Decision ID: fc4bd9c2-0622-42d7-819e-40d0867cc079
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder suchten am (...) September 2020
in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Personalienaufnahme (PA)
vom 17. September 2020, des Dublingesprächs vom 24. September 2020
sowie der Anhörung vom 6. Oktober 2020 machte sie im Wesentlichen Fol-
gendes geltend:
Sie und ihre Kinder seien somalische Staatsangehörige, gehörten dem
Clan E._, (...) F._ und (...) G._ an und seien bis zur
Ausreise in H._, Provinz I._ wohnhaft gewesen. Ihr Ehe-
mann, mit welchem sie drei Kinder habe, sei als Soldat in J._ stati-
oniert gewesen. Da er unmittelbar nach der Heirat ins Militär eingerückt sei,
habe sie nie mit ihm zusammengelebt und sei stattdessen bei ihren Eltern
wohnhaft gewesen. Sie habe keine schulische Ausbildung genossen,
könne weder lesen noch schreiben und habe in Somalia von der Landwirt-
schaft gelebt. Die Mehrheit ihrer Verwandten seien Mitglieder der Al-
Shabaab. Da ihr Ehemann für die Regierung als Soldat tätig gewesen sei,
habe ihr Cousin – ebenfalls Mitglied der Al-Shabaab – ein Treffen mit ihm
vereinbaren wollen. Er habe Männer zu ihrem Ehemann schicken wollen,
wobei sie das Treffen hätte organisieren sollen. Da sie sich um ihren Ehe-
mann gefürchtet habe, habe sie diesen stattdessen gewarnt, woraufhin er
verschwunden sei. Da die Al-Shabaab ihn nicht habe finden können, habe
ihr Cousin sie dafür verantwortlich gemacht und ihr gesagt, sie hätte ihren
Ehemann nie heiraten dürfen, da dieser "der Feind" sei. Er habe sie zur
Frau nehmen wollen, habe sie zweimal vergewaltigt und mehrere weitere
Versuche unternommen. Da sie sich gewehrt habe, habe er ihren Bruder
verschleppt, ihre Eltern getötet und sie schliesslich inhaftiert. Sie sei sechs
Monate in einem Gefängnis in K._ inhaftiert gewesen. Ihre Kinder
habe ihr Cousin mitgenommen, wobei sie nur manchmal ihren jüngsten
Sohn habe sehen dürfen. Schliesslich habe ihr Cousin sie vor die Wahl
gestellt, entweder mit ihm zusammenzuleben oder ein Selbstmordattentat
auszuüben. Sie habe eingewilligt, mit ihm zu gehen, und sei daraufhin ent-
lassen worden. In der Zeit, in der sie bei ihm gewesen sei, habe er sie
immer wieder vergewaltigt und geschlagen. Zudem habe er ihre (...) Toch-
ter gegen ihren Willen beschnitten. Nach einiger Zeit habe sie das Ver-
trauen ihres Cousins gewonnen und im Versteckten ihre Flucht planen kön-
nen. Es sei ihr gelungen, Schlaftabletten, die sie von ihm erhalten habe, in
seinen Tee zu mischen. Mit dem Gold einer älteren Dame, welche sie im
Gefängnis kennengelernt habe, habe sie ihre Auseise finanzieren können.
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Dadurch habe sie das Haus in Richtung J._ verlassen können und
sei nach Äthiopien gereist, wo sie eineinhalb Monate verbracht habe, bevor
sie in die Schweiz eingereist sei.
B.
Am 14. Oktober 2020 ergriff die zugewiesene Rechtsvertretung die von der
Vorinstanz gewährte Gelegenheit, zum Entscheidentwurf Stellung zu neh-
men.
C.
Mit Verfügung vom 15. Oktober 2020 – gleichentags eröffnet – verneinte
die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin (und ih-
rer Kinder), lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz. Da der Vollzug der Wegweisung zurzeit nicht zumutbar sei,
wurden die Beschwerdeführerin und ihre Kinder vorläufig in der Schweiz
aufgenommen.
D.
Mit Eingabe vom 13. November 2020 erhob die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung des SEM
und beantragt die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Anerken-
nung als Flüchtling und die Gewährung von Asyl, eventualiter sei die Sache
zur erneuten Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Der Eingabe lagen eine Vollmacht und die Kopie der ange-
fochtenen Verfügung bei
E.
