Decision ID: 724a422a-2e85-5e10-b3d8-1465f635b675
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am (...) Juni 2021 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac, vgl. SEM-Akten 1100132-8/1) vom (...) Juni 2021 ergab,
dass er am (...) 2021 in B._ (Italien) aufgegriffen und tags darauf
registriert worden war.
A.a Am 28. Juni 2021 ersuchte das SEM die italienischen Behörden ge-
stützt auf Eurodac-Daten um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss
Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO). Dieses Gesuch blieb innert der in den Art. 22 Abs. 1
und 7 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet.
B.
Am 30. Juni 2021 fand die Personalienaufnahme statt.
C.
Im Rahmen des Dublingesprächs vom 5. Juli 2021 gewährte das SEM dem
Beschwerdeführer im Beisein seiner zugewiesenen Rechtsvertretung das
rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens, zu einer Überstellung dorthin sowie zum me-
dizinischen Sachverhalt (vgl. Protokoll in den SEM-Akten: 1100132-15/2
[nachfolgend A]-15). Der Beschwerdeführer führte im Wesentlichen aus, er
sei von der Türkei herkommend mit dem Schiff nach Italien gereist. Die
italienischen Behörden hätten ihm die Fingerabdrücke abgenommen und
er habe insgesamt gut drei Wochen in Quarantäne verbracht, teilweise auf
einem Schiff, bevor er einen Ausweis erhalten habe, den er dann wieder
verloren habe. Nach Kontaktaufnahme mit seinem Schlepper und dessen
Bezahlung durch seine Familie sei er am 22. Juni 2021 in die Schweiz ge-
reist. Hinsichtlich einer möglichen Überstellung nach Italien gab er an, dort
niemanden zu haben. Hier in der Schweiz habe er hingegen (...). Zum me-
dizinischen Sachverhalt brachte er zu Protokoll, dass er (...)probleme
habe. Ansonsten sei er gesund.
D.
Mit Verfügung vom 3. September 2021 – eröffnet am 6. September 2021 –
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Seite 3
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz nach Italien – welches gemäss Dublin-III-VO für die
Behandlung seines Asylgesuche zuständig ist – an und forderte den Be-
schwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist
zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es die zuständige kantonale Be-
hörde mit dem Vollzug der Wegweisung und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
E.
Am 6. September 2021 zeigte die Rechtsvertretung des Beschwerdefüh-
rers gegenüber der Vorinstanz die Beendigung des Mandatsverhältnisses
an.
F.
Mit Beschwerde vom 13. September 2021 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragt der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei auf-
zuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutre-
ten und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen. Eventualiter sei
die Angelegenheit zur weiteren Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Zusprechung einer angemessenen Parteientschädigung. Aus-
serdem beantragt er die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde, die Sistierung des Wegweisungsvollzugs sowie die Anweisung
der Vorinstanz und der Vollzugsbehörden des Kantons Solothurn mittels
vorsorglicher Massnahmen, bis zum Entscheid über die Beschwerde von
jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen.
G.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 14. September 2021 setzte die
Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstellung des Beschwerdeführers
gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus.
Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die vorinstanzlichen
Akten in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
E-4060/2021
Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, wes-
halb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 2 AsylG).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
E-4060/2021
Seite 5
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat – oder bei fingierter Zustimmung –, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl.
BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfah-
ren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, so-
bald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (take charge) sind die in
Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-
führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl.
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im
Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen ei-
nes Wiederaufnahmeverfahrens (take back) findet demgegenüber grund-
sätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl.
zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). Der nach dieser
Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, eine antragstellende
Person, die in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat, nach
Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-VO aufzunehmen (Art. 18
Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
Wenn ein Antragsteller, der aus einem Drittstaat kommt, die Land-, See-
oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, ist dieser
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Seite 6
Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet ge-
mäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts.
4.3 Der Beschwerdeführer war gemäss eigenen Angaben gegenüber der
Vorinstanz im April 2021 illegal über Italien in den Dublin-Raum gelangt.
