Decision ID: b04ae785-a30f-4ce4-a2f0-daaf22458912
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Die Beschwerdekammer hält fest, dass:
- Deutschland mit Ausschreibung im Schengener Informationssystem (SIS)
vom 26. April 2021 um Fahndung und Festnahme des deutschen Staatsan-
gehörigen A. zwecks Auslieferung ersuchte (Verfahrensakten BJ, unpagi-
niert, Schengenausschreibung vom 26. April 2021);
- das Bundesamt für Justiz (nachfolgend «BJ») am 28. Juni 2021 die Befra-
gung von A. anordnete, nachdem es zwei Tage zuvor von der Inhaftierung
von A. im Kanton Zürich zwecks Verbüssung einer Freiheitsstrafe von
279 Tagen wegen sexueller Nötigung Kenntnis erhalten hatte (Verfahrens-
akten BJ, unpaginiert, Befragungsanordnung und Sirene Form G vom
28. Juni 2021);
- A. sich anlässlich der Einvernahme vom 28. Juni 2021 gegen die verein-
fachte Auslieferung aussprach (Verfahrensakten BJ, unpaginiert, Verfügung
der Kantonspolizei Zürich vom 28. Juni 2021);
- das Bayerische Staatsministerium der Justiz die Schweiz am 12. Juli 2021
unter anderem unter Beilage des Haftbefehls des Amtsgerichts Memmingen
vom 10. März 2021 formell um Auslieferung von A. zwecks Verfolgung der
ihm vorgeworfenen Straftaten (Einbruchdiebstähle) ersuchte (Verfahrensak-
ten BJ, unpaginiert, Auslieferungsersuchen vom 12. Juli 2021);
- A. sich anlässlich der Einvernahme vom 29. Juli 2021 erneut gegen die ver-
einfachte Auslieferung aussprach (Verfahrensakten BJ, unpaginiert, Verfü-
gung der Kantonspolizei Zürich vom 26. Juli 2021);
- A., unentgeltlich vertreten durch Rechtsanwalt B., mit Eingabe vom 9. August
2021 zum Auslieferungsersuchen Stellung nahm und darin insbesondere be-
stritt, in die Einbruchdiebstähle involviert gewesen zu sein und sich damals
in der Gegend des Tatortes befunden zu haben; A. weiter bestritt, dass DNA-
Spuren an am Tatort fest installierten Strukturen gefunden worden seien und
diese, wenn überhaupt, auf Gegenständen gefunden sein könnten, welche
von Dritten dort deponiert oder verloren worden seien (act. 5.2);
- das BJ am 1. September 2021 die Auslieferung von A. an Deutschland für
die dem Ersuchen vom 12. Juli 2021 zugrunde liegenden Straftaten bewil-
ligte (act. 2);
- A. gegen den Auslieferungsentscheid vom 1. September 2021 mit persönli-
cher Eingabe vom 1. Oktober 2021 (Postaufgabe: 4. Oktober 2021) bei der
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Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Beschwerde erhebt sowie in
prozessualer Hinsicht sinngemäss um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und –verbeiständung ersucht (act. 1);
- die Beschwerdekammer das BJ mit vorab per Fax zugestelltem Schreiben
vom 5. Oktober 2021 zur Einreichung der Verfahrensakten aufforderte
(act. 3);
- das BJ der Beschwerdekammer am 6. und 7. Oktober 2021 die Verfahrens-
akten zukommen liess (act. 4, 5);
- auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet wurde.

Considerations:
Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung, dass:
- für den Auslieferungsverkehr zwischen der Schweiz und Deutschland primär
das Europäische Auslieferungsübereinkommen vom 13. Dezember 1957
(EAUe; SR 0.353.1), die hierzu ergangenen Zusatzprotokolle vom 17. März
1978 (ZPII EAUe; SR 0.353.12) und 10. November 2010 (ZPIII EAUe;
SR 0.353.13) sowie der Vertrag vom 13. November 1969 zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik Deutschland
über die Ergänzung des EAUe und die Erleichterung seiner Anwendung
(ZV EAUe; SR 0.353.913.61) massgebend sind;
- überdies das Übereinkommen vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des
Übereinkommens von Schengen vom 14. Juni 1985 (Schengener Durchfüh-
rungsübereinkommen [SDÜ]; CELEX-Nr. 42000A0922(02); Abl. L 239 vom
22. September 2000, S. 19-62; Text nicht publiziert in der SR, jedoch abruf-
bar auf der Website der Schweizerischen Eidgenossenschaft unter «Rechts-
sammlung zu den bilateralen Abkommen», 8.1 Anhang A; https://www.ad-
min.ch/opc/de/european-union/international-agreements/008.html) i.V.m.
