Decision ID: c37f74e3-b672-577f-a5a1-f9049ff81f27
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, eritreische Staatsangehörige mit letztem
Wohnsitz im Flüchtlingscamp F._ (Sudan), verliessen nach eigenen
Angaben zusammen im Mai 2012 den Sudan. Nach einjährigem Aufenthalt
in Ägypten seien sie über Libyen in die Schweiz gelangt. Sie suchten am
10. August 2015 um Asyl nach und wurden per Zufallsprinzip der Testphase
des Verfahrenszentrums (VZ) Zürich zugewiesen.
B.
Im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) vom 11. August 2015 und den
Anhörungen vom 6. Juni 2017 und vom 17. Januar 2018 machte der Be-
schwerdeführer A._ zur Begründung seines Asylgesuches im We-
sentlichen geltend, im Jahre 1988 aufgrund des Bürgerkrieges erstmals
aus Eritrea in den Sudan geflohen zu sein. Im Jahre 1995 sei er zusammen
mit seiner Familie im Rahmen eines UNO-Rückkehrprogramms freiwillig
nach Eritrea zurückgekehrt. Da viele politische Akteure von der neuen Re-
gierung festgenommen worden seien, habe sich sein Vater als Mitglied der
Befreiungsfront ELF (Eritrean Liberation Front) zur erneuten Ausreise ent-
schlossen, wobei er, der Beschwerdeführer, kurz darauf mit dem Rest der
Familie dem Vater in den Sudan gefolgt sei. Dort habe er sich bis zur Aus-
reise im Flüchtlingslager aufgehalten. Er habe zwischen 1998 und 2005
einer oppositionellen eritreischen Studentenorganisation angehört. Im
Jahre 2005 hätten die sudanesischen Behörden alle Büros der ELF und
anderer oppositionellen Gruppen, einschliesslich der Studentenorganisa-
tion, geschlossen und er habe sich nur noch heimlich engagiert. Er be-
fürchte, aufgrund seines politischen Engagements bei einer Rückkehr nach
Eritrea verhaftet zu werden. Während seines Aufenthalts im Flüchtlingsla-
ger habe er seine jetzige Partnerin G._ kennengelernt und sei mit
ihr wegen familiärer Schwierigkeiten aufgrund ihrer (unehelichen) Schwan-
gerschaft im Jahre 2012 illegal nach Ägypten gelangt. Aufgrund der dorti-
gen schwierigen Lebensbedingungen hätten sie sich nach einjährigem Auf-
enthalt zur Weiterreise entschlossen und seien über Libyen und Italien
schliesslich in die Schweiz gelangt.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer unter ande-
rem einen Ausweis der eritreischen Studenten-Union im Sudan und eine
Kopie des Flüchtlingsausweises seines Bruders und seiner Mutter ein.
C.
Die Beschwerdeführerin G._ machte im Rahmen der BzP vom 11.
August 2015 und den Anhörungen vom 6. Juni 2017 und vom 17. Januar
2018 ihrerseits geltend, im Flüchtlingslager (...) im Sudan geboren worden
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 3
zu sein. Im Jahre 1995 sei sie mit ihrer Familie im Rahmen eines UNO-
Rückkehrprogramms nach Eritrea zurückgekehrt und habe sich dort etwa
sieben Monate in einem Flüchtlingscamp in H._ aufgehalten. Dort
sei einer ihrer Onkel väterlicherseits von den eritreischen Behörden getötet
und ein weiterer Onkel verhaftet worden. Ihr Vater habe als Angehöriger
der ELF flüchten müssen. Nach seiner Flucht seien ihre Grosseltern schi-
kaniert und geschlagen worden, worauf sie zusammen ihrer Mutter und den
Geschwistern zu ihrem Vater in den Sudan geflohen seien. Sie befürchte,
aufgrund der familiären Beziehungen zu politischen Aktivisten bei einer
Rückkehr nach Eritrea behördlich behelligt zu werden. Aufgrund der Bezie-
hung mit A._ und der daraus hervorgegangenen unehelichen
Schwangerschaft habe sie sich vor ihren Familienmitgliedern verstecken
müssen, denn es einer unverheirateten Frau nicht erlaubt, schwanger zu
werden. Schliesslich sei sie im Jahre 2012 zusammen mit A._ aus-
gereist. Ihre Eltern und Geschwister, zu denen sie keinen Kontakt mehr
habe, lebten im Flüchtlingslager (...).
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin unter ande-
rem ihren Flüchtlingsausweis, UNO-Dokumente und die eritreische Identi-
tätskarte ihrer Mutter ein. Im Weiteren wurde nach Aufforderung des SEM
hinsichtlich der Tochter der Beschwerdeführenden am 28. November 2017
ein ärztlicher Bericht eingereicht.
