Decision ID: 1283a311-1f8b-5929-9936-01a279b6d991
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am (...) Dezember 2016 in der Schweiz
um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom (...) Dezem-
ber 2016 und der Anhörung vom 11. Dezember 2017 machte sie im We-
sentlichen Folgendes geltend:
Sie sei eritreische Staatsangehörige tigrinischer Ethnie, in B._ ge-
boren und habe bis zum Einzug in den Militärdienst dort gewohnt. Im Juni
(...) habe sie kurz vor Abschluss der elften Klasse die Schule abgebrochen,
um der darauffolgenden militärischen Ausbildung in Sawa zu entgehen und
ihre Eltern zuhause unterstützen zu können. (...) habe im Militärdienst (...),
sei deshalb entlassen worden und habe sich bei ihren Eltern aufgehalten.
Aufgrund des Betreuungsaufwands sei ihre Familie auf ihre Hilfe angewie-
sen gewesen. Eines Tages seien Armeemitglieder bei ihr zuhause aufge-
taucht und hätten sie zum Militärdienst aufgeboten. Ihre Mutter habe die
Soldaten vergebens um Freistellung gebeten. Deshalb habe man sie mit-
genommen und zuerst während einer Woche in C._ inhaftiert. Da-
nach habe man sie nach D._ verlegt und während drei Monaten
ausgebildet. Daraufhin sei sie nach E._ ins Militärcamp F._
verlegt worden. Sie sei dort als (...) eingeteilt worden und habe (...) müs-
sen. An diesem Stützpunkt sei es besonders schwierig gewesen, Urlaub
zu bekommen. Im Jahr 2014 sei ihre Mutter krank gewesen, weshalb sie
sie habe besuchen wollen. Der Urlaub sei ihr jedoch nicht erlaubt worden.
Da sie ihre Mutter habe unterstützen wollen, habe sie sich trotzdem vom
Militärposten entfernt. Sie sei einen Tag lang bei ihrer Mutter geblieben.
Dann habe sie sich aber zu sehr vor den Konsequenzen gefürchtet und sei
daher sofort wieder nach F._ zurückgekehrt. Nach ihrer Ankunft sei
sie aufgrund des unerlaubten Entfernens vom Posten militärisch bestraft
worden. Man habe ihre Hände hinter dem Rücken zusammengebunden,
sie in der "Otto-Stellung" gefesselt und in die Sonne gelegt. So habe sie
während 24 Stunden verharren müssen, bevor man sie wieder befreit
habe. Danach habe sie wie zuvor ihre Funktion als (...) ausgeführt. Im Jahr
2016 habe sie erfahren, dass ihre Einheit nach G._ verlegt werde.
Dies habe ihr Angst gemacht, denn sie habe nicht – wie ihre Geschwister
– das ganze Leben im Militärdienst verbringen wollen. Eine Freundin vom
Militär habe ihr anvertraut, dass sie am Tag darauf flüchten wolle. Sie habe
beschlossen, sich ihr anzuschliessen. Während ihre Einheit sich auf die
Verlegung nach G._ vorbereitet habe, habe sie – in einem Moment,
in dem der Wachposten unbesetzt gewesen sei – mit ihrer Freundin die
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Flucht ergriffen. Sie seien im (...) 2016 gemeinsam nach Tesseney und von
dort illegal über die Grenze nach Kassala gereist. Nach ihrer Ausreise hät-
ten Armeemitglieder ihre Familie zuhause aufgesucht und befragt. Ihre El-
tern hätten aber nichts von ihrer Ausreise gewusst und den Soldaten mit-
geteilt, dass sie nicht von zuhause, sondern aus deren "eigenen Händen"
geflüchtet sei.
Zum Nachweis ihrer Herkunft reichte die Beschwerdeführerin ihre eritrei-
sche Identitätskarte im Original ein. In den Akten liegt ausserdem eine
Skizze vom Ausbildungslager in D._, welche sie während der An-
hörung vom 11. Dezember 2017 angefertigt hat.
B.
Mit Schreiben vom 15. Dezember 2017 informierte die behandelnde Ärztin
die Vorinstanz, dass bei der Beschwerdeführerin (...) diagnostiziert worden
sei.
C.
Am 8. Januar 2019 teilte die Rechtsvertreterin der Vorinstanz mit, sie habe
das Mandat für die Beschwerdeführerin übernommen.
D.
Mit Verfügung vom 8. November 2019 – eröffnet am 11. November 2019 –
verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführe-
rin und lehnte ihr Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie ihre Wegweisung
aus der Schweiz und den Vollzug an.
E.
Mit Beschwerde vom 10. Dezember 2019 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragte die Beschwerdeführerin sinngemäss die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei
sie als Flüchtling vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. Subeventualiter
sei die Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um die Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin.
