Decision ID: 7c94233f-2b32-5973-b58a-d18d31a41cd0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge am 20. August 2019 und gelangte über Nepal und Frankreich am
6. November 2019 in die Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl nach-
suchte. Am 12. November 2019 wurde sie im Rahmen der Personalienauf-
nahme (PA) summarisch und im Rahmen der Anhörung am 19. Dezember
2019 einlässlich zu ihren Asylgründen angehört.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs brachte sie im Wesentlichen vor, chi-
nesische Staatsangehörige tibetischer Ethnie zu sein und aus dem Dorf
B._, in der Gemeinde C._, Kreis D._, Provinzbezirk
E._, Volksrepublik China zu stammen. Sie habe die Schule lediglich
während zweier Jahre besucht und habe sich danach, weil ihr Vater er-
krankt sei, um ihn gekümmert und in der Landwirtschaft gearbeitet. Im Jahr
2016 habe sie ein Bildnis vom Dalai Lama in ihrem Schlafzimmer aufge-
stellt gehabt, weswegen sie bei einer Hauskontrolle durch chinesische Sol-
daten geschlagen worden sei. Am (...) August 2019 sei sie mit ihrer Freun-
din und Nachbarin zu einem Kloster gegangen, wo sie mit Touristen über
Tibet gesprochen hätten. Auf dem Rückweg seien sie von der Polizei an-
gehalten worden, wobei ihre Freundin nach ihrer Adresse gefragt worden
sei. Zuhause angekommen sei bei ihrer Freundin bereits ein Polizeiauto
gewesen. Sie selbst sei nach Hause gegangen, habe sich versteckt und
habe beobachtet, wie ihre Freundin überprüft worden sei, weshalb sie am
selben Tag von zu Hause weggelaufen sei. Zu Fuss habe sie die Grenze
zu Nepal überquert, habe dort bei einem Bekannten ihres Onkels gelebt
und sei am (...) November 2019 über ein ihr unbekanntes Transitland nach
Frankreich geflogen.
B.
Mit Entscheid des SEM vom 27. Dezember 2019 wurde die Beschwerde-
führerin dem erweiterten Verfahren sowie dem Kanton F._ zugewie-
sen.
C.
Am 8. Januar 2020 führte die Fachstelle Lingua im Auftrag des SEM im
Hinblick auf eine Analyse der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse der
Beschwerdeführerin und ihres linguistischen Profils ein Telefoninterview
durch. Der Experte der Fachstelle kam aufgrund dieses Interviews in sei-
nem Gutachten vom 29. Januar 2020 zum Schluss, dass die Beschwerde-
E-2990/2020
Seite 3
führerin eindeutig nicht wie von ihr angegeben im Kreis D._ sozia-
lisiert worden sei, sondern in einer exiltibetischen Gemeinschaft aus-
serhalb der Volksrepublik China.
D.
Mit Schreiben vom 4. Februar 2020 gewährte die Vorinstanz der Beschwer-
deführerin das rechtliche Gehör und informierte sie unter Beilage der Qua-
lifikation der sachverständigen Person über den wesentlichen Inhalt des
sie betreffenden Lingua-Gutachtens.
E.
In ihrer Stellungnahme vom 30. März 2020 hielt die Beschwerdeführerin an
ihren Herkunftsangaben und dem angegebenen Ausreisezeitpunkt fest.
Soweit für den Entscheid relevant, wird später näher auf den Inhalt der
Stellungnahme eingegangen.
F.
Die Fachstelle Lingua liess die in der Stellungnahme der Beschwerdefüh-
rerin gerügten Punkte durch den Experten sowie durch einen weiteren Ti-
bet-Experten überprüfen.
G.
Mit Verfügung vom 13. Mai 2020 – eröffnet am 14. Mai 2020 – verneinte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin und wies ihr
Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug der Wegweisung an, wobei ein Wegweisungsvollzug in
die Volksrepublik China ausdrücklich ausgeschlossen wurde.
H.
Mit Beschwerde vom 9. Juni 2020 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragt die Beschwerdeführerin die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfü-
gung, die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung
von Asyl. Eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und die
vorläufige Aufnahme zu gewähren. Subeventualiter sei festzustellen, dass
der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei,
und die vorläufige Aufnahme anzuordnen sei. (Sub-)subsubeventualiter sei
die Sache unter Aufhebung der Verfügung zur Neubeurteilung an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG unter Verzicht auf
E-2990/2020
Seite 4
Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um die Einsetzung eines amtli-
chen Rechtsbeistands im Sinne von Art. 102m Abs. 1 AsylG (SR 142.31).
