Decision ID: e21066ac-45db-5814-8df9-f17c3cd29873
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) und B._ (nachfol-
gend: Beschwerdeführerin) stellten für sich und ihre Kinder C._ und
D._ sowie den zwischenzeitlich volljährigen Sohn E._ (N
[...]; D-2289/2020) am 17. Juli 2017 in der Schweiz ein Asylgesuch.
Mit Verfügung vom 20. Dezember 2018 lehnte das SEM das Asylgesuch
der Beschwerdeführenden ab, verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete deren Vollzug an. Die dagegen erhobene Beschwerde wies
das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-7400/2018 vom 8. Februar
2019 als offensichtlich unbegründet ab.
B.
Mit Eingabe vom 20. Februar 2019 gelangten die Beschwerdeführenden
an das SEM, nachdem ihnen am Tag zuvor eine neue Ausreisefrist (per
13. März 2019) angesetzt worden war, und ersuchten um Aufhebung des
Urteils D-7400/2018 zwecks Neubeurteilung ihrer Gesuchsgründe. Das
SEM überwies die Eingabe zuständigkeitshalber an das Bundesverwal-
tungsgericht, welches sie als Revisionsgesuch entgegennahm. Mit Urteil
D-1024/2019 vom 12. März 2019 trat es darauf nicht ein. Es hielt fest, die
Eingabe der Beschwerdeführenden werde den Anforderungen an ein Re-
visionsgesuch nicht gerecht und stelle sich als blosse Bittschrift dar.
C.
Mit Eingabe vom 2. Mai 2019 ersuchten die Beschwerdeführenden das
SEM um Wiedererwägung des ablehnenden Asylentscheids. Das SEM
wies dieses Wiedererwägungsgesuch mit Verfügung vom 12. August 2019
ab. Das Bundesverwaltungsgericht trat mit Urteil D-4769/2019 vom
26. September 2019 auf eine dagegen erhobene Beschwerde nicht ein.
D.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 2. Oktober 2019 reichten die Be-
schwerdeführenden beim SEM ein Gesuch «betreffend Feststellung ihrer
Flüchtlingseigenschaft» ein, mit dem sie um Gewährung von Asyl, eventu-
aliter um vorläufige Aufnahme in der Schweiz ersuchten. Das SEM qualifi-
zierte die Eingabe als Wiedererwägungsgesuch und trat darauf mit Verfü-
gung vom 27. Dezember 2019 nicht ein. Die dagegen erhobene Be-
schwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-195/2020 vom
6. Februar 2020 als offensichtlich unbegründet ab.
D-2886/2020
Seite 3
E.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 10. März 2020 reichten die Be-
schwerdeführenden und ihr erwachsener Sohn E._ (N [...],
D-2889/2020) ein weiteres als «Qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch»
bezeichnetes Gesuch ein, mit dem sie die Aufhebung der Wegweisungs-
anordnung und die Gewährung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzu-
mutbarkeit beziehungsweise Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung
beantragten, dies unter Gewährleistung der unentgeltlichen Rechtspflege
einschliesslich Beiordnung ihres Rechtsvertreters als unentgeltlicher Bei-
stand sowie unter Verzicht auf Verfahrenskosten.
