Decision ID: 02d0d048-3664-4ece-b193-4668ac76aeaa
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1954 geborene X._
war im Schulsekretariat der Y._ tätig und damit bei der
Basler Versicherung AG
obliga
torisch gegen die Folgen
unter anderem
von Nichtberufsunfällen
versichert. A
m 10. August 2011 erlitt sie in der Nähe von Salzburg einen Verkehrsunfall und zog sich dabei multiple, schwere Verletzungen zu (namentlich t
raumatische Hirn
verletzung
,
Wirbelsäulentrauma
an Hals- und Brustwirbelsäule,
Thoraxtrau
ma
mit diversen Frakturen und Pleuraergüssen,
Clavikulafraktur rechts
und
Ulnarschaftfraktur rechts). Ihr Ehe
mann sass auf dem Beifahrersitz und verstarb noch am Unfallort.
Die medizinische Erstversorgung
fand am Tag des Unfalls im Unfallkranken
haus Salzburg statt. Der sich in kritischem Zustand befindenden Versicherten wurden noch gleichentags beide Beine auf Oberschenkelhöhe amputiert (Urk. 8/2/3.8). Am 30. August 2011 wurde die Versicherte mit dem Ambu
lanzjet der Rega repatriiert und im Z._ weiter behandelt (Urk. 8/2/3.9, Urk. 8/2/3.12), bis sie am 14. September 2011 in die A._ verlegt werden konnte (Urk. 8/2/3.10). Am 25. Juli 2012 wurde die Versicherte aus der stationären Rehabilitation entlassen (Urk. 8/2/3.27).
1.2
Die von der Staatsanwaltschaft Salzburg nach dem Unfall eingeleitete Strafun
tersuchung wegen fahrlässiger Tötung wurde von der Staatsanwalt
schaft See/Oberland übernommen und mit Verfügung vom 14. Februar 2014
in Anwendung von Art. 54 des
Schweizerischen
Strafgesetzbuches
(StGB) nicht anhand genommen (Urk. 8/3/6.2 Beilage 2).
1.3
Mit Verfügung vom 7. November 2014 hielt die Basler Versicherung AG fest, dass der Unfall vom 10. August 2011 auf grobfahrlässige Weise herbeige
führt worden sei, und kürzte die Taggeldleistungen während der ersten zwei Jahre nach dem Unfall um 20 % (Urk. 8/3/6.1). Die von der Versicherten da
gegen am 8. Dezember 2014 erhobene Einsprache (Urk. 8/3/6.2) wies sie mit Einspracheentscheid vom 9. Juli 2015 ab (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob X._ am 9. September 2015 Beschwerde mit folgendem Rechtsbegehren (Urk. 1 S. 2):
1.
Der Einspracheentscheid, mit welch
em die Einsprache gegen die Verfügung vom 7.
November 2014 (Beilag
e 3) abgewiesen wird, sei aufzuheben.
2.
Von einer Kürzu
ng der Taggelder sei abzusehen.
3.
Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen und neuem Ent
scheid im Sinne der nachfolgenden Ausführungen an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
4.
Subeven
tualiter sei die Kürzung auf 10
% während der ersten zwei Jahr
e nach dem Unfall zu begrenzen.
Mit Beschwerdeantwort vom 5. Oktober 2015 schloss die Beschwerdegegne
rin auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 7). Nachdem die Beschwerdeführerin mit Replik vom 5. Februar 2016 am gestellten Rechtsbegehren festgehalten hatte (Urk. 14), verzichtete die Beschwerdegegnerin am 18. Februar 2016 auf Duplik (Urk. 18), worüber die Beschwerdeführerin am 22. Februar 2016 ori
entiert wurde (Urk. 19).

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am 9. November 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundes
gesetzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen,
die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sach
verhalt verwirklicht hat
(vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Än
derung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufs
krankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
1.2
Ist die versicherte Person infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfä
hig (Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversi
cherungsrechts; ATSG), so hat sie gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG Anspruch auf ein Taggeld.
