Decision ID: 5c3b4898-2f57-41cf-a2b7-983cc989cd9d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden ersuchten am 18. Juni 2022 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerab-
druck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass sie am 24. Mai 2022 in Kroatien
in das Hoheitsgebiet der Dublin-Mitgliedstaaten eingereist waren und um
Asyl ersucht hatten. Zudem hätten sie genau ein Jahr davor in Griechen-
land ein Asylgesuch eingereicht.
B.
Das SEM gewährte den Beschwerdeführenden am 4. Juli 2022 das recht-
liche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit der Überstellung nach Kroatien, dessen Zuständigkeit für die Behand-
lung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Die Beschwerdefüh-
rerin 2 führte aus, dreimal versucht zu haben, nach Kroatien einzureisen.
Zweimal seien sie nach Bosnien zurückgeschickt worden. Beim dritten Mal
sei ihr das Handy abgenommen worden. Ihr Mann (Beschwerdeführer 1)
sei von der Polizei verprügelt worden. Sie habe im Camp keine Unterstüt-
zung bekommen und mehrmals vergeblich versucht hat, einen Arzt zu kon-
sultieren. Im Camp habe es kein warmes Wasser gegeben, weshalb ihre
Kinder krank geworden seien. Diese seien traumatisiert, wenn sie von Kro-
atien hören würden. Der Beschwerdeführer 1 führte ergänzend aus, als
man ihm das Handy weggenommen habe, sei er mit seinem Kind im Arm
geschubst und geschlagen worden. Im Camp sei es dunkel und schrecklich
gewesen. Es habe auch ein wilder Umgang mit viel Gewaltbereitschaft ge-
herrscht.
Zum medizinischen Sachverhalt befragt, gaben die Beschwerdeführenden
an, die Beschwerdeführerin 2 habe Kreislaufprobleme gehabt, sei in
schlechter seelischer Verfassung und leide unter anhaltenden, extremen
Kopfschmerzen, da sie nachts nicht schlafen könne. Der Beschwerdefüh-
rer 1 habe auch nachts nicht schlafen können und leide an Juckreiz. Beide
hätten hier von der Pflege bereits Tabletten bekommen. Die Beschwerde-
führerin 2 würde bald einen Termin bei einem Psychologen bekommen.
C.
Die kroatischen Behörden lehnten das Gesuch des SEM vom 5. Juli 2022
um Übernahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
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Bestimmung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
am 19. Juli 2022 zunächst ab ("is not accepted at the moment").
D.
Am 27. Juli 2022 reichten die Beschwerdeführenden beim SEM medizini-
schen Unterlagen ein (Notfallbericht Chirurgie des Spitals F._ vom
13. Juli 2022 und ärztlicher Kurzbericht des Bundesasylzentrums Bern
vom 20. Juli 2022). Daraus geht hervor, dass der Beschwerdeführer 1 we-
gen eines gebrochenen Zeigefingers behandelt worden sei und die Be-
schwerdeführerin 2 unter Eisenmangel leide. Ferner sei sie an einen Psy-
chiater überwiesen worden. Zudem warte die Beschwerdeführerin 3 (Toch-
ter des Beschwerdeführers 1 und der Beschwerdeführerin 2) auf einen Ter-
min, um psychologische Unterstützung zu erhalten. Wegen der Erlebnisse
in Kroatien wache sie nachts oft mit panischer Angst auf und weine viel.
Am 12. August 2022 ging beim SEM eine Bestätigung ein, wonach sich die
Beschwerdeführerin 2 in psychiatrischer Behandlung befinde. Um eine ge-
naue Diagnose zu stellen oder den psychischen Zustand genauer zu eva-
luieren, benötige der behandelnde Psychiater Zeit.
E.
Am 13. August 2022 stimmten die kroatischen Behörden dem im Rahmen
einer Remonstration gestellten Gesuch des SEM vom 3. August 2022 um
Übernahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO zu.
F.
Am 22. August 2022 reichten die Beschwerdeführenden einen Bericht der
G._ vom 17. August 2022 ein, wonach bei der Beschwerdeführerin
3 Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) vorliegen
würden und eine zeitnahe therapeutische Begleitung indiziert sei. Diese
könne im September beginnen. Bis dahin werde ihr Melatonin verschrie-
ben, um den Schlaf zu verbessern. In Bezug auf die Beschwerdeführerin 2
sei der Arztbericht noch ausstehend, weshalb die Beschwerdeführenden
das SEM ersuchten, mit dem Entscheid zuzuwarten, bis der medizinische
Sachverhalt erstellt sei.
G.
Mit Verfügung vom 1. September 2022 (eröffnet am 2. September 2022)
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trat das SEM auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, ord-
nete ihre Überstellung nach Kroatien an und forderte sie auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig ver-
fügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschie-
bende Wirkung zu.
