Decision ID: 2fc79647-9301-425e-8d1d-5f5a8ee15e00
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
betreffend Vergewaltigung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 13. September 2017 (DG170101)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich - Limmat vom 31. März 2017
(Urk. 20) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 78 S. 78 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
- der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB,
- der mehrfachen sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB sowie
- der Freiheitsberaubung im Sinne von Art. 183 Ziffer 1 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 3 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und mit heute 1 Tag
durch Untersuchungshaft erstanden ist.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 2 Jahren aufgeschoben und die Probe-
zeit auf 2 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (1 Jahr, abzüglich 1 Tag, der durch Untersuchungs-
haft erstanden ist) wird die Freiheitsstrafe vollzogen.
4. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin aus dem einge-
klagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung
des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird die Privatklägerin auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin Fr. 12'000.– zuzüglich 5 % Zins ab
7. Juni 2016 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren
abgewiesen.
6. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 9'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'050.– Kosten Kantonspolizei
Fr. 2'500.– Gebühr Strafuntersuchung
Fr. 2'145.60 Gutachten / Expertisen etc.
Fr. 57.40 Zeugenentschädigung
Fr. 9'194.– Unentgeltliche Vertretung RAin B._
Weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
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7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliesslich derjenigen
der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten auferlegt.
8. (Mitteilungen.)
9. (Rechtsmittel.)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 10 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 118 S. 2 f.)
1. Der Beschuldigte sei vollumfänglich – unter vollständiger Aufhebung
des vorinstanzlichen Urteils –, somit vom Vorwurf der Vergewaltigung
im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB, der mehrfachen sexuellen Nöti-
gung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB sowie der Freiheitsberaubung
im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1 StGB, freizusprechen.
2. Dem Beschuldigten sei eine angemessene Genugtuung sowie eine
Entschädigung für die erbetene Verteidigung vor Vorinstanz in der Hö-
he von Fr. 26'100.– zuzusprechen.
3. Die Zivilansprüche der Privatklägerin seien vollumfänglich abzuweisen,
soweit darauf einzutreten ist.
4. Die erst- und zweitinstanzlichen Verfahrenskosten sowie die amtlichen
Verteidigerkosten seien auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 121 S. 1)
1. Es sei der Beschuldigte in allen Anklagepunkten für schuldig zu spre-
chen und damit das erstinstanzliche Urteil zu bestätigen.
2. Es sei der Beschuldigte mit fünf Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen,
unter Anrechnung von einem Tag erstandener Haft.
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3. Es sei das erstinstanzliche Urteil mit Bezug auf die übrigen Punkte zu
bestätigen.
c) Der Privatklägerschaft:
(Urk. 122 S. 1)
Die Berufung des Beschuldigten sei abzuweisen und das vorinstanzliche
Urteil sei zu bestätigen bzw. es sei den Anträgen der Staatsanwaltschaft
stattzugeben. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzügl. MwSt.
zulasten des Beschuldigten.

Considerations:
Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
Am 5. April 2017 erhob die Staatsanwaltschaft nach durchgeführter Untersuchung
Anklage gegen den Beschuldigten wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und
Freiheitsberaubung (Urk. 20). Mit Urteil vom 13. September 2017 sprach das
Bezirksgericht Zürich den Beschuldigten schuldig und verurteilte ihn zu einer teil-
bedingten Freiheitsstrafe von 3 Jahren. Am 20. September 2017 meldete die
Verteidigung Berufung an (Urk. 60). Nach Zustellung des begründeten Urteils am
15. November 2017 (Urk. 77) ging hierorts am 4. Dezember 2017 (Datum Post-
stempel 1. Dezember 2017) die Berufungserklärung ein (Urk. 81). Die Verteidi-
gung verlangt einen vollumfänglichen Freispruch, eine Zusprechung einer Genug-
tuung und die Abweisung der Zivilansprüche der Privatklägerin. Die Staatsanwalt-
schaft verlangt mit ihrer Anschlussberufung eine höhere Strafe (Urk. 85). Die
Rechtsbeiständin der Privatklägerin erklärte auf Berufung und Anschlussberufung
zu verzichten (Urk. 87).
Die Berufungsverhandlung am 15. November 2018 war grundsätzlich öffentlich.
Es erschienen der Beschuldigte mit seinem amtlichen Verteidiger, die Vertreterin
der Staatsanwaltschaft sowie die Vertreterin der Privatklägerin. Die Privatklägerin
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– in Begleitung einer Vertrauensperson – wurde vom Berufungsgericht persönlich
befragt. Von der Einvernahme der Privatklägerin war die Öffentlichkeit (Publikum
und Medien) auf Antrag der Privatklägerin ausgeschlossen (Urk. 87 S. 2,
Urk. 103, Urk. 105, Prot. II S. 10; Urk. 116). Der Beschuldigte konnte die Einver-
nahme aus dem Videoübertragungsraum mitverfolgen (Prot. II S. 10 und 12;
Urk. 116).
II. Prozessuales
1. Umfang der Berufung
Das vorinstanzliche Urteil wurde vom Beschuldigten mit Ausnahme der Kosten-
festsetzung (Dispositivziffer 6) vollumfänglich angefochten (Urk. 81 S. 2). Bei
Gutheissung der Berufungsanträge würde die Kostenfestsetzung allerdings
gegenstandslos, bei Abweisung der Berufung kann das gesamte vorinstanzliche
Kostendispositiv bestätigt werden. Es rechtfertigt sich deshalb, auf einen Teil-
rechtskraftbeschluss zu verzichten.
2. Beweisanträge
2.1. Die amtliche Verteidigung erneuerte anlässlich der Berufungsverhandlung
die bereits im Vorfeld der Berufungsverhandlung am 1. Dezember 2017 (Urk. 81)
bzw. am 19. Oktober 2018 (Urk. 107) gestellten Beweisanträge. Konkret wurde
die Einvernahme von C._ als Zeugin sowie die Edition der Versicherungspo-
lice, des eigenen Kündigungsschreibens sowie der Auszahlungsbelege inkl. Be-
stätigungsschreiben der Lebensversicherung durch die Privatklägerin begehrt
(Prot. II S. 13-15). Staatsanwaltschaft und Privatklägerschaft beantragten die Ab-
weisung der Beweisanträge (Prot. II S. 14 f.).
2.2. Die Beweisanträge der Verteidigung wurden anlässlich der Berufungs-
verhandlung abgewiesen, zumal nach der Beurteilung durch die erkennende
Kammer, kein Anlass für weitere Beweisabnahmen besteht. Das Beweisverfahren
wurde unter Vorbehalt auf ein allfälliges Rückkommen auf das Beweisverfahren
nach den Plädoyers geschlossen (Art. 379 i.V.m. Art. 349 StPO).
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2.3. Auch nach Abschluss der Parteivorträge besteht kein Anlass, die beantrag-
ten Beweise abzunehmen. Wie nachfolgend zu zeigen sein wird, erweist sich das
Verfahren mit den im Recht liegenden Beweismitteln als spruchreif (vgl. Art. 349
StPO) und es hat gestützt darauf ein Freispruch zu ergehen, an dem auch die
Abnahme weiterer Beweis nichts ändern würde. Die Beweisanträge sind damit in
antizipierter Beweiswürdigung nach Art. 139 Abs. 2 StPO abzuweisen.
III. Vorbemerkungen
1. Zusammengefasster Sachverhalt und Standpunkte der Parteien
Zwischen der Privatklägerin und dem Beschuldigten ist anerkannt, dass es in der
Nacht vom 6. auf den 7. Juni 2016 zu sexuellen Handlungen und Geschlechtsver-
kehr gekommen ist. Umstritten ist jedoch, ob diese freiwillig oder erzwungen wa-
ren. Aus der Anklageschrift geht hervor, dass der Beschuldigte keine physische
Gewalt einsetzte, um zum Sexualverkehr zu kommen. Die Privatklägerin fühlte
sich nach ihrer Darstellung vielmehr aufgrund verbaler Äusserungen des Be-
schuldigten im Befehlston sowie wegen einer bedrohlichen Stimmung im Schlaf-
zimmer, insbesondere aufgrund von auf dem Bett liegendem Sadomaso-Material
und wegen eines abstossenden Penis-Piercings genötigt, sexuelle Handlungen zu
erdulden bzw. vorzunehmen. Im Einzelnen wird nachfolgend im Rahmen der
Sachverhaltserstellung noch auf die Details des Handlungsablaufes eingegangen.
2. Allgemeine rechtliche Vorabbemerkungen
2.1. Im Rahmen eines Strafprozesses ist ein Schuldspruch nur zulässig, wenn
sämtliche Tatbestandselemente der vorgeworfenen gesetzlichen Strafbestim-
mung vom erwiesenen Sachverhalt abgedeckt sind. Die Sachverhaltswürdigung
hat sich deshalb in Bezug auf den Schuldspruch am gesetzlichen Tatbestand
auszurichten. Im vorliegenden Fall rechtfertigt es sich darum, einige rechtliche
Erwägungen zum Nötigungselement bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung
voranzustellen.
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2.2. Wer eine Person weiblichen Geschlechts zur Duldung des Beischlafs oder
zu anderen sexuellen Handlungen nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt
anwendet, sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig
macht, erfüllt den Tatbestand Vergewaltigung bzw. der sexuellen Nötigung
(Art. 189 StGB und Art. 190 StGB).
2.3. Das Bundesgericht hat im Entscheid 128 IV 97 E. 2 festgehalten, dass die
sexuellen Nötigungsdelikte zu den Gewaltdelikten gehören und damit prinzipiell
als Akte physischer Aggression zu verstehen seien. Die – im Rahmen des
Gesetzgebungsprozesses in letzter Minute hineingekommene (vgl. BSK StGB
II-MAIER, N 5 zu Art. 189) – tatbestandsmässige Variante des Unter-psychischen-
Druck-Setzens könne sich zwar auch aus einer tatbestandsmässigen Aussichts-
losigkeit eines Widerstands des Opfers ergeben, setze aber voraus, dass dem
Opfer eine Widersetzung unter den gegebenen Umständen nicht zumutbar sei
(vgl. dazu auch BSK StGB II-MAIER, N 13 zu Art. 189). Diese Umstände müssten
eine Qualität erreichen, die sie in ihrer Gesamtheit als instrumentalisierte, soge-
nannte strukturelle Gewalt erscheinen liessen. Ob die tatsächlichen Verhältnisse
die tatbeständlichen Anforderungen eines Nötigungsmittels erfüllen, lasse sich
erst nach einer umfassenden Würdigung der relevanten konkreten Umstände ent-
scheiden. Es sei mithin eine individualisierende Beurteilung notwendig, die sich
auf hinlänglich typisierbare Merkmale stützen müsse. Je nach Umständen und
den Beziehungen zum Täter könne z.B. ein Kind wegen seiner kognitiven Unter-
legenheit und seiner Abhängigkeit in emotionaler und sozialer Hinsicht den Be-
dürfnissen des Täters mehr oder weniger ausgeliefert sein. Gerade bei der sexu-
ellen Ausbeutung durch Täter im sozialen Nahraum werde körperliche Gewalt
vielfach gar nicht erforderlich sein, weil die Täter gezielt die entwicklungsbedingte
emotionale Abhängigkeit und Bedürftigkeit der betroffenen Kinder auszunützen
pflegten. Kognitive Unterlegenheit und emotionale wie auch soziale Abhängigkeit
könnten bei Kindern einen ausserordentlichen psychischen Druck bzw. eine damit
vergleichbare Unterlegenheit erzeugen, die es ihnen verunmögliche, sich gegen
sexuelle Übergriffe zu wehren. Dies sei namentlich beim Missbrauch durch Autori-
tätsträger des gleichen Haushalts in Betracht zu ziehen, weil hier Ängste um den
Verlust der Zuneigung unmittelbar zur ernsten Bedrohung werden könnten. In
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solchen Situationen erschienen bereits die gegenüber einem Kind übermächtige
Körperlichkeit des Erwachsenen, die alleinige physische Dominanz, geeignet,
Elemente physischer Aggression zu manifestieren und das Gewaltkriterium im
Sinne physischer oder zumindest struktureller Gewalt zu erfüllen. Mit der exemp-
larischen Bezugnahme auf ein Erwachsenen-Kind-Verhältnis dokumentiert das
Bundesgericht nicht nur ganz besondere Umstände für eine psychische Druck-
situation, sondern es stellt auch klar, dass unter Erwachsenen grundsätzlich nicht
leichthin von einer vergleichbaren Situation ausgegangen werden kann.
