Decision ID: b4204eeb-f5c5-5f29-9602-66b981c6c069
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass die Beschwerdeführenden am 4. Juni 2020 in der Schweiz um Asyl
nachsuchten (Akten der Vorinstanz [...] / N [...] [SEM-act.] 1, 2),
dass das SEM mit Verfügung vom 4. Dezember 2020 – eröffnet am glei-
chen Datum – in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf die Asylgesuche nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach
Luxemburg anordnete und die Beschwerdeführenden aufforderte, die
Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen
(SEM-act. 57, 58),
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an die Beschwerde-
führenden verfügte,
dass die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 11. Dezember 2020 ge-
gen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
erhoben (Akten des BVGer [Rek-act.] 1),
dass sie beantragten, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die
Vorinstanz anzuweisen, auf die Asylgesuche einzutreten, eventualiter sei
die Sache zu neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen,
dass die Vorinstanz subeventualiter anzuweisen sei, bei den luxemburgi-
schen Behörden individuelle Garantien für eine adäquate Unterbringung
und Betreuung der Beschwerdeführenden einzuholen,
dass schliesslich auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten
und ihnen die unentgeltliche Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1 VwVG zu
gewähren sei (Befreiung von den Verfahrenskosten),
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
14. Dezember 2020 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG),
dass mit superprovisorischer Massnahme vom 14. Dezember 2020 der
Vollzug der Überstellung der Beschwerdeführenden einstweilen ausge-
setzt wurde (Rek-act. 2),
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Considerations:
und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass die Beschwerdeführenden am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen haben, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
sind, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung haben und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
sind (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass als staatsvertragliche Grundlage die Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist, (nachfolgend: Dublin-III-VO, ABl. L 180/31 vom 29.6.2013) zur
Anwendung gelangt,
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dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird,
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ein-
geleitet wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt
wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge),
wie er vorliegend gegeben ist, die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO)
genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierar-
chie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwen-
den sind, und dabei von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen
ist, in dem der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat
gestellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat verpflichtet ist,
einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge-
stellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-VO aufzuneh-
men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO),
dass die Beschwerdeführenden (nach Darstellung der Beschwerdeführerin
im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 18. Juni 2020) im Jahr 2015 nach
Luxemburg gelangten und dort bis zu ihrer Weiterreise in die Schweiz leb-
ten,
dass sich ihr Aufenthalt dort zunächst auf einen «titre de legitimation» der
c._ Bank (...) gestützt habe, bei welcher der damalige Ehemann
der Beschwerdeführerin, ein griechischer Staatsangehöriger (nachfolgend:
Ex-Ehemann), in führender Position beschäftigt sei,
dass die Beschwerdeführenden zuletzt über eine luxemburgische «autori-
sation temporaire de séjour» verfügt hätten, deren Gültigkeitsdauer am
5. Juni 2020 abgelaufen sei (SEM-act. 19),
dass im Falle der Beschwerdeführenden das Zuständigkeitskriterium des
Art. 12 Abs. 1 und 4 Dublin-III-VO – ein gültiger bzw. weniger als zwei Jahre
abgelaufener Aufenthaltstitel eines Mitgliedstaates – auf Luxemburg ver-
weist und ein übergeordnetes Zuständigkeitskriterium nicht ersichtlich ist,
dass daher die Vorinstanz am 4. September 2020 die luxemburgischen Be-
hörden zu Recht gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO um Aufnahme der
Beschwerdeführenden ersuchte (SEM-act. 45),
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dass die luxemburgischen Behörden am 4. November 2020 ebenso zu
Recht gestützt auf die genannte Rechtsgrundlage dem Aufnahmegesuch
die Zustimmung erteilten (SEM-act. 52),
dass die Zuständigkeit Luxemburgs zur Behandlung der Asylgesuche der
Beschwerdeführenden deshalb gegeben ist,
dass es keine Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen in Luxemburg wiesen systemische Schwachstellen im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf,
dass daher eine Übernahme der Zuständigkeit gestützt auf die genannte
Bestimmung nicht angezeigt ist,