Zur Begründung machten sie geltend, die ursprüngliche Verfügung des
SEM sei fehlerhaft, weil sich herausgestellt habe, dass die Beschwerde-
führerin aufgrund der Erlebnisse in Albanien und der drohenden Rückkehr
dorthin unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bezie-
hungsweise einer schweren Depression leide. Eine Behandlung dieser
Krankheit in Albanien sei unmöglich, zumal gerade die Rückkehr zu einer
Retraumatisierung und Suizidalität führe. Eine Wegweisung verstosse ei-
nerseits mangels Gewährleistung der physischen und psychischen Integri-
tät gegen Art. 2 bzw. 3 EMRK (SR 0.101). Andererseits erweise sich der
Wegweisungsvollzug als unzumutbar, da er zu einer existenziellen Notlage
für die Beschwerdeführenden führe und die medizinische Versorgung nicht
gewährleistet sei. Zudem sei wegen der Krankheit der Beschwerdeführerin
auch das Wohl der Kinder gefährdet, weil sie diese nicht angemessen be-
treuen könnte. Als Beweismittel reichten Sie einen Bericht (...) von
Dr. F._ vom 7. Februar 2020 ein.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 27. April 2020 qualifizierte das SEM das Wie-
dererwägungsgesuch als aussichtslos und forderte die Beschwerdeführen-
den zusammen mit ihrem volljährigen Sohn auf, bis zum 11. Mai 2020 ei-
nen Gebührenvorschuss in Höhe von Fr. 600.– zu bezahlen, verbunden mit
der Androhung, bei Nichtleistung des Kostenvorschusses auf das Wieder-
erwägungsgesuch nicht einzutreten. Zudem hielt es gestützt auf seine Er-
wägungen hinsichtlich der Aussichtslosigkeit des Wiedererwägungsge-
suchs fest, jedem weiteren Gesuch um Befreiung von der Bezahlung oder
Reduktion des Gebührenvorschusses, Akontozahlung oder Fristerstre-
ckung keine Beachtung zu schenken.
G.
Mit Schreiben vom 11. Mai 2020 ersuchten die Beschwerdeführenden und
D-2886/2020
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ihr Sohn um Fristerstreckung zur Zahlung des Gebührenvorschusses um
30 Tage.
H.
Mit zwei Verfügungen vom 22. Mai 2020 – eröffnet am 26. Mai 2020 – trat
das SEM gegenüber den Beschwerdeführenden einerseits sowie gegen-
über dem volljährigen Sohn andererseits auf das Wiedererwägungsgesuch
aufgrund nicht geleisteten Gebührenvorschusses nicht ein, erklärte die
Verfügung vom 20. Dezember 2018 für rechtskräftig und vollstreckbar und
hielt fest, dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung
zukomme. Zudem lehnte es wegen Aussichtslosigkeit des Gesuchs die An-
träge auf Erlass der Verfahrenskosten beziehungsweise unentgeltliche
Rechtspflege ab.
I.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 2. Juni 2020 erhoben die Be-
schwerdeführenden sowie auch ihr Sohn (D-2889/2020) gegen diese Ver-
fügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragten, die
angefochtenen Nichteintretensentscheide seien aufzuheben und die Sa-
che zur neuerlichen Entscheidung an das SEM zurückzuweisen. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht beantragten sie die Erteilung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde und den Erlass vorsorglicher Massnahmen, die
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, einschliesslich Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die Einsetzung des
rubrizierten Rechtsanwalts als unentgeltlicher Rechtsbeistand. Mit der Be-
schwerdeschrift reichten sie eine Unterstützungsbestätigung ein.
J.
Am 4. Juni 2020 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde und
setzte den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus. Gleichen-
tags lagen dem Gericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form
vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG [SR 142.31]).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
D-2886/2020
Seite 5
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG, Art. 105 AsylG). Das Verfahren rich-
tet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder AsylG nichts anderes be-
stimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 und 105 ff. AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art 48 Abs. 1 und 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Das vorliegende Verfahren sowie das Beschwerdeverfahren des Sohnes
E._ (D-2889/2020) werden koordiniert behandelt.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurde vorliegend verzichtet
(Art. 111a Abs. 1 AsylG; Art. 57 VwVG).
5.
Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt
(vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert
30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und
begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach den
revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG (Art. 111b Abs. 1
AsylG).
