Decision ID: 964d4b6b-a8da-46ce-bdcb-616385965d0c
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
3. In der Folge klärte die IV-Stelle den Sachverhalt ab. Sie holte unter
anderem einen Bericht von Dr. med. B._, Fachärztin für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, vom 11. August 2019 samt
Beiblättern ein. Daraus geht hervor, dass A._ seit dem 29. März 2018
in psychotherapeutischer Behandlung ist und folgende Diagnosen
vorliegen: kombinierte Störung der Aufmerksamkeit (DSM-IV 314.0),
Anpassungsstörung (F43.20), Störung des Verhaltens sowie Störung von
Stimmung und Affekt im Sinne von mangelnder Stabilität.
4. Mit Vorbescheid vom 25. Oktober 2019 stellte die IV-Stelle A._ die
Abweisung des Leistungsbegehrens (keine Kostengutsprache für
Psychotherapie) in Aussicht. Gestützt auf die Beurteilung von Dr. med.
C._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler
Ärztlicher Dienst Ostschweiz (RAD), hielt sie im Wesentlichen fest, dass
nach Angaben von Dr. med. B._ das Vorliegen eines schweren
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erworbenen psychischen Leidens verneint werde. Somit seien die
versicherungsmedizinischen Voraussetzungen für eine Kostenübernahme
der Psychotherapie nach Art. 12 IVG nicht erfüllt.
5. Am 25. November 2019 erhob A._ Einwand gegen den Vorbescheid
der IV-Stelle. Er verwies auf ein Schreiben von Dr. med. B._ vom
22. November 2019 und hielt im Wesentlichen fest, dass sehr wohl ein
schweres erworbenes psychisches Leiden vorliege.
6. Am 11. März 2020 verfügte die IV-Stelle wie vorbeschieden. Gestützt auf
eine weitere Beurteilung von Dr. med. C._, RAD, hielt sie im
Wesentlichen fest, dass nach Angaben von Dr. med. B._ die
Behandlung von A._ im Zusammenhang mit erheblichen Störungen
der Aufmerksamkeit, der Adaptation, des Verhaltens und der Affektivität
stehe. Seine Entwicklung verlaufe positiv und er mache gute Fortschritte.
Die Aufmerksamkeit habe sich deutlich stabilisiert und die Affektivität sei
nur noch als Funktionsdefizit zu sehen. In diesem Fall liege somit kein
schweres erworbenes psychisches Leiden vor. Die
versicherungsmedizinischen Voraussetzungen für eine Kostenübernahme
der Psychotherapie nach Art. 12 IVG seien nicht erfüllt.
7. Hiergegen erhob A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) am
11. April 2020 Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden mit den Anträgen, es sei die Verfügung der IV-Stelle aufgrund
der vorliegenden, auf den aktuellen Tatsachen beruhenden Darlegungen
aufzuheben und es sei ihm die nach Art. 12 IVG absolut gebotene
Massnahme einer Psychotherapie zu gewähren. Dabei verwies er unter
anderem auf ein Schreiben von Dr. med. B._ vom 5. [recte: 10.]
April 2020.
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8. In ihrer Vernehmlassung vom 1. Mai 2020 beantragte die IV-Stelle die
Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge zu Lasten des
Beschwerdeführers. Zur Begründung verwies sie primär auf die
angefochtene Verfügung vom 11. März 2020.
9. Am 8. Mai 2020 hielt der Beschwerdeführer replicando an seinen
bisherigen Anträgen fest. Er ergänzte und vertiefte seine bisherige
Argumentation. Zudem reichte er einen weiteren Bericht von Dr. med.
B._ vom 8. Mai 2020 sowie einen Bericht des Schulpsychologischen
Dienstes vom 22. Januar 2019 ein.
10. Mit Schreiben vom 19. Mai 2020 (Eingang) verzichtete die IV-Stelle auf die
Einreichung einer Duplik.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften, die angefochtene
Verfügung sowie die übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung der IV-Stelle
des Kantons Graubünden vom 11. März 2020, worin das
Leistungsbegehren des Beschwerdeführers (Gesuch um
Kostengutsprache für Psychotherapie) abgewiesen wurde. Nach Art. 69
Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) sind Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem
Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle anfechtbar. Die Verfügung der
IV-Stelle des Kantons Graubünden vom 11. März 2020 stellt somit ein
taugliches Anfechtungsobjekt für ein Verfahren vor dem
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden dar. Die sachliche
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Zuständigkeit ergibt sich aus Art. 57 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m.
