Decision ID: 4ad7a704-cf0e-501c-9d56-3e607d5ffbd8
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ (im Folgenden: Versicherte), meldete sich am 18. Oktober 2017 bei der
Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 13). Aufgrund eines ersten
Gesuchs vom 22. September 2004 (IV-act. 1) war ihr Kostengutsprache für eine
ambulante Psychotherapie zur Behandlung einer Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21) erteilt worden (Arztbericht Kinder- und
Jugendpsychiatrische Dienste St. Gallen vom 17. November 2004, IV-act. 9; Verfügung
vom 14. Februar 2005, IV-act. 12).
A.a.
Die Versicherte hatte im Sommer 2010 das Fähigkeitszeugnis als Kauffrau, Profil
E, erlangt (IV-act. 15-15 f.; IV-act. 15-2). Vom 15. August 2011 bis 31. Juli 2012 hatte
sie bei der Z._ AG, als Contract Manager (Arbeitszeugnis vom 31. Juli 2012, IV-
act. 15-14), vom 1. August bis 1. Oktober 2012 bei der Y._ AG als Account Manager
(Arbeitsbescheinigung vom 1. Oktober 2012, IV-act. 15-13), vom 7. Januar 2013 bis
31. Mai 2014 bei der X._ als Recruiterin (Arbeitszeugnis vom 19. Mai 2014, IV-
act. 15-11 f.) und im Juni und Juli 2014 als Personalassistentin bei W._ AG gearbeitet
(IV-act. 76-23; vgl. auch zu den übrigen Anstellungen Auszug aus dem individuellen
Konto [IK], IV-act. 18). Im August 2015 hatte sie die Berufsmaturität abgeschlossen (IV-
act. 15-1). Vom 12. August 2015 bis 30. April 2016 war sie bei der V._ SA, als
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mitarbeiterin bzw. Sachbearbeiterin tätig gewesen (Arbeitszeugnis vom 24. März 2016,
IV-act. 15-9 f.).
Am 10. Februar 2016 hatte die Versicherte eine ambulante psychiatrische
Behandlung bei med. pract. B._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
aufgenommen. Dieser hatte ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom
(ADHS, ICD-10: F90.0), eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom
Borderline-Typus (ICD-10: F60.31), eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS,
ICD-10: F43.1) und eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
depressive Episode (ICD-10: F33.1), diagnostiziert. Aufgrund des ADHS und der PTBS
seien die aktuelle Tätigkeit in einer Weinhandlung und der erlernte Beruf im Bereich des
KV nicht angepasst. In einer adaptierten Tätigkeit sei die Versicherte aktuell zu 50 %
arbeitsfähig (Bericht an Dr. med. C._, Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, vom
16. Februar 2016, IV-act. 23-12 ff.). Im Überweisungsschreiben an die Tagesklinik des
psychiatrischen Zentrums St. Gallen vom 3. März 2016 hatte med. pract. B._ die
Ausprägung der Depression als mittelgradig bis stark bezeichnet und seit
Behandlungsbeginn eine 100 %-ige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten
attestiert. Er hatte ausgeführt, die Versicherte sei schon einige Male depressiv
gewesen, ausgelöst durch psychische Belastungen, meist durch zwischenmenschliche
Probleme. Vor einigen Monaten habe sie erneut eine depressive Episode entwickelt,
die bis jetzt bestehe und aktuell mittelgradig ausgeprägt sei. Deren Ursache sei die
Unzufriedenheit bei der aktuellen Arbeitsstelle und das Mobbing dort. Die Versicherte
sei gegenüber vielen Menschen misstrauisch und gebe ausserdem verschiedene
Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung an. Die medikamentöse
Behandlung erfolge mit Quetiapin und neu Ritalin (IV-act. 23-20 f.).
A.c.
Vom 11. April bis 29. Juli 2016 war die Versicherte in tagesklinischer Behandlung
im psychiatrischen Zentrum T._ gewesen. Dort waren eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig leichte Episode, ohne somatisches Syndrom (ICD-10: F33.00)
sowie eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (ICD-10:
F60.3) diagnostiziert und der Verdacht auf ein ADHS und eine PTBS erhoben worden.
Die Klinikärztinnen hatten festgehalten, die Versicherte habe vor dem Hintergrund vieler
negativer Beziehungsfaktoren sowohl inner- als auch ausserfamiliär, in denen sie in
ihrer Person nicht gesehen und nicht anerkannt worden sei, ein erhebliches Misstrauen,
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ärger, und daraus folgend eine Nähe-Distanzstörung mit dysfunktionalen
Bewältigungsstrategien in Beziehungen entwickelt. Dies habe zu einem deutlichen
Leidensdruck geführt mit Störungen in der emotionalen Spannungsregulation und zu
rezidivierenden depressiven Krisen. Es sei ihr gelungen, eigene dysfunktionale
Verhaltensmuster in Beziehungen zu erkennen und zu mehr Selbstverständnis und -
akzeptanz zu kommen. Die Versicherte habe sich aus eigener Initiative für eine
berufliche Neuorientierung im sozialpädagogischen Bereich entschieden
(Austrittsbericht vom 19. August 2016, IV-act. 100-10 ff.).
Die Versicherte hatte vom 1. September 2016 bis 30. Juni 2017 ein Praktikum in
der Gassenküche _ absolviert. Das Pensum hatte bis 28. Februar 2017 100 % und
ab 1. März 2017 80 % betragen (Praktikumszeugnis vom 30. Juni 2017, IV-act. 15-5 ff.;
vgl. auch IV-act. 21-12). Für das Herbstsemester 2017 (18. September 2017 bis
18. Februar 2018) hatte sie sich an der Fachhochschule für den Teilzeitstudiengang
Bachelor of Science FHO in Sozialer Arbeit, Studienrichtung Sozialpädagogik,
eingeschrieben (IV-act. 15-3). Vom 18. September bis 13. Oktober 2017 hatte sie bei
S._ AG als Allrounderin im R._ gearbeitet (Arbeitsbestätigung vom 13. Oktober
2017, IV-act. 15-4).
A.e.
Dr. C._ berichtete im Arztbericht vom 9. Dezember 2017, nebst dem
psychischen Leiden bestünden rezidivierende funktionelle Nacken- und
Rückenschmerzen. Letztere träten vermehrt auf bei langem Sitzen. In einer
wechselbelastenden Tätigkeit sei ein normales Pensum zumutbar (IV-act. 22).
A.f.
Im Arztbericht vom 10. Januar 2018 führte med. pract. B._ aus, seit ca. Sommer
2017 habe die Versicherte keine depressiven Symptome mehr. Die Symptome des
ADHS, der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung und der posttraumatischen
Belastungsstörung bestünden weiterhin. Weil sie aktuell keine grösseren psychischen
Belastungen habe und keine aus psychiatrischer Sicht nicht angepasste Arbeiten
verrichten müsse, seien die Symptome aktuell nicht stark ausgeprägt. Um das Geld
fürs Studium zu verdienen, habe die Versicherte im Oktober 2017 im R._ gearbeitet.
Es sei zur Reizüberflutung und erneut depressiven Symptomen gekommen. Ausserdem
sei das zwischenmenschliche Umfeld nicht gut und die Wertschätzung nicht gross
gewesen. Die ausgeführten Arbeiten im KV und kurzfristig im Service seien aus
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrischer Sicht nicht angepasst gewesen. Vom 10. Februar 2016 bis 31. August
2016 sei die Arbeitsfähigkeit für alle Arbeiten zu 100 % eingeschränkt gewesen. Seit
1. September 2016 sei die Arbeitsfähigkeit für angepasste Arbeiten nicht mehr
eingeschränkt (IV-act. 23-3 ff.).
