Decision ID: 4fd58b99-a387-579c-b208-6c5666ba80ea
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Eigenen Angaben zufolge verliess die Beschwerdeführerin, eine irani-
sche Staatsangehörige kurdischer Ethnie, aus B._ stammend, ge-
meinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder (N [...]) Ende Oktober 2018
respektive am 7.8.1397 ihr Heimatland. Am 15. November 2018 reiste sie
in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch.
A.b Mit Zuweisungsentscheid vom 16. November 2018 wurde die Be-
schwerdeführerin dem C._ zugewiesen und am 22. November
2018 wurden ihre Personalien aufgenommen.
Am 28. Februar 2019 fand die Erstbefragung statt. Am 30. April 2019
wurde die Beschwerdeführerin zu den Asylgründen angehört.
B.
Die Beschwerdeführerin brachte im Wesentlichen vor, sie habe nach ihrem
Maturaabschluss während zwei Semestern an der Universität in
B._ (...)wissenschaften studiert. Dort habe sie D._ (nachfol-
gend: H.), eine Mitstudentin, kennengelernt und es sei zu einer engen
Freundschaft gekommen. Diese habe sich ihr bald offenbart und erklärt,
dass sie sich zuhause unglücklich fühle und einer Partei, deren Namen sie
jedoch nicht erwähnt habe, beitreten möchte. Eines Tages sei H. ver-
schwunden und die Mutter von H. habe sich in der Folge bei der Beschwer-
deführerin nach dem möglichen Verbleib ihrer Tochter erkundigt. Sie (die
Beschwerdeführerin) habe ihr erzählt, dass H. «zu einer Partei gegangen»
sei und sie über Instagram in Kontakt stehen würden. Sie und ihre Eltern
seien von der Mutter von H. und deren Brüdern, welche für die Regierung
gearbeitet hätten, unter Druck gesetzt und bedroht worden. Ungefähr eine
Woche später seien sie und ihr Vater aufgefordert worden, sich bei der
Polizei zu melden. Dort habe man sie über H. befragt und in der Folge
gehen lassen. Am nächsten Tag gegen Mitternacht seien Beamte des ira-
nischen Geheimdienstes Ettelaat bei ihnen zu Hause aufgetaucht und hät-
ten zuerst das Haus durchsucht sowie einige Bücher und einen Laptop be-
schlagnahmt, um danach sie und ihren Vater in Handschellen abzuführen.
In einem Verhörraum habe man sie aufgefordert, alle Informationen, wel-
che sie zu H. gehabt habe, aufzuschreiben. Nachdem ein Beamter ihr
Schreiben gelesen habe, habe er sie mehrmals geohrfeigt, sie erniedrigt,
unsittlich berührt und ihr unterstellt, dass sie Leute zur Partei schicken
würde. Am nächsten Tag habe man sie und ihren Vater unter der Bedin-
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gung, B._ nicht zu verlassen, freigelassen. Um sich von diesen Er-
eignissen zu erholen, seien sie einige Tage nach E._ gefahren. In
der Nacht hätten ihre Nachbarn angerufen und erzählt, dass Leute gekom-
men seien und die Fensterscheiben ihres Familienhauses zerstört hätten.
Weiter sei ihnen geraten worden, nicht mehr zurückzukehren. Während
ungefähr drei bis vier Nächten seien sie bei einer Tante geblieben, bevor
sie illegal mittels verschiedener Fahrzeuge ausgereist seien.
In den Akten befinden sich die Shenasnameh und der Nationalitätenaus-
weis der Beschwerdeführerin, ein psychiatrisches Konsilium vom 6. März
2019, verschiedene Unterlagen betreffend die aufenthaltsrechtliche res-
pektive asylrechtliche Situation der im Ausland lebenden Verwandten der
Beschwerdeführerin und ein von ihr handverfasstes Schreiben inklusive ei-
ner Übersetzung in deutscher Sprache.
Auf die weiteren Ausführungen der Beschwerdeführerin wird, soweit
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.
Am 8. Mai 2019 nahm die damalige Rechtsvertretung der Beschwerdefüh-
rerin Stellung zum Entwurf der Verfügung des SEM.
D.
Mit Verfügung vom 9. Mai 2019 – gleichentags eröffnet – stellte das SEM
fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie
deren Vollzug.
E.
Die zugewiesene Rechtsvertretung legte noch am gleichen Tag ihr Mandat
nieder.
F.
Die Beschwerdeführerin focht mit Eingabe ihres neu mandatierten Rechts-
vertreters vom 20. Mai 2019 die Verfügung des SEM beim Bundesverwal-
tungsgericht an und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuhe-
ben, sie sei als Flüchtling anzuerkennen und ihr sei Asyl zu gewähren oder
eventualiter sei sie aufgrund von Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit vor-
läufig aufzunehmen. Als weiteren Eventualantrag stellte sie das Begehren,
die Sache sei zur Durchführung weiterer Abklärungen an die Vorinstanz
zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der
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unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf Erhebung eines
Kostenvorschusses. Weiter beantragte sie die Beiordnung des rubrizierten
Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand. Sodann beantragte sie, die
Akten des Verfahrens N (...) seien beizuziehen und ihr Verfahren sei mit
jenem Verfahren koordiniert, jedoch nicht vereint, zu behandeln.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Mai 2019 forderte die damalige Instrukti-
onsrichterin die Beschwerdeführerin auf eine Übersetzung des eingereich-
ten fremdsprachigen Berichts in eine Amtssprache sowie weitere Beweis-
mittel aus dem Ausland nachzureichen. Über die Gesuche um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege sowie auf Verzicht der Erhebung eines
Kostenvorschusses werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden. Einst-
weilen werde auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet.
H.
Mit Eingabe vom 26. Juni 2019 wurde eine Übersetzung des Berichts ein-
gereicht.
I.
