Decision ID: ad650a2f-34e8-4814-837c-39ad2318ffe6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, ethnische Araber mit letztem Wohnsitz in
G._, verliessen ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge zu-
nächst gemeinsam mit ihren zwei erstgeborenen Kindern in Richtung Tür-
kei am (...) September 2014 (Einreisestempel Türkei). Der Beschwerde-
führer sei einige Zeit später nochmals kurzzeitig alleine nach Syrien (ge-
mäss seinen Angaben an einen von der Regierung nicht kontrollierten Ort,
vgl. SEM-Akte act. A4/14 S. 9) zurückgekehrt und im November 2014 letzt-
mals ausgereist. Danach gelangten sie nach Griechenland, von wo aus sie
schliesslich im Rahmen eines Relocation-Programms am (...) März 2017
in die Schweiz einreisten; gleichentags suchten sie hier um Asyl nach.
B.
B.a Am 7. April 2017 fanden die Befragungen zur Person (BzP) statt. Am
3. Dezember 2018 wurden der Beschwerdeführer und die Beschwerdefüh-
rerin jeweils eingehend zu ihren Asylgründen angehört. Dabei machten sie
im Wesentlichen Folgendes geltend:
B.b Die Sicherheits- und Versorgungslage an ihrem Heimatort sei kriegs-
bedingt desolat gewesen. Sie seien nicht mehr in der Lage gewesen, ihre
Kinder zu ernähren, sie in die Schule zu schicken oder eine Arbeit zu fin-
den. Wenige Tage vor der gemeinsamen Ausreise sei der Beschwerdefüh-
rer zudem aufgefordert worden, als Reservist Militärdienst zu leisten.
B.c Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführen-
den unter anderem das Militärdienstbüchlein des Beschwerdeführers, ein
Aufgebot zum Reservedienst, einen Arztbericht betreffend den Beschwer-
deführer, ein Familienbüchlein, einen Zivilregisterauszug sowie vier Reise-
pässe (alle im Original) zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 10. Mai 2019 verneinte das SEM die Flüchtlingseigen-
schaft der Beschwerdeführenden, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den Vollzug der Wegweisung
der Beschwerdeführerin und der gemeinsamen Kinder infolge Unzumut-
barkeit und jenen des Beschwerdeführers infolge Unzulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob.
E-2943/2019
Seite 3
D.
D.a Die Beschwerdeführenden liessen – handelnd durch ihren mandatier-
ten Rechtsvertreter – mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom
12. Juni 2019 Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung erheben.
Darin beantragten sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen und richtigen
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie zu dessen Neube-
urteilung; eventualiter sei ihnen unter Feststellung ihrer Flüchtlingseigen-
schaft Asyl zu gewähren; subeventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft
festzustellen.
D.b In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung einschliesslich Verzichts auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses. Ferner sei ihnen vollumfänglich Einsicht in die Relo-
cation-Akten, in die Aktenstücke A6/16, A36/5, A37/2 sowie in die vom SEM
genannten "Quellen" zu gewähren; eventualiter sei ihnen das rechtliche
Gehör zu den bezeichneten Akten zu gewähren und nach der Gewährung
der Akteneinsicht und eventualiter des rechtlichen Gehörs sei ihnen eine
angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung zu set-
zen.
E.
Mit Verfügung vom 18. Juni 2019 hiess die zuständige Instruktionsrichterin
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung der Beschwerdeführenden
gut und wies die Vorinstanz überdies an, das mit der Beschwerde gestellte
Akteneinsichtsgesuch zu behandeln.
F.
Das SEM gewährte mit Verfügungen vom 25. Juni 2019 (Asylakten) und
3. Juli 2019 (Relocation-Akten) Akteneinsicht.
G.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden gelangte mit Eingabe vom
26. Juni 2019 ans Bundesverwaltungsgericht und monierte, das SEM wei-
gere sich weiterhin, Einsicht in die erwähnten Quellen zu gewähren und
entgegen der Behauptung im Schreiben des SEM (vom 25. Juni 2019) sei
der Inhalt der bezeichneten Aktenstücke nicht bekannt gegeben worden.
H.
Die zuständige Instruktionsrichterin forderte das SEM mit Verfügung vom
E-2943/2019
Seite 4
16. Juli 2019 auf, dem Rechtsvertreter die in der vorinstanzlichen Verfü-
gung erwähnten "Quellen" zuzustellen und einen entsprechenden Aus-
druck in den Akten abzulegen. Zudem wurden die Gesuche um rechtliches
Gehör und Ergänzung der Beschwerde mit Verweis auf die geringe Bedeu-
tung der Aktenstücke, deren wesentlicher Inhalt nachträglich bekannt ge-
geben wurde, abgelehnt.
I.
Mit Schreiben vom 19. Juli 2019 liess das SEM dem Bundesverwaltungs-
gericht ein ausgedrucktes Exemplar der im Asylentscheid als Internet-Link
aufgeführten Quelle zukommen und führte aus, dem Rechtsvertreter das-
selbe Dokument am Vortag zugestellt zu haben.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
E-2943/2019
Seite 5
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu beurteilen sind. Die Beschwerdeführenden rügen eine Verlet-
zung des Akteneinsichtsrechts, der Begründungs- und der Abklärungs-
pflicht sowie des rechtlichen Gehörs.
