Decision ID: adf1e0c0-4af8-47e7-a11a-7dc1160870fc
Year: 2022
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ («Beschwerdeführer») wurde am 9. Januar 1997 in der Schweiz geboren. Am 27. Okto-
ber 2000 stellte das Bundesamt für Flüchtlinge (heute: Staatssekretariat für Migration SEM)
mit Verfügung fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ordnete
aber gleichzeitig die vorläufige Aufnahme in der Schweiz an. Per 16. September 2003 wurde
dem Beschwerdeführer die Aufenthalts-, sodann am 11. September 2013 die Niederlassungs-
bewilligung erteilt. Mit Urteil des Obergerichts des Kantons Nidwalden vom 4. Oktober 2017
wurde der Beschwerdeführer wegen sexueller Nötigung und Exhibitionismus zu einer Frei-
heitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten sowie einer Geldstrafe von 110 Tagessätzen
zu je Fr. 10.00 verurteilt. Zurzeit befindet sich der Beschwerdeführer aufgrund dieser Verurtei-
lung in einem Massnahmenvollzug.
B.
Mit Verfügung vom 5. Mai 2020 erkannte das Amt für Justiz des Kantons Nidwalden, Migration
(«Beschwerdegegner 1») gestützt auf Art. 63 und 64 Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG;
SR 142.20) wie folgt:
«1. Die Niederlassungsbewilligung [des Beschwerdeführers] wird widerrufen.
2. [Der Beschwerdeführer] wird aus der Schweiz, dem Schengenraum sowie der Europäi-
schen Union weggewiesen.
3. [Der Beschwerdeführer] hat die Schweiz spätestens am Tag der Entlassung aus dem
Massnahmen- bzw. allfälligen Strafvollzug zu verlassen.
4. Die Gebühr dieser Verfügung beträgt CHF 800.00 und ist [vom Beschwerdeführer] mit
beiliegendem Einzahlungsschein innert 90 Tagen seit Zustellung dieser Verfügung zu
bezahlen.»
Eine hiergegen gerichtete Verwaltungsbeschwerde hiess der Regierungsrat des Kantons
Nidwalden («Beschwerdegegner 2»/«Vorinstanz») mit Beschluss Nr. 383 vom 29. Juni 2021
(«RRB Nr. 383») teilweise gut (Dispo-Ziff. 1) und ergänzte resp. änderte die angefochtene
Verfügung in folgender Weise (Dispo-Ziff. 2):
«2a. Sobald der vorliegende Entscheid vollstreckbar ist, hat das Amt für Justiz, Migration (Vo-
rinstanz):
1. im Rahmen eines medizinischen Consultings zu prüfen und festzustellen, ob die
medizinische Versorgung in Sri Lanka in Bezug auf den Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers weiterhin gewährleistet werden kann
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2. zu dokumentieren und gegenüber dem Beschwerdeführer auszuweisen, welche
medizinischen Einrichtungen in Sri Lanka die medizinische Versorgung des Be-
schwerdeführers ermöglichen können.
3. [Der Beschwerdeführer] hat die Schweiz unter Vorbehalt von Ziff. 2a spätestens am Tag
der Entlassung aus dem Massnahme- bzw. allfälligen Strafvollzug zu verlassen.»
Entsprechend dem Verfahrensausgang wurden dem Beschwerdeführer – unter Berücksichti-
gung der gewährten unentgeltlichen Prozessführung – die Kosten teilweise auferlegt (Dispo-
Ziffn. 4 und 5).
C.
Mit Eingabe vom 26. August 2021 erhob der Beschwerdeführer nunmehr Verwaltungsgerichts-
beschwerde, wobei er die folgenden Anträge stellen liess:
«1. Die Verfügung [des Beschwerdegegners 1] vom 5. Mai 2020 sowie der [RRB Nr. 383]
seien aufzuheben.
2. Die Sache sei an [den Beschwerdegegner 1] zurückzuweisen mit der Auflage der Neu-
beurteilung frühestens in 24 Monaten (nach Ablauf von 2/3 der mit Beschluss des Kan-
tonsrats [recte: Kantonsgerichts] vom 12. Juli 2021 neu angeordneten Massnahmen
i.S.v. Art. 59 StGB).
3. Eventualiter sei dem Beschwerdeführer die Niederlassungsbewilligung zu belassen und
auf die Ausweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz sei zu verzichten.
4. Subeventualiter sei gegenüber dem Beschwerdeführer eine Verwarnung i.S.v. Art. 96
Abs. 2 AIG auszusprechen.
5. Der vorliegenden Beschwerde ist die aufschiebende Wirkung zu erteilen.
6. Dem Beschwerdeführer seien aufgrund der schwerwiegenden Fehler in der Rechtsan-
wendung und in der Ermessensausübung keine amtlichen Kosten für das vorinstanzliche
Beschwerdeverfahren aufzuerlegen, sowie eine vollumfängliche Parteientschädigung
dafür auszurichten.
7. Dem Beschwerdeführer sei für das Gerichtsverfahren die vollumfängliche unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren und es sei die Unterzeichnende als unentgeltliche Rechts-
vertreterin einzusetzen.
8. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates.»
D.
Mit Verfügung P 21 11 vom 30. August 2021 wurde das beschwerdeführerische Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege bewilligt und Rechtsanwältin Róisín Dubach als
unentgeltliche Rechtsvertreterin bestellt.
5│34
E.
Der Beschwerdegegner 1 äusserte sich mit Stellungnahme vom 10. September 2021 zur Sa-
che.
F.
Am 11. Oktober 2021 wurde der Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit Verfügung P 21 12 die
aufschiebende Wirkung erteilt.
G.
Mit Eingabe vom 8. Oktober 2021 erstattete der Beschwerdegegner 2 seine Vernehmlassung.
Er beantragte die kostenfällige Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei.
Darüber hinaus wurden die Verfahrensakten eingereicht.
H.
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers reichte am 18. Oktober 2021 ihre
Kostennote ein.
I.
Die Sache wurde durch das Verwaltungsgericht Nidwalden, Verwaltungsabteilung, anlässlich
der Sitzung vom 13. Dezember 2021 abschliessend beurteilt. Auf die Vorbingen der Parteien
wird nachstehend – soweit erforderlich – eingegangen.
6│34

Considerations:
Erwägungen:
1. Formelles
1.1 Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist der Beschluss des Regierungsrates Nidwalden RRB Nr. 383 vom 29. Juni
2021, mit welchem die Vorinstanz eine Verwaltungsbeschwerde des Beschwerdeführers be-
treffend Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung teilweise gut-, im Übrigen
abwies. Letztinstanzliche Entscheide einer Verwaltungsbehörde – worunter auch der Regie-
rungsrat fällt (Art. 4 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 Ziff. 2 VRG) – können mit Verwaltungsgerichtsbe-
schwerde beim Verwaltungsgericht angefochten werden (Art. 89 Abs. 1 VRG). Zuständig ist
die Verwaltungsabteilung, die in Fünferbesetzung entscheidet (Art. 31, Art. 33 Ziff. 3 und
Art. 38 Abs. 1 GerG [NG 261.2]). Das angerufene Verwaltungsgericht ist somit örtlich wie
sachlich zuständig. Zur Beschwerde ist berechtigt, wer formell und materiell beschwert ist, d.h.
wer vor der Vorinstanz am Verfahren teilgenommen oder keine Möglichkeit zur Teilnahme er-
halten hat (Art. 70 Abs. 1 Ziff. 1 VRG), durch den angefochtenen Entscheid besonders berührt
ist (Ziff. 2) und ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Änderung des Entscheids
hat (Ziff. 3). Der Beschwerdeführer hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen und ist
in diesem mit seinen Anträgen unterlegen, womit er durch den Abweisungsentscheid beson-
ders berührt ist. Im Übrigen droht ihm der Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung und die
Wegweisung aus der Schweiz, womit er durch den angefochtenen Entscheid belastet ist und
über ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung verfügt. Der Be-
schwerdeführer ist demnach zur Beschwerde legitimiert. Die Beschwerde ist binnen 20 Tagen
seit Eröffnung des Entscheides einzureichen (Art. 71 Abs. 1 VRG) und hat den Formerforder-
nissen gemäss den Art. 73 f. VRG zu genügen, was vorliegend der Fall ist.
Die von Amtes wegen zu prüfenden Sachurteilsvoraussetzungen (Art. 54 Abs. 1 VRG) sind
demnach erfüllt, womit auf die Beschwerde im Grundsatz einzutreten ist.
1.2 Kognition und Rügeprinzip
Mit der Verwaltungsgerichtsbeschwerde können nur Rechtsverletzungen geltend gemacht
werden; Überschreitung oder Missbrauch des Ermessens gelten als Rechtsverletzung (Art. 90
VRG). Auch kann die offensichtlich unrichtige oder auf einer Rechtsverletzung beruhende
Feststellung des Sachverhalts gerügt werden (Art. 110 i.V.m. Art. 97 BGG); die kantonale
richterliche Behörde hat von Bundesrechts wegen umfassend zu prüfen, ob der massgebliche
Sachverhalt richtig und vollständig zusammengetragen ist und ob dessen Erhebung nicht auf
7│34
einer Rechtsverletzung im Sinne von Art. 95 BGG beruht (BGE 142 II 49 E. 4.4). Eine
Angemessenheitskontrolle ist im kantonalen Gerichtsverfahren aber weder nach kantonalem
noch nach Bundesrecht vorgesehen (Art. 90 VRG und Art. 110 BGG e contrario; BGE 142 II
49 E. 4.4). Das Gericht hat den Handlungs- und damit Ermessensspielraum, welchen das
Gesetz der Verwaltung einräumt, zu respektieren (BGE 145 I 52 E. 3.6; Urteil des
Bundesgerichts 2C_228/2020 vom 21. Juli 2020 E. 3.3.1). Zu beachten ist, dass die
zulässigen Rügegründe im Zusammenhang mit der Begründungspflicht stehen (vgl. RENÉ
WIEDERKEHR/KASPAR PLÜSS, Praxis des öffentlichen Verfahrensrechts, 2020, N 2577). Die
Rechtsmittelschrift hat u.a. Rechtsbegehren, eine kurz gefasste Darlegung des Sachverhalts
und eine Begründung zu enthalten (Art. 74 Abs. 1 Ziffn. 2 und 3 VRG). In der Begründung der
Verwaltungsgerichtsbeschwerde ist daher darzulegen, inwiefern der angefochtene Entscheid
an einem Mangel leidet. Die Beschwerdebegründung erfordert eine Auseinandersetzung mit
den Erwägungen des angefochtenen Entscheids und beschränkt die Prüfpflicht des
Verwaltungsgerichts. Es sind grundsätzlich nur beanstandete Mängel zu prüfen (sog.
Rügeprinzip). Ausnahmen bestehen aber bei offensichtlichen Mängeln oder dort wo nicht
gerügte Rechtsverletzungen im Zusammenhang mit den Parteivorbringen stehen (vgl. zum
Ganzen mit jeweils weiteren Hinweisen: MARCO DONATSCH, in: Bertschi et al. [Hrsg.],
Kommentar VRG, 3. A., 2014, N 9 ff. zu § 50 VRG/ZH; WIEDERKEHR/PLÜSS, a.a.O., N 2577
und N 2876 f.).
Das Beschwerdeverfahren vor dem Verwaltungsgericht dient mit anderen Worten in erster
Linie der Überprüfung des von der Vorinstanz gefällten Entscheids. Zusätzliche
Beweisabnahmen, Ergänzungen oder Anpassungen des massgeblichen Sachverhalts und
Eingriffe in das vorinstanzliche Ermessen kommen entsprechend nur dort in Frage, wo das
Zustandekommen des angefochtenen Entscheids in tatsächlicher oder rechtlicher Hinsicht
mängelbehaftet war, wobei es – offensichtliche Mängel vorbehalten – grundsätzlich dem
Beschwerdeführer obliegt, diese Mängel hinreichend konkret darzulegen. Insoweit er in seiner
Beschwerdeschrift stellenweise bloss eine alternative, ebenfalls mögliche Sach- und/oder
Rechtsinterpretation schildert, ohne gleichzeitig darzutun, inwiefern diejenige der Vorinstanz
mängelbehaftet ist, ist darauf nicht weiter einzugehen.
