Decision ID: 882ec22c-804c-5503-b7cd-a91a304c9805
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 13. Januar 2021 in der Schweiz um
Asyl nach und wurde daraufhin dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region
B._ zugewiesen. Am 26. Januar 2021 erhob das SEM seine Perso-
nalien und befragte ihn zu seinem Reiseweg und summarisch zu seinen
Asylgründen (sog. Erstbefragung für unbegleitete minderjährige Asylsu-
chende [EB UMA]). Die einlässliche Anhörung zu seinen Asylgründen
(nachfolgend: Anhörung) fand am 9. Februar 2021 statt.
Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei afghanischer Staatsan-
gehöriger (...) Ethnie und stamme aus dem Dorf H._ (Distrikt
C._, Provinz D._), wo er von Geburt bis zu seiner Ausreise
zusammen mit seiner Familie gelebt habe. Sein Vater habe zugleich in der
Stadt E._ gearbeitet, zunächst als (...) und später (...) für einen Po-
lizeikommandanten. Die Taliban hätten davon erfahren und den Vater unter
Druck gesetzt. Aus Sicherheitsgründen habe ihn der Vater nach E._
gebracht. Die Stadt befinde sich in den Händen der Regierungstruppen.
Als er sich dort aufgehalten habe, seien in der Region Gefechte ausgebro-
chen. Dabei seien Taliban zu ihm nach Hause gegangen. Als sie dort sei-
nen Vater nicht hätten finden können, hätten sie an dessen Stelle seinen
jüngeren Bruder F._ (ebenfalls N [...]) bestraft. Sie hätten diesem
(...) abgeschnitten. In der Folge sei F._ ins Spital eingeliefert wor-
den. Als sein Vater davon erfahren habe, habe dieser seine Ausreise (des
Beschwerdeführers) und seines Bruders F._ organisiert. Etwa ei-
nen Monat nach dem diesem Vorfall seien sie aus Afghanistan ausgereist
beziehungsweise zuerst seien sie vom Schlepper nach G._ ge-
bracht worden, wo sie sich während zwei bis drei Monaten aufgehalten
hätten. Dann hätten sie Afghanistan in Richtung Pakistan verlassen, von
wo sie nach ein paar Tagen in den Iran – und nach einem zwei- bis drei-
monatigen Aufenthalt – in die Türkei weitergereist seien. Dort habe der Be-
schwerdeführer seine Reise aus (...) unterbrechen müssen. Er habe sich
während rund (...) Jahren im Ausland aufgehalten. Zudem brachte er vor,
dass er an einer (...)krankheit leide. Diese werde in seinem Heimatstaat
als Merkmal für einen Fluch beziehungsweise als Strafe Gottes angese-
hen. Deshalb sei er diskriminiert worden. Seine Einreise in die Schweiz
erfolgte schliesslich am 13. Januar 2021, nachdem ihm von den Schweizer
Behörden die Einreise bewilligt worden war.
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Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer seine Tazkira
(in Kopie) samt englischer und türkischer Übersetzung zu den Akten.
A.b Am 11. Februar 2021 händigte das SEM der Rechtsvertretung des Be-
schwerdeführers den Entscheidentwurf zur Stellungnahme aus. Diese da-
tiert vom selben Tag und ging am 12. Februar 2021 beim SEM ein.
B.
Mit Verfügung vom 15. Februar 2021 – eröffnet gleichentags – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht
(Dispositivziffer 1), lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2) und ord-
nete die Wegweisung an (Dispositivziffer 3). Gleichzeitig erachtete es den
Vollzug der Wegweisung zurzeit als nicht zumutbar, verfügte die vorläufige
Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz (Dispositivziffern 4–6)
und händigte diesem die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeich-
nis aus (Dispositivziffer 7).
C.
Mit Beschwerde vom 12. März 2021 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragte der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin, die Disposi-
tivziffern 1–3 der angefochtenen Verfügung seien aufzuheben und das
SEM sei anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache zur
rechtsgenüglichen Begründung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In pro-
zessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses.
D.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
12. März 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG
[SR 142.31]).
E.
Mit Schreiben vom 15. März 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 17. März 2021 hiess die zuständige Instrukti-
onsrichterin das Gesuch um Gewährung unentgeltlichen Rechtspflege im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud sie das SEM zur Vernehmlassung ein.
