Decision ID: d83a3f0d-272e-4595-86b6-bd99fb3dad0b
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im April 2009 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Sie gab an, sie habe keine Berufsausbildung
absolviert. Sie arbeite in einem Pensum von 80 Prozent im B._ und in der C._ des
D._. Die Klinik E._ berichtete im Juni 2009 (IV-act. 16), die Versicherte leide an
einer Periarthropathia genu rechts unklarer Ätiologie sowie an einem leicht- bis
mittelgradig ausgeprägten depressiven, antriebsverminderten Syndrom. Im Auftrag der
IV-Stelle erstattete die MEDAS Ostschweiz am 14. April 2010 ein polydisziplinäres
Gutachten (IV-act. 45). Die Sachverständigen hielten fest, die Versicherte leide an
einem chronischen Schmerzsyndrom bei einem Status nach einer Kniegelenks-
Arthroskopie, an einer hypochondrischen Störung sowie an einer mittelschweren
depressiven Episode. Körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten seien ihr zu 70
Prozent zumutbar. Die Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent resultiere aus einer
depressionsbedingten Verlangsamung, Konzentrationseinbusse und leicht
verminderten Zumutbarkeit der Schmerzüberwindung. Die psychiatrische
Arbeitsfähigkeitsschätzung stehe etwas auf wackligen Füssen, da die Angaben der
Versicherten teilweise von gewissen Inkonsistenzen geprägt gewesen seien. Mit einer
Verfügung vom 28. September 2010 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der
Versicherten ab (IV-act. 63). Zur Begründung führte sie an, die Versicherte sei als zu 80
Prozent erwerbstätig und zu 20 Prozent im Aufgabenbereich Haushalt tätig zu
qualifizieren. Da ihr ein Erwerbspensum von 70 Prozent zumutbar sei, betrage die
Einschränkung im Erwerbsbereich lediglich zehn Prozent. Unter Berücksichtigung der
Qualifikation ergebe sich ein gewichteter Teilinvaliditätsgrad von acht Prozent (= 80% ×
10%). Im Haushalt sei die Versicherte nicht eingeschränkt. Der Gesamtinvaliditätsgrad
betrage folglich lediglich acht Prozent. Ein Rentenanspruch setze aber einen
A.a.
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Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent voraus. Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in formelle Rechtskraft.
Im September 2018 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 64). Dem Anmeldeformular lag ein
Bericht des Gynäkologen Dr. med. F._ vom 13. Juli 2018 bei, laut dem die
Versicherte an einem bilateralen Mamma-Carcinom litt (IV-act. 65). Im Mai 2020
berichtete Dr. F._ (IV-act. 118), die Psyche der Versicherten habe sich
zwischenzeitlich aufgehellt; die somatische Situation sei unverändert geblieben. Am
rechten Arm werde eine Lymphdrainage durchgeführt. Die Versicherte sei für
körperliche Belastungen nicht arbeitsfähig. Für andere Tätigkeiten sei sie sprachlich
und intellektuell nicht qualifiziert. Ebenfalls im Mai 2020 teilte Dr. med. G._ der IV-
Stelle mit (IV-act. 119), aufgrund einer ausgeprägten schmerzhaften Kapselfibrose
seien der Versicherten körperlich belastende Tätigkeiten nicht zumutbar. Ausgedehnte
Oberkörperbewegungen, das Tragen von schweren Gegenständen und eine
Schmerzauslösung müssten weiterhin vermieden werden. Die Psychiaterin Dr. med.
H._ berichtete Ende Mai 2020 (IV-act. 120), die Versicherte leide an einer
andauernden Persönlichkeitsveränderung bei einem chronischen Schmerzsyndrom, an
einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen
Episode sowie an einer posttraumatischen Verbitterungsstörung. Sie sei vollständig
arbeitsunfähig.
A.b.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die MEDAS Interlaken Unterseen GmbH am 7.