1.3
Gemäss Art. 21 Abs. 1 ATSG können der versicherten Person, die den Versi
cherungsfall vorsätzlich oder bei vorsätzlicher Ausübung eines Verbrechens oder Vergehens herbeigeführt oder verschlimmert hat, die Geldleistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder in schweren Fällen verweigert werden. Nach Art. 21 Abs. 2 ATSG werden Geldleistungen für Angehörige oder Hinterlassene nur gekürzt oder verweigert, wenn diese den Versiche
rungsfall vorsätzlich oder bei vorsätzlicher Ausübung eines Verbrechens oder Vergehens herbeigeführt haben.
In Abweichung von Art. 21 Abs. 1 ATSG werden gemäss Art. 37 Abs. 2 UVG in der Versicherung der Nichtberufsunfälle die Taggelder, die während der ersten zwei Jahre nach dem Unfall ausgerichtet werden, gekürzt, wenn die versicherte Person den Unfall grob fahrlässig herbeigeführt hat.
1.4
1.4.1
Nach ständiger Rechtsprechung handelt grobfahrlässig, wer jene elementaren Vorsichtsgebote unbeachtet lässt, die jeder verständige Mensch in der glei
chen Lage und unter den gleichen Umständen befolgt hätte, um eine nach dem natürlichen Lauf der Dinge voraussehbare Schädigung zu vermeiden. Die Fahrlässigkeit besteht aus einer objektiven und subjektiven, nach ihrer Schwere graduell abzustufenden Verschuldenskomponente, wobei sich der Grad der Fahrlässigkeit primär nach dem Grad des subjektiven Verschuldens beurteilt. Das Verhalten muss, um
durch Verletzung elementarster Vor
sichtsgebote
Rechtsnachteile zu gewärtigen, Unverständnis, Kopfschütteln und Tadel auslösen, eine moralische Verurteilung nach sich ziehen und die Grenze des Tolerierbaren überschreiten (BGE 138 V 522 E. 5.2.1-5.2.2).
Eine grobe Fahrlässigkeit rechtfertigt eine Kürzung der Leistungen des Unfall
versicherers nur dann, wenn zwischen dem Verhalten und dem Unfall
ereignis oder seinen Folgen ein natürlicher und adäquater Kausalzusammen
hang vorliegt
(Urteil des Bundesgerichts 8C_263/2013 vom 19. August 2013
E. 4.3 mit Hinweisen
)
.
1.4.2
1.4.2.1
Bei Fehlverhalten im Strassenverkehr ist grobe Fahrlässigkeit im Sinne von Art. 37 Abs. 2 UVG in der Regel dann anzunehmen, wenn in ursächlichem Zusammenhang mit dem Unfall eine elementare Verkehrsvorschrift oder mehrere wichtige Verkehrsregeln schwerwiegend verletzt wurden
und sub
jektiv oder objektiv keine bedeutsamen Entlastungsgründe gegeben sind, die das Verschulden in einem milderen Licht erscheinen lassen (
Urteil des Bun
desgerichts U 346/04 vom 29. Juni 2005 E. 2.2.2 mit Hinweisen). Der Begriff der groben Fahrlässigkeit nach Art. 37 Abs. 2 UVG ist in diesen Fällen weiter zu fassen als derjenige der groben Verletzung von Verkehrsregeln nach Art. 90 Ziff. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SVG), welcher ein rücksichtslo
ses oder sonst schwerwiegend regelwidriges Verhalten voraussetzt (Urteil des Bundesgerichts 8C_263/2013 vom 19. August 2013 E. 4.2 mit Hinweisen).
1.4.2.2Gemäss Art. 31 Abs. 1 SVG muss der Führer das Fahrzeug ständig so be
herrschen, dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann. Wer wegen Alkohol-, Betäubungsmittel- oder Arzneimitteleinfluss oder aus anderen Gründen, namentlich wegen Übermüdung, nicht über die erforderliche kör
perliche und geistige Leistungsfähigkeit verfügt, gilt nach Abs. 2 derselben Bestimmung während dieser Zeit als fahrunfähig und darf kein Fahrzeug führen (vgl. auch Art. 2 Abs. 1 der Verkehrsregelverordnung; VRV). Wer in fahrunfähigem Zustand ein Motorfahrzeug führt, wird gemäss Art. 91 Abs. 2 lit. b SVG mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft. Nach Art. 100 Ziff. 1 Satz 1 SVG ist auch die fahrlässige Handlung strafbar. Hin
sichtlich Art. 91 SVG als fahrlässiges Tätigkeitsdelikt liegt die Fahrlässigkeit darin, dass eine Person infolge einer pflichtwidrigen Unvorsichtigkeit nicht erkennt, dass sie sich in einem fahrunfähigen Zustand befindet oder ein sol
cher eintreten könnte, und sie nichtsdestotrotz wissentlich und willentlich ein Fahrzeug führt. Fahrlässig handelt etwa, wer subjektiv erkennbare Ermü
dungserscheinungen unbeachtet lässt, in der Hoffnung, wach zu bleiben, und dennoch weiterfährt (Urteil des Bundesgerichts 6B_26/2016 vom 6. Juni 2016 E. 3.2).
