Decision ID: 4652644a-cd30-4e28-866a-d7732bec7f3a
Year: 2022
Language: de
Court: AG_SVWG
Chamber: AG_SVWG_002
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Gericht entnimmt den Akten:
1.
Mit Verfügung vom 28. Februar 2014 wurden A. und B. für die direkte
Bundessteuer 2009 zu einem steuerbaren Einkommen von
CHF 3'418'443.00 veranlagt. Dabei wurde eine Kapitalauszahlung der Frei-
zügigkeitsstiftung "E." von CHF 3'451'562.00 als übriges Einkommen
erfasst.
2.
Gegen die Verfügung vom 28. Februar 2014 (Versand erfolgte früher) er-
hob der Vertreter von A. und B. mit Schreiben vom 28. Februar 2014
Einsprache und stellte die folgenden Anträge:
"1. Das steuerbare Einkommen für die Veranlagungsperiode 2009 sei für die
Direkte Bundessteuer gemäss Selbstdeklaration mit CHF 0.00 festzuset-
zen.
2. Sofern dem Antrag nicht vollumfänglich entsprochen wird, wird um die An-
setzung einer Einspracheverhandlung ersucht.
3. Das Einspracheverfahren sei zu sistieren, bis über die Rechtsmittel betref-
fend Kantons- und Gemeindesteuern 2009 rechtkräftig entschieden ist."
3.
Mit Entscheid vom 15. November 2018 wies die Steuerkommission Q. die
Einsprache ab, soweit darauf eingetreten werden könne und bestätigte das
steuerbare Einkommen mit CHF 3'418'443.00.
4.
Den Einspracheentscheid vom 15. November 2018 (Versand am 18. De-
zember 2018) haben A. und B. mit rechtzeitiger Beschwerde vom
15. Januar 2019 (Postaufgabe gleichentags) an das Spezialverwaltungs-
gericht, Abteilung Steuern, weiterziehen lassen. Sie stellen die folgenden
Anträge:
"1. Das steuerbare Einkommen sei auf CHF 0 festzusetzen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten des Staates Aargau."
Auf die Begründung wird, soweit für die Entscheidung erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.
- 3 -
5.
Die Abteilung Steuern der Gemeinde Q., das Kantonale Steueramt und die
Eidgenössische Steuerverwaltung beantragen die Abweisung der
Beschwerde.
6.
Der Vertreter von A. und B. hat eine Replik erstattet.
7.
Mit Schreiben vom 6. Mai 2022 hat der Vertreter von A. und B. die
(Beschwerde-)Anträge wie folgt konkretisiert bzw. ergänzt:
"1. Das steuerbare Einkommen sei auf CHF 0 festzusetzen.
2. Eventualiter: Die Kapitalzahlung sei gemäss Art. 37 DBG unter Berück-
sichtigung der übrigen Einkünfte zum Rentensatz zu besteuern.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten des Staates Aargau."
- 4 -

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
Die vorliegende Beschwerde betrifft die direkte Bundessteuer 2009. Mass-
gebend für die Beurteilung ist das Bundesgesetz über die direkte Bundes-
steuer (DBG) vom 14. Dezember 1990.
2.
2.1.
Der Beschwerdeführer liess sich am 7. April 2009 sein Vorsorgekapital von
CHF 3'451'562.00 von der Freizügigkeitsstiftung "E." ausbezahlen. Als
Grund für die Barauszahlung gab er die Aufnahme einer selbständigen
Erwerbstätigkeit an. Mit Urteil vom 9. Dezember 2016 (2C_204/2016)
stellte das Bundesgericht betreffend die Kantons- und Gemeindesteuern
2009 letztinstanzlich fest, dass mangels Aufnahme einer selbständigen Er-
werbstätigkeit kein Barauszahlungsgrund gegeben war, so dass die Kapi-
talauszahlung zusammen mit dem übrigen Einkommen ordentlich zu ver-
steuern sei, sofern sie nicht an die Vorsorgeeinrichtung zurückbezahlt bzw.
wieder ihrem Zweck zugeführt werde.
