Decision ID: 0cf85f5f-4e2a-4ac6-bb82-0f2e1cb299a9
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherte) war als Geschäftsführerin des B._ bei der
Schweizerischen National-Versicherungs-Gesellschaft AG (nachfolgend: National)
gegen die Folgen von Unfällen versichert, als sie gemäss undatierter Unfallmeldung am
29. Mai 2012 beim Ziehen eines mit Waren beladenen "Rollis" rückwärts auf den
Rücken/Kopf stürzte (act. UM, vgl. auch act. CM3). Die Versicherte wurde ins
Kantonsspital St. Gallen (KSSG) gebracht, wo die Ärzte der Klinik für Neurochirurgie
nach einem noch am Unfalltag durchgeführten CT des Neurocranium, des
Gesichtsschädels und der HWS ein Schädelhirntrauma bei Status nach Synkope
unklarer Ursache bei/mit in das Foramen magnum einstrahlender Fraktur des Os
okzipitale, Subduralhämatom spinal und am Tenorium cerebelli links,
Subarachnoidalblutung frontal beidseits, Kontusionsblutung cerebellär links sowie
retrograder Amnesie diagnostizierten. Die Versicherte wurde stationär aufgenommen.
Ein CT des Neurocraniums vom 31. Mai 2012 zeigte im Vergleich zur Voruntersuchung
vom 29. Mai 2012 eine subtotale Regredienz der Subduralhämatome spinal links auf
Höhe des Foramen magnum und entlang des Tentoriums cerebelli links sowie der
kleinvolumigen Subarachnoidalblutung frontal beidseits und eine diskrete
Kontusionsblutung cerebellär links. Am 5. Juni 2012 wurde die Versicherte bei
Attestierung einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit ab 29. Mai 2012 aus dem Spital
entlassen und durch ihren Hausarzt Dr. med. C._, FMH Allgemeine Innere Medizin,
weiterbetreut (act. M1, vgl. auch act. M2, act. M5). Nach einer 50%-igen
Arbeitsfähigkeit vom 6. August bis 14. Oktober 2012 war die Versicherte ab 15.
Oktober 2012 wieder voll arbeitsfähig (act. CM3, vgl. auch act. TG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.b Mit Schreiben vom 7. Februar 2013 unterrichtete Dr. C._ die National davon,
dass die Versicherte durch den Unfall vom 29. Mai 2012 einen bleibenden Schaden von
Geruchs- und Geschmackssinn erlitten habe (act. M5), und am 20. Februar 2013 teilte
er mit, dass die unfallbedingte Behandlung zum jetzigen Zeitpunkt weitgehend
abgeschlossen sei. Am 16. April 2013 erfolge noch eine abschliessende Kontrolle. Der
Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn werde bestehen bleiben. Gemäss Suva-
Tabelle sei der Integritätsschaden bei einer beidseitigen Läsion des Nervus lingualis
(Beeinträchtigung des Geschmackssinns) mit 25% bewertet (act. M6). Mit Schreiben
vom 14. März 2013 liess die Klinik für Neurochirurgie des KSSG vernehmen, dass eine
genaue neurochirurgische Evaluierung des Verlustes des Geruchs- und
Geschmackssinns nicht möglich sei und eine Evaluierung und Quantifizierung der
Beschwerden durch einen Hals-Nasen-Ohren (HNO)-Arzt empfohlen würde (act. M7).
Mit Versicherungsbericht vom 5. April 2013 informierte Dr. C._ darüber, dass er die
Versicherte letztmals am 11. Februar 2013 gesehen habe und sie sich vom
Schädelhirntrauma weitgehend erholt habe (act. M8). In einem ärztlichen
Zwischenbericht vom 15. Mai 2013 vermerkte er, dass die Versicherte unter einem
paroxysmalen Lagerungsschwindel leide, indem im Liegen beim Drehen nach rechts
ein Sekundendrehschwindel auftrete. Er notierte ausserdem, dass im Heilverlauf eine
psychosomatische Komponente mitspiele (act. M12).
A.c Am 26. Juni und 10. Juli 2013 fand in der HNO-Klinik des KSSG die von der Klinik
für Neurochirurgie empfohlene (act. M7) und von der National in Auftrag gegebene (act.
K13) Untersuchung statt. Die Klinikärzte stellten im Versicherungsbericht vom 15. Juli
2013 die Diagnose Anosmie und Ageusie bei Status nach Schädelhirntrauma nach
synkopalem Sturzereignis 04/2012 mit Fraktur des Os occipitale, Subduralhämatom
spinal und Subarachnoidalblutung frontal beidseits. Weiter wurde festgehalten, dass
die Versicherte zum Zeitpunkt der Untersuchung über einen kompletten Verlust des
Geruchs- und Geschmackssinns geklagt habe. Während der Verlust des Geruchssinns
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang mit dem Unfallereignis vom
29. Mai 2012 stehe, könne über den Verlust des Geschmackssinns keine
abschliessende Aussage gemacht werden. Es sei davon auszugehen, dass bei der
Anosmie und Ageusie der Endzustand erreicht sei. Eine Besserung sei
unwahrscheinlich. Die dauernde Beeinträchtigung beziehe sich auf den kompletten
Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Gemäss Suva-Tabelle bestehe bei einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Geschmackssinnsverlust ein Integritätsschaden von 25%. Für den Verlust des
Geruchssinns werde kein Integritätsschaden beschrieben (act. M13).
A.d Am 30. August 2013 folgte eine Beurteilung der medizinischen Unterlagen durch
den beratenden Arzt der National, Dr. med. D._, Neurologe E._, der einen
Integritätsschaden von 25% für den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns
bestätigte (act. M14). Mit Verfügung vom 8. November 2013 legte die National den
Integritätsschaden entsprechend fest und sprach der Versicherten auf dieser Basis
eine Integritätsentschädigung von Fr. 31'500.-- zu (act. K15).
A.e Mit ärztlichem Zeugnis vom 17. Dezember 2013 informierte Dr. C._ die National
erstmals über eine Hörstörung der Versicherten, die sich mit einer Craniosacraltherapie
sehr gut behandeln lasse (act. M16). Mit Schreiben vom 5. Februar 2014 sicherte die
National der Versicherten die Kostenübernahme für eine Craniosacraltherapie über
neun Sitzungen zu (act. R31). Am 2. April 2014 berichtete Dr. C._ der National, dass
der paroxysmale Lagerungsschwindel im Mai 2013 behandelt worden sei, worauf eine
deutliche Besserung der Schwindelsymptomatik bei jedoch noch persistierendem
Dröhnen in den Ohren eingetreten sei. Weder eine osteopathische Behandlung noch
eine Craniosacraltherapie hätten einen Erfolg gezeigt. Inwieweit die Hörstörung mit
dem Unfall zusammenhänge könne nicht beurteilt werden (act. M17).
