Decision ID: 9d8ec6f1-a269-44eb-b743-8f4d8e4bc23e
Year: 2004
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A. Der Kanton Thurgau führt gegen A._ (nachfolgend "A._") ein Strafverfahren wegen Verdachts auf sexuelle Nötigung, begangen am 1. März 1998 in Z._/TG, sowie wegen einem Banküberfall vom 3. November 1998 in Y._/TG. A._ werden weitere  − begangen am 29. Juni 1995 in X._/SG, am 20. Juni 1996 in W._/SO, am 29. Juli 1997 in V._/AG − zur Last gelegt. Die betreffenden Kantone führen diesbezügliche Strafverfahren. Der Kanton Aargau ermittelt ferner wegen Verdachts auf sexuelle Nötigung, begangen am 13. Oktober 1999 in U._/AG, und der Kanton Graubünden wegen Verdachts auf sexuelle Handlungen mit Kindern, begangen am 28. Februar 2004 in T._/GR.
B. Ein mit Datum vom 27. Mai 2004 verfasste Bericht der Kantonspolizei Thurgau, welcher die A._ zur Last gelegten Delikte einzeln aufführt und den jeweiligen Tathergang in groben Zügen skizziert, ging an die  St. Gallen, Aargau, Solothurn und Graubünden.
C. Der Untersuchungsrichter des Kantons Thurgau gelangte mit Schreiben vom 1. Juni 2004 an das Untersuchungsrichteramt Altstätten/SG und  dieses um Prüfung des Gerichtsstandes und allfällige Übernahme des im Kanton Thurgau geführten Verfahrens gegen A._. Der  Meinungsaustausch erfolgte zwischen den Kantonen , St. Gallen und Solothurn; er führte zu keinem Ergebnis.
D. Mit Eingabe vom 23. Juli 2004 ersucht der Kanton Thurgau die  des Bundesstrafgerichts um Bestimmung des Gerichtsstandes und beantragt, es seien die Strafverfolgungsbehörden des Kantons St. , allenfalls diejenigen des Kantons Solothurn zur strafrechtlichen  und Aburteilung von A._ berechtigt und verpflichtet zu erklären. Mit Gesuchsantwort vom 3. August 2004 beantragt der Kanton Solothurn, die Behörden des Kantons St. Gallen zur Strafverfolgung und Beurteilung für zuständig zu erklären. Der Kanton St. Gallen beantragt mit Eingabe vom 10. August 2004, er sei zur Verfolgung von A._ als nicht zuständig zu erklären.
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Der Kanton Thurgau verzichtet in seinem Gesuch auf einen zweiten  unter dem Vorbehalt, dass die Gegenparteien in ihren  keine Nova vorbringen, welche für seine Zuständigkeit . Nachdem Letzteres nicht der Fall ist, hat die Beschwerdekammer keinen zweiten Schriftenwechsel durchgeführt.

Considerations:
Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. 1.1 Die Zuständigkeit der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zum
Entscheid in Verfahren betreffend Gerichtsstandsstreitigkeiten ergibt sich aus Art. 351 StGB, Art. 279 Abs. 1 BStP und Art. 28 Abs. 1 lit. g SGG.
1.2 Die Staatsanwaltschaften der Kantone Thurgau, St. Gallen und Solothurn sind nach ihrer kantonsinternen Zuständigkeitsordnung berechtigt, bei  Gerichtsstandskonflikten ihre Kantone nach aussen zu  (SCHWERI/BÄNZIGER, Interkantonale Gerichtsstandsbestimmung in Strafsachen, 2. Aufl., Bern 2004, S. 213 ff., Anhang II).
1.3 Spätestens seit dem Bericht der Kantonspolizei Thurgau vom 27. Mai 2004 hat jeder der unter lit. B aufgeführten Kantone Kenntnis von den in den  Kantonen hängigen Strafverfahren gegen A._ und der Art der untersuchten Delikte. Keiner dieser Kantone hat sich als zuständig , die A._ zur Last gelegten strafbaren Handlungen zu verfolgen und zu beurteilen.