D.
Mit separaten Entscheiden vom 31. Mai 2018 (Eröffnung am 1. Juni 2018)
lehnte das SEM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden ab und ord-
nete deren Wegweisung an, nahm sie indessen wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig auf.
E.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 2. Juli 2018 erhoben die Beschwer-
deführenden gegen diese Verfügungen Beschwerde. Sie beantragten die
Aufhebung der Verfügungen (Ziffern 1–3 des Dispositivs) und die Rückwei-
sung der Sache an das SEM zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung,
eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden fest-
zustellen und ihnen Asyl beziehungsweise zumindest die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren. In prozessualer Hinsicht wurde jeweils um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG, um Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses sowie um
Beiordnung des Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand er-
sucht. Im Weiteren beantragte der Rechtsvertreter die Ansetzung einer 30-
tägigen Frist zur Beschwerdeergänzung nach Eingang der Akten der Be-
schwerdeführerin. Mit der Beschwerde wurden weitere Beweismittel einge-
reicht.
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 4
F.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Juli 2018 im Rahmen des Beschwerdever-
fahrens der Beschwerdeführerin und deren Kinder (D–3815/2018) erhielt
der Rechtsvertreter Gelegenheit zur Einreichung einer Beschwerdeergän-
zung innert 15 Tagen. Im Verfahren des Beschwerdeführers (D-3813/2018)
wurde ebenfalls am 5. Juli 2018 der Eingang der Beschwerde bestätigt.
G.
Mit Eingabe vom 20. Juli 2018 reichte der Rechtsvertreter bezüglich der
Beschwerdeführerin eine Beschwerdeergänzung ein.
H.
Am 5. Oktober 2018 kam das Kind Rhiq zur Welt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerden sind frist- und formgerecht eingereicht. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 5
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerden ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Die Beschwerdeverfahren D-3813/2018 und D-3815/2018 werden auf-
grund des persönlichen und sachlichen Zusammenhangs vereinigt. Das
Kind Rhiq wird in das Beschwerdeverfahren einbezogen.
4.
Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurde in Anwendung von
Art. 111a Abs. 1 AsylG verzichtet.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität,
Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer poli-
tischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Das SEM begründet seine Entscheide damit, dass die von den Be-
schwerdeführenden im Sudan geltend gemachten Verfolgungsmassnah-
men für die Beurteilung der Asylgesuche unwesentlich seien, da sie sich
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 6
ausserhalb des Staats, dessen Staatsangehörigkeit sie besässen, zugetra-
gen hätten (Art. 1 Bst. a Ziff. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30] i.V.m. Art. 1 Abs. 2 des
Protokolls über die Rechtsstellung von Flüchtlingen). Da die Beschwerde-
führenden eritreische Staatsangehörige seien, gelange der Zusatz „im
Land, in dem sie zuletzt wohnten“ nicht zur Anwendung, da sich dieser nur
auf Staatenlose beziehungsweise das Land, in dem sich diese vor der Asyl-
gesuchstellung aufhielten, beziehe. Die Asylvorbringen der Beschwerde-
führenden, die sich im Sudan ereignet hätten, seien einzig dann geeignet,
die Flüchtlingseigenschaft zu begründen, wenn diese auch in Eritrea zu ei-
ner Verfolgungssituation führten.
6.2 Es sei somit zu prüfen, ob der Beschwerdeführer A._ aufgrund
seiner politischen Tätigkeit und derjenigen seines inzwischen verstorbenen
Vaters beziehungsweise aufgrund der familiären Schwierigkeiten seiner Le-
benspartnerin wegen der unehelichen Schwangerschaft bei einer Rückkehr
nach Eritrea Verfolgung zu befürchten hätte.
Vorab sei festzustellen, dass das SEM nicht an der politischen Haltung des
Beschwerdeführers und seiner Unterstützung der Studentenorganisation
zweifle. Indessen habe der Beschwerdeführer keine gegen den eritreischen
Staat gerichtete oder andere Aktivitäten ausgeübt, die zu asylrelevanten
Nachteilen führen könnten. So habe er nach eigenen Angaben keiner be-
waffneten Organisation angehört, sondern lediglich Aufklärungsarbeit ge-
leistet, wobei er diese nach 2005 nur noch heimlich weitergeführt habe (vgl.
