Decision ID: 69cb08f8-754a-417a-a8f8-910bb28d4876
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte gemeinsam mit ihren beiden erwachsenen
Töchtern B._ (Beschwerdeverfahren D-4336/2020) und C._
(Beschwerdeverfahren D-4338/2020) am 6. Januar 2016 in der Schweiz
um Asyl nach.
A.a Am 21. Januar 2016 wurde die Beschwerdeführerin vom SEM zu ihrer
Person, zum Reiseweg und summarisch zu den Fluchtgründen befragt
(BzP) und am 5. September 2019 einlässlich zu ihren Asylgründen ange-
hört. Sie brachte im Wesentlichen vor, sie sei iranische Staatsangehörige
und habe seit (...) in D._ gelebt. Ihr erster Ehemann, den sie (...)
geheiratet und mit dem sie (...) Kinder ([...] Söhne, [...] Töchter) habe,
habe beim (...) ([...]), wo (...) behandelt würden, gearbeitet und dort Dos-
siers zeitlich verwaltet. Im Jahr (...) sei sie eines Tages telefonisch benach-
richtigt worden, dass ihr Mann am Arbeitsplatz aus dem Fenster gestürzt
sei und im Spital liege. Sie sei damals schwanger gewesen und ihre Brüder
hätten sie deshalb davon abgehalten, ins Spital zu gehen. Am folgenden
Tag habe sie erfahren, dass ihr Mann verstorben sei. Sie habe daraufhin
bei der Staatsanwaltschaft eine Beschwerde eingereicht, um den Todesfall
untersuchen zu lassen. Ein Ermittler habe ihr gesagt, dass der Körper ihres
Mannes nach dem Sturz umgedreht worden sei und Tabletten in dessen
Jackentasche gesteckt worden seien. Der Ermittler habe ihr erklärt, dass
die Beschwerde nichts bringe und sie sich mit der Regierung anlegen
würde, wenn sie daran festhalte. Sie habe um Bedenkzeit gebeten. Sie
habe eine Gerichtsangestellte aufsuchen wollen, die den Unfall mitbekom-
men habe. Als sich aber herausgestellt habe, dass diese Frau zwischen-
zeitlich ebenfalls verstorben sei, habe sie erneut mit dem Ermittler gespro-
chen. Dieser habe bestätigt, dass eine Zeugin, die gesehen haben solle,
wie ihr Mann gestossen worden sei, nun selbst bei einem Unfall umgekom-
men sei, und ihr gesagt, dass es auch mit Blick auf das Wohl ihrer Kinder
das Beste sei, das Dossier zu schliessen. Aus Angst um ihre Kinder habe
sie die Beschwerde zurückgezogen und den Kindern fortan gesagt, dass
ihr Vater verunfallt sei. (...) habe sie ein zweites Mal geheiratet, wobei diese
Ehe (...) geschieden worden sei. Ihre Tochter B._ sei (...) geworden
und habe ohne ihr Wissen das Dossier ihres verstorbenen Mannes wieder
aufgerollt. Nach einer Gerichtsverhandlung am (...) 1394 ([...] 2015) sei
B._ nicht nach Hause gekommen. Sie habe sich grosse Sorgen ge-
macht und überall nach ihr gesucht. Infolge des Stresses habe sie einen
D-4332/2020
Seite 3
Nervenzusammenbruch erlitten. Nach drei Tagen sei B._ wieder-
aufgetaucht. Diese sei blass gewesen, habe kein Wort gesagt und sich in
ihr Zimmer zurückgezogen. Am folgenden Tag habe sie gehört, wie
B._ einer ehemaligen Arbeitskollegin ihres verstorbenen Mannes
am Telefon erzählt habe, dass sie entführt worden sei. Erst in diesem Mo-
ment habe sie realisiert, dass B._ dem Dossier ihres Vaters nach-
gegangen sei. Nachdem B._ einen anonymen Anruf erhalten habe,
bei dem die ganze Familie bedroht worden sei, habe B._ ihr erzählt,
was passiert sei. Nach einem weiteren Drohanruf habe sie den Iran mit
ihren beiden Töchtern am (...) 1394 ([...] 2015) illegal verlassen. Sie seien
mit gefälschten Pässen von der Türkei aus in die Schweiz gereist. Ihren
eigenen Pass habe sie im Iran zurückgelassen. Hierzulande habe sie sich
den (...) und sie habe Beschwerden mit den (...). Zudem habe sie wegen
(...) und (...) einen Psychotherapeuten aufgesucht, der ihr aber nicht habe
helfen können. Einer ihrer Söhne lebe seit etwa (...) in der Schweiz; er sei
mit einer Schweizerin verheiratet. Bei einer Rückkehr in den Iran befürchte
sie, umgebracht zu werden.