2.4. Im Entscheid 133 IV 49 äusserte das Bundesgericht, dass nicht jeder
beliebige Zwang, nicht schon jedes den Handlungserfolg bewirkende kausale
Verhalten eines Täters, auf Grund dessen es zu einer ungewollten sexuellen
Handlung kommt, eine sexuelle Nötigung darstelle. Die Tatbestände von Art. 189
und 190 StGB schützten vor Angriffen auf die sexuelle Freiheit nur insoweit, als
der Täter den zumutbaren Widerstand des Opfers überwindet oder ausschaltet.
So sei z.B. das blosse Ausnützen vorbestehender gesellschaftlicher oder privater
Machtverhältnisse noch keine zurechenbare Nötigungshandlung, Erforderlich sei
eine durch den Täter geschaffene «tatsituative Zwangssituation». Auch in ande-
ren Entscheide verwendete das Bundesgericht diesen Ausdruck, z.B. in BGE 131
IV 107. Der Zwang müsse vom Täter ausgehen. Insofern unterscheiden sich die
Artikel 189 StGB und auch Art. 190 StGB von denjenigen, bei welchen es um die
Ausnützung einer Notlage oder Abhängigkeit geht, beispielsweise Art. 188, 192
oder 193 StGB (BSK StGB II-MAIER, N 10 zu Art. 189). So reicht beispielsweise
eine kognitive oder emotional-soziale Unterlegenheit des Opfers nicht aus bzw.
fällt unter einen anderen Tatbestand (BSK StGB II-MAIER, N 12 zu Art. 189). Der
tatbestandsmässig erforderliche Zwang darf beispielsweise auch nicht bereits
deshalb angenommen werden, weil ein mündiges und erwachsenes Opfer von
seinem Wesen her zu Passivität oder submissivem Verhalten neigt. Das Sexual-
strafrecht für Erwachsene geht davon aus, dass eine Frau (oder auch ein Mann)
mündig und handlungsfähig ist. Es schützt das sexuelle Selbstbestimmungsrecht
und will beispielsweise nicht Sexualverkehr bestrafen, weil jemand diesen im
Nachhinein bereut.
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2.5. All diese Erwägungen zeigen, dass es bei den Tatbeständen von Art. 189
und 190 StGB weniger um den Schutz von Personen geht, welche sich über eine
Sexdating-Plattform zum ersten Mal treffen, sich zunächst gut verstehen, die eine
dann während des Treffens wegen abstössigem Verhalten des Partners die Lust
auf Sex oder gewisse Sexualpraktiken verliert, in der Folge dann aber keinen oder
nur sehr geringen Widerstand leistet, weil sie ihre Angst oder Abneigung nicht zu
erkennen geben will (Urk. 47 S. 21). Damit ist nicht gesagt, dass solche Personen
keinen strafrechtlichen Schutz bei Zwangsanwendung geniessen; es sind aber
Kriterien, welche für die Frage des zumutbaren Widerstands aufgrund der indivi-
duellen Einzelfallumstände eine erhebliche Rolle spielen.
IV. Sachverhalt
1. Beweislage und Grundsätze der Beweiswürdigung
1.1. Beim vorliegenden Fall handelt es sich um ein sogenanntes Vier-Augen-
Delikt. Abgesehen vom Arztbericht und den Aussagen der beiden Beteiligten sind
keine erheblichen weiteren Beweismittel vorhanden. Im Rahmen der Unter-
suchung wurden verschiedene Beweiserhebungen unterlassen, die im jetzigen
Zeitpunkt nicht mehr nachgeholt werden können. So wurden beispielsweise keine
Spuren zur Frage gesichert, ob die Rasur im Bett oder in der Dusche, ob die
Pizza im Bett oder nicht dort gegessen wurde. Auch wurden keine Fingernagel-
schmutz- oder Kratzspuren vom angeblichen Kratzen der Privatklägerin am
Rücken des Beschuldigten und keine (weiteren) Erhebungen zu den angeblichen
Telefonaten der Privatklägerin mit der Zeugin C._ und dem Notruf unmittel-
bar nach der Tat getätigt. All dies kann heute nicht mehr beigebracht werden, und
damit bleibt es im vorliegenden Fall im Wesentlichen beim Arztbericht und den
Aussagen der Beteiligten als Beweismittel. In Fällen, wo Aussage gegen Aussage
steht, beschränkt sich die Aufgabe des Gerichts nicht einfach darauf zu bewerten,
welche von den beiden geschilderten Versionen die glaubhaftere ist. Gemäss
dem in Art. 32 Abs. 1 BV verankerten Grundsatz in dubio pro reo (im Zweifel für
den Beschuldigten) ist bis zum gesetzlichen Nachweis der Schuld zu vermuten,
dass der wegen einer strafbaren Handlung Beschuldigte unschuldig ist (Art. 10
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Abs. 1 StPO; BGE 137 IV 219 E. 7.3 mit Hinweisen; BGE 127 I 38 E. 2a; Urteil
des Bundesgerichts 6B_617/2013 vom 4. April 2014 E. 1.2; Pra 2002 Nr. 2 S. 4 f.
und Nr. 180 S. 957 f.). Ein Schuldspruch darf mit anderen Worten nie auf blosser
Wahrscheinlichkeit beruhen, sondern darf nur erfolgen, wenn die Schuld des Be-
schuldigten mit hinreichender Sicherheit erwiesen ist, das heisst Beweise dafür
vorliegen, dass der Beschuldigte mit seinem Verhalten objektiv und subjektiv den
ihm zur Last gelegten Straftatbestand verwirklicht hat. Von diesen Grundsätzen
darf auch nicht abgewichen werden mit der Begründung, dass sich das Opfer ei-
ner Straftat manchmal in einem eigentlichen Beweisnotstand befindet, weshalb es
in solchen Fällen ausreiche, wenn die Sachdarstellung des Opfers zumindest
nicht unglaubhaft wirke. Das heisst umgekehrt nicht, dass bei einer Aussage
gegen Aussage Situation stets ein Freispruch zu ergehen hat. Die Qualität der
Aussagen muss aber in solchen Fällen bei einem Schuldspruch deutliche Unter-
schiede aufweisen in dem Sinne, dass die Validität der Aussage des Opfers sehr
hoch ist und/oder jene der Aussagen des Beschuldigten sehr tief.
1.2. In seiner Beweiswürdigung ist das Gericht grundsätzlich frei. Es darf sich
von der Existenz eines für den Beschuldigten ungünstigen Sachverhaltes aber nur
dann überzeugt erklären, wenn bei objektiver Betrachtung keine erheblichen und
nicht zu unterdrückende Zweifel bestehen, dass sich der Sachverhalt so ver-
wirklicht hat wie angeklagt (vgl. Art. 10 Abs. 3 StPO; BGE 143 IV 214 nicht publ.
E. 13.1 des Urteils 6B_824/2016 vom 10. April 2017; BGE 138 V 74 E. 7; 127 I 38
E. 2a; je mit Hinweisen; Urteil des Bundesgericht 6B_486/2018 vom 5. September
2018 E. 1.1). Andernfalls ist eine beschuldigte Person freizusprechen (statt vieler:
CORBOZ, "in dubio pro reo", ZBJV 1993, S. 419 f.). Die Überzeugung des Richters
muss auf einem verstandesgemäss einleuchtenden Schluss beruhen und für den
unbefangenen Beobachter nachvollziehbar sein (HAUSER/SCHWERI/HARTMANN,
Schweizerisches Strafprozessrecht, 6. Aufl., Basel 2005, § 54 Rz 11, S. 247).
Soweit ein direkter Beweis nicht möglich ist, ist der Nachweis der Tat mit Indizien
zu führen, wobei die Gesamtheit der einzelnen Indizien, deren "Mosaik" zu wür-
digen ist (vgl. dazu BGE 133 I 33 E. 4.4.1-4.4.3; Pra 2004 Nr. 51 S. 256 Ziff. 1.4;
Pra 2002 Nr. 180 S. 962 f. Ziff. 3.4. sowie ARZT, In dubio contra, in Zeitschrift für
Strafrecht 115, S. 197).
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1.3. Stehen sich als Beweismittel im Wesentlichen Aussage gegen Aussage
gegenüber, so sind gemäss Bundesgericht durch methodische Analyse der In-
halte der Aussagen diese darauf zu überprüfen, ob die auf ein bestimmtes Ge-
schehen bezogenen Angaben einem tatsächlichen Erleben der aussagenden
Person entspringen. Damit eine Aussage als zuverlässig gewürdigt werden kann,
ist sie insbesondere auf das Vorhandensein von Realitätskriterien und umgekehrt
auf das Fehlen von Phantasiesignalen zu überprüfen. Entscheidend ist, ob die
aussagende Person unter Berücksichtigung der Umstände, ihrer intellektuellen
Leistungsfähigkeit und der Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen Er-
lebnishintergrund machen könnte. Methodisch wird die Prüfung in der Weise
vorgenommen, dass das im Rahmen eines hypothesengeleiteten Vorgehens
durch Inhaltsanalyse (aussageimmanente Qualitätsmerkmale, so genannte Real-
kennzeichen) und Bewertung der Entstehungsgeschichte der Aussage sowie des
Aussageverhaltens insgesamt gewonnene Ergebnis auf Fehlerquellen überprüft
und die persönliche Kompetenz der aussagenden Person analysiert werden
(Urteile des Bundesgerichts 6B_760/2016 vom 29. Juni 2017; 6B_200/2015 vom
7. Oktober 2015 E. 1.3; BGE 133 I 33 E. 4.3 S. 45 f.; 129 I 49 E. 5 S. 58 f.;
128 I 81 E. 2 S. 85 f.; Urteil des Bundesgerichts 6B_793/2010 vom 14. April 2011
E. 1.3.1; je mit Hinweisen).
1.4. Diese Grundsätze gelten auch für Sexualdelikte.
2. Zusammengefasste Darstellung der Privatklägerin
2.1. Die Privatklägerin ist in Afrika geboren und aufgewachsen und kam mit 25
Jahren in die Schweiz. Sie und der Beschuldigte trafen sich aufgrund einer Verab-
redung über eine "Sugar-Daddy"- Plattform im Internet. Die Privatklägerin um-
schrieb diese Plattform wie folgt: "Es ist so, dass man sein Schätzchen ist, er sich
um einen kümmert, er Geschenke kauft, wenn man etwas braucht. (...) Es geht
darum, dass er glücklich ist mit mir zusammen und umgekehrt auch. Zusätzlich
macht er mir noch Geschenke" (Urk. 5/1 Antwort 18). Anlässlich der Berufungs-
verhandlung relativierte sie dann jedoch diese Aussage und machte geltend, ihr
sei es darum gegangen, gute Leute zu treffen, auszugehen, etwas zu unterneh-
men und sich dabei einladen zu lassen. Das mit dem Geschenke machen stimme
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nicht (Urk. 116 S. 10 f.). Sie habe früher einmal auf dieser Plattform ein Profil ge-
habt, dieses dann aber mangels Interesse wieder gelöscht. Mit dem Beschuldig-
ten in Kontakt gekommen sei sie dann, weil sie wieder ein neues Profil eröffnet
habe (Urk. 5/2 Antwort 47).
2.2. Die Privatklägerin schildert, sie hätten einen gemütlichen Abend in der
Wohnung des Beschuldigten verbracht, hätten zusammen Pizza gegessen und es
lustig gehabt. Zunächst sei die Privatklägerin auch einverstanden gewesen mit
Sex. Sie hätten begonnen, sich zu küssen. Unter ihrem Kleid habe sie keine Un-
terhosen und keinen BH getragen (Urk. 4/1, Protokollnotiz zu Antwort 14, Urk. 5/2
Antwort 67, zuletzt auch Urk. 116 S. 13-15). Als sie gemeinsam das Schlafzimmer
des Beschuldigten betreten hätten, habe sie dann aber keinen Sex mehr gewollt,
u.a. weil auf dem Bett Sado-Maso-Material gelegen habe und sie kein Gefühl der
Sicherheit mehr gehabt habe. Den entsprechenden Hinweis des Beschuldigten
auf seinem Profil auf der Dating-Plattform bezüglich seiner Vorlieben in Richtung
SM habe sie überlesen. Völlig abgelöscht habe es ihr dann, als sie die beiden
Penis-Piercings des Beschuldigten erblickt habe. Es habe auch unangenehm
gerochen, wahrscheinlich weil eines der Piercings noch frisch gewesen sei. Sie
habe ihm darauf gesagt, so gehe das aber nicht, er solle die Piercings abnehmen.
