Decision ID: e64b6f8d-2929-4414-a1b2-889cfd8c8259
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) erlitt am 9. September 2015 bei einem Sturz von
einer Leiter eine Tibiakopffraktur (Schatzker VI) und eine Fibulaschaftfraktur rechts mit
einem massiven Weichteiltrauma (vgl. IV-act. 13-3 und act. G4.2/1-43). Am 11.
September 2015 wurde in der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie
des Bewegungsapparats des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG; nachfolgend:
Orthopädie KSSG) ein temporärer Fixateur externe knieübergreifend rechts angelegt
(IV-act. 13-3 und 42). Dieser wurde am 22. September 2015 wieder entfernt und es
wurde eine "Open Reduction and internal Fixation" (ORIF) proximale Tibia rechts mit
einer NCB Platte vorgenommen (IV-act. 13-5). Im Januar 2016 meldete sich der
Versicherte unter Hinweis auf den im rechten Unterschenkel erlittenen Bruch und die
daraus resultierende, seit dem Unfall bestehende vollständige Arbeitsunfähigkeit zum
Bezug von Leistungen der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 1-4
und 1-6). Er gab an, seit dem Jahr 2006 vollzeitlich als Maurer bei der heutigen B._
AG, Zweigniederlassung ._ (vgl. Internet-Auszug aus dem Handelsregister betreffend
diese AG, abgerufen am 5. Mai 2021), angestellt zu sein (IV-act. 1-5 f.; vgl. auch
Fragebogen für Arbeitgebende vom 24. Februar 2016 in IV-act. 9). Der Hausarzt Dr.
med. C._, Facharzt für Innere Medizin, wies am 1. März 2016 darauf hin, dass der
Versicherte seit dem 9. September 2015 vollständig arbeitsunfähig sei. Die
Einschränkung des rechten Beins, insbesondere des rechten Knies, sei massiv (IV-
act. 13-2).
A.a.
Dr. med. D._, Facharzt für Chirurgie, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD)
notierte am 1. März 2016, der Gesundheitszustand des Versicherten sei wohl noch
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
instabil. Die Tibiakopfverletzung sei komplex. Auch bei einer regelrechten Heilung sei
davon auszugehen, dass ein erhöhtes Arthroserisiko bestehe und dass eine
kniebelastende Tätigkeit wie die eines Maurers auf Dauer nicht mehr zumutbar sei (IV-
act. 11). Die IV-Stelle teilte dem Versicherten am 6. Juni 2016 mit, aufgrund des
Gesundheitszustands seien keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich (IV-
act. 15).
Mit Austrittsbericht vom 8. Juni 2016 informierten die zuständigen Ärzte der
Rehaklinik Bellikon über einen Aufenthalt des Versicherten vom 3. Mai bis 7. Juni 2016.
Als Probleme bei Austritt nannten sie belastungs- und bewegungsverstärkte
Schmerzen am Knie rechts, Druckgefühl über dem oberen Sprunggelenk und
Kniegelenk rechts, hinkendes Gangbild rechts und eingeschränkte Beweglichkeit Knie
rechts, muskuläre Insuffizienz und reduzierte Koordination Knie/Bein rechts (IV-act.
18-3 f.). Die Tätigkeit als Bauarbeiter/Maurer sei dem Versicherten nicht zumutbar. In
einer leichten, wechselbelastenden Tätigkeit (aktuell ohne Tätigkeiten auf unebenem
Gelände, Zwangshaltungen, Leitersteigen und häufiges oder längerdauerndes
Treppensteigen) wäre der Versicherte ganztags arbeitsfähig (IV-act. 18-4). Anlässlich
der klinisch-radiologischen Verlaufskontrolle vom 19. September 2016 in der
Orthopädie KSSG beklagte der Versicherte belastungsabhängige Schmerzen am
medialen Kniegelenk rechts sowie wetterabhängige Schmerzen und teils Schmerzen in
Ruhe im Bereich der Platte. Beim Röntgen zeigte sich eine beginnende mediale
Gonarthrose, eine unveränderte Lage des Osteosynthesematerials und eine
vollständige Konsolidation der Tibia- und Fibulafraktur (IV-act. 35).
A.c.
RAD-Arzt Dr. D._ vermerkte am 4. Oktober 2016, aufgrund der Aktenlage sei
eher davon auszugehen, dass die Tätigkeit als Maurer beziehungsweise jede
kniebelastende Tätigkeit dem Versicherten auf Dauer nicht zuzumuten sei. In einer
knieentlastenden Tätigkeit bestehe ab Austritt aus der Rehaklinik Bellikon eine
100%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 20-2). Gestützt darauf teilte die IV-Stelle dem
Versicherten am 5. Oktober 2016 mit, dass er Anspruch auf Berufsberatung habe (IV-
act. 23).
A.d.
Am 25. Oktober 2016 wurde beim Versicherten in der Orthopädie KSSG eine
diagnostische Kniearthroskopie rechts mit Adhäsiolyse durchgeführt und das
A.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Osteosynthesematerial Tibia rechts entfernt (IV-act. 27-2 f.). Im Austrittsbericht vom 31.
Oktober 2016 attestierten die zuständigen Ärzte dem Versicherten eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit bis 21. November 2016 (IV-act. 26-2 f.).
Am 31. Oktober 2016 fand ein Gespräch zwischen dem Versicherten und einem IV-
Eingliederungsberater statt. Letzterer sah die Notwendigkeit einer beruflichen
Abklärung durch die Rehaklinik Bellikon (IV-act. 44-1 f.).
