Decision ID: 7db13deb-00ad-4d1c-930c-fc6f076ba5e6
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ war seit 1. November 2010 als Verwalter bei der B._ angestellt, als er am
20. November 2012 von seiner Arbeitgeberin wegen einer seit 22. September 2012 aus
psychischen Gründen (siehe das ärztliche Zeugnis von Dr. med. C._, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie, vom 22. September 2012, IV-act. 3) bestehenden
100%igen Arbeitsunfähigkeit bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zur
Früherfassung gemeldet wurde (IV-act. 1). Am 10. Dezember 2012 fand ein Gespräch
zwischen dem Versicherten und der Eingliederungsberaterin der IV-Stelle statt. Der
Versicherte teilte mit, keine IV-Anmeldung zu wünschen und sich seit 3. Oktober 2012
in Behandlung in der Klinik D._ zu befinden (zur vom 3. Oktober bis 28. Dezember
2012 erfolgten Hospitalisation wegen mittelgradiger depressiver Episode mit
somatischem Syndrom [ICD-10: F32.11], Erschöpfungssyndrom [ICD-10: Z73.0],
sekundär: psychischer und Verhaltensstörungen durch Alkohol
[Abhängigkeitssyndrom], gegenwärtig abstinent in beschützender Umgebung [ICD-10:
F10.21], siehe den Austrittsbericht vom 3. Januar 2013, IV-act. 20-2 ff.). Die dort
behandelnde medizinische Fachperson habe ihm prognostiziert, dass er die Klinik als
gesunder Mann verlassen werde. Davon sei auch er überzeugt (IV-act. 5). Die IV-Stelle
hielt eine IV-Anmeldung nicht für angezeigt (Schreiben vom 10. Dezember 2012, IV-
act. 6).
A.a.
Nach einer Anstellung als Ratsschreiber in E._ vom 1. Februar 2013 bis 31. Juli
2014 war der Versicherte ab 1. August 2014 als Ratsschreiber in F._ tätig, bevor er
sich auf den 1. Oktober 2016 im Rahmen der beruflichen Vorsorge vorzeitig
pensionieren liess (IV-act. 17; siehe auch die Angaben der Arbeitgeberin vom
A.b.
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17. November 2017, IV-act. 21; zum Kündigungsschreiben vom 1. Januar 2016 siehe
IV-act. 21-9 und zum Vorbezug der Altersrente das Schreiben der zuständigen
Pensionskasse vom 16. August 2016, IV-act. 76). Am 6. November 2017 meldete sich
der Versicherte bei der IV-Stelle wegen seit langem bestehenden, immer schlimmer
werdenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen («Psoriasis, Arthritis, Depression,
Hören») zum Leistungsbezug an (IV-act. 14). Die Stelle in F._ habe er wegen dieser
gesundheitlichen Beschwerden aufgeben müssen (IV-act. 15 unten).
Dr. C._ führte im Bericht vom 19. Dezember 2017 (Datum Posteingang bei der
IV-Stelle) aus, der Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung,
gegenwärtig mittelgradigen Episode, einer Alkoholabhängigkeit, auf dem Hintergrund
einer Psoriasis-Arthrose, die sowohl die körperliche als auch die psychische
Befindlichkeit stark bestimme. Zudem bestehe beim Versicherten ein sozialphobisches
Verhalten (wegen Scham- und Schuldgefühlen). Die bisherige Tätigkeit sei dem
Versicherten nicht mehr zumutbar. Eine leidensangepasste Tätigkeit könne der
Versicherte 3 bis 4 Stunden täglich ausüben (IV-act. 26). Der behandelnde Dr. med.
G._, Facharzt für Dermatologie, berichtete am 22. Dezember 2017, dass die Psoriasis
arthropathica unter Stelara-Therapie aus dermatologischer Sicht zu keiner körperlichen
Einschränkung führe (IV-act. 27). In der «RAD Fallübersicht Eingliederung» vom
10. Januar 2018 vertrat die RAD-Ärztin Dr. med. H._, Fachärztin für Allgemeine
Innere Medizin, die Auffassung, dass der Versicherte über eine volle Arbeitsfähigkeit
bezogen auf die angestammte Bürotätigkeit verfüge (IV-act. 29).
