Decision ID: a22ef761-ed6c-5aa5-a8dc-887a9eb5b448
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein äthiopischer Staatsangehöriger amhari-
scher Ethnie und orthodoxen Glaubens aus B._, Provinz
C._, verliess Äthiopien gemäss eigenen Angaben am (...) 2020 und
reiste mit seinem authentischen Reisepass und einem Visum in Begleitung
seines Schleusers per Flugzeug am (...) 2020 in die Schweiz ein. Am sel-
ben Tag stellte er ein Asylgesuch. Die Personalienaufnahme fand am
6. Februar 2020 statt (PA; Protokoll in den SEM-Akten: 1061231 [nachfol-
gend A]-9/9) und – in Anwesenheit seiner Rechtsvertretung – das Dublin-
Gespräch am 10. Februar 2020 (Dublin-Gespräch; Protokoll in den SEM-
Akten: A13/1). Am 24. April 2020 wurde der Beschwerdeführer im Beisein
seiner Rechtsvertreterin einlässlich zu seinen Asylgründen befragt (Anhö-
rung; Protokoll in den SEM-Akten: A21/16).
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs führte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen aus, er sei aufgrund seiner amharischen Ethnie aus Äthio-
pien ausgereist. Denn die Provinz C._, wo er gewohnt habe, sei ein
Oromo-Gebiet und die dort lebenden Menschen mehrheitlich Muslime. Er
hingegen sei orthodoxer Christ. Die amtierende Regierung bevorzuge die
Oromo. Da er aufgrund seiner Ethnie viele Probleme erhalten habe, habe
er etwa zwei Monate vor seiner Ausreise sein Geschäft aufgeben müssen
und sämtliche Waren verkauft. Danach habe er die meiste Zeit mit seinem
einzigen Bruder, D._ (nachfolgend B.) und seinem Vater zu Hause
verbracht.
Etwa drei bis vier Wochen vor seiner Ausreise habe er Flugblätter erhalten,
mit denen er aufgefordert worden sei, seine Heimatregion zu verlassen.
Auch mündlich sei er ungefähr einen Monat vor seiner Ausreise von ihm
unbekannten Bewohnern des Oromo-Gebietes dazu aufgefordert worden.
Hätte er C._ nicht verlassen, wäre er aufgrund seiner Volkszugehö-
rigkeit von den Freiheitskämpfern der Oromo verhaftet worden oder hätte
die Todesstrafe erlitten. Persönliche Probleme habe er allerdings keine ge-
habt.
Zu seinen Lebensumständen gab der Beschwerdeführer an, er habe bis
zur achten Klasse eine (...) Schule besucht und anschliessend die (...) Se-
condary School. Danach sei er als (...) tätig gewesen, zuerst als Angestell-
ter und später habe er sich selbständig gemacht. Auf diese Weise habe er
seinen Lebensunterhalt bestritten sowie seinen Vater und B. unterstützt.
Bis zur Ausreise habe er mit seinem Vater und B. in einem Haus in
E-2857/2020
Seite 3
B._ gelebt. Sein Vater sei am (...) 2020 verstorben und sein Bruder
halte sich seit ungefähr (...) 2020 in E._ auf. Seine Mutter sei be-
reits verstorben, als er noch ein kleines Kind gewesen sei. Das Haus sei-
nes Vaters sei nun vermutlich unbewohnt. In Äthiopien habe er keine Ver-
wandten mehr, allerdings habe er einen ehemaligen Schulfreund, der im
selben Quartier wohnhaft sei, wo er gelebt habe, und mit dem er auch von
der Schweiz aus in Kontakt stehe. Hinsichtlich seiner Gesundheit brachte
der Beschwerdeführer vor, er leide an Rückenproblemen, weshalb ihm in
der Schweiz Physiotherapie verschrieben worden sei. Ausserdem sei ein
Vitamin D-Mangel festgestellt worden. Er habe deswegen Spritzen bekom-
men. Aufgrund der Sorge um seine Familie habe er zudem an psychischen
Problemen und Schlaflosigkeit gelitten. Er habe Schlafmittel und Antide-
pressiva erhalten, wodurch sich sein Zustand verbessert habe.
