Decision ID: b9bcdd83-9e1d-536d-a0d9-9f2c516d43a5
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein Palästinenser aus B._, verliess seine
Heimat eigenen Angaben zufolge am 17. November 2016. Über Ägypten
und die Türkei gelangte er nach Griechenland, wo er von einem Schlepper
gegen Geldzahlung einen ungarischen Pass und eine niederländische
Identitätskarte erwarb. Mit diesen Dokumenten reiste er am (..) April 2017
auf dem Luftweg von C._ nach D._. Am 21. April 2017 stellte
er im Empfangs- und Verfahrenszentrum E._ ein Asylgesuch und
wurde gleichentags per Zufallsprinzip dem Testbetrieb des Verfahrensze-
ntrums Zürich zugewiesen. Daraufhin wurde am 26. April 2017 eine Perso-
nalienaufnahme durchgeführt und am 18. Mai 2017 fand die Erstbefragung
statt. Schliesslich hörte das SEM den Beschwerdeführer am 15. Juni 2017
einlässlich zu seinen Asylgründen an. Mit Verfügung vom 23. Juni 2017
wurde entschieden, sein Asylgesuch im erweiterten Verfahren zu behan-
deln.
B.
B.a Der Beschwerdeführer machte geltend, er habe stets in B._ ge-
lebt und die Schule bis zur elften Klasse besucht. Danach habe er mit sei-
nem Onkel (...) gearbeitet und das Handwerk eines (...) erlernt, daneben
aber auch verschiedene andere Arbeitstätigkeiten ausgeführt. Seit seiner
Kindheit sei er Anhänger der Fatah und habe schon früh an deren Aktivitä-
ten teilgenommen, bevor er schliesslich im Jahr 2009 selbst Mitglied ge-
worden sei. Er habe unter anderem bei der Organisation von verschiede-
nen sozialen und kulturellen Anlässen mitgeholfen, sei lange Zeit für die
Medien verantwortlich gewesen und habe später die Leitung einer vier-
köpfigen Gruppe übernommen. Ab dem Jahr 2013 habe sich der Umgang
der Hamas-Sicherheitskräfte ihnen gegenüber verschärft und er sei oft
kontrolliert und befragt worden. Nachdem es einmal zu einer Auseinander-
setzung zwischen ihm und jungen, für die Sicherheit zuständigen Anhä-
ngern der Hamas gekommen sei, sei er am nächsten Morgen von der Po-
lizei vorgeladen worden. Er habe zwei Tage in Haft verbracht und sei lange
befragt worden. Nach diesem Vorfall sei er jedes Mal, wenn es in
B._ eine Explosion gegeben habe oder ein Hamas-Mitglied getötet
worden sei, polizeilich vorgeladen worden. Sie hätten ihn beschuldigt, da-
ran beteiligt zu sein oder ihm sonstige Vorwürfe gemacht. Im Jahr 2016 sei
er dann nicht mehr nur von der Polizei, sondern vom Sicherheitsapparat
vorgeladen worden. Sie hätten ihn nach F._ gebracht, ein Gefäng-
nis der inneren Sicherheit, in welchem Spione und politische Gefangene
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festgehalten würden. Insgesamt sei er im Laufe des Jahres 2016 fünfmal
in diesem Gefängnis gewesen, wobei er dreimal fünf bis sieben Tage lang
festgehalten worden sei. Sie hätten ihn dort unter anderem in einem Zim-
mer mit Folterinstrumenten befragt und mehrmals geschlagen. Bei der letz-
ten Inhaftierung am (...) 2016 sei er mit dem Vorwurf konfrontiert worden,
dass er als Spion für Ramallah fungiere. Dies sei ein sehr gravierender
Vorwurf, da die Hamas solche Personen als Kollaborateure und Landes-
verräter betrachte. Ihm sei auch vorgehalten worden, er leite Informationen
über die Aktivitäten der Hamas an seinen Onkel – welcher nach dem Sturz
der Fatah-Regierung 2007 nach Norwegen gegangen sei – weiter. Zudem
hätten sie ihm vorgeworfen, er kommuniziere mit einem weiteren Onkel im
Gazastreifen, welcher als Fatah-Mitglied bekannt und bereits im Gefängnis
gewesen sowie mehrmals von der Hamas verhaftet worden sei. Nach die-
ser letzten Festnahme sei er psychisch sehr angeschlagen gewesen und
habe sich – auf den Vorschlag seines Vaters hin – zur Ausreise entschie-
den. Eine Rückkehr in den Gazastreifen wäre für die Hamas der Beweis,
dass er mit Ramallah kollaboriere und nur deswegen zurückkehre. Er be-
fürchte, dass er sofort im Gefängnis landen würde und es völlig ungewiss
wäre, ob respektive wann er wieder freigelassen würde. Nach seiner Aus-
reise seien mehrere junge Leute, mit denen er damals bei der Fatah zu-
sammengearbeitet habe, festgenommen worden. Auch ihm selbst sei am
(...) Februar 2017 erneut eine polizeiliche Vorladung zugestellt worden. Zu-
dem habe ein Offizier der Hamas seinen Vater nach ihm gefragt.
B.b Zum Nachweis seiner Identität und zur Untermauerung seiner Vorbrin-
gen reichte der Beschwerdeführer bei der Vorinstanz folgende Beweismit-
tel zu den Akten:
- Palästinensische Identitätskarte im Original;
- Palästinensischer Führerschein im Original;
- Eheschein (in Kopie);
- Memory-Stick mit einem Video von seiner Hochzeit;
- zwei Vorladungen der palästinensischen Polizei vom (...)2016 und
(...).02.2017 (beide in Kopie);
- Schreiben der Fatah vom 10. Mai 2017 (in Kopie);
- Foto eines zerstörten Hauses;
- drei auf Facebook gepostete Glückwunschkarten von der Fatah res-
pektive an diese gerichtet;
- Unterlagen betreffend ein Bankkonto des Beschwerdeführers;
- Arbeitsbestätigung der (...) vom 05.04.2016 (in Kopie).
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C.
C.a Mit Verfügung vom 18. Juli 2018 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug
an.
C.b Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 24. August 2018 beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid. Dabei
rügte er insbesondere, dass sein Recht auf Akteneinsicht sowie sein An-
spruch auf rechtliches Gehör verletzt worden seien. In der Hauptsache be-
antragte er, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und zur vollstän-
digen und richtigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und
zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen.
C.c Mit Urteil D-4852/2018 vom 30. August 2018 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde gut, soweit die Aufhebung der vorinstanzli-
chen Verfügung beantragt wurde, und wies die Sache zur Neubeurteilung
an das SEM zurück. Dabei erwog das Gericht unter anderem, dass dem
Beschwerdeführer teilweise zu Unrecht keine Einsicht in diverse Aktenstü-
cke gewährt und das Beweismittelverzeichnis nicht ordnungsgemäss ge-
führt worden sei. Zudem lasse sich den Akten nicht entnehmen, dass das
SEM die eingereichten Beweismittel übersetzt oder den Beschwerdeführer
zur Einreichung einer Übersetzung aufgefordert habe, wobei die Beweis-
mittel zumindest teilweise für die Erstellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts wesentlich sein könnten. In diesem Punkt erweise sich der Sach-
verhalt demnach als nicht rechtsgenüglich abgeklärt. Es liege somit eine
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör vor, wobei eine Heilung
der festgestellten Mängel auf Beschwerdeebene nicht in Betracht falle.
