Decision ID: 4a5d64eb-72f9-5bf3-98da-35221c156cc4
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am (...) in der Schweiz um Asyl nach.
In der Folge wurde sie dem Bundesasylzentrum (BAZ) B._ zuge-
wiesen. Am 17. März 2020 fand die Personalienaufnahme (PA) und am
20. Mai 2020 die Erstbefragung gemäss Art. 26 Abs. 3 AsylG (SR 142.31)
statt. Am 9. Juni 2020 wurde sie vom SEM zu ihren Asylgründen angehört.
A.b Die Beschwerdeführerin – in der Stadt C._ geboren und zuletzt
in D._ wohnhaft gewesen – führte dabei an, sie sei seit (Nennung
Zeitpunkt) verwitwet und habe insgesamt (Nennung Anzahl Kinder). Ihr
jüngster Sohn E._ (N [...]) lebe in der Schweiz, ein weiterer Sohn in
F._ und eine verheiratete Tochter in G._. Die übrigen Kinder
würden alle in D._ leben. Ihr jüngster Sohn E._ sei (Nen-
nung Funktion) bei der irakischen Armee gewesen. Im Jahre (...) sei er mit
einer Patrouille unterwegs gewesen, die unbewaffnete Leute getötet habe.
Er habe deshalb die Angehörigen dieser Patrouille angeklagt. Da diese
Gruppierung zur Regierung gehört habe, sei E._ in der Folge fest-
genommen worden. Sie (Beschwerdeführerin) habe während (Nennung
Dauer) keine Kenntnis vom Aufenthaltsort von E._ gehabt und sich
wiederholt bei den Behörden nach ihm erkundigt. Diese hätten ihr jedoch
bloss gesagt, dass sich E._ im Gefängnis befinde; zudem sei sie
als Agentin der Amerikaner beschimpft worden, weil ihr älterer Sohn als
(Nennung Tätigkeit) bei den (Nennung ausländischeTruppen) gearbeitet
habe. Im Jahr (...) sei E._ nach (Nennung Dauer) Haft und nach
Folterungen in einem schlechten gesundheitlichen Zustand aus dem Ge-
fängnis entlassen worden. (Nennung Dauer) nach seiner Entlassung habe
er ihr gesagt, dass er sich unbedingt einen Pass ausstellen lassen und das
Land verlassen wolle, weil er befürchte, von den angeklagten Personen
getötet zu werden. E._ sei daher eines Tages mit einem Freund,
der ihm auch bei der Beschaffung des Passes habe behilflich sein wollen,
im Auto zum (Nennung Örtlichkeit) von D._ mitgefahren. Unterwegs
seien sie von maskierten und bewaffneten Männern angegriffen worden,
welche auf das Auto geschossen und den Freund tödlich verletzt hätten,
während E._ unverletzt geblieben sei. Danach hätten die (Nennung
Verwandte) ihrem Sohn geraten, nicht mehr nach Hause zu kommen, wes-
halb sich E._ in das Haus eines in D._ lebenden (Nennung
Verwandter) begeben habe. Von dort aus habe er sich einen Pass organi-
siert und anschliessend das Land verlassen. Nach dessen Ausreise sei sie
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unter Druck gesetzt worden. So seien vermummte Männer in den folgen-
den (Nennung Dauer) zirka sechs bis sieben beziehungsweise zehn bis
zwölf Mal in ihr Haus eingedrungen und hätten dieses durchsucht. Sie sei
jeweils nach dem Aufenthaltsort von E._ gefragt, gestossen und be-
schimpft worden. Beim letzten Vorfall habe einer der Männer sie mit der
Hand ins (Nennung Körperteil) und mit dem (Nennung Gegenstand) auf
(Nennung Körperteil) geschlagen. Die Männer hätten anlässlich des letzten
Vorfalls im Anschluss an ihre ergebnislose Suche von aussen auf die Fas-
sade des Hauses geschossen und dabei gerufen, sie und ihre Familie
seien Agenten der (Nennung ausländische Bürger) und Verräter. Sie habe
deswegen noch mehr Angst bekommen, dass sie oder Familienangehörige
beim nächsten Mal umgebracht würden, weshalb sie im (Nennung Zeit-
punkt) in die F._ geflüchtet sei.
Die Beschwerdeführerin reichte (Nennung Beweismittel) zu den Akten.
A.c Mit Entscheid vom 17. Juni 2020 wies das SEM das Asylverfahren der
Beschwerdeführerin dem erweiterten Verfahren gemäss Art. 26d AsylG zu.
Daraufhin teilte die der Beschwerdeführerin zugewiesene Rechtsvertre-
tung am 18. Juni 2020 dem SEM die Mandatsniederlegung mit.
A.d Am 24. Juni 2020 informierte die rubrizierte Rechtsvertreterin das SEM
über die Übernahme des Mandats.
B.
Mit Verfügung vom 16. Februar 2021 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte ihr Asylge-
such ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung der Beschwerdeführerin
aus der Schweiz an, schob den Vollzug der Wegweisung jedoch wegen
Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
C.
Mit Eingabe vom 19. März 2021 erhob die Beschwerdeführerin dagegen
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, es sei die
angefochtene Verfügung des SEM in den Dispositivziffern 1 bis 3 aufzuhe-
ben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. In
prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistandes.
Der Beschwerde lagen (Aufzählung Beweismittel) bei.
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D.
Mit Zwischenverfügung vom 29. März 2021 forderte die Instruktionsrichte-
rin die Beschwerdeführerin zur Einreichung des (Nennung Beweismittel)
bis zum 13. April 2021 und zur Bezeichnung einer amtlichen Rechtsbei-
ständin oder eines amtlichen Rechtsbeistands samt Vollmacht auf.
E.