RAD-Ärztin Dr. med. D._, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin FMH, nahm
am 18. Januar 2018 Stellung, aufgrund der chronischen Rückenschmerzen sei die
Versicherte in der angestammten Tätigkeit als kaufmännische Angestellte nicht in ihrer
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Es handle sich um eine leichte, wechselbelastende
Tätigkeit, die dem Leiden angepasst sei. Tätigkeiten mit Heben und Tragen von
schweren Gegenständen seien ungeeignet. Die Tätigkeit im Service sei ungünstig.
RAD-Arzt Dr.med. E._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, äusserte sich
am 20. Februar 2018, aus versicherungspsychiatrischer Sicht sei aktuell nicht plausibel,
weshalb die erlernte Tätigkeit im KV nicht weiterhin zumutbar sein sollte, insbesondere
da dieser Bereich ein sehr breites Betätigungsfeld und sehr variable Arbeitsprofile
biete. Zu empfehlen seien ein wohlwollendes, verständnisvolles Arbeitsumfeld,
geregelte Arbeitszeiten, eine gleichbleibende Arbeitsbelastung, um die Stress- und
Frustrationstoleranz und die emotionale Belastbarkeit gering halten zu können und ein
geringes zwischenmenschliches Konfliktpotential. Eher ungünstig seien Arbeiten mit zu
engem zwischenmenschlichem Kontakt, häufigen Überstunden, Schicht-, Wochenend-
oder Nachtarbeiten. Aufgrund des ADHS seien Arbeiten mit hoher Konzentration über
einen längeren Zeitraum, Tätigkeiten im Sitzen ohne Möglichkeit, die Körperhaltung zu
ändern, feinmotorische, gleichförmige, ordnende Arbeiten sowie solche mit
arbeitsspezifischem Termindruck und mit hohem Routineanteil ungünstig. Inwiefern
und inwieweit die genannten Adaptationskriterien auf das Arbeitsprofil der Versicherten
zutreffen, müsse berufsberaterisch evaluiert werden. Medizintheoretisch sei sowohl in
der erlernten Tätigkeit im KV-Bereich als auch in einer adaptierten Tätigkeit von einer
100 %-igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-act. 25).
A.h.
Mit Mitteilung vom 26. Februar 2018 (IV-act. 28), und, nachdem die Versicherte in
einer Email vom 12. März 2018 mitgeteilt hatte, sie könne ihren erlernten Beruf als
Kauffrau aus psychischen Gründen nicht mehr ausüben (IV-act. 30), mit Verfügung vom
14. März 2018 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab. Es sei keine
gesundheitliche Beeinträchtigung festgestellt worden, die zu anhaltenden
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Funktionseinschränkungen führe (IV-act. 29). Hiergegen erhob die Versicherte am
15. April 2018 Beschwerde (IV-act. 36-2 ff.), welche med. pract. B._ mit einer
ausführlichen Stellungnahme vom 6. April 2018 (IV-act. 38) unterstützte. Die IV-Stelle
widerrief am 29. Juni 2018 die angefochtene Verfügung (IV-act. 42) und das
Versicherungsgericht schrieb am 11. Juli 2018 das Beschwerdeverfahren IV 2018/129
ab (IV-act. 50).
Dr. med. F._, Facharzt für Allgemeinmedizin, führte im Arztbericht vom 13. Juli
2018 aus, die Versicherte beklage seit mehr als 10 Jahren Schmerzen im Nacken mit
Ausstrahlung in den Hinterkopf, im Bereich des Schultergürtels und der
Brustwirbelsäule. Sie könne nicht lange in einer Position verbleiben. Den erlernten
Beruf als Kauffrau könne sie wegen psychischer Probleme und der Rückenschmerzen
nicht mehr ausüben (IV-act. 48).
A.j.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte durch die Medicore AG, Bad Ragaz,
polydisziplinär Begutachtet (Dr. med. G._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin
FMH; Dr. med. H._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie; Dr. med. I._,
Facharzt für orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates;
Dipl. psych. J._, Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP und Psychotherapie
FSP; Untersuchungen 18., 25. und 31. Januar und 6. Februar 2019; IV-act. 76). Im
interdisziplinären Konsens kamen die Gutachter zum Schluss, aus orthopädisch
somatischer Sicht habe sich kein Hinweis für krankhafte Veränderungen ergeben,
welche die Arbeitsfähigkeit in relevanter Weise beeinträchtigten. Die psychiatrische
Abklärung ergab, dass die Diagnosekriterien für ein ADHS erfüllt seien. Dies bedeute
nicht, dass eine konstante Einschränkung gegeben sei. Es lägen keine psychiatrischen
Diagnosen vor, welche die Arbeitsfähigkeit relevant einschränkten. Gemäss der
neuropsychologischen Abklärung bestehe eine leichte kognitive Einschränkung, welche
aber ein Arbeitspensum von 90 % bis 100 % auf dem ersten Arbeitsmarkt zulasse. Sie
habe leichtgradiges Ausmass und bei leitliniengerechter Behandlung könnte ein noch
besserer Zustand erreicht werden. Die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und in
angepasster Tätigkeit betrage 100 % (IV-act. 76-5 ff.).
A.k.
RAD-Ärztin Dr. D._ nahm am 26. März 2019 Stellung, die psychiatrische
Gutachterin äussere sich nicht zur neuropsychologischen Abklärung und zum Verlauf
A.l.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Arbeitsfähigkeit. Sie erkläre ausführlich, weshalb keine Borderline-
Persönlichkeitsstörung vorliege, jedoch werde als Diagnose ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert bei
Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus aufgeführt. Der RAD gehe von einem
redaktionellen Fehler aus. Die RAD-Ärztin formulierte Rückfragen an die Gutachter (IV-
act. 83), welche der Gutachterstelle am 29. März 2019 übermittelt wurden (IV-act. 79).
Die psychiatrische Gutachterin antwortete am 23. Juli 2019, die rezidivierende
(depressive) Störung sei zum Zeitpunkt der Exploration vollständig remittiert gewesen.
Die (emotional-instabile) Persönlichkeitsstörung vom Boderline-Typus habe nicht
nachgewiesen werden können. Ergänzend habe sich auch für das Vorliegen einer
PTBS keinerlei Hinweis gefunden. Es liege eine leichte neurokognitive Störung vor. Aus
den Akten (Arbeitszeugnissen) gehe klar hervor, dass die Versicherte sehr wohl in der
Lage gewesen sei, im Bürobereich eine Leistung zu erbringen, welche die Arbeitgeber
sehr zufrieden gestellt habe. Nach Abklingen der depressiven Symptomatik, was
gemäss med. pract. B._ am 1. September 2016 der Fall gewesen sei (Beginn
Praktikum Gassenküche), wäre die Versicherte auch im KV-Bereich voll arbeitsfähig
gewesen (IV-act. 87). RAD-Ärztin Dr. D._ erklärte am 12. August 2019, die
psychiatrische Gutachterin habe zu den gestellten Fragen ausführlich Stellung
genommen, so dass nun auf die Begutachtung in ihrer Gesamtheit abgestellt werden
könne (IV-act. 88).
