Decision ID: c374d889-5674-56d2-9b29-2400471927af
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
Der Beschwerdeführer – ein aus B._, Northwest Province stam-
mender Angehöriger der Ethnie der Ceylon Moors muslimischen Glaubens
− stellte am 26. September 2012 unter der Identität C._, geboren
(...), Sri Lanka, in der Schweiz ein Asylgesuch.
B.
Mit Verfügung vom 18. März 2015 stellte das SEM fest, er erfülle die Flücht-
lingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Weg-
weisung aus der Schweiz. Infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs ordnete das SEM jedoch die vorläufige Aufnahme des Beschwerde-
führers an. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
II.
C.
Im Rahmen einer polizeilichen Befragung vom 26. März 2018 gab der Be-
schwerdeführer an, gegenüber den Migrationsbehörden im Asylverfahren
eine falsche Identität, nämlich diejenige seines verstorbenen Bruders, an-
gegeben zu haben. Seine richtige Identität laute A._, geboren (...),
D.
Das Amt (...) des Kantons D._ stellte mit Schreiben vom 12. April
2018 dem SEM den Bericht der Kantonspolizei E._ betreffend die
genannte Befragung sowie eine Geburtsurkunde des Beschwerdeführers
inklusive Übersetzung zu und beantragte eine Änderung der Personalien
des Beschwerdeführers im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS).
E.
Am 30. Mai 2018 ging beim SEM eine Identitätskarte des Beschwerdefüh-
rers inklusive Übersetzung ein.
F.
Mit Verfügung des SEM vom 14. November 2018 wurden die persönlichen
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Daten des Beschwerdeführers im ZEMIS gestützt auf die neu eingereich-
ten Identitätsdokumente geändert. Seine Identität wurde neu folgender-
massen erfasst: A._, geboren (...).
III.
G.
Mit Verfügung vom 17. Dezember 2018 gewährte die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer das rechtliche Gehör im Hinblick auf eine Aufhebung der
vorläufigen Aufnahme.
H.
H.a Mit Eingabe seiner damaligen Rechtsvertretung vom 24. Januar 2019
reichte der Beschwerdeführer eine Stellungnahme ein. In dieser wurde im
Wesentlichen gerügt, die Vorinstanz habe nicht begründet, inwiefern die
Gesamtumstände sich so grundlegend verändert hätten, dass die Voraus-
setzungen für eine vorläufige Aufnahme nicht mehr gegeben seien.
Er habe korrekte Angaben zu seinen persönlichen und familiären Umstän-
den gemacht und diese hätten sich nicht verändert. Er habe im Asylverfah-
ren die Identität seines verstorbenen Bruders angegeben, weil er vom
Schlepper dazu angehalten worden sei. Im Weiteren habe sich die allge-
meine Lage in Sri Lanka und insbesondere in der Nordprovinz seit dem
Ende des Bürgerkriegs nicht verbessert. Vielmehr sei die Gefahr von Men-
schenrechtsverletzungen durch die sri-lankischen Behörden drastisch an-
gestiegen. Schliesslich sei die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme unver-
hältnismässig im Sinne von Art. 96 AIG (SR 142.20) angesichts der Tatsa-
che, dass er sich in der Schweiz in beruflicher, sozialer und sprachlicher
Hinsicht hervorragend integriert habe.
H.b Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer folgende
Beweismittel ein: Bestätigung der Schule F._ vom 9. Januar 2019,
Bestätigungsschreiben einer privaten Sprachlehrerin vom 6. Januar 2019,
Bewerbungsschreiben vom 25. Juli 2013, drei Unterstützungsschreiben
von Bekannten, zwei Unterschriftenbögen von Mitarbeitenden beziehungs-
weise Bekannten des Beschwerdeführers zu dessen Unterstützung,
Arbeitsvertrag vom 31. Januar 2017 in Kopie, Zwischenzeugnis des Arbeit-
gebers vom 20. Dezember 2018, mehrere Lohnabrechnungen und ein
Lohnblatt des Jahres 2018.
E-1719/2019
Seite 4
I.
Mit Verfügung vom 13. März 2019 verfügte das SEM, die mit Verfügung
vom 18. März 2015 angeordnete vorläufige Aufnahme des Beschwerde-
führers werde aufgehoben. Die auf den Namen C._, geboren (...),
lautende Geburtsurkunde werde eingezogen.
J.
