Decision ID: 42e8c8d2-d899-599b-840a-aee1a4af1c9e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine sri-lankische Staatsangehörige tamilischer
Ethnie, suchte am 10. November 2015 im Empfangs-und Verfahrenszent-
rum (EVZ) B._ um Asyl nach. Am 17. November wurde sie zu ihrer
Person, zum Reiseweg und summarisch zu den Asylgründen befragt (Be-
fragung zur Person [BzP]). Dabei machte sie zur Begründung ihres Asyl-
gesuchs im Wesentlichen geltend, sie stamme aus C._ (Distrikt
D._, Nordprovinz). Im Jahr (...) habe sie das A-Level bestanden,
wobei die Noten für die Universität nicht ausreichend gewesen seien. Da-
nach habe sie bis zu ihrer Ausreise als (...) in einem (...) gearbeitet. Sie
habe mit ihren Eltern, ihren beiden jüngeren Geschwistern und ihrer Gross-
mutter (...) zusammengewohnt. Am (...) 2015 habe sie an einer Studenten-
demonstration gegen die Vergewaltigung einer Schülerin teilgenommen.
Dabei sei sie von (...) Männern beobachtet worden. Als sie dies bemerkt
habe, habe sie sich von der Demonstration entfernt und mit dem Motorrad
auf den Heimweg gemacht. Die (...) Männer seien ihr auf (...) Motorrädern
gefolgt, es sei ihr aber gelungen, sie abzuschütteln. Die Männer seien dann
während einer Woche immer wieder bei der Bushaltestelle hin- und herge-
fahren. Sie habe dies ihren Eltern erzählt, woraufhin ihr Vater sie fortan zur
Bushaltestelle gebracht und wieder abgeholt habe. In der Folge seien die
Männer nur noch sporadisch erschienen. Als später ihr Bruder sie zur Bus-
haltestelle begleitet und abgeholt habe, seien sie wieder regelmässig auf-
getaucht. Als sie am (...) 2015 von ihrem Bruder mit dem Motorrad zur Bus-
haltestelle gebracht worden sei, habe ihnen ein Kastenwagen (Van) den
Weg abgeschnitten. (...) Männer seien ausgestiegen und hätten versucht,
sie zu packen. Ihr Bruder habe versucht, sie zu beschützen, und es sei zu
einem Handgemenge gekommen. Als sich ein Tuk Tuk genähert habe,
seien die Männer geflüchtet. Der Tuk Tuk-Fahrer habe die Beschwerdefüh-
rerin und ihren Bruder in ein Spital gebracht. Dort habe sie aber aus Grün-
den der Ehre nichts über den Angriff gesagt. Am übernächsten Tag seien
die Männer zu ihr nach Hause gekommen, als sie sich dort mit ihrer Mutter
allein aufgehalten habe. Sie hätten das Haus auf der Suche nach ihr ge-
stürmt und dabei ihrer Mutter (...) gebrochen. Als diese vor Schmerzen ge-
schrien habe, sei ein Nachbar erschienen. Noch in der gleichen Nacht sei
sie, die Beschwerdeführerin, von ihrem Vater nach Colombo gebracht wor-
den. Aber aus Angst vor den Männern habe sie nicht dort bleiben können.
Am (...) 2015 sei sie mithilfe eines Schleppers mit einem gefälschten, auf
den Namen E._ lautenden Reisepass illegal auf dem Luftweg über
F._ nach G._ gereist.
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B.
B.a Mit Verfügung vom 20. April 2016 trat das SEM im Rahmen eines Dub-
lin-Verfahrens auf das Asylgesuch nicht ein, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und forderte die Beschwerdeführerin auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, ansonsten sie in Haft ge-
nommen und unter Zwang nach Italien zurückgeführt werden könnte. Zur
Begründung wurde ausgeführt, ein Abgleich mit der zentralen Datenbank
zur Speicherung und Abfrage von Visumsdaten CS-VIS habe ergeben,
dass ihr ein (...) Visum, gültig vom 7. bis 11. Oktober 2015, ausgestellt wor-
den sei.
Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.b Gemäss Mitteilung des Kantons H._ vom (...) 2016 galt die Be-
schwerdeführer seit dem (...) 2016 als verschwunden.
B.c Mit Schreiben vom 20. Dezember 2017 informierte die damalige
Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin das SEM, dass sich diese wie-
der in der Schweiz aufhalte. Sie habe seit dem (...) 2016 bei Bekannten in
I._ gelebt.
B.d Da die Frist für die Überstellung nach Italien abgelaufen war, hob das
SEM mit Verfügung vom 25. Januar 2018 seine Verfügung vom 20. April
2016 auf und nahm das nationale Verfahren auf.
C.
