Decision ID: f5e042b7-44c9-5a66-8cf0-2915b9fe81cb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge anfangs Juni 2015 und gelangte am 25. September 2015 in die
Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.
B.
B.a Anlässlich der stark verkürzten Befragung zur Person (BzP) vom
15. Oktober 2015 sowie insbesondere anlässlich der Anhörung zu den
Asylgründen vom 31. August 2017 brachte er im Wesentlichen vor, er sei
afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer Ethnie und in B._
(Provinz C._) zur Welt gekommen. Nach der Machtübernahme der
Taliban – er sei (...) alt gewesen – sei seine Familie in den Iran geflohen,
da sein Vater ein Mudschahed gewesen sei. Als er ungefähr (...) alt gewe-
sen sei, sei seine Familie nach Afghanistan zurückgekehrt, weil sich die
Lage nach dem Sturz der Taliban verbessert habe. Sie hätten fortan in Ka-
bul gelebt.
Sein Heimatland habe er im Juni 2015 verlassen müssen, weil er aufgrund
einer Familienfehde gefährdet gewesen sei. Diese habe damit begonnen,
dass sein Onkel seinen Cousin zwangsmässig – und ohne Einwilligung de-
ren Eltern – mit einer jungen Frau respektive einem Mädchen habe ver-
mählen lassen. Sein Onkel sei daraufhin von einem Mann namens
D._, der bei der al-Qaida gewesen sei, getötet und das Mädchen
seinem Cousin wieder weggenommen worden. Der Konflikt sei durch Ver-
mittlung der Dorfältesten gelöst worden, indem seiner Tante und seinem
Cousin Land abgetreten und eine Geldsumme bezahlt worden sei. Zwei
Jahre später sei seine Tante an Brustkrebs gestorben und sein Cousin
habe sich entschlossen, gegen die Familie von D._ Rache zu üben.
Zusammen mit seinem Bruder E._ (Bruder des Beschwerdefüh-
rers) und zwei weiteren Personen habe sein Cousin die Familie von
D._ angegriffen. Sein Cousin sei dabei ums Leben gekommen.
Sein Bruder habe sich gestellt und sei inhaftiert worden. Daraufhin hätten
er (der Beschwerdeführer) und sein Vater sich aus Furcht vor einem Ra-
cheakt der Familie von D._ versteckt aufgehalten, jedoch an unter-
schiedlichen Orten. Er sei bei verschiedenen Kollegen gewesen und nur
noch selten für ganz kurze Zeit nach Hause gegangen; sein Vater sei gar
nicht mehr nach Hause gegangen. Etwa zwei Monate nach dem Vorfall
seien Familienangehörige von D._ nachts gewaltsam in das Haus
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seiner Familie eingedrungen und hätten nach ihm sowie seinem Vater ge-
sucht. Elf Tage später seien sie tagsüber ein weiteres Mal gekommen.
Nach diesen Vorfällen habe er sich zu einem Bergwerk in der Provinz
C._ begeben, wo nach (...) geschürft worden sei. Dort habe er in
Zelten der Arbeiter Unterschlupf gefunden und sei nur noch sporadisch zu
seinen Freunden nach Kabul gegangen. Einer der Bergarbeiter habe mit
ihm Mitleid gehabt und habe ihm daher die Ausreise aus Afghanistan orga-
nisiert und bezahlt.
Etwa im Mai 2017 habe seine Mutter ihm mitgeteilt, dass seine Familie
Kabul respektive Afghanistan verlassen müsse, weil sich die Lage ver-
schlechtert habe. Seither habe er keinen Kontakt mehr mit seinen Eltern.
Sein Bruder sei sodann etwa Ende Juli 2017 aus dem Gefängnis entlassen
worden und vermutlich nach Russland gegangen.
Für die weitergehenden Aussagen wird auf die Protokolle in den Akten und
die nachfolgenden Erwägungen verwiesen.
B.b Der Beschwerdeführer reichte im vorinstanzlichen Verfahren seine
Tazkira, Kopien der Tazkiras seines Vaters und seines Bruders, zwei Foto-
grafien seines getöteten Onkels (vor und nach dessen Tod) sowie zwei
Schreiben, welche seine Gefährdung aufgrund der Familienfehde bestäti-
gen würden, zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 21. September 2017 – tags darauf eröffnet – stellte das
SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
fülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
D.
Am 2. Oktober 2017 ging beim Bundesverwaltungsgericht eine Fürsorge-
bestätigung betreffend den Beschwerdeführer ein.
E.
Mit Eingabe vom 19. Oktober 2017 (Datum Postaufgabe) erhob der Be-
schwerdeführer gegen die Verfügung des SEM vom 21. September 2017
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Dabei bezog er sich – ins-
besondere in seinen rechtlichen Ausführungen – im Wesentlichen auf den
durch das SEM verfügten Wegweisungsvollzug respektive dessen Zumut-
barkeit, ohne jedoch konkrete materielle Anträge zu stellen. In verfahrens-
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rechtlicher Hinsicht ersuchte er sinngemäss um Gewährung der unentgelt-
lichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und insbesondere
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Mit der Beschwer-
deschrift reichte er eine Bestätigung des (...) zu seinen Integrationsbemü-
hungen in der Schweiz ein.
F.
Mit Verfügung vom 25. Oktober 2017 hielt die Instruktionsrichterin fest,
dass das Bundesverwaltungsgericht angesichts der Ausführungen in der
Beschwerdeschrift davon ausgehe, dass sich die Beschwerde nur gegen
den von der Vorinstanz verfügten Wegweisungsvollzug richte. Gleichzeitig
stellte sie fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten dürfe. Zudem hiess sie das sinngemässe Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege – unter Vorbehalt einer
nachträglichen Veränderung der finanziellen Lage des Beschwerdeführers
– gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
G.