A.b Für die weiteren Aussagen respektive die Einzelheiten des rechtser-
heblichen Sachverhalts wird auf die Protokolle und die eingereichten Be-
weismittel (Identitätskarte, Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Erbschein,
Zeitungsbericht zum Tod des Ehemannes, Grundstücksbesitzurkunde und
Quittung für Grundstücksanzahlung des Ehemannes) verwiesen (vgl. vor-
instanzliche Akten A5, A15, A22, A33).
B.
B.a Am 21. Februar 2020 ersuchte das SEM die Schweizer Botschaft in
Teheran um Abklärungen. Der Botschaftsbericht datiert vom 5. April 2020.
B.b Mit Schreiben vom 3. Juni 2020 brachte das SEM der Beschwerdefüh-
rerin den wesentlichen Inhalt seiner Anfrage und des Botschaftsberichts
zur Kenntnis. Demnach sei die Echtheit des Artikels betreffend den Todes-
fall des Ehemannes bestätigt worden. Für die Wiederaufnahme des dies-
bezüglichen Verfahrens wäre das Kassationsgericht zuständig. In der An-
zeige von B._ sei weder die Nummer des alten noch des wiederer-
öffneten Verfahrens ersichtlich. Es seien keine Einträge über die Be-
schwerdeführerin oder ihre Töchter betreffende Verfahren gefunden wor-
den.
Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin dazu das rechtliche Gehör.
D-4332/2020
Seite 4
B.c Die Beschwerdeführerin erklärte in ihrer Stellungnahme vom 10. Juli
2020 im Wesentlichen, dass nach dem Tod ihres Mannes nicht ein formel-
les Verfahren eröffnet worden sei, welches nun aufgrund der Anzeige von
B._ wiederaufgenommen worden sei. Sie habe damals nur den To-
desschein und die Erlaubnis zur Beerdigung unterzeichnen müssen. Dies
sei ein Verwaltungsakt und keine strafprozessuale Erledigung des Todes-
falls gewesen. B._ habe mit ihrer Anzeige bei der Staatsanwalt-
schaft eine Verdachtsmeldung betreffend den unnatürlichen Todesfall ein-
gereicht und diese Behörde sei dafür zuständig gewesen, der Sache nach-
zugehen.
C.