Der Beschwerdeführer leistete am 29. Dezember 2017, am 20. Juni 2018
und am 19. Juli 2018 Rückerstattungen von insgesamt CHF 3'451'560.66
an die Freizügigkeitsstiftung "E.". Gestützt auf ein Gesuch der Be-
schwerdeführer vom 22. Juli 2018 auf Barauszahlung der Austrittsleistung
infolge Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit zahlte die "E." dem
Beschwerdeführer am 3. August 2018 ein Kapital von CHF 3'412'751.76
aus.
Mit Urteil vom 20. Januar 2022 (2C_664/2021) stellte das Bundesgericht in
der Angelegenheit letztinstanzlich fest, dass das im Jahr 2009 bezogene
Kapital nicht wieder dem Vorsorgezweck zugeführt worden war, weil sich
der Beschwerdeführer nach der Rückerstattung der Freizügigkeitsleistung
erneut zu Unrecht eine Barauszahlung hat ausrichten lassen (für die Bar-
auszahlung im Jahr 2018 lag kein Barauszahlungsgrund gemäss Art. 5
Abs. 1 FZG vor). Daher sei die im Jahr 2009 erhaltene Barauszahlung de-
finitiv in dieser Periode als übriges Einkommen zu erfassen, ohne dass dem
Beschwerdeführer erneut Gelegenheit zur Rückerstattung gegeben wer-
den müsste.
2.2.
Am 23. März 2022 wurde der Vertreter der Beschwerdeführer vom Spezial-
verwaltungsgericht darauf aufmerksam gemacht, dass dieses betreffend
das vorliegende Beschwerdeverfahren (direkte Bundessteuer 2009) in ma-
terieller Hinsicht an das Urteil des Bundesgerichts vom 20. Januar 2022
(2C_664/2021) betreffend Kantons- und Gemeindesteuern 2009 gebunden
- 5 -
sei. Mit Schreiben vom 6. Mai 2022 hielt der Vertreter der Beschwerdefüh-
rer an der Beschwerde betreffend die direkte Bundessteuer 2009 fest. Er
begründet dies einerseits damit, dass sich die formellen Voraussetzungen
zwischen den beiden Verfahren unterscheiden würden ("Die definitive Ver-
anlagungsverfügung für die direkte Bundessteuer auf der Kapitalzahlung
aus Vorsorge vom 7. September 2010 des Kantons Graubünden ist in
Rechtskraft erwachsen und von keinem Gericht aufgehoben worden. [...]
Die örtliche Zuständigkeit des Spezialverwaltungsgerichts Steuern zur Auf-
hebung der Verfügung des Kantons Graubünden ist somit eindeutig nicht
gegeben."). Zudem habe die Vorinstanz das rechtliche Gehör bzw. die Be-
gründungs- und Untersuchungspflicht verletzt. In materiellrechtlicher Hin-
sicht sei die selbständige Erwerbstätigkeit unter Ergänzung des Sachver-
halts erneut zu prüfen und darüber hinaus abzuklären, ob allenfalls ein an-
derer Barauszahlungsgrund, namentlich ein Vorbezug für Wohneigentums-
förderung beansprucht werden könne. Eventualiter sei die Kapitalauszah-
lung gemäss Art. 37 DBG zu besteuern.
3.
3.1.
Die Beschwerdeführer bringen zunächst vor, dass der Kanton Graubünden
auf der Kapitalzahlung aus Vorsorge bereits die direkte Bundessteuer 2009
(Jahressteuer) erhoben habe. Zwar habe das Bundesgericht in seinem Ur-
teil vom 9. Dezember 2016 (2C_204/2016) die Veranlagung des Kantons
Graubünden vom 7. September 2010 betreffend die Kantons- und Gemein-
desteuern 2009 (Jahressteuer) aufgehoben, doch sei die Veranlagung vom
7. September 2010 betreffend die direkte Bundessteuer 2009 (Jahres-
steuer) noch immer rechtskräftig und von keinem Gericht aufgehoben wor-
den. Dazu sei auch das Spezialverwaltungsgericht nicht befugt.
3.2.