Am 29. Juli 2019 wurden Beweismittel aus dem Ausland eingereicht und
eine Fristerstreckung für deren Übersetzung beantragt. Dabei handelt es
sich um Kopien einer Gerichtsvorladung der Justiz- und Generalanwalt-
schaft des Distrikts von F._ vom 25.12.1397 (16. März 2019) und
eines Gerichtsurteils eines islamischen Revolutionsgerichts des Distrikts
F._ vom 26.4.1398 (17. Juli 2019). Weiter wurde ein Bericht des
UNHCR vom 16. Juli 2019 den Onkel der Beschwerdeführerin, G._,
und eine Kopie des niederländischen Anhörungsprotokolls den Onkel
H._ (...) betreffend, eingereicht.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 3. September 2019 wurde die Beschwerde-
führerin aufgefordert, die beiden eingereichten Beweismittel in eine der
Amtssprachen übersetzt nachzureichen. Das Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung wurde gutgeheissen und Rechtsanwalt Bernhard Jüsi als
amtlicher Rechtsbeistand der Beschwerdeführerin eingesetzt.
K.
Mit Eingaben vom 11. September 2019 und vom 30. September 2019 wur-
den Übersetzungen eingereicht.
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L.
Die Vorinstanz nahm in ihrer Vernehmlassung vom 15. Oktober 2019 Stel-
lung zu den auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismitteln. Ansons-
ten hielt sie an ihren Erwägungen fest.
M.
Am 1. November 2019 replizierte die Beschwerdeführerin. Der Replik
wurde eine Kostennote beigelegt.
N.
Mit Eingaben vom 10. August 2020 sowie vom 3. Dezember 2020 reichte
die Beschwerdeführerin verschiedene Fotos ein, auf welchen sie und ihre
Eltern auf Kundgebungen zu sehen sind.
O.
Aus organisatorischen Gründen wurde das Verfahren auf die im Rubrum
genannte vorsitzende Richterin umgeteilt.
P.
Am 30. April 2021 wurde die Schweizerische Vertretung in I._ um
Abklärungen zu den eingereichten Dokumenten die Beschwerdeführerin
betreffend ersucht. Weiter wurde angefragt, ob allfällige Verfahren gegen
sie hängig seien.
Q.
Mit Abklärungsbericht vom 3. Juli 2021 teilte der Vertrauensanwalt der
Schweizerischen Vertretung in I._ mit, bei den eingereichten Ko-
pien der Gerichtsdokumente handle es sich um offensichtliche Fälschun-
gen und die Beschwerdeführerin verfüge über keine Einträge in den Poli-
zeiakten. Zudem habe sie den Iran auf legalem Weg verlassen.
R.
Mit Zwischenverfügung vom 23. Juli 2021 wurde der Beschwerdeführerin
das rechtliche Gehör zu den Botschaftsabklärungen gewährt, wobei deren
wesentlicher Inhalt zusammengefasst wurde.
S.
Die Beschwerdeführerin nahm in ihrer Eingabe vom 9. August 2021 Stel-
lung zu den Ergebnissen der Abklärungen der Botschaft und legte Medien-
berichte sowie eine aktualisierte Kostennote bei.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015). Aufgrund der Zuweisung der Beschwerdeführerin in
die Testphase des Verfahrenszentrums in J._ ist sodann die Ver-
ordnung vom 4. September 2013 über die Durchführung von Testphasen
zu den Beschleunigungsmassnahmen im Asylbereich (TestV, SR
142.318.1, vgl. Art. 1 und Art. 4 Abs. 1 TestV) anwendbar.
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden. Das Gericht verwendet nachfolgend die neue Gesetzesbe-
zeichnung.
1.4 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts Anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 38
TestV i.V.m. aArt. 112b Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26, E.5).
3.
Antragsgemäss wird das vorliegende Verfahren mit demjenigen der Eltern
beziehungsweise des Bruders koordiniert beurteilt.
4.
4.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
behandeln sind, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei beschrän-
ken sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene Umstände, wel-
che die Betroffenen belasten, sondern haben auch die sie entlastenden
Momente zu erfassen. Die Behörde hat alle sach- und entscheidwesentli-
chen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten (vgl. BVGE
2015/10 E. 3.2 m.w.H.).
4.3 Nach Art. 8 AsylG hat die asylsuchende Person demgegenüber die
Pflicht (und unter dem Blickwinkel des rechtlichen Gehörs im Sinne von
Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV) auch das Recht, an der Feststellung
des Sachverhaltes mitzuwirken. Sofern die gesetzlichen Mitwirkungspflich-
ten durch die asylsuchende Person nicht verletzt worden sind, muss die
Behörde insbesondere dann weitere Abklärungen ins Auge fassen, wenn
aufgrund der Vorbringen der asylsuchenden Person und der von ihr einge-
reichten oder angebotenen Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am
Sachverhalt weiterbestehen, die voraussichtlich mit Ermittlungen von Am-
tes wegen beseitigt werden können.
4.4 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien eines Verfahrens An-
spruch auf rechtliches Gehör. Dieser Grundsatz wird in den Art. 29 ff.
VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert. Er dient einerseits der
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Aufklärung des Sachverhalts, andererseits stellt er ein persönlichkeitsbe-
zogenes Mitwirkungsrecht der Partei dar. Der Anspruch auf rechtliches Ge-
hör verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen
tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung
berücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder-
schlagen muss.
4.5 Soweit beanstandet wird, die Vorinstanz habe die Akten voreingenom-
men und selektiv gewürdigt, ist festzustellen, dass die Begründungspflicht
zwar verlangt, dass die Behörde ihren Entscheid so begründet, dass die
betroffene Person ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (vgl.
BVGE 2007/30 E. 5.6), jedoch ist es nicht erforderlich, dass sich die Be-
gründung mit allen Parteipunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes
einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
Es genügt – wie dies vorliegend der Fall ist –, wenn sich die verfügende
Behörde auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränkt und dabei die
Überlegungen kurz anführt, von denen sie sich leiten liess und auf welche
sie ihren Entscheid stützt (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2).
