Decision ID: 9652e729-b504-49f8-9901-48768b11b796
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 12. August 2002 zum Bezug von IV-Leistungen an. Mit
Verfügung vom 18. März 2004 sprach ihm die IV-Stelle mit Wirkung ab 1. Januar 2004
eine halbe Rente zu. Gestützt auf das von der IV-Stelle eingeholte Gutachten der ABI
Ärztliches Begutachtungsinstitut GmbH vom 7. Juli 2006, worin dem Versicherten mit
Wirkung ab 24. Mai 2006 (Datum Untersuchung) eine 100%ige Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigt wurde, stellte die IV-Stelle mit Verfügung
vom 14. Februar 2007 die Rentenleistungen mit Wirkung ab 1. April 2007 wieder ein.
Die dagegen vom Versicherten erhobene Beschwerde vom 16. März 2007 hiess das
Versicherungsgericht teilweise gut. Es wies die Sache zur weiteren Abklärung und
neuen Verfügung im Sinn der Erwägungen an die IV-Stelle zurück (siehe hierzu sowie
zum bis dahin eingetretenen massgeblichen Sachverhalt den Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 21. August 2008, IV 2007/126, IV-act. 223). In dem von der
IV-Stelle eingeholten interdisziplinären (rheumatologisch-psychiatrischen) Gutachten
der MEDAS Ostschweiz vom 23. April 2009 wurde dem Versicherten eine 25%ige
Arbeitsunfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigt (IV-act. 232; zur
ergänzenden Stellungnahme der MEDAS Ostschweiz vom 30. November 2009 siehe
IV-act. 251). Gestützt darauf bestätigte die IV-Stelle mit Verfügung vom 11. Dezember
2009 die Einstellung der Rentenleistungen ab 1. April 2007 (IV-act. 253). Dagegen
erhob der Versicherte am 25. Januar 2010 Beschwerde (IV-act. 259), die das
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 10. Dezember 2010, IV 2010/30, abwies (IV-
act. 269).
A.a.
Am 15. Juni 2014 (Datum Posteingang bei der IV-Stelle: 24. Juni 2014) meldete
sich der Versicherte erneut zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 273). Er brachte
A.b.
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vor, an Schmerzen in verschiedenen Gelenken (Knie links und rechts, Handgelenk
vorwiegend links und Rücken) zu leiden (IV-act. 274). Der RAD-Arzt Dr. med. B._,
Facharzt für Chirurgie, gelangte in der Stellungnahme vom 21. August 2014 zur
Auffassung, es könne an der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die Gutachter der
MEDAS Ostschweiz festgehalten werden (IV-act. 287). Daraufhin trat die IV-Stelle auf
das Leistungsbegehren nicht ein (Verfügung vom 3. September 2014, IV-act. 280). Der
Versicherte erhob dagegen am 25. September 2014 Beschwerde (IV-act. 288-2 f.; zu
den eingereichten medizinischen Unterlagen siehe IV-act. 290). Auf Empfehlung des
Rechtsdienstes (siehe dessen Stellungnahme vom 23. Januar 2015, IV-act. 296)
widerrief die IV-Stelle die angefochtene Verfügung vom 3. September 2014 (Verfügung
vom 23. Januar 2015, IV-act. 298; zum Abschreibungsbeschluss des
Versicherungsgerichts vom 29. Januar 2015, IV 2014/453, siehe IV-act. 301). In der
Folge gingen bei der IV-Stelle weitere medizinische Berichte ein. Der RAD-Arzt
Dr. B._ vertrat den Standpunkt, aufgrund der vorliegenden Unterlagen könne weiter
davon ausgegangen werden, dass in einer leidensangepassten Tätigkeit eine
Arbeitsfähigkeit von mindestens 75 % bestehe (Stellungnahme vom 2. Juli 2015, IV-
act. 318). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (zum Vorbescheid vom 3. Juli
2015 siehe IV-act. 321; zum Einwand des Versicherten vom 25. August 2015 [Datum
Posteingang bei der IV-Stelle] siehe IV-act. 323; zur RAD-Stellungnahme vom
19. November 2015 siehe IV-act. 330) verfügte die IV-Stelle am 4. Januar 2016 die
Abweisung des Leistungsgesuchs (IV-act. 332). Dagegen erhob der Versicherte am
2. Februar 2016 (Datum Postaufgabe) Beschwerde (IV-act. 333-2 f.). Auf neuerliche
Empfehlung des Rechtsdienstes (Stellungnahme vom 5. April 2016, IV-act. 339)
widerrief die IV-Stelle die angefochtene Verfügung vom 4. Januar 2016 (Verfügung vom
5. April 2016, IV-act. 341; zum Abschreibungsbeschluss des Versicherungsgerichts
vom 20. April 2016, IV 2016/33, siehe IV-act. 345).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 4. und 5. Juli 2016 im Rahmen
einer Verlaufsuntersuchung in der ABI polydisziplinär (allgemeininternistisch,
orthopädisch und psychiatrisch) abgeklärt. Die ABI-Gutachter stellten folgende
Diagnosen, die zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führen würden: 1. ein
chronisches panvertebrales Schmerzsyndrom ohne fassbare radikuläre Symptomatik,
2. chronische Kniebeschwerden rechts und 3. chronische Kniebeschwerden links.
