Decision ID: 5265fb40-3788-487c-9927-e52965a25ca8
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Eth-
nie, suchte am 24. Mai 2022 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 9. November 2021 in
Slowenien daktyloskopisch erfasst wurde und ein Asylgesuch eingereicht
hatte.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 20. Juni 2022 wurde dem Be-
schwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretens-
entscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Slowenien gewährt,
welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs
zuständig sei. Die Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates wurde vom Be-
schwerdeführer bestritten. Er machte diesbezüglich geltend, dass er Slo-
wenien einen Tag nach der Stellung des Asylgesuchs im November 2021
wieder verlassen habe und sich für sieben Monate in Bosnien und Herze-
gowina aufgehalten habe. Die Zuständigkeit Sloweniens sei deshalb erlo-
schen. Zudem gab er an, er wolle nicht nach Slowenien zurückkehren, weil
er befürchte direkt in die Türkei ausgewiesen zu werden. Ausserdem fühle
er sich nicht sicher in Slowenien, da die Polizei ihn während einer Durch-
suchung gezwungen habe sich auszuziehen und sie ihn bei seiner Ankunft
nach Kroatien hätten abschieben wollen.
C.
Am 20. Juni 2022 ersuchte das SEM die slowenischen Behörden um Rück-
übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO. Diesem Gesuch wurde am 29. Juni 2022 entsprochen.
D.
Mit Verfügung vom 28. Juli 2022 (eröffnet am 29. Juli 2022) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung
nach Slowenien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines
D-3401/2022
Seite 3
Asylgesuchs zuständig sei. Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug der
Wegweisung nach Slowenien und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Mit Beschwerde vom 5. August 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 28. Juli 2022 sei auf-
zuheben, die Zuständigkeit der Schweiz sei festzustellen und das Asylge-
such materiell zu prüfen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Der vorliegenden Beschwerde sei die auf-
schiebende Wirkung zu gewähren. Die Vorinstanz und die Vollzugsbehör-
den seien im Rahmen von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzu-
weisen, bis zum Entscheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen
Vollzugshandlungen abzusehen. Ihm sei weiter die unentgeltliche Prozess-
führung zu gewähren, insbesondere sei von der Erhebung eines Kosten-
vorschusses abzusehen.
F.
Die Instruktionsrichterin setzte am 8. August 2022 gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
G.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
8. August 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
D-3401/2022
Seite 4
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu
behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Formelle Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wä-
ren, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.2
4.2.1 Der Beschwerdeführer macht in diesem Zusammenhang zunächst
geltend, die Vorinstanz habe den Sachverhalt bezüglich Aufenthalt aus-
serhalb des Dublin-Raums ungenügend erstellt. Gemäss Argumentation in
der Beschwerdeeingabe hätte das SEM den slowenischen Behörden mehr
Informationen zum Aufenthalt in Bosnien und Herzegowina zugänglich ma-
chen müssen beziehungsweise hätte der Beschwerdeführer diesbezüglich
zusätzlich befragt werden müssen, damit eine abschliessende Prüfung der
entsprechenden Glaubhaftigkeit möglich gewesen wäre.
D-3401/2022
Seite 5
4.2.2 Dieser Rüge kann jedoch offensichtlich nicht gefolgt werden. Der Be-
schwerdeführer hatte im Rahmen des Dublin-Gesprächs genügend Gele-
genheit, Ausführungen zu seinem Aufenthalt in Bosnien und Herzegowina
zu machen und entsprechende Beweismittel vorzulegen. Weitere Nachfra-
gen oder gar eine zusätzliche Befragung erscheinen schon deshalb nicht
zielführend, als nicht recht nachvollziehbar erscheint, wie der Beschwerde-
führer durch detaillierte Schilderungen von örtlichen Gegebenheiten in
Bosnien und Herzegowina seinen dortigen Aufenthalt nach Asylgesuch-
stellung in Slowenien und während einer Dauer von mehr als drei Monaten
hätte glaubhaft machen können (vgl. dazu auch nachfolgend E. 6.3).