Mit Eingabe vom 13. April 2021 ersuchte die rubrizierte Rechtsvertreterin
um Einsetzung als amtliche Rechtsbeiständin. Gleichzeitig legte sie meh-
rere Beweismittel (Aufzählung Unterlagen) zu den Akten.
F.
Die Instruktionsrichterin hiess mit Zwischenverfügung vom 14. April 2021
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amt-
lichen Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses, ordnete der Beschwerdeführerin die rubrizierte Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei und lud das SEM zur Ver-
nehmlassung bis zum 30. April 2021 ein.
G.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2021 stellte die Instruktionsrichterin dem SEM
die mit Eingabe der Beschwerdeführerin vom 13. April 2021 beim Bundes-
verwaltungsgericht eingereichten Beweismittel respektive die Beschwerde-
akten D-1260/2021 zu und setzte gleichzeitig eine neue Frist zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung bis zum 10. Juni 2021 an.
H.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 8. Juni 2021 an seinen Er-
wägungen in der angefochtenen Verfügung vollumfänglich fest.
I.
Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 24. Juni 2021 unter
Beilage (Nennung Beweismittel).
J.
Mit Verfügung vom 11. Februar 2022 teilte die Instruktionsrichterin der Be-
schwerdeführerin mit, das Bundesverwaltungsgericht erwäge, die vom
SEM nicht abschliessend als unglaubhaft beurteilten, sondern letztlich als
nicht asylrelevant erachteten Vorbringen betreffend die Behelligungen
durch vermummte Männer als solche und insbesondere den letzten Vorfall
vor ihrer Ausreise (Hausdurchsuchung, anlässlich welcher die Beschwer-
deführerin durch einen der Männer geschlagen worden sei und die Männer
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nach dem Verlassen des Hauses anschliessend auf die Hausfassade ge-
schossen hätten) nicht unter dem Gesichtspunkt von Art. 3 AsylG, sondern
unter dem Aspekt der Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG zu würdigen.
Gleichzeitig räumte sie der Beschwerdeführerin die Gelegenheit ein, sich
bis am 28. Februar 2022 zur beabsichtigten Motivsubstitution zu äussern,
wobei im Unterlassungsfall aufgrund der Akten entschieden werde.
K.
Mit Eingabe vom 28. Februar 2022 reichte die Beschwerdeführerin ihre
Stellungnahme ein. Soweit wesentlich ist darauf im Rahmen der nachfol-
genden Erwägungen einzugehen (vgl. insb. nachstehend E. 6, E. 7.1.1 und
E. 7.1.3 – 7.1.5).
L.
Am 17. März 2022 reichte die Rechtsvertreterin eine ergänzte Kostennote
zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Da das Bundesverwaltungsgericht an die rechtliche Begründung der Vor-
instanz nicht gebunden ist (Art. 62 Abs. 4 VwVG), kann es eine angefoch-
tene Verfügung im Ergebnis gleich belassen, dieser aber eine andere Be-
gründung zu Grunde legen. Die Möglichkeit einer solchen Motivsubstitution
ist im Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen begründet.
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Sollte sich der neue Entscheid auf Rechtsnormen stützen, mit deren An-
wendung die Parteien nicht rechnen mussten, ist ihnen Gelegenheit zu ge-
ben, sich vorgängig dazu zu äussern (vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/
LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht,
2. Aufl. 2013, S. 24 Rz. 1.54; BVGE 2009/61 E. 6.1 S. 856; 2007/41 E. 2
S. 529 f.). Diese Möglichkeit wurde der Beschwerdeführerin denn auch ein-
geräumt (vgl. vorstehend Bst. J. f.).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rech-
nung zu tragen (Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungs-
gericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in
verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Da-
rauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
5.
5.1 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung aus, die Beschwer-
deführerin habe nicht genau benennen können, welche Leute angefangen
hätten, nach der Flucht ihres Sohnes E._ zu ihr nach Hause zu
kommen und sie unter Druck zu setzen. Sie habe jedoch angeführt, die
Männer hätten einer Miliz und gleichzeitig dem Staatsapparat angehört,
weshalb sie diese auch nicht habe bei den Behörden anzeigen können.
