Decision ID: 3febea45-cf49-424b-8176-0550ef3d9f29
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ ist seit dem 8. Januar 2013 bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons
St. Gallen, Ausgleichskasse, als Selbstständigerwerbende angeschlossen. Am
26. März 2020 meldete sie sich zum Bezug von Corona-Erwerbsersatzentschädigung
für den Zeitraum vom 17. März 2020 bis zum (damaligen) Ende der ausserordentlichen
Lage am 19. April 2020 an. Sie gab an, sie betreibe ein Kosmetik- und Nagelstudio (act.
G 3.1/6). In der Folge richtete ihr die Ausgleichskasse St. Gallen vom 17. März 2020 bis
zum 16. September 2020 eine Corona-Erwerbsersatzentschädigung mit einem
Taggeldansatz von Fr. 37.60 aus (act. G 3.1/7, 8, 10, 15 - 17).
A.a.
Mit Formular vom 14. Mai 2020 erkundigte sich die Versicherte nach einer
Nachzahlung und wies die Ausgleichskasse darauf hin, dass die bereits erhaltene
Entschädigung möglicherweise auf dem Einkommen von früher berechnet worden sei,
als sie noch nicht voll gearbeitet habe. Im Jahr 2019 sei ihr Einkommen höher gewesen
(act. G 3.1/9). Nachdem die Ausgleichskasse gestützt auf die damals gültige Version
des Kreisschreibens über den Corona-Erwerbsersatz (KS CE) am 19. Mai 2020
antwortete, dass eine nachträgliche Anpassung infolge der definitiven
Steuerveranlagung nicht möglich sei, teilte sie der Versicherten am 4. Juni 2020 mit,
der Anspruch auf Corona-Erwerbsersatzentschädigung könne nochmals überprüft
A.b.
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werden, sobald die definitive Steuermeldung 2019 eingegangen sei. Sobald die
Versicherte über die definitive Steuerveranlagung verfüge, könne sie dies mitteilen und
der Anspruch könne geprüft werden (act. G 3.1/11 und 13).
Mit E-Mail vom 2. Oktober 2020 stellte die Versicherte der Ausgleichskasse die
definitive Steuerveranlagung 2019 zu und beantragte, den Anspruch neu zu berechnen
(act. G 3.1/20 f.). Gleichentags teilte ihr die Ausgleichskasse mit, die Frist sei am
16. September 2020 abgelaufen, weshalb keine Anpassung mehr vorgenommen
werden könne (act. G 3.1/22).
A.c.
Am 4. November 2020 verlangte die Versicherte eine anfechtbare Verfügung,
welche die Ausgleichskasse noch am gleichen Tag erliess. Da zum Zeitpunkt des
Antrags die definitive Steuerveranlagung 2019 nicht vorgelegen habe und der Antrag
auf eine Neuberechnung nicht bis zum 16. September 2020 eingereicht worden sei,
könne keine solche vorgenommen werden (act. G 3.1/26 und 28).
A.d.
Die dagegen gerichtete Einsprache vom 27. November 2020, mit welcher die
Einsprecherin im Wesentlichen geltend machte, es sei ihr keine Frist für das Einreichen
der definitiven Steuerveranlagung gesetzt worden, wies die Ausgleichskasse St. Gallen
mit Entscheid vom 15. April 2021 ab. Aus Art. 5 Abs. 2 COVID-19-Verordnung
Erwerbsausfall (Stand 6. Juli 2020) sei deutlich zu entnehmen, dass nach der
Festlegung der Entschädigung eine Neuberechnung nur vorgenommen werden könne,
wenn eine aktuellere Steuerveranlagung bis zum 16. September 2020 der
anspruchsberechtigten Person zugestellt werde und diese den Antrag zur
Neuberechnung bis zu diesem Datum einreiche. Die Einsprecherin habe der
Ausgleichskasse die Steuerveranlagung unbestrittenermassen erst mit E-Mail vom
2. Oktober 2020 eingereicht. Die fragliche Regelung verstosse nicht gegen das
Gleichheitsgebot nach Art. 8 der Bundesverfassung, denn die Corona-
Erwerbsausfallentschädigung sei als Nothilfe konzipiert, weshalb sich in vernünftiger
Weise rechtfertigen lasse, dass in Art. 5 Abs. 2 COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall
und damit auch in Rz 1065.1 KS CE eine Frist bis 16. September 2020 für die
Einreichung des Antrags auf Neuberechnung resp. auf Revision eines bereits
getroffenen Entscheids festgelegt worden sei. Diese Frist decke sich sodann mit der
Gültigkeitsdauer der Verordnung für indirekt betroffene Selbstständigerwerbende und
A.e.
