Decision ID: 91d500cc-c81d-5b89-ab48-421ea5a208cd
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin 1) verliess ihr Heimatland
eigenen Angaben zufolge am (...) 2015 zusammen mit ihrer Tochter,
B._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin 2). Am 22. September 2015
gelangten sie in die Schweiz, wo sie gleichentags im Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum (EVZ) C._ um Asyl nachsuchten.
B.
B.a Am 21. Oktober 2015 wurde die Beschwerdeführerin 1 zu ihrer Per-
son, ihrem Reiseweg und summarisch zu den Gründen für das Verlassen
ihres Heimatlandes befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am 21. Au-
gust 2017 fand die vertiefte Bundesanhörung zu den Asylgründen statt.
B.b Anlässlich dieser Befragungen gab die Beschwerdeführerin 1 zu ihrem
persönlichen Hintergrund an, sie sei ukrainische Staatsangehörige und
stamme aus D._, wo sie aufgewachsen sei und bis zu ihrer Aus-
reise gelebt habe. Sie habe von (...) bis (...) die obligatorische Schulzeit
absolviert, anschliessend Ausbildungen als (...) und (...) abgeschlossen
und zuletzt in einer (...) gearbeitet. Mit ihrem langjährigen Partner,
E._, mit welchem sie zusammengewohnt habe, habe sie eine ge-
meinsame Tochter (die Beschwerdeführerin 2). In ihrem Heimatland wür-
den ihr Bruder, F._, und ihre Mutter, G._, leben, weitere Ver-
wandte habe sie keine.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte die Beschwerdeführerin 1 zu-
nächst aus, ihre Probleme hätten 2014 begonnen, als es zwischen der Uk-
raine und Russland zu Auseinandersetzungen gekommen sei. Aufgrund ih-
rer Zugehörigkeit zur russischen Ethnie seien sie, ihr Lebenspartner und
auch ihre Tochter im Alltag ständig beschimpft, beleidigt und erniedrigt wor-
den.
Des Weiteren führte die Beschwerdeführerin 1 als massgebende Flucht-
gründe eine Reihe von Verfolgungshandlungen an, von denen sie und ihre
Tochter betroffen gewesen seien und welche die Folge der Unterstützung
der pro-russischen Volksrepublik Donezk (DNR) durch ihren Partner gewe-
sen seien. So habe sich ihr Lebenspartner, nachdem dessen Vater am
(...) 2015 bei einem Beschuss getötet worden sei, als Kämpfer der DNR
angeschlossen. In den ersten Wochen habe sie noch telefonisch mit ihm
Kontakt gehabt, seit (...) 2015 habe sie jedoch nichts mehr von ihm gehört.
Zwei Wochen nach der Abreise ihres Lebensgefährten nach Donezk seien
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die Fenster ihrer Wohnung zerschlagen worden und auf die Wohnungstür
sei mit roter Farbe «Separatist» geschrieben worden. Als sie den Vorfall
der Polizei gemeldet habe, sei ihr mitgeteilt worden, dass niemand vorbei-
kommen werde, da dies als «Hooliganismus» angesehen werde. Später
habe sie erfahren, dass ihr Nachbar dem sogenannten «Rechten Sektor»
von D._ angehöre. (...) 2015 sei sie dann von der Staatsanwalt-
schaft vorgeladen worden. Sie sei drei Tage lang festgehalten und zu
E._ Aufenthaltsort befragt worden. Da dieser Stabsleiter des ukrai-
nischen Militärkommissariats gewesen sei, aber auf der russischen Seite
gekämpft habe, sei er polizeilich gesucht worden. Unter der Auflage, das
Land nicht zu verlassen, sei sie schliesslich wieder freigelassen worden.
Am (...) 2015 sei sie auf dem Heimweg von der Arbeit von zwei Männern
des «Rechten Sektors» überfallen und zusammengeschlagen worden. In-
folgedessen habe sie zwei Wochen lang im Spital behandelt werden müs-
sen. Als sie den Angriff der Polizei gemeldet und dabei die Armbinden des
«Rechten Sektors» erwähnte habe, habe diese sich geweigert, die Anzeige
entgegen zu nehmen. Während ihrer Nachtschicht vom (...) 2015 seien
fünf uniformierte Männer, darunter auch ihr Nachbar, in die (...) gestürmt
und hätten sie dort angegriffen und vergewaltigt. Anschliessend sei sie mit
dem Auto in ein leerstehendes Haus gefahren worden, wo sie während
zwei Tagen immer wieder missbraucht und geschlagen worden sei. Die Tä-
ter hätten sie – wohl in der Annahme sie sei tot – am Strassenrand abge-
legt, wo sie schliesslich gefunden und in ein Krankenhaus gebracht worden
sei. Sie habe wiederum bei der Polizei Anzeige erstattet und sich – um die-
ses Mal sicher zu gehen, dass der Sache nachgegangen werde – auch
einen Anwalt genommen. Dieser sei in der Folge jedoch von Leuten des
«Rechten Sektors» eingeschüchtert worden. Während ihres Spitalaufent-
haltes habe sie schliesslich einen Anruf erhalten, in welchem ihr damit ge-
droht worden sei, dass die Köpfe ihrer Tochter und Mutter abgeschnitten
würden, wenn sie das Land nicht verlasse. Am (...) 2015 habe sie deshalb
mit Hilfe eines Schleppers ihr Heimatland verlassen und sei auf dem Land-
weg in die Schweiz geflüchtet.
