Decision ID: 630a30cc-aeec-406f-bd91-83c42b5042d6
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 22. April 2015 wegen verschiedener Beschwerden
(Bluthochdruck, Depression, Kopfschmerzen, psychisches Leiden, Arthrose am rechten
Bein) zum Bezug von Leistungen bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1).
Die Dres. med. B._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und C._,
Fachärztin für Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates, erstatteten
dem leistungspflichtigen Krankentaggeldversicherer am 16. Juni 2015 ein
bidisziplinäres Gutachten über die Arbeitsfähigkeit der Versicherten. Sie stellten als
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: eine anhaltende depressive
Episode, gegenwärtig schweren Grades mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.2),
DD: rezidivierende depressive Störung (ICD-10: F33.2) bei Status nach erster
Depression nach dem Tod eines Sohnes vor _ Jahren; eine anhaltende
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) und einen Verdacht auf
somatoforme Schmerzverarbeitungsstörung mit Symptomausweitung (ICD-10: F45.4).
Aus rein psychiatrischer Sicht sei die Versicherte zu 100% arbeitsunfähig (fremd-
act. 3-22 ff.; zum orthopädischen Teilgutachten vom 15. Juni 2015 siehe fremd-
act. 3-36 ff.).
A.a.
Vom 22. Juni bis 6. August 2015 sowie vom 25. August bis 24. September 2015
war die Versicherte in der Psychiatrischen Klinik D._ hospitalisiert. Die dort
behandelnden Ärzte diagnostizierten eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung
(ICD-10: F45.4) und eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11). Sie bescheinigten der
Versicherten bei Austritt eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Austrittsbericht vom
A.b.
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26. Oktober 2015, IV-act. 25). Der RAD-Arzt Dr. med. E._, Facharzt für Psychiatrie
und Psychotherapie, vertrat in der Stellungnahme vom 23. November 2015 die Ansicht,
dass sich bei Austritt aus der stationären Behandlung ein deutlich gebesserter
Psychostatus zeige und von einer mindestens halbtägigen Arbeitsfähigkeit
ausgegangen werden könne (IV-act. 27). Die seit 5. Oktober 2015 behandelnde
Dr. med. F._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete am
11. Januar 2016, die Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung,
gegenwärtig mittelgradigen Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11), einer
posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) und einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung (ICD-10: F45.4). Sie bescheinigte ihr eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 31). Zu dieser Beurteilung hielt der RAD-Arzt Dr. E._ am
23. Februar 2016 fest, es entstehe der Eindruck, dass sich Dr. F._ durch die
subjektive Einschätzung der Versicherten bezüglich fehlender Arbeitsfähigkeit leiten
lasse und die in ihrem Bericht angeführten, für eine Eingliederung sprechenden
Sachverhalte nicht in die Beurteilung einfliessen lassen würde (IV-act. 33).
Am 21. März 2016 erhielt die IV-Stelle Kenntnis davon, dass die Versicherte an
einem Verkehrsunfall beteiligt gewesen war (IV-act. 34; zum Hergang des Unfalls vom
29. Januar 2016 siehe den Rapport der Kantonspolizei Thurgau vom _ 2016, fremd-
act. 2-16 ff.). Dabei hatte sie ein kraniozervikales Beschleunigungstrauma Grad II nach
Quebec Tasc Force-Klassifikation erlitten. Die erstbehandelnden medizinischen
Fachpersonen hatten keine Arbeitsunfähigkeit bescheinigt («Keine AUF.»; Bericht zur
Notfallkonsultation vom 1. Februar 2016, fremd-act. 2-6 f.).
A.c.
Mit der Begründung, dass sich die Versicherte nicht in der Lage fühle, an
Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen, wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren
um berufliche Massnahmen in der Mitteilung vom 24. März 2016 ab (IV-act. 40).
A.d.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 2. und 3. November 2016 in der
medexperts ag, St. Gallen, polydisziplinär (allgemeininternistisch, psychiatrisch und
orthopädisch) begutachtet. Die medexperts-Sachverständigen erhoben folgende
Diagnosen, denen sie eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beimassen: eine
fortgeschrittene Gonarthrose und retropatellare Arthrose rechts mit Einschränkungen
beim Gehen und Stehen; einen Status nach Arthroskopie am rechten Kniegelenk mit
A.e.
