Decision ID: a6d3b5fb-60dc-4270-a0ce-26d25a9bfce7
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
I. Sachverhalt:
1. Der F._ Staatsangehörige A._, geboren 1976, wurde am 2. April
2019 in der Schweiz in Untersuchungshaft genommen und trat am 8. April
2019 ins Gefängnis B._ ein. Am 6. August 2019 begann er einen
vorzeitigen Strafvollzug mit voraussichtlicher Dauer bis am 1. April 2023.
Am 9. September 2019 wurde er in die Justizvollzugsanstalt D._ in
E._ verlegt.
2. Mit Schreiben vom 21. Juni 2019 beantragte A._, unterstützt vom
Sozialdienst des Gefängnisses B._, bei der C._ AG
(nachfolgend: C._) den Abschluss einer obligatorischen
Krankenpflegeversicherung mit Beginn per 1. April 2019. Mit
Versicherungsbestätigung vom 17. Juli 2019 teilte ihm die C._ mit, er
sei in die obligatorische Krankenpflegeversicherung aufgenommen
worden.
3. Mit Schreiben vom 17. August 2019 annullierte die C._ den
Versicherungsabschluss rückwirkend per 1. April 2019. Der Sozialdienst
des Gefängnisses B._ bemühte sich in der Folge erfolglos um eine
Reaktivierung und beantragte am 15. Juli 2020 den Erlass einer
beschwerdefähigen Verfügung.
4. Mit Verfügung vom 11. August 2020 lehnte die C._ die gesetzliche
Versicherungsdeckung ab. A._ habe keinen Wohnsitz in der Schweiz
und falle deshalb nicht unter die gesetzliche Versicherungspflicht. Gegen
diese Verfügung erhob A._, vertreten vom Sozialdienst des
Gefängnisses B._, am 14. September 2020 Einsprache. Es liege ein
internationaler Sachverhalt vor. Unter Berücksichtigung der Verordnung
der Europäischen Union zur Koordinierung der Systeme der sozialen
Sicherheit und des Bundesgesetzes über das Internationale Privatrecht
liege sein Wohnsitz in der Schweiz.
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5. Mit Entscheid vom 18. Februar 2021 wies die C._ die Einsprache ab.
Der Wohnsitz bestimme sich nach der aktuellen Lehre und
Rechtsprechung auch bei einem internationalen Sachverhalt nach dem
ZGB. Aber selbst gestützt auf das IPRG würde der Wohnsitz von A._
nicht in der Schweiz liegen.
6. Gegen diesen Einspracheentscheid erhob der Kanton Zürich
(nachfolgend: Beschwerdeführer), vertreten durch das Amt Justizvollzug
und Wiedereingliederung (JuWe), am 22. März 2021 Beschwerde an das
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Er beantragte, der
angefochtene Entscheid sei aufzuheben, es sei festzustellen, dass
A._ der schweizerischen Versicherungspflicht nach KVG unterstehe,
und die C._ sei zu verpflichten, A._ ab dem 1. April 2019 in die
obligatorische Krankenpflegeversicherung gemäss KVG aufzunehmen.
Zur Begründung machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend,
A._ habe seinen vorherigen ausländischen Wohnsitz aufgegeben
und es bestehe nun ein fiktiver Ersatzwohnsitz an seinem Aufenthaltsort
im Gefängnis in der Schweiz.
7. Die C._ AG (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte mit
Vernehmlassung vom 27. April 2021, auf die Beschwerde sei nicht
einzutreten, eventualiter sei sie abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei.
Die Beschwerdegegnerin bestritt die Legitimation des Beschwerdeführers
und verwies in der Sache im Wesentlichen auf die Begründung des
angefochtenen Einspracheentscheids.
8. In einem zweiten Schriftenwechsel mit Replik vom 20. Mai 2021 und Duplik
vom 10. Juni 2021 vertieften die Parteien ihre Standpunkte.
Auf die weiteren Ausführungen im angefochtenen Einspracheentscheid
und in den Rechtsschriften sowie auf die im Recht liegenden Beweismittel
wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
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Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Vorneweg werden die formellen Fragen geklärt.
1.1. Die Beschwerde richtet sich gegen den Einspracheentscheid der C._
AG vom 18. Februar 2021. Dieser Entscheid ist ein taugliches
Anfechtungsobjekt gemäss Art. 56 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1; i.V.m.
Art. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung [KVG; SR
832.10]). Das angerufene Gericht ist sachlich und funktionell zuständig.
Das Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden beurteilt als kantonales
Versicherungsgericht Beschwerden gegen Einspracheentscheide in
Sozialversicherungssachen, die gemäss Bundesrecht der Beschwerde
unterliegen (Art. 57 ATSG i.V.m. Art. 49 Abs. 2 lit. a des Gesetzes über
die Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100]). Die Beschwerde
erfolgte zudem frist- und formgerecht (Art. 60 und Art. 61 lit. b ATSG).
1.2. Die örtliche Zuständigkeit des angerufenen Gerichts kann ebenfalls bejaht
werden. Gemäss Art. 58 Abs. 1 ATSG ist das Versicherungsgericht
desjenigen Kantons zuständig, in dem die versicherte Person oder der
Beschwerde führende Dritte zur Zeit der Beschwerdeerhebung Wohnsitz
hat. Gemäss Art. 58 Abs. 2 ATSG ist bei einer versicherten Person oder
einem Beschwerde führenden Dritten mit Wohnsitz im Ausland das
Versicherungsgericht desjenigen Kantons zuständig, in dem sich ihr letzter
schweizerischer Wohnsitz befand oder in dem ihr letzter schweizerischer
Arbeitgeber Wohnsitz hat; lässt sich keiner dieser Orte ermitteln, so ist das
Versicherungsgericht desjenigen Kantons zuständig, in dem das
Durchführungsorgan seinen Sitz hat. Nach der Rechtsprechung richtet
sich die örtliche Zuständigkeit grundsätzlich nach dem Wohnsitz der
versicherten Person. Der Wohnsitz des Beschwerde führenden Dritten ist
nur massgebend, wenn ein solcher der versicherten Person nicht besteht
(vgl. BGE 143 V 363 E.3, 139 V 170 E.5.3). Auch in der Lehre wird Art. 58
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ATSG in diesem Sinne ausgelegt (KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Auflage
2020, S. 1043, N 21 zu Art. 58 ATSG). Vorliegend ist im Rahmen der
materiellen Streitfragen umstritten, wo sich der Wohnsitz der betroffenen
Person befindet. Dennoch ist es nicht angezeigt, den Gerichtsstand nach
dem Wohnsitz des Beschwerde führenden Dritten zu bestimmen. Täte
man dies, so wäre im vorliegenden Verfahren ein Zürcher Gericht
zuständig, im parallelen Verfahren S 2021 31 (A._ gegen die C._
AG) hingegen ein Bündner Gericht. Ein solches Auseinanderfallen der
örtlichen Gerichtsstände ist nach der Rechtsprechung zu vermeiden; aus
Gründen der Prozessökonomie und zur Vermeidung von sich
widersprechenden Urteilen ist ein einheitlicher Gerichtsstand zu wählen,
wenn – wie vorliegend – in zwei Verfahren im Wesentlichen die gleichen
Fragen gestützt auf denselben Sachverhalt zu entscheiden sind (BGE 139
V 170 E.5.3). In Anlehnung an S 2021 31 ist deshalb auch im vorliegenden
Fall dasjenige Gericht als zuständig zu erachten, das der Streitfrage
sachlich und örtlich am nächsten steht (vgl. BGE 102 V 239 E.3a; KIESER,
a.a.O., S.1042, N 11 zu Art. 58 ATSG). A._ hält sich seit dem 9.
September 2019 in der Justizvollzugsanstalt D._ in E._ auf
(Beilagen des Beschwerdeführers zur Beschwerde [Bf-B-act.] Nr. 13). Der
örtliche Bezug zum Kanton Graubünden ist dadurch gegeben. Die
Beschwerdegegnerin bestreitet die örtliche Zuständigkeit des
angerufenen Gerichts denn auch nicht. Sie anerkennt mithin den Standort
des Gefängnisses als logischen Anknüpfungspunkt in der Frage der
örtlichen Zuständigkeit. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers
anerkennt sie damit aber nicht auch den Wohnsitz von A._ am
Standort des Gefängnisses, da der Wohnsitz ja die eigentliche materielle
Streitfrage darstellt.
