Decision ID: 54ca6fbb-1ff8-54ee-846d-4ebd3b1d75a3
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste eigenen Angaben zufolge am (...) 2015 illegal
aus Afghanistan aus und gelangte auf dem Landweg über diverse Länder
am 23. November 2015 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl
nachsuchte. Auf dem Personalienblatt trug er als Geburtsdatum den (...)
ein.
B.
B.a Am 30. November 2015 fand eine – aufgrund der hohen Belegung
verkürzte – Befragung zur Person statt (BzP; Protokoll in den SEM-Akten:
A4/11). Dabei gab der Beschwerdeführer an, aus B._ (Distrikt
C._, Provinz D._) zu stammen. Hinsichtlich seines Alters
gab er erneut an, er sei am (...) geboren. Er kenne das Geburtsdatum, weil
er im Spital geboren sei. Sein inzwischen verstorbener Vater habe genau
gewusst, wann er geboren sei, und er habe ihn mitgenommen, um für ihn
eine Tazkira ausstellen zu lassen. An das exakte Geburtsdatum nach
afghanischem Kalender erinnere er sich nicht, er habe dieses in den
gregorianischen Kalender umgerechnet, als er eine englische Schule
besucht habe. Er habe sich so das Geburtstagsdatum besser merken
können. Mit dem afghanischen Kalender könne er schlecht umgehen, wie
inzwischen immer mehr Menschen in Afghanistan.
Der Befrager des SEM eröffnete dem Beschwerdeführer im Rahmen der
BzP mündlich, dass die Umstände seines Geburtsdatums «absolut
unglaubhaft» seien. Zudem sehe er erwachsen aus und nicht wie ein
minderjähriges Kind. Er werde deshalb als volljährig erfasst und ihm werde
keine Vertrauensperson zugeteilt. Der Beschwerdeführer hielt an dem
angegebenen Geburtsdatum fest und stellte die Einreichung seiner Tazkira
in Aussicht.
B.b Am 15. Juli 2016 erfolgte die Anhörung zu den Asylgründen (Protokoll
in den SEM-Akten: A15/13). Bezüglich seines Alters machte der
Beschwerdeführer wiederum geltend, am (...) geboren zu sein. Das exakte
Datum im afghanischen Kalender kenne er nicht, niemand habe sich mit
diesem Kalender gut ausgekannt. Er gab sodann die Kopie seiner Tazkira
zu den Akten und erklärte, das Original habe er noch nicht nachreichen
können, weil es bei seinem Freund in E._ sei; bisher habe er ihn
nicht erreichen können. Der Beschwerdeführer gab weiter an, nur wenige
Jahre lang die Schule besucht zu haben, die Taliban hätten dies dann
verunmöglicht. Er habe sodann auf den Feldern gearbeitet, später ein paar
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Monate in F._ in einem Restaurant als (...) und schliesslich auch in
Pakistan während gut einem Jahr als (...).
Zu seinen Asylgründen gab der Beschwerdeführer im Wesentlichen an, in
seiner Familie seien Landstreitigkeiten ausgebrochen, sein Vater sei in
diesem Zusammenhang drei Jahre zuvor umgekommen. Danach sei ihnen
das strittige Grundstück enteignet worden. Sein Onkel habe ihn nötigen
wollen, sich mit ihm den Taliban anzuschliessen, was er nicht gewollt habe;
deshalb sei er nach F._ gegangen, und von dort dann mit einem
Freund nach Pakistan. Weil er illegal in Pakistan gelebt habe, habe er
Probleme bekommen und sei in sein Herkunftsdorf zurückgekehrt. In der
Zwischenzeit hätten sich aber die Dorfangehörigen, auch die Familie
seines Onkels, den Taliban angeschlossen, weshalb er nicht mehr habe
dortbleiben können und ausgereist sei.
B.c Am 19. August 2016 liess das SEM eine Herkunftsanalyse (LINGUA-
Bericht) durchführen, welche die geltend gemachte Herkunft des
Beschwerdeführers bestätigt.
