Decision ID: 5acb2276-c4c0-4bf5-84b0-a436586e50aa
Year: 2022
Language: de
Court: AG_SVWG
Chamber: AG_SVWG_002
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Gericht entnimmt den Akten:
1.
Mit Verfügung vom 22. September 2020 wurde A. von der
Steuerkommission Q. für das Jahr 2018 zu einem steuerbaren Einkommen
von CHF 286'300.00 (satzbestimmendes Einkommen CHF 286'300.00)
und zu einem steuerbaren Vermögen von CHF 0.00 (satzbestimmendes
Vermögen CHF 0.00) veranlagt.
2.
Gegen die Veranlagungsverfügung vom 22. September 2020 liess A. mit
Schreiben vom 19. Mai 2021 Einsprache erheben. Er beantragte, dass die
Einkünfte aus selbständiger Haupterwerbstätigkeit in S. zu veranlagen
seien und dass die Fahrtkosten für die unselbständige Erwerbstätigkeit bei
den Kantons- und Gemeindesteuern sowie der direkten Bundessteuern
abzuziehen seien.
3.
Mit Entscheid vom 30. März 2021 hiess die Steuerkommission Q. die
Einsprache teilweise gut, indem sie die Fahrtkosten von CHF 2'896.00 zum
Abzug zuliess. Da die Verfügung der direkten Bundessteuer noch nicht
eröffnet worden sei, wurde auf den diesbezüglichen Antrag nicht
eingetreten. Der Antrag bezüglich Geschäftssitz wurde abgewiesen. Das
steuerbare Einkommen wurde auf CHF 283'500.00 festgesetzt.
4.
Den Einspracheentscheid vom 30. März 2021 (Zustellung am 31. März
2021) zog A. mit Rekurs vom 7. Mai 2021 (Postaufgabe gleichentags) an
das Spezialverwaltungsgericht, Abteilung Steuern, weiter. Er stellte
folgende Anträge:
"Der Geschäftssitz für die Einkünfte aus selbständiger Haupterwerbstätigkeit ist in S. zu veranlagen. Das daraus resultierende steuerbare Einkommen aus selbständiger Haupterwerbstätigkeit für die Veranlagungsperiode 2018 für die Kantons- und Gemeindesteuern sowie die Direkte Bundessteuer im Umfang von CHF 157'100 ist dementsprechend in den Kanton Y. gemäss den Grundsätzen der interkantonalen Doppelbesteuerung auszuscheiden,
Eventualiter: Sofern dem obenstehenden Antrag nicht gutgeheissen werden kann, wird beantragt in der Zeitspanne vom 15. August 2018 (ab in Kraft treten des Mietvertrags – vgl. Beilage 1) bis 31. Dezember 2018 einen feste Geschäftseinrichtung in S. zu begründen. Demnach ist gemäss Umsatzverbuchung aufgrund der effektiven Honorarrechnungen (Beilage 2) das anteilige steuerbare Einkommen aus selbständiger Haupterwerbstätigkeit für die Periode vom 15. August 2018 – 31. Dezember 2018 für die Kantons- und Gemeindesteuern sowie die Direkte Bundessteuer im Umfang von CHF 104'402 in den Kanton Y.
- 3 -
gemäss den Grundsätzen der interkantonalen Doppelbesteuerung auszuscheiden."
Auf die Begründung wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
5.
Das Gemeindesteueramt Q. und das Kantonale Steueramt beantragen die
Abweisung des Rekurses.
6.
A. hat eine Replik erstattet.
7.
Das Spezialverwaltungsgericht hat beim Gemeindesteueramt Q. weitere
Abklärungen getroffen (Telefonnotiz vom 20. Juli 2022).
8.
Aufforderungsgemäss reichte der Rekurrent mit Schreiben vom
6. September 2022 weitere Unterlagen ein.
- 4 -

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
Der vorliegende Rekurs betrifft die Kantons- und Gemeindesteuern 2018.
Massgebend für die Beurteilung ist das Steuergesetz vom 15. Dezember
1998 (StG) und die Verordnung zum Steuergesetz vom 11. September
2000 (StGV).