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann bei einem gesunden und nicht aus anderen Gründen fahrunfähigen Fahrzeugführer Einschlafen am Steuer (sog.
„
Sekundenschlaf") ohne vorherige subjektiv erkennbare Ermü
dungserscheinungen ausgeschlossen
werden
. Wer solche Symptome mis
s
achtet, handelt grobfahrlässig (
Urteil
des Bundesgerichts 1C_25/2016 vom 4.
Juli 2016
E. 2.4).
1.5
Die Urteilsfähigkeit nach Art.
16
des Zivilgesetzbuches (
ZGB
)
ist die Regel und wird aufgrund allgemeiner Lebenserfahrung vermutet. Wer behauptet, zu einem gewissen Zeitpunkt urteilsunfähig gewesen zu sein, hat dafür einen Beweis zu erbringen und trägt beim Scheitern des Beweises die Folgen der Beweislosigkeit
(
Urteil
des Bundesgerichts
8C_881/2014
vom 12.
Mai 2015
E. 4).
Den Parteien obliegt jedoch in dem
vom Untersuchungsgrundsatz beherrsch
t
en Sozialversicherungsprozess keine subjektive
Beweisführungslast
im Sinne von Art. 8 ZGB. Eine
Beweislast
besteht
nur insofern, als im Falle der Be
weislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisre
gel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rah
men des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (
BGE 138 V 218 E. 6,
117 V 261 E.
3b
).
2.
2.
1
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin die Taggeldleistungen zu Recht um 20 %
kürzte
, weil die Beschwerdeführerin den Unfall vom 10. August 2011 in grobfahrlässiger Weise verursacht hat
te
.
2.2
Die Beschwerdegegnerin
begründete
im angefochtenen Einspracheentscheid
vom 9. Juli 2015
die Kürzung der Taggeldleistungen um 20 % im Wesentlichen damit,
dass die Beschwerdeführerin grobfahrlässig gehan
delt habe, indem sie als Fahrzeuglenkerin die Ermüdungssymptome nicht be
achtet habe und weitergefahren sei, bis sie eingenickt sei, während 7 Sekun
den ihren Blick nicht auf die Strasse gerichtet und mit dem Auto einen Selbst
unfall verursacht habe (Urk. 2 S. 3 f., vgl. ferner Urk. 7).
2.
3
Demgegenüber stellt sich die Beschwerdeführerin hauptsächlich
auf den
Stand
punkt, dass
eine im September 2011 aufgetretene Herzrhythmusstörung die notfallmässige Hospitalisation im Z._ erfordert habe; bereits vor dem Unfall habe sie Herzflattern gehabt (Urk. 1 S. 5 f.). Herz
probleme seien somit als Unfallursache näher liegend als eine Übermüdung mit Sekundenschlaf. Im Unfallzeitpunkt sei jedenfalls Urteilsunfähigkeit ge
geben gewesen, entweder aufgrund der Herzproblematik oder aufgrund des Sekundenschlafes. Der behauptete Sekundenschlaf könne nicht als mit über
wiegender Wahrscheinlichkeit erstellt gelten. Bezüglich der Herzproblematik sei der Sachverhalt nicht
rechtsgenügend abgeklärt (Urk. 1 S. 11 f.
, vgl. fer
ner Urk. 14
).
Der Verfasser des fahrzeugtechnischen Gutachtens, Dipl.-Ing. B._, könne sich als Ingenieur höchstens zu den fahrzeugbedingten Ursa
chen des nach rechts Abkommens (z.B. technische Mängel), nicht aber zu den persönlichen respektive medizinischen Unfallursachen äussern (Urk. 1 S. 4).