Art. 49 Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG;
BR 370.100). Als Adressat der angefochtenen Verfügung ist der
Beschwerdeführer davon berührt und er weist ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung oder Änderung auf (Art. 59 ATSG). Auf die
im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist somit
einzutreten (Art. 60 und Art. 61 ATSG).
2. Vorliegend ist unbestritten, dass die beantragte Psychotherapie nicht der
Behandlung eines Geburtsgebrechens i.S.v. Art. 13 IVG dienen soll.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Kosten für die beantragte Psychotherapie
als medizinische Massnahme i.S.v. Art. 12 IVG von der
Invalidenversicherung zu übernehmen sind.
3.1. Gemäss Art. 12 Abs. 1 IVG haben Versicherte bis zum vollendeten
20. Altersjahr Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die
Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die
Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich gerichtet und
geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu verbessern oder
vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren. Als medizinische
Massnahmen i.S.v. Art. 12 IVG gelten dabei namentlich
psychotherapeutische Vorkehren (vgl. Art. 2 Abs. 1 der Verordnung über
die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]).
3.2.1. Art. 12 IVG bezweckt, die Aufgabenbereiche der Invalidenversicherung
einerseits und der sozialen Kranken- und Unfallversicherung andererseits
gegeneinander abzugrenzen (Urteil des Bundesgerichts 9C_912/2014 vom
7. Mai 2015 E.1.2). Um "Behandlung des Leidens an sich" geht es in der
Regel bei der Heilung oder Linderung labilen pathologischen Geschehens.
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Unter solchen Umständen ist die Vorkehr nicht "unmittelbar" auf die
Eingliederung gerichtet (BGE 98 V 214 E.2; vgl. auch Urteil des
Bundesgerichts 9C_109/2008 vom 18. April 2008 E.3.1). Die
Invalidenversicherung übernimmt folglich im Grundsatz nur solche
medizinischen Vorkehren, die auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler
oder wenigstens relativ stabiler Defektzustände oder Funktionsausfälle
hinzielen (vgl. BGE 105 V 19 S. 19 und BGE 98 V 214 E.2; vgl. auch Urteil
des Bundesgerichts 9C_109/2008 vom 18. April 2008 E.3.1) und die
geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu verbessern oder
vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren (vgl. Art. 12 Abs. 1 IVG).
3.2.2. Bei nichterwerbstätigen Minderjährigen können medizinische Vorkehren
allerdings schon dann überwiegend der beruflichen Eingliederung dienen
und trotz des einstweilen noch labilen Leidenscharakters von der
Invalidenversicherung übernommen werden, wenn ohne diese Vorkehren
in absehbarer Zeit eine Heilung mit Defekt oder ein sonst wie stabilisierter
Zustand einträte, welcher die Berufsbildung und/oder die Erwerbsfähigkeit
wahrscheinlich beeinträchtigen würde (BGE 105 V 19 S. 20 und BGE 98 V
214 E.2; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 9C_912/2014 vom
7. Mai 2015 E.1.2). Die für die Beurteilung der Leistungspflicht der
Invalidenversicherung massgebliche fachärztliche Prognose muss zwei
Aussagen enthalten: Zunächst muss erstellt sein, dass ohne die
vorbeugende Behandlung in naher Zukunft eine bleibende
Beeinträchtigung eintreten würde; gleichzeitig muss ein ebenso stabiler
Zustand herbeigeführt werden können, in dem vergleichsweise erheblich
verbesserte Voraussetzungen für die spätere Ausbildung und
Erwerbsfähigkeit herrschen (Urteil des Bundesgerichts 9C_393/2012 vom
20. August 2012 E.3).
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3.2.3. Hinsichtlich Psychotherapie hält das Kreisschreiben des BSV über die
medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung
(KSME, in der hier massgebenden, ab 1. Januar 2020 geltenden Fassung)
folgendes fest (vgl. Rz. 645-647/845-847.3 i.V.m. Rz. 645-647/845-847.5):
Bei Vorliegen erworbener psychischer Leiden, die mit grosser
Wahrscheinlichkeit zu einem erheblichen, schwer korrigierbaren stabilen
Defekt führen, der die spätere Ausbildung und Erwerbstätigkeit wesentlich
behindert oder verunmöglicht, kann die Invalidenversicherung die
erforderliche Psychotherapie übernehmen, wenn nach intensiver
fachgerechter Behandlung von einem Jahr Dauer keine genügende
Besserung erzielt wurde und gemäss spezialärztlicher Feststellung bei
einer weiteren Behandlung erwartet werden kann, dass der drohende
Defekt mit seinen negativen Wirkungen auf die Berufsausbildung und
Erwerbsfähigkeit zu einem grossen Teil verhindert wird. Entgegen den
Vorbringen der IV-Stelle setzt die vorliegend massgebende, ab dem 1.