B.c Im Verlaufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichten die Beschwerde-
führerinnen zum Nachweis ihrer Identität und zur Stützung ihrer Vorbringen
mehrere Dokumente als Beweismittel zu den Akten (vgl. SEM-Akte A/10
[Beweismittelcouvert]), namentlich:
- einen ukrainischen Inlandpass der Beschwerdeführerin 1 (im Original),
- eine Geburtsurkunde der Beschwerdeführerin 2 (laminierte Kopie),
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- ein Diplom betreffend den Abschluss der Beschwerdeführerin 1 als (...)
(im Original)
- ein Diplom betreffend den Abschluss der Beschwerdeführerin 1 als (...)
(im Original),
- ein Protokoll einer Ultraschalluntersuchung (...) der Beschwerdeführe-
rin 1 (im Original),
- einen Auszug aus der Krankengeschichte der Beschwerdeführerin 1 (in
Kopie).
C.
Mit Verfügung vom 10. September 2018 – eröffnet am 12. Septem-
ber 2018 – stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerinnen erfüllten
die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab, verfügte die
Wegweisung aus der Schweiz und beauftragte den Kanton H._ mit
dem Vollzug der Wegweisung
D.
Mit Eingabe vom 9. Oktober 2018 (Datum Poststempel) erhoben die Be-
schwerdeführerinnen gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde. In dieser beantragten sie in der Hauptsache die Auf-
hebung der Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die
Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die vorinstanzliche Verfügung im
Wegweisungspunkt aufzuheben und die Beschwerdeführerinnen seien
vorläufig in der Schweiz aufzunehmen; allenfalls sei die Wegweisungsver-
fügung in dem Sinne abzuändern, dass die derzeitige Rückschaffung aus-
geschlossen werde. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses. Weiter beantragten sie, es seien sämtliche Ver-
fahrensakten der Vorinstanz von Amtes wegen beizuziehen und ihnen sei
das Replikrecht zu allfälligen Stellungnahmen der Vorinstanz einzuräumen.
Der Beschwerde lag – nebst einer Kopie der angefochtenen Verfügung und
einer Unterstützungsbestätigung der (...) vom 27. September 2018 – ein
Referenzschreiben von I._, (...), vom 30. September 2018 bei.
E.
Die Instruktionsrichterin stellte mit Zwischenverfügung vom 12. Okto-
ber 2018 fest, die Beschwerdeführerinnen dürften den Ausgang des Ver-
fahrens in der Schweiz abwarten. Weiter hiess sie das Gesuch um unent-
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geltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig wurde
die Vorinstanz eingeladen, sich vernehmen zu lassen.
F.
F.a In ihrer Vernehmlassung vom 8. November 2018 hielt die Vorinstanz
fest, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen
oder Beweismittel, die eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen
könnten.
F.b Die Vernehmlassung wurde den Beschwerdeführerinnen am 9. No-
vember 2018 zur Kenntnisnahme zugestellt.
G.
G.a Mit Verfügung vom 2. Oktober 2020 wurde den Beschwerdeführerin-
nen Gelegenheit eingeräumt, allfällige Ergänzungen und Beweismittel ein-
zubringen.
G.b Mit Eingabe vom 16. Oktober 2020 reichten die Beschwerdeführerin-
nen innert angesetzter Frist eine (Beschwerde-) Ergänzung ein. Dabei leg-
ten sie ihre aktuellen schulischen und beruflichen Verhältnisse dar. Gleich-
zeitig legten sie die nachfolgenden Beweismittel ins Recht:
- ein Lehrvertrag als (...) vom (...) 2020 bis am (...) 2023 zwischen
J._ und B._ vom 23. Juni 2020,
- ein Schreiben der (...), betreffend genehmigter Lehrvertrag als (...)
vom 6. Juli 2020,
- ein Schreiben des (...) betreffend Schulbeginn (...) 2020 (...), vom
Juli 2020,
- eine Kopie der E-Mail-Nachricht von K._, (...), an L._,
Mitarbeiterin bei J._, betreffend Rückzug des Gesuchs um Ar-
beitsbewilligung vom 21. August 2020,
- Schreiben von M._, (...), betreffend Lehrvertragsauflösung per
(...) 2020 vom 27. August 2020,
- ein Schreiben von N._ betreffend Bestätigung für eine Lehr-
stelle als (...) per (...) 2021 vom 12. Oktober 2020,
- ein Multicheck, Eignungsanalyse 2019/2020, Attest (EBA) (...) von
B._ vom 8. November 2019,
- Schulzeugnisse der Sekundarstufen 1 bis 3 mitsamt Lernberichten von
B._,
- ein Referenzschreiben von I._, (...), vom 12. Oktober 2020,
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- ein Empfehlungsschreiben von O._, (...), vom 15. Okto-
ber 2020,
- ein telc-Zertifikat A2 von A._ vom 14. September 2018,
- ein Schreiben von P._, (...), betreffend Teilnahmebestätigung
von A._ im Kurs Niveau B1 vom 6. Januar 2020 bis am 9. Ap-
ril 2020,
- ein Referenzschreiben von Q._, (...), vom 11. Oktober 2020,
- ein Schreiben der (...) betreffend Beschäftigungsbestätigung von
A._ vom 14. Oktober 2020.
H.
H.a Mit Verfügung vom 26. Januar 2021 erhielten die Beschwerdeführerin-
nen erneut die Möglichkeit ihre aktuellen sozialen Lebensverhältnisse auf-
zudatieren.