4.2 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs
wird für das Verwaltungsverfahren in Art. 26-33 VwVG konkretisiert. Dem
verfassungsmässigen Grundsatz des rechtlichen Gehörs erwachsen be-
hördliche Pflichten, wie insbesondere die Untersuchungs- und die Begrün-
dungspflicht. Das AsylG als lex specialis zum VwVG sieht für das Asylver-
fahren besondere Verfahrensbestimmungen vor (Art. 6-17 AsylG).
Der verfahrensrechtliche Anspruch auf Akteneinsicht bildet Teilgehalt des
Anspruchs auf rechtliches Gehör. Grundsätzlich müssen sämtliche beweis-
erheblichen Akten den Beteiligten zur Einsicht gegeben werden, sofern in
der sie unmittelbar betreffenden Verfügung darauf abgestellt wird (vgl. BGE
132 V 387 E. 3.1 f.). Die Wahrnehmung des Akteneinsichts- und Beweis-
führungsrechts durch die von einer Verfügung betroffenen Person setzt die
Einhaltung der Aktenführungspflicht der Verwaltung voraus, gemäss wel-
cher die Behörden alles in den Akten festzuhalten haben, was zur Sache
gehört und entscheidwesentlich sein kann (vgl. BGE 130 II 473 E. 4.1
m.w.H.).
4.3
4.3.1 Hinsichtlich der Verletzung ihres Akteneinsichtsrechts wird von den
Beschwerdeführenden moniert, es sei ihnen zu Unrecht Einsicht in die Ak-
tenstücke A6/16, A36/5 und A37/2 sowie die Relocation-Akten verweigert
worden. Die Akte A36/5 sei unrichtig paginiert worden, der Inhalt von A37/2
erschliesse sich nicht aus der Bezeichnung auf dem Aktenverzeichnis und
die Relocation-Akten seien – obschon ihr Bestehen aus den übrigen Akten
eindeutig hervorgehe – im Aktenverzeichnis zu Unrecht nicht aufgeführt.
E-2943/2019
Seite 6
Zudem sei ihnen Einsicht in die vom SEM in seiner Verfügung zitierten
Quellen zu gewähren, zumal einer der beiden in der Verfügung angeführ-
ten Internetlinks nicht geöffnet werden könne.
4.3.2 Die Vorinstanz eröffnete den Beschwerdeführenden mit Schreiben
vom 25. Juni 2019 (Asylakten) den wesentlichen Inhalt der bezeichneten
Aktenstücke A6, A36 und A37. Am 3. Juli 2019 beantwortete das SEM das
Akteneinsichtsgesuch betreffend Relocation-Akten, welche in einem sepa-
raten Aktenverzeichnis (unglücklicherweise ebenfalls mit der Bezeichnung
"A" wie die Asylakten, was die Unterscheidung der jeweiligen Aktenstücke
erschwert) paginiert wurden. Ferner wurde der Inhalt der bezeichneten
Quellen in der angefochtenen Verfügung im Kern wiedergegeben. Auch
wenn die Beschwerdeführenden den eingefügten Link tatsächlich nicht öff-
nen konnten, wurde ihnen das entsprechende Dokument jedenfalls mit
Schreiben der Vorinstanz vom 18. Juli 2019 zur Kenntnis gebracht. Den
Beschwerdeführenden war es sodann bereits vor der Zustellung der be-
zeichneten Quellen möglich, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Sie
äusserten sich indes auch nach Erhalt des Dokuments nicht weiter hierzu.
Mit Verfügung vom 16. Juli 2019 wies die zuständige Instruktionsrichterin
sodann die Gesuche der Beschwerdeführenden um Gewährung des recht-
lichen Gehörs und Beschwerdeergänzung ab mit Verweis auf die geringe
Bedeutung der Aktenstücke für den vorinstanzlichen Entscheid. Insgesamt
ist den Beschwerdeführenden somit insbesondere auch angesichts der Er-
läuterungen der Vorinstanz in seinen Schreiben vom 25. Juni und 3. Juli
2019 das Akteneinsichtsrecht betreffend kein Nachteil erwachsen.
4.4
4.4.1 Eine Verletzung der Begründungspflicht erblicken die Beschwerde-
führenden darin, dass die Vorinstanz im Falle des Beschwerdeführers das
Vorliegen einzelfallspezifischer Risikofaktoren, die in den Augen des syri-
schen Regimes zur Annahme einer regierungsfeindlichen Haltung führen
würden, mit pauschaler Begründung verneint habe. Sodann sei zur Erläu-
terung der – nach einer Praxisänderung des SEM nun neu – geforderten
Risikofaktoren lediglich auf drei Urteile des Bundesverwaltungsgerichts
verwiesen worden, ohne die bundesverwaltungsgerichtlichen Grundsatz-
urteile im Syrien-Kontext miteinzubeziehen, und das SEM habe sich auf
Quellen gestützt, welche die in der Verfügung gezogene Schlussfolgerung
nicht untermauerten.
