Decision ID: 7ad83ab4-b67f-4223-8656-3e182810cbb6
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ bezog seit Jahren Ergänzungsleistungen zu einer Altersrente der AHV. Nach
einer Senkung des Wohnungsmietzinses von 1’072 Franken auf 1’050 Franken pro
Monat per 1. Juli 2020 (EL-act. 64–2) setzte die EL-Durchführungsstelle die laufende
Ergänzungsleistung per 1. Juli 2020 auf 746 Franken pro Monat herab (EL-act. 63). Bei
der Anspruchsberechnung hatte sie den – weiterhin (vgl. EL-act. 77) um einen
Pauschalabzug von 20 Franken für den Radio- und TV-Empfang gekürzten –
Wohnungsmietzins von 1’050 Franken, also 12 × 1’030 = 12’360 Franken,
berücksichtigt (vgl. EL-act. 62). Auf den 1. Januar 2021 hin erhöhten sich der Betrag für
die allgemeine Lebensbedarfspauschale sowie der Betrag der Altersrente; die
kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung
wurde dagegen gesenkt, weshalb sich insgesamt ein tieferer Ausgabenüberschuss
ergab (vgl. EL-act. 58 mit EL-act. 62). Zugleich trat die ELG-Reform in Kraft, weshalb
die EL-Durchführungsstelle im Zuge des Revisionsverfahrens per 1. Januar 2021 eine
Anspruchsberechnung nach den neurechtlichen Bestimmungen vornahm, die zum
selben Ergebnis wie die Anspruchsberechnung nach den altrechtlichen Bestimmungen
führte (vgl. EL-act. 59 mit EL-act. 58). Die EL-Durchführungsstelle wendete deshalb ab
dem 1. Januar 2021 die neurechtlichen Bestimmungen bezüglich des EL-Anspruchs
der EL-Bezügerin an; die Ergänzungsleistung belief sich nun auf 743 Franken pro
Monat (EL-act. 60).
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 7. April 2021 meldete die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, dass die
EL-Bezügerin am 25. März 2021 für einen „Kurzzeitaufenthalt“ in ein Altersheim
eingetreten war (EL-act. 54). Gemäss einem Schreiben des Pflegeheims vom 16. April
2021 benötigte die EL-Bezügerin eine Pflege der Tarifstufe RAI 7 (EL-act. 51–4). Am 3.
Juni 2021 forderte die EL-Durchführungsstelle den Berufsbeistand der EL-Bezügerin
auf anzugeben, ob es sich um einen definitiven Heimeintritt handle (EL-act. 49). Das
Altersheim meldete am 9. Juli 2021, dass die EL-Bezügerin per 24. Juni 2021 von
einem Kurzzeit- zu einem Langzeitaufenthalt gewechselt habe (EL-act. 46). Der
Berufsbeistand teilte der EL-Durchführungsstelle am 21. Juli 2021 mit (EL-act. 42), er
sei – in Übereinstimmung mit dem Hausarzt und der Heimleitung – der Auffassung,
dass die EL-Bezügerin aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in ihre Wohnung
zurückkehren könne und im Heim bleiben müsse. Die EL-Bezügerin sei jedoch der
festen Überzeugung, dass sie wieder in ihre Wohnung zurückkehren könne. Am 17.
Juni 2021 habe er deshalb bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde beantragt,
dass diese den Pensionsvertrag mit dem Altersheim genehmige und die Zustimmung
zur Auflösung des Wohnungsmietverhältnisses sowie zur Haushaltsliquidation erteile.
Das Verfahren sei leider noch hängig. Dem Schreiben lag der erwähnte Antrag vom 17.
