Decision ID: 26981704-82db-4d45-a296-0c90bebb4016
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
1966
,
war
von 2008
bis 2012 als selbständiger Physiothe
ra
peut in einer eigenen Praxis tätig (Urk.
7/193/18, Urk. 7/193/23)
. Am 2
0.
Juli
2011 meldete er sich unter Hinweis auf eine Handgelenksverletzung bei der In
validenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/6). Die Sozial
ver
si
che
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische und erwerb
liche Abklärungen
und teilte
ihm
am 2
3.
Oktober 2012 (Urk. 7/41) mit, dass kein An
spruch auf berufliche Massnahme
n
bestehe.
M
it Vorbescheid vom 1
6.
Mai
2014 (Urk. 7/98) stellte die IV-Stelle die Abwei
sung des Leistungsbegehrens in Aussicht
, nachdem der Versicherte Begutach
tungstermine nicht wahrgenommen und eine Bereitschaftserklärung nicht innert Frist eingereicht hat
te
. Dagegen erhob der Versicherte Einw
ä
nd
e
(Urk. 7/101).
In der Folge
konnte
ein Gutachten erstellt werden, das am 2
5.
April
2016 erstattet wurde
(Urk.
7/193
).
Nach
erfolgter Abklärung für
Selbständigerwerbende
(
Urk.
7/206) und
durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk
. 7/211, Urk. 7/221
-
222
) verneinte die IV-Stelle
mit Verfügung
vom
1
8.
November 2016
einen Ren
tenanspruch
(
Urk. 7/230 =
Urk.
2)
.
2.
Der Versicherte erhob am 2
3.
Dezember 2016 Beschwerde g
egen die Verfügung vom
1
8.
November
2016
(
Urk.
2) und beantragte deren Aufhebung und
die
Zusprache
einer
vollen (richtig:
ganzen
)
Rente
.
Eventuell seien zusätzliche tat
säch
liche, medizinische und erwerbliche Abklärungen zu treffen (
Urk.
1
S. 2
Ziff.
1-3
).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vo
m
1.
Februar 2017
(Urk.
6
) die Abweisung der Beschwerde
. Mit Replik vom
9.
März 2017 (Urk. 9)
und
Dup
lik vom 2
6.
April 2017 (Urk. 12) hielt
en die Parteien an ihren Standpunkten fest.
Mit Triplik vom 1
2.
Mai 2017 nahm der Beschwerdeführer noch
einmal
Stellung
(
Urk.
14)
, was der Beschwerdegegnerin
am
1
7.
Mai 2017
zur Kenntnis gebracht wurde (Urk.
16
).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesund
heit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung ver
blei
ben
de ganze oder
teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Be
tracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Er
werbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss
ist bei psychischen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein seelisches Leiden mit Krankheitswert besteht, welches die ver
sicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein
ren
tenausschliessendes
Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG;
BGE 139 V 547
E. 5;
131 V 49
E. 1.2;
130 V 352
E. 2.2.1).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psychiatrische Diagnose voraus (BGE 130 V 396; 141 V 281 E. 2.1). Eine fach
ärztlich festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleich
bedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diag
nose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objekti
vierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (vgl. BGE 127 V 294 E. 4c; 139 V 547 E. 5.2; zur Publikation in der amtlichen Sammlung vorgesehenes Urteil des Bundesgerichts 8C_841/2016 vom 30. November 2017 E. 4.2.1).
