Decision ID: 96e4d806-5a73-4a24-ae3b-7a9d78f4b323
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 14. Juni 2022 in der Schweiz um
Asyl nach (Akten der Vorinstanz 1176045 [nachfolgend SEM-act.] 1). Ein
Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass
er am 30. Mai 2021 in Polen ein Asylgesuch eingereicht hatte (SEM-act.
7). Auf das Informationsersuchen der Vorinstanz an die polnischen Behör-
den teilten diese mit Antwortschreiben vom 4. Juli 2022 mit, dem Be-
schwerdeführer sei am 27. Mai 2022 subsidiärer Schutz in Polen gewährt
worden (SEM-act. 10 und 14).
A.b Am 21. Juni 2022 fand die Personalienaufnahme (SEM-act. 13), am
7. Juli 2022 das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 (Dublin-Gespräch; SEM-act. 16) statt.
Der Beschwerdeführer führte anlässlich des Dublin-Gesprächs, bei wel-
chem ihm auch das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Rückkehr nach
Polen sowie zu seinem Gesundheitszustand gewährt wurde, aus, er habe
Russland am 29. Mai 2021 verlassen und sei per Zug nach Weissrussland
und anschliessend per Bus nach Polen gefahren. In Polen habe er ein Asyl-
gesuch gestellt, welches gutgeheissen worden sei, da er in Russland poli-
tisch verfolgt worden sei. Am 13. Juni 2022 habe er Polen per Zug verlas-
sen und sei am 14. Juni 2022 in die Schweiz gereist. Während seiner Reise
habe er weder Behördenkontakte gehabt, noch habe er Fingerabdrücke
abgegeben oder ein Asylgesuch gestellt.
In Polen herrsche eine aggressive Stimmung gegen Russen, welche sich
seit Kriegsbeginn verschlimmert habe. So sei es unmöglich, als Russe in
Polen eine Wohnung oder eine Arbeit zu finden. Selbst als Kriegsgegner
werde man schlecht behandelt und erhalte keine Chance. In Polen habe er
vor seiner Ausreise in einem Hostel mit Ukrainern und Polen gelebt. Wäh-
rend die Ukrainer verstanden hätten, dass er gegen den Krieg sei, hätten
die Polen ihn beschimpft und seien aggressiv gewesen. Auch sei es sehr
unangenehm, auf der Strasse Russisch zu sprechen, da man nach der Na-
tionalität gefragt und diskriminiert werde. So seien er und sein mit ihm rei-
sender Zwillingsbruder beim Einkaufen nicht bedient worden und an die
Selbstcheckout-Kasse verwiesen worden.
In Polen habe er sich nicht um eine Aufenthaltsbewilligung bemüht, da er
eingesehen habe, dass ein Leben für Russen in Polen zurzeit nicht möglich
sei. So habe er weder Arbeit noch eine Wohnung erhalten und auch kein
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Bankkonto eröffnen können. Diesbezüglich habe er Beweismittel gesam-
melt, um belegen zu können, dass es für ihn unmöglich gewesen sei, sich
in Polen zu integrieren und ein normales Leben zu führen. Er habe ent-
sprechende Audioaufnahmen, die dies belegen würden.
Im medizinischer Hinsicht führte er aus, er sei gesund und in der Schweiz
noch nie beim Arzt gewesen.
A.c Am 11. Juli 2022 ersuchte die Vorinstanz die polnischen Behörden um
Rückübernahme des Beschwerdeführers (SEM-act. 19). Am 12. Juli 2022
stimmten diese dem Ersuchen zu (SEM-act. 21).
A.d Mit Schreiben vom 12. Juli 2022 gab der Beschwerdeführer Audioauf-
nahmen und Transkripte auf einem Datenträger zu den Akten (SEM-
act. 22). Gemäss dem Beschwerdeführer würden die Aufzeichnungen
seine Bemühungen betreffen, in Polen eine Arbeit zu finden, ein Bankkonto
zu eröffnen und eine Unterkunft zu mieten.
A.e Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom
13. Juli 2022 das rechtliche Gehör zum Rückübernahmeersuchen an die
polnischen Behörden (SEM-act. 24). Am 19. Juli 2022 reichte der Be-
schwerdeführer eine diesbezügliche Stellungnahme ein, in welcher er aus-
führte, er sei mit einer allfälligen Rücküberstellung nicht einverstanden. Da-
rin wiederholte er im Wesentlichen diejenigen Vorbringen, welche er am
Dublin-Gespräch bereits vorgebracht hatte, und ergänzte, dass aufgrund
des Krieges in der Ukraine die Aufnahmekapazitäten des polnischen Asyl-
systems ausgeschöpft und die Unterstützungsstrukturen am Limit seien
(SEM-act. 25).
A.f Am 22. Juli 2022 wurde dem Beschwerdeführer der Entwurf des Asyl-
entscheides übergeben, zu welchem er am 25. Juli 2022 Stellung nahm
(SEM-act. 27 f.).
B.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2022 (eröffnet am selben Tag) trat die Vor-
instanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete des-
sen Wegweisung nach Polen an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag
nach Eintritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen. Der Kanton Zü-
rich wurde mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt. Im Weiteren hän-
digte sie dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Ak-
tenverzeichnis aus (SEM-act. 29).
