Decision ID: 5e8b6ad7-42d9-494f-82e7-a46add611b17
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 19. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl.
Im Rahmen der Personalien-Aufnahme vom 27. Juni 2022 gab er zu Pro-
tokoll, nach Rumänien als erstes europäisches Land eingereist zu sein.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 13. Juli 2022 das rechtliche
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit
der Überstellung nach Rumänien, dessen Zuständigkeit für die Behand-
lung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdefüh-
rer führte aus, er wolle in der Schweiz bleiben und nicht nach Rumänien
zurückkehren. Dort sei er während 25 Tagen in einem Zimmer gewesen
und habe seine Reisetasche als Kopfkissen benützen müssen. Zum medi-
zinischen Sachverhalt befragt, gab er an, an keinen körperlichen Be-
schwerden zu leiden. In Sri Lanka sei er unter massivem psychischem
Druck gestanden, aber in der Schweiz sei es «okay».
C.
Am 18. Juli 2022 ersuchte das SEM die rumänischen Behörden um Infor-
mationen bezüglich des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 34 der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
Die rumänischen Behörden informierten das SEM am 26. Juli 2022, dass
der Beschwerdeführer ein bis zum 13. Juni 2022 gültiges Visum für Rumä-
nien besessen hatte.
D.
Die rumänischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 26. Juli
2022 um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 12 Abs. 4 Dub-
lin-III-VO am 25. September 2022 gut.
E.
Mit Verfügung vom 27. September 2022 (eröffnet am 28. September 2022)
trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
seine Überstellung nach Rumänien an und forderte ihn auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig ver-
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fügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschie-
bende Wirkung zu.
F.
Am 5. Oktober 2022 (Poststempel) gelangte der Beschwerdeführer an das
Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben und das Verfahren zwecks vollständiger Abklärung des
Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der
Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen. Die Vorinstanz und
die Vollzugsbehörden seien im Rahmen von vorsorglichen Massnahmen
unverzüglich anzuweisen, bis zum Entscheid über die Beschwerde von jeg-
lichen Vollzugshandlungen abzusehen. Des Weiteren ersuchte er um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses.
G.
Am 7. Oktober 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Oktober 2022 erkannte die Instruktions-
richterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG (SR 142.31) nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und
Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die üb-
rigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG],
Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich
erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Der Beschwerdeführer moniert, die Vorinstanz äussere sich weder zu
den Mängeln im rumänischen Asylverfahren, noch zum Zustand des Asyl-
wesens in Rumänien aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine.
Damit habe sie den Sachverhalt ungenügend abgeklärt. Diese Rüge steht
im Zusammenhang mit dem Vorbringen, wonach das rumänische Asylsys-
tem Mängel aufweise, die sich im Zusammenhang mit dem Krieg in der
Ukraine verschärft hätten (vgl. E. 6.1). Es kann daher auf E. 6.2 f. verwie-
sen werden.
3.2. Der Beschwerdeführer macht ferner geltend, die Vorinstanz habe sich
nicht mit der aktuellen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
auseinandergesetzt, insbesondere mit dem Urteil D-3902/2022 vom
12. September 2022. Damit habe sie ihre Begründungspflicht verletzt. Ent-
gegen der Ansicht des Beschwerdeführers beschlägt diese Rüge nicht die
Frage einer allfälligen Verletzung des rechtlichen Gehörs, sondern der ma-
teriellen Würdigung, weshalb an dieser Stelle ebenfalls auf E. 6.2 f. verwie-
sen wird.
4.
4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Nachdem die rumänischen Behörden innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-
VO festgelegten Frist dem Aufnahmegesuch der Vorinstanz zugestimmt
haben, ist die Zuständigkeit Rumäniens grundsätzlich gegeben.
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4.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grund-
rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit-
gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest-
zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund
der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten
Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so
wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied-
staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
5.
5.1. Der Beschwerdeführer moniert, das rumänische Asylsystem weise
verschiedene Schwachstellen auf, welche sich im Zusammenhang mit dem
Krieg in der Ukraine akzentuiert hätten.