Mit Eingabe vom 10. April 2019 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde
gegen die vorinstanzliche Verfügung und beantragte, diese sei aufzuheben
und es sei ihm weiterhin die vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit
und Unverhältnismässigkeit des Wegweisungsvollzugs zu gewähren;
eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses und um Beiordnung seiner Rechts-
vertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin. Zudem sei der Beschwerde
die aufschiebende Wirkung zuzuerkennen. Zur Stützung seiner Vorbringen
reichte der Beschwerdeführer nebst Kopien von bereits mit seiner früheren
Stellungnahme eingereichten Dokumenten (Arbeitsvertrag, Zwischen-
zeugnis, Lohnblatt, Unterstützungsschreiben, Bestätigung Sprachkurs) die
Fotografie einer Scheidungsurkunde inklusive Übersetzung und das Pro-
tokoll der polizeilichen Einvernahme vom 26. Februar 2018 zu den Akten.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 17. April 2019 forderte der Instruktionsrichter
den Beschwerdeführer auf, innert Frist das beigelegte Formular "Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege" ausgefüllt inklusive Beweismittel einzu-
reichen und stellte fest, über die Gesuche um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege und Verbeiständung werde zu einem späteren Zeit-
punkt befunden. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde vorder-
hand verzichtet. Ferner wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, die in
Aussicht gestellten Beweismittel inklusive Übersetzungen nachzureichen.
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Seite 5
L.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 18. April 2019 reichte der Be-
schwerdeführer einen aktuellen Strafregisterauszug ein.
Am 30. April 2019 wurde das ausgefüllte Gesuchsformular mit den entspre-
chenden Beweismitteln eingereicht.
Mit Eingabe vom 29. Mai 2019 reichte der Beschwerdeführer eine beglau-
bigte Kopie der Scheidungsurkunde inklusive englischer und deutscher
Übersetzungen nach.
Am 4. Juni 2019 wurde der sri-lankische Reisepass des Beschwerdefüh-
rers ins Recht gelegt.
M.
Mit Instruktionsverfügung vom 5. Juni 2019 wies der Instruktionsrichter die
Gesuche um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG,
um unentgeltliche Verbeiständung gemäss aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG
sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ab. Der Be-
schwerdeführer wurde aufgefordert, innert Frist einen Kostenvorschuss zu
leisten.
Der einverlangte Kostenvorschuss wurde am 15. Juni 2019 fristgerecht
einbezahlt.
N.
Mit Instruktionsverfügung vom 21. Juni 2019 wurde die Vorinstanz zur Ver-
nehmlassung eingeladen.
In ihrer Vernehmlassung vom 8. Juli 2019 hielt sie an ihrer Verfügung fest
und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
O.
Der Beschwerdeführer machte mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom
25. Juli 2019 von dem ihm (mit Instruktionsverfügung vom 10. Juli 2019)
gewährten Recht zur Replik Gebrauch und hielt seinerseits an den in der
Beschwerde gestellten Anträgen und Ausführungen fest.
E-1719/2019
Seite 6

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005
(AuG) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integrationsge-
setz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Gesetzesartikel
(Art. 83 Abs. 1–4 und Art. 84 Abs. 1 und 2) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden.
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det im Bereich der Aufhebung der vorläufigen Aufnahme endgültig (Art. 84
Abs. 2 AIG, Art. 83 Bst. c Ziff. 3 BGG).
2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 112 Abs. 1 AIG
i.V.m. Art. 37 VGG; Art. 48 Abs. 1, Art. 50 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
3.
3.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
3.2 Das SEM überprüft nach erfolgter Anordnung einer vorläufigen Auf-
nahme periodisch, ob die Voraussetzungen dafür noch gegeben sind
(Art. 84 Abs. 1 AIG). Gemäss Art. 84 Abs. 2 AIG hebt es die vorläufige Auf-
nahme auf und ordnet den Vollzug der Wegweisung an, wenn die Voraus-
setzungen nicht mehr gegeben sind, das heisst, wenn der Vollzug der
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rechtskräftig angeordneten Wegweisung zulässig und es der ausländi-
schen Person möglich und zumutbar ist, sich in ihren Heimat-, Herkunfts-
oder einen Drittstaat zu begeben (Art. 83 Abs. 2–4 AIG).
3.3 Bei der Beurteilung des Vorliegens von Wegweisungsvollzugshinder-
nissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst,
sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
3.4 Die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme muss verhältnismässig sein
(Art. 5 Abs. 2 BV; Art. 96 Abs. 1 AIG). Bei der Ermessensausübung im Sinn
von Art. 96 Abs. 1 AIG sind die öffentlichen Interessen und die persönlichen
Verhältnisse sowie der Grad der Integration der Ausländerinnen und Aus-
länder zu berücksichtigen.
4.
