Decision ID: e2dbefa5-f9f9-433f-b15b-7ce037b2c43f
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1982, war von August 2014 bis Dezember
2017 bei der
Y._
AG in
Z._
und
A._
sowie von Januar bis August 2018 bei der
B._
AG in
C._
als Textana
lystin/Managerin tätig (Urk.
15/3 Ziff. 5.4; Urk. 15/11
). Unter Hinweis auf
psychische B
eschwerden meldete sie sich am
22. Januar 2019
bei der Invaliden
versicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
15/3
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab, zog Akten der
Krankentaggeldversicherung
bei (Urk.
15/4; Urk. 15/12; Urk. 15/35; Urk. 15/48; Urk. 15/67-68
)
, sprach der Versicherten berufliche Eingliederungsmassnahmen in Form von Frühinterventionsmassnahmen zu
(Urk. 15/23; Urk. 15/32)
und holte
bei Dr. med.
D._
ein
psychiatri
sches
Gutachten ein, das am
8. September 2020 erstattet wurde (Urk. 15/82
).
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Urk.
15/84-102
) verneinte die IV
Stelle mit Verfügung vom
19. Mai 2021 (Urk. 15/104 = Urk. 2) mangels gesund
heitlicher Einschränkung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung.
2.
Die Versicherte erhob am
11. Juni 2021 (Urk. 1; unterzeichnete Version vgl. Urk. 6)
Beschwerde gegen die Verfügung vom
19. Mai 2021
(Urk. 2) und beantragte
sinngemäss
, diese sei aufzuheben und es sei
en
ihr
berufliche Wieder
eingliederungsmassnahmen zuzusprechen. Am 12. Juli 2021 liess die Beschwer
deführerin mitteilen, sie werde nun durch den
Rechtsdienst
der
Inclusion
Handi
cap
vertreten (Urk. 7).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
14. September 2021
(Urk.
14
) die Abweisung der Beschwerde.
Die Beschwerdeführerin zog a
m 11. November 2021 (Urk. 17) ihr Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (vgl. Urk. 1) zurück.
Mit
Replik vom 8. März 2022 (Urk. 22)
beantragte sie
, die Verfügung vom
19. Mai 2021 sei aufzuheben und auf das Gutachten von Dr.
D._
vom 8. September 2020 sei nicht abzustützen, die Sache sei an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese der Beschwerdeführerin Integra
tionsmassnahmen zuspreche (S. 2). Am 22. April 2022 (Urk. 26) teilte die Beschwerdegegnerin ihren Verzicht auf eine Duplik mit.
Dies wurde der Beschwerdeführerin am
25. April 2022
zur Kenntnis gebracht (Urk.
27
).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da die angefochtene Verfügung vor dem
1.
Januar 2022 erging, sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden (vgl. statt vieler: Urteile des Bun
desgerichts 8C_251/2022 vom 11. Juli 2022 E. 3.1 und 8C_804/2021 vom 1. Juni 2022 E. 2.2).
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
1.4
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 Abs. 1
IVG
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Drohende Invalidität liegt gemäss Art. 1
novies
IVV
vor, wenn der Eintritt einer Erwerbsunfähigkeit überwiegend wahrscheinlich ist. Der Zeitpunkt des Eintritts der Erwerbsunfähigkeit ist uner
heblich.
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (lit. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (lit.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige beruf
liche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe; lit. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (lit. d).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
1.6
Einem vom Krankentaggeldversicherer nicht im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten kommt
im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren
der
Beweiswert versicherungsinterner ä
rztlicher Feststellungen zu (
Urteil des Bundesgerichts
8C_54/2022 vom 2
3.
Mai 2022
E. 3.2).
Nach der Rechtsprechung kommt auch den Berichten und Gutachten versiche
rungsinterner Ärztinnen und Ärzte Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). An die Beweiswürdigung sind jedoch strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versiche
rungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzu
nehmen (BGE 145 V 97 E. 8.5, 142 V 58 E. 5.1, 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
1.7
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7,
Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
1.8
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhalt
ensbezogene Aspekt der Konsisten
z (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März
2018 E. 7.4).
1.9
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Ent
scheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend fest
gestellt wurde (§ 26
Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechts
mittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abge
lehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrele
vante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundes
gerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) gestützt auf das Gutachten von Dr.
D._
davon aus, dass aus ärztlicher Sicht keine gesundheitliche Einschränkung vorliege, welche die Versicherte in der Arbeits
fähigkeit eingrenze. Ihr seien jegliche Tätigkeiten zu 100
%
zumutbar. Dabei könne sie ein rentenausschliessendes Einkommen erwirtschaften. Ein Anspruch auf Leis
tungen der Invalidenversicherung liege somit nicht vor. Für die Unter
stützung bei der Arbeitsvermittlung sei das Regionale Arbeitsvermitt
lungs
zentrum (RAV) zuständig (S. 1 f.). Mit den im
Einwandverfahren
erhaltenen und eingeholten Arztberichten würden betreffend psychiatrische Diagnosen keine neuen, unbe
rücksichtigten Tatsachen vorgelegt. Auch werde eine Arbeitsunfähig
keit infolge körperlicher Beschwerden verneint (S. 2 Mitte).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1), es sei leider aktuell undenkbar, dass sie wieder 100
%
arbeiten könne.
Da sie gesundheitlich stark eingeschränkt sei, brauche sie eine langsame und schritt
weise Wiedereingliederung dur
ch die Beschwerdegegnerin. Fall
s
ein 100%iges Pensum dann nicht realistisch sei, brauche sie eine Teilrente.
2.3
Die Beschwerdegegnerin verwies in ihrer Beschwerdeantwort (Urk. 14) darauf, dass Dr.
D._
bei der Untersuchung anlässlich der psychiatrischen Begutachtung keine Befunde habe erheben können, welche auf eine dauerhafte und leistungs
einschränkende invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Erkran
kung hinw
iesen
. Es habe sich weder eine Persönlichkeitsstörung noch eine Trauma
folgestörung finden lassen, auch eine depressive Störung habe nicht objektiviert werden können. Es seien sicher psychosoziale Belastungsfaktoren (Arbeitsplatzkonflikte und finanzielle Situation) vorhanden, die jedoch invaliden
versicherungsrechtlich nicht berücksichtigt werden könnten. Insgesamt sei kein erheblicher invalidisierender Gesundheitsschaden ausgewiesen, welcher die
Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Beschwerde
führerin
mittel
-
und langfristig einschränkte (S. 1 f.). Ein Anspruch auf die beschwerdeweise geforderten Inte
grationsmassnahmen bestehe nicht, da die Beschwerdeführerin
100
%
arbeits
fähig sei (S. 2).
2.4
Die Beschwerdeführerin machte in ihrer Replik (Urk. 22) geltend,
die Schlussfol
gerung von Dr.
D._
, dass keine Diagnose vorliege, sei aus näher genannten Gründen (S. 5-11 Ziff.
II.
1-4) absolut nicht nachvollziehbar. So hätten etwa sämt
liche behandelnden Psychotherapeuten sowie der von der Krankentaggeldversi
cherung beauftrag
t
e Dr.
E._
eine rezidivierende depressive Störung sowie teilweise eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert (S. 5 Ziff.
II.
1). Eine Aus
einandersetzung durch Dr.
D._
mit
diesen Berichten
fehle, wobei auffällig sei, dass er nur das Positive im Befund erhebe (S. 6-8 Ziff.
II.
2).
Die Frage, ob ein verselbständigter Gesundheitsschaden vorliege, könne noch nicht ein halbes Jahr nach Beginn der Arbeitsunfähigkeit beantwortet werden. Genau dies mache Dr.
D._
jedoch (S. 5 f. Ziff.
II.
1).
Er habe die Beschwerdeführerin
nicht ausführ
lich zur Krankheitsgeschichte befragt und ihre Krankheit nicht verstanden (S. 9
f.
Ziff.
II.
3).
Zu bemängeln sei des Weiteren, dass von der Beschwerdegegnerin kein struk
turiertes Beweisverfahren durchgeführt worden sei und die relevanten Infor
matio
nen auch nicht alle aus dem Gutachten entnommen werden könnten (S. 11 ff. Ziff.
II.
5). Gestützt auf die Einschätzung der behandelnden Therapeuten
sei
von einem Anspruch auf Integrationsmassnahmen aus
zugehen
. Nach deren Ansicht solle sie im 2. Arbeitsmarkt zu Beginn mit 20 bis 30
%
arbeiten. Es bestehe Zuversicht, dass sie, sobald sie über diese praktische Tätigkeit erfahre, wie sie effektiv und positiv arbeiten könne, ihren Einsatz nach
sechs Monaten auf 100
%
steigern könne (S. 14 Ziff.
II.
7).
2.5
Strittig und zu prüfen ist demnach der Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin und dabei insbesondere die Frage, ob die Beschwerdegegnerin sich zu Recht auf das Gutachten von Dr.