1.3. Geprüft wird nun, ob der Beschwerdeführer zur Beschwerde berechtigt ist.
Die Beschwerdegegnerin bestreitet die Legitimation.
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1.3.1. Gemäss Art. 59 ATSG ist zur Beschwerde berechtigt, wer durch die
angefochtene Verfügung oder den Einspracheentscheid berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat.
"Berührt" im Sinne von Art. 59 ATSG ist, wer in einer besonderen,
beachtenswerten, nahen Beziehung zur Streitsache steht, mithin in
rechtlichen oder tatsächlichen Interessen spürbar betroffen ist (Urteil des
Bundesgerichts 8C_751/2018 vom 6. Mai 2019 E.3.1). Das "Berührtsein"
stellt indessen nicht eine selbstständige und damit kumulativ zum
schutzwürdigen Interesse zu erfüllende Legitimationsvoraussetzung,
sondern letztlich eine Präzisierung desselben dar (BGE 133 V 188
E.4.3.1). Als schutzwürdiges Interesse im legitimationsrechtlichen Sinne
gilt jedes praktische oder rechtliche Interesse, welches eine von einem
Verwaltungsakt betroffene Person an dessen Änderung oder Aufhebung
geltend machen kann. Das schutzwürdige Interesse besteht somit im
praktischen Nutzen, den die Gutheissung der Beschwerde verschaffen
würde, oder – anders ausgedrückt – im Umstand, einen Nachteil
wirtschaftlicher, ideeller, materieller oder anderweitiger Natur zu
vermeiden, welchen der angefochtene Verwaltungsakt mit sich bringen
würde (BGE 133 V 188 E. 4.3.1). Ein schutzwürdiges Interesse im Sinne
von Art. 59 ATSG liegt demnach vor, wenn die tatsächliche oder rechtliche
Situation des Rechtsuchenden durch den Ausgang des Verfahrens
beeinflusst werden kann. Dabei wird verlangt, dass die Beschwerde
führende Person durch den angefochtenen Verwaltungsakt stärker als
jedermann betroffen ist und in einer besonderen, beachtenswerten, nahen
Beziehung zur Streitsache steht (BGE 138 V 292 E.3).
1.3.2. Die Beschwerdelegitimation gemäss Art. 59 ATSG ist in erster Linie auf
Privatpersonen zugeschnitten. Nach der Rechtsprechung schliesst dies
indessen nicht aus, dass sich auch eine Behörde zur Begründung ihrer
Beschwerdebefugnis auf diese Bestimmung berufen kann, sofern sie mit
der Beschwerdeführung nicht nur ein öffentliches Interesse an der
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richtigen Durchführung des Bundesrechts, sondern wie ein Privater ein
bestimmtes, eigenes finanzielles Interesse verfolgt oder aber in
schutzwürdigen eigenen hoheitlichen Interessen berührt ist (BGE 133 V
188 E.4.3.2; Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden S
2020 23 vom 31. März 2020 E.3.1). Vorliegend scheitert die Legitimation
des Beschwerdeführers somit nicht an seiner Behördeneigenschaft.
1.3.3. Besondere Bedeutung kommt dem Legitimationserfordernis zu, wenn
nicht der formelle und materielle Adressat, sondern wie vorliegend ein
Dritter einen Entscheid anficht. Hier haben die
Legitimationsanforderungen die Funktion, die Popularbeschwerde
auszuschliessen, weshalb bei der Bejahung der Beschwerdelegitimation
von Drittbeschwerdeführern Zurückhaltung geboten ist. Erforderlich ist ein
spezifisches Rechtsschutzinteresse, welches nur bejaht wird, wenn der
Dritte ein unmittelbares und konkretes Interesse an der Aufhebung oder
Änderung des Entscheids hat oder eine spezifische, besonders nahe
Beziehung zur Streitsache für sich in Anspruch nehmen kann (BGE 133 V
188 E.4.3.3). Stammt eine Beschwerde von einem Dritten, so muss ein –
wie auch immer geartetes – besonderes eigenes Berührtsein vorhanden
sein. Der Dritte muss ein selbständiges, eigenes Rechtsschutzinteresse
an der Beschwerdeführung haben, was voraussetzt, dass ihm aus dem
streitigen Verwaltungsakt ein unmittelbarer Nachteil erwächst; bloss
mittelbare, faktische Interessen an dessen Aufhebung oder Änderung
reichen nicht aus (BGE 138 V 292 E.4; BOLLINGER, Basler Kommentar
ATSG, 2020, S. 794, N.14 zu Art. 59 ATSG).
1.3.4. Vor dem Hintergrund der dargelegten Rechtslage ist vorliegend die
Legitimation des Beschwerdeführers zu bejahen. Dies aus den
nachfolgenden Gründen.
1.3.4.1. Mit dem angefochtenen Entscheid verweigert die Beschwerdegegnerin die
Aufnahme von A._ in die obligatorische Krankenpflegeversicherung
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und in der Konsequenz die Übernahme der Kosten für seine medizinische
Behandlung. Würde dieser Entscheid rechtskräftig, so hätte der
Beschwerdeführer diese Kosten mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
selber zu tragen und damit einen konkreten finanziellen Nachteil. Gemäss
Art. 380 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (StGB; SR 311.0) tragen
die Kantone die Kosten für den Straf- und Massnahmenvollzug. § 24 Abs.
1 des Straf- und Justizvollzugsgesetzes des Kantons Zürich (StJVG; LS
331) sieht vor, dass die Direktion, mithin das Amt für Justizvollzug und
Wiedereingliederung (JuWe), die medizinische Versorgung von
inhaftierten Personen wenn möglich mit eigenem Personal leistet. Ist dies
nicht möglich, so werden externe Fachleute beauftragt (§ 24 Abs. 2
StJVG). Der verurteilten Person zustehende Versicherungsleistungen
werden gemäss § 28 StJVG zur Kostendeckung verwendet. § 111 Abs. 1
der Justizvollzugsverordnung des Kantons Zürich (JVV; LS 331.1) sieht
vor, dass die Kosten der notwendigen hausärztlichen Behandlung von der
Vollzugseinrichtung getragen werden, soweit dafür nicht Krankenkasse
oder Unfallversicherung der verurteilten Person aufkommen. Eine weiter
gehende medizinische Behandlung erfolgt gemäss § 111 Abs. 2 JVV nur
dann, wenn die Kosten von der verurteilten Person übernommen werden
oder eine Kostengutsprache vorliegt. In dringenden Fällen wird die
Behandlung aber auch ohne Kostengutsprache angeordnet (§ 111 Abs. 3
JVV).
Dass A._ seine Strafe seit dem 9. September 2019 nicht mehr in
einem Gefängnis im Kanton Zürich, sondern in der Justizvollzugsanstalt
D._ im Kanton Graubünden verbüsst, ändert hieran nichts. Die
Kantone B._ und Graubünden gehören dem Ostschweizer
Strafvollzugskonkordat an (https://www.osk-web.ch/, zuletzt besucht am
5. Oktober 2021). Gemäss Art. 13 der entsprechenden
Konkordatsvereinbarung vergütet der einweisende Kanton – vorliegend
der Beschwerdeführer – dem vollziehenden Kanton – vorliegend der
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Kanton Graubünden – die Vollzugskosten (https://www.osk-
web.ch/assets/files/pdf/rechtserlasse/Konkordatsvereinbarung-
20041029_Fassung+2018.pdf, zuletzt besucht am 5. Oktober 2021).
Gemäss Art. 9 Abs. 2 der Konkordatsvereinbarung richtet sich der Vollzug
nach den Vorschriften für die einzelnen Vollzugseinrichtungen. Sie werden
von dem Kanton erlassen, der die Vollzugseinrichtung führt. In den
vorliegend relevanten Punkten zur medizinischen Versorgung der
Strafgefangenen und zu deren Kostentragung entsprechen die
Vorschriften im Gesetz über den Justizvollzug im Kanton Graubünden
(JVG; BR 350.500) und der Verordnung über den Justizvollzug im Kanton
Graubünden (JVV, BR 350.510) den für den Kanton Zürich geltenden
Regeln weitgehend .So sieht Art. 7 JVG vor, dass die Kosten des Vollzugs
von Freiheitsstrafen und strafrechtlichen Massnahmen zu Lasten des
Kantons gehen, soweit nicht die Betroffenen oder Dritte für die Bezahlung
aufkommen. Art. 34 Abs. 1 JVG legt fest, dass die Kosten für ärztliche
Behandlung zu Lasten des einweisenden Kantons gehen, soweit sie nicht
durch das Kostgeld, die Krankenkassen oder Versicherungen gedeckt
werden. Die Details zur medizinischen und psychiatrischen Behandlung
von Strafgefangenen in Bündner Gefängnissen sind in Art. 97 geregelt, die
Klinik- und Spitaleinweisung in Art. 98 JVV.
