Decision ID: 32e02a8e-772f-56c1-8f79-a5f7bc810353
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer hat seinen Heimatstaat Eritrea eigenen Angaben
zufolge am 30. April 2015 Richtung Sudan verlassen. Über Libyen und Ita-
lien sei er am 24. August 2015 in die Schweiz eingereist, wo er tags darauf
im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl
nachsuchte.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte er anlässlich der Befragung
zur Person (BzP) vom 1. September 2015 und der Anhörung zu den Asyl-
gründen vom 27. Juli 2017 im Wesentlichen folgenden Sachverhalt vor:
Er stamme aus dem Dorf B._ in der Zoba C._, wo er die
Schule bis zur 6. Klasse besucht habe. Danach sei er in D._ zur
Schule gegangen und die 12.Schulklasse habe er im Jahr 2006 in Sawa
abgeschlossen. Im Januar 2007 habe er seine Frau geheiratet und sie hät-
ten inzwischen (...) gemeinsame Kinder.
Nach der Abschlussprüfung in Sawa habe er ein erstes Mal versucht, Erit-
rea illegal zu verlassen. Er sei von den Sicherheitsbehörden erwischt und
für zwei Monate inhaftiert worden. Danach sei er dem Krankenhaus in
E._ zugeteilt worden und habe nach einer kurzen Ausbildung als
Krankenpfleger in E._ gearbeitet. Im Jahr 2007 sei er auf F._
verlegt worden und habe dort für das Bauunternehmen E._ eben-
falls als Krankenpfleger gearbeitet. Eines Tages habe er auf dem Meer ein
Boot gefunden und habe es zum Strand gebracht. Ein Mann habe ihn auf-
gesucht und ihm gesagt, das Boot gehöre seinem Bruder. Er habe sich
jedoch geweigert, dem Mann das Boot zu geben und habe gesagt, der
Bruder müsse es persönlich abholen kommen. Der Mann habe seinen Vor-
gesetzten davon erzählt und diese hätten in der Folge dem Mann das Boot
aushändigen wollen. Er habe sich jedoch gewehrt, weshalb die Vorgesetz-
ten wütend geworden seien und die Polizei gerufen hätten. Man habe ihn
daraufhin während 15 Tagen inhaftiert. Er habe in dieser Zeit für ein Bau-
unternehmen aus Katar den ganzen Tag in der Hitze Zement herumtragen
müssen. Nach seiner Entlassung hätte man einen Bericht an das Haupt-
quartier nach G._ schicken sollen und darauf angeben müssen, wer
für seine Verhaftung verantwortlich gewesen sei. Es sei auf dem Bericht
jedoch kein Name vermerkt worden und der Chef des Bauunternehmens
und der Klinik habe ihm später mitgeteilt, man hätte ihn nicht ohne seine
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Zustimmung verhaften dürfen. Danach habe er einen Monat Urlaub bekom-
men. Als er im März 2011 aus dem Urlaub zurückgekehrt sei, sei er nach
H._ versetzt worden und habe dort wieder für das Bauunternehmen
als Krankenpfleger gearbeitet. Es sei ein Häftling, welcher krank gewesen
sei, bei ihnen stationiert gewesen. Eines nachts habe er ihn zur Toilette
bringen müssen und hätte aufpassen sollen, dass dieser nicht fliehe. Dem
Patienten sei jedoch die Flucht gelungen. Er habe daraufhin mit seinen
Kollegen den Patienten gesucht, ihn jedoch nicht gefunden, weshalb er die
Flucht schliesslich der Polizei gemeldet habe. Diese hätten ihm vorgewor-
fen, er habe den Patienten absichtlich fliehen lassen. In der Folge sei er
verhaftet worden und sei in Haft mehrfach gefoltert worden, dabei sei es
zu einem Bruch seines Ellbogens gekommen. Nach einem Monat sei sein
Vorgesetzter aus dem Diensturlaub zurückgekommen und habe gesehen,
dass es ihm schlecht gehe, weshalb er ihn auf die Krankenstation mitge-
nommen habe. Der Vorgesetzte habe der Polizei gesagt, er werde ihn nach
ein paar Tagen wieder zurückbringen. Der Vorgesetzte habe ihm gesagt,
er solle zugeben, dass er den Patienten absichtlich habe fliehen lassen.
Da sei ihm bewusst geworden, dass er fliehen müsse und er sei noch in
derselben Nacht zu Fuss in den Sudan geflohen.
Nach seiner Flucht sei seinem Sohn in einem Krankenhaus eine Behand-
lung verwehrt worden. Seine Frau habe im Krankenhaus ein Formular aus-
füllen müssen und habe darin vermerkt, dass ihr Mann im Ausland sei,
weswegen ihr keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt worden sei.
Der Beschwerdeführer reichte seine eritreische Identitätskarte im Original,
eine Kopie seiner Heiratsurkunde, Kopien der Taufscheine seiner Kinder
und seiner Frau sowie drei Fotos, welche ihn im Militärdienst zeigen, ein.
C.
Am 16. Januar 2018 erkundigte sich der Beschwerdeführer beim SEM
nach dem Stand seines Verfahrens mit der Bitte um einen baldigen Ent-
scheid. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die Situation für seine Frau in
Eritrea, alleine mit den Kindern, schwierig sei, insbesondere da das jüngste
Kind medizinische Probleme habe. Am 18. Januar 2018 teilte das SEM ihm
mit, dass er sobald als möglich einen Asylentscheid erhalten werde.
D.
Am 29. August 2018 erkundigte er sich erneut nach dem Stand seines Asyl-
verfahrens und reichte ein Gesuch um Beschleunigung seines Verfahrens
ein; er legte ein Deutschkurszertifikat und ein Arbeitszeugnis bei.
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E.
Mit Verfügung vom 13. September 2018, eröffnet am 18. September 2018,
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
und deren Vollzug an.
Das SEM hielt dabei im Wesentlichen fest, dass davon ausgegangen wer-
den könne, dass er das 12. Schuljahr in Sawa und die militärische Grund-
ausbildung absolviert habe und anschliessend als Krankenpfleger im Rah-
men des Nationaldienstes tätig gewesen sei. Seine geltend gemachte De-
sertion sei indes unglaubhaft. Den Wegweisungsvollzug stufte das SEM
sodann als zulässig, zumutbar und möglich ein und verwies dabei auf das
soziale Beziehungsnetz des Beschwerdeführers sowie seine Berufserfah-
rung, welche ihm eine Reintegration ermöglichen dürften.
