Decision ID: ea2dfdd0-c08d-5c4a-bdc8-c4d575a6a9ba
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Eigenen Angaben zufolge verliess A._ (nachfolgend: der Be-
schwerdeführer), ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie, aus
der Provinz B._ stammend, ungefähr im Sommer 2016 sein Hei-
matland. Am 23. November 2016 reiste er in die Schweiz ein und stellte
gleichentags ein Asylgesuch.
Am 30. November 2016 wurde der Beschwerdeführer im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) in C._ zu seiner Person, zu seinem Rei-
seweg und summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Per-
son [BzP]). Am (...) April 2017 fand die Bundesanhörung zu den Asylgrün-
den statt.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen vor, er sei ledig, stamme aus D._ und habe dort bis
Ende 2014 mit seinen Eltern gelebt. Nach seinem Maturaabschluss habe
er gelegentlich als Bauarbeiter gearbeitet oder bei der Pistazienernte aus-
geholfen. Nach dem Leisten seines Militärdienstes – 2011 oder 2012 – sei
er für kurze Zeit Mitglied des Jugendflügels der HDP (Halkların Demokratik
Partisi [Demokratische Partei der Völker]) gewesen. Obwohl er diese Tä-
tigkeit lediglich im Geheimen und ohne Wissen der heimatlichen Behörden
ausgeführt habe, habe er nach kurzer Zeit aufgehört, sich dort weiter zu
engagieren, da er Angst vor staatlichen Repressionen gehabt habe.
Im Jahr 2014 sei er von den türkischen Behörden unter Druck gesetzt wor-
den, weil er Kontakte zur PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê [Arbeiterpartei
Kurdistans]) gehabt habe. Zudem sei er ständig wegen seines Bruders
E._ (N ...) und seines Onkels F._ (N ...), welche beide Mit-
glieder der PKK gewesen seien, durch die Behörden beschattet worden.
Er habe kein soziales Leben mehr führen können. Er sei mehrmals vom
türkischen Militär festgenommen und befragt worden. Ungefähr ein Jahr
bevor er sich selber der PKK angeschlossen habe, sei er anlässlich der
Geburtstagsfeier von Abdullah Öcalan ("Serok"), an welcher er teilgenom-
men habe, festgenommen und vom lokalen Polizeikommandanten unter
Androhung mit dem Tod unter Druck gesetzt worden, sich als Spitzel zu
betätigen, wobei er Informationen im Zusammenhang mit seiner früheren
Mitgliedschaft bei den HDP hätte liefern sollen. Zudem sei er mehrmals
wegen seines Bruders und seines Onkels befragt worden.
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Schliesslich habe er sich Ende 2015 entschlossen, für die PKK aktiv zu
werden. Nach einer knapp dreimonatigen Ausbildung in einem Camp in der
Nähe von G._ sei er aufgefordert worden, die YPG (Yekîneyên Pa-
rastina Gel [Kurdische Volksverteidigungseinheiten]) zu unterstützen und
nach Syrien zu reisen, wo er sich aktiv an den Kämpfen beteiligt, aber auch
in der Logistik gearbeitet habe. Er habe das kurdische Volk verteidigt und
gegen den Islamischen Staat (IS) in H._, I._, J._ so-
wie anderen Orten gekämpft. Seit er nach einem Selbstmordattentat die
Leichenteile von drei Freunden, welche bei diesem Anschlag ums Leben
gekommen seien, habe einsammeln müssen, habe er sich sehr schlecht
gefühlt. Er habe immer wieder erbrechen müssen und sei ständig ohn-
mächtig geworden. Seither leide er unter Einschlafschwierigkeiten und Ver-
dauungsbeschwerden. Ungefähr einen Monat nach diesem Erlebnis – im
Oktober 2016 – habe er sich von der YPG getrennt und sei über den Irak
nach K._ gelangt, wo er seine Eltern kontaktiert und seine Ausreise
organisiert habe. In der Folge sei bei seiner Familie mehrmals nach ihm
gefragt worden und es sei zu ein bis zwei Hausdurchsuchungen gekom-
men.
Er legte ein Bestätigungsschreiben betreffend seine Mitgliedschaft bei der
Bezirkspartei BDP (Partiya Aştî û Demokrasiyê [Partei des Friedens und
der Demokratie]) in L._ vom (...) April 2017 sowie eine Kopie seines
Maturadiploms ins Recht.
Auf die weiteren Ausführungen des Beschwerdeführers wird, soweit we-
sentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.
