Decision ID: e7f28340-1ef9-41ea-b9ed-d37cf5e9f939
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Die Beschwerdekammer entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau führt gegen A. eine Strafuntersu-
chung wegen Verbrechen gegen das BetmG, mehrfacher Nötigung, betrü-
gerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage, Führens eines
Motorfahrzeugs trotz Entzugs des Führerausweises sowie weiterer Wider-
handlungen gegen das SVG.
2.
2.1.
Am 20. Januar 2022 beauftragte die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau
Dr. med. B., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Zürich, damit, A.
zu begutachten. Gleichentags setzte sie ihm mit separatem Schreiben Frist
bis zum 31. Januar 2022, um sich zur sachverständigen Person und zu den
Fragen zu äussern sowie um eigene Anträge zu stellen.
2.2.
A. liess sich am 28. Januar 2022 zum Begutachtungsauftrag vernehmen
und beantragte dessen Widerruf oder andernfalls den Erlass einer anfecht-
baren Verfügung.
2.3.
Mit Schreiben vom 15. Februar 2022 hielt die Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau an der Begutachtung fest und setzte A. gleichzeitig eine Frist von
drei Tagen, um sich zu den Fragen des Gutachterauftrags zu äussern.
3.
3.1.
Gegen diese ihm am 16. Februar 2022 zugestellte Verfügung erhob A.
(nachfolgend: Beschwerdeführer) am 25. Februar 2022 bei der Beschwer-
dekammer in Strafsachen des Obergerichts des Kantons Aargau Be-
schwerde mit folgenden Anträgen:
" 1. Die Verfügung der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 15. Februar 2022 betr. Verweigerung des Widerrufs des Auftrags zur psychiatrischen Begutachtung vom 22. Januar 2022 sei aufzuheben.
2. Der Auftrag zur psychiatrischen Begutachtung vom 20. Januar 2022 sei aufzuheben.
3. Als vorsorgliche Massnahme sei für den Lauf des Beschwerdeverfahrens der Gutachtensprozess zu sistieren.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des Staates."
- 3 -
3.2.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau beantragte mit Beschwerdeant-
wort vom 10. März 2022 die Abweisung der Beschwerde unter Kostenfol-
gen.
3.3.
Am 23. März 2022 hielt der Beschwerdeführer vollumfänglich an seinen
beschwerdeweise gestellten Anträgen fest.
3.4.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau verzichtete am 4. April 2022 auf
die Einreichung einer Stellungnahme und verwies auf ihre bisherigen Aus-
führungen.

Considerations:
Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
Anfechtungsobjekt der Beschwerde bildet die Weigerung des Widerrufs
des Auftrags zur psychiatrischen Begutachtung der Staatsanwaltschaft
Lenzburg-Aarau vom 15. Februar 2022.
Gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO können die Verfügungen und die Ver-
fahrenshandlungen der Staatsanwaltschaft mit Beschwerde angefochten
werden. Gegen die Verweigerung des Widerrufs eines Begutachtungsauf-
trags durch die Staatsanwaltschaft kann nach Art. 393 ff. StPO i.V.m.
Art. 184 Abs. 5 StPO Beschwerde erhoben werden (PATRICK GUIDON, Die
Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, 2011,
N. 104). Die Verweigerung des Widerrufs des Gutachtens vom 15. Februar
2022 stellt damit eine mit Beschwerde anfechtbare Verfügung gemäss
Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO dar.
Die übrigen Eintretensvoraussetzungen sind erfüllt und geben zu keinen
Bemerkungen Anlass. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (vgl. Art. 396 Abs. 1 i.V.m. Art. 385 Abs. 1 StPO) ist somit einzu-
treten.
2.
2.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hielt in der angefochtenen Verfü-
gung vom 15. Februar 2022 fest, eine Begutachtung sei notwendig und
verhältnismässig.
2.2.
Der Beschwerdeführer brachte beschwerdeweise dagegen vor, die Staats-
anwaltschaft Lenzburg-Aarau habe sein rechtliches Gehör verletzt, indem
- 4 -
sie die angefochtene Verfügung höchst marginal begründet und ihre Be-
weggründe im Dunkeln gelassen habe. Ferner habe sie Art. 182 StPO
i.V.m. Art. 20 StGB verletzt, da die Voraussetzungen für eine psychiatrische
Exploration nicht gegeben seien. Es bestünden keinerlei Zweifel an der vol-
len Schuldfähigkeit des Beschwerdeführers. Zudem sei die Anordnung der
Begutachtung mit Bezug auf die zu untersuchenden Delikte unverhältnis-
mässig.
