Decision ID: bc32b0f1-d95b-5596-9b04-05d49dc4b771
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2016 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe in seinem Herkunftsland eine
Berufsausbildung zum Maschinenmechaniker und später in der Schweiz einen
(einmonatigen) Diplomkurs über „CNC-Grundlagen“ absolviert. Er arbeite als
Maschinenmechaniker. Der Monatslohn belaufe sich auf 5’292.30 Franken. Der
Allgemeinmediziner Dr. med. B._ berichtete im April 2016 (IV-act. 8), der Versicherte
leide an einem Status nach einer Discushernienoperation C3–6 im November 2015, an
einem im November 2014 erstmals diagnostizierten Morbus Crohn, an einer
Refluxoesophagitis sowie an einer depressiven Entwicklung. Er müsse in eine
körperlich weniger belastende Tätigkeit wechseln können. Die Arbeitgeberin teilte im
April 2016 mit (IV-act. 15), der Versicherte arbeite als Werkzeugmaschinist. Der
Jahreslohn belaufe sich auf 77’066 Franken. In diesem Betrag seien Schichtzulagen
und eine Erfolgsbeteiligung enthalten. Im Juli 2016 berichtete die Psychiaterin Dr. med.
C._ (IV-act. 22), der Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung
mit einer mittelgradigen Episode sowie an einer Panikstörung. Die Panikstörung sei
zum ersten Mal im Jahr 2010 nach dem unerwarteten Tod eines Bruders aufgetreten.
Momentan seien sowohl die Wiedereingliederung in die freie Wirtschaft als auch eine
Beschäftigung in einem geschützten Rahmen nicht zumutbar. Am 20. Juli 2016 notierte
Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. C._ sei nicht nachvollziehbar, weil diese vor allem
somatische Einschränkungen geltend gemacht habe (IV-act. 24). Im September 2016
berichtete der Neurochirurg Dr. med. E._ (IV-act. 34), das MRT der Halswirbelsäule
zeige einen unauffälligen Befund. Der Versicherte leide an einem chronischen
Schmerzsyndrom in der linken Schulter, weshalb er seine angestammte Tätigkeit wohl
A.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht wieder werde aufnehmen können. Eine rückenadaptierte Tätigkeit sei ihm zu 50
Prozent zumutbar. Die RAD-Ärztin Dr. D._ notierte im Oktober 2016, die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ für leidensadaptierte Tätigkeiten sei nicht
ganz nachvollziehbar, weil die geklagten Beschwerden nicht durch somatische
Befunde erklärt werden könnten; ihrer Ansicht nach sei die Arbeitsfähigkeit für
leidensadaptierte Tätigkeiten auf 100 Prozent steigerbar (IV act. 36).
Im Auftrag der Krankentaggeldversicherung erstatteten Dres. med. F._ und
G._ im Januar 2017 ein bidisziplinäres orthopädisches und psychiatrisches
Gutachten (Fremdakten). Die Orthopädin Dr. F._ hielt fest, es liege ein sehr gutes
Ergebnis nach einer Spondylodese C4–7 vor. Die Funktionen der oberen Extremitäten
seien nicht eingeschränkt. Die Parese am linken Musculus deltoideus sei rückläufig.
Der Versicherte leide an einer Fehlstatik der Wirbelsäule, an einer Haltungsinsuffizienz,
an einem muskulären Hartspann und an einer deutlich verschmächtigten
Rumpfmuskulatur. Die Ischiocruralmuskulatur sei erheblich verkürzt. Zudem liege ein
Status nach einer Femurfraktur rechts, nach einer Arthroskopie beider Kniegelenke,
nach einer Operation der Strecksehnen beider Daumen sowie nach Frakturen der Digiti
I und III links vor. Aus orthopädischer Sicht seien dem Versicherten körperlich leichte
bis gelegentlich mittelschwere Tätigkeiten uneingeschränkt zumutbar. Als weitere
medizinische Massnahmen seien lediglich Freizeitsport, die Dehnung der verkürzten
Muskelstrukturen und eine Gewichtsreduktion indiziert. Der Psychiater Dr. G._ führte
aus, der Versicherte habe angegeben, dass er sich stimmungsmässig nicht depressiv
fühle. Die Aussicht auf einen Einstieg in eine leidensadaptierte Tätigkeit bei der
bisherigen Arbeitgeberin stimme ihn einerseits zuversichtlich; andererseits frage er sich
aber auch, ob er die Arbeit bewältigen könne. Ihn belasteten die Panikattacken und die
Medikamentenumstellung betreffend den Morbus Crohn. Der Psychiater Dr. G._ hielt
fest, objektiv habe der Versicherte in der Untersuchung unauffällig gewirkt.
Diagnostisch lägen eine Panikstörung mit paroxysmalen Panikattacken, ein Rezidiv im
Rahmen von Medikamenten-Nebenwirkungen und psychischem Stress sowie ein
Morbus Crohn vor. Zudem bestehe der Verdacht auf eine somatoforme
Schmerzverarbeitung mit einem passiven Coping. Die Panikstörung tangiere die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten nur marginal und situativ. Gesamthaft sei aus
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrischer Sicht eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu attestieren. Die RAD-
Ärztin Dr. D._ qualifizierte das bidisziplinäre Gutachten als überzeugend (IV-act. 64).