Gemäss der für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosoma
tische Leiden entwickelten Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die tatsächli
che Arbeits- und Leistungsfähigkeit der versicherten Person grundsätzlich in einem strukturierten, ergebnisoffenen Beweisverfahren anhand von auf den funktionellen Schweregrad bezogenen Standardindikatoren zu ermitteln (BGE 141 V 281). Mit zur Publikation in der amtlichen Sammlung vorgesehenem Urteil 8C_130/2017 vom 30. November
2017 hat das Bundesgericht erkannt, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Leiden einem strukturierten Beweis
verfah
ren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen seien, wobei es je nach Krank
heitsbild allenfalls gewisser Anpassungen hinsichtlich der Wertung einzelner
Indikatoren bedürfe. Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (E. 7).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens sind als Standardindikatoren die folgenden Aspekte massgebend (BGE 141 V 281 E. 4.1.3):
Funktioneller Schweregrad
-
Gesundheitsschädigung
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
-
Komorbiditäten
-
Persönlichkeit: Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Ressourcen
-
sozialer Kontext
Konsistenz (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichba
ren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungs
anamnestisch
ausgewiesener Leidens
druck
Diese
Standardindikatoren erlauben - unter Berücksichtigung leistungshindern
der
äusserer
Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotenzialen (Res
sour
cen) anderseits - das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschät
zen (BGE 141 V 281 E. 3.4-3.6 und E. 4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_2
60/2017 vom 1. Dezember
2017 E.
4.2.3).
Die Anerkennung eines renten
begründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Aus
wirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen der Beweislosigkeit (nach wie vor) die materiell beweisbe
lastete versicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2).
1.3
Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen Durch
schnittswerten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert (Tabellenlohn) allenfalls zu kürzen. Damit soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass persönliche und berufliche Merkmale, wie Art und
Ausmass
der Behinderung, Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und Beschäfti
gungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können
(BGE 124 V 321 E.
3b/
aa
). Aufgrund dieser Faktoren kann die versicherte Person die verbliebene Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt möglicherweise nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten
(BGE 126 V 75
E.
5b/
aa
). Der Abzug soll aber nicht automatisch erfolgen. Er ist unter Würdi
gung der Umstände im Einzelfall nach
pflichtgemässem
Ermessen gesamthaft zu schätzen und darf 25
%
nicht übersteigen (BGE 135 V 297 E. 5.
2; 134 V 322 E.
5.2 und
126 V 75 E.
5b/
bb
-cc). Die Rechtsprechung gewährt insbesondere dann einen Abzug auf dem Invalideneinkommen, wenn eine versicherte Person selbst im Rahmen körperlich leichter Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer Leistungsfä
higkeit eingeschränkt ist
(BGE 126 V 75 E.
5a/
bb
).
Zu beachten ist jedoch, dass allfällige bereits in der Beurteilung der medizinischen Arbeitsfähigkeit enthalte
ne gesundheitliche Einschränkungen nicht zusätzlich in die Bemessung des lei
densbedingten Abzugs einfliessen und so zu einer doppelten Anrechnung des
selben Gesichtspunkts führen dürfen (Urteile des Bundesgerichts 9C_846/2014 vom 22. Januar
2015 E. 4.1.1 und 8C_805/2016 vom 22. März
2017 E. 3.1 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon aus, der Beschwerdeführer sei in einer näher umschriebenen angepassten Tätig
keit zu 100
%
arbeitsfähig, und ermittelte einen Invaliditätsgrad von 24
%
(S.
2).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1), er sei seit November 2011 ununterbrochen bei Psychiatern, Psychologen, Psycho
therapeuten oder Suchtberatern in Behandlung (S. 4
f
f.
Ziff.
5)
. Gemäss dem eingeholten und vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) als aussagekräftig beurteilten Gutachten sei ab März 2012 von einer Arbeitsunfähigkeit von min
destens 50
%
auszugehen (S. 6 f.
Ziff.
6). Aus näher dargelegten Gründen sei ferner ein Leidensabzug beim Invalideneinkommen angezeigt (S. 7 f.
Ziff.
7) und von einem höheren
Valideneinkommen
auszugehen (S. 8 f.
Ziff.
8). Sollte keine
ganze
Rente zugesprochen werden, seien zusätzliche Abklärungen vorzu
nehmen (S. 10
Ziff.
9), und es seien berufliche Massnahmen im Sinne einer Um
schulung angezeigt (S. 11
Ziff.
