Decision ID: a50812f2-ca88-591c-94ad-abc710c3e4ec
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
B._, eine 2001 geborene russische Staatsangehörige (nachfol-
gend: Gesuchstellerin bzw. Eingeladene), beantragte am 20. Januar 2020
bei der Schweizerischen Botschaft in Moskau ein Schengen-Visum für ei-
nen 30-tägigen Besuchsaufenthalt (vom 1. Februar 2020 bis 1. März 2020)
in der Schweiz. Die im Kanton (...) wohnhafte Gastgeberin (und spätere
Beschwerdeführerin) hatte zuvor am 14. Januar 2020 ein entsprechendes
Einladungsschreiben zuhanden der Schweizerischen Botschaft in Moskau
verfasst, sich dabei als Tante der Gesuchstellerin zu erkennen gegeben
und erklärt, sie wolle die Gesuchstellerin vom 25. Januar 2020 bis Ende
März 2020 für einen Besuch einladen (Akten der Vorinstanz [SEM-act.]
2/34 und 2/36-39).
B.
Mit Formularverfügung vom 3. Februar 2020 verweigerte die Schweizeri-
sche Botschaft in Moskau das Visum, weil sie die Absicht der Gesuchstel-
lerin, vor Ablauf des Visums wieder aus dem Hoheitsgebiet der Schengen-
Mitgliedstaaten auszureisen, nicht als hinreichend gesichert erachtete
(SEM-act. 2/14-17).
C.
Gegen die Verweigerung des Visums erhob die Gastgeberin am 11. Feb-
ruar 2020 Einsprache bei der Vorinstanz. Dabei rügte sie im Wesentlichen,
die Einschätzung der Vorinstanz sei falsch. Die Eingeladene wolle sie
– ihre Tante – besuchen; hingegen hege sie nicht die Absicht, das Visum
zu missbrauchen. Des Weiteren machte die Gastgeberin geltend, dass sie
im Jahr 2018 eine andere Nichte eingeladen habe, welcher problemlos ein
Visum erteilt worden sei (SEM-act. 1/2).
D.
Im Rahmen des Einspracheverfahrens nahm die zuständige kantonale
Migrationsbehörde im Auftrag der Vorinstanz weitere Abklärungen vor.
Demnach habe die Eingeladene, eine Grossnichte der Gastgeberin, einen
von dieser im November 2019 in Russland adoptierten Hund bis Februar
2020 betreut. Als «Dankeschön» dafür habe die Gastgeberin sie vier Wo-
chen in die Schweiz eingeladen. Die Gastgeberin habe bereits ihre Eltern
und eine (andere) Nichte eingeladen. Die Eingeladene besuche eine Sport-
schule, um eine professionelle Sportlerin im Freikampf zu werden (SEM-
act. 6/48).
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E.
Eine Anfrage der Vorinstanz vom 4. Mai 2020, ob die Beschwerdeführerin
ihre Einsprache angesichts der durch die Corona-Pandemie hervorgerufe-
nen unterschiedlichen Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmun-
gen zurückziehen möchte, verneinte die Beschwerdeführerin am 11. Mai
2020 (SEM-act. 6/49 f. und SEM-act. 7/52 f.).
F.
Mit Verfügung vom 30. Juli 2020 wies die Vorinstanz die Einsprache ab.
Zur Begründung führte sie aus, die fristgerechte Wiederausreise der Ge-
suchstellerin könne angesichts der in Russland in politischer und wirt-
schaftlicher Hinsicht herrschenden Verhältnisse und ihrer persönlichen Si-
tuation nicht als hinreichend gesichert erachtet werden. Gestützt auf die
«Weisung des SEM zur Umsetzung der Covid-19-Verordnung 3 (Verord-
nung 3 vom 19. Juni 2020 über die Massnahmen zur Bekämpfung des
Coronavirus [SR 818.101.24]) sowie zum Vorgehen bezüglich Ein-/Aus-
reise in/aus der Schweiz [in der Fassung vom 20. Juli 2020]» (nachfolgend:
Weisung des SEM) sei Drittstaatsangehörigen aus einem Risikoland die
Einreise für einen bewilligungsfreien Aufenthalt ohne Erwerbstätigkeit bis
zu 90 Tagen in die Schweiz zu verweigern. Russland gelte als Risikoland,
weshalb die Gesuchstellerin auch aufgrund der momentanen Corona-Situ-
ation nicht in die Schweiz einreisen dürfe (SEM-act. 8/54-57).
