Decision ID: 305f8fdd-5176-530a-9636-493fa7c732b1
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Ehemann der Beschwerdeführerin ersuchte am 26. April 2016 in der
Schweiz um Asyl. Zur Begründung seines Asylgesuchs gab er an, er habe
ab Januar 2006 ungefähr sechs Monate lang sein Motorrad und das ge-
mietete Tuk-Tuk den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) für Waffen-
transporte zur Verfügung gestellt. Am 19. April 2006 sei er vermutungs-
weise von Angehörigen des Criminal Investigation Department (CID) am
Bein angeschossen worden. Später habe das CID ihn zu den Waffen be-
fragt und der Unterstützung der LTTE beschuldigt. Sie hätten ihm eine wö-
chentliche Unterschriftspflicht auferlegt. Dabei sei er auch gefoltert worden.
Nach einem Ausreiseversuch im Jahr 2007 oder 2008 habe er im Haupt-
camp in D._ Unterschrift geleistet. Ab Ende 2010 hätte er nur noch
einmal pro Monat Unterschrift leisten müssen, aber er sei der Unterschrifts-
pflicht nicht mehr nachgekommen. Er habe daher letztmals im Jahr 2010
Kontakt mit dem CID gehabt. Von 2012 bis 2016 habe er wieder bei den
Eltern in E._ (ca. 25 Kilometer vom bisherigen Wohnort entfernt)
gelebt. Nach seiner Ausreise im Januar 2016 habe die Polizei, welche mit
dem CID zusammenarbeite, seine Ehefrau und seine Eltern aufgesucht
und nach ihm gefragt. Es habe keinen speziellen Grund für die Ausreise
gegeben. Er habe unter Druck gestanden und hätte keine Zukunft in Sri
Lanka gehabt. Er hoffe, er könne seine Familie nachkommen lassen.
B.
Mit Verfügung vom 22. Februar 2018 lehnte die Vorinstanz das Asylgesuch
des Ehemannes der Beschwerdeführerin ab, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. Dagegen erhob der Ehemann
Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht. Es wurde das Beschwerde-
verfahren E-1872/2018 eröffnet.
C.
Die Beschwerdeführerin ersuchte mit ihren Kindern am 18. Juli 2019 um
Asyl in der Schweiz. Anlässlich der Personalienaufnahme vom 24. Juli
2019, der Erstbefragung vom 20. August 2019 und der Anhörung vom
12. September 2019 führte sie im Wesentlichen aus, sie sei Tamilin und
habe im Jahr 2005 geheiratet. Sie habe in F._, Distrikt G._,
gelebt. Ihr Ehemann sei im Jahr 2006 angeschossen worden. Danach sei
er zu Befragungen mitgenommen und geschlagen worden. Ab dem Jahr
2012 habe er bei seiner Mutter gewohnt. Sie hätten sich regelmässig be-
E-5092/2019
Seite 3
sucht. Monatlich seien zwei Personen des Geheimdienstes bei ihr vorbei-
gekommen und hätten nach seinem Verbleib gefragt. Nachdem sie im Jahr
2016 von seiner Ausreise erfahren hätten, hätten sie nur noch alle zwei
oder drei Monate nach ihm gefragt. Circa am 19. November 2018 sei sie
von zwei bewaffneten Männern zu Hause vergewaltigt worden. Das Ganze
sei gefilmt worden. Sie hätten ihr gedroht, die Bilder auf den sozialen Me-
dien zu veröffentlichen, falls sie zur Polizei gehen würde. Eine Woche spä-
ter hätten sie sie nochmals vergewaltigt. Danach sei sie mit den Kindern
zu einer Bekannten nach H._ gegangen. Nach einem Monat sei sie
nach F._ zurückgekehrt. Am 28. März 2019 seien abends Männer
gekommen und hätten ihr gesagt, sie müsse ins Camp mitkommen. Am
nächsten Tag sei sie zum Camp gegangen, wo sie zum Verbleib ihres Ehe-
mannes und Waffenverstecken befragt worden sei. Am 30. März 2019 sei
sie mit den Kindern nach Colombo und am 10. April 2019 seien sie mit dem
Reisepass legal von Colombo mit dem Flugzeug ausgereist.