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Seite 4
G.
Mit Vernehmlassung vom 23. März 2021 hielt das SEM an seiner Verfü-
gung fest.
H.
Das Bundesverwaltungsgericht liess dem Beschwerdeführer am 24. März
2021 das Doppel der Vernehmlassung zukommen und gab ihm gleichzeitig
Gelegenheit, eine Replik einzureichen.
I.
Der Beschwerdeführer nahm durch seine Rechtsvertreterin mit Replik vom
1. April 2021 zu den Ausführungen in der Vernehmlassung vom 23. März
2021 Stellung.
J.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Akten des Bruders F._ des
Beschwerdeführers, welcher am (...) 2019 in der Schweiz um Asyl nach-
gesucht hat und dem mit Entscheid des SEM vom (...) 2019 Asyl gewährt
worden ist, in elektronischer Form beigezogen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 Verordnung über Massnahmen im Asylbereich
im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-19-Verordnung Asyl, SR
142.318] und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Verfah-
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ren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfü-
gung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren
Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der
Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Be-
schwerdeführer wegen Vorliegens eines Vollzugshindernisses (Unzumut-
barkeit) vorläufig aufgenommen hat.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; vielmehr müssen
konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss gemäss Art. 7 AsylG die Flüchtlingsei-
genschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Abs. 1). Glaub-
haft gemacht ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhan-
densein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2).
Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu
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wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht
entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismit-
tel abgestützt werden (Abs. 3).
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in ihrer angefochtenen Verfügung zum
Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderun-
gen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Die von ihm geltend gemachten Probleme beträfen in erster Linie seinen
Vater, nicht ihn selbst. Zwar sei sein jüngerer Bruder F._ aufgrund
der Arbeit seines Vaters von den Taliban angegriffen und konkret misshan-
delt worden. Der Beschwerdeführer selbst sei aber weder von direkt an ihn
gerichteten Drohungen noch von konkret erlittenen Misshandlungen betrof-
fen gewesen. Konkrete Anzeichen für eine auf ihn bezogene Verfolgungs-
situation seien somit nicht ersichtlich. Demzufolge seien weder die Zielge-
richtetheit noch die Intensität einer Verfolgungssituation nach Art. 3 AsyIG
gegeben.
Weiter werde aus seinen Aussagen offensichtlich, dass er, zusammen mit
seinem Vater, in der Stadt E._ in Sicherheit gewesen sei. Die Stadt
befinde sich in den Händen der Regierungstruppen und sein Vater, das
eigentliche Ziel der Taliban, lebe auch aktuell in E._, wobei er selbst
von keinen weiteren Vorfällen Kenntnis habe. Da aber sein jüngerer Bruder
aussagegemäss Kontakt zu seiner Familie im Heimatland habe und diese
lediglich berichte, dass es ihnen gut gehe, könne davon ausgegangen wer-
den, dass sein Vater diesbezüglich keine weiteren relevanten Vorfälle erlit-
ten habe. Seine Behauptung, E._ sei dennoch nicht sicher, weil die
Taliban in der Nacht in die Stadt kämen, gehe insofern fehl, als in einem
solchen (hypothetischen) Fall davon ausgegangen werden könne, dass die
Taliban nicht ihn, sondern seinen Vater misshandeln oder töten würden.
Daher sei davon auszugehen, dass er – genauso wie sein Vater – in der
Stadt E._ einen sicheren neuen Wohnort vor einer regionalen Be-
drohung begründet habe, den er jedoch ohne zwingenden Grund und wil-
lentlich aufgegeben habe, um ins Ausland zu reisen. Folglich habe für ihn
zum Zeitpunkt seiner Ausreise auch keine konkrete Bedrohungslage be-
standen, welcher er sich nur durch eine Flucht ins Ausland hätte entziehen
können. Weiter könne festgehalten werden, dass sowohl sein Vater – das
eigentliche Ziel der Verfolgung durch die Taliban – als auch weitere Mitglie-
der seiner Kernfamilie aktuell in Afghanistan lebten: Während sein Vater,
der nunmehr seine Arbeit für die Polizei aufgegeben habe und einer nicht
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regierungsnahen Arbeit nachgehe, in E._ wohne, würden seine
Mutter, seine Schwestern sowie seine beiden jüngeren Brüder in seinem
Heimatdorf H._ leben. Dass seine dortigen Familienmitglieder un-
behelligt von den Taliban ihrem Leben in Afghanistan nachgehen könnten,
spreche grundsätzlich dafür, dass auch zum Zeitpunkt des Asylentscheids
keine konkrete Bedrohungslage gegeben sei. Aufgrund dieser Erwägun-
gen könne davon ausgegangen werden, dass objektiv kein Anlass zur An-
nahme bestehe, dass er künftig flüchtlingsrechtlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt sei, welche sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zukunft verwirklichen würden, auch wenn er selbst sub-
jektiv vom Gegenteil überzeugt sei. Bei der Entscheidfindung sei praxis-
konform auch das elektronische Dossier seines jüngeren Bruders
F._ konsultiert worden. Es habe dabei grundsätzlich nichts festge-
stellt werden können, was zu seinen Gunsten hätte herangezogen werden
können.
