Decision ID: 6c4c13dd-86af-53e6-a519-be064896d007
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, alle afghanische Staatsangehörige, suchten
am 18. Oktober 2015 gemeinsam in der Schweiz um Asyl nach.
Im Rahmen der Befragungen zur Person (BzP) vom 27. Oktober 2015
(A._ [Beschwerdeführer 1] und E._ [Beschwerdeführer 3])
beziehungsweise 28. Oktober 2015 (B._ [Beschwerdeführerin 2]
und F._ [Beschwerdeführerin 4]) sowie der Anhörungen vom 13.
Oktober 2017 (Beschwerdeführer 3 und Beschwerdeführerin 4) und 20.
Dezember 2017 (Beschwerdeführer 1) beziehungsweise 22. Dezember
2017 (Beschwerdeführerin 2) gaben sie im Wesentlichen an, sie hätten zu-
letzt in der Stadt J._, Provinz K._ gewohnt. Der Beschwer-
deführer 1 sei unter der kommunistischen Regierung von Mohammed Nad-
jbullah bis etwa im Jahr 1992 im Zentralkomitee für eine dessen Führungs-
personen als Fahrer tätig gewesen. Nach der Machtübernahme der Mu-
jaheddin habe die Familie wegen ihrer Nähe zur kommunistischen Partei
anfangs Schwierigkeiten gehabt, an ihren Wohnsitz zurückzukehren. Der
Beschwerdeführer 1 sei in diesem Zusammenhang gar von Bodyguards
des damaligen Kommandanten Khoja Nabi angeschossen worden. Als
Grund für ihre Ausreise gaben die Beschwerdeführenden an, im Jahr 2008
habe die Familie von L._ – Verwandte des (weiterhin) einflussrei-
chen Kommandanten/Generals Khoja Nabi, der in der Regierung eine
hohe Stellung bekleide – beim Beschwerdeführer 1 um die Hand seiner –
damals noch minderjährigen – Tochter M._ angehalten. Da die be-
sagte Familie sehr mächtig sei, habe er sie L._ zur Frau gegeben.
L._ habe zu dieser Zeit in N._ gelebt, weshalb M._
bei dessen Familie in Afghanistan eingezogen sei. Dort sei sie ständig
misshandelt und geschlagen worden. Nach rund einem Jahr hätten die Be-
schwerdeführenden M._ zu L._ nach N._ bringen
sollen. M._ habe dies nicht gewollt, weshalb sie sie nach
O._ geschickt hätten. Infolgedessen habe die Familie von
L._ Druck auf die Beschwerdeführenden ausgeübt, indem sie den
Bruder des Beschwerdeführers 1 festgehalten habe. M._ sei
schliesslich nach Afghanistan zurückgekehrt und habe erneut bei der Fa-
milie von L._ gelebt. Drei Jahre später habe L._ die Tochter
M._ nach N._ geholt. Dort seien sie nach einem Streit ge-
trennt worden. Dass M._ nicht mehr mit L._ habe leben wol-
len, sei einer Ehrverletzung der Familie von L._ und damit auch ei-
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nem Todesurteil von M._ gleichgekommen. Die Beschwerdeführen-
den seien von der Familie von L._ mit Todesdrohungen unter Druck
gesetzt worden, M._ dazu zu bewegen, nach Afghanistan zurück-
zukehren, was sie verweigert hätten. In der Folge hätten sie Anzeige er-
stattet und auch die Ältesten um Rat gefragt, jedoch ohne Erfolg. Eines
Abends seien sie von der Familie von L._ zuhause aufgesucht und
zusammengeschlagen worden. Sie hätten gewusst, dass M._,
kehrte sie nach Afghanistan zurück, umgebracht würde. Noch in derselben
Nacht seien sie geflohen.
Die Beschwerdeführenden reichten unter anderem ihre Taskara und afgha-
nischen Führerscheine der Beschwerdeführer 1 und 3, den Militärausweis
des Beschwerdeführers 1, Verträge betreffend das Familienunternehmen,
die Anzeige bei den Behörden, Dokumente von M._ und die Hei-
ratsurkunde der Beschwerdeführenden 3 und 4 zu den Akten.
B.
Mit separaten Entscheiden vom 20. November 2018 lehnte das SEM die
Asylgesuche der Beschwerdeführenden mangels flüchtlingsrechtlicher Mo-
tive der privaten Verfolgung ab und ordnete deren Wegweisung an, nahm
sie indessen wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs in der
Schweiz vorläufig auf.
