Decision ID: 6aa39e2d-d7dd-5f72-8379-41551e22ec9e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden sind syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie, stammen aus der Umgebung der Stadt E._ [...] und hatten ihren
letzten heimatlichen Wohnsitz in F._ [...]. Gemäss eigenen Angaben
verliessen sie ihren Heimatstaat am 4. September 2016 in Richtung Türkei.
Am 11. Januar 2017 (Beschwerdeführerin) beziehungsweise am 16. Ja-
nuar 2017 (Beschwerdeführer) reisten sie unkontrolliert in die Schweiz ein
und ersuchten jeweils gleichentags beim damaligen Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum Kreuzlingen um Asyl. Das Staatssekretariat für Migration
(SEM) befragte die Beschwerdeführenden am 16. Januar 2017 jeweils zur
Person und hörte sie am 14. Mai 2018 eingehend zu den Gründen ihrer
Asylgesuche an. Zwischenzeitlich wurden die Beschwerdeführenden für
die Dauer des Asylverfahrens dem Kanton Zürich zugewiesen.
B.
B.a Der Beschwerdeführer (Ehemann) machte anlässlich seiner Anhörun-
gen im Wesentlichen geltend, er sei Krankenpfleger und habe seit dem
Jahr 2012 – bereits während seiner entsprechenden Ausbildung an einer
Fachhochschule, die er 2015 abgeschlossen habe – für die Organisation
"Ärzte ohne Grenzen" ("Médecins Sans Frontières" [MSF]) gearbeitet. Zu-
nächst sei er für MSF als Pflegeassistent in E._ in einem Lazarett
tätig gewesen, in welchem Kriegsopfer behandelt worden seien. Später
habe er ausserdem, zunächst im Rahmen eines Praktikums, im staatlichen
Spital in E._ und in verschiedenen von MSF betriebenen ärztlichen
Einrichtungen gearbeitet.
Als er im zweiten Jahr seines Studiums gewesen sei, 2013 bis 2014, seien
Soldaten des syrischen Regimes wiederholt ins Spital in E._ ge-
kommen und hätten das medizinische Team, darunter auch ihn, dazu ge-
zwungen, ihre Verletzten ins Spital zu transportieren und zu behandeln. Als
das medizinische Personal versucht habe, sich zu widersetzen, sei es be-
schimpft, geschlagen und mit Gewehren bedroht worden. Einmal sei ein
Bus der syrischen Armee von einem Bombenattentat der Terrororganisa-
tion des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) getroffen geworden, wobei
31 Soldaten ums Leben gekommen seien. Er sei von syrischen Sicher-
heitskräften mit anderen Angestellten des Spitals unter Schlägen dazu ge-
zwungen worden, am Ort des Attentats medizinische Unterstützung zu leis-
ten, während zwischen der Armee und dem IS das Gefecht in Gang gewe-
sen sei.
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Zu jener Zeit sei er mit anderen Angestellten des Spitals auch einmal zur
Haftanstalt des syrischen Regimes in der Stadt F._ gebracht wor-
den. Dort hätten sie die Folteropfer pflegen und deren Wunden verbinden
müssen. Einigen, die aus Protest nicht mehr hätten essen wollen, hätten
sie ausserdem Sauerstoff geben müssen. Er habe dort Personen pflegen
müssen, die mit Strom gefoltert worden seien und deren Haut zerrissen
gewesen sei. Einer der Häftlinge, ein Kurde, habe etwas auf Kurdisch zu
ihm gesagt, und ein Soldat habe dies bemerkt. Daraufhin sei er, der Be-
schwerdeführer, beschimpft, geschlagen, gefoltert und mit dem Gesicht in
den Urin der Soldaten getaucht worden. Er wisse bis heute nicht, weshalb
er anschliessend freigelassen worden sei, denn diese Leute seien bereit
gewesen, Menschen mit Strom und allen erdenklichen Methoden bis zum
Tod zu foltern.
Aufgrund seiner Ausbildung sei es ihm möglich gewesen, seinen Militär-
dienst in der staatlichen syrischen Armee, zu welchem er im Jahr 2010 re-
krutiert worden sei, mehrfach zu verschieben. Der letzte entsprechende
Aufschub habe am 15. März 2015 geendet. Am 5. Mai 2015 habe er eine
schriftliche Aufforderung erhalten, wonach er sich am 20. Mai 2015 beim
militärischen Aushebungsamt zu melden habe. Er sei dieser Aufforderung
aber nicht gefolgt.
Er habe damals für das staatliche Spital in E._ arbeiten wollen, und
der Arbeitgeber habe von ihm einen Strafregisterauszug verlangt. Deshalb
habe er ein Büro damit beauftragt, für ihn das verlangte Dokument zu be-
schaffen. Jedoch habe er keinen Strafregisterauszug erhalten, weil er kei-
nen Militärdienst geleistet habe. Vielmehr sei das ganze Anstellungsver-
fahren sistiert und das Anstellungsdossier vom staatlichen militärischen Si-
cherheitsdienst beschlagnahmt worden. In der Folge habe er einen Tele-
phonanruf des militärischen Sicherheitsdienstes erhalten, wobei ihm ge-
sagt worden sei, er solle bezüglich seines Bewerbungsdossiers vorbeikom-
men. Dies habe er aber nicht getan, weil er Angst gehabt habe, verhaftet
zu werden, nachdem es einem Freund so ergangen sei. Dieser sei bis
heute verschollen.
