Decision ID: 3fbd7a70-2b75-4c3b-a586-129094d09e02
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden und ihre Kinder suchten am 9. Mai 2022 in der
Schweiz um Asyl nach. Sie reichten vier Tazkiras, eine Geburtsurkunde
(...) sowie eine COVID-Impfkarte der Beschwerdeführerin zu den Akten.
B.
Ein Abgleich mit der Eurodac-Datenbank vom 13. Mai 2022 ergab, dass
die Beschwerdeführenden am (...) 2022 in Österreich um Asyl nachge-
sucht hatten und daktyloskopisch erfasst worden waren.
C.
Am 16. Mai 2022 erfolgte die Personalienaufnahme der Beschwerdefüh-
renden durch das SEM.
D.
Am 19. und 30. Mai 2022 fanden die persönlichen Gespräche gemäss
Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO), statt.
Anlässlich der Befragungen wurde den Beschwerdeführenden das rechtli-
che Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit einer Überstellung nach Österreich gewährt, welches gemäss Dublin-
III-VO grundsätzlich für die Behandlung ihres Asylgesuchs zuständig sei.
Die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates wurde von den
Beschwerdeführenden nicht bestritten. Jedoch machten sie geltend, sie
hätten in Österreich die Fingerabdrücke abgeben müssen und danach
keine Informationen über ihr Asylgesuch bekommen. Man habe sie weder
befragt noch hätten sie einen Entscheid bekommen. Nach einer Woche
seien sie weiter nach E._ gereist, von wo aus sie nach Österreich
rücküberstellt worden seien. In der Folge seien sie Anfang Mai 2022 in die
Schweiz gereist. Aufgrund der Erlebnisse in der Heimat und auf der Reise
gehe es der ganzen Familie (...). Sie wollten in der Schweiz bleiben, da
sich (...) der Beschwerdeführerin sowie (...) des Beschwerdeführers hier
aufhielten, deren (...) Unterstützung sie bräuchten. Zudem wollten sie nicht
nach Österreich zurückkehren, weil sie dort erfahren hätten, dass die ös-
terreichischen Behörden Flüchtlinge nach Afghanistan zurückschicken
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würden und es lange dauere, bis man in Österreich einen Asylentscheid
erhalte. Der Beschwerdeführer ergänzte, er habe (...), ein Arztzeugnis
werde noch eingereicht.
Es wurden zwei Arztberichte vom 24. Mai (bzgl. Beschwerdeführerin) und
vom 1. Juni 2022 (bzgl. Beschwerdeführer) zu den Akten gereicht.
E.
Am 2. Juni 2022 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden um
Übernahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der
Dublin-III-VO. Letztere stimmten dem Übernahmeersuchen am 13. Juni
2022 zu.
F.
In der Folge wurden weitere Arztberichte vom 25. Mai, 1., 9., 15. Juni und
24. Juni 2022 sowie zwei Verordnungen zur (...) vom 9. Juni 2022 bezüg-
lich (...) der Beschwerdeführenden eingereicht.
G.
Die den Beschwerdeführenden zugewiesene Rechtsvertretung gelangte
mit Eingabe vom 11. Juli 2022 ans SEM und beantragte eine umfassende
ärztliche Begutachtung des (...) Gesundheitszustands der Beschwerdefüh-
rerin. Auch sei eine ärztliche Begutachtung in Bezug auf die Kinder vorzu-
nehmen.
Der Eingabe wurde unter anderem ein «Medic-Help Zuweisungsschrei-
ben» an eine Fachärztin (...) vom 28. Juni 2022 (bzgl. Beschwerdeführe-
rin) beigelegt.
H.
Weitere Zuweisungsschreiben sowie Kurzberichte der Fachärztin (vom
12., 13., 19., 26. Juli 2022) und ein Blatt «Kontrollierte Medikamentenab-
gabe» gingen in der Folge beim SEM ein.
I.
Der Beschwerdeführer wurde derselben Fachärztin zugewiesen (u.a.
Schreiben vom 15. Juni 2022). Diese reichte Kurzberichte vom 8., 12. Juli
und 25. Juli 2022 ein. Zudem gingen weitere Arztberichte vom 17. Juni und
1. Juli 2022 (körperliche Beschwerden) und ein Blatt «Kontrollierte Medi-
kamentenabgabe» ein.
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J.
Mit Verfügung vom 4. August 2022 (eröffnet am 8. August 2022) trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, verfügte die Wegwei-
sung aus der Schweiz und den Vollzug der Wegweisung nach Österreich.
Den zuständigen Kanton beauftragte sie mit dem Vollzug der Wegweisung,
händigte den Beschwerdeführenden die editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen
den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
K.
