Decision ID: 0bf164af-1957-4501-b7cb-120296d6359c
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
betreffend einfache Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Hinwil, Einzelgericht in , vom 8. Februar 2016 (GG150023)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom 4. November 2015
(Urk. 30) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB;
− des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 8 Monaten.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf
2 Jahre festgesetzt.
4. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger eine Genugtuung von
Fr. 1'500.– zu bezahlen.
5. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 2'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 1'000.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 181.95 Auslagen für das Vorverfahren
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 78 S. 1)
1. A._ sei vollumfänglich von der Anklage freizusprechen;
2. Auf die Zivilforderung des Privatklägers sei nicht einzutreten;
3. Die Verfahrenskosten des erst- und zweitinstanzlichen Verfahrens sei-
en dem Staat zu überbinden;
4. A._ sei für die Kosten seiner Verteidigung angemessen zu ent-
schädigen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft See/Oberland:
(Urk. 64)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
_

Considerations:
Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene, mündlich eröffnete
Urteil des Bezirksgerichts Hinwil, Einzelgericht, vom 8. Februar 2016 liess der Be-
schuldigte durch seinen neu mandatierten erbetenen Verteidiger mit Eingabe vom
18. Februar 2016 rechtzeitig Berufung anmelden (Prot. I S. 16 f.; Urk. 48; Urk. 50;
Art. 399 Abs. 1 StPO). Nach Erhalt des begründeten Urteils am 14. Juni 2016
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reichte die Verteidigung am 22. Juni 2016 fristgerecht die Berufungserklärung im
Sinne von Art. 399 Abs. 3 StPO ein, mit welcher das vorinstanzliche Urteil vollum-
fänglich angefochten wurde (Urk. 57; Urk. 61). Mit Präsidialverfügung vom 30. Ju-
ni 2016 wurde dem Privatkläger und der Staatsanwaltschaft die Berufungserklä-
rung zugestellt und Frist für Anschlussberufung oder einen Nichteintretensantrag
angesetzt (Urk. 62). Die Staatsanwaltschaft erklärte mit Eingabe vom 6. Juli 2016
ihren Verzicht Anschlussberufung und beantragte die Bestätigung des vorinstanz-
lichen Urteils (Urk. 64). Der Privatkläger liess sich nicht vernehmen. Am 26. Juli
2016 ging das Datenerfassungsblatt mit Angaben zu den wirtschaftlichen Verhält-
nissen des Beschuldigten ein (Urk. 65). Am 22. August 2016 wurde zur Beru-
fungsverhandlung auf den 11. Oktober 2016 vorgeladen (Urk. 66).
2. Mit Eingabe vom 5. September 2016 liess der Beschuldigte folgende Be-
weisanträge stellen (Urk. 67 S. 2):
"Es seien richterlich einzuvernehmen:
1. Der Berufungskläger als Beschuldigter;
2. B._, ... [Adresse], als Zeuge, eventuell als Auskunftsperson;
3. Dr. med. C._, FMH Allgemeinmedizin, ... [Adresse], als Zeugin."
3. Mit Beschluss der II. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich
vom 9. September 2016 wurde den Beweisanträgen stattgegeben und entschie-
den, von Dr. med. C._, FMH Allgemeinmedizin, D._ , in Anwendung von
Art. 195 Abs. 1 StPO einen Bericht über mögliche Erkenntnisse anlässlich ihres
Notfalldienstes in den Morgenstunden des 1. Mai 2015 einzuholen sowie
B._, den Bruder des Beschuldigten, zur Befragung anlässlich der Berufungs-
verhandlung vorzuladen (Urk. 69 S. 2 f.). Zudem wurde das Urteil des Bezirksge-
richts Hinwil, Einzelgericht, vom 8. Februar 2016 formlos beigezogen, mit wel-
chem E._, welcher gemäss vorliegendem Anklagesachverhalt als Teilnehmer
an den Faustschlägen und Fusstritten gegen den Geschädigten mitgewirkt haben
soll, rechtskräftig freigesprochen wurde (Urk. 68), und den Parteien zusammen
mit dem Auftrag an Dr. C._ in Kopie zugestellt, unter Ansetzung einer zehn-
tägigen Frist, um fakultativ allfällige Ergänzungsfragen an die Ärztin zu stellen
(Urk. 69 S. 3; Urk. 71). Mit Eingabe vom 22. September 2016 (Eingang: 23. Sep-
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tember 2016) liess der Beschuldigte rechtzeitig zwei Ergänzungsfragen stellen
(Urk. 70/1; Urk. 72 S. 2), welche umgehend an die Ärztin weitergeleitet wurden.
