Decision ID: ea934319-ea9f-4d32-beb4-56713bc72c3e
Year: 2013
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt massgebend sei. Das Schreiben von Dr. med. ... vom 26.
September 2012 dürfe deshalb im vorliegenden Verfahren keine
Berücksichtigung finden. Eine Verschlechterung des Zustandes wäre Grund für
eine Neuanmeldung gewesen. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass Dr.
med. ... als Arzt der Allgemeinmedizin nicht qualifiziert sei, psychiatrische
Einschätzungen vorzunehmen. Seine allgemeinmedizinische Meinung, dass der
Beschwerdeführer an einer (nicht näher definierten) psychotischen Erkrankung
leide, sei aus psychiatrischer Sicht lediglich eine Vermutung, welche die
spezialärztliche Einschätzungen der PDGR (Psychiatrischen Dienste des
Kantons Graubünden) nicht in Frage stellen würden. Dies gelte umso mehr, als
das Gericht respektive die Verwaltung in Bezug auf Berichte von Hausärzten
der Erfahrungstatsache Rechnung tragen dürfe und solle, dass Hausärzte
mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in
Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen würden. Die
„Drogenkrankheit“ an sich, das heisse die ärztliche Diagnose eines
Abhängigkeitssyndroms, würde nach ständiger Rechtsprechung keine
Invalidität im Sinne des Gesetzes zu begründen vermögen, wenn nicht erstellt
sei, dass eine die Erwerbstätigkeit beeinträchtigende und damit
invalidenversicherungsrechtlich relevante geistige oder körperliche
Gesundheitsstörung mit Krankheitswert zur Sucht geführt habe oder als deren
Folge eingetreten sei. Aus den eingeholten Arztberichten der Psychiatrischen
Dienste vom 29. Dezember 2011, vom 2. und 8. Februar 2012 sowie 15. und
30. März 2012 und den Stellungnahmen des RAD Ostschweiz vom 15. Juni und
28. August 2012 gehe widerspruchsfrei hervor, dass keine Gesundheitsstörung
zur Sucht geführt habe und dass keine Gesundheitsstörung als Folge der Sucht
eingetreten sei. An diesem Resultat würde auch das Schreiben von Dr. med. ...
vom 26. September 2012 nichts ändern. Ohne weitere Abklärung lasse sich
somit sagen, dass bei Erlass der angefochtenen Verfügung vom 31. August
2012 keine Invalidität im Sinne des IVG (Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung) vorgelegen habe, so dass zu Recht keine IV-Leistungen
gewährt worden seien.
9. In der Replik vom 1. November 2012 hielt der Beschwerdeführer vertreten
durch seine Beiständin fest, dass bei den jeweiligen stationären Aufenthalten in
den beiden Kliniken die Frage bezüglich psychotischen Erkrankungen gar nie
geprüft worden sei. Auch ein Arzt mit allgemeiner Ausbildung sei fähig,
festzustellen, dass etwas mit der Psyche eines Patienten nicht stimme, weshalb
weiterhin auf eine fachmännische konsiliarische Begutachtung beharrt werde.
Auch eine Familienanamnese sei nicht gemacht worden, obschon der Vater
stärkste psychische Erkrankungen habe. Die Beschwerdegegnerin habe, trotz
entsprechender Hinweise, den Beschwerdeführer nicht richtig auf eine
psychische Erkrankung abgeklärt und weigere sich heute noch, diese
Abklärungen vorzunehmen.
10. Die Beschwerdegegnerin führte in ihrer Duplik vom 15. November 2012 aus, die
Psychiatrischen Dienste hätten entgegen der Darstellung des
Beschwerdeführers eine Familienanamnese erhoben. Insbesondere werde in
sämtlichen Berichten der Psychiatrischen Dienste ausdrücklich erwähnt, dass
der Vater des Beschwerdeführers psychisch krank sei. Wider der Auffassung
des Beschwerdeführers könne aus dem Umstand, dass sein Vater psychisch
krank sei, noch nicht gefolgert werden, dass bei ihm ein psychischer
Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vorliege.
Ebensowenig lasse sich aus dem Vorbringen, dass die bisherigen
Drogenentzüge nicht nachhaltig gewesen seien, der Schluss ziehen, dass beim
Beschwerdeführer ein psychischer Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit vorliege.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften und auf die
angefochtene Verfügung wird, soweit erforderlich, in den nachstehenden
Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 31. August 2012, mit welcher ein
Anspruch des Beschwerdeführers auf IV-Leistungen abgelehnt worden ist.
Nachfolgend wird zu prüfen sein, ob die Beschwerdegegnerin einen solchen
Anspruch zu Recht verneinte.
