Decision ID: cc785e04-2441-46f0-a818-6facf6f217ef
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
1975
, war
zuletzt vom
Juni
2015
bis
Oktober 201
8
als
Architekturz
eichnerin
tätig
(
Urk.
7/20,
Urk.
7/30
)
. Unter Hinweis auf
Rücken
, Schulter- und Nackenschmerzen sowie Konzentrationsschwierigkeiten seit einem Unfall vom 2
6.
November 2017
meldete sie sich am
2
4.
April 2018
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
7
/10
Ziff.
6
). Die Sozialver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab
, zog Akten der Suva bei (
Urk.
7/12)
und gewährte der Versicherten mit Mitteilung vom 1
8.
Juli 2018 (
Urk.
7/18) ein internes Job Coaching zum Erhalt ihres derzeitigen Arbeitsplatzes
, welche
s
mit Mitteilung vom
9.
Oktober 2018 abgeschlossen wurde (
Urk.
7/31).
Die
IV-Stelle
holte
insbeson
dere bei der Suva und dem
Krankentaggeldversicherer
weitere Akten ein (
Urk.
7/41,
Urk.
7/45,
Urk.
7/48)
und stellte mit Vorbescheid vom 2
1.
Februar 2019 die Abweisung des Leistungsbegehrens in
Aussicht (
Urk.
7/50). Nach Ablauf der
Ein
wand
frist
gegen den Vorbescheid
ersuchten
die behandelnden Ärzte der
Y._
die IV-Stelle
mit
Bericht vom 2
8.
März 2019
um eine erneute Prüfung des Leistungsanspruchs
aufgrund einer Verschlechterung des Gesund
heitszustands der Versicherten
(
Urk.
7/54).
Mit Verfügung vom
3.
April 2019 ver
neinte die IV-Stelle einen Rentenanspruch (
Urk.
7/57). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
7/61
,
Urk.
7/69), in welchem die Versicherte einen weiteren Arztbericht zu den Akten reichte (
Urk.
7/68)
und weitere Akten der Krankentaggeldversicherung eingingen (
Urk.
7/70-71)
, trat die IV-Stelle mit Verfügung vom 1
3.
März 2020 auf das neue Leistungsbegehren
vom 2
8.
März 2018
nicht ein (
Urk.
7/74 =
Urk.
2)
.
2.
Die Versicherte erhob am 1
3.
Mai 2020 Beschwerde gegen die Verfügung vom 1
3.
März 2020 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei auf das Leistungsbegehren einzutreten. Eventuell sei ein medizinisches Gutachten anzu
ordnen, welches die psychiatrischen Diagnosen und das Vorliegen einer Ver
schlechterung des Gesundheitszustands beurteile. Subeventuell sei das Verfahren zur Neubeurteilung des Gesuchs vom 2
9.
Mai 2018 an die
IV-Stelle
zurückzu
weisen (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
1-3).
Mit Beschwerdeantwort vom
2
4.
Juni 2020 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am 2
1.
Juli 2020 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird nach Art. 87 Abs. 3
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
Ergibt die Prüfung durch die Verwaltung, dass
die Vorbringen
der versicherten Person nicht glaubhaft sind, so erledigt sie das Gesuch ohne weitere Abklärungen durch Nichteintreten. Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versi
cherten Person glaubhaft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tat
sächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl.
auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad
s
eit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
1.3
Gemäss Art. 87 Abs. 2 IVV muss mit einem Revisionsgesuch und gemäss Art. 87 Abs. 3 IVV mit einer Neuanmeldung glaubhaft gemacht werden, dass sich der Invaliditätsgrad anspruchsrelevant verändert hat. Der versicherten Person kommt ausnahmsweise eine Beweisführungslast zu (vgl. BGE 130 V 64 E. 5.2.5). Die
Ein
tretensvoraussetzung
des Glaubhaftmachens soll verhindern, dass sich die Ver
waltung immer wieder mit gleichlautenden und nicht näher begründeten, mithin keine Veränderung des Sachverhalts darlegenden Rentengesuchen befassen muss (BGE 133 V 108 E. 5.3.1). Dies gilt auch für eine erneute Anmeldung nach einer vorangegangenen, aber befristeten
Rentenzusprache
(BGE 133 V 263 E. 6.1; siehe auch Frey/
Mosimann
/Bollinger [Hrsg.], AHVG/IVG Kommentar, 2018,
Mosimann
, N 20 zu Art. 17 ATSG).
Hingegen kann diese
Eintretensvorschrift
nicht dahingehend ausgelegt werden, dass die glaubhaft zu machende Änderung gerade jenes Anspruchselement betreffen muss, welches die Verwaltung der früheren rechtskräftigen Leistungs
abweisung zugrunde legte. Vielmehr muss es genügen, wenn die versicherte Per
son zumindest die Änderung eines Sachverhalts aus dem gesamten für die Rentenberechtigung erheblichen Tatsachenspektrum glaubwürdig dartut. Trifft dies zu, ist die Verwaltung verpflichtet, auf das neue Leistungsbegehren einzu
treten und es in tatsächlicher (wie selbstverständlich auch in rechtlicher) Hinsicht allseitig zu prüfen (BGE 117 V 198 E. 3a und E. 4b; vgl. auch BGE 130 V 64 E. 5.2, 71 E. 2.2).
