Decision ID: e1be03a0-6c3b-4ea5-919a-4422b23a9024
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am (...) Januar 2022 in der Schweiz ein
Asylgesuch ein. Auf dem Personalienblatt für Asylsuchende gab er bei Ein-
tritt in das BAZ den (...) 2005 (gregorianischer Kalender) als Geburtsdatum
an.
B.
Abklärungen des SEM ergaben, dass der Beschwerdeführer am (...) De-
zember 2021 in Italien daktyloskopisch erfasst wurde. Am 25. Januar 2022
gelangte das SEM mit einem Informationsersuchen an die italienischen Be-
hörden.
C.
Am 21. Februar 2022 wurde der Beschwerdeführer summarisch zu seiner
Person befragt (Erstbefragung [EB] unbegleitete minderjährige Asylsu-
chende [UMA]). Dabei gab er an, am (...) gemäss persischem Kalender,
was dem (...) 2005 gemäss gregorianischem Kalender entspreche, gebo-
ren zu sein; dementsprechend sei er (...) Jahre alt. Er kenne sein Geburts-
datum, weil sein Vater es in einem Heft und im Koran vermerkt habe. Als
er in die erste Klasse gegangen sei, habe er sein Geburtsdatum erfahren.
Anlässlich der EB UMA wurde er über die Möglichkeit der Durchführung
einer medizinischen Altersabklärung informiert.
D.
Am 25. Februar 2022 beantworteten die italienischen Behörden das oben-
genannte Informationsersuchen des SEM dahingehend, dass der Be-
schwerdeführer am (...) Dezember 2021 illegal eingereist, mit den gleichen
Personalien wie in der Schweiz registriert worden und in der Folge unter-
getaucht sei.
E.
Im Altersgutachten des B._ vom 16. März 2022 wurde festgehalten,
nach den erhobenen Befunden ergebe sich für den Beschwerdeführer ein
durchschnittliches Alter von 18 bis 22 Jahren und ein Mindestalter zum
Zeitpunkt der Untersuchung am 11. März 2022 von 17 Jahren. Das ange-
gebene Alter von (...) Jahren und (...) Monaten könne somit gemäss der
aktuellen wissenschaftlichen Studienlage nicht zutreffen.
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F.
Mit Eingabe vom 28. April 2022 reichte der Beschwerdeführer Kopien sei-
ner nationalen Identitätskarte (Tazkira) sowie seiner Geburtsurkunde ein.
Auf beiden Dokumenten ist das obengenannte Geburtsdatum – der (...)
2005 – erfasst. Auf der Geburtsurkunde ist das Geburtsdatum sowohl nach
gregorianischem ([...] 2005) als auch nach persischem Kalender ([...]) ein-
getragen.
G.
Am 2. Mai 2022 informierte die zugewiesene Rechtsvertretung das SEM
darüber, dass der Beschwerdeführer auf die Durchführung einer Anhörung
verzichte. Gleichzeitig reichte sie eine Kopie des Austrittsberichtes des Spi-
talaufenthaltes der Mutter des Beschwerdeführers vom Mai 2020 und eine
Kopie seines Schülerausweises zu den Akten.
H.
Mit Schreiben vom 4. Mai 2022 setzte das SEM den Beschwerdeführer
darüber in Kenntnis, dass sein Asylgesuch dem erweiterten Verfahren und
er dem Kanton C._ zugewiesen werde.
I.
Am 9. Mai 2022 legte die zugewiesene Rechtsvertretung des BAZ ihr Man-
dat nieder.
J.
Am 17. August 2022 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das recht-
liche Gehör zum Altersgutachten und erwähnte dabei, dass seine Angaben
im Zusammenhang mit seinem Alter oberflächlich sowie unsubstantiiert ge-
blieben seien. Aufgrund seines Auftretens und seiner Erscheinung wirke er
älter als von ihm angegeben. Gemäss Altersgutachten könne sein angege-
benes Alter nicht zutreffen. Das SEM beabsichtige daher, sein Geburtsda-
tum im ZEMIS auf den (...) 2005 anzupassen. Gestützt auf Art. 25 Abs. 2
Bundesgesetz vom 19. Juni 1992 über den Datenschutz (DSG, SR 235.1)
werde der Eintrag mit einem Bestreitungsvermerk versehen; das vom Be-
schwerdeführer angegebene Geburtsdatum werde als Zweitidentität auf-
geführt.