Mit Verfügung vom 27. Februar 2018 – eröffnet am 28. Februar 2018 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an.
D.
Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
3. April 2018 die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an
und beantragte, die Verfügung sei aufzuheben und ihm sei Asyl zu gewäh-
ren. Eventualiter sei er vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht
ersuchte er um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses.
D-1935/2018
Seite 4
E.
Mit Zwischenverfügung vom 10. April 2018 hiess die damalige Instruktions-
richterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
unter der Voraussetzung der Nachreichung einer Fürsorgebestätigung gut
und setzte dem Beschwerdeführer eine Frist, um entweder eine solche ein-
zureichen oder einen Kostenvorschuss zu zahlen.
F.
Der Kostenvorschuss ging am 24. April 2018 bei der Gerichtskasse ein.
G.
Mit Verfügung vom 30. April 2018 wurde das SEM eingeladen, eine Ver-
nehmlassung einzureichen.
H.
Die Vorinstanz ging mit ihrer Vernehmlassung vom 7. Mai 2018, welche
dem Beschwerdeführer am 8. Mai 2018 zur Kenntnis gebracht wurde, auf
die in der Beschwerde zitierten Berichte über die allgemeine Lage in der
Türkei ein und wies auf die Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers hin.
Ansonsten hielt sie an ihren Erwägungen fest.
I.
Mit Replik vom 22. Mai 2018 nahm der Beschwerdeführer – handelnd
durch seinen Rechtsvertreter – Stellung.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Januar 2020 erhielt der Beschwerdeführer
die Gelegenheit, allfällige Ergänzungen anzubringen oder weitere Beweis-
mittel einzureichen.
K.
Mit Eingabe vom 21. Februar 2020 teilte der Beschwerdeführer mit, er ver-
füge über keine neuen Beweismittel und habe keine Ergänzungen anzu-
bringen.
L.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren auf die
im Rubrum aufgeführte vorsitzende Richterin umgeteilt.
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Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das
SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vor-
instanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende
Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwal-
tungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei
Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die be-
schwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 [AsylG; SR 142.31], Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgeset-
zes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG; SR 173.110]). Eine
solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmungen gilt für das
vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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Seite 6
3.
3.1 Im vorliegend zu beurteilenden Fall ist zunächst umstritten, ob die
Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
verneint und sein Asylgesuch abgelehnt hat.
3.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz im Wesentlichen
an, dass sie am Wahrheitsgehalt der gesamten Vorbringen des Beschwer-
deführers zweifle, da seine Aussagen oberflächlich und teilweise wider-
sprüchlich ausgefallen seien. Deshalb könne auf die Prüfung der Asylrele-
vanz verzichtet werden.
Der Beschwerdeführer habe trotz mehrmaliger Aufforderung, ausführlich
zu berichten, nur kurzangebunden und oberflächlich zu den ihm gestellten
Fragen geantwortet. Seine Schilderungen im Zusammenhang mit seinen
angeblichen Problemen mit den türkischen Behörden in seinem Heimat-
dorf, dem Anschluss an die PKK sowie seinem Einsatz in Syrien würden
jeglicher subjektiven Prägung entbehren. So sei er bei Detailfragen zu den
Vorbringen immer wieder abgeschweift und habe mehrmals wiederholt,
dass er sich aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse in Syrien nicht mehr
an Einzelheiten erinnern könne, was angesichts der fehlenden Komplexität
der ihm gestellten Fragen nicht überzeuge und zum Schluss führe, er habe
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Seite 7
die dargelegten Ereignisse nicht selber erlebt. Weiter sei es zu verschie-
denen Widersprüchen gekommen. So habe er anlässlich der BzP erklärt,
sich fünf oder sechs Monate vor seinem Anschluss an die PKK Ende des
Jahres 2014 für den Jugendflügel der BDP engagiert zu haben, wohinge-
gen er in der Bundesanhörung angegeben habe, in den Jahren 2011 oder
2012 kurzzeitig Mitglied der HDP gewesen und erst Ende des Jahres 2015
zur PKK gestossen zu sein. Auf diese inhaltlichen und zeitlichen Wider-
sprüche angesprochen, habe er lediglich eine stereotype Erklärung, er
könne sich nicht mehr an Einzelheiten erinnern, geben können. Ferner
ergäben sich Zweifel an seinen politischen Aktivitäten und das hierzu er-
brachte Bestätigungsschreiben der Partei widerspreche seinen Aussagen.
