Decision ID: ffe9987d-bf22-4c90-8725-495b0e52ccc5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 27. August 2021 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Am 1. September 2021 bevollmächtigte er die zugewiesene Rechtsvertre-
tung.
C.
Am 3. September 2021 wurde der Beschwerdeführer vom SEM zu seinen
Personalien befragt und am 22. Oktober 2021 erfolgte die Anhörung zu den
Asylgründen.
Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei türkischer Staatsangehö-
riger kurdischer Ethnie und habe in seinem Heimatland wegen seiner eth-
nischen Herkunft Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren. Als Student
habe er im Rahmen von Veranstaltungen auf die Ungerechtigkeiten, wel-
che das kurdische Volk erlitten habe, aufmerksam gemacht. Obschon die
Veranstaltungen von der Universität bewilligt gewesen seien, habe man ihn
festgenommen. Zurzeit seien (...) Verfahren hängig und er müsse mit einer
mehrjährigen Gefängnisstrafe rechnen.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er mehrere Beweismittel in türki-
scher Sprache ein.
D.
Am 25. Oktober 2021 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, dass sein
Asylgesuch aufgrund der momentanen Unterbringungssituation gemäss
Art. 26d AsylG (SR 142.31) im erweiterten Verfahren behandelt werde. Mit
separater Zwischenverfügung vom gleichen Tag wurde er dem Kanton
B._ zugewiesen.
E.
Mit Schreiben vom 27. Oktober 2021 zeigte die zugewiesene Rechtsver-
tretung (HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren Nordwestschweiz) ihre
sofortige Mandatsniederlegung an.
F.
Mit Eingabe vom 28. Oktober 2021 reichte der Beschwerdeführer weitere
Beweismittel ein.
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G.
Die Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende C._ zeigte der Vo-
rinstanz mit Eingabe vom 25. November 2021 die Mandatsübernahme an.
H.
Am 15. März 2022 erkundigte sich der Beschwerdeführer nach dem Ver-
fahrensstand und am 22. März 2022 reichte er ein fremdsprachiges Be-
weismittel zu den Akten.
I.
I.a Mit Eingaben vom 26. April 2022 und 17. Mai 2022 erkundigte sich der
Beschwerdeführer nach dem Verfahrensstand und ersuchte das SEM um
einen baldigen Entscheid über sein Asylgesuch. Mit letztgenannter Ein-
gabe drohte er mit der Ergreifung entsprechender Rechtsmittel, sollten bis
am 7. Juni 2022 keine weiteren Verfahrensschritte erfolgen.
I.b Am 9. Juni 2022 beantwortete das SEM die vorgenannten Verfahrens-
standsanfragen. Im Wesentlichen teilte es dem Beschwerdeführer mit, im
Zusammenhang mit den bekannten geopolitischen Ereignissen – Covid-
19-Pandemie, Regierungssturz in Afghanistan, Angriffskrieg Russlands ge-
gen die Ukraine – sei es, insbesondere bei der Behandlung der Asylgesu-
che im erweiterten Verfahren, für die Betroffenen zu belastenden Verzöge-
rungen gekommen. Über das Asylgesuch werde nach Möglichkeit im Juli
2022 entschieden.
I.c Eine erneute Verfahrensstandanfrage wurde am 6. September 2022
eingereicht.
J.
Mit Eingabe vom 19. Oktober 2022 reichte der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht eine Rechtsverzögerungsbeschwerde ein. Er
beantragte, es sei festzustellen, dass sein Asylverfahren übermässig lange
dauere und das SEM sei anzuweisen, das Asylverfahren ohne weitere Ver-
zögerung zeitnah abzuschliessen. Zudem ersuchte er in verfahrensrechtli-
cher Hinsicht um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Auf die Begründung wird in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
K.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 20. Oktober 2022 den Ein-
gang der Beschwerde.
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L.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Oktober 2022 hielt die Instruktionsrichterin
fest, über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses werde einstweilen verzichtet. Das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung wies sie ab. Gleichzeitig
lud sie das SEM ein, sich bis zum 8. November 2022 zur Beschwerde ver-
nehmen zu lassen.
M.
Mit Vernehmlassung vom 8. November 2022 nahm das SEM zur Be-
schwerdeschrift Stellung. Am 15. November 2022 wurde die Vernehmlas-
sung dem Beschwerdeführer zur Kenntnis gebracht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer anfecht-
baren Verfügung kann bei der Beschwerdeinstanz, die für die Behandlung
einer Beschwerde gegen eine ordnungsgemäss ergangene Verfügung zu-
ständig wäre, Beschwerde geführt werden (Art. 46a VwVG; vgl. dazu auch
MARKUS MÜLLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bun-
desgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2018, Rz. 3 zu
Art. 46a). Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zur Beurteilung der vor-
liegenden Rechtsverzögerungsbeschwerde zuständig.