K.
In seiner Stellungnahme anlässlich der Gehörsgewährung vom 29. August
2022 brachte der Beschwerdeführer durch die rubrizierte Rechtsvertreterin
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vor, er sei mit der geplanten Altersanpassung nicht einverstanden. Das Ar-
gument des SEM, er habe keine detaillierte Angabe zum Ausreisedatum
machen können, können nicht für die Bestimmung seines Alters herange-
zogen werden, zumal das genaue Ausreisedatum in keinem Zusammen-
hang zu diesem stehe. Der Umstand, dass die sachbearbeitende Person
an der entsprechenden Stelle nicht weiter nachgefragt habe, illustriere,
dass sein angegebenes Alter zum Zeitpunkt der Befragung nicht in Frage
gestellt worden sei. Das im Altersgutachten festgehaltene Mindestalter wi-
derspreche seiner Altersangabe nicht, zumal es nur um wenige Wochen
von dieser abweiche. Seine Schilderungen sowie die eingereichten Be-
weismittel sprächen für die Richtigkeit seines angegebenen Geburtsda-
tums. Gleichzeitig ersuchte die Rechtsvertreterin um Einsicht in das kom-
plette Verfahrensdossier des Beschwerdeführers.
L.
Am 12. September 2022 änderte das SEM das Geburtsdatum des Be-
schwerdeführers im ZEMIS – unter Anbringung eines Bestreitungsver-
merks gemäss Art. 25 Abs. 2 DSG – vom (...) 2005 auf den (...) 2005.
M.
Mit Verfügung vom 21. September 2022 – eröffnet am 22. September 2022
– lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz an, verfügte aber aufgrund der Unzumutbar-
keit des Vollzugs die vorläufige Aufnahme; sein Geburtsdatum im ZEMIS
laute unter Bestreitungsvermerk auf den (...) 2005. Gleichzeitig händigte
es ihm die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
N.
Am 21. Oktober 2022 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde beim Bun-
desverwaltungsgericht und beantrage die Aufhebung der Verfügung betref-
fend die Datenänderung sowie die Anpassung seines Geburtsdatums im
ZEMIS auf den (...) 2005. Eventualiter sei die Verfügung betreffend die Da-
tenänderung im ZEMIS aufzuheben und die Sache zur vollständigen Sach-
verhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht beantragte er die unentgeltliche Rechtspflege unter Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde.
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O.
Mit Instruktionsverfügung vom 4. November 2022 lud die Instruktionsrich-
terin das SEM zur Vernehmlassung ein, verzichtete einstweilen auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses und verschob den Entscheid über die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege auf einen späteren Zeit-
punkt. Gleichzeitig hielt sie fest, dass der Beschwerde von Gesetzes we-
gen die aufschiebende Wirkung zukomme und diese vorliegend nicht ent-
zogen worden sei.
P.
Mit Eingabe vom 17. November 2022 ersuchte der Beschwerdeführer da-
rum, den Eintrag im ZEMIS dahingehend anpassen zu lassen, dass als
Geburtsdatum der (...) 2005 eingetragen werde. Dort sei nämlich nach wie
vor der (...) 2005 als Geburtsdatum vermerkt, was der aufschiebenden Wir-
kung der Beschwerde widerspreche.
Q.
Mit Vernehmlassung vom 21. November 2022 hielt das SEM vollumfäng-
lich an seiner Verfügung und deren Begründung fest. Die Vernehmlassung
wurde dem Beschwerdeführer am 24. November 2022 zur Kenntnisnahme
zugestellt. Gleichzeitig hielt die Instruktionsrichterin fest, dass über den An-
trag vom 17. November 2022 zu einem späteren Zeitpunkt entschieden
werde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.1 Beim angefochtenen Entscheid handelt es sich um eine Verfügung im
Sinne von Art. 5 VwVG, welche von einer Vorinstanz im Sinne von Art. 33
Bst. d VGG erlassen wurde. Da keine Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG
vorliegt, ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung der Beschwerde
zuständig (Art. 31 VGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG soweit das VGG nichts an-
deres bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer war am vorinstanzlichen Verfahren beteiligt und
ist als Adressat der angefochtenen Verfügung sowohl formell als auch
materiell beschwert, weshalb er zur Beschwerde legitimiert ist (Art. 37 VGG
i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG).