C.a Am 13. März 2018 hörte das SEM die Beschwerdeführerin in Anwe-
senheit ihrer damaligen Rechtsvertretung einlässlich zu den Asylgründen
an. Dabei machte sie zusätzlich zur BzP Folgendes geltend:
Im Jahr (...) habe sie als Schülerin den ersten Preis bei einem (...)wettbe-
werb gewonnen. Dies habe sie dazu bewogen, in ihrer Freizeit Flüchtlingen
in Flüchtlingslagern zu helfen, wie dies damals viele Studenten der Univer-
sität heimlich getan hätten. (...) habe sie A-Level-Prüfung abgelegt, aber
nicht genügend Punkte zum Besuch der Universität erzielt. Im darauffol-
genden Jahr habe sie die Prüfung wiederholt. Das Resultat hätte ihr er-
laubt, (...) an einem College in J._ zu besuchen, worauf sie aber
wegen der Entfernung verzichtet habe. Wegen des Krieges habe es im
Jahr (...) ständig Strassensperren und Kontrollen gegeben. Bei einer sol-
chen Kontrolle sei sie von einem Soldaten angeschaut worden. Dieser
habe auch versucht, Singhalesisch mit ihr zu sprechen, aber sie habe ihn
nicht verstanden. Nach Abschluss ihrer Schulzeit habe sie diesen Soldaten
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beim Besuch eines (...)-Kurses im Jahr (...) wiedergesehen, wobei er ihr
seine Liebe gestanden habe. Da sie Angst um ihre Ehre und den Ruf ihrer
Familie gehabt habe, sei sie auf seine Avancen nicht eingegangen und
habe ihm gedroht, ihn bei seinem Kommandanten anzuzeigen, wenn er ihr
weiterhin nachstellen würde. Sie habe auch eine Soldatin über sein Ver-
halten orientiert. Dies habe ihn verärgert. Er habe ihr am nächsten Tag ge-
droht, sie nicht in Ruhe zu lassen. Er wisse um ihre Hilfeleistungen und
würde dafür sorgen, dass sie deswegen Probleme bekomme würde. Aus
Angst habe sie den Besuch des Kurses abgebrochen, sei aber trotzdem zu
den Prüfungen angetreten. Auf dem Heimweg sei sie am Kontrollpunkt von
einem Kollegen des Soldaten in den danebenliegenden Garten gezerrt
worden. Der besagte Soldat sei hinzugekommen, habe sie beschimpft, an-
gefasst und zu vergewaltigen versucht. Er habe dann von ihr abgelassen,
sie jedoch bedroht, dass er sie und ihre Aktivitäten genau beobachten
würde. Zuhause habe sie diesen Übergriff nicht erwähnt. Aus Angst, dass
der Soldat sie zuhause aufsuchen könnte, sei sie zu ihrem (...) nach
K._ gegangen. Um sich abzulenken, habe sie ihre Sozialarbeit wie-
der aufgenommen. Sie habe an Schulen Geld für Waisenhäuser gesam-
melt und zuhause Verdächtigen und ehemaligen Kämpfern aus der Vanni-
Region Unterschlupf und finanzielle Unterstützung gewährt. Dann habe sie
einen (...)-Kurs angefangen und nur noch an den Wochenenden Hilfeleis-
tungen erbracht. Aus Angst vor dem Soldaten sei sie aber nie alleine zum
Kurs gegangen, sondern immer zusammen mit einer Kollegin.
Wegen ihrer Teilnahme an der Demonstration vom (...) 2015 sei sie von
(...) unbekannten Männern verfolgt und schliesslich am 15. September
2015 überfallen worden, als sie mit ihrem Bruder auf dem Motorrad unter-
wegs gewesen sei. Nachdem die Täter sie (...) Tage später zuhause auf-
gesucht und ihrer Mutter bei der Stürmung des Hauses (...) gebrochen hät-
ten, habe ihr Vater sie noch in der gleichen Nacht zu einem Bekannten
nach L._ gebracht. Ihre Mutter habe Kontakt mit einem Schlepper
aufgenommen, um die Ausreise zu organisieren.
Nach ihrer Ausreise habe sie von ihrer Familie erfahren, dass die (...) Män-
ner dem Criminal Investigation Department (CID) angehörten. Diese seien
vom besagten Soldaten informiert worden und hätten sie wegen ihrer Akti-
vitäten – dem Verfassen und Verteilen von (...) und (...), dem (...), ihrer Un-
terstützungsleistungen sowie der Demonstrationsteilnahme vom (...) 2015
– gesucht.
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Seite 5
C.b Die Beschwerdeführerin reichte einen Geburtsregisterauszug, ein
selbstverfasstes (...), (...) Zertifikate zum (...)wettbewerb und verschiedene
Schulunterlagen zu den Akten.
C.c Am 17. Juli 2019 ersuchte das SEM die Schweizer Vertretung in Co-
lombo um weitere Abklärungen. Dazu und zum Abklärungsergebnis der
Botschaft vom 20. September 2019 wurde der Beschwerdeführerin am
22. Oktober 2019 das rechtliche Gehör gewährt. Diese nahm dazu am
12. November 2019 Stellung, wobei sie gleichzeitig medizinische Unterla-
gen und Röntgenbilder von ihrer Mutter sowie ein Berufsdiplom einreichte.
D.
Mit Verfügung vom 29. November 2019 – eröffnet am 2. Dezember 2019 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der
Wegweisung.
E.
Mit Beschwerde vom 3. Januar 2020 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragte die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsvertreter die Aufhe-
bung der Verfügung vom 29. November 2019 sowie die Gewährung von
Asyl. Eventualiter sei die Unmöglichkeit, die Unzulässigkeit und die Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und der Beschwerde-
führerin die vorläufige Aufnahme zu gewähren. In prozessualer Hinsicht er-
suchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Bei-
ordnung ihres Rechtsvertreters als amtlicher Anwalt. Auf die gleichzeitig
eingereichten Beweismittel wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den Erwägungen eingegangen.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Januar 2020 teilte der Instruktionsrichter
der Beschwerdeführerin mit, sie dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und amtlichen Verbeiständung gut, verzichtete auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses und bestellte ihr Fürsprecher Daniel Weber
als amtlicher Rechtsbeistand.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 10. März 2020 wurde die Vorinstanz zur Ein-
reichung einer Vernehmlassung bis zum 25. März 2020 eingeladen.
D-44/2020
Seite 6
H.
H.a Am 24. März 2020 reichte das SEM eine Vernehmlassung ein.
H.b Die Vernehmlassung wurde dem Rechtsvertreter am 26. März 2020
unter Einräumung des Replikrechts zur Kenntnis gebracht.
H.c Die Replik der Beschwerdeführerin datiert vom 11. April 2020.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG
(SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bis-
herige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbezeich-
nung verwenden wird.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 Asyl).
1.4 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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Seite 7
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin rügt in formeller Hinsicht sinngemäss zwei
Verletzungen des Untersuchungsgrundsatzes (vgl. E. 5.2).
3.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat
die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Sie muss die für das Ver-
fahren notwendigen Sachverhaltsunterlagen beschaffen und die rechtlich
relevanten Umstände abklären sowie ordnungsgemäss darüber Beweis
führen (beispielsweise durch die Einholung eines Gutachtens). Dieser
Grundsatz gilt indes nicht uneingeschränkt, er findet sein Korrelat in der
Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG;
BVGE 2015/4 E. 3.2 S. 75). Trotz des Untersuchungsgrundsatzes kann
sich nämlich die entscheidende Behörde in der Regel darauf beschränken,
die Vorbringen eines Gesuchstellers zu würdigen und die von ihm angebo-
tenen Beweise abzunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu
müssen. Eine ergänzende Untersuchung kann sich jedoch aufdrängen,
wenn aufgrund dieser Vorbringen und Beweismittel berechtigte Zweifel
oder Unsicherheiten bestehen, die voraussichtlich nur mit Ermittlungen von
Amtes wegen beseitigt werden können (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 S. 414 f.
sowie EMARK 1995 Nr. 23 E. 5a S. 222).
