Decision ID: 56016f35-cfaa-4cd2-914b-648967f3eec7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Eth-
nie, aus B._ stammend – verliess die Türkei gemäss eigenen An-
gaben am 28. August 2021 und gelangte auf dem Luftweg mit seinem ei-
genen Pass über Serbien am 23. September 2021 in die Schweiz, wo er
gleichentags ein Asylgesuch stellte. Am 29. September 2021 wurden seine
Personalien erhoben, am 1. Dezember 2021 wurde er eingehend zu sei-
nen Asylgründen angehört und am 20. Dezember 2021 fand die ergän-
zende Anhörung (EA) statt.
B.
Zur Begründung seines Gesuches machte der Beschwerdeführer im We-
sentlichen geltend, sein Vater sei im Jahr 1985 während 19 Tagen inhaftiert
und gefoltert worden und an den Folgen der Folter gestorben. Kurze Zeit
später sei auch seine Mutter im Zusammenhang mit den Problemen seines
Vaters erkrankt und gestorben – der Beschwerdeführer sei noch ein Kind
gewesen.
Der Beschwerdeführer sei seit dem Jahr 2007 in seiner Freizeit für die tür-
kische Partei Halkların Demokratik Partisi (HDP; Demokratische Partei der
Völker) aktiv gewesen, sei aber kein offizielles Parteimitglied. Aufgrund sei-
ner HDP-Aktivitäten – die Vorbereitung und Organisation von Demonstra-
tionen und Versammlungen (unter anderem Bühnenaufbau, Aufhängen der
Fahnen) – hätten die türkischen Behörden ihn andauernd behelligt. In den
Jahren 2015, 2016 und 2019 sei er von Polizisten jeweils unter anderem
anlässlich von Demonstrationsteilnahmen bei Aufenthalten im HDP-Haupt-
gebäude unzählige Male mitgenommen und bezüglich seiner HDP-Tätig-
keit befragt worden. Im Jahr 2016 habe er sein Geschäft schliessen müs-
sen und danach bis zu seiner Ausreise als Taxifahrer gearbeitet. Die Be-
hörden hätten in den Jahren 2017 - 2020 aufgrund seiner kurdischen Eth-
nie und der HDP-Tätigkeiten bei ihm sechs bis sieben Hausdurchsuchun-
gen durchgeführt. Zuletzt sei er am (...) 2020 beziehungsweise im Juli
2021 im Zusammenhang mit einem friedlichen HDP-Anlass befragt und
drei bis vier Stunden inhaftiert worden. Es existiere kein eigenes Dossier
bezüglich seiner HDP-Tätigkeit. Aus Furcht vor den Behelligungen habe er
alle zwei Jahre den Wohnsitz gewechselt; seine neue Adresse habe er je-
weils gemeldet.
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Am (...) seien 13 seiner Kollegen und Freunde der HDP-Partei inhaftiert
worden. Es seien Gerüchte kursiert, dass auch ihm etwas zustossen
würde. Aus Furcht vor einer Inhaftierung – aufgrund seiner Ethnie und sei-
ner politischen Haltung werde er als Terrorist bezeichnet – sei er ausge-
reist.
Am (...) habe er in Serbien einen pro-kurdischen Facebook-Beitrag geteilt.
Bereits seit dem Jahr 2014 habe er auf Facebook politische Inhalte geteilt.
Sein Facebook-Konto sei von den Behörden im Jahr 2019 – als sie sein
Mobiltelefon konfisziert hätten – blockiert worden. Er habe Hunderte wei-
tere Facebook-Beiträge geteilt, die sich allesamt auf die verhafteten HDP-
Parlamentarier beziehen würden.
Die Polizei habe den Beschwerdeführer nach seiner Ausreise mehrmals
bei seiner Familie gesucht und psychologischen Druck ausgeübt. Aufgrund
dieser Behelligungen seien seine Ehefrau und die fünf gemeinsamen Kin-
der von B._ nach C._ gezogen.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er unter anderem seine Identitäts-
karte im Original zu den Akten. Bezüglich der eingereichten Beweismittel
betreffend den Facebook-Beitrag vom (...) und das diesbezügliche Verfah-
ren kann auf die Akten verwiesen werden.
C.
Mit Verfügung vom 13. Januar 2022 – eröffnet am 17. Januar 2022 – lehnte
das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers im Rahmen des erwei-
terten Verfahrens ab und ordnete die Wegweisung an, anerkannte den Be-
schwerdeführer jedoch als Flüchtling und nahm ihn wegen Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig auf.