Dem Sohn E._ sei am (Nennung Zeitpunkt) in der Schweiz Asyl ge-
währt worden. Er habe geltend gemacht, vor seiner Ausreise mit seiner
Mutter zusammen in einem Haushalt gelebt zu haben und dass gegen sei-
nen (Nennung Verwandter) ein Ausreiseverbot verhängt worden und seine
(Nennung Verwandte) sich von ihrem Mann habe trennen müssen, weil
dieser auch unter Druck gesetzt worden sei. E._ habe angeführt,
die gesamte Familie stehe wegen ihm unter Druck. Betreffend seine (Nen-
nung Verwandte) habe er konkrete Aussagen zu Repressalien gemacht,
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betreffend seine Mutter respektive die Beschwerdeführerin habe er dage-
gen nicht explizit ausgeführt, dass sie irgendwelchen gezielten Verfol-
gungsmassnahmen ausgesetzt gewesen wäre, ausser dass ein falsches
Verhalten seines (Nennung Verwandter) zu einer Gefährdung der Familie
– auch der Mutter – hätte führen können. Da zum Zeitpunkt der Ausreise
der Beschwerdeführerin keine gezielte konkrete Verfolgung oder Bedro-
hung gegen sie vorgelegen habe, sei nicht von einer begründeten Furcht
auszugehen. Hätten die Behörden die Beschwerdeführerin effektiv gezielt
verfolgen wollen, wäre genügend Zeit und Gelegenheit vorhanden gewe-
sen, dies zu verwirklichen. Der Umstand, dass E._ einige Male zu-
hause gesucht worden sei, könne nicht als zielgerichtete Verfolgungshand-
lung gegen die Beschwerdeführerin eingestuft werden. E._ habe
damals seinen letzten Wohnsitz an derselben Adresse gehabt, weshalb
vielmehr der Wohnort des Sohnes und nicht ihre Person das Ziel gewesen
sei. Nach der Ausreise von E._ im (Nennung Zeitpunkt) habe sich
die Beschwerdeführerin noch (Nennung Dauer) in ihrer Heimat aufgehal-
ten. In diesem Zeitraum sei sie sechs bis sieben beziehungsweise zehn bis
zwölf Mal von den vermummten Männern aufgesucht worden. Da sie stets
an der gleichen Adresse wohnhaft geblieben sei, sei nicht von einer asyl-
relevanten Intensität dieser Vorfälle auszugehen. Weder sei es in dieser
Zeit zu einer ernsthaften Verfolgungsmassnahme seitens mutmasslicher
Verfolger gekommen noch sei ein Kausalzusammenhang zwischen den
Hausbesuchen und ihrer Ausreise ersichtlich. Ausserdem sei es einigen
Familienmitgliedern möglich, ihr Leben in D._ weiterzuführen. So-
dann sei die Plausibilität der Verfolgung einer älteren Dame im Kontext der
irakischen Gesellschafts- und Staatsstruktur als sehr zweifelhaft zu erach-
ten. Zwar sei die Beschwerdeführerin vermutlich in Angst versetzt worden,
letztlich sei aber nichts Ernsthaftes geschehen. Auch nach ihrer Ausreise
sei nichts mehr vorgefallen. Es gelinge ihr daher nicht, eine konkrete be-
gründete Furcht vor künftiger gezielter Verfolgung von ausreichender In-
tensität im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft zu machen.
5.2 Die Beschwerdeführerin entgegnete in ihrer Rechtsmitteleingabe, ihr
Leben sei bei einer Rückkehr in den Irak in Gefahr. Es könne ihr nicht vor-
gehalten werden, dass E._ ihre Probleme bei seinen Anhörungen
nicht genannt habe – seine Ausführungen seien schlicht unvollständig ge-
wesen und er habe ihre Probleme damals für zu wenig schlimm befunden.
Jedoch sei es E._ gewesen, der nach den gegen sie gerichteten
Vorfällen für ihre Flucht in die Schweiz gesorgt habe. Zudem habe sie das
schlimmste Ereignis ihrem Sohn gegenüber erst später erwähnt. Im Übri-
gen sei E._ sogar in der Schweiz angegriffen worden, was die
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grosse Gefahr zeige, welcher sie im Irak ausgesetzt gewesen sei. Es stelle
entgegen der unbegründeten Spekulation des SEM zweifellos eine Re-
flexverfolgung dar, dass sie anlässlich der Suche nach ihrem Sohn ge-
schlagen, beleidigt und belästigt worden sei. Sie habe diese Massnahmen
erlitten, weil sie die Mutter von E._ sei. Sodann sei es unzutreffend,
dass sie im Zeitpunkt ihrer Ausreise nicht mehr in Gefahr gewesen sei. Es
existiere zum Vorfall kurz vor ihrer Flucht ein Video, das sie eingereicht
habe. Diese Vorkommnisse seien genügend intensiv, um eine objektive
Angst vor künftiger Verfolgung zu begründen. Zudem sei es realitätsfern,
dass die Vorinstanz ihre Verfolgung nicht plausibel erachte, weil sie eine
"alte Dame" sei. Im Bürgerkrieg würden bekanntlich selbst Kinder misshan-
delt und ausserdem habe sie den Videobeweis des Angriffs erbracht.
5.3 Das SEM hielt in der Vernehmlassung fest, die nachgereichten Video-
aufnahmen seien von der Beschwerdeführerin bereits während der Anhö-
rung auf dem Mobiltelefon abgespielt und erklärt worden. Demnach sei sie
seinerzeit zuhause von ihrer Tochter interviewt und gefilmt worden. Die Auf-
nahmen könnten daher keinem bestimmten Ereignis zugeordnet werden
und hätten keine Beweiskraft. Auch Fotos von einem Gebäude mit Löchern
in der Fassade könnten – wie vorliegend – weder örtlich, zeitlich noch per-
sönlich zugeordnet werden. Es sei anzunehmen, dass viele Häuser im
kriegsgeplagten D._ Einschusslöcher in der Hausfassade hätten.
Dem allgemeinen Kriegszustand sei mit einer vorläufigen Aufnahme wegen
Unzumutbarkeit Rechnung getragen worden.
5.4 In der Replik führte die Beschwerdeführerin aus, der vorinstanzliche
Ansatz bei der Beurteilung der von ihr eingereichten Beweismittel sei zu
streng, nachdem im Asylverfahren die Hürden bezüglich des Beweismas-
ses tiefer angesetzt seien als in anderen Rechtsverfahren und keine strik-
ten Beweise gefordert würden. Zwar könne nicht mit absoluter Gewissheit
davon ausgegangen werden, dass sich die Bilddokumente allenfalls nicht
auf das von ihr beschriebene Ereignis beziehen würden. Angesichts der
zahlreichen glaubhaft gemachten weiteren Umstände der Angaben zu ih-
ren Asylgründen sowie deren Kohärenz mit den Darlegungen von
E._ sei aber davon auszugehen, dass die geschilderten Umstände
mittels der eingereichten Beweismittel rechtsgenüglich glaubhaft gemacht
worden seien. Weiter sei aus der Bemerkung des SEM, dass in D._
wohl zahlreiche Häuserfassaden Einschusslöcher aufweisen, zu schlies-
sen, dass auch die Angabe der genauen Koordinaten des Gebäudes, wel-
che jederzeit nachgereicht werden könnten, die Vorinstanz nicht zu über-
zeugen vermöchte. Im Weiteren sei sie psychisch schwer angeschlagen,
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weshalb die Hürden an die Kohärenz ihrer Darstellungen von vornherein
nicht hoch angesetzt werden dürften. Als Beispiel für ihre geistige Beein-
trächtigung und die Folgen in Bezug auf ihre Aussagefähigkeit sei auf ihre
Aussage in der Erstbefragung (mit Verweis auf SEM act. 1063782-27/10
[nachfolgend: act. 27], F33, S. 4) hinzuweisen, als sie einen Moment lang
selbst das aktuelle Kalenderjahr nicht mehr gewusst habe. Während der
(Nennung Dauer) vor ihrer Ausreise habe sich die Bedrohungslage sodann
kontinuierlich aufgebaut und im letzten, dokumentierten Vorfall gegipfelt.