4.2.3 Das SEM hat den ihm bekannten Sachverhalt bezüglich dem Reise-
verlauf sodann in gebührender Weise den slowenischen Behörden mitge-
teilt und insbesondere offengelegt, dass der Beschwerdeführer geltend
mache, er sei nach dem Einreichen seines Asylgesuchs rund sieben Mo-
nate in Bosnien und Herzegowina gewesen. Dabei wurde ausgeführt, dass
der Beschwerdeführer angebe, nach der Registrierung des Asylgesuchs
am 10. November 2021 versteckt in einem Lastwagen aus Slowenien nach
Bosnien und Herzegowina gereist zu sein und bis am 22. Mai 2022 illegal
im bosnischen B._ gelebt zu haben. Die hierzu eingereichten Foto-
grafien wurden den slowenischen Behörden zugestellt. Diesbezüglich
wurde vermerkt, dass diese Eingaben einerseits keine formellen Beweise
darstellen würden und dass sie andererseits nicht bestätigen könnten,
dass er mehr als drei Monate in Bosnien und Herzegowina gewesen sei,
da sie nur den Zeitraum vom 2. Februar 2022 bis zum 6. März 2022 betref-
fen würden. Ausserdem liege neben dem Eurodac-Treffer bezüglich Slo-
wenien kein weiterer Treffer vor, der einen illegalen Eintritt bestätigen
würde. Vorsorglich wurde auch bereits darauf hingewiesen, dass nicht da-
von ausgegangen werde, dass Art. 19 Abs. 2 oder 3 der Dublin-III-VO an-
wendbar sei, sofern Slowenien die Ausreise nicht beweisen könne, dies
unabhängig von der langen Zeit, seitdem er in Slowenien verschwunden
und nunmehr in die Schweiz eingereist sei.
Dem Einwand, die Vorinstanz hätte die Dublin-III-VO falsch angewandt, da
sie keine Glaubhaftigkeitsprüfung seiner Aussagen und ausführliche Wür-
digung zuhanden Sloweniens vorgenommen habe, kann vor diesem Hin-
tergrund nicht gefolgt werden. Eine unvollständige oder einseitige Darle-
gung von Informationen kann dem Wiederaufnahmeersuchen ebenfalls
nicht entnommen werden. Die slowenischen Behörden waren im Besitze
aller sachdienlichen Informationen, um ihre Zuständigkeit zu überprüfen.
Bei Zweifeln am durchgehenden Aufenthalt im Schengen-Raum, hätte es
D-3401/2022
Seite 6
ihnen freigestanden, weitere Informationen vom SEM einzufordern. Eine
Verletzung der Abklärungs- oder Informationspflicht ist demnach nicht aus-
zumachen.
4.3
4.3.1 Weiter wird gerügt, der Sachverhalt zur schlechten Behandlung durch
die Behörden in Slowenien und zur Rücküberstellungsgefahr in die Türkei
sei ungenügend erfragt worden und die Vorinstanz habe diese Vorbringen
zudem in ihrem Entscheid nicht hinreichend gewürdigt, zumal sie einzig mit
pauschalen Textbausteinen auf allgemein bestehende Pflichten verwiesen
habe. Entgegen der Vorbringen des Beschwerdeführers hat die Vorinstanz
den Sachverhalt jedoch in Rahmen des Dublin-Gesprächs genügend er-
stellt und in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar dargelegt, wes-
halb sie eine Überstellung in den zuständigen Dublin-Mitgliedstaat Slowe-
nien für zulässig erachtet. Die Vorinstanz setzte sich mit seinen Vorbringen
hinreichend ausführlich auseinander. Sofern sich der Beschwerdeführer
mit der Lageeinschätzung der Vorinstanz zu Slowenien nicht einverstan-
den zeigt, betrifft dies die Frage nach der korrekten materiellen Würdigung
des rechtserheblichen Sachverhalts, welche nachfolgend zu prüfen ist (vgl.
E. 7.2 ff.). Es ist daher nicht ersichtlich, inwiefern die Vorinstanz den Sach-
verhalt unrichtig oder unvollständig festgestellt und seine Vorbringen nicht
hinreichend gewürdigt hätte.