E-2943/2019
Seite 7
4.4.2 Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführenden enthält die an-
gefochtene Verfügung betreffend die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers keine Praxisänderung. Damit kann die vermeintliche
Praxisänderung auch nicht auf Quellen basieren, welche die Schlussfolge-
rungen des SEM nicht stützen würden. Es erstaunt zwar, dass das SEM in
seiner Begründung den Entscheid BVGE 2015/3 nicht herangezogen hat,
die zitierten Bundesverwaltungsgerichtsurteile bestätigen jedoch allesamt
die aus BVGE 2015/3 hervorgehende Rechtsprechung bezüglich Risiko-
faktoren im Kontext der Wehrdienstverweigerung in Syrien, welche nach
wie vor Bestand hat (bestätigt in BVGE 2020 VI/4). Die von der Vorinstanz
festgestellte Unzulässigkeit stützte sich indessen nicht auf die Konstella-
tion der zitierten Urteile, da es die "Bestrafung von Reservisten wegen ille-
galer Ausreise" und nicht die Situation einer Desertion beziehungsweise
Refraktion prüfte; das angebliche Aufgebot, in den Reservedient einrücken
zu müssen, wurde als unglaubhaft erachtet. Im Übrigen bedurfte es für den
positiven Entscheid hinsichtlich der festgestellten Unzulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs des Beschwerdeführers wegen drohender Strafmass-
nahmen, die gegen Art. 3 EMRK verstossen würden (vgl. SEM-Verfügung
S. 4), keiner weitergehenden Begründung. Soweit die unterschiedliche,
mithin materielle, Beurteilung bemängelt wird, ist auf die nachfolgenden
Erwägungen 6 f. zu verweisen.
4.5
4.5.1 Die Beschwerdeführenden rügen eine Verletzung der Abklärungs-
pflicht durch die Vorinstanz, weil das SEM es unterlassen habe, die einge-
reichten Beweismittel – insbesondere das im Original eingereichte Aufge-
bot zum Reservedienst – einer Dokumentenprüfung zu unterziehen.
4.5.2 Hierzu kann festgehalten werden, dass die Vorinstanz in der ange-
fochtenen Verfügung nachvollziehbar darlegte, weshalb sie die Durchfüh-
rung einer solchen Dokumentenprüfung nicht für angezeigt hielt. In diesem
Zusammenhang führte das SEM aus, das eingereichte militärische Aufge-
bot weise keine fälschungssicheren Merkmale auf und der Beweiswert sol-
cher Dokumente, die leicht käuflich zu erwerben seien, sei allgemein als
gering einzustufen. Ausserdem äusserte die Vorinstanz Zweifel darüber,
dass der Beschwerdeführer tatsächlich unter den geltend gemachten Um-
ständen zum Reservedienst aufgeboten wurde, zumal er im Verlauf des
Verfahrens widersprüchliche Angaben zum Erhalt des Aufgebots gemacht
habe. Damit liegt keine mangelnde Abklärung vor. Die unterschiedliche Be-
urteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen ist eine materielle Frage, die
nicht im Zusammenhang mit der Abklärungspflicht zu prüfen ist.
E-2943/2019
Seite 8
4.6
4.6.1 Soweit die Beschwerdeführenden die Dauer der Anhörung sowie den
langen Zeitraum zwischen BzP und Anhörung monieren, sind auch diese
Rügen nicht berechtigt.
4.6.2 Die Anhörung des Beschwerdeführers mit einer Dauer von fünfein-
halb Stunden (samt Pausen und Rückübersetzung) kann kaum als über-
lang bezeichnet werden. Es trifft zwar zu, dass dem Befragungsprotokoll
der Beschwerdeführerin eine Beginn- jedoch keine Endzeit zu entnehmen
ist. Angesichts des relativ späten Beginns der Anhörung (15.30 Uhr) und
dem eher geringen Umfang des Anhörungsprotokolls von sechseinhalb
Seiten (ohne den Unterschriftenteil der Mitwirkenden) kann jedoch auch
hier nicht von einer überlangen Anhörungssituation die Rede sein. Soweit
die Beschwerdeführenden die mangelnde Erholungszeit der übersetzen-
den Person bemängeln, finden sich in den Akten jedenfalls keine Hinweise
auf Ermüdungserscheinungen oder nachlassende Konzentration der über-
setzenden Person. Entsprechende konkrete Hinweise wurden auch in der
Beschwerde nicht aufgezeigt.
4.6.3 Sodann kann nicht von einer "Verschleppung" der Anhörung gespro-
chen werden, zumal es keine zwingend zu beachtenden Behandlungsfris-
ten gibt (vgl. dazu ausführlich BVGer Urteil E-784/19 vom 8. April 2021
E. 5.6.1 ff.).
4.7 Die formellen Rügen erweisen sich demnach insgesamt als unbegrün-
det, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus diesen Gründen
aufzuheben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Das Hauptbegehren der Beschwerdeführenden ist somit abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken.
