Decision ID: 84295d2b-887c-443e-81ac-f5333a35fe96
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1974, ist seit 1998 bei der
Y._
AG
als Bodenleger angestellt, wobei der letzte Arbeitstag am 15. Mai 2017 war (Urk. 7/6; Urk. 7/19 Ziff. 2.2). Unter Hinweis auf eine Polyarthritis mel
dete er sich am 4. Oktober 2017 bei der Invalidenversicherung zum Leistungs
bezug an (Urk. 7/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab, zog Akten der Kranken
taggeldversicherung bei (Urk. 7/11; Urk. 7/45; Urk. 7/55-56) und holte ein
bidis
zi
plinäres
psychiatrisch-rheumatologisches Gutachten ein, das am 14. November 2019 erstattet wurde (Urk
.
7/95).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 7/99-107) verneinte die IV-Stelle
mit Verfügung vom 9. Juli 2020 einen Rentenanspruch (Urk. 7/113
= Urk. 2).
2.
2.1
Der Versicherte erhob am 8. September 2020 Beschwerde gegen die Verfügung vom 9. Juli 2020 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihm ab dem 1. Mai 2018 eine Rente gestützt auf einen Invaliditätsgrad von mindestens 60 % zuzusprechen, eventuell sei die Sache zur Einholung eines neuen medizini
schen Gutachtens an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, subeventuell sei vom hiesigen Gericht ein medizinisches Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. Sodann wurde die Durchführung einer öffentlichen Verhandlung im Sinne von Art. 6 EMRK
sowie in deren Rahmen eine persönliche Befragung
beantragt (Urk. 1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 19. Oktober 2020 (Urk. 6)
die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde dem Beschwerdeführer am 22. Dezem
ber 2020 mit der Mitteilung zur Kenntnis gebracht, dass über
den Antrag auf Durchführung einer Gerichtsverhandlung sowie über allenfalls vom Gericht als nötig erachtete weitere Verfahrensschritte zu einem späteren Zeitpunkt entschie
den werde (Urk. 8).
2.2
Am 28. April 2021 lud das hiesige Gericht die Parteien zur Hauptverhandlung vom Montag, 31. Mai 2021, vor (Urk. 9). Am Freitag, 28. Mai 2021, teilte Rechts
anwalt
Aliotta
telefonisch (Urk. 14) und schriftlich (Urk. 15) mit, er ziehe den Antrag
auf
Durchführung einer öffentlichen Verhandlung im Namen des Be
schwerdeführers zurück. In der Folge wurde die Hauptverhandlung bei allen Be
teiligten kurzfristig abgesagt.
Am 2. Juni 2021 reichte Rechtsanwalt
Aliotta
ein
erklärendes
Schreiben ein
(Urk. 16)
, welches der Beschwerdegegnerin mit Verfü
gung vom 3. Juni 2021 zur Kenntnisnahme zugestellt wurde (Urk. 17).
Am 10. Juni
2021 (Urk. 19) äusserte er sich erneut zu den Umständen
betreffend die abgesagte Hauptverhandlung.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
tu
rierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7,
Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
li
di
tätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medi
zinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht
erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Janu
ar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.4
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V
281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 7.4).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) gestützt auf das psychiatrische (richti
g:
bidisziplinäre
psychiatrisch
-rheumatologische) Gut
achten vom November 2019 davon aus, dass in der bisherigen Tätigkeit keine, in einer angepassten Tätigkeit hingegen eine 80%ige Arbeitsfähigkeit bestehe (S. 1 unten). Das Belastungsprofil beinhalte körperlich leichte, wechselbelastende
und dabei überwiegend sitzende Tätigkeiten ohne grobmotorische Beanspru
chung
der Hände bei Kälte und Nässe (S. 2 oben).
Das
Valideneinkommen
betrage gestützt auf die Lohnangaben des Arbeit
geber
fragebogens Fr. 76'346.50, das Invalideneinkommen betrage gestützt auf statis
tische Angaben Fr. 53'442.70. Bei einem Invaliditätsgrad von 30 % bestehe somit kein Rentenanspruch (S. 2 Mitte).
Die Beurteilung der im
Einwandverfahren
eingereichten neuen medizinischen Unterlagen durch den Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) habe ergeben, dass es
durch einen Schub der rheumatoiden Arthritis vorübergehend zu einer Ver
schlech
terung gekommen sei. Eine dauerhafte Verschlechterung sei hingegen nicht aus
gewiesen. Auch aus psychiatrischer Sicht habe kein neuer Sachverhalt dargelegt werden können. Deshalb werde weiterhin auf das Gutachten vo
m
November 2019 abgestützt. Ein leidensbedingter Abzug könne nicht gewährt werden, da dieser bereits in der Berechnung des Invalideneinkommens berücksichtigt worden sei
.
Zur bemängelten Qualifikation der Übersetzerin beim Gutachten sei zu sagen, dass diese zertifiziert sei und anlässlich de
r Begutachtung
keine Einwände
gegen diese
getätigt worden seien. Zudem habe der Beschwerdeführer angegeben, er benötige bei der psychotherapeutischen Behandlung keine Übersetzung (S. 2 unten).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
auf das
bidisziplinäre
Gutachten vom November 2019 könne nicht abgestellt werden (S. 5 f. Ziff. 2.2). Im Rahmen der Begutachtungen hätten massive sprachliche Schwierigkeiten vorgelegen. Zentrale Fehler der Übersetzung könnten nur durch
mangelhafte
Übersetzung erklärt werden. Die Beschwerdegegnerin habe die Qualifikation und den Namen der Übersetzerin offenzulegen (S. 6 Ziff. 2.3).
Nach Durchführung der medizinischen Begutachtung sei eine bleibende Ver
schlec
hterung des Gesundheitszustands in rheumatologischer Hinsicht eingetre
ten. Dies gehe aus der aktuellen rheumatologischen Untersuchung vom 24. Juli 2020 ebenso hervor wie eine lediglich 20%ige Arbeitsfähigkeit seit dem 1. Juni 2019 (S. 7 Ziff. 2.4). Dies gelte auch in leidensangepasster Tätigkeit, weshalb das von der Beschwerdegegnerin angenommene Invalideneinkommen in keiner Art und Weise zutreffe (S.
7
Ziff. 2.6). Sodann sei angesichts des beruflichen Werde
gangs und der bisher ausgeübten schweren körperlichen Tätigkeiten ein leidens
bedingter Abzug vorzunehmen
(S. 8 Ziff. 2.7). Der Invaliditätsgrad betrage min
destens 60 %, weshalb seit dem 1. Mai 2018 ein Rentenanspruch gegeben sei (S. 8 Ziff. 2.8).
2.3
Strittig und zu prüfen ist somit der Leistungsanspruch des Beschwerdeführers und
dabei insbesondere die Frage, ob auf das
bidisziplinäre
Gutachten vom 14. Novem
ber 2019 abgestellt werden kann.
3.
3.1
Die Ärzte des Instituts für Radiolog
ie und Nuklearmedizin des S
pitals
Z._
führten im Bericht zur nativen Magnetresonanztomographie (MRI) der Hals
wirbelsäule (HWS) vom 13. Juni 2017 (Urk. 7/11/8-9) aus, es zeige sich k
eine fortgeschrittene
neuroforaminale
Einengung, keine Nervenwurzelkompression, jedoch eine leichte multisegmen
tale
Spondylarthrose
mit leicht
gradiger
neuro
foraminaler
Einengung
zwischen dem 4. und 5. Halswirbel (
C4/C5
)
links sowie C5/C6 beidseits. Im Übrigen
bestehe eine
unauffällige Darstellung der HWS.
3.2
Dr. med. A._
, praktischer Ar
zt, nannte im Bericht vom 5. Juli 2017 (Urk. 7/11/7) als Diagnose ein
zervikobrachiales
Schmerzsyndrom rechts und als Differentialdiagnose (DD) eine
Periarthritis
humeroscapularis
(PHS)
.
Seit Juni bestünden hartnäckige Schmerzen in der rechten Schulter.
Zuerst habe der Be
fund als
zervikothorakales
Schmerzsyndrom, jetzt eher als PHS imponiert.
Trotz adäquater Schmerz- und Physiotherapie sei es zu keiner wesentlichen Verbesse
rung gekommen.