2.
Mit dem Rekurs vom 7. Mai 2021 wurde beantragt, die Steuerausscheidung
zugunsten des Kantons Y. auch bezüglich direkter Bundessteuer
vorzunehmen. Die Veranlagungsverfügung der direkten Bundessteuer
wurde noch nicht eröffnet (Telefonnotiz vom 20. Juli 2022). Es liegt kein
Anfechtungsobjekt vor, weswegen auf diesen Antrag nicht einzutreten ist.
3.
Im Rekurs beantragt der Rekurrent die Steuerausscheidung mit dem
Kanton Y.. Die Abzüge aus Fahrtkosten sind weder beantragt noch
begründet und wurden dementsprechend nicht angefochten (vgl. § 196
Abs. 2 StG). Nachfolgend ist deshalb ausschliesslich die Feststellung des
Spezialsteuerdomizils zu behandeln.
4.
Der Rekurrent hatte per 31. Dezember 2018 seinen Wohnsitz in Q. Der
steuerrechtliche Wohnsitz des Rekurrenten und damit sein Hauptsteuer-
domizil befand sich im Steuerjahr 2018 unbestrittenermassen in Q.
Umstritten ist hingegen die Frage, ob im Jahr 2018 ein Nebensteuerdomizil
des Rekurrenten (Spezialsteuerdomizil am Geschäftsort) in S. im Kanton
Y. bestand.
5.
5.1.
Eine gegen Art. 127 Abs. 3 BV verstossende Doppelbesteuerung liegt vor,
wenn eine steuerpflichtige Person von zwei oder mehreren Kantonen für
das gleiche Steuerobjekt und für die gleiche Zeit zu Steuern herangezogen
wird (aktuelle Doppelbesteuerung) oder wenn ein Kanton in Verletzung der
geltenden Kollisionsnormen seine Steuerhoheit überschreitet oder eine
Steuer erhebt, die einem anderen Kanton zusteht (virtuelle Doppelbesteu-
erung). Ausserdem darf ein Kanton eine steuerpflichtige Person grundsätz-
lich nicht deshalb stärker belasten, weil sie nicht in vollem Umfang seiner
Steuerhoheit untersteht, sondern zufolge ihrer territorialen Beziehungen
auch noch in einem anderen Kanton steuerpflichtig ist (Schlechterstellungs-
verbot; BGE 130 I 409).
- 5 -
5.2.
Mit der Besteuerung des Einkommens des Rekurrenten aus selbständiger
Erwerbstätigkeit durch die Kantone Y. (S.) und Aargau (Q.) für das
Steuerjahr 2018 droht eine Doppelbesteuerung. Es ist nachfolgend zu prü-
fen, welcher Steuerhoheit das Einkommen aus der selbständigen Erwerbs-
tätigkeit und das Geschäftsvermögen aus der Einzelunternehmung C.
unterliegen (vgl. Erw. 4).
6.
6.1.
6.1.1.
Natürliche Personen sind auf Grund persönlicher Zugehörigkeit im Kanton
Aargau steuerpflichtig, wenn sich ihr steuerrechtlicher Wohnsitz und damit
ihr Hauptsteuerdomizil im Kanton befindet (§ 16 Abs. 1 StG). Bei einer per-
sönlichen Zugehörigkeit ist die Steuerpflicht im Kanton Aargau grundsätz-
lich unbeschränkt. Sie erstreckt sich jedoch nicht auf Grundstücke, Ge-
schäftsbetriebe und Betriebsstätten ausserhalb des Kantons (§ 18 Abs. 1
StG).
6.1.2.
