Decision ID: e0aaf149-6722-43a6-b97d-e64b56c7a427
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1969 und Staatsangehöriger des
Z._
,
ist gelernter Kaufmann
.
Bis
Dezember 2000 arbeitete er im
Z._
. A
m
7.
Januar 2001
reiste er
in die Schweiz ein. Hier arbeitete
er
in den Jahren 2007
und 2008
insgesamt sechs Monate, davon je die Hälfte mit einem 100%- und einem 50%-
P
ensum
bei der
A._
AG.
Seit dem
Jahr 2011
ist er
in einem Teilzeitpensum – maxi
mal drei Stunden pro Tag –
als Haushaltshilfe in einem Privathaushalt
tä
tig
(
Urk.
9/5
, 9/17
,
9/19
, 9/20 und 6/1
).
Im Übrigen wurde
X._
nach
der
Ab
weis
ung seiner beiden
Asylgesuche
a
m 2
6.
Juni 2008
vorläufig
mit
Flücht
lingsstatus
in der Schweiz aufgenommen und verfügt
seither
über eine
n
Aus
weis
F des Kantons Zürich (
Urk.
6/2,
Urk.
9/
18 S. 1
und Urk.
9/20
).
Am 1
3.
Dezember 2010 meldete
er sich
z
um Rentenbezug
bei der
Sozialversi
che
rungsanstalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle (nachfolgend: IV-S
telle), an
(
Urk.
9/5).
Diese
holte einen Auszug aus dem individuellen Konto (
Urk.
9/7) so
wie
einen Be
richt
des
Hausarzt
es
von
X._
(
Urk.
9/8)
und des
ihn
behan
deln
den Neurologen (
Urk.
9/12) ein. Schliesslich verneinte
sie
mit Verfü
gung vom
3
0.
März 2011
,
wie mit Vorbescheid vom 1
8.
Februar 2011
angekün
digt
(
Urk.
9/14)
,
einen Rentenanspruch (
Urk.
9/16)
.
Am 1
0.
März 2014
meldete sich
X._
erneut zum Rentenbezug an (
Urk.
9/19).
Ohne weitere Abklärungen stellte die IV-Stelle mit
Vorbescheid vom
1
9.
März 2014
ein
N
ichteintreten
in Aussicht
(
Urk.
9/22).
Dagegen erhob
X._
Einwand (
Urk.
9/24 und 9/28
) und reichte einen neuen Bericht seines Hausarztes ein (
Urk.
9/27).
Die IV-Stell
e holte einen ak
tuellen Auszug aus dem individuellen Konto ein
(
Urk.
9/29)
und trat schliesslich
mit Verfügung vom 23.
Juni 2014 nicht auf das Rentenbegehren ein (
Urk.
9/31).
2.
Gegen den
Nichteintretensentscheid
erhob
X._
, vertreten durch
Dr.
Y._
(Vollmacht,
Urk.
4), am 2
4.
Juli 2014 Beschwerde mit dem Antrag, es sei
i
h
m rückwirkend auf drei Jahre eine halbe Rente zuzusprechen
(
Urk.
1/1). In der Beschwerdeantwort vom
9.
September 2014 schloss die
IV-Stelle
auf Ab
weisung der Beschwerde (
Urk.
8).
Ferner
wurde
X._
mit Verfügung vom 1
7.
September 2014 die unentgeltliche Prozessführung gewährt (
Urk.
10).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
D
ie Rechtskraft von
Verfügungen über Dauerleistungen im Bereich der Sozial
ver
sicherung
ist
grundsätzlich zeitlich unbeschränkt. Sie erfasst die
An
spruchs
voraussetzungen
ebenso wie die Faktoren der Leistungsbemessung, so
weit sie im
Entscheidzeitpunkt
abgeschlossene Sachverhalte betreffen. Es liegt insofern eine abgeurteilte Sache (
res
iudicata
) im Rechtssinne vor. Die betref
fenden
An
spruchsvoraussetzungen
und Leistungsbemessungsfaktoren können daher vorbe
hält
lich einer prozessualen Revision oder Wiedererwägung
des rechtskräftigen Entscheids
nicht
mehr
in Frage gestellt und geprüft werden
(vgl. BGE 136 V 369
E.
3.1.1
).
Eine prozessuale Revision nach
Art.
53
Abs.
