Decision ID: f08ea1e5-50c5-46f5-8412-7282e4e3619d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der minderjährige Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöri-
ger paschtunischer Ethnie – reiste am 17. Februar 2022 in die Schweiz ein
und stellte gleichentags ein Asylgesuch.
B.
Am 7. März 2022 fand die Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige
statt (EB UMA, SEM-Akten A15/12) und am 28. April 2022 wurde der Be-
schwerdeführer vertieft zu seinen Asylgründen angehört (Anhörung, SEM-
Akten A24/19).
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen geltend,
er habe bis zu seiner Ausreise mit seiner Familie im Dorf B._, Dis-
trikt C._, Provinz D._ gelebt. Bis kurz vor seiner Ausreise
habe er neben der Schule während 18 Monaten einen Englischkurs be-
sucht. Sein Vater sei vor zwei Jahren gestorben. Daraufhin habe seine Fa-
milie ihren Stoffladen aufgeben müssen und fortan als Haupteinkommen
nur noch von der Landwirtschaft gelebt. Ungefähr Mitte Mai 2021
sei er in der Nähe seiner Schule von Taliban-Kämpfern angesprochen und
zu seinen Sprach- und Lesekenntnissen befragt worden. Später hätten sie
ihn aufgefordert, sich dem Jihad und ihrem Kampf gegen die Behörden
anzuschliessen sowie seine Freunde an ein geplantes Treffen mitzubrin-
gen; andernfalls würden sie ihn töten. Auch seinen Englischlehrer hätten
die Taliban gedrängt, seine Schüler in den Jihad zu schicken. Als sich die-
ser geweigert und bei den Behörden beschwert habe, sei er von den Tali-
ban mitgenommen und der Englischkurs geschlossen worden. Nachdem
weder er noch seine Freunde zu dem geplanten Treffen mit den Taliban
erschienen seien, habe er vor seiner Haustüre einen Brief mit Todesdro-
hungen gefunden, sollte er sich nicht den Taliban anschliessen. Deshalb
habe er Afghanistan Ende Mai 2021, als D._ bereits von den Taliban
umzingelt gewesen sei, verlassen. Nach seiner Ausreise seien die Taliban
bei seiner Familie vorbeigekommen und hätten nach ihm gefragt.
Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Tazkara sowie eine Kopie
der Bestätigung seines am (...) abgeschlossenen Englischkurses und ein
dazugehöriges Referenzschreiben zu den Akten.
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C.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 6. Mai 2022 nahm der Beschwer-
deführer Stellung zum Entscheidentwurf des SEM. Darin machte er unter
Verweis auf die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts (BVGer)
E-1144/2018 vom 29. Juni 2020 und E-5072/2018 vom 17. Dezember 2020
geltend, dass die Rekrutierungsversuche durch die Taliban auf einem
flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv beruhten und das SEM die Frage, ob
die drohende Zwangsrekrutierung eines Minderjährigen für einen Kampf-
oder Kriegseinsatz eine ernsthafte Verfolgungsgefahr im Sinne eines uner-
träglichen psychischen Drucks darstelle, nicht hinreichend abgeklärt habe.
Auch sei das Verfolgungsmotiv der politischen Anschauung – welches vor-
liegend ebenfalls gegeben sei – nicht geprüft sowie der Sachverhalt be-
züglich Übergriffe auf vormalige Rekrutierungsverweigerer nicht rechts-
genüglich erstellt worden. Zudem bestehe keine innerstaatliche Fluchtal-
ternative.
D.
Mit Verfügung vom 5. [recte: 9.] Mai 2022 – eröffnet am 9. Mai 2022 – ver-
neinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
an. Der Vollzug der Wegweisung wurde wegen Unzumutbarkeit zugunsten
einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz aufgeschoben.
E.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
8. Juni 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte
darin die Aufhebung der Dispositivziffern 1 bis 3 sowie die Anerkennung als
Flüchtling und die Asylgewährung. Eventualiter sei die angefochtene Ver-
fügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung, insbesondere um den Verzicht auf Erhe-
bung eines Kostenvorschusses.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 9. Juni 2022 den Eingang
der Beschwerde. Gleichentags lagen ihm die vorinstanzlichen Akten in
elektronischer Form vor.
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Seite 4
G.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Juni 2022 hiess der zuständige Instrukti-
onsrichter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 20. Juli 2022 machte das SEM ergänzende
Ausführungen und hielt an der angefochtenen Verfügung fest.
I.