Das Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit, welches in einem Ge-
schäftsbetrieb oder einer Betriebsstätte ausserhalb des Wohnsitzkantons
erzielt wird und das dieser Tätigkeit dienende bewegliche Vermögen sind
nach der Rechtsprechung am Geschäftsort zu versteuern. Eine Nieder-
lassung ausserhalb des Wohnsitzkantons kann allerdings nicht schon
aufgrund einer formalen Erklärung (z.B. durch einen Handelsregisterein-
trag, einen Briefkasten oder gar ein Postfach) angenommen werden. Viel-
mehr muss sich die dortige Tätigkeit in ständigen körperlichen Anlagen und
Einrichtungen entfalten, welche aber nicht im Eigentum des Inhabers zu
stehen brauchen. Eine Geschäftsniederlassung wird verneint, wenn sie den
wirklichen Verhältnissen nicht entspricht und als künstlich geschaffen er-
scheint.
Wird ein solches Spezialsteuerdomizil geltend gemacht, so fordert die Pra-
xis weiter, dass sich die Erwerbstätigkeit hauptsächlich am Geschäftsort
abspielt. Bei Tätigkeiten, die ihrer Natur nach nicht überwiegend von an
sich vorhandenen ständigen Anlagen und Einrichtungen aus erbracht wer-
den, sondern dezentral bei diversen Kunden bzw. Abnehmern, kann es
nicht darauf ankommen, wo diese wohnhaft bzw. domiziliert sind. Es ge-
nügt, dass die übrigen Tätigkeiten (z.B. Vorbereitungs- sowie administra-
tive Arbeiten, Akquisition, Weiterbildung, Korrespondenz und Fakturierung,
Buchhaltung) vorwiegend am Geschäftsort ausgeübt werden (vgl. zum
Ganzen: BGE 121 I 259; Bundesgerichtsurteil vom 4. März 2009 [2C_770/
2008]; Bundesgerichtsurteil vom 4. März 2009 [2C_667/2008]; StE 2004
A 24.31 Nr. 1; ASA 57 S. 582).
- 6 -
6.1.3.
Das Spezialsteuerdomizil des Geschäftsortes ist vom sekundären Steu-
erdomizil der Betriebsstätte zu unterscheiden. Eine Betriebsstätte liegt bei
natürlichen Personen nur dann vor, wenn im Verhältnis zu einem bestehen-
den Nebensteuerdomizil am Geschäftsort ein sekundäres Steuerdomizil
begründet wird (Ernst Höhn/Peter Mäusli, Interkantonales Steuerrecht,
4. Auflage, Bern/Stuttgart/Wien 2000, § 9 N 10). Eine solche setzt ständige
körperliche Anlagen oder Einrichtungen an einem Ort voraus, wo sich ein
qualitativ und quantitativ wesentlicher Teil des technischen und kommerzi-
ellen Betriebs des Unternehmens vollzieht. Während also bei der Betriebs-
stätte quantitative (und qualitative) Überlegungen anzustellen sind, geht es
beim Spezialsteuerdomizil des Geschäftsortes darum, wo sich der Mittel-
punkt eines geschäftlichen Betriebes befindet. Entsprechend ist bei Vorlie-
gen eines Geschäftsorts ausserhalb des Wohnsitzkantons – soweit nicht
zusätzlich eine Betriebsstätte besteht – das gesamte Einkommen aus
selbstständiger Erwerbstätigkeit und Geschäftsvermögen am Geschäftsort
steuerbar. Wenn kein solcher zu lokalisieren ist, sind Erwerbseinkommen
und -vermögen am Hauptsteuerdomizil steuerbar (vgl. BGE 134 I 303; Bun-
desgerichtsurteil vom 4. März 2009 [2C_770/2008]; Bundesgerichtsurteil
vom 4. März 2009 [2C_667/2008]; ASA 57 582).
6.2.
6.2.1.
