Decision ID: d9717ba6-b9fc-5154-8054-ee528b3c9d26
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am (...) August 2018 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person vom 31. August 2018 (BzP;
Protokoll in den SEM-Akten A8/17) und der Anhörung vom 14. November
2019 (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten A23/22) machte er im We-
sentlichen Folgendes geltend:
Er sei ethnischer Perser, in B._ geboren, wo er bis zu seiner Aus-
reise wohnhaft gewesen sei. Er habe die Schule im Jahr (...) mit der Matura
abgeschlossen und danach vier Semester (...) studiert. Dieses Studium
habe er im Frühling (...) abgebrochen. Am (...) 2012 habe er seine Ehefrau
geheiratet, welche noch immer im Iran sei. Die Sepāh-e Pāsdārān-e En-
qelāb-e Eslāmī (Sepah, dt. Armee der Wächter der Islamischen Revolution
oder Iranische Revolutionsgarde) habe ihn im Jahr (...) einmal vier Nächte
lang festgehalten. Damals habe er begonnen, sich über das Christentum
zu informieren und sei aus diesem Grund oft zur (...) Kirche in B._
gegangen, wo er sich auch mit dem Pfarrer unterhalten habe. Ausserdem
habe er ein Kreuz um den Hals getragen. Bei der Festnahme hätten sie ihn
gefragt, ob er mit Organisationen in Verbindung stehe. Er sei bedroht und
nach der Unterzeichnung einer Vereinbarung – mit welcher er eingewilligt
habe, künftig nichts mehr im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben
zu unternehmen – freigelassen worden. 2014 sei er zum Christentum kon-
vertiert. Bis (...) 2015 habe er in einer Firma als (...) gearbeitet. Danach
sei er C._ gereist, um sich taufen zu lassen, und habe sich in der
Folge im Iran stark für seine Religion engagiert, indem er Bibeln verteilt und
Leute, die hätten konvertieren wollen, in einem Hotel in B._ getauft
habe. Die Sepah habe von seinen Aktivitäten erfahren und ihn im besagten
Hotel aufgesucht. Danach sei er sofort mit seiner Ehefrau nach D._
gefahren, wo er zwei Tage später von seiner Schwester darüber informiert
worden sei, dass die Sepah ihn auch zu Hause gesucht habe. Noch am
selben Tag, dem (...) 2016, habe er den Iran endgültig und legal verlassen.
In E._ habe er den Aufenthaltsstatus eines Flüchtlings erhalten und
seinen Lebensunterhalt als (...) verdient. Er sei weiterhin für das Christen-
tum – vor allem in den sozialen Medien – aktiv gewesen, weshalb im (...)
2017 im Iran ein Verfahren wegen "Massnahmen gegen die nationale Si-
cherheit durch christliche Propaganda" gegen ihn eröffnet worden sei. Die
Sicherheitsbehörden hätten seinen Vater zum Verhör vorgeladen und auch
den Rest seiner Familie behelligt. Nachdem er sich an die UNO gewendet
habe, sei sein Vater erneut vorgeladen und darüber informiert worden,
E-4001/2020
Seite 3
dass die Einheit Sepah 400 seinen Sohn (den Beschwerdeführer) auf irre-
guläre Weise in den Iran holen würde, sollte er seine Tätigkeit nicht einstel-
len. Ausserdem habe er während seines Aufenthalts in C._ wieder-
holt Telefonanrufe einer Person erhalten, die gesagt habe, sie sei von E-
telaat Sepah, und ihm ebenfalls gedroht habe, ihn in den Iran zurückzuho-
len, sollte er mit seinen Aktivitäten fortfahren. Seine Ehefrau sei in dieser
Zeit zwischen C._ und dem Iran gependelt, bis ihr einmal die Aus-
reise aus dem Iran verboten worden sei. Nachdem sie ihren Vornamen
habe ändern und sich einen neuen Pass ausstellen lassen, habe sie ihn
wieder besuchen können. Für den Fall weiterer Besuche durch die Behör-
den bei seiner Ehefrau hätten sie fiktive Scheidungsunterlagen angefertigt,
wonach sie tatsächlich in Ruhe gelassen worden sei. Am (...) 2018 sei er
schliesslich C._ ausgereist und habe nach F._ – dem Zent-
rum seiner Kirche – reisen wollen. Die Schlepper hätten ihn aber in Bern
nicht wie abgemacht abgeholt, weshalb er in der Schweiz um Asyl ersucht
habe. Nach seiner Ausreise seien Verwandte behelligt und die Telefone
überwacht worden, weshalb er den Kontakt minimiert habe. Sollte er in den
Iran zurückkehren müssen, würden ihn im besten Fall fünfzehn Jahre Haft,
im schlechtesten Fall die Hinrichtung erwarten.
Im (...) 2019 habe man sein Handy gehackt und eine Person mit einer (...)
IP-Adresse habe versucht, auf seine E-Mail zuzugreifen. Er leite mittler-
weile die grösste persische Predigerkampagne, dies auf (...), (...) und (...).
A.b Im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerde-
führer diverse Dokumente zu seiner Identität und seinem Personenstand –
teilweise im Original – ein. Des Weiteren gab er seinen Führerschein (Ori-
ginal vom SEM zurückgegeben) und einen Militärausweis zu den Akten.
Als weitere Beweismittel reichte der Beschwerdeführer insbesondere ein:
– fremdsprachige Dokumente, bei denen es sich um Scheidungsunterla-
gen aus C._ handle (in Kopie),
– eine handschriftliche Notiz mit biografischen Eckdaten, die er anläss-
lich der BzP vor sich hatte und vom SEM zu den Akten genommen
wurde (vgl. A8 Ziff. 1.17.05),
– ein Taufzertifikat der G._ vom 15. Dezember 2015 (Original),
– ein Unterstützungsschreiben von G._ vom 26. Mai 2018 (Ko-
pie),
E-4001/2020
Seite 4
– ein Unterstützungsschreiben einer Privatperson namens H._
vom 6. November 2019 (Original),
– ein Unterstützungsschreiben eines Pastors der I._ vom 10. No-
vember 2019 (Original) sowie eine Kopie einer Mitgliederkarte der
I._,
– einen USB-Stick, enthaltend insbesondere diverse Fotografien, Filme
und Dokumente betreffend seine Tätigkeiten für das Christentum,
– eine handschriftliche Notiz betreffend seine Profilnamen auf den sozi-
alen Medien,
– einen Screenshot einer Meldung betreffend einen Hackerangriff auf
sein E-Mailkonto.
A.c Seinen Gesundheitszustand betreffend gab er zu Protokoll, seit seiner
Kindheit Probleme mit (...) zu leiden, dies sei aber nicht akut.
B.
