Decision ID: e3e16f79-da61-5c7d-89c9-8fccfa746b3d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer – ein syri-
scher Staatsangehöriger und ethnischer Kurde – zusammen mit seiner
Ehefrau und den gemeinsamen Kindern seinen Heimatstaat (...) 2014 und
reiste am 28. März 2014 in die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl
nachsuchten.
A.b Am 4. April 2014 fanden die summarischen Befragungen zur Person
(BzP) statt und am 7. April 2015 hörte das SEM den Beschwerdeführer und
dessen Ehefrau einlässlich zu ihren Asylgründen an.
A.c Auf erstinstanzlicher Ebene wurden die folgenden Beweismittel einge-
reicht: ein Familienbüchlein (im Original), ein Militärbüchlein des Be-
schwerdeführers (im Original), syrische Identitätskarten (im Original), ins-
gesamt acht Fotografien, die den Beschwerdeführer an Demonstrationen
in der Schweiz zeigen sollen, eine Kopie des Führungszeugnisses des Be-
schwerdeführers vom (...) 2012 (ohne Übersetzung), eine Mitgliedschafts-
bestätigung der PYD für den Beschwerdeführer und ein Bestätigungs-
schreiben der PYD für die Ehefrau des Beschwerdeführers.
B.
Mit Verfügung vom 5. Februar 2016 stellte das SEM fest, der Beschwerde-
führer und seine Familie erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
ihre Asylgesuche vom 28. März 2014 ab, wies sie aus der Schweiz weg
und schob den Vollzug der Wegweisung zugunsten einer vorläufigen Auf-
nahme wegen Unzumutbarkeit auf.
C.
Die dagegen erhobene Beschwerde vom 9. März 2016 hiess das Bundes-
verwaltungsgericht mit Urteil D-1503/2016 vom 7. April 2016 gut, hob die
angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurück.
D.
D.a Am 20. November 2017 wurde der Beschwerdeführer erneut zu seinen
Asylgründen angehört.
Anlässlich der Anhörung reichte der Beschwerdeführer eine Kopie seines
Führungszeugnisses vom (...) 2012 mitsamt Übersetzung zu den Akten.
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D.b Am 6. März 2018 überwies das SEM die Asylakten dem Nachrichten-
dienst des Bundes (nachfolgend: NDB).
D.c Der NDB erstellte daraufhin am 6. August 2018 einen Bericht, worin er
festhielt, der Beschwerdeführer sei bei seinem Dienst nicht nachteilig ver-
zeichnet. Aus den Unterlagen des Asyldossiers gehe jedoch hervor, dass
er eine feste politische Überzeugung habe und ein hochrangiges Mitglied
respektive Kadermitglied der PKK (Partiya Karkerên Kurdistan; Arbeiter-
partei Kurdistans) gewesen sei. Es habe festgestellt werden können, dass
er auch bereits fest in das Netzwerk der PKK in der Schweiz eingebunden
sei. Es sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer die Werte der
PKK stets höher gewichten würde als die rechtsstaatlichen Strukturen der
Schweiz. Sein weiterhin andauerndes Engagement zugunsten der Partei
mache ihn zu einem potentiellen Risiko, da er die innere und äussere Si-
cherheit der Schweiz schwer beeinträchtigen könnte.
D.d Am 6. November 2018 wurde der Beschwerdeführer im Rahmen einer
ergänzenden Anhörung erneut befragt. Dabei wurde ihm auch das rechtli-
che Gehör zur Stellungnahme des NDB gewährt. Hierzu erklärte er, als er
sich der PKK angeschlossen habe, habe er nie daran gedacht, eines Tages
eine Waffe zu tragen. Nach seiner Haftentlassung habe er jedoch in Syrien
kein normales Leben mehr führen können, da ihm sämtliche Bürgerrechte
entzogen worden seien, weshalb er schliesslich gezwungen gewesen sei,
mit der Partei weiterzumachen.
D.e Das Protokoll der ergänzenden Anhörung vom 6. November 2018
wurde dem NDB am 13. November 2018 übermittelt.
D.f Mit Schreiben vom 30. November 2018 teilte der NDB, mit, er halte an
seiner Stellungnahme vom 6. August 2018 vollumfänglich fest.
E.
E.a Mit Verfügung vom 3. April 2019 – eröffnet am 4. April 2019 – stellte
das SEM abermals fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung, wo-
bei es wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige
Aufnahme anordnete.
E.b Mit gleichentags ergangener Verfügung anerkannte das SEM die Ehe-
frau und die Kinder des Beschwerdeführers als Flüchtlinge und gewährte
ihnen in der Schweiz Asyl.
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F.
Gegen die vorinstanzliche Verfügung erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde und beantragte in materieller Hinsicht die Aufhebung
der angefochtenen Verfügung, die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung (Rechtsbegeh-
ren 4), eventualiter die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Ge-
währung von Asyl (Rechtsbegehren 5) sowie subeventualiter die Anerken-
nung der Flüchtlingseigenschaft (Rechtsbegehren 6). In prozessualer Hin-
sicht ersuchte er um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht (Rechtsbe-
gehren 7) sowie von der Bezahlung der Verfahrenskosten (Rechtsbegeh-
ren 8). Ferner ersuchte er um Einsicht in die Akten A78/2, A81/2, A90/1,
A81/1 und A95/2 (Rechtsbegehren 1) und beantragte, es sei im diesbezüg-
lich das rechtliche Gehör zu gewähren (Rechtsbegehren 2). Nach der Ge-
währung der Akteneinsicht und eventualiter des rechtlichen Gehörs sei ihm
eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung an-
zusetzen (Rechtsbegehren 3).