1.3.4.2. Bei A._ waren medizinische Dienstleistungen im Betrag von
insgesamt CHF 11'966.15 nötig, welche nicht durch das Vollzugspersonal
geleistet werden konnten und welche allem Anschein nach so dringlich
waren, dass sie keine Aufschiebung duldeten (Beilagen des
Beschwerdeführers zur Replik [Bf-R-act.] Nr. 1). Es handelt sich um
Leistungen, welche unbestrittenermassen in den Leistungsumfang der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung fallen, nämlich
Laboranalysen, Medikamente, fachärztliche Behandlung und ambulante
Behandlung im Kantonsspital Graubünden und im Universitätsspital Zürich
(Bf-R-act. 1). Der Beschwerdeführer hat diese Kosten selber getragen.
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Hinzu kommt, dass für A._ bis zur voraussichtlichen Entlassung aus
dem Strafvollzug mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weitere Kosten für
dringliche externe medizinische Dienstleistungen anfallen werden. Das
Interesse des Beschwerdeführers, diese Kosten mit
Versicherungsleistungen der Beschwerdegegnerin zu decken, ist
demnach konkret und direkt.
1.3.4.3. Die Beschwerdegegnerin macht geltend, ein unmittelbarer Nachteil des
Beschwerdeführers werde nur behauptet und nicht bewiesen. A._
verfüge mit grosser Wahrscheinlichkeit über eine Krankenversicherung in
seinem Heimatstaat F._, über welche die Gesundheitskosten
abgerechnet werden könnten. Dem kann nicht gefolgt werden. Aus einer
E-Mail der Gemeinsamen Einrichtung KVG vom 18. Mai 2021 geht hervor,
dass A._ nicht in deren Register eingetragen ist (Bf-R-act. 4). Das
bedeutet, dass A._ weder in seinem Heimatstaat F._, noch sonst
in einem Mitgliedstaat der EU über eine Krankenversicherung verfügt. Die
Auskunft der Gemeinsamen Einrichtung KVG ist verlässlich, hat diese
Institution doch – nebst Anderem – die Koordination von
krankenversicherungsrechtlichen Angelegenheiten bei Sachverhalten mit
Bezug zur Europäischen Union zur Aufgabe. Dazu verfügt sie über einen
Auskunftsanspruch über die Versicherungssituation von Bürgern der EU-
Mitgliedstaaten (Art. 19 der Verordnung über die Krankenversicherung
[KVV; SR 832.102]); https://www.kvg.org, zuletzt besucht am 5. Oktober
2021). Die Bestätigung der Gemeinsamen Einrichtung KVG kann im
vorliegenden Verfahren entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin
verwendet werden. Zwar datiert sie vom 18. Mai 2021 und wurde damit
erst nach dem Erlass des angefochtenen Einspracheentscheids am 18.
Februar 2021 verfasst. Sie bezieht sich inhaltlich aber auf den relevanten
Zeitraum und stellt damit kein neues Sachverhaltselement dar.
Hinzu kommt, dass A._ gemäss der glaubhaften Angabe des
Beschwerdeführers bei seiner Verhaftung keine Europäische
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Versicherungskarte (EHIC) auf sich hatte und angab, er sei in F._
nicht versichert. Es sind keine Gründe ersichtlich, weshalb A._ eine
Versicherung in F._ hätte verschweigen sollen. Im Gegenteil, wäre er
in der Einheitskasse von F._ krankenversichert, so hätte er in der
Schweiz und allen EU Mitgliedstaaten Anspruch auf medizinische
Leistungen zu denselben Bedingungen wie die Versicherten des
jeweiligen Staates (Offizielle Webseite der Europäischen Kommission;
https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=559&langId=de, zuletzt
besucht am 5. Oktober 2021).
1.3.4.4. Die Beschwerdegegnerin macht geltend, der Beschwerdeführer hafte für
die Gesundheitskosten von A._ während des Strafvollzugs nur
subsidiär und habe nicht nachgewiesen, dass A._ selber nicht über
genügend persönliche Vermögenswerte verfüge, um die Kosten zu tragen.
Dem kann nicht gefolgt werden. Zwar wäre A._ gemäss § 111 JVV in
der Tat verpflichtet, die Kosten für Behandlungen, welche über die
hausärztliche Betreuung hinausgehen, selber zu tragen, falls dafür keine
Kostengutsprache erfolgt. Ist ein ausländischer Gefangener nicht bereit
zur Kooperation, so lässt sich diese Vorschrift indessen nicht umsetzten.
Ist aus medizinischer Sicht eine spezialärztliche Behandlung oder eine
Spitalbehandlung dringend nötig, so muss die Vollzugsbehörde diese
veranlassen, auch wenn der Gefangene die Kosten nicht übernimmt. Dies
deshalb, weil die Vollzugsbehörde verpflichtet ist, die medizinische
Versorgung der Gefangenen zu gewährleisten. Dies ergibt sich aus dem
in Art. 75 Abs. 1 StGB verankerten Prinzip der besonderen Fürsorgepflicht
(Betreuungsprinzip) und aus § 108 JVV, wonach die Vollzugseinrichtung
für die körperliche und geistige Gesundheit der verurteilten Personen zu
sorgen hat. Im vorliegenden Fall war eine finanzielle Beteiligung von
A._ von seinem Freikonto beim Gefängnis B._ angesichts des
tiefen Saldos nicht möglich (Bf-R-act. 2). Zudem war es für den
Beschwerdeführer mangels Kooperation durch A._ praktisch
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unmöglich, allfällige Vermögenswerte in F._ ausfindig zu machen, so
dass der Beschwerdeführer gezwungen war, die Kosten für die
dringenden medizinischen Massnahmen selber zu übernehmen. Der
Beschwerdeführer ist sodann nicht nur betroffen von den Kosten, welche
während des Aufenthalts von A._ in Zürcher Gefängnissen
entstanden, sondern auch von den Kosten, welche während seines
Aufenthalts in der Justizvollzugsanstalt D._ im Kanton Graubünden
angefallen sind und in Zukunft noch anfallen werden. Dies, da gemäss Art.
34 JVG die Kosten für ärztliche Behandlung, soweit sie nicht durch das
Kostgeld, die Krankenkassen oder Versicherungen gedeckt werden, zu
Lasten des einweisenden Kantons gehen, und da die Vollzugseinrichtung
natürlich auch im Kanton Graubünden verpflichtet ist, eine angemessene
medizinische Behandlung zu gewährleisten (Art. 97 und 98 JVV). Damit
hat der Beschwerdeführer entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin
praktisch betrachtet ein unmittelbares finanzielles Interesse an der
Überprüfung des angefochtenen Entscheids.
1.4. Die Beschwerde wurde von der Co-Leiterin der Fachstelle Verträge und
Gesundheit eingereicht. Die Beschwerdegegnerin bezweifelt deren
rechtsgenügliche Bevollmächtigung. Diese Zweifel sind nicht begründet.
JuWe setzt sich zusammen aus einer Amtsleitung und verschiedenen
Hauptabteilungen, darunter die Abteilungen Bewährungs- und
Vollzugsdienste und Gefängnisse Kanton Zürich (§ 2 Abs. 2 JVV). Die
Amtsleitung wiederum wird gebildet durch einen Leiter und durch
verschiedene Fachbereiche, darunter der Fachbereich Verträge und
Gesundheit (Organisationsregelung Justizvollzug und
Wiedereingliederung (OrgJuWe; Bf-B-act. 8). Gemäss § 23 Abs. 1 lit. c
OrgJuWe hat diese Fachstelle unter anderem die Aufgabe, das
Gesundheitskostenmanagement umzusetzen und zu kontrollieren.
Gemäss § 23 Abs. 2 OrgJuWe ist die Fachstelle dabei befugt, bei
Gesundheitskosten-Fällen im Namen des Amts Eingaben an
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Rechtsmittelinstanzen zu unterzeichnen. Die vom Beschwerdeführer
eingereichte OrgJuWe in der Fassung 2021 trat am 1. März 2021 in Kraft
und war somit bei Einreichung der Beschwerde am 22. März 2021 gültig.
