Decision ID: 016afda2-f687-44a4-b8f3-aaffea56344e
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
I. Sachverhalt:
1. A._ (Jahrgang 1983) wurde im Jahr 1989 unter Hinweis auf einen
Entwicklungsrückstand erstmals bei der heutigen IV-Stelle (vormals IV-
Kommission) des Kantons Graubünden (nachfolgend IV-Stelle)
angemeldet. Diese sprach ihm Massnahmen pädagogisch-
therapeutischer Art zu. Später besuchte er zunächst die Einführungs- und
danach die Kleinklasse. Die IV-Stelle anerkannte kein Geburtsgebrechen
im Sinne eines psychoorganischen Syndroms (POS), das vom
behandelnden Arzt Dr. med. B._ diagnostiziert worden war. Die
begonnene Bäcker-Lehre wurde abgebrochen. Danach arbeitete er als
Hilfskoch und -arbeiter.
2. Im Oktober 2002 meldete sich A._ bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug für Erwachsene an. Die behandelnde Psychiaterin
Dr. med. C._ diagnostizierte mit Bericht vom 1. November 2002 ein
Alkohol- und Cannabisabhängigkeitssyndrom sowie eine nicht näher
bezeichnete Persönlichkeits- und Verhaltensstörung. In anamnestischer
Hinsicht hielt sie fest, dass A._ zur Suchtentwöhnung stationär in der
Klinik D._ hospitalisiert, die Therapie jedoch aufgrund von
mangelnder Motivation und massiven Rückfällen abgebrochen worden
sei. Daraufhin folgten weitere (teil-)stationäre Aufenthalte zur
Entwöhnungstherapie. Nach einer leistungsablehnenden Verfügung vom
31. Juli 2003, da das Abhängigkeitsverhalten keine Invalidität im Sinne
des Gesetzes darstelle, und einer dagegen, von den behandelnden Ärzten
erhobenen Einsprache, welche neben der Abhängigkeitsproblematik eine
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung auswies, beschied die
IV-Stelle mit Einspracheentscheid vom 12. Januar 2004, weitere
Abklärungen in die Wege zu leiten. Mit Verfügung vom 20. August 2004
lehnte sie das Leistungsbegehren wiederum ab, da A._ sich
zumutbaren Abklärungen widersetzt habe.
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3. Die begonnene Schreiner-Lehre in der Institution E._ war im Juli 2004
ebenfalls abgebrochen worden. Die in der Folge bei der IV-Stelle getätigte
Anmeldung zog A._ im März 2005 zurück. Im Jahr 2013 wurde sein
Sohn F._ geboren.
4. Im Juli 2020 meldete sich A._ erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an. Diese tätigte erwerbliche und medizinische
Abklärungen. Insbesondere liess sie ihn in den Fachdisziplinen
Allgemeine Innere Medizin, Neuropsychologie sowie Psychiatrie und
Psychotherapie polydisziplinär begutachten, wobei der Auftrag der
MEDAS Interlaken Unterseen GmbH zugeteilt wurde (nachfolgend
MEDAS-Gutachten). Im Gutachten vom 8. November 2021 wiesen die
Gutachter eine neuropsychologische Störung (verbales Gedächtnis) im
Rahmen einer unterdurchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit im
Sinne einer Lernbehinderung (Gesamt-IQ: 77 Punkte) mit Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit aus. Die aktive Hepatitis C mit Leberschaden und
die Alkoholabhängigkeit wiesen sie den Diagnosen ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit zu. Sie befanden, dass A._ in der zuletzt ausgeübten
Tätigkeit als Hilfsarbeiter im Recycling-Hof im geschützten Rahmen zu
100 % anwesend sein könne. Auch eine optimal leidensangepasste
Tätigkeit würde eher einer Arbeit im zweiten Arbeitsmarkt entsprechen.
5. Anlässlich der am 17. November 2021 durchgeführten Abklärung vor Ort
gab A._ an, ohne Gesundheitsschaden zu 50 % erwerbstätig zu sein.
Im Haushalt wurde eine Einschränkung von insgesamt 1.5 % (recte
5.25 %) festgestellt.
6. Nach Einholung der Abschlussbeurteilung vom 13. Dezember 2021 des
Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD), in welcher Dr. med. H._ das
Vorliegen einer relevanten Erkrankung verneinte, stellte die IV-Stelle
A._ mit Vorbescheid vom 15. Dezember 2021 die Abweisung seines
Leistungsbegehrens in Aussicht. Zum Abklärungsergebnis hielt sie fest,
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gemäss dem eingeholten Gutachten bestehe keine krankheitsbedingte
Arbeitsunfähigkeit. Aus medizinischer Sicht sei eine angepasste Tätigkeit
vollumfänglich möglich. Eine Invalidität im Sinne des Gesetzes sei nicht
ausgewiesen. Dagegen erhob A._ am 28. Januar 2022 vorsorglich
und am 10. Februar 2022 einen begründeten Einwand. Mit Verfügung vom
29. März 2022 entschied die IV-Stelle wie vorbeschieden und verneinte
mangels Vorliegens eines invalidisierenden Gesundheitsschadens einen
Leistungsanspruch.
7. Dagegen liess A._ (nachfolgend Beschwerdeführer) am 6. Mai 2022
Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden erheben
und in Aufhebung der Verfügung vom 29. März 2022 beantragen, ihm sei
ab dem 1. Januar 2021 eine in der Höhe noch zu ermittelnde
Invalidenrente, mindestens jedoch eine Viertelsrente, zuzusprechen.
Zudem sei die effektive Arbeits- und Leistungsfähigkeit mittels einer
Abklärung im Sinne einer Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit
(EFL) zu eruieren. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege und Verbeiständung. Zur Begründung
führte er im Wesentlichen aus, im neuropsychologischen MEDAS-
Fachgutachten sei eine neuropsychologische Störung im Rahmen einer
unterdurchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit im Sinne einer
Lernbehinderung bei einem Gesamt-IQ von 77 Punkten und einem
allgemeinen Fähigkeitsindex von 74 Punkten diagnostiziert und eine
Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt als unwahrscheinlich angesehen worden.
Aufgrund des MEDAS-Gutachtens und insbesondere der Ausführungen
des neuropsychologischen Gutachters (unterdurchschnittlicher IQ seit
Geburt, keine abgeschlossene Berufsausbildung, Schulabschluss nur auf
Kleinklassenniveau, kognitive Entwicklungsstörung, bestehendes Wissen
und Erfahrungen könnten nicht aufgebaut werden etc.) sei es völlig
unverständlich, wie die IV-Stelle zum Schluss gelangen könne, eine
Arbeitsunfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt könne nicht begründet
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werden. Wenn die Gutachter folgerten, aufgrund der multiplen
Einschränkungen sei eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt
ausgeschlossen, so könne für einen in der Realität kaum existierenden
zweiten Arbeitsmarkt nicht einfach auf eine volle Arbeitsfähigkeit
geschlossen werden. Kein Arbeitgeber würde realistischerweise eine
Person mit einer unterdurchschnittlichen Intelligenz sowie kognitiven
Einschränkungen und Kleinklassenabschluss normal entlöhnen.
Nachdem die Gutachter eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt als
nicht realistisch eingeschätzt hätten, bestehe dort sinngemäss eine volle
Arbeitsunfähigkeit. Zudem müsse davon ausgegangen werden, dass nicht
einmal Tätigkeiten in einem Nischenarbeitsplatz durchführbar wären. Bei
einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit bestehe unter Berücksichtigung der
beabsichtigten 50%igen Tätigkeit ein Anspruch auf eine halbe
Invalidenrente (ohne Haushaltsabklärung). Nachdem er aufgrund seiner
gesundheitlichen Beeinträchtigung eigentlich noch nie einer
Erwerbstätigkeit nachgegangen sei, müsste eine allenfalls verwertbare
Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt – welche jedoch bestritten
werde – gesondert geprüft werden, indem die funktionelle
Leistungsfähigkeit evaluiert werden würde. Da er zudem seit Geburt an
einem Gesundheitsschaden leide, seit er als Frühinvalider einzustufen,
womit das Valideneinkommen auf CHF 83'500.-- taxiert werden müsste.
Schliesslich sei die Haushaltsabklärung nicht seriös vorgenommen
worden.
8. Die IV-Stelle (nachfolgend Beschwerdegegnerin) schloss in ihrer
Vernehmlassung vom 10. Juni 2022 auf Abweisung der Beschwerde und
verwies zur Begründung primär auf die angefochtene Verfügung vom
29. März 2022. Unbestritten sei, dass beim Beschwerdeführer eine
unterdurchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit (Gesamt-IQ von 77
Punkten) vorliege, die eine neuropsychologische Störung (verbales
Gedächtnis) und eine Lernbehinderung bewirke. Damit werde der
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invalidenversicherungsrechtliche Invaliditätsbegriff indes nicht erfüllt.
Denn das Leiden figuriere nicht im ICD-10-Verzeichnis. Eine
Intelligenzstörung dürfe gemäss ICD-10: F70-F79 erst bei einem IQ von
weniger als 70 Punkten als Krankheit betrachtet werden. Daraus folge im
Umkehrschluss, dass der Beschwerdeführer als gesunde Person gelte
und bei ihm im hier relevanten Zeitraum ab dem 1. Januar 2021 kein
Gesundheitsschaden vorliege, welcher aus
invalidenversicherungsrechtlicher Sicht eine Arbeitsunfähigkeit zu
begründen vermöchte. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den
Ausführungen in der Beschwerde erübrige sich. Der Beschwerdeführer
habe keinen Rentenanspruch. Anders zu entscheiden bedeutete, dass ein
gemäss ICD-10 nicht pathologisches Problem medizinalisiert würde. Dies
würde dem IV-rechtlichen Invaliditätsbegriff widersprechen.
9. Der Beschwerdeführer hielt replicando am 15. Juni 2022 an seinen
Anträgen fest und vertiefte seinen Standpunkt.
10. Die Beschwerdegegnerin duplizierte am 27. Juni 2022 bei unveränderten
Rechtsbegehren.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien in den Rechtschriften, die
angefochtene Verfügung vom 29. März 2022 sowie die weiteren Akten
wird, sofern erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung der IV-
Stelle des Kantons Graubünden vom 29. März 2022. Eine solche
Anordnung, die laut Bundesrecht der Beschwerde an das
Versicherungsgericht am Ort der verfügenden IV-Stelle unterliegt, kann
beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden als das örtlich und
sachlich zuständige Versicherungsgericht angefochten werden (vgl.