Ist die Änderung nicht glaubhaft gemacht, wird auf das Revisionsgesuch oder die erneute Anmeldung nicht eingetreten (BGE 133 V 64 E. 5.2.5). Dabei wird die Verwaltung unter anderem zu berücksichtigen haben, ob die frühere Verfügung nur kurze oder schon längere Zeit zurückliegt, und dementsprechend an die Glaubhaftmachung höhere oder weniger hohe Anforderungen stellen. Insofern steht ihr ein gewisser Beurteilungsspielraum zu, den das Gericht grundsätzlich zu respektieren hat. Daher hat das Gericht die Behandlung der
Eintretensfrage
durch die Verwaltung nur zu überprüfen, wenn das Eintreten streitig ist, das heisst wenn die Verwaltung gestützt auf Art. 87 Abs. 3 IVV
Nichteintreten beschlossen hat und die versicherte Person deswegen Beschwerde führt; hingegen unterbleibt eine richterliche Beurteilung der
Eintretensfrage
, wenn die Verwaltung auf die Neu
anmeldung eingetreten ist (BGE 109 V 108 E. 2b mit Hinweisen; vgl. auch BGE
130 V 64 E. 5.2, 71 E. 2.2 mit Hinweisen).
1.4
Mit dem Beweismass des Glaubhaftmachens im Sinne des
Art.
87
Abs.
2 und 3 IVV sind herabgesetzte Anforderungen an den Beweis verbunden: Die Tatsachen
änderung muss nicht nach dem im Sozialversicherungsrecht sonst üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 353 E.
5b) erstellt
sein. Es genügt, dass für das Vorhandensein des geltend gemachten rechtserheb
lichen Sachumstandes wenigstens gewisse Anhaltspunkte bestehen, auch wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, bei eingehender Abklärung werde sich die behauptete Änderung nicht erstellen lassen. Erheblich ist eine Sachverhaltsänderung, wenn angenommen werden kann, der Anspruch auf eine (höhere) Invalidenrente sei begründet, falls sich die geltend gemachten Umstände als richtig erweisen sollten (Urteil des Bundesgerichts 8C_844/2012 vom
5.
Juni 2013 E. 2.3; vgl. auch BGE 130 V 64 E. 5.2, 130 V 71 E. 2.2).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon aus, dass gemäss der Stellungnahme des Regional
en
Ärztlichen Dienstes keine Veränderung des Gesundheitszustandes
der Beschwerdeführerin
eingetreten sei (S. 1). Es könne weder eine mittelgradige noch eine schwere depres
sive Sympto
matik erkannt werden.
Ferner sei die Diagnose einer kombinierten
Persönlich
keitsstörung n
icht gemäss den ICD-10-Kriterien hergeleitet worden
und sei daher
nicht plausibel nachvollziehbar. Somit könne keine Veränderung respektive Ver
schlechterung des Gesundheitszustands erkannt werden (S. 2).
2.2
Demgegenüber wandte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen ein (
Urk.
1)
, dass der behandelnde Psychiater in seiner Stellungnahme vom
4.
Mai 2020 schlüssig und nachvollziehbar eine aktuell mittelschwere depressive Episode (ICD-10 F32.1) sowie eine kombinierte Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F61.0) diagnostiziert habe. Eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustands seit 2018 sei damit zumindest glaubhaft gemacht, weshalb auf das erneute Leistungsgesuch vom
1.
April 2019 einzutreten sei (S. 4
Ziff.
2). Insbesondere aufgrund der vorliegend übereinstimmenden Diagnostik durch verschiedene vonei
nander unabhängige Spezialärzte bestünden erhebliche Zweifel
an der Einschätzung durch die RAD
Ärztin. Werde nicht ohnehin auf den Bericht des behandelnden Psychiaters abges
tellt, sei
zwingen
d
ein neutrales Gutachten einzuholen (S. 5
Ziff.
3.1). Wenn bereits
im Jahr 2018 eine Depression sowie
eine Persönlichkeitsstörung, welche
die Depression verursacht habe, vorhanden gewesen sei
en
, müsse die erste Ver
fügung der Beschwerdegegnerin vom
3.
April 2019 revidiert oder in Wiederer
wägung gezogen werden und unter den neuen Gesichtspunkten beurteilt werden (S. 6
Ziff.
4).
2.3
Streitig
und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin auf die Neuanmeldung zu Recht nicht eingetreten ist. Prozessthema ist, ob die Beschwerdeführerin im Sinne von
Art.
87
Abs.
2 IVV glaubhaft gemacht hat, dass sich ihr gesundheitlicher Zustand seit der Verfügung
vom
3.
April 2019
(
Urk.
7/57
) wesentlich verschlech
tert hat.
3.
3.1
Beim Erlass der
Verfügung vom
3.
April 2019 (
Urk.
7/57)
lagen im Wesentlichen die nachfo
lgenden medizinischen Berichte vor
:
3.2
Die Ärzte des Spitals
Z._
nannten im
Notfallbericht vom
1.
Dezember 2017 über die Behandlung vom 2
6.
November 2017 (
Urk.
7/12/21-22)
die folgenden Diagnosen
(S. 1)
:
-
Distorsion
der Halswirbelsäule (HWS)
Grad II vom 2
6.
November 2017
-
Kontusion
der Lendenwirbelsäule (LWS)
vom 2
6.
November 2017
3.3
Im Bericht der Ärzte der Rehaklinik
A._
vom 2
5.
Mai 2018 über das ambu
lante Assessment vom 2
2.
Mai 2018 (
Urk.
7/12/167-174) wurden die folgenden Diagnosen genannt (S. 1):
-
HWS-Distorsion Grad II
nach Heckkollision
vom 2
6.
November 2017
-
LWS-Kontusion nach Heckkollision vom 2
6.
November 2017
-
Röntgen der HWS/
Dens
axis
vom 2
6.
November 2017
: Keine frische
ossäre
Läsion sichtbar,
Dens
axis
nicht überlagerungsfrei darstellbar
-
Röntgen der LWS inklusive
thoraco
-lumbaler
Ü
ber
gang
vom
2
6.
November 2017
: Keine frische
ossäre
Läsion sichtbar
-
CT der HWS vom
2
6.
November 2017
: Keine frische
ossäre
Läsion sichtbar
Aus medizinisch-diagnostischer Sicht sei bei
guter Kooperation und Leistungsbe
reitschaft mit einem intensiven trainingsorientierten Reha
bilitations
programm eine Verbesserung der Beschwerden und der arbeitsbezogenen Belastbarkeit zu erreichen
(S. 2)
.
