Decision ID: 2bdcb577-ca3d-5743-94d0-e31dff880909
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge am
15. Oktober 2016 und gelangte auf dem Luftweg über Kenia und Uganda
am 30. Januar 2017 in die Schweiz, wo er gleichentags ein Asylgesuch
stellte. Mit Verfügung vom 31. Januar 2017 wurde er dem Testbetrieb Zü-
rich zugewiesen. Am 3. Februar 2017 wurden seine Personalien aufge-
nommen. Am 16. Februar 2017 fand die Erstbefragung und am 22. März
2017 die Anhörung statt. Mit Verfügung vom 24. März 2017 wurde der Be-
schwerdeführer dem erweiterten Verfahren zugewiesen. Am 8. Februar
2018 wurde er ergänzend angehört.
Zur Begründung seines Gesuches gab er an, er habe im Jahr 2015 eine
Beziehung zu einer minderjährigen Frau gehabt. Ihre Familie sei nicht ein-
verstanden gewesen, wohl auch weil sie aus unterschiedlichen Kasten und
politischen Lagern gestammt hätten. Die Familie habe die Partnerin dazu
bringen wollen, gegen ihn Anzeige zu erstatten, was diese jedoch verwei-
gert habe. Die Familie habe auch versucht, ihm über einen Onkel, der ein
ranghohes Mitglied bei der EPDP (Eelam People's Democratic Party) ge-
wesen sei, Schaden zuzufügen. Im (...) 2015 habe er die Frau auf ihre Bitte
hin zu Hause abgeholt und sie seien zu seiner Grossmutter gegangen. Es
sei ihm vorgeworfen worden, sie entführt zu haben, weshalb polizeilich
nach ihm gesucht und Verwandte und Kollegen seinetwegen festgehalten
worden seien. Nachdem seine Frau telefonisch bestätigt habe, dass sie
freiwillig mitgegangen sei, habe die Polizei diese Personen jedoch wieder
gehen lassen. Der Onkel der Ehefrau habe ihm mehrfach telefonisch ge-
droht und ihn aufgefordert, die Frau zurückzubringen. Er habe deswegen
jedoch keine Anzeige erstattet, weil die Familie der Ehefrau zu mächtig ge-
wesen sei. Im (...) 2016 habe er die Frau nach Erreichen der Volljährigkeit
heiraten können. Nachdem er seine SIM-Karte kaputt gemacht habe, habe
er, bis auf einen Telefonanruf des Onkels, keine Probleme mehr gehabt.
Im (...) 2016 sei er mutmasslich von Armeeangehörigen bei seiner Gross-
mutter zu Hause gesucht worden. Er habe rechtzeitig durch die Hintertür
fliehen können und sei in der Folge ausgereist. Er wisse nicht, ob die Fa-
milienangehörigen seiner Frau hinter dieser Suche gesteckt hätten oder ob
es um seinen verschwundenen Onkel gegangen sei, der eine ranghohe
Position bei den LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) gehabt habe.
Eventuell sei es auch um die Proteste für die Verschwundenen gegangen,
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an denen seine Grossmutter und seine Mutter teilgenommen hätten. Ne-
ben seinem Onkel sei auch eine Tante bei den LTTE gewesen und ein wei-
terer Onkel habe für diese gearbeitet. Er selber habe die TNA (Tamil Nati-
onal Alliance) unterstützt, indem er Plakate aufgehängt und Flyer verteilt
habe. Bei den Wahlen im Jahr 2015 sei er dabei einmal von EPDP-Leuten
weggejagt worden. Nach seiner Ausreise seien seine Grossmutter und
seine Ehefrau erneut von Armeeangehörigen in zivil zu Hause aufgesucht,
nach ihm beziehungsweise dem Onkel befragt und belästigt worden. Seit-
her lebe seine Frau nicht mehr bei seiner Grossmutter, sondern bei einer
älteren Dame.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er unter anderem eine Bestätigung
eines tamilischen Parlamentsmitglieds, einen Zeitungsartikel mit einem
Foto seiner Mutter bei den Protesten für die Verschwundenen, eine Bestä-
tigung, dass sein Onkel bei den LTTE war, sowie ein Schreiben des IKRK
zu dessen Verschwinden und Arztberichte vom 23. März 2017, 5. März
2018, 3. Mai 2018 und 14. April 2020 zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 24. April 2020 – eröffnet am 29. April 2020 – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegwei-
sung sowie den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 29. Mai 2020 erhob der Beschwerdeführer – handelnd
durch seinen Rechtsvertreter – gegen diesen Entscheid beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung, die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz für weitere
Abklärungen zwecks Vervollständigung des Sachverhalts und eventualiter
die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung sowie
subeventualiter die Erteilung einer vorläufigen Aufnahme. In formeller Hin-
sicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.
