Decision ID: 1d830ac3-367e-4df9-86f5-ae6d56547381
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge am (...) April 2016 und erreichte am 20. April 2016 Nepal. Nach un-
gefähr zwei Monaten sei sie am 20. Juni 2016 per Flugzeug, Schiff und
Zug am 4. Juli 2016 in die Schweiz gelangt, wo sie gleichentags um Asyl
nachsuchte. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 13. Juli 2016
gab sie als Ausreisegrund an, sie stamme aus dem Bezirk B._ und
habe anlässlich des wöchentlichen Besuchs einer amtlichen Institution aus
der Gemeinde C._ in ihrem Dorf gemeinsam mit einer Kollegin eine
kleine politische Plakataktion durchgeführt. Nachdem nicht bekannt gewor-
den sei, wer für die Plakate verantwortlich gewesen sei, sei eine Dorfver-
sammlung einberufen worden, an welcher die öffentliche Sicherheitsbe-
hörde anwesend gewesen sei. Eine Hausdurchsuchung habe zutage ge-
bracht, dass ihre Kollegin an der Aktion beteiligt gewesen sei, woraufhin
diese festgenommen worden sei. In der Folge habe sie (Beschwerdefüh-
rerin) alles ihrem Vater gestanden, der sie zunächst für das Schaffen dieser
Gefahr gescholten und sodann ihre Ausreise über die Berge organisiert
habe. Als Grund für ihre Plakataktion gab sie an, sie habe sich an den Chi-
nesen rächen wollen für deren Gräueltaten gegenüber ihrem Grossvater
(der Mönch in einem Kloster der Region D._ gewesen sei) und für
die schlechte Behandlung ihrer Eltern. Sie wisse nicht, was mit ihrer fest-
genommenen Kollegin inzwischen geschehen sei. Sie habe ansonsten
keine persönlichen Probleme mit den Behörden gehabt und sei auch sonst
nie politisch oder religiös aktiv gewesen.
Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin die Kopie einer Seite des
Familienbüchleins ein.
B.
B.a Eine Anhörung der Beschwerdeführerin vom 8. September 2017
musste gemäss einer Aktennotiz vom gleichen Tag abgebrochen werden,
weil die dolmetschende Person nicht in der Lage war, diese Befragung wei-
terzuführen. Am 20. Oktober 2017 wurde die Anhörung der Beschwerde-
führerin mit einer anderen Übersetzerin fortgeführt.
B.b Bei diesen Anhörungen gab die Beschwerdeführerin zu Protokoll, sie
habe (...) Jahre lang die Schule besucht, ab dem Jahr 2004 jedoch ihre
Mutter pflegen müssen, weil diese nach einer Geburt pflegebedürftig ge-
worden sei. Sie ersuche in der Schweiz um Asyl, weil sie am (...) April 2016
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mit ihrer Freundin eine Plakataktion durchgeführt habe. Nach einer Haus-
durchsuchung sei die Freundin festgenommen und deren Familie durch die
öffentliche Sicherheitsbehörde eingeschüchtert worden. Daraufhin habe
sie ihrem Vater ihre Teilnahme an der Aktion gestanden, weshalb dieser
sogleich ihre Ausreise organisiert habe. Sie sei in der Folge von ihrem Va-
ter via E._ respektive B._ nach F._ gebracht worden.
Von dort sei sie mit dem Schlepper nach G._ gegangen, wo sie
zusätzlich einen Keten (Rückenteppich) angezogen habe. Sodann habe er
sie mit Apo-Arbeitern mit einem kleinen Traktor nach H._ geschickt,
wo dieser sie bereits erwartet habe. In der Dunkelheit seien sie schliesslich
nach I._ und von dort in die Berge gegangen und hätten nach ins-
gesamt neun Tagen den J._-Pass erreicht und überquert. Schliess-
lich hätten sie mehrere Ortschaften passiert, bis sie am 24. April 2016 in
K._ angelangt seien, von wo aus sie am Folgetag Nepal erreicht
hätten.
C.
Mit Schreiben vom 6. Dezember 2017 informierte sich die Beschwerdefüh-
rerin über den Stand ihres Verfahrens und bat um rasche und wohlwollende
Prüfung ihrer Vorbringen. Die Anfrage wurde am 8. Dezember 2017 beant-
wortet.
D.
Am 9. April 2020 wurde zur Abklärung des Hauptsozialisierungsorts der
Beschwerdeführerin bei der Sektion LINGUA des SEM zwei sogenannte
LINGUA-Analysen in Auftrag gegeben.
E.
Im Mai 2020 ging beim SEM von einer unbekannten Person betreffend die
Beschwerdeführerin eine anonyme Anzeige wegen ungerechtfertigten
Asylgesuchs ein. Die Beschwerdeführerin heisse in Wirklichkeit anders (im
Schreiben werden Name und Vorname, Geburtsdatum und eine "Serial
Number" erwähnt) und habe seit dem Jahr 1997 in Indien gelebt, wo sie
zunächst die (...) und dann die (...) zur Ausbildung als (...) besucht habe.
Die gesamte angegebene Lebensgeschichte entspreche nicht der Wahr-
heit.