A.f.
Dr. C._ berichtete am 13. Dezember 2016, auch nach der Operation vom
Oktober 2016 sei der Versicherte noch deutlich eingeschränkt in der
Belastungsfähigkeit (IV-act. 28-2). Anlässlich der Nachkontrolle vom 23. Januar 2017 in
der Orthopädie KSSG berichtete der Versicherte über einen sehr guten Verlauf nach
durchgeführter Osteosynthesematerialentfernung (act. G4.2/75-1). Am 7. Februar 2017
diagnostizierte die E._-Klinik, Ambulantes Rehabilitationszentrum, - wo der
Versicherte seit dem 6. Oktober 2015 in physiotherapeutischer Behandlung stand -
eine massive (vgl. act. G4.2/132-1) Funktionseinschränkung in den Alltagsaktivitäten
und Mobilitätsminderung vor allem beim Gehen, Benützen der Treppen und dem Knien
am Boden (act. G4.2/77). Am 3. März 2017 fand die kreisärztliche
Abschlussuntersuchung des Versicherten bei med. prakt. F._, Fachärztin für
Chirurgie und Kreisärztin der Suva, statt. Gemäss Bericht vom 6./10. März 2017 gab
der Versicherte subjektiv belastungsabhängige Restbeschwerden und ein unsicheres
Gangbild sowie ein dauerhaftes Schonhinken rechts an. Objektiv zeige sich ein
reizloses Kniegelenk ohne Schwellung, Erguss oder Überwärmung. Es bestehe ein
leichtes Extensionsdefizit und eine eingeschränkte Flexion. Im Grunde genommen sei
dies für die erlittene Verletzung ein respektables Ergebnis (act. G4.2/86-4). Angesichts
dieser Befunde stellte med. prakt. F._ die Diagnose belastungsabhängig
progredienter Restbeschwerden bei Verdacht auf beginnende Gonarthrose (act.
G4.2/86-4). Dem Versicherten sei die Tätigkeit als Maurer nicht mehr zumutbar.
Zumutbar sei jedoch eine leichte bis selten mittelschwere Tätigkeit ganztags, am
sinnvollsten wechselbelastend, ohne Schläge und Vibrationen auf die rechte untere
Extremität, ohne dauerhaftes Bedienen von Pedalen mit rechts. Zwangshaltungen für
die untere Extremität wie Kauern, Kriechen und Hocken seien nicht zumutbar (act.
G4.2/86-5).
A.g.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 15. Mai 2017 startete der Versicherte einen Arbeitsversuch im Magazin der
damaligen B._ AG G._ (act. G4.2/107; vgl. Internet-Auszug aus dem
Handelsregister betreffend die heutige H._ AG, abgerufen am 5. Mai 2021). Am 7.
August 2017 legte die Suva das Dossier erneut der Kreisärztin vor, da der Versicherte
nach mehrwöchigem Arbeitsversuch geschildert hatte, dass er stetige Schmerzen habe
und eine Steigerung des Pensums auf ganztags als unmöglich einstufte (act.
G4.2/129-1). Med. prakt. F._ beurteilte die Situation gleichentags dahingehend, dass
die Tätigkeit/Belastung grenzwertig sei. Von einer zusätzlichen Schädigung des
Kniegelenks sei nicht unbedingt auszugehen. Medizinisch sei die frühere
Zumutbarkeitsbeurteilung weiterhin gültig und in einer wechselbelastenden Tätigkeit
wäre sicher eine volle Präsenz zumutbar. Der Versicherte könne die Tätigkeit gehend-
stehend auch halbtags nur knapp und unter zunehmenden Beschwerden ausüben (act.
G4.2/129-3).
A.h.
Am 14. August 2017 erstattete die E._-Klinik erneut Bericht. Der Versicherte
arbeite weiterhin motiviert und zielorientiert in der physiotherapeutischen Behandlung
mit. Als derzeitiges Hauptproblem gebe er Schmerzen im rechten Kniegelenk sowie im
oberen Sprunggelenk und an der lateralen Aussenkante des rechten Fusses an (act.
G4.2/132-1). Diese würden durch Gehen und Belastung verstärkt, weshalb er vor allem
am Nachmittag nach der Arbeit vermehrt über Schmerzen klage (act. G4.2/132-2).
A.i.
Am 23. November 2017 berichteten die zuständigen Berufs- und Laufbahnberater
der Rehaklinik Bellikon, am 22. März 2017 sei mit dem Case Manager der Suva die
berufliche Situation des Versicherten besprochen worden. In der Folge sei der
Arbeitsversuch abgewartet worden. Der Versicherte wolle diese Arbeit nach
Möglichkeit weiter ausführen. Nach dem Rentenentscheid und dem Vorliegen des
angepassten Arbeitsvertrags werde der Versicherte festlegen, ob er für die
verbleibenden Stellenprozente auf Arbeitssuche gehe. Somit werde der Auftrag
abgeschlossen (IV-act. 45-1 f.). Dem Verlaufsprotokoll der Berufsberatung der IV ist zu
entnehmen, dass der Versicherte mit einem 50%igen Pensum im Lager der B._ AG
G._ tätig sei (Eintrag vom 14. Februar 2018; IV-act. 46-2). Am 17. April 2018
beschrieb der zuständige Case Manager der Suva diese Tätigkeit folgendermassen:
Der Versicherte richte im offenen, gedeckten Lager Material, beispielsweise
Schalungsmaterial für Baustellen. Er müsse nicht schwer heben, sei aber den ganzen
A.j.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tag auf den Beinen und mache rotierende Bewegungen, richte sich auf ebenem Boden
auf und ab. Er könne nie sitzen/sich anlehnen (IV-act. 51-2; vgl. Fotos des
Arbeitsplatzes vom 8. Mai 2017 in act. G4.2/104).
