Decision ID: e7c1491b-01cf-5ab9-a5b8-64a88b297d31
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) April 2021 in der Schweiz um Asyl
nach. Sein Asylgesuch wurde im beschleunigten Verfahren geprüft. Anläss-
lich der Erstbefragung UMA (unbegleitete minderjährige Asylsuchende)
vom 3. Mai 2021 und der Anhörung vom 8. Juni 2021 machte er im We-
sentlichen Folgendes geltend:
Er sei algerischer Staatsangehöriger arabischer Ethnie und in B._
geboren und aufgewachsen. Er habe in seiner Heimat in einem Quartier
namens C._ gelebt, wo illegale Wohnungen gebaut worden seien.
Auch sein Vater habe dort ein Grundstück gekauft und ohne Baubewilli-
gung eine Wohnung gebaut. Eines Tages sei er von vier unbekannten Ju-
gendlichen aus dem Quartier angehalten, geschlagen, mit dem Messer
verletzt und bestohlen worden. Daraufhin sei er zum Nachbarn geflüchtet,
welcher ihn später ins Krankenhaus gebracht habe. Anschliessend habe er
bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Polizeibeamten
hätten die Anzeige aufgenommen und ihm in Aussicht gestellt, sich bei ihm
zu melden. Dies sei aber nie geschehen. Bei den Angreifern habe es sich
um vier Jugendliche gehandelt, welche sich vorgenommen hätten, ihn zu
beseitigen. Als er sie ungefähr 20 Tage nach dem Vorfall erneut angetroffen
habe, hätten sie ihn mit dem Tode bedroht. Er habe sein Heimatland ver-
lassen, um diesen Jungen zu entkommen sowie um hier die Schule zu be-
suchen und sich weiter auszubilden.
Als Identitätsnachweis legte der Beschwerdeführer eine Kopie seines Ge-
burtsscheins zu den Akten.
B.
Ein vom SEM am 1. Juni 2021 in Auftrag gegebenes rechtsmedizinisches
Gutachten des D._ vom 9. Juni 2021 ergab ein Mindestalter von
(...) Jahren und ein wahrscheinliches Lebensalter des Beschwerdeführers
von unter 18 Jahren. Das vom Beschwerdeführer angegebene Alter von
(...) Jahren sei mit den erhobenen Befunden nicht zu vereinbaren, liege
aber nur knapp unterhalb des geschätzten Mindestalters. Er wurde dem-
entsprechend im weiteren Asylverfahren nach wie vor als UMA behandelt.
Das Altersgutachten wurde seinem Rechtsvertreter am 14. Juni 2021 zur
Kenntnis gebracht.
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C.
Am 17. Juni 2021 wurde dem Beschwerdeführer der Entscheidentwurf des
SEM ausgehändigt. Mit Eingabe vom 18. Juni 2021 nahm er schriftlich
dazu Stellung.
D.
Mit Verfügung vom 21. Juni 2021 – gleichentags eröffnet – verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers (Dispositiv-
ziffer 1), lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2), verfügte seine Weg-
weisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3) und ordnete den Wegwei-
sungsvollzug (Dispositivziffer 4) an. Gleichzeitig beauftragte es den Kanton
E._ mit dem Vollzug der Wegweisung.
E.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 21. Juli 2021 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die vorinstanz-
liche Verfügung sei in den Dispositivziffern 3 bis 5 aufzuheben und es sei
die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Eventualiter sei die Verfügung auf-
zuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um unentgeltliche Prozessführung un-
ter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde
sei im Sinne einer vorsorglichen Massnahme die aufschiebende Wirkung
zu erteilen und die Vollzugsbehörde unverzüglich anzuweisen, von einer
Überstellung des Beschwerdeführers nach Algerien abzusehen, bis das
Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung
entschieden habe.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
22. Juli 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR
142.31]). Gleichentags bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 5. August 2021 hiess die zuständige Instruk-
tionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gut und lud das SEM zur Vernehmlassung ein.
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H.
Mit Vernehmlassung vom 18. August 2021 (nach gewährter Fristerstre-
ckung) hielt die Vorinstanz mit weiteren Ausführungen an ihrer Verfügung
fest.
I.
