Decision ID: d0b32b69-9c18-5d66-b8aa-14942ceecf96
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger usbeki-
scher Ethnie, suchte am 12. Juli 2016 in der Schweiz um Asyl nach.
A.b Weil der Beschwerdeführer auf dem Personalienblatt angab, minder-
jährig zu sein, gab das SEM am 19. Juli 2016 beim Institut für (...) eine
Handknochenanalyse in Auftrag. Am 20. Juli 2016 berichtete das genannte
Institut über das Resultat der radiologischen Untersuchung, wonach der
Beschwerdeführer ein Skelettalter von (...) Jahren aufweise.
A.c Am 27. Juli 2016 wurde der Beschwerdeführer zu seiner Person, zum
Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung
zur Person [BzP]). Gleichentags wurde er kurz zu seinem gesundheitlichen
Zustand befragt ("Frageschema für Anamnese"). Am 3. August 2016 wurde
er ergänzend mit Unklarheiten bezüglich des von ihm angegebenen Ge-
burtsdatums konfrontiert. Gleichzeitig wurde ihm das rechtliche Gehör zum
Ergebnis der radiologischen Untersuchung (vgl. Bst. A.b) gewährt und ihm
mitgeteilt, er werde für das weitere Verfahren als volljährige Person behan-
delt. Ferner wurde ihm das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Wegwei-
sung in die möglicherweise zuständigen Dublin-Mitgliedstaaten Italien oder
Griechenland gewährt. Nachdem das SEM den Beschwerdeführer am
4. August 2016 dem Kanton B._ zugewiesen hatte, beendete es mit
Verfügung vom 18. August 2016 das Dublin-Verfahren und nahm das nati-
onale Asyl- und Wegweisungsverfahren auf. Am 3. Mai 2019 fand im Bei-
sein des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers, C._, die einläss-
liche Anhörung zu den Asylgründen statt.
A.d Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, er sei im Dorf
D._, Distrikt E._, Provinz F._, aufgewachsen und
entstamme einer grossen und gebildeten Familie. Sie hätten (unter ande-
rem) auch ein Haus in Mazar-i-Sharif besessen, wo seine Eltern derzeit
leben würden. Er habe die Schule bis zur Hälfte der (...) Klasse in
F._ besucht und dann abgebrochen. Sein Vater sei ein (...). Die
Mullahs hätten in D._ eine Madrasa (religiöse Schule) bauen wol-
len, wogegen sich sein Vater ausgesprochen habe. Die Mullahs hätten dem
Vater hiernach Vorwürfe gemacht und ihn bedroht. Auch habe man ihm te-
lefonisch mit der Tötung aller Familienmitglieder gedroht. Eines Tages sei
er (der Beschwerdeführer) auf dem Heimweg von der Schule von Fremden
derart verprügelt worden, dass er sich habe in Spitalpflege begeben müs-
sen. Ferner habe er im Alter von rund (...) Jahren während der Ferien in
D-1636/2020
Seite 3
Mazar-i-Sharif einen (...)kurs besucht. Hierbei sei er vom (...)lehrer verge-
waltigt worden. Er habe sich in der Folge vom Islam entfernt und sich in
der Schweiz als Christ taufen lassen. Afghanistan habe er rund ein Jahr
vor der BzP verlassen, da sein Leben in Gefahr gewesen sei.
A.e Der Beschwerdeführer reichte folgende Beweismittel zu den Akten:
- Tazkira;
- Diverse Beweismittel die Tätigkeiten des Vaters betreffend;
- Nachweis der Integrationsbemühungen im Kanton B._ (in Kopie);
- Taufschein der "(...)" der (...) vom (...) 2017.
B.
Das Durchgangszentrum G._ reichte dem SEM am 14. November
2016 einen Bericht der (...) vom 11. November 2016 zu den Akten. Um den
Gesundheitszustand abschliessend beurteilen zu können, forderte das
SEM den Beschwerdeführer am 29. Mai 2019 zur Einreichung eines aktu-
ellen ärztlichen Berichts auf. In der Folge liess der Beschwerdeführer dem
SEM einen Bericht der (...) vom 24. Juni 2019 zukommen.
