Decision ID: fc831e99-b5e8-4f3b-a093-aaa03f5f4127
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
A.a Eigenen Angaben zufolge verliess A._ (nachfolgend: der Be-
schwerdeführer), mit letztem Wohnsitz in B._ in der Provinz Balgh,
zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern (N [...],
D-6178/2020) im Jahr 2016 sein Heimatland Afghanistan.
A.b Am 28. Juni 2016 reiste der Beschwerdeführer in die Schweiz ein und
stellte am 30. Juni 2016 ein Asylgesuch.
Dem Asylgesuch legte er eine Kopie seiner Tazkira bei.
A.c Am 19. Juli 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) statt und am
30. April 2019 wurde die Anhörung zu den Asylgründen durchgeführt.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen vor, er sei in C._, im Iran, geboren, wo er mit seinen
Eltern und seinen jüngeren Geschwistern bis ungefähr im Jahr 2013 gelebt
habe. Danach seien sie ins Haus seiner Grosseltern väterlicherseits nach
D._ in der Provinz Balgh respektive der Provinz Sholgara in Afgha-
nistan gezogen, wo er die Dorfschule besucht habe. Seine Mutter habe bei
einer staatlichen Wahlkommission und sein Vater zuletzt für das amerika-
nische Institut «(...)» als (...) in Mazar-e-Sharif gearbeitet, welches der
amerikanischen Armee angegliedert gewesen sei. Der Vater sei jeweils nur
an den Wochenenden nach Hause gekommen, habe jedoch manchmal
während der Woche von Mazar-e-Sharif aus zuhause angerufen. Eines
nachts sei er (der Beschwerdeführer) aufgewacht, habe ein Gespräch sei-
ner Eltern belauscht und dabei erfahren, dass sein Vater einen Drohanruf
von einer unbekannten Person erhalten habe. Seine Mutter habe ihn da-
raufhin erfolglos gebeten, die Anstellung beim amerikanischen Institut auf-
zugeben. An einem Wochenende sei der Vater nicht wie üblich von der Ar-
beit nach Hause gekommen. Bereits während der gesamten Woche habe
er nicht zuhause angerufen. Die Mutter habe sich Sorgen gemacht und sei
deshalb mit ihm (dem Beschwerdeführer) nach Mazar-e-Sharif gefahren,
um den Vater zu suchen. Er und die Mutter hätten sich beim Arbeitgeber
des Vaters erfolglos nach dessen Verbleib erkundigt und hätten danach
noch einige Tage in der Stadt verbracht, um den Vater zu suchen. Zudem
sei ein Anruf eingegangen, wobei der unbekannte Anrufer – mutmasslich
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ein Angehöriger der Taliban – in unverständlichem Dialekt erklärt habe,
dass der Vater entführt worden sei und nun auch die Mutter im Visier stehe,
da sie bei der (staatlichen) Wahlkommission und somit für die Ungläubigen
arbeite. Deshalb seien er und seine Mutter zur Telekommunikationsfirma
Roshan gefahren, um dort mithilfe der Telefonnummer des Vaters möglich-
erweise dessen letzten Standort herauszufinden. Dies sei jedoch nicht
möglich gewesen, da die Firma zur Freigabe ein behördliches Schreiben
benötigt habe. Aus Angst um ihr Leben hätten sie sich daher umgehend
entschieden ins Dorf zurückzufahren, um die jüngeren Geschwister, wel-
che bei den Nachbarn geblieben seien, zu holen. Danach seien sie über
Kabul in den Iran gereist. In Griechenland habe er seine Familie verlassen
und sei alleine über die Balkanroute in die Schweiz gelangt.
C.
Mit Verfügung vom 28. August 2019 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte sein
Asylgesuch ab. Der Vollzug der Wegweisung wurde zugunsten einer vor-
läufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit aufgeschoben.
D.
Die dagegen erhobene Beschwerde wurde mit Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts D-5081/2019 vom 5. März 2020 gutgeheissen, die angefoch-
tene Verfügung aufgehoben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückgewiesen.
II.
E.
Am 14. Oktober 2020 wurde der Beschwerdeführer ergänzend angehört.
F.
