Decision ID: 597b1cd1-4ce9-5c61-b16d-b77b145cd26f
Year: 2007
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1967 (Urk. 11/2 S. 1 Ziff. 3), leidet seit seiner Geburt an einer infantilen Zerebralparese mit symptomatischer Epilepsie, schwerster Intel
ligenzminderung sowie Tetraparese und
Tetraspastik
(Urk. 11/184 S. 1
lit
. A). Nachdem ihn seine Eltern am 19. August 1967 erstmals bei der Invalidenversi
cherung angemeldet hatten (vgl. Urk. 11/2 S. 3), sprach ihm die Sozialversi
che
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, verschiedene Versicherungsleis
tun
gen zu (vgl. Urk. 11/1 ff., Rente, Hilflosenentschädigung, medizinische Mass
nah
men, Hilfsmittel). Mit Verfügung vom 3. August 2001 lehnte sie so
dann die Kostengutsprache für einen Toiletten-Sitzschalen-Stuhl ab (Urk. 11/178). Diese Verfügung ist in Rechtskraft erwachsen.
Mit Einreichung einer Offerte betreffend Dusch- und Toilettenrollstuhl vom 14. Juli 2006 beantragte der Vormund des Versicherten bei der Sozialversiche
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum zweiten Mal, es seien die Kos
ten für den Dusch- und Toilettenrollstuhl zu übernehmen (Urk. 11/208 S. 1 f.). Mit Vorbescheid vom 4. September 2006 trat die IV-Stelle auf das Leistungsbe
gehren nicht ein (Urk. 11/213), was sie mit Verfügung vom 8. November 2006 bestätigte (Urk. 11/218).
2.
Gegen die Verfügung vom 8. November 2006 (Urk. 11/218) erhob der Versi
cherte am 15. November 2006 Beschwerde und beantragte sinngemäss die Auf
hebung des angefochtenen Entscheides sowie die Kostengutsprache für einen Dusch- und Toilettenstuhl (Urk. 1). Mit Verfügung vom 28. November 2006 wurde dem Beschwerdeführer beziehungsweise seinem Vertreter Nachfrist zur Einreichung einer Vollmacht beziehungsweise einer Ernennungsurkunde ange
setzt (Urk. 3). Diese wurde mit Eingabe vom 30. November 2006 nachgereicht (Urk. 6). Mit Beschwerdeantwort vom 9. Februar 2007 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde (Urk. 10). Daraufhin wurde der Schriftenwechsel mit Verfügung vom 13. Februar 2007 als geschlossen erklärt (Urk. 12).

Considerations:
Die Einzelrichterin zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerde richtet sich gegen den vorinstanzlichen Nichteintretensent
scheid. Das Sozialversicherungsgericht hat daher zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht auf die bei ihr erhobene Einsprache nicht eingetreten ist. Dagegen kann auf den in der Beschwerde gestellten materiellen Antrag nicht eingetreten werden (BGE 132 V 76
Erw
. 1.1 mit Hinweis).
2.
2.1
Strittig und zu prüfen ist vorliegend die Frage, ob die Beschwerdegegnerin zu
recht einen Nichteintretensentscheid erlassen hat beziehungsweise, ob sie ver
pflichtet gewesen wäre, das Gesuch des Beschwerdeführers aufgrund von ver
änderten Umständen materiell zu prüfen.