Frau Dr. med. C._ reichte ihre Antworten mit Arztberichten vom 22. Septem-
ber 2016 (eingegangen am 28. September 2016) und 29. September 2016 ein
(Urk. 73 und Urk. 76/1).
II. Sachverhalt
1. Dem Beschuldigten wird gemäss Anklageschrift vom 4. November 2015
vorgeworfen, er habe am 1. Mai 2015, ca. um 02.30 Uhr, am Bar- und Pubfestival
in der ...halle in ... [Ortschaft] als Angehöriger einer rund fünfköpfigen Gruppie-
rung, welcher auch E._ angehört habe, im Verlauf einer Auseinandersetzung
mit dem Privatkläger F._ diesen völlig unvermittelt mit Fäusten und Füssen
traktiert und ihm dann mit einer leeren Bierflasche aus Glas gegen den Kopf ge-
schlagen, derweil E._ den Privatkläger zwischenzeitlich ebenfalls mit Händen
und Füssen traktiert habe. Der Privatkläger habe eine durchgehende 3 cm lange
Schnittwunde am rechten Ohr davongetragen, welche habe genäht werden müs-
sen. Zudem habe dieser weitere kleinere Schnittwunden am rechten Ohr und am
Hals erlitten, welche Verletzungen der Beschuldigte mit seinem Verhalten zumin-
dest in Kauf genommen habe (Urk. 30 S. 2).
2. Diese Tatvorwürfe hat der Beschuldigte im Vorverfahren und vor Vor-
instanz stets bestritten und sich als Opfer eines tätlichen Angriffs des ihm seit
langer Zeit bekannten Privatklägers dargestellt, in dessen Verlauf er mit diesem
zusammen zu Boden gegangen sei, eine Flasche von einem Kollegen des Ge-
schädigten geworfen worden, an seinem Kopf vorbeigeflogen und zerschellt sei,
wobei auch er sich durch Glassplitter am Boden blutende Schnittverletzungen an
den Händen zugezogen habe (Urk. 3 S. 1 ff.; Urk. 19 S. 2 ff.; Prot. I S. 8 ff.).
2.1. Diese Darstellung wurde vom Beschuldigten respektive der Verteidi-
gung im Berufungsverfahren erstmals mit Eingabe vom 5. September 2016 und
auch an der Berufungsverhandlung zusammengefasst dahingehend modifiziert,
dass ein Kollege sowie der Bruder des Beschuldigten, B._, anlässlich der
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Auseinandersetzung mit dem Privatkläger ebenfalls zugegen gewesen seien. Die
Flasche sei nicht von einem Kollegen des Geschädigten geworfen, sondern Letz-
terem vom Kollegen des Beschuldigten bewusst gegen den Kopf geschlagen
worden, was der Beschuldigte jedoch erst später bemerkt habe. Beim Schlag sei
die Flasche zersprungen, und der Kollege habe sich einen tiefen Schnitt in der
Handinnenseite zugezogen, welcher später durch Frau Dr. C._ in D._ in
seiner Anwesenheit genäht worden sei (Prot. II S. 9 ff.; Urk. 67 S. 3 f.; Urk. 78
S. 2 ff.).
2.2. Der anklagegegenständliche Sachverhalt ist daher aufgrund der Unter-
suchungsakten und der vor Gericht vorgebrachten Argumente nach den allge-
meingültigen Beweisregeln zu erstellen.
2.3. Im angefochtenen Urteil wurden die vorhandenen Beweismittel zutref-
fend aufgeführt (Urk. 59 S. 5), die Grundsätze der richterlichen Beweiswürdigung
und die Kriterien der Würdigung von Aussagen unter Hinweis auf die Unterschei-
dung zwischen der Glaubwürdigkeit einer Person und der Glaubhaftigkeit ihrer
Aussagen dargelegt und die Aussagen der Beteiligten korrekt zusammengefasst
wiedergegeben. Um Wiederholungen zu vermeiden, kann insoweit darauf verwie-
sen werden (Urk. 59 S. 4 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2.4. Aufgrund der beiden Fotoaufnahmen und der Arztberichte (Urk. 9;
Urk. 13/1; Urk. 13/5) ist zunächst zweifelsfrei erstellt, dass der Privatkläger die im
Anklagesachverhalt aufgeführten Verletzungen erlitten hat. Zu klären bleibt insbe-
sondere die Täterschaft.