C.a Mit Verfügung vom 29. Juli 2020 – eröffnet am 30. Juli 2020 – stellte
das SEM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
C.b Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, die Vorbringen der Be-
schwerdeführerin vermöchten den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG (SR 142.31) nicht zu genügen. Bei den Proble-
men aus dem Jahr (...) handle es sich um abgeschlossene Ereignisse,
welche für die Ende 2015 erfolgte Flucht der Beschwerdeführerin nicht kau-
sal seien. Zwar bestehe eine Verbindung zu den damaligen Ereignissen,
aber für die Ausreise der Beschwerdeführerin seien die Entführung ihrer
Tochter B._ und die nachfolgenden Drohanrufe ausschlaggebend
gewesen. Die Beschwerdeführerin habe die Frage, weshalb nebst
B._ auch sie und ihre Tochter C._ mit dem Tod bedroht wor-
den seien, damit beantwortet, dass die betreffenden Personen davon aus-
gegangen seien, dass sie B._ alles über die Todesumstände erzählt
hätte. Den Akten seien aber keine Anhaltspunkte dafür zu entnehmen,
dass B._ seitens der iranischen Behörden entführt und telefonisch
bedroht worden sei. Es sei daher von einer Verfolgung seitens Dritter aus-
zugehen. Selbst wenn es sich um Staatsangestellte beziehungsweise ehe-
malige Arbeitsgefährten des Ehemannes der Beschwerdeführerin gehan-
delt haben sollte, sei nicht ersichtlich, dass es sich um eine formelle be-
hördliche Verfolgung gehandelt habe, womit ein Fehlverhalten einzelner
Beamten nicht auszuschliessen wäre. Den Akten könne nicht entnommen
werden, dass sich die Beschwerdeführerin diesbezüglich an die Behörden
gewendet oder bei jemandem um Hilfe ersucht hätte. Zwar sei kein Staat
in der Lage, die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger im Falle von
D-4332/2020
Seite 5
Bedrohung oder gar Übergriffen durch Drittpersonen vollumfänglich zu ge-
währleisten. Daraus könne jedoch nicht geschlossen werden, dass das Er-
suchen um staatlichen Schutz von vornherein ein nutzloses Unterfangen
sei, respektive der Heimatstaat seiner Schutzpflicht grundsätzlich nicht
nachkomme. Der Iran verfüge über funktionierende und wirksame Polizei-
und Justizorgane und es lägen keine Hinweise vor, dass dieser Staat Über-
griffe dulde oder stütze, womit von seiner grundsätzlichen Schutzfähigkeit
und -willigkeit auszugehen sei. Es sei der Beschwerdeführerin, wenn nötig
mit Hilfe von B._, einer (...), zuzumuten, sich bei Übergriffen an die
zuständigen Behörden zu wenden und um Schutz nachzusuchen. Ebenso
sei es ihr zuzumuten, sich bei Untätigbleiben einzelner Beamter an über-
geordnete Behörden zu wenden und ihre Rechte einzufordern. Entspre-
chend sei sie nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. Der Zeitungs-
artikel zum Tod des Ehemanns und der Botschaftsbericht vermöchten an
dieser Schlussfolgerung nichts zu ändern, da diese Dokumente keinen an-
deren Sachverhalt zugrunde legen würden. Auch die Ausführungen der Be-
schwerdeführerin in ihrer Stellungnahme zum Botschaftsbericht vermöch-
ten die Erwägungen zur Schutzfähigkeit und -willigkeit des Irans nicht um-
zustossen, zumal nicht in Abrede gestellt werde, dass B._ die be-
sagte Beschwerde bei den iranischen Behörden eingereicht habe.
Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich. Die Be-
schwerdeführerin habe ihren Lebensunterhalt mit einer Rente und der Un-
terstützung durch ihre Kinder bestreiten können. Zudem habe sie Ge-
schwister, die im Iran leben würden. Es sei somit davon auszugehen, dass
sie bei einer Rückkehr in der Lage sein werde, ihren Lebensunterhalt und
ihre Wohnsituation selbst zu sichern respektive die nötige Unterstützung
hierfür zu finden. Die geltend gemachten gesundheitlichen Probleme seien
nicht belegt worden. Die besagten Beschwerden seien aber im Iran behan-
delbar und der Beschwerdeführerin sei es möglich und zuzumuten, sich bei
Bedarf an die dortigen Einrichtungen zu wenden. Es stehe ihr zudem frei,
medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen.
D.
D.a Mit Eingabe vom 31. August 2020 erhob die Beschwerdeführerin durch
den rubrizierten Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt, worin um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und um Gewäh-
rung des Asyls, eventualiter um Gewährung der vorläufigen Aufnahme we-
gen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ersucht wurde. In verfah-
D-4332/2020
Seite 6
rensrechtlicher Hinsicht wurde zudem – unter Verweis auf eine Fürsorge-
abhängigkeitsbestätigung vom 19. August 2020 – um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung ersucht.