Mit Vorbescheid vom 12. August 2019 gewährte die IV-Stelle der Versicherten
das rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des Leistungsbegehrens, da sie
gemäss den Abklärungen und dem Gutachten sowohl in der bisherigen Tätigkeit als
kaufmännische Angestellte als auch in einer adaptierten Tätigkeit uneingeschränkt
arbeitsfähig sei (IV-act. 91). In ihrem Einwand vom 30. September 2019 machte die
Versicherte geltend, sie sei bei sämtlichen sechs Stellen nach relativ kurzer Zeit
gescheitert. Es hätten sich an allen Arbeitsorten nach sehr kurzer Zeit dieselben
krankheitsbedingten Einschränkungen gezeigt, welche auch der behandelnde
med. pract. B._ beschrieben habe. Das Praktikum bei der Gassenküche habe ihr so
gut gefallen, dass sie weiterhin in einem Teilpensum für diese tätig sei. Auch das
soeben begonnene Praktikum beim Verein für betreutes Wohnen _ gefalle ihr sehr
gut. Sie habe das Studium vor 2,5 Jahren begonnen und die Hälfte erfolgreich
A.m.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
absolviert. Obwohl das Gutachten an verschiedenen Mängeln leide, werde eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt von 10 % bis 30 %
attestiert. Dies allein genüge, um den Umschulungsanspruch zu bejahen. Die
Verneinung einer PTBS sei falsch, zumal sie in einer Traumatherapie stehe. Es sei ein
Bericht bei der behandelnden Psychologin lic. phil. K._ einzuholen (IV-act. 100-1 ff.).
RAD-Arzt Dr. E._ nahm am 22. Oktober 2019 Stellung, im Einwand würden keine
neuen relevanten medizinischen Erkenntnisse vorgetragen. Der behandelnde
Psychiater stütze seine Einschätzung als Therapeut auf das bio-psycho-soziale Modell
ab, wogegen die Einschätzung aus versicherungsmedizinischer Sicht keine
krankheitsfremden Faktoren berücksichtige und insgesamt neutraler sei. Im Gutachten
werde ausdrücklich interdisziplinär festgehalten, dass in der bisherigen und in
angepasster Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 100 % bestehe. Die Neuropsychologie
sei Hilfsdisziplin und mache keine eigenständigen Aussagen zur Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 101).
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2019 wies die IV-Stelle das Gesuch hinsichtlich
beruflicher Massnahmen und Rente ab. Gemäss den Abklärungen und unter
Berücksichtigung des Gutachtens sei eine Tätigkeit im kaufmännischen Bereich
zumutbar (IV-act. 103).
A.n.
Mit Beschwerde vom 5. Dezember 2019 beantragt Tamara Florio (nachfolgend:
Beschwerdeführerin), vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Lorenz Gmünder, die an
gefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen aufzuheben und es
seien ihr berufliche Massnahmen im Sinne einer Umschulung zu gewähren. Eventualiter
seien weitere medizinische Abklärungen durchzuführen. An allen Stellen im
angestammten Beruf als Kauffrau habe sich nach kurzer Zeit gezeigt, dass sie wegen
krankheitsbedingter Unaufmerksamkeiten und Konzentrationsschwächen überfordert
gewesen sei. Sie bringt im Wesentlichen vor, die Berichte des Psychiatrischen
Zentrums vom 8. April 2016 und vom 19. August 2016 sowie von med. pract. B._
vom 2. August 2016 hätten den Gutachtern nicht vorgelegen. Die Berichte des
psychiatrischen Zentrums seien von grosser Relevanz, da es ansonsten aus dem
psychiatrischen Fachbereich nur Berichte von med. pract. B._ gebe, und weil eine
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
intensive Therapie stattgefunden habe. Sie absolviere seit über 1,5 Jahren eine
intensive Traumatherapie bei lic. phil. K._. Darüber befänden sich in den Akten keine
Angaben, was jedoch massgebend sei, da sowohl der RAD als auch die Gutachterin
eine PTBS verneinten. Lic. phil. K._ schildere im Bericht vom 14. November 2019,
dass sie problematische Situationen in der Kindheit und Jugend, verschiedene
Mobbing-Situationen, bedenkliche soziale Beziehungen und sexuelle Übergriffe erlitten
habe. Gegenüber den anderen Ärzten habe sie die sexuellen Übergriffe zum Schutz
ihrer Persönlichkeit nicht näher erläutert. Lic. phil. K._ bzw. Dr. L._ hätten die
Diagnose einer PTBS ausdrücklich bestätigt. Die Gutachterin verneine im Gegensatz zu
med. pract. B._, Dr. M._, Dr. N._ und lic. phil. K._ das Vorliegen einer
Persönlichkeitsstörung, ohne ihre diametral abweichende Meinung zu begründen. Das
Gutachten berücksichtige die medizinischen Vorakten unzureichend und sei
unvollständig. Eine psychiatrische Untersuchung an einem einzigen Tag, welche
lediglich zwei Stunden daure, könne von vornherein nicht aussagekräftig sein. Die
Gutachterin gehe fälschlicherweise davon aus, dass auch in der KV-Tätigkeit keine
Beeinträchtigungen vorlägen. Sie begründe dies einzig mit den Arbeitszeugnissen. Die
Arbeitszeugnisse von V._ und X._ habe sie selber verfasst. Zudem habe sie
Anspruch auf ein wohlwollendes Arbeitszeugnis. Hätte sie tatsächlich wie in den
Zeugnissen beschrieben gearbeitet, wäre ihr nicht von mehreren Arbeitgebern
gekündigt worden und sie hätte nicht innerhalb von nur fünf Jahren fünfmal die Stelle
gewechselt. Damit habe sich das Gutachten nicht auseinandergesetzt. In der
Konsensbeurteilung gingen die Gutachter gestützt auf die von der
neuropsychologischen Gutachterin festgestellten kognitiven Einschränkungen von einer
Arbeitsfähigkeit von 90 % bis 100 % auf dem ersten Arbeitsmarkt aus. Die
neuropsychologische Gutachterin habe jedoch für den ersten Arbeitsmarkt - gemeint
sei die angestammte Tätigkeit als Kauffrau - eine Arbeitsfähigkeit von 70 % bis 90 %
festgestellt. Die Konsensbeurteilung sei offensichtlich falsch und das Gutachten damit
nicht beweistauglich. Der (für eine Umschulung erforderliche) Invaliditätsgrad von 20 %
sei damit erreicht. Die vor 2,5 Jahren begonnene Ausbildung zur Fachfrau für soziale
Arbeit sei bisher sehr erfolgreich verlaufen. Damit sei bewiesen, dass durch die
Umschulung ihre Erwerbsfähigkeit erhalten und verbessert werden könne (act. G 1). Mit
der Beschwerde reicht die Beschwerdeführerin unter anderem Berichte von
med. pract. B._ vom 2. August 2016 (act. G 1.1.7), von lic. phil. K._h vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
14. November 2019 (act. G 1.1.8) sowie eine undatierte eigene Stellungnahme zum
Gutachten ein (act. G 1.1.9).
Mit Beschwerdeantwort vom 5. Februar 2020 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Das Gutachten beinhalte eine vollständige Anamnese,
berücksichtige die geklagten Beschwerden, leuchte in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge ein und enthalte begründete Schlussfolgerungen.
Dadurch sei ihm Beweiskraft zuzumessen. Die Gutachterin habe sich ausführlich mit
den von den behandelnden Ärzten gestellten Diagnosen auseinandergesetzt.
Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung hätten sich weder spontan
gezeigt noch seien sie auf entsprechende Nachfrage geäussert worden. Auch
bezüglich ADHS habe die Gutachterin dargelegt, dass diese keine Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit habe und nur leichte kognitive Einschränkungen nach sich ziehe.
Dies zeige sich nicht nur an den vorliegenden Arbeitszeugnissen, sondern auch an den
von der Beschwerdeführerin absolvierten Ausbildungen. Aktuell lerne die
Beschwerdeführerin für die Fachhochschule und schreibe eine Arbeit, ohne Ritalin
einzunehmen. Die Therapieoptionen seien noch keinesfalls ausgeschöpft. Betreffend
die Borderline-Persönlichkeitsstörung halte die Gutachterin ebenfalls nachvollziehbar
fest, dass diese nicht verifiziert werden könne. Die Beschwerdeführerin habe in der drei
Monate dauernden tagesklinischen Behandlung entsprechende Verhaltensweisen
erlernt, so dass es nicht mehr zu den vorher vorkommenden teils heftigen Streitigkeiten
gekommen sei. Im Weiteren verfüge sie über erhebliche Ressourcen. Die Gutachterin
habe ausreichend nachvollziehbar begründet, dass keine Einschränkungen vorlägen,
welche die Beschwerdeführerin an der Ausübung einer 100 % Arbeitstätigkeit hindern
würden. Daran änderten auch die neuropsychologischen Untersuchungsergebnisse
nichts, da diese stets im Kontext der übrigen medizinischen Abklärungsergebnisse zu
würdigen und beweisrechtlich nur insoweit relevant seien, als sie sich in das
Gesamtergebnis der medizinischen Sachverhaltsabklärung schlüssig einfügten.
Schliesslich sei die Beweistauglichkeit eines Gutachtens hauptsächlich aufgrund
dessen Vollständigkeit und Schlüssigkeit zu beurteilen; auf die Dauer der Untersuchung
komme es nicht an. Die Berichte von med. pract. B._ vom 2. August 2016 und von
lic. phil. K._ vom 14. November 2019 enthielten keine neuen Erkenntnisse, welche
nicht im Gutachten bereits berücksichtigt worden seien. Die Therapie bei lic. phil. K._
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei im psychiatrischen Gutachten ausreichend gewürdigt worden. Der Austrittsbericht
des psychiatrischen Zentrums vom 19. August 2016 enthalte die bereits durch
med. pract. B._ bekannten Diagnosen und keine neuen, bisher nicht bekannten
Tatsachen, welche nicht bereits aus Aussagen der Beschwerdeführerin oder anderen
Arztberichten bekannt gewesen seien. Es sei zudem Erfahrungstatsache, dass auch
spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung eher zugunsten ihrer Patienten aussagen würden. Auf das
Gutachten könne somit abgestellt werden und es seien keine weiteren Abklärungen
angezeigt. Die Beschwerdeführerin sei in der angestammten wie auch in einer
angepassten Tätigkeit voll arbeitsfähig, womit es an der für eine Umschulung
geforderten Invalidität fehle (act. G 4).
Mit Replik vom 2. März 2020 macht die Beschwerdeführerin geltend, die
psychiatrische Gutachterin verneine im Gegensatz zu drei Fachärzten und einer
Psychologin das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung und einer PTBS, ohne ihre
diametral abweichende Meinung genügend zu begründen. Die Ausführungen zu den
Ressourcen seien falsch. Die Beschwerdegegnerin verkenne ihre
gesundheitsbedingten Einschränkungen komplett. Der Schul- und Studiumsalltag
komme ihr entgegen. Die gesundheitlichen Einschränkungen und Schwächen -
insbesondere Konzentrationsprobleme, Flüchtigkeitsfehler, Unaufmerksamkeiten -
kämen viel weniger zum Tragen. Sie könne die angestammte Tätigkeit nicht aus
intellektuellen Gründen nicht mehr ausüben. Die testpsychologische Untersuchung sei
aufgrund ihrer Dauer viel besser geeignet, die Arbeitsfähigkeit zu eruieren als eine
abstrakte einstündige psychiatrische Befragung, da die Konzentrationsprobleme
naturgemäss bei längerer Arbeit zunähmen. Das neuropsychologische Teilgutachten
müsse berücksichtigt werden. Gemäss Austrittsbericht des psychiatrischen Zentrums
sei bereits 2016 die Verdachtsdiagnose einer PTBS gestellt worden. Die Klinikärzte und
lic. phil. K._ hätten ihre Einschätzung in ihren Berichten begründet. Die Gutachterin
habe sich damit nicht auseinandersetzen können, da ihr die Berichte nicht vorgelegen
hätten. Diese seien offensichtlich von Relevanz (act. G 6).
B.c.
Mit Duplik vom 11. März 2020 äussert sich die Beschwerdegegnerin zum
Beweiswert neuropsychologischer Gutachten. Das Gutachten halte klar fest, dass trotz
B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet ausschliesslich der Anspruch auf
berufliche Massnahmen bzw. Umschulung, nachdem die Beschwerdeführerin den
ablehnenden Rentenentscheid ausdrücklich akzeptiert hat (act. G 1-2).
2.
leichter kognitiver Einschränkungen ein Arbeitspensum von 90 % bis 100 % auf dem
ersten Arbeitsmarkt möglich sei (act. G 8).
Nach Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) haben Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]) bedrohte
Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und
geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu
betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a), und die
Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b).
2.1.
Der Begriff der Invalidität im eingliederungsrechtlichen Sinne lässt sich nicht
allgemein definieren, sondern nur unter dem Gesichtswinkel des zur Beurteilung
anstehenden Leistungsanspruchs von Art. 12 ff. IVG (U. Meyer / M. Reichmuth,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz
über die Invalidenversicherung [IVG], 3. Aufl., Zürich 2014, Art. 8 N 13). Drohende
Invalidität liegt vor, wenn der Eintritt einer Erwerbsunfähigkeit überwiegend
wahrscheinlich ist. Der Zeitpunkt des Eintritts der Erwerbsunfähigkeit ist unerheblich
(Art. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Die
Massnahme muss zur Erreichung des von ihr bezweckten Eingliederungsziels geeignet
sein. Die Geeignetheit bezieht sich einerseits (objektiv) auf die Massnahme,
andererseits (subjektiv) auf die Person des Versicherten (Meyer/ Reichmuth, a.a.O.,
Art. 8 N 17). Diese muss - bezogen auf die jeweilige Massnahme - selber wenigstens
teilweise objektiv eingliederungsfähig und subjektiv eingliederungsbereit sein
[vgl. S. Bucher, Eingliederungsrecht der Invalidenversicherung, Bern 2011, N 124, mit
Verweisen auf die Rechtsprechung]). Die Massnahme als solche muss erforderlich und
notwendig sein (Bucher, a.a.O., N 127). Namentlich besteht der
Eingliederungsanspruch nur insoweit, als dies im Hinblick auf die erwerbliche Situation
nötig ist (Meyer/Reichmuth, a.a.O., Art. 8 N 20). Schliesslich muss die Massnahme in
2.2.
novies
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich und gesamtheitlich betrachtet angemessen (verhältnismässig im engeren Sinne)
sein. Sie muss unter anderem ein bestimmtes Mass an Eingliederungswirksamkeit
aufweisen und der angestrebte Eingliederungserfolg muss voraussichtlich von einer
gewissen Dauer sein (Meyer/Reichmuth, a.a.O., Art. 8 N 25).
