Decision ID: 418066f2-9a3a-5840-aad5-c1ed425a9692
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 29. Juni 2017 zum zweiten Mal
bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 29). Ein vorgängiges
Gesuch vom 23. Februar 2012 um berufliche Massnahmen (erstmalige berufliche
Ausbildung; IV-act. 5) war nach Durchführung eines Mahn- und Bedenkzeitverfahrens
mit Verfügung vom 17. August 2012 abgewiesen worden (IV-act. 26).
A.a.
Der die Versicherte behandelnde med. pract. B._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, berichtete am 8. August 2017, sie stehe bei ihm seit 17. Februar
2011 in ambulanter Behandlung. Therapiegespräche fänden ca. ein- bis zweimal pro
Monat statt. Er diagnostiziere eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom
Borderline-Typus (ICD-10: F60.31), eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F33.1) und eine
hypochondrische Störung (ICD-10: F45.2). Seit den Berichten im Rahmen des früheren
Verfahrens habe die Versicherte häufig unter auch stärker ausgeprägten depressiven
Symptomen gelitten. Ab ca. anfangs 2017 habe sich der Gesundheitszustand formal
gesehen aus psychiatrischer Sicht wesentlich verschlechtert. Die emotionale Instabilität
führe dazu, dass die Versicherte nicht regelmässig und während einer längeren Zeit
eine Arbeit durchführen könne und vor allem mit den Belastungen umgehen könne, die
heute im ersten Arbeitsmarkt normalerweise vorkämen. Wenn sie depressiv würde,
würde sie wie während der Schnupperpraktika im Alter von 16 Jahren, möglicherweise
von einer Arbeitsstelle weglaufen. Daher sei sie trotz dem weiterhin vorhandenen
Interesse, eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen oder zu erlernen, für alle Arbeiten zu
100 % eingeschränkt (IV-act. 35).
A.b.
Infolgedessen sah die IV-Stelle am 10. August 2017 von der Prüfung beruflicher
Massnahmen ab und leitete die Rentenprüfung ein; sie qualifizierte die Versicherte als
Hausfrau (IV-act. 36-3 f.).
A.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im "Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit / Haushalt" gab
die Versicherte am 31. August 2017 unter anderem an, sie wäre ohne Behinderung seit
zwei bis drei Jahren im Ausmass von ca. 80 % erwerbstätig. Ihre zwei Söhne (geboren
20_ und 20_) seien nicht mehr ganz klein und könnten die schulfreie Zeit in einer
Kindertagesstätte verbringen. Sie habe Angst, die Kinder nicht mehr gut erziehen zu
können und keine gute Mutter zu sein, wenn sie arbeiten ginge. Im Haushalt bestünden
keine Einschränkungen (IV-act. 38-1, 6 f.).
A.d.
Die IV-Stelle beauftragte Prof.Dr.med. C._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie sowie Neurologie FMH, mit der psychiatrischen Begutachtung der
Versicherten (Gutachten vom 26. Februar 2018, Untersuchung 26. Februar 2018, IV-
act. 55). Der Gutachter diagnostizierte eine sonstige andere spezifische
Persönlichkeitsstörung (unreife Persönlichkeitsstörung; ICD-10: F60.88) und eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert (ICD-10: F33.4; IV-act. 55-45,
48), wovon Erstere die Arbeitsfähigkeit einschränke (IV-act. 55-39). Innerhalb von sechs
Monaten sei bei kognitiv-verhaltenstherapeutischem Setting eine adäquate
Verbesserung zu erreichen, welche die Beschwerdeführerin befähigen sollte, ihr
Vermeidungsverhalten aufzugeben. Die Beschwerdeführerin gebe an, dass im Haushalt
und in der Kinderbetreuung keine Probleme bestünden. Daher sei von einer 100%igen
Leistungsfähigkeit im Haushalt auszugehen (IV-act. 55-46, 49). Durch das
Vermeidungsverhalten mit ängstlichen Rückzugstendenzen seien vor allem qualitative
Einschränkungen begründet. Auf Hilfsarbeiterniveau sei die Versicherte zu 100 %
einsatzfähig, sofern ihr der Einstieg in eine einfache Tätigkeit ohne hohen Zeitdruck,
ohne emotionalen Stress, ohne hohe Verantwortung und ohne hierarchische Hürden
gelänge, z.B. als Aufsicht in einem Museum. Der Umgang durch Vorgesetze und
Kollegen müsste nachsichtig und aggressionsfrei sein. Ob ein solcher Arbeitsplatz in
der freien Wirtschaft letztendlich zur Verfügung stehe, obliege der juristischen
Beurteilung. Alternativ wäre ein beruflicher Einstieg im geschützten Bereich ideal (IV-
act. 55-47, 49).