1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) bedingt
, dass nach Erlass der Verfügung
erhebliche neue Tatsachen ent
deckt oder Beweismittel
auf
gefunden w
e
rden
, deren Beibringung zuvor nicht möglich war.
Eine
Wiederer
wägung
setzt nach
Art.
53
Abs.
2 ATSG voraus, dass der Entscheid noch nicht
G
egenstand gerichtlicher Beurteilung bildete
. Weiter muss er
zweifel
los unrich
tig
sowie
seine
Berichtigung von erheblicher Bedeu
tung
sein
. Indessen ist festzu
halten, dass das
Zurückkom
men auf
einen
formell rechtskräftige
n
Entscheid
beim Fehl
en eigentlicher Revisionsgründe nach
Geset
zeswortlaut
und ständiger Rechtsprechung
in das Ermessen des Versicherungs
trägers gelegt
ist, d.h. es be
steht
kein gerichtlich durchsetzbarer Anspruch auf Wiedererwägung
(vgl. BGE 133 V 50 E. 4.1)
.
1.
2
Soweit
es um negative Entscheid
e
geht, mit welchen
der Anspruch auf eine Dau
erleistung verneint wurde,
muss
für
die Umschreibung der Rechtskraft und
d
ie
damit verbundene
Rechtsbeständigkeit auf die Begründungs
elemente zu
rück
gegriffen werden
. Betreffen diese, wie etwa die
versicherungsmässi
gen
Voraus
setz
ungen, einen zeitlich abgeschlossenen, späteren Änderungen der
Tatsachen
lage
nicht zugänglichen Sachverhalt, ist eine Überprüfung zufolge Rechtskraft ausgeschlossen, die Anspruchsberechtigung als solche
mithin end
gültig dahin
ge
fallen.
Vorbehalten bleibt eine Änderung der den
leistungsableh
nenden
Ent
scheid tragenden rechtlichen Grundlagen oder wenn ein neuer Ver
sicherungsfall im Sinne der Erhöhung des Invaliditätsgrades aufgrund einer von der ursprüng
lichen gesundheitlichen Beeinträchtigung völlig verschiedenen
Gesundheitsstö
rung
vorliegt (BGE 136 V 369 E. 3.1.2)
.
1.3
Wurde eine Rente
hingegen
lediglich
wegen
eines
(noch)
zu geringen
Invalidi
tätsgrades
verweigert, so wird nach
Art.
87
Abs.
3
der Verordnung über die In
validenversicherung (IVV)
eine neue Anmeldung geprüft,
sobald
die Vorausset
zungen gemäss
Abs.
2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im
Revisions
gesuch
– mit anderen Worten also durch die versicherte Person –
glaubhaft zu
machen, dass sich ihr Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erhebli
che
n Weise geändert hat
(BGE 117 V 198 E. 3a,
BGE 130 V 64 E.5.2.5,
v
gl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
machte sinngemäss geltend, d
ass eine erneute
Renten
prüfung
nur möglich sei, wenn der Beschwerdeführer
im Sinne von Art. 87
Abs.
2
IVV
glaubhaft mache, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse
seit der Verfügung vom 3
0.
März 2011
in anspruchserheblicher Weise verändert hätten. Dies sei ihm nicht gelungen.
Er
sei bereits vor der Einreise gesundheitlich ein
ge
schränkt gewesen und seither sei keine Verschlechterung
seines
G
esundheits
zu
standes eingetreten.
Darüber hinaus
sei
die Verfügung vom 3
0.
März 2011
rechts
kräftig
und
nicht offensichtlich unrichtig
(
Urk.
2 und
8).
2.2
Der Beschwerdeführer
hielt dem entgegen
, seit dem Jahr 1986 unter den
Kriegs
v
erletzungen zu leiden und
seit dem Jahr 2011
entsprechend seiner Arbeitsfä
higkeit einer leidensangepassten
Teilzeiterwerbstätigkeit
nachzugehen. Er lebe seit über 13 Jahren im Kanton Zürich, zahle seit dem Jahr 2011 Beiträge an die
hiesige Sozialversicherungsanstalt un
d
habe n
ach
Art.
24
Abs.
1
lit
. b des Ab
kommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention)
seit dem Jahr 2011 Anspruch auf eine halbe Rente
. Die summarische Begründung der Beschwerdegegnerin ohne Nennung der gesetzlichen Grundlagen verletze zudem seinen Anspruch auf rechtliches Gehör (
Urk.