4.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz aus, die vorläu-
fige Aufnahme des Beschwerdeführers sei angeordnet worden, weil im
Rahmen der Befragungen aufgefallen sei, dass dieser über eine psychisch
äusserst instabile Persönlichkeitsstruktur verfüge. Derzeit sei er jedoch in
einem Vollzeitpensum arbeitstätig. Es würden sich keine psychischen Auf-
fälligkeiten zeigen. Demnach sei davon auszugehen, dass das ursprüngli-
che Vollzugshindernis weggefallen und die vorläufige Aufnahme deshalb
zu überprüfen sei. Der Wegweisungsvollzug nach Sri Lanka sei grundsätz-
lich zulässig. Der Beschwerdeführer könne sich nicht auf das flüchtlings-
rechtliche Rückschiebungsverbot berufen, und es würden sich aus den
Akten keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass ihm im Heimatstaat mit be-
achtliche Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder
Behandlung drohe. Betreffend die Ausführungen in der Stellungnahme des
Beschwerdeführers zur allgemeinen Situation in Sri Lanka sei festzustel-
len, dass seine Asylvorbringen in der unangefochten in Rechtskraft
erwachsenen Verfügung vom 18. März 2015 als unglaubhaft qualifiziert
worden seien und festgestellt worden sei, dass keine begründete Furcht
vor einer asylbeachtlichen Verfolgung bestehe. An dieser Einschätzung
habe sich seit Erlass des Asylentscheids nichts geändert. Auch die Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs nach Sri Lanka sei grundsätzlich zu be-
jahen, da dort keine Situation allgemeiner Gewalt vorliege. Wie erwähnt
seien die gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers nicht mehr
gegeben; andere Wegweisungshindernisse seien nicht aktenkundig und
vom Beschwerdeführer auch nicht geltend gemacht worden.
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Seite 8
Hinsichtlich der Verhältnismässigkeit sei vorab festzustellen, dass ange-
sichts des Wegfalls von Wegweisungshindernissen die Anforderungen an
die Begründung für eine Aufrechterhaltung der vorläufigen Aufnahme sehr
hoch seien. In Bezug auf die privaten Interessen des Beschwerdeführers
sei zu berücksichtigen, dass er sich seit sechseinhalb Jahren in der
Schweiz aufhalte (womit eine gewisse Integration verbunden sei), seit zwei
Jahren beim gleichen Arbeitgeber erwerbstätig sei und einen Deutschkurs
besuche. Der mit Unterstützungsschreiben geltend gemachten sozialen In-
tegration sei gegenüberzustellen, dass er nur die Namen von zwei seiner
Mitarbeiter habe nennen können. Ferner verfüge er in der Schweiz über
keine Verwandten. Eine vertiefte soziale beziehungsweise familiäre Veran-
kerung des Beschwerdeführers in der Schweiz sei nicht ersichtlich. Er habe
die prägenden Jahre der Jugend und Adoleszenz im Heimatstaat verbracht
und könne somit in ein ihm bekanntes Umfeld zurückkehren. Seine Ehefrau
und sein Sohn würden sich weiterhin in Sri Lanka aufhalten. Im Übrigen
müsse darauf hingewiesen werden, dass angesichts seiner unglaubhaften
Asylvorbringen und der eingestandenen Falschangaben betreffend seine
Identität die allgemeine Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers beein-
trächtigt sei. Weitere private Interessen, welche für seinen Verbleib in der
Schweiz sprechen würden, seien ebenso wenig ersichtlich wie Nachteile,
welche ihm oder seiner Familie bei einer Aufhebung der vorläufigen Auf-
nahme drohen würden. Insgesamt überwiege das öffentlich Interesse an
einer Wegweisung die privaten Interessen des Beschwerdeführers am Ver-
bleib in der Schweiz. Zusammenfassend erweise sich die Aufhebung der
vorläufigen Aufnahme und Anordnung des Wegweisungsvollzugs als zu-
lässig, zumutbar und möglich.
4.2 Der Beschwerdeführer führte zur Begründung seiner Beschwerde aus,
es könne nicht alleine aus dem Umstand, dass er voll erwerbstätig sei, auf
eine gute psychische Gesundheit geschlossen werden. Seit Erhalt der an-
gefochtenen Verfügung gehe es ihm sehr schlecht und er mache sich
grosse Sorgen um seine Zukunft. Er gehöre der muslimischen Minderheit
in Sri Lanka an, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit bedroht sei. Es
komme regelmässig zu Gewaltausbrüchen, die durch extremistische bud-
dhistische Organisationen angeführt würden. Im Weiteren habe er sich am
(...) 2018 von seiner Ehefrau scheiden lassen, nachdem ihn ein Nachbar
aus Sri Lanka telefonisch darüber informiert habe, dass sie eine ausser-
eheliche Beziehung mit ihm unterhalte. Die Brüder seiner früheren Ehefrau
hätten ihm für den Fall, dass er nach Sri Lanka zurückkehre, körperliche
Gewalt angedroht und zudem angekündigt, ihn bei den Sicherheitskräften
als Anhänger der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) anschwärzen zu
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Seite 9
wollen. Er habe demnach in seinem Heimatstaat kein soziales Netz mehr,
auf das er zurückgreifen könnte. Aufgrund seines mehrjährigen Aufenthalts
in der Schweiz pflege er kaum mehr Kontakte mit seinem früheren Umfeld
in Sri Lanka. Die Scheidungsurkunde sowie deren Übersetzung seien
durch seine Schwester organisiert und ihm zugestellt worden. Die Vo-
rinstanz habe es unterlassen, entscheidrelevante Umstände abzuklären,
namentlich ob die sri-lankischen Behörden ihm hinreichenden Schutz ge-
gen Gewalttaten gegenüber Muslimen bieten würden. Zudem sei seine fa-
miliäre und gesundheitliche Situation nicht eingehend geprüft worden. Da-
her sei die Sache eventualiter zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
Den Ausführungen der Vorinstanz betreffend die Verhältnismässigkeit sei
in mehrfacher Hinsicht zu widersprechen. Es sei zu beachten, dass die ge-
gen ihn wegen Täuschung der Behörden und Verletzung der Mitwirkungs-
pflicht ausgesprochene Strafe gemessen am möglichen Strafrahmen sehr
milde ausgefallen sei. Er habe die Behörden nur über seine Identität ge-
täuscht. Alle anderen Angaben hätten der Wahrheit entsprochen. Zudem
habe er die Identitätstäuschung selber gemeldet. Er habe in der Folge voll-
umfänglich mit den Behörden kooperiert. Ansonsten habe er sich straf-
rechtlich nichts zuschulden kommen lassen. Im Weiteren sei er hervorra-
gend in seinem Schweizer Umfeld integriert. Er arbeite seit zwei Jahren
beim selben Arbeitgeber und besuche Privatlektionen, um seine Deutsch-
kenntnisse zu verbessern. Darüber hinaus habe er mehrere Freundschaf-
ten geschlossen. Nachbarn würden von seiner Gastfreundschaft berichten.
