Decision ID: f5bad82b-8295-40be-8bd0-d58a0bf2aed3
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_006
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Verwaltungsgericht entnimmt den Akten:
A.
1.
A., dipl. Ingenieur-Agronom FH, bemüht sich in seiner Wohngemeinde Q.
um Pachtland. Am 20. August 2018 bewarb er sich bei der
Ortsbürgergemeinde um 3,5 ha Landwirtschaftsland, ging jedoch bei der
Neuzuteilung für die Pachtperiode 2019/25 leer aus.
2.
Am 22. Januar 2021 erhob A. beim Bezirksgericht U. Klage gegen die
Ortsbürgergemeinde Q. mit folgenden Begehren:
1. Es sei gerichtlich festzustellen, dass die Beklagte mit mir zu Unrecht  Pachtvertrag über Landwirtschaftsland in der Pachtperiode 01.12.19 bis 30.11.25 abschloss.
2. Die Beklagte sei unter Nachklagevorbehalt zu verurteilen, mir in diesem Verfahren 1'000.– Schadenersatz aus entgangenem landw. Pachtvertrag ab dem Zeitpunkt 01.12.19 inkl. 5 % Zins zu bezahlen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beklagten.
Das Bezirksgericht J. trat am 25. Februar 2021 auf die Klage nicht ein, im
Wesentlichen mit der Begründung, es handle sich um eine öffentlich-
rechtliche Streitigkeit.
Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Obergericht, Abteilung Zivil-
gericht, mit Entscheid vom 30. April 2021 ab.
B.
1.
Darauf erhob A. mit Eingabe vom 13. Juli 2021 verwaltungsrechtliche Klage
gegen die Ortsbürgergemeinde Q. mit folgenden Begehren:
1. Ich verlange vorab die Verjährungsunterbrechung auf dem ganzen  von rund Fr. 70'000.
2. Es sei gerichtlich festzustellen, dass die Beklagte mit mir zu Unrecht  Pachtvertrag über Landwirtschaftsland in der Pachtperiode 01.12.19 bis 30.11.25 abschloss.
- 3 -
3. Die Beklagte sei unter Nachklagevorbehalt zu verurteilen, mir in diesem Verfahren CHF 1'000.– Schadenersatz aus entgangenem landw.  ab dem Zeitpunkt 01.12.19 inkl. 5 % Zins zu bezahlen, unter - und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beklagten.
2.
Die Frist zur Erstattung der Klageantwort wurde mehrfach bis zum 8. No-
vember 2021 erstreckt.
3.
Zwischenzeitlich beschloss der Gemeinderat Q. am 25. Oktober 2021:
1. Das Gesuch von A. vom 20. August 2018 um Zuteilung von  Pachtland für die Pachtperiode 2019/25 wird abgelehnt.
2. Gegen diesen Beschluss kann innert 30 Tagen seit Eröffnung Beschwerde an die Gemeindeabteilung, Rechtsdienst des Departements  und Inneres, erhoben werden. Diese Beschwerde muss einen  und eine Begründung enthalten.
3. Dieser Beschluss wird A. am 27. Oktober 2021 eröffnet.
Begründet wurde dieser Beschluss im Wesentlichen damit, dass A. die
Voraussetzungen des gemeinderätlichen Reglements nicht erfülle. Dieser
könne keine Standardarbeitskraft nachweisen und keinen ökologischen
Leistungsnachweis erbringen (weshalb er keine Direktzahlungen des
Bundes erhalte); zudem führe er keinen landwirtschaftlichen Betrieb.
4.
Mit Protokollauszug ebenfalls vom 25. Oktober 2021 stellte der Gemeinde-
rat Q. folgende Anträge:
1. Die Klage von A. vom 13. Juli 2021 sei als gegenstandslos abzuschreiben.
2. Die Verfahrenskosten seien sachlich gerechtfertigt zu verteilen.
3. Von Parteientschädigungen sei abzusehen.
Der Gemeinderat argumentierte damit, dass die verwaltungsrechtliche
Klage mit der Eröffnung des Beschlusses vom 25. Oktober 2021 und der
damit verbundenen Beschwerdemöglichkeit gegenstandslos geworden sei.
- 4 -
5.
A. hielt in der Eingabe vom 22. November 2021 an der verwal-
tungsrechtlichen Klage fest und teilte mit, er habe gleichentags bei der Ge-
meindeabteilung des Departements Volkswirtschaft und Inneres (DVI) Be-
schwerde gegen den Beschluss des Gemeinderats vom 25. Oktober 2021
erhoben.
6.
In der Eingabe vom 12. Januar 2022 bestand A. auf der Durchführung einer
öffentlichen Verhandlung. Am 4. und 7. Februar 2022 reichte er weitere
Stellungnahmen ein.
7.
Das Verwaltungsgericht hat am 16. Februar 2022 eine öffentliche Verhand-
lung durchgeführt und A. angehört. Die Ortsbürgergemeinde Q. hat auf eine
Teilnahme verzichtet. Im Anschluss hat das Verwaltungsgericht den Fall
beraten und entschieden.

Considerations:
Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung:
I.
1.
1.1.
Der Kläger ist der Ansicht, dass die Ortsbürgergemeinde Q. mit ihm für die
Periode 2019/25 zu Unrecht keinen Pachtvertrag über Landwirtschaftsland
abgeschlossen hat, und beantragt eine entsprechende Feststellung
(Begehren Ziffer 2). Auf sein Gesuch vom 20. August 2018 hin war ihm kein
Pachtland zugesprochen worden, wobei damals kein förmlicher Entscheid
erging. Einen entsprechenden Beschluss fasste der Gemeinderat Q.
nachträglich am 25. Oktober 2021, mithin nach der Einreichung der
(vorliegend zu beurteilenden) verwaltungsrechtlichen Klage.
