Decision ID: 0cee1a87-567f-5cc2-b27d-e2eff78fab6f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 11. Dezember 2014 erstmals in der
Schweiz um Asyl. Anlässlich der Befragung zur Person vom 18. Dezember
2014 gab er im Wesentlichen an, er stamme aus B._ und führe seit
ungefähr Dezember 2012 eine heimliche aussereheliche Beziehung zu sei-
ner heutigen Ehefrau C._ (N [...]). Ihr Vater sei in B._ ein
Parteifunktionär der (...) und mit der Beziehung nicht einverstanden. An-
lässlich eines gemeinsamen Ausflugs mit seiner Ehefrau im Herbst 2014
seien sie von ihrem Bruder verfolgt und ihr Auto sei angeschossen worden.
Daraufhin habe er seine Ehefrau zu ihrer Tante gebracht. Er sei aus Angst
vor weiteren Vorfällen am 4. Dezember 2014 legal aus dem Irak ausgereist.
Mit Verfügung vom 2. Februar 2015 trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch
nicht ein und ordnete aufgrund der Zuständigkeit Frankreichs für sein Asyl-
verfahren den Wegweisungsvollzug nach Frankreich an. Diese Verfügung
erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
Am 26. März 2015 wurde der Beschwerdeführer wegen Missachtung des
Einreiseverbots festgenommen. Am 1. April 2015 verzichtete er auf die Ein-
reichung eines neuen Asylgesuchs und stimmte seiner Ausschaffung nach
Frankreich zu. Mit Verfügung vom 15. April 2015 ordnete die Vorinstanz
den Wegweisungsvollzug nach Frankreich an. Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
C.
Am 17. Februar 2016 stellte der Beschwerdeführer bei der Vorinstanz ein
zweites Asylgesuch. Anlässlich der Befragung zur Person vom 4. März
2016 und der Anhörung vom 29. Juni 2017 gab er im Wesentlichen an, er
sei von den französischen Behörden in den Irak weggewiesen worden und
bei der Ankunft am 14. Mai 2015 von der irakischen Polizei oder von den
Asayesh (Inlandsgeheimdienst der Kurdish Regional Government, KRG;
Anmerkung des Gerichts) inhaftiert und zur Beziehung zu seiner Ehefrau
befragt worden. Durch die Hilfe seines Vaters sei ihm während einer Haft-
verlegung ungefähr im November oder Dezember 2015 die Flucht gelun-
gen. Im Januar 2016 sei er illegal aus dem Irak ausgereist.
Der Beschwerdeführer legte vier Fotos ins Recht.
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Seite 3
D.
Mit Verfügung vom 12. Juli 2017 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Wegwei-
sungsvollzug an.
E.
Am 15. Februar 2021 reichte der Beschwerdeführer bei der Vorinstanz ein
Wiedererwägungsgesuch gegen die in Rechtskraft erwachsene Verfügung
der Vorinstanz vom 12. Juli 2017 ein.
Mit dem Wiedererwägungsgesuch reichte er einen Strafbefehl der Staats-
anwaltschaft des Kantons D._ vom 25. Mai 2019, eine Haftentlas-
sung der Kantonspolizei D._ vom 28. Januar 2021, eine Entlas-
sungsanordnung der Sicherheitsdirektion des Kantons D._ vom
29. Januar 2021 und seine Ehefrau betreffend einen Arztbericht vom
18. November 2020 sowie das Protokoll ihrer Personalienaufnahme vom
24. November 2020 ein.
F.
Mit Verfügung vom 15. April 2021 wies die Vorinstanz das Wiedererwä-
gungsgesuch ab. Sie erklärte die Verfügung vom 12. Juli 2017 für rechts-
kräftig und vollstreckbar, erhob eine Gebühr von Fr. 600.– und stellte fest,
einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
G.