2. Vorweg ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer rechtsgenüglich vertreten
ist. Gemäss Ernennungsurkunde vom 8. Februar 2012 ist die Beiständin
beauftragt und ermächtigt, die Interessen des Beschwerdeführers in allen
rechtlichen Angelegenheiten zu wahren, für ihn Sozialversicherungsleistungen
aller Art geltend zu machen und ihn gegenüber allen
Sozialversicherungsträgern zu vertreten. Die Zustimmung der
Erwachsenenschutzbehörde zur Prozessführung durch die Beiständin (Art. 416
Abs. 1 Ziff. 9 ZGB) ist ebenfalls in Form einer Prozessvollmacht vom 28.
September 2012 gegeben.
3. Für die Gewährung von IV-Leistungen muss eine Invalidität im Sinne des
Gesetzes gegeben sein. Gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG) gilt als Invalidität die durch einen körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheitsschaden (...) verursachte,
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbsunfähigkeit. Mit
anderen Worten muss sowohl ein Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit vorliegen, als auch eine dauerhafte oder länger dauernde
Erwerbsunfähigkeit (THOMAS LOCHER, Grundriss des Sozialversicherungsrechts,
Bern 2003, 3. Auflage, S. 125 ff.). Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung
vermag eine (Alkohol-, Medikamenten- oder Drogen-) Sucht respektive ein
Abhängigkeitssyndrom für sich alleine keine Invalidität im Sinne des Gesetzes
zu begründen. Vielmehr wird eine Abhängigkeit invalidenversicherungsrechtlich
erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren
Folge ein körperlicher, geistiger oder psychischer (vgl. Urteil I 750/04 vom 5.
April 2006 E. 1.2 mit Hinweisen), die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender
Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder wenn sie selber Folge eines
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsschadens ist, dem
Krankheitswert zukommt (BGE 124 V 265 E. 3c S. 268 mit Hinweis; Urteil des
eidgenössischen Versicherungsgerichts I 505/05 vom 22. Februar 2006 E.2.3
mit Hinweisen). Erforderlich ist, dass der Drogensucht oder dem Alkoholismus
eine ausreichend schwere und ihrer Natur nach für die Entwicklung einer
Suchtkrankheit geeignete Gesundheitsstörung zugrunde liegt, welche
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zumindest eine erhebliche Teilursache der Sucht darstellt (Urteil des
eidgenössischen Versicherungsgerichts I 192/02 vom 23. Oktober 2002 E. 1.2.2
mit Hinweis). Mit dem Erfordernis des Krankheitswerts einer allfälligen
verursachenden psychischen Krankheit wird verlangt, dass diese die Arbeits-
und Erwerbsfähigkeit einschränkt (BGE 99 V 28 E. 2; Urteil des
eidgenössischen Versicherungsgerichts I 940/05 vom 10. März 2006 E. 2.2).
4. Wie aus den vorliegenden Klinikberichten hervorgeht, hat der
Beschwerdeführer mehrfach versucht, einen Entzug zu machen, weshalb er
stationär in den Kliniken ... sowie ... war. Dabei wurde er jeweils fachärztlich
beurteilt und anschliessend therapiert. In diesem Sinne geht der
Beschwerdeführer fehl, wenn er ausführt, es habe nie eine fachärztliche
Abklärung über eine psychische Erkrankung stattgefunden. Gemäss den
vorliegenden Facharztberichten der Kliniken ... und ... konnte neben der
Suchtproblematik jedoch keine selbständige psychische Erkrankung im Sinne
des Invalidenversicherungsrechts festgestellt werden. Der Psychostatus des
Beschwerdeführers wurde bei jedem neuen Eintritt, d.h. viermal in Folge, neu
beurteilt. In sämtlichen Beurteilungen konnte weder ein Wahn, eine Ich-Störung
noch Sinnestäuschungen oder Zwänge festgestellt werden. Aus dem
Austrittsbericht der Klinik ... vom 30. März 2012 geht sogar ausdrücklich hervor,
dass nie Anzeichen für eine psychotische Symptomatik vorgelegen hätten.
Ausserdem war den Fachärzten bekannt, dass der Vater des
Beschwerdeführers psychisch krank (Austrittsbericht vom 29. Dezember 2011),
Alkoholiker und manisch depressiv (Austrittsbericht vom 2. Februar 2012) sowie
selbst bereits fünf oder sechs Mal in der Klinik ... hospitalisiert war
(Austrittsbericht vom 15. März 2012). Schliesslich ergaben auch die
somatischen Befunde keine Gesundheitsstörungen, der Allgemeinzustand des
Beschwerdeführers wurde regelmässig als gut beurteilt.