Die Co-Leiterin der Fachstelle Verträge und Gesundheit war demnach zur
Einreichung der vorliegenden Beschwerde bevollmächtigt. Mit Schreiben
vom 18. Mai 2021 wurde dies denn auch vom Leiter von JuWe bestätigt.
Er führte aus, die Co-Leiterin der Fachstelle Verträge und Gesundheit sei
Kraft ihrer Funktion bevollmächtigt in allen JuWe-Fällen bei
Fragestellungen rund um Gesundheitskosten von Personen in U-Haft oder
im Sanktionenvollzug Einsprachen und Rechtsmittel zu erheben (Bf-R-act.
3).
1.5. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der
Beschwerdeführer zur Beschwerde legitimiert ist und dass die Co-Leiterin
der Fachstelle Verträge und Gesundheit zur Vertretung des
Beschwerdeführers kraft ihres Amtes und der Vorschriften in der OrgJuWe
rechtsgenüglich bevollmächtigt ist. Da wie erwähnt auch alle anderen
Eintretensvoraussetzungen erfüllt sind, kann die Angelegenheit entgegen
der Ansicht der Beschwerdegegnerin materiell geprüft werden.
2. Streitig ist, ob die Beschwerdegegnerin sich zu Recht geweigert hat,
A._ in die obligatorische Krankenpflegeversicherung aufzunehmen.
Dabei ist insbesondere zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht
davon ausging, A._ habe seinen Wohnsitz nicht in der Schweiz.
3. A._ ist F._ Staatsangehöriger. Er wurde am 2. April 2019 in der
Schweiz festgenommen und rund fünf Monate im Kanton Zürich inhaftiert.
Seit dem 9. September 2019 hält er sich bis voraussichtlich am 1. April
2023 in der Justizvollzugsanstalt D._ im Kanton Graubünden auf (Bf-
B-act. 13). Damit liegt ein internationaler Sachverhalt mit Bezügen zur
Schweiz und zum EU-Mitgliedstaat F._ vor. Es ist deshalb zu prüfen,
welches Recht vorliegend anwendbar ist.
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3.1. Das Freizügigkeitsabkommen der Schweiz mit der EU (FZA,
SR 0.142.112.681) enthält in Art. 8 und im Anhang II die grundsätzlichen
Regeln zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit. Die
entsprechenden detaillierten Vorschriften finden sich in der Verordnung
des Europäischen Parlaments und des Rates Nr. 883/2004 (nachfolgend:
VO 883/2004 [SR 0.831.109.268.1]). Diese Verordnung ist auf den
vorliegenden schweizerisch-litauischen, die obligatorische
Krankenversicherung betreffenden Sachverhalt anwendbar (Art. 2 und 3
VO 883/2004, BGE 146 V 152 E.4.2). Gemäss Art. 11 VO 883/2004
unterliegen Personen, für die diese Verordnung gilt, den
Rechtsvorschriften nur eines Mitgliedstaates. In Art. 11 VO 883/2004 wird
das anwendbare Recht festgelegt für Erwerbstätige (lit. a), Beamte (lit. b),
Bezüger von Arbeitslosenentschädigung (lit. c) und Wehr- oder
Zivildienstleistende (lit. d). Art. 11 lit. e VO 883/2004 stellt den
Auffangtatbestand dar für alle Personen, die nicht unter die besonderen
Bestimmungen von Art. 11 lit. a-d VO 883/2004 fallen; diese Personen
unterliegen den Rechtsvorschriften des Wohnmitgliedstaates. In Art. 1 VO
883/2004 werden zahlreiche Begriffe definiert, so auch der Begriff
"Wohnort", welcher für die Zwecke dieser Verordnung den Ort des
gewöhnlichen Aufenthalts einer Person bezeichnet (Art. 1 lit. j VO
883/2004). Der gemeinschaftsrechtliche Begriff "Wohnort" stellt somit
vorrangig auf das objektiv erkennbare Merkmal des tatsächlichen
physischen Aufenthalts ab und deckt sich nicht mit dem Wohnsitz im Sinne
des Schweizerischen Rechts (siehe unten Erwägung 5 ff.).
3.2. Dass die VO 883/2004 im vorliegenden Fall anwendbar ist, bestätigt auch
Art. 95a Abs. 1 lit. a KVG. Gemäss dieser Bestimmung ist in Bezug auf
Personen, die Staatsangehörige eines EU-Mitgliedstaates sind, für die
Leistungen im Geltungsbereich des KVG gestützt auf das FZA und dessen
Anhang II nebst anderen die VO 883/2004 anwendbar.
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3.3. A._ fällt unter Art. 11 lit. e VO 883/2004, so dass für ihn die
Rechtsvorschriften am Ort seines Wohnortes im gemeinschaftrechtlichen
Sinn (Art. 1 lit. j VO 883/2004) bzw. am Ort seines gewöhnlichen
Aufenthaltes massgeblich sind. A._ hat seinen gewöhnlichen
Aufenthalt seit seiner Verhaftung am 2. April 2019 in der Schweiz. Auf alle
ihn seither betreffenden sozialversicherungsrechtlichen Fragen ist somit
Schweizer Recht anwendbar. In diesem Punkt sind sich denn auch die
Parteien einig, zwar nicht in der Begründung, aber doch im Ergebnis.
4. Gemäss Art. 3 Abs. 1 KVG muss sich jede Person mit Wohnsitz in der
Schweiz innert drei Monaten nach der Wohnsitznahme in der Schweiz für
Krankenpflege versichern. Bei rechtzeitigem Beitritt beginnt die
Versicherung im Zeitpunkt der Wohnsitznahme in der Schweiz (Art. 5 Abs.
1 KVG). Sie endet, wenn die versicherte Person der Versicherungspflicht
nicht mehr untersteht (Art. 5 Abs. 3 KVG). Der Wohnsitz einer Person
bestimmt sich gemäss Art. 13 ATSG und Art. 1 Abs. 1 KVV nach den
Artikeln 23 bis 26 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB; SR 210).
4.1. Die Beschwerdegegnerin hat den Wohnsitz von A._ im
angefochtenen Einspracheentscheid nach Art. 23 und 24 ZGB bestimmt.
Der Beschwerdeführer ist demgegenüber der Ansicht, der Wohnsitz sei
gestützt auf Art. 20 des Bundesgesetzes über das Internationale
Privatrecht (IPRG; SR 291) festzulegen, da es sich um einen
internationalen Sachverhalt handle. Gemäss Art. 20 Abs. 1 lit. a IPRG hat
eine natürliche Person ihren Wohnsitz in dem Staat, in dem sie sich mit
der Absicht dauernden Verbleibens aufhält.
Welche Sichtweise zutrifft, bedarf vertiefter Abklärung. In der
Rechtsprechung und in der Lehre finden sich dazu unterschiedliche
Ansichten. Diese werden nachfolgend dargelegt.
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4.1.1. In BGE 129 V 77 ging es um die Unterstellung von Ausländerinnen und
Ausländern ohne Aufenthaltsbewilligung unter das
Krankenversicherungsobligatorium. Dabei stellte das Gericht im
Zusammenhang mit der Wohnsitzfrage ausschliesslich auf das ZGB ab
und erwähnte das IPRG in keiner Weise. Gleich ging das Bundesgericht
auch im Fall 9C_546/2017 vor, wo es ebenfalls um die Unterstellung eines
ausländischen Staatsangehörigen unter das Versicherungsobligatorium
gemäss Art. 3 Abs. 1 KVG ging (Urteil des Bundesgerichts 9C_546/2017
vom 30. April 2018).
4.1.2. Auch im Fall K 34/04 hatte das Eidgenössische Versicherungsgericht die
Frage zu beurteilen, ob ein ausländischer Staatsangehöriger Wohnsitz in
der Schweiz habe und deshalb dem Krankenversicherungsobligatorium
unterliege. Dabei trennte das Gericht mit Blick auf die Wohnsitzfrage nicht
scharf zwischen dem ZGB und dem IPRG. Zum einen stellte es auf Art. 23
ff. ZGB ab, indem es ausführte, es sei zu prüfen, ob der ausländische
Staatsangehörige die Voraussetzungen des zivilrechtlichen
Wohnsitzbegriffs erfülle und somit der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung unterstellt sei (vgl. insbesondere dortige
Erwägungen 2, 4.2 und 4.4). Zum anderen hielt das Gericht festhielt, die
Frage, wann eine Person mit Wohnsitz im Ausland ihren ausländischen
Wohnsitz aufgegeben habe, richte sich nach Art. 20 Abs. 2 lit. a IPRG
(Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts K 34/04 vom 2. August
2005).