Mit Eingabe vom 17. Mai 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die Verfügung vom 15. April
2021 sei betreffend Ablehnung des Wiedererwägungsgesuchs und Weg-
weisung aufzuheben. Er sei in der Schweiz als Flüchtling aufzunehmen
und ihm sei in der Schweiz Asyl zu erteilen. Eventualiter sei die Unzumut-
barkeit und Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und er
sei in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter sei die Angele-
genheit zur Neubeurteilung und vertieften Abklärung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Das vorliegende Verfahren sei mit demjenigen seiner Ehe-
frau koordiniert zu behandeln. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme
sei der vorliegenden Sache die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die
kantonale Behörde sei entsprechend anzuweisen, von weiteren Vollzugs-
handlungen abzusehen. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu ge-
währen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
E-2306/2021
Seite 4
Der Beschwerdeführer reichte eine Verfügung des Amts für Wirtschaft und
Arbeit des Kantons D._ vom 14. August 2017, eine Mail von
E._, (...), vom 11. Mai 2021 sowie in Bezug auf seine Ehefrau ein
Begleitschreiben ihrer Rechtsvertreterin vom 8. März 2021 zur Nachrei-
chung des Haftbefehls vom (...), vier Fotos von ihrem Vater und ein Foto
von ihrem Oberarm ein. Zudem verweist er auf die Verfahrensakten seiner
Ehefrau und die von ihr eingereichten Beweismittel, insbesondere auf eine
Kopie ihrer Identitätskarte (inkl. Übersetzung), ein Schreiben des Zivil-
standsamtes F._ vom 22. Februar 2021 betreffend Ehevorbereitung
und Ziviltrauung, eine Kopie eines Haftbefehls betreffend den Beschwer-
deführer vom 30. März 2016, eine Kopie eines Ausweises der (...) ihres
Vaters, ein Foto des Emblems der (...) und zwei Fotos ihrer Arme.
H.
Mit superprovisorischer Verfügung vom 19. Mai 2021 setzte der Instrukti-
onsrichter den Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers einstwei-
len aus.
I.
Am 27. Juni 2021 gebar seine Ehefrau ihre Tochter G._.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Ausländerrecht richtet sich
die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
E-2306/2021
Seite 5
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln.
3.
Der Antrag, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren,
ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
4.
Der Beschwerdeführer beantragt die Koordination seines Beschwerdever-
fahrens mit demjenigen seiner Ehefrau (E-2358/2021). Die Urteile der bei-
den Beschwerdeverfahren ergehen gleichzeitig und werden von demsel-
ben Spruchkörper behandelt. Dem Antrag auf Koordination der beiden Ver-
fahren wurde somit Rechnung getragen.
5.
5.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift-
lich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren
nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66-68 VwVG
(Art. 111b Abs. 1 AsylG).
5.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem blos-
sen Prozessentscheid abgeschlossen wurde, können auch Revisions-
gründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen. Ein solchermas-
sen als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch zu bezeichnendes Rechts-
mittel war und ist grundsätzlich nach den Regeln des Revisionsverfahrens
zu behandeln (vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4). Im vorliegenden Fall blieb die
vorinstanzliche Verfügung vom 12. Juli 2017 unangefochten. Das Wieder-
erwägungsgesuch betrifft Wegweisungsvollzugshindernisse sowie auch
Asylvorbringen, weshalb es sich um ein qualifiziertes Wiedererwägungs-
gesuch handelt.
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Seite 6
6.
6.1 In der Beschwerde wird eine formelle Rüge erhoben, die vorab zu be-
urteilen ist, da sie allenfalls geeignet sein könnte, eine Kassation der vor-
instanzlichen Verfügung zu bewirken. Der Beschwerdeführer rügt eine Ver-
letzung der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtser-
heblichen Sachverhalts.
