Decision ID: 02785dbc-4b58-5eca-8580-197f92221e1a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer ist nigerianischer Staatsangehöriger der Ethnie
Igbo und wurde in B._, Äquatorialguinea geboren; seine Mutter
stammt von dort, sein Vater aus Nigeria. Im Jahr 2003, als der Beschwer-
deführer (...) Jahre alt war, verliess sein Vater die Familie und reiste in die
Schweiz, wo er seither lebt und mit einer Schweizerin verheiratet ist. Ein
Gesuch um Familiennachzug wurde mehrmals abgewiesen. Der Be-
schwerdeführer wurde mit zwölf Jahren von seiner Mutter zu seinen Gros-
seltern väterlicherseits nach Nigeria geschickt und lebte bis zu seiner Aus-
reise mit ihnen im Dorf C._, Gemeinde D._, Bundesstaat
Imo; dort besuchte er nach eigenen Angaben vier Jahre die Schule. Auch
seine Tante väterlicherseits kümmerte sich um ihn.
A.b Am (...) Juni 2015 reiste der (damals noch minderjährige) Beschwer-
deführer mit einem Touristenvisum in die Schweiz ein, wo er sich seither
aufhält. Am (...) Januar 2019 ersuchte er um Asyl. Er machte geltend, in
Nigeria sei sein Leben in Gefahr. Sein Vater werde dort gesucht, weil er ein
(...) sei. Auch ihm habe man gedroht ihn umzubringen, falls sein Vater et-
was Falsches mache. Er habe die Drohungen nicht zur Anzeige bringen
können, denn auch die Polizei sei gegen E._. Er sei in Nigeria von
der Nachbarschaft gehasst worden, weil sein Vater im Ausland lebe; mit
den Behörden habe er keine Probleme gehabt. Seine Grosseltern seien alt
und krank geworden und hätten nicht länger für ihn sorgen können. Seine
Tante väterlicherseits, die sich auch um ihn gekümmert habe, habe gehei-
ratet und ebenfalls keine Zeit mehr für ihn gehabt. Da die Unruhen wegen
E._ auch das Dorf erreicht hätten, habe die Grossmutter seinem
Vater vorgeschlagen, ihn in die Schweiz zu holen.
A.c Mit Verfügung vom 10. Juli 2019 lehnte das SEM das Asylgesuch des
mittlerweile volljährigen Beschwerdeführers ab, verfügte die Wegweisung
aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Das SEM hielt die Asylvor-
bringen nicht für asylbeachtlich und auch nicht für glaubhaft gemacht. Es
stellte überdies keine Wegweisungsvollzugshindernisse fest und erachtete
den Vollzug als zulässig, zumutbar und möglich. Die dagegen erhobene
Beschwerde vom 22. Juli 2019 wies das Bundesverwaltungsgericht mit Ur-
teil E-3725/2019 vom 9. September 2019 ab.
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Seite 3
II.
B.
Mit Eingabe vom 22. Juni 2020 gelangte der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertreterin mit einem Wiedererwägungsgesuch an das SEM, worin
er beantragte, es sei auf das vorliegende Gesuch einzutreten, die ur-
sprüngliche Verfügung sei im Wegweisungspunkt aufzuheben und sein
weiterer Aufenthalt in der Schweiz sei nach den Bestimmungen über die
vorläufige Aufnahme zu regeln.
Der Beschwerdeführer begründet sein Gesuch mit der mittlerweile weltweit
eingetretenen grundlegenden wirtschaftlichen Krise infolge der Covid-19-
Pandemie, der Verschlechterung der Sicherheitslage in Nigeria, der dro-
henden, immer näher rückenden Ausschaffung und der mit diesen Umstän-
den einhergehenden Verschlechterung seiner Gesundheit. Die nigeriani-
sche Wirtschaft werde infolge der Corona-Krise um rund 3,4 Prozent
schrumpfen und Nigeria wegen des massiven Einbruchs des Erdölpreises
über die Hälfte der budgetierten Staatseinnahmen verlieren. Die Folgen
seien Armut, Konflikte, Mangelernährung und Hunger. Ausserdem seien
die Islamisten in den letzten Jahren deutlich stärker geworden und könnten
sich in den ländlichen Gebieten frei bewegen. Die Regierung und Sicher-
heitsorgane hätten keine Antwort auf die Sicherheitsprobleme, seien unter-
finanziert und unterbesetzt. Die Bevölkerungszahl und die extreme Armut
würden rasant wachsen und die Wirtschaft entwickle sich nur schleppend.
