Decision ID: 2dd4367c-fc4b-5998-80c2-706c22e021ed
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer gelangte gemäss eigenen Angaben am 4. Ja-
nuar 2016 illegal in die Schweiz, wo er gleichentags beim Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl nachsuchte.
B.
B.a Die Vorinstanz befragte ihn am 12. Januar 2016 zu seiner Person, zum
Reiseweg und summarisch zu den Asylgründen (Befragung zur Person
[BzP]). Am 12. Mai 2017 erfolgte die vertiefte Anhörung zu seinen Ge-
suchsgründen.
B.b Anlässlich der Befragung machte der Beschwerdeführer zu seiner Per-
son und Herkunft sinngemäss geltend er sei ein chinesischer Staatsange-
höriger tibetischer Ethnie und stamme aus dem Dorf C._ (Ge-
meinde D._, Bezirk E._, Provinz F._), wo er bis zu
seiner Ausreise gewohnt habe. Als er noch ein Kleinkind gewesen sei,
seien seine Eltern an einer Krankheit gestorben. Er sei deshalb zu seinem
Onkel väterlicherseits, einem Mönch, ins Kloster G._ gekommen.
Dort habe er als Küchengehilfe gearbeitet. Abgesehen von ein bis zwei
Jahren Grundschule habe er die Schule nicht besucht und auch keine Aus-
bildung absolviert.
Hinsichtlich seiner Asylgründe führte er im Wesentlichen aus, er habe im
Jahr 2015 eine chinesische Flagge vom Dach des Klosters geholt und an-
schliessend in der Klosterküche verbrannt. Nachdem sein Onkel davon er-
fahren habe, habe er ihm geraten, sich vorerst zu seinem Onkel mütterli-
cherseits nach H._ zu begeben, was er auch getan habe. Bereits
tags darauf seien zwei Polizisten der «Gongan Ju» ins Kloster gekommen
und hätten den Verantwortlichen gesucht. In der Folge sei er geflüchtet. Mit
dem Fahrzeug sei er nach I._ und anschliessend – versteckt in ei-
nem LKW – nach J._ gereist. Von dort aus habe er Nepal über den
Landweg erreicht. Mit dem Flugzeug sei er über verschiedene Länder zu
einem ihm unbekannten Flughafen gelangt und habe seine Reise schliess-
lich mit dem Zug fortgesetzt.
B.c Im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerde-
führer weder Unterlagen zum Nachweis seiner Identität noch zur Stützung
seiner Vorbringen zu den Akten.
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Seite 3
C.
C.a Aufgrund von Zweifeln an der Hauptsozialisation in Tibet liess die
Vorinstanz am 8. April 2019 durch die Fachstelle LINGUA mittels eines Te-
lefoninterviews mit dem Beschwerdeführer eine Evaluation der landes-
kundlich-kulturellen Kenntnisse sowie eine linguistische Analyse durchfüh-
ren. Eine Fachperson kam in ihrem LINGUA-Bericht vom 9. Mai 2019 zum
Schluss, dass der Beschwerdeführer sehr wahrscheinlich in einer exilpoli-
tischen Gemeinschaft ausserhalb Chinas und eindeutig nicht im behaupte-
ten geografischen Raum (Kreis E._, Bezirk E._, Provinz
K._) sozialisiert worden sei.
C.b Am 18. Juni 2019 gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zu den wesentlichen Ereignissen der LINGUA-Evaluation
und informierte ihn über den Werdegang sowie die Qualifikation der sach-
verständigen Person.
D.
Mit Verfügung vom 9. Juli 2019 – eröffnet am 11. Juli 2019 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, wies ihn aus der Schweiz weg und beauftragte
den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung, wobei der Voll-
zug der Wegweisung in die Volksrepublik China explizit ausgeschlossen
wurde.
E.
E.a Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechtsver-
treterin vom 7. August 2019 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
In materieller Hinsicht beantragte er, die Aufhebung der vorinstanzlichen
Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung
von Asyl. Eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und er
sei vorläufig als Flüchtling aufzunehmen. Subeventualiter sei die Unzuläs-
sigkeit beziehungsweise die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegwei-
sung festzustellen und er sei als Ausländer vorläufig aufzunehmen.
Schliesslich sei die Sache subsubeventualiter zur hinreichenden Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
prozessualer Hinsicht ersuchte er sinngemäss um Einsicht in das Akten-
stück A/18 (Werdegang und Qualifikation der sachverständigen Person),
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie der amtlichen Beiordnung
der rubrizierten Rechtsverteterin.
D-3988/2019
Seite 4
E.b Der Beschwerde lagen eine Kopie der vorinstanzlichen Verfügung so-
wie eine Vollmacht vom 24. Juli 2019 bei.
F.
Mit Schreiben vom 19. August 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.
G.
G.a Mit Zwischenverfügung vom 30. August 2019 teilte der zuständige In-
struktionsrichter dem Beschwerdeführer mit, er dürfe den Ausgang des
Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten. Weiter wurde das Akten-
einsichtsgesuch gutgeheissen und das SEM aufgefordert, der Rechtsver-
treterin des Beschwerdeführers das Aktenstück A/18 zu edieren. Sodann
wurde der Beschwerdeführer aufgefordert innert Frist einen Beleg für die
geltend gemachte prozessuale Bedürftigkeit nachzureichen oder einen
Kostenvorschuss zu leisten.
G.b Mit Eingabe vom 12. September 2019 reichte der Beschwerdeführer
eine Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit der Gemeindeverwaltung
L._ vom 6. September 2019 ein.
G.c Mit Zwischenverfügung vom 19. September 2019 hiess der Instrukti-
onsrichter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtsverbeiständung wurde gutgeheissen und MLaw Nora Maria
Riss dem Beschwerdeführer antragsgemäss als amtliche Rechtsbeistän-
din im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 AsylG beigeordnet. Gleichzeitig wurde
die Vorinstanz eingeladen, eine Vernehmlassung einzureichen.
G.d Die Vorinstanz brachte in ihrer Vernehmlassung vom 27. Septem-
ber 2019 vor, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tat-
sachen oder Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes
rechtfertigen könnten und hielt vollumfänglich an ihren Erwägungen fest.
G.e Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 2. Okto-
ber 2019 zur Kenntnis gebracht.
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Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül-
tig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/25 E. 5).
3.
3.1 In der Rechtsmitteleingabe wurden verschiedene formelle Rügen erho-
ben, die vorab zu prüfen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine
Kassation der angefochtenen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34;
ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
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Seite 6
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Auflage, Zürich 2013,
Rz. 1043 ff., m.w.H.). Der Beschwerdeführer wirft der Vorinstanz eine Ver-
letzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie des Untersuchungs-
grundsatzes vor.
3.2
3.2.1 Der Beschwerdeführer machte geltend, gemäss Grundsatzurteil
BVGE 2015/10 müssten die Erkenntnisse einer Herkunftsabklärung bezie-
hungsweise einer LINGUA-Analyse der gesuchstellenden Person so de-
tailliert zur Kenntnis gebracht werden, damit sie hierzu konkrete Einwände
anbringen könne. In diesem Zusammenhang zitierte er ergänzend aus
E. 6.1.1 des Urteils des BVGer E-163/2017 vom 7. August 2012. Seien die
Mindestanforderungen nicht erfüllt, verletzte die Vorinstanz den Anspruch
auf rechtliches Gehör und die Untersuchungspflicht.