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2020 – eröffnet am 30. Oktober 2020 –
stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht und lehnte sein Asylgesuch ab. Die am 28. August 2019
angeordnete vorläufige Aufnahme bestünde weiterhin bis zu deren Aufhe-
bung oder deren Erlöschen.
G.
Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
30. November 2020 (Datum Poststempel) die vorinstanzliche Verfügung
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beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragte, die Verfügung sei in
den Dispositivziffern 1 und 2 aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerken-
nen und ihm sei Asyl zu gewähren. In prozessualer Hinsicht ersuchte er
um die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter beantragte er die Bei-
ordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
Zudem sei das Beschwerdeverfahren koordiniert mit demjenigen der Mut-
ter und der minderjährigen Geschwister des Beschwerdeführers zu behan-
deln.
H.
Mit Eingabe vom 11. Dezember 2020 reichte der Beschwerdeführer eine
Fürsorgebestätigung zu den Akten.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Dezember 2020 hiess die damalige In-
struktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gut und erhob keinen Kostenvorschuss. Rechtsanwalt lic. iur
Urs Ebnöther wurde antragsgemäss als amtlicher Rechtsbeistand beige-
ordnet, und das Gesuch um koordinierte Behandlung mit dem Verfahren
D-6178/2020 wurde gutgeheissen. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz ein-
geladen, eine Vernehmlassung einzureichen.
J.
Die Vorinstanz hielt mit ihrer Vernehmlassung vom 24. Dezember 2020,
welche den Beschwerdeführenden am 5. Januar 2021 zur Kenntnis ge-
bracht wurde, vollumfänglich an ihren Erwägungen fest.
K.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren auf die
im Rubrum aufgeführte vorsitzende Richterin umgeteilt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
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daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül-
tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 Asylge-
setz vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31], Art. 83 Bst. d Ziff. 1 Bundes-
gesetz vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [BGG, SR 173.110]).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmungen gilt für das
vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Das vorliegende Verfahren wird mit demjenigen der Mutter und den min-
derjährigen Geschwistern koordiniert beurteilt (vgl. Bst. G).
4.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwer-
deführer mit Verfügung vom 28. August 2019 wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen hat.
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5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken.
5.2 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auch auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Re-
flexverfolgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der
Reflexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung vgl. BVGE 2007/19
E. 3.3 m.w.H.). Die erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete
Furcht vor zukünftiger (Reflex-)Verfolgung muss ferner sachlich und zeit-
lich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und
grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Vorinstanz kam in ihrer Verfügung zum Schluss, der Beschwerde-
führer habe seine zentralen Asylgründe während der verschiedenen Anhö-
rungen widersprüchlich dargestellt, weshalb ihm seine Fluchtgeschichte
nicht geglaubt werden könne. Einmal habe er behauptet, den Drohanruf
des Entführers seines Vaters in Mazar-e-Sharif erhalten zu haben, in einer
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weiteren Anhörung habe er erklärt, diesen bereits zu Hause empfangen zu
haben. Ferner habe er während der ersten Anhörung dargelegt, anlässlich
der erfolglosen Suche nach seinem Vater mehrere Tage in Mazar-e-Sharif
verbracht zu haben, wohingegen er später ausgesagt habe, noch am sel-
ben Tag der Suche nach Hause zurückgekehrt zu sein. Auch habe er ein-
mal geschildert, den Drohanruf selber erhalten zu haben, später habe er
protokollieren lassen, dass seine Mutter das Telefonat entgegengenom-
men habe. Zu einem weiteren Widerspruch sei es gekommen, als er einen
anderen Handlungsablauf als seine Mutter geschildert habe, nämlich, dass
sie den Vater zuerst an dessen Arbeitsplatz gesucht hätten, danach zur
Telekommunikationsfirma und schliesslich wieder nach Hause gefahren
seien. In diesem Zusammenhang habe er zudem dargelegt, die Telekom-
munikationsfirma aufgesucht zu haben, um herauszufinden, von welcher
Telefonnummer der Drohanruf eingegangen sei, um später zu erklären,
durch die Telefonnummer den Standort des Vaters herausfinden zu wollen.