Des Weiteren habe ihn auch die syrisch-kurdische militärische Organisa-
tion YPG (Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidigungseinheiten) zum
Wehrdienst verpflichten wollen. Sein Arbeitgeber, die Organisation MSF,
habe für ihn zunächst auch seinen Wehrdienst bei den YPG aufschieben
können. Eine weitere Verschiebung habe er erreicht, indem er jemandem
Geld bezahlt und ein zusätzliches Studium vorgetäuscht habe. Zuletzt sei
dies jedoch nicht mehr möglich gewesen, und er hätte am 15. März 2017
zum Dienst bei den YPG einrücken müssen, wäre er in Syrien geblieben.
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Zwischen zwei Verschiebungen des Wehrdiensts für die YPG sei er durch
deren Sicherheitsdienst bereits einmal festgenommen worden, ehe MSF
seine Freilassung habe erreichen können.
Am 24. November 2015 habe er seine Ehefrau geheiratet, und im April oder
Mai 2016 seien sie aus E._ in die Stadt F._ gezogen, da
seine Frau dort studiert habe. Etwa im August 2016 seien Angehörige der
Sicherheitskräfte des syrischen Regimes zu ihrer Wohnung in F._
gekommen. Die Sicherheitskräfte hätten seine Frau, die alleine zuhause
gewesen sei, nach ihm gefragt und sie derart geschlagen, dass ihr Gesicht
blutig gewesen sei. Nachbarn, die ihre Schreie gehört hätten, seien hinzu-
gekommen und hätten damit noch Schlimmeres verhindert. Danach seien
sie zunächst zur Familie seiner Frau ins Dorf G._ bei E._
gezogen und einige Tage später aus Syrien ausgereist.
Anlässlich seiner Befragungen gab der Beschwerdeführer als Beweismittel
unter anderem Ausbildungsdiplome, Arbeitsbestätigungen, Kopien aus sei-
nen Dienstbüchlein der syrischen Armee und der YPG sowie die Kopie ei-
ner Aufforderung der syrischen Miliärbehörden zu den Akten des Asylver-
fahrens.
B.b Die Beschwerdeführerin (Ehefrau) bestätigte im Rahmen ihrer Befra-
gungen zum einen die Aussagen ihres Ehemannes betreffend dessen Er-
lebnisse im Zusammenhang mit der Arbeit als Krankenpfleger der Organi-
sation MSF sowie dessen Weigerung, den Wehrdienst in der staatlichen
syrischen Armee sowie bei den YPG anzutreten. Zum anderen führte sie
aus, ihr Vater habe als Pflegefachmann in einem Spital gearbeitet, habe
dann aber politische Probleme mit der syrischen Regierung gehabt, wes-
halb ihm gekündigt worden sei. Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs
habe sie gelegentlich an Versammlungen und Demonstrationen zugunsten
der kurdischen Sache teilgenommen. Während ihres Studiums habe es an
der Universität in F._ einen Anschlag des IS gegeben. Mit ihren
Mitstudentinnen habe sie während der Gefechte fliehen müssen, um den
von den kurdischen Truppen gehaltenen Teil der Stadt zu erreichen. Nach
der Hochzeit mit ihrem Ehemann seien einmal Mitglieder der YPG bei
ihnen zuhause vorbeigekommen, um ihren Mann zu suchen, wobei weder
er noch sie selbst anwesend gewesen seien. Ein anderes Mal sei während
der Abwesenheit ihres Ehemannes eine Patrouille des syrischen Regimes
zu ihrer Wohnung gekommen und habe nach ihm gefragt. Dabei hätten die
Angehörigen der staatlichen Sicherheitskräfte sie mit Gewehren und Fäus-
ten geschlagen und Mobiliar zerstört. Nach diesem Vorfall hätten sie das
Land verlassen.
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Seite 5
C.
Am [...] wurde das Kind C._ geboren.
D.
Mit Verfügung vom 17. Dezember 2019 lehnte das SEM die Asylgesuche
der Beschwerdeführenden – unter Einschluss des Kindes C._ – ab.
Gleichzeitig ordnete es wegen Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegwei-
sung die vorläufige Aufnahme in der Schweiz an. Zur Begründung der Ab-
lehnung der Asylgesuche führte das Staatssekretariat im Wesentlichen
aus, die betreffenden Vorbringen der Beschwerdeführenden seien nicht
asylrelevant.
E.
Mit Eingabe an das SEM vom 20. Dezember 2019 und Eingabe ihres
Rechtsvertreters vom 10. Januar 2020 ersuchten die Beschwerdeführen-
den um Einsicht in die Verfahrensakten. Diesem Antrag entsprach das
Staatssekretariat mit Schreiben vom 15. Januar 2020.
F.
