Decision ID: f5c2e328-470d-5f77-b5cf-6c3a17e27577
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der gemäss eigenen Angaben aus der (...)afghanischen Provinz
B._ stammende Beschwerdeführer suchte am 1. Dezember 2019
im Bundesasylzentrum (BAZ) des SEM in C._ um Asyl nach. An-
lässlich der Personalienaufnahme gab er an, am (...) 2002 geboren und
damit noch minderjährig zu sein.
B.
Ein am 4. Dezember 2019 durchgeführter Abgleich mit der europäischen
Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am (...) Januar 2019
in Griechenland aufgegriffen worden war, dort am (...) Januar 2019 um Asyl
ersucht hatte und ihm am (...) Juli 2019 internationaler Schutz gewährt
worden war.
C.
C.a Am 17. Dezember 2019 führte das SEM in Anwesenheit der damaligen
Rechtsvertretung eine Erstbefragung durch (SEM-act. 1057913-10/10).
Dabei gab der Beschwerdeführer gleich zu Beginn an, am (...) geboren
und damit volljährig zu sein. Er habe bei der Einreichung des Asylgesuchs
ein wenig Angst, Stress und Probleme gehabt und daher ein unzutreffen-
des Geburtsdatum aufgeschrieben. Daraufhin änderte das SEM sein Ge-
burtsdatum auf den (...) und behandelte ihn für das weitere Verfahren als
volljährig.
C.b Zur Begründung des Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er habe Afghanistan wegen des Krieges und der Ta-
liban verlassen. Auf der Flucht sei die Familie getrennt worden. Er habe
sich zunächst sechs bis sieben Monate im Iran aufgehalten und anschlies-
send fünf bis sechs Monate in der Türkei. Dann sei er in einem Schlauch-
boot nach Griechenland gelangt und auf Lesbos registriert worden. Er habe
dort im Januar 2019 gegen seinen Willen ein Asylgesuch einreichen müs-
sen. Griechenland habe ihm im Juli 2019 Schutz gewährt und eine Aufent-
haltsbewilligung mit einer Gültigkeitsdauer von drei Jahren ausgestellt. Er
habe bis kurz vor der Ausreise aus Griechenland im Camp Moria gelebt.
Am 16. November 2019 sei er auf dem Luftweg in die Schweiz gelangt.
C.c Aufgrund der Ergebnisse des Eurodac-Abgleichs und den Aussagen
des Beschwerdeführers gewährte das SEM ihm anlässlich der Erstbefra-
gung vom 17. Dezember 2019 das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und zur Wegweisung nach Griechenland. Dabei
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gab dieser an, die griechische Polizei habe ihn verhaftet, daktyloskopiert
und in ein Camp gebracht. Wenn er sich geweigert hätte, hätte man ihn
nach Afghanistan zurückgeschickt. Er habe sich fast ein Jahr lang in Grie-
chenland aufgehalten. Das Essen sei knapp gewesen, er habe weder ar-
beiten noch zur Schule gehen dürfen und sei quasi auf der Strasse gewe-
sen. Im Camp Moria habe es keine Sicherheit gegeben. In einer Nacht sei
es zu einem Angriff durch 50 bis 60 maskierte und mit Messern bewaffnete
Unbekannte gekommen. Deshalb sei er nach Athen gegangen. Bei einem
Brand im Camp seien fünf bis sechs Zelte angezündet worden. Die Polizei
habe sich nicht bemüht, die Ursache für den Brand herauszufinden. In
Griechenland sei er gefährdet. Dieser Staat sei schlimmer als Afghanistan,
und er würde lieber sterben, als dorthin zurückzukehren. In Athen sei er
nicht lange geblieben; er habe sich lediglich während zwei bis drei Tagen
bei Kollegen aufgehalten.
C.d Im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs zum medizini-
schen Sachverhalt (Art. 26bis AsylG [SR 142.31]) gab der Beschwerdefüh-
rer zu Protokoll, er habe in Moria fast eine Depression bekommen, nicht
schlafen können und immer wieder Kopfschmerzen gehabt. Gegenwärtig
könne er nachts kaum schlafen, leide unter Vergesslichkeit und sei depres-
siv, vor allem wenn er über Moria nachdenke. In der Schweiz habe er dar-
über mit einem Arzt gesprochen. Gegen Ende der Erstbefragung reichte
die Rechtsvertretung einen ärztlichen Kurzbericht der Partnerärztin des
BAZ C._ vom 10. Dezember 2019, einen Befundbericht eines
Röntgeninstituts vom 9. Dezember 2019 sowie einen Zwischen- und einen
Endbericht eines Labors vom 5. und 6. Dezember 2019 ein. Bezüglich der
Depression seien noch keine Arztberichte eingegangen, diese würden aber
bei Erhalt nachgereicht.
D.
