Decision ID: b383e039-f72d-466e-83a5-eafc522e4b56
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
Am 27. August 2008 ersuchte A._ (nachfolgend: die Beschwerde-
führerin), eine iranische Staatsangehörige, mit dem damaligen Ehemann
und dem gemeinsamen Kind (beide gleiche N-Nummer) um Asyl in der
Schweiz. Das Asylgesuch wurde mit Verfügung des damaligen Bundesam-
tes für Migration (BFM; heute: SEM) vom 24. November 2011 abgewiesen
und der Vollzug der Wegweisung verfügt. Die dagegen erhobene Be-
schwerde wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-6826/2011
vom 14. Januar 2013 abgewiesen.
In der Folge kehrte die Beschwerdeführerin ohne ihren Ehemann und das
gemeinsame Kind am (...) 2013 ordnungsgemäss in den Iran zurück.
II.
B.
B.a Am 15. November 2016 reiste die Beschwerdeführerin erneut in die
Schweiz ein und ersuchte im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
(...) um Asyl in der Schweiz, wo sie auf die Formvorschriften für die Ein-
gabe eines Mehrfachgesuchs im Sinne von Art. 111c des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) hingewiesen wurde. Mit Eingabe
vom 29. November 2016 stellte die Beschwerdeführerin – handelnd durch
ihre Rechtsvertretung – schriftlich ein zweites Asylgesuch.
B.b Hierbei machte die Beschwerdeführerin hinsichtlich ihrer Fluchtgründe
im Wesentlichen geltend, sie sei nach ihrem abschlägigen Urteil in polizei-
licher Begleitung in den Iran zurückgeflogen, wo sie in der Folge während
rund sieben Tagen am Flughafen von den iranischen Sicherheitsbehörden
zu ihrer illegalen und papierlosen Aus- respektive Einreise befragt sowie
festgehalten worden sei. Anlässlich ihrer Freilassung sei sie schriftlich ver-
pflichtet worden, einer monatlichen Meldepflicht nachzukommen. Auf dem
zuständigen Posten sei sie immer wieder über ihr Privatleben befragt wor-
den. Mit der Zeit habe sie realisiert, dass sie keine Arbeitsstelle habe finden
können, was mutmasslich auf Massnahmen der Sicherheitsbehörden ge-
gen sie zurückzuführen sei. Zudem sei ihr die Ausstellung eines neuen
Passes verweigert worden. Im Juli beziehungsweise August 2014 sei sie
erneut festgenommen und während rund zwanzig Tagen festgehalten wor-
den. Man habe ihr politische Aktivitäten im Ausland unterstellt und von ihr
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wissen wollen, für welche oppositionelle Gruppe sie tätig sei. Später habe
man ihr Fotos von ihr und ihrem Ex-Mann vorgelegt, auf welchen sie an
Kundgebungen gegen die iranische Regierung in der Schweiz zu sehen
gewesen sei. Die iranischen Behörden seien davon ausgegangen, dass ihr
Ex-Mann ein Mitglied der Mujaheddin e Khalgh (Volksmujaheddin) sei und
sie (die Beschwerdeführerin) habe Informationen über ihn und die Struktur
der Volksmujaheddin preisgeben sollen, obwohl sie davon überhaupt keine
Ahnung gehabt habe. Vor ihrer erneuten Freilassung habe man sie aufge-
fordert, ihren Ex-Mann zur Rückkehr in den Iran zu bewegen, damit dieser
Namen von oppositionellen Personen preisgebe. Um weiteren Problemen
zu entkommen, habe sie sich im Jahr 2015 (gemäss persischem Kalender:
9.10.1393) scheiden lassen. Obwohl sie kurze Zeit später erneut geheiratet
habe, habe sich nichts an ihrer beruflichen Situation geändert. Vielmehr sei
es zu weiteren Repressalien gegen sie gekommen. Im September oder
Oktober 2016 sei es zu einer Hausdurchsuchung gekommen und sie sei
ein drittes Mal verhaftet sowie unter Druck gesetzt worden. Man habe ihr
gedroht, wenn sie nicht als Informantin arbeite, würde ein Strafverfahren
gegen sie eingeleitet werden. Zudem sei ihr mitgeteilt worden, dass man
Kenntnis von der Konversion ihres Ex-Mannes habe. Ausserdem sei ihr
unterstellt worden, ihre neue Ehe sei lediglich eine Scheinehe. Auch habe
man sie während des fünftägigen Freiheitsentzugs mit Fäusten auf ihren
Oberarm malträtiert. Deshalb habe sie sich entschlossen, den Iran erneut
zu verlassen.
C.
C.a Mit Verfügung vom 13. Juni 2017 wies das SEM das Mehrfachgesuch
der Beschwerdeführerin ab und verfügte den Vollzug der Wegweisung.
C.b Der dagegen erhobenen Beschwerde vom 14. Juli 2017 lagen fol-
gende Beweismittel bei:
- Eine CD (mit vier Radiosendungen und dazugehörenden Fotos und
Unterlagen);
- Einen Auszug eines von der Beschwerdeführerin verfassten Artikels auf
(...);
- Ein Auszug eines Artikels mit Foto der Beschwerdeführerin;
- Ein Auszug eines Artikels der Website der Komala-Partei, mit einem
Bild der Beschwerdeführerin anlässlich einer Demonstration;
- Diverse Unterlagen und Fotos von Demonstrationen in der Schweiz.
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C.c Mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-3950/2017 vom 27. März
2019 wurde die Beschwerde gutgeheissen, die vorinstanzliche Verfügung
vom 13. Juni 2017 aufgehoben und das Verfahren zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückgewiesen.
III.
D.
Am 6. Februar 2020 wurde die Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen
befragt.
Im Wesentlichen ergänzte sie zu ihrer schriftlichen Eingabe, sie habe nach
ihrer Rückkehr in den Iran zuerst bei ihren Eltern in B._ gewohnt.
Nach ihrer zweiten Eheschliessung sei sie zu ihrem Ehemann nach
C._ gezogen. Der Meldepflicht habe sie monatlich bis zu ihrer Aus-
reise jeweils auf dem Polizeiposten in B._ nachkommen müssen.
Die Befragungen seien eine psychische Folter für sie gewesen. Als sie
nach der fünftägigen, letzten Haft entlassen und nach Hause zurückge-
kehrt sei, habe ihr ihr Ehemann geraten, aus Sicherheitsgründen auszurei-
sen. Er selber sei jedoch im Iran geblieben, da kurz zuvor seine Mutter
verstorben und es ihm deshalb zu schlecht gegangen sei, um sie zu be-
gleiten.
Die Beschwerdeführerin machte weiter geltend, in der Schweiz exilpolitisch
aktiv zu sein. Zuerst habe sie für die (...) gearbeitet, im Radio Nachrichten
sowie politische Artikel gegen die islamische Republik gelesen. Seither ar-
beite sie für die Komala Partei. Ausserdem habe sie ungefähr sechs poli-
tisch kritische Artikel verfasst, welche in verschiedenen Kanälen respektive
Medien erschienen seien.
Die Beschwerdeführerin reichte folgende Beweismittel ein:
- Diverse Dokumente zu ihrer zweiten Ehe;
- Diverse Screenshots eines Videos und Auszüge diesbezüglicher Kom-
mentare aus den sozialen Medien;
- Fotos von der Komala-Webseite, worauf die Beschwerdeführerin mar-
kiert ist;
- Eine Mitgliedschaftsbestätigung der Komala-Partei Schweiz;
- Übersetzung eines Artikels aus dem (...);
- Eine Bestätigung der Organisationen (...) und (...).