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Art. 49 Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRG;
BR 370.100] i.V.m. Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20] sowie Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Als formeller und
materieller Verfügungsadressat ist der Beschwerdeführer von der
angefochtenen Verfügung unmittelbar betroffen und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung. Er ist somit
zur Beschwerdeerhebung legitimiert (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59
ATSG). Die Beschwerde wurde zudem frist- und formgerecht eingereicht
(Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 60 Abs. 1 und 2 ATSG, Art. 38 f. sowie Art. 61
lit. b ATSG). Darauf ist somit einzutreten.
2.1. Streitgegenstand bildet die Frage des Rentenanspruchs des
Beschwerdeführers, welcher angesichts der Neuanmeldung im Juli 2020
gestützt auf Art. 29 Abs. 1 IVG frühestens ab dem 1. Januar 2021 (d.h.
sechs Monate nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs) entstehen
kann, sofern bis dahin das Wartejahr nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG erfüllt
ist.
2.2. Umstritten ist dabei, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht einen Anspruch
auf eine Invalidenrente mangels Vorliegens eines invalidisierenden
Gesundheitsschadens verneint hat. Zu prüfen ist somit in erster Linie, ob
beim Beschwerdeführer ein Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit besteht.
2.3. In Bezug auf das anwendbare Recht ist festzuhalten, dass seit dem 1.
Januar 2022 die revidierten Bestimmungen des IVG (sowie des ATSG)
und der IVV in Kraft sind (Weiterentwicklung der IV). Da der hier
umstrittene Rentenanspruch seine Begründung jedoch noch vor dem
1. Januar 2022 findet, sind die bis zum 31. Dezember 2021 gültigen
Bestimmungen massgebend (vgl. Übergangsbestimmungen des IVG zur
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Änderung vom 19. Juli 2020; Kreisschreiben über Invalidität und Rente in
der Invalidenversicherung [KSIR], gültig ab dem 1. Januar 2022,
Rz. 9101).
3. Der Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung setzt unter
anderem voraus, dass die versicherte Person invalid oder von Invalidität
unmittelbar bedroht ist. Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (vgl. ferner Art. 4 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der
durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (siehe Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine
Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (siehe Art. 7 Abs. 2 ATSG).
3.1.1. Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach diesen Bestimmungen ist die
medizinische Befundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit
kann immer nur dann anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer
Gesundheitsbeeinträchtigung ist, die fachärztlich einwandfrei
diagnostiziert worden ist (siehe BGE 145 V 215 E.5.1, 143 V 418 E.6 und
8.1, 143 V 409 E.4.5.2 sowie 141 V 281 E.2.1). Die Diagnose muss lege
artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems
abgestützt sein (siehe BGE 140 IV 49 E.2.4.1 mit Hinweis auf ICD
[internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter
Gesundheitsprobleme; von der Weltgesundheitsorganisation [WHO]
herausgegeben und weltweit anerkannt] oder DSM [diagnostisches und
statistisches Handbuch psychischer Störungen; Klassifikationssystem der
Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung]; ferner BGE 136 V 279
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E.3.2.1, 131 V 49 E.1.2, 130 V 396 E.6.6.2 und 6.3; Urteile des
Bundesgerichts 9C_813/2018 vom 13. Februar 2019 E.4.3.1,
8C_909/2017 vom 26. Juni 2018 E.8 und 9C_393/2017 vom
20. September 2017 E.5.3.1). Die Annahme einer Invalidität bedingt
rechtsprechungsgemäss in jedem Fall ein medizinisches Substrat, das
(fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und
nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich
beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren im
Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild
mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte
psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet,
dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen,
welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren,
bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde
zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven
Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde Depression im
fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen
Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu
unterscheidende und in diesem Sinne verselbstständigte psychische
Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind
unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann.
Wo der Gutachter dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche
in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende
Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender
psychischer Gesundheitsschaden gegeben (siehe BGE 145 V 215 E.6.3,
139 V 547 E.5.2, 136 V 279 E.3.2.1 und 127 V 294 E.5a mit Hinweisen;
Urteile des Bundesgerichts 9C_468/2021 vom 13. Dezember 2021
E.2.2.2, 8C_415/2021 vom 13. Oktober 2021 E.4.1, 9C_311/2021 vom
23. September 2021 E.4.2; vgl. zum Ganzen KIESER, Kommentar zum
Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
ATSG, 4. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 7 Rz. 22 ff.).
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3.1.2. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob
dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt,
in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
Expertin oder des Experten begründet sind (vgl. BGE 134 V 231 E.5.1,
125 V 351 E.3a; anstatt vieler: Urteile des Bundesgerichts 9C_26/2022
vom 30. Mai 2022 E.4.1 und 9C_528/2021 vom 11. Februar 2022 E.4.1).
Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens (nach Art. 44 ATSG)
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in
die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle
Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl. BGE 137 V 210 E.1.3.4, 135
V 645 E.4.4 und 125 V 351 E.3b/bb; siehe auch Urteile des
Bundesgerichts 8C_84/2022 vom 19. Mai 2022 E.2.2, 8C_784/2021 vom
9. Februar 2022 E.4.2, 8C_33/2021 vom 31. August 2021 E.2.2.2 und
8C_38/2021 vom 16. August 2021 E.2). In Bezug auf Berichte von
behandelnden Ärzten darf und soll der Richter auch der
Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass behandelnde Ärzte mitunter
im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen
eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (siehe BGE 135 V 465 4.5 und
125 V 351 E.3b/cc). Insbesondere lässt es die unterschiedliche Natur von
Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Person einerseits
und von Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen
Experten (vgl. dazu BGE 124 I 170 E.4) andererseits nicht zu, ein
Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum
Anlass für weitere Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden
Arztpersonen oder Therapiekräfte zu anderslautenden Einschätzungen
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gelangen. Vorbehalten bleiben immerhin die Fälle, in denen sich eine vom
(amtlichen) Gutachten abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die
Berichte der behandelnden Ärztinnen und Ärzte wichtige – nicht rein der
subjektiven Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die bei der
Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (siehe BGE 135
V 465 E.4.5 f.; Urteile des Bundesgerichts 8C_80/2022 vom 4. Mai 2022
E.4, 8C_787/2021 vom 23. März 2022 E.11.2.2, 8C_736/2021 vom
22. März 2022 E.5.2, 8C_764/2021 vom 3. März 2022 E.4.2, 9C_528/2021
vom 11. Februar 2022 E.4.2, 8C_105/2021 vom 8. Juni 2021 E.3 und
8C_164/2021 vom 3. Mai 2021 E.3.2.1).
3.2. Zur Beurteilung des Gesundheitszustands bzw. der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers sind im Wesentlichen die folgenden medizinischen
Unterlagen zu berücksichtigen:
3.2.1. Mit Bericht vom 3. August 2020 wies der Hausarzt des
Beschwerdeführers, Dr. med. I._, darauf hin, dass die letzte
Konsultation im Februar 2018 stattgefunden hatte. Als Diagnosen mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit führte er rezidivierende depressive
Episoden, einen schädlichen Gebrauch von Alkohol und Drogen sowie
eine chronische Hepatitis C-Virusinfektion, Genotyp 3a, aus (siehe IV-
act. 82 S. 4).
3.2.2. Am 20. November 2020 berichtete der in derselben Praxis wie Dr. med.
I._ praktizierende Dr. med. J._ bei weitgehend gleichlautenden
Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit über eine
Drogenanamnese bis hin zur Injektion von Heroin sowie einer
Methadonsubstitution. Aktuell sei der Beschwerdeführer wohl clean.
Allerdings trinke er regelmässig bis zu vier Biere am Tag. Zudem empfahl
Dr. med. J._ eine Therapie der Hepatitis C mit Leberschaden, welche
jedoch abgelehnt werde. Als Funktionseinschränkungen wies er eine
geringe körperliche Belastbarkeit sowie eine potenzielle Infektionsgefahr
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für andere aus. Eine leidensangepasste Tätigkeit erachtete er zu vier
Stunden am Tag für zumutbar (siehe IV-act. 88).
3.2.3. Im MEDAS-Gutachten vom 8. November 2021 stellten die Gutachter eine
neuropsychologische Störung (verbales Gedächtnis) im Rahmen einer
unterdurchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit im Sinne einer
Lernbehinderung (Gesamt-IQ: 77 Punkte) mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit fest. Ohne Einfluss darauf erachteten sie folgende
Diagnosen: Alkoholabhängigkeit (ICD-10: F10.2), in wesentlichen Teilen
kontrolliert, dennoch keine grundsätzliche Abstinenz und anhaltend
übermässiger Konsum; aktive Hepatitis C mit Leberschaden;
Nikotinabusus, aktuell ca. 20 PYs bei anamnestisch intermittierendem
Cannabiskonsum (aktuell THC im Urin negativ). Dazu hielten sie in der
Konsensbeurteilung namentlich fest, sie sähen eine anhaltende
Alkoholabhängigkeit mit starkem Wunsch, Alkohol zu konsumieren. Die
Fähigkeit, Beginn, Beendigung und Menge des Konsums zu kontrollieren,
sei nicht aufgehoben, aber vermindert. Es würden keine körperlichen
Entzugssymptome bei Beendigung des Konsums beschrieben. Der
Beschwerdeführer gebe an, am Vorabend der psychiatrischen
Begutachtung keinen Alkohol konsumiert zu haben. Während der
Begutachtung seien keine Substanz-beschriebene Entzugssymptome zu
objektivieren. Es werde keine fortschreitende Vernachlässigung anderer
Vergnügen oder eine Vernachlässigung des Sohnes (geboren 2013)
zugunsten des Substanzkonsums gesehen. Andererseits werde trotz
bestehender Hepatitis C mit Schädigung der Leber der Konsum
fortgesetzt. Zusammenfassend bestehe aus psychiatrischer Sicht eine
Alkoholabhängigkeit (ICD-10: F10.2), seit mehreren Jahren kontrollierter
Gebrauch, ohne vollständige Abstinenz. Das Konsummuster sei durchaus
problematisch, scheine das Leben des Beschwerdeführers aber nicht in
einem Ausmass zu stören, als dass Einschränkungen sichtbar wären, die
nicht mit Tätigkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vereinbar wären.
