Decision ID: f091dbd0-b29e-5d72-a4cb-475e7ac261e3
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die am (...) 1972 geborene, aktuell in Frankreich wohnhafte, schwei-
zerische Staatsangehörige A._ (nachfolgend: Versicherte oder Be-
schwerdeführerin) war in den Jahren von 1990 bis 2011 bei verschiedenen
Arbeitgebern in der Schweiz erwerbstätig und leistete Beiträge an die
schweizerische Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
(AHV/IV; Akten der Vorinstanz [act.] 41). Zuletzt war sie als Grenzgängerin
beim Amt B._ als Personalberaterin (...) mit einem Pensum von
100 % angestellt (act. 40). Am 27. November 2012 meldete sich die Versi-
cherte bei der IV-Stelle des Kantons C._ zum Bezug von Leistun-
gen der IV an. Als gesundheitliche Beeinträchtigungen gab sie chronische
Erschöpfung, Kopfschmerzen und Schlafstörungen an (act. 31).
A.b Nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens wies die IV-Stelle für
Versicherte im Ausland (nachfolgend: IVSTA oder Vorinstanz) das Leis-
tungsbegehren mit Verfügung vom 22. Juni 2018 ab (vgl. act. 226, 228,
233, 247 S. 4 ff.).
B.
B.a Gegen die Verfügung der IVSTA vom 22. Juni 2018 erhob die Versi-
cherte mit Eingabe vom 20. August 2018 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht. Sie beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die Ausrichtung einer ganzen Invalidenrente ab November 2013; even-
tualiter die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Einholung ei-
nes gerichtlichen Obergutachtens zur Klärung ihres Gesundheitszustands;
subeventualiter die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz zur neuen umfassenden Begutach-
tung. Ferner ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
(BVGer act. 1).
B.b Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 14. November
2018 unter Verweis auf die bei der IV-Stelle des Kantons C._ ein-
geholte Stellungnahme vom 9. November 2018 die Abweisung der Be-
schwerde (BVGer act. 9).
B.c Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde mit Zwischenver-
fügung vom 4. Januar 2019 abgewiesen. Infolgedessen wurde die Be-
schwerdeführerin aufgefordert, einen Kostenvorschuss in der Höhe von
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Fr. 800.– bis zum 5. Februar 2019 zugunsten der Gerichtskasse zu über-
weisen (BVGer act. 14). Der einverlangte Kostenvorschuss ging am
1. Februar 2019 in der Gerichtskasse ein (BVGer act. 18).
B.d Die Beschwerdeführerin ersuchte mit Eingabe vom 5. Februar 2019
um Wiedererwägung des Entscheids betreffend unentgeltliche Rechts-
pflege (BVGer act. 19). Mit Zwischenverfügung vom 8. Februar 2019
wurde auf das Wiedererwägungsgesuch nicht eingetreten (BVGer act. 20).
B.e Mit Replik vom 14. Februar 2019 hielt die Beschwerdeführerin an ihren
Rechtsbegehren fest (BVGer act. 21).
B.f Die Vorinstanz hielt mit Duplik vom 3. April 2019 unter Verweis auf die
bei der IV-Stelle des Kantons C._ eingeholte Stellungnahme vom
28. März 2019 an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest
(BVGer act. 25).
B.g Mit Instruktionsverfügung vom 10. April 2019 wurde der Schriften-
wechsel unter Vorbehalt weiterer Instruktionsmassnahmen per 26. April
2019 abgeschlossen (BVGer act. 26).
C.
Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften ist – soweit
erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht hat seine Zuständigkeit von Amtes wegen
zu prüfen (Art. 7 Abs. 1 VwVG). Es ist zur Behandlung der vorliegenden
Beschwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]). Die Beschwerdeführerin ist durch die angefochtene Ver-
fügung berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung,
womit sie zur Erhebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 59 ATSG
[SR 830.1]). Der Kostenvorschuss wurde rechtzeitig geleistet, sodass – un-
ter Berücksichtigung des Fristenstillstandes vom 15. Juli bis und mit
15. August – auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde vom
20. August 2018 einzutreten ist (Art. 38 Abs. 4 Bst. b, 60 Abs. 1 ATSG;
Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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2.
Wie in der Zuständigkeitsregelung des Art. 40 Abs. 2 IVV (SR 831.201) vor-
gesehen, hat die kantonale IV-Stelle, in deren Tätigkeitsgebiet die Be-
schwerdeführerin als Grenzgängerin eine Erwerbstätigkeit ausgeübt hat,
das Leistungsbegehren entgegengenommen und geprüft, während die
Vorinstanz die angefochtene Verfügung vom 22. Juni 2018 erlassen hat.
Diese Verfügung, mit der die Vorinstanz das Leistungsbegehren der Be-
schwerdeführerin abgewiesen hat, bildet Anfechtungsobjekt und damit Be-
grenzung des Streitgegenstandes des vorliegenden Beschwerdeverfah-
rens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1). Streitig und vom Bundesverwaltungsge-
richt zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine schwei-
zerische Invalidenrente im Rahmen einer Erstanmeldung.
3.
3.1 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes
Geltung haben (BGE 143 V 446 E. 3.3; 139 V 335 E. 6.2; 138 V 475 E. 3.1).
Deshalb finden die Vorschriften Anwendung, die spätestens beim Erlass
der Verfügung vom 22. Juni 2018 in Kraft standen; weiter aber auch Vor-
schriften, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren, die
aber für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprüche
von Belang sind.
3.2 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 22. Juni 2018) eingetretenen Sachverhalt ab
(BGE 132 V 215 E. 3.1.1; 130 V 445 E. 1.2). Tatsachen, die jenen Sach-
verhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer
neuen Verwaltungsverfügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b; Urteil des BGer
8C_136/2017 vom 7. August 2017 E. 3). Immerhin sind indes Tatsachen,
die sich erst später verwirklichen, soweit zu berücksichtigen, als sie mit
dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet
sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des Verfügungserlasses zu beeinflussen
(BGE 121 V 362 E. 1b; Urteile des BGer 9C_24/2008 vom 27. Mai 2008
E. 2.3.1; 8C_95/2017 vom 15. Mai 2017 E. 5.1).
3.3 Die Beschwerdeführerin ist Schweizer Staatsbürgerin. Aufgrund ihres
Wohnsitzes in Frankreich besteht in räumlicher Hinsicht ein internationaler
Sachverhalt mit Bezug zur EU, weshalb das am 1. Juni 2002 in Kraft ge-
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tretene Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eid-
genossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren
Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (FZA; SR
0.142.112.681) und die Regelwerke der Gemeinschaft zur Koordinierung
der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss Anhang II des FZA, insbeson-
dere die für die Schweiz am 1. April 2012 in Kraft getretenen Verordnungen
(EG) Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr. 987/2009 (SR
0.831.109.268.11), zu beachten sind. Seit dem 1. Januar 2015 sind auch
die durch die Verordnungen (EU) Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und
Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in den Beziehungen zwischen der
Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten anwendbar. Das Vorliegen einer an-
spruchserheblichen Invalidität beurteilt sich indes auch im Anwendungsbe-
reich des FZA und der Koordinierungsvorschriften nach schweizerischem
Recht (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; Urteil des BGer 9C_573/2012 vom
16. Januar 2013 E. 4).
4.
4.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
4.2 Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG
Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit, nicht durch zumutbare Eingliede-
rungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können
(Bst. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durch-
schnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind
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(Bst. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8
ATSG) sind (Bst. c).
4.3 Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf
eine Viertelsrente, bei mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei mindes-
tens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei mindestens 70 % auf eine
ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG). Beträgt der Invaliditätsgrad weniger als
50 %, so werden die entsprechenden Renten nur an Versicherte ausbe-
zahlt, die ihren Wohnsitz und ihren gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG)
in der Schweiz haben (Art. 29 Abs. 4 IVG). Diese Einschränkung gilt jedoch
nicht für die Staatsangehörigen eines Mitgliedstaates der EU und der
Schweiz, sofern sie in einem Mitgliedstaat der EU Wohnsitz haben (Art. 7
VO [EG] 883/2004; vgl. BGE 130 V 253 E. 2.3 und E. 3.1).
4.4 Bei der Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit stützen sich die Verwaltung
und – im Beschwerdefall – das Gericht auf Unterlagen, die von ärztlichen
und gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu stellen
sind. Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und
dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tä-
tigkeiten die versicherte Person arbeitsfähig ist. Hinsichtlich des Beweis-
wertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Be-
lange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die ge-
klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammen-
hänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss-
folgerungen der Expertinnen und Experten begründet sind (BGE 134 V 231
E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Eine begutachtende medizinische Fachperson
muss über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügen (Urteil des
BGer 9C_555/2017 vom 22. November 2017 E. 3.1 mit Hinweisen).
4.5 Zwar gilt für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsver-
fahren der Grundsatz der freien Beweiswürdigung, doch hat die Rechtspre-
chung in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gut-
achten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufgestellt (vgl. BGE 125 V 351
E. 3b). So kommt den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten
Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Be-
obachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zu, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl.
BGE 137 V 210 E. 2.2.2, BGE 135 V 465 E. 4.4, BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
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4.6 Geht es um psychische Erkrankungen, namentlich eine anhaltende so-
matoforme Schmerzstörung, ein damit vergleichbares psychosomatisches
Leiden (vgl. BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3) oder depressive Störungen leicht- bis
mittelgradiger Natur (BGE 143 V 409), sind für die Beurteilung der Arbeits-
fähigkeit systematisierte Indikatoren beachtlich, die – unter Berücksichti-
gung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – erlauben, das tat-
sächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281
E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; 143 V 418 E. 6 ff.).
5.
