Decision ID: d2377e4c-b8fa-578e-83f7-6038197d42df
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
A.a A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) gelangte eigenen
Angabe zufolge am 23. August 2008 illegal in die Schweiz, wo sie am
26. August 2008 um Asyl nachsuchte.
A.a.a Anlässlich der Kurzbefragung vom 25. September 2008 und der An-
hörung vom 16. Oktober 2008 machte die Beschwerdeführerin geltend, sie
stamme aus der Provinz C._, Äthiopien. Sie habe einen äthiopi-
schen Pass und eine Identitätskarte gehabt; demgegenüber habe sie – ob-
wohl ihre beiden Eltern eritreische Staatsangehörige seien – nie eritreische
Ausweispapiere besessen. Ihr Vater sei verstorben als sie noch klein ge-
wesen sei und ihre Mutter sei im Zuge des äthiopisch-eritreischen Konflikts
im Jahr 2000 von den äthiopischen Behörden nach Eritrea deportiert wor-
den, wo sie seither lebe.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs brachte sie im Wesentlichen vor, sie
habe Äthiopien noch vor der Ausschaffung ihrer Mutter verlassen, um in
D._, Jemen, zu arbeiten. Wegen schlechter Bezahlung sei sie 2004
illegal nach E._, Saudi-Arabien, gereist. Dort habe sie jedoch keine
Aufenthaltsbewilligung erhalten, weshalb sie mit ihrem in der Zwischenzeit
abgelaufenen Pass per Flugzeug von E._ nach F._, Italien,
und von dort aus mit dem Zug illegal in die Schweiz gereist sei. Der Schlep-
per habe ihr sowohl ihren Pass als auch ihre ID abgenommen. Ihr sei ei-
nerseits die äthiopische Staatsbürgerschaft entzogen worden und anderer-
seits sei sie nicht im Besitz der eritreischen Staatsangehörigkeit. Eine
Rückkehr nach Äthiopien sei aufgrund ihrer eritreischen Abstammung und
der deswegen drohenden Ausweisung nach Eritrea nicht möglich und in
Eritrea drohe ihr als Äthiopierin eritreischer Herkunft willkürliche Haft und
Misshandlung.
A.a.b Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin
ein Schreiben der Kebele mitsamt deutscher Übersetzung zu den Akten.
A.b Mit Verfügung vom 10. November 2008 stellte das Bundesamt für Mig-
ration (BFM; heute: SEM) fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flücht-
lingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung der Ableh-
nung des Asylgesuchs führte das BFM im Wesentlichen aus, es sei weder
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glaubhaft, dass der Beschwerdeführerin die äthiopische Staatsbürger-
schaft aberkannt worden sei, noch, dass sie in ethnischer Hinsicht eritrei-
scher Abstammung sei. Sodann habe sie Äthiopien aus wirtschaftlichen
Gründen verlassen und sei nach Jemen und Saudi-Arabien gegangen, um
dort zu arbeiten, weshalb ihre Ausreisegründe nicht asylbeachtlich seien.
A.c Die dagegen erhobene Beschwerde vom 10. Dezember 2008, welche
sich nur gegen den von der Vorinstanz verfügten Wegweisungsvollzug rich-
tete, wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-7955/2008 vom
30. März 2009 ab. Dabei führte das Gericht aus, es sei davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin Staatsangehörige von Äthiopien sei.
B.
B.a Mit Eingabe vom 2. Juni 2009 reichte die Beschwerdeführerin – han-
delnd durch ihre damalige Rechtsvertreterin – beim BFM ein Wiedererwä-
gungsgesuch ein. Darin beantragte sie, das Asylverfahren sei wiederauf-
zunehmen und es sei materiell über die Flüchtlingseigenschaft sowie die
Asylgewährung zu befinden. Zur Begründung machte sie im Wesentlichen
geltend, seit Erlass der vorinstanzlichen Verfügung vom 10. Novem-
ber 2008 lägen neu erhebliche Beweismittel vor, aufgrund derer ihre
Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen sei. Eventualiter seien die Unzuläs-
sigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs fest-
zustellen.
Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin im Laufe des Beschwer-
deverfahrens fünf Fotografien, welche angeblich ihre Mutter in Eritrea zei-
gen würden, sowie eine Auskunft der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH) in Bezug auf die Lage von Personen eritreischer Herkunft in Äthio-
pien zu den Akten.
B.b Mit Verfügung vom 31. Juli 2009 wies das BFM das Wiedererwä-
gungsgesuch der Beschwerdeführerin ab und stellte die Rechtskraft und
Vollstreckbarkeit der Verfügung vom 10. November 2008 fest. Zur Begrün-
dung führte es aus, angesichts der gesamten Umstände sei es nicht glaub-
haft, dass der Beschwerdeführerin die äthiopische Staatsbürgerschaft ab-
erkannt worden sei.
B.c Die dagegen erhobene Beschwerde vom 23. August 2009 wurde in
der Folge vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-5416/2009 vom
2. Oktober 2009 abgewiesen.
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C.
C.a Am 10. Juli 2010 reichte die Beschwerdeführerin ein Gesuch mit der-
selben Thematik wie in den beiden vorangegangenen Verfahren ein, wel-
ches das BFM in der Folge als zweites Asylgesuch entgegennahm.
C.b Nach durchgeführter Anhörung der Beschwerdeführerin gelangte das
BFM zum Schluss, dass es mangels funktionaler Zuständigkeit nicht befugt
sei, über das Gesuch zu befinden. Es überwies das Gesuch am
25. Mai 2011 in Anwendung von Art. 8 Abs. 1 VwVG zur Behandlung unter
dem Gesichtspunkt einer allfälligen Revision an das Bundesverwaltungs-
gericht.
C.c Mit Entscheid D-2958/2011 vom 7. Juni 2011 trat das Bundesverwal-
tungsgericht nicht auf das Revisionsgesuch ein.
D.
Am (...) kam der Sohn der Beschwerdeführerin, B._ (nachfolgend:
Beschwerdeführer), auf die Welt.
II.
E.
