Decision ID: 67cde795-be37-5372-873f-54d77c632034
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden suchten am 11. Oktober 2015 in der Schweiz
um Asyl nach. Am 23. Oktober 2015 erfolgten die Befragungen zur Person
(BzP) und am 10. Februar 2017 wurden die vertieften Bundesanhörungen
(BA) durchgeführt. Am 12. September 2018 fand eine ergänzende Anhö-
rung von A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) statt.
B.
Am (...) wurde die Tochter E._ geboren.
C.
C.a Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er sei Tadschike und in F._ (Distrkit
G._, Provinz Baghlan) aufgewachsen. Nach Abschluss des Gym-
nasiums habe er eine Arbeitsstelle in Kabul gefunden. Dort habe er in ver-
schiedenen Camps für amerikanische Arbeitgeber (...) verlegt. Weil er mit
Ausländern – mit «Ungläubigen» – zusammengearbeitet habe, seien er
wie auch Familienangehörige wiederholt getadelt und bedroht worden. Er
solle aufhören, mit den Ungläubigen zusammenzuarbeiten. Aufgrund die-
ser Behelligungen habe er sich an seinen Arbeitgeber gewandt. Dieser
habe ihm keinen Schutz gewähren können und ihn an die Polizei verwie-
sen, die aber auch nichts habe tun können. Eines Tages, als er mit zwei
Arbeitskollegen im Auto seines Vaters von Kabul unterwegs nach
G._ gewesen sei, seien sie von mehreren Taliban angehalten und
durchsucht worden. Bei seinen Kollegen hätten sie deren Arbeitskarten
vorgefunden. Bei ihm seien sie nicht fündig geworden, da er auf Anraten
seines Vaters keine Dokumente auf sich getragen habe, welche einen Hin-
weis auf seinen Arbeitgeber erlaubten. Seine Arbeitskollegen seien von
den Taliban gefesselt und mit dem auf den Kopf gerichteten Gewehrlauf
bewacht worden. Ihm sei von einem Taliban mit dem Gewehrkolben ins
Gesicht geschlagen worden, nachdem er wiederholt angegeben habe,
keine Karte zu besitzen und lediglich als Sammeltaxifahrer unterwegs ge-
wesen zu sein. Danach habe er keine Erinnerungen mehr und könne auch
nicht sagen, wie lange er bewusstlos gewesen sei. Als er wieder bei Be-
wusstsein gewesen sei, seien weder die Taliban noch seine Kollegen vor
Ort gewesen. Auch sein beziehungsweise das Auto seines Vaters habe
nicht mehr dort gestanden. Er habe sich kaum mehr bewegen können, sein
rechtes Auge habe gebrannt und er habe geblutet. Er habe einen LKW an-
gehalten, der ihn einen Teil der Wegstrecke zu seinen Eltern mitgenommen
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habe. Als er bei seinen Eltern angekommen sei, habe er seinem Vater von
dem Vorfall berichtet. Sein Vater habe in der Folge die Angehörigen der
verschwundenen Arbeitskollegen über den Vorfall informiert. Diese hätten
den Beschwerdeführer offenbar beschuldigt, die Arbeitskollegen den Tali-
ban ausgeliefert zu haben, weshalb er am Abend von Polizisten festge-
nommen und auf den Bezirksposten gebracht worden sei. Sie hätten ihn
beschuldigt, ein Ungläubiger geworden zu sein und zwei junge Leute den
Taliban ausgeliefert zu haben. Am Folgetag sei er aus der Haft befreit wor-
den und kurz darauf gemeinsam mit seiner Frau und dem Sohn geflüchtet.
Sein Vater habe die Freilassung mittels Geldleistung erwirkt und auch
seine Ausreise in die Wege geleitet. Im Weiteren gab der Beschwerdefüh-
rer zu Protokoll, dass er nach seiner Ankunft in der Schweiz vom gewalt-
samen Tod seines Bruders erfahren habe und glaube, dass die Tötung sei-
nes Bruders im Zusammenhang mit ihm beziehungsweise den vorerwähn-
ten Geschehnissen stehe. Sodann sei seine Schwester Anfang 2018, ver-
mutlich von den Taliban, entführt worden. Er habe seither keine weiteren
Informationen über ihren Verbleib erhalten.
C.b Die Asylgründe der Beschwerdeführerin stützen sich im Wesentlichen
auf die Asylvorbringen ihres Ehemannes. Sie bestätigte seine Angaben,
wonach er eines Tages verletzt zu Hause angekommen und in der Folge
von der Polizei dort abgeholt worden sei. Sie habe Angst, ihr Mann würde
hingerichtet. Überdies gab sie zu Protokoll, dass vor ihrer Heirat mit dem
Beschwerdeführer ein anderer (viel älterer) Mann, der (...) des Dorfes, um
ihre Hand angehalten gehabt habe.
C.c Die Beschwerdeführenden reichten verschiedene Beweismittel, unter
anderem eine Tazkira und deren Übersetzung (je in Kopie) sowie verschie-
dene Dokumente die Arbeitstätigkeit des Beschwerdeführers betreffend, zu
den Akten.
D.