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Der Beschwerde legte sie das Zusatzblatt zum Kurzbericht der zur Beo-
bachtung eines fairen Verfahrens an der Anhörung anwesenden Hilfs-
werksvertretung (nachfolgend: HWV) bei.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Dezember 2019 hiess die zuständige In-
struktionsrichterin des Bundesverwaltungsgerichts die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete
der Beschwerdeführerin die obengenannte Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin bei – jeweils unter Vorbehalt des fristgerechten Einrei-
chens einer Fürsorgebestätigung. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz ein,
zum vorliegenden Beschwerdeverfahren Stellung zu nehmen.
G.
Die Beschwerdeführerin reichte mit Schreiben vom 3. Januar 2020 eine
Fürsorgebestätigung vom 23. Dezember 2019 nach.
H.
Am 6. Januar 2020 liess sich die Vorinstanz nach gewährter Fristerstre-
ckung zur Beschwerde vernehmen, worauf die Beschwerdeführerin mit
Schreiben vom 21. Januar 2020 replizierte. Der Replik legte die Rechtsver-
treterin ihre Kostennote bei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101; SR 142.31); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz
aus, die Schilderungen der Beschwerdeführerin zur vorgebrachten Haft,
zum Militärdienst in F._, zur Bestrafung durch den Vorgesetzten so-
wie zur Flucht aus dem Lager seien nicht ausreichend substanziiert aus-
gefallen und wirkten so, als hätte sie das Ganze nicht selber erlebt. Somit
seien sie nicht glaubhaft. Ihre Angaben zur einwöchigen Haft in C._
seien kurz sowie allgemein gehalten und eine persönliche Betroffenheit sei
nicht erkennbar. Auch ihre Ausführungen zum sechsjährigen Militärdienst
in F._ seien sehr oberflächlich. Sie habe bei der Nennung ihrer mi-
litärischen Einteilung Bataillon und Brigade nicht erwähnt, weshalb Zweifel
daran bestünden, ob sie überhaupt je im Militärdienst gewesen sei. Nach
ihrer Bestrafung durch ihren Vorgesetzten infolge des unerlaubten Entfer-
nens vom Militärdienst gefragt, habe sie wieder ohne erkenntliche Betrof-
fenheit geantwortet. Als sie zur Flucht aus dem Lager in F._ befragt
worden sei, sei sie zuerst ausgewichen. Dann seien ihre Antworten kurz
und allgemein gehalten ausgefallen. Ihren diesbezüglichen Erzählungen
seien wiederum kaum Details oder eine persönliche Betroffenheit zu ent-
nehmen.
Ausserdem habe die Beschwerdeführerin zu wesentlichen Punkten ihrer
Vorbringen widersprüchliche Angaben gemacht. Sie habe in der BzP er-
klärt, im Juni des Schuljahres (...) die Schule beendet zu haben. In der
Anhörung habe sie ausgesagt, (...) eingeschult worden zu sein, was be-
deuten würde, dass sie das elfte Schuljahr (...) abgebrochen hätte. Sie
habe jedoch in der Anhörung fälschlicherweise vorgerechnet, dass sie die
elfte Klasse im Jahr (...) beendet habe. Später sei sie nach ihrer Rekrutie-
rungsrunde gefragt worden und habe dies mit Runde (...) beantwortet.
Diese Runde habe jedoch im Sommer (...) begonnen. Insgesamt kämen
demnach als möglicher Zeitpunkt für den Schulabbruch die Jahre (...), (...),
(...) (...) in Frage. In der BzP habe sie sodann angegeben, im Jahr (...) mit
dem Militärdienst begonnen zu haben, wohingegen in der Anhörung vom
Jahr (...) die Rede gewesen sei. Am Schluss der Anhörung habe sie – auf
den Widerspruch angesprochen – erklärt, dass (...) korrekt sei und sie sich
versprochen habe. Die Angaben ihrer Routinearbeiten im Militärdienst
seien ebenfalls widersprüchlich. An einer Stelle habe sie angegeben, die
(...) zu haben. An anderer Stelle habe sie hingegen ausgesagt, sie sei in
einem Zelt und der Vorgesetzte in einem (...) untergebracht gewesen. Zu
ihren Aufgaben habe (...) gehört. Zudem habe sie zuerst angegeben, zu-
sammen mit den Soldaten untergebracht gewesen zu sein, um danach
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auszusagen, sie sei von diesen getrennt untergebracht gewesen. Ein wei-
terer Widerspruch ergebe sich aus ihren Schilderungen zur Flucht. Zuerst
habe sie angegeben, am Tag nach dem Gespräch mit ihrer Freundin aus-
gereist zu sein. Kurz darauf habe sie gleich zweimal ausgesagt, noch eine
Woche im Heimatland beziehungsweise im Lager geblieben zu sein. Im
Hinblick auf ihre Schilderung, sie sei vom Lager in F._ aus innerhalb
von nur zwei Tagen in den Sudan gelangt, sei diese Angabe ein klarer Wi-
derspruch. Auf diesen angesprochen habe sie zuerst ausweichend geant-
wortet und danach bestätigt, am Tag nach dem Gespräch mit der Freundin
ausgereist zu sein. Bei der Angabe, eine Woche nach dem Gespräch aus-
gereist zu sein, habe sie sich versprochen. Diese Argumentation über-
zeuge nicht, zumal es sich bei der Flucht aus dem Heimatland um ein wich-
tiges Lebensereignis handle, bei welchem man sich an Details erinnere.