Mit Urteil D-2816/2020 vom 9. Juni 2020 wurde auf die Beschwerde wegen
vermeintlicher Verspätung der vorgenannten Eingabe nicht eingetreten.
E.
Gegen dieses Urteil erhob der Beschwerdeführer am 11. Juni 2020 ein Re-
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visionsgesuch. Mit Urteil D-3024/2020 vom 26. Juni 2020 wurde das Revi-
sionsgesuch gutgeheissen und der Nichteintretensentscheid vom 9. Juni
2020 aufgehoben.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Juli 2020 wurde das Verfahren unter vorlie-
gender Verfahrensnummer wiederaufgenommen. Es wurde festgestellt,
dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten dürfe. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung wurde gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses verzichtet.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 6. August 2020 hielt das SEM vollumfäng-
lich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
H.
Mit Replik vom 26. August 2020 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehm-
lassung des SEM Stellung.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die formellen Rügen des Beschwerdeführers sind vorab zu prüfen. Er be-
antragt eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur ergänzenden
Abklärung des Sachverhalts. Die letzte Anhörung datiere vom Februar
2018 und sei veraltet. Vor diesem Hintergrund hätten ergänzende Abklä-
rungen, insbesondere auch des Gesundheitszustandes vorgenommen
werden müssen.
Das SEM hielt dem in seiner Vernehmlassung entgegen, es bestehe kein
Zusammenhang zwischen dem Datum der angeblich veralteten Anhörung
(Februar 2018) und dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers. Im
Frühling 2020 sei ein aktueller Arztbericht verlangt und somit Abklärungen
bezüglich des Gesundheitszustandes vorgenommen worden. Vor diesem
Hintergrund könne nicht nachvollzogen werden, inwiefern das rechtliche
Gehör des Beschwerdeführers verletzt worden sei.
Das Gericht hält hierzu fest, dass der Gesundheitszustand des Beschwer-
deführers rechtsgenüglich abgeklärt und berücksichtigt wurde. Nachdem
eine erste Anhörung wegen gesundheitlicher Probleme des Beschwerde-
führers unterbrochen werden musste, konnte die Anhörung im Februar
2018 ordentlich durchgeführt werden. Der Beschwerdeführer wurde so-
dann im Lauf des erstinstanzlichen Verfahrens verschiedene Male aufge-
fordert, ärztliche Berichte zu den Akten zu reichen, zuletzt am 31. März
2020 und damit kurz vor Erlass der Verfügung. Entsprechender Bericht
wurden denn auch zu den Akten gereicht. Die Anhörung kann zudem auch
nicht als veraltet bezeichnet werden, zumal ein zeitlicher Abstand von zwei
Jahren zum Entscheid nicht als ungewöhnlich zu bezeichnen ist. In diesem
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Zusammenhang ist der Beschwerdeführer noch einmal an seine Mitwir-
kungspflicht gemäss Art. 8 AsylG zu erinnern, wonach er massgebliche In-
formationen von sich aus zu den Akten reichen muss. Der Sachverhalt ist
damit genügend erstellt worden.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung seiner Verfügung hielt das SEM im Zusammenhang
mit dem Engagement des Beschwerdeführers für die TNA zunächst fest,
Mitglieder dieser im nationalen Parlament vertretenen, stärksten tamili-
schen Partei würden von der Regierung nicht verfolgt. Vor diesem Hinter-
grund sei auszuschliessen, dass er als einfacher Sympathisant, der beim
Plakatanbringen geholfen habe, einer Verfolgung seitens der Behörden
ausgesetzt würde. Zu seinem Vorbringen, wonach er im (...) 2015 bei einer
Plakataktion von mutmasslichen EPDP-Angehörigen weggejagt worden
sei, gelte es festzuhalten, dass dies eine einmalige, nicht gravierende Mas-
snahme darstelle, der keine flüchtlingsrechtliche Relevanz zukomme. Zu-
dem könne heute die paramilitärische EPDP nicht mehr ungehindert agie-
ren und er habe deren Verhalten nicht zur Anzeige gebracht, weshalb ihm
kein Schutz habe gewährt werden können. Auch sein Vorbringen, wonach
er wegen seiner Beziehung und späteren Heirat zu einer minderjährigen
Frau durch deren Onkel, ein hohes Mitglied der EPDP, bedroht worden sei,
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komme keine flüchtlingsrechtliche Relevanz zu. Die Eltern der minderjäh-
rigen Frau seinen legitimiert gewesen, gegen ihn vorzugehen, insbeson-
dere nachdem er mit ihr das Elternhaus verlassen habe. Nachdem seine
Frau bestätigt habe, dies freiwillig getan zu haben, hätten die behördlichen
Massnahmen zudem aufgehört. Der Zusammenhang zwischen der EPDP-
Mitgliedschaft des Onkels und den Drohungen, die dieser telefonisch ge-
genüber dem Beschwerdeführer ausgesprochen haben solle, sei fraglich.