3.2.2 In Bezug auf die sprachliche Analyse seines Dialekts hielt der Be-
schwerdeführer des Weiteren fest, er spreche einen ganz spezifischen Di-
alekt, der Teil des F._-Dialektes sei. Der F._-Dialekt sei al-
lerdings eher eine Sprachfamilie respektive der Oberbegriff für eine Viel-
zahl ganz unterschiedlicher Dialekte, innerhalb welcher, sogar Personen
mit einem dieser einzelnen Dialekten teilweise Mühe hätten sich zu verste-
hen. Zudem habe er mehrmals geltend gemacht selber auch den Ü-Tsang-
Dialekt zu sprechen, was vor dem Hintergrund, dass er in einem Kloster
aufgewachsen sei, wo nur wenige Personen aus der direkten Umgebung
gewohnt hätten, auch nachvollziehbar sei. Die Vorinstanz habe aber den-
noch eine LINGUA-Analyse mit ihm durchgeführt und das Gespräch dort
von einer Person führen lassen, welche Lhasa-Dialekt gesprochen habe,
womit klar sei, dass es ihm schwergefallen sei, seinen Heimatdialekt zu
sprechen, welchen er ohnehin nicht als «Muttersprache» im herkömmli-
chen Sinne beherrsche. Sein biografischer Hintergrund sei in der Analyse
aber in keiner Weise beachtet worden. Dies zusammen mit der Tatsache,
dass der von ihm verlangte Dialekt von der Vorinstanz nicht mal habe be-
nannt werden können, führe zu einer Verletzung des rechtlichen Gehörs
und lasse Zweifel an der Ernsthaftigkeit der LINGUA-Experten aufkom-
men.
3.3
3.3.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Die Behörden
sind verpflichtet, von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklä-
rung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren
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Seite 7
notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände
abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen (vgl. hierzu
auch Art. 30–33 VwVG). Die asylsuchende Person hat auf der anderen
Seite gemäss Art. 8 AsylG eine Pflicht, an der Feststellung des Sachver-
halts mitzuwirken, die Asylgründe darzulegen, allfällige Beweismittel voll-
ständig zu bezeichnen und unverzüglich einzureichen sowie gegebenen-
falls bei der Erhebung der biometrischen Daten mitzuwirken
(vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4). Sofern die gesetzlichen Mitwirkungspflichten
nicht verletzt worden sind, muss die Behörde namentlich dann weitere Ab-
klärungen ins Auge fassen, wenn aufgrund der Vorbringen der asylsuchen-
den Person oder der eingereichten oder angebotenen Beweismittel Zweifel
und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen, die voraussichtlich
mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden können
(vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2, m.w.H.).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (vgl. Art. 49 Bst. b VwVG; Art. 106 Abs. 1
Bst. d AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfü-
gung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder
Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle
für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt wer-
den. Die Behörde ist allerdings nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhalts-
element umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Abklä-
rungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der Ak-
tenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu ALFRED KÖLZ/ISABELLE
HÄNER/MARTIN BERTSCHI, a.a.O., Rz. 456 f. und 1043; CHRISTOPH
AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar
zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Auflage,
Zürich 2018, Rz. 7 zu Art. 12; BENJAMIN SCHINDLER, in Auer/Müller/Schind-
ler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 29 f. zu Art. 49).
3.3.2 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien eines Verfahrens An-
spruch auf rechtliches Gehör. Dieser Grundsatz wird in den
Art. 29 ff. VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert. Er dient einer-
seits der Sachaufklärung, anderseits stellt es ein persönlichkeitsbezoge-
nes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die
Rechtsstellung des Einzelnen eingreift. Dazu gehört insbesondere das
Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sa-
che zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu
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Seite 8
nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Er-
hebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest
zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid
zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwir-
kungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit
sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann
(vgl. PATRICK SUTTER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 1 zu
Art. 29, m.w.H.; BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1, m.w.H.).
3.4
3.4.1 Was den Bericht der Fachstelle LINGUA anbelangt, wurde sowohl
eine Evaluation der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse als auch eine
linguistische Analyse durchgeführt. Bei einer solchen LINGUA-Analyse
handelt sich nicht um ein Sachverständigengutachten (Art. 12
Bst. e VwVG; Art. 57 ff. des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über
den Bundeszivilprozess [BZP, SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), sondern eine
schriftliche Auskunft einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP
i.V.m. Art. 19 VwVG). Sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche
Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Experten wie auch an die in-
haltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analyse erfüllt sind,
misst ihr das Bundesverwaltungsgericht einen erhöhten Beweiswert bei
(vgl. BVGE 2014/12 E. 4.2.1, m.w.H.).
Die Rechtsprechung definiert Mindeststandards, denen die Gewährung
des rechtlichen Gehörs und der Akteneinsicht betreffend LINGUA-Analy-
sen zu genügen hat. Der nach Art. 26 VwVG grundsätzlich zuzugestehen-
den Einsicht in eine LINGUA-Analyse stehen überwiegende öffentliche und
private Geheimhaltungsinteressen entgegen, die eine Verweigerung der
vollumfänglichen Offenlegung des Gutachtens an die Asylsuchenden
rechtfertigen können (Art. 27 Abs. 1 VwVG). Namentlich zählen darunter
einerseits die Verhinderung eines Lerneffekts und einer missbräuchlichen
Weiterverbreitung des Fragenkatalogs, wodurch ähnliche Abklärungen in
zukünftigen Verfahren erschwert oder verunmöglicht würden, sowie ande-
rerseits der Sicherheitsanspruch des Sachverständigen. Zur Wahrung des
Anspruchs auf rechtliches Gehör muss der asylsuchenden Person aber
vom wesentlichen Inhalt des Gutachtens Kenntnis gegeben werden, mit
der Möglichkeit, sich dazu zu äussern (Art. 30 VwVG) und Gegenbeweise
zu bezeichnen (Art. 28 VwVG). Dazu muss die Behörde der asylsuchen-
den Person in zusammenfassender Weise die von der Fachperson gestell-
ten Fragen und den wesentlichen Inhalt der darauf erhaltenen Antworten
sowie die weiteren in den Akten enthaltenen Beweiselemente, auf welche
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Seite 9
die Fachperson ihre Einschätzung stützt, offenlegen, sei es in einer akten-
kundigen schriftlichen Notiz, sei es anlässlich der Gewährung des rechtli-
chen Gehörs im Rahmen einer zu protokollierenden mündlichen Anhörung.