Dieses Ereignis sei ausreichend brutal und bedrohlich, um als asylrelevan-
ter Auslöser für die Flucht qualifiziert zu werden.
6.
Soweit die Beschwerdeführerin in ihrer Replik und in ihrer Stellungnahme
vom 28. Februar 2022 auf die Beeinträchtigung ihres psychischen Gesund-
heitszustands hinweist und geltend macht, ihre Aussagefähigkeit sei
dadurch grundsätzlich beeinträchtigt gewesen, was sich beispielsweise in
ihrer Antwort auf die Frage 33 anlässlich der Erstbefragung gezeigt habe
(vgl. act. 27, F33, S. 4 unten; Replik S. 2), ist festzuhalten, dass dem ent-
sprechenden Befragungsprotokoll keine Anhaltspunkte zu entnehmen
sind, welche an der Verwertbarkeit desselben ernsthafte Zweifel aufkom-
men lassen würden. Allenfalls ist aus jenen Ausführungen eine kurze zeit-
liche Desorientierung der Beschwerdeführerin herauszulesen, die in der
Nachfrage der Befragerin zur zeitlichen Chronologie bezüglich der Aufent-
haltsdauer in F._ gründet. Aus der Antwort der Beschwerdeführerin
wird allerdings ohne Weiteres ersichtlich, dass sie sich nach kurzem Nach-
denken gedanklich fassen konnte und die Nachfrage nach dem richtigen
Kalenderjahr bestätigte. Weder die übrigen Antworten der Beschwerdefüh-
rerin im Rahmen der Erstbefragung noch diejenigen anlässlich der späte-
ren Anhörung vermögen – in Ermangelung entsprechender Anhaltspunkte
– die Behauptung zu stützen, ihr beeinträchtigter Geisteszustand habe es
ihr verunmöglicht, von ihren belastenden Ereignissen kohärent zu berich-
ten. Zudem anerkannte die Beschwerdeführerin sowohl am Schluss der
Befragung als auch am Schluss der Anhörung nach Rückübersetzung in
ihrer Muttersprache jeweils die Korrektheit und Wahrheit ihrer Aussagen
mit ihrer Unterschrift und dass diese ihren freien Äusserungen entsprechen
würden (vgl. act. 27, S. 10; act. 1063782-30/16 [nachfolgend: act. 30],
S. 15). Dem Gesagten nach ist der Einwand der beeinträchtigten Aussage-
fähigkeit unbehelflich. Das SEM durfte demnach auf die protokollierten
Aussagen abstellen.
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Seite 10
7.
7.1 In der Sache selbst macht die Beschwerdeführerin eine Reflexverfol-
gung mit Bezug auf ihren in der Schweiz als Flüchtling anerkannten Sohn
E._ geltend. Bezüglich dieser Fluchtgründe hielt die Vorinstanz ins-
gesamt fest, diese würden weder den Anforderungen an die Flüchtlingsei-
genschaft gemäss Art. 3 AsylG noch denjenigen an die Glaubhaftigkeit ge-
mäss Art. 7 AsylG standhalten. Zur Glaubhaftigkeit brachte sie ein einziges
Argument vor, indem sie die Plausibilität der Verfolgung einer älteren Dame
im Kontext der irakischen Gesellschafts- und Staatsstruktur als zweifelhaft
erachtete. Sie verzichtete indes bezüglich der Behelligungen durch ver-
mummte Männer als solche und des angeblich letzten Vorfalls vor der Aus-
reise (Hausdurchsuchung, anlässlich welcher die Beschwerdeführerin
durch einen der Männer geschlagen worden sei und die Männer nach dem
Verlassen des Hauses anschliessend auf die Hausfassade geschossen
hätten) auf eine abschliessende Beurteilung der Glaubhaftigkeit und wür-
digte diese Vorbringen auch unter dem Blickwinkel von Art. 3 AsylG. Das
Bundesverwaltungsgericht nimmt in diesem Punkt eine Motivsubstitution
im Sinne von E. 3 oben vor und gelangt nachstehend zum Schluss, dass
die Beschwerdeführerin die angeführten Vorfälle nicht glaubhaft zu ma-
chen vermag.
7.1.1 Zunächst ist in diesem Zusammenhang festzustellen, dass sich die
Beschwerdeführerin bezüglich der Anzahl der Behelligungen durch ver-
mummte Männer in den (Nennung Dauer) vor ihrer Ausreise in einen er-
heblichen Widerspruch verstrickte. So führte sie in der Erstbefragung noch
an, die Männer seien sechs bis sieben Mal erschienen, währenddessen sie
in der Anhörung angab, diese seien sicher zehn oder 12 Mal zu ihr nach
Hause gekommen (vgl. act. 27 F52, S. 8; act. 30, F50). In der Anhörung
vermochte sie auf entsprechenden Vorhalt keine plausible Erklärung für
diesen augenfälligen Unterschied vorzubringen. So führte sie lediglich an,
sie wisse auch nicht, wie oft diese Leute zu ihr gekommen seien und sie
könne keine genaue Zahl angeben (vgl. act. 30, F67). Nachdem sie sich
jedoch sowohl in der Erstbefragung als auch in der Anhörung zur genauen
Anzahl der Vorsprachen zu äussern vermochte, überzeugt diese Begrün-
dung nicht. Auch der in der Stellungnahme vom 28. Februar 2022 in grund-
sätzlicher Hinsicht gemachte Einwand, wonach aufgrund ihrer psychischen
Leiden im Rahmen der Glaubhaftmachung ein gemilderter Massstab anzu-
wenden sei und inkonsistente Schilderungen und Erinnerungslücken nach-
vollziehbar seien, vermag angesichts der in E. 6.2 enthaltenen Argumen-
tation zu keiner anderen Einschätzung zu führen.