F.
Diese Verfügung liess der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter
mit Eingabe vom 18. Oktober 2018 beim Bundesverwaltungsgericht an-
fechten. Er beantragte, die angefochtene Verfügung der Vorinstanz sei auf-
zuheben, seine Flüchtlingseigenschaft sei festzustellen und ihm sei Asyl zu
gewähren, eventualiter sei eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewäh-
ren und der Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand zu bestellen. Der
Beschwerdeführer hielt in der Rechtsmitteleingabe an der Glaubhaftigkeit
seiner Vorbringen fest.
Mit der Beschwerde wurde ein Gutachten des German Institute of Global
and Area Studies (GIGA) vom 15. April 2018, welches sich im Wesentlichen
mit der Situation der Rückkehr von Eritreern in ihr Heimatland befasst, ein-
gereicht.
G.
Am 25. Oktober 2018 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 29. Oktober 2018 hielt die Instruktionsrichterin
fest, der Beschwerdeführer dürfe den Abschluss des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gut und ordnete den Rechtsvertreter als amtlichen Rechts-
beistand bei. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde
vernehmen zu lassen.
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I.
Mit Vernehmlassung vom 9. November 2018 äusserte sich die Vorinstanz
zu dem mit der Beschwerde eingereichten Gutachten des GIGA. Sie hielt
fest, an dem Gutachten sei an sich nichts auszusetzen, es beziehe sich
jedoch auf die Situation in Eritrea bis zum Jahr 2010, und es werde lediglich
festgehalten, dass sich daran bis zum April 2018, als das Gutachten ver-
schickt worden sei, nichts an der Situation geändert habe. Bekanntlich sei
aber nach April 2018 in Eritrea einiges geschehen, wie das Friedensab-
kommen zwischen Äthiopien und Eritrea vom Juli 2018 und die darauffol-
gende Grenzöffnung zwischen den beiden Ländern. Diese Entwicklung
führe unweigerlich zur Veränderung der Situation in Eritrea. Der Vorwurf
einer illegalen Ausreise sei bei offenen Grenzen kaum mehr haltbar. Die
Auswirkungen der veränderten politischen Lage in Eritrea für den Be-
schwerdeführer könnten nicht eingeschätzt werden. Da jedoch seine Aus-
führungen weder zur Desertion noch zur illegalen Ausreise glaubhaft seien,
sei davon auszugehen, dass er in der neuen Situation noch weniger zu
befürchten habe.
J.
Mit Replik vom 30. November 2018 entgegnete der Beschwerdeführer,
dass nach dem Friedensabkommen erwartet worden sei, der eritreische
Präsident würde das Ende des Nationaldienstes unbefristeter Länge ver-
künden, was jedoch nicht geschehen sei. Unter Beilage eines Artikels des
eritreischen Informationsministeriums wies der Beschwerdeführer darauf
hin, dass zwar einer Gruppe von Rekruten im Juli (2018) mitgeteilt worden
sei, ihr Dienst beschränke sich auf 18 Monate. Aus dem Artikel gehe jedoch
hervor, dass den Rekruten in Sawa ebenfalls gesagt worden sei, der Pro-
zess der Staatsbildung sie eine «grenzenlose Hausaufgabe», was nicht
darauf hindeute, dass der Dienst bald beendet sein werde. Ausserdem
seien weniger als einen Monat nach der Grenzöffnung mehr als 15'000
Eritreer nach Äthiopien gelangt, was als ein Zeichen mangelnden Vertrau-
ens in ihre Führer gedeutet werden könne. Es sei nach wie vor nicht klar,
was der Friedensvertrag für die Eritreer wirklich bedeute, weshalb weiter-
hin davon auszugehen sei, dass Personen, welche vor dem Friedensab-
kommen Eritrea illegal verlassen hätten, bei einer zwangsweisen Rückkehr
willkürlich bestraft würden. Der Replik war eine Honorarnote beigelegt.
K.
Mit Eingabe vom 12. März 2020 reichte der Beschwerdeführer einen Pas-
sierschein des eritreischen Nationaldienstes in Kopie (inklusive Überset-
zung), zwei Videos und Fotos, welche seine exilpolitischen Tätigkeiten in
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der Schweiz zeigen, einen Standortbericht der I._, welcher ihm eine
gute Integration in der Schweiz attestiert, sowie eine Kopie eines «Proof of
Registration» seiner Frau und der (...) Kinder vom UNHCR Äthiopien, da
seine Familie zwischenzeitlich Eritrea ebenfalls verlassen habe, ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Gleiches gilt für die Person, die Nach-
fluchtgründe geltend macht. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte das SEM im
Wesentlichen aus, es könne zwar davon ausgegangen werden, dass der
Beschwerdeführer in Sawa das 12. Schuljahr und die militärische Grund-
ausbildung absolviert habe und danach als Krankenpfleger im Rahmen des
Nationaldienstes eingesetzt worden sei. Hingegen habe er die zweite gel-
tend gemachte Inhaftierung und die anschliessende Flucht aus dem Militär
nicht glaubhaft machen können, da er im Verlaufe des Verfahrens zu we-
sentlichen Punkten unterschiedliche Angaben gemacht habe. In der BzP
habe er angegeben, er sei wegen der Flucht eines Patienten zwei Wochen
in Haft gewesen, bevor sein Vorgesetzter die Freilassung erwirkt habe. In
der Anhörung habe er hingegen ausgesagt, er sei einen Monat in Haft ge-
wesen, da sein Vorgesetzter zum Zeitpunkt der Inhaftierung nicht im Dienst
gewesen und erst nach einem Monat in die Einheit zurückgekehrt sei. Auf
den Widerspruch angesprochen habe er lediglich gesagt, es müsse sich in
der BzP um einen Irrtum gehandelt haben. Hinzukommend habe er in der
BzP und der Anhörung auch seine Flucht und die illegale Ausreise in den
Sudan unterschiedlich beschrieben. In der BzP habe er angegeben, er sei
von H._ zu Fuss nach Tesseney gelangt, habe dort den Bus nach
Gergef genommen und sei dann weiter zu Fuss nach Hafira, Sudan, ge-
laufen. In der Anhörung habe er hingegen gesagt, er sei zu Fuss von
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H._ innert zwei Tagen in den Sudan gelangt. Auf diese unterschied-
liche Darstellung angesprochen habe er lediglich gesagt, es sei unmöglich
über Tesseney zu reisen, da es dort Kontrollposten gäbe. Das SEM führte
weiter aus, es sei unlogisch, dass er einerseits einen Patienten habe über-
wachen müssen und diesem dann bei einem Toilettengang die Flucht ge-
lungen sei. Andererseits habe er gesagt, dass er bei seiner temporären
Freilassung aus der Haft ungehindert aus dem Krankenhaus habe flüchten
können. Auf die Frage, weshalb er nicht überwacht worden sei, habe er
angegeben, er sei im Dienst gewesen und sein Vorgesetzter habe für ihn
die Verantwortung übernommen. Es sei jedoch unglaubhaft, dass er sich
frei habe bewegen können, obwohl er nur temporär aus der Haft entlassen
worden sei. Ebenfalls sei unglaubhaft, dass sein Vorgesetzter für ihn die
Verantwortung übernommen habe, obwohl ihm dieser nicht geglaubt habe,
dass er den Patienten nicht absichtlich habe fliehen lassen. Im Übrigen sei
sein Verhältnis zu dem Vorgesetzten widersprüchlich und seine Erzählun-
gen würden zwischen Vertrauen und Misstrauen, Zuneigung und Abnei-
gung zwischen ihnen schwanken. Er habe einerseits gesagt, man habe ihn
in H._ nur deswegen so lange festhalten können, weil sein Vorge-
setzter abwesend gewesen sei. Nachdem seine Kollegen ihn informiert
hätten, habe dieser sich für seine Freilassung eingesetzt. Andererseits
habe er gesagt, der Vorgesetzte habe ihm nahegelegt, zuzugeben, dass er
dem Patienten zur Flucht verholfen habe. Es sei nicht nachvollziehbar, was
ein erzwungenes Geständnis dem Vorgesetzten gedient hätte.
