Decision ID: 2184e8b5-267f-46cf-9969-a79e3f0f4f8c
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
Die 1970 geborene und als
Verkaufsangestellte
erwerbstätig
gewesen
e
X._
meldete sich am 2. Mai 2012 unter Hinweis auf eine seit 1. Juni 2007 bestehende Depression und Angststörung bei der
Sozialversicherungsan
stalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Bezug von Leistungen der Invaliden
versicherung an (Urk. 10/3).
Am
23. Mai 2012
teilte die IV-Stelle der Versi
cherten mit, dass zurzeit aufgrund ihres Gesundheitszustandes
keine berufli
chen Eingliederungsmassnahmen möglich
seien (Urk. 10/9)
.
In der Folge tätigte
d
ie
Verwaltung
Abklärungen in erwerblic
her und medizinischer Hinsicht.
Vom 19
. August
bis 13. September
2013
nahm die Versicherte
bei der
Y._
an
eine
r
berufliche
n
Abklä
rung
teil
(Urk. 10/
29
)
. Anschliessend begann
sie
bei der gleichen Institution ein
ebenfalls von der
Invalidenversicherung
finanziertes
Aufbautraining (Urk. 10/
33
)
,
welches am 6. Januar 2014
unter Hinweis auf
ihre
gesundheitliche Situation
vorzeitig beendet werden musste
(Urk. 10/48).
Nach Einholung von aktuellen medizinischen Stellungnahmen führte die IV-Stelle das
Vorbescheid
verfahren
durch
(Urk. 10/73)
und verneinte mit
Verfügung vom 4. Dezember 2014
den Anspruch der Versicherten auf eine Invalidenrente
(Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
X._
am 20. Januar 2015 Beschwerde mit dem Rechtsbegehren um Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Zusprechung einer ganzen Invalidenrente. Daneben ersuchte sie um Gewährung der unent
geltlichen Rechtspflege (Urk. 1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom 23. Februar 2015 schloss die Verwaltung auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 9). Darüber
wurde
die Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 15. April 2015 orientiert
;
auch
wurde ihr die unentgeltliche Prozessführung gewährt und
Rechtan
wältin
Cerletti
als unentgeltliche Rechtsvertreterin für das vorliegende Verfah
ren bestellt (Urk. 11).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG
).
Sie kann Folge von
Ge
burtsgebrechen
, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes
über die Invalidenversicherung; IVG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
träch
tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder
teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den aus
geglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vor
lie
gens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heit
li
chen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie kör
perliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Nicht als Folgen eines psychischen
Ge
sundheitsschadens
und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als rele
vant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Per
son
bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu ver
werten, abwenden könnte; das Mass des
Forderbaren
wird dabei weitgehend objek
tiv be
stimmt. Festzustellen ist, ob und in welchem Umfang die Ausübung einer Er
werbstätigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit der psychi
schen Beein
trächtigung vereinbar ist. Ein psychischer Gesundheitsschaden führt also nur so
weit zu einer Erwerbsunfähigkeit (Art. 7 ATSG), als angenommen werden kann, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit (Art. 6 ATSG) sei der versi
cherten Person sozial-praktisch nicht mehr zumutbar (BGE 131 V 49 E. 1.2 mit Hinweisen).
1.3
Zur Annahme der Invalidität nach
Art.
8 ATSG ist – auch bei psychischen Erkran
kungen – in jedem Fall ein medizinisches Substrat unabdingbar, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychoso
ziale und soziokulturelle Faktoren wie beispielsweise Sorge um die Familie oder Zukunftsängste (etwa ein drohender finanzieller Notstand) im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vor
handen sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren her
rühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Be
funde zu umfassen hat. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu unter
scheidende und in diesem Sinne verselbständigte psychische Störungen mit Au
s
wirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit über
haupt von Invalidität gesprochen werden kann (BGE 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2).