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung sowie
eine Fürsorgebestätigung des (...) vom 17. April 2019 bei.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Mai 2019 wies die Instruktionsrichterin die
Gesuche um Gewährung der Akteneinsicht, des rechtlichen Gehörs sowie
um Ansetzung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung ab.
Demgegenüber hiess sie sein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses. Sodann wurde der Vorinstanz Ge-
legenheit zur Einreichung einer Vernehmlassung gegeben.
H.
Mit Eingabe vom 22. Mai 2019 reichte das SEM eine Vernehmlassung zu
den Akten, welche dem Beschwerdeführer am 28. Mai 2020 zur Kenntnis
gebracht wurde.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes (AsylG) vom
26. Juni 1998 in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Ver-
fahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül-
tig entscheidet.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Nachdem die Gesuche um vollumfängliche Einsicht in die Akten A78/2,
A81/2, A90/1, A81/1 und A95/2 und die diesbezügliche Gewährung des
rechtlichen Gehörs sowie das damit verbundene Gesuch um Beschwerde-
ergänzung respektive um Fristansetzung zur Beschwerdeergänzung nach
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der Gewährung der Akteneinsicht mit Zwischenverfügung vom
20. Mai 2019 abgewiesen worden sind (vgl. Sachverhalt oben, Bst. G), bil-
den die Rechtsbegehren 1 bis 3 des Beschwerdeführers nicht mehr Ge-
genstand des vorliegenden Verfahrens.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7
Abs. 3 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. beispiels-
weise BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.2
und 2.3, jeweils m.w.H.).
4.3 Gemäss Art. 1 F Bst. b des Abkommens über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention, FK; SR 0.142.30) sind die Bestimmun-
gen der Flüchtlingskonvention nicht anwendbar auf Personen, für die ernst-
hafte Gründe für den Verdacht bestehen, dass sie ein schweres Verbre-
chen des gemeinen Rechts ausserhalb des Gastlandes begangen haben,
bevor sie dort als Flüchtling aufgenommen worden sind. Diese Ausschluss-
bestimmung ist − ebenso wie die beiden anderen Tatbestandsvarianten
von Art. 1 F FK (Bst. a: Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen
oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit; Bst. c: den Zielen und Grunds-
ätzen der Vereinten Nationen zuwiderlaufende Handlungen) − restriktiv
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auszulegen (vgl. United Nations High Commissioner for Refugees
[UNHCR], Handbuch über Verfahren und Kriterien zur Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft gemäss dem Abkommen von 1951 und dem Proto-
koll von 1967 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge, Genf 1979 [Neuauf-
lage: UNHCR Österreich, Dezember 2003], Ziff. 149 [nachfolgend: UN-
HCR Handbuch]).
4.3.1 Als schwere Verbrechen im Sinne von Art. 1 F Bst. b FK gelten Kapi-
talverbrechen und besonders schwerwiegende Verbrechen wie beispiels-
weise Mord, Vergewaltigung und bewaffneter Raub (vgl. UNHCR Hand-
buch, a.a.O., Ziff. 155; UNHCR, Richtlinien zum internationalen Schutz:
Anwendung der Ausschlussklauseln: Artikel 1 F des Abkommens von 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge, 4. September 2003, Ziff. 14 [nach-
folgend: UNHCR Richtlinien]; UNHCR, Background Note on the Application
of the Exclusion Clauses: Article 1 F of the 1951 Convention relating to the
Status of Refugees, Ziff. 40 [nachfolgend: UNHCR Background Notes]).
Ein solches Verbrechen fällt jedoch dann nicht in den Anwendungsbereich
von Art. 1 F Bst. b FK, wenn es einen vorwiegend politischen Charakter
aufweist. Letzterer ist dann anzunehmen, wenn mit dem Delikt zum über-
wiegenden Teil politische Ziele verfolgt werden und die Tat im Gesamtkon-
text des Einzelfalles verhältnismässig erscheint (vgl. UNHCR Handbuch,
a.a.O., Ziff. 152; UNHCR Richtlinien, a.a.O., Ziff. 15; UNHCR Background
Notes, a.a.O., Ziff. 41).
4.3.2 Ein weiteres Tatbestandselement ist die individuelle Verantwortlich-
keit des Täters für das ihm zur Last gelegte Delikt (vgl. UNHCR Richtlinien,
a.a.O., Ziff. 18; UNHCR Background Notes, a.a.O., Ziff. 50 ff.). Die Anwen-
dung von Art. 1 F Bst. b FK schliesst zwar nicht aus, dass auch hohe Füh-
rungspersonen in Organisationen, die als Mittel der Zielerreichung terroris-
tische Handlungen begehen und dabei schwere Verbrechen des gemeinen
Rechts in Kauf nehmen, die Verantwortung für deren Handlungen zu tra-
gen haben und sich solche Verbrechen anrechnen lassen müssen
(vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 18 E. 6.2 und 6.3 m.w.H.;
EMARK 1999 Nr. 11; vgl. auch die systematische Einordnung der Ausfüh-
rungen zur Verantwortlichkeit in UNHCR Richtlinien, a.a.O., Ziff. 18 ff.). In
Anbetracht der Tragweite eines Ausschlusses vom Anwendungsbereich
der Flüchtlingskonvention ist aber von einer pauschalen und undifferen-
zierten Zurechnung der Verantwortlichkeit Abstand zu nehmen (UNHCR
Richtlinien, a.a.O., Ziff. 19; vgl. zum Ganzen auch Urteil des BVGer
E-4286/2008 vom 17. Oktober 2008).