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Teilmeniskektomie, Gelenktoilette; eine Operation am 5. Februar 2015 wegen medialer
Meniskusläsion und Chondropathie femorotibial Grad IV; lumbospondylogene
Schmerzen bei polysegmentaler Spondylarthrose und Osteochondrose Punctum
maximum LWK5/SWK1 mit Baastrupp-Phänomen und eine foraminale Einengung L5/
S1 ohne klinische Zeichen einer Radikulopathie. Als Leiden ohne wesentliche
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit diagnostizierten sie u.a. eine chronische
Anpassungsstörung mit Depressivität und Störung von anderen Gefühlen (ICD-10:
F43.23), DD: Dysthymie (ICD-10: F34.1) und DD: Somatoforme Schmerzstörung
(ICD-10: F45.4). Ausschliesslich aus orthopädischer Sicht wurde der Versicherten für
die angestammte vorwiegend stehend auszuübende Tätigkeit eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten attestierten
ihr die medexperts-Sachverständigen eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (Gutachten vom
7. Dezember 2016, IV-act. 52; siehe auch die Ergänzung vom 21. Dezember 2016
bezüglich eines Redaktionsversehens bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung, IV-act. 56).
Mit Vorbescheid vom 4. Januar 2017 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 57). Dagegen erhob die Versicherte
am 23. Januar 2017 Einwand (IV-act. 58), den sie am 3. März 2017 ergänzend
begründete (IV-act. 67; zur eingereichten Stellungnahme von Dr. F._ vom 27. Februar
2017, worin diese das medexperts-Gutachten in Zweifel zog, siehe IV-act. 67-22 ff.).
Die IV-Stelle ersuchte am 21. Juni 2017 den psychiatrischen Sachverständigen der
medexperts ag um Stellungnahme, u.a. auch zur Diskussion der Beurteilung von
Dr. B._ (IV-act. 70). Am 17. Juli 2017 antwortete der psychiatrische Sachverständige
der medexperts ag, aus den zusätzlichen medizinischen Unterlagen würden sich keine
weiteren klinischen Tatsachen ergeben, die eine Anpassung der Diagnosestellung und
Schlussfolgerungen nötig machen würden (IV-act. 76). Der RAD-Arzt Dr. E._ hielt die
Beurteilung der medexperts ag für beweiskräftig (Stellungnahme vom 18. Juli 2017, IV-
act. 77). Auf Nachfrage der IV-Stelle vom 20. Juli 2017 (IV-act. 78) äusserten sich der
psychiatrische Gutachter und die orthopädische Gutachterin der medexperts ag am
19. September 2017 zur empfohlenen Weiterführung der bisherigen psychiatrischen
Behandlung und zum Beginn der Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
(«[...] ab dem November 2015 [...]»; IV-act. 81). Am 14. November 2017 verfügte die IV-
Stelle die Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 82).
A.f.
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Dagegen erhob die Versicherte am 12. Dezember 2017 Beschwerde (IV-
act. 87-2 ff.), woraufhin die IV-Stelle am 13. Februar 2018 die angefochtene Verfügung
vom 14. November 2017 widerrief (IV-act. 95; zum Abschreibungsbeschluss des
Versicherungsgerichts siehe den Entscheid vom 21. Februar 2018, IV 2017/454, IV-
act. 101).
A.g.
Mit Zwischenverfügung vom 23. April 2018 ordnete die IV-Stelle eine
Begutachtung durch «das IME Interdisziplinäre medizinische Expertisen Prof. Dr. G._
& Kollegen» an (IV-act. 115), die das Versicherungsgericht auf Beschwerde der
Versicherten vom 25. Mai 2018 (IV-act. 120-2 ff.) hin aufhob (Entscheid vom 9. Januar
2019, IV 2018/181, IV-act. 129). In der Folge holte die IV-Stelle zunächst weitere
Berichte der behandelnden medizinischen Fachpersonen ein (siehe die Verlaufsberichte
von Dr. F._ vom 10. Juni 2019, IV-act. 138, und von Dr. med. H._, Facharzt für
Allgemeine Innere Medizin, vom 30. Juni 2019, IV-act. 141), bevor sie sich vom ZMB
Zentrum für Medizinische Begutachtung, Basel, am 14. Juli 2020 ein bidisziplinäres
(orthopädisch-psychiatrisches) Gutachten, das auf Untersuchungen vom 4. und 6. Mai
2020 beruht, erstatten liess. Die ZMB-Sachverständigen nannten darin folgende
Diagnosen, denen sie einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit einräumten: eine
Gonarthrose beidseits, medial femorotibial und femoropatellär; ein chronisches
Iliolumbalvertebral-Syndrom rechts mit symptomatischen Fazettenarthrosen und
schmerzhafter ISG-Funktionsstörung sowie Trochanterdynie; ein chronisches cerviko-
vertebrogenes Syndrom mit leichter Einschränkung der Beweglichkeit,
symptomatischen cerviko-thorakalen Fazettenarthrosen und Insertionstendinosen ohne
radikuläre Reiz- oder Ausfallsymptomatik; ein chronisches Schultersyndrom rechts
ohne Bewegungseinschränkung mit scapulärer medialer Insertionstendinose,
Tendovaginitis bicipitis, symptomatischer AC-Arthrose, «VD Impingement»; eine
depressive Symptomatik, gegenwärtig leichtgradig ausgeprägt, und eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren. Sie bescheinigten der
Versicherten für die angestammte Tätigkeit eine vollständige Arbeitsunfähigkeit aus
somatischen Gründen und bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten eine 30%ige
Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen (IV-act. 163). In der Stellungnahme vom
31. Juli 2020 vertrat der RAD-Arzt Dr. E._ die Auffassung, auf das ZMB-Gutachten
könne abgestellt werden. Die ZMB-Sachverständigen hätten hinsichtlich der
A.h.