Dezember 2020 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 148). Die internistische
Sachverständige hielt fest, bei der klinischen Untersuchung seien beidseits
Vernarbungen und Adhäsionen bei Mammaimplantaten aufgefallen. Anamnestisch leide
die Versicherte an einem obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom. Soweit es aus
internistischer Sicht eruierbar sei, könne die bisherige Behandlung als adäquat
qualifiziert werden. Der Verlauf nach dem bilateralen Mammacarcinom sei medizinisch
bisher positiv. Die Heilungschancen seien aus rein internistischer Sicht realistisch, aber
vorerst müsse der weitere Verlauf abgewartet werden. Im Vordergrund stünden
offensichtlich psychische Probleme. Aus rein internistischer Sicht könne für adaptierte
Tätigkeiten eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit attestiert werden. Der
psychiatrische Sachverständige führte aus, auf die Frage nach aktuellen Beschwerden
A.c.
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habe die Versicherte in einer kaum stoppbaren Logorrhoe über den Krebs, die Ärzte,
die Operationen und die Schmerzen berichtet. Krebs sei Krieg, habe sie mehrfach
wiederholt. Konkrete Auswirkungen der Beschwerden auf den Alltag, die Freizeit oder
den Beruf seien nicht beschrieben worden. Die Mimik und die Gestik seien klagend,
jammernd, teilweise dramatisch und teilweise dramatisch anmutend gewesen. Die
Interaktion sei durch die Klagen und die Logorrhoe geprägt gewesen. Die
Glaubhaftigkeit sei nicht grundsätzlich in Frage gestellt gewesen. Die Versicherte habe
ein ausgestrecktes Klageverhalten und weniger einen typisch depressiven Habitus
gezeigt. Der Affekt sei rasch wechselnd gewesen. Die psychische Belastbarkeit sei klar
eingeschränkt gewesen. Unter Berücksichtigung des aktenmässig dokumentierten
Verlaufs sei von einer Anpassungsstörung mit einer Verzweiflung und Verbitterung
sowie einer ausgeprägten Expressivität bei einer als lebensbedrohlich erlebten
Erkrankung auszugehen, wobei differentialdiagnostisch auch eine rezidivierende
depressive Störung mit einer atypischen Symptomatik vorliegen könnte. Zudem liege
eine dysfunktionale Störungsverarbeitung vor, die sich allerdings nicht auf die
Arbeitsfähigkeit auswirke. Die Versicherte sei zu 50 Prozent arbeitsfähig. Diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung sei seit der „Antragstellung“ in der zweiten Hälfte des
Jahres 2018 gültig. Der rheumatologische Sachverständige hielt fest, bei den aktiv
durchgeführten Funktionsprüfungen des Achsenorgans, der Schultergelenke, den
Gelenken der rechten Hand und des rechten Daumens sowie der Hüft- und
Kniegelenke habe die Versicherte eine deutliche, schmerzbedingte Selbstlimitierung
gezeigt. Bei den passiven Funktionsprüfungen sei ein ausgeprägtes Abwehrverhalten
aufgefallen, das von Stöhnen und Weinen begleitet gewesen sei. Die Waddell-Tests
seien aber negativ ausgefallen. Bei der körperlichen Untersuchung sei eine deutliche
vegetative Begleitreaktion mit einem vermehrten Schwitzen festzustellen gewesen. In
der Zusammenschau der angegebenen Beschwerden, der Aktenlage, der
laborchemischen und bildgebenden Befunde sowie der klinisch erhobenen Befunde am
Bewegungsapparat lägen als Grunderkrankungen am Bewegungsapparat eine rechts
aktivierte, mittelschwere Pangonarthrose und links eine manifeste, leichtgradige
mediale und femoro-patelläre Gonarthrose als Ausdruck einer schmerzbedingten
Schonung sowie eine erheblich und schmerzhaft eingeschränkte Schulterfunktion
beidseits infolge derber Narbenstränge und Adhäsionen bei einem Status nach
mehrfachen Eingriffen an beiden Mammae in den Jahren 2018 und 2020 vor. Bezüglich
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der angegebenen belastungsabhängigen Schmerzen im ersten Strecksehnenfach liege
mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Zusammenhang mit dem Aromatase-Inhibitor vor. Das
Ausmass der von der Versicherten angegebenen, als invalidisierend empfundenen
Schmerzen lasse sich nicht vollumfänglich durch die klinischen und bildgebenden
Befunde erklären. Aus rheumatologischer Sicht bestehe eine Einschränkung für
manuell schwere oder repetitive manuelle Tätigkeiten, für körperlich schwere Arbeiten,
für Arbeiten, die ausschliesslich oder häufig im Stehen oder Gehen ausgeübt werden
müssten, sowie für Tätigkeiten im Kauern oder Knien. Kraftaufwendige Arbeiten mit
den Armen sowie Verrichtungen mit den Armen an oder über der Schulterhorizontalen
seien unzumutbar. Die angestammte Tätigkeit als Mitarbeiterin im Reinigungsdienst sei
der Versicherten lediglich noch während maximal drei Stunden pro Tag zumutbar.