H.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 9. September 2022 (Postaufgabe) gelangten
die Beschwerdeführenden an das Bundesverwaltungsgericht und bean-
tragten, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur
vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen,
auf die Asylgesuche einzutreten. Subeventualiter sei die Vorinstanz anzu-
weisen, individuelle Zusicherungen bezüglich des Zugangs zum Asylver-
fahren, adäquater medizinischer Versorgung sowie Unterbringung von den
kroatischen Behörden einzuholen. Der Beschwerde sei die aufschiebende
Wirkung zu gewähren und die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden seien
im Rahmen von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis
zum Entscheid über die vorliegende Beschwerde von jeglichen Vollzugs-
handlungen abzusehen. Des Weiteren beantragten sie die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege in Form des Verzichts auf einen Kostenvor-
schuss und auf die Bezahlung von Verfahrenskosten.
I.
Am 12. September 2022 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen
superprovisorischen Vollzugstopp an. Mit Zwischenverfügung vom
15. September 2022 erteilte sie der Beschwerde die aufschiebende Wir-
kung.
J.
Mit einer weiteren Eingabe vom 19. September 2022 reichten die Be-
schwerdeführenden einen kurzen Bericht der G._ vom 7. Septem-
ber 2022 über das tags zuvor durchgeführte Krisengespräch ein, welches
mit der Beschwerdeführerin 3, ihrer Mutter und einem Übersetzer stattge-
funden habe. Aus Sicht der Fachpersonen habe der negative Entscheid
betreffend das Asylgesuch die posttraumatischen und depressiven Symp-
tome (Traurigkeit, häufiges Weinen, Hoffnungslosigkeit, Schlaflosigkeit und
Kopfschmerzen) verstärkt. Eine rasche therapeutische Begleitung sei wei-
terhin vorgesehen.
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K.
Am 3. Oktober 2022 reichten die Beschwerdeführenden einen psychiatri-
schen Bericht der G._ vom 28. September 2022 zu den Akten. Da-
nach würden die bei der Beschwerdeführerin 3 beobachteten Symptome
am besten zu einer PTBS mit komorbider depressiver Symptomatik pas-
sen. Weitere Wechsel des Aufenthaltsortes würden mit hoher Wahrschein-
lichkeit die Symptomatik verstärken, weshalb empfohlen werde, ihr hier die
aktuell aufgegleiste psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung zu
ermöglichen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführenden sind
legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
3.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
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4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Nachdem die kroatischen Behörden dem erneuten (rechtzeitig gestellten)
Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz im Rahmen einer Remonstration
fristgerecht (Antwort binnen zwei Wochen; vgl. Art. 5 Abs. 2 der Verordnung
[EG] Nr. 1560/2003 der Kommission vom 2. September 2003 mit Durch-
führungsbestimmungen zur Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Rates zur
Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitglied-
staats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist [DVO, ABl. L 222/3
vom 5.9.2003]) zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit Kroatiens grund-
sätzlich gegeben.
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grund-
rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit-
gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest-
zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund
der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten
Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so
wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied-
staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
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fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
5.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wiederauf-
nahmeverfahren liegen zum heutigen Zeitpunkt keine konkreten Gründe
für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragstellende in Kroatien würden systemische Schwachstellen im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO aufweisen (vgl. dazu
beispielsweise die Urteile des BVGer F-3903/2022 vom 16. September
2022 E. 4; F-3448/2022 vom 22. August 2022 E. 6.2; F-1653/2022 vom
21. April 2022 E. 6.2; D-1404/2022 vom 30. März 2022; D-735/2022 vom
28. Februar 2022 E. 6.5.2; D-735/2022 vom 22. Februar 2022 E. 6.5.2).
Für eine Änderung der Rechtsprechung besteht auch in Würdigung der von
den Beschwerdeführenden gemachten Äusserungen zu ihrer Behandlung
in Kroatien keine Veranlassung. Folglich ist die Anwendung von Art. 3
Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1
erster Satz Dublin-III-VO auszuüben ist.
6.1 Die Beschwerdeführenden bringen im Wesentlichen vor, zum Zeitpunkt
des Entscheids sei der medizinische Sachverhalt seitens der Vorinstanz
nicht abgeklärt worden. Aufgrund der heutigen Aktenlage könnten keine
hinreichenden Aussagen zum Gesundheitszustand der Mutter (Beschwer-
deführerin 2) und der Tochter (Beschwerdeführerin 3) und deren Behandel-
barkeit in Kroatien gemacht werden. Entsprechend könne die Vorinstanz
nicht beurteilen, welche medizinische respektive psychiatrisch-psychologi-
sche Behandlung notwendig sei, und habe deshalb auch ihr Ermessen
nicht korrekt ausgeübt. Unklar sei ferner, ob überhaupt Schlafplätze für vul-
nerable Personengruppen zur Verfügung stehen würden. Von der Rechts-
vertretung am 15. September 2022 telefonisch vorgenommene Abklärun-
gen (vgl. ergänzende Eingabe vom 19. September 2022) hätten ergeben,
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dass das spezielle Auffangzentrum für vulnerable Personengruppen (Ka-
pazität von 90 bis 100 Plätzen) aktuell renoviert werde. Die diesbezüglich
von der Vorinstanz erwähnten Informationen der Schweizer Botschaft in
Kroatien seien somit nicht aktuell und würden keine ausreichende Grund-
lage für eine Wegweisung von Familien und vulnerablen Personen bieten.
