Decision ID: fa51cde7-0cf6-4619-8458-402d4ef0ad31
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
Mit Eingabe vom 2
9.
Mai 2017 (
Urk.
3/1) erhob
X._
(Gesuchstel
ler)
beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Beschwerde gegen die Verfügung der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
(
Gesuchsgegnerin
)
vom 2
6.
April 2017
, mit welcher ihm aufgrund eines Invalidi
tätsgrades von 50 % eine halbe Rente der Invalidenversicherung zugesprochen wurde
(
vgl.
Urk.
3/2). Am 1
9.
September 2018
fand
eine Instruktionsverhandlung zur freien Erörte
rung des Streitgegenstandes statt
(vgl. Urk. 3/15). Mit Beschluss vom
4.
Dezember 2018 wurde dem Beschwerdeführer eine
reformatio
in
peius
(Invaliditätsgrad von 48 % statt 50 % und folglich Anspruch auf eine Viertels- statt
auf eine
halbe Rente der Invalidenversicherung)
angedroht und
entspre
chend
Gelegenheit zum Rückzug der Beschwerde gegeben (
Urk.
3/23). Mit Ein
gabe vom
9.
Januar 2019 zog der Beschwerdeführer seine Beschwerde zurück (
Urk.
3/25).
Gestützt darauf schrieb
das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich den Prozess
mit Verfügung vom 11. Januar 2019
als durch Rückzug der Beschwerde erledigt ab (
Urk.
3/26).
2.
Mit Eingabe vom 1
1.
Januar 2019
erklärte
X._
, er widerrufe
sei
nen Beschwerderückzug
,
und ersuchte um Fortsetzung des Verfahrens und Abschluss mittels Sachentscheid. Dazu führte er aus,
der Beschwerderückzug (
Urk.
3/25) sei aus existenziellen Ängsten und gegen die ausdrückliche Empfeh
lung seines Rechtsvertreters, Rechtsanwalt Martin Hablützel, erfolgt.
Er habe nächtelang nicht geschlafen und sei mit der Situation und der Androhung der Rentenkürzung völlig überfordert gewesen. Diese Situation habe zur Unfähigkeit geführt, einen vernunftgemässen Entscheid zu treffen. Trotz grossen Vertrauens in seinen Rechtsvertreter habe er aus nicht nachvollziehbaren Gründen dessen Empfehlung missachtet. Die Umstände grosser Verwirrtheit könnten durch die behandelnden Ärzte
, namentlich seinen Psychiater,
bestätigt werden
(
Urk.
1/1). Mit telefonischer Erklärung vom 2
5.
Januar 2019 teilte Re
chtsanwalt Martin Hab
lützel
mit, die Eingabe vom 1
1.
Januar 2019 sei im Sinne eines Revisionsgesuchs
aufzufassen
(
Urk.
1/2).
Mit Stellungnahme vom 2
1.
Februar 2019 beantragte die
Gesuchsgegnerin
, auf das Gesuch
sei nicht einzutreten
, da eine
Revision nur in Bezug auf rechtskräftige Entscheide möglich
sei
(
Urk.
5).
Die Eingabe der
Gesuchsgegnerin
wurde dem Gesuchsteller am 2
5.
Februar 2019 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
6).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
Der Rückzug eines Rechtsmittels muss klar, ausdrücklich und unbedingt erfolgen
.
Zieht eine Partei ein Rechtsmittel zurück, so bringt sie da
mit das Verfahren zum Abschluss
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9F_8/2018 vom 2
2.
August 2018 E. 1). Mit Schreiben vom
9.
Januar 2019 (
Urk.
3/25) teilte der Gesuchsteller
, vertreten durch Rechtsanwalt Martin Hablützel,
klar und ausdrücklich mit, dass er «die Beschwerde vom 2
9.
Mai 2017 gegen die Verfügung vom 2
6.
April 2017 zurück
ziehe». Mit dem Rückzug der Beschwerde wurde der Streitfall demnach unver
züglich beendet; der Abschreibungsverfügung vom 1
1.
Januar 2019 (
Urk.
3/26) kam
lediglich
noch
deklaratorischer Charakter zu (vgl.
Mosimann
,
in: Gesetz über das Sozialversicherung
sgericht des Kantons Zürich, 2.
Aufl
., 2009, N 6 zu §
9 des Gesetzes über das Sozia
lversicherungsgericht [
GSVGer
]).
Eine Wiederaufnahme respektive Fortführung des Verfahrens ist deshalb nicht ohne
Weiteres
möglich. Zu klären ist vorab, ob zur Geltendmachung der Unwirk
samkeit des Beschwerderückzugs ein Revisionsgesuch zu stellen oder ein Rechts
mittel (in
casu
eine Beschwerde an das Bundesgericht) zu ergreifen
war
.
2.
Gemäss
Art.
61
lit
. i des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ATSG)
muss die Revision von Entscheiden wegen Entde
ckung neuer Tatsachen oder Beweismittel oder wegen Einwirkung durch Verbre
chen oder Vergehen gewährleistet sein. Die für das kantonale Gerichtsverfahren massgebenden Revisionsgründe werden dadurch zwar festgesetzt, die Ausgestal
tung des Revisionsverfahrens jedoch kantonalem Recht überlassen (vgl.
Kieser
, ATSG-Kommentar,
3.
Aufl
.
, 2015,
Art.
61 N
229). § 29
Abs.