E-2943/2019
Seite 9
5.2 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3
AsylG ist nicht nur die Situation im Zeitpunkt der Ausreise, sondern dieje-
nige im Zeitpunkt des Asylentscheides. So ist gegebenenfalls auch eine
asylsuchende Person als Flüchtling anzuerkennen, die erst aufgrund von
Ereignissen nach ihrer Ausreise im Fall einer Rückkehr in ihren Heimat-
oder Herkunftsstaat in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde.
Zu unterscheiden ist dabei zwischen objektiven und subjektiven Nach-
fluchtgründen. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn äussere Um-
stände, auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen
konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von einer Verfolgung be-
drohten Person ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerken-
nen und Asyl zu gewähren. Bei subjektiven Nachfluchtgründen wird zwar
die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG durch eigenes Tun
begründet; indessen führen sie nach Art. 54 AsylG zum Asylausschluss.
Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, werden als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 m.w.H.).
6.
6.1 Das SEM begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, dass
die von den Beschwerdeführenden geltend gemachten Nachteile und die
damit einhergehenden mangelnden wirtschaftlichen Perspektiven und Ver-
sorgungsprobleme Ausdruck der allgemeinen, kriegsbedingt schwierigen
Lage in Syrien seien, die keine Asylrelevanz entfalten würden. Es ergäben
sich ferner auch keine Hinweise auf eine gezielte Verfolgung der Be-
schwerdeführenden. Dem Beschwerdeführer sei es aufgrund widersprüch-
licher Angaben zum Erhalt des Aufgebots zum Reservedienst ferner nicht
gelungen, glaubhaft zu machen, dass er von der syrischen Armee in den
E-2943/2019
Seite 10
aktiven Reservedienst einberufen worden sei. Aufgrund seines Status als
Reservist habe er jedoch gegen behördliche Ausreisebestimmungen
verstossen, weshalb nicht auszuschliessen sei, dass ihm im Fall einer
Rückkehr nach Syrien behördliche Strafmassnahmen drohen könnten. Sol-
che Strafmassnahmen würden aber nur dann die Flüchtlingseigenschaft
begründen, wenn damit eine Verfolgung im Sinn von Art. 3 Abs. 1 AsylG
verbunden sei. Mithin also nur dann, wenn Personen aus einem flüchtlings-
rechtlichen Motiv wegen ihrer illegalen Ausreise eine Behandlung zu ge-
wärtigen hätten, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG
gleichkomme. Im syrischen Kontext werde selbst Wehrdienstverweigerern
und Deserteuren von den Behörden nicht zwingend eine regierungsfeind-
liche Haltung unterstellt. Analog dazu sei auch bei illegal ausgereisten Re-
servisten nur beim Vorliegen spezifischer politischer Faktoren davon aus-
zugehen, dass die syrischen Behörden die Ausreise als oppositionelle Stel-
lungnahme einstufen und entsprechend aus Gründen nach Art. 3 AsylG
bestrafen würden. Im Fall des Beschwerdeführers lägen keine einzelfall-
spezifischen Risikofaktoren vor, weshalb allfällige Strafmassnahmen in-
folge seiner illegalen Ausreise keine Verfolgung im Sinn von Art. 3 AsylG
darstelle. Da aber aufgrund seines Profils als Reservist nicht ausgeschlos-
sen werden könne, dass dem Beschwerdeführer in Syrien Strafmassnah-
men wegen seiner illegalen Ausreise drohen könnten, die gegen Art. 3
EMRK verstossen würden, sei er wegen Unzulässigkeit des Wegweisungs-
vollzugs vorläufig aufzunehmen. Angesichts der Sicherheitslage in Syrien
erweise sich der Wegweisungsvollzug für die Beschwerdeführerin und die
gemeinsamen Kinder ausserdem als unzumutbar.
6.2 Auf Beschwerdeebene hielten die Beschwerdeführenden an der Asyl-
relevanz und Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen fest. Die Weigerung des Be-
schwerdeführers, in den Reservedienst einzurücken, werde als regime-
feindliches und oppositionelles Verhalten betrachtet, welches vom syri-
schen Regime gezielt asylrelevant verfolgt werde. Faktisch erfülle jeder mi-
litärdienstfähige Mann in Syrien das entsprechende Profil, um vom syri-
schen Regime als Dienstverweigerer oder Deserteur asylrelevanter Verfol-
gung ausgesetzt zu werden. Im Fall des Beschwerdeführers kämen nebst
der Reservedienstverweigerung als weitere Gefährdungselemente hinzu,
dass er erstens seine Meinung zum verbrecherischen syrischen Regime
dargelegt habe und er zweitens in einem teilweise von der Freien Syri-
schen Armee (FSA) kontrollierten Gebiet gelebt habe. Personen, welche
aufgrund ihrer illegalen Ausreise und angesichts ihres spezifischen Profils
– wie der Beschwerdeführer – gegen behördliche Ausreisebestimmungen
verstossen hätten, müssten mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
E-2943/2019
Seite 11
ausgehen, dass ihnen eine regimefeindliche Haltung unterstellt werde und
ihnen bei einer Rückkehr asylrelevante Nachteile drohen würden. Dies
drohe auch dem Beschwerdeführer, zumal er als Mann im reservedienst-
fähigen Alter (ungeachtet eines allfälligen Aufgebots in den aktiven Reser-
vedienst) mit einem Ausreiseverbot belegt gewesen sei.