A.e.
RAD-Ärztin Dr. med. D._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, nahm
am 26. März 2018 Stellung, das Gutachten sei ausführlich, in sich schlüssig und
nachvollziehbar. Es könne darauf abgestellt werden (IV-act. 56). Da sich die Versicherte
subjektiv nicht arbeitsfähig fühle, hielt die IV-Stelle die Prüfung von beruflichen
A.f.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Massnahmen weiterhin für nicht angezeigt und setzte die Rentenprüfung fort (interne
Anfrage, Antwort 4. Juni 2018, IV-act. 60).
Med. pract. B._ nahm am 8. Juni 2018 (IV-act. 62) Stellung zum Gutachten und
verfasste am 29. November 2018 einen Verlaufsbericht (IV-act. 65). Darin hielt er an
seinen Diagnosen und seiner Einschätzung der Arbeitsfähigkeit fest. RAD-Ärztin
Dr. D._ nahm am 18. Februar 2019 abschliessend Stellung, auf das Gutachten könne
auch bezüglich der Einschätzung, dass eine adäquate Therapie dazu führen könne,
dass es durch Besserung des Gesundheitszustandes zu einer Befähigung komme,
Vermeidungsverhalten aufzugeben, abgestellt werden. Eine solche werde von
med. pract. B._ jedoch nicht durchgeführt. Dass die Versicherte erst dann beruflich
tätig werden wolle, wenn die bereits schulpflichtigen Kinder noch grösser seien, könne
als behinderungsbedingt im Rahmen von Vermeidungsverhalten bei der
diagnostizierten sonstigen anderen (unreifen) Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.88)
angesehen werden (IV-act. 66).
A.g.
Mit Vorbescheid vom 24. April 2019 gewährte die IV-Stelle der Versicherten das
rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des Leistungsbegehrens (IV-act. 69).
Mit Verfügung vom 14. Juni 2019 wies sie das Leistungsbegehren ab. Aus
medizinischer Sicht sei der Versicherten eine leidensangepasste Tätigkeit zu 100 %
zumutbar. Durch ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Setting könne die
Arbeitsfähigkeit noch weiter verbessert werden. Dazu sei die Versicherte jedoch nicht
bereit, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müsse. Im Haushalt und in der
Kinderbetreuung sei sie nicht eingeschränkt. Mit einer Qualifikation als 80 % im Erwerb
und 20 % im Haushalt Tätige resultiere bei Durchführung eines Prozentvergleichs unter
Gewährung eines Tabellenlohnabzuges beim Invalideneinkommen von 25 % ein
Invaliditätsgrad von 20 % (IV-act. 70).
A.h.
Gegen die Verfügung vom 14. Juni 2019 erhebt A._ (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) am 15. Juli 2019 (Eingang beim Versicherungsgericht)
Beschwerde. Sie macht im Wesentlichen geltend, dass sie auch weiterhin aus
gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten könne, da sie dafür psychisch zu wenig
belastbar sei. Seit mehreren Jahren sei sie durch med. pract. B._ zu 100 % krank
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geschrieben. Sie legt dessen Bericht vom 8. Juli 2019 bei, worin er sich zur
gesundheitlichen Situation äussert und erklärt, den "Rekurs" der Versicherten zu
unterstützen. Weiter ersucht die Beschwerdeführerin um Erlass des
Kostenvorschusses, da sie seit mehreren Jahren vom Sozialamt abhängig sei (act. G 1;
act. G. 1.2).
Mit Beschwerdeantwort vom 20. August 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin,
die Beschwerde sei abzuweisen. Der Gutachter habe sich mit der Diagnosestellung des
behandelnden Psychiaters auseinandergesetzt und plausibel erklärt, weshalb er sich
dieser nicht anschliessen könne. Weiter sei die Herleitung der von ihm gestellten
Diagnose nachvollziehbar, weshalb auch darauf abgestellt werden könne. Die
abweichende Diagnosestellung führe unter anderem dazu, dass der Gutachter eine
andere Einschätzung der Arbeitsfähigkeit vorgenommen und sich nicht im gleichen
Ausmass dazu geäussert habe, wie es bei einer Übereinstimmung der
Diagnosestellung üblich wäre. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung seien
verschiedene Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit möglich, zulässig und zu
respektieren, solange der Experte lege artis vorgegangen sei. Aufgrund der
unterschiedlichen Ansatzpunkte von Gutachtern und behandelnden Ärzten
überraschten voneinander abweichende Ergebnisse nicht. Da die Beschwerdeführerin
gegenüber dem Gutachter klar zu verstehen gegeben habe, dass sie sich in keiner Art
und Weise arbeitsfähig sehe, seien berufliche Massnahmen auch weiterhin nicht
angezeigt (act. G 3).