Darauf habe er das grosse Piercing abgenommen, das andere aber anbehalten.
Die Privatklägerin habe dann gesagt, dass sie gehen wolle, er habe jedoch er-
widert, dass sie ihm versprochen habe, über Nacht zu bleiben (Urk. 47 S. 15; so
auch Urk. 116 S. 21). Der Beschuldigte habe ihr dann befohlen, sich auszuziehen
und sich aufs Bett zu legen, worauf er ihre Hände mit 'Schnüren' festgebunden
habe. Gewalt habe er keine angewendet. Sie habe sich gezwungen gefühlt auf-
grund seiner Haltung und der Zeit, die er sich genommen habe und wie er ihr das
klar gemacht habe (so ihre Formulierung in Urk. 47 S. 18). An der Berufungs-
verhandlung sagte die Privatklägerin, sie habe das Schlafzimmer nicht verlassen,
weil der Beschuldigte die Türe geschlossen habe. Sie hätte die Türe zwar auf-
machen können, aber sie habe nicht versucht, das Zimmer zu verlassen. Sie
habe auch nicht um Hilfe gerufen, er habe sie nicht gewaltsam gefesselt, aber
"auf jeden Fall äusserst entschlossen". Sie habe sich nicht gewehrt (Urk. 116
S. 22 f.). Am Anfang sei die Türe noch offen gewesen; er habe sie aber zurück-
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gehalten, allerdings ohne sie zu berühren. Auf seine Frage, ob sie Angst habe,
habe sie ihm nein gesagt. "Ich wollte nicht, dass er wusste, dass ich Angst habe"
(Urk. 47 S. 21; so auch Urk. 116 S. 24). Sie habe nur gewollt, dass es endet und
so gut wie möglich vorbei gehe. Er habe sie dann mit den Fingern penetriert, an-
schliessend habe er mehrmals seine ganze Hand hineingetan, vorne und hinten.
Geweint habe sie nicht, aber geschrien, weil es weh getan habe. Dann habe er
sich neben sie gelegt und sei eingeschlafen. Sie habe aber nicht weg gehen
können, weil er, während er schlief, seine Hand oder seinen Fuss auf ihr gehabt
habe (Urk. 47 S. 24; Urk. 116 S. 26). Sie habe nicht genau gewusst, ob er die
Schlafzimmertüre verschlossen habe, habe dies aber angenommen, weil sie
einen "Klick" gehört habe (Urk. 47 S. 25). Zwischendurch sei er einmal auf die
Toilette gegangen. Sie habe bei dieser Gelegenheit gehört, wie er den Schlüssel
zwei Mal gedreht habe. Am frühen Morgen habe er Geschlechtsverkehr gewollt
und begonnen sie zu berühren. Sie habe ihn gebeten, ein Präservativ anzuziehen
und auch die Piercings abzunehmen. Er habe das nicht gewollt. Sie habe ihn da-
rauf gebeten, wenigstens das Grosse, das vorne gewesen sei, abzunehmen
(Urk. 47 S. 26; Urk. 116 S. 28). Er habe das dann gemacht und sie gebeten, ihm
das Präservativ anzulegen und ihm eins zu blasen. Sie habe das dann gemacht.
Es sei aber klar gewesen, dass sie das nicht gewollt habe. Zurück gestossen
habe sie ihn nicht (Urk. 47 S. 29). Sie sei wie eine Marionette gewesen. "Wenn er
sagte, mach das, dann machte ich es" (Urk. 47 S. 27). Anlässlich der Berufungs-
verhandlung führte die Privatklägerin aus, sie habe dem Beschuldigten nicht ge-
sagt, dass sie keine sexuellen Handlungen wolle, aber "diese Person" (gemeint
der Beschuldigte) habe von Anfang an gewusst, dass sie nicht einverstanden
gewesen sei (Urk. 116 S. 27 f.). Danach habe er sie dann penetriert und sie habe
vor Schmerzen geschrien, worauf er zwischendurch aufgestanden und das offene
Fenster geschlossen habe. Dann sei er zurück aufs Bett gekommen und habe
fertig gemacht. Nachdem sie bei ihm geduscht habe, habe er ihr noch Geld für die
Kollegin (bei der sie Mietschulden gehabt haben soll) geben wollen, was sie aber
abgelehnt habe.
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3. Vorinstanzliche Sachverhaltswürdigung
3.1. Wenn Personen bewusst falsche Aussagen in Strafverfahren machen,
handelt es sich gemäss empirischer Erkenntnisse nie um eine von a bis z frei er-
fundene Geschichte. Dies bereits deshalb nicht, weil gewisse Sachverhalte stets
erwiesen sind oder vernünftigerweise gar nicht in Abrede gestellt werden können.
Wer falsche Aussagen macht, vermischt im Rahmen seiner Darstellung vielmehr
ganz gezielt wahre Begebenheiten mit unwahren Elementen, frühere (reale) Er-
innerungen mit Fiktion oder greift auf vorbestehendes (bspw. aus Büchern, TV
etc.), nicht dem eigenen Erleben entstammendes Wissen zurück (sog. Skript-
Wissen, dazu JANSEN, Zeuge und Aussagepsychologie, 2. Aufl., Heidelberg 2012,
Rz 418). Enthält eine Aussage zahlreiche glaubhafte Details, so vermag dies zwar
die Vermutung einer allgemeinen Glaubwürdigkeit der Person zu stärken, heisst
aber umgekehrt noch nicht, dass aus diesem Grund sämtliche Aussagen der
Wahrheit entsprächen. Quantitativer Detailreichtum für sich alleine ist eine not-
wendige, nicht aber hinreichende Bedingung einer positiven Beurteilung der
Glaubhaftigkeit (JANSEN, a.a.O., Rz 423). Dies insbesondere dann, wenn jener
Teil der Aussagen, der als sehr glaubhaft bewertet werden kann, mehrheitlich
nebensächliche oder für die aussagende Person unproblematische Details betrifft
(vgl. LUDEWIG/TAVOR/BAUMER, Wie können aussagepsychologische Erkenntnisse
Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, AJP 11/2011, S. 1415 ff.,
S. 1426 f. und S. 1428 i.f.). Entscheidend ist deshalb, dass sich die Aussage in
den bestrittenen, für die rechtliche Würdigung entscheidenden Punkten, im Kern-
geschehen, als glaubhaft erweist. Diese Grundsätze hat die Vorinstanz teilweise
ausser Acht gelassen (so bspw. im Zusammenhang mit den umstrittenen
Schliessverhältnissen im Schlafzimmer).
3.2. Das Bundesgericht hat in einem neueren Entscheid festgehalten, dass
freie Beweiswürdigung nicht bedeute, dass das Gericht nur seiner eigenen In-
tuition verpflichtet ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_804/2017 vom 23. Mai 2018
E. 2.2.3.1). Der Beweiswürdigung voraus zu gehen habe die Analyse und Fest-
stellung, welche der in der Anklageschrift vorgeworfenen Sachverhaltselemente
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überhaupt bewiesen sind und welche nicht. Die anschliessende Beweiswürdigung
betreffe die inhaltliche Auswertung der aufgenommenen Beweismittel.
3.3. Die Staatsanwaltschaft hat in ihrer Anklageschrift korrekt sämtliche Sach-
verhaltselemente aufgeführt, gestützt auf welche sie den Zwang und die Nötigung
herleitet. Es ist im Rahmen der Sachverhaltserstellung im Hinblick auf die rechtli-
che Subsumtion als Nötigung unabdinglich, über jedes dieser einzelnen Elemente
zu befinden, ob es rechtsgenügend erwiesen ist oder nicht.
4. Würdigung der Aussagen
4.1. Aussageverhalten des Beschuldigten und der Privatklägerin
4.1.1. Die Aussagen des Beschuldigten, insbesondere in seiner ersten polizei-
lichen Befragung nach seiner Verhaftung am Tag nach dem angeklagten Vorfall,
sind eher knapp und teilweise detailarm (Urk. 4/1). Auf Vorhalt der Vergewalti-
gung schilderte er den Verlauf der Tatnacht auf bloss acht Zeilen. Auf einzelne
Fragen hin antwortete er in der Folge oft mit einem blossen Nein oder den Wor-
ten, das stimmt nicht. Dabei ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass im All-
gemeinen nicht Vorgefallenes in der Regel auch gar nicht substantiiert bestritten
werden kann (vgl. BENDER/TREUER/NACK, Tatsachenfeststellung vor Gericht,
4. Aufl., München 2014, Rz 334). Immerhin vermochte der Beschuldigte aber
einen stimmigen Ablauf des besagten Abends zu Protokoll zu geben. Ebenso ist
nachvollziehbar, dass er bei der Darstellung des Sexualverkehrs mit der Privat-
klägerin aus Scham oder Angst vor Selbstbelastung zunächst etwas zurückhal-
tend war und schlüpfrige Details weg liess. Er war im Zeitpunkt der polizeilichen
Befragung nota bene nicht in anwaltlicher Begleitung. So gab er zum Beispiel an:
"Vor Mitternacht haben wir noch Pizza im Bett gegessen. Danach hatten wir ein-
vernehmlichen Sex. Danach bin ich aber bald eingeschlafen" (Urk. 4/1 Antwort
50). Hier erscheinen die Handlungsübergänge etwas stark verkürzt oder lücken-
haft. Ausgehend von seiner Version, wonach es erst am Morgen wegen der Be-
zahlung zum Konflikt gekommen sei, kann aus solchen Verkürzungen aber wenig
zu seinem Nachteil abgeleitet werden. Ansonsten sind in seinen Aussagen keine
Ungereimtheiten, Strukturbrüche, Ausweichtendenzen, Übertreibungen, abwer-
- 16 -
tende Bemerkungen über die Privatklägerin oder andere Fantasiesignale zu er-
kennen. Vor Vorinstanz und an der Berufungsverhandlung fiel die Schilderung
des Beschuldigten dann ausführlicher aus (Urk. 49 und Urk. 117). Es kann sein,
dass es ihm infolge des Zeitablaufs nun auch möglich war, sich eine stimmige
Darstellung auszudenken. Immerhin wirkt jene Version vor Vorinstanz aber so wie
eine Erzählung mit realem Hintergrund.
4.1.2. Die Privatklägerin konnte in ihrer ersten polizeilichen Befragung spontan ei-
ne detaillierte und in weiten Teilen natürlich und lebensnah wirkende Darstellung
zu Protokoll geben. Überzeugend wirkt ihre Erzählung allerdings nur hinsichtlich
des ganzen Ablaufs des Abends und verschiedener Umstände des Sexual-
verkehrs. In starkem Kontrast dazu stehen ihre Ausführungen hinsichtlich des
behaupteten vom Beschuldigten ausgeübten Zwangs und ihrer angeblichen Un-
freiwilligkeit bei den sexuellen Handlungen. Das geschilderte Verhalten der Pri-
vatklägerin erscheint in einigen dieser Punkte nicht nachvollziehbar, lebensfremd
bis hin zu sehr merkwürdig.
4.2. Verlauf der Abendunterhaltung im Wohnzimmer
4.2.1. Die Privatklägerin schilderte, dass der Abend zunächst sehr gut verlaufen
sei und eine gute Stimmung geherrscht habe (Urk. 4/1 Antwort 18, Urk. 4/2 S. 6
Antwort 23). Er habe ihr Champagner angeboten, von dem ihr allerdings schlecht
geworden sei. Sie hätten viel geredet und auch 'über sexuelle Beziehungen und
solche Dinge' (Urk. 4/2 S. 6 Antwort 23; so auch Urk. 116 S. 14 f.). Er habe er-
wähnt, dass er hohe Absätze möge, weshalb sie dann noch einmal zum Auto zu-
rückgegangen sei, um ihre High Heels zu holen. Sie hätten dann eine Pizza be-
stellt. Sie hätten weiter miteinander geredet, über seine privaten Verhältnisse,
seine zwei Kinder, seinen Beruf als ... [Beruf] und dass er Kugelschreiber samm-
le. Er habe auch sie nach ihrem Privatleben und ihrem Beruf gefragt. Diese Schil-
derung der Privatklägerin in der staatsanwaltlichen Befragung findet einen gewis-
sen Widerspruch zu ihrer Aussage in der polizeilichen Befragung, wo die Privat-
klägerin noch zu Protokoll gab: "Er spricht nicht viel. Er ist ein bisschen mysteriös.
