Decision ID: 6310be3f-59c9-4529-85a6-7f79bbd06e40
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte erstmals am 7. März 2008 auf der
Schweizer Botschaft in B._ um Asyl nach. Dabei machte sie gel-
tend, ihr Ehemann sei im Jahr 2004 verschwunden. In der Folge sei sie
von bewaffneten Gruppierungen erpresst worden.
A.b Mit Verfügung vom 16. November 2010 bewilligte das damals zustän-
dige Bundesamt für Migration (BFM, heute SEM) die Einreise der Be-
schwerdeführerin in die Schweiz nicht und lehnte das Asylgesuch ab.
B.
B.a Gemäss eigenen Angaben verliess die Beschwerdeführerin ihren Hei-
matstaat am 6. Juni 2016. Am 16. Juni 2016 reiste sie in die Schweiz ein
und suchte gleichentags um Asyl nach. Ein Abgleich mit dem zentralen
Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab, dass Italien ihr am (...) 20(...)
ein Schengen Visum erteilt hatte.
B.b Am 29. Juni 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) statt.
B.c Mit Verfügung vom 5. September 2016 trat die Vorinstanz auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, wies sie in den für sie zuständi-
gen Dublin-Staat (Italien) weg und forderte sie auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Seit dem 22. September
2016 galt die Beschwerdeführerin als unbekannten Aufenthalts. Am 16. Ap-
ril 2018 reiste sie erneut in die Schweiz ein. Die Vorinstanz hob am 27. April
2018 die Verfügung vom 5. September 2016 auf und nahm das nationale
Asyl- und Wegweisungsverfahren auf.
B.d Am 20. Mai 2019 hörte die Vorinstanz die Beschwerdeführerin einläss-
lich zu ihren Asylgründen an.
Dabei gab die Beschwerdeführerin an, sie sei tamilischer Ethnie und
stamme aus C._, Distrikt D._, Nordprovinz. Die Schule habe
sie mit dem (...) abgeschlossen. Danach habe sie geheiratet und sei Mutter
geworden. Nebenbei habe sie Schülerinnen und Schülern (...) gegeben.
Zu ihren Asylgründen führte sie aus, ihr Ehemann sei am (...) 2004 entführt
worden. Sie wisse bis heute nichts über seinen Verbleib. Er habe Kontakt
beziehungsweise sei Mitglied der Liberation Tigers of Tamil Ealeam (LTTE)
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gewesen. Im (...) 20(...) sei sie anlässlich einer Befragung zu ihrem Ehe-
mann in einem Armeecamp sexuell belästigt worden. Eines Tages habe sie
ein Schreiben des Armeecamps erhalten, welches sie aus Angst zerrissen
habe. Am (...) 20(...) habe sie vor einem Richter in der Gemeinde
C._ beziehungsweise in B._ bei der «E._» ausge-
sagt. Gegen Entgelt sei sie aufgefordert worden, ihren Ehemann für tot zu
erklären. Sie habe sich geweigert. Zwei oder drei Tage nach diesem Vorfall
sei sie von zwei unbekannten Personen eingeschüchtert worden.
Die Anhörung wurde aufgrund (...) der Beschwerdeführerin vor der Rück-
übersetzung abgebrochen.
Als Beweismittel gab die Beschwerdeführerin ihre Identitätskarte im Origi-
nal, eine Namens-, Wohnsitz und Verschwundenenbestätigung im Original
aus dem Jahr 200(...), mehrere Bestätigungen der Human Rights Commis-
sion aus den Jahren 200(...) und 200(...), eine Vermisstenanzeige vom 30.
September 200(...), Kopien von zwei Schreiben an die Schweizer Bot-
schaft in B._ vom 26. März 200(...) und 12. April 200(...), eine Vor-
ladung und eine Bestätigung im Original der «F._» vom 26. Novem-
ber 20(...) und 16. Dezember 20(...), eine CD mit einem Film und Fotos
von Demonstrationsteilnahmen der (...), eine Kopie der Geburtsurkunde
des Ehemannes, eine Quittung, diverse Zeitungsberichte und Fotos zu den
Akten.
B.e Am 15. Juli 2019 fand die Rückübersetzung der Anhörung vom 20. Mai
2019 statt.