Wenn und soweit psychosoziale und soziokulturelle Faktoren zu einer eigentli
chen Beeinträchtigung der psychischen Integrität führen, indem sie einen ver
selb
ständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner – unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden – Fol
gen
verschlimmern, können sie sich mittelbar invaliditätsbegründend aus
wirken
(Urteil des Bundesgerichts 9C_537/2011 vom 2
8.
Juni
2012 E.
3.2 mit Hin
wei
sen)
.
1.
4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Be
schwerdefall
das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeits
unfähig ist (BGE 125 V 256 E.
4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person no
ch zugemutet werden kön
nen (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E.
4b/cc).
1.6
Jede psychogene Störung, ob einfache oder neurotische Form, kann im Einzel
fall Krankheitswert haben, weshalb jeder Einzelfall sorgfältig geprüft werden muss. Notwendig sind in jedem Fall ein ausführlicher ärztlicher Bericht oder ein entsprechendes fachärztliches Gutachten sowie die Abklärung der erwerblichen Umstände (AHI 1997 S. 43 E. 5c). Dabei müssen psychiatrische Berichte in der
Regel auf einer persönlichen Untersuchung beruhen (
so bereits
RKUV 2001 Nr. U
438 S. 345, Urteile des Bundesgerichts 9C_602/2007 vom 11. April 2008 E.
5.3 und I 169/06 vom 8. August
2006 E.
4.4 mit Hinweisen). Für die verlässliche
Beur
tei
lung des psychischen Gesundheitszustandes und seiner Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit sind in der Regel psychiatrische Fachärzte beizuziehen (BGE
130 V 352 E.
2.2.3., Urteil des Bundesgerichts 8C_989/2010 vom 16. Februar 2011
E. 4.4.2 mit Hinweisen).
1.7
Versicherungsträger und Sozialversicherungsgerichte haben die Beweise frei, das
heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflicht
gemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozial
versicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfüg
ba
ren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches
gestatten. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entschei
dend,
ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter
suchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt
nis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizi
ni
schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begrün
det sind. Aus
schlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
1.8
D
ie Verwaltung
und im Streitfall das Gericht
darf sich
weder über die (den
be
weisrechtlichen
Anforderungen genügenden) medizinischen
Tatsachenfest
stel
l
ungen
hinwegsetzen noch sich die ärztlichen Einschätzungen u
nd Schluss
folge
rungen zur (Rest
)
Arbeitsfähigkeit unbesehen ihrer konkreten
sozialversi
che
rungs
rechtlichen
Relevanz und Tragweite zu eigen machen. Die medizini
schen Fachpersonen und die Organe der Rechtsanwendung prüfen die Arbeits
fähigkeit je au
s ihrer Sicht
(BGE 141 V 281 E. 5.2.1; 140 V 193 E. 3).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin mit der Begründung, dass
deren
gesundheitliche
Einschränkungen überwind
bar
seien und die Störung ke
inen dauerhaften Charakter habe
beziehungsweise
nicht
die erforderliche Intensität und Dauer
aufweise
, um als invalidisierend zu gel
ten. Der Zustand werde sich durch die Fortführung der Psychotherapie bessern. Auch stehe die Option einer (teil
)stationären Behand
lung
im Raum
. Ausserdem müssten psychosoziale Belas
tungsfaktoren
wie
Vorge
setztenwechsel
oder finan
zielle Probleme ausgeklammert werden. Die jahrelange Berufserfahrung, das sta
bile Beziehungsumfeld und die Fähigkeit, sich in einem bekannten Umfeld ohne Dritthilfe zu bewegen, seien Ressourcen, die es der Be
schwerdeführerin ermöglichten, trotz der gesundheitlichen Einschränkungen ei
ner Erwerbstätig
keit nachzugehen
(Urk. 2 S. 2 f.)
.
2.2
Demgegenüber stellt sich die Beschwerdeführerin
unter Hinweis auf die Anga
ben der behandelnden Psychiaterin,
med.
pract
.
