Decision ID: 309b5b18-ea8a-5c07-8c71-ea7aa3912a17
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben
zufolge am (...) und reiste am 5. Oktober 2016 illegal in die Schweiz ein.
Gleichentags suchte er im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum
(EVZ) B._ um Asyl nach und wurde dort am 18. Oktober 2016 zu
seiner Identität, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgrün-
den befragt (Befragung zur Person; BzP). Ausserdem wurde er nach allfäl-
ligen gesundheitlichen Beeinträchtigungen gefragt. Die ausführliche Anhö-
rung zu den Asylgründen fand am 8. Januar und 7. Februar 2019 statt.
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er sei Tamile und stamme aus C._,
D._ (Nordprovinz). Im (...) habe er sich zum Fischen im Vanni-Ge-
biet aufgehalten und sei dort von den LTTE zwangsrekrutiert worden, ob-
wohl er damals noch minderjährig gewesen sei. Während seines Aufent-
halts bei den LTTE habe er Essen verteilt, Bunker gebaut und verletzte
Personen versorgt; gekämpft habe er nicht. Im April 2009 habe die sri-lan-
kische Armee das Gebiet erobert, und alle hätten versucht zu fliehen. Bei
dieser Gelegenheit sei er den LTTE entkommen, sei aber dann von der
Armee aufgegriffen, verhört und in ein Flüchtlingslager nach E._
gebracht worden. Nachdem ein von seinem Vater kontaktierter Priester in-
terveniert habe, sei er nach zwei Monaten Gefangenschaft entlassen wor-
den. Er sei nach C._ zurückgekehrt und habe in der Folge im (...)
seiner Familie gearbeitet. Dabei sei er ab und zu von den Behörden kon-
trolliert worden. Am (...) seien er und vier Kollegen beim Fischen in einer
gesperrten Zone im Vanni festgenommen worden. Die Behörden hätten ihn
zu Unrecht beschuldigt, mit (...) zu haben und weiterhin Kontakte zu den
LTTE zu pflegen. Auch seine frühere LTTE-Zugehörigkeit sei ihm vorge-
worfen worden. Nach (...) Tagen Haft sei er mit Hilfe eines Anwalts gegen
Leistung einer Kaution entlassen worden. Er habe in der Folge mehrere
Male vor Gericht erscheinen müssen, sei aber dann im Jahr (...) von allen
Anschuldigungen freigesprochen worden. Nachdem er im Zusammenhang
mit den Parlamentswahlen vom (...) als Wahlkampfhelfer eines Kandidaten
der (...) Flugblätter verteilt, Plakate aufgehängt und Versammlungen orga-
nisiert habe, hätten im (...) Angehörige des Criminal Investigation Depart-
ment (CID) sowie der Armee nach ihm gesucht; er sei jedoch nicht zuhause
gewesen. Im (...) seien sie erneut vorbeigekommen und hätten ihn mitge-
nommen, geschlagen und nach seinen Tätigkeiten für die LTTE gefragt. Er
habe einmal mehr erklärt, er habe mit den LTTE nichts mehr zu tun, worauf
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er nach drei Tagen unter der Auflage, sich zur Verfügung zu halten, freige-
lassen worden sei. Am (...) sei er wieder verhaftet, befragt und angehalten
worden, andere LTTE-Mitglieder zu verraten. Diesmal habe die Haft fünf
Tage gedauert, und er sei dabei sexuell misshandelt und missbraucht wor-
den. Im (...) sei er schliesslich nochmals von den Behörden mitgenommen
worden. Sie hätten ihn wiederum zu seinen LTTE-Kontakten befragt, ge-
schlagen und sexuell missbraucht. Diese Haft habe nur einen Tag gedau-
ert, dann sei er nach Hause gebracht worden. Die Beamten hätten ihm
gesagt, er werde die nächste Festnahme nicht überleben. Seine Eltern hät-
ten ihn daraufhin zu einem Onkel nach F._ (D._) gebracht,
wo er drei Tage geblieben sei. Am (...) sei er dann mit Hilfe eines Schlep-
pers aus Sri Lanka ausgereist. Er werde bis heute von den Behörden ge-
sucht. Die Behörden hätten gedroht, sie würden ihn umbringen, wenn sie
ihn erwischten. Zudem hätten sie einmal seinen jüngeren Bruder
G._ mitgenommen und geschlagen. Dieser sei anschliessend vo-
rübergehend nach Colombo gegangen und sei aktuell unbekannten Auf-
enthalts.
A.c Der Beschwerdeführer reichte im Rahmen des vorinstanzlichen Ver-
fahrens folgende Unterlagen zu den Akten: einen Geburtsregisterauszug
(inkl. Übersetzung), zwei ärztliche Schreiben betreffend seinen Vater (Ko-
pien), ein Schreiben eines Priesters vom 5. Januar 2019 (Kopie), ein
Schreiben des Parlamentsmitglieds E. S. vom 19. Mai 2018, eine Vorla-
dung der Armee vom (...), eine Vorladung des Polizeipostens D._
vom (...) (Kopie), ein Schreiben der Polizeistation H._ vom (...) (Ko-
pie), ein Schreiben des Anwalts S. S. vom 28. Januar 2017 sowie ein
Schreiben des Friedensrichters M. J. vom 19. Dezember 2018 (Kopie).
B.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 31. Oktober 2019 fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der
Wegweisung an.
C.
Der Beschwerdeführer focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom 5. De-
zember 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte die Aufhe-
bung der vorinstanzlichen Verfügung und die Gewährung von Asyl. Even-
tuell sei infolge Unzulässigkeit und/oder Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hin-
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sicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (in-
klusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses) und unent-
geltliche Verbeiständung. Ausserdem beantragte er, es sei die aufschie-
bende Wirkung der Beschwerde festzustellen.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung, eine Voll-
macht vom 6. Oktober 2016 (Kopie) sowie eine Kostennote vom 5. Dezem-
ber 2019 bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Dezember 2019 hielt die Instruktionsrich-
terin fest, der Beschwerdeführer könne den Abschluss des Verfahrens in
der Schweiz abwarten. Ausserdem hiess sie die Gesuche um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und unentgeltliche Verbeiständung –
unter Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, ordnete dem Be-
schwerdeführer seine Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei
und forderte ihn auf, bis zum 27. Dezember 2019 eine Fürsorgebestätigung
nachzureichen.
E.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 27. Dezember 2019 eine
Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit vom 2. Dezember 2019 zu den Ak-
ten.
F.