B.d Am 28. November 2016 reichte der Beschwerdeführer das Original
seiner Tazkira ein.
C.
Mit Verfügung vom 29. Juli 2019 – eröffnet am 30. Juli 2019 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer (geboren [...]) erfülle die
Flüchtlingseigenschaft nicht (Dispositivziffer 1), lehnte sein Asylgesuch ab
(Dispositivziffer 2), verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
(Dispositivziffer 3) und ordnete zufolge der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an (Dispositivziffern 4-6).
Zur Begründung hielt das SEM im Wesentlichen fest, die Vorbringen des
Beschwerdeführers genügten den Anforderungen an die Flüchtlings-
eigenschaft nicht. Den Landstreitigkeiten liege kein asylrelevantes Motiv zu
Grunde, daran ändere der Tod seines Vaters nichts. Er selbst sei offenbar
nicht betroffen gewesen und es sei auch nicht ersichtlich, dass ihm Gewalt
angetan worden wäre. Auch der Aufforderung seines Onkels, sich den
Taliban anzuschliessen, sei kein asylrechtlich relevantes Motiv zu
entnehmen und seine Weigerung habe auch keine Folgen gehabt.
D.
Der Beschwerdeführer gelangte mit Beschwerde vom 29. August 2019 an
das Bundesverwaltungsgericht (BVGer). Er beantragt, die Dispositivziffern
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1-3 der Verfügung des SEM vom 29. Juli 2019 seien aufzuheben, er sei als
Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei
die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeur-
teilung beziehungsweise Sachverhaltsergänzung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, und um Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertretung seiner
Wahl.
E.
Am 2. September 2019 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den
Eingang der Beschwerde und stellte das Anwesenheitsrecht des
Beschwerdeführers in der Schweiz fest.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 4. September 2019 hiess die Instruktions-
richterin die Anträge auf unentgeltliche Prozessführung und unentgeltliche
Rechtsverbeiständung – vorbehältlich des Nachweises der Bedürftigkeit
des Beschwerdeführers – gut und forderte den Beschwerdeführer auf, dem
Gericht eine geeignete Person zur Übernahme der amtlichen Rechts-
vertretung mitzuteilen.
G.
Mit Schreiben vom 12. September 2019 gab der rubrizierte Rechtsvertreter
die Mandatsübernahme bekannt und reichte eine Vollmacht des gleichen
Datums zu den Akten.
H.
Mit Eingabe vom 16. September 2019 bestätigte die Abteilung Soziale
Dienste der Gemeinde G._ die Fürsorgeabhängigkeit des
Beschwerdeführers.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 17. September 2019 bestellte die Instruktions-
richterin den bevollmächtigten Rechtsvertreter als amtlichen Rechts-
beistand. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zum Schriftenwechsel ein.
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J.
In ihrer Vernehmlassung vom 4. Oktober 2019 hält die Vorinstanz mit
ergänzenden Bemerkungen an ihrer Verfügung vom 29. Juli 2019 fest und
beantragt implizit die Abweisung der Beschwerde.
K.
Der Beschwerdeführer replizierte am 23. Oktober 2019. Als Beilage reichte
er eine Honorarnote desselben Datums zu den Akten.
Auf die Begründung der Eingaben auf Beschwerdestufe wird – soweit für
den Entscheid wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen einge-
gangen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht
Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu
den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist
daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
In Bezug auf das AsylG gilt das alte Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änder-
ung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. Mit Beschwerde an
das Bundesverwaltungsgericht können gemäss dieser Bestimmung die
Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschrei-
tung des Ermessens, sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen
grundsätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat
oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt
sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich
die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie
Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3
Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für
gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in
wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich
sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte
oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegen-
satz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Be-
schwerdeführers. Für die Glaubhaftmachung reicht es jedoch nicht aus,
wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der
gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die
vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. dazu ausführlich
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
3.3 Der speziellen Situation von unbegleiteten Minderjährigen wird im
Asylverfahren unter anderem dadurch Rechnung getragen, dass ihnen für
die Dauer des Asylverfahrens, bevor die Anhörung zu den Asylgründen
erfolgt, von Amtes wegen eine Vertrauensperson beizuordnen ist (vgl.
