Decision ID: 6ab09a68-6929-5b37-b3ab-4e9ad36adc21
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1967 geborene
X._
zog sich bei einem Verkehrsunfall am
28. Februar 1989
Verletzungen an der Halswirbelsäule zu
(Urk. 6/13)
, die verschie
dene chirurgische Eingriffe notwendig machten.
Nach einer Verschlim
merung
der
Beschwerden meldete sich
der Versicherte
am 12. August 2001 bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum
Leistungsbe
zug
an (Urk. 6/50). Mit Verfügung vom 10. Januar 2003 sprach ihm die IV-Stelle mit Wirkung ab 1. Juni 2001 eine halbe Rente zu und
erhöhte diese ab 1. Februar 200
2 auf eine ganze Rente (Urk. 6/87).
Sodann sprach ihm der
Un
fallversicherer
am 4. Juli 2003 per 1. Januar 2003 eine Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 70 % zu (Urk.
6/90).
In der F
olge wurde die Rente
im De
zember 2003, April 2007 und Oktober 2010
revisionsweise bestätigt
(Urk. 6/94, Urk. 6/100, Urk.
6/108).
1.2
Im
Dezember 2014
erhielt die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich eine anonyme Meldung
über die Tätigkeiten des Beschwerdeführers für die
Y._
und die
Z._
(Urk. 6/116).
Daraufhin
holte die IV-Stelle Auskünfte des Krankenversicherers über die vom Beschwerdeführer bezogenen Medikamente und Behandlungen ein (Urk. 6/117)
. Sodann zog sie am 24. Juni 2015 von der Ausgleichska
sse die Jahresabrechnungen der
Z._
bei (Urk. 6/118)
und erteilte am 2. Juli 2015 der in Altendorf angesiedelten Firma
A._
einen Überwachungsauftrag (Urk. 6/120
). Nach Eingang des
Überwachungsbe
richts
vom 9. November 2015 (Urk. 6/121) leitete sie im
Dezember 2015 eine Rentenrevision ein (Urk. 6/109)
.
In
einer Besprechung
mit dem Versicherten
am 3. Ma
i 2016 erkundigte sie sich über
dessen
aktuelle
Verhältnisse und konfron
tierte
ihn
mit der anonymen Meldung und den Ergebnissen der Observation (Urk. 6/124).
Am 18. Mai 2016 teilte sie ihm
ihre Absicht zur
Durchführung ei
ner polydisziplinären Begutachtung
mit
und eröffnete ihm den dafür vorgese
henen Fragekatalog (Urk. 6/129-130). Mit Eingabe vom 15. Juni 2016 wehrte sich der Versicherte gegen die Zustellung des Observationsmaterials an die Gut
achter (Urk. 6/137).
Am 28. Juni 2016 erteilte
die IV-Stelle
den Auftrag an die von
Suisse
MED@P
zugewiesene Abklärungsstelle
B._
(Urk. 6/
141).
Mit Mitteilung vom 30. Juni 2016 eröffnete sie dem Versicherten die zugeteilte Abklärungsstelle und die Namen der beteiligten Gutachter (Urk. 6/145). Nachdem der Versicherte auf einen Entscheid betreffend die
um
strittene Überlassung des Observationsmaterials an die Gutachter beharrt hatte
(Urk. 6/146), hielt sie m
it Zwischenverfügung vom 14. Juli 2016 an der
vorge
sehenen
Abklärung und der Einreichung der Observationsunterlagen fest (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
X._
am 11. August 2016 Beschwerde mit folgen
dem Rechtsbegehren (Urk. 1 S. 2):
„1. Der Beschwerdegegnerin sei zu untersagen, den Gutachtern im Rahmen der vorgesehenen polydisziplinären medizinischen Untersuchung die Unterlagen über die Observation des Beschwerdeführers vom 07.07.2015 - 31.10.2015 zur Verfü
gung zu stellen;
2.