Mit als "Wiedererwägung/zweites Asylgesuch" bezeichneter Eingabe der
rubrizierten Rechtsvertreterin vom 1. März 2019 (Eingangsdatum SEM)
liessen die Beschwerdeführenden beim SEM darum ersuchen, die ableh-
nende Verfügung vom 10. November 2009 sei in Wiedererwägung zu zie-
hen beziehungsweise das Asylverfahren sei wiederaufzunehmen. Infolge
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs seien sie vorläufig in der
Schweiz aufzunehmen. Zur Begründung machten sie im Wesentlichen gel-
tend, es sei eine massgebliche Veränderung eingetreten und es würden
neue Beweismittel vorliegen. Die Beschwerdeführerin sei alleinerziehende
Mutter, welche sich vom Vater ihres Kindes getrennt habe und mit diesem
keine familienähnliche Beziehung führe. Sie hätte kein soziales und famili-
äres Beziehungsnetz in Äthiopien, weshalb der Vollzug der Wegweisung
unzumutbar sei. Weiter könne sie mit dem neu eingereichten Identitätspa-
pier ihre äthiopische Herkunft belegen.
Der Eingabe lag ein Kebele-Ausweis (im Original) mit deutscher Überset-
zung bei.
F.
Am 5. März 2019 ersuchte das SEM das Migrationsamt des Kantons
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Schaffhausen, den Vollzug der Wegweisung im Sinne einer vorsorglichen
Massnahme (Art. 111b Abs. 3 AsylG) einstweilen auszusetzen.
G.
G.a Am 29. März 2019 erhielten die Beschwerdeführenden Gelegenheit,
sich zum eingereichten Identitätsdokument zu äussern.
G.b Zusammen mit ihrer Stellungnahme vom 23. April 2019 reichten sie
die Kopie einer weiteren Kebele-ID ein.
H.
Das SEM wies das Wiedererwägungsgesuch mit Verfügung vom
27. Juni 2019 – eröffnet am 2. Juli 2019 – ab, erklärte seine Verfügung
vom 10. November 2008 als rechtskräftig und vollstreckbar, wies das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ab, erhob eine Ge-
bühr in der Höhe von Fr. 600.– und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde
komme keine aufschiebende Wirkung zu.
I.
Mit Eingabe der rubrizierten Rechtsvertreterin vom 31. Juli 2019 reichten
die Beschwerdeführenden eine Beschwerde gegen die vorinstanzliche
Verfügung ein. Darin wurde beantragt, der Fall sei zur hinreichenden Ab-
klärung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Eventualiter sei der Entscheid des SEM vom 10. November 2008
wiedererwägungsweise im Wegweisungspunkt aufzuheben und die Be-
schwerdeführenden seien vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung ersucht und der Wegweisungsvollzug sei für die Dauer des Verfah-
rens auszusetzen. Ausserdem beantragten die Beschwerdeführenden die
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses und die Beiordnung einer amtlichen
Rechtsbeiständin oder eines amtlichen Rechtsbeistandes.
J.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 2. August 2019 setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 21. August 2019 hiess die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um aufschiebende Wirkung der Beschwerde gut und ver-
fügte, die Beschwerdeführenden dürften den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
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Prozessführung wurde gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses verzichtet. Demgegenüber wurde das Gesuch um Beiord-
nung einer amtlichen Rechtsverbeiständung mangels Komplexität der
Sach- und Rechtslage abgewiesen. Gleichzeitig wurde der Vorinstanz Ge-
legenheit gegeben, sich zur Beschwerde vom 31. Juli 2019 vernehmen zu
lassen.
L.
Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung vom 6. September 2019 voll-
umfänglich an ihren Erwägungen in der angefochtenen Verfügung fest.
M.
Die Beschwerdeführenden liessen am 1. Oktober 2019 eine Replik zu den
Akten reichen, wobei sie an ihren Anträgen festhielten.
N.
Mit Schreiben vom 9. Februar 2021 beantwortete die Instruktionsrichterin
eine Verfahrensstandsanfrage der Beschwerdeführenden vom 3. Feb-
ruar 2021.
O.
Mit Schreiben vom 8. Juli 2021 erkundigten sich die Beschwerdeführenden
erneut nach dem Verfahrensstand.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG).
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1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist folglich einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG
(vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt
(vgl. aArt. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist der Vorinstanz
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift-
lich und begründet einzureichen. Im Übrigen richtet sich das Verfahren
nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG
(aArt. 111b Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Asyl- und Wegwei-
sungsverfügung an nachträglich eingetretene Wegweisungsvollzugshin-
dernisse (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Ver-
fügung unangefochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren
mit einem blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch
Revisionsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum
sogenannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" vgl. BVGE 2013/22
E. 5.4 m.w.H.). Ebenfalls im Rahmen einer Wiedererwägung zu prüfen sind
Beweismittel, die erst nach einem materiellen Beschwerdeentscheid des
Bundesverwaltungsgerichts entstanden sind und daher revisionsrechtlich
nicht von Relevanz sein können (vgl. BVGE 2013/22 E. 12 und 13).
4.
Den Kebele-Ausweisen ist zu entnehmen, dass diese bereits 2008 respek-
tive 2018 ausgestellt wurden, weshalb sich die Frage aufdrängen würde,
ob das Wiedererwägungsgesuch innert 30 Tagen "nach Entdeckung des
Wiedererwägungsgrundes" (Art. 111b Abs. 1 AsylG) – und damit fristge-
recht – beim SEM eingereicht wurde. Die Vorinstanz thematisierte diese
prozessuale Frage jedoch nicht und trat (ohne erkennbare Prüfung der
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Sachentscheidvorausssetzungen) auf das Gesuch ein. Im vorliegenden
Beschwerdeverfahren ist somit nachfolgend zu prüfen, ob das SEM zu
Recht davon ausgegangen ist, dass die neuen Vorbringen und Beweismit-
tel der Beschwerdeführenden die Sachlage nicht derart verändern, dass
sie den Vollzug der Wegweisung unzumutbar machen würden. Die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft und des Asyls sind – wie die Wegweisung als
solche – nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens. Für
die Beurteilung der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs ist praxis-
gemäss der sich im Urteilszeitpunkt präsentierende Sachverhalt massge-
bend.
5.
5.1 Auf Beschwerdeebene wird in formeller Hinsicht die Verletzung des
rechtlichen Gehörs insbesondere dessen Teilgehalt des Anspruchs auf Ak-
teneinsicht oder alternativ des Untersuchungsgrundsatzes gerügt. Dabei
handelt es sich um formelle Rügen, welche vorab zu beurteilen sind, da sie
gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfü-
gung zu bewirken.
