Decision ID: 7122f1f1-ab36-42e5-b66f-9b12cfac8431
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger und ethnischer
Hazara aus B._, suchte am 23. Dezember 2020 in der Schweiz um
Asyl nach. In der Folge wurde er dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Re-
gion C._ zugewiesen. Am 8. Januar 2021 erhob das SEM seine
Personalien und befragte ihn zu seiner Herkunft, seinen Familienverhält-
nissen, zu seinem Reiseweg sowie – summarisch – zu seinen Asylgrün-
den. Dabei gab der Beschwerdeführer an, er sei am 14. Dezember 2006
geboren beziehungsweise sei 14 Jahre alt und somit noch minderjährig
(sogenanntes Protokoll der Erstbefragung UMA [EB]; nachfolgend EB ge-
nannt [vgl. SEM-Akten {...}-12/15 S. 3, Ziff. 1.06]). Er reichte im Rahmen
des erstinstanzlichen Verfahrens jedoch keinerlei Ausweispapiere oder Be-
weismittel zu den Akten. Er nehme zwar an, dass in Afghanistan eine auf
ihn ausgestellte Tazkera existiere, habe diese indessen persönlich noch
nie gesehen (vgl. EB S. 8, Ziff. 4.03). Am selben Tag hörte ihn das SEM
gestützt auf Art. 29 AsylG (SR 142.31) vertieft zu seinen Asylgründen an
(nachfolgend Anhörung genannt [vgl. SEM-Akten {...}-15/13]).
Hinsichtlich seiner persönlichen Verhältnisse führte der Beschwerdeführer
aus, er habe bis zu seiner Ausreise gemeinsam mit seinen Eltern sowie
einem Halbbruder, dessen Ehefrau und Kindern in B._ gelebt. Frü-
her sei es seiner Familie finanziell noch gut gegangen, bis sein Vater dro-
genabhängig geworden sei und nicht mehr gearbeitet habe. Von diesem
Zeitpunkt an hätten sie vom Verdienst seines Halbbruders gelebt, der als
(...) gearbeitet habe. Sein ältester Halbbruder habe zum damaligen Zeit-
punkt in einem eigenen Haushalt gelebt. Er selbst habe drei Jahre lang die
Schule besucht.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer gel-
tend, als er ungefähr acht Jahre alt gewesen sei, habe seine ältere, nun-
mehr in der Schweiz lebende Halbschwester D._ (Beizugsdossier
N [...]) ein Verhältnis mit einem jungen Mann begonnen. Nachdem ihr Vater
davon erfahren habe, sei er wütend geworden und habe sowohl seine
Tochter als auch den jungen Mann geschlagen. Daraufhin habe seine Halb-
schwester entschieden, mit ihrem Geliebten zu fliehen. Zu diesem Zweck
habe sie ihn (den Beschwerdeführer) eines Tages gebeten, heimlich den
Haustürschlüssel im Zimmer seines Vaters zu entwenden, was er getan
habe, ohne von den Fluchtplänen seiner Halbschwester zu wissen.
D-1615/2021
Seite 3
Am nächsten Tag sei seine Halbschwester verschwunden und die ganze
Familie deswegen miteinander im Streit gelegen. Schliesslich habe er zu-
gegeben, im Auftrag seiner Halbschwester den Hausschlüssel aus dem
Zimmer seines Vaters entwendet zu haben, worauf dieser ihn geschlagen
habe. In der Folge sei das Verhältnis zu seiner ganzen Familie schlecht
geworden, die sich von ihm abgewendet habe. Sein Vater habe ihn seither
öfters misshandelt – unter anderem, wenn Bekannte wieder einmal kriti-
sche Bemerkungen über die Flucht seiner Tochter angestellt und ihn damit
in seiner Ehre gekränkt hätten. Ausserdem habe sein Vater ihm fortan ver-
boten, die Schule zu besuchen und ihn gezwungen, eine Erwerbstätigkeit
aufzunehmen. Dabei habe er diverse Gelegenheitsarbeiten verrichtet und
unter anderem Plastiktüten verkauft, Autoscheiben geputzt oder beim Ent-
laden von Lastwagen geholfen. Den Verdienst habe er seinem Vater ablie-
fern müssen.
Ausserdem sei die damalige Sicherheitslage und die wirtschaftliche Situa-
tion in Afghanistan schlecht gewesen. Er habe zudem keinerlei Aussichten
auf eine weiterführende Ausbildung und damit eine berufliche Perspektive
mehr gehabt.
Nachdem ein Freund ihm vorgeschlagen habe, nach Pakistan auszurei-
sen, habe er diese Anregung im Alter von neun Jahren in die Tat umgesetzt
und in E._ ungefähr ein Jahr lang in einer (...) gearbeitet. Danach
sei er nach Afghanistan zurückgekehrt und habe etwa ein halbes Jahr lang
in F._ in einem Restaurant gearbeitet. Anschliessend habe er Af-
ghanistan erneut verlassen. In der Folge habe er – jeweils ungefähr ein
Jahr lang – G._, in H._ und in I._ gelebt und gear-
beitet. Seit seiner Ausreise aus Afghanistan unterhalte er keinerlei Kon-
takte mehr zu seiner Familie. Nach der Flucht seiner Halbschwester ins
Ausland hätten sein Vater und seine beiden Halbbrüder immer wieder da-
mit gedroht, diese zu töten, falls sie ihrer habhaft würden. Da er nun eben-
falls aus seiner Heimat geflohen sei und jetzt wie seine Halbschwester in
der Schweiz lebe, befürchte er für seine Person dasselbe Schicksal, falls
er in seine Heimat zurückkehren würde.
B.
Da die Halbschwester des Beschwerdeführers in der Schweiz lebte, reiste
dieser auf Bewilligung der Schweiz hin am 23. Dezember 2020 im Rahmen
eines Dublin-In-Verfahrens von I._ aus legal in die Schweiz ein.
D-1615/2021
Seite 4
C.
Am 13. Januar 2021 (sowie Ende März 2021) gewährte das SEM dem
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers Einsicht in die Akten seiner Halb-
schwester D._ (vgl. SEM-Akten [...]-18/1 und [...]-38/1).
D.
D.a Aufgrund von Zweifeln an den Altersangaben des Beschwerdeführers
erteilte das SEM dem Institut für Rechtsmedizin (IRM) der Universität
J._ am 15. Januar 2021 den Auftrag zur Erstellung eines Altersgut-
achtens. Am 20. Januar 2021 führte das IRM beim Beschwerdeführer eine
Röntgenuntersuchung der linken Hand, eine Panoramaschichtaufnahme
des Gebisses sowie eine körperliche Untersuchung durch. Dabei hielt das
rechtsmedizinische Institut in seinem Gutachten vom 22. Januar 2021 fest,
im Rahmen der Anamneseerhebung und der körperlichen Untersuchung
hätten sich keine Hinweise auf eine Wachstums- oder Entwicklungsstörung
ergeben. Die radiologischen Untersuchungen der linken Hand und der drit-
ten Molaren (Weisheitszähne) ergäben ein wahrscheinliches Alter (im
Sinne eines Durchschnittsalters auf einer Skala zwischen einem Minimal-
und einem Maximalalter) von ungefähr (...) Jahren. Das zu berücksichti-
gende höchste Mindestalter sei mit (...) Jahren zu benennen, weshalb das
angegebene Alter von zirka (...) eher unwahrscheinlich sei.