Im Veranlagungsverfahren gilt die Untersuchungsmaxime (§ 190 Abs. 1
StG). Die Steuerbehörden haben den gesamten Sachverhalt zu untersu-
chen, einschliesslich Tatsachen, die sich zugunsten des Steuerpflichtigen
auswirken. Die Steuerbehörden tragen also für sämtliche relevanten Tat-
sachen die sogenannte Beweisführungs- oder subjektive Beweislast. Der
Untersuchungspflicht der Steuerbehörde stehen allerdings Mitwirkungs-
pflichten der Steuerpflichtigen gegenüber. Verletzt der Steuerpflichtige
seine Mitwirkungspflichten, kann dieses Verhalten ein Indiz für oder gegen
die Verwirklichung einer steuerrelevanten Tatsache bilden (Bundesge-
richtsurteil vom 18. Juni 2020 [2C_247/2020]). Der Steuerpflichtige ist zur
Mitwirkung und namentlich zu umfassender Auskunftserteilung über die für
die Besteuerung massgebenden Umstände verpflichtet. Dass eine Wohn-
sitzverlegung stattgefunden hat, ist somit im Rahmen seiner Mitwirkungs-
pflicht darzulegen. Dazu gehört nicht nur die endgültige Lösung der Verbin-
dungen zum bisherigen Wohnsitz, sondern auch die Darstellung der Um-
stände, welche zur Begründung des neuen Wohnsitzes geführt haben
(Bundesgerichtsurteil vom 18. Januar 2011 [2C_472/2010]).
Grundsätzlich haben die Behörden den Sachverhalt so abzuklären, dass
sie von den relevanten Tatsachen "voll überzeugt" sind (sog. Regelbeweis-
mass). Es bedarf aber keiner absoluten Gewissheit, sondern genügt, wenn
die Steuer- bzw. die Steuerjustizbehörde nach erfolgter Beweiswürdigung
und aufgrund objektiver Gesichtspunkte mit "an Sicherheit grenzender
- 7 -
Wahrscheinlichkeit" vom Vorliegen einer relevanten Tatsache überzeugt
ist. Es ist zulässig und oft notwendig, dass sich die Behörden in ihrer Be-
weiswürdigung auch auf Indizien stützen und daraus Schlüsse auf rele-
vante Tatsachen ziehen (sog. natürliche Vermutungen). Wenn die Steuer-
behörde eine relevante Tatsache nicht mit verhältnismässigem Aufwand
direkt feststellen kann, aber ein oder mehrere Indizien ihre Verwirklichung
mit hinreichender Gewissheit vermuten lassen, steht es dem Steuerpflich-
tigen frei, diese natürliche Vermutung zu entkräften, indem er das oder die
Indizien (Vermutungsbasis), die relevante Tatsache (Vermutungsfolge)
oder allenfalls auch den Erfahrungssatz, der diese beiden verbindet, wider-
legt (sog. Gegenbeweis).
Erst wenn eine relevante Tatsache trotz allen zumutbaren Aufwands be-
weislos bleibt, stellt sich die Frage nach der objektiven Beweislast. Dabei
gilt auch im öffentlichen Recht der Grundsatz, wonach derjenige die (ob-
jektive) Beweislast für eine Tatsache trägt, der aus ihr Rechte ableitet
(Art. 8 ZGB analog; vgl. BGE 142 II 433 E. 3.2.6.). Im Steuerrecht hat die
Praxis diesen Grundsatz dahingehend konkretisiert, dass steuerbegrün-
dende und -erhöhende Tatsachen von der Steuerbehörde, steueraus-
schliessende und -mindernde Tatsachen vom Steuerpflichtigen nachzuwei-
sen sind (BGE 144 II 427 E. 8.3.1.). Die Umstände, die annehmen lassen,
der Steuerpflichtige habe seinen Lebensmittelpunkt im Kantons- bzw. Ge-
meindegebiet, sind steuerbegründend. Können sie weder direkt noch mit-
tels natürlicher Vermutungen bewiesen werden, ist zulasten des Fiskus da-
von auszugehen, dass sie sich nicht verwirklicht haben (vgl. zum Ganzen:
Bundesgerichtsurteil vom 5. August 2021 [2C_41/2021] mit weiteren Hin-
weisen).
6.2.2.
Diese für die Verlegung des Wohnsitzes ausgearbeitete Rechtsprechung
des Bundesgerichts kann in beweisrechtlicher Hinsicht analog auch für die
Feststellung des Geschäftsortes angewandt werden.
6.2.3.