Eine Voreingenommenheit ist nicht ersichtlich. Zum Vorhalt, die protokol-
lierten nonverbalen Kriterien seien gänzlich ausser Acht gelassen worden,
ist auf aussagepsychologische Erkenntnisse zu verweisen, wonach Emo-
tionen respektive das Fehlen von Emotion oder nonverbale Reaktionen
verschiedene Ursachen haben können und deshalb oft nicht mit der Wahr-
heit korrelieren, womit sie nur als schwaches Indiz für die Glaubhaftigkeits-
prüfung beizuziehen sind (vgl. REVITAL LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA
BAUMER, Wie können aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern,
Staatsanwälten und Anwälten helfen?, AJP 2011, S:1421ff.;
https://easo.europa.eu/sites/default/files/EASO-Evidence-and-Credibility-
Assessment-JA-DEG.pdf, Beweiswürdigung Und Glaubhaftigkeitsprüfung
Im Rahmen Des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems [Geas] [eu-
ropa.eu], Richterliche Analyse: Beweiswürdigung und Glaubhaftigkeitsprü-
fung im Rahmen des Gemeinsamen europäischen Asylsystems Kap. 3.4.2
und 6.4, m.w.H.). Vor diesem Hintergrund hat die Vorinstanz zu Recht all-
fälligen nonverbalen Indizien nicht mehr Gewicht beigemessen.
4.6 Weiter ist festzuhalten, dass auch keine Rechtsverletzung darin zu er-
kennen ist, dass das SEM nicht weiter auf die Situation der im Ausland
lebenden Onkel eingegangen ist, zumal sich die Beschwerdeführerin im
Rahmen der Anhörungen nicht auf eine Reflexverfolgung aufgrund der Ver-
wandtschaft mit diesen berufen hat.
https://easo.europa.eu/sites/default/files/EASO-Evidence-and-Credibility-Assessment-JA-DEG.pdf https://easo.europa.eu/sites/default/files/EASO-Evidence-and-Credibility-Assessment-JA-DEG.pdf
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4.7 Im Übrigen wird die Frage zur Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts mit derjenigen der rechtlichen Würdigung vermengt, wenn
beanstandet wird, dass die Vorinstanz zu Unrecht zu einem anderen, als
von der Beschwerdeführerin erhofften Schluss kam, indem sie ihre Vorbrin-
gen und diejenigen ihres Vaters als unglaubhaft einstufte. Dies stellt weder
eine ungenügende Sachverhaltsabklärung noch eine Verletzung der Be-
gründungspflicht dar. Daran vermag auch nichts zu ändern, dass auf Be-
schwerdeebene eine Botschaftsabklärung eingeleitet wurde, zumal diese
im Zusammenhang mit den erst auf Beschwerdeebene eingereichten Ge-
richtsdokumenten stand.
4.8 Angesichts der vorangehenden Erwägungen kommt das Bundesver-
waltungsgericht zum Schluss, dass keine formellen Verfahrensfehler fest-
zustellen und die Rügen der Beschwerdeführenden als unbegründet zu-
rückzuweisen sind, weshalb das Gericht in der Sache selbst entscheidet
(Art. 61 Abs. 1 VwVG).
5.
Im Zusammenhang mit den durch das Gericht durchgeführten Botschafts-
abklärungen wird schliesslich gerügt, das rechtliche Gehör zur Botschafts-
auskunft sei ungenügend gewährt worden. Die teilweise vagen Ausführun-
gen und die Anonymität des Vertrauensanwalts seien problematisch, und
eine Überprüfung der Unabhängigkeit, Befangenheit oder einer Interessen-
kollision respektive Neutralität dieser Person werde somit verunmöglicht.
Auch dieser Einwand vermag jedoch nicht durchzudringen. Im Sinne von
Art. 28 VwVG wurde praxisgemäss der wesentliche Inhalt der Botschafts-
antwort zusammengefasst und die Gelegenheit gegeben, sich zum Abklä-
rungsbericht zu äussern. Botschaftsantworten unterstehen insofern der
Geheimhaltung, als wesentliche öffentliche wie auch private Interessen
diese erfordern (vgl. Art. 27 Abs. 1 VwVG). Bei einer vollständigen Offen-
legung des Abklärungsberichts besteht die Gefahr, dass die detaillierten
Fälschungserkenntnisse durch eine asylsuchende Person (sei dies mit
oder ohne Absicht) an Dritte weitergegeben und von diesen missbräuchlich
verwendet werden könnten. Ausserdem muss die Identität von Auskunfts-
personen geschützt bleiben (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.4, Entscheidungen
und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
2004 Nr. 28 E. 7a und b, EMARK 1994 Nr. 1 E. 4c; bestätigt etwa in E-
6502/2019 vom 19. März 2020, E. 5.3). Durch Kenntnis des wesentlichen
Inhalts war die Beschwerdeführerin sehr wohl in der Lage, Stellung zu den
Fälschungsvorwürfen zu nehmen.
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Seite 10
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind, be-
ziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1,
2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5). Begründet ist die Furcht vor Verfolgung,
wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus
der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger
Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk-
lichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten
Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der be-
troffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver-
gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub-
jektive) Furcht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
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Seite 11
7.
7.1 Die Vorinstanz führte in ihrem Entscheid aus, es sei zu bezweifeln,
dass die Beschwerdeführerin je in Kontakt mit den iranischen Behörden
gestanden habe. Ihre Schilderungen zur Festnahme, zur Befragung sowie
zur Haft würden keine Realkennzeichen aufweisen, ein persönlicher Bezug
fehle und trotz mehrfacher Nachfrage habe sie ihre Aussagen praktisch
wortgetreu wiederholt. Insgesamt sei von einem konstruierten Sachverhalt
auszugehen, insbesondere, da es sich bei den Vorbringen um einschnei-
dende Erlebnisse gehandelt habe, zu welchen detaillierte Ausführungen
sowie eine persönliche Auseinandersetzung zu erwarten gewesen wären.