D.a Gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und
Verfahren in den Mitgliedstaaten für die Rückführung illegal aufhältiger
Drittstaatsangehöriger sowie auf das Abkommen vom 28. August 2006 zwi-
schen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Helleni-
schen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem
Aufenthalt (SR 0.142.113.729) ersuchte das SEM am 18. Dezember 2019
die griechischen Behörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers.
D.b Die griechischen Behörden stimmten dem Ersuchen am 19. Dezember
2019 zu, wobei sie festhielten, dass der Beschwerdeführer in Griechenland
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subsidiären Schutz erhalten habe und über eine vorerst vom (...) Juli 2019
bis am (...) Juli 2022 gültige Aufenthaltsbewilligung verfüge.
E.
Das SEM gab der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers am 20. De-
zember 2019 Gelegenheit, zum Entscheidentwurf Stellung zu nehmen.
F.
Mit Eingabe vom 27. Dezember 2019 reichte die Rechtsvertretung einen
USB-Datenträger mit drei Videos ein, welche die prekäre Lage im Flücht-
lingscamp belegen sollen.
G.
Am 7. Januar 2020 reichte sie innert erstreckter Frist eine Stellungnahme
zum Entscheidentwurf ein.
H.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 8. Januar 2020 trat die Vor-
instanz gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch nicht
ein, ordnete die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz an,
beauftragte den Kanton C._ mit dem Vollzug der Wegweisung nach
Griechenland und händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
I.
Am 8.Januar 2020 zeigte die bisherige Rechtsvertretung die Beendigung
des Mandatsverhältnisses an.
J.
Der Beschwerdeführer focht den Entscheid des SEM durch seinen am
9. Januar 2020 neu mandatierten Rechtsvertreter mit Beschwerde vom
15. Januar 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragte er,
die Dispositivziffern 1 bis 4 der angefochtenen Verfügung seien aufzuhe-
ben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten, eventualiter sei die Vorinstanz
anzuweisen, ihn infolge Unzumutbarkeit und Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs nach Griechenland in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um Fest-
stellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde.
Der Beschwerde lagen das Update einer Stellungnahme der Nicht-Regie-
rungs-Organisationen (NGO) Pro Asyl und Refugee Support Aegean (RSA)
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vom 30. August 2019 zu den Lebensbedingungen international Schutzbe-
rechtigter in Griechenland sowie eine Pflegedokumentation des Notfall-
zentrums des D._spitals C._ vom 10. Januar 2020 bei. Un-
ter Hinweis auf Letzteres wurde geltend gemacht, der Beschwerdeführer
sei am 10. Januar 2020 «nicht reagierend am Boden gefunden» worden
und habe notfallmässig ins Spital eingewiesen werden müssen, welches
ihn in die E._klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (nachfol-
gend: Psychiatrische Klinik) in C._ überwiesen habe. Die vom
D._spital und der Psychiatrischen Klinik eingeforderten Berichte
würden nachgereicht.
K.
Das Gericht bestätigte mit Schreiben vom 16. Januar 2020 den Eingang
der vorliegenden Beschwerde.
L.
Die Instruktionsrichterin hielt mit Verfügung vom 21. Januar 2020 fest, dass
der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwar-
ten kann, und trat auf den Antrag auf Feststellung der aufschiebenden Wir-
kung der Beschwerde nicht ein. Sie verschob den Entscheid über das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung auf einem späte-
ren Zeitpunkt und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Ferner forderte sie den Beschwerdeführer auf, bis am 5. Februar 2020 die
in Aussicht gestellten ärztlichen Berichte einzureichen.
M.
Die vollständigen vorinstanzlichen Akten gingen am 22. Januar 2020 beim
Gericht ein (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
N.
N.a Mit Eingabe vom 5. Februar 2020 reichte der Rechtsvertreter einen
ärztlichen Bericht samt Beilagen (Laborbefunde und EKG) des
D._spitals vom 16. Januar 2020 ein und beantragte eine Frister-
streckung von mindestens zwei Wochen zur Nachreichung eines noch in
Bearbeitung befindlichen Berichtes der Psychiatrischen Klinik.
N.b Die Instruktionsrichterin gewährte am 6. Februar 2020 eine Fristerstre-
ckung bis am 21. Februar 2020.
O.
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O.a Mit Eingabe vom 21. Februar 2020 ersuchte die Rechtsvertretung un-
ter Beilage einer E-Mail-Kommunikation mit der Klinik um eine weitere Fris-
terstreckung zur Einreichung des ärztlichen Berichtes.
O.b Die Instruktionsrichterin verlängerte die Frist letztmals bis am 28. Feb-
ruar 2020.
O.c Mit Begleitschreiben vom 1. März 2020 reichte der Rechtsvertreter den
Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik vom 26. Februar 2020 ein. Darin
wird dem Beschwerdeführer eine «Anpassungsstörung mit kurzer depres-
siver Reaktion und Suizidalität bei Ausschaffungsentscheid (F43.20)» di-
agnostiziert.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM. Auf dem Gebiet
des Asyls entscheidet das Gericht endgültig, ausser – was vorliegend nicht
der Fall ist – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
dem die Beschwerde führende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 31-33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 3
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – mit Aus-
nahme des Antrags auf Feststellung der aufschiebenden Wirkung (vgl.
