Decision ID: eacf644f-b5f6-475b-b909-1b9fa62e47eb
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1965,
hat keinen Beruf erlernt und arbeitete bis am 2
2.
November 2016 teilzeitlich als Raumpflegerin (Urk. 11/66).
Am 1
9.
April 2018 wurde für sie eine Vertretungsbeistandschaft mit Vermögensverwaltung errichtet (Urk. 11/85). Die Versicherte
meldete sich am 2
1.
April 2017 unter Hin
weis auf einen Unfall bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
11/47). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab und zog Akten der Suva (
Urk.
11/48
; Urk. 11/58
) und der Helsana (
Urk.
11/83) bei. Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (
Urk.
11/117;
Urk.
11/120) verneinte die IV-Stelle mit Ver
fügung vom 1
1.
November
2019 einen Rentenanspruch (
Urk.
11/124).
Die Versicherte meldete sich am 1
8.
März 2020 unter Hinweis auf eine
Trauma
folgestörung
, Anpassungsstörung und Persönlichkeitsstörung erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an.
Nachdem d
ie IV-Stelle medizinische und erwerb
liche
Abklärungen getätigt und das
Vorbescheidverfahren (
Urk.
11/146;
Urk.
11/147;
Urk.
11/156; 11/160)
durchgeführt hatte,
verneinte
sie
mit Verfü
gung vom 3
1.
August 2021 einen
Leistungsanspruch
(
Urk.
2).
2.
Die Versicherte erhob am 3
0.
September 2021 Beschwerde gegen die Verfügung vom 3
1.
August 2021 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es seien ihr die gesetzlichen Leistungen der Invalidenversicherung zuzusprechen, nämlich berufli
che Eingliederungsmassnahmen beziehungsweise
eine Rente. Eventualiter seien zunächst noch der aktuelle psychische Gesundheitszustand und die darauf beruhende Arbeitsfähigkeit mittels eines unabhängigen psychiatrischen Gutach
tens abklären zu lassen. Weiter sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung zu gewähren (
Urk.
1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
0.
Januar 2022 (
Urk.
10) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin mi
t
Verfü
gung vom 2
7.
Januar 2022 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
12).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen Einspracheentscheids eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. De
zember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3 IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis).
1.
4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1
GSVGer
).
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die Beschwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (im
Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt über
haupt für gutachterlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativ
expertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betref
fende Beweiserhebung erfolgt alsdann vor der –
anschliessend
reformatorisch entscheidenden – Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. Eine Rückweisung an den Versicherungsträger bleibt hingegen mög
lich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig unge
klärten Frage begründet ist.
Ausserdem
bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurückzuweisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachter
lichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE 139 V 99 E. 1.1, 137 V 210
E. 4.4.1.4 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 9C_354/2020 vom 8. September 2020 E. 2.1)
.
1.
5
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben die Beweise frei, das
heisst
ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss
zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestat
ten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizi
nische These abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Zudem muss der Arzt über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügen. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a; Urteil des Bundesgerichts 8C_225/2021 vom 1
0.
Juni 2021 E. 3.2, je mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin hielt in der angefochtenen Verfügung vom
3
1.
August 2021 (
Urk.
2) fest, dass beim behandelnden Psychiater ein
ausführlicher
medizi
nische
r
Bericht eingeholt
worden sei
und für die abschliessende Beurteilung der Regional
e
Ärztliche Dienst (RAD) Stellung bezogen habe. Aufgrund des Berichts könn
t
e
n
die Diagnose
a
bhängige Persönlichkeitsstörung und
p
osttraumatische Belastungsstörung nicht nachvollzogen werden und erfüll
t
e
n
die entsprechenden ICD-10 Kriterien nicht. Aufgrund der gesamten Aktenlage könne keine Verände
rung des Gesundheitszustandes seit der letzten Verfügung vom 1
1.
N
ovember 2019 festgest
ellt werden. Der Beschwerdeführerin sei somit weiterhin eine ange
passte Tätigkeit im 100 % Pensum zumutbar. Es bestehe kein Anspruch auf Leis
tungen der Invalidenversicherung. Ein Anspruch auf Arbeitsvermittlung und Integrationsmassnahmen bestehe nicht (
Urk.
2 S. 2).
2.2
D
ie
Beschwerdeführer
in
brachte dagegen vor
(
Urk.
