Decision ID: b3b7c2f4-f56e-5ab7-9df2-83bc0563f120
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer gelangte gemäss eigenen Angaben am 1. Oktober
2020 in die Schweiz und suchte am Tag darauf um Asyl nach.
B.
Am 27. Oktober 2020 wurde er zu seiner Person, zur Herkunft, zum Reise-
weg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Erstbefragung).
C.
Am 6. November 2020 führte das Institut für Rechtsmedizin (...) eine Al-
tersabklärung durch. Mit Schreiben vom 27. November 2020 nahm der Be-
schwerdeführer dazu Stellung.
D.
In der Folge passte das SEM im ZEMIS das Geburtsdatum des Beschwer-
deführers unter Anbringung eines Bestreitungsvermerks an.
E.
Die Anhörung zu den Asylgründen fand am 23. Dezember 2020 statt.
F.
Am 6. Januar 2021 äusserte sich der Beschwerdeführer zum Entscheid-
entwurf des SEM.
G.
Mit Verfügung vom 7. Januar 2021 stellte das SEM fest, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, lehnte sein Asylge-
such ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Gleichzeitig wurde wegen Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme ange-
ordnet. Die Anpassung des Geburtsdatums im ZEMIS wurde abgelehnt
und festgestellt, dass das Geburtsdatum fortan auf den (...) laute.
H.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 8. Januar
2021 (Poststempel) beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte
sinngemäss die Aufhebung der Dispositivziffern eins bis drei (Flüchtlings-
eigenschaft, Asyl und Wegweisung) sowie sieben und acht (ZEMIS-Daten)
der angefochtenen Verfügung, verbunden mit der Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und der Gewährung von Asyl sowie der Anpassung des
D-570/2021
Seite 3
Geburtsdatums im ZEMIS auf den (...). Eventualiter sei die Sache zur er-
neuten Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ersucht.
I.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
9. Februar 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR
142.31]).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde. Das Verfahren
richtet sich nach dem VwVG, dem VGG, dem BGG und dem AsylG (Art. 37
VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Hinsichtlich des Asyls und der Wegweisung entscheidet das Gericht
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammen-
hang mit dem Coronavirus vom 1. April 2020 [SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1,
Art. 50 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
D-570/2021
Seite 4
2.2 Hinsichtlich der ZEMIS-Berichtigung entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich mit uneingeschränkter Kognition. Es überprüft
die angefochtene Verfügung auf Rechtsverletzungen – einschliesslich un-
richtiger oder unvollständiger Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts und Rechtsfehler bei der Ermessensausübung – sowie auf Angemes-
senheit hin (Art. 49 VwVG).
3.
In Anwendung von Art. 37 VGG i.V.m. Art. 57 Abs. 1 VwVG sowie Art. 111a
AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen
damit, dass er afghanischer Staatsbürger und ethnischer Hazara sei und
in B._, Distrikt C._, Provinz D._ (Afghanistan) gelebt
und zuletzt in Kabul einen Vorbereitungskurs für die Schule besucht habe.
Als er zu Beginn der Sommerferien mit anderen Personen in einem Fahr-
zeug unterwegs nach B._ gewesen sei, seien sie von den Taliban
angehalten und kontrolliert worden. Die Taliban hätten seine Schulsachen
und seine Tazkira konfisziert, ihn und seine Mitreisenden gefesselt und an
einen unbekannten Ort verbracht. Dort sei er in einem Zimmer festgehalten
und misshandelt worden. In der zweiten Nacht sei es zu einem Gefecht
D-570/2021
Seite 5
gekommen, wodurch ihm die Flucht aus dem Fenster gelungen sei. Sein
Vater habe ihm erklärt, dass die Taliban nun seine Tazkira hätten, weswe-
gen er bedroht sei. Zudem sei die allgemeine Lage in Kabul unsicher und
sein Vater würde sich in einem Landstreit mit einem Nachbarn befinden,
woraus ihm – als ältester Sohn – ein Schaden erwachsen könnte. Er habe
Afghanistan daher verlassen.
Als Beweismittel reichte er im vorinstanzlichen Verfahren eine Kopie einer
Koranseite sowie zwei Auszüge aus dem Internet zu Bombenanschlägen
in Kabul ein.