Mit Schreiben vom 17. November 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
F.
Mit Verfügung vom 20. November 2020 hiess die zuständige Instruktions-
richterin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud das SEM zur Vernehm-
lassung ein. Dieser Einladung kam die Vorinstanz mit Schreiben vom
16. Dezember 2020 nach, worauf der Beschwerdeführerin Gelegenheit zur
Replik gegeben wurde. Mit Eingabe vom 19. Januar 2021 replizierte die
Beschwerdeführerin.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 Verordnung über Massnahmen im Asylbereich
im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-19-Verordnung Asyl, SR
142.318] und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin und ihre Kin-
der haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher
zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Den ablehnenden Entscheidentwurf begründete die Vorinstanz mit der
fehlenden Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin. Die
Schilderungen zu den Asylvorbringen seien oberflächlich, detailarm und wi-
dersprüchlich ausgefallen. Sie habe zwar im Rahmen des freien Berichts
eine Fluchtgeschichte mit mehreren Handlungselementen wiedergegeben.
Auf konkrete Nachfrage hin habe sie aber keines dieser Elemente näher
substantiieren können. Die Angaben zur Haftzeit – insbesondere zur Ge-
fängniszelle und zur älteren Dame, die sie dort kennengelernt habe – seien
trotz mehrfachen Nachfragens oberflächlich, stereotyp und ohne jegliche
Realkennzeichen sowie Erlebnisbezug ausgefallen. Zum Verschwinden ih-
res Bruders habe sie nur wenige Angaben machen können und nicht er-
läutern können, wie er verschleppt worden sei. Auch zum Tod ihrer Eltern
habe sie nur substanzlose Angaben gemacht, die keinen Erlebnisbezug
aufweisen würden. Zu ihrem familiären Hintergrund habe sie lediglich aus-
gesagt, sie hätten friedlich in der Heimat gelebt. Es sei ihr erst nicht gut
gegangen, nachdem ihre Eltern umgebracht worden seien und ihre restli-
che Familie nichts dazu gesagt habe. Diese Aussagen erstaunten, zumal
sie einen regierungstreuen Soldaten geheiratet habe. Es sei zu erwarten
gewesen, dass sie mehr zu dieser besonderen familiären Konstellation
hätte erzählen können. Somit sei auch ihr familiärer Hintergrund zweifel-
haft. Betreffend die Beschneidung ihrer Tochter habe sie sich erheblich wi-
dersprochen, indem sie zunächst angegeben habe, das Ereignis habe
während der Haft stattgefunden. Während der Haftzeit habe sie ihre Kinder
– bis auf den jüngsten Sohn – nie gesehen. Später habe sie jedoch erklärt,
sie sei anwesend gewesen, als ihr Cousin mit einem Mann gekommen sei,
welcher die Beschneidung durchgeführt habe. Sie habe dabei versucht,
ihre Tochter zu halten, aber ihr Cousin habe sie geschlagen und ihre Hände
verbunden. Auf den Widerspruch angesprochen, habe sie bestätigt, dass
sie bei der Beschneidung dabei gewesen sei, was die abweichende ur-
sprüngliche Angabe nicht erkläre. Zu ihrer eigenen Beschneidung sei nicht
nachvollziehbar, dass sie ausgesagt habe, sie wisse nicht, ob sie persön-
lich in der Vergangenheit beschnitten worden sei. Es lägen keine konkreten
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Anzeichen dafür vor, dass ihr künftig mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
eine Genitalverstümmelung drohen könnte, weshalb auf eine gynäkologi-
sche Untersuchung verzichtet werden könne, zumal diese nicht geeignet
sei, etwas an der Einschätzung des SEM zu ändern. Das SEM glaube da-
her nicht, dass sie ihre Heimat aufgrund der geltend gemachten Umstände
verlassen habe. Zudem würden keine genügenden Hinweise dafür vorlie-
gen, dass sie in der Heimat künftig nicht auf ein familiäres Schutzumfeld
zählen könne.