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F.
In den Verfahrensakten befinden sich zwei LINGUA-Berichte, die anhand
eines am 29. April 2020 durchgeführten Telefonats erstellt wurden. Ge-
mäss einer Aktennotiz vom 26. Mai 2020 sei eine zweite Analyse erstellt
worden, um die relevantesten linguistischen Punkte qualitativ abzusichern.
Der erste (länderkundliche und linguistische) Bericht stammt vom Experten
AS20 und der zweite (auf die Linguistik beschränkte) Kontrollbericht von
AS19. Beiden Berichten zufolge sei die Beschwerdeführerin sehr wahr-
scheinlich in einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der Volks-
republik China hauptsozialisiert worden und nicht wie angegeben im Kreis
B._.
G.
Am 19. Juni 2020 wurde der Beschwerdeführerin einerseits zu dem De-
nunziationsschreiben vom Mai 2020 und andererseits zu den beiden
LINGUA-Analysen das rechtliche Gehör gewährt, wozu ihr die Haupter-
kenntnisse zusammengefasst wurden.
H.
Mit Schreiben vom 4. Juli 2020 beantragte die Beschwerdeführerin die
Anhörung der Aufnahme des Telefoninterviews vom 29. April 2020 und
infolgedessen um Erstreckung der Frist zur Einreichung einer Stellung-
nahme. Am 23. Juli 2020 konnte die Beschwerdeführerin das Telefoninter-
view anhören. Das SEM erstreckte die Frist zur Stellungnahme bis zum
10. August 2020.
I.
In der Stellungnahme vom 7. August 2020 bestritt die Beschwerdeführerin
zunächst die ihr im Denunziationsschreiben vorgeworfene Alias-Identität.
Sie habe weder gelogen noch kenne sie eine Person mit dem im Denunzi-
ationsschreiben erwähnten Namen oder habe sie sich jemals in Indien auf-
gehalten. Es müsse sich um eine Verwechslung handeln. Bei solch schwer-
wiegenden Vorwürfen wäre jedenfalls zu erwarten gewesen, dass Nach-
forschungen betreffend die angebliche Doppelgängerin angestellt worden
wären. Aufgrund der Bedeutung des Hukos in ihrer Heimat und dem Um-
stand, dass es keine amtlichen Kopien davon gebe, erbringe sie mit dem
Vorweisen dieses Dokumentes einen starken Personennachweis. In Bezug
auf die durchgeführten LINGUA-Analysen sei vorab darauf hinzuweisen,
dass sie sich entgegen der Annahme der begutachtenden Personen im
Zeitpunkt des Telefoninterviews bereits mehr als 3.5 Jahre in der Schweiz
aufgehalten und sie sich bereits in dieser Zeitspanne um den Erwerb der
deutschen Landessprache bemüht habe. Es liege daher auf der Hand,
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dass sich ihre Sprache in diesen Jahren massgeblich beeinflusst worden
sei, insbesondere durch den Austausch mit anderen Tibetern. Es sei zwar
korrekt, dass sie aufgefordert worden sei, ihren Heimatdialekt zu sprechen,
dies habe für sie aber eine Herausforderung dargestellt, zumal die befra-
gende Person nicht denselben Dialekt gesprochen habe. Weitere
Einflüsse, wie dass in ihrem Heimatstaat im Fernsehen Lhasa-tibetisch ge-
sprochen werde, hätten dazu geführt, dass ihr Heimatdialekt am Telefon-
interview nicht dominant gewesen sei, aber doch auch zum Vorschein ge-
kommen sei. Nicht verständlich sei sodann, dass ihr Begleiter zum Abhö-
ren des Telefoninterviews nicht zugelassen worden sei und deshalb ihren
Dialekt von L._ nicht bestätigen könne. Es sei ihres Erachtens nicht
beachtet worden, dass sie bereits anlässlich des Telefoninterviews ange-
geben habe, in ihrem Dorf werde ein eigener Dialekt gesprochen, weshalb
weder (...) noch (...) als heimatlicher Dialekt in Frage komme. Dieser Dia-
lekt unterscheide sich gerade deshalb von den zum Vergleich hingezoge-
nen Dialekten, weil es sich um eine einfache Sprache handle, in welcher
wenig Grammatik verwendet werde. Auch in Bezug auf die landeskundli-
chen Kenntnisse sei von falschen Voraussetzungen ausgegangen worden.
Die von den Experten geforderte Sprachkenntnis setze eine besser entwi-
ckelte Schulbildung und viel mehr Erfahrung voraus, als sie je besessen
habe.
Zur Untermauerung ihrer Argumente legte die Beschwerdeführerin meh-
rere Sprachzertifikate, eine Arbeitsbestätigung sowie den Lehrvertrag mit
dem Alters- und Pflegezentrum (...) ins Recht.
J.
Mit Verfügung vom 28. September 2020 – eröffnet am 29. September 2020
– wies das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin vom 4. Juli 2016
ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegwei-
sungsvollzug an, schloss aber den Vollzug der Wegweisung in die Volks-
republik China aus.
K.