Mit Eingabe ihres damaligen Rechtsvertreters vom 23. Dezember 2019
fochten die Beschwerdeführenden den Asylentscheid des SEM beim Bun-
desverwaltungsgericht an. Dabei beantragten sie hauptsächlich die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz, eventualiter ihre Anerkennung als Flüchtlinge und die Gewäh-
rung des Asyls. In prozessualer Hinsicht beantragten die Beschwerdefüh-
renden die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie der amtlichen Rechtsverbeiständung gemäss
aArt. 110a des Asylgesetzes (AsylG, SR 142.31). Auf die Begründung der
Beschwerde wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.
G.
Mit Eingabe ihres heutigen Rechtsvertreters vom 10. Januar 2020 übermit-
telten die Beschwerdeführenden eine Fürsorgebestätigung.
H.
Mit Eingabe ihres heutigen Rechtsvertreters vom 16. Januar 2020 reichten
die Beschwerdeführenden eine Ergänzung ihrer Beschwerde ein. Dabei
beantragten sie – in Präzisierung der Eingabe vom 23. Dezember 2019 –,
es seien ausschliesslich die Ziffern 1–3 des Dispositivs der angefochtenen
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Verfügung aufzuheben, während festzustellen sei, dass die übrigen Dispo-
sitivziffern in Rechtskraft erwachsen seien. Weiter beantragten sie ihre An-
erkennung als Flüchtlinge und die Gewährung des Asyls, eventualiter die
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz. In prozessualer Hinsicht wie-
derholten die Beschwerdeführenden ihre Anträge auf Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und der amtlichen Rechtsverbeiständung.
Mit der Eingabe wurden verschiedene Photographien sowie eine Honorar-
abrechnung eingereicht. Auf den weiteren Inhalt der Beschwerdeergän-
zung wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen einge-
gangen.
I.
Mit Schreiben vom 17. Januar 2020 teilte der vormalige Rechtsvertreter die
Niederlegung seines Mandates mit.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 28. Januar 2020 hiess die zuständige Instruk-
tionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands ‒ als welcher der
heutige Rechtsvertreter eingesetzt wurde ‒ gut.
K.
Mit Vernehmlassung vom 5. Februar 2020 hielt das SEM vollumfänglich an
seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Februar 2020 wurde den Beschwerdefüh-
renden in Bezug auf die Vernehmlassung des SEM das Replikrecht erteilt.
M.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 7. Februar 2020 reichten die Be-
schwerdeführenden ein Schreiben der Organisation MSF, Sektion
Schweiz, vom 5. Februar 2020 ein.
N.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 24. Februar 2020 reichten die Be-
schwerdeführenden eine Replik auf die Vernehmlassung des SEM sowie
eine ergänzte Honorarabrechnung ein.
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Seite 7
O.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 5. März 2020 übermittelten die Be-
schwerdeführenden eine Stellungnahme der Schweizerischen Flüchtlings-
hilfe (SFH) vom 4. März 2020.
P.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 26. November 2020 wiesen die
Beschwerdeführenden unter Einreichung einer entsprechenden Presse-
mitteilung auf ein Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH)
hin.
Q.
Am [...] wurde das Kind D._ geboren.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind legitimiert; auf ihre frist- und formge-
recht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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Seite 8
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM begründete die Ablehnung der Asylgesuche in der angefoch-
tenen Verfügung im Wesentlichen folgendermassen.
4.1.1 Soweit den Beschwerdeführer betreffend, stellte sich das Staatssek-
retariat zunächst auf den Standpunkt, die geltend gemachten Gewalttaten
seitens von Regierungssoldaten im Zusammenhang mit dessen Tätigkeit
als Krankenpfleger könnten keine asylrelevante Verfolgung begründen. Die
geschilderten Missetaten seien hauptsächlich auf die Kriegssituation in Sy-
rien, die Notlage der syrischen Soldaten und auf die Funktion des Be-
schwerdeführers als Krankenpfleger zurückzuführen, würden aber keine
gezielte Benachteiligung seiner Person aus Gründen im Sinne von Art. 3
AsylG darstellen. Gemäss seinen Aussagen sei nicht nur er selbst, sondern
seien alle Mitarbeiter der Organisation MSF mit Gewalt gezwungen wor-
den, verletzte Soldaten von Kriegsschauplätzen ins Spital zu transportieren
und zu pflegen. Ausserdem sei zwischen den geschilderten Vorfällen und
der zwei Jahre später erfolgten Ausreise kein Kausalzusammenhang zu
erkennen.
