Decision ID: 73fb86f4-a5df-5441-8e66-f6e243f098ff
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein Staatsangehöriger aus Algerien, stellte am
28. Juni 2021 im Bundesasylzentrum (BAZ) B._ ein Asylgesuch.
B.
Ein Abgleich der Daktyloskopierungen des Beschwerdeführers mit der Fin-
gerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am (...) September 2020
illegal in Spanien in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist war
und am (...) März 2021 in Frankreich um Asyl ersucht hatte.
C.
Am 1. Juli 2021 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zugewie-
sene Rechtsvertretung.
D.
Am 2. Juli 2021 fand die Personalienaufnahme (PA) statt.
E.
Anlässlich des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 Dublin-III-VO vom
6. Juli 2021 und des rechtlichen Gehörs zu einer möglichen Verfahrenszu-
ständigkeit Spaniens äusserte sich der Beschwerdeführer dahingehend,
Spanien sei für ihn ein Transitland gewesen. Er habe dort nicht bleiben
wollen, zumal eine Integration in Spanien als Algerier sehr schwierig sei
und er eine Phobie gegen «Maghrebin» entwickelt habe, von denen viele
in Spanien leben würden. Er habe in Spanien viele körperliche und psychi-
schen Angriffe von diesen Personen erleiden müssen, weil er Berber und
homosexuell sei. In Frankreich sei er in eine Polizeikontrolle geraten, wo-
rauf er ein Asylgesuch gestellt habe. Er sei gezwungen gewesen, ein Pa-
pier zu unterschreiben, wonach Spanien für seine Übernahme zuständig
sei. Er habe sich anschliessend weiterhin in Frankreich aufgehalten, bis er
wegen persönlichen Problemen in die Schweiz gereist sei. Es gehe ihm
psychisch schlecht; in Algerien habe er eine regelmässige (...)therapie ge-
führt und Medikamente eingenommen. Er habe unter (...) und (...) gelitten
und mehrere (...)-Anfälle erlitten. In Algerien habe er viele Familienmitglie-
der verloren. Seine Mutter sei zudem sehr krank.
F.
Am 6. Juli 2021 ersuchte das SEM gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
E-3688/2021
Seite 3
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (Abl. L 180/31 vom 29. Juni
2013; nachfolgend: Dublin-III-VO), die spanischen Behörden um Rück-
übernahme des Beschwerdeführers.
Die spanischen Behörden teilten dem SEM am 7. Juli 2021 mit, der Be-
schwerdeführer habe in Spanien bisher nicht um Asyl ersucht. Daher werde
das Wiederaufnahmeersuchen des SEM als Aufnahmeersuchen behan-
delt. Weiter verwiesen sie auf die Bestimmungen von Art. 22 Abs. 7 Dublin-
III-VO.
G.
Mit Eingabe vom 8. Juli 2021 reichte die Rechtsvertretung die Kopien des
Reisepasses und des Fahrausweises des Beschwerdeführers zu den Ak-
ten.
H.
Mit Verfügung vom 9. August 2021 – eröffnet am 10. August 2021 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz an. Ferner beauftragte das SEM den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung, ordnete die Aushändigung der editions-
pflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwerdeführer an
und verfügte, dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wir-
kung zukommt.
I.
Mit Eingabe vom 17. August 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und
beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde und um Anweisung an die Vollzugsbehörden, von einer Überstel-
lung nach Spanien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die
Beschwerde entschieden habe. Ferner beantragte er die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung, unter Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
E-3688/2021
Seite 4
J.
Am 19. August 2021 verfügte das Bundesverwaltungsgericht im Sinne ei-
ner superprovisorischen Massnahme gestützt auf Art. 56 VwVG einen Voll-
zugsstopp. Gleichentags lagen die vorinstanzlichen Akten dem Bundesver-
waltungsgericht in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder AsylG
nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 und Art. 105 ff. AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin bzw. eines
zweiten Richters entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es
sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche, weshalb auf einen
Schriftenwechsel verzichtet und der vorliegende Entscheid nur summa-
risch begründet wird (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM
ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1 – 3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
E-3688/2021
Seite 5
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht grundsätzlich die Zuständigkeit
von Spanien für das Asyl- und Wegweisungsverfahren. Er macht indes gel-
tend, die Vorinstanz hätte den spanischen Behörden nicht ein Wiederauf-
nahmegesuch, sondern ein Aufnahmegesuch gestützt auf Art. 18 Abs. 1
lit. a Dublin-III-VO unterbreiten müssen, dessen Antwortfrist gemäss
Art. 22 Abs. 2 Ziff. 1 und 6 Dublin-III-VO in der Regel zwei Monate betrage.
Die massgebende zweimonatige Frist laufe erst am 7. September 2021 ab,
weshalb die Vorinstanz zu Unrecht von einem Übergang der Zuständigkeit
auf Spanien infolge Verfristung ausgegangen sei. Die Verfügung sei aufzu-
heben und wegen rechtsfehlerhafter Anwendung der Dublin-III-VO zur
Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen.