Gegen diese Verfügung liess die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom
27. Oktober 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben
und beantragen, es seien die Dispositivziffern 1 bis 4 und Ziffer 6 der an-
gefochtenen Verfügung aufzuheben. In verfahrensrechtlicher Hinsicht liess
sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht
auf Erhebung eines Kostenvorschusses, um Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistands sowie um Einsicht in das Aktenstück 25/1, um Anpassung
des Beschriebs des Aktenstücks 32/2, eventualiter um Rückweisung an
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das SEM zur entsprechenden Bekanntgabe respektive Anpassung wie
auch um anschliessendes Setzen einer angemessenen Frist zur Stellung-
nahme ersuchen.
Als Beweismittel legte sie unter anderem Kopien der Identitätskarte ihres
Vaters sowie des Familienbüchleins ihrer Mutter, einen Bericht zu tibeti-
schen Sprachen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 10. Dezember
2015 und einen Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 25. Oktober 2020
betreffend den LINGUA-Experten AS19 ins Recht.
L.
Am 3. November 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht der Be-
schwerdeführerin den Eingang ihrer Beschwerde.
M.
Mit Verfügung vom 11. November 2020 hiess der Instruktionsrichter die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und der amt-
lichen Rechtsverbeiständung gut und setzte den Rechtsvertreter als amtli-
chen Rechtsbeistand ein. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz aufgefordert,
den Beschrieb des Aktenstücks A32 im Aktenverzeichnis anzupassen und
der Beschwerdeführerin innert Frist den wesentlichen Inhalt des Akten-
stücks A25 bekannt zu geben sowie das angepasste Aktenverzeichnis zu-
zustellen; zudem wurde sie zur Vernehmlassung eingeladen.
N.
Das SEM informierte die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 24. No-
vember 2020 über den Inhalt der Aktennotiz A25 und liess ihr das ange-
passte Aktenverzeichnis betreffend die Akte A32/2 zukommen.
O.
Das SEM nahm in der Vernehmlassung vom 26. November 2020 zur Be-
schwerde Stellung.
P.
Mit Verfügung vom 30. November 2020 wurde der Beschwerdeführerin die
Vernehmlassung des SEM zur Kenntnis gebracht und ihr Frist zur Einrei-
chung einer Replik gesetzt.
Q.
Die Replik der Beschwerdeführerin datiert vom 15. Dezember 2020.
R.
Am 25. Januar 2021 gab der amtliche Rechtsbeistand der Beschwerdefüh-
rerin dem Gericht seine neue Adresse bekannt.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte die Vorinstanz
aus, aufgrund von Zweifeln an der geltend gemachten Biografie seien
Sprach- und Herkunftsgutachten der Fachstelle LINGUA erstellt worden.
Darin seien die sachverständigen Personen zum Schluss gekommen,
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die Beschwerdeführerin verfüge zwar über Wissen bezüglich ihre Heimat-
region, dieses hätte sie sich jedoch auch ausserhalb Tibets aneignen
können. Ihre Angaben würden viele Lücken und Unstimmigkeiten aufwei-
sen, was vor dem angegebenen biografischen Hintergrund nicht erklärbar
sei. Bei der Analyse der Sprache sei herausgekommen, dass ihr gespro-
chener Dialekt wider Erwarten keine exklusiven Gemeinsamkeiten des
Dialekts (...) und (...), stattdessen aber vor allem mit dem Lhasa-Tibeti-
schen aufweisen würde. Es entspreche sodann den Erwartungen an eine
Person mit ihrem biografischen Hintergrund, dass sie aktiv Formen ver-
wendet habe, die im Innertibetischen ungrammatisch seien. Ausserdem
habe sie die Erwartungen an ihre Chinesischkenntnisse nicht erfüllt. Insge-
samt sei deshalb davon auszugehen, sie sei sehr wahrscheinlich nicht im
Kreis B._ hauptsozialisiert worden, sondern in einer exiltibetischen
Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China. Die Ausführungen in ih-
rer Stellungnahme zu den Sprach- und Herkunftsgutachten hätten nicht zu
überzeugen vermocht. Die fehlende Schulbildung vermöge die vorhande-
nen Lücken nicht zu erklären und die Behauptung der
Beschwerdeführerin, sie habe Hemmungen gehabt, ihren heimatlichen
Dialekt zu sprechen, sei als Schutzbehauptung zu werten. Selbst wenn ihr
Bekannter bei der Abhörung des Telefoninterviews als Begleiter zugelas-
sen worden wäre, hätte dieser lediglich zuhören, nicht aber Stellung
nehmen können; insofern greife auch jener Einwand nicht. Nach dem
Gesagten könne nicht geglaubt werden, sie sei an dem von ihr angegebe-
nen Ort hauptsozialisiert worden. Weiter habe sie sowohl ihre Fluchtgründe
als auch ihre Ausreise zu wenig konkret, detailliert und differenziert darge-
legt und damit den Eindruck vermittelt, sie habe das Geschilderte nicht
selbst erlebt. Ihre Ausführungen seien äusserst unsubstanziiert sowie vage
ausgefallen und es seien darin Widersprüche und Nachschübe festzustel-
len. Es sei weder nachvollziehbar, dass sie bei der Plakataktion keine
Schutzmassnahmen getroffen habe – obwohl sie sich der mit der Aktion
einhergehenden Gefahr bewusst gewesen sein wolle –, noch, dass sie
nach der Verhaftung ihrer Freundin aus Angst in ihr Dorf zurückgekehrt sei.