Der Beschwerde legte sie eine Fürsorgebestätigung des Amts für Migration
und Zivilrecht F._ vom 9. Juni 2020 bei.
I.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 11. Juni 2020 den Eingang
der Beschwerde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
E-2990/2020
Seite 5
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
4.3 Asylsuchende sind verpflichtet, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken. Sie müssen ihre Identität offenlegen sowie Reisepapiere und
Identitätsausweise abgeben. Der Untersuchungsgrundsatz findet unter an-
derem seine Grenzen an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person
(Art. 8 AsylG, vgl. BVGE 2014/12 E. 6 S. 213 f.).
5.
5.1 Zur Begründung ihres Entscheids führte die Vorinstanz aus, dass die
Vorbringen der Beschwerdeführerin den Anforderungen an die Glaubhaft-
machung gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten würden.
E-2990/2020
Seite 6
Zunächst verwies es detailliert auf die Ergebnisse der Lingua-Analyse, aus
welcher sich ergebe, dass die Beschwerdeführerin unerwartet falsche An-
gaben in Bezug auf ihre Gemeinde, den Provinzbezirk und Nachbardörfer
gemacht habe. Auch habe sie Orte als Gemeinden ihres Heimatkreises ge-
nannt, die diesen Status gar nicht besitzen würden. Zwar habe sie fünf wei-
tere Kreise von E._ richtig aufzählen können; der Umstand, dass
sie keine weiteren Nachbardörfer ihres Heimatdorfes C._ habe
nennen können, deute aber eher darauf hin, dass sie die Namen der Kreise
von sekundären Quellen kenne. Zudem habe sie nicht gewusst, wie der
Name der Hauptstadt ihres Provinzbezirks laute, was zu erwarten gewesen
wäre, zumal es sich um das Verwaltungszentrum ihres Heimatgebiets
handle. Zu den Distanzen zwischen den verschiedenen Orten habe sie teils
richtige, teils falsche Angaben gemacht. Nach der landwirtschaftlichen Be-
schaffenheit ihrer Heimat befragt, habe sie den Fluss (...) genannt – ein
sehr bekannter Fluss, der jedoch in grosser Entfernung zu D._
liege. Es sei erstaunlich, dass sie nicht den wichtigsten Fluss der Region,
der zwischen C._ und der Kreishauptstadt verlaufe, genannt habe.
Im Verlaufe des Gesprächs habe sie den Berg (...) erwähnt und ausgeführt,
dass die bevorzugte Zeit für eine Pilgerschaft nach der Ernte im Dezember
sei. Diese Angabe sei jedoch nicht zutreffend, selbst unter Berücksichti-
gung des traditionellen Kalenders. Es wäre zu erwarten gewesen, dass die
Beschwerdeführerin, deren Bruder in der Tourismusbranche tätig sei, dies
wisse. Weiter habe sie auch die Grösse ihrer Felder nicht angeben können,
obschon sie seit mehreren Jahren in der Landwirtschaft tätig sei. Unge-
wöhnlich sei in diesem Zusammenhang auch, dass ihre Familie ihren An-
gaben zufolge nur Gerste anpflanze. Die von ihr genannten Feldfrüchte,
die auch im Dorf angepflanzt würden, seien auch in vielen anderen Gebie-
ten inner- und ausserhalb Tibets verbreitet. Die Frage, wann Gerste geern-
tet und gesät würde, habe sie nur vage beantworten können, was in Anbe-
tracht des Umstandes, dass sie und ihre Familie in der Landwirtschaft tätig
seien und nur Gerste anpflanzen würden, ungewöhnlich sei.