- Deutsche Übersetzung von drei Internetartikeln, welche im Original in
Persisch von der Beschwerdeführerin verfasst wurden.
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E.
Mit Schreiben vom 6. März 2020 gelangte die Vorinstanz an die Beschwer-
deführerin mit der Aufforderung, die von ihr eingereichten, in persischer
Sprache verfassten Beweismittel in eine der Amtssprachen zu übersetzen,
worauf die Beschwerdeführerin mit ihrer Antwort vom 27. März 2020 er-
klärte, dass sie als Nothilfebezügerin die geforderten Übersetzungen nicht
finanzieren könne.
F.
Die Beschwerdeführerin wurde mit Schreiben vom 2. April 2020 erneut auf-
gefordert, die eingereichten Beweismittel zu übersetzen. Mit Antwortschrei-
ben vom 23. April 2020 legte sie eine Übersetzung der Beweismittel bei,
wobei sie darauf hinwies, dass sie Nothilfe erhalte und aus diesem Grund
auch über kein Vermögen verfüge, um eine professionelle Übersetzung
bezahlen zu können.
G.
Mit Verfügung vom 26. Mai 2020 – eröffnet am 27. Mai 2020 – stellte die
Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz sowie deren Vollzug.
H.
Die Beschwerdeführerin focht mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom
26. Juni 2020, welche am 29. Juni 2020 beim Gericht einging, die Verfü-
gung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragte, die
Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und die Sache zur rechtsgenüg-
lichen Sachverhaltsabklärung sowie Begründung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Eventualiter stellte sie das Begehren, es sei die Flüchtlingsei-
genschaft festzustellen und es sei ihr Asyl zu gewähren, oder subeventua-
liter sei die Vorinstanz anzuweisen, infolge Wegweisungshindernissen die
vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf
Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter beantragte sie die Beiordnung
des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Juli 2020 hiess die damalige Instruktions-
richterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gut und erhob keinen Kostenvorschuss. Rechtsanwalt Urs Ebnöther wurde
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antragsgemäss als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Gleichzeitig
wurde die Vorinstanz eingeladen, eine Vernehmlassung einzureichen.
J.
Die Vorinstanz nahm in ihrer Vernehmlassung vom 31. Juli 2020 insbeson-
dere zu den eingereichten Beweismitteln sowie der Rüge der Verletzung
der Aktenführungspflicht Stellung.
K.
Mit Eingabe vom 28. August 2020 replizierte die Beschwerdeführerin und
legte drei in Farsi verfasste Artikel inklusive Übersetzung sowie verschie-
dene Screenshots von einem Video und Auszügen von Kommentaren aus
den sozialen Medien ins Recht.
L.
Mit Eingabe vom 11. September 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine
Transkription des Inhalts ihrer Videobotschaft ein.
M.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren auf die
rubrizierte vorsitzende Richterin umgeteilt.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 5. November 2021 erhielt die Beschwerdefüh-
rerin die Gelegenheit, allfällige weitere Beweismittel oder Ergänzungen
einzureichen.
O.
Mit den Eingaben vom 22. November 2021 reichte die Beschwerdeführerin
ein eigenes Schreiben sowie ein Schreiben ihres Sohnes zu den Akten.
P.
Mit Eingabe vom 7. Dezember 2021 stellte sie das Nachreichen einer Be-
stätigung über ihr exilpolitisches Engagement in Aussicht.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül-
tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG,
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desgericht [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungs-
gericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS
2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmungen gilt für das vor-
liegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestim-
mungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E.5).
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3.
3.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu behandeln sind, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2
3.2.1 Die Beschwerdeführerin monierte zunächst, sie sei trotz offensichtli-
cher Mittellosigkeit zweimal von der Vorinstanz aufgefordert worden, die
eingereichten Beweismittel auf eigene Kosten übersetzen zu lassen (SEM-
Akten E25 und E27). Die Argumentation, es sei trotz ihres Nothilfebezugs
nicht erwiesen, dass sie über kein Vermögen verfüge, überzeuge nicht. Mit
dem Abweisen ihrer mehrfachen Anträge, die Dokumente amtlich überset-
zen zu lassen, habe die Vorinstanz die Pflicht zur vollständigen Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhalts verletzt, insbesondere, weil sie in ihrer
Verfügung zum Schluss gekommen sei, dass es sich bei den vorliegenden
Übersetzungen um laien- sowie fehlerhafte Übersetzungen handle.
3.2.2 Mit der einhergehenden ungenügenden Abklärung des Sachverhalts
sei zudem eine Verletzung der Begründungspflicht festzustellen, zumal die
exilpolitischen Aktivitäten der Beschwerdeführerin aufgrund pauschalisie-
render Kritik und inhaltlicher Fehler ohne genügende Begründung verneint
worden seien. Eine Beschwerde zu diesem Punkt bleibe infolge ungenü-
gender Begründung unmöglich. Schliesslich habe die Vorinstanz nicht
sämtliche relevanten Sachumstände berücksichtigt und sei in der Begrün-
dung teilweise pauschal und vage geblieben.
3.2.3 Des Weiteren sei die Pflicht zur Aktenführung verletzt worden. Die
Vorinstanz habe sich in der Begründung des Asylentscheides auf eine
summarische Übersetzung der eingereichten Aufnahmen der Radiosen-
dungen gestützt, welche der Beschwerdeführerin nie mitgeteilt oder zuge-
stellt worden sei. Zudem gehe aus dem Aktenverzeichnis nicht hervor, dass
eine Übersetzung vorgenommen worden sei. Somit sei es ihr unmöglich,
sich hierzu zu äussern, auch habe die Vorinstanz in ihrer Verfügung nicht
mitgeteilt, welche Passagen oder Aufnahmen sie habe übersetzen lassen
oder wer die Übersetzung vorgenommen habe. Die Vorinstanz habe somit
auch in dieser Hinsicht den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt.
3.3 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
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rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei beschrän-
ken sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene Umstände, wel-
che die Betroffenen belasten, sondern haben auch die sie entlastenden
Momente zu erfassen. Die Behörde hat alle sach- und entscheidwesentli-
chen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten. Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa, weil die Rechtserheb-
lichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich nicht alle ent-
scheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft werden, o-
der weil Beweise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die Sachver-
haltsfeststellung demgegenüber, wenn nicht alle für den Entscheid rechts-
relevanten Sachumstände berücksichtigt wurden. Dies ist häufig dann der
Fall, wenn die Vorinstanz gleichzeitig den Anspruch der Parteien auf recht-
liches Gehör verletzt hat (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.).
3.4 Nach Art. 8 AsylG hat die asylsuchende Person demgegenüber die
Pflicht (und unter dem Blickwinkel des rechtlichen Gehörs im Sinne von
Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizeri-
schen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101] auch das
Recht) an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken. Sofern die ge-
setzlichen Mitwirkungspflichten durch die asylsuchende Person nicht ver-
letzt worden sind, muss die Behörde insbesondere dann weitere Abklärun-
gen ins Auge fassen, wenn aufgrund der Vorbringen der asylsuchenden
Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen Beweismittel
Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen, die voraus-
sichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden können (vgl.
BVGE 2009/50 E. 10.2; 2008/24 E. 7.2.; 2007/21 E. 11.1).
3.5 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien eines Verfahrens An-
spruch auf rechtliches Gehör. Dieser Grundsatz wird in den Art. 29 ff.
VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert. Er dient einerseits der
Aufklärung des Sachverhalts, andererseits stellt er ein persönlichkeitsbe-
zogenes Mitwirkungsrecht der Partei dar. Der Anspruch auf rechtliches Ge-
hör verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen
tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung
berücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder-
schlagen muss (BVGE 2015/10 E. 3.3 m.w.H.).
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3.6 Die Begründungspflicht, welche sich aus dem Anspruch auf rechtliches
Gehör gemäss Art. 29 VwVG ergibt, verlangt, dass die Behörde ihren Ent-
scheid so begründet, dass die betroffene Person ihn gegebenenfalls sach-
gerecht anfechten kann und sich sowohl sie als auch die Rechtsmitte-
linstanz über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen können (vgl.
BVGE 2007/30 E. 5.6). Dabei kann sich die verfügende Behörde auf die
wesentlichen Gesichtspunkte beschränken, hat jedoch wenigstens die
Überlegungen kurz anzuführen, von denen sie sich leiten liess und auf wel-
che sie ihren Entscheid stützt (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2). Nicht erforder-
lich jedoch ist, dass sich die Begründung mit allen Parteipunkten einläss-
lich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wider-
legt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
3.7 Der Anspruch auf rechtliches Gehör beinhaltet schliesslich auch, dass
die Behörden alles in den Akten festzuhalten haben, was zur Sache gehört
und entscheidwesentlich sein kann. Daraus resultiert die Pflicht, dass jeg-
liche Abklärungen schriftlich festzuhalten, zu den Akten zu nehmen und
aufzubewahren sind. Die Aktenführung hat geordnet, übersichtlich und voll-
ständig zu sein und es muss ersichtlich sein, wer die Akten erstellt hat und
wie sie zustande gekommen sind (BVGE 2015/10 E. 3.3 m.w.H.).
4.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt hinsichtlich des gerügten unge-
nügend abgeklärten Sachverhalts sowie der Verletzung der Begründungs-
pflicht im Zusammenhang mit den eingereichten Beweismitteln zum
Schluss, dass keine formellen Fehler vorliegen. Die Begründungspflicht
wird nicht bereits dadurch verletzt, dass sich die Behörde nicht mit allen
Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vor-
bringen ausdrücklich abhandelt oder widerlegt. Nach konstanter Recht-
sprechung darf sich die entscheidende Behörde auf die für den Entscheid
wesentlichen Argumente beschränken. Die Begründung genügt den ver-
fassungsrechtlichen Ansprüchen, wenn sich der Betroffene über die
Gründe und die Tragweite des Entscheids Rechenschaft ablegen und die-
sen in voller Kenntnis der Sache an die höhere Instanz weiterziehen kann
(vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1). Dass sich die Vorinstanz auf eine summari-
sche Übersetzung der Radiosendung stützte, ohne deren vollständigen In-
halt zu übersetzen, ist vorliegend nicht zu beanstanden, zumal sie dabei
zu Recht zum Schluss kam, dass die Äusserung der Beschwerdeführerin
in der Radiosendung lediglich pauschalisierende Kritik, inhaltliche Fehler
sowie fehlende Eigenleistungen beinhalten würden und es der Beschwer-
deführerin möglich gewesen ist, diese sachgemäss anzufechten.
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Seite 11
4.2 Die Rüge der Aktenführungspflichtverletzung erweist sich insofern als
begründet, als das betreffende Aktenstück unter «interner Mailverkehr Au-
diodateien» als interne Akte (SEM-Akte E13/3) am 11. August 2017 aufge-
nommen wurde und daraus nicht ersichtlich ist, dass auch eine Überset-
zung vorgenommen worden war. Jedoch hatte die Beschwerdeführerin be-
reits während des Verfahrens D-3950/2017 Kenntnis von den betreffenden
Übersetzungen und deren Inhalt. Die gerügte Verletzung des Aktenein-
sichtsrechts konnte insofern geheilt werden, als dass in der Vernehmlas-
sung vom 31. Juli 2020 der wesentliche Inhalt wiedergegeben und darauf
aufmerksam gemacht worden war, dass der wesentliche Inhalt bereits in
der Vernehmlassung vom 17. August 2017 (des Verfahrens D-3950/2017)
dargelegt worden sei. Zudem waren die betreffenden Dateien der Be-
schwerdeführerin zugänglich gewesen und sie hatte Kenntnis über deren
Inhalt, zumal sie die Sendungen selber moderierte, der persischen Spra-
che mächtig war und deshalb hätte detailliert dazu Stellung nehmen kön-
nen. Der erfolgten Heilung auf Beschwerdeebene ist allerdings praxisge-
mäss im Rahmen einer Parteientschädigung Rechnung zu tragen.
4.3 Zusammenfassend ergibt sich aus den vorangehenden Erwägungen,
dass das Gesuch um Kassation der angefochtenen Verfügung abzuweisen
ist, zumal keine Verletzungen der formellen Rechtsansprüche zu erkennen
sind beziehungsweise solche geheilt werden konnten.
5.
5.1 Vorliegend ist strittig und zu prüfen, ob die Vorinstanz der Beschwerde-
führerin zu Recht die Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl
verweigert hat.
5.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachtei-
le von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
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Seite 12
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeter Weise be-
fürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungs-
motive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure
zugefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2011/51 E. 6.1 m.w.H.). Dabei genügt es nicht, dass diese Furcht
lediglich mit Vorkommnissen oder Umständen, die sich früher oder später
möglicherweise ereignen könnten, begründet wird. Es müssen hinrei-
chende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Diese objektivierte Be-
trachtungsweise ist zusätzlich durch das von der betroffenen Person be-
reits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen
zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt
war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht
(vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2; Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 1 E. 6.a; 2005 Nr. 21
E. 7.1).
5.4 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Zur Begründung ihres ablehnenden Entscheids führte die Vorinstanz
aus, zwischen der schriftlichen Eingabe des Mehrfachgesuchs der Be-
schwerdeführerin und ihrer Anhörung sei es zu erheblichen Widersprüchen
gekommen, welche ihre Asylvorbringen insgesamt als unglaubhaft erschei-
nen liessen. So habe sie etwa zuerst ausgeführt, während ihrer monatli-
chen Meldepflicht nach ihrer Rückkehr in den Iran umfassend befragt wor-
den zu sein, wohingegen sie in der Anhörung geschildert habe, sie habe
lediglich ein Blatt unterschreiben müssen und habe danach wieder gehen
können. Weiter habe sie in der Anhörung dargelegt, die ihr während ihrer
zweiten Haft vorgelegten Fotos seien alle von derselben Kundgebung ge-
wesen. In der schriftlichen Eingabe habe sie indes erklärt, es habe sich um
Fotos von verschiedenen Anlässen gehandelt. Zudem sei der Eindruck ent-
standen, sie habe sich aufgrund der Probleme im Iran von ihrem ersten
Ehemann scheiden lassen, wohingegen sie in der Anhörung die Scheidung
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Seite 13
mit ehelichen Problemen begründet habe. Zudem hätte die Motivation,
weshalb sie in den Iran zurückgekehrt sei, variiert. Überdies falle auf, dass
sie ihre Lebensumstände einmal als äusserst schwierig, ein anderes Mal
als sehr schön und glücklich beschriebe habe. Sodann habe sie im Zusam-
menhang mit einer Befragung einmal angegeben, mit harten Faustschlä-
gen auf den Arm traktiert worden zu sein, und später erklärt, lediglich ge-
stupst worden zu sein. Insgesamt sei angesichts dieser zahlreichen Wider-
sprüche nicht von der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen auszugehen.