Die versicherte Person hat Anspruch auf Umschulung auf eine neue
Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist und dadurch
die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann (Art. 17
Abs. 1 IVG). Zunächst setzt der Anspruch auf Umschulung voraus, dass die versicherte
Person wegen der Art und Schwere des Gesundheitsschadens im bisher ausgeübten
und in den für sie ohne zusätzliche berufliche Ausbildung offen stehenden zumutbaren
Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbseinbusse von
etwa 20 % erleidet, wobei es sich um einen blossen Richtwert handelt (BGE 139 V 403
E. 5.3; BGE 130 V 489 f., E. 4.2; Urteil des Bundesgerichts vom 15. Oktober 2015,
9C_511/2015, E. 3; vgl. auch Bundesamt für Sozialversicherungen [BSV],
Kreisschreiben über die Eingliederungsmassnahmen beruflicher Art [KSBE] vom
1. Januar 2014, Rz 4011). Die Verhältnismässigkeit ist nach objektiven
Gesichtspunkten zu beurteilen. Subjektive Neigungen, Fähigkeiten und Begabungen
allein vermögen keinen Umschulungsanspruch zu begründen (Urteile des
Bundesgerichts vom 13. Juli 2004, I 849/02, E. 2 und vom 5. März 2003, I 256/02,
E. 3.2.1; Meyer/Reichmuth, a.a.O., Art. 17 N 46). Die Umschulung hat die versicherte
Person in die Lage zu versetzen, eine ihrer früheren Tätigkeit annähernd gleichwertige
Erwerbstätigkeit auszuüben (vgl. dazu BGE 130 V 489 f., E. 4.2 und KSBE Rz 4010;
Bucher, a.a.O., N 729).
2.3.
Auch wenn es um Umschulung geht, hat der Arzt den Gesundheitszustand zu
diagnostizieren. Er hat zur Arbeitsunfähigkeit im erlernten oder im bisher ausgeübten
Beruf Stellung zu nehmen und sich darüber zu äussern, ob der Gesundheitszustand
eine Umschulung zulässt und, bejahendenfalls, welche Tätigkeiten hierbei aus
medizinischer Sicht in Betracht fallen (Meyer/Reichmuth, a.a.O., Art. 17 N 6).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne
einer Richtlinie ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten
von externen Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender
2.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Zunächst ist zu beurteilen, ob auf das polydisziplinäre Gutachten vom 16. Februar 2019
abgestellt werden kann. Namentlich die Beweistauglichkeit des psychiatrischen
Teilgutachtens wird bestritten.
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/
bb).
Gegenüber der psychiatrischen Gutachterin führte die Beschwerdeführerin aus, im
Alter von 12 Jahren sei sie während eines Jahres wegen einer durch Mobbing
entstandenen Depression behandelt worden (IV-act. 76-20). 2013 sei sie während eines
Jahres durch Dr. O._ wegen Depression behandelt worden. Nach ihrer Meinung sei
die Depression seit 2013 nie ganz weg gewesen; bei jedem Down habe sie jeweils den
Job gewechselt (IV-act. 76-21 f., 25). Sie habe lange versucht, im angestammten Beruf
zu arbeiten, was aber immer schon nach kurzer Zeit zu Depressionen geführt habe (IV-
act. 76-19). Das Hauptproblem sei eine bei Überforderung abends auftretende
Reizüberflutung, die sich durch intensiveres Erleben von Sinnesreizen äussere (lauteres
Hören, stärkeres Schmecken). Sie spüre gleichzeitig Angst, Überforderung und einen
Druck, den Anforderungen an sich selber nicht zu genügen und werte sich ab (IV-
act. 76-20). Durch die tagesklinische Behandlung habe sie gelernt, ihre Emotionen zu
kontrollieren. Zuvor habe sie Menschen in ihrem Umfeld "rabiat angebrüllt", was zu
Kontaktabbrüchen geführt habe. Das Verhältnis zu den Eltern und den beiden
Schwestern habe sich sehr verbessert. Sie sei mit ihren Problemen insoliert gewesen
und habe von zu Hause keine Hilfe bekommen (IV-act. 76-21 f., 25). Seit Herbst 2017
absolviere sie den Studiengang Soziale Arbeit FHS St. Gallen, Pensum 40 %. Um den
Lebensunterhalt zu verdienen, habe sie begonnen, in einem Café zu arbeiten. Nach
zwei Wochen habe sie unter verstärkten Rückenschmerzen und Reizüberflutung
gelitten und deshalb med. pract. B._ aufgesucht (IV-act. 76-23). Im sozialen Bereich
schätze sie ihre Arbeitsfähigkeit auf 100 % ein. Diese Tätigkeit bereite ihr Freude, sei
praktisch und beinhalte keine Schreibtischarbeit. Seit Januar 2019 habe sie eine Stelle
als Springerin 1:1-Betreuung und sofort wieder gespürt, dass dies das Richtige für sie
sei. Im KV sei sie nicht arbeitsfähig. Sie mache beim Bearbeiten von Excel-Tabellen
Fehler, isoliere sich, um dies zu vermeiden und werde neidisch auf andere Mitarbeiter,
die für ihre weniger fehlerhafte Arbeit gelobt würden (IV-act. 76-23).
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Gutachterin führte aus, die psychische Stabilität sei in der Regel nicht
eingeschränkt; bei Stress oder Druck beschreibe die Beschwerdeführerin aber
eindrücklich, wie Hilflosigkeit und Überforderung hochkämen und sich die Stimmung
zum Negativen hin verändere. Sie profitiere in solchen Situationen davon, gut sozial
eingebunden zu sein und sofort Hilfe holen zu können. Sie beruhige sich durch
persönliche Gespräche, Spaziergänge in der Natur, Meditation und andere
Entspannungsverfahren. Gemäss Mini-ICF-APP fänden sich keine Einschränkungen
(IV-act. 76-26 f.). Vom Aufenthalt in der Tagesklinik habe die Beschwerdeführerin
besonders profitieren können in der Hinsicht, dass alle vorher schwierigen bis
problematischen Verhaltensweisen aktuell im Alltag nicht mehr so aufträten, dass sich
ein erheblicher Leidensdruck daraus ergeben würde und sich die Beschwerdeführerin
auch beruflich neu orientiert habe (IV-act. 76-34). Die Beschwerdeführerin sei einerseits
kontaktfreudig, fröhlich, geniesse die Gesellschaft ihrer Familie, ihres Partners und ihrer
Freunde und halte zu allen engen Kontakt, den sie als kraft- und energiespendend
empfinde. Andererseits sei sie aber leicht irritierbar und schnell verunsichert in einem
Umfeld, in dem sie gefordert werde bzw. von ihr Leistung erwartet werde (Arbeitsplatz).
