Decision ID: e71adb42-fa61-4bc7-85ca-7d63dd0432d2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden suchten am 25. Mai 2022 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit EURODAC) ergab, dass sie am 12. April 2022 bereits in Italien um Asyl
nachgesucht hatten.
C.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs gab die Beschwerdeführerin A._
an, ihren Heimatstaat Somalia vor vier bis fünf Jahren verlassen zu haben
und nach Äthiopien gereist zu sein, wo sie zusammen mit ihren sechs Kin-
dern und ihrem minderjährigen Neffen (den sie wegen dessen verschwun-
denem Vater aufgenommen habe) als Flüchtlinge gelebt hätten. Nach Aus-
bruch des Bürgerkrieges in Äthiopien seien sie mit dem Flugzeug nach Ita-
lien gereist, wo sie sich vor ihrer Ausreise in die Schweiz eineinhalb Monate
aufgehalten hätten. Eine volljährige Tochter H._ sei in Italien bei ei-
ner Freundin geblieben. Sie habe in Italien eigentlich gar kein Asylgesuch
einreichen wollen, da sie gehört habe, in Italien «gebe es keine Rechte».
In Italien hätten sie weder Unterkunft noch Geld oder Arbeit gehabt. Sie
seien bei «einer Frau» untergekommen, welche eine ältere Frau gepflegt
habe, jedoch habe letztere die Miete nicht mehr bezahlen können und sei
gezwungen gewesen, die Wohnung zu verlassen. Im Weiteren habe sie
befürchtet, dass ihre Kinder in Italien von der Mafia rekrutiert werden wür-
den. Auch hätten die Kinder in Italien nicht zur Schule gehen können, weil
sie weder einen Ausweis noch eine Wohnadresse besessen hätten. Infolge
Schmerzen im Bein und am Hinterkopf habe sie eine gewisse Traurigkeit
und Wut. Eines der Kinder habe manchmal Bauchschmerzen und Durch-
fall. Ein anderes Kind habe Zahnschmerzen beziehungsweise Nierenprob-
leme.
Die älteste Tochter der Beschwerdeführerin, B._, gab im Rahmen
des Dublin-Gesprächs abweichend hiervon an, sie hätten während der ge-
samten Dauer ihres rund eineinhalb Monate dauernden Aufenthalts in Ita-
lien bei ihrer Tante beziehungsweise bei der Schwester ihrer Mutter ge-
wohnt. Auch die letzte Nach vor ihrer Abreise hätten sie in der Wohnung
der Tante verbracht und seien dann am Folgetag in die Schweiz gereist.
Ihre volljährige Schwester H._ sei sogar gleich in Italien geblieben.
Sie lebe dort bei einer Freundin. Ihre Tante wisse, wo genau diese sei. Der
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Aufenthalt bei der Tante wurde von den übrigen Kindern im Rahmen deren
Dublin-Gespräche ebenfalls bestätigt. Ferner gaben diese ergänzend an,
sie hätten keinerlei Kontakte zu den Behörden aufgenommen, um ihre Un-
terkunft oder einen Schulbesuch irgendwie zu regeln.
D.
Am 7. Juni 2022 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um Wieder-
aufnahme der Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
Die italienischen Behörden nahmen innerhalb der festgelegten Frist zum
Übernahmeersuchen des SEM keine Stellung.
E.
Mit Eingabe vom 15. Juni 2022 reichte die Rechtsvertretung beim SEM
einen ärztlichen Kurzbericht vom 1. Juni 2022 und mit Eingabe vom 2. Sep-
tember 2022 einen weiteren vom 20. Juli 2022 betreffend ihre Tochter
H._ ein.
F.
Am 5. Oktober 2022 stimmten die italienischen Behörden dem Rücküber-
nahmeersuchen vom 7. Juni 2022 ausdrücklich zu.
G.
Mit Verfügung vom 21. November 2022 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Be-
schwerdeführenden nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
nach Italien an und forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
H.
