Decision ID: 5755d5cb-e853-585b-b8e3-8dddb9cd4674
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden reisten eigenen Angaben gemäss am 29. Juli
2017 legal mit einem (...) Schengenvisum auf dem Luftweg nach Athen
und flogen von dort aus einige Tage später weiter nach Genf. Sie reisten
am 1. August 2017 in die Schweiz ein, wo sie am 8. August 2017 ein Asyl-
gesuch einreichten. Am 1. September 2017 wurden sie im Rahmen der
Befragung zur Person (BzP) summarisch befragt und am 27. September
2017 vertieft zu ihren Asylgründen angehört.
Zur Begründung ihres Asylgesuches brachten sie vor, die Beschwerdefüh-
rerin komme aus C._. Nachdem Sie sich 2011 von ihrem ersten
Ehemann G. habe scheiden lassen, habe ihr Bekannter A. sie zu einer Hei-
rat überreden wollen, was sie abgelehnt habe. A. habe sie im Mai 2012
mehrfach gewaltsam bedroht und auch ihren Freundeskreis eingeschüch-
tert und bedroht. Auch sei A. nach Überzeugung der Beschwerdeführerin
für den einige Zeit später erfolgten Brandanschlag auf das Auto ihres Va-
ters verantwortlich gewesen, weshalb sie ihn bei der Polizei angezeigt
habe. Dies habe zu erneuten Bedrohungen durch A. und dessen Vater ge-
gen sie und ihr Umfeld geführt. Später sei A. wegen eines Einbruchdieb-
stahls festgenommen und ab Ende 2012 in Haft gewesen. Die Beschwer-
deführenden hätten im März 2017 geheiratet, der gemeinsame Sohn sei
zuvor am 11. Dezember 2015 geboren worden. Während der Schwanger-
schaft sei bei ihr Krebs diagnostiziert und sofort nach der Geburt mit einer
Chemotherapie begonnen worden. Da die Beschwerdeführerin in der The-
rapie auf Pflege angewiesen gewesen sei, sei sie wieder zu ihren Eltern
nach C._ gezogen. Nach der Haftentlassung von A. habe die Be-
schwerdeführerin wieder Probleme mit ihm bekommen. Dieser sei auf Ra-
che aus gewesen und habe sie mehrfach mit dem Tod bedroht. Da sie sich
nicht mehr sicher gefühlt habe und zudem der Ansicht gewesen sei, dass
sie gegen A. rechtlich nichts unternehmen könne – die Polizei habe bereits
im Jahr 2012 nach ihrer Anzeige keine Schritte gegen A. unternommen –
habe sie sich zur Ausreise entschlossen. Auch habe sie sich wegen ihrer
Krankheit nicht mehr zu helfen gewusst, da sich zwischenzeitlich an ihrer
Wirbelsäule Metastasen gebildet hätten. Die Beschwerdeführenden hätten
ihren Sohn bei ihren Eltern in C._ zurückgelassen und seien am 29.
Juli 2017 ausgereist. Die Beschwerdeführerin sei am (Spital) aufgrund ihrer
Krebserkrankung in medizinischer Behandlung.
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Der ebenfalls aus C._ stammende Beschwerdeführer habe zehn
Jahre lang die Schule besucht und anschliessend fünf Jahre lang ein Sport-
studium absolviert. Er habe als (Beruf) und nebenher als (...)-Trainer ge-
arbeitet. Er sei einzig wegen der Probleme der Ehefrau ausgereist. Er habe
ständig in Angst leben müssen, da A. es auf seine Ehefrau abgesehen
habe. Er selber habe A. mehrfach zufällig getroffen und versucht, mit die-
sem zu reden, der habe ihm aber gesagt, er solle sich nicht einmischen,
und habe ihm gedroht.
Die Beschwerdeführenden reichten zum Nachweis ihrer Identität ihre Rei-
sepässe, Kopien der Geburtsurkunden sowie ihren Eheschein zu den Ak-
ten. Zudem reichten sie Unterlagen bezüglich der Anzeige gegen A. sowie
Protokolle von Zeugenaussagen zu den Akten.
B.
Am 26. Februar 2018 ging beim SEM ein ärztlicher Bericht von Dr. med.
D._ ((Spital, Abteilung des Spitals) vom 16. Februar 2018 über eine
Untersuchung vom 15. Februar 2020 und die bis auf weiteres andauernde
Behandlung der Beschwerdeführerin seit dem 20. September 2017 ein.
C.
Mit Verfügung vom 16. April 2018 – eröffnet am 19. April 2018 – stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte die Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
Den Wegweisungsvollzug erachtete es als zumutbar, da die geltend ge-
machten medizinischen Beschwerden, wegen denen die Beschwerdefüh-
rerin bereits im Heimatland in Behandlung gewesen sei, auch dort behan-
delt werden könnten. Im Einzelnen führte das SEM aus, dass die Be-
schwerdeführerin laut ärztlichem Bericht vom 16. Februar 2018 an ausge-
prägten bewegungsabhängigen Rückenschmerzen leide, bedingt durch
eine Tumorerkrankung und die Bildung von Metastasen im Bereich der Wir-
belsäule. Da in C._ verschiedene onkologische Kliniken existieren
würden und sie dort bereits in ärztlicher Behandlung gewesen sei, sprä-
chen die vorgebrachten medizinischen Beschwerden nicht gegen die Zu-
mutbarkeit einer Rückkehr nach Armenien. Auch seien die benötigten Me-
dikamente gemäss medizinischem Consulting im Heimatstaat verfügbar
(vgl. SEM, «Medizinisches Consulting, Armenien: Chemotherapie und Me-
dikamente» vom 10. April 2018, act. A19 [nachfolgend: SEM-Consulting]).
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Die Behandlung von Krebs sowie die Medikamente seien Teil des staatli-
chen Gesundheitsprogramms. Mit dem Basic Benefit Package (BBP) regle
der armenische Staat den Zugang für bestimmte (teils vulnerable) Bevöl-
kerungsgruppen zu medizinischen Behandlungen spezifischer Krankhei-
ten. Das BBP decke Teile der onkologischen Behandlungen von bösartigen
Tumoren. Gedeckt seien beispielsweise die Kontrolluntersuchungen und
ein minimaler Anteil der Medikamentenkosten für die Chemotherapie. Zu-
dem stehe es der Beschwerdeführerin frei, bei der kantonalen Rückkehr-
beratungsstelle Rückkehrhilfe zu beantragen.
D.
Mit Beschwerde vom 16. Mai 2018 beantragten die Beschwerdeführenden,
die Verfügung sei in den Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben, die vorläu-
fige Aufnahme zu gewähren und eventualiter die Sache zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie
um die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Einsetzung einer amt-
lichen Rechtsvertretung gemäss aArt. 110a AsylG (SR 142.31).
In der Beschwerde wurde vorgebracht, die Beschwerdeführerin benötige
sehr teure Medikamente zur Behandlung ihrer (...)krebserkrankung und
eine dringende Rückenoperation. Sie könne sich die Medikamente in Ar-
menien nicht selber beschaffen und auch die staatliche Gesundheitsver-
sorgung komme nicht dafür auf. In Armenien würde sie daher mangels Er-
halt der notwenigen medizinischen Behandlung in Kürze sterben.