Wenn ich ihm sehr intime Fragen gestellt habe, hat er mir nicht wirklich geantwor-
tet" (Urk. 4/1 Antwort 31). Die Privatklägerin fuhr dann fort, irgendwann zwischen
- 17 -
22 und 23 Uhr sei dann die Pizza gekommen. Der Beschuldigte habe sich ir-
gendwann einmal umgezogen und einen Bademantel angelegt (Urk. 4/2 S. 7). Sie
habe sich nicht darüber gewundert, denn die Situation sei bereits sexuell gewe-
sen, sie hätten sich umarmt und liebkost (Urk. 4/1 S. 4 Antwort 18; ähnlich auch
Urk. 116 S. 18 f.). Sie hätten weiter miteinander gesprochen, sich gut verstanden
und sich auch geküsst (Urk. 4/2 S. 6). Sie seien sich näher gekommen, der Be-
schuldigte habe ihr gefallen, sie habe Zuneigung und Zärtlichkeit gespürt (Urk. 4/2
S. 7). Dann seien sie ins Schlafzimmer gegangen.
4.2.2. Wenn die Verteidigung aus der Kleidung der Privatklägerin (Jumpsuit ohne
Unterwäsche und BH) – jedenfalls sinngemäss – ihre Bereitschaft zu sexuellen
Handlungen ableitet (vgl. Urk. 118 S. 23), dann ist dem zu entgegnen, dass selbst
die Privatklägerin (wie bereits erwähnt) ausgeführt hat, sie habe sich zu Beginn
des Abends durchaus einvernehmlichen Sex vorstellen können.
4.2.3. Bis zu diesem Zeitpunkt der Handlung ergeben sich keine wesentlichen
Widersprüche zwischen den Darstellungen in den Einvernahmen der Privatkläge-
rin und jenen des Beschuldigten. Auffällig ist einzig, dass nach Darstellung des
Beschuldigten die Pizza im Bett und nicht im Wohnzimmer gegessen worden sei
(Urk. 4/2 Antwort 14). Wie erwähnt wurde dieser Umstand spurentechnisch nicht
weiter abgeklärt (bspw. Essensrückstände resp. Brosamen im Bett etc.). Dies
wäre indes durchaus von Relevanz gewesen, denn wäre die Pizza quasi in trauter
Zweisamkeit im Bett gegessen worden, stünde dies im Widerspruch zur Dar-
stellung der Privatklägerin, wonach die Stimmung bei Betreten des Schlafzimmers
gekippt sei.
4.3. Betreten des Schlafzimmers
4.3.1. Die Privatklägerin führte aus, der Beschuldigte habe im Schlafzimmer
Sadomaso-Material bereit gelegt. Die Peitsche z.B. habe bereits auf dem Bett
gelegen (Urk. 4/1 S. 4 Antwort 18; Urk. 116 S. 19 und 21 f.). Sie habe ihn darauf
gefragt, was das soll und er habe ihr erklärt, dass er diese Sadomaso-Neigung
habe. In diesem Moment sei sie mit Sex nicht mehr einverstanden gewesen. In
ihrer staatsanwaltlichen Befragung hob die Privatklägerin dann für ihren Stim-
- 18 -
mungsumschwung punkto Sexualverkehr mehr die Aura des Raumes hervor:
"Das Zimmer war sehr niedrig. Es war dort dunkel und traurig. Es war keine gute
Stimmung in diesem Zimmer" (Urk. 4/2 S. 7). Anlässlich der Berufungsverhand-
lung führte die Privatklägerin aus, sie habe den Beschuldigten gefragt, was das
für Sachen seien. Er habe dann erwidert, dass sie beiden dies im Folgenden nun
bräuchten. Er habe ihr dann gesagt, sei solle sich ausziehen und aufs Bett legen.
Als sie gesagt habe, dass sie gehen wolle, habe er nein gesagt (Urk. 116 S. 19).
4.3.2. Etwas anders fiel die Sachdarstellung des Beschuldigten aus. So hätten sie
die Pizza zusammen auf dem Bett gegessen und nicht im Wohnzimmer. Zudem
bestätigte er zwar die Frage, ob es Sadomaso-Material im Schlafzimmer gehabt
habe, erklärte jedoch, dass sich dieses nicht auf dem Bett, sondern in einer offe-
nen Box in einem Gestell befunden habe, wie es auch im Polizeiprotokoll ver-
merkt sei (Urk. 4/2 Antwort 17; Urk. 117 S. 12). Es sei keine Peitsche auf dem
Bett gewesen (Urk. 4/1 Antwort 82). Sie hätte über Sadomaso gesprochen, zumal
in seinem Profil auf der Datingplattform stehe, dass er dazu nicht abgeneigt sei.
Dass im Übrigen von diesen Utensilien etwas eingesetzt worden war – ab-
gesehen von den Schnüren zur Fesselung der Hände –, behauptete auch die
Privatklägerin nicht.
4.3.3. Ob nun etwas vom Sadomaso-Material auf dem Bett gelegen hat oder alles
in einer Box im Gestell lag, lässt sich vor dem Hintergrund zweier differierender
Behauptungen, welche in diesem Punkt gleich glaubhaft einzustufen sind, nicht
rechtsgenügend beweisen. Dies wäre nur möglich, wenn man bei einer Gesamt-
würdigung aller Aussagen zum Schluss käme, dass eine Person ansonsten sehr
glaubhafte Aussagen und die andere sehr unglaubhafte Aussagen gemacht hat.
Vorbehältlich einer solchen Gesamtwürdigung kann der diesbezügliche Sach-
verhalt in der Anklage nicht als erwiesen betrachtet werden.
4.4. Penis-Piercings
4.4.1. Die Privatklägerin führte aus, nachdem sie das Schlafzimmer gemeinsam
betreten hätten, habe er den Bademantel ausgezogen und es sei für sie noch
schwieriger geworden. Er sei gut ausgestattet gewesen und habe ein grosses
- 19 -
Ding. Zudem habe er zwei Piercings am Penis, eines quer durch und ein zweites
an der Spitze oben drauf, sehr sehr gross (Urk. 4/1 S. 4 Antwort 18). Das habe ihr
Angst gemacht. Dann habe sie ihm gesagt, dass dies so nicht gehe und ihn ge-
fragt, ob er die Piercings wegnehmen könne. Er habe jedoch erwidert, dass es
nur mit den Piercings gehe. In der staatsanwaltlichen Befragung ergänzte die Pri-
vatklägerin diese Darstellung dann noch mit dem Geruch: "Der Mann zog dann
seinen Bademantel aus und das erste was mir auffiel, war ein sehr starker Duft,
nach etwas Verdorbenem, das von seinem Geschlechtsteil her kam. (...) Ich sah,
dass dieses Piercing noch frisch war und noch nicht verheilt war und dass es
diesen Gestank ausströmte. In diesem Moment sagte ich mir, dass das nichts für
mich sei. Bevor ich ihm sagen konnte, dass das nichts für mich sei, fragte ich ihn
noch, ob das alles mit diesen Piercings stattfinden werde und er sagte ja"
(Urk. 4/2 S. 7; ähnlich zuletzt Urk. 116 S. 20). Im Rahmen der Berufungsverhand-
lung erwähnte die Privatklägerin den vom Penis ausgehenden Geruch erst auf
konkrete Nachfrage ihrer Rechtsvertreterin (Urk. 116 S. 35).
4.4.2. Der Beschuldigte sagte diesbezüglich in seiner staatsanwaltlichen Einver-
nahme aus, er könne sich daran erinnern, dass die Privatklägerin gesagt habe,
dass sie ein Piercing nicht wolle und das er dieses entfernt habe (Urk. 4/2 Antwor-
ten 20 und 21). An der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte auf Frage
aus, die Privatklägerin habe sich am grossen Piercing gestört, weshalb er es
schon vor dem Oralverkehr abgenommen und in der Folge nicht mehr angezogen
habe (Urk. 117 S. 13).
4.4.3. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass es am Abend bzw. in der
Nacht dann auch nicht zu Geschlechtsverkehr mit den Piercings gekommen war,
sondern zu anderen sexuellen Handlungen und Oralverkehr. Auch wenn die Pri-
vatklägerin ihre Abneigung gegen Penis-Piercings sehr glaubhaft zu schildern
vermochte, so beweist dies noch nicht, dass andere sexuelle Handlungen am
Abend mit Zwang ausgeführt worden sind. Eine solche Schlussfolgerung wäre
ebenso unzulässig wie umgekehrt zu sagen, wegen den vorgängigen freiwilligen
Küssen sei erwiesen, dass die Privatklägerin auch mit allen später folgenden
- 20 -
Handlungen einverstanden gewesen sei. Insofern ergibt dieser Sachverhaltsteil
keine erheblichen Aufschlüsse über eine Nötigung am Abend.
4.5. Drohungen und Einsperren
4.5.1. Weiter gab die Privatklägerin zu Protokoll, sie habe daraufhin gesagt, dass
sie es vorziehe zu gehen, er aber in diesem Moment die Türe verschlossen habe.
Er habe dabei wörtlich gesagt, es würde sowieso etwas passieren und es sei in
ihrem Interesse, dass sie kooperiere (Urk. 4/1 S. 4). Wenn sie kooperieren werde,
würde es ihr nicht weh tun und sie könne danach gehen. "Er hat mich ganz klar
bedroht. Ich hatte Angst. Er ist ... [Beruf]. Ich sah all die Sachen. Ich dachte er
könnte mich umbringen und niemand wüsste, wo ich bin. Dann habe ich gedacht,
wenn ich kooperiere, dann könne ich anschliessend gehen" (Urk. 4/1 S. 4 Antwort
18). In ihrer staatsanwaltlichen Einvernahme erklärte die Privatklägerin, auf ihre
Äusserung hin, wonach sie gehen werde, habe er ihr erwidert, dass sie ihm vor-
gängig versprochen habe über Nacht zu bleiben und sie müsse sich an dieses
Versprechen halten. Er habe dann die Türe zugemacht und ihr befohlen, sie
müsse sich ausziehen und aufs Bett legen, es sei besser, wenn sie kooperiere,
denn er sei ja ... [Beruf] und wisse, wie man jemanden zum Verschwinden brin-
gen könne ohne Spuren zu hinterlassen (Urk. 4/2 S. 8 Antwort 23). Anlässlich der
Berufungsverhandlung schilderte sie diese Situation folgendermassen (Urk. 116
S. 20): "Ich sagte zu ihm "nein", ich wolle gehen. Er sagte dann sehr deutlich, ich
solle mich ausziehen und aufs Bett legen. Ich begann hinten den Overall auszu-
ziehen, aber es klemmte. Er hat ihn dann ausgezogen." Und weiter (Urk. 116
S. 20): "Davor hat er die Türe geschlossen und ich legte mich aufs Bett. Er hat
mich an den Armen auf dem Bett gefesselt. Er ist auf mich gekommen. Er begann
mich am Körper zu küssen. Er sagte zu mir, ich müsse ihm in die Augen blicken
und ich müsse ihm sagen, dass ich seine kleine Unterworfene sei." Auf Nachfrage
gab die Privatklägerin an, sie hätte die Türe aufmachen können, aber sie habe
nicht versucht das Schlafzimmer zu verlassen und habe auch nicht um Hilfe geru-
fen (Urk. 116 S. 22). Im freien Bericht erwähnte die Privatklägerin zunächst nichts
davon, dass der Beschuldigte sie umbringen resp. verschwinden lassen könne.
Erst auf Nachfrage, weshalb sie nicht versucht habe zu gehen, machte sie gel-
- 21 -
tend, der Beschuldigte habe ihr gesagt, sie müsse kooperieren, sonst würde es
schlimm ausgehen. Er wüsste, wie man Menschen zum Verschwinden bringen
könne. Sie habe zu grosse Angst gehabt, ihm etwas entgegenzuhalten oder einen
Versuch zu unternehmen (Urk. 116 S. 26).