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Seite 11
7.1.2 Die Beschwerdeführerin hat sich denn auch hinsichtlich der letzten
Hausdurchsuchung in weitere Ungereimtheiten verstrickt. So bleibt nicht
nachvollziehbar, wie es ihrer ebenfalls im Haus anwesenden ledigen Toch-
ter gelungen sein soll, in einen Kleiderschrank zu flüchten, nachdem die
Männer nach dem überraschenden Aufstossen der Hauseingangstüre be-
reits vor der stets offenen Küchentüre gestanden seien (vgl. act. 30, F41,
F71). Ferner führte die Beschwerdeführerin in diesem Zusammenhang in
gegensätzlicher Weise aus, dass sie die ledige Tochter im Kleiderschrank
versteckt und die Schranktüre zugemacht habe, um hingegen später dazu
anzugeben, die Tochter habe sich selber im Schrank versteckt, was sie
(Beschwerdeführerin) nicht gewusst habe (vgl. act. 30, F38, F43, F44). Da-
bei ist logisch nicht nachvollziehbar, weshalb die insgesamt zehn das Haus
durchsuchenden Männer ausgerechnet den Kleiderschrank, in welchem
die Tochter versteckt gewesen sei, nicht geöffnet haben sollen (vgl. act. 30,
F38, F44). Ungereimt äusserte sich die Beschwerdeführerin ferner zum
Aufenthaltsort ihrer Tochter, nachdem die Männer die Haustüre aufgestos-
sen hätten. So seien einerseits ihre Töchter zu ihr in die Küche geeilt und
hätten gefragt, was los sei. Andererseits führte sie auf Vorhalt, wonach eine
Tochter ihren weiteren Angaben zufolge eben nicht in der Küche – da sich
diese versteckt habe – gewesen sei, an, nur eine Tochter beziehungsweise
die Mutter ihrer Enkelkinder habe sie gefragt, was los sei, die andere Toch-
ter habe sie gar nicht wahrgenommen (vgl. act. 30, F41, F46).
7.1.3 Weiter ist es als realitätsfern zu erachten, dass die Beschwerdefüh-
rerin einen der Aggressoren angesprochen und ihn über die Anwesenheit
ihrer Töchter im Haus informiert haben will, obwohl sich eine Tochter we-
gen angeblich zu leichter Bekleidung vor den Männern versteckt habe
(vgl. act. 30, F43, F48). Die Entgegnungen in der Stellungnahme vom
28. Februar 2022 bezüglich Zivilcourage erweisen sich als nicht stichhaltig.
So ist nicht das Ansprechen des betreffenden Mannes als solches als un-
glaubhaft zu beurteilen, sondern die unaufgeforderte Preisgabe der für die
Tochter kompromittierenden Information.
7.1.4 Aus den Aussagen der Beschwerdeführerin in der Anhörung ist zu
schliessen, dass sie allein deshalb geschlagen wurde, weil sie gegenüber
einem der Männer Vorwürfe erhob, obwohl sie jeweils – auch anlässlich
des letzten Vorfalls – aufgefordert wurde, still zu sein (vgl. act. 30, F33,
F38). Eine andere Schlussfolgerung ergibt sich jedoch aus ihren Angaben
in der Erstbefragung. So soll sie der betreffende Mann – ohne dass dieser
sie vorgängig angesprochen habe – allein deshalb geschlagen haben, um
Druck auf sie auszuüben (vgl. act. 27, F52, S. 8). Darin kann – entgegen
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Seite 12
der in der Stellungnahme vertretenen Ansicht – weder eine nachträgliche
Berichtigung noch eine Präzisierung einer vorherigen Äusserung erkannt
werden.
7.1.5 Aufgrund der in verschiedenen Punkten unstimmigen und logische
Lücken aufweisenden Schilderung zu den Abläufen der letzten Hausdurch-
suchung sind die entsprechenden Ausführungen der Beschwerdeführerin
als blosses Sachverhaltskonstrukt zu qualifizieren. Mithin erscheint auch
nicht glaubhaft, dass die Männer im Anschluss an diese letzte Hausdurch-
suchung Schüsse auf die Hausfassade abgegeben hätten. Gestützt wird
diese Einschätzung auch durch unlogische Äusserungen der Beschwerde-
führerin zur Motivation dieser Männer, sich ihres Sohnes E._ nach
dessen Haftentlassung zu bemächtigen und ihn allenfalls zu töten. So gab
sie als Grund an, ihr Sohn E._ sei im Besitz von Beweisen, dass
"diese Leute" unbewaffnete Personen getötet hätten; deshalb befürchteten
die Leute Nachteile für sich, weil E._ eines Tages gegen sie vorge-
hen könnte. Auf Nachfrage gab sie dazu an, E._ habe diese Be-
weise den staatlichen Behörden zwar gezeigt, aber ein Vorgehen gegen
diese Leute sei nicht möglich, da sie der Regierung angehörten (vgl.
