Decision ID: 561d3eef-310c-4ffe-9042-f5e9f43aae2d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste gemäss seinen Angaben am (...) September
2020 in die Schweiz ein und stellte am 29. September 2020 ein Asyl-
gesuch. Am 5. Oktober 2020 fand eine Personalienaufnahme im Bundes-
asylzentrum (BAZ) Region B._ und am 18. Dezember 2020 seine
Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31)
statt. Mit Entscheid vom 28. Dezember 2020 wurde der Beschwerdeführer
dem erweiterten Verfahren zugeteilt.
B.
B.a Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer
vor, er sei kurdischer Ethnie und stamme aus C._. In den Jahren
2011 und 2012 sei er in der BDP (Barış ve Demokrasi Partisi; Partei des
Friedens und der Demokratie) aktiv geworden, wo er sich etwa als Jugend-
sprecher und in der Quartierkommission betätigt habe. Dies habe zur Folge
gehabt, dass er von der Polizei beschattet worden sei. Im Jahr 2012 habe
er an den 1. Mai-Feierlichkeiten teilgenommen, sei in diesem Zusammen-
hang im Rahmen der KCK-Prozesse angeklagt und später rechtskräftig
freigesprochen worden. Nachdem er im September 2013 an den Gezi-Pro-
testen und den nachfolgenden Gedenkfeiern an die dort getöteten De-
monstranten teilgenommen habe, sei beim (...) Einzelstrafgericht (Asliye
Ceza) in D._ ein Verfahren gegen ihn und weitere Protestteilneh-
mende eröffnet worden. Am (...) März 2018 sei er in F._ für ein paar
Stunden in Polizeihaft genommen, zu den Anklagepunkten befragt und
wieder auf freien Fuss gesetzt worden. Am (...) 2018 sei er zu einer be-
dingten Haftstrafe von (...) verurteilt worden. Die gegen dieses Urteil erho-
bene Beschwerde sei zurzeit noch hängig. Des Weiteren habe er sich im
Frühjahr 2014 der HDP (Halkların Demokratik Partisi; Demokratische Par-
tei der Völker) angeschlossen, sich regelmässig bei Veranstaltungen oder
Protesten und Grenzwachen engagiert und an deren Pressekonferenzen
teilgenommen. Nachdem er am (...) Mai 2014 an einer Protestkundgebung
gegen die Regierung wegen eines (...) teilgenommen habe, sei am (...)
Einzelstrafgericht (Asliye Ceza) in E._ gegen ihn und weitere Teil-
nehmende ein Strafverfahren wegen Verstosses gegen das Demonstrati-
onsgesetz und wegen Verkehrsbehinderung eröffnet worden. Zwecks Ein-
vernahme sei ein Festnahmebefahl ausgestellt worden, worauf er am
21. Juli 2015 in E._ festgenommen und nach der Einvernahme wie-
der auf freien Fuss gesetzt worden sei. Bei der Festnahme und während
des Gewahrsams bei der Polizei sei er grosser physischer und psychischer
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Gewalt ausgesetzt gewesen. Mit Urteil vom (...) Oktober 2017 sei er frei-
gesprochen worden. Die von der Staatsanwaltschaft gegen diesen Frei-
spruch erhobene Beschwerde sei zurzeit beim (...) Einzelstrafgericht
(Asliye Ceza) in E._ hängig.
Im Übrigen sei im Jahr 2015 ein Onkel väterlicherseits, welcher Mitglied bei
den YPG (Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidigungseinheiten) gewe-
sen sei, in Kobane ums Leben gekommen. Nach dessen Beerdigung habe
seine Familie vermehrt Probleme bekommen; beispielsweise habe einer
seiner Brüder seine Beamtenstelle verloren und sei erst nach mehreren
Jahren wieder eingestellt worden. Seine Familie sei politisch nicht aktiv ge-
wesen, ausser dass sie der HDP ihre Stimme gegeben hätten. Seine letzte
Teilnahme an einer Protestaktion sei im Jahr 2016 oder 2017 gewesen.