Der Beschwerde lag ein handschriftlich ausgefüllter ärztlicher Formular-
Bericht von E._ (Spital, Abteilung des Spitals) vom 8. Mai 2018 über
die seit dem 20. September 2017 andauernde Behandlung an das SEM
bei. Zudem wurden der Beschwerde beigelegt: Ein ärztliches Überwei-
sungsschreiben an F._ vom 30. April 2018 und eine vom 1. Mai
2018 datierende Einladung an die Beschwerdeführerin zu einem Abklä-
rungsgespräch bei dieser Institution, Fachinformationen des Arzneimittel-
Kompendiums der Schweiz zu zwei Medikamenten, teilweise unleserliche
Kopien fremdsprachiger Unterlagen mit englischer Übersetzung zum Ver-
kauf eines Grundstücks und zweier Autos in Armenien, eine englischspra-
chige Arbeitsbestätigung für den Beschwerdeführer vom 25. April 2018 so-
wie ein Schreiben des armenischen Gesundheitsministeriums zu den Kos-
ten des Medikamentes G._.
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E.
Am 17. Mai 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
F.
Mit Verfügung vom 29. Mai 2018 hiess die zuständige Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter der
Voraussetzung des fristgerechten Nachreichens einer Fürsorgebestäti-
gung gut und setzte den Beschwerdeführenden Frist, um eine Rechtsbei-
ständin oder einen Rechtsbeistand im Sinne der Erwägungen vorzuschla-
gen. Gleichzeitig wurde angekündigt, dass bei ungenutzter Frist eine un-
entgeltliche Rechtsvertretung beigeordnet werde.
G.
Mit Eingabe vom 8. Juni 2018 reichte die ihr Mandat anzeigende und eine
Vollmacht zu den Akten reichende Rechtsvertreterin der Beschwerdefüh-
renden zwei Fürsorgeabhängigkeitserklärungen vom 4. Juni 2018 sowie
ein Schreiben von Oberarzt H._ (Spital, Abteilung) vom 5. Juni 2018
ein, wonach sich die Beschwerdeführerin seit dem 17. Mai 2018 in statio-
närer Behandlung befinde.
H.
Mit Verfügung vom 27. Juli 2018 wurde die mandatierte Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsbeiständin im Sinne von Art. 110a AsylG eingesetzt und
die Beschwerdeführerin aufgefordert, eine Erklärung über die Entbindung
ihrer Ärztinnen oder Ärzte von der Schweigepflicht sowie einen aktuellen
ärztlichen Bericht über ihren psychischen Gesundheitszustand und die be-
reits erfolgten, gegenwärtigen und zukünftig erforderlichen Behandlungen
einzureichen. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass in der Be-
schwerde unter anderem geltend gemacht wurde, es werde eine Rücken-
operation benötigt, um überleben zu können. Eine solche Aussage sei aber
weder dem ärztlichen Bericht des (...)zentrums des (Spital, Abteilung) vom
16. Februar 2018 noch dem vom 8. Mai 2018 zu entnehmen, weshalb ein
aktueller Bericht über allfällige wesentliche Veränderungen ihres physi-
schen Gesundheitszustandes nachzureichen sei.
I.
Mit Schreiben vom 28. August 2018 reichte die Rechtsvertreterin verschie-
dene fachärztliche Berichte ein: einen Bericht von Dr. med. I._
(Ärztlicher Leiter F._) vom 24. August 2018 bezogen auf eine Un-
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tersuchung vom 8. Mai 2018 und eine seit Mai 2018 bis zum gegenwärti-
gen Zeitpunkt andauernde Behandlung; einen Austrittsbericht von Oberarzt
H._ vom 28. August 2018 über einen stationären Aufenthalt der Be-
schwerdeführerin vom 27. Juli 2018 bis zum 28. August 2018; einen ärztli-
chen Bericht von Oberarzt J._ (Spital, Abteilung) vom 22. August
2018, auf einer Untersuchung vom 13. Juli 2018 und die seit dem 16. Ja-
nuar 2018 andauernde Behandlung beruhend.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 25. September 2018 führte das SEM aus,
es verkenne nicht, dass sich die Beschwerdeführerin in einer schwierigen
gesundheitlichen Situation befinde. Es liege aber keine medizinische Not-
lage vor. Angesichts der zumutbaren Eigenverantwortung seien die jewei-
lige Leistungsfähigkeit der Betroffenen und die allgemeinen Bedingungen
der medizinischen Versorgung im Heimat- oder Herkunftsstaat zu prüfen.
Beide Bereiche seien in der angefochtenen Verfügung thematisiert worden,
wobei sowohl der Ausbildungsstand als auch die ökonomischen und fami-
liären Umstände als tragfähig erachtet und auf das Vorhandensein von on-
kologischen Kliniken, benötigten Medikamenten und eines staatlichen Ge-
sundheitsprogramms in Armenien hingewiesen worden sei. Auf Beschwer-
deebene hätten die Beschwerdeführenden zwar entgegnet, dass die benö-
tigten Medikamente für sie unerschwinglich geworden seien und der Be-
schwerdeführer bereits sein Haus und zwei Autos verkauft habe, um ange-
fallene Behandlungskosten im Heimatstaat zu decken. Dies belege jedoch
gerade, dass in Armenien mit einer adäquaten Gesundheitsversorgung zu
rechnen sei. Zudem werde es nicht als Wegweisungsvollzugshindernis er-
achtet, wenn Medikamentenkosten zu hoch ausfielen und nicht gedeckt
werden könnten. Es sei auf die Möglichkeit von Ersatzmedikamenten oder
Generika sowie die Tatsache hinzuweisen, dass grundsätzlich keine Ge-
sundheitshilfe die Deckung von allen teuren Medikamenten garantiere.
Überdies habe die Beschwerdeführerin in der BzP ausgesagt, auch ihre
Freunde und Bekannte hätten zur Deckung von Behandlungskosten bei-
getragen. Schliesslich gehe aus den aktuellen ärztlichen Berichten nicht
hervor, dass sich eine Rückenoperation als dringend notwendig erweise.
In Bezug auf die geltend gemachte psychiatrische Behandlung und die
Ausführungen, wonach die Beschwerdeführerin bereits in Armenien ver-
sucht habe, sich das Leben zu nehmen, sei festzuhalten, dass eine de-
pressive Störung mit psychotischen Symptomen und eine Suizidgefahr erst
seit Mai 2018 aktenkundig seien. Mutmasslich habe die ablehnende Verfü-
gung des SEM vom 16. April 2018 zur Verschlechterung der psychischen
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Verfassung der Beschwerdeführerin beigetragen. Es sei davon auszuge-
hen, dass sich ihr geistiger Zustand verbessern sollte, wenn sie die ableh-
nende Verfügung erst einmal verarbeitet und sich mit einer möglichen
Rückkehr nach Hause auseinandergesetzt habe. Aus Art. 3 EMRK würde
sich keine Verpflichtung für den Konventionsstaat ergeben, bei einer Kon-
frontation mit suizidalen Neigungen von einer zu vollziehenden Weg- oder
Ausweisung Abstand zu nehmen. Gemäss Praxis des Europäischen Ge-
richtshofes für Menschenrechte (EGMR) müsse die psychische Erkran-
kung gravierend sein, um dem Vollzug einer Wegweisung entgegenzu-
stehen. So sei nach dem EGMR der wegweisende Staat nicht verpflichtet,
vom Vollzug der Ausweisung Abstand zu nehmen, falls Ausländer für den
Fall des Vollzuges des Wegweisungsentscheides mit Suizid drohten; so-
lange er Massnahmen ergreife, um die Umsetzung der Suiziddrohung zu
verhindern, vermöge die Ausschaffung nicht gegen Art. 3 EMRK zu
verstossen. Im konkreten Fall bestehe Gewähr dafür, dass nötigenfalls ge-
eignete Massnahmen ergriffen werden könnten mit dem Ziel, die allenfalls
bestehenden suizidalen Tendenzen im Zusammenhang mit der Ausschaf-
fung zu verhindern. Schliesslich verfüge die armenische Hauptstadt res-
pektive der Wohnort der Beschwerdeführenden über mehrere psychiatri-
sche Institutionen, die armenischen Bürgern und Bürgerinnen zugänglich
seien. Insgesamt sei in Armenien und insbesondere in C._ von ei-
ner adäquaten und zugänglichen medizinischen Grundversorgung auszu-
gehen.