10).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, wie es sich mit der Arbeitsfähigkeit des Beschwerde
führers und einem allfälligen Rentenanspruch verhält.
Nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung und damit des vorliegenden Verfahrens ist die Frage allfälliger Eingliederungsmassnahmen.
Mit Mitteilung vom 2
3.
Oktober
2012
(
Urk.
7/
41
)
verneinte
die Beschwerdegegnerin einen An
spruch auf berufliche Massnahmen und führte aus,
der Beschwerdeführer
habe mitgeteilt, dass er sich zurzeit subjektiv nicht in der Lage fühle, berufliche
Mass
nahmen anzugehen. Wenn sich die Verhältnisse änderten, könne er ein neues Gesuch in Briefform einreichen.
Die
s
hat nach Lage der Akten bis heute nicht stattgefunden.
3.
3.1
Dr.
med.
Y._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, führte in ihrem Bericht vom 1
7.
August
2011 (
Urk.
7/12) aus, sie behandle den Be
schwer
de
führer seit dem 2
1.
Januar 2011 (
Ziff.
1.2). Er sei am 2
0.
Januar
2011 mit dem Fahrrad auf das rechte
Handgelenk gestürzt (
Ziff.
1.4). Als Diagnose nannte sie die Traumatisierung einer alten proximalen
Scaphoid-Pseudarthrose
rechts mit Zustand nach Rekonstruktion im April 2005 (
Ziff.
1.1).
Der behandelnde PD
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates sowie für Handchirurgie,
A._
Klinik, führte in seinem Bericht vom 2
6.
September
2011 aus, der Beschwerdeführer könne seine Administrativaufgaben vollumfänglich erfüllen, für manuelle Tätigkeiten in seinem physiotherapeutischen Unternehmen sei er jedoch nicht einsatzfähig. Deshalb sei er weiterhin in seinem bisherigen Beruf zu 75
%
arbeitsunfähig (
Urk.
7/16/5-6 S. 2 Mitte).
3.2
Die Ärzte der
B._
führten mit Bericht vom 2
8.
September 2012 (
Urk.
7/44 =
Urk.
7/48
= 7/53/1-3) aus, der Beschwerdefüh
rer sei seit dem 1
7.
Juli 2012 bei ihnen in ambulanter Behandlung und nannten folgende Diagnosen (S. 1):
-
depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F32.1)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol, schädlicher Ge
brauch (ICD-10 F10.1)
-
pathologisches Spielen (F63.0)
Am 1
7.
Dezember 2012 teilten sie der Beschwerdegegnerin mit, der Beschwerde
führer sei nunmehr bei der Integrierten Suchthilfe der
B._
in Behandlung (
Urk.
7/47). Dort wurde der Beschwerdegegnerin
am 2
3.
Januar 2013 (
Urk.
7/49)
mitgeteilt, der Beschwerdeführer sei nie vorstellig geworden
und am
6.
November 2013 (
Urk.
7/82), er sei nur zweimal dort gewesen. Es sei nicht klar, ob er sich wieder melden würde, den letzten Termin habe er ohne Verein
barung eines neuen abgesagt
(vgl. nachstehend E. 3.4)
.
3.3
Nach Abklärungsgesprächen am 1
2.
Februar
2013 (
Urk.
7/59) und
3.
Juni
2013 (
Urk.
7/74)
weilte der Beschwerdeführer vom 1
8.
Juni bis
6.
August
2013 in der
C._
Klinik, worüber am 2
3.
August 2013 berichtet wurde (
Urk.
7/77/3-5
=
Urk.
7/169/4-6
). Es wurden die folgenden Diagnosen genannt (S. 1 Mitte):
-
Alkoholabhängigkeitssyndrom, vom Typ des Pegeltrinkens, ständiger Substanzgebrauch (F10.25)
-
mittelgradige depressive Episode (F32.1)
-
pathologisches Spielen (F63.0)
-
posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
Die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) betreffend wurde ausgeführt, die schon vor Eintritt diagnostizierte Depression habe sich im Verlauf der Therapie als PTBS (mehrere schwere Unfälle, gewalttätiger Angriff durch Familie oder Bekanntenkreis, sexuelle Angriffe durch fremde Personen, Gefangenschaft und mehrere Mal fast ertrunken) erwiesen (S. 2 oben).