Mit Verfügung vom 9. November 2017 wurde die Vorinstanz ersucht, eine
Vernehmlassung einzureichen. Das SEM kam diesem Ersuchen mit Ver-
nehmlassung vom 24. November 2017 nach.
H.
H.a Mit Verfügung vom 12. März 2020 wurde dem Beschwerdeführer die
Gelegenheit zur Einreichung einer Replik bis zum 27. März 2020 einge-
räumt.
H.b Mit Schreiben vom 17. März 2020 zeigte die rubrizierte Rechtsvertre-
terin dem Bundesverwaltungsgericht die Mandatsübernahme an und er-
suchte um Zustellung einer Kopie der Beschwerdeschrift sowie um Erstre-
ckung der Frist zur Einreichung einer Replik bis zum 7. April 2020. Die In-
struktionsrichterin liess der Rechtsvertreterin am 18. März 2020 eine Kopie
der Beschwerdeschrift zukommen und erstreckte die Frist zur Einreichung
einer Replik bis zum 2. April 2020.
H.c Mit Eingabe vom 26. März 2020 reichte der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seine Rechtsvertreterin – eine Replik ein. Darin beantragte er
seine vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs sowie gegebenenfalls die Rückweisung der Sache
an das SEM zur vollständigen Erstellung des massgeblichen Sachverhalts,
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umfassenden Beweiswürdigung und neuen Entscheidung. Der Replik la-
gen zwei Fotografien im Zusammenhang mit seinen Asylgründen (vgl.
E. 5.2 nachstehend) und diverse Unterlagen bezüglich seiner Arbeitstätig-
keit in der Schweiz sowie eine Kostennote bei.
I.
Mit Verfügung vom 24. Februar 2021 stellte die Instruktionsrichterin fest,
dass nach genauerer Betrachtung der Vorbringen in der Beschwerdeschrift
und insbesondere angesichts der Ausführungen in der Replik davon aus-
zugehen sei, der Beschwerdeführer habe mit seiner Laienbeschwerde die
Verfügung des SEM vom 21. September 2017 auch betreffend Verneinung
der Flüchtlingseigenschaft und Ablehnung des Asylgesuchs anfechten wol-
len. Entsprechend hielt sie fest, dass entgegen den Erwägungen in der In-
struktionsverfügung vom 25. Oktober 2017 auch diese Aspekte Gegen-
stand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden würden. Sie lud das
SEM daher zur Einreichung einer ergänzenden Vernehmlassung ein.
Gleichzeitig forderte sie den Beschwerdeführer auf, innert sieben Tagen ab
Erhalt der Verfügung seine aktuellen finanziellen Verhältnisse darzulegen
und zu belegen, andernfalls davon ausgegangen werde, es liege keine pro-
zessuale Bedürftigkeit mehr vor.
J.
Das SEM reichte am 2. März 2021 eine ergänzende Stellungnahme ein.
K.
Der Beschwerdeführer machte mit Eingabe vom 15. März 2021 – handelnd
durch seine Rechtsvertreterin – von dem ihm mit Verfügung vom 11. März
2021 eingeräumten Äusserungsrecht Gebrauch. Er ersuchte dabei explizit
um Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl so-
wie eventualiter um Erteilung der vorläufigen Aufnahme infolge Unzuläs-
sigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
Gleichzeitig gab er an, dass keine prozessuale Bedürftigkeit mehr vorliege,
weshalb er die diesbezüglich angesetzte Frist habe verstreichen lassen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
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Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005
(AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integ-
rationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Geset-
zesartikel sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden, wobei
zu berücksichtigen ist, dass an eine Laienbeschwerde keine hohen formel-
len Anforderungen zu stellen sind. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren
vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung
besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhe-
bung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Be-
schwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1
sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Sofern der Beschwerdeführer in der Beschwerdeschrift (S. 2: "Materielles"
Ziff. 3) in formeller Hinsicht rügt, das SEM habe mangels zureichender Fra-
gestellung den Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt, ist vorweg darauf
einzugehen. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass er anlässlich der Anhö-
rung ausreichend Gelegenheit erhielt, seine Asylgründe und die für die Prü-
fung des Wegweisungsvollzugs wesentlichen Umstände darzulegen. Aus
dem Anhörungsprotokoll – und insbesondere den in der Replik vom
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26. März 2020 in diesem Zusammenhang zitierten Protokollstellen – erge-
ben sich sodann keine massgeblichen Hinweise dafür, dass es bei der An-
hörung zu wesentlichen Problemen bei der Übersetzung oder Protokollie-
rung gekommen wäre. Die Rüge der unvollständigen Sachverhaltsfeststel-
lung zielt damit ins Leere. Auch sonst besteht keine Veranlassung, die Sa-
che aus formellen Gründen an das SEM zurückzuweisen, weshalb der ent-
sprechende Antrag in der Replik vom 26. März 2020 abzuweisen ist.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Gegen-
satz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwer-
deführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sach-
verhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Bei der Beurteilung
der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente
(Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanzi-
iertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.),
die für oder gegen die beschwerdeführende Person sprechen. Glaubhaft
ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen.
Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt
der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte
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wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sach-
verhaltsdarstellung sprechen (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/3 E. 6.5.1;
2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.