5.2. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bestehen
keine Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Antragstellende in Rumänien würden systemische Schwach-
stellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO
aufweisen (vgl. etwa die Urteile des BVGer F-1489/2022 vom 21. April
2022 E. 4.7.2; E-1507/2022 vom 5. April 2022 E. 5.2). Rumänien ist Signa-
tarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951
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über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zu-
satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt sei-
nen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Ausserdem
darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die Rechte, die sich
für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und
des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für
die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog.
Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz
beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. Für
eine Änderung dieser Rechtsprechung besteht – auch unter Berücksichti-
gung der Einwände des Beschwerdeführers zur Art und Weise, wie er in
Rumänien untergebracht gewesen sein soll – keine Veranlassung. Es ge-
lingt dem Beschwerdeführer mit seinen Vorbringen und dem Verweis auf
Asylstatistiken aus dem Jahre 2021 nicht, substantiiert darzulegen, dass
ihm in Rumänien ein faires Asylverfahren verweigert werden würde.
5.3. Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt. Daran vermag auch die aktuelle, durch den Krieg
in der Ukraine bedingte Situation nichts zu ändern. Das Bundesverwal-
tungsgericht hat kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine Verfügun-
gen an die Vorinstanz zu genaueren Abklärungen im Zusammenhang mit
den Folgen des Krieges zurückgewiesen (vgl. bspw. Urteil des BVGer
F-1489/2022 vom 21. April 2022). Mittlerweile hat sich die Situation verän-
dert und das Bundesverwaltungsgericht erachtet Überstellungen nach Ru-
mänien im Rahmen des Dublin-Verfahrens in Konstellationen wie der vor-
liegenden als zulässig (vgl. bspw. Urteile des BVGer F-4462/2022 vom
13. Oktober 2022; F-2989/2022 vom 27. Juli 2022). Die rumänischen Be-
hörden teilten den Dublin-Mitgliedstaaten am 2. Juni 2022 denn auch mit,
dass (Dublin-)Transfers wieder möglich seien, nachdem sie zu Beginn der
Fluchtbewegungen aus der Ukraine kommuniziert hatten, aufgrund des
Krieges in der Ukraine bis auf Weiteres keine (Dublin-)Transfers entgegen
zu nehmen. Im vom Beschwerdeführer zitierten Urteil D-3902/2022 stellten
ungenügende Abklärungen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukra-
ine nur einen von mehreren Gründen für die Rückweisung an die
Vorinstanz dar, weshalb sich daraus nichts zu Gunsten des Beschwerde-
führers ableiten lässt. Folglich ist auch keine Verletzung des Untersu-
chungsgrundsatzes erkennbar.
6.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1
erster Satz Dublin-III-VO auszuüben ist.
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6.1. Der Beschwerdeführer macht sinngemäss geltend, aufgrund der be-
stehenden Mängel im rumänischen Asylsystem und der fragilen Situation
in der Ukraine bestehe im Falle seiner Überstellung nach Rumänien die
Gefahr einer unmenschlichen Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK.
6.2. Der Beschwerdeführer vermag nicht darzutun, dass die ihn bei einer
Rückführung nach Rumänien zu erwartenden Bedingungen derart schlecht
sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen könnten. Bei
einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung der ihm zustehenden
Aufnahmebedingungen könnte er sich im Übrigen nötigenfalls an die rumä-
nischen Behörden wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfor-
dern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Des Weiteren steht ihm die Möglich-
keit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren.
Den Akten sind ferner auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen,
Rumänien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement
missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib,
sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG
gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein sol-
ches Land gezwungen zu werden.
6.3. Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin-III-
VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die
Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten, noch
liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen wür-
den.
7.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat die Wegweisung nach Rumänien angeordnet.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt die am 14. Oktober 2022 angeordnete aufschiebende Wir-
kung dahin.
9.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65
Abs. 1 VwVG) ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorste-
henden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Ver-
fahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements
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vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
10.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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