2.5. Die Aussagen sämtlicher Befragten erweisen sich als teilweise sehr un-
genau und widersprüchlich. Der Vorderrichter stellte in seiner Beweiswürdigung
insbesondere auf die Aussage des Privatklägers bei der Polizei sowie anlässlich
der staatsanwaltschaftlichen Befragung als Auskunftsperson ab, wonach der Be-
schuldigte diesem von der Seite eine Flasche an den Kopf geschlagen habe
(Urk. 59 S. 7; Urk. 5 S. 1; Urk. 18 S. 4).
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2.5.1. Andererseits hatte der Privatkläger bei der Polizei auf Frage aber
auch erklärt, er wisse nicht, woher der Beschuldigte die Flasche genommen habe.
Er habe die Flasche in dessen Hand nie gesehen. Aber er sei sich sicher, dass
der Beschuldigte ihn mit der Flasche geschlagen habe. Auf die Frage, woher er
dies wisse, gab er dann wortkarg und nicht besonders überzeugend zu Protokoll,
man sehe dies, wenn jemand mit der Hand auf einen zuschlage und einem dann
dunkel werde. Zudem hätten alle anderen dies so bestätigt (Urk. 5 S. 3), wobei
der Privatkläger selber bei der Staatsanwaltschaft dann davon abweichend mein-
te, soviel er wisse, habe nur Frau G._ (gemeint: die Zeugin G._) richtig
mitbekommen, wie er angegriffen worden sei (Urk. 18 S. 4). Bei der Polizei hatte
er noch angefügt, dass er nicht wisse, ob die Flasche ganz oder schon kaputt ge-
wesen sei, als der Beschuldigte ihn mit dieser geschlagen habe (Urk. 5 S. 4). In
seiner staatsanwaltschaftlichen Befragung erklärte der Privatkläger ausserdem,
nicht zu wissen, wie viele Personen schlussendlich auf ihn eingeschlagen hätten
(Urk. 18 S. 4). Vor Vorinstanz sprach er alsdann von vier bis fünf Angreifern, von
welchen er den Beschuldigten und E._ erkannt habe (Prot. I S. 14). Hinzu
kommt, dass er gestützt auf die von ihm erlittenen Verletzungen auf die Herkunft
und Ausführung des Schlages mit der Flasche zu schliessen scheint: Er könne
nicht mehr genau sagen, wie er getroffen worden sei. Aufgrund der Verletzungen
würde er sagen, von oben herab, er sei aber kein Arzt (Urk. 18 S. 5).
2.5.1.1. Aus den Aussagen des Privatklägers bei der Polizei und der Staats-
anwaltschaft ergibt sich demnach, dass er zu keinem Zeitpunkt selber eine Fla-
sche in den Händen des Beschuldigten gesehen hatte und auch nicht aus eigener
unmittelbarer Wahrnehmung beim Schlag diesen selber hatte mitverfolgen kön-
nen. Nachdem er nicht wusste, wie viele Personen auf ihn einschlugen und er
ausser E._ niemanden richtig gesehen oder gekannt habe (Urk. 18 S. 4),
verneinte er wenig überzeugend, dass die Flasche auch von einer Drittperson
eingesetzt worden sein könnte (Urk. 18 S. 5 u.). Erst vor Vorinstanz gab er abwei-
chend zu Protokoll, dann plötzlich gesehen zu haben, wie der Beschuldigte eine
Glasflasche in der Hand gehalten und ihn damit auf den Kopf geschlagen habe
(Prot. I S. 14). Bemerkenswert ist überdies, dass der Privatkläger E._ als ak-
tiven Teilnehmer der Auseinandersetzung klar identifiziert haben will (Urk. 18 S. 4;
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Urk. 5 S. 1 ff.; Prot. I S. 14), was schliesslich zur Anklage auch gegen diesen führ-
te. Die Zeugen H._ und I._ vermochten sich jedoch an eine Teilnahme
des ihnen bekannten E._ ebenso wenig zu erinnern wie die als Zeugin be-
fragte G._ (Urk. 7 S. 3; Urk. 15 S. 5 f. [H._]; Urk. 16 S. 5 [I._];
Urk. 17 S. 5 [G._]). E._ selber bestritt denn auch, am Zwischenfall in ir-
gendeiner Art beteiligt gewesen zu sein, und gab an, den ganzen Abend unter
anderem mit J._ an der Bar verbracht zu haben (Urk. 4 S. 2 ff.; Urk. 20 S. 2),
was von Letzterem als Zeuge grundsätzlich bestätigt wurde (Urk. 14 S. 3 ff.). Im
Anschluss an die am 8. Februar 2016 gemeinsam mit dem Beschuldigten durch-
geführte Hauptverhandlung wurde der damals Mitbeschuldigte E._ vom Vor-
derrichter mit Urteil vom 8. Februar 2016 (GG150024-E) schliesslich von den ge-
gen ihn erhobenen Vorwürfen rechtskräftig freigesprochen (Prot. I S. 4 ff.;
Urk. 68). Es ist daher entgegen den diesbezüglich klaren Aussagen des Privat-
klägers davon auszugehen, dass E._ an der Auseinandersetzung nicht betei-
ligt war.