Juni 2021 bei, dem sich entnehmen liess (EL-act. 43), dass die EL-Bezügerin wegen
eines Schwächezustandes, einer kombinierten Persönlichkeitsstörung, eines Alkohol-
und Medikamentenmissbrauchs sowie einer ausgeprägten Sehbehinderung zunächst
bevormundet und ab April 2013 vertretungsverbeiständet gewesen war. Der Hausarzt
hatte sie am 4. Juni 2021 als in der Frage der Unterbringung nicht mehr urteilsfähig
taxiert und dringend eine Pflege in einer geeigneten Institution empfohlen. Mit einer
Verfügung vom 16. September 2021 hob die Ausgleichskasse eine laufende
Hilflosenentschädigung rückwirkend per 1. Mai 2021 auf; sie forderte die für die Zeit
vom 1. Mai 2021 bis zum 30. September 2021 bereits ausbezahlte
Hilflosenentschädigung zurück (EL-act. 36). Am 25. Oktober 2021 teilte die Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde mit (EL-act. 32), dass die Wohnung am 13. Oktober 2021
per 31. Januar 2022 gekündigt worden sei (EL-act. 32).
A.b.
Mit einer Verfügung vom 11. November 2021 passte die EL-Durchführungsstelle
die Ergänzungsleistung rückwirkend ab dem 1. März 2021 an (EL-act. 28). Sie hielt fest,
sie habe für den Monat März 2021 eine „taggenaue“ Heimberechnung und für die
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monate ab April 2021 eine monatliche Heimberechnung vorgenommen. Ab Oktober
2021 habe sie den Wohnungsmietzins nicht mehr als Ausgabe berücksichtigt, denn
bereits im Juni 2021 habe festgestanden, dass eine Rückkehr in die Wohnung
ausgeschlossen gewesen sei. Die ordentliche Kündigungsfrist habe drei Monate
betragen, weshalb der Mietzins lediglich für die Monate Juli, August und September
2021 noch berücksichtigt werden könne. Den Berechnungsblättern zur Verfügung liess
sich entnehmen, dass die EL-Durchführungsstelle für den Monat März 2021 neu
zusätzlich die Heimausgaben für jene sieben Tage berücksichtigt hatte, die die EL-
Bezügerin im Heim verbracht hatte (vgl. EL-act. 26 mit EL-act. 55). Ab April 2021 hatte
sie eine sogenannte Heimberechnung vorgenommen, wobei sie allerdings weiterhin
den Wohnungsmietzins als (zusätzliche) Ausgabe berücksichtigt hatte (EL-act. 27). Ab
Juli 2021 war die Heimtaxe etwas tiefer gewesen (vgl. EL-act. 25). Ab Oktober 2021
hatte sie den Wohnungsmietzins nicht mehr als Ausgabe berücksichtigt; zudem war die
– ab April 2021 als Einnahme anrechenbare – Hilflosenentschädigung weggefallen (vgl.
EL-act. 24).
Am 17. November 2021 erhob der Beistand der EL-Bezügerin eine Einsprache
gegen die Verfügung vom 11. November 2021 (EL-act. 20). Er beantragte die
Berücksichtigung des Wohnungsmietzinses als Ausgabe für die Zeit bis Ende Januar
2022. Zur Begründung führte er aus, die EL-Bezügerin sei mit dem definitiven Wechsel
in ein Heim nicht einverstanden gewesen, weshalb letztlich die Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde habe eingeschaltet werden müssen. Diese habe den
entsprechenden Antrag mit einem Beschluss vom 19. August 2021 (vgl. EL-act. 21–6
ff.) genehmigt. Dieser sei im Oktober 2021 unangefochten in formelle Rechtskraft
erwachsen. Erst danach habe die Wohnung gekündigt werden können. Mit einem
Entscheid vom 7. April 2022 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-
act. 13). Zur Begründung führte sie an, der Beistand habe zwar die Wohnung
tatsächlich nicht vor Oktober 2021 kündigen können, aber die nach wie vor
handlungsfähige und damit auch urteilsfähige EL-Bezügerin selbst wäre jederzeit dazu
in der Lage gewesen. Sie hätte die nach dem 30. September 2021 anfallenden
Mietkosten verhindern können, weshalb eine Berücksichtigung des
Wohnungsmietzinses über den 30. September 2021 hinaus nicht in Frage komme.