3.3
Die Ärzte der Klinik für Rheumatologie des
S
pitals
Z._
nannten im Austrittsbericht vom 23. August 2017 (Urk. 7/1) über die
Hospitalisation
des Be
schwerdeführers vom 21. bis 23. August 2021 folgende, hier verkürzt wiederge
gebenen Diagnosen (S. 1):
-
chronische Polyarthritis, DD rheumatoide Arthritis
-
Vitamin D-Mangel, Erstdiagnose (ED) 21. August 2017
-
z
ervikospondylogenes
Schmerzsyndrom linksbetont, DD
Periarthropathia
humeroskapularis
beidseitig
-
Nikotinabusus, täglich 1 Paket
-
Nadelphobie
Die Zuweisung sei aus dem Ambulatorium der Rheumatologie we
gen seit Juni bestehender zervi
kaler Schmerzen mit Ausstrahlung über die rechte Schulter und den lateralen Oberarm rechts erfolgt. Im Verlauf bestehe die gleiche Symptoma
tik über die linke Schulter (S.
2 oben).
Bei Eintritt habe
sich eine uneingeschränkte Be
weglichkeit der Halswirbelsäule (HWS) mit Schmer
z
angabe
nuc
hal
bei Rotation ab 60 Grad bei
d
seits sowie bei Lateralflexion nach rechts gezeigt.
Sonographisch
hä
tten sich
Synovitiden
dritten Grades di
verser Handgelenke beidseits und an der rechten Schulter eine Bursitis
anterior
gezeigt (S. 2 Mitte).
Die Arbeitsunfähigkeit betrage 100 % vom 21. August bis 6. September 2017, anschliessend gemäss Rheumaarzt (S. 2 unten).
3.4
Am 7. September 2017 (Urk. 7/11/10-1
2
) beric
hteten die Rheumatologen des Z._
(vorstehend E. 3.3), der Patient habe gut angesprochen auf Steroid und
Metho
trexat
(S. 2 Ziff. 4). Am aktuellen Arbeitsplatz bestehe eine zumutbare Belast
barkeit von 40 % (S. 2 Ziff. 6.1). Es sei damit zu rechnen, dass die ursprüngliche Arbeitstätigkeit
wieder aufgenommen
werden könne (S. 2 Ziff. 7.2).
3.5
Am 16. Januar 2018 (Urk. 7/25 = Urk. 7/28) h
ielten die Rheumatologen des Z._
fest, es sei aktuell unter Medikation von
einer geringen Krankheitsaktivität
der rheumatoiden Arthritis von 12 auf dem
Crohn's
Disease
Activity
Index (CDAI) auszugehen. Der Patient kla
ge aber
über zu
nehmende
Raynau
d-Anfälle, insbe
sondere bei Käl
teexposition nach Wiederaufnahme der Arbeit mit 25 %. Prin
zipiell se
i gegen eine stufenweise Steige
rung der Arbeitsfähigkeit nichts einzu
wenden unter der Voraussetzung, dass eine Kälteexposition am Arbeitsp
latz ver
mieden werden könne (S. 1 unten).
Zusätzlich falle
aber auch eine psychische Belas
tungssituation mit Tendenz zur Depression und Schlafstörungen sowie wie
derholten Panikattacken auf. Langfristig sei sicher eine Anpassung der Arbeits
stelle oder
eine
Umschulung zu prüfen (S.
2
oben
)
.
3.6
Im Bericht vom 15.
Mai
2018 (Urk. 7/41) n
annten die Rheumatologen des Z._
als Diagnose unter anderem eine psychovegetative Reaktion bei Verdacht auf eine
somatoforme Schmerzstörung und eine Begleitdepression (S. 1 Ziff. 2.1).
Es sei ab 1. Fe
bruar 2018 eine 50%ige Arbeitsfä
higkeit möglich für
leichte Tätigkeiten ohne Kälteexposition und langes Überkopfarbeiten sowie ohne
B
elastung der Hand- und Fingerge
lenke monoton und über 10 kg (
S. 1
Ziff. 1.1). A
ktuell zeigten sich aus rheumatologischer Sicht vier
druckschmerzhafte Gelenke, insbesondere
am
Kni
egelenk links, an den Handgelenken beid
seits und
am
proximale
n
Inter
phalangealgelenk
(PIP II)
beidseitig. Im Vordergrund stehe die psychosoziale Be
lastungssituation. Es sei eine psychosomatische Rehabili
tationsbehandlung vor
ge
schlagen wor
den, welche jedoch vom Beschwer
deführer
abgelehnt worden sei (S. 2 Ziff.
2.2).
3
.
7
Dr. med. B._
, Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabili
t
ation, und Dr. med. C._
, Fachärztin für Psychiatri
e und Psychotherapie, D._
, erstatteten am 17. Juli 2018 ihr
bidisziplinäres
Gutachten zuhanden der Krankentaggeldversicherung (Urk. 7/45).
Dr. B._
nannte im rheumatologischen Teilgutachten (Urk. 7/45/1-19) als Dia
gnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 17 Ziff. 6.3) eine
seropo
sitive
rheumatoide Arthritis (ICD-10 M05.30), ED August 2017, aktuelle Zeichen einer Kapselreizung beider Schultern im Sinne eines PHS,
DD
Vaskulitis
bei
sero
posi
tiver
chronischer Polyarthritis, n
icht näher bezeichnete Lokalisation
(M05.29).
Im klinischen Untersuchungsbefund sei ein positiver Gelenksbefund beider Schul
tern bei hier jedoch gleichzeitig auch bewusstseinsnaher, schmerzausweitender Beschwerdepräsentation zu erheben (S. 16 Mitte Ziff. 5). Es fänden sich ein
deutige Zeichen der rheumatologischen Grunderkrankung im Sinne der auto
immun-vermittelten Pathologie mit begleitenden
arthrogenen
,
ligamentären
Erkrankungszeichen, die unter der durchgeführten Kombinationsbehandlung
re
gre
dient
, jedoch weiterhin leistungslimitierend aufträten. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit mit hohen Belastungsanforderungen an den Bewegungsapparat sowohl für statische und dynamische Anforderungen an die Gelenke und entsprechend an den Muskelsehnenapparat wie auch die dabei häufig auftretenden klima
ti
schen Anforderungen und repetitiven Arbeitsaufgaben seien aus rheumaortho
pädischer Sicht nicht leidensgerecht. Für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sei somit auf Dauer eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % zu attestieren. Für Tätigkeiten unter A
usschluss klimatischer Faktoren, mit Wechselbelastung,
unter Vermeidung von Heben und Tragen schwerer Lasten über 5 kg sowie einarmig über 2 kg und Ver
meidung von Zwangshaltung sei eine Arbeitsfähigkeit von 100 % anzunehmen. Die erhaltene Alltagsaktivität unterstütze die Annahme einer Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten (S. 16 f. Ziff. 5).
Dr. C._
nannte im psychiatrischen Teilgutachten (Urk. 7/45/20-32) folgende Diagnose (S. 9 Ziff. 4):
-
DD Anpassungsstörung (F43.2), leichtgradige depressive Episode (F32.1)
Im AMDP-konform e
rhobenen psychiatrischen Befund
finde sich eine depressive Verstimmung. Die Symptomatik habe sich in engem Zusammenhang mit der Schmerzsymptomatik auf Grundlage der körperlichen Erkrankung entwickelt. Der aktuelle Befund, die Angaben zur Alltagsaktivität und die durchgeführte Behand
lung sprächen für eine depressive Symptomatik in Verbindung mit belastenden Lebensereignissen, hier dem Auftreten einer körperlichen Erkrankung. Die Beschwerden seien somit der ICD-10 Diagnose einer Anpassungsstörung zuzu
ord
nen. Deren Prognose sei grundsätzlich günstig. Hier sei allerdings der Verlauf in erster Linie abhängig von der Entwicklung der körperlichen Erkrankung. Differentialdiagnostisch könne eine leichte depressive Episode erwogen werden (S. 10 f
.
