Decision ID: ad35e8d9-0a46-5bac-be0b-ce06563c84e8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge etwa im August 2015 und reiste am 4. Oktober 2015 in die Schweiz
ein, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 13. Oktober 2015 fand die
Befragung zur Person (BzP) statt. Am 2. Mai 2016 wurde er vertieft zu sei-
nen Asylgründen angehört.
Dabei machte er geltend, er sei afghanischer Staatsangehöriger, ethni-
scher Hazara und in B._, Provinz C._ geboren, wo er bis zu
seinem zehnten Lebensjahr gelebt habe. Anschliessend habe er bis zu sei-
ner Ausreise mit seiner Familie in Mazar-i-Sharif gelebt. Nach Abschluss
des zehnten Schuljahres, sei er als Soldat (Aussage anlässlich der BzP)
beziehungsweise Polizist (Protokoll der Anhörung A19, F87f.) bei der Ge-
heimpolizei (BzP) beziehungsweise im nationalen Sicherheitsdienst (A19,
F88, 97, 101ff.) in D._ engagiert worden und habe als Fahrer für
einen Kommandeur gearbeitet. Zwei bis drei Monate nach Arbeitsbeginn
habe der ehemalige Fahrer des Kommandeurs bei dessen Stellvertreter
eine Beschwerde eingereicht, wonach der Beschwerdeführer das Fahr-
zeug auch für private Zwecke nutze, um seine Entlassung zu erwirken. Am
darauf folgenden Tag sei er in eine andere Provinz versetzt worden, wo er
zwei Monate geblieben sei. Mithilfe eines Freundes habe er sich zurück
nach D._ versetzen lassen können, und für einige Monate Dienst
als Polizist geleistet. Der andere Fahrer habe jedoch immer wieder ver-
sucht, ihm Probleme zu bereiten. Eines nachts im Dienst habe er erfahren,
dass der andere Fahrer ein Foto von ihm nach E._/Provinz, wo die-
ser hergekommen sei, geschickt habe, so dass er (der Beschwerdeführer),
wenn er das nächste Mal auf der Strasse unterwegs gewesen wäre, von
den Taliban festgenommen worden wäre. Weil er sich mangels Beweisen
nicht habe beschweren können, habe er entschieden, den Dienst zu ver-
lassen. Für den Nowruz-Urlaub im Jahr 2015 sei er – aus Angst auf der
Strasse von Taliban aufgegriffen zu werden – per (...) nach Hause gegan-
gen, von wo aus er seine Ausreise organisiert habe.
Als Beweismittel reichte er die Originale seines Führerausweises und sei-
ner Taskera, sowie diverse Fotos zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 10. Juli 2018 stellte das SEM fest, der Beschwerdefüh-
rer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und den Wegweisungsvollzug.
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C.
Mit handschriftlich ergänzter Formularbeschwerde vom 13. August 2018
an das Bundesverwaltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer, die
Verfügung des SEM sei aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft anzuer-
kennen und es sei Asyl zu gewähren; eventualiter sei festzustellen, dass
der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei,
und die vorläufige Aufnahme sei anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und die Beiord-
nung eines amtlichen Rechtsbeistands. Der Beschwerdeführer be-
schränkte seine Begründung auf den Wegweisungsvollzug.
Der Beschwerde waren ein NZZ-Zeitungsartikel, Fotos seiner Familie, so-
wie die Kopie eines Schreibens der Gemeinde B._ beigelegt.
D.
Am 16. August 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Be-
schwerdeeingang.
E.
Mit Verfügung der damals zuständigen Instruktionsrichterin vom 23. August
2018 wurde das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und um Ge-
währung der amtlichen Rechtsverbeiständung unter Vorbehalt der fristge-
mässen Nachreichung eines Bedürftigkeitsbelegs gutgeheissen. Zudem
wurde der Beschwerdeführer aufgefordert innert Frist eine Rechtsvertre-
tung im Sinne der Erwägungen vorzuschlagen, sowie einen Bedürftigkeits-
beleg nachzureichen oder einen Kostenvorschuss einzuzahlen.
