Decision ID: f97accdd-b497-4ac5-a465-40d3f1e440e3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste im September 2021 in die Schweiz ein und
hielt sich zunächst illegal bei Bekannten auf.
B.
Am 28. Juni 2022 suchte er beim SEM um Asyl nach. Am 4. Juli 2022 fand
die Personalienaufnahme statt. Am Folgetag mandatierte der Beschwerde-
führer die ihm zugewiesene Rechtsvertretung.
C.
Aufgrund eines Abgleichs mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank
und nach dem «Dublin-Gespräch» vom 12. Juli 2022 ersuchte das SEM
die ungarischen Behörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers.
Dieses Gesuch wurde – unter Hinweis darauf, dass der Beschwerdeführer
im Jahr (...) in Ungarn ein Asylverfahren durchlaufen und nach einem ne-
gativen Entscheid in den Kosovo rücküberstellt worden sei – von den un-
garischen Behörden mit Schreiben vom 13. Juli 2022 abgewiesen.
In der Folge beendete das SEM das Dublin-Verfahren am 21. Juli 2022 und
nahm das nationale Asyl- und Wegweisungsverfahren auf.
D.
Die vertiefte Anhörung zu den Asylgründen fand am 11. August 2022 statt
(gemäss Art. 29 AsylG; SR 142.31).
Dabei machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er sei eth-
nischer Roma und stamme aus dem Kosovo. Die Schule habe er nie be-
suchen können. Er sei viel gereist und habe eine in B._ wohnhafte
Freundin, deshalb spreche er mehrere Sprachen. Zudem habe er einige
Berufe erlernt. Er sei bei (...) und seinen Grosseltern aufgewachsen. Mehr-
mals sei er in europäische Länder gereist, um zu arbeiten oder zu betteln.
Zwischen den Jahren (...) habe er zudem bei seinem Vater in C._
gelebt. Er sei jedoch immer wieder zurück in den Kosovo zu (...) gelangt.
Seine Mutter und sein Onkel seien im Jahr (...) umgekommen. Dies sei
nicht zufällig geschehen, sondern wegen eines Konflikts mit anderen Per-
sonen / einer anderen Familie um das Haus seiner Familie. Es sei danach
zu mehreren Vorfällen gekommen. Er habe sich auch manchmal verteidi-
gen müssen. Er und (...) seien regelmässig umgezogen. Im Jahr (...) habe
ihn sein Vater plötzlich im Waffengebrauch schulen wollen, damit er vorbe-
reitet sei und sich an der Blutrache beteilige. Er habe aber keine Lust auf
E-3759/2022
Seite 3
die Auseinandersetzungen gehabt und habe keine Rache ausüben wollen.
Die kosovarische Polizei, bei der er um Schutz ersucht und einmal Anzeige
gegen Unbekannt erstattet habe, habe die Vorfälle dokumentiert, ihm aber
nicht helfen können. Wegen des besagten Konflikts und weil er als Roma
keine Perspektive im Kosovo habe, sei er im Jahr 2021 mit einem gefälsch-
ten serbischen Ausweis ausgereist. (...) lebe unterdessen wieder in dem
Haus der Familie. Schliesslich gab er an, er leide nach einer Operation (...)
vor ein paar Jahren regelmässig an (...) – so auch während der Anhörung
– und gelegentlich an (...). Er sei in medizinischer Behandlung.
E.
Der Entscheidentwurf wurde der mandatierten Rechtsvertretung am
18. August 2022 zur Stellungnahme übermittelt. Diese wurde am Folgetag
beim SEM eingereicht. Darin wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer sei
mit dem geplanten Entscheid nicht einverstanden. Er habe mit bestem Wis-
sen und Gewissen die Wahrheit gesagt. Es falle ihm aufgrund seiner Le-
bensumstände schwer, sich an einzelne Ereignisse exakt zu erinnern. Zu-
dem habe er an der Anhörung (...) gehabt. Deshalb sei es ihm schwerge-
fallen, sich auf die vielen Fragen zu konzentrieren und präzise Angaben zu
machen. Bei einer Besserung seines Gesundheitszustands sei er in der
Lage, konkretere und detaillierte Aussagen zu machen.
F.