A.f Eine auf Zuweisung von Dr. C._ in der Radiologie F._ am 23. April 2014
vorgenommene MRI-Untersuchung des Schädels und der intrakraniellen Gefässe und
extrakraniellen Halsgefässe der Versicherten ergab normale Befunde (act. M18). Dr.
C._ wies die Versicherte auch Dr. med. G._, Neurologie FMH, Psychiatrie und
Psychotherapie, Schlafmedizin SGSSC, St. Gallen, zu. Dieser führte am 13. August
2014 eine Elektroencephalographie durch, in der sich eine mässig generalisierte
Hirnfunktionsstörung und eine erhebliche Müdigkeit, jedoch keine epilepsietypischen
Potentiale zeigten (act. M21). Bei der Indikation einer Zervikobrachialgie seit dem Sturz
nach hinten am 29. Mai 2012 mit eher pseudoradikulärer Ausstrahlung bis zu den
Schulterbereichen erfolgte am 26. August 2014 im Auftrag von Dr. G._ eine zervikale
kernspintomographische Untersuchung in der F._ (act. M22). Nach Untersuchungen
vom 13. August und 2. September 2014 hielt Dr. G._ mit Bericht vom 3. September
2014 folgende Diagnosen fest: Schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Contusio cerebri
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
initial mit diffusen bilateralen Glioseherden (im Verlauf bildgebend als komplett
rückläufig beurteilt), in das Foramen magnum einstrahlender Fraktur des Os occipitale,
subduralem Hämatom spinal und am Tentorium cerebelli und Subarachnoidalblutung
beim Sturz am 29. Mai 2012 mit milder kognitiver Einschränkung, Anosmie, Ageusie,
posttraumatischem Lagerungsschwindel, posttraumatischen Kopfschmerzen vom
Spannungstyp; Zustand nach HWS-Beschleunigungstrauma beim Sturz am 29. Mai
2012 mit Kopflage-abhängiger Zervikobrachialgie und vertebrogenem Tinnitus bei
leicht ausgeprägter Instabilität im Segment HWK4/5 und neuroforaminalen
Einengungen auf Höhe HWK3/4, 4/5 und weniger 5/6. Dr. G._ führte aus, dass sich
klinisch-neurologisch gegenwärtig mässige Aufmerksamkeits- und
Konzentrationsstörungen, eine Anosmie und Ageusie, bei der Lagerung nach Hallpike
sowohl nach links wie auch nach rechts ein kurz andauernder rotatorischer Nystagmus
ohne wesentliche Gleichgewichtsstörung oder Übelkeit, ein Blickrichtungs-Nystagmus
langsam erschöpflich sowie eine erhebliche Nackenmuskulatur-Verspannung und
Ausstrahlung der Nackenschmerzen bis zu den Schulterbereichen beidseits im
Rahmen der kraniozervikalen Provokationsmanöver hätten feststellen lassen. Die
Zervikobrachialgie und der Tinnitus hätten angesichts der Hinweise im MRI am ehesten
eine posttraumatische, vertebrogene Genese (act. M23).
A.g Zur Prüfung ihrer Leistungspflicht legte die National den Schadenfall am 29.
Januar 2015 erneut Dr. D._ zur neurologischen Beurteilung vor (act. K21), welche
dieser am 27. Mai 2015 verfasste (act. M27).
A.h Gestützt auf dessen Aktenbeurteilung eröffnete die Helvetia Schweizerische Ver-
sicherungsgesellschaft AG (nachfolgend: Helvetia) als Rechtsnachfolgerin der National
der Versicherten mit Verfügung vom 19. Juni 2015, dass sie ihre Leistungen für die
Beschwerden an der HWS und den Schultern sowie die Kopfschmerzen per 19. Juni
2015 einstelle. Die Beschwerden würden mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit ab dem 13. Mai 2015 nicht mehr in einem natürlichen
Kausalzusammenhang zum Ereignis vom 29. Mai 2012 stehen. Für weitere
Heilungskosten ab dem 19. Juni 2015 würden vorbehältlich allfälliger Rückfälle oder
Spätfolgen keine Leistungen mehr erbracht. Für den Tinnitus aurium rechts werde eine
Integritätsentschädigung für eine Integritätseinbusse von 5% ausgerichtet (act. K22).
Bis zum Datum des Verfügungserlasses hatte die Helvetia bzw. davor die National die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesetzlichen Versicherungsleistungen (Heilkosten- und Taggeldleistungen; vgl. act. TG,
act. R57, act. R57.1) erbracht.
A.i Nachdem die Versicherte gegenüber der Helvetia mit E-Mails vom 30. Juni 2015
(act. K24 f.) eingewendet hatte, dass eine Integritätsentschädigung basierend auf
einem Integritätsschaden von 5% zu wenig sei, sie durch die Beeinträchtigung des
Unfalls eine Lohneinbusse von jährlich Fr. 24'000.-- habe und aus gesundheitlichen
Gründen ihr Geschäft habe aufgeben müssen, erklärte ihr der zuständige
Sachbearbeiter der Helvetia am 9. Juli 2015 telefonisch, sie müsse Einsprache
erheben, wenn sie mit der Verfügung nicht einverstanden sei. Weiter wurde ihr
dargelegt, dass die Integritätsentschädigung eine Kapitalauszahlung für den Tinnitus
darstelle und nichts mit der Arbeitsfähigkeit zu tun habe. Letztere betrage bei der
Versicherten seit dem 15. Oktober 2012 100% (act. K26). Die Versicherte antwortete
mit E-Mail vom 10. Juli 2015, sie verwechsle Taggeld und Integritätsentschädigung
nicht, erachte jedoch eine Integritätsentschädigung basierend auf einem
Integritätsschaden von 20% als angemessen (act. K28).
B.
B.a Auf den erneuten Hinweis, Einsprache erheben zu müssen (act. K29), reichte die
Versicherte am 14. Juli 2015 eine entsprechende Eingabe ein (act. K31).