2.5.1.2. Die Aussagen des Privatklägers erweisen sich demnach im Kernge-
schehen als wenig konzis, weshalb gewisse Zweifel an seiner Bezeichnung des
Beschuldigten als Täter des Flaschenschlages verbleiben.
2.5.2. Auch die Zeugin G._ konnte laut ihren Aussagen offenbar nicht
mit Sicherheit sagen, welche Person mit der Flasche gegen den Kopf des Privat-
klägers geschlagen hatte. Bei der Polizei sprach sie abweichend von der Darstel-
lung des Privatklägers von zwei Angreifern. Einer der Beiden habe dem Privatklä-
ger die Flasche über den Kopf geschlagen. Sie habe die Beiden zuvor noch nie
gesehen (Urk. 6 S. 1; Urk. 17 S. 2). In ihrer staatsanwaltschaftlichen Befragung
bloss knapp fünf Monate später und nachdem sie sich mit fast allen, die damals
dabei gewesen seien, unterhalten hatte, sprach sie dann von mehreren Personen
als Angreifer, wusste aber nicht mehr, wie viele (Urk. 17 S. 3). Obwohl sie gerade
"neben an" gestanden sei (Urk. 6 S. 3), gab sie bei der Polizei weiter zu Protokoll,
nur einen der beiden Angreifer wirklich gesehen zu haben und diesen glaublich
wiedererkennen zu können. Es sei jener, der mit der Flasche geschlagen habe
(Urk. 6 S. 1 f.). Dies bestätigte sie ausdrücklich auch bei der Staatsanwaltschaft.
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Weiter bestätigte sie bei der Polizei anlässlich einer Personenidentifizierung, den
Beschuldigten auf einem Foto als Flaschenschläger erkannt zu haben. Sie sei
sich dessen zu 90 % sicher. Aus Angst verweigerte die Zeugin alsdann aber eine
Gegenüberstellung mit dem Beschuldigten (Urk. 17 S. 4 f.).
2.5.2.1. Ihre weiteren polizeilichen Aussagen sind von grosser Unsicherheit
geprägt. Zur Dauer des Vorfalls meinte sie, dies nicht zu wissen, dies schlecht
abschätzen zu können. Es habe nicht lange gedauert. Nur ganz kurz. Wenn es
länger gedauert hätte, wäre bestimmt jemand anderes noch gekommen (Urk. 6
S. 3). Letzteres deutet immerhin darauf hin, dass sich ausser dieser Zeugin keine
Bekannten oder Freunde des Privatklägers ebenfalls in nächster Nähe gerade
beim Vorfall aufgehalten haben könnten. Ein Kollege sei an der Bar gewesen. Sie
glaube, dieser habe "das auch gesehen", sei aber erst dazugekommen, als die
beiden Angreifer bereits weg gewesen seien (Urk. 6 S. 3).
2.5.2.2. Angesichts solch gravierender Unsicherheiten in den Aussagen ver-
bleiben auch bei dieser Zeugin gewisse Zweifel an ihrer Darstellung und der Be-
zeichnung des Beschuldigten als Täter des Flaschenschlages, nachdem sie sel-
ber sich dessen bloss zu 90 % sicher sein wollte, eine klärende Gegenüberstel-
lung ablehnte und ausserdem auch noch einräumte, sich mit fast allen, die da-
mals dabei gewesen seien, ausser mit I._ (Urk. 17 S. 3, Antwort auf Fra-
ge 12), über den Vorfall unterhalten zu haben.