4.3.2 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als
unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Ver-
fügung aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das
entsprechende Rechtsbegehren ist somit abzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
D-3401/2022
Seite 7
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätz-
lich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum
Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
die antragstellende Person, die während der Prüfung ihres Antrags in ei-
nem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder die sich im Ho-
heitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach
Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO). Diese Verpflichtung erlischt, wenn der Gesuchsteller
oder eine andere Person gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c oder d das Hoheits-
gebiet der Mitgliedstaaten während einer Dauer von mindestens drei Mo-
naten verlassen hat, ausser die Person verfüge über einen durch den zu-
ständigen Mitgliedstaat ausgestellten Aufenthaltstitel (Art. 19 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO). Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO regelt ausdrücklich, dass die Be-
weislast für das Vorliegen des gegenständlichen ausnahmsweisen Endi-
gungstatbestandes dem bisher zuständigen, also dem ersuchten Mitglied-
staat zuzuweisen ist (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien
2014, K9 zu Art. 19). Ein betreffend Art. 19 Abs. 2 relevantes Vorbringen ist
dem ersuchten (bisher zuständigen) Mitgliedstaat (gegebenenfalls mit ei-
ner nachvollziehbaren negativen Glaubwürdigkeitseinschätzung) zu über-
mitteln. Nur so kann der ersuchte Mitgliedstaat das allfällige Vorliegen des
Endigungstatbestandes des Art. 19 Abs. 2 beurteilen und die formelle Zu-
weisung der Beweislast an ihn inhaltlich gerechtfertigt werden (a.a.O., K10
zu Art. 19).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Slowenien am 9. November
2021 ein Asylgesuch eingereicht zu haben und dort auch daktyloskopisch
erfasst worden zu sein. Er bestreitet aber die grundsätzliche Zuständigkeit
Sloweniens, da er sich darauf beruft, dass aufgrund seines mehrmonatigen
Aufenthalts ausserhalb des Dublin-Raumes (konkret in Bosnien und Her-
zegowina) dessen Zuständigkeit gemäss Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO erlo-
schen sei.
6.2 Weder im vorinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene
reichte der Beschwerdeführer Beweismittel gemäss Art. 22 Abs. 3 Bst. a/i
D-3401/2022
Seite 8
Dublin-III-VO in Verbindung mit Anhang II, Verzeichnis A der Durchfüh-
rungsverordnung (EU) Nr. 118/2014 der Kommission vom 30. Januar 2014
zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1560/2003 mit Durchführungsbe-
stimmungen zur Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung
der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die
Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Asylantrags zuständig ist (Durchführungsverordnung), ein. Seine
Vorbringen und die von ihm eingereichten Fotos stellen bestenfalls Indizien
im Sinne von Art. 22 Abs. 3 Bst. b/i Dublin-III-VO in Verbindung mit Anhang
II, Verzeichnis B der Durchführungsverordnung dar. Das Gericht kommt in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass die eingereichten
Fotos nicht geeignet sind, einen mehrmonatigen Aufenthalt in Bosnien und
Herzegowina zu belegen. Die mittels Screenshots nachgewiesenen Auf-
nahmedaten der Fotos sind einerseits leicht manipulierbar. Aber selbst
wenn davon ausgegangen wird, die Fotos und deren Metadaten wären au-
thentisch, würden sie andererseits maximal eine einmonatige Anwesenheit
in Bosnien und Herzegowina dokumentieren. Daran kann das auf Be-
schwerdeebene eingereichte Foto vom 25. November 2021 nichts ändern,
zumal darauf in keiner Weise ersichtlich wird, dass sich der Beschwerde-
führer zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nicht mehr in Slowenien befand. Im
Übrigen erscheint wenig lebensnah, dass er – abgesehen von sieben Fo-
tos – keine Nachweise dafür haben soll, dass er sich während sieben Mo-
nate ausserhalb des Dublin-Raums aufgehalten habe. Seine Behauptung,
er habe vorher ein anderes Telefon mit weiteren Beweisen gehabt, welches
ihm aber gestohlen worden sei, überzeugt nicht. Insgesamt ist vor diesem
Hintergrund festzuhalten, dass es ihm – auch unter Berücksichtigung des
im Rahmen der Dublin-III-VO anzuwendenden reduzierten Beweismasses
– nicht gelungen ist, den behaupteten Aufenthalt ausserhalb des Dublin-
Raums von mehr als drei Monaten nach Asylgesuchstellung glaubhaft zu
machen. Daran vermöchten auch detaillierte Schilderungen zu Örtlichkei-
ten in Bosnien und Herzegowina offensichtlich nichts zu ändern. Die grund-
sätzliche Zuständigkeit von Slowenien ist somit gegeben.
7.
7.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Slowenien würden systemische Schwach-
stellen aufweisen.