5.2 Das SEM gelangte in seiner Verfügung im Asylpunkt zum Schluss, dass
befürchtete Übergriffe durch private Dritte nur dann asylrelevant seien,
wenn der Staat nicht fähig oder nicht willens sei, Schutz zu gewähren. Fer-
ner seien befürchtete Verfolgungsmassnahmen nur dann beachtlich, wenn
begründeter Anlass bestehe, dass sich die Verfolgung mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen werde. Es
liege ausserhalb der Möglichkeit eines Staates, jeden Übergriff präventiv
zu verhindern. Daraus könne aber nicht geschlossen werden, dass ein Er-
suchen um Schutz von vornherein ein nutzloses Unterfangen sei bezie-
hungsweise die Sicherheitsbehörden in Kabul ihrer Schutzpflicht prinzipiell
nicht nachkommen würden. Der Beschwerdeführer habe an keiner Stelle
angegeben, dass er sich aktiv an die Behörden gewandt hätte. Es müsse
also offenbleiben, wieso er sich nicht um behördlichen Schutz bemüht
habe.
Zudem bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, dass sich die Ver-
folgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit oder in absehbarer Zukunft
verwirklichen werde. Der Beschwerdeführer habe angegeben, die Taliban
suchten ihn, da er geflohen sei und er verdächtigt werde, mit einem Poli-
zisten zu kooperieren. Er habe aber nicht schlüssig anzugeben vermocht,
weshalb die Taliban, die aufgrund der konfiszierten Unterlagen im Bilde
sein müssten, dass er lediglich Schulkurse besucht habe, ihn der Kollabo-
ration mit einem zufällig mitreisenden Polizisten beschuldigen sollten. Sein
Verhalten nach der unmittelbaren Flucht weise ebenfalls nicht auf eine ak-
tuelle Furcht hin, da er sich wieder an seinen bisherigen Wohnort begeben
habe. Es würden auch keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Tali-
ban nach ihm suchen würden und ihn beispielsweise bei seinem Vater,
welcher nach wie vor im Heimatdorf lebe, aufgesucht hätten. Die Befürch-
tung, bei einer Rückkehr nach Afghanistan in Gefahr zu sein, sei hypothe-
tisch und wenig konkret. Es handle sich hierbei um eine subjektive Furcht,
D-570/2021
Seite 6
die sich nicht auf objektive Kriterien stütze. Etwaige Probleme aufgrund
des Nachbarschaftsstreits seines Vaters seien nicht asylrelevant, da sie
nicht auf einem entsprechenden Motiv beruhen würden. Die allgemein
schwierige Sicherheitslage in Afghanistan sei nicht asylrelevant, da sie
keine gezielte Verfolgung darstelle.
5.3 Diesen Erwägungen hielt der Beschwerdeführer entgegen, dass bei ei-
ner bereits erlittenen Verfolgung im Sinne einer Regelvermutung auf das
Bestehen einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung zu schlies-
sen sei. Diese Regelvermutung werde durchbrochen, wenn der zeitliche
oder sachliche Kausalzusammenhang fehle, das heisst, wenn die erlitte-
nen Nachteile nicht Grund für die Ausreise gewesen seien. Er habe in der
Anhörung glaubhaft geltend gemacht, dass er durch die Festnahme und
die Wegnahme der Tazkira als konkretes Ziel der Taliban identifiziert wor-
den sei. Es liege ausserhalb seiner Kenntnis, weshalb ihn die Taliban als
Komplizen des Polizisten erachten würden. Zudem sei er vor ihnen ge-
flüchtet, was einen weiteren Verfolgungsgrund schaffe. Er habe Afghanis-
tan kurze Zeit später verlassen und die Verhältnisse in Afghanistan hätten
sich seither nicht wesentlich verändert, weshalb der zeitliche und sachliche
Kausalzusammenhang zu bejahen sei.
Er habe bereits im vorinstanzlichen Verfahren geltend gemacht, aufgrund
der erlittenen Folterung psychisch angeschlagen zu sein. Das SEM habe
aber keine diesbezüglichen Abklärungen getroffen. Eine Langzeittraumati-
sierung könne aber – selbst bei Wegfall einer künftigen Verfolgungsgefahr
– die Flüchtlingseigenschaft begründen, da diese mitunter einen zwingen-
den Grund darstellen könne, welcher es verunmögliche, in den Heimatstaat
zurückzukehren. Da bisher kein ärztlicher Bericht erstellt worden sei, könne
eine Langzeittraumatisierung nicht ausgeschlossen und somit auch nicht
abschliessend abgeklärt werden, ob zwingende Gründe vorliegen würden,
welche eine Rückkehr ausschliessen würden.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer rügt, dass das SEM seinen Gesundheitszu-
stand nicht hinreichend abgeklärt habe. Dadurch habe das SEM den Un-
tersuchungsgrundsatz verletzt.