K.
In der Replik vom 17. Oktober 2018 entgegneten die Beschwerdeführen-
den, die medizinische Versorgung in Armenien sei tatsächlich nur bei sehr
grosser finanzieller Kapazität möglich, was nicht einer ausreichenden Ver-
sorgung entspreche. Auch könne entgegen der Vorinstanz aus der Aus-
sage, wonach Freunde und Bekannte zur Deckung der ärztlichen und Me-
dikamentenkosten beigetragen hätten, nicht auf die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs geschlossen werden. Vielmehr sei vor der Ausreise
diese Hilfe gerade gänzlich versiegt gewesen.
L.
Mit Schreiben vom 11. September 2019 reichte die Rechtsvertreterin aktu-
elle medizinische Berichte der (...) und (...), eine Auskunft der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) «Armenien: Medizinische Behandlungen
[(...)krebs, psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung, Korpo-
rektomie, Palliativversorgung)» vom 10. September 2019 (nachfolgend:
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SFH-Auskunft) und eine ergänzende Kostennote ein. Es wurde darauf hin-
gewiesen, dass die Krebserkrankung der Beschwerdeführerin weiter fort-
geschritten und sie auch wegen ihrer psychischen Erkrankung weiterhin in
Behandlung sei. Die notwendige und angemessene Behandlung sei in Ar-
menien nicht gewährleistet. Insbesondere werde die benötigte Wirbelsäu-
lenoperation nicht durch eine Versicherung oder staatliche Gelder unter-
stützt, wie der SFH-Auskunft zu entnehmen sei, und die Versorgung psy-
chisch kranker Menschen sei in Armenien gänzlich unzureichend.
In der Behandlungsbestätigung der Assistenzärztin K._ (Spital, Ab-
teilung) vom 3. September 2019 wird bestätigt, dass die Beschwerdefüh-
rerin sich dort seit dem 30. Juli 2019 im (Spital) in Behandlung befinde. Im
Eintrittsbericht von Oberärztin L._ (Spital, Abteilung) vom 23. Au-
gust 2019 wird die ambulante Erstkonsultation vom 30. Juli 2019 beschei-
nigt. Der Austrittsbericht von Oberarzt H._ vom 2. Juli 2019 berich-
tet vom stationären Aufenthalt vom 24. Mai 2018 bis zum 20. Juni 2019.
Zudem wurde ein onkologischer Bericht vom 9. Juli 2019 von Dr. med.
M._ (Spital, Abteilung), beruhend auf einer Untersuchung vom 21.
Juni 2019, eingereicht.
M.
Mit Schreiben vom 30. Juni 2020 reichten die Beschwerdeführenden wei-
tere medizinische Bericht zu den Akten und ersuchten angesichts des phy-
sischen und psychischen Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin
um ein baldiges Urteil.
In einem Schreiben von Oberärztin L._ wird für die Klärung des
Asylstatus plädiert. In der ärztlichen Bestätigung von Dr. med. M._,
(Spital, Abteilung) vom 29. April 2020 wird von der Umstellung der Therapie
im März 2020 auf eine kombinierte Chemo-Immunotherapie wegen einer
Tumorprogression berichtet.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Soweit die Fragen der Flüchtlingseigenschaft und der Abweisung des
Asylgesuchs betreffend (Dispositivziffern 1 und 2 der Verfügung vom
16. April 2018) ist die angefochtene Verfügung mangels Anfechtung in
Rechtskraft erwachsen. Auch die Anordnung der Wegweisung (Dispositiv-
ziffer 3) ist nicht mehr zu überprüfen, nachdem sich die vorliegende Be-
schwerdeeingabe in ihrer Begründung ausdrücklich nur gegen den ange-
ordneten Vollzug der Wegweisung richtet (vgl. auch Zwischenverfügung
vom 29. Mai 2018).
2.2 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet damit nur noch die
Frage, ob der Vollzug der Wegweisung durchführbar ist.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
4.
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4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
4.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
4.3 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur – ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E.8).
5.
5.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
5.2 Da es den Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerde-
führenden in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5
AsylG rechtmässig.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/24 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/7
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Seite 11
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimat- oder Herkunftsstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des EGMR sowie je-
ner des UN-Anti-Folterausschusses müssten die Beschwerdeführenden
eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass
ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung
drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar
2008, Grosse Kammer, 37201/06, §§ 124-127, mit weiteren Hinweisen).
Dies ist ihnen nach den vorstehenden Erwägungen nicht gelungen. Auch
die allgemeine Menschenrechtssituation in Armenien lässt den Wegwei-
sungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
5.3 Insoweit die Beschwerdeführenden sinngemäss geltend machen, der
Vollzug ihrer Wegweisung sei gestützt auf die von ihnen eingereichten Be-
weismittel angesichts des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin
aus medizinischen Gründen als unzulässig zu erachten, ist festzuhalten,
dass sich nach der Rechtsprechung des EGMR aus Art. 3 EMRK grund-
sätzlich kein Anspruch auf Verbleib in einem Konventionsstaat ergibt, um
(weiterhin) medizinische Leistungen dieses Staats in Anspruch zu nehmen.
Lediglich in Einzelfällen und unter ganz aussergewöhnlichen Umständen
kann der Vollzug der Wegweisung einer ausländischen Person mit Blick
auf deren gesundheitliche Situation einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar-
stellen (EGMR, D. gegen Grossbritannien, Urteil vom 2. Mai 1997, Recueil
des arrêts et décisions 1997-III, E. 49 ff.; vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1 m.w.H.).
So stellt eine zwangsweise Wegweisung von Personen mit gesundheitli-
chen Problemen dann einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar, wenn sich
die betroffene Person in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krank-
heitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, wobei im Falle einer Über-
stellung mit dem sicheren Tod gerechnet werden müsste und dabei keiner-
lei soziale Unterstützung zu erwarten ist respektive wenn die betroffene
Person mangels angemessener medizinischer Behandlung im Heimatstaat
mit einem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und un-
wiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausge-
setzt zu werden, was zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkür-
zung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili
gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-
193 m.w.H.; vgl. auch BVGE 2017 VI/7 E. 6.2).