D.b Am 27. Januar 2021 stellte das SEM der Rechtsvertretung des Be-
schwerdeführers das Altersgutachten zur Stellungnahme bis zum 1. Feb-
ruar 2021 zu.
D.c Am 1. Februar 2021 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdefüh-
rers seine Stellungnahme ein.
E.
Am 4. Februar 2021 wies das SEM den Beschwerdeführer aufgrund der
bereits durchgeführten weiteren Abklärungen dem erweiterten Verfahren
und am 5. Februar 2021 für die Dauer seines Asylverfahrens dem Kanton
K._ zu.
F.
Am 22. Februar 2021 errichtete die Kindes- und Erwachsenenschutzbe-
hörde (KESB) L._ für den Beschwerdeführer eine Vertretungsbei-
standschaft nach Art. 306 Abs. 2 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
vom 10. Dezember 1907 (ZGB, SR 210).
D-1615/2021
Seite 5
G.
Mit – selbentags eröffneter – Verfügung vom 11. März 2021 stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz (vgl.
Ziffn. 2–4 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung). Gleichzeitig ord-
nete es die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers wegen Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs an und beauftragte den Kanton
K._ mit deren Umsetzung (vgl. a.a.O. Ziffn. 5 und 7 des Disposi-
tivs). Im Weiteren händigte es dem Beschwerdeführer die editionspflichti-
gen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus (vgl. a.a.O. Ziff. 8 des Dispositivs).
Weiter stellte das SEM fest, dessen Geburtsdatum werde im ZEMIS auf
den 1. Januar (...) festgelegt und mit einem Bestreitungsvermerk versehen
(vgl. a.a.O. Ziff. 1 des Dispositivs).
H.
Mit Eingabe vom 9. April 2021 erhob der Beschwerdeführer gegen diese
Verfügung mittels seines Rechtsvertreters Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht. Dabei beantragte er, die angefochtene Verfügung sei hin-
sichtlich der Ziffern 1–4 des Dispositivs aufzuheben und die Vorinstanz an-
zuweisen, ihn als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. Sein
Geburtsdatum sei im ZEMIS auf den (...) zu ändern. Eventualiter sei die
Sache zur erneuten Entscheidung beziehungsweise Begründung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte
er, es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, ihm sein
Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beizuordnen und von der Er-
hebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
Mit der Beschwerde reichte er eine auf ihn ausgestellte Fürsorgeabhängig-
keitsbestätigung vom 7. April 2021 der (...) sowie eine Kostennote vom
9. April 2021 ein.
I.
Mit Schreiben vom 13. April 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der vorliegenden Beschwerde.
J.
Mit Verfügung vom 29. April 2021 hiess der zuständige Instruktionsrichter
des Bundesverwaltungsgerichts die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut, ordnete ihm sei-
nen Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei und verzichtete auf
D-1615/2021
Seite 6
die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud er die Vorinstanz
zur Einreichung einer Vernehmlassung bis zum 14. Mai 2021 ein.
K.
Am 14. Mai 2021 reichte das SEM seine Vernehmlassung ein.
L.
Mit Instruktionsverfügung vom 19. Mai 2021 räumte das Bundesverwal-
tungsgericht dem Beschwerdeführer die Gelegenheit ein, bis zum 3. Juni
2021 eine Replik einzureichen.
M.
Mit Eingabe vom 27. Mai 2021 (Datum des Poststempels) liess der Be-
schwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter eine Replik einreichen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
D-1615/2021
Seite 7
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Datenschutzrechts kann
zudem auch die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG).
3.
Die Beschwerdeeingabe richtet sich gegen die Feststellung des SEM, der
Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, der damit ver-
bundenen Ablehnung des Asylgesuchs sowie die Anordnung der Wegwei-
sung aus der Schweiz. Die Frage des Vollzugs der Wegweisung bildet nicht
Gegenstand des Beschwerdeverfahrens. Die Beschwerde richtet sich aus-
serdem gegen den Eintrag des Geburtsdatums im ZEMIS (vgl. auch Sach-
verhalt Bst. H).
4.
4.1 Vorerst gilt es über die Berichtigung des Geburtsdatums im ZEMIS zu
befinden.
4.2 Die Vorinstanz führt diesbezüglich in ihrer Verfügung vom 11. März
2021 aus, dass bei der Altersfestsetzung nach einer medizinischen Alters-
abklärung gemäss SEM-Praxis stets das wahrscheinliche Alter berücksich-
tigt werde. Diese Praxis entspreche im Übrigen auch der Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts, habe dieses doch diesbezüglich mehr-
mals festgehalten, dass nicht das Mindest-, sondern das wahrscheinliche
Geburtsdatum aufzuführen sei (vgl. die Urteile des BVGer A-7011/2016
und A-3080/2016). Ebenso sei es praxisgemäss, in Fällen, bei denen das
Geburtsdatum der betroffenen Person unbekannt sei, den 1. Januar als fik-
tiven Geburtstag zu verwenden (vgl. Urteile des BVGer A-1338/2020 und
A-318/2019). Die Abklärungen des IRM J._ hätten ergeben, dass
bei ihm von einem wahrscheinlichen Alter von (...) Jahren ausgegangen
werden könne und er somit älter als wie von ihm angegeben sei. Gemäss
dem vorliegenden Gutachten erscheine das von ihm angegebene Alter von
14 Jahren und einem Monat somit eher unwahrscheinlich.
Hinzu komme, dass er keinerlei Identitätspapiere zu den Akten gereicht
und betreffend seines Alters unplausible und unsubstanziierte Angaben ge-
macht habe. So kenne er sein Geburtsdatum nach dem afghanischen Ka-
lender nicht, weshalb es umso mehr erstaune, dass er in der Lage gewe-
sen sei, sein Geburtsdatum nach dem europäischen Kalender exakt zu be-
nennen. Seine diesbezügliche Erklärung, er würde sich schon sehr lange
im Ausland aufhalten, überzeuge nicht. Auch in Bezug auf seinen Lebens-
D-1615/2021
Seite 8
lauf und das Alter seiner Familienangehörigen sei er oberflächlich geblie-
ben, habe er doch nicht annähernd das Alter seiner Eltern oder Halbge-
schwister gekannt und habe auch keinerlei Angaben zu allfälligen Alters-
abständen machen können. Diesbezüglichen Fragen sei er vollständig
ausgewichen. Im Weiteren sei anzumerken, dass seine Halbschwester an-
lässlich ihres Asylgesuches ein Alter für ihn angegeben habe, gemäss wel-
chem er heute volljährig wäre. Schliesslich habe er selber angegeben, in
I._ ursprünglich mit einem Alter von (...) Jahren registriert worden
zu sein, weil ihm empfohlen worden sei, sich älter auszugeben. Allerdings
habe er nicht konkret bezeichnen können, wer ihn damals entsprechend
beraten habe, weshalb bis zuletzt fraglich geblieben sei, aus welchem
Grund er ein angeblich falsches Alter hätte angeben sollen.