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Seite 8
4.3.3 Falls die Beurteilung eines Asylgesuches schliesslich ergibt, dass ef-
fektiv ein schweres gemeinrechtliches Delikt begangen wurde, ist die An-
wendung der Ausschlussklausel von Art. 1 F Bst. b FK auf ihre Verhältnis-
mässigkeit hin zu überprüfen. Im Rahmen dieser Güterabwägung sind die
Folgen des Ausschlusses von der Flüchtlingseigenschaft der Schwere der
Tat gegenüberzustellen (vgl. UNHCR Richtlinien, a.a.O., Ziff. 24). Lässt
sich im Rahmen einer solchen Güterabwägung feststellen, dass das
Schutzinteresse des Täters vor der ihm drohenden Verfolgung im Heimat-
land im Vergleich zur Verwerflichkeit seines Verbrechens und seiner sub-
jektiven Schuld als geringer erscheint, so ist der Asylsuchende vom An-
wendungsbereich der Konvention auszuschliessen (vgl. BVGE 2011/29
E. 8.1.4 [mit Verweis auf EMARK 1993 Nr. 8 E. 6a] sowie Ur-
teil E-4286/2008).
5.
5.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung hielt die Vorinstanz fest,
aufgrund der Aktenlage sei mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit davon aus-
zugehen, dass der Beschwerdeführer im Falle der Rückkehr nach Syrien
asylrelevante Nachteile zu befürchten hätte. Er erfülle daher die Flücht-
lingseigenschaft. Indessen habe er sich jahrelang als Guerillakämpfer, bei
der politischen Arbeit und schliesslich auch als Kader und Truppenführer
für die PKK betätigt. Zwar gelte die PKK trotz ihrer einschlägigen militanten
Aktivitäten in der Schweiz – im Gegensatz zur Europäischen Union (EU) –
nicht als terroristische beziehungsweise kriminelle Organisation im Sinne
von Art. 206ter des Schweizerischen Strafgesetzbuches (StGB; SR 311.0),
diese Organisation begehe aber zur Umsetzung ihrer Ziele seit Jahren
massive Gewaltakte, die insgesamt als terroristische Handlungen zu qua-
lifizieren seien. In den Akten würden sich zwar keine gesicherten Hinweise
dafür finden, dass der Beschwerdeführer sich persönlich an Übergriffen auf
Unbewaffnete und die Zivilbevölkerung direkt oder indirekt beteiligt hätte,
es sei aber aufgrund seiner Aussagen erstellt, dass er an Kämpfen in den
klassischen Einsatzgebieten der PKK teilgenommen und logistische sowie
ideologistische Unterstützung geleistet habe. Damit habe er eine militante
Organisation unterstützt, die sich terroristischer Mittel bediene und für
schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sei. Er sei mit Si-
cherheit mitverantwortlich für schwere Gewaltakte im Rahmen bewaffneter
Auseinandersetzungen zwischen der PKK und dem türkischen Militär, wo-
mit einhergehe, dass er grundsätzlich auch den Tod von Zivilpersonen und
die Folter von Gefangenen und Abtrünnigen in Kauf genommen habe. Aus
seinem Aussageverhalten lasse sich zudem schliessen, dass er persönlich
für weitere Straftaten verantwortlich sei. Dabei seien die Delikte, deren sich
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der Beschwerdeführer mit hoher Wahrscheinlichkeit schuldig gemacht
habe, nicht als überwiegend politisch zu qualifizieren, womit es sich um
Verbrechen des gemeinen Rechts im Sinne von Art. 1 F Bst. b FK handle.
Weiter trage er als Kadermitglied der PKK eine direkte und individuelle Mit-
schuld. Insgesamt würden ernsthafte Gründe für die Annahme vorliegen,
dass er sich der schweren Verbrechen des gemeinen Rechts schuldig ge-
macht habe. Aus diesen Gründen sei der Beschwerdeführer gestützt auf
Art. 1 F Bst. b FK aus der Flüchtlingseigenschaft auszuschliessen. Dies er-
scheine in Anbetracht der objektiven Verwerflichkeit seiner Taten und sei-
ner subjektiven Schuld auch unter Berücksichtigung des menschenrechtli-
chen Rückschiebeverbotes sowie seines Schutzinteresses als angemes-
sen.
5.2 In seiner Rechtsmittelschrift rügte der Beschwerdeführer zunächst, das
SEM habe seine Aktenführungspflicht, den Anspruch auf Akteneinsicht und
auf rechtliches Gehör sowie die Pflicht zur vollständigen und richtigen Ab-
klärung des rechtserheblichen Sachverhalts schwerwiegend verletzt. Zu-
dem seien weitere Gesetzesbestimmungen, insbesondere Art. 1 F
Bst. b FK, Art. 9 BV und der Verhältnismässigkeitsgrundsatz verletzt wor-
den.