Mit Replik vom 5. August 2022 nahm der Beschwerdeführer dazu Stellung
und hielt ebenfalls an seinen Rechtsbegehren und deren Begründung fest.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Ver-
ordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem
Coronavirus vom 1. April 2020 [COVID-19-Verordnung Asyl; SR 142.318]
und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Disposi-
tivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung und somit die Fragen der
Flüchtlingseigenschaft, der Asylgewährung und der Wegweisung aus der
Schweiz.
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Seite 5
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz hielt zur Begründung ihrer Verfügung fest, die Rekrutie-
rungsversuche der Taliban hätten den Beschwerdeführer nicht aufgrund
seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe getroffen, son-
dern aufgrund ihnen geeignet erscheinender Eigenschaften – männlich
und in einem bestimmten Alter – und somit nicht aufgrund eines flüchtlings-
rechtlich relevanten Motivs. Weitere Risikofaktoren, insbesondere die Un-
terstellung einer oppositionellen Gesinnung seitens der Taliban, seien nicht
ersichtlich, womit kein Anlass zur Annahme bestehe, dass ihm aufgrund
seiner Weigerung bei einer Rückkehr nach Afghanistan flüchtlingsrechtlich
relevante Verfolgungsmassnahmen drohen würden – auch nicht unter Be-
rücksichtigung der aktuellen Lageveränderung und der Machtergreifung
durch die Taliban. Seine subjektive Furcht vor zukünftigen Nachteilen im
Sinne von Art. 3 AsylG erweise sich nicht als objektiv begründet. Weiter
habe er Fragen zu Problemen, die erst nach seiner Ausreise in Afghanistan
aufgetreten seien, widersprüchlich beantwortet. Insoweit in der Stellung-
nahme zum Entscheidentwurf auf das Urteil des BVGer E-1144/2018 ver-
wiesen werde, sei festzustellen, dass besagtem Entscheid ein grundlegend
anderer Sachverhalt zugrunde liege und die dortigen Verfolgungsmerk-
male (Herkunft aus marginalisierter Gesellschaftsschicht, Mitglied eines
Minderheitenclans) untrennbar mit der Persönlichkeit des Betroffenen ver-
knüpft gewesen seien. Auch der Verweis auf das Urteil des BVGer
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E-5072/2018 gehe fehl. Einerseits handle es sich dabei weder um ein
Grundsatz- noch um ein Referenzurteil und andererseits habe das Bun-
desverwaltungsgericht die drohende Zwangsrekrutierung in besagtem Ur-
teil insbesondere deshalb als ernsthaften Nachteil gewertet, weil die Rek-
rutierung durch einen quasi-staatlichen Machthaber erfolgt sei. Gemäss
ständiger Rechtsprechung habe es sich bei den Taliban aber im Zeitraum
der geltend gemachten Zwangsrekrutierung um eine nichtstaatliche Grup-
pierung gehandelt. Bei der somit offensichtlich fehlenden Asylrelevanz
könne darauf verzichtet werden, auf die Beanstandungen in der Stellung-
nahme einzugehen, wonach die Gefährdung bei einer Rückkehr und das
Vorliegen von unerträglichem psychischen Druck nicht hinreichend abge-
klärt worden sei. Ebenfalls erübrige es sich, auf die zahlreichen vorhande-
nen Unglaubhaftigkeitselemente näher einzugehen.
5.2 Der Beschwerdeführer führte in seiner Beschwerdeschrift aus, die Ver-
folgungsmotive in Art. 3 AsylG seien so zu verstehen, dass die Verfolgung
wegen äusserer oder innerer Merkmale, die untrennbar mit der Person
oder Persönlichkeit des Opfers verbunden seien, erfolge beziehungsweise
drohe. Demgemäss stelle die drohende Zwangsrekrutierung von Minder-
jährigen durch quasi-staatliche Machthaber – im Sinne eines unerträgli-
chen psychischen Drucks – eine ernsthafte Verfolgungsgefahr dar. Eben-
falls drohe dort die Zwangsrekrutierung aufgrund der unveränderbarer
Merkmale Alter und Geschlecht. Diese würden auch auf ihn zutreffen, wes-
halb er sowohl bei seiner Ausreise als auch bei einer allfälligen Rückkehr
nach Afghanistan eine Zwangsrekrutierung zu befürchten habe. Aufgrund
seiner Weigerung, am Treffen der Taliban teilzunehmen und der anschlies-
senden Flucht, bestehe zudem die Gefahr, dass ihn die Taliban wegen un-
terstellter oppositioneller Gesinnung damit aufgrund politischer Motive ver-
folgen würden. Diese Annahme werde dadurch gestützt, dass seine Fami-
lie nach der Ausreise drei Schreiben von den Taliban erhalten habe, in de-
nen sein Vater aufgefordert worden sei, entweder ihn oder einen anderen
Sohn zu den Taliban zu schicken. Auch verkenne die Vorinstanz, dass die
Taliban aufgrund seiner Sprachfähigkeiten ein erhöhtes Interesse an ihm
hätten. Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass die Taliban mit der
Machtübernahme zu staatlichen Akteuren geworden seien, wodurch das
Anwerben und Ausbilden von Minderjährigen zu Kampfhandlungen ein
Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG darstelle. Aufgrund der sich rapide än-
dernden und aktuell nicht abschätzbaren Lage in Afghanistan, hätte das
SEM weitere Informationen bezüglich der Gefahren für rückkehrende Per-
sonen einholen müssen.