Aufgrund der erlittenen Verfolgungsmassnahmen durch die Behörden und
aus Angst vor weiteren Behelligungen habe er sich im Jahr 2017 schliess-
lich aus seinen politischen Aktivitäten zurückgezogen. Trotzdem sei er wei-
terhin von Zivilpolizisten beschattet worden. So sei ihm etwa zwei Wochen
vor seiner Ausreise bei einem Abendspaziergang in C._ anlässlich
einer Personenkontrolle gedroht worden, dass ihm dasselbe Ende bevor-
stehe, wie seinem getöteten Onkel. Diese Drohung habe ihn derart in Angst
versetzt, dass er sich zur Ausreise entschlossen habe. Er sei am (...) Sep-
tember 2020 in einem Lastwagen versteckt losgefahren und in diesem
Fahrzeug am (...) September 2020 illegal in die Schweiz eingereist.
B.b Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer folgende
Beweismittel zu den Akten:
‒ Wohnsitzbestätigung
‒ Bestätigung seiner Mitgliedschaft bei der HDP
‒ Adressangaben seines Rechtsvertreters in der Türkei
‒ Schreiben des Gouvernements D._ an die Staatsanwaltschaft
D._ vom (...) September 2013
‒ Schreiben der Staatsanwaltschaft D._ vom (...) Januar 2014
‒ Schreiben der Staatsanwaltschaft C._ an das Vorbereitungsbüro
von D._ vom (...) Februar 2014
‒ Verfahrensprotokoll der (...) Kleinen Strafkammer von D._ vom
(...) Juni 2015 im Verfahren (...)
‒ Verfahrensleitender Entscheid der Kleinen Strafkammer von E._
vom (...) Juli 2015 im Verfahren (...)
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‒ Anklageschrift der Staatsanwaltschaft D._ vom (...) September
2017 im Verfahren (...)
‒ Einsprache der Staatsanwaltschaft D._ an die (...) Kleine Straf-
kammer von D._ vom (...) Oktober 2017 im Verfahren (...)
‒ Verfahrensleitender Entscheid der (...) Kleinen Strafkammer von
F._ vom (...) April 2018
‒ Schreiben der Staatsanwaltschaft D._ an die (...) Kleine Straf-
kammer von D._ vom (...) Mai 2018 über die Verhaftung des
Gesuchstellers im Verfahren (...)
‒ Entscheid der (...) Kleinen Strafkammer von D._ vom (...) Juli
2018 im Verfahren (...)
‒ Anzeige über Einlegung eines Rechtsmittels gegen den Entscheid der
(...) Kleinen Strafkammer von D._ vom (...) Juli 2018
‒ lnformationsblatt vom (...) Oktober 2018 über den Entscheid der (...)
Kleinen Strafkammer von D._ vom (...) Juli 2018.
‒ Fotos der Beerdigung von G._
‒ Fotos betreffend das Engagement des Beschwerdeführers für die HDP
‒ Fotos des Beschwerdeführers bei Kundgebungen und Veranstaltungen
C.
Mit Verfügung vom 3. Februar 2021 (eröffnet am 4. Februar 2021) stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
D.a Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 1. Februar recte
1. März 2021 (Datum Poststempel) erhob der Beschwerdeführer Be-
schwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz und beantragte, dieser Ent-
scheid sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen
und es sei ihm Asyl zu gewähren; eventualiter sei die vorläufige Aufnahme
anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um die Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses.
D.b Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer nebst
Kopien von bereits im erstinstanzlichen Verfahren eingereichten Fotos und
Dokumenten weitere Gerichtsdokumente (Anklageschrift der Oberstaats-
anwaltschaft H._ an das [...] Gericht für schwere Strafen
H._, Verhandlungsprotokoll des [...] Gericht für schwere Strafen
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Seite 5
I._ [Ağır Ceza Mahkemesi] vom [...] Dezember 2012 sowie begrün-
detes Urteil des [...] Gerichts für schwere Strafen H._
[Ağır Ceza Mahkemesi] vom [...]. Juni 2013, Rechtskraftbescheinigung
des Einzelstrafgerichts D._ vom [...] Oktober 2018 im Verfahren
[...]) zu den Akten.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 3. März 2021 forderte der Instruktionsrichter
den Beschwerdeführer auf, innert Frist eine unterzeichnete Beschwerde-
schrift einzureichen und seine Mittellosigkeit zu belegen. Ferner wurde
festgestellt, dass über das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG zu einem späteren Zeitpunkt befunden werde.