B.
Am 30. April 2020 nahm die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers
Stellung zum Verfügungsentwurf des SEM.
C.
Mit Verfügung vom 5. Mai 2020 – eröffnet gleichentags – verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein
Asylgesuch vom (...) 2020 ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
D.
Der Beschwerdeführer gelangte mit Beschwerde vom 2. Juni 2020 an das
Bundesverwaltungsgericht und beantragt, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen, und es sei
ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei seine Flüchtlingseigenschaft anzu-
erkennen und er sei vorläufig als Flüchtling aufzunehmen. Subeventualiter
sei der Wegweisungsvollzug als unzulässig oder unzumutbar festzustellen
und er sei als Ausländer vorläufig aufzunehmen.
In prozessualer Hinsicht ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
E.
Ab dem 3. Juni 2020 hatte das Bundesverwaltungsgericht Zugang zu den
elektronischen Akten der Vorinstanz (Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR 142.31]).
E-2857/2020
Seite 4
Am 4. Juni 2020 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den Ein-
gang der Beschwerde und stellte das einstweilige Anwesenheitsrecht des
Beschwerdeführers in der Schweiz fest.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht (in der Folge:
BVGer) zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5
VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel –
und auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
E-2857/2020
Seite 5
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegen-
satz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Be-
schwerdeführers. Für das Glaubhaftmachen reicht es jedoch nicht aus,
wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der
gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die
vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. dazu ausführlich
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids qualifiziert die
Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdeführers als den Anforderungen
an die Flüchtlingseigenschaft nicht genügend, weshalb darauf verzichtet
werden könne, auf allfällige Glaubhaftigkeitselemente in seinen Vorbringen
einzugehen. Ergänzend bringt das SEM einen Vorbehalt bezüglich Glaub-
haftigkeit der geltend gemachten Bedrohung mittels Flugblättern und der
mündlichen Aufforderung an, das Gebiet zu verlassen. So habe er sich
diesbezüglich vage und wenig substantiiert geäussert. Den Vollzug der
Wegweisung erachtet es als zulässig, zumutbar und möglich.
E-2857/2020
Seite 6
Zu den geltend gemachten Problemen aufgrund seiner amharischen Eth-
nie führt die Vorinstanz im Wesentlichen aus, das Bundesverwaltungsge-
richt habe in seinem Urteil D-5417/2019 vom 13. November 2019 festge-
halten, dass in Äthiopien nicht von einer Kollektivverfolgung der Angehöri-
gen der Amhara auszugehen sei. Hinsichtlich der Religion sei anzumerken,
dass Äthiopien eine Vielzahl von verschiedenen religiösen Gemeinschaf-
ten aufweise. Die wichtigsten seien die äthiopisch-orthodoxe Kirche und
der sunnitische Islam. Die äthiopische Verfassung garantiere die Religions-
freiheit und werde auch angewandt. Allein aufgrund der religiösen Zugehö-
rigkeit beziehungsweise der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit
könne folglich nicht auf eine begründete Furcht vor einer Verfolgung in
ganz Äthiopien im Sinne des Asylgesetzes geschlossen werden.
Der Beschwerdeführer habe erklärt, ihm sei persönlich nichts zugestossen;
er habe Flugblätter erhalten und sei einmal auch mündlich dazu aufgefor-
dert worden, die Gegend zu verlassen. Probleme mit den heimatlichen Be-
hörden habe er verneint. Er habe angegeben, lediglich einmal vor etwa vier
Jahren inhaftiert worden zu sein, weil er aus dem Ausland importierte (...)
nicht verzollt habe. Entsprechend habe er auch angegeben, dass er keine
künftigen Nachteile seitens des Regimes befürchte. Er habe jedoch weiter
ausgeführt, es wäre eine Frage der Zeit gewesen, bis auch ihm etwas zu-
gestossen wäre. Dazu befragt, ob es dafür konkrete Hinweise gebe, habe
er ausschliesslich auf seine ethnische Zugehörigkeit verwiesen sowie auf
das, was Anderen widerfahren sei. Somit sei weder konkreter Anlass zur
Annahme gegeben, dass sich eine Verfolgung mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen werde, noch sei an-
zunehmen, dass sich eine solche gezielt gegen ihn richten würde. Entspre-
chend habe er auch angegeben, dass er nicht der Einzige gewesen sei,
der mittels Flugblätter zum Verlassen der Gegend aufgefordert worden sei.