3.4
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Neurologie,
nannte in seinem Bericht vom 3
0.
Juli 2018 über die Untersuchung vom 2
7.
Juli 2018 (
Urk.
7/41/201-202) die folgenden Diagnosen (S. 1):
-
Heckauffahrkollision am 2
6.
November 201
7
-
episodische Migräne
-
cervikospondylogenes
Schmerzsyndrom
-
stark reduzierte Belastbarkeit
-
Verdacht auf depressive Entwicklung mit
Schlafstörung
Die Beschwerdeführerin leide seit dem Unfall vom 2
6.
November 2017 unter einer episodischen Migräne mit immer wieder exzessiven Attacken. Für eine struktu
relle Läsion im Bereich des Zentralnervensystems oder peripher würden sich anamnestisch und
klinisch keine Hinweise ergeben.
Die Migräne sei zwar schon früher aufgetreten,
seit Juni 2017
sei die Beschwerdeführerin jedoch
beschwer
defrei gewesen, sodass
das
Rezidiv eine direkte Unfallfolge sei. Ebenfalls seit dem Unfall leide die Beschwerdeführerin unter hartnäckigen Schulter-Nacken
schmerzen rechts (sehr wahrscheinlich
cervikospondylogen
bedingt) und unter einer stark reduzierten Belastbarkeit mit einer Ein- und Durchschlafstörung, durchwegs direkte Unfallfolgen. Bezüglich der stark reduzierten Belastbarkeit müsse die Belastungsgrenze respektiert werden, was vorderhand eine Arbeitsun
fähigkeit von mindestens 50
%
bedeute, mittel- bis langfristig könne aber mit einer langsamen Besserung gerechnet werden (S. 1).
3.5
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, stellte in seinem Bericht vom 1
9.
Oktober 2018 (
Urk.
7/33) die folgenden Diagnosen (
Ziff.
1):
-
Status nach unerwarteter Heckauffahrkollision am 2
6.
November 2017
-
HWS-Distorsion sowie Schmerzen im
lumbosakralen
Übergang
-
Entwicklung eines posttraumatischen Belastungssyndroms und Exazerbation der vorbestehenden Kopfschmerzthematik mit Spannungskopfschmerzen und Migräne
Durch die initial verminderte psychische und physische Belastbarkeit, beziehungsweise im Verlauf vor allem psychische Komponente, sei die Beschwer
deführerin nur beschränkt arbeitsfähig. Bezüglich der aktuellen Situation ver
weise er auf die behandelnde psychiatrische Praxis (
Ziff.
2). Durch die manuelle Therapie gelinge es die somatische Situation aktuell stabil zu halten beziehungs
weise
sei
diesbezüglich ein erfreulicher Verlauf zu verzeichnen. Schwierig gestalte sich vielmehr das posttraumatische Belastungssyndrom (
Ziff.
9).
3.6
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in seinem Bericht vom
2.
November 2018
(7/37/2-6) aus, dass er die Beschwerde
führer
i
n seit 1
2.
Juli 2018 ambulant behandle
(
Ziff.
1.1), und nannte eine
schwer
gradige
depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2)
als Diagnose (
Ziff.
2.5) Die Arbeitsfähigkeit werde ab 2019 schrittweise
erhöhbar
sein (
Ziff.
2.7). Aktuell bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in der bisherigen und in einer dem Leiden angepassten Tätigkeit, wobei die Prognose zur Einglieder
ung günstig sei (
Ziff.
4.1-4.3).
3.7
Dr.
D._
(vorstehend E. 3.6
) und
lic
. phil.
E._
, Psychotherapeut,
führten in ihrem Bericht
vom
2.
November 2018 (
Urk.
7/37/7-8)
aus, dass sich mindestens seit Behandlungsbeginn im Juli 2018 ein Konglomerat bestehend aus Schmerzen, Problemen
in der Familie sowie
am Arbeitsplatz gezeigt habe. Dies habe insgesamt dazu geführt, dass eine psychische Dekompensation stattge
funden habe und die Beschwerdeführerin die auf sie prallenden Probleme nicht mehr von sich aus zu lösen vermocht habe. Sie sei rasch zu 100
%
krankge
schrieben worden (S. 1). Mittels dem
am 1
3.
August 2018
erhobenen
«Beck-Depressionsinventar», welche
s
einen Wert von 29 Punkten ergeben habe, habe zusammen mit dem Rapportierten eine
schwergradige
depressive Episode diagnostiziert werden können.
Die aktuelle Unfähigkei
t, jedweder Arbeit nach
zu
gehen, würden sie als
momentan
schwergradig
, jedoch heilbar
be
urteilen
, da die Depression erstmalig und klar auf
externale
Faktoren abgestützt werden könne. Sie seien optimistisch, dass die Patientin in einigen wenigen Monaten wieder zumindest teilweise arbeitsfähig sein werde. Bei gutem Verlauf
würden sie
von einer zukünftigen 100%igen A
rbeitsfähigkeit ausgehen, wobei die Beschwerde
führerin noch zirka 4-6 Wochen brauchen werde, damit sie min
destens teilweise wieder arbeitsfähig sei. Aus medizinsicher Sicht seien die vor einem Monat gemessenen Symptome bereits leicht abklingend (S. 2).
3.8
Dr.
med.
F._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), nahm am 1
5.
Februar 2019 Stellung zum medizinischen Sachverhalt (
Urk.
7/49/5-6). Sie führte aus, dass aufgrund des Arztberichts von
Dr.
D._
und
lic
. phil.