Während der polizeilichen Einvernahme habe er diejenigen beiden Mitar-
beitenden namentlich genannt, mit welchen er am engsten zusammenar-
beite. Die übrigen 17 Personen, welche das eingereichte Unterstützungs-
schreiben unterzeichnet hätten, würden nicht direkt mit ihm zusammenar-
beiten. Es müsse auch berücksichtigt werden, dass er sich während dieser
Befragung in einer Stresssituation befunden habe. Demnach würden seine
privaten Interessen die öffentlichen Interessen überwiegen.
4.3
4.3.1 In ihrer Vernehmlassung stellte die Vorinstanz in Bezug auf die vom
Beschwerdeführer geltend gemachte Ehescheidung fest, diese sei dem
SEM aus unklaren Gründen nicht angezeigt worden, und in der Stellung-
nahme vom 24. Januar 2019 seien Geldüberweisungen an die Ehefrau er-
wähnt worden. Ein Widerspruch sei darin zu erblicken, dass der Beschwer-
deführer angegeben habe, er habe sich scheiden lassen, während in der
Scheidungsurkunde vermerkt sei, die Scheidung sei durch seine Ehefrau
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verlangt worden. Es handle sich darüber hinaus bei diesem Dokument nur
um eine Kopie, deren Echtheit nicht überprüft werden könne. Bei den an-
geblichen Drohungen durch Angehörige seiner Ex-Ehefrau handle es sich
um eine unbelegte Parteibehauptung. Diese erschienen zudem weltfremd
und seien daher überaus unglaubhaft. Da der Beschwerdeführer keine Ver-
bindungen zu den LTTE habe glaubhaft machen können, sei als ausge-
schlossen zu erachten, das eine allfällige Denunziation als LTTE-Mitglied
bei der Polizei durch die Brüder seiner Ehefrau zu einer Verfolgung führen
könnte. Private Konflikte könnten ohnehin nicht zur Annahme der Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führen. Der Beschwerdeführer habe
sich an die zuständige Polizeibehörde zu wenden. Ferner könne ange-
sichts seines Alters bei seiner Einreise in die Schweiz davon ausgegangen
werden, dass er ein soziales Netz aus Freunden und Bekannten habe, und
es sei ihm zuzumuten, diese wieder zu aktivieren. Angesichts seiner gerin-
gen Deutschkenntnisse sei davon auszugehen, dass er in der Schweiz vor
allem in der sri-lankischen Diaspora verkehre und somit weiterhin in der
heimatlichen Kultur verankert sei. Die sechseinhalb Jahre dauernde Abwe-
senheit habe nicht zu einer grundlegenden Entwurzelung geführt. Als ge-
sundem und erwerbsfähigem Mann sei es ihm auch zuzumuten, sich wirt-
schaftlich erneut im Heimatstaat zu integrieren. Betreffend die Situation der
muslimischen Minderheit in Sri Lanka sei festzustellen, dass der Beschwer-
deführer keinen Bezug zu den Anschlägen vom 21. April 2019 aufweise.
Eine bloss abstrakte Angst vor verschärften behördlichen Massnahmen
vermöge die Anforderungen an eine begründete Verfolgungsfurcht nicht zu
erfüllen. Zwar sei infolge der Anschläge mit einer verstärkten Kontrolle der
muslimischen Gemeinschaft in Sri Lanka zu rechnen, jedoch fehlten Anzei-
chen dafür, dass diese in ihrer Gesamtheit verfolgt werde. Im Übrigen sei
eine Verankerung des Beschwerdeführers in einer bestimmten Moschee
nicht belegt. Es bestehe demnach kein Grund zur Annahme, dass er im
Falle seiner Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
in absehbarer Zukunft Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt wäre, die eine
Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs begründen
würden. Der vom Staatspräsidenten Sirisena ausgerufene Notstand ver-
möge an der Einschätzung nichts zu ändern, dass in Sri Lanka keine Situ-
ation allgemeiner Unruhe herrsche, die zu einer Gefährdung aller Rück-
kehrer unabhängig von deren individuellem Hintergrund führen würde.