1
GSVGer
sieht grundsätzlich vor, dass von den Beteiligten gegen rechtskräftige Entscheide die Revision verlangt werden kann. Weitere Ausführungen zur Art der revisionsfähi
gen Entscheide enthält das
GSVGer
nicht, weshalb
sich
gemäss
dessen
§ 32
das Revisionsverfahren im Übrigen nach der Zivilprozessordnung richtet.
Die
Schweizerische Zivilprozessordnung (ZPO)
sieht in
Art.
328
Abs.
1
lit
. c vor, dass eine Partei die Revision eines Entscheides verlangen kann, wenn geltend gemacht wird, dass eine Klageanerkennung, ein Klagerückzug oder ein gerichtli
cher Vergleich unwirksam ist.
Der Rückzug eines Rechtsmittels ist dem Rückzug einer Klage gleichzustellen. Der Rückzug des Rechtsmittels hat zwar die Wirkung eines rechtskräftigen Entscheids (vgl. oben E. 1), kann aber einzig mit Revision angefochten werden.
In Bezug auf materielle und prozessuale Mängel eines Beschwerderückzugs ist die Revision daher primäres und ausschliessliches Rechtsmittel. Die ordentlichen Rechtsmittel, wie etwa eine Beschwerde gemäss
Bundesgesetz über das Bundesgericht (BGG)
,
stehen nicht zur Verfügung
(vgl.
Schwander
,
in: Brunner, Gasser
,
Schwan
der, DIKE
Kommentar zur ZPO, 2.
Aufl
.
, 2016,
Art.
328 N 40
mit Hinweis auf BGE 139 III 133 E. 1.3
und Urteil des
Bundesgerichts 4A_562/2014 vom 2
0.
Februar 2015 E. 1.1
).
Die
Unwirksamkeit eines Beschwerderückzugs
ist daher mit einem Revisionsge
such
geltend zu machen
.
O
rdentliche Rechtsmittel, in
casu
die Beschwerde ans Bundesgericht, steh
en
nicht zur Verfügung.
Entgegen der Ansicht der
Gesuchs
gegnerin
ist daher auf das Revisionsgesuch einzutreten.
3.
Ein bedingungslos erklärter Rückzug eines Rechtsmittels ist grundsätzlich end
gültig, das heisst er kann nicht widerrufen werden. Vorbehalten bleiben der Ver
trauensschutz oder das Vorliegen von Willensmängeln. Willensmängel sind von demjenigen, der sich darauf beruft, nachzuweisen (
Urteil des Bundesgerichts 9F_8/2018 vom 2
2.
August 2018 E. 1
).
Der
Gesuchsteller
macht geltend, er sei aufgrund existenzieller Ängste und wegen Überforderung
nach
Androhung einer
reformatio
in
peius
nicht in der Lage gewesen, einen vernunftgemässen Entscheid zu treffen (vgl.
Urk.
1/1). Mithin
macht er geltend
,
seine Erklärung, die Beschwerde zurückzuziehen, leide an einem Willensmangel
.
Das Erleben existenzieller Ängste sowie
die
Überforderung
nach
Androhung
einer
reformatio
in
peius
vermag
jedoch
– entgegen de
r Auf
fassung
des
Gesuchstellers
–
die Fähigkeit einen vernunftgemässen Entscheid zu treffen
,
nicht in Frage zu stellen.
Vielmehr zeigt es
lediglich
, dass
der Gesuchstel
ler eine schwierige Entscheidung zu treffen hatte und sich die Sache nun
nach
träglich
anders überlegt hatte. Anhaltspunkte dafür, dass
er
die Tragweite seiner Rückzugserklärung nicht erfasst hätte, bestehen nicht (vgl. zum daraus folgenden Fehlen eines Willensmangels Urteil des Bundesgerichts 2C_292/2014 vom 1
8.
August 2014, E. 2.2). Blosser
Wankelmut
, mithin die
Umentscheidung
in einer Angelegenheit
,
vermag keinen Willensmangel zu begründen (vgl. Urteil des Bun
desgerichts 9C_463/2010 vom 2
4.
Juni 2010, E. 3).
Anhaltspunkte für eine Urteilsunfähigkeit des Gesuchstellers im Zeitpunkt seiner Wi
llenserklärung liegen nicht vor.
J
edenfalls lässt die von
diesem
genannte «grosse Verwirrtheit» noch keine solche vermuten
, sondern v
ielmehr
bloss
auf Unentschlossenheit und Entscheidungsschwierigkeit schliessen.
Im Übrigen obl
äge
es dem
Gesuchsteller
,
die
Urteilsunfähigkeit
nachzuweisen
, beispielsweise mittels ärztlichem Attest.
Der
Hinweis
,
seine
Verwirrtheit könne durch
den
behandelnden Psychiater bestätigt werden
(vgl.
Urk.
1/1)
, reich
t
hierfür nicht aus.
Hinzu kommt
letztlich
, dass der
Gesuchsteller
im Zeitpunkt
seines
Beschwerde
rückzugs anwaltlich vertreten war
und die Rückzugserklärung durch Rechtsan
walt Martin Hablützel erfolgte (vgl.
Urk.
3/25)
, welcher offensichtlich auch kein Anlass hatte, an der Urteilsfähigkeit seines Mandanten zu zweifeln.
Das
s
d
ie Parteierklärung des Gesuchstellers
auf einem Willensmangel beruhte, ist unter d
iesen Um
ständen nicht dargetan, weshalb sich der Beschwerderückzug
als wirksam erweist.
4.
Nach dem Gesagten ist kein Revisionsgrund ausgewiesen, weshalb das Revisions
gesuch abzuweisen ist.
5.
Das Verfahren ist kostenlos (
Art.
61
lit
. a ATSG).