6.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat
die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung
D-570/2021
Seite 7
des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Sie muss die für das Ver-
fahren notwendigen Sachverhaltsunterlagen beschaffen und die rechtlich
relevanten Umstände abklären sowie ordnungsgemäss darüber Beweis
führen. Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt, er findet sein
Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 13 VwVG
und Art. 8 Abs. 1 AsylG).
6.3 Das SEM erfragte den Gesundheitszustand in der Erstbefragung expli-
zit (vgl. act. vgl. act. 1077203-18/14 Ziff. 8.02) und die zugewiesene
Rechtsvertretung reichte am 18. Dezember 2020 einen Arztbericht ein (vgl.
1077203-28/3). Anhaltspunkte dafür, dass das SEM von Amtes wegen wei-
tere Abklärungen hätte anstrengen müssen, sind in den Akten nicht ersicht-
lich, weshalb keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes vorliegt.
7.
7.1 Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu
Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.2 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft bildet
zwar die im Zeitpunkt der Ausreise vorhandene Verfolgung oder begrün-
dete Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung der Aktualität der Verfolgungs-
furcht ebenfalls wesentlich (vgl. BVGE 2008/12 E. 5.2). Der Beschwerde-
führer beruft sich darauf, dass aufgrund der Vorverfolgung die Regelver-
mutung zum Tragen komme, wonach die Verfolgungsfurcht nach wie vor
begründet sei. Allerdings wird dabei verkannt, dass ein ununterbrochener
Kausalzusammenhang zwischen Vorverfolgung und Flucht lediglich ein In-
diz für die Aktualität der Verfolgungsfurcht darstellt, welches im Prognose-
entscheid hinsichtlich der befürchteten Verfolgung zu berücksichtigen ist
(vgl. CONSTANTIN HRUSCHKA, in: Spescha/Zünd/Bolzli/Hruschka/de Weck,
Kommentar Migrationsrecht, 5. Aufl. 2019, Art. 3 AsylG, N 18). Der Be-
schwerdeführer steht gemäss eigenen Angaben in regelmässigem Kontakt
mit seinem Vater (vgl. act. 1077203-30/12-30/12 F7 f.). Seinen Ausführun-
gen ist nicht zu entnehmen, dass die Taliban irgendwelche Anstrengungen
unternommen hätten, ihn ausfindig zu machen respektive (weiterhin) ein
Interesse an seiner Person hätten. Vielmehr habe ihm sein Vater lediglich
mitgeteilt, dass die Taliban immer noch Menschen anhalten und befragen
würden, die keine Tazkira hätten, weshalb es gut sei, dass er (der Be-
schwerdeführer) ausgereist sei. Seine Familie würde im Übrigen am elter-
lichen Wohnsitz wie auch eine seiner Schwestern in Kabul von den Taliban
D-570/2021
Seite 8
unbehelligt leben (vgl. ebd. F7 bis F14). Ferner beruft sich der Beschwer-
deführer hinsichtlich seiner Furcht explizit auf zwei Bombenanschläge auf
seine Schule (vgl. ebd. F18 sowie act. 31). Dabei handelt es sich aber nicht
um eine gezielt gegen seine Person gerichtete Verfolgungshandlung. Dies
ist vielmehr Ausdruck der allgemeinen Sicherheitslage in Afghanistan. Es
ist folglich nicht davon auszugehen, dass die Taliban ein aktuelles Verfol-
gungsinteresse am Beschwerdeführer haben, weshalb das Vorliegen einer
begründeten Furcht zu verneinen ist.