4.3 In der Beschwerde wird beanstandet, dass das SEM bei der Anpas-
sung des Geburtsdatums des Beschwerdeführers auf das im medizini-
schen Altersgutachten des IRM J._ ausgewiesene wahrscheinliche
Alter abgestellt habe. Die Aussage des SEM, dies entspreche seiner Pra-
xis, erstaune, da bis vor kurzem nur noch das IRM J._ und jenes
von M._ Altersgutachten ausgestellt hätten, welche überhaupt noch
das "wahrscheinliche Alter" ausgewiesen hätten. Mittlerweile habe das IRM
M._ indessen anfangs des Jahres 2021 sämtliche Altersgutachten,
welche ein "wahrscheinliches Alter" ausgewiesen hätten, widerrufen und
gleichzeitig Nachbegutachtungen angekündigt. Es habe diesen Schritt da-
mit begründet, dass die Angabe des "wahrscheinlichsten Alters" wissen-
schaftlich nicht ausreichend abgestützt sei. Es könne somit nicht der Praxis
des SEM entsprechen, stets das wahrscheinliche Alter zu berücksichtigen
– zumindest nicht in allen Asylregionen, was auch mit Blick auf das Gleich-
behandlungsgebot Fragen aufwerfe. Soweit das SEM den Standpunkt ver-
trete, es entspreche auch der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts, das
wahrscheinliche und nicht das Mindestgeburtsdatum festzuhalten, ver-
kenne die Vorinstanz die neuesten Entwicklungen in diesem Bereich: So
habe das Bundesverwaltungsgericht im Urteil D-299/2021 vom 15. März
2021 nämlich entschieden, weil das im Altersgutachten aufgeführte Min-
destalter des Beschwerdeführers zum Zeitpunkt der Untersuchung bei
17 Jahren gelegen habe, dürfe nicht auf dessen Volljährigkeit geschlossen
werden. Folglich müsse man im vorliegenden Fall das im Altersgutachten
enthaltene (höchste) Mindestalter (von [...] Jahren) heranziehen. Demnach
sei das von ihm angegebene Geburtsdatum ([...]) wahrscheinlicher als je-
nes, welches von der Vorinstanz festgelegt worden sei ([...]). Schliesslich
falle auf, dass das Gutachten sowohl im Zusammenhang mit der Untersu-
chung der linken Hand als auch den drei Molaren angeführt habe, dass der
D-1615/2021
Seite 9
Beschwerdeführer nicht derselben Population entstamme, die als Referenz
verwendet worden sei, ohne diese Feststellung in Bezug auf die Untersu-
chungsresultate näher zu konkretisieren.
Im Weiteren habe er plausible Ausführungen dazu gemacht, woher er sein
Geburtsdatum nach europäischem Kalender kenne. Darüber hinaus wür-
den seine Angaben zu seinem Alter im Zeitpunkt der Ausreise aus Afgha-
nistan im Verbund mit der von ihm genannten jeweiligen Verweildauer in
diversen Drittstaaten durchaus Rückschlüsse auf sein wirkliches Alter zu-
lassen. Auf die ihn betreffenden Altersangaben seiner Halbschwester (vom
2. März 2018 in deren Asylverfahren [N {...}; vgl. SEM-Akten A31/18 S. 5
F34] in der Schweiz) könne nicht abgestellt werden, da jene ungebildet
(Analphabetin) sei, sein Alter nicht kenne und ihre Angaben auch nicht mit
den Resultaten der medizinischen Altersabklärung übereinstimmen wür-
den. Wegen des schlechten Verhältnisses zu seiner Familie sei es ihm
auch nicht möglich, diese nach Dokumenten zu fragen, die sein Alter be-
stätigen könnten.
4.4 In der Vernehmlassung hält das SEM zunächst hinsichtlich des Ein-
wands in der Beschwerde, es dürfe heute nicht mehr auf das im Altersgut-
achten ausgewiesene wahrscheinliche Alter, sondern nur noch auf das
Mindestalter abgestellt werden, fest, das Bundesverwaltungsgericht habe
mehrfach bestätigt, dass im ZEMIS das tatsächliche beziehungsweise das
wahrscheinlichste Geburtsdatum der erfassten Person aufgeführt werden
solle, demnach nicht das Mindestalter, sondern das wahrscheinliche Alter
interessiere (vgl. das Urteil des BVGer A-7011/2016 vom 1. Mai 2018
E. 5.4, jüngst bestätigt etwa in A-1338/2020 vom 14. Oktober 2020 E. 5.2).
Selbst in dem vom Beschwerdeführer zitierten Urteil D-299/2021 vom
15. März 2021 werde in E. 8.2 erneut festgehalten, dass im ZEMIS grund-
sätzlich das überwiegend wahrscheinliche Geburtsdatum eingetragen wer-
den solle, wenn das tatsächliche nicht feststehe. In jenem konkreten Fall
habe lediglich mangels Vorliegens eines wahrscheinlichen Alters in dem
vom IRM M._ revidierten Gutachten auf das Mindestalter abgestellt
werden müssen. Somit erscheine die Altersanpassung im vorliegenden
Fall auf das wahrscheinliche Alter, nämlich den (...), durchaus praxiskon-
form.
Das jüngste Vorgehen des IRM M._ und dessen Vorbehalte gegen-
über der Angabe eines wahrscheinlichen Alters vermöge überdies die Be-
weiskraft eines vom IRM J._ erstellten medizinischen Altersgutach-
D-1615/2021
Seite 10
tens nicht in Frage zu stellen. Dieses sei nach den geltenden wissenschaft-
lichen Kriterien erstellt worden und basiere auf mehreren Einzeluntersu-
chungen, wodurch ihm eine erhebliche Beweiskraft beizumessen sei. Zu-
dem kämen der zahnärztlichen Untersuchung sowie der Skelett- respektive
der Schlüsselbeinaltersanalyse gemäss Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts insbesondere dann eine erhöhte Beweiskraft zu, wenn
sich die Ergebnisse der Altersspannen überlappen würden (vgl. BVGE
2018 VI/3 E. 4.2). Dies sei vorliegend der Fall, ergebe sich doch aufgrund
der zahnärztlichen Untersuchung eine geschätzte Altersspanne von (...)
bis (...) Jahren bei einem wahrscheinlichen Alter (im Sinne von Durch-
schnittsalter) von (...) Jahren sowie aufgrund der radiologischen Untersu-
chung ein Alter zwischen (...) und (...) Jahren bei einem wahrscheinlichen
Alter von zirka (...) Jahren (vgl. SEM-Akten [...]-22). Bei solch eindeutigen
Ergebnissen der in der Schweiz angewendeten Methoden zur medizini-
schen Altersbestimmung bleibe nur wenig Raum für Interpretation, und die
Ergebnisse von medizinischen Abklärungen würden als ein sehr starkes
Indiz für das Alter einer Person gelten (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 sowie
6.3–6.5).
Dem vom Beschwerdeführer vorgebrachten Einwand, dass er einer ande-
ren Ethnie wie die für die medizinische Altersabklärung beigezogene Ver-
gleichspopulation angehöre, sei entgegenzuhalten, dass das Gutachten
von medizinischen Sachverständigen erstellt worden sei, denen dieser
Umstand augenscheinlich bewusst gewesen sei. Somit dürfte er auch bei
den Schlussfolgerungen, welche dennoch eindeutig ausgefallen seien, ge-
bührend berücksichtigt worden sein. Es liege nicht in der Kompetenz fach-
fremder Personen, die wissenschaftliche Fundiertheit des Gutachtens zu
bewerten (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 sowie E. 6.3–6.5).
Was die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem
Alter betreffe, halte das SEM an seinen Ausführungen in der angefochte-
nen Verfügung vom 11. März 2021 fest und gehe weiterhin davon aus, dass
das im ZEMIS auf den 1. Januar (...) angepasste Alter des Beschwerde-
führers wahrscheinlicher sei als das von ihm selbst angegebene.