Des Weiteren habe er auch nur oberflächliche und vage Angaben zu dem
Gefängnis in H._, in welchem er immerhin einen Monat inhaftiert
gewesen sei, machen können. Er habe lediglich ausgeführt, es habe nur
Wellblechhütten und Zelte gegeben und er habe keine anderen Häftlinge
sehen können. Seine Kollegen hätten ihn aber sehen und hören können
und hätten bemerkt, dass er gelitten habe. In seinen Schilderungen falle
zudem auf, dass dieser Vorfall stark an den Vorfall auf F._ erinnere.
Auch dort sei er gerade ins Gefängnis gekommen, als sein Vorgesetzter im
Urlaub gewesen sei und dieser habe nach seiner Rückkehr die Freilassung
befohlen. Mit dem Unterschied jedoch, dass der Vorgesetzte bei der zwei-
ten Inhaftierung seine Unschuld nicht mehr geglaubt habe, was schliesslich
zur Flucht geführt habe. Bei der ersten und wahrscheinlich echten Inhaftie-
rung sei er danach in eine andere Einheit versetzt worden, womit die Prob-
leme beendet gewesen seien. Dieser Vorfall habe ihm nun offenbar als
Grundlage für sein eigentliches Asylvorbringen gedient. Aufgrund dieser
Erwägungen könne ihm die zweite Haft und die Flucht aus dem Militär-
dienst nicht geglaubt werden und es sei davon auszugehen, dass er aus
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anderen Gründen und auf eine andere Art und Weise das Militär verlassen
habe. Seine Vorbringen würden somit den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten, so dass deren Asylrelevanz
nicht zu prüfen sei.
4.2 In der Beschwerde wurde vorgebracht, dass es auf den ersten Blick
tatsächlich so scheine, als ob der Beschwerdeführer hinsichtlich der Dauer
seiner zweiten Inhaftierung unterschiedliche Angaben gemacht habe. Er
habe jedoch an der Anhörung gesagt, es habe sich um ein Missverständnis
gehandelt, und er habe mehrmals – unter Angabe des Datums – gesagt,
er sei einen Monat in Haft gewesen. Hinsichtlich der wenigen Ungereimt-
heiten zwischen der BzP und der Anhörung sei auf eine qualitative Studie
des UNHCR bezüglich erstinstanzlichen Asylentscheiden aus dem Jahr
2011 hinzuweisen. Das UNHCR habe darin festgehalten, dass ablehnende
Asylentscheide häufig auf Widersprüche wegen unterschiedlicher Anga-
ben in der BzP und der Anhörung zurückzuführen seien und dabei ein zu
starkes Gewicht auf möglichst exakte Daten und vollständig deckungsglei-
che Aussagen gelegt werde. Auch das Bundesverwaltungsgericht (respek-
tive die Schweizerische Asylrekurskommission ARK) habe festgehalten,
dass Widersprüche zwischen der BzP und der Anhörung für die Beurteilung
der Glaubhaftigkeit nur herangezogen werden dürften, wenn die Aussagen
in wesentlichen Punkten und diametral voneinander abweichen würden. In
der Gesamtheit seien die Aussagen des Beschwerdeführers konstant,
weshalb den unterschiedlichen Zeitangaben keine entscheidrelevante Be-
deutung zukomme.
Ausserdem seien seine Aussagen bezüglich der zweiten Inhaftierung
durchaus konstant und detailreich ausgefallen. Entgegen den Ausführun-
gen des SEM habe er mehr als nur das vom SEM Zitierte gesagt. Er habe
dargelegt, er sei vor allem im Hof des Gefängnisses gefesselt gewesen
und habe jeden Tag dasselbe Ritual durchlaufen müssen. Ihm seien mor-
gens um sieben Uhr die Hände hinter den Rücken gebunden worden und
er habe sich anschliessend auf den Boden legen müssen, wo er mit Was-
ser übergossen worden sei. Er habe sich im matschigen Boden wälzen
müssen und sei dabei mit einem Stock geschlagen worden. Nur während
15 Minuten pro Tag seien ihm die Handfesseln abgenommen worden, da-
mit er sein Mittagessen, Brot und Wasser, habe zu sich nehmen können.
