Decision ID: 3e78baf2-6195-5b78-b95e-559cbd2e51c9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein minderjähriger algerischer Staatsangehöriger
arabischer Ethnie und muslimischen Glaubens – suchte am 11. April 2021
in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Der Beschwerdeführer wurde jeweils im Beisein seines Rechtsvertreters
am 20. April 2021 zu seiner Person, dem Reiseweg und summarisch zu
den Fluchtgründen befragt (BzP) und am 2. Juni 2021 vertieft zu seinen
Asylgründen angehört. Er machte im Wesentlichen geltend, seinen Hei-
matstaat aufgrund der schwierigen Lebensumstände, seiner Armut und
Perspektivenlosigkeit verlassen zu haben. Zudem hätten in seiner Familie
schwierige Lebensumstände geherrscht (Streitigkeiten zwischen den El-
tern wegen finanzieller Probleme), die ihn auch psychisch belastet hätten.
Im Weiteren sei er von einem Nachbarn bei einem Streit damit bedroht
worden, von diesem bei der Polizei des Drogenverkaufs falsch beschuldigt
zu werden. Deshalb habe er eine Gefängnisstrafe befürchtet. Mit Hilfe sei-
nes ältesten Bruders und eines Freundes habe er 1000 Euro für die Reise
in die Schweiz, über welche er seine Eltern nicht vorgängig informiert habe,
gesammelt. Betreffend Familiensituation führte er aus, er habe vier Brüder
und drei Schwestern. Alle, ausser der verheirateten ältesten Schwester,
würden in Chlef bei den Eltern wohnen. Er selbst habe der Arbeit wegen
auch ein oder zwei Jahre bei Verwandten der Mutter in Oran gelebt. Zu
seinem ältesten Bruder, seinen Eltern und zu Freunden habe er regelmäs-
sig Kontakt. Seine Eltern würden sich nicht mit dem Internet auskennen,
weshalb die Verbindung zu ihnen über seinen Bruder via Facebook Mess-
enger hergestellt werde.
C.
Das am 20. April 2021 vom SEM in Auftrag gegebene Altersgutachten der
Universität Bern vom 10. Mai 2021 ergab, dass das vom Beschwerdeführer
angegebene Geburtsdatum beziehungsweise sein Alter von fünfzehn Jah-
ren und elf Monaten plausibel sei.
D.
Mit Verfügung vom 11. Juni 2021 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab
und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an.
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E.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 2. Juli 2021 erhob der Beschwer-
deführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde.
Er beantragte die Aufhebung des angeordneten Wegweisungsvollzugs und
die Rückweisung der Sache zwecks Abklärung des Sachverhalts an die
Vorinstanz. Gleichzeitig ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses.
Der Beschwerde legte er eine Anwaltsvollmacht vom 16. April 2021 und
den vorinstanzlichen Entscheid vom 11. Juni 2021 bei.
F.
Am 5. Juli 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang der
Beschwerde.
G.
Der Instruktionsrichter stellte am 7. Juli 2021 fest, der Beschwerdeführer
dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig erhielt
die Vorinstanz Gelegenheit zur Vernehmlassung bis zum 19. Juli 2021.
H.
Das SEM hielt innert erstreckter Frist in seiner Stellungnahme vom 30. Juli
2021 an seinem Entscheid fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
I.
Mit Verfügung des Instruktionsrichters vom 4. August 2021 erhielt der Be-
schwerdeführer Gelegenheit zur Replik, welche er innert Frist am 19. Au-
gust 2021 wahrnahm. Gleichzeitig reichte der Beschwerdeführer einen Be-
richt des Notfallzentrums der Berner Universitätsklinik für Kinder- und Ju-
gendpsychiatrie und Psychotherapie (NZKJP) vom 28. Juni 2021 ein.