D.
Mit Eingabe vom 14. Februar 2022 erhob der Beschwerdeführer mittels
Rechtsvertretung gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde und beantragte zur Hauptsache die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung und die Asylgewährung sowie subeventualiter die Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz zur rechtsgenüglichen Sachverhalts-
abklärung sowie zur Neubeurteilung.
In prozessualer Hinsicht wurde um vollumfängliche unentgeltliche Rechts-
pflege sowie um Verzicht auf Kostenvorschuss ersucht.
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E.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Februar 2022 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, verschob jedoch den Entscheid über die Gesuche um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Rechts-
verbeiständung auf einen späteren Zeitpunkt und forderte den Beschwer-
deführer auf, eine Fürsorgebestätigung zu den Akten zu reichen sowie eine
Person zu bezeichnen, die ihm als amtliche Rechtsvertretung beigeordnet
werden könne. Ferner wurde die Vorinstanz aufgefordert, eine Vernehm-
lassung einzureichen.
F.
In seiner Vernehmlassung vom 24. Februar 2022 hielt das SEM vollum-
fänglich an seinen Erwägungen fest.
G.
Mit Eingabe vom 1. März 2022 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsor-
gebestätigung zu den Akten und erklärte, er verzichte auf amtliche Rechts-
verbeiständung.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 15. März 2022 hiess die zuständige Instrukti-
onsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gut und brachte die Vernehmlassung vom 24. Februar 2022 dem Be-
schwerdeführer zur Kenntnis.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Nachdem der Beschwerdeführer aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe
als Flüchtling vorläufig aufgenommen worden ist, bildet Gegenstand des
vorliegenden Verfahrens allein die Fragen des Asyls und der verfügten
Wegweisung. Der Wegweisungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
Insofern der Beschwerdeführer im Sinne eines Eventualantrags die Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz fordert, weil das SEM sein politisches
Profil nicht richtig gewürdigt habe, vermischt er die inhaltliche Würdigung
der Sache mit der Frage der Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts. Entgegen den Vorbringen des Beschwerdeführers hat das SEM
mehrere Elemente zu seinen Gunsten gewürdigt (etwa bezüglich der
Glaubhaftigkeit der politischen und exilpolitischen Tätigkeiten). Er verkennt
ebenso, dass das SEM die Glaubhaftigkeit seiner Fluchtvorbringen nicht
grundsätzlich in Frage stellt. Das Gericht entscheidet in der Sache selbst
(vgl. Art. 61 Abs. 1 VwVG).
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG; vgl. zur Glaubhaftmachung
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
6.
6.1 Das SEM hielt zur Begründung seiner Verfügung bezüglich der geltend
gemachten Vorfluchtgründe im Wesentlichen fest, trotz gewisser Zweifel
bezüglich des polizeilichen Vorgehens und der Glaubhaftigkeit seiner Vor-
bringen (unter anderem betreffend den Zeitpunkt der Untersuchungs-
haft/Befragungen) sei festzustellen, dass ihm anlässlich der Befragungen
nie etwas zugestossen sei. Angesichts seines Verhaltens, er habe seine
Adressänderungen jeweils den Behörden mitgeteilt, erscheine eine Furcht
vor Verfolgung unbegründet. Die allgemeine Situation, die Schikanen und
Ungerechtigkeiten von Angehörigen der kurdischen Bevölkerung, stelle
noch keinen Asylgrund dar. Daran ändere auch die Verschlechterung der
Menschenrechtslage nach dem Staatsstreich vom Juli 2016 nichts. Weiter
verfüge er über kein Profil, das die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich
zu ziehen vermöge. Er sei kein HDP-Mitglied und habe keine wichtige Po-
sition innerhalb der HDP besetzt. Nebst dem nach seiner Ausreise einge-
leiteten Verfahren bezüglich Facebook-Beiträgen sei auch kein weiteres
Gerichtsverfahren hängig. Es sei nicht auszuschliessen, dass er tatsäch-
lich für die HDP aktiv gewesen sei; dies alleine und der Umstand, dass sich
die Behörden für seine Aktivitäten interessiert hätten, vermöge die Flücht-
lingseigenschaft nicht zu begründen. Es sei daher unwahrscheinlich, dass
er aufgrund seiner Unterstützungstätigkeit der HDP, einer legalen Partei,
bei einer Rückkehr in die Türkei verhaftet würde. Bezüglich einer mögli-
chen Inhaftierung würden keine konkreten und objektiven Anhaltspunkte
hinsichtlich des Vorliegens eines ernsthaften Risikos bestehen, wobei er
nicht in der Lage gewesen sei, alle Namen der 13 verhafteten Personen,
die angeblich seine Freunde gewesen seien, zu nennen. Er habe auch den
Grund der Verhaftung nur vage genannt.
