Decision ID: 2df1ef33-06f7-4328-8d06-d63da62f50f0
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
C._ litt an einer Alopecia areata diffusa generalisata. Die Klinik für Dermatologie
des Kantonsspitals St. Gallen ersuchte die obligatorische Krankenpflegeversicherung,
die A._, am 20. April 2018 um eine Kostengutsprache für die Behandlung des
Versicherten mit JAK-Inhibitoren (MV-act. 8). Zur Begründung führte sie an, bei der
klinischen Inspektion habe sich nahezu der ganze Körper des Versicherten –
einschliesslich der Augenbrauen – haarlos gezeigt. Die bisherigen
Behandlungsversuche hätten keinen Erfolg gezeitigt. Ein Vertrauensarzt der A._
empfahl am 8. Oktober 2018 eine „off label“-Anwendung des Medikaments
„Jakavi“ (MV-act. 10). Am 7. Januar 2019 leistete die A._ eine entsprechende
Kostengutsprache (MV-act. 11). Am 5. September 2019 ersuchte die Klinik für
Dermatologie des Kantonsspitals St. Gallen um eine Verlängerung der
Kostengutsprache für „Jakavi“ (Ruxolitinib), nachdem eine ab Mitte November 2018
begonnene Therapie mit diesem Wirkstoff bereits erste positive Resultate geliefert
hatte (MV-act. 9). Am 15. September 2019 empfahl der Vertrauensarzt eine
Verlängerung der Kostengutsprache für die „sehr aggressive Behandlung“ um weitere
zwölf Monate (MV-act. 13). Die A._ leistete am 16. September 2019 eine
entsprechende Kostengutsprache für die Zeit bis zum 16. September 2020 (MV-act.
14).
A.a.
Der Versicherte leistete vom 13. Januar 2020 bis zum 15. Mai 2020 Militärdienst
und war damit in dieser Zeit militärversichert (MV-act. 3). Am 11. Februar 2020, am 18.
A.b.
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März 2020 und am 6. April 2020 wurden der Militärversicherung die Kosten für jeweils
56 Tabletten „Jakavi 15mg“ im Gesamtbetrag von 12’334.35 (= 3 × 4’111.45) Franken
in Rechnung gestellt (MV-act. 2, 28 und 43). Auf eine Rückfrage der Militärversicherung
hin teilte die A._ am 24. März 2020 mit, dass sie die Rechnungen nicht bezahlen
werde, weil diese „zu Lasten B._“ gingen (MV-act. 17). Die Militärversicherung wies
die A._ am 25. März 2020 darauf hin (MV-act. 19), dass die Sistierung der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung während des Militärdienstes keine
Leistungspflicht der Militärversicherung begründe. Die Gesundheitsbeeinträchtigung
sei eindeutig dienstfremd; die Militärversicherung hafte nicht dafür. Zudem habe die
A._ bereits eine Kostengutsprache bis zum 16. September 2020 erteilt und sich
offenbar auch schon mit dem Hersteller über die Vergütung geeinigt. Die A._ forderte
die Militärversicherung am 4. Mai 2020 auf, eine einsprachefähige Verfügung zu
erlassen (MV-act. 31). Mit einer Verfügung vom 31. Juli 2020 lehnte die
Militärversicherung „die Haftung respektive die Leistungspflicht für die Alopecia areata
diffusa generalisata und das Medikament Jakavi“ ab (MV-act. 37).
Am 18. August 2020 erhob die A._ eine Einsprache gegen die Verfügung vom
31. Juli 2020 (MV-act. 38). Sie beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die Vergütung der während des Militärdienstes bezogenen Medikamente durch die
Militärversicherung. Zur Begründung führte sie aus, während eines mehr als 60 Tage
dauernden Militärdienstes sei die obligatorische Krankenpflegeversicherung sistiert.