4.5 In der Replik vom 26. Mai 2021 wird ausgeführt, die Vorinstanz zitiere
im Zusammenhang mit ihrer anhaltenden Darstellung, wonach das wahr-
scheinliche und nicht das Mindestalter massgebend sei, Urteile, von wel-
chen keines im Jahr 2021 gefällt worden sei. Daraus lasse sich nun aber
kein Schluss auf die momentan geltende Handhabung der Schlussfolge-
D-1615/2021
Seite 11
rungen der Altersgutachten ableiten. Die Vorinstanz führe als weiteres Ar-
gument auf, das Gericht habe sich im Urteil D-299/2021 nur deshalb auf
das Mindestalter gestützt, da im Gutachten kein "wahrscheinliches Alter"
aufgeführt worden sei. Dabei lasse die Vorinstanz unberücksichtigt, dass
die Angabe eines wahrscheinlichen Alters in der Nachbegutachtung be-
wusst nicht mehr aufgenommen worden sei, weil sie gemäss der Ansicht
der medizinischen Fachpersonen als nicht ausreichend wissenschaftlich
abgestützt qualifiziert worden sei. Es erstaune, dass dieser Vorbehalt des
IRM M._ sowie aller anderen Gutachter der anderen Asylregionen
in der Schweiz das SEM in Bezug auf die Bewertung der Beweiskraft des
vorliegenden Gutachtens nicht umzustimmen vermöge. Schliesslich sei
dem Gutachten nicht schlüssig zu entnehmen, ob die dortige Feststellung,
der Beschwerdeführer entstamme einer anderen Ethnie als die beigezo-
gene Referenzpopulation, bei der Schlussfolgerung in Bezug auf sein mut-
massliches Alter tatsächlich berücksichtigt worden sei.
5.
5.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (ZEMIS-Verord-
nung, SR 142.513) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord-
nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus-
kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa-
tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten,
nach dem Bundesgesetz vom 19. Juni 1992 über den Datenschutz (DSG,
SR 235.1) und dem VwVG.
5.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Ist die Unrichtigkeit erstellt, besteht ein uneinge-
schränkter Anspruch auf Berichtigung (vgl. statt vieler Urteil des BVGer
A-7615/2016 vom 30. Januar 2018 E. 3.2, m.w.H.).
5.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
D-1615/2021
Seite 12
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen (vgl. Urteil des BGer 1C_240/2012 vom 13. August
2012 E. 3.1; BVGE 2013/30 E. 4.1). Nach den massgeblichen Beweisre-
geln des VwVG gilt eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung
sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen
Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich.
5.4 Kann bei einer verlangten oder von Amtes wegen beabsichtigten Be-
richtigung weder die Richtigkeit der bisherigen Personendaten noch dieje-
nige der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich we-
der die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1
DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Per-
sonendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendiger-
weise bearbeitet werden. Das gilt namentlich auch für im ZEMIS erfasste
Daten. In solchen Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der Bear-
beitung möglicherweise unzutreffender Daten das Interesse an deren Rich-
tigkeit. Unter diesen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb die An-
bringung eines Vermerks vor, in dem darauf hingewiesen wird, dass die
Richtigkeit der bearbeiteten Personendaten bestritten und/oder nicht gesi-
chert ist. Spricht dabei mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die
bisherigen Angaben zunächst zu berichtigen und die neuen Daten an-
schliessend mit einem derartigen Vermerk zu versehen. Ob die vormals
eingetragenen Angaben (als Neben- beziehungsweise Aliasidentität) wei-
terhin abrufbar bleiben sollen oder ganz zu löschen sind, bleibt grundsätz-
lich der Vorinstanz überlassen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also
die Richtigkeit der bisher eingetragenen Daten als wahrscheinlicher oder
zumindest nicht als unwahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit
einem Bestreitungsvermerk zu versehen. Über die Anbringung eines ent-
sprechenden Vermerks ist jeweils von Amtes wegen und unabhängig da-
von zu entscheiden, ob ein entsprechender Antrag gestellt worden ist (vgl.
zum Ganzen Urteile des BVGer A-7588/2015 vom 26. Februar 2016 E. 3.4
und A-7822/2015 vom 25. Februar 2016 E. 3.4, je m.w.H.).
5.5 Es obliegt somit zunächst grundsätzlich der Vorinstanz zu beweisen,
dass der aktuelle ZEMIS-Eintrag des Geburtsdatums des Beschwerdefüh-
rers (1. Januar [...]) korrekt beziehungsweise zumindest wahrscheinlich ist.
Der Beschwerdeführer wiederum hat nachzuweisen, dass das von ihm gel-
tend gemachte Geburtsdatum ([...]) richtig beziehungsweise zumindest
wahrscheinlicher ist als die derzeit im ZEMIS erfasste Angabe. Gelingt kei-
D-1615/2021
Seite 13
ner Partei der sichere Nachweis des Geburtsdatums, ist dasjenige Ge-
burtsdatum im ZEMIS zu belassen oder einzutragen, dessen Richtigkeit
wahrscheinlicher erscheint (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3).
6.
6.1
6.1.1 Einleitend ist festzuhalten, dass die Minderjährigkeit des Beschwer-
deführers unbestritten ist.
6.1.2 In der Beschwerde wird indessen geltend gemacht, das SEM habe
sein Geburtsdatum zu Unrecht auf den 1. Januar (...) angepasst, da er laut
eigenen Angaben am (...) geboren sei. Ausserdem entspreche es nicht
mehr den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, bei der Erstellung
von Altersgutachten in der Schweiz auf das wahrscheinliche Alter (im Sinne
eines Durchschnittsalters) abzustellen. Vielmehr werde der medizinischen
Bestimmung des mutmasslichen Alters in Altersgutachten heute das
(höchste) Mindestalter zugrunde gelegt. Entsprechend habe das IRM
M._ anfangs des Jahres 2021 alle Altersgutachten, welche ein
wahrscheinliches Alter ausgewiesen hätten, widerrufen und gleichzeitig
Nachbegutachtungen angekündigt. Heute stelle nur noch das IRM
J._ Altersgutachten aus, die auf dem "wahrscheinlichen Alter" ba-
sieren würden, was im Ergebnis auch dem Gleichbehandlungsgebot zuwi-
derlaufe.
6.1.3 Das SEM hält dieser Sichtweise primär entgegen, es liege nicht in
der Kompetenz fachfremder Personen, die wissenschaftliche Fundiertheit
eines Gutachtens zu bewerten. Da das IRM J._ in seinem Gutach-
ten vom 22. Januar 2021 für die Berechnung des mutmasslichen Alters des
Beschwerdeführers auf die Methode des wahrscheinlichen Alters abge-
stellt habe, sei diese im vorliegenden Fall auch anzuwenden. Diese habe
ein wahrscheinliches Alter des Beschwerdeführers zwischen (...) und (...)
Jahren ergeben, weshalb das SEM dessen ungefähres Alter auf (...) Jahre
veranschlagt und das hieraus resultierende Geburtsjahr (...) mit dem fikti-
ven Geburtsdatum des 1. Januar versehen habe, was der Praxis entspre-
che, falls das tatsächliche Geburtsdatum der entsprechenden Person un-
bekannt sei.