5.2
5.2.1 In der Beschwerdeschrift wurde vorgebracht, die Vorinstanz habe mit
dem ehemaligen Arbeitgeber der Beschwerdeführerin, G._, telefo-
nisch Kontakt aufgenommen, wobei sie es – trotz Aufforderung – unterlas-
sen habe, den Inhalt dieses Gesprächs und die daraus gezogenen
Schlüsse offenzulegen.
5.2.2 In ihrer Vernehmlassung entgegnete die Vorinstanz, die Behauptung
der Beschwerdeführenden, wonach sie mit dem ehemaligen Arbeitgeber
der Beschwerdeführerin telefonisch Kontakt aufgenommen haben soll, sei
aus der Luft gegriffen. Ihr Entscheid basiere auf Akten, von denen die Be-
schwerdeführenden vollumfänglich Kenntnis hätten.
5.3 In der Replik führten die Beschwerdeführenden aus, es stimme, dass
sie die Kontaktaufnahme durch das SEM nicht belegen könnten. Die
Schlussfolgerung, wonach es sich um einen Mitarbeiter der Vorinstanz ge-
handelt habe, sei aufgrund des laufenden Verfahrens jedoch naheliegend
gewesen und erscheine nicht aus der Luft gegriffen. Falls der Anruf, wie
von der Vorinstanz behauptet, nicht stattgefunden habe, stelle sich die
Frage, warum diese die auf dem Ausweis angegebene Nummer nicht an-
gerufen habe, wenn sie sich doch auf den Standpunkt stelle, der einge-
reichte Ausweis sei gefälscht. Dies wäre die einfachste Art gewesen, die
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von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Tatsachen zu verifizieren.
Auch wenn der Anruf nicht stattgefunden habe, habe die Vorinstanz den-
noch den Untersuchungsgrundsatz verletzt.
5.4
5.4.1 Hinsichtlich der angeblichen Kontaktaufnahme des SEM mit dem
ehemaligen Arbeitgeber der Beschwerdeführerin räumte diese in der Rep-
lik selber ein, das Telefongespräch nicht belegen zu können. Ihr ehemaliger
Arbeitgeber habe direkt mit ihr Kontakt aufgenommen und sie darüber in-
formiert, dass er von jemandem der sich als Mitarbeiter einer Schweizeri-
schen Behörde ausgegeben habe, angerufen und befragt worden sei. Da-
mit handelt es sich bei der auf Beschwerdeebene vorgetragenen Bean-
standung um eine reine Parteibehauptung ohne Beweiswert. Überdies sind
den vorinstanzlichen Akten keine Hinweise zu entnehmen, wonach das
SEM mit dem ehemaligen Arbeitgeber der Beschwerdeführerin Kontakt
aufgenommen hätte. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs respektive
des Akteneinsichtsrechts ist somit nicht zu erkennen.
5.4.2 Zur Rüge, die Vorinstanz hätte den Untersuchungsgrundsatz verletzt,
indem sie zur Überprüfung der Echtheit der Kebele-ID nicht die darin auf-
geführte Telefonnummer angerufen habe, ist Folgendes festzuhalten: Das
SEM hat in seiner Verfügung ausführlich dargelegt, weshalb es die Kebele-
ID als gefälscht erachtete. Es war denn auch nicht verpflichtet, telefonisch
mit der Person, welche den Ausweis nach Angaben der Beschwerdeführe-
rin beschaffte, Kontakt aufzunehmen. Im Übrigen ist hierzu anzumerken,
dass ein Anruf des SEM auf die in der Kebele-ID angegebene Telefonnum-
mer nicht tauglich gewesen wäre, die Echtheit des Ausweises zu belegen,
da lediglich durch einen Anruf nicht bestimmt werden kann, wer sich am
anderen Ende des Telefonats befindet, beziehungsweise es sich um münd-
liche Aussagen von Drittpersonen handelt, welche nicht weiter verifiziert
werden können. Folglich ist die Vorinstanz ihrer Untersuchungspflicht
nachgekommen.
5.5 Die formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegrün-
det, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Grün-
den aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen, weshalb das ent-
sprechende Rechtsbegehren abzuweisen ist.
6.
6.1 Zur Begründung ihrer abweisenden Verfügung führte die Vorinstanz zu-
nächst aus, die Beschwerdeführerin habe in den vorangehenden Verfahren
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Seite 10
stets behauptet, keine Äthiopierin zu sein. Aufgrund ihrer unglaubhaften
Vorbringen und des Umstandes, dass sie bisher keinerlei Ausweispapiere
eingereicht habe, seien die Asylbehörden indes dennoch davon ausgegan-
gen, dass es sich bei ihr um eine äthiopische Staatsangehörige handle. Die
nun mit dem aktuellen Wiedererwägungsgesuch eingereichten Kebele-
Ausweise seien jedoch aus verschiedenen Gründen nicht geeignet, ihre
Identität zu belegen. So sei es für die Ausstellung einer Identitätskarte un-
abdingbar, persönlich auf der Kebele-Verwaltung vorzusprechen. Demge-
genüber sei die im Original eingereichte Kebele-ID im Jahr 2018 ausge-
stellt worden. Damals habe sich die Beschwerdeführerin unbestrittener-
massen in der Schweiz aufgehalten. Weiter habe sie in den früheren Ver-
fahren stets angegeben, in H._ (in der Region C._) geboren
zu sein und bis zu ihrer Ausreise im Jahr 2000 auch dort gelebt zu haben.
Dem Kebele-Ausweis, welcher in der Stadt I._ (Region J._)
ausgestellt worden sei, sei dagegen zu entnehmen, dass sie in K._
(Region J._) geboren sei. Bezeichnenderweise würden sich auch
ihre Angaben im Wiedererwägungsgesuch nicht mit ihren Vorbringen in
den vorangegangenen Verfahren decken. So habe sie erstmals im Wieder-
erwägungsverfahren vorgebracht, in Äthiopien gearbeitet zu haben. Infol-
gedessen qualifizierte das SEM die im Original eingereichte Identitätskarte
als gefälscht und zog sie gestützt auf Art. 10 Abs. 4 AsylG ein. In Bezug
auf die in Kopie eingereichte Kebele-ID, welche ebenfalls nach der Aus-
reise der Beschwerdeführerin ausgestellt worden sei, könne die Echtheit
nicht beurteilt werden, weshalb ihr kein Beweiswert zukomme. Zudem sei
fraglich, weshalb diese nicht früher eingereicht worden sei, datiere sie doch
von 2008.