4.5.2. Auf Vorhalt dieser Aussagen der Privatklägerin entgegnete der Beschuldig-
te, dass dies alles erstunken und erlogen sei (Urk. 4/1 Antwort 84). So etwas ha-
be es nicht gegeben. Er könne sich nicht erinnern, dass die Privatklägerin gesagt
habe, sie wolle gehen (Urk. 4/3 Antwort 24). Die von der Privatklägerin behaupte-
ten Äusserungen habe er nicht gemacht, diese seien absurd und stimmten nicht
(Urk. 4/3 Antworten 26 und 27). Wenn er als ... [Beruf] eines wisse, dann dass es
eben nicht möglich sei, jemanden zum Verschwinden zu bringen. So einen Blöd-
sinn habe er sicherlich nicht gesagt (Urk. 117 S. 16). Er könne sich nicht erinnern,
dass er sonst etwas zur Privatklägerin gesagt habe, das sie als Druck oder Dro-
hung hätte auffassen können. Sie hätte jederzeit gehen können (Urk. 117 S. 14
und 16). Zum Abschliessen der Türe machte der Beschuldigte geltend, es sei eine
alte Wohnung, bei welcher innen alles schief sei und die Zimmer gar keine
Schlüssel hätten. Und bei der Hauseingangstüre stecke der Schlüssel immer im
Schloss (Urk. 4/1 Antwort 97). Zudem habe er der Privatklägerin einen Haus-
schlüssel gegeben, als diese die hohen Schuhe aus dem Auto habe holen wollen.
Diesen Schlüssel habe sie ihm mutmasslich nicht mehr zurückgegeben, was er
daraus schliesse, dass er später einen der Schlüssel vermisst habe (Urk. 4/1
Antworten 76 und 97; Urk. 117 S. 7 und 14). An der Berufungsverhandlung führte
der Beschuldigte wiederum aus, er habe die Türe nicht abgeschlossen. Er habe
bis zur Einvernahme bei der Polizei nicht einmal gewusst, dass er einen Schlüssel
zu dieser Türe habe (Urk. 117 S. 13 und 16).
4.5.3. Bei der Geschichte mit dem Abschliessen der Türe bleibt offen, ob die Pri-
vatklägerin ein blosses Schliessen der Türe meinte oder ein Abriegeln mit einem
Schlüssel. Immerhin wäre dies ein qualitativ wesentlicher Unterschied. Klar ist
mittlerweile, dass ein Schlüssel vorhanden war. Ebenso klar ist aber auch, dass
die Türe nicht dergestalt zu resp. geschlossen war, dass die Privatklägerin sich
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nicht hätte aus dem Zimmer begeben können. Sie selbst sagte an der Berufungs-
verhandlung, sie hätte die Türe öffnen können.
4.5.4. Für einen rechtsgenügenden Beweis der behaupteten bedrohlichen Äusse-
rungen des Beschuldigten reichen die Aussagen der Privatklägerin nicht aus. Es
erscheint zwar nicht unmöglich, aber doch eher realitätsfremd, dass der Beschul-
digte plötzlich zu solchen Drohungen gegriffen hat. Natürlich gibt es Psycho-
pathen mit gestörtem Sexualtrieb, welche zu solchen Mitteln greifen, um ein Opfer
gefügig zu machen. Solche Täter nötigen und vergewaltigen aber für gewöhnlich
auch nicht in der eigenen Wohnung inmitten einer Altstadt. Der Beschuldigte ist
weder einschlägig vorbestraft noch ist bekannt, dass er wegen einer patholo-
gischen sexuellen Veranlagung in psychotherapeutischer Behandlung ist. Vorlie-
gend bestand grundsätzlich die Bereitschaft der Privatklägerin zu sexuellen Hand-
lungen. Die Atmosphäre sei zuerst sehr gut gewesen und man habe sich geküsst
und umarmt. Zumindest unter normalen Verhältnissen hätte der Beschuldigte ja
auf Wünsche der Privatklägerin um eine für sie angenehmere Stimmung problem-
los eingehen können und hätte die Aussicht gehabt, trotzdem noch zu sexueller
Befriedigung zu kommen. Sein von der Privatklägerin behaupteter plötzlicher
Stimmungsumschwung von charmant und zärtlich auf bedrohlich und dominant
erscheint zumindest sehr ungewöhnlich und deshalb nur beschränkt glaubhaft.
Wie bereits erwähnt, möglich wäre es, dass solche Äusserungen gefallen sind,
rechtsgenügend bewiesen sind sie aber nicht. Sowohl die Version der Privatklä-
gerin als auch jene des Beschuldigten können nicht mit Sicherheit als Lüge oder
Wahrheit qualifiziert werden. Gegen die Glaubhaftigkeit der Darstellung der Pri-
vatklägerin spricht aber die Entwicklung ihrer Aussagen zu diesem Komplex. Zu-
nächst – gegenüber der Polizei – machte sie geltend, er sei ... [Beruf]. Sie habe
all die Sachen gesehen. Sie habe sich gedacht (sic!), er könnte sie umbringen
und niemand wüsste, wo sie sei. Sie habe sich gedacht (sic!), wenn sie kooperie-
re, dann könne sie anschliessend gehen (Urk. 4/1 S. 4 Antwort 18). Diese be-
haupteten Drohungen waren nach dieser Darstellung nicht Äusserungen des Be-
schuldigten, sondern vielmehr innere eigene Denkvorgänge der Privatklägerin. In
ihren jüngsten Schilderungen wurden diese Drohungen dann zu Äusserungen des
Beschuldigten: Er habe ihr gesagt (sic!), sie müsse kooperieren, sonst würde es
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schlimm ausgehen. Er wüsste (sic!), wie man Menschen zum Verschwinden brin-
gen könne. Es ist nicht so, dass die Privatklägerin damit der vorsätzlichen Lüge
überführt wäre. Aber diese Aussageentwicklung zeigt doch deutlich, wie sich inne-
re (durchaus verständliche) Vorgänge dann im Laufe der Zeit zu angeblich realen
Äusserungen des Beschuldigten gewandelt haben. Ein Beispiel, wie sich Fiktion
und Realität vermischen. Bei der letzten Einvernahme der Privatklägerin im Rah-
men der Berufungsverhandlung fällt überdies auf, dass die Privatklägerin von die-
ser angeblichen Drohung zunächst in ihrem freien Berichten über den Verlauf ab
Betreten des Schlafzimmers nichts erwähnte (vgl. Urk. 116 S. 18 ff.). Erst auf
konkrete Nachfrage, weshalb sie nicht versucht habe das Zimmer zu verlassen,
obwohl sie gemäss ihren eigenen Aussagen die Türe hätten aufmachen können,
erwähnte sie die angebliche Drohung.
4.5.5. Schliesslich steht auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer solchen
Drohung im Raum. Die Privatklägerin insinuiert, dass der Beschuldigte sie hätte
verschwinden lassen können, ohne dass irgendjemand vom Beschuldigten und
ihrem Treffen erfährt. Nach übereinstimmenden Sachdarstellungen des Beschul-
digten und der Privatklägerin hat jedoch die Zeugin C._ zu einem früheren
Zeitpunkt am Abend angerufen und dabei erfahren, dass die Privatklägerin beim
Beschuldigten ist. Und dieses Telefonat hat der Beschuldigte auch mitbekommen.
Ein quasi unbemerktes Verschwindenlassen der Privatklägerin, womit der Be-
schuldigte gedroht haben soll, wäre also gar nicht mehr möglich gewesen.
4.5.6. Und selbst wenn Äusserungen in der Art wie geschildert objektiv gefallen
sind und sich rechtsgenügend beweisen liessen, so bliebe im vorliegenden Kon-
text der subjektive Tatbestand einer Nötigung zweifelhaft. Der Beschuldigte mach-
te aus seiner Sadomaso-Vorliebe keinen Hehl und deklarierte dies offen in sei-
nem Profil auf der Datingplattform "D._" (Urk. 1 Anhang Polizeirapport;
Urk. 5/2 Anhang Einvernahmeprotokoll). Er hatte keine Veranlassung anzuneh-
men, dass die Privatklägerin, zu welcher der Kontakt über diese Plattform zustan-
de gekommen war, dies vorgängig nie gelesen hatte (Urk. 47 S. 15). Es könnte
deshalb auch nicht ausgeschlossen werden, dass er besagte Äusserungen als
"Teil des Spiels" betrachtete. Unter solchen Umstände sind auch Äusserungen im
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Befehlston nicht ungewöhnlich, sondern wohl die Regel und allein aufgrund der
Worte des Gegenübers, "es wolle gehen", auf Unfreiwilligkeit bzw. eine sexuelle
Nötigung zu schliessen, wäre willkürlich.
4.6. Fesselung auf dem Bett und erste sexuelle Handlungen
4.6.1. Gemäss Anklageschrift, welche auf der Darstellung der Privatklägerin be-
ruht, habe die Privatklägerin ihr Kleid nicht öffnen können, weshalb ihr der Be-
schuldigte abrupt den Reissverschluss geöffnet habe (Urk. 20 S. 3). Selbst schil-
derte die Privatklägerin vor Vorinstanz, dass sie begonnen habe, ihren Overall
hinten zu öffnen. Dies sei ihr fast nicht gelungen, weil sie gezittert habe. Dann
habe ihr der Beschuldigte geholfen, diesen auszuziehen (Urk. 47 S. 17; anlässlich
der Berufungsverhandlung machte sie geltend, der Overall resp. der Reiss-
verschluss habe geklemmt, Urk. 116 S. 20). Dies ist eine recht unauffällige For-
mulierung, die mit der suggerierten Heftigkeit des Öffnens im Anklagesachverhalt
nicht korreliert. In der Folge habe ihr der Beschuldigte befohlen, sich auf das Bett
zu legen und habe ihre Hände seitlich am Bett mit Schnüren gefesselt. Anschlies-
send sei er auf sie "drauf gekommen" und habe ihren ganzen Körper abgeküsst
(so zuletzt auch Urk. 116 S. 20). Schliesslich habe er Gleitmittel genommen und
sie dann zuerst mit den Fingern, danach mit der ganzen Hand, mehrfach vaginal
und anal penetriert. Dies obwohl sie ihm gesagt habe, dass es ihr weh tue. In ih-
ren Befragungen machte die Privatklägerin noch weitere Angaben. So hätten auf
dem Bett blaue Pillen gelegen, von welchen er genommen habe. Dabei habe es
sich offensichtlich um Viagra gehandelt. Nachdem er ihre Hände mit Schnüren
seitlich am Bett befestigt habe, habe er sie im Intimbereich rasiert. Sie habe ge-
sehen, dass er mit der ganzen Hand in ihr drin gewesen sei. Er habe dann die
Hand wieder raus und in seinen Mund genommen. Das habe er viele Male ge-
macht, auch hinten. Es habe lange gedauert (Urk. 5/2 S. 9). Ähnlich schilderte sie
den Vorgang anlässlich der Berufungsverhandlung (Urk. 116 S. 20 ff.). Er habe ihr
sehr deutlich gesagt, sie solle sich ausziehen und aufs Betten legen. Er habe die
Türe geschlossen und sie habe sich aufs Bett gelegt, wo er sie an den Armen auf
dem Bett gefesselt habe, auf sie gekommen sei, begonnen habe sie zu küssen.
Dann habe er die Hand vorne und hinten in sie hineingetan und die Flüssigkeit
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getrunken bzw. die Hand abgeleckt. Das habe er mehrere Male gemacht
(Urk. 116 S. 19 f.). Die Fesseln seien bereits vorbereitet gewesen. Es seien Seile/
Bänder gewesen. Die Bänder seien durch die Seile verlängert gewesen. Auf die
Frage, ob er sie gewaltsam gefesselt habe, gab die Privatklägerin an (Urk. 116
S. 23): "Auf jeden Fall äusserst entschlossen." Sie habe sich gegen das Fesseln
nicht zur Wehr gesetzt. Sie wisse nicht, weshalb sie sich nicht gewehrt habe. Sie
sei "wie neutralisiert" gewesen (Urk. 116 S. 23). Die Frage des Beschuldigten
während der Penetration mit der Hand, ob sie Angst habe, habe sie mit nein be-
antwortet (Urk. 116 S. 24). Der Beschuldigte habe aber gewusst, dass sie keine
sexuellen Handlungen gewollt habe, dies, weil die "Laute des Schmerzes andere
sind, als die Laute des Vergnügens, des Geniessens" (Urk. 116 S. 24). Von der
Intimrasur erwähnte die Privatklägerin an der Berufungsverhandlung nichts.