2.3.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau legte mit Beschwerdeantwort dar,
das Amt für Justizvollzug des Kantons Aargau habe bei Dr. med. C., Fach-
ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Bern, ein Gutachten eingeholt,
um kurz vor Ablauf der durch den Beschwerdeführer ausgestandenen Frei-
heitsstrafe eine nachträgliche stationäre Massnahme zu erwirken. In die-
sem am 28. Juni 2019 erstatteten Gutachten sei beim Beschwerdeführer
eine mittel- bis hochgradige dissoziale Persönlichkeitsstörung sowie ein
schädlicher Gebrauch von Kokain diagnostiziert worden. Die Gutachterin
habe das Risiko für Delikte, mit denen die physische und psychische Integ-
rität einer anderen Person schwer beeinträchtigt werden könnte, sowie für
Strassenverkehrsdelikte als besonders hoch erachtet und sich für eine sta-
tionäre therapeutische Massnahme nach Art. 59 Abs. 1 StGB ausgespro-
chen. Das Bezirksgericht Aarau habe mit Beschluss vom 24. Juni 2020 in-
des den Antrag auf nachträgliche Anordnung einer stationären
Massnahme abgewiesen. Der Beschwerdeführer werde nunmehr verdäch-
tigt, zwischen dem 1. Mai und 1. August 2021 D. mehrfach durch Gewalt-
androhung oder -ausübung genötigt zu haben. Darüber hinaus solle er ihre
Kreditkarte entwendet, damit Geld bezogen und Kleider gekauft haben.
Schliesslich solle sich der Beschwerdeführer am 28. Juni 2021 der mehrfa-
chen Widerhandlung gegen das SVG strafbar gemacht haben, indem er
u.a. ein Personenwagen gelenkt habe, obwohl ihm der Führerausweis ent-
zogen worden sei. Das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Aargau
habe zwischen dem 7. August und dem 5. November 2021 Ersatzmass-
nahmen angeordnet. Der Beschwerdeführer sei dabei u.a. verpflichtet wor-
den, einen Nachweis einer Alkohol- und Drogenabstinenz zu erbringen.
Dennoch sei der Beschwerdeführer am 4. September 2021 unter Alkohol-
und Drogeneinfluss angehalten worden. Am 7. Oktober 2021 sei dies er-
neut erfolgt, nachdem er einem verdeckten Fahnder ca. 102.3 Gramm Am-
phetamin verkauft habe. Anlässlich einer Hausdurchsuchung seien 815.8
Gramm Amphetamin beschlagnahmt worden. Aktuell bestünden Zweifel an
der Schuldfähigkeit des Beschwerdeführers, zumal sich bereits das Gut-
achten aus dem Jahre 2019 für eine stationäre therapeutische Massnahme
ausgesprochen habe. Die Voraussetzungen für eine Begutachtung seien
erfüllt. Das Gutachten sei bislang nicht formell in Auftrag gegeben worden.
Im Sinne des Beschleunigungsgebots sei der Gutachtensprozess daher
nicht zu sistieren.
- 5 -
2.4.
In seiner Stellungnahme ergänzte der Beschwerdeführer, es sei nicht nach-
vollziehbar, weshalb Zweifel an seiner Schuldfähigkeit bestehen sollten.
Der Gutachtensauftrag sei für das vorliegende Beschwerdeverfahren zu
sistieren, da bei Erteilung des Gutachtensauftrags und erfolgter Begutach-
tung die Beschwerde schliesslich gegenstandslos würde.
3.
3.1.
Zunächst ist auf die vom Beschwerdeführer vorgebrachte Verletzung des
Anspruchs auf rechtliches Gehör aufgrund der rudimentären Begründung
der angefochtenen Verfügung einzugehen.
3.2.
3.2.1.