Es habe sich offensichtlich um eine private Angelegenheit gehandelt, ohne
politischen Hintergrund. Zudem sei auch hier zu betonen, dass die parami-
litärische EPDP heute nicht mehr ungehindert agieren könne. Auch habe
er das Verhalten des Onkels wiederum nicht zur Anzeige gebracht. Seine
Erklärung, er habe Angst vor zusätzlichen Problemen mit der Polizei ge-
habt, vermöge nicht zu überzeugen. Aus seinen Aussagen gehe nicht her-
vor, weshalb er im Fall einer Anzeige von den Behörden verfolgt worden
wären. Schliesslich habe er nach der Heirat im (...) 2016 keine Probleme
mehr mit den Angehörigen seiner Ehefrau oder Behördenmitgliedern ge-
habt, abgesehen von einem letzten Telefonat des erwähnten Onkels. Die
eingereichten Beweismittel bezüglich seiner Heirat sowie die weiteren nicht
asylbezogenen abgegebenen Dokumente vermöchten an dieser Einschät-
zung nichts zu ändern.
Seine Angaben, wonach mutmasslich Armeeangehörige im Haus seiner
Grossmutter im (...) 2016 und nach seiner Ausreise im (...) 2017 nach ihm
gesucht hätten, seien nicht glaubhaft. Er habe äusserst dürftige Angaben
zu diesen angeblichen behördlichen Aktionen gemacht. So habe er an der
Erstbefragung lediglich ausgesagt, eines Abends, im (...) 2016, seien mut-
massliche Armeeangehörige in einem komischen Fahrzeug zum Haus sei-
ner Grossmutter gefahren. Sie hätten Singhalesisch gesprochen und wis-
sen wollen, wo er sich aufhalte. Er habe unmittelbar die Flucht ergriffen. ln
der ergänzenden Anhörung habe er einige zusätzliche Details zu Protokoll
gegeben, jedoch gesagt, dass die Soldaten im (...) 2016 zu seiner Gross-
mutter gekommen seien. Neben dieser zeitlichen Ungereimtheit erstaune,
dass er nicht genau wissen wolle, weshalb die Behörden nach ihm gesucht
hätten. Als Grund habe er die Probleme mit der Familie seiner Ehefrau, die
Schwierigkeiten seiner Grossmutter mit dem CID aufgrund der Demonst-
rationen für Vermisste und die LTTE-Mitgliedschaft seines seit dem Jahr
2009 vermissten Onkels angegeben. Sein in der Schweiz lebender Onkel,
habe in den Jahren 2013 und 2014 aus denselben Gründen Probleme mit
dem CID gehabt und sei deswegen geflüchtet. Bei diesen Angaben handle
es sich weitgehend um Vermutungen, die er mit keinen stichhaltigen Hin-
weisen untermauern könne. Darüber hinaus mache er dürftige Angaben zu
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seinem vermissten Onkel, der bei der LTTE gewesen sei, und zum Onkel,
der in der Schweiz lebe. Es sei auch nicht ersichtlich, aus welchem Grund
die Armeeangehörigen erst wieder (...) 2016 versuchen würden, an Ange-
hörige des im Jahr 2009 abgetauchten Onkels zu gelangen. Die einge-
reichten Beweismittel bezüglich seines Onkels, unter anderem das IKRK-
Schreiben und den Brief eines Parlamentariers, sowie den Artikel über eine
Demonstration und das diesbezügliche Foto der Teilnahme seiner Mutter
vermöchten die angeblich erlittenen Verfolgungsmassnahmen nicht zu be-
stätigen.
