Decision ID: 32db9c49-0fe5-5fea-8387-5d928f0abc09
Year: 2019
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1959 geborene A._ war während Jahren in der Schweiz
zunächst selbständig und anschliessend unselbstständig erwerbstätig. Im Jahr 2011 zog er
nach Tunesien. Sein dortiges Projekt scheiterte und im Jahr 2017 kehrte er in die Schweiz
zurück. Am 28. Februar 2018 meldete er sich wegen einer seit ca. 2015 bestehenden
massiven kognitiven Beeinträchtigung durch Alkoholabusus sowie einem Abbau bei der IV-
Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden an und beanspruchte Leistungen der
Invalidenversicherung (IV-act. 1). Die IV-Stelle klärte bei Dr. B. _, Facharzt FMH
Allgemeine Innere Medizin, den medizinischen Sachverhalt ab und traf Abklärungen in
erwerblicher Hinsicht (IV-act. 6; IV-act. 16; IV-act. 8; IV-act. 10; IV-act. 18; IV-act. 26-3/4
und IV-act. 28-1/3). Mit Vorbescheid vom 21. November 2018 kündigte die IV-Stelle
A._ die Abweisung des Leistungsbegehrens an (IV-act. 29). Dagegen liess
A._ am 4. Januar 2019 Einwand erheben (IV-act. 32). In der Verfügung vom 24.
Januar 2019 hielt die IV-Stelle an ihrem Vorbescheid fest und wies das Leistungsbegehren
von A._ ab (IV-act. 33).
B. Gegen die Verfügung vom 24. Januar 2019 liess A._ am 25. Februar 2019 mit
den eingangs erwähnten Anträgen Beschwerde beim Obergericht des Kantons Appenzell
Ausserrhoden erheben (act. 1). Mit Verfügung vom 6. März 2019 hiess der Einzelrichter
des Obergerichts das Gesuch von A._ im Verfahren ERV 19 10 um
unentgeltliche Rechtspflege und unentgeltliche Verbeiständung durch RA AA._, für
das vorliegende Beschwerdeverfahren gut (act. 4). Die IV-Stelle beantragte mit
Vernehmlassung vom 21. März 2019 die Abweisung der Beschwerde (act. 5).
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C. Am 30. April 2019 liess A._ die Replik einreichen (act. 8). Die IV-Stelle ver-
zichtete stillschweigend auf eine Duplik.

Considerations:
Erwägungen
1. Formelles
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht als kantonales Ver-
sicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die örtliche
Zuständigkeit ist nach Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) gegeben.
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und
Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002
über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2. Materielles
2.1
Nach Art. 1b IVG sind nach Massgabe dieses Gesetzes Personen versichert, die gemäss
den Artikeln 1a und 2 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1946 über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG, SR 831.10) obligatorisch oder freiwillig versichert sind.
Obligatorisch Versicherte sind nach Art. 1a Abs. 1 lit. a AHVG die natürlichen Personen mit
Wohnsitz in der Schweiz. Nach Art. 6 Abs. 1 IVG haben schweizerische und ausländische
Staatsangehörige Anspruch auf Leistungen gemäss den nachstehenden Bestimmungen,
Artikel 39 bleibt vorbehalten. Anspruch auf eine ordentliche Rente haben nach Art. 36
Abs. 1 IVG Versicherte, die bei Eintritt der Invalidität während mindestens drei Jahren
Beiträge geleistet haben.