F.
Mit Schreiben vom 28. August 2018 erklärte sich der Rechtsvertreter bereit,
sich als amtlichen Rechtsbeistand einsetzen zu lassen, und reichte einen
Bedürftigkeitsbeleg nach.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 31. August 2018 wurde Ass. iur. Christian
Hoffs als Rechtsbeistand eingesetzt und die Vorinstanz zur Einreichung ei-
ner Vernehmlassung innert Frist eingeladen.
H.
Mit Eingabe vom 10. September 2018 reichte die Rechtsvertretung das
Original der mit Beschwerde eingereichten Kopie eines Schreibens der Ge-
meinde B._ (inkl. Briefumschlag) nach.
E-4647/2018
Seite 4
I.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 17. September 2018 vollum-
fänglich an seiner Verfügung fest und führte aus, weshalb der Beschwer-
deführer die Unzumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs nach Mazar-i-
Sharif nicht glaubhaft machen konnte.
J.
Mit Schreiben vom 20. September 2018 wurde dem Beschwerdeführer die
Einsetzung der neu zuständigen Instruktionsrichterin mitgeteilt.
K.
Am 2. Oktober 2018 ging innert der mit der Instruktionsverfügung vom
20. September 2018 angesetzten Frist eine Replik des Beschwerdeführers
beim Bundesverwaltungsgericht ein, in welcher er ausführte, dass seine
Familie mittlerweile in B._ lebe und die Vorinstanz die Arbeitstätig-
keiten seiner Brüder falsch wiedergegeben habe. Er verfüge nicht mehr
über ein gesichertes Beziehungsnetz in Mazar-i-Sharif und auch die finan-
zielle Unterstützung von Verwandten aus dem In- und Ausland sei nicht
gesichert. Zudem reichte der Rechtsvertreter eine aktualisierte Kostennote
zu den Akten.
L.
Mit Schreiben vom 20. Dezember 2019 reichte der Rechtsvertreter ein
Schreiben des Sozialamtes (...) sowie zwei ärztliche Berichte zu den Ak-
ten, welche Auskunft über den Gesundheitszustand des Beschwerdefüh-
rers geben.
M.
Am 20. Januar 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang des Schreibens vom 20. Dezember 2019.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015 [SR 142.31]).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
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Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Par-
tei Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die an-
gefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Inte-
resse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist unter
Vorbehalt nachstehender Erwägung einzutreten.
1.5 Die vorliegende Beschwerde richtet sich zwar in den vorgedruckten
Rechtsbegehren der Formularbeschwerde gegen die Verneinung der
Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung des Asylgesuchs, die Anordnung
der Wegweisung, sowie den verfügten Wegweisungsvollzug des Be-
schwerdeführers. Die handschriftliche Begründung der Beschwerde be-
zieht sich hingegen nur auf den Wegweisungsvollzug. Unter dem Punkt der
Flüchtlingseigenschaft sind lediglich formelle Begehren aufgeführt. Es ist
somit davon auszugehen, dass implizit nur der verfügte Wegweisungsvoll-
zug angefochten wurde. Dies umso mehr, dass sich der Rechtsvertreter in
seinen Eingaben jeweils lediglich zum Wegweisungsvollzug geäussert hat.
Auf das vorgedruckte materielle Rechtsbegehren Ziffer 2 die Flüchtlingsei-
genschaft und das Asyl betreffend ist demnach nicht einzutreten. Die Dis-
positivziffern 1-3 der angefochtenen Verfügung sind damit in Rechtskraft
erwachsen.
2.
