Decision ID: 451316ff-55e9-50c8-900d-9018e98d57d9
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law
Law Sub-area: Oeffentliches Bau-, Raumplanungs- und Umweltrecht
Label: dismissal

Facts:
I. Sachverhalt
Mit Baugesuch vom 24. März 2016 und Projektänderung vom 22. April 2016 ersuchte der
Beschwerdegegner um die Baubewilligung für die Umnutzung des Erdgeschosses der
ehemaligen Schreinerei zu einer neuen Post-Zustellstelle, den Anbau eines Autounterstands
RA Nr. 110/2018/64 2
und den Einbau von Garagentoren in der Nordfassade auf der Parzelle Saanen
Grundbuchblatt Nr. I._. Die Parzelle liegt in der Wohn- und Gewerbezone WG3. In
südwestlicher Richtung grenzt die Parzelle an die Wohnzone W3a. Gegen das Bauvorhaben
erhoben unter anderen die Beschwerdeführerinnen 1 bis 4 (nachfolgend:
Beschwerdeführerinnen) Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 22. September 2016 erteilte
die Gemeinde Saanen die Baubewilligung. Dagegen erhoben unter anderen die
Beschwerdeführerinnen Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des
Kantons Bern (BVE). Diese hob den Gesamtentscheid vom 22. September 2016 auf und
wies die Sache zur Fortsetzung des Verfahrens an die Gemeinde zurück (Verfahren RA
Nr. 110 2016 152). Insbesondere wies sie darauf hin, dass die Gemeinde Saanen die Frage
der von der geplanten Anlage voraussichtlich verursachten bzw. zurechenbaren
Lärmimmissionen nicht genügend abgeklärt habe. Dies sei ohne ein detailliertes
Betriebskonzept der geplanten Post-Zustellstelle nicht möglich. In der Folge holte die
Gemeinde bei der Bauherrschaft ein Betriebskonzept und ein Lärmgutachten ein. Zu diesen
Unterlagen wurde ein Fachbericht des Amtes für Berner Wirtschaft (beco) eingeholt. Mit
Gesamtentscheid vom 20. März 2018 erteilte die Gemeinde Saanen dem Vorhaben die
Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführerinnen am 20. April 2018 Beschwerde bei der
BVE ein. Sie beantragen die Aufhebung des Gesamtentscheids vom 20. März 2018 und die
Verweigerung der Baubewilligung. Sie erheben einerseits formelle Rügen und machen
andererseits in materieller Hinsicht geltend, dass die geplante Post-Zustellstelle die
Lärmvorgaben nicht einhalte und dass die Erschliessung hinsichtlich Mehrbelastung und
Verkehrssicherheit nicht genüge. Zudem sei die Erschliessung nur unter Einbezug von
Nachbargrundstücken möglich. Die weiteren Rügen betreffen die ästhetische Einordnung,
eine bestehende Wegrechtsdienstbarkeit (Beschwerdeführerin 3) und ein zivilrechtliches
Bauverbot (Beschwerdeführerin 4).
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte gleichzeitig eine Stellungnahme des beco sowie bei der
Gemeinde die Vorakten ein. Die Gemeinde beantragt mit Stellungnahme vom 1. Mai 2018
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
RA Nr. 110/2018/64 3
(Eingang am 9. Mai 2018) die Abweisung der Beschwerde. Im Übrigen werde die fehlende
Begründung bestritten. Zu ihrem Entscheid habe sie nichts Weiteres anzumerken. Der
Beschwerdegegner beantragt mit Eingabe vom 24. Mai 2018 die Abweisung der
Beschwerde sowie der gestellten Verfahrensanträge. Er verweist auf den Gesamtentscheid
und seine Beschwerdeantwort im Verfahren RA Nr. 110 2016 152. Die
Beschwerdeführerinnen reichten am 5. Juli 2018 eine Stellungnahme ein, worin sie mit
Nachdruck an den gestellten Verfahrensanträgen festhalten. Mit Verfügung vom 6. Juli 2018
holte das Rechtsamt beim beco einen Zusatzbericht ein und ersuchte dieses einerseits um
(Neu-) Berechnung der einzelnen Teilbeurteilungspegel bei Anwendung anderer
Korrekturwerte K1 bis K3 gemäss Anhang 6 der LSV2. Zum andern verlangte es ergänzende
Angaben zu den Teilbeurteilungspegeln der verschiedenen Tätigkeiten der umstrittenen
Post-Zustellstelle. Das beco reichte mit Eingabe vom 23. Juli 2018 diesen (ersten)
Zusatzbericht ein. Anschliessend unterbreitete das Rechtsamt dem Beschwerdegegner
Zusatzfragen zur Ent- und Beladung der Lastwagen auf der Nordseite des Geländes und
verlangte einen Plan mit Pfeilangaben der genauen Ein- und Ausfahrt der LKWs inkl.
Wendung. Mit Eingabe vom 17. September 2018 reichte der Beschwerdegegner eine
Projektänderung ein. Diese umfasst die folgenden Unterlagen:
- revidierter Fassadenplan vom 13. September 2018
- revidierter Grundrissplan vom 13. September 2018 inkl. Angabe der Ein- und Ausfahrt
sowie des Standorts der LKW im Zeitpunkt Ent- und Beladung
- revidiertes «Betriebskonzept für die Postzustellung des Saanenlandes ab der
J._strasse 72, Saanen» vom 12. September 2018
- Nachtrag zum Lärmgutachten vom 14. September 2018
Die Verfahrensbeteiligten erhielten Gelegenheit, zur Projektänderung Stellung zu nehmen.
Gleichzeitig holte das Rechtsamt beim TBA OIK I einen Fachbericht betreffend
Erschliessung ein. Auf Hinweis des Rechtsamtes reichte der Beschwerdegegner zudem ein
korrigiertes Betriebskonzept (Stand 27. September 2018) und ein angepasstes
Lärmgutachten (mit integriertem Nachtrag) vom 5. Oktober 2018 ein. Diese Unterlagen
wurden auch dem TBA OIK I als Beurteilungsgrundlage zugestellt.
Die Beschwerdeführerinnen nahmen mit Eingabe vom 2. November 2018 zur
Projektänderung Stellung. Sie machen unter anderem geltend, dass als Folge dieser
2 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41)
RA Nr. 110/2018/64 4
Änderung ein neuer Parkplatznachweis erforderlich sei. Sie weisen zudem darauf hin, dass
die Zufahrt der Lastwagen "nicht funktioniere" und Manöver auf dem Vorplatz nur mit der
kleinsten Lastwagenkategorie möglich seien. Sie halten zudem an ihren Rügen hinsichtlich
Erschliessung und unzulässigen nächtlichen Lärmimmissionen fest. Die Gemeinde liess sich
nicht vernehmen.
Das Rechtsamt stellte dem beco das neue Lärmgutachten vom 5. Oktober 2018 zu einer
kurzen Beurteilung zu, worauf dieses mit zweitem Zusatzbericht vom 17. Dezember 2018
Stellung nahm. Gleichzeitig forderte es den Beschwerdegegner auf, den Fassaden- und
Grundrissplan so einzureichen, dass aus den Plänen sämtliche Änderungen gemäss
Legende (bestehend/neu/Abbruch) und nicht nur die Abweichungen ersichtlich sind. Der
Beschwerdegegner reichte am 14. Dezember 2018 die folgenden korrigierten Pläne ein:
- revidierter Fassadenplan vom 14. Dezember 2018 «Zusammenfassung der Baueingabe
und der Projektänderung»
- revidierter Grundrissplan vom 14. Dezember 2018 «Zusammenfassung der Baueingabe
und der Projektänderung»
Die Parteien erhielten im Anschluss Gelegenheit, sich zum Beweisergebnis zu äussern und
Schlussbemerkungen einzureichen. Die Beschwerdeführerinnen reichten mit Eingabe vom
25. Januar 2019 Schlussbemerkungen ein. Sie halten an den gestellten Rechtsbegehren
und deren Begründung fest und beantragen zusätzlich einen Augenschein mit
Fahrversuchen vor Ort. Der Beschwerdegegner weist in seiner Stellungnahme vom
28. Januar 2019 darauf hin, dass er "bei Bedarf" zur "schalltechnischen Ertüchtigung der
transparenten Bauteile" bereit sei. Die Gemeinde stellt mit Stellungnahme vom 28. Januar
2019 fest, dass die Bau- und Planungskommission die Projektänderungspläne hinsichtlich
der Ortsbildverträglichkeit geprüft habe und den eingereichten Plänen zustimme. Im
Weiteren verweist sie auf ihren Entscheid vom 20. März 2018 und ihre Stellungnahme vom
1. Mai 2018. Den dort festgehaltenen Ausführungen sei nichts Weiteres anzumerken.
4. Auf die Rechtsschriften, die eingeholten Fachberichte und die vorliegenden Akten wird,
soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
II. Erwägungen
RA Nr. 110/2018/64 5
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG3. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel angefochten
werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im vorliegenden Fall
das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide können nach Art. 40
Abs. 1 BauG4 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten
werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen den Gesamtentscheid
zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerinnen sind durch den vorinstanzlichen
Gesamtentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und
fristgerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten.
2. Projektänderung
a) Der Beschwerdegegner reichte mit seinen Eingaben vom 17. September 2018 bzw.
14. Dezember 2018 eine Projektänderung ein. Diese Projektänderung umfasst insbesondere
den Verzicht der Ent- bzw. Beladung der eingesetzten Lastwagen auf der Nordseite des
Gebäudes J._strasse Nr. 72. Gemäss den Plänen und dem ergänzten
Betriebskonzept erfolgt der Umladevorgang nun im Gebäude selbst (bei offener Tür; die
Führerkabine des LKW befindet sich im Aussenbereich). Die Projektänderung wurde durch
ein überarbeitetes Lärmgutachten ergänzt.
b) Laut Art. 43 BewD5 kann die Baugesuchstellerin oder der Baugesuchsteller während
eines Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der
BVE eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues
Baubewilligungsverfahren eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn
das Bauvorhaben in seinen Grundzügen gleich bleibt. Erfolgt die Projektänderung im
Beschwerdeverfahren, sind die Gemeinde, die Gegenpartei und die von der Projektänderung
3 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 5 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
RA Nr. 110/2018/64 6
zusätzlich berührten Dritten anzuhören. Die Beschwerdeinstanz ist befugt, die Sache zur
Weiterbehandlung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Art. 43 Abs. 3 BewD), kann aber auch
selbst über die Projektänderung entscheiden. Das geänderte Projekt tritt an die Stelle des
ursprünglichen Bauvorhabens.6
c) Bei der eingereichten Projektänderung bleibt das Bauvorhaben in den Grundzügen
gleich. Deshalb können die Anpassungen als Projektänderung behandelt werden. Die
Projektänderung berührt keine öffentlichen oder wesentlichen nachbarlichen Interessen
zusätzlich: Insbesondere die Verlagerung des Postumschlags ins Innere des Gebäudes
J._strasse Nr. 72 berührt die wesentlichen Interessen nicht zusätzlich. Zudem sind
die benachbarten und betroffenen Grundeigentümerinnen (Parzellen Grundbuchblatt
Nrn. M._, U._, Y._ sowie H._7) bereits als
Beschwerdeführerinnen am Verfahren beteiligt. Auf eine Publikation oder eine Anhörung
Dritter kann daher entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerinnen verzichtet werden.
Gegenstand des Verfahrens ist somit nur noch das Projekt gemäss der Projektänderung
(Pläne «Grundrisse» 1:100 und «Fassaden» 1:100), gestempelt von der BVE am
17. Dezember 2018; Betriebskonzept vom 27. September 2018 sowie Lärmgutachten vom
5. Oktober 2018).
3. Rechtliches Gehör
a) Die Beschwerdeführerinnen beanstanden, dass die Gemeinde auf ihre Rügen, die sie
in der Einsprache und in ihrer Stellungnahme vom 27. Juli 2017 vorgebracht haben, nicht
eingegangen sei.8 Vielmehr "genüge sie sich", den Text des ersten Bauentscheids zu
wiederholen. Entsprechend sei die Erwägung, dass der Postumschlag "nicht im Freien"
stattfinde, falsch. Der Bauentscheid sei daher auch infolge fehlender bzw. mangelhafter
Begründung aufzuheben.
6 Vgl. BVR 2012 S. 463 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen 7 Eigentümerinnen sind die B_ bzw. die K._AG, wobei Y_bei beiden Gesellschaften  ist. Somit haben alle benachbarten Grundeigentümerinnen - auch die K._- Kenntnis von der Projektänderung. 8 Vgl. Beschwerdeschrift Rz. 58 ff.
RA Nr. 110/2018/64 7
b) Die Gemeinde Saanen bestreitet in ihrer Stellungnahme die behauptete fehlende
Begründung. Auf die Eingabe der Beschwerdeführerinnen vom 27. Juli 2017 sei sie in ihrem
Entscheid eingegangen.9
Der Beschwerdegegner weist in seiner Beschwerdeantwort vom 24. Mai 2018 darauf hin,
dass er in einem Schreiben an die Gemeinde vom 23. April 2018, d.h. nach Erteilung der
Baubewilligung, darauf hingewiesen habe, dass die Annahme, dass der Postumschlag nicht
im Aussenbereich stattfinde, falsch sei.10
c) Nach Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG11 muss eine Verfügung die Tatsachen, Rechtssätze
und Gründe enthalten, auf die sie sich stützt. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass
die Betroffenen den Entscheid sachgerecht anfechten können. Deshalb muss die Behörde
mindestens kurz die Überlegungen nennen, von denen sie sich hat leiten lassen und auf die
sie ihren Entscheid stützt. Sie muss sich dabei nicht ausdrücklich mit jeder Behauptung zum
Sachverhalt und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen. Vielmehr kann sie sich auf
die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken.12 Ein Anspruch auf eine
ausführliche schriftliche Begründung besteht nicht. Umfang und Dichte der Begründung
können nicht abstrakt umschrieben werden, sondern sind je nach Sach- und Rechtslage zu
konkretisieren. Die Begründung muss jedoch umso ausführlicher und differenzierter
ausfallen, je komplexer oder umstrittener ein Sachverhalt ist, je stärker ein Sachverhalt in die
individuellen Rechte eingreift und je grösser der Entscheidungsspielraum der Behörde ist.13
d) Soweit die Beschwerdeführerinnen rügen, die Gemeinde sei ihrer Begründungspflicht
nicht hinreichend nachgekommen, vermögen sie mit ihrer Kritik nicht durchzudringen. Die
Gemeinde hat in ihrem Entscheid in den Ziffern 12 bis 15 wie auch in der Ziffer 17 die
verschiedenen Rügen der Beschwerdeführerinnen gemäss ihrer Einsprache vom 15. April
2016 betreffend Erschliessung, Parkplätze, Lärmimmissionen und (ästhetische) Einordnung
abgehandelt. Gleiches gilt für die mit Stellungnahme vom 27. Juli 2017 geltend gemachten
Einwände hinsichtlich Lärmimmissionen.14 Den Beschwerdeführerinnen war es zudem
9 Stellungnahme vom 1. Mai 2018, Ziff. 6 10 Beschwerdeantwort vom 24. Mai 2018, Beilage 1: Schreiben RA L._vom 23.4.2018 11 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 12 BGE 134 I 83 E. 4.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 6 ff. 13 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 52 N. 8 14 Vgl. vorinstanzlicher Entscheid, Ziff. 12 bis 15 sowie 17.1 bis 17.9
RA Nr. 110/2018/64 8
möglich, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Der angefochtene Gesamtentscheid
entspricht somit grundsätzlich der gesetzlichen Begründungspflicht und hat insofern den
Anspruch auf rechtliches Gehör der Beschwerdeführerinnen nicht verletzt.
e) Die Beschwerdeführerinnen berufen sich zudem auf eine nicht ordnungsgemässe
Feststellung des Sachverhalts. Die verfügende Behörde hat die entscheidwesentlichen
Sachverhaltselemente von Amtes wegen zu erheben (Art. 18 VRPG; sog.