Mit Verfügung vom 18. September 2018 – eröffnet am 19. September 2018
– stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlings-
eigenschaft nicht, lehnte deren Asylgesuche ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz an. Weil der Vollzug der Wegweisung zurzeit nicht
zumutbar sei, wurde die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden
angeordnet.
E.
Mit Eingabe vom 16. Oktober 2018 reichten die Beschwerdeführenden
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Seite 4
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragten die Auf-
hebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingsei-
genschaft und die Gewährung von Asyl. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
ersuchten sie sinngemäss um Ansetzung einer Frist zur Nachreichung von
im Heimatland angeforderten Beweismitteln, um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung sowie um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Der Beschwerdeschrift lag eine Fürsorgebestätigung (datiert vom 16. Ok-
tober 2018) bei.
F.
Mit Schreiben vom 18. Oktober 2018 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 25. Oktober 2018 hiess die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig
wurden die Beschwerdeführenden aufgefordert, innert angesetzter Frist
den Namen des von ihnen bestimmten Rechtsbeistands oder der Rechts-
beiständin mitzuteilen und eine entsprechende Vollmacht einzureichen,
verbunden mit dem Hinweis, dass über das Gesuch um Beiordnung einer
unentgeltlichen Rechtsvertretung nach Ablauf der besagten Frist entschie-
den werde. Sodann setzte sie zur Nachreichung weiterer Beweismittel eine
Frist von 30 Tagen ab Erhalt der Zwischenverfügung an, mit dem Hinweis,
dass das Verfahren bei ungenutzter Frist aufgrund der Aktenlage weiterge-
führt werde.
H.
Mit Eingabe vom 7. November 2018 erklärte Rechtsanwältin Melanie Aebli
ihre Bereitschaft zur Übernahme der amtlichen Rechtsverbeiständung und
ersuchte gleichzeitig um Erstreckung der Frist zur Nachreichung von Be-
weismitteln.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 12. November 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der amtlichen Rechtsverbeiständung gut
und ordnete Rechtsanwältin Melanie Aebli den Beschwerdeführenden als
unentgeltliche Rechtsbeiständin bei. Das Gesuch um Erstreckung der Frist
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Seite 5
zur Nachreichung weiterer Beweismittel wurde – unter Hinweis auf Art. 32
Abs. 2 VwVG – abgewiesen.
J.
Am 26. November 2018 reichten die Beschwerdeführenden weitere Be-
weismittel zu den Akten.
K.
Am 30. November 2018 wurden die Akten dem SEM zur Vernehmlassung
übermittelt.
L.
In ihrer Vernehmlassung vom 17. Dezember 2018 schloss die Vorinstanz
sinngemäss auf Abweisung der Beschwerde.
M.
Mit Instruktionsverfügung vom 8. Januar 2019 wurde den Beschwerdefüh-
renden die vorinstanzliche Vernehmlassung zugestellt und ihnen Gelegen-
heit zur Einreichung einer Replik eingeräumt.
N.
Innert (zweimalig erstreckter) Frist nahmen die Beschwerdeführenden mit
Eingabe vom 20. Februar 2019 zur Vernehmlassung des SEM Stellung.
O.
Am 13. Mai 2019 wurde eine fachärztliche Bescheinigung betreffend den
Beschwerdeführer nachgereicht.
P.
Am 29. Juli 2019 reichten die Beschwerdeführenden ein aktualisiertes (Be-
schwerde-)Beilagenblatt, eine psychiatrische Stellungnahme betreffend
den Beschwerdeführer sowie eine Kostennote zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Be-
schwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig aufgenommen hat.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden
(Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge-
fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen,
die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat be-
ziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; vielmehr
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müssen konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen re-
alistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2.5).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss gemäss Art. 7 AsylG die Flüchtlingsei-
genschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Abs. 1). Glaub-
haft gemacht ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhan-
densein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2).
Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu
wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht
entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismit-
tel abgestützt werden (Abs. 3).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in einem publizierten Entscheid dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.
5.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor-
bringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, weshalb deren Asylrelevanz
nicht geprüft werden müsse.
5.2 In seinem Entscheid stellte das SEM zunächst fest, dass die Identität
des Beschwerdeführers nicht feststehe, dies jedoch eine unabdingbare
und zentrale Voraussetzung für die Abklärung des Sachverhalts darstelle.
Die Aktenlage deute darauf hin, dass er möglicherweise beabsichtige, den
Asylbehörden seine Identität zu verheimlichen, was erste Zweifel am Wahr-
heitsgehalt seiner Asylbegründung wecke. Weiter führte die Vorinstanz
aus, im Kontext von Afghanistan sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nicht zu erwarten, dass sich eine von den Taliban bedrohte Person immer
wieder an den Ort der Bedrohung begeben würde. Sowohl der Vater als
auch der Bruder des Beschwerdeführers seien in der Wohnregion in der
Provinz Baghlan von geistlichen Würdenträgern und anderen Personen
verschiedentlich wegen seiner Arbeit für amerikanische Unternehmen kri-
tisiert und gewarnt worden. Diese geistlichen Würdenträger hätten mit den
Taliban sympathisiert. Auch habe er selbst während eines Aufenthalts in
der Provinz Baghlan einen Drohbrief erhalten. In Anbetracht dieser War-
nungen und Drohungen hätte er damit rechnen müssen, angesichts deren
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nachrichtendienstlichen Möglichkeiten von den Taliban im Heimatdorf beo-
bachtet, aufgespürt und festgenommen zu werden. Dies gelte umso mehr,
als die Provinz Baghlan seit längerem im Einflussbereich der Taliban liege.