2.5.3. I._ wurde nicht polizeilich befragt. Seine erstmalige Befragung
fand erst ca. ein halbes Jahr nach den Vorkommnissen am Vormittag des 20. Ok-
tober 2015 statt, als alle staatsanwaltschaftlichen Zeugeneinvernahmen erfolgt
waren, und zwar lediglich ca. eine halbe Stunde vor G._. I._ gab zu Pro-
tokoll, eigentlich nur den Schluss beobachtet zu haben, wie der Beschuldigte dem
Privatkläger die Flasche über den Kopf geschlagen habe. Als er darum gebeten
wurde, Details zu beschreiben, gerieten seine Aussagen ins stocken und wurden
einsilbig (Urk. 16 S. 3 ff.). Als einziger Zeuge wurde I._ nicht danach gefragt,
ob er sich zuvor mit seinen Kollegen über den Vorfall unterhalten habe.
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2.5.4. H._ erklärte anlässlich seiner polizeilichen Befragung beinahe
zwei Monate nach dem Vorfall, als Abschluss der Rangelei habe der Beschuldigte
mit der Flasche dem Privatkläger gegen den Kopf geschlagen. Erst da habe er
realisiert, dass es sein Kollege, der Privatkläger, gewesen sei, welcher von der
Flasche getroffen worden sei. Dies habe er erst gesehen, als sich das Ganze
schon aufgelöst gehabt habe. Ca. drei Leute hätten auf den Privatkläger einge-
schlagen. Genau habe er dies nicht gesehen. Er habe diese nicht gekannt (Urk. 7
S. 1). Jetzt im Nachhinein wisse er, wer es gewesen sei; damals habe er dies
nicht erkennen können (Urk. 7 S. 2). Auch anlässlich seiner staatsanwaltschaftli-
chen Befragung als Zeuge erklärte H._, seine Aufmerksamkeit habe erst
eingesetzt, als auf jemanden eingeprügelt worden sei. Er habe aber nicht gese-
hen, welche Personen dabei gewesen seien. Erst auf Nachfrage gab er zu Proto-
koll, gesehen zu haben, dass der Beschuldigte von der rechten Seite mit der Fla-
sche gegen den Kopf geschlagen habe (Urk. 15 S. 4).
2.5.4.1. Aus den ersten (polizeilichen) Aussagen des Zeugen H._ ergibt
sich, dass dieser den eigentlichen Tathergang gar nicht beobachtet haben konnte,
da er – laut seiner Darstellung – erst realisierte, dass der Privatkläger von einer
Flasche getroffen worden war, als sich das Ganze schon aufgelöst hatte.
2.5.5. J._ konnte keine sachdienlichen Aussagen zum Tathergang und
der Täterschaft machen, sondern entlastete insbesondere E._, welcher ihn
als Zeugen angegeben hatte, vom Vorwurf der Beteiligung an der tätlichen Ausei-
nandersetzung. Er kennt den Privatkläger nicht und hatte in dieser Nacht den Be-
schuldigten nicht bewusst wahrgenommen (Urk. 8 S. 1 f.; Urk. 14 S. 2 ff.).
2.5.6. Zu den dargelegten diversen Unsicherheiten und Unstimmigkeiten in
den Darstellungen der Befragten kommt hinzu, dass es sich bei diesen Zeugen,
mit Ausnahme von J._, welche erklärten, der Beschuldigte habe dem Privat-
kläger die Flasche auf den Kopf geschlagen, um Kollegen, resp. bei G._ um
eine Kollegin des Privatklägers handelte, und sie erst rund drei Wochen nach dem
Vorfall, die anderen erst ca. sechs Wochen oder noch später nach dem Vorfall
(erstmals) polizeilich befragt worden waren. Wie bereits dargelegt, wurde I._
sogar erst durch die Staatsanwaltschaft befragt. Die Befragten hatten mithin aus-
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reichend Zeit, sich ausgiebig über die Vorkommnisse zu unterhalten, was sie laut
ihren Aussagen, angeblich mit Ausnahme von I._, auch getan hatten (vgl.
