Decision ID: 0df7a309-0ee5-5b00-8bc6-a3cccc0d0795
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.- X erhielt den Führerausweis auf Probe der Kategorie B am 5. Juli 2019. Am 21. Juni
2020 war er mit einem Personenwagen in R unterwegs und überschritt ausserorts die
zulässige Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h um 27 km/h. Dies führte zu einem
einmonatigen Führerausweisentzug und einer Verlängerung der Probezeit um ein Jahr
bis 4. Juli 2023 (Verfügung des Strassenverkehrsamts des Kantons St. Gallen vom 2.
September 2020).
Am 10. September 2020 teilte das Strassenverkehrsamt, und zwar die gleiche
Sachbearbeiterin, die bereits die Entzugsverfügung vom 2. September 2020 erlassen
hatte, X mit, aufgrund eines Polizeiberichts sei davon auszugehen, dass er am 31. Mai
2020 in Urnäsch die zulässige Höchstgeschwindigkeit ausserorts von 80 km/h um 32
km/h überschritten habe. Es sei deshalb beabsichtigt, ihm den Führerausweis wegen
einer schweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für drei Monate
zu entziehen. Der entsprechende Anzeigerapport der Kantonspolizei Ausserrhoden
vom 10. Juli 2020 lag dem Strassenverkehrsamt bereits seit dem 16. Juli 2020 vor.
Zum Vorfall in Urnäsch war X am 1. Juli 2020 durch die Kantonspolizei St. Gallen
rechtshilfeweise befragt worden. Das entsprechende Protokoll lag dem Anzeigerapport
bei. Mit Verfügung vom 23. Oktober 2020 entzog das Strassenverkehrsamt den
Führerausweis auf Probe aufgrund der Geschwindigkeitsüberschreitung in Urnäsch für
drei Monate und verlängerte die Probezeit um ein Jahr.
X reichte den Führerausweis auf Probe am 9. November 2020 zum Vollzug der
Administrativmassnahmen ein. Das Strassenverkehrsamt teilte ihm daraufhin mit, es
habe festgestellt, dass die zweite Widerhandlung zur Annullation des Führerausweises
auf Probe führe. Es entzog diesen vorsorglich ab sofort, und zwar mit Wirkung ab
9. November 2020. Die entsprechende Verfügung vom 11. November 2020 wurde nicht
angefochten. Die Führerausweisentzugsverfügung vom 23. Oktober 2020 wurde
widerrufen.
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B.- Die beiden Vorfälle hatten auch strafrechtliche Konsequenzen: Für die
Geschwindigkeitsüberschreitung in Urnäsch wurde X mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Appenzell Ausserrhoden vom 30. Juli 2020 wegen grober
Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe von 3 Tagessätzen zu je
Fr. 30.– und einer Busse von Fr. 500.– verurteilt. Die Geschwindigkeitsüberschreitung
in Rorschacherberg hatte demgegenüber wegen (einfacher) Verkehrsregelverletzung
eine Busse von Fr. 600.– zur Folge (Strafbefehl des Untersuchungsamts St. Gallen vom
5. November 2020).
C.- Mit Verfügung vom 5. Januar 2021 annullierte das Strassenverkehrsamt den
Führerausweis auf Probe. Es legte die Bedingungen für das Erlangen eines neuen
Lernfahrausweises fest und entzog einem allfälligen Rekurs die aufschiebende
Wirkung. Dagegen erhob X am 18. Januar 2021 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK). Er beantragte, die
Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 5. Januar 2021 sei aufzuheben und der
Führerausweis auf Probe wiederzuerteilen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Auf die ebenfalls beantragte Durchführung einer mündlichen Verhandlung wurde später
verzichtet. Auf die Ausführungen zur Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich,
in den Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete am 23. Februar 2021 auf
eine Stellungnahme.

Considerations:
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 18. Januar 2021 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz den Führerausweis auf Probe
zu Recht annullierte. Insbesondere ist die Frage zu klären, ob die zweite Widerhandlung
auch dann zur Annullation des Führerausweises auf Probe führt, wenn der Fahrer im
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Zeitpunkt der zweiten Widerhandlung noch nicht von seiner ersten Widerhandlung
weiss.
a) Der erstmals erworbene Führerausweis für Motorräder und Motorwagen wird
zunächst auf Probe erteilt. Die Probezeit beträgt drei Jahre (Art. 15a Abs. 1 des
Strassenverkehrsgesetzes [SR 741.01, abgekürzt: SVG]). Wird der Ausweis auf Probe
wegen einer Widerhandlung entzogen, so wird die Probezeit um ein Jahr verlängert.