1)
, der Bericht von
Dr.
med.
Y._
, Psychiatrie/Psychotherapie FMH, und
lic
. phil.
Z._
vom 2
6.
August 2020 sei umfassend,
sorgfältig
und schlüssig
formuliert und daher beweiskräftig. Die klaren diagnostischen Beurteilungen seien nachvollziehbar (S. 5). Der psychische Gesundheitszustand habe sich erheblich verschlechtert. Es liege eine Arbeitsun
fähigkeit auf dem gesamten ersten Arbeitsmarkt vor (S. 6). Demgemäss bestehe Anspruch auf Leistungen der IV, nämlich auf berufliche E
ingliederungsmass
nahmen beziehungsweise
auf eine Rente (S. 7). Sollt
e
die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin immer noch nicht ausreichend feststehen, so hätte zunächst noch eine unabhängige psychiatrische Begutachtung zu erfolgen (Eventual
antrag) (S. 8).
2.3
Streitig und zu prüfen ist somit, ob sich der Gesundheitszustand der Beschwer
deführerin im Sinne eines Revisionsgrundes seit der Neuanmeldung am 1
8.
März 2020 (
Urk.
11/131) leistungsrelevant verschlechtert hat.
Vergleichszeitpunkt im vorliegenden Neuanmeldeverfahren bildet die r
echtskräftige Verfügung vom 11.
November 2019, welche sich in medizinischer Hinsicht auf die
Beurteilung
en
des RAD vom 1
8.
Februar 2019
(
Urk.
11/116/5-6)
und 3
0.
September 2019 (
Urk.
11/123/3) stützt
, wonach folgende Diagnose
n
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit bestanden:
-
Zustand nach Implantation einer
unikompa
r
timentellen
medialen Kniepro
these links bei
-
Medialer Gonarthrose (ED 08/2017) bei Zustand nach zweimalige
m
Sturz und Kontusion beider Kniegelenke (01/2018, 03/2018) bei
-
Gangstörung
-
Medialbetonte
n
Knieschmerzen rechts
-
Gang- und Gleichgewichtsstörung unklarer Genese
-
Femorale
r
Retroto
r
sion beidseits
-
Schulter-Arm-Syndrom
-
Chronisch rezidivierendes LWS-Syndrom mit
-
paravertebral platzierte
n
Myogelosen
-
Druck- und Bewegungsschmerz
Die bisherige Tätigkeit als Raumpflegerin sei seit
8.
November 2016 bis auf weiteres nicht mehr zumutbar. In einer angepassten Tätigkeit (überwiegend sitzend ausgeübt, mit leichter Wechselbelastung) bestehe seit dem 1
2.
März 2018 eine vollständige Arbeitsfähigkeit
(
Urk.
11/116/5)
.
3.
3.1
Im Arztbericht von
Dr.
med. A._
, Oberärztin
,
und
Assistenzarzt
B._
,
Klinik für
Konsiliarpsychiatrie
und Psychosomatik des Universitätsspital
s
C._
,
vom 1
9.
Februar 2020 (
Urk.
11/141/2-4) wurde erwähnt, dass die Beschwerdeführerin seit
dem
1
2.
Februar 2020 bei ihnen in Behandlung sei. Es beständen seit einem Streit mit einer Freundin vor einem Jahr Konzentrations
schwierigkeiten, Antriebsminderung und Schlafstörungen. Es wurde eine leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0)
diagnostiziert
(
Urk.
11/141/2).
3.2
Dr.
Y._
und
lic
. phil.
Z._
führten in ihrem ärztlichen Kurzbericht vom
5.
Mai 2020
(
Urk.
11/138) aus, dass die Beschwerdeführerin seit dem 2
7.
August 2019 bei ihnen in psychotherapeutischer Behandlung sei. Sie diagnostizierten eine abhängige Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.7), eine posttraumatische Belas
tungsstörung (ICD-10 F43.1) sowie eine
rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F33.11). Die Beschwerdeführerin sei den Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes auf
grund der anhaltenden und schwerwiegenden psychischen Einschränkungen
zurzeit
und bis auf weiteres in keiner Weise gewachsen (S. 1).
3.3
Im Feststellungsblatt vom 1
2.
Mai 2021 (
Urk.
11/145) findet sich
die Notiz eines Telefonats
mit RAD-Ärztin
Z._
.