3.4
Vom
5.
bis 2
0.
August 2014 weilte der Beschwerdeführer ein zweites Mal in der
C._
Klinik, worüber am 2
1.
August
2014 berichtet wurde (
Urk.
7/113/1-3
=
Urk.
7/169/1-3
). Es wurden die folgenden Diagnosen genannt (S. 1):
-
Alkoholabhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent in beschützender Umgebung (F10.21)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom (F33.11)
-
anamnestisch posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
-
pathologisches Spielen (F63.0)
Der medikamentös gestützte körperliche Entzug sei ohne Komplikationen ver
laufen (S. 1 oben). Trotz der Notwendigkeit einer weitergehenden Entwöh
nungstherapie und Behandlung der depressiven Symptomatik habe der Be
schwerdeführer am 2
0.
August
2014 gewünscht, nach Hause auszutreten (S. 2 Mitte). Der Austritt sei gegen den erteilten Rat erfolgt (S. 1 Mitte).
3.5
Vom
9.
Oktober
2013 bis 2
5.
März
2015 befand sich der Beschwerdeführer in ambulanter Behandlung bei der Integrierten Suchthilfe der
B._
, worüber am 2
5.
März 2015 berichtet wurde (
Urk.
7/168). Es fanden zwei Sitzungen statt, die dritte sagte der Beschwerdeführer per E-Mail ab (S. 2 Mitte).
3.6
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in seinem Bericht vom 2
1.
Juli 2015 (
Urk.
7/143) aus, er behandle den Beschwer
deführer seit 1
8.
Dezember
2014 zweimal pro Monat (
Ziff.
3.1). Er nannte fol
gende Diagnosen (1.2):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode (F33.2)
-
posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
-
sekundäres Alkoholabhängigkeitssyndrom (F10.25)
Die Ressourcen betreffend führte er aus, aufgrund des langdauernden desolaten psychischen Zustandes sei
die Ausübung
sowohl
der bisherigen wie auch einer angepassten Tätigkeit auf lange Sicht ausgeschlossen (
Ziff.
2.1).
3.7
Am 2
5.
April 2016 erstatteten die Ärzte des
E._
ein Gutachten im Auftrag der Beschwerdegegnerin (
Urk.
7/193/1-65). Sie stützten sich auf die ihnen überlassenen Akten (S. 3 ff.), die Angaben des Versi
cherten (S. 18 ff.) und die von ihnen am
8.
und 1
1.
Dezember
2015 und 2
7.
Januar
2016 (S. 1 unten) erhobenen internistischen (S. 23 ff.), rheumatologi
schen (S. 30 ff.), neuropsychologischen (S. 36 ff.) und psychiatrischen (S. 43 ff.) Befunde.
Die Gutachter nannten folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfä
higkeit (S. 58
Ziff.
6.1):
-
Status nach
Scaphoid
-Rekonstruktion rechts mit Resektion der
Pseu
darthrose
, Beckenspaninterposition und Osteosynthese mit zwei axialen Herbert-Schrauben am 2
1.
April
2005 wegen veralteter proximaler
Scaphoid-Pseudarthrose
mit kleinem proximalem nekrotischem
Scaphoidfragment
bei / mit
-
erneuter Traumatisierung durch Sturz auf rechten Vorderarm 2
0.
Januar 2011
-
persistierender dorsaler
intercalierter
Segmentinstabilität (DISI)
-
radiologisch progredienter Radiokarpalarthrose (Röntgen Dezem
ber
2015)
-
Selbstlimitierung im Zusammenhang mit psychischer Situation mög
lich
-
rezidivierende depressive Störung, derzeit mittelgradig (ICD-10 F33.1)
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 58
Ziff.
