Decision ID: d257288d-17a0-52d0-bacd-d813a6956681
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Ehefrau des Beschwerdeführers (nachfolgend: Ehefrau) suchte am
21. April 2019 in der Schweiz um Asyl nach. Mit Verfügung vom 27. Juni
2019 stellte das SEM fest, dass sie die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt,
und lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte aber eine vorläufige Aufnahme. Eine
gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde wurde mit Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts D-3501/2019 vom 21. August 2019 gutgeheissen.
Das Gericht anerkannte die Ehefrau als Flüchtling und wies das SEM an,
ihr Asyl zu gewähren.
B.
Der Beschwerdeführer gelangte gemäss eigenen Angaben am 8. Juli 2020
in die Schweiz und stellte am 13. Juli 2020 ein Asylgesuch. Er wurde dem
Bundesasylzentrum in Basel zugewiesen.
C.
Am 23. Juli 2020 wurde er zu seiner Person und zum Reiseweg befragt.
Am 4. August 2020 wurde er zu seinen Asylgründen angehört.
Dabei machte er im Wesentlichen geltend, dass er wegen seiner Liebes-
beziehung mit seiner Ehefrau, die vor seiner Flucht noch mit einem ande-
ren Mann verheiratet gewesen sei, von deren Familie verfolgt werde.
D.
Am 11. August 2020 unterbreitete das SEM dem Beschwerdeführer einen
Verfügungsentwurf zur Stellungnahme. Am 12. August 2020 äusserte er
sich zum Entwurf.
E.
Mit Verfügung vom 13. August 2020 (Eröffnung am gleichen Tag) stellte
das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die originäre Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllt. Gleichzeitig bezog es ihn jedoch in die Flüchtlingseigen-
schaft seiner Ehefrau ein und gewährte ihm Asyl.
F.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechts-
vertreterin vom 14. September 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an.
Er beantragte sinngemäss die Aufhebung der Ziffer 1 der angefochtenen
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Verfügung, verbunden mit der Feststellung der originären Flüchtlingseigen-
schaft. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG.
G.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
15. September 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG
[SR 142.31]).
H.
Mit Zwischenverfügung vom 21. September 2020 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgebestäti-
gung gut. Diese wurde vom Beschwerdeführer am 23. September 2020
nachgereicht.
I.
Mit Vernehmlassung vom 18. November 2020 äusserte sich das SEM zur
Beschwerde, worauf der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 7. Dezember
2020 replizierte.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbe-
reich im Zusammenhang mit dem Coronavirus vom 1. April 2020 [SR
142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde
ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in
dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch damit, dass er im
Alter von etwa (...) seine heutige Ehefrau kennengelernt habe. Seine El-
tern hätten bei ihrer Stiefmutter und ihrem Vater um ihre Hand angehalten.
Dieser Heiratsantrag sei aber abgelehnt und die Ehefrau stattdessen mit
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dem Bruder der Stiefmutter zwangsverheiratet worden. Trotzdem habe der
Beschwerdeführer weiterhin mit ihr Kontakt gepflegt, weswegen er von den
Söhnen des damaligen Ehemannes seiner Ehefrau mehrmals verprügelt
und einmal mit einer Heugabel schwer verletzt worden sei. Die Angreifer
hätten ihm gedroht, ihn bei den Taliban anzuschwärzen. Aufgrund der At-
tacken seitens der Familie der Ehefrau sei seine Familie im Jahre 2014 in
den Iran ausgereist.
Aus Liebe sei er aber nach nur einem Jahr wieder nach Afghanistan zu-
rückgekehrt und habe sich in Kabul niedergelassen. Er sei regelmässig in
sein Heimatdorf gefahren, um nach den Ländereien der Familie zu
schauen und seine Ehefrau heimlich zu treffen. Der damalige Ehemann
seiner Frau und ihre Stiefsöhne hätten nichts von seiner Rückkehr ge-
wusst. Als bei seiner Ehefrau die Monatsblutungen ausgeblieben seien,
hätten sie sich entschieden zu fliehen.