Dr. D._ vom RAD erklärte am 19. April 2018, die Auffassung, dass der
Versicherte in einer adaptierten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei, habe sich in der
kreisärztlichen Abschlussuntersuchung vom 3. März 2017 bestätigt. Die aktuell mit der
B._ AG G._ vereinbarte Tätigkeit im Lager sei unter Abstützung auf die
vorliegenden Unterlagen nicht als adaptiert anzusehen. Sie sei wohl sehr stark
ausgerichtet auf eine gehende/stehende Tätigkeit. Die 50%ige Halbtagstätigkeit sei
also aus medizinischer Sicht als nicht den versicherungsmedizinischen Einschätzungen
entsprechend zu beurteilen. Es bleibe dabei, dass der Versicherte in einer optimal
adaptierten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei. Dass nun zusätzlich
Sprunggelenksprobleme rechts vorlägen, ändere an der Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit bezüglich einer optimal angepassten Tätigkeit nichts (IV-act. 50-2 f.).
A.k.
Per 1. Mai 2018 schlossen der Versicherte und die B._ AG G._ einen
Arbeitsvertrag als "Mitarbeiter im Werkhof und in der Zimmerei" mit 50 %-Pensum ab
(vgl. IV-act. 59-2 sowie act. G11.1/19-2).
A.l.
Am 15. Mai 2018 fand ein Gespräch zwischen dem Versicherten und einer IV-
Eingliederungsberaterin statt. Dabei erklärte der Versicherte, er könne nicht 100 %
arbeiten, dafür erhalte er von der Suva eine Rente. Er kämpfe schon mit 50 %. Er habe
nicht gewusst, dass er selber eine Stelle suchen müsse, er habe gedacht, die IV werde
ihm eine Stelle zuweisen. Suchen könne er auch selber. Er wünsche keine
Unterstützung bei der Stellensuche durch die IV (IV-act. 59-3). Mit Mitteilung vom
23. Mai 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass kein Anspruch auf
berufliche Massnahmen bestehe (IV-act. 62).
A.m.
Am 18. Juni 2018 besuchte der Versicherte die Sprechstunde von Prof. Dr. med.
I._, Orthopädie K._. Dem Bericht vom 9. Juli 2018 ist der Verdacht auf ein CRPS
nach komplexer Tibiakopffraktur Schatzker VI rechts zu entnehmen. Der Versicherte
berichte von einer belastungsabhängigen Schmerzsymptomatik im Bereich des rechten
Knies und Unterschenkels. In Ruhe habe er wenig Beschwerden, es würde aber immer
A.n.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein Druckgefühl vorliegen. Im vergangenen Jahr sei auch eine Sprunggelenksabklärung
rechts durchgeführt worden, hier seien die damals vorhandenen Beschwerden nicht
mehr so vorhanden. Die körperliche Untersuchung zeige im Vergleich zur
kreisärztlichen Untersuchung vom März 2017 keine Unterschiede. Auf explizites
Nachfragen gebe der Versicherte eine veränderte Gefühlsempfindung im Vergleich zur
Gegenseite im Bereich des gesamten linken Beines an. Dies sei nicht
dermatombezogen (act. G4.2/161-1). Angesichts des Frakturausmasses bei nun sicher
konsolidierter ossärer Situation vermute er das Vorliegen einer posttraumatischen
Neuropathie bzw. eines CRPS als Ursache für die Beschwerden (act. G4.2/161-2).
Mit Vorbescheid vom 29. Juni 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass
er keinen Anspruch auf eine Invalidenrente habe (IV-act. 65).
A.o.
Am 17. August 2018 besuchte der Versicherte auf Veranlassung von Prof. I._
das Muskelzentrum am KSSG. Dem Bericht vom 22. August 2018 sind die Diagnosen
chronifiziertes Schmerzsyndrom nach Tibiakopffraktur rechts, axonale Schädigung des
N. peroneus links sowie arterielle Hypertonie zu entnehmen (act. G4.2/162-1). Als
Leitsymptom liessen sich seit einer Tibiakopffraktur bestehende belastungsabhängige
Knie- und Sprunggelenksschmerzen mit teilweise sensiblen Missempfindungen und
Taubheitsgefühlen am lateralen Unterschenkel eruieren. Klinisch neurologisch finde
sich kein Hinweis auf das Vorliegen eines CRPS bei fehlenden vasomotorischen,
sudomotorischen und weiteren über die Verletzungsfolge hinausgehenden trophischen
Störungen. Auch elektrophysiologisch finde sich keine relevante Schädigung der
grossen myelinisierenden Fasern der rechten unteren Extremität bis auf eine axonale
Schädigung des N. peroneus superficialis rechts, am ehesten auch als
Verletzungsfolge zu interpretieren. Es liege auch ein sensibles Defizit am lateralen
Unterschenkel vor, was am ehesten postoperativ bedingt sei. Nebenbefundlich habe
sich eine schwere axonale Schädigung des N. peroneus links gefunden, welche mit
hoher Wahrscheinlichkeit berufsbedingt sei. Diesbezüglich sei der Patient
asymptomatisch. Therapeutisch werde zur Behandlung der sensiblen
Missempfindungen ein weiterer Ausbau der Therapie mit Pregabalin empfohlen.