Mit Beschwerde vom 15. August 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragten die Beschwerdeführenden, die Verfügung vom 4. August 2022
sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihre Asylgesuche
einzutreten. In prozessualer Hinsicht beantragten sie die Gewährung der
aufschiebenden Wirkung der Beschwerde. Ferner ersuchten sie um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Der Beschwerde wurden Ausdrucke eines Arztzeugnisses vom 11. August
2022 (den [...] der Beschwerdeführerin betreffend), mehrerer bereits im vo-
rinstanzlichen Verfahren eingereichter Arztberichte sowie von zwei Online-
berichten vom 15. August 2022 beigelegt.
L.
Am 16. August 2022 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
Gleichentags lagen dem Gericht die vorinstanzlichen Akten in elektroni-
scher Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
M.
Mit Eingabe vom 16. August 2022 wurden zwei weitere Arztberichte zu den
Akten gereicht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
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Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten
Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwech-
sels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1
und Abs. 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
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3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfah-
ren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, so-
bald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens
(Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständig-
keitsprüfung nach Kapitel III mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5
E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
3.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
3.4 Nachdem die österreichischen Behörden dem Übernahmeersuchen
gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO am 13. Juni 2022 ausdrück-
lich zugestimmt haben, steht die Zuständigkeit Österreichs grundsätzlich
fest. Sie wird als solche in der Beschwerde auch nicht bestritten. Der Hin-
weis des Beschwerdeführers im Dublin-Gespräch, sie hätten in Österreich
die Fingerabdrücke abgeben müssen, hätten aber lieber in die Schweiz
weiterreisen wollen, vermag bezüglich der Zuständigkeitsfrage nichts zu
ändern.
4.
4.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
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Seite 7
4.2 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
5.
5.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Österreich würden systemische Schwach-
stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung mit sich bringen würden.
5.1.1 Österreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
5.1.2 In der Beschwerde wird vorgebracht, es sei bekannt, dass Österreich
viele afghanische Flüchtlinge nach Afghanistan ausschaffe, obwohl sich
die dortige Sicherheitslage dramatisch verschlechtert habe (unter Hinweis
auf zwei Onlineberichte hierzu). Im Falle einer Überstellung nach Öster-
reich würden auch sie, die Beschwerdeführenden, mit an Sicherheit gren-
zender Wahrscheinlichkeit nach Afghanistan ausgeschafft. Die Abschie-
bung würde einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen.
5.1.3 Die Beschwerdeführenden haben mit ihren allgemeinen Ausführun-
gen kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, die österreichischen
Behörden würden sich weigern, sie wieder aufzunehmen und ihren Antrag
auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrens-
richtlinie zu prüfen. Den Akten sind insbesondere keine Gründe für die –
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Seite 8
von den Beschwerdeführenden geltend gemachte – Annahme zu entneh-
men, Österreich werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement
missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr
Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefähr-
det ist oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches
Land gezwungen zu werden. Die generellen Hinweise auf eine angebliche
Praxis der österreichischen Behörden in Bezug auf afghanische Asylsu-
chende vermögen nicht darzulegen, dass den Beschwerdeführenden per-
sönlich eine Gefährdung drohen könnte oder sie gar von einer Kettenab-
schiebung betroffen sein könnten. Dabei handelt es sich um blosse Be-
fürchtungen seitens der Beschwerdeführenden. Sie haben weiter auch
nicht dargetan, die sie bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in
Österreich seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4
der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
Die Beschwerdeführenden haben schliesslich nicht aufgezeigt, dass Ös-
terreich ihnen dauerhaft die ihnen gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden
minimalen Lebensbedingungen vorenthalten würde. Bei einer allfälligen
vorübergehenden Einschränkung könnten sie sich im Übrigen an die ös-
terreichischen Behörden wenden (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
5.1.4 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt, wie bereits von der Vorinstanz zutreffend festge-
halten.
5.2 Weiter ist zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zu-
ständigkeit Österreichs das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-
III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 (SR 142.311), hätte ausüben
müssen, wonach das SEM ein Asylgesuch "aus humanitären Gründen"
auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer
Staat zuständig wäre.
5.2.1 Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie seien aufgrund der
Erlebnisse in der Heimat (...) und würden an (...) Erkrankungen leiden.
Daher seien sie in ärztlicher Behandlung (unter der Beilage mehrerer Arzt-
berichte). Neben den Behandlungen benötigten sie die (...) Unterstützung
ihrer in der Schweiz lebenden Verwandten ([...] der Beschwerdeführerin,
[...] des Beschwerdeführers). Deshalb hätten sie in der Schweiz und nicht
in Österreich um Asyl nachsuchen wollen. Bei einer Überstellung nach Ös-
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terreich hätten sie dort weder Verwandte noch Freunde, die sie (...) unter-
stützen könnten. Aufgrund der vorliegenden Umstände sei aus humanitä-
ren Gründen von einer Überstellung abzusehen.