Eine nicht versicherungspflichtige Person könne keinen Anspruch auf
Versicherungsleistungen haben. Gemäss dem Urteil des Bundesgerichtes K 43/02 vom
24. Oktober 2002 sei für die Beantwortung der Frage, welche Krankenkasse
leistungspflichtig sei, der Behandlungszeitpunkt massgebend. Mit einem Entscheid
vom 29. September 2021 wies die Militärversicherung die Einsprache ab (MV-act. 53).
Zur Begründung führte sie an, die Militärversicherung treffe keine Haftung für die
Alopecia areata diffusa generalisata. Der Art. 3 Abs. 4 KVG hebe im Übrigen die
Versicherungspflicht nach KVG nicht auf; diese ruhe lediglich während des
Militärdienstes. Das von der A._ angeführte Urteil des Bundesgerichtes K 43/02 vom
24. Oktober 2002 betreffe das Verhältnis zwischen zwei Krankenkassen und nicht das
Verhältnis zwischen einer obligatorischen Krankenpflegeversicherung und der
Militärversicherung.
A.c.
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B.

Considerations:
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Auch beim Einspracheverfahren hat es
sich um ein Rechtsmittelverfahren gehandelt, was bedeutet, dass sich sein Zweck in
der Überprüfung der Verfügung vom 31. Juli 2020 auf deren Rechtmässigkeit erschöpft
und dass sein Gegenstand folglich zwingend jenem des vorangegangenen
Am 26. Oktober 2021 erhob die A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 29. September 2021 (act. G 1). Sie
beantragte die Vergütung der Kosten der während des Militärdienstes des Versicherten
bezogenen Medikamente durch die „B._“ (recte: Militärversicherung; nachfolgend:
die Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte sie an, während des mehr als 60
Tage umfassenden Militärdienstes sei der Versicherte bei der Beschwerdegegnerin
versichert gewesen, weshalb diese für die in jener Zeit erfolgten medizinischen
Behandlungen respektive Medikamentenbezüge leistungspflichtig sei.
B.a.
C._ wurde dem Verfahren am 11. November 2021 beigeladen (act. G 2). Die
Beschwerdegegnerin beantragte am 30. November 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, die Voraussetzungen des MVG
für eine Leistungspflicht der Militärversicherung seien nicht erfüllt.
B.b.
Die Beschwerdeführerin hielt am 22. Dezember 2021 an ihrem Antrag fest (act. G
6). Die Beschwerdegegnerin hielt am 10. Januar 2022 ebenfalls an ihrem Antrag fest
(act. G 8).
B.c.
Das Beschwerdeverfahren war vom Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
versehentlich als eine das KVG betreffende Streitigkeit qualifiziert und deshalb unter
der Verfahrensnummer KV 2021/9 am Protokoll eingeschrieben worden (vgl. etwa act.
G 2). Das Versehen wurde erst nach dem Abschluss des Schriftenwechsels im Februar
2022 bemerkt, weshalb die Beschwerdesache erst Ende Februar 2022 mit einer neuen
Verfahrensnummer – MV 2022/1 – versehen wurde.
B.d.
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Verwaltungsverfahrens entsprochen hat. Das Verwaltungsverfahren hatte sich mit der
Frage nach der Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin für die Behandlung einer
Alopecia areata diffusa generalisata des Versicherten während der Zeit, in der dieser
Militärdienst geleistet hatte (13. Januar 2020 bis 15. Mai 2020), respektive um die
Vergütung der Kosten von in dieser Zeit erfolgten Medikamentenbezügen im
Gesamtbetrag von 12’334.35 Franken befasst. Auch in diesem Beschwerdeverfahren
ist deshalb ausschliesslich zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin diese Kosten zu
übernehmen hat.
2.