F.
Mit Eingabe vom 9. März 2021 (Poststempel) wurde eine unterzeichnete
Beschwerdeschrift sowie eine Fürsorgebestätigung eingereicht.
G.
Mit Eingabe vom 24. März 2021 (Poststempel) wies der Beschwerdeführer
unter anderem darauf hin, dass in F._ und J._ wegen ihm
Razzien stattgefunden hätten, und reichte ein weiteres Dokument (Vorla-
dung des Strafgerichts in D._ für den [...] April 2021) zu den Akten.
H.
Der Instruktionsrichter hiess mit Instruktionsverfügung vom 30. März 2021
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Ferner wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Ver-
nehmlassung eingeladen.
I.
Mit Eingabe vom 9. April 2021 (Poststempel) liess der Beschwerdeführer
ein Schreiben seines türkischen Rechtsanwalts vom 8. April 2021 nach-
reichen.
J.
Mit Eingabe vom 6. Mai 2021 (Poststempel) machte der Beschwerdeführer
ergänzende Ausführungen und reichte Gerichtsdokumente sowie Fotos
betreffend seinen Onkel K._ zu den Akten.
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Seite 6
K.
Nach zweimalig verlängerter Frist hielt das SEM mit Vernehmlassung vom
19. Mai 2021 vollumfänglich an seinem Entscheid und seinen Erwägungen
fest.
L.
Mit Eingabe vom 7. Juni 2021 machte der Beschwerdeführer von dem ihm
(mit Instruktionsverfügung vom 26. Mai 2021) eingeräumten Recht zur
Replik Gebrauch, wobei er vollumfänglich an den in der Beschwerde ge-
machten Anträgen und Ausführungen festhielt und einen elektronischen
Auszug aus den Akten betreffend das Verfahren (...) einreichte.
M.
Mit Eingabe vom 10. September 2021 erkundigte der Beschwerdeführer
sich nach dem Verfahrensstand. Diese Anfrage wurde vom Instruktions-
richter mit Schreiben vom 16. September 2021 beantwortet.
N.
Mit Eingaben vom 16. September und 18. Dezember 2021 reichte der Be-
schwerdeführer weitere elektronische Datenauszüge ein.
O.
Mit Eingabe vom 8. Februar 2022 verwies der Beschwerdeführer auf das
weiterhin gegen ihn hängige Strafverfahren und erkundigte sich nach dem
Verfahrensstand.
Dieses Schreiben wurde am 10. Februar 2022 beantwortet.
P.
Mit Eingaben vom 18. März 2022 und 17. März 2022 recte 9. Mai 2022
(Poststempel) erkundigte der Beschwerdeführer sich erneut nach dem Ver-
fahrensstand und reichte einen weiteren elektronischen Datenauszug ein.
Der Instruktionsrichter beantwortete diese Schreiben am 16. Mai 2022.
Q.
Mit Eingabe vom 24. Juni 2022 legte der Beschwerdeführer erneut einen
elektronischen Datenauszug sowie einen Auszug aus dem türkischen
Versammlungs- und Demonstrationsgesetz ins Recht.
