Decision ID: 39bcfb1c-0eb0-43a7-93ab-9761246cfdce
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1985 geborene, seit 2009 als Pflegeassistent tätige Beschwerdeführer
meldete sich am 19. Februar 2020 bei der Beschwerdegegnerin zum Bezug
von Leistungen (berufliche Integration/Rente) der Eidgenössischen Invali-
denversicherung (IV) an. Die Beschwerdegegnerin tätigte daraufhin di-
verse Abklärungen und gewährte dem Beschwerdeführer berufliche Mass-
nahmen (Aufbautraining vom 1. März bis 31. Oktober 2021). Zudem liess
sie ihn psychiatrisch-neuropsychologisch begutachten (Gutachten vom
4. Januar 2022). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren sprach die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer mit Verfügungen vom 3. und
15. März 2022 rückwirkend ab dem 1. Januar 2021 eine ganze und ab dem
1. November 2021 eine Viertelsrente zu.
2.
2.1.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 23. März 2022
fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Rechtsbegehren:
"1. Die Verfügung vom 3.3.2022 sei aufzuheben.
2. Dem Beschwerdeführer sei eine Invalidenrente zuzusprechen.
3. Eventualiter seien dem Beschwerdeführer berufliche Massnahmen zu-
zusprechen.
4. Es sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege zu ge-
währen und der Unterzeichnete als unentgeltlicher Vertreter .
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der ."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 6. April 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 8. April 2022 wurde die berufli-
che Vorsorgeeinrichtung des Beschwerdeführers beigeladen und ihr Gele-
genheit zur Stellungnahme eingeräumt. Die Beigeladene beantragte mit
Eingabe vom 28. April 2022 die Abweisung der Beschwerde.
2.4.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 14. April 2022 wurde dem Be-
schwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt und MLaw Jonas
Steiner, Rechtsanwalt, Aarau, zu seinem unentgeltlichen Vertreter ernannt.
- 3 -

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur
Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu beurteilen, zu denen die zu-
ständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfü-
gung – Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den be-
schwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt
es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvor-
aussetzung, wenn und insoweit keine Verfügung ergangen ist (BGE 131
V 164 E. 2.1 S. 164 mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts 8C_126/2022
vom 7. April 2022 E. 4.3).
Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer mit Mitteilung vom
17. Februar 2022 Arbeitsvermittlung gewährt (Unterstützung bei der Suche
eines geeigneten Arbeitsplatzes; Vernehmlassungsbeilage [VB] 196). In
der Folge wurde (gemäss Aktenlage) diesbezüglich keine anfechtbare Ver-
fügung verlangt. In ihren Verfügungen vom 3. und 15. März 2022 (VB 199,
207) befand die Beschwerdegegnerin einzig über den Rentenanspruch des
Beschwerdeführers. Soweit dieser in seiner Beschwerde einen Anspruch
auf Umschulung geltend macht (Beschwerde S. 19; Rechtsbegehren
Ziff. 3), fehlt es demnach an einem Anfechtungsgegenstand im Sinn von
Art. 56 Abs. 1 ATSG. Auf die Beschwerde ist daher in diesem Umfang nicht
einzutreten.
1.2.
Streitig und zu prüfen ist dagegen, ob die Beschwerdegegnerin dem Be-
schwerdeführer mit Verfügung vom 3. März 2022 (VB 199) – sowie implizit
mitangefochtener Verfügung vom 15. März 2022 (VB 207) – zu Recht rück-
wirkend ab dem 1. Januar 2021 eine ganze und ab dem 1. November 2021
eine Viertelsrente zugesprochen hat.
2.
2.1.
In medizinischer Hinsicht stützte sich die Beschwerdegegnerin im Wesent-
lichen auf das psychiatrisch-neuropsychologische Gutachten von
Dr. med. D., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Praktischer
Arzt, sowie von lic. phil. E., Fachpsychologin für Neuropsychologie sowie
für Psychotherapie FSP, vom 4. Januar 2022 (VB 181.1 f.).