Auch bei einer Rückkehr nach Sri Lanka habe er keine Verfolgung zu be-
fürchten. Die sri-lankischen Behörden wiesen zwar gegenüber Personen
tamilischer Ethnie, die nach einem Auslandaufenthalt zurückkehren wür-
den, eine erhöhte Wachsamkeit auf. Allfällige Kontrollen der Rückkehrer
am Flughafen und am Herkunftsort nähmen jedoch grundsätzlich kein asyl-
relevantes Ausmass an. Der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft ge-
macht, vor seiner Ausreise asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen aus-
gesetzt gewesen zu sein. Vielmehr sei er bis im Oktober 2016 in Sri Lanka
wohnhaft, habe also nach Kriegsende noch über sieben Jahre in seinem
Heimatstaat gelebt. Allfällige, im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende Ri-
sikofaktoren hätten folglich kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lanki-
schen Behörden auszulösen vermocht. Es sei aufgrund der Aktenlage nicht
ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in den
Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter Weise verfolgt werden
sollte. Auch die Tatsache, dass eine Tante vor seiner Geburt und ein Onkel
in den Jahren 2000 Mitglied der LTTE gewesen sei, vermöge an dieser
Einschätzung nichts zu ändern. Ebenso wenig die Tatsache, dass ein wei-
terer Onkel in der Schweiz Asyl erhalten habe, habe er doch keine stich-
haltigen Angaben zu einer allfälligen Reflexverfolgung gemacht. Allein die
Behauptung, Familienangehörige hätten in der Vergangenheit die LTTE un-
terstützt, führe zum heutigen Zeitpunkt nicht zu asylrelevanter Verfolgung
in Sri Lanka. Auch die aktuelle Lage nach der im Jahr 2019 erfolgten Prä-
sidentschaftswahl vermöge diese Einschätzung nicht umzustossen. Weder
habe er die Präsidentschaftswahl respektive deren Folgen als Gefähr-
dungselement vorgebracht, noch seien den Akten Hinweise auf eine Ver-
schärfung seiner persönlichen Situation aufgrund dieses Ereignisses zu
entnehmen.
5.2 In der Beschwerde wurde der Argumentation des SEM, wonach die
Probleme mit der Familie der Ehefrau privater Natur seien, entgegengehal-
ten, dass der Onkel ein ranghohes Mitglied der EPDP sei. Dieser könne
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seine Gruppierung auch für private Zwecke einsetzen. Die EPDP habe
beste Kontakte zur Regierung und grenze sich klar von der TNA ab. Es sei
unvorstellbar, dass ihm die Sicherheitskräfte gegen diese Partei Schutz
bieten und gegen den Onkel der Ehefrau vorgehen würde. Dies umso
mehr, als der Beschwerdeführer selbst aus einer LTTE-Familie stamme.
Das Einheiraten seiner Ehefrau in eine solche Familie habe demnach
durchaus eine politische Komponente. Das Gleiche gelte für die Ein-
schüchterungsversuche der EPDP bei der Plakataktion. Der Vorfall weise
zwar noch keine Asylrelevanz auf. Da er sich aber weiterhin für die tamili-
sche Sache einsetzen werde, seien weitere Probleme absehbar. In Bezug
auf die Vorfälle im Jahr 2016 sei das SEM zu Unrecht von der fehlenden
Glaubhaftigkeit ausgegangen. Seine Familie sei durch das Verschwinden
beziehungsweise die mutmassliche Tötung seines Onkels sehr betroffen
und würde sich um Aufklärung bemühen. Stattdessen hätten sie lediglich
Repression und Verfolgungsmassnahmen zu gewärtigen. Er stamme aus
einer LTTE-Familie und stehe deshalb wie seine ganze Familie im beson-
deren Fokus der Behörden. Genau deshalb seien sie im Jahr 2016 ange-
gangen worden. Die Verfolgung habe sich gegen ihn gerichtet, sei doch
explizit nach ihm gefragt und seine Frau geschlagen worden. In Bezug auf
die zeitlichen Ungereimtheiten gelte es seine psychische Verfassung zu
berücksichtigen. Er sei offenkundig bei Einvernahmen rasch überfordert,
habe Orientierungsschwierigkeiten und evidente psychischen Probleme.
Dies gestehe selbst das SEM ein, habe es doch aus diesen Gründen die
Anhörung vom März 201 7 abbrechen müssen. Den ärztlichen Unterlagen
lasse sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als Diagnose
entnehmen, die behandlungsbedürftig sei.