C.
Mit Eingaben ihres Rechtsvertreters vom 21. Dezember 2018 erhoben die
Beschwerdeführenden gegen diese Verfügungen Beschwerde. Sie bean-
tragten die Aufhebung der Verfügungen (Ziffern 1 - 3 der Dispositive), die
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. In
prozessualer Hinsicht wurde jeweils um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung samt Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses
sowie um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als unentgeltlicher
Rechtsbeistand ersucht. Zudem sei ihnen nach "Eingang" der Akten der
Tochter M._ Gelegenheit zur Beschwerdeergänzung zu gewähren.
Die Beschwerdeführenden reichten Kopien eines Auszugs aus den (...)
Asylakten der Tochter M._, des Mitteilungsschreibens betreffend
deren Asylentscheid, deren Flüchtlingsreisedokument und einer E-Mailkor-
respondenz des Rechtsvertreters mit den (...) Behörden zu den Akten.
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D.
Am 3. Januar 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerden.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Januar 2019 wurden die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
gutgeheissen und den Beschwerdeführenden Urs Ebnöther, Rechtsanwalt,
Advokatur Kanonengasse, als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Die
Beschwerdeverfahren E-7319/2018 und E-7322/2018 wurden vereinigt.
Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung
innert Frist eingeladen.
F.
Mit Vernehmlassung vom 14. Januar 2019 hielt die Vorinstanz vollumfäng-
lich an ihren Erwägungen fest und bekräftigte, die Beschwerdeschriften
würden keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel enthalten,
welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten.
G.
Am 15. Januar 2019 wurde das Doppel der Vernehmlassung des SEM den
Beschwerdeführenden zur Kenntnisnahme zugestellt.
H.
Mit Verfügung vom 17. Januar 2021 wurden die Beschwerdeführenden auf-
gefordert, entweder ihre Bedürftigkeit mittels aktueller Fürsorgebestätigun-
gen oder ihre (ungenügenden) finanziellen Verhältnisse anhand der For-
mulare „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“ zu belegen.
I.
Am 29. Januar 20021 wurden Unterstützungsbestätigungen betreffend die
Beschwerdeführer 1 und 4 (Familienväter) eingereicht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fra-
gen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Weg-
weisungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Be-
schwerdeführenden wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vor-
läufig aufgenommen hat. Damit sind die beiden anderen Bedingungen für
einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzumutbarkeit und Un-
möglichkeit) wegen ihrer alternativen Natur – ist eine Bedingung erfüllt, ist
der Vollzug der Wegweisung undurchführbar – ebenfalls nicht mehr zu prü-
fen (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
2.2 Gegen eine allfällige spätere Aufhebung der vorläufigen Aufnahme
würde den betroffenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an das
Bundesverwaltungsgericht offenstehen (vgl. Art. 105 AsylG), wobei in je-
nem Verfahren alle Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach Massgabe
der in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse von neuem zu prüfen
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wären (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 1997 Nr. 27 S. 205 ff.).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz kommt in den angefochtenen Verfügungen im Wesent-
lichen zum Schluss, die vorgebrachte Verfolgung – der Familienkonflikt mit
der Familie von L._ wegen der Tochter M._ – knüpfe nicht
in kausaler Weise an eines der fünf in Art. 3 AsylG abschliessend aufge-
zählten Motive an. Zwar sei nicht auszuschliessen, dass der Beschwerde-
führer 1 einer anderen Partei zugehört habe als Khoja Nabi und er im Jahr
1993 von dessen Bodyguards angeschossen worden sei. Khoja Nabi habe
ihm indes später mitgeteilt, er könne in sein Haus zurückkehren, wo er und
seine Familie in der Folge über einige Jahre ein normales Leben geführt
hätten. Zuletzt hätten die Beschwerdeführer 1 und 3 in Afghanistan (...)
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produziert und verkauft; sie würden beide kein besonderes politisches Pro-
fil aufweisen. Erst ab jenem Zeitpunkt, als die Tochter M._ an die
Familie von L._ übergeben, misshandelt und geschlagen worden
sei, habe sich daraus der geltend gemachte Familienkonflikt entwickelt.
Wäre M._ bei L._ in N._ geblieben, hätten die Be-
schwerdeführenden vermutlich normal in ihrem Heimatland weiterleben
können. Trotz möglicherweise unterschiedlicher politischer Anschauungen
stehe vorliegend keines der im Gesetz abschliessend aufgezählten Motive
im Vordergrund. Die vorgebrachte Verfolgung sei demzufolge nicht flücht-
lingsrelevant.