Mit Eingaben vom 26. Mai, 4. September, 30. Oktober und 15. Dezember
2020, reichte der Beschwerdeführer weitere Beweismittel ein: ein E-Mail-
Austausch zwischen dem (...) und der Rechtsvertreterin vom 26. Mai 2020,
ein Dokument der sri-lankischen Fischereibehörde vom 26. Juni 2016 (Ko-
pie, inkl. Übersetzung), mehrere ärztliche und psychologische Berichte be-
treffend den Beschwerdeführer (Kopien), zwei ärztliche Schreiben vom 23.
Mai 2013 respektive 18. August 2020 betreffend seine Eltern, ein undatier-
tes Schreiben der Mutter des Beschwerdeführers (inkl. Übersetzung in
Deutsch und Englisch) sowie drei jeweils aktualisierte Kostennoten.
G.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 16. Februar 2021 vollum-
fänglich an seiner Verfügung fest. Die Vernehmlassung wurde dem Be-
schwerdeführer am 18. Februar 2021 zur Kenntnis gebracht.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls,
und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt indes das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist – und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtenen Verfügungen besonders berührt und hat ein schutzwürdi-
ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist da-
her zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist demnach einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentli-
chen aus, der Beschwerdeführer habe sich bei der Darlegung seiner Asyl-
gründe mehrfach widersprochen, so beispielsweise hinsichtlich der Frage,
ob er für die LTTE mit der Waffe gekämpft habe, bezüglich der Dauer sei-
nes Aufenthalts bei den LTTE und den Umständen sowie dem Zeitpunkt
seiner Flucht oder Freilassung aus der anschliessenden Haft. Die geltend
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gemachte LTTE-Mitgliedschaft sei daher zu bezweifeln. Ferner habe der
Beschwerdeführer die in der Anhörung geschilderten Probleme im (...)
(Festnahme beim (...), Vorwurf des (...), Gerichtsverfahren mit Freispruch)
in der BzP nicht erwähnt, sondern im Gegenteil erklärt, er habe zwischen
2013 und 2015 keine Probleme gehabt. Das Gerichtsverfahren habe er in
der BzP zwar angesprochen, jedoch nur im Zusammenhang mit seiner
LTTE-Vergangenheit. Bezüglich der Festnahme vom (...) habe er unter-
schiedliche Lokalitäten genannt. Der angebliche, bloss dreitägige Aufent-
halt beim Onkel sei sodann nicht zu vereinbaren mit den geltend gemach-
ten, wesentlich zeitintensiveren Ereignissen, welche sich währenddessen
zugetragen hätten (mehrfache Suche nach ihm, Verkauf von Gegenstän-
den). Der Beschwerdeführer habe die geltend gemachten Vorfälle überdies
unsubstanziiert und undifferenziert geschildert. Auch seine Schilderung der
geltend gemachten sexuellen Übergriffe überzeuge nicht. Das angebliche
Vorgehen der sri-lankischen Behörden sei ferner nicht logisch. Der Be-
schwerdeführer sei seinen Angaben zufolge vom Vorwurf der LTTE-Mit-
gliedschaft gerichtlich freigesprochen worden. Es sei daher, auch unter Be-
rücksichtigung seines jugendlichen Alters bei Kriegsende, nicht nachvoll-
ziehbar, dass er danach trotzdem immer wieder festgenommen und zu
LTTE-Verbindungen befragt worden sei. Es sei auch nicht einleuchtend,
weshalb ihn die Behörden, falls sie ihn tatsächlich festgenommen hätten,
jeweils wieder hätten freilassen sollen. Da ihn die Behörden angeblich
ständig beobachtet hätten, sei es zudem erstaunlich, dass er ihnen trotz-
dem habe entkommen können, indem er zum Onkel gegangen sei.
Schliesslich sei auch das Verhalten des Beschwerdeführers angesichts der
angeblichen mehrfachen Mitnahmen und Misshandlungen (keine Ergrei-
fung von Schutzmassnahmen) nicht plausibel. Die Asylvorbringen seien
aus diesen Gründen nicht glaubhaft. Die eingereichten Beweismittel wür-
den an dieser Einschätzung nichts ändern. Sie seien insbesondere alle-
samt nicht fälschungssicher und könnten leicht käuflich erworben werden.
Das geltend gemachte Gerichtsverfahren wäre im Übrigen selbst im Falle
der Glaubhaftigkeit nicht asylrelevant, da der Beschwerdeführer dabei frei-
gesprochen worden sei. Es sei sodann auch nicht anzunehmen, dass der
Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aus anderen Grün-
den mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft asylre-
levanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt wäre (Verweis auf die im
Referenzurteil E-1866/2015 des BVGer vom 15. Juli 2016 definierten Risi-
kofaktoren). Demnach sei die Flüchtlingseigenschaft zu verneinen und das
Asylgesuch abzulehnen. Die Vorinstanz legte im Weiteren dar, der Weg-
weisungsvollzug nach Sri Lanka (Nordprovinz) sei zulässig, zumutbar und
möglich. Hinsichtlich der Frage der individuellen Zumutbarkeit des Vollzugs
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verwies das SEM insbesondere auf das am Herkunftsort bestehende fami-
liäre Beziehungsnetz, die gesicherte Wohnsituation und die intakten Er-
werbsaussichten.
3.2 In der Beschwerde wird zunächst der Sachverhalt wiederholt, wobei
zur Haft im (...) angefügt wird, dem Beschwerdeführer sei damals auch
seine Unterstützung der (...) vorgeworfen worden. Er sei damals brutal zu-
sammengeschlagen worden und habe mit dem Schlimmsten gerechnet,
habe jedoch nach seiner Freilassung nicht umgehend ins Ausland flüchten
wollen, da er von der eigenen Unschuld überzeugt gewesen sei. Nach der
zweiten Inhaftierung im (...) habe er ausreisen wollen, aber der damalige
Schlepper habe ihn nicht ausser Landes gebracht, weshalb er einfach ge-
hofft habe, die Behörden würden ihn fortan in Ruhe lassen. Nach seiner
Ausreise Ende (...) sei sein Bruder G._ von den Behörden befragt
und gefoltert worden und danach nach Colombo gegangen. Nun gebe es
von ihm jedoch keine Lebenszeichen mehr; die Familie befürchte, er sei
irregulär verhaftet oder gar getötet worden. Der Beschwerdeführer werde
zuhause weiterhin regelmässig von den Behörden gesucht. Hinsichtlich
seiner gesundheitlichen Situation wird vorgebracht, er bedürfe einer trau-
maspezifischen Abklärung respektive Therapie. Ausserdem sei sein (...)