Das Wiedererwägungsgesuch bezweckt primär die Änderung einer ur-
sprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erheb-
liche Veränderung der Sachlage (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Die
Wiedererwägung ist nicht beliebig zulässig. Sie darf insbesondere nicht
dazu dienen, die Rechtskraft von Verwaltungsentscheiden immer wieder
infrage zu stellen oder die Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu
umgehen (vgl. BGE 136 II 177 E. 2. 1 sowie Urteil des BVGer E-1532/2014
vom 8. Mai 2014 E. 3).
D-2886/2020
Seite 6
6.
6.1 In der angefochtenen Verfügung vom 22. Mai 2020 führte das SEM
aus, es habe von den Beschwerdeführenden mit Zwischenverfügung vom
27. April 2020 einen Gebührenvorschuss verlangt, nachdem diese mit Ein-
gabe vom 10. März 2020 um Wiedererwägung der Asylverfügung vom
20. Dezember 2018 ersucht hätten. Dabei sei angedroht worden, im Un-
terlassungsfall auf das Gesuch nicht einzutreten, und in Anbetracht der Er-
wägungen zur Aussichtslosigkeit des Wiedererwägungsgesuchs jedem
weiteren Gesuch um Befreiung von der Bezahlung oder Reduktion des Ge-
bührenvorschusses, Akontozahlung oder Fristerstreckung keine Beach-
tung zu schenken. Da der Gebührenvorschuss innert Frist nicht geleistet
worden sei und eine Erstreckung der Zahlungsfrist, wie in der Zwischen-
verfügung vom 27. April 2020 erwähnt, nicht möglich sei, werde auf das
Wiedererwägungsgesuch androhungsgemäss nicht eingetreten.
6.2 Die Beschwerdeführenden machen in ihrer Beschwerde im Wesentli-
chen geltend, das SEM habe Art. 29 Abs. 1 BV zum einen durch Ermes-
sensunterschreitung verletzt, indem es eine zu kurze Zahlungsfrist von
acht Tagen angesetzt habe. Es habe dabei unberücksichtigt gelassen,
dass sie lediglich Nothilfe bezögen und die Verfügbarmachung des Ge-
bührenvorschusses mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sei
(Verschuldung bei Freunden und Bekannten), dass sie mangels eige-
nem Bankkonto für die Überweisung des Geldes zur Bank gehen müss-
ten und dass ein Treffen mit Freunden sowie ein Besuch der Bank auf-
grund der bundesrätlichen Massnahmen zur Eindämmung des Corona-
virus (einschliesslich Kontaktverbot) nicht ohne gesundheitliche Gefah-
ren sowie Sanktionen innert Frist möglich gewesen sei. Zum anderen
habe das SEM mit seiner Weigerung, das Gesuch der Beschwerdefüh-
renden vom 11. Mai 2020 zu berücksichtigen und die Frist zur Zahlung
des Vorschusses zu erstrecken, sein Ermessen nicht gebraucht und
auch insoweit Art. 29 Abs. 1 BV verletzt. Trotz der Ankündigung in der
Zwischenverfügung vom 27. April 2020 sei es nämlich zur Ausübung ei-
nes zusätzlichen pflichtgemässen Ermessens verpflichtet gewesen. Sie
(die Beschwerdeführenden) hätten einen ausgewiesenen Anspruch auf
Fristerstreckung. Indem das SEM die bekannten erschwerten Umstände
während der Coronavirus-Situation nicht entsprechend berücksichtigt
habe, sei ihm zudem ein Ermessensfehler unterlaufen. Schliesslich
habe das SEM in Verletzung von Art. 29 Abs. 1 BV durch die kurze Zah-
lungsfrist und die Nichtberücksichtigung des Fristerstreckungsgesuchs
überspitzten Formalismus als besondere Form der Rechtsverweigerung
angewendet. Selbst wenn die kurze Frist dem Beschleunigungsgebot im
D-2886/2020
Seite 7
Asylrecht gedient habe, sei doch im konkreten Fall die angewandte
Formstrenge unter den erwähnten Umständen unzumutbar sowie unver-
hältnismässig gewesen und überwiege das Interesse (der Beschwerde-
führenden) am Eintreten auf das Wiedererwägungsgesuch.