5.2 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG).
5.3 Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das
SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prü-
fung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des
Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mit-
gliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf
das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.4 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
5.5 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (take charge) sind die
in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-
führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl.
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im
Zeitpunkt, in dem die antragstellende Person erstmals einen Antrag in ei-
nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
E-3688/2021
Seite 6
Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (take back) findet demgegen-
über grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
5.6 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund
dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann kein anderer zuständiger Mitgliedstaat bestimmt werden, wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.7 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, dessen Antrag ab-
gelehnt wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt
hat oder der sich ohne Aufenthaltstitel im Hoheitsgebiet eines anderen Mit-
gliedstaats aufhält, nach Massgabe von Art. 23, Art. 24, Art. 25 und Art. 29
Dublin-III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO).
5.8 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen gestellten
Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer ist gemäss Eurodac-Datenbankausdruck (vgl.
SEM-Akte [...]-7 [A7], abgerufen am 30. Juni 2021) am 23. September
2020 über Spanien in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist, wo
er kein Asylgesuch gestellt hat. Er hat sodann am 2. März 2021 in Frank-
reich ein Asylgesuch gestellt. Gemäss seinen Angaben anlässlich des per-
sönlichen Gesprächs im Sinne von Art. 5 Dublin-III-VO vom 6. Juli 2021
(vgl. A12) sei ihm etwa am 2. oder 10. April 2021 im Rahmen einer Befra-
gung in Frankreich mitgeteilt worden, Spanien sei für die Prüfung seines
Asylgesuches zuständig, weshalb er nach Spanien zurückkehren müsse.
Dies ist auch Akten aus dem Verfahren in Frankreich zu entnehmen (vgl.
A21). Selbst wenn diese nicht vollständig vorliegen (vgl. beispielsweise
E-3688/2021
Seite 7
Verfügung der französischen Behörden, von welcher nur S. 1 und 4 von 5
in den elektronischen SEM-Akten liegen), ist doch anzunehmen, dass
Frankreich die Zuständigkeit Spaniens für das weitere Verfahren gemäss
Kapitel III der Dublin-III-VO erst dann festgestellt hatte, nachdem Spanien
einem französischen Aufnahmeersuchen nach Art. 21 Dublin-III-VO ge-
mäss Art. 22 Dublin-III-VO entweder explizit oder durch Verfristung zuge-
stimmt hatte. Damit dürfte bereits im französischen Verfahren Spanien für
die Prüfung des Asylgesuchs zuständig geworden sein. Der diesbezügliche
Sachverhalt und die entsprechenden Erwägungen in der angefochtenen
SEM-Verfügung werden in der Beschwerde nicht bestritten.
6.2 Nach Feststellung, dass es sich eigentlich um ein take charge Verfah-
ren handeln und damit die Frist bis am 7. September 2021 laufen würde,
luden die spanischen Behörden die Vorinstanz ein – unabhängig von die-
ser Feststellung («however») –, für alle (weiteren) Mitteilungen die spani-
sche Referenznummer des Verfahrens anzuführen, und führten diverse
Überstellungsmodalitäten aus («However, please hereinafter send all the
communications with the SPANISH REFERENCE NUMBER for this file
(...). We kindly request you to inform our Dublin Unit about the time and
place of the transfer (...).»). Diese Antwort (vom 7. Juli 2021) kommt folg-
lich einer impliziten Gutheissung des Übernahmegesuchs gleich. Die Zu-
sage der spanischen Behörden erfolgte somit nicht – wie vom SEM ange-
führt – durch Verfristung. Aus diesem Versehen der Vorinstanz ist dem Be-
schwerdeführer indes kein Nachteil erwachsen, ist die Vorinstanz doch im
Ergebnis in der angefochtenen Verfügung zu Recht von der Zustimmung
der spanischen Behörden innert Frist ausgegangen.
6.3 Zusammenfassend besteht kein Anlass die angefochtene Verfügung
wegen mangelhafter Anwendung der Dublin-III-VO betreffend die Frist für
die Beantwortung des Übernahmeantrags des SEM an die spanischen Be-
hörden aufzuheben und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen.
Das entsprechende Begehren ist abzuweisen.
7.
Das SEM geht zu Recht von der (grundsätzlichen) Zuständigkeit Spaniens
aus, nachdem deren Behörden implizit der Übernahme des Beschwerde-
führers zugestimmt haben (vgl. E. 6.4 oben). Ein Erlöschungstatbestand
gemäss Art. 19 Dublin-III-VO ist nicht erkennbar. Die grundsätzliche Zu-
ständigkeit Spaniens ist somit gegeben.
E-3688/2021
Seite 8
8.
Es bleibt zu prüfen, ob andere Gründe vorliegen, die das SEM hätten ver-
anlassen müssen, auf das Asylgesuch einzutreten.