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Art. 17 Abs. 2 und 3 AsylG; BVGE 2011/24 E. 5.3.1 m.w.H.). Auch bei
anfänglich überwiegenden Zweifeln an den Altersangaben der
gesuchstellenden Person im Rahmen der vorfrageweisen Prüfung, kann
es angezeigt sein, die für Minderjährige geltenden Verfahrensgarantien
einzuhalten. Denn erweist sich diese vorfragweise Prüfung im Nachhinein
als unrichtig, hat dies regelmässig die Kassation des vorinstanzlichen
Entscheides wegen Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör zur
Folge, weil der Entscheid dadurch auf einer Anhörung einer unbegleiteten
minderjährigen Person basiert, der keine Vertrauensperson beigeordnet
wurde (vgl. Urteil des BVGer E-2612/2008 vom 18. November 2010
E. 5.4).
4.
4.1 Vorab ist der Rückweisungsantrag zu behandeln, weil die formellen
Rügen, sollten sie sich als begründet erweisen, geeignet sind eine
Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl.
BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. Abs.1043 ff.
m.w.H.).
4.2 Gemäss Art. 6 AsylG in Verbindung mit Art. 12 VwVG stellt die
Asylbehörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich
nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufgelisteten Beweismittel. Der
Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der
Asylsuchenden (Art. 8 Abs. 1 AsylG; Art. 13 Abs. 1VwVG). Die Sachver-
haltsfeststellung ist unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den
Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043).
Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26-33 VwVG
konkretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann. Dazu gehört insbesondere das Recht des
Betroffenen, sich vor Erlass eines Entscheides zur Sache zu äussern,
erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit
erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise mitzuwirken. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Begründung eines Entscheides so abzufassen,
dass der Betroffene ihn sachgerecht anfechten kann (Art. 35 Abs. 1
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VwVG). Deshalb müssen die für den Entscheid bedeutsamen
Überlegungen zumindest kurz genannt werden (vgl. BVGE 2009/35
E. 6.4.1 m.w.H.).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer moniert in der Beschwerde unter anderem, das
von ihm angegebene Geburtsdatum ([...]) sei anlässlich der BzP ohne
weitere Abklärungen in Bezug auf sein Alter als unglaubhaft betrachtet
worden; insbesondere sei auch keine Handknochenanalyse in Auftrag
gegeben worden. Im Rahmen der Anhörung habe er auf Anfrage erneut zu
Protokoll gegeben, er sei am (...) geboren. Weitere Fragen zu seinem Alter
habe ihm die Vorinstanz nicht gestellt. Aus der angefochtenen Verfügung
gehe nun hervor, dass das SEM davon ausgehe, er sei am (...) (recte: [...])
(...) geboren. Die Gründe dafür seien allerdings nicht ersichtlich. Er habe
somit zu keinem Zeitpunkt des Verfahrens konkret Stellung dazu nehmen
können, weshalb das SEM nicht davon ausgehe, dass er während des
Asylverfahrens, bis zum (...), noch minderjährig gewesen sei und das
Recht auf eine Vertrauensperson gehabt hätte.
5.2 In der Vernehmlassung hält die Vorinstanz dem entgegen, der
Beschwerdeführer habe anlässlich der BzP hinreichend Gelegenheit
gehabt, sich zu seinem angegebenen Geburtsdatum zu äussern. Aufgrund
verschiedener unglaubhafter Angaben zu seinem Geburtsdatum und Alter
sei das SEM davon ausgegangen, dass er volljährig sei (m.H.a. A4 S. 3).