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
6.2 Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz hätte die Schweizerische
Botschaft im Irak mit der Prüfung der Echtheit des Haftbefehls vom (...)
beauftragen müssen. Zudem sei nicht abgeklärt worden, ob er bei einem
Wegweisungsvollzug in den Irak Schutz erhalten würde. Eine entspre-
chende Zusicherung sei aus den Akten nicht ersichtlich. Zur Überprüfung,
ob und wie er von den irakischen Behörden verfolgt werde, sei die Sache
an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Die Vorinstanz erachtete die Asylvorbringen des Beschwerdeführers ins-
gesamt als unglaubhaft, zudem handelt es sich beim Haftbefehl um eine
Kopie. Eine Überprüfung der Echtheit des Haftbefehls sowie Abklärungen
hinsichtlich der Verfolgungsvorbringen und einer existierenden Zusiche-
rung haben sich somit nicht aufgedrängt.
6.3 Die formelle Rüge erweist sich angesichts dieser Sachlage als unbe-
gründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aufzuheben und
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entsprechende Rechtsbegehren ist
somit abzuweisen.
7.
7.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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Seite 7
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
7.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
8.
8.1 Der Beschwerdeführer begründet das Wiedererwägungsgesuch damit,
seine Ehefrau sei im Februar 2020 aufgrund einer bevorstehenden
Zwangsheirat mit einem anderen Mann aus dem Irak geflüchtet. Im März
2020 hätten sie in der Türkei religiös geheiratet. Seit dem 16. November
2020 befinde sie sich in der Schweiz und sie habe am 17. November 2020
ein Asylgesuch eingereicht. Sie sei im fünften Monat schwanger. Somit
liege seit der Verfügung vom 12. Juli 2017 eine wesentliche Veränderung
der Sach- und Beweislage vor. Die hohe Machtposition ihres Vaters als
Parteifunktionär sowie der Umstand, dass er bereits im Jahr 2016 verhaftet
worden sei, verdeutliche, dass ihm bei einer Rückkehr in den Irak eine wohl
noch schlimmere Behandlung drohe. Seiner Ehefrau würde ein Ehrenmord
drohen. Die Ausführungen seiner Ehefrau im Rahmen ihres Asylverfahrens
würden dies belegen.
8.2 Die Vorinstanz begründet ihre Verfügung damit, seine Asylvorbringen
seien mit Verfügung vom 12. Juli 2017 als unglaubhaft qualifiziert worden.
Die Ausführungen der Ehefrau des Beschwerdeführers und die von ihr ein-
gereichte Kopie eines Haftbefehls vom (...) seien nicht geeignet, zu einer
anderen Einschätzung hinsichtlich des Bestehens einer begründeten
Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu führen. Ihre Asylvor-
bringen seien mit separater Verfügung vom 15. April 2021 ebenfalls als un-
glaubhaft eingestuft worden. Somit sei seinem Wiedererwägungsgesuch
die Grundlage entzogen worden, da er dieses mit ihren Aussagen begrün-
det habe. Dem in Kopie eingereichten Haftbefehl vom (...) komme keine
Beweiskraft zu. Selbst im Original würde er kaum einen Beweiswert entfal-
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Seite 8
ten. Dokumenten aus dem Irak komme nur im Kontext mit einem schlüssi-
gen Sachverhalt Beweiskraft zu. Dies sei vorliegend aufgrund seiner un-
glaubhaften Schilderungen und ihrer oberflächlichen Ausführungen nicht
gegeben. Es würden somit keine Gründe vorliegen, welche die Rechtskraft
der Verfügung vom 12. Juli 2017 beseitigen könnten.
8.3 Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, sein Vater habe den Erhalt
des Haftbefehls am (...) unterschriftlich bestätigt, da er bereits in der
Schweiz gewesen sei. Aus Angst vor negativen Konsequenzen für seine
Familie im Irak habe er den Kontakt zu seinem Vater nur selten gepflegt,
weshalb ihm der Haftbefehl erst viel später durch einen Freund aus dem
Irak mitgebracht worden sei. Seine Ehefrau habe Fotos ihres Vaters einge-
reicht, welche belegen würden, dass dieser bei den (...) arbeite, da das
Emblem der (...) auf dem Oberarm der Weste ersichtlich sei. Mit der Ein-
reichung des Haftbefehls sowie den Aussagen seiner Ehefrau, welche
seine Asylvorbringen stützen würden, könne er beweisen, dass er bei einer
Rückkehr in den Irak aufgrund der Machtstellung ihres Vaters von den ira-
kischen Behörden asylrelevant verfolgt werde.