Mit Schreiben vom 17. Dezember 2018 stellte der Beschwerdeführer ein
sinngemässes Gesuch um Familiennachzug betreffend seine Ehefrau,
welches das SEM mit Schreiben vom 20. Dezember 2018 aufgrund des
hängigen Asylverfahrens ad acta legte.
C.
Am 11. November 2019 ging beim SEM ein Schreiben des Beschwerde-
führers ein, wonach sein Email-Konto erneut, möglicherweise von einer
Regierung, gehackt worden sei, und gab einen Ausdruck dieser Nachricht
sowie einen Screenshot seines Nachrichteneingangs zu den Akten.
D.
D.a Am 8. Mai 2020 forderte die Vorinstanz den Beschwerdeführer dazu
auf, seine in der Schweiz ausgeübten religiösen Aktivitäten detailliert zu
beschreiben und mit entsprechenden Unterlagen zu belegen.
D.b Dieser Aufforderung kam der Beschwerdeführer mit Schreiben vom
19. Mai 2020 nach. Er gab an, dass er bereits im Iran und auch auf der
Flucht C._ und in J._ als christlicher Priester tätig gewesen
sei. Aktuell halte er bereits den 18. Online-Kurs ab. Die Kurse fänden je-
weils montags und freitags statt und dauerten etwa eineinhalb Stunden.
Am Ende der Lektion gäbe es Zeit für Fragen der Kursteilnehmer. Zum
Abschluss des Kurses finde eine mündliche Prüfung statt und nach Beste-
E-4001/2020
Seite 5
hen erhielten die Teilnehmer ein Zertifikat. Solche habe er dem SEM be-
reits als Beweismittel eingereicht. Zusammen mit der Eingabe reichte er
eine Liste der Kursteilnehmenden sowie einen Screenshot der Gruppe und
ein weiteres Referenzschreiben von H._ vom 16. Mai 2020 zu den
Akten.
E.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2020 – eröffnet am 10. Juli 2020 – verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein
Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus der
Schweiz und deren Vollzug an.
F.
Mit Beschwerde vom 9. August 2020 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragt der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung
von Asyl. Eventualiter sei der Vollzug der Wegweisung aufgrund der Unzu-
lässigkeit – subeventualiter wegen Unzumutbarkeit – auszusetzen und er
sei vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. Subsubeventualiter sei die Sa-
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und um Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechts-
beiständin.
Nebst einer Fürsorgebestätigung des Amts für Migration und Zivilrecht
K._ vom 30. Juli 2020 reichte der Beschwerdeführer folgende Be-
weismittel zu den Akten:
– einen USB-Stick enthaltend zahlreiche Fotos und fremdsprachige Vi-
deos,
– Ausdruck eines Fotos betreffend das Hotel in B._, in dem er
Taufen vorgenommen habe
– ein Unterstützungsschreiben von L._, Präsident von
M._ vom 3. August 2020,
– ein Unterstützungsschreiben von N._ vom 2. August 2020 so-
wie das bereits bei der Vorinstanz eingereichte Unterstützungsschrei-
ben der G._ vom 26. Mai 2018,
– einen Ausdruck der Titelseite seines Facebook-Accounts.
E-4001/2020
Seite 6
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 12. August 2020 bestätigte das Bundesver-
waltungsgericht den Eingang der Beschwerde und stellte fest, der Be-
schwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der
Schweiz abwarten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
In Bezug auf das AsylG gilt das alte Recht (Abs. 1 der Übergangsbestim-
mungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
E-4001/2020
Seite 7
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
4.
4.1 Zur Begründung des Asylentscheids führte die Vorinstanz aus, die Vor-
bringen des Beschwerdeführers genügten den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit nicht, da es ihnen an Nachvollziehbarkeit und innerer Logik
fehle. Zwar habe sich der Beschwerdeführer möglicherweise mit dem
christlichen Glauben auseinandergesetzt. Dass er jedoch im von ihm gel-
tend gemachten Ausmass missionarisch tätig gewesen sei und die Sicher-
heitskräfte davon Kenntnis erlangt sowie ihn deswegen verfolgt hätten,
könne nicht geglaubt werden. Seine Ausführungen zur Annäherung an das
Christentum seien überaus stereotyp ausgefallen und entsprächen gängi-
gen Begründungen für vorgeschobene Konversionen. Es wäre zu erwarten
gewesen, dass er nicht nur individueller und substantiierter, sondern auch
fundierter vom Moment hätte erzählen können, als er begonnen habe, sich
für das Christentum zu interessieren. Die Schilderungen seiner Tätigkeiten
seien auch nicht mit seinem angeblichen "Auffliegen" vereinbar. Einerseits
habe er Kopien von Bibeln und CD in B._ hinter die Scheibenwi-
scher der Autos geklemmt, in Briefkästen geworfen und auf den Friedhöfen
E-4001/2020
Seite 8
verteilt. Andererseits führe er die angebliche Suche der Sepah nach ihm
darauf zurück, dass er wohl seit (...) auf deren Radar gewesen und beo-
bachtet worden sei. Hätten die Sicherheitskräfte ihn tatsächlich seit (...)
beobachtet, wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen, unbemerkt und un-
behelligt christliche Materialien in der Stadt zu verteilen. Des Weiteren sei
er ausserstande gewesen, plausibel zu erklären, weshalb die Sicherheits-
kräfte von seinen Taufen im Hotel Kenntnis haben sollten, vor allem, da die
Beobachtung seit (...) nicht geglaubt werden könne und der Zweck des
Hotelbesuchs auf den Aufnahmen nicht ersichtlich sei. Dieser Eindruck
werde durch seine Aussagen hinsichtlich der Intensität der missionarischen
Tätigkeit erhärtet. Gemäss eigenen Angaben habe er erst nach seiner
Taufe im (...) 2015 – bis zu seiner Ausreise im (...) 2016 – damit begonnen,
selbst weitere Konvertiten zu taufen. Insgesamt habe er in dieser Zeit-
spanne 25 bis 30 ihm bekannte Personen getauft. Es sei unwahrscheinlich,
dass sich so viele konversionswillige Personen in seinem engeren Bekann-
tenkreis befunden hätten. Ausserdem entbehre es angesichts des Umfelds
im Iran jeglicher Nachvollziehbarkeit, dass all seine Freunde sich in derart
kurzer Zeit – insbesondere vor dem Hintergrund der möglichen Folgen in
einem Staat wie Iran – zu diesem einschneidenden Schritt entschieden
hätten. Im Übrigen erstaune auch, dass er keinerlei Probleme seiner an-
geblichen Täuflinge geltend mache, obwohl zu erwarten gewesen sei, dass
diese einvernommen worden wären, wäre er tatsächlich im Fokus der Be-
hörden gestanden. Schliesslich seien auch seine Aussagen zum angebli-
chen Strafverfahren durchwegs substanzlos und vage ausgefallen. Er
habe nicht darlegen können, wie er davon Kenntnis erhalten habe. Zum
einen habe er gesagt, es sei im bewusst geworden, als sein Vater verhört
worden sei, zum anderen wolle er erst durch den Hackerangriff auf sein
Handy davon erfahren haben. Beide Antworten seien unzureichend, um
auf ein tatsächlich eröffnetes Strafverfahren wegen missionarischer Tätig-
keit zu schliessen. An diesen Erörterungen vermöchten auch die einge-
reichten Beweismittel nichts zu ändern. Auf den verschiedenen Fotos seien
Leute zu sehen, die offenbar in Badewannen oder in einem See getauft
würden, die Örtlichkeiten seien jedoch nicht erkennbar. Auf den Videos
seien Personen zu sehen, die Parolen auf Wände sprayten, ein Zusam-
menhang zum Beschwerdeführer sei aber nicht ersichtlich. Dasselbe gelte
für die Fotos und Videos von Frauen mit zahlreichen offenbar persischspra-
chigen Bibeln sowie der Liste mit iranischen Adressen.