1/1).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin hatte das ursprüngliche Rentenbegehren mit Verfü
gung
vom 3
0.
März 2011
einzig unter Hinweis a
uf
die versicherungsmässigen Voraus
setzungen
abgewiesen
.
So hatte sie damals begründet
, weder der Be
sc
hwerde
führer noch seine Ehefrau hätten
während mindestens drei Jahren
Beiträge entrichtet
, wobei der Beschwerdeführer
bereits mit dem
Gesundheits
schaden
in die Schweiz eingereist sei
(
Urk.
9/16).
Diese Verf
ügung erwuchs in formelle Rechtskraft.
Damit
gelten
der
rentenspezifische
Invaliditätseintritt
und
die
anzurechnenden Beitragsjahre
in Bezug auf den durch die Kriegsverletzun
gen verursachten
invalidisierenden
Gesundheitsschaden
als abgeurteilt
(vgl. E. 1.2)
.
3.2
Vor diesem Hintergrund
ist auf die
Neuanmeldung
vom 1
0.
März 2014
nur
ein
zutreten
, wenn sich in der Zwischenzeit
(1)
die rechtlichen Grundlagen betref
fend
die versicherungsmässige
n
Voraussetzungen geändert
haben
oder
(2)
bei Vorlie
gen eines neuen
Versicherungsfalls (vgl. E. 1.2
).
3.3
3.3
.
1
Hinsichtlich der rechtlichen Grundlagen ist
auf
die vom Beschwerdeführer
an
gerufene
Flüchtlingskonvention hinzuweisen
.
Laut
Art.
24
Ziff.
1
lit
.
b
/ii
dieses Abkommens
gewähren die
vertragsschliessen
den
Staaten den rechtmässig auf ihrem Gebiet sich aufhaltenden Flüchtlingen die gleiche Behandlung wie Einheimischen mit Bezug auf die soziale Sicherheit
wie etwa Invalidität
, vorbehältlich der besonderen durch die
Landesgesetzge
bung
des Aufenthaltslandes vorgeschriebenen Bestimmungen, die Leistungen oder Teil
leistungen ausschliesslich aus öffentlichen Mitteln vorsehen, sowie Zuwendung
en an Personen, die die Bedingungen für die Auszahlung einer nor
malen Rente nicht erfüllen. Gemäss der Rechtsprechung handelt es sich dabei um eine Be
stimmung, welche
self-executing
und damit innerstaatlich unmittel
bar anwend
bar ist, und auf welche sich Leistungsansprechende ab dem Datum der Aner
kennung als Flüchtling (vgl. BGE 115 V 4), aber nicht rückwirkend, berufen können (BGE 136 V 33 E. 3.2.1, 135 V 94 E. 4).
Mit Blick auf die Flüchtlingskonvention hat der Gesetzgeber den
Bundesbe
schlus
s
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und Staatenlosen in der Alters-, Hinter
lassenen- und Invalidenversicherung erlassen (
FlüB
).
Art.
1
FlüB
, in der seit
1.
Jan
uar
1997 in Kraft stehenden Fassung, sieht vor, dass Flüchtlinge und
Staatenlose mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz unter den
gleichen Voraussetzungen wie Schweizer Bürger Anspruch auf eine ordent
liche Rente der Alters- und Hinterlassenen- sowie der Invalidenversicherung haben. Gleiches gilt für ausserordentliche Renten, wenn sich die Flüchtlinge unmittelbar vor dem Zeitpunkt, von welchem an die Rente verlangt wird, un
unterbrochen fünf Jahre in der Schweiz aufgehalten haben (
Art.
1
Abs.
2
FlüB
).
3.3.2
Nach der
zum Zeitpunkt der Verfügung vom 3
0.
März 2011
geltenden Recht
sprechung
(BGE 121 V 251, 115 V 4) war die Anwendung von
Art.
1 und 2
FlüB
auf diejenigen Flüchtlinge beschränkt, die in der Schweiz Asyl erhalten haben; abgewiesene Flüchtlinge sollten nicht besser gestellt sein als Ausländer aus Staaten, mit welchen die Schweiz kein Sozialversicherungsabkommen ab
ge
schlossen hat (BGE 115 V 8 E. 2a). Massgebend war im Bereich der Sozial
ver
sicherung daher allein der von der Asylgewährung abhängige
Flüchtlingsbe
griff
(BGE 121 V 254 E. 2a).