Dauert der Entzug über die Probezeit hinaus, so beginnt die Verlängerung mit der
Rückgabe des Führerausweises (Abs. 3). Der Führerausweis auf Probe verfällt mit der
zweiten Widerhandlung, die zum Entzug des Ausweises führt (Abs. 4). Diese Folge ist
zwingend und liegt nicht im Ermessen der zuständigen Behörde (BSK SVG-J. Bickel,
Art. 15a N 46). Die Bewährungszeit gilt in diesem Fall als nicht bestanden, weshalb kein
unbefristeter Führerausweis erteilt werden kann (Botschaft zur Änderung des SVG vom
31. März 1999, BBl 1999 IV, S. 4485, nachfolgend: Botschaft SVG).
b) In tatsächlicher Hinsicht ist unbestritten, dass der Rekurrent am 31. Mai 2020 die
zulässige Höchstgeschwindigkeit ausserorts in Urnäsch um rechtlich relevante 32 km/h
und am 21. Juni 2020 ausserorts in Rorschacherberg um rechtlich relevante 27 km/h
überschritt. Aus Gründen der Rechtsgleichheit hat das Bundesgericht für die
Beurteilung der Schwere von Geschwindigkeitsüberschreitungen genaue (objektivierte)
Regeln aufgestellt. Danach ist eine Überschreitung der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit ausserorts um mindestens 25 km/h (und höchstens 29 km/h)
grundsätzlich als mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG
einzustufen. Ab 30 km/h handelt es sich um eine schwere Widerhandlung gemäss
Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG (Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015,
Vorbemerkungen zu Art. 16a-c SVG N 14). Nach einer mittelschweren Widerhandlung
wird der Lernfahr- oder Führerausweis für mindestens einen Monat entzogen (Art. 16b
Abs. 2 lit. a SVG), nach einer schweren Widerhandlung beträgt die
Mindestentzugsdauer drei Monate (Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG). Demnach liess sich der
Rekurrent am 31. Mai 2020 eine schwere und am 21. Juni 2020 eine mittelschwere
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften zu Schulden kommen, die zu
zwei Warnungsentzügen und damit grundsätzlich zum Verfall des Führerausweises auf
Probe führen. Dies wird vom Rekurrenten nicht bestritten. Er macht jedoch geltend,
Art. 15a Abs. 4 SVG komme hier nicht zur Anwendung, da er erst eineinhalb Wochen
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nach der zweiten Widerhandlung Kenntnis von der ersten erhalten und folglich keine
Möglichkeit gehabt habe, aus dem ersten Vorfall zu lernen und sich zu bewähren. Es
entspreche nicht dem Willen des Gesetzgebers, unter solchen Umständen von einer
fehlenden Fahreignung auszugehen. Wie es sich damit verhält, ist nachfolgend zu
prüfen.
c) aa) Mit der auf den 1. Dezember 2005 in Kraft gesetzten Revision des SVG wurde
der Führerausweis auf Probe eingeführt. Die Neulenker (sog. "Neuerwerber") müssen
sich während einer dreijährigen Probezeit in der Fahrpraxis bewähren, bevor ihnen der
(unbefristete) Führerausweis definitiv erteilt wird. Dazu gehört, dass sich der Neulenker
während der Probezeit durch einwandfreies und klagloses Fahrverhalten im Verkehr
ausweist. Ausweisentzüge (wegen Widerhandlungen nach Art. 16a-16c SVG) haben
eine Verlängerung der Probezeit um ein Jahr zur Folge. Die Bewährungszeit gilt als
nicht bestanden (und der Führerausweis auf Probe verfällt), wenn während der
Probezeit eine zweite Widerhandlung begangen wird, die zum Ausweisentzug führt (BBl
1999, S. 4485, Ziff. 21). Bezweckt wird eine strengere Ahndung und Prävention von
SVG-Widerhandlungen durch Neulenker und eine Erhöhung der Verkehrssicherheit
(BGE 136 I 345 E. 6.1). Bei Inhabern von Führerausweisen auf Probe besteht nach zwei
Widerhandlungen in der Probezeit, die zum Entzug des Führerausweises führen, die
gesetzliche Vermutung der fehlenden Fahreignung (Weissenberger, a.a.O., Art. 15a
SVG N 21). Der Entzug des Führerausweises auf Probe hat gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung einen Doppelcharakter. Einerseits dient er der
Verkehrssicherheit, andererseits hat er aber mit Blick auf die Zielsetzung, dass sich der
Lenker bewähren soll, auch eine warnende Funktion (BGE 143 II 699 E. 3.5.3). Von
einem Inhaber des Führerausweises auf Probe, dem nach einer Widerhandlung gegen
das SVG bereits der Ausweis entzogen und die Probezeit verlängert worden ist, darf
und muss ein besonderes Mass an Verantwortungsbewusstsein bzw. sorgfältigem
künftigem Fahrverhalten erwartet werden (BGE 136 I 345 E. 6.5).
bb) Demierre/Mizel/Mouron (Les mesures administratives liées au nouveau permis de
conduire à l'essai, in: AJP 2007, S. 735) vertraten die Auffassung, der Wortlaut von Art.