2.2
Gesetz und Verordnung enthalten keine Vorschriften über die materiellrecht
liche Revision von Eingliederungsleistungen wegen einer seit ihrer Zusprechung eingetretenen Veränderung der Verhältnisse. Ebenso wenig ist geregelt, unter welchen Voraussetzungen im Falle einer vorangegangenen Verweigerung von Eingliederungsleistungen ein neues Gesuch entgegenzunehmen und zu prüfen ist. In BGE 105 V 173 hat das Eidgenössische Versicherungsgericht entschieden, dass Eingliederungsleistungen gleich wie Renten und Hilflosenentschädigungen zu behandeln sind und dass demzufolge Art. 41 des Bundesgesetzes über die In
validenversicherung; IVG (seit 1. Januar 2003: Art. 17 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG) sowie die dazuge
hörigen Verordnungsbestimmungen in analoger Weise auch auf die Revision von Eingliederungsleistungen angewendet werden müssen. Art. 87 Abs. 4 IVV betrifft - trotz seiner Stellung im Abschnitt E « Die Revision der Rente und der Hilflosenentschädigung» - zwar nicht die eigentliche materiellrechtliche Revi
sion laufender Leistungen, sondern einen andern Sachverhalt, nämlich die Neu
prüfung nach vorangegangener Leistungsverweigerung. Es rechtfertigt sich aber, die vorerwähnte Rechtsprechung auch auf Art. 87 Abs. 4 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) auszudehnen und diese Bestimmung ebenfalls in analoger Weise auf Eingliederungsleistungen anzuwenden. Auf
grund der dortigen Verweisung auf Art. 87 Abs. 3 IVV ist daher, wenn eine Eingliederungsleistung verweigert wurde, eine neue Anmeldung nur zu prüfen, wenn die versicherte Person glaubhaft macht (vgl. BGE 130 V 67 ff.
Erw
. 5.2, 72
Erw
. 2.2 mit Hinweisen), dass sich die tatsächlichen Verhältnisse in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert haben (BGE 125 V 412
Erw
. 2b, 109 V 122
Erw
. 3a; AHI 2000 S. 233
Erw
. 1b).
In Analogie zur Rechtsprechung betreffend die Revision beziehungsweise die Neuanmeldung bei Eingliederungsmassnahmen ist davon auszugehen, dass die gleichen Grundsätze auch für die Neubeurteilung eines Anspruchs auf Hilfsmit
tel heranzuziehen sind. Wurde die Kostenübernahme für ein Hilfsmittel verwei
gert wurde, ist demnach eine neue Anmeldung beziehungsweise ein neues Kos
tenübernahmegesuch nur zu prüfen, wenn die versicherte Person glaubhaft darstellt, es hätten sich seit Erlass des letzten materiellen Entscheides die Ver
hältnisse verändert. Davon ging auch die Beschwerdegegnerin aus (vgl. Urk. 2 S. 1 oben).
Diese Frage beurteilt sich durch einen Vergleich der Verhältnisse im Zeitpunkt des Erlasses der ersten Verfügung betreffend den Dusch- und Toilettenrollstuhl vom 3. August 2001 (Urk. 11/178 S. 3 f.) mit demjenigen im Zeitpunkt des Er
lasses der Verfügung vom 8. November 2006 (Urk. 2).
2.3
Die Beschwerdegegnerin begründete den Nichteintretensentscheid vom 8. No
vem
ber 2006 damit, dass seit Erlass des letzten materiellen Entscheides betref
fend Dusch- und Toilettenrollstuhl vom 3. August 2001 (vgl. Urk. 11/178 S. 3 f.) keine veränderten Tatsachen vorliegen würden. Der damalige Entscheid sei gestützt auf das Schreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV; Urk. 11/172) getroffen worden, worauf auch bezüglich des neuen Gesuches verwie
sen werden könne (Urk. 2; Urk. 10).
2.4
Seitens des Beschwerdeführers wird eine Veränderung der Tatsachen geltend gemacht. Sein Gesundheitszustand habe sich verändert. Er sei viel aktiver ge
worden, was zur Folge habe, dass er auf dem Dusch- und Toilettenstuhl gesi
chert werden müsse. Ferner wurde auch auf die hygienische Problematik hin
gewiesen (Urk. 11/211).
3.
3.1
Auch wenn das Gesuch des Beschwerdeführers um Kostengutsprache betreffend Dusch-
und
Toilettenrollstuhl
lediglich
in
einer
Offerte
bestand (vgl.
Urk.