D.b Zur Begründung machte sie im Wesentlichen geltend, dass das SEM
fälschlicherweise von einer nichtstaatlichen Verfolgung seitens Dritter aus-
gegangen sei. Ihr Mann habe als Angestellter in der Administration eines
(...) Einfluss auf die zeitliche Behandlung der Dossiers gehabt und sich
dafür eingesetzt, dass die Fälle "kleiner Leute" nicht auf die lange Bank
geraten seien. Als es (...) zu einem Leitungswechsel gekommen sei, sei es
zu einer folgenschweren Eskalation gekommen. Ihr Mann habe den neuen
(...) abgelehnt, weil er diesen für korrupt gehalten habe, und sich gewei-
gert, an der Einsetzungsfeier teilzunehmen. Weil man offenbar habe ver-
hindern wollen, dass es dadurch zu Unruhe in der Mitarbeiterschaft kom-
men könnte, sei er kurzerhand aus dem Fenster gestossen worden. Der
Sturz sei durch den Presseartikel dokumentiert. Hinsichtlich der Methode
eines inszenierten Fenstersturzes zur Beseitigung einer unliebsamen Per-
son verweise sie zudem auf einen Zeitungsartikel vom 20. Juni 2020 be-
treffend den Tod eines iranischen Richters. Zur Vortäuschung eines Suizids
sei ihr Mann tot am Boden liegend auf das Gesicht gedreht worden und es
seien ihm Medikamente in die Tasche gesteckt worden. Es sei für sie klar
gewesen, dass es sich nicht um einen Suizid gehandelt habe, aber der
untersuchende Beamte habe sie dazu bewegt, es zugunsten ihrer Kinder
dabei bewenden zu lassen. Sie habe sich damals verpflichten müssen, mit
niemandem über die Todesumstände zu sprechen, und im Gegenzug eine
Witwenrente erhalten, auf die sonst bei Suizid kein Anspruch bestehe. Als
Gerichtsangestellter habe ihr Mann einen Anteil an einem Grundstück er-
halten, der auf sie übergegangen sei. Die damit in Zusammenhang stehen-
den Belange habe sie B._ überlassen, als diese (...) studiert habe.
Dadurch sei B._ in Kontakt mit einer Frau gekommen, die ihren
Mann gekannt habe, und habe so in Erfahrung gebracht, was damals wirk-
lich geschehen sei. Daraufhin habe B._ beschlossen, die Wieder-
aufnahme der Ermittlungen zum Tod ihres Vaters zu beantragen.
B._ habe angenommen, dass der Vorfall ausserhalb der Familie für
niemanden mehr von grosser Bedeutung sein würde. Wie sich gezeigt
habe, habe B._ sich getäuscht. Indem das SEM ihr vorhalte, sie
hätte sich schutzsuchend an die iranischen Behörden wenden können, ver-
kenne es die Situation, habe doch gerade die Hinwendung von B._
an die Behörden zu der Verfolgung geführt. Zwar gebe es Institutionen, die
einen gewissen Anschein von Rechtsstaatlichkeit erwecken würden, diese
D-4332/2020
Seite 7
seien aber alle von einem rigiden theokratischen Mullah-Regiment überla-
gert. Sie verweise hierzu auf einen Artikel des Islamwissenschaftlers
Wilfried Buchta vom 10. Januar 2020 ("Machtkonstante Theokratie: Iran
nach 1979"). Jedes staatliche Handeln stehe unter der Oberaufsicht des
Revolutionsführers und dessen Unterdrückungsapparats. Es sei lebens-
fremd, von einer Person, die ein geheimdienstliches Verhör mit Misshand-
lungen und Drohungen erlebt habe, zu erwarten, sie könne bei einem Po-
lizeiposten staatlichen Schutz beanspruchen. Ein Beamter, der in einer sol-
chen Situation Schutz bieten würde, würde sich selbst einer Gefährdung
aussetzen. Angesichts der Schilderungen von B._ sei klar, dass es
sich nicht um eine private Verfolgung und auch nicht um ein Fehlverhalten