Zudem erscheine ihre Schilderung der Flucht aus dem Lager in F._
beziehungsweise aus Eritrea als sehr unwahrscheinlich. Erstens erscheine
es unglaubhaft, dass sich die Beschwerdeführerin innerhalb nur eines Ta-
ges entschieden habe, sich der Freundin bei der Flucht anzuschliessen.
Sodann sei nicht glaubhaft, dass die Freundin ein so grosses Risiko auf
sich genommen habe, sie in ihre Fluchtpläne einzuweihen. Auch der ein-
stündige Fussmarsch durch E._ erscheine angesichts des damit
verbundenen Risikos, gefasst zu werden, wenig plausibel. Vor diesem Hin-
tergrund sei es nicht nachvollziehbar, weshalb der Schleuser sie nicht nä-
her vom Lager abgeholt habe. Sehr unwahrscheinlich sei sodann, dass so-
wohl der Wachposten im Lager F._ als auch der offizielle Grenz-
übergang zum Sudan gerade in dem Moment, als sie habe fliehen wollen,
unbewacht gewesen sei. Aus diesen Gründen erscheine eine illegale Aus-
reise als unglaubhaft.
In Bezug auf die Bemerkungen der HWV auf dem der Verfügung beiliegen-
den Unterschriftenblatt hält das SEM fest, deren Interpretation, eine Trau-
matisierung oder sonstige psychische beziehungsweise geistige Beein-
trächtigung sei nicht auszuschliessen, sei rein spekulativ. Die Beschwer-
deführerin habe nämlich keinerlei medizinische Akten vorgelegt, die diese
Vermutungen stützen würden.
4.2 Auf Beschwerdeebene wird diesen Erwägungen entgegengehalten, die
verfolgungsrelevanten Vorfälle seien detailliert, präzise und somit hinrei-
chend substanziiert geschildert worden. Übereinstimmend mit ihren Be-
merkungen anlässlich der Anhörungen habe die HWV auch in ihrem Kurz-
bericht festgehalten, dass die Beschwerdeführerin während der Befragung
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abwesend gewirkt habe und mit der Anhörungssituation überfordert gewe-
sen sei. Sie habe trotz geheiztem Zimmer die ganze Zeit ihre Winterjacke
anbehalten. Die Fachspezialisten des SEM sei zwar freundlich, jedoch
auch starr und emotionslos gewesen.
Die Anhörung sei durch einen männlichen Dolmetscher übersetzt worden,
genau wie die ersten zwei Gespräche mit der Rechtsvertretung, als ihr (...)
diese Rolle übernommen habe. Bei einem Folgegespräch mit einer weibli-
chen Dolmetscherin habe sie erstmals über weitere Ereignisse im Militär-
dienst gesprochen. Sie habe ihrer Rechtsvertreterin anlässlich dieses Ge-
sprächs mitgeteilt, dass sie im Militär über Jahre hinweg von ihrem Aus-
bildner missbraucht und vergewaltigt worden sei. Aus Scham habe sie nicht
schon früher über gewisse Ereignisse sprechen können. Deshalb seien die
Antworten betreffend Militärdienst kürzer ausgefallen.
Bei der Durchsicht des Anhörungsprotokolls falle auf, dass die Beschwer-
deführerin die Fragen zur Herkunft sowie zum Militärdienst gut und detail-
liert beantwortet habe. Es sei aber auch ersichtlich, dass sie es nicht ge-
wohnt sei, ausführlich auf Fragen zu antworten. Sie habe immer wieder
gestikuliert, habe erst nach einer gewissen Zeit geantwortet, sei in Gedan-
ken versunken und mit den Fragen offensichtlich überfordert gewesen.
Deshalb habe sie teilweise auch seltsame Antworten gegeben. Allerdings
habe sie die militärischen Befehle und ihre Einteilung nennen können, was
offensichtlich beweise, dass sie im Militärdienst gewesen sei. Die von der
Vorinstanz erwähnten Widersprüche würden vor allem Daten betreffen. Sie
habe jedoch Schwierigkeiten mit Jahreszahlen. In der Anhörung habe sie
die Jahreszahlen mittels Ereignissen herleiten müssen. In der BzP sei sie
hingegen krank gewesen. Sie wisse nicht mehr, weshalb sie anlässlich der
Anhörung angegeben habe, in der (...) Rekrutierungsrunde den Militär-
dienst angetreten zu haben. Nach D._ kämen nur die Schulabbre-
cher und es gebe dort keine Rekrutierungsrunden. Die weiteren Widersprü-
che habe sie in der Anhörung klären können.