B.b Mit Entscheid vom 15. Oktober 2015 wies die Helvetia die Einsprache der Ver-
sicherten ab (act. K34).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) mit Eingabe vom 13. November 2015 Einsprache bei der Helvetia
(act. G 1), welche diese mit Schreiben vom 18. November 2015 als Beschwerde an das
zuständige Versicherungsgericht weiterleitete (act. G 0). In der Beschwerde erklärte die
Beschwerdeführerin nochmals zu verstehen, dass die Integritätsentschädigung nicht
den Lohnausfall abgelte. Weil sie seit dem Unfall nicht mehr voll habe arbeiten bzw.
keine 100%-ige Leistung mehr habe erbringen können, habe sie jedoch sehr viel Geld
verloren (act. G 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 6. Januar 2016 beantragte die Helvetia (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
C.c Die Beschwerdeführerin reichte hierauf am 3. Februar 2016 eine Replik ein (act. G
5), der am 3. März 2016 die Duplik der Beschwerdegegnerin folgte (act. G 7). Mit
Schreiben vom 8. März 2016 schloss das Versicherungsgericht den Schriftenwechsel
ab (act. G 8), worauf die Beschwerdeführerin am 14. März 2016 eine weitere Eingabe
einreichte (act. G 9).
C.d Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften und die Ausführungen in
den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig in den nachfolgenden

Considerations:
Erwägungen eingegangen.
Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden daher
die bis 31. Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
2.
2.1 Für die Umschreibung des Prozessthemas ist nach den Regeln über den
Anfechtungs- und Streitgegenstand zu verfahren. Streitgegenstand im System der
nachträglichen Verwaltungsrechtspflege ist das Rechtsverhältnis, welches - im Rahmen
des durch den vorinstanzlichen Entscheid bestimmten Anfechtungsgegenstandes - den
auf Grund der Beschwerdebegehren effektiv angefochtenen Verfügungsgegenstand
bildet (BGE 130 V 502 E. 1.1). Mit Bezug auf den Anfechtungsgegenstand ist
festzuhalten, dass im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren grundsätzlich nur
Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu beurteilen sind, zu denen die zuständige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich - in Form einer Verfügung - Stellung
genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den beschwerdeweise
weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem
Anfechtungsgegenstand, wenn und insoweit keine Verfügung ergangen ist (BGE 119 Ib
36, 118 V 313 E. 3b, je mit Hinweisen).
2.2 Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der
Einspracheentscheid vom 15. Oktober 2015 (act. K34). Diesem liegt die Verfügung vom
19. Juni 2015 zu Grunde (act. K22). In der Verfügung - wie auch im angefochtenen
Einspracheentscheid - prüfte die Beschwerdegegnerin zunächst den Anspruch der
Beschwerdeführerin auf Versicherungsleistungen für Heilbehandlungen und verneinte
einen solchen ab dem 19. Juni 2015. Weiter prüfte sie den Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Integritätsentschädigung und anerkannte einen
entschädigungspflichtigen Integritätsschaden von 5%. Streitgegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens können somit grundsätzlich einzig ein
Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin auf weitere Heilbehandlungen sowie die
Höhe der Integritätsentschädigung bilden. Die Beschwerdeführerin bestreitet
offensichtlich die Einstellung der Heilbehandlungsleistungen ab 19. Juni 2015 bzw. die
Prüfung des Integritätsentschädigungsanspruchs in diesem Zeitpunkt nicht (vgl. dazu
Art. 19 Abs. 1 und Art. 24 Abs. 2 UVG), fordert jedoch eine höhere
Integritätsentschädigung (vgl. nachfolgende Erwägung 3.2). Soweit die
Beschwerdeführerin in der Beschwerde vom 13. November 2015 (act. G 1), der Replik
vom 3. Februar 2016 (act. G 5) und in der Stellungnahme vom 14. März 2016 (act. G 9)
einen Antrag auf eine Invalidenrente gestellt haben sollte, ist anzufügen, dass die
Beschwerdegegnerin weder in der Verfügung vom 19. Juni 2015 noch im
angefochtenen Einspracheentscheid einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin
geprüft hat. Indem es damit diesbezüglich an einem Anfechtungsgegenstand fehlt,
über den im vorliegenden Beschwerdeverfahren entschieden werden könnte, kann die
Frage nach einem allfälligen Rentenanspruch auch nicht Streitgegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens sein. Sollte ein solcher Beschwerdeantrag
tatsächlich gestellt worden sein, könnte darauf nicht eingetreten werden.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebliche
Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie
Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung (Art. 24 Abs. 1 UVG).
Angesichts dieser Gesetzesbestimmung bildet die Unfallkausalität
Anspruchsvoraussetzung für eine Integritätsentschädigung der Unfallversicherung. Eine
Leistungspflicht des Unfallversicherers für eine Integritätsentschädigung besteht
demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und adäquat kausal mit einem
versicherten Unfallereignis zusammenhängen (vgl. Art. 6 Abs. 1 UVG; BGE 129 V 181
E. 3; ALEXANDRA RUMO-JUNGO/ANDRÉ PIERRE HOLZER, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2012, S. 53 ff.). Bei physischen
Unfallfolgen spielt indessen die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem
natürlichen Kausalzusammenhang sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers
praktisch keine Rolle (BGE 117 V 365 mit Hinweis; SVR 2000 Nr. 14 S. 45).
3.2 Die Beschwerdeführerin leidet unstreitig unter einem unfallbedingten Tinnitus
aurium rechts (act. M23, act. M27/17). Die Beschwerdegegnerin sprach ihr dafür im
angefochtenen Einspracheentscheid (act. K34) bzw. in der diesem zu Grunde liegenden
Verfügung vom 19. Juni 2015 (act. K22) eine Integritätsentschädigung zu, wobei sie
das Ausmass des Integritätsschadens auf 5% festlegte. Die Beschwerdeführerin
beklagt jedoch seit dem Unfall auch andauernde Nacken-, Schulter- und
Kopfschmerzen (vgl. act. K31, act. G 9, act. M22, act. M27). Ihren Ausführungen
zufolge erachtet sie den von der Beschwerdegegnerin geschätzten Integritätsschaden
von 5% als zu gering und hält einen solchen von insgesamt 20% für unfallbedingte
Gesundheitsschäden als angemessen (vgl. act. K29 bzw. act. G 5.3, act. K31). Zu
prüfen bleibt mithin die Höhe der Integritätsentschädigung, wobei zu wiederholen ist,
dass nur unfallkausale Gesundheitsschäden berücksichtigt werden können (vgl.
Erwägung 3.1). Für den unbestrittenermassen unfallbedingten Verlust des Geruchs-
und Geschmackssinns wurde der Beschwerdeführerin bereits mit Verfügung vom 8.