Ferner falle auf, dass auch ihre Aussagen zu H. spärlich ausgefallen seien.
Des Weiteren sei es zu widersprüchlichen Aussagen gekommen, welche
sie nicht habe auflösen können. Zuerst habe sie erklärt, für die behördliche
Befragung schriftlich, in einer weiteren Anhörung, telefonisch aufgeboten
worden zu sein. Gegen die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen spreche zu-
dem die Tatsache, dass sie ihren Reisepass nicht eingereicht habe, ihre
Ausreise nicht näher habe beschreiben können und es zu kontroversen
und stereotypen Angaben gekommen sei. Anlässlich ihrer ersten Befra-
gung habe sie angegeben, nichts über ihren Pass zu wissen, um während
der darauffolgenden Anhörung darzulegen, sie sei mit ihrem Pass einige
Jahre zuvor in die Türkei gereist. Die von ihren Eltern gemachten Aussagen
zu den Fluchtgründen und der Ausreise würden den Eindruck zusätzlich
bestätigen, dass es sich um einen konstruierten Sachverhalt handle. Da
ihre Ausführungen den Anforderungen an Art. 7 AsylG nicht genügen wür-
den, werde deren Asylrelevanz nicht geprüft. Hinsichtlich der in der Stel-
lungnahme vorgebrachten Kritik, ihre diagnostizierte posttraumatische Be-
lastungsstörung PTBS und die damit einhergehende Beeinträchtigung der
Aussagefähigkeit sei nicht berücksichtigt worden, sei zu erwähnen, dass
nicht nur die Fluchtgründe, sondern ihre gesamten Schilderungen in
höchstem Mass unglaubhaft ausgefallen seien und dies nicht mit einer
PTBS erklärt werden könne.
7.2 In der Beschwerde wurde moniert, die Beschwerdeführerin sei erst-
mals am 2. April 2019 und somit erst rund vier Monate nach Einreichen
ihres Asylgesuchs befragt worden. Trotz des Hinweises der damaligen
Rechtsvertretung in der Stellungnahme habe die Vorinstanz die festge-
stellte PTBS in keiner Weise berücksichtigt. Weder ihr gesundheitlicher Zu-
stand, noch ihr schüchternes und zurückhaltende Aussageverhalten seien
in der Glaubhaftigkeitsprüfung berücksichtigt worden. Ferner sei es zu ei-
nem sprachlichen Missverständnis gekommen; der Ausdruck «zu den
Agahi gerufen zu werden» bedeute, von ihnen vorgeladen zu werden. Die
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Aufklärung dieser sprachlichen Ungenauigkeit sei bereits während der An-
hörung geklärt, jedoch nicht in der vorinstanzlichen Verfügung erwähnt
worden. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Unklarheiten zu ihrem Rei-
sepass sowie zum Reiseweg der Glaubhaftigkeit der relevanten Vorbrin-
gen abträglich seien. Sodann sei festzustellen, dass die illegale Ausreise
angesichts der Fluchtgeschichte und in der heutigen Lage als solche einen
subjektiven Nachfluchtgrund darstelle. Aufgrund der Vorgeschichte der Ge-
schwister ihres Vaters und der illegalen Ausreise nach ihrer Verhaftung sei
zudem eine bereits latent vorhandene Reflexverfolgung aktuell geworden
und es bestehe eine reale Gefahr, dass sie bei einer allfälligen Rückkehr
ins Heimatland einer Verletzung von Art. 3 EMRK sowie Art. 3 UN-Folter-
konvention ausgesetzt wäre. Schliesslich sei ein Vollzug der Wegweisung
auch unzumutbar, zumal sie unter psychischen Gesundheitsproblemen
leide. Auch wenn bei ihr keine (akuten) Suizidabsichten diagnostiziert wor-
den seien, könnte sich dies bei einer konkreten Aussicht auf eine Rück-
überstellung in den Iran ändern.
7.3 Die Vorinstanz äusserte sich in ihrer Vernehmlassung zur drohenden
Reflexverfolgung wegen der im Ausland lebenden Onkel der Beschwerde-
führerin dahingehend, dass diese nie geltend gemacht habe, je einer Re-
flexverfolgung wegen ihrer Onkel ausgesetzt gewesen zu sein. In Bezug
auf die nachgereichten Vorladungen und Gerichtsurteile sei zu erwähnen,
dass Dokumente wie die von ihr eingereichten leicht erwerbbar seien und
Kopien eine schlüssige Überprüfung verunmöglichen würden.
7.4 In der Replik bemängelte die Beschwerdeführerin, die Vorinstanz habe
es weiterhin unterlassen, den Sachverhalt vertieft abzuklären, ohne dies
jedoch schlüssig begründet zu haben. Insbesondere erstaune es, dass der
medizinische Sachverhalt nicht abgeklärt respektive die eingereichten Arzt-
berichte unberücksichtigt geblieben seien. Auch könne nicht nachvollzogen
werden, weshalb die geltend gemachte Reflexverfolgung nicht thematisiert
worden sei. Die vorinstanzlichen Argumente hinsichtlich der eingereichten
neuen Beweismittel würden nicht von der Pflicht entbinden, diese sorgfältig
zu prüfen, zumal keine Fälschungsmerkmale vorliegen und die Dokumente
zudem eine schwerwiegende Verfolgungssituation belegen würden. Es sei
bekannt, dass es schwierig sei, solche sensiblen Dokumente aus dem Iran
zu schmuggeln, weshalb lediglich Kopien über verschlüsselte soziale Me-
dien zur Beschwerdeführerin gelangt seien. Des Weiteren werde durch die
Eingabe der verschiedenen Fotos einer Kundgebung vom 10. Dezember
2019 in J._, auf welchen die Beschwerdeführerin und ihre Eltern zu
sehen sind, ihr andauerndes politisches Engagement belegt.
