Decision ID: f2eabf95-63d3-4168-be23-c617f7f411e5
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
Die 195
4
geborene
X._
meldete sich am 1. Juni 2012 wegen seit Februar 2012 bestehender 100%iger Arbeitsunfähigkeit aufgru
nd
einer schweren depressiven Episode und eines chronischen
Caroli
-
Syndroms bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
,
zum Leistungsbezug an (
Urk.
8/2).
Die IV-Stelle klärte den Sachverhalt
ab
und holte bei
Dr.
med.
Y._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in
Z._
, ein psychi
atrisches Gutachten ein (
Urk.
8/16). Dieser diagnostizierte
im Gutachten vom 30. August 2012
eine mittelschwere bis schwere depressive Episode (ICD-10 F32.2) bei chronischer, hereditärer Hepatopathie (
Caroli
-Syndrom) und eine
Persönlichkeitsakzentu
ierung
(ICD-10 Z73.1) mit zwanghaft-rigiden Zügen. Er hielt eine vollständige
Arbeits
unfähigkeit
im angestammten Beruf als biomedi
zinische
Analytikerin und in allen anderen Tätigkeitsbereichen
fest. Die Erwerbsfähigkeit könne durch eine Intensivierung der Psychotherapie
wieder hergestellt
werden.
Im Verlaufsgutachten vom 1
2.
Juni 2013 (
Urk.
8/32) diag
nostizierte
Dr.
Y._
eine leichte bis mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F33.1) auf dem Boden einer kombinierten
Persönlichkeits
störung
mit rigid zwanghaften, depressiven und
histrionisch
anmutenden Komponenten (ICD-10 F61.0). Nach wie vor attestierte er eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Vorbe
reitend
auf eine
Belastung
prüfung
empfahl er einen Aufenthalt in einer
Tages
klinik
.
Nach Erlass des Vorbescheids am 19. Juli 2013 (
Urk.
8/45)
sprach die IV-Stelle der Versicherten
mit Verfügung vom 23. Januar 2014
ab 1. Dezember 2012 eine ganze Rente zu (
Urk.
8/49 und 8/55). Mit dem Vorbescheid
hatte
die IV-Stelle de
r
Versicherten ein Schreiben
zukommen
lassen
, mit welchem sie
sie
aufforderte, einen teilstationären Aufenthalt in einer Tages
kl
inik und die regelmässige Durchführung und Intensivierung der fachärztlich
en
psychiatri
schen Behandlung in die Wege zu leiten, ansonsten
sie die Leistungen vorüber
gehend oder dauernd kürzen oder verweigern könne (
Schadenminderungs
pflicht
,
Urk.
8/44).
Mit Schreiben vom 11. Februar 2014 verlangte der Ehemann der Versicherten sinngemäss den Verzicht auf die Auflage einer Therapieintensivierung oder eine anfechtbare Verfügung betreffend Schadenminderungspflicht (
Urk.
8/61). Die IV-Stelle erklärte mit Schreiben vom 2
2.
Mai 2014, dass es sich bei der Aufer
legung der Schadenminderungspflicht um einen Realakt handle, über welchen nicht verfügt werde
(
Urk.
8/62). Mit Schreiben vom 28. Mai 2014
hielt
die IV-Stelle
fest
, dass die auferlegte Pflicht
,
sich in intensive fachpsychiatrische Behandlung im beschriebenen Sinn zu begeben
,
aus ärztlicher Sicht und damit objektiv zumutbar sei, und dass es sich bei der auferlegten
Schadenmin
de
rungspflicht
nicht um eine Anordnung im Sinne von Art. 49
Abs.
1
des Bun
desgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
handle, weshalb sie keine Verfügung erlassen werde (
Urk.
8/74).
2.
Mit Eingabe vom 13. Juni
2014 liess
X._
,
vertreten durch
A._
, Rechtsverweigerungsbeschwerde erheben und
sinngemäss
den Erlass einer Verfügung über den Gegenstand der
im Schreiben vom 19. Juli 2013 formulierten
Schadenminderungs
pflicht
beantragen
(
Urk.
1). Die IV-Stelle
schloss mit Vernehmlassung vom 8. August 2014 auf Abweisung der Beschwer
de (
Urk.
7).
Auf
die weiteren
Vorbringen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen Bezug genommen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
Rechtsverweigerung liegt vor, wenn der Versicherungsträger trotz entsprechen
der Pflicht eine ihm obliegende Amtshandlung nicht vornimmt (
Kieser
, ATSG-Kommentar,
2.
Auflage, N 12 zu Art. 56) oder anders gesagt, wenn
er
pflicht
widrig völlig untätig bleibt (
Kieser
, a.a.O., N 22). Das Gebot der Rechtsverwei
gerung wird auf Verfassungsstufe als
Teilgehalt von Art. 29
Abs.
2 der Bundes
verfassung (BV)
anerkannt.
Wenn der Versicherungsträger entgegen dem Begehren der betroffenen Person keine Verfügung erlässt, kann dagegen Beschwerde erhoben werden
(Art. 56
Abs.
2 ATSG
)
.
2.
Streitgegenstand sind nicht materielle Fragen, sondern einzig die Frage der Rechtsverweigerung (
Kieser
, a.a.O., N 14). Soweit die Beschwerdeführerin Aus
führungen zur Zumutbarkeit der auferlegten medizinischen Massnahmen und
zur
Anordnung von Massnah
men macht
(
Urk.
1 S.
2 f.)
