Decision ID: e090ba22-719d-5c4c-bccb-db044b381907
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juni 1998 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Zentrum für
medizinische Begutachtung (ZMB) im August 2000 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-
act. 33). Die Sachverständigen hielten fest, die Versicherte leide an einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung, an einer chronischen Lumboischialgie rechts sowie an
respiratorischen Beschwerden bei einer bekannten Allergie auf Milben und
Entenfedern. Aus orthopädischer Sicht sei die Versicherte „praktisch normal“
arbeitsfähig für leidensadaptierte Tätigkeiten. In psychiatrischer Hinsicht stehe ein
depressiv-adynames Verhalten im Vordergrund. Das Krankheitsbild sei wesentlich von
erheblichen psychosozialen Faktoren mitbestimmt. Gesamthaft sei für eine
rückenadaptierte Tätigkeit ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 50 Prozent zu attestieren. Mit
einer Verfügung vom 20. Dezember 2001 sprach die IV-Stelle der Versicherten ab dem
1. August 1999 eine Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 48 Prozent zu (IV-act.
59); mit einer Verfügung vom 19. September 2002 wurde eine Härtefallrente
zugesprochen (IV-act. 70). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hiess
einen Rekurs mit einem Entscheid vom 27. März 2003 gut (IV 2002/19; vgl. IV-act. 78)
und sprach der Versicherten eine halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von 55
Prozent zu.
A.a.
Im Februar 2012 eröffnete die IV-Stelle ein Anpassungsverfahren im Sinne der
Schlussbestimmung zur Änderung des IVG im Rahmen des ersten
Massnahmenpaketes der sechsten IVG-Revision („IVG-Revision 6a“). Die Versicherte,
ihr Hausarzt und der behandelnde Psychiater gaben an, der Gesundheitszustand der
A.b.
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Versicherten habe sich seit der Rentenzusprache nicht wesentlich verändert (vgl. IV-
act. 110 und 121). Im August 2012 hielt ein Arzt des IV-internen regionalen ärztlichen
Dienstes (RAD) fest, es liege ein so genanntes pathogenetisch-ätiologisch unklares
syndromales Beschwerdebild ohne eine nachweisbare organische Genese
(„Päusbonog“) im Sinne der Schlussbestimmung zur IVG-Revision 6a vor (IV-act. 122).
Mit einer Verfügung vom 26. November 2012 hob die IV-Stelle die laufende halbe
Rente auf das Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats auf (IV-act.
133). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hiess eine gegen diese
Verfügung erhobene Beschwerde mit einem Entscheid vom 15. Januar 2014 teilweise
gut (IV 2013/4; vgl. IV-act. 148). Es führte aus, die Rentenaufhebung gestützt auf die
Schlussbestimmung zur IVG-Revision 6a sei zwar grundsätzlich zulässig gewesen,
doch sei der aktuelle Gesundheitszustand der Versicherten nicht ausreichend abgeklärt
worden. Der Hausarzt habe nämlich in einem Bericht vom Februar 2009 eine
Discusdegeneration mit Protrusion auf der Höhe L4/5 und Einengung des Recessus
lateralis links sowie auf der Höhe L4/S1 median bis paramedian rechts, möglicherweise
mit Tangierung der Nervenwurzel S1 rechts erwähnt. Weil der orthopädische
Sachverständige des ZMB in seinem Teilgutachten lediglich auf eine kleine mediane
und rechtslaterale Discushernie L5/S1 mit leichter Kompression der Nervenwurzel S1
hingewiesen habe, bestehe ein Grund zur Annahme, dass sich der Gesundheitszustand
der Versicherten seit der Rentenzusprache verschlechtert haben könnte. Diesbezüglich
drängten sich weitere Abklärungen auf, weshalb die Sache zur Fortsetzung der
Sachverhaltsermittlung an die IV-Stelle zurückzuweisen sei.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die medizinische Abklärungsstelle (MEDAS)
Ostschweiz am 3. November 2014 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 165). Die
Sachverständigen hielten fest, die Versicherte leide an chronischen lumbo-
spondylogenen Rückenschmerzen, an einer muskulären Dysbalance der Lenden-
Becken-Beinregion sowie unter anderem – ohne wesentliche Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit – an einem allergischen Asthma bronchiale, an einem Status nach einer
Eisenmangelanämie, an einer chronischen Schmerzstörung, an einer leichten
depressiven Störung im Rahmen der Schmerzproblematik und an akzentuierten
ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitszügen. Aus internistischer und aus
psychiatrischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt. In psychiatrischer
A.c.