Gemäss Art. 105 Abs. 1 DBG erheben die kantonalen Behörden die direkte
Bundessteuer von den natürlichen Personen, die am Ende der Steuerperi-
ode oder der Steuerpflicht ihren steuerrechtlichen Wohnsitz oder, wenn ein
solcher in der Schweiz fehlt, ihren steuerrechtlichen Aufenthalt im Kanton
haben. Begünstigte von Kapitalleistungen nach Artikel 38 DBG werden für
diese Leistungen in dem Kanton besteuert, in dem sie im Zeitpunkt der Fäl-
ligkeit ihren steuerrechtlichen Wohnsitz haben (Art. 105 Abs. 4 DBG).
3.3.
Zur Frage betreffend die Doppelbesteuerung zwischen dem Kanton Grau-
bünden und dem Kanton Aargau erwog das Bundesgericht im von den Be-
schwerdeführern angeführten Urteil vom 9. Dezember 2016 (2C_204/
2016) das Folgende:
- 6 -
"3.5
(...)
Des Weiteren steht fest, dass die Steuerkommission Q. zu Recht von ihrer
Zuständigkeit ausgegangen ist. Die Beschwerdeführer hatten Ende der
Steuerperiode 2009 ihren Wohnsitz unbestrittenermassen in der Gemeinde Q..
Die Steuererhebungs- und -bezugskompetenz für das Steuerjahr 2009 kommt
deshalb der Gemeinde Q. resp. dem Kanton Aargau zu (vgl. Art. 68 Abs. 1 Satz
1 StHG 2000).
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten bezüglich der umstrittenen Wohn-
sitznahme im Kanton Graubünden braucht bei diesem Ergebnis nicht weiter
eingegangen zu werden. Insbesondere kann offenbleiben, wo die Beschwer-
deführer zum 'Zeitpunkt der Fälligkeit' gemäss Art. 68 Abs. 1 Satz 2 StHG 2000
ihren Wohnsitz hatten (vgl. dazu Urteil 2C_245/2009 vom 20. Oktober 2009
E. 3.3 ff. und 4.3, in: ASA 79 S. 399, StE 2010 B 21.2 Nr. 26, StR 65/2010
S. 471, wonach im Falle der Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit bei
gegebenen Barauszahlungsvoraussetzungen auf die Fälligkeit und nicht auf die
tatsächliche Auszahlung abzustellen ist).
3.6. (...) Weiter wird die Steuerkommission Q. die pendenten
Veranlagungsverfügungen vom Februar 2013 aufzuheben haben. Ebenso wer-
den das Gemeindesteueramt S. und die kantonale Steuerverwaltung
Graubünden die Veranlagungen vom 7. September 2010 zu revidieren und die
erhaltenen Steuerbeträge zurückzuerstatten haben.
4.
4.1. Die vorliegende Beschwerde ist demnach insoweit gutzuheissen, als (...)
die Veranlagungen der Kapitalleistung (betreffend die Kantons- und Gemeinde-
steuern) durch den Kanton Graubünden resp. die Gemeinde S. aufzuheben und
die entsprechenden Beträge zurückzuerstatten sind. (...)"
3.4.
Auch wenn das Bundesgericht lediglich die Steuerveranlagungen des Kan-
tons Graubünden bzw. der Gemeinde S. betreffend die Kapitalzahlung im
Jahr 2009 aufgehoben hat, können die Beschwerdeführer im Fall einer
(gegebenenfalls letztinstanzlichen) Abweisung ihrer Beschwerde gegen die
Erfassung der Kapitalleistung im Rahmen der ordentlichen Ein-
kommensbesteuerung durch den Kanton Aargau in jedem Fall (mittels Re-
visionsgesuch oder Doppelbesteuerungsbeschwerde) die Aufhebung der
im Kanton Graubünden vorgenommenen Veranlagung betreffend die di-
rekte Bundessteuer 2009 (Jahressteuer) erwirken (vgl. hierzu analog VGE
vom 27. Januar 2016 in Sachen der Beschwerdeführer [WBE.2015.348],
mit Hinweis auf die Vernehmlassung des Kantonalen Steueramtes vom
10. Februar 2014; ASA 77 S. 497 ff.; StR 2014 S. 76 ff.).
- 7 -
4.
4.1.
4.1.1.