Insgesamt habe die Beschwerdeführerin ihre Verfolgungsvorbringen wie
auch ihre Hauptsozialisierung in der Volksrepublik China nicht glaubhaft
machen können. Die eingereichten Beweismittel seien nicht geeignet, ihre
Identität beziehungsweise ihre behauptete Biografie zu bestätigen. Ent-
sprechend der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts habe die
Beschwerdeführerin wegen fehlender glaubhafter Hinweise zu ihrem tat-
sächlichen Herkunftsort dem SEM eine Prüfung verunmöglicht, ob sie in
einen Drittstaat mit legalem Aufenthaltsstatus zurückkehren könne oder sie
eine andere Staatsangehörigkeit als die chinesische erworben habe.
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In Bezug auf den Wegweisungsvollzug sei bei grober Verletzung der Mit-
wirkungspflicht von der Regelvermutung auszugehen, dass keine flücht-
lings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an den
bisherigen Aufenthaltsort bestehen würden.
3.2 In ihrer Beschwerde bemängelte die Beschwerdeführerin vorab, dass
ihr keine vollumfängliche Einsicht in die einzelnen Abklärungen im Rahmen
der LINGUA-Analyse gewährt worden sei. Bereits in ihrer Stellungnahme
vom 7. August 2020 habe sie erklärt, die Interviewerin habe nicht tibeti-
sche, sondern chinesische Namen für Gemeinden und Kreise verwendet,
was ihr bewusstgeworden sei, als sie im Nachgang zum Telefonat Abklä-
rungen zu diesen Orten getätigt habe. Es werde folglich beantragt, dass
dies mittels Abhören der Tonbandaufnahme nachgeprüft werden soll. Es
sei nicht nachvollziehbar, wie die sachverständigen Personen zum Schluss
gekommen seien, dass die Dialekte (...) und (...) als Referenzdialekte für
ihren Dialekt gelten sollten. Immerhin betrage die Distanz zwischen
M._ und B._ 156 km und zwischen N._ und
B._ 100 km. Das wäre also, wie wenn für eine Person aus Zürich
der Berner-Dialekt als Referenzdialekt verwendet würde. Selbst wenn der
Dolmetscher der ersten Anhörung damals betrunken gewesen sei, sei der
protokollierte Hinweis, die Beschwerdeführerin habe einen starken tibeti-
schen Akzent, zu ihren Gunsten zu berücksichtigen. In Bezug auf die lin-
guistische Analyse sei zu beachten, dass es keine präzisen und korrekten
Studien zu ihrem gesprochenen (...)-Dialekt gebe, sondern auf Referenz-
dialekte der nächstgrösseren Städte habe zurückgegriffen werden müs-
sen. Bereits deshalb sei der Beweiswert der vorliegenden linguistischen
Analyse vermindert. Hinzu komme, dass der sachverständigen Person
AS19 in einschlägigen Kreisen der Ruf anhafte, in vielen Fällen negative
Empfehlungen für asylsuchende ethnische Tibeter abzugeben. Es bestehe
der Verdacht, dass die erste LINGUA-Analyse keine eindeutigen Ergeb-
nisse zu ihrem Hauptsozialisierungsort habe liefern können, weshalb eine
zweite Abklärung notwendig geworden sei. Vor diesem Hintergrund sei das
Gericht gehalten, die veranlassten LINGUA-Berichte genau zu überprüfen,
insbesondere auf tatsächliche Gemeinsamkeiten mit dem B._-Tibe-
tischen und nicht lediglich, ob ihr Dialekt von den Referenzdialekten abwei-
che. Betreffend die Erwartungen der Chinesischkenntnisse der Beschwer-
deführerin sei unberücksichtigt geblieben, dass sie gemäss Befragungs-
protokollen an mehreren Stellen gewisse Begriffe in chinesischer Sprache
genannt habe. Nachdem es sich dabei um hauptsächlich technische Aus-
drücke handle, die ein Kind normalerweise nicht beherrsche, sei davon
auszugehen, ihr Hauptsozialisierungsort sei in Tibet. Dem bei den Akten
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Seite 10
liegenden Denunziationsschreiben komme schon deshalb keinerlei Be-
weiswert zu, weil es anonym abgefasst worden sei und damit das Motiv
des Verfassers unbekannt sei. Zu widersprechen sei auch den Ausführun-
gen in der angefochtenen Verfügung hinsichtlich ihrer geltend gemachten
Fluchtgründe. Sie habe durchwegs einheitlich und ohne Widersprüche die
Geschehnisse geschildert und insbesondere den Fluchtweg detailliert zu
beschreiben vermocht. Sie habe mit dem eingereichten Familienbüchlein
einen weiteren Beleg für ihre Sozialisierung in Tibet geliefert. Auch wenn
es sich um eine Kopie handle, könne diesem Dokument nicht der volle Be-
weiswert abgesprochen werden. Inzwischen habe sie ein Schreiben ihrer
Heimatgemeinde und Kopien der Identitätskarte ihres Vaters sowie des Fa-
milienbüchleins ihrer Mutter erhältlich machen können. Falls Originaldoku-
mente benötigt würden, sei ihr hierzu angemessene Frist zu setzen.