4.3.2 Es treffe zwar zu, dass von der Erwerbstätigkeit des Beschwerdefüh-
rers nicht automatisch auf einen guten Gesundheitszustand geschlossen
werden könne. Jedoch obliege es dem Beschwerdeführer im Rahmen der
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Seite 11
Mitwirkungspflicht, gesundheitliche Probleme nachzuweisen, die ein Voll-
zugshindernis darstellen könnten. Aus der Angabe in der Beschwerdeein-
gabe, es gehe ihm seit Erhalt der angefochtenen Verfügung schlecht,
könne geschlossen werden, dass er bis zu diesem Zeitpunkt keine gesund-
heitlichen Probleme gehabt habe. Ein Arztbericht sei nicht eingereicht wor-
den. Demnach sei die behauptete gesundheitliche Beeinträchtigung nicht
bewiesen. Blosse Zukunftssorgen vermöchten nicht zur Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs zu führen. Der Vorwurf, das SEM habe
entscheidrelevante Umstände nicht abgeklärt, werde zurückgewiesen. Die
gerügten Elemente hätten aufgrund der ungenügenden Mitwirkung des
Beschwerdeführers beziehungsweise der Verheimlichung von Tatsachen
in der angefochtenen Verfügung nicht berücksichtigt werden können.
4.4 In seiner Replik führte der Beschwerdeführer aus, eine Geldüberwei-
sung an seine Ehefrau habe er nicht in der Stellungnahme vom 24. Januar
2019, sondern im Rahmen der polizeilichen Einvernahme vom 26. Februar
2018 erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt sei er noch verheiratet gewesen und
habe nichts von der Untreue seiner Ehefrau gewusst. Die Angabe, es liege
nur eine Kopie der Scheidungsurkunde vor, sei falsch. Dieses Dokument
sei im Original beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht worden.
Die unterschiedlichen Angaben dazu, wer die Scheidung veranlasst habe,
seien plausibel erklärbar. Es sei davon auszugehen, dass seine Ehefrau
sich dazu entschieden habe, sich scheiden zu lassen, um den wahren
Trennungsgrund zu verheimlichen. Dadurch werde auch verständlich, dass
ihre Familie ihn nun bedrohe. Er habe die Ehescheidung zuvor den schwei-
zerischen Behörden nicht gemeldet, weil er mit seinem Leben in Sri Lanka
abgeschlossen und die Wichtigkeit dieser Information nicht erkannt habe.
Seine langsamen Fortschritte beim Erlernen der deutschen Sprache seien
auf eine Lernschwäche zurückzuführen. Der Vorhalt, er verkehre vorwie-
gend in der sri-lankischen Diaspora, sei haltlos.
Aus Länderberichten sei ersichtlich, dass die Situation der Muslime in Sri
Lanka nach den Anschlägen vom Ostersonntag 2019 prekär sei. Bei An-
griffen gegen diese Minderheit greife die Polizei nicht oder nur ungenügend
ein. Es sei unverhältnismässig, ihn in ein Land wegzuweisen, in welchem
er aufgrund seiner Religion verstärkt unter Druck geraten werde.
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Seite 12
5.
5.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
5.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
5.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt
den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts nicht als unzuläs-
sig erscheinen (vgl. den als Referenzurteil publizierten Entscheid BVGer
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Seite 13
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2). Auch der EGMR hat sich mit der
Gefährdungssituation im Hinblick auf eine EMRK-widrige Behandlung na-
mentlich für Tamilen, die aus einem europäischen Land nach Sri Lanka
zurückkehren müssen, wiederholt befasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frank-
reich, Urteil vom 19. September 2013, Beschwerde Nr. 10466/11; E.G.
gegen Grossbritannien, a.a.O.; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Ja-
nuar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom
20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08; Rechtsprechung zuletzt be-
stätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017, Beschwerde
Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller
Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden sri-lankischen Asylsu-
chenden drohe eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müsse eine Ri-
sikoeinschätzung im Einzelfall vorgenommen werden. Den Akten lassen
sich keine stichhaltigen Hinweise dafür entnehmen, dass diese Beurteilung
nicht mehr zutreffend wäre, und es kann praxisgemäss davon ausgegan-
gen werden, dass diese auch für die Situation der Minderheit der Ceylon
Moors analog anwendbar ist (vgl. z.B. Urteile des BVGer D-5063/2019 vom
10. Oktober 2019 E. 10.2, D-1100/2015 vom 7. November 2018 E. 7.3
oder D-2159/2017 vom 25. September 2018 E. 7.2.2).