Er und seine Frau seien zunächst gemeinsam in den Iran gereist, wo sie
im Jahre 2016 rituell geheiratet hätten. Während ihrer weiteren Flucht seien
sie getrennt worden und es sei nur der Ehefrau geglückt, in die Schweiz zu
gelangen. Sie habe in der Folge Asyl erhalten, weshalb er legal im Rahmen
der Familienzusammenführung habe nachreisen können. Von seinem im
Iran lebenden Vater habe er vernommen, dass die Familie seiner Ehefrau
habe verlauten lassen, ihn bei einer Rückkehr töten zu wollen.
4.2 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass die Verfolgung im
Zeitpunkt des Asylentscheids aktuell sein müsse. Dafür sei ausschlagge-
bend, dass sie nach dem Verlassen des Heimatlandes noch andauere oder
begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung bestehe. Das Asyl diene
nicht dazu, in der Vergangenheit erlittenes Unrecht auszugleichen. Ge-
mäss den Aussagen des Beschwerdeführers seien die Angriffe und Dro-
hungen kausal für die erste Ausreise in den Iran gewesen, wo er Schutz
vor Verfolgung gefunden habe. Er sei jedoch freiwillig wieder zurückge-
kehrt und es habe das Risiko bestanden, dass seine Verfolger davon
Kenntnis erlangen könnten. Dies mache deutlich, dass er zu diesem Zeit-
punkt weder in Kabul noch in seinem Heimatdorf ernsthafte Nachteile zu
befürchten gehabt habe. Die vor der freiwilligen Rückkehr erlittenen Verfol-
gungshandlungen seien daher nicht asylrelevant.
Ferner setze die Flüchtlingseigenschaft ein spezifisches Verfolgungsmotiv
voraus, das auf dem Sein einer Person und nicht ihrem Tun gründe. Zudem
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seien gemäss dem Subsidiaritätsprinzip Personen mit einer innerstaatli-
chen Schutzalternative nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewie-
sen. Der Beschwerdeführer mache geltend, er habe bei seiner Ehefrau
eine Schwangerschaft vermutet, was (...) einen Ehebruch offensichtlich
gemacht hätte, weswegen er Vergeltungsmassnahmen ihrer Familie be-
fürchtet habe. Diese Befürchtungen seien aus zwei Gründen nicht asylre-
levant. Zum einen verfüge er in Kabul über eine innerstaatliche Schutzal-
ternative, da er angegeben habe, dort ein Jahr gelebt und gearbeitet zu
haben, ohne dass die Familie seiner Ehefrau davon Kenntnis erlangt hätte,
weshalb davon auszugehen sei, ihrer Familie sei der Wohnort in Kabul
nicht bekannt gewesen. Andererseits sei auch ein flüchtlingsrechtlich rele-
vantes Verfolgungsmotiv zu verneinen, da die sich abzeichnende Schwan-
gerschaft in seinen Taten, nämlich dem Ehebruch, liege. Anders als bei
seiner Frau, die aufgrund der in Afghanistan tief verwurzelten Unterdrü-
ckung von Frauen und dem damit verbundenen fehlenden behördlichen
Schutzwillen staatlicher Behörden, insbesondere in Fällen von Verstössen
gegen das islamische Gesetz, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe
nach Art. 3 AsylG erfülle, sei hinsichtlich des Beschwerdeführers nicht von
einem diskriminierenden Verhalten der Behörden auszugehen, ihm auf-
grund seines Seins keinen Schutz zu gewähren.
Da es an einem asylrelevanten Motiv mangle, werde an dieser Stelle da-
rauf verzichtet, im Detail darauf einzugehen, ob die Schwangerschaft tat-
sächlich eine begründete Furcht hätte auslösen müssen. Denn gemäss
seinen Aussagen sei nicht bekannt gewesen, dass er nach seiner erstma-
ligen Ausreise in den Iran wieder nach Afghanistan zurückgekehrt sei, und
die Grundlage dafür, dass die Familie seiner Ehefrau ausgerechnet ihn ver-
dächtige, Aussagen gewesen seien, welche er indirekt von entfernten Be-
kannten mitbekommen habe.
In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf habe er eingewendet, auf-
grund der Schwangerschaft hätte er zusammen mit seiner Ehefrau nach
Kabul fliehen müssen, wo sie bestimmt aufgespürt worden wären. Er sei
ferner einer unmoralischen Verhaltensweise bezichtigt worden, weshalb
ihm aufgrund seiner Ablehnung herrschender Normen und damit einer ab-
weichenden politischen Anschauung kein Schutz gewährt worden wäre.
