Decision ID: 45638d98-7349-47a2-a040-5d682d78a22a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin stellte am (...) erstmals ein Asylgesuch in der
Schweiz, welches das Bundesamt für Migration (BFM; heute SEM) mit Ver-
fügung vom 23. Oktober 2009 ablehnte. Im Wegweisungspunkt hielt das
BFM fest, aufgrund der (Nennung Grund) mit (Nennung Person) bestehe
grundsätzlich ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung,
weshalb es der kantonalen Behörde obliege, über die Wegweisung zu be-
finden. Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde wies das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil D-7282/2009 vom 7. März 2012 ab.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin suchte am (...) im Bundesasylzentrum (BAZ)
B._ erneut um Asyl nach.
B.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Euro-
dac) vom (...) ergab, dass die Beschwerdeführerin am X._ und am
Y._ in Belgien ein Asylgesuch eingereicht hatte.
B.c Am (...) ersuchte das SEM die belgischen Behörden gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO) um Wiederaufnahme der Beschwerdeführe-
rin.
B.d Am 25. November 2021 fand die Personalienaufnahme (PA) und am
6. Dezember 2021 das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 Dublin-III-VO
statt. Dabei wurde der Beschwerdeführerin unter anderem das rechtliche
Gehör zur allfälligen Zuständigkeit Belgiens für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens gewährt. Zugleich wurde sie nach ihrem Ge-
sundheitszustand befragt.
Die Beschwerdeführerin führte an, sie sei in Belgien diskriminiert worden.
Die belgischen Behörden hätten bei ihr die Diagnose (Nennung Diagnose
und Vorgehen) feststellen wollen, was sie abgelehnt habe. Sie sei nicht wie
ein normaler Mensch behandelt worden, zumal sie nicht über sich selbst
habe entscheiden dürfen. Ein neues Verfahren in Belgien sei für sie psy-
chisch zu belastend. Ausserdem habe sie in Belgien Diskriminierung durch
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die Gesellschaft erfahren: (Nennung Details Diskriminierung). Deswegen
habe sie ihrem Leben in Belgien ein Ende setzen wollen. Die wegen (Nen-
nung Grund) erlittenen Probleme wolle sie mit Unterstützung des (Nennung
Institution) angehen. Dies sei jedoch nur möglich, wenn sie in der Schweiz
bleiben könne. Es existierten in der Schweiz bereits genügend medizini-
sche Akten von ihr und sie wolle in Belgien nicht nochmals medizinisch
behandelt werden. Zu ihrem Gesundheitszustand führte die Beschwerde-
führerin an, sie sei gesund. Sie nehme (Nennung Medikation) ein. Ferner
habe das (Nennung Behörde) in einem Urteil im Jahr (...) betreffend ihren
Härtefallentscheid geschrieben, dass sie (Nennung Probleme und weiteres
diesbezügliches Vorgehen). Ausserdem habe das (Nennung Institution) bei
ihr (Nennung Diagnose). Sie ersuche das SEM, das erwähnte Urteil des
(Nennung Behörde) zu berücksichtigen, um nicht nach Belgien zurückkeh-
ren zu müssen.
B.e Die belgischen Behörden hiessen das Ersuchen um Wiederaufnahme
der Beschwerdeführerin am (...) gut.
C.
Mit Verfügung vom 31. Januar 2022 – eröffnet am 2. Februar 2022 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such nicht ein, ordnete die Wegweisung der Beschwerdeführerin aus der
Schweiz nach Belgien an und forderte sie auf, die Schweiz spätestens am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Ferner verfügte es die
Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an
die Beschwerdeführerin und hielt fest, einer allfälligen Beschwerde gegen
die Verfügung komme keine aufschiebende Wirkung zu.
D.
Die Beschwerdeführerin focht die Verfügung des SEM vom 31. Januar
2022 mit Beschwerde vom 9. Februar 2022 beim Bundesverwaltungsge-
richt an. Sie beantragte, es sei der Nichteintretensentscheid des SEM auf-
zuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutre-
ten. Eventualiter sei die Verfügung zur rechtsgenüglichen Abklärung des
Sachverhalts und zu neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In formeller Hinsicht beantragte sie, es sei der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen,
von einer Überstellung nach Belgien abzusehen, bis das Bundesverwal-
tungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden
habe. Ferner sei ihr die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und
es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
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Der Beschwerde lagen (Aufzählung Beweismittel) bei.