Die schnelle Verunsicherung und oft auch Überforderung führe zu sozialem Rückzug
und dem Versuch, durch gute bis sehr gute Leistung Lob und Anerkennung von
Vorgesetzten zu bekommen, um sich zu stabilisieren im Arbeitsumfeld. Erhalte sie die
Anerkennung nicht (im erwarteten Ausmass), folge eine Kette von negativen
Gedankenmustern mit Selbstabwertung und depressiver Verstimmung. Das
Arbeitsumfeld im sozialen Bereich stelle eine positive Erfahrung dar, weil in diesem
emotional oft sehr fordernden Umfeld dem Befinden des Einzelnen grosse Beachtung
geschenkt werde (IV-act. 76-31). Die während des Praktikums entgegengebrachte
Aufmerksamkeit habe sie als kraft- und energiespendend und die erwartete
Arbeitsleistung erstmals nicht als überfordernd erlebt (IV-act. 76-32). Der von der
Versicherten geschilderte Krankheitsverlauf, wonach es ihr bis zum Eintritt in die
Tagesklinik 2016 sehr schlecht ergangen und sie dort "skills" erlernt habe, die ihr
ermöglicht hätten, die Gefühle auf gesunde Art und Weise zu verarbeiten, sei für eine
Borderline-Persönlichkeitsstörung sehr ungewöhnlich, zumal die Versicherte erst 29
Jahre alt sei (IV-act. 76-34).
3.2.
Zu den bis zur Begutachtung insbesondere durch med. pract. B._ gestellten
Diagnosen äusserte sich die Gutachterin wie folgt: Die Borderline-
Persönlichkeitsstörung habe während der Exploration nicht verifiziert werden können.
Das berichtete rabiate, zu Beziehungsabbrüchen führende Verhalten sei nach dem
Erlernen entsprechender Verhaltensweisen in der Tagesklinik kein Problem mehr.
Andere für die Borderline-Persönlichkeitsstörung typische Verhaltensweisen hätten
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht eruiert oder beobachtet werden können (IV-act. 76-28; IV-act. 87). Die depressive
Symptomatik sei gemäss med. pract. B._ seit Beginn des Praktikums in der
Gassenküche am 1. September 2016 remittiert (IV-act. 87). Zur Diagnose eines ADHS
hielt sie im Wesentlichen fest, die Beschwerdeführerin habe die kaufmännische Lehre
und die Berufsmittelschule abgeschlossen und absolviere ein Fachhochschulstudium in
sozialer Arbeit. Dass sie bei der Büroarbeit zuviele Fehler gemacht habe, lasse sich
anhand der Arbeitszeugnisse nicht nachvollziehen. In der neuropsychologischen
Abklärung habe sich eine leichte kognitive Einschränkung gezeigt. Zudem bestehe die
Möglichkeit einer störungsspezifischen Therapie und/oder einem Coaching bei ADHS.
Es handle sich um eine leichte Störung ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 76-28 f.; IV-act. 87). Während der ganzen Exploration hätten sich weder spontan
geäusserte Symptome gefunden, die auf eine PTBS hinweisen könnten, noch seien
solche auf konkrete Nachfrage geäussert worden, auch nicht in Bezug auf sehr
belastende Lebenssituationen (zweifacher Suizidversuch der Mutter) und die
berichteten Mobbingerfahrungen während der Primarschulzeit und im ersten Lehrjahr
(IV-act. 76-30).
3.4.
Die Fachärztinnen der Tagesklinik des Psychiatriezentrums T._ hatten im
Anschluss an die dortige Therapie vom 11. April bis 29. Juli 2016 festgehalten, die Ver
sicherte habe vor dem Hintergrund vieler negativer Beziehungsfaktoren sowohl inner-
als auch ausserfamiliär, in denen sie in ihrer Person nicht gesehen und nicht anerkannt
worden sei, ein erhebliches Misstrauen, Ärger, und daraus folgend eine Nähe-
Distanzstörung mit dysfunktionalen Bewältigungsstrategien in Beziehungen entwickelt.
Dies habe zu einem deutlichen Leidensdruck geführt mit Störungen in der emotionalen
Spannungsregulation und zu rezidivierenden depressiven Krisen. Es sei ihr gelungen,
eigene dysfunktionale Verhaltensmuster in Beziehungen zu erkennen und zu mehr
Selbstverständnis und -akzeptanz zu kommen. Die Diagnosen einer rezidivierenden
depressiven Störung, gegenwärtig leichte Episode, ohne somatisches Syndrom
(ICD-10: F33.00) sowie einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom
Borderline-Typ (ICD-10: F60.3) wurden bestätigt, diejenigen eines ADHS und PTBS
wurden als Verdacht formuliert (Austrittsbericht vom 19. August 2016, IV-act. 100-10
ff.). Zwar lag der Gutachterin dieser Bericht nicht vor. Indes erwähnte med. pract. B._
die tagesklinische Therapie im Arztbericht vom 10. Januar 2018 (IV-act. 23-7). Ebenso
kam die Beschwerdeführerin selbst in der Beschwerde vom 15. April 2018 gegen die
Verfügung vom 14. März 2018 (IV-act. 36-5) und offenbar ausführlicher anlässlich der
Begutachtung darauf zu sprechen. Aus dem Bericht von med. pract. B._ vom
3.4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
10. Januar 2018 geht sodann ebenfalls hervor, dass die Beschwerdeführerin seit
Sommer 2016 bis zur Aufnahme der Arbeit im R._ und nach deren Aufgabe nicht
mehr an depressiven Symptomen gelitten habe und die Symptome des ADHS, der
emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung und der posttraumatischen
Belastungsstörung zwar weiterhin bestünden, aktuell jedoch nicht stark ausgeprägt
seien (vgl. IV-act. 23-3 f.). Die Gutachterin konnte somit auch ohne Kenntnis des
Austrittsberichts der Tagesklinik den wesentlichen Verlauf nachvollziehbar erfassen und
ihrer Beurteilung zugrunde legen und würdigte jedenfalls den Therapieerfolg in
nachvollziehbarer Weise (IV-act. 76-34). Weiter war sie nicht im Besitz des Berichtes
von med. pract. B._ an den Krankentaggeldversicherer vom 2. August 2016 (act. G
1.7). Dieser entspricht inhaltlich jedoch weitgehend dem Bericht vom 16. Februar 2016
an Hausarzt Dr. C._ (IV-act. 23-12 ff.). Im der Gutachterin nicht vorgelegenen Bericht
führte med. pract. B._ zusätzlich aus, wegen ihrer positiven Ausstrahlung könne die
Beschwerdeführerin gut Arbeiten durchführen, bei denen Teamarbeit und direkter
Kundenkontakt wichtig seien. Regelmässiger Kontakt zu Menschen sei wichtig. Es
sollte sich aber möglichst nicht um Arbeiten handeln, bei denen die
Beschwerdeführerin immer wieder ausgenutzt werden könne. Arbeiten, bei denen
Kreativität wichtig sei, seien sinnvoll (act. G 1.7). Eine positive Ausstrahlung und
Kreativität sind zwar für einen sozialen Beruf wichtig, stehen aber einer
kaufmännischen Arbeit nicht zwingend entgegen. Insofern ist der Bericht vom
2. August 2016 für die Beurteilung des Umschulungsanspruchs nicht relevant bzw.
enthält keine nicht anderweitig bekannten Tatsachen. Zusammenfassend ist der
Auffassung der Beschwerdegegnerin zu folgen, dass die genannten Berichte keine
Diagnosen oder wesentliche Tatsachen enthalten, welche der Gutachterin nicht durch
die ihr eigereichten Berichte oder durch Angaben der Beschwerdeführerin bekannt
waren. Der von med. pract. B._ geschilderte Verlauf stimmt mit der Beurteilung der
Gutachterin überein, wonach die depressive bzw. Borderline-Symptomatik remittiert sei
(IV-act. 76-28).