einzelner Beamter gehandelt habe, sondern um eine geheimpolizeiliche
Ahndung ihres Anliegens, die staatlich abgesegnete Tötung, deren Vertu-
schung offenbar nach wie vor als systemrelevant eingestuft worden sei,
wieder aufs Tapet zu bringen. Nachdem B._ am Telefon mit einer
Bekannten über das Vorgefallene gesprochen habe, habe B._ kurz
darauf einen Anruf der Geheimpolizei erhalten. Dies zeige, dass
B._ telefonisch überwacht worden sei, was wiederum für eine staat-
liche Verfolgung spreche. Es sei zu erwarten gewesen, dass sich die Vor-
kommnisse nicht prozessual hätten bestätigen lassen, habe B._ ih-
ren Antrag um Wiederaufnahme der Untersuchung des Todesfalls ja zu-
rückziehen müssen. Der endgültige Auslöser für die Flucht sei der zweite
Anruf gewesen, den B._ erhalten habe und bei dem mit der Ver-
nichtung der ganzen Familie gedroht worden sei. Sie (die Beschwerdefüh-
rerin) sei ohnehin schon im Verdacht gestanden, B._ aufgewiegelt
zu haben. Bei einer Rückkehr in den Iran drohe ihr eine Festnahme, mög-
licherweise gar die Tötung seitens der Geheimpolizei. Sollte die Flücht-
lingseigenschaft verneint werden, sei zumindest der Wegweisungsvollzug
als unzumutbar zu erachten. Die Menschenrechtslage im Iran sei prekär
und sie verfüge weder über Vermögen noch ein Einkommen. Das geerbte
Vermögen habe sie zur Finanzierung der Flucht verwendet.
E.
Am 1. September 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Oktober 2020 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, dass die Beschwerdeführerin den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten dürfe. Sie hiess die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut und ordnete der
D-4332/2020
Seite 8
Beschwerdeführerin den rubrizierten Rechtsvertreter als unentgeltlichen
Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlas-
sung zur Beschwerde ein.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 28. Oktober 2020 beantragte das SEM die
Abweisung der Beschwerde. Diese enthalte keine neuen erheblichen Tat-
sachen oder Beweismittel, welche eine Änderung seines Standpunkts
rechtfertigen könnten. Die Instruktionsrichterin stellte der Beschwerdefüh-
rerin die Vernehmlassung am 4. November 2020 zur Kenntnisnahme zu.
H.
Mit Eingabe vom 30. März 2021 reichte der Rechtsvertreter der Beschwer-
deführerin seine Kostennote zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
D-4332/2020
Seite 9
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht, vielmehr müssen
konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Mass-
geblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im
Zeitpunkt des Asylentscheids.
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Entscheidend ist, ob eine
D-4332/2020
Seite 10
Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Rich-
tigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Gesuchstellenden sprechen, bei ei-
ner objektivierten Sichtweise überwiegen oder nicht (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2).
4.
4.1 Die Vorinstanz kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
dass die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Fluchtgründe die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu begründen vermöch-
ten. Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass dieser Einschätzung im Ergebnis beizupflichten ist (vgl. die
nachfolgenden Ausführungen).