3.3 Der Vorwurf, die Vorinstanz habe ihre Amtspflicht verletzt, weil sie ent-
gegen der Anregung der Hilfswerksvertreterin (HWV) kein psychiatrisches
Gutachten eingeholt habe, ist unbegründet. Diesbezüglich ist vorweg auf
die entsprechenden Ausführungen in der Vernehmlassung des SEM zu
verweisen (vgl. E. 5.3). Zudem schloss die Vorinstanz aufgrund der Schil-
derungen der Nachstellungen und Übergriffe nicht aus, dass die Beschwer-
deführerin tatsächlich solche oder ähnliche Übergriffe erfahren hat. Ebenso
wenig hat das SEM seine Amtspflicht dadurch verletzt, dass auf die Über-
setzung des im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten (...)s verzichtet
wurde. Auch diesbezüglich kann auf die Vernehmlassung des SEM verwie-
sen werden (vgl. E. 5.3). Namentlich gelang es der Beschwerdeführerin
auch nicht, einen Kausalzusammenhang zwischen den geltend gemachten
Vorfällen im Nachgang ihrer Teilnahme an der Demonstration vom (...)
2015 und ihren (...), die sie in der Öffentlichkeit vorgetragen habe, sowie
weiteren angeblichen regierungsfeindlichen Aktivitäten (insbesondere Un-
terstützung und Beherbergung von verdächtigen Personen aus der Vanni-
Region) glaubhaft zu machen (vgl. E. 5.5.2).
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3.4 Die Rügen, die Vorinstanz habe ihre Amtspflicht beziehungsweise den
Untersuchungsgrundsatz verletzt, erweisen sich demnach als unbegrün-
det.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (BVGE
2015/3 E 6.5.1 und 2012/5 E.2.2).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheides führte die
Vorinstanz aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten teils den
Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nach Art. 7 AsylG und teils denen an
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Das SEM hielt einleitend fest, dass Teile ihrer Schilderungen substanziiert
und detailreich ausgefallen seien, namentlich, was die erfahrenen Nach-
stellungen und Übergriffe betreffe. Deshalb sei nicht ausgeschlossen, dass
sie tatsächlich solche oder ähnliche Belästigungen erfahren habe, wie sie
bedauerlicherweise zahlreiche Frauen in Sri Lanka erlebten. Hingegen sei
es ihr nicht gelungen, glaubhaft zu machen, dass die Belästigungen aus
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Seite 9
einem in Art. 3 AsylG genannten Motiv erfolgt seien oder sie ein Risikoprofil
erfülle, welches eine asylrelevante Verfolgung begründen könnte.
Zunächst sei festzustellen, dass die Beschwerdeführerin bei der BzP we-
der ihr Engagement zugunsten von Flüchtlingen und ehemaligen Kämpfern
aus der Vanni-Region noch die Nachstellungen und den Übergriff durch
einen Armeeangehörigen in den Jahren (...) und (...) erwähnt habe. Ange-
sichts der zentralen Bedeutung dieser Ereignisse, die Auslöser für das be-
hördliche Interesse an ihr gewesen sein sollten, erstaune, dass sie diese
Vorbringen bei der ersten Befragung auch nicht ansatzweise vorgebracht
habe. Bei der vertieften Anhörung zu den Asylgründen habe sie nämlich
einen Kausalzusammenhang zwischen den Behelligungen durch den be-
sagten Soldaten, ihrer Sozialarbeit und ihrer Teilnahme an der Protestak-
tion vom (...) 2015 hergestellt. Ihre diesbezüglichen Erklärungen vermöch-
ten nicht zu überzeugen. Ihre Versuche, anlässlich der vertieften Anhörung
ein Risikoprofil zu konstruieren, zeigten sich auch in weiteren Punkten. So
sei kaum davon auszugehen, dass sie, hätte sie tatsächlich heimlich regie-
rungsfeindliche Aktivitäten und Unterstützungsleistungen ausgeführt, diese
einem ihr feindlich gesinnten Armeeangehörigen gegenüber geradezu pro-
pagiert hätte. Sodann vermöge ihre Begründung, weshalb sie zuhause
nicht sofort erwähnt hätte, dass sie nach der besagten Demonstration von
unbekannten Männern auf Motorrädern verfolgt worden sei, nicht zu über-
zeugen. Auch das von ihr dargestellte Verhalten des CID sei nicht plausi-
bel, wobei insbesondere nicht einleuchte, weshalb das CID kriminell anmu-
tende Methoden benutzen sollte, um ihrer habhaft zu werden.
Bezeichnenderweise habe sie zu ihrem angeblichen sozialen Engagement
lediglich vage und oberflächliche Angaben gemacht und in diesem Zusam-
menhang seien auch Widersprüche festzustellen, die gegen die Glaubhaf-
tigkeit sprächen. Dabei sei sie Fragen zur Art und Weise ihrer Sozialarbeit
immer wieder ausgewichen. Nebst der diesbezüglichen Substanzarmut fie-
len auch Widersprüche ins Auge, die verdeutlichten, dass es ihr nicht ge-
lungen sei, ihre Aktivitäten in einen Kausalzusammenhang einzubetten.