Sachverhalt Bst. L) – einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Anwen-
dungsbereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
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Seite 7
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.). Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Vollzugs hat das
SEM eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb dem Gericht diesbe-
züglich volle Kognition zukommt.
2.3 Das Gericht hat gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht gerügt, die Vorinstanz
habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt, weil sie keine ordnungsge-
mässe Einzelfallprüfung vorgenommen und sich nicht genügend mit der
Situation in Griechenland und der Möglichkeit einer allfälligen Verletzung
von Art. 3 EMRK befasst habe.
Diese Rüge erweist sich als unbegründet. Das SEM hat in der angefochte-
nen Verfügung in nachvollziehbarer Weise dargelegt, aufgrund welcher
Überlegungen es zum Schluss gelangt ist, dass die Voraussetzungen von
Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG gegeben seien und sich ein Vollzug der Weg-
weisung nach Griechenland als zulässig, zumutbar und möglich erweise,
und daher weitergehende Abklärungen nicht erforderlich seien. Es hat mit-
hin die wesentlichen Überlegungen genannt, von denen es sich hat leiten
lassen, und seine Verfügung somit ausreichend beziehungsweise so be-
gründet, dass eine sachgerechte Anfechtung möglich war (vgl. BGE 136 I
184 E. 2.2.1). Der rechtserhebliche Sachverhalt ist vorliegend rechts-
genüglich erstellt.
3.2 Soweit bemängelt wird, die Vorinstanz habe es unterlassen, bei den
griechischen Behörden Garantien bezüglich einer Unterkunft und staatli-
cher Unterstützungsleistungen einzuholen (vgl. Beschwerde S. 3 und 9),
ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer als alleinstehender junger
Mann ohne schwerwiegende gesundheitliche Probleme (vgl. E. 7.3.2 f.) als
nicht besonders schutzbedürftig zu qualifizieren ist. Das SEM war deshalb
nicht verpflichtet, spezifische Abklärungen zu tätigen beziehungsweise von
Griechenland individuelle Garantien zu verlangen (vgl. hierzu BVGE 2017
VI/10 und das Urteil des BVGer D-5016/2017 vom 12. März 2018 E. 6.6).
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Seite 8
4.
4.1 Das SEM begründet seinen Nichteintretensentscheid damit, der Bun-
desrat habe Griechenland als sicheren Drittstaat bezeichnet. Abklärungen
hätten ergeben, dass der Beschwerdeführer in Griechenland subsidiären
Schutz erhalten habe, und die griechischen Behörden hätten sich bereit
erklärt, ihn zurückzunehmen. Im vorliegenden Fall bestünden zwar Anzei-
chen, dass er die Voraussetzungen für eine vorläufige Aufnahme nach
Art. 83 AIG (SR 142.20) erfülle, da er in Griechenland subsidiären Schutz
erhalten habe. Gemäss Art. 25 Abs. 2 VwVG sei einem Begehren um Fest-
stellung der Flüchtlingseigenschaft oder von Wegweisungshindernissen in
den Heimat- oder Herkunftsstaat aber nur dann zu entsprechen, wenn ein
schutzwürdiges Interesse nachgewiesen werde. Dieser Nachweis könne
ihm nicht gelingen, weil bereits ein Drittstaat ihm einen Schutzstatus erteilt
habe. Er könne nach Griechenland zurückkehren, ohne eine Rückschie-
bung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips zu befürchten.
Im Weiteren führt das SEM aus, der Beschwerdeführer habe mit seinem
Schutzstatus in Griechenland Zugang zu staatlichen Unterstützungsleis-
tungen sowie zur nationalen staatlichen Gesundheitsvorsorge. So habe
Griechenland die Richtlinie 2011/95/EU des Parlaments und des Rates
vom 13. Dezember 2011 (sog. Qualifikationsrichtlinie) umgesetzt, welche
unter anderem die Ansprüche von Personen mit internationalem Schutz-
status hinsichtlich Sozialleistungen bestimme sowie deren Zugang zu
Wohnraum, Beschäftigung und medizinischer Versorgung regle. Dadurch
stünden ihm notfalls einklagbare Ansprüche in Bezug auf Sozialleistungen,
Wohnraum und medizinische Versorgung zu, und er sei gehalten, diese bei
den griechischen Behörden geltend zu machen. Neben staatlichen Struk-
turen, die primär existenzielle Bedürfnisse abdeckten, bestünden auch pri-
vate und internationale Organisationen, an die er sich wenden könne. Die
in Griechenland allgemein schwierigen ökonomischen Lebensbedingun-
gen sowie die herrschende Wohnungsnot träfen die ganze Bevölkerung
und vermöchten die Zulässigkeit und die Zumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung nicht zu widerlegen. Es liege zudem nicht an den Schweizer
Behörden, sicherzustellen, dass Personen mit Schutzstatus in Griechen-
land, sobald sie dorthin überstellt werden, über ausreichende Lebens-
grundlagen verfügen. Sollte Griechenland seinen Verpflichtungen dem Be-
schwerdeführer gegenüber nicht nachkommen, stehe ihm der Rechtsweg
bei den griechischen Behörden offen.