worden; bei einer Rückkehr wäre er daher als Folteropfer erkennbar. Zur
Frage der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen wird sodann ausgeführt, es
sei nicht zulässig, widersprüchliche Aussagen zwischen der BzP und der
Anhörung derart stark zu gewichten. Derartige Widersprüche seien nur re-
levant, wenn klare Aussagen diametral voneinander abweichen würden o-
der zentrale Asylgründe in der BzP nicht einmal ansatzweise erwähnt wür-
den. Im Zweifel müsse der Fokus auf eine mögliche Vereinbarung der Aus-
sagen gelegt werden. Zu den vom SEM festgestellten Widersprüchen wird
vorgebracht, der Beschwerdeführer habe in der BzP zwar von «mitkämp-
fen» gesprochen, er habe damit aber nicht den Gefechtskampf, sondern
den Befreiungskampf der LTTE im Allgemeinen gemeint. Seine Aussage,
er habe geschossen, sei eine stressbedingte Übertreibung gewesen. Des-
wegen dürften nicht seinen gesamten Angaben zur Zwangsrekrutierung in
Zweifel gezogen werden, zumal sich seine Aussagen mit den Informatio-
nen in einschlägigen Berichten von Nichtregierungsorganisationen decken
würden. Die einmalige Aussage, er sei lediglich drei Monate bei den LTTE
gewesen, könne ebenfalls nicht zur Annahme der Unglaubhaftigkeit führen;
denn er habe ansonsten konstant erklärt, er sei von (...) bei den LTTE ge-
wesen. Sein Entkommen aus der Armee-Haft nach dem Krieg sei keine
eigentliche Flucht, aber auch keine richtige Freilassung gewesen. Er sei
freigelassen worden, nachdem sein Vater und der Pfarrer bei der Armee
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vorgesprochen hätten, habe jedoch danach Angst gehabt, erneut inhaftiert
zu werden. Der Beschwerdeführer habe die Haft detailreich beschrieben,
und sie dürfe nicht allein infolge der ungenauen Bezeichnung der
Flucht/Freilassung angezweifelt werden. Sodann habe der Beschwerde-
führer das Gerichtsverfahren durchaus auch in der BzP erwähnt und ge-
sagt, Anlass dafür sei seine LTTE-Mitgliedschaft gewesen. Dies sei zutref-
fend, da ihm neben (...) auch die LTTE-Mitgliedschaft vorgeworfen worden
sei. Mit seiner Aussage, er habe zwischen 2013 und 2015 keine «Prob-
leme» gehabt, habe er gemeint, dass in dieser Zeit keine Verhaftungen,
Folterungen und sexuellen Übergriffe erlebt habe. Das reguläre Gerichts-
verfahren habe er nicht als Problem begriffen. Diesbezüglich sei anzufü-
gen, dass nicht klar sei, ob das Gerichtsverfahren tatsächlich aus Mangel
an Beweisen mit einem Freispruch geendet habe oder ob es aus anderen
Gründen abgeschrieben worden sei. In Bezug auf die Verhaftungsörtlich-
keiten habe sich der Beschwerdeführer keineswegs widersprochen, er
habe in der Anhörung lediglich gesagt, er sei beim letzten Mal an einem
anderen Ort festgehalten worden; es sei plausibel, dass es sich dabei um
ein anderes Camp gehandelt habe. Hinsichtlich der Dauer des Aufenthalts
beim Onkel habe sich der Beschwerdeführer sodann verschätzt; er sei
nicht bloss drei Tage dort gewesen, sondern ungefähr 15 Tage. Dem Vor-
wurf des SEM, die Aussagen des Beschwerdeführers – insbesondere auch
seine Vorbringen betreffend die sexuelle Gewalt – seien vage ausgefallen,
sei entgegenzuhalten, dass von einer Traumatisierung des Beschwerde-
führers auszugehen sei und sich dies auf sein Aussageverhalten ausge-
wirkt haben dürfte. Zudem könne von ihm nicht erwartet werden, frei und
detailreich über diese Erlebnisse zu sprechen; die Befrager hätten ja nach-
fragen können. Einschlägigen Berichten zufolge seien Vergewaltigungen
und sexueller Missbrauch in Sri Lanka, insbesondere gegenüber tamili-
schen Männern, gängige Foltermethoden, was für die Glaubhaftigkeit die-
ses Vorbringens spreche. Entgegen der Darstellung der Vorinstanz fänden
sich zudem an verschiedenen Stellen detaillierte Aussagen mit Realkenn-
zeichen, so beispielsweise betreffend die Inhaftierungen im (...). Es sei fer-
ner durchaus nachvollziehbar, dass der CID und die Armee trotz durchge-
führtem Gerichtsverfahren nicht von der Unschuld des Beschwerdeführers
überzeugt gewesen seien und ihn daher erneut verhaftet und befragt hät-
ten. Sie hätten damit versucht, ihm doch noch ein Geständnis oder wichtige
Informationen abzuringen. Das SEM habe mit seinen Erwägungen den sri-
lankischen Kontext nicht berücksichtigt. Entgegen der Auffassung des
SEM sei es dem Beschwerdeführer nach dem Gesagten insgesamt gelun-
gen, die geltend gemachte Verfolgung glaubhaft zu machen. Die erlittenen
Nachteile seien intensiv gewesen, und es sei unter Berücksichtigung der
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jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka (Machtergreifung des Rajapaksa-
Clans sowie Entführung einer Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft in Co-
lombo im November 2019) davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer auch künftig einer Verfolgung ausgesetzt wäre. Das staatliche Interesse
an seiner Person halte an, dies zeige sich in der Verhaftung seines Bruders
und dessen plötzlichen Verschwindens. Es sei nicht auszuschliessen, dass
dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka eine unmensch-
liche Behandlung drohen würde, zumal er als ehemaliger LTTE-Kämpfer
bereits früher mehrmals irregulär verhaftet und gefoltert worden, illegal
ausgereist und mutmasslich auf der «Black List» oder «Stop List» aufge-
führt sei. Er erfülle zudem die vom Bundesverwaltungsgericht im Urteil E-
1866/2015 vom 15. Juli 2016 genannten Risikofaktoren. Insbesondere sei
er auch aufgrund seiner politischen Gesinnung und ethnischen Zugehörig-
keit verfolgt worden. Somit erfülle er die Flüchtlingseigenschaft, und es sei
ihm Asyl zu gewähren, zumindest sei er infolge Unzulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen.