Ziff. 5). Der angegebene chronische Schmerz im Bewegungsapparat sei
keiner anhaltenden somatoformen Schmerzstörung zuzuordnen, sondern es handle
sich um eine Erkrankung aus dem rheumatologischen Formenkreis. Zusammen
fassend bestehe keine psychiatrische Erkrankung mit Einfluss auf die Arbeits
fähigkeit, da die vorliegende depressive Störung eher leichtgradig ausgeprägt sei und die anamnestisch aufscheinende Alltagsaktivität für eine leistbare Arbeits
aufnahme spreche (S. 11 Mitte Ziff. 5). Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sei dem Beschwerdeführer bei einem Rendement von 100 % zu 100 % zumutbar (S. 12 Ziff. 5).
Gemäss der gutachterlichen Konsensbeurteilung (Urk. 7/45/33-34) sei die Arbeits
fähigkeit in der angestammten Tätigkeit aufgrund der rheumatologischen Grund
erkrankung nicht mehr gegeben. In angepassten Tätigkeiten sei jedoch von einer vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen.
3.8
Die Ärzte der
Klinik für Rheumatologie des Z._
(vorstehend E. 3.3)
führten im Bericht vom 31. August 2018 (Urk. 7/47/1-2) zur Verlaufskontrolle und Stellung
nahme zum
D._
-Gutachten (vorstehend E. 3.7) aus, aktuell seien keine
Syno
vialitiden
objektivierbar und es liege keine manifeste systemische Entzün
dungs
aktivität vor.
Insgesamt seien d
ie ausgeprägten
muskuloskeletta
len
Beschwerden nicht nur durch die entzündlich-rheumatologische Grunderkrankung bedingt. Es
liege ein depressiv überlagertes Schmerzsyndrom vor. Eine Aufnahme der Arbeits
tätigkeit zu 100 % erscheine auch für nur leichte Tätigkeiten
derzeit
nicht rea
listisch. Die Behandlung der Depression erscheine
aktuell
diesbez
üglich prognose
be
stim
mend (S. 2
).
3.9
Dr. med. E._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
F._
,
führte in ihrer Stellungnahme vom 20. September 2018 (Urk. 7/47/3-6) zum
D._
Gutachten (vorstehend E. 3.7) aus, der Beschwerdeführer befinde sich seit dem 14. Februar 2018 in regelmässiger Behandlung. Er werde von der delegiert arbeitenden
Psy
chotherapeutin
G._
zirka einmal wöchentlich
behandelt, wo
bei die Behandlung
auf
Spanisch b
eziehungsweise Portugiesisch
erfolge
(S.
1 oben). Es sei die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode (F32.1) zu stellen (S.
3 unten).
Wenn sich die Schmerzen aus rheumatologischer Sicht nicht vollumfänglich durch die körperliche Erkrankung erklären
liessen, sollte die Dia
gnose ei
ner chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fak
tor
en (F45.41) gestellt werden (S.
4 Mitte).
Mit der Einschätzung der psychia
tri
schen Teilgutachterin, dass der Beschwerdeführer in seiner angestammten Arbeit
zu
100
% arbeitsfähig sein, werde nicht übereingestimmt.
Es werde eine Belas
tungs
erprobung, b
eginnend zunächst in einem Pensum von 20 %
, in ange
passter Tätigkeit empfohlen (S.
4 unten).
3.10
Die Ärzte des Z._
(vorstehend E. 3.3) führten im Bericht vom 19. Dezember 2018 (Urk. 7/56 = Urk. 7/59) aus,
d
er Patient sei bis auf Weiteres nicht imstande, Ar
beiten unter Raumtemperatur durchzuführen. Schwere und mittelschwere kör
perliche Tätigkeiten seien nicht möglich, ebenso wenig Arbeiten in Zwangshal
tung. L
eichte Tätigkeiten in Wechselbe
lastung
seien theoretisch zumutbar (S.
3 Mitte
)
3.11
Im Bericht vom 2. Oktober 2019 (Urk. 7/92 = Urk.
7/94) nannten die Ärzte des Z._
neu folgende Diagnose (S. 2 Ziff. 1.3):
-
lumbospondylogenes
bis
radikuläres
Schmerzsyndrom des fünften Len
den
wirbels (L5) rechts, Erstmanifestation (EM) im September 2019
-
MRI vom 30. September 2019:
Osteodiskal
bedingte
neuroforaminale
Stenose rechts mit Affektion der Nervenwurzel L5 rechts.
Spondyl
arthrosen
L3/4, L4/5 und L5/S1 ohne Hinweise für eine Aktivierung
Die rheumatoide
Arthritis werde in Remission be
griffen interpretier
t, mit jedoch aktuell nun
lumboradikulärem
Schmerz-
und leichtem motorischem Ausfall
syn
drom L5 rechts. Sicherlich wirke sich der neue Befund a
uf die Arbeitsfähigkeit aus (S.
3 oben
).
4.
4.1
Dr. med. H._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Dr. phil.
I._
, Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP,
und Dr. med. J._
, Facharzt für Rheumatologie und für Allgemeine Innere Medizin, erstatte
ten am
14. November 2019 ihr
bidisziplinäres
psychiatrisch-rheumatologisches
Gutachten
mit neuropsychologischer Untersuchung
(Urk. 7/95).
4.2
Dr.
J._
nannte im r
heumatologischen Teilgutachten (Urk. 7/95/55-74) fol
gende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 12 Ziff. 6.1):
-
seropositive
rheumatoide Arthritis, ED
August
2017
-
aktuell ohne Hinweise für eine
Arthritisaktivität
-
Status nach
Synovitiden
an Hand- und Fingergelenken, konventionell-radiologisch ohne
erosive
Veränderungen
-
primäres Raynaud-Syndrom an den Fingern
-
zunehmende Somatisierungsstörung im Rahmen einer Schmerzverarbei
tungsstörung mit
-
diffuser Schmerzdominanz und Oberflächensensibilitätsverminderung der gesamten rechten Körperhälfte
Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 13 Ziff. 6.1.2) nannte er eine Schmerzverdeutlichung mit Selbstlimitierung, Diskrepanzen und Inkonsi
stenzen.
Die Untersuchung habe keine
Synovitiden
oder
Arthritisaktivitäten
an den Ge
lenken, eine freie und schmerzlose Beweglichkeitsprüfung segmental
panaxial
sowie eine deutliche
Fehlform
im oberen Abschnitt der Brustwirbelsäule (BWS) im Rahmen einer Kyphose gezeigt. Das Schmerzverhalten sei auffällig diskrepant gegenüber den reproduzierbaren Befunden und dem spontanen Bewegungsver
halten, sofern sich der Versicherte nicht beobachtet fühle. Es werde eine be
wusstseinsnahe Verdeutlichung und Selbstlimitierung wie auch eine Somatisie
rungs
störung im Rahmen einer Schmer
z
verarbeitungsstörung beurteilt (S. 11 oben Ziff. 4.3). Es handle sich um eine komplexe Schmerzentwicklung mit soma
tischen und psychischen Anteilen (S. 13 Ziff. 6.2). Die Frage nach einer somato
formen Schmerzstörung müsse psychiatrisch beurteilt werden (S. 15 Ziff. 7.1).
Aufgrund der Angaben des Versicherten seien die Einschränkungen des Aktivi
tätsniveaus in vergleichbaren Lebensbereichen unterschiedlich und inkonstant. So erwähne er die Unmöglichkeit, im Haushalt mitzuhelfen, jedoch unternehme er regelmässige Spaziergänge und Wanderungen, gehe mit dem jüngeren Sohn auch schwimmen und pflücke zeitweise in seinem Schrebergarten Unkraut. Zu
dem treffe er Kollegen zum
sozialen Austausch. Bei der Be
fragung und im spon
tanen Bewegungsverhalten sei kein Schonverhalten im Bereich der Hände feststellbar gewesen (S. 16 f. Ziff. 7.5).
In der bisherigen, erheblich gelenk-, weichteil- und wirbelsäulenbelastenden Arbeit sei eine bleibende volle Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen. Man müsse davon ausgehen, dass sich die
Arthritiskrankheit
immer wieder schubartig reaktivieren könne, vor allem unter anhaltend grösseren Belastungen. Dazu komme eine deut
liche
Fehlform
der oberen BWS. Das Ausmass der Somatisierungsstörung mit einem Ganzkörperschmerzsyndrom betont rechts und diffuser Ausbreitung wirke zusätzlich limitierend (S. 17 Ziff. 8.1).