Hinsichtlich ihrer geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten stellte die
Vorinstanz fest, dass sie keine im Sinne der bundesverwaltungsgerichtli-
chen Rechtsprechung exponierte politische Aktivitäten ausübe, durch wel-
che sie dem iranischen Staat als staatsfeindlich aufgefallen sein könnte.
Gemäss einer summarischen Übersetzung der eingereichten Aufnahmen
der Radiosendungen habe sie lediglich pauschale Kritik am iranischen Re-
gime ausgeübt, wobei zudem einige Passagen inhaltlich falsch gewesen
seien und keine persönliche (politische) Überzeugung zu erkennen gewe-
sen sei. Zudem habe sie die Texte nicht eigenständig verfasst, sondern nur
vorgelesen. Auch der von ihr verfasste sowie veröffentlichte Artikel auf Te-
legram sei lediglich von allgemeiner Kritik am iranischen Regime und an
den iranischen Medien geprägt. Da solche Beiträge in sehr grosser Zahl
auf dem Internet publiziert würden, würde ihr Artikel nicht besonders her-
vorstechen. Auch wenn die eingereichte Übersetzung behelfsmässig sei,
sei dennoch davon auszugehen, dass eine vollständige Übersetzung nicht
zu einem anderen Ergebnis führen würde. Insgesamt seien aus ihren exil-
politischen Tätigkeiten keine Hinweise zu entnehmen, dass sie sich in qua-
lifizierter Weise exilpolitisch betätigt habe und über ein politisches Profil
verfüge, anhand welchem sie bei einer Rückkehr einer konkreten Gefähr-
dung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt wäre.
6.2 In der Beschwerde wurde einleitend geltend gemacht, bei der Glaub-
haftigkeitsprüfung müsse berücksichtigt werden, dass zwischen dem Ein-
reichen des schriftlichen Mehrfachgesuches und der Anhörung über drei
Jahre vergangen seien, weshalb es verständlich sei, dass sich die Be-
schwerdeführerin nicht mehr an alle Details habe erinnern können. Zudem
habe sie explizit erwähnt, die Ereignisse im Iran vergessen zu wollen, um
nicht erneut in eine schlechte psychische Verfassung zu geraten. Des Wei-
teren müsse berücksichtigt werden, dass bei der schriftlichen Eingabe le-
diglich ein Amateur-Dolmetscher übersetzt habe. Es erscheine nachvoll-
ziehbar und stelle keinen Widerspruch dar, wenn die Beschwerdeführerin
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angegeben habe, dass sie sich zuerst intensiven Befragungen habe unter-
ziehen müssen, mit der Zeit jedoch deren Gründlichkeit nachgelassen
habe und die Meldepflicht nur noch zu einer Pflichtübung respektive zu ei-
ner Unterschriftenpflicht geworden sei. Angesichts der lebensnahen und
mit Realkennzeichen versehenen Ausführungen sei dieser Widerspruch
als minim zu werten. Auch erscheine es wenig überraschend, dass sie sich
nicht mehr an sämtliche Aspekte im Zusammenhang mit den Befragungen
erinnere, insbesondere ob die ihr von den iranischen Behörden vorgeleg-
ten Fotos von einer oder mehreren Kundgebungen stammen würden, zu-
mal der Zeitpunkt des Geschehens sowie ihr Versuch, das negative Ereig-
nis zu vergessen, zu berücksichtigen gewesen wären. Es sei in der For-
schung bekannt, dass sich negative Emotionen zwar lange halten würden,
jedoch der Kontext mit der Zeit verblasse und nicht selten diesbezügliche
falsche Erinnerungen auftreten würden. Aus diesem Grund sei die Anzahl
der ihr vorgelegten Fotos und die Orte der Kundgebungen als nebensäch-
liche Widersprüche zu betrachten. Die zentralen (gewichtigen) Vorbringen
– nämlich die Mitnahme in ein anderes Zimmer während der Haft, das Vor-
legen der Fotos zu den Volksmujaheddin sowie die Dauer der Inhaftierung
und ihre Gemütslage – seien von der Vorinstanz nicht berücksichtigt wor-
den. Auch dem Vorwurf, sie habe widersprüchliche Angaben zu ihrer Schei-
dung gemacht, könne nicht gefolgt werden. In der iranischen konservativen
Gesellschaft sei es – wie auch vorliegend – nicht unüblich, dass trotz Prob-
lemen lange an einer Ehe festgehalten werde. Sie habe die Umstände,
welche zur Scheidung geführt hätten, nachvollziehbar darlegen können.
Ein diesbezüglicher Widerspruch liege demnach nicht vor. Sodann sei es
nicht widersprüchlich, dass sie einerseits angegeben habe, ihr Leben habe
sich nach der zweiten Eheschliessung nicht normalisiert, sie jedoch glück-
lich gewesen sei. Gemäss den entsprechenden Aussagen während der An-
hörung habe sie schlüssig darlegen können, dass sie trotz anhaltender
Angst und der Lebensumstände mit ihrem Ehemann glücklich gewesen sei.
Im Zusammenhang mit angeblichen Widersprüchen anlässlich ihrer dritten
Inhaftierung sei festzuhalten, dass sie auch in der Anhörung zu Protokoll
gegeben habe, körperlicher Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein und diese
auch anschaulich erzählt habe. Insgesamt habe sie in den zentralen Punk-
ten auch ohne Nachfragen seitens der sachbearbeitenden Person aus per-
sönlicher Sicht detailliert und mit zahlreichen Realkennzeichen versehen
erzählt und sich bei Fehlern selber korrigiert.
In Bezug auf die exilpolitischen Aktivitäten der Beschwerdeführerin sei fest-
zuhalten, dass sie aufgrund der Erlebnisse nach ihrer Rückkehr begonnen
D-3286/2020
Seite 15
habe, sich zu engagieren. Zum Vorwurf, ihr Engagement sei untergeord-
net, da sie während der Radiosendung die Nachrichten lediglich ab Blatt
abgelesen habe, sei klarzustellen, dass sie den Text selber verfasst habe,
deren Inhalt jedoch vorgegeben gewesen sei. Obwohl sie mehrere Doku-
mente eingereicht habe, welche nicht offiziell, sondern lediglich summa-
risch übersetzt worden seien, habe die Vorinstanz daraus interpretiert,
dass deren Inhalt lediglich pauschale Kritik an der Menschenrechtslage
ausübe und zudem inhaltliche Fehler aufweise. Auch der Beitrag im (...),
welcher potentiell von einer enormen Anzahl Personen abrufbar sei, ent-
halte klare Kritik am iranischen Regime und rufe am Schluss sogar zur Re-
volution auf. Ferner sei die Annahme zurückzuweisen, dass ihren weiteren
eingereichten Artikeln keine Asylrelevanz zukommen, weil sie auf Nach-
frage während der Anhörung nichts weiter dazu ausgeführt habe, zumal
auch hier nur summarische, jedoch nicht ausführliche Übersetzungen vor-
liegen würden.
6.3 Die Vorinstanz äusserte sich in der Vernehmlassung hinsichtlich der
Rüge der Beschwerdeführerin, ihre verfassten Artikel seien im Asylent-
scheid als nicht relevant eingestuft worden, da sie auf Nachfrage dazu
nichts gesagt habe, dahingehend, dass es sich bei zwei der Beweismittel
um dieselben Dokumente handle (Beweismittel 2 und 4) , und beim dritten
um Ausschnitte einer Website, auf welcher Fotos der Beschwerdeführerin
anlässlich einer von der Komala-Partei organisierten Kundgebung zu se-
hen seien. Obwohl die Beschwerdeführerin im Schreiben vom 6. März
2020 aufgefordert worden sei, weitere, von ihr verfasste Artikel übersetzt
einzureichen, seien weitere Eingaben ausgeblieben. Deshalb sei das SEM
davon ausgegangen, dass allfällige weitere Artikel nicht asylrelevant seien.