A.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.

Considerations:
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Auch das Einspracheverfahren ist ein
(„echtes“) Rechtsmittelverfahren gewesen, was bedeutet, dass sich sein Zweck in der
Überprüfung der Verfügung vom 11. November 2021 auf deren Rechtmässigkeit
erschöpft hat und dass sein Gegenstand folglich zwingend jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprochen hat. Das am 11. November
2021 abgeschlossene Verwaltungsverfahren ist ein Revisionsverfahren im Sinne des
Art. 17 Abs. 2 ATSG gewesen, das eine Anpassung der laufenden Ergänzungsleistung
an eine relevante Sachverhaltsveränderung – den Eintritt der Beschwerdeführerin in ein
Altersheim am 25. März 2021 – zum Gegenstand gehabt hat. In diesem
Beschwerdeverfahren ist folglich die Rechtmässigkeit der revisionsweisen Anpassung
der Ergänzungsleistung per 25. März 2021 zu prüfen.
Am 23. Mai 2022 liess die durch ihren Beistand vertretene EL-Bezügerin
(nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 7. April 2022 erheben (act. G 1). Ihr Vertreter beantragte die
Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides und die Zusprache einer unter
Berücksichtigung des Wohnungsmietzinses für die Zeit bis Ende Januar 2022
berechneten Ergänzungsleistung. Zur Begründung führte er aus, die
Beschwerdeführerin sei in Bezug auf ihre Wohnsituation urteilsunfähig und deshalb
nicht in der Lage gewesen, der Kündigung des Mietverhältnisses zuzustimmen. Das
gehe sowohl aus dem Beschluss der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde vom 19.
August 2021 als auch aus dem Bericht des Hausarztes vom 4. Juni 2021 (act G 1.6)
hervor.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 10. August 2022 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die Beschwerdeführerin ist am 25. März 2021 für unbestimmte Zeit respektive für
mehr als drei Monate in ein Altersheim eingetreten. Gemäss dem Art. 14 Abs. 1 lit. b
ELG hat deshalb auf den Zeitpunkt des Heimeintrittes eine sogenannte
Heimberechnung nach Art. 10 Abs. 2 ELG vorgenommen werden müssen, wobei
gemäss dem Art. 10 Abs. 2 lit. a ELG für den Monat März 2021, den die
Beschwerdeführerin mehrheitlich noch zuhause verbracht hat, lediglich – zusätzlich zu
den übrigen Ausgaben nach Art. 10 Abs. 1 und 3 ELG – für jene Tage die Heimtaxe
anzurechnen ist, die sie für die sieben Tage im Heim geschuldet hat. Folglich erweist
sich die Anspruchsberechnung der Beschwerdegegnerin für den Monat März 2021 als
rechtmässig. Auch die („echte“) Heimberechnung für die Zeit ab April 2021 ist als
rechtmässig zu qualifizieren. Das gilt insbesondere für den Wohnungsmietzins, den die
Beschwerdegegnerin vorerst zu Recht noch als eine zusätzliche Ausgabe
berücksichtigt hat, denn die Beschwerdeführerin hat erst Ende Juni 2021 von einem
Kurzzeit- in einen Langzeitaufenthalt gewechselt und hätte die Wohnung deshalb
frühestens Ende Juni 2021 auf Ende September 2021 kündigen können. Grundsätzlich
ist es auch rechtmässig gewesen, die Hilflosenentschädigung ab April 2021 als
Einnahme anzurechnen, da sich die Beschwerdeführerin in einem Heim befunden hat,
das Pflegeleistungen erbracht und diese separat in Rechnung gestellt hat (vgl. Art. 11
Abs. 4 ELG i.V.m. Art. 15b ELV). Allerdings ist die Hilflosenentschädigung von der
Ausgleichskasse mit einer Verfügung vom 16. September 2021 rückwirkend per 1. Mai
2021 aufgehoben worden. Die im Zeitraum vom 1. Mai 2021 bis zum 30. September
2021 bereits ausbezahlte Hilflosenentschädigung ist von der Ausgleichskasse
zurückgefordert worden. Folglich hätte die Hilflosenentschädigung nur für den Monat
April 2021 als Einnahme angerechnet werden dürfen. Der angefochtene
Einspracheentscheid erweist sich in diesem Punkt als rechtswidrig, weshalb er zu
korrigieren ist. Der Beschwerdeführerin wird für die Zeit ab Mai 2021 eine ohne
Berücksichtigung der Hilflosenentschädigung berechnete und damit um 239 Franken
pro Monat höhere Ergänzungsleistung zugesprochen.