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B.
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eine ähnliche Beurteilung erstellt, wie sie das
Vorgutachten der medexperts ag enthalte (IV-act. 164).
Auf der Grundlage einer 70%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten ermittelte die IV-Stelle im Rahmen eines Einkommensvergleichs einen
37%igen Invaliditätsgrad und stellte der Versicherten mit Vorbescheid vom 5. August
2020 die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 167). Dagegen erhob die
Versicherte am 2. September 2020 Einwand (IV-act. 173) und reichte eine
Stellungnahme von Dr. F._ vom 22. August 2020 ein (IV-act. 173-11 ff.). Der RAD-
Arzt Dr. E._ erkannte darin keine Gründe, die das ZMB-Gutachten in Zweifel ziehen
würden (Stellungnahme vom 27. Oktober 2020, IV-act. 174). Am 17. Dezember 2020
verfügte die IV-Stelle die Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 175).
A.i.
Gegen die Verfügung vom 17. Dezember 2020 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 27. Januar 2021. Die Beschwerdeführerin beantragt darin deren
Aufhebung und – nach der Durchführung medizinischer Abklärungen – die Zusprache
der ihr zustehenden gesetzlichen Leistungen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Zur Begründung bringt sie im Wesentlichen vor, dass der psychiatrische Teil des
bidisziplinären ZMB-Gutachtens mangelhaft sei. Eine Selbsteingliederung sei ihr ohne
von der Beschwerdegegnerin zu erbringende berufliche Massnahmen nicht zumutbar,
was im Fall eines rückwirkenden Rentenanspruchs mit anschliessender Anpassung
berücksichtigt werden müsste. Des Weiteren sei eine Restarbeitsfähigkeit aufgrund des
vorgerückten Alters nicht mehr verwertbar. Falls deren Verwertbarkeit bejaht werden
würde, rechtfertige sich bei der Bestimmung des Invalideneinkommens ein
Tabellenlohnabzug von mindestens 20 % (act. G 1). Mit der Beschwerde reicht die
Beschwerdeführerin eine Stellungnahme von Dr. F._ vom 7. Januar 2021 ein (act.
G 1.3), worin sich diese kritisch zur Einschätzung der psychiatrischen ZMB-Gutachterin
äussert.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 22. März 2021
die Abweisung der Beschwerde. Gestützt auf eine Stellungnahme des RAD-Arztes
Dr. E._ vom 17. März 2021 (act. G 4.3) macht sie im Wesentlichen geltend, die von
der Beschwerdeführerin und Dr. F._ vorgetragene Kritik am psychiatrischen Teil des
B.b.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
der Beschwerdeführerin.
ZMB-Gutachtens sei unzutreffend. Das Begehren um berufliche Massnahmen sei in der
Mitteilung vom 24. März 2016 abgewiesen worden, da sich die Beschwerdeführerin
nicht in der Lage gefühlt habe, daran teilzunehmen. Falls sich zwischenzeitlich daran
etwas verändert habe, stehe es der Beschwerdeführerin frei, ein erneutes Gesuch um
berufliche Massnahmen zu stellen. Die Beschwerdegegnerin bestreitet, dass die
Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht mehr verwertbar sei, und verneint
das Vorliegen von Gründen, die einen Tabellenlohnabzug rechtfertigten (act. G 4).
In der Replik vom 5. Mai 2021 hält die Beschwerdeführerin unverändert an der
Beschwerde fest (act. G 6).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet stillschweigend auf eine Duplik (act. G 8).B.d.
Am 1. Januar 2022 trat das revidierte Bundesgesetz über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20) in Kraft. Die vorliegend angefochtene Verfügung erging vor dem
1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und
des zeitlich massgebenden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1) sind
daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) sowie des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in der bis
31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendbar (Urteil des Bundesgerichts
vom 23. Februar 2022, 8C_455/2021, E. 2), in der sie nachfolgend auch referenziert
werden.
1.1.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 ATSG die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
1.2.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2022&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=weiv+ivg&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F144-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210
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2.
Zunächst ist die zwischen den Parteien umstrittene Frage zu prüfen, ob der
medizinische Sachverhalt spruchreif abgeklärt worden ist. Die Beschwerdegegnerin
stützt sich in der angefochtenen Verfügung auf das bidisziplinäre ZMB-Gutachten,
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 Satz 1 IVG).