Die Beschwerdeführerin reichte ihre Identitätskarte, eine Heiratsurkunde,
eine Familienkarte, die Geburtsurkunden sowie Schulentlassungspapiere
ihrer Kinder, einen undatierten Arztbericht betreffend das ältere Kind und
zwei Formulare "Zuweisung zur medizinischen Abklärung" vom 9. August
2019 respektive 2. September 2019 ein.
D.
Am 20. September 2019 nahm die Beschwerdeführerin zum Entscheident-
wurf der Vorinstanz Stellung.
E.
Mit Verfügung vom 23. September 2019 (gleichentags eröffnet) stellte die
Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin und ihre Kinder erfüllten die
Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
F.
Mit Eingabe vom 15. Juli 2019 (recte: Postaufgabe 1. Oktober 2019) erhob
die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie
beantragt, es sei die Verfügung der Vorinstanz vom 23. September 2019
vollständig aufzuheben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Eventualiter sei der Beschwerdeführerin Asyl zu gewähren. Sub-
eventualiter sei die Ausreisefrist zu korrigieren und mit der Ausreise des
Ehemannes zu koordinieren. Es sei bei einer allfälligen Verfahrensvereini-
E-5092/2019
Seite 4
gung darauf zu achten, dass aus Persönlichkeitsschutz die geschlechts-
spezifischen Vorbringen nicht in einem gemeinsamen Urteil mit dem Ehe-
mann erwähnt werden. Es sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche
Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses zu verzichten.
Die Beschwerdeführerin reichte eine Schnellrecherche der SFH-Länder-
analyse vom 14. Oktober 2016 zu Sri Lanka: Nordprovinz: Militärpräsenz,
Überwachung, Folter, Situation von Frauen und von Angehörigen von Ver-
schwundenen ein.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2019 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses und sistierte das Beschwerdeverfahren.
H.
Mit Schreiben vom 13. Dezember 2019 teilte MLaw Cora Dubach mit, die
der Beschwerdeführerin zugewiesene Rechtsvertreterin habe das Mandat
niedergelegt. Zugleich ersuchte sie darum, als amtlichen Rechtsbeiständin
der Beschwerdeführerin eingesetzt zu werden.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Dezember 2019 hiess der Instruktionsrich-
ter das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung gut.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Juni 2020 hob der Instruktionsrichter die
Sistierung des Beschwerdeverfahrens auf.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh-
rerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
E-5092/2019
Seite 5
2.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländer-
rechts richtet sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Die Beschwerdeführerin macht eine Reflexverfolgung aufgrund ihres Ehe-
mannes geltend. Zugleich führt sie frauenspezifische Vorbringen an. Das
Bundesverwaltungsgericht verzichtet daher auf eine Vereinigung der bei-
den Beschwerdeverfahren. Das vorliegende Verfahren und das Verfahren
des Ehemannes E-1872/2018 wurden koordiniert behandelt und unter Be-
rücksichtigung der Familieneinheit beim Wegweisungsvollzug entschie-
den.
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin bringt vor, die Vorinstanz habe ohne gesetzli-
che Grundlage die Ausreisefrist auf einen Tag nach Eintritt der Rechtskraft
verkürzt. Die Verfügung sei daher rechtswidrig und müsse zur neuen Be-
urteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen werden.
4.2 Gemäss Art. 45 Abs. 2 AsylG beträgt die Ausreisefrist bei Wegwei-
sungsentscheiden im beschleunigten Verfahren sieben Tage. Unter be-
stimmten Voraussetzungen kann die Ausreisefrist verlängert werden
(Art. 45 Abs. 2bis AsylG). Die Vorinstanz hat die Ausreisefrist zu Unrecht
auf einen Tag nach Eintritt der Rechtskraft verkürzt. An der Aufhebung der
Verfügung und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz fehlt es indes an
einem schutzwürdigen Interesse, da der Beschwerde im Asylverfahren auf-
schiebende Wirkung zukommt (Art. 55 Abs. 1 VwVG) und der Vollzug der
Wegweisung bis zu einem rechtskräftigen Urteil des Bundesverwaltungs-
gerichts ausgesetzt ist. Zudem wird die Vorinstanz nach Abschluss des
Verfahrens die Ausreisefrist neu ansetzen, unter Berücksichtigung der Fa-
milieneinheit und der momentanen Reisebeschränkung aufgrund der
Corona-Pandemie.