6.2
6.2.1 Gemäss Rechtsprechung sind hinsichtlich der in der Schweiz ange-
wandten Methoden der medizinischen Altersabklärung nur die Schlüssel-
bein- respektive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung,
D-1615/2021
Seite 14
nicht jedoch die Handknochenanalyse und die ärztliche körperliche Unter-
suchung zum Beweis geeignet (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1, Urteil des
BVGer D-966/2022 vom 11. März 2022 E. 4.1). Das Bundesverwaltungs-
gericht hat in dieser Hinsicht Grundsätze zur Gewichtung der Resultate der
Untersuchungen definiert (eingehend hierzu: BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2, Ur-
teil des BVGer A-1455/2020 vom 13. Oktober 2020 E. 6.1.1). Sie sind in
ihrer Formulierung zwar auf Fälle der streitigen Abgrenzung von Minder-
respektive Volljährigkeit zugeschnitten, können aber auf ein streitiges Alter
unterhalb der Volljährigkeit sinngemäss (mutatis mutandis) Anwendung fin-
den (so Urteil des BVGer D-570/2021 vom 25. März 2021 E. 10.4).
6.2.2 Bezüglich der in BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2 formulierten Grundsätze
zur Gewichtung der Resultate der Untersuchungen im Rahmen eines Al-
tersgutachtens fällt vorab auf, dass sie alle an ein Mindestalter anknüpfen.
Hieraus folgt, dass die Grundsätze nicht zur Anwendung gebracht werden
können, wenn im Altersgutachten für die Einzeluntersuchungen kein Min-
destalter festgelegt wurde, wobei das verbindliche Mindestalter des Alters-
gutachtens grundsätzlich dem höchsten Mindestalter aller Einzeluntersu-
chungen entspricht. Bereits vor diesem Hintergrund ist dem Beschwerde-
führer dahingehend zuzustimmen, dass sich die Bestimmung des mut-
masslichen Alters aufgrund des Altersgutachtens am empirisch zu eruie-
renden (höchsten) Mindestalter und nicht an einem wahrscheinlichen Alter
(im Sinne von Durchschnittsalter) orientieren sollte. Das SEM hat demnach
im vorliegenden Fall das mutmassliche Alter des Beschwerdeführers zu
Unrecht gestützt auf das im Gutachten des IRM J._ vom 22. Januar
2021 aufgeführte wahrscheinliche Alter von (...) bis (...) Jahren auf (...)
Jahre veranschlagt. Im nämlichen Gutachten finden sich überdies auch An-
gaben in Bezug auf ein anzunehmendes Mindestalter des Beschwerdefüh-
rers, das mit (...) Jahren angegeben wird. Folglich hätte die Vorinstanz das
Alter des Beschwerdeführers im ZEMIS anhand der Erkenntnisse des Al-
tersgutachtens grundsätzlich auf den 1. Januar (...) eintragen müssen.
6.3 Es stellt sich die Frage, ob aufgrund des Aussageverhaltens des Be-
schwerdeführers sowie der weiter zu berücksichtigenden Umstände den-
noch von einem höheren Alter des Beschwerdeführers als dem im Alters-
gutachten ausgewiesenen (höchsten) Mindestalter auszugehen ist.
6.3.1 Diesbezüglich fällt zunächst auf, dass der Beschwerdeführer anläss-
lich seiner EB angab, er habe sein Alter in I._ mit (...) angegeben,
um rascher aus dem Camp entlassen zu werden (vgl. SEM-Akten [...]-
12/15 S. 6 Ziff. 2.06). Diese Aussage des Beschwerdeführers ist zumindest
D-1615/2021
Seite 15
dahingehend plausibel, als es in I._ öfters vorkommt, dass sich dor-
tige Flüchtlinge bewusst älter machen, um schneller aus den geschlosse-
nen Camps rauszukommen und weiterreisen zu können.
6.3.2 Hinsichtlich der Tatsache, dass die Halbschwester im Zeitpunkt ihrer
Anhörung am 2. März 2018 angab, ihr Halbbruder sei ungefähr (...) oder
(...) Jahre alt (vgl. Beizugsdossier N [...], SEM-Akten A31/18 S. 5 F34), ist
zu folgern, dass dieser bezogen auf den Zeitpunkt der Erstellung des Al-
tersgutachtens am 22. Januar 2021 ihren Angaben zufolge somit (...) bis
(...) Jahre alt gewesen sein müsste, was doch erheblich über dem Mindest-
alter des Beschwerdeführers von (...) Jahren gemäss Altersgutachten lie-
gen würde. Zieht man überdies die Fotografie des Beschwerdeführers in
dessen N- Dossier (vgl. SEM-Akten [...]-1/1) zu Vergleichszwecken hinzu,
sieht er dort doch deutlich jünger als (...) oder (...) Jahre aus. Hinzu kommt,
dass die Halbschwester des Beschwerdeführers Analphabetin ist (vgl.
SEM-Akten A6/11 S. 2 Bst. e) und bezüglich ihres eigenen Alters im Rah-
men ihres Asylverfahrens unterschiedliche Angaben gemacht hat, ist ihr
Geburtsdatum im Personalienblatt doch mit dem (...) verzeichnet (vgl.
SEM-Akten A1/6), während sie in der BzP vom 25. November 2015 aus-
sagte, (...) Jahre alt zu sein und ihr genaues Geburtsdatum nicht zu ken-
nen, worauf das SEM ihr Geburtsdatum zeitlich auf den 1. Januar (...) si-
tuierte (vgl. SEM-Akten A6/11 S. 3 Ziff. 1.06). Ausserdem sieht sie auf dem
Foto im Deckblatt ihres Dossiers N [...] wesentlich älter als von ihr ange-
geben aus. Aus diesen Gründen bleibt fraglich, ob ihre Altersangaben be-
züglich ihres Halbbruders tatsächlich zutreffen.
6.3.3 Somit ist in einer Gesamtwürdigung davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer im Jahr (...) geboren worden ist.
6.4 Es bleibt zu prüfen, ob innerhalb des Geburtsjahrs (...) die fiktive An-
nahme eines Geburtsdatums des Beschwerdeführers vom 1. Januar (...)
oder das von ihm angegebene Geburtsdatum des (...) wahrscheinlicher ist.
6.4.1 Einleitend bleibt anzumerken, dass das vom Beschwerdeführer an-
gegebene Geburtsdatum vom (...) im Zeitpunkt der Erstellung des vorlie-
genden Altersgutachtens am 22. Januar 2021 einem Alter von (...) ent-
sprach. Angesichts eines anzunehmenden Mindestalters des Beschwerde-
führers von (...) Jahren im Altersgutachten erscheint somit die Annahme
der Richtigkeit des vom Beschwerdeführer angeführten Geburtsdatums
wenig wahrscheinlich, liegt dieses doch rund neun bis zehn Monate unter
dem geschätzten Mindestalter des Beschwerdeführers.