11/208), ergeben sich aus den Akten - entgegen den Ausführungen der Be
schwerde
gegnerin (vgl. Urk. 2; Urk. 10) - durchaus Hinweise darauf, dass sich die tatsäch
lichen Verhältnisse in den fünf Jahren seit Erlass des letzten mate
riellen Entscheides betreffend Dusch- und Toilettenrollstuhl verändert haben. So wird beispielsweise aus der Aktennotiz vom 8. August 2006 ersichtlich, dass
eine Betreuerin
des Beschwerdeführers gegenüber der Beschwerdegegnerin er
klärte, es würden veränderte Verhältnisse bezüglich des Gesundheitszustandes vorlie
gen, da der
Beschwerdeführer zwischenzeitlich viel aktiver geworden sei. Er müsse auf dem Dusch- und Toilettenstuhl gesichert werden (vgl. Urk. 11/211), weshalb es eines Stuhles mit Sicherungsvorrichtung bedürfe.
3.2
Die seitens des Beschwerdeführers geltend gemachte Veränderung - aufgrund der genannten Diagnosen (vgl. Urk. 11/184 S. 1
lit
. A) ist eine Veränderung des Gesundheitszustandes in fünf Jahren durchaus glaubhaft und nachvollziehbar -, wurde von der Beschwerdegegnerin nicht gewürdigt. Sie ging
unzutreffender
weise
von unveränderten Verhältnissen aus und prüfte das Leistungsbegehren des Beschwerdeführers nicht, sondern erliess unter Hinweis auf das damalige Schreiben des BSV einen Nichteintretensentscheid (vgl. Urk. 2).
Dieses Vorgehen kann nicht geschützt werden. Bei der vorliegenden Konstella
tion sind vorerst die Voraussetzungen einer Neuanmeldung zu prüfen. Führt dies zum Schluss, dass nicht von veränderten Tatsachen auszugehen ist, hat ein Nichteintretensentscheid zu ergehen. Wurde jedoch wie vorliegend glaubhaft ein veränderter Sachverhalt dargestellt, ist auf die Sache einzutreten und hat eine materielle Beurteilung zu ergehen.
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren Nichteintretensentscheid unter Hin
weis auf den Inhalt des alten Schreibens des BSV; die Praxis habe sich zwi
schenzeitlich nicht verändert. Die Subsumtion des Sachverhalts aufgrund der Grundsätze des BSV und der Hinweis auf die im Schreiben des BSV enthaltenen Ausführungen, wonach ein Dusch- und Toilettenstuhl zur Infrastruktur eines Heimes gehöre und von diesem zur Verfügung zu stellen ist (vgl. Urk. 11/172), beschlägt aber - was die Beschwerdegegnerin verkannte - die materielle Seite der Anspruchsprüfung und hat nichts mit den Voraussetzungen einer Neuan
meldung zu tun. Daher hätte die Beschwerdegegnerin anstatt eines Nichteintre
tensentscheides ein materielles Urteil erlassen müssen. Dieser Mangel ist erheb
lich, da das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt wird und er, würde das Gericht nicht an die Vorinstanz zurückweisen, um das Recht der Beurtei
lung durch die Vorinstanz beschnitten würde.
3.3
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vor
instanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss ständiger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung - da diese das Verfahren verlängert und verteuert - abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Be
gehren überhaupt
nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abge
lehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. SVR 1995 ALV Nr. 27 S. 69).
Nach dem Gesagten ist die Sache aus formellen Gründen an die Beschwerde
gegnerin zur materiellen Überprüfung des vorliegenden Leistungsgesuchs zu
rückzuweisen.
4.
Gestützt auf Art. 69 Abs. 1
bis
IVG in der seit 1. Juli 2006 in Kraft stehenden Fas
sung ist das Verfahren für die unterliegende Beschwerdegegnerin kosten
pflichtig. Die Kosten sind daher unter Berücksichtigung des gesetzlichen Rah
mens (Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.--) ermessensweise auf Fr. 600.-- festzusetzen.