A.c.
Am 18. Mai 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass das Gesuch um
berufliche Massnahmen abgewiesen werde, da er sich bloss im beschränkten Mass
arbeitsfähig fühle (IV-act. 42).
A.d.
Am 20. Juli 2018 berichtete der behandelnde Dr. med. I._, Facharzt für
Rheumatologie, der Gesundheitszustand habe sich seit Dezember 2017 verschlechtert.
Seither leide der Versicherte an rezidivierenden Entzündungsschüben im rechten
Ellbogen, rechten Handgelenk, linken Kniegelenk, rechten Sprunggelenk und rechten
Zehengrundgelenk, weniger auch in den Fingern und übrigen Zehen. Ausser bei
stärkeren Beschwerden würde aus rheumatologischer Sicht keine Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit bestehen. Aus seiner Sicht sei die psychiatrische Einschätzung der
A.e.
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Arbeitsfähigkeit entscheidend, da der Versicherte gemäss eigenen Angaben von Seiten
der Gelenkentzündungen über längere Zeit beschwerdearm bis beschwerdefrei
gewesen sei (IV-act. 45). Dr. C._ bescheinigte dem Versicherten neu eine 15%ige
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten (Bericht vom 30. Juli 2018, IV-
act. 46). Im Verlaufsbericht vom 7. August 2018 bestätigte Dr. G._ einen stationären
Gesundheitsverlauf (IV-act. 48). In der Folge holte die IV-Stelle weitere Berichte von
behandelnden medizinischen Fachpersonen ein, welche die RAD-Ärztin Dr. H._
dahingehend würdigte, dass abschliessend von einer vollen Arbeitsfähigkeit bezogen
auf die angestammte Tätigkeit ausgegangen werden könne (Stellungnahme vom
13. Dezember 2018, IV-act. 61). Die IV-Stelle ermittelte im Rahmen eines
Einkommensvergleichs einen Invaliditätsgrad von 0 % und stellte dem Versicherten mit
Vorbescheid vom 7. Januar 2019 die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-
act. 63). Dagegen erhob der Versicherte am 21. Januar 2019 Einwand (IV-act. 64). Die
RAD-Ärztin Dr. H._ besprach den Fall des Versicherten am 18. April 2019 mit dem
RAD-Arzt med. pract. J._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Dieser hielt
die von Dr. C._ diagnostizierte mittelgradig depressive Episode mit somatischem
Syndrom für ausgewiesen. Eine Arbeitsfähigkeit von 4 Stunden täglich sei dem
Versicherten möglich, wobei es sich bei der angestammten Tätigkeit als Ratsschreiber
um eine adaptierte Tätigkeit handle (RAD-Stellungnahme vom 23. April 2019, IV-
act. 97).
Am 16. Mai 2019 reichte der Versicherte weitere medizinische Berichte ein (IV-
act. 77), u.a. eine neuropsychologische Beurteilung der Ambulanten Reha St. Gallen,
Kliniken K._, vom 16. April 2019. Die dort durchgeführten Untersuchungen ergaben
mittelschwere neuropsychologische Funktionsstörungen sowie mittelschwere
Auffälligkeiten in der Antriebs-, Affekt- und Verhaltensregulation (IV-act. 78; siehe auch
die weitere konsiliarische Beurteilung vom 10. Mai 2019, IV-act. 89-5 f.). Auf Anfrage
der IV-Stelle vom 24. Mai 2019 (IV-act. 81) antwortete der Versicherte am 31. Mai 2019,
er habe die vorzeitige Pensionierung gewählt, weil er krank gewesen sei und die
angestammte Tätigkeit nicht mehr habe ausüben können. Er habe sich in ärztliche
Behandlung begeben und Medikamente bekommen. An Arbeit sei nicht mehr zu
denken gewesen. Zum «Wunschpensum und Erwerbstätigkeit» gab er an: Maximal
30 % im Bereich Büro, Schülertransport oder Transporte mit Kleinwagen (IV-act. 82).