1.3.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.4.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der
medizinischen Fachpersonen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines medizinischen Berichts ist entscheidend, ob er für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a).
1.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/16
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gegen deren psychiatrischen Teil die Beschwerdeführerin verschiedene Mängel
vorbringt.
Bei psychischen oder psychosomatischen Krankheitsbildern steht das
Beweisproblem im Vordergrund, dass sich die Beurteilung dieser Gesundheitsschäden
und der dadurch bedingten Arbeitsunfähigkeiten – mangels zuverlässiger bzw.
bewährter Messmethodik – zwangsläufig zunächst auf die Angaben der versicherten
Person und deren Leidenspräsentation stützen und es an einer eigentlichen davon
unabhängigen, direkten Objektivierbarkeit fehlt. Deshalb ist die umfassende Prüfung
der Konsistenz und der Plausibilität der Leidensschilderung sowie -präsentation für die
möglichst objektive bzw. medizinisch-wirklichkeitsgetreue Beurteilung der
gesundheitlichen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit von zentraler Bedeutung (siehe
etwa BGE 141 V 281). Um eine möglichst objektive, von der Selbsteinschätzung der
versicherten Person unabhängige, der tatsächlichen Funktionsfähigkeit entsprechende
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung im Sinn von Art. 7 Abs. 1 und 2 ATSG zu gewährleisten
(vgl. hierzu bzw. zur Massgeblichkeit des tatsächlich erreichbaren Leistungsvermögens
etwa das Urteil des Bundesgerichts vom 11. Mai 2020, 9C_765/2019, E. 4.2), haben die
medizinischen Fachpersonen nebst den Erkenntnissen der eigenen Untersuchung
deshalb nach Möglichkeit bei ihrer Expertise sämtliche Lebensaspekte zu würdigen, bei
denen Beeinträchtigungen und Ressourcen einer versicherten Person in Erscheinung
treten. Dabei sich zeigende Umstände wie etwa Inkonsistenzen, die auf
krankheitsfremde Faktoren deuten oder ernsthafte Zweifel am objektiven Umfang der
geklagten gesundheitlichen Beeinträchtigung begründen, sind zu benennen. Geltend
gemachte Beeinträchtigungen, die auf solchen krankheitsfremden bzw. nicht
krankheitswertigen Faktoren beruhen oder zweifelhaft erscheinen, sind bei der Beur
teilung des Gesundheitsschadens sowie der Arbeitsfähigkeit auszuklammern. Denn
massgebend für die Ermittlung der Erwerbsunfähigkeit bzw. Invalidität sind nur
gesundheitliche Beeinträchtigungen, deren Vorhandensein aus objektiver Sicht mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit bejaht werden kann. Aus diesen
Gründen sehen die Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der
Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP, 3. vollständig
überarbeitete und ergänzte Auflage, 16. Juni 2016) denn auch vor, dass eine
Stellungnahme zur Authentizität von Beschwerden, von präsentierten Symptomen und
von Leistungseinschränkungen obligatorischer Bestandteil eines
versicherungspsychiatrischen Gutachtens zu sein hat. Das beinhaltet eine
Stellungnahme zur Frage, ob die berichteten Beschwerden und präsentierten
Symptome in sich konsistent sind oder ob Diskrepanzen, allenfalls sogar Widersprüche
bestehen. Dies gelingt am ehesten durch eine Gegenüberstellung der erhobenen
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/16
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Informationen mit Hilfe der verschiedensten methodischen Zugänge. Diesbezüglich
sind Hinweise aus der Verhaltensbeobachtung und dem Anamneseverlauf relevant
(Qualitätsleitlinien, S. 29). Eine besondere Bedeutung bei der Exploration kommt der
detaillierten Beschreibung eines üblichen Tagesablaufs durch die versicherte Person
zu, da sich hieraus häufig Hinweise auf Interessen, Aktivitäten, Alltagsgewohnheiten
und damit Potential und Ressourcen, jedoch auch Diskrepanzen zu anderen Angaben
oder zum Verhalten in der Untersuchung ergeben (Qualitätsleitlinien, S. 16; siehe zum
Ganzen den Entscheid des Versicherungsgerichts vom 5. Juni 2020, IV 2018/124,
E. 3.1).
Gegen die Beurteilung der psychiatrischen ZMB-Gutachterin wendet die
Beschwerdeführerin ein, dass darin keine nachvollziehbare Abklärung hinsichtlich einer
posttraumatischen Belastungsstörung enthalten sei (act. G 1, II. Rz 5.2.1).
2.2.
Notwendiger Bestandteil der Prüfung der Fragen, ob ein geklagtes Leidensbild
der Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung entspricht und welche
Leistungsbeeinträchtigungen daraus resultieren, ist u.a. eine möglichst umfassende
Situationsanalyse mit fremdanamnestischen Angaben aus verschiedenen
Informationsquellen zur Symptomerfassung und bezüglich Alltagsfunktionalität (vgl.