Z._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
(Urk. 1 S. 4-7),
auf den Standpunkt, dass
sie zu 100 % erwerbsunfähig sei. Selbst der Regionale Ärztliche Dienst
(RAD)
gehe von ei
ner 100%igen Arbeitsunfähigkeit aus
und sage nichts über eine Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt
(Urk. 1 S. 10). Sowohl
sie
selber
als auch die frühere Arbeit
geberin hätten alles unternommen (
Pensum
s
reduktion
aus gesundheit
li
chen Gründen im Jahre 2007, Versetzung in
eine dem Wohnort näher gelegene
Fili
a
le), um e
ine
Erwerbsunfähigkeit zu vermeiden beziehungsweise die Erwerbs
fä
higkeit so lange wie möglich aufrecht zu erhalten
. Zwar sei eine generalisierte Angststörung grundsätzlich behandelbar, jedoch liege bei der Beschwerdeführe
rin eine sehr schwere Form vor
,
und die psychotherapeutische Behandlung habe noch nicht zu einer nachhaltigen Verbesserung geführt (S. 11 f.)
.
3.
3.1
V
om 14. November 2011 bis 3. August 2012
(vgl. Urk. 10/23 Ziff. 1.3)
war die Beschwerdeführerin in
der
A._
in
teil
stationärer
Behandlung.
Laut
Bericht
vom 4. Juni 2012 (Urk. 10/12)
liegt seit zirka 2006 eine sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkende g
ene
ralisierte Angststörun
g (ICD-10 F41.1) vor. Keine Auswirkung auf die
Arbeitsfä
higkeit
massen die berichtenden Klinikärzte dagegen
einer
be
ni
gnen essentiellen Hypertonie ohne Angabe einer
hypertensiven
Krise (ICD-10
I10.00)
und einem
chronischen
Asthma bronchiale
bei
(S. 2)
.
Laut
genanntem
Bericht begann d
ie Angststörung nach einem Kollaps am Arbeits
platz. In der Folgezeit sei es der Beschwerdeführerin noch möglich ge
we
sen, unter zu
nehmenden Einschränkungen zu arbeiten. Ängste träten vor allem im Rahmen von sozialen Kontakten und an der Arbeitsstelle auf. Im September 2011 sei die Beschwerdeführerin aufgrund der Angstsymptomatik arbeitsun
fähig geworden
(S. 1)
.
Sie leide an frei flottierender, fast permanenter Angst mit ausgeprägten soma
tischen Symptomen und Vermeidungsverhalten. In Zentrum stehe die Angst, kollabieren zu können. In Momenten besonderer Anspannung bekomme sie re
gelmässig Panikattacken.
Die Störung spreche
in der Regel
gut
auf eine Kombi
nation von
Psychopharmako
- und Psychotherapie an.
Der
Schwe
regrad
der Er
krankung der Beschwerdeführerin erschwere die Umsetzung spezi
fischer
Thera
piemethoden
.
Bei ausreichend langer und intensiver Therapie sei von
einer Ver
besserung der Symptomatik auszugehen. Eine genaue zeitliche Prog
nose sei ge
genwärtig nicht möglich
(S.
3)
.
S
eit spätestens 14. November 2011
und
bis
zur
Re
mission der Symptomatik
gelte
die Beschwerdeführerin
als
zu
100 % arbeitsunfähig
(S.
4)
.
Konzentrations- und Auffassungsvermögen
seien leicht, die
Anpassungsfähig
keit schwer
und die
Belastbarkeit mittelgradig ein
geschränkt
(S. 7)
.
3.2
Ab 19. September 2011 bis zur Aufnahme der tagesklinischen Behandlung in der
A._
sowie seit der Klinike
ntlassung im August 2012
wird
die Beschwerdeführerin
durch
med.
pract
.
Z._
behandelt
.
