Decision ID: f26256d6-0a52-43e6-84a9-1a6cff6507be
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am (...) August 2018 erstmals ein Asylge-
such in der Schweiz. Das SEM trat auf dieses Gesuch in Anwendung der
Bestimmungen zum Dublin-Verfahren nicht ein, verbunden mit der Anord-
nung der Wegweisung nach Deutschland (vgl. dazu die Akten). Dieser Ent-
scheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft, worauf der Beschwerdefüh-
rer am (...) November 2018 nach Deutschland überstellt wurde. Er macht
geltend, in der Folge im (...) 2019 nach Marokko zurückgekehrt zu sein.
B.
Der Beschwerdeführer reichte am 15. Juni 2021 erneut ein Asylgesuch in
der Schweiz ein und wurde am 6. Oktober 2021 zu seinen Asylgründen
angehört. In der Anhörung machte er im Wesentlichen geltend, dass er
nach seiner Rückkehr nach Marokko zunächst von seinen Ersparnissen
gezehrt und wieder bei seiner Mutter in B._ gelebt habe. Er habe
lediglich für einen Monat Arbeit in seinem bisherigen Beruf in B._
gefunden, die überdies schlecht bezahlt gewesen sei. In dieser Zeit habe
er ein Mädchen kennengelernt, mit dem er ausgegangen sei. Sie hätten
sich unter anderem immer wieder im Haus eines Freundes getroffen, um
dort Sex zu haben. Im Juli 2019 seien sie dabei vom Bruder und Vater des
Mädchens überrascht und attackiert worden, der Vater habe auf das Mäd-
chen und der Bruder auf ihn eingestochen. Er sei dabei unter anderem am
Hals getroffen worden und habe eine Wunde zugefügt bekommen, die spä-
ter habe genäht werden müssen. Es sei ihm gelungen zu fliehen und er
habe daraufhin sofort seine Sachen gepackt und sei aus B._ weg-
gegangen.
Er habe bis zu seiner Ausreise aus Marokko im (...) 2019 etwa einen Monat
in C._ gelebt, wo er auch in seinem Beruf gearbeitet habe. Von dort
sei er über Algerien, Libyen und Italien in die Schweiz gekommen. Er sei
unter anderem auch deshalb nach Europa gekommen, weil er seiner Mut-
ter, die sehr arm sei, helfen wolle.
Des Weiteren brachte er vor, er habe durch den unfallbedingten Tod seines
Vaters im Jahr 2012, den er damals selbst beobachtet habe, einen Schock
erlitten und sei seither psychisch angeschlagen. Er sei durch diesen
Schock zudem in multiple Abhängigkeiten geraten, unter anderem von Al-
kohol, Drogen und Medikamenten. Er habe sich bereits fünf Mal einer The-
rapie unterzogen und sei auch immer wieder im Spital gewesen. Als er ge-
hört habe, wie sehr seine Mutter leide, habe er versucht, sich umzubringen.
D-5524/2021
Seite 3
Nach den Therapien sei er jeweils nur noch auf Medikamente angewiesen
gewesen. Er habe bereits in Marokko wegen der Drogen und der Medika-
mente Ärzte aufgesucht. Auch nachdem er aus Deutschland nach Marokko
zurückgekehrt sei, habe er Ärzte konsultiert und sei bei einem Psychiater
gewesen. Diese Besuche hätten seine Onkel finanziert. Ein Onkel habe
auch geholfen, die Ausreise zu finanzieren. Für die genauen Angaben zu
seinen Erkrankungen verwies er auf zahlreiche Arztberichte.