Auch anlässlich der Anhörung seien ihm im Zusammenhang mit seinem
Schulbesuch Fragen zu seinem Alter gestellt worden, wobei seine
Aussagen nicht überzeugt hätten. Am 15. Juli 2016 habe er eine Kopie und
am 28. November 2016 das Original seiner Tazkira eingereicht. Daraus
gehe hervor, dass er im Jahr (...) (...)-jährig gewesen sei, was gemäss
europäischem Kalender dem Geburtsjahr (...) entspreche. Den Umstand,
dass er am (...) geboren sei, habe er allerdings mit keinerlei
Identitätsdokumenten untermauern können. Mit der blossen Angabe des
Alters gemäss Aussehen zum Ausstellungszeitpunkt der Tazkira – wie dies
häufig vorkomme – seien aber Geburtsdaten über eine breite Zeitspanne
möglich, weshalb nicht feststehe, dass er bis zum (...) minderjährig
gewesen sei, wie er behaupte.
5.3 In der Replik entgegnet der Beschwerdeführer, bei der stark verkürzten
BzP sei den Aussagen zu seinem Alter von vornherein kein Glaube
geschenkt worden, und er sei ohne nähere Begründung als Lügner
hingestellt worden (m.H.a. A4 S. 3). Der Befrager habe die Umstände, wie
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er (Beschwerdeführer) zu seinem Geburtsdatum gekommen sei als absolut
unglaubhaft bezeichnet und erklärt, er sehe auch älter aus, weshalb er ihn
als volljährig erfasse und ihm keine Vertrauensperson zuteile. Es scheine
angesichts dieser offensichtlichen Befangenheit des Befragers absurd, ihm
zu entgegnen, dass er sich ausreichend zu seinem Alter hätte äussern
können. Der Umstand, dass er sein Alter nicht durch andere (als die
Tazkira) Identitätsdokumente habe untermauern können, könne ihm nicht
angelastet werden, da solche nicht erhältlich seien. In Anwendung des
Untersuchungsgrundsatzes wäre das SEM verpflichtet gewesen, weitere
Abklärungen hinsichtlich seines Alters vorzunehmen.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz den Sachverhalt tatsächlich unvollständig
festgestellt sowie insbesondere die Begründungspflicht verletzt hat.
6.2 Das SEM darf vor der einlässlichen Anhörung zu den Asylgründen und
ohne Beiordnung einer Vertrauensperson vorfrageweise über die Frage
der Glaubhaftigkeit der Minderjährigkeit befinden, wenn Zweifel an den
Altersangaben der asylsuchenden Person bestehen (vgl. EMARK 2004
Nr. 30 E. 6.4.5). Vorliegend machte der Beschwerdeführer stets geltend,
am (...) geboren zu sein. Damit wäre er im Zeitpunkt der BzP (...) Jahre
und knapp (...) Monate alt, und damit noch minderjährig gewesen. Das
SEM hat insofern gemäss Rechtsprechung gehandelt, als es dem
Beschwerdeführer vor der Anhörung – im Rahmen der BzP nämlich – seine
entsprechenden Überlegungen, wieso es die geltend gemachte
Minderjährigkeit als nicht glaubhaft erachte, in Kurzform mitgeteilt hat und
er sich dazu äussern konnte (vgl. A4 Ziff. 1.06). Der Befrager hielt dem
Beschwerdeführer als erstes entgegen, er denke, dass es hinsichtlich des
Alters des Beschwerdeführers zu einem Missverständnis gekommen sei,
da er für ihn erwachsen und nicht wie ein minderjähriges Kind aussehe.