Zudem erreichten die aufgrund der (...)krankheit geltend gemachten Dis-
kriminierungen nicht die erforderliche Intensität im Sinne von Art. 3 AsyIG.
Somit seien sie flüchtlingsrechtlich nicht relevant.
Bezüglich der Stellungnahme der Rechtsvertretung führte das SEM aus,
dass es die Vorbringen des Beschwerdeführers individuell und praxiskon-
form sorgfältig geprüft habe, wobei – wie oben ausführlich erwogen – zwei-
felsfrei eine andere Bedrohungslage als diejenige, die der jüngere Bruder
F._ bei dessen eigenen Asylgesuch geltend gemacht habe, habe
festgestellt werden können. Ebenfalls könne ein von den Asylgründen des
Beschwerdeführers abweichender Sachverhalt in dem von der Rechtsver-
tretung zitierten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-1788/2018 vom
3. Dezember 2020 ermittelt werden. Vorliegend bestehe eine andere Situ-
ation: Aussagegemäss sei der Beschwerdeführer zu keinem Zeitpunkt von
den Taliban konkret bedroht oder misshandelt worden. Eine vergleichbare
Ausgangslage sei demzufolge nicht gegeben. Somit seien keine Tatsachen
oder Beweismittel vorgelegt worden, welche eine Änderung des Stand-
punktes des SEM rechtfertigen könnten.
5.2
5.2.1 In der Beschwerdeschrift wird vorab eine Verletzung des Rechts-
gleichheitsgebots geltend gemacht. So sei dem jüngeren Bruder
F._ des Beschwerdeführers am (...) 2019 Asyl gewährt worden,
während dessen Asylgesuch abgewiesen worden sei. Beide Brüder mach-
ten die exakt gleichen Asylgründe geltend.
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Ferner sei widersprüchlich, dass das SEM im Fall des Beschwerdeführers
implizit von einer internen Schutzalternative ausgehe – dieser sei in der
Stadt E._ sicher – (abgesehen davon, dass eine solche sowieso
nicht bestehen könne, weil das SEM von der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ausgehe), im Fall des Bruders des Beschwerdeführers je-
doch nicht. Es sei nicht ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführer in der
Stadt E._ in Sicherheit vor den Taliban wäre, dessen jüngerer Bru-
der jedoch nicht.
Folglich sei der Entscheid aufzuheben und das SEM anzuweisen, dem Be-
schwerdeführer Asyl zu gewähren.
5.2.2 In materieller Hinsicht wird in der Beschwerdeschrift weiter ausge-
führt, dass der Beschwerdeführer aufgrund der beruflichen Tätigkeit seines
Vaters als Polizist beziehungsweise (...) eines Polizeikommandanten einer
Gruppe von Personen mit erhöhtem Risikoprofil angehöre. Ferner sei seine
Familie von den Taliban angegriffen worden und habe sein Bruder bereits
ernsthafte und hinreichend intensive Nachteile ([...]) erlitten. Wenn er nicht
zuvor mit seinem Vater von zu Hause geflüchtet wäre, hätte er das gleiche
Schicksal erlitten. Bei einer Rückkehr in sein Heimatdorf würde ihm eine
ernsthafte Gefahr für seinen Leib und sein Leben durch die Taliban drohen,
welche sich an ihm anstelle seines Vaters rächen würden. Deshalb bestehe
eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung. Dieser zu befürchten-
den Reflexverfolgung liege ein politisches Motiv zugrunde. Da selbst in
F._ kein wirksamer staatlicher Schutz gegen Verfolgung durch die
Taliban bestehe, könne ein solcher im Heimatdorf des Beschwerdeführers
in der Provinz D._ erst recht nicht bestehen. Demnach könne weder
bezüglich der Stadt E._ noch eines anderen Orts in Afghanistan von
einer innerstaatlichen Schutzalternative ausgegangen werden.