1.3 Rechtsverzögerungsbeschwerden richten sich gegen den Nichterlass
einer anfechtbaren Verfügung. Die Beschwerdelegitimation setzt voraus,
dass bei der zuständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer
Verfügung gestellt wurde und Anspruch darauf besteht. Ein solcher An-
spruch liegt dann vor, wenn einerseits eine Behörde nach dem anzuwen-
denden Recht verpflichtet ist, in Verfügungsform zu handeln, und wenn an-
dererseits die gesuchstellende Person nach Art. 6 in Verbindung mit Art. 48
Abs. 1 VwVG Parteistellung beanspruchen kann (vgl. BVGE 2008/15
E. 3.2 m.w.H.).
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Der Beschwerdeführer ersuchte am 27. August 2021 um Asyl. Über dieses
Gesuch hat das SEM in Form einer anfechtbaren Verfügung zu befinden,
wobei eine solche bis anhin nicht ergangen ist. Der Beschwerdeführer ist
daher zur Beschwerdeführung legitimiert.
1.4 Gegen das unrechtmässige Verzögern einer Verfügung kann grund-
sätzlich jederzeit Beschwerde geführt werden (Art. 50 Abs. 2 VwVG). Den-
noch steht der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung nicht völlig im Belieben
der beschwerdeführenden Person. Der Grundsatz von Treu und Glauben
bildet hier eine Grenze.
Der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ist vorliegend nicht zu beanstan-
den.
1.5
1.5.1 Die beschwerdeführende Person muss darlegen, dass sie zur Zeit
der Beschwerdeerhebung ein schutzwürdiges – mithin aktuelles und prak-
tisches – Interesse an der Vornahme der verzögerten Amtshandlung res-
pektive der Feststellung einer entsprechenden Rechtsverzögerung hat
(vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER/KAYSER, Prozessieren vor dem Bundes-
verwaltungsgericht, 3. Aufl. 2022, Rz. 5.23).
1.5.2 Das schutzwürdige Interesse des Beschwerdeführers an der Vor-
nahme der allenfalls verzögerten Amtshandlung manifestiert sich einerseits
in den bei den Akten liegenden Eingaben, mit denen er um beförderliche
Verfahrenserledigung gebeten hat. Anderseits ergibt es sich aus der Tatsa-
che, dass das SEM bis anhin noch nicht in der Sache verfügt hat.
1.6 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist auf die formgerecht ein-
gereichte (Art. 52 Abs. 1 VwVG) Rechtsverzögerungsbeschwerde einzu-
treten.
1.7 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
2.
Die Prüfungsbefugnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich hier
auf die Frage, ob die Vorinstanz das Rechtsverzögerungsverbot verletzt
hat. Im Falle einer Gutheissung der Beschwerde weist es die Sache mit
verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
Hingegen ist das Gericht nicht dazu befugt, sich dazu zu äussern, wie ge-
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gebenenfalls ein unrechtmässig verzögerter Entscheid inhaltlich hätte aus-
fallen sollen, da es – Spezialkonstellationen vorbehalten – nicht anstelle
der untätig gebliebenen Behörde entscheiden darf, andernfalls der Instan-
zenzug verkürzt und möglicherweise Rechte der Verfahrensbeteiligten ver-
letzt würden (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.1.2 m.w.H.).
3.
3.1 Das Verbot der Rechtsverzögerung ergibt sich als Teilgehalt aus der
allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 BV. Danach hat jede
Person Anspruch auf eine Beurteilung ihrer Sache innert angemessener
Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Diese Verfassungsgarantie gilt für alle
Sachbereiche und alle Akte der Rechtsanwendung (vgl. BGE 130 I 174
E. 2.2 m.w.H.).
3.2 Von einer Rechtsverzögerung im Sinne des Gesetzes ist nach Lehre
und Praxis auszugehen, wenn behördliches Handeln zwar nicht (wie bei
einer formellen Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage steht, aber die
Behörde nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur der Sache objek-
tiv noch als angemessen erscheint. Die Angemessenheit der Dauer eines
Verfahrens ist im Einzelfall unter Berücksichtigung der gesamten Um-
stände zu beurteilen. In Betracht zu ziehen sind dabei namentlich die Kom-
plexität der Sache, das Verhalten der betroffenen Beteiligten und der Be-
hörden, die Bedeutung des Verfahrens für die betroffene Partei sowie ein-
zelfallspezifische Entscheidungsabläufe (vgl. zum Ganzen BGE 130 I 312
E. 5.1 und 5.2 m.w.H.). Ein Verschulden der Behörde an der Verzögerung
wird nicht vorausgesetzt (vgl. BGE 138 II 513 E. 6.4; 107 Ib 160 E. 3c; 103
V 190 E. 5c). Spezialgesetzliche Behandlungsfristen sind bei der Beurtei-
lung der Angemessenheit der Verfahrensdauer zu berücksichtigen
(vgl. zum Ganzen etwa das Urteil des BVGer E-1438/2018 vom 5. April
2018 E. 3.2 m.w.H.).
4.