November 2013 eine Integritätsentschädigung basierend auf einem Integritätsschaden
von 25% zugesprochen (act. K15). Diese Verfügung ist unangefochten in Rechtskraft
erwachsen.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Die Beschwerdegegnerin hat hinsichtlich der Kopf-, Nacken- und
Schulterproblematik ihre Leistungspflicht zunächst anerkannt und ist für diesbezügliche
Heilbehandlungskosten aufgekommen (vgl. act. M25, act. R41). Hat der
Unfallversicherer seine Leistungspflicht im Grundfall einmal anerkannt, so entfällt seine
Leistungspflicht erst dann, wenn der Unfall nicht mehr die natürliche Ursache der
fortdauernd geklagten Beschwerden darstellt, d.h. wenn die Beschwerden nur noch
und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruhen. Die Leistungspflicht des
Unfallversicherers bei einem durch den Unfall verschlimmerten oder überhaupt erst
manifest gewordenen krankhaften Vorzustand entfällt erst, wenn entweder der
(krankhafte) Gesundheitszustand erreicht ist, wie er unmittelbar vor dem Unfall
bestanden hat (Status quo ante), oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem
schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustands auch ohne Unfall früher
oder später eingestellt hätte (Status quo sine; vgl. zum Ganzen RKUV 1994 Nr. U 206
S. 328 f. E. 3b mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts [bis 31. Dezember 2006
Eidgenössisches Versicherungsgericht, EVG] vom 11. Juni 2007, U 290/06, E. 3.3;
RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 54). Ebenso wie der leistungsbegründende
natürliche Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sein (RUMO-JUNGO/ HOLZER, a.a.O., S. 4; THOMAS LOCHER/
THOMAS GÄCHTER, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, §
70 N. 58). Da es sich um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die
Beweislast - anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher
Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht bei der versicherten Person, sondern beim
Unfallversicherer (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 E. 2 mit Hinweisen, 1994 Nr. U 206 S.
328; siehe ebenso BGE 117 V 261 E. 3b). Dieser muss jedoch nicht den Beweis für
unfallfremde Ursachen erbringen. Ebenso wenig geht es darum, vom Unfallversicherer
den negativen Beweis zu verlangen, dass kein Gesundheitsschaden mehr vorliege oder
dass die versicherte Person nun bei voller Gesundheit sei (Urteil des Bundesgerichts
vom 29. April 2008, 8C_465/2007, E. 3.1 mit Hinweisen).
4.2 Für die Feststellung natürlicher Kausalzusammenhänge und ihres Dahinfallens ist
das Gericht im Bereich der Medizin regelmässig auf Angaben ärztlicher Expertinnen
oder Experten angewiesen. Für das gesamte Verwaltungs- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61
lit. c des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG; SR 830.1]). Danach haben die urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne
Bindung an förmliche Beweisregeln sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen
und alle Beweismittel unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen
und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige
Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts
eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
Fachperson begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich
weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder
in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 232 E.
5.1, 125 V 351, E. 3a mit Hinweis). Insofern sind auch Berichte und Gutachten, welche
die Versicherungen während des Administrativverfahrens von ihren eigenen bzw.
beratenden Ärzten und Ärztinnen einholen, beweistauglich, solange ihre Richtigkeit
nicht durch konkrete Indizien erschüttert wird (BGE 125 V 352 E. 3; RKUV 1991 Nr. U
133 S. 311 ff.).
5.
Nachfolgend ist mithin zu prüfen, ob zwischen den von der Beschwerdeführerin über
den 19. Juni 2015 hinaus geklagten Nacken-, Schulter- und Kopfschmerzen und dem
Unfall vom 29. Mai 2012 noch ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, und sie
damit für die Festlegung der Integritätsentschädigung überhaupt von Belang sein
können (vgl. Erwägung 3).
5.1 Für die Annahme unfallkausaler somatischer Restfolgen werden grundsätzlich eine
strukturelle Läsion bzw. eine schlecht verheilte strukturelle Läsion als objektivierbares
Korrelat verlangt. Objektivierbar sind Ergebnisse, die reproduzierbar und von der
Person des Untersuchenden und den Angaben des Patienten bzw. der Patientin
unabhängig sind. Folglich kann von objektiv ausgewiesenen organisch-strukturellen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallfolgen dann gesprochen werden, wenn die erhobenen Befunde mit -
wissenschaftlich anerkannten - apparativen/bildgebenden Abklärungen (Röntgen, MRT,
CT) bestätigt werden (vgl. BGE 134 V 121 E. 9, 134 V 232 E. 5.1 mit Hinweisen; Urteil
des Bundesgerichts vom 28. Oktober 2009, 8C_216/2009, E. 2; SVR 2007 UV Nr. 25 S.
81 E. 5.4 mit Hinweisen [U 479/05]).
5.2 Ein massgebender Ausgangspunkt für traumatische Folgeschäden bzw. die
Ursächlichkeit einer Gesundheitsschädigung bildet insbesondere auch der
gesundheitliche Zustand einer versicherten Person vor Geschehen des Unfalls. Ist es
durch diesen zu keinen neuen unfallbedingten strukturellen Schäden gekommen, trifft
er aber auf einen vorgeschädigten Körper, kommt eine unfallkausale
Gesundheitsschädigung höchstens als vorübergehende oder richtungsgebende
Verschlimmerung des Vorzustandes in Betracht. Von einer richtungsgebenden
Verschlimmerung spricht die Rechtsprechung, wenn medizinischerseits feststeht, dass
weder der Status quo ante noch der Status quo sine je wieder erreicht werden können
(RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O, S. 54). Die lediglich vorübergehende unfallbedingte
Verschlimmerung eines Vorzustandes basiert auf dem Wissen, dass es im
Unfallversicherungsrecht Fälle gibt, bei denen die Unfallfolgen bzw. deren Anteil an
einer Gesundheitsschädigung im Rahmen des posttraumatischen Verlaufs nie konkret
beschrieben bzw. radiologisch als strukturelle Verletzung der Gelenke oder Knochen
sichtbar gemacht werden können. Dennoch wird bei einem geeigneten bzw. adäquaten
Ereignis in einer ersten Phase von einer schädigenden Wirkung des Ereignisses (Unfall)
auf den Körper ausgegangen, die in der Folge aufgetretenen bzw. ausgelösten
Beschwerden werden nach einem bestimmten Zeitraum - trotz ihres möglichen
Fortdauerns - aufgrund einer medizinischen Erfahrungstatsache aber nicht mehr dem
Unfall angelastet. Die Unfallversicherung übernimmt in diesen Fällen nur den durch das
Unfallereignis ausgelösten Beschwerdeschub, d.h. sie hat bis zum Erreichen des
Status quo sine vel ante Leistungen für das unmittelbar im Zusammenhang mit dem
Unfall stehende Schmerzsyndrom zu erbringen. Als Beispiel dafür gelten insbesondere
auch Kontusionsfolgen (vgl. nachfolgende Erwägung 6.6; vgl. Urteile des
Bundesgerichts vom 26. Februar 2013, 8C_423/2012, E. 5.3, 9. Januar 2012,
8C_601/2011, E. 3.2, und 24. Juni 2008, 8C_326/2008, E. 3.2 und 4; Urteil des EVG
vom 14. März 2000, U 266/99, E. 1; vgl. auch RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 55
f.). Bei einer Kontusion handelt es sich um eine Weichteilverletzung. Ihre Diagnose
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
drückt eine schädigende Einwirkung des Unfalls auf den Körper aus, die insbesondere
anhand klinischer Befunde - wie Hämatome, Schwellungen, Druckdolenzen,
Bewegungseinschränkungen, Muskelverhärtungen - objektiviert wird (vgl. dazu
ALFRED M. DEBRUNNER, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, S. 412;
PSCHYREMBEL, Klinisches Wörterbuch, 266. Aufl. Berlin 2014, S. 1139; ROCHE
LEXIKON, Medizin, 5. Aufl. München 2003, S. 357).