C.
Das Migrationsamt des Kantons B._ liess dem SEM am 2. Juli 2019
Dokumente zukommen, aus welchen hervorgeht, dass der Beschwerde-
führer des (...) beschuldigt werde und deswegen vom (...) 2019 bis (...)
2019 in Untersuchungshaft gewesen sei.
D.
Mit Schreiben vom 8. August 2019 gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer das rechtliche Gehör zu nach wie vor offenen Fragen. Der Be-
schwerdeführer nahm mit Eingabe vom 21. August 2019 Stellung und
reichte gleichzeitig folgende Beweismittel zu den Akten:
- Diverse Grundstückverträge des Vaters (in Kopie);
- Bestätigung der (...) des Vaters (in Kopie).
E.
In der Folge forderte das SEM den Beschwerdeführer mit Schreiben vom
30. August 2019 auf, die mit der Stellungnahme eingereichten Beweismit-
tel übersetzen zu lassen. Der Beschwerdeführer liess das SEM mit Schrei-
ben vom 6. September 2019 und unter Beilage einer Unterstützungsbestä-
tigung darum ersuchen, die Übersetzungen zu veranlassen, da er sich kei-
nen Übersetzer leisten könne. Das SEM bestätigte mit Schreiben vom
D-1636/2020
Seite 4
13. November 2019 die Rücksendung der Beweismittel und das Ersuchen
um Übersetzung.
F.
Mit Verfügung vom 6. März 2020 – eröffnet am 10. März 2020 – verfügte
das SEM, das Geburtsdatum des Beschwerdeführers werde beim (...) be-
lassen (Dispositivziffer 1), stellte fest, der Beschwerdeführer erfülle die
Flüchtlingseigenschaft nicht (Dispositivziffer 2), lehnte sein Asylgesuch ab
(Dispositivziffer 3), wies ihn aus der Schweiz weg (Dispositivziffer 4) und
ordnete den Wegweisungsvollzug an (Dispositivziffern 5 und 6).
G.
Mit Eingabe des rubrizierten Rechtsvertreters vom 20. März 2020 liess der
Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht gegen die Verfügung
des SEM vom 6. März 2020 Beschwerde erheben und beantragen, die an-
gefochtene Verfügung sei in den Dispositivziffern 4 und 5 (recte: 5 und 6
[vgl. E. 4]) aufzuheben, es seien die Akten der Schwester (N [...]) zu edie-
ren, der Asylentscheid der Schwester sei im Wegweisungspunkt (recte:
Wegweisungsvollzugspunkt) nachvollziehbar zu begründen, und es sei die
Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und die vor-
läufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht wurde um die Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
sowie um den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
Der Beschwerde lagen eine Vollmacht und eine Unterstützungsbestätigung
vom 17. März 2020 bei.
H.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 23. März
2020 den Eingang der Beschwerde.
I.
Der Instruktionsrichter stellte mit Verfügung vom 8. April 2020 fest, der Be-
schwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwar-
ten, bewilligte die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung und Rechtsverbeiständung und verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses. Gleichzeitig erhielt das SEM Gelegenheit, bis zum
23. April 2020 eine Vernehmlassung einzureichen.
J.
Die innert erstreckter Frist am 24. April 2020 ergangene Vernehmlassung
D-1636/2020
Seite 5
des SEM wurde dem Beschwerdeführer am 28. April 2020 zur Kenntnis-
nahme zugestellt.
K.
Mit Eingabe vom 11. April 2020 (recte: 11. Mai 2020) liess der Beschwer-
deführer dem Gericht einen Bericht der (...) vom 7. Mai 2020 nachreichen.
Der Sendung lag zudem eine Kostennote des Rechtsvertreters bei.