Darin wurde festgehalten, dass
die Diagnose einer leichten depressiven Episode
im Bericht des C._
kein IV-relevanter Gesund
heitsschaden
sei
. Die Diagnosen im Bericht von
Dr.
Y._
vom 5. Mai 2020 seien aufgrund fehlender Angaben und Ausführungen nicht nachvollziehbar (S. 2).
3.4
Dr.
Y._
und
lic
. phil
.
Z._
wiesen in ihrem Arztbericht vom 2
6.
August 2020
(
Urk.
11/152)
darauf hin, dass wöchentliche Psychotherapie sowie telefonische
Kriseninterventionen stattfänden. Aktuell werde die Beschwerdeführerin
zusätz
lich
von
Assistenzarzt
B._
am
C._
medikamentös behandelt
(S. 2). Die Beschwerdeführerin habe von einer akuten psychischen Zustandsverschlech
terung im März 2019 berichtet. Auslöser sei eine unerwartete, äusserst aggressive verbale Attacke ihrer engsten Freundin gewesen. Es wurde ein anfänglicher Schockzustand, gefolgt von anhaltendem Bedrohungsgefühl, ständigen Ängsten, hoher innerer Anspannung
, negative
m
Gedankenkreisen und ausgeprägter Niedergeschlagenheit
beschrieben
. Sie fühle sich meist bedrückt, leide unter anhaltendem Energieverlust, starken Schwankungen in psychischer und körper
licher Befindlichkeit, fehlender Zukunftsperspektive sowie ausgeprägten Ein- und Durchschlafstörungen.
Es zeige sich ein mittelgradig ausgeprägtes depressives Zustandsbild mit anhaltender Niedergeschlagenheit, negativem Gedankenkreisen, Antriebs- und Freudlosigkeit, Konzentrationsproblemen, rasche
r Ermüdung, Verlust von Appetit und
sozialem Rückzug (S. 3). Die bisherigen Befunde,
der
Behandlungsverlauf und die anamnetischen sowie fremdanamnetischen Angaben wiesen darauf hin, dass die Beschwerdeführerin neben
der
aktuell gebesserten depressive
n
Störung
an den Folgen einer
chronifizierten
posttraumatischen Belastungsstörung leide. Dies vor dem Hintergrund einer defizitären Persönlich
keitsentwicklung mit fehlender Selbstbehauptungsfähigkeit sowie übermässiger Abhängigkeit von anderen. Die Beschwerdeführerin sei bereits in ihrer Jugend und später in ihrer Ehe wiederholt schwerwiegenden körperlichen und seelischen Misshandlungen ausgesetzt worden, denen sie sich auch als Erwachsene wehrlos ausgeliefert
ge
fühlt
hab
e.
Die biographische Anamnese, insbesondere ihr früheres
und aktuelles Problemlösungs- und Beziehungsverhalten zeigten eine für abhän
gige Persönlichkeiten typische Unfähigkeit zu selbständiger Lebensführung,
eine
kindlich wirkende Selbstunsicherheit
sowie eine
Abhängigkeit von Präsenz, Rat und Tat anderer Personen
.
Es wurden folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt (S. 7):
Psychiatrische Diagnosen zu Beginn der Behandlung in unserer Praxis
-
F32.1 rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F33.11)
Psychiatrische Diagnosen im Verlauf der Behandlung
-
Abhängige Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.7)
-
Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
Die Beschwerdeführerin sei aufgrund der beschriebenen gesundheitlichen Einschränkungen den Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes
zurzeit
und bis auf weiteres noch in keiner Weise gewachsen. Im Rahmen
eines rehabilitativen
Arbeitstrainingsprogramm
s
im geschützten Rahmen werde die Arbeitsfähigkeit auf aktuell maximal 40 % geschätzt (S. 7).
3.5
RAD Ärztin
Dr.
med.
Z._
, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie, führte betreffend Arztbericht von
Dr.
Y._
und
li
c
. phil.
Z._
aus (
Urk.
11/155/3
), dass zwar viele traumatisierende Ereignisse berichtet worden seien, die Beschwerde
führerin jedoch in der Vergangenheit nie in psychiatrischer Behandlung gewesen
sei
. Das beschriebene Ereignis (verbale Attacke) erfülle das Eingangskriterium für eine PTSD nicht.