Es erscheine zwar plausibel, dass der Beschwerdeführer seinen christli-
chen Glauben in der Schweiz in verschiedener Form ausübe, jedoch nicht
im geltend gemachten Umfang. Es sei daher nicht davon auszugehen,
E-4001/2020
Seite 9
dass das iranische Regime von seiner Glaubensausübung erfahren könne
oder bereits erfahren habe, und dass seine Tätigkeiten vom Regime als
Angriff auf den Staat angesehen würden. Dagegen spreche insbesondere,
dass er offenbar die meisten seiner Tätigkeiten nicht unter seinem Namen
ausübe, sondern jeweils unter einem Pseudonym auftrete. Die verschiede-
nen Schreiben der christlichen Gemeinschaften erwähnten ihn teils unter
dem Pseudonym, teils unter seinem richtigen Namen. Es sei somit davon
auszugehen, dass er allenfalls in christlichen Gemeinschaften unter sei-
nem richtigen Namen bekannt sei, in diesem Zusammenhang mache er
jedoch keine besonders exponierten Tätigkeiten geltend. Es bestehe folg-
lich kein Grund zur Annahme, dass der Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr in den Iran deswegen begründete Furcht vor Verfolgung durch die
Behörden habe.
4.2 Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, seine Aussagen seien
durchaus glaubhaft. Die Nachbarschaft zu einem imposanten Bau wie der
O._ könne ohne Zweifel die Aufmerksamkeit eines Jugendlichen für
die entsprechende Glaubensgemeinschaft wecken, insbesondere aber
auch das tägliche Glockengeläut und der persönliche Kontakt mit einzel-
nen, besonders sympathisch erscheinenden Exponenten dieser Glaubens-
gemeinschaft. Komme die einfühlsame persönliche Unterweisung durch ei-
nen Geistlichen hinzu, erscheine die Bereitschaft zur vertieften Beschäfti-
gung damit wahrscheinlich. Es sei wohl kaum je der Gegenbeweis zu einer
vorgeschobenen Konversion erbracht worden, zumal sich solche inneren
Vorgänge schlecht beweisen liessen. Im Übrigen fänden sich zahlreiche
persönliche Schilderungen zur Bekehrung in den Akten, so unter anderem
jene zum Erweckungstraum. Ausserdem weise er eine überdurchschnittli-
che Bibelfestigkeit auf.
Dass er seit (...) unter Beobachtung stehe, sei lediglich eine Vermutung
gewesen. Es sei möglich, dass die Beobachtung durch die Sepah punktuell
erfolgt und anfänglich nicht intensiv oder nicht permanent gewesen, son-
dern erst mit Feststellung weiterer Indizien dichter geworden sei. Er habe
erklärt, sich bei seiner Verteilaktionen auf die Quartiere der Armen kon-
zentriert zu haben, wo die Überwachung des öffentlichen Raumes nicht
verbreitet gewesen sei. Der Verdacht, der im Jahr (...) bereits zu einer In-
haftierung geführt habe, dürfte insbesondere durch die auffällige Art seiner
Hotelbesuche im Jahr (...) aktualisiert worden sein und in den geschilder-
ten Behelligungen seiner Verwandten gemündet haben. Auf den bereits
beigebrachten Fotos der Taufen im Hotel sei zu sehen, dass es sich um
E-4001/2020
Seite 10
dieselben Vorhänge und Dekoration handle, wie auf den Bildern des Ho-
tels, die im Internet zu finden seien. Er könne damit seine missionarische
Tätigkeit im Iran und in seiner Heimatstadt B._ rechtsgenüglich
nachweisen. Dass er über die Vorgehensweise der Revolutionsgarden
keine genauen Angaben machen könne, liege in der Natur der Sache, da
die Sepah Teil eines willkürlich handelnden Staates sei. Aufgrund seiner
charismatischen Art und dem Beginn seiner missionarischen Tätigkeit im
Jahr (...) habe er bereits vor seiner Taufe Personen gefunden, die ebenfalls
hätten konvertieren wollen, was die hohe Zahl an Täuflingen in der kurzen
Zeit erkläre. Leider habe er nicht zu allen Täuflingen den Kontakt aufrecht-
erhalten können, weshalb es ihm nicht möglich sei, über deren allfällige
Probleme zu berichten.
Anlässlich der BzP habe er erklärt, dass sein Vater und auch ein entfernter
Schwager berichtet hätten, gegen ihn sei ein Strafverfahren eröffnet wor-
den. Es liege in der Natur der wenig gesetzlichen Verfolgung durch den
iranischen Staat, dass er darüber nur Vermutungen anstellen könne. Das
Fazit des SEM, wonach er eine Verfolgung konstruiert habe, sei nicht nach-
vollziehbar. Er hätte zu diesem Zweck vor langer Zeit im Iran die Filme
drehen, die Fotos aufnehmen und in C._ zum Schein viele weitere
Menschen taufen sowie dies filmisch festhalten müssen. Ausserdem hätten
sowohl die Kontaktaufnahme zur (...) Bewegung als auch die online Missi-
onskampagnen aus rein taktischen Gründen erfolgen müssen. Auch könn-
ten die Sprayaktionen und die Kleberkampagne deutlich im Iran verortet
werden. Dass der iranische Staat, welcher bereits seine Ehefrau, seinen
Vater und seinen Schwager einvernommen habe nicht ihn hinter den Akti-
onen vermute, sei unwahrscheinlich; dies auch angesichts der Tatsache,
dass seine Schweizer Telefonnummer auf den Klebebildern angegeben
sei. Suche man im Internet nach seinem Pseudonym, stosse man schnell
auf seinen Facebook-Account, auf welchem sein Gesicht deutlich erkenn-
bar sei. Die Wahrscheinlichkeit, dass die iranischen Strafverfolgungsbehör-
den beziehungsweise die Sepah keine Kenntnis davon hätten, sei ver-
schwindend gering. Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, der Umstand,
dass er nicht von derselben Person angehört worden sei, die später den
Asylentscheid verfasst habe, wirke sich negativ auf die Beurteilung der
Glaubhaftigkeit aus. Das Plausibilitätsargument dürfe ferner nur in be-
schränktem Masse zur Bewertung der Glaubhaftigkeit beigezogen werden.