3.3 In den Eingaben vom 4. September, 30. Oktober und 15. Dezember
2020 wird unter Hinweis auf die damit eingereichten Beweismittel geltend
gemacht, der Beschwerdeführer sei traumatisiert und nehme eine Therapie
in Anspruch. Er leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung
(PTBS) sowie einer depressiven Störung, was sich namentlich in Schlaf-
problemen, Angstzuständen, Flashbacks und Kopfschmerzen äussere. Zu-
dem sei er vergesslich, dünnhäutig und habe Suizidgedanken. Er habe be-
reits kurz nach den traumatischen Erlebnissen in Sri Lanka versucht, sich
umzubringen. Durch seine distanzierten Schilderungen habe er versucht,
die Flashbacks zu vermeiden. Seine Eltern seien gesundheitlich ebenfalls
angeschlagen: Seine Mutter leide an einer Bronchitis (nach Tuberkulose),
und seinem Vater sei im Jahr (...) aufgrund einer Herzkrankheit ein (...)
eingesetzt worden. Die Mutter sei besorgt über den Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers und habe in ihrem Brief (vgl. Beweismittel) er-
wähnt, dass die Behelligungen auch nach der Ausreise des Beschwerde-
führers andauern würden. Es sei aufgrund des sporadischen Kontaktes
des Beschwerdeführers zu seiner Familie und seiner fehlenden Belastbar-
keit nicht davon auszugehen, dass ihn seine Mutter über die aktuellen Be-
hördenbesuche zu Hause informieren würde.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politi-
schen Anschauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder
begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl.
Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe können zwar die Flüchtlings-
eigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG begründen, führen jedoch nach
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. dazu
BVGE 2009/28 E. 7.1 S. 352, m.w.H.).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei gegen Ende des Bürger-
kriegs in Sri Lanka (im [...[) (...) in einem Armeecamp festgehalten worden,
nachdem er den LTTE entkommen sei, welche ihn im (...) zwangsrekrutiert
hätten. Diese Haft weist weder in sachlicher noch in zeitlicher Hinsicht ei-
nen hinreichenden Zusammenhang zur Ausreise des Beschwerdeführers
im (...) auf; dieses Vorbringen ist daher ungeachtet der Frage seiner Glaub-
haftigkeit nicht asylrelevant.
5.2 Hinsichtlich der geltend gemachten Verhaftung respektive Haft im (...)
sowie des angeblichen, damit zusammenhängenden Gerichtsverfahrens
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ist Folgendes festzustellen: Die angebliche Verhaftung im (...) sowie die
anschliessende mehrtägige Haft erwähnte der Beschwerdeführer erst in
der Anhörung. Er machte dabei geltend, er sei verhaftet worden, weil er in
einer verbotenen Zone gefischt habe. Die Behörden hätten ihm (...) zu-
gunsten der LTTE sowie seine frühere Zugehörigkeit zu den LTTE vorge-
worfen (vgl. A24 F10). In der BzP war diese Verhaftung vom (...) respektive
die darauffolgende Haft kein Thema; der Beschwerdeführer erklärte im Ge-
genteil, er habe zwischen 2013 und 2015 keinerlei Probleme gehabt (vgl.
A5 Ziff. 7.01/S. 10). Sodann sprach er in der BzP zwar von einem zweijäh-
rigen Gerichtsverfahren, welches mit einem Freispruch geendet habe,
nannte jedoch kein Datum. Er erwähnte auch nicht, dass er wegen (...)
angeklagt worden sei, sondern gab als Grund für das Verfahren einzig die
LTTE-Vorwürfe an (vgl. A5 Ziff. 7.01/S. 10). Diese Widersprüche zwischen
den Aussagen in der BzP und denjenigen in der Anhörung betreffen zent-
rale Asylvorbringen und sind daher als relevant zu erachten. Entgegen der
in der Beschwerde geäusserten Auffassung ist es somit durchaus zulässig,
die erwähnten Widersprüche im Sinne von Indizien für die Unglaubhaf-
tigkeit der Vorbringen zu berücksichtigen. Der Einwand in der Beschwerde,
der Beschwerdeführer habe das reguläre Gerichtsverfahren nicht – wie bei-
spielsweise irrreguläre Verhaftungen und Folterungen – als «Problem» be-
trachtet, weshalb er in der BzP gesagt habe, er habe zwischen 2013 und
2015 «keine Probleme» gehabt, überzeugt ebenfalls nicht, zumal es nicht
nur um das Gerichtsverfahren geht, sondern namentlich auch um die die-
sem angeblich vorausgegangene Verhaftung respektive (...) Haft, anläss-
lich welcher der Beschwerdeführer geschlagen und schikaniert worden
sein will (vgl. A24 F10). Der Beschwerdeführer reichte in Bezug auf die
erwähnten Vorbringen mehrere Beweismittel ein; diese sind jedoch nicht
geeignet, die geltend gemachten Verfolgungsmassnahmen glaubhaft zu
machen. Das auf Beschwerdeebene eingereichte Dokument der (...) ver-
mag bestenfalls zu belegen, dass der Beschwerdeführer ein (...) besass,
sagt jedoch nichts aus über die von ihm geltend gemachte Verfolgung
durch die sri-lankischen Behörden. Das Schreiben der Polizeistation
H._ vom (...) weist formale Unzulänglichkeiten auf (namentlich ei-
nen unvollständigen Absender sowie eine unzureichende Identifizierung
des Adressaten), nennt als Verhaftungsdatum nicht den (...) sondern den
(...) und spricht von insgesamt vier verhafteten Personen, während der Be-
schwerdeführer ausgesagt hatte, sie seien zu fünft gewesen (vgl. A24
F10). Auch im Schreiben des Anwalts sowie des Friedensrichters werden
insgesamt vier verhaftete Personen erwähnt; ohnehin fällt auf, dass alle
drei genannten Schreiben einen verdächtig ähnlichen Wortlaut haben. Im
Schreiben des Friedensrichters findet sich überdies ein anderes als das
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vom Beschwerdeführer erwähnte Ausreisedatum ([...]). Aufgrund des Ge-
sagten ist davon auszugehen, dass es sich bei den drei Schreiben um Ge-
fälligkeitsschreiben oder Fälschungen handelt. Weitere sachdienliche Be-
weismittel zur fraglichen Haft sowie dem Gerichtsverfahren hat der Be-
schwerdeführer nicht eingereicht. Insbesondere hat er trotz angeblicher
anwaltlicher Vertretung (vgl. A24 F43) und angeblichem Kontakt zu diesem
Anwalt (vgl. das erwähnte anwaltliche Schreiben) keinerlei offizielle (Ge-
richts-)Dokumente zu den Akten gereicht. Im Ergebnis ist daher festzustel-
len, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die angebliche
Festnahme und Haft im (...) sowie ein damit zusammenhängendes Ge-
richtsverfahren glaubhaft zu machen.
5.3 Die angebliche (erfolglose) Suche nach ihm im (...) sowie die geltend
gemachten Vorfälle von (...) sind sodann ebenfalls zu bezweifeln.