Beim Hören der Sendungen falle auf, dass sich die vortragende Frauen-
stimme immer wieder verlesen, versprochen oder mitten im Satz innege-
halten habe, weshalb der Eindruck entstehe, dass die redende Person den
vorzutragenden Text weder gut kenne, noch ihn wahrscheinlich selber ver-
fasst habe. Zudem seien die Äusserungen der Frauenstimmen weder in
inhaltlicher noch in zeitlicher Hinsicht von herausragender Bedeutung, son-
dern vielmehr pauschal und allgemein gehalten. Weiter sei es nicht klar,
welche der beiden Frauenstimmen diejenige der Beschwerdeführerin sei.
Sodann bleibe zu erwähnen, dass in der Audiodatei von einem Luftangriff
auf Russland gesprochen werde, wobei mutmasslich Syrien gemeint sei.
Ein solcher Fehler spreche ebenfalls gegen eine wirkliche Durchdringung
des vorgetragenen Textes.
D-3286/2020
Seite 16
6.4 Die Beschwerdeführerin stellte in ihrer Replik fest, sie habe keine wei-
teren, von ihr verfassten Artikel eingereicht, weil diese nicht unter ihrem
Namen publiziert worden seien. Drei weitere Artikel seien vorliegend mit
einer behelfsmässigen Übersetzung eingereicht worden, wobei jedoch
diese zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr auf dem Netz auffindbar seien.
Die Artikel würden eines ihrer Kernthemen – nämlich die Frauenrechte im
Iran – behandeln. Weiter sei Mitte August 2020 auf (...), (...) und (...) ein
ungefähr einminütiges Video von ihr veröffentlicht worden, in welchem sie
die iranische Regierung kritisiere und die mangelnden Frauenrechte an-
spreche. Auf zwei Internetseiten hätten sich über 13'000 sowie über 4'380
Personen ihr Video angeschaut. Zudem sei sie den Verantwortlichen dieser
Seiten zwischenzeitlich als Menschenrechtsaktivistin bekannt. Hinsichtlich
der Radiosendungen sei zu bemerken, dass lediglich eine summarische
Übersetzung einer Radiosendung gemacht worden sei. In den letzten zwei
Jahren habe die Beschwerdeführerin jedoch an rund 25 solcher Sendun-
gen mitgewirkt, wobei es zu bezweifeln gelte, dass die Vorinstanz von den
nachfolgenden überhaupt Kenntnis erhalten habe. Auch wenn die Aufnah-
men teilweise etwas amateurhaft wirkten, sei den Sendern bewusst, dass
es sich bei den moderierenden Personen um Laien handle. Schliesslich sei
darauf hinzuweisen, dass sich die Vorinstanz an den Wortlaut ihrer Verfü-
gung vom August 2017 anlehne und nicht anzunehmen sei, dass sie die
weiteren Sendungen berücksichtigt habe.
7.
7.1 In einem ersten Schritt ist vorliegend die Glaubhaftigkeit der Vorbringen
der Beschwerdeführerin im Sinne von Art. 7 AsylG zu prüfen.
7.2 Die Beschwerdeführerin brachte vor, unmittelbar im Anschluss an ihre
Wiedereinreise 2013 in den Iran befragt und danach regelmässig von den
Behörden kontrolliert sowie drei Male während mehrerer Tage inhaftiert
worden zu sein. Das Gericht kommt nachfolgend zum Schluss, dass es
glaubhaft ist, dass die Beschwerdeführerin anlässlich ihrer ordnungsge-
mässen Rückkehr aus der Schweiz in den Iran im (...) 2013 am Flughafen
von iranischen Sicherheitskräften befragt worden war. Da sie über keine
Reisedokumente verfügte und lediglich mit einem Laissez-Passer in ihr
Heimatland einreiste, erscheint es als wahrscheinlich, dass eine gründliche
Befragung und genauere Kontrollen bei ihrer Einreise durchgeführt worden
waren. Für diese Annahme sprechen auch ihre detaillierten, mit Realkenn-
zeichen geprägten Schilderungen, wie sie zu ihrer illegalen Ausreise, ihrem
Aufenthaltsort und weiteren diesbezüglichen Themen verhört und festge-
D-3286/2020
Seite 17
halten worden war. Des Weiteren liess sie in diesem Zusammenhang ne-
benbei einfliessen, dass die teilweise verschiedenen Befrager sehr freund-
lich zu ihr gewesen seien. Ihre Ausführungen erscheinen stimmig und de-
cken sich in weiten Strecken mit dem Bericht der Schweizerischen Flücht-
lingshilfe (SFH), gemäss welchem Verhöre, aber auch Haft von bis zu meh-
reren Tagen durchaus möglich seien, wenn die betreffende Person lediglich
mit einem Laissez-Passer in den Iran einreise (vgl. [PDF] 17 Idem. 18 I-
dem. 22 Idem Iran, 2009. - Free Download PDF (silo.tips), Iran: Illegale
Ausreise/Situation von Mitgliedern der PDKI/Politische Aktivitäten im Exil
vom 16. November 2010, abgerufen am 16. Juni 2022). Sodann erscheint
es ebenfalls glaubhaft, dass sie ihren Aufenthaltsort (im Iran) den heimatli-
chen Behörden angeben musste. Auch die monatliche Meldepflicht be-
schrieb sie detailliert, benannte den Polizeiposten und bezeichnete den
dortigen, für sie zuständigen Beamten als freundlich. Aus der Tatsache,
dass sie sich mehrmals selbständig in Bezug auf den Namen des Büros
korrigierte, in welchem sie sich melden musste, und zudem nicht ver-
suchte, gewisse Sachverhaltselemente bezüglich der Meldepflicht aufzu-
bauschen oder übertrieben darzustellen, kann auf einen selbsterlebten
Sachverhalt geschlossen werden (vgl. SEM-Akte E1/5; E22/23, F47, F48,
F50-53, F64). Insgesamt schilderte sie anhand zahlreicher Realkennzei-
chen, in Verwendung der direkten Rede, dem Erwähnen von Nebensächli-
chem sowie detaillierten Antworten überzeugend, wie sie von den irani-
schen Behörden befragt worden war.
7.3 Sodann fällt auf, dass sich die Vorinstanz in ihrer Glaubhaftigkeitsprü-
fung ausschliesslich auf einige – teilweise für das Asylgesuch irrelevante
oder nebensächliche – Widersprüche zwischen der schriftlichen Eingabe
und der Anhörung stützte. Auch blieb unbeachtet, dass sich die relevanten
Ereignisse zwischen 2013 und 2016 ereigneten sowie zwischen dem Ein-
reichen des schriftlichen Gesuchs (Ende 2016) und der Anhörung (Anfang
2020) rund drei Jahre vergangen sind. Hinsichtlich des Arguments, die Be-
schwerdeführerin habe ihre Misshandlungen unterschiedlich dargestellt, ist
festzustellen, dass sie offensichtlich mehrmals versuchte, detailliert zu er-
klären, in welcher Form sie die Schläge respektive das Stupsen erlebte,
wobei sie versuchte, die Intensität der Schläge zu umschreiben. Dass ihr
dies nicht gänzlich gelungen zu sein scheint, zeugt von der Schwierigkeit,
die Intensität eines Schlages genau zu umschreiben (vgl. SEM-
Akte E22/23, F112, F141 f.). Es erscheint durchaus möglich, dass sie an-
lässlich ihrer Befragung oder der Meldepflicht körperlich angegangen wor-
den war.