Die Gutachter legten dar, aus bidisziplinärer Sicht sei vom Vorliegen einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61) mit selbstunsicheren,
abhängigen, paranoiden und emotional-labilen Zügen und einer gemisch-
ten Angststörung (ICD-10: F41.3) auszugehen. Zusätzlich bestünden
- 4 -
leichte neuropsychologische Funktionsstörungen bei mnestischen Teil-
funktionen (Merkspannen, Arbeitsgedächtnis), bei den exekutiven Funktio-
nen (Ideenproduktion, Konzepterkennung, Handlungsplanung, Strukturie-
rung) und im Aufmerksamkeitsbereich (Aufmerksamkeitsaktivierung, Reak-
tionsschnelligkeit, leicht verlangsamte mentale Verarbeitung) bei unter-
durchschnittlicher allgemeiner intellektueller Leistungsfähigkeit im Rahmen
einer Lernbehinderung (VB 181.1 S. 4).
In der angestammten Tätigkeit als Assistent Gesundheit und Soziales be-
stünden mittelschwere bis schwere Einschränkungen. Es sei von einer
Restarbeitsfähigkeit von ca. 40 % ("Präsenz 50%, Leistungsminderung
qualitativ 20%") auszugehen. Als angepasst gelte eine einfache und gut
strukturierte Tätigkeit an einem ruhigen Arbeitsplatz, ohne hohe kognitive
Anforderungen, ohne Hektik, mit geringem Zeitdruck, klaren Arbeitsvorga-
ben und Unterstützung durch die vorgesetzte Person. Zudem sollte es sich
um Routinearbeiten handeln und es dürften keine Schichtarbeit und kein
Nachtdienst verrichtet werden. Möglichst vermieden werden sollten ferner
das Arbeiten in Gruppen mit komplexer bzw. schwieriger Gruppendynamik,
das Ausüben einer Vorgesetztenfunktion sowie das Arbeiten in einem
Grossraumbüro und Tätigkeiten mit hoher Flexibilität und Ausdauer
(VB 181.2 S. 40). In solch einer Tätigkeit sei ein Pensum von ca. 70 % zu-
mutbar. Unter Berücksichtigung der leichten kognitiven Einschränkungen
müsse von einer 20%igen Leistungsminderung im Rahmen dieses Pen-
sums ausgegangen werden (VB 181.1 S. 4 f.). Gesamthaft sei von einer
56%igen Arbeitsfähigkeit (bzw. 44%igen Arbeitsunfähigkeit) in einer ange-
passten Tätigkeit auszugehen (VB 181.2 S. 40). Aufgrund der "komorbiden
psychischen Störung" sei der Beschwerdeführer seit Ende Januar 2020 in
seiner Arbeitsfähigkeit zuerst schwer eingeschränkt, d.h. zu 100 % arbeits-
unfähig gewesen. Die Arbeitsfähigkeit habe dann im Verlauf der Eingliede-
rung bis "ca. Ende Sommer 2021" auf die aktuell geschätzten Pensen
schrittweise erhöht werden können. Unter Berücksichtigung von Empfeh-
lungen (bezüglich Behandlung sowie betreffend Unterstützung durch die
Beschwerdegegnerin) sei eine relevante Verbesserung der Arbeitsfähigkeit
mittelfristig "(bis 2 Jahre)" möglich (VB 181.1 S. 5).
2.2.
Das Gutachten vom 4. Januar 2022 erfüllt die gesetzlichen und rechtspre-
chungsgemässen beweisrechtlichen Anforderungen an eine von der Ver-
waltung im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholte Expertise
(vgl. BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470 mit Hinweisen) und ist für die
invalidenversicherungsrechtlichen Belange in medizinischer Hinsicht
umfassend, was auch unter den Parteien nicht umstritten ist. Auf das
Gutachten kann demnach vollumfänglich abgestellt werden.
- 5 -
3.
3.1.
Der Beschwerdeführer bringt vor, seine Resterwerbsfähigkeit sei auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht mehr verwertbar, denn selbst die Ein-
gliederungsfachpersonen hätten festgehalten, dass er lediglich noch im
zweiten Arbeitsmarkt zu 50 % arbeitsfähig sei. Des Weiteren würden die
diversen Einschränkungen im Zumutbarkeitsprofil der Verwertbarkeit der
attestierten Restarbeitsfähigkeit entgegenstehen. Ein Arbeitgeber des ers-
ten Arbeitsmarkts würde aus Kosten- und Zeitgründen keinen Arbeitneh-
mer einstellen, welcher ein erhöhtes Mass an Betreuung benötige (Be-
schwerde S. 13 f.).