Traumaspezifische
Symptome seien weder von der Beschwerde
führerin berichtet worden noch im psychopathologischen Befund aufgeführt worden. Aufgrund des psychopathologischen Befund
s
könne keine mittelgradige depressive Symptomatik gemäss den ICD-10-Kriterien erkannt werden. Weiter sei nicht klar, wie die Diagnose der Persönlichkeitsstörung gestellt wurde. Eine Herleitung gemäss ICD-10-Kritrien sei nicht beschrieben worden. Die allgemeinen ICD-10-Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung wären aufgrund des Berichts nicht erfüllt.
Deshalb k
önnten die Diagnosen a
bhängige Pers
önlichkeitsstörung (F60.7) und p
osttraumatische Belastungsstörung (F43.1) nicht nachvollzogen werden
;
die entsprechenden ICD-10-Kriterien seien nicht erfüllt. Eine leichte depressive Symptomatik könne zwar erkannt werden und sei am ehesten im Rahmen der körperlichen Beschwerden und psychosozialen Belastungsfaktoren zu sehen (
Vd
. a. Anpassungsstörung
[
F43.2
]
).
3.
6
Beschwerdeweise reichte d
ie Beschwerdeführerin
einen ärztlichen Bericht
von
Dr.
Y._
und
lic
. phil
.
Z._
vom 2
9.
September 2021
(
Urk.
3/4) ein. Zur Persön
lichkeitsstörung wurde
darin
ausgeführt, dass die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung erfüllt seien.
So zeigten sich die unter 1.2 des ausführ
lichen IV-Arztberichts vom 2
6.
August 2020 (
Urk.
11/152) aufgeführten Verhal
tensmuster bei der Beschwerdeführerin anhaltend und in vielfältigen Lebensbe
reichen seit ihrer Jugend sowohl in
der
Familie als auch bei der Arbeit und in Beziehungen. Sie
liessen
sich nicht als eine sekundäre Folge einer anderen Erkrankung und nicht hinreichend durch die Folgen der traumatisierenden Erfahrungen erklären. Die Verhaltensmuster zeigten im Vergleich zur Norm deut
lich auffällige Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu andern. Das
aussergewöhnliche
Ausmass an Abhängigkeit zeige sich unter anderem auch darin, dass die Beschwerdeführerin immer wieder für sie schädliche Beziehungen auch unter B
edingungen aufrecht
erhalten ha
be
, die bei den meisten anderen Personen zu einer sofortigen Beendigung der Beziehung geführt hätten. Sowohl die Beschwerdeführerin als auch ihre Söhne
würden
un
ter der wenig beeinflussbaren Unselbständigkeit der Beschwerdeführerin
leiden
und
seien
in der Gestaltung ihres Alltags und in Lebensentscheidungen dadurch
eingeschränkt (z.B. Unfähigkeit der Beschwerdeführerin, eine von der Mutterrolle unabhängige Lebensperspektive zu entwickeln, behinderte Ablösung der Söhne vom Elternhaus). Die Problematik habe sich in den letzten zwei bis drei Jahren eher noch verstärkt.
Die Kriterien für eine Abhängigkeitsstörung (ICD-10 F 60.7) seien ebenfalls erfüllt. So zeigten sich in der Anamnese und in den aktuellen Reaktions- und Verhaltensweisen der Beschwerdeführerin seit Kindheit und
Adoleszenz durch
gehend zahlreich
e Beispiele für ausgeprägte und in der Beziehungs- und Lebens
gestaltung einschränkende charakterliche Erlebens- und Verhaltensmuster, die für eine abhängige Persönlichkeit typisch sind
:
so das Ermuntern oder
die
Erlaubnis an andere, die meisten wichtigen Entscheidung
en
für das eigene Leben zu treffen; unbehagliches Gefühl oder Hilflosigkeit, alleine zu sein, aus übertrie
bener Angst, nicht für sich alleine
s
orgen zu können; eingeschränkte Fähigkeit, Alltagsentscheidungen zu treffen, ohne Ratschläge und Bestätigungen von andern; mangelnde Bereitschaft zur Äusserung selbst angemessener Ansprüche gegenüber Personen, zu denen eine Abhängi
gkeit besteht sowie Unterordnung eigener Bedürfnisse aus Angst, Unterstützung und Rückhalt zu verlieren
(S. 1-2).