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1.4 Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 37 VGG
i.V.m. Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Datenschutzrecht nach Art. 49 VwVG. Es entscheidet im
vorliegenden Verfahren daher mit uneingeschränkter Kognition.
3.
3.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem (ZEMIS-Verordnung) vom 12. April
2006 (SR 142.513) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 der ZEMIS-Ver-
ordnung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus-
kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa-
tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten,
nach dem DSG und dem VwVG.
3.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein
absoluter und uneingeschränkter Anspruch (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3.2).
Die ZEMIS-Verordnung sieht zudem in Art. 19 Abs. 3 ausdrücklich vor,
dass unrichtige Daten von Amtes wegen zu berichtigen sind.
3.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen. Nach den massgeblichen Beweisregeln des VwVG gilt
eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung sämtlicher Erkennt-
nisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen Zweifel bleiben; un-
umstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich. Die mit dem Be-
richtigungsbegehren konfrontierte Behörde hat zwar nach dem Untersu-
chungsgrundsatz den Sachverhalt grundsätzlich von Amtes wegen abzu-
klären (Art. 12 VwVG); die gesuchstellende Person ist jedoch gemäss
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Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG verpflichtet, an dessen Feststellung mitzuwir-
ken (vgl. zum Ganzen BVGE 2018 VI/3 E. 3.3 m.w.H.).
3.4 Kann bei einer verlangten oder von Amtes wegen beabsichtigten Be-
richtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenige der neuen
Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder die einen
noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1 DSG). Dies
ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Personendaten
zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendigerweise bearbeitet
werden. Dies gilt namentlich auch für im ZEMIS erfasste Namen und Ge-
burtsdaten. In solchen Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der
Bearbeitung möglicherweise unzutreffender Daten das Interesse an deren
Richtigkeit. Unter diesen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG die Anbrin-
gung eines Bestreitungsvermerks vor. Spricht dabei mehr für die Richtig-
keit der neuen Daten, sind die bisherigen Angaben zunächst zu berichtigen
und die neuen Daten anschliessend mit einem derartigen Vermerk zu ver-
sehen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also die Richtigkeit der bisher
eingetragenen Daten als wahrscheinlicher oder zumindest nicht als un-
wahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit einem Bestreitungsver-
merk zu versehen. Über dessen Anbringung ist jeweils von Amtes wegen
und unabhängig davon zu entscheiden, ob ein entsprechender Antrag ge-
stellt worden ist (vgl. zum Ganzen BVGE 2018 VI/3 E. 3.4 m.w.H.; Urteil
des BVGer E-3182/2021 vom 6. Oktober 2022 E. 4.4).
4.
4.1 Zur Begründung ihres Entscheides führte die Vorinstanz im Wesentli-
chen an, die Aussagen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit sei-
nem Alter seien weitgehend oberflächlich geblieben. Obwohl er angegeben
habe, sein Geburtsdatum sowie sein Alter zum Zeitpunkt der Ausreise zu
kennen, habe er keine genauen Angaben zum Zeitpunkt seiner Ausreise
aus Afghanistan machen können. Der Umstand, dass während der Erstbe-
fragung auf die Anordnung eines Altersgutachten hingewiesen und im An-
schluss eine Altersabklärung angeordnet worden sei, verdeutliche, dass
anlässlich der Erstbefragung Zweifel an seinem Alter bestanden hätten.
Die Befunde aus dem Altersgutachten wiesen darauf hin, dass das von ihm
angegebene Alter nicht zutreffen könne. Aus wissenschaftlicher Sicht sei
sogar von einer Volljährigkeit auszugehen. Das Altersgutachten werde le-
diglich als Indiz für die Bestimmung des wahrscheinlichsten Alters gewer-
tet. In Anbetracht dessen, dass er sein Alter nicht mit einem rechtsgenü-
genden Dokument beweisen könne und seine diesbezüglichen Angaben
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weitgehend oberflächlich ausfielen, komme das SEM im Rahmen einer Ge-
samtwürdigung zum Schluss, dass das von ihm angegebene Alter nicht
zutreffen könne.