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B.
lasse sich daher auch sachlich rechtfertigen. Schliesslich liege auch kein Fall von
Vertrauensschutz vor, da sich die geltende Rechtslage in Bezug auf die Corona-
Erwerbsausfallentschädigung sehr oft und schnell geändert habe. Die Ausgleichskasse
habe ihre Auskünfte an die Einsprecherin stets auf die jeweils gültige Fassung des KS
CE gestützt. Am 4. Juni 2020 habe die Ausgleichskasse der Einsprecherin die Auskunft
erteilt, sobald sie die definitive Steuerveranlagung 2019 habe, könne sie dies der
Ausgleichskasse mitteilen und der Anspruch könne neu geprüft werden. Diese
Auskunft sei korrekt gewesen und die Ausgleichskasse habe zu diesem Zeitpunkt auch
noch nicht auf die Frist vom 16. September 2020 hinweisen können, da diese noch gar
nicht bekannt gewesen sei. So sei Art. 5 Abs. 2 Satz 2 COVID-19-Verordnung
Erwerbsausfall erst mit der neueren Fassung vom 6. Juli 2020 eingeführt worden. Auf
Grund der Veränderung der Gesetzgebung könne die Einsprecherin aus dieser
Auskunft vom 4. Juni 2020 nichts zu ihren Gunsten ableiten (act. G 3.1/36).
Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 12. Mai
2021 mit dem Antrag, die Erwerbsersatzentschädigung sei gemäss dem definitiven
Jahreseinkommen 2019 der Beschwerdeführerin festzusetzen. Die
Beschwerdegegnerin bestreite nicht, dass sie ihr am 4. Juni 2020 die Auskunft erteilt
habe, sie könne den Steuerbescheid nachreichen. Die Beschwerdegegnerin sage auch,
dass sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von einer Frist gewusst habe. Die
Beschwerdeführerin sei jedoch der Ansicht, dass die Beschwerdegegnerin ihr hätte
mitteilen müssen, dass neu eine Frist angesetzt worden sei. Dies habe sie nicht getan
und die Beschwerdeführerin habe sich darauf verlassen, dass sie den Steuerbescheid
nur noch nachliefern müsse. Sie sei nach Treu und Glauben davon ausgegangen, dass
sie keine weiteren Fristen mehr einhalten müsse (act. G 1).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 9. Juni 2021 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde und verweist zur Begründung auf den angefochtenen
Einspracheentscheid (act. G 3).
B.b.
Mit einer weiteren Stellungnahme vom 15. Juni 2021 betont die
Beschwerdeführerin nochmals, dass sie nach Treu und Glauben davon ausgegangen
sei, dass sie, nachdem sie bereits am 28. Mai 2020 ihren Anspruch auf Neuberechnung
B.c.
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Considerations:
Erwägungen
1.
geltend gemacht habe, keine weiteren Fristen, die ihr auch nicht bekannt gewesen
seien, einhalten müsse (act. G 5). Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik
und hält an ihren Ausführungen fest (act. G 7).
Anspruchsberechtigt für eine Corona-Erwerbsausfallentschädigung sind unter
anderem Selbstständigerwerbende im Sinne von Art. 12 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (SR 830.1; abgekürzt: ATSG), die auf
Grund einer Massnahme nach Art. 6 Abs. 1 und 2 der COVID-19-Verordnung 2 einen
Erwerbsausfall erleiden und im Sinn des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (SR 831.10; abgekürzt: AHVG) obligatorisch versichert sind
(Art. 2 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1 lit. c der Verordnung über Massnahmen
bei Erwerbsausfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus [COVID-19 [SR 830.31;
abgekürzt: COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall]] in der bis 16. September 2020 gültig
gewesenen, vorliegend anwendbaren Fassung).