7.
7.1
7.1.1 Gemäss Art. 111d AsylG erhebt die Vorinstanz eine Gebühr, sofern
sie ein Wiedererwägungs- oder Mehrfachgesuch ablehnt oder darauf nicht
eintritt. Sie kann von der gesuchstellenden Person einen Gebührenvor-
schuss in der Höhe der mutmasslichen Verfahrenskosten verlangen. Sie
setzt zu dessen Leistung unter Androhung des Nichteintretens eine ange-
messene Frist an. Auf einen Gebührenvorschuss wird auf entsprechendes
Gesuch hin insbesondere verzichtet, sofern die gesuchstellende Person
bedürftig ist und ihre Begehren nicht von vornherein aussichtslos erschei-
nen (Art. 111d Abs. 1–3 AsylG).
7.1.2 Zwischenverfügungen des SEM, mit welchen über die Leistung eines
Gebührenvorschusses im Sinne von Art. 111d Abs. 3 AsylG entschieden
wird, können praxisgemäss erst mit dem Endentscheid angefochten wer-
den, zumal der Partei alleine aus der Verweigerung eines kostenfreien vo-
rinstanzlichen Verfahrens noch kein nicht wieder gutzumachender Nachteil
erwachsen kann, da ein allfälliger Nichteintretensentscheid zufolge Nicht-
bezahlung des Gebührenvorschusses auf dem ordentlichen Rechtsweg
angefochten werden kann (vgl. dazu BVGE 2007/18).
7.2
7.2.1 Die Vorinstanz trat auf das Wiedererwägungsgesuch aufgrund
dessen, dass die Beschwerdeführenden den in der Zwischenverfügung
vom 27. April 2020 erhobenen Kostenvorschuss nicht geleistet hatten,
androhungsgemäss nicht ein. Die Beschwerdeführenden wenden dage-
gen ein, das SEM habe mit acht Tagen eine zu kurze Zahlungsfrist an-
gesetzt und sich geweigert, gemäss ihrem Gesuch vom 11. Mai 2020
die Frist zur Zahlung des Vorschusses zu erstrecken. Damit habe es –
in Verletzung von Art. 29 Abs. 1 BV – das ihm eingeräumte Ermessen
unterschritten beziehungsweise nicht gebraucht und überspitzten For-
malismus angewendet.
7.2.2 Die vorliegende Beschwerde richtet sich gemäss den gestellten
Rechtsbegehren der anwaltlich vertretenen Beschwerdeführenden aus-
schliesslich gegen den Nichteintretensentscheid des SEM vom 22. Mai
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Seite 8
2020. Aus der Beschwerdebegründung geht zumindest implizit hervor,
dass sie auch die diesem Entscheid zugrundeliegende Zwischenverfügung
vom 27. April 2020 beanstanden, jedenfalls soweit die angesetzte Zah-
lungsfrist betreffend. Gegen die Einschätzung des SEM hinsichtlich der
Aussichtslosigkeit des Wiedererwägungsgesuches und die Erhebung ei-
nes Gebührenvorschusses an sich werden aber keinerlei Einwände vorge-
bracht. Demnach beschränken sich die nachfolgenden Erwägungen auf
die Prüfung der angesetzten Zahlungsfrist, das Nichteintreten bei nicht
fristgerechter Zahlung nach entsprechender Androhung sowie die Nicht-
beachtung des Gesuchs um Fristerstreckung.