, ist auf die Beschwerde nicht einzutreten. Zu prüfen ist einzig die Frage, ob eine Rechtsverweigerung vorliegt oder nicht.
3.
3.1
Nach Art. 49 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträger über Leistungen, Forderun
gen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene Person nicht einverstanden ist, schriftlich Verfügungen zu erlassen. Leistungen, Forderungen und Anordnungen, die nicht unter Art. 49 Abs. 1
ATSG fallen, können nach Art. 51 Abs. 1 ATSG in einem formlosen Verfahren behandelt werden; Art. 51 Abs. 2 ATSG räumt der betroffenen Person die Mög
lichkeit ein, den Erlass einer Verfügung zu verlangen.
3.2
Im vorliegenden Fall stellt sich die Frage, ob das Schreiben vom 19. Juli 2013 eine Anordnung im Sinne von Art. 49
Abs.
1
und 51
Abs.
1 ATSG darstellt
.
D
as Bundesgericht hat in BGE 137 V 210 E. 3.4.
1.4
entschieden,
dass der Anord
nung einer konkreten Begutachtung ebenso wenig
Verfügungscharakter zukommt
wie
der
Anordnung von Eingliederungsmassnahmen oder der Anord
nung de
r
Ergreif
ung
von zumutbaren Massn
a
hmen, die zur Verbesserung der Erwerbsfähigkeit beitragen. Vielmehr handle es sich bei diesen Anord
nungen um Realakte, über welche nicht verfügt werde. Zur Begründung legte es dar,
bei
solchen Anordnungen
werde nicht über Rechte und Pflichten einer versicherten Person befunden, könne doch die Teilnahme an einer
Massnahme
nicht erzwungen werden. Vi
elmehr handle
es sich um eine
sozialversicherungs
rechtli
che
Last, deren Erfüllung Voraussetzung der Ent
stehung oder des Fortbestandes des Rentenanspruches sei.
Zudem zeigte es auf,
dass
die Einordnung
der Anord
nung einer solchen Massnahme
bei Art. 49
Abs.
1 und Art. 51 ATSG das
Ab
klärungsverfahren
unnötig formalisieren, verkompli
zieren und ver
längern
würde
.
Weiter hielt es fest, i
n Anbetracht der Vielzahl von verfahrens
rechtli
chen Anordnungen, die bis zur materiellen Erledigung in der Regel notwendig seien, wäre eine geordnete und
beförderliche
Behandlung der Leistungsgesuche nicht mehr gewährleistet, wenn jedes Mal eine Verfügung erlassen werden müsste
.
3.3
Mit der Auferlegung der Schadenminderungspflicht im Schreiben vom 19. Juli 2013 hat die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin angehalten
,
sich in engmaschige psychiatrische Behandlung zu begeben, weil dadurch die Wieder
erlangung ihrer Leistungsfähigkeit möglich sei.
Es handelt sich demnach um eine Anordnung einer im vorstehenden Abschnitt beschriebenen
Massnahme
, die zur Verbesserung der Erwerbsfähigkeit beitragen kann.
Es wu
rden keine Rechte und Pflichten festgelegt und die Beschwe
r
deführerin kann nicht z
ur Aufnahme der angeordneten Therapie
(-intensivierung)
g
ezwungen werden
. Die Erfüllung der Auflage
durch die Beschwerdeführerin
ist
Voraussetzung für den Fortbestand ihres Anspruches auf eine ganze Rente. Es handelt sich demnach um einen Realakt im Sinne der gefestigten bundesgerichtlichen Rechtsprechung, über den keine Verfügung zu erlassen ist
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_816/2008 vom 1
2.
März 2009, E. 3.3)
.
Die Beschwerdegegnerin hat zu Recht keine Verfügung erlassen.
3.
4
Der Erlass einer Feststellungsverfügung setzt gemäss Art. 49
Abs.
2 ATSG ein schützenswertes Interesse voraus, worunter rechtsprechungsgemäss ein rechtli
ches oder tatsächliches und aktuelles Interesse an der sofortigen Feststel
lung des Bestehens oder Nichtbestehens eines Rechtsverhältnisses zu verstehen ist
(BGE 129 V 289 E. 2.1, 126
II 300 E. 2c, 121 V 311 E. 4a).
Bei der Auferlegung der Schadenminderungspflicht mit Schreiben vom 19. Juli 2013 geht es nicht um die Feststellung des Bestehens oder Nichtbestehens von Rechtsverhältnissen, weshalb
die Beschwerdeführerin auch unter diesem Titel keine Verfügung über den Gegenstand der Schadenminderungspflicht verlangen kann
.
4
.
Der Vorwurf der Beschwerdeführerin, die Beschwerdegegnerin lege nicht dar, weshalb sie Art. 49 ATSG
ausser
Acht lasse (
Urk.
1 S. 2), ist nicht stichhaltig. Die Beschwerdegegnerin hat mit Schreiben vom 2
2.
und 28. Mai 2014 (
Urk.
8/62 und 8/74)
und in ihrer Vernehmlassung vom 8. August 2014 (
Urk.
7)
dargelegt, dass
und weshalb
über Realakte
der vorliegenden Art
nicht verfügt werde.
Zusammenfassend
ist die Beschwerdegegnerin nicht pflichtwidrig untätig geblie
ben, weshalb
keine Rechtsverweigerung vorliegt und
die Beschwerde abzuweisen ist.
5.
Da es nicht um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistun
gen geht, ist das
Verfahren kostenlos (
Art.
61 a ATSG
i.V.m
.
Art.
69
Abs.
1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG]).