Decision ID: ebd8b21c-0123-5937-bd9d-cfea70acf65f
Year: 2018
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A. A_ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) wurde bei der Gründung der Genossenschaft
D_ (nachfolgend auch: Genossenschaft) zur Präsidentin der Verwaltung gewählt und am
22. Dezember 2011 mit Einzelunterschriftsberechtigung im Handelsregister eingetragen.
Ziel der Genossenschaft war es, eine Sozialfirma zu betreiben, welche integrative Arbeits-
und Ausbildungsplätze bereitstellt. Die Genossenschaft eröffnete hierzu im März 2012
einen Bäckerei-/Konditoreibetrieb in Herisau und erweiterte das Angebot einen Monat
darauf mit einem Café.
B. Am 15. Dezember 2014 wurde über die Genossenschaft der Konkurs eröffnet. Die
Ausgleichskasse Appenzell Ausserrhoden (nachfolgend auch: Ausgleichskasse / Vorin-
stanz) erlitt einen Verlust im Umfang von total Fr. 22‘895.30 im Zusammenhang mit
ausstehenden Lohnbeiträgen. Mit Verfügung vom 4. April 2017 wurde die Beschwerde-
führerin verpflichtet, der Ausgleichskasse diesen (vollen) Schaden zu ersetzen, unter
solidarischer Mithaftung der anderen bei der Genossenschaft tätig gewesenen
Verwaltungsmitglieder B1_, B2_, B3_ und B4_.
C. A_ erhob gegen diese Schadenersatzverfügung bei der Ausgleichskasse Einsprache.
Die Ausgleichskasse wies die Einsprache ab und hielt mit Einspracheentscheid vom 1. Juni
2017 weiterhin an ihrer verfügten Schadenersatzforderung im Betrag von insgesamt Fr.
22‘895.30 fest.
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D. Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die von der Beschwerdeführerin am 6. Juli
2017 erhobene Beschwerde ans Obergericht (act. 1). Mit Vernehmlassung vom 31. Juli
2017 (act. 4) verlangte die Vorinstanz deren Abweisung. Nachdem der Vorsitzende bei der
Ausgleichskasse ergänzende Unterlagen eingeholt hatte (act. 7 und 8), wurde der
Beschwerdeführerin die Möglichkeit eingeräumt, eine Replik einzureichen, worauf sie unter
Verzicht auf eine mündliche Verhandlung am 7. September 2017 eine weitere
Stellungnahme einreichte (act. 11). Die Vorinstanz liess sich nicht mehr vernehmen. Am 24.
April 2018 wurde die Sache in der zweiten Abteilung des Obergerichts in Abwesenheit der
Parteien abschliessend beraten und darüber entschieden. Gemäss Begehren der
Beschwerdeführerin wird das Urteil hiermit mit schriftlicher Begründung eröffnet.
E. Auf weitere Einzelheiten im Sachverhalt und in den Akten sowie die Vorbringen der
Parteien in den Rechtschriften wird, soweit entscheidrelevant, in den nachfolgenden
Erwägungen näher eingegangen.

Considerations:
Erwägungen
1. Formelles
1.1
Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen.
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs-
rechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes (JG, bGS 145.31)
beurteilt das Obergericht Beschwerden gegen solche Entscheide. Die örtliche Zuständigkeit
ist gegeben (Art. 52 Abs. 5 des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenen-
versicherung [AHVG, SR 831.10]).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (insbesondere Art. 1 Abs. 1 und Art. 52 AHVG
i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
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1.2
Mit einer Beiladung werden Dritte, deren Interessen durch eine Entscheidung berührt sind,
in ein Verfahren einbezogen und daran beteiligt. Nach der Rechtsprechung ist das
Sozialversicherungsgericht in Fällen wie dem vorliegenden angehalten, andere von der
Ausgleichskasse belangte Solidarschuldner zum Verfahren beizuladen, und zwar sowohl,
wenn gegen diese das Verfahren noch hängig ist, als auch, wenn deren Haftung bereits
rechtskräftig feststeht (BGE 134 V 306, E. 3; Urteil des Bundesgerichts 9C_646/2012 vom
27. August 2013, E. 3.1). Da die Ausgleichskasse im Zusammenhang mit offenen
Beitragsforderungen gegenüber der Genossenschaft gegen deren sämtliche ehemaligen
Verwaltungsmitglieder eine Schadenersatzverfügung erlassen hatte, wurde den betroffenen
Personen mit Schreiben vom 14. Februar 2018 die Möglichkeit eingeräumt, sich am
vorliegenden Beschwerdeverfahren zu beteiligen, Akteneinsicht zu nehmen und eine
Stellungnahme einzureichen (act. 14). Keine der beigeladenen Personen machte von
dieser Möglichkeit Gebrauch. Das begründete Urteil wird den beigeladenen Personen zur
Kenntnis zugestellt.