Gemäss § 60 lit. d des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom
4. Dezember 2007 (Verwaltungsrechtspflegegesetz, VRPG; SAR 271.200)
urteilt das Verwaltungsgericht als einzige Instanz über öffentlich-rechtliche
Streitigkeiten in (anderen) Angelegenheiten, wenn in Rechtspositionen von
Privaten eingegriffen wird, ohne dass ein Entscheid ergeht oder Klage vor
einer anderen Instanz erhoben werden kann. Diese Zuständigkeit hat ihre
Grundlage darin, dass nicht allen Streitigkeiten, die von den Rechtsschutz-
garantien des Völkerrechts und der Rechtsweggarantie der Bundesverfas-
sung erfasst werden, eine Verfügung zu Grunde liegt. Der Gesetzgeber
wollte mit § 60 lit. d VRPG einen Auffangtatbestand für jene Fälle schaffen,
in denen keine Verfügung ergeht, aber trotzdem in Rechtspositionen (vorab
in Grundrechte) von Privaten eingegriffen wird und kein anderes Rechts-
mittel zur Verfügung steht (vgl. Entscheid des Verwaltungsgerichts
- 5 -
WKL.2015.12 vom 1. Juli 2015, Erw. I/1.1; Botschaft des Regierungsrats
des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 14. Februar 2007, 07.27,
S. 74).
Der Kläger möchte nachträglich gegen die Pachtvergabe für die Periode
2019/25 vorgehen. Die sog. Zweistufentheorie unterscheidet beim Ab-
schluss von privatrechtlichen Verträgen durch das Gemeinwesen zwischen
dem privatrechtlichen Vertragsschluss einerseits und der internen Willens-
bildung der Behörden andererseits, die dem Vertragsschluss vorangeht.
Das Verfahren der internen Willensbildung untersteht dem öffentlichen
Recht und schliesst mit einer Verfügung ab. Damit entscheidet sich die
Ortsbürgergemeinde, mit wem sie einen Pachtvertrag abschliesst (vgl.
ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwal-
tungsrecht, 8. Auflage, Zürich/St. Gallen 2020, Rz. 1394; PIERRE
TSCHANNEN/ULRICH ZIMMERLI/MARKUS MÜLLER, Allgemeines Verwaltungs-
recht, 4. Auflage, Bern 2014, § 34 N 6; Urteile des Bundesgerichts
2C_889/2016 vom 12. Juni 2017, Erw. 1.1 und 2C_314/2013 vom 19. März
2014, Erw. 1.1.1 ff.). Entsprechend handelt es sich bei der Entscheidung,
dass dem Kläger kein Pachtland zugeteilt wurde, um eine öffentlich-recht-
liche Angelegenheit. Diese Schlussfolgerung gilt unabhängig davon, ob
das betreffende Pachtland dem Finanzvermögen der Ortsbürgergemeinde
zuzuordnen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_889/2016 vom 12. Juni
2017, Erw. 1.1). Indessen liegt keine Streitigkeit vor, in der mangels Verfü-
gungskompetenz kein Entscheid ergehen könnte. Der Gemeinderat hat
denn auch – nachträglich und mit Verspätung – am 25. Oktober 2021 einen
entsprechenden Beschluss gefasst und dem Kläger eröffnet.
Der Kläger kann sich somit nicht mit verwaltungsrechtlicher Klage dagegen
wehren, dass auf sein Gesuch vom 20. August 2018 hin zunächst kein an-
fechtbarer Entscheid erging. In einem solchen Fall steht die Beschwerde
wegen Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung offen (vgl. § 41 Abs. 2
VRPG). Rechtsverweigerung bzw. Rechtsverzögerung liegt vor, wenn eine
Gerichts- oder Verwaltungsbehörde untätig bleibt oder das gebotene Han-
deln über Gebühr hinauszögert, obschon sie zum Tätigwerden verpflichtet
wäre (vgl. HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 1045).
Auf Begehren Ziffer 2 ist im verwaltungsrechtlichen Klageverfahren somit
nicht einzutreten. Damit kann auf die vom Kläger beanstandete fehlende
Chancengleichheit bei der Pachtvergabe nicht eingegangen werden.
1.2.
Der Kläger macht einen Staatshaftungsanspruch gegen die Ortsbürgerge-
meinde Q. geltend (vgl. Begehren Ziffer 3). Dabei handelt es sich um ein
haftpflichtiges Gemeinwesen im Sinne von § 3 des Haftungsgesetzes vom
24. März 2009 (Haftungsgesetz, HG; SAR 150.200). Der Gemeinderat
vertritt die Ortsbürgergemeinde nach aussen und in allen
- 6 -
Rechtsstreitigkeiten (§ 10 und § 11 Abs. 2 lit. c des Gesetzes über die Orts-
bürgergemeinden vom 19. Dezember 1978 [Ortsbürgergemeindegesetz,
OBGG; SAR 171.200]). Das Staatshaftungsverfahren richtet sich grund-
sätzlich nach den Bestimmungen des verwaltungsgerichtlichen Klagever-
fahrens (§ 11 Abs. 2 HG i.V.m. §§ 61 ff. VRPG). Somit ist das Verwaltungs-
gericht zur Beurteilung der Schadenersatzforderung von Fr. 1'000.00 zu-
ständig. Insoweit ist auf die verwaltungsrechtliche Klage einzutreten.
1.3.
Dem Begehren betreffend Verjährungsunterbrechung (Ziffer 1) kommt
keine Bedeutung zu. Das Haftungsgesetz enthält selbst keine Regelung
zur Verjährung des Staatshaftungsanspruchs; daher gelangen aufgrund
des Verweises in § 2 HG die entsprechenden Bestimmungen des Obliga-
tionenrechts vom 30. März 1911 (OR; SR 220) als ergänzendes kantonales
Recht zur Anwendung. Gemäss Art. 135 Ziffer 2 OR wird die Verjährung
unter anderem durch Klage vor einem staatlichen Gericht unterbrochen.