A.c.
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Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien u.a. folgende Diagnosen: eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41) und
narzisstische und impulsive Persönlichkeitszüge (ICD-10: Z73.1). Die ABI-Gutachter
bescheinigten dem Versicherten für die angestammte Tätigkeit als Betriebsmechaniker
und für andere körperlich schwer belastende berufliche Tätigkeiten eine bleibende und
volle Arbeitsunfähigkeit. Für körperlich leichte bis selten mittelschwere, angepasste
Tätigkeiten bestehe eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 100 % (Gutachten vom
15. August 2016, IV-act. 358). Mit Vorbescheid vom 29. September 2016 stellte die IV-
Stelle dem Versicherten die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 363).
Der Versicherte erhob dagegen am 18. Oktober 2016 Einwand (IV-act. 364; zum vom
Versicherten unterzeichneten Exemplar siehe IV-act. 365). Die IV-Stelle verfügte am
14. November 2016 die Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 366). Das
Versicherungsgericht wies die dagegen erhobene Beschwerde vom 22. Dezember
2016 (Datum Postaufgabe, IV-act. 370-2 ff.) ab und trat auf das Subeventualbegehren
um Gewährung von beruflichen Wiedereingliederungsmassnahmen (mangels
Anfechtungsgegenstands) nicht ein (E. 5 des Entscheids, IV-act. 405-13). Da sich aus
der Sicht des Versicherungsgerichts namentlich aus den Berichten der Klinik C._
vom 19. April 2017 (IV-act. 398-6 ff.) und 29. August 2017 (IV-act. 393) Anhaltspunkte
für eine nach dem Verfügungserlass eingetretene gesundheitliche Verschlechterung
ergaben (bipolare affektive Psychose, siehe E. 2.1 des Entscheids, IV-act. 405-7),
überwies es die Sache zur diesbezüglichen Prüfung im Rahmen einer Neuanmeldung
an die Beschwerdegegnerin (Entscheid vom 5. Februar 2019, IV 2016/437, IV-act. 405).
Auf die dagegen erhobene Beschwerde des Versicherten vom 18. März 2019 (Datum
Poststempel) trat das Bundesgericht nicht ein (Urteil vom 26. März 2019, 8C_195/2019,
IV-act. 411).
Am 5. Juni 2019 erhielt die IV-Stelle ein Schreiben des Versicherten vom 1. Juni
2019, worin er mitteilte, er habe eine Teilzeitstelle gefunden, an welcher er ungefähr «2
Leistungsstunden am Nachmittag» beschäftigt sei (IV-act. 418-1). Gleichentags gingen
bei der IV-Stelle ein mit 25. Mai 2019 datierter Antrag des Versicherten um berufliche
Massnahmen (IV-act. 418-3) sowie verschiedene medizinische Berichte, u.a. ein
Verlaufsbericht des im Psychiatrie-Zentrum D._ behandelnden med. pract. E._ vom
2. Mai 2019, ein (IV-act. 419 ff.).
A.d.
