Decision ID: 4c7108f8-00ed-432d-84e9-04c06260c52b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) suchte am 21. Oktober
2022 – zusammen mit ihrem minderjährigen Sohn (B._) – in der
Schweiz um Asyl nach.
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerin mit der Eurodac-
Datenbank durch das SEM ergab, dass sie am 16. Oktober 2022 in Öster-
reich um Asyl nachgesucht hatte.
C.
C.a Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin anlässlich des sogenann-
ten Dublin-Gesprächs vom 7. November 2022 – im Beisein der ihr zuge-
wiesenen Rechtsvertretung – das rechtliche Gehör zur möglichen Zustän-
digkeiten Österreichs für die Behandlung ihres Asylgesuchs, zu einer
Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt.
C.b Die Beschwerdeführerin bestritt dabei, in Österreich um Asyl nachge-
sucht zu haben und erklärte im Wesentlichen, sie und ihr Sohn seien dort
schlecht behandelt worden und würden bei einer Rückkehr ihr Leben ris-
kieren. Sie sei zwei Tage eingesperrt gewesen. Sie und auch ihr Sohn sei-
en krank gewesen, hätten indessen keine (medizinische) Hilfe erhalten,
obwohl sie darum gebeten habe, einen Arzt aufzusuchen. Ihr sei nichts zu
essen respektive erst nach ein paar Tagen trockenes Brot gegeben wor-
den. Sie sei in Österreich gezwungen gewesen, zur Polizei zu gehen, weil
sie von Mitreisenden verfolgt worden sei, die sie hätten vergewaltigen wol-
len. Sie sei entkommen und habe sich am (...) verletzt, sei aber nicht me-
dizinisch behandelt worden. Ihr Sohn sei nach den Erlebnissen in Öster-
reich immer noch krank und esse nichts. Die Personen, von welchen sie
im Iran auf den Kopf geschlagen worden sei, hätten ausserdem Freunde
in Österreich, weshalb sie und ihr Sohn nicht dorthin zurückkehren könn-
ten. Ihr Ziel sei die Schweiz gewesen und sie fühle sich nur hier sicher.
C.c Zu ihrem Gesundheitszustand und demjenigen ihres Sohnes gab sie
(zusätzlich) an, sie leide an Eisenmangel, Schmerzen im (...) und wieder-
kehrenden Kopfschmerzen sowie Nasenbluten. Zudem habe sie auch star-
kes Herzrasen, wofür sie seit Jahren Medikamente einnehme und welches
auf Schilddrüsenprobleme zurückzuführen sei. Ihr Sohn leide an Ohren-
schmerzen und schwitze stark. Sie beide seien zudem psychisch stark an-
geschlagen.
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D.
Ebenfalls am 7. November 2022 ersuchte das SEM die österreichischen
Behörden um Rückübernahme der Beschwerdeführenden gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO). Dieses Gesuch blieb innert der in Art. 25
Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet.
E.
Mit Verfügung vom 1. Dezember 2022 – tags darauf eröffnet – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführenden nicht ein, ordnete deren Wegweisung
aus der Schweiz nach Österreich an und forderte sie auf, die Schweiz spä-
testens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Es beauf-
tragte den Kanton C._ mit dem Vollzug der Wegweisung. Gleich-
zeitig händigte es den Beschwerdeführenden die editionspflichtigen Akten
gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine allfällige Beschwerde
gegen den Entscheid habe keine aufschiebende Wirkung.
F.
Am 5. Dezember 2022 ging beim SEM eine (auch von der Beschwerdefüh-
rerin unterschriebene) Erklärung der zugewiesenen Rechtsvertretung ein,
wonach die Beschwerdeführerin die Akten erhalten habe und die Rechts-
vertretung auf die Fortführung des Mandats verzichte.
G.
Mit auf den 2. Dezember 2022 datierter Eingabe (Datum Poststempel:
9. Dezember 2022) erhob die Beschwerdeführerin gegen die vorinstanzli-
che Verfügung vom 1. Dezember 2022 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht und beantragte dabei in materieller Hinsicht, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und es sei auf ihr Asylgesuch einzutreten. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Erteilung der aufschieben-
den Wirkung und um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.
Auf die Begründung der Beschwerdebegehren wird – soweit für den Ent-
scheid wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
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H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
12. Dezember 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden, wobei
zu berücksichtigen ist, dass an eine Laienbeschwerde keine hohen formel-
len Anforderungen zu stellen sind. Die Beschwerdeführenden haben am
Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene
Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einrei-
chung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG;
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchen-
de in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Diesbezüglich kommt die Dublin-III-VO zur Anwen-
dung.