8│34
1.3 Massgebliche Verhältnisse
Im Beschwerdeverfahren vor dem Verwaltungsgericht können die Parteien und die Vorinstanz
neue Tatsachen geltend machen und sich auf neue Beweismittel berufen (Art. 91 Abs. 1 VRG).
Soweit sich aus der Natur der Streitsache nichts anderes ergibt, sind für die Beurteilung der
Verwaltungsgerichtsbeschwerde aber die tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse im Zeit-
punkt des angefochtenen Entscheides, hier somit dem 29. Juni 2021, massgebend (Art. 92
VRG).
Der Beschwerdeführer legt – nebst dem angefochtenen Entscheid (BF-Bel. 1) – mit seiner
Beschwerde neue Urkundenbeweise auf (BF-Bel. 2-6). Er beantragt zudem eine Parteibefra-
gung sowie ein Sachverständigengutachten. Darauf wird nachfolgend, wo es jeweils relevant
sein wird, noch einzugehen sein.
1.4 Rechtliches Gehör
1.4.1 Begründungspflicht
Der Beschwerdeführer rügt verschiedentlich eine Verletzung der Begründungspflicht im
angefochtenen Beschluss. Er beanstandet diesbezüglich – mindestens soweit dies aus den
Ausführungen ersichtlich wird – die Interessenabwägung gemäss Art. 63 Aug (sic!) bzw. Art.
8 EMRK, die Verhältnismässigkeitsprüfung im Rahmen von Art. 8 EMRK bzw. Art. 96 AIG, die
Auseinandersetzung mit den «Akten, [der] Rechtslage und die Einwände und Vorbringen des
Beschwerdeführers» entweder als fehlend oder nicht nachvollziehbar begründet (Beschwerde
Ziff. 20 S. 23). Damit verkennt der Beschwerdeführer Sinn und Tragweite der dem rechtlichen
Gehör (Art. 39 Abs. 1 VRG; Art. 29 Abs. 2 BV) entspringenden Begründungspflicht. Die
Verpflichtung der Behörde, ihren Entscheid zu begründen, verlangt nicht, dass diese sich mit
allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen
ausdrücklich widerlegt; vielmehr genügt es, wenn der Entscheid gegebenenfalls sachgerecht
angefochten werden kann. Die Begründung muss kurz die wesentlichen Überlegungen
nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt
(BGE 142 III 433 E. 4.3.2). Solches war gegenständlich augenscheinlich der Fall: Die
Vorinstanz hat im angefochtenen Entscheid dargelegt, welche Standpunkte vom
Beschwerdeführer und der Erstinstanz vertreten wurden (Ziff. 2.2.1) bzw. auf welchen
rechtlichen und tatsächlichen Grundlagen der Entscheid beruhte (Ziffn. 2.2.2 und 2.2.3).
Ebenso stellte sie ausführlich die öffentlichen und privaten Interessen fest (Ziffn. 2.3.2 und
2.3.3), die sie in der Folge auch gegeneinander abwog (Ziff. 2.3.4). Der Frage der
Vereinbarkeit des Eingriffs in das Recht auf Familienleben gemäss Art. 8 Ziff. 1 EMRK
9│34
widmete sich die Vorinstanz in der Ziff. 2.4. Dass sie dabei im Wesentlichen auf ihre
Interessenfestsetzung und -abwägung an anderer Stelle verwies, schadet nicht. Inwiefern
Rügen des Beschwerdeführers oder andere wesentliche Punkte unberücksichtigt geblieben
sind bzw. keine sachgerechte Anfechtung möglich gewesen wäre, erschliesst sich nicht.
Unzutreffend ist auch der Vorwurf, dass die Vorinstanz ihre Begründungspflicht verletzt habe,
indem sie in falscher Anwendung von Art. 92 VRG zu Unrecht auf die tatsächliche Situation im
Zeitpunkt des erstinstanzlichen Entscheids (5. Mai 2020) abgestellt habe (Beschwerde
Ziff. 18.1 S. 15 oben), insbesondere die tatsächlichen Erkenntnisse des Gutachtens B._ vom
5. Februar 2021 und die darin geäusserte Diagnose der schweren paranoiden Schizophrenie
nicht beachtet habe. Diese Behauptung steht in einem offensichtlichen Widerspruch zum an-
gefochtenen Entscheid: Die Vorinstanz hat sich in ihrem Entscheid vom 29. Juni 2021 mit den
tatsächlichen Entwicklungen seit dem erstinstanzlichen Entscheid auseinandergesetzt. Na-
mentlich ist sie auf das neue Gutachten vom Februar 2021 eingegangen, hat aktualisierte Ver-
laufsberichte aus dem Massnahmenvollzug eingeholt und diese gewürdigt.
Die Beschwerde ist – mindestens insoweit der Beschwerdeführer eine Verletzung der Begrün-
dungspflicht moniert – offenkundig unbegründet.
1.4.2 Persönliche Befragung
Der Beschwerdeführer rügt sinngemäss, dass er nicht angehört wurde und beantragt eine
Parteibefragung im Sinne von Art. 49 Abs. 1 Ziff. 2 VRG. Dem Beschwerdeführer stand es im
Rahmen des rechtlichen Gehörs im erst- und vorinstanzlichen Verfahren mehrfach offen, seine
Sachverhaltsauffassung darzulegen und Beweisanträge zu stellen, was er namentlich in der
Stellungnahme zum beabsichtigten Widerruf der Niederlassungsbewilligung vom 7. Mai 2018
(VI-act. BF1-A-7), der Beantwortung von Fragen vom 17. Januar 2020 (VI-act. BF1-A-8), der
Verwaltungsbeschwerde vom 26. Mai 2020 (VI-act. BF1-A), der Replik vom 26. August 2020
(VI-act. BF1-B) und den Stellungnahmen vom 19. Februar und 18. Juni 2021 (VI-act. BF1-E
und BF1-G) auch tat. Eine Parteibefragung beantragte der – dabei durchwegs anwaltlich ver-
tretene – Beschwerdeführer bei diesen Gelegenheiten nicht. Auch die Behörden erachteten
aufgrund der schriftlichen Eingaben und der übrigen Beweismittel eine zusätzliche persönliche
Befragung des Beschwerdeführers offensichtlich als nicht notwendig, wobei der Beschwerde-
führer hier nicht darlegt, inwiefern diese antizipierte Beweiswürdigung mit Blick auf die der
Vorinstanz zur Verfügung stehenden Beweismittel unzulässig war. Insbesondere hat ihn die
kantonale Migrationsbehörde auf dem Schriftweg Fragen zu seinen persönlichen und familiä-
ren Verhältnissen, Sprachkenntnissen sowie seiner Gesundheitssituation und Beziehung zum
10│34
Heimatstaat gestellt, welche der Beschwerdeführer am 17. Januar 2020 ausführlich beantwor-
tete (vgl. VI-act. BF1-A-8). Der neue Beweisantrag wird lediglich in pauschaler Weise damit
begründet, dass «[d]as Gericht im vorliegenden Fall aufgrund der Umstände [...] verpflichtet
[sei], sich ausnahmsweise ein persönliches Bild des Beschwerdeführers zu machen, um eine
wirksame Prognosebeurteilung und damit verbundene Verhältnismässigkeitsprüfung vorneh-
men zu können» (amtl. Bel. 1 [Verwaltungsgerichtsbeschwerde] Ziff. 14.2 S. 11). Eine wirk-
same Prognosebeurteilung und Verhältnismässigkeitsprüfung ist vorliegend aber bereits auf-
grund der umfangreichen Akten möglich, eine persönliche Anhörung durch das Gericht ist nicht
angezeigt.
2. Übersicht
Der Beschwerdeführer beanstandet den Widerruf der Niederlassungsbewilligung, wobei er ei-
nerseits die Sachverhaltsfeststellungen bzw. eine fehlerhafte Beweiswürdigung, andererseits
die rechtliche Würdigung rügt (E. 4). Ebenso ist er mit der vorinstanzlichen Kostenfestsetzung
nicht einverstanden (E. 5).
3. Rechtliches
3.1
Die zuständige Behörde kann eine Niederlassungsbewilligung widerrufen, wenn die Auslän-
derin oder der Ausländer zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde oder gegen
sie eine strafrechtliche Massnahme im Sinne der Art. 59–61 oder 64 StGB angeordnet wurde
(Art. 62 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 63 Abs. 1 lit. a AIG). Dies ist grundsätzlich auch bei Niederlas-
sungsberechtigten der zweiten Ausländergeneration (sog. Secondos) möglich (etwa: Urteil des
Bundesgerichts 5C_589/2021 vom 20. September 2021 E. 4.1), indes ist diesfalls aufgrund
des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes eine grosse Zurückhaltung geboten (MARC SPE-
SCHA/ANTONIA KERLAND/PETER BOLZLI, Handbuch zum Migrationsrecht, 3. A., 2015, S. 280).
3.2
Liegt ein Widerrufsgrund vor, ist noch zu prüfen, ob die Massnahme verhältnismässig ist (vgl.
Art. 96 Abs. 1 AIG). Der Widerruf der Niederlassungsbewilligung und die damit verbundene
Wegweisung (vgl. Art. 64 Abs. 1 lit. c AIG) müssen verhältnismässig sein. Dabei sind sowohl
im Rahmen von Art. 96 AIG als auch von Art. 8 Ziff. 2 EMRK bzw. Art. 13 BV folgende Ele-
mente zu gewichten und gegeneinander abzuwägen: (1) die Art und Schwere der begangenen
Straftat und ob sie als Jugendlicher oder Erwachsener verübt wurde; (2) die Aufenthaltsdauer
11│34
des Betroffenen im Land; (3) die Nationalität der verschiedenen Beteiligten; (4) der seit der Tat
vergangene Zeitraum; (5) das Verhalten des Ausländers während diesem; (6) die familiäre
Situation des Betroffenen, die Dauer seiner Ehe und andere Hinweise auf die Qualität des
Ehelebens; (7) ob der Ehepartner bei Eingehung der Beziehung Kenntnis von der Straftat
hatte; (8) ob aus der Beziehung Kinder hervorgegangen sind und gegebenenfalls deren Alter;
(9) auf welche Schwierigkeiten der Partner und die Kinder bei einer Ausreise in die Heimat des
Betroffenen stossen würden; (10) die sozialen, kulturellen und familiären Bindungen zum Auf-
nahmestaat und zum Herkunftsland; (11) der Gesundheitszustand des Betroffenen und seiner
Angehörigen; (12) die mit der aufenthaltsbeendenden Massnahme verbundene Dauer der
Fernhaltung sowie (13) allgemein die dem Betroffenen und seiner Familie drohenden Nach-
teile bei einer Ausreise in den Heimat- oder in einen Drittstaat. Keines dieser Elemente ist für
sich allein ausschlaggebend; erforderlich ist eine Würdigung bzw. Gewichtung der gesamten
Umstände im Einzelfall. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts sind umso strengere
Anforderungen an eine fremdenpolizeiliche Massnahme zu stellen, je länger eine ausländische
Person in der Schweiz anwesend war. Die Niederlassungsbewilligung einer ausländischen
Person, die sich schon seit langer Zeit hier aufhält, soll nur mit besonderer Zurückhaltung wi-
derrufen werden; allerdings ist dies bei wiederholter bzw. schwerer Straffälligkeit selbst dann
nicht ausgeschlossen, wenn sie hier geboren ist und ihr ganzes bisheriges Leben im Land
verbracht hat (Urteil des Bundesgerichts 2C_589/2021 vom 20. September 2021 E. 4.3 Recht-
sprechungshinweisen). Zu ergänzen ist, dass Art. 8 EMRK praxisgemäss keinen Anspruch auf
Einreise oder Aufenthalt oder auf einen Aufenthaltstitel verschafft. Der EGMR anerkennt das
Recht der Staaten, die Einwanderung und den Aufenthalt von Nicht-Staatsangehörigen auf
ihrem Territorium zu regeln. Die Staaten sind berechtigt, Delinquenten auszuweisen; berührt
die Ausweisung indes Gewährleistungen von Art. 8 Ziff. 1 EMRK, sind die Voraussetzungen
von Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu prüfen. Erforderlich ist zunächst, dass die aufenthaltsbeendende
oder -verweigernde Massnahme gesetzlich vorgesehen ist, einem legitimen Zweck im Sinne
von Art. 8 Ziff. 2 EMRK entspricht (Schutz der nationalen oder öffentlichen Sicherheit, Auf-
rechterhaltung der Ordnung, Verhütung von Straftaten etc.) und verhältnismässig ist (BGE 146
IV 105 E. 4.2). Die Konvention verlangt, dass die individuellen Interessen an der Erteilung bzw.
am Erhalt des Anwesenheitsrechts und der öffentlichen Interessen an dessen Verweigerung
sorgfältig gegeneinander abgewogen werden (Art. 8 Ziff. 2 EMRK). Das Recht nach Art. 8 Ziff.