Weiter weise dieses Dokument keine fälschungssicheren Merkmale auf,
weshalb der Beweiswert als unzureichend zu betrachten sei. Schliesslich
habe es Widersprüche zu den Ortschaften, in welchen er in Syrien ge-
kämpft habe, gegeben und auch die Schilderungen zur erwähnten Anzahl
von Kämpfen, an welchen er teilgenommen habe, seien in der BzP anders
als in der Anhörung ausgefallen. Ausserdem habe er einmal erklärt, sein
Vater sei im Zeitpunkt seiner Ausreise Dorfschützer gewesen, wobei er ein
anderes Mal dargelegt habe, sein Vater sei bis ungefähr 2006 in dieser
Position gewesen und anschliessend pensioniert worden. Weiter über-
zeuge seine Aussage, er sei von im Dorf ansässigen Agenten der AKP
(Adalet ve Kalkınma Partis [Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung]) ver-
raten worden, nicht, da diese Begründung zu wenig stichhaltig ausgefallen
sei.
Ferner sei auch die geltend gemachte Reflexverfolgung zu bezweifeln, da
seine Darlegungen auch zu diesem Punkt lediglich oberflächlich und vage
ausgefallen seien. Aus den Aussagen zu seinen mehrmaligen Verhaftun-
gen gehe hervor, dass er nicht gezielt und jeweils nur kurz von den türki-
schen Behörden gefangen genommen worden sei und nicht, wie er ver-
sucht habe darzulegen, unzählige Male verhaftet worden sei. Seinen Aus-
sagen sei nicht zu entnehmen, inwiefern er wegen seines Bruders und sei-
nes Onkels erst rund acht respektive neun Jahre nach deren Einreise in
die Schweiz selber ins Visier der Behörden geraten sein soll und weshalb
nur er, und nicht auch seine in der Türkei wohnhaften Familienmitglieder,
behelligt worden sei. Zudem habe er widersprüchliche Angaben zu seinen
Identitätspapieren gemacht, welche auch nach Nachfragen durch seine Er-
klärungen nicht hätten entkräftet werden können. Vielmehr sei davon aus-
zugehen, dass er den schweizerischen Asylbehörden Angaben zu seiner
Reiseroute und den dabei verwendeten Ausweisdokumenten verheimli-
chen wolle.
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Seite 8
Schliesslich sei eine Wegweisung in die Türkei auch nach dem Militär-
putschversuch vom Juli 2016 zumutbar, da keine Situation allgemeiner Ge-
walt herrsche. Zudem gelte für ihn als türkischen Staatsangehörigen die
Niederlassungsfreiheit und er könne an jedem beliebigen Ort in seinem
Heimatland wohnen. Sein in M._ lebender Bruder sowie seine wei-
teren in der Türkei wohnhaften Verwandten könnten ihn bei der Reintegra-
tion unterstützen. Angesichts seiner Ausbildung sowie seiner mehrjährigen
Arbeitserfahrung in verschiedenen Sektoren könne davon ausgegangen
werden, dass er eine Anstellung finden und für seinen Lebensunterhalt auf-
kommen könne. Schliesslich sei eine Wegweisung in sein Heimatland auch
vor dem Hintergrund seiner psychischen Probleme zumutbar, da der türki-
sche Staat über einen guten medizinischen Standard verfüge und es ihm
möglich sei, sich gegebenenfalls dort in Behandlung zu begeben.