5.2.3 Zudem habe sich die Vorinstanz nicht mit dem Kindeswohl auseinan-
dergesetzt und dieses somit verletzt. Beim Beschwerdeführer handle es
sich um einen UMA. Er sei vor zwei Monaten in der Schweiz angekommen
und mit der Gesamtsituation noch sichtlich überfordert. Von den Ereignis-
sen in seinem Herkunftsland sei er schwer traumatisiert. Der Entscheid,
dass seinem Bruder Asyl gewährt worden sei und ihm nicht, belaste ihn
stark. Er könne dies nicht nachvollziehen und empfinde es als Abwertung
seines Leidens. Darunter leide er psychisch sehr, was sich auch in den
emotionalen Zusammenbrüchen nach den Gesprächen bei der Entscheid-
eröffnung gezeigt habe. Das SEM habe bei der Beurteilung der begründe-
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ten Furcht vor Verfolgung, insbesondere bezüglich der Intensität der Nach-
teile, die Minderjährigkeit und besondere Verletzlichkeit des Beschwerde-
führers nicht berücksichtigt. Diesbezüglich wird in der Beschwerdeschrift
auf die Richtlinien Nr. 8 des Amts des Hohen Flüchtlingskommissars der
Vereinten Nationen (UNHCR) zu Asylanträgen von Kindern (Ziffn. 15–16)
hingewiesen. Zudem könne das Unrechtsempfinden durch die Ungleichbe-
handlung mit seinem Bruder grosse Auswirkungen haben. Eigentlich wäre
es für den Beschwerdeführer jetzt sehr wichtig, dass er sich zusammen mit
seinem Bruder in der Schweiz in Sicherheit fühle. Die Brüder seien stark
aufeinander angewiesen und brauchten ihre gegenseitige Unterstützung.
Weiter sorge sich der Beschwerdeführer aus nachvollziehbaren Gründen
um seine Zukunft und damit um seine Sicherheit. Mit einer vorläufigen Auf-
nahme sei er nie hundert Prozent sicher, dass er in der Schweiz bleiben
könne.
5.2.4 Schliesslich wird eventualiter die Rückweisung an das SEM wegen
Verletzung des rechtlichen Gehörs beantragt. Die Vorinstanz beziehe sich
in ihrem Entscheid darauf, dass beim Beschwerdefrüher zweifelsfrei eine
andere Bedrohungslage als diejenige, die der jüngere Bruder in seinem
Asylgesuch geltend gemacht habe, habe festgestellt werden können. We-
der für den Beschwerdeführer noch für die Rechtsvertretung sei nachvoll-
ziehbar, weshalb dies vom SEM so gewertet werde. Nach der Stellung-
nahme der Rechtsvertretung hätte dies im Entscheid des SEM ersichtlich
und nachvollziehbar sein müssen. So sei es weder dem Beschwerdeführer
noch der Rechtsvertretung möglich, dazu konkret Stellung zu nehmen. Da-
mit seien die behördliche Begründungspflicht und das rechtliche Gehör
verletzt.