Nachdem sich die Aufnahme der adaptierten Tätigkeit bei der bisherigen Arbeit
geberin verzögert hatte und da der Versicherte sich nicht in der Lage gesehen hatte,
eine Tätigkeit in einem Vollpensum aufzunehmen, kündigte die Arbeitgeberin im
Februar 2017 das Arbeitsverhältnis (vgl. IV-act. 73). Eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle
notierte im Mai 2017 (IV-act. 80), der Versicherte sei als ungelernter
Werkzeugmaschinist zu qualifizieren. Er habe zwar im Herkunftsland die
Industrieberufsschule im Bereich Mechaniker absolviert, aber in der Schweiz habe er
nie im erlernten Beruf gearbeitet. Den Angaben im Arbeitgeberfragebogen lasse sich
entnehmen, dass die tatsächlich ausgeführten Arbeiten einer Hilfstätigkeit entsprochen
hätten. Da die Lohneinbusse bei einem Wechsel in eine leidensadaptierte Hilfsarbeit
weniger als 20 Prozent betrage, bestehe kein Anspruch auf eine Umschulung. In einem
Austrittsbericht vom 9. August 2017 betreffend eine stationäre Behandlung im Zeitraum
vom 22. Mai 2017 bis zum 19. Juli 2017 hielt die H._ AG fest (IV-act. 107), der
Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig
mittelgradigen Episode und einem somatischen Syndrom, an einer Panikstörung, an
einem Status nach einer akuten Belastungssituation sowie an Problemen in Bezug auf
das Berufsleben (Arbeitslosigkeit) und auf den engeren Familienkreis. Am 21. August
2017 werde ein Vorgespräch für eine geplante anschliessende tagesklinische
Behandlung stattfinden. Bis zum 2. August 2017 bestehe eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit. Am 17. August 2017 erstattete Dr. G._ im Auftrag der
Krankentaggeldversicherung ein psychiatrisches Verlaufsgutachten (Fremdakten). Er
hielt fest, der Versicherte habe im Vergleich zur letzten Untersuchung deutlich
depressiver gewirkt. Er habe über Probleme mit seiner psychisch erkrankten Tochter
und der Ehefrau, die ihm die Schuld an der Erkrankung der Tochter gebe und ihm
ständig Vorwürfe mache, berichtet und angegeben, dass er eigentlich gerichtlich
getrennt von seiner Ehefrau lebe, aber weder die Kraft noch das Geld habe, die
Wohnung zu verlassen. Der Psychiater Dr. G._ hielt fest, eine testpsychologische
Untersuchung (HAMDS-21) habe einen einer schweren Depression entsprechenden
Wert geliefert, was mit dem klinischen Eindruck übereinstimme. Diagnostisch lägen nun
eine rezidivierende depressive Störung mit einer gegenwärtig mittel- bis fraglich
A.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schwergradigen Episode und einem somatischen Syndrom sowie eine Panikstörung
vor. Aufgrund der ausgeprägten psychiatrischen Symptomatik sei eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen und begründet. Die psychiatrische Tagesklinik I._
berichtete am 5. Januar 2018 (IV-act. 113), der Versicherte sei vom 9. Oktober 2017 bis
zum 5. Januar 2018 tagesklinisch behandelt worden. Er leide an einer rezidivierenden
depressiven Störung mit einer gegenwärtig leichten Episode ohne ein somatisches
Syndrom, an einer Panikstörung sowie (verdachtsweise) an einer undifferenzierten
Somatisierungsstörung. Während der Behandlung habe eine starke Fixierung auf die
körperlichen Beschwerden imponiert, von der sich der Versicherte nicht habe lösen
können.
Am 26. Juli 2018 beauftragte die IV-Stelle das Zentrum für medizinische
Begutachtung (ZMB) mit der Erstellung eines polydisziplinären Gutachtens (IV-act.
150). Am 14. August 2018 wies das ZMB darauf hin, dass entgegen der Ansicht des
RAD auch eine orthopädische Begutachtung notwendig sei, weil ein Status nach einer
Operation an der Halswirbelsäule vorliege, dass aber auf eine neuropsychologische
Testung verzichtet werden könne, weil die Symptome im Rahmen der psychiatrischen
Faktoren erklärt seien (IV-act. 151). Die RAD-Ärztin Dr. D._ hielt in der Folge fest,
dass die orthopädische Begutachtung sinnvoll sei, dass sie aber an der
neuropsychologischen Testung mit Symptomvalidierung festhalten möchte (IV-act.
153). Am 27. August 2018 teilte das ZMB der IV-Stelle mit (IV-act. 155), dass es
gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung im Ermessen der Sachverständigen
liege, die einzubeziehenden Disziplinen zu bestimmen. Eine neuropsychologische
Testung sei nicht erforderlich. Entgegenkommenderweise werde eine solche aber auf
den ausdrücklichen Wunsch der IV-Stelle hin durchgeführt. Im November 2018 erfuhr
die IV-Stelle vom Versicherten, dass die vorgesehene neuropsychologische Testung
letztlich doch nicht durchgeführt worden war (IV-act. 161). Am 10. Januar 2019
erstattete das ZMB das in Auftrag gegebene polydisziplinäre Gutachten (IV-act. 162).
Der internistische Sachverständige Dr. med. J._ hielt fest, schon bei der
Anamneseerhebung seien zahlreiche Inkonsistenzen aufgefallen. Der Versicherte habe
beim Gang zur Waage ein demonstratives Hinken gezeigt, das jedoch zu einem
späteren Zeitpunkt, als der Versicherte sich unbeobachtet gewähnt habe, nicht mehr
vorhanden gewesen sei. Bei der Bauchpalpation habe der Versicherte eine massive
A.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Druckdolenz im Unterbauch rechts angegeben. Bei einer späteren nochmaligen
Untersuchung unter Ablenkung hätten dann aber nicht die geringsten Schmerzzeichen
provoziert werden können. Die Aussagen des Versicherten wiesen auf eine sehr hohe
und überwertige Krankheitsüberzeugung hin. Beim Untersuchungsbeginn sei eine
beinahe Mitraillette-ähnliche Sprache aufgefallen; der Versicherte habe seinen
anscheinend vorbereiteten Vortrag zur Problematik salvenartig wiedergegeben.