dem Beschluss des Rates 2007/533/JI vom 12. Juni 2007 über die Einrich-
tung, den Betrieb und die Nutzung des Schengener Informationssystems der
zweiten Generation (SIS II), namentlich Art. 26-31 (CELEX-Nr. 32007D0533;
Abl. L 205 vom 7. August 2007, S. 63-84; abrufbar unter «Rechtssammlung
zu den bilateralen Abkommen», 8.4 Weiterentwicklungen des Schengen-
Besitzstands), sowie diejenigen Bestimmungen des Übereinkommens vom
27. September 1996 über die Auslieferung zwischen den Mitgliedstaaten der
Europäischen Union (EU-Auslieferungsübereinkommen; CELEX-
https://www.admin.ch/opc/de/european-union/international-agreements/008.html https://www.admin.ch/opc/de/european-union/international-agreements/008.html
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Nr. 41996A1023(02); Abl. C 313 vom 23. Oktober 1996, S. 12-23) anwend-
bar sind, welche gemäss dem Beschluss des Rates 2003/169/JI vom
27. Februar 2003 (CELEX-Nr. 32003D0169; Abl. L 67 vom 12. März 2003,
S. 25 f.; abrufbar unter «Rechtssammlung zu den bilateralen Abkommen»,
8.2 Anhang B) eine Weiterentwicklung des Schengen-Besitzstands darstel-
len;
- die zwischen den Vertragsparteien geltenden weitergehenden Bestimmun-
gen aufgrund bilateraler oder multilateraler Abkommen unberührt bleiben
(Art. 59 Abs. 2 SDÜ; Art. 1 Abs. 2 EU-Auslieferungsübereinkommen);
- soweit die staatsvertraglichen Bestimmungen gewisse Fragen nicht ab-
schliessend regeln, auf das Verfahren der Auslieferung ausschliesslich das
Recht des ersuchten Staates Anwendung findet (Art. 22 EAUe), namentlich
das Bundesgesetz vom 20. März 1981 über internationale Rechtshilfe in
Strafsachen (Rechtshilfegesetz, IRSG; SR 351.1) und die dazugehörige Ver-
ordnung vom 24. Februar 1982 (Rechtshilfeverordnung, IRSV; SR 351.11);
das innerstaatliche Recht nach dem Günstigkeitsprinzip auch dann zur An-
wendung gelangt, wenn dieses geringere Anforderungen an die Rechtshilfe
stellt (BGE 142 IV 250 E. 3; 140 IV 123 E. 2; 137 IV 33 E. 2.2.2; 136 IV 82
E. 3.1); die Wahrung der Menschenrechte vorbehalten bleibt (BGE 135 IV
212 E. 2.3; 123 II 595 E. 7c; TPF 2016 65 E. 1.2; 2008 24 E. 1.1);
- auf Beschwerdeverfahren in internationalen Rechtshilfeangelegenheiten
zudem die Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968
über das Verwaltungsverfahren (Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG;
SR 172.021) anwendbar sind (Art. 39 Abs. 2 lit. b i.V.m. Art. 37 Abs. 2 lit. a
Ziff. 1 StBOG), wenn das IRSG nichts anderes bestimmt (siehe Art. 12
Abs. 1 IRSG);
- die verfolgte Person gegen den Auslieferungsentscheid des BJ innert 30 Ta-
gen ab der schriftlichen Eröffnung Beschwerde bei der Beschwerdekammer
des Bundesstrafgerichts führen kann (Art. 55 Abs. 3 i.V.m. Art. 25 Abs. 1
IRSG, Art. 50 Abs. 1 VwVG, Art. 37 Abs. 2 lit. a Ziff. 1 des Bundesgesetzes
vom 19. März 2010 über die Organisation der Strafbehörden des Bundes
[StBOG; SR 173.71]);
- die vorliegende Beschwerde vom verfolgten Beschwerdeführer frist- und
formgerecht erhoben worden ist, weshalb darauf einzutreten ist;
- nach Massgabe des EAUe die Vertragsparteien grundsätzlich verpflichtet
sind, einander Personen auszuliefern, die von den Justizbehörden des ersu-
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chenden Staates wegen einer strafbaren Handlung verfolgt oder zur Vollstre-
ckung einer Strafe oder einer sichernden Massnahme gesucht werden
(Art. 1 EAUe); wegen Handlungen auszuliefern ist, die sowohl nach dem
Recht des ersuchenden als auch nach demjenigen des ersuchten Staates
mit einer Freiheitsstrafe oder die Freiheit beschränkenden sichernden Mass-
nahme im Höchstmass von mindestens einem Jahr oder einer schwereren
Strafe bedroht sind (Art. 2 Ziff. 1 EAUe);
- laut Auslieferungsersuchen der Beschwerdeführer verdächtigt wird, in der
Nacht vom 3. auf den 4. April 2020 in sechs Gartenlauben in einer Kleingar-
