Decision ID: 53ae553f-238c-4253-9df4-88a6bd6e9990
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Der 1978 geborene Beschwerdeführer war aufgrund seines Anstellungs-
verhältnisses obligatorisch im Rahmen des UVG bei der Beschwerdegeg-
nerin versichert, als er sich am 14. April 2018 beim Wischen eines Bodens
am rechten Knie verletzte. Die Beschwerdegegnerin, der er dieses Ereignis
in der Folge melden liess, anerkannte ihre entsprechende Leistungspflicht
und erbrachte Heilbehandlungsleistungen und Taggelder. Mit Verfügung
vom 20. März 2019 stellte sie die Leistungen per 13. Januar 2019 ein, da
die noch über diesen Zeitpunkt hinaus geklagten rechtsseitigen Kniebe-
schwerden nicht mehr unfallkausal seien. In Wiedererwägung dieses Ent-
scheids verneinte sie daraufhin mit Verfügung vom 23. Oktober 2019 ge-
nerell ihre Leistungspflicht für das Ereignis vom 14. April 2018 bzw. die in
diesem Zusammenhang gemeldete rechtsseitige Knieverletzung, da es
sich beim fraglichen Vorfall um keinen Unfall und bei der Knieläsion auch
um keine unfallähnliche Körperschädigung handle. Daran hielt sie mit Ein-
spracheentscheid vom 30. Januar 2020 fest. Diesen Entscheid hob das
Versicherungsgericht in teilweiser Gutheissung der vom Beschwerdeführer
dagegen erhobenen Beschwerde mit Urteil VBE.2020.105 vom 27. Juli
2020 auf und wies die Sache an die Beschwerdegegnerin zurück, damit
diese weitere medizinische Abklärungen treffe und hernach über ihre Leis-
tungspflicht neu verfüge.
1.2.
Die Beschwerdegegnerin holte in der Folge weitere Arztberichte ein und
liess ein medizinisches Aktengutachten erstellen. In Bestätigung ihrer ge-
stützt darauf erlassenen Verfügung vom 7. Juli 2021 verneinte sie mit Ein-
spracheentscheid vom 16. November 2021 erneut einen Leistungsan-
spruch des Beschwerdeführers betreffend das Ereignis vom 14. April 2018
bzw. die in diesem Zusammenhang gemeldete rechtsseitige Knieverlet-
zung mangels Vorliegens eines Unfalls respektive einer unfallähnlichen
Körperschädigung.
2.
2.1.
Am 16. Dezember 2021 erhob der Beschwerdeführer fristgerecht Be-
schwerde gegen den Einspracheentscheid vom 16. November 2021 und
beantragte Folgendes:
"1. Es sei der angefochtene Einspracheentscheid aufzuheben und es seien meinem Mandanten aus dem Ereignis vom 14.4.18 für die Zeit, solange seine Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen ist, die gesetzlichen Leistungen aus der Unfallversicherung auszurichten.
- 3 -
2. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der ."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 3. März 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde unter Kosten- und Entschädigungsfolge
zu Lasten des Beschwerdeführers.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 16. März 2022 wurde das vom
Beschwerdeführer sinngemäss gestellte Gesuch um Wiederherstellung der
aufschiebenden Wirkung der Beschwerde abgewiesen.

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Die Beschwerdegegnerin begründet die Leistungsverweigerung damit,
dass die nach dem – nicht als Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG zu werten-
den – Ereignis vom 14. April 2018 diagnostizierte rechtsseitige Meniskus-
schädigung vorwiegend auf Abnützung zurückzuführen und damit nicht als
unfallähnliche Körperschädigung zu qualifizieren sei (Vernehmlassungs-
beilage [VB] 307 ff.). Der Beschwerdeführer stellt sich demgegenüber im
Wesentlichen sinngemäss auf den Standpunkt, da der Beschwerdegegne-
rin mit der – in verschiedener Hinsicht mangelhaften – Aktenbeurteilung
von Dr. med. L. "der Gegenbeweis nicht gelungen" sei, treffe sie eine
Leistungspflicht für die Kniebeschwerden (Beschwerde, S. 2 ff.).
1.2.