https://silo.tips/download/17-idem-18-idem-22-idem-iran-2009 https://silo.tips/download/17-idem-18-idem-22-idem-iran-2009
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Seite 18
7.4 Weiter erachtete die Vorinstanz die Ausführungen der Beschwerdefüh-
rerin zu ihrer Motivation, 2013 in den Iran zurückzukehren und den Äusse-
rungen zu ihrem dortigen Leben als widersprüchlich. Diese Argumentation
zu den familiären Entscheidungen und Verhältnissen greift kurz. Insbeson-
dere stellen eine Trennung respektive Scheidung, aber auch der Ent-
schluss zwischen einer rechtmässigen Ausreise aus der Schweiz und dem
Verzicht auf die familiären Bindungen vielschichtige Entscheidungen dar
und beinhalten zahlreiche Aspekte. Des Weiteren verkennt die Vorinstanz,
dass ein schwieriges Leben nicht per se Zufriedenheit im Privatleben aus-
schliesst und auch die Art, wie damit umgegangen wird, nicht immer logisch
erklärt werden kann.
7.5 Hingegen kann der Beschwerdeführerin nicht geglaubt werden, dass
sie einmal während fünf, ein weiteres Mal während sieben und einmal wäh-
rend zwanzig Tagen unter dem Vorwand festgehalten worden sein soll, sie
als Informantin gewinnen zu wollen und um Informationen über eine allfäl-
lige Mitgliedschaft des Ex-Mannes bei den Volksmudschaheddin zu erlan-
gen. Nachdem sie die iranischen Behörden ergebnislos während rund drei-
einhalb Jahren Kontrollen und Befragungen unterzogen haben, ohne zu-
friedenstellende Informationen von ihr zu erhalten, erscheint der von ihr
beschriebene Aufwand von mehreren konsequenzlosen Verhaftungen rea-
litätsfern. Auch wirkt es nicht schlüssig, dass ihr Fotos von Kundgebungen,
an welchen sie und ihr Ex-Mann teilgenommen haben, gezeigt worden sein
sollen. Hätten sich die Verhöre tatsächlich wie von ihr beschrieben zuge-
tragen, hätte sie es kaum riskiert, angesichts der drohenden Gefahr, ihren
im Iran lebenden Ehemann in die Situation einer möglichen Verfolgung zu
bringen. Zudem kam das Gericht bereits im Urteil D-6826/2011 zum
Schluss, dass der Ex-Mann im Iran weder strafrechtlich verfolgt worden
war, noch sich exilpolitisch in exponierter Weise betätigt hatte (vgl. Urteil
des BVGer vom D-6826/2011 vom 14. Januar 2013 E. 4.3.6 und 5.3), wes-
halb davon auszugehen ist, dass die heimatlichen Behörden nicht in Kennt-
nis möglicher (unterschwelliger) exilpolitischer Aktivitäten des Ex-Mannes
sein konnten. Überdies mutet es seltsam an, dass die Behörden zwar über
die Konversion des Ex-Mannes gewusst haben sollen, die Beschwerdefüh-
rerin jedoch nie erwähnte, selber wegen einer möglichen Konversion be-
fragt worden zu sein (vgl. SEM-Akte E22/23, F138 f.).
7.6 Nach einer gründlichen Abwägung zwischen den glaubhaften und un-
glaubhaften Elementen der Vorbringen der Beschwerdeführerin kommt das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die unglaubhaften Elemente
D-3286/2020
Seite 19
überwiegen und es ihr nicht gelungen ist, die von ihr dargelegten mehrtä-
gigen Inhaftierungen im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft darzulegen. Hin-
gegen ist davon auszugehen, dass sie anlässlich ihrer Einreise in den Iran
ausführlich befragt, von einem Beamten sogar tätlich angegriffen worden
und in der Folge einer regelmässigen Meldepflicht unterstellt war.
8.
8.1 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die
Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein
(vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je m.w.H.).
8.2 Die von der Beschwerdeführerin glaubhaft gemachte einmalige Kon-
trolle sowie die anschliessende Befragung anlässlich ihrer Einreise in den
Iran ist mutmasslich auf ihre fehlenden amtlichen Ausweis- respektive Rei-
sedokumente zurückzuführen. Aus den von ihr beschriebenen Befragun-
gen durch verschiedene Personen, welche teilweise auch freundlich gewe-
sen seien (vgl. E. 7.2 hiervor), lässt sich keine genügende Intensität einer
Verfolgungsmassnahme im Sinne des Asylgesetzes erkennen. Ausserdem
lässt sich kein kausaler Zusammenhang zwischen ihrer rund drei Jahre
späteren Ausreise und den Befragungen anlässlich ihrer Einreise erken-
nen. Dasselbe betrifft die von der Beschwerdeführerin dargelegte regel-
mässig Meldepflicht sowie die einmalig erlittenen Tätlichkeiten durch einen
iranischen Beamten (vgl. E. 7.2 f. hiervor).
8.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass auch unter Berücksichtigung der
teilweise als glaubhaft eingestuften Elemente im Zeitpunkt der Ausreise
keine asylrechtlich relevanten Verfolgungsgründe im Sinne von Art. 3
AsylG ersichtlich sind, weshalb die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingsei-
genschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt
hat.
D-3286/2020
Seite 20
9.
9.1 In einem weiteren Schritt sind die geltend gemachten subjektiven
Nachfluchtgründe zu prüfen. Die Beschwerdeführerin bringt vor, sich durch
ihre exilpolitischen Aktivitäten exponiert zu haben und dadurch den irani-
schen Behörden aufgefallen zu sein.
9.2 Subjektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn eine asylsuchende Per-
son erst durch die unerlaubte Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunfts-
staat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Als subjektive Nachfluchtgründe
gelten insbesondere unerwünschte exilpolitische Betätigungen, illegales
Verlassen des Heimatlandes (sogenannte Republikflucht) oder Einrei-
chung eines Asylgesuchs im Ausland, wenn sie die Gefahr einer zukünfti-
gen Verfolgung begründen. Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen
erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1; BVGE 2009/28 E. 7.1 m.w.H.).
9.3
9.3.1 Die allgemeine Menschenrechtslage im Iran wird als grundsätzlich
prekär angesehen. Die iranischen Behörden unterdrücken die Meinungs-
äusserungsfreiheit systematisch, wobei sie häufig weder die eigene Ver-
fassung noch die Gesetze respektieren. Jegliche Kritik am System der Is-
lamischen Republik und deren Würdenträgern ist verboten, ebenso die Be-
richterstattung über politische Gefangene oder echte Oppositionsbewe-
gungen (vgl. dazu BVGE 2009/28 E. 7.3 f.; Urteile des BVGer D-830/2016
vom 20. Juli 2016 E. 4.2 sowie E-5292/2014 und E-5296/2014 vom
25. Februar 2016 E. 7.4 m.w.H.). Die Einschätzung des Bundesverwal-
tungsgerichts zur Lage im Iran hat sich auch nach den Präsidentschafts-
wahlen im Juni 2013 nicht geändert und behält nach wie vor ihre Gültigkeit
(vgl. Urteil des BVGer E-353/2019 vom 22. März 2019 E. 7.2.1; Human
Rights Council, Report of the Secretary-General on the Situation of Human
Rights in the Islamic Republic of Iran, A/HRC/25/75, 11. März 2014, S. 4,
Ziff. 7 ff.).