4.2 In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf entgegnete die Beschwer-
deführerin, betreffend die eigene Beschneidung habe sie nicht sagen wol-
len, sie wisse nicht, ob sie beschnitten worden sei, sondern sie wisse nicht,
ob die Al-Shabaab die Beschneidung bei ihr durchgeführt hätten. Dass sie
beschnitten worden sei, gehe indirekt aus ihrer Aussage hervor. Es sei
nachvollziehbar, dass sie teilweise Schwierigkeiten gehabt habe, das Er-
lebte in Worte zu fassen und in eine chronologische Reihenfolge zu brin-
gen, zumal sie ein niedriges Bildungsniveau aufweise und stark traumati-
siert sei. In der Anhörung sei es ihr schlecht gegangen und sie sei sichtlich
überfordert gewesen. Die starke emotionale Belastung durch das im Hei-
matland Erlebte habe sich insbesondere im Rahmen der Anhörung gezeigt,
indem sie grosse Mühe gehabt habe, über die Gewalterfahrungen und de-
ren Umstände zu sprechen. Als alleinstehende Mutter ohne Schutz eines
erwachsenen männlichen Verwandten sei sie im Falle einer Rückkehr kon-
kret gefährdet, erneut Opfer geschlechtsspezifischer Verfolgung zu werden
und somit ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu
sein. Staatlicher Schutz stehe ihr in Somalia nicht zur Verfügung. Betref-
fend die Abweisung des Antrages um gynäkologische Untersuchung durch
das SEM entgegnet sie, diese sei notwendig, um die geltend gemachten
Vorbringen bezüglich der Genitalverstümmelung zu bestätigen.
4.3 Im Asylentscheid hielt die Vorinstanz an ihrer im Entscheidentwurf dar-
gelegten Begründung fest und führte zur Stellungnahme der Beschwerde-
führerin aus, der Umstand der Beschneidung vermöge nichts am Asylpunkt
zu ändern. Das SEM könne seine Glaubhaftigkeitsprüfung nicht auf non-
verbale Äusserungen oder Gemütsbewegungen stützen, da die Anhö-
rungssituation per se eine Belastung darstellen könne und nonverbale
Gesten ihre Vorbringen nicht zu belegen vermöchten. Weiter sei der Be-
schwerdeführerin genügend erklärt worden, was von ihr erwartet worden
sei. Die oberflächlichen Antworten auf die Nachfragen könnten weder mit
der Gemütslage noch mit ihrem Bildungsniveau erklärt werden. Schliess-
lich könne vor dem Hintergrund der unglaubhaften Asylvorbringen nicht
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ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass sie keine Verwandten
oder Clanmitglieder mehr habe, welche ihr Schutz gewähren würden.
4.4 In der Beschwerdeschrift bringt die Beschwerdeführerin vor, die gel-
tend gemachten mehrfachen Vergewaltigungen seien durch die Vorinstanz
nicht rechtsgenüglich abgeklärt und die entsprechenden Angaben in der
Verfügung nur pauschal erwähnt und gewürdigt worden. Auch seien in der
Anhörung keine Rückfragen dazu gestellt worden, wodurch sie keine Mög-
lichkeit gehabt habe, substantiierter zu ihrem Asylgrund Stellung zu neh-
men. Ausserdem sei aufgrund des im Heimatland Erlebten und ihrer Situ-
ation als ungebildete, schutzlose und alleinerziehende Mutter davon aus-
zugehen, dass sie stark traumatisiert sei. Es habe ihr entsprechend grosse
Mühe bereitet, über die gemachten Gewalterfahrungen zu sprechen. Dies
sei vor allem an diversen nonverbalen Äusserungen sowie an zahlreichen
Kennzeichen von leichten Formen der Dissoziation im Protokoll erkennbar.