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Seite 13
7.5 In der Stellungnahme zur Botschaftsabklärung wurde ausgeführt, es
sei nicht auszuschliessen, dass die Vertrauensperson der Schweizeri-
schen Botschaft absichtlich falsche Informationen geliefert oder wesentli-
che Tatsachen unterdrückt habe, dies aus politisch motivierten Gründen.
So könne es sein, dass der beigezogene Vertrauensanwalt parallel für die
iranischen Behörden tätig sei. Sollte es sich um die in der Schweiz tätige
«Person mit dem phonetischen Namen XXX (Sic!)» handeln, kollaboriere
diese mutmasslich mit den iranischen Behörden. Insgesamt sei diesen Ab-
klärungen nur ein eingeschränkter Beweiswert beizumessen und auf
BVGE 2009/28 zu verweisen, wonach das iranische Justizsystem als mi-
serabel bezeichnet werde. Einem aktuellen Bericht des European Asylum
Support Office (EASO) zufolge existierten eine Vielzahl verschiedener For-
mate von Gerichtsurteilen. Unter diesen Umständen sei es nachvollzieh-
bar, wenn gewisse Ungereimtheiten auf dem Gerichtsurteil – wie etwa das
falsche Zitieren von Artikeln oder abweichenden Formatvorlagen – entstan-
den seien. Im Besonderen sei es irritierend, dass zwar festgestellt worden
sein soll, dass die Beschwerdeführerin legal aus dem Iran ausgereist sei,
jedoch das Ausreisedatum nicht genannt werden konnte.
Durch die intensive exilpolitische Tätigkeit des Vaters sei die Beschwerde-
führerin erheblichen Nachteilen respektive einer Reflexverfolgung ausge-
setzt. Dieser habe auf seinem Instagram-Profil inzwischen mehr als 700
regierungskritische Beiträge veröffentlicht. Abschliessend sei erneut darauf
hinzuweisen, dass mehrere Verwandte in Europa als Flüchtlinge anerkannt
worden seien, weshalb von einer Verfolgung durch die iranischen Behör-
den auszugehen sei.
8.
8.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend
substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in
vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich
sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder
der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asyl-
suchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere
dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann,
wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im
Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet
nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit-
wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
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Seite 14
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuch-
stellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Ge-
richt von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für
wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftma-
chung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
8.2 Die Vorinstanz hat sich in ihrer Verfügung eingehend mit der Frage der
Glaubhaftigkeit auseinandergesetzt. Wie der Stellungnahme zum Ent-
scheidentwurf vom 8. Mai 2019 korrekterweise zu entnehmen ist, schil-
derte die Beschwerdeführerin in freier Rede und über eineinhalb Seiten
hinweg ihre Fluchtgründe. Sie benutzte teilweise Dialoge in der direkten
Rede, wobei auch verschiedene emotionale Gefühlsregungen protokolliert
wurden. Dies sind grundsätzlich Indizien, die für die Glaubhaftigkeit spre-
chen. Dennoch ist festzustellen, dass ihre Ausführungen durchgehend we-
nig Substanz aufweisen. Vielmehr fällt die repetitive Erzählweise auf, wobei
sie sich teilweise derselben Wortwahl bediente, um ihre Fluchtgründe dar-
zulegen, ohne das Erlebte in anderen Worten zu vertiefen oder aus einer
anderen Perspektive darzulegen. Obwohl sie die direkte Rede verwendete
und viel erzählte, fehlt es ihren Schilderungen insgesamt am typischen
sprunghaften Erzählen sowie an persönlichen Überlegungen und neben-
sächlichen Details, welche Vorbingen als authentisch erscheinen lassen.
Zudem konnte sie die relevanten Ereignisse trotz zweimaliger Befragung
stets nur chronologisch wiedergeben, ohne dass sie weitere Einzelheiten
hinzufügte, Ergänzungen anbrachte oder einzelne Aspekte hervorhob und
vertiefte (vgl. SEM-Akte 22/16, F113; SEM-Akte28/15, F42, F78-85). Dies
sind Indizien, welche zusätzlich dafür sprechen, dass es sich dabei um ein
erlerntes Erzählkonstrukt handelt (vgl. REVITAL LUDEWIG/DAPHNA TA-
VOR/SONJA BAUMER, Wie können aussagepsychologische Erkenntnisse
Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, AJP 2011, S:1415-1435).
Sodann lassen ihre widersprüchlichen Ausführungen zum Vorbringen, wie
sie behördlich vorgeladen worden sei, zusätzlich am Wahrheitsgehalt ihrer
Aussagen zweifeln: In der ersten Anhörung führte sie aus, eine schriftliche
Vorladung erhalten zu haben (vgl. SEM-Akte 22/16, F67, F117) um später
darzulegen: «Sie haben angerufen und gesagt, z.B.: In einer halben
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Seite 15
Stunde müsst ihr dort sein.» (SEM-Akte 28/15, F68). Erst auf den Wider-
spruch angesprochen, korrigierte sie sich und erklärte, schriftlich vorgela-
den worden zu sein und es spiele keine Rolle, ob sie schriftlich oder münd-
lich vorgeladen worden sei (vgl. SEM-Akte 28/15, F68-75). Angesichts der
Wortwahl in der Antwort zur Frage 68 vermag die diesbezügliche Erklä-
rung, es sei zu einem Missverständnis gekommen, da «rufen» im Sinne
von «vorladen» mit «anrufen» übersetzt worden sei, nicht zu überzeugen,
zumal bei einer schriftlichen Vorladung die Vorladung für «in einer halben
Stunde» nicht denkbar ist. Auch die wenig ausführlichen Schilderungen zur
illegalen Ausreise der Beschwerdeführerin sowie die widersprüchlichen An-
gaben zu ihrem Pass sind ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit abträglich,
zumal von einer Studentin mehr Aussagekraft und präziseres Antworten
erwartet werden kann (vgl. SEM-Akte 22/16, F49-64; SEM-Akte28/15, F23-
26). Schliesslich fällt das mangelnde Wissen zur Partei, welcher H. sich
angeblich anschliessen wollte, auf, was insbesondere vor dem Hintergrund
nicht nachvollziehbar ist, als die beiden Freundinnen sich intensiv über den
Parteibeitritt als Ausweg aus der Situation von H. unterhalten haben sollen
(vgl. SEM-Akte 22/16, F88-92, F118-122). Diese zahlreichen Unglaubhaf-
tigkeitselemente lassen sich nicht mit einer mangelnden Berücksichtigung
einer PTBS erklären.