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Seite 12
5.4 Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin lässt sich wie folgt
beschreiben:
5.4.1
5.4.1.1 Die Beschwerdeführerin hat eine schwerwiegende (...)krebserkran-
kung, die in die Knochen metastasiert. Aufgrund der Aktenlage ist ersicht-
lich, dass diese Erkrankung zahlreiche medizinische Untersuchungen, Be-
handlungen und Therapien erfordert. Die (...)krebserkrankung wurde im
Rahmen der Schwangerschaft in Armenien 2015 festgestellt und dort ab
Dezember 2015 mit Radiotherapie und anschliessend palliativer Chemo-
therapie im Zeitraum Dezember 2015 bis Mai 2016 behandelt. Seit Juni
2016 findet eine palliative Therapie mit N._/G._ statt und es
wird auch als antiresorptive («Knochenabbau hemmende») Therapie das
Medikament beziehungsweise der Wirkstoff O._ verabreicht. Seit
September 2017 wird die Beschwerdeführerin im (...)zentrum des (Spital)
mit dieser Kombination aus Immuntherapie mit G._-Antikörpern
und Antihormontherapie mit N._ behandelt (siehe ärztliche Berichte
von Dr. med. D._ vom 16. Februar 2018 und von Dr. med.
J._ vom 22. August 2018). Gemäss Arztbericht von E._ vom
8. Mai 2018 benötigt sie alle drei Wochen G._ intravenös und täg-
lich N._ als Dauertherapie, zusätzlich noch Schmerzmittel. Zudem
seien klinische und laborchemische Kontrollen vor jeder Infusion, also alle
drei Wochen, sowie Herzultraschall und Computertomographie alle drei
Monate notwendig (siehe Arztbericht von Dr. med. D._ vom 16.
Februar 2018). Aufgrund der Ableger des Tumors in die Knochen leidet die
Beschwerdeführerin an bewegungsabhängigen Rückenschmerzen und
hat einen Bruch des ersten Lendenwirbelkörpers (Wirbelkörperkollaps) und
weitere Ableger im Beckenbereich. Wegen der nur unzureichenden Kon-
trolle der bewegungsabhängigen Schmerzen durch die verabreichten Opi-
ate sei zur Verbesserung der Lebensqualität eine Operation des gebroche-
nen Wirbelkörpers (Korporektomie) zur deutlichen Schmerzlinderung er-
wogen worden, aber für nicht lebensnotwendig oder notfallmässig nötig er-
achtet worden. Ohne die stabilisierende Korrekturoperation werde die Be-
schwerdeführerin allerdings mit deutlichen Schmerzen leben müssen
(siehe Arztbericht von J._ vom 22. August 2018). Im April 2019 ha-
ben sich bei der Beschwerdeführerin ein grössenprogredienter (...) (6 auf
9 mm) und minim grössenprogrediente (...) von maximal 3 mm gezeigt.
Aber die Krankheitssituation wurde noch als stabil bezeichnet und die be-
stehende Therapie fortgeführt (siehe Bericht von Dr. med. M._ vom
9. Juli 2019). Ab März 2020 wurde die Therapie der Beschwerdeführerin
jedoch wegen einer Tumorprogression (...) auf eine kombinierte Chemo-
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Seite 13
Immuntherapie umgestellt. Die Beschwerdeführerin wird laut Arztbericht
von Dr. med. M._ vom 29. April 2020 wöchentlich im (...)zentrum
des (Spital) behandelt. Ohne Behandlung würde ein schnelles Tumor-
wachstum mit massiven Schmerzen und gegebenenfalls Querschnittsläh-
mung erfolgen, schlussendlich mit tödlichem Verlauf. Mit der Behandlung
sei eine bessere Schmerzkontrolle möglich und die Tumorerkrankung
könne sich oft über Jahre stabilisieren, der Tod somit voraussichtlich um
Jahre verzögert werden. Auch sollte sie mit einer guten Behandlung mög-
lichst wenig Schmerzen haben und die Gefahr einer Querschnittslähmung
mit den entsprechenden Folgen könne verhindert werden (siehe Arztbe-
richt von Dr. med. D._ vom 16. Februar 2018). Zusammengefasst
handelt es sich bei der (...)krebserkrankung der Beschwerdeführerin um
eine unheilbare Erkrankung mit palliativer Behandlung. Die Überlebens-
wahrscheinlichkeit der Beschwerdeführerin liegt gemäss den eingereichten
Arztberichten bei unter zehn Jahren (vgl. Arztbericht von E._ vom
8. Mai 2018).
5.4.1.2 Hinsichtlich der notwendigen medizinischen Versorgung ist festzu-
halten, dass in Armenien die medizinische Grundversorgung grundsätzlich
flächendeckend gewährleistet ist. Die primäre medizinische Versorgung ist
jedoch grösstenteils noch immer wie zu Sowjetzeiten organisiert. Die Leis-
tungen werden in der Regel entweder durch regionale Polikliniken oder
ländliche Behandlungszentren erbracht. Die sekundäre medizinische Ver-
sorgung wird von 37 regionalen Krankenhäusern und einigen der grösse-
ren Polikliniken mit speziellen ambulanten Diensten übernommen, wäh-
rend die tertiäre medizinische Versorgung grösstenteils den staatlichen
Krankenhäusern und einzelnen Spezialeinrichtungen in C._ vorbe-
halten ist (vgl. International Organization for Migration [IOM], Länderinfor-
mationsblatt Armenien, August 2014, S. 14 [nachfolgend: IOM-Länderinfor-
mationsblatt]; Human Rights Watch [HRW], «All I Can Do Is Cry – Cancer
and the Struggle for Palliative Care in Armenia», Juli 2015, S. 12 f. [nach-
folgend: HRW]).
In C._ sind spezialisierte Gesundheitseinrichtungen vorhanden, in
denen Chemotherapie und Kontrolluntersuchungen vorgenommen werden
können (vgl. SEM-Consulting S. 2). Zentrale Anlaufstelle für Krebsbehand-
lungen in Armenien ist das staatliche Fanarjian National Center of Onco-
logy in C._ (vgl. HRW S. 13), das über verschiedene spezialisierte
Abteilungen zur Behandlung von Krebs verfügt und Behandlungen im Rah-
men einer Chemo- oder Strahlentherapie durchführen kann, da es mit ent-
D-2850/2018
Seite 14
sprechenden Spezialisten und Geräten ausgestattet ist. Für die Behand-
lung von (...)krebs gibt es im nationalen Krebszentrum eine spezialisierte
Abteilung ([vgl. .... ],zuletzt besucht am 22. März 2021).
Die von der Beschwerdeführerin benötigten Medikamente N._,
G._ und O._ sind in Armenien grundsätzlich erhältlich (vgl.
SFH-Auskunft S. 9 f.).