Ferner wies der Beschwerdeführer auf zahlreiche Rechtsfehler des SEM
hin. Hierzu führte er im Wesentlichen Folgendes an: Die Vorinstanz habe
es unterlassen, einen konkreten Straftatbestand eines schweren Verbre-
chens zu nennen, welcher vom ihm begangen worden sein solle. Weiter
habe sie in der angefochtenen Verfügung zwar festgehalten, dass die PKK
nach der schweizerischen Rechtsprechung keine terroristische Organisa-
tion darstelle, behauptete hierzu aber im Widerspruch, deren seit 1984 zu
verantwortende Taten seien als direkt gegen Leib und Leben gerichtete,
gemeinrechtliche Straftaten zu qualifizieren. Wie aus dem Urteil
BVGE 2011/29 (sic!) hervorgehe, seien weder sämtliche Taten der PKK
pauschal als Kriegshandlungen noch die PKK pauschal als terroristische
Organisation einzustufen. Alsdann habe das SEM selber eingeräumt, dass
keine gesicherten Erkenntnisse bestünden, wonach er persönlich an Über-
griffen auf Unbewaffnete und die Zivilbevölkerung direkt oder indirekt be-
teiligt gewesen sei. Auch die Behauptung, dass er damit die Inkaufnahme
des Todes von Zivilpersonen sowie die Folter von Gefangenen und Abtrün-
nigen in Kauf genommen habe, sei völlig unsubstantiiert und unbelegt. Da-
mit reiche bereits die Beweislage im Sinne des erforderlichen Beweismas-
ses nicht aus, um ihm ein schweres gemeinrechtliches Verbrechen im
Sinne von Art. 1 F Bst. b FK vorzuhalten. Überdies sei es willkürlich, wenn
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die Vorinstanz behaupte, er sei mit Sicherheit mitverantwortlich gewesen.
Im vorliegenden Fall sei nicht einmal erstellt, dass er überhaupt konkret an
Kampfhandlungen mit Angehörigen der türkischen Armee teilgenommen
habe. Selbst wenn davon ausgegangen werde, dass er schwere Verbre-
chen begangen habe, wären diese als politische Delikte einzustufen. Wei-
ter habe das SEM eine unzulässige pauschale und undifferenzierte Zu-
rechnung seiner individuellen Verantwortlichkeit vorgenommen. Bei der
Prüfung der Verhältnismässigkeit habe die Vorinstanz schliesslich absur-
derweise behauptet, die Verjährung sei nicht eingetreten, ohne jedoch die
entsprechenden Straftaten zu nennen. Indem das SEM ihn wegen Unzu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzuges vorläufig aufgenommen habe, habe
es ohnehin faktisch eingeräumt, dass kein öffentliches Interesse daran be-
stehe, ihn von der Anwendung der Flüchtlingskonvention auszuschliessen.
Zusammenfassend seien damit die Voraussetzungen für die Anwendung
von Art. 1 F Bst. b FK nicht erfüllt.
5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, die Beschwerdeschrift
entfalte keine erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Än-
derung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Es verwies auf die Er-
wägungen seiner Verfügung, an denen es vollumfänglich festhielt.
6.
6.1 Nachstehend ist aufzuzeigen, dass die angefochtene Verfügung der
Vorinstanz an erheblichen Mängeln in der Begründung leidet und hinsicht-
lich des rechtserheblichen Sachverhaltes zentrale Fragen, wie insbeson-
dere jene, welchen Verfolgungsrisiken der Beschwerdeführer ausgesetzt
sein wird, unbeantwortet blieben.
6.1.1 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellen die Asylbehörden
den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Untersuchungsgrundsatz). Dabei
muss die Behörde die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunter-
lagen beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber
ordnungsgemäss Beweis führen (vgl. dazu auch Art. 30–33 VwVG). Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein fal-
scher und aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zu-
grunde gelegt wurde. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn
die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes
wegen abgeklärt hat, oder wenn nicht alle für den Entscheid wesentlichen
Sachumstände berücksichtigt wurden (vgl. dazu ALFRED KÖLZ/ISABELLE
HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl., Zürich 2013, N. 456 f., 1043; CHRISTOPH
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Seite 11
AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar
zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Auflage,
Zürich 2019, Rz. 7 zu Art. 12; BENJAMIN SCHINDLER, in: Auer/Mül-
ler/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 29 f. zu Art. 49).