Streitig und zu prüfen ist demnach, ob die Beschwerdegegnerin im Zusam-
menhang mit der ihr am 15. Mai 2018 mit "UVG-Schadenmeldung"
(VB 527 ff.) gemeldeten Schädigung am rechten Knie des Beschwerdefüh-
rers leistungspflichtig ist.
2.
Zum Ereignis vom 14. April 2018, auf welches der Beschwerdeführer die
Knieverletzung zurückführt, ergibt sich aus den Akten, dass dieser beim
Wischen eines Bodens eine "falsche Drehbewegung" gemacht und ein-
schiessende Schmerzen im rechten Knie verspürt hatte. Es sei eine ge-
wohnte Tätigkeit gewesen. Etwas Besonderes habe sich nicht ereignet (vgl.
Angaben im Bericht der Notfallpraxis vom 3. Mai 2018, VB 525, und die
ergänzenden Angaben des Beschwerdeführers zur Unfallmeldung vom
21. Mai 2018, VB 518). Vorliegend ist – nach Lage der Akten zu Recht –
unbestritten, dass das Ereignis vom 14. April 2018 die Voraussetzungen
für die Qualifikation als Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG nicht erfüllt, da es
- 4 -
an einem ungewöhnlichen äusseren Faktor fehlt (vgl. BGE 130 V 117 E. 2.1
S. 118; Urteil des Bundesgerichts 8C_282/2017 vom 22. August 2017
E. 3). Damit erübrigen sich Weiterungen dazu.
Angesichts der den rechtsseitigen Kniebeschwerden gemäss übereinstim-
menden medizinischen Berichten zu Grunde liegenden Meniskusschädi-
gung ist nachfolgend jedoch zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin ge-
stützt auf Art. 6 Abs. 2 UVG leistungspflichtig ist.
3.
Gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG erbringt die Unfallversicherung ihre Leistungen
auch für Knochenbrüche, Verrenkungen von Gelenken, Meniskusrisse,
Muskelrisse, Muskelzerrungen, Sehnenrisse, Bandläsionen und Trommel-
fellverletzungen, sofern diese Körperschädigungen nicht vorwiegend auf
Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind. Das Bestehen einer vom
Unfallversicherer zu übernehmenden unfallähnlichen Körperschädigung
soll nach dem Willen des Gesetzgebers nicht vom Vorliegen eines äusse-
ren Ereignisses abhängig sein (vgl. Zusatzbotschaft zur Änderung des
UVG vom 19. September 2014, BBl 2014 7922 Ziff. 2.2 und 7934 Ziff. 2.4).
Gemäss der zu dieser seit 1. Januar 2017 in Kraft stehenden Bestimmung
ergangenen Rechtsprechung (vgl. BGE 146 V 51) ist für die Anwendung
von Art. 6 Abs. 2 UVG zwar kein äusserer Faktor und damit kein unfallähn-
liches sinnfälliges Ereignis oder eine allgemein gesteigerte Gefahrenlage
im Sinne der Rechtsprechung zu aArt. 9 Abs. 2 UVV mehr vorausgesetzt.
Insoweit führt grundsätzlich bereits die Tatsache, dass eine in Art. 6 Abs. 2
lit. a-h UVG genannte Körperschädigung vorliegt, nunmehr zur Vermutung,
es handle sich hierbei um eine unfallähnliche Körperschädigung, die vom
Unfallversicherer übernommen werden muss. Indessen ergibt sich aus der
in Art. 6 Abs. 2 UVG vorgesehenen Möglichkeit des Gegenbeweises wei-
terhin die Notwendigkeit der Abgrenzung der vom Unfallversicherer zu
übernehmenden unfallähnlichen Körperschädigung von der abnützungs-
und erkrankungsbedingten Ursache einer Listenverletzung und damit letzt-
lich zur Leistungspflicht des Krankenversicherers. Insoweit ist die Frage
nach einem initialen erinnerlichen und benennbaren Ereignis – nicht zuletzt
auch aufgrund der Bedeutung eines zeitlichen Anknüpfungspunktes (Ver-
sicherungsdeckung; Zuständigkeit des Unfallversicherers; Berechnung des
versicherten Verdienstes; intertemporalrechtliche Fragestellungen) auch
nach der UVG-Revision relevant. Zu betonen ist aber, dass der Unfallver-
sicherer bei Vorliegen einer Listenverletzung grundsätzlich in der Pflicht
steht, Leistungen zu erbringen, solange er nicht den Nachweis für eine vor-
wiegende Bedingtheit durch Abnützung oder Erkrankung erbringt. Dies
setzt voraus, dass er im Rahmen seiner Abklärungspflicht (vgl. Art. 43
Abs. 1 ATSG) nach Eingang der Meldung einer Listenverletzung die Be-
gleitumstände der Verletzung genau abklärt. Lässt sich dabei kein initiales
Ereignis erheben oder lediglich ein solches ganz untergeordneter resp.