9.3.2 Die politische Betätigung für staatsfeindliche Organisationen im Aus-
land ist seit der Neufassung des iranischen Strafrechts im Jahr 1996 unter
Strafe gestellt. Einschlägigen Berichten zufolge wurden in der Vergangen-
heit denn auch bereits Personen verhaftet, angeklagt und verurteilt, welche
sich unter anderem im Internet kritisch zum iranischen Staat äusserten (vgl.
Urteil des BVGer E-4282/2018 vom 4. März 2020 E. 7.3 m.w.H.). Zudem
ist bekannt, dass die iranischen Behörden nicht vor der Überwachung ihrer
D-3286/2020
Seite 21
Staatsbürgerinnen und Staatsbürger im Ausland zurückschrecken. Dies
kann insbesondere bei politisch aktiven Iranerinnen und Iranern relevant
sein. Es bleibt jedoch im Einzelfall zu prüfen, ob die exilpolitischen Aktivi-
täten bei einer allfälligen Rückkehr in den Iran mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit ernsthafte Nachteile im flüchtlingsrechtlichen Sinne nach
sich ziehen. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist dabei da-
von auszugehen, dass sich die iranischen Geheimdienste auf die Erfas-
sung von Personen konzentrieren, die über die massentypischen, niedrig-
profilierten Erscheinungsformen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen
ausgeübt und respektive oder Aktivitäten vorgenommen haben, welche die
jeweilige Person aus der Masse der mit dem Regime Unzufriedenen her-
ausstechen und als ernsthaften und gefährlichen Regimegegner erschei-
nen lassen. Dabei darf davon ausgegangen werden, dass die iranischen
Sicherheitsbehörden zu unterscheiden vermögen zwischen tatsächlich po-
litisch engagierten Regimekritikern und exilpolitisch aktiven Personen, wel-
che mit ihren Aktionen in erster Linie die Chancen auf ein Aufenthaltsrecht
zu erhöhen versuchen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3; Urteile des BVGer
D-830/2016 vom 20. Juli 2016 E. 4.2 sowie E-3923/2016 vom 24. Mai 2018
E. 5.2 je m.w.H.).
9.4 Den Akten ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin erstmals
während ihres ersten Aufenthalts in der Schweiz begonnen hat, sich exil-
politisch zu engagieren und an verschiedenen Demonstrationen zu partizi-
pieren. Das Bundesverwaltungsgericht kam damals zum Schluss, dass sie
wegen ihrer exilpolitischen Betätigungen bei einer Rückkehr in den Iran
keiner Gefährdung gemäss Art. 3 AsylG im Sinne von subjektiven Nach-
fluchtgründen ausgesetzt sei (vgl. Urteil des BVGer D-6826/2011 vom
14. Januar 2013 E. 5.2.5). Im Rahmen ihres zweiten Asylgesuchs reichte
die Beschwerdeführerin verschiedene Beweismittel im Zusammenhang mit
ihrer exilpolitischen Tätigkeit ein. Die von ihr verfassten, undatierten drei
Auszüge regimekritischer Texte (vgl. Beilage 1 [Artikel1 bis 3] ihrer Eingabe
vom 28. August 2020), welche in verschiedenen sozialen Medien erschie-
nen sind, wurden nicht unter ihrem Namen publiziert, womit sie als Autorin
nicht identifizierbar ist. Ausserdem gab sie an, die betreffenden Artikel
seien zwischenzeitlich auf dem Internet nicht mehr abrufbar. Auch aus den
Fotos, auf welchen die Beschwerdeführerin an Demonstrationen und An-
lässen, welche teilweise unter der Organisation der Komala-Partei Kurdis-
tan, Komitee Schweiz standen und an welchen sie zwischen 2017 bis Ende
2019 teilnahm (vgl. Beweismittel des Urteils des BVGer D-3950/2017 vom
27. März 2019), ist nicht ersichtlich, dass sie sich durch ihr Auftreten von
D-3286/2020
Seite 22
den anderen Teilnehmenden unterscheiden und als Regimekritikerin her-
ausstechen würde. Die Bestätigung der Komala-Partei bezeugt die Mit-
gliedschaft der Beschwerdeführerin seit November 2019. Eine aktuelle Mit-
gliedschaftsbestätigung oder weitere Belege zu ihrem politischen Engage-
ment wurden trotz der ihr gebotenen Gelegenheit nicht erbracht. Ferner ist
auf den Fotos, auf welchen die Beschwerdeführerin im Rahmen der Teil-
nahme von Kundgebungen der Komala-Partei abgebildet ist, nicht ersicht-
lich, inwiefern es sich dabei um eine exponierte politische Aktivität handeln
soll. Auch liegen dem Gericht keine Unterlagen vor, aus welchen ersichtlich
ist, dass Beiträge oder Artikel von ihr auf der Internetseite (...) publiziert
worden sind.
Sodann lässt auch die eingereichte Videobotschaft keine Regimekritik er-
kennen. Auch wenn das Video von zahlreichen Benutzern sozialer Medien
gelesen und teilweise kommentiert wurde, ist kaum davon auszugehen,
dass sie mit diesem Internetauftritt den iranischen Behörden aufgefallen
ist. Auch wenn die Radiosendungen von der Vorinstanz nicht gänzlich
übersetzt worden sind, geht aus der erfolgten Übersetzung nicht hervor,
dass sich die Beschwerdeführerin mit dem Lesen von Nachrichten kritisch
gegenüber dem iranischen Regime geäussert hätte respektive als Regime-
kritikerin aufgefallen wäre. Überdies erwähnte die Beschwerdeführerin in
ihrer Replik vom 28. August 2020, an 25 Radiosendungen mitgewirkt zu
haben, ohne dies zu belegen.
9.5 Vor diesem Hintergrund erweisen sich die exilpolitischen Aktivitäten der
Beschwerdeführerin insgesamt nicht als solch exponierte Tätigkeiten, wel-
che sie in den Augen der iranischen Sicherheitsbehörden als Regimekriti-
kerin erscheinen lassen würden. Daran vermag auch die Tatsache, dass
sie anlässlich ihrer Rückkehr 2013 in den Iran befragt und den heimatlichen
Behörden aufgefallen respektive registriert worden war, nichts zu ändern,
zumal davon auszugehen ist, dass sie nicht wegen potentiellen politischen
Aktivitäten, sondern vielmehr wegen ihrer Einreise ohne gültige Doku-
mente respektive nur mit einem Laissez-Passer in den Iran angehalten
worden war (vgl. E. 6.2 f. hiervor).
9.6 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführerin weder zum Zeitpunkt ihrer Ausreise noch zum heutigen
Zeitpunkt oder in absehbarer Zeit eine begründete Furcht droht, bei einer
Rückkehr in ihren Heimatstaat aufgrund ihrer politischen Aktivitäten in asyl-
rechtlich relevanter Weise in ihrem Heimatland verfolgt zu werden.
D-3286/2020
Seite 23
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2
10.2.1 Im Asyl- und Wegweisungsverfahren ist die Wegweisung insbeson-
dere dann nicht zu verfügen, wenn ein Anspruch auf Erteilung einer Auf-
enthaltsbewilligung besteht. Die kantonale Migrationsbehörde ist zustän-
dig, über den Anspruch konkret zu befinden (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4).