5.4.1.3 Angesichts der in Grundzügen vorhandenen Behandelbarkeit der
Krebserkrankung in Armenien, sowohl die Medikamente als auch die Che-
motherapie betreffend, kann nicht davon ausgegangen werden, dass die
Beschwerdeführerin aufgrund der Krebserkrankung bei einer Rückkehr in
ihr Heimatland mit dem sicheren Tod oder einer unwiederbringlichen Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustands mit intensivem Leiden rechnen
müsste. Insbesondere ist zu berücksichtigen, dass sie sich dort vor der
Ausreise hat behandeln lassen. So gab sie selber zu Protokoll, im (Spital)
in C._, im (Spital) und in der Poliklinik in C._ in Behandlung
gewesen zu sein (vgl. act. A7, S. 9). Im Dezember 2015 wurde sie nach
eigenen Aussagen in Armenien mit einer Chemotherapie behandelt (vgl.
act. A13, S. 10, F80). Sie sei im Heimatland auch medikamentös behandelt
worden (vgl. act. A7, S. 8). Dass sie im Falle einer Überstellung mit dem
sicheren Tod rechnen müsste, da sie sich die Behandlung nicht finanzieren
könnte, wäre demnach eine Mutmassung. Der bedauerliche Gesundheits-
zustand der Beschwerdeführerin in Bezug auf ihre Krebserkrankung steht
der Zulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung somit nicht entgegen.
5.4.2
5.4.2.1 Zudem leidet die Beschwerdeführerin an einer schweren chroni-
schen Depression mit teilweise psychotischen Episoden und wurde nach
Aktenkenntnis aufgrund ihrer psychischen Erkrankung bisher viermal sta-
tionär in der Schweiz behandelt. Sie wurde erstmals im Mai 2018 im Zent-
rum F._ untersucht (siehe Arztzeugnis Dr. med. I._ vom 24.
August 2018), wobei zunächst die Diagnose einer schweren depressiven
Störung mit psychotischen Symptomen (F32.3 ICD-10) gestellt wurde. In
der Folge wurde sie nach einem Suizidversuch wegen weiterbestehender
Suizidgefahr am 17. Mai 2018 in die (Spital) eingewiesen, wo sie bis zum
12. Juni 2018 stationär behandelt wurde. Anschliessend war sie erneut in
teilstationärer Behandlung im Zentrum F._ , wobei nun eine rezidi-
vierende depressive Störung, zurzeit schwere depressive Episode mit psy-
chotischen Symptomen und teilweise aktiver, teilweise latenter Suizidalität
D-2850/2018
Seite 15
(F33.3 ICD-10) diagnostiziert wurde. Die schwere onkologische Erkran-
kung mit palliativer Therapie stelle eine aussichtslose Situation da, die das
psychiatrische Krankheitsbild unterhalte und seine Behandlung enorm er-
schwere. Vom 27. Juli bis 28. August 2018 sei die Beschwerdeführerin we-
gen der Verschlechterung der psychiatrischen Symptome erneut stationär
in der (Spital) behandelt worden (diagnostiziert wurde eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode mit psychotischen
Symptomen [F33.3 ICD-10]). Grund des Eintritts sei eine Zunahme der de-
pressiven Symptomatik gewesen. Während der Hospitalisation habe die
Beschwerdeführerin in Gesprächen nicht mehr auszuhaltende Schmerzen
beschrieben und es sei eine stationäre Schmerztherapie in die Wege ge-
leitet worden (vgl. Austrittsbericht von H._ vom 28. August 2018).
Die Beschwerdeführerin wurde ein drittes Mal stationär hospitalisiert vom
24. Mai 2019 bis zum 20. Juni 2019 wegen einer schweren depressiven
Episode mit psychotischen Symptomen und Selbstverletzungstendenz
(vgl. Arztbericht von H._ vom 2. Juli 2019). Es sei während des sta-
tionären Aufenthaltes eine Medikamentenumstellung zur Verbesserung der
Schlafqualität und Bekämpfung der psychotischen Symptomatik vorge-
nommen worden. Die Medikamente bei Austritt seien unter anderem
P._ («Antidepressivum»), Q._ («Neuroleptikum»),
R._ («Schmerzmittel»), S._ («Opioid»), T._ («Anti-
depressivum») und U._ («Neuroleptikum»). Anschliessend sei bei
der sich glaubhaft von Suizidalität distanzierenden und keine Fremdgefähr-
dung aufweisenden Beschwerdeführerin eine weitere ambulante integra-
tive psychotherapeutische Behandlung geplant worden. Seit dem 30. Juli
2019 sei sie im (Spital) in Behandlung, wobei neben einer rezidivierenden
depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische
Symptome (F33.2 ICD-10) auch der Verdacht auf posttraumatische Belas-
tungsstörung (PTBS; F43.1 ICD-10) gestellt worden sei (siehe Eintrittsbe-
richt von L._ vom 23. August 2019 und Behandlungsbestätigung
von Assistenzärztin K._ vom 3. September 2019). Wegen akuter
Suizidalität und zunehmender Verschlechterung, bei ausgeprägten depres-
siven und psychotischen Symptomen, war die Beschwerdeführerin ein
viertes Mal vom 26. Juni 2019 bis 19. August 2019 in stationärer Therapie.
Es liege bei der Beschwerdeführerin eine schwere chronische Depression
mit teilweise psychotischen Episoden zusätzlich zu einer posttraumati-
schen Belastungsstörung aufgrund von Gewalterfahrungen vor (siehe
Schreiben von L._ vom 8. Juni 2020).
5.4.2.2 Grundsätzlich sind auch schwere psychische Krankheiten in Arme-
nien behandelbar. Die grösseren Krankenhäuser in C._, von wo die
D-2850/2018
Seite 16
Beschwerdeführerin stammt, sowie einige Krankenhäuser in den Regionen
verfügen über psychiatrische Abteilungen und Fachpersonal. Auch die Be-
handlung von PTBS und Depressionen ist gewährleistet. Die wichtigsten
Psychopharmaka stehen in den psychiatrischen Institutionen grundsätzlich
zur Verfügung (vgl. öffentlich zugänglich SEM, «Focus Armenien: Psychi-
atrische und psychologische Versorgung», 4. Februar 2012, S. 6, 11 [nach-
folgend: SEM-Focus]).
5.4.2.3 Auch in Bezug auf die schwere chronische Depression mit teilweise
psychotischen Episoden der Beschwerdeführerin, die in der Vergangenheit
mehrfach suizidale Krisen mit der Notwendigkeit stationärer Aufenthalte
nach sich gezogen hat, liegt im Falle des Vollzugs der Wegweisung kein
Verstoss gegen Art. 3 EMRK vor. Die psychische Erkrankung erfüllt nicht
die aussergewöhnlichen Umstände nach Art. 3 EMRK derart, dass die Be-
schwerdeführerin angesichts fehlender Behandlungsmöglichkeiten im Hei-
matland einem realen Risiko einer schwerwiegenden, raschen und irrever-
siblen Verschlechterung des Gesundheitszustands ausgesetzt wäre, die zu
heftigen Leiden oder einer erheblichen Reduktion der Lebenserwartung
führen würde. Die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin lässt
den Vollzug der Wegweisung demzufolge nicht als unzulässig erscheinen.
5.5 Der Vollzug der Wegweisung ist somit sowohl im Sinne der asylgesetz-
lichen als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
6.