Urteil des Bundesgerichts vom 27. Juni 2018, 8C_24/2018, E. 5.2) und eine eingehende
Würdigung der einschlägigen diagnostischen Kriterien (vgl. hierzu Wolfgang Schneider/
Peter Henningsen/Ralf Dohrenbusch/Harald J. Freyberger/Hanno Irle/Volker Köllner/
Bernhard Widder [Hrsg.], Begutachtung bei psychischen und psychosomatischen
Erkrankungen, Autorisierte Leitlinien und Kommentare, Bern 2012, S. 529 ff.).
2.2.1.
Die psychiatrische ZMB-Gutachterin hat den Gesundheitszustand umfassend
und mit breitem Fokus abgeklärt. Vor diesem Hintergrund schadet es nicht, dass im
Rahmen der Begutachtung keine isolierte Abklärung eines posttraumatischen
Störungsbilds vorgenommen wurde bzw. die im Rahmen der Exploration explizit
erfragten Symptome nicht im Gutachten einzeln aufgezählt werden (vgl. IV-act. 163-68,
wonach die Beschwerdeführerin auf explizite Nachfrage keine Symptome angegeben
habe). Entscheidend ist nämlich, dass die Beurteilung der psychiatrischen ZMB-
Gutachterin den erforderlichen umfassenden Einblick in den psychischen Zustand der
Beschwerdeführerin auch unter dem Aspekt einer posttraumatischen
Belastungsstörung liefert (Urteil des Bundesgerichts vom 23. April 2019, 8C_8/2019,
E. 5.2.1). Dabei finden sich über das ganze Teilgutachten immer wieder Erhebungen,
die für eine Abklärung eines posttraumatischen Störungsbilds relevant sind (zu den
spontanen Leidensangaben der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit dem Tod
2.2.2.
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des Sohnes siehe IV-act. 163-52; zu den erhobenen Angaben bezüglich Albträumen,
die nicht den Tod des Sohnes beinhalten, siehe IV-act. 163-55; zur Gemütslage bei
Gedanken an den Tod des Sohnes, die nach ihrer eigenen Einschätzung «normal sei,
für jemanden, der ein Kind verloren habe», siehe IV-act. 163-55 f. und IV-act. 163-61;
zur Ablenkungsmöglichkeit siehe IV-act. 163-56 Mitte). Eingehend explorierte die
psychiatrische ZMB-Gutachterin auch die Angstgefühle der Beschwerdeführerin, wobei
sich aus den Angaben der Beschwerdeführerin ergibt, dass ihre Angst bzw. die Sorge
um ihre Söhne bereits vor dem Tod des mittleren Sohnes bestanden haben (sie sei
denn auch schon immer unruhig gewesen, wenn die Söhne z.B. in den Ausgang
gegangen seien, IV-act. 163-61 Mitte). Zudem hielt die psychiatrische ZMB-Gutachterin
bezüglich der hier interessierenden Thematik auch fest, dass die Beschwerdeführerin
beim Berichten über den Verlust des mittleren Sohns affektstabil geblieben sei (IV-
act. 163-61 unten).
Im ZMB-Gutachten wurde ausserdem einlässlich die Alltagsfunktion der
Beschwerdeführerin abgeklärt. Die sich daraus ergebende gute Ressourcenlage und
der Schluss, dass das Alltagsfunktionsniveau der Beschwerdeführerin nicht wesentlich
eingeschränkt ist, sind nachvollziehbar begründet (siehe etwa IV-act. 163-13 Mitte;
zum doch noch recht aktiv ausgestalteten Tagesablauf der Beschwerdeführerin, der
u.a. Haushaltsarbeiten, Lesen, Kontakte mit Enkelkindern, Spazieren und Einkäufe
beinhaltet, siehe IV-act. 163-59; siehe auch IV-act. 163-69 und IV-act. 163-70). Die
Beschwerdeführerin verneinte denn auch selbst, in der Körperpflege oder im Haushalt
beeinträchtigt zu sein (IV-act. 163-59 Mitte). Ein Interessenverlust ist auch hinsichtlich
Hobbies oder sportlicher Aktivitäten nicht ersichtlich, da die Beschwerdeführerin nie
solchen Freizeitbeschäftigungen nachgegangen war (IV-act. 163-59 und IV-act. 163-70
Mitte). Ausserdem berücksichtigte die psychiatrische ZMB-Gutachterin zu Recht, dass
die Beschwerdeführerin sozial und familiär eingebunden sei sowie gute Kontakte zu
Verwandten unterhalte (siehe etwa IV-act. 163-57 Mitte und IV-act. 163-61 mit u.a.
dem Hinweis, dass die Beschwerdeführerin beim Berichten über die Familie emotional
spürbar gewesen sei; siehe zum familiären Zusammenhalt und den Ängsten um das
Wohl der Söhne ferner IV-act. 163-68 unten).