4.1 In seiner Rechtsmitteleingabe verweist der Beschwerdeführer darauf,
dass er sich seit nunmehr einem Jahr und bald drei Monaten in der Schweiz
aufhalte. Nach der Zuteilung in das erweiterte Verfahren am 25. Oktober
2021 seien keine weiteren Verfahrensschritte erkennbar. Am 9. Juni 2022
habe das SEM per E-Mail mitgeteilt, das Verfahren stehe kurz vor dem
Abschluss und dass noch im Juli 2022 ein Entscheid ergehen solle. Dies
sei nicht geschehen und auf eine erneute Verfahrensstandanfrage von An-
fang September 2022 sei keine Reaktion erfolgt. Somit sei klarerweise da-
von auszugehen, dass sämtliche Abklärungen erfolgt seien oder zumindest
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mit der notwendigen Beförderlichkeit hätten erfolgen können. Es sei au-
genscheinlich, dass das Beschleunigungsgebot im Sinne von Art. 29
Abs. 1 BV aufgrund der unverhältnismässig langen Verfahrensdauer und
der offensichtlichen Entscheidreife missachtet worden sei.
4.2 Die Vorinstanz verwies in ihrer Vernehmlassung vom 8. November
2022 einerseits auf ihre Ausführungen in der E-Mail vom 9. Juni 2022
(vgl. Bst. F.b) und anderseits darauf, dass aufgrund der konstant hohen
Belegung des (...) jene Verfahren prioritär behandelt worden seien, welche
sich direkt auf die Belegungssituation ausgewirkt hätten. Obschon dies
auch weiterhin der Fall sei, werde das SEM auf der Grundlage des fertig
erstellten Sachverhalts das Asylgesuch des Beschwerdeführers binnen
Monatsfrist einem Entscheid zuführen.
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Ergebnis, dass sich die Rechtsverzögerungsbeschwerde als unbegründet
erweist.
4.3.1 Das Gericht hat Kenntnis von der hohen Arbeitslast beim SEM und
erachtet es grundsätzlich als nachvollziehbar, dass nicht alle Verfahren in-
nerhalb der gesetzlich vorgesehenen Behandlungsfristen abgeschlossen
werden können, sondern länger dauern.
4.3.2 Betreffend das hängige Asylverfahren des Beschwerdeführers kann
die bisherige Verfahrensdauer von rund 14 Monaten bis zur Einreichung
der vorliegenden Beschwerde nicht als überlang im Sinne einer Rechtsver-
zögerung bezeichnet werden. Zu beachten ist, dass das SEM die Anhö-
rung des Beschwerdeführers zu seinen Asylgründen am 22. Oktober 2021
und damit in einem vernünftigen Zeitrahmen nach Eingang des Asylge-
suchs vom 27. August 2021 durchgeführt hat. Die Anhörung dauerte meh-
rere Stunden (von 08.40 Uhr bis 15.50 Uhr) und der Beschwerdeführer
reichte umfangreiche Beweismittel ein. Auch ist angesichts der Situation
der Unterbringung von asylsuchenden Personen im damaligen Zeitpunkt,
der Vorbringen des Beschwerdeführers, wonach in der Türkei (...) Straf-
verfahren hängig seien, und der eingereichten Beweismittel nachvollzieh-
bar, dass das SEM das Asylgesuch im Anschluss an die Anhörung am
25. Oktober 2021 ins erweiterte Verfahren zugeteilt hat. Dem Fall ist eine
gewisse Komplexität nicht ohne Weiteres abzusprechen. Im März 2022
reichte der Beschwerdeführer sodann ein weiteres Beweismittel ein. Am
6. Juni 2022 hat das SEM auf die bisher unbeantwortet gebliebenen Ver-
fahrensstandsanfragen mit einem ausführlichen E-Mail reagiert. Es kann
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bei dieser Aktenlage nicht geschlossen werden, die Vorinstanz habe im
Zeitpunkt der Erhebung der Rechtsverzögerungsbeschwerde vom 19. Ok-
tober 2022 die weitere Behandlung des Verfahrens oder den Erlass eines
Entscheids unrechtmässig verzögert, auch wenn sie den angekündigten
Zeitpunkt der Verfahrenserledigung nicht einzuhalten vermochte. Unter
dem Blickwinkel von Art. 29 Abs. 1 BV liegt keine das Beschleunigungsge-
bot verletzende Rechtsverzögerung vor. Soweit der Beschwerdeführer gel-
tend macht, das SEM habe seine erneute Verfahrensstandsanfrage vom
6. September 2022 nicht beantwortet, vermag er daraus für das vorlie-
gende Verfahren nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Immerhin ist aber
festzuhalten, dass eine Beantwortung angesichts der am 9. Juni 2022 in
Aussicht gestellten Verfahrenserledigung angezeigt gewesen wäre.
5.
Aufgrund des Gesagten erweist sich die Rüge der Rechtsverzögerung im
Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung am 19. Oktober 2022 als unbegründet,
weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
6.
6.1 Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen,
weshalb sich der Antrag auf (definitive) Befreiung von der Kostenvor-
schusspflicht als gegenstandslos erweist.
6.2 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist gutzuheis-
sen, da die Begehren nicht als aussichtlos zu bezeichnen waren.
6.3 Bei dieser Sachlage sind keine Kosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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