Überdies habe er sich hinsichtlich seiner Schulbildung widersprochen, in-
dem er in der BzP ausgeführt habe, die fünfte Klasse in Afghanistan nicht
beendet zu haben, wohingegen er in der Anhörung habe notieren lassen,
in der siebten oder achten Klasse gewesen zu sein. Mit diesen Widersprü-
chen konfrontiert, habe er lediglich erklärt, dass die betreffenden Ereig-
nisse bereits sehr lange zurückliegen würden und er zu diesem Zeitpunkt
sehr jung gewesen sei, weshalb er sich nicht mehr an alle Gegebenheiten
erinnern könne. Diese Erklärung überzeuge nicht. Zwar könne mit der Zeit
das Erinnerungsvermögen verblassen, jedoch könnten einschneidende Er-
eignisse erfahrungsgemäss auch nach Jahren oder sogar nach Jahrzehn-
ten sehr genau, eindrücklich und nachvollziehbar wiedergegeben werden.
Hätte er diese Verfolgung tatsächlich erlebt, wäre er durchaus in der Lage
gewesen, die entscheidenden Momente jederzeit und ohne Ungereimthei-
ten wiederzugeben. Zudem fehle es seiner Fluchtgeschichte an Substanz.
Er habe weder den genauen Ablauf nach Erhalt des Drohanrufs noch ein
allfälliges Abwägen, was danach zu tun gewesen wäre, schildern können.
Es sei offensichtlich, dass er einige wenige Elemente der Fluchtgeschichte
lediglich wiederholt habe und dabei trotz Rückfragen nicht ins Detail ge-
gangen, sondern den diesbezüglichen Fragen ausgewichen sei. Dabei
habe er in repetitiver und stereotyper Weise erklärt, dass die Situation für
ihn sehr schwierig sei. Schliesslich würden in seinen Schilderungen Real-
kennzeichen – wie etwa Detailreichtum, zeitlich-örtliche Verknüpfung, Un-
wägbarkeiten im Handlungsablauf, Schilderungen der Innenperspektive
und eine allfällige Selbstbezichtigung – fehlen. Insgesamt sei der Eindruck
entstanden, er habe die Vorbringen auswendig gelernt und nicht selber er-
lebt. Die Ausführungen seiner Mutter und seiner Schwester würden seine
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Fluchtgeschichte nicht glaubhafter erscheinen lassen, da auch deren Schil-
derungen nicht überzeugend ausgefallen seien.
6.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, er habe seine Fluchtvor-
bringen in seinen Anhörungen in allen wesentlichen Punkten übereinstim-
mend dargelegt. Die von der Vorinstanz bemängelten Ungereimtheiten
liessen sich im Kontext des vorliegenden Falles erklären. Ausserdem sei
der lange zeitliche Abstand von rund drei Jahren zwischen den Anhörun-
gen zu berücksichtigen. Des Weiteren seien seine Minderjährigkeit zum
Zeitpunkt der BzP sowie seine knappe Schulbildung und seine schlechte
psychische Verfassung zu beachten.
Die angeblichen Widersprüche könnten ferner entkräftet werden. Zum Wi-
derspruch, wo er sich im Zeitpunkt des Drohanrufs aufgehalten habe, sei
zu bemerken, dass er in der BzP und in seiner ersten Anhörung überein-
stimmend ausgeführt habe, in Mazar-e-Sharif gewesen zu sein. Erst fünf
Jahre nach dem Ereignis habe er sich anders dazu geäussert. Diese Un-
genauigkeit sei auch darauf zurückzuführen, dass er bereits zu Hause min-
destens von einem anderen Drohanruf gehört habe und diese Erinnerung
nachvollziehbarerweise vermischt habe. Ferner habe er die Suche nach
seinem Vater in Mazar-e-Sharif zeitlich präzisiert, jedoch gleichzeitig er-
klärt, dass er sich nicht mehr verlässlich an die Reihenfolge der Ereignisse
erinnern könne. Sodann sei kein Widerspruch darin ersichtlich, dass er er-
klärt habe, den Drohanruf selber entgegengenommen zu haben und seine
Mutter in deren Anhörung dasselbe von sich behauptet habe. Beide hätten
nämlich übereinstimmend ausgeführt, dass das Telefon auf Lautsprecher-
modus gestellt gewesen sei und somit beide den Anruf gehört hätten. An-
hand der gestellten Fragen, ob er bereits zum Zeitpunkt des Anrufs vom
Tod des Vaters gewusst habe, könne nicht eindeutig von einem Wider-
spruch ausgegangen werden, da er geantwortet habe, es nicht zu wissen.