Gegebenenfalls wäre auch eine schmerztherapeutische Vorstellung zu erwägen (act.
G4.2/162).
A.p.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Am 4. September 2018 fand die nächste Konsultation bei Prof. I._ statt. Neu
stellte der Orthopäde die Diagnose eines posttraumatischen, chronifizierten
Schmerzsyndroms bei axonaler Läsion des N. peroneus superficialis rechts. Anamnese
und Befund gab er unverändert gemäss Bericht vom 9. Juli 2018 wieder (act.
G4.2/163-1). Die Ursache der Beschwerden sei nach nun konsolidierter ossärer
Situation durch die posttraumatische Läsion des N. peroneus superficialis erklärbar.
Prognostisch sehe er drei Jahre nach dem Unfallgeschehnis eine weitere Verbesserung
der sensiblen Neuropathie sehr kritisch (act. G4.2/163-2).
A.q.
Kreisarzt Dr. med. J._, Facharzt für Chirurgie, spez. Unfallchirurgie, notierte am
11. September 2018, die neu festgestellte Nervenschädigung betreffe die linke Seite,
die nicht unfallkausal geschädigt worden sei. Dagegen sei von Prof. I._ und vom
Muskelzentrum des KSSG ein gleichbleibender Befund hinsichtlich der rechten,
unfallkausalen Seite bestätigt worden, wie er Grundlage der Beurteilung vom 3. März
2017 gebildet habe (act. G4.2/164).
A.r.
Am 24. Oktober 2018 beurteilte Dr. D._ vom RAD die Akten dahingehend, dass
die neu eingegangenen Arztberichte nicht geeignet seien, die bisherige Einschätzung
abzuändern. Das Beschwerdebild am rechten Bein sei bereits umfassend beurteilt
worden. Die am linken Bein anlässlich der neurologischen Untersuchung festgestellte
axonale Schädigung des N. peroneus links habe keinen Einfluss auf die Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten. Auch sei der Versicherte gemäss der
Aussage der Neurologie des KSSG diesbezüglich asymptomatisch (IV-act. 71-3).
A.s.
Am 4. Dezember 2018 verfügte die IV-Stelle bei einem Invaliditätsgrad von 17 %
die Abweisung des Rentenbegehrens (IV-act. 79).
A.t.
Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer),
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. R. Pedergnana, St. Gallen, am 18. Januar 2019
Beschwerde und beantragte unter Kosten- und Entschädigungsfolge, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und ihm sei eine halbe Rente zu leisten (act. G1).
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Muskelzentrum des KSSG berichtete am 19. Februar 2019, betreffend die
motorischen Nerven zeige sich beim Beschwerdeführer nach Stimulation des N.
peroneus links eine axonale Schädigung. Diesbezüglich sei er im August 2018
asymptomatisch gewesen. Rechtsseitig finde sich nach Stimulation des motorischen
Anteils des N. peroneus ein Normalbefund. Jedoch sei auf der rechten Seite die
Stimulation des sensiblen Anteils des Nervs geschädigt. Hier liege auch ein sensibles
Defizit am lateralen Unterschenkel ab unterhalb der Operationsnarbe rechts vor (act.
G11.1/10-1). Am 27. Februar 2019 hielt Kreisarzt Dr. J._ fest, aus den Berichten von
Prof. I._ und vom Muskelzentrum KSSG ergebe sich keine Änderung des
Zumutbarkeitsprofils. Die Berücksichtigung des rein sensiblen Peroneusschadens
rechts führe jedoch zu einer Erhöhung der Integritätsentschädigung um 5 % auf 25 %
(act. G11.1/13-2).
B.b.
Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte mit
Beschwerdeantwort vom 28. Februar 2019 die Abweisung der Beschwerde (act. G4).
B.c.
Mit Replik vom 3. April 2019 ergänzte Rechtsanwalt Pedergnana das Begehren
gemäss Beschwerde um den Eventualantrag, die Sache zur Klärung der
Leistungsfähigkeit an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (act. G6). Gleichzeitig
reichte er einen Bericht von Prof. I._ vom 19. März 2019 zu den Akten, gemäss
welchem es beim Beschwerdeführer im Verlauf aufgrund der schonungsbedingten
Fehlhaltung infolge des posttraumatischen CRPS am rechten Unterschenkel (axonale
N. peroneus superficialis Läsion) sicherlich immer wieder zu fehlhaltungsbedingten
Lumbalgiebeschwerden kommen werde (act. G6.1.1).
B.d.
Mit Verfügung vom 22. Mai 2019 sprach die Suva dem Versicherten bei einer
errechneten Erwerbsunfähigkeit von 25 % eine Invalidenrente ab 1. Mai 2018 sowie
eine Integritätsentschädigung von 25 % zu (act. G11.1/16). Dagegen erhob
Rechtsanwalt Pedergnana für den Beschwerdeführer am 21. Juni 2019 Einsprache
(act. G11.1/25), welche mit Entscheid vom 5. Februar 2020 abgewiesen wurde (act.
G11.1/29). Dagegen liess der Beschwerdeführer am 9. März 2020 Beschwerde beim
hiesigen Gericht erheben (act. G11.1/33; Verfahren UV 2020/20).
B.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
des Beschwerdeführers.
Am 30. November 2020 ersuchte das Gericht die Beschwerdegegnerin um
Einreichung der Suva-Akten ab Mitte Oktober 2018 (act. G10). Am 8. Januar 2021 liess
die Beschwerdegegnerin dem Gericht die Suva-Akten vom 15. Oktober 2018 bis 21.