6.2) nann
ten sie eine paranoide Persönlichkeitsakzentuierung (ICD-10 Z73.0) und eine Al
ko
holabhängigkeit, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F10.2).
In ihrer Beurteilung (S. 60 ff.) führten sie aus, aktuell im Vordergrund stehe, dass sich der Versicherte unverstanden fühle und froh sei, endlich einen Psychi
ater gefunden zu haben, zu dem er ein gutes Vertrauensverhältnis aufbauen könne. Er könne sich aktuell nicht vorstellen, wie er aus seinem Loch heraus
kommen sollte. Alles sei kaputt. Selbsteinschätzend beurteile er sich als nicht mehr arbeitsfähig (S. 60 Mitte).
Die internistische Untersuchung ergebe das Bild eines 49-jährigen
normosomen
, kardiopulmonal kompensierten Versicherten in deutlich depressivem, körperlich unauffälligem Allgemeinzustand. Es fänden sich durchwegs Normalwerte in den Laboruntersuchungen. Normale Leberfunktionswerte deuteten nicht auf einen vermehrten Alkoholkonsum hin. Die deutlich unter dem therapeutischen Bereich liegenden Serum Medikamentenspiegel wiesen auf eine mangelhafte Therapie-
Adhärenz hin (S. 60 unten). Aus internistischer Sicht lasse sich keine Ein
schränkung der Arbeitsfähigkeit begründen, weder in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit noch in einer dem Alter und dem Habitus angepassten Verweistätig
keit (S. 61 oben).
In rheumatologischer Hinsicht sei der klinische Befund schwierig zu objektivie
ren wegen
Dagegensperren
zur Verhinderung einer Schmerzauslösung vor allem bei den Bewegungstests bei insgesamt tiefer Schmerzschwelle. Für sämtliche
Tätigkeiten ohne repetitive stereotype
Umwendbewegungen
des rechten Vorder
armes
und insbesondere Belastungen des rechten Handgelenkes in al
l
en Rich
tungen
inklusive repetitive
m
kräftige
m
Faustschluss besteh
e
im Sinne einer Ver
weis
tätigkeit rein
aus rheumatologischen Gründen ab sofort eine uneinge
schränkte Arbeitsfähigkeit. Als
Gegenhand k
ö
nn
e
der rechte Arm für leichtere Arbeiten
voll eingesetzt werden (S. 61).
In neuropsychologischer Hinsicht lasse die Zusammenstellung der Befunde (Testergebnisse) auf ein Aggravationsverhalten schliessen. Daher könnten die Ergebnisse der Leistungstests nicht inhaltlich ausgewertet werden und lieferten wegen mangelnder Mitarbeit keine verwertbaren neuropsychologischen Befun
de, da sie wahrscheinlich nicht das effektiv vorhandene kognitive Leistungsni
veau abbildeten. Unter diesen Umständen bestehe andererseits auch das Risiko, dass tatsächliche und spezifische kognitive Defizite differenzialdiagnostisch nicht festgestellt werden könnten. Aus neuropsychologischer Sicht könne we
gen mangelnder Mitarbeit keine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit vorgenom
men werden (S. 60 f.).
Aus psychiatrischer Sicht habe im Zusammenhang mit der Aufgabe der freibe
ruflichen Tätigkeit als Physiotherapeut im März 2012 eine depressive Entwick
lung begonnen. In dieser Zeit sei auch der Beginn eines vermehrten Alkohol
konsums dokumentiert. Seit diesem Zeitpunkt bestehe aus psychiatrischer Sicht Arbeitsunfähigkeit. Hinweise für eine Persönlichkeitsstörung fänden sich nicht, jedoch eine Persönlichkeitsakzentuierung. Es fänden sich auch Hinweise auf eine regressive Haltung und auf Aggravation, sodass die Funktionsstörungen nicht rein psychiatrisch erklärt werden könnten. Die Medikamentenspiegel im Serum lägen unterhalb des therapeutischen Bereichs und l
ie
ssen auf eine man
gelhafte
Therapieadhärenz schl
iessen. Eine Serumspiegel-gesteuerte Pharmako
the
rapie
sei
zu empfehlen.