Zunächst sei ihm entsprechendes Gehör gewährt worden. Zu einem späteren Zeitpunkt
habe der Sachverständige Fragen gestellt, was zur Folge gehabt habe, dass der rasche
Redeschwall abgebrochen sei und dass der Versicherte dann – aus dem Konzept
gebracht – andersartige und anderswertige Aussagen gemacht habe. Der klinische
Untersuchungsbefund sei weitgehend unauffällig gewesen. Diagnostisch lägen ein
Morbus Crohn, ein Tinnitus links, eine sich in Remission befindliche Rosacea sowie
eine Symptomverdeutlichung mit Aggravation vor. Die Angaben des Versicherten über
die Stuhlfrequenz seien sehr vage gewesen; offensichtlich seien in letzter Zeit nur sehr
selten Durchfälle aufgetreten. Das Ergebnis der klinischen Untersuchung des
Unterbauchs habe für eine geringe Aktivität des Morbus Crohn gesprochen. Auch das
stabile adipöse Körpergewicht habe für eine relativ geringe Krankheitsaktivität
gesprochen. Der Tinnitus sei vollständig abgeklärt worden; er verunmögliche lediglich
Tätigkeiten, die hohe Anforderungen an ein sehr gutes Gehör stellten. Die Rosacea sei
in Remission und nicht aktiv. Aus internistischer Sicht sei für die angestammte wie
auch für eine leidensadaptierte Tätigkeit eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu
attestieren. Der orthopädische Sachverständige führte aus, der Versicherte habe seine
Beschwerden ohne eine Aggravationstendenz geschildert. Bei der klinischen
Untersuchung seien eine erhebliche Deltoideusatrophie links und eine Einschränkung
der Innenrotation des linken Hüftgelenks aufgefallen. Unter Berücksichtigung der
klinischen und der bildgebenden Befunde seien ein cervico-brachiales Schmerz- und
motorisches Ausfallsyndrom links, eine wenig schmerzhafte Funktionsstörung der
linken Schulter, eine mediale Gonarthrose rechts, ein Riss des lateralen Meniscus links,
ein Status nach einem Lumbovertebralsyndrom, ein Status nach einer Femurfraktur
rechts, ein Status nach einer Operation der Strecksehne Digitus I beidseits, ein Status
nach einer Fraktur der Digiti I und III links sowie ein Pes adductus links zu
diagnostizieren. Funktionell bestehe eine Minderbelastbarkeit des linken
Schultergelenks respektive des linken Arms für repetitiv mittelschwere bis schwere
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeiten, vor allem für Überkopfarbeiten und für das repetitive Heben von Lasten
über fünf Kilogramm. Wegen der Knieleiden sollte eine leichte bis zeitweise
mittelschwere Tätigkeit ausgeführt werden, die mehrheitlich sitzend, mit kurzen
Gehstrecken und kurzem Stehen verrichtet werden könne. Tätigkeiten in der Hocke, im
Knien und auf Gerüsten oder Leitern seien nicht zumutbar. Die angestammte Tätigkeit
sei nicht mehr zumutbar, da sie die Montage von schweren Maschinenteilen umfasst
habe. Eine leidensadaptierte Tätigkeit sei ganztags vollschichtig zumutbar. Die
Wiedereingliederung sollte schrittweise, beginnend mit einem Pensum von 50 Prozent,
erfolgen. Der neurologische Sachverständige hielt fest, der Versicherte leide an einem
chronischen brachialen Schmerzsyndrom links; myographisch seien keine
Denervationszeichen, aber Zeichen einer Re-Innervation in den Musculi deltoideus,
biceps und triceps links nachgewiesen; die Neurographien der Nervi medianus, ulnaris
ramus superficialis, radialis und cutaneus antebrachii medialis links seien normal
ausgefallen. Zudem lägen ein Status nach einem leichtgradigen Carpaltunnelsyndrom
beidseits sowie eine akzidentelle cerebelläre Arachnoidalzyste mit einer Pellotierung
der ipsilateralen cerebellären Hemisphäre vor. Die vom Versicherten geklagten
Einschränkungen seien durch die objektivierbaren klinischen und
elektroneurographischen Befunde nicht vollumfänglich erklärbar. Aufgrund der
degenerativen Veränderungen an der Halswirbelsäule sei die angestammte Tätigkeit
nicht mehr zumutbar. Körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten seien dagegen
mit geringen Einschränkungen zumutbar. Der psychiatrische Sachverständige führte
aus, der Versicherte habe im Rahmen der Untersuchung immer wieder die gleichen
Symptome genannt, wobei er die psychischen Beschwerden stets im Zusammenhang
mit den körperlichen Beschwerden respektive mit dem erfolgten Arbeitsplatzverlust
und der existenziellen Angst, wie es beruflich weitergehe, erwähnt habe. Die
Symptomatik sei seit dem Behandlungsbeginn im Jahr 2016 im Grossen und Ganzen
immer gleich geblieben. Sie sei einfach mal mehr und mal weniger schwerwiegend
gewesen. Einen genauen Verlauf habe der Versicherte nicht angeben können. Bei der
Schilderung der Probleme mit der Ehefrau und der Tochter, die seinen Angaben
zufolge sehr belastend gewesen seien, sei der Versicherte affektiv kaum spürbar
gewesen. Insgesamt habe er im Antrieb gehemmt, aber gleichzeitig auch innerlich
unruhig gewirkt. Das Denken sei etwas sprunghaft gewesen, aber eine formale
Denkstörung im engeren Sinne habe nicht vorgelegen. Die Stimmung und der Affekt
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seien zum Teil depressiv herabgestimmt, zum Teil niedergeschlagen, teilweise aber
auch erregt und verzweifelnd wirkend gewesen. Im Übrigen sei der klinische Befund
unauffällig gewesen. Die Aufmerksamkeit und die Merkfähigkeit seien anhaltend und
sicher gewesen. Die Gedächtnisleistungen seien klinisch ungestört gewesen. Ängste
hätten nicht ausgemacht werden können. Eine Panikattacke sei nicht zu beobachten
gewesen. Diagnostisch lägen eine rezidivierende depressive Störung mit einer
gegenwärtig leichten Episode sowie eine Panikstörung vor. Die Arbeitsfähigkeit des
Versicherten sei nur geringgradig eingeschränkt; infolge einer leicht erhöhten
Ermüdbarkeit bestehe ein vermehrter Pausenbedarf. Die Verlaufsbeurteilung von Dr.
G._ sei nicht nachvollziehbar. Der Verlaufsbericht enthalte keine überzeugende
Erklärung für den Wechsel betreffend die Arbeitsfähigkeitsschätzung. Der Bericht weise
fast nur auf psychosoziale Belastungsfaktoren und auf somatische Beschwerden als
Ursache für die damals stärkeren affektiven Symptome hin. Die im Bericht der H._
AG erwähnten spürbaren Einschränkungen der Konzentration und der Aufmerksamkeit
hätten in der aktuellen Untersuchung nicht objektiviert werden können. In ihrer
Konsensbeurteilung hielten die Sachverständigen fest, der Versicherte leide an einem
persistierenden brachialen Schmerzsyndrom links, an einer Bursitis subacromialis, an
einer Gonarthrose rechts medial, an einem Riss des lateralen Meniscus links, an einem
linksseitigen Tinnitus, an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer
gegenwärtig leichten Episode sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an
einem Morbus Crohn, an einer sich in Remission befindlichen Rosacea, an einer
Symptomverdeutlichung mit Zeichen der Aggravation, an einer Panikstörung, an einem
Status nach einem Lumbovertebralsyndrom, einer Femurfraktur rechts, einer Operation
der Strecksehne des Digitus I beidseits, einer Fraktur der Digiti I und III links und einem
leichtgradigen Carpaltunnelsyndrom beidseits, an einem Pes adductus links und an
einer akzidentellen cerebellären Arachnoidalzyste. Persönlichkeitsaspekte, die für die
Arbeitsfähigkeit von Belang wären, lägen nicht vor. Der Versicherte habe nach der
Migration in die Schweiz eine gute Anpassungsfähigkeit gezeigt. Unter anderem habe
er zwei Landessprachen erlernt. Er verfüge über viele Ressourcen. Die intellektuellen
Fähigkeiten seien hoch, was sich unter anderem auch darin zeige, dass die Kinder gute
Ausbildungen absolvierten. Bisherige psycho-soziale Belastungen, wie etwa die
Scheidung der ersten Ehe, hätten keine nachhaltigen Spuren hinterlassen, was auf eine
gute psychische Resilienz hindeute. Erst die somatischen Erkrankungen hätten das
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychische Gleichgewicht verschoben. Diese Entwicklung habe sich durch die
unterbliebene Wiedereingliederung verstärkt. Die Konflikte in der zweiten Ehe und die
offenbar bestehende schizophrene Erkrankung der Tochter seien als zusätzliche
Belastungsfaktoren zu qualifizieren. In der psychiatrischen Exploration seien keine
Hinweise auf Inkonsistenzen festzustellen gewesen. Im somatischen Bereich seien
dagegen sehr beträchtliche Inkonsistenzen aufgefallen, die als Zeichen einer
Aggravation und Symptomverdeutlichung zu interpretieren seien. Die bisherige
körperlich anstrengende Tätigkeit sei aus neurologischer und orthopädischer Sicht
nicht mehr zumutbar. Eine angepasste Tätigkeit sei dem Versicherten vollschichtig
ganztags zumutbar. Aufgrund eines leicht vermehrten Pausenbedarfs aus psychischen
Gründen bestehe aber eine Einschränkung des Rendements um 20 Prozent. Bei dieser
Einschätzung seien bewusst die mannigfaltigen psycho-sozialen Elemente
vollumfänglich ausgeklammert worden. Die RAD-Ärztin Dr. D._ notierte am 23.