Nachts habe er auf einer Art Veranda gefesselt schlafen müssen. Nach
etwa drei Wochen habe er einen Wächter gefragt, ob dieser die Handfes-
seln etwas lockerer binden könne, woraufhin dieser ihn auf den Ellbogen
geschlagen habe, sodass sein Ellbogen zertrümmert worden sei. In der
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Folge habe er an starken Schmerzen gelitten und dauernd geschrien, wo-
raufhin seine Kollegen schliesslich den Vorgesetzten kontaktiert hätten, da-
mit er medizinische Betreuung erhalte. Es sei darauf hinzuweisen, dass er
nicht wie von der Vorinstanz angenommen freigelassen worden sei, weil
der Vorgesetzte aus dem Diensturlaub zurückgekehrt sei. Vielmehr hätten
die Kollegen den Vorgesetzten nach dem Ellbogenbruch informiert. Er
habe gesagt, er wisse nicht, ob der Vorgesetzte aufgrund der Information
der Kollegen oder weil sein Diensturlaub beendet gewesen sei, zurückge-
kehrt sei. Es mute ausserdem merkwürdig an, dass die Vorinstanz der ers-
ten Haft mehr Glaubwürdigkeit schenke, obwohl der Beschwerdeführer die
zweite Haft detailreicher und ausführlicher geschildert habe.
Hinsichtlich seines Fluchtweges habe er tatsächlich unterschiedliche Aus-
sagen gemacht. Er habe an der Anhörung jedoch zu Protokoll gegeben,
dass die an der Anhörung gemachten Aussagen der Wahrheit entsprächen
und er an der BzP auf Anraten von anderen Asylsuchenden missverständ-
liche Angaben gemacht habe. Er habe in der Anhörung sehr genau geschil-
dert, wie er von H._ in den Sudan geflüchtet sei. Er sei mehrere
Nächte zu Fuss in Richtung Norden marschiert, habe von Tigre bewohnte
kleine Hütten und Dörfer passiert. Tagsüber habe er sich versteckt gehal-
ten. Irgendwann habe er einen Leuchtturm gesehen, sei in diese Richtung
gelaufen und sei schliesslich in Hafir angekommen, wo er die Grenze in
den Sudan überquert habe.
Zur Flucht sei es gekommen, nachdem sein Vorgesetzter ihn aus der Haft
geholt habe, damit er medizinisch versorgt werden könne, und da es seiner
Ansicht nach nicht notwendig gewesen sei, ihn unter diesen Bedingungen
so lange einzusperren, auch wenn einem Patienten die Flucht gelungen
sei. Der Beschwerdeführer habe nicht ausgesagt, er sei nur vorüberge-
hend freigelassen worden. Sein Vorgesetzter habe ihm geraten, sich mit
einem Geständnis an die Polizei zu wenden. Entgegen der Ansicht der
Vorinstanz sei es nachvollziehbar, dass er als Mitarbeiter des Gefängnis-
ses nicht habe überwacht werden müssen; insbesondere da der Vorge-
setzte den anderen Wächtern befohlen habe, es gebe keinen Grund, ihn
wegen dem Vorwurf und unter den Bedingungen so lange festzuhalten.
Ausserdem könne das Verhältnis von ihm zu seinem Vorgesetzten auch
nicht wie von der Vorinstanz behauptet als widersprüchlich betrachtet wer-
den. Im Gegenteil würden seine Aussagen darauf hindeuten, dass das Ver-
hältnis zwischen ihnen gut gewesen sei. Insbesondere die Tatsache, dass
er auf Verantwortung des Vorgesetzten freigekommen sei und dieser ihm
geraten habe, ein Geständnis abzulegen, deute auf ein gutes Verhältnis
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hin. Ein Geständnis hätte ihm gedient, mit dem Vorfall abzuschliessen, an-
sonsten er erneut in Haft hätte gehen müssen. Im Übrigen habe er nicht
behauptet, dass der Vorgesetzte aus der Freilassung einen Nutzen gehabt
hätte.
Die Vorinstanz gehe von der Annahme aus, dass die Desertion unglaubhaft
sei und er vom Nationaldienst suspendiert oder entlassen worden sei oder
ihn ordentlich abgeschlossen habe. Hierzu sei darauf hinzuweisen, dass er
nach seiner ersten Inhaftierung versetzt worden sei, aber im Dienst habe
verbleiben müssen. Dies spreche dafür, dass er auch aufgrund eines wei-
teren ihm angelasteten Vergehens nicht aus dem Dienst entlassen worden
sei. Auch verschiedene Länderinformationen würden gegen eine frühzei-
tige Entlassung des Beschwerdeführers sprechen. Er habe glaubhaft dar-
gelegt, dass er bis zur Ausreise Dienst geleistet habe und während des
Dienstes zweimal inhaftiert worden sei. Nach seiner Desertion seien über-
dies seiner Frau und seinem Sohn die medizinische Versorgung im Kran-
kenhaus verwehrt worden. Ausserdem sei gemäss zahlreichen Berichten
die Altersobergrenze für den Militärdienst für Männer sehr hoch anzuset-
zen und liege bei 54 Jahren. Der Beschwerdeführer sei erst knapp (...)
Jahre alt und habe bei einer Rückkehr nach Eritrea mit mindestens (...)
Jahren Nationaldienst zu rechnen. Zu Entlassungen aus dem Dienst gebe
es oft keine zuverlässigen Angaben; Berichten zufolge dauere der Dienst
oft ohne weiteres länger als zehn Jahre oder es müsse gar von einer per-
manenten Einberufung ausgegangen werden.
Unter Verweis auf verschiedene Berichte führte der Beschwerdeführer fer-
ner aus, auch wenn er bei einer Rückkehr nicht mehr in den Nationaldienst
eingezogen würde, laufe er Gefahr, in die Volksarmee rekrutiert zu werden.
Ausserdem bestünden keine Hinweise, dass er seinen Status mit Eritrea
im Sinne des «Diaspora-Status» geregelt habe, weshalb davon auszuge-
hen sei, dass er bei einer Rückkehr bestraft und erneut eingezogen würde.
Aufgrund seiner glaubhaften Schilderungen bezüglich seiner Dienstzeit
und der Desertion sei davon auszugehen, dass er nicht vom Nationaldienst
entlassen worden sei und bei einer Rückkehr mit einer sofortigen Verhaf-
tung rechnen müsse.
5.
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5.1 Zunächst ist mit der Vorinstanz übereinstimmend festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer glaubhaft darlegen konnte, dass er das 12. Schul-
jahr in Sawa absolviert hat und anschliessend als Krankenpfleger im Rah-
men des Nationaldienstes tätig gewesen ist. Seine diesbezüglichen Anga-
ben sind detailliert und erlebnisgeprägt ausgefallen (vgl. insbesondere
SEM Akte A15, F27-F36) und geben keinen Anlass zu Zweifeln. Dies allein
kann indes die Flüchtlingseigenschaft nicht begründen. Entscheidend ist
vorliegend, ob der Beschwerdeführer wie von ihm behauptet aus dem Na-
tionaldienst desertiert ist.