3.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, der in der Beschwerde
erwähnte Zeitungsartikel zur Fachstelle LINGUA enthalte mehrere un-
belegte, tendenziöse und mitunter schlicht falsche Aussagen. Insbeson-
dere die Nähe des Experten AS19 zu China sei durch nichts belegt, viel-
mehr handle es sich um eine unbelegte Aussage einer Religionswissen-
schaftlerin der Universität Bern. Die sachverständige Person sei bestens
über den aktuellen Forschungsstand informiert, beschäftige sich ein-
gehend mit neuen Publikationen in ihrem Fachgebiet und kenne aufgrund
regelmässiger Forschungsaufenthalte auch die Verhältnisse vor Ort. Erste
Resultate der Überprüfung der sachverständigen Person würden keinen
Anlass geben an deren Kompetenz zu zweifeln. Im Übrigen würden sowohl
die Qualifikation als auch der Werdegang der sachverständigen Personen
der Fachstelle LINGUA durch das SEM überprüft und in den einzelnen Ver-
fahren der asylsuchenden Person zur Kenntnis gebracht. Die Durchfüh-
rung einer zweiten Analyse entspreche der üblichen und von der Fachstelle
LINGUA regelmässig vorgenommenen Qualitätskontrolle. Die Feststel-
lung, eine Person habe ihre Sozialisierung in der Volksrepublik China nicht
glaubhaft gemacht, stütze sich sodann nicht nur auf eine Analyse der Spra-
che, sondern sei Ergebnis einer Gesamtwürdigung, die verschiedene Ele-
mente umfasse. Die mit der Beschwerde eingereichten Unterlagen könn-
ten die widersprüchlichen und nicht nachvollziehbaren Angaben im Asyl-
verfahren nicht aufwiegen, und ihre Identität habe die Beschwerdeführerin
trotz Aufforderung bisher nicht mit überprüfbaren Dokumenten nachweisen
können. Insgesamt sei es ihr folglich nicht gelungen die Erwägungen in der
angefochtenen Verfügung umzustossen.
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3.4 In ihrer Replik liess die Beschwerdeführerin klarstellen, dass die sach-
verständige Person AS19 bereits vor dem veröffentlichten Zeitungsartikel
den Ruf gehabt habe, in vielen Fällen negative Empfehlungen abzugeben.
Mit der veranlassten Überprüfung des Experten AS19 durch das SEM, sei
nun belegt, dass die Vorwürfe gegen diesen nicht völlig haltlos seien.
Es sei zudem davon auszugehen, dass nur deshalb eine zweite LINGUA-
Analyse erstellt worden sei, weil der erste Bericht zu keinem klaren Ergeb-
nis gekommen sei. Aus dem angefochtenen Entscheid des SEM gehe klar
hervor, dass ihr Asylgesuch aufgrund der LINGUA-Analyse abgelehnt wor-
den sei und nicht etwa aufgrund einer Gesamtwürdigung.
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin rügte in ihrer Beschwerde die Verletzung des
rechtlichen Gehörs, indem ihr die Einsicht in das Aktenstück A25 verwei-
gert worden sei, ohne dass ihr dessen wesentlichen Inhalt zur Kenntnis
gebracht worden sei. Zudem erweise sich die Bezeichnung des Akten-
stücks A32/2 derart pauschal und nichtssagend, sodass es nicht einmal
ansatzweise Auskunft geben würde, worum es sich bei diesem Aktenstück
handle.
4.2 Diese Rügen wurden durch den Instruktionsrichter mit Zwischenverfü-
gungen vom 11. November 2020 sowie 30. November 2020 behandelt.
Das SEM hat seine Aktenführungspflicht – wenn auch teilweise nachträg-
lich – wahrgenommen, und dem Einsichtsrecht der Beschwerdeführerin
wurde Genüge getan.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
E-5280/2020
Seite 12
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin bemängelt in ihrer Beschwerde die durch das
SEM in Auftrag gegebenen Analysen der Fachstelle LINGUA.
6.2 Gemäss Rechtsprechung handelt es sich bei LINGUA-Analysen nicht
um Gutachten von Sachverständigen, sondern um schriftliche Auskünfte
von Drittpersonen. Sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche Qua-
lifikation, Objektivität und Neutralität der sachverständigen Person wie
auch an die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analyse
erfüllt sind, ist einer LINGUA-Analyse nach der Rechtsprechung erhöhter
Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2014/12 E. 4.2.1 m.w.H.).