Aufgrund der besagten Unglaubhaftigkeitselemente bestünden Zweifel an
ihren Vorbringen. Insbesondere erschienen ihre angeblichen Unterstüt-
zungsleistungen für verdächtigte Personen aus der Vanni-Region vor ihrem
biografischen Hintergrund ungewöhnlich. Deshalb habe das SEM die
Schweizer Vertretung in Colombo um Abklärungen zu ihren Tätigkeiten so-
wie ihrem familiären und sozialen Umfeld gebeten. In ihrer Stellungnahme
zu den Abklärungsergebnissen halte die Beschwerdeführerin am Wahr-
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Seite 10
heitsgehalt ihrer Angaben fest. Entgegen ihren diesbezüglichen Ausführun-
gen ergänzten sich die Aussagen ihrer Mutter und ihre eigenen Angaben
nicht. Vielmehr stünden sie teilweise sogar gänzlich im Widerspruch zuei-
nander. Die Abklärungsergebnisse untermauerten den Eindruck der Kon-
struiertheit der Vorbringen in Bezug auf die geltend gemachte Vorverfol-
gung. Die Erklärungsversuche der Beschwerdeführerin für die fehlende
Kongruenz der Abklärungsergebnisse mit ihren Vorbringen überzeugten
insgesamt nicht und müssten als reine Schutzbehauptung qualifiziert wer-
den, um die Auskünfte der Mutter in ein für sie günstigeres Licht zu rücken.
Folglich sei ihre Stellungnahme nicht geeignet, die Einschätzung des SEM
zu entkräften. Daran änderten auch die eingereichten Beweismittel nichts.
Weder aus dem (...) noch aus den Schulunterlagen der Beschwerdeführe-
rin gehe eine asylrelevante Verfolgung hervor. Auch die im Rahmen ihrer
Stellungnahme eingereichten Unterlagen stützten ihre Vorbringen nicht.
Weder die medizinischen Unterlagen noch die Röntgenbilder von ihrer Mut-
ter belegten die Ursache für ihren (...), welcher vom SEM nicht bestritten
werde. Aus dem Berufsdiplom gehe ebenso wenig hervor, dass sie in be-
sagtem (...) nach Abschluss der Ausbildung bis zu ihrer Ausreise gearbeitet
habe. Selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, liesse diese Anstel-
lung keine Rückschlüsse auf eine asylrelevante Verfolgung oder ein erhöh-
tes Risikoprofil zu.
Im Ergebnis sei somit festzuhalten, dass es ihr nicht gelungen sei, ein Ri-
sikoprofil glaubhaft zu machen und deswegen ins Visier der sri-lankischen
Behörden gelangt zu sein. Ebenso wenig habe sie zu plausibilisieren ver-
mocht, dass allfällig erlittene sexuelle Belästigungen aus einem asylrecht-
lich relevanten Motiv erfolgt seien oder sie aufgrund eines Politmalus zur
Zielscheibe von sexuellen Übergriffen geworden sei. Da ein asylrelevanter
Gesamtkontext fehle, sei somit davon auszugehen, dass die erlittenen Be-
helligungen, soweit diese glaubhaft seien, lediglich lokalen Charakter auf-
wiesen und auf Verfolgungen von einzelnen Armeeangehörigen oder Zivi-
listen zurückgingen. Eine landesweite Verfolgung gehe aus ihrem Sachvor-
trag nicht hervor.
Ihre Vorbringen hielten den Anforderungen gemäss Art. 7 AsylG nicht
stand.
Nachdem die Vorbringen betreffend die geltend gemachte Vorverfolgung
nicht glaubhaft seien, sei gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Recht-
sprechung (vgl. Urteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 8.9.1
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[als Referenzurteil publiziert]) anhand von sogenannten Risikofaktoren zu
prüfen, ob die Beschwerdeführerin im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka
dennoch begründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen im
Sinne von Art. 3 AsylG habe. Sie sei vor ihrer Ausreise in Sri Lanka keinen
asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen. Sie habe
nach Kriegsende noch gut sechs Jahre in ihrem Heimatstaat gelebt. Allfäl-
lige zum Zeitpunkt ihrer Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten folglich
kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen
vermocht. Aufgrund der Aktenlage sei nicht ersichtlich, weshalb sie bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in den Fokus der Behörden geraten
und in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte. Auch die am 16. No-
vember 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl mit dem Sieg von Gotabaya
Rajapaksa vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Somit be-
stehe kein begründeter Anlass zur Annahme, dass die Beschwerdeführerin
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt sein würde.
5.2 Die Beschwerdeführerin hielt in ihrer Rechtsmitteleingabe an der
Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen fest, wobei sie alle von ihr bei den Befra-
gungen gemachten Aussagen als richtig und wahr bestätigte. Sie wandte
ein, die von der Vorinstanz in Sri Lanka getätigten Abklärungen seien un-
tauglich und nicht verwertbar. Auch sei ihr der Wortlaut des Berichts der
Botschaft vorenthalten worden, weshalb sich nicht genau eruieren lasse,
wie diese konkret vorgegangen sei. Sodann verwies sie auf das als Be-
weismittel eingereichte Schreiben ihrer Mutter, worin diese darlege, wes-
halb sie den ihr unbekannten Vertretern der Schweiz nicht die Wahrheit
gesagt habe. Dieses Dokument widerlege die Abklärungen der Botschaft
vor Ort und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen des SEM vollum-
fänglich. Der Beschwerdeführerin sei zwar das rechtliche Gehör zu den
Abklärungen in Sri Lanka gewährt worden. Die Stellungnahme der früheren
Rechtsvertreterin entspreche aber nicht den Angaben der Beschwerdefüh-
rerin, da die Rücksprache telefonisch mit ihrem (...) als Übersetzer erfolgt
sei. Dieser habe nicht alles genau verstanden, weil er sich damals in einem
Zug befunden habe. Deshalb sei die Übersetzung unvollständig und feh-
lerhaft. Die Beschwerdeführerin legte (...) von ihr aufgeschriebene (...) so-
wie die Übersetzung des bereits im vorinstanzlichen Verfahren eingereich-
ten (...) als Beweismittel ins Recht. Letzteres stelle aus ihrer Sicht ein zent-
rales Beweismittel dar. Da es nie übersetzt worden sei, habe das SEM
seine Amtspflicht verletzt. Die (...) seien öffentlich vorgetragen worden und
sie befürchte, dass sie wegen diesen öffentlichen Tätigkeiten (nebst Hilfe
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an Waisenkindern) verfolgt werde. Bei ihrer Schilderung der Gründe und
Urheber der geltend gemachten Verfolgung handle es sich um Spekulatio-
nen und nicht um Sachverhaltsschilderungen. Deshalb könnten sie nicht
dazu dienen, ihre Glaubwürdigkeit zu beurteilen. Auch habe sie nie von
Flüchtlingslagern, sondern von Waisenkindern gesprochen. Dies beruhe
wohl auf einem Missverständnis bei der Bundesanhörung beziehungs-
weise sei falsch übersetzt worden. Dass sie im (...) erwerbstätig gewesen
sei, werde sowohl durch das Schreiben ihrer Mutter als auch durch jenes
des (...) belegt, das sie ebenfalls als Beweismittel einreichte. Auch die HWV
erachte die Beschwerdeführerin als glaubwürdig. In dem als Beweismittel
eingereichten Protokoll habe die HWV darauf hingewiesen, dass im Zu-
sammenhang mit den Selbstverletzungen der Beschwerdeführerin von
Amtes wegen ein psychiatrisches Gutachten einzuholen sei. Dies sei von
der Vorinstanz ignoriert worden. Dadurch habe sie ihre Amtspflicht verletzt.