4.1.3. In einem etwas aktuelleren Fall mit internationalem Sachverhalt zum
Thema Opferhilfe hingegen bestimmte das Bundesgericht den Wohnsitz
eindeutig nach dem ZGB und hielt fest, eine Anlehnung an den
Wohnsitzbegriff des IPRG dränge sich nicht auf, zumal der
Anspruchsvoraussetzung eines Schweizer Wohnsitzes für den Bezug
einer Entschädigung oder Genugtuung nicht die Rolle eines im
- 17 -
internationalen Verhältnis relevanten Anknüpfungspunktes zukomme
(BGE 137 II 122 E.3.5).
4.1.4. In diversen Fällen mit internationalem Sachverhalt zum Thema Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHV) bestimmte das Bundesgericht den
Wohnsitz stets nach dem ZGB (BGE 135 V 249, Urteile des
Bundesgerichts 9C_600/2017 vom 9. August 2018 E.2.2, 9C_10/2016
vom 16. Februar 2016 E.3.1 und 9C_294/2007 vom 10. Oktober 2007
E.6.2.1). In den Urteilen 9C_600/2017, 9C_10/2016 und 9C_294/2007
wurde das IPRG nicht erwähnt und nicht in Betracht gezogen. In BGE 135
V 249 wurde zudem explizit festgehalten, das Internationale Privatrecht
beschränke sich auf Kollisionsnormen und könne nicht die
Voraussetzungen für den Zugang zu Sozialversicherungsleistungen
festlegen (BGE 135 V 249 E.4.4).
4.1.5. In einem aktuellen Fall mit internationalem Sachverhalt zum Thema
Invalidenversicherung (IV) beanstandete des Bundesgericht die
Bestimmung des Wohnsitzes unter Verweis auf Art. 13 Abs. 1 ATSG und
Art. 25 Abs. 1 ZGB nicht (Urteil des Bundesgerichts 9C_415/2020 vom 17.
Mai 2021 E.4.2). Und auch in weiteren Fällen, bei welchen es um den
Anspruch auf IV-Leistungen von ausländischen Staatsangehörigen ging,
stellte das Bundesgericht zur Bestimmung des Wohnsitzes stets auf das
ZGB ab (BGE 134 V 236 E.2; Urteil des Bundesgerichts 8C_713/2014 vom
4. Mai 2015 E.3.2).
4.1.6. Der Basler Kommentar zum KVG nennt als Grundlage für den Wohnsitz
im internationalen Kontext Art. 20 Abs. 1 lit. a IPRG (EUGSTER, Basler
Kommentar KVG, 2020, S. 92, Art. 3 N 22). Zur Begründung wird auf den
Entscheid des Eidg. Versicherungsgerichts K 34/04 verwiesen (vgl. oben
Erwägung 4.1.2). Zudem wird fälschlicherweise auch auf das Urteil des
Bundesgerichts 9C_10/2016 verwiesen. Letzteres spricht sich indessen
gerade nicht für ein Abstellen auf das IPRG, sondern auf das ZGB aus
- 18 -
(vgl. oben Erwägung 4.1.4). Eine über den Verweis auf die genannten
Entscheide hinausgehende Begründung für das Abstellen aufs IPRG
findet sich im Basler Kommentar nicht.
4.1.7. KIESER führt in seinem ATSG-Kommentar zu Art. 13 ATSG aus, nach
bundesgerichtlicher Festlegung gelange nicht das Internationale
Privatrecht, sondern nur das ZGB zur Anwendung, auch wenn ein
internationaler Sachverhalt zur Debatte stehe. Die Begründung gehe
dahin, dass es sich um eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit handle. KIESER
verweist auf BGE 144 V 208 und kommentiert, daran sei zutreffend, dass
Art. 13 Abs. 1 ATSG auf das ZGB verweise, welches Rechtssystem
deshalb massgebend sei, aber nicht auf das IPRG, weshalb die
entsprechenden Regelungen nicht anwendbar seien (KIESER, a.a.O, S. S.
266, Art. 13 N 14). Allerdings ist BGE 144 V 208, mithin der Entscheid, auf
welchen KIESER verweist, in der Sammlung der Bundesgerichtsentscheide
nicht auffindbar.
4.1.8. Nach der Ansicht von KELLER ist der Wohnsitz von ausländischen
Strafgefangenen nach dem ZGB zu bestimmen; Ausführungen zum IPRG
finden sich bei ihm nicht (STEFAN KELLER, Lücken und Tücken der Deckung
der Sozialversicherung und Sozialhilfe im Freiheitsentzug: Teil I,
Schweizerische Zeitschrift für Kriminologie, SZK 1/2017 S. 74 ff., S. 79).
4.1.9. Art. 13 Abs. 1 ATSG und Art. 1 Abs. 1 KVV erwähnen explizit Art. 23 bis
26 ZGB. Hinweise dafür, dass damit für internationale Sachverhalte Art. 20
IPRG mitgemeint sein sollte, finden sich in den Materialien nicht (BBl 1999
IV 4523, S. 4552 f.).
4.2. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass in der
Rechtsprechung in sozialversicherungsrechtlichen Fällen mit
internationalem Sachverhalt die Anwendung des ZGB zur Bestimmung
des Wohnsitzes deutlich überwiegt. Nur in einem einzigen, rund sechzehn
- 19 -
Jahre alten, nicht publizierten Urteil, hat das Eidgenössische
Versicherungsgericht ohne eingehende Abklärung und ohne jegliche
Begründung das IPRG angewendet, und auch dies nur auf den Aspekt der
Aufgabe des Wohnsitzes, während es für die für die Unterstellung unter
das Obligatorium der Krankenpflegeversicherung massgebliche Frage der
Wohnsitzbegründung festhielt, sie sei nach den Voraussetzungen des
Wohnsitzbegriffs von Art. 23 ff. ZGB zu prüfen (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts K 34/04 vom 2. August 2005; vgl. oben Erwägung
4.1.2). In allen anderen Urteilen, insbesondere auch dem aktuellen vom
Mai 2021, stellte das Bundesgericht für die Bestimmung des Wohnsitzes
von ausländischen Staatsangehörigen bei internationalen Sachverhalten
gestützt auf Art. 13 Abs. 1 ATSG auf das ZGB ab (BGE 137 II 122, 135 V
249, 134 V 236 und 129 V 77; Urteile des Bundesgerichts 9C_600/2017,
9C_546/2017, 9C_10/2016, 9C_294/2007, 9C_415/2020 und
8C_713/2014; vgl. oben Erwägungen 4.1.1 und 4.1.3 bis 4.1.5). Dass sich
der Basler Kommentar in Anlehnung an den Entscheid K 34/04 für die
Anwendung des IPRG ausspricht, vermag deshalb, entgegen der Ansicht
des Beschwerdeführers, nicht zu überzeugen (vgl. oben Erwägung 4.1.6).
Mit der Rechtsprechung im Einklang sind KIESER und KELLER, die sich für
die Bestimmung des Wohnsitzes gemäss ZGB aussprechen (vgl. oben
Erwägung 4.1.7 und 4.1.8).
Die Gründe, welche in den zitierten Urteilen und in der Lehre für das
Abstellen aufs ZGB angeführt werden (vgl. oben Erwägungen 4.1.1. ff.),
sind überzeugend. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers sind
keine Anhaltspunkte ersichtlich, welche für die Frage der
Wohnsitzbegründung für ein Abstellen auf das IPRG sprechen würden. Im
vorliegenden Fall wird demnach für die Bestimmung des Wohnsitzes auf
das ZGB und nicht auf das IPRG abgestellt. Der Beschwerdegegnerin
kann darin gefolgt werden, dass der Verweis auf das ZGB in Art. 13 Abs.
1 ATSG auch internationale Sachverhalte einschliesst.
- 20 -
5. Geprüft wird nun, ob A._ am 18. Februar 2021, dem Zeitpunkt des
Erlasses des angefochtenen Einspracheentscheids, Wohnsitz in der
Schweiz hatte (BGE 132 V 215 E.3.1.1; Beilagen der Beschwerdegegnerin
[Bg-act.] 12). Zunächst wird geprüft, ob ein tatsächlicher Wohnsitz im
Sinne von Art. 23 ZGB vorlag. Danach wird untersucht, ob ein fiktiver
Wohnsitz im Sinne von Art. 24 ZGB gegeben war. Während der
Beschwerdeführer einen Wohnsitz in der Schweiz bejaht, ist die
Beschwerdegegnerin der Ansicht, A._ habe nach wie vor Wohnsitz in
seinem Heimatstaat F._.