5.3
5.3.1 Laut Bericht der Klinik für Neurochirurgie des KSSG vom 4. Juni 2012 wurde
am Unfalltag neben dem Neurocranium und Gesichtsschädel auch die HWS
computertomographisch untersucht. Als Untersuchungsergebnisse wurden jedoch
einzig auf den Schädel, nicht auf die HWS bezogene Befunde erwähnt. Eine Diagnose
wurde hinsichtlich der HWS ebenfalls keine gestellt (act. M1). Am 26. August 2014
wurde in der F._ die HWS und obere BWS mittels MRI bildgebend dargestellt. Dabei
zeigten sich zwar keine Neurokompressionen, jedoch mässige
Facettengelenksarthrosen und Uncovertebralarthrosen mit kleinen
Retrospondylophyten in den Segmenten HWK 3-HWK 6 mit mässigen foraminalen
Einengungen insbesondere der Neuroforamina HWK 3/4 und HWK 4/5, weniger auch
HWK 5/6 links. Auffällig war ausserdem ein angedeutetes Treppenphänomen der
oberen und mittleren HWS im Liegen, so dass eine Instabilität durch ergänzende
Funktionsaufnahmen ausgeschlossen werden sollte. Ansonsten war das MRI der HWS
und oberen BWS regelrecht. Es zeigte sich insbesondere keine Spinalkanalstenose
oder Myelopathie (act. M22). Dass nachfolgend ergänzende Funktionsaufnahmen
gemacht worden wären, ist aktenmässig nicht dokumentiert. Dr. G._ nahm jedoch
neben den neuroforaminalen Einengungen auf Höhe HWK 3/4, 4/5 und weniger 5/6
eine leicht ausgeprägte Instabilität im Segment HWK 4/5 in die Diagnose auf (act.
M23).
5.3.2 Zu den radiologischen Untersuchungen der HWS hält Dr. D._ in seiner
neurologischen Beurteilung vom 27. Mai 2015 nachvollziehbar fest, dass diese keine
Verletzungszeichen, hingegen degenerative Veränderungen der Halswirbel 3 bis 6
sowie eine leichte Instabilität der Wirbel 4 und 5 ergeben hätten. Die HWS sei
wahrscheinlich bereits vor dem Unfall degenerativ verändert gewesen. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Degenerationen hätten jedoch keine Symptome gezeigt (act. M27). So ist der
medizinischen Literatur zu entnehmen, dass es sich bei Fehlen einer primären
strukturellen Unfallverletzung im Bereich der Wirbelsäule (insbesondere einer Fraktur)
bei den radiologisch erhobenen Gesundheitsschäden - Arthrosen mit
Retrospondylophyten, foraminale Einengungen sowie Instabilität - im Regelfall um rein
degenerative Zustände bzw. Prozesse handelt (vgl. dazu DEBRUNNER, a.a.O., S. 579
ff., 843; LEITLINIE DER ORTHOPÄDIE, hrsg. von der Deutschen Gesellschaft für
Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und dem Berufsverband der Ärzte für
Orthopädie, 2. Erweiterte Aufl. Köln 2002, S.191; PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 175 f.,
2000 zu "Spondylolisthesis", "Spondylolyse" und "Spondylosis deformans", 2016 zu
"Stenose"; ROCHE LEXIKON, a.a.O., S. 134, 1752 zu "Stenose"). Auch der Umstand,
dass sich die vorgenannten Gesundheitsschäden mehrsegmental zeigten, lässt die
Beurteilung von Dr. D._ schlüssig erscheinen. Die von Dr. G._ in seinem
Untersuchungsbericht vom 3. September 2014 (act. M23) dargestellte traumatische
Kausalkette - "Es wurde eine HWS-MRI-Untersuchung veranlasst, die Hinweise auf
eine Instabilität in erster Linie im HWK 4/5-Segment und auf neuroforaminale
Einengungen in den Segmenten HWK 3/4, 4/5 und weniger 5/6 links betont erbrachten.
Somit hat die oben genannte Zervikobrachialgie .... am ehesten eine posttraumatische,
vertebrogene Genese." - vermag an der Beurteilung von Dr. D._ nichts zu ändern. Sie
wäre nur dann stimmig, wenn bereits die Instabilität traumatisch bedingt wäre, wofür
jedoch entsprechende Hinweise fehlen.
5.3.3 Die von Dr. G._ und Dr. D._ gestellten Diagnosen Zervikobrachialgie bzw.
chronisches, rechtsbetontes myofasziales, zervikozephales und zervikothorakales
Syndrom (vgl. act. M23, act. M27) bezeichnen für sich ebenso keine traumatische
Verletzung, sondern gründen höchstens auf einer solchen. Laut ROCHE LEXIKON
(a.a.O., S. 1791) handelt es sich bei einem Syndrom um ein sich stets mit etwa den
gleichen Krankheitszeichen, d.h. einer Symptomatik mit weitgehend identischem
"Symptommuster", manifestierendes Krankheitsbild mit unbekannter, vieldeutiger,
durch vielfältige Ursachen - eben auch degenerative Ursachen - bedingter oder nur
teilweise bekannter Ätiogenese. Der Begriff "chronisch" steht sodann dem Begriff
"traumatisch" entgegen. Während letzterer einen akut aufgetretenen Zustand
beschreibt, bedeutet chronisch "langsam sich entwickelnd, langsam
verlaufend" (PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 390; ROCHE LEXIKON, a.a.O., S. 334). Ebenso
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenig ist mit einer -algie ("Schmerz, Schmerzzustand": http://www.duden.de/
rechtschreibung/_algie, abgerufen am 2. Juni 2017) eine unfallbedingte
Gesundheitsschädigung ausgewiesen. Der Zusatz "myofaszial" weist schliesslich auf
eine Problematik im Bereich der Muskulatur hin. Das Ursachenspektrum ist
diesbezüglich vielfältig und kann ebenfalls die Folge degenerativer
Wirbelsäulenerkrankungen sein. Für eine sekundäre unfallkausale Situation bedarf es
auch hier einer unfallkausalen Körperverletzung wie beispielsweise einer Fraktur (vgl.
dazu DEBRUNNER, a.a.O., S. 856, 860; PSCHYREMBEL, a.a.O., zu "Myalgie" S. 1418
f., zu "Myogelose" S. 1428; ROCHE, a.a.O., zu "Myalgie" S. 1268, zu "Myogelose" S.