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftma-
chung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweis-
mass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den
Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das
Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend
für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht
es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
5.3 Nach Durchsicht der Akten ist unter Beachtung dieser Grundsätze fest-
zustellen, dass die Erwägungen der Vorinstanz in Bezug auf die Unglaub-
haftigkeit der Desertion aus dem Nationaldienst nicht bestätigt werden kön-
nen.
5.3.1 Das SEM hat in seinen Erwägungen zunächst ausgeführt, der Be-
schwerdeführer habe sich in Bezug auf die Dauer seiner zweiten Inhaftie-
rung widersprochen. In der BzP habe er gesagt, er sei zwei Wochen fest-
gehalten worden, während er in der Anhörung angegeben habe, es sei ein
Monat gewesen. In der Beschwerde wurde darauf hingewiesen, dass der
Beschwerdeführer bereits in der Anhörung, als er auf den Widerspruch an-
gesprochen worden sei, erklärte, es handle sich um ein Missverständnis.
Er sei in F._ zwei Wochen und in H._ einen Monat inhaftiert
gewesen (SEM Akte A15, F70f). In diesem Zusammenhang ist zunächst zu
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berücksichtigen, dass die BzP hinsichtlich der Asylvorbringen im Gegen-
satz zur Anhörung lediglich einen summarischen Charakter aufweist und in
einem engen zeitlichen Rahmen stattfindet, weshalb gemäss ständiger
Rechtsprechung Aussagen in einer solchen Befragung grundsätzlich nur
ein beschränkter Beweiswert zukommt. Widersprüche dürfen daher für die
Beurteilung der Glaubhaftigkeit nur dann herangezogen werden, wenn
klare Aussagen der Befragung in wesentlichen Punkten von den Asylvor-
bringen in den späteren Aussagen in der Anhörung diametral abweichen,
oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche später als
zentrale Asylgründe genannt werden, nicht bereits in der Befragung zumin-
dest ansatzweise erwähnt wurden (vgl. den weiterhin einschlägigen Grund-
satzentscheid Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 1993
Nr. 3 sowie EMARK 1993 Nr. 12 und aus der neueren Rechtsprechung
etwa das Urteil des BVGer D-4295/2017 vom 9. Januar 2019 E. 6.1.2
m.w.H.). Die BzP des Beschwerdeführers dauerte (inklusive Rücküberset-
zung) lediglich 1 Stunde 10 Minuten (vgl. A3 S. 8). Unter Berücksichtigung
des summarischen Charakters der BzP kann bei der von der Vorinstanz
beigezogenen abweichenden Aussage in Bezug auf die Dauer der zweiten
Inhaftierung nicht von einem wesentlichen Widerspruch gesprochen wer-
den. Der Beschwerdeführer hat ansonsten in der BzP die identischen Asyl-
gründe wie in der Anhörung vorgebracht. Unter Gesamtwürdigung aller
Aussagen fallen diese geringfügig abweichenden Zeitangaben nicht derart
ins Gewicht, als das daraus auf die Unglaubhaftigkeit der zweiten Inhaftie-
rung geschlossen werden könnte.
Ausserdem fällt auf, dass der Beschwerdeführer in der BzP auch eine an-
dere Angabe, wann er die 12. Schulklasse in Sawa abgeschlossen habe,
als in der Anhörung gemacht hat. In der BzP gab er an, er habe die 12.
Schulklasse in Sawa im Jahr 2004 abgeschlossen (SEM Akte A3, Ziff.
1.17.04). In der Anhörung gab er an, er sei von Juli 2005 bis zum Jahr 2006
in Sawa gewesen (SEM Akte A15, F18ff). Trotz dieses geringfügigen Wi-
derspruchs ging die Vorinstanz zu Recht von der Glaubhaftigkeit seiner
Absolvierung der 12. Schulklasse in Sawa aus. Dieser Umstand kann als
Indiz, dass der Beschwerdeführer an der BzP geringfügige zeitlich abwei-
chende Daten gegeben hat, welche aber nicht insgesamt gegen seine
Glaubwürdigkeit sprechen, gewertet werden.
5.3.2 Das SEM hat in der ablehnenden Verfügung ferner die Ansicht ver-
treten, dass neben den widersprüchlichen Angaben die Aussagen des Be-
schwerdeführers zu seiner zweiten Haft auch oberflächlich und vage aus-
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gefallen seien, was weiter für die Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen spre-
che. Nach Durchsicht des Anhörungsprotokolls ist dem Beschwerdeführer
beizustimmen, dass er zu seiner Inhaftierung weitergehende Angaben als
die vom SEM in seinen Erwägungen zitierten gemacht hat. Zwar hätte an
manchen Stellen durchaus erwartet werden können, dass der Beschwer-
deführer detailliertere Angaben machen würde; andererseits finden sich in
seinen Aussagen Realkennzeichen, welche für die Glaubhaftigkeit der
zweiten Haft sprechen, welche vom SEM nicht berücksichtigt wurden. So
hat das SEM keine Gesamtwürdigung aller positiven und negativen Ele-
mente vorgenommen.