2. Materielles
2.1
Fügt ein Arbeitgeber durch absichtliche oder grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften
der Versicherung einen Schaden zu, so hat er diesen zu ersetzen (Art. 52 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung [AHVG, SR 831.10]).
Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die
Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten
Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie
für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
2.2.
Die Beschwerdeführerin bringt im vorliegenden Verfahren diverse Einwendungen vor, die
aus ihrer Sicht dazu führen müssten, aufgrund einer Gesamtbetrachtung der konkreten
Situation eine Haftung gegenüber der Ausgleichskasse zu verneinen. In rechtlicher Hinsicht
weist die Beschwerdeführerin zunächst darauf hin, dass Art. 917 Abs. 1 OR, welcher die
zivilrechtliche Verantwortlichkeit der Verwaltung einer Genossenschaft regle, gar keine
Haftung gegenüber Gläubigern vorsehe ausser im Fall von Pflichtverletzungen bei
Überschuldung. Bis dato habe sie aber von keiner Seite den Vorhalt bekommen, im
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Überschuldungs- bzw. Konkursverfahren Pflichten verletzt zu haben. Weiter rügt die
Beschwerdeführerin, selbst wenn trotzdem eine Haftung gegeben wäre, müssten bei der
Schadenersatzbemessung der soziale und volkswirtschaftliche Nutzen der Genossenschaft
mit berücksichtigt werden. Im Verlauf der kurzen Geschäftstätigkeit habe mehreren
Personen ein RAV-Einsatzprogramm ermöglicht werden können, dank der Genossenschaft
hätten Arbeitsintegrationsprogramme gemäss individueller Leistungsvereinbarung sowie
der praktische Teil des sog. Brückenjahres für junge Personen im Betrieb der
Genossenschaft absolviert werden können, zudem sei eine Person im Rahmen einer IV-
Abklärung betreut und seien weitere als arbeitslos gemeldete Personen angestellt worden.
Die Beschwerdeführerin habe mit dem Projekt keinerlei persönliche Vorteile bezweckt,
sondern sich vielmehr uneigennützig und grosszügig über das übliche Mass persönlich und
finanziell engagiert.
Die in Art. 52 AHVG konstituierte Arbeitgeberhaftung und die damit verbundene
Organhaftung unterscheidet nicht nach der Rechtsform der Arbeitgeberfirma. Sie gilt daher
ohne weiteres auch für Genossenschaften. Art. 52 AHVG stellt in diesem Sinn eine
Spezialbestimmung innerhalb des allgemeinen Verantwortlichkeitsrechts für Genossen-
schaften (Art. 916 ff. des Schweizerischen Obligationenrechts [OR, SR 220]) dar, auf
welches die Beschwerdeführerin in ihren Eingaben verweist. In diesem Sinn trifft zwar der
Hinweis der Beschwerdeführerin, wonach das im OR geregelte Genossenschaftsrecht eine
Haftung gegenüber Gläubigern lediglich in Art. 917 Abs. 1 OR für den Fall von
Pflichtverletzungen bei Überschuldung vorsehe, durchaus zu. Allerdings schiesst dies nicht
aus, dass die Schädigung von Gläubigern durch eine Genossenschaft zu einer Haftung
ihrer Organe gestützt auf andere Vorschriften ausserhalb des Genossenschaftsrechts im
OR führen kann. Denkbar ist dabei namentlich eine Haftung gestützt auf Art. 41 ff. OR oder,
wie im vorliegenden Fall, eine Haftung der Organe der Genossenschaft gegenüber der
Ausgleichskasse gestützt auf die AHV-rechtliche Sonderbestimmung in Art. 52 AHVG.