Dem sei zu entgegnen, dass keine Anhaltspunkte bestünden, dass die
Familie der Ehefrau seinen Wohnsitz in Kabul hätte ausfindig machen kön-
nen. Auf Nachfrage, was nach seiner Flucht in der Heimat geschehen sei,
habe er in keiner Weise erwähnt, dass sein Kollege, mit dem er in Kabul
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gearbeitet und gewohnt habe, von der Familie aufgesucht oder kontaktiert
worden wäre. Das vom Beschwerdeführer herangezogene Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts E-2918/2018 vom 12. August 2019 erwäge expli-
zit, dass Frauen nicht mit demselben Schutz wie Männer rechnen könnten.
4.3 In der Beschwerdeschrift wurde entgegnet, die Vorinstanz stelle zu Un-
recht in Frage, ob die Familie der Ehefrau tatsächlich den Beschwerdefüh-
rer verdächtige, mit ihrer Flucht in Verbindung zu stehen. Gemäss dem Ur-
teil des Bundesverwaltungsgerichts D-3501/2019 vom 21. August 2019 be-
treffend die Ehefrau würden Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Fami-
lienangehörigen der Ehefrau wüssten, dass sie zusammen mit dem Be-
schwerdeführer geflohen sei. Im Urteil sei ferner festgehalten worden, dass
der Beschwerdeführer erfolglos um ihre Hand angehalten habe und sie be-
reits damals des unehelichen Geschlechtsverkehrs beschuldigt worden
seien. Der Beschwerdeführer und seine Frau seien deswegen auch schwer-
wiegend angegriffen worden. Die Familie der Ehefrau habe nach ihrem Ver-
schwinden zudem nach ihr gesucht und dabei explizit nach dem Beschwer-
deführer gefragt, wodurch sie erfahren habe, dass er nach Afghanistan zu-
rückgekehrt sei und sein Geschäft verkauft habe, zeitgleich mit dem Ver-
schwinden der Ehefrau. Damit übereinstimmend habe der Beschwerdefüh-
rer in der Anhörung angegeben, erfahren zu haben, dass gegen ihn nach
seiner Flucht Drohungen ausgesprochen worden seien. Es sei folglich von
einer weiterhin aktuellen gezielten Verfolgung auszugehen.
Diese Verfolgung sei asylrelevant. Hätten sich der Beschwerdeführer und
seine Ehefrau gemeinsam in Kabul niedergelassen, wären sie in Kürze auf-
gespürt worden. Das Gericht habe im Urteil betreffend die Ehefrau festge-
halten, der Schutzwille der Behörden sei bei ausserehelichen Beziehungen
bezüglich Frauen zu verneinen. Ausschlaggebend für den fehlenden
Schutzwillen sei, dass die Frau gegen vorherrschende Bräuche verstossen
habe. Die Diskriminierung finde ihren Ursprung in den Bräuchen und nicht
im originär fehlenden Schutzwillen. Dieser sei lediglich Konsequenz davon.
Gemäss Richtlinie des Amts des Hohen Flüchtlingskommissars der Verein-
ten Nationen (UNHCR) könnten Männer, die gegen Bräuche verstossen
hätten, ebenfalls einem Misshandlungsrisiko ausgesetzt sein, insbeson-
dere in Fällen von ausserehelichen Beziehungen, da ein Ehebrecher sich
zum Abtrünnigen der Gesellschaft mache, weshalb kein Schutzwille der
Behörden bestehe. Nicht die Schwangerschaft, sondern die Tatsache der
andauernden ausserehelichen Beziehung sei das Motiv der Verfolgung.
Der Beschwerdeführer habe sich – wie auch seine Ehefrau – bewusst und
mehrfach über gesellschaftliche Normen hinweggesetzt. Dies stelle eine
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generelle Haltung dar, mit welcher die vorherrschenden Normen abgelehnt
würden und eine abweichende politische Anschauung zum Ausdruck ge-
bracht werde. Durch Ehebruch würden sich Männer wie Frauen zu Abtrün-
nigen machen, denen jeglicher staatliche Schutz gegen Vergeltungs-
schläge durch die Familie verwehrt werde. Für die Familien stehe die
Handlung (der Ehebruch) im Vordergrund und die damit einhergehende
Verletzung der Ehre oder des Rufes. Für die Behörden stehe demgegen-
über die der Handlung zugrundeliegende Ablehnung der herrschenden
Normen im Vordergrund.