act. A30, F58 f.). Demnach wäre ihr Sohn E._ trotz angeblicher Vor-
lage von Beweisen von den staatlichen Sicherheitskräften inhaftiert und für
(Nennung Dauer) eingesperrt worden, weshalb sich vor diesem Hinter-
grund das angebliche Verfolgungsmotiv "dieser Leute" als völlig unbegrün-
det erweist. Hinzu kommt, dass es logisch nicht nachvollziehbar ist, dass
ihr Sohn auch nach Verbüssung einer (Nennung Dauer) Haft nach seiner
Entlassung über (Nennung Dauer) in der dargelegten Form weiterhin be-
helligt worden sein soll, und dies, nachdem die Männer von der Beschwer-
deführerin jeweils darüber informiert worden sein sollen, dass sich
E._ gar nicht mehr im Land aufhalte (vgl. act. 30, F54). Schliesslich
äusserte sie sich auch zum ausschlaggebenden Grund für ihre Ausreise in
uneinheitlicher Weise, zumal sie im Rahmen der Anhörung einerseits an-
gab, sie sei ständig unter Druck gesetzt worden, habe sich beobachtet ge-
fühlt und Angst gehabt, dass ihr Sohn E._ wegen ihr in den Irak
zurückkehren und die Ehre ihrer Töchter verletzt werden könnte (vgl.
act. 30, F31), um andererseits ihren Ausreisentschluss auf ihre Angst, bei
einer weiteren Hausdurchsuchung durch maskierte Männer umgebracht zu
werden, zurück zu führen (vgl. act. 30, F64). Der Einwand, sie habe sich
aufgrund der zahlreich erlittenen Nachstellungen und ihres psychischen
Zustands nicht mehr genau an das fluchtauslösende Ereignis erinnern kön-
nen, was verständlich sei, überzeugt angesichts ihrer diesbezüglich präzi-
sen Angaben in den jeweiligen Befragungen nicht (vgl. auch E. 6.2 oben).
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7.1.6 Die eingereichte Filmaufnahme und das Foto, welches die Beschwer-
deführerin mit den anlässlich des letzten Vorfalls erlittenen Verletzungen
zeigen soll, sind als nicht beweiskräftig zu qualifizieren; sie lassen weder
einen Rückschluss auf das betreffende Ereignis noch auf den Hergang, wie
es zu diesen Verletzungen gekommen sein soll, zu. Diese Einschätzung
wird auch dadurch gestützt, dass der auf der Filmaufnahme in Englisch
gesprochene Text auf einen anderen als den dargelegten Hintergrund der
Verletzung hinweist (vgl. act. 27, F52, S. 8). Nachdem die Filmaufnahme
von der ledigen Tochter der Beschwerdeführerin gemacht worden sei, sind
die unterschiedlichen Aussagen dieser Drittperson – entgegen der in der
Stellungnahme vom 28. Februar 2022 vertretenen Ansicht – durchaus re-
levant, zumal die erwähnte Tochter beim fraglichen Vorfall ebenfalls zuge-
gen gewesen sein soll (vgl. act. 30, F38). Sodann vermögen die Fotos einer
Hausfassade mit Einschusslöchern nicht zu belegen, dass es sich dabei
tatsächlich um die Hausfassade der Familie der Beschwerdeführerin han-
delt und gegebenenfalls auch keinen Rückschluss auf den Grund, den Zeit-
punkt der Schussabgabe und den oder die Schützen zuzulassen.
7.1.7 Auch wenn insgesamt nicht ausgeschlossen werden kann, dass
Durchsuchungen im Haus der Beschwerdeführerin – wo sie zusammen mit
ihrem Sohn E._ gewohnt hatte – stattgefunden haben, namentlich
in der Zeit nach der Ausreise von E._, vermag die Beschwerdefüh-
rerin nicht glaubhaft zu machen, dass diese unter den dargelegten Um-
ständen und mit zunehmender Intensität und gezielt gegen sie gerichtet
stattgefunden haben.
7.2 Mit Blick auf die Prüfung der Vorbringen unter dem Gesichtspunkt von
Art. 3 AsylG ist – soweit diese als glaubhaft zu erachten sind – Folgendes
festzuhalten: Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende
Person die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie
Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten
muss, sofern ihr die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3
Abs. 1 AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, res-
pektive zugefügt zu werden drohen. Eine begründete Furcht vor Verfol-
gung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass
zur Annahme besteht, die Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeit-
punkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehba-
rer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit eben-
solcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müs-
sen demnach hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung
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vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor
Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Die
erlittene Verfolgung oder die begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung
muss zudem sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentschei-
des noch aktuell sein. Zudem muss feststehen, dass die von einer Verfol-
gung bedrohte Person über keine innerstaatliche Fluchtalternative verfügt
(vgl. BVGE 2011/51 E. 6 S. 1016 f.; 2008/4 E. 5.2 S. 37, m.w.H.).
Eine asylrelevante Intensität erreichen Angriffe auf die in Art. 3 AsylG ge-
nannten Rechtsgüter bei einer Gefährdung des Lebens dann, wenn eine
direkte und ernsthafte Todesgefahr vorliegt. Eine Gefährdung des Leibes
erreicht die geforderte Intensität dann, wenn dem Betroffenen ernsthafte
Verletzungen (physischer oder psychischer Natur) zugefügt worden sind.