Mit Urteil 9C_963/2011 vom
6.
Dezember 2012, publiziert in BGE 139 II 1, hat das Bundesgericht
in der Zwischenzeit
entschieden, dass sic
h unter der Herr
schaft von Art.
59 des Asylgesetzes (
AsylG
) auch ein vorläufig aufgenommener Flüchtling
auf
Art.
2
Abs.
2
FlüB
berufen kann. Die Bestimmungen des
FlüB
sind aber je
denfalls erst ab dem Zeitpunkt anwendbar, da die Person als Flücht
ling aner
kannt worden ist (Flüchtlingsstatus; Bewilligung F mit Hinweis «Flücht
ling»). Der Entscheid gilt nicht rückwirkend (vgl. auch Mitteilung des Bundes
amtes für Sozialversicherungen [BSV] an die AHV-Ausgleichskassen und
EL-Durchfüh
rungsstellen
Nr. 327 vom 2
8.
März 2013).
3.3.3
Dies hat
zur Folge, dass sich die
vom Beschwerdeführer zu erfüllenden
versiche
rungsmässigen
Voraussetzungen
im Zeitpunkt der rentenablehnenden Verfü
gung
vom 3
0.
März 2011 nach
Art. 6
Abs.
2
des Bundesgesetz
es
über die Inva
liden
ver
sicherung (IVG)
richteten. Nach dieser Bestimmung sind ausländische Staats
angehörige anspruchsberechtigt, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhn
lichen Aufenthalt in der Schweiz haben und wenn sie bei Eintritt der Invalidität wäh
rend mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununter
brochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben.
Würde der Rentenanspruch des Beschwerdeführers
demgegenüber
heute geprüft,
so
wären
d
ie
Flüchtlingskonvention und
der
FlüB
anwendbar
, so dass er
für eine
ordentliche Rente
im Vergleich zu Schweizer Bürgern keine zusätzlichen Voraus
setzungen zu erfüllen hätte
und für eine ausserordentliche Rente eine kürzere Aufenthaltsdauer vorausgesetzt würde.
Hierbei
handelt es sich
n
icht um eine Gesetzesänderung, sondern eine
Entwick
lung
der Rechtsprechung
, die
eine vorb
estehende Rechtsgrundlage
neu für an
wend
bar
erklärt
.
Eine geänderte Gerichts- oder Verwaltungspraxis kann nur aus
nahmsweise zur Abänderung einer rechtskräftigen Verfügung
(
mit Wirkung für die Zukunft
)
führen. Dies ist der Fall, wenn die neue Praxis in einem solche
n
Mass allgemeine Verbreitung erfährt, dass ihre Nichtbefolgung als Verstoss ge
gen
das Gleichheitsgebot erschiene, insbesondere wenn die alte Praxis nur in Bezug auf eine einzige versicherte Person oder eine geringe Zahl von Versi
cherten beibehalten würde. Ein solches Vorgehen drängt sich
vor allem
dann auf, wenn das Festhalten an der ursprünglichen Verfügung aus Sicht der neuen
Rechts
praxis
schlec
hterdings nicht mehr vertretbar
ist
.
Während das Bundesge
richt zu
Ungunsten der Betroffenen
kaum je
bzw. nur
in
Ausnahmesituation
en
ein
e
An
passung vor
nahm
, liess
es eine solche
zu Gunsten d
er Betroffenen
teil
weise auch
unter weniger strengen Voraussetzungen zu
(vgl. BGE 135 V 201 E.
6
)
.
Ob
vor
liegend
eine
Anpassung der Verfügung vom 30.
März 2011
auf
grund des neuen Anwendungsbereichs der Flüchtlingskonvention zulässig wäre, kann letzt
lich offen bleiben.
3.3.
4
Fest steht, dass
es nicht die versicherungsmässigen Voraussetzungen
für
auslän
dische
Staatsangehörig
e
waren
, welche die Beschwerdegegnerin bewogen,
d
en
An
spruch des Beschwerdeführers auf eine ordentliche Rente
zu verneinen.
Viel
mehr
argumentierte
sie implizit
gestützt auf die
allgemein (
für schweizeri
sche und ausländische Versicherte
)
geltenden Bestimmungen
de
s IVG
.
Anspruch auf eine ordentliche Rente haben nach
Art.
36
Abs.
1 IVG
,
in der seit
1.