D._
gestützt und den Sachverhalt mithin
rechts
ge
nügend abgeklärt hat.
3.
3.1
Dr. med.
F._
,
Zentrum G._
, nannte in ihrem Bericht vom 8. Januar
2019 (Urk. 15/4/42-43 = Urk. 15/48/46-47) folgende Diagnosen (S. 1
Ad 3):
-
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F.32.7)
-
aktuell Erschöpfungssyndrom (Burn-Out-Syndrom; ICD-10 Z
73.0
, letzt
malig 2017 und 2012
)
-
Verdacht auf posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
-
Verdacht auf
Bulimia
nervosa (ICD-10 F50.2)
Bereits 2017 sei es beim früheren indischen Arbeitgeber zu einer sehr ähnlichen Episode gekommen: Aufgrund von Mobbing und rassistischen Äusserungen sei eine mittel- bis schwergradige depressive Episode erfolgt. Im Januar 2018 habe sie eine neue Stelle angefangen, wo ähnliche hierarchische Strukturen geherrscht hätten. Ein Vorgesetzter habe
ihr
nach zirka 6 Monaten gekündigt. Nun bestün
den erhebliche Selbstzweifel, Erschöpfung und sozialer Rückzug (S. 1 Ad1). Teil
weise bestehe auch eine familiäre Belastung durch Geschehnisse in der Familie (S. 1 Ad 2). Es finde eine psychologische und psychiatrische
Behandlung statt. Es seien sicher weitere verhaltenstherapeutische Sitzungen durchzuführen sowie ein Versuch der Aufarbeitung einer posttraumatischen Belastungsstörung durch eine psychiatrische Fachperson (S. 1 Ad 4). Die Arbeitsfähigkeit sei grundsätzlich zu 100
%
gegeben bei psychologischer Aufarbeitung und Entfernung aus dem proble
matischen Arbeitsumfeld. Eine stabile Verbesserung der Situation sei aber sicher nicht vor zirka März 2019 zu erwarten (S. 2 Ad 5/6). Aktuell sei keine Arbeitsfähigkeit gegeben, da die Beschwerdeführerin erst lernen müsse, sich auch mit schwierigen Arbeitssituationen und vor allem –Kollegen zu arrangieren. Ein Arbeitsumfeld, welches hierfür inadäquat sei, würde dem Gesundungsprozess nur schaden (S. 2 Ad 7).
3.2
Dr. med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, nannte in seiner psychiatrischen Kurzbeurteilung zuhanden der Krankentaggeld
versicherung vom 23. Januar 2019 (Urk. 15/12/98-105) a
ls
Diagnose eine rezidi
vierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2; S. 6 Ziff. 3).
Zum psychopathologischen Befund wurde folgendes festgehalten (S.
4 f.
Ziff. 2.2): «Wach, zu allen Qualitäten orientiert. Formalgedanklich mittelgradig eingeengt, leichtgradig beschleunigt, geordnet, kohärent. Kognitiv-mnestisch subjektiv und bei detaillierter Prüfung leichtgradige Konzentrationsfähigkeits
störungen, Merkfähigkeit, Fähigkeit zum abstrakten Denken und Auffassungs
gabe intakt. Die subjektive Grundstimmung wird als anhaltend, ohne zirkadiane Rhythmik herabgesetzt angegeben. Affektiv mittelgradig deprimiert, leicht- bis mittelgradig gereizt/dysphorisch, mittelgradig affektarm/affektstarr. Kein Wahn, keine Sinnestäuschungen, keine Ich-Störungen. Keine Phobien, Angabe von häu
figen paroxysmalen Ängsten.
Keine Zwänge. Die Antriebslage wird als anhaltend beeinträchtigt angegeben, psychomotorisch leicht- bis streckenweise mittelgradig
gesteigert, leichtgradig misstrauisch. Die
Hedonie
wird als stark reduziert ange
geben. Das Selbstwertgefühl wird als reduziert beschrieben, mit Angabe von häu
figen Selbstvorwürfen. Angabe von Ein- und Durchschlafstörungen mit Verkür
zung der nächtlichen Schlafdauer, Angabe eines leichten bis mittelgradigen sozialen Rückzugs. Angabe von häufigen lebensmüden Gedanken, keine aktuelle Suiz
idalität, keine Fremdgefährdung
»
.
Die aus den Akten bekannte Diagnose einer depressiven Episode sei zu bestätigen mit dahingehender Präzisierung, dass es sich überwiegend wahrscheinlich um eine rezidivierende depressive Störung handle. Die erste Episode habe sie im Jahr 2011 erlebt, sie sei keiner ärztlichen Behandlung zugeführt worden, die Dauer bis zur spontanen Remission habe zirka ein Jahr betragen. Die zweite Episode sei im Jahr 2017 aufgetreten, diesmal habe die Beschwerdeführerin
ärztliche Hilfe auf
gesucht, dennoch habe die Episode zirka sechs Monate gedauert und sei in einer inkompletten Remission geendet. Die Symptomatik der aktuellen dritten Episode sei im klinisch abgrenzbaren Ausmass zeitnahe
zur
Auflösung des Arbeits
verhältnisses im Sommer 2018 aufgekommen. Bis Dezember 2018 habe sie keine ausreichend wirksame antidepressive Behandlung bezogen, erst ab Installation der Medikation mit Mirtazapin habe sie eine Zustandsverbesserung erlebt, welche aktuell am besten als Response zu begreifen sei; zu einer zuverlässigen, anhaltenden Besserung in Kernsymptomen der Depression sei es bisher nicht gekom
men. Es sei jedoch zu erwarten, dass unter fortgesetzter psychiatrisch-psychothe
rapeutischer Behandlung mit auf einmal wöchentlich erhöhter Konsul
tations
frequenz innert 16 Wochen eine wesentliche Verbesserung des psychi
schen Zustandsbilds und damit der Arbeitsfähigkeit erreicht werden könne (S. 5
Ziff. 4).
Es habe eine identifizierbare Verbesserung im Schlafverhalten sowie in der Psychomotorik stattgefunden. Die Prognose sei als generell gut zu stellen (S. 7
Ziff. 6).
Im zeitlichen Pensum von 20
%
könnten der Beschwerdeführerin sämtli
che Tätigkeiten zugemutet werden, mit Ausschluss von Tätigkeiten mit direktem Kundenkontakt, Tätigkeiten mit vermehrter Beanspruchung der kon
zentrativen Fähigkeiten sowie Nacht- und Schichtarbeiten (S. 8 Ziff. 8.3).
3.3
Am 18. Juni 2019 (Urk. 15/35/3-14 = Urk. 15/48/165-176
= Urk. 15/51/3-14
) erstatte
te
Dr.
E._
ein psychiatrisches Gutachten zuhanden der Krankentag
geldversicherung.
Er nannte als Diagnose eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F32.0, S. 7 Ziff. 3). Zur Anamnese hielt er unter anderem fest, die Beschwerdeführerin gehe zu Deutschkursen bei 3 ver
schiedenen Einrichtungen im Umfang von 18 Unterrichtsstunden pro Woche. Obwohl der Kurs morgens um 9 Uhr
beginne
,
treffe
sie erst gegen 12 Uhr
ein
,
weil sie erhebliche Schwierigkeiten habe, aus dem Bett zu kommen (S. 4 Mitte Ziff. 2.1). In ihrer früheren Entwicklung habe
es diverse negative Besonderheiten und Schwierigkeiten gegeben, über welche sie aktuell nicht reden wolle (S. 5
Mitte Ziff. 2.1).
Die Beschwerdeführerin sei zur versicherungspsychiatrischen Neuevaluation auf
geboten worden. Bei der ausführlichen Anamnese hätten sich Informationen über negative Einflüsse in den frühen Entwicklungsphasen ergeben, wobei sich die Beschwerdeführerin nicht imstande gesehen habe, diesbezüglich detailliert Aus
kunft zu geben. In der aktuellen Situation habe keine absolute Notwendigkeit einer detaillierten Anamneseerhebung bestanden. Schliesslich sei hinlänglich bekannt, dass
Adversitäten
in den früheren Entwicklungsphasen die Wahrschein
lichkeit des Auftretens von affektiven und neurotischen Störungen im späteren Leben erhöhten. Auch Faktoren wie Migration, in der Biographie der Beschwer
deführerin zweimalig anzutreffen, zähl
t
e
n
in diesem Zusammenhang zu den Risikofaktoren (S. 7 f. Ziff. 4).
Hinsichtlich der Persönlichkeitsachse bestehe keine stabile, seit spätestens früher Adoleszenz bestehende und erhebliche Abweichung im Denken, Handeln und Fühlen von der Mehrheit der Bevölkerung im Sinne der Eingangskriterien einer Persönlichkeitsstörung. Vorliegend seien akzentuierte P
ersönlichkeitszüge. Die Beschwerdeführerin zeichne sich durch Leistungsorientiertheit, Konkurrenz
denken, häufiges Druckgefühl und reduzierte Frustrationstoleranz, entsprechend einer sogenannten Typ A-Persönlichkeit aus. Nach ICD-10 sei dies als
konstella
tiver
Faktor (Z73.1) zu erfassen, was keine gesundheitliche Störung konstituiere. Diese Persönlichkeitsorganisation interagiere jedoch ungünstig mit der affektiven Störung der Beschwerdeführerin (S. 8 oben Ziff. 4).