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Im Auftrag der IV-Stelle führten die medizinischen Sachverständigen der ABI am
18. und 24. Februar 2020 eine polydisziplinäre (allgemeininternistische, orthopädische,
psychiatrische, neurologische und neuropsychologische) Verlaufsbegutachtung des
Versicherten durch. Im Rahmen der Untersuchungen äusserte der Versicherte, er sei
froh, dass er seit etwas mehr als einem Jahr eine kleine Arbeit habe. Er arbeite in einem
Unternehmen, in dem seine Ehefrau tätig sei. Nachmittags mache er ein bis zwei
Fahrten mit einem Traktor zur Entsorgung von Bioabfall. Vormittags kümmere er sich
um sein Geschäft. Er habe im Sommer 2019 das Karosserierunternehmen seines
Bruders übernommen. Er sei jeden Tag von ungefähr 8:00 bis ungefähr 15:00 Uhr im
Geschäft, helfe einem Mieter, der einen Garagenlift gemietet habe, beim Arbeiten. Zum
Teil helfe er auch seinem Bruder, der noch einige Arbeiten in der Werkstatt ausführe. Er
kümmere sich auch um allfällige Kunden (IV-act. 504-43 Mitte). Die ABI-
Sachverständigen diagnostizierten folgende Leiden, denen sie einen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit beimassen: ein chronisches thorako- und lumbovertebrales
Schmerzsyndrom, chronische Kniebeschwerden rechts und links sowie eine minimale
bis leichte neuropsychologische Funktionsstörung beim verbalen Lernen und im
Frischgedächtnis und bei der verbal-kognitiven Umstellfähigkeit. Als «Diagnosen ohne
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit» stellten sie eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig remittiert (ICD-10: F33.4), eine chronische Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41), narzisstische und impulsive
Persönlichkeitszüge (ICD-10: Z73.1), einen Verdacht auf ein leichtgradig ausgeprägtes
ADHS (ICD-10: F90.0), eine arterielle Hypertonie, eine Adipositas und (anamnestisch)
ein grenzwertiges obstruktives Schlafapnoe-Syndrom. Die ABI-Sachverständigen
gelangten zur Auffassung, dass sich der Gesundheitszustand des Versicherten seit
2016 insgesamt kaum verändert habe. Aktuell könne aus psychiatrischer Sicht keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bescheinigt werden. Seit der letzten Begutachtung
sei der Versicherte aber zweimal im Jahr 2017 stationär psychiatrisch behandelt
worden, wobei der zweite stationäre Aufenthalt nach einem Suizidversuch erfolgt sei.
Die depressive Störung sei aktuell remittiert. In der angestammten Tätigkeit bestehe
seit dem ABI-Gutachten vom 15. August 2016 eine bleibende und vollständige
Arbeitsunfähigkeit. Bezogen auf eine leidensangepasste Tätigkeit bescheinigten die
ABI-Sachverständigen dem Versicherten eine 90%ige Arbeitsfähigkeit. Von Februar bis
August 2017 sei die Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten aufgehoben
A.e.
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gewesen. Von September bis Dezember 2017 habe sie 50 % betragen. Seit Januar
2018 sei von einer 90%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Berufliche Massnahmen
erachteten die ABI-Sachverständigen nicht für sinnvoll, da sich der Versicherte keine
Steigerung seines aktuell ausgeübten Arbeitspensums vorstellen könne
(Verlaufsgutachten vom 30. März 2020, IV-act. 504, insbesondere IV-act. 504-12 ff.).
Der RAD-Arzt Dr. B._ vertrat in der Stellungnahme vom 23. April 2020 die
Auffassung, dass das ABI-Verlaufsgutachten die versicherungsmedizinischen
Anforderungen erfülle (IV-act. 505).