In der freien Rede zu seinen Asylgründen hat der Beschwerdeführer eini-
germassen ausführlich die Umstände, wie es zu seiner zweiten Inhaftie-
rung gekommen ist, seine Inhaftierung selbst und auch die Freilassung
dargelegt (SEM Akte A15, F27). Auf Nachfrage des SEM schilderte er, wie
ein Tag in Haft ausgesehen habe (SEM Akte A15, F74). Mehrmals gab er
an, dass das Gefängnis aus Wellblechhüten und Zelten bestanden habe
und die Häuser nur für die Wächter gewesen seien. Er habe jedoch im
Freien auf einer Art Veranda schlafen müssen (SEM Akte A15, F62, F74,
F82, F83, F84). Wiederholt wies er dabei auf die Stärke seiner Fesselung
hin und gab an, nachts seien die Fesselungen etwas aufgelockert worden
und je nach Wächter seien die Fesselungen fester oder lockerer gewesen
(SEM Akte A15, F74f). Seine Gespräche mit den Wachen hätten sich le-
diglich um die Lockerung seiner Fesseln und um Wasser gedreht (SEM
Akte A15, F86). Bereits in der BzP hatte er angegeben, er sei so stark ge-
fesselt worden, dass das Blut nicht habe zirkulieren können (SEM Akte A3,
Ziff. 7.02). Auch seine Schilderungen zu seinem Ellbogenbruch sind kon-
sistent. Er beschrieb, wie sein Ellbogen gebrochen worden sei, dass sein
Arm geschwollen gewesen sei und er unheimliche Schmerzen gehabt
habe (SEM Akte A15, F27, F78). Später nahm er erneut darauf Bezug und
gab an, er habe bei seiner Flucht eine Bandage und Tabletten mitgenom-
men (SEM Akte A15, F88), und bei seiner Ankunft im Sudan sei ihm vor
der Weiterreise nach Khartum der Arm gegipst worden (SEM Akte A15,
F27). Sein Ellbogen schmerze bis heute (SEM Akte A15, F111). Der Be-
schwerdeführer nahm an verschiedenen Stellen und im Zusammenhang
mit verschiedenen Situationen Bezug auf den gebrochenen Ellbogen, was
als Realkennzeichen zu werten ist. Im Weiteren erwähnte er auch Neben-
sächlichkeiten, wie dass manche Wächter ihm gesagt hätten, er solle zu-
geben, dass er den Patienten habe fliehen lassen, dann könnten sie sich
das Ganze ersparen (SEM Akte A15, F76). Auch über den Patienten, wel-
cher geflohen sei, gab er einige Einzelheiten an, wie seinen Namen, den
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Grund seiner Inhaftierung und auch weshalb er auf die Krankenstation ver-
legt worden sei (SEM Akte A15, F53-56).
Demgegenüber fällt jedoch auch auf, dass der Beschwerdeführer bei ge-
wissen Fragen eher knappe Antworten gegeben hat, obwohl zu erwarten
gewesen wäre, dass er ausführlicher über seine Inhaftierung berichten
würde. Beispielsweise wurde er zwei Mal gefragt, ob es etwas Spezielles
in dem Hof, in welchem er festgehalten worden sei, gegeben habe oder ob
etwas für ihn speziell wichtig gewesen sei (SEM Akte A15, F83f). Seine
Ausführungen hierzu blieben knapp und er führte aus, in H._ gebe
es nur eine Fabrik namens «J._», welche Bananen und Tomaten
verarbeite (SEM Akte A15, F83). Diese Aussage reflektiert zwar nicht den
Ort, an welchem er festgehalten worden sei. Gemäss öffentlich zugängli-
chen Quellen gibt es indes in H._ tatsächlich eine Fabrik namens
«J._», welche Bananen und Tomaten verarbeitet, was immerhin da-
fürspricht, dass der Beschwerdeführer sich in H._ aufgehalten hat
(vgl. All Africa, Eritrea: H._, J._ Factory begins processing
Banana and Tomatos, 9. Februar 2009, abrufbar unter [...], abgerufen am
31. März 2020).
Trotz den teilweise vage gebliebenen Ausführungen ist in einer Gesamtbe-
trachtung jedoch insgesamt festzustellen, dass der Beschwerdeführer die
beiden Inhaftierungen im selben Erzählstil und in einer vergleichbaren Er-
zähldichte darlegte. Ein Strukturvergleich zeigt, dass kein Bruch zwischen
den Erzählungen des Beschwerdeführers stattfand. Das SEM befand in
seiner ablehnenden Verfügung die erste Inhaftierung als glaubhaft. Es
führte aus, die beiden Inhaftierungen würden sich gleichen, mit dem Unter-
schied, dass der Vorgesetzte bei der zweiten Inhaftierung nicht mehr von
der Unschuld des Beschwerdeführers überzeugt gewesen sei, was
schliesslich zu seiner Flucht geführt habe. Das SEM ging deswegen davon
aus, dass die erste Inhaftierung ihm als Grundlage für die Beschreibung
der zweiten gedient habe, welche jedoch nicht glaubhaft sei. Dabei handelt
es sich um eine reine Mutmassung der Vorinstanz, welche jeglicher Grund-
lage entbehrt. In der Beschwerde wurde treffend darauf hingewiesen, dass
nicht ersichtlich ist, weshalb die Vorinstanz die erste Inhaftierung als glaub-
hafter als die zweite befindet, obschon der Beschwerdeführer die beiden
Vorfälle in einer vergleichbaren Weise erzählt hat und ihm im Übrigen zu
seiner Inhaftierung in F._ weniger Fragen als zur Inhaftierung in
H._ gestellt wurden. Insgesamt hat er die Inhaftierung in H._
in gleicher Weise erzählt wie auch die restlichen – als glaubhaft befunde-
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Seite 16
nen – Vorbringen, weshalb trotz einiger knapper Antworten der Strukturver-
gleich als ein weiteres Indiz, welches für die Glaubhaftigkeit der zweiten
Inhaftierung spricht, gewertet werden kann.
5.3.3 Die weiteren Argumente der Vorinstanz, anhand welcher sie auf die
Unglaubhaftigkeit der zweiten Inhaftierung und somit der Desertion
schliesst, vermögen ebenfalls nicht zu überzeugen. Die Vorinstanz führt
aus, die Schilderungen des Beschwerdeführers zu seiner Flucht aus dem
Krankenhaus seien unlogisch. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb er un-
gehindert aus dem Krankenhaus habe fliehen können und nicht überwacht
worden sei. Ferner sei unglaubhaft, dass der Vorgesetzte die Verantwor-
tung für ihn übernommen habe, obwohl er ihm nicht geglaubt habe. Die
Aussagen des Beschwerdeführers, seine Kollegen hätten den Vorgesetz-
ten informiert, da sie seine Schmerzen aufgrund des Ellbogenbruchs be-
merkt hätten, und der Vorgesetzte habe dann nach seiner Rückkehr aus
dem Urlaub seine Freilassung bewirkt, erscheinen im Kontext seiner übri-
gen Erzählungen, insbesondere des glaubhaft gemachten Ellbogenbruchs,
durchaus nachvollziehbar. Es bleibt zwar unklar, ob es sich nur um eine
temporäre Entlassung zwecks medizinischer Versorgung gehandelt habe
oder ob er nach einem Monat Haft entlassen worden sei. Der Beschwer-
deführer sagte einige Male, sein Vorgesetzter hätte ihn zurückbringen sol-
len (SEM Akte A15, F27, F109). Anderseits gab er auch an, er sei entlassen
worden, als sein Vorgesetzter zurückgekehrt sei (SEM Akte A15, F61), und
dieser habe gesagt, es gebe keinen Grund, ihn unter diesen Bedingungen
einen Monat zu inhaftieren, weil jemandem die Flucht gelungen sei (SEM
Akte A15, F81). Der Vorgesetzte habe auch gesagt, wenn der Beschwer-
deführer nicht gestehe, müsse er ihn zurück in Haft bringen (SEM Akte A15,
F87). Aus den Akten wird somit nicht abschliessend klar, ob er nach der
Behandlung zurück in Haft hätte gehen sollen oder ob er seine Haftstrafe
bereits abgesessen habe. In letzterem Fälle wäre es sodann durchaus
nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer im Krankenhaus nicht mehr
überwacht worden wäre, weshalb das Argument des SEM, dies sei unlo-
gisch, bei näherer Betrachtung nicht vollumfänglich überzeugt.