In Bezug auf die behördlichen Dokumente habe sie zunächst korrekt aus-
geführt, wie sie ihren Personalausweis erhalten habe. Im Verlauf des Ge-
sprächs habe sie aber widersprüchliche Angaben bezüglich des persönli-
chen Kontakts mit dem Amt gemacht. Richtig sei die Aussage gewesen,
dass der Personalausweis (...). Falsch sei jedoch ihre Antwort hinsichtlich
des Materials des Ausweises gewesen. Zum Schulwesen habe sie zu-
nächst einige korrekte Angaben gemacht. In Bezug auf ihren Schuleintritt
habe sie aber, im Widerspruch zu ihrer Ausführung an der Anhörung, aus-
E-2990/2020
Seite 7
geführt, mit dreizehn Jahren eingeschult worden zu sein, was ohnehin un-
gewöhnlich sei. Insgesamt habe sie somit zwar einige landeskundlich-kul-
turelle Kenntnisse zur angegebenen Heimatregion machen können; es
seien aber einige Lücken und Unstimmigkeiten auszumachen, die vor dem
Hintergrund der geltend gemachten Biografie nicht erklärbar seien. Ausser-
dem habe eine Reduktion von Kasus festgestellt werden können, was für
die exiltibetische Koine kennzeichnend sei. In Bezug auf das Lexikon hät-
ten überwiegend Lexeme des Lhasa-Tibetischen und zwei Lexeme des
Exiltibetischen identifiziert werden können, wohingegen Lexeme des
D._-Dialekts nicht hätten gefunden werden können. Im Verlauf des
Gesprächs habe sie von sich aus nur wenige chinesische Lehnwörter ver-
wendet und einige kurze Sätze auf Chinesisch sagen können. Hingegen
sei sie nicht in der Lage gewesen, die im Tibet allgemein häufig verwende-
ten chinesischen Wörter ins Tibetische zu übersetzen. Daraus würde fol-
gen, dass ihre Chinesisch-Kenntnisse nicht die auf ihrer Biografie basie-
renden Erwartungen erfüllen würden. Vielmehr würden die gezeigten Chi-
nesisch-Kenntnisse darauf hindeuten, dass sie die Sprache von sekundä-
ren Quellen und nicht im Alltag erlernt habe. Mithin seien die Erwartungen
im landeskundlich-kulturellen Teil nur teilweise erfüllt worden.
Hinsichtlich der Sprech- und Sprachkompetenz der Beschwerdeführerin
sei in der Lingua-Analyse zunächst festgestellt worden, dass in Tibet wohn-
hafte Tibeter als Erstsprache ihren lokalen tibetischen Dialekt benutzen
würden. Der Kreis D._, der hier von Belang sei, habe mithin seinen
eigenen Dialekt. Ausserdem liege im Kreis D._ eine tibetisch-chine-
sische Bilingualität vor. Es sei grundsätzlich anzunehmen, dass gerade jün-
gere Leute mindestens über Grundkenntnisse des Chinesischen verfügen
würden. Tibeter, die ausserhalb Tibets sozialisiert worden seien, würden
ausserdem anders sprechen als Personen, die in Tibet sozialisiert worden
seien. Im Exil habe sich eine Varietät herausgebildet, die als «exiltibetische
Koine» bezeichnet werde. Aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin
sei davon auszugehen, dass sie muttersprachlich den tibetischen Dialekt
von D._ spreche. Insbesondere habe sie vor ihrer Ausreise nur in
diesem Kreis gelebt; der zweimonatige Aufenthalt in Nepal und ihr bisheri-
ger Aufenthalt in der Schweiz könne aufgrund der kurzen Dauer vernach-
lässigt werden. Zudem sei zu erwarten gewesen, dass sie Kenntnisse ein-
facher chinesischer Wörter und Redewendungen habe. Sowohl auf der
Ebene der Phonetik/Phonologie als auch der Morphologie habe sich aber
gezeigt, dass die Sprache der Beschwerdeführerin, dort wo sich der Dialekt
von D._ von demjenigen Lhasas unterscheide, überwiegend Ge-
meinsamkeiten mit dem Dialekt von Lhasa zeige.
E-2990/2020
Seite 8
Zusammenfassend sei festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin auf-
grund der landeskundlich-kulturellen Evaluation sowie der linguistischen
Analyse eindeutig nicht wie vorgebracht im Kreis D._, Gebiet
E._, Autonomes Gebiet Tibet sozialisiert worden sei. Ihre Sozialisa-
tion habe eindeutig in der exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der
Volksrepublik China stattgefunden.