5.1 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung zur Begründung der
Verneinung der Flüchtlingseigenschaft im Wesentlichen an, der Beschwer-
deführer habe sich bei seiner Asylbegründung in mehrere zeitliche Wider-
sprüche verstrickt. In der BzP habe er den Zeitpunkt seiner Ausreise aus
Afghanistan auf etwa anfangs Juni 2015 festgesetzt. In der Anhörung habe
er angegeben, er sei noch bis zwei Monate vor seiner Ausreise in die Schu-
le gegangen. Am (...) 2015 habe er sich eine Tazkira ausstellen lassen,
weil er gerade angefangen habe, für das Geschäft seines Vaters zu arbei-
ten. Weiter habe er erwähnt, er sei sieben Monate nach dem Vorfall, in
welchen sein Bruder involviert gewesen sei und weswegen er bedroht sei,
aus Afghanistan ausgereist. Unmittelbar nach diesem Vorfall sei der Laden
seines Vaters geschlossen worden und habe er versteckt gelebt. Von die-
sen sieben Monaten sei er etwa viereinhalb Monate in einem Bergwerk in
der Provinz C._ gewesen. Auf den Hinweis, dass der Vorfall nach
seinen Angaben etwa Ende des Jahres 2014 hätte stattfinden müssen und
er sich nicht gleichzeitig auf der Flucht habe befinden und in einem Laden
habe arbeiten können, der bereits geschlossen worden sei, habe er aus-
weichend geantwortet. Auf die Nachfrage, wann der Vorfall gewesen sei,
habe er den 25. Februar 2015 genannt; er sei am 25. September 2015 in
die Schweiz eingereist. Am Schluss der Anhörung habe er konkretisiert,
dass die von ihm erwähnten sieben Monate seine Reise in die Schweiz
mitbeinhalten würden, er also nur dreieinhalb Monate nach dem folgen-
schweren Vorfall in Afghanistan geblieben und etwa ebenso lange auf der
Reise nach Europa gewesen sei. Diese Angaben würden jedoch in klarem
Widerspruch mit einigen der erwähnten Zeitangaben stehen. Seine Versu-
che, die Widersprüche während der Rückübersetzung aufzulösen, indem
er Bemerkungen (bzgl. des zeitlichen Bezugspunkts) zu den entsprechen-
den Passagen habe anbringen lassen, würden schon deshalb nicht über-
zeugen, weil er damit nicht alle Widersprüche aufheben könne. So stehe
seine Aussage, wonach er bis zwei Monate vor seiner Ausreise die Schule
besucht habe, in einem unauflösbaren Widerspruch mit beiden Versionen,
also ob der Vorfall nun Ende 2014 oder im Februar 2015 gewesen sei.
Überdies sei nicht ersichtlich, weshalb er seine Ausreise aus Afghanistan
mit seiner Einreise in die Schweiz als zeitlichen Bezugspunkt hätte ver-
wechseln sollen. Diese Häufung von zeitlichen Unstimmigkeiten, die er
nicht schlüssig habe erklären können, lege die Vermutung nahe, dass es
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sich bei seiner Asylbegründung um eine konstruierte Geschichte handle.
Ihm könne daher die vorgebrachte Bedrohung aufgrund einer Familien-
fehde nicht geglaubt werden. Die vielen kleineren Ungereimtheiten in sei-
nen Aussagen würden diese Einschätzung unterstreichen. So habe er etwa
das angeblich einzige Telefongespräch mit seinem Vater nach seiner Aus-
reise wenig substanziiert und stereotyp geschildert. Interessanterweise ha-
be er auch erwähnt, dass sein Vater ihm am Telefon ausgerichtet habe, es
tue ihm leid, dass er ihm nur bei der Ausreise aus Afghanistan habe behilf-
lich sein können und nicht mehr, was seiner Aussage widerspreche, wo-
nach es ein Bergarbeiter gewesen sei, der ihm seine Ausreise organisiert
und finanziert habe. In diesem Zusammenhang habe er zunächst angege-
ben, es sei ihm nicht bekannt, wieviel die Reise gekostet habe. Wenig spä-
ter habe er aber ausgesagt, dass die Reise ihn etwa 9000 Dollar gekostet
habe. Sein Vorbringen zur Verfolgungssituation vermöge daher den Anfor-
derungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht zu genügen.
5.2 Der Beschwerdeführer hielt diesen vorinstanzlichen Erwägungen in der
Beschwerdeschrift noch nichts entgegen und bekräftigte sinngemäss le-
diglich die Wahrheit seiner Aussagen. Erst in der Replik vom 26. März 2020
äusserte er sich durch seine Rechtsvertreterin zu den vom SEM aufgezeig-
ten Unglaubhaftigkeitselementen und machte geltend, dass den Protokol-
len zahlreiche Realkennzeichen (insb. logisch konsistente Erzählung der
Vorgeschichte, Verwendung der direkten Rede bei Aussagen Dritter) zu
entnehmen seien, die deutlich auf die Glaubhaftigkeit seiner Schilderungen
schliessen lassen würden. Ausserdem wies er darin auf die Fortsetzung
der Familienfehde hin. So habe der Bergarbeiter F._, der mit ihm
und seinem Bruder E._ befreundet sei, das Geld, welches er für
seine Flucht ausgegeben habe, von seinem Bruder zurückverlangt. Sein
Bruder sei daher von Russland nach C._ zurückgekehrt, um das
Land der Familie zu verkaufen und F._ anschliessend auszuzahlen.
Sein Bruder sei bei diesem Vorhaben von F._ begleitet worden. Da-
bei seien beide von der verfeindeten Familie getötet worden. Dies belege
– unter Hinweis auf das in den "UNHCR-Richtlinien zur Feststellung des
internationalen Schutzbedarfs afghanischer Asylsuchender" betreffend
Blutfehden Festgehaltene – dass seine Furcht, als Bruder von E._
ebenfalls Ziel der Blutrache zu werden, begründet (gewesen) sei. Zu den
neuen Vorbringen reichte er zwei Fotografien (von ihm und F._
resp. von F._ auf dem Totenbett) ein.
