Decision ID: 8b644328-2d21-590c-bfd2-5eee7d602116
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste eigenen Angaben zufolge am 8. Dezember
2021 in die Schweiz ein und suchte am 10. Dezember 2021 um Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac)
ergab, dass der Beschwerdeführer im Besitz eines vom (...) Oktober 2021
bis (...) November 2021 gültigen maltesischen Schengenvisums in den
Dublinraum eingereist war.
C.
Mit Schreiben vom 27. Dezember 2021 gewährte das SEM dem Beschwer-
deführer das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Maltas
für die Durchführung des Asylverfahrens, zu einer allfälligen Rückkehr dort-
hin sowie zum medizinischen Sachverhalt.
D.
Mit Eingabe vom 5. Januar 2022 nahm der Beschwerdeführer zu einer
möglichen Überstellung nach Malta sowie zum medizinischen Sachverhalt
im Wesentlichen wie folgt Stellung:
Er habe nie beabsichtigt, in Malta ein Asylgesuch zu stellen, sondern sei
nur dorthin gereist, um diverse medizinische Probleme behandeln zu las-
sen. In Libyen sei er aufgrund seiner sexuellen Orientierung und seiner
religiösen Einstellungen gekidnappt und gefoltert worden, weshalb er nun
unter Knieproblemen leide und mehrere Narben aufweise. Auch sein
psychisches Befinden habe stark unter dem Angriff gelitten und er leide
nunmehr unter Angstzuständen, Schlafstörungen und Depressionen.
Er habe sich letztlich nur zehn Tage in Malta aufgehalten und keine hin-
reichende medizinische Hilfe erhalten. In Malta hätten ihn ausserdem viele
libysche Staatsangehörige erkannt, weil es sich bei ihm um eine aus den
sozialen Medien bekannte Person handle. Er sei in der Folge wiederum
aufgrund seiner sexuellen Orientierung und religiösen Ansichten bedroht
und angegriffen worden. Er habe die maltesische Polizei über diese
Drohungen und Angriffe informiert, diese sei jedoch untätig geblieben.
In Malta habe er sich nicht mehr sicher gefühlt und sich für die Weiterreise
in die Schweiz entschieden. Ausserdem habe er erfahren, dass die
Zustände in den Aufnahmecamps nicht gut seien und die medizinische Ver-
sorgung nicht gewährleistet sei.
E-1156/2022
Seite 3
E.
Aufgrund der Eurodac-Treffer ersuchte das SEM die maltesischen Behör-
den am 15. Dezember 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers ge-
mäss Art. 12 Abs. 4 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung
eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO). Die maltesischen Behörden stimmten dem
Ersuchen am 9. Februar 2022 gestützt auf diese Bestimmung zu.
F.
Mit Verfügung vom 2. März 2022 – am Folgetag eröffnet – trat das SEM
nicht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers ein, verfügte seine Über-
stellung nach Malta und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändi-
gung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
G.
G.a Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe an das Bundesverwaltungs-
gericht vom 10. März 2022 Beschwerde gegen die vorinstanzliche Ver-
fügung erheben. Darin beantragte er, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und es sei auf sein Asylgesuch einzutreten; eventualiter sei die
Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen; subeventu-
aliter sei von den maltesischen Behörden die individuelle Zusicherung ein-
zuholen, dass er in Malta die nötige Betreuung und Unterstützung erhalte.
G.b In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG einschliesslich des Ver-
zichts auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem sei der
Beschwerde im Sinn einer vorsorglichen Massnahme die aufschiebende
Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, von einer
Überstellung nach Malta abzusehen, bis über die Erteilung der aufschie-
benden Wirkung entschieden worden sei.
H.
Am 11. März 2022 setzte der Instruktionsrichter den Vollzug der Überstel-
lung gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus. Gleichentags
lagen die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht in elekt-
ronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 Asyl).
E-1156/2022
Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt
auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel verzichtet.
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asyl-
suchende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist
(Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich
zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss
Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mit-
gliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM,
nachdem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküber-
stellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017
VI/5 E. 6.2).
E-1156/2022
Seite 5
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in
Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort auf-
geführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem
Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet
demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach
Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
3.3 Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank ergab,
dass der Beschwerdeführer über ein vom (...) Oktober 2021 bis (...) No-
vember 2021 gültiges maltesisches Schengenvisum verfügt. Das SEM
ersuchte deshalb die maltesischen Behörden um Übernahme des Be-
schwerdeführers gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO. Die maltesi-
schen Behörden hiessen dieses Ersuchen am 9. Februar 2022 gut. Vor
diesem Hintergrund ist die grundsätzliche Zuständigkeit Maltas zur Durch-
führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gegeben.