Im Zusammenhang mit dem ADHS führte die neuropsychologische Gutachterin
aus, aus rein neuropsychologischer Sicht sei ein Arbeitspensum von (90 %) bis 100 %
realistisch. Die kognitive Leistungsfähigkeit sei bei dem aktuellen Ausbildungsstand
entsprechenden Tätigkeiten leicht um etwa 10 % bis 30 % reduziert und starken
Schwankungen unterworfen. Die neurokognitiven Störungen dürften kompensierbar
sein, wenn die Versicherte nicht unter Zeitdruck arbeite, nicht mehrere Aufgaben
gleichzeitig bearbeiten müsse und immer wieder Anforderungswechsel vornehmen
könne. Bei komplexen Aufgaben und hohen Anforderungen an das Gedächtnis sollten
3.4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Coping-Strategien angewendet werden. Dies gelte im besonderen Ausmass für
klassische Bürotätigkeiten, werde aber auch an anderen Arbeitsplätzen erforderlich
sein. Prinzipiell sei eine Bürotätigkeit für von ADHS betroffene Personen eher
ungünstig, da hier punktgenau fehlerfreie Leistungen erbracht werden müssten und
dies meist in hohem Tempo. Ein Tätigkeitswechsel in einen sozialen Beruf erscheine
daher durchaus als sinnvoll. Jedoch würden bei allen anspruchsvolleren Tätigkeiten
geeignete Copingstrategien zu erarbeiten sein und Anpassungen bei der späteren
Auswahl des Arbeitsplatzes seien sinnvoll und notwendig (IV-act. 76-76). Die
psychiatrische Gutachterin und der gutachterliche Konsens gehen hingegen von einer
100 %-igen Arbeitsfähigkeit aus, was in Anbetracht der von der neuropsychologischen
Gutachterin angenommenen Kompensierbarkeit der Einschränkung einleuchtet. Die
psychiatrische Gutachterin führt im Wesentlichen an, es sei der Beschwerdeführerin
gelungen, die Berufsmatura zu erwerben und aktuell bewähre sie sich im Studium an
der Fachhochschule. Hierfür dürften Genauigkeit und Fehlerlosigkeit ebenso
vorauszusetzen sein wie in einer kaufmännischen Arbeit. Dass die Beschwerdeführerin
aufgrund mangelnder Konzentrationsfähigkeiten an bisherigen KV-Stellen gescheitert
sei, ist diskrepant zu den vorliegenden Arbeitszeugnissen. Auch wenn die
Beschwerdeführerin diese teilweise selbst verfasste, wurden sie von den jeweiligen
Vorgesetzten unterzeichnet, und es muss daher davon ausgegangen werden, dass sie
überwiegend wahrscheinlich mit der effektiven Leistung der Beschwerdeführerin
übereinstimmen.
Hinsichtlich der PTBS konnte die Gutachterin keine Symptome feststellen oder
erfragen, weshalb sie die Diagnose verneinte (IV-act. 76-30). Es trifft zu, dass der
Gutachterin die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten sexuellen Übergriffe
nicht bekannt waren. Die Beschwerdeführerin gab ihr gegenüber lediglich an, sie
konsultiere seit 2018 einmal wöchentlich eine Psychologin, weil sie sich bei einer Frau
wohler fühle (IV-act. 76-21). Die Übergriffe wurden erstmals im Einwand vom
30. September 2019 (IV-act. 100-1 ff.), dann in der Stellungnahme der
Beschwerdeführerin zum Gutachten (act. G 1.9) sowie in der Beschwerde vom
5. Dezember 2019 (act. G 1) erwähnt. Die Beschwerdeführerin führte in diesem
Zusammenhang aus, gegenüber anderen Fachpersonen habe sie die sexuellen
Übergriffe zum Schutz ihrer Persönlichkeit nicht erwähnt (act. G 1). Lic. phil. K._
berichtete am 14. November 2019, die Beschwerdeführerin sei seit Mai 2018 bei ihr in
Behandlung. Infolge sexueller Übergriffe bei ihrer Tätigkeit an zwei KV-Stellen sehe sie
die Beschwerdeführerin nicht mehr in einem Beruf im KV-Bereich, sondern viel mehr im
Bereich soziale Arbeit, wo sie sich wohl fühle und Wertschätzung erfahren könne
3.4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(act. G 1.9). Konkrete Auswirkungen der PTBS beschreibt die Psychologin nicht. Auch
in den Berichten von med. pract. B._ und der Tagesklinik werden keine konkreten
Symptome wie Albträume, ein andauerndes Gefühl von Betäubtsein oder von
emotionaler Stumpfheit erwähnt (vgl. IV-act. 76-29). Eine Dissimulation
schwerwiegenderer Symptome müsste den behandelnden Fachpersonen aufgefallen
sein. Zudem begann die Beschwerdeführerin die Therapie erst, nachdem sie bereits
erfolgreich das Praktikum absolviert und das Studium aufgenommen hatte. Mit dem
Bericht von lic. phil. K._ wird denn auch nicht explizit behauptet, dass aufgrund der
geltend gemachten Übergriffe und der dadurch (mit)verursachten PTBS eine Tätigkeit
im kaufmännischen Bereich nicht mehr zumutbar sei. Es erscheint denn auch nicht
plausibel, dass eine Triggerung an sämtlichen KV-Stellen - und nur an solchen -
möglich sein soll. Der Umstand, dass die Gutachterin von den Übergriffen keine
Kenntnis hatte, vermag somit ihre Beurteilung hinsichtlich der Zumutbarkeit einer
Tätigkeit im KV-Bereich nicht zu entkräften.
Nach dem Gesagten erweisen sich die diagnostischen Einschätzungen der
psychiatrischen Gutachterin als nachvollziehbar und beweistauglich, auch wenn sie
nicht im Besitze aller medizinischen Berichte war. Selbst wenn vom Vorliegen der von
med. pract. B._ gestellten Diagnosen und dem von ihm oder der
neuropsychologischen Gutachterin formulierten Belastungsprofil ausgegangen wird,
ergibt sich daraus nicht eine Einschränkung in sämtlichen kaufmännischen Tätigkeiten.
Gemäss med. pract. B._ sollte die Beschwerdeführerin keine Arbeiten durchführen,
bei der sie sich lange auf eine Sache konzentrieren müsse, vor allem, wenn diese
langweilig sei. Nicht angepasst seien Arbeiten, bei denen Geduld und Genauigkeit bzw.
