Decision ID: 3cefeade-6644-5fe0-a6e5-4220316d6994
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ist afghanischer Staatsangehöriger paschtunischer
Ethnie, wurde in Pakistan geboren und hatte seinen Wohnsitz seit seinem
sechzehnten Lebensjahr in Kabul. Gemäss eigenen Angaben verliess er
seinen Heimatstaat im Oktober oder November 2016 in Richtung der Ver-
einigten Arabischen Emirate. Am 17. April 2017 reiste er aus Italien kom-
mend unkontrolliert in die Schweiz ein und stellte am 18. April 2017 beim
damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum Bern ein Asylgesuch. Am
26. April 2017 wurde er durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) zu
seiner Person befragt und am 28. Juni 2018 eingehend zu den Gründen
seines Asylgesuchs angehört. Zwischenzeitlich wurde er für die Dauer des
Asylverfahrens dem Kanton Bern zugewiesen.
B.
Der Beschwerdeführer machte anlässlich seiner Befragungen im Wesent-
lichen geltend, er sei aus Afghanistan ausgereist, weil er durch die Taliban
bedroht worden sei. Diese hätten gewusst, dass er in Pakistan geboren
worden und einmal jährlich dorthin gereist sei, um einen Derwisch-Orden
zu besuchen. Einerseits deswegen, andererseits weil er in der Nähe des
Gerichtsgebäudes in Kabul ein Photoatelier geführt habe, hätten ihn die
Taliban zur Zusammenarbeit aufgefordert, was er aber abgelehnt habe. Ein
Angehöriger der genannten Gruppierung habe ihm damit gedroht, ihn bei
den afghanischen Sicherheitsbehörden als Kollaborateur der Taliban zu
denunzieren, um ihm damit Probleme einzuhandeln. In der Folge habe er
das Photoatelier verkauft. Jedoch sei er etwa einen Monat später zuhause
aufgespürt und erneut bedroht worden. Dies habe ihn dazu bewogen, so
schnell wie möglich mit seiner Ehefrau aus Afghanistan auszureisen. Auf
dem Reiseweg in die Schweiz hätten sie allerdings beschlossen, dass ihn
seine Ehefrau nicht mehr weiter begleiten solle, und sie sei nach Afghanis-
tan zurückgekehrt. Im Verlauf des Asylverfahrens reichte der Beschwerde-
führer beim SEM unter anderem zwei Photographien ein, welche die Fol-
gen von Bombenanschlägen zeigen sollen, die sich in der Nähe seines
ehemaligen Ateliers ereignet haben sollen.
C.
Mit Eingaben vom 17. Mai und 20. Juli 2018 übermittelte der Beschwerde-
führer dem SEM insgesamt drei ärztliche Zeugnisse (je datierend vom
28. Februar 2018). Am 26. September 2018 reichte er zwei weitere ärztli-
che Zeugnisse ein.
D-4059/2020
Seite 3
D.
Mit Verfügung vom 13. Juli 2020 (Datum der Eröffnung: 14. Juli 2020)
lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete
dessen Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
E.
Diesen Entscheid focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechts-
vertreterin vom 13. August 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Da-
bei beantragte er die Aufhebung der genannten Verfügung, seine Anerken-
nung als Flüchtling und die Gewährung des Asyls, eventualiter seine vor-
läufige Aufnahme in der Schweiz wegen Undurchführbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs. In prozessualer Hinsicht wurde zudem sinngemäss bean-
tragt, dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 14. August 2020 den Ein-
gang der Beschwerde.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2020 lehnte die zuständige Instruk-
tionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung ab. Zugleich wurde der Beschwerdeführer zur Leistung eines Kosten-
vorschusses von Fr. 750.‒ mit Frist bis zum 2. September 2020 aufgefor-
dert, unter Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall.
H.
Mit Einzahlung vom 27. August 2020 wurde der verlangte Kostenvorschuss
geleistet.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das Asylgesetz (AsylG, SR 142.31)
durch das SEM erlassen worden sind, entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Perso-
D-4059/2020
Seite 4
nen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des Staates vorliegt, vor wel-
chem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländerrechts richtet sich
die Kognition des Gerichts nach Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5).