Dabei bestehe eine Einschränkung der Leistung von etwa zehn Prozent. Der
Arbeitsfähigkeitsgrad betrage damit insgesamt 30 Prozent. Eine leidensadaptierte
Tätigkeit sei der Versicherten während etwa fünf Stunden pro Tag zumutbar. Aufgrund
eines erhöhten Pausenbedarfs sowie eines langsameren Arbeitstempos sei die
Leistungsfähigkeit um zehn Prozent eingeschränkt. Der Arbeitsfähigkeitsgrad betrage
folglich 50 Prozent. Nach der Konsensbesprechung führten die Sachverständigen aus,
die Versicherte leide an einer Anpassungsstörung, an einer schmerzhaft
eingeschränkten Schulterfunktion beidseits, an einer aktivierten Pangonarthrose rechts
und an einer manifesten, medial und retropatellär betonten Gonarthrose links, an einer
Arthralgie des CMC-I-Gelenks rechts sowie an einem bilateralen multizentrischen
Mammacarcinom. Eine leidensadaptierte Tätigkeit sei ihr zu 50 Prozent zumutbar.
Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung gelte ab Anfang Dezember 2018. Für die Zeit davor
müsse angesichts der Operationen und der Radiotherapie eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten attestiert werden. Im Januar 2021 notierte
Dr. med. I._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), das Gutachten sei
überzeugend, weshalb auf es abgestellt werden könne (IV-act. 149).
Mit einem Vorbescheid vom 28. Januar 2021 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit (IV-act. 151), dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens vorsehe. Zur
Begründung führte sie an, die Versicherte sei als zu 80 Prozent Erwerbstätige ohne
einen Aufgabenbereich zu qualifizieren. Als Valideneinkommen sei der zuletzt erzielte,
auf ein Vollpensum hochgerechnete Lohn zu berücksichtigen. Das Invalideneinkommen
A.d.
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B.
entspreche 50 Prozent des statistischen Zentralwertes der Hilfsarbeiterinnenlöhne. Der
Einkommensvergleich ergebe eine prozentuale Erwerbseinbusse von 47,88 Prozent. Da
die Versicherte als nur zu 80 Prozent erwerbstätig zu qualifizieren sei, betrage der
Invaliditätsgrad 38,3 Prozent (= 47,88% × 80%). Ein Rentenanspruch bestehe erst ab
einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent. Dagegen liess die Versicherte am 7.
Mai 2021 einwenden (IV-act. 161–1 ff.), die behandelnde Psychiaterin Dr. H._ erachte
das Gutachten der MEDAS Interlaken Unterseen GmbH als nicht überzeugend. Selbst
wenn man auf das Gutachten abstellen würde, müsste davon ausgegangen werden,
dass die Versicherte ihre Restarbeitsfähigkeit realistischerweise nicht mehr verwerten
könnte. Zu berücksichtigen sei auch, dass die Versicherte angesichts ihrer finanziellen
Lage ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung gezwungen wäre, vollzeitig erwerbstätig
zu sein. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrad müsse ein „grosszügiger
Leidensabzug“ berücksichtigt werden. Die Psychiaterin Dr. H._ hatte am 1. Mai 2021
festgehalten (IV-act. 161–6 ff.), der psychiatrische Sachverständige der MEDAS
Interlaken Unterseen GmbH habe sich kaum mit der belastenden Vorgeschichte
befasst. Insbesondere habe er keine vertiefte Befragung zum Eheleben durchgeführt.