Die Psychopharmakotherapie sei durch die Zugabe eines antriebssteigernden Antidepressivums (
Wellbutrin
) inzwischen ergänzt worden. Aufgrund von religi
ösen Vorschriften sei es seit Beginn des Ramadans zu
Adhärenzproblemen
gekommen bis hin zur Einnahme von
Wellbutrin
auf die Nacht mit nachvollzieh
baren ungünstigen Einflüssen auf den Schlaf. Dies sei für den Heilungsverlauf wenig förderlich gewesen; auf das Fehlen des Leidensdrucks könne in dieser Situation jedoch nicht geschlossen werden (S. 8 Mitte Ziff. 4).
Seit der Vorbeurteilung sei es sowohl im subjektiv berichteten als auch im beobachtbaren Teil des Befundes zu relevanten Verbesserungen
gekommen
: eine anhaltende Beeinträchtigung in der Psychomotorik und Affektivität liege nicht mehr vor und die Gesamtanzahl von depressiven Symptomen habe sich verrin
gert, so dass aktuell eine leichte Episode einer rezidivierenden depressiven Stö
rung zu diagnostizieren sei. Konform zur positiven klinischen Dynamik habe die Beschwerdeführerin die Intensität von intellektuell anspruchsvollen Aufgaben erhöht, zudem habe sie sich regelmässig sportlich betätigt (S. 8 unten Ziff. 4). Die Beschwerdeführerin berichte von existenzieller Verunsicherung im Kontext des aktuell laufenden Rechtsstreites mit ihrem Ex-Arbeitgeber, wobei sie zu
katastro
phisierender
Kognition neige, was im Kontext ihrer affektiven Störung gut nach
vollziehbar sei (S. 9 oben Ziff. 4).
Aus rein psychiatrischer Sicht liege eine Arbeitsfähigkeit von 60
%
vor (Arbeits
unfähigkeit von 40
%
). Die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit resultiere aus ver
minderter emotionaler Belastbarkeit, leichten kognitiven Defiziten, einer Vermin
derung von Ausdauer und Stressresistenz sowie leichten formalgedanklichen Ausfällen. Es erscheine derzeit als überwiegend wahrscheinlich, dass die Arbeits
fähigkeit innert 12 Wochen wiederhergestellt werde. Die Prognose sei als gut zu stellen (S. 11 Ziff. 9.a). Die Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit seien umfas
send und bezögen sich auf sämtliche für die Beschwerdeführerin in Frage kom
menden und ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechenden Tätigkeiten (S. 11 Ziff. 9.b).
3.4
Dr. med.
H._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psycho
therapie, nannte in ihrem Bericht vom 11. Juli 2019 (Urk. 15/48/193-194) fol
gende Diagnosen (S. 1 Mitte):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradig bis schwer (ICD-10 F.32.2)
-
Hoher Verdacht auf Persönlichkeitsstörung (
Borderline
; ICD-10 F60.31)
Die Arbeitsunfähigkeit betrage 100
%
vom 1. Januar bis 28. Februar 2019, 80
%
vom 1. März bis 30. Juni 2019, 40
%
vom 1. Juli bis 7. Juli 2019 und 80
%
seit dem 8. Juli 2019 (S. 1 Mitte). Seit dem Zeugnis betreffend Arbeitsunfähigkeit von 40
%
sei eine deutliche Verschlechterung aller Symptomatik erfolgt (S. 1 unten). Die Beschwerdeführerin fühle sich vom System verraten, entwickle grosses Miss
trauen der IV, dem RAV und auch Dr.
H._
gegenüber. Sie wei
gere sich, die Medikation weiter zu nehmen und habe wieder Flash-Backs vom letzten Streit mit dem Vorgesetzten. Nach der Reduzierung der Arbeitsfähigkeit habe sie sich etwas beruhigen können, habe sich von den Suizidgedanken dis
tanziert und entscheiden,
Wellbutrin
weiterzunehmen
(S. 2
).
3.5
Dr.
E._
nahm am 19. Juli 2019 (Urk. 15/48/197-199
= Urk. 15/51/15-17
) zuhanden der Krankentaggeldversicherung Stellung zum Bericht von Dr.
H._
(vgl. E. 3.4). Dabei führte er aus, gemäss dem erwähnten Bericht habe sich die Behandlungsadhärenz zwischenzeitlich erheblich ver
schlechtert, was
nachvollziehbarer Weise zur Verschlechterung im psychischen Zustandsbild geführt habe. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es sich derzeit um eine schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (ICD
10 F33.3) handle (S. 2 oben
).
Unabhängig von der genauen diagnostischen Dig
nität der Störung könne die Medikation mit 300 mg
Wellbutrin
kaum als der Schwere der Symptomatik gerecht beurteilt werden. Es frage sich ferner, wie die Beschwerdeführerin bei den attestierten Defiziten imstande sein sollte, einer aus
wärtigen Tätigkeit nachzugehen, selbst im Pensum von 20
%
.
Es erscheine als unwahrscheinlich, dass die Fortsetzung der Behandlung im ambulanten Rahmen innert nützlicher Frist zu einer relevanten Verbesserung des psychischen Zustands führen könne. Aus versicherungspsychiatrischer Sicht sei aktuell eine stationäre Behandlung zu empfehlen (S. 2 Mitte).
3.6
Die Ärzte der Psychiatrischen Universitätsklinik
I._
nannten im Aus
trittsbericht vom 7. Oktober
2019 (Urk. 15/67/2-6) zur Hospitalisation der Beschwerdeführerin vom 2. August bis 3. September
2019 folgende Diagnosen (S. 1 Mitte):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (F33.1; Vordiagnose)
-
emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Impulsiver Typ (F60.30; Erst
diagnose August 2019)
-
Kopfschmerzen (R51)
Basierend auf der SKID-II-Diagnostik und der klinischen Beobachtung auf der Station
seien
die Kriterien für eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ als erfüllt
zu betrachten
. Aktuell imponiere ein dysfunktio
nales, konfliktträchtiges und instabiles Beziehungsmuster mit defizitärer Affekt
steuerung und mangelhafter Impulskontrolle (S. 4 oben).
3.7
Im Bericht vom 19. Dezember
2019 zuhanden der Beschwerdegegnerin (Urk. 15/62) führten die Ärzte der
Psychiatrischen Klinik I._
aus, das Datum der letzten Kontrolle sei der 3. September 2019 (Ziff. 1.1). Zum psychischen Befund hielten sie folgendes fest (Ziff. 2.2):
«A
ltersentsprechend gekleidete, gut gepflegte Patientin; wach, bewusstseinsklar, zu sämtlichen Qualitäten orientiert. Im Kontaktverhalten miss
mutig und verzweifelt. Sozial adäquater Blickkontakt
,
Guter
affektiver Rapport. Keine Störungen von Auffassung und Aufmerksamkeit, reduzierte Konzentrati
onsfähigkeit. Merkfähigkeit nicht eingeschränkt. Im formalen Gedankengang logorrhoisch, weitschweifig, jedoch geordnet und kohärent, eingeengt auf die Arbeitslosigkeit. Kein Wahn. Keine Sinnestäuschungen und/oder Ich-Störungen. Affektiv ängstlich-dysphorisch, gut
schwingungsfähig. Niedriger Selbstwert. Exi
stenzielle Ängste. Keine Zwänge. Regelrechte Psychomotorik, Gestik und Mimik
; der gerichtete Antrieb wird als leicht gesteigert berichtet. Die Impulskon
trolle erscheint reduziert. Morgentief. Appetit gesteigert, Schlaf mit Medikamen
ten gut. Selbstschädigungen werden verneint. Keine Hinweise auf Fremdaggres
sion. Suizidgedanken in der Vergangenheit. Von akuter Suizidalität glaubhaft und nach
drücklich distanziert. Diesbezüglich klar absprache- und bündnisfähig. Eben
so kein Anhalt für Fremdgefährdung.
»
Die Beschwerdeführerin habe jeweils viermal wöchentlich am Angebot
J._
der arbeitsorientierten Ergotherapie teilgenommen. Das Ziel der Aufnahme einer Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sei nicht erreicht worden. Aufgrund der psychiatrischen Grunderkrankungen seien eine geringe Belastbarkeit der The
rapieteilnahme und Funktionseinschränkungen auf psychischer Ebene zu beob
ach
ten gewesen, unter anderem eine niedrige Frustrationstoleranz, redu
zierte Fähigkeiten zur kritischen Kontrolle, Schwierigkeiten im Umgang mit Kritik und eine eingeschränkte Ausdauerfähigkeit. Zum aktuellen Zeitpunkt entsprä
chen die beobachteten Arbeitsfähigkeiten nicht einer Tätigkeit auf dem allgemei
nen Arbeitsmarkt. Eine weitere Stabilisierungsphase vor einer Reintegration werde empfohlen (Ziff. 3.4).
