Decision ID: 00ba40bc-99a8-4d76-a989-6252b270f276
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
betreffend einfache Verkehrsregelverletzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur, Einzelgericht
Strafsachen vom 13. November 2014 (GC140039)
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Strafbefehl:
Der Strafbefehl des Stadtrichteramtes Winterthur vom 23. September 2013 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. 2).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der einfachen Verkehrsregelverlet-
zung im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 34 Abs. 3 SVG
und Art. 13 Abs. 5 VRV.
Es ergeht der Hinweis, dass der Gerichtsschreiber hinsichtlich dieser Dispo-
sitivziffer eine abweichende Meinung im Sinne von § 124 GOG vertritt.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Busse von Fr. 200.–.
3 Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft
nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 2 Tagen.
4. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf Fr. 300.–.
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
Wird auf eine Begründung dieses Entscheids verzichtet, ermässigt sich die
Entscheidgebühr auf 2/3.
5. Die Kosten des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldigten aufer-
legt. Über diese Kosten stellt die Bezirksgerichtskasse Rechnung.
6. Die Busse von Fr. 200.– und die Kosten des Stadtrichteramtes Winterthur in
Höhe von Fr. 370.– gemäss Strafbefehl Nr. SVG.2013.3987 vom 23. Sep-
tember 2013 sowie die nachträglichen Untersuchungskosten in Höhe von
Fr. 350.– gemäss Weisung vom 12. August 2014 werden durch das Stadt-
richteramt eingefordert.
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Berufungsanträge:
a) der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 45 S. 2)
1. Das Urteil des Einzelgerichtes in Strafsachen des Bezirks Winterthur vom
13. November 2014 sei aufzuheben und der Beschuldigte und Berufungs-
kläger vom Vorwurf der einfachen Verkehrsregelverletzung im Sinne von
Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 34 Abs. 3 SVG und Art. 13 Abs. 5
VRV freizusprechen.
2. Die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens seien auf die Staatskasse zu
nehmen und es sei dem Beschuldigten und Berufungskläger für das vor-
instanzliche Verfahren eine Entschädigung von Fr. 2'980.80 (inklusive 8 %
Mehrwertsteuer und inklusive Barauslagen) zuzusprechen.
3. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien auf die Staatskasse zu nehmen
und es sei der Beschuldigte und Berufungskläger für das Berufungsverfah-
ren angemessen (zuzüglich MWST) zu entschädigen.
b) des Stadtrichteramtes Winterthur:
(Urk. 41 und Urk. 43 sinngemäss)
Verzicht auf Anschlussberufung.
_

Considerations:
Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Mit Strafbefehl des Stadtrichteramtes Winterthur vom 23. September 2013
wurde der Beschuldigte wegen einer einfachen Verletzung der Verkehrsregeln
(ungenügende Rücksichtnahme auf nachfolgende Fahrzeuge beim Rechtsabbie-
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gen mit vorgängigem Linksausholen) mit einer Busse von Fr. 300.– bestraft
(Urk. 2). Dagegen erhob der Beschuldigte mit Erklärung vom 1. Oktober 2013
Einsprache (Urk. 3 und 4). Nach Durchführung der Einvernahmen mit dem Be-
schuldigten am 19. Februar 2014 (Urk. 6/1) und der Unfallbeteiligten B._ am
12. Februar 2014 (Urk. 6/2) wurde die Sache der Vorinstanz zur Beurteilung
überwiesen (Urk. 9). Die Vorinstanz wies die Akten dem Stadtrichteramt Win-
terthur mit Verfügung vom 13. März 2014 (Urk. 10) zur Ergänzung des Vorverfah-
rens zurück. Nach Durchführung der Konfrontationseinvernahme mit dem Be-