B.f Mit Schreiben vom 1. April 2020 unterbreitete die Vorinstanz der Be-
schwerdeführerin ergänzende Fragen zu ihren Asylvorbringen. Letztere
nahm am 18. Mai 2020 Stellung und gab zwei Berichte der G._ vom
31. Mai 2019 und 29. April 2020 sowie ein Protokoll der anlässlich der BzP
anwesenden damaligen Rechtsvertreterin vom 29. Juni 2016 zu den Akten.
B.g Mit Verfügung vom 5. Juni 2020 verneinte die Vorinstanz die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte das Asylgesuch ab, ver-
fügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Weg-
weisung an.
B.h Am 29. Juni 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin die Vorinstanz um
vollständige Akteneinsicht und gab eine Vollmacht zu den Akten.
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B.i Mit Zwischenverfügung vom 9. Juli 2020 gewährte die Vorinstanz der
Beschwerdeführerin die beantragte Akteneinsicht unter Ausnahme von in-
ternen Akten, im Sinne von Art. 27 VwVG nicht zu edierenden Akten oder
Kopien von Akten anderer Behörden.
C.
C.a Mit Eingabe vom 8. Juli 2020 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, das Gericht habe nach
Eingang der Beschwerde unverzüglich darzulegen, welche Gerichtsperso-
nen mit der Behandlung der vorliegenden Sache betraut und wie diese
ausgewählt worden seien. Falls in diese Auswahl eingegriffen worden sei,
habe das Gericht die objektiven Kriterien bekannt zu geben, nach denen
diese Gerichtspersonen ausgewählt worden seien. Ihr sei dafür Einsicht in
die Software des Gerichts zu gewähren, mit welcher diese Auswahl nach
Eingang der Beschwerde kreiert worden sei und es sei offenzulegen, wer
diese Auswahl getroffen habe. Ihr sei vollständige Einsicht in die gesamten
Akten des SEM zu gewähren. Nach Gewährung der vollständigen Akten-
einsicht sei eine angemessene Nachfrist zur Einreichung einer Beschwer-
deergänzung anzusetzen. Die angefochtene Verfügung sei wegen Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör aufzuheben und die Sache sei
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventuell sei die angefochtene Verfü-
gung wegen Verletzung der Begründungspflicht aufzuheben und die Sache
sei an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventuell sei die angefochtene Ver-
fügung aufzuheben und die Sache sei zur Feststellung des vollständigen
und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventuell sei die angefochtene Verfügung
aufzuheben sowie die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin fest-
zustellen und ihr Asyl zu gewähren. Eventuell sei die angefochtene Verfü-
gung betreffend die Dispositivziffern 3 und 4 aufzuheben und es sei die
Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen.
Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin unter anderem zahlreiche
Berichte und Zeitungsartikel zur Situation in Sri Lanka, Kopien von Bot-
schaftsabklärungen und einer Vernehmlassung aus einem anderen Verfah-
ren sowie diverse bereits im vorinstanzlichen Verfahren eingereichte Akten
ein.
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C.b Mit Zwischenverfügung vom 29. Juli 2022 gab die Instruktionsrichterin
der Beschwerdeführerin den Spruchkörper bekannt, verzichtete auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz zur Vernehmlas-
sung ein.
C.c Innert erstreckter Frist hielt die Vorinstanz in der Vernehmlassung vom
7. September 2020 mit ergänzenden Ausführungen an ihren Erwägungen
fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
C.d Am 24. September 2020 replizierte die Beschwerdeführerin und bean-
tragte Einsicht in die Akte B43/2, das Beweismittel 2, das Fristerstre-
ckungsgesuch der Vorinstanz und das Schreiben des Gerichts für die Ge-
währung der Fristerstreckung. Als Beilage reichte sie einen Bericht der
G._ vom 6. Juli 2020, einen Zeitungsartikel und mehrere Fotos ein.
C.e Die Instruktionsrichterin wies mit Zwischenverfügung vom 30. Oktober
2020 das Gesuch um Einsicht in die Akte B43/2 (Mailverkehr betreffend
Klinikaufenthalt) ab, hiess jenes in das Beweismittel 2 (CD) und in die Akte
B61/1 (Fristerstreckungsgesuch) gut und forderte die Vorinstanz auf, der
Beschwerdeführerin Einsicht in die entsprechenden Akten zu gewähren.