4.2 Bezüglich der ihm vorgeworfenen knappen Aussagen hielt der Be-
schwerdeführer in seiner Beschwerde entgegen, er weise einen tendenziell
wortkargen Charakter auf und habe aufgrund seiner Erfahrungen gelernt,
sich nicht in detaillierter oder in persönlicher Weise vor Behörden zu äus-
sern, insbesondere gelte diese Angst gegenüber für ihn fremden Behör-
den. Seine kurzen, jedoch authentischen Antworten seien vor diesem Hin-
tergrund zu betrachten. Auch sei das Erlebte für ihn immer noch schmerz-
haft und es falle ihm schwer, sich erneut mit diesen Erlebnissen auseinan-
dersetzen zu müssen, weshalb es von der Vorinstanz falsch sei zu glau-
ben, es fehle an Realkennzeichen. Zu den angeblichen Widersprüchen sei
es gekommen, weil er während der BzP aufgefordert worden sei, sich kurz
zu halten und sich erst in der Bundesanhörung detailliert zu äussern, was
er angesichts seiner stimmigen Aussagen auch gemacht habe. In Bezug
auf den Widerspruch zu seiner Mitgliedschaft bei einer politischen Partei
sei klarzustellen, dass es zwischen der BDP und der HDP zu grossen per-
sonellen Überschneidungen komme und im Alltag beide Abkürzungen in
synonymer Weise verwendet würden. Dem Einwand der Vorinstanz, das
Bestätigungsschreiben seiner Mitgliedschaft bei der BDP sei nicht fäl-
schungssicher, sei zu widersprechen, da es in der Natur der Sache liege,
dass dieses Dokument über keine Sicherheitsmerkmale verfüge. Weiter
seien die Vorwürfe bezüglich der Angaben zu den Orten, in welchen er in
Syrien gekämpft habe, nicht widersprüchlich, sondern seien als beispiel-
hafte Aufzählungen zu verstehen. Es sei im Gegenteil als Realkennzeichen
zu werten, dass er in den beiden Anhörungen nicht genau dieselben Orte
erwähnt habe.
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Im Zusammenhang mit seiner geltend gemachten Reflexverfolgung sei an-
zumerken, dass es zwar durchaus verständlich sei, wenn die Vorinstanz
Zweifel habe, dass er erst nach einer solch langen Zeitspanne von den
Behörden gesucht worden sei. Es sei jedoch darauf hinzuweisen, dass das
Vorgehen der türkischen Behörden unberechenbar sei und entsprechende
Verfolgungen mit grosser zeitlicher Verzögerung erfolgen könnten.
Schliesslich habe er mit bestem Wissen und Gewissen von seiner Flucht-
route erzählt, weshalb auch hier nicht von einer Unglaubhaftigkeit der dies-
bezüglichen Angaben ausgegangen werden dürfe.
Insgesamt habe er seine Asylvorbringen glaubhaft dargelegt und ihm
würde bei einer Rückkehr in sein Heimatland eine konkrete und akute Ver-
folgung an Leib und Leben drohen. Die erwähnten Tatsachen sowie die
allgemeine Gewalt gegenüber Kurden in der Türkei werde mit den in der
Beschwerde zitierten Ausschnitten der Berichte von Amnesty International
und Humanrights zusätzlich untermauert.
4.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz fest, dass die in der Be-
schwerde zitierten Berichte über die allgemeine Lage in der Türkei auf-
grund fehlenden Zusammenhangs zum Beschwerdeführer ungeeignet
seien, seine individuelle Gefährdung zu begründen. Zudem könne die
mangelnde Substanz seiner Aussagen nicht auf seine traumatischen Er-
lebnisse zurückgeführt werden. Schliesslich würden seine Erklärungen zu
den Widersprüchen nicht überzeugen.
4.4 In seiner Replik wies der Beschwerdeführer erneut darauf hin, dass er
anlässlich der BzP angehalten worden sei, nur das Wesentliche zu nennen,
weshalb er sich an diese Weisung gehalten habe. Schliesslich habe er sich
während der Bundesanhörung in einer Stresssituation befunden, insbeson-
dere, weil er bisher in seinem Heimatland nur schlechte Erfahrungen mit
Behörden gemacht habe und er deshalb aus Angst nur wenig von sich
preisgegeben habe. Seine Aussagen seien sehr wohl glaubhaft und wahr.
5.
5.1 In einem ersten Schritt ist die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Be-
schwerdeführers zu prüfen.