7.
7.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzliche Verfügung im
Ergebnis zu bestätigen ist.
Als wesentlich wird Folgendes erachtet:
7.2
7.2.1 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung zu Recht ausge-
führt, dass eine Wehrdienstverweigerung für sich alleine genommen nicht
geeignet ist, die Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Diese ist erst zuzu-
erkennen wenn sie zu einer Verfolgung im Sinn von Art. 3 Abs. 1 AsylG
führt. Mit anderen Worten muss die betroffene Person aus den in dieser
Norm genannten Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu
einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen
ihrer Wehrdienstverweigerung eine Behandlung zu gewärtigen haben, die
ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Das Bun-
desverwaltungsgericht qualifiziert eine Wehrdienstverweigerung auch im
syrischen Kontext nur aus den oben angeführten Gründen als flüchtlings-
rechtlich relevant, wenn die betreffende Person sich zusätzlich zur Wehr-
dienstverweigerung derart exponiert hatte, dass sie als Regimegegnerin
gilt und somit aus politischen Gründen eine unverhältnismässig hohe
Strafe zu befürchten hätte (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.3 und Bestätigung die-
ser Rechtsprechung in BVGE 2020 VI/4).
7.2.2 Von einer solchen Exponiertheit ist nach heutiger Aktenlage beim Be-
schwerdeführer nicht auszugehen. So ergeben sich keine Hinweise auf po-
litische Aktivitäten des Beschwerdeführers oder andere Anhaltspunkte, die
in den Augen der syrischen Behörden als oppositionelle Haltung verstan-
den werden könnten. Der Beschwerdeführer gab anlässlich der Befragun-
gen zu Protokoll, sich politisch nicht engagiert und mit den Behörden keine
Probleme gehabt zu haben. Er sei auch nicht persönlich von Regierungs-
vertretern aufgesucht worden (vgl. act. A4/11 7.01 sowie act. A33/17
F56 ff.). Der Umstand, dass er die syrische Regierung auf die direkte Frage
nach seiner Meinung dazu, als ein verbrecherisches Regime bezeichnet
E-2943/2019
Seite 12
habe (vgl. act. A4/11 7.01), reicht zur Annahme der überwiegenden Wahr-
scheinlichkeit, künftiger asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt zu sein, je-
denfalls ebenso wenig aus wie die Tatsache, dass er in einem teilweise von
der Freien Syrischen Armee (FSA) kontrollierten Gebiet gelebt hat.
7.3 Zur Frage, ob eine illegale Ausreise als Reservist von den syrischen
Behörden als Ausdruck einer regierungsfeindlichen Haltung qualifiziert
wird, weshalb der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr Nachteile im Sinn
von Art. 3 AsylG zu befürchten hätte, kann Folgendes festgehalten werden:
7.4
7.4.1 Gemäss der geltenden Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts führen weder die illegale Ausreise aus Syrien noch das Stellen eines
Asylantrags im Ausland zur Annahme, dass einer syrischen Person bei ei-
ner Rückkehr in ihr Heimatland mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung droht. Aufgrund der illegalen Aus-
reise und einer längeren Landesabwesenheit sei zwar davon auszugehen,
dass bei der Wiedereinreise nach Syrien eine Befragung durch die heimat-
lichen Behörden stattfinde. Bei Personen, die vor ihrer Ausreise nicht als
regimefeindliche Personen ins Blickfeld der syrischen Behörden geraten
und die nicht exilpolitisch in Erscheinung getreten sind, könne aber mit hin-
reichender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass sie als
staatsgefährdend eingestuft würden (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013
vom 28. Oktober 2015 E. 6.4.3 [als Referenzurteil publiziert], kürzlich wie-
der bestätigt in BVGer E-5788/2019 vom 12. Mai 2022 E. 8.1, D-2312/2020
vom 22. April 2022 E. 5.5 und D-3454/2020 vom 29. März 2022 E. 6.7).