E.
Am 10. Februar 2022 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Weg-
weisung gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus.
F.
Mit Verfügung vom 11. Februar 2022 hiess die Instruktionsrichterin das Ge-
such um Gewährung der aufschiebenden Wirkung gut und hielt fest, die
Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten. Weiter hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
G.
In ihrer Vernehmlassung vom 28. Februar 2022 hielt die Vorinstanz nach
einigen ergänzenden Bemerkungen an ihren Erwägungen fest.
H.
Die Beschwerdeführerin replizierte innert erstreckter Frist mit Eingabe vom
1. April 2022.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Das Verfahren
richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG
nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
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unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Über-
stellung aus der Schweiz in den zuständigen Staat und ordnet den Vollzug
an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8-15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden. Im Rahmen eines Wie-
deraufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber grund-
sätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl.
zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
3.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
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siert; das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus hu-
manitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
4.
4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids an, dass das
belgische Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen keine systemi-
schen Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO aufweisen
würden. Es lägen keine konkreten Anhaltspunkte vor, dass sich Belgien
nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halte und die Asyl- und
Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführen würde. Zudem sei Bel-
gien ein funktionierender Rechtsstaat und die Behörden grundsätzlich ge-
willt und fähig, staatlichen Schutz zu gewähren. Sollte sich die Beschwer-
deführerin vor Übergriffen von Privatpersonen fürchten oder solche sogar
erleiden, könne sie sich an die zuständigen Behörden wenden. Den gel-
tend gemachten Anschuldigungen wegen (Nennung Vorfall) werde nach-
gegangen. Sodann verfüge Belgien über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur und sei verpflichtet, der Beschwerdeführerin die erforderliche
medizinische Versorgung zu gewährleisten. Es lägen keine Hinweise vor,
dass Belgien der Beschwerdeführerin eine medizinische Behandlung ver-
weigert hätte oder zukünftig verweigern würde. Für das weitere Dublin-Ver-
fahren sei einzig die Reisefähigkeit ausschlaggebend, welche erst kurz vor
der Überstellung definitiv beurteilt werde. Zudem trage das SEM dem ak-
tuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin bei der Organisation
der Überstellung nach Belgien entsprechend Rechnung. Es lägen keine
Gründe vor, welche die Schweiz veranlassen müssten, die Souveränitäts-
klausel anzuwenden.
4.2 Die Beschwerdeführerin führt in der Rechtsmittelschrift an, sie habe
von (...) bis (...) in der Schweiz in (...) gelebt und in der Folge bis zum
Z._ über eine Aufenthaltsbewilligung B verfügt. Sie sei (Nennung
Zeitpunkt) aus der Schweiz ausgereist und habe am X._ sowie am
Y._ in Belgien um Asyl ersucht. Am (...) habe sie wiederum in der
Schweiz um Asyl ersucht. Das SEM habe es im Rahmen des vorliegenden
Dublin-Verfahrens versäumt, die belgischen Behörden im Wiederaufnah-
megesuch auf sämtliche relevanten Umstände – so ihre bis zum
Z._ gültige Aufenthaltsbewilligung – aufmerksam zu machen. Da
ihre Aufenthaltsbewilligung weniger als zwei Jahre zuvor abgelaufen sei,
wäre gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO die Schweiz für die Prüfung
ihres Antrags auf internationalen Schutz zuständig. Sodann sei gemäss
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Art. 23 Abs. 4 Dublin-III-VO für das Wiederaufnahmegesuch ein Standard-
formular zu verwenden, das Beweismittel oder Indizien im Sinne der beiden
Verzeichnisse nach Art. 22 Abs. 2 Dublin-III-VO und/oder sachdienliche An-
gaben aus der Erklärung der betroffenen Person enthalten müsse, anhand
deren die Behörden des ersuchten Mitgliedstaats prüfen könnten, ob ihr
Staat auf Grundlage der in der Verordnung festgelegten Kriterien zuständig
sei. Das SEM habe zwar das Standardformular verwendet und auf ihre in
Belgien gestellten Asylgesuche hingewiesen, jedoch nicht erwähnt, dass
sie eine bis am Z._ gültige Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz
besessen habe. Infolgedessen hätten die belgischen Behörden nicht über
alle wichtigen Elemente zur Prüfung ihrer Zuständigkeit verfügt, weshalb
sowohl das Wiederaufnahmegesuch des SEM vom (...) als auch die Zu-
stimmung der belgischen Behörden nicht verwertbar und somit nichtig
seien. Daher müsse das Wiederaufnahmegesuch so behandelt werden,
als sei es gar nicht gestellt worden, so dass die Frist für die Stellung dieses
Gesuchs – da sie seitens der Vorinstanz nicht habe gewahrt werden kön-
nen – am (...) verstrichen sei. Die Zuständigkeit für ihr Asylverfahren liege
demnach auch aus diesem Grund bei der Schweiz.
