Verfügung vom 8. April 2019 zum Ausdruck kommt (act. G 3.2 am Schluss). Eine
objektive Konsistenz- und Ressourcenprüfung ist jedenfalls nicht erkennbar. Ihre
abweichende Einschätzung der Arbeitsfähigkeit vermag folglich die gutachterliche
Beurteilung nicht in Zweifel zu ziehen, zumal sie auch nicht ohne weiteres mit dem
doch noch recht aktiven Alltag des Beschwerdeführers (etwa Teilnahme an
Gymnastikgruppe und Massagen, Erledigung administrativer Belange, Lesen,
Beschäftigung «mit dem PC», mehrstündige Spaziergänge und teilweise Mithilfe bei der
Erledigung von Haushaltsarbeiten, IV-act. 97-129 und IV-act. 97-53) in Einklang zu
bringen ist.
Bei der Würdigung des estimed-Gutachtens fällt weiter ins Gewicht, dass es auf
umfassenden, polydisziplinären Untersuchungen beruht, die Vorakten miteinbezieht,
eine schlüssige Konsistenz- und Ressourcenprüfung beinhaltet und die Beurteilungen
des Gesundheitszustands sowie der Arbeitsfähigkeit einleuchten. Gestützt darauf ist
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
im für den mit der Wiederanmeldung geltend gemachten Rentenanspruch
massgebenden Zeitraum für leidensangepasste Tätigkeiten über eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit verfügt (IV-act. 97-16 f.).
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
offensichtlich zu keinem rentenbegründenden Invaliditätsgrad von mindestens 40%
führen würde.
5.