- 5 -
harmloser Art, so vereinfacht dies zwangsläufig in aller Regel den Entlas-
tungsbeweis des Unfallversicherers. Denn bei der in erster Linie von medi-
zinischen Fachpersonen zu beurteilenden Abgrenzungsfrage ist das ge-
samte Ursachenspektrum der in Frage stehenden Körperschädigung zu
berücksichtigen. Nebst dem Vorzustand sind somit auch die Umstände des
erstmaligen Auftretens der Beschwerden näher zu beleuchten (als Hilfsmit-
tel bei der medizinischen Beurteilung von Knieverletzungen bietet sich etwa
ein Knietrauma-Check an, publiziert in der Schweizerischen Ärztezeitung
[SÄZ] 2016 S. 1742 ff.). Die verschiedenen Indizien, die für oder gegen
Abnützung oder Erkrankung sprechen, müssen aus medizinischer Sicht ge-
wichtet werden. Damit der Entlastungsbeweis gelingt, hat der Unfallversi-
cherer gestützt auf beweiskräftige ärztliche Einschätzungen – mit dem Be-
weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit – nachzuweisen, dass die
fragliche Listenverletzung vorwiegend, das heisst im gesamten Ursachen-
spektrum zu mehr als 50 %, auf Abnützung oder Erkrankung zurückzufüh-
ren ist. Besteht das Ursachenspektrum einzig aus Elementen, die für Ab-
nützung oder Erkrankung sprechen, so folgt daraus unweigerlich, dass der
Entlastungsbeweis des Unfallversicherers erbracht ist und sich weitere Ab-
klärungen erübrigen (BGE 146 V 51 E. 8.6 S. 69 f. und E. 9.2 S. 71 mit je-
weils weiteren Hinweisen).
4.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in ihrem Einspracheentscheid vom
16. November 2021 (VB 74 ff.) in medizinischer Hinsicht auf die Aktenbe-
urteilung von Dr. med. L., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, vom 14. Juni 2021 (VB 120 ff.),
welche sie im Rahmen ihrer – in Nachachtung des Urteils des Versiche-
rungsgerichts VBE.2020.105 vom 27. Juli 2020 (VB 256 ff.) – getroffenen
weiteren medizinischen Abklärungen eingeholt hatte.
Dr. med. L. hielt darin betreffend Schadensmechanismus fest, dass der
Versicherte knapp drei Wochen nach dem Ereignis vom 14. April 2018 auf
der Notfallstation berichtet habe, eine "falsche" Drehbewegung gemacht zu
haben, wonach einschiessende Schmerzen am rechten Knie aufgetreten
seien (vgl. VB 525). In der Unfallmeldung sei eine Kniedistorsion angege-
ben worden (vgl. VB 529). Im Fragebogen vom 21. Mai 2018 habe der Ver-
sicherte berichtet, dass er ohne Programmwidrigkeit oder aussergewöhnli-
che Situation den Boden gewischt und dabei eine "falsche" Drehung ge-
macht habe (vgl. VB 518 f.). Zum Schadensbild hielt Dr. med. L. fest, dass
in der Primärdokumentation in der Notfallpraxis die geschädigte Struktur
klinisch nicht habe definiert werden können, so dass die unspezifische
Diagnose einer Knieverdrehung gewählt worden sei (vgl. VB 525). Im MRI-
Bericht vom 8. Mai 2018, mithin mehr als drei Wochen nach dem Ereignis,
sei das Vorliegen eines Knochenödems und einer Begleitverletzung an den
Bändern explizit verneint worden. Am Innenmeniskus seien im Hinterhorn
Defektzonen und eine longitudinale Ausrichtung einer Spaltbildung über die
- 6 -
Pars intermedia bis knapp zum Vorderhorn beschrieben worden (VB 523).
