Decision ID: 2b0942ed-86b6-47de-aec2-5d6cee9c3250
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
Am 13. April 2020 (Datum Postaufgabe) reichte die A._ AG beim Amt für
Wirtschaft und Arbeit des Kantons St. Gallen eine Voranmeldung für Kurzarbeit ein. Die
voraussichtliche Dauer der Kurzarbeit veranschlagte sie auf den Zeitraum vom 13. April
2020 bis zum 30. Juni 2020. Betroffen sei die Betriebsabteilung "Büro/Aussendienst-
Personal" mit neun unbefristeten Arbeitsverhältnissen (act. G 3.1/A36). Mit Verfügung
vom 27. April 2020 erhob das Amt für Wirtschaft und Arbeit teilweise Einspruch und
anerkannte die geltend gemachte Abteilung "Büro/Aussendienst-Personal" nicht als
Betriebsabteilung im Sinn des Gesetzes. Sofern die übrigen
Anspruchsvoraussetzungen erfüllt seien, könne die Arbeitslosenkasse aber ab dem
13. April 2020 Kurzarbeitsentschädigung ausrichten (act. G 3.1/A37).
A.a.
Mit Einsprache vom 18. Mai 2020 (Datum Postaufgabe) machte die A._ AG
geltend, dass die Abteilung "Büro/Aussendienst-Personal" eine mit eigenen
personellen und technischen Mitteln ausgestattete organisatorische Einheit bilde. Es
sei zu beachten, dass die Einsprecherin vor Jahren weder eine eigene Fabrik noch eine
eigene Produktion gehabt, sondern diese Leistungen extern zugekauft habe. Dies sei
aus strategischen Gründen im Zuge der Nachfolgeregelung angepasst worden. Die
organisatorische Einheit von Administration/Büro sei nebst den Marktbegebenheiten
historisch gewachsen. Die Mitarbeitenden erbrächten mit einem Vorlauf von 0 - 12
Monaten Akquisition, technische Vorarbeiten und Entwicklung der Produkte bis zur
Maschinenfertigkeit jeweils in Zusammenarbeit mit den möglichen zukünftigen Kunden.
A.b.
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B.
Auf Grund der Corona-Pandemie und dem hieraus resultierenden Lockdown könnten
sie diese Vorarbeit nicht mehr wie gewohnt erbringen (act. G 3.1/A38).
Mit Entscheid vom 20. August 2020 wies das Amt für Wirtschaft und Arbeit die
Einsprache ab. Zwar sei grundsätzlich denkbar, dass die Bereiche Produktion und die
Restmenge unterschiedliche Betriebsabteilungen bilden könnten. Vorliegend sei aber
zu beachten, dass der Zweck der Unternehmung gemäss Handelsregistereintrag in der
Projektbetreuung, Qualitätssicherung, Material- und Lagerlogistik sowie in der
Herstellung von Komponenten bestehe und dass die Mitarbeitenden in einer
komplexen Matrixorganisation zusammenarbeiteten. Auf Grund der engen
Verflechtungen der Organisationseinheiten "Produktion" und "Büro/Aussendienst-
Personal" erscheine die unabhängige Leistungserbringung der Geschäftsbereiche
wenig plausibel. Hinzu komme, dass die Abteilungen weder über eigene
Stabsorganisationen noch über finanzielle Unabhängigkeit verfügten. Würde ein Teil
herausgebrochen, müsste der andere Teil neu aufgestellt werden (act. G 3.1/A41).
A.c.
Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 31. August
2020 mit dem Antrag auf dessen Aufhebung. Sodann sei die geltend gemachte
Betriebsabteilung anzuerkennen. Der Einspracheentscheid gehe nicht auf die historisch
gewachsene Struktur der Beschwerdeführerin ein, wonach sie früher ohne Fabrik oder
eigene Produktion im gleichen Umfeld "nur" Dienstleistungen erbracht habe. Tatsache
sei, dass die acht betroffenen Personen jederzeit von der Produktion unabhängig
arbeiten könnten, wie dies früher der Fall gewesen sei. Die acht Personen, für welche
Kurzarbeit beantragt worden sei, bildeten eine strategisch und organisatorisch
unabhängige Einheit, deren Leistungen unabhängig rapportiert und fakturiert würden.