D-3058/2021
Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG, Art. 10
COVID-19-Verordnung Asyl [SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen den verfügten Vollzug der
Wegweisung. Die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung
des Asylgesuchs und die Wegweisung an sich blieben hingegen unange-
fochten und die entsprechenden Dispositivpunkte der angefochtenen Ver-
fügung sind damit in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des vorliegen-
den Beschwerdeverfahrens bildet damit einzig die Frage, ob der Wegwei-
sungsvollzug vom SEM zu Recht als durchführbar bezeichnet und verfügt
wurde.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
4.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
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möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.
Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Ver-
pflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Aus-
länders in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen
(Art. 83 Abs. 3 AIG).
Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist – wie
von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5
AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich viel-
mehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestim-
mungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte
(EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der
Beschwerdeführer mit Blick auf Art. 3 EMRK das ernsthafte Risiko ("real
risk") glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder
unmenschliche Behandlung droht (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi ge-
gen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Nr. 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus
den Akten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Hei-
matstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als
unzulässig erscheinen.
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Seite 6
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
6.
6.1
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren. Der Beschwerdeführer untersteht als unbegleiteter
minderjähriger Asylsuchender (UMA) den Normen der Kinderrechtskon-
vention (KRK). Das Kindswohl gemäss Art. 3 KRK und die aus der KRK
fliessenden Rechte sind im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung von Art. 83
Abs. 4 AIG als gewichtiger Aspekt zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2014/20
E. 8.3.6; 2009/51 E. 5.6, je m.w.H.). Im Rahmen einer gesamtheitlichen
Beurteilung sind unter dem Aspekt des Wohls des Kindes folgende Krite-
rien von Bedeutung: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität,
Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen
(insbesondere Unterstützungsbereitschaft und – fähigkeit), Stand und
Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung sowie der Grad der erfolgten
Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz (vgl. BVGE
2015/30 E. 7.3 und 2009/51 E. 5.6). Ferner hat die zuständige Behörde
gemäss Art. 69 Abs. 4 AIG vor einer Ausschaffung von unbegleiteten min-
derjährigen Personen sicherzustellen, dass diese im Rückkehrstaat einem
Familienmitglied, einem Vormund oder – wo dies nicht möglich ist – einer
geeigneten Aufnahmeeinrichtung übergeben werden, welche den Schutz
des Kindes gewährleisten (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.3 m.w.H.; EMARK 2006
Nr. 24 E. 6.2.4). Die Rückreisemodalitäten (Begleitung der UMA, Ort und
Zeit der Übergabe nach der Ankunft im Heimatstaat etc.) können aber auch
erst im unmittelbaren Vorfeld der Rückkehr geregelt werden (vgl. EMARK
1998 Nr. 13 E. 5e.bb S. 100). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt,
ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu
gewähren.
6.2 Vorab ist festzuhalten, dass in Algerien weder Krieg, Bürgerkrieg noch
eine Situation allgemeiner Gewalt herrscht, auch wenn seit Ende Februar
2019 regelmässig Massenproteste stattfinden – mit Unterbruch infolge von
COVID-19-Beschränkungsmassnahmen –, zumal das Militär bisher im
Umgang mit Demonstranten Zurückhaltung zeigte und sich weigerte, die
von der Opposition abgelehnten Präsidentschaftswahlen gewaltsam
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durchzusetzen (vgl. Spiegel Online, Afrikas größtes Land rutscht in die
Krise, 04.06.2019, https://www.spiegel.de/politik/ausland/machtkampf-in-
algerien-afrikas-groesstes-land-rutscht-in-die-krise-a-1270777.html, abge-
rufen am 26.08.2021; vgl. Amnesty International Report 2020/2021, AI –
Amnesty International: „Amnesty International Report 2020/21; The State
of the World's Human Rights; Algeria 2020“, Dokument #2048625 -
ecoi.net, abgerufen am 26.08.2021). Der Wegweisungsvollzug ist deshalb
nicht generell als unzumutbar zu bezeichnen.