Januar 2020 geltende Fassung des KSME somit kein schweres
erworbenes psychisches Leiden voraus; vielmehr müssen die sich aus dem
erworbenen psychischen Leiden ergebenden Folgen mit Blick auf die
künftige Eingliederung schwerwiegend sein, so dass es im Sinne einer
vorbeugenden Behandlung der (anbegehrten) Psychotherapie bedarf, um
zu vermeiden, dass in naher Zukunft bleibende Beeinträchtigungen
eintreten, welche sich negativ auf die spätere Ausbildung und die
Erwerbsfähigkeit auswirken. Soweit frühere Fassungen ein schweres
erworbenes psychisches Leiden voraussetzten (vgl. Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 343/04 vom 3. Dezember 2004
E.1.6), kann zudem davon ausgegangen werden, dass die erforderliche
Schwere in der Regel schon dann gegeben war, wenn das Leiden nach
einem Jahr Behandlung noch nicht geheilt bzw. nach einem Jahr
Behandlung noch keine genügende Besserung erzielt worden war (vgl.
Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 372/05 vom
12. Januar 2006 E.2.8). Das von der IV-Stelle angeführte Urteil des
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Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 508/06 vom 6. Februar 2007
steht dem nicht entgegen. Insofern gingen die früheren Fassungen des
KSME von einem vergleichbaren Beurteilungsmassstab aus wie die
vorliegend massgebende Fassung.
3.3. Für die Beurteilung des Eingliederungserfolgs einer bestimmten
medizinischen Massnahme sind die Verwaltung und die im Beschwerdefall
angerufenen Gerichte auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls andere Fachleute zur Verfügung stellen (vgl. BGE 125 V
256 E.4 und BGE 115 V 133 E.2; Urteil des Bundesgerichts 9C_745/2008
vom 2. Dezember 2008 E.3.2). Im Beschwerdefall hat das angerufene
Gericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln,
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen (vgl. BGE 125 V 351
E.3a). Dabei ist der Zeitraum bis zum Abschluss des
Verwaltungsverfahrens Bezugsgrösse für den entscheidungsrelevanten
Sachverhalt. Spätere Arztberichte sind aber in die Beurteilung
miteinzubeziehen, soweit sie Rückschlüsse auf die im Zeitpunkt des
Abschlusses des Verwaltungsverfahrens gegebene Situation erlauben
(Urteil des Bundesgerichts 8C_414/2019 vom 25. September 2019 E.2.2.2
m.w.H.). Schliesslich hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nichts Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (Urteil des Bundesgerichts 8C_414/2019 vom
25. September 2019 E.2.2.2).
4.1. Die IV-Stelle begründet die Abweisung des Leistungsbegehrens gestützt
auf die Beurteilung von Dr. med. C._, Regionaler Ärztlicher Dienst
Ostschweiz (RAD), vom 10. März 2020 (vgl. IV-act. 34 S. 6) im
Wesentlichen wie folgt: Nach Angaben von Dr. med. B._ stehe die
Behandlung des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit erheblichen
Störungen der Aufmerksamkeit, der Adaptation, des Verhaltens und der
Affektivität. Seine Entwicklung verlaufe positiv und er mache gute
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Fortschritte. Die Aufmerksamkeit habe sich deutlich stabilisiert und die
Affektivität sei nur noch als Funktionsdefizit zu sehen. In diesem Fall liege
somit kein schweres erworbenes psychisches Leiden vor. Die
versicherungsmedizinischen Voraussetzungen für eine Kostenübernahme
der Psychotherapie nach Art. 12 IVG seien nicht erfüllt (vgl. IV-act. 33).
4.2. Demgegenüber hält der Beschwerdeführer – insbesondere unter Hinweis
auf ein Schreiben von Dr. med. B._ vom 22. November 2019 – fest,
dass sehr wohl ein schweres erworbenes psychisches Leiden vorliege.