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Seite 7

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz Folgendes aus:
3.1.1 Bei den vom Beschwerdeführer vorgebrachten Drohungen durch
Zivilbeamte zwei Wochen vor seiner Ausreise handle es sich um lokal oder
regional beschränkte Verfolgungsmassnahmen. Er hätte sich diesen durch
einen Wegzug in einen anderen Teil seines Heimatlandes entziehen
können und sei daher nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. lm
Übrigen fehle es diesen Nachteilen auch an einer flüchtlingsrechtlich rele-
vanten lntensität, zumal den Akten keine Hinweise dafür zu entnehmen
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Seite 8
seien, dass diese Zivilpolizisten die Drohung tatsächlich wahrmachen wür-
den. Auch die gegen den Beschwerdeführer eingeleiteten, noch nicht
rechtskräftig abgeschlossenen Strafverfahren vermöchten angesichts des
bisher ausgesprochenen Strafmasses respektive des in einem Fall erfolg-
ten Freispruchs der von Art. 3 AsylG geforderten Intensität der Verfolgung
nicht zu genügen. Den Akten seien keine Hinweise dafür zu entnehmen,
dass auf Beschwerdeebene asylrechtlich relevante Haftstrafen ausgespro-
chen oder die beiden Strafverfahren zusammengelegt würden, um ein hö-
heres Strafmass zu begründen. lm Übrigen gehe weder aus den Anklage-
schriften noch aus den Gerichtsurteilen hervor, dass der Beschwerdeführer
aufgrund seiner politischen Aktivitäten asylrechtlich relevante Benachteili-
gungen durch die türkischen Behörden zu befürchten habe. Nach dem Ge-
sagten vermöchten seine Vorbringen den Anforderungen an die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standzuhalten.
3.1.2 Im Wegweisungspunkt argumentierte das SEM insbesondere, es
könne trotz des Wiederaufflammens des türkisch-kurdischen Konflikts und
einer deutlichen Zunahme gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen
staatlichen Sicherheitskräften und der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê;
Kurdische Arbeiterpartei) in verschiedenen im Südosten des Landes gele-
genen Provinzen nach wie vor nicht von einer flächendeckenden Situation
allgemeiner Gewalt gesprochen werden, die einen Vollzug von Wegwei-
sungen in diese Provinzen als generell unzumutbar erscheinen lassen
würde. Der Beschwerdeführer habe eine gute Schulbildung und berufliche
Erfahrung, könne auf ein tragfähiges Beziehungsnetz zurückgreifen und
verfüge über eine gesicherte Wohnsituation. lm Übrigen könne das Beste-
hen einer individuell zumutbaren innerstaatlichen Aufenthaltsalternative
ausserhalb seiner Heimatprovinz bejaht werden.
3.2
3.2.1 Der Beschwerdeführer stellte sich in seiner Beschwerdeeingabe auf
den Standpunkt, die Festnahmen und Verhöre durch die Polizei und das
Militär wegen seiner politischen Tätigkeiten für die HDP und die BDP seien
als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsyIG zu bewerten.
3.2.2 Zudem sei er aufgrund der früheren politischen Aktivitäten seines On-
kels G._ einer Reflexverfolgung ausgesetzt. Das Bundesverwal-
tungsgericht vertrete die Auffassung, dass in der Türkei Familienangehö-
rige von Politaktivisten asylrechtlich relevanten staatliche Repressalien
ausgesetzt seien. Familienangehörige müssten unverändert mit Haus-
durchsuchungen und kürzeren Festnahmen rechnen, die oft mit Beschimp-
fungen und Schikanen verbunden seien. Die Wahrscheinlichkeit einer
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Seite 9
Reflexverfolgung und deren Intensität hänge stark von den konkreten Um-
ständen des Einzelfalls ab. Oftmals seien Personen betroffen, die sich of-
fen für politisch aktive Verwandte einsetzen würden. Türkische Staatsbür-
ger würden bei einer Einreise in die Türkei routinemässig überprüft, insbe-
sondere wenn sie sich eine längere Zeit im Ausland aufgehalten hätten
oder illegal ausgereist seien. Dabei hätten namentlich Rückkehrer, die wie
er (der Beschwerdeführer) mit linkslastigen Kreisen in Verbindung gebracht
würden, mit einer erhöhten Gefährdung zu rechnen. So sei davon auszu-
gehen, dass der türkischen Grenzpolizei bei der Wiedereinreise abgewie-
sener Asylsuchender die Tatsache der Asylgesuchseinreichung im Ausland
in der Regel nicht verborgen bleibe und dies wiederum eine Routinekon-
trolle mit eingehender Befragung zur Folge habe. Es durchaus realistisch,
dass er gewissen Behelligungen ausgesetzt sein könnte.