2.2.3.
Die psychiatrische ZMB-Gutachterin trug auch dem Umstand Rechnung, dass
die Beschwerdeführerin nach dem Tod des Sohnes in anerkennenswerter Weise einige
Jahre ihrer Erwerbstätigkeit weiterhin nachging bzw. nicht in ihrer Arbeitsfähigkeit
beeinträchtigt war (IV-act. 163-58 unten; siehe auch IV-act. 163-65), was gegen eine,
jedenfalls im Vordergrund stehende, posttraumatische Belastungsstörung spricht.
Dabei setzte sich die psychiatrische ZMB-Gutachterin eingehend mit den
2.2.4.
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verschiedenen Hintergründen der Dekompensation im Jahr 2014 auseinander (IV-
act. 163-68 Mitte und IV-act. 163-70 Mitte) und berücksichtigte auch die Mitbeteiligung
psychosozialer Belastungsfaktoren, wie etwa den Arbeitsplatzverlust (IV-act. 163-65).
Die Einschätzung der psychiatrischen ZMB-Gutachterin schliesst auch den Umstand
ein, dass anlässlich der stationären Behandlungen in der Psychiatrischen Klinik D._
keine psychopathologischen Befunde festgestellt wurden, die auf eine
posttraumatische Belastungsstörung deuten würden (IV-act. 163-65 unten). Der
gutachterlich gezogene Schluss, dass zwar nach wie vor eine Fokussierung auf den
Tod des mittleren Sohns mit entsprechender Trauer bestehe (siehe IV-act. 163-61),
diese aber nicht die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung begründe
und die Gemütslage der Beschwerdeführerin stattdessen im Rahmen der
diagnostizierten depressiven Symptomatik zu erklären sei (siehe zu dieser Diagnose
und der darin berücksichtigten depressiven Stimmungs- und Antriebslage IV-
act. 163-62), ist insgesamt fundiert begründet worden und leuchtet ein. Ausserdem
berücksichtigte die psychiatrische ZMB-Gutachterin bei der Würdigung des
Schmerzerlebens bzw. der somatoformen Schmerzstörung ebenfalls die aus dem Tod
des Sohnes folgenden ungünstigen Auswirkungen (IV-act. 163-68 unten). Im Übrigen
verneinte bereits der psychiatrische Gutachter der medexperts ag eine
posttraumatische Belastungsstörung (IV-act. 52-20).
Anzufügen bleibt, dass ein den Beweisanforderungen grundsätzlich genügendes
medizinisches Gutachten (BGE 125 V 351 f. E. 3a und b) – wie das ZMB-Gutachten
(siehe nachstehende E. 2.4) – nicht in Frage gestellt werden und Anlass zu weiteren
Abklärungen bieten kann, wenn und sobald die behandelnden medizinischen
Fachpersonen nachher zu einer unterschiedlichen Beurteilung gelangen oder an
vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich
nur, wenn – was vorliegend nicht zutrifft – objektiv feststellbare Gesichtspunkte
vorgebracht werden, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben waren und
die geeignet sind, zu einer anderen Beurteilung zu führen (Urteil des Bundesgerichts
vom 29. Juli 2008, 9C_830/2007, E. 4.3 mit Hinweisen). Ferner kann eine
psychiatrische Exploration von der Natur der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen.
Sie eröffnet einer psychiatrischen Fachperson – sei sie nun in therapeutischer oder in
begutachtender Funktion – daher praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb
dessen verschiedene medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig
und zu respektieren sind, sofern die Beurteilung des Experten oder der Expertin die
Beweisanforderungen erfüllt (vgl. BGE 145 V 361 E. 4.1.2). Was die abweichende
Einschätzung von Dr. F._ anbelangt, so ergeben sich daraus keine objektiven
2.2.5.
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Gesichtspunkte, welche Zweifel an der Beurteilung der psychiatrischen ZMB-
Gutachterin begründen. Darüber hinaus räumte die Dr. F._ wiederholt ein, dass die
Darlegungen der psychiatrischen ZMB-Gutachterin grundsätzlich korrekt seien (IV-
act. 173-11 und act. G 1.3, S. 1). Ihre Arbeitsfähigkeitsschätzungen erfolgten – soweit
ersichtlich – ohne objektive Ressourcenprüfung. Dies zeigt sich etwa darin, dass
Dr. F._ im Bericht vom 10. Juni 2019 eine regelmässige Hilfsbedürftigkeit der
Beschwerdeführerin bei den alltäglichen Lebensverrichtungen bejahte, was im
Widerspruch zum tatsächlichen Aktivitäts- und Funktionsniveau steht (siehe hierzu
vorstehende E. 2.2.3) und auch gar nicht näher begründet wurde. Eine solche
Hilfsbedürftigkeit ergibt sich auch nicht aus der Stellungnahme vom 11. Juli 2017,
worin Dr. F._ sich ausschliesslich aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin zur
Alltagsfunktionalität äusserte (IV-act. 74). Des Weiteren bescheinigte Dr. F._ der
Beschwerdeführerin immerhin «nach wie vor» eine 50%ige Arbeitsfähigkeit, womit
lediglich eine Differenz von 20 % zur von der psychiatrischen ZMB-Gutachterin
bescheinigten 70%igen Arbeitsfähigkeit besteht (act. G 1.3 und IV-act. 173-12).