Hinsichtlich der vorgebrachten Verweigerung des Dienstes in der staatli-
chen syrischen Armee sei Folgendes festzuhalten: Eine Wehrdienstverwei-
gerung oder Desertion vermöge die Flüchtlingseigenschaft nicht per se zu
begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im Sinne von
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Art. 3 Abs. 1 AsyIG verbunden sei. Die betroffene Person habe aus einem
der in dieser Norm genannten Gründe (Rasse, Religion, Nationalität, Zu-
gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschau-
ungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behand-
lung zu gewärtigen, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsyIG
gleichkomme. Die syrischen Behörden würden zum heutigen Zeitpunkt
nicht allen Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren eine regierungs-
feindliche Haltung unterstellen. Beim Vorliegen spezifischer politischer
Faktoren sei jedoch davon auszugehen, dass die syrischen Behörden eine
Wehrdienstverweigerung oder Desertion als Stellungnahme für die Oppo-
sition einstufen und entsprechend bestrafen würden. Daraus folge, dass im
syrischen Kontext eine Bestrafung wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion nur dann aus Gründen im Sinne von Art. 3 AsyIG erfolge, wenn
zusätzliche einzelfallspezifische Risikofaktoren vorlägen.
Im Falle des Beschwerdeführers seien keine einzelfallspezifischen Risiko-
faktoren gegeben, die ein politisches Profil begründen könnten. Weder ent-
stamme er einer oppositionellen Familie, noch habe er je persönliche Prob-
leme mit den syrischen Behörden gehabt. Den geltend gemachten Ausei-
nandersetzungen mit syrischen Soldaten im Zusammenhang mit seiner Tä-
tigkeit als Krankenpfleger sei, wie bereits erwähnt, kein politisches Motiv
zuzuschreiben. Es existierten somit keinerlei Indizien, die syrischen Sicher-
heitsbehörden hätten ihn als Regimegegner identifiziert und er habe als
solcher bei einer Rückkehr nach Syrien eine über die Bestrafung der Wehr-
dienstverweigerung hinausgehende Behandlung zu gewärtigen. Allfällige
Strafmassnahmen infolge seiner Wehrdienstverweigerung würden somit
keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsyIG darstellen.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers zur Verweigerung des Wehrdiens-
tes in der staatlichen syrischen Armee würden somit die Anforderungen an
die Asylrelevanz gemäss Art. 3 AsyIG nicht erfüllen. Jedoch sei nicht aus-
zuschliessen, dass ihm in Syrien Strafmassnahmen drohten, die gegen
Art. 3 EMRK verstossen würden. Diesem Umstand sei bei der Prüfung der
Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung zu tragen.
Soweit der Beschwerdeführer ausserdem geltend mache, er sei von der
kurdischen militärischen Organisation YPG zur Leistung des betreffenden
Wehrdienstes aufgefordert und deshalb gesucht worden, sei gemäss
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts nicht davon auszuge-
hen, dass eine Missachtung von Aufforderungen zur Wahrnehmung dieser
Dienstpflicht asylrechtlich relevante Sanktionen nach sich ziehe.
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Seite 10
4.1.2 In Bezug auf die Beschwerdeführerin stellte das SEM fest, sie habe
abgesehen von der allgemeinen Sicherheitslage in Syrien und den Proble-
men ihres Ehemannes keine persönliche Gefährdungssituation geltend ge-
macht.
4.2
4.2.1 Mit der Beschwerdeschrift vom 23. Dezember 2019 wird hinsichtlich
der militärischen Dienstpflicht des Beschwerdeführers in der staatlichen sy-
rischen Armee im Wesentlichen geltend gemacht, es entbehre der Logik,
anzunehmen, ein syrischer Wehrdienstverweigerer werde von den syri-
schen Behörden nicht als regimefeindlich angesehen, während er gleich-
zeitig bei einer Rückkehr eine unverhältnismässige, gegen die EMRK
verstossende Strafe zu erwarten hätte. Wenn der Beschwerdeführer als
Wehrdienstverweigerer eine solche Behandlung zu erwarten habe, stehe
fest, dass dies im Zusammenhang mit der Dienstverweigerung stehe und
daher asylrelevant sei. Das Vorgehen des SEM sei nicht mit der geltenden
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts vereinbar.
4.2.2 Mit der Beschwerdeergänzung vom 16. Januar 2020 wird im Wesent-
lichen geltend gemacht, die Vorinstanz bezweifle die gesamten Asylvor-
bringen der Beschwerdeführenden nicht. Sie gebe aber im Entscheid nicht
alle Vorbringen wieder und unterschlage wesentliche Tatsachen, so die
Folterung des Beschwerdeführers, seine erzwungene Behandlung von Fol-
teropfern im Gefängnis sowie die Teilnahme der Beschwerdeführerin an
Kundgebungen. Auch seien die politischen Probleme des Vaters der Be-
schwerdeführerin nicht nur unvollständig erfragt, sondern im Sachverhalt
des Asylentscheids ganz weggelassen worden. Dabei sei ihr Vater vom sy-
rischen Regime entlassen worden, weil er sich als Kurde geweigert habe,
der Regierungspartei beizutreten. Die massiven Nachteile, welche die Be-
schwerdeführerin in Form von Reflexverfolgung erlitten habe, als man ih-
ren Ehemann gesucht habe, seien von der Vorinstanz ebenfalls nicht be-
achtet worden.