1 EMRK gilt – auch in seiner verfahrensrechtlichen Tragweite – als verletzt, wenn keine um-
fassende, faire Interessenabwägung erfolgt, obwohl die intakten, engen persönlichen und fa-
miliären Beziehungen der Familienmitglieder nicht problemlos andernorts gelebt werden kön-
nen (Urteil des Bundesgerichts 2C_136/2017 vom 20. November 2017 E. 3.1 m.w.H.).
12│34
3.3
Ausgangspunkt für das migrationsrechtliche Verschulden ist die vom Strafgericht ausgespro-
chene Strafe (Urteil des Bundesgerichts 2C_589/2021 vom 20. September 2021 E. 4.4). Da
das Strafgericht bei der Strafzumessung auch schuldherabsetzende Umstände berücksichtigt,
ist weitgehend auf die Würdigung des Verschuldens im Strafurteil abzustellen (SILVIA HUNZI-
KER, in: Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Aus-
länder [AuG], 2010, N 11 zu Art. 63 AuG).
3.4
Das Wohl eines Jugendlichen oder eines jungen Erwachsenen und dessen Wiedereingliede-
rungschancen, die gefährdet erscheinen, wenn die familiären und sozialen Banden aufgelöst
werden und er im Aufnahmestaat seine Wurzeln verliert, sind bei der Interessenabwägung
jeweils von besonderem, aber nicht allein ausschlaggebendem Gewicht, falls den Jugendli-
chen oder den jungen Erwachsenen mit seinem Heimatstaat nicht mehr verbindet als lediglich
(noch) seine reine (weitgehend nicht mehr gelebte) Staatsbürgerschaft. Handelt es sich bei
den begangenen Straftaten jedoch um Gewaltdelikte, so vermag das öffentliche Interesse an
einer Ausreise des Straftäters, je nach Gewichtung der übrigen, ebenfalls bei der Interessen-
abwägung zu berücksichtigenden Elemente, dessen privates Interesse an einem Verbleib im
Aufnahmestaat zu überwiegen. Selbst eine einmalige Straftat kann eine aufenthaltsbeen-
dende Massnahme rechtfertigen, wenn die Rechtsgutsverletzung schwer wiegt (Urteil des
Bundesgerichts 2C_896/2014 vom 25. April 2015 E. 2.3 m.w.H.).
4. Widerruf der Niederlassungsbewilligung
4.1 Widerrufsgrund
Unstreitig ist, dass im Falle des Beschwerdeführers ein Widerrufsgrund nach Art. 63 Abs. 1
lit. a AIG i.V.m. Art. 62 lit. b AIG vorliegt, nachdem er durch das Obergericht mit Urteil vom
4. Oktober 2017 wegen sexueller Nötigung sowie mehrfachen Exhibitionismus u.a. zu einer
Freiheitsstrafe von 54 Monaten verurteilt wurde. Damit noch zu prüfen – und gerügt – ist die
Frage der Verhältnismässigkeit des Widerrufs.
4.2 Angefochtener Entscheid
4.2.1 Sachverhalt
Die Vorinstanz stellte für seinen Entscheid auf die folgende Tatsachengrundlage (Ziff. 2.2.3)
13│34
ab:
« 2.2.3.1 Persönliche Beziehungen
Der Beschwerdeführer wurde am 9. Januar 1997 in der Schweiz, als Staatsangehöriger von Sri
Lanka, geboren. Bis zum Jahr 2003 war sein ausländerrechtlicher Status derjenige eines vorläu-
fig Aufgenommenen. Im September 2003 wurde ihm die Aufenthaltsbewilligung B erteilt und seit
September 2013 verfügt er über eine Niederlassungsbewilligung C. Nach der Schule hat er ein
Brückenangebot angenommen und anschliessend eine Lehre als Automobilassistent begonnen.
Diese hat er jedoch nach ca. 6 Monaten wieder abgebrochen. Gemäss Aussagen des Beschwer-
deführers vom 20. Januar 2020 sowie vom 26. Mai 2020 seien seine Verwandten grösstenteils
in der Schweiz und auf der Welt zerstreut. Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen würden eben-
falls in der Schweiz und in Deutschland leben. Lediglich einzelne entfernte Verwandte würden in
Sri Lanka leben. Er hätte jedoch zu diesen keinen Kontakt. Er wisse von der Grossmutter väter-
licherseits, diese lebe jedoch mittlerweile in Kanada. Die einzige Person sei seine Grossmutter
mütterlicherseits gewesen, welche jedoch mittlerweile bereits verstorben sei. Im Jahr 2005 oder
2006 hätte er mit seiner Familie für drei bis vier Wochen sein Heimatland besucht. Er sei nur ein
einziges Mal in Sri Lanka gewesen. Er hätte keine Verbindungen zum Heimatland seiner Eltern.
Die einzige Verbindung zu Sri Lanka bestehe darin, dass es sich dabei um das Heimatland seiner
Eltern handle. Schweizerdeutsch sei seine Hauptsprache. Seine Eltern würden mit ihm tamilisch
sprechen, wobei er jedoch nicht alles verstehe. Seine mündlichen Kenntnisse würden nicht über
den Sprachgebrauch eines familiären Alltags hinausgehen. Er könne einzelne Wörter, nicht je-
doch Textzusammenhänge lesen. Seine Fähigkeiten tamilisch zu schreiben seien ebenfalls sehr
bescheiden. Ebenfalls spreche und verstehe er die offizielle Landessprache "singhalesisch"
nicht.
2.2.3.2 Urteil des Obergerichts des Kantons Nidwalden
Mit Urteil des Obergerichts des Kantons Nidwalden vom 4. Oktober 2017 wurde er wegen sexu-
eller Nötigung und des Exhibitionismus zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Mona-
ten sowie einer Geldstrafe von 110 Tagessätzen zu je Fr. 10.00 verurteilt. Das Obergericht hielt
fest, dass die Gewalt in ihrer Intensität ein Ausmass angenommen habe, welches über das bloss
strafbegründende Element des Tatbestandes der sexuellen Nötigung hinausgehe. Die Gewalt-
einwirkungen seien daher erheblich verschuldenserhöhend zu berücksichtigen. Am 24. März
2016 trat er den vorzeitigen Strafvollzug an. Seit dem 25. Juli 2017 befindet er sich in einem
gelockerten Massnahmenvollzug im Z._. Der Strafvollzug wurde somit zu Gunsten des Mass-
nahmenvollzugs aufgehoben. Im Sinne von Art. 61 StGB wurde er in eine Einrichtung für junge
14│34
Erwachsenen eingewiesen. Der Beschwerdeführer befindet sich dort in Ausbildung zum Schrei-
ner EBA. Ebenso hat er regelmässigen Ausgang und besuchte seine Familie in X._ und das
nahegelegene Y._.
2.2.3.3 Verlaufsberichte des Z._
Aus dem Verlaufsbericht des Z._ vom 18. Oktober 2018 ist ersichtlich, dass beim Beschwerde-
führer wiederholt hätte kriseninterveniert werden müssen. Es hätte einerseits Vorfälle von Gewalt
oder angedrohter Gewalt gegeben, andererseits seien aber auch sexualisierte Verhaltensweisen
oder gedankliche Absorbiertheit betroffen. Im Zuge der aktuellsten Befunderhebung müsse der
Verdacht auf eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis geprüft werden, auch wenn
bisherige Akten keine Hinweise darauf liefern würden (BF1-A-11). Gemäss Verlaufsbericht vom
18. Oktober 2019 hätte der Beschwerdeführer Entwicklungsfortschritte erzielen können. Das Ri-
siko sei jedoch immer noch auf moderat bis deutlichem Niveau. Es werde auch wichtig sein, dass
sich der Beschwerdeführer weiterhin der psychiatrisch-psychologischen Behandlung unterziehe.
Gegenüber dem letzten Berichtszeitraum hätte nicht mehr aufgrund von Vorfällen von Gewalt
oder angedrohter Gewalt oder sexualisierter Verhaltensweise kriseninterveniert werden müssen
(BF1-A-10). Im Verlaufsbericht des Z._ vom 7. August 2020 ist festgehalten, dass seit der Lehr-
zeitverlängerung und der zunehmenden Stabilisierung die positiven Verhaltensweisen noch au-
genfälliger seien. Er übernehme Verantwortung, leite mit Freude jüngere Lernende unterstützend
an und entwickle bei den Arbeitsaufträgen einen zunehmenden positiven Selbstwert. Im Team
falle er durch diese Veränderungen positiv auf und benötige keine kindlichen Verhaltensmuster
mehr (BF1-B-2). Seit sich [der Beschwerdeführer] im Einzelstatus befinde, sprich Ausgänge ohne
Begleitung absolvieren könne, hätte er häufig Ausgänge in das Haus seiner Eltern unternommen.
Zudem hätte er an verschiedenen Aktivitäten teilgenommen, welche von Seiten Wohngruppe
angeboten würden. Er hätte auch Begeisterung in der Ausübung eines Hobbys gefunden. Nach
den Sommerferien würde er wieder an der Fussball-Freizeit-Gruppe teilnehmen können. Das er-
mögliche ihm, neue Kontakte zu knüpfen, was wiederum seine soziale Wiedereingliederung er-
leichtern und die sozialen Defizite im Beziehungsverhalten verbessern soll. Seine Familie sei zu
den Besuchszeiten oft anwesend, um ihn zu begleiten und zu unterstützen. Sie würden ebenfalls
eine konstante Ressource und vermeintlicher Rückhalt für ihn darstellen. Das Verhalten [des Be-
schwerdeführers] hätte sich deutlich gebessert. Destruktive Verhaltensmuster hätten bearbeitet
und zum Teil aufgelockert werden können. Im genannten Berichtszeitraum hätte es auch keine
Vorfälle von Gewalt, angedrohter Gewalt oder sexualisierter Verhaltensweisen gegeben. Auch
hätten keine krisenbedingten psychiatrischen Interventionen stattgefunden. Ebenfalls ist aus dem
Verlaufsbericht zu entnehmen, dass sich das Risk-Management seit Juli 2018 verbessert hat und
15│34
das aktuelle Risiko für erneute Straftaten im Bereich der beurteilten Zieldelikte von Jahr zu Jahr
minimiert werden konnte. War das aktuelle Risiko im Oktober 2018 noch als "deutlich" und im
Juli 2019 als "moderat bis deutlich" festgelegt, entspricht das aktuelle Risiko Stand Juli 2020
einem "moderaten" Risiko. Dem Kurzbericht des Z._ vom 12. Februar 2021 kann entnommen
werden, dass [der Beschwerdeführer] praktisch das gesamte dritte Semester aufgrund psychiat-
rischer Symptomatik sowie einer nachfolgenden Hospitalisation verpasste. Der Wiedereinstieg
sei im Dezember 2020 erfolgt. In Bezug auf Drogen könne er sich inzwischen sehr gut distanzie-
ren. Sie würden derzeit nicht von einem aktuell erhöhten Risiko gegenüber der Einschätzung vom
Juni 2020 ausgehen, weshalb weitere Vollzugslockerungen (Übernachtungen im familiären Um-
feld und Übertritt in die Aussenwohngruppe) beantragt worden seien: [Der Beschwerdeführer]
hätte über die gesamte Massnahmendauer betrachtet Entwicklungsschritte realisieren können,
welche zudem eine Entlassung im Sommer 2021 mit entsprechenden Auflagen und einer Nach-
sorge ermöglichen würden-(BF-1-E-3).