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5.3 In seiner Vernehmlassung wies das SEM darauf hin, dass die Aussa-
gen des Beschwerdeführers teilweise inkohärent ausgefallen seien. Zu Be-
ginn der Anhörung habe er angegeben, regelmässig mit seiner Mutter in
Kontakt zu stehen, jedoch von ihr keine Neuigkeiten in Bezug auf seine
Probleme in Afghanistan erfahren zu haben. Später habe er dann ausge-
führt, die Taliban würden immer wieder kommen und nach «uns» fragen
und «uns» töten wollen. Auf Nachfrage habe er angegeben, damit sich
selbst zu meinen. Allerdings habe er danach erneut erklärt, seit seiner Aus-
reise sei nichts weiter passiert, um dann die Suggestivfrage seiner Rechts-
vertreterin, ob die Taliban nach seiner Ausreise bei seiner Familie zuhause
nach ihm gefragt hätten, wiederum zu bejahen. Auch habe er nicht nach-
vollziehbar erklären können, weshalb er den vor der Ausreise erhaltenen
Drohbrief nicht mitgenommen oder im Laufe seines Asylverfahrens nach-
gereicht habe, zumal er andere Dokumente habe einreichen können. Bei
diesen handle es sich um Bestätigungen zu seiner Teilnahme am Englisch-
kurs, welchen jedoch nur ein geringer Beweiswert zukomme, da die auf
dem Dokument angegebenen Daten nicht mit den von ihm genannten
übereinstimmen würden. Schliesslich sei die erst in der Beschwerdeschrift
vorgebrachte Behauptung, seine Familie habe seit seiner Ausreise von den
Taliban drei Drohbriefe erhalten, als reine Schutzbehauptung zu qualifizie-
ren. Dafür spreche, dass er diese Schreiben im Laufe des Asylverfahrens
mit keinem Wort erwähnt und bis zum heutigen Zeitpunkt nicht nachge-
reicht habe. Im Weiteren sei nicht nachvollziehbar, weshalb sein Vater in
diesen Schreiben aufgefordert worden sei, ihn – den Beschwerdeführer –
ausfindig zu machen und zu den Taliban zu schicken oder ihnen andern-
falls seinen anderen Sohn zu überlassen, obschon der Vater den Aussagen
des Beschwerdeführers zufolge zu diesem Zeitpunkt bereits tot gewesen
sei. Schliesslich würden keine Hinweise vorliegen, dass der mutmasslich
ältere Bruder des Beschwerdeführers Probleme mit den Taliban gehabt be-
ziehungsweise bekommen hätte, nachdem deren Forderungen keine
Folge geleistet worden sei. Angesichts dieser erheblichen Unstimmigkeiten
würden keine Hinweise vorliegen, dass die Taliban das Vorgehen des Be-
schwerdeführers als oppositionelles Verhalten verstehen und ihn aus poli-
tischen Motiven als Feind betrachten, ihn nach wie vor suchen und verfol-
gen könnten. Daher bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, dass
er bei einer Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zukunft flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungs-
massnahmen als Folge seiner einstigen Rekrutierungsverweigerung aus-
gesetzt sein würde.
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5.4 Der Beschwerdeführer hielt in seiner Replik fest, die Vorinstanz habe
in ihrer Vernehmlassung pauschale und knappe Ausführungen gemacht
und sei nicht auf die in der Beschwerdeschrift erhobenen Rügen eingegan-
gen. Anders als von der Vorinstanz angenommen, seien seine Aussagen
nicht widersprüchlich ausgefallen. Er sei jedoch zunehmend durch die
komplizierte Frageweise der Fachspezialistin verwirrt worden, weshalb
seine Rechtsvertreterin habe eingreifen müssen. Um weitere Verwirrung
vorzubeugen, habe sie die geschlossene Frage gestellt, ob die Taliban
nach seiner Ausreise bei seiner Familie nach ihm gefragt hätten. Sie habe
dies lediglich getan, nachdem offene Fragen nichts weiter bewirkt hätten.