5.2 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend
substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in
vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich
sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder
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der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asyl-
suchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere
dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann,
wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im
Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet
nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit-
wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuch-
stellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Ge-
richt von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für
wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftma-
chung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.3 Die von der Vorinstanz als substanzlos und widersprüchlich erachteten
Schilderungen zum Anschluss des Beschwerdeführers an die PKK respek-
tive die YPG sowie zur anschliessenden Ausbildung und den darauffolgen-
den Einsätzen in Syrien qualifiziert das Bundesverwaltungsgericht grund-
sätzlich als glaubhaft. Auf den ersten Blick wirken seine Erläuterungen
zwar tatsächlich eher kurzangebunden, in Anbetracht des gesamten Pro-
tokolls ist jedoch festzustellen, dass er sich trotz der Kürze seiner Aussa-
gen klar ausdrückte, wobei hervorzuheben ist, dass keine Übertreibungen
ersichtlich sind, welche darauf hindeuten würden, er wolle seine Erlebnisse
aufbauschen. So schilderte er prägnant und informativ seine erste Begeg-
nung, seinen Anschluss an die YPG und die anschliessende Wanderung in
die Berge (vgl. act. A17/32, F105-120). Insbesondere fällt auf, wie er hierzu
Nebensächliches erwähnte und anschaulich beschrieb, wie er vor dem
Erstkontakt mit Mitgliedern der YPG anhand von Handyanrufen und dem
Leuchten mit Taschenlampen nach N._ zu einem Treffpunkt gelotst
wurde (vgl. act. A17/32, F110 ff.). Eindrücklich wirkt auch seine Schilde-
rung, wie seine beiden Kontaktpersonen umgehend nach seinem Eintref-
fen sein Handy zerstört haben, um eine allfällige Lokalisierung seines Stan-
dortes zu vermeiden (vgl. act. A17/32, F112). Sodann sind seine persönli-
chen Überlegungen zum Anschluss sowie zum Ausstieg bei der PKK als
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Seite 11
Realkennzeichen zu werten (vgl. act. A17/32, F111, F113, F123, F160).
Weiter beschrieb er anschaulich, wie er ein Tagebuch mit Fotos führte, die-
ses jedoch bei der Überquerung der türkischen Grenze aus Sicherheits-
gründen habe vernichten müssen (vgl. act. A17/32, F161). Ebenso ein-
drücklich und mit persönlichen Emotionen versehen erzählte er, wie stolz
er gewesen sei, für den Kampf in Syrien auserwählt worden zu sein (vgl.
act. A17/32, F179). Ferner legte er lebensnah dar, wie er den Verlust von
drei seiner Freunde bei einem Selbstmordanschlag erlebte (vgl. act.
A17/32, F230, F237, F238). Die Widersprüche zu den gemachten Zeitan-
gaben zu seiner Zeit bei der YPG lassen sich zwar nicht ganz auflösen,
fallen jedoch angesichts der ausgeprägten Realkennzeichen seiner Schil-
derungen nicht entscheidend ins Gewicht. Hinsichtlich seiner angeblich di-
vergierenden Aussagen bezüglich seiner Einsatzorte in Syrien ist anzumer-
ken, dass sich bei näherer Betrachtung seine diesbezüglichen Aussagen
nicht widersprechen. So erwähnte er anlässlich der BzP wie auch an der
Anhörung stimmig, er sei nach H._ gesendet worden und habe sich
vorwiegend im Rahmen seiner logistischen Tätigkeiten dort aufgehalten
(vgl. act. 6/12, F7.01 f.; A17/32, F249). Er erwähnte weitere Ortschaften im
kurdisch besetzten Gebiet im Norden Syriens, wobei es durchaus nach-
vollziehbar erscheint, dass er sich nicht detailliert an alle Orte hat erinnern
können, insbesondere, da er sich nicht genau im Gebiet ausgekannt haben
konnte.
5.4 Auch die Vorbringen, er sei mehrmals von den türkischen Behörden
mitgenommen worden, sind als insgesamt glaubhaft einzustufen (vgl.
act. A17/32, F253). Entgegen der Argumentation der Vorinstanz entsteht
auch nicht der Eindruck, dass er durch das Erwähnen seiner wiederkeh-
renden Verhaftungen versucht hat, die Situation übertrieben darzustellen.
So präzisierte er, dass er anlässlich des Geburtstags von "Serok" während
einer bis zwei Stunden festgehalten, jedoch ansonsten kaum auf einen
Posten mitgenommen worden sei. Man habe ihn zwar mehrmals mit einem
Jeep weggeführt, um ihm eine Spitzeltätigkeit für die türkischen Behörden
aufzudrängen, anschliessend sei er jedoch jeweils irgendwo in der Nähe
des Dorfes freigelassen worden (vgl. act. A17/32, F253 f.). Zudem legte er
seine letzte Festnahme auf dem Posten von O._ sowohl anlässlich
der BzP als auch während der Anhörung übereinstimmend und auch in
zeitlicher Hinsicht kongruent dar (vgl. act. A17/32, F258-264).