2.2.3.4 Gutachten
Der Vollzugs- und Bewährungsdienst des Kantons Nidwalden ersuchte um ein weiteres foren-
sisch-psychiatrisches Gutachten. Aus dem Gutachten der C._ von Dr. med. B._ vom 5. Februar
2021 ist zu entnehmen, dass er seit er 16 Jahre ist Cannabis konsumiert (BF1-E-2). Bis auf zwei
Rückfälle im Massnahmezentrum Z._ hätte er aber nicht mehr konsumiert. Seit einem halben
Jahr konsumiere er nicht mehr, was auch die negativen Urinproben bestätigen würden. In einem
forensisch-psychiatrischen Gutachten von Dr. med. D._ vom 1. Februar 2016 sei der Gutachter
zu der Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, emotional-instabilen
und narzisstischen Anteilen sowie einem schädlichen Gebrauch von Cannabis gekommen. Im
Verlauf der Massnahme sei zunehmend der Verdacht auf eine Erkrankung aus dem schizophre-
nen Formenkreis aufgekommen. In den psychiatrischen Aufenthalten in den C._ sowie der E._
Ende 2020 sei die Diagnose einer paranoiden Schizophrenie gestellt worden und es hätte eine
antipsychotische Depotmedikation begonnen. Hierunter sei die psychotische Symptomatik deut-
lich regredient gewesen. Im Rahmen des Gutachtens sei auch eine Fremdanamnese durch den
behandelnden Psychologen eingeholt worden, welche besage, dass es eine deutliche Verbesse-
rung des psychopathischen Zustandsbildes unter der begonnenen Depotmedikation gegeben
habe. Der Explorand stehe kurz vor dem Abschluss zum Schreiner (EBA) und wolle gerne wieder
zu seinen Eltern zurück. Das Gutachten kam zum Schluss, dass [beim Beschwerdeführer] eine
paranoide Schizophrenie in schwerem Ausmass vorliege. Die Behandlung der festgestellten psy-
chischen Störung setze sich zusammen aus einer antipsychotischen Medikation sowie einer be-
gleitenden Psychotherapie. Eine solche regelmässige antipsychotische Medikation sowie eine
16│34
begleitende Psychotherapie mit Bearbeitung der antisozialen Einstellungen bei gleichzeitiger
Drogenabstinenz würden eine Rückfallwahrscheinlichkeit sehr wohl deutlich zu verringern ver-
mögen. In diesem Zusammenhang hält das Gutachten fest, dass das Opfer zufällig ausgewählt
worden sei. Insgesamt sei von einer niedrigen Rückfallwahrscheinlichkeit auszugehen. In der
Zusammenschau sei nach Ablauf der aktuellen Massnahme am ehesten ein weiteres engma-
schiges ambulantes Setting mit einer deliktorientierten Psychotherapie (vor allem die Bearbeitung
der dissozialen und narzisstischen Persönlichkeitseigenschaften sollten hier im Vordergrund ste-
hen), eine regelmässige antipsychotische Depotmedikation und Urinkontrollen zu empfehlen.
2.2.3.5 Stellungnahme Vorinstanz betreffend Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
Die Vorinstanz reichte am 25. Mai 2021 ihre Parteiauskunft zu den Fragen rund um den Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers sowie zu aktuellen und zukünftigen Behandlungs-möglich-
keiten ein. Sie führt aus, dass sich ihre Ausführungen auf vom SEM (Staatssekretariat für Migra-
tion) zur Verfügung gestellte medizinische Consultings in ähnlich gelagerten Fällen stützen wür-
den, welche sich ihrerseits auf Quellen aus internen Datenbanken mit länderspezifischen Infor-
mationen stützen würden. Zur medizinischen Versorgung führt sie folgendes aus: Das Bundes-
gericht würde in einem neuen Entscheid (2C_74612020 vom 4. März 2021 E. 2.3.5) festhalten,
dass es in Sri Lanka 23 Spitäler mit psychiatrischen Abteilungen für die stationäre Behandlung
sowie mehr als 300 Kliniken zur ambulanten Behandlung psychisch kranker Patienten gebe. Im
öffentlichen Sektor sei in den Spitälern und in den ambulanten Behandlungsstellen die medizini-
sche Behandlung kostenlos verfügbar. Es sei jedoch möglich, dass trotzdem gewisse Dienstleis-
tungen aus eigener Tasche bezahlt werden müssten. Ambulante psychiatrische Behandlungen
seien im öffentlichen Jaffna Teaching Hospital oder im privaten Northern Central Hospital in
Jaffna möglich. Stationäre und/oder auch eine zwangsweise Einweisung in private Einrichtungen
sei möglich. Im Privatsektor müssten die Behandlungskosten von den Patienten aus eigener Ta-
sche sowie im Voraus bezahlt werden. Betreffend Behandlungsmöglichkeiten hält sie fest, dass
der Wirkstoff Paliperidon, welcher in der aktuellen Depotmedikation mit Xeplion vorhanden sei,
sowohl als Depot-Injektion als auch in Tablettenform in den privaten Apotheken City Medicals
oder City Medical Care in Jaffna auf eigene Kosten erhältlich seien. In Colombo sei eine psychi-
atrische Behandlung im privaten Lanka Hospital oder in der psychiatrischen Abteilung des öffent-
lichen National Hospital of Sri Lanka möglich. Batticaloa verfüge über ein staatliches Teaching
Hospital mit einer psychiatrischen Akutabteilung. Diese könne sowohl die ambulanten Konsulta-
tionen als auch allenfalls nötig werdende stationäre Aufenthalte sicherstellen. Zudem würden im
Distrikt Batticaloa zahlreiche sogenannte Mental Health Clinics, die als Erstansprechpartner fun-
17│34
gieren würden und auch eine Medikamentenabgabe sicherstellen könnten, bestehen. Selbstver-
ständlich sei im Falle eines rechtskräftigen Wegweisungsentscheids und des damit verbundenen
bevorstehenden Vollzugs ein medizinisches Consulting für den Beschwerdeführer und eine sorg-
fältige Planung des Vollzugs durchzuführen. In diesem Zusammenhang sei eine ärztliche Beglei-
tung auf dem Flug sowie allenfalls eine Kontaktaufnahme mit Spezialisten im Heimatland zu prü-
fen. Es könne festgehalten werden, dass die medizinische Versorgung von Personen mit Schi-
zophrenie in Sri Lanka als gewährleistet zu beurteilen sei.
2.2.3.6 Beweisauskunft Vollzugs- und Bewährungsdienst
Der Vollzugs- und Bewährungsdienst des Kantons Nidwalden führte in seiner Stellungnahme
vom 21. Mai 2021 aus, dass mit Verfügung vom 19. Juli 2017 der vorzeitige Massnahmenvollzug
bewilligt worden sei. Unter Berücksichtigung der vierjährigen Höchstfrist berechne sich das Ende
der laufenden Massnahme auf den 18. Juli 2021. Die Strafvollzugsbehörde werde dem Kantons-
gericht Nidwalden einen Antrag auf Umwandlung der laufenden Massnahme in eine stationäre
therapeutische Massnahme nach Art. 59 StGB stellen. Der mit einer stationären therapeutischen
Massnahme verbundene Freiheitsentzug betrage in der Regel höchstens fünf Jahre, wobei diese
Massnahme gerichtlich verlängerbar sei.»
4.2.2 Öffentliches Interesse
Die Vorinstanz hat zusammengefasst erwogen, dass das Verschulden des Beschwerdefüh-
rers im Urteil des Obergerichts vom 4. Oktober 2017 hinsichtlich der Anlasstat der sexuellen
Nötigung als mittelschwer bezeichnet worden sei. Der Beschwerdeführer habe gemäss Urteil
einen «intensiven verbrecherischen Willen zum Ausdruck» gebracht. Zudem habe er sich rund
einen Monat nach dieser Tat vor zwei Frauen entblösst, weshalb er diesbezüglich im selben
Urteil auch wegen Exhibitionismus verurteilt worden sei. Das Verschulden des Beschwerde-
führers stufte die Vorinstanz entsprechend als schwer ein und sah das öffentliche Interesse,
insbesondere die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, am Widerruf der Nie-
derlassungsbewilligung als hoch an. Es sei zu berücksichtigen, dass hochwertige Rechtsgüter
verletzt worden seien, welche seit dem 1. Oktober 2016 gemäss dem hier noch nicht anwend-
baren Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB gar eine obligatorische Landesverweisung nach sich gezogen
hätten. Hinzu komme, dass die Opfer zufällig ausgewählt worden seien, was ebenfalls für eine
erhöhte Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung spreche. Eine Rückfallgefahr sei
gemäss Gutachten zwar gering, aber ebenfalls nicht zu verneinen. Zusammengefasst sei auf-
grund der Art und Schwere des begangenen Delikts von einem schweren ausländerrechtlichen
Verschulden auszugehen, wobei auch das ausgesprochene Strafmass von 4.5 Jahren als
18│34
hoch anzusehen sei. Die Straftat im damaligen Kontext zeuge von einer sehr deutlichen
Gleichgültigkeit gegenüber Gesetzen und der öffentlichen Ordnung, weshalb ein grosses öf-
fentliches Interesse am Widerruf der Niederlassungsbewilligung bestehe. Daran vermöge
auch nichts zu ändern, dass der Beschwerdeführer im Tatzeitpunkt erst 18-jährig gewesen sei
und somit als junger Erwachsener gegolten habe. Ebenfalls nicht von entscheidender Bedeu-
tung sei, dass er im Massnahmenvollzug Fortschritte erzielt und sich das sicherheitspolizeili-
che Interesse an der Beendigung des Aufenthalts in den letzten Jahren seit dem Antritt des
Massnahmenvollzugs abgeschwächt habe.
4.2.3 Privates Interesse
Im Wesentlichen erkannte die Vorinstanz hinsichtlich dem privaten Interesse des Beschwer-
deführers, dass der Beschwerdeführer im Jahr 1997 in der Schweiz geboren worden sei und
sein ganzes Leben in der Schweiz verbracht habe. Der Beschwerdeführer habe hier die Schule
durchlaufen, beherrsche die deutsche Sprache einwandfrei. Er umgebe sich mit einheimischen
Jugendlichen und habe – bis auf seine Familie – fast gar keinen Kontakt mit Landsleuten sei-
nes Herkunftslandes. Seine engsten familiären Bezugspersonen (Eltern und Bruder), welche
ihn auch während des Massnahmenvollzugs unterstützen, würden sich ebenfalls in der
Schweiz aufhalten. Während des Massnahmenvollzugs absolviere er eine Lehre als Schreiner
EBA. Seine mündlichen Kenntnisse der tamilischen Sprache würden nicht über den Sprach-
gebrauch des familiären Alltags hinausgehen. Die offizielle Landessprache «singhalesisch»
spreche er ebenfalls nicht; er kenne die Schriftzeichen und könne einzelne Wörter lesen, ohne
aber die Textzusammenhänge zu verstehen. Er sei lediglich im Alter von acht oder neun Jah-
ren mit seinen Eltern ferienhalber für etwa drei oder vier Wochen dort gewesen. Er habe nur
sehr wenig Verwandte in Sri Lanka. Weder kenne er deren Verwandtschaftsgrad noch wisse
er, wo diese wohnten. Seine Eltern hätten Kontakt zu diesen, er jedoch nicht.