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaats wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätz-
lich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt, unter Vor-
behalt der von Art. 7 Abs. 3 und Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO erfassten Situ-
ationen (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.;
BVGE 2019 VI/7 E. 4-6).
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Uni-
on (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen,
ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO).
4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
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er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn individuelle völkerrecht-
liche Überstellungshindernisse vorliegen (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Das
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
4.5 Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, ei-
nen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem ande-
ren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
5.
5.1 Die Beschwerdeführenden suchten gemäss Eurodac-Treffer wenige
Tage vor ihrer Asylgesuchstellung in der Schweiz bereits in Österreich um
Asyl nach (vgl. Bst. B vorstehend). Das SEM ersuchte deshalb die öster-
reichischen Behörden am 7. November 2022 um Wiederaufnahme der Be-
schwerdeführenden gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die ös-
terreichischen Behörden liessen das Rückübernahmeersuchen innert der
in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie
die Zuständigkeit Österreichs implizit anerkannten (Art. 25 Abs. 2 Dublin-
III-VO).
5.2 Die Beschwerdeführerin brachte im Dublin-Gespräch zwar vor, dass
sie in Österreich nicht um Asyl nachgesucht habe. Der daktyloskopisch er-
härtete Nachweis des Eurodac-Systems steht dieser Behauptung indes
klar entgegen, weshalb ihr nicht zu folgen ist. Das Gleiche gilt auch für das
Beschwerdevorbringen der Beschwerdeführerin, wonach sie anlässlich der
Abnahme ihrer Fingerabdrücke in Österreich gesagt habe, dass sie in die
Schweiz wolle, und ihr mitgeteilt worden sei, die Fingerabdrücke seien
nicht für den Asylantrag, sondern für die Polizei. Es besteht kein Grund, die
in Österreich registrierte Asylgesuchstellung anzuzweifeln.
5.3 Die Zuständigkeit Österreichs für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens ist somit grundsätzlich gegeben. Daran ändert auch
das (in der Beschwerde wiederholte) Vorbringen der Beschwerdeführerin,
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wonach ihr Ziel die Schweiz gewesen sei, nichts, zumal die Dublin-III-VO
den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden
Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). Sofern die Be-
schwerdeführerin (erstmals) in der Beschwerde geltend machen will (der
Wortlaut lässt auch den gegenteiligen Schluss zu), sie habe Verwandte in
der Schweiz, lässt sich daraus mangels Substanziierung kein Zuständig-
keitskriterium ableiten.
6.
6.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es
wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende in Österreich würden systemische
Schwachstellen aufweisen.
6.2 Österreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung
entsprechend davon aus, dass das österreichische Asylsystem keine sys-
temischen Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO aufweist
(vgl. etwa Urteil des BVGer F-3120/2022 vom 22. Juli 2022 E. 7.2 m.w.H.).
Für eine Änderung dieser Rechtsprechung besteht – auch unter Berück-
sichtigung der unsubstanziierten Behauptungen der Beschwerdeführerin
zum dortigen Umgang mit ihr und ihrem Sohn – keine Veranlassung.
6.4 Eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO erweist
sich demnach als nicht gerechtfertigt.
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Seite 8
7.
7.1 Hinsichtlich des von der Beschwerdeführerin – etwa mit ihren Vorbrin-
gen zu den behaupteten Erlebnissen in Österreich und ihrem Gesundheits-
zustand – implizit geforderten Selbsteintritts durch die Schweiz ist sodann
Folgendes festzuhalten:
7.2
7.2.1 Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan, die österreichischen Behörden würden sich weigern, sie und ih-
ren Sohn wiederaufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz
unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten
sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Österreich
werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und
sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Ausserdem hat die Beschwerdeführerin nicht dargetan, die
sie bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Österreich seien
derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrech-
techarta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
7.2.2 Die Vermutung, Österreich halte seine völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen ein, kann im Einzelfall zwar widerlegt werden. Hierfür bedarf es aber
konkreter und ernsthafter Hinweise. Solche hat die Beschwerdeführerin,
die gemäss Akten nur wenige Tage in Österreich verbrachte, weder mit ih-
ren unsubstanziierten Vorbringen während des Dublin-Gesprächs (vgl.