Hinsichtlich posttraumatischer Belastungsstörung (ICD-10 F 43.1
)
seien die Kriterien ebenfalls erfüllt. Die Beschwerdeführerin habe in ihrer Kindheit und später seitens ihres Ehemannes wiederholte Erfahrungen schwerer Formen von körperlicher Gewalt und anhaltende, aussergewöhnliche Bedrohungssituationen
erlebt
. Das Ausmass und die Häufigkeit der erlebten Bedrohungs- und Gewalt
erlebnisse
sei
so erheblich
gewesen
, dass es bei fast jeder Person zu einer tiefgrei
fende
n
Verzweiflung geführt hätte
(S. 2)
.
Es liege ein Vermeidungsverhalten sowie
ein
sich wiederholtes, unwillkürliches Erleben der traumatisierenden Erfah
rung (in Träumen, in Situationen, die Erinnerungen wecken)
vor
. Als solche
r
Trig
ger
/Auslöser für die akute psychische Zu
standsverschlechterung
habe
zum Beispiel die erwähnte sehr heftige, unerwartet verbale
Aggressivität
ihrer damals engsten Freundin
gewirkt
. Die Art und Weise, wie die Beschwerdeführerin auf die aggres
s
ive Konflikteskalation reagiert
habe
, weise klar darauf hin, dass sie in ihrem Erleben die Aggressivität ähnlich bedrohlich und gewalttätig wahr
ge
nommen habe,
wie sie sie real in früheren Gewalterfahrungen erlitten habe. Dementsprechend habe sie auch über viele Monate nach dem V
orfall ein
e
von aussen betrachtet völlig übertriebene Angst,
ein
Vermeidungsve
r
halten und
eine
Ohnmacht gegenüber allfälligen weiteren Begegnungen und befürchteten Angrif
fen dieser Freundin geschildert (
Urk.
3/4 S. 3-4).
4.
4.1
Medizinisch basiert die
angefochtene Verfügung vom 3
1.
August 2021 (
Urk.
2) im Wesentlichen
auf einem
Telefongespräch mit RAD-Ärztin
Z._
vo
m 1
1.
Mai 2020 (
Urk.
11/145/
2) und ihre
r
Stellungnahme zum Arztbericht von
Dr.
Y._
und
lic
. phil.
Z._
vom 2
6.
August 2020 vom 21
. Oktober 2020 (
Urk.
11/155/
3).
4.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
4.3
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
4.4
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen, nach BGE 143 V 409 namentlich auch leichte bis mittelschwere Depressionen, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterziehen (Änderung der Rechtsprechung). Speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen hielt das Bundesgericht in BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung – fest, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Gesundheits
schädigung nicht mehr allein mit dem Argument der fehlenden Therapiere
sistenz auszuschliessen sei (E.
5.1). Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind somit auch bei den leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen systematisierte Indikatoren beachtlich, die es – unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Res
sourcen) andererseits – erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen
einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1).
Eine leicht- bis mittelgradige depressive Störung ohne nennenswerte Interfe
renzen durch psychiatrische Komorbiditäten lässt sich im Allgemeinen nicht als schwere psychische Krankheit definieren. Besteht dazu noch ein bedeutendes therapeutisches Potential, so ist insbesondere auch die Dauerhaftigkeit des Gesundheitsschadens in Frage gestellt.
Diesfalls
müssen gewichtige Gründe vorliegen, damit dennoch auf eine invalidisierende Erkrankung geschlossen werden kann (BGE 148 V 49 E. 6.2.2 mit Hinweis). D
ie Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrund
lage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchs
frei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu trage
n (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE
144 V 50 E. 4.3).
4.
5
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kommt nach der Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44
ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gutachten unabhängiger Sachver
ständiger. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssig
keit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
4.6
4.6
.1
Vorab ist bezüglich der Telefonnotiz vom
1
1.
Mai 2020 (
Urk.