In medizinischer Hinsicht leide der Beschwerdeführer an einer paranoiden Schizophrenie
schweren Ausmasses. Die Behandlung setze sich zusammen aus einer antipsychotischen
Medikation sowie einer begleitenden Psychotherapie. Er sei gesundheitlich angeschlagen und
könne nach eigener Auffassung in Sri Lanka nicht angemessen behandelt werden.
Die Vorinstanz schliesst daraus zusammengefasst ein grosses privates Interesse des Be-
schwerdeführers am Verbleib in der Schweiz. Eine Wegweisung zurück in sein Heimatland
würde in Anbetracht der Tatsache, dass er in der Schweiz aufgewachsen sei, keine Beziehun-
gen zu Leuten in Sri Lanka pflegt und gesundheitlich sehr angeschlagen sei, einen groben
Einschnitt in dessen private Interessen darstellen.
19│34
4.2.4 Interessenabwägung
In ihrer Interessenabwägung erwog die Vorinstanz im Wesentlichen, dass sowohl die öffentli-
chen Interessen an einer Wegweisung wie auch die privaten Interessen am Verbleib in der
Schweiz gross seien. Nach einer wiederholten Darlegung des öffentlichen Interesses (vgl.
vorne) hält die Vorinstanz dem Beschwerdeführer zugute, dass er im Massnahmenvollzug eine
Schreinerlehre absolviere, um nach Beendigung des Vollzugs auch beruflich auf eigenen Bei-
nen zu stehen. Fakt sei aber, dass aufgrund der Vorgeschichte und Gesundheit nicht sicher-
gestellt sei, dass er mit diesem Abschluss auch tatsächlich finanziell für sich selbst sorgen
könne.
Bei der Interessenabwägung sei zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer ein Auslän-
der zweiter Generation sei und damit nicht der gleiche Massstab anwendbar sei, damit m.a.W.
eine Wegweisung nur mit Zurückhaltung anzuordnen sei. Der Darlegung des Beschwerdefüh-
rers, wonach seine einzige Verbindung zum Heimatland seine Staatsbürgerschaft sei, sei ent-
gegenzuhalten, dass er wenige Verwandte in Sri Lanka habe, zu welchen seine Eltern Kontakt
pflegen würden. Auch spreche er mit seinen Eltern tamilisch und diese würden die tamilische
Kultur leben. Die Landessprache sei ihm nicht gänzlich unbekannt und dem Umstand, dass er
sich in Sri Lanka nicht auskenne, werde durch die Auflage Rechnung getragen, wonach die
kantonale Migrationsbehörde die medizinischen Einrichtungen zu dokumentieren habe. Hier-
durch sei ihm eine Eingliederung ermöglicht.
Im Hinblick auf seinen Gesundheitszustand (paranoide Schizophrenie mit schwerem Aus-
mass) erwägt die Vorinstanz, dass dieser ein massgeblicher Grund für das starke private In-
teresse an einem Verbleib in der Schweiz darstelle. Die Behandlung erfolge mittels einer anti-
psychotischen Medikation sowie einer begleitenden Psychotherapie. Gemäss Abklärungen
der kantonalen Migrationsbehörde (VI-act. VI1-E) gebe es in Sri Lanka 23 Spitäler mit psychi-
atrischen Abteilungen für die stationäre Behandlung sowie mehr als 300 Kliniken zur ambu-
lanten Behandlung psychisch kranker Patienten. Im öffentlichen Sektor seien in den Spitälern
und in den ambulanten Behandlungsstellen die medizinische Behandlung kostenlos verfügbar,
wobei möglich sei, dass trotzdem gewisse Dienstleistungen aus eigener Tasche bezahlt wer-
den müssten. Ambulante psychiatrische Behandlungen seien im öffentlichen Jaffna Teaching
Hospital oder im privaten Northern Central Hospital in Jaffna möglich. Stationäre und/oder
auch eine zwangsweise Einweisung in private Einrichtungen sei möglich. Im Privatsektor
müssten die Behandlungskosten von den Patienten selbst im Voraus bezahlt werden. Zu den
Behandlungsmöglichkeiten halte die kantonale Migrationsbehörde fest, dass der Wirkstoff
20│34
Paliperidon, welcher in der aktuellen Depotmedikation mit Xeplion vorhanden sei, sowohl als
Depot-Injektion als auch in Tablettenform in den privaten Apotheken City Medicals oder City
Medical Care in Jaffna auf eigene Kosten erhältlich sei. In Colombo sei eine psychiatrische
Behandlung im privaten Lanka Hospital oder in der psychiatrischen Abteilung des öffentlichen
National Hospital of Sri Lanka möglich. Batticaloa verfüge über ein staatliches Teaching Hos-
pital mit einer psychiatrischen Akutabteilung. Diese könne sowohl die ambulanten Konsultati-
onen als auch allenfalls nötig werdende stationäre Aufenthalte sicherstellen. Zudem würden
im Distrikt Batticaloa zahlreiche sogenannte Mental Health Clinics, die als Erstansprechpartner
fungieren würden und auch eine Medikamentenabgabe sicherstellten, bestehen. Entgegen der
Auffassung des Beschwerdeführers sei eine ausreichende – was genüge – medizinische Ver-
sorgung seines Gesundheitsleidens in Sri Lanka damit sichergestellt und im öffentlichen Sek-
tor auch grundsätzlich kostenlos. Trotz der mit der Rückweisung regelmässig verbundenen
Schwere würde hier das öffentliche Interesse entsprechend die – aufgrund der auch in seinem
Heimatland sichergestellten, angemessenen Versorgung seines Gesundheitsleidens ge-
schmälerten – privaten Interessen des Beschwerdeführers überwiegen.
4.2.5 Recht auf Familienleben (Art. 8 EMRK)
Die Vorinstanz hat erwogen, dass sich der Beschwerdeführer als Ausländer zweiter Genera-
tion grundsätzlich auf den Schutzbereich von Art. 8 EMRK berufen könne. Beim Beschwerde-
führer bestehe aufgrund seiner Vorgeschichte und insbesondere aufgrund seines Gesund-
heitszustands eine besondere Abhängigkeit respektive Bindung zu seiner Familie (Eltern und
Bruder), weshalb vorliegend der Schutzbereich betroffen sei. Im Ergebnis erweise sich der
Eingriff in diesen aber als zulässig, wobei die Vorinstanz auf ihre Feststellungen zu den hier
relevanten öffentlichen und privaten Interessen sowie deren Abwägung im Zusammenhang
mit der Beurteilung der Zulässigkeit des Widerrufs verweist.
4.3 Rügen
4.3.1
Der Beschwerdeführer bemängelt die vorinstanzliche Feststellung und Würdigung des öffent-
lichen Interesses. Er sei erstmals im Februar 2021 korrekt diagnostiziert (paranoide Schizo-
phrenie schweren Ausmasses) worden. Die Wertung der Symptomatik als Persönlichkeitsstö-
rung, welche dem Strafurteil vom 4. Oktober 2017 zugrunde gelegen habe, sei falsch gewe-
sen. Grundsätzlich würde für das Strafurteil demnach ein Revisionsgrund bestehen. Aufgrund
21│34
der falschen Diagnose habe das Strafgericht fälschlicherweise volle Schuldfähigkeit angenom-
men, es sei in unzutreffender Weise von einer Tatmehrheit ausgegangen, das Strafmass sei
zu hoch ausgefallen und die angeordnete Massnahme sei unsachgemäss gewesen. Es sei
m.a.W. nicht auf die Würdigung des Strafgerichts abzustellen. Aufgrund der falschen Diagnose
sei er bis anhin auch nicht adäquat behandelt worden und habe sich darum nicht bewähren
können. Eine Rückfallgefahr sowie die Gefahr einer konkreten auch künftigen Gefährdung der
öffentlichen Ordnung und Sicherheit bestehe nicht.
Das vom Beschwerdeführer angesprochene Urteil des Obergerichts des Kantons Nidwalden
vom 4. Oktober 2017 ist rechtskräftig und damit verbindlich. Eine Abänderung eines allfällig
unrichtigen Strafurteils wäre mittels strafprozessualer Revision (vgl. Art. 410 ff. StPO) zu er-
wirken (gewesen). Das Strafurteil und die darin vorgesehene Sanktionierung bzw. die Straf-
barkeit des Beschwerdeführers für das Delikt – damit auch die Bejahung der vollen Schuldfä-
higkeit und die Beurteilung der (fehlenden) Tateinheit – ist im migrationsrechtlichen Verfahren
nicht neu zu prüfen. Vielmehr hatten die Vorinstanzen von der Tat-, d.h. Schuld- und Strafwür-
digung des Obergerichts auszugehen. Das Strafgericht hatte den Beschwerdeführer schuldig
gesprochen und verurteilt, was die Bejahung von dessen Schuldfähigkeit (und damit auch der
Steuerungsfähigkeit [vgl. Art. 19 Abs. 1 StGB]) voraussetzte. Die Vorinstanz (und das Verwal-
tungsgericht) ist an diese Tat- bzw. Täterbeurteilung gebunden. Dass sich die Krankheit des
Beschwerdeführers fortgebildet hat und er nun aktuell an einer schweren Schizophrenie leidet,
vermag die damalige Rechtsgutsverletzung bzw. die Tat- und Täterumstände entsprechend
nicht zu marginalisieren oder in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.
Zu ergänzen ist, dass das damalige Strafurteil – in psychiatrischer Hinsicht – auf dem Gutach-
ten vom 1. Februar 2016 von Psychiater Dr. med. D._ basierte. Dieser diagnostizierte eine
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, emotional-instabilen und narzisstischen
Anteilen sowie einen schädlichen Gebrauch von Cannabis. Zutreffend ist, dass im Gutachten
der C._ von Dr. med. B._ vom 5. Februar 2021 anders die Diagnose der schweren parano-
iden Schizophrenie gestellt wird. Selbst Gutachter B._ hält aber explizit fest, dass sich aus
der angepassten Diagnose mit Blick auf die Straftat keine veränderte Bewertung der Einsichts-
oder Steuerfähigkeit ergebe (vgl. VI-act. BF1-E-2 S. 13 unten). Mit seiner Rüge verkennt der
Beschwerdeführer damit Inhalt und Aussage des neuen Gutachtens. Dieses Gutachten beruht
auf keinen neuen, bis anhin unbekannten Befunden. Gutachter B._ ordnet lediglich die bereits
bekannte psychische Problematik aufgrund der zwischenzeitlichen Entwicklung des Gesund-
heitszustands diagnostisch neu ein. Daraus folgt indes weder, dass das vormalige Strafurteil
auf einer materiell falschen Grundlage beruhte und ein Revisionsgrund vorläge, noch, dass
22│34
die medizinische Behandlung respektive Betreuung bis zur neuen Diagnosestellung im Feb-
ruar 2021 inadäquat gewesen wäre und sich der Beschwerdeführer darum nicht hätte bewäh-
ren können. Die entsprechende (pauschale) Behauptung des Beschwerdeführers findet weder
im Gutachten B._ noch anderweitig in den Akten Stütze. Vielmehr verhält es sich so, dass
sowohl schizophrene (F20-F29) – worunter die aktuelle Diagnose fällt – wie auch Persönlich-
keits- und Verhaltensstörungen (F60-69) – worunter die damalige Diagnose fiel – im gängigen
Klassifikationssystem ICD-10 den psychischen und Verhaltensstörungen (F00-F99) zugeord-
net werden. Während schizophrene Störungen im Allgemeinen durch grundlegende und cha-
rakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte
Affekte gekennzeichnet sind, zeichnen sich letztere in erster Linie durch normabweichende
Verhaltensmuster im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen aus.
Eine Schizophrenie im Prodromalstadium, d.h. im Vorläuferstadium – m.a.W. sich erst andeu-
tungsweise zeigend –, unterscheidet sich nicht grundlegend vom Krankheitsbild einer kombi-
nierten Persönlichkeitsstörung. Auch die Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten (Anti-Psy-
chotika, nicht-medikamentöse Psycho- und Sozialtherapien) sind vergleichbar, unabhängig
davon, ob das Krankheitsbild des Beschwerdeführers formal-medizinisch nun als eine Schizo-
phrenie im Prodromalstadium oder als eine kombinierte Persönlichkeitsstörung klassifiziert
wird.