5.3.1 Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei von den Behörden im
Jahr (...) dreimal für je ein bis fünf Tage mitgenommen, nach seinen Ver-
bindungen zu den LTTE befragt, misshandelt und sexuell missbraucht wor-
den. Zwar ist nicht auszuschliessen, dass er in Sri Lanka physische Gewalt
und sexuellen Missbrauch erlebt hat, da seine diesbezüglichen Schilderun-
gen entgegen der vom SEM vertretenen Auffassung und unter Berücksich-
tigung der Tatsache, dass bei ihm eine PTBS diagnostiziert wurde, welche
sich auf das Aussageverhalten auswirken kann, zumindest teilweise durch-
aus hinreichend realitätsnah, emotional und detailliert ausgefallen sind
(vgl. beispielsweise A24 F70 ff.) und die auf Beschwerdeebene eingereich-
ten medizinischen Unterlagen nahelegen, dass der Beschwerdeführer auf-
grund von Gewalterfahrungen traumatisiert ist. Hingegen erscheint es auf-
grund der Aktenlage und der nachfolgenden Erwägungen nicht glaubhaft,
dass sich diese Übergriffe im geltend gemachten Kontext (Verfolgung
durch die Behörden im Jahr 2016 infolge LTTE-Vergangenheit respektive
vermuteter LTTE-Verbindungen) zugetragen haben.
5.3.2 Im Gegensatz zu den Aussagen betreffend die körperlichen und se-
xuellen Misshandlungen müssen die Vorbringen des Beschwerdeführers
zu den im Jahr (...) angeblich erfolgten Mitnahmen an sich sowie den je-
weiligen Befragungen zu seinen LTTE-Verbindungen als oberflächlich und
repetitiv bezeichnet werden (vgl. A24 F45, F54 f., F64). Sodann ist auf-
grund der Aktenlage nicht nachvollziehbar, weshalb die Behörden im Jahr
(...) plötzlich ein derart ausgeprägtes Interesse an der Person des Be-
schwerdeführers hätten entwickeln sollen, nachdem er zuvor seit der gel-
tend gemachten Freilassung aus dem Armee-Camp im Jahr (...) keinen
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konkreten und glaubhaften (zur Unglaubhaftigkeit der angeblichen Vorfälle
im Jahr (...) vgl. vorstehend E. 5.2) Verfolgungshandlungen im Zusammen-
hang mit seiner angeblichen LTTE-Vergangenheit ausgesetzt war. Der Be-
schwerdeführer brachte im Sinne einer Erklärung für dieses Interesse vor,
möglicherweise habe jemand den Behörden verraten, dass er im Jahr (...)
bei den LTTE gewesen sei (vgl. A24 F48 und F51 f.). Dieses Argument
überzeugt jedoch nicht; denn angesichts des von ihm behaupteten Aufent-
halts im Armee-Camp im Jahr (...) war dies den Behörden ja längst be-
kannt. Falls der Beschwerdeführer im Jahr (...) tatsächlich – wie von ihm
vorgebracht – (...) Monate lang von der Armee festgehalten und anschlies-
send ohne jegliche Auflagen freigelassen wurde, ist insbesondere davon
auszugehen, dass die Behörden überzeugt waren, dass sich der (damals
noch minderjährige) Beschwerdeführer nicht freiwillig den LTTE ange-
schlossen, dort lediglich eine unbedeutende Rolle gespielt und insbeson-
dere nie an einer bewaffneten Auseinandersetzung teilgenommen hatte
und keine Gefahr für den sri-lankischen Staat darstellen würde. Die angeb-
liche LTTE-Vergangenheit des Beschwerdeführers vermag daher das Ver-
folgungsinteresse der Behörden im Jahr (...) nicht zu erklären. Der Be-
schwerdeführer verweist ferner auf das Schicksal eines Kollegen, welcher
(...) habe und im Jahr (...) erschossen worden sei (vgl. A24 F85). Ein Zu-
sammenhang zwischen diesem Vorbringen und den geltend gemachten
Verhaftungen des Beschwerdeführers im Jahr (...) ist indessen nicht er-
sichtlich. Auch die angebliche, marginale Unterstützung eines (...)-Kandi-
daten im (...) kann nicht als nachvollziehbare Begründung für die geltend
gemachten, massiven Verfolgungsmassnahmen im Jahr 2016 herangezo-
gen werden. In der Beschwerde wird zwar vorgebracht, dem Beschwerde-
führer sei bei der Befragung im (...) unter anderem auch seine Wahlkampf-
hilfe für die (...) vorgeworfen worden (vgl. Ziff. 16 der Beschwerdebegrün-
dung). Dieses Vorbringen ist indessen als unglaubhaft zu erachten, da der
Beschwerdeführer im vorinstanzlichen Verfahren nie ausgesagt hatte, die
Behörden hätten ihn damals beschuldigt, die (...) unterstützt zu haben.
Nach dem Gesagten bestehen erhebliche Vorbehalte hinsichtlich der
Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Verfolgung im Jahr (...).
5.3.3 Diese Zweifel werden bestärkt durch die realitätsfremden und wider-
sprüchlichen Angaben betreffend das Verhalten des Beschwerdeführers
angesichts der vorgebrachten Verfolgungsmassnahmen respektive im Vor-
feld der Ausreise: Den Akten zufolge blieb er trotz angeblich massiver
Übergriffe und Drohungen anlässlich der Verhaftungen im (...) weiterhin
zuhause, anstatt bereits damals zumindest seinen Aufenthaltsort innerhalb
D-6447/2019
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Sri Lankas zu wechseln, was nicht nachvollziehbar erscheint. Darauf an-
gesprochen, brachte er in der Anhörung vor, er habe nach der zweiten Ver-
haftung gehofft, es sei nun vorbei (vgl. A24 F60), was allerdings angesichts
der zuvor angeblich erlittenen Verfolgungsmassnahmen sowie im sri-lanki-
schen Kontext als Motiv für das Ausharren nicht nachvollziehbar erscheint.
In der Beschwerde wird als alternative Erklärung für den weiteren Verbleib
am Wohnort zunächst geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe nicht
gleich ins Ausland gehen wollen, da er von der eigenen Unschuld über-
zeugt gewesen sei (vgl. Ziff. 19 der Beschwerdebegründung), was aus be-
reits genannten Gründen ebenfalls nicht zu überzeugen vermag. An ande-
rer Stelle wird sodann vorgebracht, der Beschwerdeführer habe eigentlich
bereits nach der zweiten Haft im (...) ausreisen wollen, aber der Schlepper
habe ihn nicht ins Ausland gebracht (vgl. a.a.O., Ziff. 24). Diese Version ist
ebenfalls unglaubhaft, da der Beschwerdeführer zuvor nie erwähnt hatte,
er habe schon zu einem früheren Zeitpunkt einen Ausreiseversuch unter-
nommen. Damit ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, sein unplau-
sibles Verhalten angesichts der angeblichen, wiederholten Verhaftungen
schlüssig zu erklären. Betreffend seinen Aufenthaltsort im Vorfeld der Aus-
reise gab der Beschwerdeführer in der Anhörung an, er habe sich vor der
Ausreise drei Tage lang beim Onkel in F._ aufgehalten (vgl. A24
F10). Nachdem diese Aussage vom SEM zu Recht bezweifelt wurde (vgl.