Somit handle es sich morphologisch zweifellos um eine isolierte mediale
Meniskusschädigung. Eine solche habe in der Regel eine degenerative
Grundlage. Im Rahmen der – knapp zwei Monate nach dem fraglichen Er-
eignis – am 7. Juni 2018 durchgeführten Kniearthroskopie (vgl. VB 368 f.)
habe der Operateur medial am Meniskus eine komplexe Ruptur mit hori-
zontaler Komponente und instabilem Lappenriss festgestellt. Diese Kons-
tellation sei gerade charakteristisch für eine degenerative Entstehung. Es
sei nicht nachvollziehbar, wie eine "falsche Drehbewegung" eine derart
komplexe Schädigung auslösen sollte (VB 124 f.). Bilanzierend sprechen
gemäss Dr. med. L. die Kriterien des Schadensmechanismus und des
Schadensbildes klar und nachvollziehbar für eine erstmalige Krankheits-
manifestation eines degenerativ vorgeschädigten Innenmeniskus. Die "fal-
sche Drehbewegung" könne keine aussergewöhnliche, unphysiologische
Krafteinwirkung plausibel machen, um eine isolierte Meniskusruptur (ohne
Begleitverletzung) auszulösen (VB 125). Die vorliegende Meniskusschädi-
gung sei nach Prüfung sämtlicher Kriterien überwiegend wahrscheinlich
und somit zu mehr als 50 % auf Abnützung oder Erkrankung zurückzufüh-
ren (VB 126).
5.
5.1.
Der Versicherungsträger und das Gericht (vgl. Art. 61 lit. c in fine ATSG)
haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisre-
geln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die strei-
tigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1
S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
5.2.
Voll beweistauglich kann auch eine reine Aktenbeurteilung sein, wenn es
im Wesentlichen um die Beurteilung eines feststehenden medizinischen
Sachverhalts geht und sich neue Untersuchungen erübrigen. Entscheidend
ist insbesondere, ob genügend Unterlagen aufgrund anderer persönlicher
Untersuchungen vorliegen, die ein vollständiges Bild über Anamnese, Ver-
lauf und gegenwärtigen Status ergeben. Der medizinische Sachverstän-
dige muss sich insgesamt aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein
lückenloses Bild machen können (Urteile des Bundesgerichts 8C_46/2019
vom 10. Mai 2019 E. 3.2.1; 8C_641/2011 vom 22. Dezember 2011 E. 3.2.2
mit Hinweisen).
- 7 -
6.
6.1.
Dr. med. L. stützte sich bei seiner Beurteilung auf die Berichte der be-
handelnden Ärzte und der Radiologen, welche die Anamnese, den Verlauf
der rechtsseitigen Kniebeschwerden und den diesbezüglichen gegenwärti-
gen Status umfassend dokumentieren (vgl. E. 5.2).
6.2.
6.2.1.
Der Beschwerdeführer macht indes geltend, bei der Aktenbeurteilung von
Dr. med. L. handle es sich nicht um ein Gutachten im Sinne von Art. 44
ATSG, wie dies von der Beschwerdegegnerin behauptet werde. Es habe
insbesondere nie ein Interview mit ihm stattgefunden. Schon deswegen sei
die Beurteilung "von vornherein wertlos" (Beschwerde, S. 6).
6.2.2.
Art. 44 ATSG in der bis am 31. Dezember 2021 in Kraft gestandenen und
vorliegend anwendbaren Fassung (vgl. BGE 121 V 97 E. 1a S. 100) ver-
pflichtete den Versicherungsträger, der zur Abklärung des Sachverhalts ein
Gutachten einer oder eines unabhängigen Sachverständigen einholen will,
der Partei deren oder dessen Namen bekannt zu geben (Satz 1); diese
kann die Gutachterin oder den Gutachter aus triftigen Gründen ablehnen
und Gegenvorschläge machen (Satz 2).