4.3.2
Der Beschwerdeführer äussert sich verschiedentlich hinsichtlich seines Gesundheitszustands.
Soweit dies aus den wortreichen Ausführungen ersichtlich ist, rügt er im Wesentlichen Folgen-
des: Sein Gesundheitszustand sei noch «variabel», d.h. er könne derzeit noch nicht abschlies-
send beurteilt werden, was auch eine Beurteilung der Rückfallgefahr und damit die Verhältnis-
mässigkeitsprüfung ausschliesse. «Dass die Vorinstanz zudem und trotz der Feststellung des
Gutachtens, dass eine niedrige Rückfallgefahr bestehe, zum Schluss kommt, dass diese be-
stehe, [sei] stossend und rechtsmissbräuchlich» (Beschwerde Ziff. 18.3 S. 17 oben). Die Rück-
fallgefahr könne aktuell noch nicht beurteilt werden. Schliesslich lasse die Vorinstanz ausser
Acht, dass er bis anhin – obwohl anlässlich bewilligter Ausgänge im Massnahmenvollzug die
Möglichkeit bestanden hätte – nicht rückfällig geworden sei. Weiter sei auch noch nicht klar,
wie es strafmassnahmerechtlich weitergehe, insbesondere ob seine derzeitige Massnahme in
eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB umgewandelt werde.
Hier sei zwar der Beschluss SK 21 5 des Kantonsgerichts Nidwalden vom 12. Juli 2021 be-
treffend nachträgliche Entscheide nach Art. 363 ff. StPO (Aufhebung der Massnahme für junge
Erwachsene und Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme nach Art. 59
23│34
StGB) ergangen, welcher aber noch nicht rechtskräftig sei. Schlussendlich könne über die
Wegweisung erst dann entschieden werden, wenn die Krankheit wirksam behandelt sei. Der
Gesundheitszustand sei aktuell aber noch nicht klar beurteilbar. Dies hänge namentlich auch
damit zusammen, dass die korrekte Diagnose erst im Februar 2021 gestellt worden und er
darum bis dato auch nicht adäquat behandelt worden sei. In diesem Zusammenhang beantragt
er in beweisrechtlicher Hinsicht zudem, dass beim fallführenden Psychologen sowie der zu-
ständigen Konziliarpsychiaterin neue Berichte betreffend seinen aktuellen Gesundheitszu-
stand einzuholen seien.
Hier massgeblich ist – bezogen auf den Zeitpunkt des angefochtenen Entscheids (vorne
E. 1.3) – der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers, wie seine Beschwerden angemes-
sen behandelt werden können, ob die medizinische Versorgung im Heimatstaat gewährleistet
ist (dies alles das private Verbleibeinteresse betreffend) sowie die Wahrscheinlichkeit einer
Redelinquenz (dies das öffentliche Wegweisungsinteresse betreffend). Die ausländerrechtli-
che Statusbeurteilung stellt auf eine Momentaufnahme ab und setzt keinen stationären, medi-
zinischen Endzustand des Betroffenen voraus; Abweichendes ergibt sich aus den gesetzlichen
Voraussetzungen des Bewilligungswiderrufs nicht (vgl. vorne E. 3). Die Vorinstanz stützte sich
für die Beurteilung des Gesundheitszustandes und der Rückfallgefahr im Wesentlichen auf
das Gutachten B._ sowie diverse Verlaufs- bzw. Kurzberichte des Z._ vom 18. Oktober 2018
(VI-act. BF1-A-11), 18. Oktober 2019 (VI-act. BF1-A-10), 7. August 2020 (BF1-B-2) und
12. Februar 2021 (VI-act. BF1-E-3) ab. Das Gutachten B._ erscheint schlüssig und ist nach-
vollziehbar begründet. Es ist in sich widerspruchsfrei und es bestehen keine Indizien gegen
dessen Zuverlässigkeit, womit ihm Beweiswert zukommt (vgl. für die Kriterien analog die sozi-
alversicherungsrechtliche Rechtsprechung: BGE 125 V 351 E. 3b/ee). Der Gutachter nahm
eine Rückfallprognose vor und kam zum Schluss, dass eine – wenn auch geringe Rückfallge-
fahr – bestehe (vgl. zum Ganzen: VI-act. BF1-E-2 S. 14 ff.). Das Gutachten B._ steht auch
im Einklang mit dem vom Beschwerdeführer hier aufgelegten Arztbericht der Psychiaterin Dr.
med. F._ vom 7. Mai 2021, worin im Wesentlichen bloss die bekannten Befunde und Diag-
nosen wiederholt werden (BF-Bel. 6). Unter Mitberücksichtigung der Berichte des Massnah-
mezentrums, aus welchen sich der Behandlungsverlauf herauslesen lässt, existierte damit
eine Aktengrundlage, welche eine nachvollziehbare Beurteilung des im Juni 2021 aktuellen
Gesundheits- und Behandlungszustands des Beschwerdeführers und damit der Rückfallge-
fahr sowie die Vornahme der Verhältnismässigkeitsprüfung – im Mindesten soweit dies hier
überhaupt Thema ist – zuliess. Es besteht damit auch keine Veranlassung für die vom Be-
24│34
schwerdeführer beantragte Einholung von neuen Berichten betreffend seinen aktuellen Ge-
sundheitszustand beim fallführenden Psychologen sowie der zuständigen Konziliarpsychiate-
rin. Wie sich gezeigt hat, war und ist der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers im Juni
2021 aufgrund der vorliegenden Beweismittel beurteilungsreif. Insbesondere gestützt auf das
Gutachten B._ liess sich die Rückfallgefahr für den relevanten Zeitpunkt somit sehr wohl ein-
schätzen. Auch die behandelnden Ärzte des Z._ halten im vom Beschwerdeführer hier ins
Recht gelegten Kurzbericht vom 3. Mai 2021 fest, dass sie von einer im Vergleich zum Juli
2020 unveränderten Rückfallgefahr ausgehen (BF-Bel. 4). Der Beschwerdeführer wurde im
Mai 2021 in der geschlossenen Abteilung untergebracht, wobei aufgrund des klinischen Zu-
standsbildes keine Vollzugslockerungen gewährt werden konnten (BF-Bel. 5). Dass der Mas-
snahmenvollzug hiervon abgesehen bisher grossmehrheitlich positiv verlief, wurde von der
Vorinstanz berücksichtigt, nachdem dies auch in die gutachterliche Einschätzung eingeflossen
war (vgl. VI-act. BF1-E-2 S. 17 unten, S. 25). Dieser Umstand ist aber ohnehin insofern zu
relativieren, als dass der Beschwerdeführer im Massnahmenvollzug fachlich betreut sowie
überwacht war. Dass er sich unter diesen Voraussetzungen im Rahmen einzelner Heimgänge
zu seiner Familie bewährt hat, ist entsprechend keine allzu übermässige Bedeutung beizu-
messen. Zusammenfassend ist nicht nachvollziehbar, inwiefern es bei dieser Ausgangslage
«stossend und rechtsmissbräuchlich» ist, dass die Vorinstanz eine – wenn auch geringe –
Rückfallgefahr bejahte. Vielmehr ist diese Schlussfolgerung vertretbar. Zu bedenken ist dabei,
dass die Anforderungen an die Rückfallgefahr und das Sicherheitsrisiko, das ausländerrecht-
lich noch hingenommen werden kann, umso niedriger anzusetzen sind, je schwerer die zur
Diskussion stehende Rechtsgüterverletzung und die Umstände der Tat wiegen (Urteil des
Bundesgerichts 2C_573/2018 vom 1. Februar 2019 E. 3.3.2). Nachdem dem Beschwerdefüh-
rer die Straftat einer sexuellen Nötigung, unter Anwendung massiver Gewalt bei schwerem
Verschulden, vorzuwerfen ist, mithin eine erhebliche Rechtsgüterverletzung, darf vorliegend
selbst eine sehr geringe Rückfallgefahr ins Gewicht fallen.
Ebenso ist ohne Relevanz, ob die angeordnete Sanktion, sei es eine Massnahme oder eine
Strafe, bereits vollständig vollzogen worden ist. Straf- und Ausländerrecht verfolgen unter-
schiedliche Ziele und sind unabhängig voneinander anzuwenden. Der Straf- und Massnah-
menvollzug hat nebst der Sicherheitsfunktion eine resozialisierende bzw. therapeutische Ziel-
setzung; für die Fremdenpolizeibehörden steht demgegenüber das Interesse der öffentlichen
Ordnung und Sicherheit im Vordergrund, woraus sich ein im Vergleich mit den Straf- und Straf-
vollzugsbehörden strengerer Beurteilungsmassstab ergibt. Mangels direkter Interdependenz
25│34
ist mit dem ausländerrechtlichen Entscheid nicht bis zum Ende des Straf- oder Massnahmen-
vollzugs zuzuwarten (BGE 137 II 233 E. 5.2-5.4; MARIANNE HEER, in: Niggli/Wiprächtiger
[Hrsg.], BSK-StGB I, 3. A., 2013, N 37k zu Art. 56 StGB). Eine weitergehende Auseinander-
setzung mit dem (ohnehin nicht rechtskräftigen, da vom Beschwerdeführer an die Rechtsmit-
telinstanz weitergezogenen) Beschluss des Strafmassnahmegerichts betreffend die nachträg-
liche Anordnung einer stationären Behandlung (Art. 59 StGB; BF-Bel. 3) – sowie den Gründen
die dazu geführt haben (BF-Bel. 2) – erübrigt sich damit.
4.3.3
Der Beschwerdeführer moniert im Weiteren, dass die Vorinstanz seine privaten Bleibeinteres-
sen falsch gewürdigt habe. Er sei in der Schweiz aufgewachsen und habe keinen Bezug zu
Sri Lanka. «[D]ie Vorinstanz [konstruiere] auf ziemlich abenteuerliche Weise, dass sich der
Beschwerdeführer in Sri Lanka gut werde integrieren können. Diese Annahmen [seien] schlicht
unhaltbar». Er sei in Sri Lanka auf Integrationshilfe angewiesen. Die Würdigung betreffend
Behandlungsmöglichkeiten erscheine zudem absolut willkürlich. Es könne nicht angehen,
dass gestützt auf die Parteiauskunft der kantonalen Migrationsbehörde vom 25. Mai 2021 an-
genommen werde, dass die medizinische Versorgung von Personen mit Schizophrenie schwe-
ren Ausmasses in Sri Lanka gewährleistet sei. Diese stütze bloss auf eine sehr allgemein ver-
fasste Country Policy Note sowie ein Bundesgerichtsurteil, welches nichts über die zur Verfü-
gung stehende Gesundheitsversorgung aussage, ab (zum Ganzen: Beschwerde Ziff. 18.4