Schliesslich bestehe im Falle einer Ausschaffung in sein Heimatland ein
deutlich erhöhtes Verfolgungsrisiko. Er weise familiäre Verbindungen zu ei-
ner wichtigen Person der LTTE (sein Onkel) auf, stamme aus einer soge-
nannten LTTE-Familie, lebe heute im früheren Kernland der LTTE und
setze sich – wie seine ganze Familie – für die Aufklärung der Kriegsverbre-
chen ein. Aufgrund seiner psychischen Einschränkungen (PTBS und ein-
geschränkte Aussagekapazität) wäre absehbar, dass er bei der Wiederein-
reise befragt und für längere Zeit in Haft genommen würde. Auch seine
exilpolitische Aktivität (Teilnahme am Heldentag) sei den Behörden höchst-
wahrscheinlich bekannt, so dass ein weiterer Grund für eine Inhaftierung
vorliege, zumal sich die Lage mit dem Regierungswechsel nochmals ver-
schärfen dürfte.
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5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, wie bereits im Asylent-
scheid dargelegt, sei der Beschwerdeführer offenbar nicht aus politischen
Gründen durch die Familie seiner damaligen minderjährigen Freundin für
seine Taten belangt worden. Die Äusserung, dass angeblich ein Onkel sei-
ner Freundin Mitglied der EPDP sei, tue nichts zur Sache. Auch sein Vor-
bringen, er wolle sich in Zukunft für die tamilische Sache einsetzten, sei
flüchtlingsrechtlich irrelevant. Weiter sei nicht ersichtlich, inwiefern die teil-
weise Wiederholung des Sachverhalts in der Beschwerdeschrift die Vor-
bringen des Beschwerdeführers glaubhaft machen solle. Auch vermöge
eine allfällige PTBS die widersprüchlichen Angaben des Beschwerdefüh-
rers nicht zu erklären, zumal im Arztbericht vom 14. April 2020 das geltend
gemachte Syndrom gar nicht bestätigt worden sei.
5.4 In der Replik wurde geltend gemacht, an den Ausführungen in der Be-
schwerdeschrift, wonach es sich um eine staatliche beziehungsweise qua-
sistaatliche Verfolgung und nicht bloss um private Probleme handle, werde
festgehalten. Seine Vorbringen würden in weiten Teilen durch das hiermit
zu den Akten gereichte Schreiben eines Parlamentsmitgliedes bestätigt, so
insbesondere dass sein Onkel zu den vermissten Personen zähle und dass
seine Familie Bedrohungen und Nachteilen durch Geheimdienstleute und
durch Personen des CID ausgesetzt sei.
6.
6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils
m.w.H.). Ob eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung vorliegt, ist
aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu beurteilen. Es müssen
hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein,
die bei jedem Menschen in der gleichen Lage Furcht vor Verfolgung her-
vorrufen würden. Die objektive Betrachtungsweise ist durch das vom Be-
troffenen bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleich-
baren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnah-
men ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjek-
tive) Furcht (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.1; BVGE 2011/51 E. 6; BVGE
2008/4 E. 5.2, je m.w.H).
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6.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit
der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen
oder nicht. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Ge-
samtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentli-
chen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, per-
sönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller bzw.
die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung,
wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht
es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist,
aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende
Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
6.3 An dieser Stelle kann offenbleiben, ob den Drohungen der Familie be-
ziehungsweise des Onkels der Ehefrau aufgrund dessen Stellung in der
EPDP und seinen angeblich guten Verbindungen zu ranghohen Mitgliedern
der Partei eine politische Komponente inne lag beziehungsweise ob es
dem Beschwerdeführer unmöglich gewesen wäre, aufgrund der Position
des Onkels und der politischen Vergangenheit seiner eigenen Familie er-
folgreich um Schutz zu ersuchen. Vorliegend ist nämlich insbesondere her-
vorzuheben, dass der Beschwerdeführer und seine Ehefrau nach der Hei-
rat im (...) 2016 von der Familie nicht mehr weiter belästigt wurden. Nach
einem letzten Anruf des Onkels habe der Beschwerdeführer seine SIM-
Karte zerstört und seither nichts mehr von diesem gehört. Dies obwohl es
ein Leichtes gewesen wäre, das Ehepaar ausfindig zu machen, haben sie
sich doch ständig bei der Grossmutter des Beschwerdeführers aufgehal-
ten. Seine Frau lebt weiterhin bei der Grossmutter des Beschwerdeführers
beziehungsweise einer älteren Dame und nicht bei ihrer eigenen Familie.