Gleichzeitig wies sie das Gesuch um Ansetzung einer Frist zur Beschwer-
deergänzung ab.
C.f Mit Verfügung vom 5. November 2020 gewährte die Vorinstanz der Be-
schwerdeführerin die beantragte Akteneinsicht.
C.g Am 12. November 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine Eingabe
ein.
C.h Die Beschwerdeführerin gab am 13. Januar 2022 ein undatiertes
Schreiben einer Bekannten, eine Anzeige einer Bekannten bei der Human
Rights Commission (HCR) vom 30. April 20(...), Übersetzungen von be-
reits eingereichten Beweismitteln, Berichte zur Situation in Sri Lanka und
eine Kostennote zu den Akten.
C.i Am 8. Februar 2022 reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht der
G._ vom 25. Januar 2022 ein.
C.j Mit Eingabe vom 13. Juni 2022 gab die Beschwerdeführerin einen Be-
richt der G._ vom 8. Juni 2022 zu den Akten und erkundigte sich
nach dem Verfahrensstand.
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Seite 6
C.k Am 22. Juni 2022 beantwortete die Instruktionsrichterin die Verfah-
rensstandsanfrage.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.20]).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Ände-
rung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Der Beschwerdeführerin wurde mit Zwischenverfügung vom 29. Juli
2020 antragsgemäss der Spruchkörper bekannt gegeben, dies ausdrück-
lich unter Vorbehalt allfälliger Wechsel bei Abwesenheiten. Weil sowohl die
damalige Drittrichterin als auch die Gerichtsschreiberin das Bundesverwal-
tungsgericht zwischenzeitlich verlassen haben, wurden diese Personen im
Spruchkörper nachträglich ersetzt.
3.2 Für die Zuteilung der Spruchkörper des Bundesverwaltungsgerichts ist
das jeweilige Kammer- beziehungsweise Abteilungspräsidium zuständig
(Art. 25 Abs. 5 Bst. b, Art. 31 und Art. 32 des Geschäftsreglements vom
17. April 2008 für das Bundesverwaltungsgericht [VGR, SR 173.320.1];
vgl. auch Grundsatzurteil D-3946/2020 vom 21. April 2022 E. 4.4, zur Pub-
likation vorgesehen).
E-3483/2020
Seite 7
3.3 Zu den weiteren Anträgen der Beschwerdeführerin in Bezug auf die
Spruchkörperbildung kann Folgendes festgehalten werden:
3.3.1 Die Richterinnen und Richter des am 29. Juli 2020 kommunizierten
Spruchkörpers wurden durch das EDV-basierte Zuteilungssystem des
Bundesverwaltungsgerichts automatisiert bestimmt. Der Ersatz der zwi-
schenzeitlich pensionierten Drittrichterin wurde aufgrund objektiver und im
Voraus bestimmter Kriterien vorgenommen (Art. 31 Abs. 3 VGR). Als ob-
jektive Kriterien in diesem Sinn gelten Amtssprache, Beschäftigungsgrad,
Belastung durch die Mitarbeit in Gerichtsgremien, Vorbefassung, Kammer-
zuständigkeit, Austritt, Erweiterung des Spruchkörpers, Ausstand, enger
Sachzusammenhang, Abwesenheit sowie Ausgleich der Belastungssitua-
tion (vgl. Grundsatzurteil D-3946/2020, a.a.O., E. 4.4).
3.3.2 Bei den Dateien der Software, mit welcher das Bundesverwaltungs-
gericht den Spruchkörper bestimmt, handelt es sich praxisgemäss nicht um
dem Akteneinsichtsrecht unterstehende Dokumente (vgl. Grundsatzurteil
D-3946/2020 a.a.O. E. 4.5), weshalb der entsprechende Antrag auf Ein-
sicht in die Software abzuweisen ist.
4.
4.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
beurteilen sind, da sie allenfalls zur Kassation der angefochtenen Verfü-
gung führen können.
