Decision ID: 527ad59e-f5b8-5ae6-b6f8-c663d738e0c1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin gelangte am 18. März 2021 im Rahmen einer
bewilligten Einreise zwecks Familienzusammenführung mit ihrem Ehe-
mann, dem in der Schweiz Asyl gewährt worden war, in die Schweiz.
A.b Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 6. April 2021 reichte sie ein
Asylgesuch (Familienasyl) ein.
B.
Am 12. April 2021 wurden ihre Personalien aufgenommen und am 28. Mai
2021 hörte sie das SEM einlässlich zu den Asylgründen an. Dabei führte
sie aus, dass ihr Ehemann den Kontakt zu ihr abgebrochen habe, und
machte eigene Asylgründe geltend. Mit Entscheid des SEM vom 3. Juni
2021 wurde sie dem erweiterten Verfahren zugeteilt.
C.
Mit Schreiben vom 24. Juni 2021 wurde dem Ehemann der Beschwerde-
führerin das rechtliche Gehör zum Gesuch um Familienzusammenführung
gewährt
In seiner Stellungnahme vom 29. Juni 2021 hielt dieser fest, dass er die
Ehe als gescheitert betrachte und sich scheiden lassen wolle, weshalb er
die Familienzusammenführung nicht mehr wünsche.
Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin am 1. Juli 2021 das rechtliche
Gehör dazu. Mit Eingabe vom 9. Juli 2021 führte ihre Rechtsvertretung aus,
dass aus asylrechtlicher Sicht keine Möglichkeit mehr bestehe, das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführerin auf der Basis einer Familienzusammen-
führung fortzuführen, ihr Gesuch indes aufgrund ihrer eigenen politischen
Tätigkeiten geprüft werden solle.
D.
Am 18. August 2021 fand eine ergänzende Anhörung statt.
E.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen geltend, sie sei türkische Kurdin und stammte aus dem Dorf
B._, Provinz C._. Nach der Heirat habe sie an verschiede-
nen Orten in der Türkei gelebt. Sie sei seit Langem politisch für die
E-4397/2021
Seite 3
Halkların Demokratik Partisi (Demokratische Partei der Völker, nachfol-
gend: HDP) und bei den Friedensmüttern aktiv gewesen. Ihren Kindern
habe sie kurdische Vornamen gefallener Personen gegeben. Zudem seien
immer wieder Sympathisanten der Partiya Karkerên Kurdistanê (Arbeiter-
partei Kurdistans, nachfolgend: PKK) bei ihr zuhause gewesen. Aufgrund
all ihrer politischen Tätigkeiten sei sie ungefähr vier Mal in Untersuchungs-
haft genommen worden, wobei sie auch geschlagen und beschimpft wor-
den sei. Am darauffolgenden Tag habe man sie jeweils wieder freigelassen.
Nach der Ausreise ihres Ehemannes sei das Leben als alleinstehende Frau
im Dorf schwieriger geworden. Zuletzt habe sie bei ihrem Sohn in
D._ gewohnt. Im Falle einer Rückkehr in die Türkei würde sie auf-
grund ihrer politischen Aktivitäten Gefahr laufen, inhaftiert zu werden. Zu-
dem habe sie (...), (...) und in der Türkei einen (...) gehabt, den sie aber
nicht habe operieren lassen wollen.
Ihr Ehemann, von dem sie mittlerweile getrennt lebe, habe im Jahr 2020
Asyl in der Schweiz wegen Verurteilung als PKK-Mitglied erhalten. Drei
Söhne und eine Tochter würden zurzeit nach wie vor in der Türkei leben.
Eine andere Tochter lebe in der Schweiz.
Sie reichte folgende Unterlagen zum Nachweis ihrer Identität und als Be-
weismittel zu den Akten: ihren Pass und ihren Identitätsausweis (beides im
Original), einen Auszug aus dem Familienregister, diverse Fotos, zwei Zei-
tungsartikel, ein Gerichtsdokument aus dem Jahr 2008 und einen Arztbe-
richt vom April 2021.
F.
Mit Verfügung vom 31. August 2021 – eröffnet am 2. September 2021 –
stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllt, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
sowie den Vollzug an. Gleichzeitig händigte es der Beschwerdeführerin die
editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
G.
Gegen die Verfügung des SEM vom 31. August 2021 erhob die Beschwer-
deführerin mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 4. Oktober 2021 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben, sie sei als Flüchtling anzuerkennen und
ihr Asylgesuch sei gutzuheissen; eventualiter sei sie vorläufig aufzuneh-
men; subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
E-4397/2021
Seite 4
zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um die Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege, inklusive Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses, und um Beiordnung der unterzeichnenden
Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin.