Der Rekurrent liess per tt.mm. 2018 die Einzelunternehmung C. ins
Handelsregister des Kantons Y. eintragen (gelöscht am tt.mm. 2019). Die
Vorinstanz akzeptierte den Geschäftssitz in S. nicht.
Der Rekurrent macht geltend, es sei aufgrund des im Kanton Y.
begründeten Spezialsteuerdomizils eine Steuerausscheidung vorzu-
nehmen.
Die Steuerbehörde hat nach dem Gesagten der Untersuchungspflicht
betreffend Sitzbegründung nach Y. nachzukommen, wobei der Rekurrent
seinen Mitwirkungspflichten Folge zu leisten hat.
- 8 -
7.
7.1.
Der Rekurrent ist Inhaber der Einzelunternehmung C., welche am tt.mm.
2018 in das Handelsregister des Kantons Y. eingetragen und am tt.mm.
2019 gelöscht wurde. Der Sitz der C. war zu Beginn an der X-Strasse 53
(c/o D. AG) in S., später an der X-Strasse 51 (per tt.mm. 2018). Gemäss
Eintrag im Handelsregister hatte die Einzelunternehmung folgenden
Zweck:
"..."
Der Rekurrent führt aus, er habe in den Räumlichkeiten der D. AG in S.
über ein Büro verfügt, das exklusiv ihm zur Verfügung gestanden habe.
Über die Hälfte der Stunden seiner Tätigkeit habe er im Büro in S.
gearbeitet, das sei aus der eingereichten Aufstellung ersichtlich. Die
Mietkosten seien reduziert worden, da aufgrund der langjährigen
Zusammenarbeit für beide Parteien eine win-win-Situation vorgelegen
habe. Aufgrund der Büromiete bei der D. AG habe der Rekurrent Aufträge
gewinnen und damit die D. AG für spezifische Dienstleistungen
beauftragen können.
7.2.
Die Steuerkommission Q. geht ebenso von einer selbständigen
Erwerbstätigkeit aus. Jedoch ist sie der Ansicht, der Geschäftssitz der C.
sei in Q.. Der Büroraum in S. habe nicht exklusiv dem Rekurrenten zur
Verfügung gestanden. Die Anwesenheitsliste sei unglaubwürdig, da
gemäss dieser bereits ab März 2018 dort gearbeitet worden sein soll, der
Mietvertrag jedoch erst Mitte August 2018 geschlossen worden sei. Diverse
Rechnungen seien an die Adresse in Q. geschickt worden. Ausserdem sei
die Präsenz des Rekurrenten in S. nicht nötig gewesen, da die Post, der
Empfang und der Telefondienst von der D. AG erledigt worden seien.
8.
8.1.
Vorab ist festzuhalten, dass allein aus der Eintragung der Einzelfirma in das
Handelsregister des Kantons Y. sich gestützt auf die bundesgerichtliche
Rechtsprechung keine Geschäftsniederlassung in S. ableiten lässt. In
steuerlicher Hinsicht wird das Spezialsteuerdomizil nicht mit dem
Handelsregistereintrag begründet. Die Eintragung ist eine rein formale
Erklärung mit deklaratorischer Wirkung (ASA 57 582, E. 4b).
8.2.
Der Rekurrent behauptet, dass er über die Hälfte der Arbeitsstunden im
Büro in S. erledigt habe. Vom Rest habe er etwa die Hälfte zuhause und
die andere Hälfte bei Kunden gearbeitet.
- 9 -
Dass die Arbeit des Rekurrenten ortsungebunden erfolgen kann, ist
glaubhaft. Nichtsdestotrotz ist zu prüfen, ob der Rekurrent am behaupteten
Geschäftsort in S. über ständige körperliche Anlagen und Einrichtungen
verfügte und ob – neben der Tätigkeit bei den Kunden – die übrigen
Tätigkeiten (administrative Arbeiten, Akquisition, Korrespondenz etc.) dort
ausgeübt wurden.
8.3.
8.3.1.
Bezüglich der verlangten festen Einrichtung kommen eigene (gemietete
oder im Eigentum stehende) Räume mit Geschäftseinrichtungen in Frage.