SEM-Protokoll A56 S. 12). Er habe denn auch während sieben Jahren un-
behelligt im Camp leben können. Zwar habe er erwähnt, dass er persönlich
bedroht worden sei, jedoch sei der detaillierten Schilderung der Vorkomm-
nisse eine solche Drohung nicht zu entnehmen. So sei dem Beschwerde-
führer lediglich gesagt worden, dass es gefährlich sei, Veranstaltungen ge-
gen die Regierung zu organisieren und dass er sich in Acht nehmen müsse.
Auch die von ihm geschilderte Drohung durch einen Offizier der eritrei-
schen Regierung sei im Rahmen einer freiwilligen Versammlung und nicht
im Zusammenhang mit der Studentenorganisation ausgesprochen worden
(vgl. A56 S. 11). Überdies habe der Beschwerdeführer bis zur Ausreise im
Jahre 2012 keine aus den Drohungen des Offiziers resultierende Konse-
quenzen geltend gemacht (vgl. A56 S. 10 ff). Somit sei die geltend ge-
machte geringfügige Tätigkeit für die Studentenorganisation nicht asylbe-
achtlich. An dieser Einschätzung ändere auch das politische Profil des Va-
ters nichts. Der Beschwerdeführer habe die Verfolgung des Vaters nicht im
Zusammenhang mit seiner eigenen gebracht (vgl. A56 S. 13). Überdies
spreche die Aussage des Beschwerdeführers, wonach sein Vater im Jahre
2015 aufgrund seines hohen Alters und seiner Zuckerkrankheit verstorben
sei, nicht dafür, dass er in den letzten Jahren im Fokus der eritreischen
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 7
Behörden gestanden habe, zumal er für das Quartier (..) des Flüchtlingsla-
gers im Sudan zuständig gewesen sei und dort ohne Schwierigkeiten hätte
aufgefunden werden können (vgl. A56 S. 15). Auch die Tatsache, dass die
Onkel väterlicherseits des Beschwerdeführers in Eritrea leben und Land-
wirtschaft betreiben würden, spreche gegen eine asylbeachtliche Verfol-
gung der gesamten Familie aufgrund des politischen Profils des Vaters des
Beschwerdeführers. Schliesslich habe der Beschwerdeführer selbst keine
Nachteile aus der unehelichen Schwangerschaft seiner Lebenspartnerin zu
befürchten. Im Übrigen seien Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
anzubringen (unbestimmte und unlogische Schilderung), indessen müsse
angesichts der fehlenden Asylrelevanz auf diese nicht vertieft eingegangen
werden.
6.3 Auch die Vorbringen der Beschwerdeführerin erachtete das SEM als
nicht asylrelevant. Sie habe keine gegen den eritreischen Staat gerichtete
oder andere Aktivitäten ausgeübt, die zu asylrelevanten Nachteilen führen
könnten. Sie habe denn auch weder während der kurzen Zeit in Eritrea
noch im Sudan Probleme mit der eritreischen Regierung gehabt. Schliess-
lich sei nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei einer
Rückkehr nach Eritrea aufgrund ihrer familiären Schwierigkeiten wegen der
damaligen unehelichen Schwangerschaft Behelligungen ausgesetzt wäre,
lebten doch der Vater und die Brüder der Beschwerdeführerin weiterhin im
Sudan.
7.
Auf Beschwerdeebene wurde unter Einreichung eines als Bestätigungs-
schreibens der Studentenorganisation bezeichneten Dokumentes in Kopie
und eines Bestätigungsschreibens der ELF vom 16. Juni 2018 im Original
auf die Tätigkeit des Beschwerdeführers als Regimekritiker im Sudan hin-
gewiesen. Aus den eingereichten Schreiben gehe hervor, dass der Be-
schwerdeführer als Mitglied für die Studentenorganisation von 1999–2010
im Medienbereich der Organisation tätig gewesen sei. Aufgrund der weit-
reichenden Überwachung durch den eritreischen Staat der Exileritreer vor
allem in den Nachbarländern sei davon auszugehen, dass das eritreische
Regime von den exilpolitischen Aktivitäten des Beschwerdeführers Kennt-
nis habe. Im Weiteren sei der Vater des Beschwerdeführers ein hochrangi-
ges Mitglied der ELF gewesen, was auch durch das neu eingereichte
Schreiben der ELF bestätigt werde. Die Tatsache, dass dieser im Flücht-
lingslager keine Nachteile erlitten habe, sei aufgrund der fehlenden Ho-
heitsmacht der eritreischen Behörden kein Hinweis auf ein fehlendes Ver-
folgungsinteresse. Als Sohn eines wichtigen Kämpfers der ELF wäre auch
der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Eritrea gefährdet. Die
ganze Familie habe als anerkannte Flüchtlinge im Sudan gelebt, was die
Vorinstanz nicht berücksichtigt habe. Sie habe es unterlassen, die Akten
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 8
des UNHCR (Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Natio-
nen) beizuziehen. Auch die Beschwerdeführerin sei aufgrund ihrer regime-
kritischen Tätigkeit und insbesondere wegen ihres Vaters, der ein Angehö-
riger der ELF sei, und weiteren politisch-oppositionellen Familienangehöri-
gen (Onkeln) gefährdet.