Sowohl die öffentlichen Vorträge und Hilfe an Waisenkinder als auch die
geheimen Handlungen zugunsten von Vertriebenen aus der Vanni-Region
könnten Grund dafür sein, dass die Beschwerdeführerin von Exponenten
des Staates – möglicherweise des Geheimdienstes – verfolgt werde.
5.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung hinsichtlich des Antrags der
HWV auf Einholung eines psychiatrischen Gutachtens aus, die bereits bei
ihrer Anhörung anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin habe auf Nach-
frage hin verneint, damals in psychiatrischer oder psychologischer Be-
handlung gewesen zu sein. Aus dem Anhörungsprotokoll hätten sich keine
sonstigen Hinweise darauf ergeben, dass das Einholen eines Arztberichts
für das Erstellen des rechtsgenüglichen Sachverhalts unabdingbar gewe-
sen wäre. Sie habe auch im späteren Verlauf des Asylverfahrens – bei-
spielsweise im Rahmen des ihr beziehungsweise ihrer Rechtsvertretung
gewährten rechtlichen Gehörs zum Botschaftsbericht – keine entsprechen-
den Arztberichte eingereicht. Dies hätte von ihr nicht zuletzt auch im Rah-
men ihrer gesetzlichen Mitwirkungspflicht erwartet werden können, zumal
sie damals anwaltlich vertreten gewesen sei. Auch auf Beschwerdeebene
habe sie keine entsprechenden Berichte eingereicht. Gemäss Beschwer-
deschrift besuche sie eine Integrationslehre und werde ab Sommer eine
(...)jährige Lehre als (...) absolvieren. Auch diese zweifellos lobenswerten
Integrationsbemühungen zeugten nicht davon, dass die psychischen Prob-
leme derart gravierend wären, dass ihr die Bewältigung des Alltags nicht
oder nur erschwert möglich wäre. Bezüglich der Rüge, dass das anlässlich
der Anhörung eingereichte (...) nicht übersetzt worden sei, merkte das SEM
an, dass sich aus diesem keine flüchtlingsrechtlich relevante und aktuelle
Gefährdung der Beschwerdeführerin ergäbe. Zum einen sei nicht erstellt,
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Seite 13
dass sie mit dem (...) den nationalen (...)wettbewerb im Jahr (...) gewonnen
habe, sei doch davon auszugehen, dass sie mit einem politisch brisanten
(...) keinen nationalen Wettbewerb gewonnen hätte. Zum andern wäre ein
solches (...) auch nicht öffentlich vorgetragen worden. Die Tatsache, dass
ein tamilisches (...) im Jahr (...) einen nationalen Wettbewerb gewonnen
habe und öffentlich vorgetragen worden sein solle, zeuge – im Gegenteil –
davon, dass sowohl Inhalt wie auch Verfasserin in den Augen der Behör-
den keine Gefahr für den sri-lankischen Staat dargestellt hätten. Im Übri-
gen verwies das SEM auf seine Erwägungen, an denen es vollumfänglich
festhielt.
5.4 Die Beschwerdeführerin hielt in ihrer Replik fest, dass die Beschwerde
sehr wohl erhebliche neue Tatsachen und Beweismittel enthalte, die es
durchaus rechtfertigen würden, dass die Vorinstanz ihren Standpunkt über-
denke. Diese habe nur zu zwei eher nebensächlichen Rügen der Be-
schwerde Stellung genommen. Die Vernehmlassung äussere sich nicht zu
den zentralen Rügen. Auch fehle eine Auseinandersetzung der Vorinstanz
mit den jüngsten Vollzugshindernissen im Zusammenhang mit der Covid-
19-Krise.
5.5
5.5.1 Entgegen den Ausführungen in der Beschwerde sind die Abklärun-
gen durch die Schweizer Vertretung in Colombo nicht zu beanstanden. Be-
reits im Rahmen des rechtlichen Gehörs zum Resultat der Abklärungen
wandte die Beschwerdeführerin ein, ihre Mutter habe Zweifel gehabt, ob
es sich tatsächlich um Angestellte der Schweizer Botschaft gehandelt
habe. Die Familie habe in letzter Zeit mehrfach Besuche erhalten, die sie
zu ihrer Tochter befragt hätten. Auch seien während der Befragung durch
die Schweizer Vertretung viele Nachbarn anwesend gewesen, weshalb die
Mutter angegeben habe, sie habe niemals Probleme mit den sri-lankischen
Sicherheitsbehörden gehabt, und den Vorfall im Jahr 2015 nicht erwähnt.
Das SEM führte dazu in der angefochtenen Verfügung zutreffend aus, die-
ser Einwand sei nicht nachvollziehbar, zumal die Beschwerdeführerin in
ihrer Anhörung geschildert habe, wie die unbekannten Angreifer im Jahr
2015 weggegangen seien, nachdem die Nachbarn, alarmiert durch die
Schreie der Mutter, erschienen seien. Insofern vermag die Beschwerdefüh-
rerin aus der im Schreiben ihrer Mutter vom 28. Dezember 2019 sinnge-
mäss wiederholten Erklärung, weshalb sie den ihr unbekannten Vertretern
der Schweizer Botschaft nicht die Wahrheit erzählt habe, nichts zu ihren
Gunsten abzuleiten. Gestützt auf die Aktenlage ist dieses Beweismittel als
Gefälligkeitsschreiben zu werten, mit welchem erneut versucht wird, die
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Divergenzen zwischen den Aussagen der Beschwerdeführerin und den Ab-
klärungsergebnissen zu erklären.