es sei den Gutachtern im Rahmen der polydisziplinären Begutachtung aus
sc
h
liesslich der Standard-Fragenkatalog für das medizinische Gutachten gemäss dem im IV-Rundschreiben Nr. 339 aufgestellten Richtlinien zu unterbreiten und der Beschwerdegegnerin sei zu untersagen, die ergänzende Fragestellung entspre
chend „Ziff. 2 Zusatzfragen“, welche die Observation betreffen, den Gutachtern zur Beantwortung vorzulegen;
3. es seien die vollständigen Akten der Beschwerdegegnerin für das vorliegende Verfahren beizuziehen;
unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerin.“
Mit Beschwerdeantwort vom 19. September 2016 schloss die Verwaltung auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 5)
, worüber der Beschwerdeführer am 26. September 2016 orientiert wurde (Urk. 8).
Diese
r
machte mit Schreiben vom 19. Oktober 2016 eine weitere Eingabe (
Urk.
9 und 10) an das Gericht.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1
.1
Die Beschwerdegegnerin begründet ihren Entscheid, der Gutachterstelle sämtli
che zur Verfügung stehenden Unterlagen, inklusive Observationsunterlagen und der dazu vorgesehenen Zusatzfragen, einzureichen damit, dass die durchge
führte Observation aufgrund einer anonymen Meldung mit konkreten Angaben über
ihr gegenüber nicht angegebene
berufliche
Aktivitäten des Beschwer
deführers objektiv geboten gewesen sei.
Zu
r
Klärung eines allfälligen unrecht
mässigen Leistungsbezuges sowie der Weiterführung der Rentenrevision sei eine Begutachtung dringend indiziert. Dabei stellten die Observationsunterlagen ei
n
en
wichtige
n
Bestandteil der Abklärungen dar und seien deshalb auch von den Gutachtern zu würdigen
(Urk. 2 S. 2 f.)
.
1
.2
Demgegenüber
bestreitet
der Beschwerdeführer
die Verhältnismässigkeit der nach Eingang der anonymen Anzeige und vor Anordnung der Begutachtung
durchgeführten Observation. Insbesondere stellte er sich
auf de
n
Standpunkt,
dass
die Beschwerdegegnerin nach Eingang der anonymen Anzeige Ende 2014 über die zurückliegenden 1
1⁄2 Jahre schon längst eine revisionsweise medizini
sche Begutachtung mit den
e
ntsprechenden Standardfragen
hätte
durchführen können. Durch die unnötige Überwachung
habe sich
das ganze Bild
insoweit zu seinem Nachteil verfälscht, als er durch den Umstand der Überwachung und den daraus entstandenen Bericht mit den Fotoaufnahmen der Ermittler mit überwie
gender Wahrscheinlichkeit seitens der Gutachter keine faire und vor allem neutrale Behandlung mehr erwarten könne
(Urk. 1 S.
7 ff.
)
.
2.
Zunächst ist festzuhalten, dass
die Einwendung des Beschwerdeführers, durch Zustellung des Observationsmaterials an die Gutachter keine faire Behandlung seines Falles mehr erwartet werden könne
(Urk. 1 S. 8),
nicht zu überzeugen
vermag
. Denn es ist gerade Aufgabe einer Gutachterperson, unter Berücksichti
gung aller relevanten Akten sowie der selbst erhobenen Befunde den Gesund
heitszustand eines Versicherten zu beurteilen und zu seiner Arbeitsfähigkeit aus ärztlicher Sicht Stellung zu nehmen. Würde ihr Observationsmaterial vorent
halten, litte das Gutachten an einem erheblichen Mangel und wäre dadurch nicht
beweiskräftig (vgl.
dazu BGE 137
I
327 E. 7.1 sowie
Urteil des Bundesge
richts
9C_789/2013 vom
21. März 2014
E. 3.2
).
Darüber hinaus darf die Ver
waltung Erkenntnisse aus einer Observation in ihre Beurteilung nur ausnahms
weise ohne
erneute medizinische Würdigung
miteinbeziehen
.