Auf der Grundlage einer 90%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten ermittelte die IV-Stelle einen 30%igen Invaliditätsgrad und stellte dem
Versicherten mit Vorbescheid vom 7. Mai 2020 die Abweisung des Rentengesuchs in
Aussicht (IV-act. 508). Dagegen erhob dieser am 4. Juni 2020 Einwand (IV-act. 512). In
der ergänzenden Eingabe vom 10. Juli 2020 rügte der Versicherte, dass die von den
ABI-Sachverständigen für das Jahr 2017 bescheinigten vorübergehenden
Arbeitsunfähigkeiten von 100 % bzw. 50 % in die Beurteilung des Rentenanspruchs
nicht eingeflossen seien und die IV-Stelle durchgehend von einer 90%igen
Arbeitsfähigkeit ausgegangen sei. Entgegen der gutachterlichen Einschätzung habe
sich der Gesundheitszustand nach dieser Zeitspanne nicht derart massiv verbessert,
dass ein rentenausschliessendes Einkommen möglich wäre. Deshalb werde um die
Aufnahme von beruflichen Massnahmen ersucht (IV-act. 518).
A.f.
Die zuständige Mitarbeiterin der IV-Stelle bejahte einen Anspruch auf
Arbeitsvermittlung, da der Versicherte aus gesundheitlichen Gründen in der
Stellensuche eingeschränkt sei (Stellungnahme vom 21. Juli 2020, IV-act. 520; zum
gleichentags erteilten Abklärungsauftrag für die Eingliederungsberatung siehe IV-
act. 521). Am 9. September 2020 reichte der Versicherte Arbeitsbescheinigungen der
aktuellen Arbeitgeberinnen vom 24. August 2020 (F._ AG) und vom 28. August 2020
(G._ AG) ein (IV-act. 526). Gestützt auf die am 7. September 2020 geschlossene
Zielvereinbarung (IV-act. 529) sprach die IV-Stelle dem Versicherten Arbeitsvermittlung
zu (Mitteilung vom 17. September 2020, IV-act. 533).
A.g.
Der Rechtsvertreter des Versicherten, Rechtsanwalt Dr. iur. K. Glavas, teilte der IV-
Stelle am 9. Oktober 2020 mit, er habe mit Leuten aus dem Arbeitsumfeld des
A.h.
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B.
Versicherten gesprochen, welche dessen Stimmungsschwankungen bzw. «Bipolarität»
bestätigen könnten. Demzufolge müsse das ABI-Verlaufsgutachten definitiv in Zweifel
gezogen werden (IV-act. 539).
Auf Anfrage des für die berufliche Integration zuständigen Mitarbeiters der IV-
Stelle, der die vom RAD für zumutbar gehaltene Erhöhung der Arbeitsfähigkeit nach
einer Abklärung vor Ort berufspraktisch nicht für umsetzbar hielt (Abklärungsauftrag
vom 30. Oktober 2020, IV-act. 542; zu den Arbeitsplatzabklärungen vom 8. Oktober
2020 siehe IV-act. 553-8), nahm der RAD-Arzt Dr. B._ am 4. November 2020 zur
berufspraktischen Belastbarkeit und Arbeitsfähigkeit des Versicherten Stellung. Er
bezeichnete die Ausführungen aus dem Arbeitsumfeld des Versicherten aus
medizinischer Sicht nicht für nachvollziehbar. Aus rein medizinischer Sicht könne die
(tiefe) berufspraktische Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nicht hinreichend
plausibilisiert werden (IV-act. 546).
A.i.
Am 19. Januar 2021 beschied die IV-Stelle dem Versicherten, dass sie das
Begehren um weitere berufliche Massnahmen abweisen werde (IV-act. 556). Dagegen
und gegen den Vorbescheid vom 7. Mai 2020 betreffend Rente (IV-act. 508) liess der
Versicherte am 17. Februar 2021 Einwand erheben (IV-act. 560). Die IV-Stelle verfügte
am 15. März 2021 die Abweisung des Gesuchs um weitere berufliche Massnahmen (IV-
act. 563) und am 18. März 2021 die Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 564).
A.j.
Gegen beide Verfügungen richtet sich die Beschwerde vom 13. April 2021 (Datum
Postaufgabe), worin der Beschwerdeführer deren Aufhebung und die weitere
Ausrichtung von beruflichen Massnahmen beantragt. Eventualiter sei ihm mindestens
eine halbe IV-Rente zu gewähren. Subeventualiter beantragt er die Erstattung eines
polydisziplinären Gerichtsgutachtens; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Zur Begründung führt er im Wesentlichen aus, dass die ABI-Sachverständigen zu
Unrecht eine bipolare Störung verneint hätten. Seine Restarbeitsfähigkeit schöpfe er im
Rahmen von Nischenarbeitsplätzen bereits voll aus (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 25. Mai 2021
die Abweisung der Beschwerde. Im Wesentlichen vertritt sie den Standpunkt, dass das
B.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/13
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Considerations:
Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen sind die Ansprüche des
Beschwerdeführers auf berufliche Massnahmen und Rente.