Mit Verfügung vom 24. August 2021 wurde dem Beschwerdeführer Gele-
genheit zur Replik gewährt. Mit Eingabe vom 3. September 2021 verwies
er auf seine Beschwerde und hielt an seinen Anträgen fest.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung vom 1. April 2020 über Mass-
nahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-
19-Verordnung Asyl, SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
Der Beschwerdeführer stellt die prozessualen Anträge, der Beschwerde sei
die aufschiebende Wirkung einzuräumen und die Vollzugsbehörde sei an-
zuweisen, von einer Überstellung des Beschwerdeführers abzusehen, bis
das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wir-
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kung entschieden habe. Auf diese Anträge ist nicht einzutreten, da der Be-
schwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zukommt und
diese nicht entzogen wurde (Art. 55 Abs. 1 VwVG). Im Übrigen ist auf die
Beschwerde einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen die von der Vorinstanz
angeordnete Wegweisung und deren Vollzug. Die Dispositivziffern 1 und 2
der angefochtenen Verfügung der Vorinstanz sind mangels Anfechtung in
Rechtskraft erwachsen und bilden nicht Gegenstand des Verfahrens. Die
von der Vorinstanz angeordnete Wegweisung an sich (Dispositivziffer 3)
wird – obwohl in den Rechtsbegehren explizit genannt – inhaltlich nicht an-
gefochten. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet
demnach ausschliesslich die Frage, ob die Vorinstanz den Vollzug der
Wegweisung zu Recht angeordnet hat oder nicht.
4.
4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
4.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG
kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn
sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg,
Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret ge-
fährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbe-
halt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der
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Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Aus-
länder weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Dritt-
staat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
4.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.
5.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung darauf hin, dass
das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen
schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Gestützt auf das Überein-
kommen vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK; SR
0.107) sei der Vollzug der Wegweisung nur dann unzulässig, wenn er auf
Bestimmungen des schweizerischen Rechts oder auf einer Behördenpra-
xis beruhe, die mit den allgemeinen Richtlinien der KRK, namentlich mit
Art. 22, nicht vereinbar seien. Der Wegweisungsvollzug erweise sich vor-
liegend als zulässig. Bezüglich Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
hielt sie fest, es seien keine individuellen Gründe ersichtlich, welche gegen
diese sprechen würden. Der Beschwerdeführer sei gesund, habe eine
grundlegende Schulbildung und verfüge über Arbeitserfahrung. Es sei da-
von auszugehen, dass er in Algerien wieder in sein vertrautes familiäres
Umfeld zurückkehren könne. Seine Familie habe Eigentum, der Vater er-
halte eine (...) und der Bruder arbeite. Aus seinen spärlichen Angaben zur
Lebensrealität seiner weiteren in B._ wohnhaften Verwandten sei
nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Es sei von einem grösseren familiä-
ren und sozialen Netz auszugehen, welches sich bei seiner Rückkehr als
tragfähig erweisen werde. Es bestehe kein begründeter Anlass zur An-
nahme, an seinen Familienverhältnissen habe sich seit der Erstbefragung
Grundlegendes geändert. Aus seinen Ausführungen gingen keine konkre-
ten Anzeichen hervor, dass er bei einer Rückkehr nach Algerien in eine
existenzbedrohende Situation geraten könne. Der Vollzug der Wegwei-
sung erweise sich sodann als möglich.
5.2 Dem entgegnete der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde, das
SEM hätte konkret abklären müssen, ob er als UMA in ein familiäres Um-
feld zurückgeführt beziehungsweise anderweitig untergebracht werden
könne. Dies habe vor dem Erlass einer Verfügung zu geschehen, damit die
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Resultate der Abklärung einer gerichtlichen Prüfung offenstünden. Vorlie-
gend habe es die Vorinstanz unterlassen abzuklären, ob vor Ort Strukturen
bestünden, welche dem Beschwerdeführer die Wiederaufnahme im Hei-
matland ermöglichten. Damit habe sie ihren Untersuchungsgrundsatz ver-
letzt. Der Familie des Beschwerdeführers gehe es finanziell nicht gut. Die
Wohngegend, in welcher sie lebe, sei illegal erbaut worden. Die algerische
Polizei würde Personen, welche in dieser Gegend wohnten, nicht schüt-
zen.