6.1.2 Der in Art. 32 VwVG konkretisierte Teilgehalt des mit Grundrechts-
qualität ausgestatteten Grundsatzes des rechtlichen Gehörs (Art. 29
Abs. 2 BV) verpflichtet die Behörde nicht nur, den Parteien zu ermöglichen,
sich zu äussern und ihre Vorbringen tatsächlich zu hören (Art. 30 f. VwVG),
sondern sie auch sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheid-
findung zu berücksichtigen. Eng damit zusammen hängt die Pflicht der Be-
hörde, ihren Entscheid zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Denn, ob sich
die Behörde tatsächlich mit allen erheblichen Vorbringen der Parteien be-
fasst und auseinandergesetzt hat, lässt sich erst aufgrund der Begründung
erkennen. Insgesamt muss der Entscheid so abgefasst sein, dass ihn Be-
troffene gegebenenfalls sachgerecht anfechten können, was nur möglich
ist, wenn sich sowohl die Betroffenen als auch die Rechtsmittelinstanz über
die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können. Dabei kann sich
die Behörde in ihrer Argumentation zwar auf die für den Entscheid wesent-
lichen Gesichtspunkte beschränken; sie darf aber nur diejenigen Argu-
mente stillschweigend übergehen, die für den Entscheid erkennbarerweise
unbehelflich sind. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegun-
gen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf
die sich ihr Entscheid stützt (vgl. BGE 134 I 83 E. 4.1; BVGE 2007/21
E. 10.2 m.w.H.; PATRICK SUTTER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kom-
mentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2019,
Art. 32 Abs. 1 VwVG, Rz. 2).
6.2
6.2.1 Das SEM konzentrierte sich in seinem Entscheid schwerpunktmässig
darauf, den Beschwerdeführer nach Art. 1F Bst. b FK vom Geltungsbe-
reich der Flüchtlingskonvention auszuschliessen. Dabei führte es aus, das
Schutzinteresse des Beschwerdeführers vor der ihm in Syrien drohenden
asylrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG sei – unter
Berücksichtigung des menschenrechtlichen Rückschiebeverbotes infolge-
dessen er gestützt auf Art. 3 EMRK in der Schweiz vorläufig aufzunehmen
sei, da der Wegweisungsvollzug zurzeit nicht zulässig sei – verglichen mit
der Natur der auf dem Spiel stehenden Rechtsgüter, der Verwerflichkeit
seiner begangenen Verbrechen und seiner subjektiven Schuld als geringer
zu gewichten, ohne aber näher zu erläutern, worin diese Verfolgungssitua-
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Seite 12
tion des Beschwerdeführers besteht. Der angefochtenen Verfügung ist le-
diglich die Feststellung zu entnehmen, es müsse aufgrund der einzelfall-
spezifischen Aktenlage mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit davon ausge-
gangen werden, dass er bei einer Rückkehr in sein Heimatland asylrecht-
lich relevante Verfolgungsmassnahmen zu befürchten habe. Die Gründe,
die das SEM zur Annahme einer Verfolgung veranlasst haben, können der
Entscheidbegründung jedoch nicht entnommen werden. Angesichts der
Tragweite eines Ausschlusses vom Geltungsbereich der Flüchtlingskon-
vention ist die Vorinstanz mit der blossen Feststellung, der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft, seiner Begründungsplicht nicht in
genügender Weise nachgekommen. Dabei ist insbesondere zu berück-
sichtigen, dass gerade unter dem Aspekt der nach Art. 1 F Bst. b FK zu
erfolgenden Abwägung zwischen dem Schutzinteresse eines mutmassli-
chen Täters vor ihm allfällig drohender Verfolgung gegenüber der Verwerf-
lichkeit der ihm zur Last gelegten Verbrechen und seiner subjektiven
Schuld, der Frage der Flüchtlingseigenschaft entscheidwesentliche Bedeu-
tung zukommt und daher eine eingehende Prüfung als notwendig zu er-
achten ist.
6.2.2 Zum selben Ergebnis führt die Beurteilung im vorliegenden Fall unter
Beachtung der Auslegung, wie sie vom UNHCR in den Richtlinien zur An-
wendung der Ausschlussklauseln vorgenommen wird. Danach ist der Ein-
schluss der Flüchtlingseigenschaft in aller Regel vor dem Ausschluss im
Sinne von Art. 1 F FK zu prüfen (sog. "incusion before exclusion"-Prinzip).
Eine Ausnahme von diesem Grundsatz rechtfertigt sich nur dann, (1) wenn
Anklage vor einem internationalen Strafgericht erhoben worden ist, (2)
wenn offensichtliche Beweise dafür vorliegen, dass der Asylsuchende in
ein ausserordentlich schweres Verbrechen verwickelt ist oder (3) wenn im
Rechtsmittelverfahren der Ausschluss im Mittelpunkt steht (vgl. UNHCR
Richtlinien, a.a.O., Ziff. 31; UNHCR Background Notes, a.a.O., Ziff. 100).
Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich dem "incusion before exclu-
sion"-Prinzip und der genannten Betrachtungsweise, wenn auch nicht in
der Beschränkung auf die drei exklusiv genannten Ausnahmen, grundsätz-
lich an. Im vorliegenden Fall ist nicht ersichtlich, weshalb von dieser Regel
abgewichen werden sollte, steht doch die Abwägung zwischen Schutzinte-
resse einerseits sowie Verwerflichkeit der Tat und Schuldfrage anderseits
im Vordergrund, was zwangsläufig bedingt, dass so genau wie möglich be-
stimmt wird, was gegeneinander abzuwägen ist.