5.3 In seiner Vernehmlassung erwidert das SEM, der Beschwerdeführer
und seine Rechtsvertretung missverständen einen wichtigen Aspekt des
Asylentscheids vom 15. Februar 2021: So sei zu keinem Zeitpunkt von ei-
ner innerstaatlichen Fluchtalternative die Rede, weshalb auch kein Wider-
spruch zu der verfügten vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs bestehe. Vielmehr habe der Beschwerdeführer zum
Zeitpunkt seiner Ausreise keine begründete Furcht gehabt, ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsyIG an seinem sicheren Aufenthaltsort in
der von Regierungstruppen geschützten Stadt E._ zu erleiden. Dies
würde am Beispiel seines Vaters – des eigentlichen Ziels der Taliban –
deutlich: Dieser wohne aktuell noch immer in E._, ohne dass es zu
weiteren Vorfällen mit den Taliban gekommen sei. Es erschliesse sich dem
SEM somit nicht, inwiefern der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner
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Seite 10
Ausreise ernsthafte Nachteile zu befürchten gehabt hätte. Darüber hinaus
werde anhand seiner Aussagen deutlich, dass sein Entscheid zur Ausreise
nicht aufgrund von Sicherheitsbedenken, sondern wegen fehlender Zu-
kunftsperspektiven im Heimatland erfolgt sei. Dieser Umstand werde in Be-
zug auf die summarische Schilderung der Asylgründe im Rahmen der EB
umso deutlicher: So habe er zunächst und ausschliesslich zu Protokoll ge-
geben, er sei in die Schweiz gereist, um sich eine Zukunft aufzubauen. Auf
die Nachfrage, ob er alle Asylgründe genannt habe, habe er sein Vorbrin-
gen lediglich um seine medizinischen Probleme ergänzt. Erst auf die sug-
gestiv gestellte Nachfrage seiner Rechtsvertretung habe er sein Problem
in Bezug auf die mutmassliche Reflexverfolgung wegen der Tätigkeit sei-
nes Vaters geschildert. Dieses ungewöhnliche Aussageverhalten einer an-
geblich verfolgten Person bekräftige die Annahme, dass er – entgegen sei-
ner Behauptung – prioritär wegen fehlender Zukunftsperspektiven aus sei-
nem Heimatland ausgereist sei, anders als sein jüngerer Bruder, dem kon-
krete Probleme mit den Taliban widerfahren seien. Demzufolge könne nicht
von einer gleichgearteten Verfolgungssituation ausgegangen werden.
5.4 In der Replik wird im Wesentlichen Folgendes ausgeführt: Wenn dem
Vater bislang nichts passiert sei, heisse dies nicht, dass ihm auch zukünftig
nichts passieren werde. Der Beschwerdeführer habe (unter Hinweis auf
entsprechende Protokollstellen) klar ausgesagt, dass die Taliban seines
Vaters in E._ zum Glück nicht hätten habhaft werden können. Die-
ser verstecke sich ständig und es sei ihm nicht möglich, zu seiner Familie
zurückzukehren. Die Taliban bedrohten ihn weiter, da er für die Regierung
gearbeitet habe und wisse, wo die Waffen und die Munition deponiert
seien, und noch andere Informationen habe. Er habe seine Söhne ins Aus-
land geschickt, damit diese in Sicherheit seien. Der Beschwerdeführer
habe auch jetzt keinen Kontakt zu ihm, da die Taliban die Telefonmasten
regelmässig zerstörten, weshalb nicht sicher sei, dass sein Vater aktuell in
Sicherheit sei. Er habe gesagt, dass die Stadt E._ nicht sicher sei,
in der Nacht Taliban in die Stadt kämen und diese von ihnen umzingelt sei;
es gäbe immer versteckte Wege, wo die Taliban die Stadt attackieren wür-
den, wenn sie etwas vorhätten; man könne nicht von einer sicheren Stadt
reden. Der Beschwerdeführer hätte dort keine Chance, ein normales Le-
ben zu führen, die Schule zu besuchen etc. Er müsste sich immer vor den
Taliban verstecken, wie während der circa anderthalb Monate, in welchen
die Reise organisiert und das Geld besorgt worden seien. Er sei in Gefahr
gewesen und wäre auch zukünftig in Gefahr, dass er von den Taliban um-
gebracht werden könnte. Zwar spreche das SEM nicht von einer inner-
staatlichen Fluchtalternative, begründe aber im Entscheid, dass der Vater
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und der Beschwerdeführer in der Stadt sicher wären, weil diese sich in den
Händen der Regierungstruppen befinde. Indes bestehe gemäss bundes-
verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung selbst in F._ kein wirksa-
mer staatlicher Schutz vor Verfolgung der Taliban, weshalb nicht davon
ausgegangen werden könne, dass die Familie in E._ von den staat-
lichen Organen geschützt wäre. Soweit das SEM dem Beschwerdeführer
entgegenhalte, dessen Entscheid zur Ausreise sei nicht aufgrund von Si-
cherheitsbedenken, sondern wegen fehlender Zukunftsperspektiven im