4.2 Dem wird in der Beschwerde entgegnet, er habe bis zur Frist der Ein-
reichung der Stellungnahme zur Anpassung seines Alters im ZEMIS keine
Einsicht in das gesamte Befragungsprotokoll gehabt. Auch auf Anfrage
habe das SEM ihm nur einen Teil des Protokolls, welchen es selbst ausge-
wählt habe, zur Verfügung gestellt. Damit habe es seinen Anspruch auf
Akteneinsicht sowie auf rechtliches Gehör verletzt. Das Argument eines
noch nicht abgeschlossenen Verfahrens könne vor dem Hintergrund, dass
im neuen Asylverfahren die Rechtsvertretung von Anfang an dabei sei,
nicht mehr gelten. Die vorinstanzliche Verfügung verletze sodann Art. 5
DSG. Das SEM habe nämlich keinen Grund gemäss Art. 17 Abs. 3bis AsylG
gehabt, ein Altersgutachten zu erstellen. Es habe sich damit begnügt, fest-
zuhalten, dass der Beschwerdeführer sein Alter nicht habe beweisen kön-
nen, was aber nicht als Hinweis für seine Volljährigkeit zu werten sei. Vor
diesem Hintergrund sei das Altersgutachten zu Unrecht in Auftrag gegeben
worden, weshalb es nicht zur Bestimmung seines Alters herangezogen
werden könne. Das Gutachten schliesse seine Angaben nicht vollständig
aus. Ausserdem habe er drei Dokumente (Geburtsurkunde, Tazkira, Schul-
ausweis) eingereicht, welche seine Angaben bestätigten. Er habe präzise
dargelegt, wie er die Tazkira habe ausstellen lassen und weshalb er das
Original nicht beibringen könne. Die Vorinstanz habe diesbezüglich keine
Rückfragen gestellt, weshalb davon auszugehen sei, dass diese als glaub-
haft gewertet worden seien. Er habe auch ausführliche Angaben zum Alter,
insbesondere zur Einschulung und zum Schulbesuch, gemacht. Durch den
falschen Eintrag im ZEMIS sei sein Recht auf Privatleben verletzt worden.
Die für das Asylverfahren relevante Frage der Minderjährigkeit stelle sich
vorliegend nicht, weil das SEM diese nicht bezweifle. Hingegen habe er ein
Interesse daran, dass er mit seinem richtigen Geburtsdatum – welches ein
grundlegendes Element seiner Persönlichkeit darstelle – erfasst sei.
5.
In Anbetracht des Ausgangs des Verfahrens kann auf die Beurteilung der
in der Beschwerde vorgebrachten formellen Rügen verzichtet werden.
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Seite 9
6.
6.1 Es obliegt vorliegend grundsätzlich der Vorinstanz zu beweisen, dass
das in der angefochtenen Verfügung festgestellte Geburtsdatum im ZEMIS
([...] 2005) korrekt ist. Der Beschwerdeführer wiederum hat nachzuweisen,
dass das von ihm geltend gemachte Geburtsdatum ([...] 2005) richtig be-
ziehungsweise zumindest wahrscheinlicher ist als das derzeit im ZEMIS
erfasste Datum (vgl. oben E. 3.4). Vorab ist festzustellen, dass die Vo-
rinstanz den Beschwerdeführer zum Zeitpunkt des verfügten Geburtsda-
tums (angefochtene Verfügung vom 21. September 2022) nicht als volljäh-
rig betrachtete, sondern dieser damals – auch nach dem im ZEMIS mit
Bestreitungsvermerk neu erfassten Geburtsdatum – nach wie vor minder-
jährig war.
6.2 Gemäss dem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts BVGE
2018 VI/3 sind von den in der Schweiz angewandten Methoden der medi-
zinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein- respektive Skelettalters-
analyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch die Handkno-
chenaltersanalyse und die ärztliche körperliche Untersuchung) zum Be-
weis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet und
lässt sich anhand der medizinischen Altersabklärung keine Aussage zur
Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das
Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein-
respektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. a.a.O.