Dezember 2020 zukommen (act. G11 sowie G11.1/1-48). Am 16. Februar 2021 liess
sich Rechtsanwalt Pedergnana dazu vernehmen und erklärte, diese seien identisch mit
den Akten des Verfahrens UV 2020/20. Er gehe davon aus, dass das
Versicherungsgericht die beiden Entscheide koordiniere (act. G16).
B.f.
Mit Urteil vom heutigen Tag wurde die Beschwerde betreffend Invalidenrente der
Unfallversicherung abgewiesen (act. G18 in UV 2020/20).
B.g.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40
% arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40
% invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
1.1.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
1.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Vorab ist zu klären, ob die Beschwerdegegnerin den medizinischen Sachverhalt
genügend abgeklärt hat. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers macht in diesem
Zusammenhang geltend, die Beschwerdegegnerin gehe von einem falschen
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a). Auch den Berichten und Gutachten versicherungsinterner medizinischer
Fachpersonen kommt Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen,
nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien
gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 353 f. E. 3b/ee). Soll ein
Versicherungsfall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden
werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen
auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen
mittels unabhängiger Begutachtung vorzunehmen (BGE 135 V 470 E. 4.4; vgl. zum
Ganzen Urteil des Bundesgerichts vom 27. Mai 2010, 8C_21/2010, E. 3.3 mit weiteren
Hinweisen).
1.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinischen Sachverhalt aus, wenn sie meine, die axonale Verletzung des N.
peroneus superficialis am rechten Bein liesse sich mit Verweis auf frühere Berichte
unter den Tisch wischen, denn diese Diagnose sei erst am 22. August 2018 erhoben
worden (act. G1 Ziff. 25). Auch erkläre diese Schädigung Prof. I._ zufolge die
Schmerzen des Beschwerdeführers (act. G1 Ziff. 26). Der RAD-Arzt habe nur den
Knochenschaden beurteilt, nicht die Auswirkungen des Nervenschadens (act. G6 Ziff.
8).
Für die Bestimmung der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit kann
vorliegend ausnahmsweise auf die Berichte der behandelnden Ärzte in Zusammenhang
mit den berichtenden Kreisärzten abgestellt werden, weil es sich um eine klar
abgegrenzte Gesundheitsschädigung handelt, die von den behandelnden Ärzten und
von den Kreisärzten in deren Berichten umfassend geschildert worden ist und weil die
Akten insgesamt - wie sich nachfolgend ergibt - eine ausreichend zuverlässige
Einschätzung der dem Beschwerdeführer noch möglichen und zumutbaren
Arbeitstätigkeit erlauben. Der Beschwerdeführer lässt insbesondere beanstanden, dass
die neuropathischen Schmerzen am rechten Bein nicht abgeklärt worden seien (act. G1
Ziff. 25 und G6 Ziff. 8). Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers erklärt selber, der
N. peroneus sei während der Operation oder während des Unfalls verletzt worden (act.
G1 Ziff. 26). Folglich bestand diese Verletzung spätestens seit 25. Oktober 2016, als
der Beschwerdeführer letztmals operiert wurde (vgl. Bericht in IV-act. 27-2 f.), und
wurde also in ihrer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers bereits
von med. prakt. F._ mitbeurteilt. Diese stellte denn auch anlässlich der kreisärztlichen
Untersuchung vom 3. März 2017 fest, dass die Sensibilität der unteren Extremität links
unauffällig, rechts jedoch im Narbenbereich und im weiteren Verlauf des
Unterschenkels inklusive des Fussrückens diffus vermindert sei (act. G4.2/86-3). Auch
stellte sie eine diffuse Druckdolenz im gesamten Tibiakopfbereich, betont über dem
medialen Kompartiment und insbesondere dem medialen Gelenkspalt, fest (act.
G4.2/86-3). Prof. I._ betonte in seinen beiden Berichten vom 9. Juli und 5. September
2018, dass die Befunde unverändert seien im Vergleich zur kreisärztlichen
Untersuchung im März 2017 - am 5. September 2018 in Kenntnis des neurologischen
Berichts des Muskelzentrums vom 22. August 2018 (vgl. act. G4.2/161-1 und 163-1).
Und Kreisarzt Dr. J._ befand am 27. Februar 2019 unter Berücksichtigung unter
anderem der neurologischen Berichte des Muskelzentrums am KSSG vom 22. August
2018 und 19. Februar 2019, der Peroneusschaden am rechten Bein des
Beschwerdeführers sei rein sensibel (act. G11.1/13-2). Die Rehaklinik Bellikon hatte
dem Beschwerdeführer am 8. Juni 2016 unter Berücksichtigung von bereits damals
bestehenden belastungs- und bewegungsverstärkten Schmerzen am Knie rechts eine
2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
volle Arbeitsfähigkeit für wechselbelastende Tätigkeiten attestiert (IV-act. 18-4). Und
der Hausarzt Dr. C._ hatte am 13. Dezember 2016 die eingeschränkte
Belastungsfähigkeit betont (IV-act. 28-2). Vor dem Hintergrund dieses einheitlichen
Gesamtbildes ist es nicht zu beanstanden, dass Dr. D._ vom RAD am 24. Oktober
2018 in Kenntnis des neurologischen Berichts des Muskelzentrums vom 22. August
2018 und der orthopädischen Berichte von Prof. I._ vom 9. Juli und 5. September
2018 zum Schluss gelangte, dass das Beschwerdebild am rechten Bein umfassend
beurteilt worden sei (IV-act. 71-2 f.). Die Einschätzung, dass der Beschwerdeführer
trotz des unbestrittenen Gesundheitsschadens am rechten Bein in leidensadaptierten
Tätigkeiten zu 100 % arbeitsfähig ist, leuchtet angesichts dieser Sachlage ein. Auch
hatte der Beschwerdeführer Prof. I._ am 18. Juni und am 4. September 2018 selber
erklärt, in Ruhe habe er wenig Beschwerden, es liege aber immer ein Druckgefühl vor
(act. G4.2/161-1, 163-1). Selbiges hatte er am 3. März 2017 med. prakt. F._ berichtet
("Er hält belastungsabhängig progrediente Beschwerden im Bereich des rechten Knies
fest. In Ruhe habe er weniger Beschwerden, jedoch immer ein Druckgefühl"; act.