5.3 In der Vernehmlassung bestätigte das SEM seine Erwägungen und
hielt ergänzend fest, der Beschwerdeführer habe in der Erstbefragung zu
Protokoll gebracht, dass ihn seine Eltern "natürlich" wieder im familienei-
genen Haus aufnehmen würden. Es bestünden keine Zweifel am Vorhan-
densein eines tragfähigen familiären Netzes. Zumindest seine Kernfamilie,
bei welcher er bis zu seiner Ausreise gelebt habe, würde sich an seinem
Heimatort befinden. Es bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, an
diesen Verhältnissen habe sich Grundlegendes geändert. Seine pauschale
Angabe, die Familie habe jahrelang in einem ohne Baugenehmigung er-
richteten Haus gelebt, vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern.
Bis zur Erstbefragung im Mai 2021 scheine sein Kontakt mit seiner Kern-
familie keinen grösseren Schwierigkeiten unterworfen gewesen zu sein.
Während des weiteren Verfahrens habe er die Kontaktaufnahme dann
weitgehend als problematisch und sporadisch bezeichnet. Dabei sei argu-
mentiert worden, er habe kaum Zugang zum Internet. In der Beschwerde
behaupte er nun, der Kontakt sei aufgrund technischer Probleme ganz zum
Erliegen gekommen. Er habe sich ausserdem frei und ohne Impuls seiner
Familie zur Ausreise entschieden, was für eine gewisse persönliche Reife
spreche. Es sei weder eine Entwurzelung vom Heimatstaat noch eine ver-
tiefte Integration in der Schweiz feststellbar. Vor seiner Ausreise habe er
von den Einnahmen seiner Eltern leben können und bei einer Rückkehr
könne er die Schule wieder aufnehmen. Ausserdem sei er physisch und
psychisch gesund. Die primären Bezugspersonen des Beschwerdeführers,
seine Eltern, lebten nach wie vor in der vertrauten Umgebung in
B._. Vor diesem Hintergrund sei eine Rückkehr dorthin nicht bloss
als zumutbar anzusehen, sondern unter Berücksichtigung des Kindes-
wohls gemäss Art. 3 Abs. 1 KRK gar prioritär anzustreben. Unter Verweis
auf die Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers sei zudem darauf hinzu-
weisen, dass dieser im Verfahren gebeten worden sei, etwa die Adresse
des Elternhauses in B._ zu spezifizieren, was jedoch ohne nach-
vollziehbare Gründe unterlassen worden sei.
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6.
6.1 In der Beschwerde wird demnach gerügt, das SEM habe den rechtser-
heblichen Sachverhalt hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zuges in Bezug auf die spezifischen Abklärungen der persönlichen Situa-
tion eines unbegleiteten Minderjährigen unter dem Blickwinkel des Kindes-
wohls nicht vollständig und richtig abgeklärt. Es sei seiner Pflicht, von Am-
tes wegen vor Entscheidfällung konkret abzuklären, ob der Beschwerde-
führer in ein familiäres Umfeld zurückgeführt werden beziehungsweise an-
derweitig untergebracht werden könne, nicht zur Genüge nachgekommen.
Diese formelle Rüge ist vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet sein
könnte, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl.
BVGE 2013/34 E. 4.2).
6.2
6.2.1 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht
bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten-
widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt
worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechts-
wesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/
BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bun-
des, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
6.2.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die zuständige Behörde den Sachverhalt
von Amtes wegen fest. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts verpflichten Art. 3 und 22 KRK die asylrechtlichen Behör-
den, das Kindeswohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung als gewichti-
gen Aspekt zu berücksichtigen. Das SEM ist bezüglich unbegleiteter min-
derjähriger Asylsuchender verpflichtet abzuklären, ob Minderjährige zu ih-
ren Eltern oder anderen Angehörigen zurückgeführt werden können und
ob diese in der Lage sind, ihre Bedürfnisse abzudecken. Können die An-
gehörigen nicht ausfindig gemacht werden oder ergibt sich, dass die Rück-
kehr zu diesen dem Kindeswohl nicht entspricht, ist weiter abzuklären, ob
das Kind in der Heimat allenfalls in einer geeigneten Anstalt oder bei einer
Drittperson untergebracht werden kann. Diesbezüglich sind konkrete Ab-
klärungen vorzunehmen; blosse allgemeine Feststellungen, im Heimat-
oder Herkunftsland würden Eltern oder andere Angehörige leben bezie-
hungsweise es gebe in dem betreffenden Land entsprechende Einrichtun-
gen, genügen nicht (vgl. EMARK 1997 Nr. 23 E. 5, 1998 Nr. 13 E. 5e/bb
sowie 2006 Nr. 24 E. 6.2.4).