Damit kann davon ausgegangen werden, dass die Familie der Ehefrau die
Verbindung der Eheleute nach der Eheschliessung akzeptiert hat und auch
vom Onkel keine ernsthafte Gefahr mehr droht.
6.4 In Bezug auf die Störaktion der EPDP bei der Plakataktion für die TNA
gilt es die Ansicht des SEM ebenfalls zu bestätigten; es handelt sich auch
hier nicht um asylrechtliche relevante Nachteile. Dass der Hintergrund die-
ser Aktion und allfällige Übergriffe der EPDP politisch motiviert waren, wird
zwar nicht in Abrede gestellt. Hingegen ist den Ereignissen offenkundig die
notwendige Intensität abzusprechen. Daran vermag auch nichts zu ändern,
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Seite 12
dass sich der Beschwerdeführer weiterhin für die tamilische Sache einset-
zen wird und weitere Probleme befürchte. Die bloss theoretische Möglich-
keit eines weiteren politischen Engagements und damit weiterer Verfol-
gungsmassnahmen vermag für die Asylrelevanz nicht auszureichen.
6.5 Auch die Erwägungen des SEM zur fehlenden Glaubhaftigkeit der Vor-
bringen im Jahr 2016 vermögen zu überzeugen. Hier kann zur Vermeidung
von Wiederholungen auf die ausführlichen Erwägungen in der Verfügung
verwiesen werden. Der vom SEM erwähnte zeitliche Wiederspruch ist zwar
nicht als diametral zu bezeichnen, zumal der Beschwerdeführer an der
Erstbefragung sagte, die Übergriffe hätten sich gewisse Zeit vor seiner
Ausreise im Oktober ereignet (vgl. A21 F50) und den (...) 2016 nur einmal
an der ergänzenden Anhörung (nicht wie vom SEM geltend gemacht, an
der Erstbefragung) erwähnte, anschliessend aber wieder den (...) angab
(vgl. A37 F55 und F58). In der Beschwerde wird denn auch zu Recht auf
die psychischen Beschwerden des Beschwerdeführers und die Tatsache,
dass die erste Anhörung hat abgebrochen werden müssen, verwiesen. Ins-
gesamt fällt diese zeitliche Ungereimtheit damit nicht wesentlich ins Ge-
wicht. Insbesondere gilt es in Bezug auf die Argumentation des SEM aber
hervorzuheben, dass der Beschwerdeführer in keiner Weise angeben
konnte, auf welcher Grundlage die Suche nach ihm hätte erfolgen sollen.
In verschiedenen Mutmassungen gab er lediglich an, es könnte mit der
LTTE-Vergangenheit seines Onkels, dem Onkel der Ehefrau oder der Teil-
nahme seiner Verwandten an Protesten zusammengehangen haben. Der
Hinweis in der Beschwerde, die Verfolgung habe ihm gegolten, weil nach
ihm gefragt worden sei, vermag die Umstände nicht massgeblich zu erhel-
len. Auch der Verweis auf die Zugehörigkeit zu einer LTTE-Familie lässt die
Aussagen nicht überwiegend glaubhaft erscheinen. Das SEM hält es zu-
dem zu Recht nicht für ersichtlich, aus welchem Grund die Armeeangehö-
rigen erst wieder (...) 2016 versuchen würden, an Angehörige des im Jahr
2009 abgetauchten Onkels zu gelangen. Die fortdauernde Teilnahme der
Familie an den Protesten vermögen dies nicht genügend zu erklären. Vor
diesem Hintergrund sind auch die geltend gemachten Übergriffe gegen die
Grossmutter und Ehefrau des Beschwerdeführers nach dessen Ausreise
als nicht glaubhaft zu bezeichnen.
6.6 Die zu den Akten gereichten Beweismittel vermögen an diesen
Schlussfolgerungen nichts zu ändern. Bei den beiden Bestätigungen eines
Parlamentsmitgliedes handelt es sich um ein Gefälligkeitsschreiben. Aus
dem Zeitungsartikel, in dem seine Mutter als Teilnehmerin an den Protest-
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aktionen zu sehen ist, und den Beweismitteln zur LTTE-Vergangenheit sei-
nes Onkels kann ebenfalls nichts zu Gunsten des Beschwerdeführers ab-
geleitet werden, zumal diese Tatsachen gar nicht bestritten werden.