Die Unfähigkeit über das Geschehene zu sprechen sei besonders für Opfer
geschlechtsspezifischer Gewalt symptomatisch. Zur Glaubhaftigkeit ihrer
Vorbringen entgegnet sie, diese würden in Bezug auf sämtliche für das
Asylverfahren massgebliche Sachverhaltselemente Realkennzeichen auf-
weisen. In diesem Sinne habe sie detailreiche Schilderungen zu ihrer Ver-
haftung wiedergeben können, wie zum Beispiel, dass sie von sieben Män-
nern mitgenommen worden sei und wie die Zelle ausgesehen habe. Auch
den Haftalltag und insbesondere ihr Verhältnis zur älteren Dame habe sie
beschreiben können. Sie habe beispielsweise ausgesagt, dass die Dame
ständig Schmerzen gehabt habe und sie habe die Befragerin betreffend
den Todeszeitpunkt der Dame korrigiert. Auch die Erzählungen, wonach
die ältere Dame verdächtigt worden sei, für die Regierung zu arbeiten, da
sie oft nach J._ gegangen sei, würden Realkennzeichen aufweisen.
Da J._ von der somalischen Regierung beherrscht werde, liesse
dies keinen anderen Schluss zu, als dass Personen, welche oft nach
J._ gingen, in den Augen der Al-Shabaab als oppositionell angese-
hen würden. Auch bezüglich der Flucht würden die Erzählungen einen ho-
hen Detailgrad aufweisen und seien keineswegs stereotyp ausgefallen. Zu
ihrem familiären Hintergrund habe sie zudem schlüssige und plausible
Ausführungen gemacht. Die Tatsache, dass sie einen regierungstreuen
Ehemann habe heiraten können, obwohl sie Familienangehörige in der Al-
Shabaab gehabt habe, sei nicht widersprüchlich, da es sich bei Letzteren
lediglich um die ferne Verwandtschaft gehandelt habe. Schliesslich habe
sie Details zum Tod ihrer Familie wiedergeben können, wie zum Beispiel,
dass die Leichen ihrer Eltern von Hirtennomaden gefunden worden seien
und dass ihr Bruder verschleppt worden sei, als sie noch bei den Eltern
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gewohnt habe. Sodann würde der Widerspruch bezüglich der Beschnei-
dung der Tochter bei einer Gesamtabwägung nicht ins Gewicht fallen, zu-
mal sie sich selbst sogleich korrigiert habe. Zudem gebe es weitere Real-
kennzeichen, welche auf die Glaubhaftigkeit der Vorbringen schliessen las-
sen würden. Ihre nonverbalen Äusserungen sowie ihre emotionale Betrof-
fenheit würden schliesslich ihre Aussagen untermauern.
4.5 In der Vernehmlassung stellt sich die Vorinstanz auf den Standpunkt,
weitere Fragen betreffend die geltend gemachte Vergewaltigung wären
nicht zielführend gewesen. Es sei nicht ersichtlich, wie die Beschwerdefüh-
rerin im Detail zur geltend gemachten Vergewaltigung hätte befragt werden
sollen, wenn diese geltend macht, sie sei bereits bei der Frage nach ihrem
Cousin überfordert gewesen und auch nicht über den Beschneidungsakt
ihrer Tochter habe berichten wollen. Die Beschwerdeführerin habe im ge-
schützten Rahmen genügend Gelegenheit erhalten, um über die damit ver-
bundenen Umstände zu sprechen und sei mehrmals auf ihre Mitwirkungs-
pflicht hingewiesen worden. Sodann stelle die Vergewaltigung durch ihren
Cousin nicht das Hauptvorbringen und damit den entscheidrelevanten
Sachverhalt dar. Betreffend die Haft bringt das SEM vor, Aussagen zur
Grösse und Beschaffenheit des Raumes würden keine Realkennzeichen
darstellen. Auch die Angaben zum Verhältnis zur älteren Dame und ihre
Reaktion auf deren Tod hätten nicht authentisch gewirkt. Dass die Be-
schwerdeführerin J._ als Al-Shabaab-feindlichen Militärstützpunkt
darzustellen vermocht habe, gebe keinen Hinweis auf das tatsächlich Er-
lebte, zumal entsprechende Tatsachen der lokalen Bevölkerung bekannt
sein dürften. In den Erzählungen zur Flucht habe sie zwar Details wieder-
geben können, jedoch könnten auch erfundene Aussagen Realkennzei-
chen enthalten. Im Laufe der Anhörung habe sie schliesslich keines der
geltend gemachten Haupthandlungselemente näher substantiieren kön-
nen, wie zum Beispiel die Reaktion der Familie auf die Ehe mit einem re-
gierungstreuen Soldaten. Dabei handle es sich nicht per se um einen Wi-
derspruch, jedoch könnten in Anbetracht der Situation nähere Ausführun-
gen erwartet werden. Dass der Cousin die Beschwerdeführerin erst Jahre
nach der Eheschliessung ins Visier genommen habe, wirke angesichts der
dürftigen kontextbezogenen Angaben konstruiert. Es könne zwar nicht aus-
geschlossen werden, dass sie einst Gewalt erlebt habe, jedoch spreche
dies nicht per se für die Glaubhaftigkeit der relevanten Angaben. Es ent-
stünde auch nicht der Eindruck, die Beschwerdeführerin sei bei der Anhö-
rung überfordert gewesen. Zudem stelle die Aussage, wonach die Tochter
während ihrer Zeit in Haft beschnitten worden sei, nach wie vor einen gra-
vierenden Widerspruch dar. Der Argumentation in der Beschwerdeschrift,
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wonach sie sich selbst korrigiert habe, könne nicht gefolgt werden, zumal
die Korrektur nach Vorhalt des Widerspruchs erfolgt sei. Auch das Schick-
sal ihrer Kinder während dem Aufenthalt beim Cousin habe sie nicht näher
beschreiben können.