5.5 Indessen kommen Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen
im Zusammenhang mit der behördlichen Suche nach ihm auf. Anlässlich
der BzP erklärte er, dass sein Vater als Dorfschützer arbeite und deshalb
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Seite 12
wisse, dass er (der Beschwerdeführer) behördlich gesucht werde und man
zwei oder drei Mal nach ihm gefragt habe. Darüber sei er von seinem Vater
informiert worden (vgl. act. A6/12, F7.02). Während der Anhörung legte er
hingegen dar, sein Vater sei seit 2006 pensioniert und er sei von seiner
Mutter über die Behördenbesuche informiert worden, wobei es zusätzlich
zu einer Hausdurchsuchung gekommen sei (vgl. act. A17/32, F78 ff., F48-
52). Schliesslich geht aus den diesbezüglichen Schilderungen nicht hervor,
aus welchen Gründen nach seinem Verbleib gefragt worden sei, respektive
ob es sich dabei – wie bereits zuvor – um weitere Nachfragen nach seinem
Bruder und dem Aufdrängen der Spitzeltätigkeit gehandelt habe. Weitere
Details zum geltend gemachten Verfolgungsinteresse durch die türkischen
Behörden nach seiner Flucht aus dem Heimatland konnte er nicht darle-
gen. Auch ist davon auszugehen, dass es seither respektive bis zum heu-
tigen Zeitpunkt zu keinen weiteren, besonderen Vorfällen gekommen ist,
zumal auch aus seiner Eingabe vom 21. Februar 2020 nichts Gegenteili-
ges hervorgeht.
5.6 In Bezug auf seine politischen Aktivitäten als Mitglied bei der HDP ist
es zu verschiedenen Unklarheiten gekommen. So geht aus dem Anhö-
rungsprotokoll hervor, dass die türkischen Behörden einerseits nichts von
seiner ehemaligen Tätigkeit bei der HDP respektive BDP gewusst hätten
und er selber nach einer kurzen und sehr diskreten Partizipation aus Si-
cherheitsgründen seine Mitgliedschaft aufgegeben habe respektive nicht
weiter aktiv geblieben sei (vgl. act. A17/32, F280). An anderen Stellen im
Protokoll erwähnte er hingegen, die Behörden würden wissen, dass er bei
der BDP sei (vgl. act. A17/32, F52, 262). Ferner konnte er keine detaillier-
ten Angaben in Bezug auf seine Parteiaktivität geben. Seine Darlegungen
erschöpfen sich in allgemeinen Aussagen, er habe alle ihm auferlegten
Aufgaben für die Partei im Geheimen ausgeführt, ohne diese jedoch näher
zu präzisieren. Sodann verwechselte er die beiden Parteien miteinander.
Ausserdem ist zu bemerken, dass sich der Inhalt des eingereichten Bestä-
tigungsschreibens der Partei mit seinen Aussagen zum Eintrittsdatum so-
wie zur Mitgliedschaftsdauer widerspricht (vgl. act. A6/12, F7.02;
act. A17/32, F280). Auch wenn der Beschwerdeführer in seiner Be-
schwerde geltend machte, dass die beiden Parteien über grosse perso-
nelle Überschneidungen verfügten, kann von einem engagierten Parteimit-
glied erwartet werden, über die Unterschiede der beiden Parteien im Bilde
zu sein. Aufgrund seiner Ausführungen ist davon auszugehen, dass er –
wenn überhaupt – lediglich kurz und in unbedeutender sowie versteckter
Weise politisch aktiv war und deshalb kaum behördlich aufgefallen ist.
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Seite 13
5.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Schilderungen des Be-
schwerdeführers im Zusammenhang mit seinem Anschluss an die PKK,
dem Einsatz in Syrien für die YPG und seine Anwerbung zur Spitzeltätigkeit
als glaubhaft einzustufen sind und den Anforderungen an Art. 7 AsylG ge-
nügen. Hingegen kann seinen Darstellungen, er werde wegen der politi-
schen Tätigkeit bei einer pro-kurdischen Partei gesucht sowie der behörd-
lichen Suche nach ihm, nicht geglaubt werden.
6.
6.1 In einem weiteren Schritt ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer hin-
sichtlich seiner glaubhaft gemachten Vorbringen einer asylrelevanten Ver-
folgung ausgesetzt ist.
6.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen, und sie vor diesen keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2, je
m.w.H.). Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestim-
mung liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, Letztere
hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich –
auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehba-
rer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende Anhalts-
punkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Men-
schen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Ent-
schluss zur Flucht hervorrufen würden. Aufgrund der Subsidiarität des
flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingsei-
genschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimat-
oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE
2011/51 E. 6, 2008/12 E. 7.2.6.2 und 2008/4 E. 5.2).