G4.2/86-2). Auch der Beurteilung des Muskelzentrums am KSSG vom 22. August 2018
ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer am 17. August 2018
belastungsabhängige Schmerzen beklagt habe (act. G4.2/162-2 unten). In der
Anamnese dieses Berichts ist zwar von Dauerschmerzen im Knie die Rede, welche bei
Belastung zunähmen (act. G4.2/162-1 unten). Neben dieser Erwähnung - abgesehen
von Ruheschmerzen im Bereich der Platte, welche in der Folge jedoch entfernt worden
ist (IV-act. 35 sowie 27-2 f.) - ist in den Akten jedoch einzig in der Replik von einem
belastungsunabhängigen Schmerz zu lesen: "der mit Belastung (oder mit Fortdauer
des Tages) immer grösser wird" (act. G6 Ziff. 5). Aufgrund der im Übrigen einheitlichen
medizinischen Akten und Schilderungen des Beschwerdeführers ist jedoch davon
auszugehen, dass dessen Beschwerden insbesondere durch das halbtägige Stehen
und Gehen während seiner Arbeitstätigkeit verstärkt werden (vgl. vorstehende
Ausführungen sowie beispielsweise act. G4.2/129-1). Dies korreliert auch mit den
Schilderungen des Beschwerdeführers im Rahmen der Physiotherapie (vgl. act.
G4.2/132-2). Er selber ergänzte denn auch gegenüber der Eingliederungsberaterin der
IV am 15. Mai 2018 das ihm mögliche Tätigkeitsprofil nur dahingehend, dass er alle
15-40 Minuten die Position wechseln können müsse. Sitzen gehe, aber er benötige
Abwechslung (IV-act. 59-1). Nach dem Gesagten ist beim Beschwerdeführer in leichten
bis selten mittelschweren Tätigkeiten, welche ganztags durchgeführt werden und
wechselbelastend sind ohne Schläge und Vibrationen auf die rechte untere Extremität
und ohne Zwangshaltungen wie Kauern, Kriechen und Hocken, von einer vollständigen
Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-act. 20-2 i.V.m. 50-2). Dass Dr. D._ den Schluss zog,
die Beschwerden am rechten Sprunggelenk des Beschwerdeführers zeitigten keinen
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einfluss auf das Zumutbarkeitsprofil (vgl. IV-act. 50-2), vermag zu überzeugen. Darüber
hinaus schilderte der Beschwerdeführer selber diese gegenüber von Prof. I._ als
"nicht mehr so vorhanden" (act. G4.2/161-1 und 163-1). Einen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit der vom Beschwerdeführer einzig gegenüber der
Eingliederungsberaterin der IV erwähnten Kopfschmerzen, welche er auf seinen
Bluthochdruck zurückführte (vgl. IV-act. 59-1), macht er nicht geltend. Solches ist auch
aufgrund der medizinischen Akten mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
auszuschliessen, zumal er diese gegenüber keinem der behandelnden Ärzte
aktenkundig beklagt hat. Und die von Prof. I._ erstmals im Bericht vom 19. März
2019 erwähnten Lumbalgiebeschwerden können bereits aufgrund der rein
prognostisch vorgenommenen Einschätzung (act. G6.1.1) zu keiner Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers im massgeblichen Verfügungszeitpunkt (vgl.
hierzu BGE 121 V 366 E. 1b m.H.) vom 4. Dezember 2018 führen. Nach dem Gesagten
wurden die Berichte der Rehaklinik Bellikon, von med. prakt. F._, von Prof. I._, vom
Muskelzentrum des KSSG und von Dr. J._ in nachvollziehbaren und überzeugenden
Aktenwürdigungen von RAD-Arzt Dr. D._ (vgl. IV-act. 20, 50 und 71) als beweiskräftig
qualifiziert. Folglich steht gestützt auf die medizinischen Akten mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer
ab Austritt aus der Rehaklinik Bellikon im Juni 2016 uneingeschränkt arbeitsfähig für
ideal leidensadaptierte Tätigkeiten war. Diese Arbeitsfähigkeit wurde unterbrochen von
einer operationsbedingten vollständigen Arbeitsunfähigkeit ab 25. Oktober 2016 (vgl.