B.b.
Mit Replik vom 18. September 2019 reicht die Beschwerdeführerin einen Bericht
von med. pract. B._ vom 16. September 2019 ein, worin dieser zur
Beschwerdeantwort Stellung nimmt (act. G 6; act. G 6.1).
B.c.
Nachdem die Beschwerdegegnerin stillschweigend keine Duplik eingereicht hat,
schliesst die vorsitzende Richterin am 4. November 2019 den Schriftenwechsel ab und
bewilligt das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den
Gerichtskosten; act. G 8).
B.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 141 V 289 E. 3.2;
BGE 130 V 396 E. 5.3 und E. 6; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(BGE 143 V 427 E. 6; Urteil des Bundesgerichts vom 27. März 2015, 8C_673/2014,
E. 5.1.1). Für somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und
gleichgestellte Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich
Depressionen ist der Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu
führen (vgl. dazu BGE 141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang
andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als
geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im
Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer
Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer
Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 427, E. 6 a. E.).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
1.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Die urteilenden
Instanzen haben die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 141 V 14 E. 6.3.1; BGE
125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Im Sinne einer Richtlinie ist den im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -
ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (Urteile des
Bundesgerichts vom 15. Juli 2020, 8C_335/2020, E. 4.1, und vom 13. Februar 2019,
8C_801/2018, E. 4.3; BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb). Es ist eine
Erfahrungstatsache, dass behandelnde Ärzte nicht nur in ihrer Funktion als Hausärzte,
sondern auch als spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten
aussagen. Dies ist bei der Beweiswürdigung zu berücksichtigen (Urteil des
Bundesgerichts vom 27. September 2017, 8C_295/2017, E. 6.4.2 mit Hinweisen).
1.4.
Die Rechtsanwender prüfen insbesondere, ob die Ärzte ausschliesslich funktionelle
Ausfälle berücksichtigt haben, welche Folge der gesundheitlichen Beeinträchtigung
sind (Art. 7 Abs. 1 erster Satz ATSG), sowie, ob die versicherungsmedizinische
Zumutbarkeitsbeurteilung auf objektiver Grundlage erfolgt ist (Art. 7 Abs. 2 zweiter Satz
ATSG). Recht und Medizin tragen je nach ihren fachlichen und funktionellen
Zuständigkeiten zur Festlegung ein und derselben Arbeitsunfähigkeit bei. Es soll keine
1.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die Beschwerdegegnerin ist auf das neue Gesuch der Beschwerdeführerin nach Erhalt
eines Berichtes von med. pract. B._ vom 8. August 2017 (IV-act. 35) eingetreten,
weshalb auf die entsprechenden Voraussetzungen gemäss Art. 87 Abs. 2 und 3 der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) nicht mehr einzugehen
ist. Das vorgängige Gesuch wurde mit rechtskräftig gewordener Verfügung vom
17. August 2012 (vgl. Aktenentscheid nach Mahn- und Bedenkzeitverfahren, IV-act. 26)
abgewiesen. Ein allfälliger Rentenanspruch besteht somit erst nach Ablauf des
Wartejahres gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG und frühestens nach Ablauf der Frist
gemäss Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG am 1. Dezember 2017 (Anmeldung am 29. Juni 2017,
IV-act. 29).
losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach Massgabe des strukturierten
Beweisverfahrens stattfinden, sondern im Rahmen der Beweiswürdigung überprüft
werden, ob die funktionellen Auswirkungen medizinisch anhand der Indikatoren
widerspruchsfrei festgestellt wurden und somit den normativen Vorgaben Rechnung
tragen (BGE 141 V 307, E. 5.2.2 f., BGE 144 V 54, E. 4.3). Berücksichtigen die Experten
die in BGE 141 V 281 normierten Beweisthemen überzeugend, hat ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung auch aus Sicht des Rechtsanwenders Bestand. Andernfalls
liegt ein triftiger Grund vor, der rechtlich ein Abweichen davon gebietet (BGE 145 V
368 f., E. 4.3).
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden und das
Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu
veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den
Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/Zürich 2020, Art. 61 N 107).
1.6.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
1.7.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Medizinische Grundlage der angefochtenen Verfügung bildet das psychiatrische
Gutachten von Prof. C._ vom 26. Februar 2018 (IV-act. 55). Es ist damit dessen
Beweistauglichkeit zu prüfen.