Ausserdem habe er in seiner zweiten Anhörung präzisiert, warum er davon
ausgegangen sei, dass sein Vater bereits zum Zeitpunkt des Telefonanrufs
tot gewesen sei. Hinsichtlich des angeblichen Widerspruchs, dass er und
seine Mutter die Telekommunikationsfirma hätten aufsuchen wollen, um
herauszufinden, von welcher Telefonnummer aus der Drohanruf gekom-
men sei, habe die Vorinstanz ihn falsch zitiert. Eine solche Aussage habe
er nie gemacht, sondern lediglich angegeben, anhand der Vorwahl der
Nummer herausgefunden zu haben, dass es sich beim Anbieter um die
Firma Roshan handle und diese eine behördliche Erlaubnis zur Heraus-
gabe der Nummer für den Standort verlangt habe.
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Zum vorinstanzlichen Vorhalt der Substanzlosigkeit seiner Schilderungen
sei anzumerken, dass die bereits in der BzP erwähnten Details auch in der
Anhörung wiedergegeben worden seien. Sodann sei festzustellen, dass
seine Aussagen, diejenigen seiner Mutter und seiner Schwester ein schlüs-
siges und kohärentes Bild ergeben würden und auch gewisse Details über-
einstimmend wiedergegeben worden seien. Weiter habe sich die Vor-
instanz bezüglich der mangelnden Substantiierung der fluchtauslösenden
Ereignisse lediglich auf seine Aussagen in der zweiten Anhörung gestützt,
dies, obwohl sowohl in der BzP als auch in der ersten Anhörung zahlreiche
Realkennzeichen – wie etwa die ausführliche Schilderung in der freien
Rede, das Verwenden der direkten Rede, zahlreiche Details und Neben-
sächlichkeiten sowie Aussagen zu seiner persönlichen Gefühlslage – zu
finden seien. Ausserdem sei es wenig wahrscheinlich, dass er im Hinblick
auf sein Alter und seinen Bildungsstand diesen eher komplexen Sachver-
halt wie den vorliegenden in dieser lebensnahen und ausführlichen Erzähl-
weise hätte erfinden können.
Angesichts der glaubhaft gemachten Ausführungen sei er als ältester Sohn
der Familie aufgrund der Tätigkeiten bei den «Ungläubigen» seiner Eltern
sowie der daraus resultierenden Verfolgung durch die Taliban im Sinne von
Art. 3 AsylG reflexverfolgt. Der afghanische Staat sei weder schutzfähig
noch schutzwillig und es liege keine innerstaatliche Aufenthaltsalternative
vor.
7.
7.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend
substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in
vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich
sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder
der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asyl-
suchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere
dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann,
wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im
Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet
nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit-
wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuch-
stellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Ge-
richt von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für
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wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftma-
chung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
7.2 Die Vorinstanz begründete die fehlende Glaubhaftigkeit der Asylvor-
bringen des Beschwerdeführers einerseits mit mangelnder Substantiie-
rung, anderseits mit dem Vorhandensein verschiedener Widersprüche.
Diese Ansicht ist – unter Mitberücksichtigung aussagepsychologischer Er-
kenntnisse – vom Gericht zu stützen. Studien zufolge vergessen Men-
schen zwar nach einem gewissen Zeitablauf Ereignisse. Die Wissenschaft
unterstreicht jedoch, dass bei wichtigen, autobiographischen Ereignissen
grundsätzlich auch nach längerer Verfahrensdauer der überwiegende Teil
(im Schnitt ca. 80%) des Kerngeschehens in Erinnerung bleibt, wohinge-
gen bei Ereignissen, welche lediglich eine geringe persönliche Bedeutung
haben oder nicht selbst erlebt wurden, mit wesentlich höheren Gedächtnis-
verlusten zu rechnen ist. Deshalb enthalten erlebnisbasierte Schilderungen
auch bei wiederholter Befragung mehr Übereinstimmungen bezüglich des
Kerngeschehens als erfundene Aussagen, obwohl auch bei erlebnisbasier-
ten Aussagen Erinnerungsverluste auftreten können (vgl. REVITAL
LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie können aussagepsychologi-
sche Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, AJP
2011, S.1415-1435). Vor diesem Hintergrund kann tatsächlich Erlebtes in
persönlichkeitsbezogener Weise auch unabhängig von Alter und Bildungs-
stand in eigenen Worten und ohne gravierende Widersprüche wiedergege-
ben werden.