Bereits anlässlich der Gesuchstellung legte der Beschwerdeführer vier Kli-
nik- und Arztberichte vor (Arztbericht (...), Bericht Spital (...), Bericht Spital
(...) und Bericht Spital (...)). Nachfolgend reichte er zahlreiche weitere Kli-
nik- und Arztberichte sowie Rezepte jüngeren Datums ein, die verschie-
dene stationäre Klinikaufenthalte belegen und im Wesentlichen alle zum
Inhalt haben, dass der Beschwerdeführer an einer Borderline-Persönlich-
keitsstörung leide, Missbrauch und Abhängigkeiten hinsichtlich verschie-
dener Substanzen bestehen (Alkohol, Medikamente und Drogen) und die
in der Schweiz angewandten Behandlungen und Therapien insbesondere
aufgrund der weitgehenden Verweigerung der Zusammenarbeit mit dem
medizinischen Personal und der stark verminderten Absprachefähigkeit
nicht zu einer Besserung der gesundheitlichen Situation geführt haben.
Des Weiteren wird dem Beschwerdeführer attestiert, dass bei ihm eine Su-
izidalität besteht und neben der Selbstgefährdung auch ein Fremdgefähr-
dungspotential vorhanden ist.
C.
Das SEM verneinte mit Verfügung vom 17. November 2021 – eröffnet am
19. November 2021 – die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte dessen Asylgesuch vom 15. Juni 2021 ab und ordnete seine Weg-
weisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 20. Dezember 2021 erhob der
Beschwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde und beantragte, es seien die Ziffern 3, 4 und 5 der vor-
instanzlichen Verfügung aufzuheben, die Unzulässigkeit beziehungsweise
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges festzustellen und ihm eine
vorläufige Aufnahme zu gewähren, eventualiter sei die Sache an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er
die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und die Beiordnung des rubrizier-
ten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
D-5524/2021
Seite 4
E.
Mit Zwischenverfügung vom 31. Dezember 2021 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut und setzte
den rubrizierten Rechtsanwalt als Rechtsbeistand des Beschwerdeführers
ein. Gleichzeitig lud es die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
F.
Die Vorinstanz hat innert Frist keine Vernehmlassung eingereicht.
G.
Am 30. August 2022 informierte das Migrationsamt des Kantons Zürich das
Bundesverwaltungsgericht über ein Urteil des (...) gerichts D._ vom
29. August 2022, mit dem der Beschwerdeführer in Anwendung von Art.
66abis StGB für fünf Jahre des Landes verwiesen wurde. Auf Anfrage des
Bundesverwaltungsgerichts teilte das (...) gericht D._ am 10. Oktober
2022 mit, dass dieses Urteil noch nicht rechtskräftig sei, da gegen das Ur-
teil Berufung angemeldet worden sei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 108
Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Ver-
fahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfü-
gung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren
D-5524/2021
Seite 5
Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der
Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist ein-
zutreten.
2.
Aus den Anträgen in der Beschwerdeschrift (hiervor D.) ergibt sich, dass
die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft und Ablehnung des Asylgesu-
ches nicht angefochten wurden, so dass diese nicht Beschwerdegegen-
stand sind. Die Ziffern 1 und 2 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfü-
gung sind daher mit Ablauf der Beschwerdefrist in Rechtskraft erwachsen.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
4.
4.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
4.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Da die mit Urteil vom 29. August 2022 des
Bezirksgerichts Dietikon angeordnete Landesverweisung bisher nach Ak-
tenlage nicht rechtkräftig geworden ist, wäre die Anordnung einer vorläufi-
gen Aufnahme aktuell noch möglich (vgl. Art. 83 Abs. 9 AIG e contrario).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
D-5524/2021
Seite 6
5.2
5.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
5.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da der
Beschwerdeführer die Verneinung seiner Flüchtlingseigenschaft und Ab-
lehnung des Asylgesuchs nicht angefochten hat und eine asylrechtlich er-
hebliche Gefährdung weder geltend gemacht ist noch anderweitig Indizien
für das Bestehen einer solchen Gefahr bestehen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Anordnung des Vollzugs der Wegweisung
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
5.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Marokko
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
D-5524/2021
Seite 7
erscheinen (vgl. statt vieler: Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-2391/2022 vom 30. Juni 2022 E. 9.3).