5.4 Es ergeben sich aus den Akten keine konkreten Anhaltspunkte dafür,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen
"Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In-
und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre.
5.5 Der Vollzug erweist sich damit als zulässig.
6.
6.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den
LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Gemäss konstanter Rechtspre-
chung hat sich die Lage in Sri Lanka substanziell verbessert und der Weg-
weisungsvollzug ist grundsätzlich als zumutbar zu qualifizieren, wenn das
Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz
E-1719/2019
Seite 14
eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aus-
sichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht wer-
den kann (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.3). An dieser Einschätzung vermögen
auch die jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka seit den Terroranschlägen
vom April 2019 und der von der sri-lankischen Regierung daraufhin ver-
hängte Ausnahmezustand nichts zu ändern. Es ist zwar nicht auszuschlies-
sen, dass Muslime namentlich nach den gewalttätigen Angriffen in
Negombo, Colombo und in Batticaloa im Jahr 2019 stärker unter Beobach-
tung und Kontrolle stehen. Von einer durch die sri-lankischen Behörden
oder durch Dritte ausgehenden konkreten Gefahr für alle Angehörige der
muslimischen Minderheit ist angesichts der aktuellen Situation nach Auf-
fassung des Gerichts jedoch nicht auszugehen. Vielmehr gilt der sri-lanki-
sche Staat – entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Auffassung
– auch gegenüber Minderheiten wie der muslimischen und tamilischen Be-
völkerung als grundsätzlich schutzwillig und schutzfähig. Zum heutigen
Zeitpunkt besteht kein Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel
in Sri Lanka nach den Präsidentschaftswahlen vom 16. November 2019
ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt
wären (vgl. Urteile des BVGer E-6891/2017 vom 14. September 2020
E. 10.2, m.w.H.; D-5063/2019 vom 10. Oktober 2019 E. 6.2; E-1575/2020
vom 19. Mai 2020 E. 7.3 und ausführlich E-557/2017 vom 17. Juli 2019
E. 6.3).
6.3 In Bezug auf individuelle Wegweisungshindernisse ist Folgendes fest-
zustellen:
6.3.1 Die Vorinstanz qualifizierte in ihrer ursprünglichen Verfügung vom
18. März 2015 den Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers vorab
aus medizinischen Gründen als unzumutbar. Es wurde festgestellt, dass er
eine äusserst labile Persönlichkeitsstruktur aufweise, welche sich insbe-
sondere darin äusserte, dass er während der Zweitanhörung vom 26. Sep-
tember 2015 zweimal dekompensierte und diese schliesslich aufgrund sei-
nes emotionalen Zustands abgebrochen werden musste (vgl. Akten SEM
Protokoll Zweitanhörung A12/11, insbesondere S. 2 und S. 7 f.; Schreiben
der HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende vom 18. November
2014, A17/3).
6.3.2 Gründe ausschliesslich medizinischer Natur lassen den Wegwei-
sungsvollzug im Allgemeinen nicht als unzumutbar erscheinen, es sei
denn, die erforderliche Behandlung sei wesentlich und im Heimatland nicht
erhältlich. Entsprechen die Behandlungsmöglichkeiten im Herkunftsland
E-1719/2019
Seite 15
nicht dem medizinischen Standard in der Schweiz, bewirkt dies allein noch
nicht die Unzumutbarkeit des Vollzugs. Von einer solchen Unzumutbarkeit
ist erst dann auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiter-
behandlung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des
Gesundheitszustandes nach sich ziehen würde (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3
S. 1003 f., BVGE 2009/2 E. 9.3.2 S. 21).
6.3.3 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz kann aufgrund der vorliegen-
den Aktenlage davon ausgegangen werden, dass derzeit keine diesen Kri-
terien entsprechenden medizinischen Wegweisungshindernisse vorliegen.
Zwar kann – wie in der Beschwerdeschrift zu Recht eingewendet wurde –
nicht allein schon aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer einer Er-
werbstätigkeit nachgeht, gefolgert werden, dass seine psychische Verfas-
sung gut ist. Dieser Umstand kann aber durchaus als Indiz für einen ver-
besserten Gesundheitszustand bewertet werden. Den Akten lassen sich
zudem weitere Anhaltspunkte entnehmen, welche diese Einschätzung
untermauern. So wird im Zwischenzeugnis seines Arbeitgebers namentlich
die Belastbarkeit des Beschwerdeführers betont. Die eingereichten Unter-
schriftenlisten von Arbeitskollegen und -kolleginnen sowie Referenzschrei-
ben von Bekannten des Beschwerdeführers belegen, dass er gute soziale
Kontakte zu seinem Umfeld pflegt, wobei in den Schreiben auf die offene,
positive und fröhliche Art des Beschwerdeführers hingewiesen wird. Diese
Rückmeldungen legen eine gute und gefestigte psychische Verfassung
des Beschwerdeführers nahe. Stichhaltige Einwände, die auf etwas Ande-
res hindeuten würden, lassen sich den Eingaben des Beschwerdeführers
nicht entnehmen. In der Beschwerdeeingabe wurde zwar vorgebracht, es
gehe ihm seit Erhalt der angefochtenen Verfügung "sehr schlecht", jedoch
wurden hierzu keine näheren Angaben gemacht. Es darf ohne Weiteres
davon ausgegangen werden, dass der rechtlich verbeiständete Beschwer-
deführer relevante Gesundheitsprobleme oder eine entsprechende medi-
zinische Behandlung geltend gemacht und entsprechenden Beweismittel
eingereicht hätte. Dies ist jedoch nicht geschehen.