IV-act. 27-2 f. und 26-2 f.), welche jedoch die für eine Berücksichtigung der
Verschlechterung notwendige Dauer von drei Monaten (vgl. hierzu Art. 88a Abs. 2 der
Verordnung über die Invalidenversicherung [SR 831.201] sowie Urteil des
Bundesgerichts vom 16. April 2013, 8C_93/2013, E. 2; BGE 121 V 275 E. 6b/dd mit
Hinweis) nicht erreicht hat. Denn die von den Operateuren attestierte Arbeitsunfähigkeit
dauerte bis 21. November 2016 und bereits im Austrittsbericht vom 31. Oktober 2016
wurde eine Vollbelastung nach Massgabe der Beschwerden erlaubt. Einzig
Kontaktsportarten wurden für die Dauer von drei Monaten untersagt (IV-act. 26-3). Im
Bericht vom 24. Januar 2017 zur Nachkontrolle vom 23. Januar 2017 wurde sodann
von einem sehr guten Verlauf berichtet und die Behandlung in der Orthopädie KSSG
abgeschlossen (Suva-act. 100 in UV 2020/20).
Dass die vom Beschwerdeführer seit Mitte Mai 2017 im Rahmen eines
Arbeitsversuchs (vgl. act. G4.2/107) und ab 1. Mai 2018 im Rahmen eines angepassten
Arbeitsverhältnisses (vgl. IV-act. 59-2 und act. G11.1/19-2) ausgeübte, vorwiegend
gehende/stehende Tätigkeit im Magazin/in der Zimmerei der B._ AG G._
leidensangepasst sein soll, macht er zu Recht nicht geltend. Denn aufgrund der
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Schliesslich ist basierend auf einer vollen Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten der
Invaliditätsgrad anhand eines Einkommensvergleichs festzulegen (vgl. Erwägung 1.2).
Da der hypothetische Rentenbeginn am 1. September 2016 war, sind die
Vergleichseinkommen für dieses Jahr zu bestimmen (Anmeldung vom Januar 2016; am
8. September 2016 bestandenes Wartejahr; vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG).
medizinischen Aktenlage (vgl. vorstehend Erwägung 2.1 sowie explizit med. prakt.
F._ in act. G4/129-3 und Dr. D._ in IV-act. 50-2 f.) ist mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass nur eine wechselbelastende (gehend/
stehend/sitzend) Tätigkeit seinem Leiden angepasst wäre.
Von weiteren medizinischen Abklärungen sind sodann in antizipierender
Beweiswürdigung angesichts der klaren medizinischen Aktenlage keine neuen
objektiven entscheidrelevanten Erkenntnisse zu erwarten. Den Nachteil der
Beweislosigkeit im Sinne des fehlenden Nachweises einer Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit auch in adaptierten Tätigkeiten hat der Beschwerdeführer zu tragen
(vgl. BGE 139 V 563 E. 8.1). Soweit dieser eine unvollständige Sachverhaltsermittlung
von Seiten der Beschwerdegegnerin moniert (act. G1 Ziff. 25 ff. und G6 Ziff. 8 ff.), kann
ihm wie bereits in E. 2.1 ausgeführt nicht gefolgt werden.
2.3.
Zu klären ist allerdings vorweg, ob anzunehmen sei, dem Beschwerdeführer
stünden - neben der von ihm effektiv ausgeübten, nicht leidensadaptierten 50%igen
Tätigkeit (vgl. vorstehend E. 2.2) - realistischerweise noch alternative
Arbeitsmöglichkeiten offen. Der Beschwerdeführer bestreitet dies implizit, indem er
geltend macht, bei seiner für die B._ AG G._ ausgeübten Tätigkeit handle es sich
um einen Nischenarbeitsplatz (act. G6 Ziff. 11). In diesem Zusammenhang ist darauf
hinzuweisen, dass für die Invaliditätsbemessung nicht der tatsächliche, sondern ein
ausgeglichener Arbeitsmarkt relevant ist. Dieser theoretische und abstrakte Markt (vgl.
BGE 134 V 64, BGE 129 V 480 E. 4.2.2) hat rein hypothetischen Charakter und dient
dazu, die Risiken von Arbeitslosigkeit und Invalidität voneinander abzugrenzen (vgl.
Entscheide des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [seit 1. Januar 2007:
Bundesgericht] vom 10. Juli 2006, I 186/05 E. 2.3, vom 3. Juni 2004, I 252/03 E. 2.2.3,
und vom 16. Juli 2003, I 758/2002; BGE 110 V 276 E. 4b). Für die Bestimmung des
Invalideneinkommens kommt es demnach nicht darauf an, ob eine invalide Person
unter den konkreten Arbeitsmarktverhältnissen tatsächlich vermittelt werden kann,
sondern einzig darauf, ob und in welchem Rahmen sie die ihr verbliebene Arbeitskraft
noch wirtschaftlich nutzen könnte, wenn die verfügbaren Arbeitsplätze dem Angebot
3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
an Arbeitskräften entsprächen (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 4. Mai 2018,
9C_294/2017 E. 5.4.2., AHI 1998 S. 287 E. 3b). Ein ausgeglichener Arbeitsmarkt weist,
was die verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch den
körperlichen Einsatz angeht, einen Fächer verschiedenster Tätigkeiten auf (vgl.