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Auch gemäss Art. 69 Abs. 4 AIG hat das SEM vor der Ausschaffung einer
unbegleiteten minderjährigen Person sicherzustellen, dass diese im Rück-
kehrstaat einem Familienmitglied, einem Vormund oder einer Aufnahme-
einrichtung übergeben werden kann, welche den Schutz des Kindes ge-
währleistet. Die dafür notwendigen konkreten Abklärungen inklusive der
allfälligen Übernahmezusicherungen einer geeigneten Institution sind vor
Erlass einer wegweisenden Verfügung des SEM vorzunehmen respektive
einzuholen, damit sie einer gerichtlichen Überprüfung offenstehen.
Das SEM ist jedoch nur in dem Ausmass zur Untersuchung des Sachver-
haltes verpflichtet, wie man dies vernünftigerweise von ihm erwarten kann.
Der Untersuchungsgrundsatz wird durch die Mitwirkungspflichten einge-
schränkt, die das Gesetz vorsieht (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 142 ff.). Die Mitwirkungspflicht trifft grundsätzlich auch unbegleitete
minderjährige Asylsuchende, soweit diese dazu aufgrund ihres Alters, ihrer
Reife und ihrer Ausbildung in der Lage sind. In der Beurteilung von Verlet-
zungen der Mitwirkungspflicht sind die Umstände des Einzelfalles zu be-
achten (vgl. EMARK 1999 Nr. 2 E. 6d).
Die Verpflichtung, sicherzustellen, dass unbegleitete minderjährige Asylsu-
chende nach ihrer Rückkehr unter die Obhut ihrer Eltern, anderer Famili-
enmitglieder oder einer geeigneten Institution gestellt werden können, re-
sultiert aus der KRK. Damit vom Vorliegen einer Betreuung ausgegangen
werden kann, muss die Vorinstanz sich auf festgestellte Tatsachen stützen,
welche aus den Akten ersichtlich sind, andernfalls müssen geeignete Ab-
klärungen getroffen werden (vgl. insbesondere EMARK 2006 Nr. 24 E. 6.2;
Urteil des BVGer E-1279/2014 vom 7. September 2015 E. 5.1.6).
Das kürzlich ergangene Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-5411/2019 vom 20. September 2021 hat diese Rechtsprechung bestätigt
und präzisiert. Demgemäss handelt es sich bei den obengenannten Abklä-
rungen um notwendige Informationen zur Beurteilung der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzuges. Die Abklärungspflicht des SEM wird einzig
durch die Minderjährigkeit der betreffenden Person begründet. Steht diese
fest, kann auch eine Verletzung der Mitwirkungspflicht das SEM grundsätz-
lich nicht von der Verpflichtung entbinden, abzuklären, ob die unbegleitete
minderjährige Person bei einer Rückkehr eine geeignete Unterkunft erhält
– sei dies bei Familienangehörigen oder, wenn diesbezüglich keine Infor-
mationen vorliegen oder dies nicht möglich ist, in einer geeigneten Institu-
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Seite 10
tion. Nur in Ausnahmefällen, in welchen das Ausmass der Mitwirkungs-
pflichtverletzung eine Abklärung durch die Vorinstanz vollkommen verun-
möglicht, da dieser jegliche Anhaltspunkte fehlen, kann diese Abklärungs-
pflicht erlöschen. Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn sich die Person
in Bezug auf ihre Nationalität und Herkunft dermassen widerspricht, dass
weder Abklärungen betreffend die familiäre Situation möglich sind noch
eine geeignete Institution gesucht werden kann. Die Pflicht der Vorinstanz,
den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen, ist begründet mit der Min-
derjährigkeit und dem damit einhergehenden Anspruch auf Schutz durch
den Staat, welcher sich aus der KRK, aus der Rückführungsrichtlinie (vgl.