8.3 Die geltend gemachten sexuellen Belästigungen können zwar nicht
von vornherein als unglaubhaft qualifiziert werden, jedoch ist aus den
vorstehenden Erwägungen davon auszugehen, dass sich diese in einem
anderen zeitlichen und ursächlichen Zusammenhang ereignet haben, des-
sen Gründe dem Bundesverwaltungsgericht nicht bekannt sind. Ergänzend
ist denn auch festzustellen, dass das Asylrecht nicht zur Wiedergutma-
chung von geschehenem Unrecht dient, weshalb die Misshandlungen als
solche nicht als Grund für die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft zu
genügen vermögen.
8.4 Der Bericht der Schweizer Botschaft in Teheran bestätigt schliesslich
die Zweifel am Wahrheitsgehalt der Fluchtgeschichte. Zufolge der Bot-
schaftsabklärung vom 3. Juli 2021 handelt es sich bei den beglaubigten
Kopien des Haftbefehls sowie des Gerichtsurteils aufgrund verschiedener
inhaltlicher und formeller Mängel um Fälschungen. Weiter ergaben die Ab-
klärungen, dass die auf die Beschwerdeführerin registrierte Adresse von
derjenigen auf den Gerichtsdokumenten abweicht und auch keine straf-
rechtliche Verurteilung gegen sie vorliegt. Sodann bestehen keine Anhalts-
punkte dafür, dass sie zum heutigen Zeitpunkt behördlich gesucht wird. Es
wird zudem die legale Ausreise bestätigt. Den in der Stellungnahme vom
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Seite 16
9. August 2021 vorgebrachten Vorbehalten kann nicht gefolgt werden. Der
Abklärungsbericht erscheint detailliert und nachvollziehbar. Das Gericht
sieht auch keinen Anlass, an der Neutralität oder Unbefangenheit des be-
auftragten Vertrauensanwalts zu zweifeln, zumal seine Analysen zu den
Gerichtsdokumenten überzeugend sind und sie sich mit den öffentlich zu-
gänglichen Informationen über gefälschte iranische Gerichtsdokumente
sowie deren Verbreitung und Beschaffung decken. Die diversen Abwei-
chungen lassen sich nicht – wie in der Stellungnahme vorgebracht – mit
einem mangelhaften iranischen Justizsystem und einer unzureichenden
Ausbildung von Richtern und Richterinnen erklären. Der Umstand, dass
der Vertrauensanwalt zwar die legale Ausreise bestätigen konnte, nicht
aber das Ausreisedatum, ist zwar ungewöhnlich, lässt aber ebenso nicht
an der Seriosität der Abklärungen zweifeln. Der Vorhalt, die Daten der Be-
schwerdeführerin würden nicht gebührend sorgfältig behandelt, und die
Annahme, der zuständige Vertrauensanwalt liefere aus politisch motivier-
ten Gründen bewusst falsche Informationen, wurden sodann nicht stichhal-
tig begründet. Die eingereichten Medienberichte vermögen in diesem Zu-
sammenhang jedenfalls nicht zu überzeugen, zumal sie lediglich auf Mut-
massungen beruhen. Auch hat das Gericht mehrmals bestätigt, dass Bot-
schaftsabklärungen der Schweizer Botschaft in Teheran als zuverlässig
und diskret gelten (vgl. etwa D-982/2021 E. 6.1.4 vom 31. Mai 2021;
E-6502/2019 vom 19. März 2020 E. 6.5). Schliesslich ist darauf hinzuwei-
sen, dass in der Eingabe vom 29. Juli 2019 explizit weitere Abklärungen
bei der Schweizer Vertretung beantragt wurden. Wäre die grundsätzliche
Vertrauenswürdigkeit von Botschaftsabklärungen im Iran – wie in der Stel-
lungnahme behauptet – tatsächlich in Frage zu stellen, ist nicht nachvoll-
ziehbar, weshalb ein solches Begehren gestellt worden ist. Insgesamt ist
die Kritik an der Arbeitsweise im Zusammenhang mit der Botschaftsaus-
kunft deshalb klar als Schutzbehauptung zurückzuweisen.
8.5 In Bezug auf die geltend gemachte Reflexverfolgung ist festzustellen,
dass die Beschwerdeführerin zu keinem Zeitpunkt erwähnte, aufgrund ih-
rer Familienangehörigen Probleme gehabt zu haben, weshalb eine Gefähr-
dung im Sinne einer Reflexverfolgung ausgeschlossen werden kann. Auf-
grund des apolitischen Profils der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ihrer
Ausreise vermag daran auch nichts zu ändern, dass der Vater angeblich
exilpolitisch aktiv sei (vgl. dazu im Übrigen Urteil vom gleichen Tag im Ver-
fahren der Eltern D-2437/2019).
8.6 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Schilde-
rungen zum Verschwinden der Studienfreundin der Beschwerdeführerin
D-2439/2019
Seite 17
zwar möglich erscheinen, jedoch kann in Anbetracht der vorangehenden
Erwägungen nicht geglaubt werden, dass es im Nachgang zu einer Verhaf-
tung oder gar zu einer strafrechtlichen Verurteilung gekommen ist.
9.
9.1 In einem weiteren Schritt sind die geltend gemachten Nachflucht-
gründe zu prüfen. Die Beschwerdeführerin brachte vor, sich in der Schweiz
exilpolitisch zu betätigen, und reichte verschiedene Fotos ein, auf welchen
sie bei Kundgebungen zu sehen ist.