Gemäss seinen Angaben habe sich der Beschwerdeführer vor seiner Wei-
terreise in die Schweiz rund drei Tage bei Kollegen in Athen aufgehalten.
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Seite 9
Deshalb sei davon auszugehen, dass er im Fall einer Rückkehr nach Grie-
chenland wiederum auf die Unterstützung dieser Personen werde zählen
können und diese ihm bei einem Wiedereinstieg in den Alltag in Griechen-
land behilflich sein würden. Bezüglich der Ereignisse im Camp Moria auf
der Insel Lesbos vom vergangenen September sei – im Wissen der dorti-
gen schwierigen und teils auch prekären Verhältnisse – darauf hinzuwei-
sen, dass die griechischen Behörden Spezialeinheiten der Polizei eingeflo-
gen hätten, welche im Camp für Ruhe und Ordnung sorgen sollten, und
wegen der Überbelegung Leute auf das Festland transferiert worden seien.
Hinsichtlich der auf einem USB-Datenträger eingereichten drei Videos
führte das SEM aus, der erste Film mit einer Dauer von rund 18 Sekunden
zeige eine Gruppe von Menschen, die teilweise mit Mobiltelefonen Film-
aufnahmen machten, vor einem brennenden Objekt, sowie ein tieffliegen-
des einsitziges Flugzeug, welches vermutlich Wasser abwerfe, um das
Feuer zu bekämpfen. Der zweite Film dauere 15 Sekunden und zeige bren-
nende Container sowie Personen davor. Der dritte Film zeige während 57
Sekunden ein Zimmer mit einem aufgebrochenen Fenster, einem auf dem
Boden liegenden Fensterflügel und teilweise zerbrochenen Scheiben. Allen
drei Filmen komme geringe Beweiskraft zu, da sich die griechische Regie-
rung nachweislich bemüht habe, die Situation im Camp Moria unter Beizug
von Sicherheitskräften unter Kontrolle zu bringen.
4.2 In der Beschwerde wird demgegenüber geltend gemacht, die rein the-
oretische Schutzgewährung im Sinne der Qualifikationsrichtlinie reiche
nicht aus, um dem Beschwerdeführer ein menschenwürdiges Dasein in
Griechenland zu ermöglichen. Es dürfe nicht pauschal davon ausgegan-
gen werden, dass in Griechenland anerkannte Flüchtlinge wieder dorthin
zurückgeschickt werden könnten, sondern es sei im Einzelfall zu prüfen,
ob die Existenzsicherung garantiert und Zugang zu Obdach, Nahrungsmit-
teln und sanitären Einrichtungen gegeben wäre. Das Camp Moria sei im-
mer noch massiv überbelegt und die Behörden seien überfordert. Der Be-
schwerdeführer habe in einem Zelt geschlafen und nur manchmal das
Glück gehabt, in einem Gebäude in einem Zimmer zu wohnen; in dieser
Zeit seien er und seine Freunde von einem Mob angegriffen worden. Er
habe keinen Anwalt gehabt und niemanden, der ihm das griechische Asyl-
system erklärt habe, und auch keinen Kontakt zu Hilfswerken oder Behör-
den. Niemand habe ihn über seine Möglichkeiten und Rechte aufgeklärt.
Er habe sich entschieden, nach Athen weiterzureisen, weil das Leben im
Camp so schlimm gewesen sei. Dass die afghanische Familie, die ihn in
Athen für einige Tage aufgenommen habe, ihm bei einer Rückkehr helfen
D-280/2020
Seite 10
könnte, sei ausgeschlossen. Die Vorinstanz habe die eingereichten Filme
zu wenig geprüft. Das dritte Video sei am Morgen nach dem nächtlichen
Angriff durch vermummte Schläger entstanden. Die auf diesem Video
sichtbare Person sei offensichtlich der Beschwerdeführer, und das Video
zeige ein Zimmer im Camp Moria. Das im ersten Video sichtbare Flugzeug
habe nichts geholfen; Polizei und Feuerwehr seien erst aufgetaucht, als
das Feuer nicht mehr gebrannt habe.