Die Beschwerdeführer machen sodann geltend, die Steuerkommission Q.
habe im Einspracheentscheid vom 15. November 2018 weder das
Vorliegen eines Barauszahlungsgrundes geprüft noch sei sie darauf
eingegangen, dass bereits eine rechtskräftige Veranlagung des Kantons
Graubünden für die direkte Bundessteuer 2009 (Jahressteuer) vorliegen
würde. Die Verletzung der Begründungspflicht und des rechtlichen Gehörs
rechtfertige dementsprechend auch eine Rückweisung an die Vorinstanz.
4.1.2.
Der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV verlangt,
dass eine Behörde die Vorbringen der vom Entscheid in ihrer Rechtsstel-
lung betroffenen Person tatsächlich hört, prüft und in der Entscheidfindung
berücksichtigt. Der Entscheid ist zu begründen, was aber nicht heisst, dass
die Behörde sich mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinanderzu-
setzen und jede einzelne Beanstandung ausdrücklich zu widerlegen hätte.
Vielmehr darf sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte be-
schränken. Begründungspflichtig ist damit einzig das Ergebnis des Ent-
scheids, das im Dispositiv zum Ausdruck kommt und das allein die Rechts-
stellung der betroffenen Person berührt (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom
11. Februar 2021 [2C_117/2021], Erw. 2.1, mit weiteren Hinweisen auf
seine Rechtsprechung).
4.1.3.
Die Steuerkommission Q. hat die Anträge gemäss Einsprache vom
28. Februar 2014 (Festsetzung des Einkommens auf CHF 0.00; Ansetzung
einer Einspracheverhandlung; Sistierung des Einspracheverfahrens bis
über die Rechtsmittel betreffend Kantons- und Gemeindesteuern 2009
rechtskräftig entschieden ist) im Einspracheentscheid vom 15. November
2018 als Begehren aufgeführt und diese, unter anderem gestützt auf das
Urteil des Bundesgerichts vom 9. Dezember 2016 (2C_204/2016),
beurteilt. Damit genügt der Einspracheentscheid den von der
Rechtsprechung gestellten Anforderungen, weil er sich mit den wesent-
lichen Punkten befasst. Dass die Vorinstanz auf die Einrede des Vorliegens
einer bereits rechtskräftigen Veranlagung des Kantons Graubünden für die
direkte Bundessteuer 2009 (Jahressteuer) nicht eingegangen ist, vermag
daran nichts zu ändern.
4.2.
4.2.1.
Die Beschwerdeführer erachten eine Rückweisung auch deshalb für ange-
bracht, weil die Vorinstanz im Rahmen der von ihr angenommenen Steu-
erumgehung nicht geprüft habe, ob der Beschwerdeführer eine ungerecht-
- 8 -
fertigte Steuerersparnis beabsichtigt gehabt hatte und eine solche (im Ver-
gleich zum Verhalten eines Steuerpflichtigen, der die Auszahlung erst im
Alter 65 bezieht) bei Akzeptanz dieses Verhalten auch realisiert worden
wäre.
4.2.2.
Der in Art. 123 Abs. 1 DBG enthaltene Untersuchungsgrundsatz verpflichtet
(und berechtigt) die Veranlagungsbehörde, den massgeblichen Sachver-
halt von Amtes wegen abzuklären und der Steuerveranlagung nur solche
Tatsachen zu Grunde zu legen, von deren Vorhandensein sie sich selber
überzeugt hat (vgl. Zweifel/Hunziker, in: Zweifel/Beusch [Hrsg.], Kommen-
tar zum Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer [DBG], 3. Auflage,
Basel 2017, Art. 123 DBG N 4).
4.2.3.