G.
Gegen die Verfügung des SEM gelangte die Gastgeberin am 28. August
2020 mit einer Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht. Sie bean-
tragte darin deren Aufhebung; die Sache sei zur Erteilung eines Visums an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei – falls Russland nach Mas-
sgabe der Sonderbestimmungen aufgrund von Covid-19 im Zeitpunkt des
Urteils als Risikoland eingestuft sei – festzustellen, dass der Gesuchstelle-
rin gestützt auf die allgemeinen Bestimmungen ein Visum zu erteilen sei
bzw., dass die ordentlichen Voraussetzungen für die Erteilung eines Vi-
sums erfüllt seien.
Begründend führte sie unter Hinweis auf die beigelegte Erklärung der
Sportschule (...) vom (...) aus, dass die Gesuchstellerin in ihrer Heimat
eine Karriere als professionelle Sportlerin anstrebe und die Sportschule
(...) besuche. Sollte sich dieser Weg nicht realisieren lassen, werde sie in
(...) eine Berufsausbildung oder ein Studium beginnen (Akten des Bundes-
verwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
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Seite 4
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 5. Oktober 2020 hielt die Vorinstanz an ihrem
Einspracheentscheid fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde
(BVGer-act. 6).
Zur Begründung führte sie aus, sie gehe trotz des eingereichten Zeugnis-
ses vom 21. August 2020 nicht davon aus, dass die Wiederausreise der
Gesuchstellerin gesichert sei. Zudem stelle die Einreise und der Aufenthalt
der aus einem Risikoland stammenden Gesuchstellerin zum angegebenen
Aufenthaltszweck keine Situation der äusserten Notwendigkeit im Sinne
der Covid-19-Verordnung 3 dar und sei daher im Moment nicht möglich.
I.
Die Beschwerdeführerin replizierte am 4. November 2020 (BVGer-act. 8).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Einspracheentscheide des SEM bezüglich Schengen-Visa sind mit Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 112 Abs. 1 AIG
[SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). In der vorliegenden Angelegenheit ent-
scheidet das Bundesverwaltungsgericht endgültig (vgl. Art. 83 Bst. c Ziff. 1
BGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin hat am vorangegangenen Einspracheverfah-
ren teilgenommen und ist Gastgeberin und Verwandte der Gesuchstellerin.
Sie ist zur Erhebung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG).
Auf die frist- und formgerechte Beschwerde ist daher einzutreten (vgl.
Art. 50 und 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts sowie die Unangemessenheit gerügt werden (vgl.
Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdever-
fahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4
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VwVG nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen. Massgeblich ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeit-
punkt seines Entscheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2).
3.
3.1 Der angefochtenen Verfügung liegt das Gesuch einer russischen
Staatsangehörigen um Erteilung eines Visums für einen Besuchsaufenthalt
im Schengen-Raum zugrunde. Da sich die Gesuchstellerin nicht auf die
EU/EFTA-Personenfreizügigkeitsabkommen berufen kann und die beab-
sichtigte Aufenthaltsdauer 90 Tage innerhalb eines Zeitraums von 180 Ta-
gen nicht überschreitet, fällt die Streitsache in den persönlichen und sach-
lichen Anwendungsbereich der Schengen-Assoziierungsabkommen, mit
denen die Schweiz den Schengen-Besitzstand und die dazugehörigen ge-
meinschaftsrechtlichen Rechtsakte übernommen hat (BVGE 2014/1 E. 3;
2011/48 E. 3). Demnach finden namentlich folgende Rechtserlasse Anwen-
dung:
- die Verordnung (EU) 2018/1806 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 14. November 2018 zur Aufstellung der Liste der Drittländer,
deren Staatsangehörige beim Überschreiten der Aussengrenzen im
Besitz eines Visums sein müssen, sowie der Liste der Drittländer, deren
Staatsangehörige von dieser Visumpflicht befreit sind [ABl. L 303/39
vom 28.11.2018] (nachfolgend: Verordnung [EU] 2018/1806);
- die Verordnung (EG) Nr. 2016/399 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 9. März 2016 über einen Gemeinschaftskodex für das
Überschreiten der Grenzen durch Personen [Schengener Grenzkodex,
ABl. L 77/1 vom 23.03.2016] (nachfolgend: SGK);
- die Verordnung [EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft
[Visakodex, ABl. L 243/1 vom 15.09.2009] (nachfolgend: VK).