Folglich komme seinen Vorbringen keine Asylrelevanz im Sinne von Art. 3
AsylG zu.
Ausserdem sei davon auszugehen, dass er sich den von ihm vorgebrach-
ten Verfolgungsmassnahmen durch einen Wegzug in einen anderen Teil
seines Heimatstaates hätte entziehen können. Er sei unabhängig, in (...)
Alter und verfüge sowohl über schulische Bildung als auch über Berufser-
fahrung. Gemäss seinen Angaben sei er in Äthiopien erfolgreich als selbst-
ständiger (...) tätig gewesen. Vor diesem Hintergrund sei davon auszuge-
hen, dass es ihm zumutbar und möglich sei, sich an einem anderen Ort in
seinem Herkunftsstaat zu etablieren. Seine Angabe, er habe nicht an einen
Ort gehen wollen, an dem er sich nicht auskenne, und überall in Äthiopien
E-2857/2020
Seite 7
gäbe es ethnische Probleme, vermöge dem nichts entgegenzusetzten. Ge-
mäss dem Subsidiaritätsprinzip seien Personen mit einer innerstaatlichen
Fluchtalternative nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewiesen. Folg-
lich sei davon auszugehen, dass er den Schutz der Schweiz nicht benötige.
5.2 In seiner Beschwerdeschrift wiederholt der Beschwerdeführer seine
bereits anlässlich der Anhörung geltend gemachten Gesuchsgründe. Er
beantragt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung
von Asyl, da er als Angehöriger der Amhara-Volksgruppe und des orthodo-
xen christlichen Glaubens in Äthiopien begründete Furcht habe, konkreten
Eingriffen gegen Leib und Leben ausgesetzt zu werden. Wohnhaft in einem
Oromo-Gebiet, in dem 75% der Bevölkerung muslimischen Glaubens sei,
hätten sie miterlebt, wie Angehörige der Tigray-Volksgruppe, die in der Re-
gion geboren und aufgewachsen seien, gefoltert und vertrieben worden
seien. Dies aus Rache seitens der Oromo an der ehemals das Regime
stellende Ethnie.
Im Weiteren hält er den Ausführungen des SEM zur innerstaatlichen
Schutzalternative entgegen, dass in mehreren Regionen seines Heimat-
staates Gewalt zwischen den ethnischen Gruppen herrsche, wobei die Si-
tuation im ganzen Land instabil sei. Sicherheitskräfte kämen ihrer Pflicht,
die Menschen zu schützen, nicht nach, vielmehr ergriffen sie aktiv Partei
für die ethnischen Gruppen und würden selbst aktiver Teil der Gewalttaten.
Da die amtierende Regierung die Oromo unterstütze, würde er sich an ei-
nem anderen Ort nicht sicher fühlen, auch nicht in Addis Abeba.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht teilt die Einschätzung der Vorinstanz.
Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die in jeder Hinsicht zutref-
fenden und ausführlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
werden (vgl. Zusammenfassung oben E. 5.1).