Das britische Unterhaus untersuche sogar, ob Nigeria ein Völkermord
drohe. Er gehöre als praktizierender Christ in Nigeria einer Gruppe an, die
Ziel gewaltgeprägter Übergriffe sei. Den geschilderten, ausserordentlichen
Umständen in Nigeria, wo er als Kind gerade einmal rund zwei Jahre gelebt
habe, sei er als knapp den Kinderschuhen Entwachsener nicht gewachsen.
Ausserdem verfüge er dort über kein soziales Netz und sei nach seiner
langen Landesabwesenheit auch nicht mehr mit den örtlichen Verhältnis-
sen vertraut und der Landessprache nicht mehr richtig mächtig. Dass er
sich in der Schweiz nicht in befriedigendem Mass habe integrieren können,
sei hauptsächlich auf den über Jahre hinweg ungeregelten Aufenthaltssta-
tus zurückzuführen. Seine hier verübten Straftaten seien selbstverständlich
zu verurteilen, dürften aber mit der nötigen Nachsicht noch als «Bagatell-
delikte» verstanden werden, die auch auf jugendlichen Leichtsinn zurück-
zuführen seien. Er sei aufgrund seiner besonderen Geschichte als beson-
ders vulnerabel zu betrachten. Er sei sein Leben lang ungefragt als Objekt
hin- und hergeschoben worden, habe sich nirgendwo verwurzeln können
und sei wiederholt aus seinem Umfeld herausgerissen sowie immer wieder
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mit neuen Umständen, inklusive anderer Sprache und anderen Schulen
konfrontiert worden. Seit einiger Zeit liege er nachts wach, grüble, ent-
wickle Ängste wegen der drohenden Rückkehr nach Nigeria, wo er – selbst
immer noch mehr Kind als Erwachsener – auf sich allein gestellt sei, und
drohe, in Depressionen zu versinken. Aus lauter Sorge habe er kürzlich
drei Tage lang nichts mehr essen können und stehe mittlerweile in Kontakt
zum Gefängnispsychiater Dr. med. F._.
Als Beweismittel stellte er die Nachreichung eines neuen Arztberichts in
Aussicht und verwies auf diverse elektronische Zeitungsartikel.
C.
Mit Schreiben vom 2. Juli 2020 wies die Vorinstanz das Migrationsamt des
Kantons Solothurn auf die neue Eingabe hin und ersuchte um einstweilige
Aussetzung des Wegweisungsvollzugs.
D.
Mit Verfügung vom 26. August 2020 – tags darauf eröffnet – wies das SEM
das Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers ab und erklärte die
Verfügung vom 10. Juli 2019 für rechtskräftig und vollstreckbar. Ausserdem
wies es das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ab, erhob eine Ge-
bühr von Fr. 600.– und hielt fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine
aufschiebende Wirkung zu.
E.
Gleichentags reichte der Beschwerdeführer den in Aussicht gestellten Arzt-
bericht vom 17. August 2020 von Dr. med. F._, Oberarzt der
G._ nach.
F.
Mit Beschwerde vom 28. September 2020 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der Verfügung vom
26. August 2020, die Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs sowie die Anweisung der Vorinstanz, ihn in der Schweiz vorläufig
aufzunehmen.