E._
vom November 2018 zuhanden
d
er
IV-Stelle (vgl. vorstehend E. 3.6
) nur schon wegen fehlendem psychopathologischem Befund und einer nicht adäquaten medikamentösen Behandlung keine
schwer
gradige
depressive Episode nachvollzogen werden könne. Zudem seien verschiedene psychosoziale Belastungen (familiäre Probleme, beruflicher Druck und Überforderung, Auszug aus der elterlichen Wohnung, Kündigung der Arbeitsstelle) in der Vorgeschichte beschrieben worden, vor allem auch Schwierigkeiten am Arbeitsplat
z, sodass der Verdacht entstehe
, dass sich die
Beschwerdeführerin aus Arbeitsplatzgründen habe krankschreiben lassen (S. 5). Im Bericht vom November 2018 zuhande
n der Suva (vgl. vorstehend E. 3.7
) seien im psychopathologischen Befund vor allem Aussagen der Beschwerdeführerin beschrieben worden. Ferner sei angegeben worden, dass die Depression erstmalig und klar auf
externale
Faktoren abgestützt werden könne
. Aktuell sei kein lang
anhaltender Gesundheitsschaden ausgewiesen (S. 6).
3.9
Dr.
med.
G._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und
Dr.
phil.
H._
, Psychologin,
Y._
, führten in ihrem Bericht vom 2
8.
März 2019
(
Urk.
7/54),
bei der Beschwerdegegnerin eingegangen am
3.
April 2019 (vgl.
Urk.
7/60/1)
,
aus,
die Beschwerdeführerin sich seit 1
8.
Februar 2019 in stationärer Behandlung. Es sei
eine mittelgradige depressive Episode vorbekannt. Die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden seien erstmals nach einem Auffahrunfall mit Schleudertrauma Ende 2017 aufge
treten. Im Rahmen weiterer psychosozialer Belastungsfaktoren, insbesondere der Kündigung des Arbeitsplatzes im Sommer 2018, der zunehmenden sozialen Isolierung und familiärer Konflikte sei es zu einer weiteren Verstärkung der Symptomatik gekommen. In der Gesamtschau zeige sich bei der Beschwerde
führerin unabhängig von der aktuellen Krisensituation eine sehr unsichere Per
sönlichkeitsstruktur mit vielen Ängsten und Niedergeschlagenheitsgefühlen sowie einem hohen Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben und Perfektionismus seit der frühen Kindheit. Vor diesem Hintergrund erweise sich die aktuelle Arbeits
situation für die Beschwerdeführerin als überfordernd. Zwar habe im Rahmen der gegenwärtigen Behandlung auf der Spezialstation für Depressionserkrankungen eine gewisse Zustandsverbesserung (Antriebssteigerung, Stimmungsaufhellung) erreicht werden können, kognitive Einschränkungen in Form von Konzentra
tionsstörungen und hohe eigene Leistungsansprüche gepaart mit Überforderungs- und Insuffizienzgefühlen sowie eine damit einhergehende Blockierung bezüglich der Planung der beruflichen Reintegration würden jedoch persistieren. Bei fehlender Unterstützung in diesem Bereich sei eine erneute Verschlechterung des Stimmungszustands und langfristig eine
Chronifizierung
der depressiven Störung zu prognostizieren. Für eine längerfristige Stabilisierung des Zustands würden daher eine engmaschige Begleitung im schrittweisen beruflichen Wiederein
gliederungsprozess sowie belastungsreduzierende Unterstützungsmassnahmen empfohlen. Daher werde
die IV-Stelle
mit diesem Schreiben um eine erneute Prüfung des Anspruchs auf Leistungen der Invalidenversicherung gebeten (S. 1).
3.10
Gestützt auf diese Aktenlage ging die Beschwerdegegnerin in ihrer Verfügung vom
3.
April 2019
(
Urk.
7/57) davon aus, dass die psychiatrischen Einschränkun
gen erstmalig aufgetreten und vor allem durch psychosoziale Belastungen aus
gelöst worden seien
, was von der Invalidenversicherung nicht berücksichtigt werden könne. Somit liege aus Sicht der IV-Stelle keine langandauernde Gesund
heitseinschränkung vor, welche eine bleibende Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit mit sich bringe (S. 2).
4.
4.1
Der
vorliegend angefochtenen Verfügung vom
1
3.
März 2020
(
Urk.
2) lagen im Wesentlichen die folg
enden medizinischen Berichte zugrunde
:
4.2
Am 1
6.
Juli 2019 führte
Dr.
F._
(vgl. vorstehend E. 3.8) zum Bericht von
Dr.
G._
und
Dr.
phil.
H._
vom 2
8.
März 2019 (vgl. vorstehend E. 3.9) aus, es könne darin keine Verschlechterung erkannt werden. Es werde darin keine eigene Diagnose, sondern die vorbekannte mittelgradige depressive Episode genannt und auch kein psychopathologischer Befund aufgeführt. Zudem habe während der
Hospitalisation
eine gewisse Zustandsverbesserung erreicht werden können. Im Arztbericht von
Dr.
D._
und
lic
. phil.
E._
vom November 2018 (vgl. vorstehend E. 3.7) sei noch eine
schwergradige
depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2) beschrieben worden, demzufolge wäre eine Verbesserung eingetreten. Ferner sei im aktuellen Arztbericht festgehalten worden, dass es in der Zwischenzeit im Rahmen weiterer psychosozialer Belastungsfaktoren, wie der Kündigung des Arbeitsplatzes im Sommer 2018, der zunehmend sozialen Isolierung sowie familiärer Konflikte zu einer weiteren Ver
stärkung der Symptomatik gekommen sei. Insgesamt könne noch immer kein langanhaltender Gesundheitsschaden erkannt werden. Aus RAD-Sicht wäre eine Unterstützung bei der Stellensuche jedoch erneut zu befürworten, damit die Beschwerdeführerin im Berufsleben möglichst bald wieder Fuss fassen könne.
4.3
Im Rahmen des
Vorbescheidverfahrens
reichte die Beschwerdeführerin
einen Bericht von
med.
pract
.
I._
, Facharzt für Psychiatrie und Psycho
therapie, vom 1
1.
November 2019 (
Urk.
7/68) ein. Darin wurden die folgenden Diagnosen genannt (
Ziff.