11/145 S. 2) festzu
halten, dass eine solche von der Beschwerdegegnerin erstellte – sehr kurz gehal
tene – Aktennotiz nicht beweiskräftig ist. Denn gemäss bundesgerichtlicher Praxis stellt
eine formlos eingeholte und
in einer Aktennotiz festgehaltene münd
liche beziehungsweise telefonische Auskunft nur insoweit ein zulässiges und taugliches Beweismittel dar, als damit bloss Nebenpunkte, namentlich Indizien oder Hilfstatsachen, festgestellt werden
. Sind aber Auskünfte zu wesentlichen Punkten des rechtserheblichen Sachverhaltes einzuholen, kommt grundsätzlich nur die Form einer schriftlichen Anfrage und Auskunft in Betracht (BGE 130 II 473 E. 4.2, 117 V 282 E. 4c, je mit Hinweisen). Bei der Beurteilung der Arbeits
fähigkeit handelt es sich üblicherweise
so auch im konkreten Fall
um einen invalidenversicherungsrechtlich entscheidenden Aspekt, weshalb auf die lediglich telefonisch beim RAD eingeholte Auskunft nicht abgestellt werden kann. Dies muss umso mehr gelten, als nicht ersichtlich ist, ob und inwiefern der RAD über
haupt Kenntnis von den medizinischen
Vorakten
hatte.
4.6
.2
Anschliessend wurde – nach erhobenem Einwand (
Urk.
11/147) und Eingang eines weiteren Arztberichtes – vom RAD
ausgeführt
(
Urk.
11/155)
, dass im
entsprechenden
Arztbericht vom 2
6.
August 2020
(
Urk.
11/152)
von
Dr.
Y._
und
lic
. phil
.
Z._
zwar viele traumatisierende Ereignisse berichtet worden seien, die
Beschwerdeführerin
in der Vergangenheit jedoch nie in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. Das beschriebene Ereignis (verbale Attacke) erfülle das Eingangskriterium für eine
posttraumatische Belastungsstörung
nicht. Trauma
-
spezifische Symptome seien weder von der Beschwerdeführerin berichtet worden noch im
psychopathologischen
Befund aufgeführt.
«Unspezifische Alpträume» sei
en
kein
traumaspezifisc
hes
Symptom (S. 3).
Es trifft
gemäss Aktenlage
zwar zu, dass
in der Vergangenheit
keine adäquate psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung in
Anspruch
genommen wurde, jedoch
wurde
die Beschwerdeführerin zweimal über länger
e
Zeit im Frauenhaus
und durch die «
missione
cattolica
» betreut
(
Urk.
3/4 S. 2)
;
zudem
fand
nach einer
schweren suizidalen Krise im Jahr 2003 eine psychiat
rische Krisenintervention am C._
statt (
Urk.
11/152 S. 4)
. Auch
wiesen die behandelnden Ärzte darauf hin, dass das Bagatellisieren oder Verschweigen und Verdrängen der erlittenen Miss
handlungen häufige Vermeidungsstrategien von Traum
a
-Betroffenen seien und legten damit
nachvollziehbar dar, dass eine bisher nicht durchgeführte Therapie nicht
per se
gegen eine
Traumafolge
-Störung spricht
(
Urk.
3/4
S. 3).
Entgegen der Ansicht der RAD-Ärztin
(Urk. 11/155 S. 3)
wurden
sodann bereits im Arztbericht vom 2
6.
August 2020
trauma
-
spezifische Symptome
beschrieben
. So wurde
n
unter anderem
Ein- und Durchsc
hlafstörungen und anhaltend hohe Angstbereitschaft mit Schreckhaftigkeit
befundet
(
Urk.
3/4
S. 6-7). Im ärztlichen B
ericht vom 29.
S
eptember 2021
wurde auf die
Diagnosekriterien einer posttrau
matischen Belastungsstörung nach ICD-10 F43.1 näher eingegangen und
es wurde
n
über mehrere Seiten
insbesondere das Vermeidungsverhalten, d
as wiederholte, unwillkürliche E
rleben der traumatisierenden Erfahrung und die anhaltenden Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität und Erregung schlüssig und nachvollziehbar
erläutert (
Urk.
3/4 S. 2-4; vgl
. vorstehende E. 3.5)
.
Zu diesen Ausführungen nahm die Beschwerdegegnerin keine Stellung.
Der
Aussage der RAD-Ärztin, wonach das
von den Behandlern
beschriebene Ereignis (verbale Attacke ihrer engsten Freundin) das Eingangskriterium für
post
traumatische Belastungsstörung
nicht erfülle,
ist zu entgegnen, dass
die Behand
ler dieses gar nie als Eingangskriterium für die genannte Diagnose sahen. So
wurde bereits im Bericht vom
2
6.
August 2020 (
Urk.