Die Beschwerdeführerin erlebte gemäss ihren eigenen Angaben gegenüber dem
Gutachter bereits seit früher Kindheit die als prekär beschriebenen Auswirkungen der
Alkoholkrankheit ihrer Mutter und wurde von dieser emotional und körperlich
vernachlässigt. Sie habe sich vor ihren unwürdigen Zuständen geekelt und begonnen,
sich zurückzuziehen. Im Alter von 14 Jahren sei sie aus einer Überforderungssituation
weggelaufen. Schnupperlehrstellen und verschiedene kurze Arbeitseinsätze habe sie
jeweils aufgegeben, wenn sie kritisiert worden sei. Nach der Schulzeit sei sie mit ihrem
Freund, dem späteren Vater ihrer 20_ und 20_ geborenen Söhne,
zusammengezogen. Sie habe in dieser Beziehung Gewalterfahrungen gemacht, sich
nicht durchsetzen können und sich daher im zwanzigsten Lebensjahr von ihm getrennt.
Danach habe sie für sieben Jahre in einer neuen Beziehung gelebt, die ebenfalls
gescheitert sei. Sie lebe zusammen mit den Kindern in einer
Dreieinhalbzimmerwohnung und werde vom Sozialamt unterstützt. Es bestünden
Privatschulden in der Höhe von rund Fr. 3'000.-- und Betreibungen. Sie sei schnell
überfordert und nur wenig belastbar und habe diesbezüglich schlechte Erfahrungen in
ihren Schnupperlehren gemacht. Werde sie kritisiert oder wenn ihr "alles zuviel" werde,
verlasse sie den Arbeitsplatz. Sie ziehe sich auch im privaten Kontext zurück und
vermeide konflikthafte Begegnungen. In der Folge komme es oft zu einer emotionalen
Niedergestimmtheit. Weiter habe sie Ängste, sich anzustecken und krank zu werden.
Sie sei in Bezug auf Krankheiten, nicht aber in anderen Bereichen, überängstlich. In der
Haushaltsführung und Erziehung ihrer Kinder bestünden keine Probleme (IV-
act. 55-30 ff., 41). Der Tagesablauf bestehe im Kochen und Einnehmen von
gemeinsamen Mahlzeiten mit den Söhnen, Haushaltarbeiten, Einkaufen, Erledigung der
Hausaufgaben mit den Kindern und Lesen von Zeitschriften, während diese beim Sport
seien. Am Nachmittag treffe sie manchmal Kolleginnen oder besuche ihre Mutter (IV-
act. 55-36). Mit dem Haushalt, den Kindern und einer Arbeit wäre sie überfordert (IV-
act. 55-37).
3.1.
Im Befund erhob Prof. C._ das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit, die
Konzentration sowie das formale und inhaltliche Denken als unauffällig. Hinsichtlich
des Affekts habe keine Affektinkontinenz bestanden. Die Schwingungsfähigkeit,
Freudfähigkeit und Interessen seien nicht reduziert. Der Antrieb sei regelrecht, die
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Psychomotorik minim verlangsamt. Es bestünden leichte hypochondrische
Befürchtungen, keine allgemeinen Ängste. Klinisch fänden sich Hinweise auf eine
Persönlichkeitsstörung, wobei in der Kindheit erworbene Verhaltensmuster mit
vermeidendem Verhalten in Konfliktsituationen im Vordergrund stünden. Generalisierte
Ängste seien nicht vorhanden, aktuell bestehe keine Störung der Affektsteuerung. Eine
Störung der Impulssteuerung sei nicht erhebbar (IV-act. 55-39 f.). Während der Zeit
ihrer Persönlichkeitsbildung habe die Beschwerdeführerin zahlreiche
Traumatisierungen hinnehmen müssen. Sie habe eindrücklich prekäre Verhältnisse im
Haushalt der Mutter beschrieben. Zudem habe eine adäquate emotionale elterliche
Betreuung gefehlt, so dass sie häufig überfordert gewesen sei. Sie habe zudem eine
Ohnmacht vor schwierigen Aufgaben mit rascher Kapitulation vor Schwierigkeiten
erlernt, so habe sie sich bereits als Kind ein Vermeidungs- und Rückzugsverhalten
eingeübt. Dieses tradierte Muster habe sie in ihre Persönlichkeitsstruktur übernommen
und es im beruflichen und privaten Kontext eingesetzt. Lediglich in der Betreuung der
Kinder sei ihr durch eine ausreichende Übungssituation inzwischen ein
Reifungsprozess geglückt, während sie insbesondere im beruflichen Kontext keine
ausreichenden Reifungsmöglichkeiten erhalten habe und das Vermeidungsverhalten
mit Ängsten vor Überforderung weiterhin bestehe (IV-act. 55-43 ff.). Diagnostisch
bestehe eine sonstige andere spezifische Persönlichkeitsstörung (unreife
Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.88; IV-act. 55-45, 48). Da davon auszugehen sei,
dass zwischenzeitlich depressive Episoden bestanden hätten, sei die Diagnose einer
rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig remittiert, zu stellen (ICD-10: F33.4;
IV-act. 55-45, 48).