6.2 Der Beschwerdeführer hielt in seiner Rechtsmitteleingabe fest, mittels
der eingereichten Beweismittel sei seine begründete Furcht vor ernsthaften
Nachteilen nachgewiesen beziehungsweise glaubhaft gemacht. Seine
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Asylgründe seien in der Türkei entstanden und er sei aufgrund eines uner-
träglichen Druckes geflohen, weshalb er Anspruch auf Asyl habe. Es gehe
aus der angefochtenen Verfügung nicht hervor, welches Mass an Details
bezüglich der Razzia, von der ihm seine Mutter erzählt habe, zu erwarten
gewesen wäre. Es sei nicht verständlich, was er habe anders machen sol-
len und was die Vorinstanz von ihm erwartet hätte, damit es die geltend
gemachten Erlebnisse glaube. Das SEM anerkenne, dass es seit dem Mi-
litärputsch zu Reflexverfolgung von Anhängern der Gülen-Bewegung kom-
men würde. In der Türkei habe sich vieles grundlegend verändert, wobei
die kurdische Bevölkerung Ziel von Repressalien sei. Aufgrund seines psy-
chischen Zustands – eine Flucht stelle ein traumatisches Erlebnis dar – sei
nachvollziehbar, dass er teilweise auf beharrliche Fragen des Fachspezia-
listen keine ausführlichen Angaben gemacht habe.
7.
7.1 Vorab ist festzuhalten, dass das Gericht die Glaubhaftigkeit der (nie-
derschwelligen) HDP-Unterstützung des Beschwerdeführers – wie bereits
das SEM – grundsätzlich nicht in Frage stellt. Auch erscheinen mit Blick
auf die allgemeine Menschenrechtslage vor Ort die vorgebrachten Schika-
nen, Belästigungen und Verhöre glaubhaft. Daher ist im Folgenden zu prü-
fen, ob die Vorbringen des Beschwerdeführers asylrelevant sind.
7.2 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein, und vor denen sie keinen ausreichenden staat-
lichen Schutz erwarten kann (vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2
und 2008/12 E. 5 je m.w.H.). Eine begründete Furcht vor Verfolgung im
Sinne dieser Bestimmung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme
besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensol-
cher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen kon-
krete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem
der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als
wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und
nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1, 2010/57
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E. 2.5 und 2010/44 E. 3). Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass die
Schwelle zur Annahme begründeter Furcht bei Personen, die in der Ver-
gangenheit bereits Opfer von Verfolgungen geworden waren, herabgesetzt
ist (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2).
7.3 Nach Prüfung der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass sich die
geltend gemachte Verfolgung des Beschwerdeführers als nicht flüchtlings-
rechtlich relevant erweist. Vorliegend fehlt es an der erforderlichen Intensi-
tät sowie einer objektiv begründeten Furcht vor Verfolgung. Die diesbezüg-
liche Einschätzung der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung ist zu
bestätigen. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die Erwägun-
gen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden.
7.4 Zunächst ist zwar nicht in Abrede zu stellen, dass die kurzzeitigen Be-
fragungen und Behelligungen des Beschwerdeführers durch die Behörden
aufgrund seiner HDP-Tätigkeiten für ihn belastend gewesen sein müssen.
Die Befragungen dauerten jedoch lediglich 30 Minuten bis zu einer Stunde
(vgl. Anhörung D50) und einmal bis zu vier Stunden (vgl. EA D16) und wa-
ren offenbar nicht mit Misshandlungen verbunden. Aufgrund dieser Behel-
ligungen kann nicht auf Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Frei-
heit geschlossen werden. Dies wird letztlich dadurch bestätig, dass er die
Behörden jedes Mal über seinen Wohnsitzwechsel und seine neue Ad-
resse informiert hat (vgl. Anhörung D72-73). Auch ist vorliegend nicht von
einer derart unerträglichen psychischen Belastung auszugehen, die ihm
ein menschenwürdiges Leben verunmöglicht oder in unzumutbarer Weise
erschwert hätte, und der er sich nur durch Flucht ins Ausland hätte entzie-
hen können (vgl. BVGE 2010/28 E. 3.3.1.1 m.w.H.; Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2010
Nr. 17 E. 11).