Januar 2019 (IV-act. 164), die neuropsychologische Untersuchung sei aufgrund eines
Missverständnisses nicht durchgeführt worden. Da sich bei keiner der anderen
Untersuchungen Hinweise auf kognitive Defizite hätten feststellen lassen, sei nach
einer Rücksprache zwischen dem RAD und dem ZMB letztlich von einer
neuropsychologischen Testung abgesehen worden. Das Gutachten sei umfassend und
schlüssig, weshalb auf es abzustellen sei.
Mit einem Vorbescheid vom 13. Februar 2019 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit (IV-act. 169), dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens vorsehe. Zur
Begründung führte sie an, dem Versicherten seien aus medizinischer Sicht
leidensadaptierte Tätigkeiten zu 80 Prozent zumutbar. Ausgehend vom statistischen
Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne könne er folglich ein Erwerbseinkommen von 53’162
Franken erzielen. Mit Blick auf das vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung
erzielte Einkommen von 77’066 Franken ergebe sich eine Erwerbseinbusse von 23’904
Franken und ein Invaliditätsgrad von 31 Prozent. Ein Rentenanspruch setze aber einen
Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent voraus. Der Versicherte liess am 25.
Februar 2019 die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
„Vorbescheidsverfahren“ beantragen (IV-act. 170). Am 3. Mai 2019 liess er gegen den
Vorbescheid einwenden (IV-act. 183–1 ff.), das Gutachten des ZMB überzeuge nicht.
Es enthalte „verschiedentlich abenteuerliche Schlussfolgerungen“, die nicht
A.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nachvollziehbar seien und jenen der behandelnden Ärzte diametral entgegen stünden.
Die Sachverständigen hätten das komplexe Krankheits- und Beschwerdebild des
Versicherten nicht ausreichend gewürdigt. Die Untersuchungen seien oberflächlich und
unvollständig durchgeführt worden. Obwohl die IV-Stelle auf der Durchführung einer
neuropsychologischen Testung bestanden habe, sei eine solche nicht erfolgt. Darin sei
ein wesentlicher Mangel zu erblicken. Die psycho-sozialen Faktoren hätten nicht
ausgeblendet werden dürfen. Die behandelnden Ärzte hätten das Gutachten kritisiert.
Das zuletzt erzielte Valideneinkommen habe sich auf 78’636 Franken belaufen. Der
statistische Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne betrage 5’312 Franken, was unter
Berücksichtigung einer angeblichen Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent einem Jahreslohn
von 50’995 Franken entspreche. Davon sei ein Teilzeitabzug von zehn Prozent zu
subtrahieren. Zudem müsse ein „Leidensabzug“ von 25 Prozent berücksichtigt werden.
Die Resterwerbsfähigkeit sei aber ohnehin nicht verwertbar. Die Psychiaterin Dr. F._
hatte am 11. März 2019 festgehalten (IV-act. 183–14), der Versicherte leide an einer
mittel- bis schwergradigen depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom
sowie an einer Panikstörung. Er sei bereits mit dem Alleinleben und dem Haushalt
völlig überfordert. Zurzeit sei er nur in einem geschützten Rahmen arbeitsfähig. Der
Allgemeinmediziner Dr. B._ hatte am 5. März 2019 ausgeführt (IV-act. 183–15), das
internistische, das orthopädische und das neurologische Gutachten des ZMB seien
überzeugend. Mit dem psychiatrischen Gutachten sei er allerdings nicht einverstanden.
Als „Nichtspezialist“ habe er festgestellt, dass der Versicherte ab Mitte des Jahres
2017 grundsätzliche Veränderungen durchgemacht habe. Er sei getrieben von Ängsten,
ruhe- und rastlos geworden. Eine vernünftige Diskussion sei kaum noch möglich
gewesen. Der Versicherte habe nicht ruhig denken und nicht mehr richtig zuhören
können, sei von Thema zu Thema gesprungen und habe keinen Gedanken zu Ende
gedacht. Wahrscheinlich seien die psycho-sozialen Faktoren, die vielen
Enttäuschungen und der soziale Abstieg dafür verantwortlich gewesen, dass aus der
„kleinen“ psychischen Störung eine ausgewachsene Krankheit geworden sei, die nun
die Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtige. Für ihn, Dr. B._, sei nicht
nachvollziehbar, weshalb die Invalidenversicherung dafür nicht zuständig sein sollte.
Der Gastroenterologe Dr. med. K._ hatte am 11. März 2019 festgehalten (IV-act. 183–
16 f.), der Morbus Crohn lasse sich unter der Behandlung mit dem Antikörper-
Remicade ordentlich kontrollieren. Allerdings komme es immer wieder zu kleineren
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Schüben, die sich auch klinisch mit verstärkten Unterbauchschmerzen und einer
höheren Stuhlfrequenz bemerkbar machten. Der weitere Verlauf sei stress-getriggert.
Bei einer Arbeitstätigkeit in der freien Wirtschaft in einem Pensum von 80 Prozent
bestünde ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Schubsymptomatik. Er, Dr. K._, sehe
eher eine Tätigkeit in einem geschützten Rahmen, in erster Linie wegen der
verminderten psychischen Belastbarkeit.
Mit einer Verfügung vom 21. Mai 2019 wies die IV-Stelle das Begehren um eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das „Vorbescheidsverfahren“ ab (IV-act. 185).