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Hinsicht sei dem Umstand Rechnung zu tragen, dass sich die Rechtslage verändert
habe und dass die im Jahr 2000 von den Sachverständigen des ZMB diagnostizierten
psychischen Beeinträchtigungen nun keine Arbeitsunfähigkeit mehr begründeten. Aus
orthopädischer Sicht sei aufgrund der Schmerzen respektive des daraus resultierenden
Bedarfs nach vermehrten Pausen und wegen der Verlangsamung von einer
Einschränkung von 20 Prozent auszugehen. Der Versicherten seien nur noch
leidensadaptierte Tätigkeiten zumutbar. Der RAD-Arzt erachtete das Gutachten als
überzeugend (IV-act. 167). Eine Sachbearbeiterin notierte am 21. November 2014 (IV-
act. 168), der Invaliditätsgrad betrage null Prozent. Da die Rentenaufhebungsverfügung
am 26. November 2012 erlassen worden sei, sei die Zweijahresfrist für berufliche
Massnahmen (gemeint wohl im Sinne der lit. a des Abs. 3 der Schlussbestimmung zur
IVG-Revision 6a) bereits verstrichen. Am 12. März 2015 erliess die IV-Stelle eine
Verfügung mit dem folgenden Dispositiv: „Die Rente wurde bereits aufgehoben. Die
Aufhebung erfolgte zu Recht“ (IV-act. 176). Mit einem Entscheid vom 22. Juni 2016 (IV
2015/133; vgl. IV-act. 191) hob das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen diese
Verfügung auf. Es führte aus, die Rechtslage habe sich seit dem letzten kantonalen
Beschwerdeentscheid IV 2013/4 vom 15. Januar 2014 erneut geändert, denn das
Bundesgericht habe in seinem Leitentscheid BGE 141 V 281 die im BGE 130 V 352
begründete Rechtsprechung, wonach Versicherte ihre Schmerzen vermutungsweise
„überwinden“ könnten, aufgegeben. Die Schlussbestimmungen zur IVG-Revision 6a
stützten sich auf eine überholte Änderung der Rechtsprechung (nämlich von der „Prä-
Päusbonog“- zur „Päusbonog“-Rechtsprechung), denn mittlerweile sei nicht mehr die
„Päusbonog“-, sondern die „Post-Päusbonog“-Rechtsprechung massgebend. Diese
neuerliche Rechtsprechungsänderung gehe allerdings nicht so weit, dass eine
Anwendung der Schlussbestimmungen zur IVG-Revision 6a nun ausgeschlossen wäre.
Die bedeutendste Änderung bestehe darin, dass eine Prüfung der neu in den Fokus
getretenen verbliebenen Ressourcen aus medizinischer Sicht erfolgen müsse. Die
Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz hätten ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung im
Wesentlichen mit der Aussage begründet, die Kriterien, die eine „ausnahmsweise
anzunehmende Unzumutbarkeit einer willentlichen Überwindbarkeit der Schmerzen“
begründen könnten, seien nicht erfüllt. Dem Gutachten lasse sich nicht entnehmen, ob
die Sachverständigen diese Arbeitsfähigkeitsschätzung auch abgegeben hätten, wenn
sie sich nicht am BGE 130 V 352 orientiert hätten. Folglich enthalte das Gutachten
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keine überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung, weshalb die Sache zur weiteren
Sachverhaltsabklärung an die IV-Stelle zurückzuweisen sei.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte von der B._ AG im Zeitraum vom
13. Dezember 2016 bis zum 15. Februar 2017 observiert. Diese hielt in ihrem Bericht
vom 20. Februar 2017 fest (IV-act. 217), die Versicherte habe sich an fünf der sechs
Überwachungstage ausserhalb ihres Wohnortes aufgehalten. Sie sei immer alleine –
entweder zu Fuss oder als Lenkerin eines Personenwagens – unterwegs gewesen. Sie
habe vorwiegend Einkäufe getätigt. Ihr Verhalten habe unauffällig und normal gewirkt.
Körperliche Beeinträchtigungen seien nicht ersichtlich gewesen. Die RAD-Ärztin Dr.
med. C._ notierte im Juni 2017 (IV-act. 220), das Observationsmaterial erwecke den
Eindruck, dass die Versicherte nicht an einer „invalidisierenden“
Gesundheitsbeeinträchtigung leide. Aus medizinischer Sicht sei eine erneute
psychiatrische und rheumatologische Begutachtung indiziert. Die IV-Stelle teilte der
Versicherten am 4. September 2018 mit (IV-act. 264), dass sie eine bidisziplinäre
psychiatrische und rheumatologische Begutachtung in Auftrag geben werde. Sie wies
die Versicherte darauf hin, dass sie an der Begutachtung mitwirken, Auskunft erteilen
und sich den notwendigen Untersuchungen unterziehen müsse. Sollte sie ihren
Pflichten in einer unentschuldbaren Weise nicht nachkommen, werde die IV-Stelle
aufgrund der Akten verfügen, die Erhebungen einstellen und Nichteintreten
beschliessen oder aber die Leistungen kürzen oder verweigern können. Der Rechts
vertreter der Versicherten beantragte am 11. September 2018 eine zusätzliche
dermatologische Begutachtung und die Durchführung der psychiatrischen
Begutachtung durch Dr. med. D._ oder Dr. med. E._. Mit einer
„Zwischenverfügung“ vom 1. Oktober 2018 „hielt“ die IV-Stelle „an der
Abklärungsstelle fest“ (IV-act. 267). Nachdem der Rechtsvertreter am 15. Oktober 2018
darauf hingewiesen hatte, dass die Versicherte weiterhin an dermatologischen und
allergischen Problemen leide (IV-act. 268), erliess die IV-Stelle am 10. Januar 2019 eine
weitere „Zwischenverfügung“, mit der sie weiterhin „an der Abklärungsstelle
festhielt“ (IV-act. 270). Am 21. März 2019 erteilte sie den Sachverständigen Dr. med.