A.f.
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Nachdem die IV-Stelle weitere medizinische Berichte zu den Akten genommen
(u.a. von Dr. C._ vom 1. Juni 2019, IV-act. 84, und vom 25. September 2019, IV-
act. 95, sowie von Dr. med. L._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
18. Juni 2019 betreffend eine zwischenzeitlich durchgeführte begleitende,
verhaltenstherapeutisch orientierte Alkoholtherapie, IV-act. 88) und der RAD-Arzt med.
pract. J._ eine polydisziplinäre Begutachtung empfohlen hatte (Stellungnahme vom
29. November 2019, IV-act. 107), liess sie sich von der medexperts ag, St. Gallen, am
17. August 2020 ein polydisziplinäres (allgemeininternistisches, neuropsychologisches,
rheumatologisches, oto-rhino-laryngologisches, dermatologisches-venerologisches,
neurologisches und psychiatrisches) Gutachten erstatten. Die medexperts-
Sachverständigen erhoben folgende Diagnosen, denen sie einen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit beimassen: eine Psoriasisarthropathie, aktuell vorwiegend an einigen
Fingergelenken der rechten Hand und am rechten Handgelenk, gebessert unter
immunologischer Behandlung; ein nicht dekompensierter, chronischer Tinnitus auris
rechts; Störungen durch Alkohol, Abhängigkeitssyndrom, regelmässiger
Substanzgebrauch (ICD-10: F10.25); eine leichte kognitive Störung («mild cognitive
Impairment»; ICD-10: F06.7) sowie eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig leichte Episode (ICD-10: F33.1). Sie gingen davon aus, dass die dadurch
bedingten Funktionseinbussen zu einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit für die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit führen würden. Bezogen auf leidensangepasste, kognitiv einfache
Tätigkeiten bescheinigten sie – v.a. aufgrund der Alkoholabhängigkeit und den daraus
resultierenden kognitiven Defiziten sowie der leichten depressiven Episode und einer
dementiellen Entwicklung – eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 122, insbesondere IV-
act. 122-6 ff.). In der Zeit zwischen den einzelnen Begutachtungen vom 29. und
30. Juni sowie 2. Juli 2020 einerseits und der Gutachtensausfertigung am 17. August
2020 andererseits war am 26. Juli 2020 durch den Amtsarzt eine fürsorgerische
Unterbringung des Versicherten wegen hoher Suizidalität angeordnet worden (IV-
act. 121; zur vom 28. Juli bis 31. August 2020 in der Psychiatrischen Klinik M._
erfolgten stationären Behandlung siehe den Austrittsbericht vom 9. September 2020,
IV-act. 141; zur dort seit 4. Dezember 2019 stattfindenden ambulanten Behandlung
siehe den Bericht vom 15. Dezember 2020, IV-act. 146). Auf Rückfrage der IV-Stelle
vom 17. November 2020 (IV-act. 139) nahmen der rheumatologische medexperts-
Sachverständige und die neuropsychologische, oto-rhino-laryngologische und
A.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/13
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B.
psychiatrische medexperts-Sachverständige ergänzende Ausführungen zum
retrospektiven Gesundheits- und Arbeitsfähigkeitsverlauf Stellung. Aus psychiatrischer
Sicht wurde dem Versicherten ab dem letzten Arbeitstag am 29. August 2016 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit als Ratsschreiber und ab 7. November 2017 eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten bescheinigt (IV-act. 143). Der RAD-Arzt
Dr. med. N._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt die gutachterliche
Beurteilung für beweiskräftig. Seit November 2017 bestehe eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit und eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit
für leidensangepasste Tätigkeiten (Stellungnahme vom 18. Januar 2021, IV-act. 149).