S. 4 der angefochtenen Verfügung), wird in der Beschwerde nun einge-
räumt, der Beschwerdeführer habe sich «verschätzt», er sei ungefähr 15
Tage beim Onkel gewesen (vgl. Ziff. 50 der Beschwerdebegründung). Falls
sich der Beschwerdeführer jedoch tatsächlich rund zwei Wochen lang beim
Onkel aufgehalten und in dieser Zeit – wie vom Beschwerdeführer geltend
gemacht wird – aktiv gesucht worden wäre, hätten ihn die Behörden wohl
auch gefunden, da F._ und C._ lediglich rund zwei Kilometer
auseinanderliegen. Der Umstand, dass ihm beim Onkel nichts geschehen
ist, lässt daher ebenfalls auf die Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten
Verfolgung schliessen.
5.3.4 Nach dem Gesagten erscheint es insgesamt nicht glaubhaft, dass
der Beschwerdeführer im (...) behördlich gesucht sowie im Jahr (...) drei
Mal wegen Verdachts auf LTTE-Verbindungen verhaftet und dabei miss-
handelt wurde. Demnach müssen auch die – nicht näher substanziierten –
Vorbringen, wonach der Beschwerdeführer nach der Ausreise und bis
heute weiterhin gesucht werde und sein Bruder G._ seinetwegen
von den Behörden mitgenommen und befragt worden sei respektive des-
sen angebliches Verschwinden mit den Asylvorbringen des Beschwerde-
führers zusammenhänge, als unglaubhaft bezeichnet werden.
D-6447/2019
Seite 15
5.3.5 Die eingereichten Beweismittel vermögen an der festgestellten Un-
glaubhaftigkeit der genannten Verfolgungsmassnahmen nichts zu ändern.
Vorab ist dazu festzuhalten, dass die Identität des Beschwerdeführers bis
heute nicht feststeht, da er keinerlei Identitätsdokumente eingereicht hat.
Die Beweistauglichkeit der eingereichten Unterlagen aus Sri Lanka (dies
betrifft auch die bereits vorstehend in E. 5.2 erwähnten Beweismittel) ist
damit von vornherein vermindert, da sie nicht zweifelsfrei der Person des
Beschwerdeführers zugeordnet werden können. Beim Schreiben des
Priesters sowie demjenigen der Mutter des Beschwerdeführers handelt es
sich sodann offensichtlich um äusserst vage formulierte Gefälligkeits-
schreiben ohne Beweiswert. Das Schreiben des Parlamentsmitglieds ent-
hält mehrere Angaben, welche nicht mit denjenigen des Beschwerdefüh-
rers übereinstimmen (er sei dem Jugendflügel der [...] beigetreten, habe
bei mehreren Wahlen mitgearbeitet und sei Anfang [...] ausgereist), was
ebenfalls auf ein Gefälligkeitsschreiben oder allenfalls auf eine Fälschung
hindeutet. Das Schreiben der Armee vom (...) entspricht weder in formaler
noch inhaltlicher Hinsicht einer authentischen Vorladung, zudem fällt auf,
dass der Beschwerdeführer darin für den (...) vorgeladen wird, was unplau-
sibel ist, da dieser Tag ein Sonntag war. Auch das Schreiben des Polizei-
postens D._ vom (...) enthält keinen offiziellen Briefkopf, zudem
wird der Beschwerdeführer als «(...)» bezeichnet und ohne genaue Zeit-
angabe für denselben Tag ([...]) vorgeladen, was nicht plausibel erscheint.
Im Übrigen hat der Beschwerdeführer nie geltend gemacht, er sei schon
im Jahr (...) von den Behörden vorgeladen worden. Die erwähnten Beweis-
mittel vermögen die Asylvorbringen des Beschwerdeführers demnach nicht
zu untermauern, sondern bestärken vielmehr die Einschätzung, wonach
die geltend gemachte Verfolgung unglaubhaft ist.
5.3.6 Nach dem Gesagten sind die Asylvorbringen des Beschwerdeführers
als nicht asylrelevant beziehungsweise unglaubhaft zu bezeichnen. Es ist
insbesondere als unglaubhaft zu erachten, dass er vor seiner Ausreise im
Jahr 2016 der von ihm geltend gemachten Verfolgung durch die sri-lanki-
schen Behörden ausgesetzt war. Zwar ist – wie bereits vorstehend bemerkt
wurde (vgl. E. 3.5.1) – nicht auszuschliessen, dass er in der Vergangenheit
körperliche und sexuelle Gewalt erlebt hat. Der von ihm geltend gemachte
Kontext kann jedoch aufgrund der vorstehenden Erwägungen nicht ge-
glaubt werden, weshalb diese Übergriffe nicht als asylrelevante Verfol-
gungsmassnahmen qualifiziert werden können. Insgesamt ist es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen glaubhaft zu machen, dass ihm im Zeit-
punkt der Ausreise aus dem Heimatland eine asylbeachtliche Verfolgung
gedroht hat.
D-6447/2019
Seite 16
5.4 Es bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer im Falle seiner Rückkehr
nach Sri Lanka aus anderen Gründen flüchtlingsrechtlich relevante Verfol-
gungsmassnahmen zu befürchten hätte.
5.4.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 [als Referenzurteil publiziert] unter Berücksichtigung von
zahlreichen einschlägigen Quellen eine Analyse der Situation von Rück-
kehrenden nach Sri Lanka vorgenommen und dabei verschiedene Kriterien
aufgestellt, die ein Verfolgungsrisiko begründen. Drei Faktoren wurden da-
bei als stark risikobegründend qualifiziert: eine tatsächliche oder vermeint-
liche, aktuelle oder vergangene Verbindung zu den LTTE (darunter fallen
auch tatsächliche oder vermutete familiäre Verbindungen zu LTTE-Mitglie-
dern und Hilfeleistungen für die LTTE [a.a.O., E. 8.4.1]), die Teilnahme an
exilpolitischen regimekritischen Handlungen sowie frühere Verhaftungen
durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit
einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE. Demgegen-
über würden das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente, eine zwangs-
weise respektive durch die International Organisation for Migration (IOM)
begleitete Rückführung sowie gut sichtbare Narben schwach risikobegrün-
dende Faktoren darstellen. Im Urteil wird weiter ausgeführt, von den Rück-
kehrenden, die diese Risikofaktoren erfüllten, habe allerdings nur eine
kleine Gruppe tatsächlich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten; und zwar jene Perso-
nen, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden bestrebt seien, den ta-
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, und deshalb eine Ge-
fahr für den sri-lankischen Einheitsstaat darstellten (a.a.O., E. 8.5.3). Mit
Blick auf die dargelegten Risikofaktoren seien in erster Linie jene Rückkeh-
rer gefährdet, deren Namen in der am Flughafen in Colombo abrufbaren
«Stop-List» vermerkt seien und deren Eintrag den Hinweis auf eine Verhaf-
tung beziehungsweise einen Strafregistereintrag im Zusammenhang mit
einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE enthalte.