ABI-Verlaufsgutachten beweiskräftig und gestützt auf die darin bescheinigte 90%ige
Restarbeitsfähigkeit zu Recht ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad ermittelt
worden sei. Bezüglich eines allfälligen Rentenbeginns hält sie dafür, dass der Zeitpunkt
der Neuanmeldung auf den 3. Juli 2017 festzusetzen sei. An diesem Tag seien ihr
erstmals vom Beschwerdeführer Hinweise auf eine gesundheitliche Verschlechterung
zur Kenntnis gebracht worden. Mangels Eingliederungsbereitschaft habe der
Beschwerdeführer auch keinen Anspruch auf berufliche Massnahmen (act. G 5).
In der Replik vom 24. Juni 2021 hält der Beschwerdeführer unverändert an den
Beschwerdeanträgen fest. Ergänzend stellt er den Antrag um die Durchführung einer
öffentlichen Verhandlung samt der Befragung der Geschäftsführer der
Arbeitgeberinnen als Zeugen (act. G 7).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin teilt am 2. Juli 2021 den Verzicht auf eine Duplik mit (act.
G 9).
B.d.
Am 27. Juni 2022 teilt der Beschwerdeführer auf die Anfrage des Gerichts vom
20. Juni 2022 (act. G 11) mit, dass er auf eine (öffentliche) Verhandlung verzichte, falls
keine Zeugenbefragung durchgeführt werde (act. G 12).
B.e.
Am 1. Januar 2022 sind mit der Revision zur Weiterentwicklung der
Invalidenversicherung verschiedene Änderungen des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) und der dazugehörigen Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) in Kraft getreten. In zeitlicher Hinsicht sind
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei der Erfüllung des zu
Rechtsfolgen führenden Tatbestands Geltung haben. Da vorliegend ein vor dem 1.
Januar 2022 beginnender Rentenanspruch im Streit liegt, finden die neuen
Bestimmungen auf das hier zu beurteilende Rentengesuch keine Anwendung (siehe
auch das Kreisschreiben des Bundesamts für Sozialversicherungen über Invalidität und
Rente in der Invalidenversicherung, gültig ab 1. Januar 2022, Rz 9100 f.). Bezüglich der
1.1.
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2.
In einem ersten Schritt ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf berufliche
Massnahmen zu beurteilen.
für den umstrittenen Rentenanspruch massgeblichen rechtlichen Grundlagen kann
deshalb auf die Erwägungen 1.1 ff. im Entscheid vom 5. Februar 2019, IV 2016/437 (IV-
act. 405-6 f.), verwiesen werden.
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]) bedrohte
Versicherte haben Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit: a. diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern;
und b. die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt
sind (Art. 8 Abs. 1 IVG; zu den einzelnen beruflichen Massnahmen siehe aArt. 15 ff.
IVG).
1.2.
Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen bzw. berufliche Massnahmen (siehe
vorstehende E. 1.2) setzt u.a. einen Eingliederungswillen bzw. eine subjektive
Eingliederungsfähigkeit der versicherten Person voraus (Urteil des Bundesgerichts vom
21. Juni 2017, 9C_59/2017, E. 3.1 mit Hinweis).
2.1.
Der Beschwerdeführer gab zur Begründung der Anfechtung der Verfügung vom
15. März 2021 betreffend berufliche Massnahmen an, dass sie «vorsorglich» erfolge,
damit sich die Beschwerdegegnerin nicht auf die Rechtskraft dieser Verfügung berufen
könne (act. G 1, II. Rz 1). Bereits im Verwaltungsverfahren (siehe die Aussagen
anlässlich der Verlaufsbegutachtung in IV-act. 504-15 oben) vertrat der
Beschwerdeführer dezidiert und entgegen der beweiskräftigen gutachterlichen
Arbeitsfähigkeitsschätzung (siehe hierzu nachstehende E. 3.6) die Auffassung, dass er
sich keine Steigerung seines aktuell ausgeübten Pensums vorstellen könne und er
damit an seine Leistungsgrenze stosse. Ein regelmässiges Arbeiten könne er sich nicht
vorstellen (IV-act. 553-4 unten; zur hohen subjektiven Krankheitsüberzeugung siehe IV-
act. 504-47). Diese Selbsteinschätzung bestätigte er sowohl in der Beschwerde (act.