Mit Eingabe vom 28. November 2022 (Postaufgabe) erhoben die Be-
schwerdeführenden gegen diesen Entscheid Beschwerde. Es wurde die
Aufhebung des angefochtenen Entscheids, das Eintreten auf das Asylge-
such und die Asylgewährung, eventualiter die Gewährung der vorläufigen
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Aufnahme, in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Befreiung von der Bezah-
lung von Verfahrenskosten inklusive des Kostenvorschusses sowie Beiord-
nung eines amtlichen Rechtsbeistands beantragt.
I.
Mit Schreiben vom 29. November 2022 wurde der Vollzug der Überstellung
per sofort einstweilen ausgesetzt.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 30. November 2022 wies das Bundesverwal-
tungsgericht die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands wegen Aus-
sichtslosigkeit der Rechtsbegehren ab und erhob unter Androhung des
Nichteintretens im Unterlassungsfall einen Kostenvorschuss in der Höhe
von Fr. 750.– mit Zahlungsfrist bis zum 12. Dezember 2022, welcher in der
Folge fristgerecht geleistet wurde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer-
deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
– mit nachfolgendem Vorbehalt – einzutreten.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vor-
instanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG) ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
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Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2).
Daher ist auf den Antrag in der Beschwerde um Asylgewährung nicht ein-
zutreten.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vor-
instanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG) ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2).
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Jeder Asylantrag wird von einem einzigen Mitglied-
staat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III Dublin-III-VO als zu-
ständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zustän-
digen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erst-
mals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29. Juni 2013
[Dublin-III-VO]). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.:
take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-VO) genannten Kri-
terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu-
ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden und es
ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen
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Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO [sog. Versteinerungsprinzip]; vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2; FILZWIE-
SER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K4 zu Art. 7). Führt die Zu-
ständigkeitsprüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt die Vorinstanz, nachdem der
betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zuge-
stimmt hat – oder bei fingierter Zustimmung – auf das Asylgesuch grund-
sätzlich nicht ein.
5.2 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht). Liegen hingegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder-
nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1 und
2011/9 E. 4.1 m.w.H.).
5.3 Das Ersuchen des SEM an die italienischen Behörden um Aufnahme
des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Dublin-III-VO blieb innert der
in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit
Italien seine Zuständigkeit implizit anerkannte (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-
VO). Zudem hiessen die italienischen Behörden das Rückübernahmeersu-
chen nachträglich gut. Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit
gegeben.
5.4 Weder der Vorbehalt der Beschwerdeführerin, sie habe in Italien kein
Asylgesuch stellen wollen noch der geäusserte Wunsch nach einem wei-
teren Verbleib in der Schweiz vermögen an der festgestellten Zuständigkeit
Italiens etwas zu ändern, räumt doch die Dublin-III-Verordnung den Schutz-
suchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszu-
wählen.
6.
6.1 Erweist es sich es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigent-
lich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe
für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingun-
gen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen
aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Euro-
päischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit
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sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prü-
fende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO).
6.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen grundsätzlich nach. Zudem darf auch davon ausgegangen
werden, Italien anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsu-
chende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (Verfahrensricht-
linie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für
die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (Auf-
nahmerichtlinie), ergeben.