6.3 Die Vorinstanz hielt bezüglich der individuellen Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs im Wesentlichen fest, es könne von einem tragfähigen
familiären und sozialen Netz des Beschwerdeführers in Algerien ausge-
gangen werden. Er sei dort aufgewachsen, verfüge über eine ordentliche
Schulbildung und über mehrjährige Arbeitserfahrung als Maler/Gipser/Sa-
nitär, was ferner auch einen gewissen Grad an Selbständigkeit und Reife
beweise. Vor der Ausreise habe er zusammen mit seinen Geschwistern bei
seinen Eltern in Chlef wie auch ein oder zwei Jahre bei Verwandten müt-
terlicherseits in Oran gelebt. Gemäss seinen Vorbringen lebten seine El-
tern und seine Geschwister immer noch zusammen in Chlef und es be-
stehe ein regelmässiger Kontakt zu diesen wie auch zu Freunden. Die gel-
tend gemachten schwierigen Lebensumstände beziehungsweise Streitig-
keiten zwischen seinen Eltern seien durch die unsichere finanzielle Lage
begründet gewesen, was jedoch nicht darauf hinweise, dass sein familiä-
res Umfeld nicht willens oder imstande wäre, ihn wiederaufzunehmen und
zu unterstützen. Schliesslich sei ihm auch von seinem ältesten Bruder und
von Freunden geholfen worden, eine beträchtliche Geldsumme für die
Reise zu sammeln. Dadurch dass der Beschwerdeführer Algerien erst vor
wenigen Monaten verlassen und im Zeitpunkt des Asylentscheides erst
knapp zwei Monate in der Schweiz gelebt habe, sei weder von einer Ver-
wurzelung noch von einer fortgeschrittenen Integration oder Bindung an
die Schweiz auszugehen. Es sei anzunehmen, dass die bereits vor der
Ausreise bestandene enge Bindung zu Familie und Verwandten wie auch
sein Werdegang eine Rückkehr und Wiedereingliederung in seinem Hei-
matstaat erleichterten. Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdefüh-
rers erweise sich daher als zumutbar.
Im Weiteren wies die Vorinstanz darauf hin, die vor der Ausreise des Be-
schwerdeführers vorhandenen Suizidgedanken aufgrund seiner dargeleg-
ten schwierigen Lebensumstände änderten nichts an der Einschätzung der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Im Zeitpunkt der Befragungen
https://www.ecoi.net/de/dokument/2048625.html https://www.ecoi.net/de/dokument/2048625.html https://www.ecoi.net/de/dokument/2048625.html https://www.ecoi.net/de/dokument/2048625.html
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und während des Aufenthaltes im Bundesasylzentrum (BAZ) sei sein Ge-
sundheitszustand gemäss eigenen Angaben gut gewesen. Ferner könne
einer allfälligen psychischen Erkrankung im Wilaya Chlef in der Psychiatri-
schen Klinik in Ténès oder im Universitätskrankenhaus Oran Rechnung
getragen werden.
6.4 Dieser Auffassung hielt der Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene
entgegen, die Vorinstanz habe es unterlassen, konkrete Abklärungen zu
seiner Unterbringung und Versorgung in Algerien vorzunehmen. Sie stütze
sich einzig auf Vermutungen und Annahmen, womit sie ihre Pflicht zur rich-
tigen und vollständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes
verletzt habe. Anstelle eines pauschalen Hinweises auf ein intaktes, trag-
fähiges und soziales Netzwerk, welches ihn bei einer Rückkehr unterstüt-
zen könne, hätte vielmehr vorgängig festgestellt werden müssen, wem ge-
nau der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr übergeben werden könnte
(Familie oder Institution), ob die Familienangehörigen sich noch am Her-
kunftsort befänden, wie auch ob die Unterbringung zu Hause bei den Eltern
überhaupt dem Kindeswohl entspräche. Aus den Umständen, dass der Be-
schwerdeführer einerseits sein Zuhause dreizehnjährig für die Aufnahme
einer Arbeitstätigkeit verlassen und andererseits seine Eltern vorgängig
nicht über seine Ausreise informiert habe, sei zu schliessen, dass keine
enge Bindung zu den Eltern bestehe. Er habe mehrere Male über schlimme
Umstände und den dadurch verursachten Druck, welcher Suizidgedanken
zur Folge gehabt habe, berichtet. Am 28. Juni 2021 habe der Beschwerde-
führer im BAZ mit Suizid gedroht, weswegen er ins NZKJP eingeliefert wor-
den sei.