Zur Begründung führte sie an, eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung sei weder
sachlich geboten noch notwendig gewesen. Die Sachlage sei nicht komplex; es handle
sich um einen „Durchschnittsfall“. Nachdem die RAD-Ärztin Dr. D._ am 20. Mai 2019
festgehalten hatte (IV-act. 187), dass die neu eingereichten medizinischen Akten keine
Veranlassung weckten, vom Gutachten des ZMB abzuweichen oder weitere
Abklärungen vorzunehmen, wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des Versicherten
mit einer Verfügung vom 22. Mai 2019 mangels eines rentenbegründenden
Invaliditätsgrades ab (IV-act. 186).
A.f.
Am 24. Juni 2019 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die beiden Verfügungen vom 21. und 22. Mai 2019 erheben (act. G
1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügungen, die
Zusprache der „gesetzlichen Leistungen der Invalidenversicherung ab wann rechtens“,
die Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Beschwerde- und
das Verwaltungsverfahren und eventualiter die Rückweisung der Sache zu weiteren
Abklärungen an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin), alles unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin. Zur
Begründung führte er aus, entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin sei die
anwaltliche Vertretung bereits im „Vorbescheidsverfahren“ gerechtfertigt gewesen, weil
nicht ernsthaft von einem „Durchschnittsfall“ gesprochen werden könne. Der
Beschwerdeführer leide an einem komplexen Beschwerdebild mit umstrittenen
Wechselwirkungen. Selbst bezüglich der Auswahl der Fachdisziplinen bei der
polydisziplinären Begutachtung sei es zu Diskussionen zwischen der
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin und den Sachverständigen gekommen. Das Gutachten des ZMB
sei schon deshalb mangelhaft, weil trotz des Insistierens des RAD keine
neuropsychologische Testung durchgeführt worden sei. Es leide aber auch an
Widersprüchlichkeiten. Die Sachverständigen hätten nicht nachvollziehbar dargelegt,
weshalb die Panikstörung und der Morbus Crohn keine Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit haben sollten. Die Sachverständigen hätten darüber hinaus den
komplexen Wechselwirkungen der verschiedenen Beschwerdebilder keine Rechnung
getragen. Sie hätten auch nicht erklärt, weshalb die Arbeitsfähigkeit innerhalb eines
halben Jahres von 50 Prozent auf 80 Prozent solle gesteigert werden können.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 18. September 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie an, letztlich liege die Entscheidung,
welche Untersuchungen im Rahmen einer polydisziplinären Begutachtung
durchzuführen seien, bei den medizinischen Sachverständigen. Der psychiatrische
Sachverständige des ZMB habe keine relevanten kognitiven Defizite feststellen können,
die eine ergänzende neuropsychologische Testung als indiziert hätten erscheinen
lassen. Das Unterbleiben einer neuropsychologischen Testung stelle keinen Mangel
des Gutachtens des ZMB dar. Der internistische Sachverständige habe ausführlich
begründet, weshalb sich der Morbus Crohn nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirke. Der
Gastroenterologe Dr. K._ habe keine Aspekte angeführt, die bei der Begutachtung
unberücksichtigt geblieben wären. Die vom orthopädischen Sachverständigen
postulierte schrittweise Steigerung der Arbeitsfähigkeit sei tatsächlich nicht
nachvollziehbar, da die klinischen Befunde nur geringfügig ausgeprägt gewesen seien
und da nicht ersichtlich sei, weshalb berufliche Massnahmen zu einer Steigerung der
Arbeitsfähigkeit führen sollten, noch dazu in einem in der Vergangenheit liegenden
Zeitraum. Bei richtiger Betrachtung müsse von einer aus orthopädischer Sicht
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten ausgegangen werden.
Der psychiatrische Sachverständige habe sich eingehend mit den objektiven klinischen
Befunden und den Angaben in den medizinischen Vorakten auseinander gesetzt. Er
habe seine Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugend begründet. Zusammenfassend sei
auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung des ZMB abzustellen. Ein „leidensbedingter Abzug“
sei nicht zu berücksichtigen. Die anwaltliche Vertretung im „Vorbescheidsverfahren“ sei
mit Blick auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung nicht als erforderlich zu
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Die Beschwerde vom 24. Juni 2019 richtet sich gegen zwei Verfügungen, nämlich
einerseits gegen die Verfügung vom 21. Mai 2019 betreffend die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren und andererseits gegen die
Verfügung vom 22. Mai 2019 betreffend das Rentenbegehren des Beschwerdeführers.
Bei genauer Betrachtung enthält die Beschwerdeschrift vom 24. Juni 2019 also zwei
Beschwerden mit je einem eigenen Streitgegenstand. Die gemeinsame Erhebung der
Beschwerden, die gemeinsame Behandlung im Schriftenwechsel unter einer
Verfahrensnummer und der Umstand, dass die beiden Beschwerden mit einem Urteil
gemeinsam beurteilt werden, ändert nichts an der Unabhängigkeit der beiden
Streitgegenstände. Diese sind durch die gemeinsame Behandlung also nicht zu einem
Streitgegenstand „verschmolzen“. Dem Beschwerdeführer steht es deshalb frei, nur
bezüglich eines Streitgegenstandes (unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Verwaltungsverfahren oder Rente) beim Bundesgericht eine Beschwerde gegen dieses
Urteil zu erheben. Diesem Umstand wird mit einer entsprechenden Trennung der
Erwägungen und des Dispositivs Rechnung getragen.
2.
qualifizieren. Andernfalls müsste praktisch in jedem IV-Rentenverfahren eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt werden.
Der Beschwerdeführer liess am 2. Januar 2020 an seinen Anträgen festhalten (act.
G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).
B.c.
Gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person einen Anspruch auf
eine Rente der Invalidenversicherung, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessen
kann, wenn sie während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach dem Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der Invalidität
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
Der Beschwerdeführer hat in seinem Herkunftsland eine Ausbildung zum
Maschinenmechaniker absolviert. Der entsprechende Abschluss kann aber nicht mit
einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis verglichen werden. Offenbar ist es dem
Beschwerdeführer gelungen, eine Tätigkeit zu finden, bei der er die im Herkunftsland
erworbenen Kenntnisse hat nutzen können, um auch qualifiziertere Arbeiten zu
verrichten. Dieser Umstand, der Abschluss eines Diplomkurses für die Bedienung von
CNC-Maschinen und das langjährige Arbeitsverhältnis, bei dem er sich weitere
Fertigkeiten hat aneignen können, haben es ihm ermöglicht, vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung einen Lohn zu erzielen, der deutlich höher als der
statistische Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne gewesen ist. Bei der von der
Arbeitgeberin erwähnten Erfolgsbeteiligung hat es sich um eine mit einem 13.