Die Beschwerdeführerin reichte eine Bestätigung eines Arzttermins, ein
Foto einer Demonstration, Fotos ihrer Kinder, ein Referenzschreiben der
HDP, Klageschriften gegen die Friedensmütter, sowie zwei Zeitungsartikel
betreffend die Friedensmütter zu den Akten.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
5. Oktober 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG).
I.
Am 7. Oktober 2021 bestätigte die Instruktionsrichterin den Eingang der
Beschwerde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
E-4397/2021
Seite 5
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Asylentscheid im We-
sentlichen mit der mangelnden Asylrelevanz der Vorbringen. Das SEM
zweifelte weder am Beitritt der Beschwerdeführerin zur HDP noch an ihren
vorgebrachten politischen Aktivitäten. Angesichts ihres niederschwelligen
E-4397/2021
Seite 6
politischen Profils als einfaches Parteimitglied ohne exponierte Stellung in-
nerhalb der HDP, den jahrelang zurückliegenden Untersuchungshaften,
dem einmaligen Verfahren, in welchem sie im Jahr 2008 freigesprochen
worden sei, der legalen Ausreise – bei welcher fraglich sei, ob sie ohne das
Familiennachzugsgesuch überhaupt ausgereist wäre – und der (abgese-
hen von Belästigungen mittels Drohnenüberwachung und den Behörden-
besuchen, anlässlich welcher sich die Behörden nach ihrem Ehemann, ih-
rer Tochter und ihrem Schwager erkundigt hätten) fehlenden Reflexverfol-
gung, stelle sich die Frage, welches Interesse die Behörden an ihr gehabt
hätten. Ihr allgemeiner Verweis, dass andere Aktivistinnen oder ihre Freun-
dinnen verhaftet worden seien, weshalb sie bei einer Rückkehr ebenfalls
verhaftet würde, überzeuge nicht. Aufgrund ihrer Erlebnisse und aus sub-
jektiver Sicht seien ihre Befürchtungen durchaus nachvollziehbar, würden
jedoch jeglicher objektiven Grundlage entbehren. Die türkischen Behörden
hätten zahlreiche Mittel und Wege gehabt, sie festzunehmen oder Verfah-
ren gegen sie einzuleiten, falls ein tatsächliches Interesse an ihrer Person
bestanden hätte. Die von ihr geschilderten Erlebnisse hätten nie ein asyl-
rechtlich relevantes Ausmass erlangt. Weshalb dies bei einer Rückkehr an-
ders sein sollte, habe sie nicht zu begründen vermocht.
Ein soziales Netzwerk (Kinder, Geschwister und Stiefgeschwister) sei in
der Türkei vorhanden. Ihr Kind habe ihren Lebensunterhalt finanziert,
obschon diese finanzielle Bürde nicht einfach gewesen sei. Es sei anzu-
nehmen, dass sie im Falle einer Rückkehr in die Türkei, nebst der Unter-
stützung ihrer Familie vor Ort, auch auf die Mithilfe ihrer in der Schweiz
lebenden Tochter zählen könnte. Aus ihren gesundheitlichen Beschwerden
würden sich angesichts des gut entwickelten türkischen Gesundheitssys-
tems keine Anzeichen ergeben, die gegen eine Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs sprechen würden.
5.2 Zur Begründung ihres Rechtsmittels wiederholt die Beschwerdeführe-
rin ihre Vorbringen und führt ergänzend im Wesentlichen aus, sie habe
grosse Erinnerungslücken, weshalb ihre Erklärungen nicht in einer logi-
schen Reihenfolge und mit vielen fehlenden Informationen erfolgt seien.
Eine medizinische Abklärung sei nicht abgewartet worden. Auch einfache
Mitglieder der HDP seien in der Türkei gefährdet und würden verhaftet. So
sei ihr Ehemann, der auch keine hohe führende Rolle in der HDP innege-
habt habe, ebenfalls wegen seiner PKK-Mitgliedschaft verurteilt worden.
Sie sei den türkischen Sicherheitsbehörden bekannt und es sei ihr mit dem
Tod beziehungsweise dem Verschwinden lassen gedroht worden. Insge-
samt weise sie ein besonderes, asylrelevantes politisches Profil auf.