D.
D.a Mit Eingabe vom 21. November 2019 reichte der Beschwerdeführer
drei Beweismittel zu den Akten. Es handelt sich dabei um eine Kopie der
Vorladung vom (...) Februar 2017, eine Kopie des Schreibens der Fatah
vom 10. Mai 2017 sowie eine Kopie der Vorladung vom (...) 2016, alle drei
mit deutscher Übersetzung. Weiter informierte er das SEM darüber, dass
die Situation im Gazastreifen erneut eskaliere und die Region unter Bom-
benbeschuss stehe. Auf Befehl der Hamas habe seine Familie ihr Haus
verlassen müssen, damit dieses für militärische Zwecke genutzt werden
könne. Einer seiner Brüder habe sich dieser Anordnung widersetzt und sei
deshalb verhaftet worden. Zudem sei sein Vater geschlagen worden, weil
er das Haus ebenfalls nicht habe verlassen wollen.
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D.b Am 8. Januar 2019 liess der Beschwerdeführer dem SEM folgende
weiteren Beweismittel zukommen: UNRWA-Ausweis betreffend seine drei-
zehnköpfige Familie, Bestätigungsschreiben des Palestinian National Libe-
ration Movement "Fatih" vom 29. November 2018 – beide mit englischer
Übersetzung – und ein Arztbericht betreffend seinen Bruder G._
vom 12. November 2018 (alle in Kopie). Die Unterlagen würden sich auf
den mit der letzten Eingabe geschilderten Vorfall beziehen und es gehe
daraus hervor, dass seine Familie aus ihrer Unterkunft vertrieben worden
sei und nun in einer UNRWA-Schule leben müsse. Ebenso sei ersichtlich,
dass die Hamas das Haus der Familie übernommen habe und dass der
Bruder dabei verletzt worden sei.
D.c Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom 5. Feb-
ruar 2019 – gemäss der Aufforderung im Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts vom 30. August 2018 – Einsicht in die Verfahrensakten.
D.d Mit Eingabe vom 18. April 2019 teilte der Beschwerdeführer dem SEM
mit, dass es in Gaza in den letzten Wochen zu massiven Protesten und
Demonstrationen gegen die Hamas gekommen sei. Dabei sei sein Bruder
während fünf Tagen inhaftiert worden. Zudem engagiere sich seine Familie
weiterhin sehr stark für die Fatah. Als Beweismittel wurden verschiedene
Fotos eingereicht, welche den Bruder bei der Festnahme sowie diesen und
einen Onkel während der Organisation des Fatah-Festivals zeigten.
D.e Schliesslich reichte der Beschwerdeführer bei der Vorinstanz mit
Schreiben vom 9. Mai 2019 einen Artikel der NZZ vom 25. April 2019 ein,
welcher sich zur Niederschlagung der Demonstrationen im Gazastreifen
durch die Hamas äussert.
E.
Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 18. Juli 2019 stellte das SEM
erneut fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete deren Vollzug an.
F.
Mit Eingabe vom 19. August 2019 erhob der Beschwerdeführer – handelnd
durch seinen Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde gegen diesen Entscheid. Darin beantragte er, es sei ihm vollum-
fänglich Einsicht in die Beweismittel 1 und 2 sowie in den USB-Stick (Be-
weismittel 12) gemäss Beweismittelverzeichnis zu gewähren, eventualiter
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sei ihm das rechtliche Gehör zu diesen Beweismitteln zu gewähren. Im An-
schluss sei ihm eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwer-
deergänzung anzusetzen. In der Hauptsache beantragte er, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben und die Sache dem SEM zur vollständigen
und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei seine
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren, eventuali-
ter sei er als Flüchtling anzuerkennen und deshalb vorläufig aufzunehmen.
Ebenfalls eventualiter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen und er sei vorläufig aufzunehmen, eventualiter sei die Unzu-
mutbarkeit, eventuell Unmöglichkeit, des Wegweisungsvollzugs festzustel-
len und eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersuchte er um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und Befreiung von der Bezahlung der Verfahrenskosten, eventualiter
sei ihm eine angemessene Frist zur Bezahlung eines Gerichtskostenvor-
schusses beziehungsweise Einreichung einer aktuellen Sozialhilfebestäti-
gung anzusetzen. Als Beschwerdebeilagen wurden – neben der angefoch-
tenen Verfügung und einer Sozialhilfebestätigung vom 23. August 2018 –
ein Link auf einen Bericht von Al Karama Nachrichten sowie diverse Be-
richte von verschiedenen Organisationen und Medien zur Lage im Gaza-
streifen eingereicht.
G.
Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe vom 26. August 2019 eine aktu-
elle Sozialhilfebestätigung nachreichen.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 27. August 2019 stellte der Instruktionsrichter
fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess er das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
I.
Mit Eingabe vom 3. September 2019 leitete der Rechtsvertreter dem Ge-
richt eine Information weiter, welche er vom Beschwerdeführer betreffend
die jüngsten Ereignisse in seiner Heimat erhalten habe. Dieser berichtete
von der Verhaftung mehrerer seiner Familienmitglieder, wobei sie auch ge-
schlagen worden seien. Sein Vater, ein Onkel und ein Cousin seien des-
wegen in Behandlung.
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Seite 7
J.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 26. September 2019 zur Be-
schwerde vom 19. August 2019 vernehmen.
K.
Mit Eingabe vom 6. November 2019 reichte der Beschwerdeführer innert
erstreckter Frist eine Replik ein, unter Beilage von diversen Screenshots
des Films auf dem USB-Stick (Beweismittel 12).
L.
Der Beschwerdeführer setzte das Gericht mit Schreiben vom 4. Dezember
2019 darüber in Kenntnis, dass das Haus seiner Familie bei der letzten
Eskalation in Gaza am 13. November 2019 bombardiert worden sei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
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AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu prüfen sind, da sie unter Umständen geeignet sein könnten,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Der Be-
schwerdeführer rügt eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör,
eine unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtserheblichen Sach-
verhalts sowie eine Verletzung der Begründungspflicht.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderer-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst dabei alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Be-
gründung muss so abgefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid ge-
gebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen
Überlegungen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und
auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Be-
gründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184
E. 2.2.1).
Gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG bildet die unrichtige oder unvollstän-
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der be-
hördlichen Untersuchungspflicht einen Beschwerdegrund. Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
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sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2013, Rz. 1043).
Sodann besteht eine Aktenführungspflicht. Diese beinhaltet insbesondere
die geordnete Ablage, die Paginierung und die Registrierung der vollstän-
digen Akten im Aktenverzeichnis und ergibt sich aus dem Akteneinsichts-
recht Beschwerdeführers, welches in Art. 26 ff. VwVG geregelt ist und
ebenfalls Teilgehalt des Anspruchs auf rechtliches Gehör darstellt (vgl.
dazu ausführlich BVGE 2011/37 E. 5.4.1). Gegenstand der Aktenführungs-
pflicht sind sämtliche Akten, wogegen für den Einsichtsanspruch das
grundsätzliche Potenzial zur Beeinflussung der Entscheidfindung massge-
blich ist.