5.2.4 Auch eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheit-
lichen Problemen kann einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen, al-
lerdings müssten die belegten gesundheitlichen Probleme des Beschwer-
deführers die von der Rechtsprechung geforderte Schwelle erreichen (vgl.
zu den Anforderungen einerseits BVGE 2011/9 E. 7, mit Hinweisen auf die
damalige Praxis des EGMR, sowie zur neueren Praxis des EGMR das Ur-
teil Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.H. und BVGE 2017 VI/7 E. 6.2). Diese Schwelle
ist nicht erreicht, da ausreichende und konkrete Anhaltspunkte dafür, dass
sich die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers bei einer Rück-
führung nach Marokko erheblich verschlechtern würde, weder geltend ge-
macht sind noch sich anderweitig den Akten entnehmen lassen. Auch die
geltend gemachte Suizidalität spricht nicht gegen die Zulässigkeit des Voll-
zuges der Wegweisung, da eine allfällige Selbstmordgefahr gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung allein kein Vollzugshindernis darstellt
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015
E. 3.2.1) und dies auch der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ent-
spricht (vgl. anstelle vieler: BVGer-Urteil F-693/2018 vom 9. Februar 2018).
Darüber hinaus kann einer allfällig wieder akzentuierten Gefahr, dass der
Beschwerdeführer bei einer Aufenthaltsbeendigung seinem Leben ein
Ende setzen könnte, bei einem zwangsweisen Wegweisungsvollzug mit
geeigneten Massnahmen der Vollzugsbehörden, beispielsweise durch das
Treffen adäquater medizinischer Massnahmen, hinreichend Rechnung ge-
tragen werden.
5.2.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
5.3
5.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
D-5524/2021
Seite 8
5.3.2 In Marokko herrscht weder Krieg, Bürgerkrieg noch eine Situation all-
gemeiner Gewalt, aufgrund derer die Zivilbevölkerung als konkret gefähr-
det bezeichnet werden müsste. Der Wegweisungsvollzug ist daher grund-
sätzlich zumutbar (vgl. statt vieler: BVGer-Urteil D-2305/2021 vom 25. Mai
2021 E. 8.3.1).
5.3.3 Bei medizinischen Problemen kann nach der Rechtsprechung aller-
dings dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs erkannt wer-
den, wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht
zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefähr-
denden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Per-
son führen würde. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende
medizinische Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer men-
schenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt nicht
allein deswegen vor, weil im Heimat- oder Herkunftsstaat keine dem
schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung mög-
lich ist (vgl. etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je m.w.H.).
5.3.4 Die umfassend dokumentierten gesundheitlichen Probleme des Be-
schwerdeführers werden vom Gericht nicht in Abrede gestellt, jedoch sind
diese nach Durchsicht der Akten nicht als derart gravierend zu qualifizie-
ren, dass sie bei einer Rückkehr nach Marokko zu einer raschen und le-
bensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands führen
würden. Ebenso wenig lassen die geltend gemachten psychischen Prob-
leme des Beschwerdeführers auf eine medizinische Notlage schliessen,
die in seinem Heimatland nicht behandelbar wäre. Das SEM verweist in
der angefochtenen Verfügung zu Recht auf die medizinischen Behand-
lungsmöglichkeiten, welche dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in
seine Heimat zur Verfügung stehen. Marokko verfügt generell über ein gut
entwickeltes Gesundheitssystem und es darf davon ausgegangen werden,
dass eine adäquate medizinische (Weiter-)Behandlung der gesundheitli-
chen Probleme des Beschwerdeführers dort möglich ist. Der Beschwerde-
führer lebte in B._ und Marokko verfügt heutzutage insbesondere
in seinen urbanen Zentren – zu welchen gerade auch B._ zählt –
über eine genügende Anzahl medizinischer Einrichtungen, wobei allfällige
Einbussen des Betreuungsstandards im Vergleich mit der Schweiz nicht
zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu führen vermögen. Hin-
sichtlich der in der Beschwerde geltend gemachten psychischen Probleme
des Beschwerdeführers, die nach seinen Angaben auf den als traumatisch
empfundenem Unfalltod seines Vaters im Jahr 2012, den er mitangesehen
D-5524/2021
Seite 9
habe, zurückzuführen sind, ist festzuhalten, dass in Marokko auch psychi-
atrische oder psychologische Therapien verfügbar sind (vgl. BVGer-Urteil
D-4062/2020 vom 10. Februar 2021 E. 7.3.2) und der Zugang zu ambulan-
ten psychologischen und psychiatrischen Behandlungen gewährleistet ist.