7.3 Bei der Aktendurchsicht fallen das fehlende Vorhandensein von Real-
kennzeichen, die Nennung von Details und Nebensächlichkeiten sowie die
oberflächliche und äusserst knappe Erzählweise zum Kerngeschehen auf.
Es ist dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die geschilderten Ereignisse
jeweils in anderen Worten zu vertiefen oder aus einer anderen Perspektive
darzulegen. Sodann fehlt es den Erzählungen an persönlichen Überlegun-
gen und nebensächlichen Details, welche Vorbringen als authentisch er-
scheinen lassen. Die beiden einzigen erwähnten Details, der Anrufer habe
einen kandaharischen Akzent respektive starken Akzent gehabt und seine
Mutter habe das Gespräch mitverfolgen können, weil das Mobiltelefon auf
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Seite 11
Lautsprecherstatus gestellt gewesen sei, wirken im Gesamtkontext eher
als erlernte Elemente (vgl. SEM-Akte A10/11, F7.01; SEM-Akte 27/17,
F83), zumal die restlichen Vorbingen kaum Substanz aufweisen und von
zentralen wesentlichen Widersprüchen geprägt sind.
7.4 Wesentliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der Fluchtgeschichte des Be-
schwerdeführers ergeben sich vorwiegend aufgrund der massiven Wider-
sprüche respektive den verschiedenen Versionen zum Ablauf der fluchtre-
levanten Vorfälle (ab dem Zeitpunkt, als der Vater des Beschwerdeführers
am Wochenende nicht nach Hause zurückgekehrt ist bis zur eigentlichen
Flucht nach Kabul). In der BzP erklärte er, zusammen mit seiner Mutter
nach Mazar-e-Sharif gefahren zu sein, als der Vater am betreffenden Wo-
chenende nicht nach Hause zurückgekehrt sei, dort ein Hotelzimmer ge-
mietet und einen Anruf einer unbekannten Person erhalten zu haben, wel-
che ihnen mitgeteilt habe, dass sein Vater tot sei (vgl. SEM-Akte A10/11,
F7.01). An der Anhörung hingegen gab er zu Protokoll, sein Vater sei an
einem Wochenende weder nach Hause zurückgekehrt noch sei er telefo-
nisch zu erreichen gewesen. Deshalb seien er und seine Mutter nach Ma-
zar-e-Sharif gefahren, um zuerst an seinem Arbeitsplatz nach seinem Ver-
bleib zu suchen. Zu diesem Zweck seien sie einige Tage in der Stadt in
einem Gasthaus geblieben. Am Samstag gegen Mittag habe der Be-
schwerdeführer einen Anruf entgegengenommen und erfahren, dass sein
Vater entführt worden sei und nun auch die restliche Familie im Visier der
Entführer stehe. Dass der Vater in diesem Zeitpunkt nicht mehr lebte, er-
wähnte der Beschwerdeführer nicht. Vielmehr erklärte er explizit nicht zu
wissen, ob zum Zeitpunkt des besagten Telefonanrufs sein Vater noch am
Leben gewesen sei (vgl. SEM-Akte A27/17, F82-83, F88, F93-97). Auf den
Widerspruch angesprochen, wich er einer konkreten Erklärung aus und ar-
gumentierte ohne direkten Bezug zum Widerspruch, zum damaligen Zeit-
punkt jung gewesen zu sein und damals noch über kein eigenes Telefon
verfügt zu haben (vgl. SEM-Akte A27/17, F107). Ferner gab er in der er-
gänzenden Anhörung an, bis 2018 nicht vom Tod seines Vaters gewusst
zu haben (vgl. SEM-Akte A39/13, F25). Des Weiteren schilderte der Be-
schwerdeführer in der ergänzenden Anhörung den Ablauf in einer komplett
anderen Version und führte aus, im Zeitpunkt des Drohanrufs zu Hause
gewesen und erst danach mit seiner Mutter nach Mazar-e-Sharif aufgebro-
chen zu sein, um den entführten Vater zuerst an seinem Arbeitsplatz zu
suchen, danach zur Telekommunikationsfirma Roshan zu fahren, um am
selben Tag – ohne Übernachtung – nach Hause zurückzukehren (vgl.
