Decision ID: dad7e095-80ea-4af7-a846-6c3920753910
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1969 geborene Beschwerdeführer war bei der Beschwerdegegnerin
obligatorisch gegen die Folgen von Nichtberufs- und Berufsunfällen sowie
Berufskrankheiten versichert, als er am 27. Juni 2021 beim Joggen stürzte,
auf das Gesicht fiel und sich dabei (unter anderem) einen Zahnschaden
zuzog. Die Beschwerdegegnerin anerkannte ihre Leistungspflicht für die
Folgen des fraglichen Ereignisses und leistete unter anderem Kostengut-
sprache für den Untersuch und den Kompositkantenaufbau des abgebro-
chenen Zahnes 21. Hingegen verneinte die Beschwerdegegnerin mit Ver-
fügung vom 3. Januar 2022 die Leistungspflicht für die zusätzlich geltend
gemachte Schädigung des Zahnes 11. Die dagegen erhobene Einsprache
wies sie mit Einspracheentscheid vom 24. Februar 2022 ab.
2.
2.1.
Gegen den Einspracheentscheid vom 24. Februar 2022 erhob der Be-
schwerdeführer mit Eingabe vom 12. März 2022 fristgerecht Beschwerde
und beantragte sinngemäss die Aufhebung des Einspracheentscheides
und die Verpflichtung der Beschwerdegegnerin zur Übernahme der Kosten
der kieferorthopädischen Behandlung des Zahnes 11.
2.2.
Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Vernehmlassung vom 29. April
2022 die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit Replik vom 8. Mai 2022 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen
fest und reichte ferner Fotografien zu den Akten.

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin begründet ihre Leistungsverweigerung be-
treffend die Fehlstellung des Zahns 11 im Wesentlichen gestützt auf die
zahnmedizinische Einschätzung ihres Versicherungsmediziners
Dr. med. dent. B. damit, dass das Ereignis vom 27. Juni 2021 nicht
natürlich-kausal für die "aktuellen Beschwerden am Zahn 11" sei, insbe-
sondere, da der Zahn 11 bereits vor dem versicherten Ereignis "palatinal
des Zahnes 21 gestanden habe" (Vernehmlassungsbeilage [VB] 53 S. 5).
Der Beschwerdeführer macht demgegenüber sinngemäss geltend, der
Zahn 11 sei durch den Sturz "nach hinten geschlagen worden" und befinde
- 3 -
sich seither weiter hinten als vorher. Die Kosten der diesbezüglich erforder-
lichen kieferorthopädischen Behandlung seien daher von der Beschwerde-
gegnerin als Folge des Ereignisses vom 27. Juni 2021 zu übernehmen.
Streitig und zu prüfen ist demnach, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht
die Leistungspflicht im Zusammenhang mit den "Beschwerden" bezüglich
des Zahnes 11 mit Einspracheentscheid vom 24. Februar 2022 ablehnte.
2.
2.1.
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst
voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden
(Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht.
Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Um-
stände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als einge-
treten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur glei-
chen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Um-
schreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs
nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache
gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis
zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integri-
tät der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten
nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesund-
heitliche Störung entfiele (BGE 147 V 161 E. 3.2 S. 163; 129 V 177 E. 3.1
S. 181 mit Hinweisen; vgl. auch BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 111 f. und 129
V 402 E. 4.3.1 S. 406).
2.2.
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen
Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage,
worüber die Verwaltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht
im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialver-
sicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlich-
keit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt
für die Begründung eines Leistungsanspruches nicht (BGE 129 V 177
E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 8C_646/2019 vom
6. März 2020 E. 8). Der Beweis des natürlichen Kausalzusammenhangs
wird in erster Linie mittels Angaben medizinischer Fachpersonen geführt
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_80/2021 vom 7. Juli 2021 E. 2.2 mit Hin-
weisen).
2.3.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
- 4 -
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134
V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
2.4.
Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner me-
dizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, kommt ihnen
praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder
einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag
gegebenen Gutachten zu (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f.; 125 V 351 E. 3a
S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c S. 160 ff.). Zwar lässt das Anstellungsverhältnis
der versicherungsinternen Fachperson zum Versicherungsträger alleine
nicht schon auf mangelnde Objektivität und Befangenheit schliessen
(BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/ee S. 353 ff.). Soll ein Ver-
sicherungsfall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschie-
den werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu
stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und
Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind
ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 145 V 97 E. 8.5 S. 105;
142 V 58 E. 5.1 S. 65; 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f.).
3.
3.1.
In der Unfallmeldung vom 28. Juni 2021 wurde angegeben, dass der Be-
schwerdeführer am 27. Juni 2021 beim Joggen im Wald auf das Gesicht
gestürzt sei und sich dabei nebst diversen Schürfungen am Körper sowie
im Gesicht einen Zahn abgebrochen habe, "weitere Zähne" hätten in der
Folge geschmerzt (VB 1). Im Bericht von Dr. med. dent. C., D.-Center, X.,
vom 28. Juni 2021 wurden unter "Unfallbedingte Befunde" ein luxierter,
subluxierter und kontusionierter Zahn 11 sowie ein kontusionierter Zahn 21
mit Kronenfraktur ohne Pulpabeteiligung angegeben. Als
Behandlungsmassnahmen nannte Dr. med. dent. C. unter anderem eine
definitive Versorgung des Zahnes 21 mittels Kompositaufbaus sowie die
Beobachtung des Zahnes 11 (VB 13). In einem weiteren Bericht vom
2. September 2021 empfahl er dann eine kieferorthopädische Korrektur
des dislozierten Zahnes 11 nach buccal (VB 27).
3.2.
Dr. med. dent. B. hielt in seiner Stellungnahme vom 5. Oktober 2021
diesbezüglich fest, es sei "zu bezweifeln", dass der Zahn 11 "durch den
Unfall tatsächlich nach palatinal verschoben" worden sei. Die akten-
kundigen Behandlungsfotos (VB 6 f., 28 S. 2 ff.) würden einen "Engstand"
zeigen und es scheine deshalb "nicht möglich", dass der Zahn vor dem
Unfall "orthograd in der Zahnreihe stand". Die Stellung des Zahnes 11 sei
"nicht überwiegend wahrscheinlich unfallkausal". Jedoch seien bei einer
- 5 -
allfälligen Einsprache des Beschwerdeführers "Modelle [...] und Fotos, wel-
che die Situation vor dem Unfall dokumentieren" würden, anzufordern
(VB 29).
3.3.
Nachdem die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht betreffend die Kor-
rektur der (Fehl-)Stellung des Zahns 11 mit Schreiben vom 19. Oktober
2021 formlos abgelehnt (VB 31) und der Beschwerdeführer am 21. Oktober
2021 telefonisch eine Neubeurteilung verlangt hatte (VB 33), forderte die
Beschwerdegegnerin gleichentags beim D.-Center "Modelle und Fotos vor
dem Unfall" (VB 34) und beim Beschwerdeführer "Fotoaufnahmen [...,]
welche den Zustand [seiner] Frontzähne vor dem Unfall" zeigten (VB 36),
an. Beim D.-Center, welches den Beschwerdeführer bereits vor dem Unfall
zahnmedizinisch behandelt hatte (vgl. VB 33, 37 S. 1), waren keine
früheren Modelle, Röntgenbilder oder Fotografien der Frontzähne
vorhanden. Das D.-Center stellte der Beschwerdegegnerin jedoch mit E-
Mails vom 12. und 30. November 2021 je ein ihr vom Beschwerdeführer
übermitteltes Foto vom 21. Mai 2020 zu, welches diesen, frontal zur
Kamera gerichtet, mit leicht geöffnetem Mund und teilweise sichtbaren
Frontzähnen zeigt (vgl. VB 38, 40 S. 2).
3.4.