6.3 Weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Europäische Gerichts-
hof für Menschenrechte (EGMR) oder der Europäische Gerichtshof
(EuGH) haben bislang systemische Schwachstellen im italienischen Asyl-
system erkannt. Zwar stehen die Unterstützung und die Einrichtungen für
Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus in Italien in der Kritik. Ge-
mäss den bisherigen Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts ist
aber davon auszugehen, dass Italien die Verfahrens- und Aufnahmerichtli-
nien einhält (siehe etwa Referenzurteile des BVGer E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 E. 6.3 und F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 oder
Urteile des BVGer F-5255/2021 vom 13. Dezember 2021 E. 6.2 und E-
685/2021 vom 23. Februar 2021 E. 6). Am 20. Dezember 2020 ist das Um-
wandlungsgesetz Nr. 173/2020 zum Gesetzesdekret Nr. 130/2020 vom
21. Oktober 2020 in Kraft getreten. Das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 sieht
eine umfassende Reform des Aufnahmesystems für Asylsuchende in Ita-
lien vor, indem zentrale Bestimmungen des sog. Salvini-Dekrets geändert
wurden und ein engverflochtenes Aufnahme- und Integrationssystem im-
plementiert wurde. Das neue Aufnahmesystem ist vergleichbar mit jenem,
das vor Erlass des Salvini-Dekrets bestand und hat die Lebensbedingun-
gen Asylsuchender in Italien im Vergleich zur vorherigen Situation verbes-
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sert. Nach dem Anmeldeverfahren werden die Asylsuchenden in das Auf-
nahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazi-
one) überführt, welches nunmehr wieder allen Asylsuchenden – also auch
den im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien überstellten Personen
– offensteht. In seinem Referenzurteil F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021
ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gelangt, dass die von den
italienischen Behörden abgegebenen Garantien in Bezug auf die Wahrung
der Familieneinheit sowie eine familiengerechte Unterkunft hinreichend
konkret und individualisiert seien, insbesondere durch die Übermittlung des
Formulars «nucleo familiare» sowie aufgrund der italienischen Rundschrei-
ben vom 8. Februar 2021 und 23. März 2021, welche den Zugang zu einer
Zweitaufnahmestruktur des Systems SAI für Familien bestätigen. Vorlie-
gend hat das SEM in seinem Ersuchen vom 7. Juni 2022 die italienischen
Behörden darüber informiert, dass die Beschwerdeführenden eine Familie
bilden würden. Das SEM hat im Ersuchen ausdrücklich darauf hingewie-
sen, dass der Neffe der Beschwerdeführerin seit der Ausreise aus Somalia
vor viereinhalb Jahren Teil der Familie sei. Die italienischen Behörden ha-
ben somit volle Kenntnis von der genannten Familienkonstellation. Ange-
sichts der in diesem Fall besonders günstigen Umstände (vgl. E. 6.6 unten)
und unter Betonung der Wichtigkeit, dass das SEM daran erinnert wird,
dass der Neffe nicht vom Rest der Familie getrennt werden darf, stehen die
Garantien im Einklang mit der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts. Eine Überstellung der Beschwerdeführenden nach Italien stellt dem-
nach keine Verletzung von Art. 3 EMRK dar. Die Anwendung von Art. 3 Abs.
2 Dublin-III-VO ist nicht gerechtfertigt.
6.4 Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder haben keine konkreten Hin-
weise für die Annahme dargetan, Italien würde ihnen dauerhaft die ihnen
gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen
vorenthalten. Die explizite Zusicherung zur Aufnahme in eine Unterkunft im
SAI liegt vorliegend vor und reicht aus (vgl. u.a. Urteil des BVGer E-
3911/2022 vom 20. September 2022 E. 5.3 f. m.w.H.; zudem Verfügung
des SEM S. 4-7). Es ist mithin unter diesem Aspekt nicht davon auszuge-
hen, dass eine Überstellung nach Italien (selbst bei einer vorübergehenden
Unterbringung in einem Erstaufnahmezentrum) eine Verletzung von Art. 3
EMRK nach sich ziehen würde (vgl. a.a.O. E. 5.6). Bei einer allfälligen vo-
rübergehenden Einschränkung ist sie im Übrigen gehalten, sich nötigen-
falls an die dortigen Behörden zu wenden und die ihr zustehenden Aufnah-
mebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahme-
richtlinie). Es bestehen keinerlei Hinweise dafür, dass sie den benötigten
Schutz dort nicht erhalten würde.
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6.5 Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zum medizinischen Sachverhalt
machte die Beschwerdeführerin verschiedene geringfügigere gesundheit-
liche Aspekte geltend (Traurigkeit und Wut, Schmerzen im linken Bein und
im Hinterkopf und am Arm). Dem Arztbericht vom 1. Juni 2022 ist zu ent-
nehmen, dass sie ekzematösen Veränderungen in den Handinnenflächen
und am Haaransatz, mentale Probleme und Gastritis habe. Zu ihren Kin-
dern gab sie an, dass D._ manchmal Bauchschmerzen und Durch-
fall und Zahnschmerzen habe. F._ habe auch Zahnprobleme und
G._ habe mit den Nieren. Gemäss dem Arztbericht vom 20. Juli
2012 habe Tochter B._ eine juckende Hautveränderung.