Dem Anspruch auf rechtliches Gehör ist gemäss Rechtsprechung überdies
nur dann Genüge getan, wenn den Betroffenen im Rahmen der LINGUA-
Abklärung Herkunft, Dauer und Zeitraum des Aufenthalts der sachverstän-
digen Person im umstrittenen Herkunftsland oder -gebiet sowie deren Wer-
degang, auf den sich ihre Sachkompetenz abstützt, zur Kenntnis gebracht
wird. Nur so können sich die Betroffenen und im Übrigen auch das Gericht
klare Vorstellungen über die gutachterliche Qualifikation machen
(vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1).
Diese von der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung definier-
ten Grundsätze, welche an die LINGUA-Analysen gestellt werden, wurden
vorliegend eingehalten. Gemäss dem am 18. Juni 2019 im Rahmen einer
mündlichen Anhörung gewährten rechtlichen Gehör zur LINGUA-Analyse
wurde der Beschwerdeführer sowohl über Fachkompetenzen der sachver-
ständigen Person (mit dem Kürzel AS19) in Kenntnis gebracht (vgl. SEM-
Akte A/18) als auch über den wesentlichen Inhalt des Gutachtens und ins-
besondere den Unstimmigkeiten hinreichend detailliert informiert, wobei
ihm die Gelegenheit geboten wurde, dazu Stellung zu nehmen (vgl. SEM-
Akte A/22). Der Beschwerdeführer hatte ferner Gelegenheit, am
22. Juli 2019 in den Räumlichkeiten des SEM das Telefoninterview, auf
welches sich das LINGUA-Gutachten stützt, anzuhören (vgl. SEM-
Akte A/27). Insgesamt konnte sich der Beschwerdeführer damit ein hinrei-
chendes Gesamtbild über die als unzutreffend eingeschätzten Antworten
und der Qualifikation der sachverständigen Person machen. Folglich ist
das SEM seiner Untersuchungspflicht nachgekommen und es hat den An-
spruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör gewahrt.
3.4.2 Betreffend den vom Beschwerdeführer gesprochenen Dialekt ist den
Akten zu entnehmen, dass er zwar den Ü-Tsang-Dialekt sprechen kann,
seine Muttersprache jedoch der F._-Dialekt ist (vgl. SEM-
Akte A/12, F 1 ff.). Zu Beginn des Telefoninterviews wurde der Beschwer-
deführer dann explizit darum gebeten, seinen Heimatdialekt (F._-
Dialekt von E._) zu sprechen (vgl. SEM-Akte A/17, Seite 13), was
er – wie er selbst anlässlich der mündlichen Anhörung zur Wahrung des
rechtlichen Gehörs bestätigte (vgl. SEM-Akte A/22, Seite 4) – auch tat. Zur
Analyse des von ihm gesprochenen E._-Dialekts zog die Intervie-
werin (mit dem Kürzel TAS09) als Referenzvarietät den M._-Dialekt
heran und nicht wie in der Beschwerdeschrift geltend gemacht, den
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Seite 10
I._-Dialekt (vgl. SEM-Akte A/17, Seite 10 ff.). Der Dialekt von
M._ scheint denn auch als Referenzvarietät geeignet, da zu über-
zeugen vermag, dass aufgrund der geografischen Lage von E._ der
Dialekt von M._ zur selben Dialekt-Untergruppe, nämlich dem öst-
lichen F._-Tibetischen, gehöre wie der Dialekt von E._. Der
Beschwerdeführer musste demnach während des telefonischen LINGUA-
Gesprächs nicht in den Lhasa-Dialekt ausweichen, um von der Befragerin
verstanden zu werden. Anlässlich der mündlichen Anhörung im Rahmen
des rechtlichen Gehörs zum LINGUA-Bericht machte der Beschwerdefüh-
rer an keiner Stelle entsprechende Verständigungsprobleme geltend
(vgl. SEM-Akte A/22). Gemäss dem vom Experten verfassten LINGUA-Be-
richt sei die akustische Qualität des Gesprächs gut gewesen und die Inter-
viewerin habe sich anlässlich des telefonischen Gesprächs gut mit dem
Beschwerdeführer verstanden. Soweit es zu Verständigungsschwierigkei-
ten gekommen sei, hätten diese durch Nachfragen geklärt werden können
(vgl. SEM-Akte A/17, Seite 2). Demgegenüber hielt der Experte aber nir-
gends fest, dass bei den Verständigungsproblemen in jenem LINGUA-Ge-
spräch ins Lhasa-Tibetische beziehungsweise ins exiltibetische Koine
habe ausgewichen werden müssen. Entgegen der in der Beschwerde-
schrift vertretenen Meinung muss die Telefonbefragerin auch nicht zwin-
gendermassen den exakt gleichen Dialekt sprechen, wie der Beschwerde-
führer. Es reicht, wenn sie einander verstehen, der Beschwerdeführer in
seinem Dialekt sprechen konnte und allfällige Verständnisprobleme wäh-
rend des Gesprächs thematisiert wurden, damit der Experte diese bei der
Auswertung entsprechend berücksichtigen kann. Vorliegend ist davon aus-
zugehen, dass die Interviewerin und der Beschwerdeführer einander ver-
standen haben und er dabei seinen Dialekt gesprochen hat. Vor diesem
Hintergrund können die Zweifel des Beschwerdeführers an der Sachkom-
petenz der Interviewerin für die Sprachanalyse nicht geteilt werden. Zu-
sammenfassend erweist sich die Kritik an der Gesprächsführung im Rah-
men des Telefoninterviews als unbegründet. Es ist deshalb anzunehmen,
dass das telefonisch geführte LINGUA-Interview korrekt ablief und eine ge-
eignete Grundlage für die Erstellung des linguistischen Gutachtens bildete.
Dementsprechend ist weder von einem unzureichend abgeklärten Sach-
verhalt noch einer Verletzung des rechtlichen Gehörs auszugehen.
3.4.3 Auch in inhaltlicher Hinsicht besteht kein Grund die LINGUA-Analyse
zu beanstanden. Hierzu ist darauf hinzuweisen, dass für die Einschätzung
der landeskundlichen-kulturellen Kenntnisse sowie des sprachlichen Aus-
drucks des Beschwerdeführers dem von ihm behaupteten biografischen
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Seite 11
Hintergrund ausdrücklich Rechnung getragen wurde. So wurde bei der lin-
guistischen Analyse insbesondere der mehrjährige Exilaufenthalt des Be-
schwerdeführenden und auch eine mögliche Anpassung an die Sprache
beziehungsweise den Dialekt der Interviewpartnerin mitberücksichtigt
(vgl. SEM-Akte A/17, Seite 10 ff.; vgl. des Weiteren auch die Ausführungen
unter E. 6.3).
3.4.4 Die Vorinstanz würdigte im angefochtenen Entscheid die im Rahmen
des Asylverfahrens gemachten Vorbringen. Angesichts der gesamten Ak-
tenlage konnte darauf verzichtet werden, weitere Abklärungen vorzuneh-
men. Auch hat das SEM die wesentlichen Überlegungen genannt, von de-
nen es sich hat leiten lassen, insbesondere die Schlussfolgerungen aus
der LINGUA-Analyse, so dass eine sachgerechte Anfechtung möglich war,
wie die Rechtsmitteleingabe zeigt. Die Rüge, wonach die Vorinstanz den
Untersuchungsgrundsatz verletzt haben soll, erweist sich infolgedessen
als unbegründet. Der rechtserhebliche Sachverhalt wurde vom SEM voll-
ständig erstellt und in der angefochtenen Verfügung korrekt und ausrei-
chend wiedergegeben.