Bei der Prüfung des Vorliegens von Wegweisungsvollzugshindernissen
kommen ausschliesslich Bestimmungen des Ausländer- und Integrations-
gesetzes zur Anwendung, weshalb sich die Kognition der Beschwer-
deinstanz vorliegend aus Art. 112 Abs. 1 AIG (SR 142.20) in Verbindung
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mit Art. 49 VwVG ergibt. Die zulässigen Rügen umfassen demzufolge die
Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige und unvollständige Feststel-
lung des Sachverhalts sowie die Unangemessenheit (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
3.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis das gleiche Beweismass wie bei der Flüchtlingsei-
genschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis mög-
lich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (BVGE 2011/24
E. 10.2 m.w.H.).
4.
4.1 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung hinsichtlich des Voll-
zugs der Wegweisung im Wesentlichen an, dieser sei durchführbar. Der
Grundsatz der Nichtrückschiebung gelange vorliegend gemäss Art. 5
Abs. 1 AsylG nicht zur Anwendung und es würden sich auch keine Anhalts-
punkte dafür ergeben, dass dem Beschwerdeführer im Falle einer Rück-
kehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch
Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Unter Berücksich-
tigung des Grundsatzurteils BVGE 2011/49 vom 30. Dezember 2011 und
des Referenzurteils D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 erachte das SEM
den Wegweisungsvollzug nach Mazar-i-Sharif nur unter besonders be-
günstigenden Umständen als zumutbar. Vorliegend seien diese besonders
begünstigenden Umstände zu bejahen. Der Beschwerdeführer habe seit
seinem zehnten Lebensjahr in Mazar-i-Sharif gelebt, wo seine Familie ein
zweistöckiges Haus besitze. Seine Familie verfüge ferner über genügend
Land sowie ein Auto, um sich den Lebensunterhalt zu finanzieren. Ein Bru-
der arbeite als Warentransporteur, ein anderer Bruder studiere. Ausserdem
habe der Beschwerdeführer Onkel und Tanten in B._ und in der
Schweiz. Es sei somit von einem tragfähigen Beziehungsnetz auszugehen,
welches ihn bei einer Rückkehr auch finanziell unterstützen könne. Er habe
die Schule bis zur zehnten Klasse besucht und verfüge über Berufserfah-
rung als (...) und Fahrer bei der Polizei. Somit würden keine individuellen
Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nach Mazar-
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Seite 7
i-Sharif sprechen. Schliesslich sei der Vollzug auch als möglich zu bezeich-
nen.
4.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in der Beschwerde im Wesentli-
chen, dass seine Familie nicht mehr in Mazar-i-Sharif lebe, sondern im Jahr
(...) nach B._ zurückgekehrt sei, von wo die Familie stamme. Die
Familie sei davon ausgegangen, dass eine Rückkehr nach B._
möglich sei, da sich die Lage entspannt habe. Mittlerweile herrsche dort
aber – mit Verweis auf einen NZZ-Artikel vom 14. August 2018 – erneut
Krieg. Kurz nach Erhalt seines Asylentscheids habe er seine Familie noch
kontaktieren können, seither sei der Kontakt wegen den Kämpfen um
C._ abgebrochen. Ferner reichte er einige ausgedruckte Fotos ein,
die seine Familie im Hof des Hauses seiner Grossmutter im Dorf
F._, in B._, zeigen würden, sowie eine Bestätigung der Ge-
meinde vom 8. August 2018 (afghanischer Kalender: 17.5.1397) ein, aus
welcher hervorgehe, dass seine Familie dort wohnhaft sei. Da seine Fami-
lie somit nachweislich nicht mehr in Mazar-i-Sharif lebe, sei eine Rückkehr
nach Afghanistan für ihn unzumutbar.