Die Beschwerdeführerin sei aus dem eritreischen Militärdienst desertiert
und dort schwer traumatisiert worden. Bei einer Rückkehr habe sie erneut
ernsthafte Nachteile zu befürchten.
4.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz an ihren bisherigen Erwä-
gungen fest. Bezüglich des erst auf Beschwerdeebene angeführten Vor-
bringens des jahrelangen sexuellen Missbrauchs sei festzuhalten, dass
dieses sehr unsubstanziiert ausgefallen sei, jegliche Details fehlen würden
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und es deshalb als Schutzbehauptung einzuschätzen sei. Des Weiteren
seien nicht nur ihre Ausführungen zum Militärdienst, welche angeblich di-
rekt mit der Traumatisierung zusammenhingen, sondern auch diejenigen
zur Haft in C._ sowie zur Flucht aus dem Lager in F._ sehr
unsubstanziiert. Es sei zu erwarten, dass selbst eine traumatisierte Person
detailliert über Ereignisse sprechen könne, welche nicht direkt mit der Trau-
matisierung zusammenhängen würden. Dies sei vorliegend nicht der Fall,
weshalb die Vorbringen der Beschwerdeführerin insgesamt als unglaubhaft
zu erachten seien.
4.4 In ihrer Replik hält die Beschwerdeführerin an ihrer Beschwerde fest
und erwähnt wieder, sie habe grosse Mühe, über den jahrelangen Miss-
brauch zu sprechen. Sie versuche diese Erlebnisse zu verdrängen. Im Ge-
spräch mit der Rechtsvertreterin weiche sie diesbezüglich aus, weine und
versinke in Gedanken. Gemäss Berichten von Human Rights Watch, Am-
nesty International und US Department of State seien Frauen im Rahmen
des Nationaldienstes einem massiven Risiko von sexueller Gewalt durch
Befehlshaber sowie Kameraden ausgesetzt. Diejenigen, die sich der sexu-
ellen Gewalt widersetzten, würden oft mental und körperlich auf eine Weise
misshandelt, die teilweise Folter gleichkomme. Auch die Beschwerdefüh-
rerin habe sich jahrelang nicht gegen diese Gewalt wehren können und es
falle ihr sehr schwer, über diese Zeit nachzudenken sowie darüber zu be-
richten. Ihr in der Schweiz anwesender (...) wisse nichts davon. Bis heute
habe die Rechtsvertreterin sie nicht davon überzeugen können, sich psy-
chiatrische Hilfe zu holen.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Gesuchstellers/der Gesuchstellerin. Entscheidend ist, ob die Gründe, die
für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung spre-
chen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise
abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung ei-
nes Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende,
substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilde-
rung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung
einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrekt-
heit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Un-
glaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wech-
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selnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbrin-
gen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamt-
beurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen
Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönli-
che Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller/die Ge-
suchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn
die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es
demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber
in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um-
stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. Ur-
teil des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.6.1 [als Referenz-
urteil publiziert] m.w.H.).
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet die Vorbringen der Beschwer-
deführerin angesichts zahlreicher Realkennzeichen insgesamt als über-
wiegend glaubhaft gemacht. Nachfolgend wird auf die von der Vorinstanz
angeführten Unglaubhaftigkeitselemente und die von der Beschwerdefüh-
rerin diesbezüglich entgegneten Argumente beziehungsweise Aussagen
eingegangen.
5.2.1 Der Einschätzung der Vorinstanz, wonach die Aussagen der Be-
schwerdeführerin zur vorgebrachten Haft, zum Militärdienst in F._
sowie zur Bestrafung durch den Vorgesetzten nicht substanziiert ausgefal-
len seien, kann nicht gefolgt werden.
Die Beschreibung der Haft enthält – entgegen der Ansicht der Vorinstanz –
zahlreiche Realkennzeichen. Beispielsweise konnte die Beschwerdeführe-
rin die Umgebung beschreiben, die die Gefangenen zu sehen bekamen,
als sie für die Notdurft nach draussen gehen durften (vgl. A17/25 F80). Ih-
ren Erzählungen ist zu entnehmen, dass sie die ganze Zeit nichts zu tun
hatten, drinnen sitzen und auf die Entscheidung warten mussten, wohin sie
als Nächstes verlegt würden (vgl. A17/25 F75 und F77). Ausser, dass sich
die Gefangenen hin und wieder unterhalten haben, scheint in dieser Woche
nichts geschehen zu sein. Dass sie deshalb nicht mehr von ihrer Haftzeit
zu berichten wusste, kann ihr – auch in Anbetracht ihres durchgehend
knappen Erzählstils – nicht entgegengehalten werden. Bemerkenswert ist,
dass es der HWV durch das Stellen von alternativen Fragen gelang, in Be-
zug auf die Haft mehr lebensnahe Details von der Beschwerdeführerin zu
erfahren als die Fachspezialistin. So führte die Beschwerdeführerin bei-
spielsweise aus, dass sie jeden Tag Linsensauce mit Brot und Tee zu Es-
sen bekamen. An derselben Stelle erwähnte sie sodann erstmals und in
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Übereinstimmung mit den Herkunftsländerinformationen zu Eritrea, dass
sie zum Verrichten der Notdurft barfuss abgeführt wurden (vgl. A17/25
F190–191; H._. Ihre übrigen Aussagen zur Haft entsprechen eben-
falls zugänglichen Herkunftsländerinformationen. So handelt es sich beim
Gefängnis C._ um einen Sammelort, wo sowohl Wehrdienstverwei-
gerer/Wehrdienstverweigerinnen als auch andere Häftlinge festgehalten
werden, bevor sie in verschiedene Militärcamps oder Gefängnisse weiter-
verlegt werden (vgl. A17/25 F70, I._. Auch wusste sie, dass Frauen
in einer separaten Halle untergebracht werden (vgl. A17/25 F74;
I._).