Der in Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 3 Abs. 2 lit. c StPO verankerte Grundsatz
des rechtlichen Gehörs verlangt, dass die Behörde die Vorbringen des vom
Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, sorg-
fältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung angemessen berück-
sichtigt. Daraus folgt die grundsätzliche Pflicht der Behörden, ihren Ent-
scheid zu begründen. Die Begründung eines Entscheids muss so abge-
fasst sein, dass der Betroffene ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten
kann. Dies ist nur möglich, wenn sowohl er als auch die Rechtsmittelinstanz
sich über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen können. In diesem
Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von de-
nen sich die Behörde leiten liess und auf welche sich ihr Entscheid stützt.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt. Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentli-
chen Gesichtspunkte beschränken. Die Behörde hat demnach in der Be-
gründung ihres Entscheids diejenigen Argumente aufzuführen, die tatsäch-
lich ihrem Entscheid zugrunde liegen (vgl. BGE 126 I 97 E. 2b, 136 I 184
E. 2.2.1).
3.2.2.
Den vorstehend dargelegten Anforderungen genügt die angefochtene Ver-
fügung vom 15. Februar 2022 in keiner Weise, hält die Staatsanwaltschaft
Lenzburg-Aarau darin schliesslich lediglich fest, dass ihrer Ansicht nach
eine Begutachtung notwendig und verhältnismässig sei (Beschwerdebei-
lage [BB] 1). Im Übrigen enthält der Auftrag zur psychiatrischen Begutach-
tung vom 20. Januar 2022 ebenfalls keinerlei Begründung, weshalb eine
Begutachtung notwendig ist (BB 3). Damit wurde nicht dargelegt und bleibt
im Dunkeln, welches die wesentlichen Punkte sind, von denen sich die
Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau leiten liess und auf welche sich ihre
Verfügung stützt. Aufgrund der ungenügenden Begründung ist es sowohl
- 6 -
dem Beschwerdeführer verwehrt, die angefochtene Verfügung sachge-
recht anzufechten, als auch der Beschwerdeinstanz, diese zu prüfen. Dem-
nach liegt eine Verletzung der Begründungspflicht und damit des An-
spruchs des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör vor.
3.3.
3.3.1.
Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur. Seine Verletzung
führt ungeachtet der Erfolgsaussichten des Rechtsmittels in der Sache
selbst zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids (BGE 137 I 195
E. 2.2). Eine nicht besonders schwerwiegende Verletzung des rechtlichen
Gehörs kann ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die betroffene Per-
son die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern,
die sowohl den Sachverhalt als auch die Rechtslage frei überprüfen kann.
Unter dieser Voraussetzung ist darüber hinaus – im Sinne einer Heilung
des Mangels – selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör von einer Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung der Sache zur
Gewährung des rechtlichen Gehörs zu einem formalistischen Leerlauf und
damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhö-
rung gleichgestellten) Interesse der betroffenen Partei an einer beförderli-
chen Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären (BGE 137 I 195
E. 2.3.2).
Die Beschwerdeinstanz verfügt über volle Kognition (Art. 393 Abs. 2 StPO)
und mit der Beschwerde können alle Mängel des angefochtenen Ent-
scheids geltend gemacht werden (PATRICK GUIDON, in: Basler Kommentar,
Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 15 zu Art. 393
StPO).
3.3.2.
Nachdem die Beschwerdekammer über volle Kognition verfügt, kann der
Mangel betreffend Verletzung des rechtlichen Gehörs geheilt und von einer
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz abgesehen werden. Der Be-
schwerdeführer hatte im Beschwerdeverfahren die Möglichkeit, sich zu
sämtlichen Aspekten zu äussern. Es sind ihm durch die nachgeholte Be-
gründung in der Beschwerdeantwort keinerlei Nachteile erwachsen. Eine
Rückweisung der Sache hätte dagegen einzig den Erlass einer Verfügung
mit der bereits in der Beschwerdeantwort aufgeführten Begründung zur
Folge und würde zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu einer un-
nötigen Verzögerung des Verfahrens führen (vgl. E. 3.3.1 hiervor).
Der Gehörsverletzung ist jedoch bei der Verlegung der Kosten des Rechts-
mittelverfahrens Rechnung zu tragen (vgl. dazu E. 6.1 nachstehend).
- 7 -
4.
4.1.
Sodann beanstandet der Beschwerdeführer die Notwendigkeit und Verhält-
nismässigkeit einer psychiatrischen Begutachtung.
4.2.