4.
4.1 Erweist es sich als unmöglich, eine antragstellende Person in den
eigentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für sie in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen
aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Euro-
päischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit
sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer
Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer
Staat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende
Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
E-1156/2022
Seite 6
4.2 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asyl-
verordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert,
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus
humanitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-
III-VO ein anderer Staat zuständig wäre.
5.
5.1 In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, das Asyl-
verfahren in Malta weise erhebliche Mängel auf. Beim Beschwerdeführer
handle es handle sich sodann um eine verletzliche Person, die bereits
negative Erfahrungen mit den mangelhaften Lebensbedingungen in Malta
gemacht habe. Die Vorinstanz wäre deshalb angehalten gewesen, Abklä-
rungen zu tätigen, um sicherzustellen, dass er aufgrund der Mängel im
maltesischen Asylverfahren und den Aufnahmebedingungen keine Nach-
teile erleide.
5.2 Es ist daher nachfolgend zunächst im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO zu prüfen, ob wesentliche Gründe für die Annahme bestehen, das
Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Malta
würden systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung des Beschwerdeführers
im Sinn von Art. 4 EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden.
5.3 Malta ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von
Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie)
E-1156/2022
Seite 7
ergeben. In seiner bisherigen Rechtsprechung hat das Bundesverwal-
tungsgericht systemische Schwachstellen im maltesischen Asylsystem, die
eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung nach
Art. 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen, regelmässig verneint
(vgl. statt vieler Urteile des BVGer F-508/2022 vom 7. Februar 2022
E. 7.1.1 f. und E-417/2022 vom 3. Februar 2022 E. 6 je m.w.H.).
5.4 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
Soweit der Beschwerdeführer die Anwendung von Art. 17 Abs. 1 Dublin-
III-VO respektive Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 fordert, ist Folgendes festzuhal-
ten:
6.1 Die Vermutung, Malta halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein
(vgl. E. 6.1), kann widerlegt werden. Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob die
betroffene Person wegen Zugehörigkeit zu einer Kategorie mit spezifischer
Verletzlichkeit im Falle einer Überstellung nach Malta Gefahr laufen würde,
wegen der dortigen Mängel des Asylverfahrens und der Aufnahmebedin-
gungen eine Verletzung ihrer Grundrechte zu erleiden (vgl. BVGE 2012/27
E. 7.4).
6.2 Der Beschwerdeführer führte aus, sich infolge von in Malta erlebten
Bedrohungen und Angriffen libyscher Staatsangehörigen in diesem Land
nicht sicher zu fühlen und ausserdem Kenntnis von prekären Verhältnissen
in den maltesischen Aufnahmecamps zu haben. Mit diesen Ausführungen
vermag er nicht dartun, dass die ihn bei einer Rückführung zu erwartenden
Bedingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4
der EU-Grundrechtecharta beziehungsweise Art. 3 EMRK führen könnten.
Es steht ihm vielmehr offen, nach erfolgter Überstellung nach Malta dort
(erstmalig) um Asyl nachzusuchen und damit Zugang zu den asylrechtli-
chen Aufnahmestrukturen zu erhalten. Bei einer allfälligen vorübergehen-
den Einschränkung der ihm zustehenden Aufnahmebedingungen könnte
er sich im Übrigen an die Behörden wenden und seine Rechte auf dem
Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie); der Zugang zu
wirksamen Rechtsmitteln auf Malta gilt als gewährleistet (vgl. u.a. Urteile
des BVGer D-3114/2021 vom 21. Juli 2021 E. 5.5 und F-6198/2020 vom
18. Dezember 2020 E. 6.1). Den Akten sind keine Gründe für die Annahme
zu entnehmen, Malta werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-
Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem
E-1156/2022
Seite 8
sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3
Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden. Aus den Akten ergeben
sich keine Hinweise, wonach ihn die maltesischen Behörden im Falle von
Bedrohungen durch Privatpersonen nicht angemessen schützen würden.
Malta verfügt über einen funktionierenden Rechtsstaat und die Behörden
sind grundsätzlich gewillt und fähig, staatlichen Schutz zu gewähren. Die
vagen und unbelegten diesbezüglichen Vorbringen des Beschwerde-
führers sind nicht geeignet, zu einer anderen Schlussfolgerung zu führen.
Von einer Wiederlegung der Regelvermutung, Malta halte seine völker-
rechtlichen Verpflichtungen ein, kann jedenfalls – entgegen der Behaup-
tung auf Beschwerdeebene (vgl. Beschwerde S. 6 Ziff. 4) – nicht die Rede
sein.