Das SEM schätzt weiter die Angaben der Beschwerdeführerin zum Militär-
dienst in F._ als unglaubhaft ein, da diese nicht ausreichend sub-
stanziiert ausgefallen seien. Dieser Einschätzung kann ebenfalls nicht ge-
folgt werden. Sie legte übereinstimmend und schlüssig dar, dass sie im
Militärdienst mit anderen Frauen zusammen (...) musste (vgl. A6/11 Zif-
fer 7.02; A17/25 F108, F110, F113, F116–117). Gemäss Herkunftsländer-
informationen werden weiblichen Angehörigen der Armee tatsächlich oft
Aufgaben zugeteilt, welche (...) (vgl. UN Human Rights Council, Report of
the detailed findings of the Commission of Inquiry on Human Rights in Eri-
trea, A/HRC/29/CRP.1, 5. Juni 2015. S. 379, http://www.refworld.org/
docid/55758bab4.html, abgerufen am 1. September 2020). Unbeachtlich
ist, dass sie es betreffend militärische Einteilung zunächst unterliess, Bri-
gade und Bataillon zu nennen, zumal sie diese auf Nachfrage bezeichnen
konnte (vgl. A17/25 F100–104). Auch die Bestrafung nach dem unerlaub-
ten Besuch ihrer kranken Mutter legte sie widerspruchsfrei und lebensnah
dar (vgl. A6/11 Ziffer 7.01 f.; A17/25 F 121, F128 –132). An dieser Stelle ist
zu erwähnen, dass sie das Datum, an dem sie ihre Mutter besucht habe,
nicht angeben konnte, sondern – auch auf Nachfrage – lediglich zu Proto-
koll gab, dieses Ereignis habe im Jahr 2014 stattgefunden. Im Anschluss
wurde sie nicht danach gefragt, ob der Urlaub beispielsweise während der
Regen- oder Trockenzeit gewesen sei, um den Vorfall auf eine andere Art
als mittels Angabe eines präzisen Datums zeitlich einordnen zu können.
Vor dem Hintergrund, dass das Ereignis zum Zeitpunkt der Anhörung rund
drei Jahre zurücklag und nicht den zentralen Grund für die Ausreise dar-
stellte sowie aufgrund des Umstandes, dass die Beschwerdeführerin im
weiteren Verlauf der Anhörung nicht mehr aufgefordert wurde, die Angabe
zu präzisieren, vermag dieses Element die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen
nicht umzustossen. Überdies ist festzuhalten, dass das Eingestehen von
Erinnerungslücken für die Glaubhaftigkeit einer Schilderung sprechen kann
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(vgl. REVITAL LUDEWIG u.a., Wie können aussagepsychologische Erkennt-
nisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, AJP 2011, S. 1424).
5.2.2 Zur Einschätzung der Vorinstanz, als möglicher Zeitpunkt für den
Schulabbruch kämen die Jahre (...), (...), (...) (...) in Frage, ist Folgendes
festzuhalten: Die Beschwerdeführerin hat an keiner Stelle behauptet, die
Schule im Jahr (...) abgebrochen zu haben. Das SEM erwähnt dieses Jahr,
weil sie angegeben hat, zur (...) Rekrutierungsrunde gehört zu haben (vgl.