5.2 Auf Beschwerdeebene führen die Beschwerdeführenden aus, der in
der angefochtenen Verfügung ausgeführte Sachverhalt sei insofern zu er-
gänzen, dass die Tochter M._ als Minderjährige in Afghanistan
zwangsverheiratet worden sei. Im Jahr 2010 sei M._ zunächst nach
O._ geflohen und habe dort um Asyl nachgesucht. Rund neun Mo-
nate später – noch bevor ein Entscheid über ihr Gesuch in O._ er-
gangen sei – sei sie nach Afghanistan zurückgekehrt, weil das Leben der
Beschwerdeführenden in Gefahr gewesen sei. Ende 2014 sei M._
mit L._ nach N._ gereist, wo sie sich indes kurz nach ihrer
Ankunft an die Polizei gewandt und sich von L._ getrennt habe.
Ende September 2014 sei M._ in N._ als Flüchtling aner-
kannt worden.
Die Glaubhaftigkeit der Vorbringen werde von der Vorinstanz zu Recht
nicht in Frage gestellt. Indes müsse die erlittene Verfolgung als asylrelevant
qualifiziert werden. M._ habe frauenspezifische Verfolgung erlitten
und sei in N._ als Flüchtling anerkannt worden, was die Zielgerich-
tetheit und Intensität der Verfolgung unterstreiche. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführenden habe bei den (...) Asylbehörden die Zustellung der
Verfahrensakten von M._ beantragt, woraus sich möglicherweise
weitere Erkenntnisse ableiten lassen würden. Die Vorinstanz habe es un-
terlassen, die Frage der Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden zu einer
sozialen Gruppe und die Gefahr der Reflexverfolgung der Familienange-
hörigen zu prüfen. Vorliegend sei indes davon auszugehen. Die Beschwer-
deführer 1 und 3 seien alleine wegen der familiären Beziehung zu
M._ bedroht und tätlich angegriffen worden. Die Beschwerdefüh-
renden hätten Afghanistan letztlich aus denselben Gründen wie
M._ verlassen. Entsprechend sei nicht ersichtlich, weshalb bei
M._ ein flüchtlingsrelevantes Verfolgungsmotiv festgestellt worden
sei, und bei ihnen, die derselben Familie und somit derselben bestimmten
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sozialen Gruppe angehörten, nicht. Sie hätten aufgrund ihrer Familienzu-
gehörigkeit, durch die sie klar von anderen Gruppen unterschieden werden
könnten, Repressalien erlitten. Dass L._ und dessen Familie es auf
die Beschwerdeführenden abgesehen hätten, ergebe sich – neben den ge-
gen den Beschwerdeführer 1 gerichteten Attacken – unter anderem auch
aus den gegen die übrigen Familienmitglieder ausgesprochenen Drohun-
gen. Entsprechend sei vorliegend wegen der familiären Verbindung der Be-
schwerdeführenden zu M._ von einem flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Verfolgungsmotiv auszugehen.
Die Bedrohungslage für die Beschwerdeführenden in Afghanistan habe
sich durch die Anerkennung von M._ als Flüchtling in N._
zusätzlich verschärft, zumal die Forderung von L._ und dessen Fa-
milie, die Beschwerdeführenden sollten dafür sorgen, dass M._ zu
L._ oder nach Afghanistan zurückkehre, nie erfüllt werde. Sollte ein
Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführenden nach Afghanistan in Zu-
kunft als zumutbar erachtet werden, würden ihnen mit an Sicherheit gren-
zender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile an Leib und Leben seitens
L._ und dessen Angehörigen drohen, die ihre bereits ausgespro-
chenen – und mit tätlichen Attacken untermauerten – Drohungen verwirkli-
chen würden. Verschiedene Quelle würden bestätigen, dass in Afghanistan
Vergeltung durch Blutrache auf einem traditionellen Verständnis von Ver-
halten und Ehre beruhe. Insbesondere bei die Familienehre betreffenden
Angelegenheiten sei üblich, die nächsten Familienangehörigen, wie den
Vater oder die Brüder, zu attackieren. Auch eine Scheidung könne Blutra-
che auslösen. Die Beschwerdeführer 1 und 3, als nächste männliche Ver-
wandte von M._, seien Ziel der gegen ihre Familie geführten Blut-
rache. Der Konflikt könne nicht beigelegt werden, da die Beschwerdeführer
1 und 3 nicht selbst der Auslöser für die Blutfehde gewesen, sondern le-
diglich Leitragende seien, und M._ als Frau nicht die Beilegung des
Streits erwirken könne. Ferner hätten die Beschwerdeführenden in Afgha-
nistan keine Familienangehörigen mehr, die ihnen im Streit gegen
L._ und dessen Angehörigen zur Seite stehen würden. Gemäss
Ausführungen der SFH seien es vor allem mächtige Familien, die bei Ehr-
verletzungen Vergeltung üben würden, während weniger mächtige und
arme Familien in der Regel Verhandlungen und eine Versöhnung durch
Älteste oder eine Bestrafung durch die Regierung akzeptieren würden. Bei
der Familie von L._ handle es sich eindeutig um eine einflussreiche,
mächtige Familie, weshalb davon auszugehen sei, dass diese Vergeltung
üben und nicht einer Versöhnung zustimmen würde. Die Beschwerdefüh-
renden seien als Eltern respektive Bruder von M._ direkt von der
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Blutfehde betroffen. Sie hätten damit begründete Furcht vor ernsthaften
Nachteilen, sollten sie nach Afghanistan zurückkehren müssen.