Dass er als Person mit hohem Sendungsbewusstsein seine Tätigkeit trotz
einer gewissen Gefährdung Angehöriger nicht einschränke, sei jedenfalls
entgegen der Einschätzung des SEM nicht unplausibel. Zu betonen sei
schliesslich, dass konvertierte Christen im Iran auch als westliche Spione
E-4001/2020
Seite 11
und als politische Aktivisten wahrgenommen würden. Deshalb sei davon
auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in den Iran aufgrund seiner bereits
im Iran erfolgten und entdeckten Missionstätigkeit praxisgemäss asylrele-
vante Verfolgung zu gewärtigen hätte.
Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, er habe sich auch in der Schweiz
nachweislich intensiv der Missionstätigkeit im Iran, in der Schweiz sowie
international gewidmet. Er habe folglich zumindest subjektive Nachflucht-
gründe. Entgegen der Einschätzung des SEM, sei er auch mit Nutzung ei-
nes Pseudonyms leicht identifizierbar. Die Frage, ob und inwieweit von ei-
ner Person vernünftigerweise erwartet werden könne, die drohende Verfol-
gung durch das eigene Verhalten abzuwenden, habe die Vorinstanz nicht
beantwortet. Es könne von ihm klarerweise nicht verlangt werden, sich ei-
ner Verfolgungsgefahr durch diskretes Verhalten zu entziehen, indem er
seine Konversion verheimliche, den christlichen Glauben und Lebensstil im
Verborgenen lebe und sich entgegen seiner Überzeugung gemäss den is-
lamischen und landesüblichen Sitten und Gebräuchen verhalte. Solches
würde zu einem unerträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG führen. Unter diesem Aspekt sei seine Verfolgung im Übrigen
von der Vorinstanz nicht gewürdigt worden.
5.
5.1 Es ist dem Beschwerdeführer insofern beizupflichten, als dass es sich
bei einem Glaubenswechsel um einen inneren Vorgang handelt, weshalb
bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit Zurückhaltung angebracht ist. Dass
sein Interesse am Christentum aufgrund seines Wohnsitzes in der Nähe
der O._ und im Umfeld von (...) Christen geweckt worden sei, ist
nachvollziehbar und kann für sich alleine seine Bekennung zum Christen-
tum noch nicht in Frage stellen. Auch muss nicht in Frage gestellt werden,
dass er sich im Rahmen einer evangelikalen Bewegung G._ im Jahr
2015 hat taufen lassen. Demgegenüber ist dem SEM beizupflichten, wenn
es ausführt, es wären von ihm rund um sein Bekenntnis substantiiertere
und individuellere Aussagen zu erwarten gewesen. Auch geht aus ihnen –
entgegen der Vorbringen in der Beschwerde – nicht ansatzweise eine über-
durchschnittliche Bibelfestigkeit hervor, auch nicht aus den explizit genann-
ten Protokollstellen. Gleiches gilt hinsichtlich angeblicher Realkennzeichen
in der Schilderung des Erweckungstraumes (vgl. A23 F68f.); dieser könnte
ebenso gut nacherzählt sein. Auch erstaunt etwa, dass der Beschwerde-
führer an keiner Stelle eine Reaktion seiner angeblich streng gläubigen,
muslimischen Eltern erwähnte (vgl. A23 F46-48). Hinsichtlich seiner Zu-
wendung zum Christentum ergibt sich nicht zuletzt auch ein Widerspruch
E-4001/2020
Seite 12
aus den vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismitteln und seinen
eigenen Aussagen. Dem Schreiben der G._ vom 26. Mai 2018 ist
nämlich zu entnehmen, der Beschwerdeführer sei 2014 Christ geworden,
nachdem er zwei Jahre lang Hauskirchen besucht habe. Dass er zwischen
2012 und 2014 Hauskirchen besucht habe, machte der Beschwerdeführer
selbst nie geltend. Gewisse Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Glaubens-
wechsels des Beschwerdeführers sind insgesamt durchaus berechtigt. Da-
ran vermag die Bezeugung in den Unterstützungsschreiben, beim Be-
schwerdeführer handle sich um einen ernsthaften Christen, für sich alleine
noch nichts zu ändern. Letztlich kann die Frage aus den folgenden Grün-
den aber offenbleiben.
Das SEM stellt die Auseinandersetzung des Beschwerdeführers mit dem
christlichen Glauben nicht grundsätzlich in Frage, sondern glaubt ihm viel-
mehr das Ausmass seiner diesbezüglichen missionarischen Tätigkeiten
vor seiner Ausreise aus dem Iran nicht, und auch nicht, dass er damit in
entscheidender Weise die Aufmerksamkeit der iranischen Behörden auf
sich gezogen habe. Das Bundesverwaltungsgericht teilt diese Einschät-
zung. Die zu den Akten gegebenen Fotos von angeblichen Taufen in einem
Hotel in B._ vermögen nichts Entscheidendes auszusagen, wie das
SEM zutreffend feststellt. Dass es sich alleine von der Anzahl her um zahl-
reiche Fotos und Videos handelt, ändert daran nichts. Die Beweismittel,
auf denen immer wieder dieselben Personen zu sehen sind, belegen zum
einen den Umfang der geltend gemachten priesterlichen Tätigkeit nicht,
und im Übrigen auch nicht deren Ernsthaftigkeit, zumal auch die Schilde-
rung der Ausbildung zum Pastor und seiner damit einhergehenden Er-
mächtigung, andere zu taufen, sehr schemenhaft erfolgt ist (vgl. A23 F69
und F97). Unabhängig davon ist nicht davon auszugehen, die iranischen
Behörden hätten davon Kenntnis erlangt. Dass der Beschwerdeführer nun
mit Fotos auf Beschwerdeebene nachweisen könne, dass es sich tatsäch-
lich um das angegebene Hotel in B._ gehandelt habe, trägt nichts
zu seinen Gunsten bei. Denn die Besuche der Sepah im Hotel sind nicht
glaubhaft geschildert worden. Wie die Vorinstanz zutreffend festhält, ist
auch nicht ersichtlich, wie die iranischen Behörden von seinen Hotelbesu-
chen auf seine Tätigkeit als Pastor hätten schliessen sollen. Diesbezüglich
sind auch seine Aussagen widersprüchlich, wonach er sich auf der einen
Seite grosse Mühe gegeben habe, bei den Hotelbesuchen nicht aufzufallen
(vgl. A23 F98 f.), aber andererseits seine Besuche im Hotel sehr auffälliger
Art gewesen seien (vgl. Beschwerdeschrift S. 4). Dem Argument des SEM,
wonach es ihm wohl kaum möglich gewesen wäre, unbemerkt und unbe-