6.3 Des Weiteren stützte sich das SEM in seinen Erwägungen auf den
publizierten Entscheid der vormaligen Asylrekurskommission (ARK)
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Seite 13
EMARK 2002 Nr. 9. Dieser beansprucht nach Auffassung des Bundesver-
waltungsgerichts weiterhin Gültigkeit, wird hingegen vorliegend durch die
Vorinstanz falsch interpretiert. So erwog sie unter explizitem Verweis auf
E. 7c des erwähnten Urteils, die PKK begehe zur Umsetzung ihrer Ziele im
Rahmen ihres "bewaffneten Kampfes" seit Jahren – als notorisch zu gel-
tende und deshalb nicht weiter zu beweisende – massive Gewaltakte, die
sich nicht nur gegen bewaffnete Militärpersonen, sondern auch gegen Un-
bewaffnete, Zivilpersonen und Abtrünnige der PKK richten würden und ins-
gesamt als terroristische Handlungen zu qualifizieren seien. Damit erachtet
das SEM die PKK zumindest implizit als terroristische Organisation im
Sinne von Art. 260ter StGB. Dieser Schluss lässt sich indessen aus
EMARK 2002 Nr. 9 nicht ableiten. So hielt die ARK in ihrem Urteil unter
anderem zwar fest, dass die PKK zweifellos für eine Vielzahl von terroristi-
schen Aktionen inner- und ausserhalb der Türkei verantwortlich sei, führte
aber auch aus, dass ebenso zweifelsfrei feststehe, dass ihre politische Mo-
tivation und teilweise ihre Kriegsführung derjenigen einer (Bürger-) Kriegs-
partei entspreche. Während des jahrelangen Kampfes der PKK habe sich
je nach Zeit, Ort, Angriffsziel und Methode, beteiligte Personen etc. der po-
litische, kriegerische und terroristische Aspekt in den Vordergrund gescho-
ben. Die pauschale Qualifizierung aller Taten der PKK als Kriegshandlun-
gen oder aber ein Asylausschluss allein aufgrund der Mitgliedschaft bei der
PKK – indem diese als terroristische Organisation im Sinne von
Art. 260ter StGB betrachtet und demzufolge sich jedes ihrer Mitglieder allein
durch seine Zugehörigkeit strafbar machen würde – rechtfertige sich nicht.
Vielmehr sei von einer pauschalen Betrachtungsweise Abstand zu nehmen
und der individuelle Tatbeitrag – zu welchem die Schwere der Tat, der per-
sönliche Anteil am Tatentscheid und das Motiv des Täters sowie allfällige
Rechtfertigungs- und Schuldminderungsgründe zu zählen seien – zu er-
mitteln (vgl. EMARK 2002 Nr. 9 E. 7c). Das SEM geht somit in seiner Ein-
schätzung, die PKK begehe seit Jahren massive Gewaltakte, die insge-
samt als terroristische Handlungen zu qualifizieren seien, fehl. Die ange-
fochtene Verfügung widerspricht diesbezüglich der Praxis der ARK, welche
vom Bundesverwaltungsgericht bis heute fortgesetzt wird (vgl. beispiels-
weise BVGE 2011/10 E. 6.1 sowie Urteile des BVGer D-11/2008 vom
9. Juli 2009 E. 6.2, E-5894/2008 vom 14. Januar 2011 E. 3.5 und D-
1261/2015 vom 22. Oktober 2015 E. 4.2, je m.w.H.), zumal denn auch die
Schweiz bis zum heutigen Zeitpunkt die PKK offiziell nicht als terroristische
Organisation qualifiziert hat und es bisher zu keiner Verurteilung von PKK-
Mitgliedern gestützt auf Art. 260ter Abs. 1 und 3 StGB gekommen ist, und
stützt sich damit auf einer unzutreffenden Begründung ab.
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6.4 Gestützt auf die genannte Rechtsprechung ist bei der Anwendung von
Art. 1 F Bst. b FK der individuelle Tatbeitrag zu ermitteln. Wie bereits er-
wähnt (vgl. oben E. 4.3.2), bildet die persönliche Verantwortlichkeit des Tä-
ters für das ihm zur Last gelegte Delikt ebenfalls Tatbestandselemente die-
ser Norm. Zu beachten gilt hierbei des Weiteren, dass bezüglich des Be-
weismassstabes bei der Prüfung von Art. 1 F FK das Vorliegen "ernsthafter
Gründe" für die Annahme eines Ausschlusstatbestandes genügt, womit ein
tieferer Beweismassstab anzusetzen ist, als die überwiegende Wahr-
scheinlichkeit im Sinne von Art. 7 AsylG. Es geht folglich nicht darum, die
Strafbarkeit des Beschwerdeführers konkret zu prüfen. Vielmehr ist nach
ernsthaften Gründen für das Vorliegen eines Ausschlusstatbestandes zu
fragen. Dazu braucht es zumindest substanziell verdichtete Verdachtsmo-
mente; blosse Mutmassungen genügen jedenfalls nicht (vgl. hierzu
BVGE 2010/43 E. 5.3.2.4; EMARK 2006 Nr. 29, E. 4.4 m.w.H.).