D-1615/2021
Seite 16
6.4.2 Hinzu kommt, dass sich nicht erschliesst, weshalb der Beschwerde-
führer sein angebliches Geburtsdatum lediglich nach dem christlichen Ka-
lender zu benennen vermochte, während ihm das entsprechende Datum
nach afghanischem Kalender unbekannt war. Der Beschwerdeführer wies
zwar darauf hin, dass das Alter im afghanischen Kontext nicht wesentlich
sei und er zwischenzeitlich auch seit geraumer Zeit ausserhalb seiner Hei-
mat weile. Gleichzeitig hielt er hinsichtlich des von ihm genannten Geburts-
datums in der BzP fest, in der Schule sei es wichtig gewesen, sein Ge-
burtsdatum zu kennen. So hätten die Schüler ihre Bücher und Schulhefte
nebst ihrem Namen auch mit ihrem Geburtsdatum beschriften müssen, um
diese für den Fall eines Verlustes zu kennzeichnen und dergestalt die Mög-
lichkeit zu schaffen, bei deren allfälligem Wiederauftauchen wieder in ihren
Besitz zu gelangen. Ausserdem habe der Lehrer ihre Geburtsdaten benö-
tigt, um ihre Anwesenheit bestätigen zu können. Später habe ihnen ihr Eng-
lischlehrer dann im Rahmen des Unterrichts ihre Geburtsdaten nach christ-
lichem Kalender errechnet (vgl. SEM-Akten [...]-12/15 S. 3 Ziff. 1.06). An-
gesichts des Gesagten erscheint es wenig plausibel, dass der Beschwer-
deführer sein Geburtsdatum nach afghanischem Kalender nicht kennt.
6.4.3 Schliesslich bleibt festzuhalten, dass der Beschwerdeführer sein an-
gebliches Geburtsdatum auch nicht anhand von Identitätsdokumenten zu
belegen vermochte.
6.4.4 Es liegt somit die Annahme nahe, dass es sich beim (...) nicht um
sein wirkliches Geburtsdatum, sondern um ein willkürlich gewähltes Datum
handelt.
6.5 Nach dem Gesagten kommt das Bundesverwaltungsgericht im vorlie-
genden Fall zum Schluss, dass das aktuell im ZEMIS eingetragene Ge-
burtsdatum des Beschwerdeführers (1. Januar [...]) nicht das wahrschein-
lichste Datum ist, da das mit dem Altersgutachten vom 22. Januar 2021
ermittelte Mindestalter des Beschwerdeführers von (...) Jahren für das Ge-
burtsjahr (...) spricht. Da das exakte Geburtsdatum des Beschwerdefüh-
rers indessen nicht feststeht, ist dessen Geburtsdatum praxisgemäss fiktiv
mit dem 1. Januar (...) zu erfassen.
6.6 Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit die Aufhebung der
Dispositivziffer 1 der angefochtenen Verfügung beantragt wird.
D-1615/2021
Seite 17
7.
7.1 Weiter ist zu prüfen, ob die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwer-
deführers zu Recht abgelehnt und dessen Flüchtlingseigenschaft verneint
hat.
7.2 Das SEM begründet die Ablehnung des Asylgesuches des Beschwer-
deführers im Wesentlichen damit, die Tätlichkeiten seiner Familienangehö-
rigen ihm gegenüber gründeten darin, dass er seiner Schwester den Haus-
schlüssel verschafft und ihr so zur Flucht verholfen habe. Der Unmut seiner
Familie knüpfe somit an seine Handlung, also ein Tun und nicht an sein
Sein an, weshalb es an einem Verfolgungsmotiv aus einem der in Art. 3
Abs. 1 AsylG abschliessend genannten Gründen, Rasse, Religion, Natio-
nalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und politische
Anschauung, fehle. Soweit der Beschwerdeführer geltend mache, er
könnte im Falle seiner Rückkehr von seiner Familie getötet werden, beruhe
seine Befürchtung allein auf dem Umstand, dass sein Vater und seine bei-
den Halbbrüder in ihrer Wut jeweils damit gedroht hätten, seine Halb-
schwester zu töten. Es bestünden jedoch keine konkreten Anzeichen, dass
ihn dieses Schicksal im Falle einer Rückkehr in die Heimat tatsächlich er-
eilen könnte, da er ja im Gegensatz zu seiner Halbschwester in den Augen
seiner Familie kein Ehrdelikt begangen habe und deshalb auch nicht mit
denselben Konsequenzen rechnen müsste.
7.3 In der Beschwerde wird ausgeführt, allein schon die Dauer und das
Ausmass der gegen den Beschwerdeführer gerichteten Massnahmen sei-
ner Familienangehörigen – regelmässige Prügel durch dessen Vater und
Halbbrüder, Wegnahme aus der Schule und Zwang zur Arbeit auf der
Strasse – spreche dagegen, dass er bloss für das unerlaubte Entwenden
des Hausschlüssels und dessen Übergabe an seine Halbschwester ge-
massregelt worden sei. Vielmehr habe man ihn stellvertretend für seine
Schwester für die durch sie begangene Verletzung der Familienehre ver-
antwortlich gemacht. In diesem Sinne liege eine Reflexverfolgung des Be-
schwerdeführers vor, die insbesondere auch unter dem Aspekt der begrün-
deten Furcht vor künftiger Verfolgung zu berücksichtigen sei. Eine Re-
flexverfolgung liege gemäss geltender Rechtsprechung vor, wenn Angehö-
rige von verfolgten Personen Repressalien oder behördlichen Belästigun-
gen oder Behelligungen ausgesetzt seien (vgl. Urteil des BVGer
D-1080/2017 vom 19. November 2018 E. 4.6). Die Reflexverfolgung
müsse dabei nicht zwingend von staatlichen Behörden ausgehen, sondern
D-1615/2021
Seite 18
könne auch durch Private erfolgen (vgl. Handbuch zum Asyl- und Wegwei-
sungsverfahren der Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH; 2. Auflage
2015, S. 180]).
Die vom Beschwerdeführer erlittenen Misshandlungen sowie der Entzug
von Liebe und Fürsorge seien auch als ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 Abs. 1 AsylG zu erachten, die bei ihm einen unerträglichen psychi-
schen Druck erzeugt und ihm ein menschenwürdiges Leben in Afghanistan
verunmöglicht hätten, dem er sich nur durch die Flucht ins Ausland habe
entziehen können. In einem sehr ähnlich gelagerten Fall (vgl. Urteil des
BVGer E-4094/2018 vom 13. Januar 2021 E. 7.5) sei das Bundesverwal-
tungsgericht zum Schluss gelangt, dass die Verfolgung des dortigen Be-
schwerdeführers an die frauenspezifischen Probleme seiner Schwester mit
ihrem Ehemann anknüpfe. Gleich wie im vorliegenden Fall habe am An-
fang der Verfolgung vordergründig eine Handlung beziehungsweise ein
Unterlassen gestanden. So sei der Beschwerdeführer vom Verfolger auf-
gefordert worden, zu veranlassen, dass seine Schwester wieder nach Af-
ghanistan komme. Dieser Aufforderung sei der Beschwerdeführer nicht
nachgekommen, weshalb er von der Familie des Ehemannes bedroht und
verprügelt worden sei. Das Gericht sei in besagtem Urteil davon ausge-
gangen, dass der Schwerpunkt der Verfolgung zwar ursprünglich gegen
die Schwester des Beschwerdeführers gerichtet gewesen sei, jedoch auf-
grund der gegen ihn ausgesprochenen Drohungen geschlossen, dass er
wegen seiner Schwester einer Reflexverfolgung ausgesetzt gewesen sei.