6.2 Die Ausführungen in der Beschwerde vermögen an dieser Einschät-
zung nichts zu ändern. Zum einen sind die blossen Wiederholungen des
Beschwerdeführers nicht geeignet, doch noch die notwendige hohe Wahr-
scheinlichkeit einer asyl- respektive flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
gung aufgrund seiner amharischen Ethnie oder auch seines christlichen
Glaubens an seinem Herkunftsort darzutun, zumal sie wiederum äusserst
pauschal ausfallen. Zum anderen vermag der Beschwerdeführer mit dem
blossen Hinweis, die Situation sei aufgrund gewalttätiger ethnischer Ausei-
E-2857/2020
Seite 8
nandersetzungen in ganz Äthiopien instabil, die vom SEM trefflich begrün-
dete innerstaatliche Fluchtalternative, vorab in Addis Abeba, offensichtlich
nicht in Frage zu stellen. Zur aktuellen Lage in Äthiopien kann auf das Re-
ferenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-6630/2018 vom 6. Mai 2019
verwiesen werden. Demgemäss hat sich die Situation mit dem Amtsantritt
von Abiy Ahmed als erstem Präsidenten des Landes mit Zugehörigkeit zu
den Oromo im April 2018 und den damit einhergehenden Reformen deut-
lich verbessert (vgl. a.a.O. E. 7.3). Dieser Wandel manifestiere sich unter
anderem in der Versöhnung mit den oppositionellen Kräften sowie deren
Einbezug in den politischen Prozess, in der Stärkung der Menschenrechte
sowie im mit Eritrea geschlossenen Frieden. Dennoch kommt es nach wie
vor zu ethnischen Unruhen in verschiedenen Regionen Äthiopiens – auch
in Oromia, der Herkunftsregion des Beschwerdeführers. Dass es dabei zu
Racheoperationen an den Tigray und Amhara kommen kann ist ebenfalls
nicht ausgeschlossen. Auch wird von teilweise massiven Menschenrechts-
verletzungen äthiopischer Sicherheitskräfte berichtet (vgl. u.a. Amnesty
International, Äthiopien: Sicherheitskräfte vertreiben, verhaften und
töten Menschen, 29.05.2020, <https://www.amnesty.ch/de/laender/af-
rika/aethiopien/dok/2020/sicherheitskraefte-vertreiben-verhaften-und-toe-
ten-menschen>, abgerufen am 08.06.2020). Von einer Vertreibung der ge-
samten amharischen Bevölkerung aus Oromia kann aber nicht gesprochen
werden und dem Beschwerdeführer kann, wie bereits erwogen, gegebe-
nenfalls zugemutet werden, sich in einer weniger stark betroffenen Region,
insbesondere etwa in der Hauptstadt Addis Abeba, eine neue Existenz auf-
zubauen. Zu dieser Zumutbarkeit im Detail kann auf die nachfolgende Er-
wägung 8.3.3 verwiesen werden. Aus dem Umstand alleine, dass mit Abiy
Ahmed ein Oromo an die Staatsspitze gelangt ist, vermag der Beschwer-
deführer offensichtlich nichts zu seinen Gunsten abzuleiten.
6.3 Dem Beschwerdeführer ist es aufgrund des Gesagten nicht gelungen,
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG darzulegen. Die Vorinstanz
hat sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
E-2857/2020
Seite 9
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG).
Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung darzulegen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nicht-
rückschiebung keine Anwendung finden. Eine Rückkehr in seinen Heimat-
staat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
E-2857/2020
Seite 10
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Äthi-
opien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un-
zulässig erscheinen. Zwar ist es jüngst in Oromia zu ethnischen Zwischen-
fällen und auch Menschenrechtsverletzungen gekommen. Die hohen An-
forderungen an die Annahme eines ernsthaften Risikos sind im Falle des
Beschwerdeführers aber auch in Berücksichtigung seiner Ethnie offen-
sichtlich nicht gegeben, dies zumal der Beschwerdeführer auch nach Addis
Abeba zurückkehren kann.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus. Trotz der weiterhin herrschenden ethnischen Spannungen
und Protestbewegungen in Äthiopien ist die Situation seit Amtsantritt von
Premierminister Abiy Ahmed stabiler, weshalb die allgemeine Lage in Äthi-
opien weder durch Krieg, Bürgerkrieg noch durch eine Situation allgemei-
ner Gewalt gekennzeichnet ist, aufgrund derer die Zivilbevölkerung allge-
mein als konkret gefährdet bezeichnet werden müsste (vgl. Referenzurteil
D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2, in Bestätigung von BVGE 2011/25
E. 8.3). Auch unter Berücksichtigung der aktuellen Lage lässt sich diese
Praxis bestätigen (vgl. etwa Urteile des BVGer D-1627/2020 vom
2. Juni 2020 E. 8.3.1, D-1871/2020 vom 20. April 2020 E. 7.3.1, E-57/2020
vom 12. März 2020 E. 7.3).