1.1.
bis
Für die Bemessung der Höhe der Entschädigung ist auf Art. 5 der COVID-19-
Verordnung Erwerbsausfall abzustellen. Demnach beträgt das Taggeld 80 % des
durchschnittlichen Erwerbseinkommens, das vor Beginn des Anspruchs auf die
Entschädigung erzielt worden war (Abs. 1), wobei zur Ermittlung des Einkommens Art.
11 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende, bei
Mutterschaft und bei Vaterschaft (SR 834.1; abgekürzt: EOG) sinngemäss anwendbar
ist (Abs. 2 Satz 1). Nach der Festlegung der Entschädigung kann eine Neuberechnung
der Entschädigung nur vorgenommen werden, wenn eine aktuellere Steuerveranlagung
bis zum 16. September 2020 der anspruchsberechtigten Person zugestellt wird und
diese den Antrag zur Neuberechnung bis zu diesem Datum einreicht (Abs. 2 Satz 2).
Grundlage für die Bemessung der Entschädigung für selbstständig Erwerbende bildet
somit grundsätzlich das Erwerbseinkommen, welches im Jahr 2019 erzielt wurde. Als
Basis ist das Einkommen zu verwenden, welches für die Festsetzung der AHV/IV/EO-
Beitragsrechnungen für das Jahr 2019 (Akontorechnungen) herangezogen wurde. Liegt
im Zeitpunkt der Festsetzung der Entschädigung die definitive Steuerveranlagung für
das Jahr 2019 bereits vor, ist auf diese abzustellen (Kreisschreiben des Bundesamtes
für Sozialversicherungen [BSV] über die Entschädigung bei Massnahmen zur
Bekämpfung des Coronavirus - Corona-Erwerbsersatz [abgekürzt: KS CE] Randziffer
[Rz] 1065 ab der dritten Fassung, gültig ab 13. Mai 2020).
1.2.
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2.
Vorliegend hatte die Beschwerdeführerin unbestrittenermassen Anspruch auf eine
Corona-Erwerbsausfallentschädigung für die Periode vom 17. März 2020 bis
(mindestens) zum 16. September 2020. Weiter ist unbestritten, dass ihr am 4. August
2020 die definitive Steuerveranlagung zugestellt wurde, sie diese jedoch erst am
2. Oktober 2020 an die Beschwerdegegnerin weitergeleitet hat (act. G 3.1/21 f.). Die
Beschwerdegegnerin stellt sich auf den Standpunkt, damit sei die gemäss Art. 5 Abs. 2
Satz 2 COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall bestehende Frist bis 16. September 2020
nicht eingehalten, während die Beschwerdeführerin im Wesentlichen eine unterlassene
Auskunft geltend macht, indem sie von der Beschwerdegegnerin trotz rechtzeitiger
Anfrage nicht auf die Pflicht zur Einhaltung dieser Frist aufmerksam gemacht worden
sei. Vor der Prüfung der Frage des Vertrauensschutzes ist indessen von Amtes wegen
zu prüfen, ob die fragliche Frist verfassungsmässige Rechte verletzt (vgl. 35 Abs. 2 der
Bundesverfassung [SR 101; abgekürzt: BV], wonach an die Grundrechte gebunden und
verpflichtet ist, zu ihrer Verwirklichung beizutragen, wer staatliche Aufgaben
wahrnimmt). Nach Art. 8 Abs. 1 BV verstösst ein Erlass gegen das Gebot der
Rechtsgleichheit in der Rechtsetzung, wenn er rechtliche Unterscheidungen trifft, für
die kein vernünftiger Grund in den zu regelnden Verhältnissen ersichtlich ist, oder wenn
er Unterscheidungen unterlässt, die sich auf Grund der Verhältnisse aufdrängen, wenn
also Gleiches nicht nach Massgabe seiner Gleichheit gleich und Ungleiches nicht nach
Massgabe seiner Ungleichheit ungleich behandelt wird. Die ungerechtfertigte Gleich-
bzw. Ungleichbehandlung muss sich auf eine wesentliche Tatsache beziehen. Die
Frage, ob für eine rechtliche Unterscheidung ein vernünftiger Grund in den zu
regelnden Verhältnissen besteht, kann zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich
beantwortet werden. Dem Gesetzgeber bleibt im Rahmen dieser Grundsätze und des
Willkürverbots ein weiter Gestaltungsspielraum (BGE 145 II 211 E. 2.4.1, mit Hinweis
auf BGE 143 V 139 E. 6.2.3 S. 145 f.).