Januar 2008 unverändert geltenden Fassung
,
nur
versicherte Personen
, die bei
Eintritt der Invalidität während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet haben. Gemäss Rechtsprechung (BGE 125 V 253) gelten als Beitragsjahre ge
stützt auf
Art.
29
ter
Abs.
2 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlas
senen
ver
sicherung
(AHVG) Zeiten, in welchen
die Person selbst
Beiträge
leistete
, der Ehegatte mindestens den doppelten Mindestbeitrag entrichtet
e
o
der für die Erziehungs- oder Betreuungsgutschriften
anzurechnen sind
.
Alsdann gilt die In
va
lidität g
emäss
Art.
4
Abs.
2
IVG
als eingetreten, sobald sie die für die Be
gründung des Anspruchs
auf die jeweilige Leistung erforderliche
Art und Schwere
erreicht hat.
Im Falle einer Rente entsteht der Anspruch nach
Art.
28 IVG, wenn die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen
Un
terbruch
mindestens 40
%
arbeitsunfähig war und nach Ablauf dieses Jahres weiterhin mindestens 40
%
invalid ist.
Indem die Beschwerdegegnerin
somit
auf den bereits bei der Einreise bestehen
den
Gesundheitsschaden und die fehlende
n
Beitrags
jahre
verwies, lagen ihre
r Ver
fügung vom 3
0.
März 2011
nur die vorstehenden
IVG- und AHVG-
Bestim
mung
en zugrunde. Diesbezüglich ist die Rechtslag
e
unverändert
, weshalb eine erneute Prüfung dieser abgeschlossenen Sachverhalte ausser Betracht fällt. E
ine
Wieder
erwägung
liegt zudem
allein im Ermessen der Beschwerdegegnerin
und
neue Tatsachen oder Beweismittel im Hinblick auf
eine
prozessuale Revision
stehen
nicht
zur Diskussion
(vgl. E. 1.1).
Insbesondere machte der Beschwerde
führer selbst
nicht
geltend, dass ihm
Beitrags
jahre
vor
2011
anzurechnen
sind
oder seine Arbeitsfähigkeit bei der Einreise noch mehr als 60
%
betrug
(
Urk.
1
/1
)
.
3.3.5
Zu ergänzen ist, dass Flüchtlinge auch für den Bezug einer ausserordentlichen Rente neben den Voraussetzungen nach
Art.
1
Abs.
2
FlüB
die allgemein für alle Versicherten geltenden Bestimmungen erfüllen müssen.
Nach
Art.
39
Abs.
1 IVG richtet sich der Anspruch von Schweizer Bürgern auf ausserordentliche Renten nach den Bestimmungen des AHVG. Er setzt unter an
de
rem voraus, dass der Rentenansprecher während der gleichen Zahl von Jah
ren
versichert war wie sein Jahrgang (
Art.
42
Abs.
1 AHVG). Diese Vorausset
zung ist erfüllt, wenn eine Person vom
1.
Januar nach Vollendung des 2
0.
Alters
jahres bis zum Eintritt des Versicherungsfalls lückenlos obligatorisch oder frei
willig versichert war (vgl.
Rz
7003 der vom Bundesamt für Sozialversi
cherung herausgegebenen Wegleitung über die Renten [RWL]). Ausserordentli
che Inva
lidenrenten erhalten somit in der Schweiz wohnende Personen, die von Geburt
an invalid sind oder vor der Vollendung des 2
1.
Altersjahres in
renten
begrün
den
dem
Ausmass invalid geworden sind, aber keinen Anspruch auf eine ordentliche
Rente erworben haben (
Rz
. 7006 RWL). Wurden diese Personen im Ausland inva
lid, kann nur dann Anspruch auf eine ausserordentliche IV-Rente entstehen, wenn die Einreise in die Schweiz vor Vollendung des 2
0.
Altersjahrs erfolgte (
Rz
7007 RWL).
Der Beschwerdeführer war bei der Einreise bereits 31 Jahre alt, weshalb er die Voraussetzungen für eine ausserordentliche Rente von vor
n
herein nicht erfüllt.
3.4
3.4
.1
Wie bereits erwähnt
ist
ferner auf die Neuanmeldung einzutreten, wenn sie ei
nen
ne
uen Versicherungsfall beschlägt
.