G 1, II. Rz 7) als auch in der Replik (act. G 7, II. Rz 2c, S. 3 unten, worin er nochmals
bekräftigt, nicht in der Lage zu sein, sein Pensum auszubauen). Unter diesen
Umständen ist die Ansicht der Beschwerdegegnerin zu teilen (siehe act. G 5,
III. Rz 9.2), dass es dem Beschwerdeführer an einer ernsthaften subjektiven
Eingliederungsfähigkeit bzw. der Eingliederungsbereitschaft bezüglich der ihm
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/13
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3.
Zu prüfen ist nachfolgend der Rentenanspruch des Beschwerdeführers. Zunächst ist
die zwischen den Parteien umstrittene Frage zu beantworten, ob der Sachverhalt mit
dem ABI-Verlaufsgutachten vom 30. März 2020 (IV-act. 504) spruchreif abgeklärt
wurde.
bescheinigten und zumutbaren 90%igen Restarbeitsfähigkeit fehlt. Seine gesamte
Beschwerdeführung zielt denn auch hauptsächlich auf einen Rentenanspruch ab.
Damit wies die Beschwerdegegnerin das Gesuch um berufliche Massnahmen mit
Verfügung vom 15. März 2021 zu Recht ab.
Der Beschwerdeführer bringt gegen die Verlaufsbeurteilung des psychiatrischen
ABI-Sachverständigen vor, dass er entgegen der Einschätzung der behandelnden
psychiatrischen Fachpersonen und der Wahrnehmungen von Mitarbeitenden das
Vorliegen einer bipolaren Störung zu Unrecht verneint habe (act. G 1, II. Rz 4 ff., und
act. G 7, II. Rz 2a).
3.1.
Die Diagnose einer depressiven oder manischen Episode kann nur bei
Erstmanifestation gestellt werden. Der weitere Verlauf als entweder monopolares oder
bipolares Störungsbild entscheidet dann darüber, ob eine rezidivierende depressive
Störung oder eine bipolare Störung vorliegt (Elmar Habermeyer und Ulrich Venzlaff,
Affektive Störungen [und Anpassungsstörungen], in: Klaus Foerster/Harald Dressing
[Hrsg.], Psychiatrische Begutachtung, 5. Auflage, 2009, S. 190). Die manische
Symptomatik stellt den Gegenpol zur depressiven dar: Die Stimmungslage ist gehoben,
der Antrieb gesteigert, der Gedankenstrom vermehrt. Die Betroffenen reden pausenlos
in oftmals nur noch locker-assoziativer Verknüpfung. Durch Fortfall von Hemmungen
sind sie distanzlos, aufdringlich, unter Umständen auch verletzend und beleidigend.
Die Spannweite der Ausdrucksmöglichkeiten reicht von witzig-heiterer Umtriebigkeit
mit manchmal geradezu ansteckender Fröhlichkeit über boshafte Querulanz bis zu
gereizt-streitsüchtiger Verstimmung. Die Symptomatik führt in Verbindung mit einer
kritiklosen Selbstüberschätzung fast regelhaft zu erheblich störenden, die Betroffenen
meist auch nachhaltig schädigenden Verhaltensweisen. Sinnlose und die Verhältnisse
bei weitem übersteigende Käufe oder Vertragsabschlüsse werden getätigt, die
dranghafte Umtriebigkeit führt zu Herumreisen, rüpelhaftem Verhalten im
Strassenverkehr, Beleidigungen und Betrugshandlungen. Es besteht ein gehobenes
körperliches Wohlbefinden bei den Betroffenen, sie wirken auch auf die Umwelt frisch
und tatkräftig, so dass Laien ihr Verhalten über lange Strecken eher als anstössig,
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/13
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verletzend oder leichtfertig, nicht aber als krank empfinden (Habermeyer/Venzlaff,
a.a.O., S. 193 f.).