4.6.2. Bei dieser Darstellung der Privatklägerin erweckt wiederum der Umstand,
dass sie keinen relevanten Widerstand geleistet habe, erhebliche Zweifel. Ihr
Verhalten lässt sich nicht im Geringsten mit jenem von anderen Vergewaltigungs-
opfern vergleichen. Ihre Behauptung, sie habe Angst davor gehabt, der Beschul-
digte könne sie umbringen (Urk. 5/1 S. 4; vgl. dazu auch vorstehend), ist eine so-
genannte innere Tatsache bzw. ein Gefühl, das einem wissenschaftlichen Beweis
oder Gegenbeweis nicht zugänglich ist. Für einen rechtsgenügenden Beweis darf
auf ein solches Angstgefühl geschlossen werden, wenn genügend äussere Um-
stände darauf zwingend schliessen lassen. Vorliegend fehlt es an solchen Um-
ständen. Es mag zwar sein, dass der Beschuldigte ihr körperlich und intellektuell
überlegen war. Wie erwähnt, war die Privatklägerin aber im Tatzeitpunkt 32-jährig,
sexuell nicht unerfahren und geistig eben so wenig zurückgeblieben. Sie war auch
weder emotional noch z.B. beruflich vom Beschuldigten in irgendeiner Weise
abhängig. Auch aufgrund der gesamten objektiven Umstände hatte die Privat-
klägerin keinerlei Veranlassung zu glauben, der Beschuldigte werde sie um-
bringen. Vergewaltiger handeln in der Regel entweder in einem bestehenden
Beziehungsumfeld oder in der Anonymität und geben ihre Identität nicht preis. Die
Privatklägerin verbrachte den Abend mit dem Beschuldigten zusammen in guter
Atmosphäre und hatte auch nach eigenem Bekunden keinerlei Hinweise, dass es
sich beispielsweise um einen verhaltensgestörten Sexualneurotiker handle. Der
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Beschuldigte wurde auch nie physisch gewalttätig. Vor einem solchen Hintergrund
wäre es der Privatklägerin zuzumuten gewesen, dass sie zumindest den Versuch
gemacht hätte, die Wohnung zu verlassen oder beispielsweise durch Hilferufe auf
sich aufmerksam gemacht hätte.
4.6.3. In Bezug auf ihren Widerstand gegen die sexuellen Handlungen gab die
Privatklägerin an, sie habe beim Penetrieren mit der Hand gesagt, es tue ihr weh
und danach habe sie ihn gefragt, ob sie nun gehen dürfe (Anklageschrift S. 3;
vgl. auch Urk. 116 S. 25 f.). Grundsätzlich darf in Straffällen nie verallgemeinert
werden; jeder Fall unterscheidet sich vom anderen. Solche Äusserungen eines
Opfers können deshalb andernorts durchaus geeignet sein, einem Täter die Un-
freiwilligkeit der sexuellen Handlungen vor Augen zu führen, beispielsweise wenn
vorgängige physische Gewalt angewendet wurde, wenn ein starkes Abhängig-
keitsverhältnis oder entwicklungsbedingtes Gefälle zwischen Opfer und Täter
besteht. Vorliegend sind keinerlei solcher Umstände vorhanden, weshalb solche
Äusserungen die Schwelle des eingangs erwähnten zumutbaren Widerstands
nicht erreichen.
4.6.4. Ihre Erklärung, sie habe gedacht, wenn sie kooperiere, dann könne sie an-
schliessend gehen (Urk. 5/1 S. 4), er sei halt eine imposante Person und sie habe
Angst vor Schlägen oder dass er sie mit einer Waffe erschiesse oder sie erwürge,
gehabt (Urk. 5/2 Antworten 32 und 33), überzeugt in keiner Weise, da keine reale,
objektive Bedrohungssituation herrschte. Vor Vorinstanz und auch an der Beru-
fungsverhandlung bestätigte die Privatklägerin, dass der Beschuldigte keine Ge-
walt angewendet habe (dazu vorstehend). Es sei einfach seine Haltung gewesen,
die Zeit, die er sich genommen habe und wie er ihr es klar gemacht habe, wes-
halb sie Angst gehabt habe, die Situation zu verschlimmern (Urk. 47 S. 18). Die
Privatklägerin wurde auch gefragt, weshalb sie denn nicht einfach rechtsumkehrt
gemacht und zur Türe hinaus aus der Wohnung gegangen sei (Urk. 47 S. 17).
Auch hier tönte ihre Antwort wenig überzeugend: "Das geschah vor der Schlaf-
zimmertüre. Dann machte er die Türe zu. Ich hatte Angst, wusste nicht, was ge-
schehen wird." Es darf mit Fug als äusserst ungewöhnlich bezeichnet werden,
dass ein Vergewaltigungsopfer, das Todesängste ausgestanden hatte, eine solch
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lapidare, detail- und emotionslose Aussage macht. Anlässlich der Berufungs-
verhandlung stellte die Privatklägerin dann auch klar, dass sie die Türe hätte auf-
machen können (dazu bereits vorstehend).
4.6.5. Der Beschuldigte bestritt, die Privatklägerin zu irgendwelchen sexuellen
Handlungen gezwungen zu haben (so zuletzt Urk. 117 S. 7 ff.). Er blieb allerdings
hinsichtlich der Schilderung, was genau vorgefallen war, äusserst knapp, was
diesbezüglich erhebliche Zweifel erweckt. So schilderte er in der ersten polizei-
lichen Befragung, es sei kurz zu sexuellen Handlungen gekommen, danach sei er
eingeschlafen (Urk. 4/1 Antwort 85; Urk. 117 S. 7 f.). In der staatsanwaltlichen
Einvernahme gab er zunächst zu Protokoll: "Beim sexuellen Kontakt am Abend
kann ich mich nur noch an ein gewisses Petting, an Streicheleinheiten und Oral-
verkehr erinnern und dann bin ich eingeschlafen" (Urk. 4/2 Antwort 23). Etwas
später in der Einvernahme ergänzte er, dass sie zwischen dem Essen und ins
Bett gehen noch geduscht hätten. Das mit der Intimrasur stimme, allerdings habe
dies in der Dusche und gegenseitig stattgefunden (Urk. 4/3 Antwort 28). Es sei
auch richtig, dass auf dem Nachttisch eine Schachtel mit Tabletten gelegen habe.
Diese seien tatsächlich blau, aber es sei nicht Viagra sondern Stillnox, ein starkes
Schlafmittel. Davon habe er am besagten Abend sicher keine genommen, denn
ansonsten wäre er in drei Minuten weg gewesen (Urk. 4/3 Antwort 28). Die
Schlafzimmertüre sei sicher nicht verschlossen gewesen und an das Bett ge-
fesselt habe er die Privatklägerin auch nicht (Urk. 4/3 S. 7; so auch Urk. 117
S. 12). Wenn er dies getan hätte, so hätte er die gefütterten Ledermanschetten,
welche im Übrigen die Polizei auch fotografiert habe, verwendet (Urk. 4/3 Antwort
30). Er könne sich nicht daran erinnern, mit den Fingern in die Geschädigte ein-
gedrungen zu sein und wenn die Privatklägerin noch mehr behaupte, so gehe ihre
Fantasie mit ihr durch (Urk. 4/3 Antworten 32 - 34). Zu Geschlechtsverkehr sei
es am Abend nicht gekommen, aber im Genitalbereich habe er die Privatklägerin
berührt (Urk. 4/3 Antwort 31). An der Berufungsverhandlung hingegen führte der
Beschuldigte aus, es sei zu Oralverkehr und zu normalem Geschlechtsverkehr
gekommen, nicht aber zu Petting-Handlungen (Urk. 117 S. 12 f.). Er habe sie
nicht gefesselt und die Türe sei nicht abgeschlossen gewesen (Urk. 117 S. 12 f.).
Ihm sei nicht aufgefallen, dass bei der Privatklägerin nach resp. bei Betreten des
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Schlafzimmers ein Stimmungswechsel stattgefunden habe. Sie habe auch nie
den Wunsch geäussert, dass sie das Zimmer verlassen wolle. Sie habe ihm nie
verständlich gemacht, dass sie habe gehen wollen bzw. dass sie nicht zufrieden
sei. Das wäre kein Problem gewesen. Es habe immer wieder Frauen gegeben,
die es sich anders überlegt hätten und gegangen seien. Die Privatklägerin hätte
jederzeit gehen können (Urk. 117 S. 14 f.).
4.6.6. Wenngleich der Beschuldigte eine Fesselung der Privatklägerin nicht
glaubhaft widerlegen konnte, kann offen bleiben, ob eine solche stattgefunden
hat oder nicht, denn es fehlt zumindest der rechtsgenügende Beweis, dass dies
gegen den Willen der Privatklägerin geschehen ist.
4.6.7. Das medizinische Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin basiert auf
einer körperlichen Untersuchung am 7. Juni 2016 um ca. 20:30 Uhr (Urk. 10/8).
Bei der Befundaufnahme der Arme ist zu lesen:
- An der rechten Unterarminnenseite, mittig bis handgelenknah, eine ca. 1 cm
lange, von oben beugeseitig nach unten streckseitig verlaufende, braune, ver-
schorfte Hautabtragung ohne erkennbare Schürfrichtung.
- An der linken Unterarmbeugeseite, handgelenknah, 5 gruppiert stehende, bis
ca. 0,3 cm durchmessende, rote, nicht wegdrückbare Hautverfärbungen.
- Ca. 1 cm daumenwärts davon eine doppelkonturiert imponierende, nahezu
quer zur Extremitätenlängsachse verlaufende, am kleinfingernahen Ende leicht
handwärts gebogene, rote, nicht wegdrückbare Hautverfärbung mit zentraler
Abblassung.
Wenngleich diese Befunde, die nicht fotografisch dokumentierte wurden, was eine
gerichtliche Bewertung sehr erschwert, ein gewisses Indiz für eine Fesselung dar-
stellen, so belegen sie doch zumindest keine erhebliche Gegenwehr der Privat-
klägerin – was diese notabene auch nicht geltend gemacht hat.
4.6.8. Viel bedeutender erscheint demgegenüber, dass der gynäkologische Be-
fund keine Verletzungen und keine auffälligen Sekretantragungen im Genital- und
Analbereich ergab (Urk. 10/8 S. 3). Wenngleich im Gutachten festgehalten wird,
dass bei einer Frau im geschlechtsreifen Alter bei unfreiwilligem vaginalen und
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analen Verkehr nicht zwingend Verletzungen resultieren müssten, so sind doch
gewisse nicht überwindbare Zweifel an der Version der Privatklägern angebracht,
wonach der Beschuldigte in roher Weise viele Male mit seiner ganzen Hand
vaginal und anal in sie eingedrungen sei. Auch vom persönlichen Gynäkologen,
zu welchem sich die Privatklägerin einige Stunden nach dem Vorfall begab, wurde
ein ärztlicher Bericht eingeholt. Er schreibt, dass die Privatklägerin in schlechter
psychischer Verfassung gewesen sei und gesagt habe, sie sei vergewaltigt
worden. Sie habe nur eine äussere Inspektion der Genitalien gewollt und diese
sei kursorisch unauffällig gewesen. Auf ihren Wunsch hin habe er sie für eine
Woche krank geschrieben (Urk. 6/3).
4.7. Zeit in der Nacht
4.7.1. Die Privatklägerin schilderte, der Beschuldigte habe sie danach losge-
bunden, worauf sie ihn gefragt habe, ob sie nun gehen könne. Dies habe er mit
nein beantwortet, sie könne nicht gehen (Urk. 5/1 S. 4; so auch Urk. 116 S. 21).
Dann fuhr die Privatklägerin fort: "Ja, ich lag sowieso neben ihm, ich konnte nicht
schlafen. Er lag auch da und er hat auch nicht viel geschlafen. Er hatte immer
eine Hand oder einen Fuss auf mir, wenn ich mich bewegte, ich glaube das war,
um mich zu kontrollieren" (Urk. 5/1 S. 4; ähnlich Urk. 116 S. 26). Sie gab an der
Berufungsverhandlung weiter an, sie habe nicht versucht, sich vorsichtig unter
seiner Hand resp. seinem Fuss wegzuziehen (Urk. 116 S. 26). Sie habe auch
nicht versucht, das Zimmer zu verlassen, als dieser auf die Toilette gegangen sei.