4.2 Das SEM hat die Sachverhaltsdarstellung der Beschwerdeführerin
nicht bestritten, wonach ihr erster Ehemann Staatsangestellter gewesen,
im Jahr (...) bei einem Fenstersturz am Arbeitsplatz zu Tode gekommen
sei und sie damals von behördlicher Seite dazu bewogen worden sei, der
Sache nicht weiter nachzugehen. Ebenso unbestritten geblieben sind die
Vorbringen, die als (...) tätige Tochter B._ habe im Jahr 2015 Nach-
forschungen zum Tod ihres verstorbenen Vaters gemacht und sei deswe-
gen am (...) 2015 entführt, zum Rückzug ihres kurz davor bei den irani-
schen Behörden eingereichten Antrags um nochmalige Untersuchung der
Todesursache sowie um Einsicht in die gerichtsmedizinischen Akten ge-
zwungen und nach der erfolgten Freilassung telefonisch mit dem Tod der
ganzen Familie bedroht worden. Auch das Bundesverwaltungsgericht ge-
langt aufgrund der Aktenlage zum Schluss, dass keine Veranlassung be-
steht, die besagte Darstellung in Abrede zu stellen. Die Gründe, welche für
die Richtigkeit der von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Sachver-
haltsdarstellung sprechen, überwiegen. Ihre Schilderungen weisen keine
erheblichen Widersprüche und Ungereimtheiten auf. Auch in Gegenüber-
stellung mit den Ausführungen ihrer Töchter in deren Verfahren vermitteln
die Angaben der Beschwerdeführerin ein stimmiges Bild und vermögen
insgesamt betrachtet in einem für die Glaubhaftigkeit genügenden Mass zu
überzeugen. Das SEM sprach den fluchtauslösenden Verfolgungsmass-
nahmen – die Entführung von B._ und die nachfolgende telefoni-
sche Bedrohung der Familie – aber die asylrechtliche Relevanz gemäss
Art. 3 AsylG ab, weil es davon ausging, dass die Verfolgung nicht von staat-
licher Seite, sondern seitens von Drittpersonen erfolgt sei. Es erscheint
entgegen der Einschätzung des SEM jedoch unwahrscheinlich, dass
B._ nur kurze Zeit nachdem sie den besagten Antrag um Abklärung
der Ursache des Todes ihres Vaters bei den iranischen Behörden gestellt
D-4332/2020
Seite 11
hat, von irgendwelchen Drittpersonen entführt worden sein sollte. Das Bun-
desverwaltungsgericht kommt im Verfahren von B._ (D-4336/2020)
denn auch zum Schluss, dass davon auszugehen ist, dass die von
B._ erlittenen Verfolgungsmassnahmen den iranischen Behörden
zuzurechnen sind.
4.3 Die Beschwerdeführerin machte geltend, dass ihr aufgrund des Vorge-
hens ihrer Tochter B._ Reflexverfolgung seitens der iranischen Be-
hörden drohe. Der zweite Anruf, den B._ nach der Freilassung er-
halten habe und bei dem auch sie in die ausgesprochene Drohung einbe-
zogen worden sei, zeige dies. Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen
neben der primär betroffenen Person auf Familienangehörige und Ver-
wandte, liegt eine Reflexverfolgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich rele-
vant, wenn die von der Reflexverfolgung betroffene Person ernsthaften
Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zu-
fügung solcher Nachteile mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft befürchten muss (vgl. BVGE 2007/19 E. 3.3 m.w.H.). Auch
wenn die subjektiv empfundene Angst der Beschwerdeführerin durchaus
verständlich ist, ist vorliegend aufgrund der Aktenlage nicht davon auszu-
gehen, dass ihre Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter Reflexverfolgung
im Sinne von Art. 3 AsylG im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Iran auch aus
objektivierter Sicht begründet war. Nachdem ihre Tochter B._ das
bei den iranischen Behörden eingereichte Gesuch um Abklärung der Um-
stände des Todes des Vaters vor der Ausreise zurückgezogen hat, ist nicht
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführerin persönlich in Zusam-
menhang mit dem besagten (zurückgezogenen) Gesuch von B._
allein aufgrund des Verwandtschaftsverhältnisses tatsächlich Reflexverfol-
gungsmassnahmen asylbeachtlichen Ausmasses seitens der heimatlichen
Behörden gedroht hätten. Der Einwand der Beschwerdeführerin, sie habe
sowieso im Verdacht gestanden, entgegen der nach dem Tod ihres Ehe-
mannes eingegangenen Verpflichtung zum Stillschweigen B._ von
den Todesumständen erzählt und diese aufgewiegelt zu haben, vermag an
dieser Einschätzung nichts zu ändern. Konkrete Anhaltspunkte für den be-
sagten Verdacht vermochte die Beschwerdeführerin nicht darzulegen.