Der Beschwerdeführer sei gefoltert worden, weil er im Gefängnis mit einem
Folteropfer auf Kurdisch gesprochen habe. Nur schon daraus ergebe sich,
dass er aus politischen und ethnischen Gründen verfolgt worden sei. Aber
auch die schweren Nachteile, die ihm für den Fall einer Rückführung dro-
hen würden, hätten ihre Ursache in politischen Motiven. So habe er sich
mehrmals geweigert, verletzte syrische Soldaten zu pflegen, was ihm mit
Sicherheit nachteilig ausgelegt werde. Er habe im Rahmen seiner Tätigkeit
für MSF zudem den kurdischen Kämpfern geholfen, was ebenfalls als re-
gimefeindliche Aktivität gesehen werde. Des Weiteren habe er in Syrien
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Seite 11
ebenfalls an Kundgebungen teilgenommen, was dem syrischen Regime
bekannt sein dürfte.
4.2.3 In Bezug auf die Feststellung des SEM in der angefochtenen Verfü-
gung, der im vorinstanzlichen Verfahren geltend gemachten Rekrutierung
des Beschwerdeführers durch die syrisch-kurdische militärische Organisa-
tion YPG und dessen Verweigerung dieser Dienstpflicht komme keine asyl-
rechtliche Relevanz zu, werden auf Beschwerdeebene keine Vorbringen
gemacht. Indem vom Beschwerdeführer im vorliegenden Verfahren somit
nicht geltend gemacht wird, er erfülle die Flüchtlingseigenschaft aus dem
genannten Grund, ist auf diesen Gesichtspunkt nicht weiter einzugehen.
4.2.4 Im Rahmen der Vernehmlassung durch das SEM und der entspre-
chenden Replik durch die Beschwerdeführenden wurden im Wesentlichen
die bereits dargelegten Standpunkte der Parteien weiter ausgeführt.
4.3 Mit Blick auf die Vorbringen des Beschwerdeführers im Rahmen des
vorliegenden Verfahrens ist zunächst Folgendes festzuhalten: Das in der
angefochtenen Verfügung angewandte Vorgehen des SEM, bei einem
Asylsuchenden syrischer Staatsangehörigkeit, bei dem eine Entziehung
von der Dienstpflicht in der staatlichen syrischen Armee als glaubhaft er-
achtet worden ist, wegen drohender Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle
einer Rückkehr in den Heimatstaat zwar auf die Unzulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs zu schliessen, zugleich jedoch das Vorliegen der Flücht-
lingseigenschaft und die Asylrelevanz zu verneinen, wurde in einem neue-
ren publizierten Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts (BVGE 2020
VI/4 E. 6) bereits als nicht mit der asylrechtlichen Dogmatik und der gelten-
den Rechtsprechung zu Art. 3 AsylG vereinbar zurückgewiesen. Ange-
sichts dessen erübrigt es sich, diese Fragestellung im vorliegenden Fall
erneut zu erörtern, und es ist diesbezüglich auf den soeben erwähnten Ent-
scheid zu verweisen.
4.4
4.4.1 Der angefochtenen Verfügung ist zu entnehmen, dass die Vorinstanz
es als glaubhaft erachtet, dass der Beschwerdeführer im Jahr 2010 – mit
dem Erreichen des entsprechenden Alters von achtzehn Jahren – zum
Wehrdienst in der staatlichen syrischen Armee rekrutiert wurde, in der
Folge jedoch bis zur Ausreise aus dem Heimatstaat diesen Dienst nicht
leistete. Aus dem Asylentscheid geht auch hervor, dass das SEM ange-
sichts dessen von einer Verweigerung des Wehrdiensts in der syrischen
Armee durch den Beschwerdeführer ausgeht. Demgegenüber stellt sich
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Seite 12
das Staatssekretariat auf den Standpunkt, es sei nicht davon auszugehen,
dass aus diesem Grund seitens der staatlichen syrischen Behörden ein
asylrechtlich relevantes Verfolgungsinteresse am Beschwerdeführer be-
standen habe oder weiterhin bestehe.
4.4.2 Wie aus der angefochtenen Verfügung ausserdem hervorgeht, aner-
kennt die Vorinstanz auch die Glaubhaftigkeit weiterer wesentlicher Vor-
bringen des Beschwerdeführers. Zu nennen sind insbesondere seine Tä-
tigkeit als Krankenpfleger für die internationale medizinische Hilfsorganisa-
tion MSF, seine erzwungenen Einsätze bei der Versorgung von Angehöri-
gen der syrischen Armee bei Kriegshandlungen und von Folteropfern in
einem Gefängnis des syrischen Regimes sowie der Umstand, dass er ein-
mal von Angehörigen der syrischen Armee zuhause gesucht wurde, wobei
seine Ehefrau Misshandlungen erlitt.
4.4.3 Im Zusammenhang mit der Frage, ob dem Beschwerdeführer auf-
grund seiner Wehrdienstverweigerung in Syrien eine asylrechtlich rele-
vante Verfolgung droht, wurden auf Beschwerdeebene folgende zwei Be-
weismittel eingereicht.