Entsprechendes gelte für sri-lankische Staatsangehörige, die sich im Aus-
land regimekritisch betätigt hätten (a.a.O., E. 8.5.5).
5.4.2 Diesbezüglich ist zunächst festzustellen, dass der Beschwerdeführer
– wie erwähnt – vor der Ausreise keiner glaubhaften und asylrelevanten
Verfolgung seitens der Behörden ausgesetzt war. Es ist ihm insbesondere
nicht gelungen glaubhaft zu machen, dass er auch noch nach dem Jahr
(...) wegen angeblicher LTTE-Zugehörigkeit von den Behörden verfolgt
wurde (vgl. dazu vorstehend E. 5.3.2). Auch wenn LTTE-Verbindungen
D-6447/2019
Seite 17
grundsätzlich als stark risikobegründender Faktor im Sinne der Rechtspre-
chung gelten, so ist im vorliegenden Fall aus diesem Grund dennoch nicht
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka deswegen ernsthafte Nachteile zu gewärtigen hätte. Anderwei-
tige persönliche oder familiäre Verbindungen zu den LTTE machte er nicht
geltend. Der Beschwerdeführer ist ferner weder exilpolitisch aktiv, noch hat
er sich vor der Ausreise in Sri Lanka regimekritisch betätigt; insbesondere
ist er nie als Befürworter des tamilischen Separatismus in Erscheinung ge-
treten. Bei der geltend gemachten Wahlkampfhilfe für einen (...)-Kandida-
ten im (...) handelt es sich den Akten zufolge um ein legales und überdies
marginales, einmaliges und kurzzeitiges Engagement, und es ist überdies
zu bezweifeln, dass die Behörden davon überhaupt Kenntnis erlangt ha-
ben. Aus Europa respektive der Schweiz nach Sri Lanka zurückkehrende
tamilische Asylsuchende sind ferner – auch wenn sie ohne gültige Reise-
papiere zurückkehren – nicht per se einer ernstzunehmenden Gefahr aus-
gesetzt, bei ihrer Rückkehr ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG
zu erleiden, sondern nur dann, wenn die sri-lankischen Behörden das Ver-
halten der zurückkehrenden Person mutmasslich als staatsfeindlich einstu-
fen. Diese Voraussetzung ist vorliegend mit Blick auf die vorstehenden
Ausführungen zu verneinen. Der Beschwerdeführer weist kein Profil auf,
welches darauf schliessen lassen müsste, dass er bei einer Rückkehr die
Aufmerksamkeit der sri-lankischen Sicherheitsbehörden auf sich ziehen
würde. Es ist aufgrund der Aktenlage sowie der vorstehenden Erwägungen
nicht davon auszugehen, dass er in Sri Lanka einschlägig registriert ist o-
der gar auf einer Fahndungsliste der heimatlichen Behörden steht und im
Falle seiner Rückkehr einer erhöhten Verfolgungsgefahr unterliegt. Soweit
in der Beschwerdeschrift vorgebracht wird, dem Beschwerdeführer sei in
der Haft der (...) worden und er sei aufgrund des krumm zusammenge-
wachsenen (...) als Folteropfer erkennbar, ist darauf hinzuweisen, dass der
Beschwerdeführer in der BzP ausgesagt hatte, er habe sich diese Verlet-
zung beim Fischen zugezogen (vgl. A5 Ziff. 8.02). Selbst wenn er bei der
Wiedereinreise nach Sri Lanka darauf angesprochen würde, ist daher nicht
anzunehmen, dass er deswegen relevante Verfolgungsmassnahmen zu
befürchten hätte. Aus diesen Gründen erscheint es selbst in Anbetracht der
jüngeren Lageentwicklung in Sri Lanka (namentlich des im November 2019
erfolgten Machtwechsels sowie des – inzwischen beigelegten – diplomati-
schen Konflikts zwischen der Schweizer Botschaft und den sri-lankischen
Behörden) insgesamt unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka infolge seines Aufenthalts in der Schweiz
in asylrelevanter Weise gefährdet wäre.
D-6447/2019
Seite 18
5.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Asyl-
gründe nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG beziehungsweise eine entspre-
chende Verfolgungsfurcht glaubhaft zu machen. Demnach hat die
Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylge-
such abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG).
6.2 Der Beschwerdefürher verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
In Bezug auf die Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
D-6447/2019
Seite 19
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
7.1.2 Das flüchtlingsrechtliche Refoulement-Verbot schützt nur Personen,
welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich erhebliche Gefährdung nachzu-
weisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte
Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine An-
wendung finden. Eine Rückkehr in den Heimatstaat ist demnach unter dem
Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
7.1.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kam-
mer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde
Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, m.w.H.). Der EGMR hat zudem wiederholt
festgestellt, dass nicht generell davon auszugehen sei, Rückkehrern drohe
in Sri Lanka eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müsse eine Risi-
koeinschätzung im Einzelfall vorgenommen werden (vgl. beispielsweise
das EGMR-Urteil R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013,
Nr. 10466/11, Ziff. 37). Die Einzelfallprüfung fällt mangels hinreichender
und glaubhafter Anhaltspunkte vorliegend negativ aus (vgl. vorstehend
E. 5.4). Die vom EGMR genannten Faktoren sind im Wesentlichen durch
die im Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 in den Erwägungen 8.4 und 8.5 identifizierten Risikofaktoren
abgedeckt. Vorliegend wurde bereits festgestellt, dass aufgrund der Akten-
lage nicht davon auszugehen ist, dass der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr aus der Schweiz nach Sri Lanka die Aufmerksamkeit der sri-lan-
kischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmass auf
sich ziehen wird. Demnach bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür, dass
ihm aus denselben Gründen eine menschenrechtswidrige Behandlung im
Heimatland drohen würde. Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri
Lanka lässt den Wegweisungsvollzug im heutigen Zeitpunkt ebenfalls nicht
D-6447/2019
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als unzulässig erscheinen. Dies gilt auch unter Berücksichtigung der Er-
gebnisse der Präsidentschaftswahlen von November 2019 sowie des dip-
lomatischen Konflikts zwischen der Schweizer Botschaft und den sri-lanki-
schen Behörden, zumal kein persönlicher Bezug des Beschwerdeführers
zu diesen Ereignissen erkennbar ist.