Untersuchungsmaxime). Die Sachverhaltsfeststellung umfasst das Zusammentragen,
Nachprüfen und Bewerten der Sachumstände (Tatsachen), die für die Rechtsanwendung
massgebend sind. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn die Behörde nicht
alle für den Entscheid wesentlichen Sachumstände bzw. Beweismittel erhoben hat. Unrichtig
ist sie, wenn die Behörde die Beweismittel falsch gewürdigt oder einen rechtserheblichen
Sachumstand nicht in das Beweisverfahren einbezogen hat.15 Dem Entscheid der Gemeinde
liegen ein Betriebskonzept und ein Lärmgutachten zugrunde, welche den Postumschlag der
umstrittenen Post-Zustellstelle ausdrücklich im Aussenbereich verorteten.16 Der Hinweis in
Ziffer 14.1 des vorinstanzlichen Entscheids, wonach "im Aussenbereich kein Postumschlag"
stattfinde, widerspricht diesen Grundlagen und ist somit falsch. Die entscheidwesentlichen
Grundlagen für den Entscheid der Gemeinde beruhten jedoch auf dem richtigen, d.h.
rechtserheblichen Sachverhalt. Der Fehler in Ziffer 14.1 ist daher redaktioneller Natur. Die
Rüge ist abzuweisen. Anzufügen ist, dass sich der Sachverhalt im vorliegenden Verfahren
anders präsentiert, weil der Beschwerdegegner eine Projektänderung eingereicht hat, die
den Postumschlag nun in das Gebäudeinnere verlegt (s. E. 2).
15 Vgl. BVR 2010 S. 13 E. 5.2 16 Vgl. L._AG: Lärmgutachten vom 23. Mai 2017 (nachfolgend Lärmgutachten Baubewilligung) sowie Betriebskonzept für die Postzustellung des Saanenlandes ab der J._72, Saanen, Fassung X01.02 vom 15. Mai 2017 (Grundlage der Baubewilligung; nachfolgend Betriebskonzept Baubewilligung)
RA Nr. 110/2018/64 9
4. Einigungsverhandlung
a) Die Beschwerdeführerinnen rügen, dass die Gemeinde Saanen zu Unrecht auf die
Durchführung einer Einspracheverhandlung unter gleichzeitiger Vornahme eines
Augenscheins verzichtet habe.17 Dies hätte gemäss ihrer Auffassung die Gelegenheit
geboten zu prüfen, ob der Beschwerdegegner im Interesse der umliegenden Bevölkerung
bereit sei, die Immissionen, welche durch das Vorhaben hervorgerufen werden, zu
minimieren. Gleichzeitig hätte der Gemeinde vor Ort auffallen müssen, dass der vom
Beschwerdegegner gewählte Standort für den Betrieb einer Post-Zustellstelle "völlig
ungeeignet" sei. Der Beschwerdegegner verweist auf seine Beschwerdeantwort vom
5. Dezember 2016, wonach er eine Einspracheverhandlung nicht abgelehnt habe.
Die Gemeinde legt in ihrem Entscheid dar, dass vorliegend die entscheidrelevanten Fakten
bekannt seien.18 Überdies weist sie in ihrer Stellungnahme vom 1. Mai 2018 generell darauf
hin, dass die von Seiten der Beschwerdeführenden geforderten Abklärungen nicht
erforderlich gewesen seien.19
b) Nach Art. 34 Abs. 1 BewD kann die Baubewilligungsbehörde eine
Einigungsverhandlung durchführen, sofern die Beteiligten nicht darauf verzichten. Dies
bedeutet, dass die Baubewilligungsbehörde nicht zu einer Verhandlung einladen muss,
wenn sie es nicht für notwendig erachtet. Die Verfahrensbeteiligten haben somit keinen
Anspruch auf die Durchführung einer Einigungsverhandlung, da das Baubewilligungsdekret
das Abhalten einer solchen ins Ermessen der Bewilligungsbehörde stellt. Der Verzicht auf
die Einigungsverhandlung kann vorab dann sinnvoll sein, wenn die Aussicht auf eine
Einigung äusserst gering ist. Beurteilt die Bewilligungsbehörde eine Einigungsverhandlung
als aussichtslos, darf sie selbst dann auf die Durchführung verzichten, wenn sowohl
Bauherrschaft als auch Einsprechende eine Verhandlung wünschen.
c) Im vorliegenden Fall erachtete die Gemeinde den Verhandlungsspielraum zwischen
den Parteien offenbar als gering und verzichtete darauf, eine Einigungsverhandlung durch-
zuführen. Sie hat damit von ihrem rechtlich vorgesehenen Ermessensspielraum Gebrauch
17 Beschwerdeschrift, Rz. 99 ff. 18 Vorinstanzlicher Entscheid, Ziff. 17.1 19 Stellungnahme vom 1. Mai 2018, Ziff. 6
RA Nr. 110/2018/64 10
gemacht. Eine Verletzung von Art. 34 Abs. 1 BewD oder des Gehörsanspruchs (Art. 26
Abs. 2 KV20 und Art. 21 ff. VRPG) liegt nicht vor. Die Beschwerde erweist sich diesbezüglich
als unbegründet.
5. Formelle Mängel des Lärmgutachtens
a) Die Beschwerdeführerinnen machen geltend, dass es sich beim Lärmgutachten der
L._ AG vom 23. Mai 2017 um ein Parteigutachten des Beschwerdegegners handle.
Auch in der Stellungnahme vom 2. November 2018 zur Projektänderung halten sie an der
Auffassung fest, dass das Gutachten und der Fachbericht des beco vom 15. Juni 2017
mangelhaft seien. Trotz des überarbeiteten Lärmgutachtens vom 5. Oktober 2018 sei ein
neues unparteiliches Gutachten notwendig, das der "geplanten Situation an der
J._strasse" Rechnung trage.21
b) Die Vollzugsbehörde ermittelt die Aussenlärmimmissionen ortsfester Anlagen oder
ordnet deren Ermittlung an, wenn sie Grund zur Annahme hat, dass die massgebenden
Belastungsgrenzwerte überschritten sind oder ihre Überschreitung zu erwarten ist (Art. 36
Abs. 1 LSV22). Dabei ist die Behörde jedoch nicht verpflichtet, die erforderlichen
Untersuchungen selber durchzuführen oder in Auftrag zu geben. Sie kann vielmehr vom
Anlagebetreiber ein Lärmgutachten verlangen.23
c) Vorliegend hat der Beschwerdegegner für das vorinstanzliche Verfahren (2017) und
für die Projektänderung im Beschwerdeverfahren (2018) ein Lärmgutachten bzw. eine
Ergänzung desselben durch ein unabhängiges und qualifiziertes Ingenieurbüro erstellen
lassen. Diese Gutachten wurden vom beco als zuständige Fachbehörde (Art. 3 Abs. 2 Bst. c
KLSV24) auf Vollständigkeit, Plausibilität und Korrektheit kontrolliert. Gestützt auf die als
vollständig, plausibel und korrekt befundenen Gutachten hat das beco anschliessend die
Einhaltung der Umweltschutz- bzw. Lärmschutzvorschriften geprüft. Dieses Vorgehen
entspricht sowohl der Praxis als auch den gesetzlichen Vorgaben und ist daher nicht zu
20 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1) 21 Stellungnahme der Beschwerdeführerinnen vom 2. November 2018, Rz. 15 ff. 22 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41) 23 VGE Nr. 22986 vom 13. Februar 2008 E. 4.2 24 Kantonale Lärmschutzverordnung vom 14. Oktober 2009 (KLSV; BSG 824.761)
RA Nr. 110/2018/64 11
beanstanden. Als Datenbasis dienten Messungen der Emissionen an der bisherigen Post-
Zustellstelle in Gstaad. Die Einwirkzeiten wurden für den neuen Standort zeitlich verlängert
und dienten so als Grundlage zur Berechnung der Beurteilungspegel.25 Damit wurde die
Zusammenlegung von drei Standorten berücksichtigt. Dies ist nach Auffassung des beco
methodisch nicht zu beanstanden.26 Die Vorbringen der Beschwerdeführerinnen sind nicht
geeignet, an der Einschätzung der Fachbehörde Zweifel aufkommen zu lassen. Die Rüge
betreffend die materielle Korrektheit des Gutachtens wird in den nachfolgenden Erwägungen
geprüft (vgl. E. 7 ff.).
6. Geplanter Betrieb der Post-Zustellstelle
a) Die bestehende Schreinerei des Beschwerdegegners soll gemäss Baugesuch27 und
den weiteren Unterlagen (Betriebskonzept, Lärmgutachten28 und Verkehrsstudie29) zu einer
zentralen Post-Zustellstelle umgenutzt werden. Von dieser neuen Zustellstelle in Saanen
"sollen von Montag bis Samstag das Saanenland (Saanenmöser, Schönried, Saanen,
Gstaad, Turbach, Lauenen, Grund, Feutersoey und Gsteig) mit Brief- und Paketsendungen
versorgt werden".30
b) Die Prozess- und Arbeitsabläufe der künftigen Post-Zustellstelle werden gemäss
Betriebskonzept31 wie folgt umschrieben.
"Die Dienstantritte der Mitarbeiter sind je nach Sendungsvolumen und zugeteilter Tour variabel. Grundsätzlich beginnt der Verantwortliche vor Ort seine Arbeit zwischen 05.30 und 05.45. Er bereitet
das abzuführende Leergut vor und richtet die Zustellstelle für die Anlieferung ein. Dafür kann es nötig sein, dass Transportbehälter oder Fahrzeuge umgestellt werden müssen. Ab 05.50 Uhr treffen die
Mitarbeiter ein, welche um 06.00 Uhr Dienstbeginn haben. Die Mitarbeiter werden mit privaten
25 Vgl. Lärmgutachten Baubewilligung bzw. Lärmgutachten vom 5. Oktober 2018, das sämtliche bisherigen Versionen und Ergänzungen ersetzt (nachfolgend: Lärmgutachten Projektänderung), Ziff. 4.2 26 Vgl. Stellungnahme des beco vom 9. Mai 2018, Akten BVE, pag. 58 27 Vorakten, Baugesuch Nr. 2016-060 28 Lärmgutachten Baubewilligung 29 Verkehrsstudie der K._AG zur "Post-Zustellstelle Saanen" vom 8. Februar 2016, im Auftrag von "Post Immobilien", Ziff. 1 (nachfolgend Verkehrsstudie) 30 Verkehrsstudie, a.a.O., Ziff. 1 31 Vgl. Betriebskonzept Baubewilligung sowie Betriebskonzept für die Postzustellung des Saanenlandes ab der FJ._ 72, Saanen, Fassung X01.04 (Projektänderung vom 27. September 2018; nachfolgend Betriebskonzept Projektänderung)
RA Nr. 110/2018/64 12
Verkehrsmitteln (Fahrrad, Roller, Auto) und zum Teil mit den Dienstfahrzeugen (Caddy, Panda) an
den Arbeitsort gelangen. Die Parkierung der Fahrzeuge ist auf dem Gelände der Zustellstelle
vorgesehen.32
Anschliessend findet der Postumschlag statt, der gemäss dem überarbeiteten
Betriebskonzept33 wie folgt ablaufen soll: "Im Zeitfenster von ca. 05.45 Uhr bis 07.00 Uhr erfolgen Montag bis Samstag täglich vier bis sechs
Anlieferungen mit Briefpostsendungen und Paketen für das Saanenland ab der Distributionsbasis
Thun. Dabei erfolgt ein Warenumschlag von rund 30 Sammelbehältern und Rollboxen. Diese Zahl
schwankt saisonal entsprechend dem vorliegenden Zustellvolumen. Gleichzeitigt erfolgt mit der
Zufuhr der Sendungen der Abtransport des Leergutes. Im Normalfall können pro
Hebebühnenbewegung 2 Rx34 mit Paketen oder 3-4 SB35 mit Briefpost abgeladen werden. Die Ein-
/Ausladtätigkeiten finden im Gebäude statt; dabei steht die Fahrerkabine des LKW teilweise vor dem
Gebäude (s. Skizze) und das Tor steht offen."36
Der sogenannte «Zustellgang» wird gemäss dem diesbezüglich unveränderten
Betriebskonzept unter Ziffer 4.6 wie folgt beschrieben: "Nach abgeschlossenen Vorarbeiten beladen die Zusteller ihre Fahrzeuge. Die Elektrodreiräder mit
Anhänger werden in der Garage mit den Briefbehältern und den Paketen beladen. Die
Vierradfahrzeuge werden zum Belad auf dem Vorplatz bereitgestellt und ebenfalls mittels Handeinlad
mit dem Postgut beladen. Danach starten die Zusteller und Zustellerinnen ab 07.30 Uhr mit ihrem
Zustellgang. Zustellbezirke mit einer grossen Distanz zur J._strasse können auch über ein
dezentrales Depot starten, um die Wegzeiten zu reduzieren."37
7. Lärmimmissionen der Post-Zustellstelle
a) Die Beschwerdeführerinnen sind der Auffassung, dass das Vorhaben aufgrund der
Lärmsituation für die benachbarte Wohnzone (ES II) nicht bewilligungsfähig sei. Dies betreffe
die Zu- und Wegfahrten durch PKW und LKW am frühen Morgen; diese seien hinsichtlich
32 Betriebskonzept Projektänderung, a.a.O., Ziff. 4 33 Vgl. Betriebskonzept Projektänderung 34 "Rx" steht für Rollbox für Pakete, vgl. Abbildung 2 im Betriebskonzept, S. 6 35 "SB" steht Sammelbehälter für Briefpost, vgl. Abbildung 1, Betriebskonzept, S. 5 36 Vgl. Betriebskonzept Projektänderung, Ziff. 4.1, S. 4 37 Betriebskonzept Projektänderung, a.a.O., S. 9
RA Nr. 110/2018/64 13
der Einhaltung der Ruhezeiten auch mit Art. 37 des Ortspolizeireglements (OPR38) der
Gemeinde Saanen nicht vereinbar. In ihrer Stellungnahme zur Projektänderung weisen die
Beschwerdeführerinnen zudem darauf hin, dass die Aussagen im Betriebskonzept bezüglich
Warenumschlag (auf dem Gelände oder im Gebäude) widersprüchlich gewesen seien.