4.3 In der Vernehmlassung hält das SEM unter Verweis auf Art. 7 Abs. 2
Dublin-III-VO fest, die Schweiz sei hinsichtlich des hier massgebenden
Asylgesuchs vom (...) nicht das Erstasylland, weshalb Art. 12 Abs. 4 Dub-
lin-III-VO nicht mehr anwendbar sei. Zu berücksichtigen seien dabei einer-
seits die massgebenden Kriterien betreffend die Übertragung der Zustän-
digkeit in Art. 19 Dublin-III-VO (Erteilung eines Aufenthaltstitels). Anderer-
seits müssten die Bestimmungen des Art. 23 Dublin-III-VO eingehalten
werden, wonach ein Ersuchen um Wiederaufnahme bei Vorliegen eines
Eurodac-Treffers innert zwei Monaten zu stellen sei, ansonsten der diese
Frist verpassende Staat zuständig werde. Vorliegend habe die Beschwer-
deführerin erstmals am (...) in der Schweiz um Asyl ersucht. Das Asylge-
such sei am (...) abgelehnt worden. Im Anschluss habe sie eine auf das
Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG; SR 142.20) basierende Aufent-
haltsbewilligung erhalten, welche letztmals am (...) bis zum Z._ ver-
längert worden sei. Am X._ sowie am Y._ habe die Be-
schwerdeführerin in Belgien um Asyl ersucht, bevor sie wieder in die
Schweiz eingereist sei und am (...) erneut ein Asylgesuch gestellt habe. Die
Schweiz habe demnach nicht – wie in Art. 19 Abs. 1 Dublin-III-VO aufge-
führt – durch Ausstellung einer Aufenthaltsbewilligung die Zuständigkeit
übernommen. Die letztmalige Verlängerung der Bewilligung sei noch vor
dem Asylgesuch in Belgien geschehen. Demgegenüber sei festzustellen,
dass Belgien weder nach dem Asylgesuch vom X._ noch nach
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demjenigen vom Y._ die Schweiz um Wiederaufnahme ersucht
habe, weshalb die Zuständigkeit für das vorliegende Asyl- und Wegwei-
sungsverfahren gemäss Art. 23 Abs. 3 Dublin-III-VO auf Belgien überge-
gangen sei. Auf diese Zuständigkeit habe sich das Ersuchen des SEM vom
(...) bezogen. Belgien habe dann auch am (...) das Ersuchen um Wieder-
aufnahme gutgeheissen, womit zwischen der Schweiz und Belgien die Zu-
ständigkeitsprüfung abgeschlossen gewesen sei.
Ferner hätten die belgischen Behörden selber das in der Schweiz gestellte
Asylgesuch vom (...) in Eurodac nicht sehen können, würden diese dort
lediglich für zehn Jahre gespeichert. Insofern sei es die Pflicht der Be-
schwerdeführerin selber gewesen, die belgischen Behörden im Rahmen
ihrer Mitwirkungspflicht über das Asylgesuch in der Schweiz vom (...) sowie
die dazumal noch gültige Bewilligung in der Schweiz zu informieren. Da
Belgien die Schweiz nicht um Wiederaufnahme ersucht habe, müsse da-
von ausgegangen werden, dass die belgischen Behörden über das bereits
in der Schweiz gestellte Asylgesuch keine Kenntnis gehabt hätten. Bei ef-
fektiver Kenntnis über den schweizerischen Aufenthaltstitel hätten sich die
belgischen Behörden entweder bewusst in Anwendung der Souveränitäts-
klausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO zur Übernahme der Zuständig-
keit für das Asyl- und Wegweisungsverfahren entschieden oder aber – wie
bereits erwähnt – die Frist zur Stellung eines Gesuchs gemäss Art. 23 Abs.