A17/25 F98). Die Frage nach der Rekrutierungsrunde erscheint merkwür-
dig, zumal der Vorinstanz bekannt sein sollte, dass nur Schüler/innen, wel-
che nach Abschluss des elften Schuljahrs nach Sawa gebracht werden, in
sogenannte Rekrutierungsrunden eingeteilt werden. In Militärcamps, wo
Wehrdienstverweigerer und Wehrdienstverweigerinnen militärisch ausge-
bildet werden, namentlich in D._, gibt es keine Rekrutierungsrun-
den. Die entsprechende Frage nach ihrer Rekrutierungsrunde konnte sie
somit gar nicht richtig beantworten, weshalb ihre Antwort darauf im Rah-
men der Glaubhaftigkeitsprüfung nicht zu ihren Ungunsten gewertet wer-
den darf. Auch der Vorwurf, sie habe einmal angegeben, (...) die Schule
abgebrochen zu haben, wirkt konstruiert. An der entsprechenden Stelle im
Protokoll ist ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin aufgrund von Erinne-
rungslücken zuerst berechnen musste, wann sie die Schule abgebrochen
hat (vgl. A17/25 F50–51). Nachdem sie bei der vorangehenden Frage aus-
gerechnet hat, dass sie im Jahre (...) eingeschult worden sein muss, be-
antwortete sie die Frage nach dem Zeitpunkt des Abschlusses der elften
Klasse wie folgt: "Bis (...) musste ich die (...) Klasse abgeschlossen haben,
bis (...) musste ich die (...) Klasse abgeschlossen haben, bis (...) müsste
die (...) Klasse abgeschlossen worden sein" (vgl. a.a.O. F51). Offensicht-
lich unterläuft ihr ein Rechenfehler, welcher nicht als Unglaubhaftigkeitsele-
ment gewertet werden kann. Somit ist der einzige diesbezügliche Wider-
spruch darin zu erkennen, dass die Beschwerdeführerin in der BzP ange-
geben hatte, (...) in den Militärdienst eingerückt zu sein, wohingegen in der
Anhörung von (...) die Rede war (vgl. A6/11 Ziffer 7.02; A17/25 F54, F107).
Auf den Widerspruch angesprochen, gibt sie zu Protokoll, sich versprochen
zu haben, als sie (...) gesagt habe. Sie habe den Militärdienst im Jahr (...)
angetreten (vgl. A17/25 F197). Angesichts der Zeitdauer von über sieben
Jahren, die zwischen dem Abbruch der elften Klasse beziehungsweise
dem Erhalt des Militärdienstaufgebotes und der Anhörung vergangen sind,
ist dieser Widerspruch unbeachtlich.
Hinsichtlich der Angabe ihrer Routinearbeiten im Militärdienst ist kein Wi-
derspruch zu erkennen. Die Beschwerdeführerin sagte an einer Stelle, sie
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habe unter anderem (...) müssen (vgl. a.a.O. F110–111), obwohl die Ar-
meemitglieder in (...) und Zelten untergebracht worden seien (vgl. a.a.O.
F112). Auf Nachfrage erklärte sie dann, sie habe damit gemeint, sie habe
das Zuhause, nicht das (...) müssen (vgl. a.a.O. F113). In Anbetracht der
Tatsache, dass sowohl das Wort "Haus" als auch der Begriff "Zuhause" auf
Tigrinya mit "geza" übersetzt werden können, sieht das Gericht keinen An-
lass, ihre Erklärung in Zweifel zu ziehen (vgl. Online Übersetzung;
https://www.
geezexperience.com/index.php?dr=6&searchkey=Zuhause; https://www.
geezexperience.com/index.php?dr=6&searchkey=Haus, beide abgerufen
am 1. September 2020). Auch betreffend Unterbringung ist kein Wider-
spruch ersichtlich: Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz gibt sie an
keiner Stelle an, getrennt von den bewaffneten Soldaten untergebracht
worden zu sein. Hingegen legt sie schlüssig dar, sie und die Soldaten seien
zusammen in Zelten, jedoch getrennt vom Vorgesetzten – welcher sich im
Container aufgehalten habe – untergebracht gewesen (vgl. A17/25 F110–
113).
Angesichts des jahrelangen Militärdienstes und der damit verbundenen
schwierigen Lebensumstände sowie der Erfahrung der Beschwerdeführe-
rin, deren Geschwister bereits seit längerer Zeit im Militärdienst waren, ist
ihre Aussage, sie habe schon lange geplant auszureisen, habe aber keine
Gelegenheit dazu gehabt, nachvollziehbar (vgl. a.a.O. F145). Vor diesem
Hintergrund ist es keinesfalls unwahrscheinlich, dass sie sich – als sie von
der Verlegung ihrer Einheit nach G._ erfuhr – dazu entschloss, aus-
zureisen (vgl. a.a.O. F140–141). Auch glaubhaft erscheint sodann, dass
sie sich nach dem Gespräch mit ihrer Freundin dafür entschied, sich ihr
anzuschliessen (vgl. a.a.O. F142). Aus dem Protokoll ist ersichtlich, dass
sie und ihre Fluchtgefährtin der gleichen Einheit zugeteilt waren und sie
diese als Freundin beschrieb (vgl. a.a.O. F142–143). In Anbetracht des
Schicksals, welches die beiden teilten, erscheint es durchaus glaubhaft,
dass die Fluchtgefährtin ihr das nötige Vertrauen schenkte, um sie in ihre
Fluchtpläne einzuweihen und sie mitzunehmen.