F._ und Dr. med. G._ den Auftrag für eine bidisziplinäre Begutachtung (IV-act. 271).
A.d.
Die Sachverständigen erstatteten das bidisziplinäre Gutachten am 28. August
2019 respektive am 2. September 2019 (IV-act. 276 f.). Die rheumatologische
A.e.
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Sachverständige Dr. G._ hielt fest, die Versicherte leide an einem chronischen
Lumbovertebralsyndrom mit einer lumbo-spondylogenen Schmerzausstrahlung rechts
ohne radiculäre Zeichen. In der klinischen Untersuchung seien nur eine
„geringfügigste“ Einschränkung der LWS-Flexion, eine leichte Druckdolenz am cervico-
thoracalen Übergang sowie eine minime Tonuserhöhung des Musculus trapecius
descendens mit einem palpablen Triggerpunkt aufgefallen. Im Übrigen sei der
(eingehend erhobene und beschriebene) klinische Befund unauffällig gewesen. Nach
der ursprünglichen Rentenzusprache sei eine Degeneration des
Wirbelsäulensegmentes L4/5 eingetreten. Diese sei aber in einer Operation vom 11.
Oktober 2017 behoben worden. Dadurch stelle sich der objektive Gesundheitszustand
insgesamt im Vergleich zur ersten Begutachtung durch das ZMB als leicht verbessert
dar. Die Cervicalgien ohne klinische radiculäre Zeichen, eine klinisch asymptomatische
mediale Gonarthrose beidseits, die Polyatopien auf Hausstaub, Hausstaubmilben und
Pollen, die Neigung zu einem exogen allergischen Asthma (ein Asthma bronchiale sei
schon im März 1999 vollständig ausgeschlossen worden), ein rezidivierender
Eisenmangel, ein Status nach einer Heliobacter positiven Gastritis sowie der
aktenanamnestisch bestehende Verdacht auf eine Laktoseintoleranz wirkten sich nicht
auf die Arbeitsfähigkeit aus. Die angestammte Tätigkeit als Reinigungskraft sei zwar
nicht als in jeder Hinsicht ideal leidensadaptiert zu qualifizieren, aber auch sie könne
der Versicherten aus rheumatologischer Sicht noch ohne eine Einschränkung
zugemutet werden. Der psychiatrische Sachverständige Dr. F._ führte aus, die
Versicherte habe die Aufmerksamkeit und die Konzentration über die ganze Dauer des
Gesprächs durchgehend aufrecht erhalten können. Die Auffassung sei ungestört
gewesen. Das Langzeitgedächtnis habe sich klinisch als unauffällig erwiesen. In der
Untersuchung habe sich eine Merkfähigkeitsstörung gezeigt. Die
Beschwerdeschilderung sei vage und unklar gewesen; die Versicherte sei immer
wieder auf psychosoziale Belastungsfaktoren zu sprechen gekommen. Die
Grundstimmung sei teilweise zum depressiven Pol hin verschoben gewesen. Die
affektive Modulationsfähigkeit sei teilweise etwas eingeschränkt gewesen. Teilweise
habe eine gewisse Hypomimie bestanden, teilweise seien die Mimik und die Gestik
aber auch sehr lebhaft gewesen. Zeitweise habe die Versicherte sehr energisch
gewirkt. Im Übrigen sei der objektive klinische Befund unauffällig gewesen. In der
Hamilton Depressionsskala habe die Versicherte einen Wert von insgesamt zwölf
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Punkten erreicht. Im Rahmen der Exploration hätten sich Hinweise auf Diskrepanzen
und Widersprüche gezeigt: Ein von der Versicherten angeblich eingenommener
Wirkstoff habe in der Laboruntersuchung nicht nachgewiesen werden können; die
Beschwerdeschilderung sei unklar und vage gewesen; die geklagten kognitiven
Einschränkungen hätten klinisch nicht objektiviert werden können; in der
neuropsychologischen Testung (vgl. IV-act. 278) sei eine inkonsistente und unplausible
Symptomproduktion aufgefallen; die Symptomvalidierungstests hätten auffällige
Resultate gezeigt; nach 45 Minuten habe die Versicherte jede weitere Kooperation bei
der neuropsychologischen Testung verweigert, weshalb man diese habe abbrechen
müssen. Aufgrund der insgesamt sowohl bei der psychiatrischen Untersuchung als
auch bei der neuropsychologischen Testung eingeschränkten Mitwirkung sei keine
zuverlässige Diagnosestellung möglich gewesen. Zur Arbeitsfähigkeit könne deshalb
auch keine Stellung genommen werden. Die RAD-Ärztin Dr. C._ qualifizierte das
Gutachten als überzeugend (IV-act. 282).
Mit einem Vorbescheid vom 29. November 2019 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit (IV-act. 285), dass sie die Aufhebung der Rente vorsehe, wobei der
„Anpassungszeitpunkt“ gemäss der Verfügung vom 26. November 2012 „bestehen“
bleibe. Zur Begründung führte sie an, im Gutachten vom 2. September 2019 sei keine
Diagnose gestellt worden, die die Arbeitsfähigkeit einschränken würde, weshalb kein
Anspruch mehr auf Rentenleistungen bestehe. Dagegen liess die Versicherte am 13.