4.4 Nach dem Gesagten ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen,
eine im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus dem Iran Ende 2015 bestehende Re-
flexverfolgung durch die heimatlichen Behörden respektive eine ihr damals
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit unmittelbar drohende flüchtlingsrecht-
lich relevante Gefährdung nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu ma-
chen. Sie erfüllt damit die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht
D-4332/2020
Seite 12
und das SEM hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt. Es erübrigt sich, auf
die diesbezüglich weiteren Ausführungen in den Rechtsmitteleingaben nä-
her einzugehen, da sie an der vorliegenden Würdigung des Sachverhalts
nichts zu ändern vermögen.
5.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
6.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
D-4332/2020
Seite 13
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
6.2.2 Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt nur
Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be-
schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG zulässig.
6.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofs
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies ist der Beschwerdeführerin unter Verweis auf die
vorstehenden Ausführungen zum Asylpunkt nicht gelungen. Auch die all-
gemeine Menschenrechtssituation im Iran lässt den Wegweisungsvollzug
zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
6.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
6.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.3.1 Die allgemeine Lage im Iran ist weder durch Krieg, Bürgerkrieg noch
durch eine Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet. Trotz der dort
herrschenden totalitären Staatsordnung und der sich daraus ergebenden
Probleme wird der Vollzug der Wegweisung in den Iran daher in konstanter
D-4332/2020
Seite 14
Praxis als generell zumutbar erachtet (vgl. statt vieler Urteil des BVGer
D-2452/2020 vom 11. Mai 2022 E. 8.3.2).
6.3.2 Die Vorinstanz legte in der angefochtenen Verfügung dar (vgl. auch
vorstehend Bst. C.b), weshalb dem Wegweisungsvollzug der Beschwerde-
führerin auch keine individuellen Gründe entgegenstehen würden. Diesen
Ausführungen wird von der anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin in
der Beschwerdeschrift nichts Substanzielles (vgl. Beschwerde S. 10
Ziff. 14 und 15) entgegengehalten. Aufgrund der Aktenlage ist nicht davon
auszugehen, die Beschwerdeführerin werde bei einer Rückkehr in den Iran
aus individuellen Gründen wirtschaftlicher und sozialer Natur in eine exis-
tenzielle Notlage geraten. Zwar ist sie bereits (...) Jahre alt und ihren An-
gaben zufolge war sie nie in relevantem Umfang berufstätig (vgl. SEM-act.
22 zu F38). Dennoch war sie offenbar – während längerer Zeit als alleiner-
ziehende Mutter von (...) Kindern – in der Lage, ihre Familie zu finanzieren
und ihren Kindern gute Ausbildungen (vgl. SEM-act. A22 zu F45f.) zu er-
möglichen. Ihr geschiedener Ex-Mann habe weder zu seinem eigenen Un-
terhalt noch zum Unterhalt der Familie Wesentliches beigetragen (vgl.
SEM-act. A22 zu F50ff.). Sodann war es ihr und den beiden erwachsenen
Töchtern möglich – ob nun mit eigenen finanziellen Mitteln und/oder Unter-
stützung des seit vielen Jahren in der Schweiz lebenden Sohnes – für zwei
mehrwöchige Ferienaufenthalte in die Schweiz zu reisen (vgl. SEM-act. A5
S. 4f. und A22 zu F62). Aus ihren Aussagen ergibt sich, dass sie (wie im
Übrigen auch die Kinder) nach dem Tod ihres ersten Ehemannes eine
Rente erhalten hat (vgl. SEM-act. 22 zu F39 ff., Anmerkung zu F41 bei
Rückübersetzung). Sie brachte nicht vor, sie habe diese nach ihrer Wie-
derverheiratung beziehungsweise Scheidung nicht mehr erhalten. Ebenso
wenig legte sie dar, die Rente werde ihr bei einer Rückkehr nicht mehr aus-