2.1. bis
Bleibt zu prüfen, ob der Wohnungsmietzins auch in den Monaten Oktober 2021 bis
und mit Januar 2022 als Ausgabe hätte berücksichtigt werden müssen. Die
Beschwerdeführerin ist nämlich bis Ende Januar 2022 verpflichtet gewesen, den
Mietzins für ihre Wohnung zu bezahlen. Gemäss dem Art. 10 Abs. 1 lit. b ELG wäre
dieser Mietzins an sich als eine anerkannte Ausgabe bis zum 31. Januar 2022 bei der
EL-Anspruchsberechnung zu berücksichtigen gewesen. Die den Ausgabenüberschuss
senkende Sachverhaltsveränderung, nämlich der Wegfall des Mietzinses als
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anerkannte Ausgabe, ist also am 1. Februar 2022 eingetreten. Die Beschwerdeführerin
hatte diese Sachverhaltsveränderung bereits im Juli 2021 gemeldet, was bedeutet,
dass die Beschwerdegegnerin schon im Juli 2021 über all jene Informationen verfügt
hat, die sie für die Anpassung der Ergänzungsleistung per 1. Februar 2022 benötigt hat.
Die Beschwerdeführerin hat ihre Meldepflicht also erfüllt, weshalb eine auf den 30.
September 2022 rückwirkende Herabsetzung der laufenden Ergänzungsleistung
gemäss dem klaren Wortlaut des Art. 25 Abs. 2 lit. c ELV rein revisionsrechtlich nicht
zulässig gewesen ist. Daran darf der Umstand, dass die entsprechende Herabsetzung
der laufenden Ergänzungsleistung durch eine betragsmässig stärker zu Buche
schlagende Erhöhung der anerkannten Ausgaben wegen einer davor eingetretenen
Sachverhaltsveränderung – dem Eintritt in ein Heim – kompensiert worden ist, nichts
ändern, denn für den Wirkungszeitpunkt einer revisionsweisen Herabsetzung einer
laufenden Ergänzungsleistung darf es keine Rolle spielen, ob die Herabsetzung für sich
allein oder aber im Zusammenhang mit einer Anpassung an eine zweite
Sachverhaltsveränderung verfügt wird. Würde man den Wirkungszeitpunkt einer
Herabsetzung je nachdem, ob diese für sich allein oder aber im Zusammenhang mit
einer zweiten Veränderung erfolgt, unterschiedlich festsetzen, das heisst den Art. 25
Abs. 2 lit. c ELV nur anwenden, wenn die Veränderung allein stünde, in der
Kombination mit einer weiteren Veränderung aber ignorieren, resultierte eine sachlich
nicht zu rechtfertigende, dem Zufall zuzuschreibende Ungleichbehandlung. Eine solche
Ungleichbehandlung würde das Gleichbehandlungsgebot verletzen und müsste
deshalb als gesetzwidrig qualifiziert werden. Da die Beschwerdeführerin den Mietzins
für ihre Wohnung bis und mit Januar 2022 geschuldet und auch bezahlt hat und da sie
den Wegfall der Mietzinspflicht rechtzeitig gemeldet hat, muss der Mietzins in
Anwendung des Art. 25 Abs. 2 lit. c ELV für die Zeit bis Ende Januar 2022 als Ausgabe
berücksichtigt werden.