Bezüglich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verwies das SEM
auf die Erwägungen in den bisher ergangenen Verfügungen. Aufgrund der
unglaubhaften Angaben in Bezug auf ihren Wohnort und damit auch ihre
Lebensumstände sowie der untauglichen Identitätsdokumente respektive
des Fehlens von Ausweispapieren, die ihre Identität zweifelfrei belegen
könnten, sei es nicht möglich, sich in voller Kenntnis der tatsächlichen per-
sönlichen und familiären Situation zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs zu äussern. Zwar seien die Wegweisungsvollzugshindernisse grund-
sätzlich von Amtes wegen zu prüfen, diese Untersuchungspflicht finde je-
doch ihre Grenzen an der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht der asylsu-
chenden Person, denn es sei nicht Aufgabe der Asylbehörden, bei fehlen-
den Hinweisen seitens der gesuchstellenden Person in hypothetischen
Herkunftsländern nach Wegweisungsvollzugshindernissen zu forschen.
Somit erweise sich der Vollzug der Wegweisung in den Heimatstaat als
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zumutbar. Daran ändere auch der Umstand nichts, dass sie mittlerweile ein
Kind geboren habe und alleinerziehende Mutter sei. Auch das Übereinkom-
men vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (Kinderrechts-
konvention, KRK; SR 0.107) stehe einem Wegweisungsvollzug nicht ent-
gegen, zumal ihr Sohn erst (...) und aufgrund seines Alters ausschliesslich
an seine Mutter gebunden sei. Alsdann sei davon auszugehen, dass sich
ihre (...)-Schwester in Äthiopien befinde. Die Vorbringen der Beschwerde-
führerin, wonach ihr Schwager verstorben sei und sie mit ihrer (...)-
Schwester wegen eines Streits keinen Kontakt mehr hätte, sei durch nichts
belegt und müsse bezweifelt werden.
6.2 Die Beschwerdeführenden führten zur Begründung ihrer Beschwerde
im Wesentlichen an, die Beschwerdeführerin habe ihre äthiopische Staats-
bürgerschaft nun offengelegt, weshalb diese kaum mehr Streitgegenstand
des vorliegenden Verfahrens sein könne, da diese sowohl von der
Vorinstanz als auch vom Bundesverwaltungsgericht stets angenommen
worden sei. Der Vorinstanz sei zwar zuzustimmen, dass die Beschwerde-
führerin stets angegeben habe, immer in I._ (sic!) gewohnt zu ha-
ben. Wie sie in ihrer Anhörung vom 16. Oktober 2008 jedoch bereits aus-
gesagt habe, sei sie im Jahr vor ihrer Ausreise innerhalb Äthiopiens her-
umgereist. In der zweiten Anhörung vom 8. September 2010 habe sie zu-
dem angegeben, dass sie, nicht wie im vorherigen Verfahren behauptet,
mit (...) Jahren aus Äthiopien ausgereist sei, sondern erst mit (...) Jahren.
Zu ihrem Aufenthalt in Äthiopien sei sie sodann nicht näher befragt worden.
Im Wiedererwägungsgesuch habe sie schliesslich auch offengelegt, vor ih-
rer Ausreise in K._ als (...) gearbeitet zu haben, weshalb ihr ehe-
maliger Arbeitgeber ihr die Kebele-ID habe besorgen können. Sie habe nun
gestanden, dass ihre Angaben in den ersten Asylverfahren zum Teil nicht
der Wahrheit entsprochen hätten.
Entscheidend für das vorliegende Verfahren sei, dass die Beschwerdefüh-
rerin ihre äthiopische Staatsangehörigkeit nun zugegeben und offengelegt
habe, vor ihrer Ausreise aus Äthiopien dort gearbeitet zu haben. Vor die-
sem Hintergrund könne ihr die Vorinstanz ihre bisherige Mitwirkungspflicht-
verletzung nicht mehr vorwerfen. Zudem verfüge sie in Äthiopien über kein
soziales Netz. Ihre familiären Umstände seien in den vorherigen Verfahren
denn auch nie bestritten worden. So seien die Tatsachen, dass ihr Vater
verstorben sei, ihre Mutter sich in Eritrea aufhalte und in Äthiopien nur noch
ihre (...)-Schwester lebe, nie angezweifelt worden. Ihr Vorbringen, wonach
ihre Schwester mittlerweile alleinstehend sei und sie seit geraumer Zeit
keinen Kontakt mehr zu ihr habe, könne sie zwar nicht beweisen, erscheine
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Seite 12
jedoch plausibel, da sie schon lange nicht mehr in ihrem Heimatland ge-
wesen sei. Vor diesem Hintergrund hätte die Vorinstanz die Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs prüfen müssen. Die fehlende Prüfung der Zu-
mutbarkeit sei im vorliegenden Fall besonders stossend, weil von einer all-
fälligen Wegweisung nicht nur die Beschwerdeführerin, sondern auch ihr
Sohn betroffen sei. Die Situation der Beschwerdeführerin als alleinerzie-
hende Mutter eines Kleinkindes ohne Beziehungsnetz in Äthiopien habe
sich grundlegend verändert, weshalb die Zumutbarkeit der Wegweisung
mit Verweis auf das Referenzurteil BVGE 2011/25 zu verneinen sei.
6.3 Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung fest, die Ausführungen in der
Beschwerde seien nicht geeignet, die Erwägungen in der angefochtenen
Verfügung zu entkräften. Auch der in der Rechtsmitteleingabe aufgeführte
Sachverhalt, wonach die Beschwerdeführerin in der zweiten Anhörung zu-
gegeben habe, nicht mit (...), sondern mit (...) Jahren aus Äthiopien aus-
gereist zu sein, trage wenig zur Erhellung der Lebensumstände bei, zumal
sowohl den Vorakten als auch der Beschwerdeschrift zu entnehmen sei,
dass sie im Jahr 2000 und damit als (...)-Jährige aus Äthiopien ausgereist
sei.