Leichtere Eingriffe in die körperliche Integrität erreichen die nötige Intensi-
tät wiederum nicht. Auch nicht jedem Eingriff in die Bewegungsfreiheit
kommt Asylrelevanz zu. Bei der Beurteilung, ob erlittene Eingriffe intensiv
genug sind, ist mit zu berücksichtigen, dass mehrere Eingriffe in die in
Art. 3 genannten Rechtsgüter, die zwar für sich allein die nötige Intensität
nicht erreichen, insgesamt gesehen das Mass des Erträglichen überschrei-
ten können. Mehrere Eingriffe im obgenannten Sinne, die nicht intensiv ge-
nug sind, können zu einem unerträglichen psychischen Druck führen, der
für die betroffene Person ein weiteres Verbleiben im Heimatland verunmög-
licht. Dabei ist zu beachten, dass der geltend gemachte psychische Druck
objektiv gesehen nachvollziehbar sein muss. Zusammenfassend ergibt
sich, dass sich bezüglich der Frage der Intensität von Eingriffen keine ge-
nerellen Kriterien aufstellen lassen. Vielmehr ist im konkreten Einzelfall zu
entscheiden, ob die für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft not-
wendige Intensität der Beeinträchtigungen erreicht oder das Mass der Er-
träglichkeit eines psychischen Druckes überschritten ist.
7.2.1 Die Beschwerdeführerin führt an, nach der Ausreise von E._
hätten vermummte Personen, welche wahrscheinlich Angehörige einer Mi-
liz seien und zum Staat gehören würden, sich wiederholt gegen ihren Wil-
len Zutritt zu ihrem Haus verschafft, sie gestossen, beschimpft und bedroht
und jeweils das Haus auf der Suche nach E._ durchsucht (vgl. act.
27, F52, S. 8; act. 30, F30, F47, F73). Die Vorinstanz erkannte in der an-
gefochtenen Verfügung mit zutreffender Begründung, dass nicht die Be-
schwerdeführerin im Visier dieser (angeblich) dem irakischen Staatsappa-
rat zugehörigen Miliz stand, sondern deren Sohn E._ Gemäss den
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Darlegungen der Beschwerdeführerin haben diese Männer jeweils aus-
schliesslich E._ gesucht, auch wenn sie (die Beschwerdeführerin)
von den Suchmassnahmen als Hausbewohnerin mitbetroffen war. Dass die
Beschwerdeführerin den Männern jeweils gesagt habe, dass sich
E._ nicht mehr zuhause befinde, sondern ausgereist sei (vgl. act.
A30, F54), vermag nichts an der Schlussfolgerung zu ändern, dass im vor-
gebrachten Vorgehen dieser Männer keine gezielt gegen die Person der
Beschwerdeführerin gerichtete Verfolgung durch staatliche oder private Ak-
teure erkannt werden kann. Jene sind den Angaben zufolge auf der Suche
nach E._ gewesen und haben zu diesem Zweck die Beschwerde-
führerin nach dessen Verbleib befragt und lediglich am Rande und auch
nur dann von ihr Notiz genommen, wenn sie sich direkt an die Soldaten
gewandt hatte. Zwar mag der Umstand, dass die Beschwerdeführerin bei
den angeblich wiederholten Suchmassnahmen der Soldaten nach
E._ zugegen gewesen ist und dabei den Angaben nach mehrmals
beschimpft und bedroht worden ist, eine subjektive Furcht vor künftiger
Verfolgung als nachvollziehbar erscheinen lassen. Jedoch sind aus objek-
tiver Sicht mit Blick auf die Beschwerdeführerin keine (glaubhaften) Verfol-
gungsmassnahmen zu erkennen. Auch ist das einer Reflexverfolgung zu-
grundeliegende Motiv – es soll auf verfolgte Personen (wie E._)
Druck ausgeübt werden, indem ihre Angehörigen im Heimatstaat ernsthaf-
ten Nachteilen ausgesetzt werden – nicht ersichtlich. Überdies entbehren
diese Vorkommnisse auch einer asylbeachtlichen Intensität. Das Vorbrin-
gen, sie sei von einem der Männer mit dem Handrücken ins (Nennung Kör-
perteil) und mit dem (Nennung Gegenstand) auf (Nennung Körperteil) ge-
schlagen worden (vgl. act. 30, F32-33, F38-40, F47-50), ist – wie in E. 7.1
erwogen – als unglaubhaft zu qualifizieren.
7.2.2 Sodann ist zu berücksichtigen, dass sich die Beschwerdeführerin
trotz der dargelegten Furcht offenbar nicht veranlasst sah, ihren Wohnort
zu wechseln. Obwohl die Behelligungen während insgesamt (Nennung
Dauer) angedauert haben sollen und die Beschwerdeführerin und ihre
Töchter den Ausführungen zufolge jeweils als Kollaborateure beziehungs-
weise Agentinnen der (Nennung ausländische Bürger) beschimpft worden
sind (vgl. act. 27, F52, S. 8; act. 30, F30, F52 und F64) und die Männer
auch Drohungen ausgesprochen haben sollen (vgl. act. 30, F72 f.), ist ihr
– und auch ihren Töchtern – offensichtlich nichts Konkretes widerfahren.
Sie führte im vorinstanzlichen Verfahren denn auch nicht aus, dass sich die
Drohungen im Laufe der Jahre intensiviert hätten oder – entgegen der in
der Beschwerde vertretenen Ansicht – Anzeichen bestanden hätten, dass
sich diese in absehbarer Zeit verwirklichen würden. Beim Vorbringen der
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Beschwerdeführerin, es seien anlässlich des letzten Vorfalls mehrere
Schüsse auf ihre Hausfassade abgegeben worden, handelt es sich – wie
bereits erwogen – um eine nicht glaubhaft gemachte Parteibehauptung
(vgl. dazu und zur Beurteilung der diesbezüglich eingereichten Fotos E. 7.1
oben).