6.4.1 Das SEM vertrat in der angefochtenen Verfügung die Auffassung, der
Beschwerdeführer sei als Kadermitglied der PKK mitverantwortlich für die
durch diese Organisation verübten zahlreichen Gewaltakte. Dabei handle
es sich um terroristische – und somit als nicht politisch zu bezeichnende –
Handlungen, unter anderem in Form von gezielten Tötungen von Zivilper-
sonen und lokalen Amtsträgern, denen seit 1984 überaus zahlreiche Men-
schen zum Opfer gefallen seien. Damit geht die Vorinstanz von einer pau-
schalen Mitschuld des Beschwerdeführers für von der PKK begangene Ge-
waltakte in einer Zeitspanne von über 35 Jahren aus, ohne seine hierarchi-
sche Stellung und Verantwortlichkeit innerhalb der Organisation genauer
zu erörtern, die verübten Delikte zu konkretisieren oder die Straftaten be-
züglich Zeitraums, Tatorts, beteiligter Opfer, etc. näher zu bezeichnen und
damit insbesondere ohne den persönlichen Tatbeitrag sowie das Tatmotiv
des Beschwerdeführers zu nennen. Eine solche Schlussfolgerung kann im
Anwendungsbereich von Art. 1 F Bst. b FK in dieser allgemeinen Form
nicht zum Tragen kommen. Eine hiervon abweichende Beurteilung fiele
– wenn überhaupt – nur in Betracht, wenn die Schweiz die PKK offiziell zur
terroristischen Organisation im Sinne von Art. 260ter StGB erklärt hätte, ver-
bunden mit der Möglichkeit, die Mitgliedschaft in dieser Organisation straf-
rechtlich zu sanktionieren. Wie vorstehend aufgezeigt, lässt sich die PKK
indessen nicht per se als terroristische Organisation bezeichnen und sie ist
durch die Schweiz auch nicht als kriminelle Organisation im Sinne von
Art. 260ter StGB anerkannt worden (vgl. oben E. 4.3), weshalb auch die
Mitgliedschaft bei der PKK als solche keinen Straftatbestand erfüllt. Somit
besteht keine hinreichende Grundlage dafür, den Beschwerdeführer pau-
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schal für alle von der PKK begangenen Straftaten und Menschenrechts-
verletzungen als mitverantwortlich zu bezeichnen. Im Rahmen von Art. 1 F
Bst. b FK wäre durch die Vorinstanz zu prüfen gewesen, ob in casu ernst-
hafte Gründe im Sinne von verdichteten Verdachtsmomenten bestehen,
dass der Beschwerdeführer für ihm persönlich vorwerfbare, schwerwie-
gende, einzelne gemeinrechtliche Delikte im Sinne von Art. 1 F Bst. b FK
verantwortlich war. Weiter hätte sich die Vorinstanz damit auseinanderset-
zen müssen, welche konkreten Gewalthandlungen dem Beschwerdeführer
in welchen Phasen seiner Mitgliedschaft in der PKK allenfalls persönlich
zurechenbar wären. Eine solche dem vorliegenden Einzelfall gerecht wer-
dende Prüfung – unter Berücksichtigung der Stellung und Einflussnahme
des Beschwerdeführers auf die konkreten Entscheide der PKK und unter
Beachtung der ihm in den verschiedenen Zeitphasen seiner Mitgliedschaft
persönlich zurechenbaren gewalttätigen Handlungen – hat das SEM hin-
gegen nicht vorgenommen.
6.4.2 Aus den vorliegenden Akten lässt sich des Weiteren bezüglich der
Organisations- und Befehlsstruktur sowie des Entscheidfindungsprozes-
ses der PKK nur wenig entnehmen. Entsprechende Erkenntnisse wären
aber gerade auch mit Blick auf die zuvor erwähnte Prüfung der individuel-
len Verantwortlichkeit des Beschwerdeführers für ihm persönlich vorwerf-
bare strafrechtliche Handlungen von gewichtiger Bedeutung. Eine entspre-
chende Abklärung wäre deshalb hier angezeigt gewesen. Zudem ist fest-
zustellen, dass den vorinstanzlichen Anhörungsprotokollen nur wenig über
die genaue Position des Beschwerdeführers im Kader der PKK zu entneh-
men ist. So werden aus den Befragungsprotokollen insbesondere der ge-
naue Aufgabenbereich und die Verantwortlichkeiten des Beschwerdefüh-
rers nicht ersichtlich, zumal seine Antworten diesbezüglich eher vage und
ausweichend ausgefallen sind. Der Sachverhalt erscheint damit auch hin-
sichtlich der dem Beschwerdeführer zukommenden Rolle innerhalb der
PKK nicht vollständig erstellt. Schliesslich äusserte sich der Beschwerde-
führer widersprüchlich zu seiner Beteiligung an Kampfhandlungen. Eine
weitergehende Konfrontation respektive ergänzende Fragestellung hätte
sich daher ebenfalls aufgedrängt.