Entsprechend wurde die Verjährung eines durchsetzbaren Staatshaftungs-
anspruchs des Klägers gegenüber der Beklagten mit der Klageeingabe am
14. Juli 2021 unterbrochen. Eine zusätzliche Handlung des Gerichts ist da-
für nicht erforderlich (vgl. ROBERT K. DÄPPEN, in: Basler Kommentar, Obli-
gationenrecht I; Art. 1-529 OR, 7. Auflage 2020, Art. 135 N 5). Was den
Umfang der Verjährungsunterbrechung anbelangt, hat der Kläger – unter
Vorbehalt der Mehrforderung – einen Teilbetrag von lediglich Fr. 1'000.00
eingeklagt. Die vorliegende Klage unterbricht die Verjährung der Forderung
(nur) im Umfang des eingeklagten Betrags (vgl. DÄPPEN, a.a.O., Art. 135
N 10 und N 20 mit Verweis auf BGE 119 II 339, Erw. 1c/aa). Eine unbezif-
ferte Forderungsklage liegt nicht vor (vgl. hinten Erw. II/3.3) und eine Mög-
lichkeit, die Unterbrechungswirkung der Verjährung auf die vorbehaltene
Mehrforderung (von rund Fr. 69'000.00) auszudehnen, besteht nicht. Ent-
sprechend kann auf Klagebegehren Ziffer 1 nicht eingetreten werden.
1.4.
Somit ist das Verwaltungsgericht für die Beurteilung der Forderung von
Fr. 1'000.00 aus Staatshaftung (Klagebegehren Ziffer 3) zuständig. Im Üb-
rigen kann auf die Klage nicht eingetreten werden.
2.
2.1.
Aufgrund des ausdrücklichen Verweises in § 63 VRPG sind im Klagever-
fahren die Verfahrensgrundsätze des Zivilprozessrechts sinngemäss an-
wendbar. Es gelangt daher analog die Schweizerische Zivilprozessordnung
vom 19. Dezember 2008 (Zivilprozessordnung, ZPO; SR 272) zur Anwen-
dung.
- 7 -
2.2.
Anwendbar sind somit die Maximen des Zivilprozesses, insbesondere die
Verhandlungsmaxime (Art. 55 Abs. 1 ZPO) und die Dispositionsmaxime
(Art. 58 Abs. 1 ZPO; vgl. MICHAEL MERKER, Rechtsmittel, Klage und Nor-
menkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über die Verwal-
tungsrechtspflege, Kommentar zu den §§ 38-72 [a]VRPG, Zürich 1998,
§ 67 N 24 ff.). Danach darf das Verwaltungsgericht einer Partei nicht mehr
und nichts anderes zusprechen, als sie verlangt, und nicht weniger, als die
Gegenpartei anerkannt hat (Dispositionsmaxime). Des Weiteren gilt die
Verhandlungsmaxime, d.h. es ist Sache der Parteien, den Prozessstoff bei-
zubringen und darzulegen (Art. 55 Abs. 1 ZPO; MERKER, a.a.O., Vorbem.
zu den §§ 60–67 N 7 ff.). Der Kläger hat die Tatsachen, auf die er seinen
Rechtsanspruch stützt, (form- und fristgerecht) zu behaupten und zum Be-
weis zu offerieren; die Beklagte hat diejenigen (rechtshindernden und
rechtsaufhebenden) Tatsachen zu behaupten und zum Beweis anzubieten,
mit denen er den gegnerischen Standpunkt widerlegen will. Der in § 17
Abs. 1 VRPG statuierte Untersuchungsgrundsatz gilt im Klageverfahren
grundsätzlich nicht. Das Gericht kann im verwaltungsgerichtlichen Klage-
verfahren nur berücksichtigen, was die Parteien behaupten; übereinstim-
mende Parteierklärungen hat es ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts dem
Urteil zugrunde zu legen (MERKER, a.a.O., Vorbem. zu den §§ 60–67 N 9;
zum Ganzen siehe THOMAS SUTTER-SOMM/CLAUDE SCHRANK und THOMAS
SUTTER-SOMM/BENEDIKT SEILER, in: Kommentar zur Schweizerischen Zivil-
prozessordnung [ZPO], 3. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2016, Art. 55 N 20,
Art. 58 N 9; MYRIAM A. GEHRI, in: Basler Kommentar, Schweizerische Zivil-
prozessordnung, 3. Auflage, 2017, Art. 55 N 2, Art. 58 N 5).
3.
Der Gemeinderat vertritt in der Stellungnahme vom 25. Oktober 2021 die
Ansicht, dass die (Staatshaftungs-)Klage infolge seines Beschlusses vom
selben Datum gegenstandslos geworden sei. Damit hat der Gemeinderat
das Gesuch des Klägers vom 20. August 2018 um Zuteilung von Pachtland
der Ortsbürgergemeinde nachträglich abgewiesen.
Der Auffassung des Gemeinderats kann nicht gefolgt werden. Gegen-
standslosigkeit der Klage wäre anzunehmen, wenn das Rechtsschutzinte-
resse des Klägers nach Eintritt der Rechtshängigkeit der Klage definitiv
weggefallen wäre (zu Art. 242 ZPO vgl. JULIA GSCHWEND/DANIEL STECK, in:
Basler Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, a.a.O., Art. 242
N 5; LEUMANN LIEBSTER, in: Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozess-
ordnung [ZPO], a.a.O., Art. 242 N 3). Davon kann mit Bezug auf den gel-
tend gemachten Staatshaftungsanspruch nicht ausgegangen werden. Der
Kläger hat gegen den Gemeinderatsbeschluss vom 25. Oktober 2021 be-
treffend Pachtzuteilung für die Periode 2019/25 Verwaltungsbeschwerde
erhoben (Beilage zur Eingabe vom 22. November 2021). Das betreffende
Verfahren hat nicht zur Folge, dass der Kläger kein Interesse mehr an der
- 8 -
Beurteilung seiner Schadenersatzforderung hat. Allenfalls könnten zu er-
wartende Erkenntnisse aus dem betreffenden Verfahren rechtfertigen, das
verwaltungsrechtliche Klageverfahren zu sistieren (vgl. Art. 126 Abs. 1
ZPO). Davon ist im vorliegenden Fall jedoch nicht auszugehen, da der Aus-
gang des Beschwerdeverfahrens – wie sich zeigen wird (vgl. hinten
Erw. II/3 f.) – für die Beurteilung des Staatshaftungsanspruchs nicht ent-
scheidrelevant ist.