Vorliegend hat der Rekurrent mit der D. AG per 15. August 2018 einen
Untermietvertrag über einen möblierten Büroarbeitsplatz zur Mitbenutzung
an der X-Strasse 53 in S. abgeschlossen. Die D. AG hat eine Niederlassung
an dieser Adresse. Der Mietzins betrug CHF 4'000.00 pro Jahr (zzgl.
MWST). Die Raumnebenkosten waren im Mietzins inklusive. Über die
Beschaffenheit und Grösse des gemieteten Arbeitsplatzes geht nichts aus
dem Mietvertrag hervor. Auch dem aufgelegten Büroplan können keine
weiteren Angaben entnommen werden. Auf dem Foto sind ein Schreibtisch,
zwei Bürostühle, ein runder Besprechungstisch mit drei Stühlen, ein
Sideboard und eine Fensterbank zu sehen.
8.3.2.
Aufgrund des Fotos und der Angaben des Rekurrenten könnte die
Benützung des Arbeitsplatzes eine Tätigkeit in ständigen körperlichen
Anlagen erlauben. Fraglich ist, ob der Arbeitsplatz tatsächlich dem
Rekurrenten exklusiv zur Verfügung stand. Wie die Vorinstanz richtig
ausführt, stand gemäss Mietvertrag dem Rekurrenten der Arbeitsplatz nicht
exklusiv zur Verfügung. Die D. AG bestätigt jedoch in Abweichung von der
vertraglichen Regelung in ihrem Schreiben vom 6. Mai 2021, dass der
Büroraum im Zeitraum 15. August 2018 bis 31. Dezember 2018
ausschliesslich vom Rekurrenten benutzt wurde (Rekursbeilage 9).
8.3.3.
Gemäss Buchhaltung kaufte der Rekurrent "Bildschirme und
Dockingstation" (Konto 15201) und einen Drucker (Konto 20002). Gemäss
den dazugehörigen Buchhaltungsbelegen wurden diese Arbeitsutensilien
nach S. geliefert. Auf dem Foto des Büros sind jedoch weder Bildschirme,
noch eine Dockingstation oder der Drucker zu erkennen.
8.3.4.
Der Mietzins für den Büroraum ist mit CHF 333.00 pro Monat (exkl. MWST)
sehr tief. Das Spezialverwaltungsgericht hat mehrfach entschieden, dass
eine geringe Miete bei gemeinschaftlicher Büro(mit)benützung und eine
ungenügende Infrastruktur gegen einen Geschäftsort sprechen (statt vieler
RGE vom 28. April 2011 [3-RV.2010.101] m.w.H.). Der Umstand des tiefen
- 10 -
Mietzinses kann für die Verneinung eines Geschäftsdomizils aber nicht
allein ausschlaggebend sein. Massgebend sind sämtliche Umstände im
Einzelfall (vgl. VGE vom 29. Mai 2008 [WBE.2007.124]).
8.3.5.
Trotz des sehr tiefen Mietzinses ist, insbesondere aufgrund der Bestätigung
der D. AG und von Kunden (Rekursbeilagen 8 und 9), vom Bestehen
ständiger körperlichen Anlagen in S. auszugehen.
8.4.
8.4.1.
Als weitere Voraussetzung wird verlangt, dass die übrigen Tätigkeiten, die
nicht bei den Kunden vorgenommen werden, zur Hauptsache
(Geschäftsort) oder zumindest zu einem qualitativ und quantitativ
wesentlichen Teil (Betriebsstätte) in den ständigen körperlichen Anlagen in
S. betrieben wurde, und sich ein dortiges Nebensteuerdomizil ergibt.
8.4.2.
Die aufgelegten Rechnungen, auf denen der Rekurrent bzw. seine
Einzelunternehmung als Gläubiger oder als Schuldner auftritt, führen fast
ausschliesslich die X-Strasse 51 bzw. 53 in S. als Geschäftsadresse auf.