6.3 In Bezug auf die Evaluation der landeskundlich-kulturelle Kenntnisse
ist festzuhalten, dass der Experte AS20 in seinem LINGUA-Bericht in nach-
vollziehbarer Weise erläuterte, weshalb trotz der in mehreren Bereichen
gelieferten detaillierten Informationen der Beschwerdeführerin die regel-
mässig unerwarteten falschen oder unvollständigen Antworten an ihrer Be-
hauptung zweifeln liessen, sie habe praktisch ihr ganzes Leben in
B._ verbracht. Insbesondere würden einige ihrer falschen Angaben
darauf schliessen lassen, dass ihre diesbezüglichen Kenntnisse nicht von
ihren (im täglichen Leben gemachten) Erfahrungen in der von ihr behaup-
teten Heimatregion stammen würden. Das Gericht schliesst sich aus eben-
diesen Gründen der Einschätzung des SEM respektive der sachverständi-
gen Person AS20 an. Die im Beschwerdeverfahren vorgebrachten Ein-
wände vermögen die überzeugende Analyse der der landeskundlich-kultu-
rellen Kenntnisse der Beschwerdeführerin nicht in Zweifel zu ziehen. Ihr
Vorbringen, sie habe anlässlich des Telefoninterviews nicht bemerkt, dass
die befragende Person die chinesischen Namen der Gemeinden und
Kreise in ihrer Heimatregion benutzt habe, weshalb sie diese nicht erkannt
habe, vermag nicht zu überzeugen. Die Beschwerdeführerin hatte angege-
ben, sie habe für ihre Mutter chinesische Medikamente besorgt, bei chine-
sischen Händlern eingekauft und chinesische Medien konsumiert.
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6.4 Hinsichtlich der linguistischen Analyse der beiden LINGUA-Expertisen
erscheinen die im Beschwerdeverfahren gemachten Beanstandungen
zwar teilweise nachvollziehbar; sie vermögen aber letztlich zu keinem an-
deren Schluss zu führen. Eine eingehende Prüfung insbesondere des Be-
richts des Experten AS20 ergibt, dass die vorinstanzliche Verfügung auch
in diesem Zusammenhang zu schützen ist. Die beiden Berichte datieren
vom gleichen Tag, was die Vermutung unbegründet erscheinen lässt, die
zweite Analyse sei in Auftrag gegeben worden, weil die erste zu keinem
klaren Ergebnis gekommen sei. Beide sachverständigen Personen gelan-
gen unabhängig voneinander zum Schluss, dass mehrheitliche Übereinst-
immungen mit dem B._-Dialekt hätten festgestellt werden können.
Hinzukommend wurde auf mehrere sprachliche Eigenheiten hingewiesen,
welche unüblich seien für Personen, die ausschliesslich in Tibet sozialisiert
worden seien (vgl. Verfügung des SEM vom 28. September 2020 S. 4). Die
Chinesischkenntnisse der Beschwerdeführerin seien zudem nicht verein-
bar mit den von ihr angegebenen Berührungspunkten mit dieser Sprache,
weil sie einfache Sätze auf Chinesisch nicht verstanden habe und zudem
andere Gründe daraufhin deuten würden, dass sie die benutzten Wörter
nicht in ihrem Alltag in B._, sondern von sekundären Quellen erlernt
habe. Schliesslich ist den Berichten zu entnehmen, dass die Einflüsse des
knapp zweimonatigen Aufenthalts der Beschwerdeführerin in Nepal sowie
ihrer Anwesenheit in der Schweiz im Zeitpunkt des Telefoninterviews von
fast vier Jahren auf ihre Sprache entsprechend berücksichtigt worden ist.
Der diesbezügliche Vorwurf der Beschwerdeführerin ist somit nicht zu
hören. Es besteht aus den gegebenen Umständen auch keine Notwendig-
keit, mittels Abhören der Tonbandaufnahme abzuklären, ob die Inter-
viewerin auch chinesische Namen für Gemeinden und Kreise verwendet
hat.
6.5 Nach dem Gesagten erscheint folglich die übereinstimmende Feststel-
lung der sachverständigen Personen, die Beschwerdeführerin sei sehr
wahrscheinlich nicht im Kreis B._ im Autonomen Gebiet Tibet, son-
dern in einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik
China sozialisiert worden, schlüssig und nachvollziehbar begründet. Nach-
dem die beiden Expertisen zu einem übereinstimmenden Ergebnis kom-
men und, wie erwähnt, bereits der ausführlichere erste Bericht eindeutige
Ergebnisse lieferte, vermag an dieser Einschätzung vorliegend auch die
Hinweise auf die grundsätzliche Kritik am Experten AS19 nichts zu ändern
(deren Berechtigung im vorliegenden Verfahren offenbleiben kann). Die
Einschätzungen des SEM in der angefochtenen Verfügung sind zu bestä-
tigen.
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Seite 14
6.6
6.6.1 Zu Recht gelangte die Vorinstanz auch bezüglich die eingereichten
Beweismittel zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin mit diesen nicht
zu belegen vermochte, sie habe bis im Jahr 2016 in
B._ / M._ gelebt.
6.6.2 Der Vorwurf in der Beschwerde, das SEM hätte abklären müssen, ob
das eingereichte Beweismittel – die Kopie des Huko – echt ist, vermag
nicht zu überzeugen. Es erweist sich schlicht als unmöglich, anhand einer
Kopie eines Dokuments eine abschliessende Echtheitsprüfung vorzuneh-
men.