3.2.
Der Begriff des ausgeglichenen Arbeitsmarktes (Art. 16 und Art. 7 Abs. 1
ATSG) ist ein theoretischer und abstrakter Begriff, welcher die konkrete Ar-
beitsmarktlage nicht berücksichtigt und dazu dient, den Leistungsbereich
der IV von jenem der Arbeitslosenversicherung abzugrenzen. Er um-
schliesst einerseits ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen dem Angebot
von und der Nachfrage nach Stellen; anderseits bezeichnet er einen Ar-
beitsmarkt, der von seiner Struktur her einen Fächer verschiedenartiger
Stellen offenhält (BGE 148 V 174 E. 9.1 S. 188). Nach diesen Gesichts-
punkten bestimmt sich im Einzelfall, ob der Invalide die Möglichkeit hat,
seine restliche Erwerbsfähigkeit zu verwerten und ob er ein rentenaus-
schliessendes Einkommen zu erzielen vermag oder nicht (Urteil des Bun-
desgerichts 8C_791/2009 vom 8. März 2010 E. 3.2). Unverwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit ist anzunehmen, wenn die zumutbare Tätigkeit in nur
so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeits-
markt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegen-
kommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Fin-
den einer entsprechenden Stelle daher zum vornherein als ausgeschlos-
sen erscheint (vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts 8C_192/2022 vom
7. Juli 2022 E. 6.1.1 mit Hinweisen).
3.3.
Soweit der Beschwerdeführer auf den (gescheiterten) Arbeitsversuch hin-
weist (Beschwerde S. 13), ist zunächst Folgendes auszuführen: Den Er-
kenntnissen der Eingliederungsfachpersonen im Rahmen von beruflichen
Abklärungen ist bezüglich der Beurteilung der Arbeits- und Leistungsfähig-
keit zwar eine gewisse Aussagekraft zuzuerkennen. Solche Berichte basie-
ren in der Regel jedoch nicht auf vertieften medizinischen Untersuchungen,
sondern – wie hier (vgl. etwa Bericht F. vom 31. August 2021 [VB 125];
ferner Abschlussbericht Integration der Beschwerdegegnerin vom
31. Dezember 2021 [VB 180]) – auf berufspraktischen Beobachtungen,
welche in erster Linie die von ihnen erhobene, subjektive Arbeitsleistung
der versicherten Person wiedergeben. Das alleinige Abstellen auf primär
- 6 -
arbeitsorientierte Evaluationen ist nicht sachgemäss, da die abschlies-
sende Beurteilung der sich aus einem Gesundheitsschaden ergebenden
funktionellen Leistungsfähigkeit in der Hauptsache den ärztlichen Fachkräf-
ten obliegt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_646/2016 vom 16. März
2017 E. 4.2.2 mit Hinweisen). Vorliegend ist zudem zu berücksichtigen,
dass die Eingliederungsbemühungen dem psychiatrischen Gutachter be-
kannt waren und explizit in dessen Beurteilung miteinbezogen wurden
(vgl. VB 181.2 S. 32 f., S. 36; VB 181.1 S. 4).
Das gutachterlich beschriebene Zumutbarkeitsprofil, wonach der Be-
schwerdeführer unter anderem durch die vorgesetzte Person unterstützt
werden müsse (vgl. VB 181.2 S. 39), steht einer Verwertbarkeit der Rest-
arbeitsfähigkeit nicht entgegen, denn der hypothetisch ausgeglichene Ar-
beitsmarkt umfasst auch sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen-
und Arbeitsangebote, bei welchen Behinderte mit einem sozialen Entge-
genkommen seitens des Arbeitgebers rechnen können (BGE 148 V 174
E. 9.1 S. 188; Urteil des Bundesgerichts 8C_192/2022 vom 7. Juli 2022
E. 6.1.1; vgl. BGE 109 V 25 E. 3d S. 28 f.). Der Beschwerdeführer war ge-
mäss Lebenslauf vor Eintritt des Gesundheitsschadens unter anderem als
Betriebsmitarbeiter (Küche, Hauswirtschaft und Pflege) sowie als Mitarbei-
ter im technischen Hausdienst tätig, wobei er auch administrative Tätigkei-
ten (Verantwortung für das Bestellwesen von Pflegematerialien, Verwal-
tung des Produktekataloges) ausübte (VB 112). Diese Erfahrungen im Er-
werbsleben sprechen für das Vorhandensein einer gewissen Anpassungs-
und Umstellungsfähigkeit, auch wenn beim beruflichen Wiedereinstieg mit
einer längeren Einarbeitungszeit gerechnet werden muss (VB 181.1 S. 5).