Die Beschwerdeführerin habe auch Aufträge ohne Produktion zu erfüllen (act. G 1). Auf
die weiteren Ausführungen wird - soweit erforderlich - in den nachfolgenden
Erwägungen einzugehen sein.
B.a.
Der Beschwerdegegner verzichtet mit Eingabe vom 18. September 2020 auf eine
materielle Stellungnahme und beantragt unter Hinweis auf die Ausführungen im
angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3). Ein
weiterer Schriftenwechsel findet nicht statt.
B.b.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Die Anträge für die Perioden April und Mai 2020 gingen gemäss Angaben der
Arbeitslosenkasse St. Gallen zunächst rechtzeitig innert Dreimonatsfrist bei ihr ein (act.
G 5). Die Anträge wurden alsdann mit Schreiben vom 21. August 2020 zur
Vervollständigung an die Beschwerdeführerin retourniert. Dabei wurde der
Beschwerdeführerin eine Nachbesserungsfrist bis 4. September 2020 eingeräumt (act.
G 5.1). Am 1. September 2020 (Eingangsstempel Arbeitslosenkasse St. Gallen) gingen
die Anträge April und Mai 2020 erneut bei der Arbeitslosenkasse ein. Gleichzeitig traf
auch der Antrag für die Periode Juni 2020 ein (act. G 5.2 - 5.4). Damit hat die
Beschwerdeführerin die Kurzarbeitsentschädigung für die genannten Perioden
rechtzeitig zur Abrechnung eingereicht (Art. 38 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0]), weshalb
die Beschwerde materiell zu behandeln ist (vgl. BGE 124 V 75).
2.
Vorliegend ist einzig umstritten, ob die von der Beschwerdeführerin geltend
gemachte Abteilung "Büro/Aussendienst-Personal" eine Betriebsabteilung im Sinn der
nachfolgend aufgeführten Bestimmungen bildet.
2.1.
Arbeitnehmende, deren normale Arbeitszeit verkürzt oder deren Arbeit ganz
eingestellt ist, haben unter den in Art. 31 Abs. 1 lit. a - d AVIG genannten
Voraussetzungen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung. Der Anspruch auf
Kurzarbeitsentschädigung setzt gemäss Art. 31 Abs. 1 lit. b AVIG unter anderem
voraus, dass der Arbeitsausfall anrechenbar ist. Gemäss Art. 32 Abs. 1 AVIG ist ein
Arbeitsausfall anrechenbar, wenn er auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen und
unvermeidbar ist (lit. a) und pro Abrechnungsperiode mindestens 10 Prozent der
Arbeitsstunden ausmacht, die von den Arbeitnehmenden des Betriebes normalerweise
insgesamt geleistet werden (lit. b). Kleinere Beschäftigungsschwankungen hat der
Arbeitgeber selbst zu tragen.
2.2.
In Art. 32 Abs. 4 AVIG wird der Bundesrat ermächtigt zu bestimmen, unter welchen
Voraussetzungen eine Betriebsabteilung einem Betrieb gleichgestellt ist. Von dieser
Kompetenz hat der Bundesrat in Art. 52 Abs. 1 der Verordnung über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) Gebrauch
gemacht. Danach ist eine Betriebsabteilung einem Betrieb gleichgestellt, wenn sie eine
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/8
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mit eigenen personellen und technischen Mitteln ausgestattete organisatorische Einheit
bildet, die einer eigenen innerbetrieblich selbstständigen Leitung untersteht (lit. a), oder
Leistungen erbringt, die auch von selbstständigen Betrieben erbracht und auf dem
Markt angeboten werden könnten (lit. b).
Wird eine organisatorische Einheit eines Betriebes als Betriebsabteilung im Sinne
von Art. 52 Abs. 1 AVIV qualifiziert, bildet sie (und nicht mehr der gesamte Betrieb [vgl.
vorstehende Erw. 2.2]) die massgebliche Bezugsgrösse für die Berechnung des
Mindestarbeitsausfalls. Eine allzu grosszügige Anerkennung von Betriebsabteilungen
führt deshalb dazu, dass die 10 Prozentklausel im Zusammenhang mit dem
geforderten Mindestarbeitsausfall (Art. 32 Abs. 1 lit. b AVIG) ihres Inhalts entleert wird
(vgl. AVIG-Praxis Kurzarbeitsentschädigung [KAE], Rz C34). Die Qualifikation als
Betriebsabteilung setzt deshalb eine gewisse Autonomie der fraglichen
Organisationseinheit innerhalb des Gesamtbetriebs voraus. Die Organisationseinheit
muss eine Arbeitnehmergruppe umfassen, die im Gesamtbetrieb eine organisatorische
Einheit bildet. Sie muss einem eigenen Betriebszweck dienen oder im
innerbetrieblichen Produktionsablauf eigene Leistungen (z.B. Herstellung eines
Zwischenprodukts) erbringen. Eine räumliche Trennung ist nicht zwingend erforderlich.