In einer wirbelsäulenschonenderen Tätigkeit ohne grobmanuelle Aktivitäten und ohne kaltfeuchte Exposition, mit Vermeiden von repetitiv längeren Wegstrecken
, Wegstrecken
auf der Treppe/Leiter oder auf unebenem Boden und ohne kniende Arbeitspositionen werde eine zumutbare 80%ige Arbeitsfähigkeit ohne Ein
schrän
kung der Leistungsfähigkeit beurteilt. Die verbleibende Arbeitsunfähigkeit von 20 % sei auch in einer Verweistätigkeit begründet, indem bei einem solchem Schmerzsyndrom mit Somatisierungsstörung immer wieder kurze Pausen einge
halten werden müssten. Die bewusstseinsnahen Elemente würden dabei berück
sichtigt und von den limitierenden Schmerzwahrnehmungen im Rahmen der Soma
tisierungsstörung abgegrenzt. Um dem Versicherten gerecht zu werden, sei das Attestieren einer bleibenden 20%igen Arbeitsunfähigkeit korrekt und nach
vollziehbar
.
Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit werde mit Beginn ab Mitte 2018 datiert, ab 1. Februar 2018 bis Mitte 2018 habe eine Arbeitsfähigkeit von 50 % bestanden
(S. 17 f. Ziff. 8.2
).
Solche Schmerzentwicklungen könnten therapeutisch weder alleine rheumato
logisch noch psychiatrisch positiv beeinflusst werden. Das Thema müsse mehrdis
ziplinär angegangen werden (S. 18 Mitte Ziff. 8.3)
. Als medizinische Massnahme werde eine mehrwöchige stationäre psychosomatische Rehabilitation empfohlen. Dr.
J._
sei bemüht, sich nicht in eine Diskussion betreffend psychiatrischer Diagnostik zu begeben, sondern sich an rheumatologisch-somatische Aspekte zu halten, meine aber, dass es im Rahmen einer solchen Schmerzentwicklung Sinn mache, sich als Rheumatologe nicht nur somatisch zu äussern (S. 19 Ziff. 8.3).
4.3
Dr.
phil.
I._
kam in ihrem Bericht zur
neuropsychologischen
Untersuchung
(Urk. 7/95/75-88) zum Schluss, es sei beim Beschwerdeführer von einer leichten neuropsychologischen Störung auszugehen. Die Funktionsfähigkeit sollte im All
tag und unter den meisten beruflichen Anforderungen nicht eingeschränkt sein. Bei Aufgaben und Tätigkeiten mit hohen kognitiven Anforderungen dürfte die
Funktionsfähigkeit aber leicht eingeschränkt sein. In der angestammten Tätigkeit als Bodenleger dürfte er aus rein neuropsychologischer Sicht nicht relevant einge
schränkt sein, die Arbeitsunfähigkeit betrage zirka 10 % (S. 10 Mitte).
4.4
Im psychiatrischen Teilgutachten (Urk. 7/95/23-54) nannte Dr.
H._
folgen
de Diagnosen (S. 21 Ziff. 6.1; vgl. auch Konsensbeurteilung S. 6 Ziff. 4.2):
-
rezidivierende depressive Erkrankung, gegenwärtig leichtgradig ohne somatisches Syndrom (F33.00)
-
anhaltende Schmerzstörung (F45.4) in leicht- bis mittelgradiger Ausprä
gung in Abgrenzung zu einer erheblichen Verdeutlichung bis Aggravation
Die gesamte Untersuchung sei in Anwesenheit einer zertifizierten Übersetzerin für Portugiesisch durchgeführt worden. Der Versicherte habe keine Einwände ge
genüber der Übersetzung durch die Übersetzerin benannt. Er habe jedoch ange
geben, dass die Psychotherapie ohne Übersetzung durchgeführt werde (S. 3 Mitte Ziff. 1.1).
Der Versicherte sei mit dem Auto etwa 40 Minuten vor dem angegebenen Termin
vor der Praxis vorgefahren, wobei er vom Untersucher zufällig beobachtet worden
sei. Der Versicherte habe den Untersucher nicht gekannt. Er sei mit dem eigenen Auto vorgefahren, habe das Lenkrad ohne Einschränkungen führen und sich entsprechend beim Rückwärtsfahren ohne Einschränkungen bewegen können. Es sei in der etwa 10-sekündigen Interaktion ein interaktionell kompetentes Gegen
über ohne erhebliche Einschränkungen zu dokumentieren gewesen. Der Versi
cherte habe den Untersuchungsraum mit schwersten Einschränkungen, Schon
haltung und schmerzverzerrtem Gesicht betreten. Er habe den Stift aufgenommen und diesen nicht führen können. Er habe angegeben, er könne aufgrund der Schmerzen nicht unterschreiben. Als er gebeten worden sei
,
trotzdem unter Um
ständen einfach nur drei Kreuze zu machen, sei unter schmerverzerrtem Gesicht, stöhnend und verzweifelt wirkend
,
eine Unterschrift unter die Schweigepflicht
entbindung gesetzt worden. Es habe sich innerhalb dieser Interaktion gezeigt, dass zwei vollständig verschiedene Gegenüber agierten (S. 13 Ziff. 3).
Der Versicherte sei auf die erhebliche Inkonsistenz in Interaktion, Körpersprache und Habitus aufmerksam gemacht worden. Es sei dann (erneut) ein vollständig anderes Gegenüber zutage getreten. Die Körpersprache habe sich geändert und die Schonhaltung sei aufgegeben worden.
Er habe angegeben, er könne eben das Lenkrad halten und müsse hier nicht die Hände öffnen und schliessen. Das müsse man verstehen. Als er darauf hingewiesen worden sei, dass er das Lenkrad erheb
lich drehen müsse, so dass er die eine Hand lösen und seinen Körper nach hinten drehen müsse, um im Rückwärtsgang entsprechend adäquat zu agieren, habe der
Versicherte angegeben, er wolle hierzu nichts mehr sagen. In der gesamten anderen Untersuchungszeit habe sich eine ausgeprägte Schonhaltung mit Angabe von schwersten Schmerzen gezeigt. Der Versicherte habe etwa alle 5 Minuten auf
stehen müssen und angegeben, er könne aufgrund der schwersten Schmerzen nicht sitzen. Er habe sich immer wieder an die Schulter, an den Arm oder ans Bein gegriffen. Teilweise seien ihm vor Schmerzen Tränen in die Augen gekom
men. Es fänden sich somit zwei vollständig unterschiedliche Versionen der Inter
aktion (S. 19 Mitte Ziff. 3.2). Die geänderte Interaktion habe zirka 10 Minuten gedauert (S. 19 Ziff.
4.
1).
Nach Angaben des Versicherten seien die schweren Schmerzen sein Problem. Die Hände seien den ganzen Tag schmerzhaft. Am Morgen seien sie so eingefroren, dass er sie zunächst in kaltes Wasser halten müsse. Auch bei Nachfrage sei eis
kaltes Wasser angegeben worden, obwohl bei ihm ja ein Raynaud-Phänomen vorliege (S. 13 Ziff. 3.1)
.
Mit der behandelnden Fachärztin spreche der Beschwerdeführer auf Portugie
sisch, wobei seine Ehefrau übersetze. Mit der behandelnden Psychotherapeutin sei die Kommunikationssprache Spanisch (S. 18 unten
Ziff. 3.2
).
Innerhalb der Aktendokumentation fänden sich unter anderem eine depressive Symptomatik und eine Erkrankung aus dem Formenkreis der somatoformen Stö
rungen (S. 23 oben Ziff. 6.2). Der Versicherte gebe eine
geringgradige
Traurigkeit aufgrund der Umstände der Erkrankung an. Es sei somit ein Hauptsymptom zu dokumentieren. Es komme zur Selbstent
wertung beziehungsweise zu einem Ge
fühl der Wertlosigkeit aufgrund der Erkrankung, zu einer gewissen Gewichts
zu
nahme und zu einer verringerten sexuellen Appetenz seit der Einnahme der
schweren somatischen Medikamente. Es fänden sich somit eine Hauptkom
po
nente
einer Depression und einige Nebenkomponenten, womit zum aktuellen Zeitpunkt
von einer leichten depressiven Symptomatik auszugehen sei (S. 23 Mitte Ziff. 6.2
).