Dies deckt sich auch mit den vorliegenden Eurodac-Daten (vgl. SEM-Akten
1100132-8/1). Die italienischen Behörden haben den Antrag der Vorinstanz
vom 28. Juni 2021 auf Übernahme des Beschwerdeführers nicht in der da-
für vorgesehenen Frist beantwortet (vgl. Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO). So-
mit ist davon auszugehen, dass dem Aufnahmegesuch durch die italieni-
schen Behörden stillschweigend stattgegeben wurde, was die Verpflich-
tung nach sich zieht, die Person aufzunehmen und angemessene Vorkeh-
ren für die Ankunft zu treffen (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO).
Soweit der Beschwerdeführer erklärt, er möchte in der Schweiz bleiben, da
er hier (...) habe, demgegenüber aber niemanden in Italien, ist zwar sein
Wunsch verständlich. Das SEM hat aber zu Recht festgestellt, dieser Um-
stand sei nicht zuständigkeitsbegründend, da es sich bei den (...) des Be-
schwerdeführers nicht um Verwandte im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-
VO handle und auch nicht von einem Abhängigkeitsverhältnis auszugehen
sei. Auf die entsprechenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
kann verwiesen werden. Auf Beschwerdestufe ergänzt der Beschwerde-
führer, dass er in Sri Lanka sehr lange von seiner Familie getrennt und
inhaftiert gewesen sei, weshalb es eine grosse Entlastung für ihn sei – ins-
besondere auch hinsichtlich seiner psychischen Gesundheit – bei den Fa-
milienangehörigen in der Schweiz zu sein. Ein Abhängigkeitsverhältnis
ergibt sich aber auch aus diesen nun geltend gemachten psychischen Be-
schwerden nicht (vgl. zum Gesundheitszustand nachfolgend E. 7.3.2). So-
weit der Beschwerdeführer systemische Mängel im italienischen Asylsys-
tem geltend macht, ist auf die nachfolgende Erwägung 6 zu verweisen.
Wenn er schliesslich vorbringt, sein Ziel sei (nebst Australien) nur die
Schweiz gewesen, ist ihm zu entgegnen, dass die Dublin-III-VO den
Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat
selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
Zusammenfassend hat das SEM zu Recht festgestellt, die Zuständigkeit
der italienischen Behörden zur Behandlung des Asylgesuches des Be-
schwerdeführers sei grundsätzlich gegeben.
E-4060/2021
Seite 7
5.
5.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser
Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der
die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.2 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einer drittstaatsangehörigen oder staaten-
losen Person gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch
wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die
Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbstein-
trittsrecht).
Die Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ist nicht direkt, son-
dern nur in Verbindung mit einer nationalen Norm (namentlich Art. 29a Abs.
3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311],
Selbsteintritt aus humanitären Gründen) oder internationalem Recht an-
wendbar (vgl. BVGE 2010/45 E. 5). Aus humanitären Gründen kann das
SEM das Asylgesuch auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-
III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Erweist sich die Überstellung ei-
ner asylsuchenden Person in einen Dublin-Staat demgegenüber als unzu-
lässig im Sinne der EMRK oder einer anderen bindenden völkerrechtlichen
Bestimmung, ist es verpflichtet, die Souveränitätsklausel anzuwenden und
das Asylgesuch in der Schweiz zu behandeln (BVGE 2015/9 E. 8).
6.
6.1 In der Beschwerde werden unter Bezugnahme auf verschiedene Quel-
len mehrere Mängel im italienischen Asylwesen geltend gemacht. Es sei
unter den momentanen Umständen nicht klar, ob der Beschwerdeführer in
Italien überhaupt Zugang zu einem fairen Asylverfahren und zu einer Un-
terbringung haben werde. Asylsuchende hätten grundsätzlich nur noch Zu-
gang zu den Notunterkünften (und teilweise nicht einmal mehr das), wo es
weder genügend medizinische noch psychologische Betreuung noch an-
gemessene sanitäre Anlagen gebe und die hygienischen Zustände sehr
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Seite 8
schlecht seien. Menschen aus den Asylstrukturen würden auch auf Schif-
fen in Quarantäne untergebracht. Nach dem dortigen Aufenthalt würden
sie nicht automatisch in die angestammten Unterkünfte zurückgebracht,
und es werde auch nicht garantiert, dass sie wieder ins Asylverfahren auf-
genommen würden. Dies gelte auch für Dublin-Rückkehrer. Insgesamt sei
davon auszugehen, dass in Italien systematische Mängel bestünden in Be-
zug auf die Unterbringung von Asylsuchenden, deren medizinische Versor-
gung und die Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens. Bei einer Rückkehr laufe
er Gefahr, wieder auf der Strasse zu landen, nicht genug Essen und Trin-
ken zu erhalten oder gar unter unmenschlichen Bedingungen und grundlos
inhaftiert zu werden. Eine Überstellung nach Italien sei als Verletzung von
Art. 3 EMRK zu werten.
