Decision ID: 264f7b58-bb08-59cf-80d1-f4bde2ff39b4
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger aus Libyen – verliess sein
Heimatland eigenen Angaben zufolge am (...) 2019 und gelangte am
16. November 2021 via Malta und Frankreich in die Schweiz, wo er glei-
chentags um Asyl nachsuchte.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am (...) 2019 in Malta und
am (...) 2021 in Frankreich ein Asylgesuch gestellt hatte.
C.
Am 18. November 2021 fand die Personalienaufnahme durch das SEM
statt.
D.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 24. November 2021 gewährte das
SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach
Malta, welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung des Asylge-
suchs zuständig sei. Die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitgliedstaa-
tes wurde vom Beschwerdeführer nicht bestritten. Dieser gab zunächst an,
in Frankreich habe er kein Asylgesuch einreichen, sondern in die Schweiz
kommen wollen. Ferner wolle er nicht nach Malta zurückkehren, da er dort
(...) Monate lang keinen Asylentscheid erhalten habe und in einem Camp
wie in einem Gefängnis gewesen sei. Die dortigen Zustände seien schlimm
gewesen. Es habe keine Medikamente oder Impfungen gegeben, das Es-
sen, die Behandlung durch die Aufseher sowie die Toiletten im Camp seien
sehr schlecht gewesen. Während der Zeit sei (...) verstorben. Einmal habe
es im Camp eine Demonstration gegeben, bei der die Polizei die Demonst-
rierenden, so auch ihn, geschlagen und mit Gummigeschossen auf sie ge-
schossen habe. Dabei sei sein (...) worden. Erst nach (...) Tagen sei er auf
der Krankenstation im Camp behandelt worden. Auch sein Handy sei ihm
entwendet worden. Er habe Depressionen bekommen und zu einer Ärztin
gehen müssen, um sich behandeln zu lassen. Schliesslich habe er einem
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Anwalt Geld gegeben, damit er das Camp habe verlassen, sich ein Haus
mieten und illegal habe arbeiten können. Er habe keine Unterstützung er-
halten. Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, erklärte er insbe-
sondere, es gehe ihm seelisch schlecht, er könne nicht schlafen und habe
Alpträume von Libyen und Malta. Er wünsche sich einen Psychiater.
E.
Am 24. November 2021 ersuchte das SEM die maltesischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO. Diesem Gesuch wurde am 6. Dezember 2021 durch die maltesi-
schen Behörden entsprochen.
F.
Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seines libyschen Reisepasses,
drei medizinische Berichte vom 17. und 19. November 2021 sowie einen
USB-Strick mit drei Videos hinsichtlich der Unterbringung in Malta zu den
Akten.
G.
Mit Verfügung vom 12. Januar 2022 (eröffnet am 21. Januar 2022) trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegweisung
nach Malta sowie den Wegweisungsvollzug, händigte die editionspflichti-
gen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
H.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 27. Januar 2022
beantragte der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter, die Verfü-
gung der Vorinstanz sei aufzuheben, die Vorinstanz sei anzuweisen, auf
sein Asylgesuch einzutreten und sein Asylverfahren in der Schweiz durch-
zuführen, eventualiter sei die Sache zur vollständigen Feststellung des
Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen,
subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen
bezüglich Zugang zum Asylverfahren, adäquater medizinischer Versor-
gung und Unterbringung von den maltesischen Behörden einzuholen. Wei-
ter sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren und die
Vorinstanz sowie die Vollzugsbehörden seien im Rahmen vorsorglicher
Massnahmen anzuweisen, bis zum Entscheid über das vorliegende
Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Schliesslich
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beantragte er die unentgeltliche Prozessführung sowie den Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses.
I.
Am 28. Januar 2022 setzte die zuständige Instruktionsrichterin gestützt auf
Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die vorinstanzlichen
Akten in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer-
deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
BVGE 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
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Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG), zu behandeln.
3.