Der Verweis in der Rechtsmitteleingabe auf zwei Berichte zur Gesundheits-
versorgung in Marokko aus den Jahren 2015 und 2016 (Beschwerde S. 7)
vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern, zumal sich der Bericht
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH aus dem Jahr 2016 auf Meknes
bezieht und nicht auf B._, den Herkunftsort des Beschwerdefüh-
rers. Zudem wird auch in dem in der Beschwerde zitierten Bericht des SEM
aus dem Jahr 2015 aufgezeigt, dass in den urbanen Zentren eine gut aus-
gebaute medizinische Infrastruktur vorhanden ist (vgl. SEM, Fokus Ma-
rokko: Gesundheitsversorgung, 25.02.2015, S. 32). Bezüglich des Ein-
wands fehlender Mittel zur Finanzierung von medizinischer Behandlungen
ist festzuhalten, dass in Marokko mit den Leistungen der staatlichen Ge-
sundheitsversorgung für Bedürftige (RAMED; Régime d'Assistance Médi-
cale) ein System zur Sicherung der medizinischen Grundversorgung be-
steht, mit dem auch wirtschaftlich bedürftigen Personen der Zugang zum
Gesundheitssystem gewährt wird (vgl. hierzu BVGer-Urteile D-2305/2021
vom 25. Mai 2021 E. 8.3.2, E-1324/2021 vom 16. April 2021 E. 9.3.3 und
D-4062/2020 vom 10. Februar 2021 E. 7.3.2) und dieses System die
Grundbedürfnisse abdeckt (vgl. SEM a.a.O., S. 30). Damit wird nicht in Ab-
rede gestellt, dass spezialisierte medizinische Behandlung in Marokko teil-
weise nur gegen Bezahlung zur Verfügung steht, sondern lediglich klarge-
stellt, dass eine kostenfreie Grundversorgung gegeben ist. Zur Überbrü-
ckung möglicher finanzieller Schwierigkeiten in Zusammenhang mit einer
notwendigen Behandlung ist auf die Möglichkeit der individuellen medizini-
schen Rückkehrhilfe zu verweisen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m.
Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]).
Zwar ist eine auf Dauer ausgerichtete Hilfe ausgeschlossen (Art. 75 Abs. 1
AsylV 2), eine zeitlich limitierte Unterstützung dürfte dem Beschwerdefüh-
rer aber in hinreichendem Masse ermöglichen, jedenfalls die Aufnahme ei-
ner allenfalls benötigten medizinischen Betreuung abzusichern. Hinzu
kommt, dass seinen eigenen Aussagen gemäss seine Familie ihn auch
während der zwischenzeitlichen Rückkehr im Jahr 2019 in dieser Hinsicht
finanziell unterstützt hat und nicht ersichtlich ist, warum diese ausschliess-
lich aufgrund der vorherigen Unterstützung durch den Beschwerdeführer
möglich gewesen sein soll (vgl. Beschwerde S. 8), insbesondere da der
Beschwerdeführer noch weitere Verwandte (inklusive seines Bruders)
auch im europäischen Ausland hat, die in solchen Situationen mit hoher
D-5524/2021
Seite 10
Wahrscheinlichkeit Unterstützung leisten würden. Entgegen der Beschwer-
devorbringen ist daher weder bewiesen noch zumindest glaubhaft ge-
macht, dass der Beschwerdeführer überhaupt Leistungen des RAMED in
Anspruch nehmen müsste, und auch nicht, dass diese eine medikamen-
töse Behandlung und psychiatrische Dienste nicht abdecken würden. Viel-
mehr sprechen die Beschwerdevorbringen dafür, dass es dem Beschwer-
deführer möglich sein wird, eine adäquate Behandlung in Marokko nötigen-
falls mit Unterstützung seiner Familie zu erhalten.