Da die Militärversicherung (im Gegensatz zu den übrigen Sozialversicherungen)
massgeblich als Staatshaftungsordnung konzipiert ist, setzt eine sie treffende
Leistungspflicht stets voraus, dass sie für die zur Diskussion stehende
Gesundheitsbeeinträchtigung haftet. Die Haftungsregeln sind in den Art. 5–7 MVG
enthalten. Der Art. 5 Abs. 1 MVG enthält eine gesetzliche Vermutung, wonach jede
während eines Dienstes gemeldete Gesundheitsbeeinträchtigung als während des
Dienstes eingetreten oder verschlimmert gilt, sodass die Militärversicherung dafür
haftet. Diese gesetzliche Vermutung kann nur umgestossen werden, wenn bewiesen
werden kann, dass es sich sicher um eine vordienstliche Gesundheitsbeeinträchtigung
gehandelt hat und dass sich diese Gesundheitsbeeinträchtigung sicher während des
Dienstes weder verschlimmert noch in ihrem Ablauf beschleunigt hat (Art. 5 Abs. 2
MVG). Aus den Akten geht eindeutig hervor, dass es sich bei der
Haarausfallerkrankung des Beschwerdeführers um eine vordienstliche
Gesundheitsbeeinträchtigung gehandelt hat und dass sich diese während des
Militärdienstes in der Zeit vom 13. Januar 2020 bis zum 15. Mai 2020 weder
verschlimmert noch in ihrem Ablauf beschleunigt hat. Das ist auch von der
Beschwerdeführerin nicht bestritten worden. Damit steht fest, dass die
Beschwerdegegnerin für die Folgen dieser Gesundheitsbeeinträchtigung nicht haftet,
womit es an einer grundlegenden Voraussetzung für eine Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin fehlt. Auch aus der im Art. 64 Abs. 2 ATSG festgelegten
Reihenfolge der Leistungspflicht der für Heilbehandlungen grundsätzlich
aufkommenden Sozialversicherungszweige lässt sich nichts anderes ableiten, kommt
doch die Leistungspflicht des vorrangigen Zweiges gemäss dem klaren
Gesetzeswortlaut stets nur zum Tragen, wenn die Voraussetzungen des jeweiligen
Einzelgesetzes erfüllt sind (vgl. auch Marc Hürzeler/Bettina Bürgi, N 4 zu Art. 64, in:
Ghislaine Frésard-Fellay/Barbara Klett/Susanne Leuzinger [Hrsg.], Allgemeiner Teil des
Sozialversicherungsrechts, Basler Kommentar, 2019; ferner etwa die Praxis gemäss
BGE 126 V 103 E. 3a, wonach bei Verneinung der Leistungspflicht durch einen nach
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Art. 64 Abs. 2 ATSG vorangehenden Sozialversicherer der nachrangige Versicherer sich
nicht auf die grundsätzlich bestehende Pflicht des vorangehenden berufen und
dadurch seiner Leistungspflicht entgehen kann).
3.