Heimatland erfolgt, sei es nicht falsch, aus einem Kriegsland zu fliehen, um
überleben zu wollen und sich eine Zukunft aufzubauen. Inwiefern die dies-
bezügliche Aussage des Beschwerdeführers, wie von der Vorinstanz be-
hauptet, dessen Sicherheitsbedenken verneinen sollte, sei nicht nachvoll-
ziehbar. Was den in der Vernehmlassung erhobenen Vorwurf der Sugges-
tivfrage anbelange, habe erst diese Frage zur ausführlichen und detaillier-
ten Schilderung der Asylgründe geführt. Eigentlich wäre es Sache des
SEM, von Amtes wegen den Sachverhalt festzustellen. Dieses müsste
dazu in der Lage sein, bei einem Minderjährigen den Sachverhalt und die
Asylgründe mittels geeigneter und altersgerechter Fragetechnik festzustel-
len. Da es seine Aufgabe nicht erfüllt habe und der Beschwerdeführer seine
Asylgründe nicht habe nennen können, sei nicht nachvollziehbar, weshalb
der Rechtsvertretung dieser Vorwurf gemacht werde, wenn diese damit
letztendlich dem SEM dabei gedient habe, den Sachverhalt vollständig zu
erstellen. Der Beschwerdeführer habe damit in der EB klar ausgeführt,
dass er nicht wegen fehlender Zukunftsperspektiven, sondern aufgrund
von Sicherheitsbedenken geflohen sei. Zudem habe er in der Anhörung als
erstes ausführlich und detailliert seine Flucht vor den Taliban genannt. Das
ganze Anhörungsprotokoll beziehe sich auf seine politischen Verfolgungs-
gründe. Dass er, ein minderjähriger Asylsuchender, der so viel Leid und
eine lange, beschwerliche Flucht habe erleiden müssen, eine Zukunftsper-
spektive wünsche, schliesse nicht aus, dass er in Gefahr gewesen sei. Aus-
serdem habe er im Zusammenhang mit seiner (...)krankheit entgegen dem
SEM nicht lediglich sein Vorbringen um seine medizinischen Probleme er-
gänzt, sondern dieses Anliegen korrekterweise im Kontext seiner Ausrei-
segründe vorgebracht, da er unter den diesbezüglichen Diskriminierungen
in seinem Heimatland sehr gelitten habe.
6.
6.1 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht eine Verletzung der Be-
gründungspflicht und damit des rechtlichen Gehörs im Zusammenhang mit
der Bedrohungslage des Beschwerdeführers in Bezug auf jene im Asylge-
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Seite 12
such von dessen jüngeren Bruder geltend gemachte gerügt. Formelle Rü-
gen sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
6.1.1 Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2
BV, Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), welches alle Befugnisse umfasst, die
einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden sowie Einsicht in die Akten zu nehmen. Mit
dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen
tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung ange-
messen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass
die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfech-
ten kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überlegungen nennen, von
denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht
erforderlich ist hingegen, dass sich die Begründung mit allen Parteistand-
punkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen aus-
drücklich erwähnt oder widerlegt. Somit darf sich die Vorinstanz bei der
Begründung der Verfügung auf die für den Entscheid wesentlichen Ge-
sichtspunkte beschränken und ist nicht gehalten, sich ausdrücklich mit je-
der tatbeständlichen Behauptung auseinanderzusetzen (vgl. BGE 136 I
184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
6.1.2 Die gerügte Verletzung der Begründungspflicht ist zu verneinen. Das
Asylgesuch des jüngeren Bruders F._ des Beschwerdeführers da-
tiert vom (...) 2019. Darüber wurde vom SEM am (...) 2019 befunden.
Demgegenüber suchte der Beschwerdeführer am 13. Januar 2021 in der
Schweiz nach und befand die Vorinstanz darüber am 15. Februar 2021.
Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung aus, weshalb es zum Zeit-
punkt von deren Erlass bezüglich des Beschwerdeführers eine konkrete
Bedrohungslage – auch in Berücksichtigung der Stellungnahme der
Rechtsvertretung – als nicht gegeben erachtete. Dabei hat sich das SEM
mit den wesentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers im erforderlichen
Umfang auseinandergesetzt, in der angefochtenen Verfügung die Überle-
gungen genannt, welche seinem Entscheid zugrunde lagen und sich in sei-
ner Begründung auf die vom Beschwerdeführer vorgebrachten Asylgründe
gestützt. Zudem war es diesem möglich, den Entscheid sachgerecht anzu-
fechten. Ob die vorinstanzliche Begründung zutrifft, ist eine Frage des ma-
teriellen Rechts.