z.B. Urk. 15 S. 3; Urk. 17 S. 3). Es ist daher nicht von der Hand zu weisen, dass
die Befragten aufgrund der beim Privatkläger vorhandenen Verletzungen und ih-
rer Unterhaltungen über den Vorfall auf den ihnen bekannten Beschuldigten als
Flaschenschläger kamen, zumal der Privatkläger bereits früher Differenzen mit
diesem gehabt hatte und der Beschuldigte an der – wie auch immer gearteten –
Auseinandersetzung mit dem Privatkläger anerkanntermassen zugegen und be-
teiligt war. Die Aussagen von Zeuge H._ sind zusätzlich mit besonderer Vor-
sicht zu würdigen. Laut seiner Zeugenaussage war H._ im späteren Verlauf,
als er den Beschuldigten und dessen Kollegen draussen beim Rauchen auf den
Vorfall angesprochen habe, vom Beschuldigten mit der Faust auf das Kinn ge-
schlagen worden (Urk. 15 S. 5 f.). Der Beschuldigte selber bestätigte eine weitere
Begegnung mit H._, sagte jedoch aus, es habe sich lediglich um einen ver-
balen Austausch gehandelt (Prot. II S. 14). Gewisse Ressentiments H._s
gegenüber dem Beschuldigten lassen sich daher jedenfalls nicht gänzlich aus-
schliessen.
2.5.7. Zusammenfassend ergibt sich, dass die den Beschuldigten als Täter
belastenden Aussagen der Befragten zum Kerngeschehen, dem Schlag mit einer
Bierflasche an den Kopf des Privatklägers, auf den ersten Blick klar scheinen, bei
eingehenderer Betrachtung der gesamten Aussagen indessen diverse Unstim-
migkeiten und erhebliche Unsicherheiten beinhalten, welche insgesamt einige
Zweifel am Wahrheitsgehalt der Belastung zu erwecken vermögen.
2.6. Hinzu kommen ebenso entscheidend die Ergebnisse der auf Antrag des
Beschuldigten vorgenommenen Beweisergänzung.
2.6.1. Dafür, dass nicht der Beschuldigte, sondern dessen Kollege die Fla-
sche an den Kopf des Privatklägers geschlagen haben dürfte, sprechen zunächst
die Aussagen des Bruders des Beschuldigten anlässlich der Befragung als Aus-
kunftsperson in der Berufungsverhandlung (Prot. II S. 17 ff.). So schilderte dieser
glaubhaft und übereinstimmend mit den letzten Aussagen des Beschuldigten, wie
er mitbekommen habe, dass der Beschuldigte in eine hitzige Diskussion verwi-
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ckelt gewesen und von seinem Gegenüber gestossen worden sei. Da er aufgrund
einer Schiene am Arm nicht selber habe helfen können, habe er einen Kollegen
zu Hilfe gerufen, der dem Privatkläger schliesslich die Flasche über den Kopf ge-
schlagen habe, nachdem dieser den Beschuldigten zu Boden geworfen habe
(Prot. II S. 18).
2.6.2. Zwar kann aufgrund der Tatsache, dass es sich bei der Auskunftsper-
son um den Bruder des Beschuldigten handelt, der sich mit jenem zweifellos de-
tailliert über den Vorfall unterhalten hat, nicht unkritisch auf diese Schilderung ab-
gestellt werden. Dennoch ist zu konstatieren, dass sich die Geschehnisse ohne
Weiteres so, wie sie vom Beschuldigten und seinem Bruder im Berufungsverfah-
ren geschildert wurden, abgespielt haben könnten, respektive nichts gegen diese
Darstellung spricht. Dass der Beschuldigte bis ins Berufungsverfahren damit zu-
wartete, die nunmehr zu Protokoll gegebene Version der Ereignisse zu erzählen,
wurde von ihm zudem nachvollziehbar damit erklärt, er habe seinen Kollegen
nicht verpetzen und seinen Bruder nicht in die Sache hineinziehen wollen. Es sei
für seine Eltern sonst schon schwer genug gewesen (Prot. II S. 12 und S. 15).
Auch die Aussage des Beschuldigten, er habe gedacht, nicht schuldig gespro-
chen werden zu können, da er es ja nicht gewesen sei, was blöd von ihm gewe-
sen sei (Prot. II S. 15), erscheint insbesondere angesichts der Tatsache, dass er
im vorinstanzlichen Verfahren noch nicht anwaltlich vertreten war, nicht vorge-
schoben oder konstruiert.