Weiter erwog das SEM, in der Stellungnahme im Rahmen der Gewährung
des rechtlichen Gehörs habe die Beschwerdeführerin ausgeführt, dass ei-
nige ihrer Antworten in der Lingua-Analyse fehlerhaft wiedergegeben wor-
den seien und wichtige Details fehlen würden. Die Lingua-Analyse und die
daraus gezogenen Schlüsse seien höchst fraglich. Aufgrund dessen sei die
Stellungnahme der Beschwerdeführerin vom 30. März 2020 zur Beurtei-
lung an die Fachstelle Lingua weitergeleitet worden, welche die von der
Beschwerdeführerin bemängelten Punkte von der sachverständigen Per-
son, welche den Bericht verfasst habe, habe überprüfen lassen. Ausser-
dem sei bezüglich der Stellen, in denen die Beschwerdeführerin etwas An-
deres gehört haben solle als die sachverständige Person, ein weiterer Ti-
bet-Experte hinzugezogen worden. Soweit die Beschwerdeführerin ihr
mangelndes Wissen im Bereich der administrativen Einteilung mit der ge-
ringen Schulbildung erklärt habe, sei auszuführen, dass es sich dabei um
Wissen des alltäglichen Lebens in Tibet handelt und entsprechend relevant
sei, so dass ihre Erklärung nicht überzeugend sei. In Bezug auf die Un-
stimmigkeiten die Beschaffenheit des Personalausweises betreffend habe
sie in der Stellungnahme ausgeführt, nicht nach dem Material gefragt wor-
den zu sein. Beide Experten hätten diese Aussage jedoch nicht bestätigen
können, sei sie doch explizit nach dem Material des Personalausweises
gefragt worden und habe die Frage falsch beantwortet. Zur Distanzangabe
zwischen den Dörfern C._ und G._ habe sie in der Stellung-
nahme festgehalten, dass sie im Interview gesagt habe, dass G._
10 Minuten mit dem Auto und 30 Minuten zu Fuss von C._ entfernt
sei. Auch dies treffe gemäss der Beurteilung beider Experten nicht zu. Ihre
Erklärung, sie habe den Grenzmarkt von D._ nicht gekannt, sei auf
ein Problem der Benennung zurückzuführen, sei ausserdem nicht plausi-
bel, da es sich dabei um eine verständliche Abkürzung der offiziellen Be-
zeichnung handle. Des Weiteren habe sie bemängelt, dass ihre Aussage
bezüglich der Pilgerzeit in der Lingua-Analyse falsch wiedergegeben wor-
den sei. Tatsächlich treffe es zwar zu, dass die Interviewerin nicht den ex-
pliziten Begriff der Pilgerschaft verwendet habe. Die von der Beschwerde-
führerin angegebene Zeit für Touristenbesuche des betreffenden Berges
sei aber ungeachtet der Frage der Pilgerschaft nicht zutreffend. Auch der
E-2990/2020
Seite 9
Vorwurf, die Daten bezüglich des Gerstenanbaus seien in der Analyse
falsch wiedergegeben worden, sei zurückzuweisen, zumal nicht nach der
westlichen Zeitrechnung gefragt worden sei. Die Erklärung, ihre Eltern
seien in das D._-Gebiet zugezogen und würden daher nur den
Lhasa-Dialekt sprechen, vermag ebenso wenig zu überzeugen, da die Be-
schwerdeführerin anlässlich des Lingua-Gesprächs gegenteilige Angaben
zur Herkunft ihrer Eltern gemacht habe. Schliesslich sei auch dem Vorwurf,
sie habe sehr wohl Alltagsgegenstände im D._-Dialekt benennen
können, nicht zu folgen, da bei ihrer Sprache keinerlei Übereinstimmungen
auf der lexikalischen Ebene mit dem D._-Dialekt hätten festgestellt
werden können. Auch nach Abwägung der von der Beschwerdeführerin in
der Stellungnahme vorgebrachten Punkte sei festzuhalten, dass sie der
Feststellung der sachverständigen Personen nichts Essentielles habe ent-
gegenbringen können. Vor diesem Hintergrund sei festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin zwar tibetischer Ethnie sei, aufgrund der Lingua-Ana-
lyse aber die Sozialisation eindeutig in der exiltibetischen Gemeinschaft
ausserhalb der Volksrepublik Chinas stattgefunden habe.
Da davon auszugehen sei, dass die Beschwerdeführerin nicht in der von
ihr vorgebrachten Region sozialisiert worden sei, würden auch den von ihr
geltend gemachten Asylgründen die Grundlage entzogen. Dies werde
durch ihre substanzarmen und nicht nachvollziehbaren Ausführungen, de-
nen jegliche Realkennzeichen fehlen würden, untermauert.