Offenbar sei er gar nicht an der Gesundheits-, Behandlungs-, Familien- und
Sozialanamnese interessiert gewesen. Die RAD-Ärztin Dr. med. J._ notierte am 7.
Juni 2021, die Stellungnahme von Dr. H._ wecke keinen ernsthaften Zweifel an der
Überzeugungskraft des Gutachtens der MEDAS Interlaken Unterseen GmbH (IV-act.
162). Mit einer Verfügung vom 9. Juni 2021 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der
Versicherten mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ab (IV-act. 163).
Am 12. Juli 2021 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 9. Juni 2021 erheben (act. G 1). Ihre
Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache einer ganzen, eventualiter einer Dreiviertels-, subeventualiter einer halben
und subsubeventualiter einer Viertelsrente sowie subsubsubeventualiter die Einholung
eines Obergutachtens und subsubsubsubeventualiter die Rückweisung der Sache an
die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur weiteren Abklärung. Zur
Begründung führte sie aus, die von den Sachverständigen der MEDAS Interlaken
Unterseen GmbH formulierten Adaptionskriterien für eine leidensangepasste Tätigkeit
B.a.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Dieses hat die Prüfung eines
Rentenbegehrens für die Zeit ab März 2019 (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG) zum Gegenstand
gehabt. Da es sich bei der Anmeldung zum Leistungsbezug im September 2018 um
eine sogenannte Neuanmeldung gehandelt hat, hat das Eintreten darauf das
Glaubhaftmachen einer relevanten Sachverhaltsveränderung seit der Abweisung des
früheren Rentenbegehrens vorausgesetzt (vgl. Art. 87 Abs. 3 IVV). Das ist der
Beschwerdeführerin mit dem Hinweis auf das bilaterale Mammacarcinom gelungen,
seien so einschränkend, dass die Beschwerdeführerin realistischerweise keine
Arbeitsstelle finden könne, an der sie ihre Restarbeitsfähigkeit verwerten könnte. Ohne
die Gesundheitsbeeinträchtigung wäre sie vollzeitig erwerbstätig. Würde man davon
ausgehen, dass sie eine ideal leidensadaptierte Arbeitsstelle finden würde, müsste man
dem erheblichen Konkurrenznachteil Rechnung tragen, den sie erleide. Folglich müsste
ein „Leidensabzug“ von mindestens 25 Prozent gewährt werden. Das Gutachten der
MEDAS Interlaken Unterseen GmbH sei nicht überzeugend.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 13. September 2021 die teilweise Gut
heissung der Beschwerde und die Zusprache einer Viertelsrente mit Wirkung ab dem 1.
März 2019 (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, das von den Sachverständigen der
MEDAS Interlaken Unterseen GmbH formulierte Belastbarkeitsprofil klinge zwar auf
den ersten Blick sehr einschneidend, da es sehr ausführlich sei, aber bei genauerer
Betrachtung schränke es die Auswahl der möglichen adaptierten Arbeitsplätze nicht
wesentlich ein. In Bezug auf die „Statusfrage“ sei der Beschwerdeführerin angesichts
der gesamten Umstände zu folgen; sie müsse als vollerwerbstätig qualifiziert werden.
Ein Tabellenlohnabzug sei nicht gerechtfertigt. Der Invaliditätsgrad betrage unter
Berücksichtigung einer geringfügigen Korrektur 48,75 respektive 49 Prozent. Folglich
habe die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine Viertelsrente.
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess am 17. Dezember 2021 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).
B.c.