Diese Unstimmigkeiten seien weitere Anzeichen dafür, dass seine Asylbe-
gründung fingiert sein könnte. Sodann seien seine Aussagen zu den an-
geblichen Drohungen in mehrfacher Hinsicht widersprüchlich ausgefallen
und die Schilderungen bezüglich Anzahl und Fahrzeuge der Taliban beim
Überfall wie auch bezüglich der behaupteten Mitnahme durch die Polizei
würden zahlreiche Unstimmigkeiten aufweisen. Auf Vorhalt sei er nicht im-
stande gewesen, die Widersprüchlichkeiten überzeugend aufzulösen. Die
festgestellten Ungereimtheiten würden in einer Gesamtwürdigung zum
Schluss führen, dass er sich auf eine konstruierte Asylbegründung ab-
stütze, weshalb es sich erübrige, auf weitere Unstimmigkeiten näher ein-
zugehen. Weiter sei zu bemerken, dass die Vorbringen, wonach sein Bru-
der nach seiner Ausreise getötet worden sei und man von seiner Schwes-
ter – welche im Jahr 2018 mutmasslich von den Taliban entführt worden
sei – keine Informationen erhalten habe, selbst unter Wahrunterstellung
nicht geeignet seien, eine begründete Frucht im flüchtlingsrechtlichen
Sinne zu attestieren. So liege einerseits das Motiv für die Tötung seines
Bruders im Dunkeln und andererseits sei die Entführung junger Frauen in
Afghanistan ein weitverbreitetes Phänomen. Die Vorbringen hielten den
Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht
stand. Bezüglich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten
Probleme mit dem (...) im Jahr 2006 beziehungsweise 2007 erachtete die
Vorinstanz die Voraussetzungen an einen Kausalzusammenhang in zeitli-
cher und sachlicher Hinsicht als nicht erfüllt.
5.3 Auf Beschwerdeebene wurde im Wesentlichen an der Glaubhaftigkeit
der gemachten Angaben festgehalten. Bezüglich der nichtbelegten Identi-
tät des Beschwerdeführers wurde die Nachreichung der Tazkira im Original
sowie weiterer Originaldokumente (Badge-Karten, eine Arbeitsbestätigung
sowie ein Empfehlungsschreiben) in Aussicht gestellt. Die abweichenden
Angaben zu seinem Geburtsdatum würden sich aus dem Umstand erklä-
ren, dass bei seiner Geburt in Afghanistan chaotische Zustände geherrscht
hätten, weshalb er über kein Dokument verfüge, aus welchem sein Ge-
burtsdatum ersichtlich sei. Auch seine Mutter könne sein Geburtsdatum
nicht sicher angeben. Da er über kein entsprechendes Dokument verfüge,
sei bei der Ausstellung seines Personalausweises ein «Geburtsdatum
nach Gutdünken» eingetragen worden. Daraus ergebe sich die Differenz
zwischen der von ihm vorgetragenen Lebensgeschichte und dem auf der
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Tazkira aufgeführten Geburtsdatum «(...)». Bezüglich den von der Vo-
rinstanz angeführten Unstimmigkeiten in seinen Aussagen sei sodann auf
das eingereichte psychiatrische Zeugnis zu verweisen, welches ihm unter
anderem eine schwere posttraumatische Belastungsstörung attestiere. Er
habe während der Anhörung mehrfach darauf hingewiesen, dass es für ihn
sehr schwierig sei, sich unter diesen Umständen zu konzentrieren und ihm
das Erinnern ausgesprochen schwerfalle. Zudem sei er bei der ergänzen-
den Anhörung explizit angewiesen worden, sich kurz zu fassen. Als Folge
des Übergriffs leide er noch heute an schweren Schlafstörungen, Migrä-
nen, Erinnerungslücken sowie Schuldgefühlen, weil er seinen Kollegen
nicht habe helfen können. Es sei ein bekanntes Phänomen, dass sich trau-
matisierte Personen nicht immer gleich präzise an die traumatisierenden
Ereignisse erinnern könnten. Zudem hätten sich die Befragungsmodi der
ersten und der zweiten Anhörung erheblich unterschieden. Die so entstan-
denen Differenzen in seinen Darstellungen als Widersprüche zu taxieren,
welche auf eine erfundene Fluchtgeschichte schliessen liessen, sei des-
halb eine inakzeptable Unterstellung, die einer näheren Prüfung nicht
standhalte. Sodann sei, entgegen der Einschätzung der Vor- instanz,
glaubhaft, dass sich der Beschwerdeführer mit seinen Fahrten von Kabul
zu seiner Familie nach Baghlan einer Gefahr – der Bedrohung durch die
Taliban – bewusst ausgesetzt habe. Aus der Inkaufnahme dieses Risikos
zu schliessen, dass sein Verhalten dem erwartbaren, logischen Handeln
widerspreche und seine Fluchtgründe deshalb als fingiert zu werten seien,
sei unhaltbar. Bezüglich der vorinstanzlichen Zweifel, dass zwischen den
gegen den Beschwerdeführer ausgesprochenen Drohungen seitens der
Taliban, dem Mord an seinem Bruder und der Entführung seiner Schwester
ein Zusammenhang bestehe, wurde auf Beschwerdeebene entgegnet,
dass im Einzelnen zutreffen möge, dass Frauen in Afghanistan allgemein
einem erhöhten Risiko ausgesetzt seien, entführt zu werden, allerdings sei
die Häufung der Gewalttaten gegen Mitglieder der Familie (...) auch für
afghanische Verhältnisse auffällig.