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5.3 In der ergänzenden Vernehmlassung hielt das SEM im Wesentlichen
fest, dass die mit der Replik eingereichten Fotografien keine konkrete ur-
sächliche Verbindung zwischen dem angeblichen Tod von F._ und
der vom Beschwerdeführer vorgebrachten Familienfehde herzustellen ver-
möchten, weshalb die in der angefochtenen Verfügung dargelegte Ein-
schätzung nach wie vor als zutreffend erachtet werde.
5.4 In der ergänzenden Stellungnahme vom 15. März 2021 führte der Be-
schwerdeführer aus, dass die eingereichten Fotografien zwar selbst keinen
eindeutigen Beweis für die Familienfehde darstellen würden, sich jedoch
nahtlos in seine von Beginn weg stringenten Ausführungen einfügen wür-
den.
6.
6.1 Das Gericht schliesst sich der vorinstanzlichen Einschätzung, wonach
die Asylvorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an das
Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht standzuhalten vermöchten,
an. Zur Vermeidung von unnötigen Wiederholungen kann zunächst auf die
ausführlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung zu den zeitli-
chen Widersprüchen in den Aussagen des Beschwerdeführers verwiesen
werden, welche im Wesentlichen zu bestätigen sind. In der Replik wurde
diesbezüglich geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe die Gescheh-
nisse in der Heimat zu vergessen versucht und es sei nachvollziehbar,
dass zeitliche Abläufe, die über zwei Jahre (Zeitspanne zwischen angebli-
chen Ereignissen und Anhörung) zurückliegen würden, nicht mehr korrekt
wiedergegeben werden könnten. Diese Einwände vermögen nicht zu über-
zeugen. So wurde der Beschwerdeführer bereits in der BzP auf seine Mit-
wirkungspflicht und auf die Wichtigkeit genauer, lückenloser, widerspruchs-
freier und richtiger Angaben hingewiesen (vgl. Akten SEM A7/11 S. 2). Aus-
serdem schilderte er eine Verfolgungssituation und nicht irgendwelche un-
bedeutenden Ereignisse, bei welchen zeitlich genaue Abläufe tatsächlich
nicht erwartet werden könnten.
6.2 Neben den zeitlichen Widersprüchen fällt insbesondere auf, dass die
Aussagen des Beschwerdeführers zu den Asylgründen weitestgehend
oberflächlich und unsubstanziiert ausgefallen sind. In Bezug auf seine Aus-
führungen zum Hergang der Familienfehde ist dies insofern nachvollzieh-
bar, als er dadurch bis zur angeblichen Involvierung seines Bruders nicht
direkt betroffen war (vgl. A21/23 F64, 66). Es wäre aber zu erwarten gewe-
sen, dass er im Zusammenhang mit dem behaupteten Angriff seines Cous-
ins und seines Bruders auf die Familie von D._ und insbesondere
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über die daraus entstandenen Konsequenzen (von sich aus) detaillierter
und in einer zeitlichen Abfolge berichtet hätte. Er erwähnte beispielsweise
weder während der freien Schilderung noch bei den anschliessend gestell-
ten Fragen, wie sich der geschilderte Konflikt auf ihn ausgewirkt habe und
weshalb er und sein Vater beim ersten Angriff durch Angehörige von
D._ nicht zu Hause gewesen seien, dass sie umgehend ihr Haus
verlassen hätten und er sich nur noch bei Freunden aufgehalten habe (vgl.
A21/23 F62, 64 und 70). Erst auf die erneute Frage, wieso er und sein Vater
beim ersten Angriff nicht zuhause gewesen seien, gab er an, dass sie nach
dem Vorfall mit Involvierung seines Bruders kaum beziehungsweise gar
nicht mehr zuhause gewesen seien (vgl. A21/23 F74). Sodann erklärte er
erstmals auf die konkrete Frage, wo er sich in dieser Zeit aufgehalten habe,
dass er bei seinen Freunden und Schulkollegen gewesen sei; eine Nacht
habe er bei dem einen und die andere Nacht bei dem anderen verbracht
(vgl. A21/23 F77). Selbst unter Berücksichtigung des Umstandes, dass er
bereits im Zusammenhang mit den zuvor gestellten Fragen zu seinem
Schulbesuch in äusserst unsubstanziierter Weise davon sprach, dass er
während zweier Monate vor seiner Ausreise aus Afghanistan von einem
Haus zum anderen habe gehen und sich habe verstecken müssen
(vgl. A21/23 F45), ist die nachfolgende späte Erwähnung des Untertau-
chens bei Freunden nicht nachvollziehbar.
Betreffend den genannten sowie den weiteren Angriff durch D._s
Angehörige gab er ferner nur in oberflächlicher und stereotyper Weise wie-
der, was ihm davon angeblich erzählt worden war. Er äusserte sich jedoch
gar nicht respektive nicht konkret zum Zeitpunkt und Kontext, in welchem
ihm jeweils davon berichtet worden sein soll oder zu seiner Reaktion auf
das Geschilderte (vgl. etwa A21/23 F64, 67, 69, 84 ff.). Aus seinen Ausfüh-
rungen geht ferner nicht hervor, wann (nach dem zweiten Angriff) er genau
den Entschluss gefasst haben will, sich im Bergwerk zu verstecken und wie
er überhaupt auf diese Idee gekommen sein will (vgl. A21/23 F88). Seine
Aussagen zu seinem dortigen Aufenthalt sind ebenfalls äusserst oberfläch-
lich ausgefallen (vgl. A21/23 F88, 92 f.). Es ist ihnen insbesondere nicht zu
entnehmen, dass er sich hinsichtlich seiner durch einen (vormals) fremden
Bergarbeiter organisierten Ausreise aus Afghanistan, deren Bezahlung
durch diesen und dem Zurücklassen seiner (gefährdeten) Familienange-
hörigen irgendwelche Überlegungen gemacht hätte und diesbezüglich eine
Diskussion mit dem Bergarbeiter oder eine Absprache mit seinen Familien-
angehörigen stattgefunden hätte (vgl. A21/23 F97, 133, 138 ff.).