Auch die weiteren von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Aspekte, die aus ihrer Sicht
von der Ausgleichskasse zu wenig oder gar nicht berücksichtigt wurden, stehen einer
Anwendung der Haftungsbestimmung von Art. 52 AHVG nicht entgegen: Gemäss ständiger
Rechtsprechung soll nämlich auch dann kein anderer Haftungsmassstab gelten, wenn die
Arbeitgeberin ideelle und nicht wirtschaftliche Zwecke verfolgt; ebensowenig stellt bei der
subsidiären Haftung der Verwaltung und der mit der Geschäftsführung oder Liquidation
befassten Personen eine allfällige Ehrenamtlichkeit eines Mandats - hier namentlich die
ehrenamtliche Übernahme der Funktion als Verwaltungsmitglied der Genossenschaft durch
die Beschwerdeführerin - einen Grund für eine weniger strenge Haftung dar. Da gestützt
auf Art. 52 AHVG ein objektivierter Verschuldensmassstab gilt, muss letztlich auch der
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persönliche Hintergrund eines Organs, wie z.B. Ausbildung und Alter oder die Gründe für
die Annahme der Organfunktion grundsätzlich unbeachtlich bleiben (vgl. dazu UELI KIESER,
in: Murer/Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungs-
recht, AHVG, 3. Aufl. 2012, N 54 zu Art. 52 AHVG, m.w.H.; Urteil des Bundesgerichts
9C_145/2010 vom 15. Juni 2010, E. 5.3).
Zusammengefasst ist daher festzuhalten, dass mit der AHV-rechtlichen Sonderbestimmung
von Art. 52 AHVG eine klare Rechtsgrundlage für eine Haftung der Beschwerdeführerin
gegenüber der Ausgleichskasse gegeben ist. Bei der Anwendung dieser Bestimmung gilt
ein objektivierter Verschuldensmassstab, weshalb im Fall der Bejahung der einzelnen
Haftungsvoraussetzungen - wie es sich damit verhält, wird nachfolgend näher geprüft - bei
der Festlegung der Schadenersatzforderung weder die Zweckbestimmung der in Frage
stehenden Gesellschaft noch durchaus achtenswertes persönliches Engagement des
haftbaren Organs besondere Berücksichtigung finden kann.
2.3
Die in Art. 52 AHVG vorgesehene Haftung bezieht sich in erster Linie auf den Arbeitgeber.
Verantwortlicher Arbeitgeber war im vorliegenden Fall eine juristische Person, nämlich die
Genossenschaft D_. Gestützt auf Art. 52 AHVG hat sich die Ausgleichskasse zuerst an
den Arbeitgeber zu halten und kann gegen dessen Organe erst dann direkt und unmittelbar
vorgehen, wenn der Arbeitgeber selber zahlungsunfähig geworden ist (MARCO REICHMUTH,
Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG, Zürich/Basel/Genf
2008, Rz. 196). Da die Genossenschaft gemäss Entscheid des Einzelrichters des
Kantonsgerichts von Appenzell Ausserrhoden vom 15. Dezember 2014 durch Konkurs
aufgelöst wurde, ist die Zahlungsunfähigkeit der Arbeitgeberfirma im konkreten Fall
offensichtlich. Die Ausgleichskasse erhielt am 14. Februar 2017 einen Verlustschein über
die offene Forderung im Gesamtbetrag von Fr. 22‘895.30. Als an Stelle der Genossen-
schaft potentiell subsidiär haftpflichtige Personen kommen unter diesen Umständen
namentlich die ehemaligen Organe der Genossenschaft in Frage.
2.4
Die Beschwerdeführerin war seit der Gründung und Eintragung der Genossenschaft im
Handelsregister als deren Präsidentin mit Einzelunterschriftsberechtigung eingesetzt. Damit
kommt ihr eine formelle Organstellung zu und sie untersteht ohne weiteres der
Haftungsnorm von Art. 52 AHVG (vgl. anstelle vieler: Urteil des Bundesgerichts H 77/03
vom 18. Januar 2005, E. 4.2; Urteil des Bundesgerichts H 127/02 vom 14. April 2003, E.