Gemäss Art. 20 StGB ordnet die Untersuchungsbehörde oder das Gericht
die sachverständige Begutachtung des Beschuldigten an, wenn nach den
objektiven Umständen des zu beurteilenden Falls ernsthafter Anlass be-
steht, an seiner Schuldfähigkeit zu zweifeln. In einem solchen Fall ist die
Anordnung einer Begutachtung nicht nur erlaubt, sondern vielmehr gebo-
ten (vgl. FELIX BOMMER, in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Aufl. 2019,
N. 9 zu Art. 20 StGB). Ein Gutachten ist nicht nur anzuordnen, wenn die
zuständige Behörde tatsächlich Zweifel an der Schuldfähigkeit hat, sondern
auch, wenn sie nach den Umständen des Falls ernsthafte Zweifel haben
sollte (BGE 133 IV 145 E. 3.3 m.H.). Die Beantwortung der Frage, ob ein
Gutachten erforderlich ist, liegt im pflichtgemässen Ermessen von Staats-
anwaltschaft bzw. Gericht (MARIANNE HEER, in: Basler Kommentar, Schwei-
zerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 7 zu Art. 182 StPO).
Im Massnahmenrecht sind Gutachten zwingend. So schreibt Art. 56 Abs. 3
StGB vor, dass sich das Gericht beim Entscheid über die Anordnung einer
Massnahme nach den Art. 59-61, 63 oder 64 StGB auf eine sachverstän-
dige Begutachtung zu stützen hat. Gutachten werden daher vom Gesetz-
geber und auch vom Bundesgericht in konstanter Praxis als zwingende
Entscheidgrundlage bezeichnet, sofern die Indikation einer Massnahme zu
beurteilen ist (BGE 144 IV 176 E. 4.2.1). Dies gilt sowohl im positiven (das
Gericht ordnet eine Massnahme an) wie auch im negativen Sinne (das Ge-
richt verzichtet auf eine Massnahme) (Urteil des Bundesgerichts
6B_28/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.4).
Im Rahmen von Art. 20 StGB ist nur mit erheblicher Zurückhaltung auf ein
früheres Gutachten abzustellen (BOMMER, a.a.O., N. 16 zu Art. 20 StGB).
4.3.
4.3.1.
Am 28. Juni 2019 erstattete Dr. med. C. zuhanden der Sektion Vollzugs-
dienst und Bewährungshilfe, Aarau, ein psychiatrisches Gutachten betref-
fend den Beschwerdeführer (Beschwerdeantwortbeilage [BAB] 4). Am
10. August 2019 ergänzte sie dieses (BAB 6). Die Gutachterin hielt fest,
beim Beschwerdeführer lägen eine dissoziale Persönlichkeitsstörung an
der Grenze zwischen mittel- und hochgradiger Ausprägung (ICD-10 F60.2)
sowie ein schädlicher Gebrauch von Kokain (ICD-10 F14.1) vor (BAB 4,
S. 65).
- 8 -
4.3.2.
Aufgrund des Gutachtens von Dr. med. C. bestehen Anhaltspunkte dafür,
dass der Beschwerdeführer sowohl an einer dissozialen Persönlichkeits-
störung als auch an einer Suchtproblematik leidet (vgl. E. 4.3.1 hiervor).
Seit dem Gutachten sind knapp drei Jahre vergangen, in denen der Be-
schwerdeführer erneut delinquierte, weshalb eine Begutachtung notwendig
ist (vgl. E. 4.2. hiervor; BB 3, S. 1; BAB 3, S. 1). Vorliegend ist abzuklären,
ob seine Taten im Zusammenhang mit einer Persönlichkeitsstörung oder
einer Suchtproblematik stehen. Unter den dargelegten Umständen ist nicht
klar und deshalb mittels eines Gutachtens i.S.v. Art. 56 Abs. 3 StGB abzu-
klären, ob beim Beschwerdeführer eine psychische Störung oder eine
Sucht vorliegen, die eine Behandlung im Rahmen einer therapeutischen
Massnahme gemäss Art. 59 - 61 StGB oder Art. 63 StGB erfordern. Insbe-
sondere aufgrund der allenfalls bei ihm bestehenden psychischen Störung
im Zeitpunkt der mutmasslichen Tatbegehung besteht gegenwärtig zudem
ernsthafter Anlass, an der vollen Schuldfähigkeit des Beschwerdeführers
zu zweifeln, was nach Massgabe von Art. 20 StGB ebenfalls im Rahmen
eines forensisch-psychiatrischen Gutachtens zu klären ist (vgl. E. 4.2. hier-
vor).