1379; SVR 2008 UV Nr. 2 S. 3 E. 5.2 mit Hinweisen, U 328/06; Urteil des EVG; vom 6.
Dezember 2006, U 334/06, E. 3). Angesichts des Gesagten kann bei vorliegend
fehlender unfallkausaler Körperverletzung nicht von einem überwiegend
wahrscheinlichen Kausalzusammenhang der obgenannten Diagnosen zum Unfall vom
29. Mai 2012 ausgegangen werden.
5.4 Dr. D._ verneint sodann in seiner neurologischen Beurteilung vom 27. Mai 2015
offensichtlich auch eine richtunggebende Verschlimmerung der vorbestandenen
degenerativen Gesundheitsschäden (vgl. act. M27). Angesichts des echtzeitlich
unauffälligen CT-Untersuchungsergebnisses und der rund zwei Jahre nach dem Unfall
mittels MRI erhobenen mehrsegmental vorhandenen degenerativen
Gesundheitsschäden leuchtet diese Beurteilung ein. Im Übrigen wird das Vorliegen
einer massiven Veränderung des degenerativen Zustands durch den Unfall
insbesondere auch von Dr. G._ nicht diskutiert (vgl. act. M23).
5.5
5.5.1 Wie bereits geschildert, kann jedoch ein Vorzustand durch einen Unfall
ausgelöst oder vorübergehend verschlimmert werden. In diesem Fall übernimmt die
Unfallversicherung lediglich den durch das Unfallereignis ausgelösten
Beschwerdeschub (RKUV 2000 Nr. U 379 S. 193 E. 2a mit Hinweisen). In diesem Sinn
und entsprechend des in den Akten dokumentierten Unfallmechanismus mit Sturz
rückwärts auf Rücken und Kopf (act. UM, act. CM3) geht Dr. D._ in seiner
neurologischen Beurteilung vom 27. Mai 2015 von Prellungen bzw. Kontusionen des
Nackens, der Schultern und des Rückens aus, was neben der erwiesenen Kontusion
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Schädels, insbesondere mit Schädelfraktur und Kontusionsblutung (vgl. act. M1),
plausibel erscheint.
5.5.2 Es entspricht einer medizinischen Erfahrungstatsache, dass Prellungen
(Kontusionen), Verstauchungen oder Zerrungen der Wirbelsäule ohne strukturelle
Läsionen innert kurzer Zeit, in der Regel nach sechs bis neun Monaten, spätestens
nach einem Jahr abheilen und sich die damit verbundenen Beschwerden gänzlich
zurückbilden (vgl. auch DEBRUNNER, a.a.O., S. 412). Diese Erfahrungstatsache darf im
Rahmen des Wahrscheinlichkeitsbeweises berücksichtigt werden. Dies hat
insbesondere für den Nachweis des Status quo sine vel ante zu gelten, bei dem es sich
um einen hypothetischen Zustand handelt, der sich häufig nur mit Erfahrungswerten
bestimmen lässt (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 28. Februar 2007, U 357/06, E.
4.5; Urteil des EVG vom 18. September 2002, U 60/02, E. 2.2 mit Hinweisen auf die
medizinische Literatur). In den Medizinischen Mitteilungen der Suva Nr. 79 [2008], S.
101, hält der Autor ERICH BÄR, Facharzt für Chirurgie FMH, sogar fest, dass
Weichteilzerrungen bzw. -prellungen am Rücken (mithin Verletzungen ohne
objektivierbaren strukturellen Schaden) ungeeignet seien, länger als einige Wochen bis
wenige Monate Beschwerden zu machen, die mit organischen Folgen der
ursprünglichen Verletzung zu erklären wären, und weist auf zahlreiche weitere
Publikationen hin (ERICH BÄR, Prellung, Verstauchung oder Zerrung der Wirbelsäule.
Ein Update. In Medizinische Mitteilungen der Suva Nr. 67 [1994], S. 45).
5.5.3 Die Rechtsprechung hat also im Falle traumatisch ausgelöster
Wirbelsäulenpathologien den konkreten medizinischen Beleg des natürlichen Verlaufs
durch eine richterliche Vermutung, die sich ihrerseits auf die medizinische Literatur
stützt, ersetzt. Medizinische Erfahrungssätze beziehen sich auf den Regelfall, d.h. auf
medizinische Sachverhalte, die sich im konkreten Fall gleich dargestellt haben. Eine
Ausnahme von der Regel ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen, doch muss sie sich
eben als solche präsentieren. Schliesslich sprechen seit dem Unfall anhaltende, zu
Beginn als unfallkausal taxierte Schmerzen nicht automatisch für das Vorliegen
anhaltender Unfallrestfolgen. Die Leistungseinstellung des Unfallversicherers bedingt
keine Beschwerdefreiheit. Entscheidend ist allein, ob der durch den Unfall ausgelöste
Beschwerdeschub seine kausale Bedeutung verloren hat (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 329
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E. 3b). Diesfalls können anhaltende Beschwerden mit unfallfremden Befunden,
beispielsweise degenerativer Art, erklärt werden.
5.5.4 Im vorliegenden Fall sind keine Gründe ersichtlich, derentwegen die
Richtigkeit der Beurteilung von Dr. D._ - hinsichtlich der Kontusionsverletzung der
Nacken- und Schulterweichteile der Beschwerdeführerin sei von einem Status quo sine
vel ante wahrscheinlich im April 2014, spätestens aber zur Zeit seiner Untersuchung
am 13. Mai 2015, auszugehen - in Zweifel zu ziehen wäre. Die Beurteilung basiert auf
einer persönlichen Untersuchung der Beschwerdeführerin. Dr. D._ erhob im Bereich
der HWS und der Schultern der Beschwerdeführerin als klinische Befunde gewisse
schmerzhafte Bewegungseinschränkungen, Druckschmerzen sowie leichte bis mässige
Muskelverspannungen (act. M27). Wie bereits dargelegt, handelt es sich bei einer
Myogelose, aber auch bei den schmerzhaften Bewegungseinschränkungen und
Druckschmerzen, nicht um Befunde, denen spezifisch der Charakter fortdauernder
Unfallfolgen anhaften würde (vgl. Erwägung 6.3; SRV 2008 UV Nr. 2 S. 3 E. 5.2 mit
Hinweisen, U 328/06; Urteil des EVG vom 6. Dezember 2006, U 334/06, E. 3). Ihre
Ursache kann gerade auch in degenerativen Krankheiten liegen. Bei ursprünglichem
Geschehen einer Kontusionsverletzung ist eine zeitlich exakte Unterscheidung
zwischen (noch) wirkenden traumatischen Unfallfolgen und verbleibendem rein
degenerativem Zustand kaum möglich. Der Charakter der Heilung ist hier naturgemäss
fliessend. So führte Dr. D._ absolut nachvollziehbar aus, dass die durch die Prellung
verursachten myofaszialen Verletzungen beinahe drei Jahre nach dem Unfall verheilt
seien. Dieses Intervall trage auch dem Alter der Beschwerdeführerin Rechnung.
Bezüglich der myofaszialen Nacken- und Schulterschmerzen habe die degenerativ
veränderte HWS mit der Zeit als Ursache an Bedeutung gewonnen. Weitere
Ausführungen zum Status quo sine vel ante können von Dr. D._ nicht verlangt
werden. Seine Schlussfolgerungen überzeugen, indem sie in der Erfahrungsmedizin
eine eindeutige Stütze finden. Die konkrete Anamnese fügt sich in das von Dr. D._
Gesagte ein. So ist festzustellen, dass lediglich im echtzeitlichen Bericht der Klinik für
Neurochirurgie des KSSG vom 4. Juni 2012 unter der Rubrik "Anamnese" Schmerzen
im Bereich der HWS erwähnt sind (act. M1), dann jedoch in den Akten erst wieder rund
ein Jahr nach dem Unfall in der Physiotherapie-Verordnung von Dr. C._ vom 16. April
2013 die Diagnose "CVS" (Cervicalsyndrom) vermerkt ist (act. M9 und schliesslich rund
zwei Jahre nach dem Unfall im MRI-Untersuchungsbericht der F._ vom 26. August
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2014 unter "Indikation" eine seit dem Unfall andauernde Zervibrachialgie mit eher
pseudoradikulärer Ausstrahlung angeführt ist (act. M22). Anlässlich der Besprechung
mit der Beschwerdegegnerin vom 15. August 2012 klagte die Beschwerdeführerin
ebenfalls nicht konkret über Nacken- und Schulterschmerzen (act. CM3). Vor diesem
Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin zwar am 29. Mai 2012
eine schwere Prellung des Schädels bzw. Hirns erlitten hat, die eine strukturelle
Verletzung und verschiedene Blutungen zur Folge hatte, die Gewalteinwirkung auf die
HWS demgegenüber nicht von besonderer Schwere gewesen sein dürfte. Nachdem
die Schwere einer Verletzung naturgemäss wiederum Einfluss auf die Heilungsdauer
hat, erscheint die Annahme einer den Regelfall nicht überdauernden Heilungsdauer der
Kontusionsfolgen plausibel.
5.5.5 Die von der Beschwerdeführerin neben den Nacken- und Schulterschmerzen
geklagten Kopfschmerzen haben auf die Festlegung des Status quo sine vel ante
keinen Einfluss. Wie von Dr. D._ schlüssig erklärt, sind diese überwiegend
wahrscheinlich nicht dem Kopfanprall anzulasten, sondern stehen - wie von der
Beschwerdeführerin angegeben (vgl. act. M23: "gelegentliche Kopfschmerzen vom
Nacken ausgehend") - in Verbindung mit den Nacken- und Schulterschmerzen.
Insofern als der Kopf in unmittelbarer Nähe des Nackens und der Schultern liegt und
die Schmerzausstrahlung ein bekanntes Phänomen ist, ist eine zusammenhängende
Schmerzsymptomatik ohne Weiteres nachvollziehbar. Von einer anderen Beurteilung
des Status quo sine vel ante wegen der Kopfschmerzen ist damit nicht auszugehen.
5.6 Der Vollständigkeit halber ist anzufügen, dass im konkreten Fall in Bezug auf die
HWS nicht von einer schleudertraumaähnlichen Verletzung auszugehen ist, bei welcher
nach den Ergebnissen der medizinischen Forschung bekanntermassen auch ohne
nachweisbare pathologische Befunde noch Jahre nach dem Unfall funktionelle Ausfälle
verschiedenster Art, insbesondere auch Nackenschmerzen, auftreten können. Eine
natürliche Kausalität der Nacken- und Schulterschmerzen bezogen auf eine
schleudertraumaähnliche Verletzung in der HWS-Region (vgl. dazu RKUV 1999 Nr. U
341 S. 408) ist insofern zu verneinen, als es - wie von Dr. D._ festgestellt (vgl. act.
M27/15) - überhaupt an der dafür vorausgesetzten Diagnose einer HWS-Distorsion
fehlt (vgl. BGE 117 V 359 E. 4b; vgl. auch BGE 117 V 369 E. 3e; Bestätigung in BGE
134 V 116 E. 6.2.1). Dr. G._ nennt wohl in seinem Untersuchungsbericht vom 3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
September 2014 die Diagnose "Zustand nach HWS-Beschleunigungstrauma beim
Sturz am 29. Mai 2012" (act. M23). In den echtzeitlichen medizinischen Akten findet
sich indessen diese Diagnose nicht. Diagnostiziert wurde ein Schädelhirntrauma. Dabei
handelt es sich zwar ebenfalls um eine schleudertraumaähnliche Verletzung (vgl. RKUV
1999 Nr. U 341 S. 408), deren typische Symptome jedoch nicht vorrangig Nacken- und
Schulterschmerzen sind. Die Folgen des Schädelhirntraumas der Beschwerdeführerin,
konkret der Tinnitus sowie der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, sind
ausgewiesen und organischer Natur.
5.7 Aufgrund des Gesagten ist mithin nach Massgabe der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit spätestens im Zeitpunkt der Einstellung der
Heilbehandlungsleistungen, d.h. ab 19. Juni 2015, von einem Wegfall der
Prellungsfolgen als Ursache der noch geklagten Nacken- und Schulterschmerzen
sowie den damit verbundenen Kopfschmerzen auszugehen. Sie sind somatisch nicht
mehr oder dann mit den nicht unfallbedingten Befunden degenerativer Art erklärbar,
und auch nicht als Folge einer schleudertraumaähnlichen Verletzung überwiegend
wahrscheinlich. Weil über das Datum der Leistungseinstellung hinaus keine
unfallkausalen Verletzungsfolgen im Bereich der HWS nachgewiesen sind, entfällt auch
ein unfallbedingter Integritätsschaden. Eine Integritätsentschädigung in Bezug auf die
Nacken-, Schulter- und Kopfschmerzen ist mithin nicht geschuldet.