1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zwei-
ten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es
sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wird auf einen Schriftenwechsel
verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
D-4059/2020
Seite 5
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete die Ablehnung des Asylgesuchs in der angefoch-
tenen Verfügung im Wesentlichen damit, die betreffenden Vorbringen des
Beschwerdeführers seien asylrechtlich nicht relevant. Angesichts dessen
könne auf die Prüfung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen verzichtet wer-
den, wobei aber auch diesbezüglich Vorbehalte bestünden. Diese Beurtei-
lung ist als zutreffend zu erachten.
5.2 Wie das Staatssekretariat zutreffenderweise festgestellt hat, unter-
nahm der Beschwerdeführer keinerlei Anstrengungen, sich bei den afgha-
nischen Behörden der Stadt Kabul, wo er vor seiner Ausreise aus dem Hei-
matstaat wohnhaft war, um Schutz gegen die behauptete Bedrohung durch
eine Einzelperson zu bemühen, welche sich als Vertreter der Taliban aus-
gegeben habe. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass der Be-
schwerdeführer bei seiner Anhörung im vorinstanzlichen Verfahren (mehr-
fach) aussagte (entsprechendes Protokoll, S. 10 f.), die Sicherheitsbehör-
den hätten Vertrauen zu ihm gehabt. Das habe sich zum einen darin ge-
äussert, dass viele Angehörige der Behörden in seinem Laden Aktenkopien
hätten anfertigen lassen und ihm ähnliche Aufträge erteilt hätten, zum an-
deren, indem er von den Behörden aufgefordert worden sei, verdächtige
Beobachtungen zu melden. Unter diesen Umständen ist in keiner Weise
nachvollziehbar, weshalb er die angeblichen Bedrohungen durch einen An-
gehörigen der Taliban den Sicherheitskräften nicht meldete, um so behörd-
lichen Schutz zu erlangen. Auch ist angesichts seines engen Verhältnisses
zu den Sicherheitsbehörden und der Lage seines Ladens in der Nähe der
Gerichtsgebäude davon auszugehen, dass ihm gegen die angebliche Be-
drohung durch einen einzelnen Angehörigen der Taliban tatsächlich der er-
forderliche Schutz zuteil geworden wäre, hätte er tatsächlich eine entspre-
chende Anzeige erstattet. Ferner ist festzuhalten, dass die im vorinstanzli-
chen Verfahren eingereichten Beweismittel – in erster Linie zwei Photogra-
phien, welche die Folgen von Bombenanschlägen zeigen sollen, die sich
D-4059/2020
Seite 6
in der Nähe des Photoateliers des Beschwerdeführers ereignet haben sol-
len – in keiner Weise geeignet sind, eine asylrechtlich relevante Gefähr-
dung des Beschwerdeführers zu belegen.
5.3 Wie die Vorinstanz ausserdem ausgeführt hat, ist auch nicht zu erken-
nen, weshalb der Beschwerdeführer überhaupt in anhaltender Weise be-
droht sein sollte, nachdem er das Ladengeschäft, welches gemäss seinen
Angaben für die Taliban aufgrund der Lage neben Gebäuden der afghani-
schen Sicherheitsbehörden von Interesse gewesen sei, in der Folge ver-
äusserte. Insofern ist, über die Frage der asylrechtlichen Relevanz der Vor-
bringen hinaus, auch die Glaubhaftigkeit der behaupteten Bedrohung als
zweifelhaft zu bezeichnen.
Im Zusammenhang mit der Fraglichkeit der Glaubhaftigkeit ist zudem –
auch wenn diesem Aspekt im vorliegenden Fall keine entscheidwesentli-
che Bedeutung zukommt – auf erhebliche Widersprüche in den Aussagen
des Beschwerdeführers hinzuweisen: So gab er anlässlich der Erstbefra-
gung vom 26. April 2017 (entsprechendes Protokoll, S. 7) an, er sei, weil
die Taliban von seinen jährlichen Reisen zu einem Derwisch-Orden in Pa-
kistan gewusst hätten, bereits "vor drei Jahren" (gerechnet vom Datum der
Erstbefragung, mithin im Jahr 2014) zur Zusammenarbeit aufgefordert wor-
den. Im Rahmen der eingehenden Anhörung vom 28. Juni 2018 (entspre-
chendes Protokoll, S. 8) sagte er demgegenüber aus, er sei erstmals "vor
zwei Jahren", nämlich während des letzten Ramadan vor seiner Ausreise
(mithin im Juni oder Juli 2016), mit den Taliban in Kontakt gekommen. Auf
diese zeitliche Unvereinbarkeit wurde er durch das SEM bei der Anhörung
angesprochen, vermochte aber keine nachvollziehbare Begründung zu ge-
ben (ebd., S. 16).