H.b Mit Eingabe vom 12. Februar 2021 wurden diverse Referenzschrei-
ben, eine Teilnahmebestätigung für das Skilager im (...) 2019, eine Teil-
nahmebestätigung an drei Unihockeyturnieren im (...) 2017, 2018 und
2019, eine Nothilfekursbestätigung sowie die Anmeldung zur theoretischen
Führerprüfung vom kantonalen Strassenverkehrsamt B._ betref-
fend zu den Akten gereicht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des Asylgesetzes (AsylG) vom
26. Juni 1998 in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Ver-
fahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezem-
ber 2005 (AuG) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integra-
tionsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Gesetzesar-
tikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen wer-
den, weshalb das Gericht die neue Gesetzesbezeichnung verwendet.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.4 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. Art. 112 des Ausländer- und In-
tegrationsgesetzes [AIG; SR 142.20] sowie BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
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die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen. Die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft setzt zudem
voraus, dass die betroffene Person einer landesweiten Verfolgung ausge-
setzt ist und sich nicht in einem anderen Teil ihres Heimatstaates in Schutz
bringen kann. Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigen-
schaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise bestehenden Ver-
folgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeit-
punkt des Asylentscheides ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der
Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der
objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid
sind deshalb zugunsten und zulasten der ein Asylgesuch stellenden Per-
son zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5 und 2010/57 E. 2 je
m.w.H.).
Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich
– aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heu-
tiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft ver-
wirklichen. Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei Menschen in vergleichbarer Lage Furcht
vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden.
Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrach-
tungsweise zu erfolgen, und sie ist andererseits durch das von der betroffe-
nen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver-
gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub-
jektive) Furcht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2.5 je m.w.H.).
3.2 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auch auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Re-
flexverfolgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der
Reflexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3
m.w.H.). Die erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete Furcht
vor zukünftiger (Reflex-)Verfolgung muss ferner sachlich und zeitlich kau-
sal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätz-
lich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19
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Seite 9
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7
Abs. 3 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
4.
4.1 In der angefochtenen Verfügung gelangte die Vorinstanz zum Schluss,
die Vorbringen der Beschwerdeführerin 1 (und ihres Kindes) würden den
Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG nicht
standhalten. Aufgrund fehlender Asylrelevanz verzichtete sie darauf, auf
Unglaubhaftigkeitselemente einzugehen.
Zur Begründung ihrer abweisenden Verfügung führte die Vorinstanz im We-
sentlichen aus, es sei gegenwärtig ein kleines Gebiet im Osten der Ukraine
vom militärischen Konflikt zwischen ukrainischen Sicherheitskräften und
Separatisten betroffen. Die von der Beschwerdeführerin 1 geltend ge-
machten Nachteile seien als Folge der allgemeinen Lage zu sehen und
nicht asylrelevant, zumal die allgemeine Unsicherheit, welche als unaus-
weichliche Folge dieses Konflikts in jenem Landesteil herrsche, die dort
ansässige Bevölkerung in gleichem Masse betreffe. Soweit die Beschwer-
deführerin 1 ganz allgemein die Schwierigkeiten als Person russischer Eth-
nie in der Ukraine seit dem Konflikt in der Ostukraine geltend mache,
handle es sich aufgrund fehlender Intensität jedenfalls nicht um ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG. Es sei auch von keiner systemati-
schen Diskriminierung der russischsprachigen Bevölkerung auszugehen.
Den Beschwerdeführerinnen stünde es zudem frei, sich an einem Ort im
konfliktfreien östlichen Landesteil mit hohem russischsprachigem Bevölke-
rungsanteil niederzulassen.
Weiter sehe die Beschwerdeführerin 1 als Grund für die drei Angriffe durch
den «Rechten Sektor» (Hausbeschädigung, Überfall im Park und Verge-
waltigung in [...]) ihren damals für die Russen kämpfenden Lebenspartner.
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Da dieser mittlerweile nicht mehr am Leben sei, sei folglich davon auszu-
gehen, sie würde seinetwegen nicht mehr ins Visier des «Rechten Sek-
tors» geraten. Ungeachtet dieser Tatsache stellte das SEM ferner fest,
dass sie sich nach dem Vorfall bei der Polizei gemeldet habe, wobei diese
sich mit ihr unterhalten habe und auch Vermutungen bezüglich der mut-
masslichen Täterschaft geäussert habe.
Was schliesslich ihre Furcht vor weiteren Übergriffen durch Angehörige des
«Rechten Sektors» anbelange, sei diese zwar nachvollziehbar, da der uk-
rainische Staat aktuell jedoch als schutzfähig und –willig erachtet werde,
könne sie sich bei weiteren Drohungen an die ukrainischen Behörden wen-
den. Sollte sich dieser staatliche Schutz als ungenügend erweisen, weil
einzelne Polizisten ihrer Pflicht nicht nachkommen würden, könne sie die
zur Verfügung stehenden Beschwerdemöglichkeiten ausschöpfen. Ihre
Aussage, wonach die Polizei Angst vor dem «Rechten Sektor» habe und
deshalb nichts unternehme, könne vor diesem Hintergrund nicht gehört
werden. Schliesslich ergänzte die Vorinstanz, eine polizeiliche Untersu-
chung dürfte sich bei unbekannten Tätern schwierig gestalten, daraus
könne aber nicht der Schluss von schutzunfähigen und –unwilligen Behör-
den gezogen werden.
4.2 Die Beschwerdeführerinnen hielten in der Rechtsmittelschrift ergän-
zend zu ihren bereits dargelegten Asylgründen fest, die Umstände des To-
des ihres Lebenspartners beziehungsweise ihres Vaters, welcher sich frei-
willig der DNR angeschlossen habe, seien bis dato ungeklärt. In der Ukra-
ine werde er auch immer noch polizeilich gesucht. Ausserdem gewähre der
ukrainische Staat derzeit keinen effektiven Schutz und so hätten die Ver-
treter des «Rechten Sektors» grünes Licht für ihr Tun.