Nach der Rechtsprechung zu aArt. 44 ATSG ist diese Regelung in Bezug
auf die Parteirechte bei der Gutachtensanordnung grundsätzlich abschlies-
send und es findet diejenige von Art. 19 VwVG in Verbindung mit Art. 55
Abs. 1 ATSG und Art. 57 Abs. 2 BZP keine Anwendung (BGE 137 V 210
E. 3.4.1.5 in fine S. 251). Ausnahmsweise ist die Regelung von Art. 19
VwVG in Verbindung mit Art. 57 Abs. 2 BZP indes dennoch zu beachten.
Dies gilt insbesondere für den Anspruch der versicherten Person, sich vor-
gängig zu den Gutachterfragen zu äussern, dagegen Einwände zu erheben
sowie Ergänzungs- und Zusatzfragen zu stellen (BGE 137 V 210 E. 3.4.2.9
S. 258 und BGE 139 V 349 E. 5.2.3 S. 356; vgl. Art. 57 Abs. 2 BZP).
6.2.3.
Im vorliegenden Fall informierte die Beschwerdegegnerin den Beschwer-
deführer mit Schreiben vom 21. April 2021, dass sie beabsichtigte, zur wei-
teren Abklärung der Ursache der Knieschädigung rechts ein fachärztliches
Aktengutachten bei Dr. med. L. einzuholen. Dem Beschwerdeführer wurde
die Möglichkeit gewährt, zur Person des Gutachters und den vorgesehenen
Fragen Stellung zu nehmen und allfällige Ergänzungen einzubringen
(VB 156 f.; VB 154). Davon machte der Beschwerdeführer in der Folge
Gebrauch und formulierte zwei Ergänzungsfragen (vgl. Mail vom 26. April
- 8 -
2021, VB 152), welche die Beschwerdegegnerin dem Gutachter zur Beant-
wortung zustellte (vgl. VB 147). Damit erfüllte die Anordnung des Gutach-
tens bei Dr. med. L. die Voraussetzungen von aArt. 44 ATSG.
6.2.4.
Hinsichtlich der Rüge, es habe "kein Interview" stattgefunden, ist Folgen-
des festzuhalten:
Vorliegend ging es darum, abzuklären, ob die am 8. Mai 2018 im MRI fest-
gestellte Schädigung des Innenmeniskus (vgl. VB 523 sowie Bericht des
Spitals B. vom 23. Mai 2018 in VB 520) vorwiegend auf Abnützung oder
Erkrankung zurückzuführen sei. Dabei war das auslösende Ereignis vom
14. April 2018 als Ursache für die Verletzung sowie der medizinische
Zustand, wie er sich insbesondere im Frühjahr 2018 präsentierte, zu wür-
digen. Die relevanten Befunde für die Beantwortung dieser Frage lagen mit
den eingeholten medizinischen Akten bereits vor. In diesen Fällen kann
rechtsprechungsgemäss sehr wohl in einem (ausschliesslich) auf den Ak-
ten basierenden Gutachten das Für und Wider der verschiedenen Meinun-
gen erwogen und die überwiegende Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte
Beurteilung deutlich gemacht werden (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 8C_540/2007 vom 27. März 2008 E. 3.2 mit Hinweis). Damit ist vor-
liegend nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin eine Akten-
beurteilung in Auftrag gab und eine persönliche Untersuchung und damit
eine Befragung ("Interview") des Beschwerdeführers für nicht erforderlich
befand.
6.3.
6.3.1.
Der Beschwerdeführer bemängelt im Weiteren, dass Dr. med. L. seit 2017
94 Gutachten für die Beschwerdegegnerin verfasst habe. In Kenntnis
dieses Auftragsvolumens hätte er einer Begutachtung durch Dr. med. L. nie
zugestimmt (Beschwerde, S. 7).
6.3.2.