3.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, das SEM habe den Sachver-
halt unvollständig festgestellt. Die Vorinstanz verkenne, dass die zum Ent-
scheidzeitpunkt aktenkundigen medizinischen Dokumente lediglich eine
Erstdiagnose seines Gesundheitszustands wiedergeben würden. Ferner
fehle im Entscheid eine Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwi-
schen dem auf Malta Erlebten und seiner (...). Er befinde sich in psychiat-
rischer Therapie und eine genaue fachärztliche Diagnose und Behand-
lungsempfehlung stehe noch aus, ebenso eine Beurteilung der möglichen
Folgen einer allfälligen Überstellung nach Malta. In seinem Fall sei eine
sorgfältige Abklärung unausweichlich. Ein Arztbericht werde voraussicht-
lich in den kommenden Wochen eintreffen. Bis dahin könne der medizini-
sche Sachverhalt nicht als erstellt gelten und es könne nicht beurteilt wer-
den, inwiefern mit einer Überstellung eine Verletzung von Art. 3 EMRK ein-
hergehen würde.
3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts kann nach Art. 106 Abs. 1 AsylG gerügt werden. Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten-
widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt
worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid we-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.3 Hierzu ist festzuhalten, dass sich die Vorinstanz mit den dokumentier-
ten gesundheitlichen Problemen des Beschwerdeführers gemäss seinen
Schilderungen und den von seiner Rechtsvertretung eingereichten medizi-
nischen Berichten, unter Bezugnahme auf die geltende Rechtsprechung
zum Dublin-Mitgliedstaat Malta, auseinandergesetzt und festgestellt hat,
der medizinische Sachverhalt sei ausreichend erstellt. Gestützt darauf hat
sie im Hinblick auf eine Überstellung nach Malta dargelegt, es sei nicht
davon auszugehen, die hohe Schwelle für eine drohende Verletzung von
Art. 3 EMRK würde überschritten. Eine medizinische Notlage bei einer
Rückkehr nach Malta könne ausgeschlossen werden, selbst wenn eine
weitere fachärztliche Beurteilung die Diagnose (...) bestätige. Die Vorge-
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hensweise der Vorinstanz ist nicht zu beanstanden, zumal den eingereich-
ten medizinischen Unterlagen sowohl eine ärztliche Diagnose als auch die
empfohlene und in die Wege geleitete Behandlung ([...]) zu entnehmen ist
und gestützt darauf eine Beurteilung einer Überstellung des Beschwerde-
führers erfolgen konnte. Zudem hat der Beschwerdeführer der Vorinstanz
(und dem Gericht) bis auf die Unterlagen vom November 2021 keine wei-
teren medizinischen Berichte vorgelegt und macht auch in der Beschwer-
deschrift keine entsprechenden Sachverhaltsergänzungen, obwohl er sich
seit November 2021 in Therapie befinde. Hinweise dafür, dass an der im
ärztlichen Bericht festgehaltenen Diagnose oder Therapie Zweifel be-
stünden, sind den Akten nicht zu entnehmen. Ferner bemängelt der Be-
schwerdeführer, das SEM habe sich nicht mit dem Zusammenhang des auf
Malta Erlebten und seiner (...) auseinandergesetzt, ohne aber einen sol-
chen selbst darzulegen. Auch zeigt er nicht auf, inwiefern bezüglich seiner
gesundheitlichen Situation eine sorgfältige (weitere) Abklärung unaus-
weichlich sei. Schliesslich hat die Vorinstanz zutreffend darauf hingewie-
sen, dass Malta über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfüge
und der Zugang dazu gewährleistet sei (vgl. dazu nachfolgend) – wie es
dem Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben bekannt ist (vgl. u.a.
