Decision ID: c3ba858c-8acf-50b3-9176-c1c666ccc61a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 29. April 2021 in der Schweiz um Asyl
(Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1). Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke
mit der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass er am 1. Juli 2019 in Frankreich
ein Asylgesuch gestellt hatte (SEM-act. 12).
B.
Am 7. Mai 2021 gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer rechtli-
ches Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und zur Überstel-
lung nach Frankreich, dessen Zuständigkeit für die Behandlung des Asyl-
gesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdeführer äusserte
sich ablehnend zu einer Überstellung nach Frankreich. Er begründete dies
damit, dass er durch die französischen Behörden nur für eine gewisse Zeit
unterstützt worden sei und trotz Bemühungen um eine Unterkunft zwei
Jahre auf der Strasse verbracht habe (SEM-act. 16).
C.
Die französischen Behörden hiessen ein von der Vorinstanz gestelltes Ge-
such um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO) am 16. Mai 2021 (übermittelt am 21. Mai 2021) gut
(SEM-act. 19 ff.).
D.
Mit Verfügung vom 25. Mai 2021 (eröffnet am 26. Mai 2021) trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Frankreich an und
forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die ei-
ner allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende
Wirkung hin und beauftragte den Kanton Zürich mit dem Vollzug der Weg-
weisung (SEM-act. 23).
E.
Mit Beschwerde vom 2. Juni 2021 gelangte der Beschwerdeführer an das
Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte, die vorinstanzliche Verfügung
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sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, ihr Selbsteintrittsrecht aus-
zuüben und sich für vorliegendes Asylverfahren zuständig zu erklären. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, der Beschwerde sei aufschie-
bende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen,
von einer Überstellung nach Slowenien (recte: Frankreich) abzusehen, bis
das Bundesverwaltungsgericht über die vorliegende Beschwerde entschie-
den habe. Es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten
und die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren (Akten des Bundes-
verwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
F.
Am 3. Juni 2021 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in elekt-
ronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den Voll-
zug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus (BVGer-
act. 2).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Der Be-
schwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt die Vorinstanz in der Regel die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III der
Dublin-III-VO als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1
Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitglied-
staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan-
trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederauf-
nahmeverfahrens (Art. 23-25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine
(neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt
(vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3. Aus entsprechenden Einträgen in der europäischen Fingerabdruck-
Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) beziehungsweise aus vom Beschwer-
deführer edierten Akten zu schliessen hatte dieser am 1. Juli 2019 bereits
in Frankreich um Asyl ersucht (SEM-act. 8 und 12). Die zuständige franzö-
sische Behörde (Office français de protection des réfugiés et apatrides;
OFPRA) hatte seinen Asylantrag am 31. März 2020 abgewiesen. Eine da-
gegen erhobene Beschwerde lehnte das in Frankreich zuständige natio-
nale Verwaltungsgericht (Cour nationale du droit d’asile; CNDA) mit Urteil
vom 20. Oktober 2020 ab (SEM-act. 8). Dem Wiederaufnahmegesuch der
Vorinstanz vom 7. Mai 2021 stimmten die französischen Behörden am
16. Mai 2021 zu (SEM-act. 19 und 21). Die grundsätzliche Wiederaufnah-
mezuständigkeit Frankreichs für die Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens des Beschwerdeführers ist folglich gegeben und unbe-
stritten (Art. 18 Abs. 1 Bst. d und Art. 23 Dublin-III-VO; Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG).
4.
Der Beschwerdeführer bringt unter Hinweis auf Berichte zu Dublin-Über-
stellungen nach Frankreich (AIDA [Asylum Information Database] Country-
Report, France [Update 2020]); nicht näher bezeichnete Berichte der Agen-
tur der Europäischen Union für Grundrechte [FRA] sowie der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe [SFH], beide vom Januar 2019) vor, Dublin-Rück-
kehrer hätten in Frankreich häufig keinen Zugang zu einer Unterkunft. Da
die Kapazität von Unterbringungsplätzen in Frankreich nicht ausreichend
sei, um alle Asylsuchenden unterzubringen, würde insbesondere Dublin-
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Rückkehrern oft nur ein Leben auf der Strasse übrigbleiben. Er habe in
Frankreich lange Zeit ohne jegliche Unterstützung der Behörden auf der
Strasse verbringen müssen und eine Rücküberstellung nach Frankreich
würde für ihn eine Rückkehr in die Obdachlosigkeit bedeuten.
