Decision ID: 63a650e5-fafe-4589-bb39-072ee38ba7c6
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
I. Sachverhalt:
1. A._, Jahrgang 1983, war zuletzt als Küchenangestellter tätig. Am
28. Oktober 2020 meldete er einen Anspruch auf
Arbeitslosenversicherungstaggeld im Umfang von 100 % ab demselben
Datum an.
2. Mit Verfügung vom 23. Juni 2021 stellte das Amt für Industrie, Gewerbe
und Arbeit Graubünden (nachfolgend KIGA) A._ für 18 Tage in
der Anspruchsberechtigung ein, da er eine nicht amtlich zugewiesene
Stelle durch sein Verhalten faktisch abgelehnt habe. Strafmildernd
berücksichtigte es jedoch, dass es sich bei der zugewiesenen Stelle um
eine Teilzeit-Anstellung gehandelt hätte. Ebenfalls am 23. Juni 2021
verfügte das KIGA die Einstellung von weiteren 3 Tagen, da sich
A._ persönlich nicht genügend um zumutbare Arbeit bemüht
habe.
3. Gegen beide Verfügungen erhob A._ am 25. Juni 2021
Einsprache. Begründend brachte er gegen die 18 Einstellungstage im
Wesentlichen vor, dass er zum Vorstellungsgespräch für die angebotene
Stelle beim B._ in C._ erschienen sei, man ihn dort lange
habe warten lassen, bis er wegen Kinderbetreuungspflichten habe
heimgehen müssen. Man habe abgemacht, einen neuen Termin zu
vereinbaren, doch habe ihm seine Personalberaterin zwischenzeitlich
gesagt, dass er an einem Kurs teilnehmen solle, was er dann so mitgeteilt
habe. Des Weiteren begründete er die zweite Einsprache gegen die 3
Einstelltage damit, dass er auf Deutsch nicht schreiben könne, weshalb er
lediglich telefonische Arbeitsbemühungen nachgewiesen habe.
4. Mit Einspracheentscheid vom 1. Juli 2021 wies das KIGA die Einsprache
ab.
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5. A._ (nachfolgend Beschwerdeführer) erhob am 7. Juli 2021
Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Darin
beantragt er sinngemäss die Aufhebung der Einstellung in der
Anspruchsberechtigung gemäss Einspracheentscheid des KIGA vom 1.
Juli 2021.
6. Das KIGA (nachfolgend Beschwerdegegner) hielt mit Beschwerdeantwort
vom 29. Juli 2021 an seinem Einspracheentscheid vom 1. Juli 2021 fest
und beantragte die Beschwerdeabweisung. Begründet wird der
Abweisungsantrag damit, dass der Beschwerdeführer weder den
Kontaktversuch des möglichen Arbeitgebers noch dessen Aussage, der
Beschwerdeführer hätte eine Teilzeitstelle beim B._ in
C._ abgelehnt, bestreitet. Nachdem der Beschwerdeführer zum
Zeitpunkt des Kontaktversuchs bereits mehr als vier Monate arbeitslos
gewesen sei, hätte er wissen müssen, dass eine Stelle einer
arbeitsmarktlichen Massnahme immer vorzuziehen sei. Bei
diesbezüglichen Zweifeln hätte er dies mit seiner Personalberaterin klären
müssen. Diese habe dem Beschwerdeführer im Übrigen zu keinem
Zeitpunkt mitgeteilt, er müsse ins Einsatzprogramm, statt eine Stelle
anzutreten. Des Weiteren sei der Beschwerdeführer anlässlich eines
Beratungsgesprächs vom 15. Januar 2021 angewiesen worden, sich
vermehrt persönlich um Arbeit zu bemühen. Entgegen dieser Weisung
habe sich der Beschwerdeführer im Februar 2021 erneut nur telefonisch
beworben und es hätten grossteils die notwendigen Angaben für eine
Prüfung der Arbeitsbemühungen gefehlt. Dadurch habe der
Beschwerdeführer erneut eine mögliche Prüfung der Arbeitsbemühungen
vereitelt. Beide Einstellungen in der Anspruchsberechtigung seien damit
zu Recht erfolgt.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in ihren Rechtsschriften sowie
auf die eingereichten Beweismittel wird, soweit erforderlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.