L.
Mit Schreiben vom 19. November 2021 liess das Migrationsamt des Kan-
tons B._ dem Bundesverwaltungsgericht auf entsprechendes Ersu-
chen vom 17. November 2021 hin das Dispositiv des – nicht rechtskräftigen
– Urteils des (...) vom (...) 2021 zukommen. Aus diesem geht hervor, dass
der Beschwerdeführer wegen des (...) schuldig gesprochen und mit acht
Monaten Freiheitsstrafe sowie mit einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu
Fr. 10.– bestraft wurde. Der Vollzug wurde unter Festsetzung einer Probe-
zeit von zwei Jahren aufgeschoben. Gleichzeitig wurde der Beschwerde-
führer im Sinne von Art. 66a Abs. 1 Bst. b StGB für fünf Jahre des Landes
verwiesen. Freigesprochen wurde der Beschwerdeführer von den Vorwür-
fen des (...).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37
VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
D-1636/2020
Seite 6
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Die Asylakten der Schwester des Beschwerdeführers, H._ (N [...]),
wurden antragsgemäss beigezogen.
4.
In der Beschwerde wird ausgeführt, der angefochtene Entscheid werde
"nur im Wegweisungspunkt angefochten" (vgl. Beschwerde Ziff. III.3), wo-
bei aus den Rechtsbegehren und der weiteren Begründung deutlich wird,
dass damit der Wegweisungsvollzugspunkt gemeint ist. Soweit die Aufhe-
bung der Dispositivziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung verlangt
wird, handelt es sich demnach um ein offensichtliches Versehen des
Rechtsvertreters. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich die Be-
schwerde gegen die Dispositivziffern 5 und 6 richtet (vgl. Bst. F). Gegen-
stand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet demnach nur die
Frage, ob das SEM den Wegweisungsvollzug zu Recht als durchführbar
erachtet hat.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
5.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.
6.1 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur. Ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
D-1636/2020
Seite 7
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E. 8). Weil sich vorliegend der Vollzug der Weg-
weisung aus den nachfolgend aufgezeigten Gründen als unzumutbar er-
weist, kann auf eine Erörterung der beiden anderen Kriterien verzichtet
werden.
6.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.3
6.3.1 Das SEM kommt zum Ergebnis, der Wegweisungsvollzug nach Ma-
zar-i-Sharif sei vorliegend zumutbar, da begünstigende Umstände zu beja-
hen seien. Die Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Lebenslauf, zu
seinen Eltern und den übrigen Verwandten seien als unglaubhaft zu be-
werten. Es sei deshalb davon auszugehen, dass er sehr wohl über ein so-
ziales Beziehungsnetz verfüge, welches er den Schweizer Behörden ver-
heimliche. Es sei indes nicht Sache der Behörden, nach fiktiven Vollzugs-
hindernissen zu suchen, wenn ein Gesuchsteller seine Mitwirkungspflicht
verletze. Dass der Beschwerdeführer und seine Familie sich grossmehr-
heitlich in der Provinz F._ aufgehalten hätten, sei nicht glaubhaft.
Zudem würden mehrere Hinweise vorliegen, wonach er aus gutsituierten
Verhältnissen stamme und gebildet sei. Sodann könne in seinem Fall nicht
von einer derart gravierenden psychischen Krankheit ausgegangen wer-
den, dass sie einem Wegweisungsvollzug nach Afghanistan entgegen-
stünde. Die Überstellung vermöge nicht gegen Art. 3 EMRK zu verstossen,
wenn der wegweisende Staat Massnahmen ergreife, um die Umsetzung
einer Suiziddrohung zu verhindern. Einer allfälligen Suizidrealität sei je-
doch Rechnung zu tragen, indem die Überstellung nur bei Reisefähigkeit
erfolgen könne und unter Einbezug der gegenwärtigen ärztlichen Betreu-
ung sorgfältig vorzubereiten sei. Der Beschwerdeführer sei bei der Rück-
führung, wenn nötig, ärztlich zu begleiten und ihm sei eine medizinische
Rückkehrhilfe zu gewähren.