4.6 In der Replik bringt die Beschwerdeführerin vor, die Umstände der ge-
schlechtsspezifischen Verfolgung seien durch die Vorinstanz durch Rück-
fragen nicht genügend abgeklärt worden, was vorliegend die Untersu-
chungspflicht verletze. Bei der Vergewaltigung habe es sich um das Haupt-
vorbringen gehandelt, zumal sie auch bei der Anhörung angegeben habe,
sie könne aufgrund des Krieges und der Vergewaltigungen durch ihre Fa-
milienmitglieder nicht in ihr Heimatland zurückkehren. Die Anhörung habe
zwar in einem geschützten Rahmen stattgefunden, jedoch sei ihr seitens
der Befragerin nicht die notwendige Geduld und Empathie entgegenge-
bracht worden. Schliesslich seien die Fähigkeit der aussagenden Person
und damit vorliegend auch das Bildungsniveau und die kulturellen Um-
stände nicht in die Entscheidfindung miteinbezogen worden. Aufgrund der
offensichtlich schlechten psychischen Verfassung sei sie nicht in der Lage
gewesen, im gewährten Zeitfenster vom Erlebten zu sprechen. Dass das
SEM ihre Überforderung anlässlich der Anhörung verneine, sei nicht nach-
vollziehbar, zumal es diese laut Protokoll selber festgestellt habe. Betref-
fend die Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen führt sie aus, diese seien sub-
stantiiert ausgefallen, zumal sie Details und Nebensächlichkeiten enthiel-
ten, welche einen erlebnisbezogenen Charakter aufwiesen.
5.
5.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, die vorab zu prü-
fen sind (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz.
1043 ff. m.w.H.).
5.2 Im Verwaltungsverfahren und insbesondere im Asylverfahren gilt der
Untersuchungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserhebli-
chen Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG;
vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren
bedeutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung
und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und
auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsuchen-
den Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht uneinge-
schränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchen-
den findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. Christoph Auer, in: Auer/
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Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal-
tungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9, sowie BVGE 2012/21
E. 5.1). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs-
grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asyl-
suchenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise ab-
zunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre
und Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausge-
hende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der
asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen
Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen,
die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden
können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 23 E. 5a).
5.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in seinem Urteil BVGE
2014/27 ausführlich zur Frage der frauenspezifischen Fluchtgründe in Be-
zug auf Somalia geäussert und dabei festgestellt, dass für alleinstehende
Frauen und Mädchen in Somalia, welche nicht unter dem Schutz eines
männlichen Familienmitglieds ständen, ein hohes Risiko bestehe, Opfer
gezielter geschlechtsspezifischer Verfolgung zu werden (vgl. BVGE
2014/27 E. 5.4). Speziell gefährdet seien Frauen und Mädchen, wenn sie
intern vertrieben worden seien oder einem Minderheitenclan angehörten.