5.1. Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer an einer kombinierten Störung
der Aufmerksamkeit (DSM-IV 314.0), an einer Anpassungsstörung
(F43.20), an einer Störung des Verhaltens sowie an einer Störung von
Stimmung und Affekt im Sinne von mangelnder Stabilität leidet (vgl. IV-
act. 23 S. 1). Aufgrund dieser Diagnosen befindet sich der
Beschwerdeführer seit März 2018 in psychotherapeutischer Behandlung
(vgl. IV-act. 23 S. 5 f. und IV-act. 27) und er wurde per Januar 2019 in eine
Sonderschule versetzt (vgl. IV-act. 23 S. 1 und beschwerdeführerische
Akten [Bf-act.] 12). Rund ein Jahr nach Beginn der psychotherapeutischen
Behandlung berichtete Dr. med. B._ am 23. Mai 2019, dass die
Entwicklung des Beschwerdeführers positiv verlaufe und er gute
Fortschritte mache. Die Aufmerksamkeit habe sich deutlich stabilisiert und
auch die Affektivität sei nur noch als Funktionsdefizit zu sehen. Gleichzeitig
hielt sie allerdings fest, dass eine vollständige Genesung innerhalb eines
Jahres nicht möglich sei, weil die Komplexität des Leidens hoch sei und
innerhalb eines Jahres trotz hohem Engagement aller Beteiligten und trotz
multimodaler Psychotherapie gemäss golden Standard die
Verbesserungen noch nicht genügend seien. Derzeit bzw. mit der
Fortführung der (wöchentlichen) psychotherapeutischen Behandlung
würden vor allem die Adaptationsfähigkeit sowie die Instabilität in Bezug
auf Stimmung und Affekt als Funktionsdefizite und -störungen adressiert
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(vgl. IV-act. 23 S. 6 f.; vgl. auch IV-act. 23 S. 4 f.). Nach dem Gesagten
steht somit fest, dass beim Beschwerdeführer trotz intensiver Behandlung
von einem Jahr Dauer keine genügende Besserung erzielt werden konnte
und somit nach wie vor die Gefahr eines sich einstellenden
Gesundheitszustands besteht, welcher die künftige
Eingliederungsfähigkeit des Beschwerdeführers beeinträchtigen könnte
(vgl. dazu auch vorstehende Erwägung 3.2.3).
5.2.1. Zwar trifft es zu, dass Dr. med. B._ in ihrem Bericht vom 23. Mai 2019
die Frage, ob ein schweres erworbenes psychisches Leiden vorliege,
verneinte (vgl. IV-act. 23 S. 6). Deren vollständige Antwort lautete
allerdings wie folgt: "Nein, es liegt kein schweres erworbenes psychisches
Leiden vor. Die Leidensbehandlung kann als abgeschlossen betrachtet
werden. Im Verlauf des letzten Jahres hat das Kind deutliche Fortschritte
erzielt sowie eine gute Stabilität erreicht. Derzeit können die Defizite als funktionale Defizite definiert werden [Hervorhebungen durch das Gericht]." Daraus geht hervor, dass Dr. med. B._ mit der Verneinung des
Vorliegens eines schweren erworbenen psychischen Leidens nicht sagen
wollte, dass nach einem Jahr Behandlung eine genügende Besserung
habe erzielt werden können. Vielmehr liegt es nahe, dass sie damit zum
Ausdruck bringen wollte, dass der Beschwerdeführer nicht an einer
Krankheit leide, welche nach dem heutigen Wissensstand nicht geheilt
werden kann (vgl. hierzu die Klarstellung in der Stellungnahme von Dr.
med. B._ vom 22. November 2019 [IV-act. 31 S. 3]; vgl. auch Rz. 645-
647/845-847.4 der KSME).
5.2.2. Dass beim Beschwerdeführer (nach wie vor) erhebliche Funktionsdefizite
vorliegen, ergibt sich denn auch mit hinreichender Klarheit aus den übrigen
Akten. So führte Dr. med. B._ auf einem Beiblatt zu ihrem Bericht vom
11. August 2019, datierend vom 9. August 2019, aus, die anbegehrte
Psychotherapie stehe im Zusammenhang mit erheblichen Störungen der
Aufmerksamkeit (kombinierte Störung der Aufmerksamkeit, einschliesslich
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Hyperaktivität bzw. Impulsivität), einer Störung der Adaptation (erhöhte
innere Erregung) sowie einer Störung des Verhaltens und der Affektivität
resp. Stimmung (vgl. IV-act. 23 S. 4). Auf einem weiteren Beiblatt gleichen
Datums hielt sie präzisierend fest, es sei eine krankhafte Beeinträchtigung
der Affektivität und der Kontaktfähigkeit zu beobachten. Diese zeige sich in
einer mangelnden Kommunikation, einer beeinträchtigten
Kontaktaufnahme und in eingeschränkten sprachlichen Möglichkeiten zur
Kontaktaufnahme. Der Beschwerdeführer fühle sich häufig nicht
verstanden und könne sich auch nicht entsprechend ausdrücken. Die
Affektivität sei geprägt durch erhebliche Instabilität, die weit über das
kindliche Normmass hinausgehe (vgl. IV-act. 23 S. 8).