6.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Ausserdem darf auch davon ausgegangen werden, die-
ser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende
aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrens-
richtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Nor-
men für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantra-
gen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
6.3 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts liegen aktuell, auch
unter Würdigung der kritischen Berichterstattung bezüglich des italieni-
schen Fürsorgesystems für Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus,
keine Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragstellende würden systemische Schwachstellen im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen (vgl. das als
Referenzurteil publizierte Urteil des BVGer E-962/2019 vom 17. Dezem-
ber 2019 E. 6 sowie die Urteile des BVGer E-595/2021 vom 17. Feb-
ruar 2021 E. 6.2, D-6450/2020 vom 12. Februar 2021 E. 5.3 und
F-6213/2020 vom 5. Januar 2021 E. 5.3). Die Hinweise in der Beschwerde
auf diverse Berichte vermögen daran nichts zu ändern.
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Seite 9
6.4 Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Zwar kann die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen ein, insbesondere mit Blick auf Art. 3 EMRK im Einzelfall wi-
derlegt werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer
D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1). Dies gelingt dem Beschwerde-
führer allerdings, wie das SEM zutreffend erwogen hat, nicht.
7.2 Das SEM hält zu Recht fest, es stehe dem Beschwerdeführer frei, nach
seiner Überstellung ein Asylverfahren in Italien zu durchlaufen. Es obliege
den italienischen Behörden, das Asylgesuch zu prüfen und anschliessend
den Aufenthaltsstatus des Beschwerdeführers zu regeln oder gegebenen-
falls die Wegweisung in sein Heimatland anzuordnen. Schliesslich sei fest-
zustellen, dass im vorliegenden Fall keine begründeten Anhaltspunkte da-
für vorlägen, dass er nach einer Rückkehr nach Italien in eine existenzielle
Notlage geraten könnte.
Soweit der Beschwerdeführer befürchtet, er könne in Italien kein Asylge-
such stellen und werde nach seiner Ankunft direkt eine Wegweisungsver-
fügung erhalten und inhaftiert werden, gehen aus den Akten keine diesbe-
züglichen Hinweise hervor. Er selbst hatte sich entschieden, dort kein Asyl-
gesuch einzureichen und hat angegeben, er sei nicht lange in Italien ge-
blieben, da die Schweiz von Anfang an sein Ziel gewesen sei. Es bestehen
gerade auch in seinem Fall keine Hinweise darauf, dass er keinen Zugang
zum Asylverfahren hätte. Vielmehr hatte er unter anderem ausgeführt, er
sei von den italienischen Behörden empfangen worden und habe auch ei-
nen Ausweis erhalten (vgl. Dublingespräch S. 1). Seine Befürchtung er
habe in Italien ohne Prüfung seiner Asylvorbringen eine sogenannte Ket-
tenabschiebung zu befürchten, die gegen das Non-Refoulement-Prinzip
verstossen würde, wie es in Art. 33 FK verankert ist (und sich ausserdem
aus Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK ableiten
lässt), ist unbegründet. Aus dem erstmals auf Beschwerdeebene erhobe-
nen Argument, bei einer Rückkehr nach Italien laufe er Gefahr, nicht mit
genügend Essen und Trinken versorgt zu werden, kann er offensichtlich
ebenfalls nichts zu seinen Gunsten ableiten. Mit der Einreichung eines
Asylgesuches in Italien wird er Zugang zu den Leistungen gemäss der Auf-
nahmerichtlinie erhalten. Er kann sich an die italienischen Behörden wen-
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Seite 10
den – nötigenfalls mit Unterstützung einer der zahlreichen dort tätigen ka-
ritativen oder kirchlichen Organisationen – um eine Unterkunft und sozial-
staatliche Unterstützung zu erhalten.