Der weitere Vorwurf in der Beschwerde, der Wortlaut des Berichts der Bot-
schaft sei der Beschwerdeführerin vorenthalten worden, weshalb sich nicht
genau eruieren lasse, wie die Botschaft konkret vorgegangen sei, ist nicht
stichhaltig. So wurde der Beschwerdeführerin der wesentliche Inhalt der
Botschaftsanfrage vom SEM im Sinne von Art. 28 VwVG zur Kenntnis ge-
bracht und das Abklärungsresultat umfassend offengelegt. Somit ist die
Gewährung des rechtlichen Gehörs rechtsgenüglich erfolgt (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1994 Nr. 26 S. 192 ff.). Sodann muss sich die Beschwerdeführe-
rin allfällige Mängel bezüglich ihrer Stellungnahme anrechnen lassen be-
ziehungsweise wären diesbezügliche Übersetzungsprobleme von ihrer da-
maligen Rechtsvertretung im Rahmen der Stellungnahme vorzubringen
gewesen. Der entsprechende Einwand erweist sich mithin als unbehelflich.
5.5.2 Die Beschwerdeführerin wies den Vorwurf des SEM, ihre Vorbringen
enthielten realitätsfremd anmutende Elemente, als pauschal und ungenü-
gend substanziiert zurück, weil eine sachgerechte Stellungnahme hierzu
nicht möglich sei. Auch dieser Einwand verfängt nicht. So begründete das
SEM dem Versuch der Beschwerdeführerin, nachträglich eine asylrele-
vante Verfolgung zu motivieren, insbesondere wie folgt: Gemäss ihren An-
gaben habe sie mit dem Soldaten, der kein Tamile gewesen sei und über
ihre Aktivitäten Bescheid gewusst habe, diskutiert und ihm gesagt, dass sie
ihren Leuten helfen würde und ein Recht habe, weiterzuleben, weil sie an
guten Aktivitäten beteiligt sei. Eine solch unbedarfte Aussage gegenüber
einem Armeeangehörigen, der sie angeblich bereits im Visier gehabt habe,
wirke – so das SEM – angesichts der rigorosen Vorgehensweise der sri-
lankischen Sicherheitsbehörden gegenüber mutmasslichen Unterstützern
der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) und Regierungskritikern eini-
germassen realitätsfremd. Hätte sie tatsächlich heimlich regierungsfeindli-
che Aktivitäten und Unterstützungsleistungen ausgeführt, sei kaum anzu-
nehmen, dass sie diese einem ihr feindlich gesinnten Armeeangehörigen
gegenüber geradezu propagiert hätte. Sodann vermöge angesichts ihrer
schlimmen Erfahrung mit dem Soldaten und dessen Drohungen auch ihre
Begründung nicht zu überzeugen, weshalb sie zuhause nicht sofort er-
wähnt habe, dass sie nach der Demonstration vom (...) 2015 von unbe-
kannten Männern auf Motorrädern verfolgt worden sei. Schliesslich sei
auch das von ihr dargestellte Verhalten des CID nicht plausibel. Insbeson-
dere leuchte nicht ein, weshalb das CID kriminell anmutende Methoden
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benutzen sollte, um ihrer habhaft zu werden. Hätte der kleinste Verdacht
bestanden, dass sie an regierungsfeindlichen Aktionen beteiligt gewesen
wäre oder missliebigen oder verdächtigen Personen Unterschlupf gewährt
hätte, wären die CID-Beamten professioneller vorgegangen und hätten
sich auch kaum durch das Schreien der Mutter und Herannahen der Nach-
barn in die Flucht schlagen lassen. Die entsprechenden Erwägungen in der
angefochtenen Verfügung sind weder pauschal noch unsubstanziiert aus-
gefallen, und erscheinen dem Gericht zutreffend.
Dasselbe gilt hinsichtlich der weiteren Erwägung, wonach die Beschwer-
deführerin Fragen zur Art und Weise ihrer Sozialarbeit immer wieder aus-
gewichen sei und ihre Schilderungen zu Umfang und Qualität ihres Enga-
gements pauschal wirkten und nicht über Allgemeinplätze hinausgingen.
Dazu ist zwecks Vermeidung unnötiger Wiederholungen vorab auf die ent-
sprechenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung zu verweisen.
Der in der Beschwerde erhobene Einwand, die Beschwerdeführerin habe
nie von Flüchtlingslagern gesprochen, sondern von Waisenhäusern, die
entsprechende Passage in der Bundesanhörung (vgl. [...]) beruhe wohl auf
einem Missverständnis und sei falsch übersetzt worden, weshalb sich der
diesbezügliche Vorwurf in der angefochtenen Verfügung als haltlos er-
weise, trifft nicht zu. Aus den Akten ergeben sich diesbezüglich keine Hin-
weise auf Missverständnisse oder Übersetzungsfehler. Zwar brachte die
Beschwerdeführerin anlässlich der Rückübersetzung des Protokolls hin-
sichtlich (...) drei Korrekturen beziehungsweise Präzisierungen an, diese
betrafen aber nicht den besagten Einwand. So erklärte sie wörtlich, dass
sie sich, als sie den (...)wettbewerb gewonnen habe, dafür interessiert
habe, Leuten zu helfen. Damals hätten viele Personen in Flüchtlingslagern
gelebt. Solchen Personen sei von Unistudenten heimlich geholfen worden.