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6.3 Schliesslich ist etwa darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer
in der BzP im Widerspruch zu seinen Aussagen in der Anhörung, wonach
sein Vater gar nicht mehr nach Hause zurückgekehrt sei (vgl. A21/23 F124)
noch angab, sein Vater wohne an der von ihm angegebenen Adresse (vgl.
A7/11 Ziff. 3.01). Es ist – auch unter Berücksichtigung des Umstandes,
dass die BzP stark verkürzt durchgeführt wurde, wobei der Zeitdruck für
den Beschwerdeführer gemäss Ausführungen in der Replik vom 26. März
2020 spürbar gewesen sei – nicht nachvollziehbar, weshalb er an dieser
Stelle nicht angab, dass er den Aufenthaltsort seines Vaters nicht kenne
(vgl. A21/23 F77, 165). Dies gilt umso mehr, als er in der BzP den angebli-
chen Gefängnisaufenthalt seines Bruders bereits erwähnte.
6.4 Es ist sodann festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine Beweis-
mittel zum behaupteten Angriff seines Cousins und seines Bruders auf die
Familie von D._, zur Inhaftierung seines Bruders oder zu den bei-
den Vorfällen bei sich zu Hause, welche die Behörden gemäss seinen Aus-
sagen veranlasst haben sollen, seine Familie "mehr zu schützen und un-
terstützen" (vgl. A21/23 F120), zu den Akten reichte. Die beiden Schreiben,
welche er im vorinstanzlichen Verfahren einreichte, beziehen sich gemäss
seinen Aussagen auf die Tötung seines Onkels und einer sich daraus an-
geblich ergebenden Gefährdung für ihn (vgl. A21/23 F104, 114), was je-
doch so nicht mit seiner Asylbegründung übereinstimmt. Der Beweiswert
dieser Schreiben ist daher sowie aufgrund der naheliegenden Möglichkeit,
dass es sich um blosse Gefälligkeitsbestätigungen handelt, ohnehin ge-
ring.
6.5 Nach dem Gesagten – und ohne auf weitere Unglaubhaftigkeitsele-
mente in den Aussagen des Beschwerdeführers einzugehen – ist festzu-
halten, dass es sich bei der von ihm dargelegten Familienfehde – zumin-
dest betreffend den durch seinen Cousin initiierten Angriff sowie die Invol-
vierung seines Bruders und die nachfolgenden Probleme – um ein Sach-
verhaltskonstrukt handelt. Es kann ihm mithin nicht geglaubt werden, dass
er deswegen in seinem Heimatland gefährdet gewesen wäre oder noch
sein würde. Der Umstand, dass er in der Anhörung bezüglich angeblicher
Äusserungen anderer Personen ihm gegenüber immer wieder die direkte
Rede verwendete, vermag angesichts der vorstehend aufgezeigten Un-
glaubhaftigkeitselemente keinen massgeblichen Hinweis auf Selbsterleb-
tes darzustellen und ist nicht geeignet, zu einer anderen Einschätzung be-
treffend Unglaubhaftigkeit des vorgetragenen Sachverhalts zu gelangen.
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Den Ausführungen des Beschwerdeführers in der Replik zur angeblichen
Fortsetzung der Familienfehde (Tötung u.a. seines Bruders durch die ver-
feindete Familie) ist daher die Grundlage entzogen. Die entsprechenden
Ausführungen werfen sodann ohnehin weitere Fragen auf. So erstaunt es
etwa, dass der zumindest vormals fremde Bergarbeiter aus G._,
der dem Beschwerdeführer die Ausreise bezahlt haben soll und den er in
der Anhörung nie namentlich nannte, auch mit seinem Bruder befreundet
gewesen sein soll. Diesbezüglich wären jedenfalls weiterführende Erklä-
rungen zu erwarten gewesen. In Bezug auf die in diesem Zusammenhang
eingereichten Fotografien kann sodann auf die zutreffenden Erwägungen
des SEM in der ergänzenden Vernehmlassung verwiesen werden.
6.6 Der Vollständigkeit halber ist an dieser Stelle festzustellen, dass sich in
den Aussagen des Beschwerdeführers keine konkreten Anhaltspunkte fin-
den lassen, aufgrund derer davon ausgegangen werden müsste, dass er
in Afghanistan aus anderen als den von ihm genannten Gründen (etwa we-
gen seiner behaupteten Arbeitstätigkeit) gefährdet sein könnte (vgl. A21/23
F15, 171 f.). Angesichts seiner Ausführungen in der Beschwerde zur Dis-
kriminierung von Tadschiken und gewaltsamen Übergriffen auf diese ist
insbesondere festzuhalten, dass er die Flüchtlingseigenschaft auch auf-
grund seiner Ethnie nicht erfüllt.