Schliesslich machen sie geltend, dass die Abladetätigkeiten in unmittelbarer Nähe von
Schlafzimmerfenstern durchgeführt würden. Die Lärmimmissionen seien für die umliegende
Wohnbevölkerung untragbar.39
b) Die Gemeinde verweist in ihrem Entscheid auf das eingeholte Lärmgutachten. Zur
Projektänderung hat sie sich nicht vernehmen lassen. Der Beschwerdegegner legt in seiner
Beschwerdeantwort dar, dass vorliegend das OPR nicht massgebend sei, sondern das
übergeordnete Recht.40
c) Das mit dem Lärmgutachten beauftragte Ingenieurbüro beurteilte die Lärmemissionen
des Betriebs der Post-Zustellstelle gemäss Baugesuch wie auch die Lärmauswirkungen
gemäss der Projektänderung und nahm im überarbeiteten Gutachten dazu Stellung.41
Das Gutachten stellt die verschiedenen Abläufe und lärmrelevanten Tätigkeiten des Post-
umschlags gestützt auf das Betriebskonzept und Verkehrsstudie als Lärmphasen
differenziert dar: Je nach zeitlichem Auftreten, werden diese entweder der Nacht (19.00 bis
07.00 Uhr) oder dem Tag zugeordnet (07.00 Uhr bis 19.00 Uhr). Die einzelnen Tätigkeiten
lassen sich gemäss Ziffer 4.1 in die folgenden Lärmphasen aufteilen:
Tätigkeit Uhrzeit Tag / Nacht Lärmquelle Anfahrt Mitarbeitende 05:30 - 06:00 Uhr Nacht Anfahrt von 18 privaten
PKW und 15 Zustellfahrzeugen
Abfahrt Mitarbeitende 11:30 - 15:30 Uhr Tag Wegfahrt von 18 privaten PKW und 15 Zustellfahrzeugen
An- und Ablieferung 05:45 - 07:00 Uhr Nacht 6 LKW-Fahrten Rangierarbeiten der LKW*
05:45 - 07:00 Uhr Nacht Motor und Anschliessen des Anhängers
Zufuhr der Sendungen*
05:45 - 07:00 Uhr Nacht 30 Sammelbehälter und Rollboxen entladen
38 Ortspolizeireglement (OPR) vom 16. Oktober 2012 der Gemeinde Saanen 39 Stellungnahme vom 2. November 2018, Ziff. 3, N. 15 ff. 40 Beschwerdeantwort vom 24. Mai 2018, Art. 1, Rz. 3 41 Lärmgutachten Projektänderung
RA Nr. 110/2018/64 14
Abtransport Leergut* 05:45 - 07:00 Uhr Nacht 30 Sammelbehälter und Rollboxen verladen
Beladen der  auf Vorplatz
Ab 07:00 Uhr Tag Verladegeräusche
Abfahrt Zustellung Ab 07:30 Uhr Tag Wegfahrt von 15 Zustellfahrzeugen
Rückfahrt Zustellung 11:30 - 15:30 Uhr Tag Anfahrt von 15 Zustellfahrzeugen
Parkplatz Mitarbeitende und Zustellfahrzeuge
Ab 05:30 Uhr Tag und Nacht
Parkiergeräusche
Nach der Projektänderung des Beschwerdegegners wird der Postumschlag bzw. die Ent-
und Beladung der LKWs in das Innere des Gebäudes J._strasse Nr. 72 verlagert.
Dies führte für die mit Asterix bzw. fett markierten Tätigkeiten bzw. Lärmphasen zu einer
Neuberechnung der Beurteilungspegel Lr. Bezüglich der Rangierarbeiten ergab sich eine
Verlängerung der Einwirkzeiten von 9 auf 18 Minuten. Die Verlagerung der Zufuhr der
Sendungen und des Abtransports Leergut ins Gebäudeinnere ergab eine Neubeurteilung
des Lärms bzw. der Schalleistung unter Berücksichtigung der Abstrahlung der
Gebäudehülle.
Als Immissionspunkte wurden gemäss Lärmgutachten Standorte im Gebäude
J._strasse Nr. 76 (EG und OG) und im Gebäude J._strasse Nr. 72 (1. OG)
bezeichnet. Diese Standorte liegen in der Wohn- und Gewerbezone WG mit der
Empfindlichkeitsstufe III (ES III). Zudem wurde ein weiterer Standort an der
J._strasse Nr. 70 (EG und OG) in der Wohnzone W3a mit der Empfindlichkeitsstufe
II (ES II) berücksichtigt.
Insbesondere für die Tätigkeiten «Zufuhr der Sendungen» und «Abtransport Leergut» gilt für
die Ermittlung der Emissionen gemäss überarbeitetem Lärmgutachten folgendes:
"Der Ablad der vollen Sammelbehälter und das Einladen der leeren Sammelbehälter wurde ebenfalls [...] in Gstaad beobachtet und gemessen. [...] Die Einwirkzeiten für die zu beurteilende Situation
wurden anhand der Anzahl Sammelbehälter verlängert und sind ebenfalls in den Beilagen
dokumentiert. Das Abladen der Sammelbehälter vom LKW und das Beladen mit leeren
Sammelbehältern findet in der Halle statt. Dabei steht der LKW mit geöffnetem Tor rückwärts in der
Halle. Für die Ermittlung der Lärmemissionen wurde der entstehende Raumschalldruckpegel bei
beiden Vorgängen ermittelt und die Abstrahlung der Fassade und der geschlossenen Tore berechnet.
Ebenso wurde die Abstrahlung des Lärms aus dem offenen Tor ermittelt. [...]"42
42 Lärmgutachten Projektänderung, Ziff. 4.2, S. 6
RA Nr. 110/2018/64 15
Das Lärmgutachten gelangt zum Schluss, dass die Emissionen der Post-Zustellstelle die
Grenzwerte bzw. die Planungswerte bei sämtlichen Immissionspunkten einhalten. Im
Vergleich zum ursprünglichen Projekt hält das Gutachten folgendes fest:
"– Die Beurteilungspegel bei den Immissionspunkten an der J._strasse 76 sind nachts gesunken.
– Die Rangiermanöver der LKW dauern länger und nehmen damit in der Lärmbelastung für die
Immissionspunkte J._strasse 70 und 76 einen gewichtigeren Anteil ein
– Durch die Ent- und Beladung der Sammelbehälter in der Halle (anstatt auf dem Vorplatz) reduziert
sich die Störwirkung, da die Impulse merklich gedämpft werden
– Rechnerisch bewirkt die Projektänderung eine leichte Reduktion der Beurteilungspegel. Subjektiv
verbessert sich die Lärmsituation markant, da die störendste Lärmemission (Ent- und Beladen der
Sammelbehälter) in der Halle stattfindet
– Da die Rangierarbeiten und das Ent- und Beladen sehr frühmorgens stattfinden und keine anderen
Lärmquellen vorhanden sind, werden die Emissionen gut wahrgenommen werden können. Wir gehen
deshalb davon aus, dass der Lärm frühmorgens störend sein kann und Aufwachreaktionen zu
erwarten sind."
Das Lärmgutachten zieht das Fazit, dass die Post-Zustellstelle die Planungswerte einhält
und sich die Lärmsituation durch die Projektänderung insbesondere subjektiv markant
verbessert hat. Auf Grund der Verlagerung des Postumschlags in das Gebäudeinnere
müssen gemäss Antrag des Lärmgutachtens allerdings die Bauschalldämmmasse der
Gebäudehülle, insbesondere der Fassade und des Dachs, verbessert werden. Zudem ist die
Innenseite der Unterstandwand (Parkplatz Zustellfahrzeuge) absorbierend auszukleiden.43
d) Das beco hat eine Stellungnahme eingereicht und einen ersten Zusatzbericht verfasst.
Bezüglich Anwendung des OPR weist es darauf hin, dass dieses nicht angewendet werden
könne, da vorliegend übergeordnetes Recht (USG und LSV) massgebend sei.44 Das beco
beurteilte in seinem ersten Bericht insbesondere die vom Lärmgutachter verwendeten
Pegelkorrekturen und deren Auswirkungen auf die einzelnen Teilbeurteilungspegel und den
Beurteilungspegel (Gesamtpegel).45 Nach Eingang der Projektänderung wurde das beco
gebeten, die gemäss überarbeitetem Lärmgutachten getätigten Berechnungen bezüglich der
Aus- und Einladetätigkeiten im Innern des Gebäudes gemäss der Beilage 3 «Details zur
43 Lärmgutachten Projektänderung Ziff. 6.1 44 Stellungnahme vom 9. Mai 2018, Akten BVE, pag. 56 45 Verfügung RA vom 6. Juli 2018, Akten BVE, pag. 70 ff.
RA Nr. 110/2018/64 16
Berechnung der Abstrahlung der Gebäudehülle» bzw. den Beilagen 6 und 7 in einem zweiten
Zusatzbericht zu überprüfen. Schliesslich wurde das beco um Beurteilung der neu
berechneten Teilbeurteilungspegel gemäss Beilage 4 und der vorgeschlagenen
notwendigen baulichen Massnahmen gebeten, was mit Einreichung des zweiten
Zusatzberichts erfolgte. Das beco attestierte dem überarbeiteten Gutachten, dass dieses
vollständig, plausibel und korrekt sei. Wenn der Betrieb der Post-Zustellstelle gemäss dem
Lärmgutachten umgesetzt und betrieben werde, würden die Grenzwerte an allen relevanten
Immissionsorten eingehalten.46
e) Bei der Post-Zustellstelle handelt es sich um eine ortsfeste Anlage im Sinne von
Art. 7 Abs. 2 USG und Art. 2 Abs. 1 LSV. Vorliegend handelt es sich unbestrittenermassen
um eine neue Anlage, da als neue ortsfeste Anlagen auch alle Anlagen gelten, deren Zweck
vollständig geändert wird (Art. 2 Abs. 2 LSV). Das zu beurteilende Bauvorhaben hat daher
grundsätzlich gemäss Art. 8 Abs. 4 LSV als Änderung einer neurechtlichen Anlage die
Anforderungen von Art. 7 LSV einzuhalten.47 Zudem dürfen neue ortsfeste Anlagen nur
errichtet werden, wenn die durch diese Anlagen allein erzeugten Lärmimmissionen die
Planungswerte in der Umgebung nicht überschreiten (Art. 23 USG, Art. 25 Abs. 1 USG,
Art. 7 Abs. 1 Bst. b LSV). Durch den Betrieb allenfalls verursachte Lärmimmissionen sind,
wenn sie schädlich oder lästig werden könnten, nach dem Vorsorgeprinzip von Art. 1 Abs. 2
USG frühzeitig zu begrenzen.
Aussenlärmimmissionen ortsfester Anlagen werden anhand der Belastungsgrenzwerte nach
den Anhängen 3 bis 8 der LSV ermittelt (Art. 40 Abs. 1 LSV). Gemäss Anhang 6 der LSV,
der die Belastungsgrenzwerte für Industrie- und Gewerbelärm regelt, gelten Planungswerte
von 55 dB(A) (ES II) bzw. 60 dB(A) (ES III) für den Tag bzw. von 45 dB(A) (ES II) sowie von
50 dB(A) (ES III) in der Nacht. Das Vorhaben selbst liegt in der Wohn- und Gewerbezone
WG3. Für diese gilt die Empfindlichkeitsstufe III (Art. 11 GBR48). Es sind demnach mässig
störende Betriebe zulässig (Art. 43 Abs. 1 Bst. c LSV sowie auch Art. 11 GBR).
Als Lärmphasen "i" einer Anlage werden Zeitabschnitte bezeichnet, in denen am
Immissionsort hinsichtlich Schallpegelhöhe, Ton- und Impulshaltigkeit ein einheitlicher Lärm
46 Zweiter Zusatzbericht beco vom 17. Dezember 2018 47 Bger 1C_278/2010 vom 31. Januar 2011, E. 3.1, mit weiteren Hinweisen 48 Baureglement der Einwohnergemeinde Saanen vom 11. März 2011 (GBR), genehmigt vom Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) am 16. Februar 2012, Stand 8. Dezember 2017
RA Nr. 110/2018/64 17
einwirkt. Der Beurteilungspegel Lr für die Lärmphasen "i" werden getrennt für den Tag (07
bis 19 Uhr) und die Nacht (19 bis 07 Uhr) berechnet. Der Beurteilungspegel Lr,i ergibt sich
aus dem bewerteten Mittelungspegel und verschiedenen Pegelkorrekturen, die der
Störwirkung des Lärms Rechnung tragen. Dieser wird durch folgende Formel ausgedrückt:
Lr,i = Leq (Mittelungspegel) + K1 (Pegelkorrektur pro Lärmphase) + K2 (Pegelkorrektur für
die Hörbarkeit des Tongehalts des Lärms am Immissionsort) + K3 (Pegelkorrektur für die
Hörbarkeit des Impulsgehalts des Lärms am Immissionsort) + 10 · log (ti/to), wobei "ti" der
durchschnittlichen täglichen Dauer der Lärmphase in Minuten und "to" 720 min, d.h. der
Dauer des Tages bzw. der Nacht entspricht (Anhang 6 Ziff. 31 Abs. 2 LSV).49
f) Nach der Rechtsprechung muss bei neuen ortsfesten Anlagen im Hinblick auf die
Einhaltung der Planungswerte ein Immissionsniveau eingehalten werden, bei dem
höchstens geringfügige Störungen auftreten. Dabei ist eine objektivierte Betrachtung unter
Berücksichtigung von Personengruppen mit erhöhter Empfindlichkeit vorzunehmen (vgl.
Art. 13 Abs. 2 USG).50 Für die Beurteilung der Störung sind verschiedene Faktoren bei der
Quelle und beim Empfänger zu berücksichtigen. So kommt es auf den Charakter des Lärms,
den Zeitpunkt und die Häufigkeit der Lärmereignisse an sowie auf die Lärmempfindlichkeit
des betroffenen Gebietes (ES) und die Lärmvorbelastung der betroffenen Nutzungszone
(d.h. den normalen Hintergrundpegel).51 Soweit sich die Beschwerdeführerinnen auf die
Ruhezeiten gemäss OPR der Gemeinde Saanen berufen, ist zu beachten, dass mit der LSV
und den Belastungsgrenzwerten in Anhang 6 der Lärmschutz für Industrie- und
Gewerbelärm bereits geregelt ist. Die Gemeinden sind an dieses übergeordnete Recht
gebunden und können keine abweichenden Bestimmungen erlassen. Insofern ist Art. 37 des
OPR der Gemeinde Saanen im Zusammenhang mit den Belastungsgrenzwerten der LSV zu
lesen. Eine Verschärfung dieser bundesrechtlichen Grenzwerte kann mit Art. 37 OPR der
Gemeinde Saanen nicht vorgenommen werden.
g) Die umstrittene Post-Zustellstelle liegt in der Wohn- und Gewerbezone WG3 (ES III).