Seite 7
2.1 und 3.2.1; BGE 126 V 237). Eine Haftung der damit potentiell gestützt auf Art. 52 AHVG
haftpflichtigen Beschwerdeführerin wird im konkreten Fall aber nur dann zu bejahen sein,
wenn auch die allgemeinen Haftungsvoraussetzungen - nämlich Schaden, Widerrecht-
lichkeit, Kausalzusammenhang und Verschulden - erfüllt sind.
2.5
Der Schaden, der auf dem Weg von Art. 52 AHVG geltend gemacht werden kann, besteht
darin, dass die der Ausgleichskasse geschuldeten Beiträge aus rechtlichen oder
tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben werden können, sei es, dass die Beitrags-
forderung verwirkt ist (Art. 16 AHVG), oder sei es, weil die Arbeitgeberfirma - wie im
vorliegenden Fall - zahlungsunfähig geworden ist (vgl. BGE 134 V 257, E. 3.2). Dabei ist
der Schaden dem Gesamtbetrag gleichzusetzen, dessen die Ausgleichskasse verlustig
geht. Der im Verfahren nach Art. 52 AHVG durchzusetzende Schaden unterscheidet sich
insoweit von der eigentlichen Beitragsforderung, als zum Schaden auch die Verwaltungs-
kostenbeiträge und sämtliche Beiträge, welche die Ausgleichskasse für das Beitrags-
inkasso aufwenden musste, hinzukommen (vgl. UELI KIESER, a.a.O., N 13 ff. zu Art. 52
AHVG; MARCO REICHMUTH, a.a.O., Rz. 367, je m.w.H.; BGE 121 III 382, E. 3).
Mit Einspracheentscheid vom 1. Juni 2017 hielt die Vorinstanz an der am 4. April 2017
verfügten Schadenersatzforderung im Gesamtbetrag von Fr. 22‘895.30 fest. Wie sich
dieser Betrag zusammensetzt, ist mehrfach ersichtlich aus den vorinstanzlichen Unterlagen
(vgl. beispielsweise act. 5/1/1.1 [Anhang zur Schadenersatzverfügung vom 4. April 2017 mit
einer Übersicht der geltend gemachten Schadenersatzbeträge], act. 5.4 [Kontoauszug]
bzw. act. 8 [Kontoauszug mit zusätzlichen Markierungen und Erläuterungen], act. 5.5
[Zahlungsbefehle]). Der von der Beschwerdeführerin geforderte Schadenersatzbetrag ist
aus den vorinstanzlichen Unterlagen nachvollziehbar und entspricht der Summe der
offenen Lohnbeiträge inkl. Mahngebühren, Betreibungskosten und Verzugszinsen. Mit den
im vorliegenden Verfahren eingereichten Unterlagen hat die Vorinstanz die gegenüber der
Beschwerdeführerin verlangte Schadenersatzforderung klar zeitlich und masslich
spezifiziert und ist ihrer Substantiierungspflicht damit grundsätzlich nachgekommen. Zumal
die Beschwerdeführerin nichts vorbringt, das konkret gegen einzelne von der Vorinstanz
geltend gemachte Schadenersatzpositionen sprechen würde, besteht kein Anlass, die
Schadenersatzforderung einer weiteren Prüfung zu unterziehen.
Seite 8
2.6
Damit eine Haftung der Beschwerdeführerin für diesen Schadenersatzbetrag gestützt auf
Art. 52 AHVG in Frage kommt, muss dieser Schaden der Ausgleichskasse gemäss
ausdrücklichem Gesetzeswortlaut durch eine „Missachtung von Vorschriften“ entstanden
sein. Dieses Erfordernis der Widerrechtlichkeit ist offensichtlich erfüllt:
Art. 14 Abs. 1 AHVG und Art. 34 ff. der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVV, SR 831.101) schreiben vor, dass der Arbeitgeber bei
jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den
Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeitgeber haben den
Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihnen an ihre
Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden paritätischen
Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und Abrechnungs-
pflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene öffentlich-rechtliche Aufgabe.