Ferner sei unklar, ob dem Beschwerdeführer nicht sogar eine staatliche
Verfolgung wegen Ehebruchs drohe. Fraglich sei auch, ob die Behörden
schutzfähig wären. In diesen zwei Punkten habe das SEM seine Untersu-
chungspflicht verletzt.
4.4 In der Vernehmlassung entgegnete das SEM, die Argumentation zum
mangelnden Schutzwille überzeuge nicht. In den Aussagen des Be-
schwerdeführers seien weder Hinweise auf eine politische Intention noch
auf Handlungsmuster, die sich gegen das politische System im Allge-
meinen richten würden, zu erkennen. Seine Auflehnung habe lediglich der
Tatsache gegolten, dass sein Heiratsantrag abgelehnt worden sei. Dies
könne nicht als Ausdruck einer gefestigten politischen Überzeugung gegen
das geltende Regime gewertet werden. Es gebe auch keine Hinweise
dafür, dass die Behörden ihn als eine politisch feindlich eingestellte Person
erkannt und ihm deshalb Schutz verweigert hätten. Der Beschwerdeführer
habe sich gar nie um Schutz bemüht.
Das Argument, die Familie der Ehefrau hätte ihn in Kabul ausfindig machen
können, überzeuge nicht. Der Beschwerdeführer habe in der Anhörung ex-
plizit angegeben, die Familie habe nicht gewusst, dass er in Kabul gelebt
habe. Er habe auch nicht erwähnt, dass sein Geschäftspartner von der
Familie der Ehefrau aufgesucht worden wäre. Hätte die Familie seinen Auf-
enthaltsort tatsächlich in Erfahrung gebracht, wäre zu erwarten gewesen,
dass er dort gesucht worden wäre, er davon erfahren und dies in der An-
hörung zu Protokoll gegeben hätte. Er habe aber lediglich Drohungen er-
wähnt, die gegenüber weit entfernten Verwandten im Dorf ausgesprochen
worden seien. Aus dem Urteil betreffend die Ehefrau werde ersichtlich,
dass die Familie der Ehefrau keine Kontakte nach Kabul unterhalten, son-
dern städtische Gebiete vielmehr gemieden habe.
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4.5 In der Replik wurde eingewendet, in der afghanischen Gesellschaft sei
Ehebruch ein Ausdruck des sozialen und religiösen Ungehorsams. Perso-
nen, die sich dessen schuldig machen würden, würden als Abtrünnige gel-
ten. Die dahinterstehenden gesellschaftlichen Werte würden von der Re-
gierung strikt vertreten und verteidigt. So gelte Geschlechtsverkehr zwi-
schen unverheirateten Menschen im Islam als Straftat; das afghanische
Strafgesetzbuch sehe eine Gefängnisstrafe von bis zu 15 Jahren vor – für
Männer wie Frauen. Der Beschwerdeführer habe durch seine Handlungen
den Islam, die Institution der Ehe, die Ehre seiner Frau und ihrer Familie
und die Ehre des Ehemannes und dessen Familie verletzt. Sein wiederhol-
tes und hartnäckiges Vorgehen trotz Verwarnungen und Bestrafung weise
ein Handlungsmuster auf, das sich gegen das im Islam fundierte politische
und gesellschaftliche System richte. Dass er es nicht gewagt habe, sich an
die lokalen Behörden zu wenden, bringe zum Ausdruck, dass er sich der
Bedeutung seines Ungehorsams bewusst gewesen sei.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, ihm drohten wegen
einer ausserehelichen Beziehung Verfolgungsmassnahmen von Seiten der
Familie seiner Ehefrau und möglicherweise auch von Seiten des afghani-
schen Staates. Dieser Verfolgung liege ein asylrelevantes Motiv zugrunde.