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine unvollständige Abklärung des rechts-
erheblichen Sachverhaltes und eine Verletzung der Begründungspflicht.
Hierbei handelt es sich um formelle Rügen, welche vorab zu beurteilen
E-5092/2019
Seite 6
sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen
Verfügung zu bewirken.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
5.3 Die Beschwerdeführerin moniert, die Anhörung zu den Asylgründen sei
qualitativ unzureichend gewesen. Sie habe nicht ausgereicht, um genü-
gend Unglaubhaftigkeitselemente zu erheben.
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin findet sich im Anhörungs-
protokoll kein Hinweis darauf, dass die Anhörung qualitativ unzureichend
durchgeführt worden wäre. Durch die teils sehr offen formulierten Fragen
(z.B. SEM-Akten, act. [...] F 13, F 19, F 48) wurde es der Beschwerdefüh-
rerin ermöglicht, ihre Asylgründe frei zu erzählen. Es wurde ihr erklärt, wel-
cher Detaillierungsgrad von den Antworten erwartet werde, und gezielt
nachgefragt.
5.4 Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Vorinstanz habe die Be-
gründungspflicht verletzt, indem sie ihre Vorbringen als unglaubhaft erach-
tet habe, ohne diese angemessen als Reflexverfolgung zu würdigen und in
die Geschehnisse des Ehemannes oder in die länderspezifischen Gege-
benheiten einzubetten. Ihre Aussagen seien einseitig zu ihren Ungunsten
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
E-5092/2019
Seite 7
gewertet und hauptsächlich einer Plausibilitätsprüfung unterzogen worden.
Ihre Vorbringen seien zu Unrecht als unglaubhaft eingestuft worden.
Die Vorinstanz hielt im Sachverhalt fest, der Grund für die Behelligungen
der Beschwerdeführerin sei die behördliche Suche nach ihrem Ehmann
gewesen. Auch in den Erwägungen wurde immer wieder Bezug auf ihren
Ehemann genommen. Die Vorinstanz hat die geltend gemachte Reflexver-
folgung demnach angemessen gewürdigt und sich in der Begründung mit
sämtlichen wesentlichen Vorbringen der Beschwerdeführerin auseinander-
gesetzt. Der blosse Umstand, dass die Vorinstanz in ihrer Würdigung zu
einer anderen Auffassung als die Beschwerdeführerin kommt, ist keine Ver-
letzung der Begründungspflicht, sondern eine Frage der materiellen Beur-
teilung.
5.5 Insgesamt besteht keine Veranlassung, die Sache aus formellen Grün-
den aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbezügli-
che Rechtsbegehren ist abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rech-
nung zu tragen (Art. 3 AsylG).
6.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich
kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grund-
sätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
E-5092/2019
Seite 8
6.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
7.
7.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, die im Zuge der Aus-
reise des Ehemannes geltend gemachten zwei Vergewaltigungen durch
Personen des Geheimdienstes seien unglaubhaft. Die Beschwerdeführerin
sei trotz wiederholter Aufforderungen nicht in der Lage gewesen, die Vor-
fälle und ihre Reaktion auf das Video detailliert zu schildern. Zudem sei es
nicht nachvollziehbar, weshalb sich diese Vorfälle erst zwei Jahre nach der
Ausreise ihres Ehemannes abgespielt haben sollen. Die Begründung, sie
seien gekommen, weil sie eine Frau und alleine gewesen sei, überzeuge
nicht, da sie bereits seit dem Jahr 2012 alleine gelebt habe. Zudem sei
nicht nachvollziehbar, dass sie nach dem einmonatigen Aufenthalt bei einer
Bekannten wieder nach Hause zurückgekehrt und dort noch drei Monate
gelebt habe. Selbst wenn die Vergewaltigungen glaubhaft wären, hätte sie
zu ihren Verwandten ziehen und sich um anderweitige Unterstützungsmög-
lichkeiten kümmern können. Den monatlichen Befragungen durch den Ge-
heimdienst fehle es mangels Intensität an der Asylrelevanz. Zudem habe
ihr Ehemann seit dem Jahr 2010 keinen Kontakt mehr zum CID gehabt. Er
habe von 2012 bis 2016 bei seinen Eltern gelebt. Das CID hätte ihn dort
auffinden können, wenn es dies gewollt hätte. Dies untermauere auch die
Unglaubhaftigkeit der Vergewaltigungen. Die Beschwerdeführerin erfülle
die Risikofaktoren nicht.