E. 4.2.1 f.).
Im Altersgutachten vom 16. März 2022 wurde bezüglich des Skelettalters
des Beschwerdeführers festgehalten, dass der Befund der Verknöcherung
der medialen Schlüsselbein-Brustbein-Gelenke einem durchschnittlichen
Lebensalter von 19 mit einer möglichen Abweichung von 1.5 Jahren sowie
einem Mindestalter von 16.4 Jahren entspreche. Bezüglich des Zahnalters
wurde unter anderem angeführt, dass an den Weisheitszähnen in Regio
18 und 29 jeweils ein Mineralisationsstadium von «H» und in Regio 38 und
48 jeweils ein Mineralisationsstadium von «G» festgestellt worden sei, was
auf ein Mindestalter von 17 Jahren hindeute. Bei der Geschwindigkeit der
Mineralisation der Weisheitszähne würden signifikante Unterschiede zwi-
schen verschiedenen ethnischen Gruppen beobachtet, weswegen Abwei-
chungen durch ethnische Unterschiede aufgrund der afghanischen Her-
kunft der untersuchten Person gegebenenfalls zu berücksichtigen seien.
Im Übrigen gebe es zu keinem der untersuchten Merkmale Vergleichsstu-
dien zu einer männlichen, afghanischen Population. In Zusammenschau
der Befunde könne von einem Mindestalter von 17 Jahren sowie von einem
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durchschnittlichen Lebensalter von 18 bis 22 Jahren ausgegangen werden.
Das vom Beschwerdeführer angegebene Alter von (...) Jahren und (...)
Monaten könne gemäss der aktuellen wissenschaftlichen Studienlage
nicht zutreffen (vgl. SEM-Akten [...]-21/7).
Daraus ergibt sich keine klare Aussage zur Minder- respektive Volljährig-
keit des Beschwerdeführers; noch weniger kann aus den Befunden ein
Rückschluss auf sein exaktes chronologisches Lebensalter gezogen wer-
den.
6.3 Bei der Einschätzung des Alters des Beschwerdeführers ist eine Ge-
samtwürdigung vorzunehmen, bei der auch die protokollierten Aussagen
zu den persönlichen Lebensumständen zu berücksichtigen sind (vgl. Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2004 Nr. 30 E. 6.4.3 f.: «[...] insbesondere [übereinstimmende]
Angaben zum Alter, zu Identitätspapieren bzw. zu den Gründen für deren
Nichteinreichung, zu den familiäre Umständen, zum Schulbesuch, zu Be-
rufsbildung / Berufstätigkeit und zu den Ausreiseumständen sowie nach-
vollziehbare länderspezifische Angaben zum behaupteten Herkunftsge-
biet»; bestätigt u.a. im Urteil des BVGer E-5606/2021 vom 5. Mai 2022
E. 6.4).
In der Würdigung durch die Vorinstanz wurden vorliegend nicht diejenigen
Indizien miteinbezogen, die für das angegebene Alter des Beschwerdefüh-
rers sprechen könnten. Die Vorinstanz hat zwar die Minderjährigkeit des
Beschwerdeführers nicht bestritten, sein Alter gleichwohl bedeutend er-
höht, wobei sie sich nicht mit den Aussagen des Beschwerdeführers zu
seinen persönlichen Lebensumständen auseinandergesetzt hat. Vor dem
Hintergrund, dass die Differenz des möglichen Knochenalters wenige Wo-
chen von den Angaben des Beschwerdeführers abweicht und das vorlie-
gende Altersgutachten, auf das sich die Vorinstanz in erster Linie stützt,
nicht zur Bestimmung des genauen Alters des Beschwerdeführers heran-
gezogen werden kann (vgl. oben E. 6.2), erhalten die Aussagen des Be-
schwerdeführers einen umso bedeutenderen Stellenwert (vgl. Urteil des
BVGer D-1874/2022 vom 31. August 2022 E. 5.6 m.w.H.).
In Bezug auf die eingereichten Kopien der Identitätsnachweise führte die
Vorinstanz zwar zutreffend aus, diesen Dokumenten komme insbesondere
aufgrund des Vorliegens in Kopie nur ein geringer Beweiswert zu. Zudem
handelt es sich bei der Tazkira nicht um ein fälschungssicheres Dokument,
weshalb hinsichtlich der Frage der Identität von Inhabern eines solchen
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Seite 11
Dokuments praxisgemäss von einem reduzierten Beweiswert eingereichter
Tazkiras auszugehen ist.