Rechtsprechungsgemäss führen der regelmässige Beizug eines Gutach-
ters oder eines Begutachtungsinstituts durch den Versicherungsträger, die
Anzahl der beim selben Arzt in Auftrag gegebenen Gutachten und Berichte
sowie das daraus resultierende Honorarvolumen für sich alleine nicht zum
Vorliegen eines Ausstandsgrundes gegen den betreffenden Sachverstän-
digen (vgl. BGE 138 V 271 E. 2.2.2 S. 277 mit Hinweis auf BGE 137 V 210
E. 1.3.3 S. 226 f.; Urteil des Bundesgerichts 9C_212/2020 vom 4. Septem-
ber 2020 E. 4.1). Selbst bei Annahme einer wirtschaftlichen Abhängigkeit
einer medizinischen Abklärungsstelle vom Versicherungsträger kann ein
Ausstandsgrund nicht allein deswegen angenommen werden, sondern erst
bei persönlicher Befangenheit (BGE 137 V 210 E. 1.3.3 S. 227 mit Hinweis
- 9 -
auf SVR 2010 IV Nr. 66 S. 199, 9C_304/2010 E. 2.2). Der Beschwerdefüh-
rer bringt jedoch nichts vor, was auf eine persönliche Befangenheit des
Gutachters Dr. med. L. hinweisen würde, und solches ist auch aus den
Akten nicht ersichtlich, weshalb sich die Begutachtung durch diesen als
rechtmässig erweist.
6.3.3.
Hinsichtlich der beantragten Einsichtnahme in sämtliche (anonymisierten)
Gutachten, welche durch Dr. med. L. für die Beschwerdegegnerin erstellt
worden seien, um zu überprüfen, "wieviele seiner Gutachten zu Gunsten
der Unfallversicherer ausgefallen seien und wie viele zu Ungunsten der
Versicherten" (Beschwerde, S. 8), ist anzumerken, dass – unabhängig vom
allfälligen Bestehen eines derartigen Anspruchs des Beschwerdeführers
(vgl. hierzu BGE 144 I 170) – nicht ersichtlich und von diesem auch nicht
dargetan worden ist, was daraus für den vorliegenden Fall abgeleitet wer-
den soll. Ebenso wenig ersichtlich ist, inwiefern die Kenntnis der von
Dr. med. L. in anderen Fällen getroffenen (medizinischen) Schlussfol-
gerungen im vorliegenden Fall mangelnde Ergebnisoffenheit zu belegen
und damit den Beweiswert seiner gutachterlichen Einschätzung in Frage
zu stellen vermöchte.
6.4.
6.4.1.
Inhaltlich rügt der Beschwerdeführer, dass in der Aktenbeurteilung von
einer falschen Fragestellung ausgegangen worden sei und keine nähere
Auseinandersetzung mit dem Vorzustand, dem Ereignisablauf und der vor-
handenen Aktenlage stattgefunden habe. Ausserdem fehle eine "Gewich-
tung des gesamten Ursachenspektrums" durch Dr. med. L. (Beschwerde,
S. 8).
6.4.2.
Im Rahmen ihres Katalogs von Fragen an Dr. med. L. stellte die Be-
schwerdegegnerin auch diejenige, ob von einer Listenverletzung gemäss
Art. 6 Abs. 2 UVG auszugehen sei (vgl. VB 154). Dr. med. L. beantwortete
die Frage dahingehend, dass streng genommen eine chronische Me-
niskusschädigung nach ICD-10 M23.21, wie sie vorliegend bestehe (vgl.
VB 124), von einem Meniskusriss nach ICD-10 S83.2 abgegrenzt werden
müsse. "[S]treng semantisch betrachtet" sei demnach keine Listenverlet-
zung nachgewiesen. Sehe man von diesem "unangenehmen semanti-
schen Widerspruch ab, müsste man unter dem Begriff «Meniskusriss» ge-
mäss Art. 6 Abs. 2 UVG eine Listenverletzung bejahen, nach dem Motto:
Es ist ein Riss, aber es ist kein Riss" (VB 125 f.). Damit brachte er zum
Ausdruck, dass die festgestellte Schädigung des Meniskus zwar aus medi-
zinischer Sicht nicht als Riss zu qualifizieren, aber unter den Begriff "Me-
niskusriss" im Sinne von Art. 6 Abs. 2 lit. c UVG zu subsumieren sei. Dem-
entsprechend beantwortete er denn auch die nachfolgende Frage, ob die
- 10 -
Meniskusschädigung vorwiegend auf Abnützung oder Krankheit zurückzu-
führen sei, und zwar dahingehend, dass die Schädigung nach Prüfung
sämtlicher Kriterien zu mehr als 50 % auf Abnützung oder Erkrankung zu-
rückzuführen sei (VB 126). Damit stellte die Beschwerdegegnerin
Dr. med. L. alle relevanten Fragen, um den Sachverhalt rechtsgenüglich
abzuklären. Die Fragen wurden von Dr. med. L. dann auch umfassend und
nachvollziehbar beantwortet. Bei dieser Ausgangslage kann nicht davon
gesprochen werden, dass die Beschwerdegegnerin oder der Gutachter von
einer falschen Fragestellung ausgegangen seien.