2.3.
Dagegen würde die Beschwerdegegnerin sicherlich einwenden, gemäss der Rz.
3390.02 der Wegleitung über die Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (WEL) seien,
wenn der EL-Bezüger in ein Heim eingetreten sei und nicht mehr nach Hause
zurückkehren könne, der Mietzins und die damit zusammenhängenden Nebenkosten
nur noch während der Kündigungsfrist, längstens jedoch während sechs Monaten seit
dem Wechsel zur Heimberechnung als zusätzliche Ausgabe zu berücksichtigen. Eine
Verwaltungsweisung ist allerdings für das Gericht nicht verbindlich, sondern nur zu
berücksichtigen, sofern sie den Inhalt der massgebenden Gesetzes- oder
Verordnungsbestimmung richtig wiedergibt und deshalb als gesetz- respektive
2.3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verordnungsmässig zu qualifizieren ist. Die Rz. 3390.02 WEL ordnet für jene Fälle, in
denen ein in ein Heim eintretender EL-Bezüger den Mietvertrag für seine Wohnung
nicht sofort kündigt und deshalb über die Dauer der Kündigungsfrist (längstens über
sechs Monate seit dem Wechsel zur Heimberechnung) hinaus einen Mietzins schuldet,
das Abweichen vom realen Sachverhalt (Mietzins weiterhin geschuldet) und das
Abstellen auf einen fiktiven Sachverhalt (Mietzins nicht mehr geschuldet) an. Das ELG
sieht das Abstellen auf einen fiktiven Sachverhalt nur im Anwendungsbereich des Art.
11 Abs. 1 lit. g ELG (hier praxisgemäss weiter anwendbare altrechtliche Fassung gültig
bis Ende 2020), also in jenen Fällen vor, in denen ein EL-Bezüger auf eine Einnahme
oder auf einen Vermögenswert verzichtet. Der Art. 10 ELG (Regelung der anerkannten
Ausgaben) muss allerdings lückenfüllend um eine dem Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG analoge
Regelung ergänzt werden, denn eine Verletzung der EL-spezifischen
Schadenminderungspflicht liegt nicht nur bei einem Verzicht auf eine Einnahme oder
auf einen Vermögenswert, sondern auch bei übersetzten Ausgaben vor (vgl. den
Entscheid EL 2015/31 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 11. Oktober 2016, E.
1.1).
Der Rz. 3390.02 WEL muss also die Auffassung zugrunde liegen, dass ein EL-
Bezüger, der den Mietvertrag für seine Wohnung nicht sofort kündigt, obwohl feststeht,
dass er nicht mehr in die Wohnung zurückkehren kann, seine EL-spezifische
Schadenminderungspflicht verletze, was eine lückenfüllende, analoge Anwendung des
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG rechtfertige. Demnach sei – wie bei jeder Anwendung dieser
Gesetzesbestimmung – von jenem fiktiven respektive sogenannt hypothetischen
Sachverhalt auszugehen, der vorliegen würde, wenn kein Verzicht erfolgt wäre. Der
hypothetische Sachverhalt würde hier also darin bestehen, dass der
Wohnungsmietzins nach dem Ablauf der ordentlichen Kündigungsdauer bei einer
frühestmöglichen Kündigung der Wohnung nicht mehr geschuldet wäre. Diese
pauschale Regelung wäre nur dann als eine zutreffende Interpretation des Art. 11 Abs.