Als Anspruchsgrundlage fällt dabei unter anderem Art. 8 der Konvention
vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfrei-
heiten (EMRK, SR 0.101) in Betracht, wobei diesbezüglich die bundesge-
richtliche Rechtsprechung massgeblich ist. Diese besagt, dass Auslände-
rinnen und Ausländern gestützt auf den in Art. 8 EMRK und Art. 13 BV ge-
währleisteten Schutz des Familienlebens ein potenzieller Anspruch auf
Aufenthalt in der Schweiz erwächst, wenn eine enge, nahe, echte und tat-
sächlich gelebte familiäre Beziehung vorliegt. Zu den Familienbeziehun-
gen, die gemäss Bundesgericht unter den Schutz von Art. 8 Abs. 1 EMRK
fallen, gehört neben jener zwischen den Ehegatten, Paaren aus eingetra-
genen Partnerschaften oder Konkubinatspartnerschaften auch jene zwi-
schen Eltern und ihren minderjährigen Kindern. Überdies muss es sich
beim in der Schweiz lebenden Familienmitglied um eine hier gefestigt an-
wesenheitsberechtigte Person handeln. Von einem solchen Anwesenheits-
recht ist ohne weiteres bei schweizerischer Staatsangehörigkeit auszuge-
hen, ebenso bei einer Niederlassungs- oder Aufenthaltsbewilligung, auf de-
ren Verlängerung ein Anspruch besteht (vgl. statt vieler BGE 144 II 1 E. 6.1,
139 I 330 E. 2.1, 135 I 143 und 130 II 281 E. 3.1, je m.w.H.).
10.2.2 Die im Asylverfahren angeordnete Wegweisung wird praxisgemäss
aufgehoben, wenn erstens ein grundsätzlicher Anspruch gestützt auf Art. 8
EMRK vorfrageweise bejaht werden kann, die betroffene Person zweitens
an die zuständige kantonale Ausländerbehörde ein Gesuch um Erteilung
einer Aufenthaltsbewilligung gerichtet hat und dieses Gesuch, drittens,
noch hängig ist (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4.2.2; u.a. Urteile des BVGer
D-2425/2020 vom 22. Februar 2021 E. 7.2.2 und E-4609/2019 vom 30. Au-
gust 2022 E. 7.1.1).
10.2.3 Die Beschwerdeführerin erläuterte in ihrer Eingabe vom 22. Novem-
ber 2021 erstmals die enge Beziehung zu ihrem Sohn, mit welchem sie
D-3286/2020
Seite 24
sich regelmässig mindestens drei Male in der Woche treffe. Diesen regel-
mässigen Kontakt bestätigte der Sohn in seiner Stellungnahme vom
14. November 2021 ebenso wie bereits zuvor ihre Mitbewohnerin mit deren
Schreiben vom 30. Juni 2020. Der Sohn betonte zudem die Wichtigkeit und
Notwendigkeit der Beziehung zu seiner Mutter und deren Präsenz in der
Schweiz.
10.2.4 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung noch über einen selbständigen Anspruch auf
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung. Es ist auch nicht aktenkundig, dass
sie ein Gesuch um Erteilung einer Bewilligung eingereicht hätte. Aus den
vorliegenden Akten geht ferner hervor, dass sie Mutter eines inzwischen
sechszehnjährigen Sohnes ist, welcher als Zweijähriger in die Schweiz ein-
gereist ist. Nach einem rechtskräftigen, negativen Asyl- und Wegweisungs-
entscheid reiste sie ohne ihren Sohn im (...) 2013 (ordnungsgemäss) in ihr
Heimatland zurück, wo sie sich in der Folge rund drei Jahre aufhielt und
gemäss eigenen Angaben lediglich ein bis zwei Mal im Monat telefonischen
Kontakt per Skype zum Sohn pflegte. Auch gab sie an, dass die Beziehung
nach ihrer Wiedereinreise in die Schweiz im November 2016 anfänglich
schwierig gewesen sei, was im Übrigen auch der Sohn bestätigte (vgl.
SEM-Akte E22/28, F24-27; Schreiben des Sohnes vom 14. November
2021). Obwohl sich nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten die Bezie-
hung geändert zu haben scheint, ist festzuhalten, dass der Sohn inzwi-
schen eine Lehre absolviert und als Jugendlicher keine intensive Unterstüt-
zung durch seine Mutter mehr benötigt, sondern sich vielmehr auf seinen
eigenen Freundes- und Bekanntenkreis aus seinem Beruf und seinen Frei-
zeitaktivitäten konzentrieren dürfte. Ein Fortführen der Mutter-Sohn-Bezie-
hung aus dem Iran durch Kurzaufenthalte, Ferienbesuche oder regelmäs-
sigen Austausch über die sozialen Medien, Internetkanäle, wie etwa
Skype, oder über das Telefon erweist sich daher als möglich und zumutbar.
Damit sind die im Rahmen des Wegweisungspunkts zur Heranziehung von
Art. 8 EMRK verlangten Voraussetzungen – ungeachtet der Frage, ob der
Sohn über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht verfügt – nicht erfüllt.
10.2.5 Nach dem Gesagten wurde die Wegweisung von der Vorinstanz zu
Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4, BVGE
2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 25
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Aus-
länderinnen und Ausländer und über die Integration [AIG, SR 142.20]).
11.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
12.
12.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
12.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be-
schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den
Iran ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
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Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer, 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch angesichts der aktuellen Proteste lässt die allgemeine
Menschenrechtssituation im Iran den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Voll-
zug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtli-
chen Bestimmungen zulässig.
12.3
12.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat
aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete
Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die
vorläufige Aufnahme zu gewähren.
12.3.2 Im Iran herrscht weder Krieg oder Bürgerkrieg noch eine Situation
allgemeiner Gewalt, aufgrund derer eine Rückkehr generell unzumutbar
wäre (vgl. beispielsweise Urteile des BVGer D-5353/2017 vom 10. Januar
2019 E. 9.2.1, m.w.H.; E-6697/2018 vom 10. Dezember 2018).
12.3.3 Ferner sind keine individuellen Gründe ersichtlich, die gegen einen
Wegweisungsvollzug sprechen würden. Die Beschwerdeführerin ist ge-
mäss ihren Aussagen im Iran glücklich verheiratet und lebte bis vor ihrer
Ausreise mit ihrem Ehemann in Teheran. Obwohl dieser gemäss den Schil-
derungen der Beschwerdeführerin zwischenzeitlich umgezogen ist, lebt er
in einem der beiden Häuser seines Vaters in D._. Des Weiteren le-
ben ihre Eltern in B._ (Teheran), bei welchen sie bereits gewohnt
hat, als sie von der Schweiz in den Iran zurückkehrte und welche damals
auch in finanzieller Hinsicht für sie aufkamen (vgl. SEM-Akte E22/28, F12-
22, F31-44). Vor diesem Hintergrund wird es ihr möglich sein, sich mithilfe
ihres familiären Umfeldes und der gesicherten Wohnsituation in ihrem Hei-
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matland zu reintegrieren. Anlässlich ihrer Anhörung gab die Beschwerde-
führerin an, dass es ihr gesundheitlich gut gehe (vgl. SEM-Akte E22/28,
F58). Den Akten ist sodann nichts Gegenteiliges zu entnehmen. Damit liegt
keine medizinische Notlage vor, aufgrund welcher ein Vollzug der Wegwei-
sung als unzumutbar zu erachten wäre.
Nach den vorangehenden Erwägungen erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung auch als zumutbar.
12.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
12.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
13.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
14.
14.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch das mit
der Beschwerde eingegangene Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 8. Juli 2020 gutgeheis-
sen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
14.2 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin reichte keine Kostennote
ein. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich jedoch aufgrund der
Akten zuverlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen
verzichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in
Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist dem amt-
lichen Rechtsbeistand für das gesamte Beschwerdeverfahren ein Honorar
in der Höhe von Fr. 3’500.– (inklusive Auslagen) auszurichten.
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