4.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, dass der Umzug der Fa-
milie des Beschwerdeführers nach B._ ausgerechnet nach der An-
hörung aus einem, gemäss seinen eigenen Angaben, sicheren Quartier in
Mazar-i-Sharif, wo sie ein eigenes Haus besitzt hätten und ein Bruder ge-
arbeitet habe, nicht nachvollziehbar sei. Die auf Beschwerdeebene einge-
reichten Fotos könnten überall aufgenommen worden sein und würden ei-
nen festen Wohnsitz seiner Familie nicht zu belegen vermögen. Die eben-
falls auf Beschwerdeebene eingereichte Bescheinigung der Gemeinde
könne die Rückkehr seiner Familie ebenfalls nicht belegen, zumal Doku-
mente in Afghanistan allgemein leicht käuflich erwerblich seien. Selbst
wenn davon ausgegangen würde, dass die Familie des Beschwerdefüh-
rers nach B._ zurückgekehrt sei, sei anzunehmen, dass er in Ma-
zar-i-Sharif über ein Beziehungsnetz ausserhalb der Familie verfüge und
es ihm mit finanzieller Unterstützung der Familie im In- und Ausland mög-
lich sein müsste, dort wieder Fuss zu fassen.
4.4 In der Replik entgegnete der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers,
der Grund für den Wohnortswechsel dessen Familie im Jahr (...) sei die
sich zu entspannen scheinende Sicherheitslage in B._ gewesen.
Die Familie habe wieder an ihrem Heimatort leben wollen, inmitten anderer
Hazaras. Der Bruder, der als Warentransporteur arbeite, lebe in
G._. Der Bruder, der mit der Familie in Mazar-i-Sharif gelebt habe,
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habe als Elektriker Gelegenheitsarbeiten ausgeführt. Der Beschwerdefüh-
rer habe seine Familie gebeten, weitere Fotoaufnahmen zu machen, die
sie an einem wiedererkennbaren Ort in B._ zeigen würden. Er ver-
füge über kein gesichertes Beziehungsnetz mehr in Mazar-i-Sharif. Ferner
sei eine finanzielle Unterstützung von Verwandten im In- und Ausland nicht
gesichert, zumal er zu dem in H._ lebenden Onkel, der Sozialhilfe
beziehe, und zu dem in I._ lebenden Cousin kaum Kontakt habe.
4.5 Im Rahmen der ergänzenden Eingabe des Rechtsvertreters führte die-
ser aus, der Beschwerdeführer mache sich, wie auch den beigelegten Arzt-
berichten zu entnehmen sei, Sorgen um seine Zukunft. Die lange Verfah-
rensdauer trage zur Verschlechterung seines psychischen Gesundheitszu-
standes bei, was wiederum zu körperlichen Beschwerden führe.
5.
5.1 Der Vollzug ist nicht möglich, wenn der Ausländer weder in den Her-
kunfts- oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat verbracht werden
kann. Er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in seinen Heimat-, Herkunfts-
oder einen Drittstaat entgegenstehen. Der Vollzug kann insbesondere nicht
zumutbar sein, wenn er für den Ausländer eine konkrete Gefährdung dar-
stellt (Art. 83 Abs. 2-4 AIG).
5.2 Die asylrechtlichen Vollzugshindernisse (Unzulässigkeit, Unzumutbar-
keit, Unmöglichkeit) sind alternativer Natur. Sobald eines von ihnen gege-
ben ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten
und die weitere Anwesenheit in der Schweiz nach den Bestimmungen über
die vorläufige Aufnahme zu regeln. Da sich der Vollzug der Wegweisung
im vorliegenden Fall – wie nachstehend aufgezeigt – als unzumutbar er-
weist, erübrigt sich demnach eine weiter gehende Prüfung der Zulässigkeit
und Möglichkeit (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
5.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetzt über die Aus-
länderinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBI 2002 3818).