6.3.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, das SEM dürfe nicht
von der geltend gemachten Minderjährigkeit auf die Unglaubwürdigkeit des
Beschwerdeführers schliessen. Das SEM habe für die Feststellung der
Volljährigkeit einige gewichtige Grundsatzregeln verletzen müssen. Das
D-1636/2020
Seite 8
Knochenaltergutachten sei mit Bezug auf die Angaben des Alters nicht re-
levant, da der Unterschied zwischen dem angegebenen Alter und dem Re-
sultat des Gutachtens weniger als drei Jahre betrage. Sodann tauge für die
Alterskategorie von ungefähr 15 bis 25 Jahren der Augenschein nicht für
eine zuverlässige Altersschätzung. Das SEM sei augenscheinlich von Be-
ginn weg von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers ausgegangen und
habe diesem als Folge auch keine Vertrauensperson zur Verfügung ge-
stellt, als die Nachbefragung zum Alter durchgeführt worden sei. Dass er
allenfalls minderjährig gewesen sei und mitunter auch die Kinderrechtskon-
vention hätte berücksichtigt werden müssen, habe für das SEM nie zur De-
batte gestanden. Gemäss angefochtener Verfügung sei das Alter im An-
schluss an die Gehörsgewährung im August 2016 im Zentralen Migrati-
onsinformationssystem (ZEMIS) angepasst worden. Die Möglichkeit, sich
dagegen rechtlich wirksam zur Wehr zu setzen, sei aber erst mit Erlass des
Asylentscheides gegeben gewesen. Ob der Beschwerdeführer um seine
Minderjährigkeit und die damit verbundenen besonderen Rechte im Asyl-
verfahren geprellt worden sei, werde man nie wissen, zumal das Rechts-
schutzinteresse an der Feststellung der Minderjährigkeit im Zeitpunkt der
Asylgesuchstellung heute nicht mehr existiere. Da er sich nie gegen die
Änderung im ZEMIS habe wehren können, sei es dreist, wenn das SEM in
der angefochtenen Verfügung die damals geltend gemachte Minderjährig-
keit zur Untermauerung der Unglaubwürdigkeit des Beschwerdeführers ins
Feld führe. Hinzu komme, dass die Person, welche den angefochtenen
Entscheid gefällt habe, mit der Altersbestimmung von damals nichts zu tun
gehabt und auch die Anhörung nicht persönlich durchgeführt habe. Dem
Beschwerdeführer zu unterstellen, er sei aufgrund der falschen Altersan-
gabe im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung ein Lügner, und daraus den
Schluss zu ziehen, er verfüge deshalb über ein tragfähiges Beziehungs-
netz in Mazar-i-Sharif, sei unangebracht. Es gebe sodann keine gravieren-
den Unterschiede in den Aussagen die absolvierten Schuljahre und be-
suchten Schulen betreffend. In Bezug auf die Anzahl Schuljahre habe das
SEM die Zeitspanne von fast drei Jahren zwischen BzP und Anhörung nicht
berücksichtigt. Auch sei der Beschwerdeführer nicht auf diesen Wider-
spruch angesprochen worden. Dass er eine (...)schule besucht habe, lasse
sich dem Anhörungsprotokoll nicht entnehmen. Den (...)kurs zu erwähnen,
habe er sich in der BzP nicht getraut, da er im Rahmen dieses Kurses vom
Lehrer vergewaltigt worden sei. Im Weiteren sei die Art und Weise, wie die
Aussagen der Schwester herangezogen würden, um den Beschwerdefüh-
rer als Lügner darzustellen, seltsam. Das SEM müsse erklären, weshalb
die Aussagen der Schwester glaubhafter wirken würden als die seinigen.