In prozessualer Hinsicht beantragte er, der Beschwerde sei die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen,
von Vollzugshandlungen bis zum Entscheid über die Beschwerde abzuse-
hen. Schliesslich sei unter Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsbeiständin die unentgeltliche Rechtspflege zu gewäh-
ren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
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Seite 5
Als Beilage reichte der Beschwerdeführer eine Karte Nigerias betreffend
die gewaltsamen Konflikte ein und verwies auf diverse elektronische Zei-
tungsartikel sowie auf einen separat eingereichten neuen Arztbericht vom
23. September 2020 von Dr. med. H._. Dieser ist vor der Be-
schwerde und der Eröffnung des vorliegenden Dossiers beim Gericht ein-
gegangen, weshalb er dem Dossier nicht zugeordnet werden konnte und
dem SEM weitergeleitet wurde. Schliesslich wurde der Arztbericht dem Ge-
richt durch das SEM am 12. Oktober 2020 zurückgeschickt und zudem am
14. Oktober 2020 erneut durch die Rechtsvertretung zugesandt.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 30. September 2020 setzte die Instruktions-
richterin den Vollzug der Wegweisung superprovisorisch aus.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 6
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
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Seite 6
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift-
lich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren
nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66 – 68 VwVG
(Art. 111b Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum soge-
nannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" vgl. BVGE 2013/22
E. 5.4 m.w.H.). Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Be-
weismittel abstützen, welche erst nach Abschluss eines Beschwerdever-
fahrens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei der
Vorinstanz einzubringen, da solche neu entstandenen Beweismittel keine
Grundlage für ein Revisionsverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht
darstellen können (Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a [letzter Satz]
BGG; vgl. BVGE 2013/22).
Eine Wiedererwägung ist nicht beliebig zulässig und darf namentlich nicht
dazu dienen, blosse Urteilskritik zu üben, die Rechtskraft von Verwaltungs-
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und Gerichtsentscheiden immer wieder infrage zu stellen oder die Fristen
für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu umgehen.
4.2 Nachdem die Vorinstanz die Rechtzeitigkeit und den Anspruch des Be-
schwerdeführers auf Behandlung seines Wiedererwägungsgesuchs nicht
in Abrede gestellt hat und darauf eingetreten ist, hat das Bundesverwal-
tungsgericht zu prüfen, ob sie in zutreffender Weise das Bestehen der gel-
tend gemachten Wiedererwägungsgründe verneint und an ihrer ursprüng-
lichen Verfügung festgehalten hat. Dabei ist praxisgemäss der sich präsen-
tierende Sachverhalt im Urteilszeitpunkt massgebend (vgl. statt vieler: Ur-
teil des BVGer E-5049/2019 vom 6. Dezember 2019 E. 4.2).
5.
5.1 Zur Begründung der Abweisung des Wiedererwägungsgesuchs führte
das SEM aus, der Beschwerdeführer mache allgemeine Befürchtungen
geltend, welche die gesamte Bevölkerung in Nigeria treffen würden und
somit nicht als gezielte, asylrelevante Verfolgung seiner Person zu betrach-
ten seien. Einem Bericht des Europäischen Unterstützungsbüros für Asyl-
fragen (EASO, englisch European Asylum Support Office) könne entnom-
men werden, dass Anzeichen bestünden, wonach sich die Wirtschaft Nige-
rias erhole. Die geltend gemachten Sicherheitsbedenken würden nicht den
Südosten Nigerias betreffen und auch die durch die Covid-19-Pandemie
verursachten Probleme stünden dem Wegweisungsvollzug nicht entgegen.
Da der Beschwerdeführer aus Imo, dem Südosten Nigerias stamme, wo
Christen in der Überzahl seien, seien seine Befürchtungen, als Christ Ziel
von Übergriffen zu werden, ebenfalls unbegründet. Auch seine gesundheit-
lichen Probleme vermöchten keine Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs zu begründen. Er sei keine schwerkranke Person, bei der die ernst-
hafte Gefahr bestehe, dass er bei einer Rückschaffung nach Nigeria einer
schwerwiegenden, rapiden und irreversiblen Verschlechterung seines Ge-
sundheitszustandes, verbunden mit übermässigem Leiden oder einer be-
deutenden Verkürzung der Lebenserwartung ausgesetzt wäre. Ausserdem
gehe aus den Akten hervor, dass er am (...) 2016 durch die zuständige
Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde fremdplatziert worden sei, was
darauf schliessen lasse, dass die Beziehung zwischen ihm und seinem Va-
ter konfliktbelastet sei. Er sei ein junger, gesunder, lediger Mann, weshalb
eine Rückführung nach Nigeria zulässig, zumutbar und möglich erscheine.