7.3 Überspitzter Formalismus ist eine besondere Form der Rechtsverwei-
gerung (Art. 29 Abs. 1 BV). Von einem solchen ist nur auszugehen, wenn
die strikte Anwendung der Formvorschriften durch keine schutzwürdigen
Interessen gerechtfertigt ist, zum blossen Selbstzweck wird und die Ver-
wirklichung des materiellen Rechts in unhaltbarer Weise erschwert oder
verhindert (BGE 141 IV 298 E. 1.3.2 f.; BGE 142 I 10 E. 2.4.2; vgl. auch
BVGE 2007/13 E. 3.2 m.w.H.; Urteil des BVGer D-3399/2015 vom 29. Ok-
tober 2015 E. 6.2.2). Allein die strikte Anwendung der Formvorschriften
stellt keinen überspitzten Formalismus dar (BGE 142 IV 299 E. 1.3.3).
Nach ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung stellt das Nichteintre-
ten auf ein Rechtsmittel mangels rechtzeitiger Leistung des Kostenvor-
schusses regelmässig keinen überspitzten Formalismus dar, wenn die Be-
schwerde führende Partei über die Höhe des Vorschusses, die Zahlungs-
frist und die Säumnisfolgen rechtsgenüglich informiert worden ist (vgl. etwa
Urteil des BGer 9C_410/2018 vom 19. Juli 2018 E. 3.2.2 m.w.H.). Diese
Praxis lässt sich sinngemäss auf Eingaben auf vorinstanzlicher Ebene
übertragen.
7.4
7.4.1 Aus dem Verbot des überspitzten Formalismus vermögen die Be-
schwerdeführenden im Hinblick auf die ihnen gesetzte Zahlungsfrist
nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Die Verpflichtung zur Leistung eines
Kostenvorschusses innert einer bestimmten Frist lässt sich sachlich be-
gründen, so etwa hier mit dem Interesse an einer effizienten, auf Be-
schleunigung ausgerichteten Verfahrensführung im Asylbereich. Bei der
Fristansetzung zur Leistung des Kostenvorschusses steht der Behörde
zudem ein erheblicher Ermessensspielraum zu, was die Beschwerde-
führenden selbst festhalten. Die Frist ist grundsätzlich so anzusetzen,
dass ihnen unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Verfahrens ge-
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Seite 9
nügend Zeit zur Verfügung gestellt wird, um den geforderten Betrag ver-
fügbar machen und überweisen zu können (vgl. Urteil des BGer
2C_1065/2017 vom 15. Juni 2018 E. 4.3.1 m.w.H.). Das Bundesgericht
hat dazu festgehalten, eine Zahlungsfrist von zehn Tagen oder etwas
mehr möge als kurz betrachtet werden, sei jedoch nicht so kurz, als dass
dadurch der Zugang zum Gericht de facto ausgeschlossen und damit eine
Rechtsverweigerung begangen würde (vgl. Urteil des BGer 12T_4/2010
vom 2. August 2010 E. 3.1 m.w.H., bei dem eine Aufsichtsanzeige gegen
das Bundesverwaltungsgericht betreffend Nichteintreten auf eine Be-
schwerde im Asylbereich wegen Nichtleisten des Kostenvorschusses be-
urteilt wurde).
7.4.2 Vorliegend ist festzuhalten, dass die Ansetzung einer Frist sowie
die Androhung des Nichteintretens für den Fall der nichtfristgerechten
Zahlung des Gebührenvorschusses in Art. 111d Abs. 3 AsylG eine hin-
reichende gesetzliche Grundlage finden. Die Beschwerdeführenden wur-
den auch über die Höhe des Vorschusses, die Zahlungsfrist und die Säum-
nisfolgen rechtsgenüglich informiert.
7.4.3 In Frage steht, ob die nach einem Datum bestimmte Frist (11. Mai
2020) als angemessen im Sinne von Art. 111d Abs. 3 Satz 2 AsylG zu
bezeichnen ist. Das SEM setzte sie mit der Zwischenverfügung vom
27. April 2020 an, welche den Beschwerdeführenden gemäss Akten am
29. April 2020 zuging. Demnach betrug die Frist zur Zahlung des Vor-
schusses 12 Tage (davon 8 Arbeitstage).