5.2 Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber in der Beschwerde
geltend, dass sie seit ihrer Geburt bis zur Ausreise 2019 im Autonomen
Gebiet Tibets gelebt habe und dort sozialisiert worden sei. In Tibet sei es
verboten, Bilder des Dalai-Lama zu besitzen und aufzustellen, weswegen
sie im Jahre 2016 von zwei chinesischen Soldaten brutal geschlagen und
mit heissem Wasser verbrüht worden sei. Am (...) August 2019 habe sie
mit einer Freundin beim Kloster H._ Touristen angetroffen und
ihnen erzählt, dass sie in Tibet keine Freiheit hätten und dass es verboten
sei, ein Bild des Dalai-Lama aufzustellen. In der Folge sei ihre Freundin bei
sich zu Hause von der Polizei überprüft worden, während die Beschwerde-
führerin selbst zu ihrem Onkel gegangen sei. Ihre Freundin habe den Poli-
zisten erzählt, dass sie, die Beschwerdeführerin, beim Gespräch mit den
Touristen ebenfalls zugegen gewesen sei, weswegen die Polizei auch bei
ihrer Mutter nach ihrem Aufenthaltsort gefragt habe. Man bringe sich in Ti-
bet in Gefahr, könne deswegen verhaftet, gefoltert und getötet werden,
wenn man sich gegenüber dem chinesischen Regime kritisch äussere.
Ausserdem seien die Haftbedingungen in den chinesischen Gefängnissen
E-2990/2020
Seite 10
äusserst prekär. Aus diesen Gründen sei sie geflüchtet. In Bezug auf die
angebrachten Zweifel an der Lingua-Analyse sei auf die Stellungnahme
vom 30. März 2020 zu verweisen. Zudem seien ihre Asylgründe inhaltlich
logisch. Sie habe gezielt gelernt, ihre Geschichte auf Englisch zu erzählen,
während ihre Freundin besser Englisch spreche als sie, weswegen wohl
auch nur sie von der Polizei verhaftet worden sei. Nachdem ihre Freundin
den Beamten wohl erzählt habe, was sie, die Beschwerdeführerin, zu den
Touristen gesagt habe, hätte die Polizei auch sie verhaften wollen. Ausser-
dem habe sie, entgegen der Ansicht der Vorinstanz, ihre Flucht in Einzel-
heiten schildern können, beispielsweise wie sie einen Fluss überquert
habe, dass sie nachts unterwegs gewesen sei und wie lange die Reise
gedauert habe. Insgesamt seien ihre Vorbringen daher glaubhaft und sub-
stantiiert und sie würde die Voraussetzungen einer Verfolgung beziehungs-
weise einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung erfüllen. Even-
tualiter sei anzuerkennen, dass eine Rückkehr unzulässig sei, da sie das
Land illegal verlassen habe. Laut unabhängigen Experten würden illegal
ausreisende Tibeter, die im Ausland ein Asylgesuch gestellt hätten, zu den
Risikogruppen zählen. Die Beschwerdeführerin rügt überdies eine Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör.
6.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, es sei ihr die Einsicht in die Stel-
lungnahme der Lingua-Experten verwehrt worden, welche diese zu ihrer
Eingabe vom 30. März 2020 verfasst hätten; es sei mithin nicht möglich,
nachzuvollziehen, in wieweit auf ihre Einwände eingegangen worden sei.
Das SEM habe sich mit ihren Einwänden zur Lingua-Analyse nicht ausrei-
chend auseinandergesetzt und damit die Begründungspflicht verletzt.
Diese formelle Rüge erweist sich als unbegründet. Die Vorinstanz hat im
angefochtenen Entscheid sämtliche Akten, namentlich die Anhörungspro-
tokolle, das LINGUA-Gutachten und die Stellungnahme hierzu berücksich-
tigt und ausführlich dargelegt, aus welchen Gründen sie zur Einschätzung
gelangt, dass die Beschwerdeführerin nicht wie angegeben sozialisiert
wurde. Dabei hat sie alle wesentlichen Aspekte in ihrer sehr ausführlichen
Verfügung angeführt und sich mit dem Vorbringen der Beschwerdeführerin
in ihrer Stellungnahme einlässlich auseinandergesetzt. Für eine Rückwei-
sung des Verfahrens besteht kein Raum.
E-2990/2020
Seite 11
7.