Zudem müsse das SEM erläutern, weshalb die Schwester vorläufig in der
D-1636/2020
Seite 9
Schweiz aufgenommen worden sei und für sie somit keine begünstigenden
Umstände vorgelegen hätten. Weiter sei zu begründen, weshalb dem Be-
schwerdeführer nicht geglaubt werde, dass der Vater einen (...) belegt
habe. Er habe dafür Beweismittel eingereicht, welche vom SEM nicht mit-
berücksichtigt worden seien. Sodann gehe aus dem Arztbericht vom (...)
2019 nicht hervor, dass dort die Rede sei vom Onkel mütterlicherseits, die-
ser (...) in Kabul gewesen sei und er (der Beschwerdeführer) sich bei die-
sem aufgehalten habe. Das SEM interpretiere den Bericht nach Belieben
und erheblich zu Ungunsten des Beschwerdeführers. Was den sexuellen
Missbrauch durch den (...)lehrer anbelange, ziehe das SEM beliebige In-
formationen den Lebenslauf betreffend aus dem Arztbericht heran. Den er-
wähnten sexuellen Missbrauch, der Grund der jahrelangen Therapie, wolle
man aber nicht in die Überlegungen einbeziehen. Das SEM habe nicht be-
rücksichtigt, dass der Beschwerdeführer selbst noch anlässlich der Anhö-
rung grösste Mühe bekundet habe, darüber zu sprechen. Unberücksichtigt
geblieben sei auch die Zusammenstellung des Teams in der BzP. Dass der
Beschwerdeführer in Anwesenheit der dolmetschenden Landsfrau nicht in
der Lage gewesen sei, über die sexuellen Übergriffe zu reden, könne auch
dem Arztbericht vom 11. November 2016 entnommen werden. Schliesslich
werde nicht in die Überlegungen miteinbezogen, dass missbrauchte Men-
schen in Asylverfahren oft nicht in der Lage seien, sich gleich von Beginn
weg gegenüber den Asylbehörden zu öffnen und alles zu erzählen. Die An-
sicht und die Argumentation des SEM seien befremdend. Es gäbe vermut-
lich bessere falsche Fluchtgründe als die Vergewaltigung durch den
(...)lehrer. Der Beschwerdeführer könne nach dem Gesagten nicht als un-
glaubwürdig bezeichnet werden. Im Weiteren seien gemäss Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts höchstens ganz gesunde junge
Männer in der Lage, sich in Mazar-i-Sharif mit Hilfe eines tragfähigen Be-
ziehungsnetzes zu reintegrieren und eine neue eigene Existenz aufzu-
bauen. Er (der Beschwerdeführer) sei traumatisiert und auf eine engma-
schige Therapie angewiesen und daher nicht in der Lage, sich in Mazar-i-
Sharif nebenher eine eigene Existenz aufzubauen, dies unabhängig da-
von, ob ein tragfähiges Beziehungsnetz vorhanden sei oder nicht. Was das
Letztere anbelange, sei die Sache nicht ganz klar. Die Eltern würden heute
mit (...) der insgesamt (...) Geschwister in Mazar-i-Sharif leben. Die ande-
ren Geschwister würden sich im Ausland aufhalten. Der Vater sei (...), die
Mutter arbeite als (...). Ob diese Personen bereits als tragfähiges Bezie-
hungsnetz herhalten könnten, bleibe zu bezweifeln.