11/
152) erwähnt, dass die Bedrohung
sängste gegenüber der Freundin zu einem Rückzug in die eigene Wohnung
führten
und zudem häufig mit unwillkürlich auftretenden Erinne
rungen und Gefühlen aus früher erlebten Bedrohungssituationen assoziiert waren (S
. 3
)
. Wie zudem im Bericht vom 2
9.
September 2021
(Urk. 3/4)
ergänzend ausgeführt
wurde
, handelt es sich bei der Aggressivität ihrer damals engsten Freundin
lediglich
um eine
n
Trigger/Auslöser für die akut psychische Zustands
verschlechterung
und nicht um das eigentliche Eingangskriterium der posttrau
matischen Belastungsstörung
.
Die Behandler beschrieben
ein Wiedererleben («Flashbacks») von früheren
Trauma
s
ituationen
in Form von auffällig starkem Angst- und Bedrohungserleben und Ohnmachtsgefühlen als Reaktion auf soge
nannte
Triggerreize
, die gewisse Ähnlichkeiten mit
traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit haben (
S. 3-4).
Als
eigentliche traumatische Erfahrungen
sahen sie
jedoch
die in
der
Kindheit
der Beschwerdeführerin
und insbesondere später seitens ihres Ehemannes wiederholte
n
Erfahrungen
schwerer Formen von körperliche
r
Gewalt
und
die
anhaltende
n
, aussergewöhnliche
n
Bedrohungssitu
ationen (S. 2)
, was von der RAD-Ärztin nicht berücksichtigt wurde.
4.6.3
Darüber hinaus erwähnte
die RAD-Ärztin
, dass die beschriebene Niedergestimmt
heit nicht d
em geforderten ICD-10-Kriterium entspreche und keine mittelgradige depressive Symptoma
tik gemäss ICD-10 erkannt werde
(
Urk.
11/155/ S. 3).
Diese Auffassung
steht im Widerspruch zur Schilderung der Behandler in ihrem Bericht vom 26. August 2020 (
Urk.
11/152),
wonach
neben anhaltender Nie
derge
schlagenheit auch negative
s
Gedankenkreise
n
, Antriebs- und Freudlosigkeit, Konzentrationsprobleme, rasche
Ermüdung
, Verlus
t von Appetit, sozialer
Rück
zug (S. 3) sowie Insuffizienzgefühle, starke
Grübelneigung
und
negative Selbst- und Zukunftssicht (S. 7)
vorliegen
.
Zu diesen Befunden
und zu ihrer Relevanz für die diagnostische Einordnung
äusserte sich die RAD-Ärztin nicht
.
4.6.4
Soweit die Beschwerdegegnerin mit Verweis auf die RAD-Stellungnahme davon ausgeht
,
es sei nicht klar, wie die Diagnose der Persönlichkeitsstörung gestellt wurde, da keine Herleitung gemäss ICD-10-Kriterien beschrieben
worden sei
und die allgemeine
n
ICD-10-Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung aufgrund des Berichts nicht erfüllt
seien
(
Urk.
11/155/S. 3)
,
ist
dazu
anzumerken, dass spätes
tens mit
dem
Bericht vom 2
9.
September 2021 (
Urk.
3/4)
die
allgemeinen Krite
rien für eine Persönlichkeitsstörung (S. 1)
hergeleitet
sowie
die
spezifischen Kriterien einer abhängigen Persönlichkeitsstörung abgehandelt wurden (S. 1-2)
, wozu sich die Beschwerdegegnerin nicht vernehmen liess
.
4.
7
Zusammengefasst ergibt sich
nach dem Gesagten
, dass
aufgrund der Berichte der behandelnden Ärzte
, insbesondere des jüngsten Berichts vom 2
9.
September 2021 (
Urk.
3/4),
zumindest geringe Zweifel an der versicherungsmedizinischen
Akten
beurteilung
des RAD bestehen
und diese somit nicht beweiskräftig ist, weshalb darauf nicht abgestellt werden kann.
4.8
4.
8
.1
Es bleibt zu prüfen, ob die übrigen medizinischen Akten eine abschliessende Beurteilung
einer leistungsrelevanten Veränderung des Gesundheitszustands
für den entscheidrelevanten Zeitraum zulassen.
4.
8
.2
Bei den einschlägigen Berichten von
Dr.
Y._
und
lic
. phil.
Z._
(
Urk.