6.3.4 Insgesamt bestehen demnach hinreichende Gründe für die An-
nahme, dass im heutigen Zeitpunkt nicht mehr davon auszugehen ist, dass
im Falle eines Wegweisungsvollzugs nach Sri Lanka mit einer relevanten
Verschlechterung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers zu
rechnen wäre.
E-1719/2019
Seite 16
6.3.5 Im Weiteren vermag auch das Vorbringen des Beschwerdeführers,
er verfüge in seinem Heimatstaat über kein soziales Netz mehr, nicht zu
überzeugen: Angesichts der zu den Akten gereichten Scheidungsurkunde,
an deren Echtheit keine begründeten Zweifel bestehen, ist zwar davon aus-
zugehen, dass seine Ehe aufgelöst worden ist. Die Darstellung, er werde
von den Brüdern seiner früheren Ehefrau bedroht, erscheint aber als
unglaubhaft, vermochte er doch keinen plausiblen Grund hierfür anzuge-
ben. Zweifel an den Angaben des Beschwerdeführers zu seinen Bezugs-
personen rechtfertigen sich auch deshalb, weil er mehrfach widersprüchli-
che und teilweise unwahre Angaben zu seiner Identität und seinem famili-
ären Umfeld gemacht hat. Namentlich ist darauf hinzuweisen, dass er im
Asylverfahren zu Protokoll gab, keine Geschwister zu haben und ein Ein-
zelkind gewesen zu sein (vgl. insbesondere Protokoll BzP A4/11 S. 5). Dies
bestätigte er in seiner Stellungnahme vom 24. Januar 2019 zur beabsich-
tigten Aufhebung der vorläufigen Aufnahme gegenüber dem SEM noch-
mals ausdrücklich (vgl. Aktenstück D7/27 S. 2: "[...] der Beschwerdeführer
hat keine lebenden Geschwister [...] mehr"). Bereits die ursprüngliche Aus-
sage lässt sich kaum vereinbaren mit seinem späteren Eingeständnis, das
Asylgesuch unter der Identität eines (verstorbenen) Bruders gestellt zu
haben. Vor allem aber gab der Beschwerdeführer im hier zu behandelnden
Rechtsmittel an, seine Schwester habe ihm die Scheidungsurkunde sowie
deren Übersetzung zugestellt (vgl. Beschwerdeeingabe vom 10. April
2019, S. 4). Demnach rechtfertigen sich Zweifel am Vorbringen des Be-
schwerdeführers, er verfüge in Sri Lanka über kein soziales Netz mehr, auf
dessen Unterstützung er zurückgreifen könnte. Zumindest dürfte er mit Un-
terstützung durch die erwähnte Schwester rechnen können.
6.3.6 Ohnehin ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer im Asylverfah-
ren in den Anhörungen zu Protokoll gegeben hatte, er sei in seinem Hei-
matstaat als Händler und Makler tätig gewesen und habe ein gutes Ein-
kommen erzielt (vgl. namentlich Protokoll erste Anhörung A10/19 S. 5 F37
und S. 11 F102 f.). Auch in der Schweiz geht er einer Erwerbstätigkeit
nach, und er ist in der Lage, seinen Lebensunterhalt selbständig zu ge-
währleisten. Unter diesen Umständen kann davon ausgegangen werden,
dass es ihm möglich sein wird, im Heimatstaat seine wirtschaftliche Exis-
tenz auch ohne namhafte Unterstützung durch ein soziales Netz sicherzu-
stellen.
6.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
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Seite 17
7.
Nachdem der Beschwerdeführer, der einen im Jahr (...) ausgestellten sri-
lankischen Reisepass zu den Akten gereicht hat, nicht geltend macht der
Vollzug seiner Wegweisung sei unmöglich im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG,
ist zusammenfassend festzustellen, dass im heutigen Zeitpunkt keine rele-
vanten Vollzugshindernisse bestehen.
8.
8.1 In einem kürzlich ergangenen Grundsatzentscheid hat das Bundesver-
waltungsgericht festgestellt, dass bei der Beurteilung einer Aufhebung ei-
ner vorläufigen Aufnahme gemäss Art. 84 Abs. 2 AIG das Verhältnismäs-
sigkeitsprinzip, das einen allgemeinen Grundsatz staatlichen Handelns bil-
det (Art. 5 Abs. 2 BV), zu beachten ist (vgl. Grundsatzurteil E-3822/2019
vom 28. Oktober 2020 E. 7–11).