5.2 Dem entgegnet der Beschwerdeführer, das SEM habe hinsichtlich der
wirtschaftlichen Lage in Nigeria Berichte vom Jahr 2018 zitiert und somit
https://de.wikipedia.org/wiki/Englische_Sprache
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deren Verschärfung durch die Covid-19-Pandemie sowie die sich ausbrei-
tende Gewalt nicht berücksichtigt. Am 26. Juni 2020 habe Amnesty Inter-
national einen Bericht zum gewalttätigen Vorgehen der sogenannten
"SARS-officers" (Special Anti-Robbery Squad) veröffentlicht. Diese gehör-
ten der nigerianischen Polizei an, seien weitherum tätig und missbrauchten
ihre Macht, welche immer grösser werde. Opfer dieser überbordenden "Si-
cherheitskräfte" seien vor allem junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren.
Ausserdem sei der Süden Nigerias von einer Anhäufung von Konflikten be-
troffen, die mit der Ölförderung zusammenhängen würden. Diese Entwick-
lungen würden für ihn als vulnerable Person durchaus eine Rolle spielen.
Aus dem mit separater Eingabe vom 23. September 2020 ins Verfahren
gelegten Arztzeugnis gehe hervor, dass er gesundheitlich schwer belastet
sei. Als Häftling habe er keinen freien Zugang zu einem Arzt. Der für das
Gefängnis zuständige Arzt Dr. med. F._ sei wohl im August 2020
nicht mehr interessiert gewesen, ihn angemessen zu betreuen, da er im
damaligen Zeitpunkt schon auf dem Sprung in eine neue Anstellung gewe-
sen sei. Der Beschwerdeführer sei ein noch sehr junger und damit schutz-
bedürftiger, gesundheitlich angeschlagener Mann, der zudem behindert sei
(Anmerkung BVGer: [...]), keine berufliche Bildung habe, über kein sozia-
les Netz in Nigeria verfüge, der dortigen Sprache nicht mächtig sei und (...)
seines Lebens in der Schweiz verbracht habe. Er würde in ein Land zu-
rückgeschafft, in dem er sich als Kind lediglich zwei Jahre aufgehalten
habe und in welchem er angesichts der wirtschaftlich desolaten Lage und
der um sich greifenden Gewalt in eine existenzbedrohende Lage geraten
würde. Es wäre ausserdem nicht verhältnismässig, wenn dem früheren
zweijährigen Aufenthalt in Nigeria mehr Gewicht beigemessen würde als
dem aktuellen fünfjährigen Aufenthalt in der Schweiz.
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Voll-
zug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Hei-
mat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg,
allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
E-4816/2020
Seite 9
6.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.
7.1 Es ist im Folgenden zu prüfen, ob es dem Beschwerdeführer gelingt,
eine veränderte Sachlage darzutun, welche der Zumutbarkeit des Vollzugs
der Wegweisung entgegenstehen würde. Die Zulässigkeit und Möglichkeit
des Wegweisungsvollzugs wurden nicht beanstandet.
7.2 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
7.2.1 In Nigeria herrscht nach wie vor keine Situation allgemeiner Gewalt
(vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E-5690/2019 vom 8. Novem-
ber 2019 m.w.H. sowie D-3328/2020 vom 8. Juli 2020). Wie die Vorinstanz
zu Recht festhält, betreffen die Vorbringen des Beschwerdeführers insbe-
sondere den Nordwesten seines Heimatlandes. Die dortigen Machen-
schaften der Boko Haram sind dem Bundesverwaltungsgericht bekannt.