9.2 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsland eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl.
Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54
AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuch-
lich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Das vom Gesetzgeber vor-
gesehene Konzept, wonach das Vorliegen von subjektiven Nachfluchtgrün-
den die Gewährung von Asyl ausschliesst, verbietet auch ein Addieren sol-
cher Gründe mit Fluchtgründen, welche vor der Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat entstanden sind und die für sich allein nicht zur Beja-
hung der Flüchtlingseigenschaft und zur Asylgewährung ausreichen (vgl.
EMARK 1995Nr. 7 E. 7b und 8 S. 67 ff.; EMARK 2000 Nr. 16 E. 5a S. 141
f., m.w.H.).
9.3 Die allgemeine Menschenrechtslage im Iran wird als grundsätzlich pre-
kär angesehen. Die iranischen Behörden unterdrücken die Meinungs-
äusserungsfreiheit systematisch, wobei sie häufig weder die eigene Ver-
fassung noch die Gesetze respektieren. Es ist bekannt, dass die iranischen
Behörden nicht vor der Überwachung ihrer Staatsbürgerinnen und Staats-
bürger im Ausland zurückschrecken. Dies kann insbesondere bei politisch
aktiven Iranerinnen und Iranern relevant sein (vgl. dazu etwa das Refe-
renzurteil des BVGer D-830/2016 vom 20. Juli 2016 E. 4.2, E-5292/2014;
E-5296/2014 vom 25. Februar 2016 E. 7.4 m.w.H.; D-5947/2019 vom
21. Juli 2021, E. 6.4). Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob durch die exilpoliti-
schen Aktivitäten eine ernsthafte Gefahr im Sinne des Asylgesetzes ent-
steht. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts konzentrieren sich
die iranischen Behörden auf die Erfassung von Personen, welche über die
massentypischen, niedrigprofilierten Erscheinungsformen exilpolitischer
Proteste hinaus Funktionen wahrnehmen und/oder Aktivitäten vorgenom-
men haben, die sie aus der Masse der mit dem Regime Unzufriedenen
D-2439/2019
Seite 18
herausheben und als ernsthafte und potentiell gefährliche Regimegegner
erscheinen lassen.
9.4 Die Beschwerdeführerin machte erstmals mit Eingabe vom 10. August
2020 geltend, in der Schweiz politisch aktiv zu sein und reichte dazu als
Beispiel drei Fotos von Kundgebungen vom 25. und 30. Juli 2020 ein. Mit
Eingabe vom 3. Dezember 2020 wurden weitere Fotos, drei Flugblätter von
angekündigten Kundgebungen sowie ein Screenshot eines unkommentier-
ten Posts ihres Vaters auf Facebook eingereicht. Aus den eingereichten
Fotos ist nicht ersichtlich, dass sich ihr Auftreten anlässlich der Kundge-
bungen von den anderen Teilnehmenden unterscheiden würde und sie in
besonderer Weise auffallen würde, sich kritisch zu äussern. Auch die Tat-
sache, dass ihr Vater zwischenzeitlich rund 700 regierungskritische Bei-
träge auf Instagram veröffentlichte, ist nicht geeignet, ein herausragendes
exilpolitisches Engagement der Beschwerdeführerin zu begründen. Über-
dies war sie im Iran nie politisch aktiv (vgl. SEM-Akte 22/16, F75). Vor die-
sem Hintergrund ist davon auszugehen, dass ihre exilpolitische Aktivität
nicht über massentypische sowie niedrigprofilierte Erscheinungsformen
hinausgeht und sie nicht als eine tatsächliche politische Regimegegnerin
wahrgenommen wird, zumal die iranischen Sicherheitsbehörden zwischen
tatsächlich politisch engagierten regimekritischen Personen und Exilakti-
visten, die mit ihren Aktionen in erster Linie die Chancen auf ein Aufent-
haltsrecht zu erhöhen versuchen, zu unterscheiden vermögen (vgl. BVGE
2009/28 E. 7.4.3).
9.5 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführerin weder zum Zeitpunkt ihrer Ausreise noch zum heutigen
Zeitpunkt oder in absehbarer Zeit in begründeter Weise droht, wegen ihrer
politischen Aktivitäten in asylrechtlich relevanter Weise im Heimatland ver-
folgt zu werden. Die Vorinstanz hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
D-2439/2019
Seite 19
10.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
11.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.3
11.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
11.3.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be-
schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
D-2439/2019
Seite 20
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den
Iran ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste sie eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder glaubhaft
machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche
Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28.
Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die
allgemeine Menschenrechtssituation im Iran lässt den Wegweisungsvoll-
zug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nachdem die
Beschwerdeführerin keine asylrechtlich relevante Verfolgung glaubhaft
machten konnte und auch keine Strafverfahren gegen sie hängig sind (vgl.
E. 6), ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch
der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
11.4
11.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat
aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr-
dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die
vorläufige Aufnahme zu gewähren.
11.4.2 Im Iran herrscht weder Krieg oder Bürgerkrieg noch eine Situation
allgemeiner Gewalt. Selbst unter Berücksichtigung der Umstände, dass die
Staatsordnung als totalitär zu bezeichnen ist und die allgemeine Situation
in verschiedener Hinsicht problematisch sein kann, ist der Vollzug der Weg-
weisung in den Iran gemäss konstanter Praxis grundsätzlich als zumutbar
zu erachten (vgl. statt vieler Urteile des BVGer D-3928/2020 vom 30. März
2021 E. 9.3.1 und E-1901/2018 vom 11. Februar 2021 E. 8.2).
11.4.3 Es sind keine individuellen Gründe ersichtlich, welche gegen einen
Wegweisungsvollzug sprechen. Die Beschwerdeführerin hat bis zu ihrer
Ausreise immer im Iran gelebt und dort studiert, wobei sie im Eigenheim
ihrer Eltern in B._ wohnte. Ihr Lebensunterhalt und das Studium
D-2439/2019
Seite 21
wurden durch ihren Vater finanziert. Es ist davon auszugehen, dass sie bei
einer Rückkehr in den Iran erneut ihr Studium erfolgreich aufnehmen und
sich eine berufliche Zukunft aufbauen kann. Ihre Eltern besitzen ein Eigen-
heim, in welches sie gemeinsam mit ihnen zurückkehren kann. Sodann ist
davon auszugehen, dass ihr Vater weiterhin für sie finanziell aufkommen
wird, nicht zuletzt, weil er die Hälfte eines eigenen, gutlaufenden Geschäfts
besitzt. Neben der geregelten Wohnsituation weist sie ein breites familiäres
und soziales Netz auf, welches ihr bei ihrer Reintegration hilfreich zur Seite
stehen kann.