3.
3.1
Am 13. August 2011 gab C._ als Unfallzeugin gegenüber der öster
reichischen Polizei Folgendes an (Urk. 8/3/7.23):
Am 10.
08.2011, in den Morgenstunden fuhr ich in Wien auf die
Westautobahn auf. Noch vor St.
Polten überholte ich ein KFZ mit schweizer Kennzeichen. Dieses Fahrzeug fiel mir in weiterer Folg
e
mehrmals auf. Jedoch nicht wegen der Fahrweise. Nach Linz fuhr ich auf eine Raststelle, wo ich auch tankte. Bei Mondsee wurde ich wieder von diesem Fahrzeug überholt, jedoch in einem sehr geringen seitlichen Abstand. Unsere Fahrgeschwindigkeit betrug zu die
sem Zeitpunkt ca. 130-150 km/h. In Höhe Thalgau nahm ich das Fahrzeug wiederum wahr, als es auf dem do.
1.
Fahrstreifen, soweit rechts fuhr, sodass es fast an der seitlichen Begrenzung streifte. Ich nahm an, dass dieses Fahr
zeug die do. Ausfahrt ben
ü
tzen wird. In weiterer Folge sah ich dann, wie die
ses Fahrzeug in die Luft katapultiert wurde, sich überschlug und auf dem Dach landete. Ich hielt mein Fahrzeug, VW Jetta,
D._
, sofort an und rief dann den Notruf 11
2.
Ich wartete dann noch das Eintreffen von Rettung und Polizei ab.
3.2
Dem Abschlussbericht des Landespolizeikommandos Salzburg, Autobahnpoli
zeiinspektion ANIF, vom 5. September 2011 (Urk. 8/3/7
.20
) kann folgende Schilderung des Unfalls vom
11. August 2011
entnommen werden:
Am 10.08.2011, um 10.10 Uhr lenkte die 57-jährige Schweizer Staatsbürgerin, Frau
X._
, das KFZ der Marke BMW 325i Touring, Farbe schwarz, Kz.:
E._
(CH), entlang der A
1 Westautobahn, in Fahrtrich
tung Salzburg. Im Gemeindegebiet von Thalgau, bei StrKM 273,87, kam
X._
, vermutlich aufgrund eines Sekundenschlafes, nach rechts fahrend von der Fahrbahn ab, wobei das o.a. KFZ in weiterer Folge auf die Leitschiene auffuhr, sich überschlug, mit dem Autodach auf dem Brückengeländer bzw. Leitschiene weiterschlitterte und am Ende der Leitschiene, bei StrKM 274,006, am Fa
hrzeugdach, zum Stillstand kam.
3.3
3.3.1
Im Auftrag der Staatsanwalt
schaft Salzburg erstellte Dipl.-I
ng.
B._
, in Österreich allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger, am 20. Dezember 2012 ein kraftfahrzeugtechnisches Gutachten (Urk. 8/3/4.1)
. Darin führte er unter anderem aus, zum Unfallzeitpunkt sei es hell und die Fahrbahnoberfläche trocken gewesen. Die erlaubte Höchstge
schwindig
keit habe im zu betrachtenden Bereich 130 km/h betragen (S. 6 f.). Zusam
menfassend habe sich der zu untersuchende Verkehrsunfall dergestalt zuge
tragen, dass zum Unfallzeitpunkt, dem
10.
August
2011 gegen 10.10 Uhr, die
Beschuldigte
mit dem
Personenwagen BMW 325i
Touring
auf der Autobahn 1 (Westautobahn) aus Richtung Linz kommend in Fahrtrichtung Salzburg mit einer Geschwindigkei
t von 135 bis 145 km/h gefahren
und da
bei nach einer lang gezogenen Rechtskurve bei Stra
ss
enbaukilometer 273,87 nach rechts von der Fahrbahn in d
ie angrenzende Wiese abgekommen sei, der Pkw-BMW
dort geg
en eine Schutzplanke kollidiert, dieser drehend in die Höhe katapul
t
iert
worden
und auf der
Schutzplanke beziehungsweise
auf dem Schutzplan
kengeländer mit dem Fahrzeugdach nach unten entlang
ge
schlittert sei
.