Zum Gesundheitszustand bzw. zur Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Be-
schwerdeführerin lässt sich den vorliegenden medizinischen Akten im We-
sentlichen das Folgende entnehmen:
5.1 Gemäss den beiden Austrittsberichten vom 25. April 2012 des Spitals
D._ hatte sich die Beschwerdeführerin dort wegen Husten, thora-
kalen Schmerzen, Schwindel und zunehmenden Kopfschmerzen vorge-
stellt. Es wurden unter anderem die Diagnosen chronische Spannungs-
kopfschmerzen, Verdacht auf muskuloskelettale Thoraxschmerzen und
Chronic fatigue Syndrome genannt sowie eine Arbeitsunfähigkeit bis
27. April 2012 attestiert (act. 86 S. 26 ff.).
5.2 Vom 22. Juni bis 10. Juli 2012 wurde die Beschwerdeführerin in der
Spital AG E._ stationär rheumatologisch behandelt. Im Bericht vom
19. Juli 2012 wurden folgende Diagnosen genannt: 1. Chronische Span-
nungskopfschmerzen mit möglicher Medikamentenüberkonsum-Kompo-
nente seit 8 Wochen sowie psychosoziale Belastungssituation; 2. Costen-
Syndrom Kiefergelenk rechts; 3. Verdacht auf Somatisierungsstörung mit
Halbkörperschmerzsyndrom rechts während Schmerzmittel-Entzugs;
4. Aktenanamnestisch Chronic fatigue Syndrome. Zudem wurde vom
22. Juni bis 20. Juli 2012 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % attestiert
(act. 42 S. 10 f.).
5.3 In der Folge wurde die Beschwerdeführerin in der Klinik F._,
Abteilung Psychosomatik vom 28. September 2012 bis 16. November
2012 hospitalisiert. Im Austrittsbericht vom 8. Dezember 2012 wurden fol-
gende Diagnosen angeführt: 1. Spannungskopfschmerzen mit Invalidisie-
rungstendenz im Sinne einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
(ICD-10 F45.4); 2. Neurasthenie mit ausgeprägter Erschöpfung und Tages-
müdigkeit (ICD-10 F48.0); 3. Konversionsstörung/dissoziative Störung der
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Bewegung und der Sinnesempfindungen (ICD-10 F44); 4. Kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen und histrionischen Zügen
(ICD-10 F60.8); 5. Lumboischialgie bei erosiver Osteochondrose L5/S1 mit
Fazettengelenksarthrosen und breitbasiger medialer Diskushernie (ICD-10
M54.17); 6. Anamnestisch Essstörung; 7. Hypercholesterinämie (ICD-10
E78.0); 8. Vitamin D-Mangel (ICD-10 E55.9); 9. Leichte Anämie (ICD-10
D64.8; bei Austritt normalisiert); 10. Bekanntes Asthma bronchiale; 11. Sta-
tus nach massiven Lungenembolien beidseits 2009. Für die Dauer des sta-
tionären Aufenthaltes und noch bis zum 30. November 2012 wurde eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 % attestiert. Ferner wurde die Aufnahme einer
ambulanten psychologisch-psychotherapeutischen Behandlung empfoh-
len, zu welcher sich die Beschwerdeführerin bereit erklärt habe (act. 64
S. 2 ff.).
5.4 Dr. G._, Rheumatologie FMH, Innere Medizin FMH, Manuelle
Medizin SAMM, nannte im Bericht vom 26. November 2012 die Diagnosen
lumboradikuläres Reizsyndrom L5 oder S1 rechts ohne motorische Aus-
fälle bei erosiver Osteochondrose L5/S1 sowie Chronic fatigue Syndrome.
Von der Anamnese her handle es sich um eine radikuläre Reizung. Im MRI
finde sich jedoch kein eindeutiges Korrelat für die beklagten Schmerzen
(act. 42 S. 7 f.). Im Bericht vom 7. Dezember 2012 führte er zudem aus, da
sich nach den durch ihn durchgeführten Injektionen keine Besserung ge-
zeigt habe, habe er die Beschwerdeführerin an Dr. med. H._ zur
infiltrativen Therapie überwiesen (vgl. act. 42 S. 2).
5.5 Der Rheumatologe Dr. med. H._ behandelte die Beschwerde-
führerin. Am 12. Dezember 2012 berichtete er von einer Besserung insbe-
sondere in den Ruhephasen. Weiter stellte er fest, es bestehe eine gewisse
Diskrepanz zwischen den langbestehenden Beschwerden und den zu er-
hebenden Befunden (act. 86 S. 23).
5.6 Am 12. Januar 2013 wurde die Beschwerdeführerin erneut im Spital
D._ behandelt. Im Austrittsbericht vom 13. Januar 2013 wurden ins-
besondere folgende Diagnosen angeführt: Analgetika unterstützter Kopf-
schmerz, bekannte therapierefraktäre Kopfschmerzen, Chronic fatigue
Syndrome. (act. 86 S. 24 f.).
5.7 Vom 8. bis 15. Februar 2013 wurde die Beschwerdeführerin wegen ei-
ner Beinthrombose im Spital I._ stationär behandelt (act. 63 S. 3 f.).
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5.8 Der Allgemeinmediziner und Hausarzt der Beschwerdeführerin
Dr. med. J._ führte in seinem Bericht vom 28. Februar 2013 fol-
gende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an: Lumboradi-
kuläres Reizsyndrom L5 oder S1 rechts ohne motorische Ausfälle bei ero-
siver Osteochondrose L5/S1; Spannungskopfschmerzen mit Invalidisie-
rungstendenz im Sinne einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
(IDC-10 F45.4); Neurasthenie mit ausgeprägter Erschöpfung und Tages-
müdigkeit (ICD-10 F48.0). Seit Juli 2012 bestehe für die zuletzt ausgeübte
Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % (act. 55 S. 7 ff.).
5.9 Anlässlich des MRI von Halswirbelsäule und Weichteile zervikal vom
10. Juni 2013 fand sich kein Nachweis einer zervikalen Myelopathie. Für
das Alter der Patientin würden bereits mässige bis deutlich degenerative
Veränderungen von HWK4 bis HWK7 rechtsseitig betont bestehen mit klei-
nen Hernierungen und Spondylarthrose respektive Retrospondylose,
dadurch enge Neuroforamina C5 und C6 rechtsseitig – allenfalls mögliche
Kompression dieser Wurzeln unter Belastung (z.B. Rotation/Reklination;
act. 86 S. 19).
5.10 Mit Bericht vom 27. Juni 2013 führte RAD-Arzt Dr. med. K._,
Facharzt für Allgemeinmedizin, aus, es liege ein kombinierter psychischer
und somatischer Gesundheitsschaden vor, wobei eine Schmerzstörung
eine wesentliche Rolle spiele. Er empfahl eine rheumatologisch-psychiatri-
sche Abklärung (act. 66 S. 2).
5.11 Im September 2013 berichtete Dr. med. J._ es bestehe die Di-
agnose Neurasthenie, progredient seit 2009. Die Beschwerdeführerin sei
nach der geringsten Anstrengung völlig erschöpft. Die Beinmuskulatur
lasse ein Spazieren kaum mehr zu. Nur dank des Rollstuhls könne sie noch
einen Teil des sozialen Lebens aufrechterhalten (act. 84 S. 2).
5.12 Am 23. September 2013 stellte sich die Beschwerdeführerin notfal-
mässig im Spital D._ wegen passagerer Aphasie und fortbestehen-
den Kribbelparästhesien rechtsseitig sowie Hemiparese rechtsseitig vor
(act. 86 S. 32 f.). Der interne neurologische Konsiliardienst diagnostizierte
eine funktionelle Störung und empfahl ein psychiatrisches Konsil (act. 86
S. 34). Mit Austrittsbericht vom 25. September 2013 wurde eine psychoso-
matische Betreuung dringend empfohlen (act. 86 S. 36).
5.13 Im rheumatologischen Teilgutachten vom 19. November 2013 des
Spitals D._ wurden folgende rheumatologischen Diagnosen mit
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Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt: 1. Lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom rechtsseitig bei Facettenglenksarthrosen multisegmen-
tal, Betonung auf S1/LWK5 beidseits rechtsbetont und LWK4/LWK5 rechts-
seitig; 2. Zervikobrachiales Schmerzsyndrom deutlich degenerative Verän-
derungen HWK4–7 (act. 86 S. 14). Zusammenfassend sei von einem lang-
andauernden chronifizierten Beschwerdebild auszugehen, deren Grund-
lage somatische Störungen an der LWS und HWS bilden, die jedoch nur
einen Teil der Beschwerden erklären könnten. Aufgrund der psychiatri-
schen Vordiagnosen scheine darüber hinaus die Tendenz zu einer Schmer-
zausweiterung vorzuliegen sowie eine gesteigerte Schmerzverarbei-
tung/Schmerzempfindung. Aus rein rheumatologisch-somatischer Sicht
bestehe eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu 50 %. Aufgrund der
Schmerzausweitung werde vermutet, dass eine erhöhte Arbeitsunfähigkeit
aus psychiatrischer Sicht vorliegen könnte. Formal bestehe eine 100 %-ige
Arbeitsunfähigkeit von Seiten der Beschwerdeführerin, da sie nur in der
Lage sei, 15 Minuten zu sitzen und 5 Minuten zu stehen (act. 86 S. 16).
5.14 Gemäss internistischem Konsiliarbericht vom 30. Mai 2014 von
Dr. med. L._ bestehen folgende Diagnosen: Unklare Gehunfähig-
keit mit Rückenschmerzen, chronisches Schmerzsyndrom mit lumbalem
Schwerpunkt, gelegentlich L5 Reizsymptomatik rechts, funktionelle Halb-
seitensymptomatik rechts und Beinschwäche, Status nach zweimaliger
Lungenembolie. Im Befund hielt sie insbesondere fest, es bestehe kein
akut pathologischer Befund, keine Nervenwurzelkompression oder Myelo-
pathie. Hinsichtlich der klinischen Symptomatik finde sich somit kein be-
weisendes Korrelat (act. 100 S. 11).