In südwestlicher Richtung grenzt die Parzelle an die Wohnzone W3a (ES II). Gemäss
Lärmgutachten wurden die verschiedenen Tätigkeiten der strittigen Post-Zustellstelle je einer
49 Vgl. "Ermittlung und Beurteilung von Industrie- und Gewerbelärm", Vollzugshilfe für Industrie- und Gewerbeanlagen, herausgegeben vom Bundesamt für Umwelt BAFU, Bern 2016, Ziff. 3.3.2, S. 18 50 BGE 123 II 325 E. 4.d.bb; Urs Walker, Umweltrechtliche Beurteilung von Alltags- und Freizeitlärm, in URP 2009, S. 65, 78 ff. 51 "Beurteilung Alltagslärm", Vollzugshilfe im Umgang mit Alltagslärm, herausgegeben vom Bundesamt für Umwelt BAFU, Bern 2014, S. 17
RA Nr. 110/2018/64 18
Lärmphase zugeordnet, die separat insbesondere mit Bezug auf die Pegelkorrekturen K1
bis K3 beurteilt wurden.52 Aus der unter Erwägung 7c abgebildeten Tabelle ergeben sich
tagsüber die folgenden Tätigkeiten:
- Abfahrt Mitarbeitende (zwischen 11:30 Uhr und 15:30 Uhr)
- Beladen der Zustellfahrzeuge auf dem Vorplatz (ab 07:00 Uhr)
- Abfahrt Zustellung (ab 07:30 Uhr)
- Rückfahrt Zustellung (11:30 Uhr bis 15.30 Uhr)
Die Tätigkeit "Parkplatz Mitarbeitende und Zustellfahrzeuge" findet sowohl tagsüber als auch
nachts, d.h. ab 05:30 Uhr statt. Die in der Beilage 4 des Gutachtens dargestellten
Berechnungen der Teilbeurteilungspegel Lr,i der Lärmphasen pro Immissionspunkt
berücksichtigen den Mittelungspegel, was zu einer Lärmverdünnung führt. Mit den
Pegelkorrekturen K1 von "5", einer Korrektur für den Tongehalt (K2) von "2" und für die
Impulshaltigkeit (K3) von "4" wurden die Vorgaben gemäss Anhang 6 Ziff. 33 Abs. 1 bis 3
LSV genügend berücksichtigt.53 Für die erwähnten Tätigkeiten, die tagsüber stattfinden, d.h.
die An- und Abfahrt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das Beladen und die Abfahrt der
Zustellfahrzeuge sowie deren Rückkehr wie auch das Parkieren jeweils ab 07:00 Uhr
ergeben sich auf Grund der ermittelten Teilbeurteilungspegel (inkl. Pegelkorrekturen und
zeitlicher Verdünnung) keine Bedenken. Am Immissionspunkt in der ES II beträgt der
höchste Wert 27,7 dB(A) für die Tätigkeit "An- und Abfahrt der Mitarbeiter" während die
höchsten Werte in der ES III maximal 44 dB(A) für die Tätigkeit "An- und Abfahrt der
Mitarbeiter" bzw. 45 dB(A) für das "Beladen der Zustellfahrzeuge" betragen.54 Als
Zwischenergebnis kann festgehalten werden, dass vorliegend die Planungswerte von 55
dB(A) (ES II) bzw. 60 dB(A) (ES III) für sämtliche Tätigkeiten bzw. Lärmphasen, die dem Tag
zugeordnet werden, deutlich eingehalten sind. Auch der Beurteilungspegel des
Gesamtbetriebs Lr ist bei jedem Immissionspunkt eingehalten.55
h) Umstritten sind insbesondere die Tätigkeiten bzw. Lärmphasen, die frühmorgens
zwischen 05.30 und 07.00 Uhr stattfinden und gemäss Anhang 6 der LSV der Nacht
52 Vgl. "Ermittlung und Beurteilung von Industrie- und Gewerbelärm", Vollzugshilfe BAFU, a.a.O., S. 17 53 Vgl. Lärmgutachten Projektänderung, Beilage Nr. 1 54 Vgl. Lärmgutachten Projektänderung, Beilage Nr. 4 55 Lärmgutachten Projektänderung, Ziff. 5.2, Tabelle
RA Nr. 110/2018/64 19
zugeordnet werden. Diese betreffen gemäss der Tabelle (vgl. E. 7c) die folgenden
Tätigkeiten:
- Anfahrt Mitarbeitende (zwischen 05:30 Uhr und 06:00 Uhr)
- An- und Ablieferung (05.45 - 07.00 Uhr)
- Rangierarbeiten der LKW (05.45 - 07.00 Uhr)
- Zufuhr der Sendungen (05.45 - 07.00 Uhr)
- Abtransport Leergut (05.45 - 07.00 Uhr)
Wie bereits erwähnt, findet die Tätigkeit "Parkplatz Mitarbeitende und Zustellfahrzeuge"
sowohl tagsüber als auch nachts, d.h. ab 05.30 Uhr statt. Die Anfahrten der Mitarbeitenden,
der An- und Ablieferung (Fahrten der LKW) und der Zustellfahrzeuge wurden laut Gutachten
mit Hilfe des Berechnungsmodells STL86+ berechnet, wobei die Fahrwege ab
Parzellengrenze bis zu den jeweiligen Zielen auf der Parzelle (Parkplatz, Vorplatz,
Unterstand westseitig) berücksichtigt wurden. Die Tätigkeit "Parkplatz Mitarbeitende und
Zustellfahrzeuge" wurde auf Grund der VSS-Norm56 640 578 «Lärmimmissionen von
Parkierungsanlagen» beurteilt. Was die Lärmphase "Rangieren der LKW" vor dem Gebäude
anbelangt, so wurde beruhend auf den in Gstaad erfassten Rangiertätigkeiten ein
Zeitaufwand von 6 Minuten pro LKW für den Standort Saanen berechnet. Daraus ergibt sich
für drei LKW's eine Rangierzeit von 18 Minuten. Diese Einwirkzeit auf Basis der Messungen
in Gstaad berücksichtigt die Zusammenlegung dreier Standorte und ist nicht zu
beanstanden.57 Für diese Lärmphase wurde laut Gutachten mit einer Pegelkorrektur K1 von
"0", einem Wert für den Tongehalt (K2) von "2" und einer Pegelkorrektur K3 für die
Impulshaltigkeit von "4" gerechnet.58 Gemäss «Checkliste Industrie- und Gewerbelärm»59 ist
für Manövriervorgänge ein Zuschlag K1 wie für den Güterumschlag zu vergeben, was
gemäss Anhang 6 der LSV einer Pegelkorrektur K1 von "5" entspricht. Aber selbst bei
Erhöhung der Pegelkorrektur K1 von "0" auf "5" für die Rangierarbeiten der LKW's wären die
Planungswerte immer noch deutlich eingehalten, da sich jeder Teilbeurteilungspegel durch
die Anpassung der Pegelkorrektur K1 um lediglich 0,50 dB(A) erhöhen würde.60 Die im
Gutachten als "Zufuhr der Sendungen" und "Abtransport Leergut" bezeichneten Tätigkeiten
56 Schweizerischer Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) 57 Lärmgutachten Projektänderung, Ziff. 4.2 58 Vgl. Lärmgutachten Projektänderung, Beilage Nr. 1 59 beco, Checkliste Industrie- und Gewerbelärm: Kurzanleitung zur Erarbeitung von Lärmgutachten und Umweltverträglichkeitsberichten, Vollzugspraxis im Kanton Bern, Ausgabe Februar 2014, S. 10 http://www.cerclebruit.ch/enforcement/6/600_beco-wirtschaft-industrie-gewerbe-laerm-checkliste.pdf 60 Vgl. erster Zusatzbericht beco vom 23. Juli 2018, Dossier BVE, pag. 74
http://www.cerclebruit.ch/enforcement/6/600_beco-wirtschaft-industrie-gewerbe-laerm-checkliste.pdf
RA Nr. 110/2018/64 20
finden nach der Projektänderung im Gebäude statt und stellen somit nicht mehr die
lärmintensivste Tätigkeit dar. Entgegen den Vorbringen der Beschwerdeführerinnen
enthalten weder das Betriebskonzept noch das Lärmgutachten diesbezüglich
widersprüchliche Aussagen. Mit der Verlegung des Postumschlags ins Gebäudeinnere
finden entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerinnen vor den Schlafzimmern der
umliegenden Wohnhäuser vor 07.00 Uhr keine "Abladetätigkeiten" statt. Erst nach 07.00 Uhr
werden die Zustellfahrzeuge auf dem Vorplatz beladen (vgl. E. 7g). Die in diesem
Zusammenhang von den Beschwerdeführerinnen als besonders betroffen genannte
Liegenschaft an der J._strasse Nr. 19 (N._) ist von den Abladetätigkeiten
ohnehin nicht betroffen, da sie an der Zufahrtsstrasse zum Vorhaben liegt (vgl. E. 10).
Die Teilbeurteilungspegel Lr,i der genannten Tätigkeiten wurden gemäss Lärmgutachten
nach Immissionspunkt und Tätigkeit sortiert nach absteigenden Pegeln in der Nacht
erfasst.61 Am Immissionspunkt an der J._strasse Nr. 70, EG (ES II) liegen die
Teilbeurteilungspegel zwischen 3 dB(A) und 31,4 dB(A), wobei die "Anfahrt Mitarbeitende"
als die lauteste Tätigkeit in Erscheinung tritt. In der gleichen Liegenschaft im OG (ES II)
liegen die Teilbeurteilungspegel zwischen 3 dB(A) und 29,5 dB(A), wobei hier das Parken
der Zustellfahrzeuge mit 29,5 dB(A) als lauteste Tätigkeit wahrgenommen wird. Im Gebäude
J._strasse Nr. 72, Fenster Nord, (ES III) ergeben sich Teilbeurteilungspegel
zwischen 2,1 dB(A) und 47,9 dB(A), wobei auch hier die "Anfahrt Mitarbeitende" mit 47,9
dB(A) den höchsten Wert erreicht. Für die Immissionspunkte im Gebäude Nr. 76 (ES III)
liegen die Teilbeurteilungspegel im EG zwischen 8 dB(A) und 42,4 dB(A) und im 1. OG
zwischen 7,3 dB(A) und 42,4 dB(A). Als lauteste Tätigkeiten schlagen hier die
Rangierarbeiten der LKW's (in der Beilage Nr. 4 als LKW-Manöver bezeichnet) zu Buche.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Teilbeurteilungspegel Lr,i der
umstrittenen nächtlichen Tätigkeiten an allen Immissionspunkten unter den für die Nacht
geltenden Planungswerten von 45 dB(A) (ES II) sowie von 50 dB(A) (ES III) liegen. Auch der
Beurteilungspegel des Gesamtbetriebs Lr, der auf der (energetischen) Addition der
Teilbeurteilungspegel Lr,i beruht, ist bei jedem Immissionspunkt eingehalten.62 Insgesamt
führt die Projektänderung im Vergleich zum ursprünglichen Vorhaben zu einer Reduktion der
Teilbeurteilungspegel. Daher lässt sich gemäss den überzeugenden Erhebungen des
61 Lärmgutachten Projektänderung, Beilage Nr. 4 62 Lärmgutachten Projektänderung, Ziff. 5.2, Tabelle
RA Nr. 110/2018/64 21
Lärmgutachtens, die vom beco als korrekt befunden worden sind, festhalten, dass die Post-
Zustellstelle die Grenzwerte bzw. Planungswerte für Industrie- und Gewerbelärm gemäss
Anhang 6 Ziff. 2 einhält.
i) Auch bei Einhaltung der Planungswerte ist im Rahmen des Vorsorgeprinzips im
Einzelfall zu prüfen, ob zusätzliche Emissionsbegrenzungen erforderlich sind.63 Dem
Vorsorgeprinzip zufolge sind Lärmemissionen so weit zu begrenzen als dies technisch und
betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist (Art. 11 Abs. 2 USG und Art. 7 Abs. 1
Bst. a LSV).64 Aus dem Vorsorgeprinzip lässt sich indessen nicht ableiten, von Emissionen
Betroffene hätten überhaupt keine Belastungen hinzunehmen. Das besagte Prinzip hat
hinsichtlich der Immissionen "nicht zwingend eliminierenden Charakter, doch es leistet
jedenfalls einen Beitrag zu deren Begrenzung"65.
Gemäss Lärmgutachten sind bauliche Massnahmen zur Schalldämmung möglich.66 So
muss zum einen das Bauschalldämmmass der Bauteile und der Fassade R'w+C ≥ 25 dB
betragen. Dazu ist "aller Voraussicht nach" eine schalltechnische Ertüchtigung des Dachs
und der Holzfassade notwendig und ein Ersatz der transparenten Bauteile". Zudem ist laut
Gutachten der Anschluss der Fassade an das Dach zu beachten. Die geschlossenen Tore
müssen ebenfalls ein Bauschalldämmass von R'w+C ≥ 25 dB aufweisen. Zum andern muss
die Innenseite der Unterstandwand (Parkplatz Zustellfahrzeuge) nebst der erwähnten
Ertüchtigung der Gebäudehülle zusätzlich absorbierend gedämmt werden, damit die
Lärmbelastung in westlicher Richtung (Gebäude J._strasse Nr. 70) verhindert
werden kann. Das Gutachten schlägt diesbezüglich "25 mm Holzwolle-Leichtbauplatte auf
50 mm Lattung, ausgedämmt mit Steinwolledämmplatten mit einer Rohdichte von 60 kg/m3"
vor. Diese Massnahmen erweisen sich als technisch und betrieblich möglich und sind
wirtschaftlich tragbar. Damit erweisen sie sich insgesamt als verhältnismässig. Zudem erklärt
sich der Beschwerdegegner gemäss seinen Schlussbemerkungen bereit, die geforderten
"notwendigen baulichen Massnahmen" umzusetzen. Die baulichen Massnahmen gemäss
Ziffer 6.1 werden mittels Auflage als verbindlich erklärt.
63 VGE 2017/219 vom 6. Juni 2018, E. 3.2 mit weiteren Hinweisen 64 Vgl. BGE 141 II 476 E. 3.2 sowie 124 II 517 E. 4b 65 BGE 124 II 517 E. 4.a 66 Lärmgutachten Projektänderung, Ziff. 6.1
RA Nr. 110/2018/64 22
Wie beim ursprünglichen Vorhaben müssen zudem die Eingänge schwellenlos gebaut und
die bestehenden relativ alten Fenster im Zuge der Sanierung durch handelsübliche Fenster
ersetzt werden. Schliesslich werden betriebliche Verhaltensregeln gefordert.67 Diese
vorsorglichen Massnahmen gelten nach wie vor und wurden in Ziffer 6.2. und 6.3 des
aktuellen Lärmgutachtens als bauliche bzw. betriebliche Empfehlungen aufgenommen. Auch
diese Empfehlungen werden als Auflagen verbindlich erklärt.
j) Mit der Projektänderung wurde die im ursprünglichsten Projekt am meisten störende
Tätigkeit, nämlich die Ent- und Beladung der Sammelbehälter, in das Gebäudeinnere verlegt.