7.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.2.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Zurzeit herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. In den beiden Refe-
renzurteilen E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 und D-3619/2016 vom 16. Ok-
tober 2017 hat das Bundesverwaltungsgericht eine Einschätzung der Lage
in Sri Lanka vorgenommen. Dabei hat es festgestellt, dass der Wegwei-
sungsvollzug sowohl in die Nordprovinz als auch in die Ostprovinz unter
Einschluss des Vanni-Gebiets zumutbar ist, wenn das Vorliegen von be-
stimmten individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz ei-
nes tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussicht
auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann.
An dieser Einschätzung vermögen weder die (sicherheits-)politischen Er-
eignisse in den vergangenen Jahren (namentlich die Anschläge vom
21. April 2019, der gleichentags von der Regierung verhängte, am 28. Au-
gust 2019 jedoch wieder aufgehobene Ausnahmezustand, die Machtüber-
nahme des Rajapaksa-Clans im November 2019 und die damit zusammen-
hängenden gewalttätigen Ausschreitungen) noch die aktuelle Situation in
Sri Lanka etwas zu ändern.
7.2.2 Das SEM hat demnach den Vollzug der Wegweisung des Beschwer-
deführers an seinen Herkunftsort im Distrikt D._, Nordprovinz, zu
Recht als generell zumutbar erachtet.
7.2.3 In Bezug auf die individuellen Zumutbarkeitskriterien ist für den vor-
liegenden Fall festzustellen, dass mehrere Verwandte des Beschwerdefüh-
rers nach wie vor in seiner Herkunftsregion leben, namentlich seine Eltern,
seine Geschwister sowie eine Tante und mehrere Onkel. Der heute
(...)-jährige Beschwerdeführer verfügt ferner über eine durchschnittliche
D-6447/2019
Seite 21
Schulbildung und hat vor der Ausreise im (...) seiner Familie gearbeitet.
Diese Erwerbstätigkeit könnte er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka ohne
weiteres wiederaufnehmen. Auch wenn es zutreffen sollte, dass seine El-
tern gesundheitlich angeschlagen sind (vgl. die dazu eingereichten ärztli-
chen Unterlagen aus Sri Lanka), so ist aufgrund des Gesagten dennoch
davon auszugehen, dass er an seinem Herkunftsort über ein tragfähiges
soziales Beziehungsnetz sowie eine gesicherte Wohnmöglichkeit verfügt
und überdies gute Chancen hat, sich dort nach seiner Rückkehr erneut
eine wirtschaftliche Lebensgrundlage aufzubauen. Seine gesundheitlichen
Probleme vermögen ebenfalls nicht zur Annahme der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs zu führen. Den auf Beschwerdeebene eingereich-
ten ärztlichen Berichten zufolge leidet der Beschwerdeführer an einer
PTBS, einer rezidivierenden depressiven Störung (aktuell mittelgradige bis
schwere Episode) sowie somatischen Beschwerden (namentlich Kopf-
schmerzen und Schlafprobleme). Zudem besteht eine latente Suizidalität.
Gemäss dem Arztbericht des Psychiatrischen Ambulatoriums (...) vom 31.
August 2020 wird der Beschwerdeführer zurzeit mit einem Antidepressi-
vum behandelt; auf die grundsätzlich indizierte Psychotherapie wurde of-
fenbar angesichts des hängigen, vorliegenden Beschwerdeverfahrens vor-
läufig verzichtet. Die genannten gesundheitlichen Probleme des Be-
schwerdeführers können auch in seiner Herkunftsregion adäquat – wenn
auch nicht auf Schweizer Niveau – behandelt werden. Verschiedene staat-
liche und private Einrichtungen bieten im Distrikt D._ entspre-
chende ambulante Therapien an (vgl. dazu beispielsweise die Urteile des
BVGer D-6325/2018 vom 13. Juli 2020 E. 8.4.5 und E-3613/2018 vom
17. Juli 2020 E. 7.3.4, je m.w.H.). Es ist daher nicht davon auszugehen,
dass eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat zu einer
raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung seines Gesundheits-
zustandes führen wird. Mehrere den Beschwerdeführer aktuell belastende
Faktoren (Einsamkeit, fehlende Beschäftigung, unsicherer Aufenthaltssta-
tus; vgl. den Sprechstundenbericht des [...] vom 22. August 2020) würden
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka zudem voraussichtlich wegfallen, was
sich positiv auf seine Psyche auswirken dürfte. Sollten sich seine aktuell
latenten suizidalen Tendenzen akzentuieren, so wäre diesem Umstand bei
einem zwangsweisen Wegweisungsvollzug im Rahmen der Vollzugsmoda-
litäten Rechnung zu tragen (vgl. Urteil des BVGer D-3574/2016 vom
14. Juli 2016 E. 5.3.2). Insgesamt ist der Vollzug der Wegweisung damit
auch in individueller Hinsicht als zumutbar zu erachten.
D-6447/2019
Seite 22
7.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12 S. 513–515), weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Die aktuelle Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug ebenfalls
nicht entgegen; denn es handelt sich dabei – wenn überhaupt – um ein
bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Voll-
zugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist,
indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland ange-
passt wird.
7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt damit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch das
mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
mit Zwischenverfügung vom 12. Dezember 2019 gutgeheissen worden ist,
werden keine Verfahrenskosten erhoben.
9.2 Mit derselben Zwischenverfügung wurde ferner auch das Gesuch um
amtliche Verbeiständung gutgeheissen. Die Festsetzung des amtlichen
Honorars erfolgt in Anwendung der Art. 8–11 sowie Art. 12 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). In der am 15. Dezember
2020 letztmals aktualisierten Kostennote wird ein Aufwand von 23 Stunden
und 20 Minuten sowie Auslagen von Fr. 222.– (inkl. Übersetzungskosten)
ausgewiesen, was angemessen erscheint. Der Stundenansatz von
Fr. 150.– bewegt sich im Rahmen der vom Gericht festgelegten Praxis bei
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amtlicher Vertretung (vgl. dazu bereits die Ausführungen in der Zwischen-
verfügung vom 12. Dezember 2019). Der amtlichen Vertreterin ist demnach
zu Lasten des Bundesverwaltungsgerichts ein Honorar von insgesamt
Fr. 3'722.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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