Die Feststellung des SEM, wonach die Vorbringen der Beschwerdeführe-
rin 1 nicht asylrelevant seien, sei grundsätzlich nicht richtig. Die Asylrele-
vanz könne mit öffentlich zugänglichen Beweismitteln belegt werden.
Weiter habe die Beschwerdeführerin 1 während der Anhörung den Ein-
druck gehabt, ihr sei nicht geglaubt worden. Die Befragerin habe insbeson-
dere bezüglich der heiklen Thematik der Vergewaltigung unsensibel rea-
giert. Diesbezüglich sei dem Anhörungsprotokoll zu entnehmen, dass
diese auf die Antwort der Beschwerdeführerin 1 woran sie gemerkt habe,
dass sie vergewaltigt worden sei, erwidert habe, sie denke bei einer Ver-
gewaltigung sei man nur teilweise bekleidet angezogen.
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Seite 11
Die Beschwerdeführerinnen machten ferner geltend, die erlebten Verfol-
gungshandlungen seien deshalb zielgerichtet gewesen, weil sie einerseits
der russischen Ethnie angehören würden und andererseits E._,
welcher sich freiwillig auf die Seite der Separatisten gestellt habe, in der
Ukraine als Verräter angesehen und entsprechend behandelt worden sei.
Da die Beschwerdeführerin 1 Opfer sexueller Gewalt (Gruppenvergewalti-
gung) geworden sei, sei die Verfolgung darüber hinaus auch genügend in-
tensiv gewesen. Ihre Schilderungen zu den zentralen Asylvorbringen, wel-
che – auch wenn dies nicht immer entsprechend im Protokoll festgehalten
worden sei – mit diversen Realkennzeichen versehen gewesen, seien
glaubhaft ausgefallen.
5.
5.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die Beschwerdeführerinnen die
Flüchtlingseigenschaft aus den nachfolgenden Gründen nicht erfüllen und
die Vorinstanz ihre Asylgesuche daher im Ergebnis zu Recht abgewiesen
hat.
5.2 Gestützt auf die vorliegende Aktenlage weisen die geltend gemachten
Probleme und Diskriminierungen der Beschwerdeführerinnen aufgrund ih-
rer Zugehörigkeit zur russischen Volksgruppe durch Nachbarn, Bekannte
sowie Schul- und Arbeitskolleginnen und -kollegen im Alltag (vgl. hierzu
SEM-Akten A/3, Ziffer 7.03 und A/9, F 65) – selbst bei Wahrunterstellung –
weder die erforderliche Gezieltheit noch Intensität auf, um als asylrechtlich
relevant im Sinne von Art. 3 AsylG eingestuft werden zu können. Zur Ver-
meidung von Wiederholungen kann hierzu auf die zutreffenden Ausführun-
gen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. dort E. II, Zif-
fer 1). In der Beschwerdeschrift bringen die Beschwerdeführerinnen so-
dann nichts vor, das eine Änderung dieser Einschätzung bewirken könnte.
5.3
5.3.1 Zur Frage der Glaubhaftigkeit betreffend die Vorbringen der Be-
schwerdeführerin 1, wonach sie aufgrund ihres Lebenspartners, welcher
sich dargelegtermassen (...) 2015 freiwillig der pro-russischen DNR an-
schloss und im von Separatisten kontrollierten Gebiet der Oblast Donezk
in den Kampf zog, von Angehörigen des «Rechten Sektors» bedroht, be-
schimpft, geschlagen und vergewaltigt worden sei, ist Folgendes festzu-
halten: Die Beschwerdeführerin 1 schilderte die zentralen Fluchtgründe
(die Hausbeschädigung (...) 2015, den Überfall auf dem Nachhauseweg
am (...) 2015 und die Vergewaltigungen durch Angehörige des «Rechten
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Seite 12
Sektors» am (...) 2015) in den Befragungen im Wesentlichen übereinstim-
mend und in sich stimmig. Anlässlich der Anhörung beschrieb sie die erlit-
tenen mehrfachen Vergewaltigungen vom (...) 2015 zwar nicht sehr aus-
führlich und detailliert, aber dennoch überzeugend und beantwortete auch
die zahlreichen Nachfragen hierzu konsistent. Besondere Beachtung ist
dabei den Realkennzeichen in Form von emotionalen Regungen zu schen-
ken. Die Beschwerdeführerin 1 weinte gemäss Protokoll während der An-
hörung mehrmals (vgl. SEM-Akte A/9, F 65, F 67 und F 104) und hatte
Mühe, über die sexuellen Missbräuche zu sprechen, obwohl die Befragung
in einem reinen Frauenteam stattfand. Diesbezüglich hielt auch die an der
Anhörung anwesende Hilfswerksvertretung (HWV) auf dem «Unterschrif-
tenblatt der Hilfswerkvertretung (HWV) gemäss Art. 30 Abs. 4 AsylG» fest,
ihre Hände hätten bei der Schilderung der Vergewaltigungen gezittert, sie
habe geweint und zum Teil Mühe gehabt weiterzusprechen (vgl. SEM-
Akte A/9, Seite 18). Bei einer Gesamtbetrachtung des Aussageverhaltens
der Beschwerdeführerin 1 fällt des Weiteren auf, dass kein Bruch in ihrem
Erzählstil erfolgte. Beispielsweise berichtete sie über ihr Leben in
D._ vor den Vorfällen in einer ähnlichen Erzähldichte wie über die
geltend gemachten Angriffe durch Zugehörige des «Rechten Sektors».