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5.4 Im Referenzurteil D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 hat das Bundes-
verwaltungsgericht die veränderte Lage in Mazar-i-Sharif aktualisiert. Da-
bei kam es zum Schluss, dass Mazar-i-Sharif im Vergleich zu anderen Re-
gionen und Städten Afghanistans trotz verschlechterter Sicherheitslage im-
mer noch zu den stabileren und ruhigeren Orten gehöre. Die Annahme ei-
ner generellen Unzumutbarkeit der Rückkehr dorthin verneinte es und be-
stätigte die Aussagen in BVGE 2011/49 dahingehend, dass bei Vorliegen
begünstigender Umstände (insbesondere tragfähiges Beziehungsnetz,
Möglichkeit zur Sicherung des Existenzminimums, gesicherte Wohnsitua-
tion, guter Gesundheitszustand) weiterhin von der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs dorthin auszugehen ist (vgl. Referenz-Urteil des BVGer
D- 4287/2017 E. 6.2.3.5). Im Vergleich zu Kabul, wo das Gericht die Lage
grundsätzlich als existenzbedrohend und damit unzumutbar einschätzt und
von der Annahme einer konkreten Gefährdung nur ausnahmsweise bei
Vorliegen besonders begünstigender Umstände abweicht (vgl. Referenz-
urteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4), ist demnach in Mazar-i-
Sharif von einer verhältnismässig besseren Lage auszugehen.
5.5 Gemäss der in der vorangehenden Erwägung 5.6 dargelegten aktuel-
len Rechtsprechung ist grundsätzlich – ausgenommen unter gewissen Um-
ständen die Grossstädte Kabul und Mazar-i-Sharif (die Frage des Wegwei-
sungsvollzugs nach Herat wird vorliegend ausdrücklich offen gelassen,
nachdem der Beschwerdeführer keinerlei Bezug zu dieser Stadt hat) – von
der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Afghanistan und da-
mit auch in den angeblichen Herkunftsort des Beschwerdeführers
(F._, Distrikt B._, Provinz C._) auszugehen. Ein
Wegweisungsvollzug dorthin käme somit ohnehin nicht in Frage.
5.6 Im Folgenden ist zu prüfen, ob im Falle des Beschwerdeführers die
notwendigen begünstigenden Umstände vorliegen, die einen Wegwei-
sungsvollzug nach Mazar-i-Sharif für ihn als zumutbar erscheinen lassen.
5.6.1 Im Urteil BVGE 2011/7 hat das Bundesverwaltungsgericht dargelegt,
wann vom Vorliegen begünstigender Faktoren auszugehen ist (E. 9.9.2).
Solche können grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich
beim Rückkehrer um einen jungen gesunden Mann handelt. Ebenso ist
entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person
verfügt. Unabdingbar ist in jedem Fall ausserdem ein soziales Netz, das
sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkeh-
renden als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkehren-
den insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie
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Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können (vgl.
Referenz-Urteil des BVGer D-4287/2017 E. 7.3.1).
5.6.2 Die auf Beschwerdeebene vorgebrachte Verschlechterung der Ge-
sundheit des Beschwerdeführers spricht nicht gegen die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs. Den eingereichten ärztlichen Berichten ist zu ent-
nehmen, dass die Verschlechterung seines psychischen und körperlichen
Gesundheitszustands vor allem auch mit den Unsicherheiten hinsichtlich
des Aufenthaltsstatus in der Schweiz zusammenhängt. In der Eingabe des
Rechtsvertreters vom 20. Dezember 2019 wird darauf verwiesen, dass der
Beschwerdeführer deswegen bei der J._ angemeldet sei und bald
einen ersten Termin habe. Seither sind indes beim Bundesverwaltungsge-
richt keine weiteren ärztlichen Berichte eingegangen. Auch wenn nicht be-
stritten werden soll, dass der Beschwerdeführer unter gewissen psychi-
schen Beschwerden leidet, ist aufgrund der Akten im heutigen Zeitpunkt
nicht von einer derart schwerwiegenden Erkrankung auszugehen, dass
deshalb nicht mehr von begünstigenden Umständen auszugehen wäre.