Nachdem der Beschwerdeführer sich dazu äusserte, hielt der Befrager
aber abschliessend nur fest, die Umstände, wie der Beschwerdeführer zu
seinem Geburtsdatum gekommen sei, seien «absolut unglaubhaft» und er
sehe auch älter aus, als er angebe. Diese Äusserungen lassen tatsächlich
eine angemessene Sachlichkeit vermissen, zumal die Erklärungen des
Beschwerdeführers nicht abwegig sind und nicht klar wird, worin die
absolute Unglaubhaftigkeit liege. Hinsichtlich der Äusserung, er sehe auch
älter aus als angegeben, kommt hinzu, dass eine einigermassen
zuverlässige Schätzung nach Augenschein bei jungen Personen im Alter
von ungefähr 15-25 Jahren, ob sie nun weniger oder mehr als 18 Jahre alt
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sind, nicht möglich ist (vgl. EMARK a.a.O., E. 6.3). Ob, wie vom
Beschwerdeführer gerügt, der Befrager aufgrund der Feststellungen
anlässlich der BzP bereits als voreingenommen einzuschätzen ist und der
Beschwerdeführer sich aus diesem Grund nicht ausreichend zu seinem
Alter habe äussern können, kann letztlich dahingestellt bleiben. Deutlich
wird aber aus der entsprechenden Protokollstelle, dass eine
Stellungnahme des Beschwerdeführers schon deshalb erschwert war, weil
nicht ersichtlich ist, weshalb seine Angaben "absolut unglaubhaft" seien.
Zu Recht wird sodann gerügt, das SEM wäre gehalten gewesen, weitere
Untersuchungen bezüglich seines Alters vorzunehmen, wenn es sein
angegebenes Geburtsdatum und damit seine Minderjährigkeit weiterhin als
unglaubhaft erachte. Dies hat es unterlassen und die Anhörung (ohne
vorherige Beiordnung einer Vertrauensperson) zu einem Zeitpunkt, als der
Beschwerdeführer gemäss dem behaupteten Geburtstag – wenn auch nur
knapp – noch minderjährig war, durchgeführt. Aus der angefochtenen
Verfügung wird dann einzig im Rubrum erkennbar, dass das SEM von der
Volljährigkeit des Beschwerdeführers von Beginn des Asylverfahrens an
ausgeht (geb. [...]). Eine Begründung für die vom Beschwerdeführer
durchwegs bestrittene Volljährigkeit fehlt gänzlich. In der Vernehmlassung
wird zwar ansatzweise auf die Rüge eingegangen. Weshalb die
Erklärungen des Beschwerdeführers nicht überzeugten, ist aber wiederum
nicht ersichtlich. Unabhängig vom Umstand, dass es vorliegend noch nicht
um die materielle Begründetheit geht, kommt nämlich hinzu, dass die
Angaben des Beschwerdeführers und auch seine Erklärungen
nachvollziehbar sind, auch wenn sich daraus gewisse Ungenauigkeiten
ergeben. Letztere scheinen aber aufgrund seiner Herkunft durchaus
erklärbar; abwegig oder gar haltlos sind sie jedenfalls nicht. Die vom
Beschwerdeführer geltend gemachte Herkunft wurde sodann als bestätigt
erachtet. Er gab von Anfang an widerspruchsfrei dasselbe Geburtsdatum
an. Überdies stimmen diese Angaben mit jenen in der Tazkira, deren
Nachreichung er von Anfang an ankündigte, und zu der er bereits an der
BzP Angaben machten konnte, überein. Den Akten (Lingua Analyse) ist
auch zu entnehmen, dass gerade die Erklärung des Beschwerdeführers,
weshalb er das Geburtsdatum im afghanischen Sonnenkalender nicht
angeben könne, alles andere als aus der Luft gegriffen ist. Aufgrund dieser
Sachlage hätte das SEM, wollte es sein angegebenes Geburtsdatum
bestreiten, nebst den bereits gestellten Fragen zum Alter weitergehende
zumutbare, sachdienliche Abklärungen vornehmen (vgl. Art. 17 Abs. 3bis
AsylG), andernfalls ihm vor der Anhörung eine Vertrauensperson beigeben
müssen. Die Vorinstanz hat aber insbesondere auch ihre
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Begründungspflicht verletzt. So weist der Beschwerdeführer zu Recht
darauf hin, dass die Vorinstanz sich in der angefochtenen Verfügung gar
nicht zur angenommenen Volljährigkeit, die vom Beschwerdeführer
durchgehend bestritten wurde, geäussert habe. Die in der Vernehmlassung
nachgeschobenen Ausführungen vermögen diesen Mangel, wie bereits
erwähnt, nicht zu heilen. Folglich hat das SEM dem Beschwerdeführer eine
sachgerechte Anfechtung dieses wesentlichen Sachverhaltsaspekts
verunmöglicht und sein rechtliches Gehör verletzt. Im Übrigen ist auch für
die Beschwerdeinstanz nach Konsultation der Akten nicht hinreichend
ersichtlich, von welchen Überlegungen sich das SEM bei der Annahme der
Volljährigkeit des Beschwerdeführers im Zeitpunkt des Verfügungserlasses
hat leiten lassen.