7.3 Hinsichtlich der geltend gemachten gesundheitlichen Überstellungs-
hindernisse ist Folgendes festzuhalten:
7.3.1 Auch wenn die Annahme einer Verletzung von Art. 3 EMRK aus ge-
sundheitlichen Gründen nicht mehr ein fortgeschrittenes oder terminales
Krankheitsstadium beziehungsweise eine Todesnähe voraussetzt (vgl.
etwa noch BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H.), bleibt die Schwelle hoch. Sie kann
erreicht sein, wenn eine schwer kranke Person durch die Abschiebung –
mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei-
nem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwie-
derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt
zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung
der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili ge-
gen Belgien 13. Dezember 2016, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.3.2 Zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ergibt sich im We-
sentlichen Folgendes aus den Akten:
Anlässlich des Dublin-Gesprächs führte er aus, er habe (...)probleme, an-
sonsten ginge es ihm gut. Der E-Mail der Pflege des BAZ C._ an
das SEM vom 1. September 2021 (vgl. SEM-Akten 1100132-A25/1) sowie
dem (...) des Beschwerdeführers (vgl. SEM-Akten 1100132-21/1) kann
entnommen werden, dass der Beschwerdeführer im August 2021 an (....)
erkrankte und mittlerweile genesen ist. Auf Beschwerdeebene fügt der Be-
schwerdeführer hinzu, er leide unter psychischen Problemen, da er in Sri
Lanka schwerer Folter und einer langen Inhaftierung ausgesetzt gewesen
sei. Er schlafe sehr schlecht, habe Mühe klare Gedanken zu fassen und
leide unter der Trennung von seiner Familie. Er habe diese Probleme nicht
erwähnt, da das SEM ihm eine einlässlichere Befragung zu den Flucht-
gründen in Aussicht gestellt habe. Das SEM müsse bei den italienischen
Behörden zumindest individuelle Garantien hinsichtlich seines Zugangs
zur notwendigen gesundheitlichen Behandlung einholen, denn es sei all-
gemein bekannt, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung in Italien in
der Praxis sehr stark eingeschränkt sei. Ein weiteres grosses Problem bei
der Gesundheitsversorgung seien die Kosten von Medikamenten, da diese
de facto von den Asylsuchenden selbst bezahlt werden müssten. Hinzu
E-4060/2021
Seite 11
komme schliesslich, dass das schwach aufgestellte italienische Gesund-
heitssystem durch COVID-19 komplett überlastet sei. Das SEM habe sei-
nen Gesundheitszustand nicht genügend abgeklärt beziehungsweise be-
rücksichtigt.
7.3.3 Ohne die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdefüh-
rers in Frage stellen zu wollen, handelt es sich bei ihm offensichtlich nicht
um eine schwer kranke Person im Sinne der oben beschriebenen Recht-
sprechung des EGMR (vgl. E. 7.3.1). Das SEM hatte sich anlässlich des
Dublingesprächs ausdrücklich nach dem Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers erkundigt. Dieser hat erklärt, neben den (...)schmerzen
keine gesundheitlichen Probleme zu haben. Das SEM hat dennoch bei der
Pflege des BAZ nach dem Gesundheitszustand und den erfolgten Behand-
lungen des Beschwerdeführers gefragt. Dieser hat sich bis zum 1. Septem-
ber 2021 – bis auf die (...) – nie bei der Pflege gemeldet und auch keine
Medikamente erhalten. Gegenteiliges wurde auch von der Rechtsvertre-
tung – die dem Beschwerdeführer bis zum Entscheid des SEM zur Seite
gestanden hat – nicht geltend gemacht, obwohl sie laut Ausführungen des
SEM sämtlich medizinische Akten erhalten hat. Die auf Beschwerdeebene
geltend gemachten psychischen Beschwerden sind offensichtlich ebenfalls
nicht derart gravierend, dass sie im Rahmen von Art. 3 EMRK zu beachten
wären. Allfällige weitere notwendige medizinische Abklärungen und Be-
handlungen des Beschwerdeführers können in Italien erfolgen, wo der Zu-
gang für asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheitssystem
über die Notversorgung hinaus grundsätzlich gewährleistet ist, auch wenn
es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann (vgl. Referenz-
urteil E-962/2019 a.a.O. E. 6.2.7). Strengere Kriterien für Dublin-Überstel-
lungen nach Italien gelten nur für schwer erkrankte Asylsuchende, die so-