Vorliegende Berichte über die Situation von Mädchen und Frauen in So-
malia würden ein erschreckendes Bild von Missbrauch und Gewalt, welche
gleichermassen von Angehörigen der Al-Shabaab-Miliz wie auch von Sol-
daten der Regierungstruppen, von Vorstehern in Lagern intern Vertriebener
(„internally displaced persons“ [IDP]), ja sogar von Soldaten der internatio-
nalen Schutztruppen ausgingen, zeichnen. Die somalischen Behörden
könnten diese Frauen nicht schützen. Ein gewisser Schutz könne einzig
von den Clan-Strukturen oder von der eigenen Kernfamilie ausgehen, was
Frauen aus Minderheitenclans und Alleinstehende ohne männliche Fami-
lienangehörige besonders verletzlich mache. Als zusätzlich erschweren-
den Faktor erachtete das Gericht im genanntem Fall den Umstand, dass
die Beschwerdeführerin als Kind in der schwerstmöglichen Form an den
Genitalien beschnitten worden war (vgl. zum Ganzen: BVGE 2014/27
E. 5.2–5.6). Auch kann gemäss diesem Grundsatzurteil eine drohende (er-
neute) weibliche Genitalverstümmelung im Falle einer Rückkehr nach So-
malia eine intensive, gezielte Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3
AsylG bedeuten (vgl. a.a.O., E. 5.6 f.).
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Seite 11
5.4 Die Beschwerdeführerin macht mehrere Risikofaktoren im Sinne des
eben zitierten BVGE 2014/27 geltend. So bringt sie vor, sie sei von ihrem
Cousin – einem Al-Shabaab-Mitglied – gefangen, mehrfach vergewaltigt
und misshandelt worden. Zudem habe er ihre Tochter gegen ihren Willen
beschneiden lassen und habe ihre Eltern getötet, ihren Bruder verschlep-
pen lassen sowie ihren Ehemann zur Flucht veranlasst, weshalb sie keine
männlichen Familienangehörigen mehr habe (vgl. A27 F41, F61). Schliess-
lich macht sie geltend, sie sei dem Clan E._ angehörig (vgl. A22
Ziff.1.08 und A27 F24).
Die Begründung der Vorinstanz, wonach die Angaben der Beschwerdefüh-
rerin zu ihrem familiären Hintergrund und ihrer Ehe oberflächlich ausgefal-
len und somit zweifelhaft seien, weshalb ein familiäres Schutzumfeld an-
zunehmen sei, greift zu kurz. Zwar sind die Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin tatsächlich nicht besonders ausführlich ausgefallen, weisen aber auch
vereinzelte Details auf (vgl. etwa zu ihrem Eheleben [vgl. A27 F102 f.], zur
beschlagnahmten Plantage [vgl. A27 F31, F140, F141 und F144] sowie
zum Tod der Eltern [vgl. A27 F168]). Daher kann entgegen der Ansicht der
Vorinstanz nicht ohne weitere Abklärungen angenommen werden, dass die
Beschwerdeführerin in der Heimat auf ein familiäres Schutzumfeld zurück-
greifen kann. Zudem kann der Auffassung der Vorinstanz, dass weitere
Fragen zu den geltend gemachten Vergewaltigungen nicht zielführend ge-
wesen wären, da diese unter anderem nicht das Hauptvorbringen darstell-
ten, nicht gefolgt werden. Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass sie
verhaftet worden sei, da sie sich gegen weitere Vergewaltigungsversuche
gewehrt habe (vgl. A27 F61 und F90). Schliesslich sei sie aus der Haft nur
entlassen worden, weil sie zugestimmt habe, mit ihrem Cousin zusammen-
zuleben (vgl. A27 F61). Sie behauptet, in dieser Zeit bis zur Flucht mehr-
fach vergewaltigt und misshandelt worden zu sein (vgl. A27 F61). Des Wei-
teren seien sie und ihre Tochter gegen ihren Willen beschnitten worden
(vgl. A27 F61, F114, F160 – F162). Damit macht sie mehrere geschlechts-
spezifische Verfolgungselemente geltend, die von der Vorinstanz rechtsge-
nügend abzuklären sind. Zudem kann gemäss bundesverwaltungsgericht-
licher Rechtsprechung eine vollzogene weibliche Genitalverstümmelung
von asylrelevanter Bedeutung sein (BVGE 2014/27 5.6), weshalb dieser
Aspekt von der Vorinstanz ebenfalls weiter zu prüfen ist. Schliesslich hat
es die Vorinstanz unterlassen, die Schutzmöglichkeiten ihres Clans im
Falle einer Rückkehr nach Somalia zu prüfen. Dabei ist anzumerken, dass
der E._-Clan gemäss Amnesty International als «economically
weak and politically marginalized» beschrieben wird (vgl. Amnesty Interna-
tional, The Hidden US War in Somalia: Civilian casualties of US air strikes
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Seite 12
in Lower Shabelle, März 2019, S. 17 [inkl. Fussnote 41], https://www.am-
nesty.org/download/Documents/AFR5299522019ENGLISH.PDF, abgeru-
fen am 16. August 2022).