5.15 Laut Bericht vom 9. Juli 2014 von Dr. med. M._, FMH Ortho-
pädische Chirurgie, leide die Beschwerdeführerin seit Monaten an einem
tief lumbalen lumbospondylogenem Syndrom mit Ausstrahlungen rechts-
tont und zunehmender Osteochondrose der LWS. Sie sei deshalb seit
10/11 Monaten bettlägerig. Zusätzlich bestehe eine unklare Fussplegie
rechtsbetont. In der Folge wurde sie am 27. Juni 2014 am Rücken operiert
(Spondylodese) und war vom 26. Juni bis 7. Juli 2014 im Spital N._
hospitalisiert (act. 100 S. 6 ff.).
5.16 Anschliessend erfolgte vom 7. Juli bis 9. August 2014 ein Aufenthalt
in der Reha O._. Unter der intensiven Therapie habe die Beschwer-
deführerin Fortschritte verzeichnen können. Bei Entlassung habe sie den
Transfer Bett-Rollstuhl und Rollstuhl-WC selbständig durchführen können.
Auch die Hyperästhesie der unteren Extremitäten sei verbessert gewesen.
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Dagegen sei die Kraft des rechten Beines unverändert. Zudem wurde eine
psychische Komponente der Schmerzsymptomatik festgestellt und eine
weitere ambulante psychologische Betreuung als indiziert erachtet
(act. 109 S. 2 f.).
5.17 Am 16. September 2014 wurde die Beschwerdeführerin erneut am
Rücken operiert (Pedikelschraubenumsetzung und Mehrkonvergierung;
act. 100 S. 13).
5.18 Mit kurzem Zwischenbericht (Eingang bei der Vorinstanz: 3. Oktober
2014) hielt Dr. med. J._ fest, die psychische Problematik sei im Hin-
tergrund, während die massive Rückenproblematik im Vordergrund stehe.
Die Schmerzproblematik im Bein rechts habe sich stark verschlechtert. Seit
Januar 2014 sei die Beschwerdeführerin im Rollstuhl und auf externe Hilfe
angewiesen. Sie sei zu 100 % arbeitsunfähig (act. 100 S. 1 ff.).
5.19 Das psychiatrische Teilgutachten der Klinik P._ zur Untersu-
chung vom 9. Dezember 2013 datiert vom 9. Oktober 2014. Darin wurden
folgende Diagnosen gestellt: Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0); dis-
soziative Störung, gemischt (Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen, Be-
wegungsstörungen; ICD-10 F44.7); depressive Episode (ICD-10 F32.1);
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen und histrioni-
schen Zügen (ICD-10 F60.8; act. 105 S. 25). Bezüglich der sogenannten
«Foerster-Kriterien» bestehe bei der Beschwerdeführerin mit den vier ge-
nannten Diagnosen eine psychische Komorbidität von erheblicher
Schwere, Ausprägung und Dauer. Mit den rheumatologischen Erkrankun-
gen liege eine körperliche chronische Begleiterkrankung vor. Es bestehe
ein mehrjähriger, chronifizierter Krankheitsverlauf mit einer progredienten
Symptomatik sowie derzeit ein vollkommener sozialer Rückzug in allen Le-
benslagen. Die Störungen würden bereits seit vielen Jahren vorliegen und
die Beschwerdeführerin habe lange Zeit einen verstärkten Energieaufwand
betrieben, um einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Es sei über die
Jahre immer wieder zu einer Verlagerung und Änderung der erheblichen
somatoformen und Konversions-Symptome gekommen, so dass vor die-
sem Hintergrund von einem verfestigten therapeutisch kaum mehr beein-
flussbaren Verlauf mit primärem und sekundärem Krankheitsgewinn aus-
zugehen sei (act. 105 S. 30). Die Beschwerdeführerin sei in der Anpassung
an Regeln und Routinen, in Planung und Strukturierung von Aufgaben so-
wie in ihrer Flexibilität, Umstellungsfähigkeit, Durchhaltefähigkeit, Selbst-
behauptungsfähigkeit, Kontaktfähigkeit zu Dritten, Gruppenfähigkeit und
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auch bei spontanen Aktivitäten schwer beeinträchtigt. Derzeit sei sie dar-
über hinaus in der Selbstpflege und in ihrer Verkehrsfähigkeit ebenfalls
schwer beeinträchtigt. Aus psychiatrischer Sicht sei sie in jeglicher Tätig-
keit arbeitsunfähig. Damit ergebe sich aus bidisziplinärer Sicht gesamthaft
derzeit eine vollständig aufgehobene Arbeitsfähigkeit (act. 105 S. 31).
5.20 Dem Bericht vom 10. November 2014 von Dr. med. M._ ist zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin wenige Beschwerden im Lum-
balbereich habe und nicht nur noch bettlägerig sei. Sie könne mindestens
im Rollstuhl eine gewisse Autonomie zurückgewinnen. Was die Reintegra-
tion in die Arbeitswelt betreffe, sei die Prognose unklar bis düster, da die
aktuelle Gehunfähigkeit trotz neurologischem Konsilium weiterhin unklar
bleibe (act. 111 S. 1 f.).
5.21 RAD-Arzt Dr. med. K._ hielt mit Bericht vom 10. November
2014 fest, seit der Begutachtung habe sich eine Veränderung des Gesund-
heitsschadens ergeben. Seit dem stationären Aufenthalt scheine eine Bes-
serung der Rückenproblematik eingetreten zu sein, weshalb er eine er-
neute bidisziplinäre, psychiatrische und rheumatologische Begutachtung
empfahl. Im Fokus stehe die Frage nach der Überwindbarkeit der Schmer-
zen (act. 112 S. 2).
5.21.1 Dr. med. Q._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
stellte in seinem psychiatrischen Teilgutachten vom 12. Februar 2015 die
Diagnosen dissoziative Bewegungsstörung (ICD-10 F44.4) und Somatisie-
rungsstörung (ICD-10 F45.0; act. 128 S. 15). Aus psychiatrischer Sicht be-
stehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Ausser der dissoziativen
Bewegungsstörung und der Somatisierungsstörung könne keine weitere
psychiatrische Störung diagnostiziert werden. Eine ausgeprägte psychiat-
rische Komorbidität liege nicht vor. Eine schwere, chronische körperliche
Begleiterkrankung liege nicht vor. Ein ausgeprägter sozialer Rückzug lasse
sich nicht feststellen. Dass alle therapeutischen Bemühungen gescheitert
seien, hänge wesentlich damit zusammen, dass die Beschwerdeführerin
aufgrund der ausgeprägten subjektiven Krankheitsüberzeugung wenig Mo-
tivation zeige, trotz allfälliger Restbeschwerden sich aktiv um ihre Gene-
sung zu bemühen und sich den Belastungen der Arbeitswelt wieder auszu-
setzen. Ein primärer Krankheitsgewinn sei nicht vorhanden. Die geklagten
körperlichen Beschwerden liessen sich durch somatische Befunde nicht
hinreichend objektivieren. Die geklagten Beschwerden und Einschränkun-
gen seien weder durch eine somatische noch durch eine psychiatrische
Störung hinreichend erklärbar. Daher sei auch nicht zu erwarten, dass
C-4757/2018
Seite 13
durch somatisch orientierte Therapien oder durch eine psychiatrische Be-
handlung diese Beschwerden wesentlich beeinflusst werden könnten. Aus
psychiatrischer Sicht könne es der Beschwerdeführerin zugemutet werden,
trotz der geklagten Beschwerden die nötige Willensanstrengung aufzubrin-
gen, um ganztags einer beruflichen Tätigkeit nachgehen zu können. Sie
sei in jeder beruflichen Tätigkeit, die ihren körperlichen Einschränkungen
angepasst sei, vollschichtig und ohne jede Leistungseinschränkung ar-
beitsfähig (act. 128 S. 17 f.).
5.21.2 Dr. med. R._, Facharzt für Innere Medizin und Rheumatolo-
gie, nannte in seinem rheumatologischem Teilgutachten vom 23. April
2015 als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein lumbospon-
dylogenes Schmerzsyndrom rechtsseitig (ICD-10 M54.5; act. 134 S. 29).
Beim Fehlen relevanter objektivierbarer Veränderungen am Bewegungs-
apparat – ausserhalb einer ausgeprägten, dennoch reversiblen muskulä-
ren Dekonditionierung und einer nun stabilisierten Osteochondrose L5/S1
– lasse sich eine volle restliche Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tä-
tigkeit ermitteln. Am Bewegungsapparat fänden sich keine organisch-be-
dingten Veränderungen, welche eine anhaltende Arbeitsunfähigkeit be-
gründen könnten. Eine anhaltende, organisch-bedingte Einschränkung der
körperlichen Leistungsfähigkeit lasse sich nur aufgrund der diffusen my-
otendinotischen Verspannungen am Bewegungsapparat nicht begründen.
Diese funktionelle muskuläre Dysbalance der Muskulatur sei rein theore-
tisch besserungsfähig. Die Entstehung einer vollständigen Kraftlosigkeit
und Gefühllosigkeit des linken [recte: rechten] Beines lasse sich anhand
der klinischen Befunde aus somatischer Sicht nicht erklären (act. 134
S. 38).
5.22 Mit RAD-Stellungnahme vom 18. Mai 2015 führe Dr. med. S._,
Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, aus, die ausführliche interdis-
ziplinäre Falldiskussion habe ergeben, dass das Gutachten von Dr. med.
Q._ nicht den versicherungsrechtlichen Anforderungen entspreche.