3.3 Der Beschwerdeführer brachte vor, dass die im Urteil vom 30. August
2018 kritisierte intransparente Führung des Beweismittelverzeichnisses
weiterhin bestehe und nicht ersichtlich sei, welche Beweismittel unter den
Ziffern 1 und 2 abgelegt seien. Zudem sei ihm nach wie vor keine Einsicht
in den unter Ziffer 12 des Beweismittelverzeichnisses erwähnten USB-
Stick gewährt worden. In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, dass
es sich – wie im Beweismittelverzeichnis ersichtlich sei – bei dem unter
Ziffer 1 abgelegten Beweismittel um GWK-Akten handle, mit welchen die
Sicherstellung des Führerausweises des Beschwerdeführers dokumentiert
worden sei; das betreffende Aktenstück sei identisch mit der Akte A31.
Ebenso lasse sich dem Verzeichnis entnehmen, dass unter Ziffer 2 eine
lesbare Kopie von Beweismittel 5 abgelegt sei. Obwohl der Beschwerde-
führer bereits Einsicht in diese Akten erhalten habe, würden sie ihm erneut
zugestellt. Weiter hielt die Vorinstanz fest, dass es sich beim Beweismittel
Nr. 12 um einen USB-Stick handle, wobei solche Datenträger grundsätzlich
nicht mit der Post verschickt würden. Nach Vereinbarung eines Termins
könne dieser aber vor Ort eingesehen werden.
Der aktuellen Version des Beweismittelverzeichnisses lässt sich ohne Wei-
teres entnehmen, welche Unterlagen unter den Ziffern 1 und 2 abgelegt
sind (vgl. A24). Das SEM hat somit die vom Bundesverwaltungsgericht im
Urteil vom 30. August 2018 beanstandete intransparente Führung des Be-
weismittelverzeichnisses behoben. Sodann hat es dem Beschwerdeführer
respektive dessen Rechtsvertreter mit Schreiben vom 29. Oktober 2019
schliesslich auch eine Kopie des USB-Sticks zugestellt (vgl. A72). Im Rah-
men der Replik führte der Rechtsvertreter aus, das Hin und Her betreffend
den USB-Stick – das SEM scheine erst nach mehreren Wochen in der Lage
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gewesen zu sein, dessen Inhalt zu kopieren und ihm zukommen zu lassen
– illustriere, dass dieses Beweismittel schlicht nicht gewürdigt worden sei.
Dies ist jedoch eine blosse Mutmassung, da die Vorinstanz dem Beschwer-
deführer zuerst nur vor Ort Einsicht in den USB-Stick gewähren wollte, was
grundsätzlich zulässig ist. Offenbar sah es aber später davon ab und stellte
dem Rechtsvertreter eine Kopie davon zu. Aus der späten Gewährung der
Einsicht in den USB-Stick lassen sich jedoch keinerlei Rückschlüsse auf
dessen Würdigung durch die Vorinstanz ziehen und es ist darin keine Ver-
letzung der Abklärungspflicht zu erblicken. Zwar wäre es wünschenswert
gewesen, wenn der Beschwerdeführer bereits zu einem früheren Zeitpunkt
Einsicht in den USB-Stick erhalten hätte. Es ist jedoch festzuhalten, dass
er mit der Replik die Gelegenheit erhielt, sich zu dessen Inhalt zu äussern.
Ausserdem befindet sich auf dem USB-Stick lediglich ein Video seiner
Hochzeit, welches die Mitgliedschaft bei der Fatah belegen soll, da unter
den Hochzeitsgästen neben jungen Angehörigen der Partei auch hochran-
gige Anführer gewesen seien (vgl. A21, F4 ff.). Vorliegend wird aber ohne-
hin nicht bezweifelt, dass der Beschwerdeführer Mitglied bei der Fatah ge-
wesen ist. Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz aufgrund der
Verletzung des Rechts auf Akteneinsicht erscheint daher nicht gerechtfer-
tigt.
3.4 Zur Rüge der Verletzung der Abklärungspflicht wurde weiter geltend
gemacht, dass die Dauer der Anhörungen des Beschwerdeführers viel zu
lang gewesen sei. Bei der Erstbefragung habe das SEM – in Verletzung
der korrekten Aktenführung – den Endzeitpunkt der Befragung nicht fest-
gehalten. Aus einer entsprechenden Anmerkung im Protokoll gehe aber
hervor, dass um 16:45 Uhr, nach fast vier Stunden, noch weitere Fragen
gestellt worden seien. Danach habe noch die gesamte Rückübersetzung
durchgeführt werden müssen, weshalb die Befragung bis spät in den
Abend hinein gedauert haben müsse. Die einlässliche Anhörung habe so-
gar von 9:40 Uhr bis 17:45 Uhr gedauert. Dabei wiege besonders schwer,
dass diese während des Ramadan stattgefunden habe, welcher vom Be-
schwerdeführer befolgt werde. Das SEM habe von seinem Fasten Kennt-
nis gehabt und hätte daher die Anhörung abbrechen und einen neuen Ter-
min ansetzen müssen.
Zwar trifft es zu, dass das Ende der Erstbefragung – welche um 13 Uhr
begann – in den Akten nicht festgehalten wurde und davon auszugehen
ist, dass diese nach 16:45 Uhr noch eine gewisse Zeit in Anspruch nahm
(vgl. A21). Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass zwei Pausen integriert
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wurden und aus den Akten nicht ersichtlich ist, dass sich beim Beschwer-
deführer mit der Zeit irgendwelche kognitiven Beeinträchtigungen bemerk-
bar gemacht hätten. Dasselbe gilt auch für die Anhörung, deren Dauer mit
insgesamt gut acht Stunden tatsächlich lang erscheint. Bei dieser wurden
rund drei Pausen im Umfang von knapp zwei Stunden eingelegt. Dabei
geht aus dem Protokoll nicht hervor, dass sich der Beschwerdeführer un-
wohl gefühlt oder vorgebracht hätte, er sei aufgrund des von ihm eingehal-
tenen Ramadan nicht in der Lage, die Befragung fortzusetzen. Zudem
wurde er sowohl bei der Erstbefragung als auch bei der Anhörung von sei-
nem damaligen Rechtsvertreter begleitet, welcher diesbezüglich ebenfalls
keine Einwände anbrachte. Vor diesem Hintergrund erscheint die eher
lange Dauer der Befragungen zumutbar und es liegt keine Verletzung der
Abklärungspflicht vor.