3.5 Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass weder das rechtli-
che Gehör noch die Untersuchungspflicht verletzt wurde. Eine Rückwei-
sung der Sache aus formellen Gründen ist nicht angezeigt und der entspre-
chende (Subsubeventual-) Antrag folglich abzuweisen. Die Ausführungen
in der Beschwerde vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Seite 12
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, m.w.H.).
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in ihrem ablehnenden Entscheid zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten. Zur Begründung
führte sie im Wesentlichen an, aufgrund seiner widersprüchlichen Aussa-
gen zu seinem Leben in seiner Heimat und seinem Herkunftsort, seinen
lediglich rudimentären Länderkenntnissen, seinen unvereinbaren Angaben
zu seiner Biografie, seinen bescheidenen Chinesisch-Kenntnissen sowie
seinen nicht nachvollziehbaren Ausführungen zu den Dialekten in seiner
Heimatregion bestünden erhebliche Zweifel an der von ihm geltend ge-
machten Herkunft aus Tibet. Nach Ansicht des SEM werde seine Einschät-
zung durch den Bericht des LINGUA-Experten vollständig gestützt. Aus
diesem ergebe sich, dass der Beschwerdeführer nur sehr wenige landes-
kundlich-kulturelle Kenntnis zu seiner angegebenen Heimatregion habe
nachweisen können. Solches Wissen könne in Tibet selbst oder auch aus-
serhalb erworben werden. Insgesamt habe der Beschwerdeführer die auf
seiner angeblichen Biografie basierenden Erwartungen im landeskundlich-
kulturellen Bereich nicht erfüllen können. Zur linguistischen Analyse habe
der Sachverständige festgestellt, dass seine Sprache kaum Gemeinsam-
keiten mit dem in seiner angeblichen Heimatregion gesprochenen Dialekt
aufgewiesen habe. Im Gegenteil seien auf allen Ebenen überwiegend bis
ausschliesslich Merkmale festgestellt worden, die dem Lhasa-Dialekt oder
der exiltibetischen Koine zuzuordnen seien. Dass er zudem aktive Formen
verwendet habe, die im (...) ungrammatisch seien, sei ein starker Hinweis
auf eine stärkere Prägung ausserhalb Tibets. Auch seine Chinesisch-
Kenntnisse hätten die Erwartungen nicht erfüllt.
Durch die Feststellung, dass der Beschwerdeführer aller Wahrscheinlich-
keit nach nicht im von ihm behaupteten geografischen Raum und mit Si-
cherheit nicht in der angeblichen Region gelebt habe, werde den von ihm
geltend gemachten Ausreise- beziehungsweise Asylgründen jegliche
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Seite 13
Grundlage entzogen, was durch seine widersprüchlichen und unsubstanti-
ierten Aussagen bei der Anhörung bestätigt worden sei. Er sei zu keinem
Zeitpunkt in der Lage gewesen das Vorgefallene plausibel, detailliert und
anschaulich zu schildern, womit er nicht den Eindruck erweckt habe, das
Geschilderte selbst erlebt zu haben. Dies gelte ebenso für die unglaubhafte
Schilderung seiner illegalen Ausreise Richtung Nepal sowie seinem weite-
ren Reiseweg in die Schweiz.
Bezüglich der Flüchtlingseigenschaft führte die Vorinstanz aus, die
Hauptsozialisation sei eindeutig nicht in Tibet beziehungsweise der Volks-
republik China erfolgt. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei,
die behauptete chinesische Staatsangehörigkeit glaubhaft zu machen, sei
seine tatsächliche Staatsangehörigkeit unbekannt. Demnach erfülle er die
Flüchtlingseigenschaft nicht und das Asylgesuch sei abzulehnen.
Betreffend den Wegweisungsvollzug hielt die Vorinstanz fest, die Zulässig-
keit, Zumutbarkeit und Möglichkeit seien zwar grundsätzlich von Amtes we-
gen zu prüfen, doch finde diese Untersuchungspflicht ihre vernünftige
Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person, welche die
Substantiierungslast trage. Es sei nach ständiger Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts nicht Sache der Asylbehörden, bei fehlenden
Hinweisen seitens der Asylsuchenden nach etwaigen Wegweisungshinder-
nissen in hypothetischen Herkunftsländern zu suchen. Demzufolge habe
der Beschwerdeführer die Folgen seiner unglaubhaften Identitätsangaben
und Sachverhaltsschilderungen zu tragen, indem vermutungsweise davon
ausgegangen werde, es stünden einer Wegweisung in den bisherigen Auf-
enthaltsort keine Vollzugshindernisse entgegen. Auch hinsichtlich der Mög-
lichkeit eines Wegweisungsvollzuges sei festzuhalten, dass es dem Be-
schwerdeführer zuzumuten sei, sich bei der zuständigen Vertretung die al-
lenfalls benötigten Reisepapiere zu beschaffen. Somit sei der Vollzug der
Wegweisung auch technisch möglich und praktisch durchführbar.
5.2 In der Rechtsmittelschrift verwies der Beschwerdeführer zunächst im
Kontext mit den Landeskenntnissen auf seine angeblich sehr detaillierten
und substantiierten Aussagen zum Alltagsleben im Kloster N._ an-
lässlich der Befragungen.
Bezüglich seinen mangelnden Chinesisch-Kenntnissen brachte er vor,
dass es eine Vielzahl von Hinweisen gebe, wonach fehlende oder nur sehr
rudimentäre chinesische Sprachkenntnisse nicht automatisch darauf
D-3988/2019
Seite 14
schliessen lassen würden, dass eine Person von ausserhalb des Autono-
men Gebiet Tibets oder anderer tibetischer Regionen in China stamme.
Insbesondere in ländlichen Gebieten könnten – laut verschiedener Quel-
len – Tibeterinnen und Tibeter kein Chinesisch sprechen oder nur eine mit-
telmässige oder begrenzte Beherrschung der Sprache aufweisen.
Zu seinen Ausführungen betreffend die tibetischen Dialekte merkte der Be-
schwerdeführer an, die Vorinstanz habe nicht spezifiziert, welche seiner
Ausführungen sie als nicht nachvollziehbar einstufe. Er habe fast sein gan-
zes Leben in einem Kloster verbracht, welches nicht nur von Einheimi-
schen bewohnt worden sei, weshalb er zusätzlich auch den Ü-Tsang-Dia-
lekt gelernt habe. Weiter hielt der Beschwerdeführer fest, dass der Dolmet-
scher zu Beginn der Anhörung zwar versucht habe, mit ihm F._-
Dialekt zu sprechen, er diesen aber wohl nicht sehr gut beherrscht und
deshalb anschliessend in den Lhasa-Dialekt gewechselt habe. Nachvoll-
ziehbarerweise habe dann während der Befragung auch Lhasa- bezie-
hungsweise Ü-Tsang-Dialekt gesprochen, um vom Dolmetscher überhaupt
verstanden zu werden.