7.2.3 Mithin ist auch das Vorliegen eines unerträglichen psychischen
Drucks, der für die Beschwerdeführerin ein weiteres Verbleiben im Heimat-
land verunmöglicht hätte, zu verneinen (vgl. auch E. 7.2, 2. Absatz)
7.2.4 Im Weiteren hat die Vorinstanz zur Recht auf die Aussagen des in der
Schweiz als Flüchtling lebenden Sohnes E._ hingewiesen, aus de-
nen keine konkreten Hinweise zu entnehmen sind, dass die Beschwerde-
führerin wegen ihm gezielten Verfolgungsmassnahmen mit asylrelevanter
Intensität ausgesetzt gewesen wäre. Zur Vermeidung von Wiederholungen
kann auf die zutreffenden Ausführungen im angefochtenen Entscheid ver-
wiesen werden (vgl. SEM act. 1063782-43/8 [nachfolgend: act. 43], S. 3).
Die diesbezüglichen Entgegnungen auf Beschwerdeebene vermögen nicht
zu überzeugen, selbst wenn die Beschwerdeführerin das in ihren Augen
schlimmste und letzte Ereignis, das vorliegend jedoch als unglaubhaft zu
erachten ist, ihrem Sohn gegenüber erst später – nach seiner Anhörung –
genannt haben sollte. So gab E._ anlässlich seiner Anhörung am
(...) an, er stehe in ständigem Kontakt zu seinen – noch immer in
D._ lebenden – Angehörigen, wobei diese die normalen Sachen
angeben würden, die eben zwischen Familienmitgliedern ausgetauscht
würden. Dann verwies er auf seine (Nennung Verwandte), die wegen ihm
Probleme bekommen habe und sich habe scheiden lassen müssen. Dass
andere Familienangehörige wegen ihm in Schwierigkeiten stecken würden,
machte er jedoch nicht geltend und erwähnte insbesondere in diesem Zu-
sammenhang an keiner Stelle seine Mutter. Der Umstand, dass E._
zwar Probleme seiner (Nennung Verwandte) relativ ausführlich wiedergibt,
jedoch keine irgendwie gearteten Probleme betreffend seine Mutter er-
wähnt, bekräftigt das Gericht in seiner Schlussfolgerung, dass im Zeitpunkt
der Ausreise keine gezielte und konkrete Verfolgung oder Bedrohung der
Beschwerdeführerin vorgelegen haben kann. Der Einwand, die Darlegun-
gen von E._ in seiner Anhörung seien schlicht nicht vollständig ge-
wesen und er habe die durch ihn entstandenen Probleme der Beschwer-
deführerin damals für zu wenig schlimm befunden, vermag deshalb nicht
zu überzeugen. Ferner liegen keine Anhaltspunkte vor und solches wird
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auch nicht geltend gemacht, dass nach der Ausreise der Beschwerdefüh-
rerin gegen sie behördliche Massnahmen ergriffen worden wären oder sich
andere für sie relevante Vorkommnisse zugetragen hätten.
Bei dieser Sachlage erweist sich eine entsprechende subjektive Furcht vor
künftiger gezielter, asylrechtlich relevanter Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG als objektiv unbegründet.
7.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass keine asylrechtlich relevanten Ver-
folgungsgründe ersichtlich sind, weshalb die Vorinstanz zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneint und ihr Asylge-
such abgelehnt hat.
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Dier Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Da die Vorinstanz die Beschwerdeführerin in ihrer Verfügung vom 16. Feb-
ruar 2021 aufgrund der aktuell schwierigen Sicherheitslage im Irak wegen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufge-
nommen hat, entfällt ein schützenswertes Interesse an der (weiteren) Fest-
stellung der Unzulässigkeit oder der Unmöglichkeit des Wegweisungsvoll-
zugs. Die Gründe für die Anordnung dieser vorläufigen Aufnahme sind vom
Gericht nicht näher zu prüfen. Im Falle einer Aufhebung der vorläufigen
Aufnahme stünde der Beschwerdeführerin indessen wiederum die Be-
schwerde an das Bundesverwaltungsgericht offen, wobei in jenem Verfah-
ren sämtliche Vollzugshindernisse von Amtes wegen und nach Massgabe
der dannzumal herrschenden Verhältnisse von Neuem zu prüfen wären
(vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 m.w.H.).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
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11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Verfügung
der Instruktionsrichterin vom Zwischenverfügung vom 14. April 2021 das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen
wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle
Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist auf die Auferlegung von
Verfahrenskosten zu verzichten.
11.2 Mit derselben Verfügung wurde ausserdem das Gesuch um amtliche
Verbeiständung gutgeheissen (Art. 102m Abs. 1 AsylG) und der Be-
schwerdeführerin ihre Rechtsvertreterin als Rechtsbeiständin bestellt.
Demnach ist dieser ein amtliches Honorar für ihre notwendigen Aufwen-
dungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Am 24. Juni 2021 wurde
eine Kostennote eingereicht, welche die Replik betrifft. Hierin wurde ein
Vertretungsaufwand von insgesamt Fr. 1'824.– geltend gemacht, ausge-
hend von einem zeitlichen Aufwand von neun Stunden zu einem Stunden-
ansatz von Fr. 200.–. Der geltend gemachte zeitliche Aufwand für die Re-
daktion der Replik erscheint indessen im Vergleich zu ähnlich gelagerten
Fällen als überhöht und ist auf sechs Stunden zu kürzen. Weiter wurde in
der ergänzten Kostennote vom 17. März 2022 für die Redaktion des recht-
lichen Gehörs vom 28. Februar 2022 ein Aufwand von zwei Stunden gel-
tend gemacht, welcher als angemessen erscheint. Der zu entschädigende
Gesamtaufwand beläuft sich demnach auf acht Stunden. Der Stundenan-
satz von Fr. 200.– ist sodann – in der genannten Zwischenverfügung an-
gekündigt – auf Fr. 150.– zu kürzen (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE).
Der rubrizierten Rechtsvertreterin ist somit zu Lasten der Gerichtskasse ein
amtliches Honorar von Fr. 1'224.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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