Dem Beschwerdeführer steht aufgrund des Anforderungsprofils möglicher
Verweistätigkeiten – insbesondere näher umschriebene einfache Hilfstätig-
keiten – noch ein genügend weites Betätigungsfeld auf dem zu berücksich-
tigenden Arbeitsmarkt offen. Zwar ist er auch im Rahmen eines 70%-Pen-
sums in seiner Leistungsfähigkeit zusätzlich um 20 % eingeschränkt. Dabei
ist aber zu beachten, dass die Gutachter eine relevante Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit bereits in etwa zwei Jahren als möglich erachteten, sofern
ihre Empfehlungen eingehalten würden (VB 181.1 S. 5). Diese Prognose
ist beim noch relativ jungen Beschwerdeführer durchaus relevant. Somit ist
insgesamt von der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit auszugehen.
3.4.
Des Weiteren bringt der Beschwerdeführer vor, die Beschwerdegegnerin
habe bei der Ermittlung des Invalideneinkommens die 20%ige Leistungs-
minderung im Rahmen der "70%igen Arbeitsunfähigkeit" nicht korrekt be-
rücksichtigt, da bei "der Leistungsminderung [...] immer vom Ganzen, also
folglich von 100 % auszugehen" sei. Es liege gesamthaft eine 50%ige Ar-
beitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit vor (Beschwerde S. 15).
- 7 -
Die in der Beschwerde vertretene Auffassung, wonach bei einer Leistungs-
minderung immer von einem Pensum von 100 % auszugehen sei, wird we-
der begründet noch ist sie zutreffend. Dabei wird auch übersehen, dass der
psychiatrische Gutachter in seinem Teilgutachten dem Beschwerdeführer
in einer angepassten Tätigkeit explizit eine Leistungsminderung von 20 %
im Rahmen eines Pensums von 70 % attestierte und dadurch zu einer Ar-
beitsfähigkeit von 56 %, bzw. einer Arbeitsunfähigkeit von 44 %, gelangte
(VB 181.2 S. 40). Die Beschwerdegegnerin ist daher zu Recht von einer
– ab 1. November 2021 zu berücksichtigenden – 56%igen Arbeitsfähigkeit
in angepassten Tätigkeiten ausgegangen.
4.
4.1.
Der Beschwerdeführer bringt vor, es sei nicht ersichtlich, weshalb die Be-
schwerdegegnerin zur Ermittlung des Valideneinkommens den Durch-
schnittswert seiner Einkommen der Jahre 2017 bis 2019 verwendet habe.
Vielmehr hätte sie einzig den zuletzt erzielten Verdienst heranziehen dürfen
(Beschwerde S. 15).
Die Beschwerdegegnerin ermittelte gestützt auf den Auszug aus dem indi-
viduellen Konto (IK) des Beschwerdeführers (VB 11 S. 2) ein durchschnitt-
liches Einkommen der Jahre 2017 bis 2019 und rechnete dieses entspre-
chend der Nominallohnentwicklung auf das Jahr 2020 auf (VB 199 S. 5).
Dabei resultierte ein Valideneinkommen von Fr. 69'300.00. Das Invaliden-
einkommen setzte sie gestützt auf die Schweizerische Lohnstrukturerhe-
bung (LSE) 2018 des Bundesamtes für Statistik (BfS), Tabelle TA1, Total,
Kompetenzniveau 1, Männer, unter Berücksichtigung der betriebsüblichen
wöchentlichen Arbeitszeit, der Nominallohnentwicklung bis 2020, eines
Pensums von 70 % und einer Leistungsminderung von 20 % (Arbeitsfähig-
keit: 56 % [70 % x 0.8]) auf Fr. 38'563.00 fest. Bei einer Erwerbseinbusse
von Fr. 30'737.00 ermittelte sie sodann (per Ende der Eingliederungsmass-
nahmen am 31. Oktober 2021, während deren Dauer sie Taggelder ausge-
richtet hatte; vgl. VB 127) ab November 2021 einen Invaliditätsgrad von
44 %.