6.7 Zusammenfassend hat das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgewiesen. Es er-
übrigt sich an dieser Stelle, auf die weiteren vorinstanzlichen Erwägungen
und die übrigen Vorbringen in der Replik einzugehen, da sie nicht geeignet
sind, eine Änderung dieser Einschätzung zu bewirken.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
D-5938/2017
Seite 14
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
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ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Bezüglich der allgemeinen Lage in Afghanistan hat das Bundesver-
waltungsgericht nach eingehender Lageanalyse in dem als Referenzurteil
publizierten Entscheid D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 festgestellt, seit
dem letzten Länderurteil im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) ergebe sich eine
deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage über alle Regionen hinweg
und es bestünden derart schwierige humanitäre Bedingungen in weiten
Teilen Afghanistans, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne
von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren sei. Der Wegweisungsvollzug sei
deshalb als unzumutbar zu beurteilen. Von dieser allgemeinen Feststellung
könne im Falle der Hauptstadt Kabul abgewichen werden, falls besonders
begünstigende Faktoren gegeben seien. Würden solche besonders be-
günstigenden Faktoren vorliegen, was insbesondere bei alleinstehenden,
gesunden Männern mit einem tragfähigen Beziehungsnetz, einer Möglich-
keit zur Sicherung des Existenzminimums und einer gesicherten Wohnsi-
tuation der Fall sei, sei der Wegweisungsvollzug als zumutbar zu qualifi-
zieren (vgl. E. 8.4). Diese Lageanalyse und die daraus gezogenen
Schlussfolgerungen sind weiterhin zutreffend und das Bundesverwaltungs-
gericht stützt sich nach wie vor darauf ab (vgl. etwa Urteile des BVGer
D-2858/2020 vom 9. Juli 2021 E. 5; D-691/2020 vom 1. Juli 2021
E. 8.3.3.2)
D-5938/2017
Seite 16
8.3.3
8.3.3.1 Das SEM führte diesbezüglich in der angefochtenen Verfügung –
teilweise im Rahmen der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft sowie unter
Hinweis auf das (damals aktuellste) Länderurteil des Bundesverwaltungs-
gerichts betreffend die Lage in Afghanistan beziehungsweise Kabul (BVGE
2011/7) – im Wesentlichen an, dass der Beschwerdeführer aus Kabul
stamme und verschiedene begünstigende Faktoren für den Wegweisungs-
vollzug sprechen würden. Er sei jung, gesund, alleinstehend und verfüge
über eine knapp zwölfjährige Schulbildung. Neben seiner Schulbildung ha-
be er für seinen Vater in dessen Laden gearbeitet.
Zwar habe er angegeben, dass er mit seiner Kernfamilie seit ungefähr an-
fangs Juni (2017) keinen Kontakt mehr gehabt habe und diese aus Afgha-
nistan ausgereist sei. Auch würden sich alle seine Verwandten, die er in
Kabul gehabt habe, nicht mehr dort befinden. In der BzP habe er immerhin
angegeben, in Kabul würden eine Tante und fünf Onkel mütterlicherseits
sowie drei Onkel väterlicherseits wohnen. Der Wegzug all seiner Verwand-
ten aus Kabul erscheine sehr unwahrscheinlich, wobei diese Einschätzung
durch Ungereimtheiten untermauert werde, die sich während der Anhörung
ergeben hätten. So habe er auf die Frage, weshalb seine Familie nicht mit
den drei Onkeln väterlicherseits aus Kabul weggereist sei, um sich der Be-
drohung der von ihm vorgebrachten Familienfehde zu entziehen, geant-
wortet, dass diese Onkel bereits einige Zeit vor dem Vorfall mit seinem
Bruder ausgereist seien. Auf diese Ungereimtheit angesprochen habe er
zunächst erwidert, er habe in der BzP nicht erwähnt, dass sie in Kabul
wohnhaft seien. Danach habe er vermutliche Verständigungsprobleme mit
dem Dolmetscher angeführt, was jedoch als blosse Schutzbehauptung zu
werten sei. Einerseits sei ihm das Protokoll der BzP rückübersetzt worden
und er habe dessen Richtigkeit mit seiner Unterschrift bestätigt. Anderer-
seits handle es sich bei der Ortsbezeichnung Kabul nicht um ein Wort, wel-
ches eine Doppeldeutigkeit aufweise oder derart unterschiedlich ausge-
sprochen werde, dass es leicht zu Missverständnissen führen könnte. Auch
sein Hinweis, er habe zu Beginn der Anhörung bereits ausgesagt, dass
seine Onkel väterlicherseits aufgrund der wirtschaftlichen Situation wegge-
zogen seien, überzeuge nicht, da er nur bezüglich seiner Verwandten müt-
terlicherseits von wirtschaftlichen Problemen gesprochen habe. In Bezug
auf den Wegzug seiner Familie aus Kabul habe er sodann unklare und va-
ge Antworten gegeben, welche die Glaubhaftigkeit seiner diesbezüglichen
Aussagen in Zweifel ziehen würden. Er habe gesagt, seine Eltern hätten
Afghanistan verlassen müssen, weil sich die Lage verschlechtert habe. Auf
die Fragen, weshalb genau und wieso zu diesem Zeitpunkt seine Familie
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Seite 17
Afghanistan verlassen habe, habe er eine ganze Reihe von Vermutungen
angestellt. Es erscheine nicht plausibel, dass er zwar mit seiner Mutter vor
deren Ausreise gesprochen habe, aber von ihr nicht ins Bild gesetzt wor-
den sei, weshalb genau sich die Lage verschlechtert habe. Auch habe er
nicht überzeugend darlegen können, weshalb seine Familie erst nach über
zwei Jahren (seit Beginn der angeblichen Bedrohungslage) Afghanistan
verlassen habe. Seine Aussagen bezüglich Aufenthaltsort seiner Familien-
angehörigen und Verwandten seien somit unglaubhaft und es sei viel mehr
davon auszugehen, dass sich diese immer noch in Kabul befinden würden.