Es sei unter anderem nicht zum erheblichen Medikamentenkonsum von
Opioiden/Stimulantien Stellung genommen worden. Zudem würden die
Schlussfolgerungen hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit diametral entgegenge-
setzt zum P._-Gutachten liegen. Auch in somatischer Hinsicht wür-
den die Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit divergieren und es sei nicht
eindeutig klar, ob es sich um eine Verbesserung infolge Operation oder um
eine andere Beurteilung handle. Da bislang auch die Aspekte der Hörstö-
rung nicht gutachterlich gewürdigt worden seien, werde die Einholung ei-
nes polydisziplinären Gutachtens empfohlen (act. 136 S. 2).
C-4757/2018
Seite 14
5.23 Vom 21. April bis 10. Juli 2015 befand sich die Beschwerdeführerin
stationär in der Reha T._. Dem Bericht vom 14. August 2015 ist ins-
besondere zu entnehmen, dass im gesamten Verlauf durch die Neuralthe-
rapie eine verbesserte Schmerzsymptomatik erreicht worden sei. Bei Aus-
tritt habe weiterhin eine rechtsbetonte Paraparese bestanden. In psychi-
scher Hinsicht habe die Beschwerdeführerin erste Schritte unternommen,
die innere Arbeit aufzunehmen und Veränderungen zuzulassen, auch
wenn dies zunächst teilweise destabilisierend gewirkt habe. Den Vorschlag
die Arbeit mit Neurofeedback und Psychotherapie bei Dr. med. Dipl. Psych.
U._, einem bezüglich Traumafolgestörungen spezialisierten Psy-
chiater, fortzusetzen, habe die Beschwerdeführerin begrüsst. In ergothera-
peutischer Hinsicht wurde festgehalten, dass die Selbstversorgung mit
Hilfsmitteln selbständig möglich sei. Für Haushalttätigkeiten sei die Be-
schwerdeführerin auf Hilfe angewiesen, was momentan der Ehemann
übernehme. Die Beschwerdeführerin beschäftige sich gerne mit Patch-
work-Arbeiten, übernehme für die Kirche ehrenamtlich Aufgaben und treffe
sich gerne mit Freunden (act. 158).
5.24 Dr. med. Dipl. Psych. U._ hielt mit Stellungnahme vom
21. September 2015 fest, dass er nach Erhebung des psychopathologi-
schen Befundes davon ausgehe, dass die im P._-Gutachten detail-
liert beschriebene Psychopathologie unverändert bestehe. Aufgrund der bi-
ografischen Erfahrungen und wiederkehrenden Belastungssituationen in
Kindheit und Jugend seien die vielfältigen Symptome und Störungen als
komplexe Traumafolgestörung zu verstehen. Es bestehe eine zwingende
Indikation zu einer intensiven traumaadaptierten psychiatrisch-psychothe-
rapeutischen Behandlung mit der Chance zumindest einer mittelfristigen
Besserung der komplexen psychischen Symptomatik. Aus psychiatrischer
Sicht bestehe nach wie vor eine 100 %-ige Arbeitsunfähigkeit (act. 165
S. 5 ff.).
5.25 Gemäss Austrittsbericht vom 28. Juni 2016 war die Beschwerdefüh-
rerin vom 7. Mai bis 22. Juni 2016 unter anderem wegen eines schweren
Atemnotsyndroms bei pneumogener Sepsis, akuter Niereninsuffizienz so-
wie diversen pulmonalen Komplikationen im Spital D._ hospitali-
siert (act. 200).
5.26 In der Folge wurde die Beschwerdeführerin in der Reha T._
vom 22. Juni bis 14. September 2016 stationär behandelt. Mit Bericht vom
22. Oktober 2016 wurde die Fortführung der intensiven Schmerztherapie
C-4757/2018
Seite 15
ambulant mit Akupunktur und Neuraltherapie, regelmässige Physiothera-
pie, regelmässiges Stehtraining sowie Atemtraining aufgrund der pulmona-
len Situation empfohlen. Seit 31. April 2015 bestehe eine Arbeitsunfähig-
keit von 100 % (act. 204).
5.27 In der Stellungnahme der Reha T._ vom 9. Februar 2017
wurde zusammenfassend festgehalten, dass bei der Beschwerdeführerin
eine dissoziative Bewegungsstörung bei kombinierter Persönlichkeitsstö-
rung (nach posttraumatischer Belastungsstörung) und rezidivierender de-
pressiver Störung in Kombination mit einem chronischen invalidisierenden
Schmerzsyndrom mit lumbalem Schwerpunkt und einer Blasen- und Darm-
funktionsstörung vorliegen würden. Eine Arbeitsfähigkeit sei nicht gegeben
(act. 215).
5.28 Gemäss Bericht vom 8. März 2017 der Reha T._ wurde an-
lässlich der neuropsychologischen Untersuchung vom 14./15. Februar
2017 eine schwere neuropsychologische Störung diagnostiziert. Die Be-
schwerdeführerin habe sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten bei der Unter-
suchung angestrengt und sich kooperativ gegeben. Trotzdem sei davon
auszugehen, dass die Testbefunde durch die reduzierte Belastbarkeit und
die ausgeprägte Erschöpfung überlagert seien. Die psychiatrische/psycho-
somatische Ätiologie stehe im Vordergrund (Posttraumatische Belastungs-
störung, Persönlichkeitsstörung, depressive Störung sowie dissoziative
Störung). Zudem bestehe eine ausgeprägte Schmerzproblematik mit kog-
nitiv dämpfender Medikation. Zusätzlich seien kognitive Folgen der im Mai
2016 erlittenen Lungenfunktionsstörung möglich. Bildgebend finde sich
kein hirnorganisches Korrelat für die schweren Hirnleistungsstörungen. Die
Beschwerdeführerin sei bereits bei der Bewältigung des Alltags stark ein-
geschränkt und auf die Unterstützung ihres Ehemannes angewiesen. Das
Erlangen einer Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit wie auch in
einer Verweistätigkeit sei aus neuropsychologischer Sicht unrealistisch
(act. 219).
5.29 Die Beschwerdeführerin wurde am 20. März 2017 und 4. April 2017
im Begutachtungsinstitut V._ (nachfolgend: V._) internis-
tisch, psychiatrisch, orthopädisch, neurologisch und otorhinolaryngolo-
gisch untersucht und begutachtet. Das V._-Gutachten datiert vom
22. Mai 2017 (act. 221). Es wurden im Wesentlichen folgende Diagnosen
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt: an Taubheit grenzende Schal-
lempfindungsschwerhörigkeit rechts (ICD-10 H90.5); leichte depressive
Episode (ICD-10 F32.0); dissoziative Störungen (Konversionsstörungen),
C-4757/2018
Seite 16
gemischt (funktionelle Taubheit links, funktionelle Bewegungsstörung,
Müdigkeit und Kopfschmerzen, funktionelle Halbseiten- und Sprachstörung
2013, ICD-10 F44.7); chronisches panvertebrales Schmerzsyndrom unter
lumbaler Betonung (ICD-10 M54.80/Z98.8; act. 221 S. 41). Im Rahmen der
Gesamtbeurteilung hielten die Gutachter zusammenfassend Folgendes
fest (act. 221 S. 42 f.):
5.29.1 Bei der otorhinolaryngologischen Untersuchung habe aktuell eine
an Taubheit grenzende Schallempfindungsschwerhörigkeit rechts und eine
funktionelle Taubheit links festgestellt werden können. Es bestehe Ver-
dacht auf eine zusätzlich psychogen bedingte Hörstörung auf der linken
Seite. Aus otorhinolaryngologischer Sicht bestehe aufgrund der Schwerhö-
rigkeit keine Arbeitsfähigkeit für Tätigkeiten mit auditiven Anforderungen.
Auch Tätigkeiten mit erhöhtem Umgebungsgeräuschpegel sollten vermie-
den werden. Tätigkeiten, welche eine Kommunikation über das Telefon er-
fordern, seien ungeeignet. Auch für andere, adaptierte Tätigkeiten bestehe
aus otorhinolaryngologischer Sicht eine zusätzliche quantitative Einschrän-
kung der Leistungsfähigkeit von 20 %.
5.29.2 Bei der psychiatrischen Untersuchung habe eine leichte depressive
Episode diagnostiziert werden können, welche gekennzeichnet sei durch
depressive Verstimmungen, erhöhte Ermüdbarkeit, Schlafstörungen, auch
mit Albträumen, leichte Konzentrationsstörungen und negative Zukunfts-
perspektiven bezüglich der gesundheitlichen und beruflichen Situation. Es
habe auch eine dissoziative Störung (Konversionsstörung) diagnostiziert
werden können bei psychischer Überlagerung der körperlichen Problema-
tik. Aus psychiatrischer Sicht bestehe eine Einschränkung der Arbeitsfähig-
keit von 20 %.
5.29.3 Bei der orthopädischen Untersuchung der Wirbelsäule sei die Be-
weglichkeit thorakolumbal unter Gegenspannung massiv eingeschränkt bis
aufgehoben und zervikal frei gewesen. An den oberen und unteren Extre-
mitäten habe eine freie Beweglichkeit bei ausgeprägter Einschränkung an
der rechten Schulter bestanden, bei wiederum in erheblichem Ausmass
aufgebauter Gegenspannung. Radiologisch würden degenerative Verän-
derung der tiefzervikalen Wirbelsäule sowie unauffällige Verhältnisse nach
Coccygektomie bestehen. Die völlig diffus den grössten Teil des Bewe-
gungsapparates umfassenden Beschwerden würden sich durch die klini-
schen und radiologischen Befunde in keiner Weise nachvollziehen lassen.
C-4757/2018
Seite 17
Aus orthopädischer Sicht bestehe sowohl für die angestammte kaufmänni-
sche als auch für andere, körperlich leichte Tätigkeiten eine zeitlich und
leistungsmässig uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit.