Die Beschuldigte habe
nach der durchfahrenen Rechtskurve nicht mehr entspre
chend
dem folgenden Fahrbahnverlauf
in Richtung gera
deaus gelenkt, son
dern
sei
entsprechend des Rechtsbogens der vorausgehen
den Kurve weiter
gefahren
, bis hin zum Abkommen von der Fahrbahn und zur Kollisionsstelle. Der
Pkw-BMW habe
sich im Rahmen
von dessen Unter
suchung in einem
für den Z
eitraum vor dem Verkehrsunfall
verkehrssi
cheren Zustand
ge
zeigt (S. 23). Mit der Fahrgeschwindigkeit des Pkw-BMW (135 bis 145 km/h) wäre der gegenständliche Fahrbahnabschnitt bei entspre
chender Konzentra
tion und Aufmerksamkeit sowie dem Fahrbahnverlauf entsprechenden Lenk
bewegungen leicht zu durchfahren gewesen (S. 16).
3.3.2
D
as Unfallgeschehen
– so Dipl.-Ing. B._ weiter - wäre
mit Sicherheit leicht zu vermeiden gewesen, wenn
die Beschuldigte
mit der aus verkehrs
technischer Sicht zu verlangenden Sorgfalt und Aufmerksamkeit sich auf das Verkehrsgeschehen
beziehungsweise
auf die Fahrbahn vor ihr konzentriert hätte.
Sie wäre
dann nicht nach rechts von der Fahrbahn abgekommen
(S. 16 und S. 24)
. Das nach rechts Kommen unter dem Fehlen jedweder Reaktion
sei
aus verkehrstechnischer Sicht
“
oft
“
zu beobachten bei einem Sekundenschlaf des Fahrzeugführers (ein solcher
könne
auch mehrere Sekunden andauern), oder auch bei einer längeren (hier zumi
ndest 7 Sekunden andauernden) Bl
ickabwendung von der Fahrbahn. Zum Sekundenschlaf
sei
aus technischer und verkehrspsychologischer Sicht auszuführen, dass ein solcher nicht un
vorhergesehen
eintrete
, sondern für einen ermüdenden Fahrzeugführer zeit
lich bereits deutlich vor dem Eintritt des Sekundenschlafes seine
Ü
bermü
dung zu erkennen
sei. Ein spontanes Einschlafen
sei
nicht möglich.
Die Vor
warn
ungen vor dem Einschlafen
seien
derart deutlich und mit einer solchen Sicherheit für einen Fahrer zu erkennen, dass ein Anhalten des Fahrzeuges an geeigneter Stelle zur Erholung jedenfalls möglich
sei (S. 17 und S. 24)
.
4.
4.1
In medizinischer Hinsicht wurden im provisorischen Bericht der A._ vom 15. Dezember 2011 (Urk. 8/2/3.14) folgende Diagnosen (Diag
nosen während der Rehabilitation) gestellt:
Hämodynamisch relevante supraventrikuläre Tachykardie am 22.09.2011
-
Konversion auf Gabe von Adenosin i.v. und Metoprolol i.v.
-
Entität nicht definitiv geklärt, am ehesten AV-Reentry-Tachykardie
-
Strukturen und funktionell normales Herz (Echokardiographie 23.09.2011)
-
Seit 23.09.2011 unter prophylaktischer Betablo
c
kade
4.2
Laut Bericht des F._ vom 9. März 2015 (Urk. 8/2/3.63) verlor die Beschwerdeführerin eigenen Angaben zufolge am 21. Februar 2015 das Bewusstsein und stürzte vom Rollstuhl (Diagnose: Synkope unklarer Genese; DD rhythmogen). Das in der Folge durchgeführte Elektrokardiogramm (EKG) zeigte keine Auffälligkeiten. Erwähnt wurde eine aufgrund rezidivierender Tachykardien mit Schwindel geplante Abklärung bei Dr. G._.