6.5 Die Vorinstanz bestätigte in ihrer Vernehmlassung vom 30. Juli 2021
hauptsächlich ihre Sicht der bestehenden tragfähigen familiären Gemein-
schaft, weshalb keine Abklärungen vor Ort nötig gewesen seien. Im Übri-
gen seien die Schilderungen des Beschwerdeführers im Zusammenhang
mit dem Kindeswohl beziehungsweise zu seiner familiären Situation äus-
serst vage geblieben und seine schwierigen Lebensumstände hätten, ab-
gesehen vom finanziellen Druck auf die Familie, trotz intensiver Befragung
nicht erklärt werden können. Alsdann könnten suizidale Tendenzen nöti-
genfalls vorgängig medikamentös und therapeutisch entgegengewirkt und
bei einer Rückführung mit medizinischen Massnahmen Rechnung getra-
gen werden.
6.6 In der Replik vom 19. August 2021 verwies der Beschwerdeführer –
nebst der Wiederholung seiner Beschwerdevorbringen – auf den Bericht
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des NZKJP vom 28. Juni 2021 (act. 8, inkl. Beilage). Er hielt hierzu fest,
dass aufgrund dessen nicht von einem Interesse seiner Familie an seinem
Wohlergehen ausgegangen werden könne.
Dem erwähnten Bericht sei zu entnehmen, dass beim Beschwerdeführer
durch ein Telefonat mit seinen Eltern, welche ihn um Unterstützung gebe-
ten hätten und weil ihn seine Katze aufgeregt habe, ein sehr starker Druck
wie auch Wut ausgelöst worden seien, worauf er sich als akute temporäre
Gefühlsreaktion (akute Belastungsreaktion) suizidal geäussert habe. Er
habe sich alsdann beim NZKJP von Suizidgedanken und von akuter
Selbst- und Fremdgefährdung aber klar distanzieren können. Es seien
beim Beschwerdeführer schnelle Stimmungswechsel mit Wut, Verzweif-
lung und einer Tendenz zu sehr expressivem Verhalten hinsichtlich der
neuen Lebenssituation in der Schweiz festgestellt worden. Eine ambulante
Psychotherapie sei indiziert (mögliche Posttraumatische Belastungsstö-
rung; PTBS).
6.7 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass der Beschwerdeführer mit seiner Rüge, die Vorinstanz habe
den Sachverhalt mit Blick auf das Kindeswohl unvollständig abgeklärt, nicht
durchdringt. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die zutreffen-
den Ausführungen der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid E. III Ziff. 2
sowie hiervor zusammenfassend E. 6.3 und E. 6.5 verwiesen werden. Die
Ausführungen auf Beschwerdeebene führen zu keiner anderen Betrach-
tungsweise. Auf sie ist im Folgenden näher einzugehen.
Zusätzlich zu den bereits vor der Vorinstanz ausgeführten «schlimmen Le-
bensumständen», welche ihn psychisch belasteten, machte der minderjäh-
rige Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeschrift eine Kindeswohlge-
fährdung sowie Suizidalität als Wegweisungsvollzugshindernisse geltend.