6.6.3 In Zusammenhang mit dem Familienbüchlein ist auf die ungereimten
Angaben der Beschwerdeführerin anlässlich ihrer Befragungen hinzuwei-
sen (was das SEM in seiner Verfügung aus nicht bekannten Gründen un-
terlassen hat). So hatte diese angegeben, sie habe rein zufällig noch die
Kopie einer einzelnen Seite des Familienbüchleins im Zeitpunkt der Flucht
auf sich getragen, weil sie diese für die Ausstellung ihrer Identitätskarte
habe vorweisen müssen. An anderer Stelle hatte sie hingegen ausgeführt,
ihre Identitätskarte sei vor ungefähr zehn Jahren ausgestellt worden (vgl.
A4 S. 8; A16 ad F76). Dass sie diese Kopie während eines Jahrzehnts
ohne Wissen auf sich getragen habe und sie erst auf der Flucht entdeckt
haben will, ist nicht zu glauben (vgl. A4 S. 8: "[...] Das Papier trug ich nicht
absichtlich auf mir. Auf der Flucht habe ich dann dieses Papier noch bei mir
entdeckt").
6.6.4 Dieses Beweismittel wie auch die im erstinstanzlichen Verfahren ein-
gereichten Fotos sind nicht geeignet, die Hauptsozialisierung der Be-
schwerdeführerin in der Volksrepublik China / Tibet glaubhaft zu machen.
6.6.5 Betreffend die im Beschwerdeverfahren nachgereichten Beweismittel
kann auf die Ausführungen des SEM in seiner Vernehmlassung vom
26. November 2020 verwiesen werden. Die wiederum in Kopie eingereich-
ten Dokumente lassen keine zuverlässigen Rückschlüsse auf den Ort der
Sozialisierung der Beschwerdeführerin zu. Seit Einreichung der Kopien
dieser Beweismittel mit Beschwerde vom 27. Oktober 2020 sind rund
1.5 Jahre vergangen. Dennoch wurden seither weder Beweismittel im Ori-
ginal eingereicht, welche die Hauptsozialisation in Tibet belegen könnten,
noch glaubhaft dargetan, aus welchen Gründen ihr dies nicht gelungen ist.
Hinzu kommt, dass kaum anzunehmen wäre, die Verwaltung ihres Heimat-
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dorfs würde eine derart wohlwollend und freundlich formulierte offizielle Be-
stätigung für die Beschwerdeführerin erstellen, wenn diese durch ihre an-
gebliche politische Protestaktion die Durchsuchung aller Häuser dieses
Dorfs durch die Polizei verursacht hätte. Diese Dokumente vermögen so-
mit die Einschätzung nicht umzustossen, die Beschwerdeführerin wurde
ausserhalb der Volksrepublik China sozialisiert.
7.
7.1 Die geltend gemachten Asylgründe der Beschwerdeführerin erachtet
das Gericht ebenfalls als unglaubhaft.
7.2 Zunächst erscheint vollkommen lebensfremd, dass sich die Beschwer-
deführerin ohne einen äusseren Grund zu einer politischen Plakataktion
entschlossen haben will, nachdem sie sich zuvor bis zu ihrem 24. Lebens-
jahr in keiner Weise politisch bestätigt habe (vgl. A4 S. 10, A11 ad F41,
F56). Nachdem sich sowohl die Beschwerdeführerin als auch ihre Freundin
der Gefahren dieser Aktion offensichtlich bewusst waren – sie hätten sich
nämlich jahrelang nicht getraut, einander ihr Bedürfnis, eine Aktion durch-
zuführen, anzuvertrauen, obwohl sie beste Freundinnen gewesen seien –,
ist nicht zu erwarten, dass sie sich zu einer völlig unvorbereiteten Aktion
hätten hinreissen lassen. Sie hätten sich den Angaben der Beschwerde-
führerin zufolge nämlich keine Schutzmassnahmen überlegt und noch
nicht einmal alle gegen sie sprechenden Beweise beseitigt (vgl. A16 ad
F16, F25 ff., F38, F40, F48, F53). Realitätsfern ist sodann ihr geltend ge-
machtes Verhalten am Morgen nach der nächtlichen Plakataktion: Weil alle
Leute über die Aktion gesprochen hätten, sei sie zu ihrer Tante nach
C._ gegangen, nachdem sie aber erfahren habe, dass die Polizei
ihre Freundin nach einer Hausdurchsuchung festgenommen habe, sei sie
in ihr Dorf zurückgekehrt (vgl. A16 ad F12 f., F17, F51, F79). Im Übrigen
kann auch in diesem Zusammenhang auf die überzeugenden Erwägungen
des SEM in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. SEM-
Ver-fügung S. 5 f.).
7.3 Das Gericht schliesst sich folglich den Feststellungen des SEM in der
angefochtenen Verfügung an, wonach es der Beschwerdeführerin nicht ge-
lungen ist, ihre in der Volksrepublik China erlebten Asylgründe glaubhaft zu
machen.
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Seite 16
8.