Mit (gleichentags eröffneter) Verfügung vom 22. August 2022 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
dem Schengen-Raum sowie den Wegweisungsvollzug und händigte die
editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
G.
Ebenfalls am 22. August 2022 zeigte die mandatierte Rechtsvertretung
dem SEM die Beendigung des Mandatsverhältnisses an.
H.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 26. August 2022 (Eingang
am 31. August 2022) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und be-
antragte, er sei aufgrund der Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Ferner ersuchte
er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses.
E-3759/2022
Seite 4
I.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
31. August 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Beschwerde (vgl. 1. Rechtsbegehren) richtet sich ausschliesslich ge-
gen den in der angefochtenen Verfügung angeordneten Wegweisungsvoll-
zug (Dispositivziffern 4 und 5). Gegenstand des vorliegenden Beschwer-
deverfahrens bildet demnach die Frage, ob das SEM den Vollzug der Weg-
weisung zu Recht angeordnet hat. In den übrigen Punkten ist die Verfü-
gung des SEM vom 22. August 2022 mangels Anfechtung mit Ablauf der
Rechtsmittelfrist in Rechtskraft erwachsen.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl.
BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
E-3759/2022
Seite 5
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.2 Das SEM führte zur Begründung des angeordneten Wegweisungsvoll-
zugs aus, der Grundsatz der Nichtrückschiebung könne vorliegend nicht
angewandt werden und es sei nicht ersichtlich, dass dem Beschwerdefüh-
rer bei einer Rückkehr in den Heimatstaat eine verbotene Behandlung
drohe. Ferner habe der Bundesrat den Kosovo als Staat bezeichnet, in den
die Rückkehr in der Regel zumutbar sei. Aufgrund der aktenkundigen Iden-
titätstäuschung seitens des Beschwerdeführers (vgl. Verfügung Ziffer II
E. 1) bestünden Zweifel an seiner Identität und Biographie. Der Prüfung
der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs seien daher Grenzen gesetzt.
Der Beschwerdeführer habe angegeben, aus dem südlichen Teil des Ko-
sovo zu stammen. Eine Gefährdung aufgrund seiner ethnischen Zugehö-
rigkeit sei nicht auszuschliessen, er habe eine solche aber nicht geltend /
glaubhaft gemacht. Ferner habe er mit dem Norden Kosovos eine zumut-
bare innerstaatliche Aufenthaltsalternative. Er habe verschiedene Berufe
und Sprachen erlernt, was ihm bei der Aufnahme von Arbeit entgegenkom-
men könne. Seine Aufenthalte in unterschiedlichen Ländern und Orten im
Kosovo zeigten, dass er sich jeweils rasch zurechtfinde und seinen Le-
bensunterhalt selbstständig bestreiten könne. Ferner habe er in mehreren
Staaten soziale Beziehungen, auf die er zurückgreifen könne. Zu den me-
dizinischen Problemen habe er keine Unterlagen eingereicht, weshalb
nicht von einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung seines
Gesundheitszustands bei einer Rückkehr auszugehen sei. Ferner sei die
Gesundheitsversorgung im Kosovo gewährleistet. Der Beschwerdeführer
könne dort (oder in Serbien) behandelt werden. Es bestehe für serbisch-
sprachige Roma grundsätzlich auch eine – vorliegend als zumutbar zu er-
achtende – Aufenthaltsalternative in der Republik Serbien. Die Regelver-
mutung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs könne vorliegend so-
mit nicht umgestossen werden.
5.3 In der Beschwerde wurde zunächst darauf hingewiesen, dass die An-
hörung in Deutsch (nicht in der Muttersprache) durchgeführt worden sei.
Ferner habe er, der Beschwerdeführer, (...) gehabt und sich nicht richtig
E-3759/2022
Seite 6
konzentrieren können. Er habe an vielen verschiedenen Orten gelebt und
nicht zur Schule gehen können. Deshalb habe er Schwierigkeiten, sich
richtig auszudrücken. Das Leben von Roma im Kosovo sei hart. Sie würden
nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen. Wenn es einen Streit unter
Romas gebe, mische sich die Polizei nicht ein. Um zu überleben, brauche
man eine Familie. Diese sorge für die Finanzen. Aber man müsse der Fa-
milie treu sein. Für ihn bedeute das, sich aktiv am Konflikt zwischen seiner
und einer anderen Familie zu beteiligen (töten, wenn es verlangt werde,
oder getötet werden). Zur Polizei gehen könne er nicht. Im Kosovo habe er
keine Chance auf ein würdiges Leben. Er habe keine Wohnung oder Arbeit,
(...) sei alt und schwach. Er könne wegen seiner Vorbringen nicht bei ihr
wohnen.