4.
Vor Einreichung der Klage soll die klagende der beklagten Partei ihr Be-
gehren schriftlich mitteilen und sie um Stellungnahme innert angemessener
Frist ersuchen (§ 61 Abs. 1 VRPG). Der Kläger hat dem Gemeinderat vor
der Anhebung der Klage am 5. Juni 2021 ein "Schlichtungsgesuch" unter-
breitet. Dieser hat die Begehren des Klägers mit Beschluss vom 21. Juni
2021 zurückgewiesen (vgl. erste Klagebeilage). Damit ist das Vorverfahren
gemäss § 61 Abs. 1 VRPG durchgeführt.
II.
1.
1.1.
Der Kläger führt zu Beginn seiner Klage aus: "Auf eine öffentliche Partei-
verhandlung und Urteilsverkündung wird nicht verzichtet."
1.2.
Gemäss Art. 6 Ziffer 1 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte
und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK; SR 0.101) hat jede
Person ein Recht darauf, dass über Streitigkeiten in Bezug auf ihre zivil-
rechtlichen Ansprüche und Verpflichtungen von einem unabhängigen und
unparteiischen, auf Gesetz beruhenden Gericht in einem fairen Verfahren,
öffentlich und innerhalb angemessener Frist verhandelt wird. Das Urteil
muss öffentlich verkündet werden.
Neben Art. 6 Ziffer 1 EMRK sieht auch Art. 30 Abs. 3 der Bundesverfas-
sung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV;
SR 101) vor, dass Gerichtsverhandlung und Urteilsverkündung öffentlich
sind. Das Gesetz kann Ausnahmen vorsehen.
1.3.
Der konventionsrechtliche Begriff der zivilrechtlichen Ansprüche (sog. "civil
rights") ist nicht deckungsgleich mit jenem im innerstaatlichen Recht. Von
Art. 6 Ziffer 1 EMRK werden nicht nur zivilrechtliche Streitigkeiten im ei-
gentlichen Sinne erfasst, sondern auch Verwaltungsakte hoheitlich han-
delnder Behörden, die massgeblich in private Rechtspositionen eingreifen.
In diesem Sinne als zivilrechtlich gelten unter anderem Schadenersatzfor-
derungen gegenüber dem Gemeinwesen (vgl. BGE 136 II 187, Erw. 8.2.1;
134 I 331, Erw. 2.1; 130 I 388, Erw. 5.1; 126 I 144, Erw. 3a). Damit hat der
- 9 -
Kläger grundsätzlich einen Anspruch auf Durchführung einer öffentlichen
Gerichtsverhandlung.
Im Anwendungsbereich von Art. 6 Ziffer 1 EMRK ist eine (mündliche)
öffentliche Verhandlung durchzuführen, sofern die Parteien nicht ausdrück-
lich oder stillschweigend darauf verzichten (BGE 134 I 331, Erw. 2.1; Urteil
des Bundesgerichts 2E_4/2019 vom 28. Oktober 2021, Erw. 1.6). Die
Öffentlichkeit im Sinne von Art. 6 Ziffer 1 EMRK und Art. 30 Abs. 3 BV um-
fasst sowohl die Partei- als auch die Publikumsöffentlichkeit bzw. ge-
währleistet den Zutritt der Parteien sowie der allgemeinen Öffentlichkeit
zum Verhandlungssaal (RENÉ RHINOW/HEINRICH KOLLER/CHRISTINA KISS/
DANIELA THURNHERR/DENISE BRÜHL-MOSER, Öffentliches Prozessrecht,
4. Auflage, Basel 2021, Rz. 567 f.). Nachdem der Kläger explizit an einer
Gerichtsverhandlung festgehalten hatte, wurde eine solche durchgeführt.
Der Kläger hatte in der verwaltungsgerichtlichen Verhandlung vom 16. Fe-
bruar 2022 Gelegenheit, seinen Standpunkt mündlich vorzutragen. Sowohl
die Partei- als auch die Publikumsöffentlichkeit waren gewährleistet. Dem
Anspruch auf Durchführung einer öffentlichen Gerichtsverhandlung wurde
damit entsprochen.
1.4.
Der Kläger bemängelte, die verwaltungsgerichtliche Verhandlung sei auf
der Homepage der Gerichte Kanton Aargau nicht publiziert worden. Er ver-
langte eine "Nachbesserung", eventuell sei die Verhandlung im Internet er-
neut anzukündigen und zu wiederholen (vgl. Plädoyer und Protokoll der
Verhandlung vor Verwaltungsgericht vom 16. Februar 2022).
Gemäss § 4 des Reglements der Justizleitung über die Information der Öf-
fentlichkeit und die Publikation von Entscheiden vom 19. Februar 2016 (In-
formationsreglement; SAR 155.616) informieren die Gerichtskanzleien
elektronisch über Gegenstand, Zeitpunkt und Ort der öffentlichen Verhand-
lungen. Die entsprechende Orientierung im Internet ist vorliegend aufgrund
eines Versehens unterblieben. Dies ändert jedoch nichts daran, dass die
Partei- und Publikumsöffentlichkeit gewährleistet bzw. die Anforderungen
an eine öffentliche Verhandlung nach Art. 6 Abs. 1 EMRK bzw. Art. 30
Abs. 3 BV erfüllt waren. Aus den beiden Bestimmungen lässt sich kein in-
dividueller Anspruch der beteiligten Parteien auf öffentliche Vorankündi-
gung einer Verhandlung ableiten. Dasselbe gilt auch in Bezug auf § 4 In-
formationsreglement; diese Vorschrift konkretisiert lediglich die Öffentlich-
keitsarbeit der Aargauer Justiz (vgl. § 1 Abs. 1 Informationsreglement) und
begründet keine individuellen Ansprüche. Bezeichnenderweise ist die Auf-
gabe der elektronischen Publikation von Verhandlungsterminen den Ge-
richtskanzleien übertragen. Insgesamt besteht kein Anspruch des Klägers
auf eine "Nachbesserung" (was immer auch damit gemeint ist) oder auf
eine Wiederholung der Verhandlung.