Die Situation für Menschen mit subsidiärem Schutz in Griechenland sei
prekär. Neuerungen im griechischen Asylgesetz hätten die Lage noch ver-
schlimmert. Aufenthaltsbewilligungen seien nun jährlich zu erneuern. Aus
dem beigelegten Bericht von Pro Asyl und RSA gehe hervor, dass rück-
überstellte Flüchtlinge entweder obdachlos oder unter prekären Bedingun-
gen in besetzten oder verlassenen Gebäuden ohne Zugang zu Wasser und
Strom leben müssten. Der Beschwerdeführer würde mit hoher Wahr-
scheinlichkeit auf der Strasse landen. Alleinstehende männliche Flücht-
linge erhielten keinen Zugang zu Informationen oder Unterstützung bei der
Integration, die Arbeits- und Wohnungssuche gestalte sich als unmöglich,
und es sei für international Schutzberechtigte extrem schwierig, alle Vo-
raussetzungen zu erfüllen, um Sozialhilfe zu beantragen. Auch die Versor-
gung mit Nahrungsmitteln sei stark begrenzt.
Seit dem Erlass der angefochtenen Verfügung hätten sich neue Entwick-
lungen ergeben. Nachdem man den Beschwerdeführer nicht reagierend
am Boden gefunden habe, sei er am 10. Januar 2020 notfallmässig ins
D._spital eingewiesen und von dort an die (...)Psychiatrische Klinik
F._ in C._ überwiesen worden. Der Zugang zur Gesund-
heitsversorgung sei trotz des günstigen gesetzlichen Rahmens in der Pra-
xis infolge der Sparpolitik eingeschränkt. Der Beschwerdeführer habe in
Griechenland keine Angehörigen oder andere Personen, die ihn unterstüt-
zen könnten, wäre komplett auf sich alleine gestellt und extremer Armut,
Obdachlosigkeit sowie Verwahrlosung ausgesetzt. Es bestünden somit
trotz subsidiärem Schutzstatus ausreichend konkrete Hinweise, dass er im
Fall der Überstellung nach Griechenland einer unmenschlichen Behand-
lung im Sinne von Art. 3 EMRK ausgesetzt wäre.
5.
5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG tritt das SEM in der Regel auf ein
Asylgesuch nicht ein, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann,
in welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
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Seite 11
5.2 Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellun-
gen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG
besteht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Durch den
Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche
Länder der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandels-
assoziation (EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet.
5.3 Der Beschwerdeführer hat sich vor seiner Einreise in die Schweiz un-
bestrittenermassen in Griechenland aufgehalten, einem sicheren Drittstaat
im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG. Er kann in diesen Drittstaat zu-
rückkehren, zumal er dort subsidiären Schutz erhalten hat und die griechi-
schen Behörden seiner Rückübernahme zugestimmt haben. Die Vor-
instanz ist somit in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG zu Recht
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten.
6.
6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4, 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshin-
dernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche
Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst,
sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2
7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
D-280/2020
Seite 12
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
7.2.2 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten – so
auch Griechenlands – die Vermutung, dass diese ihren völkerrechtlichen
Verpflichtungen, darunter im Wesentlichen das Refoulement-Verbot und
grundlegende menschenrechtliche Garantien, einhalten (vgl. FANNY MATT-
HEY, in: Cesla Amarelle/Minh Son Nguyen, Code annoté de droit des mig-
rations, Bern 2015, Art. 6a AsylG N 12 S. 68). Gestützt auf Art. 83 Abs. 5
AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen EU-
oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist. Es obliegt der betroffenen Per-
son, diese beiden gesetzlichen Vermutungen umzustossen. Dazu hat sie
ernsthafte Anhaltspunkte dafür vorzubringen, dass die Behörden des in
Frage stehenden Staates im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr
nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen
Lebensumständen aussetzen würden respektive dass sie im in Frage ste-
henden Staat aufgrund von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftli-
cher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde
(vgl. statt vieler das Urteil des BVGer E-2617/2016 vom 28. März 2017
E. 4).
7.2.3 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts zur Zulässigkeit des
Vollzugs der Wegweisung von Personen, denen die griechischen Behör-
den einen Schutzstatus verliehen haben, wird das Vorliegen eines Voll-
zugshindernisses nur unter sehr strengen Voraussetzungen bejaht. Das
Gericht geht davon aus, dass in Griechenland Schutzberechtigte dort
Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG finden und
dass Griechenland als Signatarstaat der EMRK, der FoK und der FK sowie
des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) seinen
entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen grundsätzlich nach-
kommt.
D-280/2020
Seite 13
Zwar anerkennt das Gericht, auch aufgrund der vom Beschwerdeführer zi-
tierten Berichte, dass die Lebensbedingungen in Griechenland nicht nur für
Asylsuchende, sondern auch für Personen mit Schutzstatus schwierig
sind. Dennoch ist gemäss Rechtsprechung diesbezüglich nicht von einer
unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 3
EMRK respektive einer existenziellen Notlage auszugehen (vgl. Urteil des
BVGer D-5016/2017 vom 12. März 2018 E. 6.4 m.w.H.; bestätigt im Urteil
des BVGer E-2360/2019 vom 22. Mai 2019 E. 8.3.1 f.).