Der Beschwerdeführer stammt jedoch aus dem Südosten des Landes, wo
keine entsprechenden Probleme zu verzeichnen sind. Die geschilderten
Unruhen deuten daher nicht auf eine landesweite Gewaltsituation hin. Die
Anhäufung der Erdölkonflikte im Süden Nigerias vermag diese Einschät-
zung nicht zu entkräften, zumal der Anstieg der Konflikte nur vorüberge-
hender Natur war. Die Situation scheint sich seither wieder beruhigt zu ha-
ben, wenn sie auch fragil ist (vgl. ACCORD – Austrian Centre for Country
of Origin and Asylum Research and Documentation: ecoi.net-Themendos-
sier zu Nigeria: Sicherheitslage, 2. September 2020, https://www.ecoi.net/
de/laender/nigeria/themendossiers/sicherheitslage/, abgerufen am 22. Ok-
tober 2020). Der Beschwerdeführer machte schliesslich auch nicht geltend,
vor seiner Ausreise durch diese Konflikte betroffen gewesen zu sein. Auch
die religiös motivierte Gewalt konzentriert sich insbesondere auf den
"Middle Belt", der Grenzregion zwischen dem mehrheitlich christlichen Sü-
den und dem überwiegend muslimischen Norden (vgl. ACCORD, Sicher-
https://www.ecoi.net/de/laender/nigeria/themendossiers/sicherheitslage/ https://www.ecoi.net/de/laender/nigeria/themendossiers/sicherheitslage/
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Seite 10
heitslage, a.a.O.). Dem Bericht der ACCORD sind dann auch keine Kon-
flikte betreffend den Bundesstaat Imo zu entnehmen, welche den Be-
schwerdeführer direkt betreffen könnten. Auch die wirtschaftlichen Sorgen
des Beschwerdeführers sowie die anfangs Oktober ausgelöste Protest-
welle gegen die SARS (Zeit online, Fünf vor acht / Nigeria: Warum junge
Menschen in Nigeria jetzt aufbegehren, 22. Oktober 2020, https://www.
zeit.de/politik/2020-10/nigeria-protest-polizeigewalt-korruption-sars/kom-
plettansicht, abgerufen am 22. Oktober 2020) vermögen nichts an der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu ändern.
7.2.2 Im Rahmen der wiedererwägungsweise geltend gemachten gesund-
heitlichen Probleme ist vorweg festzuhalten, dass gemäss konstanter
Praxis aus gesundheitlichen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden
kann, wenn eine absolut notwendige medizinische Behandlung im Heimat-
land nicht zur Verfügung steht und eine fehlende Möglichkeit der
(Weiter-)Behandlung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebens-
gefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität
oder gar zum Tod der betroffenen Person führen würde. Unzumutbarkeit
liegt jedenfalls noch nicht vor, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schwei-
zerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung grundsätz-
lich möglich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5,
2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2).
7.2.3 Dem Arztbericht von Dr. med. F._, Oberarzt G._ vom
17. August 2020 ist zu entnehmen, dass ein Zusammenhang zwischen den
Schlafproblemen des Beschwerdeführers und dessen drohender Aus-
schaffung nach Nigeria nachvollziehbar sei. (...) hätten sich in den letzten
Wochen keine mehr gezeigt. Eine (...) liege nicht vor. Demgegenüber geht
Dr. med. H._ in ihrem Arztbericht vom 23. September 2020 von ei-
ner (...) aus. In der Ausschaffungshaft habe der Beschwerdeführer (...),
weshalb ein Psychiater hinzugezogen worden sei. (...). Es erscheine plau-
sibel, dass der Beschwerdeführer aufgrund des fehlenden sozialen Netzes,
der Unkenntnis der Sprache und seines (...) in Nigeria nicht überleben
könnte. Bei einer Rückführung sei ein psychischer Zusammenbruch mit
hoher Suizidgefahr zu befürchten. Hinzu komme, dass er noch nie eine
zuverlässige soziale Bindung habe erfahren oder sich noch nie in einem
Land habe integrieren können. Eine Integration könne ihm am ehesten in
der Schweiz gelingen.