Hinsichtlich der Umstände ihrer Flucht aus dem Militärcamp und ihrer Aus-
reise ist anzumerken, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin teilweise
widersprüchlich ausfallen. Einerseits führte sie aus, am Tag nach dem Ge-
spräch über die Ausreise das Lager verlassen zu haben (vgl. a.a.O. F142
und F202). Andererseits sagte sie aus, nach dem Gespräch noch eine Wo-
che im Heimatland geblieben zu sein (vgl. a.a.O. F146 und F148). Eine
Durchsicht des Protokolls legt jedoch den Schluss nahe, dass bei ihr ein
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Missverständnis bezüglich des Verlaufs der eritreischen Grenze besteht.
Nach dem Passieren der Grenze gefragt, sagt sie nämlich aus: "In Kassala
blieb ich eine Woche, bis die Überweisung erledigt wurde. Nach einer Wo-
che in Kassala bin ich in den Sudan gereist" (vgl. a.a.O. F175). Sie scheint
also zu glauben, dass Kassala in Eritrea, nicht im Sudan liegt. Auch wenn
sie an einer Stelle angibt, nach dem Gespräch mit der Freundin noch eine
Woche lang im Militärlager geblieben zu sein, handelt es sich dabei um
einen unbeachtlichen Widerspruch, zumal es keine Hinweise dafür gibt,
dass die Beschwerdeführerin in der Lage gewesen wäre, Eritrea auf lega-
lem Weg zu verlassen. Aus demselben Grund erscheint es sodann auch
glaubhaft, dass die Grenze zum Zeitpunkt ihrer Ausreise unbewacht war
(vgl. a.a.O. F176). Auch dass der Wachposten im Moment ihrer Flucht nicht
besetzt gewesen war, erscheint nicht ungewöhnlich, zumal die Armeemit-
glieder – wie die Beschwerdeführerin schlüssig darlegte – mit der Verle-
gung nach G._ beschäftigt waren (vgl. a.a.O. F146–148, F151–
155). Dass sie nicht genau wusste, wie die Flucht organisiert war und ins-
besondere weshalb der Schleuser sie in E._ abholte, erklärt sie
überzeugenderweise damit, dass sie in die Planung nicht involviert gewe-
sen war und sich äusserst kurzfristig einem bereits "ausgefertigtem" Plan
ihrer Freundin anschloss (vgl. a.a.O. F165). Es ist der Vorinstanz dahinge-
hend Recht zu geben, dass die Beschreibung der Flucht aus dem Militär-
camp und aus Eritrea eher knapp ausgefallen ist. Die insgesamt stimmigen
Schilderungen der Beschwerdeführerin waren indes auch in anderen
Punkten kurz gehalten. Es ist überdies kein Bruch im Erzählstil zu verzeich-
nen, so dass festgehalten werden kann, dass alle Ereignisse im selben
etwas knappen Stil geschildert wurden. Das Bundesverwaltungsgericht
sieht keinen Anlass, die Beschreibung der Flucht nicht als überwiegend
wahrscheinlich zu betrachten.
5.3 Die Vorinstanz scheint bei der Prüfung der Asylgründe nur diejenigen
Elemente gewichtet zu haben, die gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen der Beschwerdeführerin sprechen. Stattdessen wäre sie gehalten ge-
wesen, alle Faktoren der Glaubhaftigkeit zu berücksichtigen und gegenei-
nander abzuwägen. Die Ausführungen der Beschwerdeführerin zur Haft in
C._, zum militärischen Training in D._ sowie zum Militär-
dienst in F._ weisen – entgegen der vorinstanzlichen Ausführungen
– eine Vielzahl an Realkennzeichen auf. Bemerkenswert ist, dass sie in
Bezug auf den Militärdienst äusserst detaillierte und realitätsnahe Aus-
künfte geben konnte. Namentlich gab sie die militärischen Befehle korrekt
wieder und konnte sogar Auskunft darüber geben, wie viele Schüsse das
Magazin einer Kalaschnikow umfasst (vgl. A17/25 F89 und F93; Small
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Arms Survey, Kalashnikov AK-47, Weapon Identification Sheet,
http://www.smallarmssurvey.org/fileadmin/docs/weapons/SAS-weapons-
assault-rifles-Kalashnikov-AK-47.pdf, abgerufen am 1. September 2020).
Sie gab in der Anhörung an, das Militäraufgebot von der Gemeinde
J._ erhalten zu haben (vgl. A17/25 F53). Auch diese Aussage ent-
spricht den Herkunftsländerinformationen zu Eritrea, gemäss welchen
Schulabbrecher/innen von der lokalen Verwaltung aufgeboten werden (vgl.
Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Eritrea: Nationaldienst, Themenpa-
pier der SFH-Länderanalyse, 30. Juni 2017). Zudem beschrieb sie die Um-
gebung von D._ korrekt und fertigte eine Skizze des Militärcamps
an (vgl. A17/25 F96; K._, abgerufen am 1. September 2020). Wäh-
renddessen korrigierte sie sich selbst, was ebenfalls für ihre Glaubhaf-
tigkeit spricht (vgl. A17 F94; REVITAL LUDEWIG u.a., Wie können aussage-
psychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten hel-
fen?, AJP 2011, S. 1424). Es besteht für das Gericht kein Zweifel daran,
dass die Beschwerdeführerin für die Militärausbildung in D._ einge-
zogen worden war, was denn von der Vorinstanz auch nicht explizit in
Frage gestellt wurde.