Es
entspricht ständiger Praxis, dass nicht bereits vom Observationsmaterial auf die
an
spruchsrelevanten
Umstände (namentlich die Arbeitsfähigkeit) zu schliessen ist, sondern dass zwecks Beurteilung der Anspruchsgrundlagen in Kenntnis aller Umstände, also auch des Observationsmaterials, eine ärztliche Beurteilung ver
anlasst und erst gestützt darauf entschieden wird (vgl. etwa Urteile des Bundes
gerichts 9C_896/2011 vom 31.
Januar 2012 E.
4.3 und 8C_300/2011 vom 30.
Juni 2011 E.
2.3.1).
3.
3.1
Gemäss BGE 120 V 440 ist ein Beweismittel aus dem Recht zu weisen, wenn es rechtswidrig erhoben wurde. Demzufolge ist zunächst zu prüfen, ob Anordnung und Durchführung der Observation des Beschwerdeführers rechtmässig erfolg
ten.
3.2
In BGE
137 I 327
hielt das Bundesgericht fest
, eine Observation versicherter Personen durch Privatdetektive stelle jedenfalls
dann einen durch Art. 43 in
Verbindung mit Art. 28 Abs.
2
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
abgedeckten, relativ geringfügigen Ein
griff in die grundrechtlichen Positionen der überwachten Personen dar, wenn sie sich auf den öffentlichen Raum beschränken. Durch eine solche Überwa
chung werde der Kerngehalt
von Art. 13 der Bundesverfassung nicht angetastet
. Da die genannten Bestimmungen des ATSG im Bereich der Invalidenversiche
rung
ebenfalls anwendbar seien (Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung; IVG
),
sei
die Voraussetzung einer hinreichenden gesetzlichen Grundlage einer Observation im öffentlichen Raum grundsätzlich erfüllt.
Für das invalidenversicher
ungsrechtliche Verfahren
bestehe
überdies in Art. 59 Abs.
5 IVG eine spezialgesetzliche Grundlage, wel
che zur Bekämpfung des ungerechtfertigten Leistungsbezugs den
Be
izug
von Spezialisten ermögliche
. Dass damit der Einsatz von Privatdetektiven gemeint
sei, stehe nicht in Frage (E. 5.1-2
; siehe auch die Ausführungen in der Be
schwerdeschrift,
Urk.
1 S. 6 f.).
Anders als im Unfallversicherungsrecht liegt demzufolge im
Invalidenversiche
rungsrecht
eine
im Parlament in einschlägiger Hinsicht beratene
formell-
ge
setzliche Grundlage für eine Observation im öffentlichen Raum vor. Aus diesem Grund kann der Beschwerdeführer aus dem Urteil des Europäischen Gerichts
hof
e
s
für Menschenrechte (EGMR)
vom
18. Oktober 2016 in Sachen
Vukota-Bo
jic
gegen die Schweiz
– diesem liegt ein Prozess gegen eine private Unfallversi
cherung zu Grunde -
in vorliegendem invalidenversicherungsrechtlichen Ver
fahren nichts zu seinen Gunsten ableiten (Urk. 9, Urk. 10).
Zu begrüssen ist allerdings, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) vor dem Hintergrund dieses EGMR-Entscheides im Rahmen der Revision des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) eine (differenzierte) explizite gesetzliche Grundlage für die Observation von Versicherten „schaffen“ will, die für alle Sozialversicherungsleistungen gilt. Damit würde die unklare Rechtslage, auch im Bereich der Invalidenversicherung (vgl. zum Ganzen einlässlich Thomas
Gächter
, Observationen im
Sozialversi
cherungsrecht
– Voraussetzungen und Schranken, in: Stephan Weber (Hrsg.), Personen-Schaden-Forum 2011, Zürich/Basel/Genf 2011, S. 170-209; nach dessen Auffassung liegt mit Art. 59
Abs.
5 IVG zwar eine formell-gesetzliche Grundlage für den
Beizug
von Spezialisten vor, die Norm ist indes zu unbe
stimmt), beseitigt. Eine Forderung, die auch verschiedenen parlamentarischen Vorstössen zugrunde liegt und damit umgesetzt werden kann.