4):
-
schwere depressive Episode (ICD-10 F32.2)
-
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit deutlichen zwanghaften und schizoiden Anteilen sowie paranoiden, vermeidend-unsicheren Anteilen
Die beschriebene kombinierte Persönlichkeitsstörung wirke als eine im Hinter
grund bestehende Erkrankung, welche überall im Umgang mit Drittpersonen und Institutionen zu Schwierigkeiten sowie seit einiger Zeit zu einer depressiven Ent
wicklung führe (
Ziff.
5). Trotz der intensiven Therapie (stationär, teilstationär und ambulant) sei leider keine wesentliche Zustandsverbesserung eingetreten. Aktuell bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
, welche auch in naher Zukunft weiterbestehen werde (
Ziff.
6). Therapieziel seien die Symptomremission und das Ändern von dysfunktionalen Verhaltensmustern. Die Beschwerdeführerin benö
tige zur Wiedereingliederung sicherlich eine externe Hilfe, so wie es die Invali
denversicherung anbiete. Zusätzlich wäre ein Job Coach zur Unterstützung im Umgang mit der arbeitsbezogenen Problematik sinnvoll (
Ziff.
7).
4.4
Der Beschwerdegegnerin wurden am 3
0.
Dezember 2019 die medizinischen Akten der Taggeldversicherung zugestellt (vgl.
Urk.
7/70).
Dr.
D._
und
lic
. phil.
E._
(vgl. vorstehend E.
3.6 und
3.7) nannten in ihrem Bericht vom 1
5.
März 2019 (
Urk.
7/71/15-17) als Diagnose eine
schwergradige
depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2;
Ziff.
4). Bisher sei die Beschwerdeführerin zu 100
%
arbeitsunfähig; langfristig sehe man an einer anderen Arbeitsstelle eine vollständige Arbeitsfähigkeit als Hochbau
zeichnerin (
Ziff.
5). Sie habe sich ab 1
8.
Februar 2019 in stationäre Behandlung begeben (
Ziff.
7).
4.5
Dr.
G._
und
Dr.
phil.
H._
(vgl. vorstehend E.
3.9)
nannten in ihrem Bericht vom 1
8.
März 2019 (
Urk.
7/71/19-23)
über die bis 2
6.
März 2018 geplante stationäre Behandlung (vgl.
Ziff.
11)
die folgenden Diagnosen (S. 2
Ziff.
4):
-
mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1)
-
Schleudertrauma der Halswirbelsäule
-
Migräne mit Aura
Die Beschwerdeführerin sei am 1
8.
Februar 2019, auf Zuweisung des behandeln
den Psychologen
lic
. phil.
E._
, freiwillig und geplant zu ersten psychiatri
schen
Hospitalisation
in die
Klinik
Y._
eingetreten. Sie habe sich deutlich niedergeschlagen, angespannt und weinerlich, aber auch motiviert für eine stationäre Behandlung präsentiert. Sie hätten bei der Beschwerdeführerin eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert. Als auslösende sowie auf
rechterhaltende Faktoren seien der Auffahrunfall, die Kündigung, der Auszug aus dem Familienhaus, aber auch prägende Beziehungserfahrungen über die Lebens
spanne vor dem Hintergrund einer stark selbstunsicheren Persönlichkeitsstruktur zu erachten (S. 2
Ziff.
2). Im Rahmen der depressiven Symptomatik sei die Beschwerdeführerin vom ambulanten Behandler zu 100
%
arbeitsunfähig
geschrieben worden, was sie in Anbetracht der Stärke der Symptomatik und der Beeinträchtigung in den meisten Lebensbereichen für klar gerechtfertigt erachten würden (S. 3
Ziff.
5). Aktuell werde ihr weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert, wobei eine Prognosestellung über den weiteren Krankheitsverlauf und die berufliche Leistungsfähigkeit schwierig sei. Es werde aber davon ausge
gangen, dass durch eine weitere psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung, zunächst noch im stationären Setting, anschliessend im teilstationären und ambulanten Rahmen, eine weitere Reduktion der Symptomatik erreicht werden könne. In diesem Rahmen sei auch eine schrittweise Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess denkbar (S. 3
Ziff.
6). Die Beschwerdeführerin zeige durch die bisherige Behandlung eine leichte Stabilisierung des Zustands, eine Verbesserung des Schlafs und eine Steigerung des Antriebs (S. 4
Ziff.
10). Im Anschluss werde dringend die Weiterführung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behand
lung im ambulanten Setting empfohlen. Zudem könne sich eine vorübergehende Anbindung in einer Tagesklinik als prognostisch günstig auswirken (S. 4
Ziff.
11).
4.6
Med.
pract
.
I._
diagnostizierte mit Bericht vom 2
0.
Mai 2019 (
Urk.
7/71/10
13) eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1;
Ziff.
4) und hielt fest, es sei trotz der intensiven Therapie keine wesentliche Zustands
besserung eingetreten; es bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
(
Ziff.
5). Es bestünden ausschliesslich medizinische Gründe für die Arbeitsun
fähigkeit, dies aufgrund der Antriebsstörung, der deutlichen Konzentrations
störungen, des
Ruminierens
sowie der Schlafstörungen, der Müdigkeit und der Erschöpfung (
Ziff.
7). Er betreue die Patientin erst seit 6 Wochen (
Ziff.
10).
Diese Angaben wiederholte med.
pract
.
I._
im Wesentlichen in seinem Bericht vom
6.
September 2019 (
Urk.
7/71/6-8).
4.7
Im Bericht vom 1
6.
Dezember 2019 (
Urk.
7/71/2-4) nannte
med.
pract
.
I._
eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1) sowie eine kombinierte Per
sönlichkeitsstörung mit paranoiden, schizoiden, vermeidend-selbstunsicheren sowie zwanghaften Anteilen (ICD-10 F60.9) als Diagnosen (
Ziff.