Im Bericht
vom 29. März 2013 (Urk. 10/23)
ergänzte die Psychiaterin die bereits gestellten Diagnosen mit jene
n
von
Panikatta
cken
(ICD-10 F41.0)
;
d
ie Beschwerdeführerin habe 2001 und 2004
Panikatta
cken
erlebt. Mit Psycho
therapie sei jeweils eine Besserung eingetreten. Auch sei ein Wechsel des Arbeitsortes mit weniger Verantwortung erfolgt. Nach einem
Vorgesetzten
wechsel
habe sich die Beschwerdeführerin durch die beruflichen Aufgaben und zwischenmenschlichen Beziehungen überfordert gefühlt und bald darauf wieder mit Panikattacken reagiert. Um
sie bezüglich
Anfahrtsweg zu entlasten
,
sei sie 2010 in eine andere F
iliale versetzt worden;
von da an habe sie invalidisierende Angst erlebt, was zum Klinikeintritt geführt habe.
Infolge von Angstzuständen
mit Überforderungsgefühlen, Konzentrationsproblemen, Ver
wirrtheit und Zu
sammen
brüchen wegen Hyperventilation sei die Beschwerde
führerin seit
dem
19. Septem
ber 2011 zu 100 % arbeitsunfähig.
Abschliessend emp
fahl die berich
tende Ärztin ein Arbeitstraining von dreimal vier Stunden pro Woche an einem ruhigen Arbeitsort ohne Publikumsverkehr.
3.3
Laut Kurzbericht der
Y._
vom 27. Januar 2014 (Urk. 10/51) war
es
die Be
schwerdeführerin
über
all die Arbeitsjahre im
ersten
Arbeitsmarkt gewohnt, Ar
beiten unter grossem
Zeitdruck zu erledigen. Sie habe sich damit phasenweise
selber unter Druck gesetzt, da es für sie schwierig auszuhalten gewesen sei, auch
einmal kurz zu warten, bis sie von einer erledigten Arbeit zu einer
n
euen habe wechseln können. Sie habe in solchen Situationen angespannt gewirkt und sei
unruhig umher gelaufen. Sie habe für
sämtliche
Arbeiten im Bereich Hausdienst eingesetzt werden können. Alle aufgetragenen Arbeiten habe sie nach einer kurzen Einführungszeit und mit gewonnener Routine sehr gewissenhaft und zu
verlässig ausgeführt. Im Verlauf der Integrationsmassnahme habe eine Steige
rung der Präsenzzeit von 4 auf 6 Stunden pro Tag stattgefunden. Der Mittwoch habe als Tag der Arbeitsauszeit gegolten. Es habe sich gezeigt, dass
die Be
schwerdeführerin
bei bevorstehenden Veränderungen oder Steigerung der
Prä
senzzeit
jeweils gleich unruhig reagiert und ihre Ängste ausgesprochen habe.
Ab November 2013 sei die finanzielle Situation ein grosses Thema geworden. Der Erhalt des Geldes, um die Rechnungen bezahlen
zu
können
, habe die
Beschwerde
führerin so sehr beschäftigt, dass sie bei den verantwortlichen Stellen
persönlich vorbeigegangen sei, um die Angelegenheiten vor Ort zu klären. Am
Arbeitsplatz sei es ihr kaum mehr möglich gewesen, ruhig und entspannt zu arbeiten. In dieser Zeit habe sie mit vermehrten Gesprächen begleitet werden
müssen.
3.4
Am 27. November 2013
suchte die Beschwerdeführerin Dr. med.
B._
, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie, auf, der sie mit
Z
eugnis vom 10. Dezem
ber 2013
für die Zeit
vom 12. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014 krank
schrieb
(
Urk. 10/46).
Trotz
dieser Auszeit fühlte sich die Beschwerde
füh
rerin gemäss einer
Telefonno
tiz
im Verlaufsprotokoll der
Eingliederungs
be
ra
tung
nicht mehr in der Lage, den
Arbeitse
insatz
bei der
Y._
fortzuführen,
was zum Abbruch der
Integrations
massnahme
führte
(Urk. 10/49 S. 6)
.