Bst. C.b vorstehend), noch mit ihren Beschwerdevorbringen – sie bringt
vor, sie sei nach ihrer Ankunft in Österreich (um 2 Uhr nachts) mit grossen
Schmerzen infolge eines (...) zusammen mit ihrem Sohn in einen Raum
gebracht worden, der einer Zelle geglichen habe und es habe weder zu
Essen noch Wasser gegeben und sie hätten nicht einmal die Toilette be-
nutzen dürfen – dargetan. Abgesehen davon, dass die Beschwerdevorbrin-
gen ebenfalls (insb. in zeitlicher Hinsicht) unsubstanziiert ausgefallen sind,
ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin vom Logenpersonal
des Bundesasylzentrums bei der Asylgesuchstellung als reisefähig ein-
schätzt wurde (vgl. Akten SEM 1206132-1/1) und gemäss dem in den Ak-
ten liegenden ärztlichen Bericht vom 24. Oktober 2022 (1206132-15/3) ihr
rechtes (...) in der Schweiz geröntgt wurde, indessen keine Zeichen für
einen Bruch festgestellt werden konnten.
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Es besteht mithin auch kein Grund zur Annahme, Österreich würde den
Beschwerdeführenden dauerhaft die ihnen gemäss Aufnahmerichtlinie zu-
stehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälli-
gen vorübergehenden Einschränkung könnten sie sich im Übrigen nötigen-
falls an die österreichischen Behörden wenden und die ihnen zustehenden
Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Auf-
nahmerichtlinie).
7.2.3 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, eine Überstellung
nach Österreich setze sie und ihren Sohn der Gefahr für ihre (psychische)
Gesundheit aus und verletze damit Art. 3 EMRK, ist zunächst festzuhalten,
dass betreffend den Sohn kein ärztlicher Bericht (resp. nur ein Bericht zu
einer Visite vom 28. November 2022, bei welcher er nicht erschienen sei
[1206132-34/3]) in den Akten liegt. Bei der Beschwerdeführerin wurden so-
dann gemäss den in den Akten liegenden ärztlichen Berichten eine Pyoder-
mie, ein (...), Kopfschmerzen (nach einem Schädeltrauma resp. vom Span-
nungstyp) und anamnestisch Nasenbluten diagnostiziert. Ausserdem wur-
den ihr ein Präparat gegen Eisenmangel (Maltofer) und ein Schilddrüsen-
medikament (Euthyrox) verordnet (vgl. 1206132-15/3, -20/3, -25/2 und -
33/2). Diese gesundheitlichen Probleme sowie allfällige psychische Prob-
leme stehen einer Überstellung nach Österreich offensichtlich nicht entge-
gen. Es ist allgemein bekannt, dass Österreich über eine ausreichende me-
dizinische Infrastruktur verfügt und die Beschwerdeführenden haben dort
gestützt auf die Aufnahmerichtlinie Zugang zu den erforderlichen Behand-
lungen. Es liegen keine (glaubhaften) Hinweise vor, wonach Österreich
ihnen eine adäquate medizinische Behandlung verweigert hätte und insbe-
sondere in Zukunft verweigern würde.
7.2.4 Soweit die Beschwerdeführerin sodann in Österreich Übergriffe
durch Dritte befürchtet, ist – in Übereinstimmung mit dem SEM – festzu-
halten, dass Österreich ein Rechtsstaat ist, der über eine funktionierende
Polizeibehörde verfügt. Die Beschwerdeführenden können sich deshalb
bei allfälligen Übergriffen durch Privatpersonen (erneut) an die zuständigen
staatlichen Stellen wenden.
7.2.5 Nach dem Gesagten erweist sich die Überstellung nach Österreich
unter Beachtung der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen so-
wie auch im Lichte des Kindswohl als zulässig, womit keine zwingenden
Gründe für einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch der Beschwerdeführen-
den in Anwendung der Ermessensklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO ersichtlich sind.
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Seite 10
7.3 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene
Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbeson-
dere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder
ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das
Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserun-
gen.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten.
Die übrigen Beschwerdevorbringen sind nicht geeignet, eine Änderung die-
ser Einschätzung zu bewirken, weshalb nicht weiter darauf einzugehen ist.
Da die Beschwerdeführenden nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts-
oder Niederlassungsbewilligung sind, wurde die Überstellung nach Öster-
reich in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet
(Art. 32 Bst. a AsylV 1).
9.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
11.
Mit dem Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch um Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung gegenstandslos geworden.
12.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Begehren gemäss den vorstehenden Erwägungen als aus-
sichtslos zu bezeichnen waren. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind
die Kosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG)
und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom
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21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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