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Considerations:
II. Die Einzelrichterin zieht in Erwägung:
1.1. Anfechtungsobjekt ist der Einspracheentscheid des Beschwerdegegners
vom 1. Juli 2021, womit er die Einsprache des Beschwerdeführers gegen
beide Verfügungen vom 23. Juni 2021 abwies und an der Einstellung in
der Anspruchsberechtigung für insgesamt 21 Tage festhielt. Gemäss Art.
1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR
837.0) i.V.m. Art. 2 sowie Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) kann gegen Einspracheentscheide aus dem Bereich der
Arbeitslosenversicherung Beschwerde beim kantonalen
Versicherungsgericht erhoben werden. Nach Art. 100 Abs. 3 AVIG i.V.m.
Art. 128 Abs. 2 der Verordnung über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02)
ist für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen
(Einspracheentscheide) einer kantonalen Amtsstelle das
Verwaltungsgericht desselben Kantons örtlich zuständig. Der
angefochtene Einspracheentscheid wurde vom KIGA als kantonale
Amtsstelle im Sinne von Art. 85 AVIG erlassen, sodass die örtliche
Zuständigkeit des angerufenen Gerichts gegeben ist. Die sachliche
Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden ergibt
sich aus Art. 57 ATSG i.V.m. Art. 49 Abs. 2 lit. a des kantonalen Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100). Als Adressat des
angefochtenen Entscheids ist der Beschwerdeführer berührt und weist ein
schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung auf,
weshalb er zur Beschwerdeerhebung legitimiert ist (vgl. Art. 59 ATSG).
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Auf die im Übrigen frist- und formgerecht am 7. Juli 2021 eingereichte
Beschwerde (vgl. Art. 60 und Art. 61 lit. b ATSG) ist demnach einzutreten.
1.2. Das Verwaltungsgericht entscheidet in einzelrichterlicher Kompetenz,
wenn der Streitwert CHF 5'000.-- nicht überschreitet (Art. 43 Abs. 3 lit. a
VRG) und keine Fünferbesetzung (Art. 43 Abs. 2 VRG) vorgeschrieben ist.
Ausgangspunkt für die Bemessung des Streitwerts ist vorliegend der
versicherte Verdienst (Art. 23 AVIG) des Beschwerdeführers von
CHF 4'545.--. Dieser Verdienst wird zum Taggeldsatz von 80 % (Art. 22
Abs. 2 AVIG) entschädigt. Der Beschwerdeführer hat demzufolge
Anspruch auf ein Taggeld von CHF 167.55 (ermittelt aus: CHF 4'545.-- x
0.8 : 21.7 Tage [Art. 40a AVIV]). Aus der vom Beschwerdegegner
verfügten, hier angefochtenen Einstellungsdauer von insgesamt 21 Tagen
in der Anspruchsberechtigung ergibt sich ein Streitwert von CHF 3'518.55
(21 x CHF 167.55). Da der Streitwert somit unter CHF 5'000.-- liegt und
die Streitsache nicht in Fünferbesetzung entschieden werden muss, ist die
Zuständigkeit der Einzelrichterin gegeben.
2.1. Gemäss Art. 17 Abs. 1 AVIG hat der Versicherte alles Zumutbare zu
unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen (Satz
1). Insbesondere ist er verpflichtet, Arbeit zu suchen, nötigenfalls auch
ausserhalb seines bisherigen Berufes (Satz 2). Er muss seine
Bemühungen nachweisen können (Satz 3). Die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung i.S.v. Art. 30 AVIG dient dazu, die in Art. 17 Abs.