3.5
Am 21. April 2014 berichteten
Dr. med.
C._
, Fachärztin für Neurologie, und Prof. Dr. phil.
D._
, Neuropsychologin,
dass
die
am
9. April 2014
durch
geführte
neuropsychologische Standortbestimmung
das Vorliegen multipler
Teil
leistungsschwächen
bei
leichter Minderbegabung mit geringem Wortschatz,
Lern
schwäche
insbesondere im sprachlichen Bereich, verminderter geteilter Auf
merk
samkeit sowie Entwicklung von Angstsymptomen als Folgen einer früh
kind
lich
erworbenen zerebralen Entwicklungsstörung bei perinataler Kom
plika
tion
bestä
tigt habe
. Die zunehmende Überforderung sei durch die Abnahme zerebraler Kompensationsmöglichkeiten und Akzentuierung vorbestehender
Teilleistungs
schwächen
unter Stress sowie Akzentuierung der
neuropsychiatri
schen
Symp
tome hinreichend erklärt. Die Beschwerdeführerin sei auf dem ers
ten Arbeits
markt nicht vermittelbar. Eine einfache Tätigkeit im geschützten Rahmen sei möglich und therapeutisch empfehlenswert
(Urk. 10/63/5-6)
.
3.6
In einem am 19. Mai 2014 bei der Beschwerdegegnerin
eingegangenen
unda
tier
ten Verlaufsbericht
(
Urk. 10/63/1-4) wiederholte
med.
prac
t
.
Z._
im Wesentlichen die bereits genannten Diagnosen
.
Sodann gab sie an, d
ie
ver
haltenstherapeutischen
Interventionen zur Einübung der
Bewegungsfreiheit im
öffentlichen Raum seien ohne anhaltenden Erfolg geblieben. Das berufliche
Inte
gra
tionstraining
sei wegen häufiger krankheitsbedingter
Absenzen im Ja
nuar
2014 abgebrochen worden. Die Beschwerdeführerin habe sich durch die er
höh
ten
Anforderungen zu sehr unter Druck
gesetzt
gefühlt und
habe
nicht mehr ar
bei
ten gehen können.
Es sei ihr trotz unterstützender therapeutischer
Interven
tionen
, wie sie mit diesem Druck umzugehen habe,
nicht gelungen, sich
am Arbeitsplatz
adäquat
mitzuteilen. In dieser Zeit habe sie auch die Sitzungen aus
fallen lassen, weil sie nicht von einer Drittperson in die Praxis habe gebracht werden können.
Bezüglich der psychischen Problematik bestehe
Therapieresi
stenz
.
Die delegierte Psychotherapie sei abgeschlossen worden. Weiterhin fänden
psychiatrische Kontrolltermine alle vier bis sechs Wochen statt.
Abschliessend
gab
med.
prac
t
.
Z._
einerseits an
,
die Beschwerdeführerin sei in der angestammten Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig. Andererseits schätzte sie die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit auf
maximal
50 %, d.h.
drei Stunden pro Tag
fünf Mal pro Woche,
ein
.
3.
7
In einer
Stellungnahme
vom 18. Juli 2014
gaben
Dr.
C._
und Prof. Dr.