Im Weiteren habe die Vorinstanz den Sachverhalt bezüglich der geltend
gemachten frauenspezifischen Verfolgungsgründe aufgrund der uneheli-
chen Schwangerschaft der Beschwerdeführerin ungenügend festgestellt,
indem sie die Beschwerdeführerin zu diesen anlässlich der Anhörungen
nicht befragt habe. Obwohl die Beschwerdeführerin die Frage, ob sie auch
mit zwei Männern im Raum frei sprechen könne, mit «Kein Problem» be-
antwortet habe, stünde nicht fest, dass die Beschwerdeführerin wirklich frei
habe erzählen können. Damit habe das SEM die Untersuchungsmaxime
verletzt und die Sache sei zur Durchführung einer weiteren Anhörung der
Beschwerdeführerin in einem Frauenteam zurückzuweisen.
8.
Der Vorwurf der ungenügenden Sachverhaltsfeststellung erweist sich als
unbegründet.
Zunächst ist festzuhalten, dass aufgrund des ausdrücklichen Verzichts der
Beschwerdeführerin auf ein reines Frauenteam die Anhörung unter dem
Aspekt der Schutzvorschrift von Art. 6 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 [AsylV1, SR 142.311]) nicht zu beanstanden ist (vgl. BVGE
2015/42). Im Weiteren ergibt sich aus den Anhörungsprotokollen, dass die
Beschwerdeführerin Gelegenheit hatte, ihre familiären Schwierigkeiten auf-
grund der unehelichen Schwangerschaft zu schildern und deren frauenspe-
zifische Problematik von der befragenden Person erkannt wurde (vgl. A57
S. 7). Es wurden auch Fragen nach der Chronologie der Ereignisse gestellt,
die im Zusammenhang mit der unehelichen Schwangerschaft und deren
Folgen standen (vgl. A66 S. 3). Zudem wurde ausdrücklich nachgefragt,
aus welchem Grund die Beschwerdeführerin nicht unmittelbar mit ihrem
Vater sprechen könne (vgl. A66 S. 3). In der angefochtenen Verfügung er-
geben sich keine konkreten Hinweise darauf, dass die Vorinstanz den
Sachverhalt hinsichtlich der befürchteten Probleme aufgrund der uneheli-
chen Schwangerschaft nicht vollständig festgestellt habe. Auch hat sie sich
mit diesem Vorbringen in ihrer Begründung hinreichend auseinanderge-
setzt. Somit ist der Antrag, die Sache sei zur Durchführung einer weiteren
Anhörung der Beschwerdeführerin in einem Frauenteam zurückzuweisen,
abzulehnen. Hinsichtlich der weiteren verfahrensrechtlichen Rüge, wonach
das SEM die Tatsache, dass die «ganze Familie» der Beschwerdeführen-
den als anerkannte Flüchtlinge im Sudan gelebt habe beziehungsweise
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 9
lebe, nicht berücksichtigt und es unterlassen habe, die entsprechenden Ak-
ten des UNHCR beizuziehen, ist festzuhalten, dass aufgrund der diesbe-
züglichen nicht in Zweifel gezogenen Angaben der Beschwerdeführenden,
welche vom SEM berücksichtigt wurden, keine Notwendigkeit für den Bei-
zug der Akten des UNHCR zur Feststellung des vollständigen Sachver-
halts bestand.
9.