Die IV-Stelle qualifizierte den Versicherten neu als zu 30 % erwerbstätig und zu
70 % als «ohne Aufgabenbereich». Für den Erwerbsbereich ermittelte sie einen
Invaliditätsgrad von 73 %, woraus ein an das Pensum gewichteter
Gesamtinvaliditätsgrad von 22 % resultierte (IV-act. 152 f.). Mit Vorbescheid vom
18. Januar 2021 kündigte sie dem Versicherten die Abweisung des Rentengesuchs an
(IV-act. 154). Dagegen erhob er am 22. Januar 2021 Einwand und rügte das von der IV-
Stelle berücksichtigte Erwerbspensum (IV-act. 155). Am 22. März 2021 verfügte die IV-
Stelle die Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 162).
A.h.
Gegen die Verfügung vom 22. März 2021 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 22. April 2021. Der Beschwerdeführer beantragt darin deren Aufhebung und es sei
die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, ihm ab 1. Mai 2018 eine ganze Rente
auszurichten; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung bringt er im
Wesentlichen vor, die vorzeitige Pensionierung sei aus gesundheitlichen Gründen
erfolgt. Ohne diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen wäre er weiterhin einer
vollzeitlichen Erwerbstätigkeit nachgegangen (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 11. August
2021 die Abweisung der Beschwerde und erachtet die Qualifikation des
Beschwerdeführers als mit einem 30%igen Pensum teilzeitlich Erwerbstätiger als
zutreffend (act. G 6).
B.b.
In der Replik vom 15. September 2021 hält der Beschwerdeführer unverändert an
seinen Beschwerdeanträgen fest (act. G 8).
B.c.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
des Beschwerdeführers.
Die Beschwerdegegnerin hält in der Duplik vom 24. September 2021 ihrerseits
unverändert an der beantragten Beschwerdeabweisung fest (act. G 10).
B.d.
Am 1. Januar 2022 trat das revidierte Bundesgesetz über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20) in Kraft. Die vorliegend angefochtene Verfügung erging vor dem
1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und
des zeitlich massgebenden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1) sind
daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) sowie des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in der bis
31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendbar (Urteil des Bundesgerichts
vom 23. Februar 2022, 8C_455/2021, E. 2).
1.1.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a); während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % im Sinn von Art. 8 ATSG invalid sind (lit. c).
1.2.
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Volljährige, die
vor der Beeinträchtigung ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
nicht erwerbstätig waren und denen eine Erwerbstätigkeit nicht zugemutet werden
1.3.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2022&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=weiv+ivg&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F144-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210
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2.
kann, gelten als invalid, wenn eine Unmöglichkeit vorliegt, sich im bisherigen
Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 8 Abs. 3 Satz 1 ATSG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 28a Abs. 1 IVG
i.V.m. Art. 16 ATSG). Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig sind oder die
unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin mitarbeiten, wird für diesen
Teil die Invalidität nach Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im
Aufgabenbereich tätig (und ist ihnen die Aufnahme einer Vollerwerbstätigkeit nicht
zumutbar; Art. 8 Abs. 3 ATSG), so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach Art. 28a
Abs. 2 IVG festgelegt. In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der
unentgeltlichen Mitarbeit im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil
der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden
Bereichen zu bemessen (Art. 28a Abs. 3 IVG).
1.4.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.5.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der
medizinischen Fachpersonen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines medizinischen Berichts ist entscheidend, ob er für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a).
1.6.
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Zwischen den Parteien ist die Beweiskraft des medexperts-Gutachtens vom 17. August
2020 (IV-act. 122; zu den ergänzenden Ausführungen siehe die Stellungnahme vom
7. Dezember 2020, IV-act. 143) zu Recht unbestritten. Die RAD-Ärzte med. pract. J._
und Dr. N._ legten in den Stellungnahmen vom 19. August 2020 (IV-act. 138) und
vom 18. Januar 2021 (IV-act. 149) überzeugend dar, dass die gutachterliche
Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit die Anforderungen an
eine beweiskräftige Expertise (siehe hierzu vorstehende E. 1.6) erfüllt. Darauf wird
verwiesen.
3.
Umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die für die Invaliditätsbemessung anwendbare
Methode, die wiederum von der Frage abhängt, ob der Beschwerdeführer als
vollzeitlich Erwerbstätiger zu qualifizieren ist.
Der Beschwerdeführer war unbestrittenermassen bis zur Aufgabe seiner letzten
Anstellung als Ratsschreiber in F._ jeweils vollzeitlich erwerbstätig (IV-act. 41; siehe
zur Erwerbsbiografie IV-act. 17; siehe auch die verschiedenen Arbeitszeugnisse in act.
G 1.4 ff.). In seinem beruflichen Werdegang fällt zudem auf, dass er aufgrund einer
beruflichen Überbelastung und Differenzen mit den Vorgesetzten bereits im Jahr 2012
psychisch erkrankte (mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom
[ICD-10: F32.11]; zur stationären Behandlung vom 3. Oktober bis 28. Dezember 2012
in der Klinik D._ siehe den Austrittsbericht vom 3. Januar 2013, IV-act. 20-2 ff.) und
er sich damals krankheitsbedingt eine andere Erwerbstätigkeit suchte. Wegen erneut
durch Überforderung verstärkter gesundheitlicher Beschwerden musste er die
anschliessend aufgenommene Tätigkeit als Ratsschreiber in E._ aufgeben und nahm
eine mit einem kürzeren Arbeitsweg verbundene Stelle in der kleineren Gemeinde F._
an («auch aufgrund des Weges», IV-act. 39-2, und «in einer kleineren Verwaltung», act.
G 1.12, S. 2). Auch bei diesem Arbeitsplatz zeigte sich jedoch, dass er deren
Bewältigung krankheitsbedingt (psychische Beeinträchtigung und Hörminderung, IV-
act. 122-38 Mitte) nicht mehr gewachsen war (IV-act. 39-2 und IV-act. 78-2 Mitte; siehe
auch IV-act. 122-23 und -32 oben sowie unten). Im Kündigungsschreiben vom
1. Januar 2016 führte der Beschwerdeführer einerseits aus, dass die Tätigkeit als
Ratsschreiber zukünftig anspruchsvoller und arbeitsintensiver werden würde. Er wolle
(deshalb) «kürzer treten, aktiv im Berufsleben bleiben[,] aber auch die Teilpension
geniessen und die Gesundheit erhalten» (IV-act. 21-9). Dem Kündigungsschreiben
lassen sich folglich sowohl ein grundsätzlicher Wille zur Erwerbstätigkeit («aktiv im
Berufsleben bleiben») als auch gesundheitliche Überlegungen («Gesundheit erhalten»)
3.1.
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entnehmen. Der Vorbezug der Altersrente aus der beruflichen Vorsorge ist folglich nicht
als ein freiwilliger Austritt aus einer Validenkarriere, sondern als ein weiteres
krankheitsbedingtes «Kürzertreten» im bereits seit dem Jahr 2012 vom
Beschwerdeführer verfolgten belastungsreduzierenden beruflichen Werdegang zu
interpretieren. Dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Schreiben vom
1. Januar 2016 nicht näher konkretisiert oder in den Vordergrund gerückt wurden, ist
schon deshalb plausibel, als sie in einem offiziellen Kündigungsschreiben erfolgten.
Zudem sind beim Beschwerdeführer Scham- und Schuldgefühle aktenkundig (IV-
act. 26-3), weshalb es mit Blick auf seine der Öffentlichkeit exponierten Tätigkeit
plausibel erscheint, dass er nicht das ganze Ausmass seiner psychischen und
körperlichen Leiden offenlegen wollte, sondern sich auf eine ansatzweise erkennbare
Bekanntgabe beschränkte und eine vorzeitige Pensionierung gegenüber einem Bezug
von Krankentaggeldleistungen vorzog (siehe auch die plausiblen Angaben gegenüber
der Eingliederungsverantwortlichen vom 26. März 2018, IV-act. 39-2 und -4). Zudem
hielt die Eingliederungsverantwortliche fest, dass der Beschwerdeführer die Hoffnung
hatte, trotz der Frühpensionierung «einen adaptierten Arbeitsplatz bis zur
Pensionierung zu finden. Leider ist und wird dies nicht mehr in seinen Möglichkeiten
liegen» (IV-act. 39-4). An der bisherigen Qualifikation des Beschwerdeführers als im
Gesundheitsfall vollzeitlich Erwerbstätiger vermag deshalb die krankheitsbedingte
vorzeitige Pensionierung nichts zu ändern.