6.4.3.
Dr. med. L. waren die medizinischen Akten, wie bereits dargelegt, bekannt
(vgl. VB 120 ff.). Er äusserte sich ausführlich zum Ereignis, das die
Beschwerden am rechten Knie gemäss den Akten (vgl. Angaben im Bericht
der Notfallpraxis vom 3. Mai 2018, VB 525 sowie die Angaben des Be-
schwerdeführers zur Unfallmeldung vom 21. Mai 2018 in VB 518) auslöste.
Diesbezüglich führte Dr. med. L. aus, es komme kongruent zum Ausdruck,
dass sich nichts Aussergewöhnliches ereignet habe und der Versicherte
nicht gestürzt sei. Die Angabe einer "falschen Drehbewegung" sei
schwierig zu interpretieren. Es sei kaum vorstellbar, dass man beim Wi-
schen eine unphysiologische Kniebelastung erleiden könne, "ohne dass
nicht ein ungeplanter äusserer Faktor eingewirkt [habe], der zu benennen
wäre". Es gebe auch keine Angaben über einen Knall oder ein Rissgefühl.
Eine relevante Traumatisierung sei somit nicht nachvollziehbar (VB 124).
Er wies weiter darauf hin, dass der in der versicherungsmedizinischen Li-
teratur beschriebene sogenannte Drehsturz (Blockierung der Schlussrota-
tion kurz vor der passiven Endstreckung bei fixiertem Fuss) als einzig an-
erkannter Mechanismus für eine isolierte Meniskusruptur im vorliegenden
Fall nicht stattgefunden habe (VB 125). Dr. med. L. würdigte auch die nach
dem Ereignis vom 14. April 2018 erstellten Arztberichte. Er hielt fest, im
Bericht der Notfallpraxis vom 3. Mai 2018 (vgl. VB 525) habe die ge-
schädigte Struktur klinisch nicht definiert werden können, so dass die un-
spezifische Diagnose einer Knieverdrehung gewählt worden sei. Erst im
Wissen um den MRI-Befund habe die mediale Meniskussymptomatik "re-
produzier[t]" werden können. Im MRI-Bericht vom 8. Mai 2018 sei das Vor-
liegen eines Knochenödems und einer Begleitverletzung an den Bändern
explizit verneint worden (vgl. VB 523). Somit handle es sich morphologisch
zweifellos um eine isolierte mediale Meniskusschädigung, die in der Regel
eine degenerative Grundlage habe. Auch die unter arthroskopischer Ein-
sichtnahme vom 7. Juni 2018 (vgl. VB 513 f.) beschriebene komplexe
Ruptur mit horizontaler Komponente und instabilem Lappenriss sei gera-
dezu charakteristisch für eine degenerative Entstehung (VB 124 f.).
Unter Würdigung der Angaben zum auslösenden Ereignis und der medizi-
nischen Aktenlage sowie unter Bezugnahme auf entsprechende versiche-
- 11 -
rungsmedizinische Literatur kam Dr. med. L. mit nachvollziehbarer Be-
gründung zum Schluss, dass die Meniskusschädigung des Beschwerde-
führers am rechten Knie überwiegend wahrscheinlich zu mehr als 50 % auf
Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sei (VB 126).
6.4.4.