- 10 -
1.5.
Was die öffentliche Urteilsverkündung anbelangt, hat der Kläger keinen An-
spruch darauf, dass ihm das verwaltungsgerichtliche Urteil mündlich eröff-
net wird.
Die öffentliche Urteilsverkündung garantiert, dass nach dem Verfahrensab-
schluss vom Urteil als Ergebnis des gerichtlichen Verfahrens Kenntnis ge-
nommen werden kann. Sie will in spezifischer Weise Geheimjustiz aus-
schliessen, Transparenz der Justiztätigkeit im demokratischen Rechtsstaat
fördern und Vertrauen in die Rechtspflege schaffen. Im Sinne der Publi-
kums- und Medienöffentlichkeit ist sie primär für nicht direkt am Verfahren
beteiligte Dritte von Bedeutung (vgl. BGE 139 I 129, Erw. 3.3; 137 I 16,
Erw. 2.2).
Völker- und Verfassungsrecht lassen verschiedene Formen der öffentli-
chen Verkündung von Gerichtsurteilen zu (vgl. GEROLD STEINMANN, in: Die
schweizerische Bundesverfassung, St. Galler Kommentar, 3. Auflage,
2014, Art. 30 N 62; JÖRG PAUL MÜLLER/MARKUS SCHEFER, Grundrechte in
der Schweiz, 4. Auflage, Bern 2008, S. 976 ff.; JOHANNES REICH, in: Basler
Kommentar, Bundesverfassung, 2015 Art. 30 N 54). Die Gerichte Kanton
Aargau informieren die Öffentlichkeit insbesondere mit der öffentlichen Auf-
lage von Entscheiden und der Publikation von wegleitenden Entscheiden
(vgl. § 1 Abs. 2 lit. d und e Informationsreglement). Die Öffentlichkeit hat
die Möglichkeit, das vorliegende Urteil im Dispositiv in nicht anonymisierter
Form (während 30 Tagen seit der Eröffnung) auf der Kanzlei des Verwal-
tungsgerichts einzusehen (vgl. § 5 Abs. 1 des Informationsreglements). Ab
dem Jahre 2022 werden nahezu sämtliche Entscheide des Verwaltungsge-
richts anonymisiert auf einem Web-Portal veröffentlicht.
2.
§ 2 HG verweist für die Voraussetzungen des Staatshaftungsanspruchs auf
die Bestimmungen des Bundesprivatrechts, insbesondere auf Art. 41-61
OR, als ergänzendes kantonales Recht (vgl. MARKUS RÜSSLI, Das neue
Haftungsgesetz des Kantons Aargau – ein Überblick, in: Schweizerisches
Zentralblatt für Staats- und Verwaltungsrecht [ZBl] 110/2009, S. 686 ff.).
Sie beinhalten einen Schaden, Widerrechtlichkeit sowie den Kausalzusam-
menhang zwischen dem schädigenden Ereignis und dem Schaden. Im
Staatshaftungsrecht ist zudem erforderlich, dass eine Schädigung in Erfül-
lung öffentlicher Aufgaben erfolgte (vgl. § 75 Abs. 1 der Verfassung des
Kantons Aargau vom 25. Juni 1980 [KV; SAR 110.000]). Grundsätzlich ist
das Vorliegen eines Verschuldens hingegen keine Haftungsvoraussetzung.
3.
3.1.
Schaden ist eine ungewollte Vermögensverminderung, d.h. eine Differenz
zwischen dem aktuellen Vermögensstand des Geschädigten infolge des
- 11 -
schädigenden Ereignisses und dem hypothetischen (gleichzeitigen) Ver-
mögensstand bei Ausbleiben des Ereignisses (sog. Differenztheorie; vgl.
MARTIN A. KESSLER, in: Basler Kommentar, Obligationenrecht I, Art. 1-529,
7. Auflage, 2020, Art. 41 N 3 mit Hinweisen). Schaden kann in einer direk-
ten Abnahme des Vermögens des Geschädigten (damnum emergens) be-
stehen. Auch entgangener Gewinn zählt zum Schaden (lucrum cessans);
die Schädigung besteht hier darin, dass ein Vermögen sich wegen eines
schädigenden Ereignisses nicht vermehrt hat (vgl. KESSLER, a.a.O., Art. 41
N 6; HEINZ REY/ISABELLE WILDHABER, Ausservertragliches Haftpflichtrecht,
Zürich 2018, Rz. 403 ff.). Die Geltendmachung von entgangenem Gewinn
setzt voraus, dass es sich um einen üblicherweise erzielbaren Gewinn han-
delt oder dieser aufgrund der konkreten Umstände in Aussicht gestanden
hat (REY/WILDHABER, a.a.O., Rz. 406; BGE 82 II 397, Erw. 6).
Wer Schadenersatz beansprucht, hat den Schaden zu beweisen (Art. 42
Abs. 1 OR). Der nicht ziffernmässig nachweisbare Schaden ist nach Er-
messen des Richters mit Rücksicht auf den gewöhnlichen Lauf der Dinge
und auf die vom Geschädigten getroffenen Massnahmen abzuschätzen
(Abs. 2).
3.2.