SEM-Akte A39/13, F19-21, F33, F35, F47). Es ist nicht nachvollziehbar,
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dass der Beschwerdeführer und seine Mutter zwar übereinstimmend in al-
len Anhörungen erklärten, dass zum Zeitpunkt des Telefonanrufs das Mo-
biltelefon auf Lautsprechermodus gestellt und demensprechend die Mittei-
lung des Anrufers von beiden zu vernehmen war, der Beschwerdeführer
jedoch im Gegensatz zu seiner Mutter (welche ausführte, anlässlich des
Anrufs vom Tod ihres Ehemann erfahren zu haben), erst 2018 erfahren
haben will, dass sein Vater tatsächlich getötet worden sei, vorher jedoch
nur gehört haben will, dass dieser entführt worden war (vgl. SEM-Akte
A10/11, F7.01; SEM-Akte A27/17, F107; SEM-Akte A39/13, F25, F60). Ein
dermassen zentraler Widerspruch zu einem solchen lebensprägenden Er-
eignis kann weder mit fehlender Bildung, einem länger zurückliegenden
Zeitpunkt noch mit einem jungen Alter erklärt werden, zumal auch von Ju-
gendlichen und jungen Erwachsenen erwartet werden kann, dass sie sich
an von ihnen erlebte Tatsachen erinnern und diese entsprechend wider-
spruchsfrei wiedergeben können. Abgesehen von diesen ausgewechsel-
ten Vorbringen während der ergänzenden Anhörung erscheint es nicht ein-
leuchtend, weshalb der Beschwerdeführer und seine Mutter, nachdem sie
zuhause von der Entführung erfahren haben wollen, den Vater dennoch in
Mazar-e-Sharif und an seinem Arbeitsplatz gesucht haben sollen
(vgl. SEM-Akte A39/13, F31-43). Sodann widerspricht sich der Beschwer-
deführer in der ergänzenden Anhörung innerhalb weniger Sätze diametral
zum Tod des Vaters. Einmal sagte er aus, er und seine verbliebenen Fami-
lienangehörigen seien erst ausgereist, als sie sicher gewesen seien, dass
der Vater umgebracht worden sei, um kurz darauf zu erklären, erst nach
seiner Ausreise 2018 vom Tod seines Vaters erfahren zu haben (vgl. SEM-
Akte A39/13, F15, F25-27).
7.5 Obwohl sich der von der Vorinstanz erwähnte Widerspruch zur Dauer
seiner Schulbildung als wenig hilfreich zur Erhebung des asylrechtlich re-
levanten Sachverhalts erweist (vgl. SEM-Akte A10/11, F1.17.04; SEM-Akte
A27/17, F31), trägt diese Unstimmigkeit ebenso wie die verwirrenden Aus-
sagen zu seinem Heimatdorf nicht zur persönlichen Glaubwürdigkeit des
Beschwerdeführers bei (vgl. SEM-Akte A10/11, F2.01, F2.02; SEM-Akte
A27/17, F38-49, F72-73) und kann auch in diesem Zusammenhang weder
mit seinem damaligen jungen Alter, noch mit dem psychisch schlechten
Zustand erklärt werden (vgl. SEM-Akte A27/17, F105). Um Wiederholun-
gen zu vermeiden, ist betreffend die weiteren Ungereimtheiten auf die vor-
instanzliche Verfügung sowie die Erwägungen im Urteil seiner Mutter und
seiner Geschwister zu verweisen (vgl. Urteil des BVGer D-6178/2020 vom
15. November 2022 E. 8.3-8.5).
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Seite 13
7.6 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die flucht-
auslösenden Vorbringen des Beschwerdeführers nicht den Anforderungen
an die Glaubhaftigkeit im Sinne von Art. 7 AsylG genügen.
8.