7.3 Ebenfalls zu verneinen ist das Vorliegend eines zwingenden Grundes
in Form einer Langzeittraumatisierung (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.4), welche
es dem Beschwerdeführer psychologisch verunmöglichen würde, nach Af-
ghanistan zurückzukehren. Dafür wurden weder die Intensität der erlebten
Übergriffe noch die Ernsthaftigkeit der psychischen Folgeprobleme genü-
gend dargetan.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der ZEMIS-Verordnung näher
geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verordnung richten sich die Rechte
der Betroffenen, insbesondere deren Auskunfts-, Berichtigungs- und Lö-
schungsrecht sowie das Recht auf Informationen über die Beschaffung be-
sonders schützenswerter Personendaten, nach dem Datenschutzgesetz
(DSG, SR 235.1) und dem VwVG.
D-570/2021
Seite 9
9.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein
absoluter und uneingeschränkter Anspruch (BVGE 2018 VI/3 E. 3.1).
9.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen. Nach den massgeblichen Beweisregeln des VwVG gilt
eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung sämtlicher Erkennt-
nisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen Zweifel bleiben; un-
umstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich. Die mit dem Be-
richtigungsbegehren konfrontierte Behörde hat zwar nach dem Untersu-
chungsgrundsatz den Sachverhalt grundsätzlich von Amtes wegen abzu-
klären (Art. 12 VwVG); die gesuchstellende Person ist jedoch gemäss
Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG verpflichtet, an dessen Feststellung mitzuwir-
ken (vgl. zum Ganzen BVGE 2018 VI/3 E. 3.3 m.w.H.).
9.4 Kann bei einer verlangten bzw. von Amtes wegen beabsichtigten Be-
richtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenige der neuen
Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder die einen
noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1 DSG). Dies
ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Personendaten
zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendigerweise bearbeitet
werden. Dies gilt namentlich auch für im ZEMIS erfasste Namen und Ge-
burtsdaten. In solchen Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der
Bearbeitung möglicherweise unzutreffender Daten das Interesse an deren
Richtigkeit. Unter diesen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb die
Anbringung eines Vermerks vor, in dem darauf hingewiesen wird, dass die
Richtigkeit der bearbeiteten Personendaten bestritten ist. Spricht dabei
mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die bisherigen Angaben zu-
nächst zu berichtigen und die neuen Daten anschliessend mit einem der-
artigen Vermerk zu versehen. Ob die vormals eingetragenen Angaben wei-
terhin abrufbar bleiben sollen oder ganz zu löschen sind, bleibt grundsätz-
lich der Vorinstanz überlassen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also
die Richtigkeit der bisher eingetragenen Daten als wahrscheinlicher oder
zumindest nicht als unwahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit
einem Bestreitungsvermerk zu versehen. Über dessen Anbringung ist je-
D-570/2021
Seite 10
weils von Amtes wegen und unabhängig davon zu entscheiden, ob ein ent-
sprechender Antrag gestellt worden ist (vgl. zum Ganzen BVGE 2018 VI/3
E. 3.4 m.w.H.).
10.
10.1 Im vorliegenden Fall obliegt es demnach grundsätzlich der Vorinstanz
zu beweisen, dass das aktuell im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum ([...])
korrekt ist. Der Beschwerdeführer hat wiederum nachzuweisen, dass das
von ihm geltend gemachte Geburtsdatum ([...]) richtig beziehungsweise
zumindest wahrscheinlicher ist, als das im ZEMIS erfasste, ihm mithin eine
höhere Glaubwürdigkeit zukommt als dem bisherigen Eintrag. Gelingt kei-
ner Partei der sichere Nachweis, ist dasjenige Geburtsdatum im ZEMIS zu
belassen oder einzutragen, dessen Richtigkeit wahrscheinlicher ist.
10.2 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass der Beschwerde-
führer sein Geburtsdatum mit keinem Identitätsdokument habe belegen
können. Zudem habe er sich nur vage zu seinem Geburtsdatum geäussert.