Hinsichtlich dem durchgeführten LINGUA-Gutachten sei festzuhalten, dass
es schwierig sei, Stellung zu nehmen, wenn nicht bekannt gegeben werde,
wie die Orte in seiner Heimatgemeinde, welche er hätte kennen sollen, ge-
mäss den Erkenntnissen des SEM heissen würden. Er habe jedoch beim
Gespräch die tibetischen Namen von drei Dörfern genannt, da er die chi-
nesischen Namen der Dörfer nicht gekannt habe.
Soweit die Vorinstanz lediglich vorbringe, seine Distanzangaben seien
nicht alle richtig gewesen, könne er sich nicht dazu äussern. Es sei für ihn
nicht nachvollziehbar, weshalb seine Angaben nicht stimmen sollten und
wie die Vorinstanz zu einer anderen Einschätzung gelangt sei.
Weiter habe das SEM zu Unrecht geltend gemacht, er habe angegeben,
ein gut sichtbares Kloster nie gesehen zu haben, obwohl sich dieses in der
Kreishauptstadt befinde und er wiederholt dort gewesen sei. Er habe aus-
gesagt, zweimal in der Kreishauptstadt gewesen zu sein, wobei er das ge-
nannte Kloster nur von Weitem gesehen habe.
Insofern ihm die Vorinstanz vorwerfe, seine Angaben zu den Dokumenten
seien teilweise lückenhaft und er habe auch zum Klosterleben lückenhafte
Angaben gemacht, könne er keine Stellung nehmen.
D-3988/2019
Seite 15
Sodann habe für ihn seltsam angemutet, dass das Telefongespräch für die
LINGUA-Analyse mit einem Probanden aus der F._-Region und
welcher dementsprechend F._-Dialekt spreche, von einer Person
durchgeführt werde, die Zentraltibetisch spreche. Die Befragerin habe kein
einziges Wort im F._-Dialekt gesprochen, weswegen es auch wie-
derholt zu Missverständnissen gekommen sei. Auch wenn die Analyse des
Gesprächs von einer anderen Person durchgeführt worden sei, könne
kaum erwartet werden, dass irgendein Gesuchsteller ein einstündiges Ge-
spräch in seinem Heimatdialekt absolviere, wenn die Gesprächspartnerin
diesen Dialekt überhaupt nicht spreche oder verstehe. Ohnehin er-
schliesse sich aus der LINGUA-Analyse nicht, welcher Dialekt vom ihm ge-
nau erwartet und welcher Dialekt als Referenz herangezogen worden sei.
Da er fast seine gesamte Jugend in einem Kloster verbracht habe, wo er
mit Tibetern, welche von überall hergekommen seien, Kontakt gehabt
habe, weise sein Dialekt ohnehin eine Vielzahl von Einflüssen auf.
6.
6.1 Im Länderurteil BVGE 2014/12 hat das Bundesverwaltungsgericht
seine Praxis gemäss Entscheidungen und Mitteilungen der (vormaligen)
Schweizerischen Asylrekurskommission (EMARK) 2005 Nr. 1 dahinge-
hend präzisiert, dass bei Personen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Her-
kunft verschleiern oder verheimlichen, vermutungsweise davon auszuge-
hen ist, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe ge-
gen eine Rückkehr an ihren bisherigen Aufenthaltsort bestehen; die Abklä-
rungspflicht der Asylbehörden findet nämlich ihre Grenze an der Mitwir-
kungspflicht der asylsuchenden Person. Verunmöglicht eine tibetische
asylsuchende Person durch die Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht die Ab-
klärung, welchen effektiven Status sie in Nepal respektive in Indien innehat
– also ob sie über eine Aufenthaltsberechtigung in einem dieser Länder
oder gar über deren Staatsangehörigkeit verfügt −, kann namentlich keine
Drittstaatenabklärung im Sinn von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden.
Überdies werde durch die Verheimlichung und Verschleierung der wahren
Herkunft auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden
Person in Bezug auf ihr effektives Heimatland verunmöglicht
(vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 f.). Aufgrund des Gesagten kommt der Verläss-
lichkeit der Herkunftsangaben der asylsuchenden Person wesentliche Be-
deutung zu.
D-3988/2019
Seite 16
6.2
6.2.1 Zunächst ist festzustellen, dass die Identität des Beschwerdeführers
nicht feststeht. Trotz ausdrücklicher Aufforderung hat er im bisherigen Ver-
fahren weder Ausweispapiere noch irgendwelche anderen Beweismittel
eingereicht, die geeignet wären, etwas zur Klärung seiner Identität und sei-
nes Herkunftslandes beizutragen. In diesem Zusammenhang ist festzustel-
len, dass er gemäss eigenen Darstellungen im Besitz einer Identitätskarte
(sog. Shengfen Zheng) sowie eines Familienbüchleins (sog. Huko) war
(vgl. SEM-Akten A/3, Ziffer 4.03 und A/12, F 66 ff.). Die Erklärung, seine
Identitätskarte sei ihm bei seiner Ausreise nach Nepal von einem Schlep-
per abgenommen worden und sein Familienbüchlein habe er nicht mitneh-
men können, weil seine Brüder noch in der Heimat leben würden, erscheint
wenig plausibel. Auch die Argumente, mit denen er zu begründen ver-
suchte, wieso es ihm nicht möglich sei, mit den Angehörigen in Kontakt zu
treten, um seine Identität beweisenden Unterlagen zu erhalten, wirken kon-
struiert (vgl. SEM-Akten A/3, Ziffer 4.03 und A/12, F 69 ff.).
6.2.2 Das fehlende Beibringen eines Identitätsnachweises ohne plausible
Begründung stellt eine Verletzung der ihm obliegenden Mitwirkungspflicht
gemäss Art. 8 AsylG dar. Es ist folglich davon auszugehen, dass das Er-
hältlichmachen von Dokumenten aus seinem Heimatstaat, welche Rück-
schlüsse auf seine Identität geben könnten (vgl. dazu Art. 1a Bst. a Asyl-
verordnung 1 [AsylV 1; SR 142.311]), erfahrungsgemäss möglich ist.