5.29.4 Bei der neurologischen Untersuchung seien keine radikulären Aus-
fälle an den unteren Extremitäten objektivierbar gewesen. Es müsse be-
züglich der Plegie des rechten Beines bei rechts- und beinbetonter Tetra-
parese eine funktionelle Störung angenommen werden. Aus neurologi-
scher Sicht bestehe aufgrund der operierten Lendenwirbelsäule eine Ein-
schränkung für rückenbelastende Tätigkeiten. Ansonsten bestehe aus neu-
rologischer Sicht für körperlich leichte Tätigkeiten, insbesondere Büroar-
beiten, eine vollständige Arbeitsfähigkeit.
5.29.5 Bei der allgemeininternistischen Untersuchung habe keine Diag-
nose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt werden können.
5.29.6 Aus polydisziplinärer Sicht bestehe für die Beschwerdeführerin
keine zumutbare Arbeitsfähigkeit für Tätigkeiten mit auditiven Anforderun-
gen. Für andere, leichte, angepasste Tätigkeiten bestehe eine Arbeits- und
Leistungsfähigkeit von 80 %. Die Leistungseinschränkungen aus otorhi-
nolaryngologischer und psychiatrischer Sicht würden sich nicht addieren,
sondern ergänzen. Es könnten die gleichen Zeitabschnitte zum Einlegen
vermehrter Pausen verwendet werden. Das Pensum könne vollschichtig
umgesetzt werden mit erhöhtem Pausenbedarf.
5.30 Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens reichte die Beschwerdefüh-
rerin folgende medizinische Berichte ein:
5.30.1 Gemäss Abschlussbericht vom 1. Juni 2018 wurde die Beschwer-
deführerin vom 7. Februar bis 25. Mai 2018 in der Reha T._ physi-
otherapeutisch behandelt. Die Gehfähigkeit habe langsam am Rollator ge-
steigert werden können. Mit dem Rollstuhl sei die Beschwerdeführerin aus-
ser Haus selbständig mobil. Mit dem Rollator sei sie im Innenbereich mobil
und könne ausser Haus mit Begleitung kurze Strecken gehen (BVGer
act. Beilage 6).
5.30.2 Gemäss Abschlussbericht vom 21. Januar 2019 wurde die Be-
schwerdeführerin vom 14. November 2018 bis 4. Januar 2019 in der Reha
T._ erneut physiotherapeutisch behandelt. Die Gehfähigkeit habe
sich weiter verbessert. Die Beschwerdeführer sei im Aussenbereich selb-
ständig sicher mobil an Unterarmgehstützen. Im Innenbereich sei sie meist
C-4757/2018
Seite 18
ohne Unterarmgehstützen mobil, teilweise mit einem Stock links. Es be-
stehe weiterhin keine Arbeitsfähigkeit (BVGer act. 19 Beilage 4).
6.
Die Vorinstanz hat gestützt auf das V._-Gutachten vom 22. Mai
2017 erwogen, dass der Beschwerdeführerin keine Tätigkeiten mit auditi-
ven Anforderungen zumutbar seien. Hingegen bestehe für leichte, ange-
passte Tätigkeiten eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 80 %. Ferner
lägen keine längerfristigen Arbeitsunfähigkeiten vor, weshalb das einjäh-
rige Wartejahr nicht erfüllt sei. Entsprechend hat die Vorinstanz das Leis-
tungsbegehren abgewiesen. Umstritten und zu überprüfen, ist die vo-
rinstanzliche Feststellung des Gesundheitszustands der Beschwerdefüh-
rerin und die Einschätzung der medizinisch zumutbaren Arbeitsfähigkeit im
Zeitraum seit der Erkrankung im 2012 bis zum Verfügungserlass im Juni
2018.
6.1 Zunächst ist auf die Entwicklung der bundesgerichtlichen Rechtspre-
chung zur Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkran-
kungen hinzuweisen:
6.1.1 Nach der mit BGE 130 V 352 eingeleiteten Rechtsprechung ver-
mochten eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und vergleichbare
psychosomatische Leiden in der Regel keine lang dauernde, zu einer In-
validität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG führende Einschränkung der Ar-
beitsfähigkeit zu bewirken. Vielmehr galt die Vermutung, dass das entspre-
chende Leiden oder seine Folgen mit einer zumutbaren Willensanstren-
gung überwindbar seien (vgl. bspw. BGE 137 V 64 E. 4.1 und 4.2 mit Hin-
weisen). Eine – nur in Ausnahmefällen anzunehmende – Unzumutbarkeit
eines Wiedereinstiegs in den Arbeitsprozess war nach den sogenannten
«Foerster-Kriterien» zu prüfen (vgl. BGE 130 V 352 E. 2.2.3; 131 V 49
E. 1.2; 139 V 547 E. 9).
6.1.2 Nach der mit BGE 141 V 281 teilweise geänderten Rechtsprechung
kann eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit weiterhin nur anspruchs-
erheblich sein, wenn sie Folge einer fachärztlich einwandfrei diagnostizier-
ten Gesundheitsbeeinträchtigung ist (BGE 141 V 281 E. 2.1 mit Hinweis
auf BGE 130 V 396). Der Rentenanspruch wird – in Nachachtung der ver-
fassungs- und gesetzmässigen Vorgaben von Art. 8 und 29 BV (Rechts-
gleichheit) und Art. 7 Abs. 2 ATSG (objektivierte Zumutbarkeitsbeurteilung)
– anhand eines normativen Prüfrasters beurteilt, und es braucht medizini-
C-4757/2018
Seite 19
sche Evidenz, dass die Erwerbsunfähigkeit aus objektiver Sicht einge-
schränkt ist. Das Bundesgericht hat jedoch die Überwindbarkeitsvermu-
tung aufgegeben und das bisherige Regel-/Ausnahme-Modell durch ein
strukturiertes normatives Prüfungsraster ersetzt. In dessen Rahmen wird
im Regelfall anhand von auf den funktionellen Schweregrad bezogenen
Standardindikatoren das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen er-
gebnisoffen und symmetrisch beurteilt, indem gleichermassen den äusse-
ren Belastungsfaktoren wie den vorhandenen Ressourcen Rechnung ge-
tragen wird (BGE 141 V 574 E. 3.6 ff.; Urteile des BGer 8C_344/2016 vom
23. Februar 2017 E. 3.2; 9C_534/2015 vom 1. März 2016 E. 2.2).
6.1.3 In der Folge weitete das Bundesgericht mit Urteilen vom 30. Novem-
ber 2017 das indikatorengeleitete Beweisverfahren grundsätzlich auf alle
psychischen Störungen aus (BGE 143 V 409). Auch affektive Störungen,
einschliesslich der leichten bis mittelschweren depressiven Erkrankungen,
werden dem strukturierten Beweisverfahren unterstellt (BGE 143 V 418
E. 7.1). Je nach Krankheitsbild bedarf es dabei allenfalls gewisser Anpas-
sungen hinsichtlich der Wertung einzelner Indikatoren (BGE 143 V 418
E. 7.1).
6.1.4 Nach altem Verfahrensstandard eingeholte Expertisen verlieren ihren
Beweiswert auch mit Rücksicht auf die in BGE 137 V 210 erläuterten Kor-
rektive nicht. Vielmehr ist im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Ein-
zelfalls mit seinen spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rügen
entscheidend, ob das abschliessende Abstellen auf die vorhandenen Be-
weisgrundlagen im angefochtenen Entscheid vor Bundesrecht standhält
(BGE 141 V 281 E. 8; 137 V 210 E. 6). Allerdings ist dem Umstand, dass
ein nach altem Standard in Auftrag gegebenes Gutachten eine massge-
bende Entscheidungsgrundlage bildet, unter Umständen bei der Beweis-
würdigung Rechnung zu tragen. In dieser speziellen Übergangssituation
lässt sich die beweisrechtliche Situation der versicherten Person mit derje-
nigen bei versicherungsinternen medizinischen Entscheidungsgrundlagen
vergleichen (dazu BGE 135 V 465 E. 4). In solchen Fällen genügen schon
relativ geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der (ver-
waltungsexternen) ärztlichen Feststellungen, um eine (neue) Begutach-
tung anzuordnen (BGE 139 V 99 E. 2.3.2; SVR 2015 IV Nr. 26
[8C_616/2014] E. 5.3.1, 2013 IV Nr. 6 [9C_148/2012] E. 1.4).
6.1.5 Die Rechtsanwender prüfen die medizinischen Angaben frei insbe-
sondere daraufhin, ob die Ärzte sich an die massgebenden normativen
Rahmenbedingungen gehalten haben und ob und in welchem Umfang die
C-4757/2018
Seite 20
ärztlichen Feststellungen anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf Ar-
beitsunfähigkeit schliessen lassen. Im Rahmen der Beweiswürdigung ob-
liegt es den Rechtsanwendern zu überprüfen, ob in concreto ausschliess-
lich funktionelle Ausfälle bei der medizinischen Einschätzung berücksich-
tigt wurden und ob die Zumutbarkeitsbeurteilung auf einer objektivierten
Grundlage erfolgte (BGE 144 V 50 E. 4.3).
6.2 Im Folgenden ist zu prüfen, ob das V._-Gutachten den vom
Bundesgericht festgelegten formellen Kriterien für beweiswertige medizini-
sche Expertisen genügt.
6.2.1 Vorweg macht die Beschwerdeführerin geltend, beim V._-
Gutachten handle es sich um eine unzulässige «second opinion». Die Be-
schwerdeführerin hat trotz zunächst erhobener Einwände die von der Vo-
rinstanz mit Zwischenverfügung vom 29. Februar 2016 angeordnete inter-
disziplinäre Begutachtung letztlich nicht angefochten und hat sich freiwillig
der Begutachtung unterzogen (vgl. act. 188; 190). Über die Zulässigkeit
der durchgeführten Begutachtung ist daher im vorliegenden Verfahren
nicht mehr zu befinden. Hinzu kommt, dass eine erneute Begutachtung
sachlich geboten erschien, insbesondere angesichts der komplexen Ge-
sundheitssituation der Beschwerdeführerin, der sich widersprechenden bi-
disziplinären Administrativgutachten aus den Jahren 2013/2014 und 2015,
des Zeitablaufs sowie der gemäss neuer bundesgerichtlicher Rechtspre-
chung geforderten Durchführung eines strukturierten Beweisverfahrens
(vgl. Urteile des BGer 9C_382/2018 vom 21. Januar 2019 E. 4.1;
8C_148/2011 vom 5. Juli 2011 E. 3.3).