Auffallend ist, dass vorliegend die Substanziiertheit der Antworten meist
der Genauigkeit der vorangehenden Fragestellung entspricht. Wurden der
Beschwerdeführerin generelle Fragen gestellt, antwortete sie jeweils auf
eine allgemeingehaltene und pauschale Weise (vgl. A17/25 F14–16,
F75–78). Wurde sie jedoch konkret nach bestimmten Informationen ge-
fragt, konnte sie diese im Detail und kohärent wiedergeben (vgl. a.a.O.
F17–18, F79–80, F89, F96, F188–192). In einer Gesamtwürdigung sind die
Vorbringen übereinstimmend und nachvollziehbar dargetan worden. Die
Angaben zeichnen sich insgesamt durch einige detailreiche und lebhaft be-
schriebene Erfahrungen aus. Der Eindruck der HWV, die Beschwerdefüh-
rerin habe abwesend gewirkt und sei mit der Anhörungssituation überfor-
dert gewesen, ist – insbesondere im Hinblick auf die teils merkwürdig an-
mutenden Antworten – ebenfalls zu berücksichtigen. Deren Vermutung,
eine Traumatisierung oder sonstige psychische oder geistige Beeinträchti-
gung sei nicht auszuschliessen, ist zwar nicht bewiesen; diese Einschät-
zung ist jedoch für eine Gesamtbeurteilung der Glaubhaftigkeit miteinzu-
beziehen (vgl. a.a.O.: Unterschriftenblatt der HWV). Letztlich ist auch die
lange Zeitspanne von fast zwei Jahren zwischen dem Erlebten und den
Befragungen zu berücksichtigen. Die Gründe, welche für die Richtigkeit der
vorgebrachten Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen; zudem be-
stehen keine Anzeichen dafür, dass die Beschwerdeführerin bereits regulär
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aus dem Militärdienst entlassen worden sein könnte. Deshalb ist vom ein-
gangs geschilderten Sachverhalt (Bst. A) auszugehen und die Desertion
sowie die damit verbundene illegale Ausreise aus Eritrea als überwiegend
glaubhaft anzusehen.
6.
6.1 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs-
sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige-
rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei-
nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt
ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den
Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person
rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen
droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung
unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure/Deser-
teurinnen regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die
Desertion wird von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regime-
feindlichkeit aufgefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht
haben, einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im
Sinn von Art. 1A Abs. 2 FK und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen (vgl.
zum Ganzen Entscheidungen und Mitteilungen der ehemaligen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 2006 Nr. 3; jüngst beispielsweise bestätigt in den Ur-
teilen des BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1 und E-6507/
2016 vom 24. Juni 2019 E. 6.4).
6.2 Die Frage, ob die Beschwerdeführerin die erst auf Beschwerdeebene
vorgebrachte sexuelle Gewalt tatsächlich erlebt hat, kann nach dem Ge-
sagten offengelassen werden. Durch ihre glaubhaft gemachte Flucht aus
dem Militärcamp und der anschliessenden Ausreise aus Eritrea hat sie sich
der Desertion schuldig gemacht, weshalb sie als Regimegegnerin betrach-
tet wird.
7.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführerin bei einer
allfälligen Rückkehr nach Eritrea mit überwiegender Wahrscheinlichkeit die
reelle Gefahr einer unverhältnismässig strengen Bestrafung wegen Deser-
tion drohen würde. Eine innerstaatliche Fluchtalternative besteht nicht. Da-
mit sind die Kriterien von Art. 3 AsylG als erfüllt zu betrachten und die Be-
schwerdeführerin ist als Flüchtling anzuerkennen. Dementsprechend ist ihr
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mangels Anzeichen für das Vorliegen eines Ausschlussgrundes nach
Art. 53 AsylG in der Schweiz Asyl zu gewähren.
8.
Die Beschwerde ist daher gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung vom
8. November 2019 ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin festzustellen und ihr Asyl
zu gewähren.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin reichte am 21. Januar 2020
eine Kostennote ein. Der darin für ihre Bemühungen ausgewiesene Auf-
wand von 11 Stunden erscheint angemessen. Auch der Stundenansatz von
Fr. 250.– ist angesichts des Ausgangs des Verfahrens nicht zu beanstan-
den (vgl. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Nicht vollständig zu entschädigen ist aber
die Spesenpauschale in der Höhe von Fr. 40.– für Auslagen, da vom Ge-
richt nur effektiv ausgewiesene Kosten entschädigt werden, zumal keine
besonderen Umstände vorliegen. Das Honorar der Rechtsvertreterin be-
läuft sich folglich auf gerundet Fr. 2'770.–. Die Vorinstanz wird angewiesen,
der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung in genannter Höhe aus-
zurichten.
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