6.3
6.3.1 Das Gericht teilt aufgrund der Aktenlage die Auffassung der
Vorinstanz, dass der Beschwerdeführer seine wahre Herkunft zu verschlei-
ern versuchte. Dabei kann hauptsächlich auf die LINGUA-Analyse verwie-
sen werden. Diese ist insgesamt fundiert, differenziert und substantiiert so-
wie mit einer nachvollziehbaren und ausführlichen Begründung versehen,
die zu keinen Beanstandungen Anlass gibt. Die sachverständige Person
schloss den vom Beschwerdeführer geltend gemachten biografischen Hin-
tergrund ein und würdigte nicht nur diejenigen Angaben, welche gegen die
Glaubhaftigkeit einer Herkunft aus Tibet, sondern auch diejenigen Landes-
kenntnisse berücksichtigt, welche für eine Sozialisierung im angegebenen
Kreis der Region Tibet sprechen. Aufgrund der ungenügenden landeskund-
lichen Kenntnisse sowie der sprachlichen Merkmale und Fähigkeiten des
Beschwerdeführers kam der Experte zum Schluss, dass seine Sozialisa-
tion sehr wahrscheinlich nicht in Tibet, sondern in einer exiltibetischen Ge-
meinschaft ausserhalb der Volksrepublik China erfolgt sei. Diese Schluss-
D-3988/2019
Seite 17
folgerung wurde überzeugend dargelegt. Zudem sind die fachliche Qualifi-
kation und Neutralität der sachverständigen Person (AS19) vom Gericht
nicht zu beanstanden (vgl. dazu SEM-Akte A/18). Dem Bericht und dem
Dokument «Werdegang und Qualifikation der sachverständigen Person»,
welches in den vorinstanzlichen Akten gemeinsam mit dem LINGUA-Be-
richt ordnungsgemäss abgelegt und dem Beschwerdeführer ediert wurde,
geht hervor, dass die sachverständige Person seit 2012 im Auftrag der
Fachstelle LINGUA arbeite. Sie stamme aus Westeuropa, habe ein Dokto-
rat in Tibetologie und Sinologie und weise einen jahrzehntelangen Bezug
zur Sprach- und Herkunftsregion des Beschwerdeführers auf. Dem LIN-
GUA-Bericht vom 9. Mai 2019 kann daher ein erhöhter Beweiswert beige-
messen werden (vgl. hierzu die vorhergehenden Ausführungen unter
E. 3.4.1), und es kann von dessen inhaltlicher Richtigkeit und Vollständig-
keit ausgegangen werden.
6.3.2 Im LINGUA-Gutachten prüfte die sachverständige Person die Kennt-
nisse des Beschwerdeführers in den Bereichen administrative Einteilung,
Distanzen, Landwirtschaft, Geografie, Sehenswürdigkeiten, Dokumente,
Lebensalltat und Sonstiges. Wie der Experte feststellte, trifft es zwar zu,
dass er dabei einige landeskundliche-kulturelle Kenntnisse der von ihm an-
gegebenen Heimatregion E._ richtig zu benennen vermochte. So
konnte er beispielsweise einige Orte bezeichnen, kannte den Namen des
Flusses O._, welcher südlich seines Heimatdorfes fliesst, sowie
des Klosters, wo er bei seinem Onkel gelebt haben soll, und auch seine
Angaben zum Personalausweis und zum Familienbüchlein waren weitge-
hend zutreffend. Andererseits wiesen seine Angaben aber auch auffallende
Lücken und Fehler auf. Namentlich vermochte er weder den Bezirk noch
die Provinz seines Heimatkreises benennen. Des Weiteren konnte er auch
keine Nachbargemeinden und -kreise angeben und seine Angaben zur
Distanz seines angeblichen Herkunftsorts zu anderen Ortschaften waren
offensichtlich auch unzutreffend. Obwohl seine Eltern Landwirtschaft be-
trieben hatten, wusste er nicht, was Bauern in seiner Heimat anpflanzen.
Ebenso waren seine Aussagen zum Prozedere für den Erwerb von Doku-
menten teilweise falsch. In Anbetracht des Alters des Beschwerdeführers,
der Dauer seines behaupteten Aufenthalts in Tibet und der geschilderten
Lebensumstände wären präzisere landeskundlich-kulturelle Kenntnisse zu
erwarten gewesen.
6.3.3 Die linguistische Analyse kam zum Ergebnis, dass sich in der Spra-
che des Beschwerdeführers nicht nur auf der Ebene Phonetik/Phonologie,
D-3988/2019
Seite 18
sondern auch auf derjenigen der Morphologie/Morphosyntax und im lexi-
kalischen Bereich überwiegend Gemeinsamkeiten mit dem Dialekt von
Lhasa beziehungswiese der exiltibetischen Koine ergeben würden. Eine
gewisse Verwendung von Formen des Lhasa -Tibetischen und der exiltibe-
tischen Koine liesse sich zwar durch den über dreieinhalbjährigen Aufent-
halt im Exil (Nepal und Schweiz) sowie Akkommodation an die Sprache der
Interviewerin erklären, dennoch sei es unerwartet, dass sich kaum Ge-
meinsamkeiten mit dem Dialekt von E._ respektive dem Referenz-
dialekt von M._ fanden. Dass er zudem aktiv Formen verwendet
habe, die im (...) ungrammatisch seien, sei unerwartet. Daran vermag
seine anlässlich der Anhörung vorgebrachte Erklärung dafür, dass er nebst
dem lokalen F._-Dialekt auch den Ü-Tsang-Dialekt beherrsche, weil
dies der in Tibet meistgesprochene Dialekt sei (vgl. SEM-Akte A/12,
F 52 f.), nichts zu ändern. Auch seine auf Beschwerdeebene vorgebrach-
ten Einwände, wonach er seine prägenden Jugendjahre in einem Kloster
verbracht habe und sein Dialekt daher eine Vielzahl von Einflüssen aus
anderen Gegenden Tibets aufweise, vermögen nicht plausibel zu erklären,
weshalb er während des telefonischen LINGUA-Interviews fast aus-
schliesslich die exiltibetische Sprechweise verwendet hatte. Unter Berück-
sichtigung eines entsprechenden Einflusses wäre zu erwarten gewesen,
dass die Aussprache des Beschwerdeführers sowie seine Formulierungen
mehrheitlich in seinem eigenen Dialekt erfolgten. Die Sprache des Be-
schwerdeführers entspricht jedoch auf keiner der analysierten Ebenen dem
Dialekt von E._, was darauf hindeutet, dass er sehr wahrscheinlich
nicht aus dem von ihm angegebenen Dorf im Kreis E._ stammt.
Sodann erfüllten auch die Chinesisch-Kenntnisse des Beschwerdeführers
die auf seiner Biografie basierenden Erwartungen nicht. Nach Kenntnis des
Gerichts verfügen insbesondere Tibeter aus ländlichen Regionen mitunter
nur über geringe oder gar keine Chinesisch-Sprachkenntnisse (vgl. dazu
den [als Referenzurteil publizierten]) Entscheid E-5846/2014 vom 4. Au-
gust 2015 E. 6.3.2, m.w.H.). Trotz Schulobligatorium besucht zudem offen-
bar ein nicht unerheblicher Prozentsatz der tibetischen Kinder die Schule
nicht (vgl. a.a.O. E. 6.3.2). Dass der Beschwerdeführer – abgesehen von
einzelnen Wörtern – kein Chinesisch spricht und angeblich nie die Schule
besuchte, spricht demnach nicht a priori gegen eine Herkunft aus dem Ti-
bet. Dennoch überzeugen die von ihm genannten Gründe für seine man-
gelnden Chinesisch-Kenntnisse nicht, zumal sein Vorbringen, er sei bei sei-
nem Onkel in einem Kloster aufgewachsen und habe keine Schule besucht
(vgl. SEM-Akten A/3, Ziffer 1.17.02 und 1.17.04 sowie A/12, F 46), im Rah-
D-3988/2019
Seite 19
men der Sprachanalyse berücksichtigt wurde und deshalb zu erwarten ge-
wesen wäre, dass er auch unter diesen Umständen zumindest über pas-
sive Kenntnisse des Chinesischen verfügen würde, wenn seine Hauptso-
zialisation an dem von ihm angegeben Ort in Tibet stattgefunden hätte.