Vor dem Hintergrund der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu Zah-
lungsfristen ist diese Frist zwar als kurz, jedoch nicht als rechtsverwei-
gernd kurz zu erachten. Sie erscheint auch angemessen: So strengten
die anwaltlich vertretenen Beschwerdeführenden von sich aus ein
neues Verfahren vor dem SEM an und mussten daher mit der Zustellung
einer Mitteilung, einschliesslich der Erhebung eines Vorschusses, rech-
nen. Diesbezüglich können sie überdies auf ihre einschlägigen Erfah-
rungen aus immerhin vier vorangehenden Verfahren vor dem SEM und
dem Gericht verwiesen werden, in denen teilweise ebenfalls Kosten an-
fielen. Es lag daher im Verantwortungsbereich der Beschwerdeführen-
den, für die finanziellen Mittel zur Führung eines erneuten Verfahrens
zu sorgen. Dazu hatten sie, gerechnet ab dem Datum ihrer Eingabe
(10. März 2020), immerhin zwei Monate Zeit. Dass sie als Nothilfebe-
ziehende nur über geringe Mittel verfügen, ist dabei unter Beachtung
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Seite 10
der Vorgaben für die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, na-
mentlich der Erfolgsaussichten ihrer Begehren, ebenso unbehelflich wie
der Umstand, dass sie kein Bankkonto haben und für eine Überweisung
eine Bank aufsuchen müssen, zumal sie in ihrer Beschwerdeschrift
nichts in Bezug auf die vom SEM festgehaltene Aussichtslosigkeit ihres
Gesuchs vorgebracht haben. Auch die einschränkenden Massnahmen
im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie können die Beschwerde-
führenden nicht zu ihren Gunsten anführen, blieben doch Finanzinstitute
weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich und bestanden bussenbe-
wehrte Kontaktverbote allein für mehr als fünf Personen sowie bei Nicht-
einhaltung des Mindestabstands von zwei Metern (betreffend Verbote
vgl. insbesondere Art. 7c Abs. 1 und 10f Abs. 2 Bst. a COVID-19-Ver-
ordnung 2 [SR 314.11]). Selbst unter diesen Umständen hätten sich
nach Einschätzung des Gerichts Möglichkeiten geboten, den Gebühren-
vorschuss rechtzeitig innert der angesetzten Frist bis zum 11. Mai 2020
und unter Einhaltung der Schutzmassnahmen zur Eindämmung der
Corona-Pandemie zu leisten.
7.5 Zu prüfen bleibt, ob das SEM mit der Nichterstreckung der Zahlungs-
frist trotz entsprechenden Gesuchs einen Ermessensfehler begangen
und überspitzt formalistisch gehandelt hat.
7.5.1 Art. 111d AsylG sind keine Angaben über eine mögliche Fristverlän-
gerung zu entnehmen, auch nicht gestützt auf andere Vorgaben des Asyl-
gesetzes. Gemäss Art. 6 Asylgesetz richtet sich das Verfahren daher
grundsätzlich nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz. Dieses Gesetz
kennt keinen Anspruch auf Fristverlängerung. Art. 22 Abs. 2 VwVG sieht
nur vor, dass eine behördlich angesetzte Frist aus zureichenden Gründen
erstreckt werden kann. Die Gründe müssen dabei mit dem Gesuch belegt
oder zumindest glaubhaft gemacht werden (vgl PATRICIA EGLI, in: Bernhard
Waldmann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG,
2. Aufl., 2016, Art. 22, N 21). Gemäss Art. 23 VwVG kann eine Behörde,
die eine Frist ansetzt, gleichzeitig auch Säumnisfolgen androhen, die im
Säumnisfall eintreten. Im Asylbereich gilt diesbezüglich kein Sonderrecht
(vgl. Urteil des BGer 12T_4/2010 vom 2. August 2010 E. 3.2 m.w.H.).