6.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.2 Der Praxis zufolge wird aus humanitären Gründen – nicht in Erfüllung
völkerrechtlicher Pflichten der Schweiz – auf den Vollzug der Wegweisung
verzichtet, wenn die Rückkehr in den Heimatstaat für die betroffene Person
eine konkrete Gefährdung darstellt. Eine solche Gefährdung kann ange-
sichts der im Heimatland herrschenden allgemeinen politischen Lage, die
sich durch Krieg, Bürgerkrieg oder durch eine Situation allgemeiner Gewalt
kennzeichnet, oder aufgrund anderer Gefahrenmomente, wie beispiels-
weise einer notwendigen, aber dort nicht durchführbaren medizinischen
Behandlung, angenommen werden. Die beurteilende Behörde hat in jedem
D-2850/2018
Seite 17
Einzelfall eine Gewichtung vorzunehmen zwischen den sich nach einer all-
fälligen Rückkehr der weggewiesenen Person in ihrem Heimatland erge-
benden humanitären Aspekten einerseits und dem öffentlichen Interesse
am Vollzug der rechtskräftig verfügten Wegweisung andererseits (vgl.
BVGE 2014/26 E. 7 S. 393 ff.).
Der Begriff der "konkreten Gefährdung" gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG bezieht
sich auf einen schwerwiegenden Eingriff in die körperliche Integrität der
betroffenen Person und findet insbesondere Anwendung auf Personen, die
nach ihrer Rückkehr einer konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil sie aus
objektiver Sicht wegen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser
Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich in völlige Armut gestossen würden,
dem Hunger und somit einer ernsthaften Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustandes, der Invalidität oder gar dem Tod ausgeliefert wären
(vgl. BVGE 2011/50 E. 8.2 S. 1002 f., m.w.H.). Der Hinweis auf eine medi-
zinische Notlage in Art. 83 Abs. 4 AIG verdeutlicht überdies, dass eine kon-
krete Gefährdung nicht zwingend in der allgemeinen Situation begründet
sein muss. Eine ausländische Person kann auch aus individuellen Grün-
den wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur konkret gefährdet
sein (BVGE 2014/26 E. 7.5 m.H.). Sofern eine Erkrankung nicht zu einer
Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs, namentlich nicht zu einer Ver-
letzung von Art. 3 EMRK führt, hat eine Prüfung unter dem Gesichtspunkt
von Art. 83 Abs. 4 AIG zu erfolgen. In die Beurteilung einzubeziehen sind
neben der gesundheitlichen Situation die besonderen persönlichen Ver-
hältnisse, namentlich auch die familiären und sozialen Verhältnisse im Hei-
matstaat.
Auf die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen
Gründen ist aus humanitären Überlegungen dann zu schliessen, wenn
eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfü-
gung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden
Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der Betroffenen führen würde.
Als wesentlich wird dabei die allgemeine und dringende medizinische Be-
handlung erachtet, die zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Exis-
tenz absolut notwendig ist. Eine Unzumutbarkeit ist insbesondere nicht be-
reits anzunehmen, wenn die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten im
Heimatstaat nicht dem schweizerischen Standard entsprechen (vgl. BVGE
2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.2 je m.w.H.).
6.3 Wie zuvor erwähnt, ist eine Behandlung von Krebserkrankungen in Ar-
menien zwar grundsätzlich möglich. Allerdings wird deren Finanzierbarkeit
http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/26 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/50
D-2850/2018
Seite 18
und damit der tatsächliche Zugang zu einer Behandlung für die Beschwer-
deführenden in Frage gestellt.
6.3.1 In Armenien gibt es aktuell kein staatliches Krankenversicherungs-
system. Das erschwert den Zugang zur medizinischen Versorgung inso-
weit, als es für einen Grossteil der Bevölkerung extrem schwierig geworden
ist, die kostenpflichtige ärztliche Behandlung zu finanzieren. Viele Men-
schen sind nicht in der Lage, die Gesundheitsdienste aus eigener Tasche
zu bezahlen (vgl. IOM-Länderinformationsblatt S.15 ). Das wegen des Feh-
lens einer staatlichen Krankenkasse eingeführte sogenannte Basic Benefit
Package (BBP) zur Finanzierung der medizinischen Grundversorgung der
armenischen Bevölkerung unterstützt vulnerable Personen (Arme, Rent-
ner, Kinder etc.) und Patienten mit chronischen Krankheiten, denen durch
das BBP zusätzliche medizinische Leistungen kostenlos oder gegen ge-
ringe Zuzahlung zur Verfügung gestellt werden (siehe World Bank Group,
«Expansion of the Benefits Package: The Experience of Armenia», 2018,
S. 19 ff. [nachfolgend: Word Bank Group]). Unter die verletzlichsten Perso-
nengruppen fallen beispielsweise Kinder unter sieben Jahren, Behinderte
der 1. und 2. Gruppe, behinderte Minderjährige und Veteranen des 2. Welt-
kriegs. Kostenerstattung in Höhe von 50 Prozent wird beispielsweise al-
leinstehenden Müttern mit Kindern unter 18 Jahren gewährt oder alleinste-
henden arbeitslosen Pensionären (vgl. IOM-Länderinformationsblatt
S. 15 f.).
Die Kostenbeteiligung des Staates unterscheidet sich je nach Komplexität
der Behandlung, geografischer Lage und Art der Dienstleistung und wird
für zehn vom Gesundheitsministerium anerkannte und als prioritär erach-
tete Gesundheitszustände beziehungsweise Behandlungen übernommen,
zu denen unter anderem psychische Gesundheit, bösartige Tumore und
Chemotherapie gehören. Personen, die nicht zu den verletzlichen Gruppen
gehören, sind verpflichtet, 50 Prozent der Kosten der Chemotherapie zu
übernehmen (siehe World Bank Group S. 23 ff.; IOM-Länderinformations-
blatt S. 16).
Ein Grundproblem der staatlichen medizinischen Fürsorge ist die weit ver-
breitete Korruption. Informelle Zahlungen durch die Patienten und Patien-
tinnen im armenischen Gesundheitswesen sind üblich, auch für theoretisch
unentgeltliche Leistungen. Hinzukommen die hohen direkten Zahlungen
als sogenannte «Out-of-pocket-Zahlungen», die das Risiko der Verarmung
noch verstärken (vgl. SEM-Focus S. 12; vgl. SFH-Auskunft S. 8 f., World
Bank Group S. 10).
D-2850/2018
Seite 19
6.3.2 In Bezug auf die von der Beschwerdeführerin benötigten Medika-
mente ist festzuhalten, dass N._ in Armenien erhältlich ist und kos-
tenlos zur Verfügung gestellt wird. Das von der Beschwerdeführerin eben-
falls benötigte Medikament G._ ist zwar, wie im SEM-Consulting
(S. 2) beziehungsweise in der angefochtenen Verfügung festgehalten,
auch erhältlich. Allerdings ist der SFH-Auskunft zu entnehmen, dass es nur
in wenigen Apotheken erhältlich und sehr teuer ist. Die Kosten von 1000
Euro für eine Ampulle von 440 mg müssen von den Patientinnen selber
übernommen werden. Auch O._ ist erhältlich, muss aber von den
Patientinnen selber bezahlt werden und kostet rund 350 Euro pro Ampulle.
Weiter werden nur die Kosten von zwei Kontrollen pro Jahr an Computer-
tomographie-Scans übernommen. Durch das BBP werden nur die Kosten
von N._ und bei Krebsbehandlungen lediglich die Kosten für chirur-
gische Eingriffe sowie günstige Hormon- und Chemotherapie (maximal 600
Dollar pro Jahr) übernommen (vgl. zum Ganzen SFH-Auskunft S. 9 f.).