3.3
In Bezug auf die Verhältnismässigkeit der Observation hat eine
Interessenabwä
gung
unter den Gesichtspunkten der Eignung, Erforderlichkeit und Zumutbar
keit (Verhältnismässigkeit im engeren Sinn) zu erfolgen
.
Die Anordnung
einer
Observation durch einen Privatdetektiv ist grundsätzlich ein geeignetes Mittel, um die versicherte Person bei der Ausübung alltä
glicher Verrichtungen zu se
hen.
Die unmittelbare Wahrnehmung kann bezüglich der Arbeitsfähigkeit einen anderen Erkenntnisgewinn bringen
, der einer späteren Begutachtung zugute
kommen kann (BGE 137 I 327 E. 5.4.1).
A
ufgrund der Angaben in der anonymen Anzeige sowie der von der
Beschwerde
gegnerin
daraufhin durchgeführten Abklärungen beim Krankenver
sicherer (Urk. 6/117), bei der Ausgleichskasse
(Urk. 6/118) sowie des
Internet
auftrittes
der Firma
Z._
(Urk. 6/119)
bestanden
konkrete Anhaltspunkte
, die Zweifel a
m
bisher angenommenen Ausmass der
Arbeitsunfähigkeit
des Beschwerdeführers zu
wecken
vermochten.
Die Observa
tion war demzufolge
objektiv
g
eboten
(vgl. dazu BGE 137 I 327 E. 5.4.2.1)
.
Weiter wurde der Beschwerdeführer in der Zeit vom 7. Juli bis 31. Oktober 2015 während insgesamt sieben Tagen einer Überwachung unterzogen (Urk.
6/121 S. 4).
Die Überwachung fand somit
nur während einer verhältnismässig kur
zen, begrenzten Zeit statt.
Dabei
wurde der Beschwerdeführer ausschliesslich an öf
fentlichen Orten, hauptsächlich
im öffentlich einsehbaren
Raum an seinem
Ge
schäftsdomizil
gefilmt. Die gefilmten
Verrichtungen
weisen somit keinerlei
Be
zug zur Privatsphäre
des Beschwerdeführers
auf
. Dadurch wurde der
Persön
lichkeitsbereich
nur geringfügig tangiert und der Eingriff in die Persönlich
keitsrechte
wiegt
nicht schwer
(vgl. dazu BGE 137 I 327 E. 5.5)
.
3.4
Auf der anderen Seite hat die Versicherung und die dahinter stehende
Versicher
tengemeinschaft
rechtsprechungsgemäss ein erhebliches
schutzwürdi
ges
Interesse daran, dass nicht zu Unrecht Leistungen erbracht werden (BGE 137 I 327 E. 5.3).
Mit anderen Worten wird bei der erfolgten Observation kein Rechtsgut verletzt, welches Vorrang vor
dem öffentlichen Interesse der
Miss
brauchsbekämpfung
hat
.
U
nter Einbezug sämtlicher Umstände sind die Interes
sen
der Beschwerdegegnerin
gegenüber den privaten Interessen
des Beschwer
deführers
somit
als höherwertig einzustufen. Die durchgeführte Observation ist als zumutbar und damit verhältnismässig im engeren Sinn zu bezeichnen. Der Kerngehalt von Art.
13
der Bundesverfassung
wird durch die Anordnung einer solchen Überwachung ebenfalls nicht angetastet
(vgl. dazu BGE 137 I 327 ins
bes. E. 5.6)
.
3.5
Zusammenfassend ergibt sich daher, dass die Observation des Beschwerdefüh
rers rechtmässig angeordnet und durchgeführt wurde, weshalb das
Observati
onsmaterial
als Beweismittel zuzulassen und dementsprechend den Gutachtern zuzustellen ist.
4.
Da eine verfahrensleitende Zwischenverfügung angefochten ist, handelt es sich nicht um eine Leistungsstreitigkeit, womit das Verfahren kostenlos ist (Art. 69 Abs. 1
bis
IVGe
contrario
).