6.3 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die
Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder
der begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des
Asylentscheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der
Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Si-
tuation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb
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zugunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berück-
sichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und
3.1.2, 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1, 2008/12 E. 5.2 und 2008/4 E. 5.2,
jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser
[Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
6.4 Wie bereits ausgeführt, ist davon auszugehen, dass die türkischen Be-
hörden nicht in Kenntnis über die geltend gemachte Mitgliedschaft des Be-
schwerdeführers beim Jugendflügel der BDP waren, zumal er erklärte, die
Mitgliedschaft lediglich für kurze Zeit und im Geheimen wahrgenommen zu
haben (vgl. E. 5.6). Auch geht aus den Akten nicht hervor, dass ihm von
den heimatlichen Behörden eine konkrete Tat angelastet worden wäre und
ein Strafverfahren gegen ihn hängig ist oder er verurteilt wurde. Die von
ihm geltend gemachten Aufforderungen zur Spitzeltätigkeit sowie die Mit-
nahmen im Jeep und die Festnahme auf dem Posten in O._ durch
den lokalen Polizeikommandanten erreichen die Intensität einer objektiv
begründeten Furcht vor einer asylrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG nicht.
6.5 Sodann ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer weder stichhaltig
darlegen konnte, wegen seines Einsatzes in Syrien für die PKK respektive
YPG gesucht noch jemals denunziert oder strafrechtlich verfolgt worden zu
sein. Es ist davon auszugehen, dass die türkischen Behörden darüber nicht
in Kenntnis sind. Folglich erscheint es auch wenig wahrscheinlich, dass ein
politisches Datenblatt von ihm in der Türkei angelegt wurde (vgl. BVGE
2010/9 E. 5.3; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 2005/11 E. 5.1). Des Weiteren ist weder
aus seinen Eingaben noch aus den Anhörungsprotokollen ersichtlich, dass
seine in der Türkei lebenden Familienangehörigen im Zusammenhang mit
seinem Einsatz in Syrien oder wegen seiner Ausreise Nachteilen ausge-
setzt waren, welche darauf schliessen lassen würden, dass er, sofern dies
überhaupt je der Fall war, weiter behördlich gesucht würde. Gesamthaft
betrachtet verfügt der Beschwerdeführer über kein politisches Profil, wel-
ches ihn bei seiner allfälligen Rückkehr – dies auch unter Beachtung der
aktuellen Situation in der Türkei (vgl. Urteil des BVGer D-3520/2015 vom
1. September 2017 E. 7.5) – in den Fokus der türkischen Behörden rücken
lassen würde.
6.6 Hinsichtlich der geltend gemachten Reflexverfolgung wegen des Bru-
ders und Onkels des Beschwerdeführers ist festzustellen, dass die Wahr-
scheinlichkeit, Opfer einer solchen Reflexverfolgung zu werden, sich vor
D-1935/2018
Seite 15
allem dann erhöht, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet
wird und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, dass jemand mit der ge-
suchten Person in engem Kontakt steht. Am ehesten dürften Personen von
einer Reflexverfolgung bedroht sein, bei denen ein eigenes nicht unbedeu-
tendes politisches Engagement für illegale politische Organisationen hin-
zukommt beziehungsweise ihnen seitens der Behörden unterstellt wird,
und die sich offen für politisch aktive Verwandte einsetzen (vgl. etwa Urteile
des BVGer D-5089/2015 vom 30. Mai 2018 E. 8.2 oder D-7146/2014 vom
12. Mai 2015 E. 5.5, EMARK 2005 Nr. 21 E. 10.1, m.w.H.). Obwohl der Be-
schwerdeführer aus einer politisch aktiven Familie stammt, sein Bruder
1999 der PKK beigetreten ist, zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt
und in der Schweiz als Flüchtling anerkannt wurde, ist keine Gefährdung
des Beschwerdeführers im Sinne einer Reflexverfolgung zu erkennen. Es
gelang ihm nicht, hinreichend darzulegen, dass er wegen seines Bruders
in besonderen Masse behelligt worden war. Auch sind dem Beschwerde-
führer wegen seines Onkels, welcher des verfolgten Bruders wegen ange-
halten, bedroht und misshandelt worden war, keine Nachteile entstanden.
Zwar erklärte er, wegen seines Bruders und seines Onkels unter Beobach-
tung der heimatlichen Behörden gestanden zu haben und ihretwegen
mehrmals befragt worden zu sein (vgl. act. A17/32, F92, F253, F272; F275-
276). Weitere Nachteile machte er in diesem Zusammenhang jedoch nicht
geltend. Sein Bruder wurde 2006 als Flüchtling in der Schweiz anerkannt.