3.5 In der Beschwerdeschrift wurde zudem kritisiert, dass das SEM den
Beschwerdeführer anlässlich der Erstbefragung bei einer der zentralsten
Fragen – weshalb die Hamas ihn der Spionage verdächtigt habe – unter-
brochen habe, als er gerade dabei gewesen sei, den Zusammenhang mit
seinem Onkel in Norwegen zu schildern. Das SEM habe sich in der Folge
nicht mehr für diesen Aspekt interessiert, obwohl der Beschwerdeführer
ausdrücklich dargelegt habe, dass der Vorwurf der Spionage sehr gefähr-
lich sei. Dies stelle ebenso wie der Umstand, dass die Vorinstanz die Na-
men der Onkel – ein anderer Onkel, der noch im Gazastreifen lebe, sei
politisch für die Fatah aktiv – nicht sorgfältig erfragt und zugeordnet habe,
eine Verletzung der Abklärungspflicht dar.
Diese Rüge erweist sich als unbegründet. Unmittelbar nach der erwähnten
Unterbrechung wurde der Beschwerdeführer erneut konkret gefragt, wes-
halb er von der Hamas der Spionage bezichtigt worden sei (vgl. A21, F106
und F108). Es wäre ihm problemlos möglich gewesen, auf die Verbindung
zu seinem Onkel zurückzukommen und diese näher auszuführen. Zudem
wurde die Beziehung zum Onkel in Norwegen ebenso wie jene zum Onkel
im Gazastreifen im Rahmen der Anhörung erneut thematisiert (vgl. A26,
F17 ff.). Dabei wurde der Beschwerdeführer auch aufgefordert, die Onkel
jeweils mit Namen zu nennen, damit sie unterschieden werden können
(vgl. A26, F22). Er hatte somit ausreichend Gelegenheit, die Rolle der On-
kel im Hinblick auf seine Asylgründe differenziert darzulegen. Eine Verlet-
zung der Abklärungspflicht liegt auch diesbezüglich nicht vor.
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Seite 12
3.6
3.6.1 Sodann rügt der Beschwerdeführer, dass verschiedene Sachverhalt-
selemente sowie die von ihm eingereichten Beweismittel von der Vor-
instanz unter Missachtung des rechtlichen Gehörs und der Abklärungs-
pflicht nicht angemessen gewürdigt worden seien.
3.6.2 Das SEM habe sich mit den zahlreichen Beweismitteln inhaltlich nicht
auseinandergesetzt und sich auf die pauschale Behauptung beschränkt,
diese vermöchten seine Einschätzung nicht umzustossen. Zudem hätte es
die vorgelegten Beweismittel – insbesondere die Vorladungen der Hamas
– einer Dokumentenanalyse unterziehen müssen.
Die vom Beschwerdeführer eingereichten Dokumente liegen – mit Aus-
nahme der Identitätskarte und des Führerscheins – lediglich in Kopie vor.
Eine Dokumentenanalyse ist daher nicht möglich, da allenfalls vorhandene
Sicherheitsmerkmale nur bei den Originalen festgestellt werden könnten.
Weiter hat die Vorinstanz sämtliche eingereichten Beweismittel in der an-
gefochtenen Verfügung erwähnt, ihren Beweiswert aber aufgrund des Um-
stands, dass diese nur als Kopien vorliegen, als gering eingeschätzt. Zu-
dem verzichtete sie auf eine eingehende Prüfung der Glaubhaftigkeit der
Vorbringen des Beschwerdeführers, da sie diese als nicht asylrelevant ein-
stufte. Entsprechend bestand auch keine Veranlassung, sich weitergehend
zu den eingereichten Beweismitteln – welche lediglich die vorgebrachten
Tatsachen belegen, nicht aber deren Asylrelevanz nachweisen können –
zu äussern und diese einer vertieften Würdigung zu unterziehen.
3.6.3 Weiter machte der Beschwerdeführer geltend, sein Rechtsvertreter
habe nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. August
2018 in mehreren Eingaben neue Beweismittel zu den Akten gegeben und
ergänzende Ausführungen gemacht. Das SEM habe es unterlassen, diese
in der angefochtenen Verfügung zu erwähnen, geschweige denn zu würdi-
gen. Zwar habe es unter Ziffer 3 die eingereichten Beweismittel aufgelistet.
Es sei aber offensichtlich, dass es damit seiner Begründungs- sowie Ab-
klärungspflicht nicht ausreichend nachkomme, zumal in den Eingaben
auch zusätzliche Informationen mitgeteilt worden seien. Sodann habe das
SEM die Tatsache nicht gewürdigt, dass er aus einer politischen Familie
stamme, welche traditionellerweise für die Fatah aktiv sei. Insbesondere
sein im Gazastreifen lebender Onkel I._ sei eine führende Person
bei der Fatah und weiterhin politisch sehr aktiv. Er werde regelmässig we-
gen Demonstrationen festgenommen und sei beispielsweise vor Kurzem
zusammen mit einem seiner Brüder verhaftet worden. Die Vorinstanz habe
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Seite 13
auch die von ihm geschilderte jahrelange Verfolgung nicht vollständig er-
fasst und gewürdigt. Er sei nicht nur sehr oft von den Sicherheitsbehörden
kontrolliert worden, die Hamas habe ihn im Jahr 2014 auch angewiesen,
das Haus in der Nacht nicht mehr zu verlassen. Letzteres zeige, dass er
gezielt in deren Visier gewesen sei. Zudem habe er die Verantwortung für
eine Sektion der Fatah getragen, was sein herausragendes Profil erkennen
lasse. Besonders schwer wiege, dass das SEM weder erwähnt noch ge-
würdigt habe, dass er während der Inhaftierung misshandelt worden sei.
Zusammenfassend habe das SEM den Anspruch auf rechtliches Gehör
wiederholt schwerwiegend verletzt.
Der Beschwerdeführer verwechselt in diesem Zusammenhang eine Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs mit der von der Vorinstanz vorgenommenen
Würdigung des Sachverhalts. Das SEM hat in der angefochtenen Verfü-
gung ausreichend differenziert dargelegt, aus welchen Gründen es davon
ausging, dass die Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht genügten. Dabei war es nicht erforderlich,
dass es sich mit sämtlichen Aussagen und Eingaben einlässlich auseinan-
dersetzt; vielmehr konnte es sich auf die wesentlichen Sachverhaltsele-
mente beschränken. Aus der Verfügung vom 18. Juli 2019 geht hervor, von
welchen Überlegungen sich die Vorinstanz leiten liess, weshalb es dem
Beschwerdeführer auch ohne weiteres möglich war, diese sachgerecht an-
zufechten. Der Umstand, dass er verschiedenen Ereignissen – namentlich
den Verbindungen zu seinen Onkeln sowie den in separaten Eingaben ge-
schilderten Vorfällen nach seiner Ausreise – eine andere Bedeutung bei-
misst als die Vorinstanz, stellt keine Verletzung des Anspruchs auf rechtli-
ches Gehör dar. Die vom Beschwerdeführer aufgeführten Punkte beziehen
sich vielmehr auf die materielle Beurteilung.
3.7 Nach dem Gesagten erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün-
det. Das SEM hat den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches
Gehör nicht verletzt und den Sachverhalt richtig und vollständig festgestellt.