Die Vorinstanz hatte in analoger Anwendung des Urteils des Bundesge-
richts vom 9. Dezember 2016 betreffend die Kantons- und Gemeindesteu-
ern 2009 lediglich (noch) abzuklären, "ob die Beschwerdeführer die Bar-
auszahlung wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuführen wollen bzw. kön-
nen" (Erw. 3.6 des Urteils). Im Rahmen dieser Prüfung qualifizierte die Vor-
instanz die Rückerstattung der Kapitalzahlung und den erneuten zeitnah
erfolgten Kapitalbezug als missbräuchliches Verhalten bzw. Steuerumge-
hung, weshalb kein Anlass bestand, zusätzliche bzw. die von den Be-
schwerdeführern vorgebrachten Untersuchungen anzustellen (vgl. auch
VGE vom 25. Februar 2016 [WBE.2015.352]). Im Übrigen kann auf die
Erwägungen des Bundesgerichts im Urteil vom 20. Januar 2022 verwiesen
werden (Erw. 3.5), wonach das aargauische Verwaltungsgericht im
Verfahren betreffend die Kantons- und Gemeindesteuern 2009
"Abklärungen zur selbstständigen Erwerbstätigkeit ausführlich und in voller
Kognition im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren nachgeholt"
hat.
4.3.
Zusammenfassend lässt sich keine Verletzung des rechtlichen Gehörs
bzw. der Begründungs- und Untersuchungspflicht ausmachen. Doch selbst
wenn dies der Fall wäre, würden keine derart schwerwiegenden Verletzun-
gen vorliegen, welche im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht geheilt
werden könnten. Einerseits kann das Spezialverwaltungsgericht den ange-
fochtenen Entscheid in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht frei überprü-
fen und bedarf der Sachverhalt keiner weiteren Abklärungen. Andererseits
würde eine Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu
unnötigen Verzögerungen führen, welche mit dem Interesse der Beschwer-
deführer an einer beförderlichen Beurteilung der Angelegenheit nicht zu
vereinbaren wären (vgl. VGE vom 1. Dezember 2008 [WBE.2007.154], mit
Hinweis auf BGE 132 V 387). Daher ist von einer Rückweisung an die
Vorinstanz abzusehen.
- 9 -
5.
5.1.
Die Beschwerdeführer bringen weiter vor, es seien im vorliegenden Verfah-
ren die Barauszahlungsgründe gemäss Art. 5 des Bundesgesetzes über
die Freizügigkeit in der beruflichen Alters‐, Hinterlassenen- und Invaliden-
vorsorge (Freizügigkeitsgesetz, FZG) vom 17. Dezember 1993, namentlich
das Vorliegen einer selbständigen Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers
(Art. 5 Abs. 1 lit. b FZG), unter Berücksichtigung der weiteren Entwicklun-
gen (seit dem Urteil des aargauischen Verwaltungsgerichts vom 30. Juni
2021 und dem Urteil des Bundesgerichts vom 20. Januar 2022) bzw. "auf
der Basis des aktuellen Wissensstandes erneut zu prüfen".
5.2.
Gemäss Art. 5 Abs. 1 lit. b FZG können die Versicherten die Barauszahlung
der Austrittsleistung verlangen, wenn "sie eine selbständige Erwerbstätig-
keit aufnehmen und der obligatorischen beruflichen Vorsorge nicht mehr
unterstehen". Der Anspruch auf Barauszahlung besteht also nur im Zeit-
punkt der Aufnahme der selbständigen Erwerbstätigkeit (vgl. BGE 139 V
367, Erw. 2.2; Urteil des Bundesgerichts vom 4. November 2021 [2C_217/
2021] = StE 2022 B 26.13 Nr. 39, Erw. 4.1; Urteil des Bundesgerichts vom
6. Dezember 2010 [9C_610/2010], Erw. 4.2.2; Zihlmann, in: Hürzeler/
Stauffer [Hrsg.], Basler Kommentar zur beruflichen Vorsorge, BVG, FZG
und weitere einschlägige Bestimmungen, Basel 2021, Art. 5 FZG N 34).
Immerhin lässt es das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) zu, dass
das Gesuch nicht unmittelbar mit der Aufnahme der selbständigen Er-
werbstätigkeit, sondern innert Jahresfrist gestellt werden kann (vgl. BSV,
Mitteilungen über die berufliche Vorsorge Nr. 86, Rz 501).