Ebenso lebt sein Onkel, welcher für die PKK tätig gewesen ist, seit 2006 in
der Schweiz. Bei einer vorhandenen Reflexverfolgung wäre anzunehmen
gewesen, dass der Beschwerdeführer bereits zu einem früheren Zeitpunkt
wesentlichen, asylrechtlich relevanten Nachteilen ausgesetzt gewesen
wäre. Für ein mangelndes behördliches Verfolgungsinteresse spricht auch
die Tatsache, dass er auch während seiner Militärdienstzeit keinen beson-
deren Benachteiligungen oder Problemen, ausser verschiedenen Be-
schimpfungen, ausgesetzt gewesen war (vgl. Act. A17/32, F10-16, F284)
sowie lediglich einmal während ungefähr zwei Stunden – nach einer Ge-
burtstagsfeier zu Ehren von Abdullah Öcalan – inhaftiert wurde (vgl.
act. A17/32, F267). Eine intensive Behelligung wäre jedoch anzunehmen
gewesen, wenn er von den türkischen Behörden mit seinen politisch akti-
ven Familienangehörigen im Ausland in Verbindung gebracht worden wäre.
Schliesslich geht aus den Akten nicht hervor, dass seine Geschwister und
weitere Familienangehörige, welche in der Türkei leben, behelligt worden
waren.
6.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer in sei-
nem Heimatland keiner asylrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von
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Seite 16
Art. 3 AsylG ausgesetzt ist. Auch eine Reflexverfolgung ist auszuschlies-
sen. Schliesslich kann es angesichts der vorangehenden Erwägungen of-
fengelassen werden, ob seine Kampfhandlungen in Syrien sowie insbe-
sondere die Tötung von Feinden im Kampf als verwerfliche Handlungen im
Sinne einer Asylunwürdigkeit gemäss Art. 53 AsylG zu qualifizieren wären.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer
und über die Integration [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
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Seite 17
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK; SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidge-
nossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101), Art. 3 des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK; SR 0.105)
und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum
Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101) darf
niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder
Behandlung unterworfen werden.
8.2.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in seinen
Heimatstaat Türkei ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer, 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
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Seite 18
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi-
schen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in ver-
schiedenen Provinzen im Südosten des Landes (im Einzelnen: Batman,
Diyarbakir, Mardin, Siirt, B._ und Van, anders als die Provinzen
Hakkari und Sirnak, zu den Letzteren vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6) sowie der
Entwicklungen nach dem Militärputschversuch im Juli 2016 ist gemäss
konstanter Praxis nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt oder bür-
gerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch nicht für Angehörige
der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. statt vieler Urteile des BVGer E-
2377/2018 vom 27. August 2019 E. 8.4.1, D-8410/2015 vom 27. Juni 2019
E. 7.4 und E-6717/2018 vom 12. Dezember 2018 E. 7.3.2).
8.3.3 Schliesslich liegen keine individuellen Gründe vor, die gegen einen
Wegweisungsvollzug sprechen würden. So ist es dem Beschwerdeführer
aufgrund der in der Türkei herrschenden Niederlassungsfreiheit möglich,
sich in einer Provinz seiner Wahl niederzulassen. Zwar kann er keine Aus-
bildung, dafür aber eine mehrjährige Berufserfahrung in verschiedenen Be-
reichen vorweisen. Sein in P._ lebender Bruder sowie seine weite-
ren Verwandten können ihm bei seiner Reintegration hilfreich zur Seite ste-
hen, weswegen es unwahrscheinlich erscheint, dass er bei seiner Rück-
kehr in eine existenzbedrohende Lage geraten würde.
Auch der gesundheitliche Zustand des Beschwerdeführers lässt den Weg-
weisungsvollzug nicht als unzumutbar erscheinen. So machte er zwar an-
lässlich der Anhörung geltend, er leide unter physischen sowie psychi-
schen Problemen. Seine medizinischen Vorbringen wurden jedoch nie an-
hand eines Arztberichtes bestätigt, so dass nicht davon auszugehen ist,
dass es sich bei seinen Leiden um gravierende medizinische Gründe han-
delt, welche nicht auch in der Türkei behandelt werden könnten.
8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/2
D-1935/2018
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8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.– dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE; SR 173.320.2]; Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der in gleicher
Höhe geleistete Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten
zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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