Es besteht keine Veranlassung, die Verfügung aus formellen Gründen auf-
zuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entspre-
chende Begehren ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
D-4229/2019
Seite 14
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Die Ausschlussklausel von Art. 1 D Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) ist gemäss
Rechtsprechung (vgl. BVGE 2008/34 E. 5 f.) nicht so zu verstehen, dass
die unter das Mandat der United Nations Relief and Works Agency for Pa-
lestine Refugees in the Near East (UNRWA) fallenden palästinensischen
Personen generell vom Anwendungsbereich der Flüchtlingskonvention
und damit von der allfälligen Anerkennung als Flüchtling auszuschliessen
wären. Die UNRWA vermag keinen Schutz vor Verfolgung zu gewähren
oder zu vermitteln, der sich mit dem vom Amt des Hohen Flüchtlingskom-
missars der Vereinten Nationen (UNHCR) vermittelten dauerhaften Schutz
vor Verfolgung vergleichen liesse. Auch bei palästinensischen Asylsuchen-
den, die unter das Mandat der UNRWA fallen, sich aber ausserhalb des
UNRWA-Gebietes befinden, ist damit stets individuell zu prüfen, ob sie auf-
grund ihrer Vorbringen die Voraussetzungen für die Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft erfüllen.
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer-
deführer habe angegeben, er sei von der Hamas auf der Strasse wiederholt
kontrolliert und fünfmal inhaftiert, befragt und zeitweise geschlagen wor-
den. Dabei sei ihm bei der letzten Inhaftierung im (...) 2016 Spionage vor-
geworfen worden. Diese behördlichen Massnahmen seien etwa nach Ex-
plosionen oder Anschlägen erfolgt und stünden nach Angaben des Be-
schwerdeführers im Zusammenhang mit seinen Aktivitäten bei der Fatah.
Dazu sei festzuhalten, dass die vorgebrachten Verfolgungsmassnahmen
durch die Hamas als der politischen Realität im Gazastreifen entspre-
D-4229/2019
Seite 15
chende Sicherheitskontrollen gesehen werden müssten. Der Beschwerde-
führer sei jeweils bereits nach einigen Stunden und längstens nach einer
Woche ohne Auflagen und Bedingungen wieder aus der Haft entlassen
worden. Die entsprechenden Massnahmen zur Durchsetzung von Ruhe
und Ordnung wiesen nicht die erforderliche Intensität auf, um den Anforde-
rungen an die Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft zu genügen. Der an-
gebliche Vorwurf der Spionage, mit welchem er bei der letzten Inhaftierung
am (...) 2016 konfrontiert worden sei, habe keine asylbeachtlichen Konse-
quenzen nach sich gezogen. Eigenen Angaben zufolge sei er nach einer
Woche wieder freigekommen und danach – bis wenige Tage vor der Aus-
reise – unbehelligt seiner Arbeit nachgegangen. Auch dieses Vorbringen
lasse somit keine genügende Intensität erkennen, um als asylrelevant ein-
gestuft werden zu können. Die vom Beschwerdeführer vorgebrachten Mas-
snahmen der Hamas-Behörden würden insgesamt keine Asylrelevanz ent-
falten.
Sodann sei festzuhalten, dass den Angaben des Beschwerdeführers nicht
entnommen werden könne, dass seine Ausreise ein erhöhtes Mass an Un-
tersuchungs- und Kontrollmassnahmen seitens der Hamas-Behörden aus-
gelöst hätte. Ein Offizier der Hamas habe sich zwar bei seinem Vater nach
seinem Verbleib erkundigt, wobei er aber keine Kenntnisse über die Be-
deutung dieser Frage habe. Es erstaune auch, dass die Vorladung vom
(...) Februar 2017 nicht dazu geführt habe, dass die Behörden versucht
hätten, ihn mit Gewalt abzuholen. Aufgrund der Aktenlage könne diesen
Ereignissen ebenfalls keine asylrelevante Bedeutung beigemessen wer-
den. Vor diesem Hintergrund erscheine die Furcht des Beschwerdeführers,
bei einer Rückkehr in den Gazastreifen verhaftet zu werden, unbegründet.
Seine Angaben liessen nicht auf ein gewachsenes Interesse der Hamas an
seiner Person schliessen. Es bestehe daher kein begründeter Anlass zur
Annahme, dass er bei einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen aus-
gesetzt sein werde. Die eingereichten Beweismittel vermöchten diese Ein-
schätzung nicht umzustossen, zumal es sich dabei ausschliesslich um Ko-
pien handle, welche keine Beweiskraft entfalten würden. Demzufolge er-
fülle der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht und sein Asyl-
gesuch sei abzulehnen. Sodann sei Vollzug der Wegweisung als zulässig,
zumutbar und möglich anzusehen. Insbesondere sprächen weder die im
Heimatland herrschende politische Situation noch individuelle Gründe ge-
gen eine Rückführung, da der Beschwerdeführer auf ein tragfähiges Be-
ziehungsnetz zurückgreifen könne und über langjährige berufliche Erfah-
rung verfüge.
D-4229/2019
Seite 16
5.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, es sei festzuhalten,
dass das SEM die Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu Recht nicht bezweifelt
habe. Der Beschwerdeführer sei in B._ seit vielen Jahren politisch
sehr aktiv und stamme aus einer politischen Familie. Von dieser hätten sich
zahlreiche Personen seit Jahren für die Fatah engagiert und seien deshalb
verfolgt worden. Er selbst sei unzählige Male von den Hamas kontrolliert
sowie festgehalten worden. Ebenso sei er mehrmals inhaftiert und miss-
handelt worden. Bei einer Rückkehr drohe ihm aufgrund seines politischen
Profils eine Inhaftierung und Verurteilung beziehungsweise Hinrichtung
oder ein "Verschwindenlassen", mithin eine gezielte asylrelevante Verfol-
gung durch die Hamas. Da letztere den ganzen Gazastreifen kontrolliere,
handle es sich dabei faktisch um eine staatliche Verfolgung. Er erfülle somit
die Flüchtlingseigenschaft und es sei ihm Asyl zu gewähren, da die Voraus-
setzungen der begründeten Furcht vor einer asylrelevanten Verfolgung of-
fensichtlich erfüllt seien.
Das SEM verneine die Asylrelevanz unter anderem mit der Begründung,
dass die vorgebrachten Verfolgungsmassnahmen durch die Hamas als der
politischen Realität im Gazastreifen entsprechende Sicherheitskontrollen
gesehen werden müssten. Es sei jedoch nicht ersichtlich, weshalb es einer
Verfolgung an Asylrelevanz fehlen soll, wenn diese der "politischen Reali-
tät" in einem Land entspreche. In vielen Ländern der Welt sei es politische
Realität, dass Personen gezielt asylrelevant verfolgt würden, weshalb die-
ses Kriterium schlicht untauglich und willkürlich sei, um damit eine angeb-
lich fehlende Asylrelevanz zu begründen. Der Beschwerdeführer habe ins-
besondere ausdrücklich geschildert, dass seine Ausreise aus dem Gaza-
streifen den Verdacht verstärke, dass er tatsächlich mit Ramallah oder an-
deren Stellen kollaboriere. Er habe auch dargelegt, dass er nicht nur fünf-
mal inhaftiert, sondern auch unzählige weitere Male kontrolliert und verhaf-
tet worden sei. Dabei sei ihm auch vorgeworfen worden, er leite Informati-
onen über die Hamas an den Onkel in Norwegen sowie an seinen im Gaza
lebenden Onkel, welcher als Fatah-Anhänger bekannt sei, weiter. Die Ha-
mas habe offensichtlich konkrete Verdachtsmomente gegen ihn gehabt,
zumal sie Kenntnis davon gehabt hätten, dass er mit seinem in Norwegen
lebenden Onkel in Kontakt stehe. Weiter habe er geschildert, dass er sehr
unter den massiven Drohungen der Hamas gelitten habe.