4). Er führte aus, dass sich im Rahmen einer im Oktober 2019 durchgeführte Testung sowie eines Interviews eine kombinierte Persönlichkeitsstörung vom Cluster A (paranoide sowie schizoide Persönlichkeitsstörung) sowie vom Cluster C (vermeidend-selbst
unsichere und zwanghafte Persönlichkeitsstörung) ergeben habe. Die Persönlich
keits
störung werde als Grunderkrankung angesehen, welche rascher und eher zu relevanten psychischen Krisen und Erkrankungen wie der vor
liegenden rezidi
vierenden depressiven Störung führe, da bei der Persönlich
keitsstörung das Handlungsrepertoire im Umgang mit Dritten oder Ereignissen nicht variabel, sondern rigide sei. Die aktuelle depressive Symptomatik bestehe offenbar seit
Herbst in dieser Form. Genauere Angaben könne
med.
pract
.
I._
nicht machen, da die Behandlung erst am 2
8.
März 2019 begonnen habe. Vom 1
8.
Fe
b
ru
ar bis 2
6.
März 2019 habe wegen des schlechten Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin eine stationäre
Hospitalisation
in der psychiatrischen Klinik
Y._
stattgefunden. Kurz nach Beginn der ambulanten Behandlung bei
med.
pract
.
I._
sei die Beschwerdeführerin zur Intensivierung der Behandlung zusätzlich vom
8.
April bis
6.
Juni 2019 Teilzeit in die
K
linik
J._
ein
getreten. Seit dem Austritt aus der
J._
sei ihr Gesund
heitszustand gleich
bleibend und es komme weiterhin engmaschig zu ambulant psychiatrisch-psy
chotherapeutischen Konsultationen (
Ziff.
1). Trotz der intensiven Therapie (stationär, teilstationär und ambulant) sei leider keine wesentliche Zustands
verbesse
rung eingetreten. Aktuell bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
, welche auch in naher Zukunft weiterbestehen werde (
Ziff.
5). Hinsichtlich der Prognose könne grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass sich die Beschwerde
führerin in absehbarer Zeit langsam und stetig erholen könne. Eine genaue zeit
liche Prognose könne jedoch nicht gestellt werden. Nachteilig sei ebenfalls, dass sie auf verschiedene klassische Antidepressiva mit massiven Nebenwirkungen reagiert habe, wobei sie das ebenso wirksame Johannis
krautpräparat jedoch gut vertrage (
Ziff.
6). Für die Arbeitsunfähigkeit bestünden ausschliesslich medizini
sche Gründe, so liege insbesondere die Kündigung der letzten Arbeitsstelle schon lange zurück und spiele keine Rolle mehr. Haupt
sächlich bestehe die Arbeitsun
fähigkeit aufgrund der Antriebsstörung, der deutlichen Konzentrationsstörungen, des
Ruminierens
, der Schlafstörungen, der Müdigkeit und der starken Erschöpfung (
Ziff.
7).
4.
8
Am 1
3.
März 2020 nahm RAD-Ä
rztin
Dr.
F._
erneut Stellung zum medizini
schen Sachverhalt (
Urk.
7/72/3-
4). Sie führte aus, dass die
im Bericht der behan
delnden Fachpersonen der
Y._
vom 1
8.
März 2019 (vgl. vorste
hend E.
4.5
) berichteten Beschwerden und der psychopathologische Befund keine mittelgradige depressive Symptomatik gemäss den ICD-10-Kriterien erkennen lassen würden. Des Weiteren sei eine stark selbstunsichere Persönlichkeitsstruktur beschrieben worden, was höchstens als Persönlichkeitsakzentuierung interpretiert werden könne. Zudem bestünden die psychischen Auffälligkeiten seit dem Auto
unfall im Jahr 2017 bei zusätzlichen psychosozialen Belastungsfaktoren. Im Arzt
bericht von
med.
pract
.
I._
vom 1
6.
Dezember 2019 sei erstmals neben der mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10 F32.1) neu die Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit paranoiden, schizoiden, vermeidend-selbstunsicheren sowie zwanghaften Anteilen (ICD-10 F60.9) aufgeführt worden, wobei der angegebene ICD-10-Code keine Persönlichkeitsstörung beschreibe. Die Persönlichkeitsstörung sei
mittels einer Testung und eines
spezifischen Interview
s
diagnostiziert worden, allerdings könne dies alleine keinesfalls eine entspre
chende Diagnose begründen. Bei unauffälliger Schul- und Berufslaufbahn wären beispielsweise die allgemeinen Bedingungen für eine Persönlichkeitsstö
rung gemäss ICD-10 nicht erfüllt
. Im Bericht von
med.
pract
.
I._
vom 1
1.
Novem
ber 2019 sei im Gegensatz zum Bericht vom 1
6.
Dezember 2019 eine schwere depressive Episode (ICD-10 F32.2) beschrieben worden, was nicht glaubhaft sei (S. 3). Da weder eine mittelgradige, geschweige denn eine schwere depressive Symptomatik erkannt werden könne
,
und die
nicht gemäss ICD-10-Kriterien her
gel
eitete
Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung
nicht plausibel nachvollziehbar sei
,
könne
keine Veränderung respektive Verschlechterung des Gesundheitszustands erkannt werden (S. 4).
4.
9
Für die Beurteilung der Gesetzmässigkeit der angefochtenen Verfügung oder des
Einspracheentscheides
ist für das Sozialversicherungsgericht in der Regel der Sachverhalt massgebend, der zur Zeit des Erlasses des angefochtenen Verwal
tungsaktes gegeben war. Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungs
verfügung bilden (BGE 130 V 138 E. 2.1 mit Hinweis). Sie können indessen, unter Wahrung des rechtlichen Gehörs, berücksichtigt werden, wenn sie kurze Zeit nach dem Erlass des angefochtenen Entscheids eingetreten sind, sich ihre Beachtung aus prozessökonomischen Gründen unbedingt aufdrängt und sie hinreichend klar feststehen (BGE 105 V 156 E. 2d; ZAK 1984 S. 349 E. 1b). Dies ist der Fall, wenn sie mit dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des
Entscheiderlasses
zu beeinflussen (BGE 99 V 98 E. 4 mit Hinweisen).