Aus der ärmlichen Lebens- beziehungsweise Familiensituation des Be-
schwerdeführers ist jedoch keine Verletzung des Kindeswohls durch sein
familiäres Umfeld ersichtlich. Vielmehr zeichnet sich eine enge Verbunden-
heit mit seiner Familie dadurch aus, dass er mit seinen Eltern und sechs
von sieben Geschwistern unter einem Dach lebte und gemeinsam mit sei-
nem Vater und seinem ältesten Bruder finanziell für den Familienunterhalt
sorgte. Ebenso zeugt sein Aufenthalt bei Verwandten zwecks Ausübung
einer Arbeitstätigkeit auch ausserhalb der Kernfamilie von intakten ver-
wandtschaftlichen Banden. Der Beschwerdeführer pflegte alsdann sowohl
während der Überfahrt wie auch nach der Einreise in die Schweiz einen
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konstanten, regelmässigen Kontakt zu seinem familiären und freundschaft-
lichen Umfeld, insbesondere auch zu seinen Eltern. Für das Sammeln des
Reisegeldes erhielt der Beschwerdeführer gar finanzielle Unterstützung
von einem Bruder, aber auch von einem Freund. Der Beschwerdeführer
macht denn auch nicht geltend, es sei ihm gegenüber Gewalt seitens der
Familie beziehungsweise von den Eltern angetan worden oder es sei sol-
che von diesen zu befürchten. In der Folge gelingt es dem Beschwerde-
führer nicht, eine fehlende enge Familienbindung oder in dieser Konstella-
tion gar eine Kindswohlgefährdung darzulegen. Bei den geltend gemach-
ten gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers kann so-
mit auch nicht davon ausgegangen werden, dass sich diese durch ein prob-
lematisches Familienumfeld begründen liessen. Da durch seine Ausreise
sein finanzieller Beitrag an die Familie wegfiel, erstaunt es auch nicht, dass
ihn seine Eltern – wie am 28. Juni 2021 geschehen (act. 8, Beilage) – um
weitere Unterstützung baten. Dadurch mag er sich in einer für ihn möglich-
erweise unangenehmen, jedoch nicht kindeswohlgefährdenden Situation
befinden. Im Gegenteil zeugt dieser Umstand erneut von einem engen Fa-
milienverbund. Jedenfalls vermag das Argument des Beschwerdeführers
in der Replik nicht zu überzeugen, die Eltern seien nicht an seinem Wohl-
ergehen interessiert. Vielmehr ist anzunehmen, die Eltern würden an der
Rückkehr des Sechzehnjährigen in die Familie und finanzieller Unterstüt-
zer vor Ort durchaus Vorteile erspähen. Mit dem Einwand des Beschwer-
deführers, ohne vorgängige Kenntnis der Eltern seinen Heimatstaat verlas-
sen zu haben, kann – sofern dies überhaupt zutreffen sollte – eine enge
Bindung ebenfalls nicht widerlegt werden (Beschwerde, S. 6). Auch der
blosse Umstand, dass in Algerien weder derselbe Lebensstandard wie in
der Schweiz herrscht noch dieselben Perspektiven (für Jugendliche) gege-
ben sind, reicht nicht aus, um eine Kindeswohlgefährdung zu begründen.