dass sodann jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-
VO beschliessen kann, einen bei ihm gestellten Antrag auf internationalen
Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgeleg-
ten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dub-
lin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht),
dass Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) das Selbsteintrittsrecht landesrechtlich konkretisiert und es
ins pflichtgemässe Ermessen des SEM legt, ein Gesuch aus humanitären
Gründen auch dann zu behandeln, wenn die Prüfung ergeben hat, dass
ein anderer Staat dafür zuständig ist,
dass indessen auf die Ausübung des Selbsteintrittsrechts ein einklagbarer
Anspruch besteht, wenn die Überstellung des Antragstellers in den an sich
zuständigen Mitgliedstaat übergeordnetes Recht, namentlich eine Norm
des Völkerrechts verletzen würde (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2; ferner Urteil
des BVGer F-3457/2019 vom 11.7.2019 E. 4.4, je m.H),
dass die Beschwerdeführerin gegen eine Überstellung nach Luxemburg
vorbringt, sie fühle sich dort durch den (...) Ex-Ehemann bedroht, von dem
sie während der Ehe Gewalt erfahren und der ihr mehrfach mit dem Tod
gedroht habe,
dass ihr in Luxemburg Gefahr auch von Seiten des biologischen Vaters
ihres Sohnes drohe, eines «kriminellen» Mannes, mit dem sie in Äthiopien
liiert gewesen sei, und der sie gesucht und in Luxemburg gefunden habe,
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dass jedoch Luxemburg ein demokratischer Rechtstaat mit funktionieren-
den Polizeiorganen und einer intakten Justiz ist, der im Rahmen des Mög-
lichen gegenüber seinen Einwohnern sowohl schutzfähig als auch schutz-
willig ist,
dass das Bundesverwaltungsgericht keinen Zweifel daran hegt, dass die
Beschwerdeführerin, soweit nötig, den Schutz des luxemburgischen Staa-
tes (und seiner Zivilgesellschaft) gegen ihren Ex-Ehemann oder gegen den
leiblichen Vater ihres Sohnes in Anspruch nehmen kann,
dass die eigenen Ausführungen der Beschwerdeführerin diese Annahme
stützen (gegen den Ex-Ehemann erwirktes gerichtliches Kontaktverbot,
Aufnahme der Beschwerdeführerin in diversen Schutzeinrichtungen),
dass die Antwort der luxemburgischen Behörden vom 4. November 2020
auf ein Informationsersuchen der Vorinstanz (SEM-act. 54), wonach ein
potentielles Risiko für die Beschwerdeführenden im Falle ihrer Rückkehr
nach Luxemburg nicht ausgeschlossen werden könne, keine andere Ein-
schätzung gestattet,
dass nämlich ein lückenloser Schutz vor Übergriffen durch Dritte von kei-
nem Staat, auch nicht von der Schweiz, garantiert werden könne,
dass ferner die luxemburgischen Behörden auf Nachfrage der Vorinstanz,
wie ihre Bemerkung zu versehen sei, lediglich präzisierten, die Beschwer-
deführerin habe Aufnahme in einer Einrichtung der Organisation «Femmes
en Détresse» gefunden (SEM-act. 55),
dass die Beschwerdeführerin ferner gegen die Überstellung nach Luxem-
burg eine Reihe gesundheitlicher, insbesondere psychischer Probleme bei
ihr und ihrem Sohn vorbringt und der Vorinstanz diesbezüglich eine Verlet-
zung des Untersuchungsgrundsatzes vorhält,
dass es indessen allgemein bekannt ist, dass Luxemburg über eine medi-
zinische Infrastruktur verfügt, die der schweizerischen in jeder Hinsicht
gleichwertig ist,
dass nichts die Annahme rechtfertigt, die luxemburgischen Behörden könn-
ten den Beschwerdeführenden die notwendige medizinische Betreuung
verweigern, zu der sie gemäss Art. 19 der Richtlinie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96
vom 29.6.2013) verpflichtet sind,
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dass im Übrigen die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der
angefochten Verfügung beauftragt sind, den medizinischen Umständen bei
der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung der Be-
schwerdeführenden Rechnung tragen und die luxemburgische Behörden
vorgängig in geeigneter Weise über bestehende Besonderheiten informie-
ren werden (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO),
dass andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben würden, von ihrem
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO und Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 Gebrauch zu machen, nicht ersichtlich sind, wobei an dieser
Stelle festzuhalten bleibt, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden
kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass die Vorinstanz demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht einge-
treten ist und in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Lu-
xemburg angeordnet hat (Art. 32 Bst. a AsylV 1),
dass unter diesen Umständen allfällige Vollzugshindernisse gemäss
Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen sind, da das
Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nicht-
eintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE
2015/18 E. 5.2 m.w.H.),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen ist,
dass das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt
sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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