8.2 Es bleibt somit zu prüfen, ob sich die Aufhebung der vorläufigen Auf-
nahme – wie vom SEM in der angefochtenen Verfügung vertreten – auch
als verhältnismässig erweist. Im Rahmen der vorzunehmenden Verhältnis-
mässigkeitsprüfung sind im Sinne von Art. 96 AIG die privaten Interessen
der vorläufig aufgenommenen Person an einem Verbleib in der Schweiz
und das Interesse des Staates an der Aufhebung der vorläufigen Auf-
nahme und des Vollzugs der Wegweisung gegeneinander abzuwägen (vgl.
dazu BVGE 2007/32); dabei ist keine schematische Betrachtungsweise
vorzunehmen, sondern auf die gesamten Umstände des Einzelfalles abzu-
stellen. Zu berücksichtigen sind Faktoren wie die Dauer der Anwesenheit
in der Schweiz, der Grad der Integration, die familiäre Situation, die noch
zum Heimatstaat bestehenden Verbindungen, bei Straffälligkeit die
Schwere begangener Delikte beziehungsweise die Art der verletzten
Rechtsgüter, das Verschulden des Betroffenen und das Verhalten des
Ausländers in dieser Periode (vgl. Urteil E-3822/2019 E. 10.4).
8.3
8.3.1 Der Beschwerdeführer hält sich seit 2012 in der Schweiz auf. Aus den
Akten ergibt sich, dass er hier seit 2017 erwerbstätig und nicht fürsorge-
abhängig ist. Zudem besucht er Deutschkurse, und die eingereichten
Referenzschreiben lassen darauf schliessen, dass er an seinem Wohnort
gute Kontakte zu einem einheimischen Bekanntenkreis pflegt. Dem Vorhalt
der Vorinstanz, dass er in der Schweiz vor allem in der sri-lankischen
Diaspora verkehre, kann bei dieser Aktenlage nicht gefolgt werden. Mit
Ausnahme einer ihm durch die Staatsanwaltschaft des Kantons D._
auferlegten bedingten Geldstrafe ([...] Tagessätze zu Fr. [...]) und einer
E-1719/2019
Seite 18
Busse in der Höhe von Fr. (...) wegen Täuschung der Behörden aufgrund
der Falschangaben im Asylverfahren zu seiner Identität (Art. 118 Abs. 1
AIG) ist der Beschwerdeführer bisher in der Schweiz nicht strafrechtlich in
Erscheinung getreten (vgl. Strafregisterauszug vom 28. November 2018,
Akten SEM D1/1). Demnach sind ernsthafte Bemühungen des Beschwer-
deführers erkennbar, sich wirtschaftlich und sozial in der Schweiz zu
integrieren.
8.3.2 Andererseits ist aber festzustellen, dass er im Alter von (...) Jahren
in die Schweiz einreiste, mithin den grössten Teil seines Lebens im Hei-
matstaat verbracht hat. Es ist nicht davon auszugehen, dass durch den
achtjährigen Aufenthalt in der Schweiz eine Entwurzelung vom Heimatstaat
stattgefunden hat, die eine Reintegration in Sri Lanka erheblich erschwe-
ren würde. Zudem verfügt er in der Schweiz über keine Familienangehöri-
gen oder Verwandten, während in Sri Lanka sein (...)-jähriges Kind und
weitere Verwandte (Mutter, Schwester) leben. Insgesamt ist somit ver-
gleichsweise nicht von einer besonders starken Verwurzelung des Be-
schwerdeführers in der Schweiz auszugehen.
8.3.3 Ferner ist zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer zur Be-
gründung seines Asylverfahrens nicht nur Sachverhaltselemente geltend
gemacht hat, die sich als unglaubhaft erwiesen haben, sondern die schwei-
zerischen Behörden – aus letztlich nicht nachvollziehbaren Gründen –
durch die Vorspiegelung einer falschen Identität getäuscht hat. Dieses
rechtsmissbräuchliche Verhalten ist bei der Beurteilung des öffentlichen
Interesses am Vollzug seiner rechtskräftig angeordneten Wegweisung
gebührend zu berücksichtigen, zumal der Beschwerdeführer den Eindruck
erweckt, gegenüber den Asylbehörden mit Bezug auf seine persönlichen
Verhältnisse weiterhin nicht mit offenen Karten zu spielen (vgl. oben
E. 6.3.5).
8.4 Unter Berücksichtigung der geschilderten Umstände gelangt das Ge-
richt zum Schluss, dass das private Interesse des Beschwerdeführers am
Verbleib in der Schweiz insgesamt das öffentliche Interesse am Vollzug der
Wegweisung nicht überwiegt. Die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme er-
weist sich damit auch als verhältnismässig.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 49 VwVG). Die Be-
schwerde ist abzuweisen.
E-1719/2019
Seite 19
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe von ihm geleistete Kostenvorschuss
ist zur Bezahlung dieser Kosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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