D._
an, die neuropsychologischen Befunde sowie die Anamnese belegten zweifelsfrei eine
frühkindlich, wahrscheinlich perinatal erworbene zerebrale Dys
funktion mit leichter Minderbegabung, verzögertem Spracherwerb,
Lern
schwäche
, reduzierter geteilter Aufmerksamkeit und Entwicklung von Angst
symp
tomen (ICD-10 F83)
. Die Beschwerdeführerin habe die Sonderschule be
sucht und nur eine
Anlehre
im Verkauf absolvieren können. Bei der Arbeit sei sie schon lange überfordert gewesen und habe 2001 einen Nervenzusammen
bruch
erlitten. Trotz Pause und Arbeitsreduktion sei 2004 ein erneuter Zusam
menbruch gefolgt. Die Beschwerdeführerin sei am Arbeitsplatz geschont worden und habe bis 2007 mehr oder weniger mithalten können. Nach
einem
Chef
wechsel
sei letztlich die psychiatrische Hospitalisierung wegen Angstzuständen erfolgt. Die innegehabte Stelle sei den Schwächen der Beschwerdeführerin üb
er viele Jahre angepasst worden;
dennoch sei diese seit Jahren überfordert gewe
sen, was letztlich zur Dekompensation geführt habe
(Urk. 10/68)
.
3.
8
Med.
prac
t
.
E._
, Facharzt für Neurologie,
ging in
sein
er
RAD-Stellung
nahme
vom 5. August 2014 (Urk. 10/71/5)
davon aus, dass bezüglich des ge
nannten Geburtsgebrechens keine medizinischen Unterlagen vorlägen
, die eine
früh
kindliche Entwicklungsstörung glaubhaft darstellten
.
Unbesehen davon bleibe
die Arbeitsunfähigkeit von 100 % ab November 2011 wegen einer erheb
lichen generalisierten Angststörung nachvollziehbar. Für eine angepasste Tätig
keit ergäben sich keine Abweichungen. Die Prognose sei offen. Durch eine Fort
füh
rung der Psychotherapie könne sich der Gesundheitszustand in sechs bis zwölf Monaten bessern, so dass die Wiederaufnahme eines Belastungstrainings im geschützten Rahmen gegebenenfalls möglich werde.
4.
4.1
Aus medizinischer Sicht
lässt sich den oben wiedergegebenen, weitgehend
über
einstimmenden
ärztlichen Stellungnahmen entnehmen, dass die Beschwerde
füh
rerin an einer generalisierten Angststörung und Panikattacken leidet.
Sowohl die be
handelnden Ärzten als auch der RAD gehen
grundsätzlich
von
der
Unzu
mut
barkeit jeglicher Erwerbstätigkeit aus
.
4.2
Hinsichtlich der
Angaben
der Psychiaterin
med.
pract
.
Z._
(unda
tierter Verlaufsbericht, Urk. 10/63/1-4)
sowie
der Neuropsychologin
Prof. Dr.
D._
und
der Neurologin
Dr.
C._
(Bericht vom 21. April 2014, Urk. 10/63/5-6)
ist
zu berücksichtigen, dass sich
diese
in erster Linie auf die Behandlung
der Beschwerdeführerin
konzentrieren
, weshalb ihre
Be
richte nicht den Zweck einer den abschliessenden Entscheid über die Versiche
rungs
an
sprüche erlaubenden objektiven Beurteilung des Gesundheitszustandes verfol
gen.
Darüber hinaus ist
der Erfahrungstatsache
Rechnung zu tragen
, dass behan
delnde
Ä
rzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrau
ens
stell
ung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten a
ussagen (BGE 125 V 351 E. 3a/cc,
135 V 465 E. 4.5).
Im Lichte
genannter
Rechtsprechung
vermag
die
Einschätzung
von
Prof. Dr.
D._
und
von
Dr.
C._
hinsichtlich
einer
neuropsychologisch be
grün
de
ten
vollen Erwerbsunfähig
keit
nicht vollends zu überzeugen
, zumal
die Be
schwerdeführerin trotz den schon längere Zeit bestehenden
Teilleistungs
schwä
chen
und der damit verbun
denen Überforderung
am Arbeitsplatz
jahrelang
wohl nicht zuletzt auch dank des Entgegenkommens eines sozial eingestellten Arbeitgebers
erwerbstätig war
.
Vielmehr scheinen psychosoziale Faktoren einen bedeutenden Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu haben.