6.3 Soweit der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang zudem eine
Verletzung der Begründungspflicht und somit seines rechtlichen Gehörs
sowie die unvollständige Feststellung des Sachverhalts rügte, erweist sich
dies als unbegründet. Die Vorinstanz hat seine Einwände betreffend eine
Überstellung nach Malta (mangelhafte medizinische Versorgung, prekäre
Verhältnisse im Camp, Untätigkeit der örtlichen Polizei) in der angefochte-
nen Verfügung zwar nur knapp wiedergegeben, allerdings ergibt sich mit
genügender Klarheit, auf welche Überlegungen sich die Vorinstanz bei
ihrer Begründung stützte. Insbesondere war es dem Beschwerdeführer
möglich, die vorinstanzliche Verfügung sachgerecht anzufechten.
6.4
6.4.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen
(vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H. und Urteil des EGMR Paposhvili gegen Bel-
gien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
6.4.2 Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforder-
liche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die
unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psy-
chischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Auf-
nahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die
erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls
einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2
Aufnahmerichtlinie). Das Bundesverwaltungsgericht geht im Einklang mit
E-1156/2022
Seite 9
dem SEM davon aus, dass Malta über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur verfügt (vgl. etwa Urteile des BVGer E-2328/2021 vom
26. März 2021 E. 5.3 und F-463/2021 vom 9. Februar 2021 E. 6.9, je
m.w.H.).
6.4.3 Der Beschwerdeführer beruft sich darauf, der medizinische Sachver-
halt sei nicht genügend abgeklärt. Trotz Anzeichen dafür, dass es sich bei
ihm infolge traumatisierender Erfahrungen um eine verletzliche Person
handle, habe das SEM eine vertiefte psychologische Abklärung unterlas-
sen.
6.4.4 Aus den Akten gehen – entgegen der Ansicht des Beschwerdefüh-
rers – weder ein Erfordernis weiterer medizinischer Abklärungen noch all-
fällige, zu befürchtende negative Auswirkungen auf seine Gesundheit im
Falle einer Überstellung nach Malta hervor. Der medizinische Sachverhalt
erwies sich sodann sowohl im Zeitpunkt der vorinstanzlichen Verfügung als
auch im Urteilszeitpunkt als ausreichend erstellt. Es entsteht, angesichts
der medizinischen Unterlagen – und insbesondere auch der drei vom Be-
schwerdeführer verpassten Arzttermine – nicht der Eindruck ernsthafter
gesundheitlicher und psychologischer Probleme, die einer unmittelbaren
Behandlung bedürften (vgl. SEM-act. 21/1, 24/1 und 28/1). Der Einwand
des Beschwerdeführers, von diesen Terminen nichts gewusst zu haben,
vermag nicht zu überzeugen, zumal er aufgrund von Rücken-, Schulter-,
Kopf- und Zahnschmerzen regelmässig Kontakt mit den Pflegefachkräften
der Unterkunft aufgenommen zu haben scheint (vgl. SEM-act. 28/1). Es ist
somit nicht ersichtlich, dass seine Gesundheit im Falle einer Überstellung
nach Malta ernsthaft gefährdet wäre. Vor diesem Hintergrund ist auch nicht
davon auszugehen, beim Beschwerdeführer handle es sich um eine be-
sonders vulnerable Person. Es liegen sodann auch keine Anhaltspunkte
dafür vor, ihm würde auf Malta eine adäquate medizinische Behandlung
verweigert werden. Vielmehr gab der Beschwerdeführer sogar an, zur Be-
handlung seiner Knieprobleme nach Malta gereist zu sein (vgl. SEM-
act. 19/24 S. 1). Es erübrigt sich daher, von den maltesischen Behörden
Zusicherungen hinsichtlich medizinischer Versorgung einzuholen.
6.4.5 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die schweizerischen Behör-
den, die mit dem Vollzug der angefochten Verfügung beauftragt sind, den
medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten
der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die malte-
sischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen
medizinischen Umstände informieren werden (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
E-1156/2022
Seite 10
6.5 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, wonach seine Überstellung nach Malta die Ver-
letzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
6.6 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene
Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden.
6.7 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
7.
Die Vorinstanz ist angesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht
nicht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers eingetreten und hat
seine Wegweisung verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG).
Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. Für die beantragte Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz besteht keine Veranlassung.
8.
8.1 Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen.
Die Anträge auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung und Befreiung von
der Kostenvorschusspflicht erweisen sich als gegenstandslos. Der am
11. März 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin.
8.2 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren des Beschwer-
deführers – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als
aussichtlos zu bezeichnen waren, weshalb die Voraussetzungen von
Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind.
8.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-1156/2022
Seite 11