5.1. Gemäss Art. 23 Abs. 1 Satz 1 ZGB befindet sich der Wohnsitz einer
Person an dem Ort, wo sie sich mit der Absicht dauernden Verbleibens
aufhält. Für die Begründung des Wohnsitzes müssen somit ein objektives
und ein subjektives Merkmal erfüllt sein: der tatsächliche physische
Aufenthalt und die Absicht dauernden Verbleibens. Bei Letzterem kommt
es nicht auf den inneren Willen an, sondern darauf, welche Absicht objektiv
erkennbar ist (BGE 137 II 122 E.3.6). Entscheidend ist, dass der Ort des
Wohnsitzes aufgrund sämtlicher objektiver Umstände als Mittelpunkt der
Lebensinteressen erscheint. Der Lebensmittelpunkt befindet sich im
Normalfall am Wohnort, das heisst an dem Ort, wo man schläft, die Freizeit
verbringt und wo sich die persönlichen Effekten befinden, wo man
üblicherweise einen Telefonanschluss und eine Postadresse hat. Die nach
aussen erkennbare Absicht muss auf einen dauernden Aufenthalt im
Sinne von "bis auf Weiteres" ausgerichtet sein. Nicht massgeblich,
sondern nur Indizien für die Beurteilung der Wohnsitzfrage sind die
Anmeldung und Hinterlegung der Schriften, die Ausübung der politischen
Rechte, die Bezahlung der Steuern, fremdenpolizeiliche Bewilligungen
sowie die Gründe, die zur Wahl eines bestimmten Wohnsitzes
veranlassen (Urteile des Bundesgerichts 2C_211/2021 vom 8. Juni 2021
E.5.2.2 und 4A_695/2011 vom 18. Januar 2012 E.4.1). Bei Personen mit
einem Ehepartner oder mit Familie gilt als Lebensmittelpunkt in der Regel
- 21 -
der Aufenthaltsort des Partners bzw. der Familie, nicht der Arbeitsort (BGE
132 I 29 E.4.2; Urteil des Bundesgerichts 2C_807/2019 vom 8. Juni 2020
E.2.4).
Im vorliegenden Fall ist die objektive Voraussetzung für einen
tatsächlichen Wohnsitz in der Schweiz unbestrittenermassen erfüllt. Der
Beschwerdeführer reiste im März 2019 in die Schweiz ein, wurde am 2.
April 2019 in Untersuchungshaft genommen, hielt sich darauf im
Gefängnis B._ auf und büsst seit dem 9. September 2019 bis
voraussichtlich am 1. April 2023 seine Freiheitsstrafe in der
Justizvollzugsanstalt D._ ab (Bf-B-act. 13). Damit ist der tatsächliche
physische Aufenthalt in der Schweiz seit März 2019 gegeben. Die
subjektive Voraussetzung, mithin die Absicht des dauernden Verbleibens,
ist indessen nicht erfüllt. Dies räumt A._ denn auch im Grundsatz
selber ein (vgl. Beschwerde vom 22. März 2021 S. 11). A._ reiste erst
kurz vor seiner Verhaftung am 2. April 2019 als sogenannter
"Kriminaltourist" in die Schweiz ein. Er hatte gemäss den Akten keine
Wohnung, keine Arbeitsstelle, keine Aufenthaltsbewilligung und keine
nahen Bezugspersonen in der Schweiz. Es spricht deshalb nichts dafür,
dass er die Absicht gehabt hätte, dauernd oder zumindest für längere Zeit
in der Schweiz zu leben. Vielmehr ist davon auszugehen, dass er nach der
Abwicklung seiner kriminellen Aktivitäten hätte nach F._
zurückkehren wollen. Eine Wohnsitznahme in der Schweiz gestützt auf
Art. 23 Abs. 1 Satz 1 ZGB ist deshalb auszuschliessen.
Der Beschwerdeführer bringt vor, dass A._ im Jahr 1997 ein
Asylverfahren in der Schweiz durchlaufen habe und seither wiederholt als
Tourist in der Schweiz gewesen sei. Daraus dessen Absicht, in der
Schweiz zu verweilen, abzuleiten, geht fehl. Zwar hatte A._ vor rund
20 Jahren als Asylsuchender vorübergehend Wohnsitz in der Schweiz (Bf-
B-act. 11; Art. 1 Abs. 2 lit. c KVV; BGE 128 II 489 E.2f; BRÜCKNER, Das
Personenrecht des ZGB Teil 1, S. 105 N 367). Durch die Ausreise aus der
- 22 -
Schweiz nach dem negativen Asylentscheid gab er diesen Wohnsitz aber
wieder auf. Hinweise dafür, dass bei den späteren Einreisen als Tourist
intensive, objektiv erkennbare Bezugspunkte zur Schweiz geschaffen
worden wären, gibt es nicht. Vielmehr konzentrieren sich die bekannten
Aspekte des Lebens von A._ auf F._ (vgl. E.5.3.2 hernach).
Relevante Bezugspunkte zur Schweiz aufgrund der früheren Aufenthalte
sind nicht bekannt.
5.2. Gemäss Art. 23 Abs. 1 Satz 2 ZGB begründet die Unterbringung einer
Person in einer Erziehungs- oder Pflegeeinrichtung, einem Spital oder in
einer Strafanstalt für sich allein keinen Wohnsitz. Nach der
Rechtsprechung wird dadurch eine widerlegbare Vermutung begründet,
wonach der Aufenthalt in einer Anstalt nicht bedeutet, dass auch der
Lebensmittelpunkt an den Anstaltsort verlegt wurde. Die Vermutung kann
umgestossen werden, wenn eine Person freiwillig in eine Anstalt, die sie
selbst gewählt hat, eintritt und sich dort im Sinne von Art. 23 Abs. 1 ZGB
mit der Absicht dauernden Verbleibens aufhält. Unter dieser
Voraussetzung kann die Begründung eines Wohnsitzes am Anstaltsort
bejaht werden (BGE 138 V 23 E.3.1.2 und 135 II 49 E.6.2, Urteil des
Bundesgerichts 9C_295/2019 vom 18. Juni 2019 E.2.2.1). Bei einer
Anstaltseinweisung durch Dritte und bei einem Aufenthalt in der Anstalt,
der nicht aus eigenem Willen erfolgt, wird man regelmässig eine
Wohnsitznahme von vornherein ausschliessen müssen (BGE 133 V 309
E.3.1). Der Grundsatz, wonach sich der Wohnsitz üblicherweise nicht an
einem Ort befindet, an dem sich jemand bloss zu einem Sonderzweck
aufhält, gilt auch in internationalen Verhältnissen (STÄHELIN, Basler
Kommentar ZGB, 6. Auflage, 2018, S. 257, Art. 23 N 19e).
Im vorliegenden Fall hat A._ den Aufenthalt in Schweizer
Gefängnissen offensichtlich nicht selber gewählt. Er geriet unfreiwillig in
der Schweiz in Haft, hält sich aktuell unter Zwang zum Sonderzweck der
Verbüssung einer Strafe in der Schweiz auf und unterliegt danach
- 23 -
voraussichtlich einer zehnjährigen Landesverweisung (Bf-B-act. 13). Eine
Wohnsitznahme am Ort der Strafanstalt entfällt somit gestützt auf Art. 23
Abs. 1 Satz 2 ZGB.
Der Beschwerdeführer macht geltend, die Unterbringung einer Person in
einer Strafanstalt begründe zwar gemäss Art. 23 Abs. 1 Satz 2 ZGB für
sich alleine keinen Wohnsitz. Der Gesetzeswortlaut bedeute jedoch nicht,
dass in einer solchen Konstellation nie ein Wohnsitz begründet werden
könne. Vielmehr müsse diese Formulierung bedeuten, dass bei
Hinzutreten bzw. Vorliegen bestimmter Umstände durchaus ein (Ersatz-
)Wohnsitz auch in einer Strafanstalt bestehen könne. Dies trifft nicht zu.
Bei einer Strafanstalt sind – anders als bei einer Erziehungs- oder
Pflegeeinrichtung oder einem Spital – kaum Umstände denkbar, welche
die gesetzliche Vermutung von Art. 23 Abs. 1 Satz 2 ZGB umstossen
würden. Erforderlich wären Umstände, welche darauf schliessen lassen
würden, dass eine Person freiwillig in die Strafanstalt eingetreten war und
sich dort im Sinne von Art. 23 Abs. 1 ZGB mit der Absicht dauernden
Verbleibens aufhält (Urteil des Bundesgerichts 5C.196/2006 vom 14.