Der Beschwerdeführer machte bereits auf dem Personalienblatt und in der
Erstbefragung geltend, am (...) (gemäss gregorianischem Kalender am
[...] 2005) geboren worden und somit (...) Jahre alt zu sein, was mit den
Angaben auf den später eingereichten Dokumenten (Tazkira und Geburts-
urkunde in Kopie) in Einklang steht. Auch bei den italienischen Behörden
ist er mit demselben Geburtsdatum registriert. Weiter konnte der Be-
schwerdeführer sowohl schlüssige Angaben zu seiner Herkunft sowie zu
seinen Familienverhältnissen machen und seine Biografie auch in Bezug
auf seinen schulischen Werdegang sowie die Ausreise glaubhaft darlegen
(vgl. SEM-Akten [...]-14/10 Ziffern 1.06, 1.17.04 und 4.07). Seine jüngeren
Geschwister seien (...), (...), (...) und (...) Jahre alt (vgl. a.a.O. Ziffer 3.01).
Die (...)-jährigen Zwillinge seien zwei Jahre jünger als er (vgl. a.a.O.). Aus
dem Protokoll geht nicht hervor, dass die Vorinstanz ihn nach dem Alter
seiner Eltern befragt hat. Der eingereichten Kopie eines Spitalaustrittsbe-
richts betreffend seine Mutter vom Mai 2020 ist jedoch zu entnehmen, dass
diese zum Zeitpunkt des Berichts (...) – und somit heute (...) – Jahre alt
ist. Dies ist mit seinem und dem Alter seiner Geschwister vereinbar. Seine
Erklärung, er kenne sein Geburtsdatum, weil sein Vater dieses insbeson-
dere im Koran notiert habe, erscheint dem Länderkontext entsprechend
nachvollziehbar (vgl. a.a.O. Ziffer 1.06). Ebenso legte er auf eine überzeu-
gende Weise dar, dass er zwecks Ausstellung eines Passes zwar eine
Tazkira beantragt habe, der Ausstellungsprozess aufgrund der Machtüber-
nahme durch die Taliban jedoch gestoppt worden sei; die neue Tazkira
habe deshalb erst nach seiner Ausreise von seiner Mutter abgeholt werden
können (vgl. a.a.O. Ziffer 4.07). Diese Angaben stimmen sodann mit dem
auf der Tazkira vermerkten Ausstellungsdatum ([...] 2022) überein. Er
konnte zwar sein genaues Ausreisedatum nicht benennen; er erinnerte
sich aber, vor viereinhalb Monaten ausgereist zu sein und damals (...)
Jahre alt gewesen zu sein.
Vor dem Hintergrund, dass er alle Fragen ausser diejenige nach dem ge-
nauen Ausreisedatum übereinstimmend und detailliert beantwortete, über-
zeugt die Einschätzung des SEM, seine Angaben zum Alter seien während
der Befragung weitgehend oberflächlich geblieben, nicht. Im Gegenteil er-
scheinen seine Aussagen präzise sowie schlüssig und sprechen für die
Glaubhaftigkeit des angegebenen Geburtsdatums.
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Seite 12
6.4 Nach dem Gesagten ist weder dem SEM noch dem Beschwerdeführer
der Nachweis gelungen, dass das aktuell im ZEMIS eingetragene Geburts-
datum beziehungsweise das vom Beschwerdeführer beantragte Geburts-
datum korrekt ist. Aus dem Umstand, dass das vorliegende Altersgutachten
keine klare Aussage zu einer allfälligen Minder- respektive Volljährigkeit
der untersuchten Person – und in der Folge erst recht nicht zum genauen
chronologischen Lebensalter des Beschwerdeführers – zulässt und das
SEM den Eintrag lediglich mit Verweis auf die Amtspraxis zu begründen
vermochte, erscheint in der Gesamtschau das vom Beschwerdeführer gel-
tend gemachte Geburtsdatum wahrscheinlicher als die mit Bestreitungs-
vermerk erfasste Angabe im ZEMIS.
7.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen und die Dispositivziffer 7 der Ver-
fügung des SEM vom 21. September 2022 aufzuheben. Das SEM ist an-
zuweisen, das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS vom (...)
2005 auf den (...) 2005 zu ändern.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit ist das in der Beschwerde gestellte
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gegenstands-
los geworden.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde
keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten auf-
grund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE)
ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädi-
gung von insgesamt Fr. 750.– zuzusprechen.
9.
Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten-
schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) bekannt
zu geben.
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