Diese Voraussetzungen sind hinsichtlich des im Rahmen des Beschwerdever
fahrens eingereichten Berichtes von
med.
pract
.
I._
vom
4.
Mai 2020 (
Urk.
3) erfüllt, weshalb dieser vorliegend berücksichtigt werden kann.
4.
10
Med.
p
ract
.
I._
führte
in seinem Bericht vom
4.
Mai 2020 (
Urk.
3)
aus, dass für
die Diagnose einer mittelgradig
en depressiven Episode gemäss ICD-10 sechs übereinstimmende Symptome vorhanden seien, obwohl nur vier Symptome not
wendig wären. Er könne daher nicht nachvollziehen, weshalb RAD-Ärztin
Dr.
F._
das Vorliegen einer mittelgradigen depressiven Episode verneine. In Übereinstimmung mit der Stellungnahme der
RAD-Ärztin
müsse der ICD
10
Code für die kombinierte Persönlichkeitsstörung richtigerweise F61.0 lauten. Wieso seit Ende 2019 zusätzlich die Diagnose einer kombinierten Persön
lichkeitsstörung gestellt worden sei, erkläre s
ich dadurch, dass in der Therapie keine Konflikte aufgetreten seien und sich keine Notwendigkeit ergeben habe, eine Testung durchzuführen. Im Laufe der Therapie könnten sich oft zusätzliche
Diagnosen ergeben (S. 1). Des Weiteren sei der depressive Zustand definitionsge
mäss episodisch und könne so innert einem Monat von mittelgradig bis schwer oder umgekehrt variieren, was klinisch bei Weitem keine Seltenheit sei (S. 1 f.). Aktuell bestehe wiederum ein mittelgradig depressiver Zustand. Des Weiteren hätten sich in der Entwicklung der Beschwerdeführer
in
immer dieselben Konflikt
felder gezeigt. Da die Persönlichkeitsstörung als Grunderkrankung immer wieder depressive Episoden
verschiedenen Ausmasses beding
en könne,
sei vorliegend von einer Zustandsverschlechterung auszugehen (S. 2).
5.
5.1
Nach
der
Einschätzung der Beschwerdegegnerin vermochte die Beschwerde
führerin seit Erlass der Verfügung vom
3.
April 20
19 (
Urk.
7/57
)
keine Verschlechterung ihres Gesundhe
itszustands glaubhaft z
u machen (vgl.
vorste
hend E. 2.1
).
5.2
Dem im
Rahmen der erstmaligen
Anmeldung eingereichten Bericht von
Dr.
D._
und
lic
. phil.
E._
vom Nov
ember 2018 (vgl. vorstehend E. 3.7
)
ist eine
schwergradige
depressive Episode als Diagnose zu entnehmen.
Sie stellten ein
Konglomerat bestehend aus Schmerzen, Problemen in der Familie sowie Problemen am Arbeitsplatz
fest
, welches in der Folge zu einer psychischen Dekompensation
bei der Beschwerdeführerin
geführt habe
. Die erstmalig aufge
tretene depressive Störung führten sie
sodann
explizit auf
externale
Faktoren zurück. Gestützt auf die medizinische Aktenlage und insbesondere den Bericht von
Dr.
D._
und
lic
. phil.
E._
gelangte RAD-Ärztin
Dr.
F._
in ihrer Stellungnahme v
om Februar 2019 (vorstehend E. 3.8
) zum Schluss, dass aufgrund des fehlenden psychopathologischen Befundes keine
schwergradige
depressive Symptomatik nachvollzogen werden könne und ferner diverse psychosoziale Belastungsfaktoren vorliegen würden. Sie verneinte
schliesslich
das Vorliegen eines langanhaltenden Gesundheitsschadens.
5.3
Das Schreiben von
Dr.
G._
und
Dr.
phil.
H._
vom
2
8.
März 2019
(vorste
hend E.
3.9
)
, mit
welchem sie die IV-Stelle um eine erneute Prüfung des Leist
ungsanspruchs ersuchten, ging
nach Lage der Akten am Tag des Erlasses der Verfügung vom
3.
April 2019 ein (vgl.
Urk.
7/60/1)
.
D
er Beschwerdegegnerin
war somit
im Zeitpunkt der Verfügung vom
3.
April 2019 bekannt
, dass die Beschwer
deführerin seit 1
8.
Februar 2019 hospitalisiert war
, was aber nicht in die Verfü
gung vom
3.
April 2019 einfloss; der Austrittsbericht wurde gar nicht abgewartet.
Dies relativiert
vorliegend
den Grundsatz, dass an die Glaubhaftmachung
einer anspruchsrelevanten Veränderung
grundsätzlich
höhere Anforderungen zu
stellen sind, wenn die erneute Anmeldung nur kurze Zeit nach der ersten Ablehnungsverfügung
erfolgt (vgl. vorstehend E. 1.3).
5.4
Dem
im Rahmen des
Vorbescheidve
rfahrens
eingereichten Bericht
des behandeln
den Psychiaters
med.
pract
.
I._
vom November 2019
(vorstehend E. 4.
3
)
ist neben einer schweren dep
ressiven Episode (ICD-10 F32.2)
indessen
neu die Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit deutlichen zwanghaften und schizoiden Anteilen sowie paranoiden, vermeidend-unsicheren Anteilen zu entnehmen.
Med.
p
ract
.
I._
beurteilte die auf Grundlage einer Testung und eines Interviews diagnostizierte Persönlichkeitsstörung als eine im Hintergrund bestehende Erkrankung, welche insbesondere zu de
r depressiven Entwicklung
der Beschwerdeführerin
geführt habe
.
In seinen Berichten vo
m Dezember 2019 (vor
stehend E. 4.