3.8.
3.8.1
Dr. med.
D._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erstattete am 8. September 2020 sein Gutachten zuhanden der Beschwerdegegnerin (Urk. 15/82). Er nannte keine
überwiegend wahrscheinliche
versicherungsmedi
zinisch-psychiatrische Diagnose nach der ICD-10 und dem DSM-5 (S. 12 Ziff. 5).
3.8.2
Jedweder Konsum psychotroper Substanzen sei im Allgemeinen geeignet, Symp
tome auszulösen, die phänomenologisch mit den bisher gestellten psychiatrischen Gesundheitsstörungen der Beschwerdeführerin überlappten. Trotz Aufforderung im Einladungsschreiben sei von der Beschwerdeführerin zum Beispiel kein CDT-Wert (Marker für etwaigen Alkoholabusus) bestimmt worden. Insofern sei die von der Beschwerdeführerin behauptete Alkoholabstinenz nicht zu objektivieren gewesen (S. 13 oben Ziff. 6.a
).
3.8.3
Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei zu beurteilen, dass die Befund
e
und die bisherigen diagnostischen Beurteilungen nicht losgelöst von psychosozialen Belastungsfaktoren zu beurteilen gewesen seien, indem die Beschwerdeführerin unter anderem Arbeitsplatzkonflikte, berufliche Überlastung sowie sozioökono
mische Probleme mit Abhängigkeit von Krankentaggeldzahlungen angegeben habe und eine längere Zeit eine Arbeitslosigkeit bestehe. Konsistent dazu habe
sie sich auch im Rahmen der Begutachtung vom 2. September 2020 geäussert (S. 13 Mitte Ziff. 6.a).
3.8.4
Aufgrund dessen, dass die Katamnese bis zum Referenzzeitpunkt der IV-Anmel
dung weitgehend unauffällig verlaufen sei, seien die ICD-10-Eingangskriterien zur Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nicht festzustellen. Gegen eine Persön
lichkeitsstörung spreche, dass die Beschwerdeführerin in mehr
jährigen Anstellun
gen immer wieder beruflich erfolgreich tätig gewesen sei. Sie zeige eine Arbeitsplatzkonstanz, die bei unter Persönlichkeitsstörungen bezie
hungsweise IV-relevanten psychischen Störungen leidenden Versicherten im All
gemeinen nur sehr unwahrscheinlich zu erwarten sei. Die Fähigkeit zudem, enge dyadische Beziehungen zur Familie aufrechtzuerhalten, sei intakt. Auch die Angaben in den Arbeitszeugnissen seien beredter Beleg, dass eine IV-relevante psychische Störung mit überdauernder Auswirkung auf die berufliche Leistungs
fähigkeit sehr unwahrscheinlich sei. Zudem seien keine gravierenden biographi
schen Auffällig
keiten im Kindes- und Jugendalter festzustellen, welche zwingend auf eine schwere Persönlichkeitsstörung seit dieser Zeit hinwiesen.
Mangels Trauma sei bereits das notwendige ICD-10 Eingangskriterium einer Traumafolge
störung nicht erfüllt, das eine Konversion in eine von der Behandlungsstelle genannte Verdachtsdiagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung erklären könnte. Es sei nicht überwiegend wahrscheinlich ausgewiesen, dass bei der Beschwerde
führerin Persönlichkeitsmerkmale, affektive Störungen oder Trauma
folgestörun
gen vorgelegen hätten, die eine überdauernde krankhafte Regulation von Affekten und Impulsen, Veränderungen im Bewusstsein und authentische Verän
derun
gen der Selbstwahrnehmung beinhaltet hätten, die eine sozialversi
che
rungsmedizinische Relevanz begründen könnten (S. 13-15 Ziff. 6.a).
3.8.5
Die Behandelnden hätten ihre diagnostischen Beurteilungen auf die Angaben der Beschwerdeführerin gestützt, was lediglich im therapeutischen Kontext nachzu
vollziehen sei. Über 70
%
der Items des psychopathologischen Befunds der AMDP (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie) beruhten auf subjektiven Angaben. Subjektive Angaben seien im versicherungs
medizinischen Sinn aber keine objektiven Befunde, weshalb eine Plausibilitäts- und Konsistenzprüfung der Diagnosen auf Grundlage aller Fakten durchzuführen sei. Zur Einordnung einer etwaigen depressiven Erkrankung seien bei der Beschwerdeführerin am 2. September 2020 bereits die Kombination von mindes
tens zwei ICD-10-Hauptsymptom-Clustern (überdauernde depressive Stimmung, Antriebslosigkeit, Ermüdbarkeit, Freud- und Interessenverlust) nicht
festzustellen beziehungsweise zu plausibilisieren gewesen. Bei einem depressiven Syndrom
wären eine überdauernde Verlangsamung, Aufmerksamkeitsstörung und Ein
schränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit vorliegend. Die Beschwerdeführe
rin habe keine Auffälligkeiten in diesen Bereichen präsentiert. Mit der französisch sprechenden Dolmetscherin habe sie weitgehend unauffällig in ihrer Mutterspra
che kommuniziert. Bei der Begrüssung und Verabschiedung habe sie aufgestellt und fröhlich gewirkt, was ihr Verhalten während der eigentlichen Untersuchung konterkar
iert habe,
wo
sie passager d
y
s
phorisch ihre Sicht der Dinge kundgetan habe.
Obgleich sie kaum Einblicke in ihre Tagesstruktur und ihr Funktionsniveau gege
ben und auf generalisierte Defizite fokussiert habe,
weise
der regelmässige Besuch von Deutschkursen, die Anmeldung bei der RAV mit Stellensuche und die Frei
zeitgestaltung mit Freunden
darauf
hin, dass nur unwahrscheinlich eine höher
gradig
e
leistungseinschränkende IV-relevante psychische Gesundheitsstörung mit überdauernder Auswirkung auf die berufliche Leistungsfähigkeit vorliege, die ihr genau das verunmöglichen würde. In der Vergangenheit habe sie zudem an Vorstellungsgesprächen teilgenommen, sie habe Yoga-Kurse besucht und Fitness
übungen ausgeführt. Die Beschwerdeführerin schildere dazu kontrastierend psy
chische Einschränkungen, die ihr im Allgemeinen auch diese Aktivitäten weitge
hend verunmöglichen würden, was eine wesentliche Inkonsistenz sei. Insofern bestehe ein Ausschlussgrund, da keine IV-relevante psychische Gesundheits
störung plausibilisiert werden könne, die vergleichbare Lebensbereich gleicher
mas
sen relevant einschränke (S. 15 f. Ziff. 6.a).
3.8.6
Zusammenfassend
könne aus rein versicherungsmedizinisch-psychiatrischer Sicht keine IV-relevante psychiatrische Gesundheitsstörung plausibilisiert wer
den, die die berufliche Leistungsfähigkeit überdauernd einschränke. Mit dem Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit sei zum Begutachtungszeit
punkt vom 2. September
2020 keine IV-relevante Diagnose aus dem psychiatri
schen Fachgebiet festzustellen. Aus rein versicherungsmedizinisch-psychia
tri
scher Sicht sei die Beschwerdeführerin als vollschichtig arbeitsfähig in den angestammten Tätigkeitsprofilen als auch in jeder bildungsangepassten Verweis
tätig
keit zu beurteilen (S. 16 Ziff. 6.b).
3.8.7
Indem Dr.
F._
im Bericht vom 8. Januar 2019 festgehalten habe, dass Arbeits
platzprobleme und eine sehr hohe Arbeitsbelastung als Krankheitsursachen qua
lifizierten, sei abgebildet worden, dass die psychischen Mitreaktionen und Dia
gnosen nicht von diesen psychosozialen Belastungsfaktoren losgelöst gewesen seien. Im Bericht von Dr.
E._
vom 23. Januar 2019 seien subjektive Anga
ben der Beschwerdeführerin nicht von objektiven Befunden getrennt worden, was im versicherungsmedizinischen Kontext nicht überzeuge. Indem Dr.
E._
darstelle,
dass ein Zusammenhang zwischen Arbeitsplatzproblemen und psychi
schen Befunden bestehe, sei damit ebenso ein psychosozialer Belastungsfaktor abgebildet gewesen. Die Beurteilung einer schweren depressiven Episode sei nicht nachvollziehbar. So habe Dr.