S. 19 f.).
Einleitend ist festzustellen, dass die Vorinstanz ein erhebliches privates Verbleibeinteresse
des Beschwerdeführers anerkannt (vgl. vorne E. 4.2.3) und in der Interessenabwägung be-
rücksichtigt hat (vgl. vorne E. 4.2.4). Namentlich ist sie – was auch den Erläuterungen des
Beschwerdeführers entspricht – davon ausgegangen, dass er stark mit der Schweiz, wo er
aufgewachsen ist, verbunden ist und nur rudimentärste Bezugspunkte zu seinem Heimatland
Sri Lanka und der dortigen Sprache sowie Kultur hat. Sie schloss aber, dass diese rudimentä-
ren Bezugspunkte (entfernte ortsansässige Verwandtschaft, Grundkenntnisse Sprache und
Kultur) eine Eingliederung grundsätzlich ermöglichten. Indes stellte sich die Vorinstanz nir-
gends auf den Standpunkt, dass eine gute Integration möglich sei beziehungsweise diese ein-
fach sein werde. Solches ist mitunter aber auch nicht erforderlich, womit die beschwerdefüh-
rerische Rüge ins Leere zielt. Ähnliches gilt hinsichtlich der Rüge betreffend die Feststellungen
zu den Behandlungsmöglichkeiten in Sri Lanka: Die kantonale Migrationsbehörde hat in ihrer
Parteiauskunft vom 25. Mai 2021 (VI-act. VI1-E) dargelegt, welche Behandlungsmöglichkeiten
26│34
in Sri Lanka existieren. Sie stützte ihre Auskunft auf Angaben des Staatsekretariats für Migra-
tion (SEM) sowie öffentliche zugängliche Quellen, wobei sie als Beispiel für letztere eine
Country Policy Note aufführte. Sie zitierte zudem das Bundesgericht, welches in einem neuen
Entscheid ebenfalls festgestellt hatte, dass es in Sri Lanka 23 Spitäler mit psychiatrischen
Abteilungen für die stationäre Behandlung sowie mehr als 300 Kliniken zur ambulanten Be-
handlung psychisch kranker Patienten gebe (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_746/2020 vom
4. März 2021 E. 2.3.4). Die Vorinstanz stellte für ihre Würdigung auf diese Auskunft ab. Der
Beschwerdeführer kritisiert diese Feststellungen zu den medizinischen Behandlungsmöglich-
keiten zwar nun pauschal als unzutreffend, legt aber nicht ansatzweise dar, inwiefern diese
tatsächlich falsch wären. Unzutreffend ist nach Gesagtem auch, dass die Parteiauskunft der
kantonalen Migrationsbehörde einzig auf einer allgemein verfassten Country Police Note ba-
sierte – diese diente lediglich als Beispiel für die neben den Angaben des SEM zusätzlich
verwendeten, öffentlich zugänglichen Quellen –, noch, dass im zitierten Bundesgerichtsent-
scheid keine Rede von den Behandlungsmöglichkeiten für psychische Erkrankungen in Sri
Lanka sei. Die Vorinstanz durfte gestützt auf die Parteiauskunft der kantonalen Migrationsbe-
hörde willkürfrei davon ausgehen, dass das Leiden des Beschwerdeführers auch in Sri Lanka
in hinreichender Weise behandelt werden kann. Die Würdigung des privaten Verbleibeinteres-
ses ist nicht zu beanstanden.
4.3.4
Die von der Vorinstanz vorgenommene Interessenabwägung bezeichnet der Beschwerdefüh-
rer schlussendlich als willkürlich und nicht gesetzeskonform. Es sei nicht erkennbar, weshalb
das öffentliche Wegweisungsinteresse sein eigenes am Verbleiben übersteige (zum Ganzen:
Beschwerde Ziff. 18.5 S. 20 f.).
Der Rüge des Beschwerdeführers ist entgegenzuhalten, dass die Vorinstanz die relevanten
Interessen darlegte und sowohl das private Verbleibeinteresse wie auch das öffentliche Weg-
weisungsinteresse als hoch einstufte. Bei der Abwägung der Interessen erwog sie indes, dass
das hohe private Verbleibeinteresse in starkem Masse durch den Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers bedingt sei. Dieser könne jedoch auch in Sri Lanka ausreichend behandelt
werden, womit auch das private Verbleibeinteresse in gewissem Masse relativiert werde. Ent-
sprechend gelangte die Vorinstanz zum Schluss, dass das hohe Wegweisungsinteresse das
zu relativierende private Verbleibeinteresse überwiege. Sie berücksichtigte dabei, dass der
Beschwerdeführer ein Ausländer zweiter Generation sowie jungen Alters ist und dessen fami-
27│34
liäre Bindungen, erachtete das öffentliche Interesse aber trotzdem als überwiegend. Die Wer-
tung der Vorinstanz mag zwar nicht mit derjenigen des Beschwerdeführers kongruent sein, ist
aber weder willkürlich noch wider die gesetzlichen Grundlagen.
4.3.5
Ebenso wird eine Verletzung von Art. 8 EMRK gerügt. Die Vorinstanz habe zwar zurecht er-
kannt, dass vorliegend der Schutzbereich des Rechts auf Privat- und Familienlebens nach
Art. 8 EMRK betroffen sei. Sie habe den Eingriff jedoch fälschlicherweise als verhältnismässig
und damit zulässig beurteilt. Er sei aufgrund seiner Krankheit abhängig von der Fürsorge und
Unterstützung seiner Familie. Im Wesentlichen wirft der Beschwerdeführer der Vorinstanz je-
doch vor, nicht auf seine Argumente eingegangen zu sein, keine Interessenabwägung vorge-
nommen und damit sein rechtliches Gehör verletzt zu haben.
Soweit der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit der vorinstanzlichen Prüfung von Art. 8
EMRK das Fehlen einer Abwägung moniert, ist an die Ausführungen zur Begründungspflicht
zu erinnern (vgl. E. 1.4.1). Diese schliesst nicht aus, dass in der Begründung Verweise ver-
wendet werden, sofern trotzdem eine sachgerechte Anfechtung möglich bleibt und die wesent-
lichen Überlegungen erkennbar sind. Solches ist hier der Fall: Der Vorinstanz ist nämlich bei-
zupflichten, wenn sie ausführt, dass sowohl Art. 8 EMRK wie auch die Widerrufsprüfung vor-
liegend eine Abwägung derselben öffentlichen und privaten Interessen erforderte und deshalb
bei der Prüfung nach Art. 8 EMRK (RRB Nr. 383 E. 2.4.3) auf die bereits an anderer Stelle
vorgenommene Verhältnismässigkeitsprüfung (RRB Nr. 383 E. 2.3) verwiesen werden konnte.
In dieser wurden denn auch die hier vom Beschwerdeführer zu seinen Gunsten genannten
Umstände (Bindung zu Eltern und Bruder) berücksichtigt und gewürdigt. Die Wegweisung ist
demnach auch mit Art. 8 EMRK vereinbar.
4.4 Zwischenfazit
Der Beschwerdeführer vermag zusammenfassend nichts vorzubringen, was eine Abweichung
von der Würdigung gemäss dem angefochtenen Beschluss des Regierungsrates Nr. 383
rechtfertigen würde. Es ist in Übernahme der vorinstanzlichen Erwägungen festzuhalten, dass
aus sicherheitspolizeilichen Gründen ein erhebliches Interesse an der Beendigung des Auf-
enthaltsrechts des Beschwerdeführers besteht. Entgegen der Auffassung des Beschwerde-
führers ist dieses Interesse weder gering noch aktuell nicht bestimmbar (vgl. E. 4.2.2). Weiter
ist mit der Vorinstanz einig zu gehen, dass das private Interesse an einem Verbleib in der
Schweiz ebenfalls hoch ist, namentlich aufgrund des starken Bezugs zur Schweiz, dem wenig
28│34
ausgeprägten Bezug zum Heimatstaat Sri Lanka sowie dem Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers. Wie die Vorinstanz zutreffend erwägt, wird das private Interesse aber in ge-
wisser Hinsicht relativiert, da einerseits – wenn auch marginale – Bezugspunkte bestehen, er
etwa die Grundzüge einer im Heimatstaat gesprochenen Sprache beherrscht und ihm die dort
gelebte Kultur nicht unbekannt ist, andererseits sein gesundheitliches Leiden in Sri Lanka hin-
reichend medizinisch versorgt werden kann (vgl. E. 4.2.3). Damit ist auch die von der Vo-
rinstanz vorgenommene Interessenabwägung zu Gunsten eines Widerrufs in bestätigender
Weise zu übernehmen (vgl. E. 4.2.4). Ebenfalls nicht zu beanstanden und zu übernehmen ist,
dass die Vorinstanz aus denselben Überlegungen die Vereinbarkeit des Widerrufs mit Art. 8
EMRK bejahte (vgl. E. 4.2.5).
Immerhin ist zuzugestehen, dass mit der Beurteilung des Falles des Beschwerdeführers eine
ausserordentliche Härte verbunden ist und der Entscheid aus der Sicht des Beschwerdefüh-
rers als sehr restriktiv erscheinen mag. Die gesetzlichen Grundlagen und die darauf gestützte
ausländerrechtliche Rechtsprechung (vgl. vorne E. 3) schliesst eine restriktive Handhabung
von Fällen, wie demjenigen des Beschwerdeführers, indes nicht aus. Soweit und solange sich
die Migrationsbehörden innerhalb dieser definierten rechtlichen Rahmenbedingungen bewe-
gen, steht ihnen ein erhebliches Einzelfallermessen zu. Diese (zulässigen) Ermessensaus-
übung beziehungsweise Rechtsanwendung ist nicht leichtfertig, ohne gewichtigen Grund
durch die Rechtsmittelbehörden zu übersteuern. Hier besteht konkret – wie sich gezeigt hat
(vgl. vorne E. 4.3.1-4.3.4) – keine Veranlassung korrigierend in das Handeln der zuständigen
Fachbehörden einzugreifen.
5.
5.1
Der Beschwerdeführer rügt zudem die Entschädigungsfestsetzung vor Vorinstanz. Diese hat
die Honorarforderung seiner unentgeltlichen Rechtsvertreterin in Höhe von Fr. 11'039.25 auf
Fr. 7'571.30 gekürzt. Im vorliegenden Verfahren macht der Beschwerdeführer nun geltend, der
von seiner Rechtsvertreterin geltend gemachte Betrag sei «klar gerechtfertigt». Sie habe das
Mandat erst nach Erhalt der Verfügung der Erstinstanz vom 5. Mai 2020 übernommen und
habe den Beschwerdeführer weder im Rahmen des Strafverfahrens noch im Rahmen des
Verfahrens vor der Erstinstanz vertreten, weshalb erhebliche Zeit für das Studium der Akten
und (persönliche) Gespräche mit dem Beschwerdeführer sowie den Fachmitarbeitern des Z._
notwendig gewesen seien. Die ihr unbekannten Vorakten seien umfangreich und die rechtli-
29│34
chen Verhältnisse anspruchsvoll gewesen, was einen aussergewöhnlichen Zeitaufwand erfor-
dert habe. Die Vorinstanz führe nicht aus, welche Aufwendungen der Rechtsvertreterin sie als
nicht gerechtfertigt erachte.
5.2
Eine natürliche Person hat Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege, wenn sie nicht über die
erforderlichen Mittel verfügt und ihr Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 124
Abs. 1 VRG). Ziel der unentgeltlichen Rechtspflege ist es, eine gewisse Waffengleichheit zu
gewährleisten; jeder Betroffene soll grundsätzlich ohne Rücksicht auf seine finanzielle Situa-
tion unter den von der Rechtsprechung umschriebenen Voraussetzungen Zugang zum Gericht
und Anspruch auf Vertretung durch einen Rechtskundigen haben (BGE 131 I 350 E. 3.1). Un-
terliegt die unentgeltlich prozessführende Partei wird die unentgeltliche Rechtsbeiständin oder
der unentgeltliche Rechtsbeistand vom Kanton angemessen entschädigt (Art. 124e Abs. 1
Ziff. 1 VRG). Die Anwaltskosten werden von der urteilenden Instanz festgesetzt, wobei das
Honorar je Stunde Fr. 220.– beträgt (Art. 38 Abs. 1 und 2 Prozesskostengesetz [PKoG;
NG 261.2]). Im verwaltungsinternen Rechtsmittelverfahren beträgt das ordentliche Honorar
Fr. 400.– bis Fr. 6'000.– (Art. 46 PKoG).