7.2 Slowenien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
D-3401/2022
Seite 9
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben. Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung
davon aus, dass das slowenische Asylsystem keine systemischen Mängel
im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz Dublin-III-VO aufweist (vgl. etwa
Urteile des BVGer F-967/2022 vom 7. März 2022 E.7.2; F-5473/2021 vom
28. Dezember 2021 E. 5.2; E-5437/2021 vom 20. Dezember 2021 E. 4.3).
Daran vermögen die nicht substantiierten Befürchtungen des Beschwerde-
führers nichts zu ändern.
7.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
8.
8.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser
Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen
auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder-
nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Weiter ist
zu prüfen, ob das SEM gemäss Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO vom
sogenannten Selbsteintrittsrecht hätte Gebrauch machen müssen.
8.2 Die slowenischen Behörden stimmten der Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO zu. Damit
haben sie signalisiert, die Verantwortung für das Asylverfahren überneh-
men zu wollen. Der Beschwerdeführer hat in diesem Zusammenhang kein
D-3401/2022
Seite 10
konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, die slowenischen Behörden
würden sich weigern, ihn wiederaufzunehmen und seinen Antrag auf inter-
nationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu
prüfen. Er hat in diesem Zusammenhang mit seiner nicht weiter substanti-
ierten Befürchtung, Slowenien würde ihn aufgrund der guten Beziehungen
zum türkischen Staat unmittelbar in die Türkei rücküberstellen, offenkundig
nichts geltend gemacht, was die Vermutung einer völker- und gemein-
schafsrechtskonformer Behandlung durch Slowenien ernsthaft erschüttern
könnte. Den Akten sind somit keine Gründe für die Annahme zu entneh-
men, Slowenien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoule-
ment missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein
Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1
AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein
solches Land gezwungen zu werden. An der Zulässigkeit der Überstellung
vermag auch nicht zu ändern, dass sich der Beschwerdeführer nach Ein-
reise offenbar einer Leibesvisitation hat unterziehen müssen und versucht
worden sei, ihn nach Kroatien zurückzuschieben. So stellte die Vorinstanz
zu Recht fest, die slowenischen Behörden hätten das Recht illegal Einrei-
sende zu untersuchen. Überdies ist darauf hinzuweisen, dass er sich in
Bezug auf die geltend gemachte schlechte Behandlung seitens der slowe-
nischen Polizei nötigenfalls an die slowenischen Behörden wenden und
seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern kann. Slowenien ist ein funk-
tionierender Rechtsstaat und die Behörden sind gewillt und fähig, staatli-
chen Schutz zu gewähren.
8.3 Der Beschwerdeführer wurde in Slowenien – wenn auch angeblich ge-
gen seinen Willen – als Asylsuchender registriert. Klarzustellen gilt es an
dieser Stelle, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE
2010/45 E. 8.3). Die Abnahme der Fingerabdrücke von illegal einreisenden
Ausländern und Asylsuchenden wiederum stützt sich auf die Eurodac-Ver-
ordnung und erweist sich somit als legitim (vgl. beispielsweise Urteile des
BVGer F-1010/2022 vom 11. März 2022 E. 3.2, F-967/2022 vom 7. März
2022 E. 7.3 oder F-599/2022 vom 14. Februar 2022 E. 3).
8.4 Des Weiteren liegen keine konkreten Anhaltspunkte vor, wonach die
Gesundheit des Beschwerdeführers bei einer Überstellung nach Slowe-
nien ernsthaft gefährdet würde. Nach der Behandlung seiner Zahnprob-
leme liegen keine Hinweise vor, dass er aktuell an weiteren gesundheitli-
chen Beeinträchtigungen leide und künftig weitere medizinischen Behand-
D-3401/2022
Seite 11
lungen benötige. Ferner verfügt Slowenien über eine ausreichende medi-
zinische Infrastruktur und es bestehen keine Anhaltspunkte, wonach ihm
dort eine adäquate medizinische Behandlung verweigert würde.
8.5 Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin-III-
VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die
Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten, noch
liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen wür-
den.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Slowenien in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
10.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
11.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Ge-
währung der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
Der am 8. August 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem
Urteil dahin.
12.
12.1 Die Begehren waren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG un-
besehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist.
D-3401/2022
Seite 12
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
D-3401/2022
Seite 13