In seiner Vollzugshilfe für Industrie- und Gewerbeanlagen empfiehlt das BAFU im Sinne der
Vorsorge für den Güterumschlag in der Nacht, bei Betrieben mit täglichem Güterumschlag,
dass der "Umschlagbereich abgeschlossen gestaltet" werden sollte.68 Mit der
Projektänderung wurde diese Empfehlung umgesetzt. Damit stellt das Ent- und Beladen der
Sammelbehälter nicht mehr die lärmintensivste Tätigkeit des Betriebs dar und weist einen
Beurteilungspegel von durchschnittlich 27,5 dB(A) in der ES II bzw. 35 dB(A) in der ES III
auf.69 Das Gutachten kommt denn auch zum Schluss, dass die Impulse durch die
Projektänderung merklich gedämpft werden und sich die Störwirkung dadurch erheblich
reduziert. Gemäss dem Gutachten bewirkt die Projektänderung zwar rein rechnerisch (bloss)
eine leichte Reduktion der Beurteilungspegel, aber "subjektiv" würde sich "die Lärmsituation
durch die Verlegung markant" verändern.70 Mit der Projektänderung hat der
Beschwerdegegner somit dem Vorsorgeprinzip in einem wichtigen Punkt Rechnung
getragen.
k) Die Beschwerdeführerinnen rügen, dass gemäss Lärmgutachten auch mit der
Projektänderung durch die Rangierarbeiten und das Ent- und Beladen sehr früh morgens mit
Aufwachreaktionen zu rechnen sei. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung sei die
Nachtruhe geschützt. Lärm über der Aufwachschwelle sei grundsätzlich nach Mitternacht
nicht zulässig.71
67 Lärmgutachten Baubewilligung, Ziff. 6.1 und 6.2 bzw. Lärmgutachten Projektänderung Ziff. 6.2. und 6.3 68 Vgl. "Ermittlung und Beurteilung von Industrie- und Gewerbelärm", Vollzugshilfe BAFU, a.a.O., Ziff. 4.2, S. 25 69 Addition der betreffenden Teilbeurteilungspegel gemäss Lärmgutachten, Beilage Nr. 4. Dies ergibt am Standort J._strasse Nr. 70, 1. OG 27,5 dB(A) bzw. an der J._strasse Nr. 76, EG 35 dB(A) 70 Vgl. Lärmgutachten Projektänderung, Ziff. 6 71 Stellungnahme der Beschwerdeführerinnen vom 2. November 2018, Rz. 20 ff. sowie Stellungnahme vom 25. Januar 2019, Ziff. 4, Rz. 26 ff.
RA Nr. 110/2018/64 23
Wie vorangehend ausgeführt, sind die Planungswerte durch die Post-Zustellstelle
eingehalten. Alle vorgesehenen Tätigkeiten sind für einen Post-Zustellbetrieb zwingend
nötig. Auch ist es für den Postbetrieb unabdingbar, die Anlieferung und die Vorarbeiten für
den Zustellgang frühmorgens vornehmen zu können. Mit der Projektänderung und den
Auflagen gemäss Lärmgutachten werden die betrieblich möglichen und verhältnismässigen
Massnahmen im Sinne der Vorsorge umgesetzt. Weitere Massnahmen im Rahmen der
Vorsorge sind nicht ersichtlich. Weder die Gesetzgebung noch die Vorgaben der gemäss
Cercle Bruit massgebenden Vollzugshilfe des BAFU72 verlangen neben der Einhaltung der
Planungswerte und der Massnahmen im Rahmen der Vorsorge Weitergehendes.
Entsprechend kommt das Lärmgutachten zum Schluss, dass der Lärm der Post-Zustellstelle
das zulässige Mass nicht überschreitet. Die kantonale Lärmschutzfachstelle, das beco,
bestätigt diese Einschätzung.73 Die Vorinstanz hat gestützt auf diese Beurteilung die
Anforderungen des Immissionsschutzes als eingehalten erachtet.74 Dies ist rechtlich haltbar.
Die Beschwerde ist daher in diesem Punkt abzuweisen.
Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerinnen ist die zitierte Rechtsprechung des
Bundesgerichts (vorab 1C_161/2013 vom 27. Februar 2014 [Samnaun]) nicht anwendbar,
da es hier nicht um einen Sachverhalt geht, der keine Belastungsgrenzwerte kennt und direkt
gestützt auf das USG beurteilt werden müsste.
8. Erschliessung
a) Die umstrittene Post-Zustellstelle soll ab der P._strasse über die
J._strasse erschlossen werden. Die von der P._strasse abgehende
J._strasse dient der Erschliessung des Gebiets "Q._", das verschiedenen
Nutzungen (ZöN [Schwimmbad], Wohnzone, Wohn- und Gewerbezone sowie
Landwirtschaftszone) dient. Auch der in der Wohn- und Gewerbezone WG3 liegende,
bisherige Schreinereibetrieb des Beschwerdegegners wird über die J._strasse
erschlossen. Die Strecke ab der P._strasse bis zum Bauvorhaben ist ca. 350 m lang
und weist Breiten von 3,50 bis zu 4,50 m auf.
72 http://www.cerclebruit.ch/?inc=enforcement&e=6/600.html 73 Vgl. zweite Stellungnahme des beco vom 17. Dezember 2018 74 Vgl. vorinstanzlicher Entscheid, Ziff. 14.1
http://www.cerclebruit.ch/?inc=enforcement&e=6/600.html
RA Nr. 110/2018/64 24
b) Nach Ansicht der Beschwerdeführerinnen ist das geplante Bauvorhaben ungenügend
erschlossen. Richtig sei, dass es sich um eine bestehende Erschliessung handle; diese
genüge aber für die Erschliessung des Vorhabens nicht. Das Vorhaben führe entgegen der
Auffassung der Vorinstanz zu einer wesentlichen und damit unzulässigen Mehrbelastung
und halte Art. 5 Abs. 1 Bst. b BauV nicht ein. Grundlage des vorinstanzlichen Entscheids
bilde die Verkehrsstudie der W._ AG, die sich ihrerseits auf Angaben des
Beschwerdegegners und nicht auf eigene Erhebungen zum aktuellen, durchschnittlichen und
täglichen Verkehrsaufkommen abstütze. Die Studie sei somit "alles andere als objektiv". Die
Anzahl Fahrten sei von Amtes wegen zu erheben. Im Übrigen berufe sich die Gemeinde
Saanen zu Unrecht auf eine Praxis zu Art. 6 Abs. 3 BauV, wonach bei einer Prüfung der
Mehrbelastung auf das dort genannte Mass abgestellt werde.75 Gemäss ihrer Stellungnahme
zur Projektänderung halten sie an der Rüge der fehlenden Erschliessung fest.76
Der Beschwerdegegner äussert sich zur Erschliessungsfrage nicht, sondern verweist auf
den vorinstanzlichen Entscheid und seine Beschwerdeantwort vom 5. Dezember 2016.
Die Gemeinde Saanen beruft sich hinsichtlich der Erschliessungssituation auf den
angefochtenen Entscheid. Darin weist sie darauf hin, dass die geplante Umnutzung nicht zu
einem "massiv erhöhten Verkehrsaufkommen" führe. Zudem sei diese Zusatzbelastung im
Lichte von Art. 5 BauV sowie Art 6 BauV nicht zu beanstanden.
Das TBA OIK I hatte im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens auf die Erstellung eines
Amtsberichts verzichtet, da das Vorhaben "nicht an einer Kantonsstrasse" und damit
ausserhalb des Zuständigkeitsbereichs des TBA OIK I liege.77 Im Beschwerdeverfahren
wurde vom TBA OIK I ein Fachbericht eingeholt.
c) Bauvorhaben dürfen nur bewilligt werden, wenn das Baugrundstück genügend
erschlossen ist (Art. 7 Abs. 1 BauG). Die strassenmässige Erschliessung gilt dann als
genügend, wenn die Zufahrtsstrasse "hinreichend nahe" an die geplanten Bauten und
Anlagen heranführt und diese für Wehrdienste und Sanität gut erreichbar sind (Art. 7 Abs. 2
75 Zufahrt für nicht mehr als 20 Wohnungen oder verkehrsmässig gleichbedeutende Nutzung 76 Stellungnahme vom 2. November 2018, Ziff. 2, Rz. 12 77 Vgl. Vorakten, Baugesuch Nr. 2016-060, E-Mail vom 21. April 2016 des zuständigen Projektleiters TBA OIK I an die Gemeinde Saanen
RA Nr. 110/2018/64 25
Bst. a BauG). Die Erschliessungsstrassen müssen weiter den Beanspruchungen
gewachsen sein, die sich aus der Nutzung des Baugrundstücks und der weiteren
Grundstücke ergeben können, denen sie nach der Planung zu dienen bestimmt sind (Art. 7
Abs. 3 BauG). Nach Art. 8 BauG umschreibt der Regierungsrat die Anforderungen an eine
genügende Erschliessung (Abs. 1). Er ordnet namentlich auch die Fälle, in denen eine
bestehende Erschliessungsstrasse als genügend geltend kann, obgleich sie den
Anforderungen an eine Neuerschliessung nicht entspricht (Abs. 2 Bst. a) und die für
besondere Fälle möglichen Erleichterungen oder geltenden strengeren Anforderungen
(Abs. 2 Bst. b). Demnach genügen bestehende Erschliessungsanlagen für Bauvorhaben in
einem weitgehend überbauten Gebiet oder ausserhalb der Bauzone dann, wenn die
insgesamt zu erwartende Mehrbelastung verhältnismässig gering ist und die
Verkehrssicherheit und Brandbekämpfung gewährleistet sind (Art. 5 Bst. a BauV78).
d) Es ist unbestritten, dass die J._strasse die Anforderungen an eine neue
Erschliessungsstrasse nicht genügt (so auch Fachbericht des TBA OIK I, Ziff. 3.1). Bei der
bestehenden Erschliessungsanlage ist vorab zu prüfen, ob die zu erwartende Mehrbelastung
verhältnismässig gering ist (Art. 5 Bst. a BauV).
Für die Beurteilung der Verhältnismässigkeit der insgesamt zu erwartenden Mehrbelastung
ist auf die nach den geltenden Zonenvorschriften gesamthaft mögliche Nutzung abzustellen.
Die Mehrbelastung muss im Verhältnis zum gegenwärtigen Verkehrsaufkommen
verhältnismässig gering sein.79 Eine erwartete Verdoppelung des Verkehrsaufkommens
bedeutet nicht automatisch, dass die Mehrbelastung nicht mehr gering ist. Wesentlich sind
auch die örtlichen Verhältnisse (bisherige Nutzung, Fahrbahnbreite, Länge und
Übersichtlichkeit der Zufahrt) sowie die Benützerkategorien (PW, Lastwagen, Schulkinder,
usw.).80
Zur Beurteilung der verkehrsmässigen Mehrbelastung hielt das TBA OIK I Folgendes fest: "[...] Die bereits heute durch die J._strasse erschlossenen Liegenschaften generieren
gemäss Verkehrsstudie K._ AG einen durchschnittlichen täglichen Verkehr von gut 300
Fahrten. Nach unserer Abschätzung ergibt sich auf Grund der Bebauung im Erschliessungsgebiet ein
Verkehrsaufkommen von 300 bis 400 Fahrten pro Tag.
78 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 79 BVR 2004 S. 412 E. 4.3 80 VGE 2012/208 vom 31. Januar 2013 E. 3.2; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 7/8 N. 10
RA Nr. 110/2018/64 26
Für die Berechnung der Mehrbelastung ist das von der Schreinerei bisher erzeugte Aufkommen mit
der durch das Vorhaben generierten Anzahl Fahrten zu vergleichen. Gemäss Verkehrsstudie der
K._ AG erzeugt die Post-Zustellstelle durchschnittlich 95 Fahrten pro Tag. Die Zahl ist nach
unserer Meinung plausibel begründet und berechnet. Die durch die Schreinerei bisher generierte
Anzahl Fahrten ist nicht einfach zu eruieren. Die Zahlen der Verkehrsstudie der K._ AG sind
umstritten. (...) "Für unsere Berechnung treffen wir folgende Annahmen: Es werden nur zweidrittel der
Parkplätze (16) für den Betrieb der Schreinerei genutzt und davon sind dreiviertel (12)
Personalparkplätze, die 2 Fahrten pro Tag generieren. Die übrigen 4 Parkplätze erzeugen
durchschnittlich 3 bis 4 Fahrten pro Tag. Somit ergeben sich ca. 36 bis 40 Fahrten von
Personenwagen, zu denen noch ca. 4 Fahrten für die Anlieferung und einige für den Gütertransport
dazu kommen. Insgesamt resultiert somit aus dem Betrieb der Schreinerei ein durchschnittliches
Verkehrsaufkommen von konservativ geschätzt 40 bis 50 Fahrten pro Tag.81 Mit dem Betrieb der
Post-Zustellstelle wird das auf dem Areal der ehemaligen Schreinerei verursachte
Verkehrsaufkommen um ca. 55 Fahrten, das Verkehrsaufkommen insgesamt auf der
J._strasse auf ca. 350 bis 450 Fahrten pro Tag erhöht. Die Mehrbelastung von weniger als
20 % beurteilen wir als verhältnismässig gering.
Umgerechnet auf die Spitzenstunde ergibt sich aus der zukünftigen Gesamtbelastung eine
Fahrtenanzahl von höchstens 40 bis 60 pro Stunde. Dies ergibt in den Spitzenstunden ungefähr 1
Fahrt pro Minute. Daher darf man davon ausgehen, dass Begegnungsfälle von Fahrzeugen dank der
vorhandenen Ausweichstellen gut abgewickelt werden können und nur sehr selten Rückwärtsfahrten
notwendig sind. Die Verkehrssicherheit ist daher unter Berücksichtigung der oben erwähnten
Umstände auch mit der Mehrbelastung ausreichend gewährleistet."82
Das TBA OIK I erachtet für die Berechnung der Mehrbelastung gemäss Art. 5 Bst. a BauV
einerseits die Zahlen der Verkehrsstudie der K._ AG als massgebend, die auf der
J._strasse von einem durchschnittlichen täglichen Verkehr von 311 Fahrten pro Tag
ausgeht. Zudem geht das TBA OIK I auf Grund der Bebauung und Erschliessungssituation
von einem Verkehrsaufkommen pro Tag von 300 bis 400 Fahrten aus. Diese Berechnungen
sind schlüssig, weshalb sich entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerinnen eine
(zusätzliche) Fahrtenerhebung für die bisherige Schreinerei des Beschwerdegegners nicht
als notwendig erweist.
81 Gemäss Verkehrsstudie der K._AG zur «Post-Zustellstelle Saanen» vom 8. Februar 2016, im Auftrag von "Post Immobilien" (nachfolgend Verkehrsstudie) wird von 80 Fahrten pro Tag (4 LKW und 76 PW) ausgegangen, a.a.O., S. 1 82 Fachbericht Erschliessung des TBA OIK I vom 5. November 2018, Ziff. 2
RA Nr. 110/2018/64 27
Laut Verkehrsstudie generiert die neue Post-Zustellstelle 95 Fahrten pro Tag. Das TBA OIK I
erachtet diese Zahl als plausibel begründet. Während die erwähnte Studie für den bisherigen
Schreinereibetrieb des Beschwerdeführers 80 Fahrten veranschlagte, rechnet das TBA OIK I
mit "konservativ" gerechneten 40 bis 50 Fahrten pro Tag. Von diesen "konservativen"
Rechnungen aus, gelangt das TBA OIK I zum Schluss, dass die Post-Zustellstelle im
Vergleich mit dem Schreinereibetrieb des Beschwerdegegners zu einem zusätzlichen
Verkehrsaufkommen pro Tag von 55 Fahrten führen wird, was die Fahrtenzahl pro
Wochentag von den vorgängig genannten 300 bis 400 auf 350 bis 450 Fahrten erhöht. Dies
entspricht einer Mehrbelastung von weniger als 20 %.83 Da die nach Auffassung der
Beschwerdeführerinnen umstrittene Verkehrsstudie von einer durchschnittlichen
Fahrtenzahl an einem Wochenarbeitstag von 311 Fahrten ausgeht und mit 80 Fahrten pro
Tag des bisherigen Schreinereibetriebs rechnet, resultiert gestützt auf die Verkehrsstudie
eine niedrigere Mehrbelastung: statt 311 wären es 326 Fahrten, was einer Zunahme von
4,82 % entspricht.84 Selbst bei der konservativen und schlüssigen Berechnung des TBA OIK
I, die von weniger Fahrten der ehemaligen Schreinerei ausgeht, ist durch die Post-
Zustellstelle mit einer Mehrbelastung von weniger als 20 % zu rechnen. Diese Einschätzung
ist nachvollziehbar und überzeugt. Angesichts dieser Gesamtumstände ist in
Übereinstimmung mit dem TBA OIK I somit von einer verhältnismässig geringen
Mehrbelastung durch die Post-Zustellstelle auszugehen.
e) Eine bestehende Erschliessung muss zudem die Verkehrssicherheit gewährleisten
(Art. 5 Bst. a BauV). Die Frage, ob die Verkehrssicherheit auf einer bestehenden
Erschliessungsstrasse gewährleistet ist, ist aufgrund einer Würdigung der tatsächlichen
Verhältnisse vor Ort zu beantworten. Die gesetzlichen Bestimmungen zur Fahrbahnbreite
von Neuanlagen können allerdings insoweit berücksichtigt werden, als ein massives
Abweichen davon vermuten lässt, dass die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet ist.85
Das TBA OIK I beurteilte die Verkehrssicherheit der bestehenden Erschliessung des
geplanten Bauvorhabens wie folgt:
83 Vgl. Fachbericht des TBA OIK I, Ziff. 2 84 Verkehrsstudie, Ziff. 3.2.1 85 VGE 2010/301 vom 19. Oktober 2010 E. 3.3; vgl. auch Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 7/8 N. 10
RA Nr. 110/2018/64 28
"Die J._strasse weist im Abschnitt nach der Einmündung P._strasse bis zur Abzweigung der Zufahrt zur Liegenschaft J._strasse 72 unterschiedliche Breiten von ca.