Das Honorar entschädigt die Anwältin oder den Anwalt für die Verrichtungen, die unmittelbar
mit der berufsmässigen Vertretung oder Verbeiständung der Parteien im [gerichtlichen] Ver-
fahren zusammenhängen, namentlich für die Instruktion, das Studium der Akten, die Abklä-
rung von Rechtsfragen, die Vergleichsverhandlungen, die ordentlichen Rechtsschriften und
die Teilnahme an den Gerichtsverhandlungen (Art. 32 Abs. 1 PKoG). Die Prozesskostenge-
setzgebung gibt den zulässigen Entschädigungsrahmen für das verwaltungsinterne Rechts-
mittelverfahren in verbindlicher Weise vor (vgl. Art. 46 PKoG vorne). Gleiches gilt für die Zu-
schläge (vgl. Art. 50 PKoG). Das Honorar wird nur dort – ausnahmsweise – nach dem tatsäch-
lichen Zeitaufwand bemessen, wo zwischen dem Arbeitsaufwand und den vorgegebenen Rah-
men ein Missverhältnis besteht (vgl. Art. 34 Abs. 1 PKoG). Dieses Konzept ist auch mit den
verfassungsrechtlichen Vorgaben, namentlich Art. 29 Abs. 3 BV vereinbar. Garantiert ist nicht
eine volle bzw. bei privater Bestellung übliche, sondern nur eine angemessene Entschädigung
(WIEDERKEHR/PLÜSS, a.a.O., N 844-846 mit Rechtsprechungshinweisen). Entschädigungs-
pflichtig sind jene Bemühungen, die in einem kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der
Rechte im Verfahren stehen, und die notwendig und verhältnismässig sind. Das Honorar muss
allerdings so festgesetzt werden, dass der unentgeltlichen Rechtsvertretung ein Handlungs-
spielraum verbleibt und sie das Mandat wirksam ausüben kann (für das Strafverfahren: BGE
30│34
141 I 124 E. 3.1). Es ist verfassungsrechtlich im Übrigen zulässig, für das Anwaltshonorar
Pauschalen vorzusehen. Pauschalen nach Rahmentarifen erweisen sich einzig dann als ver-
fassungswidrig, wenn sie auf die konkreten Verhältnisse in keiner Weise Rücksicht nehmen
und im Einzelfall ausserhalb jedes vernünftigen Verhältnisses zu den vom amtlichen Anwalt
geleisteten Diensten stehen (E. 4.3).
5.3
Die Vorinstanz hatte erwogen, dass gemäss Art. 46 PKoG im verwaltungsinternen Rechtsmit-
telverfahren das ordentliche Honorar Fr. 400.– bis Fr. 6'000.– betrage. Die (unentgeltliche)
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers habe indes mit Schreiben vom 24. Juni 2021 einen
Zeitaufwand von 46 Stunden bzw. ein Honorar von Fr. 11'039.25 einschliesslich Auslagen und
Mehrwertsteuer geltend gemacht. Zwar bewege sich der geforderte Betrag über dem gesetz-
lichen Honorarrahmen. Vorliegend habe das Verfahren jedoch auch mehr Zeit in Anspruch
genommen, da nach dem Schluss des Rechtsschriftenwechsels noch ein Gutachten und dies-
bezügliche Stellungnahmen eingegangen seien. Unter Berücksichtigung der erheblichen Ak-
tenfülle und insbesondere aufgrund der Stellungnahmen, welche über den Schluss des
Rechtsschriftenwechsels hinausgingen, rechtfertige sich eine Erhöhung des ordentlichen Rah-
mens gemäss Art. 50 Abs. 1 Ziff. 2 PKoG um 15% auf Fr. 6'900.–. Entsprechend setzte die
Vorinstanz das Honorar für das verwaltungsinterne Rechtsmittelverfahren auf Fr. 7'571.30
(Honorar Fr. 6'900.–; Auslagen Fr. 130.–; MwSt. Fr. 541.30) fest.
Auf die Honorarfestsetzung und die dieser zugrundeliegenden Begründung kann in bestäti-
gender Weise verwiesen werden. Dem Fall ist – entgegen dem, was der Beschwerdeführer
geltend macht – im Vergleich zu anderen verwaltungsinternen Rechtsmittelverfahren, insbe-
sondere das Ausländerrecht betreffende, keine besondere, ausserordentliche tatsächliche
oder rechtliche Komplexität zu attestieren. Vielmehr galt es die üblichen, sich in diesem Zu-
sammenhang stellenden Fragen beziehungsweise das übliche Prüfschema zu beurteilen. Ent-
sprechend ist nicht von einem Missverhältnis zwischen dem (objektiv erforderlichen) Arbeits-
aufwand und den vorgegebenen Honorarrahmen auszugehen, womit eine Entschädigung
nach dem Zeitaufwand gemäss Art. 34 Abs. 1 PKoG ausser Betracht fällt. Dem Umstand, dass
die unentgeltliche Rechtsbeiständin neu mit dem Mandat betraut war und sie sich erst durch
Gespräche mit ihrem Klienten sowie Aktenstudium damit hat vertraut machen müssen, hat die
Vorinstanz durch die vollständige Ausschöpfung und Erhöhung des ordentlichen Honorarrah-
mens um 15 Prozent mehr als hinreichend Rechnung getragen. Dabei ist auch nicht zu bean-
31│34
standen, dass sich die Vorinstanz bei dieser Honorarfestsetzung nicht mit einzelnen Aufwand-
posten auseinandergesetzt hat, sondern – in Nachachtung der massgeblichen Bestimmungen
des anwendbaren Prozesskostenrechts – den Aufwand als Gesamtes, mit einer pauschalisie-
renden Komponente, würdigte. Der Beschwerdeführer vermag keine besonderen Umstände
vorzubringen, welche eine weitergehende Erhöhung rechtfertigen würden. Die Interessenwah-
rung des Beschwerdeführers ist im Rahmen des zugesprochenen Honorars ohne weiteres
möglich gewesen, womit die Beschwerde auch in diesem Punkt unbegründet ist.
6.
Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde vom 26. August 2021 ist somit unbegründet und vollum-
fänglich abzuweisen.
7.
7.1
Die Kosten des Verwaltungsverfahrens umfassen die amtlichen Kosten (Gebühren und Aus-
lagen) sowie die Parteientschädigung (Art. 115 VRG). Die Festlegung der amtlichen Kosten
sowie der Parteientschädigung im Verfahren vor dem Verwaltungsgericht richtet sich nach
dem Prozesskostengesetz (Art. 116 Abs. 3 VRG).
7.2
Die Partei hat die amtlichen Kosten im Rechtsmittelverfahren zu tragen, wenn sie unterliegt,
auf ihr Rechtsmittel nicht eingetreten wurde oder wenn sie das Rechtsmittel zurückgezogen
hat (Art. 122 Abs. 1 VRG). Für das Beschwerdeverfahren vor dem Verwaltungsgericht beträgt
die Gebühr Fr. 100.– bis Fr. 7'000.– (Art. 17 PKoG). Unterliegt die unentgeltlich prozessfüh-
rende Partei, gehen die amtlichen Kosten unter Nachzahlungsvorbehalt zulasten des Kantons
(Art. 124 Abs. 1 Ziff. 2 und Art. 124f VRG).
Die Gerichtsgebühr wird für das Beschwerdeverfahren ermessensweise (Art. 2 Abs. 1 PKoG)
auf Fr. 1'500.– festgesetzt und vollumfänglich dem unterliegenden Beschwerdeführer aufer-
legt. Zufolge Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gehen die amtlichen Kosten einst-
weilen zulasten des Kantons (Art. 124 Abs. 1 Ziff. 2 VRG). Der Beschwerdeführer ist zur Nach-
zahlung verpflichtet, sobald er dazu in der Lage ist (Art. 124f Abs. 1 VRG).
32│34
7.3
7.3.1
Die unterliegende Partei hat im Rechtsmittelverfahren grundsätzlich keinen Parteientschädi-
gungsanspruch (vgl. Art. 123 Abs. 2 VRG e contrario). Ist die unentgeltliche Rechtspflege ge-
währt worden und unterliegt der unentgeltlich Vertretene, wird das Honorar von der urteilenden
Instanz festgesetzt und die unentgeltliche Rechtsbeiständin oder der unentgeltliche Rechts-
beistand vom Kanton angemessen entschädigt (vgl. Art. 124e Abs. 1 Ziff. 1 VRG i.V.m. Art. 39
Abs. 1 PKoG). Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur Nach-
zahlung verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 124f Abs. 1 VRG). Bei berufsmässig
vertretenen Parteien umfassen die Anwaltskosten das Honorar (ordentliches Honorar und Zu-
schläge), die notwendigen Auslagen und die Mehrwertsteuer (Art. 31 Abs. 1 PKoG). Im Be-
schwerdeverfahren vor dem Verwaltungsgericht als Kollegialgericht beträgt das ordentliche
Honorar Fr. 400.– bis Fr. 6'000.– (Art. 47 Abs. 2 PKoG). Wie vorstehend schon ausführt, ent-
schädigt das Honorar die Anwältin oder den Anwalt für die Verrichtungen, die unmittelbar mit
der berufsmässigen Vertretung oder Verbeiständung der Parteien im gerichtlichen Verfahren
zusammenhängen, namentlich für die Instruktion, das Studium der Akten, die Abklärung von
Rechtsfragen, die Vergleichsverhandlungen, die ordentlichen Rechtsschriften und die Teil-
nahme an den Gerichtsverhandlungen (Art. 32 Abs. 1 PKoG). Massgebend für die Festset-
zung des Honorars innerhalb der im Prozesskostengesetz vorgesehenen Mindest- und Höch-
stansätze sind die Bedeutung der Sache für die Partei in persönlicher und wirtschaftlicher Hin-
sicht, die Schwierigkeit der Sache, der Umfang und die Art der Arbeit sowie der Zeitaufwand
(Art. 33 PKoG). Das Honorar des unentgeltlichen Rechtsbeistands beträgt je Stunde Fr. 220.–
(Art. 39 PKoG). Der Anwalt reicht die geltend gemachten Anwaltskosten bei der Behörde ein
(Art. 41 Abs. 1 PKoG).
7.3.2
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin des unterliegenden Beschwerdeführers macht mit Kos-
tennote vom 18. Oktober 2021 Anwaltskosten in der Höhe von Fr. 5'049.35 (Honorar
Fr. 4'638.35 [21.08 Std. à Fr. 220.–]; Auslagen Fr. 50.– [pauschal]; MwSt. Fr. 360.– [7.7%]).
Der effektive bzw. durch die Rechtsvertretung geltend gemachte Zeitaufwand ist indes nur
einer der nach Art. 33 PKoG für die Honorarfestsetzung massgeblichen Faktoren. Mit anderen
Worten ist nicht jeder effektiv betriebene Aufwand, der im Honorarrahmen liegt, per se geneh-
migungsfähig. Hier fand bloss ein einfacher Rechtsschriftenwechsel und weder ein Beweis-
33│34
verfahren noch Verhandlungen statt. Die eingereichte Rechtsschrift (Verwaltungsgerichtsbe-
schwerde) umfasste effektiv 22 Seiten, wovon jedoch rund ein Drittel auf eine neuerliche Schil-
derung des bereits bekannten Sachverhalts entfiel. Im Übrigen hat sich der Beschwerdeführer
im Wesentlichen auf das gleiche bzw. ähnliches Argumentarium wie im vorinstanzlichen Ver-
fahren abgestützt, ohne dass zu verfahrenswesentlichen Noven Stellung zu nehmen gewesen
wäre. Das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht war demnach – trotz des Aktenumfangs –
von überschaubarer tatsächlicher und rechtlicher Komplexität, was die unbestreitbar grosse
Bedeutung der Sache für die Sache Partei relativiert. Das Honorar ist im unteren mittleren
Bereich des hier anwendbaren Honorarrahmens (Fr. 400.– bis Fr. 6'000.–) festzusetzen. Unter
Berücksichtigung der erläuterten Umstände und mit Blick auf vergleichbare Fälle wird das Ho-
norar auf Fr. 3'000.– festgesetzt, inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer. Dies entspricht ei-
nem dem Fall angemessenen Aufwand von rund 12 bis 13 Arbeitsstunden. Die Gerichtskasse
wird angewiesen, die unentgeltliche Rechtsvertreterin mit diesem Betrag zu entschädigen. Der
Beschwerdeführer ist zur Nachzahlung verpflichtet, sobald er dazu in der Lage ist (Art. 124f
Abs. 1 VRG).
34│34