Hinzukommend erscheinen ihre Aussagen auch im länderspezifischen
Kontext durchaus nachvollziehbar und plausibel. Andererseits reichte sie
bis dato zum Nachweis ihrer Vorbringen keinerlei Beweismittel (wie bei-
spielsweise Unterlagen der Behörden, Korrespondenzen ihres Anwalts,
Dokumente betreffend die Auflösung ihres Arbeitsverhältnisses in (...) oder
Belege zu ihrem dreiwöchigen Spitalaufenthalt nach der Mehrfachverge-
waltigung [...] 2015) ins Recht, was zumindest Zweifel aufwirft. Letztlich
kann eine abschliessende Beurteilung der Glaubhaftigkeit der geltend ge-
machten, erlittenen Verfolgungshandlungen jedoch in Anbetracht der nach-
folgenden Ausführungen offengelassen werden.
5.3.2 Vorliegend kann auch eine eingehende Auseinandersetzung mit der
Frage, ob aufgrund der von der Beschwerdeführerin 1 geschilderten per-
sönlichen Umstände und Situation im Zeitpunkt ihrer Ausreise eine Verfol-
gung beziehungsweise eine (objektiv) begründete Furcht vor Verfolgung
durch den "Rechten Sektor" zu bejahen wäre, unterbleiben, denn unbese-
hen der Frage nach der Verfolgungsfurcht vor der Ausreise ist – wie nach-
folgend aufgezeigt wird – im heutigen Zeitpunkt nicht mehr von einer be-
gründeten Furcht vor zukünftig drohender Verfolgung auszugehen.
5.3.2.1 In der Anhörung vom 21. August 2017 gab die Beschwerdeführe-
rin 1 zu Protokoll, es sei ihr in der Zwischenzeit von einem Freund mitgeteilt
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Seite 13
worden, dass ihr Lebenspartner, E._, nicht mehr am Leben sei
(vgl. SEM-Akte A/9, F 37 ff.). Dementsprechend ist – in Übereinstimmung
mit der Vorinstanz – davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerinnen
im Falle einer Rückkehr in die Ukraine seinetwegen nicht mehr ins Visier
des «Rechten Sektors» geraten würden. Damit sind keine objektiven Um-
stände erkennbar, aufgrund welchen die Beschwerdeführerinnen in nach-
vollziehbarer Weise befürchten müssten, eine Reflexverfolgung werde sich
(bei einer Rückkehr in die Ukraine) mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft verwirklichen.
5.3.2.2 Wie die Vorinstanz in ihrer Verfügung zutreffend ausführte, sind die
Bewohnerinnen und Bewohner der Ukraine angesichts der aktuellen Lage
zwar allgemein einem erhöhten Risiko von Repressalien durch Angehörige
von Gruppierungen, welche gegen das herrschende Regime vorgehen
wollen und für sich Macht in Anspruch nehmen sowie durch mafiöse und /
oder kriminelle Organisationen oder Banden, ausgesetzt. Deshalb ist die
Angst der Beschwerdeführerin 1 vor Drohungen und Übergriffen durch An-
gehörige des «Rechten Sektors» durchaus verständlich; dies umso mehr,
als sie bereits vorbrachte, solchen Übergriffen – insbesondere auf ihre se-
xuelle Integrität – ausgesetzt gewesen zu sein. Mit Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts D-7725/2015 vom 6. März 2018 (E. 8.4.1; bestätigt bei-
spielsweise im Urteil D-3512/2020 vom 30. Juli 2020 E. 6) wurde allerdings
festgehalten, dass der ukrainische Staat beziehungsweise dessen Behör-
den und Instanzen nach Erkenntnissen des Gerichts aktuell in der Lage
und willens sei, von Konflikten betroffenen Personen wirksamen Schutz zu
gewähren, sollte sich dies als notwendig erweisen. Das Bundesverwal-
tungsgericht hielt im eben zitierten Entscheid ausserdem fest, es könne
nicht die Rede davon sein, dass ukrainische Staatsangehörige unter dem
Einfluss des herrschenden Konflikts Übergriffen von Angehörigen des so-
genannten «Rechten Sektors» oder der Ultranationalisten schutzlos aus-
gesetzt seien, bedroht würden und dies von der Regierung systematisch
gefördert oder gar tatenlos geduldet würde. Ebenso ist davon auszugehen,
dass die ukrainischen Behörden in der Lage und willens sind, Schutz vor
pro-russischen Angriffen zu gewähren, zumal sie zahlreiche Massnahmen
ergriffen haben, um gegen die anhaltenden Desinformations- und Cyber-
kampagnen Russlands vorzugehen (vgl. hierzu U.S. Departement of State,
2019 Country Reports on Human Rights Practices: Ukraine,
11. März 2020, https://www.state.gov/reports/2019-country-reports-on-hu-
man-rights-practices/ukraine/, abgerufen am 24. Februar 2021).
D-5774/2018
Seite 14
Die Vorbringen der Beschwerdeführerinnen in ihrer Rechtsmittelschrift sind
somit nicht geeignet, die Einschätzung der Vorinstanz zu entkräften, wo-
nach die ukrainischen Behörden derzeit als schutzfähig und schutzwillig zu
betrachten sind und es ist – wie soeben erwähnt – zu berücksichtigen,
dass im heutigen Zeitpunkt nicht (mehr) davon auszugehen ist, es könnte
kein Schutz durch das Sicherheits- und Justizsystem beansprucht werden.