6.2.2 Sodann erachtete die Beschwerdeführerin den orthopädischen
V._-Gutachter als nicht qualifiziert, um sich zu einem rheumatologi-
schen Sachverhalt zu äussern. Vor dem Hintergrund, dass (chronische)
Schmerzen des Bewegungsapparates Gegenstand sowohl der Rheumato-
logie als auch der Orthopädie bilden (vgl. Urteil des BGer 8C_602/2017
vom 1. März 2018 E. 4.3), ist nicht ersichtlich, weshalb der orthopädische
V._-Gutachter nicht qualifiziert gewesen sein soll, die Schmerzen
der Beschwerdeführerin am Bewegungsapparat zu beurteilen.
6.2.3 Das V._-Gutachten beruht grundsätzlich auf allseitigen Unter-
suchungen durch entsprechend qualifizierte Fachärzte in den Disziplinen
Innere Medizin, Psychiatrie, Orthopädie, Neurologie und Otorhinolaryngo-
logie. Das Gutachten wurde in Kenntnis der Vorakten und unter Berück-
sichtigung der von der Beschwerdeführerin angegebenen Beschwerden
C-4757/2018
Seite 21
berücksichtigt, was sich einerseits aus der chronologischen Auflistung
sämtlicher Akten sowie der Zusammenfassung der wichtigsten Vordoku-
mente (vgl. act. 221 S. 5–16) und andererseits aus den ausführlichen
Anamneseerhebungen der einzelnen Teilgutachter ergibt (vgl. act. 221
S.16–18, S. 19–22, S. 26–28, S. 33 f., S. 36–39). Im Weiteren wurden die
durch die Teilgutachter jeweils festgestellten Untersuchungsbefunde ange-
führt und die gestellten Diagnosen begründet (vgl. act. 221 S. 18 f.,
S. 22 f., S. 28–30, S. 34–36, S. 39 f.). Das V._-Gutachten enthält
schliesslich auch eine Konsensbesprechung (vgl. act. 221 S. 42 f.). Insge-
samt erfüllt das V._-Gutachten die formellen Kriterien für eine be-
weiswertige medizinische Expertise.
6.3 Angesichts der psychiatrischen Diagnosen einer leichten depressiven
Episode (ICD-10 F32.0) und einer dissoziativen Störung (Konversionsstö-
rung), gemischt (ICD-10 F44.7), hat grundsätzlich ein strukturiertes Be-
weisverfahren nach BGE 141 V 281 zu erfolgen (vgl. BGE 143 V 409 und
143 V 418). In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass das
V._-Gutachten vom 22. Mai 2017 zwar nach Einführung der bun-
desgerichtlichen Standardindikatoren gemäss BGE 141 V 281, jedoch
noch vor deren Ausweitung mit BGE 143 V 409 und 143 V 418 (beide vom
30. November 2017) auf alle psychiatrischen Erkrankungen (und damit
auch auf depressive Störungen leicht- bis mittelgradiger Natur) erstellt wor-
den ist. Entsprechend hat die psychiatrische V._-Gutachterin die
Standardindikatoren zwar erwähnt, diese jedoch nur rudimentär geprüft
(vgl. act. 221 S. 24 ff.). Zu prüfen ist, ob das V._-Gutachten allen-
falls im Kontext mit den übrigen aktenkundigen früheren Gutachten und
Berichten die Durchführung des strukturierten Beweisverfahrens anhand
der bundesgerichtlichen Standardindikatoren erlaubt.
6.3.1 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Frage, ob ein Gesundheits-
schaden im Sinne der klassifizierenden Merkmale vorliegt, ist eine fach-
ärztlich einwandfrei gestellte Diagnose (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2; 143
V 418 E. 6; 141 V 281 E. 2.1). Aus den zahlreichen aktenkundigen Berich-
ten erhellt, dass im Fall der Beschwerdeführerin eine psychiatrische Prob-
lematik im Vordergrund steht, zumal im Verlauf der langjährigen Abklärun-
gen und Behandlungen für die beklagten Schmerzen (Rücken, Bewe-
gungsapparat, Kopf) und die im Jahr 2013 eingetretene Gehunfähigkeit
keine eindeutigen somatischen Korrelate gefunden werden konnten, wel-
che die Beschwerden abschliessend erklärt hätten (vgl. act. 42 S. 8; 48
S. 8; 86 S. 15; 100 S. 6 und 11; 109 S. 3; 111 S. 2; 134 S. 36 f.; 215 S. 2;
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Seite 22
219 S. 4; 221 S. 32). Die psychiatrischen Vorgutachter haben im Wesent-
lichen übereinstimmend mit dem psychiatrischen V._-Gutachten
eine dissoziative Störung (Konversionsstörung) sowie eine Somatisie-
rungsstörung diagnostiziert, wobei gemäss psychiatrischer V._-
Gutachterin die Symptomatik der früher bestehenden Somatisierungsstö-
rung nun in der dissoziativen Störung, gemischt, aufgehe (act. 221 S. 22).
Uneinigkeit besteht jedoch hinsichtlich der Diagnosen einer depressiven
Störung und einer Persönlichkeitsstörung. Diese Widersprüche in der Di-
agnosestellung lassen sich anhand der vorliegenden Akten nicht auflösen
(act. 105 S. 25; 128 S. 15). Insbesondere hat sich die psychiatrische
V._-Gutachterin diesbezüglich in keiner Weise mit den detaillierten
Ausführungen im psychiatrischen P._-Gutachten zur Persönlich-
keitsstörung auseinandergesetzt. Damit ist bereits die Vollständigkeit der
gestellten psychiatrischen Diagnosen fraglich.
6.3.2 Der orthopädische V._-Gutachter stellte erhebliche Diskre-
panzen zwischen den anamnestischen Schmerzschilderungen einerseits
und den objektivierbaren Befunden andererseits fest. Zur Frage inwieweit
eine Schmerzverarbeitungsstörung oder eine sonstige psychische Patho-
logie vorliege, verwies er auf den psychiatrischen Teil des Gutachtens (vgl.
act. 221 S. 30 f.). Solche Diskrepanzen und Hinweise auf eine Schmer-
zausweitung bzw. Schmerzverarbeitungsstörung wurden bereits in den
früheren rheumatologischen Gutachten festgehalten (vgl. act. 86 S. 15 f.;
134 S. 34). Auch Dr. med. Q._ hielt in seinem psychiatrischen Gut-
achten fest, die geklagten Beschwerden und Einschränkungen seien we-
der durch eine somatische noch durch eine psychiatrische Störung hinrei-
chend erklärbar (act. 128 S. 17). Dagegen wurden laut psychiatrischem
P._-Gutachten weder Verdeutlichungstendenzen noch Hinweise
auf Aggravation, Simulation oder Dissimulation festgestellt (act. 105 S. 21).
Die psychiatrische V._-Gutachterin verneinte ausdrücklich ein ag-
gravatorisches Verhalten während des Untersuchungsgesprächs ohne je-
doch die bestehenden Hinweise auf eine allfällige Symptomausweitung zu
diskutieren (act. 221 S. 24.). Die vorliegende Aktenlage erlaubt demnach
keine abschliessende Beurteilung der Frage, ob allenfalls eine Aggravation
oder einer ähnlichen Erscheinung vorliegt.
6.3.3 Die Kategorie «funktioneller Schweregrad» beurteilt sich nach den
konkreten funktionellen Auswirkungen und insbesondere danach, wie stark
die versicherte Person in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen
Funktionen leidensbedingt beeinträchtigt ist (vgl. Urteil des BGer
9C_590/2017 vom 15. Februar 2018 E. 6.3 m.H.).
C-4757/2018
Seite 23
6.3.3.1 Im Komplex «Gesundheitsschädigung» ist als erster Indikator die
«Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome» zu nen-
nen. Diesbezüglich bleiben aufgrund des psychiatrischen V._-Gut-
achtens insbesondere die konkreten funktionellen Auswirkungen der diag-
nostizierten dissoziativen Störung unklar. Einerseits wird konstatiert, dass
die somatische Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht realisierbar sei.
Andererseits wird angeführt, die somatischen Beschwerden liessen sich
nicht nur mit einer Somatisierung im Rahmen der Depression erklären.
Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin offenbar lange bettlägerig ge-
wesen und auf einen Rollstuhl bzw. Gehhilfen angewesen ist.
Alsdann konnte zum einen nicht für alle somatischen Beschwerden ein or-
ganisches Korrelat festgestellt werden und es wurden auch keine Mus-
kelatrophien oder ein auffälliger Muskeltonus festgestellt. Zum anderen
wurde aufgrund der Inaktivität eine ausgeprägte muskuläre Dekonditionie-
rung erhoben. Vor diesem Hintergrund drängt sich eine ausführliche, fach-
ärztliche Diskussion der psychiatrischen Relevanz der somatischen Be-
schwerden und deren funktionellen Auswirkungen auf.