E-4001/2020
Seite 13
helligt christliche Materialien in der Stadt zu verteilen, sollten die Sicher-
heitskräfte ihn tatsächlich seit (...) beobachtet haben, kann sodann unein-
geschränkt beigepflichtet werden. Dass er dies nur an Orten getan habe,
die weniger im Fokus der iranischen Behörden seien, überzeugt offensicht-
lich nicht. Bezeichnenderweise konnte der Beschwerdeführer im (...) 2015
den Iran problemlos legal über den Flughafen verlassen und später auch
wieder über die offizielle Grenze einreisen (vgl. A8 Ziff. 2.04). Zutreffend
sind auch die Argumente des SEM im Zusammenhang mit der angeblichen
Taufe zahlreicher Personen innert kurzer Zeitspanne am immer selben Ort;
dies insbesondere angesichts der damit einhergehenden Gefahr des "Auf-
fliegens". Dass er keinerlei Kontakt mehr zu seinen Täuflingen und engen
Weggefährten haben will und nichts über deren Schicksal habe in Erfah-
rung bringen können, vermag gerade vor dem Hintergrund des von ihm
geltend gemachten grossen Netzwerks sowie des regen Kontakts und Aus-
tauschs mit seinen Glaubensgenossen (vgl. A23 F113 ff., Beschwerde-
schrift S. 5) nicht zu überzeugen. Dass ihm eine Kontaktaufnahme zu ge-
fährlich scheine, überzeugt ebenfalls nicht, zumal er ja angibt, trotz der Ge-
fahr für ihn und seine Familie, ein grosses Netzwerk an Kontakten aufrecht
zu erhalten, Schulungen zu geben und Leute für ihn Wände bemalen sowie
Bibeln und Flyer verteilen zu lassen (vgl. ebd. F85 f., Beschwerde S. 5 und
7). Er geht dabei sogar selbst nur von einer "gewissen Gefährdung" und
nicht von einer grossen Gefahr aus (vgl. Beschwerde S. 7). Dass seine
Ehefrau nur aufgrund der angeblichen Scheidung nicht mehr behelligt wor-
den sei (vgl. A8 Ziff. 7.02), ist nicht nachvollziehbar, zumal sie ebenfalls
zum Christentum konvertiert (vgl. A23 F36 f.) sowie sogar seine christliche
Leiterin im Iran gewesen sei (vgl. Referenzschreiben von L._ vom
3. August 2020). Wäre der Beschwerdeführer in den Fokus der iranischen
Behörden geraten, hätten diese offenkundig auch ein Interesse an seiner
Ehefrau, sowohl aufgrund von deren eigenen Tätigkeiten, aber auch, weil
sie über viele den Beschwerdeführer betreffende Informationen verfügen
muss. Hinzu kommt, dass sie die Taufen angeblich teilweise fotografiert
habe – so auch im fraglichen Hotel – wodurch sie ebenfalls auf den angeb-
lichen Überwachungsvideos hätte zu sehen sein müssen (vgl. A23 F110).
Zwar wird im oben genannten Referenzschreiben sowie in jenem von
H._ vom 6. November 2019 davon gesprochen, dass die Ehefrau
des Beschwerdeführers – nach der Entdeckung dessen Verteilerrings und
Netzwerks im Iran sowie ihrer Verhaftung und Misshandlung – das Land
habe verlassen müssen. Dies verträgt sich aber wiederum nicht mit den
Vorbringen des Beschwerdeführers, der so etwas nie vorgebracht hat,
auch nicht auf Beschwerdestufe. Ausserdem widerspricht er sich hinsicht-
lich des Scheidungsgrunds. Zum einen legte er dar, sich scheiden lassen
E-4001/2020
Seite 14
zu haben, da die Familie seiner Ehefrau dies verlangt habe (vgl. A23 F35),
zum anderen habe er dies zum Schutz seiner Ehefrau gemacht (vgl. A8
Ziff. 7.02 und A23 F39). Schliesslich kann dem SEM auch hinsichtlich der
Unglaubhaftigkeit des geltend gemachten Strafverfahrens beigepflichtet,
und es kann vollumfänglich auf seine Begründung verwiesen werden. Der
Einwand in der Beschwerde, es handle sich beim Iran um einen Willkür-
staat, ändert daran nichts. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht,
nähere und weitere Verwandte von ihm seien nach seiner Ausreise behel-
ligt worden, kann er daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten, nachdem
er nicht glaubhaft machen kann, er sei aufgrund seiner Glaubensbetäti-
gung in den Fokus der iranischen Behörden gelangt. Auch ist nicht nach-
vollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer den Kontakt zu seinem Schwa-
ger gänzlich eingestellt habe, nachdem dieser ihm erzählt habe, sämtliche
Nummern seiner Familie würden überwacht, demgegenüber den Kontakt
mit der übrigen Familie aber trotzdem weitergeführt habe, wenn auch ein-
geschränkt (vgl. A23 F75). Nicht nachvollziehbar ist sodann, dass er die
angeblichen Vorladungen seines Vaters zeitlich nicht näher einordnen kann
(vgl. ebd. F80).
5.2 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass zwar eine Beschäftigung des
Beschwerdeführers mit dem Christentum vor seiner Ausreise aus dem Iran
im Jahr 2016 nicht auszuschliessen ist und auch seine Taufe durch eine
evangelikale Bewegung nicht bezweifelt zu werden braucht. Demgegen-
über ist nicht glaubhaft, dass er sich im geltend gemachten Ausmass mis-
sionarisch exponiert hat. Daran vermögen weder die eingereichten Be-
weismittel noch seine Aussage, diese seien nur Beispiele und vom Umfang
her lediglich ein Zehntel dessen, was er beibringen könne, etwas zu än-
dern. Wie erwähnt widerspricht er sich gar mit einzelnen Beweismitteln,
auch hinsichtlich des Inhalts seiner Aktivitäten im Iran. So ist etwa dem
bereits erwähnten Unterstützungsschreiben von H._ vom 6. No-
vember 2019 zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer angeblich im Hei-
matstaat Leiter einer Hauskirche gewesen sei, was er im Asylverfahren nie
vorgebracht hatte. Nicht glaubhaft ist aber insbesondere, und dies ist ent-
scheidend, dass die iranischen Behörden ihn aufgrund seines Glaubens
oder seiner entsprechenden Aktivitäten in asylrechtlich relevanter Weise
im Fokus gehabt hätten. Sollte das für das Jahr 2013 geltend gemachte
Ereignis tatsächlich stattgefunden haben, hat es offensichtlich keine weite-
ren Folgen gehabt. Diese Einschätzung wird nicht zuletzt dadurch bestä-
tigt, dass der Beschwerdeführer im (...) 2016 legal ausreisen konnte (vgl.