tenanlage in der Nähe von Neu-Ulm eingedrungen zu sein und in drei Fällen
diverse Gegenstände (unter anderem einen Kasten Bier und ein Notebook)
im Wert von total EUR 275.-- entwendet zu haben; der Beschwerdeführer
dabei Fenster eingeschlagen oder Zugangstüren gewaltsam aufgebrochen
haben soll, um sich den Zugang in die Gartenlauben zu verschaffen,
wodurch ein Sachschaden in der Höhe von mehr als EUR 1'100.-- entstan-
den sei (Verfahrensakten BJ, unpaginiert, Auslieferungsersuchen vom
12. Juli 2021);
- der im Ersuchen dargestellte Sachverhalt prima facie unter den Tatbestand
der Sachbeschädigung (Art. 144 StGB), des Hausfriedensbruchs (Art. 186
StGB) und des Diebstahls (Art. 139 StGB) subsumiert werden kann;
- die Auslieferungsvoraussetzungen i.S.v. Art. 2 Ziff. 1 EAUe dementspre-
chend gegeben sind und die Auslieferung des Beschwerdeführers an
Deutschland deshalb grundsätzlich zulässig ist;
- der Beschwerdeführer gegen seine Auslieferung in der Beschwerde diesel-
ben Einwände wie in seiner Stellungnahme vom 9. August 2021 erhebt und
im Wesentlichen erklärt, zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Taten bei
Pfarrer C. in Z. gewesen zu sein und dass seine DNA in das Gartenhaus
«reingetragen» worden sei (act. 1);
- die Schuld- und Tatfragen im Rahmen eines Auslieferungsverfahrens grund-
sätzlich nicht geprüft werden (vgl. BGE 133 IV 76 E. 2.2; 118 Ib 121 E. 5c),
weshalb die vom Beschwerdeführer gemachten Ausführungen zur allfälligen
Strafbarkeit nicht im Rahmen des Auslieferungsverfahrens zu prüfen sind
und der Beschwerdeführer diese vor den deutschen Behörden geltend zu
machen hat;
- der Beschwerdeführer vorbringt, sich zum Tatzeitpunkt nicht in der fraglichen
Gegend bei Neu-Ulm, sondern beim Pfarrer C. in Z. aufgehalten zu haben,
ohne seine Behauptung – wie bereits im Vorverfahren – zu belegen; ein Ali-
bibeweis i.S.v. Art. 53 IRSG unter diesen Umständen zu verneinen ist (vgl.
BGE 123 II 279 E. 2b);
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- andere Gründe, welche eine Auslieferung offensichtlich auszuschliessen
vermöchten, weder geltend gemacht werden noch ersichtlich sind;
- sich die Beschwerde damit als offensichtlich unbegründet erweist und ohne
Durchführung eines Schriftenwechsels abzuweisen ist;
- die Beschwerdekammer eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel
verfügt, auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit, sofern
ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und dieser
einen Anwalt bestellt, wenn dies zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist
(Art. 65 Abs. 2 VwVG);
- gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung Prozessbegehren als aus-
sichtslos anzusehen sind, wenn die Gewinnaussichten beträchtlich geringer
erscheinen als die Verlustgefahren; dagegen ein Begehren nicht als aus-
sichtslos gilt, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr die
Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese; massgebend ist,
ob eine Partei, die über die nötigen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger Über-
legung zu einem Prozess entschliessen würde (BGE 139 III 475 E. 2.2
S. 476 f.; 139 III 396 E. 1.2; 138 III 217 E. 2.2.4);
- nach dem oben Ausgeführten die vorliegende Beschwerde als aussichtslos
bezeichnet werden muss und das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege
und –verbeiständung bereits aus diesem Grund abzuweisen ist (vgl.
MAILLARD, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwal-
tungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 65 VwVG N. 23 f. und 37);
- bei diesem Ausgang des Verfahrens die Gerichtskosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG); die Gerichtgebühr auf
Fr. 500.-- festzusetzen ist (vgl. Art. 63 Abs. 5 VwVG i.V.m. Art. 73 StBOG
sowie Art. 5 und 8 Abs. 3 lit. a BStKR).
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