4.3
Dr. med. G._, Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin, stellte im Bericht vom 26. März 2015 (Urk. 8/2/3.64) folgende Diagnose:
Symptomatische paroxysmale supraventrikuläre
Tachykardie
mit (prä
)Synkopen
-
DD
AV-Reentry-Tachykardie
n (CMT), atriale Tachykardie, eher kein Vorhofflat
tern 2:1
-
keine relevante strukturelle Herzkrankheit
-
cvRF: Nikotinabusus
Die Zuweisung zur kardiologischen Abklärung sei wegen rezidivierender (prä
)synkopaler Ereignisse erfolgt. Die Beschwerdeführerin verspüre seit dem Polytrauma immer wieder Palpitationen im Sinne eines Herzrasens gefolgt von Schwarzwerden vor Augen im Sinne von präsynkopalen Ereignissen. Gemäss ihren Angaben habe vorher keine kardiale Symptomatik bestanden.
Die rezidivierenden Prä-Synkopen
seien
wa
hrscheinlich rhythmogen bedingt.
Ob es sich bei der vollständigen Synkope im Februar 2015 (ohne Prodromi) um da
s gleiche Phänomen gehandelt habe
,
könne
nicht mit Sicherheit be
antwortet werden. Ansonsten finde
er
klinisch eine normotone kardiopulmo
nal kompensierte Patientin
;
echokardiographisch fehl
t
en Hinweis
e für eine relevante strukturell
e Herzkrankheit. Auf Grund der Häufigkeit des Auftre
tens und
der
starken Symptomatik habe
er der Beschwerdeführerin
empfoh
len, direkt eine elektrophysiologische Abklärung und Therapie durchzufüh
ren. Ob diese Rhythmusstörungen mit allfälliger Synkope für den Autounfall vom August 2011 verantwortlich
gewesen seien
,
könne „
weder bewiesen noch sicher ausgeschlossen
“
wer
den.
4.4
Im Bericht des Z._, Universitäres Herzzentrum, vom 27. April 2015 (Urk. 8/2/3.59) wurde die von Dr. G._ gestellte Diag
nose übernommen und mit der Differenzialdiagnose einer atypischen AV-Knoten-Reentry-Tachykardie ergänzt. Weiter gaben die berichtenden Spital
ärzte an, s
eit der letzten Vorstellung bei
Dr. G._ verspüre
die Patientin
zirka
wöchentlich das bekannte Herzpochen mit begleitend Schwarzwerden vor den Augen ohne erneute Synkope. Am 21.
Februar 20
15
habe
sie einma
lig eine Synkope ohne Prodromi
erlitten
.
Es lägen keine
weiteren kardialen Beschwerden
vor
. Im aktuellen Ruhe-EKG
habe
sich ein normokarder Sinus
rhythmus mit 77/min und normaler De- und Repolarisation
gefunden.
Die
zugesandten
EKGs
seien
gut mit einer AV-Knoten Reentry-Tachykardie ver
einbar, wobei differentia
l
diagnostisch auch eine AVRT oder eine atriale Ta
chykardie vorliegen könnte. Somit
sei
die Indikation zur elektrophysiologi
schen Untersuchung
und gegebenenfalls zur Radiofrequenzablatio
n bei au
s
geprägter Symptomatik gegeben.
4.5
Im O._-Gutachten vom 15. Juni 2015 (Urk. 8/3/4.37) wurde folgende kardiolo
gische Diagnose gestellt (S. 29):
Hämodynamisch relevante supraventri
kuläre Tachykardie am 22.9.2011
-
Konversion auf Gabe von Ad
enosin i.v. und Metoprolol i.v.
-
Entität nicht definitiv geklärt, am ehesten AV-Reentry-Tachykardie
-
strukturell
und funktionell normales Herz (Echokardiographie
23.9.2011)
-
aktenanamnestisch seit 23.9.2011 unte
r prophylaktischer Betablockade
-
in Abklärung von
Dr. G._
2015 bestätigt
e supraventrikuläre Tachykar
die
Dem Gutachten lässt sich weiter entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin
in Bezug auf die supraventrikuläre Tachykardie
im AEH
angab, bereits früher an „Rhythmusstörung"-ähnlichen Sensationen gelitten
zu haben,
was sich
bei Dr.
G._
nicht bestätigt
habe
. Im Rahmen der Abklärungen im
Z._
im Jahre 2011 habe sich
aufgrund der
Echokardiogra
phie keine Herzpathologie ergeben. Die genaue Genese der damals vorüber
gehenden Rhythmusstörung habe nicht eruiert werden können. Dass eine Herzrhythmusstörung bei der Versicherten zum Autounfall geführt haben könnte, müsse als reine Spekulation erachtet werden
; das heisse, dies
lasse sich
„
weder ausschliessen
,
noch beweisen
“
(S. 32).