7. Nach dem Gesagten erfüllte der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner
Ausreise die Flüchtlingseigenschaft nicht. Es bleibt zu prüfen, ob er bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat, weshalb die
Flüchtlingseigenschaft festzustellen wäre.
7.1 Im Referenzurteil E-1866/2015 hat das Bundesverwaltungsgericht eine
aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri Lanka vorge-
nommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der Schweiz zurück-
kehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer ernstzunehmenden
Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien (vgl. E-1866/2015
E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos von
Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung und Fol-
ter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es sich um
das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktuellen oder
vergangenen Verbindung zu den LTTE, um Teilnahme an exilpolitischen
regimekritischen Handlungen und um Vorliegen früherer Verhaftungen
durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit
einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark
risikobegründende Faktoren, vgl. E-1866/2015 E. 8.4.1 – 8.4.3). Einem ge-
steigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen aus-
serdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach Sri
Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt
werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM)
nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben
(sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. E-1866/2015 E. 8.4.4 und
8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemach-
ten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffen-
den Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene
Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne
von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zuge-
schrieben wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separatismus wie-
deraufleben zu lassen (vgl. E-1866/2015 E. 8.5.1).
An dieser Einschätzung vermag die aktuelle – zwar als volatil zu bezeich-
nende – Lage in Sri Lanka nichts zu ändern. Das Bundesverwaltungsge-
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Seite 14
richt ist sich der Veränderungen in Sri Lanka bewusst, beobachtet die Ent-
wicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheidfin-
dung. Es gibt zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass
seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv
einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im
Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Perso-
nen zur Präsidentschaftswahl respektive deren Folgen besteht.
7.2 Vorliegend ist nicht davon auszugehen, dass die Behörden dem Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr eine enge Verbindung zu den LTTE im
Sinne obiger Rechtsprechung unterstellen würden. So war der Beschwer-
deführer selber bis Kriegsende – er war damals (...) Jahre alt – nicht für
die LTTE tätig geworden. Zwar schien sein Onkel einen höheren Rang bei
den LTTE inngehabt zu haben und ist seit Kriegsende verschwunden. Da-
mit ist nicht auszuschliessen, dass die Familie im Fokus der Behörden ge-
standen haben könnte oder weiterhin steht. Dass speziell dem Beschwer-
deführer in diesem Zusammenhang massgelbliche Probleme entstanden
wären, vermochte er aber nicht glaubhaft zu machen. Somit war er bis Ok-
tober 2016 und damit nach Kriegsende noch über sieben Jahre in Sri Lanka
wohnhaft gewesen, ohne dass er dabei in asylrelevanter Weise behelligt
worden wäre. Dass er nunmehr bei einer Wiedereinreise eine Verfolgung
zu befürchten hätte, ist nicht ersichtlich. Das SEM hielt in seiner Verfügung
richtig fest, dass allein die Behauptung, Familienangehörige hätten in der
Vergangenheit die LTTE unterstützt, nicht zu asylrelevanter Verfolgung
führt. In Bezug auf den in der Schweiz lebenden Onkel verwies das SEM
zu Recht auf die nicht geltend gemachte Reflexverfolgung. Die psychi-
schen Beschwerden und damit angeblich verminderte Aussagekapazität
und die extrem niederschwellige exilpolitische Aktivität (Teilnahme am Hel-
dentag in [...]) vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Das
Gesagte gilt auch unter Berücksichtigung der schwach risikobegründenden
Faktoren, dass der Beschwerdeführer lange Zeit in der Schweiz geweilt hat
und aus diesem Land zurückgeschafft würde. Auch die politischen Verän-
derungen seit November 2019 vermögen im vorliegenden Verfahren zu
keiner anderen Beurteilung zu führen. Das SEM wies in seiner Verfügung
zutreffend darauf hin, dass der Beschwerdeführer keinen persönlichen Be-
zug zu diesen Ereignissen hat. Dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka
ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt
wären, lässt sich, wie oben ausgeführt, nicht bestätigen.
D-3367/2020
Seite 15
Gesamthaft ist es vorliegend nicht überwiegend wahrscheinlich, dass der
Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Ver-
folgungsrisiko ausgesetzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte. Das SEM hat demnach zu Recht
festgestellt, dass er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und das Asyl-
gesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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Seite 16
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er-
geben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in
den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3
EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt
wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschen-
rechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der
Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Es ergeben sich aus den Akten keine konkreten Anhaltspunkte
dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die
über einen sogenannten «Background Check» (Befragung und Überprü-
fung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass
er persönlich gefährdet wäre.