Med. pract. B._ begründete im Bericht vom 8. August 2017 seine Diagnose
damit, dass die entsprechenden Kriterien erfüllt seien und dass bei der
Beschwerdeführerin Beziehungsprobleme bestünden, die zur emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung von Borderline-Typus gehörten (IV-act. 35). Der Gutachter
stellte demgegenüber im Befund keine Hinweise auf emotional-instabile Anteile vom
Borderline-Typus fest, obschon die Kindheit mit geringer Verlässlichkeit der Eltern
sowie fehlender Zuneigung und Liebe geeignet wäre, eine derartige Störung
hervorzubringen. Es bestünden keine Auflösungen der ICH-Grenzen, keine Störung der
ICH-Identität, der Nähe-Distanz-Regulation, kein On-/Off-Beziehungsverhalten, keine
Störung des Selbstbildnisses, keine inneren Spannungszustände und kein
selbstverletzendes Verhalten. Die ICH-Strukturen seien weitgehend intakt (IV-
act. 55-39). Es seien keine Störungen der Selbstwahrnehmung mit abwertendem ICH
eruierbar. Die Fremdwahrnehmung und die Realitätsprüfung seien ungestört (IV-
act. 55-40). Die Diagnose einer Borderline-Störung sei mit den Ausführungen von
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
med. pract. B._ nicht begründet und stehe im Widerspruch zu seinen früheren
Berichten. Es fehlten eine neurosebiographische Anamnese und eine Darstellung
borderline-typischer Symptome (IV-act. 55-42 ff.). Für die von med. pract. B._ weiter
diagnostizierte hypochondrische Störung liege das Hauptsymptom - die beharrliche
Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und
fortschreitenden Erkrankungen zu leiden - nicht vor. Ebenso bestehe keine ständige
Beschäftigung mit der eigenen körperlichen Erscheinung. Die Beschwerdeführerin
äussere zwar derartige Befürchtungen, die jedoch nicht als pathologisch anzusehen
seien (IV-act. 55-45). Damit begründet Prof. C._ seine diagnostische Einschätzung
nachvollziehbar mit den von ihm erhobenen Befunden und den zu den von
med. pract. B._ gestellten Diagnosen gehörenden Diagnosekriterien. Im Übrigen
nahm med. pract. B._ am 8. Juni 2018 zum Gutachten zwar Stellung, wie der
Gutachter habe auch er ein Rückzugs- und Vermeidungsverhalten festgestellt, dieses
jedoch im Rahmen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-
Typus gesehen (IV-act. 62). Somit stimmen jedoch der Gutachter und der behandelnde
Psychiater überein, dass bei der Beschwerdeführerin eine Persönlichkeitsstörung
besteht, die dazu führt, dass sie in ihrer Belastbarkeit eingeschränkt ist. Ob es sich um
eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus oder um eine
unreife Persönlichkeitsstörung handelt, ist nicht von gewichtiger Relevanz, denn nach
der Rechtsprechung ist nicht die Diagnose massgebend, sondern unter welchen
Beschwerden die versicherte Person leidet, ob diese objektiviert werden können und
welche Tätigkeiten der versicherten Person trotz ihrer gesundheitlichen
Einschränkungen noch zumutbar sind (BGE 136 V 281 E. 3.2.1; Urteil des
Bundesgerichts vom 23. November 2020, 9C_524/2020, E. 5.1 mit weiteren
Verweisen).
Die Beschwerdeführerin gab anlässlich der Begutachtung auch keine
Beeinträchtigung kognitiver Funktionen an (vgl. IV-act. 55-34 f.), und Prof. C._ konnte
solche innerhalb seiner ca. zweistündigen Exploration nicht beobachten (IV-act. 55-39).
Erst nach der Begutachtung berichtete med. pract. B._ von einer Reizüberflutung
bzw. das beklagte "Chaos und Durcheinander im Kopf" (Berichte med. pract. B._
vom 29. November 2018, IV-act. 65, vom 8. Juli 2019, act. G 1.2, und vom
16. September 2019, act. G 6.1). Die geltend gemachten Beschwerden konnten nicht
einer Erkrankung zugeordnet und insoweit objektiviert werden. Einzig gemäss
Verlaufsbericht vom 29. November 2018 erhob er eine eingeschränkte und im Verlauf
des Gesprächs abnehmende Konzentration und Aufmerksamkeit (IV-act. 65). Am 8. Juli
2019 hielt med. pract. B._ fest, unter geänderter Medikation seien diese
Beschwerden etwas zurückgegangen (act. G 1.2).