5.3.4 Gemäss dem eingereichten Passierschein befand sich der Be-
schwerdeführer zumindest zu Beginn des Jahres 2015 noch im National-
dienst. Aus dem Passierschein geht hervor, dass der Beschwerdeführer
vom 2. Januar 2015 bis zum 3. Februar 2015 Urlaub erhalten hat. Am
30. April 2015 hat er gemäss seinen Aussagen Eritrea verlassen. In dem
mit dem Passierschein eingereichten Begleitschreiben führt der Beschwer-
deführer aus, er habe einen Monat Urlaub erhalten, da seine Frau in der
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Seite 17
Schwangerschaft Komplikationen gehabt habe (vgl. Eingabe vom 12. März
2020). Aus dem eingereichten «Proof of Registration» des UNHCR geht
hervor, dass das jüngste Kind des Beschwerdeführers am (...) geboren
wurde (vgl. auch SEM Akte A3 Ziff. 3.01). Seine Aussagen sind somit ko-
härent. Auch stimmt die Identitätsnummer auf dem Passierschein mit der
Nummer auf der eingereichten Identitätskarte überein. Der eingereichte
Passierschein ist somit ein weiteres Indiz dafür, dass der Beschwerdefüh-
rer zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus Eritrea noch im Nationaldienst tätig
gewesen ist.
5.3.5 Aus den Akten ergeben sich sodann auch keine konkreten Hinweise,
wonach der Beschwerdeführer bereits aus dem Militärdienst hätte entlas-
sen werden sollen. Im Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017
hat sich das Bundesverwaltungsgericht näher mit dem eritreischen Natio-
naldienst auseinandergesetzt (zum Nachfolgenden: vgl. D-2311/2016 E.
12 und 13.3 mit weiteren Quellenangaben). Dabei wurde auf die beiden
Zweige des militärischen National Service (Nationaldienst in militärischen
Einheiten) und des National Service in zivilen Einheiten (ziviler National-
dienst) verwiesen und es wurden die (grundsätzlich unbestimmte) Dienst-
dauer und die Möglichkeiten, aus dem National Service entlassen zu wer-
den, erörtert. Im vorliegend interessierenden Kontext hielt das Gericht im
genannten Referenzurteil zusammenfassend fest, dass es regelmässig zu
Entlassungen aus dem eritreischen Nationaldienst komme, insbesondere
bei verheirateten Frauen. Im Weiteren sei von einer grundsätzlich mögli-
chen Dienstentlassung nach 5 bis 10 Jahren auszugehen. Andererseits ist
die Entlassung aus dem Dienst in Eritrea stark von willkürlichen Aspekten
geprägt, und auch eine Dienstdauer von 10 bis 20 Jahren kann ohne wei-
teres üblich sein (vgl. European Asylum Support Office [EASO], EASO
Country of Origin Information Report: Eritrea – National service and illegal
exit, 09.2019, https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib /2019_
EASO_COI_Eritrea_National_service_exit_and_return.pdf, abgerufen am
27.03.2020:
Der Beschwerdeführer hat im Alter von (...) Jahren Eritrea verlassen. Zum
Zeitpunkt seiner geltend gemachten Desertion im Jahr 2015 hätte er ge-
mäss seinen Angaben bereits seit neun Jahren im Nationaldienst gedient,
womit grundsätzlich eine Dienstentlassung möglich gewesen wäre. In Erit-
rea herrscht jedoch ein Mangel an medizinischem Fachpersonal, weil viel
Gesundheitspersonal das Land verlässt (vgl. Bertelsmann Stiftung, BTI
2018 Country Report – Eritrea, 2018, S. 35, https://www.bti-pro-
E-5970/2018
Seite 18
ject.org/fileadmin/files/BTI/Downloads/Reports/2018/pdf/BTI_2018_Erit-
rea.pdf, abgerufen am 31. März 2020; ARCHEMED – Ärzte für Kinder in
Not, Barentu-Projektbericht März 2018, undatiert, https://www.ar-
chemed.org/attachments/article/56/2018-03%20-%20Einsatzbe-
richt%20Neonatologie%20Barentu.pdf, abgerufen am 31. März 2020). Es
wird berichtet, dass der Mangel an Gesundheitspersonal dazu führe, dass
die verbleibenden Krankenpflegenden Aufgaben übernehmen, die eigent-
lich ausgebildeten Ärzten vorbehalten wären (ARCHEMED, a.a.O.). Auch
eine Reportage von RTS zeigt, wie das Gesundheitssystem auf der Ar-
beitskraft von Personen aufbaut, die den National Service absolvieren, und
wie sich der anhaltende Exodus von Personal auswirkt (vgl. Radio Télévi-
sion Suisse (RTS), Erythrée, enquête au pays des travaux forcés,
17.05.2018, https://www.rts.ch/play/tv/temps-present/video/erythree-en-
quete-au-pays-des-travaux-forces?id=9578164, abgerufen am 31. März
2020). Angesichts der Tatsache, dass in Eritrea ein Mangel an medizini-
schem Fachpersonal herrscht, erscheint es eher unwahrscheinlich, dass
der Beschwerdeführer nach neun Jahren Dienst als Krankenpfleger (oder
gar noch früher) entlassen worden wäre.
5.3.6 Des Weiteren hat er in einem nachvollziehbaren Kontext angegeben,
dass seine Frau nach seiner Ausreise zwar nicht mit Militärpersonen Prob-
leme gehabt habe, aber ihrem gemeinsamen Sohn im Krankenhaus eine
Behandlung verwehrt worden sei, nachdem seine Frau ein Formular, mit
der Angabe wo sich der Ehemann befinde, habe ausfüllen müssen (SEM
Akte A15, F102). Bereits zuvor hatte er auf gesundheitliche Probleme sei-
nes Sohnes hingewiesen (SEM Akte A15, F14). Auch die Angabe, dass
dem Sohn eine Behandlung verwehrt worden sei, ist ein weiteres Indiz,
welches für die Glaubhaftigkeit der Desertion spricht.