5. Die Kritik des Beschwerdeführers an diesen ärztlichen Beurteilungen ist nicht
nachvollziehbar. Der Hausarzt, Dr. med. ..., ist zwar der Ansicht, als
Grundkrankheit bestehe eine psychotische Erkrankung, er kann diese
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Einschätzung jedoch nicht weiter untermauern. Gemäss Schreiben vom 26.
September 2012 hatte der Hausarzt seit dem letzten Spitalaustritt (März 2012)
nur noch telefonischen Kontakt mit dem Beschwerdeführer, was eine Betreuung
sehr schwierig gestalte. Dr. med. ... begründet seine Einschätzung, dass
wahrscheinlich eine psychotische Erkrankung vorliege, lediglich damit, dass die
Familie des Beschwerdeführers psychisch sehr stark belastet sei und er
deshalb davon ausgehe, dass mit Sicherheit auch eine erbliche Komponente
des Leidens vorliege. Obschon ein Allgemeinmediziner durchaus in der Lage
ist, in einem gewissen Rahmen eine psychische Erkrankung zu erkennen und
zu behandeln, vermag sein Schreiben vorliegend keine Zweifel an den
fachärztlichen Beurteilungen der Kliniken ... und ... zu begründen. Wie bereits
ausgeführt, wurde der Beschwerdeführer bei jedem Klinikeintritt untersucht und
es konnten keine Hinweise auf eine psychotische Erkrankung festgestellt
werden. Allein der Umstand, dass der Vater des Beschwerdeführers bereits
mehrmals in stationärer Behandlung weilte und an einer Psychose leide,
erscheint nicht geeignet, die fachärztlichen Beurteilungen in Frage zu stellen,
dies umso mehr, als Dr. med. ... den Beschwerdeführer seit den fachärztlichen
Beurteilungen in den Kliniken nur noch telefonisch beraten hat und damit keine
direkte Untersuchung des Beschwerdeführers mehr möglich war.
6. Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass Dr. med. ... den
Beschwerdeführer nach den Klinikaufenthalten nicht persönlich untersuchen
konnte und der Bericht erst nach Verfügungserlass verfasst worden ist, hat das
Schreiben des Hausarztes zu wenig Beweiskraft um die fachärztlichen
Beurteilungen der Kliniken ... und ... in Frage zu stellen. Schliesslich wurde der
Beschwerdeführer bei jedem neuen Eintritt untersucht und es wurde Diagnose
gestellt, wobei sowohl somatische Befunde ausgewiesen als auch der
Psychostatus beurteilt wurde. Ebenfalls fand die aktuelle, soziale und familiäre
Situation jeweils Eingang in die Beurteilungen. Im Austrittsbericht vom 30. März
2012 wurde sodann, wie bereits erwähnt, ausdrücklich festgehalten, dass nie
Anzeichen für eine psychotische Erkrankung vorgelegen haben, was die
Ursächlichkeit der Sucht in Frage stellt. Die vom Beschwerdeführer
vorgebrachten Argumente für das Vorliegen einer psychischen Erkrankung
genügen daher nach Ansicht des Gerichts nicht, um Zweifel an der
Einschätzung der Fachärzte zu erwecken. Eine weitere fachärztliche
Beurteilung erscheint unter diesen Umständen nicht notwendig.
7. a) Gestützt auf die fachärztlichen Beurteilungen in den Austrittsberichten der
Kliniken, aus welchen neben der Suchtproblematik keine selbständige
psychische Erkrankung im Sinne des Invalidenversicherungsrechts hervorgeht,
hat die Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers auf IV-
Leistungen zu Recht abgelehnt. Damit erweist sich die angefochtene Verfügung
als rechtmässig, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
b) Laut Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren - in Abweichung von
Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG) – bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder
Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Diese Kosten werden jeweils nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert der Sache im Umfang von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.--
festgelegt. Aufgrund des Ausgangs dieses Verfahrens wären die Kosten von Fr.
500.-- an sich dem unterliegenden Beschwerdeführer zu überbinden. Dem
Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird entsprochen, da die finanzielle
Bedürftigkeit des Beschwerdeführers hinreichend belegt wurde und die
Beschwerde nicht gerade zum vornherein als aussichtslos bezeichnet werden
muss. Infolgedessen werden die Gerichtskosten von Fr. 500.-- auf die
Gerichtskasse genommen.
c) Eine aussergerichtliche Entschädigung steht der obsiegenden
Beschwerdegegnerin nicht zu (Umkehrschluss aus Art. 61 lit. g ATSG).