8.1 Des Weiteren ist zu prüfen, ob wegen der vormaligen Tätigkeit des Va-
ters bei einer amerikanischen Einrichtung für den Beschwerdeführer eine
objektiv begründete Furcht vor einer Verfolgung respektive Reflexverfol-
gung vorliegt oder vorliegen könnte.
8.2 Gemäss langjähriger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
lassen sich bei der Beurteilung der Sicherheitslage in Afghanistan Gruppen
von Personen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Perso-
nen, welche der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemein-
schaft inklusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Un-
terstützer derselben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte
oder der afghanischen Gesellschaft aus anderen Gründen nicht entspre-
chende Personen (vgl. hierzu Referenzurteil des BVGer D-5800/2016 vom
13. Oktober 2017 sowie statt vieler Urteil des BVGer E-1775/2016 vom
3. Dezember 2018 E. 6.2 m.w.H.). Demgemäss betrachten die Taliban An-
gehörige der afghanischen Sicherheitskräfte als Feinde ihrer Sache, wes-
halb ihnen Nachteile angedroht werden, welche bisweilen auch vollzogen
werden. Indessen handelt es sich dabei um Personen, welche sich in be-
sonderer Weise exponiert haben, so dass sie den Taliban aufgefallen sind
(vgl. Urteil des BVGer D-6581/2018 vom 27. Februar 2019 E. 5.3.1). Zwar
kann die aktuelle Lage in Afghanistan nicht abschliessend beurteilt werden,
sie hat sich jedoch nach der Machtergreifung der Taliban im August 2021
zweifellos noch akzentuiert, weshalb diese Rechtsprechung weiterhin Gül-
tigkeit hat (vgl. Urteile des BVGer E-5120/2021 vom 21. Juli 2022 E. 6.3.2,
D-2161/2021 vom 12. Januar 2022 E. 7.3 und E-4649/2021 vom 15. No-
vember 2021 E. 7.4.2; vgl. ferner European Union Agency for Asylum
[EASO], Afghanistan Country focus – Country of Origin Information Report
vom Januar 2022, S. 48 ff., <https://coi.euaa.europa.eu/administration/ea
so/PLib/2022_01_EASO_COI_Report_Afghanistan_Country_focus.pdf>
und Update der Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH] -Länderanalyse
vom 31. Oktober 2021, Afghanistan: Gefährdungsprofile, S. 16 ff.,
<https://www.fluechtlingshilfe.ch/fileadmin/user_upload/Publikationen/
Herkunftslaenderberichte/Mittlerer_Osten_-_Zentralasien/Afghanistan/
211031_AFG_Update_Gefaehrdungsprofile.pdf>, beide letztmals abgeru-
fen am 2. November 2022).
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Sodann kann gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts die familiäre Zugehörigkeit zu einer Person, welche einem erhöhten
Verfolgungsrisiko im Sinne der obenstehenden Erwägungen ausgesetzt
ist, zu einer Reflexverfolgung führen (vgl. Urteile des BVGer D-5120/2021
vom 21. Juli 2022 E.6.3.4, D-1728/2022 vom 10. Mai 2022 E. 7.3 und
D-2161/2021 vom 12. Januar 2022 E. 7.4). Dies gilt insbesondere in Bezug
auf (ehemalige) Angehörige der Polizei und der Sicherheitskräfte, Regie-
rungsbeamte oder der Regierung nahestehende Personen (vgl. SFH,
a.a.O., S. 13 f. sowie Human Rights Watch [HRW], "No Forgiveness for
People Like You": Executions and Enforced Disappearances in Afghanis-
tan under the Taliban, 30. November 2021, <www.hrw.org/report/2021/11/
30/no-forgiveness-people-you/executions-and-enforced-disappearances-
afghanistan>, beide letztmals abgerufen am 2. November 2022). Eine Ein-
schätzung hat jedoch im jeweiligen Einzelfall zu erfolgen.
8.3 Der Vater des Beschwerdeführers sei bei der (...) als (...) am (...) in
Mazar-e-Sharif tätig gewesen (siehe auch das undatierte Zertifikat der
«(...), Mazar-e-Sharif» in den Akten D-6178/2020). Grundsätzlich ist nicht
auszuschliessen, dass dieser potentiell zu den oben erwähnten Risiko-
gruppen gehören könnte. Jedoch kommt das Gericht zum Schluss, dass
bei den Tätigkeiten des Vaters von einem eher niederschwelligen Profil
auszugehen ist (vgl. auch D-6178/2020 vom 14. November 2022 E. 10.2).