Januar 2020 einwenden (IV-act. 290), selbst die „manu militari erzwungene“ Expertise
habe wesentliche Rückenbeschwerden bestätigen müssen. Als Reinigungskraft könne
die Versicherte offenkundig nicht in einer staubfreien und sauberen Umgebung
arbeiten, weshalb die Aussage der rheumatologischen Sachverständigen, die
angestammte Tätigkeit als Reinigungskraft sei der Versicherten uneingeschränkt
zumutbar, nicht überzeuge. Der psychiatrische Sachverständige habe sich „darauf
kapriziert“, dass die Versicherte nicht mitgewirkt habe. Weder er noch die IV-Stelle
hätten „vom Mahn- und Bedenkverfahren Gebrauch“ gemacht. „Noch schlimmer“ sei,
dass es der „berüchtigte und dafür bekannt gewordene auftragsgeleitete Experte“ nicht
für nötig erachtet habe, Rücksprache beim behandelnden Psychiater zu nehmen.
Offensichtlich habe er die Sache nicht näher abklären wollen, weil er erkannt habe,
dass „unter der Stauboberfläche einiges zu entdecken“ sei. Der medizinische
A.f.
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B.
Sachverhalt sei jedenfalls noch nicht hinreichend ermittelt worden. Die IV-Stelle habe
eine weitere Begutachtung in Auftrag zu geben und die bisherige Rente vorerst weiter
auszurichten. Mit einer Verfügung vom 31. Januar 2020 hob die IV-Stelle die Rente
rückwirkend auf den sich aus der Verfügung vom 26. November 2012 ergebenden,
„bestehen bleibenden Anpassungszeitpunkt“ auf (IV-act. 294).
Am 28. Februar 2020 erhob die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 31. Januar 2020 (act. G 1). Sie beantragte
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Weiterausrichtung der bisherigen
Rente. Zur Begründung führte sie an, ihr Gesundheitszustand habe sich nicht
verbessert, sondern verschlechtert. Sie könne das rheumatologische Gutachten von
Dr. G._ deshalb nicht nachvollziehen. Auch das Gutachten von Dr. F._ überzeuge
nicht. Sie habe ihm alles gesagt, was sie habe sagen können. Sie habe ihre Mitwirkung
nicht verweigert. Vielmehr sei Dr. F._ offenbar nicht wirklich daran interessiert
gewesen, den wahren Sachverhalt zu ermitteln. Er hätte unter anderem Rücksprache
mit dem behandelnden Psychiater nehmen müssen.
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 6. Mai 2020
die Abweisung der Beschwerde (act. G 8). Zur Begründung führte sie an, mit der
angefochtenen Verfügung habe sie eine frühere Rente per Ende 2012 eingestellt,
weshalb nur massgebend sei, ob die Beschwerdeführerin in jenem Zeitpunkt invalid
gewesen sei. Die zwischenzeitlichen Veränderungen des Sachverhaltes seien für dieses
Beschwerdeverfahren irrelevant. Aus rheumatologischer Sicht sei die
Beschwerdeführerin im Jahr 2019 uneingeschränkt arbeitsfähig für leidensadaptierte
Tätigkeiten gewesen. Ein Anhalt dafür, dass dies im Jahr 2012 wesentlich anders
gewesen wäre, sei nicht ersichtlich. Die respiratorischen und dermatologischen
Probleme seien irrelevant, weil davon auszugehen sei, dass die Beschwerdeführerin an
einem geeigneten „hygienischen“ Arbeitsplatz arbeiten könnte. Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung hätten die von Dr. F._ beschriebenen
psychosozialen Belastungsfaktoren und die eindeutigen Hinweise auf eine Aggravation
respektive auf ein Täuschungsverhalten den Schluss zur Folge, dass kein
„invalidisierender Gesundheitsschaden“ vorliege.
B.b.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Am 26. August 2020 liess die nun wieder anwaltlich vertretene
Beschwerdeführerin die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Weiterausrichtung der bisherigen Rente und eventualiter eine polydisziplinäre
Begutachtung im Auftrag des Versicherungsgerichtes beantragen (act. G 18). Zur
Begründung führte der Rechtsvertreter an, die MEDAS Ostschweiz habe in ihrem
Gutachten vom 3. November 2014 festgehalten, dass sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin nicht verändert habe. Schon deshalb sei eine pauschale
Rentenaufhebung nicht möglich. Der psychiatrische Sachverständige Dr. F._ habe
offenbar „nicht unter den Staub schauen“ wollen. Mit rechtsstaatlichem Handeln habe
die Rentenaufhebung gestützt auf „ein solches Anti-Gutachten“ nichts zu tun.
B.c.
Die Beschwerdegegnerin hielt am 15. September 2020 an ihrem Antrag fest (act.
G 22).
B.d.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen
Verfügung auf deren Rechtmässigkeit. Sein Gegenstand muss folglich jenem des mit
der angefochtenen Verfügung abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen.
Bei jenem hat es sich um ein im Februar 2012 eröffnetes Verfahren im Sinne der
Schlussbestimmung zur IVG-Revision 6a gehandelt. Dieses war zwar bereits mit einer
Verfügung vom 26. November 2012 abgeschlossen worden, aber das
Versicherungsgericht hatte jene Verfügung mit dem Entscheid IV 2013/4 vom 15.