7.4.2 Da Erfahrungen von Personen, die nach Syrien zurückkehren, ver-
mehrt dokumentiert werden, rechtfertigt sich eine vertiefte Auseinanderset-
zung mit den geltenden Regelungen rund um die Wiedereinreise nach Sy-
rien. Zu diesem Zweck konsultierte das Gericht die nachfolgenden Quellen
(wobei die aufgeführten Links zuletzt am 6. Juli 2022 abgerufen wurden):
– Danish Immigration Service, Syria - Consequences of illegal exit, con-
sequences of leaving a civil servant position without notice and the sit-
uation of Kurds in Damascus, Juni 2019, https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/2011587/Report_syria_june_2019.pdf,
– European Institute of Peace, Refugee Return in Syria: Dangers, Secu-
rity Risks and Information Scarcity, Juli 2019, https://www.eip.org/wp-
https://www.eip.org/wp-content/uploads/2020/06/EIP-Report-Security-and-Refugee-Return-in-Syria-July.pdf
E-2943/2019
Seite 13
content/uploads/2020/06/EIP-Report-Security-and-Refugee-Return-in-
Syria-July.pdf,
– UNHCR, Relevant Country of Origin Information to Assist with the Ap-
plication of UNHCR's Country Guidance on Syria - Participation in Anti-
Government Protests; Draft Evasion; Issuance and Application of Par-
tial Amnesty Decrees; Residency in (Formerly) Opposition-Held Areas;
Issuance of Passports Abroad; Return and "Settling One's Status",
7. Mai 2020, https://www.refworld.org/docid/5ec4fcff4.html,
– EASO, Syria Situation of returnees from abroad, Juni 2021,
https://coi.euaa.europa.eu/administration/easo/PLib/2021_06_EASO_
Syria_Situation_returnees_from_abroad.pdf,
– Danish Immigration Service, Syria - Issues regarding return, Oktober
2021, https://us.dk/media/10447/coi_report_issues_on_return_to_
syria_october_2021.pdf,
– Human Rights Watch, "Our Lives Are Like Death" - Syrian Refugee Re-
turns from Lebanon and Jordan, 20. Oktober 2021,
https://www.hrw.org/report/2021/10/20/our-lives-are-death/syrian-refu-
gee-returns-lebanon-and-jordan,
– Amnesty International, "You're going to your death" – Violations against
Syrian refugees returning to Syria, 2021, https://www.am-
nesty.org/en/wp-content/uploads/2021/09/MDE2445832021ENG-
LISH.pdf.
7.4.3 Den Berichten ist die Annahme zu entnehmen, dass die tatsächliche
Anzahl an Personen, die nach Syrien zurückgekehrt sind, höher liegt als
die rund 280'000 registrierten Rückreisen. Die Rückkehrenden reisten vor-
wiegend aus benachbarten Staaten Syriens dorthin zurück. Aus europäi-
schen Ländern waren demgegenüber bislang keine nennenswerten Rück-
kehrbewegungen zu verzeichnen. Gemäss dem syrischen Gesetz Nr. 18
aus dem Jahr 2014 ist die illegale Ausreise, je nach Umständen des jewei-
ligen Einzelfalles grundsätzlich mit Busse und/oder Haft bedroht. Unter il-
legaler Ausreise wird das Verlassen Syriens ohne gültigen Pass, aus-
serhalb eines autorisierten Grenzpostens oder ohne Ausreisebewilligung
verstanden. Eine solche Ausreisebewilligung benötigen etwa Staatsbe-
amte, Berufsmilitärs und Männer im wehrfähigen Alter (17 – 42-jährig; vgl.
Art. 48 und 49 Abs. 3 des syrischen Einberufungsgesetzes aus dem Jahr
2007). Mit Zirkularbeschluss Nr. 342 des syrischen Innenministers vom
https://www.eip.org/wp-content/uploads/2020/06/EIP-Report-Security-and-Refugee-Return-in-Syria-July.pdf https://www.eip.org/wp-content/uploads/2020/06/EIP-Report-Security-and-Refugee-Return-in-Syria-July.pdf
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26. März 2019 wurde die vormalige Strafandrohung für illegale Ausreisen
aufgehoben.
7.4.4 Nichtsdestotrotz bleibt die Wiedereinreise nach einer illegalen Aus-
reise aus Syrien ein Prozess, der eines formalen Verfahrens zur Regelung
des eigenen Status bedarf. Sowohl Rückkehrende aus dem Ausland als
auch Binnenflüchtlinge, die aus oppositionellen Gebieten in Gebiete unter
der Kontrolle der syrischen Regierung umsiedeln, benötigen vorgängig
eine Genehmigung der syrischen Behörden. Im Ausland wohnhafte Perso-
nen können ein solches Genehmigungsverfahren über die an ihrem Auf-
enthaltsort zuständige, offizielle syrische Vertretung oder über Angehörige
in Syrien einleiten. Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens, dessen
spezifischer Ablauf im Einzelfall unterschiedlich ausgestaltet sein kann,
prüfen die syrischen Behörden im Rahmen einer Sicherheitsüberprüfung
grundsätzlich zunächst, ob die betreffende Person auf einer Fahndungs-
liste verzeichnet ist und potenziell ein Sicherheitsrisiko darstellt (sog.