https://www.zeit.de/politik/2020-10/nigeria-protest-polizeigewalt-korruption-sars/komplettansicht https://www.zeit.de/politik/2020-10/nigeria-protest-polizeigewalt-korruption-sars/komplettansicht https://www.zeit.de/politik/2020-10/nigeria-protest-polizeigewalt-korruption-sars/komplettansicht
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7.2.4 Vorweg gilt anzumerken, dass der Beschwerdeführer in seinem or-
dentlichen Asyl- und Beschwerdeverfahren keine gesundheitlichen Prob-
leme dargetan hat. Zu (...), welche offenbar in der Ausschaffungshaft auf-
getreten sind, ist es gemäss Dr. med. F._ nicht mehr gekommen.
Anlass dazu, dass dieser Arzt seiner Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen
wäre, sind keine ersichtlich. Der (...) des Beschwerdeführers hat sich zu-
dem seither offensichtlich mindestens stabilisiert, zumal keine weiteren
entsprechenden Handlungen aktenkundig gemacht worden sind. Der
Grossteil des Berichtes von Dr. med. H._ umfasst die Wiedergabe
des bereits bekannten Sachverhalts. Die Diagnose scheint allein auf den
Schilderungen des Beschwerdeführers zu fussen und das Verhalten des
Beschwerdeführers und das zuvor ergangene Arztzeugnis in keinster
Weise zu berücksichtigten. Es wurde weder eine medikamentöse Behand-
lung noch eine allfällige notwendige (...) Therapie initiiert. Aus der vorlie-
gend gestellten Diagnose einer (...) kann im heutigen Urteilszeitpunkt da-
her nicht geschlossen werden, der Beschwerdeführer sei auf eine drin-
gende medizinische Behandlung in der Schweiz angewiesen. Ausserdem
liegt es in der Verantwortung des Beschwerdeführers, sich zusammen mit
den ihn behandelnden Ärzten und den Vollzugsbehörden auf eine Rück-
kehr in seine Heimat vorzubereiten, wobei er allenfalls ein Gesuch um me-
dizinische Rückkehrhilfe stellen kann.
7.2.5 Es kann folglich weiterhin nicht darauf geschlossen werden, der Be-
schwerdeführer wäre bei einer Rückkehr nach Nigeria mangels einer allen-
falls weiterhin notwendigen medizinischen Behandlung einer akuten Le-
bensgefahr ausgesetzt.
7.3 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt vo-
raus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, son-
dern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf
Monate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären
Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss
temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst
wird.
E-4816/2020
Seite 12
7.4 Ohne die Schwierigkeiten bei einer Rückkehr zu verkennen, ist somit
nach dem Gesagten weiterhin nicht davon auszugehen, der Beschwerde-
führer würde bei einer Rückkehr in sein Heimatland aus individuellen Grün-
den wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine seine
Existenz gefährdende Situation geraten, die als konkrete Gefährdung im
Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG zu werten wäre.
8.
Nach eingehender Prüfung der Akten stellt das Bundesverwaltungsgericht
in Übereinstimmung mit der Vorinstanz somit fest, dass es dem Beschwer-
deführer mit seinen Vorbringen im Wiedererwägungsgesuch nicht gelingt,
eine veränderte Sachlage darzutun, die eine von der bisherigen Beurtei-
lung abweichende Würdigung der Frage der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs zulassen würde. Das SEM hat das Wiedererwägungsge-
such vom 22. Juni 2020 demnach zu Recht abgewiesen. Die Beschwerde
ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 1’500.– fest-
zusetzen (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und der unentgeltlichen Rechtsvertretung (vgl. Art. 65 Abs. 1 und 2
VwVG) sind unbesehen der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdefüh-
rers abzuweisen, da die Beschwerde gemäss den vorstehenden Erwägun-
gen als aussichtslos zu bezeichnen ist und es daher an einer gesetzlichen
Voraussetzung zu deren Gewährung fehlt.
10.
Die mit superprovisorischer Massnahme vom 30. September 2020 verfügte
einstweilige Aussetzung des Vollzugs der Wegweisung fällt mit dem vorlie-
genden Urteil dahin.
(Dispositiv nächste Seite)
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