3.2.3 Die beiden gegen ihn eingeleiteten Strafverfahren seien nach wie vor
hängig. Es sei deshalb sowie wegen des langen Zeitraums seit seiner Aus-
reise davon auszugehen, dass die türkischen Behörden auch zum heuti-
gen Zeitpunkt noch ein Interesse hätten, Informationen über seinen Onkel
zu erlangen. Zudem sei zu beachten, dass er als aktives Mitglied der BDP
und der HDP eine exponierte politische Stellung in diesen Parteien einge-
nommen habe. Dies lasse auf eine begründete Frucht vor asylrelevanter
Reflexverfolgung schliessen.
3.2.4 Es sei davon auszugehen, dass er landesweit Verfolgungsmassnah-
men zu befürchten habe. Wie seine Festnahmen in L._ und
F._ zeigen würden, sei er nicht nur an seinem Wohnort behelligt
worden. Im Übrigen seien Angehörige der kurdischen Minderheit in der Tür-
kei zahlreichen und umfassenden Repressionen ausgesetzt. So hätten ihm
die türkischen Behörden beispielsweise eine ihm eigentlich zustehende Ar-
beitsstelle nicht gewährt. Er sei wegen seiner politischen Anschauung von
den Sicherheitskräften in C._ bedroht und zu einer Gefängnisstrafe
verurteilt worden. Im Jahre 2011 und 2012 seien mehrere Haftbefehle ge-
gen ihn erlassen worden. Er sei in ein Strafverfahren gegen die KCK
(Koma Civaken Kurdistan; Union der Gemeinschaften Kurdistans) einbe-
zogen worden, obwohl er mit dieser Partei nichts zu tun habe. Er sei stän-
dig unter Druck gesetzt und fichiert worden. Nach seiner Verhaftung in
F._ sei er entlassen worden. Er könne sich in der Türkei nicht frei
bewegen. Anlässlich der Gezi-Proteste sei er aus zahlreichen Teilnehmen-
den herausgepickt und angeklagt worden. Gemäss Angaben seines türki-
schen Rechtsanwalts werde ihm mit grosser Wahrscheinlichkeit in den
noch hängigen Straferfahren eine Strafe auferlegt werden.
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Seite 10
3.3 In der ergänzenden Eingabe vom 5. Mai 2021 wurde vorgebracht, die
türkische Polizei habe gegen den Onkel K._ des Beschwerdefüh-
rers die Anschuldigung erhoben, er gehöre den YPG an und alle Familien-
mitglieder hätten mit der PKK zu tun, und er sei zusammengeschlagen
worden. Dem Beschwerdeführer drohe dasselbe, da alle Angehörigen der
Familie M._ von Reflexverfolgung betroffen seien.
3.4 Die Vorinstanz stellt in ihrer Vernehmlassung namentlich fest, gemäss
Angaben des Beschwerdeführers sei G._ im Jahr 2015 getötet wor-
den. Auch den betreffend den Onkel K._ eingereichten Beweismit-
teln seien keine Hinwiese dafür zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer
eine Reflexverfolgung zu befürchten habe. Ferner sei nicht von einer Kol-
lektivverfolgung der kurdischen Bevölkerung in der Türkei auszugehen. Bei
den Repressalien, die der Bruder des Beschwerdeführers erlebt habe,
handle es sich um einen Einzelfall.
3.5 Der Beschwerdeführer führt in seiner Replikeingabe aus, er sei in der
Datenbank der Sicherheitskräfte als "unbequeme Person" registriert. Diese
Fichierung bleibe sein Leben lang bestehen. Er müsse damit rechnen, bei
allfälligen Kontrollen immer wieder festgehalten und misshandelt sowie auf
einen Polizeiposten gebracht und verhört zu werden. Dies würde einen un-
erträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen.