Januar 2014 aufgehoben, weil die Beschwerdegegnerin den aktuellen Sachverhalt in
Verletzung ihrer Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) nicht abgeklärt hatte. Das
ursprünglich im Februar 2012 eröffnete Verwaltungsverfahren war dadurch wieder
rechtshängig geworden. Mit einer Verfügung vom 12. März 2015 hatte die
Beschwerdegegnerin das Verwaltungsverfahren erneut abgeschlossen, aber auch
diese Verfügung hatte vom Versicherungsgericht aufgehoben werden müssen, da das
Bundesgericht zwischenzeitlich seine Auffassung zur „invalidisierenden Wirkung“ von
sogenannten „Päusbonog“ geändert (und die „Post-Päusbonog“-Rechtsprechung
eingeführt) hatte, in deren Lichte das von der Beschwerdegegnerin bei der MEDAS
Ostschweiz eingeholte Gutachten seine Beweiskraft verloren hatte (Entscheid IV
2015/133 vom 22. Juni 2016). Dadurch war das ursprünglich im Februar 2012 eröffnete
Verwaltungsverfahren erneut rechtshängig geworden. Mit ihrer Verfügung vom 31.
1.1.
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Januar 2020 hat die Beschwerdegegnerin folglich dieses im Februar 2012 eröffnete
Verwaltungsverfahren im Sinne der Schlussbestimmung zur IVG-Revision 6a
abschliessen wollen. Die angefochtene Verfügung kann aber keine materielle
Rentenaufhebungsverfügung sein, weil der für den Abschluss des im Februar 2012
eröffneten Rentenanpassungsverfahren massgebende medizinische Sachverhalt nicht
mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
festgestanden hat. Das hat auch die Beschwerdegegnerin eingeräumt. Sie hat sich
nämlich auf den Standpunkt gestellt, die Beschwerdeführerin habe ihre
Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung verweigert, indem sie bei der
psychiatrischen Begutachtung durch Dr. F._ nicht kooperativ und authentisch
mitgewirkt habe (was grundsätzlich zutrifft), und diese Mitwirkungspflichtverletzung
habe zur Folge, dass die Rente ohne Weiteres aufgehoben werden könne. Deshalb
kann es sich bei der angefochtenen Verfügung nur um eine sich auf den Art. 43 Abs. 3
ATSG stützende Verfügung gehandelt haben (wobei die Beschwerdegegnerin
allerdings fälschlicherweise davon ausgegangen ist, die Anwendung des Art. 43 Abs. 3
ATSG führe zu einem materiellen Abschluss des Verfahrens; darauf wird nachfolgend
näher eingegangen). Zu prüfen ist in diesem Beschwerdeverfahren folglich, ob die am
31. Januar 2020 verfügte Aufhebung der Rente gestützt auf den Art. 43 Abs. 3 ATSG
rechtmässig gewesen ist.
Die Beschwerdegegnerin hat behauptet, der massgebende „Anpassungszeitpunkt“
ergebe sich aus dem Eröffnungsdatum der ersten Verfügung vom 26. November 2012.
Diese Auffassung hatte sie bereits im (zweiten) Beschwerdeverfahren IV 2015/133
vertreten. Das Versicherungsgericht hatte sie im Entscheid IV 2015/133 vom 22. Juni
2016 darauf hingewiesen, dass diese Auffassung nicht zutreffend sein könne, weil die
Verfügung vom 26. November 2012 durch den formell rechtskräftigen und damit
verbindlichen Entscheid IV 2013/4 vom 15. Januar 2014 integral aufgehoben worden
sei (vgl. den Entscheid IV 2015/133 vom 22. Juni 2016, E. 1). Der in der hier zu
beurteilenden (dritten) Verfügung vom 31. Januar 2020 von der Beschwerdegegnerin
vertretene Standpunkt, der massgebende „Anpassungszeitpunkt“ ergebe sich aus dem
Eröffnungsdatum der ersten Verfügung vom 26. November 2012, kann nur so
interpretiert werden, dass sich die Beschwerdegegnerin dabei auf eine
bundesgerichtliche Auffassung berufen hat, laut welcher der Zeitpunkt einer ersten
Revisionsverfügung massgebend bleiben soll, wenn diese Revisionsverfügung im
Beschwerdeverfahren aufgehoben und die Sache zur Fortsetzung des
Verwaltungsverfahrens an die IV-Stelle zurückgewiesen werde (vgl. etwa das Urteil des
Bundesgerichtes 8C_451/2010 vom 11. November 2010, E. 3, mit Hinweisen). Dieser
Grundsatz gilt nach der bundesgerichtlichen Auffassung allerdings nicht, wenn von
1.2.