E._
leichtgradige Konzentrationsstörungen bei intakter Merkfähigkeit und Auffassungsgabe festgehalten. Eine unter einer schwergradigen Depression leidende Versicherte wäre im Allgemeinen gerade nicht lediglich leicht, sondern sehr schwer in diesen Fähigkeiten beeinträchtigt. Die Beurteilung, dass es sich aus den Angaben der Versicherten heraus um eine wiederkehrende Depression handle, sei nicht überwiegend wahrscheinlich. Bis zum Referenzzeitpunkt der IV-Anmeldung sei sie mehrere Jahre beruflich erfolg
reich tätig gewesen. Eine psychiatrische Mitbehandlung sei vor der Einreise in die Schweiz nicht notwendig geworden (S. 16 f. Ziff. 6.c).
Indem im Verlaufsgutachten von Dr.
E._
vom 18. Juni 2019 festgehalten worden sei, dass die Beschwerdeführerin beim RAV angemeldet sei und sich auf
100
%-Arbeitsstellen bewerbe, erhelle, dass sie sich selbst als voll eingliederbar beurteilt habe, obgleich die Behandlungsstelle eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert habe. Indem sie an Vorstellungsgesprächen teilgenommen habe sowie regelmässig
Deutschkurse und das «
Bodypump
» besucht habe, werde abgebildet, dass nur unwahrscheinlich eine IV-relevante psychische Gesundheitsstörung vor
gelegen habe, die ihr genau dies verunmöglicht hätte (S. 17 Mitte Ziff. 6.c). Die von Dr.
E._
am 23. Januar und 18. Juni 2019 attestierten Arbeitsunfähig
keiten seien nicht durch eine IV-relevante psychische Störung mit überdauernder Arbeitsunfähigkeit auf die Arbeitsfähigkeit zu erklären, die sich losgelöst von psychosozialen Belastungsfaktoren verselbständigt hätte (S. 17 f. Ziff. 6.c).
Indem Dr.
H._
am 11. Juli 2019 festgestellt habe, dass sich eine Stabilisierung durch entsprechende Abänderung von Arbeitsunfähigkeitszeugnis
sen mit «Reduzie
rung der Arbeitsfähigkeit» bei d
er Beschwerdeführerin eingestellt habe, werde ein sehr enger Bezug
medizinalfremder
Aspekte (Krankentaggeld
zahlungen) abgebildet. Sehr ungewöhnlich bei IV-relevanten psychischen Störungen sei, dass von der Beschwerdeführerin erst auf Empfehlung der Tag
geld
versicherung eine stationäre Behandlung wahrgenommen worden sei
. Der weit
gehend unauffällige Befund bei Eintritt in die
Psychiatrischen Klinik I._
korrespondiere nicht mit dem Vorliegen einer mittel- bis schwergradigen Depression, die sich von psycho
sozi
alen Belastungsfaktoren verselbständigt habe. Der im betreffenden Bericht erwähnte SKID II-Fragebogen sei nicht mehr aktuell. Ohnehin seien bereits die Eingangskriterien einer Persönlichkeitsstörung nicht erfüllt (S. 18 Mitte Ziff. 6.c).
3.9
Dr. med.
K._
, Oberarzt, und
MSc
L._
, Psychologin,
Psychiatrie M._
, berichteten am 30. Oktober 2020 (Urk. 15/88) über den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 3. bis 12. Oktober 202
0.
Sie nannten folgende Austrittsdiagnosen (S. 1 oben):
-
emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Impulsiver Typ (F60.30)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (F33.1)
Die Beschwerdeführerin habe berichtet, dass es am 30. September 2020 zu einem Konflikt mit ihrer Psychiaterin Dr.
H._
gekommen sei, worauf
hin diese di
e Therapie abgebrochen habe. Die Beschwerdeführerin
fühle sich im Stich gelassen und sei einfach nur schockiert. Die Psychiaterin habe ihr Medika
mente verschrieben, obwohl sie eigentlich keine habe nehmen wollen. Vor einer Woche habe sie diese selbständig abgesetzt, da sie nicht länger «unter Drogen» leben wolle. Ein Thema des Streits sei ein Ablehnungsbescheid der IV gewesen, welchen sie vor 8 Tagen erhalten habe. Den Ursprung ihrer Schwierigkeiten sehe sie in ihrer Ursprungsfamilie. Sie sei mit 7 Geschwistern in einer tunesischen Familie aufgewachsen. Der Vater sei verbal und physisch gewalttägig gewesen und habe auch sexuelle Gewalt ihrer Mutter und Schwester gegenüber ausgeübt (S. 1 f.).
Zu Beginn habe die Beschwerdeführerin psychopathologisch mit depri
miert-traurigem Affekt imponiert. Formalgedanklich habe sie leicht beschleunigt imponiert, dabei weitschweifig, leicht assoziativ gelockert mit gelegentlichem Vorbeireden. Ebenfalls vorhanden seien Ein-
und Durchschlafstörungen mit Hypersomnie, Antriebsarmut, Appetitlosigkeit, innerer Unruhe, S
t
immungs
schwankungen, Insuffizienz und Kränkungserleben, sozialer Rückzug und Erschöp
fung gewesen.
Medikamentös habe die Beschwerdeführerin die Etablie
rung einer antidepressiven Medikation abgelehnt (S. 2 Mitte).
3.10
Lic. phil.
N._
, Psychologe FSP, und
Dr. med.
O._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, nannten in ihrem Bericht vom 5. Januar 2020 (
richtig: 2021;
Urk. 15/91) folgende Diagnosen (S. 1 Ziff. 2):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (F33.1)
-
emotional instabile Persönlichkeitsstörung:
impulsiver
Typ (F60.30)
Es sei ein Rätsel, wie es dazu kommen könne, dass der Gutachter bei der Beschwerdeführerin die mindestens zwei ICD-Hauptsymptome-Cluster nicht feststelle. Sehr auffällig sei, dass dieser sich über die Bemühungen anderer behan
delnder Fachpersonen abwertend äussere (S. 2 oben Ziff. 2). Die Beschwerdefüh
rerin sei rapportfähig. Die Fähigkeit einer Person, ihre Beschwerden beziehungs
weise ihren allgemeinen Zustand zu beschreiben, führe nicht unbedingt zur Schlussfolgerung, dass sie gesund sei (S. 2 Mitte Ziff. 2). Es seien bei ihr alle Hauptsymptome der depressiven Störungen
vorhanden (S. 2 f. Ziff. 2). Zuletzt sei die Beschwerdeführerin mit gefilzten Haaren gekommen, die sie seit zwei Mona
ten nicht mehr gekämmt habe. Nur durch Motivation des Psychotherapeuten und Intervention der Spitex-Kraft habe
sie
befähigt werden können, sich von ihrem gefilzten Haar zu befreien. Laut eigenen Angaben dusche sie pro Woche einmal, weil sie keine Kraft und Energie habe, sich zu duschen (S. 3 Mitte Ziff. 2).
Die aktuelle Medikation umfasse
Wellbutrin
300 mg und Quetiapin 25 mg
(
S. 3 unten Ziff. 2).
Die Zusatzsymptome für eine rezidivierende depressive Störung, gegen
wärtig mittelgradig, seien aus näher dargelegten Gründen erfüllt (S. 3-5 Ziff. 2). Aufgrund ihrer aktuellen Beschwerden sei die Beschwerdeführerin in ihrer ange
stammten Tätigkeit zu 100
%
arbeitsunfähig (S. 6 Ziff. 3
).
In einer körperange
passten leichten Tätigkeit könne sie zu Beginn bis zu 20
%
beschäftigt werden. Falls die Tätigkeit in einem geschützten Programm angeboten werden könne, erhöhten sich die Integrationschancen (S. 6 Ziff. 4). Seit der Begutachtung habe sich der Zustand der Beschwerdeführerin verschlechtert, weswegen sie im Oktober 8 Tage in stationärer Behandlung gewesen sei (S. 7 Ziff. 8).
3.11
Dr. med.
P._
, Facharzt für
Oto
-Rhino-Laryngologie
(ORL)
, Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie, Universitätsspital
Q._
,
nannte in seinem Bericht vom 11. Januar 2021 (Urk. 15/96/4-5) folgende, hier verkürzt wiedergegebene Diagnosen (S. 1 oben):
-
dekompensierte Geräuschüberempfindlichkeit beidseits, Erstmanifestation (EM) 2012
-
anamnestisch Depression bei Status nach Burnout 2012 und 2017
Bei der Beschwerdeführerin liege eine chronische dekompensierte Situation auf
grund einer Geräu
schüberempfindlichkeit und eines
Ohrgeräusch
s
vor. Sie zeige grosses Interesse an einer Tinnitus-Gruppentherapie bei den Kollegen der Psychi
atrie, weshalb Dr.
P._
sie hierfür gerne anmelden wolle (S. 2 Mitte).
Im Bericht vom 24. Februar 2021 (Urk. 15/94/1-3) erklärte Dr.
P._
, aus ORL-Sicht bestehe keine Arbeitsunfähigkeit (S. 1 oben).
3.12
Dr. med. univ.