November 2008 E.6.2). Solche Umstände benennt der Beschwerdeführer
vorliegend denn bezeichnenderweise keine. Sie sind auch nicht
ersichtlich.
5.3. In Art. 24 ZGB ist der sogenannte fiktive Wohnsitz umschrieben.
Personen, welche die Voraussetzungen des fiktiven Wohnsitzbegriffs
erfüllen, sind ebenfalls dem Krankenversicherungsobligatorium
unterworfen (BGE 129 V 77 E.4.3). Dies gilt auch dann, wenn sich die
Personen im Sinne von Art. 23 Abs. 1 Satz 2 ZGB zu Sonderzwecken in
einer Anstalt befinden (Urteil des Bundesgerichts 5C.196/2006 vom 14.
November 2008 E.6.2).
5.3.1. Gemäss Art. 24 Abs. 1 ZGB bleibt der einmal begründete Wohnsitz einer
Person bestehen bis zum Erwerbe eines neuen Wohnsitzes. Der Wortlaut
- 24 -
dieser Bestimmung ist etwas unscharf. Gemeint ist, dass der einmal
begründete tatsächliche Wohnsitz als fiktiver Wohnsitz bestehen bleibt,
wenn eine Person ihren bisherigen Lebensmittelpunkt aufgegeben und
noch keinen neuen Lebensmittelpunkt geschaffen hat (STÄHELIN, a.a.O.,
S. 262, Art. 24 N 1).
Vorliegend steht ausser Frage, dass A._ aufgrund dieser
Bestimmung Wohnsitz in der Schweiz haben könnte: Es sind keinerlei
Hinweise für einen vorbestehenden Wohnsitz in der Schweiz ersichtlich.
5.3.2. Gemäss Art. 24 Abs. 2 ZGB gilt der Aufenthaltsort als (fiktiver) Wohnsitz,
wenn ein früher begründeter Wohnsitz nicht nachweisbar oder ein im
Ausland begründeter Wohnsitz aufgegeben und in der Schweiz kein neuer
Wohnsitz begründet worden ist. Nach der Rechtsprechung hat eine
Person ihren ausländischen Wohnsitz aufgegeben, wenn sie den Ort des
bisherigen Lebensmittelpunktes definitiv verlassen hat, wobei unerheblich
ist, ob nach dem ausländischen Recht der ausländische Wohnsitz noch
weiterbesteht (Urteil des Bundesgerichts 9C_295/2019 vom 18. Juni 2019
E.2.2.2; STÄHELIN, a.a.O., S. 263, Art. 24 N 8). Solange kein neuer
Wohnsitz wirksam begründet wird, können berechtigte Zweifel
fortbestehen, ob der alte Wohnsitz wirklich definitiv aufgegeben worden ist
(BGE 138 II 300 E.3.6.2).
Im vorliegenden Fall hat die Beschwerdegegnerin einen fiktiven Wohnsitz
von A._ in der Schweiz gestützt auf Art. 24 Abs. 2 ZGB zu Recht
verneint. Zum tatsächlichen Wohnsitz von A._ vor der Einreise in die
Schweiz im März 2019 ist wenig bekannt, weil er im Rahmen des
Strafverfahrens kaum Angaben zu seinen Wohn- und
Lebensverhältnissen machte. Im Rahmen des vorliegenden Verfahrens
kann er nicht zu weitergehenden Aussagen verpflichtet werden; denn das
strafprozessuale Recht auf Verweigerung der Mitwirkung und der Aussage
(Art. 158 Abs. 1 lit. b der Schweizerischen Strafprozessordnung [StPO, SR
- 25 -
312.0]) geht der sozialversicherungsrechtlichen Mitwirkungspflicht (Art. 28
ATSG) vor. Dies führt dazu, dass dem im Sozialversicherungsprozess
herrschenden Untersuchungsgrundsatz (BGE 144 V 427 E.3.2) nicht im
üblichen Umfang Genüge getan werden kann und dass demzufolge eher
geringe Anforderungen an den Beweis zu stellen sind (STÄHELIN, a.a.O.,
S. 263, Art. 24 N 7). Bekannt sind vorliegend die F._
Staatsangehörigkeit, eine Wohnadresse in G._ (Bf-B-act. 12 und 13)
und eine Ehe mit der dort lebenden H._ geb. I._ (Bf-B-act. 14).
Diese Ehe ist als Anknüpfungspunkt relevant. Das erzwungene
Getrenntleben der Eheleute seit der Inhaftierung von A._ wird vom
Beschwerdeführer zu Unrecht wie eine gewollte Trennung bzw. eine "nicht
mehr gelebte Familienbeziehung" dargestellt. Für eine selbst gewählte
Trennung der Eheleute gibt es keine Hinweise. Es ist deshalb mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Ehefrau
in F._ eine enge Bezugsperson darstellt. Aspekte, welche
Anknüpfungspunkte zu anderen Orten bzw. Staaten bilden würden, sind
keine bekannt. Es kann deshalb mit dem im Sozialversicherungsrecht
üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 144 V
427 E.3.2) angenommen werden, dass A._ vor seiner Einreise in die
Schweiz im März 2019 Wohnsitz in F._ hatte. Hinweise darauf, dass
er diesen Wohnsitz hätte aufgeben wollen, liegen nicht vor. Er kam im
März 2019 im Rahmen eines vorübergehenden Aufenthalts als
sogenannter "Kriminaltourist" in die Schweiz. Daraus lässt sich entgegen
der Ansicht des Beschwerdeführers nicht ableiten, dass er seinen
bisherigen Lebensmittelpunkt definitiv hätte aufgeben wollen. Es ist
deshalb davon auszugehen, dass der tatsächliche Wohnsitz in F._
nach wie vor besteht.
Der Beschwerdeführer macht geltend, die Begründung und
Aufrechterhaltung, mithin der Bestand eines Wohnsitzes, setze physische
Präsenz am betreffenden Ort voraus. Auch wenn kurzfristige
- 26 -
Abwesenheiten den Wohnsitz nicht verlustig gehen lassen würden,
entfalle er jedenfalls dann, wenn eine Person während zwei Jahren nie
mehr am betreffenden Ort physisch anwesend gewesen sei. Dem kann
nicht gefolgt werden. Hält sich eine Person wie vorliegend zum
Sonderzweck der Verbüssung einer Strafe in einer Anstalt auf, so fallen
der Wohnsitz und der Ort des physischen Aufenthalts in der Regel eben
gerade nicht zusammen. Bei einem Aufenthalt in einer Strafanstalt besteht
deshalb vermutungsweise der bisherige Wohnsitz trotz physischer
Abwesenheit weiter (Art. 23 Abs. 1 Satz 2 ZGB). Dies gilt auch für
ausländische Insassen von schweizerischen Strafanstalten. Der fiktive
Wohnsitz am Aufenthaltsort kommt deshalb bei einer Person mit
vorherigem Wohnsitz im Ausland im Rahmen eines erzwungenen
Aufenthaltes in einer Strafvollzugsanstalt nicht zur Anwendung.
Der Beschwerdeführer macht geltend, die Einreise als Tourist in die
Schweiz sei kein Nachweis für einen vorbestehenden Wohnsitz in einem
anderen Land. Die Beschwerdegegnerin unterlasse es zudem darzutun,
wo sich ein solcher Wohnsitz von A._ befunden haben sollte. Dies ist
nicht stichhaltig. Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen
Entscheid zu Recht davon aus, dass alle bekannten Aspekte für einen
Wohnsitz in F._ sprechen. Dass keine weiteren Aspekte bekannt
sind, ist der Beschwerdegegnerin angesichts der Verweigerung der
diesbezüglichen Aussage durch A._ nicht anzulasten. Verweisen
Erlasse des öffentlichen Rechts auf Art. 23 ff. ZGB, so muss der
Wohnsitzbegriff unter Berücksichtigung der Funktion ausgelegt werden,
der er im öffentlichrechtlichen Zusammenhang dient (BRÜCKNER, a.a.O.,
S. 91 N 315). Im Rahmen von Art. 3 Abs. 1 KVG genügt es deshalb zu
beweisen, dass kein Wohnsitz in der Schweiz besteht. Wo genau sich der
ausländische Wohnsitz befindet und aufgrund welcher Bezugspunkte ein
bestimmter ausländischer Ort als Wohnsitz zu betrachten ist, muss
indessen nicht eingehend geklärt werden.