2.6.3. Schliesslich bestätigte Dr. med. C._, FMH Allgemeinmedizin,
D._, in ihren Arztberichten vom 22. September 2016 und 29. September
2016 die im Berufungsverfahren erstmals erhobene neue Darstellung des Be-
schuldigten in wesentlichen Punkten. Aus ihren Antworten geht hervor, dass sie
im Rahmen ihres Notfalldienstes am frühen Morgen des 1. Mai 2015, ca. zwi-
schen 03.00 Uhr und 04.00 Uhr, in ihrer Praxis in D._ einer Person eine
Wunde versorgt hatte, wobei zu Beginn der Konsultation drei Personen in ihrem
Sprechzimmer zugegen waren und es sich beim behandelten Patienten nicht um
eine Person namens A._ gehandelt habe. Überdies teilte die Ärztin mit, dass
noch eine andere Person verletzt gewesen sei. Diese Person habe die Wunde
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aber nicht zeigen wollen, obwohl eine andere Person dazu geraten habe (Urk. 73
und Urk. 67/1).
2.6.4. Die ergänzende Bemerkung der Ärztin, wonach noch eine andere
Person verletzt gewesen sei, die Wunde aber nicht habe zeigen wollen, obwohl
eine andere Person dazu geraten habe (Urk. 73 Ziff. 10.), lässt sich im Übrigen
mit der Darstellung des Beschuldigten in Einklang bringen, wonach er sich durch
Glassplitter am Boden (auch selber) blutende Schnittverletzungen an den Händen
zugezogen und in der Folge kurz die Sanität konsultiert habe (vgl. vorstehend,
Erw. II.2.).
2.7. Insgesamt ergeben sich damit rechtserhebliche unüberwindbare Zweifel
im Sinne von Art. 10 Abs. 3 StPO daran, dass es tatsächlich der Beschuldigte
war, der dem Privatkläger die Bierflasche an den Kopf geschlagen hat, weshalb er
von diesem Anklagevorwurf freizusprechen ist.
III. Rechtliche Würdigung
1. Im angefochtenen Urteil wurde bei der rechtlichen Würdigung einzig er-
wogen, die rechtliche Würdigung der Anklagebehörde sei zutreffend (Urk. 59
S. 13). Beim Tatbestand des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB erweisen sich
weitergehende Überlegungen indessen als unumgänglich.
2. Nach Art. 134 StGB macht sich strafbar, wer sich an einem Angriff auf ei-
nen oder mehrere Menschen beteiligt, der den Tod oder die Körperverletzung ei-
nes Angegriffenen oder eines Dritten zur Folge hat.
2.1. Angriff ist die einseitige, von feindseligen Absichten getragene, gewalt-
same Einwirkung auf den oder die Körper eines oder mehrerer Menschen. Der
körperliche Angriff muss von mehreren, mindestens zwei Personen ausgehen,
wobei es aber genügen kann, wenn sich eine Person dem bereits gestarteten An-
griff einer anderen anschliesst. Die angegriffene Person bleibt dabei entweder völ-
lig passiv oder versucht, sich nur defensiv zu schützen. Eine Beteiligung kann auf
jede Art erfolgen, solange die Beteiligten an Ort und Stelle in das Geschehen ein-
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greifen, so auch durch eine sachlich unterstützende, psychische oder verbale
Mitwirkung zu Gunsten der angreifenden Partei (Maeder, in: Basler Kommentar
Strafrecht II, 3. Auflage 2013, N 5 ff. zu Art. 134 StGB).
2.2. Gemäss der Schilderung des Beschuldigten war der Privatkläger im
Rahmen der inkriminierten Auseinandersetzung Aggressor. Der Privatkläger sei
derjenige gewesen, der zuerst tätlich geworden sei (Prot. II S. 11). Er selber habe
vielleicht bei der Abwehr auch auf den Privatkläger eingeschlagen, habe aber
mehrheitlich abgewehrt, da er nach hinten gefallen sei (Prot. II S. 16). Nachdem
nicht auszuschliessen ist, dass sich die Ereignisse so zugetragen haben, wie vom
Beschuldigten geschildert, fehlt es an einer rechtsgenügend nachgewiesenen
Handlung des Beschuldigten, die im Sinne von Art. 134 StGB tatbestandsmässig
wäre.