3 Dublin-III-VO versäumt. Dementsprechend treffe die Mutmassung der
Beschwerdeführerin, die Schweiz habe ihrerseits Art. 23 Dublin-III-VO ver-
letzt, in dem ein unvollständiges Gesuch gestellt worden sei, nicht zu. Da
die abgelaufene Aufenthaltsbewilligung für das vorliegende Zuständig-
keitsprüfverfahren keine Relevanz gehabt habe, habe dieses im fristge-
rechten Wiederaufnahmeersuchen des SEM vom (...) auch nicht erwähnt
werden müssen. Abschliessend sei auf den Umstand hinzuweisen, dass
die Beschwerdeführerin selber in zwei Eingaben an das SEM erklärt habe,
schnellstmöglich nach Belgien zurückkehren und den Entscheid des SEM
ohne Beschwerde akzeptieren zu wollen.
4.4 In ihrer Replik schliesslich hält die Beschwerdeführerin im Wesentli-
chen an ihren bisherigen Ausführungen fest und führt ergänzend an, sie
habe während (Nennung Dauer) ununterbrochen in der Schweiz mit einer
Aufenthaltsbewilligung gelebt und sich hierzulande integriert. Ihre Überstel-
lung nach Belgien würde eine stossende Auslegung der Dublin-III-Verord-
nung darstellen. Ihr Entscheid, die Schweiz zu verlassen und in Belgien um
Asyl zu ersuchen, sei in einer emotionalen Affekthandlung geschehen, in
deren Folge sie ihre Aufenthaltsbewilligung verloren habe. Die Schweiz sei
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jedoch ihre Heimat, was sich auch in ihrer Rückkehr in das Land und in
ihrer Bitte – in Form eines Asylgesuchs – hierbleiben zu dürfen, manifes-
tiere. Eine Wegweisung würde sie psychisch sehr belasten. Schliesslich
seien die beiden Eingaben, in denen sie den Wunsch nach einer Rückkehr
nach Belgien geäussert habe, zu einem Zeitpunkt geschehen, als sie Prob-
leme in ihrer Unterkunft gehabt habe, welche sie sehr belastet hätten.
Diese Schwierigkeiten seien denn auch in ihrer Eingabe vom 27. Januar
2022 ausführlich dargelegt worden.
5.