schuldigten und B._ (Urk. 16) wurden die Akten erneut der Vorinstanz über-
wiesen (Urk. 17). Am 13. November 2014 fand die erstinstanzliche Hauptverhand-
lung statt (vgl. Prot. I S. 5 ff.) und das Urteil wurde dem Beschuldigten mündlich
eröffnet sowie im Dispositiv übergeben (Urk. 31). Mit Eingabe vom 14. November
2014 meldete der Beschuldigte rechtzeitig Berufung gegen das erstinstanzliche
Urteil an (Urk. 33). Den begründeten Entscheid nahm er am 14. Januar 2015 ent-
gegen (Urk. 36), und am 2. Februar 2015 reichte er die Berufungserklärung ein
(Urk. 40). Das Stadtrichteramt Winterthur erhob in der ihr angesetzten Frist keine
Anschlussberufung (Urk. 41-43). Mit Beschluss vom 9. März 2015 wurde die
schriftliche Durchführung des Berufungsverfahrens angeordnet (Urk. 43). Die Be-
rufungsbegründung des Beschuldigten erfolgte mit Eingabe vom 30. März 2015
innert Frist (Urk. 44 und 45). Anschliessend wurde dem Stadtrichteramt Win-
terthur mit Präsidialverfügung vom 31. März 2015 Frist zur Einreichung der Beru-
fungsantwort angesetzt sowie der Vorinstanz Gelegenheit zur freigestellten Ver-
nehmlassung eingeräumt (Urk. 47). Das Stadtrichteramt erklärte mit Eingabe vom
7. April 2015 den Verzicht auf eine Berufungsantwort und stellte Antrag auf Ab-
weisung der Berufung (Urk. 50). Die Vorinstanz verzichtete auf eine Vernehmlas-
sung (Urk. 49). Das Berufungsverfahren erweist sich als spruchreif.
2.1. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). Die nicht von der Berufung erfassten Punkte erwachsen in
Rechtskraft (SCHMID, StPO Praxiskommentar, Art. 402 N 1; Art. 437 StPO).
2.2. Der Beschuldigte schränkte seine Berufung nicht ein. Er beantragte in
seiner Berufungserklärung einen vollumfänglichen Freispruch und dementspre-
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chende Kosten- und Entschädigungsregelung für beide Instanzen (Urk. 45). Damit
sind alle Dispositivziffern des vorinstanzlichen Urteils angefochten und keine in
Rechtskraft erwachsen.
II. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Bilden ausschliesslich Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen
Hauptverfahrens, so kann mit der Berufung nur geltend gemacht werden, das Ur-
teil sei rechtsfehlerhaft oder die Feststellung des Sachverhaltes sei offensichtlich
unrichtig oder beruhe auf einer Rechtsverletzung. Neue Behauptungen und Be-
weise können nicht vorgebracht werden (Art. 398 Abs. 4 StPO).
2. Der Beschuldigte anerkennt den durch die Vorinstanz festgestellten
Sachverhalt (Urk. 45 S. 3). Es ist demnach erstellt, dass der Beschuldigte seinem
Sattelschlepper, SG ..., am 27. Mai 2013, ca. 9.30 Uhr, auf der C._-Strasse
lenkte und in die D._-Strasse einbiegen wollte. Aufgrund der Bauweise sei-
nes Gefährts bemerkte er das hinter ihm fahrende Fahrzeug der Unfallbeteiligten
B._ nicht. Der Beschuldigte betätigte frühzeitig den rechten Richtungsanzei-
ger und fuhr anschliessend auf der Einspurstrecke – sich grundsätzlich rechtshal-
tend – mit einer Doppelradbreite auf der linken Abbiegespur der C._-Strasse
weiter, von wo er nach rechts einlenkte, um in einem Zug das Abbiegemanöver in
die D._-Strasse durchzuführen. Infolge des gleichzeitigen Ausscherens des
Aufliegers nach links kam es zur Kollision mit dem Fahrzeug von B._, das
sich in diesem Moment auf der Linksabbiegespur der C._-Strasse neben
dem Auflieger befand (Urk. 38 S. 7 f.).
3.1. Die Vorinstanz würdigte das Verhalten des Beschuldigten als einfache
Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung
mit Art. 34 Abs. 3 SVG und Art. 13 Abs. 5 VRV. Sie wies ferner darauf hin, dass
der Gerichtsschreiber zum Schuldpunkt eine abweichende Meinung im Sinne von
§ 124 GOG zu Protokoll gegeben hat (Urk. 38 S. 8 ff., S. 13).