Er habe die Türe hinter sich geschlossen. Ihr Mobiltelefon habe sich auf der
Leiste beim Bett befunden. Sie habe aber nicht daran gedacht, um Hilfe zu rufen
resp. den Notruf zu wählen (Urk. 116 S. 27). Auch diesbezüglich kann der Privat-
klägerin aufgrund der bereits vorstehend dargelegten Umstände schwer geglaubt
werden, dass ihr ein Verlassen der Wohnung nicht möglich gewesen bzw. nicht
zumutbar gewesen sei.
4.7.2. Auch lieferte die Privatklägerin überhaupt keine (überzeugende) Erklärung,
was in der langen Zeit zwischen den ersten sexuellen Handlungen in der Nacht
und jenen am Morgen passiert sein soll resp. in welchem Gefühlszustand sie sich
befunden haben soll. Sie selber sei nicht aufs WC gegangen (Urk. 116 S. 27). Es
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wäre, wenn das Ganze ein einziges Martyrium für die Privatklägerin gewesen sein
soll, doch zu erwarten, dass irgendwelche Erinnerungen an diese qualvollen
Stunden bis zum Morgen in irgendeiner Form in ihrem Gedächtnis verhaftet
wären.
4.8. Erneute sexuelle Handlungen am Morgen
4.8.1. Gemäss Anklage sei es am frühen Morgen wieder zu sexuellen Handlun-
gen gekommen. Die Privatklägerin schilderte, der Beschuldigte habe gesagt, er
wolle Sex. "Dann sagte ich, okay, dann nimm deine Piercings weg" (Urk. 5/1
S. 4). Der Beschuldigte habe dann aber nur das grosse Penis-Piercing weg-
genommen und von ihr verlangt, dass sie ihm eins "Blase" [Oralverkehr], was sie
dann auch gemacht habe. Zuvor habe sie gesagt, es sei besser ein Präservativ
zu benutzen. Sie habe eines genommen und er habe sie gebeten ihm dieses über
zu ziehen (Urk. 5/1 S. 4; vgl. auch Urk. 116 S. 21). Auch am Morgen habe sie ihm
nicht gesagt, dass sie keine sexuellen Handlungen (vornehmen) wolle. Aber
(Urk. 116 S. 27 f.): "Diese Person wusste von Beginn weg, dass ich es nicht
wollte, weil ich es ihm von Anfang an gesagt habe, ich wolle es nicht, ich wolle
gehen. Diese Person wusste von Anfang an, dass ich nicht einverstanden bin."
4.8.2. Danach habe er auch noch Geschlechtsverkehr gemacht. Er habe ihr die
Flasche mit Gleitmittel gegeben und sie gebeten, es aufzutragen, was sie ge-
macht habe. Dann habe er angefangen und sie habe dabei Schmerzen gehabt
und geschrien, worauf er aufgestanden und das offene Schlafzimmerfenster ge-
schlossen habe (Urk. 5/1 S. 5). Dann habe er fertig gemacht und dann habe sie
gehen können. Er habe jedoch gesagt, dass sie zuerst noch duschen müsse.
Darauf habe sie mit ihm zusammen geduscht (vgl. ähnlich zuletzt auch Urk. 116
S. 21).
4.8.3. Auch diese Schilderung tönt in keiner Weise wie die Erzählung eines Ver-
gewaltigungsopfers. Wie der Beschuldigte beispielsweise hätte erkennen können,
dass die Privatklägerin mit keiner der sexuellen Handlungen einverstanden war,
erhellt aus der Darstellung der Privatklägerin nicht. Vielmehr führte sie aus, dass
sie "okay" gesagt habe und dies in einer "entspannten Atmosphäre", weil sie ihn
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nicht habe aufregen wollen (Urk. 5/1 S. 4). Ihre Erklärung, sie habe so tun müs-
sen, als ob sie einverstanden gewesen wäre, damit er seine Piercings entfernt,
überzeugt nicht. Einem neutralen Leser ihrer Aussagen drängt sich laufend die
Frage auf, was denn tatsächlich passiert wäre, wenn die Privatklägerin ein klares
Nein gesagt hätte oder wenn sie die Wohnung einfach verlassen hätte? Unter den
vorliegenden Umständen bleibt es bei einer blossen theoretischen Möglichkeit,
dass der Beschuldigte sie gewaltsam zurückbehalten hätte. Schliesslich ist es
auch völlig atypisch, dass Täter und Opfer einer Vergewaltigung nach der Tat
noch gemeinsam duschen. Denkbar ist dies bei einem schwer drangsalierten und
verängstigten Opfer, bei Androhung massiver physischer Gewalt und weiterer
Umstände, beispielsweise einer vorgängigen Entführung an einen abgelegenen
Ort oder wenn der Täter infolge anderer Umstände grosse Macht über das Opfer
hat. Solches ist vorliegend nicht ansatzweise der Fall. Die Erklärung der Privat-
klägerin, der Beschuldigte habe an ihr Spuren beseitigen wollen, vermag schlecht
einzuleuchten (Urk. 5/2 S. 17 Antwort 87).
4.8.4. Gemäss der Version des Beschuldigten hätten sie am frühen Morgen ein-
vernehmlichen Sex gehabt (Urk. 4/1 Antwort 91; Urk. 117 S. 8). Er habe in keiner
Weise den Eindruck gehabt, dass dies unfreiwillig gewesen sei (vgl. zuletzt
Urk. 117 S. 15). Soweit er sich erinnern könne, sei die Initiative von der Privat-
klägerin ausgegangen (Urk. 117 S. 15). Dann habe die Privatklägerin Geld ver-
langt, was er abgelehnt habe, weshalb es zum Streit gekommen sei. Dabei habe
sie laut herumgeschrien, weshalb er das Fenster geschlossen habe. Sie habe
herumtelefoniert und ihm gedroht, sie werde die Polizei rufen, worauf er ihr er-
widert habe, dass sie dies machen soll (Urk. 4/1 Antwort 93; ähnlich Urk. 117 S. 8
und 10). Gemeinsam geduscht hätten sie am Morgen nicht. Dies habe er erst
gemacht, nachdem die Privatklägerin gegangen sei. In seiner staatsanwaltlichen
Befragung gab der Beschuldigte an, sie seien am nächsten Morgen gegen 5 Uhr
aufgewacht, weil die nahen Kirchenglocken geläutet hätten und das Fenster offen
gestanden habe (Urk. 4/2 S. 2; so auch Urk. 117 S. 8). Die Privatklägerin habe
von ihm dann verlangt, dass er mit ihr zum Bancomaten gehe, um Fr. 700.-- ab-
zuheben und ihr zu übergeben. Dies habe er abgelehnt, weil dies nicht so verein-
bart gewesen sei. Die Privatklägerin habe dann begonnen herumzuschreien, ihm
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zu drohen und ihn zu beschimpfen, weshalb er das Fenster geschlossen habe,
damit die Nachbarn nicht gestört würden. Er sei dann in die Küche gegangen um
Kaffee zu machen, sie habe jedoch weiter herumgeschrien und gesagt, sie würde
die Polizei rufen. Sie habe dann jemanden angerufen, wobei sie auf Englisch und
Französisch gesprochen habe, was er nicht verstanden habe. Dann sei sie ge-
gangen, habe ihm aber noch gedroht, dass sie ihn fertig mache werde und er
nicht glauben solle, dass sie so blöd sei (Urk. 4/2 Antwort 6; ähnlich auch
Urk. 117 S. 8 und 10).
4.8.5. Was genau an diesem Morgen alles vorgefallen ist, wissen letztlich nur
der Beschuldigte und die Privatklägerin. Stellt man sich die zu Protokoll gegeben
Versionen vom Verlauf des Morgens gegenüber, so erscheint jedenfalls jene des
Beschuldigten keinesfalls weniger glaubhaft als jene der Privatklägerin. Keines-
falls könnte gesagt, werden, dass jegliche vernünftige Zweifel an der Darstellung
der Privatklägerin ausgeschlossen seien. Und selbst wenn man von Letzterer
ausginge, bliebe jedenfalls nicht rechtsgenügend erwiesen, dass im Lichte des
von der Privatklägerin geäusserten Einverständnisses zum Sexualverkehr der
Beschuldigte erkannte, dass ihr innerer Wille ein anderer war. Es verhielte sich
ähnlich einer zivilrechtlich unerheblichen Mentalreservation.
4.9. Geldzahlung
4.9.1. Der Beschuldigte führte aus, dass die Privatklägerin am besagten Abend
fast im Minutentakt von einer Kollegin angerufen worden sei (Urk. 4/1 Antwort 68;
Urk. 117 S. 8 f.). Sie habe ihm gesagt, eine Freundin wolle sofort Geld von ihr,
das sie ihr schulde. Er habe dann zugesagt, ihr Fr. 700.-- zu geben, dass aber die
Freundin vorbei kommen solle, um das Geld zu holen. Dies weil ihm die ganze
Sache etwas suspekt vorgekommen sei (Urk. 4/1 Antworten 68 und 71; vgl. auch
Urk. 117 S. 8 f.). Die Freundin sei dann aber nicht gekommen.
4.9.2. Die Privatklägerin schilderte besagte Telefonanrufe ihrer Freundin wegen
den Geldschulden ebenfalls (Urk. 5/1 Antwort 18 S. 4 oben; Urk. 116 S. 15-18).
Der Beschuldigte habe dies mitbekommen und habe die Freundin aufgefordert,
selbst vorbeizukommen, damit er ihr das Geld gebe, welches sie der Freundin
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schulde. Die Freundin habe aber nicht kommen können, es sei schon spät ge-
wesen. Darauf habe er ihr, d.h. der Privatklägerin gesagt, er werde ihr das Geld
am nächsten Tag geben. Diese Darstellung wiederholte und bestätigte die Privat-
klägerin in ihrer staatsanwaltlichen Befragung (Urk. 5/2 S. 7; vgl. auch Urk. 116
S. 15-18).
4.9.3. Letztlich bleibt dieser Aspekt des Sachverhaltes nicht ausschlaggebend für
das Fazit. Immerhin belegt er leicht, dass der Privatklägerin eine finanzielle Zu-
wendung zu jenem Zeitpunkt recht willkommen gewesen wäre. Das mag wiede-
rum darauf hindeuten, dass es am Morgen des 7. Juni 2016 tatsächlich zu einem
Streit wegen Geld und nicht wegen unfreiwilligem Sexualverkehr gekommen war.
Es ist in diesem Sinne zumindest ein Indiz, dass die Aussage des Beschuldigten
der Wahrheit entsprechen könnte.
5. Verhalten der Privatklägerin nach Verlassen der Wohnung
5.1. Das Verhalten der Privatklägerin nach dem Verlassen der Wohnung des
Beschuldigten wirft vor dem Hintergrund, dass sie eben vergewaltigt worden sein
soll, doch einige Fragen auf.
5.2. Auf den Fotos des Mobiltelefons der Privatklägerin ist ersichtlich, dass sie
um 5:37 Uhr vom 7. Juni 2016 die Nummer 117 gewählt hat, wobei die Verbin-
dung 19 Sekunden dauerte. Es ist ausserdem ersichtlich, dass sie um 5:38 Uhr
noch einmal die Nummer 117 gewählt hat (Urk. 7/1). Danach gefragt, gab die Pri-
vatklägerin an, sie habe angerufen, aber sie glaube, sie habe aufhören müssen.
Sie wisse es nicht. Weshalb sie nicht nochmals die Polizei angerufen habe, er-
klärte die Privatklägerin wie folgt: "Es war mein erster Gedanke, die Polizei anzu-
rufen. Um was zu sagen? Ich habe dann nachgedacht. Um was zu sagen?" Es
wäre in der Situation der Privatklägerin naheliegend gewesen, nochmals einen
Anrufversuch zu starten und die Polizei über das angeblich eben Vorgefallene zu
unterrichten, zumal sich die Privatklägerin noch in Tatortnähe befand. Darauf an-
gesprochen, erwiderte die Privatklägerin: "Ja, das war mein Gedanke zu Beginn.