Dabei habe sie auch mithelfen wollen (vgl. a.a.O.). In der Folge habe sie
insbesondere verdächtigen Personen, die aus der Vanni-Region nach
D._ gekommen seien, bei sich zuhause Unterkunft und finanzielle
Unterstützung gewährt (vgl. [...] und auch Geld für Waisenkinder gesam-
melt (vgl. a.a.O., [...]). Sodann führte das SEM weiter zutreffend aus, dass
nebst der Substanzarmut in Bezug auf das soziale Engagement auch Wi-
dersprüche ins Auge fielen, die verdeutlichten, dass es der Beschwerde-
führerin nicht gelungen sei, ihre Aktivitäten in einen zeitlichen und kausalen
Zusammenhang einzubetten. So habe sie einerseits zu Protokoll gegeben,
dass sie nach ihrer A-Level-Prüfung mit ihren Unterstützungsleistungen an-
gefangen habe. Dies sei ab (...) oder (...) gewesen. Ab (...) habe sie wegen
der Probleme mit der Armee keine Tätigkeiten mehr ausgeübt, weil sie
Angst gehabt habe, dass sie beobachtet und notiert würde (vgl. [...]). Auf
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Vorhalt habe sie präzisiert, dass sie diese Arbeit nicht bis (...) gemacht
habe, sondern nur nach der A-Level-Prüfung bis zu den Problemen mit
dem Soldaten (vgl. a.a.O., [...]). In Abweichung dazu habe sie bei der freien
Erzählung zu den Asylgründen angegeben, dass sie nach den Problemen
mit dem Soldaten zur Ablenkung wieder ihre Sozialarbeit angefangen und
auch Personen zu Hause beherbergt habe (vgl. a.a.O., F58). Später habe
sie dann den (...)-Kurs absolviert und dort mit ihrer Arbeit als (...) angefan-
gen, weshalb sie ihre Hilfeleistungen nur noch an den Wochenenden habe
weiterführen können (vgl. a.a.O.). Unter diesen Umständen und in Kombi-
nation mit dem Ergebnis der in Sri Lanka getätigten Abklärungen ist ein
Kausalzusammenhang zwischen den Behelligungen durch den Soldaten,
der geltend gemachten Sozialarbeit und den Vorbringen im Zusammen-
hang mit der Teilnahme an der Demonstration vom (...) 2015 zu verneinen.
Insbesondere vermag die Erklärung der Beschwerdeführerin nicht zu über-
zeugen, sie habe die Probleme mit dem Soldaten anlässlich der BzP ver-
heimlicht, weil sie mit niemandem über diese Ereignisse gesprochen habe
und es sich dabei nicht um ein Problem mit den Behörden, sondern um
eine Liebeserklärung von einem Soldaten gehandelt hätte (vgl. a.a.O.,
[...]), habe ihr doch der Soldat gesagt, dass er über ihre Aktivitäten Be-
scheid wisse und ihr mit Problemen für den Fall gedroht, dass er seine
Kenntnisse weiterleiten würde (vgl. a.a.O., [...]).
5.5.3 Nach dem Gesagten vermag die Beschwerdeführerin auch aus den
beiden weiteren im Beschwerdeverfahren eingereichten (...) nichts zu ihren
Gunsten abzuleiten, und zwar ungeachtet der Frage, ob sie tatsächlich von
ihr verfasst und öffentlich vorgetragen wurden. Ebenso kann offen bleiben,
ob sie, wie im Schreiben des (...) bestätigt wird, dort in der Zeit von (...) bis
(...) gearbeitet hat, zumal – wie die Vorinstanz zutreffend ausführte – diese
Anstellung keine Rückschlüsse auf eine asylrelevante Verfolgung oder ein
erhöhtes Risikoprofil zulässt.
5.6 Aufgrund der Akten ist nicht davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führerin bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnah-
men ausgesetzt sein wird. Das Bundesverwaltungsgericht hält diesbezüg-
lich fest, bestimmte Risikofaktoren (Eintrag in die «Stop-List», Verbindung
zur LTTE und exilpolitische Aktivitäten) seien als stark risikobegründend zu
qualifizieren, da sie unter bestimmten Umständen bereits für sich alleine
genommen zur Bejahung einer begründeten Furcht führen könnten. Dem-
gegenüber würden das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente, eine
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zwangsweise respektive begleitete Rückführung sowie gut sichtbare Nar-
ben schwach risikobegründende Faktoren darstellen. Dies bedeute, dass
diese in der Regel für sich alleine genommen keine relevante Furcht vor
ernsthaften Nachteilen zu begründen vermögen. Jegliche glaubhaft ge-
machten Risikofaktoren seien in einer Gesamtschau und in ihrer Wechsel-
wirkung sowie unter Berücksichtigung der konkreten Umstände in einer
Einzelfallprüfung zu berücksichtigen, mit dem Ziel, zu erwägen, ob mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung
bejaht werden müsse (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
E. 8.5.5).
5.7 Die Beschwerdeführerin vermochte keine asylrelevante Verfolgung vor
ihrer Ausreise nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, wobei eine da-
mals allfällig bestehende begründete Furcht vor Verfolgung zum heutigen
Zeitpunkt zu verneinen ist.
5.8 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht,
was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen
in der Beschwerde und die eingereichten Beweismittel im Einzelnen einzu-
gehen, da sie an der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts nichts
zu ändern vermögen. Das SEM hat demnach zu Recht die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführerin verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
6.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt; es
berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie. Die Beschwer-
deführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilli-
gung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde zu Recht
angeordnet.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 83 Abs. 1
AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
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Seite 18
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völkerrecht-
liche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder
des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen-
stehen.
Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung mit zutreffender Be-
gründung ausgeführt, dass der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
Nichtrückschiebung mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keine
Anwendung findet und keine anderweitigen völkerrechtlichen Vollzugshin-
dernisse erkennbar sind. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts lassen weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch
die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungs-
vollzug als unzulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 12.2 f.). Auch der Europäische Gerichtshof für Menschen-
rechte (EGMR) hat – wie vom SEM zutreffend erwähnt – wiederholt fest-
gestellt, dass nicht generell davon auszugehen sei, zurückkehrenden Ta-
milen drohe in Sri Lanka eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoein-
schätzung müsse im Einzelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des
EGMR R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013, 10466/11,
Ziff. 37). Aus den Akten ergeben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür,
die Beschwerdeführerin hätte bei einer Rückkehr nach Sri Lanka dort mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten, die über ei-
nen sogenannten „Backgroundcheck“ (Befragung und Überprüfung von
Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden oder dass sie
dadurch persönlich gefährdet wäre. Der Vollzug der Wegweisung ist zuläs-
sig.