6.3 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungs-
gericht in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit
verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und
Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere
Tatsachen festgestellt werden müssen und ein umfassendes Beweis-
verfahren durchzuführen ist. Die Entscheidungsreife kann zwar grund-
sätzlich auch durch die Beschwerdeinstanz hergestellt werden, wenn dies
aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint (vgl. BVGE
2012/21 E. 5.1); sie kann und soll aber die Grundlage des
rechtserheblichen Sachverhalts nicht gleichsam an Stelle der verfügenden
Verwaltungsbehörde erheben, zumal die Partei bei diesem Vorgehen eine
Instanz verliert. Vorliegend wiegt insbesondere die Verletzung des
rechtlichen Gehörs des Beschwerdeführers schwer. Ein reformatorischer
Entscheid fällt nicht in Betracht und die angefochtene Verfügung ist zu
kassieren.
6.4 Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass die Vorinstanz – sollte
sie entsprechend den Aussagen des Beschwerdeführers von ihrer
bisherigen Alterseinschätzung abweichen – eine nochmalige Anhörung
des (zwischenzeitlich volljährigen) Beschwerdeführers durchzuführen
hätte, zumal eine Missachtung der Pflicht zur Beiordnung einer
Vertrauensperson eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehörs
darstellt und dementsprechend die Anhörung vom 15. Juli 2016 keine
Berücksichtigung finden könnte (vgl. BVGE 2011/23 E. 5.3.1 m.w.H.).
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7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als damit
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 29. Juli 2019 beantragt
wird. Die Sache ist in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur
erneuten Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Dabei werden auch die auf Beschwerdestufe einge-
brachten Vorbringen und gestellten Anträge Gegenstand des wiederauf-
zunehmenden erstinstanzlichen Verfahrens sein, und es erübrigt sich, hier
weiter darauf einzugehen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem
Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für
die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der
Rechtsvertreter macht in der Kostennote vom 23. Oktober 2019 einen
zeitlichen Vertretungsaufwand von insgesamt fünf Stunden zu einem
Stundenansatz von Fr. 200.– geltend. Für das Verfassen der Replik
inklusive der Erstellung der Honorarnote wird ein Zeitaufwand von zwei
Stunden veranschlagt. Zum einen kann der Aufwand für die Erstellung der
Kostennote praxisgemäss nicht berücksichtigt werden. Zum anderen
scheint der geltend gemachte Aufwand für die Replik, angesichts deren
eher kurzen Umfangs, überhöht. Der zeitliche Vertretungsaufwand ist
demnach auf insgesamt vier Stunden zu kürzen. Zudem erscheint die in
der Kostennote ausgewiesene Spesenpauschale von Fr. 50.– im vorlie-
genden Verfahren als überhöht, zumal nur die notwendigen und
verhältnismässig hohen Kosten zu entschädigen sind (Art. 64 Abs. 1 VwVG
i.V.m. Art 7 ff. VGKE). Die Entschädigung für die Auslagen ist somit mit
Fr. 20.– zu veranschlagen. Entsprechend ist die von der Vorinstanz
auszurichtende Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 820.– festzusetzen
(inkl. Auslagen). Die Parteientschädigung umfasst keinen Mehrwert-
steuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE. Sie deckt im
Übrigen auch den Aufwand, der für die amtliche Rechtsverbeiständung
geschuldet wäre.
(Dispositiv nächste Seite)
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