Dann habe ich irgendwie davon Abstand genommen. Ich wollte nur noch nach
Hause, vergessen" (zum Ganzen Urk. 116 S. 30 f.). Diese Erklärung ist nur
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schwer verständlich. Bekannt ist, dass gewisse Vergewaltigungsopfer durchaus
Scheu und Scham empfinden, die Polizei anzurufen. Das aber war offenbar nicht
der Grund bei der Privatklägerin, jedenfalls machte sie solches nicht geltend.
5.3. Stattdessen rief die Privatklägerin dann zweimal die Zeugin C._ an,
also diejenige Person, mit der sie am Vorabend in doch heftigem Streit lag wegen
angeblichen Schulden. Sie schrieb C._ auch noch zwei Nachrichten. Zuerst:
"C._ le type la m'a violée". Und um 5:51 Uhr: "Quand j'ai vu son truc je ne
voulais plus moi et son attitude était bizarre" (Urk. 7/2). Die Privatklägerin erwähnt
einzig, dass sie nicht mehr wollte, nachdem sie den Penis des Beschuldigten ge-
sehen habe. Davon, dass er sie eingesperrt, gefesselt und quasi mit dem Tod be-
droht habe, erwähnte die Privatklägerin nichts.
5.4. Und schliesslich hat die Privatklägerin am Morgen auch noch einen
"E._" angerufen, der ihr Ex-Mann sei. Die Privatklägerin gab an, nicht mehr
zu wissen, weshalb sie ihn angerufen habe. Sie habe sicher nicht angerufen, um
ihm zu erzählen, was passiert sei. Er wisse bis heute nichts (Urk. 116 S. 32). Es
mutet doch etwas befremdlich an, dass die Privatklägerin nach einem angebli-
chen Vergewaltigungsmartyrium ausgerechnet ihren Ex-Mann anruft, aber nicht
als Vertrauensperson, um das Erlebte zu schildern oder bei ihm Hilfe zu holen,
sondern aus Gründen, die die Privatklägerin nicht mehr kennt.
5.5. All diese Umstände nach dem Verlassen der Wohnung sind selbstver-
ständlich für das zu beurteilende Kerngeschehen nur von nebensächlicher Bedeu-
tung. Sie nähren aber die Zweifel daran, dass sich das Geschehen in der Nacht
so zugetragen hat, wie zur Anklage gebracht.
6. Gesamtwürdigung
6.1. Die Aussagen der Privatklägerin waren hinsichtlich des betreffenden Ab-
laufes des Abends und den sexuellen Handlungen viel detaillierter als jene des
Beschuldigten. Sie machte teilweise auch ehrliche Aussagen über den sexuellen
Zweck des Treffens und stellte physische Gewaltanwendung in Abrede, was eher
ungewöhnlich ist für jemanden, der einen anderen zu Unrecht der Vergewaltigung
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bezichtigt. Der Eindruck der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen ergibt sich weit-
gehend aufgrund dieses Teils ihrer Aussagen. Umgekehrt blieb der Beschuldigte
hinsichtlich des genauen Ablaufs des Abends zum Teil sehr knapp und detailarm,
weshalb seine Aussagen über den Ablauf des Abends weniger glaubhaft als jene
der Privatklägerin wirken. Immerhin sind aber auch bei seinen Aussagen keine
Fantasie- oder Lügensignale erkennbar. Dabei wird einmal die Frage, ob seine
ersten Aussagen vor der Polizei und bei der Hafteinvernahme wegen fehlendem,
bzw. freiwillig verzichteten Rechtsbeistand prozessual überhaupt gegen ihn ver-
wertbar sind, nicht berücksichtigt.
6.2. Völlig konträr stellt sich das Bild jedoch hinsichtlich des Sachverhaltes dar,
welcher eine sexuelle Nötigung belegen soll. Die Schilderung der Privatklägerin
weist diesbezüglich unnatürliche Lücken und einen offenkundigen Erklärungsbe-
darf auf. So ist beispielsweise schlecht nachvollziehbar, wie sie der Beschuldigte
angeblich ohne jegliche Gewaltanwendung habe nackt auf das Bett fesseln kön-
nen, obschon sie zu diesem Zeitpunkt schon klar geäussert habe, dass sie keinen
Sex wolle, dass sie gehen wolle. Ein grosses Fragezeichen wirft auch der Um-
stand auf, dass der Beschuldigte angeblich mehrfach mit der ganzen Faust anal
und vaginal in sie eingedrungen sei und keinerlei Spuren von einem solch rohen
Vorgehen in der gynäkologischen Untersuchung einige Stunden später hatten
festgestellt werden können. Ebenso ist es für einen neutralen Leser nur schwer
nachvollziehbar, weshalb die Privatklägerin keinerlei Versuche machte, das
Schlafzimmer zu verlassen. Ihre Darstellung, wonach der Beschuldigte die Türe
mit dem Schlüssel abgeschlossen habe, ist unglaubhaft. Der Anklagesachverhalt
ist in diesem Sinne zu Lasten des Beschuldigten nicht nachgewiesen. Ebenso nur
schwerst nachvollziehbar erscheint, dass sie das Schlafzimmer nicht habe ver-
lassen können, obschon der Beschuldigte geschlafen habe. Unglaubwürdig ist die
Privatklägerin auch aufgrund ihrer Begründung für ihre Passivität resp. dafür,
dass sie nicht mit einem klaren Nein ihren entgegenstehenden Willen nach aus-
sen manifestiert hat. Die Privatklägerin war im Tatzeitpunkt 32-jährig und sexuell
nicht unerfahren oder schüchtern. Sie lernte den Beschuldigten über eine
Sexdating-Plattform kennen, traf sich mit diesem mit klarem Wissen und auch
Willen, dass es zu Sex kommen werde, war nicht vom Beschuldigten situativ oder
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emotional abhängig oder hierarchisch unterlegen. Der Beschuldigte wendete zu
keinem Zeitpunkt physische Gewalt gegen sie an, weder im Tatzeitraum noch in
einem früheren Zeitpunkt, weshalb sie keinen Anlass hatte zu glauben, er könne
gewalttätig werden. Sie konnte auch davon ausgehen, dass aufgrund der zentra-
len Lage seiner Wohnung allfällige Hilferufe sofort von Dritten gehört worden wä-
ren. Immerhin stand während der Nacht ein Fenster der Wohnung offen und zu
dieser sommerlichen Zeit hat es ab und zu noch Passanten auf der Strasse.
Letztlich konnte die Privatklägerin nicht einmal ansatzweise plausibel darlegen,
weshalb sie zu keinerlei Gegenwehr imstande gewesen sei. Alleine das im
Schlafzimmer lagernde Sadomaso-Material kann nicht Ursache von einer die
ganze Nacht andauernden lähmenden Angst der Privatklägerin gewesen sein, da
der Beschuldigte ja auch nach ihrer Darstellung gar nicht auf den Einbezug dieser
Utensilien bestanden hatte. Schliesslich darf es auch als sehr merkwürdig oder
aussergewöhnlich bezeichnet werden, dass sie am Folgemorgen noch in der
Wohnung des angeblichen Vergewaltigers geduscht habe. Im Normallfall über-
wiegt bei Vergewaltigungsopfern in solchen Situationen der Fluchtgedanke und
ein Opfer will erst zuhause bzw. in sicherer Umgebung duschen.
6.3. Demgegenüber tönt die Version des Beschuldigten hinsichtlich der vorge-
worfenen Nötigung weitaus glaubhafter. Seine Darstellung ist logisch konsistent,
das heisst sie weist keine Merkwürdigkeiten oder Ungereimtheiten auf. Auch der
von ihm genannte Grund für den Streit bzw. das von ihm vermutetet Motiv einer
Falschbelastung, die unterbliebene Bezahlung bzw. nach dem Jargon der Privat-
klägerin, das unterbliebene Geschenk für den Sex, tönt zumindest plausibel. Dass
der Beschuldigte möglicherweise die sexuellen Handlungen nicht ganz wahrheits-
getreu oder zumindest nicht vollständig geschildert hat, belegt noch keine straf-
rechtlich relevante Tat. Insgesamt ergibt die Aussagenwürdigung hinsichtlich ei-
ner Nötigung und der Unzumutbarkeit einer Gegenwehr durch die Beschuldigte
ein einseitiges Bild zu Lasten der Privatklägerin. Ihre diesbezüglichen Aussagen
erwecken erhebliche Zweifel an ihrer Version. Daran ändert nichts, dass sie in
Bezug auf andere Umstände glaubhaft ausgesagt hat. Sie hat in ihrer Heimat eine
höhere Schulbildung genossen (Urk. 47 S. 4) und weilte im Tatzeitpunkt bereits
seit sieben Jahren in der Schweiz, war somit mit Sitten und Gebräuchen und auch
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den Möglichkeiten, in Notfällen polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen zu können,
vertraut. Sie war deshalb aufgrund ihrer persönlichen Kompetenzen sowohl in der
Tatnacht imstande, sich gegen unfreiwilligen Sexualverkehr zu wehren als auch
im Untersuchungsverfahren wahrheitsgemässe Aussagen zu machen.
Einerseits sind keine der in der Anklageschrift geschilderten nötigenden Handlun-
gen des Beschuldigten (Drohungen, Hinderungen die Wohnung zu verlassen)
rechtsgenügend erwiesen. Andererseits fehlt es ebenso am Nachweis, dass es
der Privatklägerin nicht zuzumuten gewesen war, ihren Widerstand entsprechend
zum Ausdruck zu bringen.
6.4. Selbst wenn man auf die letzten Aussagen der Privatklägerin anlässlich
der Berufungsverhandlung (abgesehen von der wenig glaubhaften behaupteten
Drohung) abstellen würde, sind in rechtlicher Hinsicht keine tatbestandsmässige
Nötigungshandlungen und ein entsprechender Vorsatz des Beschuldigten ersicht-
lich. Der Beschuldigte ist deshalb vollumfänglich frei zu sprechen.
V. Zivilforderungen der Privatklägerin
Bei diesem Ausgang fehlt es an einer Rechtsgrundlage für Ansprüche gestützt auf
Art. 41 ff. OR. Die Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen der Privatkläge-
rin sind deshalb abzuweisen.
VI. Genugtuung des Beschuldigten
1. Gestützt auf Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO hat eine freigesprochene Person
Anspruch auf Genugtuung bei besonders schwerer Verletzung ihrer persönlichen
Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug.
2. Die Verteidigung machte vor Vorinstanz praktisch keine Ausführungen zur
Genugtuung (Urk. 52 S. 31). Sie verwies einzig darauf, dass der Beschuldigte
16 Stunden in Haft gewesen sei. Anlässlich der Berufungsverhandlung berichtete
der Beschuldigte von den Folgen des Verfahrens. Er sei aufgrund des Verfahrens
und der ausführlichen Berichterstattung vorab durch die Zeitung F._ (vgl.
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Urk. 64), in der er trotz "Balken-Foto" klar zu identifizieren gewesen sei, beruflich
stark geschädigt. Er sei sofort vom Arbeitgeber freigestellt worden und sei seither
arbeitslos. Sein Ruf sei derart geschädigt, dass er in der Schweiz keine Stelle
mehr finden werde. Zur Zeit erhalte er noch Arbeitslosenentschädigung (Urk. 117
S. 1 ff.).
3. Der Genugtuungsanspruch ist ausgewiesen, das Verfahren dauerte
zweieinhalb Jahre und der Beschuldigte ist in beruflicher Hinsicht zu einem erheb-
lichen Teil ruiniert. Eine Genugtuung von Fr. 20'000.– zzgl. Zins zu 5% seit 7. Juni
2016 erscheint dem erlittenen immateriellen Unbill angemessen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Bei diesem Ausgang sind die gesamten Kosten der Untersuchung, des
erstinstanzlichen Verfahrens und des Berufungsverfahrens, einschliesslich der
Kosten für die erbetene Verteidigung bis zum 18. Oktober 2017 sowie die Kosten
der amtliche Verteidigung ab 19. Oktober 2017 und die unentgeltliche Rechts-
beiständin der Privatklägerin auf die Staatskasse zu nehmen (Art. 426 Abs. 1
StPO e contrario, Art. 429 StPO).
2. Für die anwaltliche Verteidigung im Untersuchungsverfahren und erst-
instanzlichen Gerichtsverfahren ist dem Beschuldigten für die ausgewiesenen
Aufwendungen (Urk. 54 und Urk. 119/3) eine Prozessentschädigung von
Fr. 26'100.– aus der Gerichtskasse zuzusprechen.