Sind die gesetzlichen Voraussetzungen, insbesondere die Aufnahme bzw.
das Weiterführen einer selbständigen Erwerbstätigkeit, im Zeitpunkt der
Barauszahlung kumulativ erfüllt, gelangt die privilegierte Besteuerung nach
Art. 38 DBG zur Anwendung (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 4. No-
vember 2021 [2C_217/2021], Erw. 3.7; Urteil des Bundesgerichts vom
9. Dezember 2016 [2C_204/2016], Erw. 3.2). Andernfalls greift gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich die ordentliche Besteu-
erung und die Kapitalauszahlung ist zusammen mit dem übrigen Einkom-
men zu versteuern. Vorbehalten bleibt der Fall, dass eine nicht rechtmässig
bezogene oder zweckentfremdete Barauszahlung an die Vorsorgeeinrich-
tung zurückbezahlt bzw. wieder ihrem Zweck zugeführt wird (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 4. November 2021 [2C_217/2021] = StE 2022 B 26.13
Nr. 39, Erw. 2.3, mit weiteren Hinweisen).
5.3.
Das aargauische Verwaltungsgericht hat im Urteil vom 30. Juni 2021 in Sa-
chen der Beschwerdeführer betreffend die Kantons- und Gemeindesteuern
- 10 -
2009 (bestätigt durch das Urteil des Bundesgerichts vom 20. Januar 2022)
festgehalten, dass der Beschwerdeführer nicht zum erneuten Bezug seiner
Pensionskassengelder am 22. Juli 2018 berechtigt war, weil die von ihm
aufgenommene Tätigkeit nicht als gewerbsmässiger Liegenschaftshandel
zu qualifizieren sei. Dabei wurde die Frage der Aufnahme einer selbständi-
gen Erwerbstätigkeit für zwei Geschäftsjahre (2018 und 2019) geprüft. Ent-
gegen der Auffassung der Beschwerdeführer war die selbständige Er-
werbstätigkeit im Zeitpunkt der erneuten Barauszahlung also nicht von der
Planungs- in die Realisationsphase übergetreten (vgl. Ziffer 6 des Schrei-
bens vom 6. Mai 2022). Daran vermag auch die weitere Entwicklung der
Geschäftsaktivitäten des Beschwerdeführers nichts zu ändern, dies selbst
dann, wenn nach 2019 eine selbständige Erwerbstätigkeit vorgelegen
hätte. Die Kriterien für das Vorliegen bzw. die Aufnahme einer selbständi-
gen Erwerbstätigkeit (Einsatz von Arbeit und Kapital, frei gewählte Organi-
sation, eigenes Risiko, Planmässigkeit, Absicht der Gewinnerzielung, nach
aussen sichtbare Teilnahme am Wirtschaftsverkehr) müssen im Zeitpunkt
der Barauszahlung erfüllt sein (vgl. Erw. 5.2).
5.4.
Das Vorliegen einer selbständigen Erwerbstätigkeit "auf der Basis des ak-
tuellen Wissensstandes" würde also nichts daran ändern, dass im Zeit-
punkt der erneuten Barauszahlung keine selbständige Erwerbstätigkeit auf-
genommen bzw. weitergeführt wurde und damit kein Barauszahlungsgrund
gemäss Art. 5 Abs. 1 lit. b FZG gegeben war.
5.5.
Der Antrag auf Festsetzung des steuerbaren Einkommens auf CHF 0.00 in
der Steuerperiode 2009 ist daher abzuweisen.
6.
6.1.
Darüber hinaus verlangen die Beschwerdeführer, dass, soweit das Bun-
desgericht in seinem Urteil vom 20. Januar 2022 das Vorliegen einer selb-
ständigen Erwerbstätigkeit verneint habe, zu prüfen sei, ob allenfalls ein
anderer Barauszahlungsgrund vorliegen würde. Sie bringen vor, dass nach
Fertigstellen des Bauprojekts "X-Weg" im Jahr 2021 ein Stockwerkei-
gentum für eigene Wohnzwecke genützt wurde, sodass es gemäss Art. 30c
Abs. 2 BVG zulässig sei, die Freizügigkeitsleistung für die Wohnfinanzie-
rung zum eigenen Bedarf zu beanspruchen.
6.2.