R._
,
Praktische Ärztin
sowie Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik für
Konsiliarpsychiatrie
und Psychosomatik,
Universitätsspital Q._
, nannte in ihrem Bericht zum Erstgespräch vom 17. März 2021 anlässlich der Sprechstunde für Tinnitus (Urk. 15/100/2-4) folgende Diagnosen (S. 1 Mitte):
-
anamnestisch emotional instabile Persönlichkeitsstörung:
Borderline
-Typ
-
Tinnitus
aurium
Dr.
R._
beschrieb
einen unauffälligen psychischen Status (S. 1 unten).
3.13
Dr. med.
S._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regiona
ler Ärztlicher Dienst (RAD), führte in seiner Stellungnahme vom 19. Mai 2021 (Urk. 15/103 S. 7) aus, in den Berichten zum Einwand gegen den Vorbescheid würden psychiatrische Diagnosen genannt, welche bereits gutachterlich ausge
schlossen worden seien. Es liege eine andere Beurteilung desselben Sachverhalts vor. Es seien keine neuen, unberücksichtigten medizinischen Fakten vorgelegt worden. Der Behandler des
Universitätsspital
s
Q._
/
ORL
bestätige im Bericht vom 24. Februar 2021 ausdrücklich keine Arbeitsunfähigkeit aus ORL-Sicht
.
3.14
3.14.1
Mit ihrer Replik vom 8. März 2022 (Urk. 22) reichte die Beschwerdeführerin die nachfolgenden Arztberichte ein.
3.14.2
Die Ärzte von «
Centre
T._
» in
U._, im Land V._
, dokumentierten in der Krankengeschichte («Medical
History
») zwischen dem 1. Februar und dem 16. August 2013 (Urk. 23/4) insgesamt 10 Kon
sultationen im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen beziehungsweise Mobbing («
bullying
») am Arbeitsplatz («stress at
work
») beim damaligen Arbeit
geber
AA._
. Darin wird unter andrem festgehalten, dass zwischen dem 18. Januar und dem 16. August
2013
jeweils
Sertralin 50
mg verschrieben wurde.
3.14.3
Gemäss Auszug aus der Krankengeschichte des Ärztezentrums
W._
wurde seitens deren Ärzte im Zeitraum vom 2. September 2017 bis 10. November 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
und vom 11. bis 24. November
2017
eine sol
che von 70
%
bestätigt
(Urk. 23/3). Unter dem Titel «
Borderline
-Persönlichkeits
störung
Curtis
e
» fanden im Zeitraum vom 1. September bis 21. Dezember 2017 insgesamt 12 Konsultationen statt.
Im Eintrag vom 1. September 2017 (S. 6) wurde unter anderem festgehalten: «Erneut viel Stress und in ihren Augen Ungerechtigkeit und Mobbing durch Chefs (...). Jeder auf der Abschussliste, jeder Kollege hält wohl Informationen zurück
»
.
Es folgte eine Überweisung in psychologisch-psychiatrische Behandlung, wo
Trittico
50 mg verschrieben wurde (S. 5 unten).
Im Eintrag vom 10. November 2017 (S. 4) wurde unter anderem festgehalten: «Subjektiv: Geht
b
esser. Hat selber gekündigt. Hat bereits neuen Job, wird dort direkt angestellt ab 1. Januar
2018 (...) Objektiv: (...) Deutlich gelockert, schwin
gungsfähig. Mehr Lachen als Weinen, erstmalig.
»
Dem Eintrag vom 21. Dezember
2017 (S. 3) ist zu entnehmen: «Subjektiv: Hatte Medikamente ausgeschlichen, fühlt sich darunter aber deutlich instabiler und weniger Antrieb. Zunehmend Bedenken vor neuer Arbeitsstelle, da dort wohl doch Projektmanagerin. Sie
wollte aber eher klein anfangen».
Am 8. Mai
2018 sandte die Beschwerdeführerin ein E-Mail an Dr.
F._
(S. 3
oben)
, wonach sie glaube, die Dinge seien jetzt unter
Kontrolle («
things
are
in
control
now
»).
Sie laufe oder spaziere
,
so oft sie könne.
3.14.4
Lic. phil.
N._
und Dr.
O._
verfassten eine Stellungnahme zum Gutachten von Dr.
D._
, welche am 4. März 2022 bei der Rechtsvertreterin der Beschwer
deführerin einging (Urk. 23/5). Sie führten aus, entgegen dem Schluss von Dr.
D._
handle es sich bei der Beschwerdeführerin um eine wiederkehrende Depression. Sie sei schon bei der ersten Episode in Grossb
ritannien mit dem Antidepressivum
Sertralin 50 mg sechs Monate lang behandelt worden. Sie habe in der ersten
(2013)
und zweiten Episode (2017) sowohl medikamentös als auch psychotherapeutisch keine effektive psychiatrische Behandlung erhalten. Da sich ihr gesundheitlicher Zustand zunehmend verschlechtert habe, habe sie sich seit
dem immer noch nicht erholen können (S. 1 unten).
Die Beschwerdeführerin sei in der Kindheit auf schwerste Weise sexuell miss
braucht worden (S. 3 Ziff. 3). In der Schule sei sie als Kind Opfer von Diskrimi
nierung und Rassismus geworden. Traumatisierungen in der Kindheit könnten eine Fülle von Symptomen hervorrufen: Nicht nur quälende, oft wiederkehrende Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung, sondern auch depressive Zustandsbilder sowie Angstsymptome. Es handle sich um einen verselbständigten Gesundheitsschaden (S. 3 oben).
4.
4.1
Die Gutachten von Dr.
E._
vom Januar (E. 3.2) und Juni (E. 3.3) 2019 erfüllen grundsätzlich die rechtsprechungsmässigen Voraussetzungen an einen beweiskräftigen Bericht (E. 1.5). Da sie von der Krankentaggeldversicherung nicht im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholt wurden, kommt ihnen der
Beweiswert versicherungsinterner ä
rztlicher Feststellungen zu. Entsprechend ist nach einem strengen Massstab zu prüfen, ob geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (E. 1.6).
4.2
Dr.
E._
diagnostizierte im Januar 2019 eine schwere Episode einer rezidi
vierenden depressiven Störung ohne psychotische Symptome (
ICD-10
F33.2, vgl. E. 3.2).
Für diese Diagnose müssen die Kriterien für eine rezidivierende depressive Stö
rung (F33) erfüllt sein, wobei die gegenwärtige Episode den Kriterien für ein
e
schwere depressive
Epiosde
ohne psychotische Symptome
(F32.2)
entsprechen muss. Wenigstens zwei Episoden sollen mindestens 2 Wochen gedauert haben und von mehreren Monaten ohne eindeutige affektive Symptomatik getrennt gewesen sein
.
Bei einer depressiven Episode leidet die betreffende Person gewöhnlich unter den typischen Symptomen von gedrückter Stimmung/Interessenslust, Freudlosig
keit/Verminderung des Antriebs, erhöhter Ermüdbarkeit. Andere häufige Symp
tome sind: Verminderte K
onzentration und Aufmerksamkeit;
vermindertes Selbs
twertgefühl und Selbstvertrauen;
Schuldgefühl
e und Gefühle von Wert
losigkeit;
negative und pess
imistische Zukunftsperspektiven;
Suizidgedanken, erfolgte Selbstverletzung oder
Suizidhandlungen;
Schlafst
örungen;
verminderter Appetit. Für eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (F32.2) müssen alle drei typischen Symptome
vorhanden sein
und mindestens fünf andere, von denen einige besonders ausgeprägt sein sollten
(
Dilling
/
Mombour
/Schmidt, Inter
nationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F] Klinisch-diagnostische Leitlinien, 10., überarbeitete Auflage, Bern 2015, S. 169-179).
4.3
Zu Recht erachtete Dr.
D._
die Beurteilung einer schweren depressiven Episode durch Dr.
E._
als nicht nachvollziehbar, nachdem dieser lediglich leicht
gradige Konzentrationsstörungen bei intakter Merkfähigkeit und Auffassungs
gabe festgehalten habe (E. 3.8.7). Dem damaligen psychopathologischen Befund (E. 3.2) lassen sich damit übereinstimmend folgende drei, nicht jedoch fünf
(E. 4.2)
Zusatzmerkmale entnehmen: Leichtgradige Konzentrationsfähigkeits
störungen, reduziertes Selbstwertgefühl, Ein-
und Durchschlafstörungen mit Ver
kür
zung der nächtlichen Schlafdauer.
Immerhin hielt Dr.
E._
betreffend die Eingangskriterien einer depressiven Episode (vgl. E. 4.2) fest, die subjektive Grundstimmung werde als anhaltend her
abgesetzt, die Antriebslage als anhaltend beeinträchtigt und die
Hedonie
als stark reduziert angegeben (E. 3.2). Auch wenn die Diagnose einer schweren depressiven Episode somit
nicht
nachvollziehbar
ist, bestehen doch relevante Anhaltspunkte für eine immerhin mittelgradige depressive Episode sowie für eine deutliche Reduktion der damaligen beruflichen Funktionsfähigkeit.