2.1.
In den ursprünglichen Fassungen von Art. 5 COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall
(gültig gewesen bis 18. Juni 2020) gab es die fragliche Befristung noch nicht. Vielmehr
wurde dort für die Bemessung der Entschädigung einzig auf Art. 11 Abs. 1 EOG
verwiesen, welche Bestimmung ihrerseits wiederum den Bundesrat ermächtigt,
Vorschriften zur Bemessung der Entschädigung zu erlassen. Dies hat der Bundesrat
getan, indem er unter anderem bestimmt hat, dass eine Neuberechnung der
Entschädigung verlangt werden könne, wenn für das Jahr der Dienstleistung später ein
anderer AHV-Beitrag verfügt werde (Art. 7 Abs. 1 Satz 2 der Verordnung zum
Erwerbsersatzgesetz (SR 834.11; abgekürzt: EOV [in der bis 30. Juni 2021 gültig
2.2.
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gewesenen Fassung; seit 1. Juli 2021 inhaltlich unverändert in Art. 7 Abs. 1 EOV]).
Auf Grund dieser Regelung ist davon auszugehen, dass grundsätzlich jederzeit eine
Anpassung der Erwerbsersatzentschädigung (für Dienstleistende oder bei Mutter- und
Vaterschaft) verlangt werden kann. Mithin besteht diesbezüglich soweit ersichtlich eine
gegenüber der allgemeinen Revisionsregelung (Art. 53 Abs. 1 ATSG) grosszügigere
Regelung, indem weder eine 90-tägige Revisionsfrist (vgl. Art. 55 Abs. 1 ATSG in
Verbindung mit Art. 67 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren
[SR 172.021; abgekürzt: VwVG]; vgl. auch Ueli Kieser, Kommentar zum Bundesgesetz
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl., Schulthess 2020,
Art. 53 N 39) einzuhalten ist noch eine "neue Tatsache" vorliegen muss (was etwa dann
nicht der Fall wäre, wenn die versicherte [selbstständigerwerbende] Person ihrer
Meldepflicht gemäss Art. 24 Abs. 4 der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (SR 831.101; abgekürzt: AHVV [wesentliche Abweichung
vom voraussichtlichen Einkommen] nicht nachkommt und damit eine zu tiefe
Festsetzung der Beiträge selbst zu verantworten hat). Auch gemäss der Regelung des
BSV in Rz 1065.1 KS CE (in den Versionen bis 5/20 bzw. bis Stand 20. Mai 2020)
konnte mit dem Revisionsantrag bis zum Vorliegen der definitiven Steuerveranlagung
zugewartet werden.
bis
Ab der Fassung vom 19. Juni 2020 (rückwirkend in Kraft seit 17. März 2020 [AS
2020 2223] bzw. Stand 6. Juli 2020) beschränkte der Bundesrat die
Anpassungsmöglichkeit an eine aktuellere Steuerveranlagung auf den Zeitpunkt des
16. September 2020 (Art. 5 Abs. 2 Satz 2 COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall in der
genannten Fassung). Das BSV folgte dieser Änderung mit einer entsprechenden
Anpassung von Rz 1065.1 KS CE. Diese Verordnungsnovelle schuf nun aber eine
Unterscheidung in Anspruchsberechtigte, die ihre Steuerveranlagung vor dem
nämlichen Datum erhielten (und einreichten) und solche, bei denen dies nicht der Fall
war. Das Rechtsgleichheitsgebot erlaubt Ungleichbehandlungen, sofern diese mit
ernsthaften sachlichen Gründen gerechtfertigt werden können, d.h. wenn die
Situationen, in denen sich zwei oder mehrere Personen oder Gruppen befinden, in
wichtigen Aspekten derart verschieden sind, dass sich im Hinblick auf den
Regelungszweck eine unterschiedliche Behandlung geradezu aufdrängt. Das
Bundesgericht untersucht regelmässig, ob eine gesetzliche Regelung rechtliche
Unterscheidungen trifft, für die ein vernünftiger Grund in den zu regelnden
Verhältnissen nicht ersichtlich ist bzw. ob sie Unterscheidungen unterlässt, obwohl sie
sich sachlich aufdrängen (Rainer J. Schweizer, in: Die schweizerische
Bundesverfassung, St. Galler Kommentar, 3. Aufl., Dike/Schulthess 2014, Art. 8 Rz 21).