5.
5.1
Die Beschwerdeführerin liess vorprozessual mitteilen, dass sie am Vorabend des fraglichen Unfalls
vom 10. August 2011
, vermutlich gegen 18 bis circa 20 Uhr, zusammen mit ihrem Ehemann in einem Budapester Restaurant das Abendessen eingenommen habe. Anschliessend sei sie früh schlafen gegan
gen. Ihr Mann habe noch das Auto beladen. Gegen fünf Uhr sei sie aufge
standen. Kurze Zeit später habe die Heimreise begonnen, wobei sie und ihr Mann in Budapest noch getankt und einen Kaffee getrunken hätten. Von da an fehle die Erinnerung „komplett“ (Schreiben der Rechtsvertreterin
an den Unfallversicherer
vom 2
8.
März 2013;
Urk.
8/1/1.95
);
d
ass sie sich nicht an die Reise erinnere, sei auf die schweren Unfallverletzungen zurückzuführen und könne ihr selbstverständlich nicht zum Vorwurf gereichen (
Urk.
14 S. 6). Dies
e Angabe
steht im Gegensatz zu Passagen
des
O._
-
Teilgutachtens von Dr.
med.
H._
, Facharzt
für Psychotherapie, und von Dr.
med.
I._
, Fachärztin für Neurologie, speziell Neuropsychologie und Verhaltensneurolo
gie, vom 22
.
Dezember 2014, sowie zu
r Anamnese im Bericht des Dr. med. J._
, F
acharzt für Neurologie, vom 30.
April 2013, wo von einer „retro
grade(n) Amnesie
“ von „höchstens Minuten“ (Urk.
8/3/4.32, S
.
8 f.) respektive von einer retrograden Amnesie von nur
„Sekunden“ (Urk.
8/2/3.37
S.
2) die Rede ist
.
5.2
Was zum
fraglichen
Unfall geführt hatte, vermochte die Beschwerdeführerin selber
wie erwähnt nicht zu sagen (vgl. etwa Urk. 8/2/3.37 S. 1 f. und Urk. 8/3/4.32 S.
5).
Aus
den
sich im Wesentlichen deckenden
polizeilichen Angaben, den
Aussagen
der Zeugin K._ (E. 3.1 hievor)
und
den Ausfüh
rungen von Dipl.-Ing. B._
im kraftfahrzeugtechnischen Gutachten (E. 3.3 hievor)
kann geschlossen werden, dass keine äusseren Faktoren
res
pektive lenkerfremde Einflüsse (etwa
andere
Verkehrsteilnehmer
,
Strassen- und
Witterungsverhältnisse oder
Fahrzeugmängel) zum
Unfall
geführt bezie
hungsweise diesen
(mit
)verursacht h
atten
.
Gegenteiliges lässt sich auch der Verfügung der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom 14. Februar 2014 (Urk. 8/3/6.2 Beilage 2) nicht entnehmen. Sodann war der Unfall offenbar nicht Folge übersetzter Geschwindigkeit.
5.3
Gegenstand eines fahrzeugtechnischen Gutachtens bildet typischerweise die Frage,
ob beziehungsweise
inwieweit technische Mängel zu einer Beeinträch
tigung der Betriebs- und Verkehrssicherheit
eines
Fahrzeugs geführt haben oder gar als den Unfall auslösende Faktoren in Betracht kommen. Die Anga
ben des Sachve
rständigen Dipl.-Ing. B._
zu
m
Fahrverlauf und
zum
technische
n
Zustand des Pkw-BMW
(Urk. 8/3/4.1 S. 5 bis 16 und S. 18 bis 23; E.
3.3.1 hievor) bewegen sich in diesem Rahmen
.
Daraus
lässt sich die Kernaussage ableiten, dass nicht technisches Versagen (sondern
wie auch immer geartetes
menschliches Verhalten) Ursache des fraglichen Unfalls war.
Hingegen kommt dem Hinweis von Dipl.-Ing.