Diese könne auch therapeutisch interpretiert werden. Es finde sich eine rezidi
vierende depressive Erkrankung, da bereits innerhalb der Aktendokumentation wiederholt depressive Symptome von einer Verlaufsdauer von mehr als 2 bis 6 Wochen zu diagnostizieren (gewesen) seien (S. 23 unten Ziff. 6.2).
Innerhalb der neuropsychologischen Untersuchung habe sich eine leichte neu
ro
psychologische Einschränkung gefunden. Diese könne durch eine längerfristig bestehende rezidivierende depressive Erkrankung ätiologisch miterklärt werden. Innerhalb der rheumatologischen Einschätzung (vorstehend E. 4.2) sei bei der Diagnose einer rheumatoiden Arthritis eine Schmerzverarbeitungsstörung mit
erheblicher Verdeutlichungstendenz dokumentiert worden. Es komme zu ausge
prägtem Vermeidungsverhalten über die reine Schmer
z
symptomatik hinaus und somit zu einem entsprechenden Krankheitsgewinn. Bei der anhaltenden Schmerz
störung sei als zusätzliches Kriterium der emotionale Konflikt oder das psycho
soziale Problem zu differenzieren. Es finde sich eine ausgeprägte Gewalterfahrung
in
der Kindheit und Jugend. Zusätzlich ergebe sich aus der Schmerzstörung eine Möglichkeit, Hilfe zu erhalten. Zu thematisieren sei jedoch auch eine erhebliche Verdeutlichung, die sich innerhalb der Interaktion immer wieder zeige. Es müsse
damit differenziert werden zwischen bestehender bewusstseinsferner Sympto
mat
ik und Verdeutlichung bis hin zu Aggravation. Diese Divergenz finde sich auch inner
halb der Untersuchung
. In der Gesamtevaluation in diesem Spannungsver
hältnis sei die somatoforme Schmerzstörung maximal als mittelgradig bis leicht
gradig einzustufen (S. 24 Ziff. 6.2).
Hinsichtlich des Schweregrads der Störung seien beide psychiatrischen Störungen als leichtgradig ausgeprägt zu dokumentieren (S. 24 Ziff. 6.3). Bezüglich der Psychopharmakotherapie fänden sich keine ausreichenden Angaben für einen psychiatrischen Befundbericht, jedoch Hinweise auf einen geringen Leidensdruck, wie etwa die anamnestisch selbständige Absetzung von
Saroten
, welches in der angegebenen Dosierung von 25 mg zudem nicht einmal als initiale Dosierung zu sehen sei
. Zusätzlich zu dokumentieren sei, dass verschiedene antidepressiv wirk
same Medikationen auch eine Zulassung bei Schmerz besässen.
Wellbutrin
habe
diese Zulassung nicht, dennoch werde es beim Versicherten eingesetzt
(S. 26 Mitte
Ziff. 7.2). Insgesamt zeige sich bei regelmässiger psychotherapeutischer Betreu
ung ein gewisser Leidensdruck, der jedoch nicht als stark ausgeprägt zu doku
mentieren sei (S. 27 Mitte Ziff. 7.3).
Es fänden sich zwei vollständig divergente Modi innerhalb der Untersuchung, was als erhebl
iche Inkonsistenz und als eine über eine reine Verdeutlichung hin
ausgehende Struktur zu werten sei. Es sei daher eine deutliche bewusstseinsnahe Aggravation der Bedeutung und des Schmerzbildes sowohl innerhalb der Unter
suchung als auch innerhalb der anamnestischen Darstellung zu dokumentieren. Die realistischen Einschränkungen basierend auf einer psychiatrischen Sympto
matik seien als sehr
geringgradig
anzusehen. Eine somatoforme Schmerzstörung sei bewusstseinsfern und könne nicht einfach im Auto oder innerhalb einer argumentativen Struktur abgeschaltet werden (S. 27 Ziff. 7.3
).
Aus rein psychiatrischer Sicht finde sich in der bisherigen Tätigkeit nur eine sehr
geringgradige
Einschränkung. Der Versicherte könne 8 Stunden pro Tag ohne
Einschränkungen arbeiten (S. 28 Ziff. 8.1). Während dieser Anwesenheitszeit finde
sich eine leichte Einschränkung der Leistungsfähigkeit basierend auf kognitiven
Einschränkungen, die im Bereich von 20 % anzusetzen sei. Es finde sich somit eine 80%ige Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit (S. 28 f. Ziff. 8.1). Als optimal angepasste Tätigkeit sei eine solche vorzuschlagen, die keine erhebliche
n
kognitiven Anforderungen beinhalte. Auszuschliessen
seien zum Beispiel buch
halterische Tätigkeiten sowie der Umgang mit Zahlen und Abrechnungen. In einer angepassten Tätigkeit sei von einer fehlenden Einschränkung der Leistungs
fähig
keit und somit von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (S. 29 Ziff. 8.2
).
4.5
In der Konsensbeurteilung (Urk. 7/95/1-22) gelangten die Gutachter zum Schluss, betreffen
d
die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit sei die rheumato
lo
gische Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zentral. Der Rheumatologe dokumen
tiere eine bleibende volle Arbeitsunfähigkeit als ausgewiesen und begründet
(S. 10 Mitte Ziff. 4.7). In angepasster Tätigkeit betrage die Arbeitsunfähigkeit ab 1. Februar 2018 bis Mitte 2018 50 %. Danach bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 80 % basierend auf der rheumatologischen Einschränkung. Psychiatrisch und neuropsychologisch fänden sich in der angepassten Tätigkeit keine Einschrän
kungen (S. 11 Mitte Ziff. 4.8). Innerhalb der angestammten Tätigkeit sei die rheu
matologische Diagnose als Leitdiagnose bezüglich der Arbeitsfähigkeit anzu
sehen
. In der Zusammenführung der Einschränkungen bleibe diese auch in der ange
passten Tätigkeit als relevant anzusehen. Die psychiatrischen, neuropsycho
logi
schen kognitiven Defizite und anderen psychiatrischen Defizite seien innerhalb dieser Diagnose miteingeschlossen (S. 11 Ziff. 4.9).
Der Rheumatologe gebe expli
zit an, dass er sich nicht nur somatisch, sondern auch anderweitig äussere. Er doku
mentiere damit, dass er innerhalb des rheumatologischen Teilgutachtens auch die vom psychiatrischen Gutachter zu diagnostizierende Schmerz
proble
matik mitberücksichtige (S. 11 f. Ziff. 4.10
).
5.
5.1
Dr. med. K._
, Facharzt für Rheumatologie und für Allgemeine Innere Medizin, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führte in seiner Stellungnahme vom 21. November 2019 (Urk. 7/97 S. 5 f.) aus, auf das beweiskräftige
bidisziplinäre
Gutachten (vorstehend E. 4) könne abgestellt werden.
5.2
Die Ärzte des Z._
(vorstehend E. 3.3) führten in ihrer Stellungnahme vom 15. Januar 2020
(Urk. 7/103)
zum
bidisziplinär
en
Gutachten (vorstehend E. 4) aus, in ihrer Untersuchung würden die Sensibilitätsstörungen nicht - wie im Gut
achten vermerkt –
auf der gesamten rechten Körperhälfte angegeben, sondern im
Dermatom
L5 rechts, was die Relevanz dieser Diagnose untermauere (S. 1 Mitte).
Sie sei im Gutachten zu wenig berücksichtigt worden (S. 1 unten).
Leichte Tätig
keiten in Wechselbelastung seien theoretisch ganz
tags zumutbar. Zumutbar sei
zum Beispiel ein reduziertes Pensum im Rahmen einer Aufsichtstätigkeit (Museum
, Parkwächter et
c
etera
; S.
2)
.
5.3
Am 27. Februar 2020 (Urk. 7/10
6) berichteten die Ärzte des Z._
, es
sei
im Februar 2020
zu einem
e
rneuten Schub der rheumatoiden Arthritis mit Polyarthritis am
PIP II
I rechts und am Handgelenk rechts bei
Verdacht auf
Coxitis
rechts
ge
kom
men (S.
1, Diagnosen).
Es würden nun erneut Steroide ausschleichend einge
setzt. Eine Umstellung auf
Rituximab
mit halbjährlichen Infusionen sei gege
be
nenfalls auch bei Nadelphobie ein gangbarer Weg (S. 2 unten).