Vor dem Hintergrund der zahlreichen vorangehenden Kontrollen, Vorladun-
gen und den fünf Inhaftierungen sowie des Vorwurfs der Spionage und Kol-
laboration mit Ramallah sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer je-
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Seite 17
derzeit erneut und endgültig von der Hamas hätte inhaftiert werden kön-
nen. Das Argument des SEM, er sei nach der letzten Inhaftierung nicht
weiter verfolgt worden, erweise sich als willkürlich, da er sich im Jahr 2016
zunehmend im Visier der Hamas befunden habe und ihm fraglos eine er-
neute Verhaftung gedroht habe. Es sei auch nicht bekannt, ob die Hamas
ihn nach der letzten Entlassung nicht beschattet habe, um die Vorwürfe
gegen ihn zu erhärten. Schliesslich sei festzuhalten, dass der Vater des
Beschwerdeführers und sein Bruder G._ seinetwegen immer wie-
der von der Hamas kontrolliert, festgenommen und geschlagen würden.
Von seiner Familie habe er erfahren, dass die Hamas-Polizei am (...) Ok-
tober 2017 bei ihnen vorgefahren und ins Haus eingedrungen sei. Dabei
hätten sie seinen Bruder G._ festgenommen mit der Begründung,
dass der Beschwerdeführer zur Fatah gehöre. G._ sei zum Gefäng-
nis (...) mitgenommen und rund eine Woche dort inhaftiert worden.
Die eingereichten Beweismittel würden belegen, dass der Beschwerdefüh-
rer für die Fatah sehr aktiv gewesen sei, über ein massgebliches politi-
sches Profil verfügt habe und von den Hamas gesucht worden sei. In die-
sem Zusammenhang sei auf den Jahresbericht 2017/2018 von Amnesty
International zu verweisen. Aus diesem gehe hervor, dass die Hamas-Be-
hörden im Gazastreifen mit willkürlichen Festnahmen und Inhaftierungen
gegen Kritiker und Anhänger des gegnerischen politischen Lagers vorgin-
gen, wobei Folter und andere Misshandlungen in Haft weit verbreitet seien.
Ausserdem werde die Todesstrafe in Gaza weiterhin angewendet und es
sei offensichtlich, dass Spionage und Kollaboration mit politischen Geg-
nern, wie es dem Beschwerdeführer vorgeworfen werde, zu einem Todes-
urteil führen könne. Verschiedene Berichte zeigten denn auch auf, dass die
Todesstrafe im Gazastreifen noch immer praktiziert werde. Namentlich
seien Ende 2018 sechs Palästinenser von einem Gericht in Gaza wegen
Kollaboration zum Tode verurteilt worden seien.
5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM in Bezug auf die nach dem
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. August 2018 gemachten
Eingaben des Beschwerdeführers fest, dass er dabei teilweise lediglich Ko-
pien derselben Unterlagen vorgelegt habe, welche bereits anlässlich der
Erstbefragung zu den Akten gegeben worden seien. Sodann werde in den
betreffenden Eingaben behauptet, die Hamas habe seine Familie zum Ver-
lassen ihres Hauses gezwungen und benütze dieses für militärische Zwe-
cke. Hierzu sei anzumerken, dass dies den Asylpunkt der Vorbringen des
Beschwerdeführers nicht berühre und allenfalls ein Vollzugshindernis dar-
stellen könne. Auch bei den diesbezüglich eingereichten Beweismitteln
D-4229/2019
Seite 18
handle es sich lediglich um Kopien, welche wenig bis keine Beweiskraft
entfalteten. Zudem gehe aus den Akten nicht hervor, für wie lange die Fa-
milie aus dem Haus gewiesen worden sei – vorbehalten, dass diese Be-
hauptung überhaupt den Tatsachen entspreche. Hinsichtlich der Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs werde auf die Ausführungen in der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen, wonach es dem Beschwerdeführer nach
einer Rückkehr in die palästinensischen Gebiete – sicherlich unter er-
schwerten Umständen – möglich sei, eine Lebensgrundlage aufzubauen.
5.4 Im Rahmen der Replik wurde einleitend angemerkt, dass die Vor-
instanz den in der Beschwerde dargelegten Rechtsverletzungen inhaltlich
offenbar nichts entgegenzusetzen habe, da sie sich nicht dazu äussere,
insbesondere nicht zu den zahlreichen Rügen betreffend die Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör.
Das SEM räume in der Vernehmlassung ein, dass die Vorbringen des Be-
schwerdeführers immerhin ein Vollzugshindernis darstellen könnten. Es
behaupte dennoch, dass es ihm, unter sicherlich erschwerten Umständen,
möglich sei, in den palästinensischen Gebieten eine Lebensgrundlage auf-
zubauen. Dadurch unterlasse es die Vorinstanz zu würdigen, dass die Lage
im Gazastreifen per se schon derart schlimm sei, dass von erschwerten
Umständen ausgegangen werden müsse. Vorliegend komme jedoch
hinzu, dass beim Beschwerdeführer individuell besonders erschwerte Um-
stände vorlägen. Bei einer Rückkehr drohe ihm eine konkrete Gefahr an
Leib und Leben und er wäre nicht in der Lage, sich in Gaza erneut eine
Existenzgrundlage aufzubauen. Insbesondere verfüge er nicht über ein
Umfeld, welches ihn unterstützen könnte.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, dass er in seiner Heimat von der
Hamas verfolgt worden sei. Er befürchtet, dass er bei einer Rückkehr je-
derzeit erneut verhaftet und in der Folge mehrere Monate unter prekären
Bedingungen inhaftiert oder gar nicht mehr entlassen werden würde. Im
Folgenden ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer Opfer einer gezielten
Verfolgung durch die Hamas geworden ist, respektive begründete Furcht
hat, im Falle einer Rückkehr in den Gazastreifen einer entsprechenden
Verfolgung ausgesetzt zu sein.
6.2 Gemäss Lehre und Rechtsprechung ist für die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte
D-4229/2019
Seite 19
Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise in be-
gründeter Weise befürchten muss, solche im Fall einer Rückkehr zu erlei-
den. Die Nachteile müssen der asylsuchenden Person gezielt und auf-
grund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt worden sein oder drohen.
Von einer begründeten Furcht vor künftiger Verfolgung ist dabei auszuge-
hen, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, dass sich die Verfol-
gung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft ver-
wirklichen wird. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung ge-
nügt nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der
erwarteten – und aus einem der vom Gesetz abschliessend aufgezählten
Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und somit die
Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl.
BVGE 2011/51 E. 6.2). Die von der betroffenen Person empfundene sub-
jektive Furcht vor Verfolgung muss auch objektiv begründet sein, das heisst
sie muss angesichts der tatsächlichen Situation gerechtfertigt erscheinen.