Der psychiatrische ABI-Gutachter legte eingehend und im Rahmen des ihm
zustehenden Ermessenspielraums (siehe hierzu etwa das Urteil des Bundesgerichts
vom 23. Mai 2019, 9C_851/2018, E. 4.2.2 mit Hinweisen) überzeugend dar, weshalb
die Voraussetzungen einer bipolaren Störung bzw. einer manischen Symptomatik nicht
vorliegen würden. Dabei berücksichtigte er die Aussage des Beschwerdeführers, dass
er nie länger euphorisch gewesen sei (IV-act. 504-43) und ansonsten keine für eine
Manie typischen Befunde erkennbar seien (IV-act. 504-48 f.). Weder aus den übrigen
Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den weiteren medizinischen Akten gehen
Anhaltspunkte hervor, die – aus medizinischer Laiensicht – eine für eine bipolare
Störung typische manische Symptomatik nahelegen würden. Dies gilt namentlich für
den Austrittsbericht der Klinik C._ vom 19. April 2017 über die vom
Beschwerdeführer freiwillig (IV-act. 398-10) vom 5. Februar bis 7. März 2017 in
Anspruch genommene stationäre Behandlung bzw. der darin beschriebenen
Psychopathologie, worin die Diagnose einer bipolaren affektiven Psychose offenbar
erstmals erhoben worden war: Der Beschwerdeführer «erscheint adäquat und gepflegt
zur Aufnahme. Er ist wach, bewusstseinsklar und orientiert. Aufmerksamkeit und
Konzentration sind teilweise beeinträchtigt. Das formale Denken ist geordnet, jedoch
teils weitschweifig und umständlich. Die Grundstimmung ist hoffnungslos und
niedergedrückt, dabei aber auch in positive Richtung auslenkbar. Der Antrieb ist
unauffällig. [...] Keine Fremdgefahr, keine Fluchtgefahr.» (IV-act. 398-9). Nichts anderes
gilt hinsichtlich der Begründung des Austrittsberichts der Klinik C._ vom 29. August
2017 betreffend die erneute stationäre Behandlung vom 30. Mai bis 2. August 2017.
Darin wird zwar erwähnt, bei der vorherigen stationären Behandlung vom 5. Februar bis
7. März 2017 habe ein manisches Zustandsbild bestanden (IV-act. 398-15). Eine
Begründung hierfür fehlt indessen erneut. Anzufügen bleibt, dass grundsätzlich nicht
die klassifikatorische Einordnung der Diagnose für die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
relevant ist, sondern die funktionellen Einschränkungen (vgl. BGE 148 V 55 E. 6.2.2).
Solche konnten im Gutachten zu jenem Zeitpunkt nicht erhoben werden (siehe etwa die
Untersuchungsbefunde in IV-act. 504-46 f.).
3.3.
Die Würdigung des Krankheitsbilds durch den psychiatrischen ABI-Gutachter, der
im Verlauf hauptsächlich von einer depressiven Störung ausgeht, wird auch durch den
Bericht von med. pract. E._ vom 2. Mai 2019 gestützt, worin dieser ausführte, beim
Beschwerdeführer stehe eine langjährige, inzwischen als chronifiziert zu betrachtende
depressive Störung im Vordergrund. Im Rahmen der stationären Behandlung vom
3.4.
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4.
Bezüglich des frühest möglichen Rentenbeginns gilt es das Folgende zu beachten: Am
5. Februar bis 7. März 2017 sei zusätzlich eine manische Episode beobachtet worden,
weshalb «aktuell» von der Diagnose einer affektiven Psychose ausgegangen werde. Die
meiste Zeit überwiege jedoch die depressive Stimmungslage, die zwischen einer
mittelgradigen bis schweren Episode hin- und herschwanke (IV-act. 420-1). Anzufügen
bleibt, dass im Austrittsbericht der Klinik C._ vom 29. August 2017 ebenfalls darauf
hingewiesen wurde, dass bei der aktuellen Behandlung ein depressives Zustandsbild
dominiere (IV-act. 398-15).