Dazu äusserte sich Dr.
D._
nicht näher, was zu bemängeln ist. Dies umso mehr, als die
zwei
grund
sätzlich sorgfältig erstellten Gutachten von Dr.
E._
,
der
die Beschwerde
führerin beide Male
auch
persönlich untersucht hatte, im Übrigen durchaus über
zeugend sind.
4.4
Dr.
D._
beurteilte weiter, dass die psychischen Mitreaktionen und von Dr.
E._
(E. 3.2) sowie der Hausärztin Dr.
F._
(E. 3.1) im Januar 2019 gestellten Diagnosen nicht von den damaligen psychosozialen Belastungs
faktoren losgelöst gewesen
seien. Die von Dr.
E._
am 23. Januar und 18. Juni
2019 attestierten Arbeitsunfähigkeiten seien nicht durch eine IV
relevante psy
chische Störung mit überdauernder Arbeitsunfähigkeit auf die Arbeitsfähigkeit zu erklären, die sich losgelöst von psychosozialen Belastungs
faktoren verselb
ständigt habe (E. 3.8.7).
Zur Annahme einer Invalidität aus psychischen Gründen bedarf es in jedem Fall eines medizinischen Substrats, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Bestimmen psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren das Krankheitsgeschehen mit, dürfen die Beeinträchtigungen nicht einzig von den belastenden invaliditätsfremden Fakto
ren herrühren, sondern das Beschwerdebild hat davon psychiatrisch zu unter
scheidende Befunde zu umfassen. Solche von der soziokulturellen oder psycho
sozialen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne ver
selb
ständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann (BGE 141 V 281 E. 4.3.3; 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 9C_543/2018 vom 21. November 2018 E. 2.2).
Somit sind psychosoziale und soziokulturelle Faktoren nur mittelbar invaliditäts
begründend, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden Folgen des Gesundheitsschadens beeinflussen. Zeitigen soziale Belastungen direkt negative funktionelle Folgen, bleiben sie bei der Beurteilung der Gesundheitsbeeinträchtigung ausgeklammert (Urteil des Bundesgerichts 8C_717/2018 vom 22. März 2019 E. 3). In einer versi
cherungsmedizinischen Begutachtung, welche sich nach den normativen Vorga
ben der Rechtsprechung orientiert, ist es daher nicht nur zulässig, sondern sogar geboten, solche invalidenversicherungsrechtlich nicht relevanten Umstände auf
zuzeigen und gegebenenfalls bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszu
klammern (Urteil des Bundesgerichts 9C_740/2018 vom 7. Mai 2019 E. 5.2.1).
Es ist
demnach noch
nichts Ungewöhnliches, dass psychische Störungen bei Vor
liegen von psychosozialen Belastungsfaktoren entstehen, sich verstärken oder wiederaufflammen.
Dies schliesst jedoch einen relevanten psychischen Gesund
heitsschaden keineswegs zum Vornherein aus.
Indem Dr.
D._
lediglich einen Zusammenhang zwischen den psychosozialen Faktoren und der Ausprägung der Befunde feststellte, hat er nicht genügend begründet, weshalb es
seiner Meinung nach
bei der Beschwerdeführerin an einer verselbständigten psychischen Störung fehlen sollte (E. 4.4).
Zu Recht wies die Beschwerdeführerin darauf hin, die Frage
nach einem verselbständigten Gesundheitsschaden könne noch nicht ein halbes Jahr nach Beginn der Arbeitsunfähigkeit
beantwortet
werden. Genau dies mache
Dr.
D._
jedoch, wenn er die
Behandlerberichte
vom Januar
2019 würdige
(E. 2.
4
; vgl. Urk. 1 S. 5 unten Ziff. II.1
)
.
4.5
Dr.
D._
erachtete die Angaben in den Arbeitszeugnissen als einen beredten Beleg dafür, dass eine IV-relevante psychische Störung mit überdauernder Auswirkung auf die berufliche Leistungsfähigkeit sehr unwahrscheinlich sei. Tatsäch
lich wurde die Gesamtleistung der Beschwerdeführerin etwa gemäss dem Arbeits
zeugnis der
Y._
AG
nach ihrem dortigen Einsatz vom 7. August
2014 bis 31. Dezember
2017
als ausgezeichnet beurteilt (Urk. 15/82 S. 14 Mitte, vgl. Urk.
8/18/4-5
). Wenn der Gutachter deshalb das Vor
liegen einer Persönlichkeitsstörung in Zweifel zieht,
ist dies noch nicht abwegig.
Definitiv z
u allgemein wird er allerdings, wenn er
schliesst
, solche Angaben in den Arbeitszeugnissen beziehungsweise eine derartige Arbeitsplatzkonstanz
seien Beleg dafür, dass eine IV-relevante psychische Störung mit überdauernder Aus
wirkung auf die berufliche Leistungsfähigkeit sehr unwahrscheinlich sei (E. 3.8.4).
Denn einerseits sind Arbeitszeugnisse mit Vorsicht zu würdigen, da sich hinter den dortigen Formulierungen diverse – allenfalls auch arbeitsrechtliche
–
Über
legungen im Hintergrund
und
Diskussionen im Vorfeld verbergen können. So ist belegt, dass die Beschwerdeführerin in den letzten vier Monaten ihrer Anstellung bei der
Y._
AG von September bis Dezember 2017 infolge Krankschreibung kaum mehr gearbeitet hat (E. 3.14.3), was im Arbeits
zeugnis
aber wie allgemein üblich
nicht erwähnt wurde.
Andererseits war es die Aufgabe des Gutachters, den aktuellen Gesundheitszu
stand der Beschwerdeführerin abzuklären. Ob vor der IV-Anmeldung vom 22. Januar
2019 (Urk. 15/3) im Jahr 2013 beziehungsweise im Jahr 2017 eine psychische Störung mit «überdauernder Auswirkung» auf die berufliche Leis
tungsfähigkeit bestand, ist daher vorliegend nur von sehr untergeordneter Bedeu
tung.
Von Bedeutung ist hingegen, dass
sich
die Beschwerdeführerin sowohl im Jahr 2013 als auch im Jahr 2017 wegen psychischer Schwierigkeiten
belegter M
assen
mehrere Monate in ärztlicher
– zuletzt auch psychiatrisch-psychotherapeutischer -
Behandlung
befand
und dabei auch Psychopharmaka einnahm (E.
3.14.2-3). Entsprechend erscheint die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, welche durch Dr.
E._
(E. 3.2, E. 3.3) sowie die verschiedenen Behandler (E. 3.4, E. 3.6, E. 3.
9.
E. 3.10) einhellig gestellt wurde, als nicht abwegig.
Die
Begründung, mit welcher Dr.
D._
diese Diagnose verwarf, vermag nach dem Gesagten nicht zu überzeugen.
4.6
Dr.
D._
erhob
im September 2020 einen weitgehend unauffälligen objektiven psychopathologischen Befund (Urk. 15/82 S. 11 Ziff. 4.b), ebenso wie Dr.
R._
am 17. März 2021 (E. 3.12). Allerdings
scheinen gewisse Wertungen durch den Gutachter bereits hier eingeflossen zu sein. So hielt er fest, die Kombination von mindestens zwei einschlägigen ICD-10-Hauptsymptom-Clustern seien
«
nicht zu plausibilisieren
»
gewesen (E. 3.8.5). Weiter
handelt es sich dabei um eine Quer
schnittbeurteilung am Untersuchungstag, die
von
den diesbezüglichen Fest
stellungen der Ärzte der
Psychiatrischen Klinik I._
nach
einmonatigem
stationärem Aufent
h
alt
im Sommer
2019
(E. 3.
6-
7; vgl. Urk. 15/62
Ziff. 2.2), der Ärzte der
Psychiatrie M._
nach zehntägigem stationären Aufenthalt im Herbst 2020 (E. 3.9, vgl. Urk. 15/88 S. 2) und der aktuellen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandler (E. 3.10; vgl. Urk. 15/91 S. 2-5)
markant abweicht, was vom Gutachter entweder nicht erklärt werden konnte oder dann nur in wenig einleuchtender Weise: So ist ihm nicht darin zuzustimmen, dass der Befund bei Eintritt in die
Psychiatrischen Klinik I._
weitgehend unauffällig gewesen sei (E. 3.8.7; vgl. E. 3.7).
Den aktuellen Behandlern
ist auch insofern zuzustimmen, dass die Rapportfähig
keit einer Person noch nicht unbedingt zur Schlussfolgerung führe, dass sie gesund sei.
E
in I
ndiz für eine psychische Störung und gegen eine
vollständige Arbeitsfähigkeit
ist
sodann
die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin zweimal wöchentlich von der Spitex
besucht
werden muss, welche
sie bei der Körperpflege und im Haushalt beziehungsweise bei
administrativen Angelegenheiten unter
stützt (E. 3.10; vgl.