6.2 Die Beschwerdeführenden vermögen nicht darzutun, dass die sie bei
einer Rückführung nach Kroatien zu erwartenden Bedingungen derart
schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen könn-
ten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung der ihnen zu-
stehenden Aufnahmebedingungen könnten sie sich im Übrigen nötigenfalls
an die kroatischen Behörden wenden und ihre Rechte auf dem Rechtsweg
einfordern (vgl. Art. 26 der Richtlinie des Europäischen Parlaments und
des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für
die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen [Auf-
nahmerichtlinie]). Dies gilt auch in Bezug auf die geltend gemachte Gewalt
seitens der kroatischen Behörden. Im Übrigen steht den Beschwerdefüh-
renden die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen
zu kontaktieren. Bezüglich der Einschulung der Kinder gilt es festzuhalten,
dass der Zugang zur Bildung für Kinder gewährleistet ist (vgl. bspw. Asylum
Information Database [AIDA]: Country Report Croatia: 2021 update,
S. 90 f., < https://asylumineurope.org/wp-content/uploads/2022/04/AIDA-
HR_2021update.pdf>, abgerufen am 30.09.2022).
6.3 Der gesundheitliche Zustand einer asylsuchenden Person kann ge-
mäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO der Dublin-Überstellung in den zuständi-
gen Mitgliedstaat entgegenstehen, wenn diese eine Verletzung von Art. 3
EMRK zur Folge hätte. Das ist nur ganz ausnahmsweise der Fall. Von einer
Verletzung geht die Rechtsprechung etwa dann aus, wenn sich die asylsu-
chende Person in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitssta-
dium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem
sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung er-
warten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Pra-
xis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine
weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft schwerkranke Perso-
nen, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer
Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, ei-
ner ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Ge-
sundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder
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einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse
Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
6.4 In casu liegen keine konkreten Anhaltspunkte vor, wonach die Gesund-
heit der Beschwerdeführenden bei einer Überstellung nach Kroatien ernst-
haft gefährdet würde. Die von ihnen geltend gemachten Beschwerden stel-
len keine derart gravierenden Erkrankungen dar und können in Kroatien
behandelt werden. Dies gilt sowohl für die psychiatrische Behandlung der
Beschwerdeführerin 2 als auch für eine Fortsetzung der hier aufgegleisten
psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung der an PTBS leidenden
Beschwerdeführerin 3. Kroatien verfügt grundsätzlich über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur (Urteil des BVGer D-735/2022 vom
28. Februar 2022 E. 6.7.3). Sodann bestehen nebst den staatlichen Ein-
richtungen auch Angebote von Nichtregierungsorganisationen für die psy-
chische Betreuung, womit von einem genügenden psychologischen Be-
handlungsangebot auszugehen ist (vgl. Urteil des BVGer F-4368/2020
vom 14. Januar 2021 E. 7.3 m.H.). In dieser Situation kann der Vorinstanz
auch nicht vorgehalten werden, dass sie den medizinischen Sachverhalt
nicht abgeklärt und bei den kroatischen Behörden keine individuellen Zusi-
cherungen bezüglich des Zugangs zu adäquater medizinischer Versorgung
eingeholt hatte. Sie war dazu mangels rechtlicher Relevanz des Sachver-
halts nicht verpflichtet. Die Vorbringen der Beschwerdeführenden in ihrer
ergänzenden Eingabe vom 19. September 2022, wonach das spezielle
Auffangzentrum für vulnerable Personen in Kroatien aktuell renoviert
werde, vermag daran auch nichts zu ändern, zumal es sich dabei allenfalls
um ein zeitlich begrenztes Vollzugshindernis handelt. Ausserdem werden
die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen
Verfügung beauftragt sind, dem aktuellen Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführenden bei der Organisation der Überstellung nach Kroatien
Rechnung tragen, indem sie die dortigen Behörden im Sinne von Art. 31
und Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig über den Gesundheitszustand und die
allenfalls notwendige medizinische Behandlung der Beschwerdeführenden
informieren werden.
6.5 Es liegen weder völkerrechtliche Vollzugshindernisse vor, die die
Schweiz zum Selbsteintritt verpflichten würden, noch Rechtsfehler bei der
Ermessensbetätigung. Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht
von Art. 17 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht aus-
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geübt. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf die Asylgesu-
che einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbst-
eintritt nahelegen würden.
7.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf die Asylgesuche nicht eingetreten und hat die Wegweisung nach
Kroatien angeordnet.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt die am 15. September 2022 erteilte aufschiebende Wirkung
dahin.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Gestützt auf Art. 6 Bst. b
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) sind ihnen
jedoch die Verfahrenskosten zu erlassen, weshalb sich eine Beurteilung
des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege erübrigt.
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