Bezüglich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verwies die
Vorinstanz erneut auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-7955/2008 vom 30. März 2009. Da die Lebensumstände der Beschwer-
deführerin nach wie vor nicht klar seien und eine gefälschte Identitätskarte
eingereicht worden sei, würden die entsprechenden Erwägungen auch
weiterhin gelten.
6.4 Im Rahmen der Replik gestand die Beschwerdeführerin zum Vorhalt
der Vorinstanz bezüglich der Jahresdaten ihrer Ausreise ein, die Zusam-
menfassung des Sachverhalts aus den Akten und insbesondere dem Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts D-5416/2009 vom 2. Oktober 2009 ent-
nommen zu haben, worin ihre Vorbringen nicht ihren neuen Angaben an-
gepasst worden seien. Dieses Versehen sei jedoch auch darauf zurückzu-
führen, dass weder die Vorinstanz noch das Gericht in den vorhergehen-
den Verfahren weder ihre familiären Umstände noch ihre Lebenssituation
in Äthiopien genauer abgeklärt hätten, da diese auch nie bestritten bezie-
hungsweise nie für unglaubhaft befunden worden seien.
Weiter machte die Beschwerdeführerin geltend, der Verweis auf das Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts D-7955/2008 vom 30. März 2009 sei un-
behilflich, weil sie ja gerade ihre äthiopische Staatsbürgerschaft offenlege.
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Ausserdem hätten sich ihre familiären Umstände, die Situation in Äthiopien
und die Rechtsprechung in den vergangenen 10 Jahren geändert. Soweit
die Vorinstanz daran festhalte, dass es bei fehlenden Hinweisen ihrerseits
nicht Aufgabe der Asylbehörden sein könne, nach allfälligen Wegweisungs-
vollzugshindernissen im Heimatland zu forschen, sei zu beachten, dass sie
ja solche Hindernisse vorgebracht habe, wobei diese von der Vorinstanz
nicht einmal unter minimalem Aufwand geprüft worden seien.
7.
7.1 Nachfolgend zu prüfen ist, ob mit den im Wiedererwägungsgesuch gel-
tend gemachten Vorbringen der Beschwerdeführenden (äthiopische
Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin, Geburt des Beschwerdefüh-
rers und kein soziales und familiäres Beziehungsnetz in Äthiopien) eine
seit Abschluss des ordentlichen Verfahrens wesentlich veränderte Sach-
lage vorliegt, welche dazu führt, den ursprünglichen Entscheid im Wegwei-
sungsvollzugspunkt an diese anzupassen.
7.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Aus den im Gesetz genannten
Gefährdungssituationen ergibt sich, dass nicht beliebige Nachteile oder
Schwierigkeiten die Annahme einer konkreten Gefährdung im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG rechtfertigen, sondern ausschliesslich Gefahren für Leib
oder Leben. Die von der Weg- oder Ausweisung betroffene Person muss
demnach im Falle einer Rückkehr in den Heimat- oder Herkunftsstaat dort
in eine existenzielle Notlage geraten. Weniger hohe Anforderungen an die
Annahme einer konkreten Gefährdung gelten, wenn das Kindeswohl mit-
zuberücksichtigen ist, da dieses nicht erst gefährdet ist, wenn das Kind in
eine existenzielle Notlage gerät (vgl. BVGE 2014/26 E. 7.1–7.7 sowie Ur-
teil des BVGer D-3597/2018 vom 3. Mai 2019 E. 8.1, je m.w.H.). Wird eine
konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83
Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
Bezüglich des Geltendmachens von Wegweisungsvollzugshindernissen
gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweis-
standard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie
sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
D-3891/2019
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7.3
7.3.1 Wegweisungshindernisse sind zwar grundsätzlich von Amtes wegen
zu prüfen (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Diese Untersuchungspflicht
findet nach Treu und Glauben jedoch ihre Grenzen an der Mitwirkungs-
pflicht der beschwerdeführenden Person (Art. 8 AsylG), die im Übrigen
auch die Substantiierungslast trägt (Art. 7 AsylG). Wie die Vorinstanz zu-
treffend festgestellt hat, kann es nicht Sache der Asylbehörden sein, nach
allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen in hypothetischen Heimat-
oder Herkunftsstaaten zu forschen, wenn – wie vorliegend – die Beschwer-
deführerin durch unglaubhafte beziehungsweise fehlende, womöglich ge-
zielt vorenthaltene, Angaben über ihre Nationalität, ihren genauen Her-
kunftsort und ihr soziales Beziehungsnetz eine vernünftige Prüfung der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verhindert. Vermutungsweise ist
deshalb davon auszugehen, einer Wegweisung stünden keine landes-
oder völkerrechtlichen Vollzugshindernisse im Sinne von Art. 44 AsylG in
Verbindung mit Art. 83 Abs. 2–4 AIG entgegen (vgl. statt vieler Urteile des
BVGer E-1406/2018 vom 22. Dezember 2019 E. 7.3, D-2413/2019 vom
5. Juni 2019 E. 8.2, E-4811/2018 vom 10. September 2018 E. 8.4.5 sowie
EMARK 2005 Nr. 1 E. 3.2.2).