6.
6.1 Vorab ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer insbesondere an
der Anhörung erklärte, er verstehe die befragende Person gut, und auch
die Rückübersetzung bestätigte. Dem Protokoll ist zudem nicht zu entneh-
men, dass er in sprachlicher Hinsicht oder aufgrund seiner gesundheitli-
chen Verfassung nicht in der Lage gewesen wäre, den ihm gestellten Fra-
gen zu folgen oder diese sinnvoll zu beantworten. Sein an der Anhörung
anwesender Rechtsvertreter hat ebenfalls keine Einwände erhoben (vgl.
SEM-Akte A1179118-19 [nachfolgend A19] F 1, 6–20, S. 17). Schliesslich
hat der Beschwerdeführer weder im Rahmen der Stellungnahme zum Ent-
scheidentwurf noch in der Beschwerdeschrift genauere Angaben zu seinen
Vorbringen gemacht. Mithin ist vorliegend von einem hinreichend erstellten
Sachverhalt auszugehen.
6.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
6.2.1 Keine Person darf in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge-
zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
E-3759/2022
Seite 7
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
6.2.2 Die Vorinstanz verneinte in ihrer angefochtenen Verfügung die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, was unangefochten ge-
blieben ist (vgl. oben E. 2). Der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
Nichtrückschiebung kann daher im vorliegenden Verfahren keine Anwen-
dung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist
unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG (und Art. 33 Abs. 1 FK) rechtmässig.
6.2.3 Aus den Aussagen des Beschwerdeführers und den Akten ergeben
sich ferner keine Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaf-
fung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Mit seinen Vorbringen vermochte der Beschwerde-
führer nicht darzutun, durch wen oder inwiefern ihm persönlich bei einer
Rückkehr ein «real risk» drohen sollte. Zunächst sind seine Ausführungen
hinsichtlich der Situation von Angehörigen der Roma-Ethnie allgemeiner
Natur. Weiter legt er nicht überzeugend dar, weshalb er sich plötzlich aktiv
am geltend gemachten Konflikt (von der Vorinstanz als unglaubhaft einge-
stuft, vgl. Verfügung S. 5 f.), der seit über (...) Jahren zwischen seinem Va-
ter und einer anderen Familie bestehe, beteiligen müsste oder ihn nament-
lich sein Vater hierzu zwingen könnte oder sollte und sein Leben dadurch
gefährdet wäre. Er persönlich habe nichts mit dem Konflikt zu tun und
kenne die «Gegner» seines Vaters nicht (SEM-Akte A19 F102 ff.). Gemäss
eigenen Angaben lebt sein Vater zudem nicht im Kosovo. Er habe sich fer-
ner über (...) Jahre ([...]) bei diesem in C._ aufgehalten, ohne dass
er einen «Racheakt» hätte ausführen müssen. Hinzu kommt, dass (...) wei-
terhin und ohne Probleme in dem Haus wohnhaft sei, um den sich der Kon-
flikt angeblich drehe (SEM-Akte A19 F128). Weiter sei besagter Konflikt
polizeilich dokumentiert. Er habe einmal Anzeige erstattet und es würden
Verhandlungen stattfinden (SEM-Akte A19 F97 f., 124 f.). Der in der Be-
schwerde sinngemäss geäusserten Behauptung, die kosovarischen Be-
hörden seien gegenüber Angehörigen der Roma-Ethnie schutzunwillig, ist
E-3759/2022
Seite 8
damit die Grundlage entzogen. Ferner ist diesbezüglich festzuhalten, dass
der Kosovo durch den Bundesrat als verfolgungssicherer Staat gemäss
Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG bezeichnet wurde. Dies beinhaltet die Regel-
vermutung, dass unter anderem Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung ge-
währleistet ist. Namentlich die Befürchtung des Beschwerdeführers, die
Behörden würden ihn ignorieren, ist nicht geeignet, diese Vermutung um-
zustossen. Entgegen der Ansicht in der Beschwerdeschrift ist davon aus-
zugehen, dass sich der Beschwerdeführer bei allfälligen Behelligungen
durch Drittpersonen an die staatlichen Behörden wenden könnte. Ferner
würde die Möglichkeit einer innerstaatlichen Wohnsitzalternative bestehen.