Auch seine weiteren Einwände, welche er anlässlich der mündlichen An-
hörung im Rahmen des rechtlichen Gehörs zum LINGUA-Bericht vor-
brachte, wonach er nicht an der chinesischen Sprache interessiert gewe-
sen sei und in seinem Heimatort nur wenige Chinesen gelebt hätten
(vgl. SEM-Akte A/22, Seite 4), vermögen nicht zu überzeugen.
6.3.4 Der Beschwerdeführer hat weder im Rahmen des rechtlichen Gehörs
noch in seiner Beschwerdeschrift stichhaltige Argumente vorgebracht, wel-
che geeignet wären, diese Schlussfolgerungen zu entkräften. Insgesamt
weist der Beschwerdeführer nach dem Gesagten nicht die sprachlichen
und insbesondere länderkundlichen Kenntnisse der behaupteten Her-
kunftsregion auf, die bei einem angeblichen Aufenthalt von knapp 19 Jah-
ren zu erwarten wären.
6.3.5 Das Ergebnis der LINGUA-Analyse wird schliesslich auch durch fest-
gehaltene Wissenslücken mit den Angaben des Beschwerdeführers in den
Befragungen untermauert. Die Einschätzung, dass der Beschwerdeführer
seine tatsächliche Herkunft zu verschleiern versucht, wird insbesondere
dadurch bestärkt, dass auch seine Ausführungen zum fluchtauslösenden
Ereignis, wonach er eine chinesische Flagge vom Klosterdach geholt und
anschliessend verbrannt habe, widersprüchlich ausgefallen sind. Hierzu ist
festzuhalten, dass sich der Beschwerdeführer bei der Zeitangabe, wann
sich dieser Vorfall ereignet habe, mehrfach widersprochen hat. Anlässlich
der BzP gab er zu Protokoll, er habe die Flagge am frühen Morgen am
2. Januar 2015 runtergeholt (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffer 7.01). Demgegen-
über gab er während der Anhörung zu Protokoll, die chinesische Flagge
am 2. August 2015 verbrannt zu haben (vgl. SEM-Akte A/12, F 90 f.). Als
er in der zweiten Befragung auf diese Unstimmigkeit angesprochen wurde,
konnte er hierfür keine plausible Erklärung liefern (vgl. SEM-Akte A/12,
F 179 f.). Auffallend ist zusätzlich, dass die Aussagen des Beschwerdefüh-
rers zu diesem angeblichen Vorfall insgesamt detailarm und nur oberfläch-
lich ausgefallen sind. So war er – trotz mehrmaligen Nachfragen – nicht in
der Lage genauer zu beschreiben, wie er die Flagge vom Klosterdach run-
tergeholt und anschliessend verbrannt hatte (vgl. SEM-Akte A/12, F 79 ff.).
Seine entsprechenden Schilderungen enthielten keine persönlichen De-
tails und blieben oberflächlich und rudimentär.
D-3988/2019
Seite 20
Überdies sind auch die Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend die
darauffolgende Suche seitens der «Gongan Ju» nach ihm insgesamt vage,
ausweichend und ungereimt ausgefallen. So konnte er insbesondere nicht
darlegen, mit welchen Mitteln die chinesischen Behörden nach ihm ge-
sucht haben sollen (vgl. SEM-Akte A/12, F 133).
Der Beschwerdeführer konnte des Weiteren nicht nachvollziehbar darle-
gen, warum die Polizei ausgerechnet ihn verdächtigen sollte, die Fahne
verbrannt zu haben. Anlässlich der BzP gab er noch seine Vermutung zu
Protokoll, wonach Pilger ihn bei den Chinesen verraten hätten. Die chine-
sischen Polizisten hätten dann den Lama des Klosters bedroht und diesen
aufgefordert, ihn (den Beschwerdeführer) auszuhändigen (vgl. SEM-
Akte A/3, Ziffer 7.01). Demgegenüber machte er während der Anhörung
zunächst geltend, die chinesische Polizei habe zwar von der Fahnenver-
brennung erfahren, jedoch nicht gewusst wer dies gewesen sei (vgl. SEM-
Akte A/12, F 106). Er habe denn auch nur seinem Onkel väterlicherseits
von dieser Aktion erzählt (vgl. SEM-Akte A/12, F 124). Erst als er explizit
danach gefragt wurde, wie denn die Behörden auf ihn gekommen seien,
führte er aus, die «Gongan Ju» habe herausgefunden, dass drei Leute in
der Küche gearbeitet hätten und einer davon verschwunden sei. Von sei-
nen ehemaligen Arbeitskollegen hätten sie schliesslich seinen Namen er-
fahren (vgl. SEM-Akte A/12, F 128 ff.). Da der Beschwerdeführer vorher
weder Probleme noch Konflikte mit den chinesischen Behörden hatte
(vgl. SEM-Akte A/12, F 97) und diese auch nicht wussten, dass er die letz-
ten Jahre im Kloster gelebt hatte (vgl. SEM-Akte A/12, F 108 ff. und F 181),
erscheint es unwahrscheinlich, dass er von der chinesischen Polizei ver-
dächtigt und gesucht worden sein soll. Seine widersprüchlichen Aussagen
konnte der Beschwerdeführer denn auch weder auf Nachfrage in der An-
hörung (vgl. SEM-Akte A/12, F 185) noch auf Beschwerdeebene schlüssig
erklären. Insgesamt liegen somit weder glaubhafte Anhaltspunkte dafür
vor, dass der Beschwerdeführer gezielte Verfolgungsmassnahmen seitens
der chinesischen Behörden zu befürchten hatte, noch, dass er mit erhebli-
cher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft solche zu befürchten hätte.
Das Bundesverwaltungsgericht teilt sodann die Auffassung der Vorinstanz,
dass die Schilderungen des Beschwerdeführers zu seiner Biografie teil-
weise unvereinbar sind. Diesbezüglich hat die Vorinstanz zutreffend ver-
schiedene Widersprüche festgestellt, zumal der Beschwerdeführer im vor-
liegenden Verfahren nichts Substantiiertes entgegenhält. Zur Vermeidung
von Wiederholungen ist diesbezüglich auf die zutreffende Verfügung der
Vorinstanz zu verweisen.