Bei einer rechtlichen Ungleichbehandlung, wo über den Bezug von staatlichen
2.3.
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Leistungen in existenziellen Lebensbereichen entschieden wird, besteht sodann eine
erhöhte Pflicht zur Begründung von Differenzierungen, also des Ein- oder Ausschlusses
bestimmter Personen von entsprechenden Leistungen (Jörg Paul Müller/Markus
Schefer, Grundrechte der Schweiz, 4. Aufl., Stämpfli 2008, S. 666).
Erlässt der Verordnungsgeber Regelungen, sind die in vorstehender Erwägung
genannten Anforderungen zu erfüllen. In Bezug auf die konkret getroffene Regelung
leuchtet nicht ohne Weiteres ein, weshalb die nachträgliche Abänderung einer bereits
festgesetzten bzw. anfänglich verweigerten Entschädigung nur bis zu einem
bestimmten Datum möglich sein soll. Mit der gebotenen Eile, mit welcher man noch bei
der erstmaligen Festsetzung der Entschädigung argumentieren kann, lässt sich eine
solche Einschränkung nicht rechtfertigen. Sie lässt sich auch nicht mit der
Gültigkeitsdauer der Notverordnung rechtfertigen, wurde diese doch mehrfach
verlängert (zunächst bis 31. Dezember 2020, dann bis 30. Juni 2021, 31. Dezember
2021 und schliesslich bis 31. Dezember 2022 [Art. 11 Abs. 4 COVID-19-Verordnung
Erwerbsausfall in der Fassung vom 17. September 2020 [Verordnung vom
11. September 2020, in Kraft seit 17. September 2020; AS 2020 3705], Abs. 5 in der
Fassung vom 8. Oktober 2020 [Verordnung vom 4. November 2020, in Kraft seit
17. September 2020; AS 2020 4571], Abs. 6 in der Fassung vom 1. Juli 2021
[Verordnung vom 18. Juni 2021, in Kraft seit 1. Juli 2021; AS 2021 390] und Abs. 7 in
der Fassung vom 1. Januar 2022 [Verordnung vom 17. Dezember 2021, in Kraft seit
1. Januar 2022; AS 2021 906]]) und kann der Anspruch jedenfalls über den
16. September 2020 hinaus während der genannten Gültigkeitsdauer geltend gemacht
werden (ab der Fassung vom 1. April 2021 [Verordnung vom 31. März 2021, in Kraft
seit 1. April 2021; AS 2021 183] sogar länger [Art. 6 COVID-19-Verordnung
Erwerbsausfall in den genannten Fassungen]). Weshalb die von der
Beschwerdegegnerin ins Feld geführte Übereinstimmung mit der Gültigkeitsdauer für
indirekt betroffene Selbstständigerwerbende (Härtefallregelung) hier massgebend sein
soll (vgl. Einspracheentscheid, Ziff. II.4 am Schluss), ist ebenfalls nicht ersichtlich, da
auch bei indirekt betroffenen Selbstständigerwerbenden zwischen der Anspruchsdauer
(Art. 3 Abs. 4 COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall in der Fassung vom 6. Juli 2020
[Verordnung vom 1. Juli 2020, in Kraft seit 17. März 2020; AS 2020 2729]) und der
Anspruchshöhe sowie der nachträglichen Abänderung einer bereits festgesetzten oder
Zusprache einer bisher verweigerten Entschädigung zu unterscheiden ist (Art. 5 Abs. 2
in der genannten Fassung). Nach dem Gesagten stellt die einheitliche Befristung der
Revisionsmöglichkeit eine nicht sachgerechte Regelung dar, indem Ungleiches - die
Steuerpflichtigen erhalten die definitive Veranlagung aus Gründen, die sie zumindest
nicht alleine zu vertreten haben, nicht gleichzeitig - nicht nach Massgabe der
2.4.
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3.