Gegen eine Betriebsabteilung spricht eine enge personelle und technische
Verflechtung mit anderen betrieblichen Einheiten. Ebenfalls keine Betriebsabteilung
liegt vor, wenn die Gruppe nur wenige Arbeitnehmende oder gar nur eine einzelne
Person umfasst (vgl. AVIG-Praxis KAE, Rz C31 ff.).
2.4.
In Bezug auf die Erfüllung des Kriteriums des anrechenbaren Arbeitsausfalls hat
die massgebende Rechtslage (Art. 32 Abs. 1 AVIG und Art. 52 Abs. 1 AVIV) durch die
Pandemiegesetzgebung (Verordnung über Massnahmen im Bereich der
Arbeitslosenversicherung im Zusammenhang mit dem Coronavirus [COVID-19];
abgekürzt: COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung; SR 837.033) keine
Änderung bzw. Erleichterung erfahren. Dies ist folgerichtig, sollten doch mit den
speziellen Massnahmen in erster Linie Betriebe und deren Mitarbeitende, die von
Corona oder den darauf gerichteten Gegenmassnahmen (Lockdown) sehr stark
betroffen waren, unterstützt werden. Das Erfüllen der in Frage stehenden
Voraussetzung eines Mindestarbeitsausfalls von 10 % in Bezug auf den Gesamtbetrieb
bzw. eine Betriebsabteilung ist demnach gemäss bestehender Gesetzgebung und dazu
ergangener Rechtsprechung zu beurteilen.
2.5.
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3.
Der Beschwerdegegner begründete seinen Einspruch gegen die Anerkennung der
Abteilung "Büro/Aussendienst-Personal" der Beschwerdeführerin als Betriebsabteilung
im Sinn von Art. 52 Abs. 1 AVIV damit, dass es sich bei dieser Gruppe um eine virtuelle
Abteilung handle, weshalb der Arbeitsausfall am Gesamtpersonalbestand zu messen
sei (act. G 3.1/A37). Im vorliegend angefochtenen Einspracheentscheid begründete er
die fehlende organisatorische Eigenständigkeit der geltend gemachten Abteilung im
Wesentlichen damit, dass die Mitarbeitenden aller Abteilungen, auch in
Zusammenhang mit der Produktion, in komplexen Matrixorganisationen
zusammenarbeiteten, um individualisiert einen grösstmöglichen Kundennutzen zu
erzielen. Nichts Anderes gehe aus der Homepage hervor, wo beschrieben werde, dass
die Leistungen des Unternehmens über die Fertigung von Werkstücken hinausgehe
und ein Full-Service angeboten werde. Eine unabhängige Leistungserbringung durch
die Abteilungen "Produktion" und "Büro/Aussendienst-Personal" sei vor dem
Hintergrund der engen Verflechtung wenig plausibel, zumal die Abteilungen weder über
eine eigene Stabsorganisation noch über finanzielle Unabhängigkeit verfügten.
Demgegenüber macht die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, das der
Kurzarbeit unterstellte Team von neun Personen (beantragt: acht Personen) könnte
jederzeit von der Produktion unabhängig arbeiten, wie dies auch vor der Einführung
einer firmeneigenen Produktion der Fall gewesen sei. Das Team bilde eine strategisch
und organisatorisch unabhängige Einheit. Deren Leistungen würden auch unabhängig
rapportiert und fakturiert. Die Beschwerdeführerin habe sodann auch Aufträge ohne
Produktion zu erfüllen. Der Begriff des Full-Service solle hervorheben, dass sich die
Beschwerdeführerin auch mit dem Kernteam der erwähnten acht Personen für
Produktentwicklungen zur Verfügung stelle, aber bei Bedarf auch eine eigene
Produktion darstellen könne. Eine unabhängige Leistungserbringung der
Organisationseinheiten könne nachweislich in der Geschichte der Beschwerdeführerin
dargelegt werden, als diese noch keine eigene Fabrikation gehabt habe.