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Des Weiteren führten die MEDAS-Experten aus, im Gegensatz zum
Behandler Dr. med. J._ sähen sie derzeit keine Hinweise auf ein
aktuelles Depressionsgeschehen oder ein erhöhtes Depressionsrisiko. Im
Bericht des Behandlers werde die Diagnose zwar genannt, allerdings nicht
differenziert begründet. Der Beschwerdeführer erkenne auch selbst ein
solches Krankheitsbild bei sich nicht. In der Aktenlage finde sich (Anm.
des Gerichts: im November 2002; siehe IV-act. 110 S. 15 und IV-act. 10
S. 1) einmalig die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung. In den
Folgeberichten sei diese Diagnose nicht mehr aufgenommen worden. Es
gebe keine Hinweise darauf. In den Vorbefunden sei ebenfalls einmalig
(Anm. des Gerichts: im August 2003; siehe IV-act. 110 S. 16 und IV-
act. 41 S. 2) die Diagnose einer Aufmerksamkeits- und
Hyperaktivitätsstörung (ADHS) formuliert worden. In der aktuellen
Begutachtung bestünden keine ausreichenden Hinweise zur Codierung
dieses Krankheitsbilds. Sollten tatsächlich in dieser Hinsicht Probleme
auftreten, stünde das gesamte therapeutische Inventar in bislang
ungenutzter Form zur Verfügung. In neuropsychologischer Hinsicht
ergebe sich mit einem Gesamt-IQ von 77 Punkten und einem allgemeinen
Fähigkeitsindex von 74 Punkten eine unterdurchschnittliche intellektuelle
Leistungsfähigkeit. Für die unterdurchschnittliche Intelligenz (IQ 85 bis 70)
gebe es keine eigene ICD-10-Kodierung. Es habe sich der Begriff der
Lernbehinderung etabliert. Daneben habe in der neuropsychologischen
Testung eine Störung des verbalen Gedächtnisses objektiviert werden
können. Nach den biografischen Angaben, mit Blick auf den Schulverlauf
und den beruflichen Ausbildungsversuchen sei die objektivierbare
unterdurchschnittliche Intelligenz im Sinne einer Lernbehinderung
nachvollziehbar. Ob nach heutiger Terminologie ein ADHS (früher
psychoorganisches Syndrom [POS]) vorgelegen habe, sei retrospektiv
nicht zu beurteilen. Die Diagnose sei nie genau gestellt worden. Es gebe
zwar Hinweise auf das Vorliegen einer ADHS-Erkrankung im Sinne einer
leicht erhöhten Impulsivitätsneigung, aber keine weiteren Befunde, um die
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Diagnose fachgerecht zu begründen. Aus der Literatur sei jedoch bekannt,
dass selbst unauffällige neuropsychologische Befunde eine ADHS-
Erkrankung nicht immer ausschlössen. Aus internistischer Sicht ergäben
sich keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Grundsätzlich
werde ein Sistieren des Alkoholkonsums und dringend eine Behandlung
der Hepatitis C empfohlen (siehe IV-act. 110 S. 5 f.).
Zur Gesamt-Arbeitsfähigkeit hielten die Experten fest, sie sähen eine
Reduktion der qualitativen Komponente der Arbeitsfähigkeit aufgrund der
beschriebenen Lernbehinderung, welche sich einzig aus
neuropsychologischer Sicht ergebe. Als Anforderungsprofil an eine
angepasste, der Lernbehinderung Rechnung tragende Tätigkeit führten
die Gutachter aus, diese dürfe nur sehr wenig intellektuelle Ressourcen
abverlangen, müsse sehr strukturiert und überschaubar sein, keine
Eigenverantwortung beinhalten und in einem wohlwollenden und
überschaubaren Team (für Rückfragen und für die notwendige Sicherheit)
erfolgen. Somit würde eine optimal angepasste Tätigkeit eher einer Arbeit
im zweiten Arbeitsmarkt entsprechen (siehe IV-act. 110 S. 8).
3.3. Vorliegend verneinte die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung vom 29. März 2022 einen Rentenanspruch namentlich mit der
Begründung, gestützt auf die medizinischen Abklärungen liege kein
invalidisierender Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit vor. Es bestehe einzig eine unterdurchschnittliche
intellektuelle Leistungsfähigkeit im Sinne einer Lernbehinderung, welche
keine Erkrankung gemäss ICD-10, sondern eine normalpsychisch tiefe
intellektuelle Begabung darstelle (siehe IV-act. 125). Dabei stützte sich die
Beschwerdegegnerin neben den RAD-Beurteilungen vom 13. Dezember
2021 und 28. März 2022 (siehe IV-act. 126 S. 15 ff.) auf das
interdisziplinäre MEDAS-Gutachten vom 8. November 2021 (siehe IV-
act. 110) ab.
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3.4. In Letzterem wurde – wie der Beschwerdeführer zutreffend vorbringt –
eine qualitative Einschränkung seiner Arbeitsfähigkeit aus
neuropsychologischer Sicht festgehalten und ein spezifisches
Anforderungsprofil definiert (siehe IV-act. 110 S. 7 f.). Soweit er jedoch die
verminderte Leistungsfähigkeit mit der im MEDAS-Gutachten
festgehaltenen neuropsychologischen Störung des verbalen
Gedächtnisses begründet, ist dies insoweit zu relativieren, als die
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit im neuropsychologischen
Teilgutachten genauso wie in der Konsensbeurteilung (ausschliesslich)
mit der unterdurchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit
begründet wird (siehe IV-act. 110 S. 6, 8 und 71 f.). Für die
unterdurchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit wird im MEDAS-
Gutachten der Begriff der Lernbehinderung verwendet, da es für die
unterdurchschnittliche Intelligenz keine eigene ICD-10-Kodierung gebe
und sich dieser Begriff etabliert habe (siehe IV-act. 110 S. 5). Dieser sei
im Sinne eines überdauernden und umfänglichen
Schulleistungsversagens zu verstehen, das in der Regel mit einer
Beeinträchtigung der Intelligenz einhergehe, die jedoch nicht das
Ausmass einer geistigen Behinderung (Intelligenzminderung) aufweise
(siehe IV-act. 110 S. 69). Insofern besteht entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers nicht zusätzlich zur unterdurchschnittlichen
intellektuellen Leistungsfähigkeit eine Lernbehinderung; vielmehr geht
Letztere in Ersterer auf. Konkret führte der neuropsychologische MEDAS-
Experte lic. phil. K._, Fachpsychologe für Neuropsychologie FSP
sowie zertifizierter neuropsychologischer Gutachter SIM, zur
Arbeitsfähigkeit aus, aufgrund der objektivierbaren
unterdurchschnittlichen Intelligenz im Sinne einer Lernbehinderung sowie
aufgrund der Tatsachen, dass der Versicherte über keine abgeschlossene
Berufsausbildung verfüge und nur über einen Schulabschluss vorwiegend
auf dem Niveau einer Kleinklasse vorweisen könne, werde aus
neuropsychologischer Sicht eine Tätigkeit im ersten Berufsmarkt als
- 16 -
unwahrscheinlich eingeschätzt. Der Beschwerdeführer habe aufgrund
seiner Vorgeschichte keine Möglichkeit, auf bestehendem Wissen und
Erfahrungen aufzubauen, und das neue Lernen falle ihm aufgrund der
Lernbehinderung äussert schwer. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als
Hilfsarbeiter auf einem Recycling-Hof im geschützten Rahmen könne der
Beschwerdeführer aus neuropsychologischer Sicht zu 100 % anwesend
sein. Seine Selbsteinschätzung einer Arbeitsfähigkeit von 50 bis 70 %
begründe sich vorwiegend mit zusätzlichen Betreuungsaufgaben. Die
unterdurchschnittliche Intelligenz im Sinne einer Lernbehinderung bestehe
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit seit der Geburt. Der frühe
Alkoholkonsum mit 14 Jahren und der Heroinkonsum beginnend mit 17
Jahren hätten die kognitive Entwicklung möglicherweise zusätzlich
gehemmt. Eine Berufsausbildung sei in der Folge nicht möglich gewesen.
Die einzige Anstellung im ersten Berufsmarkt als Allrounder in einer
Skihütte habe einer Hilfsarbeit entsprochen und sei wegen
Leistungsschwäche im kognitiven sowie aufgrund der Suchterkrankung
gekündigt worden (siehe IV-act. 110 S. 71 f.). Gestützt auf diese
Ausführungen definierte lic. phil. K._ ein Anforderungsprofil, das der
Lernbehinderung Rechnung tragen müsse (siehe IV-act. 110 S. 71 f.). Als
angepasste Tätigkeit wies er eine solche aus, die nur sehr wenig
intellektuelle Ressourcen abverlangen würde, sehr strukturiert und
überschaubar sei, keine Eigenverantwortung beinhalte und für die für
Rückfragen sowie für die notwendige Sicherheit ein wohlwollendes und
überschaubares Team vorhanden sei. Daraus folgerte der
neuropsychologische Experte, dass eine angepasste Tätigkeit eher einer
Arbeit im zweiten Arbeitsmarkt entspreche (siehe IV-act. 110 S. 72). Eine
100%ige, auf dem ersten Arbeitsmarkt verwertbare Arbeitsfähigkeit in
einer behinderungsgeeigneten Tätigkeit lässt sich demnach entgegen der
in der Duplik von der Beschwerdegegnerin vertretenen Auffassung daraus
so nicht ableiten. Da neben der neuropsychologischen Störung im
MEDAS-Gutachten vom 8. November 2021 weder aus internistischer noch
- 17 -
aus psychiatrischer Sicht eine weitere Diagnose mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit ausgewiesen werden konnte (siehe IV-act. 110 S. 6, 26,
49 und 55 ff., wobei auf S. 5 der Konsensbeurteilung fälschlicherweise
ausgeführt wird, dass neben den neuropsychologischen Ergebnissen eine
[andere] psychiatrische Diagnose Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit habe),
liegt der Fokus der nachfolgenden Prüfung auf der gutachterlich
festgehaltenen unterdurchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit
im Sinne einer Lernbehinderung.
3.5.1. Intelligenzminderungen werden nach dem Klassifikationssystem ICD-10 in
leichte (Intelligenzquotient [IQ] 69 bis 50), mittelgradige (IQ 49 bis 35),
schwere (IQ 34 bis 20) und schwerste (IQ weniger als 20) Fälle eingeteilt
(ICD-10 F70 bis F73; vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_5/2021 vom
6. Mai 2021 E.3.3, 8C_302/2020 vom 24. Juni 2020 E.5.1 und
9C_601/2019 vom 7. Januar 2020 E.3.5.2, je mit Hinweisen). Die
Rechtsprechung hat bei einem IQ von 70 und mehr ein
invalidenversicherungsrechtlich massgeblicher Gesundheitsschaden
mehrfach verneint (siehe Urteile des Bundesgerichts 8C_369/2021 vom
28. Oktober 2021 E.5.4, 9C_5/2021 vom 6. Mai 2021 E.3.3 und
9C_601/2019 vom 7. Januar 2020 E.3.5.2). Demgegenüber führt ein IQ
unterhalb dieses Werts in der Regel zu einer relevanten verminderten
Arbeitsfähigkeit. Auch diesfalls ist jedoch stets eine objektive
Beschreibung der Auswirkungen der festgestellten Intelligenzminderung
der versicherten Person auf ihr Verhalten, die berufliche Tätigkeit, die
normalen Verrichtungen des täglichen Lebens und das soziale Umfeld
erforderlich (siehe Urteil des Bundesgerichts 9C_5/2021 vom 6. Mai 2021
E.3.3 m.H.a. 9C_754/2008 vom 15. Mai 2009 E.3.2). Zudem kommt es
nicht nur auf die Höhe des IQ an, sondern ist immer der Gesamtheit der
gesundheitlichen Beeinträchtigungen Rechnung zu tragen (siehe Urteile
des Bundesgerichts 8C_302/2020 vom 24. Juni 2020 E.5.1 und
8C_608/2018 vom 11. Februar 2019 E.5.2 mit Hinweisen).
- 18 -
3.5.2. Die diesbezügliche höchstrichterliche Praxis erweist sich als uneinheitlich.
So hielt das Bundesgericht in dem vom Beschwerdeführer in der Replik
referenzierten Urteil 8C_189/2018 vom 25. Mai 2018 dafür, dass es bei
der Beurteilung der Frage nach dem Vorliegen einer Frühinvalidität nicht
nur auf den Intelligenzquotienten ankommt; vielmehr ist die Gesamtheit
der gesundheitlichen Beeinträchtigungen massgebend. Es stellt sich in
jedem Einzelfall die Frage, inwiefern sich der Intelligenzmangel mit
allenfalls weiteren gesundheitsbedingten Einbussen konkret auf die
zumutbarerweise mögliche Leistungserbringung auswirkt (vgl. E.4.2.3).
Das Bundesgericht erwog sodann, dass die dortige Beschwerdeführerin
mit einem IQ im Wertebereich von 77-78 Punkten trotz
Sonderschulmassnahmen und psychomotorischer Therapie während der
obligatorischen Schulzeit, eines abgebrochenen Brückenangebots und
beruflicher Massnahmen nie in der Lage gewesen sei, im ersten
Arbeitsmarkt Fuss zu fassen und eine Ausbildung zu absolvieren. Sie sei
seit jeher mit Beeinträchtigungen konfrontiert gewesen und habe selbst
mit professioneller Unterstützung keine hinreichenden beruflichen
Kenntnisse erwerben und eine längerdauernde Anstellung finden und
halten können. Aufgrund der medizinischen Aktenlage mit
entgegengesetzten Einschätzungen des Leistungsvermögens hat das
Bundesgericht letztlich mangels schlüssiger und abschliessender
Beurteilbarkeit der Frage der Frühinvalidität und damit auch des
Rentenanspruchs die Angelegenheit zur Einholung eines psychiatrischen
Gutachtens zurückgewiesen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_189/2018
vom 25. Mai 2018 E.4.3). In einem weiteren Urteil bejahte das
Bundesgericht gestützt auf eine Gesamtwürdigung der gesundheitlichen
Beeinträchtigung das Vorliegen einer Frühinvalidität bei einem
(Gesamt-)Intelligenzquotienten von 73 Punkten (siehe Urteil des
Bundesgerichts 9C_611/2014 vom 19. Februar 2015 E.5). Mit anderen
Worten lag für das Bundesgericht aufgrund der konkreten Gegebenheiten
des Falls trotz der tiefen, aber noch im Normalbereich liegenden
- 19 -
Intelligenz eine Invalidität vor, bedarf es doch für die Annahme einer
Frühinvalidität gemäss Art. 26 Abs. 1 der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201; in der bis am 31. Dezember
2021 gültig gewesenen Fassung; siehe auch Art. 25 Abs. 6 IVV in der ab
dem 1. Januar 2022 gültigen Fassung), dass die versicherte Person
invaliditätsbedingt keine zureichenden beruflichen Kenntnisse erwerben
konnte (siehe Urteil des Bundesgerichts 8C_291/2019 vom 12. September
2019 E.5.1). Aus dieser Rechtsprechung schloss das Bundesgericht
schliesslich im Urteil 9C_601/2019 vom 7. Januar 2020, dass auch bei
knapp im (untersten) Normalbereich liegender Intelligenz eine Invalidität
nicht ausnahmslos ausgeschlossen ist, wobei es in den bisherigen Fällen
um Frühinvalidität ging und sich die eingeschränkte Arbeitsfähigkeit
bereits beim Eintritt ins Erwerbsleben manifestiert hatte (vgl. E.3.5.3).
Demgegenüber schützte das Bundesgericht in einem nur gerade fünf
Monate später ergangenem Urteil den vorinstanzlichen Schluss, dass
unter den gegebenen Umständen die angesichts eines IQ von 75
attestierte teilweise Arbeitsunfähigkeit invalidenversicherungsrechtlich
nicht zu berücksichtigen sei, und verneinte das Vorliegen einer
Frühinvalidität mangels invalidisierendem Leiden (siehe Urteil des
Bundesgerichts 8C_302/2020 vom 24. Juni 2020 E.7). Auch in zwei
jüngeren Entscheiden befand das Bundesgericht, die
Intelligenzminderung bei einem IQ-Wert von 74 Punkten sei nicht so
ausgeprägt, dass sie als krankheitswertig und damit als
invalidenversicherungsrechtlich relevant gelten würde (siehe Urteile des
Bundesgerichts 8C_369/2021 vom 28. Oktober 2021 E.5.4 und
9C_5/2021 vom 6. Mai 2021 E.4.3). In diesen neueren Urteilen erwähnte
das Bundesgericht indes die Rechtsprechung, wonach die Annahme einer
Invalidität bei einer tiefnormalen Intelligenz nicht ausgeschlossen ist,
insbesondere im Rahmen der Frühinvalidität, indes nicht. Vielmehr wandte
es den bei einem IQ von 70 zu verortenden Grenzwert starr bzw.
- 20 -
ausnahmslos an und verneinte bei einer darüber liegenden Intelligenz
einen invalidenversicherungsrechtlich massgeblichen
Gesundheitsschaden, mit der Folge, dass es damit die medizinisch-
theoretisch attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausser Acht
liess, ohne sich – trotz mitunter geltend gemachter Frühinvalidität – mit
den vorgenannten, gegenteiligen Urteilen auseinander zu setzen und
aufzuzeigen, inwiefern diese keine Gültigkeit mehr beanspruchen sollen.
3.5.3. Soweit die neuere Rechtsprechung ihre Begründung im Umstand haben
sollte, dass eine Intelligenz im unteren Normbereich mangels hinreichend
starker Ausprägung keine (einwandfreie) Diagnosestellung erlaubt und
somit keinem medizinischen Substrat zugeführt werden kann, das
funktionelle Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit zu zeitigen vermag,
so ist zu berücksichtigen, dass die Grenzziehung bei einem Gesamt-IQ-
Wert von 70 Punkten auf dem Klassifikationssystem nach ICD-10 beruht.
Danach wird erst bei einem IQ von unter 70 von einer Intelligenzminderung
gesprochen (ICD-10: F7x.x), wobei leicht intelligenzgeminderte Personen
(IQ-Bereich von 50 bis 69) meist eine volle Unabhängigkeit in der
Selbstversorgung und in praktischen sowie häuslichen Tätigkeiten – wenn
auch mit einem langsameren Entwicklungstempo – erreichen. Auch ist die
Mehrzahl der in den oberen Bereichen der leichten Intelligenzminderung
Eingestuften für eine Arbeit anlernbar, die eher praktische als schulische
Fähigkeiten, einschliesslich ungelernter oder angelernter Handarbeit,
verlangt (vgl. Dilling/Mombour/Schmidt [Hrsg.], Internationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch-
diagnostische Leitlinien, 9. Aufl., Bern 2014, S. 310). Allerdings weisen die
diagnostischen Leitlinien zu ICD-10 selbst aus, dass die angegebenen IQ-
Werte nur als Richtlinien und – im Hinblick auf die Problematik der
transkulturellen Vergleichbarkeit – nicht zu starr angewendet werden
sollen. Auch stellten die definierten Kategorien – namentlich leichte,
mittelgradige, schwere und schwerste Intelligenzminderung – eine
- 21 -
willkürliche Einteilung eines komplexen Kontinuums dar und könnten nicht
mit absoluter Genauigkeit voneinander abgegrenzt werden. Die
Einschätzung der Intelligenz sollte auf allen verfügbaren Informationen
beruhen, wozu der klinische Eindruck, das Anpassungsverhalten und die
psychometrische Leistungsfähigkeit gehörten (vgl.
Dilling/Mombour/Schmidt [Hrsg.], a.a.O., S. 309). Daraus ist somit zu
schliessen, dass gemäss den klinisch-diagnostischen Leitlinien zur ICD-
10 die zur Annahme einer Intelligenzminderung angeführten IQ-Bereiche
nur als Anhaltspunkte dienen und nicht rigide angewendet werden sollen.
Vielmehr bedarf es einer umfassenden, auch die Klinik und das
Anpassungsverhalten beinhaltenden Beurteilung der Intelligenz.
Bezeichnenderweise stellt denn auch ein IQ-Wert zwischen 50 und 69
nach der ICD-10-Klassifikation lediglich einen Hinweis auf eine leichte
Intelligenzminderung dar. Im Übrigen sieht auch die neue ICD-11-
Klassifikation vor, dass "the diagnosis of Disorders of Intellectual
Development should not be made solely based on IQ scores but must also
include a comprehensive evaluation of adaptive behaviour" (vgl.
https://icd.who.int/browse11/l-
m/en#/http%3a%2f%2fid.who.int%2ficd%2fentity%2f605267007, zuletzt
besucht am: 12. Juli 2022). Zudem trägt das Äquivalent der
Intelligenzminderung gemäss ICD-10 im ebenfalls anerkannten
Klassifikationssystem DSM-5 die Bezeichnung "Intellektuelle
Beeinträchtigung (Intellektuelle Entwicklungsstörung)". Sie erfasst eine
Störung, die während der frühen Entwicklungsphase beginnt und die
sowohl intellektuelle als auch adaptive Funktionsdefizite in konzeptuellen,
sozialen und alltagspraktischen Bereichen umfasst. Die Hauptmerkmale
der Intellektuellen Beeinträchtigung stellen eine deutlich
unterdurchschnittliche allgemeine intellektuelle Leistungsfähigkeit und
Einschränkungen der alltäglichen Anpassungsfähigkeit im Alters-,
Geschlechts- und soziokulturellen Vergleich zu Gleichaltrigen dar. Zudem
muss der Beginn in der Entwicklungsphase liegen. Die Diagnose basiert
- 22 -
auf einer klinischen Beurteilung und einer standardisierten Testung der
intellektuellen und adaptiven Funktionen. Die IQ-Testwerte bilden dabei
annäherungsweise die kognitiven Fähigkeiten ab, können aber nur
unzureichend das Schlussfolgern in tatsächlichen Alltagssituationen und
die Bewältigung praktischer Aufgaben wiedergeben. So wird im Rahmen
der diagnostischen Merkmale des DSM-5 betreffend eine intellektuelle
Beeinträchtigung bzw. intellektuelle Entwicklungsstörung das Beispiel
angeführt, dass eine Person mit einem IQ über 70 so ausgeprägte
Anpassungsprobleme aufweisen könne, dass die eigentliche
Anpassungsfähigkeit mit der einer Person mit einem niedrigeren IQ-Wert
vergleichbar ist. Aus diesem Grund sind klinische Erfahrungen für die
Interpretation der Ergebnisse der Intelligenztests notwendig (vgl.
Falkai/Wittchen [Hrsg.], Diagnostisches und Statistisches Manual
Psychischer Störungen DSM-5, Göttingen/Bern 2015, S. 43 ff.).
3.6. Insofern können in Anwendung der diagnostischen Kriterien bzw. Leitlinien
eines anerkennten Klassifikationssystems (vgl. dazu auch die
Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der
Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie [SGPP]
vom 16. Juni 2016, abgedruckt in: SZS 5/2016, S. 435 ff. S. 439 sowie das
von der Invalidenversicherung bzw. auch von der Beschwerdegegnerin
bereit gestellte Berichtsformular "Arztbericht: Berufliche
Integration/Rente", Nr. 022.099 D, Stand: Januar 2018, S. 3 Ziffer 2.5,
abrufbar zum Beispiel unter: https://www.ahv-iv.ch/p/002.099.d, zuletzt
besucht am: 12. Juli 2022; vgl. etwa auch IV-act. 88 S. 3) auch die Folgen
einer tiefnormalen Intelligenz bei einem IQ von über 70 Punkten auf ein
medizinisches Substrat zurückgeführt werden und Folge einer fachärztlich
diagnostizierbaren Gesundheitsbeeinträchtigung sein. Deshalb fällt die
Annahme einer Invalidität bei einer Intelligenz im unteren Normbereich in
Nachachtung der vorgenannten bundesgerichtlichen Urteile 9C_601/2019
vom 7. Januar 2020, 8C_189/2018 vom 25. Mai 2018 und 9C_611/2014
- 23 -
vom 19. Februar 2015, insbesondere bei im Raum stehender
Frühinvalidität, nicht von vornherein ausser Betracht. Der gegenteiligen,
von der Beschwerdegegnerin namentlich gestützt auf die Beurteilungen
von RAD-Arzt Dr. med. H._ vom 13. Dezember 2021 und 28. März
2022 (siehe IV-act. 126 S. 15 ff.) vertretenen Auffassung kann in ihrer
Absolutheit somit nicht gefolgt werden.
4.1. Im hier zu beurteilenden Fall wird im MEDAS-Gutachten vom 8. November
2021 – wie bereits dargelegt – eine neuropsychologische Störung
(verbales Gedächtnis) im Rahmen einer unterdurchschnittlichen
intellektuellen Leistungsfähigkeit im Sinne einer Lernbehinderung
(Gesamt-IQ: 77 Punkte) mit funktionellen Auswirkungen diagnostiziert, die
interdisziplinär bestätigt wurde (siehe IV-act. 110 S. 6). Der psychiatrische
Experte Dr. med. L._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
[...], fokussierte in seinem Teilgutachten auf das aktenkundige
(Alkohol-)Abhängigkeitssyndrom und beschrieb kein Krankheitsbild im
Bereich der Intelligenzminderung (siehe IV-act. 110 S. 44 ff.). Dennoch
hielt er im Rahmen der Würdigung der Ressourcen und Belastungen fest,
die intellektuellen Ressourcen des Beschwerdeführers erschienen eher
begrenzt (siehe IV-act. 110 S. 54). Die psychiatrische Exploration fand
dabei bereits am 26. August 2021 vor der neuropsychologischen
Untersuchung 15. September 2021 bei lic. phil. K._ statt (siehe IV-
act. 110 S. 2, 33 und 61). Letztere führte sodann – namentlich gestützt auf
die durchgeführten neuropsychologischen Testungen – zur vorerwähnten
Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (siehe IV-act. 110 S. 69 f.).
Dieser stimmte letztlich auch der psychiatrische Gutachter zu, indem er
die in die Konsensbeurteilung aufgenommene Diagnose mittrug und mit
seiner Unterschrift bestätigte, damit einverstanden zu sein (siehe IV-
act. 110 S. 10 f.). Allerdings setzte sich der psychiatrische MEDAS-
Experte mit der neuropsychologisch begründeten
Leistungseinschränkung, die auf psychische Ursachen zurückzuführen ist,
- 24 -
in seinem Teilgutachten nicht näher auseinander (siehe insbesondere IV-
act. 110 S. 46). Insbesondere mangelte es an einer – anhand der
dargelegten Diagnosekriterien bzw. -leitlinien anerkannter
Klassifikationssysteme hergeleiteten – fachärztlich (einwandfrei)
gestellten Diagnose hinsichtlich der festgestellten unterdurchschnittlichen
intellektuellen Leistungsfähigkeit. Ebenso wenig wurde die entsprechend
attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit anhand eines strukturierten
Beweisverfahrens gemäss BGE 141 V 281 psychiatrischerseits validiert
(vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts 8C_98/2020 vom 16. April 2020
E.5.2). Daher erweist sich das MEDAS-Gutachten vom 8. November 2021
in diesem Punkt als präzisierungs- und ergänzungsbedürftig.
4.2. Erachtet das zuständige Sozialversicherungsgericht – wie hier – eine
Sache in medizinischer Hinsicht als ungenügend abgeklärt und somit auch
die seitens der Verwaltung vorgenommene Beweiswürdigung als
unvollständig, verbleibt ihm auch nach der neueren bundesgerichtlichen
Rechtsprechung, die Möglichkeit, die Sache an den zuständigen
Versicherungsträger zurückzuweisen, anstatt ein gerichtliches Gutachten
zur Klärung einer offenen Frage in Auftrag zu geben. Ein solches ist in der
Regel namentlich dann einzuholen, wenn ein (im Verwaltungsverfahren
anderweitig) erhobener medizinischer Sachverhalt überhaupt für
"gutachterlich abklärungsbedürftig" gehalten wird oder eine
Administrativexpertise in rechtserheblichen Punkten nicht ausreichend
beweiswertig ist und dieser Mangel nicht alleine durch eine Klarstellung,
Präzisierung oder Gutachtensergänzung behoben werden kann (siehe
FURRER, Rechtliche und praktische Aspekte auf dem Weg zum
Gerichtsgutachten in der Invalidenversicherung, in: SZS 1/2019 S. 3 ff.
S. 4 f.; siehe auch BGE 139 V 496 E.4.4, 139 V 99 E.1.1 und 137 V 210
E.4.4.1.4 f.). Eine Rückweisung an den Versicherungsträger steht dem
Versicherungsgericht aber weiterhin in den Fällen offen, wenn sie in der
Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist oder
- 25 -
wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von
gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (siehe BGE 139 V 99 E.1.1
und 137 V 210 E.4.4.1.4; Urteile des Bundesgerichts 9C_354/2020 vom
8. September 2020 E.2.1 und 8C_503/2019 vom 19. Dezember 2019
E.2.1; KIESER, a.a.O., Art. 44 Rz. 71). Da sich vorliegend der dem –
ansonsten überzeugenden (vgl. nachfolgende Erwägungen 4.3 ff.) –
Administrativgutachten der MEDAS vom 8. November 2021 anhaftende
Mangel in der in psychiatrischer Hinsicht zu validierenden
Diagnosestellung und der Beurteilung des tatsächlich erreichbaren
Leistungsvermögens anhand der normativen Beweisthemen bereits
insofern beheben lässt, als sich dies im Sinne einer Klarstellung,
Präzisierung oder Gutachtensergänzung nachholen lässt, erweist es sich
als zulässig, die Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zu
ergänzenden Abklärungen zurückzuweisen. Dabei wird zu
berücksichtigen sein, dass der Heilpädagogische Dienst Graubünden
(HPD) ausweislich der Akten bereits mit Bericht vom 24. April 1989 auf die
enormen Schwierigkeiten des damals 6-jährigen Beschwerdeführers im
Erfassen der Raumlage und der räumlichen Beziehungen hinwies. Im
durchgeführten SON-Intelligenztest erreichte er lediglich einen
Durchschnittswert, welcher einem 3 3⁄4-Jährigen entsprach. Der HPD
erachtete daher pädagogisch-therapeutische Massnahmen im Sine von
Früherziehung als notwendig (siehe IV-act. 3 S. 14 f.). Der behandelnde
Kinderarzt Dr. med. M._ wies mit Bericht vom 19. Juni 1989 sodann
eine psychomotorische Entwicklungsverzögerung aus und befand, dass
eine Früherziehung und heilpädagogische Förderung indiziert seien (siehe
IV-act. 3 S. 17). Die Beschwerdegegnerin sprach dem Beschwerdeführer
sodann Massnahmen pädagogisch-therapeutischer Art zu (siehe IV-act. 2
S. 2 und IV-act. 3 S. 18). Im Abschlussbericht des HPD vom 21. August
1990 wurde trotz gewisser Verbesserungen weiterhin bestehende
Probleme beim Lernen und im Bereich der visuellen Wahrnehmung
festgestellt. Aufgrund der Auffälligkeiten in den Bereichen Leistungen
- 26 -
(kognitiv), Lernverhalten und Motivation wurde eine Einschulung in der
Einführungsklasse als angebracht angesehen (siehe IV-act. 3 S. 20).
Diese besuchte der Beschwerdeführer sodann und anschliessend die
Kleinklasse (siehe IV-act. 3 S. 25). Mit Bericht vom 16. Dezember 1996,
als der Beschwerdeführer knapp 14 Jahre war, diagnostizierte der
behandelnde Arzt Dr. med. B._, Facharzt für Innere Medizin, neben
einem POS eine wahrscheinlich seit Geburt bestehe Hirnleistungsstörung,
wobei er auf einen EEG-Befund von Dr. med. N._ vom Mai 1995
hinwies, der eine unspezifische diffuse Allgemeinstörung mit
intermittierend deutlicheren Störungen über den hinteren Hirnregionen,
vereinbar mit cerebraler Dysfunktion, festgestellt hatte (siehe IV-act. 3
S. 35). Gemäss dem MEDAS-Gutachten vom 8. November 2021 konnte
der Beschwerdeführer mit der Unterstützung der Lehrer nach der Primar-
die Realschule abschliessen (siehe IV-act. 110 S. 4 und 69 f.). Die in der
Folge begonnenen Ausbildungen zum Bäcker/Konditor und zum Schreiner
wurden jeweils nach rund einem bis anderthalb Jahren abgebrochen
(siehe IV-act. 4 S. 4, IV-act. 47 S. 1, IV-act. 71 S. 4, IV-act. 110 S. 26, 39
und 65; vgl. ferner Abklärungsbericht Haushalt vom 18./26. November
2021 [siehe IV-act. 113 S. 3]), wobei der erhöhte Alkoholkonsum für die
Kündigungen hauptverantwortlich gewesen sei (siehe IV-act. 110 S. 4, 39
und 65). Daraufhin bzw. auch schon vor dem Beginn der Schreinerlehre
befand sich der Beschwerdeführer in mehreren (teil-)stationären
Klinikaufenthalten zur Entwöhnungstherapie (siehe IV-act. 10 S. 1, IV-
act. 23 S. 2, IV-act. 29, 31 und 41 S. 2). Auch damals erachtete die
behandelnde Psychiaterin Dr. med. C._ eine gewisse intellektuelle
Leistungsminderung als fraglich. Eine entsprechende Abklärung war
vorgesehen, konnte letztlich aber wegen des Therapieabbruchs nicht
durchgeführt werden (siehe Bericht vom 1. November 2002 über die
Behandlung vom 26. Juli bis 10. Oktober 2002 [IV-act. 10 S. 2]). Die letzte
entgeltliche Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt war nach Angaben des
Beschwerdeführers eine Allrounder-Tätigkeit auf einer Skihütte ungefähr
- 27 -
im Jahr 2010 (siehe IV-act. 110 S. 4, 6, 20, 22 und 64 sowie IV-act. 123
S. 2), welche ihm gemäss MEDAS-Gutachten vom 8. November 2021
wegen Leistungsschwäche und aufgrund der Suchterkrankung gekündigt
wurde (siehe IV-act. 110 S. 6 und 70; vgl. ferner Einwand vom 10. Februar
2022 [IV-act. 123 S. 2]). Ansonsten nahm er an Programmeinsätzen teil,
zuletzt als Hilfsarbeiter im Unterhalt der kommunalen Werkgruppe bzw.
einem Recyclinghof in einem geschützten Rahmen, und bezieht öffentlich-
rechtliche Unterstützung (siehe IV-act. 110 S. 4, 40 und 71 sowie IV-
act. 123 S. 2 und 7; vgl. auch IK-Auszug vom 27. Juli 2020 [IV-act. 80] und
Abklärungsbericht Haushalt vom 18./26. November 2021 [IV-act. 113
S. 3]). Dabei wurde ihm namentlich anlässlich eines Gemeindeeinsatzes
zurückgemeldet, dass er zu wenig selbstständig sei und die Arbeit nicht
sehe (vgl. Standortgespräch vom 28. November 2019 [IV-act. 123 S. 7],
welche dem Einwand vom 10. Februar 2022 beigelegt war). Zudem ist
darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der MEDAS-
Begutachtung anlässlich der neuropsychologischen Untersuchung, die zur
bereits bekannten Diagnose einer unterdurchschnittlichen intellektuellen
Leistungsfähigkeit und der beschriebenen neuropsychologischen Störung
im Bereich des verbalen Gedächtnisses führte (siehe IV-act. 110 S. 69),
auch unterdurchschnittliche Ergebnisse im Bereich des
Sprachverständnisses, des wahrnehmungsgebundenen logischen
Denkens und beim allgemeinen Fähigkeitsindex erzielte (siehe IV-act. 110
S. 67 f.). Ausserdem geht aus dem Abklärungsbericht Haushalt vom
18./26. November 2021 hervor, dass der Beschwerdeführer im
administrativen Bereich eingeschränkt ist und bei Verrichtungen, wie
Rechnungen einzahlen, Koordination mit Versicherungen und beim
Behördenkontakt Hilfe des Sozialdienstes erhält (siehe IV-act 113 S. 6).
Im seinem Einwand vom 10. Februar 2022 liess der Beschwerdeführer
überdies vorbringen, dass sein Sohn eine Beiständin habe, welche das
Familiensystem stark unterstütze, weil ein grosser Hilfebedarf vorliege
(siehe IV-act. 123 S. 5).
- 28 -
4.3. Im Übrigen leuchtet das MEDAS-Gutachten vom 8. November 2021 in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation ein, wobei die entsprechenden
Schlussfolgerungen begründet sind. Insbesondere setzten sich die
Experten eingehend mit den vorbefundlichen Diagnosen auseinander und
legten ihre Einschätzung in nachvollziehbarer Weise dar. So befasste sich
der psychiatrische Teilgutachter, Dr. med. L._, mit dem
aktenkundigen Abhängigkeitssyndrom und hat dessen Auswirkungen im
Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens geprüft. In diagnostischer
Hinsicht hielt er fest, anamnestisch habe eine Heroin- und
Cannabisabhängigkeit bestanden, welche nicht mehr vorliege. Es bestehe
allerdings eine anhaltende Alkoholabhängigkeit. Ein starker Wunsch,
Alkohol zu konsumieren, sei unverkennbar. Die Kontrollfähigkeit bezüglich
Beginn, Beendigung und Menge des Konsums sei nicht aufgehoben, aber
vermindert. Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung sei nicht
unmittelbar beschrieben. Substanzbeschriebene Entzugssyndrome seien
nicht objektivierbar, auch bei fehlendem Konsum am Tag vor der
Begutachtung. Zudem finde sich nur eine relative Toleranzentwicklung.
Insbesondere bestehe aber keine fortschreitende Vernachlässigung
anderer Vergnügen oder der Sorge um den Sohn als zentrale Interessen
zugunsten des Substanzkonsums. Nicht zu negieren sei jedoch ein
anhaltender Substanzkonsum trotz bereits bestehender Leberschädigung.
Zusammenfassend liege eine Alkoholabhängigkeit (ICD-10: F10.2), seit
Jahren eher kontrollierter Gebrauch, ohne vollständige Abstinenz, vor
(siehe IV-act. 110 S. 45). Zur Ausprägung der diagnoserelevanten
Befunde hielt Dr. med. L._ fest, der Beschwerdeführer habe keine
sichtbaren Probleme in der alltäglichen Lebensführung. Er sei
alleinerziehender Vater, ohne dass hier von Seiten der zuständigen
Behörden Bedenken ersichtlich wären. Er pflege soziale Kontakte, familiär
und ausserfamiliär. Er trinke vormittags nicht, selten mittags und er trinke
nicht täglich. Damit verfüge er also auch über Disziplin. Von einer
- 29 -
Chronifizierung sei nicht auszugehen. Ein Leidensdruck sei nicht zu
beobachten (siehe IV-act. 110 S. 48). Weiter gab der Beschwerdeführer
anlässlich der MEDAS-Begutachtung zu seinen Zukunftsvorstellungen an,
er wolle auf Dauer eine vollständige Abstinenz erreichen, um wieder zu
arbeiten und um seinem Sohn ein positives Beispiel zu sein (siehe IV-
act. 110 S. 38 und 41). Der psychiatrische MEDAS-Experte führte dabei
zum Verlauf und Prognose aus, der Beschwerdeführer zeige Willen und
Disziplin. Ein wesentlicher Motivator scheine der Sohn zu sein, für den er
als alleinerziehender Vater grosse Verantwortung trage. Manche Tage
trinke er gar nicht, nach zwei bis drei Tagen beginne er wieder. Die Dosis
erscheine limitiert auf bis zu sieben Bier à 0.5 l, meist aber weniger. Eine
Antabus-Behandlung oder Abstinenz ohne solche erscheine durchaus
zumutbar. Eine Kontraindikation hierzu ergebe sich nicht (siehe IV-
act. 110 S. 49). Insofern wies Dr. med. L._ bei bisher fehlender
Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen (keine Psychotherapie
oder Pharmakotherapie) darauf hin, dass dem Beschwerdeführer
sämtliche Massnahmen von intensiverer Suchtberatung über ambulante
psychiatrische Spitex bis zur Behandlung mit aversiven Therapien
(Antabus) zur Verfügung stünden, die zu nutzen der Beschwerdeführer in
der Hand habe. Zudem verneinte er eine krankheitsbedingte Unfähigkeit
zur Therapieresistenz (siehe IV-act. 110 S. 47). Ausserdem ist dem
MEDAS-Gutachten vom 8. November 2021 zu entnehmen, dass der
Beschwerdeführer nach der Geburt seines Sohnes drei Jahre lang keinen
Alkohol konsumiert habe und sich mittels eines Methadonprogramms von
der Heroinabhängigkeit gelöst habe, ohne rückfällig zu werden; auch kiffen
würde er nicht mehr (siehe IV-act. 110 S. 37 f.). Auch führte Dr. med.
L._ aus, es sei aufgrund der Alkoholabhängigkeit nicht zu einer
irreversiblen Gesundheitsstörung gekommen (siehe IV-act. 110 S. 54).
Zusammenfassend hielt er fest, er sei überzeugt, dass der
Beschwerdeführer nach jahrelangem unkontrolliertem Alkoholkonsum
nach wie vor ein problematisches Konsummuster aufweise, das als
- 30 -
Abhängigkeit zu werten sei, sein Leben aber nicht in einem Ausmass
stören würde, dass ihm zum Beispiel ein Kindsentzug drohen oder
Einschränkungen sichtbar würden, die nicht mit einer Tätigkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt vereinbar wären (siehe IV-act. 110 S. 51).
Insgesamt erscheint es, insbesondere mit Blick auf die eingehaltene
mehrjährige Alkoholabstinenz und die inzwischen sistierte
Drogenabhängigkeit sowie den immerhin moderateren Alkoholkonsum
seit er die Verantwortung für seinen Sohn trägt (vgl. hierzu auch IV-
act. 110 S. 53), nachvollziehbar, wenn der Gutachter die
Alkoholabhängigkeit den Diagnosen ohne Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit zuordnete (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_213/2020
vom 19. Mai 2020 E.5.1.4).
4.4. Hinsichtlich des POS bzw. der ADHS führte der neuropsychologische
MEDAS-Experte in seinem Teilgutachten aus, es sei retrospektiv
schwierig zu beurteilen, ob ein POS bzw. eine ADHS vorliege. Leider
scheine die Diagnose nie genau gestellt worden zu sein, obschon
deutliche Hinweise auf das Vorliegen einer ADHS-Erkrankung existiert
hätten (siehe IV-act. 110 S. 70). Aktenkundig ist diesbezüglich, dass der
HPD den damals 6-jährigen Beschwerdeführer im Bericht vom 24. April
1989 als sehr offen und fraglich distanzlos sowie unsicher beschrieb und
auf die enormen Schwierigkeiten im Erfassen der Raumlage und der
räumlichen Beziehungen hinwies (siehe IV-act. 3 S. 12 ff.). Der
behandelnde Kinderarzt Dr. med. M._ diagnostizierte mit Bericht vom
19. Juni 1989 sodann eine psychomotorische Entwicklungsverzögerung
(siehe IV-act. 3 S. 17), woraufhin die Beschwerdegegnerin die medizinisch
indizierten Massnahmen pädagogisch-therapeutischer Art gewährte
(siehe IV-act. 2 S. 2 und IV-act. 3 S. 18). Im Abschlussbericht des HPD
vom 21. August 1990 wurde festgehalten, mit dem Beschwerdeführer
habe einiges erarbeitet werden können, so dass sein Wissensbereich
deutlich zugenommen habe. Weiterhin bestehende Probleme wurden
- 31 -
einerseits beim Lernen verortet. So sei dies für den Beschwerdeführer ein
Müssen. Wenn irgendwie möglich, suche er Fluchtmöglichkeiten und lasse
sich sehr leicht ablenken. Andererseits seien die Leistungen im Bereich
visuelle Wahrnehmung auffällig. Im Bereich Grobmotorik sei der Knabe
sehr lebhaft und aktiv. So zeige er vollen Einsatz und für sein Alter sehr
gute Leistungen beim Velofahren, Rollschuhlaufen, Rollbrettfahren etc.
(siehe IV-act. 3 S. 20). Rund sechs Jahre später diagnostizierte der
behandelnde Hausarzt Dr. med. B._ mit Bericht vom 16. Dezember
1996, als der Beschwerdeführer knapp 14 Jahre alt war, neben einer
Hirnleistungsschwäche ein POS, wobei der Gesundheitsschaden
wahrscheinlich seit Geburt bestehe. Er wies auf einen EEG-Befund von
Dr. med. N._ vom Mai 1995 hin, der eine unspezifische diffuse
Allgemeinstörung mit intermittierend deutlicheren Störungen über den
hinteren Hirnregionen, vereinbar mit cerebraler Dysfunktion, auswies
(siehe IV-act. 3 S. 35). Auf einem Beiblatt hielt Dr. med. B._ ferner
fest, der Beschwerdeführer besuche die Förderklasse und eine
permanente psychologisch-psychiatrische Betreuung sei notwendig bis
zum Lehrabschluss bzw. Stellenantritt. Da ihm die Akten (Geburtsverlauf,
Kontrollen beim Kinderarzt) fehlten, könne er die genaue Diagnose nicht
festlegen. Es handle sich aber sicher um ein POS (siehe IV-act. 3 S. 36).
Angesichts dieser auf einer unvollständigen Aktenlage beruhenden
Diagnosestellung, der fehlenden krankheitsspezifischen Befundung mit
einer Erhebung der Störungen des Verhaltens im Sinne einer krankhaften
Beeinträchtigung verschiedener Teilleistungen und – daraus folgend – der
nicht nachvollziehbar begründeten Herleitung der Erkrankung anhand der
diagnosespezifischen Kriterien, erscheint es plausibel, wenn der
neuropsychologische Teilgutachter in seiner Beurteilung folgerte, die
Diagnose scheine nie genau gestellt worden zu sein (siehe IV-act. 110
S. 5 und 70). Des Weiteren führte dieser aus, bis auf eine erhöhte
Interferenzanfälligkeit im Sinne einer leicht erhöhten Impulsivitätsneigung
zeigten sich aus neuropsychologischer Sicht keine weiteren Befunde, die
- 32 -
für eine ADHS sprächen. Aus der Literatur sei jedoch bekannt, dass selbst
unauffällige neuropsychologische Befunde eine ADHS-Erkrankung nicht
ausschlössen. Letztendlich müsse diese Diagnose immer klinisch gestellt
werden (siehe IV-act. 110 S. 70). Hierzu führte der psychiatrisches
MEDAS-Teilgutachter Dr. med. L._ aus, Hinweise auf eine
(hirn-)organische Störung mit psychischer Symptomatik im Sinne eines
Krankheitsbildes des Kapitels F0 der ICD-10 fänden sich in der klinischen
Untersuchung nicht (siehe IV-act. 110 S. 44). Ebenso wenig ergebe sich
daraus das Bild einer ADHS. Einmalig sei eine solche im Bericht von
Dr. med. C._ vom 29. August 2003 formuliert worden. Aktuell stehe
diese Beobachtung von vor über (recte: fast) 20 Jahren nicht im
Vordergrund (siehe IV-act. 110 S. 46). Dies erscheint insofern plausibel,
als Dr. med. L._ mit Blick auf die Verhaltensbeobachtung anlässlich
der klinischen Exploration angab, dass kein rascher Wechsel von Affekten,
keine psychomotorische Unruhe und keine Gereiztheit oder Aggressivität
vorgelegen hätten. Zum Status nach der Arbeitsgemeinschaft für Methodik
und Dokumentation in der Psychiatrie (AMDP) hielt er hinsichtlich der
Aufmerksamkeit und dem Gedächtnis fest, dass namentlich die
Auffassung und Konzentration im klinischen Gespräch nicht relevant
beeinträchtigt seien (siehe IV-act. 110 S. 41). Auch in der
neuropsychologischen Testung erzielte der Beschwerdeführer bis auf
einen leicht auffälligen Wert bei der Grundaktivierung Ergebnisse oberhalb
des Durchschnitts in den Aufmerksamkeitsleistungen (siehe IV-act. 110
S. 68). Des Weiteren beobachtete Dr. med. L._ beim Untersuch des
Antriebs und der Psychomotorik keine Störungen im Sinne einer
Antriebssteigerung; auch sei der Beschwerdeführer weder motorisch
unruhig noch logorrhoisch gewesen (siehe IV-act. 110 S. 42). Schliesslich
ist zur Stellungnahme von Dr. med. C._ und Dr. phil. P._ und
vom 29. August 2003 festzuhalten, dass sie die Diagnose einer einfachen
Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10: F90.0) hauptsächlich
gestützt auf die vorerwähnten, mit Vorbehalt zu würdigenden
- 33 -
fremdanamnestischen Auskünfte stellten (vgl. IV-act. 41). Im nur wenige
Monate zuvor erstellten Bericht vom 19. Juni 2003 wiesen die Dres. med.
C._ und Q._ sowie Dr. phil. P._ trotz der teils langen,
mehrere Monate dauernden Beobachtungszeiträumen während der
stationären Behandlung noch keine solche Diagnose aus, sondern
beschränkten sich auf das bekannte Suchtleiden (siehe IV-act. 31). Die
Frage, ob die Alkohol- und Substanzabhängigkeit Folge eines körperlichen
oder geistigen Gesundheitsschadens sei, verneinten sie ausdrücklich
(siehe IV-act. 31 S. 4). Insofern erwies sich die mit Stellungnahme vom
29. August 2003 ausgewiesene einfach Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung als diskrepant dazu, was denn auch RAD-Ärztin
Dr. med. R._ am 10. September 2003 konstatierte (siehe IV-act. 44).
Hinzu kommt, dass diese Diagnose von Dr. med. C._ und Dr. phil.
P._ auch nicht leitliniengerecht hergeleitet worden ist, indem sie
aufgezeigt hätten, inwiefern beim Beschwerdeführer im Erwachsenenalter
anhand entwicklungsmässig angemessener Normen eine beeinträchtigte
Aufmerksamkeit und Überaktivität vorgelegen haben sollen (vgl.
Dilling/Mombour/Schmidt [Hrsg.], a.a.O., S. 358 ff.). Das Vorliegen einer
ADHS wurde denn auch in den Folgeberichten der behandelnden Ärzte
nicht mehr aufgeführt (vgl. Bericht von Dr. med. I._ vom 3. August
2020 [IV-act. 82 S. 4] und jener von Dr. med. J._ vom 20. November
2020 [IV-act. 88 S. 3]). Insofern erweist es sich als plausibel, wenn die
Experten in der Konsensbeurteilung des MEDAS-Gutachtens vom
8. November 2021 abgesehen von einer leicht erhöhten
Impulsivitätsneigung keine weiteren Befunde festhalten konnten, um die
Diagnose einer ADHS (früher POS) fachgerecht zu erhärten (siehe IV-
act. 110 S. 5). Ausserdem wies der psychiatrische Teilgutachter Dr. med.
L._ diesbezüglich bei allfälligen Problemen auf das bisher noch
ungenutzte therapeutische Potenzial hin (siehe IV-act. 110 S. 46).
- 34 -
4.5. Gleichermassen schloss der psychiatrische Teilgutachter Dr. med.
L._ in nachvollziehbarer Weise eine depressive Symptomatik aus. So
führte er in diagnostischer Hinsicht aus, es fänden sich beim
Beschwerdeführer keine Hinweise auf ein aktuelles
Depressionsgeschehen oder ein erhöhtes Depressionsrisiko. In der
Aktenlage finde sich ein Bericht von Dr. med. J._, der eine
rezidivierende depressive Diagnose als Krankheitsbild nenne, ohne hier
allerdings differenziert Stellung zu nehmen. Der Beschwerdeführer selber
erkenne ein solches Krankheitsbild für sich nicht. Der jetzige Querschnitt
weise ebenso wenig darauf hin, wie alle anderen Autoren in der Aktenlage.
Zusammenfassend könne dieser diagnostischen Einschätzung (von
Dr. med. J._) nicht gefolgt werden (siehe IV-act. 110 S. 45). Diese
Ausführungen vermögen insofern zu überzeugen, als in der klinischen
Begutachtung ein weitgehend unauffälliger Psychostatus erhoben wurde,
insbesondere mit fehlender Rat- und Gefühllosigkeit, keine Störung der
Vitalgefühle, der Beschwerdeführer sei nicht affektarm, nicht deprimiert,
nicht hoffnungslos, nicht ängstlich, nicht dysphorisch, nicht gereizt, nicht
innerlich unruhig, nicht klagsam oder jammerig und habe keine
Insuffizienzgefühle (siehe IV-act. 110 S. 42). Auch gab der
Beschwerdeführer auf mehrmaliges spezifisches Nachfragen seitens des
Experten an, dass keine Symptome oder Beschwerden auf dem
psychischen Gebiet bestünden (siehe IV-act. 110 S. 36 f.). Zudem wurden
insbesondere mit einem euthymen Affekt, einem gut herstellbaren Rapport
und einem eigenanamnestisch unauffälligen Antrieb auch in der
neuropsychologischen Begutachtung ein mit dem vorgenannten
Psychostatus übereinstimmender Befund erhoben (siehe IV-act. 110
S. 66; vgl. ferner Abklärungsbericht Haushalt vom 18./26. November 2021
[IV-act. 113 S. 1]). Hinzu kommt, dass die Hausärzte Dres. med. I._
und J._, welche ohnehin keine Fachärzte für Psychiatrie und
Psychotherapie sind, in ihren Berichten vom 3. August 2020 und
20. November 2020 die darin genannten "rezidivierenden depressiven
- 35 -
Episoden" weder substanziiert noch in nachvollziehbarer Weise
hergeleitet haben (siehe IV-act. 82 und 88). Insofern vermögen sie die
gutachterlichen Schlussfolgerungen nicht in Zweifel zu ziehen.
4.6. Der psychiatrische MEDAS-Experte setzte sich im Rahmen der
Begutachtung des Beschwerdeführers des Weiteren mit einer möglichen
Persönlichkeits- und Verhaltensstörung auseinander, konnte jedoch kein
solches Krankheitsbild erkennen (siehe IV-act. 110/46), nachdem er die
Persönlichkeit des Beschwerdeführers anhand des Fünf-Faktoren-
Modells evaluiert und ausführlich beschrieben (siehe IV-act. 110 S. 43)
sowie einen eingehenden, weitgehend unauffälligen Psychostatus
erhoben hatte (siehe IV-act. 110 S. 41 f.). Insofern erscheint es
nachvollziehbar, wenn Dr. med. L._ folgerte, das Bild einer
Persönlichkeitsstörung entsprechend den ICD-10-Kriterien ergebe sich
nicht und dominiere auch in der Aktenlage nicht, wenngleich einmalig in
einem Arztbericht von Dr. med. C._ vom 1. November 2002 eine nicht
näher bezeichnete Persönlichkeits- und Verhaltensstörung postuliert
worden sei (siehe IV-act. 110 S. 46). Abgesehen davon, dass Dr. med.
C._ diese Diagnose im besagten Bericht ohnehin nicht substanziiert
hergeleitet, sondern auf die Suchtproblematik fokussiert hatte (siehe IV-
act. 10 S. 1 f.), trifft auch die Bemerkung von Dr. med. L._ zu, dass
sie in den Folgeberichten nicht mehr aufgenommen wurde (siehe IV-
act. 110 S. 46), auch nicht in jenen mit Beteiligung von Dr. med. C._
(vgl. zum Beispiel Stellungnahme vom 29. August 2003 [IV-act. 41] und
Bericht vom 19. Juni 2003 [IV-act. 31]).
4.7. Schliesslich ist aus somatischer Sicht dem MEDAS-Gutachten vom
8. November 2021 zu entnehmen, dass aus internistischer Sicht keine
Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt werden konnten
(siehe IV-act. 110 S. 6). So wies der MEDAS-Experte Dr. med. S._
die aktive Hepatitis C mit Leberschaden den Diagnosen ohne
Auswirkungen darauf zu und empfahl eine Kontrolle und Behandlung
- 36 -
dieser Krankheit (siehe IV-act. 110 S. 26 f.), da sich dies auf die
Lebenserwartung des Beschwerdeführers auswirken könne (siehe IV-
act 110 S. 28). Dass sich die diagnostizierte Hepatitis C mit Leberschaden
auf die Arbeitsfähigkeit auswirken würde, wird denn auch nicht vom
Beschwerdeführer in seinen Rechtsschriften vorgebracht.
4.8. Insgesamt erweist sich somit das MEDAS-Gutachten vom 8. November
2021 in psychiatrischer Hinsicht mit Blick auf die festgestellte
unterdurchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit sowohl hinsichtlich
der lege artis vorzunehmenden Diagnosestellung als auch bezüglich des
dazu durchzuführenden strukturierten Beweisverfahrens gemäss
BGE 141 V 281 als ergänzungsbedürftig, um das tatsächlich erreich- und
zumutbare Leistungsvermögen auch zuverlässig einschätzen zu können.
Da auch die in den Akten liegenden (fach-)ärztlichen Berichte keine
schlüssige und aktuelle Beurteilung anhand der massgeblichen
Indikatoren erlauben, präsentiert sich der rechtserhebliche Sachverhalt
demnach als ungenügend abgeklärt.
5. Die Beschwerde ist daher im dem Sinne gutzuheissen, als die
angefochtene Verfügung vom 29. März 2022 aufgehoben und die Sache
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, damit diese nach
ergänzender sachverständiger Abklärung des medizinischen
Sachverhalts (und unter Gewährung des rechtlichen Gehörs) gestützt auf
die dannzumal vollständigen medizinischen Unterlagen über den
Leistungsanspruch des Beschwerdeführers neu entscheide. Neben einer
nachvollziehbaren, hinreichend begründeten und lege artis hergeleiteten
Diagnose anhand der diagnostischen Kriterien eines der vorgenannten
anerkannten Klassifikationssysteme und einer – zur Beurteilung der
funktionellen Folgen von psychischen Leiden – notwenigen
Auseinandersetzung mit den massgebenden Standardindikatoren gemäss
BGE 141 V 281 wird sich der Sachverständige insbesondere auch zur
Frage möglicher Wechselwirkungen zwischen den intellektuellen
- 37 -
Einschränkungen und der Abhängigkeitsproblematik äussern sowie
darlegen müssen, ob bzw. inwiefern die kognitiven Defizite, namentlich im
Bereich des verbalen Gedächtnisses, in funktioneller Hinsicht die
intellektuellen Einschränkungen zusätzlich (negativ) zu beeinflussen
vermögen. Zudem ist zu der vom Beschwerdeführer geäusserten, rasch
eintretenden Übelkeit bei körperlicher Anstrengung, allenfalls auch im
Rahmen einer Konsensbeurteilung, Stellung zu nehmen. Schliesslich ist
in begründeter Weise darzutun, ob bzw. in welchem Umfang der
Beschwerdeführer in adaptierter Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt
arbeitsfähig ist. Die Beschwerdegegnerin wird sodann nach
Vervollständigung der medizinischen Unterlagen im Rahmen der
Neubeurteilung bei der Bemessung des Valideneinkommens auch die
Frage der Frühinvalidität und im Rahmen der Ermittlung des
Invalideneinkommens die Frage der Verwertbarkeit der
(Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt neu prüfen
und beurteilen müssen. Gleiches gilt hinsichtlich der geltend gemachten
Einschränkung im Haushaltsbereich. Weitere Ausführungen zur
beschwerdeführerischen Kritik an der Haushaltsabklärung vom
17. November 2021 erübrigen sich infolge der Rückweisung im jetzigen
Zeitpunkt. Ein reformatorischer Entscheid im Sinne einer Zusprache einer
Invalidenrente, wie dies vom Beschwerdeführer im Hauptrechtsbegehren
beantragt wird, erweist sich demnach als verfrüht. Da vorliegend
vornehmlich intellektuelle Einschränkungen der Leistungsfähigkeit des
Beschwerdeführers im Raum stehen und nicht solche somatischen
Ursprungs, ist in antizipierter Beweiswürdigung auf die beantragte EFL-
Abklärung zu verzichten (vgl. BGE 144 V 361 E.6.5 und 136 I 229 E.5.3).
Denn in einem solchen ergonomischen EFL-Assessment wird primär das
arbeitsbezogene Leistungsvermögen anhand von Arbeitssimulationstests
(wie Heben und Tragen, Arbeit über Kopfhöhe oder Leitersteigen) generell
und mit Blick auf die angestammte berufliche Tätigkeit konkret beurteilt
(siehe Urteil des Bundesgerichts 9C_168/2018 vom 8. Mai 2018 E.4.2.2).
- 38 -
6.1. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG i.V.m. Art. 61 lit. fbis ATSG ist das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über Leistungen aus der
Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von CHF 200.-- bis CHF 1'000.--
festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein
durchschnittlicher Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Kosten in
Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens auf CHF 700.--
fest. Die Rückweisung zu weiteren Abklärungen gilt praxisgemäss als
vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei bezüglich der
Verteilung der Gerichtskosten und der Zusprache einer
Parteientschädigung (vgl. BGE 141 V 281 E.11.1, 137 V 210 E.7.1, 132 V
215 E.6.2). Infolge des Ausgangs des Beschwerdeverfahrens sind die
Gerichtskosten von CHF 700.-- demnach der Beschwerdegegnerin zu
überbinden (vgl. Art. 73 Abs. 1 VRG).
6.2. Der Beschwerdeführer hat aufgrund des Ausgang des Verfahrens zudem
Anspruch auf einen aussergerichtlichen Parteikostenersatz (siehe Art. 61
lit. g ATSG). Als Bemessungskriterien für dessen Höhe nennt Art. 61 lit. g
ATSG die Bedeutung der Streitsache und die Schwierigkeit des
Prozesses. Im Übrigen wird die Bemessung dem kantonalen Recht
überlassen (siehe Urteile des Bundesgerichts 8C_672/2020 vom 15. April
2021 E.5.2, 9C_321/2018 vom 16. Oktober 2018 E.6.2, 8C_98/2017 vom
27. Oktober 2017 E.4.1 f. und 8C_136/2016 vom 11. August 2016 E.2.1
f.). Art. 78 Abs. 1 VRG bestimmt, dass im Rechtmittel- und Klageverfahren
die unterliegende Partei in der Regel verpflichtet wird, der obsiegenden
Partei die durch den Rechtsstreit verursachten notwendigen Kosten zu
ersetzen. Nach Art. 16a des kantonalen Anwaltsgesetzes (Anwaltsgesetz;
BR 310.100) bemisst sich die Parteientschädigung für die Kosten der
anwaltlichen Vertretung in Verfahren vor Gerichts- und kantonalen
Verwaltungsbehörden nach dem für eine sachgerechte Prozessführung
- 39 -
notwendigen Zeitaufwand sowie der Schwierigkeit und der Bedeutung der
Sache. Gemäss Art. 2 Abs. 1 der Verordnung über die Bemessung des
Honorars der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte
(Honorarverordnung, HV; BR 310.250) setzt die urteilende Instanz die
Parteientschädigung der obsiegenden Partei nach Ermessen fest.
Ausgangspunkt ist dabei grundsätzlich der Betrag, welcher der
entschädigungsberechtigten Partei für die (anwaltliche) Vertretung in
Rechnung gestellt wird (siehe Art. 2 Abs. 2 HV). Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers machte in seiner Eingabe vom 29. Juni 2022
insgesamt einen Aufwand von 9.7 Stunden à CHF 250.-- (CHF 2'425.--)
zuzüglich einer Kleinspesenpauschale von 3 % (CHF 72.75) und 7.7 %
MWST (CHF 192.35) geltend. Da vorliegend eine Honorarvereinbarung
über den angegebenen Stundenansatz im Recht liegt (siehe Akten des
Beschwerdeführers [Bf-act.] 1) und die geltend gemachte Entschädigung
von insgesamt CHF 2'690.10 angemessen erscheint, hat die
Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer in diesem Umfang
aussergerichtlich zu entschädigen (siehe dazu auch Art. 2 Abs. 2 Ziffer 1
und 2, Art. 3 Abs. 1 und Art. 4 Abs. 1 HV).