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St.Galler Gerichte
2.
einer rechtsmissbräuchlichen Provozierung eines möglichst frühen
Revisionszeitpunktes durch die IV-Stelle ausgegangen werden muss (vgl. das Urteil
des Bundesgerichtes 8C_451/2010 vom 11. November 2010, E. 2, mit Hinweisen). Die
Beschwerdegegnerin hat das Verfahren zur Rentenanpassung im Sinne der
Schlussbestimmung zur IVG-Revision 6a ursprünglich im Februar 2012 eröffnet. Ihre
Sachverhaltsabklärung hat sich im Wesentlichen auf eine Rückfrage an den
zuständigen RAD-Arzt beschränkt, ob die Rente ursprünglich wegen eines
„Päusbonog“ zugesprochen worden sei. Nachdem der RAD-Arzt dies bejaht hatte, hat
die Beschwerdegegnerin die laufende Rente ohne eine weitere Sachverhaltsermittlung
bezüglich des aktuellen Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin aufgehoben.
Dieses Vorgehen hat eine klare Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1
ATSG) dargestellt, denn die Beschwerdegegnerin hat den aktuellen Sachverhalt nicht
unvollständig, sondern überhaupt nicht abgeklärt. Das kann nicht anders als der
Versuch interpretiert werden, einen möglichst frühen Zeitpunkt für die
Rentenaufhebung zu „fixieren“, um dann die Sachverhaltsabklärung in aller Ruhe
nachträglich vorzunehmen. Die wiederholten Hinweise der Beschwerdegegnerin auf die
bundesgerichtliche Auffassung zum „überlebenden“ Revisionszeitpunkt haben dabei
deutlich gemacht hat, dass diese damit gerechnet hat, den frühen Revisionszeitpunkt
auch bei einer zu erwartenden gerichtlichen Aufhebung der Verfügung „retten“ zu
können. Hier liegt also ein seltener Fall einer rechtsmissbräuchlichen Provozierung
eines möglichst frühen Revisionszeitpunktes vor, weshalb eine rückwirkende
Aufhebung der Rente per Ende Dezember 2012 nicht in Frage kommen kann (vgl. dazu
bspw. auch den Entscheid IV 2013/492 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 9.
April 2014 sowie den Entscheid IV 2013/141 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom
7. Mai 2015, mit Hinweisen). Folglich wird die Beschwerdegegnerin mit Blick auf die
Fortsetzung des Verwaltungsverfahrens (vgl. E. 2) verbindlich im Sinne des Art. 56 Abs.
2 VRP verpflichtet, der noch zu erlassenden materiellen Anpassungsverfügung den
dann aktuellen Sachverhalt zugrunde zu legen und die Rente – sollte eine Anpassung in
Anwendung der Schlussbestimmung zur IVG-Revision 6a notwendig sein – erst auf den
sich aus dem Datum der noch zu erlassenden materiellen Anpassungsverfügung
ergebenden Zeitpunkt anzupassen.
Gemäss dem Art. 43 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträger die notwendigen
Abklärungen von Amtes wegen vorzunehmen, was bedeutet, dass ihn die Pflicht zur
Ermittlung des massgebenden Sachverhaltes trifft. Diese Untersuchungspflicht des
Versicherungsträgers wird durch eine Mitwirkungspflicht der versicherten Person bei
2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/16
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der Sachverhaltsabklärung ergänzt (vgl. Art. 28 ATSG). Kommt die versicherte Person
ihrer Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung in einer unentschuldbaren
Weise nicht nach, kann der Versicherungsträger laut dem Art. 43 Abs. 3 ATSG
aufgrund der Akten verfügen oder die Erhebungen einstellen und Nichteintreten
verfügen. Er muss die versicherte Person aber vorher schriftlich mahnen, auf die
Rechtsfolgen hinweisen und ihr eine angemessene Bedenkzeit einräumen. Weil der
Sinn und Zweck des Sozialversicherungsverfahrensrechtes darin besteht, dem
materiellen Sozialversicherungsrecht zum Durchbruch zu verhelfen, das heisst den
Sozialversicherungsträger in die Lage zu versetzen, das materielle Recht auf einen
vollständig ermittelten Sachverhalt anzuwenden, kann der Art. 43 Abs. 3 ATSG
augenscheinlich nicht bezwecken, dem Sozialversicherungsträger einen möglichst
einfachen „Ausstieg“ aus einer „unbequemen“ verfahrensrechtlichen Situation zu
ermöglichen. Ein solcher Ausstieg aus einem Verwaltungsverfahren wäre nämlich
nichts anderes als eine Kapitulation vor den sich stellenden Schwierigkeiten, denn es
hätte zur Folge, dass der eigentliche Zweck des Verwaltungsverfahrens – die
vollständige Sachverhaltsermittlung und die anschliessende Rechtsanwendung –
definitiv nicht erreicht werden könnte. Aus systematischer und teleologischer Sicht
kann der Art. 43 Abs. 3 ATSG nur als eine Regelung interpretiert werden, die es dem
Sozialversicherungsträger erlauben soll, mittels eines „Druckmittels“ eine
Verfahrensblockade zu überwinden, nämlich die versicherte Person dazu zu bringen,
ihre Verweigerungshaltung aufzugeben und ihre Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung doch noch zu erfüllen. Bezieht die versicherte Person bereits
eine Rente und verweigert sie ihre Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung in
einem Rentenrevisionsverfahren, das für sie die Gefahr einer Rentenherabsetzung oder
gar Rentenaufhebung birgt, sind die im Art. 43 Abs. 3 ATSG genannten „Druckmittel“