In seiner diesbezüglichen Stellungnahme vom 2. Januar 2022 kam
Dr. med. dent. B. zum Schluss, in der vergrösserten Fotoansicht sei beim
Beschwerdeführer eine "Überlappung der mesialen Kante des 21 mit
derjenigen des 11" ersichtlich. Demzufolge sei der Zahn 11 bereits "vor
dem Unfall palatinal des 21" gestanden. "Infolge des herrschenden
Engstandes" bleibe er bei seiner Beurteilung vom 5. Oktober 2021. Er er-
achte es als "nicht überwiegend wahrscheinlich [...], dass der 11 vor dem
Unfall orthograd in der Zahnreihe stand" (VB 41 f.).
4.
4.1.
Aus dem Dargelegten ergibt sich, dass Versicherungsmediziner
Dr. med. dent. B. – auf dessen zahnmedizinische Beurteilung sich die
Beschwerdegegnerin in ihrem Einspracheentscheid im Wesentlichen
stützte – bloss zur Frage Stellung nahm, ob das Ereignis vom 27. Juni 2021
geeignet war, den Zahn 11 des Beschwerdeführers so zu verlagern, dass
dieser nun palatinal des Zahnes 21 steht. Dass der Zahn 11 vor dem Er-
eignis jedoch orthograd in der Zahnreihe gestanden hat, wurde vom Be-
schwerdeführer gerade nicht geltend gemacht. In seinen jeweiligen Einga-
ben an die Beschwerdegegnerin wies dieser nämlich einzig daraufhin, dass
der Zahn 11 seit dem Ereignis vom 27. Juni 2021 (noch) weiter nach hinten
gerückt sei (VB 14 S. 4, VB 48), woran er auch mit Beschwerde und Replik
festhielt. Zur Frage, ob sich die Stellung des Zahnes 11 des Beschwerde-
- 6 -
führers durch das Sturzereignis vom 27. Juni 2021 wie vom Beschwerde-
führer beschrieben verändert haben könnte, äusserte sich
Dr. med. dent. B. nicht, obwohl das D.-Center – welches den
Beschwerdeführer bereits vor dem versicherten Ereignis zahnmedizinisch
behandelt hatte – im Formular vom 28. Juni 2021 unter den unfallbedingten
Befunden angab, der Zahn 11 sei als Folge des Sturzes luxiert (verlagert),
subluxiert (gelockert) und kontusioniert (angeschlagen) (VB 13).
4.2.
Damit bestehen zumindest geringe Zweifel an den Beurteilungen von
Dr. med. dent. B.. Der zur Beurteilung der Frage, ob der Unfall vom 27. Juni
2021 natürlich kausal für die gemäss dem behandelnden Zahnarzt
behandlungsbedürftige Fehlstellung des Zahns 11 ist, relevante Sachver-
halt erweist sich folglich als nicht rechtsgenüglich erstellt. Die Sache ist da-
her zur ergänzenden Abklärung und anschliessender Neuverfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (vgl. BGE 139 V 99 E. 1.1 S. 100;
137 V 210 E. 4.4.1.4 S. 264 f.).
5.
5.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen,
dass der angefochtene Einspracheentscheid vom 24. Februar 2022 aufzu-
heben und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen
und zur Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
5.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
5.3.
Die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zwecks Vornahme ergän-
zender Abklärungen gilt als anspruchsbegründendes Obsiegen (BGE 132
V 215 E. 6.1 S. 235 mit Hinweisen). Der obsiegende Beschwerdeführer ist
nicht vertreten und hat somit keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Da dessen Interessenwahrung vorliegend keinen
hohen Arbeitsaufwand notwendig gemacht hat, welcher den Rahmen
dessen überschreitet, was die einzelne Person üblicher- und
zumutbarerweise auf sich zu nehmen hat, besteht auch kein Anspruch auf
eine Umtriebsentschädigung (vgl. BGE 129 V 113 E. 4.1 S. 116 und 110
V 134 E. 4d S. 134).