5.
Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers weisen das Asylverfah-
ren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Frankreich derzeit
keine systemischen Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dub-
lin-III-VO auf. Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Recht-
sprechung davon aus, dass Asylsuchende in Frankreich die von der Richt-
linie des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) garantier-
ten Grundleistungen erhalten und eine unmenschliche und erniedrigende
Unterbringungs- und Betreuungssituation im Sinne von Art. 3 EMRK nicht
zu befürchten ist (vgl. dazu etwa Urteile des BVGer F-128/2021 vom
15. Januar 2021; D-5289/2020 vom 5. November 2020 E. 6). Das Bundes-
verwaltungsgericht anerkennt zwar, dass die Situation von Asylsuchenden
in Frankreich schwierig sein kann, jedoch gelingt es dem Beschwerdefüh-
rer mit seinen Angaben nicht, substantiiert darzulegen, dass ihm in Frank-
reich die adäquate Unterstützung und Unterbringung verweigert worden
wäre und dass er sich erfolglos bemüht hätte, diese gegebenenfalls auf
dem Rechtsweg einzufordern. Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
Zu prüfen bleibt, ob – wie beantragt – das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17
Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 der Asyl-
verordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), auszuüben ist.
Entgegen den Behauptung des Beschwerdeführers sind vorliegend keine
konkreten Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass er im Falle einer Wegwei-
sung nach Frankreich wegen der dortigen Aufenthaltsbedingungen in eine
existenzielle Notlage geraten würde. Die angeblich erfahrene Obdachlo-
sigkeit wird nicht ansatzweise konkret dargelegt (vgl. die bereits erwähnten
Hinweise auf Einschätzungen von NGOs unter E. 4). Sollte der Beschwer-
deführer bei seiner Rückkehr in Frankreich als abgewiesener Asylsuchen-
der nicht grundrechtskonform, d.h. insbesondere unter Gewährleistung ei-
ner menschenwürdigen Notversorgung, untergebracht werden, hätte er
dies nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Urteile des BVGer
F-5189/2020 vom 26. Oktober 2020 E. 5.3; F-4865/2020 vom 8. Oktober
2020 E. 5.1). Der Beschwerdeführer bringt sodann in genereller Weise vor,
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Asylsuchende hätten in Frankreich erst nach drei Monaten Zugang zu einer
Krankenversicherung und würden vorher nur in absoluten Notfällen behan-
delt. Aus dieser ebenfalls pauschalen Behauptung lässt sich nichts zu sei-
nen Gunsten ableiten. Im Gegenteil ist den vom Beschwerdeführer edier-
ten Akten eine in Frankreich ausgestellte Anspruchsbescheinigung der
Krankenversicherung mit Gültigkeit bis zum 26. Oktober 2021 zu entneh-
men (SEM-act. 8). Im Übrigen sind – abgesehen von einer Hautinfektion,
aufgrund derer der Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben in Frank-
reich bereits in Behandlung war – keine gesundheitlichen Probleme akten-
kundig. Es ist bekannt, dass Frankreich über eine ausreichende medizini-
sche Infrastruktur verfügt und es darf davon ausgegangen werden, dass
der Beschwerdeführer dort im Bedarfsfall medizinische Betreuung finden
wird (vgl. Art. 19 Aufnahmerichtlinie).
7.
Der angefochtene Entscheid verletzt daher keine die Schweiz bindende
völkerrechtliche Bestimmung. Eine gesetzeswidrige Ermessensausübung
der Vorinstanz ist nicht ersichtlich. Demzufolge ist nicht zu beanstanden,
dass sie von dem in Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO und in Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 verankerten Selbsteintrittsrecht keinen Gebrauch gemacht hat. Zu
Recht ist sie auf das Asylgesuch nicht eingetreten und hat die Überstellung
des Beschwerdeführers nach Frankreich verfügt. Die Beschwerde ist ab-
zuweisen. Der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung erweist
sich mit der Ausfällung des vorliegenden Urteils als gegenstandslos.
8.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen waren. Die Verfahrenskosten sind dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
9.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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