A8 Ziff. 5.01).
E-4001/2020
Seite 15
Es ist schliesslich nicht ersichtlich, inwiefern sich der Umstand, dass nicht
dieselbe Person den Asylentscheid verfasst habe, die die Anhörung durch-
geführt habe, nachteilig auf die Glaubhaftigkeitsprüfung ausgewirkt hätte;
bezeichnenderweise wird auch nicht konkret vorgebracht, wo dieser Um-
stand sich negativ ausgewirkt habe. Es erübrigt sich auf weitere Einwände
in der Beschwerde und die eingereichten Beweismittel einzugehen; sie ver-
mögen an der vorgenommenen Würdigung nichts zu ändern.
6.
6.1 In einem weiteren Schritt sind die geltend gemachten subjektiven
Nachfluchtgründe zu prüfen. Der Beschwerdeführer bringt vor, bei einer
Rückkehr ins Heimatland aufgrund seiner Konversion, verbunden mit sei-
ner missionarischen Tätigkeit, flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt zu werden.
6.2 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsland eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl.
Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54
AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuch-
lich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Das vom Gesetzgeber vor-
gesehene Konzept, wonach das Vorliegen von subjektiven Nachfluchtgrün-
den die Gewährung von Asyl ausschliesst, verbietet auch ein Addieren sol-
cher Gründe mit Fluchtgründen, welche vor der Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat entstanden sind und die für sich allein nicht zur Beja-
hung der Flüchtlingseigenschaft und zur Asylgewährung ausreichen (vgl.
Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis-
sion [EMARK] 1995 Nr. 7 E. 7b und 8 S. 67 ff.; EMARK 2000 Nr. 16 E. 5a
S. 141 f., m.w.H.).
6.3
6.3.1 Hinsichtlich der Menschenrechtssituation im Iran, ist festzuhalten,
dass diese schon seit geraumer Zeit in genereller Hinsicht als schlecht be-
zeichnet werden muss. Jegliche Kritik am System der Islamischen Repub-
lik und an deren Würdenträgern ist tabu. Auch die vorliegend interessie-
rende Religionsfreiheit ist nicht gewährleistet. Das Judentum, das Chris-
tentum und der Zoroastrismus geniessen zwar innerhalb des gesetzlichen
Rahmens das Recht auf freie Ausübung ihrer religiösen Riten und Zeremo-
nien und ihre Anhängerinnen und Anhänger dürfen sich in persönlichen
und glaubensspezifischen Belangen gemäss ihren religiösen Vorschriften
E-4001/2020
Seite 16
verhalten. Die diskrete und private Glaubensausübung ist im Iran damit
grundsätzlich möglich, auch wenn dieser Grundsatz nicht nur im alltägli-
chen Leben, sondern auch durch verschiedene Paragraphen des irani-
schen Rechts durchbrochen wird. Christen werden im Iran insbesondere in
wirtschaftlicher, beruflicher und sozialer Hinsicht diskriminiert, was auch
deren Schlechterstellung in ehe-, erb- und strafrechtlichen Angelegenhei-
ten zur Folge hat. Obwohl die offiziellen christlichen Kirchen im Iran gedul-
det werden, sind zudem keine Hauskirchen erlaubt.
6.3.2 Allein der Übertritt vom muslimischen Glauben zum Christentum führt
grundsätzlich noch zu keiner individuellen staatlichen Verfolgung im Iran.
Eine christliche Glaubensausübung vermag gegebenenfalls dann flücht-
lingsrechtlich relevante Massnahmen auszulösen, wenn sie in der Schweiz
aktiv und sichtbar nach aussen praktiziert wird und im Einzelfall davon aus-
gegangen werden muss, dass das heimatliche Umfeld von einer solchen
aktiven, allenfalls gar missionierende Züge annehmenden Glaubensaus-
übung erfährt. Missionierende Tätigkeit wird als Verstoss gegen allgemein
geltende religiöse Grundprinzipien angesehen und als solche verfolgt. Da-
bei richtet sich das Vorgehen der Sicherheitskräfte im Besonderen gegen
Kirchenführer und gegen in der Öffentlichkeit besonders aktive Christen.
Mit einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung durch den iranischen
Staat ist mithin dann zu rechnen, wenn sich eine Person durch eine missi-
onierende Tätigkeit exponiert und Aktivitäten vorliegen, die vom Regime
als Angriff auf den Staat angesehen werden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.1 ff.
und Urteile des BVGer D-4795/2016 vom 15. März 2019 E. 6 m.w.H. und
D-6142/2017 vom 20. Juni 2018 E. 7.3.3).
6.3.3 Die politische Betätigung für staatsfeindliche Organisationen im Aus-
land ist im Iran unter Strafe gestellt. Einschlägigen Berichten zufolge wur-
den in der Vergangenheit Personen verhaftet, angeklagt und verurteilt, die
sich unter anderem im Internet kritisch zum iranischen Staat geäussert hat-
ten. Es ist im Übrigen bekannt, dass die iranischen Behörden die politi-
schen Aktivitäten ihrer Staatsbürger im Ausland überwachen und erfassen.
Mittels Einsatzes moderner Software dürfte es den iranischen Behörden
auch möglich sein, die im Internet vorhandenen grossen Datenmengen ge-
zielt und umfassend zu überwachen. Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob die
Aktivitäten einer asylsuchenden Person bei einer allfälligen Rückkehr in
den Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im
flüchtlingsrechtlichen Sinn nach sich ziehen. Dabei ist davon auszugehen,
dass sich die iranischen Geheimdienste auf die Erfassung von Personen
E-4001/2020
Seite 17
konzentrieren, die über die massentypischen, niedrigprofilierten Erschei-
nungsformen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen ausgeübt und/o-
der Aktivitäten vorgenommen haben, welche die jeweiligen Personen aus
der Masse der mit dem Regime Unzufriedenen herausstechen und als
ernsthafte und gefährliche Regimegegner erscheinen lassen. Zu einem ge-
wissen Mass darf zudem davon ausgegangen werden, dass die iranischen
Sicherheitsbehörden zwischen tatsächlich politisch engagierten Regime-
kritikern und Exilaktivisten, die mit ihren Aktionen in erster Linie die Chan-
cen auf ein Aufenthaltsrecht zu erhöhen versuchen, unterscheiden (vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.4.3; Urteile des Bundesverwaltungsgerichts
D-830/2016 vom 20. Juli 2016 E. 4.2 und E-5292/2014 vom 25. Februar
2016 E. 7.4 m.w.H).
6.4
6.4.1 Es stellt sich nun die Frage, inwiefern der Beschwerdeführer vor dem
umschriebenen Länderhintergrund bei einer allfälligen Rückkehr ins Hei-
matland aufgrund seiner Aktivitäten nach seiner Ausreise aus dem Iran ei-
ner Verfolgung durch die iranischen Behörden ausgesetzt wäre. Der Be-
schwerdeführer macht insbesondere geltend, bereits während seines Auf-
enthaltes in C._ und später in J._ weitere Personen getauft
zu haben, sich selbst weiter mit dem Christentum beschäftigt, Kampagnen
auf sozialen Medien geführt sowie Schüler unterrichtet zu haben. Auch
habe er Bibelversände in den Iran veranlasst und Personen vor Ort seien
für ihn aktiv geworden, indem sie unter anderem Wände besprayt und Flyer
verteilt hätten. Diese Aktivitäten führe er von der Schweiz aus fort. Hier
besuche er auch regelmässig Gottesdienste verschiedener christlicher Ge-
meinden.