Der Kläger macht geltend, im Falle der Verpachtung von Gemeindeland
hätte er auf einer Fläche von 3,5 ha Salate, Bohnen, Fenchel, Blumenkohl
und Erdbeeren angebaut. Das Gemüse hätte er direkt gewinnbringend ver-
kauft. Auf 1,5 ha hätte er 225'000 Stk. Salate setzen können; diese hätten
bei einem Verkaufspreis von Fr. 1.60 pro Stück Buttoeinnahmen von
Fr. 360'000.00 eingebracht. 6 t Bohnen hätten auf einer Fläche von 0,5 ha
angebaut werden können; mit einem Verkaufspreis von Fr. 7.00 pro kg
hätte er damit einen Ertrag von Fr. 42'000.00 brutto generiert. Auf 0,5 ha
hätten 10,5 t Fenchel geerntet werden können, was angesichts eines Ver-
kaufspreises von Fr. 5.00 pro kg Fr. 52'500.00 brutto eingebracht hätte.
17 t Blumenkohl wären auf einer Fläche von 0,5 ha möglich gewesen; mit
einem Verkaufspreis von Fr. 4.20 pro kg wären Bruttoeinnahmen von
Fr. 71'400.00 erzielt worden. Auf 0,5 ha hätten 9'000 Kartonschalen Erd-
beeren geerntet werden können; diese hätte er für je Fr. 5.00 verkauft und
damit Fr. 45'000.00 brutto eingenommen. In der vegetationsfreien Zeit hät-
te er Schweinemast betrieben (50 Freilandschweine). Die Mastschweine
hätte er direkt an den Konsumenten oder einen örtlichen Abnehmer ver-
kauft. Ausgehend von 90 kg Fleisch pro Schwein und einem Verkaufspreis
von Fr. 15.00 pro kg ergebe sich daraus ein Ertrag von Fr. 67'500.00. Er-
gänzend hätte er auf Feldrandkompostierung sowie sozialtherapeutische
Angebote im Bereich der Jugend-, Alten- und Behindertenbetreuung ge-
setzt. Damit hätte er Einnahmen von jeweils Fr. 10'000.00 generiert. Im
Falle der Pacht von Gemeindeland hätte der Kläger somit Bruttoeinnahmen
von insgesamt Fr. 658'400.00 erzielt. Das Kriterium der Standardarbeits-
kraft wäre erfüllt und er wäre direktzahlungsberechtigt gewesen. Somit
- 12 -
seien ihm zusätzlich Fr. 8'370.00 an Direktzahlungen entgangen. Es könne
– wie dies bei der vorzeitigen Auflösung von Pachtverträgen gehandhabt
werde – von einem entgangenen Gewinn von rund Fr. 3'500.00 pro ha und
Jahr ausgegangen werden.
3.3.
Der Schaden ist grundsätzlich konkret zu berechnen, was bei entgange-
nem Gewinn voraussetzt, dass bestimmte gewinnbringende Ereignisse, die
durch das schädigende Verhalten verunmöglicht werden, nachgewiesen
sind. Die Ermittlung entgangenen Gewinns stellt oft keine eigentliche Scha-
densschätzung im Sinne von Art. 42 Abs. 2 OR dar, obwohl es sich regel-
mässig um eine hypothetische Frage handelt, die nach dem gewöhnlichen
Lauf der Dinge beantwortet werden muss. Wer Schadenersatz für entgan-
genen Gewinn verlangt, hat darzulegen, welchen Nettogewinn er aus den
fraglichen Geschäften erzielte hätte (vgl. KESSLER, a.a.O., Art. 42 N 3; Ur-
teil des Bundesgerichts 4C.225/2006 vom 20. September 2006, Erw. 2.4).
Der Kläger ist dipl. Ingenieur-Agronom FH, weshalb davon auszugehen ist,
dass er grundsätzlich in der Lage ist, einen Landwirtschaftsbetrieb zu füh-
ren. Indessen verfügt er erst über rudimentäre Vorstellungen, was den Auf-
bau seines landwirtschaftlichen Gewerbes anbelangt. Angesichts seiner
vagen Geschäftsideen kann insbesondere nicht davon ausgegangen wer-
den, dass bereits ein Businessplan vorliegt. In diesem Zusammenhang
bleibt namentlich unklar, welche Investitionen er zu tätigen gedachte (ent-
sprechend der bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind insbesondere die
Gestehungskosten bei der Schadensberechnung zu berücksichtigen
[vgl. Urteil des Bundesgerichts 4A_288/2008 vom 4. September 2008,
Erw. 2.1]). Da der Kläger über keinen eigenen Betrieb verfügt, kann zur
Geltendmachung eines Schadens nicht ausreichen, wenn er abstrakte be-
triebswirtschaftliche Überlegungen anstellt. Die Situation ist insofern nicht
vergleichbar mit einem bestehenden Gewerbe, dem infolge eines schädi-
genden Ereignisses (hypothetischer) Umsatz verloren ging und das des-
halb einen entgangenen Gewinn als Schaden geltend macht (vgl. dazu Ur-
teil des Bundesgerichts 4C.225/2006 vom 20. September 2006, Erw. 2.4).
Der Kläger verfügt mithin über keine eingeführten Produkte, bestehenden
Kundenbeziehungen und erprobten Absatzkanäle. Entsprechend entgehen
ihm durch die unterbliebene Verpachtung von Landwirtschaftsland keine
bis anhin üblicherweise erzielten Erträge bzw. erleidet er dadurch keine
Umsatzeinbusse. Es steht auch nicht zur Diskussion, dass ein bestehender
Betrieb in seinen Wachstumsperspektiven beschränkt würde. Die Pacht
von Landwirtschaftsland wäre vielmehr Voraussetzung dafür gewesen,
dass der Kläger eine landwirtschaftliche Erwerbstätigkeit überhaupt erst
hätte aufnehmen können. Unter diesen Umständen erscheint es bloss the-
oretischer Natur, dass dem Kläger – mangels Pachtland – ein üblicher-
weise zu erzielender Gewinn entging. Die Schadensberechnung des Klä-
gers fusst nicht auf einem ausreichend konkreten Fundament. Dieser
- 13 -
macht den Aufbau und die Rentabilität eines potentiellen Gemüsebau- und
Schweinemastbetriebs einzig davon abhängig, dass ihm die Beklagte eine
vergleichsweise kleine Landwirtschaftsfläche von 3,5 ha verpachtet hätte.