Die Nichterfüllung dieser Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinn von
Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (vgl. BGE 132 III 523,
E. 4.6). Werden - wie im vorliegend zu beurteilenden Fall - Beiträge nicht oder nicht
vollständig entrichtet, in der gleichen Zeit aber Löhne bezahlt, gilt dies als Normverstoss
gegen Art. 14 Abs. 1 AHVG in Verbindung mit Art. 36 AHVV und somit mit Blick auf die
Pflichten des Arbeitgebers klar als widerrechtlich (vgl. Urteil des Bundesgerichts
9C_311/2015 vom 9. Juli 2015, E. 4.1, m.w.H.).
2.7
Schliesslich setzt die Schadenersatzpflicht des Arbeitgebers bzw. seiner Organe nach Art.
52 AHVG voraus, dass zwischen der Missachtung von Vorschriften und dem eingetretenen
Schaden ein adäquater Kausalzusammenhang gegeben ist (BGE 119 V 401, E. 4a). Der
Schaden ist, wie dargelegt, ausgewiesen und die Nichtleistung der geschuldeten Beiträge
durch die Arbeitgeberfirma ist klar widerrechtlich. Ein Kausalzusammenhang ist unter
diesen Umständen ohne weiteres zu bejahen: Werden Beiträge nicht ordnungsgemäss
entrichtet, erfolgen aber gleichzeitig Lohnzahlungen, so sind in einem solchen Fall zwar
liquide Mittel der Unternehmung vorhanden, diese werden aber pflichtwidrig nicht für eine
Begleichung der Beitragsausstände verwendet (vgl. Urteil des Bundesgerichts H 74/05 vom
8. November 2005, E. 4.3). Da somit zusammengefasst die ersten drei allgemeinen
Haftungsvoraussetzungen (ausgewiesener Schaden, Widerrechtlichkeit und Kausal-
zusammenhang) erfüllt sind, hängt im vorliegenden Fall die Frage, ob die Beschwerde-
führerin gegenüber der Ausgleichskasse tatsächlich haftpflichtig ist oder nicht,
Seite 9
entscheidend von der Beurteilung der vierten Haftungsvoraussetzung, nämlich ihres
persönlichen Verschuldens, ab.
2.8
Die Haftung nach Art. 52 AHVG ist keine Kausalhaftung. Eine Nichtabrechnung oder
Nichtbezahlung der Beiträge als solche kann nicht automatisch einem haftungs-
begründenden Verschulden gleichgesetzt werden. Die Schadenersatzpflicht der Organe
setzt vielmehr ein qualifiziertes Verschulden in Form von Absicht oder grober Fahrlässigkeit
voraus (Urteil des Bundesgerichts 9C_311/2015 vom 9. Juli 2015, E. 4.2.1, m.w.H.).
Der Begriff der Grobfahrlässigkeit im Sinne von Art. 52 AHVG ist gleich zu verstehen wie im
übrigen Haftpflicht- und Versicherungsrecht, so dass grobfahrlässig handelt, wer eine
elementare Vorsichtsmassnahme missachtet bzw. das ausser Acht lässt, was jedem
verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich
hätte einleuchten müssen (Urteil des Bundesgerichts 9C_117/2011 vom 29. März 2011, E.
4, m.w.H.). Das Mass der zu verlangenden Sorgfalt ist bei der Beurteilung einer Haftung
gestützt auf Art. 52 AHVG abzustufen entsprechend der Sorgfaltspflicht, die in den
kaufmännischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher der Betreffende angehört,
üblicherweise erwartet werden kann und muss (vgl. Urteil des Bundesgerichts H 77/03 vom
18. Januar 2005, E. 5.1). Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat oder nicht, hängt
entscheidend von der Verantwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der
juristischen Person übertragen wurden.