Zu prüfen bleibt noch, ob die nachträgliche Anpassung (Revision) ausgeschlossen sein
soll, wenn das tatsächliche Einkommen 2019 um mehr als 25 % vom
voraussichtlichen, den Akontorechnungen zu Grunde liegenden Einkommen abweicht
und es die versicherte Person versäumt hat, rechtzeitig vor Inkrafttreten der COVID-19-
Verordnung Erwerbsausfall am 17. März 2020 eine entsprechende Meldung zu
erstatten bzw. eine Anpassung des Akontobeitrags zu verlangen (vgl. Art. 24 Abs. 4
Ungleichheit, sondern ohne zureichende Begründung gleich behandelt wird, also eine
gebotene Differenzierung unterbleibt. Nachdem es sich grundsätzlich um eine für die
Betroffenen existenzielle Regelung handelt, vermag der alleinige Hinweis der
Beschwerdegegnerin auf die Konzeption des Corona-Erwerbsersatzes als Nothilfe den
erhöhten Anforderungen an die Begründungspflicht einer potentiell diskriminierenden
Regelung nicht zu genügen. Die fragliche Regelung erweist sich damit als
verfassungswidrig (zum gleichen Schluss gelangte auch das
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich in seinem Urteil vom 29. Oktober 2020
[EE.2020.00006] E. 3).
Bei diesem Ergebnis durfte die Beschwerdeführerin die definitive
Steuerveranlagung auch nach dem 16. September 2020 noch einreichen, zumal diese
vom 4. August 2020 datiert. Nachdem Art. 7 Abs. 1 Satz 2 EOV (ab 1. Juli 2021: Art. 7
Abs. 1 EOV) keine konkrete Frist für den Antrag auf Neuberechnung vorsieht, kann
ein entsprechender Antrag zumindest in der 90-tägigen Revisionsfrist gemäss Art. 67
Abs. 1 VwVG gestellt werden. Nachdem die Steuerveranlagung vom 4. August 2020
datiert und die Beschwerdeführerin somit nicht vor diesem Datum vom Revisionsgrund
des neuen Beweismittels Kenntnis erhalten hat, ist die Frist jedenfalls nicht vor dem
2. November 2020 abgelaufen. Indem die Beschwerdeführerin unbestrittenermassen
mit E-Mail vom 2. Oktober 2020 die Neuberechnung der Corona-
Erwerbsersatzentschädigung verlangt hat, ist von einer rechtzeitigen Geltendmachung
auszugehen. Aus der eingereichten Veranlagungsberechnung vom 4. August 2020
ergibt sich nunmehr ein Einkommen der Beschwerdeführerin aus selbstständiger
Erwerbstätigkeit im Jahr 2019 von Fr. 25'962.-- (act. G 3.1/21). Dasselbe Einkommen
geht aus der Steuermeldung selbigen Datums hervor (act. G 3.1/25). Bei diesem
Verfahrensausgang kann die Frage der falschen bzw. unterlassenen Auskunft durch die
Beschwerdegegnerin offengelassen werden, wobei insbesondere zu beachten wäre,
dass die Beschwerdegegnerin bei rechtzeitiger sachgerechter Information die bereits
am 4. August 2020 vorliegende Veranlagung ohne Weiteres rechtzeitig hätte einreichen
können.
2.5.
bis
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AHVV, wonach "wesentliche" Abweichungen vom voraussichtlichen Einkommen zu
melden sind). So geht etwa das Sozialversicherungsgericht Zürich - zumindest in
Bezug auf die Prüfung der Anspruchsvoraussetzungen der Härtefallregelung (Art. 2
Abs. 3 COVID-19-Verordnung) - davon aus, dass es die versicherte Person infolge
einer Meldepflichtverletzung selber zu verantworten habe, wenn die Akontorechnungen
nicht an die tatsächlichen Verhältnisse angepasst worden seien. Für die nachträgliche
Korrektur bzw. erneute Prüfung (der Anspruchsvoraussetzungen der Härtefallregelung)
nach definitiver Steuerveranlagung bestehe somit "kein Raum" (z.B. Urteil vom 22. Juni
2021 [EE.2020.00056] E. 3.5 oder Urteil vom 30. Juni 2021 [EE.2021.00014] E. 3.2.3).