Leichte Tätig
keiten in Wechselbelastung
seien theoretisch zumutbar (S.
3 unten
).
5.4
M. Ed.
G._
, Psychotherapeutin ASP, und Dr. med.
univ.
L._
, Facharzt für Psychiatrie und Psy
chotherapie, F._
(vorstehend E. 3.9), nannten in ihrer Stellungnahme vom 4. März 2020 (Urk. 7/105) zum
bidisziplinären
Gutachten (vorstehend E. 4) folgende Diagnosen (S. 5):
-
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (F32.11)
-
chronisches Schmerzsyndrom mit somatischen und psychischen Faktoren (F45.41)
Im Gutachten stehe, dass der Patient am Morgen seine Hände in eiskaltes Wasser halte. Hier müsse sich ein Übersetzungsfehler eingeschlichen haben. Der Patient halte am Morgen seine Hände 15 Minuten in heisses Wasser, dann warte er 20 bis 30 Minuten, halte seine Hände wieder in heisses Wasser und warte wieder. Insgesamt halte er seine Hände etwa 6-7 Mal in heisses Wasser und nehme seine Medikamente ein. Erst danach könne er mit beiden Händen eine Tasse halten (S. 2 oben).
Wenn der Patient seine depressiven Symptome anlässlich der gutachter
lichen Untersuchung nicht von sich aus erwähnt habe, heisse das nicht, dass er nicht an diesen leide. Es sei anzunehmen, dass er nicht genug verstanden habe, worum es sich bei dieser Untersuchung gehandelt habe (S. 2 Mitte). In der Be
handlung habe er nämlich immer wieder betont, wie er Pausen einlegen müsse, wie er schnell ermüde und sein Antrieb vermindert sei (S. 4 oben). Aus psy
chiatrischer Sicht sei der Patient zu 100 % arbeitsunfähig (S. 5
).
5.5
Dr.
K._
vom RAD (vorstehend E. 5.1) führte in seiner Stellungnahme vom 2. Juni 2020 (Urk. 7/112 S. 3) aus, es sei zu einem neuen Schub der rheumatoiden Arthritis gekommen. Damit müsse bei schwankendem Krankheitsverlauf trotz intensiver Therapie leider gerechnet werden. Hierauf sei auch im Gutachten hin
gewiesen worden. Dies führe zu vorübergehenden Verschlechterungen, eine mass
gebliche dauerhafte Veränderung sei dadurch hingegen nicht ausgewiesen. Es könne am rheumatologischen Teilgutachten festgehalten werden.
5.6
Dr. med. M._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, RAD, führte in seiner Stellungnahme vom 12. Juni 2020 (Urk. 7/112 S. 3 f.) aus, es sei aus psychiatrischer Sicht kein neuer medizinischer Sachverhalt dargelegt worden.
Am psychiatrischen Teilgutachten und an der RAD-Stellungnahme vom 21. November 2019 (vorstehend E. 5.1) könne daher festgehalten werden.
5.7
Die Ärzte des Z._
(vorstehend E. 3.3) führten im Bericht vom 24. Juli 2020 (Urk. 3/3) aus, aktuell bestünden
Synovitiden
des PIP III und IV rechts bei ubi
quitärer
Druckdolenz
im Rahmen des sekundären
fibromyalgieformen
Schmerz
syndromes
(S. 2 unten). Die Arbeitsfähigkeit betrage 20 %. Leichte Tätigkeiten in Wechselbelastung seien theoretisch zumutbar (S. 3 Mitte
).
6.
6.1
Das
psychiatrische Teilgutachten
von Dr.
H._
vom
14. November 2019
(E. 4.
4
)
erfüllt die Voraussetzungen an einen beweiskräftigen ärztl
ichen Bericht (E. 1.5
). Seine Beurteilung umfasste das ganze Leistungsprofil mit sowohl ne
gativen als auch positiven Anteilen und ist so verfasst, dass die attestierte Arbeits
unfähigkeit «gleichsam aus dem Saldo aller wesentlichen Be
lastungen und Res
sourcen» (BGE 141 V 281 E. 3.4.2.1) abgeleitet wurde. Der psychiatrische Gut
achter ist bei der Beantwortung der Frage, wie er das Leis
tungsvermögen ein
schätzte, den einschlägigen Indikatoren gefolgt, er hat aus
schliesslich funktionelle Ausfälle berücksichtigt, welche Folge der gesund
heitli
chen Beeinträchtigung sind, und seine versicherungsmedizinische Zumut
bar
keits
beur
tei
lung ist auf objekti
vierter Grundlage erfolgt. Die von der Rechtsan
wen
dung zu prüfende Frage, ob er sich an die massgebenden normativen Rah
men
bedingungen gehalten und das Leistungsvermögen in Berücksichtigung der ein
schlägigen Indi
katoren einge
schätzt hat (BGE 141 V 281 E. 5.2.2), ist zu bejahen. Die funk
tio
nel
len Aus
wirkungen der medizinisch festgestellten gesund
heitlichen Anspruchs
grund
lage lassen sich anhand der Standardindika
toren schlüssig und wider
spruchs
frei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachweisen, weshalb grund
sätzlich auf das Gutachten abzustellen ist.
6.2
Zu Recht wandte Dr.
H._
dem beweisrechtlich entscheidenden Aspekt der Konsistenz
(E. 1.
4
)
sein besonderes Augenmerk zu
.
Anschaulich legte
er
dar,
wes
halb die zwei vollständig divergenten Modi innerhalb der Untersuchung auf eine deutliche bewusstseinsnahe Aggravation der Bedeutung
(
und
)
des Schmerzbildes
schliessen lassen. Dass die realistischen psychiatrischen Einschränkungen nur als sehr
geringgradig
anzusehen
seien
, ist
aufgrund des vorübergehend man
i
fes
tierten kompetenten, beweglichen
und selbstsicheren Gegenübers
ohne weiteres nachvollziehbar. Dies deckt sich
nicht nur mit den Beobachtungen des rheuma
tologischen Mitgutachters (E. 4.2), sondern auch
mit den rund eineinhalb Jahre zuvor anlässlich der
bidisziplinären
Begutachtung zuhanden der Krankentag
geld
versicherung getroffenen Einschätzungen (E. 3.7). Auch hier war vom rheuma
to
logischen Teilgutachter eine bewusstseinsnahe schmerzausweitende Beschwer
de
prä
sentation erhoben worden. Die psychiatrische Gutachterin hatte bei anam
nestisch aufscheinender Alltagsaktivität
auch damals
keine psychiatrische Erkran
kung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt.
Einig mit den Vorgutachtern ging Dr.
H._
auch dahingehend, dass aus psy
chiatrischer Sicht in angepasster Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 100 % bestehe.
Richtigerweise
differenzierte
er
zwischen bestehender bewusstseinsferner Symp
to
matik und der
bewusstseinsnahen
Verdeutlichung beziehungsweise Aggrava
tion. In der Gesamtevaluation in diesem Spannungsverhältnis sei die somato
forme Schmerzstörung maximal als leicht- bis mittelgradig einzustufen.
In affek
tiver Hinsicht ging er von einer aktuell leichtgradigen depressiven Erkrankung aus. Diese Diagnose erscheint als eher grosszügig gestellt. So führte Dr.
H._
aus, es fände sich eine Hauptkomponente einer Depressi
on und einige Neben
komponenten, wobei er sich bei der Diagnosestellung auf die ICD-10 berief. Diese sieht indes vor, dass für eine leichte depressive Episode mindestens zwei der drei Hauptsymptome (gedrückte Stimmung; Interessensverlust, Freudlosigkeit; Ver
min
derung des Antriebs, erhöhte Ermüdbarkeit) vorhanden sein und insgesamt
mindestens vier oder fünf Symptome auftreten sollten (
Dilling
/
Mombour
/
Schmi
dt,
Inter
nationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F] Klinisch
-diagnostische Leitlinien, 10., überarbeitete Auflage, Bern 2015, S. 169-172). Dr.
H._
hielt denn auch relativierend fest, die leichte depressive Sympto
matik könne auch the
rapeutisch interpretiert werden, was ebenfalls für eine volle Arbeitsfähigkeit in psychischer Hinsicht spricht.
6.3
Die
Einschätzungen von Dr.