Monatslohn vergleichbare Jahresendzulage gehandelt (vgl. IV-act. 15–10). Die
Schichtzulagen haben etwa fünf Prozent des gesamten Lohnes ausgemacht (vgl. z.B.
die Zahlen für das Jahr 2013 in IV-act. 15–10). Genau betrachtet müssten die
Schichtzulagen bei der Bemessung des Valideneinkommens unberücksichtigt bleiben,
weil es sich bei der Möglichkeit, Schichtarbeit zu leisten und entsprechende Zulagen zu
generieren, um eine „Zufälligkeit“ auf dem invalidenversicherungsrechtlich nicht
massgebenden tatsächlichen Arbeitsmarkt handelt (ausführlich dazu: SVR 2020 IV Nr.
26 = Entscheid IV 2017/26 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 21. August
2019). Für das Ergebnis im vorliegenden Fall spielt es allerdings keine Rolle, ob die
(eher geringfügigen) Schichtzulagen berücksichtigt werden. Die Erwerbsmöglichkeiten
des Beschwerdeführers haben jedenfalls nicht jenen eines typischen Hilfsarbeiters
entsprochen, sondern zusätzlich auch die Möglichkeit beinhaltet, im
maschinenmechanischen Bereich teilweise qualifiziertere Arbeiten zu verrichten und
einen entsprechend höheren Lohn zu erzielen. Die Validenkarriere besteht also in der
Weiterausübung dieser Tätigkeit. Das Valideneinkommen entspricht maximal dem vor
dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung, das heisst maximal dem im Jahr 2014
erzielten Lohn von 78’636 Franken (vgl. IV-act. 7).
2.2.
Für die Bestimmung der Invalidenkarriere und des zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommens kommt den medizinischen Angaben zur Arbeitsfähigkeit eine
massgebende Bedeutung zu. Die Beschwerdegegnerin hat bei den behandelnden
Ärzten Berichte eingeholt, sie hat zwei Gutachten zu den Akten genommen, die im
Auftrag der Krankentaggeldversicherung erstellt worden waren, und sie hat selbst ein
polydisziplinäres Administrativgutachten in Auftrag gegeben. Die von der
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin beauftragten Sachverständigen des ZMB haben den
Beschwerdeführer internistisch, orthopädisch, neurologisch und psychiatrisch
untersucht und sie haben die medizinischen Vorakten eingehend gewürdigt. Sie sind
folglich mit dem für ihre Beurteilung massgebenden medizinischen Sachverhalt
bestens vertraut gewesen. Allerdings wäre eine zusätzliche neuropsychologische
Testung geplant gewesen, die (wohl aufgrund eines Missverständnisses) nicht
durchgeführt worden ist. Das wirft die Frage auf, ob die Sachverständigen des ZMB
den für sie massgebenden Sachverhalt umfassend erhoben haben. Für die
Beantwortung dieser Frage ist ausschlaggebend, dass die RAD-Ärztin Dr. D._, die
zunächst auf der Durchführung einer neuropsychologischen Testung bestanden hatte,
nach der Durchsicht und Würdigung des ZMB-Gutachtens eingeräumt hat, eine
nachträgliche neuropsychologische Testung sei unnötig. Zudem enthalten die Akten
keinen Hinweis auf relevante kognitive Defizite, der es gerechtfertigt hätte, zusätzlich
zur neurologischen und psychiatrischen Begutachtung noch eine neuropsychologische
Testung durchzuführen. Darauf haben die Sachverständigen des ZMB bereits vor der
Durchführung der persönlichen Untersuchungen hingewiesen. In antizipierender
Beweiswürdigung ist deshalb davon auszugehen, dass eine ergänzende
neuropsychologische Testung keine kognitiven Defizite hätte objektivieren können, die
es gerechtfertigt hätten, für – auch neuropsychologisch – ideal leidensadaptierte
Hilfsarbeiten einen höheren Arbeitsunfähigkeitsgrad zu attestieren. Trotz der
unterbliebenen neuropsychologischen Testung ist deshalb der massgebende
medizinische Sachverhalt von den Sachverständigen des ZMB mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit umfassend erhoben worden. Die Sachverständigen haben ihre
Diagnosestellung und ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugend anhand der von
ihnen erhobenen objektiven klinischen Befunde begründet. Entgegen der Behauptung
des Beschwerdeführers sind sämtliche Schlussfolgerungen aus der Sicht eines
medizinischen Laien gut nachvollziehbar und überzeugend. Die Sachverständigen des
ZMB haben insbesondere ausführlich dargelegt, weshalb sie dem Morbus Crohn und
der Panikstörung keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zuerkannt haben. Was die
behandelnden Ärzte dagegen vorgebracht haben, überzeugt nicht. Der
Allgemeinmediziner Dr. B._ ist, wie er selbst eingeräumt hat, mangels
Fachkenntnissen nicht in der Lage gewesen, die Auswirkungen der psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung auf die Arbeitsfähigkeit zu beurteilen. Der
Gastroenterologe Dr. K._ hat im Grunde bestätigt, dass sich der Morbus Crohn nicht
direkt auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers ausgewirkt hat. Seine
Stellungnahme hat lediglich die therapeutische, aus versicherungsmedizinischer Sicht
irrelevante Empfehlung enthalten, den Beschwerdeführer zu schonen, um eine
Exacerbation des Morbus Crohn möglichst zu vermeiden. Die behandelnde
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Psychiaterin Dr. F._ hat ihre Diagnosestellung und ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung
nicht mit objektiven klinischen Befunden, sondern hauptsächlich mit den von ihr wohl
unkritisch übernommenen subjektiven Angaben des Beschwerdeführers begründet,
was den aufgrund des Behandlungsauftrages bestehenden objektiven Anschein der
Befangenheit verstärkt. Bereits im Juli 2016 hatte Dr. F._ übrigens eine Eingliederung
selbst in einem geschützten Rahmen als unzumutbar bezeichnet, während das im
Auftrag der Krankentaggeldversicherung erstellte, überzeugend begründete
psychiatrische Gutachten von Dr. G._ vom Januar 2017 ergeben hatte, dass der
Beschwerdeführer uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen war, ohne dass eine
wesentliche Verbesserung des psychischen Gesundheitszustandes in der zweiten
Hälfte des Jahres 2016 eingetreten wäre. Das erste psychiatrische Gutachten von Dr.