Das SEM hat in seiner Verfügung und Vernehmlassung bei der Argumen-
tation für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nur pauschal mit
dem Vorhandensein des BBP-Programms argumentiert, wonach durch den
armenischen Staat für bestimmte (teils vulnerable) Bevölkerungsgruppen
der Zugang zu medizinischen Behandlungen spezifischer Krankheiten, so
auch bei Krebs, gewährt werde. Es hat aber nicht weiter abgeklärt oder
erläutert, ob die Beschwerdeführerin unter die Personengruppe der beson-
ders verletzlichen Personen fallen würde, die von erheblichen Zuzahlun-
gen befreit sind, und wie hoch die staatliche Beteiligung bei onkologischen
Behandlungen ist. Gemäss den obigen Ausführungen ist anzunehmen,
dass die Beschwerdeführerin nicht in eine der Kategorien der besonders
verletzlichen Personen fällt. Auch in Bezug auf die hohen Kosten von
G._ und die Tatsache, dass es nur in wenigen Apotheken erhältlich
ist, hat sich das SEM nicht geäussert. Es hat nur die theoretische Erhält-
lichkeit der Medikamente festgestellt. Insofern ist das SEM seiner Untersu-
chungspflicht nicht gerecht geworden. Die Frage der Erhältlichkeit des
ebenfalls benötigten Medikamentenwirkstoffs O._ hat das SEM gar
nicht thematisiert, obwohl bereits aus dem vor Erlass der Verfügung einge-
reichten Arztbericht vom 16. Februar 2018 hervorgeht, dass O._
ebenfalls notwendiger Bestandteil der Krebsbehandlung der Beschwerde-
führerin ist.
6.3.3 Nicht nur der tatsächliche und finanzierbare Zugang zur Krebsbe-
handlung, sondern auch zur notwendigen Schmerzbehandlung in Arme-
D-2850/2018
Seite 20
nien ist fraglich. Dass die Beschwerdeführerin an ausgeprägten bewe-
gungsabhängigen Rückenschmerzen leidet und ihre Schmerzen mit Opia-
ten behandelt werden, geht bereits aus dem an das SEM gesandten Arzt-
bericht vom 16. Februar 2018 hervor. Zudem heisst es da, wegen der un-
zureichenden Schmerztherapie werde eine Operation mit dem Ziel der
Schmerzreduktion erwogen und eine Korporektomie («Entfernung eines
Wirbelkörpers») sei empfohlen/geplant zur Schmerzreduktion und Wirbel-
körperstabilisierung. Ohne die Behandlung könne gegebenenfalls eine
Querschnittslähmung erfolgen (vgl. act. A17, Bericht von Dr. med.
D._ vom 16. Februar 2018, S. 3, 4). Das SEM hatte sich in der Ver-
fügung mit keinem Wort zur Schmerzbehandlung mittels Opiaten oder zur
empfohlenen Operation zur Schmerzlinderung geäussert. Auf Beschwer-
deebene wird betont, dass die Beschwerdeführerin die Wirbelsäulenope-
ration benötige, die in Armenien nicht durch staatliche Mittel finanziert
werde. Diesbezüglich wird auch auf die SFH-Auskunft verwiesen (S. 14 f.).
Das SEM argumentiert in der Vernehmlassung hingegen, dass aus den
ärztlichen Berichten vom 22. August 2018 und 8. Mai 2018 hervorgehe,
dass diese Operation nicht lebensnotwendig oder notfallmässig nötig sei.
Zwar ist dem Arztbericht von Oberarzt J._ vom 22. August 2018 zu
entnehmen, dass sich das operative Vorgehen akut nicht aufdränge, aber
dass es eine deutliche Schmerzlinderung bringen würde. Ohne diese Ope-
ration werde sie mit deutlichen Schmerzen leben müssen (vgl. S. 3 des
genannten Arztberichts). Aus den einzelnen eingereichten Arztberichten
geht auch hervor, dass die Operation angestrebt war, aber an der Kosten-
gutsprache scheiterte (vgl. Austrittsbericht von H._ vom 28. August
2018 S. 3).
Das Erfordernis einer Operation kann an dieser Stelle offenbleiben, es ver-
deutlicht aber das Ausmass der Schmerzen. Neben der Chemo- und Im-
muntherapie mit den entsprechenden Medikamenten und Behandlungen
ist die Schmerztherapie ein wichtiger Bestandteil der Behandlung der Be-
schwerdeführerin. So hatte sie im (Spital) eine stationäre Schmerztherapie
ab 28. August 2018 begonnen (siehe Austrittsbericht von H._ vom
28. August 2018). Auch dem Austrittsbericht desselben Arztes vom 2. Juli
2019 zum dritten stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin ist das
Leiden an den Schmerzen am Rücken und an der Hüfte zu entnehmen,
und dass die Beschwerdeführerin gegen die Schmerzen neben Psycho-
pharmaka auch starke Schmerzmittel beziehungsweise Opiate einnehme.
6.3.4 Wie verschiedenen allgemeinen Berichten entnommen werden kann,
ist die Palliativversorgung beziehungsweise der Zugang zu Schmerzmitteln
D-2850/2018
Seite 21
in Armenien als unzureichend zu bezeichnen. Todkranke Krebspatienten in
Armenien bekommen in der Regel keine medizinische Unterstützung mehr
und werden nach Hause geschickt. Verschärft wird ihre Situation dadurch,
dass der Zugang zu Schmerzmitteln administrativ sehr limitiert ist und eine
Palliativversorgung praktisch nicht existiert. Krebskranke erhalten nach wie
vor keine ausreichende Schmerzlinderung. Die Zahl der verfügbaren
Opiod-Medikamente in Armenien reicht nicht aus (vgl. SFH-Auskunft
S. 16 f.; EurasiaNet, Armenians Struggle for the Right to Die without Pain,
23. April 2014, auffindbar unter https://www.refworld.org/cgi-
bin/texis/vtx/rwmain? page=printdoc&docid=548ac2844 [zuletzt besucht
am 17. März 2021]; HRW S. 1 f., 64 ff.).
Es ist angesichts des Mangels an Schmerzmitteln zu befürchten, dass die
Schmerzen der Beschwerdeführerin in Armenien nicht adäquat behandelt
werden können, was zu einem enormen Leidensdruck führen dürfte. Das
Thema Schmerzlinderung beziehungsweise die unerträglichen Schmer-
zen, mit denen die Beschwerdeführerin bei der Rückkehr ins Heimatland
mangels ausreichender Versorgung mit Schmerzmitteln rechnen müsste,
hat das SEM im Rahmen seiner Untersuchungspflicht ebenfalls nicht the-
matisiert.
6.3.5 Zur Krebserkrankung kommt die psychische Erkrankung der Be-
schwerdeführerin hinzu. Die theoretisch kostenlosen psychiatrischen
Dienste müssen teilweise trotzdem von den Patientinnen beschafft und be-
zahlt werden (vgl. SFH-Auskunft S. 13-15). Kritisiert wird an der psychiat-
rischen Versorgung in Armenien unter anderem, dass altmodische Thera-
pieformen, teilweise sowjetischer Prägung, existieren, die Behandlung zu
stark auf stationäre Behandlung in grossen psychiatrischen Zentren fokus-
siert sei und das Personal nur mangelhaft aus- und weitergebildet werde.
Die ambulante Behandlung wird als unterentwickelt beschrieben (vgl.