4.4.
Die Anordnung einer stationären Massnahme nach Art. 59 StGB oder
Art. 60 StGB hängt nicht davon ab, dass die Anlasstat einen bestimmten
Schweregrad erreicht (MARIANNE HEER/ELMAR HABERMEYER, in: Basler
Kommentar, Strafrecht I, 4. Aufl. 2019, N. 45 zu Art. 59 StGB und N. 22 zu
Art. 60 StGB). Gestützt auf Art. 59 Abs. 1 lit. a StGB bzw. Art. 60 Abs. 1
lit. a StGB genügt es, dass es sich bei der Anlasstat um ein Vergehen han-
delt, das mit der schweren psychischen Störung bzw. der Abhängigkeit zu-
sammenhängt. Dem Beschwerdeführer werden neben Vergehen (u.a.
mehrfache Nötigung nach Art. 181 i.V.m. Art. 10 Abs. 3 StGB [BB 3, S. 1])
sogar Verbrechen vorgeworfen (so. bspw. Verbrechen gegen das BetmG
mit Gefährdung der Gesundheit vieler Menschen [BAB 3, S. 1], betrügeri-
scher Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage nach Art. 147 Abs. 1
i.V.m. Art. 10 Abs. 2 StGB [BB 3, S. 1]), weshalb die Anordnung einer sta-
tionären Massnahme nicht auszuschliessen ist.
Demzufolge erweist sich auch die Begutachtung zur Feststellung der psy-
chischen Störung bzw. der Abhängigkeit und ihres Zusammenhangs mit
den Taten bzw. der Notwendigkeit der Anordnung einer Massnahme als
verhältnismässig. Wie bereits dargelegt, erscheint die psychiatrische Be-
gutachtung des Beschwerdeführers im Lichte von Art. 182 StPO i.V.m.
Art. 20 und Art. 56 Abs. 3 StGB als sachlich geboten und besteht keine
andere Möglichkeit, die offenen Fragen anders als mittels Gutachten abzu-
klären. Die Bedeutung der untersuchten Straftaten rechtfertigt die Zwangs-
massnahme. Es besteht ein hohes öffentliches Interesse daran, dass die
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vom Beschwerdeführer mutmasslich begangenen Verbrechen bzw. Verge-
hen korrekt sanktioniert werden und die Gefahr weiterer, mit einer allfälligen
schweren psychischen Störung bzw. Abhängigkeit zusammenhängender
Taten eingedämmt wird (vgl. Art. 197 Abs. 1 lit. c und d StPO).
4.5.
Zusammenfassend ist nicht zu beanstanden, dass die Staatsanwaltschaft
Lenzburg-Aarau mit Verfügung vom 15. Februar 2022 den Begutachtungs-
auftrag nicht wiederrufen hat. Die vorliegende Beschwerde ist deshalb ab-
zuweisen.
5.
Das Gesuch um vorsorgliche Massnahmen ist durch den Erlass des vorlie-
genden Entscheides gegenstandslos geworden.
6.
6.1.
Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die Kosten des Rechts-
mittelverfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Der
Fall, dass ein Beschwerdeführer unterliegt, weil ein Verfahrensfehler im
Rechtsmittelverfahren geheilt worden ist, ist in Art. 428 Abs. 1 StPO nicht
ausdrücklich geregelt. Nach der Rechtsprechung ist dem jedoch bei der
Verlegung der Kosten des Rechtsmittelverfahrens Rechnung zu tragen.
Dies kann durch eine angemessene Reduktion der Gerichtskosten oder al-
lenfalls durch den Verzicht auf die Erhebung von Kosten geschehen (Urteil
des Bundesgerichts 1B_334/2018 vom 30. Juli 2018 E. 2.5 m.H.).
Vorliegend wurde die Gehörsverletzung im Beschwerdeverfahren geheilt
(vgl. E. 3.3.2 hiervor). Dem ist insofern Rechnung zu tragen, als die Kosten
des vorliegenden Beschwerdeverfahrens auf die Staatskasse zu nehmen
sind.
6.2.
Die dem amtlichen Verteidiger des Beschwerdeführers für das vorliegende
Beschwerdeverfahren auszurichtende Entschädigung wird durch die am
Ende des Verfahrens zuständige Instanz festzusetzen sein (Art. 135 Abs. 2
StPO).