In der Beschwerde wird unter Hinweis auf erfolgte medizinische Abklärun-
gen (vgl. eingereichter Konsultationsbericht vom 10. August 2021) vorge-
bracht, dass der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers weiter ab-
geklärt werden müsse, womit möglicherweise implizit Selbsteintrittsgründe
beziehungsweise Überstellungshindernisse nach Spanien dargetan wer-
den.
8.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist festzustellen, dass Spanien
Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom
31. Januar 1967 (SR 0.142.301), der EMRK und des Übereinkommens
vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR
0.105) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen
nachkommt. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von
Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie)
ergeben.
Im heutigen Zeitpunkt liegen keine Gründe für die Annahme vor, das
Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in
Spanien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2
Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf (vgl. hierzu u.a. Urteile BVGer F-2682/2021
vom 23. Juni 2021 E. 7.2 und F-2608/2021 vom 9. Juni 2021 E. 5, je
m.w.H.).
8.2 Es besteht vorliegend auch kein Grund für eine Anwendung der
Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO.
8.2.1 Droht ein Verstoss gegen übergeordnetes Recht, namentlich gegen
eine Norm des Völkerrechts, so besteht ein einklagbarer Anspruch auf Aus-
übung des Selbsteintrittsrechts (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2). Die Schweiz
ist demnach zum Selbsteintritt verpflichtet, wenn andernfalls eine Verlet-
zung des Non-Refoulement-Gebots nach Art. 33 FK, von Art. 3 EMRK,
E-3688/2021
Seite 9
Art. 7 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte
(UNO-Pakt II, SR 0.103.2) oder Art. 3 FoK droht.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass der Dublin-Mitgliedstaat, in den
eine Überstellung erfolgen soll, bei der Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens die aus dem Völkerrecht fliessenden Verpflichtungen
respektiert. Diese Vermutung kann im Einzelfall widerlegt werden. Die be-
schwerdeführende Person muss jedoch konkret darlegen, dass eine aktu-
elle und ernsthafte Gefahr einer Verletzung einer direkt anwendbaren
Norm des Völkerrechts droht, wobei es genügt, wenn eine solche Gefahr
glaubhaft gemacht wird (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f. und Urteil BVGer D-
5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1).
8.2.1.1 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan, die spanischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder-
aufzunehmen. Den Akten sind auch keine Gründe für die Annahme zu
entnehmen, Spanien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-
Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem
sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3
Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausserdem hat der
Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer Rückführung
erwartenden Bedingungen in Spanien seien derart schlecht, dass sie zu
einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder
Art. 3 FoK führen könnten.
8.2.1.2 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitli-
chen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
troffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheits-
stadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit
dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstüt-
zung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die dama-
lige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]).
Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die
durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand-
lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer erns-
ten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
E-3688/2021
Seite 10
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
Die vorliegenden gesundheitlichen Probleme stellen kein völkerrechtliches
Vollzugshindernis im Sinne von Art. 3 EMRK dar, welches zwingend zu
einem Selbsteintritt führen müsste, da Spanien über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur verfügt.
8.2.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV1 über ei-
nen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Aufgrund der Kogni-
tionsbeschränkung gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG überprüft das Ge-
richt den vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beur-
teilung im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüg-
lich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rech-
nung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106
Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
Es ist nicht ersichtlich, dass das SEM die spezifischen Umstände des Ein-
zelfalls nicht genügend berücksichtigt hätte. Es hat sich insbesondere mit
der gesundheitlichen Situation des Beschwerdeführers – insbesondere der
diagnostizierten (...) – auseinandergesetzt und auf die ausreichende me-
dizinische Infrastruktur in Spanien hingewiesen. Ein Ermessensmiss-
brauch liegt demnach nicht vor.
8.3 Da keine Gründe vorliegen, die das SEM hätten dazu veranlassen
müssen, auf das Asylgesuch einzutreten, bleibt Spanien der für die Be-
handlung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers zuständige Mitglied-
staat gemäss Dublin-III-VO. Spanien ist verpflichtet, den Beschwerdefüh-
rer nach Massgabe von Art. 23, Art. 24, Art. 25 und Art. 29 Dublin-III-VO
wiederaufzunehmen.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Der
Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine gültige Aufent-
halts- oder Niederlassungsbewilligung noch über einen entsprechenden
Anspruch (Art. 44 AsylG; Art. 32 Bst. a AsylV1), wobei festzustellen ist,
dass dies bereits Voraussetzung für die Anwendbarkeit des vorliegenden
Nichteintretenstatbestandes ist.
E-3688/2021
Seite 11
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
11.
Mit dem vorliegenden Urteil sind die Gesuche um Gewährung er aufschie-
benden Wirkung der Beschwerde und Verzicht auf Erhebung eines Kos-
tenvorschusses gegenstandslos geworden. Sodann fällt der am 19. August
2021 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
12.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da die materiellen Begehren – wie
sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – aussichtlos waren, wes-
halb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-3688/2021
Seite 12