Das Gesuch um Gerichtsstandsbestimmung richtet sich einzig gegen die Kantone St. Gallen und Solothurn. Der Gesuchsteller führt in seiner  vom 23. Juli 2004 aus, die Parteien seien sich − unter Vorbehalt des vom Kanton St. Gallen vorgebrachten Arguments, die  sei zum heutigen Zeitpunkt verfrüht − einig,  seien die Raubüberfälle in den Kantonen St. Gallen und . Von den Gesuchsgegnern wird diese Teileinigung insoweit nicht bestritten, als damit implizit die in den Kantonen Aargau und Graubünden verübten Delikte gemäss heutigem Kenntnisstand für die  ausser Betracht fallen.
1.4 Der zwischen den Parteien geführte Meinungsaustausch führte zu keiner Einigung. Die Vorbringen des Gesuchstellers zur Sache und der Akten-
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stand sind ausreichend, um den Gerichtsstand für die Strafverfolgung  den Beschuldigten A._ zu bestimmen.
1.5 Der Gesuchsgegner 1 stellt die Zweckmässigkeit einer frühen  in Frage und macht sinngemäss geltend, im Rahmen weiterer Ermittlungen könnten sich nämlich Anhaltspunkte für einen  Gerichtsstand ergeben, als dies heute der Fall sei. Gemäss aktuellem Kenntnisstand müsse davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte − welcher in den 80er-Jahren wegen diverser Sexualdelikte verurteilt  war − rückfällig geworden sei und seine deliktischen Tätigkeiten im  Rahmen fortgesetzt habe. Es bestehe daher Grund zur Annahme, dass heute bei weitem nicht alle seine seitherigen Verfehlungen erfasst seien. Dennoch seien diesbezüglich keine Ermittlungen seitens des  vorgenommen worden.
Die Beschwerdekammer hat aufgrund der Aktenlage, wie sie sich zum Zeitpunkt der Beurteilung des Gerichtsstandes darlegt, zu entscheiden. Grundsätzlich ist es immer denkbar, dass im Verlauf eines Verfahrens neue Tatsachen bekannt werden, die den einmal festgesetzten Gerichtsstand in Frage stellen. Davon ist im vorliegenden Verfahren zumindest aktuell nicht auszugehen. Entgegen den Ausführungen des Gesuchsgegners 1 wurde das polizeiliche Ermittlungsverfahren im Kanton Thurgau aufgrund der Kenntnisse über die Sexualdelikte in den 80er-Jahren gezielt auch in diese Richtung ausgedehnt (vgl. Bericht der Kantonspolizei Thurgau vom 27. Mai 2004, Ziff. 3). Die getätigten Erhebungen seien allerdings negativ verlaufen und es habe sich lediglich der Verdacht bezüglich des Vorfalls in U._ erhärtet.
Von einer verfrühten Gerichtsstandsbestimmung kann mithin nicht  werden und auf das Gesuch ist einzutreten.
2. 2.1 Wird jemand wegen mehrerer, an verschiedenen Orten verübter strafbarer
Handlungen verfolgt, so sind die Behörden des Ortes, wo die mit der schwersten Strafe bedrohte Tat verübt worden ist, auch für die Verfolgung und die Beurteilung der andern Taten zuständig (Art. 350 Ziff. 1 Abs. 1 StGB). Sind diese strafbaren Handlungen mit der gleichen Strafe bedroht, so sind die Behörden des Ortes zuständig, wo die Untersuchung zuerst  wurde (Art. 350 Ziff. 1 Abs. 2 StGB).
Grundlage zur Beurteilung der Frage, welche Tat als die schwerste zu  ist, sind einerseits die im Zeitpunkt der Gerichtsstandsbestimmung
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bekannten Handlungen, andererseits deren rechtliche Qualifikation, so wie sie sich aufgrund der gesamten Aktenlage darstellen (SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., N 286 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung). Die  ist dabei nicht an die rechtliche Würdigung der kantonalen  gebunden (BGE 92 IV 153, S. 155 E. 1).
2.2 Der Gesuchsgegner 1 macht geltend, der Gesuchsgegner 2 ermittle wegen der mit der höheren Strafe bedrohten Tat, da beim Banküberfall von W._ Anhaltspunkte für eine qualifizierte Geiselnahme nach Art. 185 Ziff. 2 StGB vorliegen würden (vgl. auch Schreiben der Staatsanwältin vom 25. Juni 2004 im Rahmen des Meinungsaustausches). Das qualifizierende Element sieht er im Umstand, dass der Beschuldigte beim Überfall in W._ ausdrücklich mit der Erschiessung des Opfers drohte. Durch diese verbale Drohung sei ein deutlich grösserer Unrechtsgehalt als beim Grundtatbestand und somit auch gegenüber dem Überfall in X._ festzustellen. Der Gesuchsgegner 1 verweist ferner auf die Verfügung des zuständigen Untersuchungsrichters des Kantons Solothurn vom 2. April 2004, mit welcher dieser die Voruntersuchung gegen A._ wegen  Geiselnahme eröffnete.