6.4.3 Die Anwendung der Ausschlussklauseln von Art. 1 F FK sind – wie
vorstehend erwähnt (vgl. E. 4.3) – restriktiv zu handhaben. Dies bedeutet,
dass die Ausschlussgründe im Allgemeinen nur mit äusserster Vorsicht und
erst nach einer umfassenden Beurteilung der fallspezifischen Umstände
anzuwenden sind (vgl. UNCHR Handbuch, a.a.O., Ziff. 149 und UNCHR
Richtlinien, a.a.O., Ziff. 2). An die Begründung eines solchen Entscheides
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sind demnach von Vornherein erhöhte Anforderungen zu stellen. Das SEM
wird diesem Anspruch auch im Rahmen der von ihm vorgenommenen Gü-
terabwägung nicht gerecht. Wie in der Beschwerde zu Recht ausgeführt,
hält es, ohne die dem Beschwerdeführer vorgeworfenen Delikte konkret zu
benennen, fest, die Verjährung sei noch nicht eingetreten. Weiter erschöp-
fen sich die Erwägungen darin, dass die auf dem Spiel stehenden Rechts-
güter, die Verwerflichkeit der vom Beschwerdeführer begangenen Verbre-
chen und seine subjektive Schuld schwerer zu gewichten seien, als die ihm
in Syrien konkret drohende Verfolgung. Nebst dem bereits zuvor dargeleg-
ten Mangel der eingehenden Erörterung der ihm in seinem Heimatstaat
drohende Verfolgung (vgl. E. 6.2), lässt sich aus dieser sehr allgemein ge-
haltenen Formulierung weder das subjektive Mass der Schuld des Be-
schwerdeführers entnehmen, noch geht daraus hervor, ob allfällige Schuld-
minderungsgründe – wie etwa Alter, Tatbeitrag respektive Form der Tatteil-
nahme, oder eine allfällige Deliktsverjährung beziehungsweise Verfol-
gungsverjährung – durch die Vorinstanz berücksichtig oder zumindest in
Betrag gezogen wurden. Diesen und weiteren Elementen hätte das SEM
aber gemäss der weiterhin zutreffenden Rechtsprechung der ARK in
EMARK 1993 Nr. 8 im Rahmen einer Güterabwägung nach Art. 1 F
Bst. b FK Rechnung tragen müssen.
6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM vorliegend nicht
aufzeigte, welche Vorbringen des Beschwerdeführers aus welchen konkre-
ten flüchtlingsrechtlichen Motiven grundsätzlich geeignet wären, dessen
Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Durch die Vorinstanz wird hinsicht-
lich der Anwendbarkeit der Ausschlussklausel von Art. 1 F Bst. b FK zudem
nicht näher präzisiert, für welche konkreten gemeinrechtlichen Delikte der
Beschwerdeführer nach ihrer Überzeugung persönlich verantwortlich
zeichnet. Auch nennt sie ihre konkreten Überlegungen, die zum Ergebnis
führen, das Schutzinteresse des Beschwerdeführers sei geringer einzustu-
fen, als die Verwerflichkeit der von ihm begangenen Taten, nicht. Damit
mangelt es der angefochtenen Verfügung an einer hinreichenden, nach-
vollziehbaren Begründung. Im Weiteren lässt sich eine unrichtige Anwen-
dung der Rechtsprechung der ARK in EMARK 2002 Nr. 9 erkennen und es
ist zudem festzustellen, dass die Vorinstanz in casu zahlreiche für die
Sachverhaltsfeststellung relevante Fragen nicht genügend abgeklärt hat.
6.6 Die Vorinstanz ist somit – wie vom Beschwerdeführer zu Recht gerügt
wurde – ihrer Begründungspflicht nach Art. 35 Abs. 1 VwVG nicht nachge-
kommen und hat damit den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtli-
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ches Gehör im Sinne von Art. 29 Abs. 2 BV verletzt. Zugleich ist eine Ver-
letzung des Untersuchungsgrundsatzes gemäss Art. 12 VwVG festzustel-
len.
7.
7.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (vgl. PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, in: Praxiskommentar
VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 61 N 16). Die in diesen Fällen fehlende Entschei-
dungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz
selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomi-
schen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber nicht (vgl. dazu
BVGE 2012/21 E. 5).
7.2 Vorliegend liegt der Mangel in einer unvollständigen Sachverhaltsfest-
stellung sowie einer damit verbundenen Verletzung der Prüfungs- und Be-
gründungspflicht. Die Entscheidreife lässt sich im vorliegenden Verfahren
nicht mit geringem Aufwand herstellen. Es ist daher angezeigt, die ange-
fochtene Verfügung gestützt auf Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG aufzuheben
und die Sache zwecks vollständiger Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im
Übrigen bleibt auf diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wich-
tiger ist, als das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet.
8.
8.1 Bei dieser Sachlage ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Auf-
hebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz beantragt wird. Die Verfügung des SEM vom 3. April 2019
ist aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache in Anwendung von
Art. 61 Abs. 1 VwVG zur vollständigen Abklärung des Sachverhalts und er-
neuten Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
8.2 Bei dieser Ausgangslage erübrigt es sich, auf die weiteren Beschwer-
debegehren und -vorbringen näher einzugehen, weil diese ebenfalls Ge-
genstand des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahren sein
werden und die Vorinstanz sich damit zu befassen haben wird.
D-2139/2019
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9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu
erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfü-
gung vom 20. Mai 2019 gewährte unentgeltliche Prozessführung gegen-
standslos.
9.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann der ganz oder
teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine
Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig
hohen Kosten zugesprochen werden (vgl. für die Grundsätze der Bemes-
sung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Seitens der Rechtsvertretung
wurde keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen
kann indes verzichtet werden, da sich der zu vergütende Aufwand zuver-
lässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Unter Berücksichtigung der
in Betracht zu ziehenden Berechnungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem
Beschwerdeführer zulasten des SEM eine Parteientschädigung von insge-
samt Fr. 1200.– (inkl. Auslagen und allfälligem Mehrwertsteuerzuschlag)
zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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