Personen mit Schutzstatus sind griechischen Staatsangehörigen gleichge-
stellt in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu Gerichten und den öffentlichen
Schulunterricht respektive anderen Ausländerinnen und Ausländern
gleichgestellt etwa in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder Gewährung einer
Unterkunft (vgl. Art. 16-24 FK). Unterstützungsleistungen und weitere
Rechte können direkt bei den zuständigen Behörden eingefordert werden,
falls notwendig auf dem Rechtsweg. Nicht zuletzt können Schutzberech-
tigte sich auch auf die Garantien in der Qualifikationsrichtlinie berufen, auf
die sich Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaften lassen muss. Von In-
teresse dürften diesbezüglich insbesondere die Regeln betreffend den Zu-
gang von Personen mit Schutzstatus zu Beschäftigung (Art. 26), zu Bildung
(Art. 27), zu Sozialhilfeleistungen (Art. 29), zu Wohnraum (Art. 32) und zu
medizinischer Versorgung (Art. 30) sein. Im Falle einer Verletzung der Ga-
rantien der EMRK steht gestützt auf Art. 34 EMRK letztinstanzlich der
Rechtsweg an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)
offen (vgl. statt vieler die Urteile des BVGer E-4866/2019 vom 2. Oktober
2019 E. 10.1 und D-6934/2019 vom 9. Januar 2020 E. 10.2.3).
7.2.4 Da dem Beschwerdeführer am 9. Juli 2019 subsidiärer Schutz ge-
währt worden ist, besteht kein Anlass zur Annahme, es drohe ihm eine
Verletzung des in Art. 33 Abs. 1 FK verankerten Grundsatzes der Nicht-
rückschiebung in den Heimatstaat. Er hat eine solche denn auch nicht gel-
tend gemacht und ebenfalls nicht vorgebracht, sein Asylverfahren in Grie-
chenland sei fehlerhaft gewesen. Aufgrund der Akten liegen ferner keine
Anhaltspunkte dafür vor, dass er für den Fall einer Rückschaffung nach
Griechenland dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3
EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt
wäre.
In Bezug auf sein Vorbringen, er habe sich in Griechenland nicht sicher
gefühlt beziehungsweise seine Sicherheit sei bei einer Rückkehr dorthin
gefährdet, ist festzuhalten, dass Griechenland ein Rechtsstaat ist, der über
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einen funktionierenden Polizei- und Justizapparat verfügt. Der Beschwer-
deführer kann im Falle einer (zukünftigen) Bedrohungslage die dortige
Schutzinfrastruktur in Anspruch nehmen. Alleine mit seiner Behauptung,
die griechische Polizei sei nicht gewillt und fähig, Migranten zu schützen,
legt er nicht rechtsgenüglich dar, dass die griechischen Behörden nicht
schutzfähig oder schutzwillig seien.
7.2.5 Hinsichtlich des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers ist
festzuhalten, dass gemäss Praxis des EGMR der Vollzug der Wegweisung
eines abgewiesenen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen im
Einzelfall einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen kann; hierfür sind
jedoch ganz aussergewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl. Urteil Pa-
poshvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, 41738/10 §183). Beim
Beschwerdeführer handelt es sich nicht um eine schwerkranke Person, bei
der die ernsthafte Gefahr besteht, dass sie bei einer Rückschaffung nach
Griechenland einer ernsthaften, rapiden und irreversiblen Verschlechte-
rung ihres Gesundheitszustandes, verbunden mit übermässigem Leiden
oder einer bedeutenden Verkürzung der Lebenserwartung, ausgesetzt
wäre (vgl. nachfolgend E. 7.3.2 f.); überdies ist die medizinische Versor-
gung in Griechenland gewährleistet. Im Übrigen verpflichtet Art. 3 EMRK
einen Konventionsstaat grundsätzlich nicht dazu, bei einer Konfrontation
mit Suiziddrohungen von einer zu vollziehenden Weg- oder Ausweisung
Abstand zu nehmen. Im konkreten Fall besteht Gewähr dafür, dass nöti-
genfalls geeignete Massnahmen ergriffen werden können mit dem Ziel, all-
fällige suizidale Tendenzen beim Beschwerdeführer im Zusammenhang
mit der Ausschaffung nach Griechenland zu verhindern (vgl. ebenfalls
nachstehende E. 7.3.2 f.).
7.2.6 Es liegen somit keine konkreten Hinweise vor, dass der Beschwerde-
führer im Falle seiner Rückkehr nach Griechenland einer unmenschlichen
oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK ausgesetzt
wäre. Ihm gelingt es nicht, die Regelvermutung der Zulässigkeit der Weg-
weisung in einen sicheren Drittstaat umzustossen. Der Vollzug der Weg-
weisung erweist sich als zulässig.
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Herkunftsstaat auf Grund von Si-
tuationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer
Notlage konkret gefährdet sind. Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht fer-
ner die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat
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in der Regel zumutbar ist. Es obliegt der betroffenen Person, diese Vermu-
tung umzustossen.