Mit Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sei
festzustellen, dass der afghanische Staat seit längerer Zeit in einem deso-
laten Zustand und in vielen Bereichen nicht fähig sei, seinen Bürgern
Schutz zu bieten. Die Beschwerdeführenden könnten kein funktionieren-
des, innerstaatliches Schutzsystem in Anspruch nehmen, welches sie vor
den drohenden Übergriffen durch die Angehörigen von L._ schüt-
zen könnte. Staatliche Gerichte und die Polizei in Afghanistan würden we-
gen der weit verbreiteten Straflosigkeit und Korruption eine Blutrache nicht
verhindern oder beenden und seien oft auch nicht willens, dies zu tun. Die
Beschwerdeführenden seien finanziell nicht in der Lage, ausreichende Be-
stechungsgelder an die Behörden zu bezahlen.
Da die Beschwerdeführer 1 und 3 bereits stellvertretend für M._ ge-
zielten Repressalien ausgesetzt gewesen seien, lägen genügend Anhalts-
punkte vor, dass den Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Af-
ghanistan solche und schlimmere Repressalien im Sinne einer Reflexver-
folgung aufgrund der flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung von
M._ drohen würden.
6.
6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung ist für die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte
Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche
im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen
der asylsuchenden Person gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungs-
motive drohen oder zugefügt worden sein. Weiter ist massgeblich, ob die
geltend gemachte Gefährdungslage noch aktuell ist (vgl. BVGE 2013/11
E. 5.1). Geht die Verfolgung von nichtstaatlichen Akteuren aus, setzt die
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund der Subsidiarität des
flüchtlingsrechtlichen Schutzes voraus, dass die betroffene Person in ihrem
Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz finden kann
(vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2). Von einem ausreichenden Schutz vor pri-
vater Verfolgung ist auszugehen, wenn der Staat eine funktionierende und
effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung stellt, diese der betroffenen
Person zugänglich ist und es ihr nicht aus individuellen Gründen unzumut-
bar ist, diese in Anspruch zu nehmen (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3 f. m.w.H.).
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6.2 Das Verfolgungsmotiv der "Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe" bezieht sich auf Personen, die ein Kollektiv bilden, das sich durch
ein gemeinsames soziales Merkmal auszeichnet, welches Anknüpfungs-
punkt und Anlass für sachlich nicht gerechtfertigte Verfolgungsmassnah-
men bildet. Vorliegend wurden beziehungsweise werden die Beschwerde-
führenden indes nicht wegen der Zugehörigkeit zu einer zur Verfolgung
ausgesonderten bestimmten Gruppe, das heisst wegen ihres "Anders-
Seins", verfolgt beziehungsweise mit Blutrache von Seiten der Familie von
L._ bedroht, sondern wegen des Familienkonflikts aufgrund des
Verhaltens von M._ (d. h. des "Tuns"). Anlass zu der Verfolgungs-
und Bedrohungssituation hat mithin nicht ihre Eigenschaft als Angehörige
von M._ an sich gegeben. Die erlittene Verfolgung und die geltend
gemachten Drohungen beziehungsweise Attacken knüpfen vielmehr an die
Weigerung von M._ die eingegangene Ehe mit L._ weiter-
zuführen und an den sich daraus entwickelten Familienkonflikt an, mithin
an die in Afghanistan verbreiteten traditionell-konservativen Wertvorstel-
lungen von Heiratsrestriktionen, Zwangsheirat oder Blutrache. Dabei han-
delt es sich aber nicht um Verfolgungsgründe im Sinn von Art. 3 AsylG.