Dr. med. L. nahm des Weiteren auch Stellung zu verschiedenen in den
Akten liegenden medizinischen Berichten und legte dar, dass die – unbe-
gründete – Einschätzung des beratenden Arztes der Beschwerdegegnerin
Dr. med. C., Facharzt für Chirurgie, vom 12. Juni 2018, wonach eine
traumatische Entstehung der Meniskusschädigung mit einer über 50%igen
Wahrscheinlichkeit gegeben sei (vgl. VB 515; Beschwerde, S. 8), aus be-
reits dargelegten Gründen an seiner eigenen Beurteilung nichts zu ändern
vermöge (VB 126). Im Zusammenhang mit der Einschätzung des behan-
delnden Arztes Dr. med. D., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, wonach die komplexe Meniskus-
ruptur traumatisch entstanden sei, da die Schmerzen erstmals am 14. April
2018 aufgetreten seien und bei der Arthroskopie vom 7. Juni 2018 keine
degenerativen Zeichen am Knorpel vorgelegen hätten, hielt Dr. med. L.
fest, dass eine sorgfältige Anamneseerhebung durch den behandelnden
Arzt (Disposition, Exposition, Vorschaden, Schadenmechanismus) fehle,
womit dessen Argumentation nicht gefolgt werden könne (VB 126). Diese
Begründung von Dr. med. L. ist nachvollziehbar. Hinzuweisen ist im
Weiteren darauf, dass – soweit Dr. med. D. seine Einschätzung damit
begründete, dass der Beschwerdeführer vor dem Ereignis vom 14. April
2018 am rechten Knie keine Beschwerden gehabt habe (vgl. VB 291) – er
sich einer beweisrechtlich unzulässigen "post hoc, ergo propter hoc"-Argu-
mentation bediente. Eine gesundheitliche Schädigung gilt nicht bereits
dann als durch ein Ereignis verursacht, weil sie nach diesem aufgetreten
ist (BGE 142 V 325 E. 2.3.2.2 S. 330 und 119 V 335 E. 2b/bb S. 341 f.).
Damit ergeben sich aus der Einschätzung von Dr. med. D. keine Aspekte,
welche die Schlussfolgerung von Dr. med. L., dass die Menis-
kusschädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit vorwiegend auf Ab-
nützung beruhe, in Frage zu stellen vermöchten.
6.5.
Zusammenfassend ist somit gestützt auf die beweiskräftige Aktenbeurtei-
lung von Dr. med. L. festzuhalten, dass die rechtsseitige Meniskusschä-
digung des Beschwerdeführers mit überwiegender Wahrscheinlichkeit vor-
wiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen und folglich nicht
als unfallähnliche Körperschädigung zu qualifizieren ist. Damit ist die Be-
schwerdegegnerin (auch) gestützt auf Art. 6 Abs. 2 UVG nicht leistungs-
pflichtig für die ihr am 15. Mai 2018 mit "UVG-Schadenmeldung UVG"
(VB 527 ff.) gemeldeten rechtsseitigen Kniebeschwerden.
- 12 -
7.
7.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen.
7.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
7.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch auf
Parteientschädigung zu.
7.4.
Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der "unentgeltliche[n]
Prozessführung" (vgl. Beschwerde, S. 9). Sofern und soweit sich dieser An-
trag auf die Verfahrenskosten bezieht, ist darauf angesichts der Kostenlo-
sigkeit des Verfahrens (vgl. E. 7.2.) mangels Rechtsschutzinteresses nicht
einzutreten. Soweit der Antrag die Bewilligung der unentgeltlichen Rechts-
verbeiständung und die Bestellung des Vertreters des Beschwerdeführers
zu dessen unentgeltlichem Rechtsvertreter zum Ziel hat, ist er abzuweisen.
Rechtsprechungsgemäss sind hierzu ausschliesslich im Anwaltsregister
eingetragene Anwältinnen und Anwälte zu bestimmen (vgl. BGE 132 V 200
E. 5.1.3 und 5.1.4. S. 204 ff.; Urteil des Bundesgerichts 9C_315/2018 vom
5. März 2019 E. 9.3.2). Der Vertreter des Beschwerdeführers ist weder im
Anwaltsregister des Kantons Zürich, wo er sein Büro hat, eingetragen noch
über die Anwaltssuche des Schweizerischen Anwaltsverbands auffindbar.
Auch ausweislich der Akten verfügt der Vertreter über kein Anwaltspatent,
womit er nicht als unentgeltlicher Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
eingesetzt werden kann.