7.1 Im unter BVGE 2014/12 publizierten Urteil vom 20. Mai 2014 präzisierte
das Bundesverwaltungsgericht seine Praxis gemäss EMARK 2005 Nr. 1
dahingehend, dass bei Personen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Her-
kunft verschleiern oder verheimlichen, vermutungsweise davon auszuge-
hen ist, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe ge-
gen eine Rückkehr an ihren bisherigen Aufenthaltsort bestehen; denn die
Abklärungspflicht der Asylbehörden findet ihre Grenze an der Mitwirkungs-
pflicht der asylsuchenden Person. Für asylsuchende Personen tibetischer
Ethnie, welche unglaubhafte Angaben über ihren angeblichen Sozialisie-
rungsraum in China machen und vermutungsweise im Exil, vorab in Indien
oder Nepal, gelebt haben, bestehen grundsätzlich folgende mögliche
Konstellationen bezüglich der Staatsangehörigkeit:
a. Besitz der chinesischen Staatsangehörigkeit ohne Aufenthaltsbewilli-
gung in Nepal oder Indien (blosse Duldung im betreffenden Drittstaat);
b. Besitz der chinesischen Staatsangehörigkeit mit entsprechender Auf-
enthaltsbewilligung im Drittstaat Nepal oder Indien;
c. Besitz der Staatsangehörigkeit von Nepal oder Indien (mit dem damit
einhergehenden Verlust der chinesischen Staatsangehörigkeit).
7.2 Daraus ergibt sich folgendes Prüfschema: Besitzt die betreffende Per-
son die chinesische Staatsangehörigkeit und verfügt sie gleichzeitig über
eine Aufenthaltsberechtigung im Drittstaat Nepal oder Indien (Konstella-
tion b) oder wird die Person im betreffenden Drittstaat zumindest gelduldet
(Konstellation a), wäre eine Prüfung der Drittstaatenregelung im Sinne von
Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG durch die Asylbehörden möglich, vorausge-
setzt die asylsuchende Person legt den schweizerischen Behörden alle
Fakten im Verfahren dar. Bei der Konstellation b dürften im Regelfall die
Voraussetzungen der Drittstaatenregelung gegeben sein. Hat die asylsu-
chende Person die Staatsangehörigkeit von Nepal oder Indien erlangt
(Konstellation c), besitzt sie die chinesische Staatsangehörigkeit nicht, res-
pektive nicht mehr, da sie gemäss chinesischer Rechtslage durch den Er-
werb einer anderen Staatsbürgerschaft die chinesische Nationalität ver-
liert. Diesfalls wäre die Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf Nepal bezie-
hungsweise Indien zu prüfen. Vermutungsweise gilt, dass die asylsu-
chende Person im Land ihrer (neu erlangten) Staatsangehörigkeit keine
asylrelevante Gefährdung zu befürchten hat, wenn sie keine entsprechen-
den Vorbringen glaubhaft vorträgt (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.8). Zusammen-
fassend wurde demnach festgestellt, dass für Angehörige der tibetischen
E-2990/2020
Seite 12
Ethnie sowohl in Nepal als auch in Indien die Möglichkeit besteht, unter
gewissen Bedingungen eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten bezie-
hungsweise dass es unter engen Voraussetzungen auch möglich ist, die
entsprechende Staatsangehörigkeit zu erwerben, womit infolge Erwerbs
einer neuen die chinesische Staatsangehörigkeit untergeht. Allerdings
muss davon ausgegangen werden, dass die in Nepal und Indien lebenden
Exil-Tibeterinnen und -Tibeter grösstenteils keine neue Staatsangehörig-
keit erworben haben und nach wie vor chinesische Staatsangehörige sind.
7.3 Verunmöglicht eine tibetische asylsuchende Person durch die Verlet-
zung ihrer Mitwirkungspflicht allerdings die Abklärung, welchen effektiven
Status sie in Nepal respektive in Indien innehat, kann keine Drittstaatenab-
klärung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden. Im Übrigen
wird durch die Verheimlichung und Verschleierung der wahren Herkunft
auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Person in
Bezug auf ihr effektives Heimatland verunmöglicht (vgl. BVGE 2014/12
E. 5.9 f.).
8.
Die Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzlichen Erwägungen zu
bestätigen sind.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt mit der Vorinstanz übereinstim-
mend zum Schluss, dass die von der Beschwerdeführerin behauptete Her-
kunft aus dem Kreis D._ nicht glaubhaft erscheint. Zur Vermeidung
von Wiederholungen kann vorab auf die überzeugenden und ausführlichen
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (angefochtene Verfügung
S. 3 ff., siehe auch oben E. 5.1).
8.2 Vorweg ist festzuhalten, dass die Identität der Beschwerdeführerin
nicht feststeht. Sie hat sowohl im vorinstanzlichen Verfahren als auch im
Beschwerdeverfahren weder Ausweispapiere noch Beweismittel einge-
reicht, die geeignet wären, etwas zur Klärung ihrer Identität und ihres Her-
kunftslandes beizutragen.