Ein
solcher
liegt vor, wenn zur ursprünglichen
gesundheitlichen
Beeinträchti
gung
eine
davon
völlig verschiedene Gesundheitsstörung hinzutritt
, die zu einer Er
höhung des Invaliditätsgrades
und
damit
einer höheren Rente
führt
.
Ist
der
Über
gang auf eine höhere Rente
hingegen
die F
olge einer Verschlimmerung des
bereits bei der Einreise in die Schweiz
invalidisierenden
Gesundheitsschadens, ist das Vorliegen eines neuen V
ersicherungsfalls zu verneinen.
Dass der
teilinvalide
Beschwerdeführer
inzwischen Teilzeit
gearbeitet
und Beiträge an
die Invaliden
versicherung geleistet hat,
vermag daran nichts zu ändern
(vgl.
a
usführliche Diskussion in: U
rteil des Bundesgerichts I
76/
05 vom 3
0.
Mai
2006)
.
3.4.2
D
er Beschwerdeführer
gab
sowohl
in
der
Erstanmeldung
als auch der Neuan
meldung bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung
unter „
Art der gesund
heitlichen Beeinträchtigung
“
an
, es handle sich um seit
über
20 Jahren
bzw. seit
dem Jahr
1986
bestehende Kriegsverletzungen
(
Urk.
9/5 S.
7,
Urk.
9/19 S.
7)
.
Nichts anderes ergibt sich aus der Beschwerdeschrift, in welcher unter dem Titel „Sachverhalt“ festgehalten wurde, der Beschwerdeführer sei Kriegsveteran und leide seit
dem Jahr
1986 unter den entsprechenden Verletzungen, sei aber zu 50
%
arbeitsfähig und gehe seit 2011 einer entsprechenden leidensangepassten Tätigkeit nach (
Urk.
1/1 S. 1).
3.4.3
Den
erste
n
Berichten
des Hausarztes des Beschwerdeführers,
Dr.
med.
B._
,
Facharzt für Allgemein
e
Medizin,
vom 2
1.
Dezember 2010 (
Urk.
9/8 S. 1-4) und 1
3.
Oktober 2009 (
Urk.
9/8 S.
6)
lässt sich
alsdann
entnehmen, dass der Be
schwerdeführer im Krieg Verletzungen an den Händen sowie eine Schädel-Hirn-
Verletzung erlitt und als Folge davon an einer posttraumatischen Epilepsie lei
det. Aus medizinischer Sicht bestünden
jedoch
keine Einschränkungen der kör
perlichen oder seelischen Gesundheit, die es ihm verbieten würden, eine 100%-Arbeitstätigkeit auszuüben.
Als Vorsichtsmassnahme
nicht zu empfehlen, s
ei
en
das
Ausüben
gefährliche
r
Arbeiten, z.B. auf Gerüsten
,
und Nach
t
arbeit
.
In sei
nem aktuellen Bericht, datiert vom 2
0.
April 2014 (
Urk.
9/27), hielt
Dr.
B._
fest, dass sich in den letzten drei Jahren keine erhebliche Verschlechterung er
geben und der Beschwerdeführer keinen epileptischen Anfall mehr erlitten habe. Rein theoretisch seien der Beschwerdeführer und er der Meinung, ersterer sei maximal
zu
50
%
arbeitsfähig.
3.4.4
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Neurologie,
stellte
in seinem Bericht vom 2
8.
April 2009 fest, die Elektroenzephalografie vom 2
1.
April 2009 sei normal und ohne Epilepsiepotential
. Die Taxifahrerprüfung sei nach den geltenden Bestimmungen aus
epileptologischer
Sicht nicht möglich
(
Urk.
9/8 S. 5). N
ach der Konsultation vom
7.
Februar 2011
berichtete er
ausführlicher
,
d
er Beschwerdeführer
bedürfe
aufgrund eines Schädelhirntraumas (es bestehe noch eine grössere
Knochen
lücke
) mit
Hirnparenchymverletzung
einer dauernden antiepileptischen Abschir
mung. Organneurologisch habe
dieser
keine Ausfälle. Der letzte Ausnahmezu
stand
(wahrscheinlich ein
psychomotorischer Anfall) sei am 1
5.
Mai 2005 auf
getreten. Manchmal bestünden begleitende depressive Zustände. Auf die gut ein
gestellte fokale Epilepsie müsse bei allen Berufen Rücksicht genommen werden. Der Beschwerdeführer sei an einem angemessenen Arbeitsplatz zumin
dest halbtags, d.h. ab sofort 50
%
und steigernd arbeitsfähig. Im Übrigen habe er ihm nie ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis ausgestellt (
Urk.