11.4.4 Bei medizinischen Problemen kann nur dann auf Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs erkannt werden, wenn eine notwendige medizi-
nische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht und die Rück-
kehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Ge-
sundheitszustands der betroffenen Person führen würde. Dabei wird als
wesentlich die allgemeine und dringende medizinische Behandlung erach-
tet, welche zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz absolut
notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls dann noch nicht vor, wenn
im Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht dem schweizerischen Standard
entsprechende medizinische Behandlung möglich ist (vgl. etwa BVGE
2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je m.w.H.).
Eine medizinische Notlage ist nicht ersichtlich. Gemäss dem psychiatri-
schen Konsilium vom 6. März 2019 wurde eine PTBS diagnostiziert, eine
akute Suizidalität hingegen verneint. Der Beschwerdeführerin wurde eine
medikamentöse Behandlung empfohlen, welche sie jedoch ablehnte. Wei-
ter wurde empfohlen, im Rahmen eines weiteren Gesprächs eine Verlaufs-
evaluation zur Suizidalität durchzuführen. Weitere medizinische Unterla-
gen zu einer allfälligen Therapie der Beschwerdeführerin sind keine vor-
handen. Auch wenn eine PTBS diagnostiziert wurde und die Beschwerde-
führerin sich behandeln lassen möchte, stehen im Iran geeignete Instituti-
onen zur Verfügung. Das dortige Gesundheitssystem weist ein relativ ho-
hes Niveau auf (vgl. WHO, Health profile 2015, Islamic Republic of Iran,
S. 21 ff. <http://applications.emro.who.int/dsaf/ EMRO PUB_2016_
EN_19265.pdf?ua=1&ua=1>, abgerufen am 10. August 2021). Dies gilt
auch für die Behandlung psychischer Probleme. So arbeiten im Iran 1'800
Psychiater und es gibt über 200 psychiatrische Kliniken respektive psychi-
atrische Spitalabteilungen (BEHZAD DAMARI ET AL., Transition of Mental
Health to a More Responsible Service in Iran, in: Iranian Journal of Psychi-
atry 2017 Vol. 12/1, S. 36 ff.). Es kann deshalb davon ausgegangen wer-
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Seite 22
den, dass die Beschwerdeführerin im Iran medizinische und psychothera-
peutische Behandlung erhalten und sich adäquat behandeln lassen kann
(vgl. dazu statt vieler Urteile des BVGer E-3799/2020 vom 11. März 2021
E. 14.4.2 und E-4643/2020 vom 23. Oktober 2020 E. 8.5.5). Schliesslich
können nötigenfalls geeignete Massnahmen ergriffen werden, um allfällige
im Zusammenhang mit dem vorliegenden Entscheid auftretende suizidale
Tendenzen zu verhindern (vgl. EMARK 2005 Nr. 23 E. 5.1., S. 212, mit
einem Hinweis auf den Entscheid des EGMR Dragan u.a. gegen Deutsch-
land vom 7. Oktober 2004, 33743/03).
Schliesslich steht es der Beschwerdeführerin offen, ein Gesuch um indivi-
duelle medizinische Rückkehrhilfe zu stellen, welches nicht nur in der Form
von Medikamentenmitgaben, sondern etwa auch in der Organisation und
Übernahme von Kosten für notwendige Therapien bestehen kann
(vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG und Art. 75 der Asylverordnung 2 vom
11. August 1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]).
11.4.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
11.5 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
11.6 Ergänzend ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammen-
hang mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht ge-
eignet ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stel-
len. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein Voll-
zugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraussichtlich
eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate – bestehen
bleibt. Andernfalls ist dem temporären Hindernis im Rahmen der Vollzugs-
modalitäten Rechnung zu tragen. Soweit derzeit feststellbar, handelt es
sich bei der Coronavirus-Pandemie allenfalls um ein temporäres Vollzugs-
hindernis. Es obliegt somit den kantonalen Behörden, der Entwicklung der
Situation bei der Wahl des Zeitpunkts des Vollzugs in angemessener
Weise Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D-139/2020
vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.).
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Seite 23
11.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr mit Zwischenverfü-
gung vom 3. September 2019 die unentgeltliche Rechtspflege gewährt
wurde, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
13.2 Mit Eingabe vom 9. August 2021 reichte der Rechtsbeistand eine ak-
tualisierte Kostennote in der Höhe von Fr. 3’744.30 ein. Dabei ging er von
einem Stundenansatz von Fr. 300.– aus. Mit Zwischenverfügung vom
3. September 2019 war darauf aufmerksam gemacht worden, dass bei ei-
ner amtlichen Rechtsvertretung in der Regel von einem Stundenansatz von
Fr. 200.– bis Fr. 220.– ausgegangen werde (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 VGKE). Auch erscheint der geltend gemachte zeitliche Aufwand als
nicht angemessen, zumal die Eingaben mit dem Verfahren der Eltern ko-
ordiniert werden konnten. Das Honorar ist entsprechend zu kürzen, der
Stundenansatz auf Fr. 200.– herabzusetzen und dem amtlichen Rechts-
beistand ein Honorar von Fr. 1’800.– (inklusive Auslagen und Mehrwert-
steuer) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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