1 AVIG statuierte Schadenminderungspflicht des Versicherten
durchzusetzen. Sie hat die Funktion einer Haftungsbegrenzung der
Versicherung für Schäden, die der Versicherte hätte vermeiden oder
vermindern können. Als versicherungsrechtliche Sanktion bezweckt sie
die angemessene Mitbeteiligung der versicherten Person am Schaden,
den sie durch ihr Verhalten der Arbeitslosenversicherung in schuldhafter
Weise natürlich und adäquat kausal verursacht hat. Kern der Pflicht, alles
Zumutbare zu unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu
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verkürzen, sind die persönlichen Arbeitsbemühungen der versicherten
Person selbst (GERHARDS, Kommentar zum
Arbeitslosenversicherungsgesetz [AVIG], Bern 1987, Bd. I [Art. 1-58], N.
12 zu Art. 17), die in der Regel streng beurteilt werden. Es gilt
gewissermassen der Grundsatz, dass die Arbeitsbemühungen umso
intensiver sein müssen, je weniger Aussicht eine versicherte Person hat,
eine Stelle zu finden. Dabei stehen sowohl Tatsache als auch Intensität,
nicht aber der Erfolg dieser Bemühungen im Vordergrund (GERHARDS,
a.a.O., N. 14 zu Art. 17, ähnlich N. 16 zu Art. 17; vgl. BGE 133 V 89
E.6.1.1).
2.2. Der Grundsatz der Schadenminderungspflicht wird in Art. 17 Abs. 3 AVIG
konkretisiert. Demnach muss der Versicherte eine ihm vermittelte
zumutbare Stelle annehmen (Satz 1). Befolgt er die Kontrollvorschriften
oder Weisungen der zuständigen Amtsstelle nicht, namentlich indem er
eine zumutbare Arbeit nicht annimmt, ist er in der Anspruchsberechtigung
einzustellen (Art. 30 Abs. 1 lit. d AVIG). Davon erfasst ist neben der
Nichtannahme einer von der zuständigen Amtsstelle zugewiesenen
zumutbaren Arbeit auch die Nichtannahme einer selbst gefundenen
zumutbaren Arbeit oder einer durch Dritte vermittelten oder angebotenen
zumutbaren Stelle (Urteil des Bundesgerichts C 17/07 vom 22. Februar
2007 E.2.2). Laut Rechtsprechung ist dieser Einstellungstatbestand auch
dann erfüllt, wenn der Versicherte die Arbeit zwar nicht ausdrücklich
ablehnt, es aber durch sein Verhalten in Kauf nimmt, dass die Stelle
anderweitig besetzt wird (Urteil des Bundesgerichts 8C_468/2020 vom 27.
Oktober 2020 E.5.2). Der arbeitslose Versicherte hat bei den
Verhandlungen mit dem künftigen Arbeitgeber klar und eindeutig die
Bereitschaft zum Vertragsabschluss zu bekunden, um die Beendigung der
Arbeitslosigkeit nicht zu gefährden (BGE 122 V 34 E.3b; Urteil des
Bundesgerichts 8C_468/2020 vom 27. Oktober 2020 E.5.2). Ebenso
ist der Tatbestand erfüllt, wenn sich der arbeitslose Versicherte trotz
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Zuweisung einer Stelle nicht ernsthaft um die Aufnahme von
Vertragsverhandlungen bemüht. Zudem ist ein Versicherter in der
Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn er sich persönlich nicht
genügend um zumutbare Arbeit bemüht (Art. 30 Abs. 1 lit. c AVIG).