Unter Berücksichtigung seines fortgeschrittenen jugendlichen Alters, sei-
nes bereits vorhandenen beruflichen Werdeganges sowie der geplanten
und umgesetzten Reise in die Schweiz zwecks Führens eines besseren
Lebens, darf von einer beträchtlichen Reife und Selbständigkeit des min-
derjährigen Beschwerdeführers ausgegangen werden. Infolge seiner Ar-
beitserfahrung dürfte er in Algerien wieder eine Tätigkeit finden. Zudem
wuchs er in seinem Heimatstaat auf, hat diesen bis zur Ausreise nicht ver-
lassen und ist erst seit ungefähr fünf Monaten in der Schweiz. Es ist anzu-
nehmen, dass er durch die Rückkehr nicht entwurzelt wird und auch prob-
lemlos wieder an bestehende Beziehungen und Freundschaften (welche
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er ohnehin telefonisch aufrechterhalten hat) anknüpfen sowie sich im Hei-
matstaat wiedereingliedern kann. Eine Kindeswohlgefährdung ist auch un-
ter diesen genannten Aspekten nicht erkennbar.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts kann nur dann aus medi-
zinischen Gründen auf die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ge-
schlossen werden, wenn eine notwendige Behandlung im Heimatland nicht
zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefähr-
denden Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Per-
son führt (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember
2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Dabei wird dieje-
nige allgemeine und dringende medizinische Behandlung als relevant er-
achtet, die zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz absolut
notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls nicht bereits dann vor, wenn
im Heimat- oder Herkunftsstaat nicht eine dem hohen schweizerischen
Standard entsprechende medizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE
2009/2 E. 9.3.2). Die psychischen Belastungen des minderjährigen Be-
schwerdeführers werden nicht in Abrede gestellt, jedoch sind sie nicht als
derart gravierend zu qualifizieren, als dass sie bei einer Rückkehr nach
Algerien zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des
Gesundheitszustandes führen würden. Sodann ist von der grundsätzlichen
Behandelbarkeit der Probleme im Heimatstaat auszugehen. Diesbezüglich
hat das Bundesverwaltungsgericht die Zumutbarkeit des Vollzugs von
Wegweisungen psychisch beeinträchtigter abgewiesener Asylsuchender
nach Algerien in jüngerer Zeit wiederholt festgestellt (vgl. zuletzt etwa die
Urteile des BVGer E-1175/2021 vom 22. März 2021 E. 8.3.3 [depressive
Symptome nach Gewalterfahrung und Folter, PTBS], E-5977/2020 vom
17. März 2021 E. 10.3 [unter anderem paranoide Schizophrenie, psychi-
sche Verhaltensstörungen und selbstschädigendes Verhalten], E-55/2021
vom 26. Januar 2021 E. 9.4.2. ff. [Suizidalität]). Insbesondere ist in Alge-
rien der Zugang zu ambulanten psychologischen und psychiatrischen Be-
handlungen gewährleistet, auch wenn die algerischen Qualitätsstandards
und Behandlungsmethoden nicht den schweizerischen Standards entspre-
chen mögen.
Allfälligen suizidalen Tendenzen wäre durch geeignete Massnahmen
Rechnung zu tragen, dadurch wird jedoch nicht die Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges begründet. Wie bereits von der Vorinstanz festge-
halten, besteht die Möglichkeit, bei ihr bei Bedarf einen Antrag auf Gewäh-
rung individueller medizinischer Rückkehrhilfe zu stellen (Art. 93 Abs. 1
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Seite 12
Bst. d AsylG). Eventuellen, im Wegweisungszeitpunkt auftretenden, erneu-
ten Suizidgedanken des Beschwerdeführers wäre im Rahmen der Voll-
zugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. dazu beispielsweise das Urteil
des BVGer E-2118/2018 vom 10. Juni 2020 E. 9.4.2.2 in fine).
6.8 Zusammenfassend ist aufgrund der Aktenlage der Vorinstanz demnach
beizupflichten, dass davon ausgegangen werden darf, dass der Beschwer-
deführer im Heimatstaat über ein tragfähiges verwandtschaftliches Bezie-
hungsnetz verfügt, dem er bei seiner Rückkehr auch übergeben werden
kann. Zudem kann den gesundheitlichen Beschwerden des Beschwerde-
führers im Heimatstaat Rechnung getragen werden. Eine Kindeswohlge-
fährdung ist insgesamt nicht ersichtlich. Bei dieser Sachlage durfte die Vo-
rinstanz von weiteren Abklärungen zur Aufnahmesituation in Algerien ab-
sehen. Für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zu weiterer
Sachverhaltsabklärung besteht somit keine Veranlassung. Der entspre-
chende Rückweisungsantrag ist abzuweisen.
6.9 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung sowohl
in genereller als auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
7.
Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der vorläu-
figen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 49 VwVG). Die Be-
schwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich
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Seite 13
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm je-
doch am 7. Juli 2021 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde und
weiterhin von der prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist, ist von der
Kostenerhebung abzusehen.
(Dispositiv nächste Seite)
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