7.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Schilderung der Vergewal-
tigungen habe Realkennzeichen (z.B. Schmerzen, Gefühle) enthalten und
sei als glaubhaft einzustufen. Eine innerstaatliche Fluchtalternative sei zu
verneinen; es könne ihr nicht einfach vorgeschlagen werden, zu Verwand-
ten zu ziehen. Bei der Einschätzung, die Befragungen seien nicht intensiv
genug gewesen, seien die Vergewaltigungen vergessen worden, welche
die Intensität einer asylrelevanten Verfolgung überschreiten würden.
E-5092/2019
Seite 9
8.
8.1 Im Verfahren des Ehemannes der Beschwerdeführerin E-1872/2018
kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, die Vorbringen des Ehe-
mannes seien nicht asylrelevant. Der Ehemann habe im Jahr 2006 eine
Schussverletzung erlitten und bis ins Jahr 2010 einer Unterschriftspflicht
unterlegen, wobei er angeblich gefoltert worden sei. Vom Jahr 2010 bis zu
seiner Ausreise im Jahr 2016 hätten sich keine weiteren Vorfälle ereignet
und er habe keinen Kontakt mehr zum CID gehabt. Eine behördliche Suche
nach ihm nach dem Jahr 2010 habe er nicht glaubhaft darlegen können.
Folglich sei auch unglaubhaft, dass die Behörden ihn nach seiner Ausreise
bei seiner Ehefrau und den Eltern gesucht hätten. Zwischen den Vorfällen
bis zum Jahr 2010 und der Ausreise im Jahr 2016 fehle es an dem für die
Asylrelevanz vorausgesetzten zeitlichen Kausalzusammenhang. Vor die-
sem Hintergrund sind die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten
monatlichen Befragungen ab dem Jahr 2012 unglaubhaft. Gemäss über-
einstimmenden Angaben wohnte der Ehemann von 2012 bis 2016 bei sei-
nen Eltern, etwa 25 Kilometer von der Beschwerdeführerin entfernt. Die
Beschwerdeführerin und ihr Ehemann besuchten einander regelmässig.
Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb der Geheimdienst die Beschwerde-
führerin monatlich nach dem Verbleib ihres Ehemannes gefragt, aber nie
den Ehemann direkt behelligt haben soll, zumal es naheliegend gewesen
wäre, bei seinen Eltern nach ihm zu suchen. Zudem erwähnte der Ehe-
mann nicht, dass die Beschwerdeführerin ab dem Jahr 2012 nach seinem
Verbleib gefragt worden sei. Selbst wenn die Befragungen glaubhaft wä-
ren, so hat die Vorinstanz zu Recht festgestellt, dass sie mangels Intensität
nicht asylrelevant sind. Der Geheimdienst fragte die Beschwerdeführerin
jeweils nur nach dem Aufenthaltsort des Ehemannes. Ihr wurden keine Fra-
gen zur Tätigkeit des Ehemannes für die LTTE gestellt und sie wurde bis
ins Jahr 2018 auch nie anderweitig behelligt. Die zwei Vergewaltigungen
im November 2018 schilderte die Beschwerdeführerin stereotyp und ober-
flächlich. Selbst auf mehrfaches Nachfragen hin war es ihr nicht möglich,
die Vorfälle detailliert zu erzählen. Zudem geht aus dem Anhörungsproto-
koll hervor, dass sie beim Erzählen emotional nicht sehr bewegt erschien
(SEM-Akten, act. A26 F 102). Die Schilderungen erwecken demnach nicht
den Eindruck, dass sie die Ereignisse tatsächlich erlebt hat. Hinzu kommen
mehrere Ungereimtheiten. So konnte sie nicht überzeugend darlegen,
weshalb es gerade im Jahr 2018, mithin zwei Jahre nach der Ausreise ihres
Ehemannes, zu diesen Vorfällen gekommen sein soll. Ebenso wenig ist
nachvollziehbar, dass sie nach dem einmonatigen Aufenthalt bei einer Be-
kannten wieder nach Hause und damit in den Wirkungskreis der angebli-
chen Vergewaltiger zurückgekehrt sein soll. Die Erklärung, die Schule der
E-5092/2019
Seite 10
Kinder habe wieder begonnen, überzeugt nicht. Insgesamt ist es der Be-