nicht geeignet, sie zur Aufgabe ihrer Verweigerungshaltung zu bewegen, denn sowohl
bei einem Entscheid aufgrund der Akten als auch bei einem Einstellen des
Rentenrevisionsverfahrens bleibt es bei der bisherigen Rente. Für diese besondere
Verfahrenssituation fehlt im Art. 43 Abs. 3 ATSG also eine passende Regelung
(respektive ein geeignetes „Druckmittel“). In einer lückenfüllenden Interpretation des
Art. 43 Abs. 3 ATSG hat das Bundesgericht die Auffassung vertreten, dass in einer
solchen Verfahrenssituation gestützt auf den Art. 43 Abs. 3 ATSG ein
Auszahlungsstopp verfügt werden könne (BGE 139 V 585). Das bedeutet, dass der
Versicherungsträger sämtliche weiteren Zahlungen verweigern kann, bis die versicherte
Person ihrer Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung im
Rentenrevisionsverfahren doch noch nachkommt. Dieses „Druckmittel“ ist
augenscheinlich geeignet, den Zweck des Art. 43 Abs. 3 ATSG – die Überwindung der
Verfahrensblockade – zu erreichen. Das Bundesgericht vertritt allerdings gelegentlich
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auch die Auffassung, der Art. 43 Abs. 3 ATSG erlaube einen „definitiven“, materiellen
Abschluss des Verwaltungsverfahrens in Verbindung mit einer Umkehr der Beweislast:
Verweigere die versicherte Person in einem Rentenrevisionsverfahren ihre
Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung, liege eine Beweislosigkeit
hinsichtlich des Fortbestandes der Invalidität vor, die eine Aufhebung der Rente
rechtfertige. Diese lückenfüllende Auslegung des Art. 43 Abs. 3 ATSG kann schon
deshalb nicht zutreffend sein, weil in einer solchen Situation (noch) keine objektive
Beweislosigkeit vorliegt, die eine Anwendung der Beweislastverteilungsregeln
rechtfertigen würde. Solange nämlich damit gerechnet werden kann, dass die
versicherte Person – „unter Druck“ – ihre Mitwirkungspflicht doch noch erfüllen werde,
kann von einer Fortsetzung der Sachverhaltsabklärung ein wesentlicher
Erkenntnisgewinn erwartet werden. Ein „definitiver“, das Verwaltungsverfahren insofern
„verfrüht“ abschliessender materieller Entscheid würde dem eigentlichen Sinn und
Zweck des Art. 43 Abs. 3 ATSG – der Durchsetzung des Untersuchungsgrundsatzes
nach Art. 43 Abs. 1 ATSG – diametral zuwider laufen. Das Mittel der Wahl bei einer
Verletzung der Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung in einem
Rentenrevisionsverfahren kann folglich nur ein Rentenauszahlungsstopp sein. Auch in
einem solchen Fall muss aber selbstverständlich die verfahrensrechtliche Vorgabe des
Art. 43 Abs. 3 ATSG – die Durchführung eines sogenannten „Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens“ – beachtet werden. Das bedeutet, dass der Versicherungsträger
die versicherte Person nach einer Verletzung der Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung zur Erfüllung der Mitwirkungspflicht mahnen muss. Diese
Mahnung muss sowohl bezüglich der gemahnten Pflicht als auch bezüglich der Folgen
einer weiteren Verweigerungshaltung so konkret und spezifisch formuliert sein, dass
der versicherten Person klar ist, was der Versicherungsträger von ihr erwartet, und
womit sie zu rechnen hat, wenn sie dieser Mahnung nicht Folge leistet.
Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin am 4. September 2018
angehalten, sich psychiatrisch und rheumatologisch durch die Sachverständigen Dres.
G._ und F._ begutachten zu lassen. Sie hat in dieser Aufforderung ganz allgemein
auf die Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin bei der Sachverhaltsabklärung
hingewiesen und unter Hinweis auf den Art. 43 Abs. 3 ATSG und den Art. 7b IVG
festgehalten, dass eine Verletzung dieser allgemein formulierten Mitwirkungspflicht
verschiedenartige Folgen nach sich ziehen könnte, nämlich einen Entscheid aufgrund
der Akten, einen Nichteintretensentscheid, eine Kürzung der Leistungen oder aber eine
Verweigerung der Leistungen. Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin hat es
sich bei diesen Ausführungen schon deshalb nicht um eine „Abmahnung“ im Sinne des
Art. 43 Abs. 3 ATSG gehandelt, weil sie nicht die Reaktion auf eine Verletzung der
2.2.
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Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin bei der Sachverhaltsabklärung, sondern nur
eine Art „präventive Warnung“ gewesen ist. Die Mitwirkung bei der
Sachverhaltsabklärung kann aber nicht „auf Vorrat“ beziehungsweise präventiv
„abgemahnt“ werden. Hinzu kommt, dass für die Beschwerdeführerin anhand der
allgemein gehaltenen Ausführungen im Schreiben vom 4. September 2018 nicht klar
gewesen sein kann, was genau die Beschwerdegegnerin von ihr erwartet hat, und dass
sie auch nicht hat wissen können, welche der aufgezählten Folgen eine allfällige
Verletzung ihrer unspezifisch umrissenen Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung für sie haben würde. Auch aus diesem Grund kann das
Schreiben vom 4. September 2018 keine hinreichende Abmahnung im Sinne des Art.