7
) und Mai 2020
(vorstehend E. 4.
10
)
bestätigte er
die Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung, ging jedoch von einer derzeit mittelgradi
gen Ausprägung der depressiven Störung aus.
Ferner
habe sich
die Beschwerde
führerin nach der stationären
Hospitalisation
vom
1
8.
Februar bis 2
6.
März 2019
zur Intensivierung der Behandlung zusätzlich vom
8.
April bis
6.
Juni 2019 Teil
zeit in
eine Tagesklinik begeben und nehme seither weiterhin engmaschig
ambu
lant psy
chiatrisch-psychotherapeutische
Konsultationen
in Anspruch (vgl.
vor
stehend E. 4.
7
).
5.
5
Mit der vom behandelnden Psychiater neu genannten Diagnose einer kombinier
ten Persönlichkeitsstörung
sowie der in psychiatrischer Hinsicht erhöhten Behandlungsintensität
(stationäre
Hospitalisation
,
teilstationäre
Behandlung
und
engmaschige ambulante Betreuung
)
bestehen
somit
gewichtige
Hinweise
auf eine
möglicherweise anspruchsrelevante Veränderung des Gesundheitszustands
der Beschwerdeführerin
, welchen
eine Relevanz nicht ohne Weiteres abgesprochen werden kann.
Persönlichkeitsstörungen treten bekanntermassen meist in der Kindheit oder in der Adoleszenz in Erscheinung und bestehen während des Erwachsenenalters weiter (
Dilling
/
Mombour
/Schmidt (Hrsg.), ICD-10,
Internationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch-diagnostische Leitlinien, 1
0.
Auflage, S. 274). So hielt RAD-Ärztin
Dr.
F._
in ihrer Stellungnahm
e vom März 2020 (vorstehend E. 4.
8
)
insbesondere fest, dass bei einer unauffälligen Schul- und Berufslaufbahn die allgemeinen Voraussetzungen gemäss ICD-10 für eine Persönlichkeitsstörung nicht erfüllt wären.
Die
für eine
diesbezügliche
Beur
teilung erforderliche
n
Abklärungen wurden durch die Beschwerdegegnerin indessen nicht getätigt
, sodass einzig
gestützt auf die
Beurteilung
der RAD-Ärztin
eine anspruchsrelevante Verschlechterung des Gesundheitszustands der Beschwerde
führerin nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann.
Der
Beurteilung
durch RAD-Ärztin
Dr.
F._
gingen
ferner
keine eigenen Unter
suchungen voraus
, was deren Beweiswert
(vgl. vorstehend E. 1.5
)
grundsätzlich schmälert.
Praxisgemäss kommt einer reinen Aktenbeurteilung des RAD im Ver
gleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Expertise, welche auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen widerspruchsfrei begründet, nicht der gleiche Beweiswert zu (Urteil des Bundesgerichts 8C_971/2012 vom 1
1.
Juni 2013 E. 3.4).
Des Weiteren kann gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
auf das Ergebnis versicherungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom
3.
Oktober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf BGE 139 V 225 E.
5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
5.
6
Nach dem Gesagten vermag die Aktenbeurteilung durch RAD-Ärztin
Dr.
F._
mangels einer diesbezüglich plausiblen Begründung
die vom behandelnden Psychiater gestellte Diagnose sowie eine möglicherweise relevante Verschlechte
rung des Gesundheitszustands nicht zu widerlegen. Für das Beweismass des Glaubhaftmachens genügt es, dass für das Vorhandensein des geltend gemachten rechtserheblichen Sachumstandes wenigstens gewisse Anhaltspunkte bestehen (vorstehend. E.
1.3-1.4
).
Mit den
zuhanden der Taggeldversicherung erstatteten Berichten und
den
von der
Beschwerdeführerin eingereichten Berichten des
behandelnden Psychiater
s und der darin
neu genannten Diagnose einer kombi
nierten Persönlichkeitsstörung
liegen konkrete Anhaltspunkte
für eine mögliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
seit
der letztmaligen Prüfung der Verhältnisse
im April 2019
vor
, womit die
entsprechend erhöhten Anforderungen an das Beweismass des Glaubhaftmachens
hinsichtlich einer
erst kürzlich erlassenen Ablehnungsver
fügung (vgl. vorstehend E. 1.3 und E. 5.3
)
erfüllt sind
.
Die
Beschwerdeführerin
hat mit
den von ihr eingereichten medizinischen Berich
ten eine Verschlechterung seit April 2019 zumindest glaubhaft dargelegt.
5.
7
Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, dass das Verfahren zu erneuten Prüfung auch des ersten Gesuchs vom 2
9.
Mai 2018 an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen sei (
Urk.
1 S. 6
Ziff.
4)
,
ist festzuhalten, dass
die
Verfügung vom
3.
April 2019
(
Urk.
7/57) unangefochten in Rechtskraft erwuchs.
Das
vorliegende Verfahren
bezieht sich
demzufolge
auf das
Leistungsgesuch vom 2
8.
März 2019
, auf welches die Beschwerdegegnerin mit
der vorliegend angefochtenen Verfü
gung vom 1
3.
März 2020
nicht eintrat -
folglich ist
einzig
das Eintreten streitig
.
5.
8
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdegegnerin auf die Neuanmel
dung der Beschwerdeführerin
vom 2
8.
März 2019
zu Unrecht nicht eingetreten ist. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen
und
die Sache zur materiellen Beur
teilung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6.
6.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
Versicherungsleistunge
n geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts
kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert fest
zulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
700.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der
Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen.
6.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
die
vertretene Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
6.3
Nach
§
34
Abs.
1
GSVGer
hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
).
Die Beschwerdegegnerin ist daher zu verpflichten, der Beschwerdeführerin in Anwendung des gerichtsüblichen Stundenansatzes von
Fr.
220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ein
e Prozessentschädigung von
Fr.
1’800--
(inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) auszurichten.