schwerdeführerin nicht gelungen, die Vergewaltigungen im Jahr 2018
glaubhaft darzulegen. Die Beschwerdeführerin hat somit keine asylrele-
vanten Nachteile erlitten und es gibt auch keine Anhaltspunkte dafür, dass
ihr bei einer Rückkehr nach Sri Lanka asylrelevante Nachteile drohen wür-
den.
8.2 An dieser Einschätzung ändern weder der Regierungswechsel vom
16. November 2019 noch die kürzlich erfolgte Verhaftung einer sri-lanki-
schen Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Colombo etwas, da
diesbezüglich kein individueller Bezug zur Beschwerdeführerin ersichtlich
ist.
Hinsichtlich des Machtwechsels vom 16. November 2019 gilt festzuhalten:
Gotabaya Rajapaksa wurde damals zum neuen Präsidenten Sri Lankas
gewählt (vgl. Neue Zürcher Zeitung [NZZ], In Sri Lanka kehrt der Rajapa-
ksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019; https://www.theguar-
dian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-candidate-rajapaksa-
premadas-count-continues, abgerufen am 17.09.2020). Er war unter sei-
nem älteren Bruder, dem ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der
von 2005 bis 2015 an der Macht war, Verteidigungssekretär und wurde an-
geklagt, zahlreiche Verbrechen gegen Journalisten und Aktivisten began-
gen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechtsverlet-
zungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet die An-
schuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri Lanka,
14.01.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bru-
der Mahinda sodann zum Premierminister und band einen weiteren Bruder,
Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Ma-
hinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett
zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institutionen (vgl.
https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents
-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-tate20191127174753/,
abgerufen am 17.09.2020). Beobachter und ethnische/religiöse Minderhei-
ten befürchten verstärkte Repression und die vermehrte Überwachung von
Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen und Journa-
listen, Oppositionellen und regierungskritischen Personen (vgl. Schweize-
rische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt Ängste bei Minder-
heiten, 21.11.2019). Anfang März 2020 löste Gotabaya Rajapaksa das Par-
lament vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri Lankas Prä-
sident löst das Parlament auf, 03.03.2020).
E-5092/2019
Seite 11
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst, beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt sie
bei der Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand durch-
aus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage für Perso-
nen, die bestimmte Risikofaktoren erfüllen, auszugehen (vgl. Referenzur-
teil des Bundesverwaltungsgerichts E‐1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW,
Sri Lanka: Families of "Disappeard" Threatened, 16.02.2020). Dennoch
gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Ein-
zelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen
zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive deren Fol-
gen besteht.
Die Beschwerdeführerin war in Sri Lanka keiner asylrelevanten Verfolgung
ausgesetzt. Auch unter Berücksichtigung des aktuellen politischen Kontex-
tes in Sri Lanka lässt sich nicht ableiten, sie hätte künftig mit einer asylre-
levanten Verfolgung zu rechnen.