3.50 m bis ca. 4.50 m auf. Die weitgehend einspurig befahrbare und leicht ansteigende Strasse ist
übersichtlich. Zur Gewährleistung von Kreuzungsmanövern sind in überblickbaren Abständen
Ausweichstellen angelegt, bei denen sich Lastwagen und Personenwagen kreuzen können. Auf
einigen Ausweichstellen und in der Einmündung der J._strasse in die P._strasse
können sich zwei Lastwagen kreuzen. [...]
Rechnet man das relativ kleine Verkehrsaufkommen von gut 300 Fahrten pro Tag auf die
Spitzenstunde um, ergibt sich eine Fahrtenanzahl von höchstens 30 bis 40 pro Stunde. Dies ergibt in
den Spitzenstunden ungefähr eine Fahrt pro eineinhalb Minuten. Daher darf man davon ausgehen,
dass Begegnungsfälle von Fahrzeugen dank der vorhandenen Ausweichstellen gut abgewickelt
werden können und nur selten Rückwärtsfahrten notwendig sind. Denn die Sichtweiten sind für das
rechtzeitige Erkennen von entgegenkommenden Fahrzeugen ausreichend. Sollten einzelne
Fahrzeuge zu spät erkannt werden, so werden wohl auch zwischen den Ausweichstellen liegende,
private Flächen zum Kreuzen verwendet. Die Verkehrssicherheit ist wegen der geringen
Fahrbahnbreite und der damit verbundenen niedrigen Geschwindigkeit sowie wegen der
Übersichtlichkeit auch in Bezug auf Begegnungsfälle zwischen Fahrzeugen und Fussgängern
gewährleistet. Die bestehende Erschliessung wird für das geplante Bauprojekt gesamthaft als
ausreichend beurteilt."86
Die Kreuzungsmöglichkeiten auf der J._strasse generell wie beim Gebäude
J._strasse Nr. 19 beurteilte das TBA OIK I wie folgt: "Wie erwähnt ist die J._strasse weitgehend einspurig befahrbar und weist in überblickbaren
Abständen Ausweichstellen auf, bei denen sich auch Lastwagen mit Personenwagen kreuzen können.
Im Abschnitt zwischen der P._strasse und Gebäude J._strasse 15 sind die
Ausweichstellen Bestandteil der Strasse und liegen auf öffentlichem Grund. Auf diesem Abschnitt sind
genügend Kreuzungsmöglichkeiten in Sichtdistanz vorhanden, so dass die Verkehrssicherheit
gewährleistet ist."
Zwischen der J._strasse 15 und der Zufahrt zur ehemaligen Schreinerei bildet die
Abzweigung auf Höhe Gebäude J._strasse 1987 die einzige Kreuzungsmöglichkeit auf
öffentlichem Grund. Die Abzweigung teilt den ca. 130 m langen Abschnitt in zwei fast gleich lange
Teilstrecken, die beide übersichtlich sind. Auf Grund der Verkehrsbelastung genügen die
Kreuzungsmöglichkeiten auf öffentlichem Grund auch auf diesem Abschnitt, um die
86 Fachbericht des TBA OIK I, Ziff. 1 87 Vgl. Akten BVE, Foto Beschwerdeführerinnen, pag. 69
RA Nr. 110/2018/64 29
Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Zusätzlich könnten und dürften in der Realität auch
Ausweichmöglichkeiten auf privatem Grund zum Kreuzen genutzt werden.
Wir erachten den Ausbaugrad der J._strasse somit als angemessen."88
Zur zweiten Voraussetzung von Art. 5 Bst. a BauV, der Verkehrssicherheit, führte das TBA
OIK I aus, diese sei mit der bestehenden Situation grundsätzlich gewährleistet. Der
überzeugenden Fachmeinung des TBA OIK I kann gefolgt werden. Die weitgehend einspurig
befahrbare und leicht ansteigende J._strasse ist übersichtlich. Zur Gewährleistung
von Kreuzungsmanövern sind in überblickbaren Abständen Ausweichstellen angelegt, bei
denen sich Lastwagen und Personenwagen kreuzen können. Auf einigen Ausweichstellen
und in der Einmündung der J._strasse in die P._strasse können sich zwei
Lastwagen kreuzen. Gemäss den überzeugenden Berechnungen des TBA OIK I ergibt sich
aus der zukünftigen Gesamtbelastung eine Fahrtenanzahl von höchstens 40 bis 60 pro
Stunde, was in Spitzenstunden ungefähr eine Fahrt pro Minute ergibt. Damit kann
berechtigterweise davon ausgegangen werden, dass Begegnungsfälle von Fahrzeugen
dank der Ausweichstellen gut abgewickelt werden können und nur sehr selten
Rückwärtsfahrten notwendig sind. Angesichts dieser Gesamtumstände ist davon
auszugehen, dass die Verkehrssicherheit mit den heute bestehenden Fahrbahnbreiten
angesichts der Übersichtlichkeit der Strecke, der relativ geringen Mehrbelastung und der
bestehenden Ausweichmöglichkeiten gegeben ist. Entgegen der Auffassung der
Beschwerdeführerinnen erweist sich auf Grund der gemäss TBA OIK I dort bestehenden und
auf öffentlichem Grund liegenden Kreuzungsmöglichkeit auf Höhe des Gebäudes
J._strasse Nr. 19 die Verkehrssicherheit als ausreichend gewährleistet.
Soweit die Beschwerdeführerinnen geltend machen, es seien nur Kreuzungsmöglichkeiten
durch Inanspruchnahme von fremdem Boden möglich, so bestehen wie vorangehend
ausgeführt zwischen der P._strasse und dem Gebäude Nr. 15 in kurz
aufeinanderfolgenden Abständen drei Ausweichstellen, die Bestandteil der Strasse sind und
auf öffentlichem Grund liegen. Zwischen dem Gebäude Nr. 15 und dem Bauvorhaben
besteht beim Gebäude J._strasse Nr. 19 eine weitere Ausweich- bzw.
Kreuzungsmöglichkeit auf öffentlichem Grund. Selbst wenn darüber hinaus faktisch privater
Grund bzw. fremder Grund als Ausweichmöglichkeit beansprucht würde, ändert dies nichts
88 Fachbericht des TBA OIK I, Ziff. 3
RA Nr. 110/2018/64 30
an der Tatsache, dass die bestehenden und auf öffentlichem Grund liegenden Ausweich-
und Kreuzungsmöglichkeiten hinsichtlich der Verkehrssicherheit genügen.
Zusammenfassend sind entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerinnen auf der
Strecke ab der P._strasse bis zum Vorhaben vier Ausweichstellen auf öffentlichem
Grund vorhanden, darunter beim Gebäude J._strasse Nr. 19. Soweit darüber
hinaus bei Bedarf auf privatem Grund ausgewichen wird, führt dies nicht zu dessen
Widerrechtlichkeit.
f) Da die Brandbekämpfung unbestrittenermassen gewährleistet ist, sind vorliegend die
Voraussetzungen von Art. 5 Bst. a BauV erfüllt. Die bestehende strassenmässige
Erschliessung zur Post-Zustellstelle genügt demnach den gesetzlichen Vorschriften.
9. Verkehrssicherheit auf Betriebsgelände und Ein- /Ausfahrt Betriebsgelände
a) Die Beschwerdeführerinnen machen bezüglich der Projektänderung geltend, dass das
Manöver auf dem Vorplatz nur mit der kleinsten Lastwagenkategorie möglich sei. In der
Praxis werde das Manövrieren ohne Einbezug von Drittgrundstücken nicht möglich sein,
daher sei ein Augenschein mit Fahrversuchen nötig. Zudem gerieten die LKWs bei diesem
steilen Gelände im Winter ins Rutschen.89 Zudem befürchten die Beschwerdeführerinnen,
dass die LKW's künftig die gesamte J._strasse rückwärts zurück fahren müssen.90
b) Die Verkehrssicherheit auf dem Gelände beurteilte das TBA OIK I wie folgt:91
"Die Ein- und Ausfahrten auf der nördlichen Seite des Vorhabens erfordern, wie auf dem
Grundrissplan ersichtlich, jeweils zwei Rückwärtsfahrten. Das Konfliktpotential für das gesamte
Manöver erachten wir als gering. Insbesondere die erste, kurze Rückwärtsfahrt (Einfahrt in Garage)
kann als unproblematisch betrachtet werden. Die zweite Rückwärtsfahrt ist etwas länger, unter Beizug
einer Hilfsperson jedoch ebenfalls problemlos durchführbar. Der von oben kommende Verkehr wird als sehr gering eingeschätzt (zwischen 6 und 12 Fahrten pro Werktag). Selbst wenn alle oberhalb
beginnenden Fahrten (max. 6 Wegfahrten) in derselben Morgenstunde getätigt würden, ergäbe dies
lediglich eine dem Manöver entgegenkommende Fahrt etwa alle 10 Minuten. Daher ist das
89 Stellungnahme vom 2. November 2018, Beilagen 1 bis 3 90 Stellungnahme vom 25. Januar 2019 91 Fachbericht des TBA OIK I, Ziff. 4
RA Nr. 110/2018/64 31
Konfliktpotential bei der Ein- und Ausfahrt auf der nördlichen Seite des Vorhabens sehr klein und die
Verkehrssicherheit gewährleistet.
Ob die Ein- und Ausfahrt der LKWs ohne Beanspruchung fremden Bodens möglich ist, lässt sich nicht
abschliessend beurteilen. Auf dem Grundrissplan 1:100 vom 13. September 2018 (Projektänderung)
sind die berechneten Schleppkurven der notwendigen Manöver eingezeichnet. Diese wurden für den
ungünstigeren Fall (Ein- und Ausfahrt in bzw. aus Tor 2) und mit einem genügend grossen
Lastwagentyp konstruiert. Die massgebenden Überhänge und Abstände wurden berücksichtigt. Wir
erachten die Schleppkurven als korrekt konstruiert. Aus diesem Grund gehen wir davon aus, dass
sich die notwendigen Manöver gemäss dem Plan ohne Beanspruchung von fremdem Boden
ausführen lassen. Um abschliessende Sicherheit über die Machbarkeit der Manöver ohne
Beanspruchung der Parzelle H._ zu gewinnen, müssten Fahrversuche vor Ort durchgeführt
werden."
c) Gemäss Betriebskonzept bedarf es für den Postumschlag frühmorgens sechs Zu- und
Wegfahrten der LKW's, die jeweils vorwärts auf die Parzelle Nr. I._ einbiegen,
rückwärts über das Tor 2 in das Gebäude J._strasse Nr. 72 einbiegen und nach
dem Verlad das Gelände nach Ausfahrt aus dem Gebäude rückwärts über die
J._strasse wieder verlassen.92 Gemäss den schlüssigen und nachvollziehbaren
Ausführungen des TBA OIK I ist die erste Rückwärtsfahrt unproblematisch. Die zweite
längere Rückwärtsfahrt erweist sich unter Beizug einer Hilfsperson gemäss Art. 17 Abs. 2
VRV93 ebenfalls als unproblematisch. Auf Grund des geringen Verkehrsaufkommens auf der
Zufahrt, die lediglich die nördlich gelegenen Parzellen Saanen Grundbuchblatt
Nrn. O._ und R._ erschliesst, ist das Konfliktpotential durch
entgegenkommende Fahrzeuge sehr klein. Die Verkehrssicherheit ist auf Grund dieser
Umstände bei der Zufahrt durch die LKW's gegeben.
d) Die Schleppkurven der Ein- und Ausfahrt erweisen sich gemäss den eingereichten
Plänen – insbesondere dem Plan «Grundrisse» – und nach Darlegung des TBA OIK I als
korrekt. Ob die Ein- und Ausfahrt der LKW's ohne Beanspruchung von fremdem Boden
möglich ist, lässt sich nach Auffassung des TBA OIK I nicht abschliessend beurteilen. Die
Zufahrt ist gemäss den korrekt konstruierten Schleppkurven auf jeden Fall möglich. Falls
dies nicht mit allen vom Beschwerdegegner gewünschten Lastwagentypen möglich sein
92 Vgl. Betriebskonzept Projektänderung, S. 5: "Situationsplan Ein-/Auslad J._strasse" sowie Darstellung Plan Grundrisse 1:100 vom 14. Dezember 2018 93 Verkehrsregelnverordnung vom 13. November 1962 (VRV; SR 741.11)
RA Nr. 110/2018/64 32
sollte, liegt dies im Risiko des Beschwerdegegners. Bei dieser Ausgangslage konnte
vorliegend somit auf die Durchführung von Fahrversuchen verzichtet werden (vgl. auch E. 16
zur Beweisabnahme). Aus den Ausführungen des TBA OIK I lässt sich zudem nicht
entnehmen, dass es sich bei der privaten Zufahrt um eine steile Hanglage bzw. übermässig
steiles Gebiet handelt. Daher stellen allfällige Rutschungen nach allgemeiner
Lebenserfahrung vorliegend kein Problem dar. Während des Winters hat der
Beschwerdegegner bzw. die Post die nötigen Massnahmen zu ergreifen. Schliesslich finden
sich für die von den Beschwerdeführerinnen genannte Befürchtung, dass die LKW's die
ganze J._strasse rückwärts zurücklegen müssen, weder aus der Projektänderung
noch aus der Beurteilung des TBA OIK Anhaltspunkte. Die Rügen der
Beschwerdeführerinnen erweisen sich deshalb als unbegründet.
e) Hinsichtlich der Zufahrt zur Post-Zustellstelle machen die Beschwerdeführerinnen
geltend, dass seitliche Parkplätze vorhanden seien, auf denen lange Anhänger stünden. Es
bestehe ein Mietvertrag mit Herrn S._, der den Anhänger gemäss Skizze bei der
Einfahrt parkieren dürfe. Sobald ein Anhänger parkiert stehe, sei das Einbiegen zur Post-
Zustellstelle nicht mehr möglich.94
Die zum Bauvorhaben führende J._strasse (Gemeindestrasse) teilt sich nach der
J._strasse Nr. 19 und führt einerseits nach Norden, hangaufwärts in eine
Sackgasse, und andererseits bis zur Brücke über den T._bach. Vor der Brücke
zweigt links die private Zufahrt zur Post-Zustellstelle im Gebäude J._strasse Nr. 72
ab. Diese Zufahrt gehört zur Parzelle Saanen Grundbuchblatt Nr. I._ und gilt als
private Detailerschliessungsstrasse. Soweit der Beschwerdegegner mit der S._
Gartenbau AG einen Mietvertrag für das Abstellen eines Anhängers auf der gleichen Parzelle
Nr. I._ abgeschlossen haben sollte, ist dies öffentlich-rechtlich unerheblich.