9/12).
Ein aktueller Be
richt von
Dr.
C._
liegt nicht vor.
3.4.
5
Damit ergeben sich weder aus den
Vorbri
ngen des Beschwerdeführers noch
aus den
wenigen medizinischen Unterlagen
irgendwelche
Anhaltspunkt
e
für
eine
seit dem März 2011 neu hinzugetretene gesundheitliche Beeinträchtigung oder auch nur eine Verschlechterung des bisherigen Gesundheitszustandes
.
V
ielmehr bestätig
en
alle
Berichte einen seit Jahren unveränderten Gesundheits
zustand
. Dies trifft auch auf die Berichte des Hausarztes zu, welche insofern in
konsistent und nicht nachvollziehbar sind, als
sich
die Arbeitsfähigkeit zwi
schen den Be
richtsperioden dennoch
um 50
%
reduziert
haben soll.
Aufgrund der medizini
schen Unterlagen und
der
Art der Verletzungen
(Hand- und Kopf
verletzungen)
ist
somit
überwiegend wahrscheinlich, dass
– falls überhaupt
– sofort und nicht erst mehr als fünfzehn Jahre später
Auswirkungen auf die Ar
beitsfähigkeit
fest
zustellen
waren.
Eher zweifelhaft ist demgegenüber
,
dass
d
iesem
Gesundheitsschaden
tatsächlich
invalidisierende Wirkung zukommt.
So ist nichts über das Arbeitspensum im
Z._
bekannt (
Urk.
9/5 S.
3,
Urk.
9/19 S.
3)
und in der Schweiz arbeitete de
r Be
schwerdeführer zunächst 100
% (
Urk.
9/5 S.
3). Darüber hinaus attestierten ihm selbst die in einem Vertrauensverhältnis stehenden behandelnden Ärzte eine Arbeitsfähigkeit von 50 bis 100
%
und nannten als
konkrete
Einschrän
kungen nur gefährliche Arbeiten, Nachtarbeit und die Taxifahrerprüfung (vgl. E.
3.4.4).
Dadurch wäre der Beschwerdeführer in der von ihm bezeichneten ange
stam
mte
n Tätigkeit als Kaufmann (
Urk.
9/5 S.
5) kaum eingeschränkt. Die an
getönte de
pressive Symptomatik (vgl.
E.
3.4.3) wird von den Ärzten und dem Beschwerde
führer sodann
offenbar
nicht als gravierend empfunden, da eine Be
handlung derselben kein Thema
scheint
.
Im Resultat
spielt es allerdings keine Rolle, ob die Invalidität als vor der Einreise oder noch gar nicht eingetreten g
ilt. In beiden Fällen ist
ein Rentenanspruch
derzeit
zu verneinen.
3.5
Zusammenfassend ist
daher
f
estzuhalten, dass w
eder eine relevante Änderung der rechtlichen Grundlagen noch
ein neuer Versicherungsfall
vorliegt und auch keine
Erhöhung
des Invaliditätsgrades seit der ersten ablehnenden
Rentenverfü
gung
vom 3
0.
März 2011
gegeben ist. Entsprechendes wurde vom Beschwerde
führer auch nicht behauptet.
Bei
seinem
Gesuch vom 1
0.
März 2014 (
Urk.
9/19) handelt es sich
daher
inhaltlich nicht um eine Neuanmeldung im Sinne von
Art.
87 IVV, sondern um ein Wiedererwägungsgesuch. Diesbezüglich hat die Beschwerdegegnerin bereits ausgeführt, dass die Verfügung vom 30. März 2011 ihres Erachtens nicht zweifellos unrichtig sei (
Urk.
8). Ein
gerichtlich
durchsetz
barer Anspruch auf Wiedererwägung besteht
ohnehin
nicht.
3.6
Unbehelflich
ist im Übrigen der Hinweis des Beschwerdeführers auf die
Rechts
gleichheit
,
bei welchem
er sich auf einen – pendenten und im Detail nicht be
kannten – Fall der Behörden in Vevey bezieht (
Urk.
9/28). Abgesehen davon, dass in jenem Fall beispielsweise die Ehefrau des Rentenansprechers die erfor
der
lichen Beiträge für ihn geleistet haben könnte, ist letztlich das Gesetz mass
gebend. Nach dem klaren Wortlaut von
Art.