H._
stimmen
mit denjenigen der
psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlern
dahingehend
überein
, dass die Einschrän
kungen des Beschwerdeführers auf einer
Somatisierungs
- sowie einer affektiven Störung beruhen.
D
ie
Behandler
erklärten jedoch
beide
als
schwergradiger
, so etwa in ihrer Stellungnahme vom 4. März 2020.
Unbehelflich
ist
dabei
ihr
Vor
bringen
, anlässlich ihrer Behandlung habe der Beschwerdeführer immer wieder betont, wie schnell er ermüde und wie st
ark sein Antrieb vermindert sei, er habe
wohl den Zweck der Begutachtung gar nicht richtig verstanden.
Dabei
verkennen
d
ie
Behandler
, dass der Beschwerdeführer
es
auch anlässlich der
neutralen
Begut
achtung
keineswegs darauf angelegt hatte, sich gesünder darzustellen, als er dies effektiv ist. Im Gegenteil wurden nicht nur vom psychiatrischen, sondern auch vom rheumatologischen Teilgutachter gut nachvollziehbar eine Aggravation fest
gestellt und diese von den effektiv feststellbaren medizinischen Einschränkungen
abgegrenzt. Eine solche Abgren
zung nahmen M. Ed.
G._ und Dr. L._
als Behandler und Vertrauenspersonen naheliegender Weise nicht vor. Auch eine
Indikatorenprüfung
(E. 1.4)
führten sie nicht durch. Ihr Schluss von den genannten Diagnosen auf eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
ist nicht nachvollziehbar, wobei sie auch keine Differenzierung in angestammte und angepasste Tätigkeit vornahmen.
Es ist eine Erfahrungstatsache, dass behandelnde Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifels
fall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen, sprich deren Gesundheitsbeeinträchtigung tendenziell eher gravierender und deren Arbeitsfähigkeit tendenziell eher tiefer einschätzen als dies objektiv gerechtfertigt wäre. Dem ist Rechnung zu tragen (BGE 125 V 351 E.
3a/cc S. 353 mit weiteren Hinweisen), dies umso mehr, als die Beh
andler von F._
auch das überzeugende neutrale
bidisziplinäre
Vorgutachten vom Juli 2018 (E. 3.7) bereits mit ähnlichen Argumenten kritisiert hatte
n
(E. 3.9).
Die neutrale
, umfassende
Beurteilung
durch Dr.
H._
erscheint somit als klar überzeugender als die Einschätzung durch die Behandler. Daran vermag auch ein allfälliger Übersetzungsfehler bei der Beschreibung des Morgenrituals nichts zu ändern. Ob und wie oft der Beschwerdeführer seine Hände am Morgen in kaltes oder heisses Wasser taucht, ist angesichts der von mehreren Gutachtern ein
drücklich geschilderten verschiedenen Hinweisen auf eine Aggravation unerheb
lich. Im Übrigen ist der Beschwerdegegnerin darin zuzustimmen (E. 2.1), dass anlässlich de
r
Begutachtung
keine Einwände gegen die Übersetzerin geäussert wor
den sind. Schliesslich vermag der Beschwerdeführer
denn auch nicht darzu
tun, wo sich weitere Fehler in der Übersetzung eingeschlichen hätten und weshalb diese zentral
beziehungsweise
entscheidrelevant
wären
.
6.4
Auch das von Dr.
J._
verfasste neutrale rheumatologische Teilgutachten (E. 4.2) erfüllt die Voraussetzungen an einen beweiskräftigen ärztlichen Bericht (E. 1.5), weshalb grundsätzlich darauf abgestellt werden kann.
Zwar ist dem Beschwerdeführer dahingehend zuzustimmen
, dass den Gutachtern der Z._
-Bericht vom 2. Oktober 2019 (E. 3.11) noch nicht vorlag (
Urk. 1 in Ver
bindung mit Urk. 7/104 S. 3 f.
), in welchem neu ein
lumbospondylogenes
bis
radikuläres
Schmerzsyndrom L5 rechts diagnostiziert wurde. Die Rheumatologen
des
Z._
äusserten gleichzeitig die Meinung
, der neue Befund wirke sich sicherlich auf die Arbeitsfähigkeit aus. Dieselben Ärzte
hielten am 15. Januar 2020
dann
zwar fest, die Arbeitsfähigkeit betrage 20 %. Erfahrungsgemäss beziehen sich behandelnde Ärzte bei dieser Angabe auf die angestammte Tätigkeit. Entspre
chend
h
ielten die Rheumatologen des Z._
denn auch
fest
, leichte Tätigkeiten in Wechselbelastung
– mithin angepasste Tätigkeiten -
seien theoretisch ganztags zumutbar. Sie attestierten also in Kenntnis des neu diagnostizierten Schmerz
syndroms L5 rechts eine volle Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit und ent
zogen somit ihrem
und des Beschwerdeführers
Argument,
wonach diese Diagnose im Gutachten zu wenig berücksichtigt worden sei (E. 5.2), gleich wieder den Boden.
6.
5
Medizinisch belegt und vom Beschwerdeführer als Argument für eine Verschlech
terung seines Gesundheitszustands ins Feld geführt wurde schliesslich ein erneu
ter Schub der rheumatoiden Arthritis im Februar 2020 (E. 2.2; E. 5.3). Trotz dieses Schubs b
lieben die Rheumatologen des Z._
aber bei ihrer Einschätzung, wonach leichte Tätigkeiten in Wechselbelastungen theoretisch zumutbar seien (E. 5.3, E. 5.7). Mit RAD-Arzt Dr.
K._
kann ein solcher Schub somit zwar zu vor
übergehenden Verschlechterungen führen, eine massgebliche dauerhafte Verän
de
rung bewirkt er hingegen nicht (E. 5.5).
Es gibt somit keine Anhaltspunkte dafür, dass die Einschätzungen durch den rheumatologischen Teilgutachter Dr.
J._
vom November 2019 in der Zwischenzeit an Gültigkeit eingebüsst hätten.
6.
6
Dr.
J._
attestierte in angepasster Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 80 %. Die verbleibende Arbeitsunfähigkeit
von 20 % begründete er mit dem erhöhten Pausenbedarf aufgrund des Schmerzsyndroms mit Somatisierungsstörung. Wie Dr.
H._
(E. 6.2) grenzte auch er dabei die bewusstseinsnahen Elemente von den limitierenden Schmerzwahrnehmungen ab. Damit setzte er sich nur scheinbar in Widerspruch zu seiner eigenen – an sich korrekten – Aussage, die Frage nach einer somatoformen Schmerzstörung müsse psychiatrisch beurteilt werden. Denn wie er richtig anmerkte, ist eine solche Problematik mehrdisziplinär anzugehen (E. 4.2). Entscheidend ist, dass eine Konsensdiskussion zwischen dem psychia
tri
schen und dem rheumatologischen Teilgutachter
stattfand, anlässlich welcher die rheumatologische Diagnose zur Leitdiagnose bezüglich der Arbeitsfähigkeit erho
ben und die Einschränkungen zusammengeführt wurden. Ersichtlicher Weise wurde dabei die vom Rheumatologen vorgenommene Beurteilung der an sich psy
chiatrisch zu diagnostizierenden Schmerzproblematik durch den Psychiater unter
s
tützt und
die vom Rheumatologen vorgenommene Einschätzung der Arbeits
fähigkeit
damit
spezial
ärztlich
abgeglichen und
abgesichert.
Dieses Vorgehen ist au
s
Sicht des Beschwerdeführers umso weniger zu beanstanden, als die Gutachter in ihrer Konsensbeurteilung zu einer tieferen Arbeitsfähigkeit gelangten als der Psychiater in seinem Teilgutachten.
6.
7
Es ist somit erstellt, dass
der Beschwerdeführer in der bisherigen Tätigkeit als Bodenleger nicht mehr arbeitsfähig ist. In einer wirbelsäulenschonenderen Tätig
keit ohne grobmanuelle Aktivitäten und ohne kaltfeuchte Exposition, mit Ver
meiden von repetitiv längeren Wegstrecken
, Wegstrecken
auf der Treppe/Leiter oder auf unebenem Boden und ohne kniende Arbeitspositionen ist eine Arbeits
fähigkeit von 50 % für den Zeitraum von Februar 2018 bis Mitte 2018
und
von 80 % für den Zeitraum ab Mitte 2
018 erstellt
.