2.3 Den eingereichten Akten lässt sich entnehmen, dass der Beschuldigte bei den Überfällen in X._ und W._ nach demselben Muster : Er fasste das Opfer, hielt ihm eine Waffe an den Kopf (vgl.  C._ vom 20. Juni 1996/SO bzw.  D._ vom 29. Juni 1995/SG) und nötigte "unter dem Druck der massiven Drohung, welche sich vorwiegend auf die Kundin richtete" (so explizit der Rapport der Kantonspolizei St. Gallen vom 4. Juli 1995) die Bankangestellten zur Herausgabe von Geld. Selbst wenn der Beschuldigte in W._ ausdrücklich drohte, er werde das Opfer erschiessen, so muss doch sein Verhalten beim Überfall in X._ gleich interpretiert werden. Beiden Überfällen liegt mithin im wesentlichen dieselbe  zugrunde. Die bundesgerichtliche Rechtsprechung hat gezeigt, dass Überfälle der Art wie jene in X._ und W._ schwierig zu beurteilende Grenzfälle bilden (vgl. BGE 121 IV 178, ferner Konkretisierung dieser Rechtsprechung in BGE 121 IV 269). Ob die konkrete  noch unter den Grundtatbestand von Art. 185 Ziff. 1 StGB zu  ist oder ob sie bereits vom qualifizierten Tatbestand von Ziff. 2  wird, kann im vorliegenden Gerichtsstandsverfahren nicht geklärt werden; dieser Entscheid ist dem urteilende Gericht zu überlassen. In  solchen Fall aber ist bei der Gerichtsstandsbestimmung die  für das qualifizierte Delikt massgebend (vgl. auch SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., N 293 i.f.).
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Da die Überfälle in X._ und W._ gleich verlaufen sind, ist für die Gerichtsstandsbestimmung nicht massgebend, ob der Beschuldigte  zur Geiselnahme den Tatbestand des Raubes gesetzt hat.
3. Da der Beschuldigte im Sinne vorstehender Erwägungen wegen gleich schwerer Delikten zu verfolgen ist, muss in einem zweiten Schritt geprüft werden, in welchem Kanton die Untersuchung zuerst angehoben wurde.
Von den Parteien ist unbestritten, dass der Gesuchsgegner 1 als erster die Untersuchung angehoben hat. In Anwendung von Art. 350 Ziff. 1 Abs. 2 StGB ist daher der Gesuchsgegner 1 berechtigt und verpflichtet, die A._ zur Last gelegten Straftaten zu verfolgen und zu beurteilen.
4. Die Beschwerdekammer kann die Zuständigkeit beim Zusammentreffen mehrerer strafbarer Handlungen anders als in Art. 350 StGB bestimmen (Art. 263 BStP). Vom gesetzlichen Gerichtsstand ist jedoch nur aus triftigen Gründen und nur ausnahmsweise abzuweichen (SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., N 435 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung).
Gemäss Gesuchsgegner 1 bestehen Parallelen zwischen dem heutigen Aussageverhalten des Beschuldigten und jenem im Ermittlungsverfahren der 80er-Jahre, welche darauf schliessen lassen, der Beschuldigte werde gegenüber den thurgauischen Behörden bald weitere Delikte gestehen.
Die Beschwerdekammer hat sich bei der Bestimmung der Zuständigkeit nicht auf Hypothesen, sondern auf Fakten zu stützen. Hinreichend konkrete Tatsachen, welche ein Abweichen vom gesetzlichen Gerichtsstand gemäss Art. 350 Ziff. 1 Abs. 2 StGB rechtfertigen könnten, sind mit den vom  1 vorgebrachten Vermutungen nicht dargetan.
Aus diesen Gründen ist das Gesuch gutzuheissen, und die Behörden des Kantons St. Gallen sind berechtigt und verpflichtet zu erklären, die A._ zur Last gelegten strafbaren Handlungen zu verfolgen und zu beurteilen.
5. Es werden keine Kosten erhoben.
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