5.3.5 Zur ersten Absicherung des Medikamentenbedarfs bestünde im Rah-
men der medizinischen Rückkehrhilfe insbesondere die Möglichkeit, sich
die geeigneten und medizinisch indizierten Medikamente für die erste Zeit
nach seiner Rückkehr mitgeben zu lassen. Die geltend gemachten gesund-
heitlichen Probleme des Beschwerdeführers stellen demnach kein Weg-
weisungsvollzugshindernis dar. In Bezug auf eine allfällige Suizidalität des
Beschwerdeführers kann auf die vorhergehenden Ausführungen zur Zuläs-
sigkeit des Wegweisungsvollzugs verwiesen werden (vgl. E. 5.2.4 hiervor).
5.3.6 Es bleibt schliesslich festzuhalten, dass es sich beim Beschwerde-
führer um einen (...) jährigen Mann handelt, der in Marokko mit seiner Mut-
ter und seinen Onkeln auf ein tragfähiges Beziehungsnetz und eine gesi-
cherte Wohnsituation zurückgreifen kann. Zudem hat er eine Berufslehre
abgeschlossen und war nach seinen Vorbringen in Europa und in Marokko
immer wieder in der Lage, einer Arbeit nachzugehen und dabei auch Geld
an seine Familie zu schicken. Vor diesem Hintergrund bleibt bloss der Voll-
ständigkeit halber festzuhalten, dass auch allfällige wirtschaftliche Reinteg-
rationsschwierigkeiten dem Vollzug nicht entgegenstehen, da blosse sozi-
ale oder wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevöl-
kerung betroffen ist, für sich gesehen keine existenzbedrohende Situation
zu begründen vermögen (vgl. BVGE 2010/41 E. 8.3.6).
5.3.7 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl allgemein als auch in individueller Hinsicht als zumutbar im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG.
5.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
D-5524/2021
Seite 11
5.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten des Verfahrens
grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG;
Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Aufgrund der am 31. Dezember 2021 erfolgten Gewährung der unentgelt-
lichen Rechtspflege (nach Art. 65 Abs. 1 VwVG) – an welcher mangels Hin-
weisen auf eine zwischenzeitliche Veränderung respektive Verbesserung
der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers festzuhalten bleibt –
ist jedoch von einer Kostenauflage abzusehen.
7.2 Nachdem der rubrizierte Rechtsanwalt dem Beschwerdeführer am
31. Dezember 2021 als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet worden ist,
ist er für seinen Aufwand unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu ent-
schädigen, soweit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8
Abs. 2 VGKE). Da er keine Kostennote zu den Akten gereicht hat, ist sein
Aufwand abzuschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Der Aufwand dürfte sich im
Wesentlichen auf das Aktenstudium und das Verfassen der Beschwerde
beschränkt haben. Aufwand für weitere Eingaben ist nicht entstanden. Da-
her ist das amtliche Honorar aufgrund der Aktenlage, der massgebenden
Bemessungsfaktoren (Art. 12 i.V.m. Art. 9-11 VGKE) und des praxisgemäs-
sen Stundenansatzes für amtliche Rechtsbeistände (von Fr. 200.– bis
Fr. 220.– für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte) auf pauschal
Fr. 1150.– (inkl. Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5524/2021
Seite 12