Diese Darstellung greift zu kurz und wird der Komplexität eines landwirt-
schaftlichen Gewerbes nicht gerecht. Damit ist ein Schaden im Sinne des
Staatshaftungsrechts nicht dargetan. In diesem Sinne ist der vom Kläger
geltend gemachte entgangene Gewinn von rund Fr. 3'500.00 pro ha und
Jahr rein hypothetisch (vgl. Protokoll der Verhandlung vom 16. Februar
2022, wo er auf vorzeitige Auflösungen von Pachtverträgen verwies). Der
Kläger kann nicht darlegen, dass sein Vermögen im Falle der Verpachtung
von Landwirtschaftsland einen höheren Stand aufweisen würde als ohne.
3.4.
In Bezug auf die Haftungsvoraussetzung des Schadens ist in antizipierter
Beweiswürdigung darauf zu verzichten, weitere Beweise abzunehmen. Sie
könnten am Ergebnis nichts mehr ändern. Die vom Kläger angebotenen
Zeugenbefragungen dienen einerseits dazu, potentielle Ertragsausfälle zu
plausibilisieren (Zeuge C., betreffend Direktverkauf; Zeuge D., betreffend
Absatz von Schweinefleisch), bzw. zur Bestimmung entgangenen Gewinns
(Zeugen E., Landwirtschaftslehrer K., und F., Dozent Agrarrecht
Fachhochschule S.). Andererseits ruft der Kläger diverse Zeugen an,
welche Landwirtschaftsbetriebe angeblich im Teilzeitpensum bzw. "in der
Freizeit" führen. Die entsprechenden Beweisangebote sind nicht tauglich,
eine Umsatzeinbusse bzw. entgangenen Gewinn des Klägers
nachzuweisen, wenn dieser bis anhin über keine eigene Infrastruktur
verfügt, um einen Ertrag zu erzielen. Ebenfalls nicht ergiebig wäre es
diesfalls, einen Augenschein auf einem bestehenden Bauernhof
durchzuführen oder bezüglich entgangener Direktzahlungen ein Gutachten
einzuholen und eine Parteibefragung durchzuführen. Eine solche ist auch
zu den Themen Feldrandkompostierung und sozialtherapeutische
Angebote nicht angezeigt. Diese wären für die Rentabilität eines Kleinst-
betriebs von untergeordneter Bedeutung. Die betreffenden Beweisanträge
werden abgewiesen.
4.
4.1.
Der Staatshaftungsanspruch scheitert somit bereits am Nachweis des
Schadens. Nachfolgend ist ergänzend auf weitere Haftungsvoraussetzun-
gen einzugehen.
4.2.
Widerrechtlichkeit einer Schädigung setzt entweder die Verletzung eines
absolut geschützten Gutes wie Leib, Leben, Persönlichkeit, Eigentum oder
Besitz (Erfolgsunrecht) voraus oder aber eine reine Vermögensschädi-
gung, welche durch einen Verstoss gegen eine Norm bewirkt wurde, die
- 14 -
nach ihrem Zweck vor derartigen Schäden schützen soll (Verhaltensun-
recht) (TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER, a.a.O., § 62 Rz. 27 ff.; HÄFELIN/
MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 2114; BGE 132 II 449, Erw. 3.3 mit weiteren
Hinweisen). Der Kläger macht einen entgangenen Gewinn aus einer po-
tentiellen Geschäftstätigkeit und damit einen reinen Vermögensschaden
geltend. Das Vermögen als solches ist kein absolut geschütztes Rechtsgut.
Seine Verminderung ist für sich allein somit nicht widerrechtlich. Dafür er-
forderlich ist, dass eine Norm des geschriebenen oder ungeschriebenen
Rechts verletzt wird, die zum Schutz vor solchen Schädigungen bestimmt
ist (BGE 118 Ib 163, Erw. 2; 116 Ib 193, Erw. 2a; HÄFELIN/MÜLLER/
UHLMANN, a.a.O., Rz. 2114 ff.; RÜSSLI, a.a.O., S. 688). Auf eine entspre-
chende Bestimmung kann sich der Kläger nicht berufen, weshalb sich die
geltend gemachte Schädigung nicht als widerrechtlich ist erweist. Der
pauschale Hinweis, dass Amtsmissbrauch oder ungetreue Amtsführung
(Art. 312 bzw. Art. 314 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs vom
21. Dezember 1937 [StGB; SR 311.0]) vorliegen könnte (vgl. Plädoyer),
vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern; ausweislich der Akten
wurde auch nie eine entsprechende Strafanzeige eingereicht. Somit wäre
der Staatshaftungsanspruch auch mangels Widerrechtlichkeit abzuweisen.
Schliesslich ist festzuhalten, dass der Abschluss eines Pachtvertrags nicht
vergleichbar ist mit Verträgen über eine lebenswichtige Leistung. In diesem
Kontext kann die grundlose Verweigerung, einen Vertrag zu schliessen, als
sittenwidrig erachtet werden (vgl. REY/WILDHABER, a.a.O., Rz. 960). Darauf
kann sich der Kläger, der sich um Landwirtschaftsflächen beworben hat,
nicht berufen (vgl. Plädoyer und Protokoll der Verhandlung vom 16. Fe-
bruar 2022).
4.3.