Die ukrainischen Behörden sind daher sowohl grundsätzlich als auch im
vorliegenden Fall als schutzbereit und schutzfähig zu bezeichnen. Auch im
Falle von weiteren Bedrohungen oder befürchteten Übergriffen durch An-
gehörige des «Rechten Sektors» beziehungsweise Ultranationalisten
könnten sie sich wieder an die zuständigen Behörden ihres Heimatlandes
wenden, den dort vorhandenen staatlichen Schutz in Anspruch nehmen
und – sollte sich dieser als ungenügend erweisen, weil einzelne Beamte
ihren Pflichten nur ungenügend nachkommen oder korrupt sind – die dort
zur Verfügung stehenden Beschwerdemöglichkeiten und Rechtsmittel aus-
schöpfen. Den verfügbaren Länderinformationen zufolge ist nach der Eu-
romaidan-Revolution überall im Land der Kampf gegen die Korruption auf-
genommen worden (vgl. Länder-Analysen, Forschungsstelle Osteuropa
[FSO] & Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde [DGO, Bremen & Ber-
lin], Korruption; Ihor Kolomojskiyj, 28. Oktober 2019).
5.4 Zusammenfassend sind die geltend gemachten Verfolgungsvorbringen
aus den oben genannten Gründen als nicht asylrechtlich relevant zu quali-
fizieren. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen erübrigt es sich, auf wei-
tere Details der im vorinstanzlichen Verfahren wie auch auf Beschwerde-
ebene geltend gemachten Vorbringen im Einzelnen einzugehen, da diese
an der Beurteilung nichts zu ändern vermögen. Die Vorinstanz hat die Asyl-
gesuche der Beschwerdeführerinnen mangels Asylrelevanz der Vorbrin-
gen somit zu Recht abgewiesen.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführerinnen verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9,
je m.w.H.).
D-5774/2018
Seite 15
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen
gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche
Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst,
sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen.
7.2
7.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein
Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr
läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der
Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
7.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführerinnen nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in
Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerde-
führerinnen in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von
Art. 5 AsylG rechtmässig.
7.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdefüh-
rerinnen noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-
D-5774/2018
Seite 16
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen Ge-
richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folter-
ausschusses müssten die Beschwerdeführerinnen eine konkrete Gefahr
("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde
(vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse
Kammer 37201/06, §§ 124127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschen-
rechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heuti-
gen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
7.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in zahlreichen Urteilen – auch
neueren Datums – davon aus, dass die allgemeine Lage in der Ukraine
trotz des immer noch andauernden bewaffneten Konflikts in einem Teil des
Staatsgebietes nicht landesweit durch Krieg oder eine Situation allgemei-
ner Gewalt gekennzeichnet ist, aufgrund derer die Zivilbevölkerung als ge-
nerell konkret gefährdet bezeichnet werden müsste (vgl. statt vieler bei-
spielsweise das Urteil des BVGer D-3512/2020 vom 30. Juli 2020 E. 9.2
m.w.H.).
7.3.3 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, bil-
det das Kindeswohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung einen Gesichts-
punkt von vorrangiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer
völkerrechtskonformen Auslegung des Art. 83 Abs. 4 AIG im Licht von
Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die
Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107). Danach sind unter dem Aspekt des
Kindeswohls sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im
Hinblick auf einen Vollzug der Wegweisung wesentlich erscheinen
(vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.2 und 2009/51 E. 5.6; Entscheidungen und Mit-
teilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1998
D-5774/2018
Seite 17
Nr. 13 E. 5e/aa, 1998 Nr. 31 E. 8c/ff/ccc S. 260, 2005 Nr. 6 E. 6.2 S. 57 f.).
Somit ist der Persönlichkeit des Kindes und seinen Lebensumständen um-
fassend Rechnung zu tragen.
Dabei können bei dieser gesamtheitlichen Beurteilung namentlich folgende
Kriterien von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, In-
tensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugs-
personen (insbesondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand
und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung, sowie der Grad der er-
folgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade
letzterer Aspekt, die Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hinblick
auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Reintegration im Hei-
matland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht
ohne guten Grund aus einem einmal vertrauten Umfeld herausgerissen
werden sollten. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur
das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie)
zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige soziale Einbettung.
Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung auf die
Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine
starke Assimilierung in der Schweiz mithin eine Entwurzelung im Heimat-
staat zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr dorthin
als unzumutbar erscheinen lässt; eine solche Überlagerung der früheren
Sozialisierung durch die aktuelle Einbettung in die schweizerische Gesell-
schaft ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen aber auch bei jungen
Erwachsenen zu beobachten (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.6 und 2009/28
E. 9.3.2, je m.w.H.; u.a. bestätigt im Urteil D-5473/2019 vom 25. Novem-
ber 2019 E. 5.3.2).
Während Kindern in einem anpassungsfähigen sehr jungen Alter die Rück-
kehr in ihr Heimatland selbst nach einem mehrjährigen Aufenthalt im Gast-
land gemeinhin zugemutet wird, verlangt ein Wegweisungsvollzug von
langjährig anwesenden Adoleszenten sowie auch von zwischenzeitlich er-
wachsen gewordenen Kindern beziehungswiese Jugendlichen eine diffe-
renzierte Betrachtung. Abzuwägen sind dabei insbesondere die besonde-
ren Bindungen, welche die betroffene Person im Aufenthaltsstaat einge-
gangen ist, in dem sie massgeblich ihre Erziehung erhalten, den Grossteil
der sozialen Kontakte knüpft und ihre eigene Identität entwickelt hat. Die
Gewichtung der Aufenthaltsdauer hat sodann der Intensität und Prägung
des Aufenthalts Rechnung zu tragen.