SEM-Akte A1115873-11/4 [nachfolgend Akte A11] S. 2). Aus den Akten
geht im Übrigen nicht hervor, dass die Vorinstanz von der laufenden psy-
chiatrischen Therapie bei dem in der Beschwerdeschrift erwähnten Spezi-
alisten oder dem ausstehenden Arztbericht dieses Spezialisten Kenntnis
gehabt und dies ausser Acht gelassen hätte. Nach dem Gesagten erweist
sich die formelle Rüge als unbegründet. Der Sachverhalt kann mit den vor-
liegenden medizinischen Angaben als hinreichend erstellt erachtet werden.
Eine Rückweisung an die Vorinstanz zur Neubeurteilung der Sache fällt
folglich ausser Betracht.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
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4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3 Nachdem die maltesischen Behörden dem Übernahmeersuchen ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO am 6. Dezember 2021 aus-
drücklich zugestimmt haben, steht die Zuständigkeit Maltas grundsätzlich
fest. Sie wird vom Beschwerdeführer auch nicht bestritten.
5.
5.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen
bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten An-
trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser
Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). Dieses so-
genannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3
der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkre-
tisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus
humanitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-
III-VO ein anderer Staat zuständig wäre.
5.2 Der Beschwerdeführer macht im Wesentlichen erneut geltend, dass die
Zustände in der Unterbringung auf Malta äusserst schlecht gewesen seien
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und er keine Unterstützung erhalten habe. Dies sei mitursächlich für seinen
schlechten Gesundheitszustand gewesen. Die Situation in Malta werde
vom «AIDA Country Report: Malta» des European Council on Refugees
and Exiles sowie von seinen drei Videoaufnahmen bestätigt. Derselbe Be-
richt erwähne ausserdem, dass sich Asylsuchende nach einer Dublin-
Überstellung nach Malta mit einem stillschweigenden Rückzug ihres Asyl-
gesuchs konfrontiert sähen. Er habe mit Hilfe eines Rechtsanwalts, nicht
durch den maltesischen Staat, der Unterbringung in Malta entrinnen kön-
nen. Das SEM habe die Verhältnisse in Malta sowie seine Vorbringen dies-
bezüglich unzureichend berücksichtigt. Dass Malta ein Rechtsstaat mit
funktionierendem Justizsystem sei, überzeuge – entgegen der Ansicht der
Vorinstanz – nicht. Er habe darlegen können, dass die Vermutung, Malta
respektiere die völkerrechtlichen Verpflichtungen, nicht zutreffe. Dass er
sich dort nicht wieder sicher fühlen könne, sei aufgrund des Erlebten na-
heliegend. Insbesondere aufgrund seiner diagnostizierten (...) sei er auf
eine angemessene psychologische und psychiatrische Betreuung ange-
wiesen, welche er in Malta aufgrund der nicht vorhandenen Behandlungs-
möglichkeiten kaum erhalten würde. Folglich müsse bei einer Überstellung
von einer Retraumatisierung und einer Verschlechterung seines Gesund-
heitszustands ausgegangen werden. Dies führe zu einem konkreten Risiko
einer Verletzung von Art. 3 EMRK. Somit bestehe ein Anspruch auf Aus-
übung des Selbsteintrittsrechts.
6.
6.1 Nachfolgend ist im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu prüfen, ob
wesentliche Gründe für die Annahme bestehen, das Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Malta würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 4
der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17
Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist.
6.2 Malta ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
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26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben. In seiner bisherigen Rechtsprechung hat das Bun-
desverwaltungsgericht systemische Schwachstellen im maltesischen Asyl-
system, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be-
handlung nach Art. 4 der EU-Grundrechtecharte mit sich bringen, regel-
mässig verneint (vgl. Urteil des BVGer D-3114/2021 vom 21. Juli 2021
E. 5.3 m.H. auf BVGE 2012/27 E. 7.4 und weitere Urteile des BVGer).
6.3 Die Vermutung, Malta beachte die den betroffenen Personen im Ge-
meinsamen Europäischen Asylsystem zustehenden Grundrechte in ange-
messener Weise, kann jedoch widerlegt werden. Es ist im Einzelfall zu prü-
fen, ob die betroffene Person wegen Zugehörigkeit zu einer Kategorie mit
spezifischer Verletzlichkeit im Falle einer Überstellung nach Malta Gefahr
laufen würde, wegen der dortigen Mängel des Asylverfahrens und der Auf-
nahmebedingungen eine Verletzung ihrer Grundrechte zu erleiden (vgl.