Art. 5 Bst. a und Art. 10 derselben) und nicht zuletzt auch aus der Bundes-
verfassung ergibt (vgl. Art. 11 BV; zum Ganzen Urteil des BVGer
D-5411/2019 vom 20. September 2021 E. 11.5.2 m.w.H. [zur Publikation
vorgesehen]).
7.
7.1 Eine Überprüfung der Akten ergibt, dass die formelle Rüge des Be-
schwerdeführers begründet ist. Die vorinstanzliche Verfügung vermag den
Anforderungen an die Untersuchungspflicht nicht zu genügen.
7.2
7.2.1 Die Vorinstanz hat zur Beantwortung der Frage, in welcher konkreten
Situation sich der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Algerien wie-
derfinden würde, keine eigenen Abklärungen getroffen. Stattdessen hat sie
sich lediglich auf die Angaben des Beschwerdeführers aus der Erstbefra-
gung gestützt, ohne eine Überprüfung vorzunehmen. Sie hat weder ge-
prüft, ob seine Familie nach wie vor im (grösstenteils illegal erbauten)
Wohnviertel C._ wohnt, noch von wem er bei einer Rückkehr in
seine Heimat in Empfang genommen werden könnte.
Die vom SEM erwähnte Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts,
gemäss welcher der Wegweisungsvollzug Minderjähriger ohne weitere Ab-
klärungen vor Ort als zumutbar klassifiziert werden könne, sofern klare An-
haltspunkte für das Vorhandensein eines tragfähigen familiären Netzes be-
stünden und davon ausgegangen werden könne, dass die betreffende Per-
son wieder in das vertraute familiäre Umfeld zurückkehren könne, kommt
vorliegend nicht zum Tragen. Die Angabe, dass kein Kontakt mehr mit der
Kernfamilie bestehe, sowie der Umstand, dass der Beschwerdeführer mit
seiner Familie in einem (grösstenteils) illegal erbauten Wohnviertel gelebt
habe, dessen jetziger Zustand und nächste Zukunft ungewiss ist, hätten
die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen bewegen müssen (vgl. [...]).
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Es ist der Vorinstanz zwar beizupflichten, dass der Beschwerdeführer wi-
dersprüchliche Angaben zum geltend gemachten Abbruch des Kontakts
mit seiner Familie sowie zu deren finanzieller Lage – insbesondere zur
Höhe der (...) seines Vaters – gemacht hat. Er hat aber seine Identität,
insbesondere seine Nationalität, diejenige seiner Familienmitglieder sowie
das Quartier, in welchem sie vermutlich noch wohnen, offengelegt. Zudem
hat er die Kopie seines Geburtsscheins zu den Akten gelegt. Somit hat er
die notwendigen Abklärungen des SEM weder massgeblich erschwert
noch verunmöglicht. Eine allfällige Verletzung der Mitwirkungspflicht befreit
das SEM – wie oben unter E. 6.2.2 erwähnt – unter den gegebenen Um-
ständen nicht von seiner Abklärungspflicht betreffend den Wegweisungs-
vollzug eines unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden.
7.2.2 Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass nach geltender Rechtspre-
chung bei der Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Lichte von Art. 3 Abs. 1
KRK unter dem Aspekt des Wohls des Kindes namentlich folgende Krite-
rien im Rahmen einer gesamtheitlichen Beurteilung von Bedeutung sind:
Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Be-
ziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen (insbesondere Unter-
stützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Ent-
wicklung und Ausbildung sowie der Grad der erfolgten Integration bei ei-
nem längeren Aufenthalt in der Schweiz (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.2
m.w.H.). In der Verfügung finden sich keine einzelfallspezifischen Ausfüh-
rungen zum Kindeswohl. Das SEM äusserte sich zwar in allgemeingültiger
Weise über die Tragweite der in der KRK enthaltenen Verpflichtungen und
stellte fest, der Wegweisungsvollzug erweise sich demgemäss als zuläs-
sig. In den Ausführungen über die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
fand das Kindeswohl aber keine Erwähnung.