7.5 Die Verhaftungen von 13 Parteikollegen und Freunden vermögen keine
objektiv begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG zu begründen. Obschon der Entschluss zur Ausreise des Beschwer-
deführers mit Blick auf seine Erlebnisse, insbesondere den Umstand, dass
sein Vater bereits des kurdischen Widerstands bezichtigt und an den Fol-
gen von staatlicher Folter gestorben ist, subjektiv betrachtet nachvollzieh-
bar ist, spricht aus objektiver Sicht aktuell nichts dafür, dass die türkischen
Behörden ihm ein menschenwürdiges Leben in seiner Heimat verunmögli-
chen würden. Aufgrund seines politischen Engagements als einfacher
HDP-Unterstützer ist er auch nicht in erhöhter Weise exponiert, sodass in
diesem Zusammenhang nicht von einer objektiv begründeten Furcht vor
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asylrelevanter Verfolgung im Zeitpunkt seiner Ausreise auszugehen ist
(vgl. ähnlich gelagertes Urteil des BVGer D-1554/2022 vom 29. Juli 2022
E. 7.1). Gemäss seinen eigenen Angaben besteht auch kein eigenes Dos-
sier bezüglich seiner HDP-Tätigkeit (vgl. EA D5). Diese Einschätzung ist
auch unter Berücksichtigung der neusten Lageentwicklung in der Türkei –
insbesondere dem derzeit vor dem Verfassungsgericht hängigen Verbots-
verfahren gegen die HDP (vgl. dazu Freedom House, Freedom in the
World 2022: Turkey, <https://freedomhouse.org/country/turkey/freedom-
world/2022>, abgerufen am 12.10.2022) – zu bestätigen. Zur Suche der
Behörden bei seiner Familie ist zu bemerken, dass diese wohl im Zusam-
menhang mit dem eröffneten Verfahren betreffend Facebook-Beitrag vom
(...) in Verbindung steht. Ausserdem konnte er in den letzten Jahren unbe-
helligt seinem Beruf als Taxifahrer nachgehen. Zum Zeitpunkt der Ausreise
ist auch nicht von einer behördlichen Registrierung auszugehen, zumal er
mit seinem eigenen Pass legal ausgereist ist.
7.6 Schliesslich machte der Beschwerdeführer geltend, er sei als Angehö-
riger der kurdischen Ethnie Schikanen durch die Polizeibehörden ausge-
setzt. In Übereinstimmung mit dem SEM stellt das Gericht fest, dass sich
die Menschenrechtslage in der Türkei in den vergangenen Jahren zwar
verschlechtert hat und Teile der kurdischen Bevölkerung Schikanen und
Belästigungen seitens der türkischen Behörden ausgesetzt sind. Gemäss
gefestigter Praxis führen jedoch allgemein die kurdische Bevölkerung be-
treffende Nachteile nicht zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft, zu-
mal die strengen Anforderungen der Rechtsprechung für die Annahme ei-
ner Kollektivverfolgung nicht erfüllt sind (vgl. Urteil des BVGer
D-1169/2022 vom 3. August 2022 E. 5.3.3). Die dargelegten Schwierigkei-
ten mit den Behörden gehen somit in ihrer Intensität nicht über die Nach-
teile hinaus, welche weite Teile der kurdischen Bevölkerung in der Türkei
in ähnlicher Weise treffen können und sind somit nicht asylrelevant (vgl. Ur-
teil des BVGer E-2462/2022 vom 13. Juni 2022 E. 5.2).
7.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass keine konkreten Hinweise
dafür vorliegen, wonach der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Aus-
reise einer asylbeachtlichen Verfolgung oder einer entsprechenden Verfol-
gungsgefahr ausgesetzt war. Die Vorinstanz hat sein Asylgesuch zu Recht
abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
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Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.3 Abschliessend ist festzuhalten, dass sich aus den vorstehenden Erwä-
gungen nicht der Schluss ergibt, der Beschwerdeführer sei zum heutigen
Zeitpunkt nicht gefährdet. Indessen wurde der Gefährdung aufgrund seiner
exilpolitischen Tätigkeiten durch die Vorinstanz mit der Anerkennung als
Flüchtling und der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzuläs-
sigkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten des Verfahrens
grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG;
Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Nachdem das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
mit Zwischenverfügung vom 15. März 2022 gutgeheissen wurde und es
keine Hinweise auf eine massgebliche zwischenzeitliche Veränderung gibt,
sind jedoch keine Kosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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