BVGE 2012/27 E. 7.4).
6.4 Wie das SEM in der angefochtenen Verfügung zutreffend festgehalten
hat, steht es dem Beschwerdeführer nach erfolgter Überstellung nach
Malta offen, den Zugang zum Asylverfahren und die Leistungen gemäss
den EU-Richtlinien einzufordern. Der Beschwerdeführer hat – schon ange-
sichts der konkreten Übernahme-Zusicherung Maltas – kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dargetan, die maltesischen Behörden würden sich wei-
gern, ihn wiederaufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen
Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den
Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Malta
werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und
ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder
seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder
in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Die entsprechenden Befürchtungen in der Beschwerde-
schrift (unter Nennung des «AIDA Reports») sind allgemeiner Natur, ohne
Bezug zum Beschwerdeführer. Ferner vermochte der Beschwerdeführer
mit seinen Ausführungen zu den Mängeln im maltesischen Asylverfahren
keine Anhaltspunkte aufzuzeigen, die darauf hinweisen würden, Malta ent-
halte dem Beschwerdeführer dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie
zustehenden minimalen Lebensbedingungen vor. Auch die eingereichten
Videoaufnahmen vermögen – wie von der Vorinstanz zu Recht dargelegt –
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nichts an dieser Einschätzung zu ändern. Es ist nicht ersichtlich, wo oder
durch wen die Aufnahmen entstanden sind. Deren späte Einreichung bei
der Vorinstanz und das Datum in der Bezeichnung (5. Januar 2022) deuten
zudem darauf hin, dass der Beschwerdeführer die Videos – entgegen sei-
ner Behauptung – nicht selbst erstellt hat. Im Übrigen kann sich der Be-
schwerdeführer bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung nöti-
genfalls an die maltesischen Behörden wenden und die ihm zustehenden
Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Auf-
nahmerichtlinie). Wie er selbst darlegte, konnte er sich bereits um einen
Rechtsbeistand bemühen, der ihn unterstützt und ihm bei der Entlassung
aus dem Camp geholfen habe. Daraufhin habe er ein eigenes Haus mieten
und arbeiten können (SEM-Akte A11 S. 1). Nach dem Gesagten bedurfte
es mithin keiner Einholung individueller Garantien seitens der maltesischen
Behörden hinsichtlich einer bedarfsgerechten Unterbringung des Be-
schwerdeführers. Es ist davon auszugehen, dass er sich, sollte Bedarf da-
für entstehen, erneut um rechtliche Unterstützung kümmern kann. Der Zu-
gang zu wirksamen Rechtsmitteln auf Malta gilt als gewährleistet (vgl. u.a.
Urteile des BVGer D-3114/2021 E. 5.5, F-6198/2020 vom 18. Dezember
2020 E. 6.1).
6.5
6.5.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen.
Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in
einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in
Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rech-
nen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl.
BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäi-
schen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine weitere vom
EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR
Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10,
§§ 180–193 m.w.H.).
6.5.2 Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforder-
liche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die
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unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psy-
chischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Auf-
nahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die
erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls
einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2
Aufnahmerichtlinie). Das Bundesverwaltungsgericht geht im Einklang mit
dem SEM davon aus, dass Malta über eine ausreichende medizinische Inf-
rastruktur verfügt (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-2328/2021 vom 26. März
2021 E. 5.2 und F-463/2021 vom 9. Februar 2021 E. 6.9 je mit weiteren
Hinweisen).