7.3 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
7.3.1 Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in
Sri Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass
der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz (mit Ausnahme des Vanni-Ge-
biets) zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen
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Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 13.2). In seinem als Referenzurteil publizierten Entscheid
erachtet das Bundesverwaltungsgericht auch den Wegweisungsvollzug ins
Vanni-Gebiet als zumutbar (vgl. Urteil des BVGer
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5). Daran vermögen auch die An-
schläge am 22. April 2019 und der gleichentags von der sri-lankischen Re-
gierung verhängte Ausnahmezustand (Neue Zürcher Zeitung [NZZ] vom
22. April 2019, Colombo spricht von islamistischem Terror,
< https://www.msn.com/de-ch/nachrichten/international/colombo-spricht-
von-islamistischem-terror/ar-BBWbdz3#page=1 >) nichts zu ändern (vgl.
Urteil des BVGer D-2361/2019 vom 2. Juli 2019 E. 9.3).
Des Weiteren wurde am 16. November 2019 Gotabaya Rajapaksa zum
neuen Präsidenten Sri Lankas gewählt (vgl. NZZ, In Sri Lanka kehrt der
Rajapaksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019; https://www.theguar-
dian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-candidate-rajapaksa-
premadas-count-continues, abgerufen am 28. April 2020). Gotabaya Raja-
paksa war unter seinem älteren Bruder, dem ehemaligen Präsidenten Ma-
hinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015 an der Macht war, Verteidigungs-
sekretär. Er wurde angeklagt, zahlreiche Verbrechen gegen Journalistin-
nen und Journalisten sowie Aktivisten begangen zu haben. Zudem wird er
von Beobachtern für Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen
verantwortlich gemacht; er bestreitet die Anschuldigungen (vgl. Human
Rights Watch: World Report 2020 – Sri Lanka, 14.1.2020). Kurz nach der
Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bruder Mahinda zum Premier-
minister und band einen weiteren Bruder, Chamal Rajapaksa, in die Regie-
rung ein; die drei Brüder Gotabaya, Mahinda und Chamal Rajapaksa kon-
trollieren im neuen Regierungskabinett zusammen zahlreiche Regierungs-
abteilungen oder -institutionen (vgl. https://www.aninews.in/news/world/
asia/sri-lanka-35-including-presidents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-
as-ministers-of-state20191127174753/, abgerufen am 28. April 2020). Be-
obachter und ethnische / religiöse Minderheiten befürchten insbesondere
mehr Repression und die vermehrte Überwachung von Menschenrechts-
aktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen und Journalisten, Oppositio-
nellen und regierungskritischen Personen (vgl. Schweizerische Flücht-
lingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt Ängste bei Minderheiten,
21.11.2019). Anfang März 2020 löste Gotabaya Rajapaksa das Parlament
vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri Lankas Präsident
löst das Parlament auf, 3.3.2020).
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Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, Human Rights Watch, Sri Lanka: Families
of "Disappeared" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt es zum heutigen
Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri
Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr aus-
gesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein
persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsidentschafts-
wahl vom 16. November 2019 respektive deren Folgen besteht. Ein solcher
ist nach den vorstehenden Erwägungen zu verneinen.
7.3.2 Die Beschwerdeführerin ist jung und leidet an keinen schwerwiegen-
den gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Nach dem A-Level-Abschluss
besuchte sie gemäss eigenen Angaben verschiedene Kurse, liess sich zur
Kosmetikerin ausbilden und verfügt über Berufserfahrung (vgl. [...]). Ihre
Eltern und (...) leben immer noch in C._. Weitere Verwandte sind
ebenfalls in der Gegend von D._ wohnhaft. Die Familie besitzt ei-
nen Landwirtschaftsbetrieb und lebt in guten finanziellen Verhältnissen
(vgl. [...]). Somit ist von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz in ih-
rem Heimatstaat auszugehen, durch das sie nötigenfalls bei der Wieder-
eingliederung unterstützt werden könnte. Im Bedarfsfall dürfte sie auch auf
finanzielle Unterstützung durch ihre Verwandten in der Schweiz zählen
können. Der Vollzug erweist sich deshalb auch in individueller Hinsicht als
zumutbar.
7.4
7.4.1 Auch die Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug nicht
entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt
voraus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist,
sondern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens
zwölf Monate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporä-
ren Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl.
EMARK 1995 Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss
temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
D-44/2020
Seite 21
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst
wird.
7.4.2 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls not-
wendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und
dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären der Beschwerdeführerin
die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit
Zwischenverfügung vom 7. Januar 2020 ihr Gesuch um unentgeltliche Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine
Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle Lage (in der
Schweiz) seither entscheidrelevant verändert hätte, ist von der Auflage von
Verfahrenskosten abzusehen.
9.2 Mit der gleichen Verfügung wurde das Gesuch um amtliche Rechtsver-
beiständung gutgeheissen und der Beschwerdeführerin der rubrizierte
Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Demnach ist
diesem ein amtliches Honorar für seine notwendigen Aufwendungen im
Beschwerdeverfahren auszurichten. In der zu den Akten gereichten Kos-
tennote werden ein zeitlicher Vertretungsaufwand von 14.3 Stunden à
Fr. 270.–, Auslagen von Fr. 66.90 und eine Mehrwertsteuer von Fr. 302.40
ausgewiesen. Der ausgewiesene zeitliche Aufwand scheint bezüglich der
Besprechungen mit der Klientschaft nicht vollumfänglich angemessen. Un-
ter Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und der
Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen ist der Vertretungsaufwand
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Seite 22
für das vorliegende Verfahren um 1.3 Stunden auf 13 Stunden zu kürzen.
Wie dem Rechtsvertreter bereits mit Zwischenverfügung vom 7. Januar
2020 mitgeteilt wurde, wird bei amtlicher Vertretung in der Regel von einem
Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte
ausgegangen (Art. 8 Abs. 2, Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), weshalb
der angeführte Stundenansatz von Fr. 270.– praxisgemäss auf Fr. 220.–
zu reduzieren ist. Das amtliche Honorar für den Rechtsvertreter ist somit
auf insgesamt Fr. 3'152.30 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) fest-
zusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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