8.1 Nach dem Gesagten ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin vor ihrer Ankunft in der Schweiz
nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exil-tibetischen Diaspora
gelebt hat. Namhafte exil-tibetische Gemeinschaften gibt es – nebst der
Schweiz und Nordamerika – lediglich in Indien und Nepal. Es ist somit im
Sinn einer Vermutung anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin in Indien
oder Nepal aufgewachsen ist respektive dort gelebt hat. Folglich wäre
grundsätzlich zu prüfen, ob sie über die chinesische Staatsangehörigkeit
verfügt, was eine Prüfung der Drittstaatenregelung im Sinn von Art. 31a
Abs. 1 AsylG mit sich bringen würde, oder ob sie die indische oder nepale-
sische Staatsangehörigkeit erworben hat, was zur Folge hätte, dass das
Vorliegen einer asylrelevanten Gefährdung hinsichtlich eines dieser Staa-
ten zu prüfen wäre. Das Gericht ist indes wie das SEM der Auffassung,
dass die Beschwerdeführerin ihre Mitwirkungspflicht in nicht entschuldba-
rer Weise verletzt hat und dadurch den Behörden nähere Abklärungen
– die Abklärungspflicht der Asylbehörden findet ihre Grenze bei der Mitwir-
kungspflicht der asylsuchenden Person – sowie eine Rückschaffung in ih-
ren tatsächlichen Herkunftsstaat verunmöglicht. Die Beschwerdeführerin
hat die Folgen dieses Verhaltens zu tragen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10).
8.2 Zusammenfassend ist demnach zwar davon auszugehen ist, dass die
Beschwerdeführerin tibetischer Ethnie ist, ihre Vorbringen hinsichtlich des
Ortes ihrer hauptsächlichen Sozialisation sowie ihre Asylvorbringen insge-
samt der Glaubhaftigkeit entbehren. Es ist ihr damit nicht gelungen, für den
Zeitpunkt ihrer Ausreise eine asylrechtlich relevante Verfolgung, die sie vor
ihrer Ausreise in ihrem Heimatstaat erlitten hat oder in begründeter Weise
zukünftig befürchten müsste, aufzuzeigen oder glaubhaft zu machen. Die
Beschwerdeführerin vermag weder die Flüchtlingseigenschaft im Zeitpunkt
ihrer Ausreise noch subjektive Nachfluchtgründe nachzuweisen oder zu-
mindest glaubhaft zu machen. Das SEM hat somit zu Recht ihre Flücht-
lingseigenschaft verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
8.3 Das anonyme Denunziationsschreiben (vgl. Aktenstück A21/2) war für
den Ausgang des vorliegenden Verfahrens irrelevant. Die beantragte Ent-
fernung des Dokuments aus den Akten (vgl. Beschwerde S. 15) erweist
sich nicht als erforderlich.
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9.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylge-
such ablehnt oder darauf nicht eintritt. Die Beschwerdeführerin verfügt we-
der über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen
Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu
Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9,
je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2 Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvoll-
zugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersuchungspflicht fin-
det aber, wie bereits vorstehend ausgeführt, ihre Grenzen an der Mitwir-
kungspflicht der Beschwerdeführerin. Es ist nicht Sache der Behörden, bei
fehlenden Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in
hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Die Beschwerdeführerin hat
die Folgen ihrer fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der
Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts ge-
gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort, da sie keine konkre-
ten, glaubhaften Hinweise geliefert hat, die gegen eine entsprechende
Rückkehr sprechen würden.
10.3 In Übereinstimmung mit der Dispositivziffer 5 der angefochtenen Ver-
fügung ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen
und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach China im Sinn von Art. 45
Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen wird, da ihnen dort gegebenenfalls
Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn beziehungsweise eine men-
schenunwürdige Behandlung im Sinn von Art. 3 EMRK droht (BVGE
2014/12 E. 5.11).
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10.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimat- oder Herkunftsstaates die für eine Rückkehr
notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und
dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuwei-
sen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem der Instruktions-
richter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
nach Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 11. November 2020
gutgeheissen hat und den Akten keine Hinweise auf eine relevante Verän-
derung der finanziellen Verhältnisse (die Beschwerdeführerin befindet sich
weiterhin in der Berufsausbildung) zu entnehmen sind, ist von einer Kos-
tenauflage abzusehen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
12.2 Unter den gegebenen Verfahrensumständen besteht keine Veranlas-
sung der Beschwerdeführerin für die geringfügigen im Instruktionsverfah-
ren geheilten formalen Mängel (vgl. oben E. 5: Einsicht in eine Aktennotiz,
Optimierung des Aktenverzeichnisses) eine reduzierte Parteientschädi-
gung zuzusprechen (zumal das Honorar des amtlichen Rechtsbeistands
durch das Gericht zu vergüten ist).
12.3 Das Honorar des mit Verfügung vom 11. November 2020 eingesetz-
ten amtlichen Rechtsbeistands ist bei diesem Verfahrensausgang durch
die Gerichtskasse zu vergüten. Es wurde keine Kostennote eingereicht,
weshalb der Betrag von Amtes wegen zu bestimmen ist (vgl. Art. 14 Abs. 2
in fine VGKE. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfak-
toren (Art. 9–13 VGKE) ist das Honorar auf insgesamt Fr. 2500.– (inkl.
sämtlicher Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzulegen.
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