Einem Schreiben der Generaldirektorin der Organisation MSF Schweiz
vom 5. Februar 2020 ist im Wesentlichen Folgendes zu entnehmen: Der
Beschwerdeführer sei vom 1. Mai 2013 bis zum 31. August 2016 als Pfle-
gefachmann für MSF Schweiz in deren Hilfsprojekten in Nordostsyrien tätig
gewesen. Um die heutige Situation des Beschwerdeführers zu verstehen,
sei es wichtig, die politische Situation von MSF und deren Mitarbeitenden
in Nordostsyrien aufzuzeigen. MSF Schweiz habe in Nordostsyrien mit Ein-
willigung der dortigen kurdischen Selbstverwaltung und im Einklang mit
dem Humanitären Völkerrecht in einem von der Opposition kontrollierten
Gebiet gearbeitet und unparteiische medizinische und humanitäre Hilfe für
die syrische Bevölkerung geleistet. MSF Schweiz habe trotz mehrerer An-
fragen von der syrischen Regierung nie die offizielle Registrierung erhalten,
um humanitäre Hilfe in den betroffenen Gebieten zu leisten. Deshalb be-
trachte die syrische Regierung die Aktivitäten von MSF in Syrien als illegal.
Ausserdem hätten einige syrische Regierungssprecher MSF öffentlich be-
schuldigt, den Terrorismus zu unterstützen. Es sei davon auszugehen,
dass die Ursachen dieser Anschuldigungen darin lägen, dass die Organi-
sation MSF zum einen Gesundheitszentren und Spitäler in von der Oppo-
sition kontrollierten Gebieten Syriens unterstützt habe, zum anderen in ih-
rer öffentlichen Berichterstattung die humanitären Auswirkungen des syri-
schen Bürgerkriegs stark verurteilt habe. Diese Situation habe zweifellos
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Seite 13
Auswirkungen auf das Leben der Mitarbeitenden von MSF in Nordostsy-
rien. In einer internationalen medizinischen Nichtregierungsorganisation
wie MSF gearbeitet zu haben, sei im heutigen Syrien, wo alle ihr Leben
bedroht sähen, die nicht an den Kampfhandlungen beteiligt, aber mit inter-
nationalen Organisationen verbunden gewesen seien, ein zusätzlicher Ri-
sikofaktor. Für den Beschwerdeführer bestehe wegen seiner Tätigkeit für
eine humanitäre Organisation die Gefahr einer Verhaftung durch die syri-
sche Regierung und damit einer Haftstrafe oder von noch Schlimmerem.
Aus einer Stellungnahme des für Syrien zuständigen Länderanalysten der
SFH vom 4. März 2020 geht im Wesentlichen Folgendes hervor: Er habe
kürzlich während eines Aufenthalts in Istanbul und Gaziantep (Türkei) vie-
len Gesprächspartnern – Angehörigen von syrischen menschenrechtlichen
und humanitären Nichtregierungsorganisationen – die Frage gestellt, mit
welchen Risiken Angestellte von Hilfswerken in Syrien konfrontiert seien,
und die Antworten seien einhellig ausgefallen. Jede Person, die für ein
Hilfswerk oder eine Nichtregierungsorganisation arbeite, welche mit der
Unterstützung von gewaltbetroffenen Menschen in von der Opposition ge-
haltenen Gebieten Syriens zu tun habe, sei demnach dem Risiko ausge-
setzt, zur Zielscheibe des syrischen Regimes zu werden. In einem kürzli-
chen Bericht der Organisation "Physicians for Human Rights" (PHR) sei
dargelegt worden, dass Angehörige des Gesundheitspersonals in von der
Opposition kontrollierten Gebieten durch das syrische Regime als Staats-
feinde betrachtet würden. Jede medizinische oder humanitäre Unterstüt-
zung, die in diesen Gebieten durch Hilfswerke oder Nichtregierungsorga-
nisationen erbracht werde, werde durch das syrische Regime gestützt auf
ein Gesetz zur Terrorismusbekämpfung aus dem Jahr 2012 als Verbrechen
eingestuft. Im Bericht von PHR seien 21 syrische medizinische Fachkräfte
interviewt worden, die verhaftet worden seien und dabei Folter erlitten hät-
ten. Jede medizinische oder humanitäre Unterstützung von Personen, die
vom Regime als oppositionell eingestuft würden, führe zum Risiko, von will-
kürlicher Verhaftung, erzwungenem Verschwinden ("forced disappea-
rance"), Verhör und Folter betroffen zu werden.