11/ 138;
Urk.
11/152 und
Urk.
3/4)
sowie dem
Bericht des C._
(
Urk.
11/141) handelt es sich
allesamt um Berichte von behand
e
l
nden Ärzten. Rechtsprechungsgemäss ist in Bezug auf Berichte von
behandelnden Arztpersonen beziehungsweise Thera
piekräften auf die Erfahrungstatsache hinzuweisen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V
465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc)
weshalb die direkte Zusprechung von Leistungen der Invaliden
versicherung im Wesentlichen gestützt auf deren Angaben kaum je in Frage
kommt (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc; Urteil des Bundesgerichts 8C_549/2021 vom 7. Januar 2022 E. 7.2).
Darüber hinaus erfüllen sie die
r
echtsprechungsgemässen Anforderung
en
an den Beweiswert von
Gutachten
nicht. So müssen
psychiatrische Gutachten dem Rechtsanwender
nachvollziehbar darlegen, ob und inwiefern
eine funktionelle Leistungseinschränkung besteht
. Gefordert sind vorab Angaben zur Schwere des Leidens und zu dessen Folgen für die Leistungsfähigkeit, die nach Massgabe der in BGE 141 V 281 definierten Standardindikatoren (vgl. vorstehende E.
4.3
.) abzuhandeln beziehungsweise dementsprechend auch formal zu strukturieren sind (Urteil des Bundesgerichts 8C_681/2020 vom 2
3.
Juli 2021 E. 5.2.2). Auch diesen Anforderungen genügen die
Berichte
der behandelnden Fachleute
nicht
, da
keine
Stellung zu den
Standardindikatoren
genommen wird
und
insbesondere
Angaben zu Ressourcen fehlen
, womit das funktionelle Leistungsvermögen der Beschwerdeführerin und die daraus abgeleitete Arbeitsfähigkeitsbeurteilung nicht abschliessend nachvollziehbar ist
.
4.8.3
Der medizinische Sachverhalt ist in psychischer Hinsicht
damit nicht genügend abgeklärt
, weshalb die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist
, damit diese
den Gesundheitszustand und die funktionelle Leistungsfähigkeit
der Beschwerdeführerin
aus psychischer Sicht
abkläre.
4.8
.
4
Im Rahmen der erstmaligen Beurteilung des Leistungsanspruch
s
wurden
zudem
somatische E
rkrankungen
mit A
uswirkung
auf die funktionelle Leistungsfähig
keit
f
estgestellt
, darunter insbesondere K
niebeschwerden
(
Urk.
11/116/5) und
ein
LWS-Syndrom (
Urk.
11/123/3
; vgl. E. 2.3
)
.
Demzufolge
wird die Beschwerde
gegnerin neben den genannten Abklärungen
in Nachachtung des geltenden Untersuchungsgrundsatzes (vgl. Art. 43 Abs. 1 ATSG)
auch prüfen müssen
, ob
und
wie
sich die
psychischen Diagnosen mit den
somatischen Erkrankungen in ihren
Auswirkungen
gegenseitig beeinflussen
respektive wie die Arbeitsfähigkeit in der Gesamtschau zu beurteilen ist.
Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang insbesondere darauf, dass im Rahmen der Ermittlung des Invaliditätsgrades
gegebenenfalls
weitere Erhebungen im Hinblick auf den invalidenversicherungs
rechtlichen Status der bis anhin teilerwerbstätigen Beschwerdeführerin sowie die konkreten Einschränkungen im Aufgabenbereich erforderlich sein
werden, vorzugsweise im Rahmen einer Haushaltsabklärung.
4.9
Zusammengefasst erweist
sich der medizinische Sachverhalt für eine abschlies
sende Beurteilung
der vorliegenden Streitfrage als ungenügend abgeklärt
, weshalb
di
e angefochtene Verfügung vom 3
1.
August 2021
(
Urk.
2) aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
ist
, damit diese nach
ergänzender Abklärung im Sinne der obigen Erwägungen eine neue Beurteilung vornehme und sodann über den Leistungsanspruch neu verfüge.
5.
5.
1
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kanto
nalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr.
7
00.-- anzusetzen.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 210 E. 7.1, 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.
5.2
Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerde
führerin eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwen
dung von
Art.
61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf
Fr.
2
'
0
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.
5.3
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird das Gesuch der Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gegenstandslos.