15a Abs. 4 SVG ("Widerhandlung, die zum Entzug des Ausweises führt") impliziere
einen Rückfalltatbestand. Für die Frage, ob eine zweite Widerhandlung, die einen
Führerausweis zur Folge habe, zum Verfall des Führerausweises führe, könnte deshalb
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entscheidend sein, dass die Rechtskraft des Entscheids über den ersten Entzug
eingetreten sei. Das Bundesgericht schloss sich dieser Meinung jedoch nicht an.
Namentlich wird in Art. 15a Abs. 4 SVG nicht ein Rückfall, der in Art. 16a Abs. 2, Art.
16b Abs. 2 und Art. 16c Abs. 2 SVG ausdrücklich auf die vorausgegangene
Massnahme Bezug nimmt, geregelt. Vielmehr steht bei Art. 15a Abs. 4 SVG die
Widerhandlung selber im Vordergrund. Das Bundesgericht folgerte daraus zunächst,
dass aus dem Wortlaut und Geist der Bestimmung hervorgehe, dass der Verfall des
Führerausweises auf Probe nicht davon abhängig sei, dass der vorausgegangene
Entzug vollstreckt worden oder dass der entsprechende Entscheid in Rechtskraft
erwachsen sei. Entscheidend sei das Vorliegen einer ersten Widerhandlung, die einen
Entzug des Führerausweises auf Probe (und die Verlängerung der Probezeit) zur Folge
gehabt hätte, sowie eine zweite Widerhandlung, welche ihrerseits zu einem Entzug
führen würde (BGE 136 II 447 E. 5 = Pra 100 [2011] Nr. 34). In BGE 146 II 300 (E. 4.2)
wurde die höchstrichterliche Rechtsprechung dahingehend präzisiert, dass der
Führerausweis auf Probe nach der zweiten Widerhandlung, die zu einem
Führerausweisentzug führen würde, auch dann verfalle, wenn die Verfügung über die
Sanktionierung der ersten Widerhandlung noch nicht einmal gefällt und dem
Fahrzeugführer eröffnet worden sei. Zur Verhinderung einer Privilegierung derjenigen
Fahrer, die innerhalb kurzer Zeit mehrere Entzugsgründe setzten, gegenüber jenen, die
dies in grösseren zeitlichen Abständen täten, sprach sich das Bundesgericht gegen
eine analoge Anwendung von Art. 49 des Strafgesetzbuchs (SR 311.0, StGB) und
damit die Bildung einer Gesamtmassnahme aus.
cc) In BGE 136 II 447 E. 6 wurde ausgeführt, die erste gegen den Neulenker gerichtete
Massnahme, welche ihm kurz vor Begehung der zweiten Widerhandlung mitgeteilt
worden sei, hätte ihm Warnung sein müssen. Gemäss BGE 146 II 300 E. 4.3 darf von
einem Fahrer, der im Strassenverkehr bereits eine andere Person, und sei es auch nur
leicht, verletzt hat, ohne weiteres ein besonderes Mass an Verantwortungsbewusstsein
und sorgfältigem künftigem Fahrverhalten erwartet werden. In beiden Fällen waren die
Neulenker gewarnt. Wenn sie sich in der Probezeit trotzdem eine weitere
Widerhandlung zu Schulden kommen liessen, die zu einem Führerausweisentzug
geführt hätte, waren sie (noch) nicht geeignet, ein Fahrzeug zu führen.
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Die Situation des Rekurrenten stellt sich demgegenüber in einem wesentlichen Punkt
anders dar: Aufgrund der Akten ist davon auszugehen, dass er beim zweiten Vorfall
vom 21. Juni 2020 noch keine Kenntnis von der ersten Widerhandlung hatte. Sein
Fahrzeug wurde am 31. Mai 2020 von einem Verkehrsüberwachungsgerät registriert.