Das Ausländer- und Integrationsgesetz und seine Ausführungsbestimmun-
gen gelangen nur soweit zur Anwendung, als die Schengen-Assoziierungs-
abkommen keine abweichenden Bestimmungen enthalten (Art. 2 Abs. 4
AIG).
3.2 Drittstaatsangehörige dürfen über die Aussengrenzen des Schengen-
Raums für einen Aufenthalt von höchstens 90 Tagen innerhalb eines Zeit-
raums von 180 Tagen einreisen, wenn sie im Besitz eines Visums sind, falls
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ein solches nach Massgabe der Verordnung (EU) 2018/1806 erforderlich
ist (Art. 6 Abs. 1 Bst. b SGK; Art. 6 Abs. 1 der Verordnung vom 15. August
2018 über die Einreise und die Visumerteilung [VEV, SR 142.204]); vgl.
auch Art. 2 Ziff. 6 SGK; Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG). Als Staatsangehörige der
Russischen Föderation unterliegt die Eingeladene unbestrittenermassen
der Visumpflicht (Anhang I der Verordnung (EU) 2018/1806; Art. 8 Abs. 1
VEV).
3.3 Voraussetzung zur Visumerteilung und zur Einreise ist unter anderem,
dass die drittstaatsangehörige Person keine Gefahr für die öffentliche Ord-
nung, die innere Sicherheit, die öffentliche Gesundheit oder die internatio-
nalen Beziehungen eines Mitgliedstaats darstellt (Art. 6 Abs. 1 Bst. e SGK)
und Gewähr für die gesicherte Wiederausreise bietet (Art. 32 Abs. 1 Bst. b
VK; Art. 5 Abs. 2 AIG). Wenn die betreffende Person nicht bereit ist, das
Hoheitsgebiet des Schengen-Raums fristgerecht wieder zu verlassen, ist
eine Gefahr für die öffentliche Ordnung im Sinne von Art. 6 Abs. 1 Bst. e
SGK anzunehmen (BVGE 2014/1 E. 4.3 m.H.). Die Behörden haben daher
zu prüfen und drittstaatsangehörige Personen zu belegen, dass die Gefahr
einer rechtswidrigen Einwanderung oder einer nicht fristgerechten Aus-
reise nicht besteht respektive dass die gesuchstellende Person für die ge-
sicherte Wiederausreise Gewähr bietet (Art. 14 Abs. 1 Bst. d VK; Art. 21
Abs. 1 VK; Art. 5 Abs. 2 AIG).
3.4 Sind sämtliche Voraussetzungen für die Visumerteilung erfüllt, ist das
Schengen-Visum auszustellen. Ist hingegen einer der in Art. 32 Abs. 1 VK
(nicht abschliessend) aufgelisteten Tatbestände gegeben, darf ein einheit-
liches Visum nicht erteilt werden (vgl. Art. 21 Abs. 1 und Abs. 3 VK; Art. 32
Abs. 1 VK). Das Schengen-Visum ist deshalb unter anderem zu verwei-
gern, wenn Zweifel an der von der drittstaatsangehörigen Person bekun-
deten Absicht bestehen, das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten vor Ablauf
der Gültigkeit des beantragten Visums wieder zu verlassen (Art. 32 Abs. 1
Bst. b VK; BVGE 2014/1 E. 4.4). Den Behörden kommt bei der Beurteilung,
ob die Voraussetzungen für die Visumerteilung erfüllt sind, ein weiter Be-
urteilungsspielraum zu (BVGE 2014/1 E. 4.1.5 in fine).