fort nach der Ankunft in Italien auf lückenlose medizinische Versorgung an-
gewiesen sind. Eine solche Konstellation ist vorliegend offensichtlich nicht
gegeben, womit es – entgegen dem Einwand in der Beschwerde – keiner
individuellen Zusicherungen der italienischen Behörden bezüglich Unter-
bringung und medizinischer Versorgung bedarf. Die Vorinstanz hat sodann
in der angefochtenen Verfügung darauf hingewiesen, dass die zuständigen
Behörden dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nötigenfalls
bereits bei der Organisation der Überstellung nach Italien Rechnung tragen
würden. Die Vorinstanz hat damit dem Gesundheitszustand des Beschwer-
deführers ausreichend Rechnung getragen. Es ist im Übrigen auch nicht
ersichtlich, inwiefern es zu weiteren Abklärungen verpflichtet gewesen
wäre.
E-4060/2021
Seite 12
Der aktuelle Gesundheitszustand des Beschwerdeführers führt für den Fall
einer Überstellung nach Italien im Rahmen des Dublin-Verfahrens nicht zur
Annahme einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK.
7.4 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, wonach seine Wegweisung nach Italien die Ver-
letzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
8.
Hinsichtlich der sogenannten Souveränitätsklausel ist festzuhalten, dass
das SEM bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 über einen Ermessensspielraum verfügt (vgl. BVGE 2015/9 E. 7
f.). Aufgrund der Kognitionsbeschränkung (Art. 106 Abs. 1 AsylG) überprüft
das Gericht den vorinstanzlichen Verzicht auf die Anwendung von Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin, sondern beschränkt sich im
Wesentlichen auf die Überprüfung, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art.
106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
Inwiefern das SEM die spezifischen Umstände des Einzelfalls nicht genü-
gend berücksichtigt haben soll – so dass ein Ermessensmissbrauch anzu-
nehmen wäre – wird nicht substantiiert geltend gemacht und ist auch nicht
erkennbar. Es ist auch nicht ersichtlich, inwiefern der Sachverhalt vom
SEM unvollständig oder unrichtig festgestellt worden wäre. Folglich ist der
nur subeventuell gestellte Rückweisungsantrag abzuweisen.
9.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein-
getreten. Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine gül-
tige Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung noch über einen entspre-
chenden Anspruch (Art. 44 AsylG; Art. 32 Bst. a AsylV1), wobei dies bereits
Voraussetzung für die Anwendbarkeit des vorliegenden Nichteintretenstat-
bestandes ist.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
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Seite 13
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Eine weitere Auseinan-
dersetzung mit den Vorbringen auf Beschwerdeebene sowie den einge-
reichten Beweismitteln erübrigt sich und die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist. Der am 14. September 2021 angeordnete, vorsorg-
liche Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin.
12.
12.1 Es verbleibt der Entscheid über die Verfahrenskosten und eine allfäl-
lige Entschädigung. Diese sind nach Massgabe des Unterliegens respek-
tive Obsiegens zu berechnen (Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG).
12.2 Die Behandlung des Gesuchs um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses erübrigt sich mit dem vorliegenden abschliessenden
Urteil in der Sache.
12.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG ist, unbesehen der finanziellen Verhältnisse des Beschwer-
deführers, abzuweisen, weil sich die Beschwerde entsprechend den vor-
stehenden Erwägungen, bereits bei Eingang der Begehren als aussichtlos
erwiesen hat. Demzufolge hat der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten
in der Höhe von Fr. 750.– zu tragen (Art. 1 ‒ 3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
12.4 Aufgrund des Unterliegens des Beschwerdeführers ist ihm keine Par-
teientschädigung durch die Vorinstanz auszurichten (Art. 64 Abs. 1 VwVG
e contrario).
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E-4060/2021
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