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C.
Gegen den Nichteintretensentscheid gelangte der Beschwerdeführer mit
Beschwerde vom 3. August 2022 an das Bundesverwaltungsgericht. Er be-
antragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache
zwecks vollständiger Abklärung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren
und insbesondere auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten.
D.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
4. August 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Be-
hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwal-
tungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe die Begründungs-
pflicht und die Pflicht zur Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
verletzt, weshalb die angefochtene Verfügung zwecks vollständiger Sach-
verhaltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuweisen sei.
4.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts kann nach Art. 49 Bst. b VwVG gerügt werden. Unvollständig
ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn die Behörde trotz der geltenden Un-
tersuchungsmaxime (Art. 12 ff. VwVG) den Sachverhalt nicht von Amtes
wegen abgeklärt, oder nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt hat (vgl. SCHINDLER, in: Kommentar zum VwVG,
2. Aufl. 2019, Art. 49 N. 29).
Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV) folgt unter
anderem die grundsätzliche Pflicht der Behörden, ihren Entscheid zu be-
gründen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass der Betroffene den
Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die
wesentlichen Überlegungen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten
lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist hingegen,
dass sich der Entscheid mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinan-
dersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE
142 III 433 E. 4.3.2; 141 III 28 E. 3.2.4).
4.3 In der Beschwerde wird vorgebracht, die Vorinstanz habe sich mit der
aktuellen Situation von geflüchteten russischen Staatsangehörigen in Po-
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len seit Kriegsausbruch in der Ukraine am 24. Februar 2022 nicht ausrei-
chend auseinandergesetzt. Ferner seien russische Staatsbürger aufgrund
des Kriegs in der Ukraine Diskriminierungen und Bedrohungen durch Dritt-
personen ausgesetzt. Die Vorinstanz habe es auch versäumt, sich unter
Berücksichtigung aktueller Länderberichte damit auseinanderzusetzen.
Dazu ist festzuhalten, dass die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
(unter III 1.) auf die Richtlinie 2011/95/EU des europäischen Parlaments
und des Rates vom 13. Dezember 2011 (sogenannte Qualifikationsrichtli-
nie) hinwies, welche durch Polen ohne Beanstandung umgesetzt werde.
Der Beschwerdeführer habe es unterlassen, nach der Schutzgewährung
einen Aufenthaltstitel zu beantragen, und habe die daraus entstandenen
Verzögerungen beim Zugang zu Leistungen gemäss der Qualifikations-
richtlinie selbst verschuldet. Zudem sei Polen ein Rechtsstaat, verweigerte
Leistungen gemäss Qualifikationsrichtlinie würden auf dem Rechtsweg
eingefordert werden können. Dies gelte auch bei Schwierigkeiten beim Zu-
gang zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Was die geltend gemachte Bedro-
hungslage für russische Staatsangehörige in Polen und die geschilderten
Diskriminierungen durch die polnische Bevölkerung betreffe, verfüge Polen
über eine schutzwillige und schutzfähige Polizeibehörde, an die sich der
Beschwerdeführer bei Bedarf wenden könne. Es werde nicht in Abrede ge-
stellt, dass er Diskriminierungen und Bedrohungen durch Drittpersonen er-
fahren könnte. Die Regelvermutung, wonach Polen ein sicherer Drittstaat
sei und sein völkerrechtlichen Verpflichtungen einhalte, habe der Be-
schwerdeführer in casu nicht umzustossen vermocht.
Aufgrund des Gesagten ergibt sich, dass sich die Vorinstanz mit den Um-
ständen hinsichtlich des Krieges in der Ukraine und den diesbezüglichen
Auswirkungen auf geflüchtete russische Staatsangehörige in Polen rechts-
genüglich auseinandergesetzt und ihre wesentlichen Überlegungen, die
sie zu ihrem Schluss geführt haben, dargelegt hat. Im Übrigen kann aus
dem blossen Umstand, dass der Beschwerdeführer in seiner Stellung-
nahme zum Entscheidentwurf vom 25. Juli 2022 auf Berichte verwiesen
hat, welche keinen persönlichen Bezug zu ihm aufweisen, nicht automa-
tisch auf einen komplexen und illiquiden Sachverhalt geschlossen werden.
4.4 Die in der Beschwerde erhobenen formellen Rügen erweisen sich nach
dem Gesagten als (offensichtlich) unbegründet. Damit besteht keine Ver-
anlassung, die angefochtene Verfügung aufzuheben und zum Erlass eines
neuen Entscheids an die Vorinstanz zurückzuweisen. Da der rechtlich ver-
tretene Beschwerdeführer sich in seiner Beschwerde darauf beschränkt,
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formelle Rügen geltend zu machen, ist vorliegend keine materielle Prüfung
vorzunehmen. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
5.
5.1 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sind ungeachtet
der geltend gemachten prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen, da sich die
Beschwerdebegehren entsprechend den vorstehenden Erwägungen als
von vornherein aussichtslos erwiesen haben.
5.2 Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1‒3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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