7.5.2 Ein Anspruch auf Fristerstreckung besteht nach dem zuvor Gesagten
– entgegen der Behauptung der Beschwerdeführenden in ihrer Beschwer-
deschrift – nicht. Vorliegend haben sie mit ihrem Gesuch vom 11. Mai 2020
vor Fristablauf um Fristerstreckung ersucht, aber keinerlei Gründe dafür
D-2886/2020
Seite 11
vorgebracht. Der Hinweis auf die bekannten erschwerten Umstände wäh-
rend der Corona-Pandemie erfolgte erst in der Beschwerdeschrift und da-
mit verspätet. Überdies genügt ein Fristerstreckungsgesuch den Anforde-
rungen an die Darlegung zureichender Gründe gerade nicht, wenn Um-
stände als bei der Behörde «bekannt» vorausgesetzt werden. Mithin waren
bereits die Voraussetzungen nicht erfüllt, dass das SEM überhaupt sein
Ermessen nach der «Kann»-Bestimmung in Art. 22 Abs. 2 VwVG pflichtge-
mäss ausüben musste.
7.5.3 Auch darüber hinaus ist die Nichtberücksichtigung des Gesuchs
durch das SEM nicht zu beanstanden. Es hat mit dem Verweis auf die Er-
wägungen zur Aussichtslosigkeit des Wiedererwägungsgesuchs unmiss-
verständlich zum Ausdruck gebracht, dass eine Fristverlängerung nur unter
besonders strengen Voraussetzungen in Betracht kommen könne, na-
mentlich, wenn inhaltliche Angaben und Beweismittel vorgebracht werden,
welche die summarische Einschätzung des SEM zur Aussichtslosigkeit
umstossen könnten. Damit entspricht der Nichteintretensentscheid auch
den Anforderungen der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, die es genü-
gen lässt, wenn in einer Verfügung zum Ausdruck gebracht wird, dass eine
nach Art. 22 VwVG angesetzte Frist voraussichtlich nicht verlängert oder
zumindest nur schwerlich gewährt würde (vgl. Urteil des BGer 12T_4/2010
vom 2. August 2010 E. 3.3 m.w.H.). Dies ist mit der Zwischenverfügung
vom 27. April 2020 klar und deutlich erfolgt.
7.6 In Anbetracht dieser Erwägungen sind die vom SEM angesetzte
Zahlungsfrist, die Androhung des Nichteintretens bei nicht fristgerechter
Zahlung sowie die Nichtbeachtung des Gesuchs um Fristerstreckung nicht
zu beanstanden. Das Nichteintreten des SEM auf das Wiedererwä-
gungsgesuch mangels Zahlung des Gebührenvorschusses innert Frist
erfolgte demnach zu Recht.
8.
Zusammenfassend verletzt die angefochtene Verfügung kein Bundesrecht
und ist auch sonst nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens erweist sich das Gesuch um Erteilung
der aufschiebenden Wirkung als gegenstandslos. Der am 4. Juni 2020 im
Rahmen einer superprovisorischen Massnahme einstweilen angeordnete
Vollzugsstopp ist wieder aufzuheben.
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Seite 12
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerde erwies
sich jedoch nicht als von vornherein aussichtslos, weshalb das Gesuch der
Beschwerdeführenden um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung vom 2. Juni 2020 in Anwendung von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheis-
sen ist. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses wird mit Erlass des vorliegenden Urteils gegenstandslos.
10.2 Das Gesuch um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als
amtlicher Rechtsbeistand gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG ist hingegen abzu-
weisen, da es sich vorliegend nicht um einen besonderen Fall handelt, in
welchem in rechtlicher oder tatsächlicher Hinsicht erhöhte Schwierigkeiten
bestanden, welche der professionellen juristischen Hilfe des Anwaltes be-
durften (vgl. insbesondere EMARK 2000 Nr. 6 sowie BGE 122 I 8 E. 2c).
(Dispositiv nächste Seite)
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