So habe er im Personalienblatt vermerkt, dass er am (...) 2004 geboren
sei. Anlässlich der Erstbefragung habe er sein Geburtsdatum im ira-
nisch/afghanischen Kalender mit dem (...) angegeben, was dem (...) 2005
entspräche. Er korrigierte sich aber sogleich dahingehend, dass er im
Jahre 2004 geboren sei. Er sei sich aber im iranisch/afghanischen Kalen-
der beim Jahr nicht sicher. In Griechenland sei er mit dem Geburtsdatum
vom (...) 2002 erfasst worden, wozu er erklärt habe, er sei schlecht behan-
delt worden und habe dort absichtlich ein falsches Datum angegeben. Als
Beweis für sein Alter habe er ein Bild einer Koranseite eingereicht, auf wel-
cher gemäss seinen Angaben ein Mullah seinen Namen und sein genaues
Geburtsdatum vermerkt habe. Demnach handle es sich um den (...) (...),
was dem (...) 2004 entspreche. Dieses lediglich in Kopie eingereichte Be-
weismittel sei nicht fälschungssicher, weshalb ihm nur sehr beschränkter
Beweiswert zukommen könne. Das vom Institut für Rechtsmedizin durch-
geführte Altersgutachten sei zum Schluss gekommen, dass zum Zeitpunkt
der Untersuchung (6. November 2020) von einem Mindestalter von 17 Jah-
ren auszugehen sei. Eine Vollendung des 18. Lebensjahres habe nicht mit
der notwendigen Sicherheit belegt werden können. Das vom Beschwerde-
führer angegebene Alter von (...) könne nicht zutreffen. Dieses Resultat
bestätige die Zweifel des SEM am geltend gemachten Geburtsdatum. Pra-
xisgemäss habe das SEM – da es kein wahrscheinlichstes Geburtsdatum
gebe – den 1. Januar des Jahres, das nach einer Gesamtwürdigung als
das wahrscheinlichste Geburtsjahr erschiene, eingetragen und dieses mit
einem Bestreitungsvermerk versehen.
D-570/2021
Seite 11
10.3 Der Beschwerdeführer rügte, das SEM stütze sich einzig auf die me-
dizinische Altersschätzung, ohne eine Abwägung mit den übrigen Beweis-
mitteln vorzunehmen. Er habe alles unternommen und das ihm zugängli-
che Identitätsdokument, die Kopie einer Koranseite, vorgelegt, ohne dass
diese hinreichend gewürdigt worden sei. Seine Unsicherheit bei der Um-
rechnung vom iranisch/afghanischen Kalender in den europäischen sei
ihm unverhältnismässig schwer zur Last gelegt worden, vor allem, da in
Afghanistan die Geburtsdaten nur bedingt von Wichtigkeit seien. Er habe
den Altersunterschied zu seinen Geschwistern korrekt anzugeben ver-
mocht und habe auch zu seinem Reiseweg schlüssige Angaben gemacht.
Zum Altersgutachten sei anzufügen, dass nur anhand der Weisheitszähne
auf ein Mindestalter von 17 Jahren geschlossen worden sei, während die
anderen Untersuchungen ein Mindestalter von (...) Jahren ergeben hätten,
was seinen Angaben entspreche. Beim Ergebnis der Weisheitszähne
werde festgehalten, dass signifikante Unterschiede bei gewissen Ethnien
beständen, dies bei einer Herkunft aus Afghanistan aber nicht zum Tragen
komme. Es sei aber so, dass Hazara unter anderem von den Mongolen
abstammen würden, welche den Han Chinesen naheständen. Letztere
würden eine um bis drei Jahre schnellere Entwicklung der Weisheitszähne
aufweisen. Es gebe daher durchaus Hinweise auf genetische Unterschiede
zwischen Hazara und der Referenzpopulation. Schliesslich sei sein Inte-
resse, dass ein Geburtsdatum auf den (...) laute, höher zu gewichten als
das öffentliche Interesse an der Führung des Geburtsdatums (...) da er
nach letzterem nicht mehr als Minderjähriger zu behandeln wäre.
10.4 Vorliegend lässt sich keines der Geburtsdaten beweisen, weshalb
dasjenige im ZEMIS einzutragen ist, welches wahrscheinlicher ist.