Massgebend für die Bestimmung der begründeten Furcht ist allerdings
nicht allein eine rein objektive Betrachtungsweise. Diese hat zwar als Aus-
gangspunkt zu dienen, sie ist jedoch durch das vom Betroffenen bereits
Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2). Dabei hat derjenige, der bereits früher
Verfolgung erlitten hat, objektive Gründe für eine ausgeprägtere subjektive
Furcht als jemand, der erstmals mit Nachteilen rechnet.
6.3
6.3.1 Es ist vorliegend unbestritten, dass der Beschwerdeführer aus dem
Gazastreifen stammt und seit mehreren Jahren aktives Mitglied der Fatah
ist. Er legte ausführlich dar, dass er anfangs bei deren Jugendorganisation
mitgemacht habe, danach verschiedene Aufgaben bei der Organisation
von Veranstaltungen und schliesslich die Leitung einer kleinen Gruppe
übernommen habe (vgl. A21, F87 und F97 ff.). Ebenso führte er aus, dass
seine ganze Familie "pro Fatah" sei. Namentlich sei ein im Gazastreifen
lebender Onkel ein bekanntes Parteimitglied und für die Fatah aktiv (vgl.
A26, F18 f.). Nach der Machtübernahme der Hamas sei dieser Onkel fest-
genommen worden und vierzig Tage verschwunden, wobei sie erst später
erfahren hätten, in welchem Gefängnis er gewesen sei. Dieses habe er in
einem sehr schlechten psychischen Zustand verlassen. Noch heute werde
er immer wieder festgenommen und dürfe keinen Reisepass besitzen (vgl.
A21, F114). Sodann erklärte der Beschwerdeführer, dass er nach einem
Vorfall im Jahr 2013, als er mit jungen Sicherheitskräften der Hamas anei-
nandergeraten sei, zunehmend Probleme erhalten habe. In der folgenden
D-4229/2019
Seite 20
Zeit sei er oft von den Hamas-Behörden kontrolliert und jeweils festgenom-
men worden, wenn es irgendeinen Sicherheitsvorfall in B._ gege-
ben habe (vgl. A21, F87; A26, F6).
In Bezug auf diese Ereignisse führte das SEM zutreffend aus, dass die
Anforderungen an die erforderliche Intensität nicht erfüllt seien und ihnen
deshalb keine Asylrelevanz zukomme. Da der gesamte Gazastreifen fak-
tisch von der Hamas kontrolliert wird, stellt diese auch die Sicherheits-
kräfte. Zwar ist es nachvollziehbar, dass es für den Beschwerdeführer be-
lastend war, als politisch aktives Fatah-Mitglied vermehrt kontrolliert zu
werden und nach verschiedenen Ereignissen in B._ – wie etwa ei-
ner Explosion – vorübergehenden Verhaftungen und Befragungen ausge-
setzt gewesen zu sein. Diese Massnahmen durch die Hamas erreichen
aber nicht ein Ausmass, welches die von der Rechtsprechung geforderte
Intensität erreichen würde, weshalb sie für sich genommen nicht asylrele-
vant sind.
6.3.2 Weiter brachte der Beschwerdeführer vor, dass sich die Situation im
Jahr 2016 zugespitzt habe und er rund fünfmal nicht nur von der Polizei,
sondern von der "Inneren Sicherheit" festgenommen und nach F._,
einem Gefängnis für Spione und politische Gefangene, gebracht worden
sei (vgl. A21, F109; A26, F14 und F16). Bei zwei der Festnahmen sei er
zusammen mit anderen anlässlich einer Parteiveranstaltung respektive
von zu Hause aus mitgenommen worden, wobei er nach weniger als einem
Tag wieder entlassen worden sei. Bei den drei weiteren Inhaftierungen sei
er jeweils persönlich vorgeladen worden und fünf bis sieben Tage in Haft
verblieben (vgl. A26, F15; A21, F116 f.). Die Umstände der Haft wurden
vom Beschwerdeführer detailliert und von Realkennzeichen geprägt be-
schrieben. Er schilderte, wie er in einer winzigen, dreckigen Zelle habe
schlafen müssen, mehrere Stunden auf einer Toilette eingesperrt und psy-
chisch fertiggemacht worden sei, indem sie ihm gesagt hätten, dass nie-
mand wisse wo er sei und er nicht mehr rauskomme. Für die Verhöre sei
er in ein Zimmer mit Folterinstrumenten gebracht worden. Dabei habe der
Befrager ihm immer wieder vorgeworfen, er sei ein Lügner und wolle nicht
kooperieren. Zudem sei er mehrmals geschlagen worden, unabhängig da-
von, wie er sich verhalten habe (vgl. A26, F47 f.). Während der Zeit im
Gefängnis habe er stets an seine Familie und seine Kinder gedacht, zumal
er befürchtet habe, nicht allzu schnell wieder entlassen zu werden. Auch
über Suizid habe er nachgedacht (vgl. A26, F107). Weiter machte der Be-
schwerdeführer geltend, dass die Lage besonders heikel geworden sei, als
er bei der letzten Inhaftierung beschuldigt worden sei, ein Spion zu sein
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Seite 21
und mit Ramallah zu kommunizieren (vgl. A26, F6 und F56). Der Grund für
diesen Vorwurf sei einerseits der Kontakt zum Onkel in Norwegen sowie
dem als Fatah-Anhänger bekannten Onkel im Gazastreifen gewesen, and-
rerseits der Umstand, dass er seit seiner Jugend ein Aktivist für die Fatah
sei und seine ganze Familie diese Bewegung unterstütze (vgl. A26, F18 f.).
Der Vorwurf sei zwar unzutreffend gewesen, da er seinen Onkeln nichts
über die Hamas erzählt habe und auch nicht über ein besonderes Wissen
verfüge, welches er hätte weitergeben können. Eine solche Anschuldigung
sei aber sehr gefährlich, da er deswegen jederzeit getötet werden könnte,
ohne dass die normalen Leute Mitleid empfinden würden (vgl. A21, F107).
6.3.3 Es lässt sich erkennen, dass der Beschwerdeführer während des
Jahres 2016 nicht mehr nur vermehrt kontrolliert und im Rahmen von all-
gemeinen Sicherheitsmassnahmen der Hamas festgenommen wurde.