Das Sozialversicherungsgericht Zürich scheint bei dieser Rechtsprechung implizit
davon auszugehen, dass eine Revision grundsätzlich nicht möglich ist, wenn die
entsprechende Tatsache (höheres tatsächliches Einkommen) der versicherten Person
schon vorher bekannt war und hätte gemeldet werden können (fehlende "neue
Tatsache"). Dies vermag jedoch in zweifacher Hinsicht nicht zu überzeugen. Zum einen
scheint Art. 7 Abs. 1 Satz 2 bzw. Abs. 1 EOV die nachträgliche Anpassung an eine
neue Beitragsverfügung voraussetzungslos zuzulassen bzw. ist einzig vorausgesetzt,
dass später für das Jahr der Dienstleistung - etwa auf Grund einer mittlerweile
vorliegenden Steuermeldung - ein anderer AHV-Beitrag verfügt wird (vgl. vorstehende
Erwägung 2.2), sodass schon deshalb keine "neue Tatsache" erforderlich ist. Zum
zweiten ist die Regelung des Art. 24 Abs. 4 AHVV ohnehin auf die provisorische
Verabgabung der AHV-Beiträge ausgerichtet und dient im Wesentlichen einem
reibungslosen Beitragsbezug. Anders als bei einer "richtigen" Meldepflichtverletzung
nach Art. 31 Abs. 1 ATSG, bei welcher der Versicherungsträger definitiv über den
wahren Sachverhalt im Unklaren bleibt und damit eine falsche Leistungsausrichtung
erfolgt, ist hier von Vornherein klar, dass die definitiv zu entrichtenden AHV-Beiträge
noch genau bestimmt und erhoben werden, sobald die Steuermeldung vorliegt. Zudem
werden die endgültig zu zahlenden Beiträge auch dann den tatsächlichen Verhältnissen
angepasst, wenn die Abweichung des tatsächlichen vom voraussichtlichen Einkommen
weniger als 25 % (welcher Wert sich im Übrigen nicht aus Art. 24 Abs. 4 AHVV ergibt)
beträgt und damit selbst nach Ansicht von Rz 1154 f. WSN keine
Meldepflichtverletzung vorliegt. Einzige Folge einer "Meldepflichtverletzung" nach Art.
24 Abs. 4 AHVV ist die Verzugszinspflicht nach Art. 41 Abs. 1 lit. f AHVV [nur
nebenbei sei erwähnt, dass sich die Abweichung von 25 % gemäss der genannten
Zinsbestimmung in der AHVV und in Rz 1155 WSN nicht auf dieselbe Basis beziehen.
In der Verordnungsbestimmung ist das tatsächliche Einkommen bzw. die tatsächlich
geschuldeten Beiträge 100 %, in der WSN ist es das "voraussichtliche" Einkommen,
also die provisorische Basis, mit der Folge, dass eine nach Rz 1154 f. WSN
festgestellte "Meldepflichtverletzung" nicht automatisch zu einer Verzugszinspflicht
bis
bis
bis
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nach Art. 41 Abs. 1 lit. f AHVV führt]). Eine unterlassene Meldung einer wesentlichen
Änderung, die - solange noch keine definitive Steuerveranlagung vorliegt - im Grunde
ohnehin nur eine erneuerte Annahme des voraussichtlichen Einkommens darstellt, führt
deshalb nicht zu einer Verwirkung der nach Vorliegen der Steuerveranlagung
gegebenen Revisionsmöglichkeit. In seinem Entscheid vom 17. März 2022
(9C_442/2021) hat denn auch das Bundesgericht festgestellt, dass eine erst nach dem
17. März 2020, aber noch vor Verfügungs- bzw. Erlass des Einspracheentscheids,
erfolgte Anpassung der Akontobeiträge 2019 - implizit unabhängig davon, ob die
Abweichung mehr als 25 % von den ursprünglich festgesetzten Akontobeiträgen
beträgt - sowohl bei der Prüfung der Anspruchsvoraussetzungen des Art. 2 Abs. 3
COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall als auch bei der Bemessung der Entschädigung
gemäss Art. 5 COVID-19-Verordnung Erwerbsausfall zu berücksichtigen ist (E. 6.2 -
6.4, insbesondere E. 6.2.3).
4.