In der Vernehmlassung hat die Vorinstanz zwar Erwägungen zum Kindes-
wohl des Beschwerdeführers nachgeführt. Jedoch hat sie auch auf dieser
Stufe keine weiteren Abklärungen vorgenommen und ihre das Kindeswohl
betreffende Einschätzung auf Vermutungen und widersprüchliche Angaben
des Beschwerdeführers gestützt. Die Vorinstanz hat somit nicht hinrei-
chend abgeklärt, ob sich die Familienangehörigen des Beschwerdeführers
tatsächlich nach wie vor am Herkunftsort befinden und ihn bei einer Rück-
kehr empfangen und unterstützen könnten. Auch hat sie sich nicht damit
auseinandergesetzt, ob die Unterbringung des Beschwerdeführers im
Quartier C._ bei seinen Eltern dem Kindeswohl entspräche.
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7.2.3 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das SEM seinen sich aus
der durch die Rechtsprechung betreffend den Wegweisungsvollzug von
unbegleiteten Minderjährigen entwickelten Verpflichtungen nicht nachge-
kommen und den Anforderungen zur umfassenden Würdigung sämtlicher
für das Kindeswohl relevanter Kriterien mithin nicht gerecht geworden ist.
Es hat nicht geklärt, ob der Beschwerdeführer an seinem Herkunftsort oder
an einem anderen Ort im Heimatland in ein dem Kindeswohl entsprechen-
des Umfeld zurückgeführt werden und wie diese Empfangnahme im Hei-
matland konkret vonstattengehen soll. Somit ist es zum aktuellen Zeitpunkt
nicht möglich zu prüfen, ob der Wegweisungsvollzug zumutbar ist. Es liegt
eine unvollständige Abklärung des Sachverhaltes durch das SEM vor.
7.3 Damit die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs zuverlässig be-
urteilt werden kann, bedarf insbesondere die für den Beschwerdeführer
konkret zu erwartende Unterbringung und Versorgung in seinem Heimat-
land einer vertieften Abklärung. Dabei ist zunächst in Erfahrung zu bringen,
ob sich seine Kernfamilie tatsächlich weiterhin am Herkunftsort aufhält und
wenn ja, ob diese in der Lage ist, dem Beschwerdeführer im Falle seiner
Rückkehr eine dem Kindeswohl entsprechende Unterbringung und Betreu-
ung zu bieten. Gegebenenfalls ist zu prüfen, ob die Aufnahmezusicherung
einer geeigneten Drittperson oder Institution erhältlich gemacht werden
kann. Kann dies aufgrund der aktenkundigen Informationen nicht zuverläs-
sig eruiert werden, ist der Beschwerdeführer – beispielsweise im Rahmen
einer erneuten Anhörung – aufzufordern, weitergehende sachdienliche An-
gaben zu machen. Allenfalls ist zur Feststellung der Situation, die ihn bei
einer Rückkehr erwarten würde, die Einholung einer Botschaftsabklärung
angezeigt.
7.4 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist. Die Entscheidungsreife kann zwar grundsätzlich auch durch die Be-
schwerdeinstanz hergestellt werden, wenn dies aus prozessökonomischen
Gründen angebracht erscheint; sie kann und soll aber die Grundlage des
rechtserheblichen Sachverhalts nicht gleichsam an Stelle der verfügenden
Verwaltungsbehörde erheben, zumal die Partei bei diesem Vorgehen eine
Instanz verliert (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Vorliegend ist aufgrund der vor-
stehenden Erwägungen nicht von einer leicht herstellbaren Entscheidreife
auszugehen, womit eine Kassation angezeigt ist.
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Seite 13
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die an-
gefochtene Verfügung im Sinne des in der Beschwerde gestellten Eventu-
albegehrens den Wegweisungsvollzug betreffend (Ziffern 4 und 5 des Dis-
positivs der angefochtenen Verfügung) aufzuheben und die Sache gemäss
den vorstehenden Erwägungen zur vollständigen und richtigen Sachver-
haltsfeststellung sowie zur erneuten Beurteilung und Entscheidung im
Wegweisungsvollzugspunkt an die Vorinstanz zurückzuweisen ist.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung auszu-
richten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechts-
vertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom
Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch
Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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