Das Bundesverwaltungsgericht gelangt zur Einschätzung, dass sich die
jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka nicht in relevanter Weise
auf den Beschwerdeführer auswirken dürften. Die allgemeine Menschen-
rechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt weiterhin nicht als unzulässig erscheinen (vgl. statt vieler Urteil
des BVGer D-1278/2021 vom 28. April 2021 E. 11.2.2).
D-3367/2020
Seite 17
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies gilt auch unter
Berücksichtigung der aktuellen dortigen Ereignisse und Entwicklungen.
Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri
Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass
der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz zumutbar ist, wenn das Vorlie-
gen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines
tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten
auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann
(vgl. Urteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.3.3). Diese
Einschätzung hat weiterhin Gültigkeit (vgl. statt vieler Urteil des BVGer
D-4546/2017 vom 18. Mai 2021 E. 10.4.2).
9.3.3 Das SEM hielt hierzu fest, der Beschwerdeführer sei jung, gemäss
Aktenlage gesund und arbeitsfähig. Er verfüge im Heimatland über ein
weitgehend intaktes Beziehungsnetz und eine gesicherte Wohnsituation.
Vor seiner Ausreise habe er als (...) gearbeitet, wofür er ausgebildet wor-
den sei. Im Laufe des Verfahrens habe der Beschwerdeführer psychische
Probleme geltend gemacht. In den Jahren 2017 und 2018 sei er, teilweise
nach Aufforderung des SEM, zweimal zum Arzt und einmal zum psychiat-
rischen Dienst gegangen. Anlässlich der einzigen Konsultation bei einer
psychiatrischen Fachperson vom Mai 2018 seien eine leichte Störung der
Orientierung, ein verlangsamtes Denken, Grübeln und eine depressive
Symptomatik festgestellt worden. ln der Folge habe er gemäss ärztlichem
Bericht vom 8. April 2020 (recte 14. April 2020), wobei der Arztbesuch im
Übrigen offensichtlich auf die Aufforderung des SEM erfolgte, keine weite-
ren Termine bei einem Arzt oder einem Psychologen wahrgenommen. So-
mit sei davon auszugehen, dass seine geltend gemachten gesundheitli-
chen Probleme keine Wegweisungshindernisse darstellen würden.
In der Beschwerde wurde neben Ausführungen zur allgemeinen Lage in Sri
Lanka auf den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers verwiesen.
D-3367/2020
Seite 18
Eine fachgerechte Behandlung seiner psychischen Leiden sei in seiner
Herkunftsregion nicht möglich. Entgegen der Ansicht des SEM könne nicht
auf eine theoretische Behandelbarkeit an einem anderen Ort abgestellt
werden.
9.3.4 Das Gericht erachtet den Vollzug vorliegend ebenfalls als zumutbar.
Diesbezüglich kann zu Vermeidung von Wiederholungen vollumfänglich
auf die überzeugenden vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden.
Dies gilt auch für die Erwägungen zum Gesundheitszustand. Der Be-
schwerdeführer hat in der Schweiz keine Therapie durchgeführt. Der im
ärztlichen Bericht vom 23. März 2017 geäusserte Verdacht auf eine PTBS
beziehungsweise die entsprechende Diagnose im ärztlichen Bericht vom
5. März 2018 wurde weder im ausführlichen Bericht der psychiatrischen
Dienste vom 3. Mai 2018 noch im aktuellsten Arztbericht vom 14. April
2020 bestätigt. Im psychiatrischen Bericht ist lediglich die Rede von einer
leichten Störung der Orientierung, formalen Denkstörungen und einer de-
pressiven Symptomatik. Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszuge-
hen, der Vollzug der Wegweisung könnte aufgrund des Gesundheitszu-
stands zu einer konkreten Gefährdung führen. Auf die Entgegnungen in der
Beschwerde zur fehlenden Behandlungsmöglichkeit in Sri Lanka ist vor
diesem Hintergrund nicht weiter einzugehen. Im Übrigen wird den Erwä-
gungen des SEM in individueller Hinsicht in der Beschwerde nichts We-
sentliches entgegengehalten.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenver-
fügung vom 7. Juli 2020 gutgeheissen wurde, sind jedoch keine Kosten
aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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