5.4 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, die Beschwerdeschrift
enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche
eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten. Die Beweismittel
Nr. 3, 4 und 5 seien bereits im ordentlichen Verfahren eingereicht worden
und dem Beweismittel Nr. 6 komme kein ausreichender Beweiswert zu, da
nicht von der Hand zu weisen sei, dass es sich dabei um ein Gefälligkeits-
schreiben handeln könnte. Das Beweismittel Nr. 3 (ein Bericht über Dro-
hungen vom 22. Dezember 2014) stamme vom Beschwerdeführer selbst
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Seite 10
und die darin enthaltenen Angaben seien vom ebenfalls bereits eingereich-
ten (undatierten) Empfehlungsschreiben übernommen worden. Auch den
beiden letztgenannten Beweismitteln komme kein genügender Beweiswert
zu, da wiederum nicht mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen wer-
den könne, dass es sich bei der Empfehlung um ein Gefälligkeitsschreiben
handeln könnte. Im Übrigen sei auf die Erwägungen in der angefochtenen
Verfügung zu verweisen, an denen vollumfänglich festgehalten werde.
5.5 In ihrer Replik wendeten die Beschwerdeführenden im Wesentlichen
ein, die Stellungnahme des SEM sei sehr knapp ausgefallen und es sei
weder auf die Vorbringen noch auf die Beweismittel hinreichend eingegan-
gen worden. Es sei richtig, dass die Beweismittel Nr. 3, 4 und 5 bereits im
erstinstanzlichen Verfahren eingebracht worden seien, diese würden nun
aber im Original vorliegen, was den Beweiswert erhöhe und die Glaubhaf-
tigkeit der Aussagen untermauere. Bezüglich der neu eingereichten Be-
weismittel Nr. 2 und 6 sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zur Be-
schaffung dieser im Original eingereichten Beweismittel ein grosses Risiko
auf sich genommen habe. Er habe nämlich seinen Vater gebeten, die vor-
genannten Beweismittel, welche sich noch im Büro des Camps befunden
hätten, wo er zuletzt gearbeitet habe, zu beschaffen. Entgegen der ent-
sprechenden Qualifizierung durch die Vorinstanz handle es sich um keine
Gefälligkeitsschreiben, sondern um Beweismittel welche bestätigten, dass
der Beschwerdeführer für ein ausländisches Unternehmen gearbeitet habe
und in seiner Funktion bedroht worden sei. Sodann ermögliche die Beibrin-
gung der «englischen Tazkira im Original» seine Identifikation, womit der
vom SEM erwähnte Mangel aufgehoben und eine Untermauerung des
Wahrheitsgehaltes seiner Aussagen darstelle. Darüber hinaus wird der be-
reits aktenkundige Sachverhalt wiederholt aufgeführt und auf sein hohes
Risikoprofil aufgrund seiner Tätigkeiten für ausländische Unternehmen ver-
wiesen. Neu wird vorgebracht, dass der Vater des Beschwerdeführers,
nachdem er die vorerwähnten Beweismittel im Camp beschaftt habe, ver-
schwunden sei. Es sei anzunehmen, dass auch er von den Taliban entführt
worden sei.
6.
6.1 Die Beschwerdeführenden verweisen unter Ziffer 3 der Beschwerde-
schrift darauf, der Beschwerdeführer habe in der ergänzenden Anhörung
ein psychiatrisches Zeugnis vorgelegt, welches ihm eine schwere posttrau-
matische Belastungsstörung attestiere. Er habe während der Anhörung
mehrfach darauf hingewiesen, dass ihm die Aussagen zu diesem Vorfall
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Seite 11
grosse Probleme verursache, es schwierig für ihn sei, sich zu konzentrie-
ren und ihm das Erinnern deshalb ausgesprochen schwerfalle.
6.2 Auch wenn weder die Beschwerdeschrift noch die Replik eine aus-
drückliche formelle Rüge diesbezüglich beinhalten, erscheinen dennoch
folgende Anmerkungen angezeigt.
6.2.1 Richtig ist, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der ergänzenden
Anhörung auf gesundheitliche Beschwerden hinwies und zu Protokoll gab,
er sei seit drei oder vier Wochen bei einer Psychiaterin in Behandlung (vgl.
A34/19 zu F6 f.). Ein entsprechendes Terminkärtchen gab er zu den Akten.