Im vorliegenden Fall bestünden entgegen der Annahme der Vorinstanz
auch hinreichende Anhaltspunkte für die Annahme einer begründeten
Furcht des Beschwerdeführers vor künftiger Verfolgung im Falle einer
Rückkehr nach Afghanistan. In objektiver Hinsicht sei festzuhalten, dass
bereits das Ausmass der an ihm begangenen Misshandlungen vor seiner
Ausreise den Schluss nahelege, dass seine Familie ihn letztlich für das
durch seine Schwester begangene Ehrdelikt verantwortlich mache. Daran
ändere der Umstand nichts, dass seiner Familie möglicherweise bewusst
sei, dass er selber kein Ehrdelikt begangen habe. Deshalb bestünden
durchaus Anhaltspunkte dafür, dass ihm seine Familie im Falle einer Rück-
kehr etwas antun könnte. Darüber hinaus begründe die Tatsache, dass der
Beschwerdeführer bereits vor seiner Flucht mehrfach heftig von Familien-
angehörigen geschlagen worden sei, die Regelvermutung, wonach auch
eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung anzunehmen sei. In sub-
jektiver Hinsicht sei anzumerken, dass der Beschwerdeführer befürchte, im
Falle einer Rückkehr von Familienangehörigen getötet zu werden. Dies,
D-1615/2021
Seite 19
weil er vor seiner Ausreise wiederholt die Drohungen seiner beiden Halb-
brüder gehört habe, man werde seine Halbschwester umbringen, falls man
sie finden würde. Da er selber wie seine Schwester vor seiner Flucht ge-
schlagen worden sei, sei nachvollziehbar, dass er nun befürchte, wie seine
Schwester aufgrund seiner Flucht getötet zu werden, zumal er zusätzlich
zu seiner Halbschwester in die Schweiz geflüchtet sei.
Im Weiteren stelle sich die Frage, ob im vorliegenden Fall nicht auch das
Verfolgungsmotiv der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
erfüllt sein könnte. Eine soziale Gruppe werde definiert als eine Gruppe
von Menschen, die von anderen Gruppen klar unterscheidbar sei und ei-
nen gemeinsamen Hintergrund, angeborene äussere oder innere Merk-
male habe, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers
verbunden seien (vgl. Urteil des BVGer E-5072/2018 vom 17. Dezember
2020 E. 5.7). Auch die Zugehörigkeit zu einer Familie könne unter gewis-
sen Umständen eine solche soziale Gruppe darstellen. Dieser Ansatz
werde etwa in der österreichischen Judikatur zur häuslichen Gewalt vertre-
ten, indem der Fluchtgrund der "Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe der Fa-
milie des Verfolgers" gebildet worden sei. Daneben sehe auch die US-ame-
rikanische Rechtsprechung im faktischen Gewaltmonopol eines Verfolgers,
innerhalb einer Familie ungehindert Zwang auszuüben, den Fluchtgrund
der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verwirklicht.
Ferner weise die Verfolgung des Beschwerdeführers auch Anzeichen einer
religiösen Verfolgung auf. Indem nämlich der Beschwerdeführer von seiner
Familie für die Ehrverletzung seiner Schwester verantwortlich gemacht
werde, liege eine Verfolgung wegen Missachtung von gesellschaftlich-reli-
giösen Normen vor.
Schliesslich könne auch nicht von der Schutzfähigkeit und -willigkeit der
afghanischen Behörden gegenüber der von einem privaten Dritten ausge-
henden Bedrohung ausgegangen werden. Im Übrigen bestehe im Falle
des Beschwerdeführers auch keine innerstaatliche Schutzalternative, wes-
halb er als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren sei.
Falls das Bundesverwaltungsgericht dem Beschwerdeführer die Flücht-
lingseigenschaft nicht zuerkenne beziehungsweise sein Asylgesuch ab-
lehne, sei das Verfahren wegen Verletzung der Begründungspflicht an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Die Verletzung liege darin, dass sich die Vor-
instanz in ihrer Entscheidbegründung mit keinem Wort dazu geäussert
D-1615/2021
Seite 20
habe, weshalb es sich bei der vom Beschwerdeführer in Afghanistan un-
bestrittenermassen erlittenen Verfolgung nicht um eine Reflexverfolgung
im Zusammenhang mit dem Ehrverletzungsdelikt seiner Schwester handle,
welche in der Schweiz Asyl erhalten habe. Eine entsprechende Begrün-
dung wäre namentlich deshalb vonnöten gewesen, da sich aus den N-Dos-
siers des Beschwerdeführers und dessen Halbschwester ergebe, dass die
Verfolgung des Beschwerdeführers und jene seiner Schwester sachlich,
zeitlich wie auch personell unverkennbare Parallelen aufweisen würden
beziehungsweise aufgrund des gleichen Sachverhalts und durch die glei-
chen Verfolger erfolgt seien. Das SEM habe lediglich bei seinen Ausfüh-
rungen zur Befürchtung künftiger Verfolgungsmassnahmen in zwei Sätzen
darauf hingewiesen, dass sich die Situation des Beschwerdeführers an-
ders gestalte als jene seiner Schwester, da er anders als sie in den Augen
der Familie kein Ehrdelikt begangen habe.
7.4 Das SEM widerspricht in seiner Vernehmlassung der Darstellung in der
Beschwerde, der Beschwerdeführer sei nach der Flucht seiner (Halb)-
schwester ins Ausland von seiner Familie an ihrer Stelle für den Verlust der
Familienehre verantwortlich gemacht worden, weshalb der von ihm geltend
gemachten Misshandlung durch seine Familie durchaus ein asylrelevantes
Motiv zugrunde liege und er einer Reflexverfolgung ausgesetzt gewesen
sei beziehungsweise eine solche auch in Zukunft befürchten müsse. So
lägen nach dem kurzfristigen Ärger seiner Familie über seine Mithilfe bei
der Flucht seiner Schwester am nachfolgenden Morgen keine Hinweise
vor, dass die Ehrverletzung nachhaltig auf ihn übertragen worden sei. Zwar
habe er mehrmals erklärt, dass sein Vater und seine (Halb)brüder "Groll"
gegen ihn gehegt hätten. Diese Darstellung der Situation erwecke jedoch
nicht den Eindruck, dass sie dem Beschwerdeführer langfristig schwerwie-
gende Vorwürfe gemacht und ihm die volle Verantwortung für den Bruch
durch die (Halb)schwester mit der Familie auferlegt hätten. Die Misshand-
lungen, die der Beschwerdeführer insbesondere durch seinen Vater erfah-
ren habe, muteten zudem eher zufällig und durch äussere Umstände aus-
gelöst an. Damit unterscheide sich der vorliegende Fall wesentlich vom zi-
tierten Urteil des BVGer E-4094/2018, wo der Betroffene konkret mehrmals
wegen eines Unterlassens im direkten Zusammenhang mit den frauenspe-
zifischen Problemen seiner Schwester bedroht und behelligt worden sei.
Da zudem sämtliche weiteren Ausführungen des Beschwerdeführers zur
Frage, ob die Herkunft aus einer Familie unter gewissen Umständen sogar
als Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe beziehungsweise
D-1615/2021
Seite 21
zur Verfolgung aus religiösen Gründen zu werten sei ebenfalls auf der An-
nahme beruhen würden, dass er langfristig von der Familie für die erlittene
Ehrverletzung verantwortlich gemacht worden sei, könne auch diesen Ar-
gumenten nicht gefolgt werden.