"security clearance"). Eine Vielzahl von Rechtshandlungen syrischer Pri-
vatpersonen erforderte bereits vor Ausbruch des Bürgerkriegs das Durch-
laufen einer solchen "security clearance"; dazu zählen beispielsweise die
Eheregistrierung, Umzüge, Geschäftseröffnungen oder Baugesuche. Der
Erhalt einer "security clearance" berechtigt zur Einreise nach Syrien innert
drei Monaten ab Ausstellung, wobei gewisse Personen dafür in einem
zweiten Schritt ihren individuellen Status gegenüber der syrischen Regie-
rung regeln müssen (vgl. dazu nachfolgende E. 7.4.5). Die Verweigerung
der "security clearance" kann viele Gründe haben. Dazu gehören beispiels-
weise Sicherheitsbedenken der syrischen Regierung gegenüber der an-
tragstellenden Person selbst oder gegenüber Personen aus deren Umfeld,
wie etwa inhaftierte Familienmitglieder oder oppositionsfreundliche Social-
Media Aktivitäten, der Aufenthalt in einem in den Augen der syrischen Re-
gierung missliebigen Land oder auch nur der Umstand, dass die Person an
einen Ort zurückzukehren gedenkt, der von der syrischen Regierung als
un- oder noch nicht bewohnbar qualifiziert wird.
7.4.5 Das sogenannte "status settlement" betrifft sodann Personen, die von
der syrischen Regierung gesucht werden und/oder, die im Hinblick auf eine
Rückkehr nach Syrien eine Regelung ihrer offenen Angelegenheiten mit
der Regierung anstreben. Solche offenen Angelegenheiten, die ein Status-
regelung erforderlich machen können sind beispielweise: eine illegale Aus-
reise, eine Teilnahme an Anti-Regierungsdemonstrationen, Wehrdienstver-
weigerung oder das Stellen eines Asylgesuchs im Ausland. Im Zuge der
Sicherheitsprüfung und Statusregelung werden die Antragstellenden –
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nebst den aktenkundigen Sachverhalten, die ein staatliches Interesse an
ihnen begründet und zu deren Suche geführt haben – etwa zu den Grün-
den für ihre Ausreise und Rückkehr, zu ihren Aktivitäten im Ausland sowie
zu ihren Familienverhältnissen und den Aktivitäten ihrer Angehörigen be-
fragt. Sofern die Behörden der Statusregelung zustimmen, wird die Person
von Fahndungslisten gestrichen, wird zukünftig nicht mehr von der Regie-
rung gesucht und erhält ein Dokument, dass sie zur Wiedereinreise be-
rechtigt. Nach ihrer Ankunft in Syrien müssen Personen, die auf diesem
Weg ihren Status geregelt haben, bei einer Dienststelle der syrischen Si-
cherheitsbehörden vorstellig werden, wo sie gegebenenfalls erneut befragt
werden. Die Notwendigkeit dieser formalen Statusregelung begründet sich
insbesondere damit, dass Personen, welche Syrien zuvor illegal verlassen
hatten, nicht in der Lage sind, nach ihrer Rückkehr in Syrien neue Rechts-
verhältnisse zu begründen oder rechtliche Verfahren anzustrengen. Zudem
laufen illegal ausgereiste Personen, die ohne vorgängige Statusregelung
zurückgekehrt sind, Gefahr, bei ihrer Wiedereinreise inhaftiert und befragt
zu werden. Dies betrifft insbesondere auch Personen, die nicht über die
Fahndung gegen sie informiert waren und sich entsprechend der Notwen-
digkeit der Statusregelung nicht bewusst waren.
7.4.6 Derzeit findet kein systematisches Monitoring der Rückkehr von Per-
sonen nach Syrien statt. Die Situation der Rückkehrenden und insbeson-
dere ihre Erfahrungen im Umgang mit den syrischen Behörden sind ent-
sprechend nicht umfassend dokumentiert. Die konsultierten Quellen be-
richten von Fällen, in denen Personen nach ihrer Rückkehr befragt, verhaf-
tet, festgehalten oder gefoltert worden sind oder die seither als verschwun-
den gelten. Allerdings scheint, vor dem Hintergrund, dass rund 280'000
Personen zwischen 2016 und 2021 nach Syrien zurückgekehrt sind, nur
eine sehr geringe Anzahl davon nach der Rückkehr von Massnahmen sei-
tens der syrischen Behörden und Sicherheitskräfte betroffen gewesen zu
sein. Sodann enthalten die Berichte keine eingehende Auseinanderset-
zung mit den persönlichen Profilen von Personen, die Festnahmen oder
anderen behördlichen Massnahmen ausgesetzt waren. Es bleibt mithin un-
klar, unter welchen Umständen Betroffene Syrien einst verlassen haben
und welche Aspekte ihrer Biografie (Aktivitäten vor oder nach der Ausreise
oder Aktivitäten in ihrem Umfeld) ein allfälliges Interesse der syrischen Be-
hörden an ihrer Person ausgelöst haben könnten. Vereinzelt scheint es je-
denfalls auch zur Festnahme von Personen, die ihren Status gegenüber
den syrischen Behörden vorgängig geregelt hätten, gekommen zu sein. In
diesem Zusammenhang wurde unter anderem auf die Fragmentierung der
syrischen Sicherheitsbehörden und deren Zuständigkeiten verwiesen. So
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könne es etwa vorkommen, dass eine Person von verschiedenen Behör-
den gesucht werde, ihren Status nicht gegenüber jeder einzelnen regle und
die Behörden entsprechende "status settlements" untereinander nicht zu-
verlässig kommunizieren würden. Schliesslich erwähnen Berichte, dass
wehrdienstpflichtige und -taugliche Männer nach ihrer Rückkehr in den Mi-
litärdienst eingezogen wurden, wenn sie sich zuvor durch ihre (illegale)
Ausreise der Dienstpflicht entzogen hatten.