Entgegen der Darstellung in der Beschwerde reichte er indessen (der Vor-
instanz) kein ärztliches Zeugnis ein. In der Folge kontaktierte der Befrager
– mit dem Einverständnis des Beschwerdeführers (vgl. A34/19 zu F10) und
auf Anregung der Hilfswerkvertretung (vgl. Unterschriftenblatt) die behan-
delnde Psychiaterin (vgl. A35). Gemäss deren Auskunft ist der Beschwer-
deführer seit Ende (...) 2018 in Behandlung, es habe vier Termine gegeben
und er erhalte ein Antidepressiva. Die Symptome würden auf eine Post-
traumatische Belastungsstörung (PTBS) hindeuten. Eine engmaschige Be-
treuung sei angedacht. Allein dies lässt noch nicht auf eine eingeschränkte
Befragungs- beziehungsweise Aussagefähigkeit des Beschwerdeführers
schliessen; dies umso weniger als es bei den Befragungen im Wesentli-
chen darum geht, über selbst Erlebtes zu berichten (vgl. nachstehende
Ausführungen).
6.2.2 Aus den drei Protokollen (BzP, erste und zweite Anhörung) sind keine
Auffälligkeiten erkennbar, die auf krankheitsbedingt herabgesetzte Kon-
zentrations- und Verständigungsschwierigkeiten oder andere krankheits-
bedingte Schwierigkeiten zur Bewältigung der Anhörungen hinweisen wür-
den. Sodann machte der Beschwerdeführer weder während der BzP noch
der ersten Anhörung zu irgendeinem Zeitpunkt geltend, aufgrund psychi-
scher Probleme den gestellten Fragen nicht folgen oder diese unvollstän-
dig oder nur in rudimentärer Weise beantworten zu können. Auch erklärte
er sowohl im Rahmen der BzP als auch der ersten Anhörung explizit, er sei
gesund beziehungsweise es gehe ihm gut (vgl. A7/11 S. 7 und A28/19 S.
2). Er bestätigte denn auch am Schluss der Befragung im EVZ respektive
am Ende der ersten Anhörung mit seiner Unterschrift die Wahrheit und Kor-
rektheit beziehungsweise bezüglich der Anhörung auch die Vollständigkeit
seiner Asylgründe, nachdem ihm die Protokolle rückübersetzt worden wa-
ren (vgl. A7/11 S. 8; A28/19 S. 17) und er anlässlich der Rückübersetzung
teilweise auch die Möglichkeit nutzte, Ergänzungen oder Verbesserungen
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Seite 12
am Protokoll anzubringen (vgl. A28/19 S. 17). Die anwesende Hilfswerks-
vertretung fand denn auch keinen Anlass zum Vermerk von Einwänden o-
der Anregungen. Anlässlich der ergänzenden Anhörung machte der Be-
schwerdeführer erstmals gesundheitliche Probleme geltend und verwies
auf eine laufende Gesprächstherapie mit einer Psychiaterin. Grund der ge-
sundheitlichen Probleme seien die vor ungefähr acht Monaten erhaltenen
Informationen über Geschehnisse in seinem Heimatland (mutmassliche
Entführung seiner Schwester sowie Umzug seiner Familie nach H._
aufgrund von Problemen). Seitdem sei er sehr vergesslich, leide unter
Stress und mache sich ständig Sorgen (vgl. A34/19 S. 3). Eine Überprü-
fung des Protokolls der ergänzenden Anhörung lässt jedoch keine Anzei-
chen erkennen, die auf Schwierigkeiten bei der Befragung aufgrund ge-
sundheitlicher Gründe hindeuten würden, die an der Verwertbarkeit dieses
Protokolls ernsthafte Zweifel aufkommen lassen müssten. Der Beschwer-
deführer zeigte sich in der Lage, die diversen vertiefenden Nachfragen zu
den aktuellsten Vorfällen bezüglich seiner Familie, seinem Arbeitgeber, so-
wie zu seinen Asylgründen zu beantworten. Auch weiterführende Fragen
im Zusammenhang mit festgestellten Abweichungen in seinen Aussagen
vermochte er zu beantworten und die Umstände zu begründen, welche zu
den Abweichungen führten (vgl. A34/19 S. 16 f.). Sodann bestätigte er
auch im Anschluss an die erfolgte Zweitanhörung die Vollständigkeit und
Wahrheit der protokollierten Aussagen mit seiner Unterschrift (vgl. A34/19
S. 18). Die anwesende Hilfswerksvertretung wies auf die gesundheitliche
Situation des Beschwerdeführers hin und regte die Einholung eines Arzt-
berichts der behandelnden Psychiaterin an, ohne aber zu bemängeln, der
Beschwerdeführer sei in seiner Fähigkeit nachhaltig beeinträchtigt, bei der
Anhörung sachgerecht mitzuwirken.
6.3 Nach dem Gesagten bestand für die Vorinstanz weder Anlass zur Vor-
nahme weiterer Abklärungen, noch steht die Verwertbarkeit der Protokolle
in Frage. Formelle Mängel sind nicht zu erkennen. Ob und inwiefern die
gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers bei der Würdigung sei-
ner Aussagen zu berücksichtigen war, stellt eine Frage der Beweiswürdi-
gung dar.
7.