Die Beschwerdeführerin fungierte seit der Gründung der Gesellschaft als Präsidentin der
Genossenschaft und war mit Einzelunterschriftsberechtigung im Handelsregister
eingetragen. Den Eingaben der Beschwerdeführerin ist zu entnehmen, dass sie seit der
Gründung der Genossenschaft engagiert und aktiv mitwirkte, sei es als Präsidentin der
Verwaltung oder als Leiterin Administration sowie als Mitarbeiterin in allen Bereichen
ausser der Produktion. Die Beschwerdeführerin führt in ihrer Beschwerde aus, im
Zusammenhang mit den finanziellen Schwierigkeiten hätten sich zunehmend Interessens-
kollisionen zwischen genossenschaftlicher Gesamtverantwortung und betrieblichen
Prioritäten ergeben, die leider insofern unlösbar geblieben seien, als in der Regel
vorhandene Mittel prioritär für Verbindlichkeiten wie die Löhne der Geschäftsleitung und
Mitarbeitenden sowie die Produktionskosten eingesetzt worden seien. Damit wird
sinngmäss eingeräumt, dass aufgrund finanzieller Engpässe bewusst Prioritäten bei der
Begleichung von offenen Forderungen - darunter auch jene der Ausgleichskasse - gesetzt
werden mussten. Dass die Beschwerdeführerin als Präsidentin der Genossenschaft an
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diesen Entscheiden zumindest mitwirkte, scheint unbestritten. Selbst wenn dies nicht der
Fall gewesen wäre, so wäre von ihr angesichts ihrer Funktion als Präsidentin der
Verwaltung und Leiterin der Administration ohne weiteres zu erwarten gewesen, dass sie
sich zumindest über entsprechende Entscheide informiert und den AHV-rechtlichen
Pflichten der Genossenschaft entsprechend darauf hingewirkt hätte, dass, wenn
Lohnzahlungen erfolgten, auch gleichzeitig die der Ausgleichskasse geschuldeten Beiträge
pflichtgemäss überwiesen werden. Als Präsidentin der Genossenschaftsverwaltung
unterstand sie nämlich - unabhängig von einer im konkreten Fall im Administrationsbereich
ebenfalls vorhandenen zusätzlichen Verantwortlichkeit als aktive Geschäftsführerin - den
Vorschriften von Art. 902 ff. OR, welche die Pflichten einer Genossenschaftsverwaltung
regeln. Gemäss Art. 902 Abs. 1 OR hat die Verwaltung die Geschäfte der Genossenschaft
mit aller Sorgfalt zu leiten und die genossenschaftliche Aufgabe mit besten Kräften zu
fördern. Sie ist insbesondere verpflichtet, die Geschäfte der Generalversammlung
vorzubereiten und deren Beschlüsse auszuführen, sowie die mit der Geschäftsführung und
Vertretung Beauftragten im Hinblick auf die Beobachtung der Gesetze, der Statuten und
allfälliger Reglemente zu überwachen und sich über den Geschäftsgang regelmässig
unterrichten zu lassen (Art. 902 Abs. 2 OR). Richtet die Genossenschaft Arbeitnehmenden
einen Lohn aus, so haben die verantwortlichen Organe der Genossenschaft nicht nur dafür
zu sorgen, dass die der Ausgleichskasse geschuldeten Sozialversicherungsbeiträge bei
jeder Lohnzahlung in Abzug gebracht werden, sondern auch sicherzustellen, dass die
Beiträge von der Arbeitgeberfirma ordnungsgemäss an die Ausgleichskasse bezahlt
werden (vgl. Art. 14 und 51 AHVG i.V.m. Art. 34 AHVV). Im vorliegenden Fall bezieht sich
der von der Ausgleichskasse geforderte Schadenersatz nicht auf einen bloss kurzfristigen,
vorübergehenden Zahlungsausstand der Genossenschaft von wenigen Monaten. Bereits
seit der ersten Auszahlung von Löhnen im Februar 2012 wurde die Genossenschaft
regelmässig für ausstehende Zahlungen gemahnt. Die Lohnbeiträge für Juli 2012 wurden
trotzdem nie geleistet, was der Beschwerdeführerin, besonders auch deshalb, weil sie
gemäss eigenen Angaben im Administrationsbereich der Genossenschaft wirkte, bekannt
sein musste. Im Jahr 2013 erfolgten weiterhin regelmässig Mahnungen und Betreibungen;
offen blieben schliesslich auch nach dem Konkurs der Genossenschaft die Lohnbeiträge
der Monate November und Dezember. Im Jahr 2014 wurden zwar die Abrechnungen April
und Mai ordentlich beglichen, ohne dass in der Aufstellung der Ausgleichskasse zusätzliche
Mahngebühren angeführt wären, die restlichen Monate von Anfang Jahr bis zum
Betriebsschluss im September 2014 unterblieb aber eine ordnungsgemässe Ablieferung
der geschuldeten Lohnbeiträge ebenfalls (vgl. act. 8).