Die Beschwerdeführer reichen keinerlei Beweise ein, welche belegen wür-
den, dass sie die Kapitalzahlung vom 3. August 2018 tatsächlich zum Er-
werb bzw. zur Erstellung von Stockwerkeigentum verwendeten, welches
dem eigenen Bedarf diente (vgl. hierzu Merkblatt des Kantonalen Steuer-
amtes betreffend "Wohneigentumsförderung [Säulen 2 und 3a], gültig ab
- 11 -
2001 [inkl. Anhänge]). Einerseits ist nicht klar ersichtlich, um welche Lie-
genschaft es sich dabei handelt. Soweit es sich um die Maisonettewohnung
am X-Weg 22 in Q. handelt, mangelt es sowohl an einem Gesuch für den
Vorbezug von Vorsorgegeldern zur Wohneigentumsförderung bzw. der
entsprechenden Meldung der Vorsorgeeinrichtung als auch an einer im
Grundbuch angemeldeten Veräusserungsbeschränkung als Folge des
Vorbezugs. Andererseits sind die Beschwerdeführer bereits Eigentümer
einer selbst bewohnten Liegenschaft am X-Weg 13 in Q.. Der Vorbezug
von Vorsorgegeldern zur Wohneigentumsförderung ist aber auf ein Objekt
beschränkt und darf nicht für einen Zweitwohnsitz verwendet werden.
Hinzu kommt, dass die Maisonettewohnung am X-Weg 22 offensichtlich
nur vorübergehend zur Selbstnutzung bestimmt war, während die
Liegenschaft am X-Weg 13 "weiterentwickelt" werden sollte. Eine
Adressänderung bzw. ein Umzug vom X-Weg 13 an den X-Weg 22 wurde
denn auch nie gemeldet bzw. vorgenommen.
6.3.
Weil die Kapitalzahlung vom 3. August 2018 weder unter dem Titel der
Wohneigentumsförderung erfolgte noch nachweislich zur Finanzierung von
selbstbewohntem Stockwerkeigentum verwendet wurde, ist der Antrag auf
Festsetzung des steuerbaren Einkommens auf CHF 0.00 in der Steuerpe-
riode 2009 auch aus diesen Gründen abzuweisen.
7.
7.1.
Zu prüfen bleibt der Eventualantrag der Beschwerdeführer, die Kapitalzah-
lung sei gemäss Art. 37 DBG unter Berücksichtigung der übrigen Einkünfte
zum Rentensatz zu besteuern.
7.2.
Gemäss Art. 37 DBG sind Kapitalabfindungen für wiederkehrende Leistun-
gen unter Berücksichtigung der übrigen Einkünfte und der zulässigen Ab-
züge zu dem Steuersatz zu berechnen, der sich ergäbe, wenn anstelle der
einmaligen Leistung eine entsprechende jährliche Leistung ausgerichtet
würde.
7.3.
Kapitalleistungen aus Vorsorge fallen nicht in den Anwendungsbereich von
Art. 37 DBG, sondern unterliegen der separaten Besteuerung nach Art. 38
DBG (vgl. Baumgartner, in: Zweifel/Beusch [Hrsg.], a.a.O., Art. 37 DBG
N 12a).
7.4.
Im vorliegenden Fall bleibt für die Anwendung von Art. 38 DBG kein Raum,
weil die Kapitalzahlung vom 3. August 2018, wie bereits ausgeführt, nicht
rechtmässig verwendet wurde (vgl. Baumgartner, in: Zweifel/Beusch
- 12 -
[Hrsg.], a.a.O., Art. 38 DBG, mit weiteren Hinweisen, insbesondere auf die
Rechtsprechung des Bundesgerichts). Es erübrigt sich daher, auf die Ar-
gumente der Beschwerdeführer einzugehen, welche auf eine Besteuerung
der Kapitalzahlung zum Rentensatz abzielen (vgl. S. 8 ff. des Schreibens
vom 6. Mai 2022).
7.5.
Der Eventualantrag ist folglich abzuweisen.
8.
Die Beschwerde erweist sich somit als unbegründet und ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Verfahrensausgang sind die Verfahrenskosten von den Be-
schwerdeführern zu tragen (Art. 144 Abs. 1 DBG). Es ist keine Parteikos-
tenentschädigung auszurichten (Art. 144 Abs. 4 DBG).
- 13 -