5.4 Die Beschwerdeschrift beschränkt sich darauf, zum einen die bereits
im vorinstanzlichen Verfahren vorgebrachten Behauptungen des Be-
schwerdeführers zur angeblichen Gefährdung durch die Taliban zu wieder-
holen, zum anderen einige allgemeine Informationen zur Sicherheitslage
in Afghanistan wiederzugegeben, die in keinerlei konkretem Bezug zum
Fall des Beschwerdeführers stehen. Somit enthält die Beschwerdeschrift
nichts, was geeignet sein könnte, sich auf die zu treffenden Einschätzun-
gen auszuwirken.
5.5 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das SEM zutreffenderweise zur
Einschätzung gelangt ist, der Beschwerdeführer habe keine asylrechtlich
relevante Gefährdung glaubhaft gemacht. Die Vorinstanz hat folglich das
Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
D-4059/2020
Seite 7
6.
Die Ablehnung eines Asylgesuchs oder das Nichteintreten auf ein Asylge-
such hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die verfügte
Wegweisung steht daher im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen
und wurde von der Vorinstanz zu Recht angeordnet.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
länderinnen und Ausländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesge-
setzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration
[AIG, SR 142.20]).
7.2
7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
7.2.2 Der Vollzug der Wegweisung durch Rückschaffung nach Afghanistan
ist unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig, weil der Beschwerde-
führer – wie zuvor dargelegt – dort keinen Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG ausgesetzt wäre. Aus den Vorbringen des Beschwerdeführers erge-
ben sich ausserdem auch keine konkreten und gewichtigen Anhaltspunkte
für die Annahme, dass er im Falle einer Ausschaffung nach Afghanistan mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre (vgl. aus der Praxis des Europäischen
D-4059/2020
Seite 8
Gerichtshofs für Menschenrechte etwa die Urteile i.S. Bensaid, Rep. 2001-
I, S. 303, sowie i.S. Saadi vom 28. Februar 2008 [Grosse Kammer], Be-
schwerde Nr. 37201/06, Ziff. 124 ff., jeweils m.w.N.). Auch die allgemeine
Menschenrechtssituation in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug
zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der
Wegweisung ist somit sowohl im Sinne der asylgesetzlichen als auch der
völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.2 Der Beschwerdeführer lebte gemäss eigenen Angaben seit seinem
sechzehnten Lebensjahr bis zur Ausreise aus dem Heimatstaat im Oktober
oder November 2016 in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Dieser Her-
kunftsort ist mithin für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung nach Afghanistan massgeblich.
7.3.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Lage in der afghanischen
Hauptstadt Kabul im Rahmen eines länderspezifischen Koordinationsent-
scheids ausführlich analysiert (Urteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017
E. 6.3 ff. [als Referenzurteil publiziert]). Diese Lageanalyse und die daraus
gezogenen Schlussfolgerungen sind weiterhin zutreffend. Gemäss Ein-
schätzung des Gerichts ist die allgemeine Situation in Kabul sowohl unter
dem Aspekt der Sicherheitslage als auch der humanitären Gegebenheiten
grundsätzlich als existenzbedrohend und somit unzumutbar im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Von dieser Regel kann jedoch abgewi-
chen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen, aufgrund
derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen
werden kann. Somit kann der Vollzug der Wegweisung zumutbar sein,
wenn im Einzelfall besonders günstige Voraussetzungen vorliegen und die
nach Kabul zurückkehrende Person somit ausnahmsweise nicht in eine
existenzbedrohende Lage zu geraten droht. Solche günstigen Vorausset-
zungen können grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich
beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt. Unabdingbar
ist in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme
und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig erweist. Dieses
D-4059/2020
Seite 9
soziale Netz muss dem Rückkehrenden insbesondere eine angemessene
Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen
Reintegration bieten können. Allein aufgrund von losen Kontakten zu Be-
kannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen
insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbringung un-
geklärt sind, ist nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz aus-
zugehen. Ebenso ist entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die
rückkehrende Person verfügt beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftli-
che Wiedereingliederung durch eine bezahlte Arbeit im Zusammenspiel mit
dem Beziehungsnetz begünstigt werden kann. Vorauszusetzen ist, dass
das Vorliegen dieser strengen Anforderungen in jedem Einzelfall sorgfältig
geprüft wird und diese erfüllt sein müssen, um einen Wegweisungsvollzug
nach Kabul als zumutbar zu qualifizieren (ebd., E. 8.4.1).