8.3 Im Weiteren hat die Vorinstanz sich auch inhaltlich zu Recht auf die
Ergebnisse des Lingua-Gutachtens abgestützt. Sofern bestimmte Anforde-
rungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität der sach-
verständigen Person wie auch an die inhaltliche Schlüssigkeit und Nach-
vollziehbarkeit der Analyse erfüllt sind, ist einer Lingua-Analyse nach der
E-2990/2020
Seite 13
Rechtsprechung erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2014/12
E. 4.2.1 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 14 E. 7 und EMARK 1998 Nr. 34).
8.3.1 Die fachliche Eignung der sachverständigen Person steht vorliegend
ausser Frage. Inhaltlich erscheint der LINGUA-Bericht vom 29. Januar
2020 ausgewogen. In diesem Zusammenhang ist zunächst darauf hinzu-
weisen, dass für die Einschätzung der landeskundlichen Kenntnisse sowie
des sprachlichen Ausdrucks der Beschwerdeführerin dem von ihr behaup-
teten biografischen Hintergrund ausdrücklich Rechnung getragen wurde.
Gestützt auf eine linguistische Analyse, welche vom soziolinguistischen
Profil der angeblichen Herkunftsregion der Beschwerdeführerin ausging,
wurden Phonetik/Phonologie, Morphologie und Lexikon ihres effektiven
Sprachgebrauchs mit dem zu erwartenden sprachlichen Profil abgegli-
chen. Für die Aussagekraft des Ergebnisses des Lingua-Berichtes spricht
auch die Tatsache, dass nicht nur Aspekte abgehandelt wurden, welche
gegen eine Sozialisation in der angeblichen Heimatregion sprechen, son-
dern auch diejenigen, welche dafür sprechen.
8.3.2 So trifft es zwar zu, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen der Be-
fragungen sowie im Lingua-Gespräch einige geografische und landes-
kundliche Gegebenheiten der von ihr angegebenen Herkunftsregion kor-
rekt zu benennen vermochte. Andererseits weisen ihre diesbezüglichen
Angaben aber auch auffallende Lücken und Fehler auf. Weder den Aus-
führungen im Rahmen des rechtlichen Gehörs noch in der Beschwerde,
die sich im Übrigen zum Lingua-Gespräch gar nicht äussert, lassen sich
stichhaltige Argumente entnehmen, welche geeignet wären, die klaren
Schlussfolgerungen des Lingua-Gutachters zu entkräften. Insbesondere
wurden die von der Beschwerdeführerin in ihrer Stellungnahme vom
30. März 2020 aufgeführten Unstimmigkeiten einem zweiten Experten vor-
gelegt, der die Einschätzung des ersten Lingua-Gutachters teilte. Dem Fa-
zit der sachverständigen Person, die Beschwerdeführerin sei mit Sicherheit
nicht im Kreis D._, sondern in einer exiltibetischen Gemeinschaft
ausserhalb der Volksrepublik China sozialisiert worden, kommt vor diesem
Hintergrund erhebliches Gewicht zu.
8.4 Im Zusammenhang mit der Glaubhaftigkeitsprüfung zu berücksichtigen
sind aber nicht nur die Herkunftsangaben, sondern auch die Schilderungen
der Fluchtursache. Diesbezüglich hat die Vorinstanz zutreffend festgestellt,
dass es den Ausführungen der Beschwerdeführerin an Substanziiertheit
und an Realkennzeichen fehlt (angefochtene Verfügung S. 7 f.). Die Be-
E-2990/2020
Seite 14
schwerdeführerin vermochte dem auch im vorliegenden Beschwerdever-
fahren nichts Substanziiertes entgegenzuhalten. Die Beschwerde er-
schöpft sich vielmehr in einer Wiederholung der bereits an der Anhörung
getätigten Aussagen.