Vor diesem Hintergrund besteht kein Anlass von der beweiskräftigen
Verlaufsbeurteilung durch den psychiatrischen ABI-Gutachter abzuweichen. Ergänzend
kann auf die zutreffenden Ausführungen der Beschwerdegegnerin verwiesen werden
(act. G 5, III. Rz 6.1 ff.). Ebenso wenig besteht Anlass für weitere Abklärungen,
insbesondere der vom Beschwerdeführer beantragten Befragung von Vorgesetzten
(act. G 1, II. Rz 7, und act. G 7, II. Rz 2b), zumal aus deren bereits aktenkundigen
Aussagen ebenfalls keine Hinweise auf eine manische Symptomatik hervorgehen (siehe
die Telefonnotizen vom 17. September 2020, IV-act. 553-6 f.) und deren
Wahrnehmungen von der hohen Krankheitsüberzeugung des Beschwerdeführers (siehe
hierzu vorstehende E. 2.2) mitgeprägt sein dürften.
3.5.
Bei der Würdigung sowohl des psychiatrischen Teils des Verlaufsgutachtens als
auch des polydisziplinären Verlaufsgutachtens insgesamt fällt ins Gewicht, dass sie auf
eigenständigen Abklärungen beruhen und für die streitigen Belange umfassend sind.
Die medizinischen Vorakten wurden verwertet und diskutiert. Die vom
Beschwerdeführer geklagten Leiden wurden umfassend sowie interdisziplinär
berücksichtigt und namentlich im Rahmen einer Konsistenz und Ressourcenprüfung
(zum zusätzlich zur ausgeübten Erwerbstätigkeit recht aktiven Alltag siehe IV-
act. 504-43 Mitte und -45) gewürdigt. Die Verlaufsbeurteilung der Arbeitsfähigkeit
sowohl für die angestammte als auch für eine leidensangepasste Tätigkeit leuchten in
der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation ein. Weiter bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv
wesentliche Tatsachen nicht berücksichtigt worden wären. Gestützt auf das
beweiskräftige ABI-Verlaufsgutachten ist von folgenden Arbeitsunfähigkeiten bezogen
auf leidensangepasste Tätigkeiten auszugehen: Von Februar bis August 2017 100%ige
Arbeitsunfähigkeit, von September bis Dezember 2017 50%ige Arbeitsunfähigkeit und
seit Januar 2018 10%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 504-14).
3.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3. Juli 2017 liess der Beschwerdeführer der Beschwerdegegnerin (erstmals) mitteilen,
dass sich sein Gesundheitszustand verschlechtert habe (Suizidversuch vom 26. Mai
2017 samt anschliessender stationärer medizinischer Behandlung, IV-act. 381; zur
später erfolgten Kenntnisgabe im Rahmen des damaligen Beschwerdeverfahrens siehe
die Replik vom 14. September 2017, IV-act. 396). Es rechtfertigt sich daher mit der
Beschwerdegegnerin (act. G 5, III. Rz 3) das Datum der Neuanmeldung auf den 3. Juli
2017 festzusetzen, zumal der Beschwerdeführer gegen diese Betrachtungsweise nichts
(Substanziiertes) vorbrachte (act. G 7). In Nachachtung von Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht
ein Rentenanspruch frühestens am 1. Januar 2018. In diesem Zeitpunkt bestand bei
einer auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt verwertbaren 90%igen Restarbeitsfähigkeit
kein rentenbegründender Invaliditätsgrad von 40 % mehr. Bezüglich der Grundlagen
für die Bestimmung des Einkommensvergleichs kann auf den Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 5. Februar 2019, IV 2016/437, E. 4, verwiesen werden (IV-
act. 406-12 f.). Bei einer 90%igen Restarbeitsfähigkeit und einem 10%igen
Tabellenlohnabzug beträgt der Verlust an Erwerbsfähigkeit Fr. 22'380.-- (Fr. 76'207.-- -
[Fr. 66'453.-- x 0.9 x 0.9]) und der Invaliditätsgrad 29 % (Fr. 20'819.-- / Fr. 76'207.--).
5.