Zudem verwies er auf die mehrmaligen Verhaftungen und die weiterhin ge-
gen ihn hängigen Strafverfahren, die wahrscheinlich zu einer Verurteilung
führen würden. Er wäre in der Türkei den Schikanen der Behörden ausge-
liefert.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 11
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Flucht vor einer rechtsstaatlich legitimen Strafverfolgung im Hei-
matland bildet grundsätzlich keinen Grund für die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft und für die Asylgewährung. Ausnahmsweise kann aber
die Durchführung eines Strafverfahrens wegen eines gemeinrechtlichen
Delikts eine Verfolgung im asylrechtlichen Sinne darstellen. Dies trifft unter
anderem dann zu, wenn einer Person eine gemeinrechtliche Tat unter-
geschoben wird, um sie wegen ihrer äusseren oder inneren Merkmale,
namentlich ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politischen Anschauungen, zu ver-
folgen, oder wenn die Situation eines Täters, der ein gemeinrechtliches
Delikt tatsächlich begangen hat, aus einem solchen Motiv in bedeutender
Weise erschwert wird. Eine solche Erschwerung der Lage (sog. Politmalus)
ist insbesondere dann anzunehmen, wenn deswegen eine unverhältnis-
mässig hohe Strafe ausgefällt wird (sog. Malus im absoluten Sinne), wenn
das Strafverfahren rechtsstaatlichen Ansprüchen klarerweise nicht zu ge-
nügen vermag oder wenn der asylsuchenden Person in Form der Strafe
oder im Rahmen der Strafverbüssung eine Verletzung fundamentaler Men-
schenrechte – insbesondere Folter – droht (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.3,
2013/25 E. 5.1, 2011/10 E. 4.3 S. 127 f. m.w.H.).
5.2
5.2.1 Vorab ist festzustellen, dass eine strafrechtliche Verfolgung von im
Zusammenhang mit Kundgebungen verübten Gewalttaten, wie sie in den
eingereichten Klageschriften dem Beschwerdeführer und seinen Mitange-
klagten vorgeworfen werden, grundsätzlich einem legitimen Interesse der
Justizbehörden entspricht. Somit besteht kein Anlass zur Annahme, dass
den Strafverfahren rein politische Gründe zugrundenliegen. Insbesondere
lassen sich den Akten keine stichhaltigen Hinweise für einen konkreten
Zusammenhang mit dem von ihm vorgebrachten politischen Engagement
für die BDP und die HDP entnehmen. Im Verfahren (...) wurden der Be-
schwerdeführer und seine Mitangeklagten vollumfänglich freigesprochen;
im Verfahren (...) erfolgten teilweise Freisprüche (vom Vorwurf der Störung
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des öffentlichen Verkehrs [Art. 223 tStGB] sowie des Verstosses gegen
Art. 28 Abs. 4 des türkischen Versammlungs- und Demonstrationsgeset-
zes). Zudem wurde die in letzterem Verfahren wegen Verstosses gegen
Art. 28 Abs. 1 des Versammlungs- und Demonstrationsgesetzes verhängte
Gefängnisstrafe (...) zur Bewährung ausgesetzt. Im Verfahren (...) wurde
die Anklage der Staatsanwaltschaft wegen Teilnahme an Versammlungen
oder Demonstrationen mit Waffen oder Gegenständen gemäss Art. 23 Ver-
sammlungs- und Demonstrationsgesetz sowie Störung des öffentlichen
Verkehrs gemäss Art. 223 Abs. 1 tStGB vom (...) Einzelstrafgericht
D._ wegen diverser Mängel zurückgewiesen. Diese Umstände las-
sen darauf schliessen, dass die zuständigen Gerichtsbehörden die gegen
den Beschwerdeführer sowie die übrigen Angeklagten erhobenen Vorwürfe
durchaus differenziert und unvoreingenommen beurteilen beziehungs-
weise beurteilt haben. Zudem erscheint die im Verfahren (...) ausgespro-
chene Haftstrafe in Berücksichtigung der ihm vorgeworfenen Delikte nicht
als derart unverhältnismässig, dass hieraus auf einen Politmalus geschlos-
sen werden müsste. Zu berücksichtigen ist sodann, dass der Beschwerde-
führer zwar gemäss seinen Angaben im Zusammenhang mit den gegen ihn
eingeleiteten Strafverfahren am (...) Juli 2015 sowie (...) März 2018 jeweils
kurzzeitig festgenommen und verhört wurde, wobei es bei der ersteren
Festnahme zu physischen und psychischen Übergriffe gekommen sei.