8.5 Nach dem Gesagten ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin vor ihrer Ankunft in der Schweiz
nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exil-tibetischen Diaspora
gelebt hat. Namhafte exil-tibetische Gemeinschaften gibt es – nebst der
Schweiz und Nordamerika – lediglich in Indien und Nepal. Es ist somit im
Sinne einer Vermutung anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin in den
vergangenen Jahren in Indien oder Nepal gelebt hat. Folglich wäre grund-
sätzlich zu prüfen, ob sie über die chinesische Staatsangehörigkeit verfügt,
was eine Prüfung der Drittstaatenregelung im Sinne von Art. 31a Abs. 1
AsylG mit sich bringen würde, oder ob sie die indische oder nepalesische
Staatsangehörigkeit erworben hat, was zur Folge hätte, dass das Vorliegen
einer asylrelevanten Gefährdung hinsichtlich eines jener Staaten zu prüfen
wäre. Das Gericht ist indes wie das SEM der Auffassung, dass die Be-
schwerdeführerin ihre Mitwirkungspflicht in nicht entschuldbarer Weise ver-
letzt hat und dadurch den Behörden nähere Abklärungen – die Abklärungs-
pflicht der Asylbehörden findet, wie bereits festgehalten, ihre Grenze bei
der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person – sowie eine Rückschaf-
fung in seinen tatsächlichen Heimatstaat verunmöglicht. Die Beschwerde-
führerin hat die Folgen dieses Verhaltens zu tragen (vgl. BVGE 2014/12
E. 5.10).
8.6 Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass zwar davon auszu-
gehen ist, dass die Beschwerdeführerin tibetischer Ethnie ist. Jedoch ent-
behren ihre Vorbringen hinsichtlich des Ortes ihrer hauptsächlichen Sozia-
lisation und ihre Asylvorbringen insgesamt der Glaubhaftigkeit. Folglich ist
es ihr nicht gelungen, für den Zeitpunkt ihrer Ausreise eine asylrechtlich
relevante Verfolgung, die sie in ihrer Heimat erlitten hat oder in begründeter
Weise zukünftig befürchten müsste, aufzuzeigen oder glaubhaft zu ma-
chen. Die Beschwerdeführerin vermag weder die Flüchtlingseigenschaft im
Zeitpunkt ihrer Ausreise noch subjektive Nachfluchtgründe (illegale Aus-
reise aus dem Heimatstaat) nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu
machen. Das SEM hat somit zu Recht ihre Flüchtlingseigenschaft verneint
und ihr Asylgesuch abgelehnt.
E-2990/2020
Seite 15
9.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylge-
such ablehnt oder darauf nicht eintritt. Die Beschwerdeführerin verfügt we-
der über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen
Anspruch auf Erteilung einer solchen (BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegwei-
sung ist nicht zu beanstanden.
10.
In Bezug auf den Vollzug der Wegweisung hält die Vorinstanz vorab fest,
die Beschwerdeführerin habe die geltend gemachte Herkunft nicht glaub-
haft gemacht. Das Gericht folgt der Vorinstanz sowohl in diesem Punkt als
auch hinsichtlich der weiteren diesbezüglichen Erwägungen (vgl. ange-
fochtene Verfügung S. 5). Ihre Herkunft und Staatsangehörigkeit gilt des-
halb als unbekannt.
11.
11.1 Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvoll-
zugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersuchungspflicht fin-
det aber, wie bereits vorstehend ausgeführt, ihre Grenzen an der Mitwir-
kungspflicht der Beschwerdeführerin. Es ist nicht Sache der Behörden, bei
fehlenden Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in
hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Die Beschwerdeführerin hat
die Folgen ihrer fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der
Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts ge-
gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort, da dieser den Behör-
den unbekannt ist und die Beschwerdeführerin damit keine konkreten,
glaubhaften Hinweise geliefert hat, die gegen eine Rückkehr dorthin spre-
chen würden.
11.2 In Übereinstimmung mit der Dispositivziffer 5 der angefochtenen Ver-
fügung ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen
und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach China im Sinne von Art. 45
Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen wird, da ihnen dort gegebenenfalls
Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn beziehungsweise eine men-
schenunwürdige Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht (vgl. BVGE
2014/12 E. 5.11).
11.3 Es obliegt der Beschwerdeführerin, sich die für eine Rückkehr allen-
falls benötigten Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
E-2990/2020
Seite 16
bezeichnen ist. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme aus-
ser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
13.1 Die mit der Beschwerde gestellten Gesuche um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines amtlichen Rechts-
beistandes (vgl. Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 102m Abs. 1 AslyG)
sind unbesehen der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerin ab-
zuweisen, da die Beschwerde gemäss den vorstehenden Erwägungen als
aussichtslos zu bezeichnen ist und es daher an einer gesetzlichen Voraus-
setzung für deren Gewährung fehlt.
13.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
13.3 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
wird mit dem vorliegenden Entscheid gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
E-2990/2020
Seite 17