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Seite 13
6.1.3 Nach dem Gesagten erweist sich die geltend gemachte verfahrens-
rechtliche Rüge als unbegründet. Es besteht somit keine Veranlassung, die
Verfügung des SEM aufzuheben und die Sache zur rechtsgenüglichen Be-
gründung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entsprechende Eventu-
albegehren ist abzuweisen.
7.
7.1 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die
Frage nach der zum Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder
begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation zum Zeitpunkt des
Asylentscheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der
Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Si-
tuation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb
zugunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berück-
sichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6 S. 1016 f., 2011/50
E. 3.1.1 und 3.1.2 S. 996 ff., 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1 S. 507 f.,
2008/12 E. 5.2 S. 154 f. und 2008/4 E. 5.2 S. 37, jeweils m.w.H.; WALTER
STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax / Rudin / Hugi Yar / Geiser [Hrsg.], Ausländer-
recht, 2. Aufl., 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
7.2 Entgegen den vorinstanzlichen Erwägungen ist das Bundesverwal-
tungsgericht der Auffassung, dass für den Beschwerdeführer zum Zeit-
punkt der Ausreise aus seinem Heimatstaat eine konkrete Bedrohungslage
im Sinne von Art. 3 AsylG bestand. Diesbezüglich wird in der Beschwerde-
schrift zu Recht darauf verwiesen, dass beide Brüder die exakt gleichen
Asylgründe – Reflexverfolgung aufgrund der beruflichen Tätigkeit ihres Va-
ters – geltend gemacht hätten. Der Beschwerdeführer vermag allein dar-
aus indes keine Verletzung des Rechtsgleichheitsgebots abzuleiten, da für
die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft nicht allein auf die Frage nach
der zum Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten
Furcht vor einer solchen abzustellen ist, sondern auch zu prüfen ist, ob die
Verfolgungsfurcht zum Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell ist (vgl.
E. 7.1; vgl. zum Ganzen auch nachfolgende E. 7.5).
7.3 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG
liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte
sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch
aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zu-
kunft verwirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine
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konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleich-
barer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht her-
vorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer ob-
jektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das
von der betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konse-
quenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen
Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine
ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 mit weiteren
Hinweisen).
7.4 Bezüglich des Zeitpunkts des Asylentscheids wurde eine konkrete Be-
drohungslage für den Beschwerdeführer von der Vorinstanz zu Recht ver-
neint. Dieser gab zu Protokoll, sein Vater habe seine Arbeit als (...) für
einen Polizeikommandanten aufgegeben, da er gemeint habe, dass das
Leben seiner Familie in Gefahr sei. Der Vater arbeite nun freiberuflich und
(...) in der Stadt. Davon habe der Beschwerdeführer nach seiner Ausreise
in I._ erfahren, ebenso, dass der Polizeikommandant bei (...) und
getötet worden sei (vgl. act. 108579-17/10 F27, F33, F35). Zwar machte er
geltend, dass sein Vater weiterhin von den Taliban bedroht und gesucht
werde (vgl. a.a.O., F28–F31). Dabei handelt es sich aber lediglich um Mut-
massungen (vgl. a.a.O., F32). Unter diesen Umständen ist davon auszu-
gehen, dass der Grund für die geltend gemachte Reflexverfolgung des Be-
schwerdeführers zwischenzeitlich weggefallen ist. Diese Annahme wird
dadurch gefestigt, dass nach dessen vor mehreren Jahren erfolgten Aus-
reise offensichtlich weder dessen Vater in der Stadt noch weitere in der
Heimatregion verbliebene Familienangehörige je konkret bedroht wurden.
Dies obschon der Beschwerdeführer selber geltend macht, die Taliban hät-
ten (nachts) durchaus Zugriffsmöglichkeiten auch in der Stadt E._.