So führte ein
Vorge
setztenwechsel
zur Dekompensation im September 2011
(Urk. 10/23 S. 2). Aus
serdem scheinen finanzielle Sorgen Auslöser für die
Verschlimmerung des psychischen Zustandes der Beschwerdeführerin im Novem
ber 2013 gewesen zu sein, was schlussendlich zum Abbruch der
Integra
tions
massnahme
führte (Urk. 10/49 S. 6, Urk. 10/51 S. 2).
Med.
pract
.
Z._
dagegen widersprach d
urch die Attestierung einer
psychiatrisch begründeten
100%igen Arbeitsunfähigkeit
ihre
r
gleichzeitig
ge
äusserte
n
Einschätzung, wonach der Beschwerdeführerin
eine Erwerbstätigkeit von maximal drei Stunden an einem
ruhigen Arbeitsplatz ohne Publikumsver
kehr
zumutbar
sei
.
Ausserdem führte die Psychiaterin nicht aus, weshalb die wäh
rend der
Integra
tionsmassnahme
nur noch in
reduzierte
m
Umfang durch
ge
führte Psychothera
pie nach Abbruch der Massnahme nicht wiederaufge
nom
men
beziehungsweise
ab
geschlossen
wurde.
Sollte die angedeutete Therapieresistenz
der Grund dafür gewesen sein,
wäre wohl
die Indikation
für
ein andere
s
Set
ting (z.B. teilstationärer beziehungsweise stationärer Rahmen)
zu
diskutieren
gewe
s
en.
D
ie von den Behandlern attestierte 100%ige Arbeitsunfähigkeit
vermag bei gegebener Aktenlage
nicht zu überzeugen.
4.3
Mit Bezug auf d
ie von
RAD-Arzt med.
pract
.
E._
abgegebene Einschätzung (Stellungnahme vom 5. August 2014, Urk. 10/71 S. 5)
ist
zu berücksichtigen, dass interne Berichte des RAD eine andere Funktion als medizinische Gutachten (Art. 44 ATSG) oder Untersuchungsberichte des RAD im Sinne von Art. 49 Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) haben.
D
ie RAD-Ärzte
erheben
nicht selber medizinische Befunde, sondern setzen sich mit den vorhandenen auseinander. Die Funktion dieser Berichte be
steht darin, aus medi
zinischer Sicht
gewissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben
den medizinischen Sachverhalt zu
sammenzufassen und zu würdigen, wozu namentlich auch gehört, bei wider
sprüchlichen medizini
schen Akten eine Wertung vorzunehmen und zu beurtei
len, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzli
che Untersuchung vor
zunehmen sei (Bundesgerichtsurteil 9C_692/2014 vom 22. Januar 2015 E. 3.3 mit
H
inweisen).
Vorliegend
bezeichnete
der Neurologe
med.
pract
.
E._
vom RAD
,
eine
auf die
Angst
störung
zurückzuführende
100%ige
Arbeitsunfähigkeit ab November 201
1
ohne
Begründung
als nachvollziehbar, was
a
ngesichts der wi
dersprüch
lichen Angabe
n von med.
pract
.
Z._
allerdings nicht ohne weiteres
über
zeugt.
Au
ch
äusserte
sich
med.
pract
.
E._
nur
sehr vorsichtig
zur
Prognose, welche sich
im Übrigen
(lediglich) auf die Wiederaufnahme
eines
Belastungs
trainings
in geschütztem
Rahmen
be
zieht. Dara
u
s
k
a
nn
mit Bezug
auf die Zu
mut
barkeit einer Arbeitsleistung auf dem ersten Arbeitsmarkt
nichts
Z
uver
lässi
ges
abgeleitet werden.
Andererseits
weist
die RAD-
Stellungnahme darauf hin, dass selbst bei Fortfüh
rung der Psychotherapie nicht ohne weiteres die Wiedererlangung einer unein
ge
schränkten Arbeitsfähig
keit erwartet werden kann;
in ähnliche Richtung deutet
die von med.
pract
.