D-5774/2018
Seite 18
7.3.4 Die heute (...)-jährige Beschwerdeführerin 1 lebte seit Geburt bis zu
ihrer Ausreise im (...) 2015 in D._. Die gelernte (...) und (...) arbei-
tete zuletzt in (...) und finanzierte so den Lebensunterhalt für sich und ihre
Tochter. Gemäss eigenen Angaben wohnen ihre Mutter, ihre Grosstante
und ihr Bruder, mit welchen sie weiterhin in Kontakt steht, in der Ukraine,
womit sie in ihrem Heimatstaat über ein tragfähiges familiäres und soziales
Beziehungsnetz verfügt, auf welches sie bei ihrer Rückkehr zurückgreifen
kann. Die Beschwerdeführerin 1 hat sich in der Schweiz zwar einen Be-
kannten- und Freundeskreis aufgebaut (vgl. Referenzschreiben von
Q._, (...) bei R._, vom 11. Oktober 2020, S._ und
T._ vom 4. Februar 2021, U._ vom 5. Februar 2021,
V._ vom 9. Februar 2021, W._ vom 10. Februar 2021 und
X._ vom 11. Oktober 2021) und verfügt – wie ihre Tochter – über
gute Deutschkenntnisse (vgl. hierzu das telc-Zertifikat A2 vom 14. Septem-
ber 2018 und das Schreiben von P._, (...) bei der R._, be-
treffend Teilnahmebestätigung Kurs Niveau B1). Ausserdem arbeitete sie
vom 1. November 2016 bis am 30. Oktober 2018 bei der (...), wobei sie die
(...) unterstützte (vgl. Schreiben der (...), Standort Y._ betreffend
Beschäftigungsbestätigung vom 14. Oktober 2020). Angesichts ihres Bil-
dungsstandes, ihrer langjährigen Berufserfahrung und ihren in der Schweiz
gesammelten Arbeitserfahrungen ist davon auszugehen, dass sie inner-
halb eines absehbaren Zeitraums wieder einen Einstieg in die Berufstätig-
keit finden und eine Erwerbstätigkeit aufnehmen kann, welche ihr die Exis-
tenzsicherung für sich und ihre Tochter ermöglichen wird. Diesbezüglich ist
zudem auf die finanzielle Rückkehrhilfe der Schweiz gemäss Art. 93 Abs. 1
Bst. d AsylG i.V.m. Art. 73 ff. der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999
über Finanzierungsfragen (AsylV 2, SR 142.312) hinzuweisen. Damit lie-
gen bei der Beschwerdeführerin 1 günstige Voraussetzungen für eine er-
folgreiche soziale und wirtschaftliche Reintegration im Heimatstaat vor.
Schliesslich ist festzuhalten, dass die im vorinstanzlichen Verfahren gel-
tend gemachten gesundheitlichen Beschwerden (...) nicht geeignet sind,
an der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs etwas zu ändern, zumal
bis zum heutigen Zeitpunkt keine aktuellen Arztberichte ins Recht gelegt
wurden. Im Rahmen der Rückkehr steht es der Beschwerdeführerin 1 im
Übrigen offen, vor der Ausreise bei der Vorinstanz einen Antrag auf medi-
zinische Rückkehrhilfe zu stellen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m.
Art. 75 AsylV2).
7.3.5 Die Beschwerdeführerin 2 war bei der Ausreise aus der Ukraine im
(...) 2015 (...) Jahre alt. Sie befindet sich zum Urteilszeitpunkt nun mehr
D-5774/2018
Seite 19
als fünf Jahre in der Schweiz und hat damit prägende Jahre ihrer Adoles-
zenz hier verbracht. Sie hat sich während dieser Zeit offenbar kollegiale
und freundschaftliche Beziehungen zu anderen Jugendlichen aufgebaut,
was durch diverse zu den Akten gereichte Referenzschreiben belegt wird
(vgl. hierzu die Referenzschreiben von X._ vom 8. Oktober 2021,
S._ und T._ vom 4. Februar 2021, Z._ vom 7. Feb-
ruar 2021, Aa._ vom 8. Februar 2021, Bb._ vom 8. Feb-
ruar 2021, Cc._ vom 9. Februar 2021, Dd._vom 9. Feb-
ruar 2021 und Ee._ vom 10. Februar 2021). Damit bestehen zwei-
fellos soziale Bindungen ausserhalb der Kernfamilie. Die Beschwerdefüh-
rerin 2 hat sich sodann auch schulisch in der Schweiz gut einleben können.
Ab (...) 2017 ging sie in die Sekundarschule in Ff._, wobei sie in-
folge hervorragenden Leistungen bereits im (...) 2018 von der Sekundar-
stufe B in die Sekundarstufe A eingestuft wurde. Sie schloss die dritte Se-
kundarklasse im (...) 2020 erfolgreich ab. Den eingereichten Schulzeug-
nissen ist zu entnehmen, dass sie nicht nur durchgehend gute schulische
Leistungen erbrachte, sondern auch ein gutes Arbeits- und Lern- sowie So-
zialverhalten aufweist (vgl. die Schulzeugnisse der Sekundarstufen 1 bis 3
mitsamt Lernberichten). Ihre Lehrerinnen beschreiben sie dementspre-
chend als ausgesprochen intelligente, motivierte, äusserst fleissige und
pflichtbewusste Schülerin. Weiter fiel sie durch ihre sozialen Kompetenzen,
ihre Höflichkeit, ihre Hilfsbereitschaft und ihre Rücksichtnahme positiv auf
(vgl. hierzu das Referenzschreiben von I._ vom 12. Oktober 2020
sowie das Empfehlungsschreiben von O._ vom 15. Oktober 2020).