3.2. Die Vorinstanz begründete ihren Schuldspruch dahingehend, dass für
die nachfolgenden Verkehrsteilnehmer eine unklare Situation bestanden habe. Es
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sei unklar gewesen, ob der Beschuldigte nach links oder – wie durch den Rich-
tungsanzeiger zu vermuten – nach rechts abbiegen wollte, da er beim Abbiege-
manöver mit einer Doppelradbreite die Linksabbiegespur mitbenutzt habe. Den
Beschuldigten habe in dieser Situation eine erhöhte Sorgfalt getroffen (Urk. 38
S. 8 f.). Sie wies zudem auf die höchstrichterliche Rechtsprechung zum sichttoten
Winkel bei Lastenwegen hin, wonach es beim Abbiegen nicht genügt, in den
Spiegel zu blicken, um der Sorgfaltspflicht nachzukommen (Urk. 38 S. 9). Die Vor-
instanz erachtete die Sorgfaltspflicht als verletzt, zumal es dem Beschuldigten
möglich und zumutbar gewesen wäre, den Sattelschlepper im Bereich der Ver-
zweigung anzuhalten. Dadurch hätten allfällige sich hinter dem Beschuldigten be-
findende Verkehrsteilnehmer an ihm vorbeifahren können. Nach Ansicht der Vor-
instanz hätte dadurch die Gefahr, dass sich während des Abbiegemanövers an-
dere Verkehrsteilnehmer im sichttoten Winkel befinden, etwas eingedämmt wer-
den können (Urk. 38 S. 10).
4.1. Die Vorinstanz fasste die höchstrichterliche Rechtsprechung zutreffend
zusammen, sodass auf die diesbezüglichen Ausführungen verwiesen werden
kann (Urk. 38 S. 8 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Entgegen der Ansicht der Vorinstanz
kann dem Beschuldigten nicht vorgeworfen werden, dass er aufgrund des durch-
geführten Manövers beim Einspuren – betätigter Richtungsanzeiger nach rechts
und Mitbenutzung der Linksabbiegespur mit einer Doppelradbreite – eine unklare
Situation für nachfolgende Verkehrsteilnehmer geschaffen hat. Der Beschuldigte
fuhr konstant und langsam auf der rechten Einspurstrecke mit einem nach rechts
betätigten Richtungsanzeiger. Lediglich eine Doppelradbreite benutzte die Links-
abbiegespur, was den besonderen Fahr- bzw. Lenkeigenschaften des Sattel-
schleppers zuzuschreiben ist. Aufgrund des Richtungsanzeigers ging auch die un-
fallbeteiligte B._ davon aus, dass der Beschuldigte nach rechts abbiegen
werde (Urk. 16 S. 5). Da der Beschuldigte lediglich mit einer Doppelradbreite die
linke Abbiegespur benutzte und B._ links neben dem Beschuldigten fahren
konnte, ist auszuschliessen, dass für nachfolgende Fahrzeuglenker leicht der
Eindruck entstehen könnte, der Lenker wolle links abbiegen und könne rechts
überholt werden. Der Beschuldigten schuf durch sein Abbiegemanöver – wie dies
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auch die Verteidigung und der Gerichtsschreiber der Vorinstanz ausführten (Urk.
45 S. 4; Prot. I S. 19) – keine unklare Situation.
4.2. Den Beschuldigten trifft aufgrund des von seinem Gefährt ausgehenden
Gefährdungspotentials eine hohe Sorgfaltspflicht (BGE 127 IV 44 E. 3.c)bb)). Die
vom Bundesgericht bei Sichtverminderung genannten Vorsichtsmassnahmen bei
Lastwagen sind vorliegend aufgrund der Grösse des Sattelschleppers nur be-
schränkt tauglich, um den durch den toten Winkel bedingten Gefahren wirksam zu
begegnen. Wie die Vorinstanz zutreffend einräumte (Urk. 38 S. 10), hätte ein seit-
liches Verschieben des Körpers des Beschuldigten nicht genügt, um ausreichen-
den Einblick in den nicht einsehbaren hinteren Bereich des Aufliegers zu erhalten.