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weshalb die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die Neuanmeldung eingetreten ist. In
diesem Beschwerdeverfahren ist folglich zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin für die
Zeit ab dem 1. März 2019 einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung
hat.
2.
Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre. Wäre die versicherte Person ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung nicht oder
nicht vollzeitig erwerbstätig gewesen, muss der Invaliditätsgrad nach einer anderen
Methode berechnet werden. Ein solcher Fall liegt hier allerdings nicht vor, wie die
Beschwerdeführerin überzeugend aufgezeigt und die Beschwerdegegnerin in ihrer
Beschwerdeantwort eingeräumt hat, da die Beschwerdeführerin nach der
Ehescheidung auf sich allein gestellt gewesen ist und als Hilfsarbeiterin nur in einem
Vollzeitpensum ein existenzsicherndes Erwerbseinkommen hätte erzielen können.
Betreuungspflichten hätten einem Vollzeitpensum nicht entgegengestanden, da die
Kinder der Beschwerdeführerin erwachsen sind.
2.1.
Die Beschwerdeführerin hat keine Berufsausbildung absolviert. Nach ihrer Einreise
in die Schweiz hat sie typische Hilfsarbeiten verrichtet. Sie ist folglich als eine
Hilfsarbeiterin zu qualifizieren, was bedeutet, dass sie ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung einen durchschnittlichen Hilfsarbeiterinnenlohn hätte
erzielen können und dass das Valideneinkommen dem statistischen Zentralwert der
Hilfsarbeiterinnenlöhne entspricht. Zwar hat die Beschwerdeführerin zuletzt einen leicht
unter dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne liegenden Lohn erzielt,
aber dabei hat es sich um eine invalidenversicherungsrechtlich irrelevante „Zufälligkeit“
gehandelt. Hätte sich der Beschwerdeführerin die Möglichkeit geboten, an eine besser
2.2.
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respektive durchschnittlich entlöhnte Arbeitsstelle zu wechseln, hätte sie davon
Gebrauch gemacht.
Für die Bemessung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
ausschlaggebend, welche Tätigkeiten der Beschwerdeführerin in welchem Umfang
trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung noch zugemutet werden können. Zur
Beantwortung dieser Frage hat die Beschwerdegegnerin die MEDAS Interlaken
Unterseen GmbH mit einer polydisziplinären Begutachtung der Beschwerdeführerin
beauftragt. Die Sachverständigen haben die Beschwerdeführerin umfassend
untersucht und sie haben sowohl die subjektiven Klagen als auch die erhobenen
objektiven klinischen und bildgebenden Befunde ausführlich wiedergegeben. Zudem
haben sie die medizinischen Vorakten eingehend gewürdigt. Nichts deutet darauf hin,
dass sie einen wesentlichen Aspekt übersehen oder die Untersuchung unsorgfältig
durchgeführt hätten. Die entsprechenden Vorwürfe der behandelnden Psychiaterin Dr.
H._ erweisen sich als unzutreffend. Der psychiatrische Sachverständige hat alle für
die Arbeitsfähigkeitsschätzung relevanten objektiven Befunde erhoben. Die
Stellungnahme von Dr. H._ zum Gutachten erweckt den Eindruck, dass diese das
Gutachten nicht sorgfältig studiert hat, denn sie hat das Attest eines
Arbeitsunfähigkeitsgrades von immerhin 50 Prozent sowie die entsprechende
Diagnosestellung offenbar übersehen. Zudem weckt diese Stellungnahme den
Verdacht, dass sich Dr. H._ persönlich angegriffen gefühlt haben könnte, weil der
Sachverständige die Beschwerdeführerin (angeblich) nach dem Sinn der Therapie
gefragt habe, während Dr. H._ davon überzeugt gewesen ist, dass ihre Therapie
noch der einzige Halt im Leben der Beschwerdeführerin gewesen sei. Die
Ausführungen von Dr. H._ verstärken jedenfalls den schon aufgrund des
Behandlungsauftrages bestehenden objektiven Anschein der Befangenheit, weshalb
sie nicht geeignet gewesen sind, einen Zweifel an der Überzeugungskraft des
Gutachtens der MEDAS Interlaken Unterseen GmbH zu wecken. Der rheumatologische
Sachverständige der MEDAS Interlaken Unterseen GmbH hat anhand der objektiven
bildgebenden und klinischen Befunde überzeugend aufgezeigt, dass der
Beschwerdeführerin wegen der eingeschränkten Belastbarkeit der Schultern, der
rechten Hand und der Knie verschiedene Tätigkeiten nicht mehr zugemutet werden
können und dass die Beschwerdeführerin schmerzbedingt verlangsamt ist und
vermehrte Pausen benötigt, was ihre Leistungsfähigkeit um zehn Prozent einschränkt.