D-1636/2020
Seite 10
6.4
6.4.1 Mit seinem Referenzurteil D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 hat das
Bundesverwaltungsgericht seine zuletzt im Urteil BVGE 2011/49 festgehal-
tene Lageeinschätzung zur Situation in der Stadt Mazar-i-Sharif aktuali-
siert. Im Urteil wurde festgestellt, Mazar-i-Sharif sei basierend auf Lagein-
formationen bis zum Jahre 2016 zu den sichersten Städten Afghanistans
gezählt worden. Nach einer eingehenden Prüfung und unter Berücksichti-
gung verschiedener sicherheitsrelevanter Ereignisse sowie der humanitä-
ren Situation kam das Gericht zum Schluss, dass sich die Sicherheitslage
auch in der Stadt Mazar-i-Sharif in den letzten Jahren verschlechtert habe,
während sich im Bereich der humanitären Situation Verbesserungen und
Rückschläge wohl etwa die Waage halten dürften. Im Vergleich zu anderen
Regionen und Städten Afghanistans zähle die Stadt Mazar-i-Sharif immer
noch zu den stabileren und ruhigeren Orten. Folglich rechtfertige es sich
insgesamt nicht, aktuell eine generelle Unzumutbarkeit der Rückkehr dort-
hin anzunehmen. Vielmehr sei bei Vorliegen begünstigender Umstände
weiterhin von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Stadt Ma-
zar-i-Sharif auszugehen. Allerdings sei mit Nachdruck daran zu erinnern,
dass nicht jeder noch so schwache Bezugspunkt zu Mazar-i-Sharif für die
Annahme begünstigender Umstände genüge. Vielmehr sei eine Gesamt-
beurteilung der verschiedenen Faktoren, wie sie bereits in BVGE 2011/49
erwähnt worden seien, vorzunehmen. Diese gesamthafte Betrachtung
müsse zum Schluss führen, im konkreten Einzelfall seien begünstigende
Voraussetzungen für eine Rückkehr nach Mazar-i-Sharif gegeben. Solche
könnten mit Verweis auf das Urteil BVGE 2011/7 namentlich dann gegeben
sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann
handle. Ebenso sei entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die
rückkehrende Person verfüge beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftli-
che Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit
einem tragfähigen Beziehungsnetz begünstigt werden könne. Unabdingbar
sei in jedem Fall ausserdem ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die
Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig er-
weise. Dieses soziale Netz müsse dem Rückkehrenden insbesondere eine
angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und
wirtschaftlichen Reintegration bieten können (vgl. Referenzurteil des
BVGer D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 E. 6.2.3.2, 6.2.3.5 und 7.3.1).
6.4.2 Im Sommer 2021 haben sich die Ereignisse in Afghanistan über-
schlagen. Innert kürzester Zeit haben die Taliban die militärischen Ver-
bände der unter der Kontrolle der Regierung stehenden Gebiete und
Städte – darunter auch Mazar-i-Sharif – überrannt und Mitte August 2021
D-1636/2020
Seite 11
in Afghanistan die Macht übernommen. Nachdem die letzten militärischen
Einheiten der internationalen Truppen aus Afghanistan nach dem Ende der
Evakuierungsaktion am Flughafen von Kabul Ende August 2021 abgezo-
gen sind, äusserte sich unter anderen der UNO-Generalsekretär António
Guterres besorgt über die humanitäre und wirtschaftliche Lage in Afgha-
nistan. Es sei ein völliger Zusammenbruch der Grundversorgung im Land
zu erwarten, in dem rund die Hälfte der Bevölkerung – 18 Millionen Men-
schen – auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, um zu überleben (vgl.
Frankfurter Allgemeine, Afghanistan: "Dunkelste Stunde der Not", 2. Sep-
tember 2021; https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/afghanistan-organisati-
onen-warnen-vor-einem-zusammenbruch-17512208.html, abgerufen am
24.11.2021). Ohne ausländische Hilfe – so wurde sodann bei einem virtu-
ellen Sondergipfel der G20-Staaten am 12. Oktober 2021 unter Berufung
auf Angaben der Vereinten Nationen berichtet – drohe ein wirtschaftlicher
Zerfall des Landes, der dazu führe, dass 97 Prozent der afghanischen Be-
völkerung unmittelbar von Armut bedroht seien, zumal sich aktuell auch
noch die schlechteste Ernte seit 35 Jahren ankündige (vgl. Tagesanzeiger,
G20-Gipfel zu Afghanistan: "Hilfe, damit Kabul nicht kollabiert", 12. Oktober
2021, https://www.tagesanzeiger.ch/hilfe-damit-kabul-nicht-kollabiert-
105716344300, abgerufen am 24.11.2021).