- 27 -
5.4. Es hat sich gezeigt, dass die Beschwerdegegnerin zu Recht davon
ausging, dass A._ keinen Wohnsitz in der Schweiz begründet hat und
demzufolge nicht dem Obligatorium für eine Krankenpflegeversicherung
gemäss Art. 3 Abs. 1 KVG unterliegt. Der Vollständigkeit halber sei
erwähnt, dass A._ auch nicht dem Versicherungsobligatorium für
Personen ohne Wohnsitz in der Schweiz gemäss Art. 3 Abs. 3 lit. a KVG
i.V.m. Art. 1 Abs. 2 KVV unterliegt. Dies macht der Beschwerdeführer denn
auch zu Recht nicht geltend.
5.5. Dass der Beschwerdeführer nicht dem Obligatorium gemäss Art. 3 KVG
unterliegt, ist entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers mit der
Verfassung vereinbar. Grund- und menschenrechtliche Vorgaben
verlangen, dass die Gesundheitsversorgung während des
Freiheitsentzuges die gleiche Qualität aufweisen muss wie diejenige der
Allgemeinbevölkerung. Dieses sogenannte Äquivalenzprinzip erstreckt
sich auf präventive, diagnostische, therapeutische und pflegerische
Massnahmen (KÜNZLI / WEBER, Gesundheit im Freiheitsentzug,
Rechtsgutachten zur Gesundheitsversorgung von inhaftierten Personen
ohne Krankenversicherung, 12. November 2018, S. 1, einsehbar auf der
Webseite des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Menschenrechte,
https://www.skmr.ch/de/themenbereiche/justiz/publikationen/gesundheits
versorgung_freiheitsentzug_menschenrechtliche_vorgaben.html, zuletzt
besucht am 5. Oktober 2021). Wie bereits erwähnt (vgl. vorne Erwägung
1.3.4.4.) verpflichtet auch das in Art. 75 Abs. 1 StGB verankerte
Betreuungsprinzip die Strafvollzugsbehörden dazu, die medizinische
Versorgung der Gefangenen in einem angemessenen Rahmen zu
gewährleisten. Für den Kanton Zürich wird dies in § 108 JVV konkretisiert,
für den Kanton Graubünden in den Art. 97 und 98 JVV. Die
Strafvollzugsbehörden sind demnach gehalten, auch für Strafgefangene
ohne Krankenversicherung medizinisch indizierte Untersuchungen und
Behandlungen im Umfang des Leistungskatalogs der
- 28 -
Krankenversicherungsgesetzgebung zugänglich zu machen (KÜNZLI /
WEBER, a.a.O, S. 1). Entsprechend lässt sich weder aus dem Äquivalenz-,
noch aus dem Betreuungsprinzip ein Anspruch auf Unterstellung unter die
obligatorische Krankenpflegeversicherung ableiten.
5.6. Dieses Ergebnis widerspiegelt die aktuelle rechtliche Lage, welche
indessen nicht unbestritten ist. So wurde im Jahr 2018 im Nationalrat eine
Interpellation eingereicht, welche Fragen im Zusammenhang mit
ausländischen Strafgefangenen ohne Krankenversicherung aufwarf. Der
Bundesrat führte dazu in seiner Stellungnahme vom 22. August 2018 aus,
Expertinnen und Experten des Bundes und der Kantone schätzten, dass
ungefähr ein Drittel aller Inhaftierten nicht gegen Krankheit versichert sei,
also etwa 2'000 Personen. Es werde angenommen, dass es sich dabei
mehrheitlich um Ausländerinnen und Ausländer handle, die keinen
gesetzlichen Wohnsitz in der Schweiz hätten bzw. bei welchen ein solcher
nicht nachgewiesen sei. Es gebe unterschiedliche Modelle der
Finanzierung von Behandlungskosten bei nichtkrankenversicherten
Inhaftierten. Teilweise würden diese Kosten von den zuständigen
Gesundheitsbehörden getragen. Andernorts würden Gesuche um
Kostengutsprache an das sozialhilferechtlich zuständige Gemeinwesen
gerichtet. Die Bewilligungspraxis sei dabei nicht einheitlich. Teils würden
Kosten bis zur Klärung des Kostenträgers bevorschusst, es komme aber
auch vor, dass Kosten nicht bevorschusst und Gesuche nur für
medizinische Notfälle bewilligt würden
(https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-
vista/geschaeft?AffairId=20183655, zuletzt besucht am 5. Oktober 2021).
Kritisiert wird die aktuelle Rechtslage auch von KÜNZLI / WEBER in ihrem
Rechtsgutachten zur Gesundheitsversorgung von inhaftierten Personen
ohne Krankenversicherung. Sie sprechen sich de lege ferenda aus für eine
Ausdehnung des Krankenversicherungsobligatoriums auf alle in der
Schweiz inhaftierten Personen unabhängig von ihrem Wohnsitz, allenfalls
- 29 -
ergänzt durch eine kollektive Krankenpflegeversicherung, mittels Revision
des KVG oder für eine Anpassung der zivilrechtlichen
Wohnsitzregelungen zwecks Sicherstellung des
Krankenversicherungsschutzes (KÜNZLI / WEBER, a.a.O, S. 45).
6. Abschliessend bleibt festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin mit der
Verweigerung der Aufnahme von A._ in die obligatorische
Krankenpflegeversicherung nicht gegen Art. 5 Abs. 3 und Art. 7 Abs. 5
KVG verstossen hat. Gemäss Art. 5 Abs. 3 KVG endet die Versicherung,
wenn die versicherte Person der Versicherungspflicht nicht mehr
untersteht. Und gemäss Art. 7 Abs. 5 KVG kann ein Krankenversicherer
die versicherte Person erst aus der Versicherung entlassen, wenn ein
neuer Versicherer die Weiterversicherung ohne Unterbruch bestätigt.
Diese beiden Bestimmungen sind vorliegend nicht einschlägig. Mangels
Wohnsitz in der Schweiz bestand gar nie eine Versicherungspflicht und
war es für die Beschwerdegegnerin nicht möglich, A._ rechtsgültig in
die obligatorische Krankenpflegeversicherung aufzunehmen. Die Frage
der Beendigung bzw. des Übergangs auf einen neuen Versicherer kann
sich deshalb gar nicht stellen. Daran ändert die Tatsache nichts, dass die
Beschwerdegegnerin A._ mit Schreiben vom 17. Juli 2019
fälschlicherweise bestätigt hatte, er sei in die obligatorische
Krankenpflegeversicherung aufgenommen worden (Bf-B-act. 1). Diese
Bestätigung vermochte die fehlende Voraussetzung nicht zu übersteuern
(EUGSTER, a.a.O., S. 138, N 16 zu Art. 5 KVG), A._ war nie
rechtsgültig versichert. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb mit
Verfügung vom 11. August 2020 kein reguläres Versicherungsverhältnis
aufgelöst, sondern nur bestätigt, dass gar keine Versicherung bestand und
dass keine Aufnahme möglich war.
7. Somit ergibt sich, dass die Beschwerdegegnerin sich zu Recht geweigert
hat, A._ in die obligatorische Krankenpflegeversicherung
- 30 -
aufzunehmen. Der angefochtene Einspracheentscheid ist rechtmässig
und die dagegen erhobene Beschwerde ist abzuweisen.
8. Gemäss Art. 61 lit. fbis ATSG ist das Verfahren bei Streitigkeiten über
Leistungen kostenpflichtig, wenn dies im jeweiligen Einzelgesetz
vorgesehen ist; sieht das Einzelgesetz keine Kostenpflicht bei solchen
Streitigkeiten vor, so kann das Gericht einer Partei, die sich mutwillig oder
leichtsinnig verhält, Gerichtskosten auferlegen. Das KVG sieht für
Beschwerdeverfahren über Leistungen keine Kostenpflicht vor, und eine
mutwillige oder leichtsinnige Beschwerdeführung ist vorliegend nicht
gegeben. Es werden deshalb im vorliegenden Fall keine Gerichtskosten
erhoben.
9. Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende
Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen. Vorliegend obsiegt der Beschwerdeführer nicht, so
dass zum Vornherein keine aussergerichtliche Entschädigung
zuzusprechen ist. Der obsiegenden Beschwerdegegnerin steht kein
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten zu (vgl. Art. 61 lit. g ATSG e
contrario).
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