6.5.3 Der Beschwerdeführer beruft sich darauf, sein Gesundheitszustand
stehe einer Überstellung nach Malta entgegen. Diese könne eine Retrau-
matisierung und eine Verschlechterung des Gesundheitszustands, mithin
eine Verletzung von Art. 3 EMRK, zur Folge haben. Gemäss Angaben des
Beschwerdeführers gehe es ihm nach dem Tod (...) sowie dem im Heimat-
staat und in Malta Erlebten schlecht, er habe Alpträume und könne nicht
schlafen (SEM-Akte A11 S. 2). Im November 2021 wurde ihm eine (...)
ärztlich diagnostiziert. Ferner wurde ihm (...) verschrieben. Zudem befinde
er sich seither in ambulanter psychiatrischer Behandlung (Beschwerde
S. 5). Den Akten zufolge bestehen somit mehrere mögliche Ursachen für
die psychischen Probleme des Beschwerdeführers. Dass eine Überstel-
lung nach Malta zu einer Retraumatisierung führen würde respektive an-
dere gravierende gesundheitliche Folgen haben könnte, vermochte er nicht
substantiiert darzulegen. Vielmehr lässt sich aufgrund der vorliegenden
Sachlage nicht der Schluss ziehen, dass sich der Beschwerdeführer aus
medizinischer Sicht zwingend in der Schweiz aufhalten muss, weil eine
adäquate Behandlung seiner psychischen Probleme in Malta nicht möglich
und seine Gesundheit im Falle einer Überstellung dorthin ernsthaft gefähr-
det wäre. Auch dass er nicht reisefähig wäre, konnte der Beschwerdeführer
nicht nachweisen. Sein Gesundheitszustand vermag eine Unzulässigkeit
im Sinne der obgenannten restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtferti-
gen. Vor diesem Hintergrund ist – wie von der Vorinstanz dargelegt – nicht
davon auszugehen, beim Beschwerdeführer handle es sich um eine Per-
son mit besonderer Vulnerabilität. Es liegen sodann, entgegen der Ansicht
des Beschwerdeführers, auch keine Anhaltspunkte dafür vor, ihm würde
auf Malta eine adäquate medizinische Behandlung (konkret eine [...]) ver-
weigert werden. Im Gegenteil – der Beschwerdeführer hat bereits Behand-
lungen erhalten (SEM-Akte A11 S. 2). Es erübrigt sich daher, von den mal-
tesischen Behörden Zusicherungen hinsichtlich medizinischer Versorgung
einzuholen. Aufgrund der vorliegenden Sachlage kann ausserdem darauf
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Seite 12
verzichtet werden, den in der Beschwerdeschrift erwähnten Arztbericht des
behandelnden Psychiaters, der voraussichtlich in den kommenden Wo-
chen eintreffen soll, abzuwarten (zur antizipierten Beweiswürdigung vgl.
u.a. BGE 141 I 60 E. 3.3; Urteil des BVGer F-463/2021 E. 6.8).
6.5.4 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die schweizerischen Behör-
den, die mit dem Vollzug der angefochten Verfügung beauftragt sind, den
medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten
der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die malte-
sischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen
medizinischen Umstände informieren werden (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
6.6 Zusammenfassend bestehen somit – entgegen der Darlegung des Be-
schwerdeführers – keine ausreichend begründeten Hinweise dafür, dass
die Überstellung nach Malta in seinem Fall zu einer Verletzung von Grund-
rechten führen würde.
7.
7.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene
Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden.
7.2 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3). Malta bleibt der für die Behandlung des Asylge-
suchs des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-
VO.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Malta in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
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Seite 13
Der am 28. Januar 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem
Urteil dahin.
Die mit der Beschwerde gestellten Gesuche um Gewährung der aufschie-
benden Wirkung der Beschwerde und um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses werden aufgrund des direkten Entscheids in der Sache
gegenstandslos.
10.
10.1 Die Begehren waren – wie sich aus den obenstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG un-
besehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
E-417/2022
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