Die Vorinstanz stellte indessen fest, dass die Nespressokapseln an die
Privatadresse in Q. geliefert wurden. Auch die Rechnungen der Avia sind
an die Privatadresse des Rekurrenten adressiert (vgl. Buchhaltungsbelege
61, 123, 184, 239, 277, 328). Die Kundengeschenke wurden ebenso nach
Q. geliefert (Buchhaltungsbeleg 238). Auch die Rechnungen der Swisscom
sind an die Privatadresse des Rekurrenten adressiert (vgl.
Buchhaltungsbelege 92-96, 125, 126). Der Sonos Lautsprecher wurde
ebenso nach Q. geliefert (Beleg 069). Daraus ist klar ersichtlich, dass
geschäftliche (administrative) Tätigkeiten in Q. stattfanden.
8.4.3.
Der Rekurrent legt eine Stundenliste auf, in welcher er aufführt, an welchem
Tag, wie lange und an welchem Ort er für welches Mandat gearbeitet habe
(Rekursbeilage 10). Die Daten der aufgelegten Bestätigungen dreier
Geschäftskunden (Rekursbeilage 8) stimmen mit der Stundenliste überein.
Auch die D. AG bestätigt in ihrem Schreiben vom 6. Mai 2021, dass die
Büroräumlichkeiten im Zeitraum vom 15. August 2018 bis 31. Dezember
2018 regelmässig vom Rekurrenten benutzt worden seien (Rekursbeilage
9).
Ausserdem haben Stichproben ergeben, dass die aufgelisteten Arbeitsorte
zum allergrössten Teil mit den Ortschaften der Spesenbelege
übereinstimmen. Eine Ausnahme ist allerdings der 7. November 2018:
Gemäss der Stundenliste soll der Rekurrent an diesem Tag 11.75 Stunden
- 11 -
in S. gearbeitet haben. Es finden sich aber Spesenbelege, wonach er das
Mittagessen und das Nachtessen in T. bzw. U. eingenommen hat
(Buchhaltungsbelege 313, 314 und 278).
Trotz den Übereinstimmungen in den unterschiedlichen Belegen ist
festzuhalten, dass sowohl die Auflistung als auch die Bestätigungen der
Geschäftskunden und das Schreiben der D. als Parteibehauptung bzw.
Gefälligkeitsbestätigungen zu werten sind. Dass aber die Spesenbelege
mit der Stundenliste übereinstimmen bzw. die Stundenliste bestätigen,
teilweise spricht für die Behauptung des Rekurrenten.
8.4.4.
In der Buchhaltung finden sich nur wenige Belege aus dem Raum S.. Aus
der Buchhaltung ergeben sich deshalb keine direkten Hinweise auf
vermehrte Aufenthalte in S. ab August 2018.
Den aufgelegten Bankkonto- und Kreditkartenauszügen kann entnommen
werden, dass der Rekurrent im Raum S. vor allem in der Migros eingekauft
und regelmässig den Coiffeur besucht hat. Aufgrund der hohen Beträge ist
davon auszugehen, dass es sich bei den Migroseinkäufen meist um
Wocheneinkäufe handelte. Die Grosseinkäufe erfolgten jedoch schon vor
der Anmietung des Büros in S.. Betragsmässig kleinere (Lebens-
mittel-)einkäufe wurden meist im Volg in Q. oder im Coop V. getätigt.
Durchaus möglich ist, dass der Rekurrent auf dem Weg von Q. nach S. das
Mittagessen in Q. oder V. gekauft haben könnte. Dies würde erklären,
weshalb keine kleineren Transaktionen in S. auf den Auszügen ersichtlich
sind. Festzuhalten ist allerdings, dass regelmässige Mittagessen, Einkäufe
oder ähnliche Handlungen, die auf einen regelmässigen Aufenthalt in S.
und die dortige Geschäftstätigkeit schliessen lassen würden, nicht
unmittelbar aus den Belegen ersichtlich sind.
8.4.5.