8.3.2 Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind allerdings nach wie vor
prekär, weshalb gemäss konstanter Praxis zur Existenzsicherung genü-
gend finanzielle Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Bezie-
hungsnetz erforderlich sind, um individuell die Zumutbarkeit des Wegwei-
E-2857/2020
Seite 11
sungsvollzugs bestätigen zu können (vgl. das bereits erwähnte Referenz-
urteil des BVGer D-6630/2018 E. 12.4, in Bestätigung von BVGE 2011/25
E. 8.4).
8.3.3 Zur individuellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs hält das
SEM Folgendes zu Recht fest:
Der Beschwerdeführer verfüge sowohl über Schulbildung als auch über
berufliche Erfahrung. So sei er in Äthiopien als (...) selbständig tätig gewe-
sen und sein Geschäft sei gemäss seinen Angaben sehr gut gelaufen.
Zwar seien seine Eltern, Onkel und Tanten bereits verstorben. Er stehe
jedoch mit einem Freund in seiner Heimat in Kontakt, haben einen Bruder
in E._ sowie weitere Freunde in den F._. Zudem sei anzu-
nehmen, dass er als erfolgreicher (...) in Äthiopien auch über geschäftliche
Kontakte verfüge. Insgesamt sei somit davon auszugehen, dass er über
ein soziales Beziehungsnetz verfüge, welches ihn bei einer Rückkehr un-
terstützen könne.
Was seine gesundheitlichen Probleme betreffe, so stünden diese dem
Wegweisungsvollzug nicht entgegen. Bei Bedarf sei eine Behandlung psy-
chischer Probleme in Äthiopien möglich, so beispielsweise in der privaten
Lebeza Psychiatry Speciality Clinic in Addis Abeba. Bezüglich seiner
Rückenprobleme sei anzumerken, dass nicht auf eine dringliche bezie-
hungsweise komplexe Behandlung zu schliessen sei, zumal ihm die Ärzte
in der Schweiz zwar Physiotherapie verschrieben hätten, die Behandlung
aufgrund der aktuellen Situation aber gänzlich sistiert worden sei.
Soweit der Beschwerdeführer in der Beschwerdeschrift nun plötzlich ent-
gegenhält, er habe keinen Kontakt mehr zu seinen Freunden, vermag er
damit nicht zu überzeugen, hatte er doch in der Anhörung noch erklärt, er
habe einen ehemaligen Schulfreund in Äthiopien, der im gleichen Quartier
wie er wohne. Er habe sich von ihm persönlich verabschiedet bevor er aus
Äthiopien ausgereist sei und mit ihm kürzlich von der Schweiz aus telefo-
niert (vgl. A21 F39 ff.). Der Beschwerdeführer argumentiert ausserdem, er
verfüge über keine finanziellen Mittel mehr, da er mit dem Erlös seines ver-
kauften Geschäftes seine Ausreise finanziert habe. Zudem existieren seine
geschäftlichen Kontakte nicht mehr. Auch damit vermag er nichts zu seinen
Gunsten zu bewirken, zumal ohne Weiteres davon auszugehen ist, dass
er aufgrund seiner (...)tätigkeit über zahlreiche Kontakte verfügt, die er nö-
tigenfalls aktivieren kann. Dies gilt auch für den Fall, dass er sich in Addis
E-2857/2020
Seite 12
Abeba niederlassen will. Auch dort ist aufgrund seiner langjährigen und er-
folgreichen Berufserfahrung als (...) davon auszugehen, dass er sich eine
neue wirtschaftliche Existenz aufbauen kann.
8.3.4 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich nach dem Gesagten auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist (Art. 49 Bst. c VwVG). Die Beschwerde ist
abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, weil sich die Beschwerde entsprechend den
vorstehenden Erwägungen bereits bei Eingang des Begehrens, unbese-
hen der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers, als aussichtlos
erwiesen hat. Demzufolge hat der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten
in der Höhe von Fr. 750.– zu tragen (Art. 1 ‒ 3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-2857/2020
Seite 13