Am Nichtbestehen einer Leistungspflicht der MV ändert der Umstand, dass die
Versicherungsdeckung gegenüber der Beschwerdeführerin während der Zeit des
Militärdienstes vom 13. Januar 2020 bis zum 15. Mai 2020 geruht hat, nichts. Nach
dem allgemeinen versicherungsrechtlichen Prinzip ist nämlich immer jene Versicherung
leistungspflichtig, bei der die betroffene Person versichert gewesen ist, als das
versicherte Ereignis eingetreten ist. So hält etwa Art. 8 Abs. 3 KVG bei Ruhen der
Unfalldeckung fest, dass die soziale Krankenversicherung die Kosten für die Folgen
derjenigen Unfälle übernimmt, die vor dem Ruhen der Versicherung bei ihr versichert
waren. Auch ausserhalb der Krankenversicherung finden sich Anwendungsbeispiele
des oben genannten Prinzips. Beispielsweise kommt es immer wieder vor, dass eine
berufliche Vorsorgeeinrichtung eine Invalidenrente zusprechen und ausrichten muss,
obwohl die invalide Person schon längst nicht mehr bei ihr versichert ist, weil nämlich
nur massgebend ist, ob diese Person damals, als die relevante Arbeitsunfähigkeit
eingetreten ist, bei dieser Vorsorgeeinrichtung versichert gewesen ist. Das Ende der
Versicherungspflicht bedeutet für die Versicherung also nicht, dass sie definitiv nie
mehr eine Leistungspflicht treffen wird. Dasselbe muss natürlich erst recht gelten,
wenn die Versicherung lediglich ruht. Während der Zeit, in der die
Versicherungsdeckung sistiert ist, schuldet die versicherte Person keine Beiträge oder
Prämien; im Gegenzug trifft die Versicherung keine Leistungspflicht für versicherte
Ereignisse, die in dieser Zeit eintreten. Für bereits früher eingetretene Ereignisse muss
eine Sistierung der Versicherungsdeckung augenscheinlich irrelevant bleiben. Der
Gedanke, die bereits verbindlich gewährte Kostengutsprache für die Behandlung der
Alopecia areata diffusa generalisata mit „Jakavi“ falle dahin, nur weil der Versicherte in
dieser Zeit während mehr als 60 Tagen am Stück Militärdienst leiste, ist nicht haltbar.
Hätte der Versicherte beispielsweise alle für den Zeitraum bis zum 16. September 2020
benötigten Tabletten vor dem 13. Januar 2020 bezogen, hätte die Beschwerdeführerin
die entsprechenden Kosten mit Selbstverständlichkeit und völlig zu Recht
übernommen. Sie hat diese Kostenvergütungen ja gemäss ihrer verbindlichen
Mitteilung vom 16. September 2019 definitiv geschuldet. Allein der Umstand, dass der
Beschwerdeführer einen Teil der Tabletten während eines mehr als 60 Tage dauernden
Militärdienstes bezogen hat, kann daran nichts ändern. Das von der
Beschwerdegegnerin angeführte Urteil des Bundesgerichtes K 43/02 vom 24. Oktober
2002 ist diesbezüglich nicht einschlägig, weil es nicht die intersystemische
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Koordination zwischen der Kranken- und der Militärversicherung, sondern nur das
intrasystemische Verhältnis zwischen zwei Krankenkassen betrifft. Diese zwei
Konstellationen können nicht miteinander verglichen werden, denn das KVG kennt nur
eine obligatorische Krankenpflegeversicherung mit allerdings verschiedenen
Durchführungsstellen. Wechselt eine versicherte Person von einer Krankenkasse zu
einer anderen, wechselt sie eben gerade nicht die obligatorische
Krankenpflegeversicherung, sondern nur von einer Durchführungsstelle zu einer
anderen, was etwa mit der Verlegung des Wohnsitzes eines EL-Bezügers in einen
anderen Kanton verglichen werden kann, der ebenfalls zum Wechsel der Zuständigkeit
von einer EL-Durchführungsstelle zu einer anderen führt. In diesem Zusammenhang
erweist sich der vom Bundesgericht im Urteil K 43/02 vom 24. Oktober 2002 vertretene
pragmatische Ansatz, wonach der Behandlungszeitpunkt dafür massgebend sei,
welche Durchführungsstelle die Kostengutsprache zu leisten habe, als durchaus
sinnvoll. Auf einen intersystemischen Wechsel der Versicherungsdeckung von der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung zur Militärversicherung kann dieses
Ergebnis aber selbstverständlich nicht unbesehen übertragen werden. Der
angefochtene Einspracheentscheid erweist sich damit als rechtmässig.
4.
Die Beschwerde ist abzuweisen. Gerichtskosten sind mangels einer entsprechenden
Rechtsgrundlage im MVG nicht zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG). Die unterliegende
Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Rechtsprechungsgemäss hat auch die obsiegende Beschwerdegegnerin keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung (vgl. die Hinweise bei Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 61 lit. 219).