Weitere relevante Nachteile durch die Sicherheitskräfte bis zu seiner Aus-
reise im September 2020 sind indessen nicht aktenkundig. Die vom Be-
schwerdeführer erwähnte Drohung im Rahmen einer Personenkontrolle
etwa zwei Wochen vor seiner Ausreise ist, wie die Vorinstanz zu Recht
feststellte, mangels hinreichender Intensität nicht als Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG zu qualifizieren.
5.2.2 Insgesamt gelangt das Gericht unter Würdigung dieser Umstände
zum Schluss, dass kein stichhaltiger Grund zur Annahme besteht, die noch
nicht rechtskräftig abgeschlossenen Strafverfahren gegen den Beschwer-
deführer wären aus einem gemäss Art. 3 AsylG relevanten Motiv eingelei-
tet worden oder dass er im Rahmen derselben einen Politmalus zu befürch-
ten hätte. Diese sind demnach nicht als eine asylrelevante Verfolgung zu
qualifizieren, auch wenn ihm eine Strafe auferlegt werden sollte. Aus dem
im Zusammenhang mit den KCK-Prozessen gegen den Beschwerdeführer
eingeleiteten Verfahren ([...]) ist schon deshalb keine begründete Verfol-
gungsfurcht abzuleiten, weil er in diesem vollumfänglich freigesprochen
wurde. Eine andere Einschätzung vermögen auch die Ausführungen auf
Beschwerdeebene sowie die eingereichten Beweismittel, namentlich das
Schreiben seines türkischen Rechtsanwalts, nichts zu ändern.
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Seite 13
5.3 Angesichts dessen, dass ein eindeutig politischer Charakter der gegen
den Beschwerdeführer eingeleiteten strafrechtlichen Ermittlungen nicht er-
sichtlich ist, besteht sodann kein begründeter Anlass zur Annahme, es sei
ein politisches Datenblatt betreffend ihn erstellt worden. Die in der Be-
schwerde geäusserte Furcht vor sich aus einem entsprechenden Daten-
bankeintrag ergebenden Verfolgung erweist sich somit als nicht begründet.
5.4 Im Weiteren ist auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerde-
führer wesentliche Nachteile wegen seines früheren Engagements für die
HDP und BDP zu befürchten hat. Seine Angaben im erstinstanzlichen Ver-
fahren lassen darauf schliessen, dass er für diese Parteien keine beson-
ders exponierten Funktionen ausgeübt hat, aufgrund derer er in den Fokus
der türkischen Sicherheitskräfte geraten sein könnte. Diese Einschätzung
wird dadurch bestätigt, dass er gemäss Aktenlage vor seiner Ausreise
keine wesentlichen Nachteile wegen dieses politischen Engagements erlit-
ten hat. Namentlich liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die Ge-
richtsverfahren, in welche der Beschwerdeführer verwickelt ist, im Zusam-
mengang hierzu stehen. Überdies hat er gemäss seinen Angaben seine
Tätigkeit für die genannten Parteien ab dem Jahr 2017 weitgehend einge-
stellt. Unter diesen Umständen ist nicht davon auszugehen, dass er auf-
grund seines politischen Profils bei einer Wiedereinreise mit Verfolgungs-
massnahmen seitens der heimatlichen Behörden zu rechnen hätte. Diese
Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der neusten Lageentwick-
lung in der Türkei – insbesondere dem derzeit vor dem Verfassungsgericht
hängigen Verbotsverfahren gegen die HDP (vgl. dazu Freedom House,
Freedom in the World 2022: Turkey, < https://freedomhouse.org/country/
turkey/freedom-world/2022 >, abgerufen am 12.10.2022) – zu bestätigen
(vgl. Urteile des BVGer D-707/2022 vom 19. Oktober 2022 E. 7.5 und
D-1554/2022 vom 29. Juli 2022 E. 7.1).