5.1 Für ein Wiederaufnahmegesuch gestützt auf Art. 23 Dublin-III-VO ist
ein Standardformblatt zu verwenden (Abs. 4). Ein mit diesem Formblatt ge-
stellte Übernahmeersuchen muss alle Informationen enthalten, anhand de-
rer die Behörden des ersuchten Mitgliedstaats prüfen können, ob ihr Staat
auf Grundlage der in der Dublin-III-VO festgelegten Kriterien zuständig ist
(vgl. Urteile des BVGer D-6935/2016 vom 24. Januar 2017 E. 5.3.2,
D-1533/2016 vom 18. März 2016 S. 8 und D-1599/2015 vom 2. Mai 2016
E. 5).
5.2 Das SEM führte im Wiederaufnahmegesuch an die belgischen Behör-
den vom (...) zur im Formblatt unter Ziffer 12 (vorgängige Verfahren) ange-
führten Frage, ob die Beschwerdeführerin zuvor im Land ihres (aktuellen)
Wohnsitzes oder in einem anderen Land um internationalen Schutz oder
um Anerkennung als Flüchtling ersucht habe, einzig aus, die Beschwerde-
führerin habe am Y._ in Belgien ein Asylgesuch gestellt. Am Ende
des Formblatts gab das SEM sodann in der Rubrik "weitere nützliche Infor-
mationen" an, dass die Beschwerdeführerin am (...) in der Schweiz um Asyl
ersucht und vorgängig in Belgien am X._ und am Y._ jeweils
ein Asylgesuch eingereicht hat. Angaben zum Asylgesuch vom (...) in der
Schweiz und dem darauffolgenden (Nennung Dauer) Aufenthalt der Be-
schwerdeführerin sowie dem bis am Z._ gültigen Aufenthaltstitel in
der Schweiz machte das SEM indes nicht. Wie die Vorinstanz zutreffend
anführt, ist den vorinstanzlichen Akten (vgl. SEM act. 1116684-13/8) zwar
zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin im Nachgang zu ihrem ersten
Asylgesuch in Belgien von den belgischen Behörden am (...) befragt wor-
den war und dabei zumindest ansatzweise einen Aufenthalt in der Schweiz
erwähnt hatte; Rückschlüsse auf eine längere Aufenthaltsdauer oder gar
einen Aufenthaltstitel in der Schweiz sind dem belgischen Befragungspro-
tokoll vom (...) indes nicht zu entnehmen. Es kann daher im Rahmen des
hier in Frage stehenden Wiederaufnahmeersuchens vom (...) nicht ab-
schliessend beurteilt werden, ob und inwieweit eine Information zum lang-
jährigen Aufenthalt der Beschwerdeführerin in der Schweiz und zur bis am
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Z._ gültigen Aufenthaltsbewilligung für die Beantwortung der Zu-
ständigkeitsfrage auf Seiten Belgiens letztlich eine Rolle gespielt hätte be-
ziehungsweise ob – wiederum auf Seiten Belgiens – der Sachverhalt im
Rahmen des Wiederaufnahmeersuchens der Schweiz vollständig geprüft
werden konnte. Dies gilt umso mehr, als die belgischen Behörden in EU-
RODAC das seinerzeitige Asylgesuch in der Schweiz vom (...) nicht sehen
konnten, da Asylgesuche in EURODAC gemäss Art. 12 der EURODAC-
Verordnung (Verordnung (EU) Nr. 603/2013) lediglich für 10 Jahre gespei-
chert werden. Demzufolge erweist sich in der vorliegenden besonderen
Konstellation die Rüge einer unvollständigen Feststellung des Sachver-
halts als begründet.
5.3 Die Vorinstanz äusserte sich auch in der angefochtenen Verfügung mit
keinem Wort zum Umstand, dass sich die Beschwerdeführerin mit einer bis
(Nennung Zeitpunkt) gültigen Aufenthaltsbewilligung (Nennung Dauer)
lang in der Schweiz aufhielt. Zur Frage des Selbsteintritts führte sie in der
angefochtenen Verfügung einzig aus, es ergäben sich keine Gründe, die
die Anwendung der Souveränitätsklausel im Sinne von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 i.V.m. Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO anzuwenden. Dadurch ist nicht
erkennbar, welche Kriterien das SEM dem vorliegenden Fall zur Beurtei-
lung der humanitären Gründe konkret zugrunde gelegt hat und ob es den
langjährigen Aufenthalt der Beschwerdeführerin in der Schweiz überhaupt
berücksichtigt hat oder von vornherein humanitäre Erwägungen ausge-
schlossen hat. Das SEM hat damit die Begründungspflicht verletzt und ist
ausserdem seiner Pflicht zur gesetzeskonformen Ermessensausübung
nicht nachgekommen und hat sein Ermessen unterschritten. Da es sich bei
der Ermessensunterschreitung um eine Rechtsverletzung handelt (vgl.
BGE 132 V 393 E. 3.3), ist die angefochtene Verfügung auch diesbezüglich
aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung – unter umfassender Prü-
fung der Anwendung der Souveränitätsklausel aus humanitären Gründen
in Ausübung des gesetzeskonformen Ermessens – an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung beantragt wird, und die Sache ist zur
vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung im
Sinne der Erwägungen (vgl. insb. E. 5.1 - 5.3) an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
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Seite 11
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Damit ist die mit Zwischenverfügung vom 11. Feb-
ruar 2022 gewährte unentgeltliche Prozessführung gegenstandslos gewor-
den.
7.2 Eine Parteientschädigung ist für das vorliegende Rechtsmittelverfah-
ren, das sich gegen einen im Dublin-Verfahren ergangenen Asylentscheid
nach Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG richtet und an dem eine Rechtsvertretung
nach Art. 102h AsylG mitgewirkt hat, nicht geschuldet (Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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