Die Polizei war nicht vor Ort, weshalb ihm wegen der Geschwindigkeitsüberschreitung
kein Vorhalt gemacht werden konnte. Erst anlässlich der rechtshilfeweisen polizeilichen
Einvernahme vom 1. Juli 2020 wurde er über die Geschwindigkeitsüberschreitung vom
31. Mai 2020 informiert. Mithin ist in diesem Rekursverfahren der Spezialfall, dass der
Fahrer im Zeitpunkt der zweiten Widerhandlung nichts von der ersten Widerhandlung
weiss, zu entscheiden, welchen das Bundesgericht bisher noch nicht hat prüfen
müssen (BGE 146 II 300 E. 4.3).
dd) Auch wenn in Art. 15a Abs. 4 SVG der Akzent auf der Widerhandlung selber liegt,
ist den beiden vorerwähnten bundesgerichtlichen Urteilen gemeinsam, dass die
Neulenker (aufgrund einer ersten Widerhandlung) gewarnt waren. Die Anforderungen
an eine solche Warnung sind nicht allzu hoch. Der Neulenker muss nur damit rechnen,
dass er eine Widerhandlung begangen haben könnte, die regelmässig zu einem
Führerausweisentzug führt. Ein solches Gewarntsein setzt zwingend voraus, dass der
Fahrzeugführer Kenntnis von der mutmasslichen Widerhandlung hat. Dies trifft etwa
dann zu, wenn er von der Polizei auf ein schuldhaftes Fehlverhalten im Strassenverkehr
hingewiesen wurde oder er an einem schuldhaft verursachten Verkehrsunfall beteiligt
war. Wenn der Neulenker demgegenüber nicht weiss, dass er eine Widerhandlung
begangen hat, kann er auch nicht gewarnt sein. Ob dies auch gelten würde, wenn der
Neulenker durch vorsätzliche Verletzung elementarer Verkehrsregeln das hohe Risiko
eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern eingegangen ist (sog. Raserdelikt
gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG), erscheint fraglich, kann aber offenbleiben. Der
Rekurrent, der keine Kenntnis von der ersten Widerhandlung hatte, als er die zweite
Widerhandlung beging, hatte somit keine Möglichkeit, das besondere Mass an
Verantwortungsbewusstsein, das von einem Inhaber eines Führerausweises auf Probe
nach einer ersten Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften erwartet
wird, unter Beweis zu stellen (BGE 136 I 345 E. 6.5). Gewarnt war er erst, als ihm die
Anzeige zur Geschwindigkeitsüberschreitung vom 31. Mai 2020 eröffnet und anlässlich
der rechtshilfeweisen polizeilichen Befragung dazu Vorhalt gemacht wurde. Letzteres
war am 1. Juli 2020 (act. 8/9) und damit nach der Begehung der zweiten
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Widerhandlung vom 21. Juni 2020. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Warnung
selbstverständlich nur Wirkung für künftiges Verhalten haben kann. Art. 15a Abs. 4 SVG
setzt deshalb voraus, dass eine erste Widerhandlung, die zu einem
Führerausweisentzug führt, begangen wurde, der Neulenker deshalb gewarnt ist und
dann – zeitlich nachgelagert – eine zweite Widerhandlung, die zu einem Ausweisentzug
führen würde, begeht. Hier war der Rekurrent erst nach der zweiten Widerhandlung
vom 21. Juni 2020 gewarnt, weshalb die erste Widerhandlung keinen Verfall des
Führerausweises auf Probe auslösen kann. Anders entscheiden hiesse, nur die Anzahl
Widerhandlungen zu berücksichtigen und auf das Kriterium des Gewarntseins zu
verzichten. Dies ergibt sich jedoch weder aus dem Gesetz noch aus der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung. Zudem würde dies zu einer ungerechtfertigten
Bevorteilung etwa derjenigen Neulenker führen, die nach der ersten Widerhandlung
polizeilich angehalten und denen gegenüber Vorhalt wegen der begangenen
Widerhandlung gemacht wurde, wie dies bei mobilen Geschwindigkeitsmessungen
häufig der Fall ist.
d) Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass kein Anwendungsfall von Art. 15a
Abs. 4 SVG vorliegt, was im Rekurs zutreffend geltend gemacht wurde.