Der von der Vorinstanz erhobene Vorwurf, der Beschuldigte hätte im Bereich der
Verzweigung anhalten müssen, damit die allfällig hinter ihm befindenden Ver-
kehrsteilnehmer an ihm hätten vorbeifahren können, ist unbehelflich. Zutreffend
wiesen der Gerichtsschreiber (Prot. I S. 21) und die Verteidigung (Urk. 45 S. 5)
darauf hin, dass es dem Beschuldigten auch mittels eines Halts nicht möglich ge-
wesen wäre, den sichttoten Bereich seines Sattelschleppers einzusehen. Ent-
scheidet sich nämlich ein sich im sichttoten Winkel des Sattelschleppers befindli-
cher Fahrzeuglenker, nach dem Anhalten des Beschuldigten an diesem vorbeizu-
fahren, stellt sich erneut dieselbe Problematik. Ein Anhalten ist somit vorliegend
nicht geeignet, den durch den sichttoten Winkel bedingten Gefahren wirksam zu
begegnen. Wie bereits der Gerichtsschreiber in seiner Begründung zutreffend
festhielt, hätten einzig technische Hilfsmittel, wie beispielsweise eine Kamera im
Heckbereich des Sattelschleppers, ein volles Ausleuchten des sichttoten Winkels
ermöglicht. Solche zusätzlichen Ausrüstungen sind jedoch zum heutigen Zeit-
punkt nicht vorgeschrieben (BGE 127 IV 41 3.b)).
4.3. Ebenso wenig kann dem Beschuldigten zum Vorwurf gemacht werden,
er hätte ständig den rückwärtigen Verkehr beobachten müssen. Gemäss der bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung richtet sich das Mass der Aufmerksamkeit nach
den gesamten Umständen. Hat ein Fahrzeuglenker sein Augenmerk im Wesentli-
chen auf bestimmte Stellen zu richten, kann ihm für andere eine geringere Auf-
merksamkeit zugebilligt werden (BGE 122 IV 225, E. 2.b); BGE 127 44 E.
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3.c)bb)). Vorliegend musste der Beschuldigte seine Aufmerksamkeit zunächst den
zu erwartenden und für ihn erkennbaren Gefahren zuwenden, nämlich der Vor-
trittsgewährung der Verkehrsteilnehmer auf der D._-Strasse. Der Beschuldig-
te benötigt beim Abbiegen mit dem Sattelschlepper viel Platz (Urk. 6/1 S. 2). Da
er beide Fahrstreifen der D._-Strasse benötigt, um rechts abzubiegen, muss-
te er sowohl den Verkehr von links als auch rechts beobachten und konnte nicht
gleichzeitig den rückwärtigen Verkehr ständig beobachten.
5. Dem Beschuldigten kann aufgrund der obigen Erwägungen keine Sorg-
faltspflichtverletzung vorgeworfen werden. Er hat die ihm zumutbaren Vorsicht-
massregeln, nämlich die angemessene Beobachtung des rückwärtigen Verkehrs,
frühzeitige Betätigung des Richtungsanzeigers und das langsame Ausführen des
Abbiegemanövers, getroffen. Der Beschuldigte ist deshalb vom Vorwurf der Ver-
letzung der Verkehrsregeln freizusprechen.
III. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Ausgangsgemäss sind die Kosten der Untersuchung und der gerichtlichen
Verfahren auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die zweitinstanzliche Gerichtsge-
bühr fällt ausser Ansatz (Art. 426 Abs. 1 und 2 StPO; Art. 428 Abs. 1 StPO).
Für die anwaltliche Verteidigung ist dem Beschuldigten eine Prozessent-
schädigung zuzusprechen. Der in der eingereichten Honorarnote aufgeführte
Aufwand von rund 17.5 Stunden und damit Fr. 4'411.60 (inkl. MwSt.) erscheint als
angemessen (Urk. 30 und Urk. 52). Gemäss § 22 Abs. 1 AnwGebV werden not-
wendige, das heisst effektive Auslagen erstattet. Die geltend gemachte Ausla-
genpauschale von 3 % ist demnach nicht zu entschädigen. Es rechtfertigt sich
daher, dem Beschuldigten eine Prozessentschädigung für das gesamte Verfahren
von Fr. 4'411.60 (inkl. MwSt.) zuzusprechen (Art. 436 StPO in Verbindung mit
Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO).
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