Zudem ist es fraglich, ob die Taliban zum heutigen Zeitpunkt und damit
über sieben Jahre nach dessen Tätigkeit am (...) in Mazar-e-Sharif über-
haupt Kenntnis von der Tätigkeit des Betroffenen haben. Ferner hat sich
der zum Zeitpunkt der Ausreise knapp volljährige Beschwerdeführer vor
seiner Ausreise weder durch eigene Tätigkeiten exponiert, noch machte er
geltend, dass er oder seine Familienangehörigen wegen der familiären Zu-
gehörigkeit selbst in den Fokus der Taliban geraten; oder von diesen be-
droht oder angegriffen worden wären (vgl: SEM-Akte A10/11, F7.02).
Schliesslich ist auch nicht davon auszugehen, dass er aufgrund der Aktivi-
täten seiner Mutter für die afghanische Wahlkommission sowie für ein deut-
sches Alphabetisierungsprogramm eine Reflexverfolgung zu befürchten
hätte (vgl. Urteil des BVGer D-6178/2020 vom 15. November 2022 E. 9.2).
Angesichts der Tatsache, dass die geltend gemachte Entführung sowie die
anschliessende Tötung des Vaters durch die Taliban den Anforderungen
an Art. 7 AsylG nicht genügt, kann auch nicht davon ausgegangen werden,
dass der Beschwerdeführer durch diese (telefonisch) bedroht worden wäre
(vgl. E. 7.2-7.5 hiervor).
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8.4 Das Gericht kommt nach den vorangehenden Erwägungen zum
Schluss, dass die geltend gemachte Entführung und Tötung des Vaters des
Beschwerdeführers sowie die vorgebrachten Drohungen gegenüber dem
Beschwerdeführer durch die Taliban den Anforderungen an Art. 7 AsylG
nicht zu genügen vermögen. Auch ist weder ein Risikoprofil noch eine be-
gründete Furcht vor einer Reflexverfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG er-
sichtlich, zumal keine konkreten Indizien oder Anhaltspunkte dafür beste-
hen, dass sich eine solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in ab-
sehbarer Zukunft verwirklichen könnte. Dementsprechend ist auch nicht
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer in Afghanistan eine Re-
flexverfolgung zu befürchten hätten. Die Vorinstanz hat zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylge-
such abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 Satz 1 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.3 Abschliessend ist festzuhalten, dass sich aus den vorstehenden Erwä-
gungen nicht etwa der Schluss ergibt, der Beschwerdeführer sei zum heu-
tigen Zeitpunkt angesichts der Entwicklung in Afghanistan nicht gefährdet.
Jedoch ist eine solche Gefährdungslage unter dem Aspekt von Art. 83
Abs. 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Auslände-
rinnen und Ausländer und über die Integration (AIG, SR 142.20) einzuord-
nen, wonach der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar
sein kann, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situa-
tionen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Not-
lage konkret gefährdet sind. Der generellen Gefährdung aufgrund der ak-
tuellen Situation in Afghanistan im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG wurde be-
reits durch die Vorinstanz mit der am 28. August 2019 erfolgten Anordnung
der vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs Rechnung getragen. Praxisgemäss erübrigen sich somit weitere Aus-
führungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs
(vgl. BVGE 2011/7 E. 8; 2009/51 E. 5.4).
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Seite 16
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und der rechtserhebliche Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt wurde (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist
deshalb abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch
das mit der Beschwerde eingegangene Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung mit Verfügung vom 17. Dezember 2020 gutge-
heissen wurde, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
11.2 Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote zu den Akten gereicht. Der
notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund der Akten jedoch zu-
verlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen verzichtet
werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu
ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) und unter Berücksichti-
gung dessen, dass die Beschwerde der Mutter und Geschwister des Be-
schwerdeführers (D-6178/2020) dieselben Rechtsfragen beinhaltet, ist
dem Rechtsbeistand ein amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 960.– aus-
zurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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