G._ bestätigt zudem, dass die Panikstörung die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers nur marginal und situativ beeinträchtigt hat. Bleibt zu prüfen, ob
das Verlaufsgutachten von Dr. G._ Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens
des ZMB weckt. Der psychiatrische Sachverständige des ZMB hat sich eingehend mit
diesem Verlaufsgutachten auseinander gesetzt. Er hat festgehalten, dass die
Diagnosestellung und die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. G._ in diesem zweiten
Gutachten aus fachärztlicher Sicht nicht nachvollziehbar seien. Das Verlaufsgutachten
von Dr. G._ enthalte keine Hinweise auf objektive klinische Befunde, die die
Diagnosestellung und die Arbeitsfähigkeitsschätzung erklären könnten. Aus der Sicht
eines medizinischen Laien fällt zusätzlich auf, dass sich der Beschwerdeführer bei der
zweiten Begutachtung durch Dr. G._ gerade akut in einer schwierigen psycho-
sozialen Belastungssituation befunden haben muss: Die Probleme mit der offenbar
psychisch erkrankten Tochter waren kurz davor exacerbiert, die Ehefrau hatte dem
Beschwerdeführer schwere Vorwürfe deswegen gemacht und erklärt, dass sie sich von
ihm trennen wolle, und die Wiedereingliederung ins Berufsleben war gescheitert. Diese
Massierung von Problemen dürfte beim Beschwerdeführer eine psychische Reaktion
ausgelöst haben, die nicht als krankheitswertig, sondern als „normal“ zu bezeichnen
ist. Möglicherweise hat Dr. G._ diese Reaktion des Beschwerdeführers teilweise
missinterpretiert. Jedenfalls hat der psychiatrische Sachverständige des ZMB mit einer
überzeugenden Begründung aufgezeigt, dass auf die Verlaufsbeurteilung von Dr. G._
nicht abgestellt werden kann. Der Hinweis des orthopädischen Sachverständigen, für
die Zeit zwischen März und September 2016 sei von einer „schrittweisen
Wiedereingliederung beginnend bei 50 Prozent“ auszugehen, ist vom
Sachverständigen nicht mit entsprechenden objektiven Befunden begründet worden,
sondern dürfte wohl auf einen sozialtherapeutischen Ansatz zurückzuführen sein. Aus
dem orthopädischen Teilgutachten geht nämlich eindeutig hervor, dass der
Sachverständige den Beschwerdeführer als aus rein orthopädischer Sicht für
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leidensadaptierte Tätigkeiten uneingeschränkt arbeitsfähig qualifiziert hatte. Die
„schrittweise Wiedereingliederung beginnend bei 50 Prozent“ kann vor diesem
Hintergrund nur als eine im weitesten Sinne sozialtherapeutische Empfehlung
interpretiert werden. Für die versicherungsmedizinische Arbeitsfähigkeitsschätzung ist
ausschlaggebend, dass das orthopädische Gutachten (wie bereits das im Auftrag der
Krankentaggeldversicherung erstellte orthopädische Gutachten von Dr. F._) keinen
Hinweis auf objektive klinische Befunde enthält, die sich in der Zeit zwischen März und
September 2016 auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers ausgewirkt hätten.
Der vom orthopädischen Sachverständigen aufgezeichnete rückwirkende Verlauf einer
hypothetischen Wiedereingliederung überzeugt deshalb – anders als der Rest des
Gutachtens des ZMB – nicht. Selbst wenn von einer solchen rückwirkenden
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus orthopädischen Gründen ausgegangen würde,
hätte dies keinen Einfluss auf das Ergebnis, weil die Gesundheitsbeeinträchtigung erst
im November 2015 eingetreten ist und weil sich der Beschwerdeführer erst im März
2016 zum Leistungsbezug angemeldet hat, weshalb sich eine solche vorübergehende
Arbeitsunfähigkeit mit Blick auf den Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG und den Art. 29 Abs. 1 IVG
gar nicht auf einen allfälligen Rentenanspruch auswirken könnte. Für eine ideal
leidensadaptierte Tätigkeit hat folglich überwiegend wahrscheinlich – gemäss dem
Wortlaut des psychiatrischen Teilgutachtens – eine Arbeitsfähigkeit „in nur geringst
reduziertem Ausmass“ (IV-act. 162–81) bestanden. Der in der Konsensbeurteilung
attestierte Arbeitsunfähigkeitsgrad von 20 Prozent für ideal leidensadaptierte
Tätigkeiten erscheint vor diesem Hintergrund als eher grosszügig. Zusammenfassend
steht jedoch mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
fest, dass der Beschwerdeführer für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten zu mindestens
80 Prozent arbeitsfähig gewesen ist.
Der statistische Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne hat sich im Jahr 2016
(frühestmöglicher Rentenbeginn) auf 5’340 Franken pro Monat bei einer
standardisierten Arbeitszeit von 40 Stunden belaufen (LSE 2016, Tabelle A1). Unter
Berücksichtigung einer betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41,7 Stunden
entspricht das einem Jahreslohn von 66’803 Franken. Dieser Betrag ist als
Ausgangswert für das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen zu
berücksichtigen. Dieser Ausgangswert muss allenfalls um einen sogenannten
Tabellenlohnabzug korrigiert werden. Ein solcher Abzug ist vorzunehmen, wenn eine
versicherte Person mit einer Gesundheitsbeeinträchtigung die ihr aus medizinischer
Sicht zumutbare Restarbeitsfähigkeit wegen ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung nicht
mit demselben betriebswirtschaftlich-ökonomischen Erfolg wie eine gesunde Person
verwerten kann, die dieselbe Tätigkeit im selben Pensum ausübt. Das ist auf die
2.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tatsache zurückzuführen, dass jeder sich strikt betriebswirtschaftlich verhaltende
Arbeitgeber aus der Anstellung eines Arbeitnehmers einen möglichst hohen „Gewinn“
erzielen muss. Dieser „Gewinn“ entspricht der Differenz zwischen dem ökonomischen
Mehrwert, den der Arbeitnehmer für den Arbeitgeber generiert, und den Kosten, die
dem Arbeitgeber durch die Anstellung des Arbeitnehmers entstehen, nämlich den
Lohnkosten und den zusätzlichen Kosten. Diese zusätzlichen Kosten umfassen unter
anderem die Kosten für die Einarbeitung und die Überwachung des Arbeitnehmers,
aber auch jene Kosten, die anfallen, wenn der Arbeitnehmer krankheitsbedingt nicht zur
Arbeit erscheint oder wenn er seine Arbeit nicht konstant zuverlässig verrichtet. Bei
krankheitsbedingten Absenzen muss der Arbeitgeber nämlich kurzfristig für einen
Ersatz sorgen, damit der Betriebsablauf möglichst ungestört bleibt. Eine unzuverlässige
oder schwankende Arbeitsleistung mindert den Mehrwert der Arbeitsleistung, was
betriebswirtschaftlich zu einer Reduktion des aus der Anstellung resultierenden
„Gewinns“ des Arbeitgebers führt. Ein sich strikt betriebswirtschaftlich verhaltender
Arbeitgeber wird nur Arbeitnehmer anstellen, die (mindestens) einen durchschnittlichen
„Gewinn“ für ihn erzielen. Ist der von einem Arbeitnehmer geschaffene ökonomische