Zwischen einem haftungsbegründenden Umstand und dem Schaden, des-
sen Ersatz verlangt wird, muss als Haftungsvoraussetzung das Verhältnis
von Ursache und Wirkung bestehen (Kausalzusammenhang; vgl. KESSLER,
a.a.O., Art. 41 N 14). Weiter wird nach der Einschränkung durch die Adä-
quanztheorie nur eine Ursache als haftungsbegründend angesehen, die
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens
geeignet ist, einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen oder min-
destens zu begünstigen (KESSLER, a.a.O., Art. 41 N 16; ROBERTO VITO,
Haftpflichtrecht, Bern 2018, Rz. 06.37); bei einer Unterlassung genügt,
wenn eine überwiegende Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass mit der ge-
botenen Handlung der entstandene Schaden hätte verhindert werden kön-
nen (vgl. BGE 121 III 358, Erw. 5).
Der Kläger vermag nicht darzulegen, dass die unterbliebene Verpachtung
von Landwirtschaftsland nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge für eine
Vermögenseinbusse ursächlich gewesen wäre. Erwartungsgemäss führt
die erstmalige Verpachtung von 3,5 ha Landwirtschaftsland nicht (ohne
- 15 -
weiteres) dazu, dass der Pächter innert kurzer Zeit einen Gemüsebau- und
Schweinemastbetrieb aufbauen und die entsprechenden Produkte gewinn-
bringend verkaufen kann. In diesem Zusammenhang trifft der Kläger eine
Vielzahl von Annahmen, die er zu Unrecht als selbstverständlich voraus-
setzt (namentlich in Bezug auf Investitionen, Ernte und Absatz). Die betref-
fende Kausalitätskette kann er nicht rechtsgenüglich nachweisen.
5.
Zusammenfassend erweist sich die Klage als unbegründet und ist abzu-
weisen, soweit darauf einzutreten ist.
Auf weitere Vorbringen in der Klage war nicht einzugehen. Dies betrifft na-
mentlich Äusserungen des Klägers zur Lokalpolitik und zu örtlichen Land-
wirtschaftsbetrieben, da sie für die Beurteilung des Staatshaftungsan-
spruchs irrelevant sind. Gleich verhält es sich bezüglich der örtlichen
Raumplanung bzw. der Einzonung von Bauland. Der Kläger greift schliess-
lich etliche Themen auf, die nicht entscheidrelevant und unbeachtlich sind
(Grossgrundbesitz und Landenteignungen in Afrika, Benachteiligung Indi-
gener in Südamerika, Brandrodungen in Urwaldgebieten, Verteilung land-
wirtschaftlicher Flächen in der Weimarer Republik sowie in Ost- und West-
Deutschland, Agrargemeinschaften in Österreich sowie Flächenvergaben
an Neueinrichter in Deutschland).
Zusätzliche Beweise waren nicht abzunehmen. Sie betreffen mitunter die
vom Kläger beanstandete Pachtvergabe und das betreffende Gemeindere-
glement, die nicht Gegenstand des verwaltungsrechtlichen Klageverfah-
rens sind. Daher sind keine Pachtverträge, welche die Beklagte mit örtli-
chen Landwirten abgeschlossen hat, einzuholen. In diesem Zusammen-
hang sind keine Befragungen vorzunehmen (B., Anlaufstelle aus-
serfamiliäre Hofübergabe, und G., ehemaliger Gemeindeammann von T.).
Schliesslich sind auch keine Angaben vom Departement Finanzen und
Ressourcen (DFR) (Befragung, Amtsbericht) sowie von H. und I.
(Betriebsanleitung eines Traktors) erforderlich. Bezüglich der
Haftungsvoraussetzungen ist in antizipierter Beweiswürdigung auf die
Abnahme zusätzlicher Beweise zu verzichten. Diese könnten am Ergebnis
nichts ändern. Somit sind keine Partei- und Zeugenbefragungen
durchzuführen, ist kein Augenschein vorzunehmen und sind keine
Gutachten oder weitere Unterlagen einzuholen. Die betreffenden
Beweisanträge werden abgewiesen.
- 16 -
III.
1.
Entsprechend dem Verfahrensausgang hat der Kläger die verwaltungsge-
richtlichen Kosten zu tragen (vgl. § 63 VRPG i.V.m. Art. 106 Abs. 1 ZPO).
Die Staatsgebühr wird unter Berücksichtigung des Zeitaufwands und der
Bedeutung der Sache auf Fr. 3'000.00 festgelegt (vgl. § 3 Abs. 1 i.V.m. § 22
Abs. 1 lit. c des Dekrets über die Verfahrenskosten vom 24. November
1987 [Verfahrenskostendekret, VKD; SAR 221.150]). Für die Kanzleige-
bühr und die Auslagen wird auf §§ 25 ff. VKD verwiesen.
Im Bereich der Verfahrenskosten verhindert das Äquivalenzprinzip, dass
im Einzelfall Gebühren festgesetzt werden, die in keinem vernünftigen Ver-
hältnis zum Wert bzw. Nutzen stehen, welcher dem Abgabepflichtigen ent-
steht (vgl. HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 2785 ff.; TSCHANNEN/
ZIMMERLI/MÜLLER, a.a.O., § 58 N 19 ff.). Der Kläger hat – unter Vorbehalt
der Mehrforderung – einen Betrag von lediglich Fr. 1'000.00 (nebst Zinsen)
eingeklagt; aus Begehren Ziffer 1 folgt indessen, dass er von einem An-
spruch von insgesamt rund Fr. 70'000.00 ausgeht. Da vom vorliegenden
Urteil eine präjudizielle Wirkung für die gesamte Forderung ausgeht, be-
misst sich dessen "Wert" für den Kläger nicht ausschliesslich anhand der
eingeklagten Summe. Es widerspricht dem Äquivalenzprinzip daher nicht,
wenn die Verfahrenskosten den eingeklagten Betrag deutlich übersteigen.
2.
Parteikosten sind nicht zu ersetzen (vgl. § 63 VRPG i.V.m. Art. 106 ZPO).