Schliesslich ist festzuhalten, dass auch die allgemeine Menschenrechtssi-
tuation im Heimatstaat den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt
nicht als unzulässig erscheinen lässt.
6.2.4 Mithin erweist sich der Vollzug der Wegweisung im Sinne der asyl-
und der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig.
6.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.3.1 Die allgemeine Lage im Kosovo ist weder von Bürgerkrieg noch von
allgemeiner Gewalt geprägt. Ferner besteht, wie von der Vorinstanz aufge-
zeigt, die Regelvermutung, dass ein Vollzug grundsätzlich zumutbar ist.
Wie von der Vorinstanz zutreffend festgestellt, verfügt der junge alleinste-
hende Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben über familiäre Bezie-
hungen im Kosovo und im näheren Ausland. Sein Vater, bei dem er etwa
(...) Jahre gelebt habe, habe seinen Wohnsitz seit Langem in C._
und in D._. Sodann habe er einen Cousin, der ihn unterstützte. Na-
mentlich (...), bei der er aufgewachsen sei und stets gelebt habe, sei nach
wie vor im Haus der Familie im Heimatdorf wohnhaft, wo sie (...) betreibe
(SEM-Akte A19 F46 f., 128). Nach obigen Ausführungen ist – entgegen der
Darlegung in der Beschwerdeschrift – nicht ersichtlich, weshalb der Be-
schwerdeführer bei Bedarf nicht wieder bei ihr wohnen könnte und sie ihn
nicht wieder unterstützen würde. Aus dem Hinweis, er könne nur mit Hilfe
seiner Familie im Kosovo überleben (zu der er zurückkehren kann), vermag
E-3759/2022
Seite 9
er mithin nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Sodann kann sich der Be-
schwerdeführer bei Bedarf, wie er es bereits gemacht habe (SEM-Akte A19
F114–117), auch in anderen Landesteilen des Kosovo aufhalten. Weiter
spreche er mehrere Sprachen, sei viel gereist, habe verschiedene Berufe
erlernt und verfüge über Arbeitserfahrungen (SEM-Akte A19 F2–5, F44–
47). Mithin darf davon ausgegangen werden, dass er – allenfalls mit (vo-
rübergehender) Hilfe seiner Verwandten – in der Lage sein wird, für seinen
Lebensunterhalt aufzukommen. Sodann spricht auch aus medizinischer
Hinsicht nichts gegen eine Rückkehr des Beschwerdeführers. In der Be-
schwerdeschrift gibt er hierzu nichts an und aus den Akten geht weder eine
Diagnose noch ein akuter Behandlungsbedarf hervor. Wie die Vorinstanz
zutreffend erwähnt hat, ist eine allfällig notwendige medizinische Versor-
gung zudem auch im Kosovo möglich (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-
3080/2022 vom 21. Juli 2022 E. 8.3.2;
D-2991/2018 vom 12. November 2018 E. 8.4.2). Im vorliegenden Fall ist
nach dem Gesagten auch nicht anzunehmen, dass der Beschwerdeführer
aufgrund seiner Ethnie in eine seine Existenz gefährdende Situation gera-
ten könnte (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-3644/2019 vom 25. Juli 2019
E. 8.3.2 und D-2991/2018 E. 8.4).
6.3.2 Insgesamt vermochte der Beschwerdeführer die obgenannte Regel-
vermutung nicht umzustossen. Der Vollzug der Wegweisung ist zumutbar.
6.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG, Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
8.1 Mit vorliegendem Direktentscheid ist das Gesuch um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
E-3759/2022
Seite 10
8.2 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Sein Rechtsbegehren war als aus-
sichtslos zu bezeichnen (vgl. obige Erwägungen), weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet der geltend
gemachten Mittellosigkeit abzuweisen ist.
8.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-3759/2022
Seite 11