E-4397/2021
Seite 7
Ihre Kinder seien alle bei der HDP aktiv und würden in Angst und unter sehr
schwierigen Lebensumständen leben, weshalb sie ihr keinen Schutz und
Unterstützung bieten könnten. Ihren beiden älteren Söhnen sei die Arbeits-
stelle bei der Gemeinde gekündigt worden. Ihr jüngster Sohn sei unterge-
taucht, weil er wegen des Militärdienstes gesucht werde. Sie habe keine
Rente und sei aufgrund ihrer gesundheitlichen Beschwerden nicht arbeits-
fähig. Die Sozialhilfeleistungen seien sehr niedrig und würden willkürlich
mehrheitlich an der Regierungspartei nahestehende Personen ausgezahlt.
Als alleinstehende Frau würde sie, nebst dem gesellschaftlichen Druck,
ebenfalls seitens der Sicherheitsbehörden unter Druck gesetzt.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten der Beschwerdeführerin kommt das Bundes-
verwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz ihre Vorbringen zu
Recht als flüchtlingsrechtlich nicht relevant qualifiziert hat. Die Ausführun-
gen in der Beschwerdeschrift vermögen den Erwägungen des SEM letzt-
lich nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen. Somit kann vorab auf die zu-
treffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen wer-
den.
Ergänzend hält das Bundesverwaltungsgericht Folgendes fest:
6.2 Die Rechtsvertreterin hatte die Vorinstanz bereits mit Eingabe vom
26. Mai 2021 auf die Erinnerungsprobleme der Beschwerdeführerin auf-
merksam gemacht und an der ergänzenden Anhörung Fragen dazu gestellt
(vgl. SEM-Akten [...]-42/12 [nachfolgend: A42], F49 f.). Dass ihre Antwor-
ten anlässlich der Anhörungen nicht immer in einer logischen Reihenfolge
und teils lückenhaft ausgefallen sein mögen, ist indes insofern irrelevant,
als dass die Vorinstanz das politische Engagement der Beschwerdeführe-
rin nicht in Frage gestellt hat. Der Sachverhalt kann deshalb als erstellt
erachtet werden. Folglich ist auf das Subeventualbegehren, die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, nicht weiter einzuge-
hen.
6.3 Den geltend gemachten erlittenen Nachteilen (mehrfache kurzzeitige
Untersuchungshaften und ein abgeschlossenes Verfahren) mangelt es an
der asylrechtlich erforderlichen Intensität. An dieser Einschätzung ändern
auch ihre Aussagen, wonach sie anlässlich der Untersuchungshaft be-
schimpft und geschlagen worden sei, nichts, zumal diese Festnahmen be-
reits mehrere Jahre zurückliegen (vgl. A42 F32 ff.). Ihren Aussagen ist so-
dann insbesondere nicht zu entnehmen, dass sich die Bedrohungssituation
E-4397/2021
Seite 8
bis zu ihrer Ausreise intensiviert hätte. Die Schikanen (Überwachung mit
Drohnen, Besuche durch die Behörden), denen die Beschwerdeführerin
seit der Ausreise ihres Ehemannes ausgesetzt gewesen sei, vermögen für
sich alleine keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung zu begründen,
da sie aufgrund ihrer Art und Intensität nicht als ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG zu werten sind.
6.4 Die Beschwerdeführerin habe zwar unter anderem wegen politischer
Verfolgung mehrfach den Wohnort gewechselt. Seit ihrem Wegzug aus
E._ sei sie aber nicht mehr in Untersuchungshaft gewesen. Ge-
mäss ihren Aussagen hätten die Behörden sie seither überwacht und bei
ihr zuhause jeweils nach ihrem Ehemann, ihrer Tochter und ihrem Schwa-
ger gefragt (vgl. A29 F72 ff. und F80; A42 F32 und F47). Anhand dieser
Schilderungen bestätigt sich der Eindruck mangelnden Interesses der Be-
hörden an der Beschwerdeführerin, zumal die Behördenbesuche in erster
Linie darauf ausgerichtet schienen, ihre Familienmitglieder ausfindig zu
machen. Es ist ihren Aussagen indes nicht zu entnehmen, dass ihre Bewe-
gungsfreiheit derart massiv eingeschränkt war und sie stets befürchten
musste, es drohten ihr weitere Verfolgungsmassnahmen. Die Schikanen
durch die türkischen Behörden sind nicht als unerträglicher psychischer
Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu qualifizieren, zumal ihr nach der
Ausreise ihres Ehemannes ein weiterer Verbleib in der Türkei möglich war,
bis dieser ein Gesuch um Familiennachzug für sie stellte. Die nachvollzieh-
bare subjektive Furcht, wie ihre Freundinnen verhaftet zu werden, ver-
mochte sie ferner nicht objektiv zu konkretisieren.