7.3.2 Aufgrund der Aktenlage ist zunächst festzustellen, dass die Be-
schwerdeführerin – wie sie nun selber einräumt – im Verlauf der bisherigen
Asylverfahren unwahre Angaben zu ihrer Herkunft gemacht hat. Auch im
heutigen Zeitpunkt ist ihre tatsächliche Herkunft respektive Staatsangehö-
rigkeit weiterhin ungesichert, da sie nach wie vor keine rechtsgenüglichen
und beweistauglichen Identitätsdokumente eingereicht hat. Bei den zu den
Akten gereichten Einwohner- beziehungsweise Kebele-Ausweisen handelt
es sich nicht um rechtsgenügliche Identitätsdokumente im Sinne von Art. 8
Abs. 1 Bst. b AsylG. Insbesondere der Kebele-ID, welche nur in Kopie vor-
liegt, kommt kein Beweiswert zu. Bei beiden Dokumenten fällt sodann auf,
dass diese bereits 2008 beziehungsweise 2018 ausgestellt wurden
(vgl. SEM-Akte D/2 [Beweismittelcouvert]). Zu diesen Zeitpunkten war die
Beschwerdeführerin jedoch unbestrittenermassen nicht mehr in Äthiopien
wohnhaft, sondern hielt sich in der Schweiz auf. Es ist somit nicht nachvoll-
ziehbar, wie sie in den Besitz der Dokumente gelangt ist, zumal solche
Identitätskarten auch den Wohnsitz in der entsprechenden Kebele nach-
weisen. Sodann erscheint fraglich, wie sie sich von der Schweiz aus solche
Identitätskarten ausstellen lassen konnte (vgl. hierzu beispielsweise
Schweizerisches Flüchtlingshilfswerk (SFH), Äthiopien: Erwerb von "ech-
ten Pässen", Auskunft der SFH-Länderanalyse, 23. November 2009, S. 3,
https://www.ecoi.net/en/file/local/1121669/1002_1259413735_aethiopien-
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erwerb-von-echten-paessen.pdf und Bericht zur D-A-CH Fact Finding Mis-
sion: Äthiopien/Somaliland, Mai 2010, S. 28 f., https://www.sem.ad-
min.ch/dam/data/sem/internationales/herkunftslaender/afrika/eth/ETH-ber
-factfindingmission-d.pdf, beide letztmals abgerufen am 19.08.2021). Ihre
Erklärung, wonach ihr ehemaliger Arbeitgeber die eingereichten Ausweise
legal für sie erworben habe, vermag nicht zu überzeugen, zumal sie – wie
die Vorinstanz richtigerweise feststellte – nie erwähnte, in Äthiopien für
G._ als (...) gearbeitet zu haben. Ferner ist zu berücksichtigen,
dass es bekanntlich einfach ist, sich derartige Dokumente zu erschleichen
oder gefälschte äthiopische Dokumente auf dem Schwarzmarkt zu erwer-
ben (vgl. hierzu den Bericht zur D-A-CH Fact Finding Mission: Äthio-
pien/Somaliland, Mai 2010, S. 31, https://www.sem.admin.ch/
dam/data/sem/internationales/herkunftslaender/afrika/eth/ETH-ber-factfin-
dingmission-d.pdf, letztmals abgerufen am 19.08.2021). Überdies bleibt of-
fen, weshalb die Beschwerdeführerin diese Dokumente, welche 2008 und
2018 ausgestellt worden sein sollten, nicht schon in einem früheren or-
dentlichen Beschwerdeverfahren einreichte. Schliesslich stimmt der Inhalt
der Kebele-ID zumindest teilweise nicht mit ihren Angaben, welche sie an-
lässlich der Asylverfahren machte, überein. Diesbezüglich vermochte sie
denn auch die Widersprüche betreffend ihren Geburtsort und ihren letzten
Aufenthaltsort in Äthiopien nicht plausibel aufzulösen. Zur Vermeidung von
Wiederholungen kann hierzu auf die zutreffenden Erwägungen in der an-
gefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. dort E. I sowie die Zusam-
menfassung der entsprechenden Ausführungen in E. 5.1 des vorliegenden
Urteils). Der Beschwerdeführerin ist es aus diesen Gründen nicht gelun-
gen, die im Wiedererwägungsverfahren geltend gemachte äthiopische
Staatsangehörigkeit zu belegen. Ihr Zugeständnis äthiopische Staatsange-
hörige zu sein, ist als Wiedererwägungsgrund ohnehin unerheblich, gingen
doch sowohl die Vorinstanz als auch das Bundesverwaltungsgericht in
sämtlichen vorhergehenden Verfahren davon aus, es handle sich bei ihr
um eine äthiopische Staatsangehörige.
7.3.3 Soweit die Beschwerdeführerin im Wiedererwägungsverfahren so-
dann auf ihr fehlendes soziales und familiäres Beziehungsnetz in Äthiopien
und die Geburt ihres Sohnes hinweist, liegt – im Gegensatz zur behaupte-
ten äthiopischen Staatsangehörigkeit – im Verhältnis zum ursprünglichen
Entscheid des SEM vom 10. November 2008 eine nachträglich wesentlich
veränderte Sachlage vor.
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Seite 16
7.4
7.4.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3). Zwar bleibt die Situation in
Äthiopien auch nach dem Amtsantritt von Abiy Ahmed als Ministerpräsident
am 2. April 2018 weiterhin von ethnischen Spannungen und damit verbun-
denen Unruhen geprägt. Dies gilt insbesondere in ländlichen Gebieten, wo
ungelöste ethnische Konflikte teilweise zu gewalttätigen Auseinanderset-
zungen und Vertreibungen führen (vgl. u.a. Urteil des BVGer D-7203/2017
vom 1. März 2019 E. 7.4.2 m.w.H.). Im November 2020 eskalierte sodann
der Konflikt zwischen der Zentralregierung mit der Regionalregierung der
Region Tigray. Gefechte zwischen Regierungstruppen und Kämpfern der
in der Region verankerten TPLF (Tigray People’s Liberation Front) forder-
ten bereits Hunderte von Todesopfern auf beiden Seiten und Tausende
Zivilisten sollen dadurch zur Flucht veranlasst worden sein. Die allgemeine
Lage in den übrigen Gebieten Äthiopiens ist aber nicht durch Krieg, Bür-
gerkrieg oder eine Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet, aufgrund
derer die Zivilbevölkerung allgemein als konkret gefährdet bezeichnet wer-
den müsste (vgl. Referenzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2, in
Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.3). Diese übrigen Regionen scheinen
auch von der Tigray-Konfliktsituation bisher nicht unmittelbar betroffen zu
sein, so dass die Rückkehr für äthiopische Staatsangehörige in diese Re-
gionen des Landes weiterhin grundsätzlich zumutbar bleibt (vgl. etwa Ur-
teile des BVGer E-5432/2018 vom 26. November 2020 E. 8.4.4,
E-4867/2020 vom 18. November 2020 E. 8.4.1, D-5284/2020 vom 12. No-
vember 2020 E. 7.4.1 und E-1643/2020 vom 11. November 2020 E. 8.6.1,
je m.w.H.).
7.4.2 Nach dem Gesagten spricht die allgemeine Sicherheitslage am Her-
kunftsort der Beschwerdeführerin nicht gegen die Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs. Weiter ist zu prüfen, ob sie gleichwohl aus persönlichen
Gründen konkret gefährdet sein könnte.