4.2.
4.2.1.
Das Einkommen ohne Invalidität (Valideneinkommen; Art. 16 ATSG) be-
stimmt sich in der Regel anhand des zuletzt vor Eintritt der Invalidität tat-
sächlich erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommens-
entwicklung angepassten Erwerbseinkommens, da es empirischer Erfah-
rung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
fortgesetzt worden wäre; Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit erstellt sein. Bei starken und verhältnismässig kurzfristig in
Erscheinung getretenen Schwankungen der zuletzt erzielten Einkommen
ist – insbesondere bei Selbstständigerwerbenden – auf den während einer
- 8 -
längeren Zeitspanne erzielten Durchschnittswert abzustellen (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 8C_177/2022 vom 13. Juli 2022 E. 8.1 unter anderem
mit Hinweis auf SVR 2021 UV Nr. 26 S. 123, 8C_581/2020 E. 6.1).
4.2.2.
Von 2014 bis 2018 verdiente der Beschwerdeführer ausweislich des IK-
Auszugs jährlich zwischen Fr. 65'072.00 und Fr. 66'898.00. Im Jahr 2019
erzielte er (inklusive Dienstaltersgeschenk in der Höhe von Fr. 3'600.00;
vgl. VB 10.3) ein Einkommen von Fr. 69'321.00 (VB 11 S. 2). Aus den
Lohnkonto-Blättern der Jahre 2017 bis (Februar) 2020 geht jeweils kon-
stant ein Monatslohn von Fr. 4'800.00 brutto, mithin ein Jahreslohn von
Fr. 62'400.00 (13 x Fr. 4'800.00) hervor (VB 10.2 ff.), was mit den Angaben
des ehemaligen Arbeitgebers vom 16. März 2020 übereinstimmt (VB 10.1
S. 5). Starke Schwankungen beim massgeblichen Einkommen liegen vor
diesem Hintergrund nicht vor, weshalb grundsätzlich das zuletzt erwirt-
schaftete Einkommen zu berücksichtigen ist. Allerdings ist das im Jahr
2019 ausgerichtete Dienstaltersgeschenk ausser Acht zu lassen, da dies
kein regelmässiges Einkommen darstellt. Ob das Valideneinkommen auf
der Grundlage des Durchschnittslohnes der Jahre 2017-2019 oder gestützt
auf das Einkommen des Beschwerdeführers von 2019 abzüglich Dienstal-
tersgeschenk ermittelt wird, wirkt sich – wie sich im Folgenden ergibt – nicht
auf das Ergebnis aus, weshalb nachfolgend zugunsten des Beschwerde-
führers vom Valideneinkommen gemäss Ermittlung der Beschwerdegeg-
nerin ausgegangen wird, mithin von (gerundet) Fr. 69'300.00.
4.3.
4.3.1.
Der Beschwerdeführer bringt sodann vor, das Abstellen auf LSE-Tabellen-
löhne zur Ermittlung des Invalideneinkommens sei diskriminierend. Aus
diesem Grund sowie aufgrund seiner psychischen Einschränkungen und
des Umstandes, dass er nur noch Teilzeit arbeiten könne, müsse ein Abzug
vom Tabellenlohn gewährt werden (Beschwerde S. 16 ff.).
4.3.2.
Vorab ist festzuhalten, dass die angefochtenen Verfügungen im März 2022
ergingen und bei Anmeldung zum Leistungsbezug vom 19. Februar 2020
sowie angesichts der gutachterlich abgegebenen Arbeitsfähigkeitsein-
schätzung der frühestmögliche Rentenbeginn im Januar 2021 liegt (Art. 28
Abs. 1; Art. 29 Abs. 1 IVG). Folglich ist das bis Ende 2021 geltende Recht
anwendbar.
4.3.3.