9.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Zur Beurtei-
lung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form
von Verhaftung und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren
identifiziert. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene
Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der „Stop List“ und die Teilnahme
an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobe-
gründende Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten
Umständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begrün-
deten Furcht führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentli-
cher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine
gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegrün-
dende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden
Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden be-
strebt sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen und so
den sri-lankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Ri-
sikofaktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen
E-5092/2019
Seite 12
in der am Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" vermerkt seien und
der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Straf-
registereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten
Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für sri-lankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten (vgl.
a.a.O. E. 8).
9.2 Die Beschwerdeführerin war nie Mitglied bei den LTTE oder politisch
aktiv. Sie hat keine asylrelevante Verfolgung erlitten. Ein Bruder war zwar
bei den LTTE, er wurde aber bereits im Jahr 2000, also fünf Jahre vor ihrer
Heirat, getötet. Sie machte nie geltend, deswegen Probleme mit den sri-
lankischen Behörden gehabt zu haben. Zudem hatten ihre übrigen Ge-
schwister nicht die LTTE unterstützt. Ihr Ehemann war nicht Mitglied der
LTTE. Er hat lediglich sechs Monate lang sein Motorrad und das gemietete
Tuk-Tuk den LTTE für Transporte zur Verfügung gestellt. Deswegen unter-
lag er einer Unterschriftspflicht, welche jedoch im Jahr 2010 endete. Des
Weiteren wurde die Beschwerdeführerin weder verhaftet noch einer Straf-
tat angeklagt oder gar verurteilt und verfügt somit auch nicht über einen
Strafeintrag. Sie hat keine Narben und ist nicht exilpolitisch tätig. Aus der
tamilischen Ethnie und der gut einjährigen Landesabwesenheit kann sie
keine Gefährdung ableiten. Dass sie in einer „Stop List“ aufgeführt sein
soll, ist aufgrund des Gesagten unwahrscheinlich. Unter Würdigung aller
Umstände ist somit anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin von der sri-
lankischen Regierung nicht zu jener kleinen Gruppe gezählt wird, die be-
strebt ist, den tamilischen Separatismus wieder aufleben zu lassen, und so
eine Gefahr für den sri-lankischen Einheitsstaat darstellt. Es ist nicht davon
auszugehen, dass ihr persönlich im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka
ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
9.3 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht,
was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch zu Recht ab-
gelehnt.
10.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann verfügen weder über
eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch
E-5092/2019
Seite 13
auf Erteilung einer solchen (Art. 32 Abs. 1 AsylV 1, SR 142.31). Die Weg-
weisung wurde demnach zu Recht angeordnet.
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
11.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Vorliegend kommt der Beschwerdeführerin keine Flücht-
lingseigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von
Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwend-
bar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge-
meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3
BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst (vgl.
EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011,
Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar
2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien, Urteil vom
17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07). Dabei unterstreicht der Gerichts-
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehren-
den Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müssten im
Rahmen der Beurteilung, ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für
die Befürchtung habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Be-
fragung ein Interesse, verschiedene Aspekte – welche im Wesentlichen
durch die in Erwägung 9.1 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind
(vgl. EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94) – in Betracht gezogen
werden, wobei dem Umstand gebührend Beachtung zu schenken sei, dass
diese einzelnen Aspekte, auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglich-
erweise kein "real risk" darstellen, diese Schwelle bei einer kumulativen
Würdigung erreichen könnten.
E-5092/2019
Seite 14
Nachdem die Beschwerdeführerin – wie in den Erwägungen 8 und 9.2 aus-
geführt – nicht darlegen konnte, dass sie befürchten müsse, bei einer
Rückkehr ins Heimatland die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Behörden
in einem flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmass auf sich zu ziehen, beste-
hen auch keine Anhaltspunkte dafür, ihr würde aus demselben Grund eine
menschenrechtswidrige Behandlung in Sri Lanka drohen.
11.3 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
Nach eingehender Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist
das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass der Weg-
weisungsvollzug in die Nordprovinz (mit Ausnahme des „Vanni-Gebiets“)
zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien
(insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 13.2). In
Referenzurteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5 erachtet das
Bundesverwaltungsgericht auch den Wegweisungsvollzug ins „Vanni-Ge-
biet“ als zumutbar. An dieser Einschätzung vermögen die Gewaltvorfälle in
Sri Lanka vom 21. April 2019, der gleichentags von der sri-lankischen Re-
gierung verhängte Ausnahmezustand, der am 28. August 2019 wieder auf-
gehoben wurde, und die mit den Wahlen im November 2019 zusammen-
hängenden gewalttätigen Ausschreitungen nichts zu ändern.