Fehlerlosigkeit wichtig seien. Wegen des ADHS seien auch Tätigkeiten ungeeignet, die
wenig strukturiert seien und bei denen die Reizüberflutung gross sein könne. Der
Zeitdruck sollte nicht gross sein, es sollten nicht regelmässig Arbeitsspitzen auftreten
und es sollte sich nicht um Tätigkeiten handeln, bei denen die Beschwerdeführerin
gleichzeitig an mehrere Sachen denken oder mehrere Aufgaben ausführen müsse. Es
sollte sich eher um Arbeiten handeln, bei denen der "grössere Rahmen" vorgegeben
sei, innerhalb dessen sie die Arbeiten gut selber durchführen, organisieren und planen
könne. Flexibilität sollte möglichst nicht wichtig sein. Wegen der emotional-instabilen
Persönlichkeitsstörung seien Arbeiten, die immer wieder zu zwischenmenschlichen
Problemen oder berufsbedingter Kritik führen könnten sowie mit hoher Wichtigkeit von
Teamarbeit ungeeignet. Unproblematisch sei - im Gegensatz zum Kontakt mit
Vorgesetzten und Mitarbeitenden - der Kundenkontakt. Wegen der posttraumatischen
Belastungsstörung seien Arbeiten ausgeschlossen, bei denen sie immer wieder
beschimpft werde, mit Gewalt zu tun habe oder als Frau alleine mit Männern
3.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zusammenarbeite. Die aktuelle Tätigkeit (damals bei der V._ SA) sowie die erlernte
Tätigkeit im KV seien nicht leidensangepasst, weil die Beschwerdeführerin meistens im
Büro sitzen und sich länger auf eine Sache konzentrieren müsse, auch wenn sie diese
als langweilig empfinde. Daher sei aus medizinischer Sicht eine Umschulung sinnvoll
(Bericht med. pract. B._ vom 16. Februar 2016, IV-act. 23-17 f.; vgl. Bericht vom
10. Januar 2018, IV-act. 23-6). Ähnlich führte er im Bericht vom 10. Januar 2018 aus,
eine Arbeit im KV-Bereich sei aus psychiatrischer Sicht nicht angepasst, weil sie für die
Beschwerdeführerin zu langweilig sei und sie immer wieder Flüchtigkeitsfehler machen
könne. Die Arbeit bei der V._ SA sei auch deshalb nicht angepasst gewesen, weil das
zwischenmenschliche Umfeld nicht gut gewesen sei. Auch die Arbeit im Service, die
sie im Oktober 2017 ausgeführt habe, sei wegen zu grosser Reizüberflutung nicht
angepasst gewesen, da immer grosser Lärm, viele Leute und meistens Musik
vorhanden gewesen seien. Die Beschwerdeführerin könne eine Arbeit im KV oder
Service nicht mehr ausführen, sei jedoch in angepassten Arbeiten voll arbeitsfähig
(Bericht vom 10. Januar 2018, IV-act. 23-6 f.). Es gibt durchaus anspruchsvollere und
abwechslungsreichere Tätigkeiten in ablenkungs- und stressfreier Arbeitsumgebung,
bei denen sich die Beschwerdeführerin mit wenig Unterbrüchen und bei gewissen
Freiheiten in der Einteilung in eine Arbeit nach der anderen vertiefen kann, so etwa in
der Sachbearbeitung. Dass sie unter diesen Voraussetzungen zu ausreichender
Konzentration fähig ist, zeigt sich daran, dass sie im Studium erfolgreich ist und
insbesondere in den Zwischenprüfungen sehr gute Noten erzielt hat (vgl. IV-
act. 100-13). Es vermag nicht zu überzeugen, dass sie im Studium eine gute Leistung
erbringen kann, nicht hingegen in sie in angepassten Bürotätigkeiten. So konnten etwa
der Arbeit als Headhunterin und Recruiterin auch positive Seiten abgewonnen werden
(IV-act. 23-14, 18).
Der orthopädische Gutachter legte dar, die Beschwerdeführerin sei in den Jahren
2014 bis 2016 wegen gelegentlich auftretender schmerzhafter Bewegungslimitierung
der Halswirbelsäule bei gleichzeitigen paravertebralen zervikalen und parascapulären
Muskelverspannungen behandelt worden. Eine kernspintomographische Abklärung der
Halswirbelsäule im Jahre 2016 (vgl. IV-act. 51-2) habe keine nennenswerte
pathologischen Befunde ergeben. Er erhob bis auf leichte Verspannungen der
linksseitigen paravertebralen zervikalen Muskulatur und der parascapulären
Sehnenansätze sowie einer leichten Abflachung des Fusslängsgewölbes ohne
statische Auswirkungen keinen Befund, welcher sich in irgendeiner Weise auf die
Arbeitsfähigkeit auswirke (IV-act. 76-58 f.). Die Arbeitsfähigkeit schätze er als in
jeglicher Tätigkeit uneingeschränkt ein (IV-act. 76-60). Aufgrund der damals
vorliegenden Akten hatte RAD-Ärztin Dr. D._ am 18. Januar 2018 Stellung
3.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
genommen, trotz der chronischen Rückenschmerzen sei die Versicherte in der
angestammten Tätigkeit als kaufmännische Angestellte nicht in ihrer Arbeitsfähigkeit
eingeschränkt (IV-act. 25). Dr. F._, Facharzt für Allgemeinmedizin, hatte im Befund
Druckschmerz und Hartspann im Bereich der HWS und BWS festgehalten und ein
rezidivierendes zervikovertebrales Syndrom, insbesondere bei körperlicher Belastung,
diagnostiziert. Es bestünden starke Einschränkungen beim Einkauf und in der
Wohnungspflege (Arztbericht vom 13. Juli 2018). Dies deckt sich insoweit mit der
Beurteilung des orthopädischen Gutachters, als er keine Einschränkung bezüglich
sitzender Tätigkeiten und somit für Berufe im KV-Bereich attestierte. Auf das Gutachten
kann auch in somatischer orthopädischer Sicht abgestellt werden.
Zusammenfassend ist zwar davon auszugehen, dass das soziale Berufsfeld für die
Beschwerdeführerin unter Umständen geeigneter, ihren Einschränkungen besser
angepasst ist als eine kaufmännische Tätigkeit. Jedoch lässt sich nicht sagen, dass in
kaufmännischen Tätigkeiten generell eine Einschränkung besteht, nicht aber in sozialen
Berufen. Vielmehr richtet sich Arbeits- bzw. Leistungsfähigkeit nach den konkreten
Anforderungen an einem konkreten Arbeitsplatz. So hielt RAD-Arzt Dr. E._ in seiner
Stellungnahme vom 20. Februar 2018 fest, im Rahmen der Grundstörung einer
Persönlichkeitsproblematik seien die Einschränkungen primär nicht auf die Tätigkeit an
sich zu beziehen, sondern primär auf interaktionelle Muster und Kontextfaktoren. Je
nach Kontextfaktoren, spezifischer Arbeitsplatzsituation und lebenspraktischer
Umstände könne im Rahmen der Persönlichkeitsstörung eine Einschränkung der
Leistungsfähigkeit bestehen. Die Arbeitsfähigkeit sei letztlich von den
Rahmenbedingungen und den konkreten Arbeitsbedingungen im Zusammenhang mit
den Anforderungen und den zwischenmenschlichen Verhältnissen (Stressfaktoren)
abhängig. Unter anderem Arbeiten mit engen zwischenmenschlichen Kontakt seien als
eher ungünstig zu betrachten. Der kaufmännische Bereich biete ein sehr breites
Betätigungsfeld und sehr variable Arbeitsprofile. Diese Beurteilung falle in die
Zuständigkeit der Eingliederungsberatung bzw. der Berufsberatung (IV-act. 25-2).
Wenn auch die Umschulung zur Sozialarbeit von der Beschwerdeführerin als positiv
wahrgenommen wird und teilweise nachvollziehbar ist, dass ihr der neue Beruf aus
psychischer Sicht günstiger erscheint, ist der Berufswechsel aus
versicherungsmedizinischer Sicht nicht aufgrund eines Gesundheitsschadens
notwendig. Zu beachten ist auch, dass die Beschwerdeführerin bei ihrer Tätigkeit in der
Gassenküche sehr gute Arbeit leisten konnte und es dabei zweifellos zu vielen
anspruchsvollen zwischenmenschlichen Kontakten gekommen ist.
Eingliederungsberaterische Massnahmen fallen indes vorliegend nicht mehr in
3.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.