4.
4.1 Die Vorinstanz hielt in der angefochtenen Verfügung unter Hinweis auf
die Weisung des SEM fest, dass die aus einem Risikoland stammende Ge-
suchstellerin aufgrund der momentanen Corona-Situation nicht in die
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Schweiz einreisen dürfe. Ferner ging sie vor dem allgemeinen und persön-
lichen Hintergrund der Gesuchstellerin davon aus, dass bei ihr keine hin-
reichenden Gründe für eine fristgerechte und anstandslose Wiederaus-
reise nach einem Besuchsaufenthalt bestünden.
4.2 Was die Ausnahmeregelung betrifft, hat sich die Rechtslage mit der am
26. Juni 2021 in Kraft getretene Bestimmung von Art. 4 Abs. 2 Bst. a der
Covid-19-Verordnung 3 geändert. Demnach sind neu auch jene aus einem
Risikoland stammende Personen von dem gemäss Art. 4 Abs. 1 der Ver-
ordnung geltenden Einreiseverbot ausgenommen, die den Nachweis er-
bringen können, dass sie gegen Sars-CoV-2 geimpft sind oder welche ge-
mäss Anhang 1a als geimpft gelten. Ob die Gesuchstellerin diese Voraus-
setzungen aktuell erfüllt, geht aus den Akten nicht hervor. Die Frage kann
indes offengelassen werden, da – wie nachfolgend aufgezeigt wird - keine
hinreichenden Gründe für eine fristgerechte und anstandslose Wiederaus-
reise der Gesuchstellerin bestehen.
5.
5.1 Bei Zweifeln an der von der drittstaatsangehörigen Person bekundeten
Absicht, das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten vor Ablauf der Gültigkeit
des beantragten Visums wieder zu verlassen, ist das Visum zu verweigern
(Art. 32 Abs. 1 Bst. b VK; BVGE 2014/1 E. 4.4 und E. 4.5). Den Behörden
kommt bei der Beurteilung, ob die Voraussetzungen für die Visumsertei-
lung erfüllt sind, ein weiter Beurteilungsspielraum zu (BVGE 2014/1
E. 4.1.5). Über den Zweck des geplanten Aufenthalts und die Wiederaus-
reiseabsicht einer gesuchstellenden Person lassen sich keine gesicherten
Feststellungen treffen, weshalb darüber eine Prognose zu treffen ist. Die
Bewertung der Gefahr einer rechtswidrigen Einwanderung ist in Würdigung
der gesamten relevanten Umstände vorzunehmen. Anhaltspunkte zur Be-
urteilung der Gewähr für eine fristgerechte Wiederausreise bilden die all-
gemeine Lage im Herkunftsland einerseits und die individuelle Situation
der gesuchstellenden Person andererseits (BVGE 2014/1 E. 6.1 und
E. 6.3.1). Die Beweisführungslast zu Aufenthaltszweck und Wiederausrei-
seabsicht obliegt der gesuchstellenden Person (Art. 14 Abs. 1 Bst. d VK;
Art. 14 Abs. 3 i.V.m. Anhang II VK; Art. 6 Abs. 1 Bst. c SGK; Art. 5 Abs. 2
AIG; BVGE 2014/1 E. 4.4).
5.2 Die Vorinstanz hält in der angefochtenen Verfügung fest, dass als Folge
der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage in Russland der Zu-
wanderungsdruck nach wie vor stark anhalte und diese Verhältnisse eine
starke Sogwirkung ausüben würden. Diese Argumentation ist nicht in allen
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Teilen korrekt. Statistisch gesehen sind im Jahr 2020 lediglich 1’644 russi-
sche Staatsangehörige in die Schweiz eingewandert (vgl. dazu Bundesamt
für Statistik (BfS): http:// www.bfs.admin.ch > Statistiken finden > Kataloge-
Datenbanken > Tabellen > Einwanderung der ständigen ausländischen
Wohnbevölkerung nach Staatsangehörigkeit, 1991-2020, veröffentlicht am
01.09.2021, abgerufen am 17. Januar 2022). Von einem Zuwanderungs-
druck oder einer Sogwirkung kann folglich nicht die Rede sein. Hingegen
offenbart ein Vergleich des Bruttoinlandprodukts(BIP) pro Kopf ein deutli-
ches Wohlstandsgefälle zwischen beiden Staaten. Während der BIP pro
Kopf in Russland im Jahr 2020 rund 10'115 US-Dollar betrug, lag das BIP
pro Kopf in der Schweiz im gleichen Zeitraum bei 86’850 US-Dollar (vgl.