6.4.3 Zum Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung lebten laut Angaben des
Beschwerdeführers dessen Eltern und (...) Geschwister in Mazar-i-Sharif.
Im Übrigen ist jedoch nach wie vor nicht restlos klar, wo sich die Familie in
der Vergangenheit mehrheitlich aufgehalten hat – in der Provinz oder in
Mazar-i-Sharif. Offene Fragen bestehen auch etwa hinsichtlich der Vermö-
gensverhältnisse der Familie, des (erweiterten) Beziehungsnetzes in Ma-
zar-i-Sharif und der Bildung des Beschwerdeführers. Angesichts der nach
der Machtübernahme durch die Taliban übereinstimmend prognostizierten
Entwicklung der wirtschaftlichen Situation sowie der damit absehbar ver-
bundenen sozioökonomischen Notlage weiter Bevölkerungsteile in Afgha-
nistan kann darauf verzichtet werden, diese offenen Punkte abschliessend
zu klären. Selbst wenn davon ausgegangen würde, der Beschwerdeführer
verfüge in Mazar-i-Sharif über ein Beziehungsnetz und sei in gutsituierten
Verhältnissen aufgewachsen, kann nicht davon ausgegangen werden, er
finde in der Stadt Mazar-i-Sharif oder anderswo in Afghanistan zum heuti-
gen Zeitpunkt begünstigende Umstände vor, aufgrund derer hinlänglich
ausgeschlossen werden könnte, dass er im Falle der Rückkehr in eine exis-
tenzbedrohende Situation geraten wird. Der Vollzug der Wegweisung nach
Afghanistan erweist sich mithin in Bezug auf die Person des Beschwerde-
führers als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG.
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/afghanistan-organisationen-warnen-vor-einem-zusammenbruch-17512208.html https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/afghanistan-organisationen-warnen-vor-einem-zusammenbruch-17512208.html https://www.tagesanzeiger.ch/hilfe-damit-kabul-nicht-kollabiert-105716344300 https://www.tagesanzeiger.ch/hilfe-damit-kabul-nicht-kollabiert-105716344300
D-1636/2020
Seite 12
6.5 Die vorläufige Aufnahme wird nicht verfügt, wenn eine Landesverwei-
sung nach Art. 66a oder 66abis StGB oder Art. 49a oder 49abis MStG rechts-
kräftig geworden ist (Art. 83 Abs. 9 AIG). Eine solche Konstellation liegt
(derzeit) nicht vor, nachdem das Urteil des (...) vom (...) 2021 nicht rechts-
kräftig ist (vgl. Bst. L).
7.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die Ziffern 5 und 6
der Verfügung vom 6. März 2020 sind aufzuheben und die Vorinstanz ist
anzuweisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs
der Wegweisung vorläufig aufzunehmen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist der Antrag des Beschwerdefüh-
rers, es sei der Asylentscheid der Schwester im Wegweisungsvollzugs-
punkt nachvollziehbar zu begründen (vgl. Bst. G), mangels Rechtsschutz-
interesses gegenstandslos geworden. Ebenfalls kann auf eine Auseinan-
dersetzung mit den weiteren Vorbringen materieller und formeller Natur in
der Beschwerde verzichtet werden.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Instruktionsverfügung vom
8. April 2020 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich gegen-
standslos.
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der ausge-
wiesene zeitliche Aufwand von 10.5 Stunden, die Auslagen von Fr. 40.–
und der Stundenansatz von Fr. 200.– erscheinen angemessen. Dem Be-
schwerdeführer ist zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von
Fr. 2'140.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen. Aufgrund der Parteientschädi-
gung erübrigt sich die Ausrichtung eines Honorars an den vom Gericht ein-
gesetzten amtlichen Rechtsbeistand.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1636/2020
Seite 13