7.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob das SEM die Flüchtlingseigenschaft der
Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 3 AsylG gestützt auf die geltend
gemachten Vorfluchtgründe zu Recht verneint hat.
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Seite 13
7.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der
gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder
nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Grundsätzlich
sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie genügend substantiiert,
in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilde-
rungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein,
der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemeinen Er-
fahrung widersprechen. Vorbringen sind substantiiert, wenn sie sich auf
detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen stützen. Als schlüssig gel-
ten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhörung, zwischen Befragungen
oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprüche aufweisen.
Kleine, marginale Widersprüche sowie solche, die nicht die zentralen Asyl-
vorbringen betreffen, können zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen,
sollten jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaub-
haftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person
persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall
ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt,
im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegrün-
det nachschiebt oder die nötige Mitwirkung am Verfahren verweigert. Für
die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der
Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H. sowie ANNE
KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfah-
ren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts, Asyl 2/2015 S. 5).
7.3 Vorab ist festzustellen, dass die Vorinstanz die verschiedenen Arbeits-
tätigkeiten des Beschwerdeführers für amerikanische Arbeitgeber nicht be-
zweifelt. Angesichts der substantiierten, von Detailreichtum und Realkenn-
zeichen geprägten Ausführungen zu seiner beruflichen Tätigkeit, den An-
gaben zum Gehalt und der erfolgten Gehaltserhöhung, den Sicherheitsvor-
kehrungen in den Camps, den Leibesvisitationen sowie den diversen ein-
gereichten Beweismitteln – Arbeitsbestätigungen und Empfehlungsbrief –
erachtet auch das Bundesverwaltungsgericht die diesbezüglichen Anga-
ben als glaubhaft.
D-5923/2018
Seite 14
7.4
7.4.1 Die Vorinstanz qualifiziert die Identität des Beschwerdeführers auf-
grund fehlender rechtsgenüglicher Identitätspapiere als unbelegt, wodurch
Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Asylgründe geweckt würden. Diesbe-
züglich ist festzuhalten, dass vorliegend die afghanische Staatsangehörig-
keit aufgrund der Schilderungen des Beschwerdeführers sowie der einge-
reichten Beweismittel nicht in Zweifel zu ziehen ist. Allerdings trifft zu, dass
der Beschwerdeführer zu seinem Geburtsdatum unterschiedliche Angaben
gemacht hat. Es ist indessen notorisch, dass afghanische Staatsangehö-
rige in Unkenntnis ihres exakten Geburtsdatums oft ungefähre Daten an-
geben. Ebenso wird auf den afghanischen Tazkiras nicht selten nur ange-
geben, wie alt die betroffene Person im Zeitpunkt der Ausstellung des Pa-
piers war, ohne den Tag und Monat des Geburtsjahres zu nennen. Sodann
stehen die vom Beschwerdeführer beigebrachten, teilweise mit Foto ver-
sehenen Beweismittel (Badges, Tazkira und Bestätigungsschreiben) in
Übereinstimmung mit seinen Aussagen. Entgegen der vorinstanzlichen
Auffassung vermögen die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner Iden-
tität (vgl. Art. 1a Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV
1, SR 142.311]) keine Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Asylgründe zu
rechtfertigen.
7.4.2 In der angefochtenen Verfügung beschränkt sich die vorinstanzliche
Beurteilung der Glaubhaftigkeit im Wesentlichen darauf, dass das Verhal-
ten des Beschwerdeführers nicht der Logik entspreche. So sei mit über-
wiegender Wahrscheinlichkeit nicht zu erwarten, dass sich eine von den
Taliban bedrohte Person immer wieder an den Ort der Bedrohung begeben
würde. Sowohl der Vater als auch der Bruder des Beschwerdeführers seien
wiederholt wegen seiner Arbeit für amerikanische Unternehmen kritisiert
und gewarnt worden. In Anbetracht dieser Warnungen und Drohungen
hätte er damit rechnen müssen, von den Taliban im Heimatdorf beobachtet,
aufgespürt und festgenommen zu werden. Dieser vorinstanzlichen Ein-
schätzung ist entgegenzuhalten, dass nicht als realitätsfremd zu werten ist,
dass sich der Beschwerdeführer im Wissen um mögliche durch die Taliban
sporadisch und zufällig durchgeführte Strassenkontrollen bewusst einem
gewissen Risiko ausgesetzt hat, um die Strecke zwischen seinem Arbeits-
ort und dem Wohnort seiner Familie zurückzulegen. Bezeichnenderweise
hat er diesbezüglich auch zu Protokoll gegeben, sein Vater habe ihn in be-
stimmten Fällen angerufen und gesagt, er solle nicht nach Hause kommen
(vgl. A28/19 zu F63). Zudem hat der Beschwerdeführer wiederholt darauf
hingewiesen, aus Sicherheitsgründen stets darauf geachtet zu haben,
während der Fahrt nie seinen Badge oder Identitätsdokumente auf sich zu
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Seite 15
tragen, um bei Strassenkontrollen durch die Taliban keine Rückschlüsse
auf seine Identität und seinen ausländischen Arbeitgeber zu ermöglichen.