9.1 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit
ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus
einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung
als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57
E. 2.5; 2010/44 E. 3.4).
9.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht entgegen der in der Beschwerde
vertretenen Auffassung nicht davon aus, die Beschwerdeführenden seien
im Sudan in einer Art und Weise politischen Aktivitäten nachgegangen, die
eine Verfolgungsfurcht objektiv begründet erscheinen liesse. Wie vom SEM
zutreffend ausgeführt, hat der Beschwerdeführer nach eigenen Angaben
keiner bewaffneten Organisation angehört, sondern lediglich Aufklärungs-
arbeit geleistet, wobei er diese nach 2005 nur noch heimlich weitergeführt
hat (vgl. SEM-Protokoll A56 S. 12). Der Beschwerdeführer hat denn auch
während sieben Jahren unbehelligt im Camp leben können. Zur Vermei-
dung von Wiederholungen kann auf die weiteren zu bestätigenden Erwä-
gungen verwiesen werden, welche auf Beschwerdeebene nicht entkräftet
werden können. Unabhängig von deren geringen Beweiskraft vermögen
die mit der Beschwerde eingereichten Beweismittel an dieser Einschätzung
nichts zu ändern, bestätigen diese doch lediglich im vorinstanzlichen Ver-
fahren festgestellte, nicht bezweifelte Tatsachen. Auch die Beschwerdefüh-
rerin hat keine gegen den eritreischen Staat gerichtete oder andere Aktivi-
täten ausgeübt, die zu asylrelevanten Nachteilen führen könnten. Es ist im
Weiteren nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei einer
Rückkehr nach Eritrea aufgrund ihrer familiären Schwierigkeiten wegen der
damaligen unehelichen Schwangerschaft Behelligungen ausgesetzt wäre,
leben doch die nahen Familienmitglieder (Vater und Brüder) der Beschwer-
deführerin weiterhin im Sudan. Schliesslich ist die Frage, ob die Beschwer-
deführenden bei einer Einreise und Wohnsitznahme in Eritrea aufgrund der
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 10
politischen Aktivitäten ihrer Verwandten (Väter, Onkeln) zu befürchten hät-
ten, zu verneinen. Dabei ist insbesondere darauf hinzuweisen, dass auf-
grund der Aussagen des Beschwerdeführers, wonach sein Vater im Jahre
2015 aufgrund seines hohen Alters und seiner Zuckerkrankheit verstorben
sei und im Quartier A. des Flüchtlingslagers als Verantwortlicher unbehelligt
gelebt habe, ein Verfolgungsinteresse der eritreischen Behörden zu vernei-
nen ist. Auch ist eine asylbeachtliche Verfolgung der gesamten Familie auf-
grund des politischen Profils des Vaters der Beschwerdeführerin oder an-
derer Verwandten nicht zu befürchten. Zwar hat die Beschwerdeführerin
angegeben, ein Onkel befinde sich in Eritrea seit Jahren in Haft, ohne in-
dessen zu konkretisieren, weshalb sie als weibliche, nicht sehr nahe Fami-
lienangehörige deswegen Behelligungen zu befürchten habe.
9.3 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt in einer Gesamtschau der Vor-
bringen der Beschwerdeführenden und der eingereichten Beweismittel
zum Schluss, dass die von ihnen geäusserte subjektive Furcht vor Nach-
stellungen durch das eritreische Regime zwar nachvollziehbar ist, indessen
aus den vorgenannten Gründen nicht als objektiv begründet erscheint.
9.4 Das SEM hat demnach zu Recht festgestellt, dass die Beschwerdefüh-
renden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen und ihre Asylgesuche ab-
gelehnt. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in den Beschwer-
den weiter einzugehen, da diese an der Würdigung des vorliegenden Sach-
verhalts nichts zu ändern vermögen. Die Beschwerden sind abzuweisen.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.3 Mit den angefochtenen Verfügungen wurden die Beschwerdeführen-
den wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der
Schweiz aufgenommen. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse alterna-
tiver Natur sind (vgl. BVGE 2009/51), besteht kein schutzwürdiges Inte-
resse an der Überprüfung, aus welchen Gründen die Vorinstanz den Voll-
zug aufgeschoben hat (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG).
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 11
11.
11.1. Mit Ergehen des vorliegenden Urteils werden die jeweiligen Gesuche
um Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
11.2 Bei diesem Ausgang des (vereinigten) Verfahrens wären die Kosten
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen
sind die mit den Beschwerden gestellten Gesuche um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG, da die Rechts-
begehren nicht zum Vornherein aussichtslos erschienen und die Nach-
weise der Bedürftigkeit erbracht wurden, gutzuheissen. Somit sind keine
Verfahrenskosten zu erheben.
11.3 Den Beschwerdeführenden wird die unentgeltliche Rechtsverbeistän-
dung im Sinne von Art. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG zugesprochen und lic. iur.
LL.M. Tarig Hassan, Advokatur Kanonengasse, 8021 Zürich, als amtlicher
Rechtsbeistand eingesetzt.
Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht wurde. Indessen lässt
sich der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund der Aktenlage zuverläs-
sig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen verzichtet werden
kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Unter Berücksichtigung der massge-
benden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) und der Entschädigungs-
praxis in vergleichbaren Fällen wird zulasten der Gerichtskasse ein amtli-
ches Honorar von insgesamt Fr. 1’200.– (inkl. Auslagen und allfälliger
MwSt.) zugesprochen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3813/2018, D-3815/2018
Seite 12