Schliesslich wäre es Sache des Beschwerdegegners als Vermieter den Vertrag aufzuheben,
falls dieser für die Zufahrt ein Hindernis darstellen sollte. Die entsprechende Rüge der
Beschwerdeführerinnen erweist sich somit ebenfalls als unbegründet.
10. Lärm Verkehrsanlagen (Art. 9 LSV)
94 Stellungnahme vom 2. November 2018, Beilagen 1 bis 3
RA Nr. 110/2018/64 33
a) Die Beschwerdeführerinnen berufen sich darauf, dass der Betrieb der Post-
Zustellstelle einen zusätzlichen Mehrverkehr von mehr als 25 % und damit Lärmimmissionen
verursachten, die mit Art. 9 LSV nicht vereinbar seien. In diesem Zusammenhang seien die
Fahrten des Schreinereibetriebs von Amtes wegen zu erheben. Gemäss Stellungnahme vom
25. Januar 2019 weisen die Beschwerdeführerinnen zudem darauf hin, dass der durch die
Fahrten der LKW's verursachte Lärm bei der Liegenschaft J._strasse Nr. 19
(N._) nicht berücksichtigt worden sei.95
b) Die Gemeinde erachtet den zu erwartenden Mehrverkehr als nicht erheblich.
c) Bei der Beurteilung des Mehrverkehrsaufkommens lehnt sich die Praxis an die für die
wahrnehmbar stärkeren Lärmimmissionen im Sinne von Art. 9 Bst. b LSV entwickelten
Grundsätze an. Als wahrnehmbar gilt danach eine Erhöhung des Verkehrslärms um 1 dB(A),
was im Normalfall einer Zunahme des durchschnittlichen täglichen Verkehrsaufkommens
(DTV) von rund 25 % entspricht.96 Wie bereits unter der Erwägung 8 ausgeführt,
veranschlagte die Verkehrsstudie für den bisherigen Schreinereibetrieb 80 Fahrten. Das TBA
OIK I gelangt gemäss einer konservativen Berechnung der bisherigen Fahrten der
Schreinerei zu 40 bis 55 Fahrten pro Tag (vgl. E. 8). Laut der Verkehrsstudie würde die
Zunahme der DTV rund 4,82% betragen; aber auch gemäss der konservativen Rechnung
gemäss TBA OIK I erfolgt eine Mehrbelastung von weniger als 20 %. Damit liegt die
Zunahme des täglichen Verkehrsaufkommens unter der Grenze der "wahrnehmbar
stärkeren" Lärmimmissionen. Auch diesbezüglich erweisen sich die Berechnungen des TBA
OIK I als schlüssig, weshalb eine zusätzliche Fahrtenerhebung der Schreinerei nicht
notwendig war. Die Rügen betreffend wahrnehmbaren stärkeren Lärmmissionen durch die
Mehrbeanspruchung der Verkehrsanlage und insbesondere auf Höhe der
J._strasse Nr. 19 erweisen sich daher ebenfalls als unbegründet.
11. Zonenkonformität der Erschliessungsstrasse
a) Die Beschwerdeführerinnen sind der Auffassung, dass eine Erschliessungsstrasse, die
durch eine reine Wohnzone führe, aber der Erschliessung einer Baute in der Wohn- und
95 Stellungnahme der Beschwerdeführerinnen vom 25. Januar 2019, Rz. 26 96 VGE 2011/136 vom 21. November 2011 mit Verweis auf BGE 136 II 281 in URP 2010 S. 507
RA Nr. 110/2018/64 34
Gewerbezone diene, zonenwidrig sei und verweisen auf die bundesgerichtliche
Rechtsprechung (BGE 127 I 103 E. 7e und f).
b) Die Gemeinde weist in ihrem Entscheid darauf hin, dass sich die Situation vorliegend
vom Sachverhalt gemäss BGE 127 I 103 unterscheide. Insbesondere hinsichtlich der
Belastung unterscheide sich der angeführte Fall vom hier zu beurteilenden. Der
Beschwerdegegner äussert sich in seiner Beschwerdeantwort vom 24. Mai 2018 dazu nicht.
c) Sinngemäss kritisieren die Beschwerdeführerinnen, dass im Gebiet "Q._"
keine Wohn- und Gewerbezone hätte ausgeschieden werden dürfen und verlangen damit
eine akzessorische Prüfung der Nutzungsplanung. Ein Nutzungsplan kann in der Regel
gleich wie eine Verfügung nur unmittelbar im Anschluss an seinen Erlass angefochten
werden, d.h. er kann (mit Ausnahmen) nicht wie ein Erlass auch noch im Anwendungsfall
akzessorisch in Frage gestellt werden.97 Eine nachträgliche Anfechtung wäre nur möglich,
wenn der oder die Betroffene beim Planerlass keine Anfechtungsmöglichkeit hatte, sich die
gesetzlichen Grundlagen massgeblich geändert haben oder das öffentliche Interesse am
Plan infolge Änderung der Verhältnisse dahingefallen ist.98 Derartige Ausnahmegründe sind
vorliegend nicht gegeben. Damit präsentiert sich der Sachverhalt hier völlig anders, als
derjenige der dem von den Beschwerdeführerinnen zitierten BGE 127 I 103 zugrunde liegt
und für den das Bundesgericht wegen markanter Änderung der Verhältnisse eine
Notwendigkeit zur Überprüfung der Nutzungsplanung (Art. 21 Abs. 2 RPG) bejahte. Die
Rüge hinsichtlich fehlender Zonenkonformität der Erschliessungsstrasse erweist sich daher
ebenfalls als unbegründet.
12. Fehlender Parkplatznachweis
a) Die Beschwerdeführerinnen rügen mit Bezug auf die Projektänderung, dass damit die
Anzahl Parkplätze "erheblich reduziert" und die Zu- und Wegfahrt neu geplant werde.99
Damit seien im Minimum sämtliche Nachbarn, selbst wenn diese nicht am Einsprache- bzw.
Beschwerdeverfahren beteiligt seien, zu orientieren. Es werde bestritten, dass eine
97 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4./4. Aufl., Band I/II, Bern 2013/2017, Art. 35-35c N. 2, N. 4; Art. 60 N. 9 f.; BVR 2016 S. 222 E. 3.2 98 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Band I, Bern 2013, Art. 35-35c N. 2 Bst. b 99 Stellungnahme der Beschwerdeführerinnen vom 2. November 2018, Rz. 6
RA Nr. 110/2018/64 35
genügende Anzahl Parkplätze mit genügender Dimensionierung geplant werde. Gemäss
Angaben der Post werde der Standort mit Minibussen und nicht mit normalen
Personenwagen angefahren werden. Dies setze voraus, dass die Parkplätze grösser
dimensioniert würden.
b) Gemäss dem Entscheid der Gemeinde reichte der Beschwerdegegner am 19. Mai
2016 einen aktualisierten Parkplatznachweis ein, der genüge und korrekt sei. Die Anzahl der
Abstellplätze entspräche den Anforderungen von Art. 49 BauV.
c) Wird durch die Erstellung von Bauten und Anlagen ein Parkplatzbedarf verursacht, so
ist dafür eine ausreichende Anzahl Abstellplätze für Motorfahrzeuge zu errichten (Art. 16
Abs. 1 BauG). Die Anzahl der Abstellplätze für Fahrzeuge wird durch eine Bandbreite
begrenzt; innerhalb dieser Bandbreite legt die gesuchstellende Partei die Anzahl fest (Art. 50
Abs. 1 BauV). Für die Ermittlung der Bandbreite sind insbesondere die Geschossflächen
massgebend. Lagerräume, die weder publikumsoffen noch mit Arbeitsplätzen belegt sind,
werden nicht angerechnet (Art. 49 Abs. 2 BauV).
Gemäss dem der Baubewilligung zu Grunde liegenden Parkplatznachweis vom 2. Mai
2016100 errechnete der Beschwerdegegner auf Grund der Anzahl Wohnungen und der
übrigen Nutzung des Gebäudes eine Bandbreite von mind. 15 bis max. 41 Parkplätzen.101
Zu den 24 bestehenden Parkplätzen (21 PP und 3 PP im UG102) sind acht Parkplätze im
Unterstand an der Westseite und vier im EG des Gebäudes J._strasse Nr. 72
vorgesehen. Gemäss Baubewilligung sind vorliegend somit insgesamt 36 Parkplätze (davon
15 überdacht) vorgesehen.103 Gemäss der Projektänderung vom 14. Dezember 2018 sieht
der Plan des Erdgeschosses im EG des Gebäudes J._strasse Nr. 72 nicht mehr
(fix) vier Parkplätze vor, da der Eingangsbereich auf der Nordseite des Gebäudes gemäss
Betriebskonzept zwischen 05.45 und 07.00 Uhr für den Postumschlag (Ein- und Wegfahrt
von drei LKW's täglich) genutzt wird. Die übrige Zeit steht dieser Eingangsbereich gemäss
den Plänen und dem Betriebskonzept für das Abstellen der Fahrzeuge und Elektroroller zur
100 Mit Stellungnahme des Beschwerdegegners vom 19. Mai 2016 eingereicht; vgl. Vorakten 101 Vgl. Abstellplatzberechnung vom 2. Mai 2016, Vorakten sowie Situationsplan 1:500 vom 22. April 2016 102 Vgl. Situationsplan 1:500 vom 22. April 2016 bzw. Situationsplan zur Abstellplatzberechnung vom 2. Mai 2016, Vorakten 103 Vgl. Abstellplatzberechnung vom 2. Mai 2016, Vorakten
RA Nr. 110/2018/64 36
Verfügung. 104 Dabei handelt es sich gemäss den Angaben des Beschwerdegegners um
Elektrodreiräder und Fahrzeuge der Marke «Fiat Panda» bzw. «VW Caddy». Letztere weisen
Längen von rund 3,65 bzw. 4,9 m und Breiten von 1,64 bzw. 1,79 m auf. Der im heutigen
Zeitpunkt einzige Minibus der Marke «Fiat Ducato» weist eine Länge von 4,96 m und eine
Breite von 2,05 m auf, was sich bereits aus dem Betriebskonzept gemäss Baubewilligung
ergab. Daraus folgt, dass die Projektänderung hinsichtlich der Dimensionierung der
Fahrzeuge weder eine Anpassung der Parkplätze noch einen neuen Parkplatznachweis
erforderlich macht. Gleiches gilt für die Verlagerung des Postumschlags in das Gebäude
selbst. Schliesslich ist der gemäss Art. 16 BauG in Verbindung mit Art. 50 Abs. 1 BauV
erforderliche Parkplatzbedarf von minimal 15 und maximal 41 Parkplätzen auch abgedeckt,
wenn von den 36 Parkplätzen gemäss Baubewilligung derer vier im Nordteil des Gebäudes
nicht angerechnet werden könnten. Was den Einbezug zusätzlicher Nachbarinnen und
Nachbarn zur Projektänderung anbelangt, so war dies bei dieser Ausgangslage nicht
notwendig (vgl. vorangehende E. 2c). Die Rüge der Beschwerdeführerinnen bezüglich
Parkplatznachweis ist daher unbegründet.
13. Ästhetik
a) Die Beschwerdeführerinnen rügen, dass das Vorhaben entgegen der Auffassung der
Gemeinde keine gute Gesamtwirkung gemäss den kommunalen Vorgaben erziele. Der
Beschwerdegegner beabsichtige einen 17 m langen und 6 m breiten Anbau als
Autounterstand zu errichten sowie Garagentore in die Nordfassade des Gebäudes zu
integrieren. Dieser geplante Anbau (...) sowie die Garagentore seien atypisch und ordneten
sich nicht in das bestehende Quartierbild ein. Ein derart langer, überdachter Abstellplatz
stelle einen Fremdkörper dar und passe nicht in das Quartier. Dies gelte umso mehr, als
dass die gelben Postfahrzeuge darunter parkiert blieben, solange sie nicht auf Verteiltour
seien. Ein gelber Motorfahrzeugabstellpark vertrage sich nicht mit der Quartieridylle.105
b) Die Gemeinde weist in ihrem Entscheid darauf hin, dass die Bau- und
Planungskommission (BPK) aus ortsansässigen Architekten, Planern und Bauexperten
bestehe, die über eine qualifizierte Fachkompetenz in der Beurteilung von Bauprojekten im
104 Plan OG und EG 1:100 vom 11. Dezember 2018 bzw. Betriebskonzept Projektänderung, Situationsplan Ein- /Auslad J._strasse 105 Beschwerdeschrift, Ziff. 4.3, Rz. 82 bis 84
RA Nr. 110/2018/64 37
Saanenland und die notwendigen Ortskenntnis verfügten. Die BPK sei die gemäss Art. 22
Abs. 2 BewD zuständige Fachstelle. Gemäss Stellungnahme der Gemeinde vom 28. Januar
2019 ist nach Auffassung der BPK auch das Vorhaben gemäss Projektänderung mit dem
Ortsbild verträglich.
c) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften, Orts-
und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt die
«gute Gesamtwirkung» im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar. Eine
Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften
müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die
Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders
formulieren.106
Das Baureglement der Gemeinde Saanen107 enthält insbesondere die Bestimmung, dass
alle Bauten und Anlagen hinsichtlich ihrer Gesamterscheinung, Gebäudestellung,
Proportionen, Fassaden-, Balkon- und Dachgestaltung und der Verwendung von
Baumaterialien so auszubilden sind, dass "zusammen mit den bestehenden oder
vorauszusehenden Bauten eine gute Gesamtwirkung entsteht und die Schönheit oder
erhaltenswerte Eigenart des Strassen-, Orts- und Landschaftsbildes gewahrt bleibt" (Art. 26
Abs. 1 GBR).