6.4.2 Vorab ist festzustellen, dass der Behauptung des Beschwerdefüh-
rers, er sei in C._ seitens einer Person der Sepah bedroht worden,
mit der Feststellung, er sei bis zur Ausreise aus dem Iran nicht in den Fokus
der iranischen Behörden gelangt, weitestgehend die Grundlage entzogen
ist. Es ist aber auch nicht anzunehmen, er sei aufgrund seiner Aktivitäten
nach der Ausreise in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise in deren Fokus
geraten.
6.4.3 Das Gericht bezweifelt, wie das SEM, nicht, dass der Beschwerde-
führer seinen Glauben in der Schweiz ausübt. Wie erwähnt, führt der Über-
tritt zum christlichen Glauben für sich alleine jedoch noch nicht zu einer
staatlichen Verfolgung im Iran (vgl. oben E. 6.3.2; vgl. auch bestätigt u.a.
in: DFAT Country Information Report - Iran - 14 April 2020; Ziff. 3.56 ff.,
https://www.ecoi.net/en/file/local/2029778/country-information-report-iran.pdf
E-4001/2020
Seite 18
abgerufen 24. Februar 2021). Dies wird gar vom Beschwerdeführer selbst
bestätigt, wenn er angibt, ein Christ werde allein aufgrund seines Glaubens
nicht verfolgt im Iran, sondern nur, wenn er entsprechend Propaganda be-
treibe; nur wegen seiner Propaganda sei er ausgereist (vgl. A23 F71f.).
Damit ist gleichzeitig seinem Argument, für den Fall seiner Rückkehr sei
alleine im Zusammenhang mit seinem Bekenntnis zum Christentum von
einem unerträglichen psychischen Druck auszugehen, die Grundlage ent-
zogen. Warum das SEM sich ausdrücklich damit hätte befassen müssen
ist nicht ersichtlich, und der entsprechende Rückweisungsantrag ist abzu-
weisen.
6.4.4 Es ergibt sich sodann aus den eingereichten Beweismitteln, dass der
Beschwerdeführer sich auch in der Schweiz für das Christentum, vorab im
Rahmen evangelikaler Gemeinschaften, engagiert. So schreibt H._
in seinen Unterstützungsschreiben, dass der Beschwerdeführer seit Be-
ginn 2019 wöchentlich eine Kleingruppe besuche und hin und wieder den
Sonntagsgottesdienst der Kirche P._ in Q._, und dass er seit
der Corona-Krise auch online an Treffen teilnehme. Von den Persisch spre-
chenden Personen werde er zuweilen als Pastor angesprochen, da er im
Iran eine Hauskirche geleitet habe. Dem Unterstützungsschreiben eines
Pastors der I._ vom 10. November 2019 ist einzig zu entnehmen,
dass er Mitglied sei und die Gemeinde regelmässig besuche. Dem auf Be-
schwerdestufe eingereichten Unterstützungsschreiben von N._ ist
schliesslich zu entnehmen, dass Pastor R._ (G._) in einem
Gespräch die Ernsthaftigkeit langjährige missionarischen Tätigkeit des Be-
schwerdeführers bestätigt, sowie diesen 2019 in S._ getroffen zu
haben, wobei der Pastor darin bestärkt worden sei, den Beschwerdeführer
in seinen Aktivitäten zu unterstützen. Auch habe er erfahren, dass der Be-
schwerdeführer seit einigen Monaten an einer Online-Bibelschule in
T._ eingeschrieben sei. Die mittels USB-Stick eingereichten Be-
weismittel enthalten unter anderem zahlreiche Fotos und (fremdsprachige)
Videos einer weiblichen Person mit Paketen voller Bücher (vermutlich Bi-
beln), die auch in Einzelumschläge weiterverpackt werden, zahlreiche Fo-
tos und Videos von einigen Personen, die in Badezimmern oder einem See
getauft würden, Fotos von Zertifikaten, gezeichnet U._, wonach die
Absolvierung eines Einführungskurses zum Christentum bestätigt werde,
Bilder eines Hotels drinnen und draussen, Ausdruck "mein Buch" (fremd-
sprachig).
Aus all diesen Beweismitteln ergibt sich zwar, dass der Beschwerdeführer
möglicherweise Online-Kurse mit christlichem Inhalt abhält und auch Posts
E-4001/2020
Seite 19
mit entsprechendem Inhalt auf verschiedenen sozialen Medien veröffent-
licht und in Gruppen aktiv ist. Das von ihm geltend gemachte Ausmass sei-
nes Engagements, dessen überdurchschnittliche Reichweite, aber insbe-
sondere, dass die iranischen Behörden darin einen Angriff auf das Regime
sehen würden, vermag er aber auch damit nicht glaubhaft zu machen. Da-
ran ändert der Umstand, dass die Anzahl der eingereichten Fotos und Vi-
deos hoch sei und ausserdem nur einem Zehntel entsprächen, noch nichts.
Es kann an dieser Stelle zunächst auf die vorinstanzlichen Erwägungen
verwiesen werden. Gegen die Grösse und den Umfang seines Netzwerkes
und seiner Reichweite spricht auch, wie bereits dargelegt, dass er trotz der
angeblich "grössten Predigerkampagne der Welt" zu keinem seiner 25 bis
30 iranischen Täuflingen mehr Kontakt haben will. Den beigebrachten Vi-
deos und Fotos betreffend angeblichen Versand und Verteilung von Bibeln
in den Iran ist sodann auch nichts zu entnehmen, was überhaupt mit dem
Beschwerdeführer in Zusammenhang gebracht werden könnte. Dasselbe
gilt für die Videos von Personen, die Wände bemalen. Die verteilten Kleber
und Zettel verweisen zwar auf seine Profile in den sozialen Medien, auf
diesen verwendet er aber immer sein Pseudonym. Schliesslich ist erneut
darauf hinzuweisen, dass ihm nicht geglaubt wird, dass seine Familienan-
gehörigen im Iran nach seiner Ausreise durch die iranischen Behörden be-
helligt worden sind. Er macht auch nicht geltend, seine Anhänger, die im
Iran für ihn Flyer verteilt und aufgeklebt sowie Wände bemalt hätten, seien
irgendwie belangt beziehungsweise verfolgt oder auch nur zu ihm befragt
worden, obwohl diese offensichtlich nicht sehr vorsichtig vorgegangen
sind. Soweit der Beschwerdeführer schliesslich geltend macht, sein E-Mail-
konto sei gehackt worden, vermutet er nur, dies seien die iranischen Be-
hörden gewesen (vgl. A23 F84). Den eingereichten diesbezüglichen Doku-
menten ist zum einen einzig ein Hacking-Versuch zu entnehmen und es
kann zum andern der Meldung kein Zusammenhang zu seinem Konto ent-
nommen werden.