Von
einer
weiteren
medizinischen Begutachtung sowie von einer persönlichen Befragung des Beschwerdeführers
sind keine neuen Erkenntnisse zu erwarten
. Die
vorliegenden Akten erweisen sich
zur Beantwortung der strittigen Fragen
als aus
reichend, weshalb auf
weitere Beweisvorkehren
verzichtet werden kann (antizi
pierte Beweiswürdigung, BGE
136 I 229 E. 5.3).
7.
7.1
Dem Einkommensvergleich vom 26. November 2019 (Urk. 7/96) legte die Be
schwerdegegnerin gestützt auf die Angaben im Arbeitgeberfragebogen (Urk. 7/19)
und im Auszug aus dem individuellen Konto (IK; Urk. 7/6) ein Jahreseinkommen im Jahr 2016 von Fr. 75'664.-- zugrunde, welches sie auf ein
Valideneinkommen
von Fr. 76'346.50 im Jahr 2018 hochrechnete. Dieser Betrag ist ausgewiesen, rechnerisch korrekt und unbestritten.
7.2
Zu Recht nicht bestritten wurde sodann, dass für die Bemessung des Invaliden
einkommens auf den standardisierten Durch
schnittslohn für einfache Tätigkeiten körperlicher oder handwerklicher Arbeit in sämtlichen Wirtschaftszweigen des privaten Sektors abgestellt wurde (LSE 201
8
, Tabellengruppe
TA1_tirage_skill_level
, Total, Niveau 1).
Das im Jahr 201
8
von Männern im Durchschnitt aller einfachen Tätigkeiten körperlicher oder handwerklicher Art erzielte Einkommen betrug pro Monat Fr. 5‘
417
.--, mithin Fr. 6
5’004
.-- im Jahr (Fr. 5‘
417
.-- x 12). Der durch
schnitt
lichen wöchentlichen Arbeitszeit im Jahr 201
8
von 41.7 Stunden
(Bundesamt für
Statistik, Betriebsübliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen, T.
03.02.03.01.04
.01)
angepasst, ergibt dies den Betrag von rund Fr. 6
7’767
.--
(Fr. 6
5’004
.-- : 40.0 x 41.7).
Bei einem zumutbaren Pensum von 80 % errechnet
sich
ein Invalideneinkommen von
rund
Fr.
54'214.--
.
7.3
Nachdem der erhöhte Pausenbedarf bereits in die Bemessung der Arbeitsfähigkeit
in angepasster Tätigkeit
eingeflossen ist (E. 4.2)
,
sind vorliegend keine
Gründe für einen leidensbedingten
Abzug vom Tabellenlohn (vgl. BGE 124 V 321 E. 3b/
aa
, BGE 126 V 75 E. 5b/
aa
)
e
rsichtlich und wurden vom Beschwerdeführer
auch
nicht konkret geltend gemacht, indem er lediglich
pauschal
auf seinen beruflichen Werdegang verwies (E. 2.2).
7.4
Der Vergleich des
Valideneinkommens
von rund
Fr.
76'347.-- mit dem Inva
lidenein
kommen von rund Fr.
54’214
.-- ergibt eine Einkommensbusse von Fr. 22‘
133
.-- und mit rund
29
% kei
nen rentenbegründenden Invaliditätsgrad. Bei diesem Ergebnis steht dem Beschwerdeführer somit keine Rente der Invaliden
versicherung zu.
Die angefochtene Verfügung erweist sich demnach als rechtens, was zur Abwei
sung der Beschwerde führt.
8.
8.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG)
.
8.2
Am 28. April 2021 lud das hiesige Gericht die Parteien zur Hauptverhandlung vom Montag, 31. Mai 2021,
9.00 Uhr,
vor (Urk. 9). Am Freitag, 28. Mai 2021, teilte Rechtsanwalt
Aliotta
telefonisch (Urk. 14) und schriftlich (Urk. 15) mit, er ziehe den Antrag um Durchführung einer öffentlichen Verhandlung im Namen des Beschwerdeführers zurück.
8.3
Gemäss § 28
lit
. a
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) finde
t die
Zivilprozessordnung (ZPO)
ergänzend Anwendung.
Gemäss Art. 124 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist es das Gericht, welches den Prozess leitet. Daran ändert auch
die
Dispositions
maxime nichts, der gemäss
ein Rechtsmittel
oder auch ein prozessualer Antrag zurückgezogen werden kann. Diese Dispo
sitionsfreiheit besteht zudem nicht unbegrenzt: Das Rechtsmittel kann nur bis zu dem Zeitpunkt zurückgezogen werden, in welchem darüber entschieden wurde; ist ein Urteil gefällt, gibt es nichts mehr, das zurückgezogen werden könnte. Gleiches gilt für einen Ver
fahrensantrag: Hat das Gericht darüber entschieden, existiert er nicht mehr; an seine Stelle tritt entweder der d
en Antrag ablehnende
Beschluss
oder im Zustimmungsfall die entsprechende prozessuale Anordnung des Gerichts.
Zur Hauptverhandlung (deren Durchführung schliesslich als Folge des vom Be
schwerdeführer praktizierten Verhaltens aus pragmatischen Gründen unter
blie
ben ist) hat das Gericht vorgeladen. Eine - ob auf Antrag einer Partei oder aus welchem Anlass auch immer ergangene - gerichtliche Vorladung ist grundsätz
lich verbindlich; es steht nicht im Belieben der Parteien, ihr Folge zu leisten.
8.4
Gemäss Art. 133
lit
. e ZPO enthält die Vorladung unter anderem die Prozess
handlung, zu der vorgeladen wird. Mit Vorladung vom 28. April 2021 (Urk. 9)
wurde zur Hauptverhandlung vorgeladen. Zur Prozesshandlung einer persönli
chen
Befragung im Sinne von Art. 168 Abs. 1
lit
. f ZPO wurde somit
in klar
ersicht
licher Weise nicht vorgeladen, da sie ansonsten hätte erwähnt werden müssen. Entgegen den Ausführungen von Rechtsanwalt
Aliotta
(Urk. 16 S. 2 Ziff. 2) wurde der Beschwerdeführer somit keineswegs im Ungewissen darüber gelassen, ob im Rahmen der Hauptverhandlung eine persönliche Befragung durchgeführt werde. Dies umso weniger, als
gegenüber
Rechtsanwalt
Aliotta
bereits anlässlich der Terminfindung am 20. April 2021 auf entsprechende Nachfrage telefonisch explizit mitgeteilt
worden war
, dass keine persönliche Befragung
stattfinden werde (vgl. Urk. 19 S. 2; Urk. 14). Es überzeugt daher nicht, wenn Rechtsanwalt
Aliotta
als Grund für den kurzfristigen Rückzug des Parteiantrags auf Durch
führung der Hauptverhandlung angab, der Beschwerdeführer sei fälschlicher
weise davon ausgegangen, dass er vom hiesigen Gericht noch persönlich befragt werde (
Urk. 16
S. 3 Ziff. 4)
, zumal auch diese Begründung nicht als Rechtfer
ti
gung dafür dienen kann, den Rückzug erst am letzten Arbeitstag vor der auf den frühen Morgen angesetzten Verhandlung mitzuteilen.
8.5
Indem der Beschwerdeführer dem Gericht nicht unverzüglich mitgeteilt hat, dass er keine Hauptverhandlung mehr wünsche, sondern damit bis buchstäblich am letzten Tag zugewartet hat, hat er nicht nur elementare Anstandsregeln verletzt,
sondern namentlich einen erheblichen un
d unnötigen Aufwand verur
sacht
, name
nt
lich indem der Termin bei der fünfköpfigen Gerichtsdele
gation, bei der
Beschwerdegegnerin und bei der Dolmetscherin kurzfristig abgesagt
werden musste
.
8.6
Aufgrund des deutlich erhöhten Verfahrensaufwandes sind die Gerichtskosten auf Fr. 1’000.-- anzusetzen.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie dem unterliegenden Besch
wer
deführer aufzuerlegen.
Rechtsanwalt
Aliotta
wird
jedoch
darauf aufmerksam gemacht, dass im Wiederholungsfall das Gericht
ihm
persönlich
eine Ordnungs
busse
auferlegen
kann
(Art. 128 ZPO)
.