9.
9.1 Mit rechtskräftiger Verfügung vom 12. Juli 2017 erachtete die
Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdeführers hinsichtlich des Vorfalls
auf dem Parkplatz im Herbst 2014, der Festnahme, der Haft, der Freilas-
sung und dem Verbleib seiner Reise- und Identitätsdokumente bereits als
unglaubhaft. Das Wiedererwägungsgesuch stützt er auf die Aussagen
seiner Ehefrau und den Haftbefehl. Die Beschwerde der Ehefrau wird
hingegen aufgrund der Unglaubhaftigkeit ihrer Aussagen mit Urteil
E-2358/2021 vom 19. Juli 2021 abgewiesen, weshalb er sich nicht darauf
berufen kann. Hinsichtlich des Erhalts des Haftbefehls bestehen Wider-
sprüche, so gab er beschwerdeweise an, dieser sei ihm von einem Freund
aus dem Irak gebracht worden. Mit der Beschwerde reichte er hingegen
ein Schreiben der Rechtsvertreterin seiner Ehefrau ein, wonach ihm der
Haftbefehl von seinem Vater in die Schweiz geschickt worden sei. Zudem
handelt es sich beim Haftbefehl nur um eine Kopie, welche nicht fäl-
schungssicher ist und somit nur einen geringen Beweiswert aufweist. Die
weiteren eingereichten Fotos des Vaters seiner Ehefrau, eines Ausweises
ihres Vaters, seiner Haft, des Emblems der Asayesh und ihres Arms ver-
mögen seine Asylvorbringen ebenfalls nicht zu belegen. Darüber hinaus
bestehen auch keine Anhaltspunkte, dass er aufgrund der religiösen Heirat
Probleme im Irak erhalten würde.
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Seite 9
9.2 Der Beschwerdeführer konnte keine begründete Furcht vor zukünftigen
ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG dartun. Die Vorinstanz
hat das Wiedererwägungsgesuch zu Recht abgewiesen.
10.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegwei-
sungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingsei-
genschaft; das heisst, sie sind wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.
BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.2
11.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfüllt, ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33
Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zu-
lässigkeit des Vollzuges beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen ver-
fassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3
des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere
grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe
[FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Die Sachdarstellung des Beschwerdeführers hat sich als unglaubhaft er-
wiesen. Weder aus den Akten noch aus der Beschwerde ergeben sich kon-
krete Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den
Irak dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder
Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Der Voll-
zug der Wegweisung ist zulässig.
E-2306/2021
Seite 10
11.2.2 Betreffend die Ehefrau des Beschwerdeführers und ihres Kindes ist
mit Urteil E-2358/2021 vom 19. Juli 2021 die Wegweisung angeordnet wor-
den. Die Vollzugsbehörden sind gehalten, den Vollzug der Wegweisung
des Beschwerdeführers, seiner Ehefrau und des Kindes gemeinsam
durchzuführen, um eine Trennung zu vermeiden.