Zwar sei von Amtes wegen zu prüfen, ob alle Voraussetzungen für die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs erfüllt seien. Diese Untersuchungs-
pflicht finde jedoch nach Treu und Glauben ihre vernünftigen Grenzen an
der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht des Gesuchstellers, welcher auch
die Substanziierungslast trage. Es sei nach ständiger Rechtsprechung
nicht Sache der Asylbehörden, bei fehlenden respektive widersprüchlichen
Hinweisen seitens des Gesuchstellers nach etwaigen Wegweisungsvoll-
zugshindernissen zu forschen. Somit könne davon ausgegangen werden,
dass der Beschwerdeführer in Kabul ein stabiles und tragfähiges soziales
und wirtschaftliches Netz vorfinden werde. Demzufolge erweise sich der
Wegweisungsvollzug als zumutbar.
8.3.3.2 Der Beschwerdeführer brachte in der Beschwerde betreffend Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs im Wesentlichen (erneut) vor, dass
er aus der sehr unsicheren Provinz C._ stamme, in Kabul über kein
familiäres Netz verfüge und kein Haus oder eine andere Wohnmöglichkeit
besitze. Ansonsten machte er hauptsächlich Ausführungen zur generellen
Situation in Afghanistan (und in diesem Zusammenhang auch zu einem
Clan namens [...]).
8.3.3.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM im Wesentlichen fest,
dass der Wegweisungsvollzug auch unter Berücksichtigung des neuen Re-
ferenzurteils des Bundesverwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Okto-
ber 2017 als zumutbar zu erachten sei, wobei es bezüglich des Vorliegens
eines tragfähigen Beziehungsnetzes, einer Möglichkeit zur Sicherung des
Existenzminimums sowie einer gesicherten Wohnsituation wiederum auf
die Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht des Beschwerdeführers respektive
die widersprüchlichen und wenig überzeugenden Aussagen zum Verbleib
seiner Verwandten und Kernfamilie verwies. Es sei dabei insbesondere zu
D-5938/2017
Seite 18
berücksichtigen, dass die geltend gemachte Verschlechterung seines Be-
ziehungsnetzes mit seinen Asylvorbringen verknüpft sei, die ihrerseits ins-
gesamt als unglaubhaft eingestuft worden seien.
8.3.3.4 In der Replik wurde diesbezüglich zunächst auf die Argumente in
der angefochtenen Verfügung zur Unglaubhaftigkeit der Aussagen des Be-
schwerdeführers hinsichtlich des Verbleibs seiner Kernfamilie und Ver-
wandten eingegangen. Dazu wurde insbesondere auf die vormalige Flucht
seiner Familie aus Afghanistan in den Iran im Jahr 1996 wegen der Taliban,
deren Rückkehr nach Afghanistan nach dem Sturz der Taliban sowie die
erneute Rückeroberung weiter Teile Afghanistans durch die Taliban nach
seiner Ausreise hingewiesen. Es sei mithin naheliegend, dass sein Vater
wieder vor den Taliban geflohen sei. Ausserdem habe seine Mutter davon
ausgehen können, dass ihr Sohn über das Geschehen in der Heimat infor-
miert sei, weshalb es durchaus plausibel sei, dass sie beim letzten Telefo-
nat nicht genau erklärt habe, warum und wie genau sich die Lage ver-
schlechtert habe. Das SEM habe dem Beschwerdeführer sodann im Zu-
sammenhang mit dem Aufenthaltsort seiner Onkel eine Aussage unter-
stellt, die er nicht gemacht habe. So habe er nicht ausgesagt, dass sie
ausgereist, sondern dass sie von Kabul weggereist seien. Schliesslich
wurde angeführt, dass sich der Beschwerdeführer in der Schweiz – sowohl
in sprachlicher Hinsicht, als auch beruflich und privat – ausgesprochen gut
integriert habe. Er habe sich vollends von der afghanischen Kultur abge-
wandt und habe den Islam hinter sich gelassen. Seine Weltanschauung
habe sich vollkommen verändert und er habe hier erkannt, dass die Ge-
walt, welche auch innerhalb seiner Familie üblich gewesen sei, verwerflich
sei. Eine Rückkehr sei nicht mehr vorstellbar. Er pflege keinen Kontakt
mehr zu seinen Eltern, da er sich einerseits vor schlechten Neuigkeiten
fürchte und andererseits der Familie nicht von seinem Gesinnungswandel,
welchen diese nicht verstehen würde, erzählen wolle. Die Reintegration in
seinem Heimatland sei sodann durch die lange Abwesenheit zusätzlich er-
schwert.
8.3.4
8.3.4.1 Das Gericht gelangt – in Übereinstimmung mit dem SEM – zum
Schluss, dass sich vorliegend der Vollzug der Wegweisung als zumutbar
erweist. Wie bereits in der angefochtenen Verfügung festgehalten, handelt
es sich beim Beschwerdeführer – soweit aus den Akten ersichtlich – um
einen gesunden, jungen Mann, der über eine beinahe zwölfjährige Schul-
bildung und ausserdem etwas Arbeitserfahrung in seinem Heimatland ver-
D-5938/2017
Seite 19
fügt. Auch darf aufgrund seiner unglaubhaften Angaben zum Verbleib sei-
ner Kernfamilie sowie seiner Verwandten davon ausgegangen werden,
dass sich sowohl erstere als auch ein Grossteil seiner Verwandten nach
wie vor in Kabul aufhält. Zur Vermeidung von unnötigen Wiederholungen
kann – auch bezüglich Verletzung der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht
sowie deren Folgen – auf die entsprechenden Ausführungen in der ange-
fochtenen Verfügung und der Vernehmlassung verwiesen werden. Die
diesbezüglichen Vorbringen in der Replik vermögen nicht zu überzeugen.