Urk. 15/82 S. 9 Ziff. 3.b;
Urk.
15/91 S. 3 Mitte
). Es scheint vor diesem Hintergrund zumindest fragwürdig, dass Dr.
D._
die administrativ offenbar überforderte Beschwerdeführerin persönlich aufforderte, vor der Begut
achtung Laborbefunde hinsichtlich einer eingenommenen Medikation und eines Screenings des Urins in Bezug auf die Bewusstseinstätigkeit beeinträchtigenden Substanzen zu organisieren (Urk. 15/72). Was er daraus genau ableiten möchte, dass die
se
Tests von der Beschwerdeführerin nicht
selbständig
gemacht wurden, bleibt unklar. Dr.
D._
beliess es bei der Feststellung, die behauptete Alkohol
abstinenz sei nicht zu objektivieren gewesen (E. 3.8.2). In dieser Hinsicht erscheint der Sachverhalt somit als ungenügend abgeklärt.
4.7
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose
voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6).
Zu
erwarten
wäre entsprechend gewesen, dass Dr.
D._
als psychiatrischer Fach
arzt sorgfäl
tig eine Diagnose hergeleitet,
sich anschliessend eingehend mit den Standardindikatoren (E. 1.7-8) auseinander
gesetzt
und schliesslich die attestierte Arbeitsunfähigkeit «gleichsam aus dem Saldo aller wesentlichen Belastungen und Ressourcen» (BGE 141 V 281 E. 3.4.2.1)
abgeleitet hätte
.
Eine Auseinandersetzung mit gewissen Standardindikatoren ist im Gutachten von Dr.
D._
zwar erkennbar
(vgl. etwa E. 3.8.5)
. Indem er aber daraus den Rück
schluss zog, es seine keine «IV-relevante Diagnose» festzustellen (E. 3.8.6) kehrte er die vorgesehene Pr
üfreihenfolge gewissermassen um und verzichtete auf das Stellen einer
fachärztlichen
Diagnose. Es ist der Beschwerdeführerin insofern zuzustimmen, als sie
in ihrem Einwand
im Rahmen des
Vorbescheidverfahrens
vorbrachte
, Dr.
D._
mache in seinem Gutachten wiederholt den Fehler, dass er bereits vor der Diagnosestellung festhalte, dass die Diagnose keine sozialver
sicherungsmedizinische Relevanz begründe (Urk. 15/89 S. 2 Mitte Ziff. 2
; vgl. auch Urk. 1 S. 5 Mitte Ziff. 1
).
4.8
Was den von ihm beleuchteten, beweisrechtlich entscheidenden Aspekt der «Konsistenz» beziehungsweise der «gleichmässigen Einschränkung des
Aktivitä
ten
niveaus
in allen vergleichbaren Lebensbereichen»
(vgl. E. 1.8)
angeht,
ist nicht nachvollziehbar, inwiefern der Besuch von Deutschkursen oder die Anmeldung beim RAV gegen eine relevante psychische Gesundheitsstörung sprechen sollten (vgl. E. 3.8.5
sowie E. 3.8.7
). Eine solche liegt nicht erst dann vor, wenn die Ver
sicherte zu keinerlei Aktivitäten mehr fähig ist, stellt sich doch stets auch die Frage nach einer Teilarbeitsfähigkeit.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin gemäss ihren bei Dr.
E._
deponierten Angaben
erhebliche Schwierigkeiten habe, aus dem Bett zu kommen, und daher
erst gegen 12 Uhr zum Deutschk
urs erscheine, obwohl dieser eigentlich schon um 9 Uhr beginne (E. 3.3).
Im Übrigen handelt es sich beim Deutschkurs um eine Massnahme der Selbsteingliederung, was ganz im Sinne des Prinzips «Eingliederung vor Rente» ist und als solche keinesfalls einen Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin im Vornherein zu verhindern vermag. Stimmiger Weise hatte die Beschwerdegegnerin denn auch am 4. Juni 2019 im Sinne einer Frühinterventionsmassnahme die Kosten für einen Deutschkurs über
nommen (vgl. Urk. 15/32).
Es ist sodann notorisch, dass Anmeldungen beim RAV
unabhängig vom Vorliegen einer Arbeitsfähigkeit
getätigt werden.
Auch hier ver
mögen die Ausführungen des Gutachters somit nicht zu überzeugen.
Weder ist
eine Inkonsistenz augenfällig noch wurde eine Prüfung aller massgeblichen Indikatoren vorgenommen.
4.9
Bereits im
Januar 2019 wurde von der Hausärztin festgehalten, es bestehe teil
weise eine Belastung durch Geschehnisse in der Familie (E. 3.1)
.
Im
Juni 2019
führte
Dr.
E._
aus
, es habe gemäss Angaben der Beschwerdeführerin in ihrer früheren Entwicklung diverse negative Besonderheiten und Schwierigkeiten gegeben, über welche sie aktuell nicht reden wolle (E. 3.3). Dies wurde bei Dr.
D._
im September 2020 offenbar kaum thematisiert, jedenfalls hielt dieser keine gravierenden biographischen Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter fest (E. 3.8.4). Konkreter wurde die Beschwerdeführerin dann im Oktober 2020 offenbar gegenüber den Behandlern der
Psychiatrie M._
, wo sie schilderte, der Vater sei ver
bal und physisch gewalttägig gewesen und habe auch sexuelle Gewalt ihrer Mut
ter und Schwester gegenüber ausgeübt (E. 3.9). Nochmals später berichtete sie ihren ambulanten Behandlern, sie
sei
in der Kindheit auf schwerste Weise sexuell missbraucht worden (E. 3.14.4).
Wie es sich damit verhält, erscheint vorliegend als relevant.
So hielt Dr.
E._
ausdrücklich fest, es sei hinlänglich bekannt, dass
Adversitäten
in den früheren Entwicklungsphasen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von affektiven und neurotischen Störungen im späteren Leben erhöhten (E. 3.3).
Die Behandler erachten dieses Risiko im konkreten Fall der Beschwerdeführerin als eingetreten (E. 3.14.4).
4.10
Nach dem Gesagten kommt dem psychiatrischen Gutachten von Dr.
D._
man
gels Schlüssigkeit und mangels überzeugender Auseinandersetzung mit den
Vorakten
kein Beweiswert zu (E. 1.5), weshalb nicht darauf abgestellt werden kann. Ebenfalls nicht voll beweiskräftig und zudem nicht mehr genügend aktuell sind die Einschätzungen durch Dr.
E._
aus dem Jahr 2019 (vgl. E. 4.1-3). Nachdem
behandelnde Ärzte
erfahrungsgemäss
im Hinblick auf ihre auftrags
rechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 351 E. 3a/cc S. 353)
, kann auch auf die Einschätzungen durch Lic. phil.
N._
und Dr.
O._
nicht unbesehen abgestellt werden. Ohne
hin wäre zur
rechtsgenügenden
Evaluierung der Arbeitsfähigkeit noch das höchstrichterlich vorgesehene strukturierte Beweisverfahren (E. 1.7-8) durchzu
führen, was die Aktenlage derzeit nicht zulässt.
4.11
Der
medizinische Sachverhalt
kann somit nicht erstellt werden. Insbesondere kann nicht gesagt werden, ob und inwiefern die Beschwerdeführerin von einer Invalidität bedroht
ist
und entsprechend Anspruch auf die beantragten Einglie
derungsmassnahmen hat (E. 1.4). Das zuverlässig festgestellte Ausmass ihrer
aktuellen
Arbeitsfähigkeit ist sodann von Relevanz für die geordnete Durchfüh
rung von allfälligen Eingliederungsmassnahmen.
Die Beschwerdegegnerin ist ihrer Untersuchungspflicht nicht nachgekommen, indem sie auf das nicht beweiswertige Gutachten von Dr.
D._
abgestellt hat (E. 4.3-10
). Die Frage nach dem Vorliegen eines Abhängigkeitssyndroms
(E. 4.6)
und
von relevanten
Adversitäten
in den früheren Entwicklungsphasen (E. 4.9)
sowie
nach der allfälligen Einordnung der festgestellten Geräuschüberempfind
lichkeit (E. 3.11-12)
sind sodann vollständig ungeklärt (vgl. BGE 139 V 99 E. 1.1
).
4.12
Die Sache ist daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach
Einholung eines neuen psychiatrischen Gutachtens
eine neue Beurteilung vor
nehme und
über den Leistungs
an
spruch der Beschwerdeführerin
neu verfüge.
In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 800.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Nach § 34 Abs. 1 GSVGer hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3 GSVGer).
Nach ständiger Recht
sprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57
E. 2.2), weshalb die vertretene Beschwer
deführerin Anspruch auf eine Prozess
ent
schädigung hat.
Beim praxisge
mässen Stundenansatz von Fr. 185
.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ist die Prozessentschädigung ermesse
nsweise auf Fr. 2’2
00.-- (inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.