6.6 Es besteht bei den Beschwerdeführenden kein akuter Behandlungsbe-
darf. Bei ihnen handelt es sich offensichtlich auch nicht um schwerkranke
Personen im Sinne der dargelegten Rechtsprechung. Es steht ihnen je-
doch offen, in Italien im Bedarfsfalls eine medizinische Betreuung in An-
spruch zu nehmen.
Allgemein ist darauf hinzuweisen, dass die schweizerischen Behörden, die
mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, ohnehin all-
fälligen medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Mo-
dalitäten der Überstellung Rechnung tragen und die italienischen Behör-
den vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen
Umstände informieren könnten (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
Zusätzlich sind auf verschiedene begünstigende Aspekte des vorliegenden
Einzelfalls hinzuweisen. So ist vorab zu erwähnen, dass die Beschwerde-
führenden bereits rund anderthalb Monate ohne Schwierigkeiten in Italien
gelebt haben. Während dieser Zeit konnten sie bei dort lebenden Verwand-
ten (der Tante beziehungsweise der Schwester der Beschwerdeführerin)
wohnen und wurden von diesen versorgt. Zusätzlich ist die älteste, bereits
volljährige Tochter gleich in Italien verbleiben und lebt dort bei einer Freun-
din. Die Beschwerdeführenden befinden sich somit im Vergleich zu ande-
ren Migranten in der vergleichsweise privilegierten Situation, dass sie be-
reits ein Beziehungsnetz aufweisen und im Bedarfsfall auf die Hilfe und
Unterstützung der vor Ort lebenden Verwandten zurückgreifen können.
Aufgrund der Aktenlage ist anzunehmen, dass diese sie im Bedarfsfall bei
Behördengängen oder anderweitigen Anliegen auch weiterhin aktiv unter-
stützen würden.
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Weiter ist auf den Umstand hinzuweisen, dass die Beschwerdeführenden
eigenen Angaben zufolge bereits vor über vier Jahren aus ihrem Heimat-
land ausgereist sind und sich seither im Ausland aufgehalten haben. Im
Unterscheid zu Personen, die ihr Heimatland erst vor kurzem verlassen
haben, dürfte es den Beschwerdeführenden daher ungleich leichter fallen,
sich in einer Umgebung ausserhalb ihres Heimatlandes zurechtzufinden;
dies zumal – wie bereits ausgeführt – sie in Italien sogar bereits auf ein
gewisses verwandtschaftliches Beziehungsnetz zurückgreifen können und
bereits die Unterstützung von Verwandten in Anspruch nehmen konnten.
6.7 Insgesamt liegen somit offensichtlich keine zwingenden Gründe für die
Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO vor.
7.
7.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Das Gericht be-
schränkt die Überprüfung des vorinstanzlichen Verzichts der Anwendung
von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (Art. 106
Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
7.2 Auch unter diesem Aspekt ist die angefochtene Verfügung nicht zu be-
anstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens
zu entnehmen.
8.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und
hat zu Recht die Überstellung nach Italien angeordnet. Nach dem Gesag-
ten ist die Beschwerde abzuweisen.
9.
Mit Zwischenverfügung vom 30. November 2022 wurde das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung abgewiesen und unter An-
drohung des Nichteintretens im Unterlassungsfall ein Kostenvorschuss in
der Höhe von Fr. 750.– mit Zahlungsfrist bis zum 12. Dezember 2022 er-
hoben, der in der Folge fristgerecht einging. Bei diesem Ausgang des Ver-
fahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom
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21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) den Beschwerdeführenden
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), welche durch den geleisteten Kosten-
vorschuss in gleicher Höhe gedeckt sind.
(Dispositiv nächste Seite)
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