Entgegen der darin vertretenen Ansicht ist insbesondere nicht plausibel,
dass die Mutter des Beschwerdeführers ihm beim angeblich letzten Telefo-
nat nicht erklärt haben soll, warum und wie genau sich die Lage für sie
verschlechtert respektive aufgrund welcher Ereignisse und Überlegungen
sich ein Wegzug aus Kabul für sie aufgedrängt habe. Dies gilt umso mehr,
als der Beschwerdeführer in der Anhörung selbst zu Protokoll gab, bei die-
sem Telefongespräch hätten sie über die aktuelle Lage bei seiner Familie
gesprochen (vgl. A21/23 F19). Seine Aussagen zu einem Telefonat mit sei-
nem Nachbarn in Afghanistan nach der behaupteten letzten Kontaktauf-
nahme mit seinen Eltern vermögen deren Wegzug aus Kabul ebenfalls
nicht glaubhaft zu machen. Einerseits ist die persönliche Glaubwürdigkeit
des Beschwerdeführers nach dem bereits Ausgeführten erheblich reduziert
und er verweist auch darin auf seine als unglaubhaft erkannten Probleme
mit D._. Andererseits sind auch die entsprechenden Ausführungen
letztlich als unsubstanziiert zu bezeichnen (vgl. A21/23 F22 ff.). Betreffend
den Aufenthalt der Onkel väterlicherseits trifft es sodann zwar zu, dass der
Beschwerdeführer nicht aussagte, diese seien ausgereist, sondern dass
diese nach H._ gezogen seien (vgl. A21/23 F26). Dies ändert je-
doch nichts daran, dass seine diesbezüglichen Aussagen widersprüchlich
ausgefallen sind. Damit liegen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit be-
sonders begünstigende Faktoren im Sinne der aktuellen Praxis vor, sodass
vorliegend ausnahmsweise nicht von einer existenzbedrohenden Lage
auszugehen ist.
8.3.4.2 Angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer zu seinem in Kabul
vorhandenen Beziehungsnetz unglaubhafte Angaben machte, kann ihm
auch nicht geglaubt werden, dass er – wie in der Replik vorgebracht – kei-
nen Kontakt mehr mit seiner Kernfamilie hat. Was sodann die Ausführun-
gen in der Replik im Zusammenhang mit der Abkehr von der heimatlichen
Kultur und Religion betrifft, ist zunächst festzuhalten, dass aufgrund seiner
reduzierten persönlichen Glaubwürdigkeit sowie der Unsubstanziiertheit
der entsprechenden Vorbringen Zweifel an deren Wahrheitsgehalt beste-
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Seite 20
hen. Diese Vorbringen sind sodann ohnehin nicht geeignet, den Wegwei-
sungsvollzug als unzumutbar erscheinen zu lassen, zumal sich daraus kei-
ne konkrete Gefährdung seinerseits im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG ergibt.
Auch wenn er einen innerlichen Gesinnungswandel vollzogen hat, lässt
nichts darauf schliessen, dass ihm deshalb sein tragfähiges familiäres Be-
ziehungsnetz in Kabul bei einer Rückkehr nicht zur Verfügung stehen und
ihm bei seiner Reintegration nicht behilflich sein würde.
8.3.4.3 Was ferner seine durchaus anerkennenswerte Integration betrifft,
ist festzuhalten, dass der Grad der Integration in der Schweiz grundsätzlich
kein Kriterium für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellt. Die Beurteilung einer Här-
tefallsituation infolge fortgeschrittener Integration im Sinne von Art. 14
Abs. 2 AsylG – dessen formelle Voraussetzungen der Beschwerdeführer
grundsätzlich erfüllen dürfte – fällt in die Zuständigkeit der kantonalen Mig-
rationsbehörden, die einen entsprechenden Antrag beim SEM stellen kön-
nen (vgl. Art. 14 Abs. 3 AsylG; BVGE 2009/52 E. 10.3). Auf die diesbezüg-
lichen Vorbringen und die eingereichten Unterlagen ist daher nicht weiter
einzugehen.
8.3.4.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich der Wegweisungs-
vollzug nicht als unzumutbar erweist. Die weiteren Beschwerdevorbringen
– insbesondere die Ausführungen zur generellen Situation in Afghanistan
in der Beschwerdeschrift, die nur eine Woche nach dem massgeblichen
Referenzurteil datiert – sind (auch heute) nicht geeignet, eine Änderung
dieser Einschätzung zu bewirken, weshalb nicht weiter darauf einzugehen
ist.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
D-5938/2017
Seite 21
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer ist im vorliegenden Verfahren unterlegen, wes-
halb er grundsätzlich kostenpflichtig ist (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
10.2 Mit Instruktionsverfügung vom 25. Oktober 2017 wurde das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Zum damaligen Zeitpunkt war der Beschwer-
deführer fürsorgeabhängig. Mit (ergänzender) Replik vom 15. März 2021
bestätigte er dem Gericht jedoch, dass keine prozessuale Bedürftigkeit
mehr vorliege. Damit sind die kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen
zur Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege heute nicht mehr gege-
ben. Dementsprechend ist die Ziffer 2 des Dispositivs der Instruktionsver-
fügung vom 25. Oktober 2017 in diesem Punkt wiedererwägungsweise
aufzuheben und der Antrag auf Bewilligung der unentgeltlichen Prozess-
führung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Wirkung ex nunc abzuweisen
(vgl. Urteil des BVGer E-3115/2019 vom 12. Mai 2021 E. 9.1). Folglich sind
dem Beschwerdeführer mangels heutiger prozessualer Bedürftigkeit die
Kosten des Verfahrens von Fr. 750.– aufzuerlegen (Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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