SEM-Focus S.12 f.). Es gibt kaum qualifizierte Institutionen und Fach-
kräfte, die ambulante psychotherapeutische Behandlungen anbieten. Am-
bulante Psychotherapie muss zudem selbst bezahlt werden (vgl. SFH-Aus-
kunft S. 14 f.). Zu beachten ist vorliegend, dass die Beschwerdeführerin
bereits mehrfache suizidale Krisen hatte und einer engmaschig ambulan-
ten Betreuung bedarf, da sie sich aufgrund ihrer unheilbaren Erkrankung
in einer schwierigen Situation befindet. Das Wiederaufflammen akuter Su-
izidgedanken ist denn auch nicht auszuschliessen (vgl. Austrittsbericht von
H._ vom 28. August 2018). Es ist zweifelhaft, ob für die Erkrankung
der Beschwerdeführerin, die bereits viermal stationär behandelt wurde, die
D-2850/2018
Seite 22
vorhandenen Möglichkeiten der psychiatrischen und psychotherapeuti-
schen Behandlung ausreichend sind. So heisst es auch im Arztbericht vom
24. August 2018, die Schwere und Komplexität sprächen gegen eine Be-
handlung im Heimatland (siehe Arztzeugnis von Dr. med. I._ vom
24. August 2018).
6.3.6 Angesichts dessen, dass für die weitere Lebenserwartung der Be-
schwerdeführerin und die Erträglichkeit der Schmerzen eine gesicherte Be-
handlung in Armenien gewährleistet sein muss, ist von der Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzuges auszugehen. Aufgrund der Aktenlage muss
nämlich bezweifelt werden, dass die Beschwerdeführenden in der Lage
wären, die für die Gesamtbehandlung notwendigen finanziellen Mittel auf-
zubringen, zumal die Beschwerdeführerin mit ihren Schmerzen, der Unbe-
weglichkeit und der psychischen Erkrankung krankheitsbedingt nicht er-
werbsfähig sein dürfte. Der Beschwerdeführer alleine ist mit seinem Durch-
schnittseinkommen von 380 US-Dollar, das der Beschwerde und dem Ein-
kommensbeleg zu entnehmen ist, offensichtlich nicht in der Lage, die me-
dizinische Behandlung seiner Frau zu finanzieren. Zudem ist aus einem
Schreiben der F._ an das SEM vom 13. November 2018 hinsichtlich
der Unterbringungssituation zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer
angesichts der Erkrankung seiner Ehefrau auch immer wieder in Überfor-
derung und Depressionen gerate, was sich in Bezug auf die Arbeitssuche
und Erwerbsfähigkeit im Heimatland negativ auswirken dürfte. Die Be-
schwerdeführenden haben in der Beschwerde glaubhaft gemacht, dass sie
nicht mehr über die notwenigen Eigenmittel verfügen (Haus-, Auto-Ver-
kauf), um sich die teure adäquate und engmaschige Behandlung der
Krebserkrankung der Beschwerdeführerin (Chemotherapie und Medika-
mente, siehe soeben) leisten zu können. Auch müssten sie die psychiatri-
schen Dienste tatsächlich teilweise selber zahlen. Es handelt sich um eine
blosse Spekulation, dass das familiäre und soziale Netz im Heimatland die
Finanzierbarkeit der aufwendigen Behandlung gewährleisten könnte. Nur
weil die Beschwerdeführerin vor der Ausreise in Armenien behandelt
wurde, heisst das nicht, dass sie sich das wieder leisten kann, zumal es
eine Tumorprogression gegeben hat und sich die noch aufwendiger gewor-
dene Behandlung (nach letztem Arztbericht wöchentliche Chemo-Immun-
therapie) auf eine unbestimmte Behandlungsdauer bezieht. Die Möglich-
keit der individuellen medizinischen Rückkehrhilfe würde vorliegend ange-
sichts des schweren Krankheitszustandes und umfassenden Behand-
lungsbedarfes unbestimmter Dauer nicht genügen. Der Zugang zu und die
fortwährende Finanzierung der benötigten Therapien und Medikamente
wären somit nicht gewährleistet.
D-2850/2018
Seite 23
Die Beschwerdeführerin ist auf eine engmaschige Behandlung ihrer Er-
krankungen angewiesen. Ohne die erforderliche Behandlung droht ihr phy-
sisch wie psychisch eine wesentliche Verschlechterung des Gesundheits-
zustandes. Bei Nichterhalt der notwendigen Krebsmedikamente und Be-
handlung würde ihre Erkrankung wesentlich schneller voranschreiten und
sie würde früher daran sterben (vgl. Arztbericht von Dr. med. D._
vom 16. Februar 2018). Es kann weder in Bezug auf die Krebserkrankung
noch in Bezug auf die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung
von einer lückenlosen und adäquaten Versorgung beziehungsweise von
einer sichergestellten Fortsetzung der in der Schweiz eingeleiteten Thera-
pien ausgegangen werden. Von erneuten Suizidabsichten muss, wie oben
bereits erwähnt, angesichts des Leidensdrucks unter der unheilbaren
Krebserkrankung und der damit verbundenen starken Schmerzen ausge-
gangen werden. Für das SEM stehen die Suizidabsichten und Depressio-
nen gemäss seiner Verfügung nur im Zusammenhang mit der ablehnenden
Verfügung. Hierbei lässt es aber ausser Acht, dass die Depressionen sozu-
sagen Begleiterscheinung der unheilbaren Krebserkrankung der Be-
schwerdeführerin sind. Auch geht aus der Beschwerde hervor, dass die
Beschwerdeführerin bereits einmal in Armenien versucht hat, sich das Le-
ben zu nehmen.
In einer Gesamtwürdigung aller massgeblichen Umstände gelangt das
Bundesverwaltungsgericht demnach zum Schluss, dass sich aufgrund der
ausserordentlich gravierenden physischen und psychischen Beschwerden
der Beschwerdeführerin und der ungenügenden Behandlungsmöglichkei-
ten in ihrem Heimatland im Fall ihrer Rückschaffung der Vollzug der Weg-
weisungen der Beschwerdeführerin und des Beschwerdeführers (ange-
sichts des Grundsatzes der Einheit der Familie) als unzumutbar im Sinne
von Art. 83 Abs. 4 AIG erweist. Die Beschwerdeführenden würden in exis-
tenzielle Not geraten und sind daher vorläufig aufzunehmen.
7.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen. Die Dispositivziffern 4 und 5 der
Verfügung vom 16. April 2018 sind aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzu-
weisen, die Beschwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
8.
8.1 Die Beschwerdeführenden haben mit ihrer Beschwerde vollständig ob-
siegt. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
D-2850/2018
Seite 24
8.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 ff. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE; SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerenden reichte am 11. September
2019 eine Honorarnote in der Höhe von Fr. 2'720.– (inkl. Auslagen von
Fr. 120.– und Kosten der SFH-Auskunft) ein. Der veranschlagte Stunden-
ansatz von Fr. 200.– und der Stundenaufwand von 5,5 Stunden sind nicht
zu beanstanden. Für die im Juni 2020 erfolgte Eingabe an das Gericht ist
eine weitere Arbeitsstunde zu vergüten. Demnach ist den Beschwerdefüh-
renden durch die Vorinstanz eine Parteientschädigung in der Höhe von ins-
gesamt Fr. 2'920.– auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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