7.4.7 Das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass die jüngs-
ten Berichte zur Situation von Rückkehrenden nach Syrien nicht geeignet
sind, die geltende Rechtsprechung zur illegalen Ausreise in einem anderen
Licht erscheinen zu lassen. Die Wiedereinreise nach einer illegalen Aus-
reise kann sich zwar im Einzelfall, trotz formalisiertem Verfahren zur Sta-
tusregelung, als problematisch erweisen und gewisse Risiken bergen. Es
ist aber insgesamt nicht dokumentiert, dass die syrischen Behörden syste-
matisch, flächendeckend oder auch nur in einer Vielzahl von Fällen in einer
Weise gegen Rückkehrende aus europäischen Ländern vorgehen würden,
die flüchtlingsrechtliche Relevanz erkennen liesse. Somit fehlt es bereits
am Erfordernis der "beachtlichen Wahrscheinlichkeit" mit der sich zukünf-
tige Nachteile im flüchtlingsrechtlichen Sinn zu verwirklichen haben, um
von deren Asylrelevanz auszugehen. Sodann lassen die konsultierten COI-
Berichte keine Rückschlüsse auf die persönlichen Profile (Aktivitäten vor
oder nach der Ausreise) der Personen zu, die sich bei ihrer Wiedereinreise
mit staatlichen Strafmassnahmen konfrontiert sahen. Insofern lassen sich
anhand der verfügbaren Informationen keine Aussagen darüber machen,
ob gewisse Personengruppen (beispielsweise oppositionell gesinnte Per-
sonen, Wehrdienstverweigerer oder Reservisten) im Rahmen ihrer Wieder-
einreise vermehrt von Strafmassnahmen betroffen sind. Insbesondere las-
sen die konsultierten Quellen nicht den Schluss zu, Personen, die im Rah-
men des Wiedereinreiseprozesses gegenüber der syrischen Regierung
nur eine illegale Ausreise zu deklarieren hatten, seien bei einer Rückkehr
in besonderem Masse gefährdet. Somit führt die illegale Ausreise für sich
allein genommen also auch unter Berücksichtigung der aktuellen Quellen-
lage nicht zur Annahme der Flüchtlingseigenschaft. Dies gilt ungeachtet
des Profils respektive Status der betroffenen Personen, sofern – wie bisher
– keine weiteren Faktoren im Sinn der bundesverwaltungsgerichtlichen
Rechtsprechung hinzukommen (vgl. BVGE 2020 VI/4).
7.5 Nach dem Gesagten kann vorliegend letztlich offen bleiben, ob der Be-
schwerdeführer zum Reservedienst aufgeboten wurde oder nicht. Allein
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dies wäre nicht als "weiterer Faktor" anzuerkennen. Andere solche Fakto-
ren liegen ebenfalls nicht vor (vgl. oben E. 7.2.2). Folglich ist die illegale
Ausreise des Beschwerdeführers nicht als subjektiver Nachfluchtgrund zu
qualifizieren, der zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft führen würde.
7.6 Von den durch die Bürgerkriegssituation hervorgerufenen Nachteilen,
namentlich von der schlechten Sicherheitslage und den auch in anderer
Hinsicht teilweise prekären Lebensbedingungen ist sodann der Grossteil
der syrischen Bevölkerung betroffen. Solchen Nachteilen ist die asylrecht-
liche Gezieltheit abzusprechen (vgl. hierzu statt vieler WALTER STÖCKLI,
Asyl, in: Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.16 m.w.H.), teilweise auch
die flüchtlingsrechtliche Motivation oder die Intensität der Nachteile im Sinn
von Art. 3 Abs. 2 AsylG.
7.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Asyl-
gründe nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung respektive eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu be-
gründen. Die Vorinstanz hat deshalb zur Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und das Asylgesuch der Beschwerdeführenden abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Da das SEM in seiner Verfügung vom 10. Mai 2019 die vorläufige Auf-
nahme der Beschwerdeführenden angeordnet hat, erübrigen sich praxis-
gemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des
Wegweisungsvollzugs. Mit Blick auf die von der Vorinstanz festgestellten
Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs soweit den Beschwerdeführer
betreffend sei der Vollständigkeit halber an dieser Stelle auf das Grund-
satzurteil des Bundesverwaltungsgerichts BVGE 2020 VI/4 verwiesen
(E. 6.2.3).
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10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106
Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Verfügung vom
18. Juni 2019 wurde jedoch ihr Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Im Urteilszeitpunkt liegen
keine Anhaltspunkte dafür vor, die finanzielle Lage der Beschwerdeführen-
den hätte sich seither entscheidrelevant verändert, weshalb keine Verfah-
renskosten zu erheben sind.
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