7.5
7.5.1 Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind nach wie vor prekär, wes-
halb gemäss Praxis zur Erlangung einer sicheren Existenzgrundlage be-
günstigende Faktoren wie genügend finanzielle Mittel, berufliche Fähigkei-
ten sowie ein intaktes Beziehungsnetz erforderlich sind, um individuell die
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bestätigen zu können
(vgl. BVGE 2011/25 E. 8.4 f.). Besondere Beachtung ist hierbei der sozi-
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Seite 17
ökonomischen Situation alleinstehender Frauen zu schenken (vgl. Refe-
renzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2, in Bestätigung von
BVGE 2011/25 E. 8.3 sowie 8.5 f.; bestätigt auch in E-4850/2016 vom
26. September 2018 E. 7.2.2), denn aus dem Ausland zurückkehrende
Frauen, welche unverheiratet sind und alleine leben, gelten grundsätzlich
als suspekt und werden in der äthiopischen Gesellschaft stark stigmatisiert.
Oftmals wird ihnen unterstellt, im Ausland ein lockeres Liebesleben geführt
und ihr Geld dort mit Prostitution erworben zu haben. Diese Stigmatisie-
rung erschwert eine erfolgreiche Reintegration erheblich (vgl. hierzu BEZA
NISRANE, Home, but not at «home», reintegration of unnscilled Ethiopian
female return, https://research.utwente.nl/en/publications/home-but-not-at-
home-the-reintegration-of-unskilled-ethiopian-fem; letztmals abgerufen am
19.08.2021).
Trotz des wirtschaftlichen Booms mit zeitweilig zweistelligen Wachstums-
raten, den Äthiopien in den letzten Jahren erlebte, hat sich insbesondere
an der grundsätzlichen Benachteiligung von Frauen in der äthiopischen
Gesellschaft sowie in der äthiopischen Wirtschaft nichts Wesentliches ge-
ändert (vgl. Urteil BVGer E-2118/2015 vom 3. Juli 2017 E. 7.3.4 m.w.H.).
So haben Frauen aufgrund ihres niedrigen Bildungsniveaus und den herr-
schenden traditionellen Einstellungen auch weiterhin wesentlich einge-
schränkteren Zugang zu Erwerbsmöglichkeiten als Männer und verdienen
für dieselbe Arbeit nicht den gleichen Lohn wie männliche Arbeitnehmer
(vgl. hierzu beispielsweise U.S. Department of State, 2018 Country Re-
ports on Human Rights Practices: Ethiopia, 13.03.2019,
https://www.state.gov/reports/2018-country-reports-on-human-rights-prac-
tices/ethiopia/; The Washington Post, Will Ethiopia’s reforms include its wo-
men?, 10.12.2018, https://www.washingtonpost.com/world/africa/will-ethi-
opias-reforms-include-its-women/2018/12/09/934a1d14-edb4-11e8-8b47-
bd0975fd6199_story.html?utm_term=.81b34a159048 und International
Monetary Fund (IMF), The Federal Democratic Republic of Ethiopia: Sel-
ected Issues – Women and the Economy in Ethiopia, 12.2018,
https://www.imf.org/~/media/Files/Publications/CR/2018/cr18355.ashx,
alle zuletzt abgerufen am 19.08.2021). Ferner ist sexuelle Gewalt und Dis-
kriminierung gegenüber Frauen und Mädchen in Äthiopien nach wie vor
weit verbreitet (vgl. hierzu beispielsweise OECD Development Centre,
Social Institutions and Gender Index [SIGI] 2019, https://www.genderin-
dex.org/wp-content/uploads/files/datasheets/2019/ET.pdf, UN Women,
UN Women Ethiopia – Changing the lives of women and girls, 2018,
https://www2.unwomen.org/-/media/field%20office%20africa/attachments/
https://research.utwente.nl/en/publications/home-but-not-at-home-the-reintegration-of-unskilled-ethiopian-fem https://research.utwente.nl/en/publications/home-but-not-at-home-the-reintegration-of-unskilled-ethiopian-fem
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publications/2018/12/un%20womens%20eco%202018%20key%20achie-
vements%20002compressed.pdf?la=en&vs=2916 und The Advocates for
Human Rights, Ethiopia’s compliance with the Convention on the Elimina-
tion of All Forms of Discrimination Against Women, 01.2019,
https://www.theadvocatesforhumanrights.org/uploads/ethiopia_tahr_ced-
aw_final_4.pdf, alle zuletzt abgerufen am 19.08.2021). Bestehende Geset-
zesbestimmungen zur Verminderung von Geschlechterdiskriminierung und
zum Schutz vor (sexueller) Gewalt gegen Frauen werden dabei jedoch ins-
besondere wegen mangelnder Kapazitäten und der sozialen Stigmatisie-
rung nicht vollständig oder gar nicht durchgesetzt (vgl. hierzu beispiels-
weise U.S. Department of State, 2018 Country Reports on Human Rights
Practices: Ethiopia, 13.03.2019, https://www.state.gov/reports/2018-
country-reports-on-human-rights-practices/ethiopia/ sowie UN Women,
UN Women Ethiopia – Changing the lives of women and girls, 2018,
https://www2.unwomen.org/-/media/field%20office%20africa/attachments/
publications/2018/12/un%20womens%20eco%202018%20key%20achie-
vements%20002compressed.pdf?la=en&vs=2916, alle zuletzt abgerufen
am 19.08.2021).