Nach der Rechtsprechung zu Art. 52 AHVG ist es - abgesehen von kurzfristigen
Ausständen - ohne weiteres grobfahrlässig, Löhne zu bezahlen, wenn die darauf
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geschuldeten AHV-Beiträge nicht gedeckt sind. Solches Verhalten ist den verantwortlichen
Organen daher regelmässig als qualifiziertes Verschulden zuzurechnen (Urteil des
Bundesgerichts 9C_311/2015 vom 9. Juli 2015, E. 4.2.2, m.w.H.). Der Grund liegt in der
besonderen Natur der AHV-Beiträge, hinsichtlich welcher der Arbeitgeber die Funktion
eines Vollzugsorgans ausübt (Art. 51 AHVG). Daraus resultiert eine besondere Pflicht, für
die ordnungsgemässe Bezahlung der Beiträge zu sorgen. Die lange Dauer der
Beitragsausstände, die sich im konkreten Fall immerhin über drei Kalenderjahre (2012,
2013 und 2014) verteilen, kann klar nicht mehr als ein bloss kurzfristiger Ausstand
betrachtet werden:
Zwar ist aus den vorinstanzlichen Akten ersichtlich, dass die Genossenschaft schon im
Jahr 2013 sowie besonders auch im Verlauf des Jahres 2014 diverse offene Rechnungen
gegenüber der Ausgleichskasse beglich und durchaus eine Bereinigung der
Schuldensituation anstrebte. Dies und auch die Tatsache, dass die Genossenschafts-
mitglieder an der Generalversammlung vom 5. März 2014 einstimmig beschlossen, der
Betrieb solle weitergeführt werden, ändert jedoch nichts daran, dass die Beschwerde-
führerin sowohl bei ihrer Arbeit in der Administration des Betriebs als auch in ihrer Funktion
als Präsidentin der Genossenschaftsverwaltung in besonderem Mass dazu verpflichtet
gewesen wäre, gerade im Bewusstsein der schlechten finanziellen Lage der
Genossenschaft in erster Linie rasch für die Erfüllung sämtlicher sozialversicherungs-
rechtlicher Verpflichtungen zu sorgen, anstatt die verfügbaren finanziellen Mittel für weitere
Lohnzahlungen oder Produktionskosten einzusetzen. Bereits an der Sitzung der
Verwaltung vom 16. Mai 2014 zeichnete sich klar ab, dass nicht mehr ohne weiteres von
einer Weiterführung des Betriebs ausgegangen werden konnte. Zwar wurden auch im
Anschluss an diese Sitzung noch diverse offene Rechnungen der Ausgleichskasse
beglichen (vgl. act. 8), unter dem Strich wurden aber damit die bestehenden Ausstände
gegenüber der Ausgleichskasse per Saldo nicht abgebaut, da gleichzeitig auch weiterhin
Löhne ausgerichtet wurden, ohne dass dort eine ordnungsgemässe Ablieferung der
geschuldeten Lohnbeiträge an die Ausgleichskasse erfolgte. Das konnte der Beschwerde-
führerin, die als für die Administration zuständige Person die Lohnabrechnungen selbst
betreute, nicht entgangen sein. Es hätte daher erst recht zu ihren Aufgaben als Präsidentin
der Genossenschaft gehört, darauf hinzuwirken, dass vor der sich anbahnenden
Betriebsschliessung die noch offenen Beitragsausstände hätten erledigt werden können.
Nach der Rechtsprechung kann zwar die Nichtbezahlung von Sozialversicherungsbeiträgen
ausnahmsweise entschuldbar sein, wenn bei ungenügender Liquidität eine Arbeitgeberin
zunächst für das Überleben des Unternehmens wesentliche andere Forderungen
(insbesondere solche der Arbeitnehmer und Lieferanten) befriedigt, sofern auf Grund der
objektiven Umstände und einer seriösen Beurteilung der Lage angenommen werden darf,
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die geschuldeten Beiträge würden innert nützlicher Frist nachbezahlt werden können. Ob
und bis zu welchem Zeitpunkt die Beschwerdeführerin, die seit der Gründung der
Genossenschaft deren Organ war und aktiv im Betrieb mitarbeitete, davon ausgehen
durfte, eine Sanierung der Genossenschaft sei möglich und absehbar, kann letztlich
offengelassen werden. Eine nützliche Frist im Sinn der erwähnten Rechtsprechung beträgt
nämlich höchstens ein Jahr (vgl. dazu Urteile des Bundesgerichts 9C_111/2007 vom
17. September 2007, E. 3.1; 9C_117/2011 vom 29. März 2011, E. 4; 9C_436/2016 vom
26. Juni 2017, E. 8.2; je m.w.H). Der älteste Beitragsausstand, auf den sich die
Schadenersatzforderung der Ausgleichskasse bezieht, stammt bereits aus dem Jahr 2012,
so dass sich im vorliegenden Fall auch bei Berücksichtigung dieser zeitlichen Komponente
keine entschuldbaren Umstände mehr erkennen lassen.