bezahlt. Allein die Behauptung in der Beschwerde, sie verfüge über keiner-
lei Einkommen, vermag den Wegfall der Rente nicht zu belegen. Selbst
wenn ihr somit ein Einstieg in das Erwerbsleben im Iran heute nicht möglich
sein wird, ist anzunehmen, sie verfüge dank der Rente über gewisse finan-
zielle Mittel. Angesichts der Angaben der Beschwerdeführerin zu ihren bei-
den im Ausland lebenden Söhnen (vgl. SEM-act. A22 zu 53ff.) ist sodann
die Annahme gerechtfertigt, diese könnten zumindest für eine Übergangs-
phase eine gewisse finanzielle Unterstützung leisten. Unbestritten ist, dass
die Beschwerdeführerin über ein verwandtschaftliches Beziehungsnetz
(Geschwister) im Heimatland verfügt. Auch wenn es zutreffen sollte, dass
diese keine (wesentliche) finanzielle Unterstützung zu leisten bereit oder in
der Lage sein sollten (vgl. SEM-act. A22 zu F26 f. und F61), darf doch da-
von ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin bei der Rückkehr
D-4332/2020
Seite 15
beispielsweise betreffend (vorübergehender) Unterkunft und Wohnungssu-
che nicht völlig auf sich allein gestellt sein wird. Hinzu kommt, dass im Falle
der Beschwerdeführerin, die den überwiegenden Teil ihres Erwachsenen-
lebens in D._ verbrachte (vgl. SEM-act. A5 Ziff. 2.01), vom Beste-
hen eines sozialen Beziehungsnetzes oder zumindest von der Möglichkeit
dessen Reaktivierung ausgegangen werden darf. Relevante gesundheitli-
che Beeinträchtigungen werden schliesslich keine geltend gemacht und
sind aus den Akten auch nicht ersichtlich (vgl. SEM-act. A22 zu F109ff.).
Selbstverständlich verkennt das Bundesverwaltungsgericht nicht, dass die
Rückkehr ohne ihre beiden Töchter (vgl. Urteile vom heutigen Tag in den
Beschwerdeverfahren D-4336/2020 und D-4338/2020) die Beschwerde-
führerin vor eine nicht unerhebliche Herausforderung stellt. Dies ändert je-
doch nichts daran, dass sich in ihrem Fall der Vollzug der Wegweisung
unter Berücksichtigung sämtlicher relevanter Umstände in individueller
Hinsicht als zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG erweist.
6.3.3 Nach dem Gesagten stehen dem Vollzug der Wegweisung in Bezug
auf die Zumutbarkeit keine Vollzugshindernisse entgegen.
6.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr jedoch mit Verfü-
gung vom 14. Oktober 2020 die unentgeltliche Prozessführung gewährt
wurde und weiterhin von der prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist, ist
von der Kostenerhebung abzusehen.
D-4332/2020
Seite 16
8.2 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter als unentgeltlicher Rechtsbei-
stand beigeordnet wurde (vgl. ebenfalls Verfügung vom 14. Oktober 2020),
ist er für seinen Aufwand unbesehen des Verfahrensausgangs zu entschä-
digen. Bei der Bemessung des Honorars wird nur der notwendige Aufwand
entschädigt (vgl. Art. 8 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]), und die Rechtsvertretung wurde vom Gericht in der Ernen-
nungsverfügung vom 14. Oktober 2020 über die in der Regel angewende-
ten Stundenansätze informiert.
Der Rechtsvertreter reichte mit Eingabe vom 30. März 2021 eine Kosten-
note ein. Er bezifferte den zeitlichen Aufwand mit 6.85 Stunden und bean-
tragte einen Stundenansatz von Fr. 220.–. Zudem machte er Auslagen von
Fr. 33.– geltend und wies auf die bestehende Mehrwertsteuerpflicht hin.
Der zeitliche Aufwand scheint angesichts der in wesentlichen Teilen über-
einstimmenden Ausführungen mit denjenigen im Beschwerdeverfahren der
Tochter B._ nicht vollumfänglich angemessen, er ist auf insgesamt
4 Stunden zu kürzen. Der geltend gemachte Stundenansatz entspricht
dem in der Verfügung vom 14. Oktober 2020 genannten Rahmen. Das amt-
liche Honorar ist somit vorliegend auf (gerundet) Fr. 984.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuer) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-4332/2020
Seite 17