Der Beschwerdeführer hat damit nachvollziehbar dargelegt, dass und wel-
che Vorkehrungen er zur Wahrung seiner Sicherheit getroffen hat. Sodann
ist festzuhalten, dass ein Grossteil der im Einflussbereich der Taliban le-
benden Bevölkerung den Behelligungen seitens dieser – insbesondere im
Rahmen von Strassenkontrollen – ausgesetzt ist. Wie der Beschwerdefüh-
rer zu Recht moniert, kann aus der Inkaufnahme dieses Risikos nicht der
Schluss gezogen werden, sein Verhalten widerspreche dem erwartbaren,
logischen Handeln. Insofern erachtet es das Bundesverwaltungsgericht als
glaubhaft, dass der Beschwerdeführer während seiner Erwerbstätigkeit
zwischen Kabul und seinem Herkunftsort hin und her gereist ist, um seine
Familie zu besuchen. Ebenso nachvollziehbar und plausibel erscheinen
seine Schilderungen bezüglich des geltend gemachten Übergriffs seitens
der Taliban. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass es das SEM unterlassen
hat, in seinen Erwägungen die zahlreichen Elemente, die für die Glaubhaf-
tigkeit der Darstellung des Beschwerdeführers sprechen, genügend zu
würdigen. So hat der Beschwerdeführer den erlittenen Vorfall beziehungs-
weise die Strassenkontrolle und die Misshandlung durch die Taliban wie
auch das Wiedererlangen des Bewusstseins und sein Nachhausekommen
umfassend und erlebnisgeprägt dargelegt. Seine Schilderungen weisen
zahlreiche Details, direkte Rede, persönlichen Emotionen sowie weitere
Realkennzeichen auf. Ebenso brachte er seine gesundheitliche Ver-
schlechterung, sobald er sich an das Geschehen zurückerinnern müsse,
deutlich und nachvollziehbar zum Ausdruck. Schliesslich ergeben sich
auch keine Unstimmigkeiten zwischen den Angaben des Beschwerdefüh-
rers im Asylverfahren und den eingereichten medizinischen Dokumenten.
Insgesamt gelangt das Bundesverwaltungsgericht somit zum Ergebnis,
dass wesentliche und zentrale Umstände für die Glaubhaftigkeit der ge-
schilderten Strassenkontrolle, der damit verbundenen Misshandlungen des
Beschwerdeführers durch die Taliban, der Mitnahme seiner Arbeitskollegen
nach Entdeckung deren Arbeitskarten sowie deren Tötung sprechen.
7.5 Hingegen vermögen seine Ausführungen zu den Ereignissen nach der
Rückkehr zu seiner Familie nicht vollständig zu überzeugen. Die Vorinstanz
hat diesbezüglich zu Recht auf Unstimmigkeiten in den Aussagen des Be-
schwerdeführers hingewiesen. Sodann haben sich seine Aussagen bezüg-
lich seines Aufenthalts im Polizeiposten in rudimentären und unsubstanzi-
ierten Angaben erschöpft. Den diesbezüglichen Erwägungen vermag der
Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe nichts Substanzielles ent-
gegenzusetzen.
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Seite 16
7.6 Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist somit nach den vorstehenden
Ausführungen davon auszugehen, dass die Vorbringen des Beschwerde-
führers, wegen seiner beruflichen Tätigkeit durch die Taliban bedroht und
Opfer von Misshandlungen durch diese geworden zu sein, glaubhaft sind.
8.
8.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne
von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme
besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder
werde sich – aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in
absehbarer Zukunft verwirklichen (BVGE 2010/57 E. 2.5). Aufgrund der
Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person
in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE
2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutztheo-
rie ist somit die flüchtlingsrechtliche Relevanz einer nichtstaatlichen Verfol-
gung vom Vorhandensein eines adäquaten Schutzes durch den Heimat-
staat abhängig. Dieser Schutz ist als hinreichend zu qualifizieren, wenn die
betroffene Person effektiven Zugang zu einer funktionierenden und effi-
zienten Schutzinfrastruktur hat und ihr die Inanspruchnahme eines solchen
innerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar ist (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.3).
8.2 Mit Urteil E-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publi-
ziert) hat das Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass sich bei der Be-
urteilung der Sicherheitslage Afghanistans Gruppen von Personen definie-
ren lassen, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsri-
siko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, welche der
afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft inklusive
den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer dersel-
ben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der afghani-
schen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entsprechende
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Personen (vgl. dazu: UN High Commissioner for Refugees [UNHCR]), Eli-
gibility Guidelines for Assessing the International Protection Needs of
Asylum-Seekers from Afghanistan vom 30. August 2018, https://www.ref-
world.org/docid/5b8900109.html, S. 40 ff. [abgerufen am 12. August 2020]
sowie die beiden Berichte des European Asylum Office [EASO] «Country
of Origin Information Report: Afghanistan: Individuals targeted by armed
actors in the conflict» vom Dezember 2017, S. 34 f. und «Country Guid-
ance: Afghanistan: Guidance note and common analysis» vom Juni 2018,
S. 41 ff.). Auch andere Quellen berichten von gezielten Angriffen auf Mitar-
beiter der afghanischen Regierung oder internationaler Organisationen
und einem erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – insbeson-
dere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Australian
Department of Foreign Affairs and Trade [DFAT]: «Country Information Re-
port Afghanistan» vom 18. September 2017, Ziff. 3.19 und 3.23; Schweize-
rische Flüchtlingshilfe [SFH]: «Afghanistan: Die aktuelle Sicherheitslage»
vom 12. September 2018, insbesondere S. 9; ACCORD: «Aktuelle Sicher-
heitslage in Afghanistan und Chronologie für Kabul» vom 11. September
2018, Kapitel 1.2).