1 lit. g ELG zu qualifizieren, wenn der Tatbestand des Verzichtes nur eine objektive und
keine subjektive Seite enthalten würde, wie das Bundesgericht beispielsweise im Urteil
9C_179/2021 vom 8. Juli 2021 (E. 3.1) – ohne jede Auseinandersetzung mit den
ausführlichen Erwägungen im zu beurteilenden Entscheid EL 2019/21 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 16. Februar 2021 (E. 3.2) – geltend gemacht hat. Diese
Auffassung ist unzutreffend, denn das vom Bundesgericht vertretene rein objektive
Verständnis der EL-spezifischen Schadenminderungspflicht weicht grundlegend von
der allgemeinen versicherungsspezifischen Schadenminderungspflicht ab, die (wie z.B.
im Haftpflichtrecht) eine subjektive Tatbestandskomponente hat. Zudem lässt sich die
2.3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Behauptung, es gebe keine subjektive Komponente nicht in Übereinstimmung mit der
Praxis des Bundesgerichtes zum Vermögensverzicht in der Form einer hochriskanten
Kapitalanlage bringen, denn diesbezüglich vertritt das Bundesgericht die (zutreffende)
Auffassung, entscheidend sei, wie sich ein vernünftiger Mensch in der gleichen
Situation verhalten hätte (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichtes 9C_180/2010 vom
15. Juni 2010, E. 6). Offensichtlich kann die Frage, ob die EL-spezifische
Schadenminderungspflicht eine subjektive Tatbestandskomponente habe, nur generell
bejaht oder verneint, aber nicht willkürlich für eine Kategorie von Anwendungsfällen
berücksichtigt und für andere Kategorien ignoriert werden. Damit erweist sich auch die
Rz. 3390.02 WEL, die ausschliesslich auf objektive Merkmale abstellt und die
subjektive Komponente komplett ignoriert, als eine Fehlinterpretation des Art. 11 Abs. 1
lit. g ELG. Bei der Beantwortung der Frage, wann ein Mietvertrag für die nicht mehr
benötigte Wohnung in Erfüllung der EL-spezifischen Schadenminderungspflicht (in der
Form der Vermeidung unnötiger Ausgaben) hätte gekündigt werden müssen, ist
unbedingt zu berücksichtigen, wann der EL-Bezüger subjektiv in der Lage gewesen ist,
den Mietvertrag für seine Wohnung zu kündigen.
Gestützt auf die Einschätzung des Beistandes, des Hausarztes und der
Heimleitung ist im Juni 2021 für die Beschwerdeführerin entschieden worden, den
Kurzzeitaufenthalt im Altersheim in einen Langzeitaufenthalt umzuwandeln.
Grundsätzlich hätte der Mietvertrag für die Wohnung also noch im Juni 2021 gekündigt
werden können, womit er per Ende September 2021 aufgelöst gewesen wäre. Die
Beschwerdeführerin ist im Juni 2021 zwar formal noch handlungsfähig gewesen, aber
aus dem Beschluss der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde geht hervor, dass
schon vor April 2013 eine umfassende Beistandschaft bestanden hatte, die mit der
Änderung des Kindes- und Erwachsenenschutzrechtes am 23. April 2013 in eine
Vertretungsbeistandschaft mit Einkommens- und Vermögensverwaltung umgewandelt
worden war. Dabei handelt es sich um eine weitgehende, einschneidende
Beistandschaft ohne eine formale Einschränkung der Handlungsfähigkeit (vgl. Art. 393
ff. ZGB). Aus dem Antrag des Beistandes vom 17. Juni 2021 geht hervor, dass die
Beschwerdeführerin schon seit längerer Zeit an einem Schwächezustand, einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung, einem Alkohol- und Medikamentenmissbrauch
sowie einer ausgeprägten Sehbehinderung gelitten hatte, die ihre Zurechnungsfähigkeit
erheblich eingeschränkt und diese weitgehende Beistandschaft erforderlich gemacht
hatte. Obwohl die Beschwerdeführerin im Januar 2021 durch die Polizei im Rahmen
einer fürsorgerischen Unterbringung, die wegen einer erheblichen Selbstgefährdung
angeordnet worden war, zunächst in eine Klinik und anschliessend ins Altersheim
2.3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
verbracht worden war und obwohl der Beistand, der Hausarzt und die Heimleitung eine
Rückkehr in die eigene Wohnung als unmöglich qualifiziert hatten, hat sie gegenüber
der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde im Rahmen der Anhörung vom 4. August
2021 die Ansicht vertreten, sie sei durchaus noch in der Lage, selbständig zu wohnen.
Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde hat sich nach einer eingehenden
Würdigung der relevanten Akten und Vorbringen der Einschätzung des Hausarztes
angeschlossen und die Beschwerdeführerin als „in Bezug auf die Wahl ihrer Wohnform
nicht urteilsfähig und entsprechend nicht in der Lage, ihr Einverständnis zur Kündigung
ihrer Wohnung [...] zu erteilen“, qualifiziert (act. G 1.6, S. 4). In den Akten finden sich
keine Hinweise, die Zweifel an dieser Einschätzung des Hausarztes wecken würden,
weshalb mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
feststeht, dass die Beschwerdeführerin im hier massgebenden Zeitraum ab Juni 2021
nicht in der Lage gewesen ist, ihr Wohnungsmietverhältnis zu kündigen. Die Kündigung
hat folglich nur durch den von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde
ausdrücklich dazu ermächtigten und damit beauftragten Beistand erfolgen können, der
die Kündigung aber nicht vor dem Eintritt der formellen Rechtskraft des Beschlusses
und damit nicht vor Oktober 2021 hat erklären können. Bei dieser aussergewöhnlichen
Sachlage hat das Mietverhältnis frühestens Ende Januar 2022 enden können, weshalb
es rechtswidrig wäre, den effektiv bis Ende Januar 2022 geschuldeten und bezahlten
Wohnungsmietzins nur bis Ende September 2021 als Ausgabe zu berücksichtigen. Der
Mietzins ist in Abweichung von der Rz. 3390.02 WEL, aber in korrekter Anwendung des
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG auch für die Monate Oktober 2021 bis und mit Januar 2022 als
Ausgabe zu berücksichtigen. Auch in diesem Punkt ist der angefochtene
Einspracheentscheid zu korrigieren.
Zusammenfassend resultiert für die Zeit ab Mai 2021 ein um 239 Franken (Betrag
der fälschlicherweise weiterhin als Einnahme angerechneten Hilflosenentschädigung)
höherer Ausgabenüberschuss von 63’845 Franken für die Monate Mai und Juni 2021
(vgl. EL-act. 27) und damit ein EL-Anspruch von je 5’321 Franken für diese beiden
Monate, ein um 239 Franken höherer Ausgabenüberschuss von 62’020 Franken für die
Monate Juni, August und September 2021 und damit ein EL-Anspruch von je 5’169
Franken für diese drei Monate, sowie ein um 12’360 Franken höherer
Ausgabenüberschuss von 74’141 Franken für die Zeit ab Oktober 2021 und damit ein
EL-Anspruch von 6’179 Franken pro Monat ab Oktober 2021 (vgl. EL-act. 25). Die
Herabsetzung der Ergänzungsleistung per 1. Februar 2022 zufolge Wegfalls der
Mietzinsausgaben bildet nicht Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens.
2.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gerichtskosten sind nicht zu erheben (vgl. Art. 61 lit. f ATSG). Die nicht anwaltlich
vertretene Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Gemäss dem Art. 17 Abs. 2 GerG kann das Versicherungsgericht für einfache Fälle
einen Einzelrichterentscheid vorsehen. Als einfache Fälle gelten laut dem Art. 18 Abs. 2
OrgR (sGS 941.114) insbesondere Streitsachen, die aufgrund einer klaren Rechtslage
oder einer feststehenden Gerichtspraxis beurteilt werden können. Diese
Voraussetzungen sind hier insbesondere in Bezug auf die ständige Praxis des
Versicherungsgerichts betreffend die notwendige subjektive Komponente der gemäss
dem Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG respektive dem Art. 11a ELG durch das Abstellen auf
einen fiktiven (hypothetischen) Sachverhalt zu sanktionierenden Verletzung der EL-
spezifischen Schadenminderungspflicht erfüllt, weshalb der vorliegende Entscheid
einzelrichterlich zu fällen ist.