7.3.2 Das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung (S. 9 f.) einläss-
lich mit der gesundheitlichen Situation des Beschwerdeführers befasst und
dessen Vorbringen anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs zum
medizinischen Sachverhalt an der Erstbefragung (vgl. Sachverhalt
Bst. C.d) sowie zum Kurzbericht der Partnerärztin des BAZ C._
vom 10. Dezember 2019 gewürdigt. Es hat unter anderem festgehalten,
dass dieser Bericht beim Beschwerdeführer Krätze sowie eine bakterielle
Hautinfektion an den Füssen diagnostiziert und Hinweise auf eine klinische
und radiologische Tuberkulose verneint. Ferner hat es die Medikamente
aufgeführt, mit denen der Beschwerdeführer im BAZ behandelt worden ist,
und festgestellt, dass die Ärztin eine Überweisung an einen Spezialisten
nicht als notwendig erachtet hat. Aufgrund der im Zeitpunkt des Erlasses
der Verfügung am 8. Januar 2020 vorhandenen medizinischen Unterlagen
hat es den rechtserheblichen Sachverhalt zu Recht als erstellt erachtet und
auf weitere medizinische Abklärungen verzichtet. Schliesslich hat es zu-
treffend festgestellt, dass Griechenland die Qualifikationsrichtlinie umge-
setzt hat und davon auszugehen ist, dass die medizinische Grundversor-
gung dort sichergestellt ist, so dass der Beschwerdeführer sich bei allfälli-
gen medizinischen Problemen an eine Institution in Griechenland wenden
kann. Ferner hat das SEM festgehalten, dass es dem aktuellen Gesund-
heitszustand bei der Organisation der Überstellung Rechnung tragen und
Griechenland vorgängig über allfällige notwendige medizinische Behand-
lungen informieren werde.
7.3.3 Aus den vor dem Bundesverwaltungsgericht eingereichten ärztlichen
Berichten (vgl. Sachverhalt Bst. N.a und O.c) ergibt sich folgendes Bild:
Der Beschwerdeführer wurde am 10. Januar 2020, mithin zwei Tage nach
Eröffnung des abweisenden Entscheides des SEM, neben leeren Blistern
diverser Medikamente bewusstlos am Boden liegend aufgefunden, in das
D._spital eingeliefert und dort auf der Intensivstation wegen vermu-
teter Vergiftung durch die Einnahme diverser Medikamente (Mischintoxika-
tion) behandelt. Am 11. Januar 2020 wurde er in die Psychiatrische Klinik
eingewiesen, wo er bis am 13. Januar 2020 in stationärer Behandlung war.
Im Austrittsbericht der Klinik vom 26. Februar 2020 heisst es, der Be-
schwerdeführer habe gemäss eigenen Angaben ausgelöst durch den Ent-
scheid des SEM in suizidaler Absicht und aus Verzweiflung verschiedene
Medikamente geschluckt. Im Bericht wird ihm wegen depressiver Verstim-
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mung, Grübeln und Hoffnungslosigkeit, eingeengt auf die drohende Aus-
schaffung nach Griechenland, eine «Anpassungsstörung mit kurzer de-
pressiver Reaktion und Suizidalität bei Ausschaffungsentscheid (F43.20)»
diagnostiziert. Es wird festgestellt, dass keine Hinweise auf eine erkenn-
bare psychiatrische Grunderkrankung vorhanden sind und die Psychopa-
thologie sich ausschliesslich auf den Rechtsstatus des Beschwerdeführers
bezieht. Eine medikamentöse Behandlung erfolgte nicht. Diese Sachlage
lässt den Schluss zu, dass der Beschwerdeführer an keiner schweren
Krankheit leidet. Die behandelnden Ärzte stufen das aktuelle Suizidrisiko
als gering ein, halten aber ausdrücklich fest, dass bei einem bereits erfolg-
ten Suizidversuch im Fall einer Ausschaffung von einer manifesten Selbst-
gefährdung beziehungsweise vorliegend bei der Mitteilung eines Ausschaf-
fungsentscheides und der Ausschaffung nach Griechenland von einer
akuten Suizidgefährdung auszugehen ist. Daher empfehlen sie die Mittei-
lung eines allfälligen negativen Entscheides in Anwesenheit einer Betreu-
ungsperson und bei Hinweisen auf Gefährdungsaspekte eine notfallmäs-
sige Evaluation des Zustandes durch eine Fachperson.
Einer allfälligen, im Zusammenhang mit der Abweisung der Beschwerde
durch das Bundesverwaltungsgericht erneut auftretenden Verschlech-
terung des Gesundheitszustandes beziehungsweise insbesondere Suizid-
drohungen und/oder -handlungen des Beschwerdeführers wird seitens der
zuständigen schweizerischen Behörden mit einer angepassten Betreuung
und medikamentösen Behandlung während der Ausreisevorbereitungen
zu begegnen sein. Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung bereits
festgehalten, dass es dem aktuellen Gesundheitszustand bei der Organi-
sation der Überstellung Rechnung tragen und Griechenland vorgängig
über allfällige notwendige medizinische Behandlungen informieren wird. Je
eine Kopie des Austrittsberichts der Psychiatrischen Klinik vom 26. Februar
2020 und des ärztlichen Berichts samt Beilagen (Laborbefunde und EKG)
des D._spitals vom 16. Januar 2020 werden mit dem vorliegenden
Urteil der Vorinstanz zur Kenntnis gebracht.