8.3 Demnach ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zu einer Perso-
nengruppe gehört, für welche ein erhöhtes Gefährdungsrisiko nicht ausge-
schlossen werden kann. Er hat glaubhaft dargelegt, während längerer Zeit
als (...) in verschiedenen amerikanischen Camps in Kabul und damit für
ausländische Arbeitgeber gearbeitet zu haben. Des Weiteren hat er glaub-
haft machen können, dass er selber wegen dieser beruflichen Tätigkeit von
den Taliban bereits bedroht worden war und sich auch sein Vater diesbe-
züglich Vorhaltungen machen lassen musste. Auch wenn dem Beschwer-
deführer als (...) keine überaus exponierte Stellung zugesprochen werden
kann, ist er dennoch bereits ins Visier der Taliban geraten. In subjektiver
Hinsicht hat er glaubhaft machen können, dass er miterleben musste, wie
zwei seiner Arbeitskollegen von den Taliban entführt und später tot aufge-
funden wurden, nachdem ihre berufliche Verbindung zu ausländischen Ar-
beitgebern wegen des Mitführens ihrer Arbeitskarten im Rahmen der Stras-
senkontrolle aufgedeckt geworden war. Es ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer dem gleichen Schicksal nur deshalb zu entgehen ver-
mochte, weil den die Kontrolle durchführenden Talibanangehörigen seine
eigene Arbeitstätigkeit im damaligen Zeitpunkt nicht bekannt war. Vor die-
sem Hintergrund hatte der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Ausreise
sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht begründete Furcht vor
Verfolgungsmassnahmen im Sinne von Art. 3 AsylG seitens der Taliban.
Nachdem sich die Sicherheitslage in Afghanistan seit seiner Ausreise im
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Jahr 2015 keineswegs verbessert, sondern über alle Regionen hinweg wei-
ter verschlechtert hat (siehe E. 7.8.1), ist anzunehmen, dass er im Falle
einer Rückkehr nach Afghanistan begründeterweise auch zum heutigen
Zeitpunkt künftige Übergriffe seitens der Taliban oder ihr nahestender
Gruppierungen zu befürchten hat. Ob sich Familienmitglieder des Be-
schwerdeführers – wie von ihm geschildert beziehungsweise vermutet –
nach seiner Ausreise ebenfalls Verfolgungshandlungen ausgesetzt sahen,
muss bei dieser Sachlage nicht abschliessend geprüft werden. Schliesslich
ist die Inanspruchnahme von staatlicher Schutzinfrastruktur zu verneinen,
namentlich steht auch in Kabul keine funktionierende und effiziente Schutz-
infrastruktur zur Verfügung (vgl. dazu Urteile des BVGer D-2879/2018 vom
7. Mai 2020 E. 7.6 sowie E-4454/2017 vom 10. Oktober 2019 E. 6.3.4).
Eine innerstaatliche Schutzalternative fällt sodann ausser Betracht, nach-
dem die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug als unzumutbar erachtet hat.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Da den Akten
keine Hinweise zu entnehmen sind, die auf das Vorliegen von Ausschluss-
gründen (Art. 53 AsylG) hindeuten, ist ihm in der Schweiz Asyl zu gewäh-
ren (vgl. Art. 49 AsylG). Hinsichtlich der (eigenen) Asylvorbringen der Be-
schwerdeführerin kann vollumfänglich auf die zutreffenden Ausführungen
in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Ihr und den gemein-
samen Kindern ist gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG die Flüchtlingseigen-
schaft zuzuerkennen und ihnen ist Asyl zu gewähren, zumal sich aus den
Akten keine besonderen Umstände ergeben, die der Anwendung von
Art. 51 Abs. 1 AsylG entgegenstehen könnten. Die Beschwerde ist dem-
nach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 18. September 2018
aufzuheben und das SEM anzuweisen, den Beschwerdeführenden Asyl zu
gewähren.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsie-
gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
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Die Rechtsvertreterin hat mit Eingabe vom 29. Juli 2019 eine Kostennote
zu den Akten gereicht, die einen zeitlichen Vertretungsaufwand von
11.9 Stunden ausweist, was nicht vollumfänglich angemessen erscheint.
Der für die Replik geltend gemachte Aufwand von 300 Minuten ist ange-
sichts des Umfanges der Eingabe (einschliesslich des Fristerstreckungs-
gesuches) auf 240 Minuten zu kürzen. Die Parteientschädigung – welche
von der Vorinstanz zu leisten ist – ist demnach auf Fr. 3'017.45 (inkl. Aus-
lagen und Mehrwertsteueranteil) festzusetzen und das SEM ist anzuwei-
sen, den Beschwerdeführenden diesen Betrag zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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