Somit ist, auch in Mitberücksichtigung der Minderjährigkeit des Beschwer-
deführers, mit der Vorinstanz zum heutigen Zeitpunkt davon auszugehen,
dass aus objektivierter Sicht kein Anlass zur Annahme besteht, dass der
Beschwerdeführer künftig flüchtlingsrechtlichen Verfolgungsmassnahmen
ausgesetzt wird, welche sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in
absehbarer Zukunft verwirklichen werden, auch wenn er selbst subjektiv
vom Gegenteil überzeugt ist. Es erübrigt sich deshalb, auf die Ausführun-
gen in der Beschwerdeschrift bezüglich staatlichen Schutzes gegen Ver-
folgung durch die Taliban und innerstaatlicher Schutzalternative weiter ein-
zugehen.
7.5 Gemäss Art. 8 BV sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Das
Gleichheitsgebot verlangt, dass Gleiches gleich (Gleichheitsgebot) und
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Ungleiches ungleich (Differenzierungsgebot) behandelt werden soll. Das
Rechtsgleichheitsgebot ist verletzt, wenn hinsichtlich einer entscheidwe-
sentlichen Tatsache rechtliche Unterscheidungen getroffen werden, für die
kein vernünftiger Grund in den zu regelnden Verhältnissen besteht, oder
wenn Unterscheidungen unterlassen werden, die aufgrund der Verhält-
nisse hätten getroffen werden müssen (BGE 136 V 231 E. 6.1).
Das Bundesverwaltungsgericht hat Verständnis dafür, dass es dem Be-
schwerdeführer schwerfällt zu verstehen, weshalb seinem Bruder Asyl ge-
währt wurde, ihm selber aber nicht. Dies ist indessen nicht ausschlagge-
bend. Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung liegt keine
Verletzung des Rechtsgleichheitsgebots vor. Die Voraussetzungen für die
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft sind in jedem Einzelfall individuell
zu prüfen. Vorliegend ist offensichtlich, dass ein Unterschied zwischen den
beiden Brüdern schon darin liegt, dass der Bruder des Beschwerdeführers
Verfolgungshandlungen am eigenen Leib erfahren hat. Wie bereits er-
wähnt, hat, wer bereits Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, objektive
Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht. Hinzu kommt, auch da-
rauf wurde schon hingewiesen, dass für die Beurteilung des Bestehens be-
gründeter Furcht vor künftiger Verfolgung die Verhältnisse im Urteilszeit-
punkt massgebend sind. Das Bundesverwaltungsgericht hat zu prüfen, ob
beim Beschwerdeführer die Voraussetzungen für die Annahme einer Ver-
folgungsfurcht gegeben sind, nicht jedoch, ob diese bei seinem Bruder im
heutigen Zeitpunkt (auch noch) gegeben wären.
7.6 Schliesslich führen auch die in der Beschwerdeschrift dargelegten
Überlegungen zum Kindeswohl zu keinem anderen Ergebnis. Die dem Be-
schwerdeführer durchaus zuzusprechenden Angstgefühle vermögen am
Fehlen objektivierter Anhaltspunkte für die Annahme einer begründeten
Furcht vor Verfolgung nichts zu ändern.
7.7 Was die vom Beschwerdeführer aufgrund seiner (...)krankheit geltend
gemachten Diskriminierungen anbelangt, wurde deren flüchtlingsrechtliche
Relevanz von der Vorinstanz mit zutreffender Begründung verneint.
7.8 Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer zwar
gelungen ist, eine zum Zeitpunkt der Ausreise aus Afghanistan bestehende
oder unmittelbar drohende asyl- respektive flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgung gemäss Art. 3 AsylG nachzuweisen oder zumindest glaubhaft
zu machen. Indes liegen keine konkreten Anhaltspunkte für eine für die
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Flüchtlingseigenschaft relevante Verfolgung vor, welche ihm heute bei ei-
ner (hypothetischen) Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft drohen würde. Die Vorinstanz hat
demzufolge zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylge-
such abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.3 Das SEM hat den Beschwerdeführer aufgrund der aktuellen Situation
in Afghanistan wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig
aufgenommen. Da die Vollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl.
BVGE 2009/51 E. 5.4), ist vorliegend die Frage der Zulässigkeit und der
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs nicht zu prüfen. Im Rahmen einer
allfälligen späteren Aufhebung der vorläufigen Aufnahme wäre ex nunc zu
prüfen, ob der Vollzug der Wegweisung völkerrechtlich zulässig, zumutbar
und möglich ist (vgl. Art. 84 Abs. 2 i.V.m. Art. 83 AIG [SR 142.20]).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege ist jedoch auf die Erhebung von Verfahrens-
kosten zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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