Den Beschwerdeführerinnen ist insoweit beizupflichten, als diese Bestimmungen weiter
gehen als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihnen kommt daher selbständige Bedeutung zu. Der Begriff
«gute Gesamtwirkung» stellt einen unbestimmten kommunalen Gesetzesbegriff dar, bei
dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen Beurteilungsspielraum
haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten Gesamtwirkung nicht
unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die gute Gesamtwirkung ist weder an
geringen noch an besonders hohen architektonischen Qualitäten zu messen. Das bedeutet
bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass das Mittelmass der Umgebung nicht
gestört werden darf und sich eine neue Baute oder Anlage an den qualitativ hochwertigeren
106 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art.°9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen 107 Baureglement der Einwohnergemeinde Saanen vom 11. März 2011 (GBR), genehmigt vom Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) am 16. Februar 2012, Stand 8. Dezember 2017
RA Nr. 110/2018/64 38
Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren hat.108 Gestützt auf Vorschriften des
allgemeinen Ortsbild- und Landschaftsschutzes dürfen in der Regel Art oder Mass der nach
der Zonenordnung zulässigen Nutzung nicht eingeschränkt werden.109
d) Die BPK hat das Bauvorhaben ästhetisch beurteilt und nach Darlegung der Gemeinde
zur Genehmigung empfohlen. Die Gemeinde teilt diese Beurteilung durch das
fachkompetente Gremium und weist darauf hin, dass sich der Anbau gut in das bestehende
Orts- und Quartierbild einpasse. Dadurch, dass das Dach des bestehenden Hauptgebäudes
über den neuen Anbau verlängert werde und dieser von der Hauptfassade (Süd)
zurückversetzt sei, werde er von dort nicht anders wahrgenommen als ein Garagenanbau
für zwei Fahrzeuge. Dasselbe gelte für die Nordfassade. Von der Westfassade trete in erster
Linie das verlängerte Dach in Erscheinung. Nach Auffassung der Baubewilligungsbehörde
sei daher der Anbau gut in das bestehende Gebäude integriert.110
e) Die Bauparzelle befindet sich in der Wohn- und Gewerbezone WG3. Die Post-
Zustellstelle wird im Erdgeschoss des bestehenden 3-geschossigen Gebäudes
untergebracht, das im ortsüblichen Chaletstil erbaut ist. In der Umgebung befinden sich
weitere Wohngebäude (in südlicher Richtung grenzt die Wohnzone W2 an) und andere
Gewerbebauten (Schreinerei, Gartenbaubetrieb). Der Erweiterungsbau trägt dieser
(heterogenen) Umgebung Rechnung. Hinsichtlich der gerügten Länge des Anbaus ist
festzustellen, dass dieser von der Westseite her die bisherige Gebäudelänge aufnimmt und
einzig das Dach des Hauptgebäudes über diesen verlängert wird. Bezüglich der zulässigen
Gebäudemasse sieht Art. 11 GBR die maximale Geschosszahl, den minimalen
Grenzabstand und die Gebäudehöhe vor; hinsichtlich der Gebäudelänge macht die
Bestimmung keine Vorgaben. Dies spricht entgegen der Auffassung der
Beschwerdeführerinnen ebenfalls dafür, dass der Anbau/Fahrzeugunterstand weder von
seiner Dimensionierung bzw. Länge noch von seiner Art in der Wohn- und Gewerbezone der
Gemeinde atypisch ist.111 Auch die teilweise Einsehbarkeit der gelben Postfahrzeuge ist am
vorliegenden Standort in der Wohn- und Gewerbezone mit seiner heterogenen Nutzung nicht
als störend zu beurteilen. Daraus folgt, dass mit dem geplanten Anbau mit keinen
108 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 5; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1 109 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 15 mit Hinweisen 110 Vgl. vorinstanzlicher Entscheid, Ziff. 15, insbes. Ziff. 15.2 111 Vgl. Plan Fassaden 1:100 vom 11. Dezember 2018
RA Nr. 110/2018/64 39
wesentlichen Auswirkungen auf das Orts- und Landschaftsbild zu rechnen sind. Dass das
Bauvorhaben das Ortsbild oder die Landschaft beeinträchtigt, rügen die
Beschwerdeführerinnen überdies nicht substantiiert. Der Entscheid der Vorinstanz, der
gestützt auf die Empfehlung einer leistungsfähigen örtlichen Fachstelle die gute
Gesamtwirkung im Sinne von Art. 26 GBR bejaht, ist vertretbar.
14. Verletzung der Wegrechtsdienstbarkeit
a) Die Beschwerdeführerin 3 macht eine Verletzung ihrer Wegrechtsdienstbarkeit
geltend. Sie ist Eigentümerin der Parzellen Saanen Nrn. O._ und R._, die
über die Bauparzelle Nr. I._ erschlossen werden. Nach Erwerb dieser Parzellen sei
zu ihren Gunsten zu Lasten der Parzelle des Beschwerdegegners ein Wegrecht eingeräumt
worden. Aufgrund der durch das Bauprojekt befürchteten erheblichen Zunahme des
Verkehrs, werde die Situation für die dienstbarkeitsberechtigte Beschwerdeführerin
unerträglich.
b) Die Gemeinde weist in ihrem Entscheid darauf hin, dass sie nicht von einem
erheblichen Mehrverkehr ausgehe. Der von der Beschwerdeführerin 3 angeführte Entscheid
des Bundesgerichts sei vorliegend nicht anwendbar. Im Übrigen sei ihr eine
Geltendmachung vor Zivilgericht vorbehalten.112
c) Die Auslegung einer Dienstbarkeit ist ein zivilrechtlicher Vorgang, über den im
Baubewilligungsverfahren grundsätzlich nicht entschieden wird. Nach Art. 2 Abs. 1 BauG
haben die Baubewilligungsbehörden lediglich zu prüfen, ob ein Bauvorhaben den bau- und
planungsrechtlichen Vorschriften und den nach anderen Gesetzen im
Baubewilligungsverfahren zu prüfenden Vorschriften entspricht. Eine Ausnahme bilden
privatrechtliche Tatbestände, welche die Baugesetzgebung voraussetzt oder ausdrücklich
als massgebend erklärt, wie beispielsweise die rechtliche Sicherstellung einer Zufahrt über
fremden Boden.113
112 Vorinstanzlicher Entscheid, Ziff. 17.3 113 BVR 2003 S. 385 E. 4b mit vielen Hinweisen
RA Nr. 110/2018/64 40
Vorliegend geht es nicht um die Sicherstellung einer Zufahrt über fremden Boden, da sich
die Bauparzelle im Besitz des Beschwerdegegners befindet. Die Beschwerdeführerin
hingegen beansprucht die Parzelle des Beschwerdegegners, um zu ihren weiter nördlich
gelegenen Grundstücken zu gelangen. Vorliegend wird durch das Bauvorhaben primär das
Grundstück des durch die Wegdienstbarkeit belasteten Beschwerdegegners stärker belastet
und nicht die Wegberechtigte (vgl. Art. 737 ff. ZGB114). Die von der Beschwerdeführerin 3
angeführten Fallkonstellationen betreffen Sachverhalte, bei denen die oder der durch ein
Wegrecht Belastete bzw. Verpflichtete im Zuge eines Neubauvorhabens stärker belastet
wird.115 Eine allfällige Mehrbelastung müsste auf dem Zivilrechtsweg geltend gemacht
werden. Auf die Rüge der Beschwerdeführerin 3 ist daher nicht einzutreten. Dass ihre
Liegenschaften durch die Mehrbelastung nicht mehr erschlossen seien, macht die
Beschwerdeführerin 3 nicht geltend und ist offensichtlich auch nicht der Fall.
15. Verletzung des Bauverbots
a) Die Beschwerdeführerin 4 rügt die Verletzung des Bauverbots, das seinerzeit mit
Kaufvertrag von 1961 zwischen V._ und X._ begründet worden sei. Die
Vorinstanz habe vorliegend das Bauverbot zwar vorfrageweise geprüft, sei aber "zum
falschen Schluss" gelangt. Massgebend sei vorliegend der Wortlaut des Bauverbots gemäss
Ziffer 7 des Kaufvertrags. Die Gemeinde berufe sich auf einen Plan; verkenne aber, dass
dieser Plan nicht Gegenstand der Bauverbotsdienstbarkeit sei.116
b) Die Gemeinde weist in ihrem Entscheid darauf hin, dass es sich beim angerufenen
Bauverbot um ein zivilrechtliches handle, dessen Bedeutung im vorliegenden Verfahren
grundsätzlich unbeachtlich sei. Im von der Beschwerdeführerin 4 beigelegten Kaufvertrag
werde der Bauverbotsbereich "in Beilage Nr. 04 mit roter Farbe bezeichnet". Das geplante
Bauvorhaben liege ausserhalb dieses Bereichs. Zudem werde in Ziffer 7 des Vertrags
ausgeführt, dass das Gebäude Nr. 239 (heutiges Gebäude an der Farbstrasse Nr. 72)
südlich und westlich vergrössert werden dürfe. Westlich nicht weiter als die Flucht der
Bankwerkstatt und südlich maximal 5 Meter. Diese Vertragsbestimmung erscheint nach
Auffassung der Gemeinde eingehalten.
114 Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907 (ZGB; SR 210) 115 Vgl. z.B. BGE 122 III 358 116 Beschwerdeschrift, Rz. 95 ff.
RA Nr. 110/2018/64 41
c) Wie vorangehend ausgeführt, haben die Baubewilligungsbehörden gemäss Art. 2
Abs. 1 BauG lediglich zu prüfen, ob ein Bauvorhaben den bau- und planungsrechtlichen
Vorschriften und den nach anderen Gesetzen im Baubewilligungsverfahren zu prüfenden
Vorschriften entspricht. Zivilrechtliche Fragen werden im Baubewilligungsverfahren nur
ausnahmsweise geprüft, wenn die Baubewilligung den Bestand ziviler Rechte voraussetzt.117
Dies ist hier nicht der Fall. Für die Durchsetzung eines Bauverbots ist der Zivilrechtsweg
einzuschlagen.118 Auf die Rüge der Beschwerdeführerin 4 ist daher nicht einzutreten.
16. Beweisabnahme
Die Behörden stellen den Sachverhalt von Amtes wegen fest; sie sind nicht an die
Beweisanträge der Parteien gebunden (Art. 18 VRPG). Der Anspruch auf rechtliches Gehör
(Art. 21 ff. VRPG) verpflichtet aber die Behörden, die von den Parteien angebotenen
Beweise abzunehmen, sofern diese nötig sind für die Klärung des Sachverhalts. Wenn die
Behörde bei freier, pflichtgemässer Beweiswürdigung zur Überzeugung gelangt, die
vorhandenen Akten erlaubten die richtige und vollständige Feststellung des Sachverhalts
oder die behauptete Tatsache sei für die Entscheidung der Streitsache nicht von Bedeutung,
so kann sie auf das Erheben weiterer Beweise verzichten. Diese sogenannte antizipierte
Beweiswürdigung verletzt den Anspruch auf rechtliches Gehör nicht.119 Vorliegend
beantragten die Beschwerdeführerinnen das Einholen eines unabhängigen Lärmgutachtens,
eine Hörprobe, eine Fahrtenerhebung der Schreinerei sowie die Durchführung eines
Augenscheins mit Fahrversuchen. Von diesen Beweismitteln waren gemäss den
vorangehenden Ausführungen und auf Grund des Einbezugs des TBA OIK I, durch die
Ergänzung des Lärmgutachtens und das Einholen von Stellungnahmen und Zusatzberichten
beim beco keine weiteren entscheidrelevanten Erkenntnisse zu erwarten, weshalb
vorliegend darauf verzichtet werden konnte.
117 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 2 N. 4a 118 BVR 2003 S. 385 E. 4b mit vielen Hinweisen 119 BVR 2012 S. 252 E. 3.3.3, mit Hinweisen
RA Nr. 110/2018/64 42
17. Fazit und Kosten
a) Zusammenfassend ergibt sich, dass das Bauvorhaben den anwendbaren Vorschriften
entspricht. Die Beschwerde ist somit abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden kann
und die Projektänderung vom 17. September 2018 bzw. 14. Dezember 2018 ist zu
bewilligen. Der Gesamtentscheid der Gemeinde vom 23. März 2018 ist hinsichtlich der
Auflagen zu ergänzen. Im Übrigen ist der Entscheid der Gemeinde zu bestätigen.
b) Die Grundsätze der Kostenverlegung sind in Art. 108 VRPG geregelt. Demnach
werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr. Für
besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren
erhoben werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache
wird eine Pauschalgebühr von Fr. 200.– bis 4'000.– je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1
i.V.m Art. 4 Abs. 2 GebV120). In Anwendung dieser Bestimmungen wird die Pauschalgebühr
festgesetzt auf Fr. 2’800.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 20 Abs. 1 GebV). Der
Beschwerdegegner hat mit der Projektänderung den Rügen der Beschwerdeführerinnen
betreffend Lärm Rechnung getragen. Insoweit gilt er als unterliegend. Die
Beschwerdeführerinnen haben auch nach der Projektänderung an ihrer Rüge betreffend
Lärm festgehalten. Auch hinsichtlich der übrigen Rügen gelten sie als unterliegend. Es
rechtfertigt sich somit, die Verfahrenskosten zu einem Viertel dem Beschwerdegegner und
zu drei Vierteln den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Im
Ergebnis haben die Beschwerdeführerinnen daher Fr. 2'100.– und der Beschwerdegegner
Fr. 700.– an Verfahrenskosten zu tragen. Die Beschwerdeführerinnen haften solidarisch für
den gesamten ihnen auferlegten Betrag.
c) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern nicht
deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung oder
120 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2018/64 43
Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Beschwerdeführerinnen haben bei
diesem Verfahrensausgang dem Beschwerdegegner drei Viertel seiner Parteikosten zu
ersetzen. Der Beschwerdegegner wird andererseits verpflichtet, den
Beschwerdeführerinnen einen Viertel ihrer Parteikosten zu ersetzen.
Die Kostennote des Anwaltes des Beschwerdegegners gibt zu keinen Bemerkungen Anlass.
Von den Parteikosten von Fr. 6'494.30 (Honorar Fr. 5'950.–, Auslagen Fr. 80.–, zuzüglich
Mehrwertsteuer) haben die Beschwerdeführerinnen dem Beschwerdegegner drei Viertel,
ausmachend Fr. 4'870.70, zu ersetzen.
Die Beschwerdeführerinnen machen ein Honorar von Fr. 9'315.– (Honorar Fr. 8'400.–,
Auslagen Fr. 249.–, Mehrwertsteuer Fr. 666.–) geltend. Die Parteikosten umfassen den
durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG).
Nach Art. 11 Abs. 1 PKV121 beträgt das Honorar in verwaltungsrechtlichen
Beschwerdeverfahren Fr. 400.– bis Fr. 11'800.– pro Instanz. Innerhalb des Rahmentarifs
bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der Sache gebotenen Zeitaufwand sowie
der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 41 Abs. 3 KAG122).
Im vorliegenden Fall ist der gebotene Zeitaufwand als durchschnittlich bis
überdurchschnittlich zu werten. Angesichts der Baukosten gemäss Baugesuch von rund
Fr. 750'000.-- und den umstrittenen Rechtsfragen sind auch die Bedeutung der Streitsache
und die Schwierigkeit des Prozesses als durchschnittlich bzw. überdurchschnittlich
einzustufen. Daher erscheint ein Honorar von Fr. 7'050.– als angemessen. Die gesamten
Parteikosten betragen damit Fr. 7'861.– (Honorar Fr. 7'050.–, Auslagen Fr. 249.–
Mehrwertsteuer Fr. 562.–). Der Beschwerdegegner hat den Beschwerdeführerinnen davon
einen Viertel, ausmachend Fr. 1'965.25, zu bezahlen.
121 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811) 122 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11)
RA Nr. 110/2018/64 44