Die Beschwerdeführerin hält auch die retrospektive Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
der psychiatrischen ZMB-Gutachterin für mangelhaft (act. G 1, II. Rz 5.2.3). Diese
Betrachtungsweise trifft nicht zu. Auch Dr. F._ ging retrospektiv grundsätzlich von
einem stationären Gesundheitszustand aus (siehe den Verlaufsbericht vom 10. Juni
2019, IV-act. 138-2 oben). So bescheinigte sie sowohl im Bericht vom 27. Februar
2017 (IV-act. 67-23 unten) als auch im Verlaufsbericht vom 10. Juni 2019 eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit. Auch in der Folgezeit hielt sie an dieser Einschätzung fest (siehe
vorstehende E. 2.2.5 am Schluss). Zwar ging sie im Bericht vom 24. Februar 2016 noch
von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit aus (IV-act. 67-21). Dabei ist allerdings zu
berücksichtigen, dass diese Arbeitsfähigkeitsschätzung auch unter dem unmittelbaren
Eindruck des am 29. Januar 2016 erlittenen Unfalls (zum Hergang des Unfalls vom
29. Januar 2016 siehe den Rapport der Kantonspolizei Thurgau vom _ 2016, fremd-
act. 2-16 ff.) stand. Es ist mit der psychiatrischen ZMB-Gutachterin mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass diese unfallbedingte Verschlechterung
bloss vorübergehend und nicht mehr als 3 Monate angedauert haben dürfte (IV-
act. 163-71). Für diese Betrachtungsweise spricht denn auch, dass die von Dr. F._
später beschriebenen psychopathologischen Befunde und Diagnosen, wie sie der
Bescheinigung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit zugrunde gelegt wurden, in der Folge
grundsätzlich unverändert geblieben sind, was für einen grundsätzlich stationären
Verlauf des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit spricht, wie er von der
psychiatrischen ZMB-Gutachterin überzeugend dargelegt wurde (IV-act. 163-71).
2.3.
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3.
Gestützt auf die von den ZMB-Sachverständigen – auch retrospektiv, abgesehen von
einer höchstens dreimonatigen und damit nicht relevanten vorübergehenden
Verschlechterung – bescheinigten 70%igen Arbeitsfähigkeit verbleibt die Ermittlung der
Erwerbsunfähigkeit bzw. des Invaliditätsgrads.
Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen ist der Kritik der Beschwerdeführerin
am psychiatrischen ZMB-Gutachten nicht zu folgen. Vielmehr überzeugen die
diagnostischen Ausführungen der ZMB-Gutachterin und die daraus gezogenen
Schlüsse auf die Arbeitsfähigkeit. Das psychiatrische ZMB-Gutachten erfüllt – wie auch
der übrige, unbestritten gebliebene Gutachtensteil – sämtliche Anforderungen an eine
beweiskräftige medizinische Expertise (siehe hierzu vorstehende E. 1.5). Ergänzend
kann auf die Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. E._ verwiesen werden (act. G 4.3).
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin (act. G 1, II. Rz 5.2.2 am Schluss) ist
vom Beizug des im Rahmen der ZMB-Begutachtung erstellten BDI (Beck-Depressions-
Inventar) abzusehen, da davon keine neuen Erkenntnisse zu erwarten sind. Denn
einerseits liegt dem BDI eine blosse Selbstbeurteilung zugrunde (Urteil des
Bundesgerichts vom 12. Juli 2018, 9C_302/2018, E. 4.2.2) und andererseits wurden die
erzielten Ergebnisse im Rahmen der Untersuchungsbefunde von der psychiatrischen
ZMB-Gutachterin berücksichtigt (siehe IV-act. 163-61 mit Hinweis u.a. auf den
«BDI: 19»). Aus dem einlässlich beschriebenen Untersuchungsbefund lässt sich denn
auch ohne weiteres entnehmen, von welcher objektiv wahrnehmbaren Gemütslage die
psychiatrische ZMB-Gutachterin ausgegangen ist.
2.4.