5.5 Den Aussagen des Beschwerdeführers ist ferner auch nicht zu entneh-
men, dass er vor seiner Ausreise relevante Verfolgungsmassnahmen we-
gen des Engagements seiner beiden Onkel G._ und K._ er-
litten hat. Dass er wegen des erstgenannten Verwandten im heutigen Zeit-
punkt Nachteile zu befürchten hätte, erscheint schon deshalb unwahr-
scheinlich, weil dieser bereits 2015 verstorben ist. Ein Verfolgungs-inte-
resse der türkischen Behörden am Beschwerdeführer im Zusammenhang
mit dem angeblich gegen K._ erhobenen Vorwurf der YPG-Mitglied-
schaft ist ebenfalls nicht ersichtlich, zumal kein Grund zur Vermutung eines
engen Kontakts zwischen ihnen erkennbar ist. In der Beschwerde wurde
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zwar pauschal argumentiert, alle Mitglieder seiner Familie würden beschul-
digt, mit der PKK zu tun zu haben und seien von Reflexverfolgung betrof-
fen. Konkrete Repressalien der türkischen Behörden gegenüber seinen El-
tern und Geschwistern, die nach wie vor in der Türkei leben, wurden vom
Beschwerdeführer indessen nicht vorgebracht. Die vom Beschwerdeführer
geäusserte Furcht vor Reflexverfolgungsmassnahmen erweist sich dem-
nach ebenfalls als unbegründet.
5.6 Soweit in der Beschwerde auf generelle Repressionen gegen die kur-
dische Minderheit in der Türkei hingewiesen wird, ist festzustellen, dass
gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts die kurdische
Bevölkerung aufgrund ihrer Ethnie betreffende Nachteile keine Anerken-
nung der Flüchtlingseigenschaft zu rechtfertigen vermögen, zumal die
strengen Anforderungen der Rechtsprechung für die Annahme einer Kol-
lektivverfolgung nicht erfüllt sind (vgl. in letzter Zeit etwa die Urteile des
BVGer D-4435/2022 vom 24. Oktober 2022 E. 6.5, D-707/2022 vom
19. Oktober 2022 E. 7.6 oder E-4621/2020 vom 14. April 2022 E. 5.4,
je m.w.H.).
5.7 Gesamthaft betrachtet ist es vorliegend nicht überwiegend wahrschein-
lich, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die Türkei einem
erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt sein und in absehbarer Zeit mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG zu befürchten haben wird.
5.8 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen,
eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinn von Art. 3 AsylG glaubhaft dar-
zutun. Das SEM hat folglich zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint
und sein Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
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7.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen.
7.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.1 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen
zwischen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in
verschiedenen Provinzen im Südosten des Landes (im Einzelnen: Batman,
Diyarbakir, Mardin, Siirt, Urfa und Van, anders als die Provinzen Hakkari
und Sirnak, zu den Letzteren BVGE 2013/2 E. 9.6) sowie der Entwick-
lungen nach dem Militärputschversuch im Juli 2016 ist gemäss konstanter
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts nicht von einer Situation allgemei-
ner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch
nicht für Angehörige der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. Urteil des
BVGer E-4607/2021 vom 12. Januar 2022 E. 9.3.1 m.w.H.).
7.3.2 Darüber hinaus sind keine individuellen Gründe ersichtlich, die gegen
den Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers sprechen. Der ge-
mäss Aktenlage gesunde Beschwerdeführer verfügt über solide schulische
und berufliche Qualifikationen sowie mit seinen Eltern und Geschwistern
über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz in seinem Heimatstaat, auf
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dessen Unterstützung er zur Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz bei
Bedarf mutmasslich zählen kann. Demnach ist nicht davon auszugehen,
dass er bei einer Rückkehr in die Türkei aus individuellen Gründen wirt-
schaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzielle Not-
lage geraten wird, die als konkrete Gefährdung im Sinne der zu beachten-
den Bestimmung zu werten wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG).
7.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Instruktions-
verfügung vom 30. März 2021 sein Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhalts-
punkte dafür vorliegen, dass sich seine finanzielle Lage seither entscheid-
relevant verändert hat, ist von der Auflage von Verfahrenskosten abzuse-
hen.
(Dispositiv nächste Seite)
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