zum Ganzen: https:// de.statistica.com > Statistik > internationale Länder-
daten > Europa, Russland: Bruttoinlandprodukt BIP pro Kopf, sowie
www.eda.admin.ch > Informationen zur Schweiz > about.switzerland.org >
Wirtschaft > Schweizer Wirtschaft - Überblick > Wirtschaft – Fakten und
Zahlen, beide abgerufen am 17.01.22). Bei Einreisegesuchen von Perso-
nen aus Staaten beziehungsweise Regionen mit politisch oder wirtschaft-
lich ungünstigen Verhältnissen rechtfertigt sich eine strenge Praxis. Dem
Einreisegesuch der Gesuchstellerin ist deshalb mit Zurückhaltung zu be-
gegnen (BVGE 2014/1 E. 6.1).
5.3 In die Risikoanalyse sind sodann sämtliche Gesichtspunkte des Einzel-
falles miteinzubeziehen. So kann die Prognose für eine anstandslose Wie-
derausreise durch besondere berufliche, gesellschaftliche oder familiäre
Verpflichtungen begünstigt werden. Umgekehrt muss bei Personen, die in
ihrer Heimat keine besonderen Verpflichtungen haben, das Risiko eines
ausländerrechtlich nicht regelkonformen Verhaltens nach einer bewilligten
Einreise als hoch eingeschätzt werden (BVGE 2014/1 E. 6.3.1; 2009/27
E. 8).
5.3.1 Hinsichtlich der persönlichen Verhältnisse der Gesuchstellerin in
Russland ist nur wenig bekannt. Aktenkundig lebt sie bei ihrer Mutter in
(...), wo auch ihr Vater lebt. Für ihren Lebensunterhalt würden ihre Eltern
(SEM-act. 6/48) beziehungsweise ihre Mutter (SEM-act. 2/22) aufkommen.
Besondere Verpflichtungen beziehungsweise Verantwortlichkeiten persön-
licher oder familiärer Natur gegenüber Familienangehörigen
oder Drittpersonen werden nicht geltend gemacht. Es werden keine weite-
ren Angaben zum privaten Hintergrund gemacht. Damit, sowie aufgrund
ihres jugendlichen Alters ist nicht davon auszugehen, dass in ihrem per-
sönlichen oder familiären Umfeld Verpflichtungen vorhanden sind, die be-
sondere Gewähr für eine Rückkehr ins Heimatland bieten könnten.
http://www.bfs.admin.ch/ http://www.eda.admin.ch/
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5.3.2 In beruflicher Hinsicht macht die Gesuchstellerin zunächst keine An-
gaben und bezeichnet sich im Gesuchformular als «unemployed» (SEM-
act. 2/38). Erst im Rahmen der Abklärungen durch die kantonale Migrati-
onsbehörde machte die Beschwerdeführerin geltend, dass ihre Gross-
nichte eine Sportschule besuche (vgl. Sachverhalt Bst. D). Auf Beschwer-
deebene führte sie ergänzend aus, die Gesuchstellerin habe bereits wäh-
rend ihrer Schulzeit in der Sportschule (...) in (..) trainiert. Seit ihrem regu-
lären Schulabschluss im Juni 2019 trainiere sie – im Hinblick auf einen all-
fälligen Einstieg in eine professionelle Sportkarriere im Bereich Freestyle
Wrestling – täglich in einem noch grösseren Umfang. Die geltend gemach-
ten sportlichen Ambitionen gehen auch aus der der Beschwerde beigeleg-
ten Erklärung der Sportschule (...) vom (...) hervor. Zudem ist diesem eine
gewisse Verbundenheit der Gesuchstellerin mit den anderen Sportlerinnen
zu entnehmen. Gleichwohl kann diesem Umstand kein entscheidendes
Gewicht in der Gesamtanalyse des Falles zukommen. Freestyle Wrestling
ist nämlich eine Sportart, die im Gegensatz zu alpinen Sportarten oder
auch bspw. Eishockey nicht an geografische und klimatische Besonderhei-
ten eines Landes gebunden ist, und grundsätzlich an jedem beliebigen Ort
auf der Welt ausgeübt werden kann. Die Gesuchstellerin könnte sich folg-
lich auch in der Schweiz eine entsprechende Ausbildungsstätte suchen,
dort das Training besuchen und so ihre sportlichen Ambitionen ausleben.