6.
6.1 Unbestritten ist grundsätzlich der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine
Integritätsentschädigung für den in Folge des Unfalls vom 29. Mai 2012 verbleibenden
Tinnitus aurium rechts. Im angefochtenen Einspracheentscheid vom 15. Oktober 2015
legte die Beschwerdegegnerin die Integritätsentschädigung basierend auf einem
Integritätsschaden von 5% fest (act. K34) und stützte sich dabei auf die neurologische
Beurteilung von Dr. D._ vom 27. Mai 2015 (act. M27). Nachfolgend ist diese
Integritätsschadensbemessung zu prüfen.
6.2 Die Integritätsentschädigung wird gemäss Art. 25 Abs. 1 UVG entsprechend der
Schwere des Integritätsschadens abgestuft. Dieser wiederum richtet sich nach dem
medizinischen Befund. Bei gleichem medizinischem Befund ist der Integritätsschaden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für alle Versicherten gleich; er wird abstrakt und egalitär bemessen. Spezielle
Behinderungen der betroffenen Person bleiben dabei unberücksichtigt (BGE 124 V 35
E. 3c, 113 V 221 E: 4b). Die Bemessung des Integritätsschadens hängt somit nicht von
den besonderen Umständen des Einzelfalls ab; es geht vielmehr um die medizinisch-
theoretische Ermittlung der Beeinträchtigung der körperlichen und/oder geistigen
Integrität, wobei subjektive Faktoren ausser Acht zu lassen sind (BGE 115 V 147 E. 1).
Die Integritätsentschädigung setzt einen dauernden - voraussichtlich während des
ganzen Lebens mindestens in gleichem Umfang bestehenden - Integritätsschaden
voraus (vgl. Art. 36 Abs. 1 UVV; BGE 124 V 36 ff. E. 4). Nach Art. 36 Abs. 2 UVV wird
die Integritätsentschädigung gemäss den Richtlinien des Anhangs 3 zur UVV
bemessen. Dieser Anhang enthält eine als gesetzmässig und nicht abschliessend
anerkannte Skala. Die Medizinische Abteilung der Suva hat in Weiterentwicklung der
bundesrätlichen Skala zusätzliche Bemessungsgrundlagen in tabellarischer Form
(sogenannte Feinraster) erarbeitet. Diese Tabellen enthalten Richtwerte, mit denen die
Gleichbehandlung aller Versicherten gewährleistet werden soll; sie sind mit dem
Anhang 3 zur UVV vereinbar (BGE 124 V 32 E. 1c mit Hinweis).
6.3
6.3.1 Die Feinrastertabelle der Suva Nr. 13 "Integritätsschaden bei Tinnitus"
beinhaltet eine Bewertungsskala mit Werten für einen leichten, geringfügigen Tinnitus
(Integritätsschaden = 0% [Ziff. 1]), einen schweren Tinnitus (Integritätsschaden = 5%
[Ziff. 2]) und einen sehr schweren Tinnitus (Integritätsschaden = 10% [Ziff. 3]). Dr. D._
geht bei der Beschwerdeführerin von einem schweren Tinnitus aus (act. M27-18).
Folgende Richtlinie ist in der Feinrastertabelle der Suva Nr. 13 für einen schweren
Tinnitus formuliert: ein überwiegend dauernd bestehendes ein oder doppelseitiges
Ohrgeräusch mit deutlicher subjektiver Belästigung, durch Umgebungsschall des
Alltags häufig verdeckt, in Ruhe störend empfunden, öfters am Einschlafen hindernd,
Verrichtungen (Lesen, Schreiben, Zuhören usw.) sowie Konzentration erfordernde
Arbeiten in ruhiger Umgebung dauernd mässig oder zeitweise stark beeinträchtigend -
also höchstens mittelgradig kompensiert und von mittelgradigem Persönlichkeitswert
(Leidensdruck). Ein sehr schwerer Tinnitus ist demgegenüber ein dauernd
bestehendes, ein- oder doppelseitiges Ohrgeräusch mit hoher und schwer bis sehr
schwer erträglicher subjektiver Belästigung durch Umgebungsschall des Alltags nur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sehr selten verdeckt, stark störend empfunden, regelmässig am Einschlafen und/oder
am Durchschlafen hindernd. Verrichtungen (Lesen, Schreiben, Zuhören usw.) sind
regelmässig ausgeprägt oder zeitweise sehr stark beeinträchtigt und der Tinnitus ist
subjektiv vordergründig gegenüber einer vorhandenen Schwerhörigkeit oder andern
zusätzlichen Beschwerden - also dekompensiert und von hohem Persönlichkeitswert
(hoher Leidensdruck).
6.3.2 Laut Dr. D._ ist die Beschwerdeführerin durch den Tinnitus in ihrer
Lebensqualität beeinträchtigt. Sie schilderte ihm gegenüber, dass sie sich am Abend
immer erschöpft fühle - "die Batterien seien leer". Noch heute behindere ein Geräusch,
das sie schwer beschreiben könne, das Einschlafen. Am besten lasse es sich mit dem
Geräusch von Wasser beim Durchlaufen eines Heizungsradiators vergleichen. Der
Tinnitus werde durch die Spannung der Nackenmuskulatur nicht verändert. Das
Geräusch sei nur im Liegen vorhanden. Es pulsiere nicht, sondern sei konstant, jedoch
von einer Intensität, die es ihr verunmögliche, ohne Medikamente einzuschlafen.
Sobald sie aufstehe - auch in der Nacht - verschwinde der Tinnitus. Angesichts dieser
Beschreibung des Tinnitus erscheint dessen Einstufung durch Dr. D._ als schwer
ohne weiteres als angemessen. Die Anforderungen an einen sehr schweren Tinnitus
sind nicht erfüllt. Die von der Beschwerdegegnerin festgelegte Integritätseinbusse von
5% ist damit nicht zu beanstanden. Nachdem Dr. D._ anlässlich der klinischen
Untersuchung keine Hörverminderung feststellte und bei fehlenden Angaben eines
Schwindels das klinische Screening der festibulären Funktionen unauffällig gewesen
ist, entfällt auch eine höhere Integritätsentschädigung für einen Integritätsschaden
wegen Schädigung des Gehörs (vgl. Feinrastertabelle der Suva Nr. 12) und/oder
Störungen des Gleichgewichts (vgl. Feinrastertabelle der Suva Nr. 14).
7.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).