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Der in der Schweiz wohnhafte Beschwerdeführer ist der Invalidenversicherung unterstellt
(Art. 1b IVG i.V.m. Art. 1a Abs. 1 lit. a AHVG) und erfüllt als Schweizer Staatsangehöriger
die versicherungsmässigen Voraussetzungen von Art. 6 Abs. 1 IVG. Sodann erfüllt der
Beschwerdeführer auch die in Art. 36 Abs. 1 IVG geforderte minimale Beitragsdauer von
drei Jahren. Im Auszug aus dem Individuellen Konto (IK-Auszug) ist bis im Jahr 2010 ein
beitragspflichtiges Einkommen verzeichnet, danach besteht eine Lücke von 2011 bis 2013
und ab dem Jahr 2014 bis 2017 ist wiederum ein beitragspflichtiges Einkommen
verzeichnet (IV-act. 8). Die Mindestbeitragsdauer muss nicht zusammenhängen
(MEYER/REICHMUTH, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Aufl. 2014, N. 3 zu
Art. 36 IVG mit Hinweisen). Somit kommt dem Beschwerdeführer ein Anspruch auf eine
ordentliche Rente zu. Dies wäre entgegen der Ansicht der IV-Stelle selbst dann der Fall,
wenn der Beschwerdeführer Wohnsitz und Aufenthalt im Ausland hätte
(MEYER/REICHMUTH, a.a.O, N. 11 zu Art. 36 IVG). Ebenso unbeachtlich ist für die
Beurteilung seines Anspruchs der Umstand, dass er sein BVG-Guthaben durch das
Scheitern seines Projektes in Tunesien verloren hat.
2.2
Nach Art. 8 Abs. 1 ATSG ist Invalidität die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Die Invalidität kann nach Art. 4 Abs. 1
IVG Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein. Erwerbsunfähigkeit ist der
durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur-
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsun-
fähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück-
sichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Nach Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG haben Anspruch auf eine Rente Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
können.
Der behandelnde Hausarzt des Beschwerdeführers, Dr. B. _, Facharzt FMH
Allgemeine Innere Medizin, begründete die IV-Anmeldung mit der massiven kognitiven
Beeinträchtigung, Status nach schwerem Aetylabusus und beurteilte die Arbeitsfähigkeit
von A._ dahingehend, dass er sicherlich nicht mehr in seinem Beruf oder auch
in einer anderer regulären Arbeit arbeitsfähig sei (IV-act. 6). Im Arztbericht vom 19. Juli
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2018 diagnostizierte Dr. B. _ eine seit 2017 bekannte kognitive Beeinträchtigung,
Status nach C2-Abusus mit Wernicke-Enzephalopathie sowie eine Kachexie mit musk.
Dekonditionierung bei Status nach C2-Abusus. Es sei keine Besserung zu erwarten und es
bestehe seit 15. Juli 2017 eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 16).
Der Gesundheitsschaden des Beschwerdeführers und als Folge davon dessen 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit sind unbestritten (IV-act. 33; act. 5 und act. 1/3). Ebenfalls unbestritten
ist die als Folge des Gesundheitsschadens eingetretene auf Dauer bestehende ganze
Erwerbsunfähigkeit (IV-act. 33; act. 5 und act. 1/3). Nicht strittig ist ferner, dass berufliche
Massnahmen aus gesundheitsbedingten Gründen nicht möglich sind (IV-act. 33 und
act. 1/5). Somit liegt beim Beschwerdeführer eine vollumfängliche Invalidität nach Art. 8
Abs. 1 ATSG vor.
2.3
Nach Art. 28a Abs. 1 Satz 1 IVG ist für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen
Versicherten Artikel 16 ATSG anwendbar. Art. 16 ATSG lautet dahingehend, dass für die
Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person
nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt wird zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre.
Die IV-Stelle hat in ihrer Vernehmlassung bestätigt, dass der Beschwerdeführer im
Gesundheitsfall voll erwerbstätig wäre (act. 5; act. 1/8 und act. 8/2). Unbestritten ist sodann
die auf Dauer bestehende ganze Erwerbsunfähigkeit (IV-act. 33; act. 5 und act. 1/3). Somit
ergibt sich im Rahmen des Einkommensvergleichs ein Invaliditätsgrad von 100%, weshalb
dem Beschwerdeführer eine ganze Rente zusteht (Art. 28 Abs. 2 IVG).