Bundesgerichtsentscheide vom 9. Januar 2015, 8C_652/2014, und vom 10. April 2019,
8C_811/2018 E. 4.4.1). Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts umfasst er
selbst sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei
welchen Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers
rechnen können (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 8. Oktober 2015, 8C_582/2015, vom
28. November 2014, 9C_485/2014, und vom 29. August 2013, 8C_514/2013).
Realitätsfremde Einsatzmöglichkeiten dürfen bei der Invaliditätsbemessung aber nicht
berücksichtigt werden. Von einer zumutbaren Tätigkeit im Sinn von Art. 16 ATSG kann
insbesondere dort nicht gesprochen werden, wo sie nur in so eingeschränkter Form
möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt, oder dass sie
nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers
möglich wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle deshalb von vornherein als
ausgeschlossen erscheint (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 8. Oktober 2015,
8C_582/2015, und vom 28. April 2010, 8C_1050/2009; ZAK 1991 S. 318 E. 3b). Von
solchen Verhältnissen ist allerdings vorliegend nicht auszugehen, obwohl für eine
angepasste Tätigkeit wie vorstehend in Erwägung 2 erwähnt aus somatischer Sicht
einige einschränkende Kriterien erfüllt sind. Es kann angenommen werden, dass auf
einem hypothetischen ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit verschiedensten
Anforderungsprofilen angepasste Tätigkeiten für den Beschwerdeführer in
ausreichender Zahl vorhanden sind und das Finden einer Anstellung nicht geradezu
realitätsfremd ist. Die Verwertbarkeit ist an den Arbeitsmöglichkeiten auf dem
Arbeitsmarkt für Tätigkeiten auf der Stufe des untersten Kompetenzniveaus aller
Wirtschaftszweige zu messen. Folglich ist von der Verwertbarkeit der attestierten Rest
arbeitsfähigkeit auszugehen.
Massgebend für das Valideneinkommen ist, was die versicherte Person aufgrund
ihrer beruflichen Fähigkeiten und persönlichen Umstände nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit im massgebenden Zeitpunkt des allfälligen Renten
beginns verdient hätte. Für die Bestimmung des Valideneinkommens wird
grundsätzlich am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen
Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da erfahrungsgemäss die
bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre (BGE 139 V 28
E. 3.3.2, 125 V 58 E. 3.1; Urteile des Bundesgerichts vom 18. März 2015,
8C_590/2014, E. 5.1, und 21. August 2013, 8C_196/2013, E. 3.1). Der
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer hat keine Berufsausbildung absolviert. Zum Unfallzeitpunkt war er
seit vielen Jahren als Maurer für die heutige B._ AG, Zweigniederlassung ._, tätig.
Dabei erzielte er im Jahr 2015 ein Einkommen von Fr. 80'080.-- (IV-act. 9-3; vgl. auch
Auszug aus dem individuellen Konto in IV-act. 7), welches gemäss Auskunft der
heutigen B._ AG, Zweigniederlassung ._, vom 14. März 2017 auch für das Jahr
2016 entrichtet worden wäre (Suva-act. 117 in UV 2020/20). Die vom
Beschwerdeführer bis ins Jahr 2011 ausgeübte Tätigkeit in der Logistik der
Genossenschaft L._ (vgl. IV-act. 44-1 und 7-1) hat unberücksichtigt zu bleiben, da
keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass er diese vier Jahre vor dem Unfall
aufgegebene Tätigkeit im Gesundheitsfall wieder aufgenommen hätte. Angesichts des
Umstandes, dass der Beschwerdeführer im Gesundheitsfall mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit an seiner Arbeitsstelle als Maurer für die heutige B._ AG,
Zweigniederlassung ._, verblieben wäre, hat die Beschwerdegegnerin richtigerweise
auf das von dieser angegebene Einkommen von Fr. 80'080.-- im Jahr 2016 (IV-act. 9-3
sowie Suva-act. 117 in UV 2020/20) abgestellt.
Art. 16 ATSG umschreibt das Invalideneinkommen als hypothetisches Einkommen.
Nach der ständigen Verwaltungspraxis und Rechtsprechung steht der Beizug von
Tabellen und vergleichbaren Übersichten im Vordergrund. Nur unter besonderen
Voraussetzungen wird das Invalideneinkommen dem nach Eintritt der gesundheitlichen
Einbusse noch erzielten Einkommen gleichgesetzt. Dabei wird kumulativ vorausgesetzt,
dass ein besonders stabiles Arbeitsverhältnis den Bezug auf den allgemeinen
Arbeitsmarkt erübrigt, dass die verbleibende Arbeitsfähigkeit zumutbar voll
ausgeschöpft wird und dass nicht ein Soziallohn ausgerichtet wird (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Art. 16 N 66 ff.). Diese Voraussetzungen sind beim
Beschwerdeführer nicht erfüllt, zumal die von ihm ausgeübte Tätigkeit nicht
leidensadaptiert ist und er die ihm verbleibende Arbeitsfähigkeit nicht voll ausschöpft
(vgl. vorstehend E. 2). Aus diesem Grund hat die Beschwerdegegnerin zur Bestimmung
des Invalideneinkommens zu Recht auf die statistischen durchschnittlichen Löhne
gemäss den Lohnstrukturerhebungen (LSE) des Bundesamtes für Statistik von 2014
zurückgegriffen. Sie rechnete anhand des statistischen Zentralwerts der
Hilfsarbeiterlöhne aller Branchen mit einem Invalideneinkommen von Fr. 66'453.-- (vgl.
IV-act. 63). Unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung von 2014 bis 2016
beträgt das Invalideneinkommen Fr. 67’021.75 (Index Männer 2014: 2220; Index
Männer 2016: 2239; Basis 1939 = 100; vgl. Bundesamt für Statistik, Tabelle T 39,
Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und der Reallöhne, 1939 bis
2019). Direkt mit der LSE 2016 gerechnet, beläuft sich das Invalideneinkommen auf Fr.
66'803.--. Angesichts des Umstandes, dass selbst der praxisgemäss höchstzulässige
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.