Es wäre an der Vorinstanz gewesen, diese Risikofaktoren sorgfältig abzu-
klären und sich zur Frage einer allfälligen frauenspezifischen Verfolgung
der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter im Asylentscheid zu äussern.
Das SEM ist nicht auf die vom Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil
BVGE 2014/27 festgelegten Kriterien zur frauenspezifischen Verfolgung in
Somalia eingegangen. Es untersucht weder die geltend gemachte ge-
schlechterspezifische Verfolgung im gebotenen Umfang noch hat es die
Frage geklärt, ob die Beschwerdeführerin aus einem Minderheitenclan
stammt, vertrieben worden ist und sich mit ihrer Tochter bei ihrer Rückkehr
nach Somalia unter den Schutz von männlichen Familien- oder Clanmit-
gliedern stellen könnte. Zudem klärte es im Rahmen der Rechtsprechung
für relevant befundene Sachverhaltselemente – namentlich Genitalver-
stümmelung beziehungsweise die Gefahr einer allfälligen Reinfibulation –
nicht ab. Damit ist der Sachverhalt als nicht hinreichend erstellt zu erach-
ten. Das Verfahren ist nicht spruchreif und wird gestützt auf Art. 61 Abs. 1
VwVG an das SEM zur Feststellung des vollständigen Sachverhalts und
erneuten Beurteilung zurückgewiesen.
6.
6.1 Die Beschwerde ist im Sinne der Erwägungen gutzuheissen. Das Ver-
fahren ist an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese die nötigen Ab-
klärungen vornimmt und sie im Rahmen eines neuen beschwerdefähigen
Entscheids einer rechtlichen Würdigung unterzieht. Abzuklären sind insbe-
sondere der Sachverhalt betreffend die geltend gemachte vergangene ge-
schlechtsspezifische Verfolgung der Beschwerdeführerin 1 und ihrer Toch-
ter, die Gefahr einer möglichen künftigen geschlechtsspezifischen Verfol-
gung derselben sowie die Schutzmöglichkeiten durch männliche Ver-
wandte und ihren Clan. Zu diesem Zweck ist allenfalls eine zweite Anhö-
rung vorzunehmen. In diesem Zusammenhang ist die Beschwerdeführerin
1 an die ihr obliegende spezifische Mitwirkungspflicht im Asylverfahren zu
erinnern (Art. 8 AsylG).
6.2 Mit Blick auf die genannte Mitwirkungspflicht obliegt es der Beschwer-
deführerin 1 im Rahmen des wiederaufzunehmenden Verfahrens, allfällige
Beweismittel einzureichen. Der in der Beschwerdeschrift gestellte Antrag
um Durchführung einer gynäkologischen Untersuchung ist nun infolge des
vorliegenden Verfahrensausgangs durch die Vorinstanz zu behandeln.
https://www.amnesty.org/download/Documents/AFR5299522019ENGLIS https://www.amnesty.org/download/Documents/AFR5299522019ENGLIS
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Seite 13
6.3 Bei diesem Verfahrensausgang erübrigt es sich, auf die weiteren An-
träge und Beschwerdevorbringen näher einzugehen.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der Verfügung vom 15. Oktober 2020 beantragt wird. Die Dispositiv-
ziffern 1, 2 und 4 der angefochtenen Verfügung sind aufzuheben, und die
Sache ist in den genannten Dispositivziffern zur erneuten Beurteilung im
Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist keine Parteientschädigung aus-
zurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-5690/2020
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