Somit wurde in diesem Zusammenhang das Vorliegen eines flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgungsmotivs von der Vorinstanz zu Recht ver-
neint. Auch die geltend gemachte Reflexverfolgung gründet nicht in flücht-
lingsrechtlich relevanten Motiven. Dass die Beschwerdeführenden seitens
L._ und dessen Familie ernsthafte Nachteile zu befürchten hätten,
weil sie, mit der Anerkennung von M._ als Flüchtling in N._,
der Forderung, M._ habe zu L._ und nach Afghanistan zu-
rückzukehren, nicht mehr nachkommen könnten, beruht vielmehr wiede-
rum auf den erwähnten Wertvorstellungen und ist mithin nicht asylrelevant.
Aus diesem Grund erübrigen sich Ausführungen zum weiteren Vorbringen
in der Beschwerdeschrift, wonach sie keinen heimatlichen Schutz gegen
ihre Verfolger beanspruchen könnten, weil der Staat den erforderlichen
Schutz nicht gewähren wolle. Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass
das SEM der den Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr in den Hei-
matstaat drohenden konkreten Gefahr einer – zwar nicht flüchtlingsrecht-
lich aber menschenrechtlich – durch Art. 3 EMRK verbotenen Strafe oder
Behandlung durch die Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen hat.
6.3 Den Beschwerdeführenden ist es unter Hinweis auf die vorstehenden
Erwägungen insgesamt nicht gelungen, eine im Sinne von Art. 3 AsylG re-
levante Verfolgungsgefahr nachzuweisen. Es erübrigt sich, auf die weite-
ren Ausführungen in den Beschwerdeeingaben im Einzelnen einzugehen,
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weil sie an der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts nichts zu än-
dern vermögen. Das SEM hat die Asylgesuche zu Recht abgelehnt.
Es besteht auch kein Anlass weiterer Beweiserhebungen insbesondere der
mit den Rechtsmitteleingaben in Aussicht gestellten Eingabe weiterer Un-
terlagen des Asylverfahrens von M._ in N._ (vgl. zur soge-
nannten antizipierten Beweiswürdigung BVGE 2008/24 E. 7.2). Folglich ist
auch der Antrag, es sei den Beschwerdeführenden nach Eingang der Akten
von M._ eine Frist zur Beschwerdeergänzung anzusetzen, abzu-
weisen, zumal die Beschwerdeführenden genügend Zeit gehabt hätten,
diese seither einzureichen.
6.4 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.5 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.6 Die Vorinstanz hat in ihren Verfügungen vom 20. November 2018 die
vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz angeord-
net, weshalb sich weitere Ausführungen zum Wegweisungsvollzug – wie
bereits in E. 2.1 erwähnt – erübrigen.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu-
weisen.
8.
Bei diesem Ausgang des (vereinigten) Verfahrens wären die Kosten den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wur-
den die mit den Beschwerden gestellten Gesuche um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischen-
verfügung vom 10. Januar 2019 gutgeheissen. Den Unterstützungsbestä-
tigungen der Gemeinde P._ vom 18. Januar 2021 ist zu entnehmen,
dass die Familienväter (Beschwerdeführer 1 und 3) weiterhin ergänzend
finanziell unterstützt werden. Den Akten ist nicht zu entnehmen, dass die
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übrigen Beschwerdeführenden arbeitstätig wären. Somit sind keine Verfah-
renskosten zu erheben.
Mit derselben Verfügung hat die Instruktionsrichterin Rechtsanwalt Urs
Ebnöther als amtlichen Rechtsbeistand eingesetzt. Infolge Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege ist der eingesetzten Rechtsvertretung ein
amtliches Honorar zu entrichten. Es wurde keine Kostennote eingereicht.
Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund der Aktenlage zu-
verlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer Honorarnote ver-
zichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Be-
tracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren sowie der Entschädigungspraxis
in vergleichbaren Fällen (Art. 9–13 VGKE) ist die Parteientschädigung für
die zwei praktisch identischen zwölfseitigen Beschwerdeschriften auf ins-
gesamt Fr. 1’320.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzuset-
zen und durch die Gerichtskasse zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
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