7.3.4 Im vorliegenden Fall ist zunächst festzustellen, dass der Beschwer-
deführer als jung und gesund im Sinne der genannten Praxis zu erachten
ist. Zwar wurden im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens zwei ärztliche
Zeugnisse eingereicht, aus welchen hervorgeht, dass er Ende Februar
2018 und im Zeitraum zwischen dem 28. August und dem 11. September
2018 wegen depressiver Probleme in psychotherapeutischer Behandlung
war. Aktuellere gesundheitliche Leiden sind jedoch nicht aktenkundig. Das
SEM ging in der angefochtenen Verfügung auf die erwähnten gesundheit-
lichen Probleme ein, wobei es zum Schluss gelangte, es lasse sich daraus
nicht auf eine mögliche Gefährdung aus medizinischen Gründen schlies-
sen. Die Beschwerdeschrift enthält in Bezug auf die gesundheitliche Situ-
ation des Beschwerdeführers keinerlei Angaben oder entsprechende An-
träge, womit davon auszugehen ist, dass zum heutigen Zeitpunkt keine
medizinischen Probleme bestehen, die für die Beurteilung der Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs von Belang sein könnten.
Zudem liegen im Falle des Beschwerdeführers auch in anderweitiger Hin-
sicht besonders begünstigende Faktoren im Sinne der geltenden Praxis
bezüglich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Kabul vor. Ge-
mäss eigenen Angaben betrieb der Beschwerdeführer in Kabul während
sieben oder acht Jahren an zentraler Lage ein eigenes, sogar von Behör-
denmitgliedern gut frequentiertes Photo- und Kopiergeschäft und hat somit
entsprechende berufliche Erfahrungen. Es kann davon ausgegangen wer-
den, dass ihm diese auch unter Berücksichtigung der schwierigen wirt-
schaftlichen Lage in Kabul und in Afghanistan allgemein eine rasche Rein-
tegration in den Arbeitsmarkt erleichtern werden. Des Weiteren ist festzu-
stellen, dass in Kabul die Ehefrau des Beschwerdeführers lebt, wobei sie
D-4059/2020
Seite 10
nach seinen Angaben im vorinstanzlichen Verfahren teils bei ihrem eige-
nen Vater, teils bei zwei verschiedenen Schwestern wohne. In der Stadt
Kabul lebt ausserdem ein Bruder des Beschwerdeführers im Haus des Va-
ters; dieser Bruder sei Inhaber eines eigenen Geschäfts. Die Eltern des
Beschwerdeführers, ein als Arzt tätiger Bruder sowie eine Schwester leben
in den USA. Mit all den genannten Personen steht der Beschwerdeführer
nach eigenen Angaben in regelmässigem Kontakt. Angesichts des Gesag-
ten verfügt der Beschwerdeführer bei seiner Rückkehr nach Kabul offen-
sichtlich über eine gesicherte Wohnsituation und ein tragfähiges soziales
Beziehungsnetz im Sinne der erwähnten Praxis. Im Übrigen ist davon aus-
zugehen, dass er sich im finanziellen Bedarfsfall auf seine in den USA le-
benden Familienangehörigen stützen könnte.
Unter Berücksichtigung aller wesentlichen Umstände erweist sich der Voll-
zug der Wegweisung folglich auch als zumutbar.
7.4 Schliesslich ist festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung
mangels aktenkundiger objektiver Hindernisse auch möglich im Sinne von
Art. 83 Abs. 2 AIG ist.
7.5 Die durch die Vorinstanz verfügte Wegweisung und deren Vollzug ste-
hen somit in Übereinstimmung mit den zu beachtenden Bestimmungen und
sind zu bestätigen. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufi-
gen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus den Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bun-
desrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und voll-
ständig feststellt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist
(Art. 106 AsylG; Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Die Kosten sind auf
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). Dabei ist zur Be-
gleichung der Verfahrenskosten der in selber Höhe geleistete Kostenvor-
schuss zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
D-4059/2020
Seite 11