43 Abs. 3 ATSG gewesen sein. Für einen Auszahlungsstopp der formell rechtskräftig
zugesprochenen Rente in Anwendung des lückenfüllend ergänzten Art. 43 Abs. 3
ATSG hätte die Beschwerdegegnerin nach der gescheiterten neuropsychologischen
Testung und nach der gescheiterten psychiatrischen Begutachtung durch Dr. F._
folglich eine weitere psychiatrische Begutachtung – einschliesslich einer erneuten
neuropsychologischen Testung – anordnen und die Beschwerdeführerin im Sinne des
Art. 43 Abs. 3 ATSG spezifisch zur Erfüllung ihrer Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung anhalten müssen. Diese „Abmahnung“ hätte sich am Verhalten
der Beschwerdeführerin orientieren müssen, das letztlich zum Scheitern der
Begutachtung geführt hat: Die Beschwerdeführerin hat die neuropsychologische
Testung nach drei viertel Stunden vorzeitig abgebrochen; sie hat aber auch während
des durchgeführten Teils der neuropsychologischen Tests ein Antwortverhalten
gezeigt, das zuverlässige Schlussfolgerungen bezüglich ihrer neurokognitiven
Fähigkeiten verunmöglicht hat (inkonsistente und unplausible Symptomproduktion;
auffällige Resultate in den Symptomvalidierungstests); in der psychiatrischen
Begutachtung hat sie es dem Sachverständigen Dr. F._ mit ihren ausweichenden
Antworten und ihrem nicht authentischen Verhalten verunmöglicht, den objektiven
Befund zu erfassen. Die Beschwerdegegnerin hätte die Beschwerdeführerin folglich
darauf hinweisen müssen, dass sie bei einer erneuten Begutachtung die
neuropsychologische Testung vollständig durchführen und die Fragen so beantworten
müsse, dass der neuropsychologische Sachverständige zuverlässige Rückschlüsse auf
die neurokognitiven Funktionen ziehen könne. Sie hätte sie weiter anhalten müssen,
sich gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen so zu öffnen, dass dieser den
massgebenden psychiatrischen Befund erheben könne. Sie hätte die
Beschwerdeführerin darauf hinweisen müssen, dass eine Verletzung dieser
Mitwirkungspflichten bei der erneuten neuropsychologischen und psychiatrischen
Begutachtung einen vollständigen Stopp der Rentenauszahlung zur Folge haben
werde. Erst wenn die Beschwerdeführerin auch bei der erneuten neuropsychologischen
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3.
Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Abklärung gilt rechtsprechungsgemäss als
ein vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei. Die Gerichtskosten von
600 Franken sind deshalb der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Diese hat der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten. Der für die Bemessung
dieser Entschädigung massgebende erforderliche Vertretungsaufwand ist als
unterdurchschnittlich zu qualifizieren, weil der Sachverhalt dem Rechtsvertreter bereits
bestens bekannt gewesen ist und weil der Rechtsvertreter nur die Replik und nicht
auch die Beschwerdeschrift hat verfassen müssen. Die Parteientschädigung wird
deshalb auf 2’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festgesetzt.
und psychiatrischen Begutachtung die Mitwirkung verweigert hätte, hätte die
Beschwerdegegnerin die Rentenzahlungen stoppen können. Daraus folgt, dass die
angefochtene Verfügung vom 31. Januar 2020 verfrüht – nämlich ohne ein vorgängiges
„Mahn- und Bedenkzeitverfahren“ – ergangen ist, weshalb sie als rechtswidrig
aufgehoben werden muss. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin hat
nicht gestützt auf den Art. 7b Abs. 2 lit. d IVG auf die Durchführung des „Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens“ verzichtet werden können, weil sich jene Bestimmung nur in
einer allgemeinen Weise auf die Mitwirkungspflicht der versicherten Personen bei der
Sachverhaltsabklärung bezieht, während der Art. 7b Abs. 1 IVG, der spezifisch die
Mitwirkung bei einer Begutachtung betrifft, die Durchführung des „Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens“ verlangt.
Da nach der wegen der Verweigerung der Mitwirkung bei der
neuropsychologischen und psychiatrischen Untersuchung gescheiterten Begutachtung
nun die Gefahr einer (weiteren) Verletzung der Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung im Raum steht und da das kantonale Recht für das gerichtliche
Verfahren keine dem Art. 43 Abs. 3 ATSG analoge Regelung kennt, mit dem das
Versicherungsgericht die Beschwerdeführerin zur vollumfänglichen Kooperation im
Rahmen einer Begutachtung im Auftrag des Gerichtes anhalten und bei Nichtbefolgen
„sanktionieren“ könnte, muss die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen
werden. Diese wird eine weitere psychiatrische und neuropsychologische
Begutachtung in die Wege leiten und die Beschwerdeführerin konkret und spezifisch
zur Erfüllung ihrer Mitwirkungspflicht bei der Begutachtung abmahnen. Sie wird ihr
androhen, dass sie bei einer weiteren Verletzung der Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung keine Rentenleistungen mehr auszahlen werde.
2.3.
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