Entgegen der Ansicht der IV-Stelle in ihrer Vernehmlassung ist angesichts des Scheiterns
des beruflichen Projekts des Beschwerdeführers in Tunesien und des damit verbundenen
Verlusts seines BVG-Guthabens nicht überwiegend wahrscheinlich, dass er bei erhaltener
Gesundheit weiterhin in Tunesien wohnhaft geblieben wäre, dort einer Erwerbstätigkeit
nachgehen würde und in der Schweiz lediglich im Auftragsverhältnis mit seinem Bruder mit
einem Pensum von 5% erwerbstätig wäre (act. 5; BGE 125 V 146 E. 2c). Die beruflichen
Aussichten nach dem Scheitern seines Projektes und familiäre Bindungen sind ein
gewichtiges Indiz dagegen. Aber selbst wenn er nach wie vor im Ausland leben täte,
müssten sich – wie der Beschwerdeführer zutreffend ausführen lässt – die für die
Invaliditätsbemessung massgebenden Vergleichseinkommen auf den gleichen
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Arbeitsmarkt beziehen, weshalb die Vorgehensweise der IV-Stelle ohnehin nicht korrekt ist
(Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 817/05 vom 5. Februar 2007 E. 8.1).
2.4
Nach Art. 28 Abs. 1 lit. b und lit. c IVG haben Anspruch auf eine Rente Versicherte, die
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens
40% invalid (Art. 8 ATSG) sind. Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach Ablauf von
sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Artikel 29 Absatz 1
ATSG (Art. 29 Abs. 1 IVG). Die Rente wird vom Beginn des Monats ausbezahlt, in dem der
Rentenanspruch entsteht (Art. 29 Abs. 3 IVG).
Nach Dr. B. _ besteht seit 15. Juli 2017 bis auf weiteres eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 16). Somit ist anzunehmen, dass die Wartezeit im Juli 2018
endete (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG; Urteil des Bundesgerichts 8C_879/2017 vom 5. Februar
2018 E. 3.2.2). Der Beschwerdeführer liess vorbringen, er habe sich am 1. März 2018 bei
der IV-Stelle angemeldet. Die IV-Anmeldung wurde vom Beschwerdeführer am 28. Februar
2018 unterschrieben und ging am 2. März 2018 bei der IV-Stelle ein (IV-act. 1). Somit hat
der Beschwerdeführer ab 1. September 2018 Anspruch auf eine ganze Rente (Art. 29
Abs. 1 IVG; Urteil des Bundesgerichts 9C_611/2018 vom 28. März 2019 E. 5.3).
2.5
Nach Art. 36 Abs. 2 IVG sind für die Berechnung der ordentlichen Renten die
Bestimmungen des AHVG sinngemäss anwendbar, wobei der Bundesrat ergänzende
Vorschriften erlassen kann.
Die Höhe des Rentenanspruchs hat somit die Ausgleichskasse – unter Berücksichtigung
der beim Beschwerdeführer vorhandenen Beitragslücken und des während seines
Auslandaufenthaltes sehr tiefen Einkommens in der Schweiz – zu berechnen.
2.6
Zusammenfassend ist die Beschwerde gutzuheissen und dem Beschwerdeführer ab
1. September 2018 eine ganze Invalidenrente zuzusprechen, deren Höhe von der
Ausgleichskasse zu berechnen ist.
3. Kosten und Entschädigung
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3.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Die Vorin-
stanz unterliegt im vorliegenden Verfahren. Da der Vorinstanz gemäss Art. 22 Abs. 1 VRPG
keine Verfahrenskosten auferlegt werden können, werden die Gerichtskosten in der Höhe
von Fr. 800.-- auf die Staatskasse genommen.
3.2
Gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerde-
führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungs-
gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit-
sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen.
Die Bemessung der Entschädigung richtet sich im Rahmen von Art. 61 lit. g ATSG nach
kantonalem Recht, mithin nach Art. 16 Abs. 1 der Verordnung vom 14. März 1995 über den
Anwaltstarif (AT, bGS 145.53; UELI KIESER, a.a.O., N. 187 und 208 ff zu Art. 61 ATSG).
Vorliegend handelt es sich um einen durchschnittlichen leichten Fall mit durchschnittlicher
Menge an Akten sowie keinen besonders aufwändig zu beantwortenden Sachverhalts- und
Rechtsfragen. Unter diesen Umständen ist der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit
Fr. 2‘800.20 (Pauschalhonorar Fr. 2‘500.-- + 4% Barauslagen (= Fr. 100.--) + 7.7%
Mehrwertsteuer (= Fr. 200.20)) zulasten der Vorinstanz zu entschädigen.
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