Obwohl im Raum S. keine kleineren Transaktionen aus den aufgelegten
Bankkonto- und Kreditkartenauszügen ersichtlich sind, ist
zusammenfassend festzuhalten, dass die Kundenbestätigungen und die
Spesenbelege der Buchhaltung die vom Rekurrenten aufgelegte
Stundenliste bestätigen, was für die Erledigung von Arbeiten in S. spricht.
Dies wird zusätzlich durch das Schreiben der D. AG bestätigt
(Rekursbeilage 9).
8.5.
8.5.1.
Gemäss eigenen Angaben und der Stundenliste (Rekursbeilage 10)
arbeitete der Rekurrent dennoch rund 250 Stunden von Q. aus. Auch
weisen die Buchhaltungsbelege teilweise einen klaren Bezug zu Q. auf (vgl.
oben Erw. 8.4.2.).
- 12 -
8.5.2.
Beim Eigenheim des Rekurrenten an der Y-Strasse 5 in Q. handelt es sich
um ein Haus mit 6.5 Zimmern. Der dem Spezialverwaltungsgericht
eingereichte Grundrissplan zeigt im ersten Obergeschoss unter anderem
ein mit "Büro" beschriftetes Zimmer (13.55 m2). Es ist davon auszugehen,
dass der Rekurrent in seinem Wohnhaus in Q. über ein voll eingerichtetes
Büro verfügte und ihm damit für die 250 Stunden in Q. eine feste
Infrastruktur zur Verfügung stand.
8.6.
Demnach ist festzuhalten, dass ausweislich den vorliegenden Unterlagen
und entgegen den Aussagen des Rekurrenten keine ausschliesslich von S.
aus erfolgte Tätigkeit des Einzelunternehmens C. bestätigt wird. Es ist
deshalb von einer wesentlichen Tätigkeit in Q. und S. in eigenen Räumlich-
keiten auszugehen.
9.
9.1.
Es stellt sich damit zuletzt die Frage, in welchem Umfang die Tätigkeit im
Rahmen des Einzelunternehmens C. in S. ausgeübt wurde.
Aufgrund der detaillierten Stundenliste (Rekursbeilage 10) ist von einer
Präsenz des Rekurrenten in S. von etwa 50 % der Arbeitszeit auszugehen.
Die restlichen Stunden arbeitete er in Q. (ca. 250 Stunden) und auswärts
bei Kunden. Der Rekurrent verbrachte also rund einen Viertel der
Arbeitszeit auswärts (bei Kunden), grossmehrheitlich in W. und X.. Es ist
dementsprechend davon auszugehen, dass der Rekurrent zu diesen
Terminen direkt von Q. losgefahren ist. Die Arbeitszeit der Auswärtstermine
ist deshalb ganz überwiegend dem Standort Q. zuzurechnen.
9.2.
Daraus ergibt sich, dass 50 % des Gewinns des Einzelunternehmens dem
Kanton Y. zur Besteuerung zuzuweisen sind. In diesem Umfang hat der
Kanton Aargau seine Steuerhoheit überschritten und ist das Haupt-
begehren gutzuheissen.
9.3.
Das Eventualbegehren wird dadurch hinfällig. Es ist auf dieses nicht weiter
einzugehen.
10.
10.1.
Damit ist der Rekurs teilweise gutzuheissen, soweit darauf einzutreten ist.
Die Steuerkommission Q. ist anzuweisen, die Steuerausscheidung im
Sinne der Erwägungen vorzunehmen.
- 13 -
10.2.
Eine Minderheit des Gerichtes hätte den Rekurs abgewiesen und wäre von
der vollständigen Besteuerung des Einkommens aus selbständiger
Erwerbstätigkeit im Kanton Aargau ausgegangen.
11.
11.1.
Gemessen an seinem Antrag obsiegt der Rekurrent zu 50 %. Er hat daher
50 % der Kosten des Rekursverfahrens zu tragen (§ 189 Abs. 1 StG).
11.2.
Dem im Rekursverfahren nicht vertretenen Rekurrenten ist keine
Parteientschädigung auszurichten (§ 189 Abs. 2 StG).
- 14 -