Er habe insgesamt nachvollziehbare und altersgerechte Angaben ge-
macht.
6.
6.1 Die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft setzt voraus, dass die
asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlit-
ten hat, beziehungsweise solche im Falle einer Rückkehr in den Heimat-
staat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft be-
fürchten muss. Die Nachteile müssen der asylsuchenden Person gezielt
und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden
sein. Weiter ist massgeblich, dass die geltend gemachte Gefährdungslage
noch aktuell ist (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.).
Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur An-
nahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der
Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit ver-
wirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten ernsthaften
Nachteile als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als
realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11
E. 5.1; 2010/57 E. 2.5; 2010/44 E. 3).
6.2 Aufgrund aktueller Informationen erscheint es nicht ausgeschlossen,
dass der Beschwerdeführer vor der Machtübernahme durch die Taliban tat-
sächlich von Rekrutierungsversuchen betroffen gewesen sein könnte. Rek-
rutierungen durch die Taliban, wie sie der Beschwerdeführer schilderte,
wurden zu dieser Zeit zur Erhöhung der Kampfeinheiten und mit dem Ziel
der Machtergreifung, durchgeführt. Verschiedene Berichte weisen darauf
hin, dass die Taliban vorwiegend junge Paschtunen aus ländlichen Gebie-
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ten zu rekrutieren versuchten und Druck auf ihre Familien aufbauten, ins-
besondere mit dem Ziel des freiwilligen Anschlusses (vgl. UK Home Office,
Country Policy and Informationen Note, Afghanistan: Unaccompanied
Children, April 2021, S. 45 ff.). Seine Ausführungen betreffend die angebli-
chen Begegnungen mit den Taliban und die vor und auch nach der Aus-
reise erhaltenen Drohbriefe sind indessen durchgehend detailarm und
vage ausgefallen (vgl. A24/19 F115 – F153, F161 – F176). Es bestehen
deshalb ernsthafte Zweifel an seiner Sachverhaltsdarstellung.
6.3 Eine abschliessende Beurteilung der Frage, ob dem damals 16-jähri-
gen Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner Ausreise vonseiten der Tali-
ban tatsächlich ernsthafte Nachteile aufgrund flüchtlingsrechtlich relevan-
ter Verfolgung drohten, kann jedoch vorliegend mit Verweis auf die nach-
stehenden Erwägungen unterbleiben.
6.4 Zunächst sind die Vorbringen des Beschwerdeführers bezüglich der
Vorkommnisse nach seiner Ausreise (Besuche der Taliban bei seiner Fa-
milie, drei erhaltene Drohbriefe) berechtigterweise von der Vorinstanz als
nachgeschoben und unglaubhaft qualifiziert worden (vgl. angefochtene
Verfügung Ziff. II/1, Vernehmlassung vom 20. Juli 2022). Zur Vermeidung
von Wiederholungen kann an dieser Stelle vollumfänglich auf die entspre-
chenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (vgl. oben
E. 5.3). Insbesondere ungewöhnlich erscheint, dass die Brüder des Be-
schwerdeführers, trotz angeblich dreifacher brieflicher Aufforderung, sich
den Taliban anzuschliessen, bisher nicht in Bedrängnis geraten zu sein
scheinen. Ebenfalls unklar ist, weshalb der Beschwerdeführer, welcher ge-
mäss seinen Angaben in regelmässigem Kontakt mit seiner Familie steht
und im Laufe des Verfahrens unter anderem Fotokopien seiner Tazkara
und eines Englischzertifikats einreichte, nicht aber die genannten Droh-
briefe eingereicht respektive dahingehende Bemühungen aktenkundig ge-
macht hat. Das über seine Ausreise hinausreichende Interesse an seiner
Person, in Form der erhaltenen Drohbriefe ist deshalb als unbelegte Par-
teibehauptung zu qualifizieren, weshalb aufgrund der Aktenlage im Urteils-
zeitpunkt nicht auf eine Bedrohungslage des Beschwerdeführers oder der
im Heimatstaat verbliebenen Familienmitglieder, im Sinn einer gezielten
Verfolgungsgefahr, geschlossen werden kann.