5.2 Art. 1A des Abkommens vom 28.Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art.3 Abs.1 AsylG nennen Rasse, Reli-
gion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder
politische Anschauungen als flüchtlingsrechtlich relevante Motive. Die er-
wähnten fünf Verfolgungsmotive sind über ihre sprachlich allenfalls engere
Bedeutung hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer
oder innerer Merkmale, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit
des Opfers verbunden sind, erfolgt. Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes
und der Flüchtlingskonvention erfolgt immer wegen des Seins, nicht wegen
des Tuns. Zwar kann der Verfolger gleichfalls oder sogar vordergründig
hauptsächlich auf Handlungsweisen einer Person abzielen, bedeutsam für
die Flüchtlingseigenschaft wird der Eingriff des Verfolgers (oder der man-
gelnde Schutz vor privater Verfolgung bei Schutzunwilligkeit des Staates)
aber nur, wenn dieser die hinter einer Handlungsweise steckende Eigenart
und Gesinnung der entsprechenden Person treffen will (vgl. BVGE 2014/28
E. 8.4.1 m.w.H.).
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5.3 Den erwähnten Vergeltungsmassnahmen durch die Familie der Ehe-
frau sowie der möglichen Einleitung eines Strafverfahrens durch die afgha-
nischen Behörden liegt kein solches Motiv zugrunde. Der Beschwerdefüh-
rer führte die aussereheliche Beziehung nicht wegen seiner politischen
Überzeugung beziehungsweise weil er die gesellschaftlichen Konventio-
nen seines Heimatstaates ablehnte. Daran vermag auch nichts zu ändern,
dass die aussereheliche Liebesbeziehung über mehrere Jahre hinweg ge-
führt wurde. Zugleich liegt der Grund für die Verfolgung durch die Familie
der Ehefrau respektive eine etwaige strafrechtliche Verfolgung darin, dass
er eine aussereheliche Beziehung geführt hat, was die Familie der Ehefrau
beziehungsweise die afghanische Gesellschaft nicht toleriert, weshalb die-
ses Verhalten denn auch strafbewehrt ist. Dass – wie auf Beschwerde-
ebene zutreffend ausgeführt – die Werte, welche dieser Ansicht zugrunde
liegen, (auch) religiöser Natur sind, ändert daran nichts (vgl. dazu mutatis
mutandis BVGE 2014/28 E. 8.4.5). Der Grund für die Verfolgung liegt folg-
lich nicht in der Identität des Beschwerdeführers, sondern diese zielt ledig-
lich auf sein Handeln ab, nämlich das Führen einer ausserehelichen Be-
ziehung (vgl. im Ergebnis übereinstimmend Urteil des BVGer E-1406/2020
vom 26. März 2020 E. 6.1 m.w.H., BVGE 2014/28 E. 8.4.5, S. 466). Der
Versuch, im Kontext von Afghanistan in der privaten oder staatlichen Ver-
folgung im Fall von Ehebruch auch bei männlichen Asylsuchenden grund-
sätzlich oder im vorliegenden Einzelfall ein politisches Motiv erkennen zu
wollen, vermag somit nicht zu überzeugen. Auch die Ausführungen in der
Replik bezüglich der relativ hohen Strafandrohung für Ehebruch lassen die-
sen Schluss nicht in einem anderen Licht erscheinen, zumal selbst eine
illegitime Strafe allein in aller Regel noch nicht zur flüchtlingsrechtlichen
Relevanz zu führen vermag (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.3.1). Ebenso wenig
ist schliesslich aus den bereits genannten Gründen davon auszugehen,
dass die afghanischen Sicherheitskräfte dem Beschwerdeführer den
Schutz verweigern würden, um ihn in seiner gesellschaftskritischen Hal-
tung zu treffen.
5.4 Da das SEM die Asylrelevanz einer Verfolgung aufgrund der ausser-
ehelichen Beziehung mangels entsprechenden Motivs verneinte, war es –
im Rahmen der Untersuchungspflicht – nicht gehalten, eine mögliche straf-
rechtliche Verfolgung, welcher dieses Motiv ebenfalls abzusprechen wäre,
explizit zu prüfen. Aus demselben Grund stellt auch das Fehlen einer ex-
pliziten Prüfung der Schutzfähigkeit der Behörden keine Verletzung der Un-
tersuchungspflicht dar.
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6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm aber mit Zwischenver-
fügung vom 21. September 2020 die unentgeltliche Prozessführung ge-
währt wurde, sind keine Kosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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