Weiter wird auf emotionale und psychosoziale Belastungsfaktoren hinge-
wiesen, die eine Rolle spielen könnten (nicht einfache Kindheit mit häufi-
gen Wohnortwechseln infolge des Berufs des Vaters; zweimal erlebte Ver-
gewaltigung um das Alter kurz nach der Pubertät; rigides familiäres Umfeld
mit wenig Verständnis für ihre Probleme; zwei gescheiterte Ehen, wobei
sie in der zweiten Ehe wiederholte Gewalt seitens des brutalen Eheman-
nes erfahren habe; Doppelbelastung als Hausfrau, Mutter und ausserhäus-
lich Erwerbstätige; berufliche Belastung durch nebenberufliche Weiterbil-
dung; angespannte finanzielle Situation). Es wird jedoch nicht erörtert, ob
und gegebenenfalls inwiefern diese Faktoren den Wirkungsgrad der Fol-
gen der Gesundheitsschädigung beeinflussen (zur invalidenversiche-
rungsrechtlichen Relevanz psychosozialer und soziokultureller Belas-
tungsfaktoren vgl. Urteile des BGer 8C_559/2019 vom 20. Januar 2020
E. 3.2; 9C_37/2019 vom 7. Oktober 2019 E. 5.1.3).
Sodann wird eine deutlich ausgeprägte Krankheits- und Behinderungs-
überzeugung erwähnt, weshalb von einer zusätzlichen psychischen Über-
lagerung ausgegangen werden müsse. Nicht ersichtlich ist jedoch, ob
diese Krankheitsüberzeugung bewusstseinsnah ist – und damit von der
Beschwerdeführerin auch geändert werden könnte – oder aber ob es sich
C-4757/2018
Seite 24
dabei gerade um einen (für sie unbeeinflussbaren) Ausdruck der psychi-
schen Beeinträchtigung handelt (Urteil des BGer 9C_49/2014 vom 29. Ok-
tober 2014 E. 4.3).
Aus den sich widersprechenden und unter Anwendung der nunmehr auf-
gegebenen Überwindbarkeitspraxis erstellten früheren psychiatrischen
Gutachten lässt sich in dieser Hinsicht nichts ableiten. Ebensowenig bilden
die (Verlaufs-)Berichte der behandelnden Ärzte eine rechtsgenügliche
Grundlage für die Beurteilung der funktionellen Auswirkung der Gesund-
heitsschädigung der Beschwerdeführerin.
6.3.3.2 «Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz», also
Verlauf und Ausgang von Therapien stellen wichtige Schweregradindikato-
ren dar (vgl. BGE 141 V 281 E. 4.3.1.2). Die psychiatrische V._-
Gutachterin führte in diesem Zusammenhang aus, dass eine ambulante
psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung mit antidepressiver Medi-
kation bestehe. Sodann könne die Behandlung theoretisch intensiviert wer-
den, vor allem auch von medikamentöser Seite her. Sie hielt aber auch
fest, dass dissoziative Störungen therapeutisch schwer anzugehen seien,
vor allem bei Chronifizierung (act. 221 S. 25). Die Prognose sei aufgrund
des chronischen Verlaufs ungünstig (act. 221 S. 23). Dem psychiatrischen
P._-Gutachten vom 9. Oktober 2014 ist zu entnehmen, dass es
über die Jahre immer wieder zu einer Verlagerung und Änderung der er-
heblichen somatoformen und Konversions-Symptome gekommen sei, so-
dass vor diesem Hintergrund bei der der Beschwerdeführerin von einem
verfestigten therapeutisch kaum mehr beeinflussbaren Verlauf mit primä-
rem und sekundärem Krankheitsgewinn auszugehen sei. Ferner sei die
Beschwerdeführerin in den letzten Jahren in mehreren Kliniken stationär
behandelt worden, ohne dass mittelfristig eine Verbesserung der Sympto-
matik aufgetreten sei (act. 105 S. 30). Dr. med. Q._ erachtete im
psychiatrischen Administrativgutachten vom 12. Februar 2015 die Prog-
nose, wenn auch aus krankheitsfremden Gründen, als ungünstig (act. 128
S. 17). Zu berücksichtigen sind nunmehr auch die absolvierten physiothe-
rapeutischen Behandlungen in der Reha T._ im 2018 und 2019. Aus
den entsprechenden Berichten ergibt sich eine Besserung des Gesund-
heitszustands, namentlich eine klare Verbesserung der Gehfähigkeit. Ins-
gesamt deutet dies auf eine schwere Ausprägung der Gesundheitsschädi-
gung der Beschwerdeführerin.
6.3.3.3 Unter dem Aspekt der «Komorbiditäten» ist eine Gesamtbetrach-
tung der Wechselwirkungen und sonstigen Bezüge der Schmerzstörung zu
C-4757/2018
Seite 25
sämtlichen begleitenden krankheitswertigen Störungen erforderlich
(BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3). Die psychiatrische V._-Gutachterin
hielt diesbezüglich lediglich fest, die diagnostizierte leichte depressive Epi-
sode und die dissoziative Störung gegenseitig negativ beeinflussen, so-
dass es bei einer Arbeit zu einer erhöhten Ermüdbarkeit mit vermehrten
Konzentrationsstörungen komme, was einen vermehrten Pausenbedarf er-
fordere (act. 221 S. 23). Im Weiteren wurde festgehalten, dass die Leis-
tungseinschränkungen aus otorhinolaryngologischer Sicht diejenigen aus
psychiatrischer Sicht ergänzen (act. 221 S. 43). Unklar bleibt, ob bei der
Beschwerdeführerin zusätzlich eine schwere neuropsychologische Stö-
rung, wie sie im Bericht vom 8. März 2017 der Reha T._ anlässlich
einer neuropsychologischen Untersuchung festgestellt worden ist, zumal
im V._-Gutachten dieser Bericht zwar erwähnt, aber nicht diskutiert
wird.
6.3.3.4 Mit Blick auf den Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsent-
wicklung und -struktur, grundlegende psychische Funktionen, persönliche
Ressourcen) führte die psychiatrische V._-Gutachterin aus, es wür-
den keine deutlich auffälligen Persönlichkeitszüge für die Achse-2-Diag-
nose einer Persönlichkeitsstörung bestehen. Gegen diese Diagnose spre-
che vor allem auch der Verlauf mit vor der Erkrankung normaler Sozialisa-
tion mit voller Leistungsfähigkeit. Ferner würden mit einem kaufmänni-
schen Berufsabschluss und mehrjähriger Berufserfahrung Ressourcen be-
stehen (act. 221 S. 24). Auch Dr. med. Q._ verneinte im psychiatri-
schen Administrativgutachten vom 12. Februar 2015 das Vorliegen einer
Persönlichkeitsstörung (act. 128 S. 17). Nichtsdestotrotz ist auf die in per-
sönlicher Hinsicht belastenden Lebensumstände der Beschwerdeführerin
(nicht einfache Kindheit, häufiger Wohnortwechsel, sexueller Missbrauch,
rigides familiäres Umfeld, zwei gescheiterte Ehe, häusliche Gewalt, Kon-
flikte mit Tochter, Doppelbelastung als Hausfrau/Mutter und ausserhäuslich
Erwerbstätige) hinzuweisen. Hinzu kommt, dass im P._-Gutachten
vom 9. Oktober 2014 auf der Persönlichkeitsebene ausgeführt wurde, es
würden Hinweise auf eine Störung der Persönlichkeit und des Verhaltens
bestehen. Anamnestisch würden sich Hinweise ergeben, dass diese Stö-
rung möglicherweise bereits in der Adoleszenz und im jungen Erwachse-
nenalter vorhanden gewesen sei. Bei der Beschwerdeführerin würden
auch Hinweise auf Züge einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit his-
trionischen und emotional instabilen Anteilen ergeben. Die Beschwerde-
führerin beschreibe, oft sehr schnell intensive Beziehungen einzugehen,
die dann immer zu emotionalen Krisen führen würden. Weiter gebe sie ein
Gefühl der Leere an sowie Unsicherheit gegenüber ihren eigenen Zielen.
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Seite 26
Auffällig sei, dass sie in ihrer jetzigen Beziehung ihrem Ehemann massiv
Verantwortung übertrage. In der Zusammenschau der Akten und der Inter-
aktionen zwischen den Familienangehörigen wird auf eine Diagnose einer
gemischten Persönlichkeitsstörung geschlossen (act. 105 S. 27). Mit die-
sen Ausführungen hat sich die psychiatrische V._-Gutachterin in
keiner Weise auseinandergesetzt.
6.3.3.5 Unter dem Komplex «sozialer Kontext» hielt die psychiatrische
V._-Gutachterin fest, die Beschwerdeführerin habe nur noch in ei-
nem engen Bezugspersonenkreis Kontakte. Der Ehemann nehme ihr prak-
tisch alles ab, sie sei auf ihn angewiesen (act. 221 S. 25). Im Weiteren
ergibt sich aus der sozialen Anamnese im V._-Gutachten, dass die
Beschwerdeführerin mit ihrem Ehemann in einem Einfamilienhaus wohne,
das ihnen gehöre. Das Ehepaar lebe vom Einkommen des Ehemannes
und habe Schulden, auch wegen des Hauses. Die Beschwerdeführerin
habe Kontakte zu ihren Kindern, ausser zur erstgeborenen Tochter, die den
Kontakt oft ablehne (act. 221 S. 21). Auch im P._-Gutachten vom
9. Oktober 2014 war von einem vollkommenen sozialen Rückzug in allen
Lebenslagen die Rede (act. 105 S. 30). Demgegenüber stellte Dr. med.
Q._ in dem psychiatrischen Teilgutachten vom 12. Februar 2015
keinen ausgeprägten sozialen Rückzug fest (act. 128 S. 17). Dem Bericht
vom 14. August 2015 der Reha T._ ist sodann zu entnehmen, dass
die Beschwerdeführerin für die Kirche ehrenamtliche Aufgaben übernehme
und sich gerne mit Freunden treffe (act. 158 S. 6). Gemäss letztem Bericht
der Reha T._ vom 21. Januar 2019 sei die Beschwerdeführerin in
ihrer Gemeinde gut integriert (BVGer act. 19 Beilage 4 S. 2). Die divergie-
renden Feststellungen bezüglich des sozialen Kontextes deuten auf eine
Veränderung desselben im zeitlichen Verlauf hin und bedürfen einer weite-
ren Abklärung.