Nicht begründet hat der rheumatologische Sachverständige der MEDAS Interlaken
Unterseen GmbH allerdings, weshalb die Beschwerdeführerin zusätzlich nur ein
Pensum von maximal fünf Stunden pro Tag soll leisten können. Aus der Sicht eines
medizinischen Laien scheint den somatischen Gesundheitsbeeinträchtigungen mit dem
2.3.
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3.
Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung gilt hinsichtlich der
Kosten- und Entschädigungsfolgen rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges Ob
siegen der beschwerdeführenden Partei. Die angesichts des durchschnittlichen Ver
fahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind folglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete
eingeschränkten Belastbarkeitsprofil und dem Attest einer Arbeitsunfähigkeit von zehn
Prozent für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten vollumfänglich Rechnung getragen zu
sein, weshalb die zusätzliche Einschränkung auf ein Pensum von maximal fünf Stunden
pro Tag überzeugend hätte begründet werden müssen. Eine solche Begründung sucht
man im rheumatologischen Teilgutachten aber vergeblich, weshalb das darin
enthaltene Attest einer Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent (5 Std. täglich abzüglich 10%)
selbst für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten nicht überzeugen kann. Der psychiatrische
Sachverständige der MEDAS Interlaken Unterseen GmbH hat – abgesehen von einem
ausgeprägten Klage- und Jammerverhalten – einen weitgehend unauffälligen klinischen
Befund beschrieben. Er hat zwar festgehalten, dass die psychische Belastbarkeit der
Beschwerdeführerin in der Untersuchung „klar“ eingeschränkt gewesen sei, aber er hat
nicht näher ausgeführt, worin diese Einschränkung genau bestanden hat. Die „Klarheit“
der Einschränkung der psychischen Belastbarkeit ist die einzige vom psychiatrischen
Sachverständigen angeführte Erklärung für das Attest eines Arbeitsunfähigkeitsgrades
von 50 Prozent für sämtliche Tätigkeiten. Das ist aber offenkundig unzureichend, um
eine selbst für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten zur Hälfte aufgehobene
Arbeitsfähigkeit zu belegen. Sowohl das rheumatologische als auch das psychiatrische
Teilgutachten der MEDAS Interlaken Unterseen GmbH leiden also an einer
mangelhaften Begründung für die Arbeitsfähigkeitsschätzung. Da die Teilgutachten
ansonsten sorgfältig erarbeitet worden sind, ist davon auszugehen, dass die
Sachverständigen ihre Untersuchungen lege artis durchgeführt haben, dass sie es aber
versäumt haben, ihre Arbeitsfähigkeitsschätzungen überzeugend zu begründen. Das
Gutachten ist damit nicht geeignet, den massgebenden medizinischen Sachverhalt mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen,
aber es ist davon auszugehen, dass der Mangel durch eine Ergänzung des Gutachtens
behoben werden kann. Der rheumatologische und der psychiatrische Sachverständige
müssen deshalb aufgefordert werden, eine überzeugende Begründung für ihre jeweilige
Arbeitsfähigkeitsschätzung nachzuliefern. Die Sache ist zur entsprechenden Ergänzung
des Gutachtens an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (vgl. BGE 137 V 210 E.
4.4.1.4 S. 264 f.).
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Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten. Diese ist praxisgemäss
auf 4’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.