Bei der Bestimmung des Valideneinkommens ist mit der Beschwerdegegnerin (IV-
act. 175-2) auf die Angaben der ehemaligen Arbeitgeberin abzustellen, dass die
Beschwerdeführerin ab 1. Januar 2015 einen Jahreslohn von Fr. 59'995.-- (Fr. 4'615.--
x 13) verdient hätte (vgl. IV-act. 14-3), denn wegen Krankheit und Unfallfolgen wurde
der AHV-pflichtige Lohn bereits früher gekürzt (vgl. IV-act. 14-7 ff.).
3.1.
Nachfolgend ist das Invalideneinkommen für das Jahr 2015 zu bestimmen.3.2.
Das der Beschwerdeführerin zur Verwertung der Restarbeitsfähigkeit noch
offenstehende Spektrum wurde im ZMB-Gutachten wie folgt umschrieben: «Leichte
Tätigkeiten, überwiegend im Sitzen, mit der Möglichkeit nach Bedarf zu stehen und zu
gehen, ohne Heben und Tragen von Gewichten über 5 kg, ohne Zwangshaltungen,
gebückte und kauernde Positionen, ohne regelhaftes Leiter- und Treppensteigen sowie
Gehen auf unebenem Boden» (IV-act. 163-11). Dieses Anforderungsprofil schränkt das
3.2.1.
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Spektrum leichter körperlicher Tätigkeiten nicht stark ein. Deshalb und da die
Beschwerdeführerin immerhin über eine 70%ige Restarbeitsfähigkeit verfügt, ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit und entgegen dem Standpunkt der
Beschwerdeführerin (act. G 1, II. Rz 6) trotz des fortgeschrittenen Erwerbsalters und
der mehrjährigen Absenz vom Arbeitsmarkt die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit
als Hilfsarbeiterin zu bejahen. Im Erwerbsbereich der Hilfsarbeiten spielt denn auch die
fehlende praktische Erfahrung in einer entsprechenden Tätigkeit eine untergeordnete
Rolle. Anzufügen ist, dass der Beschwerdeführerin bereits im Bericht vom 27. Februar
2017 seitens Dr. F._ immerhin eine 50%ige Arbeitsfähigkeit bescheinigt worden war
(IV-act. 67-23) und ihr spätestens ab diesem Zeitpunkt hätte klar sein müssen, dass sie
über eine namhafte Restarbeitsfähigkeit jedenfalls von wenigstens 50 % verfügte,
womit der massgebende Zeitpunkt (siehe hierzu BGE 138 V 457) für die Beurteilung der
Frage nach der Verwertbarkeit einer Teilarbeitsfähigkeit spätestens auf Februar 2017
festzusetzen ist, als die Beschwerdeführerin noch nicht im weit fortgeschrittenen
Erwerbsalter stand. Unter diesen Umständen ist die weitere vollständige Absenz vom
Arbeitsmarkt ferner auch nicht krankheitsbedingt zu erklären.
In Anbetracht dessen, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung sämtliche
Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit berücksichtigt, insbesondere auch die
Einschränkungen der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit (IV-act. 163-70 Mitte), und
das zumutbare Spektrum für leichte Hilfsarbeiterinnentätigkeiten nicht stark
eingeschränkt ist, rechtfertigt sich kein Tabellenlohnabzug. Insbesondere ist davon
auszugehen, dass im Segment der Hilfsarbeiterinnentätigkeiten keine dauerhaften
lohnwirksamen Anforderungen an die Umstellungsfähigkeit oder Flexibilität bestehen.
Bei körperlich leichten Hilfsarbeiterinnentätigkeiten dürften sich auch allfällige Folgen
eines fortgeschrittenen Alters nicht in wesentlichem Ausmass auf die
Leistungserbringung und deren Entlöhnung auswirken (vgl. im Übrigen auch die
Ergebnisse der Lohnstrukturerhebung 2018, TA9, Monatlicher Bruttolohn [Zentralwert
und Quartilbereich] nach Lebensalter, beruflicher Stellung und Geschlecht, aus der
keine negative Korrelation zwischen Alter und Lohnhöhe bei
Hilfsarbeiterinnentätigkeiten hervorgeht; vgl. auch BGE 146 V 26 f. E. 7.2.1). Nichts
anderes gilt hinsichtlich der von der Beschwerdeführerin zusätzlich geltend gemachten
langen Abwesenheit vom Arbeitsmarkt und mangelnden Sprachkenntnisse bzw.
geringen Schulbildung (act. G 1, II. Rz 7.3; Urteil des Bundesgerichts vom 13. Februar
2018, 9C_549/2017, E. 3.5).
3.2.2.
Da die Beschwerdeführerin keiner Erwerbstätigkeit nachgeht, ist für die
Bestimmung des Invalideneinkommens auf den an eine betriebsübliche Arbeitszeit
3.2.3.
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4.