5.6.3 Der Beschwerdeführer moniert in seiner Replik zu Recht, dass das
SEM fälschlicherweise davon ausgegangen sei, ein Bruder habe in Mazar-
i-Sharif als Warentransporteur gearbeitet. Gemäss seinen Aussagen an-
lässlich der Anhörung lebt der Bruder, der Waren transportiert, in
G._. Ein Bruder, der mit der Familie in Mazar-i-Sharif lebte, erle-
digte Gelegenheitsarbeiten als (...), ein anderer war Student (A19, F63 ff.).
Trotzdem ist davon auszugehen, dass seine Familie insgesamt finanziell
gut aufgestellt ist (A19, F39 f.).
Im Rahmen der Anhörung vom 2. März 2016 brachte der Beschwerdefüh-
rer bereits vor, dass seine Familie entschieden habe, nach B._ zu-
rückzugehen (A19, F190 f.). Dass er auf Beschwerdeebene vorbringt,
seine Familie sei im Jahr (...) von Mazar-i-Sharif weggezogen, entspricht
folglich seinen damaligen Aussagen. Angesichts der sich im Jahr (...) ver-
schlechternden Sicherheitslage in Mazar-i-Sharif (vgl. Referenz-Urteil
D-4287/2017 E. 6.2.3.2) ist auch nachvollziehbar, dass seine Familienan-
gehörigen diese Stadt im Laufe des Jahres (...) verlassen haben. Die ein-
gereichte Bestätigung der Gemeinde, wonach seine Familie in B._
lebt, ist – trotz dem leicht käuflichen Erwerb solcher Dokumente – als Be-
stätigung der Glaubhaftigkeit der Ausführungen des Beschwerdeführers zu
werten. Die Annahme der Vorinstanz anlässlich ihrer Vernehmlassung, der
Beschwerdeführer habe sich in Mazar-i-Sharif auch ein Beziehungsnetz
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ausserhalb der Familie aufbauen können, stellt hingegen keinen genügen-
den Hinweis auf ein tragfähiges Beziehungsnetz dar, zumal er damals noch
sehr jung war und kurz nach seinem 10. Schuljahr in einer anderen Provinz
(in der etwa 200 km entfernten Provinz D._) im nationalen Sicher-
heitsdienst arbeitstätig wurde. Vor diesem Hintergrund ist nicht anzuneh-
men, dass er über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz in Mazar-i-Sha-
rif verfügt, zumal ein solches bei bloss losen Kontakten zu Bekannten nicht
gegeben ist. An dieser Schlussfolgerung ändern auch die Ausbildung und
die frühere Tätigkeit des Beschwerdeführers als (...) (A19, F74) sowie die
offenbar guten finanziellen Verhältnisse der Familie nichts.
5.7 Zusammenfassend kann nicht ausgeschlossen werden, dass er bei ei-
ner Rückkehr in eine existenzbedrohende Lage geraten würde. Mithin sind
vorliegend nicht überwiegend begünstigenden Faktoren zu erblicken, wel-
che es erlauben würden, die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach
Mazar-i-Sharif zu bejahen. Da den Akten keine Gründe im Sinne von Art.
83 Abs. 7 AIG zu entnehmen sind, ist der Beschwerdeführer vorläufig auf-
zunehmen.
6.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und die Dispositivziffern 4 und
5 der angefochtenen Verfügung sind aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzu-
weisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs vorläufig aufzunehmen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die aktuali-
sierte Kostennote des Rechtsvertreters vom 2. Oktober 2018 erscheint an-
gemessen. Darin wird ein Aufwand von 3,5 Stunden bei einem Stundenan-
satz von Fr. 200.–, insgesamt Fr. 730.– (inkl. Auslagen) ausgewiesen. Für
die Eingabe vom 20. Dezember 2019 ist eine weitere halbe Stunde zu ver-
rechnen. Der veranschlagte Stundenansatz bewegt sich im gemäss Art. 10
Abs. 2 VGKE vorgesehenen Rahmen. Die Vorinstanz ist somit anzuweisen,
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dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung in der Höhe von
Fr. 830.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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