11.3
11.3.1 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
11.3.2 Die Ausführungen der Vorinstanz sind nicht zu beanstanden. Im Re-
ferenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 bestätigte das Bundes-
verwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5 publizierte Praxis zur Frage der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die ARK (umfassend seit An-
fang 2015 die Provinzen Dohuk, Erbil, Suleimaniya sowie der von Letzterer
abgespalteten Provinz Halabja). Demnach sei nicht von einer Situation all-
gemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen. Diese Ein-
schätzung hat nach wie vor Gültigkeit. Die langjährige Praxis im Sinne von
BVGE 2008/5 für aus dem ARK-Gebiet stammende Kurdinnen und Kurden
bleibt somit weiterhin anwendbar. Besonderes Gewicht ist angesichts der
Belastung der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene
(«Internally Displaced Persons» [IDPs]) dem Vorliegen begünstigender in-
dividueller Faktoren beizumessen (u.a. Urteile des BVGer D-2775/2020
vom 8. Juli 2020 E. 8.3.2; D-787/2020 vom 17. April 2020 E. 7.3;
D-7151/2018 vom 25. Februar 2020 E. 7.4.4). Die Anordnung des Wegwei-
sungsvollzugs setzt insbesondere voraus, dass die betreffenden Personen
ursprünglich aus der Region stammen oder längere Zeit dort gelebt haben
und dort über ein soziales Beziehungsnetz (Familie, Verwandtschaft oder
Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu den herrschenden Parteien
verfügen (BVGE 2008/5 E. 7.5; ausführlich zudem Urteil des BVGer
E-6430/2016 vom 31. Januar 2018 E. 6.4.1 ff.). Unter Beachtung der ge-
nannten Grundsätze qualifiziert das Gericht auch den Vollzug der Wegwei-
sung von Familien mit Kindern in die ARK-Region nicht als grundsätzlich
unzumutbar (vgl. das Urteil BVGer E-1438/2021 vom 17. Mai 2021
E. 10.3.1).
Hinsichtlich der individuellen Gründe des Beschwerdeführers kann auf die
Verfügung der Vorinstanz vom 12. Juli 2017 verwiesen werden, wonach er
in B._ geboren und bis zu seiner Ausreise dort gelebt hat. Er ist ein
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Seite 11
junger und gesunder Mann. Gemäss eigenen Aussagen verfügt er mit sei-
nen Eltern, seinen fünf Geschwistern sowie mehreren Onkeln, Tanten und
Cousins über nahe Familienmitglieder und weitere Verwandte. Entgegen
seinen Angaben in der Beschwerde kann aufgrund der Akten ohne weite-
res davon ausgegangen werden, dass er dort über ein tragfähiges familiä-
res Beziehungsnetz verfügt, auf dessen Unterstützung er, sollte es notwen-
dig sein, auch zählen kann. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als (...).
Es ist davon auszugehen, dass er für sich, seine Ehefrau und das Kind wird
sorgen können, gegebenenfalls mit Unterstützung seiner im Heimatstaat
oder auch im Ausland lebenden Verwandten; dies auch unter Berücksich-
tigung der allenfalls erschwerten Situation aufgrund der Corona-Pandemie.
Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch in individueller Hin-
sicht als zumutbar.
11.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeich-
nen, weil es dem Beschwerdeführer obliegt, sich die für eine Rückkehr not-
wendigen Reisedokumente bei der zuständigen Vertretung seines Heimat-
staats zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu BVGE 2008/34 E. 12).
Der Vollzug der Wegweisung ist möglich.
11.5 Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang mit der weltweiten
Ausbreitung der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) vermögen aufgrund ih-
rer vorübergehenden Natur nicht, die obigen Schlussfolgerungen in Frage
zu stellen. Würden diese im vorliegenden Fall den Vollzug der Wegweisung
verzögern, so würden dieser zwangsläufig zu einem späteren, angemes-
senen Zeitpunkt erfolgen (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer E-895/2020
vom 15. April 2020 E. 9.6).
11.6 Die Vorinstanz hat den Vollzug demnach zu Recht als zulässig, zu-
mutbar und möglich erachtet. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen
Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). Die entsprechenden Be-
schwerdebegehren sind abzuweisen.
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG). Die Vorinstanz hat das qualifizierte Wiedererwägungsge-
such somit zu Recht abgewiesen. Die Beschwerde ist abzuweisen.
E-2306/2021
Seite 12
13.
13.1 Die gestellten Rechtsbegehren erweisen sich als aussichtslos, wes-
halb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung un-
geachtet einer allfälligen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist
(Art. 65 Abs. 1 VwVG).
13.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 1'500.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit vorliegendem
Urteil gegenstandslos geworden.
14.
Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 19. Mai 2021 verfügte Vollzugs-
stopp dahin.
(Dispositiv nächste Seite)
E-2306/2021
Seite 13