6.3.4 In die Kategorie «Konsistenz» fallen verhaltensbezogene Gesichts-
punkte (BGE 141 V 281 E. 4.4).
6.3.4.1 Der Indikator einer «gleichmässigen Einschränkung des Aktivitä-
tenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen» zielt auf die Frage
ab, ob die diskutierte Einschränkung in Beruf und Erwerb einerseits und in
den sonstigen Lebensbereichen (z.B. Freizeitgestaltung) andererseits
gleich ausgeprägt ist (BGE 141 V 281 E. 4.4.1). Hierzu führte die psychiat-
rische V._-Gutachterin insbesondere aus, die Beschwerdeführerin
fühle sich im Haushalt kaum einsatzfähig und habe kaum mehr Kontakte
ausser Haus. Sie habe regelmässige Kontakte zu einer Freundin. In die
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Kirche gehe sie nicht mehr und innerhalb der Herkunftsfamilie würden Kon-
taktabbrüche bestehen. Die Beziehungsfähigkeit sei aber nicht gestört. Die
Beschwerdeführerin lebe in guter und stabiler Beziehung mit ihrem dritten
Ehemann zusammen. Sie habe auch Kontakte zu ihren Kindern, ausser
zur älteren Tochter, die keinen Kontakt wünsche. Die öffentlichen Verkehrs-
mittel könne sie nicht alleine benützen und sie lasse sich mit dem Rollstuhl
vom Ehemann überall hinbegleiten und mit dem Auto hinfahren. Vor Eintritt
des Gesundheitsschadens sei die Beschwerdeführerin aktiver und voll leis-
tungsfähig gewesen (act. 221 S. 21, 26). Im Weiteren ist den Schilderun-
gen der Beschwerdeführerin zu ihrem Tagesablauf zu entnehmen, dass sie
zu Hause allein nicht viel mache. Beim Kochen könne sie nur helfen und
sie brauche Hilfe beim Duschen und Anziehen. Die Wäsche, Reinigungs-
arbeiten und die Einkäufe erledige der Ehemann, wobei sie ihn zum Teil
begleite. Sie brauche dauernd Begleitung und gehe nicht mehr unter Leute,
da sie sonst Panik bekomme. Der regelmässige Kontakt zu einer Freundin
sei von ihrem momentanen Zustand abhängig. Sie sei rasch überfordert.
Sie gehe auch nicht mehr in die Kirche. Sie schaue Sportsendungen im
Fernsehen. Manchmal gebe es Tage, an denen sie 20 Stunden schlafe.
Lesen gehe auch nicht mehr gut, da sie kaum etwas behalten könne; sonst
schaue sie «Heftli» an (act. 221 S. 21). Mit ihrer einzigen Freundin skype
sie aufgrund zunehmender Müdigkeit und Kopfschmerzen immer seltener.
Sie sei auch nicht mehr imstande, Patchworkarbeiten vorzunehmen
(act. 221 S. 27). Aus dem psychiatrischen P._-Gutachten und dem
Gutachten von Dr. med. Q._ ergibt sich im Wesentlichen ein ähnli-
ches Aktivitätsniveau (vgl. act. 105 S. 17 f.; 128 S. 13). Gegenüber
Dr. med. R._ erklärte sie zudem, dass sie sich seit kurzem mit
Patchworkarbeiten beschäftige und gerade eine Decke fertiggestellt habe
(act. 134 S. 24). Schliesslich ist zu erwähnen, dass die Beschwerdeführe-
rin gemäss den letzten Berichten der Reha T._ die Gehfähigkeit teil-
weise wiedererlangt habe und in ihrer Gemeinde gut integriert sei (vgl.
BVGer act. 1 Beilage 6; 19 Beilage 4), was auf eine weiter abzuklärende
Zunahme des Aktivitätenniveaus deutet.
6.3.4.2 Die Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen weist auf den
tatsächlichen «Leidensdruck» hin (BGE 141 V 281 E. 4.4.2). Unter diesem
Aspekt fällt die langjährige Krankengeschichte der Beschwerdeführerin
auf. Für den im vorliegenden Verfahren relevanten Zeitraum seit 2012 ist
in den Akten dokumentiert, dass sich die Beschwerdeführerin immer wie-
der wegen ihrer somatischen und psychischen Beschwerden in medizini-
sche Behandlung begeben hat und auch mehrmals hospitalisiert worden
ist (vgl. insbesondere act. 42 S. 10; 63; 64; 86 S. 19, 24 ff., 32 ff.; 100 S. 6,
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11, 13; 109; 158; 165 S. 5; 200; 204; BVGer act. 1 Beilage 6; 19 Beilage 4).
Was die psychiatrische Behandlung anbelangt, ist deren Intensität und Ver-
lauf nur dürftig dokumentiert und bedarf weiterer Abklärung. So liegt na-
mentlich vom behandelnden Psychotherapeuten Dr. med. Dipl. Psych.
U._ lediglich ein Bericht vor, der nur wenige Wochen nach Auf-
nahme der Behandlung erstellt worden ist. Der weitere Behandlungsverlauf
wurde nicht abgeklärt.
6.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich das V._-Gutachten auch im
Kontext mit den übrigen aktenkundigen Berichten als unvollständig und bil-
det keine genügende Grundlage, um im Rahmen des strukturierten Be-
weisverfahrens anhand der Standardindikatoren zu prüfen, ob die vorge-
nommene Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus rechtlicher Sicht über-
zeugt.
6.4 Die angefochtene Verfügung ist folglich gestützt auf eine unvollstän-
dige Sachverhaltsabklärung ergangen, weshalb die Sache in Anwendung
von Art. 61 Abs. 1 VwVG zur Vornahme der notwendigen medizinischen
Abklärungen und hernach neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzu-
weisen ist.
6.4.1 Diese Rückweisung an die Vorinstanz erfolgt in Übereinstimmung mit
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, gemäss welcher eine Rückwei-
sung an die IV-Stelle im Falle einer notwendigen Erhebung einer bisher
vollständig ungeklärten Frage möglich ist. Ebenso steht es dem Bundes-
verwaltungsgericht frei, eine Sache zurückzuweisen, wenn allein eine Klar-
stellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen
erforderlich ist (BGE 139 V 99 E. 1.1; 137 V 210 E. 4.4.1.4).
6.4.2 Mit Blick auf die komplexen Leiden der Beschwerdeführerin ist die
Vorinstanz anzuweisen, die Beschwerdeführerin in der Schweiz und unter
Berücksichtigung der für sämtliche psychiatrische Erkrankungen massge-
blichen Standardindikatoren (vgl. BGE 141 V 281; 143 V 409; 143 V 418)
zumindest psychiatrisch, neuropsychologisch, neurologisch, rheumatolo-
gisch und otorhinolaryngologisch begutachten zu lassen. Der Beizug allfäl-
liger weiterer Spezialisten ist in das pflichtgemässe Ermessen der Vor-
instanz bzw. der Gutachter zu stellen.
6.4.3 Das Gutachten hat dabei nicht nur Auskunft über den aktuellen Ge-
sundheitszustand und die funktionelle Leistungsfähigkeit der Beschwerde-
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Seite 29
führerin sowohl in Bezug auf die angestammte Tätigkeit als auch eine Ver-
weistätigkeit zu geben, sondern auch über den Verlauf des Gesundheits-
zustands unter Würdigung der echtzeitlichen, sich teilweise widerspre-
chenden medizinischen Gutachten und Berichte. Im Übrigen ist auf die vor-
stehenden Ausführungen unter Erwägung 6.3 zu verweisen.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der massgebliche Sachverhalt in me-
dizinischer Hinsicht unvollständig abgeklärt worden ist. Damit lässt sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin und die daraus resultieren-
den Auswirkungen auf ihre Leistungsfähigkeit anhand der vorliegenden Ak-
tenlage nicht abschliessend beurteilen. Die Beschwerde ist deshalb inso-
weit gutzuheissen, als die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Sache zur weiteren medizinischen Abklärung und anschliessenden Neu-
verfügung an die Vorinstanz zurückzuweisen ist. Dabei ist die Vorinstanz
anzuweisen, die Beschwerdeführerin in der Schweiz zumindest durch
Fachärzte in den Disziplinen Psychiatrie, Neuropsychologie, Neurologie,
Rheumatologie und Otorhinolaryngologie begutachten zu lassen. Der Bei-
zug allfälliger weiterer Fachärzte ist in das pflichtgemässe Ermessen der
Vorinstanz bzw. des Gutachters zu stellen.
8.
8.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis und 2
IVG), wobei die Verfahrenskosten grundsätzlich der unterliegenden Partei
auferlegt werden (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Rückweisung der Sache zu
erneuter Abklärung gilt für die Frage der Auferlegung der Gerichtskosten
und der Parteientschädigung als vollständiges Obsiegen (vgl. BGE 137 V
210 E. 7.1; 132 V 215 E. 6; Urteil des BGer 8C_897/2017 vom 14. Mai
2018 E. 4.1). Entsprechend sind der obsiegenden Beschwerdeführerin
keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von
Fr. 800.– ist ihr nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils zurückzuerstat-
ten. Der Vorinstanz sind ebenfalls keine Verfahrenskosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 2 VwVG).
8.2 Die obsiegende, anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat gemäss
Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 ff. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteient-
schädigung zu Lasten der Verwaltung. Da keine Kostennote eingereicht
wurde, ist die Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen (vgl. Art. 14
C-4757/2018
Seite 30
Abs. 2 VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensausgangs, des ge-
botenen und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung der Streitsache und
der Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens sowie in An-
betracht der in vergleichbaren Fällen gesprochenen Entschädigungen er-
scheint eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 2'800.– (inkl. Ausla-
gen) angemessen.