4.2 Die Beschwerdeführerin rügt zunächst eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs. Gemäss Richtlinie der Vorinstanz könne die Rückübersetzung aus
objektiven Gründen innerhalb weniger Tage nach der Anhörung durchge-
führt werden. Im vorliegenden Fall seien zwischen der Anhörung und der
Rückübersetzung aber zwei Monate vergangen. Dies lasse sich nicht damit
entschuldigen, dass sie nach einem während der Anhörung erlittenen (...)
eine Woche stationär behandelt worden sei. Ferner habe sie bereits zu Be-
ginn der Anhörung auf ihre schlechte psychische Verfassung aufmerksam
gemacht. Sie habe mehrmals darauf hingewiesen, Kopfschmerzen zu ha-
ben. Anstatt ihr eine Pause zu gewähren, sei sie vertröstet worden. Bei
dieser Ausgangslage wäre die Vorinstanz verpflichtet gewesen, eine er-
neute Anhörung durchzuführen, anstatt die Rückübersetzung zu verschie-
ben.
4.3 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, die Zeitspanne von 56
Tagen zwischen Anhörung und Rückübersetzung sei allein auf die Tatsa-
E-3483/2020
Seite 8
che zurückzuführen, dass sich die Beschwerdeführerin aufgrund ihres Ge-
sundheitszustands und Klinikaufenthalten nicht früher dazu in der Lage ge-
sehen habe. Sie habe anlässlich der Rückübersetzung nicht erwähnt, dass
ihre Aussagen keine Gültigkeit hätten, sondern vielmehr deren Richtigkeit
mit ihrer Unterschrift bestätigt. Zu Beginn der Anhörung habe sie zwar auf
ihre schlechte psychische Verfassung hingewiesen und gemäss Angaben
der zur Durchführung eines korrekten Verfahrens anwesenden Hilfswerks-
vertretung habe sie oft geweint und heftig geschluchzt. Ihr Aussagenver-
haltens weise aber daraufhin, dass sie trotz ihres Zustands in der Lage
gewesen sei, an der Anhörung teilzunehmen und ihre Asylgründe darzule-
gen.
4.4 In der Replik bringt die Beschwerdeführerin vor, die Vorinstanz setze
sich über interne Richtlinien und die Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts hinweg. Es könne von ihr nicht verlangt werden, dass sie
sich nach einem (...) und nachfolgendem Klinikaufenthalt 56 Tage nach der
Anhörung noch daran erinnern könne, was sie gesagt habe und was im
Protokoll festgehalten worden sei.
4.5 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die
Vorbringen der Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft
und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der
Entscheidbegründung niederschlagen muss (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Der
Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst diverse Teilgehalte, unter ande-
rem auch das Recht auf Anhörung (Art. 30 Abs. 1 VwVG). Die Anhörung
stellt nicht nur ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der asylsu-
chenden Person und einen Teilgehalt des rechtlichen Gehörs dar, sondern
dient auch der materiellen Sachverhaltsabklärung, die im Asylverfahren
grundsätzlich von Amtes wegen durchzuführen ist (Art. 6 AsylG i.V.m.
Art. 12 VwVG).
Die asylsuchende Person hat im Asylverfahren im Sinne von Art. 29
Abs. 1 AsylG grundsätzlich das Recht, wenigstens einmal mündlich ihre
Asylgründe vorzubringen sowie umfassend darzulegen (vgl. Urteil
E-19/2015 des BVGer vom 9. Juli 2015 E. 3.3 m.H.). Das bei der Anhörung
zu erstellende Protokoll soll alle Fragen und Antworten wortgetreu wieder-
geben (Art. 29 Abs. 3 AsylG); es wird nach der Anhörung rückübersetzt
und ist von den Beteiligten zu unterzeichnen. Die asylsuchende Person ist
vor der Rückübersetzung darauf hinzuweisen, dass sie auf allfällige Über-
setzungs- oder Protokollfehler aufmerksam zu machen hat. Die Anhörung
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Seite 9
kann als die wichtigste Grundlage für den Entscheid im Asylverfahren be-
zeichnet werden, weshalb gerade auch angesichts der hochrangigen
Rechtsgüter strenge Anforderungen an deren Qualität zu stellen sind
(vgl. zum Ganzen BVGE 2007/30 E. 5.5).