Es liegt somit kein medizinisches Vollzugshindernis vor.
7.3.4 Der Beschwerdeführer bringt im Weiteren vor, er habe in Griechen-
land keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Sozialleistungen, wäre dort
komplett auf sich alleine gestellt und extremer Armut, Obdachlosigkeit so-
wie Verwahrlosung ausgesetzt.
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Diesbezüglich ist festzuhalten, dass das griechische Fürsorgesystem nicht
nur für Asylsuchende, sondern auch für Personen mit Schutzstatus in der
Kritik steht. Es wurde unter anderem davon berichtet, dass die Unterstüt-
zung von Personen, denen in Griechenland internationaler Schutz zuer-
kannt worden ist, häufig unzulänglich sei. Da das Land nicht über ein So-
zialwohnungssystem verfüge, sei es für Personen mit Schutzstatus aus
wirtschaftlichen Gründen oft schwierig, eine Unterkunft zu finden. Ange-
sichts der hohen Arbeitslosigkeit seien die Betroffenen dabei im Wesentli-
chen auf die beschränkten Fürsorgeleistungen des Staates angewiesen.
Bezüglich der staatlichen Unterstützungsleistungen komme es in der Pra-
xis auch zu Diskriminierungen von Personen mit Schutzstatus gegenüber
griechischen Staatsangehörigen, wobei dies auch damit zusammenhänge,
dass die betroffenen Ausländerinnen und Ausländer nicht an die zuständi-
gen Behörden verwiesen würden (vgl. Urteil des BVGer E-4866/2019 vom
2. Oktober 2019 E. 10.1 m.w.H.).
Trotz dieser Kritik ist festzustellen, dass Griechenland an die Qualifikati-
onsrichtlinie gebunden ist. Im Kapitel VII werden die den Flüchtlingen zu
gewährenden Rechte geregelt (Art. 26 [Zugang zu Beschäftigung], Art. 27
[Zugang zu Bildung], Art. 29 Abs. 2 [Sozial- und Nothilfe] und Art. 30 Abs. 2
[medizinische Versorgung]). Selbst wenn die Lebensbedingungen in Grie-
chenland aufgrund der herrschenden Wirtschaftslage nicht einfach sind,
liegen keine Hinweise für die Annahme vor, dass der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr dorthin einer existenziellen Notlage ausgesetzt wäre. Es
darf von ihm erwartet werden, dass er sich bei Unterstützungsbedarf an die
griechischen Behörden wendet und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf
dem Rechtsweg einfordert.
Der Beschwerdeführer bestätigte an der Erstbefragung ausdrücklich, dass
er auch nach der Gewährung subsidiären Schutzes und der Erteilung einer
dreijährigen Aufenthaltsbewilligung im Juli 2019 weiterhin im Camp Moria
wohnen konnte (A10 Ziff. 2.06 S. 6) – gemäss seinen Angaben teils in ei-
nem Zimmer, teils in einem Zelt. Er verliess das Camp offenbar erst, als er
sich entschlossen hatte, Griechenland zu verlassen und war somit nie ob-
dachlos.
7.3.5 Dem Beschwerdeführer ist es nicht gelungen, die gesetzlichen Ver-
mutungen umzustossen, wonach Griechenland seinen völkerrechtlichen
Verpflichtungen nachkommt und ein Wegweisungsvollzug in diesen EU-
Mitgliedstaat auch zumutbar ist. Bei dieser Sachlage besteht auch kein An-
lass für die Einholung individueller Garantien.
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7.4 Der Vollzug der Wegweisung ist schliesslich nach Art. 83 Abs. 2 AIG
möglich, da die griechischen Behörden einer Rückübernahme des Be-
schwerdeführers ausdrücklich zugestimmt haben und dieser dort über eine
dreijährige Aufenthaltsbewilligung verfügt.
7.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Wegweisungsvollzug zu-
lässig, zumutbar und möglich ist, womit die Anordnung einer vorläufigen
Aufnahme ausser Betracht fällt (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie voll-
ständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich über-
prüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten in der Höhe von
Fr. 750.– dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG;
Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173. 320.
2]). Er beantragte in der Rechtsmitteleingabe die Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vor-
stehenden Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren nicht von vorn-
herein aussichtlos waren. Während seines Aufenthalts im Bundeszentrum
unterliegt er einem Arbeitsverbot und ist mittellos (Art. 43 Abs. 1 AsylG).
Die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG sind somit erfüllt. Das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gutgeheis-
sen. Es werden keine Kosten auferlegt.
(Dispositiv nächste Seite)
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