Das Ergebnis der rechtsmedizinischen Altersschätzung ist zwar nicht als
Beweis für das vom SEM eingetragene Alter, immerhin aber als Indiz an-
zusehen, welches für die überwiegende Wahrscheinlichkeit des vom SEM
eingetragenen Geburtsdatums spricht. Vorliegend bildet ein Alter von 17
Jahren den Streitgegenstand. Gemäss Praxis bildet eine forensische Al-
tersschätzung ein starkes Indiz, wenn das Mindestalter bei der Schlüssel-
bein- respektive Skelettaltersanalyse oder der zahnärztlichen Untersu-
chung über 17 Jahren liegt und sich die anhand der beiden Analysen erge-
benden Altersspannen überlappen (vgl. mutatis mutandis BVGE 2018 VI/3
E. 4.2.2). Die Analyse des Schlüsselbeins geht von einem Mindestalter von
16.4 Jahren aus und nennt ein Durchschnittsalter von 22 Jahren. Die zahn-
ärztliche Untersuchung nennt als Mindestalter 17 und als Durchschnittsal-
D-570/2021
Seite 12
ter 22 Jahre. Da das Mindestalter gemäss der zahnärztlichen Untersu-
chung bei 17 Jahren liegt und sich die Altersspannen der beiden Teilunter-
suchungen überlappen, sind diese Befunde als starkes Indiz für das vom
SEM eingetragene Alter zu werten. So kommt denn auch die zusammen-
fassende Beurteilung der Altersschätzung zum Schluss, dass das vom Be-
schwerdeführer angegebene Alter nicht zutreffen könne. Die Behauptung,
die Altersschätzung habe die ethnische Zugehörigkeit des Beschwerdefüh-
rers zu wenig gewürdigt, überzeugt nicht, zumal in der Altersschätzung ex-
plizit ausgeführt wird, dass bei der Mineralisation der Weisheitszähne zwar
signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen zu
beobachten seien, diese aber bei einer Herkunft aus Afghanistan nicht zum
Tragen kommen würden.
Die Aussagen des Beschwerdeführers sind zwar hinsichtlich der Altersun-
terschiede zu seinen Geschwistern stimmig (vgl. act. 1077203-18/14
Ziff. 3.01), weisen aber an anderer Stelle Inkonsistenzen auf. Im Persona-
lienblatt trug er als Geburtsdatum den (...) 2004 ein (vgl. act. 1077203-1/2).
In der Erstbefragung nannte er anfangs den (...) 2005 als Geburtsdatum,
korrigierte sich aber sogleich spontan dahingehend, dass er 2004 geboren
sei und es sich um einen Montag gehandelt habe, was auch so auf einer
Koranseite vermerkt worden sei (vgl. act. 1077203-18/14 Ziff. 1.06). Aller-
dings fiel der (...) 2004 auf einen Samstag und beim (...) 2004 handelt es
sich um einen Sonntag, während einzig der (...) 2005 – d.h. das angeblich
unzutreffende Geburtsdatum – tatsächlich auf einen Montag fiel. Ferner ist
auf der eingereichten Kopie der Koranseite nicht der Montag, sondern der
Sonntag explizit vermerkt (vgl. act. 1077203-23/2). Seine nicht vollends
stimmigen Angaben können folglich lediglich als schwaches Indiz für die
Richtigkeit des von ihm angegebenen Geburtsdatum gewürdigt werden.
Der eingereichten Kopie einer handschriftlichen Eintragung in einen Koran
kann aufgrund der Fälschungsanfälligkeit kaum Beweiswert zugesprochen
werden.
Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass er in Griechenland mit dem Ge-
burtsdatum (...) 2002 registriert worden ist. Seine diesbezügliche Erklä-
rung, die griechischen Behörden hätten sich geweigert, das von ihm ge-
nannte Geburtsdatum entgegenzunehmen und stattdessen einfach ein an-
deres Datum aufgeschrieben (vgl. act. 1077203-18/14 Ziff. 2.06), erweckt
stark den Eindruck einer Schutzbehauptung. Dieser Umstand stellt folglich
ein weiteres Indiz dar, welches zuungunsten des Beschwerdeführers zu
würdigen ist.
D-570/2021
Seite 13
10.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sowohl ein starkes Indiz (fo-
rensische Altersschätzung) sowie ein weiteres Indiz (Registrierung in Grie-
chenland) für die Richtigkeit der vom SEM eingetragenen Daten sprechen,
während zugunsten des Beschwerdeführers lediglich ein schwaches Indiz
(Aussagen) sowie ein zu vernachlässigendes Indiz (Kopie der Koranseite)
sprechen. Folglich ist das vom SEM eingetragene Geburtsdatum für über-
wiegend wahrscheinlich zu erachten.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – ange-
messen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Die vorliegende Beschwerde ist als zum Vornherein aussichtslos zu be-
zeichnen, weshalb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG abzuweisen ist. Die Kosten des
Verfahrens sind mithin dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-570/2021
Seite 14