6.5 Das SEM stellte schliesslich zu Recht fest, dass nicht von begründeter
Furcht vor zukünftiger Reflexverfolgung auszugehen ist. Aus dem Um-
stand, dass ihrem Ehemann in der Schweiz Asyl gewährt wurde, vermag
die Beschwerdeführerin nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Auch das En-
gagement ihrer Kinder für die HDP ist nicht geeignet, bei der Beschwerde-
führerin zur Annahme eines politisch exponierten Profils zu führen. Die Fa-
milie ist seit Jahren politisch aktiv. Ihren Aussagen sind indes keine Hin-
weise darauf zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin vor ihrer Aus-
reise wegen des Engagements ihrer Kinder mit Problemen oder gar Nach-
teilen konfrontiert gewesen wäre. Es ist nicht ersichtlich, weshalb sich da-
ran bei einer Rückkehr etwas ändern würde.
6.6 Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die Vorinstanz zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneint und ihr
Asylgesuch abgelehnt hat.
E-4397/2021
Seite 9
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
E-4397/2021
Seite 10
8.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
8.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der
Beschwerdeführerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für
den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen
Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Fol-
terausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr
("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl.
Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kam-
mer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechts-
situation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen.
8.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi-
schen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in ver-
schiedenen Provinzen im Südosten des Landes sowie der Entwicklungen
nach dem Militärputschversuch im Juli 2016 ist gemäss konstanter Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts nicht von einer Situation allgemeiner Ge-
walt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch nicht
E-4397/2021
Seite 11
für Angehörige der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. statt vieler Urteile
des BVGer E-1716/2020 vom 22. April 2020 E. 7.4.1 und E-2182/2020
vom 17. Dezember 2020 E. 12.4.1 je m.w.H.). Bei C._ handelt es
sich sodann nicht um eine Provinz, bei der die geltende Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts von der generellen Unzumutbarkeit des
Vollzugs von Wegweisungen ausgeht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6 und das
Referenzurteil E-1948/2018 E. 7.3.1).
8.3.2 In individueller Hinsicht ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin
in der Türkei nach wie vor über ein soziales Netz (Kinder, Geschwister und
Stiefgeschwister) verfügt. Bereits vor ihrer Ausreise wurde sie von ihren
Kindern finanziell unterstützt und hat bei ihrem Sohn gewohnt (vgl. A29
F17 ff. und A43 F52 f.). Auch wenn ihre Söhne ihre Anstellung bei der Ge-
meinde verloren haben sollten (vgl. Beschwerde S. 10), ist anzunehmen,
dass sie sich in wirtschaftlicher Hinsicht wieder zurechtfinden werden. Es
ist davon auszugehen, dass die Familienangehörigen der Beschwerdefüh-
rerin im Heimatstaat sowie ihre Tochter in der Schweiz sie – sollten die
Sozialhilfeleistung des türkischen Staates nicht ausreichen – bei einer
Rückkehr unterstützen können.
Betreffend die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin ([...])
kann davon ausgegangen werden, dass sie eine allfällig notwendige medi-
zinische Behandlung im Heimatstaat erhältlich machen kann. Die Behand-
lung allfälliger psychischer Probleme in Zusammenhang mit ihren Erinne-
rungsschwierigkeiten sollte in der Türkei ebenfalls sowohl stationär als
auch ambulant möglich sein. In antizipierender Beweiswürdigung (vgl.
BGE 136 I 229 E. 5.3 m.w.H.) ist das Ergebnis der medizinischen Abklä-
rung in der Schweiz folglich nicht abzuwarten.
Bei dieser Aktenlage ist nicht davon auszugehen, die Beschwerdeführerin
würde nach einer Rückkehr in eine existenzbedrohende Lage geraten (vgl.
BVGE 2014/26 E. 7.6). Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der
Wegweisung auch als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, die im Besitz eines Rei-
sepasses und einer Identitätskare (beide im Original) ist, sich bei der zu-
ständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendi-
gen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
E-4397/2021
Seite 12
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
wird mit dem vorliegenden Urteil gegenstandslos.
10.2 Die Beschwerdeführerin ersuchte um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und um Beiordnung einer unentgeltlichen Rechtsbeistän-
din (Art. 102m AsylG). Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich,
dass ihre Begehren als aussichtlos zu gelten haben. Damit ist eine der ku-
mulativ zu erfüllenden Voraussetzungen gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht
gegeben, weshalb die Gesuche abzuweisen sind.
10.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-4397/2021
Seite 13