Die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann sind gesund. Sie ging zwölf
Jahre zur Schule und machte den A-Level-Abschluss. Sie wohnte in einem
eigenen Haus in F._. Der Ehemann lebte bis ins Jahr 2010 mit sei-
ner Familie in I._, Nordprovinz. Danach wohnte er bei seinen Eltern
in E._, Nordprovinz. Er verfügt über eine gute Schulbildung und ar-
beitete vor seinem Umzug zu den Eltern als Tuk-Tuk-Fahrer. Es ist anzu-
nehmen, dass der Ehemann nach seiner Rückkehr diese Tätigkeit wieder
aufnehmen und die Beschwerdeführerin mit ihrer Familie in ihrem Haus
leben kann. Zudem verfügen die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann mit
ihrer Mutter und ihren Brüdern sowie seinen Eltern und Geschwistern über
ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz in Sri Lanka, das in der Lage
sein sollte, sie bei der Wiedereingliederung zu unterstützen. Gemäss Arzt-
bericht wurde beim älteren Kind Asthma bronchiale diagnostiziert. Der
Krankheitsverlauf ist aber unauffällig. Sollte das Kind nach der Rückkehr
E-5092/2019
Seite 15
dennoch eine medizinische Behandlung benötigen, so ist diese in Sri
Lanka gewährleistet. Die minderjährigen Kinder mit den Jahrgängen (...)
und (...) sind aufgrund ihres Alters und der kurzen Anwesenheitsdauer
noch nicht in der Schweiz verwurzelt; ihre Eltern stellen ihre wichtigsten
Bezugspersonen dar. Das Wohl der Kinder steht einem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen (vgl. Art. 3 des Übereinkommens über die Rechte des
Kindes [KRK, SR 0.107]). Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie
dem Wegweisungsvollzug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufi-
gen Aufnahme setzt voraus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorüber-
gehender Natur ist, sondern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der
Regel mindestens zwölf Monate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall,
so ist dem temporären Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung
zu tragen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-
Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres
Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitäten, ebenso
wie der Familieneinheit, durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tra-
gen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland
angepasst wird. Der Vollzug erweist sich deshalb für die Beschwerdefüh-
rerin und ihre Familie auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
11.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeich-
nen, weil es der Beschwerdeführerin obliegt, bei der zuständigen Vertre-
tung ihres Heimatstaats die für die Rückkehr notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; BVGE 2008/34 E. 12).
11.5 Die Vorinstanz hat somit den Wegweisungsvollzug zu Recht als zu-
lässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen
Aufnahme fällt daher ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung den
rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt, Bundes-
recht nicht verletzt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich über-
prüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfügung
E-5092/2019
Seite 16
vom 3. Oktober 2019 wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gutgeheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten
zu erheben.
13.2 Die Beschwerdeschrift wurde von einer der Beschwerdeführerin zu-
gewiesenen unentgeltlichen Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h
AsylG verfasst. Deren Leistungen werden vom Bund nach Massgabe von
Art. 102k AsylG entschädigt (vgl. auch Art. 111ater AsylG), weshalb für das
Verfassen der Beschwerdeschrift keine Parteientschädigung auszurichten
ist. Mit Zwischenverfügung vom 17. Dezember 2019 hiess der Instruktions-
richter das Gesuch um Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertreterin gut.
Die amtliche Rechtsvertreterin verfasste lediglich das Gesuch um amtliche
Rechtsverbeiständung vom 13. Dezember 2019. Eine Honorarnote reichte
sie nicht ein. Der Aufwand lässt sich allerdings aufgrund der Akten zuver-
lässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Anwendung der massgebli-
chen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8-11 VGKE) ist das Honorar für MLaw
Cora Dubach auf Fr. 50.– (inkl. Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-5092/2019
Seite 17