Mehrwert unterdurchschnittlich oder sind die Lohnnebenkosten eines Arbeitnehmers
überdurchschnittlich hoch, wird die Anstellung dieses Arbeitnehmers für einen sich
strikt betriebswirtschaftlich verhaltenden Arbeitgeber nur in Frage kommen, wenn diese
„Gewinneinbusse“ durch einen tieferen Lohn wettgemacht werden kann, wenn also der
Arbeitnehmer bereit ist, seine Arbeitsleistung für einen unterdurchschnittlichen Lohn zu
erbringen. Genau diesem rein betriebswirtschaftlichen Umstand trägt der sogenannte
Tabellenlohnabzug Rechnung. Würde den betriebswirtschaftlich-ökonomischen
Nachteilen, mit denen sich eine versicherte Person gesundheitsbedingt bei der
Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit im konkreten Einzelfall konfrontiert sieht, nicht
Rechnung getragen, würde bei der Festsetzung des Invalideneinkommens im Ergebnis
ein Soziallohnanteil berücksichtigt, was eine nicht strikt ökonomische und damit klar
gesetzwidrige Bemessung des Invaliditätsgrades zur Folge hätte. Der
Beschwerdeführer benötigt gemäss den überzeugenden Ausführungen des
psychiatrischen Sachverständigen des ZMB lediglich zusätzliche Pausen, weil er
rascher ermüdet. Die depressiven Symptome sind folglich nicht so stark ausgeprägt,
dass ein potentieller Arbeitgeber mit überdurchschnittlich häufigen krankheitsbedingten
Absenzen oder überdurchschnittlich starken Leistungsschwankungen rechnen müsste,
die den ökonomischen Wert der Arbeitsleistung des Beschwerdeführers massgeblich
senken würden. Allerdings würden die Arbeitsplatzkosten wegen der leichtgradig
eingeschränkten Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht so gut amortisiert wie
bei einem uneingeschränkt arbeitsfähigen Arbeitnehmer. Das rechtfertigt einen
Tabellenlohnabzug von fünf Prozent. Das zumutbarerweise erzielbare
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Ein Anspruch auf eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Verwaltungsverfahren kann gemäss dem Art. 37 Abs. 4 ATSG nur bestehen, wo die
Verhältnisse eine anwaltliche Vertretung erfordern, was rechtsprechungsgemäss nur
der Fall ist, wenn sich komplexe Sachverhalts- oder Rechtsfragen stellen (vgl. die
Hinweise bei BSK ATSG-Betschart, Art. 37 N 49). Hier haben sich keine komplexen
Sachverhalts- oder Rechtsfragen gestellt, denn im Fokus der Sachverhaltsabklärung
und auch der Sachverhaltswürdigung hat, wie es typisch für einen IV-Rentenfall ist, die
Frage nach den Auswirkungen der Gesundheitsbeeinträchtigungen des
Beschwerdeführers auf dessen Arbeitsfähigkeit gestanden. Bei der
Sachverhaltsabklärung haben sich keine besonderen Schwierigkeiten gestellt. Bei der
Sachverhaltswürdigung und bei der Rechtsanwendung haben keine komplexen
Probleme gelöst werden müssen. Die einzige nennenswerte Besonderheit hat die Frage
gebildet, ob im Rahmen der polydisziplinären Begutachtung eine neuropsychologische
Testung durchzuführen sei. Die Antwort auf diese Frage ist aber nur für die Würdigung
des Gutachtens ausschlaggebend gewesen, namentlich für die Beantwortung der
Frage, ob das Gutachten auf umfassenden Abklärungen beruhe. Das ist in erster Linie
ein medizinisches Problem gewesen. Alle beteiligten Ärzte sowohl des ZMB als auch
des RAD sind sich einig gewesen, dass eine neuropsychologische Testung nicht
notwendig sei. Auch die von der Krankentaggeldversicherung beigezogenen Ärzte
Dres. G._ und F._ sowie die behandelnden Ärzte haben eine neuropsychologische
Testung nicht als indiziert erachtet. Ein Rechtsbeistand hätte aber sinnvollerweise nur
dann beigezogen werden müssen, wenn eine neuropsychologische Testung aus
medizinischer Sicht indiziert gewesen wäre, sich die Beschwerdegegnerin aber ohne
einen nachvollziehbaren Grund geweigert hätte, eine solche durchführen zu lassen.
Invalideneinkommen beträgt folglich 80 Prozent von 95 Prozent des statistischen
Zentralwertes der Hilfsarbeiterlöhne, das heisst 50’770 Franken.
Unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung in den Jahren 2014–2016
(Branchen 28–30; Basis 2010) von 104,2 Punkten auf 105,3 Punkte beträgt das
maximale Valideneinkommen 79’466 Franken. Bei einem zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommen von 50’770 Franken liegt eine Erwerbseinbusse von 28’696
Franken vor, was einem Invaliditätsgrad von 36,11 Prozent entspricht. Da erst bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent ein Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung besteht, erweist sich die angefochtene Verfügung vom 22. Mai
2019 im Ergebnis als rechtmässig, weshalb die sich dagegen richtende Beschwerde
abzuweisen ist.
2.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eine solche Schwierigkeit, die den Beizug eines Rechtsbeistandes als erforderlich hätte
erscheinen lassen, hat hier aber nicht vorgelegen. Damit erweist sich auch die
Abweisung des Begehrens um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Verwaltungsverfahren als rechtmässig, weshalb auch die Beschwerde gegen die
Verfügung vom 21. Mai 2019 abzuweisen ist.
4.
Die Gerichtskosten sind angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf
600 Franken festzusetzen. Davon entfallen 500 Franken auf das Beschwerdeverfahren
betreffend die das Rentenbegehren des Beschwerdeführers abweisende Verfügung
vom 22. Mai 2019 und 100 Franken auf das Beschwerdeverfahren betreffend die die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren verweigernde
Verfügung vom 21. Mai 2019. Die Gerichtskosten wären an sich dem unterliegenden
Beschwerdeführer aufzuerlegen. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen Prozess
führung ist der Beschwerdeführer von der Pflicht zur Bezahlung der Gerichtskosten
befreit. Der unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Da ihm aber die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Beschwerdeverfahren bewilligt worden ist, hat der Staat seinem Rechtsvertreter eine
Entschädigung auszurichten, die 80 Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes
abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Der erforderliche Vertretungsaufwand ist als insgesamt
durchschnittlich zu qualifizieren, weshalb die Entschädigung auf 80 Prozent von 3’500
Franken, also auf 2’800 Franken, festzusetzen ist. Davon entfällt nur ein geringer Anteil
auf die Vertretung im Beschwerdeverfahren betreffend die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren, nämlich 500 Franken. Sollten es
seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur
Nachzahlung der Gerichtskosten und zur Rückerstattung der Entschädigung für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Beschwerdeverfahren verpflichtet werden
können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).