Insoweit die Beschwerdeführerin vorbringt, sie habe mit ihrer Stimme in der Verwaltung der
Genossenschaft nicht verhindern können, dass eine Mehrheit der Verwaltungsmitglieder
den eingeleiteten Sanierungsprozess abrupt beendet habe, trifft dies zwar zu, ändert aber
letztlich nichts daran, dass sie, nachdem sie seit der Gründung der Genossenschaft deren
Präsidentin war, gestützt auf Art. 52 AHVG für die offenen Beitragsforderungen gegenüber
der Ausgleichskasse subsidiär haftet, nachdem die Genossenschaft zahlungsunfähig
geworden ist. Ob eine Weiterführung des Betriebs schliesslich tatsächlich dazu geführt
hätte, dass innert nützlicher Frist sämtliche offenen Forderungen der Ausgleichskasse
hätten befriedigt werden können, ohne dass es gleichzeitig zu neuen Beitragsausständen
gekommen wäre, kann und muss im vorliegenden Verfahren nicht beantwortet werden.
2.9
Insoweit die Beschwerdeführerin im Eventualantrag sinngemäss verlangt, das Konkursamt
habe auf die von ihm beanspruchten Verfahrenskosten zugunsten der Ausgleichskasse zu
verzichten, ist festzuhalten, dass das Konkursamt nicht Partei des vorliegenden Verfahrens
ist. Es besteht keine Rechtsgrundlage, „zu prüfen, ob das Konkursamt AR, Zweigstelle
C_ auf die beanspruchten Verfahrenskosten von Fr. 6‘533.40 zu Gunsten der AK AR
verzichten kann“. Der Streitgegenstand der vorliegenden Beschwerde, die sich gegen die
Ausgleichskasse richtet, ist auf die Frage beschränkt, ob der angefochtene Einsprache-
entscheid der Ausgleichskasse vom 1. Juni 2017 zu bestätigen ist oder nicht. Da die
Beschwerdeführerin nicht geltend macht, geschweige denn nachweist, es liege ein Verzicht
des Konkursamts zugunsten der Ausgleichskasse vor, welcher zu einer Reduktion des bei
der Ausgleichskasse eingetretenen Schadens führen würde, ist die von der Ausgleichkasse
geltend gemachte Schadenersatzforderung, wie dargelegt (vgl. E. 2.5 vorstehend),
Seite 13
ausgewiesen. Der Eventualantrag der Beschwerdeführerin ist daher abzuweisen, insoweit
überhaupt darauf eingetreten werden kann.
2.10
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der angefochtene Einspracheentscheid vom
1. Juni 2017 zu schützen ist. Die Beschwerdeführerin ist aufgrund ihrer Organstellung als
Präsidentin der Genossenschaft sowie aufgrund der Tatsache, dass sie im Bereich der
Administration (wozu auch die Lohnmeldungen an die Ausgleichskasse gehörten) aktiv im
Betrieb der Genossenschaft mitgearbeitet hat, gegenüber der Ausgleichskasse gestützt auf
Art. 52 AHVG schadenersatzpflichtig im Umfang von Fr. 22‘895.30.
3. Kosten und Entschädigung
Es handelt sich um ein kostenloses Verfahren (Art. 1 Abs. 1 und Art. 52 AHVG i.V.m. Art.
61 lit. a ATSG), weshalb keine Gerichtskosten zu erheben sind. Beim vorliegenden
Verfahrensausgang sind keine Entschädigungen zuzusprechen.
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