Diese Funktionsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten führten denn auch
schon im Kindergarten zu erheblichen Schwierigkeiten, welche – nach
einem zwischenzeitlichen Abbruch – eine heilpädagogische Begleitung,
eine integrative Sonderschulung und Logopädie erforderten (vgl. Bf-
act. 8 ff.). Sie zeigten sich aber auch in der Primarschule. Aus dem Bericht
des Schulpsychologischen Dienstes vom 22. Januar 2019 geht hervor,
dass sich die Hoffnung, die schulischen Strukturen würden sich hilfreich auf
das Verhalten des Beschwerdeführers auswirken, nicht erfüllt habe. Das
auffällige Verhalten trete im Vergleich zum Kindergarten deutlich stärker
auf. Der Beschwerdeführer habe grosse Mühe, seine Impulse zu
kontrollieren. Die Aufmerksamkeitsspanne sei stark eingeschränkt. In
manchen Situationen werde der Beschwerdeführer laut, fluche und schreie
herum. Er könne dann auch aggressiv werden. Offene Situationen wie der
Pausenplatz oder die Turnstunde seien für ihn eine Überforderung. Es
scheine, als würde der Schulalltag für den Beschwerdeführer ein Übermass
an Reizen mit sich bringen. Der Stundenplan habe trotz Strukturierung,
Visualisierungen, Rückzugsmöglichkeiten und Konsequenzenandrohung
seitens der Lehrpersonen reduziert werden müssen, da ein
Unterrichtsbesuch ohne individuelle Begleitung nicht möglich gewesen sei.
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Die Schule sei zum Schluss gelangt, dass eine Weiterführung der
integrativen Sonderschulung nicht mehr tragbar sei. Es sei angezeigt und
notwendig, den Beschwerdeführer in einer Sonderschulinstitution für
Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten zu betreuen (Bf-act. 12).
Zudem wurden die Funktionsstörungen nicht nur mittels intensiver, bereits
über ein Jahr dauernder Psychotherapie (vgl. IV-act. 23 S. 9), sondern
unter anderem auch medikamentös behandelt, im Kindergarten zunächst
mit Strattera (vgl. Bf-act. 8 ff.) und sodann mit Ritalin und Risperdal (vgl.
Bf-act. 4). Dabei erscheint es nachvollziehbar, wenn Dr. med. B._ in
ihrer Stellungnahme vom 10. April 2020 ausführt, eine solche hochpotente
Medikation werde nicht bei leichten Störungen gegeben; vielmehr lasse
deren Verabreichung auf Funktionsdefizite erheblichen Ausmasses
schliessen (vgl. Bf-act. 4).
Nach dem Gesagten gehen somit aus der gesamten Aktenlage erhebliche
Verhaltensauffälligkeiten und Funktionsdefizite hervor, die insbesondere
die Bereiche Adaptationsfähigkeit und Instabilität in Bezug auf die
Stimmung und den Affekt betreffen (vgl. IV-act. 23 S. 7), weshalb nicht zu
beanstanden ist, wenn Dr. med. B._ letztlich ihre Antwort auf die Frage
nach einem schweren erworbenen psychischen Leiden richtigstellte und
ein solches bejahte (vgl. Stellungnahmen vom 22. November 2019 [IV-
act. 31 S. 5 f.], vom 10. April 2020 [Bf-act. 4] und vom 8. Mai 2020 [Bf-
act. 11]). Der Vorwurf der IV-Stelle, wonach Überlegungen
versicherungsrechtlicher Natur bei Dr. med. B._ einen Sinneswandel
bewirkt hätten, zielt damit ins Leere.
6. Es bleibt somit zu prüfen, ob beim Beschwerdeführer ohne die beantragte
psychotherapeutische Behandlung in absehbarer Zeit eine Heilung mit
Defekt oder ein sonst wie stabilisierter Zustand einträte, welcher die
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Berufsbildung und/oder die Erwerbsfähigkeit wahrscheinlich
beeinträchtigen würde (vgl. dazu vorstehende Erwägung 3.2.2).