D-3988/2019
Seite 21
6.4 Schliesslich lassen die lediglich vagen und unsubstantiierten Angaben
des Beschwerdeführers zu den Umständen seiner Ausreise aus China so-
wie insbesondere des weiteren Reisewegs von Nepal bis zu seiner Ankunft
in die Schweiz auf eine offenkundige Verschleierung des wahren Reise-
wegs schliessen: Der Beschwerdeführer hatte in der BzP unter anderem
angegeben, er sei über den Luftweg von einem ihm unbekannten Ort aus
in ein ihm unbekanntes Land gereist und dann von dort aus mit dem Zug
in die Schweiz gelangt (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffer 5.02). Auch anlässlich der
Anhörung machte er hierzu keine detaillierteren Ausführungen (vgl. SEM-
Akte A/12, F 174 f.).
6.5 Nach dem Gesagten drängt sich der Schluss auf, dass der Beschwer-
deführer täuschende Angaben zu seiner Identität, zu seiner Herkunft be-
ziehungsweise seiner Staatsangehörigkeit und seinem Aufenthaltsort vor
der Einreise in die Schweiz gemacht hat. Durch die Verletzung der ihm
obliegenden Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG verunmöglicht er die
Abklärung, welchen effektiven Statuts er im Staat seines vormaligen Auf-
enthalts hatte. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist anzunehmen,
dass der Beschwerdeführer zwar ethnischer Tibeter ist und nicht ausge-
schlossen werden kann, dass er die chinesische Staatsangehörigkeit be-
sitzt, jedoch mit überwiegender Wahrscheinlichkeit vor seiner Ankunft in
der Schweiz nicht in der Volksrepublik China, sondern in einer exiltibeti-
schen Diaspora gelebt hat. Namhafte exiltibetische Gemeinschaften gibt
es – nebst in der Schweiz und Nordamerika – lediglich in Indien und Nepal.
Es gibt bei dieser Aktenlage kein Grund zur Annahme, er hätte an seinem
tatsächlichen Herkunftsort Verfolgungsmassnahmen zu befürchten.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, eine im Sinne von Art. 3 AsylG relevante Verfolgungsgefahr
nachzuweisen oder glaubhaft darzutun. Die Vorinstanz hat demnach zu
Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgewie-
sen.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
D-3988/2019
Seite 22
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Ausländer- und Integrationsgesetzes [AIG; SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK,
SR 0.142.30], Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) ei-
ner Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Her-
kunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss
Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer un-
zumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Si-
tuationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer
Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festge-
stellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren. Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die
Ausländerin oder der Ausländer weder in den Heimat- oder in den Her-
kunftsstaat noch in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden
kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen
gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweis-
standard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie
sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2, m.w.H.).
8.2 Die Vorinstanz hat in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend er-
kannt, dass der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschie-
bung vorliegend mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keine An-
wendung findet und auch keine anderweitigen völkerrechtlichen Vollzugs-
hindernisse erkennbar sind. Eine weitergehende Prüfung von Vollzugshin-
D-3988/2019
Seite 23
dernissen erübrigt sich angesichts des Umstandes, dass der Beschwerde-
führer der ihm obliegenden und zumutbaren Mitwirkungspflicht
(Art. 8 AsylG) hinsichtlich Herkunft, Staatsangehörigkeit und Identität nicht
nachzukommen gewillt ist. Mit dem Vorenthalten von Informationen und
dem Fehlen jeglicher Bemühungen, Ausweispapiere und Beweismittel zu
beschaffen, die seine Identität, Herkunft und Vorbringen beweisen könnten,
ist der Beschwerdeführer selbst dafür verantwortlich, dass sich zuerst die
Vorinstanz und nun auch das Gericht mit den Fragen der Wegweisung und
deren Vollzugs nur in grundsätzlicher Hinsicht beziehungsweise gemäss
den vorstehenden Ausführungen befasst. Vermutungsweise ist deshalb da-
von auszugehen, einer Wegweisung würden keine Vollzugshindernisse im
gesetzlichen Sinne entgegenstehen (vgl. Erwägungen der Vorinstanz in
der angefochtenen Verfügung E. III sowie BVGE 2014/12 E. 5.10 und
E. 6).
8.3 Auch wenn die Angaben des Beschwerdeführers betreffend die haupt-
sächliche Sozialisation in Tibet sowie seine Ausreisegründe insgesamt als
unglaubhaft erachtet werden und er seine wahre Herkunft nicht offenlegte,
ist dennoch unbestrittenermassen davon auszugehen, dass er tibetischer
Ethnie ist, womit die Möglichkeit besteht, dass er die chinesische Staats-
angehörigkeit besitzt. Nachdem diejenigen sich im Ausland aufhaltenden
Tibeterinnen und Tibeter, welche die chinesische Staatsbürgerschaft besit-
zen, in Bezug auf China zumindest subjektive Nachfluchtgründe haben,
weil sie als Unterstützer des Dalai Lama und damit als separatistisch ge-
sinnte Oppositionelle betrachtet werden und – wiederum in Bezug auf
China – die Flüchtlingseigenschaft erfüllen (vgl. BVGE 2009/29), ist an die-
ser Stelle im Sinne einer Klarstellung und in Übereinstimmung mit der Dis-
positivziffer 5 der angefochtenen Verfügung darauf hinzuweisen, dass für
Exil-Tibeterinnen und Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach China ge-
mäss Art. 45 Abs. 1 Bst. d AsylG grundsätzlich ausgeschlossen ist, da
ihnen dort gegebenenfalls Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinne be-
ziehungsweise eine menschenunwürdige Behandlung nach Art. 3 EMRK
droht (BVGE 2014/12 E. 5.11).
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
D-3988/2019
Seite 24
8.5 Auch die Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug nicht ent-
gegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein
Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraus-
sichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate –
bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei
den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein
bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Voll-
zugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist,
indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland ange-
passt wird.
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver-
fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt rich-
tig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbe-
züglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist folglich abzu-
weisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem mit ver-
fahrensleitender Verfügung vom 19. September 2019 das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG gutgeheissen worden ist und weiterhin von der Bedürftigkeit
des Beschwerdeführers auszugehen ist, sind ihm keine Verfahrenskosten
aufzuerlegen.
10.2 Ebenfalls mit Zwischenverfügung vom 19. September 2019 wurde die
rubrizierte Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers als amtliche Rechts-
beiständin im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG beigeordnet. Diese
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ist unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen. Das Bun-
desverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der Regel von ei-
nem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und An-
wälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und
Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m Art. 10 Abs. 2 VGKE). Es wird nur der not-
wendige Aufwand entschädigt (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat mit Schreiben vom 27. Feb-
ruar 2020 eine aktualisierte Kostennote eingereicht, in welcher ein Auf-
wand von 8 Stunden à Fr. 150.00 (im Falle des Unterliegens) geltend ge-
macht wird, zuzüglich Auslagen in der Höhe von Fr. 30.60 (36 Kopien à
Fr. 0.50 und 2 Einschreiben à Fr. 6.30), was angemessen erscheint. Dem-
zufolge ist der Rechtsvertreterin unter Berücksichtigung der massgeben-
den Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) und der Entschädigungspra-
xis in vergleichbaren Fällen zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Ho-
norar von gerundet Fr. 1'231.– (inklusive Auslagen und allfälligen Mehr-
wertsteuerzuschlägen) zuzusprechen.
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