36 IVG besteht kein Ermessen in Bezug auf die Frage, ob eine
Mindestbeitragsdauer
verlangt wird oder nicht. Andernfalls käme es zu einer stossenden Ungleichheit zwischen Schweizer Bürgern und ausländischen Staatsangehörigen.
Wie bereits dargelegt, hat der Be
schwerdeführer alsdann selbst nie behauptet, vor Eintritt der Invalidität Bei
träge an die Invalidenversicherung geleistet zu haben.
4.
4
.1
Schliesslich ist dem Beschwerdeführer insofern beizupflichten, als Verfügungen nach
Art.
49
Abs.
2 ATSG
zu begründen
sind
, wenn sie den Begehren der Par
teien nicht voll ents
prechen.
Die Begründungspflicht soll verhindern, dass sich die Behörde von unsachlichen Motiven leiten lässt, und die betroffene Person in die Lage versetzen, die Verfü
gung gegebenenfalls sachgerecht anzufechten. Dies ist jedoch nur möglich, wenn
sowohl sie wie auch die Rechtsmittelinstanz sich über die Tragweite des Ent
scheides ein Bild machen können. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die
Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und
auf welche sie ihre Verfügung stützt (BGE 124 V 181 E. 1a mit Hinwei
sen).
Die Verletzung des rechtlichen Gehörs führt
grundsätzlich
ungeachtet der Er
folgs
aussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der ange
foch
tenen Verfügung (BGE 126 V 132 E.
2b mit Hinweisen). Nach der Recht
sprech
ung kann eine - nicht besonders schwerwiegende - Verletzung des recht
lichen Gehörs als geheilt gelten, wenn der Betroffene die Möglichkeit erhält, sich vor
einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechts
lage frei überprüfen kann. Die Heilung eines - allfälligen - Mangels soll aber die Ausnahme bleiben (BGE 124 V 183 E. 4a mit Hinweisen).
4
.2
Die Beschwerdegegnerin
legte
in der ursprünglichen
Ablehnungs
verfügung vom 3
0.
März 2011 alle Tatsachen offen, aufgrund welcher sie einen Rentenanspruch verneinte
(
Urk.
9/16)
.
Insofern ist es nicht von Bedeutung, d
ass sie
einzig die AHVG-Bestimmung zur Beitragspflicht und keine weiteren gesetzlichen Grund
lagen anführte. Dies muss umso mehr gelten, als sie sich
nicht auf
Spezial
normen
, sondern die allgemein für alle Versicherte
n
geltenden
wichtigsten
IVG-
Bestimmungen stützte.
In der nunmehr angefochtenen Verfügun
g vom 2
3.
Juni 2014 hatte sich die
Be
schwerde
gegnerin
nur noch mit der Argumenta
tion im Gesuch vom
1
0.
März 2014
(
Urk.
9/19) und dem Einwand vom 2
8.
April 2014 (
Urk.
9/28) auseinan
der
zusetzen.
Da vom Beschwerdeführer keine
relevanten
neuen Tatsachen vorge
bracht wurden und ein
e
Wiedererwä
gung
allein im Ermessen der
Beschwerde
geg
nerin
steht, genügte
somit der Ver
weis auf
die erste
Verfügung
sowie
die
Voraussetzung
de
s
Glaubhaftmach
ens
einer anspruchserheblichen wesentlichen
Tatsachenänderung mit der Neuan
meldung.
4.
3
Es liegt
folglich
keine Verletzung des rechtlichen Gehörs des Beschwerdeführers vor
. Ohnehin richtete sich
seine Argumentation inhaltlich primär gegen die ur
sprüngliche, bereits formell rech
tskräftige Verfügung
(
Urk.
1/1 S. 2)
und nicht gegen d
en
angefochtene
n
Entscheid
.
5.
Zusammenfassend ist nicht zu beanstanden
, dass die
Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 2
3.
Juni 2014 nicht auf das Gesuch des Beschwerdeführers vom 1
0.
März 2014 eintrat, weshalb die Beschwerde abzuweisen
ist
.
6
.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr.
200.-- bis
Fr.
1‘000.-- festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
600.-- anzusetzen.
Ausgangsge
mäss
sind die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen, unter Berücksichti
gung der ihm gewährten unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.