7.5 In der Replik wird gerügt, die Darstellung des SEM in der Vernehmlas-
sung, die Familie des Beschwerdeführers habe in einem "kurzfristigen Är-
ger" gehandelt, stelle eine unhaltbare Verharmlosung der Übergriffe der
Familie gegenüber diesem dar. So sei der Beschwerdeführer am Morgen
nach der Flucht seiner (Halb)schwester als wehrloser Achtjähriger von sei-
nem Vater und den beiden älteren (Halb)brüdern massiv verprügelt wor-
den, nachdem er zugegeben habe, seiner Schwester bei der Flucht gehol-
fen zu haben. Darüber hinaus sei er aber auch aus der Schule genommen
und bis zur Ausreise zur harten Arbeit auf den Strassen von B._
gezwungen worden. Überdies sei er nach der Flucht seiner Schwester
ständig geschlagen worden und von der gesamten Familie so behandelt
worden, als würde er nicht zur Familie gehören. Somit könne nicht von ei-
nem kurzfristigen Ärger seiner Familie über seine Person gesprochen wer-
den. Vielmehr habe es sich um eine "langanhaltende ernsthafte Misshand-
lung einer besonders verletzlichen Person" gehandelt. Die Vorinstanz be-
haupte ferner, dass die Misshandlung des Beschwerdeführers zufällig und
durch äussere Umstände ausgelöst worden sei. Sie führe allerdings nicht
aus, welche anderen Gründe hätten dazu führen können, dass der jüngste
Sohn von der gesamten Familie ein ganzes Jahr lang regelmässig heftig
misshandelt worden sei. Dass der Ursprung der vom Beschwerdeführer
erlittenen Nachteilszufügungen in der Verletzung der Familienehre durch
seine (Halb)schwester liege, ergebe sich letztlich auch aus deren Aussa-
gen anlässlich ihrer Anhörung vom 2. März 2018, habe sie doch erklärt, um
ihren Bruder zu fürchten, da dieser von allen geschlagen werde, weil er ihr
bei der Flucht geholfen habe (vgl. Beizugsdossier N [...], SEM-Akten
A31/18 S. 15 F80). Folglich decke sich der vorliegende Fall mit dem zitier-
ten Urteil des BVGer E-4094/2018.
8.
8.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
D-1615/2021
Seite 22
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
8.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
9.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus andern als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen; massgebend sind grundsätzlich die tatsächlichen Ver-
hältnisse zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1,
2011/1 E. 2).
9.2 Den Ausführungen des Beschwerdeführers vor den Schweizer Asylbe-
hörden ist zu entnehmen, dass dieser Afghanistan im Alter von ungefähr
neun Jahren, also mutmasslich im Jahr (...), verlassen und in der Folge
ungefähr ein Jahr lang in Pakistan in einer (...) gearbeitet hat. Anschlies-
send sei er nach Afghanistan zurückgekehrt, wo er etwa sechs bis acht
Monate lang als (...) in einem Restaurant in F._ gelebt und gearbei-
tet habe. Danach sei er erneut aus seinem Heimatland ausgereist und
habe sich G._ begeben (vgl. SEM-Akten [...] S. 9 f. Ziff. 5.02).
9.3 In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass der Beschwerdefüh-
rer sich durch seine Rückkehr in seinen Heimatstaat unter dessen Schutz
gestellt hat. Aus diesem Grunde kann er sich heute auch nicht mehr auf
seine Fluchtgründe berufen, die ihn bei seiner ersten Ausreise zur Flucht
veranlasst haben sollen, da die Kausalität zwischen Verfolgungsvorbringen
und Flucht durch die Wiedereinreise in den Heimatstaat unterbrochen wor-
den ist. Der Beschwerdeführer lebte nach seiner Wiedereinreise in Afgha-
nistan sechs bis acht Monate in F._ und arbeitete dort offiziell als
(...) in einem Restaurant, ohne dass ihm dort seitens seiner Familienange-
hörigen etwas zugestossen wäre. So besehen bestanden im Zeitpunkt sei-
ner zweiten Ausreise aus Afghanistan weder in objektiver noch subjektiver
Hinsicht Anhaltspunkte für eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung
D-1615/2021
Seite 23
aufgrund der früheren Asylvorbringen. Somit liegt die Annahme nahe, dass
er seine Heimat aus anderen als den von ihm geltend gemachten Gründen
verlassen haben muss.
9.4 Aus den vorgenannten Gründen erübrigt es sich, die vom Beschwer-
deführer im Rahmen des vorliegenden Asylverfahrens geltend gemachten
Fluchtgründe einer inhaltlichen Prüfung zu unterziehen. Nichtsdestotrotz
bleibt anzumerken, dass es angesichts des Vorbringens, der Beschwerde-
führer sei als Achtjähriger von seiner Familie gemassregelt worden, weil er
den Hausschlüssel auf Geheiss seiner älteren Schwester entwendet und
ihr dadurch ohne sein Wissen die Flucht ermöglicht habe, schwerfällt, hie-
rin ein asylbeachtliches Verfolgungsmotiv beziehungsweise eine Re-
flexverfolgung zu erblicken.
9.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer keine asyl-
relevante Verfolgung nachweisen oder glaubhaft zu machen vermochte.
Das SEM hat folglich zu Recht festgestellt, dieser erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht und dessen Asylgesuch abgelehnt.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
D-1615/2021
Seite 24
11.
Die Beschwerde ist demnach abzuweisen, soweit beantragt wird, es seien
die Ziffern 2–4 des Dispositivs aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen,
ihn als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. Hingegen ist
die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Aufhebung der Dispositivziffer 1
der vorinstanzlichen Verfügung (Anpassung des Geburtsdatums) bean-
tragt wird (vgl. E. 6.6). Das SEM ist anzuweisen, das Geburtsdatum des
Beschwerdeführers im ZEMIS auf den 1. Januar (...) abzuändern und mit
einem Bestreitungsvermerk zu versehen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätz-
lich zu 2/3 dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da
ihm indessen mit Zwischenverfügung vom 29. April 2021 die unentgeltliche
Prozessführung und die amtliche Rechtsverbeiständung nach Art. 102m
Abs. 1 AsylG gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
12.2 Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteientschädigung
für die ihnen erwachsenen notwendigen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG,
Art. 7 Abs. 1 und 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Vorliegend hat der Beschwerdeführer teilweise obsiegt,
wobei die ZEMIS-Anpassung im Kosten- und Entschädigungspunkt auf ei-
nen Drittel zu veranschlagen ist. Die am 9. April 2021 eingereichte Kosten-
note des amtlichen Rechtsbeistands weist für das vorliegende Verfahren
einen totalen Zeitaufwand von 16.25 Stunden und Auslagen in Höhe von
Fr. 19.50 auf. Der Aufwand erscheint in zeitlicher Hinsicht als leicht über-
höht und wird unter Einschluss der nicht gesondert in Rechnung gestellten
Replik auf 13 Stunden veranschlagt, was einem Gesamtbetrag von
Fr. 2'880.– (gerundet) entspricht. Dementsprechend ist die Parteientschä-
digung auf einen Drittel dieses Betrags und somit auf Fr. 960.– festzulegen
und das SEM anzuweisen, dem Beschwerdeführer diesen Betrag als Par-
teientschädigung zu entrichten.
12.3 Dem für das Beschwerdeverfahren amtlich beigeordneten Rechtsver-
treter ist ein Honorar auszurichten (vgl. für die Grundsätze der Bemessung
der Parteientschädigung Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Für das Beschwerdeverfahren ist dem amtlich bei-
geordneten Rechtsvertreter somit auf der Grundlage der von ihm einge-
reichten Kostennote vom 9. April 2021 zulasten des Gerichts ein amtliches
D-1615/2021
Seite 25
Honorar in Höhe von Fr. 1'920.– (2/3 des Gesamtbetrages der Kostennote)
zuzusprechen.
13.
Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten-
schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖP) bekannt
zu geben.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1615/2021
Seite 26