2.3. Mit seinem Verhalten befolgte der Beschwerdeführer Kontrollvorschriften
und Weisungen des zuständigen RAV nicht und er nahm nicht nur in Kauf,
die Stellen beim B._ in C._ nicht zu erhalten, sondern er
zeigte aufgrund der Aktenlage kein Interesse generell an einer
Teilzeitstelle und folglich an einem möglichen Vertragsabschluss (Akten
des Beschwerdegegners [Bg-act.] 5 und 6). Dass die Annahme dieser
Arbeitsstellen unzumutbar gewesen wäre, tut der Beschwerdeführer nicht
dar und ist auch nicht ersichtlich. Andere Gründe, welche sein Verhalten
zu rechtfertigen vermögen, liegen nicht vor. Er wäre im Rahmen seiner
Schadenminderungspflicht verpflichtet gewesen, eine zumutbare Arbeit
wie diejenige beim B._ in C._ anzunehmen, und er
vermag seine faktische Ablehnung nicht zu rechtfertigen. Des Weiteren
verletzte der Beschwerdeführer erneut Kontrollvorschriften und
Weisungen des zuständigen RAV, da er sich entgegen der Abmachung
mit der zuständigen Personalberaterin vom 15. Januar 2021 (Bg-act. 13),
inskünftig nur noch zwei telefonische Arbeitsbemühungen pro Monat zu
machen und die weiteren durch persönliche Vorsprache und stets unter
Angabe von Kontaktperson und Telefonnummer, auch im Februar 2021
ausschliesslich telefonisch bewarb, obwohl eine persönliche Vorsprache
bei einem potenziellen Arbeitgeber durchaus zumutbar war. Zudem
fehlten grossteils die notwendigen Angaben für eine Prüfung der
Arbeitsbemühungen (Bg-act. 10). Unter Berücksichtigung beider
Tatbestände gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. c und d AVIG erfolgten die
Einstellungen in der Anspruchsberechtigung damit zu Recht.
3.1. Zu prüfen bleibt, ob die Einstellungsdauer von insgesamt 21 Tagen
angemessen ist.
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3.2. Die Dauer der Einstellung bemisst sich nach dem Grad des Verschuldens
und beträgt je Einstellungsgrund 1 bis 15 Tage bei leichtem, 16 bis 30
Tage bei mittelschwerem und 31 bis 60 Tage bei schwerem Verschulden
(Art. 45 Abs. 3 AVIV). Ein schweres Verschulden liegt vor, wenn die
versicherte Person ohne entschuldbaren Grund eine zumutbare Arbeit
abgelehnt hat (Art. 45 Abs. 4 lit. b AVIV). Da es sich dabei um eine typische
Ermessensfrage handelt, bei welcher der Verwaltung ein grosser
Ermessensspielraum zusteht, ist dem Verwaltungsgericht bei der
Beurteilung der Einstellungsdauer Zurückhaltung geboten. Es darf sein
Ermessen nicht ohne triftige Gründe an die Stelle desjenigen der
Verwaltung setzen, sondern muss sich bei der Korrektur auf
Gegebenheiten abstützen können, welche eine abweichende
Ermessensausübung als naheliegender erscheinen lassen (BGE 123 V
150 E.2; Urteile des Bundesgerichts 8C_138/2017 und 8C_143/2017 vom
23. Mai 2017 E.6.1).
3.3. Vorliegend hat der Beschwerdegegner auf Einstellungen von 3 und 18
Tagen, insgesamt 21 Tagen, erkannt. Diese Dauer liegt damit im unteren
Bereich des mittleren Verschuldens, zumal der Beschwerdeführer zwei
Einstellungstatbestände erfüllt hat (Art. 30 Abs. 1 lit. c und d AVIG). Das
Gericht kann hier keine Verletzung des Ermessensspielraums des
Beschwerdegegners erkennen. Der Beschwerdegegner hat die Tatsache,
dass es sich bei der abgelehnten Stelle um eine Teilzeitstelle gehandelt
hat, bereits sanktionsmildernd berücksichtigt.
4. Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung für 3 und 18 Tage,
insgesamt 21 Tage, gemäss Verfügungen vom 23. Juni 2021 ist somit
rechtens und der angefochtene Einspracheentscheid vom 1. Juli 2021 ist
nicht zu beanstanden.
5. Gemäss Art. 61 lit. fbis ATSG ist das kantonale Beschwerdeverfahren in
arbeitslosenversicherungsrechtlichen Streitigkeiten – ausser bei
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mutwilliger oder leichtsinniger Prozessführung – kostenlos. Vorliegend
sind keine Hinweise ersichtlich, dass der Beschwerdeführer mutwillig oder
leichtsinnig an das Verwaltungsgericht gelangt wäre. Es sind ihm
demnach keine Kosten aufzuerlegen. Dem obsiegenden
Beschwerdegegner steht kein Anspruch auf Ersatz der Parteikosten zu
(vgl. Art. 61 lit. g ATSG).