Z._
angedeutete Therapieresistenz
(Urk. 10/63/1-4
S. 2)
.
Darüber hinaus wiesen auch die Ärzte der
A._
auf eine besonders schwere, die Umsetzung spezifischer Therapiemethoden erschwerende Symptomatik hin (Urk. 10/12 S. 3).
4.4
Den
Ausführungen
im
Kurzbericht der
Y._
vom 27. Januar 2014 (Urk. 10/51)
schliesslich lässt sich nicht klar entnehmen, ob die
anfänglich
erfolgverspre
chend verlaufen
e
Integrationsm
assnahme aufgrund der psychischen Symptoma
tik oder wegen der die Beschwerdeführerin belastenden psychosozialen
(
insbe
sondere
finanziellen)
Situation scheitert
e
.
Wie bereits ausgeführt waren finan
zielle Sorgen Auslöser für
die Verschlim
merung des psychischen Zustandes der Beschwerdeführerin im November 2013
(
Urk. 10/51 S. 2
). Die
Integrationsmass
nahme
wurde nicht nach Rück
sprache mit einem Arzt abgebrochen, sondern lediglich aufgrund der Mitteilung der
Beschwerdeführerin
nach Ablauf der Krankschreibung durch Dr.
B._
(Urk. 10/46)
, dass sie sich
nicht mehr in der Lage
fühle
, den Arbeitseinsatz bei der
Y._
fortzuführen (Urk. 10/49 S. 6).
Ungeklärt ist, ob ihr die Weiterführung der Integrationsmassnahme aus medi
zinischer Sicht hätte zugemutet werden können.
4.
5
Aus dem Gesagten folgt, dass die vorliegenden Akten keine hinreichende Grund
lage zur Klärung der streitentscheidenden medizinischen Fragen
bezie
hungs
weise
der Frage nach dem Restleistungsvermögen
der Beschwerdeführerin
in
angestammter und/oder
angepasster Tätigkeit darstellen. Die Sache
ist deshalb
unter Aufhebung der ange
fochtenen Verfügung vom
4. Dezember 2014
(Urk. 2) an die
Beschwerdegegne
rin
zurückzuweisen, damit diese die notwendigen Ab
klärungen veranlasse und hernach über den Rentenanspruch neu verfüge.
5.
Die Kosten des Verfahrens sind auf Fr. 800.-- festzulegen und ausgangsgemäss
(BGE 137 V 57 E. 2.2)
von der Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG).
Mit Honorarnote vom
18. Januar 2016
(Urk.
1
4) machte Rechtsanwältin
Noëlle
Cerletti
einen Aufwand von
8.5
Stunden sowie Barauslagen von Fr.
35.20
gel
tend. Dies erscheint angemessen. Der gerichtsübliche Stundenansatz betrug bis Ende 2014 Fr. 200.--; seit 1. Januar 2015 beläuft er sich auf Fr. 220.-- (jeweils zuzüglich Mehrwertsteuer). Demzufolge sind die im Jahre 2014 erbrachten Leis
tungen (
35 Minuten = 0.6 Stunden
) mit Fr. 200.
und die späteren (
7 Stunden 55 Minuten = 7.9 Stunden
) mit Fr. 220.
(jeweils zuzüglich Mehrwertsteuer) zu honorieren. Daraus ergibt sich eine Aufwandsentschädigung von Fr.
1‘858.
(= 0.6 x Fr. 200.
+ 7.9 x Fr. 220.
). Hinzu kommen die geltend gemachten
Bar
auslagen
von Fr.
35.20
sowie die
Mehrwertsteuer. Somit ist die
unter
lie
gen
de Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der
unentgeltliche
n
Rechtsvertreterin
der Beschwerdeführerin, eine Prozessentschädigung von Fr. 2‘044.65
(inklusive
Bar
aus
lagen
und Mehrwertsteuer)
zu bezahlen
.