3.1.
Diesen Darlegungen der Beschwerdeführerin kann nicht gefolgt werden. So sind
die acht Personen, für welche vorliegend Kurzarbeitsentschädigung beantragt wird, in
verschiedenen Bereichen/Abteilungen tätig. B._ steht gemäss eingereichtem
Organigramm der Abteilung Verkauf/Technik vor und ist auch im Verkaufsaussendienst
tätig. C._ ist im Verkaufsinnendienst tätig. D._ steht (soweit leserlich) der Abteilung
Disposition/Materialwirtschaft vor und ist - zusammen mit E._ - im Einkauf tätig. Die
Abteilungsleiter B._ und D._ sind gemäss Unternehmenswebsite - nebst dem
Verwaltungsrat und Alleinaktionär - zudem Mitglieder der Geschäftsleitung der
3.2.
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Beschwerdeführerin. F._ ist Logistiker. G._ steht der Abteilung Qualität vor und ist
zudem Informatikverantwortlicher. H._ ist in der Stabsstelle Projekte sowie in der
Instandhaltung und die Mitarbeiterin I._ schliesslich in der Administration und
Personaladministration zu finden (act. G 3.1/A36). Auch aus der mit der Einsprache
eingereichten Aufstellung ("Tätigkeitstabelle Mitarbeiter") gehen keine Tätigkeiten
hervor, die sich eindeutig von der Produktion bzw. von der mit der Produktion
verbundenen internen Dienstleistungen abgrenzen liessen. Vielmehr wiederholt sich
darin das Betriebsorganigramm, wonach die betroffenen Mitarbeitenden in so
verschiedenen Bereichen wie Verkaufs-Innen- und -Aussendienst, AVOR, Disposition,
Human Resources, Kreditoren- und Debitorenbuchhaltung, Logistik, Lager, Unterhalt,
Betreuung Neuinvestitionen, Angebotskalkulation, Einkauf, Qualitätssicherung, IT etc.
tätig sind (act. G 3.1/A38).
Abgesehen davon, dass selbst nach dem Organigramm keine eigenständig
geführte Abteilung "Büro/Aussendienst-Personal" existiert, erhellt aus den
vorgenannten Ausführungen, dass die betroffenen Mitarbeitenden in vier
verschiedenen, je unter eigener Leitung stehenden Abteilungen arbeiten. Diese
Abteilungen haben letztlich alle zudienende, auf die Produktion ausgerichtete
Funktionen, was sich implizit auch an der zentralen Position der Produktion im
Organigramm manifestiert. Für letztere müssen Kunden betreut, Aufträge und Material
beschafft und bewirtschaftet, Personal rekrutiert und - für den langfristigen
Unternehmenserfolg - die Qualität sichergestellt werden. Daneben verfolgen auch die
allgemeine Administration sowie die IT/EDV keinen eigenständigen Zweck, sondern
dienen ebenfalls dem Gesamtunternehmen. In der Einsprache vom Mai 2020 ging auch
die Beschwerdeführerin noch davon aus, dass die betroffenen Mitarbeitenden
Vorarbeit bzw. Vorleistungen für die Entwicklung von Produkten bis zur
Maschinenfertigkeit - somit wohl für die eigene Produktion - erbrächten (act. G 3.1/
A38). Auch aus dem historischen Rückblick ist nichts für den Standpunkt der
Beschwerdeführerin gewonnen, hat sie doch ihre Geschäftstätigkeit nach eigenen
Angaben nach dem Generationenwechsel aus strategischen Gründen gerade um den
Produktionsbereich erweitert (act. G 3.1/A38). Mithin ist jetzt von geänderten
Verhältnissen auszugehen, was sich eben unter anderem im eingereichten
Organigramm niederschlägt. Daran ändert nichts, dass die betroffenen Mitarbeitenden
- von der Beschwerdeführerin als Kernteam bezeichnet - nach eigenen Angaben
weitere gemeinsame Aufgaben übernehmen, manifestiert sich eine solche
eigenständige, von der Produktion abgrenzbare Tätigkeit nach aussen jedenfalls nicht
mit der geforderten Klarheit. Für die im Verkauf, Einkauf oder in der Administration
tätigen Personen erscheint zudem eine Tätigkeit in der Produktentwicklung nicht
3.3.
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4.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben gemäss).