Hinzu kommt, dass sie noch keine konkreten Pläne im Sinne einer Alterna-
tive hat, sollte sie ihre angestrebte sportliche Karriere nicht verwirklichen
können. Damit wird in beruflicher Hinsicht nichts geltend gemacht, was die
Prognose der gesicherten Ausreise positiv beeinflussen könnte.
5.3.3 Die finanziellen Verhältnisse, in denen die Gesuchstellerin lebt, sind
unklar. Zwar räumt die Beschwerdeführerin in ihrer Rechtsmitteleingabe
ein, dass die Gesuchstellerin kein Einkommen oder Vermögen habe. Zu-
gleich bekräftigt sie, dass sie und ihr Lebenspartner für die Gesuchstellerin
alle anfallenden Reise- und Aufenthaltskosten übernehmen würden; in wel-
chen wirtschaftlichen Verhältnissen sich die in (...) lebende Familie der Ge-
suchstellerin befindet, geht jedoch aus den Akten nicht hervor. Diesen ist
nur zu entnehmen, dass sie von ihren Eltern beziehungsweise ihrer Mutter
finanziell unterstützt wird. Dabei ist es darauf hinzuweisen, dass für die
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts im Verwaltungsverfahren
zwar grundsätzlich die Untersuchungsmaxime gilt, diese jedoch durch die
Mitwirkungspflicht der Parteien relativiert wird (vgl. Art. 13 VwVG). Diese
kommt (unter anderem) in Verfahren zum Tragen, die – wie vorliegend –
durch eigenes Begehren eingeleitet werden (vgl. KRAUSKOPF/EMMENEG-
GER/BABEY, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 13 N 10). Die
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Beschwerdeführerin wäre damit gehalten gewesen, entsprechende Belege
von sich aus bei der Vorinstanz einzureichen. Zudem wäre es ihr auch of-
fen gestanden, solche im vorliegenden Verfahren nachzureichen (siehe Ur-
teil F-1295/2020 vom 15. September 2020 E. 5.3).
5.4 Zu bedenken ist zudem, dass die Beschwerdeführerin als Gastgeberin
nur für gewisse finanzielle Risiken Garantie leisten kann. Hingegen kann
sie mangels rechtlicher und faktischer Durchsetzbarkeit nicht für ein be-
stimmtes Verhalten ihres Gastes Gewähr bieten (vgl. BVGE 2014/1
E. 6.3.7; 2009/27 E. 9). Zu keinem anderen Ergebnis führt der Hinweis der
Beschwerdeführerin, schon früher Gäste empfangen zu haben, welche
rechtzeitig wieder ausgereist seien. Jedes Einreisegesuch ist nach Mass-
gabe seiner spezifischen Gegebenheiten einzelfallweise zu beurteilen, was
in casu auf korrekte Weise geschehen ist (vgl. etwa Urteil des BVGer
F-1618/2020 vom 4. November 2021 E. 7 m.H.). Entgegen dem Einwand
der Beschwerdeführerin lässt somit die Beurteilung durch die Vorinstanz
nicht auf eine willkürliche Bewilligungspraxis schliessen.
6.
Aus den vorherstehenden Erwägungen folgt, dass im vorliegenden Fall
keine hinreichende Gewähr für eine anstandslose Wiederausreise gege-
ben ist. Somit ist eine zwingende Voraussetzung zur Erteilung eines
Schengen-Visums nicht erfüllt. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
7.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff.
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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