4.4.4 Es ist festzuhalten, dass sich die in den beiden genannten Stellung-
nahmen enthaltenen Aussagen mit den Einschätzungen verschiedener Or-
ganisationen decken, welche den syrischen Bürgerkrieg aus unterschiedli-
chen Perspektiven beobachten. So hielt der Menschenrechtsrat der Verei-
nen Nationen bereits im Jahr 2013 fest, dass im syrischen Bürgerkrieg Spi-
täler und medizinische Einrichtungen in Gebieten ausserhalb der Regie-
rungskontrolle durch staatliche Sicherheitskräfte gezielt angegriffen wür-
den, um die medizinische Versorgung in diesen Gebieten zu schwächen
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Seite 14
(UNITED NATIONS HUMAN RIGHTS COUNCIL, Assault on medical care in Syria,
13. September 2013 [UN-Dok. Nr. A/HRC/24/CRP.2]). Weiter heisst es im
genannten Bericht, dass medizinisches Fachpersonal gezielt verfolgt
werde und dabei Opfer von Angriffen, Verhaftungen, unrechtmässiger In-
haftierung und Verschwindenlassen geworden sei. Hervorgehoben werden
vom UNO-Menschenrechtsrat ausserdem die Folgen, welche aus den am
2. Juli 2012 erlassenen syrischen Antiterrorgesetzen Nrn. 19, 20 und 21 für
das medizinische Personal resultieren, indem die medizinische Hilfeleis-
tung zugunsten der syrischen Opposition kriminalisiert wurde. Auch die
Menschenrechtsorganisation PHR berichtete mehrfach, zuletzt im Dezem-
ber 2017, von Verhaftungen, Inhaftierungen, Folterungen und Hinrichtun-
gen von medizinischen Fachkräften (PHR, Anatomy of a Crisis: A Map of
Attacks on Health Care in Syria, Dezember 2017, <https://s3.amazo-
naws.com/PHR_syria_map/findings.pdf>, abgerufen am 3. Dezember
2021).
4.4.5 Gestützt auf die soeben genannten Erkenntnisse, die eingereichten
Stellungnahmen – wobei insbesondere jener der Organisation MSF als
ehemaliger Arbeitgeberin des Beschwerdeführers ein besonderes Gewicht
zukommt – und die auch von der Vorinstanz nicht in Zweifel gezogenen
Aussagen im Zusammenhang mit der Dienstpflicht des Beschwerdeführers
in der staatlichen syrischen Armee ist mit überwiegender Wahrscheinlich-
keit davon auszugehen, dass die Wehrdienstverweigerung aufgrund seiner
weiteren persönlichen Voraussetzungen – so insbesondere seiner berufli-
chen Tätigkeit – durch die syrischen Behörden als Ausdruck der Regime-
feindlichkeit aufgefasst wird. Es ist folglich damit zu rechnen, dass der Be-
schwerdeführer aufgrund seiner Dienstverweigerung als politischer Geg-
ner qualifiziert und als solcher unverhältnismässig schwer bestraft würde.
Mit anderen Worten hätte er, sollte das staatliche Regime seiner habhaft
werden, eine politisch motivierte Bestrafung und eine Behandlung zu er-
warten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG gleichkommt.
4.4.6 Als Zwischenergebnis resultiert somit, dass der Beschwerdeführer
aufgrund seiner Entziehung von der Dienstpflicht in der staatlichen syri-
schen Armee im Falle einer Rückkehr nach Syrien zum heutigen Zeitpunkt
ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hätte. Es er-
übrigt sich damit, auf die Frage einzugehen, ob bereits die Behelligungen
des Beschwerdeführers in seiner beruflichen Tätigkeit als Krankenpfle-
ger – also ungeachtet seiner Wehrdienstverweigerung – durch Angehörige
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der syrischen Sicherheitskräfte auf eine asylrechtlich relevante Gefähr-
dung schliessen lassen.
4.5
4.5.1 In Bezug auf die Beschwerdeführerin stellte das SEM in der ange-
fochtenen Verfügung fest, sie habe abgesehen von der allgemeinen Si-
cherheitslage in Syrien und den Problemen ihres Ehemannes keine per-
sönliche Gefährdungssituation geltend gemacht. Diesem Standpunkt kann
nicht gefolgt werden. Zwar ist zutreffend, dass die Beschwerdeführerin im
vorinstanzlichen Verfahren zu Protokoll gab, sie und ihr Ehemann seien
wegen dessen Problemen ausgereist. Jedoch ergibt sich aus ihren Aussa-
gen, dass sie selbst aufgrund ihres Ehemannes von Angehörigen der Si-
cherheitskräfte bedroht und geschlagen wurde. Damit macht sie sinnge-
mäss eine Reflexverfolgung wegen ihres Ehemannes geltend.
4.5.2 Asylrelevante Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG können auch aus
einer Reflexverfolgung (sog. Sippenhaft) entstehen, bei welcher sich Ver-
folgungsmassnahmen abgesehen von der primär betroffenen Person auch
auf Familienangehörige und Verwandte erstrecken (zum Begriff der Re-
flexverfolgung BVGE 2007/19 E. 3.3 S. 225, unter Hinweis auf Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl. ausserdem BVGE 2017 VI/11 E. 4.4 S. 118).