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass Prof. C._ die wesentlichen
Befunde vollständig erhoben hat. Seine gestützt auf die erhobenen Befunde abgeleitete
Diagnostik einschliesslich der Auseinandersetzung mit den von med. pract. B._
gestellten Diagnosen sind nachvollziehbar.
3.5.
Zur Arbeitsfähigkeit führte der Gutachter zusammengefasst aus, im Haushalt sei
von einer 100%igen Leistungsfähigkeit auszugehen. Die Beschwerdeführerin gab denn
auch sowohl im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Haushalt als auch
während des gutachterlichen Untersuchs an, alle Haushaltstätigkeiten selbständig
erledigen zu können. Die bestehende Vermeidungshaltung im beruflichen Bereich sei
durch adäquate Therapie innerhalb von sechs Monaten überwindbar. Danach bestehe
auf Hilfsarbeiterniveau in Tätigkeiten ohne hohen Zeitdruck, emotionalen Stress, hohe
Verantwortung und hierarchische Hürden, in einem aggressionsfreien und
nachsichtigem Umfeld, z.B. als Aufsicht in einem Museum, oder nach einem
beruflichen Einstieg im geschützten Umfeld, ebenfalls eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
(IV-act. 55-46 f., 49).
4.1.
Med. pract. B._ führte zu den Beeinträchtigungen und zur Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus, bei auch nur kleinen psychischen
Belastungen, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich, würde die
Beschwerdeführerin wieder (stärker) depressiv, würde sich zurückziehen und wäre
nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu machen und würde möglicherweise, wie im
Alter von 16 Jahren, von der Arbeitsstelle weglaufen. Sie wäre wahrscheinlich fähig,
während einer gewissen Zeit zu arbeiten, die emotionale Instabilität führe aber dazu,
dass sie nicht regelmässig und während einer längeren Zeit eine Arbeit durchführen
könne und vor allem mit den Belastungen umgehen könne, die heute im ersten
Arbeitsmarkt normalerweise vorkämen (Bericht vom 8. August 2017, IV-act. 35; vgl.
auch Stellungnahme vom 8. Juni 2018, IV-act. 62). In den Berichten vom 8. Juli 2019
(act. G 1.2) und vom 16. September 2019 (act. G 6.1) führte med. pract. B._ aus, bei
Zunahme der Reizüberflutung oder zwischenmenschlicher Probleme könnten die
depressiven Symptome sich verstärken. Vor allem an einem Arbeitsplatz mit viel Lärm
oder vielen Personen, wenn der Zeitdruck oder die Flexibilität gross sei, wenn sie
gleichzeitig mehrere Sachen denken oder durchführen müsse oder wenn es immer
wieder zwischenmenschliche Probleme gebe, komme es zu einer Reizüberflutung und
Zunahme der depressiven Symptome. Die Symptome bestünden eher während und
nach Belastungen, welche zur Zeit der Begutachtung nicht bestanden hätten. Aufgrund
der Reizüberflutung und der eingeschränkten psychischen Belastbarkeit sei die
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten weiterhin zu 100 % eingeschränkt (IV-act. 65;
act. G 1.2; act. G 6.1). Soweit die Belastbarkeit aufgrund der Persönlichkeitsstörung
eingeschränkt ist, wurde dies auch vom Gutachter berücksichtigt, indem er
Anforderungen an einen zumutbaren Arbeitsplatz formulierte oder den Einstieg im
geschützten Rahmen befürwortete. Weitere Einschränkungen der Belastbarkeit
ergeben sich aus den Ausführungen von med. pract. B._ nicht. Aktuelle
Auswirkungen der depressiven Störung beschrieb med. pract. B._ nicht, schätzte
jedoch, dass es bei zusätzlichen Belastungen, wie sie infolge einer Arbeitsaufnahme
aufträten, zu solchen kommen würde.