3. Zum selben Schluss führt im Übrigen auch folgende Überlegung: Die An-
klageschrift wirft dem Beschuldigten vor, er habe als Angehöriger einer rund fünf-
köpfigen Gruppierung, welcher auch E._ angehört habe, im Verlauf einer
Auseinandersetzung mit dem Privatkläger, diesen völlig unvermittelt mit Fäusten
und Füssen traktiert und dann mit einer leeren Bierflasche aus Glas gegen den
Kopf geschlagen, derweil E._ den Privatkläger zwischenzeitlich ebenfalls mit
Händen und Füssen traktiert habe (Urk. 30 S. 2). Wie unter vorstehender Erwä-
gung II.2.5.1.1. erwähnt, wurde E._ rechtskräftig freigesprochen. Da im An-
klagesachverhalt keine gewaltsamen Einwirkungen auf den Körper des Privatklä-
gers durch weitere Angehörige der erwähnten rund fünfköpfigen Gruppierung um-
schrieben werden, fehlt es bei diesem Anklagevorwurf gegen den Beschuldigten
nunmehr an der Voraussetzung von mindestens zwei Aggressoren als Täter,
weshalb er auch von diesem Anklagevorwurf freizusprechen ist.
4. Damit, ob sich der Beschuldigte durch sein Aussageverhalten, durch wel-
ches er die Täterschaft seines Kollegen vor den Strafverfolgungsbehörden ver-
heimlichte und diesen daher der Strafverfolgung entzogen haben könnte, einer
Begünstigung im Sinne von Art. 305 StGB schuldig gemacht haben könnte, wird
sich gegebenenfalls die Staatsanwaltschaft zu befassen haben.
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IV. Zivilansprüche
1. Gemäss Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO entscheidet das Gericht über die an-
hängig gemachte Zivilklage, wenn es die beschuldigte Person freispricht und der
Sachverhalt spruchreif ist. Ist Letzteres nicht der Fall, wird die Zivilklage auf den
Weg des ordentlichen Zivilprozesses verwiesen (Art. 126 Abs. 2 lit. d StPO).
2. Nachdem der Beschuldigte vollumfänglich freizusprechen ist, ist die vom
Privatkläger anhängig gemachte Zivilklage abzuweisen.
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die beschuldigte Person trägt die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird
(Art. 426 Abs. 1 Satz 1 StPO). Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die
Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 Satz
1 StPO). Wird die beschuldigte Person freigesprochen, so können ihr die Verfah-
renskosten ganz oder teilweise nur dann auferlegt werden, wenn sie rechtswidrig
und schuldhaft die Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen Durchführung
erschwert hat (Art. 426 Abs. 2 StPO).
2. Nachdem keine Umstände vorliegen, die es rechtfertigen, dem Beschuldig-
ten die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen, insbesondere da er mit seiner zu-
nächst bewusst unrichtigen Schilderung des Sachverhalts gegen keine Rechts-
norm verstossen hat, sind die Kosten der Untersuchung, des erstinstanzlichen
Gerichtsverfahrens und des Berufungsverfahrens ausgangsgemäss auf die Ge-
richtskasse zu nehmen.
3. Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen, so hat sie
Anspruch auf Entschädigung ihrer Aufwendungen für die angemessene Aus-
übung ihrer Verfahrensrechte und der wirtschaftlichen Einbussen, die ihr aus ihrer
notwendigen Beteiligung am Strafverfahren entstanden sind (Art. 429 Abs. 1 lit. a
und b StPO).
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4. Der erst für das Berufungsverfahren mandatierte erbetene Verteidiger des
Beschuldigten beziffert seinen Aufwand auf insgesamt Fr. 16'018.55 (Urk. 74 und
Urk. 79). Dieser Aufwand erschien dem Gericht verglichen mit den Ansätzen der
AnwGebV unvereinbar hoch. Auf entsprechenden Hinweis und Nachfrage erklärte
sich der Verteidiger mit der Zusprechung einer pauschalen Entschädigung von
Fr. 10'000.– (inkl. MwSt) an den Beschuldigten einverstanden (Prot. II S. 22).
Dem Beschuldigten ist daher eine angemessene pauschale Entschädigung von
Fr. 10'000.– aus der Gerichtskasse zuzusprechen.