Wie bereits dargelegt, ist nur dann mit der notwendigen hohen Wahr-
scheinlichkeit von ernsthaften Nachteilen in naher Zukunft, das heisst von
einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG durch iranischen Staat auszu-
gehen, wenn der Glaubenswechsel aufgrund aktiver oder missionierender
Tätigkeiten bekannt wird und zugleich Aktivitäten des Konvertiten vorlie-
gen, die vom Regime als Angriff auf den Staat angesehen werden. Der
Beschwerdeführer war weder vor seiner Ausreise noch nachher politisch
gegen das iranische Regime aktiv. Es ist nicht davon auszugehen, dass
seine Tätigkeit inhaltlich und vom Ausmass her die Aufmerksamkeit der ira-
nischen Behörden erregen dürfte. Selbst wenn sie aber tatsächlich auf ihn
E-4001/2020
Seite 20
aufmerksam würden, ist nicht mit der notwendigen Wahrscheinlichkeit da-
von auszugehen, sie sähen in seinen Tätigkeiten einen Angriff auf das ira-
nische Regime. Es ist eher anzunehmen, sie würden davon ausgehen, er
versuche mit seinen Aktionen in erster Linie die Chance auf Erlangung ei-
nes Aufenthaltsrechts in der Schweiz zu verbessern (vgl. E. 6.3.3). Es er-
übrigt sich, auf weitere Vorbringen oder Beweismittel einzugehen, zumal
sich der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit allfälligen subjektiven
Nachfluchtgründen auf Beschwerdestufe im Wesentlichen darauf be-
schränkt, pauschal zu behaupten, Konvertiten würden vom iranischen Re-
gime als westliche Spione angesehen und deshalb verfolgt, was in dieser
Allgemeinheit offensichtlich nicht zutrifft, und auch nicht in Bezug auf den
Beschwerdeführer.
6.5 Das Vorliegen von subjektiven Nachfluchtgründen ist somit zu vernei-
nen.
7.
Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss,
dass dem Beschwerdeführer weder zum Zeitpunkt seiner Ausreise noch
zum heutigen Zeitpunkt oder in absehbarer Zukunft in begründeter Weise
droht, aufgrund seiner Konversion oder wegen seinen missionarischen Ak-
tivitäten in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise in seinem Heimatland ver-
folgt zu werden. Die Vorinstanz hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
E-4001/2020
Seite 21
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
E-4001/2020
Seite 22
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Dies ist ihm nicht gelungen. Auch der EGMR sieht in der all-
gemeinen Menschenrechtssituation im Iran per se kein Abschiebungshin-
dernis (vgl. EGMR, A. vs. Switzerland vom 19. Dezember 2017, Nr. 60342-
16).
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.4.1 Im Iran herrscht weder Krieg oder Bürgerkrieg noch eine Situation
allgemeiner Gewalt, aufgrund derer eine Rückkehr generell unzumutbar
wäre (vgl. statt vieler zuletzt Urteil des BVGer E-3673/2018 vom 10. De-
zember 2020 E. 8.4.1).
9.4.2 In Bezug auf die individuellen Gründe, die gegen die Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs sprechen könnten, kann der Argumentation der
Vorinstanz vollumfänglich gefolgt werden. Der Beschwerdeführer ist jung
und macht nicht geltend, akute gesundheitliche Probleme zu haben, die
nicht gegebenenfalls auch im Iran behandelt werden könnten. Er hat eine
gute Ausbildung absolviert und verfügt über mehrjährige Arbeitserfahrung
(vgl. A8 Ziff. 1.17.04 f., A23 F25 ff.). Grössere finanzielle Probleme hat er
nicht geltend gemacht. Es ist davon auszugehen, dass er nach seiner
Rückkehr wieder eine Arbeit finden und für seinen Lebensunterhalt sorgen
kann. Ausserdem leben seinen Angaben gemäss seine Ehefrau, seine El-
tern, seine zwei Schwestern und weitere Verwandte im Iran (vgl. A8 Ziff.
2.02, Ziff. 3.01, A23 F15–24.). Die vorgebrachte Scheidung sei nur zum
Schutz der Ehefrau erfolgt. Er verfügt somit über ein solides und tragbares
Beziehungsnetz, das ihn bei der Rückkehr unterstützen kann.
9.4.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
E-4001/2020
Seite 23
9.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Beschwerde
konnte im Zeitpunkt ihrer Einreichung jedoch nicht als aussichtslos be-
trachtet werden und aufgrund der Fürsorgebestätigung vom 30. Juli 2020
ist von der Mittellosigkeit des Beschwerdeführers auszugehen. Davon
kann auch nach der vor kurzem aufgenommenen Tätigkeit als Küchenhilfe
– welche einem Eintrag im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) zu entnehmen ist – noch ausgegangen werden. Folglich sind in
Gutheissung des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG keine Kosten zu erheben. Mit vorliegen-
dem Urteil wird das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses sodann gegenstandslos.
11.2 Nachdem der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gutgeheissen wurde und das Bundesverwaltungsgericht nach aArt.
110a Abs. 1 Bst. a AsylG der asylsuchenden Person, welche von der Be-
zahlung der Verfahrenskosten befreit wurde, auf Antrag eine amtliche
Rechtsbeiständin oder einen amtlichen Rechtsbeistand bestellt, ist auch
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
gutzuheissen und antragsgemäss lic. iur. Monika Böckle als amtliche
Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers einzusetzen. Ihr ist ein amtliches
Honorar zu entrichten.
E-4001/2020
Seite 24
Bei amtlicher Vertretung geht das Bundesverwaltungsgericht in der Regel
von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche
Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE).
Die Rechtsvertreterin hat in der Beschwerdeeingabe die Nachreichung ei-
ner Kostennote in Aussicht gestellt. Bis zum heutigen Datum wurde diese
jedoch nicht eingereicht. Auf eine entsprechende Nachforderung kann in-
des verzichtet werden, da der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund
der Akten zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Unter Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren
ist ein amtliches Honorar von insgesamt Fr. 950.– (inkl. Auslagen) als an-
gemessen zu veranschlagen und vom Bundesverwaltungsgericht auszu-
richten. Es umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9
Abs. 1 Bst. c VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
E-4001/2020
Seite 25