Der Gutachter führte aus, das Störungsbild sei vor allem durch ein kognitiv-
verhaltenstherapeutisches Setting positiv zu beeinflussen. Bei intensivem Training sei
innerhalb von sechs Monaten eine adäquate Besserung zu erreichen, die die
Beschwerdeführerin befähigen sollte, ihr Vermeidungsverhalten aufzugeben. Die
Beschwerdeführerin verfüge über die dafür erforderliche Intelligenz und
Introspektionsfähigkeit (IV-act. 55-46). Die ambulante Therapie bei med. pract. B._
erfolgt in zweiwöchentlichem Rhythmus. Sie umfasst unter anderem eine
verhaltenstherapeutische Behandlung und die Medikation mit Mirtazapin als
Antidepressivum und zum Einschlafen und mit Olanzapin zur Stabilisierung der
Stimmung (IV-act. 55-37; Bericht vom 8. Juni 2018, IV-act. 62-4; vgl. auch Bericht vom
8. Juli 2019, act. G 1.2).
4.3.
Die Beschwerdeführerin und med. pract. B._ betonen auch, dass der
Arbeitsaufnahme bzw. einer stationären oder teilstationären Therapie die Betreuung der
Kinder, denen die Beschwerdeführerin eine gute Mutter sein wolle, entgegenstehe
(Bericht vom 8. Juni 2018, IV-act. 65, Stellungnahme vom 8. Juni 2018, IV-act. 62;
Verlaufsbericht vom 29. November 2018, IV-act. 65). Diesbezüglich führte RAD-Ärztin
Dr. E._ in ihrer Stellungnahme vom 18. Februar 2019 aus, dass die Versicherte erst
dann beruflich tätig werden wolle, wenn die bereits schulpflichtigen Kinder noch
grösser seien, könne als behinderungsbedingt im Rahmen von Vermeidungsverhalten
bei der diagnostizierten sonstigen anderen (unreifen) Persönlichkeitsstörung (ICD-10:
F60.88) angesehen werden. Gleichzeitig hielt sie jedoch auch fest, dass weder eine
entsprechende, vom Gutachter empfohlene Therapie in einem kognitiv-
verhaltenstherapeutischen Setting noch die von med. pract. B._ selbst empfohlene
Therapie effektiv durchgeführt werde (IV-act. 66).
4.4.
Laut dem Gutachter ergäben sich keine Diskrepanzen zwischen dem Auftreten der
Beschwerdeführerin im Untersuch und den Berichten im IV-Dossier. Es lägen keine
Verdeutlichungen, keine Aggravation oder gar Simulation vor, die Beschwerdeführerin
4.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
sei im Untersuch als offen und authentisch erlebt worden. Es bestehe eine erhebliche
Diskrepanz zwischen dem privaten Aktivitätsniveau und den geltend gemachten
beruflichen Einschränkungen. Es fänden sich keine Hinweise auf einen sekundären
Krankheitsgewinn oder eine Selbstlimitierung (IV-act. 55-43).
Die Beurteilung des Gutachters erscheint auch hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit
plausibel. Auffallend ist, dass med. pract. B._ erwähnt, dass es ihm nicht leicht falle,
der Beschwerdeführerin mitzuteilen, dass er sie für alle Arbeiten zu 100 %
arbeitsunfähig halte, was im Kontext darauf schliessen lässt, dass sich die
Beschwerdeführerin selbst lediglich durch die Kindebetreuung in ihrer Arbeitsfähigkeit
eingeschränkt fühlt (Bericht vom 8. August 2017, IV-act. 35-5). Aus den Berichten von
med. pract. B._ gehen keine medizinischen Gründe dafür hervor, dass die
Beschwerdeführerin nicht einmal in einem reduzierten Pensum arbeiten können sollte,
während die Kinder in der Schule sind. Das Vermeidungsverhalten ist gemäss
Prof. C._ durch adäquate Behandlung überwindbar. Auffällig ist auch, dass das
private Aktivitätsniveau völlig intakt ist, während die Arbeitsfähigkeit komplett
aufgehoben sein soll. Zudem wohnt die Beschwerdegegnerin im Stadtgebiet F._, wo
die Kinderbetreuung sehr gut organisiert ist und sehr nahe am Wohnort ein Standort
der Tagesbetreuung liegt (vgl. Homepage der Städtischen Schulen). Auch stützt sich
die Einschätzung von med. pract. B._ auf die subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin. Med. pract. B._ schreibt die noch junge Beschwerdeführerin
bereits seit Jahren zu 100 % arbeitsunfähig und sie fühlt sich dementsprechend sowie
offenbar auch aus psychosozialen Gründen arbeitsunfähig. Jedoch ist entscheidend,
dass die subjektiv und teilweise auch objektiv vorhandene Einschränkung relativ
schnell und gezielt überwunden werden kann. Zur adäquaten Behandlung ist die
Beschwerdeführerin zudem aufgrund der allgemein gültigen Schadenminderungs- und
Selbsteingliederungspflicht verpflichtet (siehe Art. 21 Abs. 1 ATSG und Art. 7 IVG). Auf
das Gutachten ist somit abzustellen und davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin bei ausreichender Behandlung in einer angepassten Tätigkeit zu
100 % arbeitsfähig ist.