Vielmehr wurde er persönlich vorgeladen und rund dreimal in einem Ge-
fängnis des Sicherheitsapparates für mehrere Tage unter misslichen Be-
dingungen inhaftiert. Er stand somit spätestens ab diesem Zeitpunkt gezielt
im Fokus der Sicherheitsbehörden der Hamas. Dies unterscheidet ihn denn
auch von anderen Fatah-Mitgliedern oder Demonstranten, welche von Sei-
ten der Hamas allgemein unter Druck gesetzt werden. Zwar wies das SEM
zutreffend darauf hin, dass der Beschwerdeführer jeweils nach einer relativ
kurzen Zeit ohne Bedingungen und Auflagen wieder aus der Haft entlassen
wurde. Dies ändert jedoch nichts daran, dass eine mehrtägige unbegrün-
dete Festhaltung in einer Haftanstalt für politische Gefangene unter den
von ihm geschilderten Umständen als erheblichen Eingriff in die persönli-
che Freiheit sowie die physische und psychische Integrität einer Person
anzusehen ist. Es erscheint daher nachvollziehbar, dass der Beschwerde-
führer sich von der Hamas stark unterdrückt fühlte, zumal dies eine Inten-
sivierung von bereits zuvor bestehenden geringfügigeren Verfolgungs-
massnahmen – Kontrollen, vorübergehende Festnahmen und Befragun-
gen – darstellte. Zu beachten ist auch, dass den Hamas immer wieder vor-
geworfen wird, mit harter Hand gegen politische Gegner vorzugehen. Es
gibt zahlreiche Berichte von Verhaftungen, Folterungen und Hinrichtungen
ohne faires Verfahren (vgl. Human Rights Watch (HRW), World Report
2020 - Israel and Palestine, 14.01.2020; HRW: Palestine: No Letup in Ar-
bitrary Arrests, Torture, 29.05.2019; UNHCR, Country of Origin Information
on the Situation in the Gaza Strip, Including on Restrictions on Exit and
Return, 23.02.2018, Ziff. III; Amnesty International, Amnesty Report,
Palästina 2017/2018, 23.05.2018; UK Home Office, Report of a Home Of-
fice Fact-Finding Mission, Occupied Palestinian Territories: freedom of
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Seite 22
movement, security and human rights situation, March 2020). Vor dem Hin-
tergrund der eigenen Erlebnisse mit der Hamas, den Erfahrungen seines
Onkels – welcher über einen Monat im Gefängnis verbrachte und auch fast
zehn Jahre später noch oft von der Hamas festgenommen sowie durch
Zurückhaltung seines Reisepasses am Verlassen des Landes gehindert
wird (vgl. A21, F114) – erscheint die vom Beschwerdeführer geäusserte
Befürchtung, in absehbarer Zeit erneut festgenommen und allenfalls wie-
derum in Haft misshandelt zu werden, nicht nur als möglich, sondern als
wahrscheinlich. Aus einer Gesamtbetrachtung seiner spezifischen Situa-
tion als Aktivist für die Fatah, der seit mehreren Jahren zunehmend Prob-
leme mit den Behörden der Hamas hatte, welche in den Monaten vor seiner
Ausreise in drei Inhaftierungen von fünf bis sieben Tagen kulminierten,
ergibt sich, dass seine Vorbringen den Anforderungen an die Asylrelevanz
genügen. Die erlittenen Nachteile weisen eine ausreichende Intensität auf
und gehen über das hinaus, was jeder junge Mann im Gazastreifen, der
mit der Fatah sympathisiert, zu erdulden hätte. Zu berücksichtigen ist dabei
auch, dass der Beschwerdeführer aus einer politischen Familie stammt und
sich zuletzt zu Unrecht gravierenden Anschuldigungen – er fungiere als
Spion für seine Onkel respektive Ramallah – gegenübersah. Seine subjek-
tive Furcht vor weiteren Verfolgungsmassnahmen durch die Hamas er-
scheint daher begründet.
6.3.4 Das Motiv der Verfolgung des Beschwerdeführers bildet dessen poli-
tische Einstellung als Mitglied der Fatah. Die Behelligungen von Seiten der
Hamas waren der unmittelbare Grund für seine Ausreise, weshalb von ei-
ner zeitlichen und sachlichen Kausalität zwischen dieser und der begrün-
deten Furcht vor zukünftiger Verfolgung auszugehen ist. Daran ändert
auch der Umstand nichts, dass der Beschwerdeführer nach der letzten
Haftentlassung (...) noch bis Mitte November 2016 einer Erwerbstätigkeit
nachging (vgl. A21, F56). Entgegen der Auffassung des SEM bedeutet dies
nicht, dass er keine Verfolgung zu befürchten gehabt hätte. Vielmehr wurde
er auch bereits zuvor jeweils in unregelmässigen Abständen vorgeladen
und inhaftiert. Die erneute Vorladung am (...). Februar 2017 ist denn auch
als Hinweis dafür anzusehen, dass es wohl tatsächlich in absehbarer Zeit
wiederum zu einer Festnahme gekommen wäre.
6.3.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass es sich bei der Hamas zwar nicht
um eine eigentliche staatliche Behörde handelt. Der Gazastreifen ist ein
Teil des palästinensischen Gebiets, wobei bereits das Staatsgebilde Paläs-
tina umstritten ist und sich auch nicht mit Klarheit feststellen lässt, welche
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der dort aktiven Gruppierungen und Organisationen als Staatsorgan anzu-
sehen sind. Faktisch kontrolliert die Hamas jedoch seit dem Jahr 2007 den
Gazastreifen und sie tritt als staatliche Organisation auf, wobei sie unter
anderem für die Sicherheitskräfte verantwortlich ist. Eine Verfolgung durch
die Hamas stellt somit faktisch eine staatliche Verfolgung dar.
6.3.6 Sodann besteht für den Beschwerdeführer auch keine zumutbare in-
nerstaatliche Schutzalternative. Der Gazastreifen ist kleinräumig und steht
in seiner Gesamtheit unter der Kontrolle der Hamas, weshalb dieses Ge-
biet von Vornherein ausser Betracht fällt. Demgegenüber ist im Westjor-
danland die Fatah an der Macht und der Beschwerdeführer hätte dort ent-
sprechend keine politische Verfolgung zu befürchten. Er ist jedoch in
B._ geboren und hat sein ganzes Leben im Gazastreifen verbracht
(vgl. A21, F27 ff.). Das geografisch klar abgetrennte Westjordanland ist
dem Beschwerdeführer unbekannt und es ist unsicher, ob er dort über-
haupt ein Aufenthaltsrecht erhalten würde. Zudem sind die Lebensbedin-
gungen im gesamten palästinensischen Autonomiegebiet als schwierig an-
zusehen (vgl. Austrian Developement Agency (ADA), Palästina Länderin-
formation, Januar 2019). Angesichts des Umstands, dass sämtliche seiner
Angehörigen im Gazastreifen leben und er im Westjordanland über kein
Beziehungsnetz verfügt (vgl. A21, F48), stellt dieses keine zumutbare
Schutzalternative dar.
6.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die
Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG erfüllt. Den Akten lassen sich keine Anhaltspunkte für das Vor-
liegen von Asylausschlussgründen entnehmen.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung,
den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt, in der
Sachverhaltswürdigung jedoch Bundesrecht verletzt (Art. 106 Abs. 1
AsylG). Das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz
Asyl zu gewähren, und die Beschwerde ist insoweit gutzuheissen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
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8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
eine Parteientschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Kos-
ten zuzusprechen (Art. 64 VwVG, Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE]). Der Rechtsvertreter hat vorliegend keine Kos-
tennote eingereicht. Auf Nachforderung einer solchen kann indes verzich-
tet werden, da der notwendige Aufwand für das vorliegende Beschwerde-
verfahren ausreichend zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs.
2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungs-
faktoren (Art. 8 ff. VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vor-
instanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2'000.– (inkl. Ausla-
gen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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