7.5.2 Die Aussagen der Beschwerdeführerin zu ihrem Lebenslauf und ihrer
familiären Situation wurden bereits in der Verfügung der Vorinstanz vom
10. November 2008 als unglaubhaft eingestuft. Durch ihr bisheriges Ver-
halten (falsche Angaben zu ihrem Alter und ihrer Staatsangehörigkeit sowie
Einreichung zweifelhafter Beweismittel) ist ihre persönliche Glaubwürdig-
keit weiter beeinträchtigt. Es ist deshalb zweifelhaft, ob ihre Angaben hin-
sichtlich ihres familiären und sozialen Beziehungsnetzes in ihrem Heimat-
land den Tatsachen entsprechen. Ihre auf Beschwerdeebene vorgebrach-
ten Angaben, wonach sie nach einem Streit über Geld sowohl den Kontakt
zu ihrer (...)-Schwester als auch zu ihrer Mutter abgebrochen habe, fielen
jedenfalls unsubstantiiert aus. Selbst wenn sie den Kontakt zwischenzeit-
lich abgebrochen haben sollte, ist davon auszugehen, dass sie diesen wi-
derherstellen könnte. Ausserdem weist der Umstand, dass offensichtlich
jemand der Beschwerdeführerin die nachträglich eingereichten Dokumente
beschafft und zugeschickt hat, auf ein weiterhin bestehendes unterstüt-
zungsfähiges sowie unterstützungswilliges und damit auch tragfähiges Be-
ziehungsnetz hin. Die Beschwerdeführerin hat demnach die Folgen ihrer
mangelhaften Mitwirkung respektive der Verheimlichung ihrer wahren per-
sönlichen Verhältnisse zu tragen. Infolgedessen ist anzunehmen, dass Fa-
milie und Freunde der Beschwerdeführerin ihr bei einer Rückkehr Unter-
stützung für ihre Reintegration bieten können. Gemäss eigenen Angaben
besuchte die Beschwerdeführerin die Schule, arbeitete im (...) ihrer Mutter
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Seite 19
und war mehrere Jahre lang als (...) in Äthiopien, Jemen und Saudi-Ara-
bien tätig. Demnach ist davon auszugehen, dass die junge und gemäss
Akten gesunde Beschwerdeführerin dank ihrer Schulbildung und Berufser-
fahrung sowie mit Hilfe ihres persönlichen Netzwerks in ihrem Heimatland
rasch eine Arbeit finden und sich eine neue Existenz aufbauen kann. Zur
Überbrückung der Anfangszeit steht es der Beschwerdeführerin bei ihrer
Rückkehr zudem offen, einen Antrag auf finanzielle Rückkehrhilfe zu stel-
len (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 73 ff. der Asylverordnung 2 vom
1. August 1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2, SR. 142.312], womit
ihr der wirtschaftliche Wiedereinstig im Heimatland erleichtert werden
kann. Ohne die Schwierigkeiten bei einer Rückkehr nach jahrelanger Lan-
desabwesenheit und die dargestellten generell sehr schwierigen Lebens-
umstände für alleinstehende Frauen in Äthiopien zu verkennen, ist auf-
grund der Aktenlage und in Übereinstimmung mit der Vorinstanz nicht da-
von auszugehen, die Beschwerdeführerin würde bei einer Rückkehr ihr
Heimatland aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder ge-
sundheitlicher Natur in eine ihre Existenz gefährdende Situation geraten,
die als konkrete Gefährdung im Sinne der zu beachtenden Bestimmungen
zu werten wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG).
7.5.3
7.5.3.1 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen,
bildet das Kindeswohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung einen Ge-
sichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich insbesondere aus
einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Lichte
von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes vom
20. November 1989 (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls
sind sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick
auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen. In Bezug auf das Kindeswohl
können namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer gesamtheitlichen
Beurteilung von Bedeutung sein: Alter des Kindes, Reife, Abhängigkeiten,
Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften
seiner Bezugspersonen (insbes. Unterstützungsbereitschaft und -fähig-
keit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung, Grad der er-
folgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Insbeson-
dere der letztgenannte Aspekt, die Dauer des Aufenthalts in der Schweiz,
ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Rein-
tegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu werten,
da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem einmal vertrauten Umfeld
herausgerissen werden sollten. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer
Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (das heisst
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Seite 20
dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige sozi-
ale Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wir-
kung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, in-
dem eine starke Assimilierung in der Schweiz mithin eine Entwurzelung im
Heimatstaat zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr
dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.6,
m.w.H.).
7.5.3.2 Vorliegend kann eine sinnvolle Prüfung durch die schweizerischen
Asylbehörden, ob eine gemeinsame Rückkehr in den Heimatstaat der Be-
schwerdeführerin zumutbar wäre, angesichts ihres bisherigen Verhaltens
nicht vorgenommen werden. Deshalb kann auch keine sinnvolle, sich an
den Fakten orientierte Prüfung des Kindeswohls vorgenommen werden.
Wie von der Vorinstanz zutreffend festgestellt, ist der Beschwerdeführer
– auch wenn er in der Schweiz geboren wurde – aufgrund seines jungen
Alters (knapp dreijährig) in erster Linie an seiner Mutter als wesentliche
Bezugsperson orientiert. Er hat daher noch keine derartige Integration in
der Schweiz erfahren, dass daraus zu schliessen wäre, eine Rückkehr in
den Heimat- oder Herkunftsstaat der Mutter sei unter dem Aspekt des Kin-
deswohls unzumutbar. In Bezug zum Kindesvater ist gestützt auf die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin in der Beschwerde davon auszugehen,
dass zwischen diesem und seinem Sohn (dem Beschwerdeführer) keine
gelebte Beziehung besteht. Er wird sich – aus entwicklungspsychologi-
scher Sicht – demnach ohne grössere Probleme in die äthiopische Gesell-
schaft eingliedern können. Für das Kind wurden keine medizinischen Lei-
den geltend gemacht. Im Übrigen würde auch der Umstand, dass das Kind
bei der Rückkehr nach Äthiopien grundsätzlich nicht in den Genuss der
medizinischen, schulischen und materiellen Standards der Schweiz
kommt, nicht die Unzumutbarkeit des Vollzuges zu bewirken vermögen.
7.5.4 In Würdigung der Gesamtumstände kommt das Gericht folglich zum
Schluss, dass keine individuellen Gründe dagegensprechen und sich der
Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführenden nach Äthiopien– auch un-
ter Berücksichtigung des Kindeswohls – insgesamt als zumutbar erweist.
7.6 Den Beschwerdeführenden ist es nach dem Gesagten nicht gelungen
Gründe darzulegen, die in Bezug auf die Frage der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs zu einer Wiedererwägung der vorinstanzlichen Verfü-
gung vom 10. November 2008 führen könnten. Neue Gründe, welche den
Vollzug der Wegweisung als unzulässig oder unmöglich im Sinne von
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Art. 83 Abs. 2 und 3 AIG erscheinen lassen könnten, wurden im vorliegen-
den Wiedererwägungsverfahren nicht vorgebracht und sind auch von Am-
tes wegen nicht ersichtlich. Insgesamt ist daher festzustellen, dass es den
Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine wiedererwägungsrechtlich
relevante nachträgliche Veränderung der Sachlage glaubhaft zu machen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf die Auferlegung von
Verfahrenskosten ist indessen zu verzichten, nachdem das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 21. August 2019 gutgeheissen
wurde.
(Dispositiv nächste Seite)
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