Von März
2012 bis Juli
2013 sei eine 5
0%
ige Arbeits
unfähigkeit anzunehmen. Seit
August
2013
sei
bei Annahme einer mittel
gradigen
depressiven Episode von einer Arbeitsunfähigkeit von 50
%
aus
zuge
hen
(S. 62).
In einer dem Leiden optimal angepassten Tätigkeit - ohne repetitive stereotype
Umwendbewegungen
des rechten Vorderarmes und insbesondere Belastungen des rechten Handgelenkes in allen Richtungen, inklusive repetitivem
kräftigem Faustschluss, Vermeiden geistig-seelischer Belastungen wie Tätigkeiten mit erhöhtem interaktivem Konfliktpotential, Publikumskontakt, wechselnden Arbeits
zeiten, Zeitdruck und Stress - bestehe aus interdisziplinärer Sicht
ab Unter
suchungsdatum eine 50%
ige Arbeitsfähigkeit (S. 62 f.
Ziff.
7.7).
Betreffend berufliche Massnahmen führten die Gutachter aus, um einer weiteren regressiven Entwicklung vorzubeugen, erachteten sie die Wiedereingliederung als medizinisch sinnvoll und erwarteten in Abhängigkeit des Therapieerfolges eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit und empfählen die Neubeurteilung innert Jahresfrist (S. 63
Ziff.
7.9).
3.8
Gemäss Feststellungsblatt vom 1
5.
August 2016 (
Urk.
8/210) führte med.
pract
.
F._
, Facharzt für Arbeitsmedizin, RAD, am 2
4.
Mai 2016 aus, auf das eingeholte Gutachten könne abgestellt werden (S. 18 oben). In einer ange
passten Tätigkeit gemäss Belastungsprofil betrage die Arbeitsfähigkeit 50
%
(S.
18 Mitte). Er empfahl eine vorgezogene medizinische Neubeurteilung nach zirka 12 Monaten nach Durchführung medizinischer Massnahmen (S. 18 unten).
Am 1
1.
August
2016 führte die
dossierverantwortliche
Sachbearbeiterin aus,
gesamthaft gesehen handle es sich um ein nicht ausreichend therapiertes Lei
den. Der Beschwerdeführer nehme weder eine intensive regelmässige Therapie wahr noch die Medikamente korrekt ein. Der Leidensdruck für eine adäquate Therapie sei nicht ausreichend hoch. Zudem habe der Beschwerdeführer wäh
rend der Begutachtung
aggravierte
Reaktionen gezeigt, was sie zum Fazit
ver
anlasste
„
I
n einer angepassten Tätigkeit
besteht
eine volle Arbeitsfähigkeit
“
(S.
19).
3.9
Im Abklärungsbericht für
Selbständigerwerbende
vom
9.
August
2016 (
Urk.
7/206) wurde unter anderem ausgeführt, der Beschwerdeführer konsultiere seine Hausärztin einmal pro Monat
(wegen Zeugnis) und seinen Psychiater alle 4-6 Wochen zur Gesprächstherapie (S. 2 Mitte).
4.
4.1
Die
E._
-Gutachter attestierten dem Beschwerdeführer eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
in körperlich angepasster Tätigkeit, wobei sie die postulierte Ein
schränkung der
Arbeitsfähigkeit
mit der psychiatrischen Diagnose (mittelgradi
ge depressive Episode) begründeten (vorstehend E. 3.6). Der zuständige RAD-Arzt kam zum Schluss, darauf sei abzustellen (vorstehend E. 3.7).
Dennoch ging die
Beschwerdegegnerin
‚
aufgrund der medizinischen Beurtei
lung
‘
von einer vollen Arbeitsfähigkeit
in angepasster Tätigkeit aus (
Urk.