Dabei ist dies insbesondere hinsichtlich begründeter Furcht vor Verfolgung
relevant. Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG hat,
wer gute – das heisst von Dritten nachvollziehbare – Gründe für seine
Furcht vorweist, mit gewisser Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft das Opfer von Verfolgung zu werden (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5, E-
MARK 2004 Nr. 21 E. 3b/aa, EMARK 2000 Nr. 9 E. 5a; spezifisch zur Be-
deutung der Gefahr von Reflexverfolgung im Zusammenhang mit der Be-
gründetheit von Furcht vor künftiger Verfolgung zudem EMARK 1998 Nr. 9
E. 7).
4.5.3 Wie zuvor festgestellt wurde, ist davon auszugehen, dass der Ehe-
mann der Beschwerdeführerin aufgrund seiner Wehrdienstverweigerung
und unter Berücksichtigung seiner beruflichen Tätigkeit durch das staatli-
che syrische Regime als politischer Gegner qualifiziert wird und damit einer
asylrechtlich relevanten Gefährdung ausgesetzt ist. Angesichts dessen
und der bereits selbst erlebten Behelligung durch Angehörige der staatli-
chen syrischen Sicherheitskräfte ist darauf zu schliessen, dass auch die
Beschwerdeführerin eine begründete Furcht hat, im Falle einer Rückkehr
in ihren Heimatstaat einer Behandlung – im Sinne einer Reflexverfolgung –
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ausgesetzt zu werden, die als asylrelevante Verfolgung gemäss Art. 3
AsylG aufzufassen wäre.
4.6 Im Anschluss daran ist schliesslich die Frage zu beantworten, ob sich
die festgestellte Gefährdung auf ganz Syrien erstreckt oder ob die Be-
schwerdeführenden allenfalls in ihrer Heimatregion vor einem allfälligen
Zugriff der staatlichen syrischen Behörden im Sinne einer innerstaatlichen
Fluchtalternative geschützt wären. Anlass zu dieser Frage bietet im vorlie-
genden Fall der Umstand, dass die Beschwerdeführenden Angehörige der
kurdischen Ethnie sind und aus E._h in der Provinz F._
stammen. Diese Region wird seit geraumer Zeit zu einem bedeutenden Teil
von der syrisch-kurdischen Partei PYD (Partiya Yekitîya Demokrat; Demo-
kratische Einheitspartei) und deren bewaffneten Organisation YPG kontrol-
liert, während sich die Truppen des staatlichen syrischen Regimes in ge-
wissem Ausmass zurückgezogen haben. Dabei sind allerdings die Voraus-
setzungen für die Bejahung eines solchen subsidiären Schutzes vor Ver-
folgung hoch anzusetzen (vgl. BVGE 2011/51 E. 8, 2008/12 E. 7.2.6.2
S. 174). In der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts wurde
wiederholt festgestellt, dass die militärische und politische Situation in und
um die kurdisch kontrollierten Teilgebiete Nordsyriens als zu volatil einzu-
stufen ist, um von der Möglichkeit eines adäquaten Schutzes vor Verfol-
gungsmassnahmen seitens des staatlichen syrischen Regimes ausgehen
zu können (grundlegend BVGE 2015/3 E. 6.7.5). Diese Einschätzung gilt
weiterhin (zuletzt BVGE 2020 VI/4 E. 5.3), und eine innerstaatliche Flucht-
alternative ist folglich nicht gegeben.
4.7 Somit erweist sich, dass der Beschwerdeführer (Ehemann) und die Be-
schwerdeführerin (Ehefrau) die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
AsylG erfüllen. Gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG kommt ausserdem auch
den beiden Kindern ein Anspruch auf Anerkennung als Flüchtlinge zu.
4.8 Da auch keine Asylausschlussgründe ersichtlich sind (vgl. Art. 53
AsylG) ist ihnen in der Schweiz Asyl zu gewähren (Art. 49 AsylG).
5.
Aus den angestellten Erwägungen folgt, dass die Beschwerde gutzuheis-
sen ist, womit die Ziffern 1–3 der angefochtenen Verfügung aufzuheben
sind. Das SEM ist anzuweisen, die Beschwerdeführenden als Flüchtlinge
zu anerkennen und ihnen in der Schweiz Asyl zu gewähren.
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Seite 17
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG).
6.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann die Beschwer-
deinstanz der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen
oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendi-
gen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grund-
sätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des
Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]).
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9‒13
VGKE), die als angemessen erscheinende Kostennote des heutigen
Rechtsvertreters vom 24. Februar 2020 (8,4 Stunden à Fr. 300.– zzgl. Aus-
lagen von Fr. 72.40 und Mehrwertsteuerzuschlag) und unter Berücksichti-
gung des Aufwands für die danach erfolgten Eingaben sind den Beschwer-
deführenden für die Rechtsvertretung seit dem 10. Januar 2020 Fr. 2'900.–
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen.
Des Weiteren ist den Beschwerdeführenden auch eine Entschädigung für
die Kosten ihrer früheren, nicht anwaltlichen Rechtsvertretung zuzuspre-
chen. Diesbezüglich wurde keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachfor-
derung einer solchen wird indessen verzichtet (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE),
weil der betreffende Aufwand zuverlässig abgeschätzt werden kann. Ge-
stützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9‒13
VGKE) ist die Parteientschädigung für die Rechtsvertretung bis zum 9. Ja-
nuar 2020 aufgrund der Akten daher auf Fr. 1‘000.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen.
Der sich ergebende Betrag von insgesamt Fr. 3'900.– ist den Beschwerde-
führenden durch das SEM zu entrichten.
6.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar des als amtlicher Rechtsbeistand
im Sinne von aArt. 110a AsylG eingesetzten Rechtsvertreters wird damit
gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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