4.6.
Nicht bestritten und zu beanstanden ist Qualifikation der Beschwerdeführerin als
zu 80 % als im Erwerb und zu 20 % im Haushalt tätig. Da die Beschwerdeführerin
bislang nie erwerbstätig war, ist ein Prozentvergleich vorzunehmen (vgl. zum Ganzen
BGE 104 V 137, E. 2b, Urteile des Bundesgerichts vom Urteil vom 25. September 2018,
8C_367/2018, E. 5.3, vom 10. April 2017, 9C_804/2016, E. 2.2, vom 24. August 2016,
5.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Betreffend berufliche Massnahmen ist keine separate Mitteilung oder Verfügung
ergangen, indes wurde auf die Prüfung der beruflichen Massnahmen verzichtet und der
Fall am 4. Juni 2018 zur Rentenprüfung überwiesen, weil sich die Beschwerdeführerin
subjektiv nicht arbeitsfähig fühle (IV-act. 60). Implizit beinhaltet die Abweisung des
Leistungsbegehrens mit angefochtener Verfügung somit auch die Abweisung des
Gesuchs hinsichtlich beruflicher Massnahmen. Die Beschwerdegegnerin weist in der
Beschwerdeantwort in Ziff. 3 nochmals abschliessend darauf hin, dass berufliche
Massnahmen mangels subjektiver Eingliederungsfähigkeit nicht angezeigt gewesen
seien. Die (implizite) Abweisung des Anspruchs auf berufliche Massnahmen im
Verfügungszeitpunkt erweist sich ebenfalls als rechtens (vgl. dazu Urteil des
Bundesgerichts vom 26. Februar 2021, 9C_743/2020, E. 5.1). Auch in der Beschwerde
betonte die Beschwerdeführerin, vollständig arbeitsunfähig zu sein. Nachdem
med. pract. B._ im Bericht vom 16. September 2019 (act. G 6.1) festhielt, die
Beschwerdeführerin werde durch Vermittlung des Sozialamtes einen Einsatz bei der
G._ absolvieren und demnach offenbar inzwischen eine Veränderung stattgefunden
hat und eventuell die Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden, hat die
9C_237/2016, E. 2.2, vom 14. Juli 2016, 9C_225/2016, E. 6.2.2 und vom 12. Juli 2017,
9C_648/2016, E. 6.2.1).
Als adaptiert umschreibt der Gutachter eine einfache Tätigkeit ohne hohen
Zeitdruck, ohne emotionalen Stress, ohne hohe Verantwortung, ohne hierarchische
Hürden und in einer nachsichtigen und aggressionsfreien Arbeitsumgebung (IV-
act. 55-47). Aus rechtlicher Sicht ist hier festzuhalten, dass das Angebot im
hypothetisch ausgeglichenen Arbeitsmarkt auch Nischenarbeitsplätze umfasst, wo auf
die gesundheitlichen Einschränkung Rücksicht genommen wird (Urteil des
Bundesgerichts vom 4. Mai 2018, 9C_294/2017, E. 5.4.2 mit weiteren Hinweisen). Die
Beschwerdegegnerin gewährte der Beschwerdeführerin beim Invalideneinkommen
aufgrund des im Gutachten beschriebenen Tätigkeitsprofils bereits den gemäss
Rechtsprechung zugelassenen Maximalabzug vom Tabellenlohn von 25 % und
errechnete bei 100%iger Arbeitsfähigkeit und einer Gewichtung der Erwerbstätigkeit
von 80 % einen Teilinvaliditätsgrad von 20 % (80 % x 25 %). Im Aufgabenbereich
besteht bei fehlender Einschränkung keine Teilinvalidität (angefochtene Verfügung, IV-
act. 70). Die von der Beschwerdegegnerin vorgenommene Berechnung ist nicht zu
beanstanden und wird von der Beschwerdeführerin im Übrigen auch nicht bestritten.
Demnach erweisen sich der errechnete Gesamtinvaliditätsgrad von 20 % und die
Abweisung des Rentenanspruchs als korrekt.
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin jederzeit die Möglichkeit, sich im Bedarfsfall neu anzumelden,
worauf die Beschwerdegegnerin berufliche Massnahmen einschliesslich denjenigen auf
erstmalige berufliche Ausbildung im Sinne von Art. 16 IVG umfassend zu prüfen haben
wird.
7.