Dementsprechend ist die angefochtene Verfügung aufzuheben und der Führerausweis
dem Rekurrenten unverzüglich herauszugeben. Wegen der
Geschwindigkeitsüberschreitung vom 21. Juni 2020 wurde der Führerausweis für einen
Monat entzogen (act. 8/13 ff.). Dabei hat es sein Bewenden. Die
Geschwindigkeitsüberschreitung vom 31. Mai 2020 führte demgegenüber zur
Annullation des Führerausweises auf Probe, welche nun aber aufzuheben ist. Dies
bedeutet, dass für die Widerhandlung vom 31. Mai 2020 noch keine Massnahme
festgelegt wurde. Die Angelegenheit ist deshalb an die Vorinstanz zurückzuweisen,
damit sie für die Widerhandlung vom 31. Mai 2020 einen Warnungsentzug verfügt.
Hierbei wird die Vorinstanz Folgendes zu berücksichtigen haben:
Bei der Verwirklichung mehrerer Entzugsgründe durch eine oder mehrere Handlungen
sind die Konkurrenzbestimmungen nach Art. 49 StGB sinngemäss anwendbar. Dies gilt
insbesondere auch für die retrospektive Konkurrenz im Sinn von Art. 49 Abs. 2 StGB:
Begeht ein Fahrzeugführer noch vor der Verfügung über einen Warnungsentzug eine
zweite Widerhandlung, welche ebenfalls einen solchen Entzug zur Folge hat, so ist im
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zweiten Administrativverfahren die Dauer des Warnungsentzugs im Sinn einer
Zusatzmassnahme so zu bemessen, dass der Fahrzeugführer nicht schwerer
sanktioniert wird, als wenn die beiden Widerhandlungen gleichzeitig beurteilt worden
wären (BGer 1C_248/2020 vom 14. Dezember 2020 E. 3.3). Dies steht nicht im
Widerspruch zur bundesgerichtlichen Rechtsprechung, wonach Art. 49 StGB im
Bereich von Art. 15a 4 SVG nicht anwendbar und insbesondere bei der Verwirklichung
mehrerer Entzugsgründe keine Gesamtmassnahme zu verhängen sei (BGE 146 II 300
E. 4.2 und 4.3). Da hier Art. 15 Abs. 4 SVG nicht anwendbar ist, spricht nichts dagegen,
den Rekurrenten bezüglich der Sanktionierung der Widerhandlung vom 31. Mai 2020
gleich zu behandeln wie den Inhaber eines unbefristeten Führerausweises. Unbestritten
ist zudem, dass der Rekurrent am 31. Mai 2020 eine schwere Widerhandlung
begangen hat (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG); dafür ist eine Mindestentzugsdauer von drei
Monaten vorgesehen (Art. 16c Abs. 2 lit a SVG), was als durchaus angemessen zu
betrachten wäre. Zu berücksichtigen ist schliesslich, dass die beiden
Warnungsentzüge bereits vollzogen sind, weil der Rekurrent den Führerausweis bereits
per 9. November 2020 abgegeben hat. Im Zusammenhang mit der Verlängerung der
Probezeit ist die Rückgabe des Führerausweises massgebend. Hier rechtfertigt es sich
auf den Zeitpunkt abzustellen, wann der Führerausweis dem Rekurrenten bei korrekter
Vorgehensweise hätte ausgehändigt werden müssen.
3.- a) Der Rekurrent dringt mit seinem Antrag durch. Dies entspricht einer vollständigen
Gutheissung des Rekurses. Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten
dem Staat aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.–
erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).
Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.
b) Entsprechend der Verlegung der amtlichen Kosten hat der Rekurrent gemäss Art. 98
Abs. 2 und Art. 98 VRP Anspruch auf die vollständige Entschädigung seiner
ausseramtlichen Kosten, soweit diese als notwendig und angemessen erscheinen. Im
Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Im Verfahren vor der
VRK wird das Honorar als Pauschale und nicht nach Zeitaufwand ausgerichtet, wobei
der Rahmen zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– liegt (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung, sGS 963.75, abgekürzt HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das
Grundhonorar nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der
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Bemühungen, der Schwierigkeit des Falls und den wirtschaftlichen Verhältnissen der
Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote
eingereicht, weshalb die ausseramtliche Entschädigung nach richterlichem Ermessen
festzusetzen ist. Angesichts des Aktenumfangs, der sich stellenden Fragen in
tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht sowie des eingereichten Rekurses erscheint ein
Honorar von Fr. 2'800.– als angemessen. Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von
Fr. 112.– (4 % von Fr. 2'800.–; Art. 28 Abs. 1 HonO) und die Mehrwertsteuer von
Fr. 224.25 (7,7 % von Fr. 2'912.–; Art. 29 HonO). Die ausseramtliche Entschädigung
beträgt damit insgesamt Fr. 3'136.25; entschädigungspflichtig ist der Staat
(Strassenverkehrsamt).