6.1. Wie bereits erwähnt, hielt die behandelnde Ärztin Dr. med. B._ in
ihrem Bericht vom 23. Mai 2019 fest, dass mit der Fortführung der
(wöchentlichen) psychotherapeutischen Behandlung vor allem die
Adaptationsfähigkeit des Beschwerdeführers sowie dessen Instabilität in
Bezug auf Stimmung und Affekt adressiert würden bzw. zu adressieren
seien. Zudem wies sie darauf hin, dass im Falle einer Sistierung der
Therapie die Gefahr eines dauernden psychischen Defekts bestünde (vgl.
IV-act. 23 S. 7 f.; vgl. auch IV-act. 23 S. 4 f.). Auch in ihrem Schreiben vom
10. April 2020 betonte Dr. med. B._, dass die Beendigung der
Therapie beim Beschwerdeführer mit grösster Wahrscheinlichkeit zu einem
weitreichenden Defekt führen würde (vgl. Bf-act. 4).
Nach Auffassung des streitberufenen Gerichts liegen keine konkreten
Indizien vor, die gegen die Zuverlässigkeit dieser fachärztlichen
Einschätzung sprechen. Solche werden denn auch nicht von der IV-Stelle
angebracht. Zudem sind die von Dr. med. B._ geschilderten Defizite
durchaus eingliederungsrechtlich relevant. Denn eine gewisse
Adaptationsfähigkeit und die Fähigkeit zur Kontrolle von Stimmung und
Affekt (vgl. IV-act. 23 S. 7 f. und Bf-act. 4) sind sowohl in der Ausbildung
als auch im späteren Berufsleben gefragt (vgl. Urteil des Bundesgerichts
9C_393/2012 vom 20. August 2012 E.5.2).
6.2. Nach dem Gesagten ist es somit nachvollziehbar, dass ohne die beantragte
Psychotherapie in absehbarer Zeit ein die Berufsbildung und/oder die
Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Defektzustand eintreten würde und
dass mit der beantragten psychotherapeutischen Behandlung ein Zustand
herbeigeführt werden kann, in dem vergleichsweise erheblich verbesserte
Voraussetzungen für die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit
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herrschen. Anhaltspunkte dafür, dass die Behandlung zeitlich unbegrenzt
erforderlich wäre, werden keine geltend gemacht und sind auch keine
ersichtlich (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_393/2012 vom
20. August 2012 E.3).
7.1. Im Ergebnis kann somit festgehalten werden, dass die IV-Stelle die
Kostenübernahmepflicht der Invalidenversicherung für die beantragte
Psychotherapie als medizinische Massnahme i.S.v. Art. 12 IVG zu Unrecht
verneint hat. Die Beschwerde erweist sich somit als begründet, weshalb sie
gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben ist. Die IV-
Stelle wird verpflichtet, die Kosten für die Psychotherapie zu übernehmen.
7.2. Aus den Beiblättern zum Bericht von Dr. med. B._ vom 11. August
2018 geht hervor, dass die erste psychotherapeutische Behandlung am
29. März 2018 stattgefunden hat (vgl. IV-act. 23 S. 5 f.), wobei sie am
23. Mai 2019 berichtete, dass die Leidensbehandlung abgeschlossen sei
(vgl. IV-act. 23 S. 6 f.). Zudem hielt Dr. med. B._ auf dem Beiblatt vom
9. August 2019 fest, dass die (wöchentliche) Psychotherapie vorläufig für
die Dauer von zwei Jahren notwendig sein werde (vgl. IV-act. 23 S. 5).
Unter Berücksichtigung dieser fachärztlichen Einschätzung hat die IV-
Stelle festzulegen, ab welchem Zeitpunkt die Kosten für die beantragten
Psychotherapien übernommen werden.
8.1. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei
Streitigkeiten über Leistungen der Invalidenversicherung vor dem
kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach
dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Vorliegend rechtfertigt es sich, die
Kosten auf Fr. 700.-- festzulegen. Entsprechend dem Ausgang des
Verfahrens sind die Kosten der unterliegenden IV-Stelle aufzuerlegen (vgl.
Art. 73 Abs. 1 VRG).
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8.2. Nach Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Person
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da der obsiegende
Beschwerdeführer durch seine Eltern (nicht anwaltlich) vertreten ist, steht
ihm praxisgemäss keine Parteientschädigung zu.