4.6 Die Beschwerdeführerin wurde am 20. Mai 2019 zu ihren Asylgründen
angehört. Dem Protokoll lässt sich entnehmen, dass die Anhörung nach
einem (...) der Beschwerdeführerin gegen Ende abgebrochen werden
musste. Sodann ergibt sich aus den Akten, dass die Vorinstanz noch glei-
chentags den Termin für die Rückübersetzung auf den
24. Mai 2019 ansetzte. Dieser Termin konnte von der Beschwerdeführerin
nicht wahrgenommen werden, da sie während einer Woche stationär be-
handelt und erst am 24. Mai 2019 aus dem Spital entlassen wurde. Mit
Schreiben vom 28. Juni 2019 setze die Vorinstanz die Rückübersetzung
auf den 15. Juli 2019 – mithin zwei Monate nach der Anhörung – an. Wenn
auch Konstellationen im Sinne begründeter Ausnahmefälle denkbar sind,
in welchen die Rückübersetzung innerhalb weniger Tage nach der Anhö-
rung durchgeführt werden kann, wurde die Rückübersetzung durch die seit
der Anhörung vergangene Zeitspanne von acht Wochen völlig aus dem
zeitlichen und inhaltlichen Kontext gerissen. Es war der Beschwerdeführe-
rin demnach faktisch unmöglich, auf allfällige Übersetzungs- oder Proto-
kollfehler aufmerksam zu machen. Ferner macht die Beschwerdeführerin
zu Recht geltend, sie habe bereits zu Beginn der Anhörung angegeben,
dass es ihr psychisch nicht gut gehe. Die Befragerin erkundigte sich zwar
daraufhin nach dem Gesundheitszustand, die Antwort der Beschwerdefüh-
rerin passte aber nicht zur gestellten Frage (vgl. B40/29 F6). Eine Nach-
frage seitens der Befragerin blieb aus. Im Verlaufe der Anhörung wies die
Beschwerdeführerin darauf hin, dass sie Kopfschmerzen habe, worauf
eine Pause in Aussicht gestellt wurde. Es folgten jedoch 14 weitere Fragen
bis die Anhörung aufgrund des (...) der Beschwerdeführerin abgebrochen
werden musste (vgl. a.a.O. F224 ff.).
4.7 Nachdem die Anhörung bei der Ermittlung des rechtserheblichen Sach-
verhalts die wichtigste Grundlage für den Entscheid im Asylverfahren ist,
ist festhalten, dass im vorliegenden Verfahren der Sachverhalt nur unvoll-
ständig festgestellt und damit der Untersuchungsgrundsatz im Sinne von
Art. 12 VwVG verletzt wurde. Die diesbezügliche Rüge erweist sich dem-
nach als begründet (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Mit Blick auf die formelle
Natur des Anspruchs auf rechtliches Gehör ist vorliegend eine Heilung aus-
geschlossen. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit die Auf-
hebung der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Die Verfügung der
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Seite 10
Vorinstanz ist aufzuheben und die Sache zu einer ergänzenden Anhörung
der Beschwerdeführerin und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Angesichts der Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist auf
die weiteren Anträge und Vorbringen nicht einzugehen.
5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
5.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In der Kos-
tennote vom 13. Januar 2022 macht der Rechtsvertreter einen Aufwand
von 31,76 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 240.– sowie Auslagen
in der Höhe von Fr. 74.60 geltend und weist daraufhin, dass er der Mehr-
wertsteuer unterliege. Entschädigungspflichtig ist nur der notwendige Auf-
wand, weshalb es zu berücksichtigen gilt, dass die Beschwerdeeingaben
sowohl redundante Passagen als auch weitschweifige Ausführungen zur
allgemeinen Lage in Sri Lanka enthalten, welche sich auch in Eingaben in
anderen Beschwerdeverfahren des Rechtsvertreters finden. Der zeitliche
Aufwand ist demnach auf 15 Stunden zu kürzen. Die Auslagen, insbeson-
dere für die Kopien, erscheinen ebenfalls als zu hoch und sind auf Fr. 50.–
zu kürzen. Die von der Vorinstanz an die Beschwerdeführerin auszurich-
tende Parteientschädigung ist auf Fr. 3’927.– festzusetzen (inklusiv Ausla-
gen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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