8/209).
Bei der
‚
medizinische
n
Beurteilung‘,
auf welche sie Bezug nahm, handelte es sich in Wirklichkeit um die
bereits erwähnten
Ausführungen der Sachbearbeite
rin
(vorstehend E. 3.7).
4.2
Dem kann so nicht gefolgt werden. Einmal ist
es
die gesetzliche Aufgabe des RAD, die massgebende funktionelle Leistungsfähigkeit, eine zumutbare Erwerbs
tätigkeit auszuüben, festzusetzen (
Art.
59
Abs.
1
Abs.
2
bis
IVG). Sodann sind die Auswirkungen einer mittelgradigen Depression auf die Arbeitsfähigkeit diffe
renziert zu prüfen und können nicht (mehr) mit dem blossen Hinweis auf feh
lenden Leidensdruck oder ungenügende Therapiebefolgung verneint werden (vgl.
zur BGE-Publikation bestimmtes
Urteil
des Bundesgerichts
8C_841/2016 vom 3
0.
November 2017 E. 4.4
), sondern sind auch in diesen Fällen im Rahmen des strukturierten, ergebnisoffenen Beweisverfahrens anhand der Standardindi
katoren zu prüfen (vorstehend E. 1.2). Damit sei schliesslich auch darauf hinge
wiesen, dass eine summarische Prüfung durch medizinische (und juristische) Laien mit Sachbearbeitungsfunktion, zumal wenn sie überdies wie vorliegend geradezu salopp un
d handgestrickt wirkend erfolgt
, den Anforderungen der Recht
sprechung an ein faires Beweisverfahren nicht zu genügen vermag.
4.3
Die Sache ist daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie eine den aktuellen Anforderungen genügende Prüfung der Auswirkung der diagnos
tizierten Leiden auf die Arbeitsfähigkeit vornehme. Denkbar ist etwa, dass sie von den
E._
-Gutachtern eine ergänzende Stellungnahme einholt, in welcher sich diese substantiiert zu den Standardindikatoren äussern, dies allenfalls unter zusätzlichem Hinweis auf die seitens der Sachbearbeitung getätigten Überle
gungen (vorstehend E. 3.7) und die
festgestellte Therapiefrequenz (vorstehend E.
3.8).
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
4.4
Der Beschwerdeführer sei schliesslich darauf hingewiesen, dass er bei einzelnen in der Beschwerde (
Urk.
1) vertretenen Standpunkten kaum damit rechnen kann, dass ihm se
itens des
Gerichts gefolgt würde, was er
im
Interesse der Ver
fahrensökonomie berücksichtigen möge.
Dies betrifft namentlich den allfälligen Abzug vom statistischen Tabellenlohn (S. 7 f.
Ziff.
7)
: Inwiefern eine - laut Gut
achten aktuell kompensierte - Alkoholproblematik einen Abzug rechtfertigen sollte, ist nicht ersichtlich
. Sodann muss d
ie Bezugnahme auf die Situation von Grenzgängern bei einem Versicherten, der in der Schweiz
arbeitet, aber auch
wohnt
,
als
mehr als grenzwertig
bezeichnet werden
. Das von der Beschwerde
gegnerin eingesetzte
Valideneinkommen
von rund
Fr.
85'833.-- im Jahr 2011
schliesslich
wurde von ihr sorgfältig ermittelt und schlüssig begründet (vgl.
Urk.
8/206 S. 7 Mitte). Dass es, wie beschwerdeweise
behauptet,
„
mindestens
“
Fr.
100'000.--
betrage solle (S. 9 oben, S. 10 Mitte), ist reine Spekulation, die in den verfügbaren Geschäftszahlen keine Stütze findet.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf
Fr.
700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Da die Rückweisung der Sache als vollständiges Obsiegen gilt, steht dem
an
walt
lich vertretenen Beschwerdeführer eine Prozessentschädigung zu, die beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ermes
senweise auf
Fr.
2'700.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen ist.