Sie nahm auch an verschiedenen schulischen Angeboten teil. So arbeitete
sie am Kunstprojekt "(...)" für die Ausstellung "(...)" des (...) in H._
mit (vgl. Referenzschreiben von Gg._, (...) des (...) vom 2. Feb-
ruar 2021 und dem (...) Hh._ und Ii._ vom 2. Februar 2021)
und betätigte sich sportlich (vgl. Bestätigungen der Teilnahme an Uniho-
ckeyturnieren im (...) 2017, 2019 und 2019 von Jj._, (...) an der
Schule Ff._, vom 5. Februar 2021 und die Teilnahmebestätigung
am Skilager in Kk._ im (...) 2019 von Ll._, ebenfalls (...) an
der Schule Ff._, vom 9. Februar 2021). Für den (...) 2020 war der
Beginn einer Lehre als (...) vorgesehen gewesen (vgl. hierzu den Lehrver-
trag zwischen J._ und B._ vom 23. Juni 2020, das Schrei-
ben der (...), betreffend genehmigter Lehrvertrag als (...) vom 6. Juli 2020
sowie das Schreiben des (...) betreffend Schulbeginn (...) 2020 (...) vom
Juli 2020). Mangels Bleiberechts in der Schweiz konnte sie diese bis anhin
zwar nicht antreten (vgl. die E-Mail-Nachricht von K._, (...), betref-
fend Rückzug des Gesuchs um Arbeitsbewilligung vom 21. August 2020
und das Schreiben von M._, (...), betreffend Lehrvertragsauflösung
D-5774/2018
Seite 20
per (...) 2020 vom 27. August 2020), der Lehrbetrieb ist aber weiterhin an
ihr interessiert und hält ihr sogar die Lehrstelle als (...) im (...) 2021 frei
(vgl. das Schreiben von N._ betreffend Bestätigung für eine Lehr-
stelle als (...) per (...) 2021 vom 12. Oktober 2020). Der heute (...)-Jähri-
gen – und somit nach wie vor minderjährigen Beschwerdeführerin 2 – ist
offenbar eine gute Integration in der Schweiz gelungen, wobei die hiesige
Kultur und Lebensweise in den vergangenen Jahren bereits einen gewis-
sen Einfluss auf ihre individuelle Persönlichkeitsentwicklung gehabt haben
dürfte. Dennoch ist angesichts deren knapp fünfeinhalbjährigen Aufent-
halts in der Schweiz nicht von einer derart starken Integration und fortge-
schrittenen Verwurzelung in der Schweiz auszugehen, dass zu schliessen
wäre, eine Rückkehr in die Ukraine sei unter dem Aspekt des Kindeswohls
unzumutbar. So ist – infolge der gemeinsamen Flucht aus dem Heimatland,
der neuen Situation in der Schweiz und der anfänglichen Fremdsprachig-
keit – davon auszugehen, dass sie sich immer noch in erster Linie an ihrer
Mutter orientiert, wobei ihre Bindung stärker sein dürfte, als bei anderen
gleichaltrigen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Aufgrund ihrer ers-
ten Sozialisierung in der Ukraine ist sie sodann mit der heimatlichen Kultur
und der ukrainischen Sprache vertraut, so dass ihr eine soziale Reintegra-
tion und das schliessen neuer Freundschaften in der Heimat – wie dies
auch in der Schweiz der Fall zu sein scheint – ohne grössere Probleme
und schnell gelingen dürfte. Angesichts ihres noch relativ jungen Alters und
der nicht übermässig langen Abwesenheit von ihrem Heimatland ist nicht
davon auszugehen, dass ihre Reintragration in der Ukraine stark erschwert
sein sollte, zumal sie damit den weitaus grössten Teil ihres Lebens in ihrem
Heimatland verbrachte und dort vor ihrer Ausreise (...) Jahre lang die
Grundschule besucht hatte. Aufgrund ihrer persönlichen und sozialen Vo-
raussetzungen kann schliesslich davon ausgegangen werden, dass sie in
der Ukraine eine geeignete Ausbildung finden wird. Selbst wenn eine Wie-
dereingliederung in der Ukraine mit gewissen Schwierigkeiten verbunden
sein dürfte, ist davon auszugehen, dass ihr nach einer gewissen Anlauf-
phase eine Eingliederung ins dortige Schulsystem respektive in das Be-
rufsleben gelingen wird. Die in der Schweiz erworbenen Erfahrungen und
gewonnenen schulischen und sprachlichen Kenntnisse können ihr dabei
von Nutzen sein, konnte sie doch zumindest die obligatorische Schulzeit
hier beenden. Nach dem Gesagten kann nicht davon gesprochen werden,
dass eine Rückkehr in die Ukraine für die Beschwerdeführerin 2 unzumut-
bar wäre.
D-5774/2018
Seite 21
7.3.6 Unter Berücksichtigung der geschilderten Umstände erweist sich der
Vollzug der Wegweisung insgesamt als zumutbar im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG.
7.4 Schliesslich erweist sich der Wegweisungsvollzug auch als möglich, da
die Beschwerdeführerinnen über rechtsgenügliche Identitätsdokumente
der Ukraine verfügen (Art. 83 Abs. 2 AIG). Und sie im Übrigen verpflichtet
sind, über die für sie zuständige Vertretung des Heimatstaates die für eine
Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8
Abs. 4 AsylG, BVGE 2008/34 E. 12).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten
fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83
Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten grund-
sätzlich den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (vgl. Art. 63
Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Da ihnen jedoch mit Zwischenverfügung vom 12. Okto-
ber 2018 die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG
gewährt wurde und keine massgebenden Veränderungen der finanziellen
Verhältnisse ersichtlich sind, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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