Im vom Beschwerdeführer erwähnten (Beschwerde S. 17) Urteil des Bun-
desgerichts 8C_256/2021 vom 9. März 2022 (mittlerweile publiziert:
BGE 148 V 174) hielt dieses im Wesentlichen fest, eine Änderung seiner
bisherigen Rechtsprechung zur Ermittlung des Invaliditätsgrades anhand
- 9 -
der Tabellenlöhne der LSE sei nicht angezeigt. Weiter bekräftigte es, der
Medianlohn der standardisierten Bruttolöhne der LSE, von dem gemäss
bisheriger bundesgerichtlicher Praxis auszugehen sei, eigne sich grund-
sätzlich als Ausgangswert zur Ermittlung des Invalideneinkommens
(E. 9.2.1). Als Korrekturinstrumente für eine einzelfallgerechte gegenüber
einer standardisierten Betrachtung stünden die Möglichkeiten eines Ab-
zugs vom Tabellenlohn sowie der Parallelisierung der Einkommen zur Ver-
fügung (E. 9.2.3).
4.3.4.
Gemäss Gutachten besteht beim Beschwerdeführer in angepassten Tätig-
keiten eine Leistungsminderung von 20 % im Rahmen eines noch zumut-
baren Pensums von 70 %. Gemäss BfS-Tabelle T18 (Monatlicher Brutto-
lohn nach Beschäftigungsgrad, beruflicher Stellung und Geschlecht) des
Jahres 2018 wirkt sich ein Teilzeitpensum von 50 % - 74 % bei Männern
nur wenig lohnmindernd aus. Hinsichtlich der geltend gemachten psychisch
bedingten Einschränkungen ist sodann anzumerken, dass diese bereits
massgeblich im gutachterlich definierten Zumutbarkeitsprofil und mit dem
reduzierten zeitlichen Umfang der attestierten Arbeitsfähigkeit in einer Ver-
weistätigkeit berücksichtigt wurden. So setzten die Gutachter das zumut-
bare Pensum in einer angepassten Tätigkeit "unter Berücksichtigung der
krankheitsbedingten Einschränkungen" auf 70 % fest und die zusätzliche
20%ige Leistungsminderung führten sie auf die leichten kognitiven Ein-
schränkungen zurück (vgl. VB 181.1 S. 4 unten). Rechtsprechungsgemäss
ist eine doppelte Anrechnung der gesundheitlichen Einschränkung sowohl
bei der Arbeitsfähigkeit als auch beim leidensbedingten Abzug nicht zuläs-
sig (Urteil des Bundesgerichts 8C_156/2022 vom 29. Juni 2022 E. 6.2).
Insgesamt erscheint der Verzicht der Beschwerdegegnerin auf Vornahme
eines Abzugs vom Tabellenlohn jedenfalls als vertretbar.
Da – wie gesehen – rechtsprechungsgemäss weiterhin auf die statistischen
Werte der LSE abzustellen ist und vorliegend kein Abzug vom Tabellenlohn
angezeigt ist, bleibt es für den Zeitraum ab dem 1. November 2021 beim
von der Beschwerdegegnerin ermittelten Invalideneinkommen von
Fr. 38'563.00.
4.4.
Nach den vorstehenden Erwägungen hat der Beschwerdeführer Anspruch
auf eine ganze Rente ab 1. Januar 2021 und ab dem 1. November 2021
auf eine Viertelsrente (vgl. Art. 28 Abs. 2 IVG in der bis 31. Dezember 2021
in Kraft gestandenen Fassung und lit. b der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des IVG vom 19. Juni 2020). Die Verfügungen der Beschwerde-
gegnerin vom 3. und 15. März 2022 erweisen sich im Ergebnis als korrekt.
- 10 -
5.
5.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf ein-
zutreten ist.
5.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Da diesem die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt wurde, sind die Kosten einstweilen lediglich vorzu-
merken.
5.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch auf
Parteientschädigung zu. Dem unentgeltlichen Rechtsvertreter wird das an-
gemessene Honorar nach Eintritt der Rechtskraft des versicherungsge-
richtlichen Urteils aus der Obergerichtskasse zu vergüten sein (Art. 122
Abs. 1 lit. a ZPO i.V.m. § 34 Abs. 3 VRPG).
5.4.
Es wird ausdrücklich auf Art. 123 ZPO verwiesen, wonach eine Partei, der
die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung der vor-
gemerkten Gerichtskosten sowie der dem Rechtsvertreter ausgerichteten
Entschädigung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist.