Decision ID: 30057d53-e51f-556f-80ac-b42117832914
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Am 11. Dezember 2019 verfügte das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO
(im Folgenden auch: Vorinstanz) gegenüber dem Kanton X._ eine
Trägerhaftung in der Höhe von insgesamt Fr. 60'000.– für die Jahre 2009
bis 2014.
Zur Begründung legt die Vorinstanz dar, die Trägerhaftungsverfügung er-
gehe aufgrund des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts vom 4. Novem-
ber 2019 und der sonstigen ihr verfügbaren Informationen in dieser Sache.
Insgesamt habe das Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit des Kantons
X._ (im Folgenden: KIGA) im Zeitraum von 2001 bis 2014 Leistun-
gen von rund 1.5 Mio. Fr. rechtsgrundlos ausgerichtet. Dem Ausgleichs-
fonds der Arbeitslosenversicherung sei bei der Finanzierung der arbeits-
marktlichen Massnahmen durch den Verein A._ im Zeitraum 2001
bis 2014 ein entsprechender Schaden von rund 1.5 Mio. Fr. entstanden.
Der Schaden für die Arbeitslosenversicherung sei aufgrund fahrlässigen
Verhaltens infolge ungenügender Aufsicht seitens des Kantons X._
verursacht. Das KIGA habe davon ausgehen müssen, dass die von ihm als
Vorgaben des SECO kommunizierten Regeln (Gewinnverbot, Verrechnung
von Einnahmen zu Gunsten A._ mit den Projektkosten etc.) vom
Verein B._, und damit auch von den Vereinen A._ und
B._ zusammen betrachtet, nicht eingehalten würden. Die Vo-
rinstanz könne hingegen keine vorsätzliche Handlung erkennen. Die schä-
digenden Handlungen der Jahre 2001 bis 2008 seien verjährt. Die Träger-
haftung beziehe sich demnach auf die Jahre 2009 bis 2014, insgesamt
sechs Geschäftsjahre, multipliziert mit Fr. 10'000.– pro Fall, wobei jede
Jahresrechnung einen Fall darstelle.
B.
Dagegen erhebt der Kanton X._ (im Folgenden auch: Beschwerde-
führer) mit Eingabe vom 22. Januar 2020 Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht und beantragt die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung.
Der Beschwerdeführer erklärt, der Verein A._ habe im Auftrag des
Beschwerdeführers von 1998 bis 2014 ein Programm zur vorübergehen-
den Beschäftigung von Versicherten der Arbeitslosenversicherung durch-
geführt. Im Jahr 1999 hätten die Mitglieder des Vereins A._ einen
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zweiten Verein namens B._ gegründet, der mehr oder weniger den-
selben Zweck wie der Verein A._ verfolgt habe. In den folgenden
Jahren hätten beide Vereine eng zusammengearbeitet. Gegenüber dem
Beschwerdeführer sei indes nur der Verein A._ für die Durchfüh-
rung des Beschäftigungsprogramms verantwortlich gewesen. Ende 2013
beziehungsweise Anfang 2014 sei beim Beschwerdeführer der Verdacht
aufgekommen, dass der Verein A._ dem KIGA respektive der
Arbeitslosenversicherung nicht nur anrechenbare Kosten im Sinne der
Arbeitslosenversicherungsgesetzgebung in Rechnung gestellt habe. Da-
her habe der Beschwerdeführer im Februar 2014 die Zusammenarbeit mit
dem Verein A._ auf Ende 2014 gekündigt. Der Beschwerdeführer
habe mit Klage vom 3. Dezember 2015 den Verein A._ aufgefor-
dert, 1.1 Mio. Fr. zurückzuzahlen und mit Replik vom 16. Januar 2017 die
geforderte Summe auf 1.3 Mio. Fr. erhöht. Das Bundesverwaltungsgericht
habe mit Urteil B-8031/2015 vom 4. November 2019 die Klage abgewie-
sen, soweit es darauf eingetreten sei.
Der Beschwerdeführer bemängelt, der Bund habe es unterlassen, in der
angefochtenen Verfügung zu definieren, welche Vorschriften verletzt wor-
den seien. Der Kanton habe dem Ausgleichsfonds jährlich die anrechen-
baren Kosten in Rechnung gestellt. Auch in den vorliegend relevanten Jah-
ren 2009 bis 2014 habe die Vorinstanz die Abrechnungen genehmigt, dies
gestützt auf dieselben Unterlagen, die auch dem Kanton vorgelegen hät-
ten. Wenn der Bund dem Kanton eine fahrlässige Missachtung von Vor-
schriften vorwerfe, müsse er sich allenfalls dieselbe fahrlässige Missach-
tung von Vorschriften entgegenhalten lassen. Zudem habe der Beschwer-
deführer nach der Entdeckung der vermeintlichen Ungereimtheiten die Vor-
instanz darüber in Kenntnis gesetzt; die Vorinstanz sei seit 2014 fortlaufend
und gänzlich über die Streitangelegenheit informiert worden. Die relative
Verjährungsfrist sei zum Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung vom 11. De-
zember 2019 längst eingetreten gewesen.
C.
Mit Vernehmlassung vom 20. August 2020 beantragt die Vorinstanz, die
Beschwerde vom 22. Januar 2020 sei vollumfänglich abzuweisen und es
sei die Verfügung vom 11. Dezember 2019 zu bestätigen.
Aus den Verfügungen der Vorinstanz zu den Rechnungsjahren 2009 bis
2014 gehe ausdrücklich hervor, dass keine detaillierte Einzelprüfung der
Anbieter von arbeitsmarktlichen Massnahmen stattfinde. Es sei hierbei ein-
zig überprüft worden, ob die Gesamtausgaben für die Beschäftigungs- und
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Bildungsmassnahmen den für das jeweilige Jahr festgelegten Plafondbe-
trag überschreiten würden oder nicht. Die Vorinstanz stütze sich bei der
Auswertung respektive Überprüfung auf die kantonalen Angaben und
könnte selber allein systembedingt keine detaillierte Prüfung vornehmen.
Die Vorinstanz müsse sich die dem Beschwerdeführer vorzuwerfende fahr-
lässige Missachtung von Vorschriften nicht entgegenhalten lassen. Die
Verantwortung dafür, dass die Kosten angemessen auf deren Anrechen-
barkeit geprüft würden, liege nicht bei ihr, sondern beim Beschwerdeführer.
Unzutreffend sei die Behauptung des Beschwerdeführers, die Vorinstanz
sei mit Schreiben des Beschwerdeführers vom 16. Dezember 2014 über
sämtliche Umstände der Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Ver-
ein A._ in Kenntnis gesetzt worden. Der Bericht V._ habe
viele Fragen offengelassen und das Prüfergebnis habe lediglich eine grobe
Schätzung eines Fehlbetrags enthalten. Ebenso sei unzutreffend, dass die
Vorinstanz anhand der am 25. und 27. November 2015 erfolgten Zustellung
der Entwürfe der Klageschrift respektive Verfügung an A._ die gel-
tend gemachten Beträge habe verifizieren können. Auch treffe die Aussage
nicht zu, dass die einjährige relative Verjährungsfrist allerspätestens mit
der Zustellung der Replik vom 11. Januar 2017 im Klageverfahren vor dem
Bundesverwaltungsgericht zu laufen begonnen habe. Erst mit dem Urteil
B-8031/2015 vom 4. November 2019, mit dem das Bundesverwaltungsge-
richt eine Rückerstattungspflicht des Vereins A._ verneint habe,
habe für die Vorinstanz abschliessend festgestanden, dass der Beschwer-
deführer seine Aufsichtsfunktion in ungenügender Weise wahrgenommen
habe und sei abschliessend festgestanden, dass effektiv ein Schaden ent-
standen sei. Daher habe die einjährige Frist gemäss Art. 85g Abs. 4 AVIG
per Urteilsdatum zu laufen begonnen und sei mit der Trägerhaftungsverfü-
gung vom 11. Dezember 2019 längstens eingehalten worden. Vorliegend
sei auch die 10jährige Frist gemäss Art. 85g Abs. 4 AVIG noch nicht abge-
laufen. Es stünden die Geschäftsjahre 2009 bis 2014 in Frage. Damit sei
die zehnjährige Frist durch die Verfügung vom 11. Dezember 2019 für
sämtliche in Frage stehenden Jahre eingehalten worden. Mehrere Folgen
eines schädigenden Ereignisses bildeten eine Einheit und verjährten ge-
meinsam.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist gemäss Art. 31 des Verwaltungsge-
richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) Beschwerdeinstanz
gegen Verfügungen gemäss Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes
vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021), die unter anderem von der
Bundeskanzlei, den Departementen und den ihnen unterstellten oder ad-
ministrativ zugeordneten Dienststellen der Bundesverwaltung erlassen
werden (Art. 33 Bst. d VGG). Darunter fällt auch die vorliegende, von der
Vorinstanz erlassene Verfügung vom 11. Dezember 2019 (vgl. Art. 101 des
Arbeitslosenversicherungsgesetzes vom 25. Juni 1982 [AVIG, SR 837.0]).
Eine Ausnahme im Sinn von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesver-
waltungsgericht ist somit zur Behandlung der vorliegenden Streitsache zu-
ständig.
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Adressat der angefochtenen Verfügung
besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Ände-
rung oder Aufhebung (Art. 48 Abs. 1 VwVG und Art. 59 des Bundesgeset-
zes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche-
rungsrechts [ATSG, SR 830.1]). Beschwerdefrist sowie Anforderungen an
Form und Inhalt der Beschwerdeschrift sind gewahrt (Art. 50 Abs. 1, Art. 52
VwVG und Art. 60 Abs. 1 ATSG), der Kostenvorschuss wurde fristgerecht
geleistet (Art. 63 Abs. 4 VwVG) und auch die übrigen Sachurteilsvoraus-
setzungen sind erfüllt (Art. 44 ff. VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
2.
2.1 Die Arbeitslosenversicherung kann Organisationen der Arbeitgeber
und Arbeitnehmer, gemeinsamen Einrichtungen der Sozialpartner, Kanto-
nen und Gemeinden sowie anderen öffentlichen und privaten Institutionen
Beiträge an die Kosten der Durchführung von arbeitsmarktlichen Massnah-
men gewähren (Art. 59cbis Abs. 1 AVIG). Sie erstattet den Organisationen
die nachgewiesenen und notwendigen Kosten zur Durchführung von ar-
beitsmarktlichen Massnahmen (Art. 59cbis Abs. 2 AVIG). Mit der Durchfüh-
rung der Arbeitslosenversicherung sind die von den Kantonen bezeichne-
ten kantonalen Durchführungsorgane beauftragt, darunter die kantonalen
Amtsstellen (vgl. Art. 76 Abs. 1 Bst. c AVIG). Die kantonalen Amtsstellen
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sind unter anderem damit betraut, zu Gesuchen um Beiträge für arbeits-
marktliche Massnahmen Stellung zu nehmen und für ein bedarfsbezoge-
nes und ausreichendes Angebot an solchen Massnahmen zu sorgen
(Art. 85 Abs. 1 Bst. h AVIG).
2.2 Der Kanton haftet dem Bund für Schäden, die seine Amtsstellen, seine
Regionalen Arbeitsvermittlungszentren, seine Logistikstelle für arbeits-
marktliche Massnahmen, seine tripartiten Kommissionen oder die Arbeits-
ämter seiner Gemeinden durch strafbare Handlungen oder durch absicht-
liche oder fahrlässige Missachtung von Vorschriften verursachen (Art. 85g
Abs. 1 AVIG). Die Ausgleichsstelle der Arbeitslosenversicherung, welche
durch die Vorinstanz geführt wird (vgl. Art. 83 Abs. 3 AVIG), macht Scha-
denersatzansprüche durch Verfügung geltend. Bei leichtem Verschulden
kann sie auf das Geltendmachen ihrer Ansprüche verzichten (Art. 85g
Abs. 2 AVIG).
2.3 Bei der Trägerhaftung im Sinn von Art. 85g Abs. 1 AVIG handelt es sich
um eine Verschuldenshaftung aus dem öffentlichen Recht für Vermögens-
schäden (vgl. THOMAS NUSSBAUMER, Arbeitslosenversicherung, in: Soziale
Sicherheit, Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht [SBVR] Bd. XIV,
3. Aufl. 2016, Rz. 879). Der Haftungstatbestand setzt – kumulativ – eine
mangelhafte Erfüllung von Vollzugsaufgaben (Pflichtwidrigkeit), den Eintritt
eines Schadens, einen adäquaten Kausalzusammenhang zwischen der
Pflichtwidrigkeit und dem Schaden sowie ein Verschulden voraus. Mangel-
haft ist die Erfüllung, wenn das betreffende kantonale Organ die rechtlich
gebotenen Handlungen zur gesetzeskonformen Aufgabenerfüllung nicht
vollständig, nicht sorgfältig, nicht zweckentsprechend, nicht rechtzeitig
oder überhaupt nicht ausführt. Tritt der Schaden als Folge der mangelhaf-
ten Erfüllung ein, besteht ein Kausalzusammenhang, wobei jedes Ver-
schulden, mithin auch leichte Fahrlässigkeit, genügt (vgl. Urteile des
BVGer B-5339/2017 vom 27. März 2018 E. 3.2; B-522/2016 vom 26. Juli
2016 E. 2 und E. 4.3; B-7909/2007 vom 21. August 2008 E. 7.2; NUSSBAU-
MER, a.a.O., Rz. 879).
2.4 Die Beweislast richtet sich nach der Beweislastregel von Art. 8 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 10. Dezember 1907 (ZGB,
SR 210), sofern das massgebliche Recht keine spezifische Beweisregel
enthält. Danach hat derjenige die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen, der
aus einer unbewiesen gebliebenen Tatsache Rechte ableiten will.
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Bei einer Trägerhaftungsverfügung obliegt daher der Vorinstanz die Be-
weislast für das Vorliegen der Tatbestandsvoraussetzungen, nämlich einer
strafbaren Handlung oder absichtlicher oder fahrlässiger Missachtung von
Vorschriften durch das in Frage stehende kantonale Organ, dem Vorliegen
und Umfang eines Schadens sowie dem adäquaten Kausalzusammen-
hang zwischen dem pflichtwidrigen Verhalten und dem geltend gemachten
Schaden.
3.
Die Vorinstanz nimmt den Standpunkt ein, sie habe erst durch das Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts B-8031/2015 vom 4. November 2019 ge-
naue Kenntnis vom Schaden gehabt. Gestützt auf dieses Urteil und auf ihr
zur Verfügung stehende Unterlagen ziehe sie den Schluss, dass dem Aus-
gleichsfonds der Arbeitslosenversicherung bei der Finanzierung der ar-
beitsmarktlichen Massnahmen durch den Verein A._ im Zeitraum
2001 bis 2014 ein Schaden von rund 1.5 Mio. Fr. entstanden sei. Der Scha-
den sei aufgrund ungenügender Aufsicht seitens des KIGA verursacht wor-
den. Es liege ein fahrlässiges Verhalten des Beschwerdeführers vor.
Der Beschwerdeführer bemängelt, die Vorinstanz habe es in der angefoch-
tenen Verfügung unterlassen, genauer zu definieren, welche Vorschriften
verletzt worden seien. Auch stellt er sich auf den Standpunkt, die
Vorinstanz müsse sich die dem Beschwerdeführer vorgeworfene Missach-
tung von Vorschriften entgegenhalten lassen, denn sie habe gestützt auf
dieselben Unterlagen, die auch dem Kanton vorgelegen hätten, die rele-
vanten Jahresrechnungen genehmigt.
3.1 Wie bereits dargelegt, obliegt der Vorinstanz die Beweislast für das Vor-
liegen der Tatbestandsvoraussetzungen für eine Trägerhaftung. Es obliegt
insofern ihr, substantiiert darzulegen und zu belegen, inwiefern dem KIGA
eine absichtliche oder fahrlässige Missachtung von Vorschriften vorzuwer-
fen ist, inwiefern der Arbeitslosenversicherung dadurch ein Schaden ent-
standen ist und wie der Schadensbetrag sich im Detail berechnet.
3.2 Im vorliegenden Fall führt die Vorinstanz in der angefochtenen Verfü-
gung aus, gestützt auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom
4. November 2019 und aus den ihr zur Verfügung stehenden Unterlagen
lasse sich der Schluss ziehen, dass dem Ausgleichsfonds der Arbeitslo-
senversicherung ein Schaden von rund 1.5 Mio. Fr. im Zeitraum 2001 bis
2014 bei der Finanzierung der arbeitsmarktlichen Massnahmen durch den
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Verein A._ entstanden sei. Der Schaden sei aufgrund ungenügen-
der Aufsicht seitens des Kantons X._ verursacht worden. Zur Sub-
stantiierung fasst sie lediglich einige Passagen aus dem Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts B-8031/2015 vom 4. November 2019 zusammen:
Das KIGA habe im Zeitpunkt des Abschlusses der Leistungsvereinbarung
mit dem Verein A._ gewusst, dass A._ und der Verein
B._ so zusammengearbeitet hätten, dass die Teilnehmenden des
von A._ durchgeführten Beschäftigungsprogramms die Baumateri-
alien aufbereitet und auf Lastwagen verladen hätten, welche B._ in
der Folge nach Rumänien transportiert habe und dort zu Gunsten seines
Hilfsprojekts habe verkaufen lassen, und dass A._ dafür von
B._ eine Entschädigung von lediglich Fr. 250.– pro verladenen
Lastwagen erhalten habe. Es werde weder behauptet noch sei nachgewie-
sen, dass das KIGA bezüglich dieser Zusammenarbeit und der gegensei-
tigen Zahlungen weitere Informationen verlangt oder erhalten habe. Auf-
grund der Umstände habe das KIGA davon ausgehen müssen, dass
B._ (recte: A._) – und damit auch A._ und
B._ zusammen betrachtet – die vom KIGA als Vorgaben des SECO
kommunizierten Regeln (Gewinnverbot, Verrechnung von Einnahmen zu
Gunsten A._ mit den Projektkosten etc.) nicht eingehalten habe.
3.3 Eine in einem erneuten Verfahren verbindlich zu beachtende materiell
rechtskräftig beurteilte Vorfrage liegt nur im Falle einer Entscheidung zwi-
schen denselben Parteien vor (BGE 142 II 243 E. 2.3 m.H.; Urteil des
BVGer B-626/2016 vom 11. Juni 2018 E. 5.4; MADELEINE CAMPRUBI, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2008, Art. 61 N. 24). In persönlicher Hin-
sicht erstreckt sich die Bindung an die rechtskräftige Entscheidung dem-
nach nur auf die Parteien des früheren Verfahrens und nicht auf die Be-
schwerdeführer des neuen Verfahrens. In sachlicher Beziehung erstreckt
sich selbst bei Parteiidentität die Rechtskraftwirkung nur auf den beurteil-
ten Streitgegenstand und nicht auf Elemente der Begründung (Urteil des
BGer 1P.706/2003 vom 23. Februar 2004 E. 2.6).
In dem von der Vorinstanz angeführten Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts B-8031/2015 vom 4. November 2019 wies das Gericht die vom Kan-
ton X._ gegen den Verein A._ erhobene Klage auf Rücker-
stattung von rund 1.3 Mio. Fr. ab und trat auf das Eventualbegehren nicht
ein. Die Vorinstanz war weder Partei noch Intervenientin in jenem Verfah-
ren.
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Seite 9
Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts B-8031/2015 ist insofern weder
in seinem Dispositiv noch in seiner Begründung für die Vorinstanz verbind-
lich. Auch eine allfällige rechtliche Verbindlichkeit gegenüber dem Be-
schwerdeführer könnte allein die Gegenpartei aus jenem Verfahren geltend
machen. Als Beweis dafür, dass die Tatbestandsvoraussetzungen für die
vorliegend in Frage stehende Trägerhaftungsforderung der Vorinstanz ge-
genüber dem Beschwerdeführer erfüllt sind, eignet sich jenes Urteil daher
grundsätzlich nicht.
3.4 Ohnehin trifft es nicht zu, dass das Bundesverwaltungsgericht in sei-
nem Urteil B-8031/2015 vom 4. November 2019 zum Schluss gekommen
wäre, dem Verein A._ seien Leistungen ausgerichtet worden, auf
die er objektiv, das heisst aus Sicht des Arbeitslosenversicherungsgeset-
zes oder der Arbeitslosenversicherungsverordnung vom 31. August 1983
(AVIV, SR 837.02) keinen Anspruch gehabt hätte. Eine solche Aussage
enthält das Urteil nicht.
Zwar führte das Bundesverwaltungsgericht aus, die Gründung des Vereins
B._ und die folgende Zusammenarbeit dieses Vereins mit dem Ver-
ein A._ könne nur überzeugend erklärt werden als "Umgehungsge-
schäft, um die vom KIGA als Vorgaben des SECO kommunizierten, uner-
füllbaren Regeln zu umgehen" (Urteil B-8031/2015 E. 4.6.5). Ob es sich
dabei tatsächlich um die richtig verstandenen Vorgaben des SECO han-
delte und ob gegebenenfalls diese Vorgaben auch durch eine korrekte Aus-
legung der einschlägigen Vorschriften von Gesetz und Verordnung gedeckt
waren, musste das Gericht dabei nicht entscheiden. Das obiter dictum ver-
wendete Adjektiv "unerfüllbar" lässt aber durchblicken, dass das Gericht
nicht davon ausging, dass die Vereine A._ und B._ mit die-
sem Umgehungsgeschäft gegen Bestimmungen des Arbeitslosenversiche-
rungsgesetzes oder der einschlägigen Verordnungen verstossen hätten.
Vielmehr führte das Gericht im Einzelnen aus, dass und warum die in je-
nem Klageverfahren vertretene Auffassung des Kantons X._, der
vom Verein B._ eingenommene Bruttoertrag aus dem Ausbau der
Baumaterialien hätte als Entschädigung für die von den Teilnehmern des
Beschäftigungsprogramms erbrachte Arbeitsleistung beim Verein
A._ als Ertrag berücksichtigt werden müssen, ohne dass aber der
beim Verein B._ verbuchte, erhebliche Aufwand für den Transport
dieser Materialien nach Rumänien in Abzug zu bringen wäre, nicht haltbar
sei (Urteil B-8031/2015 E. 5). Das Gericht kam denn auch ausdrücklich
zum Schluss, dass der klägerischen Behauptung in jenem Verfahren, die
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Vereine A._ und B._ hätten durch dieses Umgehungsge-
schäft auf Kosten der Arbeitslosenversicherung einen unrechtmässigen
Gewinn erzielt, nicht gefolgt werden könne (Urteil B-8031/2015 E. 5). Das
Gericht liess einzig die Frage offen, ob allenfalls die Unterstützung der bei-
den Hilfsprojekte des Vereins B._ in Rumänien, für die ein Grossteil
des in Rumänien erzielten Erlöses verwendet wurde, als Gewinnverwen-
dung eingestuft werden könnte (Urteil B-8031/2015 E. 5), doch war dies im
Klageverfahren B-8031/2015 nicht thematisiert worden und auch im vorlie-
genden Trägerhaftungsverfahren hat die Vorinstanz dies weder behauptet
noch einen konkreten Schadensbetrag substantiiert.
Dass dem Fonds der Arbeitslosenversicherung ein Schaden, insbesondere
ein konkret bezifferter Schaden, entstanden sei, lässt sich jenem Urteil da-
her nicht entnehmen.
3.5 Soweit die Vorinstanz zur Begründung der von ihr verfügten Trägerhaf-
tung lediglich auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts sowie in pau-
schaler Weise auf die ihr "zur Verfügung stehenden Unterlagen" verweist,
ist sie daher der ihr obliegenden Substantiierungs- und Beweisführungslast
für den von ihr behaupteten Schaden nicht annähernd nachgekommen.
4.
Der Beschwerdeführer wendet weiter ein, er habe die Vorinstanz nach der
Entdeckung der vermeintlichen Ungereimtheiten darüber in Kenntnis ge-
setzt. Seit 2014 sei sie fortlaufend und gänzlich über die Streitangelegen-
heit informiert worden. Die relative Verjährungsfrist sei zum Zeitpunkt des
Erlasses der angefochtenen Trägerhaftungsverfügung vom 11. Dezember
2019 längst eingetreten gewesen.
Die Vorinstanz macht dagegen geltend, es sei ihr nicht möglich gewesen,
bereits zu einem früheren Zeitpunkt einen definitiven Entscheid in Bezug
auf die Trägerhaftung zu fällen, zumal im Klageverfahren vor dem Bundes-
verwaltungsgericht die Möglichkeit bestanden habe, dass die Klage des
Beschwerdeführers gegen den Verein A._ gutgeheissen und letzte-
rer zu einer Rückzahlung zu Gunsten des Ausgleichsfonds verpflichtet
würde. Diesfalls wäre dem Ausgleichsfonds kein Schaden entstanden,
weshalb auch keine Trägerhaftung hätte verfügt werden müssen. Der Ent-
scheid des Bundesverwaltungsgerichts habe daher zwingend abgewartet
werden müssen. Erst als das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vorge-
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legen habe, welches eine Rückzahlungspflicht des Vereins A._ ver-
neint habe, sei abschliessend festgestanden, dass effektiv ein Schaden
entstanden sei.
4.1 Die Trägerhaftung erlischt, wenn die Ausgleichsstelle nicht innert eines
Jahres nach Kenntnis des Schadens eine Verfügung erlässt, auf alle Fälle
aber zehn Jahre nach der schädigenden Handlung (vgl. Art. 85g Abs. 4
AVIG).
Bei diesen Fristen handelt es sich um Verwirkungsfristen, die bei unbenütz-
tem Ablauf das Erlöschen der Schadenersatzforderung zur Folge haben
(vgl. NUSSBAUMER, a.a.O., Rz. 927, Rz. 879 [mit Bezug auf Art. 82 Abs. 6
AVIG]; vgl. BGE 126 II 145 E. 2.a zum gleichlautenden Art. 20 Abs. 1 des
Verantwortlichkeitsgesetzes vom 14. März 1958 [VG, SR 170.32; in der bis
31. Dezember 2019 gültigen Fassung]).
4.2 Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass die Vorinstanz bereits vor
der Einreichung der Klage im Verfahren B-8031/2015 durch das KIGA in-
formiert worden war und insbesondere auch den Bericht vom 8. Dezember
2014 des vom KIGA mit einer Untersuchung beauftragten Treuhandunter-
nehmens sowie Kopien der Klage vom 3. Dezember 2015 und der Replik
vom 16. Januar 2017 des Klägers erhalten hatte.
In jenem Klageverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht war von An-
fang an klar und allen Beteiligten, auch der Vorinstanz, bekannt, dass der
beklagte Verein A._ über keine nennenswerten Aktiven mehr ver-
fügte. Selbst wenn das Gericht die Klage gutgeheissen und den Verein
A._ zu einer Rückzahlung zu Gunsten des Ausgleichsfonds der Ar-
beitslosenversicherung verpflichtet hätte, wäre die Forderung daher offen-
sichtlich uneinbringlich gewesen. Die von der Vorinstanz vorgebrachte Be-
gründung, weshalb sie zuerst das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
im Verfahren B-8031/2015 habe abwarten müssen, ist daher nicht nach-
vollziehbar.
4.3 Selbst wenn die Vorinstanz die von ihr behauptete Trägerhaftung des
Beschwerdeführers nachgewiesen hätte, wäre der erstmals mit der ange-
fochtenen Verfügung vom 11. Dezember 2019 geltend gemachte Anspruch
daher verwirkt.
5.
Im Ergebnis erweist sich die Beschwerde daher als begründet, weshalb sie
gutzuheissen ist.
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Seite 12
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist der Beschwerdeführer als obsie-
gende Partei anzusehen, weshalb ihm keine Verfahrenskosten aufzuerle-
gen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Vorinstanzen werden keine Verfahrens-
kosten auferlegt, selbst wenn sie unterliegen (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
7.
Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei
von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwach-
sene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen (Art. 64
Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 und 2 des Reglements vom 12. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Beschwerdeführer war im vorliegen-
den Verfahren nicht vertreten, weshalb praxisgemäss davon auszugehen
ist, dass ihm keine notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten ent-
standen sind, welche Anlass geben könnten, ihm eine Parteientschädigung
zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 ff. VGKE).