B._
, wonach das nach rechts Kommen unter dem Fehlen jedweder Reaktion der Beschuldigten aus verkehrstechnischer Sicht „oft“ bei einem Sekundenschlaf des Fahrzeugfüh
rers oder auch bei einer längeren Blickabwendung von der F
ahrbahn zu be
obachten sei (Urk. 8/3/4.1 S. 17 und S. 24; E.
3.3.2 hievor), keine entschei
dende Bedeutung zu.
Entgegen der offenbaren Lesart der Beschwerdegegne
rin beschränkt sich Dipl.-Ing. B._ im Grunde auf die
allgemeine
Fest
stellung, wie sie sich
aus wissenschaftlichen Untersuchungen ergibt, nämlich dass das Einschlafen am Steuer eine häufige Ursache von Verkehrsunfällen darstellt (vgl. dazu etwa Rolf Seeger,
„
Blackout“ am Steuer. Verkehrsmedizi
nische Betrachtung einer häufig folgenträchtigen Einlassung, in: Schaffhau
ser, Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2010, St. Gallen, S.
10 und 14), und
dass
Müdigkeitsunfälle typischerweise durch ein Abkommen von der Strasse
ohne Vermeidungsreaktion
charakterisiert sind (vgl. dazu etwa bfu – Bera
tungsstelle für Unfallverhütung, Beeinträchtigte Fahrfähigkeit von Motor
fahrzeuglenkenden. Risikobeurteilung, Unfallanalyse und Präventionsmög
lichkeiten, B
ern 2008, S. 198 und S. 235). So verstanden geht Dipl.-Ing. B._ nicht über sein eigentliches Fachgebiet hinaus.
5.4
Ferner
steht die Hypothese eines anfallsartigen Bewusstseinsverlusts infolge Herzrhythmusstörung im Raum. Bei derzeitigem
Abklärungsstand
erscheint sie (noch) nicht als (weit) weniger wahrscheinlich als andere Unfallursachen. Zwar sind für die Zeit vor dem Unfall keine (prä-)synkopalen Ereignisse do
kumentiert, und anders als im Rahme
n der O._-Begutachtung (vgl. E.
4.5 hievor) gab die Beschwerdeführerin gegenüber
Dr. G._
an, dass vor dem Unfall keine kardiale Symptomatik bestan
den habe (vgl. E.
4.3 hievor).
Auch fanden sich keine Hinweise auf eine relevante strukturelle Herzerkran
kung (vgl. E. 4.3 hievor).
Dennoch sind angesichts der in Betracht gezogenen AV-Knot
en-Reentry-Tachykardie (vgl. E. 4.4 hievor;
Grundlage
dieser Ta
chykardie
ist eine angeborene Fehlbildung beziehungsweise Normvariante des kardialen Reizleitungssystems) weitere Abklärungen zur Unfallursache
mit Angabe des entsprechenden Wahrscheinlichkeitsgrades
unumgänglich (zu Beweis und Beweislastverteilung bei behaupteter Urteilsunfähigkeit
vgl. E.
1.5 hievor). Die eher beiläufigen Bemerkungen der
O._
-Gutachter und des
Dr. G._
, wonach eine Herzrhythmusstörung mit Synkope als Unfall
ursache weder bewiesen noch (sicher) ausgeschlossen werden könne, führen nicht weiter, zumal an der
O._
-Begutachtung kein Kardiologe beteiligt und der Fokus von
Dr. G._
auf Abklärungs- und Therapieempfehlungen hinsichtlich der rezidivierenden Präsynkopen gericht
et war.
6.
Nach dem Gesagten ist die Sache zur umfassenden Abklärung der Unfallursa
che
vorzugsweise durch ein anerkanntes Institut für Rechtsmedi
zin/Verkehrsmedizin
und zu neuem Entscheid an die Bes
chwerdegegnerin zurückzuweisen.
7.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die vertretene Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat. Diese ist ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens zu bemessen (§ 34 Abs. 3 des Geset
zes über das Sozialversicherungsgericht; GSVGer).
Demzufolge ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der anwaltlich vertre
tenen Beschwerdeführerin eine angemessen erscheinende Prozessent
schädigung in der Höhe von Fr. 3‘100.
(inklusive Barauslagen und Mehr
wertsteuer) zu bezahlen.