5.3.7 Unter Berücksichtigung aller Elemente, welche für oder gegen die
Glaubhaftigkeit der zweiten Inhaftierung des Beschwerdeführers und sei-
ner Desertion aus dem Nationaldienst sprechen, überwiegen nach dem
Gesagten insgesamt die positiven Elemente, auch wenn einige seiner Aus-
sagen vage und mit Zweifeln behaftet bleiben.
5.4 Unklar bleibt zudem, weshalb der Beschwerdeführer die illegale Aus-
reise aus Eritrea in der BzP in einer anderen Weise als in der Anhörung
geschildert hat. Der Beschwerdeführer führte hierzu aus, er sei zum Zeit-
punkt der Befragung zur Person neu in der Schweiz gewesen und andere
Personen hätten ihm geraten, was er erzählen solle (SEM Akte A15, F97).
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Seite 19
Es ist nicht ersichtlich, welchen Vorteil er durch seine Darstellung der Aus-
reise in der BzP hätte haben sollen. Das SEM hat diesbezüglich keine wei-
teren Nachfragen gestellt und auch in der Beschwerde wurde nicht ausge-
führt, inwiefern ihm dies hätte nutzen können. Es fällt jedoch auf, dass der
Beschwerdeführer in der Anhörung angab, man verliere schnell die Orien-
tierung, wenn man falsche Angaben mache (a.a.O.). Diese Reflexion
spricht für die Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers. Zur illegalen Aus-
reise an sich wurden dem Beschwerdeführer nicht viele Fragen gestellt und
es bleibt unklar, weshalb er unterschiedliche Angaben gemacht hat. Letzt-
lich ist jedoch mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer aus dem Nationaldienst desertiert ist, weshalb
auch angenommen werden muss, dass er Eritrea illegal verlassen hat.
5.5 Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer aus dem
Nationaldienst desertiert ist und in der Folge Eritrea illegal verlassen hat.
6.
Es bleibt somit zu prüfen, ob die glaubhaft gemachte Desertion die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers zu begründen vermag.
6.1 Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermag für sich allein die
Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, sondern nur dann, wenn damit
eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit ande-
ren Worten wenn die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten
Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienst-
verweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen hat, die
ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Die ge-
setzgeberische Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG hat die Rechtslage dem-
nach nicht verändert (vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 5.9).
6.2 Vor dem Hintergrund der von der vormaligen Schweizerischen Asylre-
kurskommission (EMARK 2006 Nr. 3) begründeten und vom Bundesver-
waltungsgericht weitergeführten Rechtsprechung (vgl. bspw. Urteile des
BVGer E-2830/2016 vom 31. August 2018 E. 6.3, D-1359/2015 vom 22.
August 2017 E 6.1) ist festzustellen, dass Dienstverweigerung und Deser-
tion in Eritrea unverhältnismässig streng bestraft werden. Die Furcht vor
einer Bestrafung wegen Dienstverweigerung oder Desertion ist dann be-
gründet, wenn die betroffene Person in einem konkreten Kontakt zu den
Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen,
E-5970/2018
Seite 20
wenn die betroffene Person im aktiven Dienst stand und desertierte. Dar-
über hinaus ist jeglicher Kontakt zu den Behörden relevant, aus dem er-
kennbar wird, dass die betroffene Person rekrutiert werden sollte (z.B. Er-
halt eines Marschbefehls). In diesen Fällen droht grundsätzlich nicht allein
eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedin-
gungen und Folter, wobei Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vorge-
setzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird von den eritreischen Behörden
als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst. Demzufolge sind Perso-
nen, die begründete Furcht haben, einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu
werden, als Flüchtlinge im Sinne von Art. 1A Abs. 2 FK und Art. 3 Abs. 1-3
AsylG anzuerkennen.
6.3 Vorliegend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer gemäss sei-
nen als glaubhaft zu erachtenden Angaben als Krankenpfleger im Rahmen
des eritreischen Nationaldienstes tätig war. Im April 2015 hat er ohne die
Bewilligung der ihm vorgesetzten Behörden seinen Dienst verlassen und
ist in der Folge illegal aus Eritrea ausgereist.
Der Beschwerdeführer ist nach dem Gesagten als Deserteur im Sinne der
oben zitierten Rechtsprechung zu betrachten. Er hat demnach begründete
Furcht, im Falle einer Rückkehr nach Eritrea zum heutigen Zeitpunkt ernst-
haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. Eine
innerstaatliche Fluchtalternative würde ihm nicht offenstehen. Der Be-
schwerdeführer erfüllt daher originär die Flüchtlingseigenschaft.
6.4 Der Beschwerdeführer ist als Flüchtling anzuerkennen. Vorliegend sind
keine Asylausschlussgründe im Sinne von Art. 53 AsylG ersichtlich. Die
Voraussetzungen für die Asylgewährung (Art. 3 und 7 AsylG) sind somit
erfüllt.
Es erübrigt sich folglich, auf seine mit Eingabe vom 12. März 2020 geltend
gemachten exilpolitischen Tätigkeiten in der Schweiz näher einzugehen.
7.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und die angefochtene Verfü-
gung vom 13. September 2018 ist aufzuheben. Der Beschwerdeführer ist
gestützt auf Art. 3 AsylG als Flüchtling anzuerkennen und das SEM ist an-
zuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom
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Seite 21
29. Oktober 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich
gegenstandslos.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist in Anwendung von Art. 64
VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwach-
senen Parteikosten zuzusprechen.
Die bei den Akten liegende Kostennote vom 30. November 2018 und der
ausgewiesene zeitliche Aufwand von 12 Stunden und Auslagen für Kopien
im Betrag von Fr. 14.60 erscheint unter der Berücksichtigung der Eingabe
vom 12. März 2020 den Verfahrensumständen als angemessen. Der ver-
langte Stundenansatz von Fr. 300.– ist reglementskonform (vgl. Art. 10
VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist
demnach insgesamt auf Fr. 3892.90 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer-
zuschlag) festzusetzen.
8.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar des als amtlichen Rechtsbeistand
im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 AsylG eingesetzten Rechtsvertreters wird
damit gegenstandlos.
(Dispositiv nächste Seite)
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