6.5 Weiter dürften die Taliban aufgrund der inzwischen erfolgten Macht-
übernahme kaum mehr auf Zwangsrekrutierungen – und insbesondere
nicht von Minderjährigen – angewiesen sein. So beinhalten aktuelle Be-
richte zur Lage in Afghanistan keine Hinweise mehr auf systematische
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Zwangsrekrutierungen, sondern deuten vielmehr auf den Versuch der Tali-
ban hin, ehemalige Mitglieder der Sicherheitskräfte für sich zu gewinnen
(vgl. European Asylum Agency [EUAA], Country of Origin Report, Afgha-
nistan – Targeting of Individuals, August 2022, Ziff. 13.1.2; UK Home
Office, Afghanistan: Fear of the Taliban, April 2022, Ziff. 6.11; vgl. UN
Security Council, Thirteenth report of the Analytical Support and Sanctions
liban and other associated individuals and entities constituting a threat to
the peace stability and security of Afghanistan, Mai 2022, Ziff. 35). Die ak-
tuelle Informationslage bezüglich Rekrutierungsstrategien ist – wie auch
vom Beschwerdeführer festgestellt – dünn und es dürften nicht alle began-
genen Menschenrechtsverletzungen bekannt werden. Dennoch ist gemäss
den aktuell zur Verfügung stehenden Berichten davon auszugehen, dass
es aktuell nicht mehr zu systematischen Zwangsrekrutierungen durch die
Taliban kommt und das Interesse an der Rekrutierung Minderjähriger mit
der vollständigen Machtübernahme im August 2021 grundsätzlich wegge-
fallen sein dürfte.
6.6 Schliesslich liegen keine glaubhaften Hinweise dafür vor, dass der Be-
schwerdeführer dadurch, dass er sich der Aufforderung zur Unterstützung
der Taliban durch Ausreise entzogen hat, aktuell in ihrem Fokus stehen und
deshalb bei einer (hypothetischen) Rückkehr nach Afghanistan bestraft
werden könnte. Es ist darauf hinzuweisen, dass D._ bereits bei sei-
ner Ausreise von den Taliban umzingelt war. Auch weist der Beschwerde-
führer kein besonderes Risikoprofil auf. Ein solches lässt sich auch nicht
aus dem blossen Besuch eines Englischkurses ableiten. Seinen Aussagen
kann sodann nicht entnommen werden, dass er in den Augen der Taliban
als religiöser oder politischer Oppositioneller gegolten hätte. Weder war er
je politisch aktiv noch hat er sich anderweitig aufgrund seiner Familie, per-
sönlicher Merkmale oder Aktivitäten gegenüber den Taliban besonders ex-
poniert. Vielmehr erläutert er, weder er noch seine Familie hätten vorher je
mit den Taliban zu tun gehabt (vgl. A24/19 F22f., F110f.). Zudem macht er
nicht geltend, dass seine Angehörigen seinetwegen ernsthaft behelligt wor-
den wären. Vielmehr führte er aus, seine Mutter habe den Taliban erklärt,
dass sie ihn weggeschickt habe, damit er nicht unschuldige Menschen tö-
ten müsse oder selbst von ihnen getötet werde (vgl. A24/19 F176). Dies
spricht ebenfalls gegen das Vorliegen einer andauernden, erheblichen und
gezielten Verfolgung. Dementsprechend drohen dem Beschwerdeführer
bei einer (hypothetischen) Rückkehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
keine gezielten Nachteile, welche über die bereits im Rahmen der Prüfung
der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs berücksichtigte allgemeine
Gefährdungslage hinausgehen.
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6.7 Insgesamt ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer keine aktuell
drohende oder eine objektiv begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung
nach Art. 3 AsylG darlegen konnte. Die Vorinstanz hat die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers demnach zu Recht verneint und sein Asyl-
gesuch abgelehnt.
7.
7.1 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde zu Recht ange-
ordnet.
7.2 Nachdem die Vorinstanz den Beschwerdeführer mit Verfügung vom
9. Mai 2022 wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der
Schweiz vorläufig aufgenommen hat, erübrigen sich praxisgemäss Ausfüh-
rungen zu möglichen weiteren Vollzugshindernissen (vgl. BVGE 2011/7
E. 8 m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen. Nach
dem Gesagten besteht kein Anlass, die Sache an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Das entsprechende Eventualbegehren ist ebenfalls abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da jedoch sein Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Ver-
fügung vom 10. Juni 2022 gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses verzichtet wurde, sind dem Beschwerdeführer keine Kos-
ten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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