Die Betrachtungsweise, dass der Beschwerdeführer im Gesundheitsfall weiterhin
bis zum Erreichen des ordentlichen Rentenalters vollzeitlich erwerbstätig gewesen
wäre, wird in den übrigen Akten bestätigt. Konstant und in sich schlüssig begründet
geht daraus die Darstellung des Beschwerdeführers hervor, dass die Kündigung vom
1. Januar 2016 krankheitsbedingt erfolgte (siehe etwa IV-act. 64-2 und mit einlässlicher
Begründung IV-act. 82-1). Gegenüber den behandelnden medizinischen Fachpersonen
legte der Beschwerdeführer jeweils dar, dass die Frühpensionierung aufgrund der
depressiven Symptomatik und der körperlichen Beschwerden erfolgt sei (IV-act. 26-3
oben). Im Rahmen der IV-Anmeldung vom 6. November 2017 wies er ebenfalls darauf
hin, dass er die Stelle in F._ krankheitsbedingt habe aufgeben müssen (IV-act. 15
und IV-act. 122-15 oben), die Beschwerden seit langem bestünden und schleichend
schlimmer geworden seien bzw. würden (IV-act. 14-6). Hinzu kommt, dass bereits im
Verlauf des Jahres 2016 eine fachpsychiatrische Behandlung bei Dr. med. O._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erfolgte (Abrechnung vom 25. August
2016 und vom 17. November 2016, woraus auch eine Medikamentenabgabe
hervorgeht, act. G 8.2). Schliesslich gingen die medexperts-Sachverständigen davon
aus, dass die 100%ige Arbeitsunfähigkeit als Ratsschreiber bereits seit dem effektiv
3.2.
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4.
Es verbleibt die Ermittlung des Invaliditätsgrads im Rahmen eines
Einkommensvergleichs (Art. 16 ATSG). Die Beschwerdegegnerin bestimmte das
Valideneinkommen gestützt auf den bei der Gemeinde F._ vereinbarten Lohn des
Beschwerdeführers im Jahr 2016 von Fr. 122'800.-- (IV-act. 154). In Anbetracht
dessen, dass der Beschwerdeführer aus gesundheitlichen Gründen die frühere,
erheblich besser entlöhnte (IV-act. 24-3) Tätigkeit als Verwalter einer B._ aufgeben
und sich beruflich umorientieren musste (siehe vorstehende E. 3.1), erscheinen die
danach erfolgten Anstellungen auch als Ausdruck der Invalidenkarriere. Letztlich kann
letzten Arbeitstag bestanden habe (IV-act. 143-2 Mitte). Die Erwerbsbiografie des
Beschwerdeführers seit dem Jahr 2012 lässt sich sodann mit der Erfahrung nahtlos
vereinbaren, dass bei krankheitsbedingter Invalidität dem Eintritt des Versicherungsfalls
häufig eine Periode der allmählichen Abnahme der Erwerbsfähigkeit und des
Erwerbseinkommens vorausgeht (Entscheid des Versicherungsgerichts vom 9. Januar
2017, IV 2014/582, E. 3.2 mit Hinweis auf BBl 1958 II 1196). Im Licht dieser Umstände
und der nachvollziehbaren Darstellung des Beschwerdeführers (act. G 1, Rz 9) handelt
es sich bei seinen Ausführungen zum Thema «Wunschpensum und
Erwerbstätigkeit» («Maximal 30 %» im Bereich Büro, Schülertransport oder Transport
mit Kleinwagen; IV-act. 82-2) um Vorstellungen im Rahmen der Invalidenkarriere. Der
Vollständigkeit halber bleibt zu ergänzen, dass er sich nach der vorzeitigen
Pensionierung teilweise sogar um eine Anstellung mit höherem Pensum (57,47 %, IV-
act. 82-1, oder 40 %, IV-act. 78-2 Mitte) als im von der Beschwerdegegnerin
angenommenen Erwerbsumfang von 30 % (IV-act. 152-2) bemüht hatte.
Angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer erstmals mit dem Vorbescheid
vom 18. Januar 2021 von der Anwendbarkeit der gemischten Methode erfuhr (IV-
act. 154), trifft es entgegen der Beschwerdegegnerin (act. G 6, III. Rz 5) nicht zu, dass
seine früheren konstanten Angaben zur krankheitsbedingten Frühpensionierung aus
«nachträglichen versicherungsrechtlichen Überlegungen» erfolgt seien. Vielmehr
stimmen seine Angaben mit dem gutachterlich bestätigten, retrospektiven Verlauf der
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit überein (IV-act. 143). Nicht nachvollziehbar ist
hingegen die Änderung der Qualifikation durch die Beschwerdegegnerin, die erstmals
im genannten Vorbescheid im Widerspruch zur früher vorgenommenen Qualifikation
(siehe die Invaliditätsgradermittlung in IV-act. 63 oder die berufliche Qualifikation des
Beschwerdeführers als vollzeitlich Erwerbstätiger im Arbeitsblatt «Rechtliche
Grundlagen» in IV-act. 40-2 Mitte) nach nunmehr im Erwerbsbereich ausgewiesenem
rentenbegründendem Invaliditätsgrad einen Methodenwechsel vornahm.
3.3.
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aber offenbleiben, ob der Bestimmung des Valideneinkommens der in der B._
erzielte Verdienst zugrunde gelegt wird. Denn selbst wenn zuungunsten des
Beschwerdeführers auf den (ungewichteten) Einkommensvergleich der
Beschwerdegegnerin abgestellt würde (IV-act. 153), resultierte unbestrittenermassen
ein Invaliditätsgrad von über 70 % und damit ein Anspruch auf eine ganze Rente. Unter
diesen Umständen kann auch offenbleiben, ob die Restarbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers überhaupt noch auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt verwertet
werden könnte, nachdem er im massgebenden Zeitpunkt (BGE 138 V 462 E. 3.4) des
medexperts-Gutachten vom 17. August 2020 knapp 6_-jährig war. Nichts anderes gilt
mit Blick auf einen beim Invalideneinkommen allfällig zu berücksichtigenden
Tabellenlohnabzug.
5.
Bezüglich des Rentenbeginns fällt ins Gewicht, dass aus psychiatrischer Sicht
jedenfalls seit Ende August 2016 von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt
ausgeübten Tätigkeit auszugehen ist (IV-act. 143-2) und damit das Wartejahr gemäss
Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG im August 2017 erfüllt war. Da der Rentenbeginn vorliegend
nicht durch den Ablauf des Wartejahres, sondern durch den Ablauf der an die IV-
Anmeldung vom 6. November 2017 (IV-act. 14) anknüpfenden sechsmonatigen Frist
nach Art. 29 Abs. 1 IVG bestimmt wird (vorliegend: 1. Mai 2018), kann offenbleiben, ob
und in welchem Umfang bereits vor August 2016 eine allfällige andauernde
(Teil-)Arbeitsunfähigkeit bezogen auf die angestammte Tätigkeit bestanden hat und ob
hierfür die frühere Tätigkeit als Verwalter einer B._ massgebend ist.
6.
Gemäss vorstehenden Erwägungen ist die angefochtene Verfügung vom 22. März
2021 aufzuheben und dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Mai 2018 eine ganze
Rente auszurichten. Zur Festsetzung und Ausrichtung der Rentenleistung ist die Sache
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie
vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der vom Beschwerdeführer
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm zurückzuerstatten.
6.2.
bis
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