5.2.2 Die Vorinstanz hat sich in der angefochtenen Verfügung bereits aus-
führlich zum vorliegend geltend gemachten Verwandtschaftsverhältnis ge-
äussert (vgl. Verfügung S. 6). Es wurde zutreffend dargelegt, dass die (...)
der Beschwerdeführenden nicht als Familienangehörige im Sinne von
Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gelten würden. Weiter wurde weder im vo-
rinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene aufgezeigt, inwiefern
ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Beschwerdeführen-
den und ihren bereits seit Längerem in der Schweiz lebenden Verwandten
bestehen würde (vgl. Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO), welches eine Anwesen-
heit in der Schweiz erforderlich machen würde. Der eingereichte Arztbe-
richt vom 11. August 2022 bezieht sich auf die gesundheitliche Situation
(...) der Beschwerdeführerin, welcher sich namentlich mit seiner Frau seit
dem Jahr (...) in der Schweiz befindet, und nicht auf diejenige der Be-
schwerdeführenden. Bei Bedarf kann die auch im Arztbericht vom 15. Au-
gust 2022 erwähnte für die Gesundheit der Beschwerdeführerin förderliche
(...) Unterstützung durch die Verwandten auch telefonisch erfolgen, unab-
hängig ihres Aufenthaltsortes. Entgegen der Darlegung in der Beschwer-
deschrift können sich die Beschwerdeführenden sodann als Familie ge-
genseitig beistehen und sind damit nicht ohne jegliche Unterstützung. Auch
wenn der Wunsch nach einem Verbleib bei den Familienangehörigen ver-
ständlich ist, können die Beschwerdeführenden aus deren Anwesenheit in
der Schweiz nichts zu ihren Gunsten ableiten.
5.2.3 Sodann kann eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit ge-
sundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
troffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheits-
stadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit
dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstüt-
zung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die dama-
lige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]).
Eine weitere definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die
Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR
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Seite 10
Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10,
§§ 180–193 m.w.H.).
5.2.4 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Gemäss den ak-
tuellsten Arztberichten vom 15. August 2022 leidet die Beschwerdeführerin
an (...). Sie benötigt eine regelmässige (...) Behandlung sowie (...). Der
Beschwerdeführer leidet ebenfalls an (...) und bedarf einer (...). Die Er-
krankungen der Beschwerdeführenden sind ernstzunehmen, aber nicht als
derart schwerwiegend anzusehen, dass aus humanitären Gründen oder
gar wegen einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK von einer Über-
stellung nach Österreich abgesehen werden müsste. Die in der Schweiz
begonnenen Behandlungen können in Österreich fortgesetzt werden. Auch
die Kinder, die mangels gegenteiliger Hinweise in der Beschwerdeschrift
bislang keine ärztliche Konsultation benötigt zu haben scheinen, könnten
in Österreich adäquat behandelt werden, falls Bedarf dazu bestehen sollte.
Das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung ausführlich mit der ge-
sundheitlichen Situation der Beschwerdeführenden auseinandergesetzt
(vgl. Verfügung S. 7–10) und zutreffend darauf hingewiesen, dass Öster-
reich über eine ausgezeichnete medizinische Infrastruktur sowie über
Fachstellen verfügt, um die gesundheitlichen Probleme der Beschwerde-
führenden adäquat weiterbehandeln zu können. Die Mitgliedstaaten sind
denn auch verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische
Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforder-
liche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen
umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den
Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizini-
sche oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psy-
chologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie).
Es liegen keine Hinweise vor, wonach Österreich den Beschwerde-
führenden eine medizinische Behandlung verweigern würde oder es ihnen
nicht möglich wäre, eine solche in Anspruch zu nehmen. Sie konnten mithin
nicht nachweisen, dass sie nicht reisefähig wären oder eine Überstellung
ihre Gesundheit ernsthaft gefährden würde.
Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochten Ver-
fügung beauftragt sind, werden den medizinischen Umständen bei der Be-
stimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung der Beschwerde-
führenden Rechnung tragen und die österreichischen Behörden vorgängig
in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände infor-
mieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
E-3503/2022
Seite 11
5.2.5 Schliesslich ist nicht ersichtlich, dass das Kindeswohl einer Überstel-
lung der Beschwerdeführenden nach Österreich entgegenstehen könnte.
5.2.6 Im vorliegenden Fall liegen mithin keine Gründe vor, welche die Vor-
instanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO beziehungs-
weise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 hätten verpflichten können (vgl.
BVGE 2015/9 E. 8). Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die
Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag
prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.3 Somit bleibt Österreich der für die Behandlung der Asylgesuche der
Beschwerdeführenden zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Ös-
terreich ist verpflichtet, die Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29
Dublin-III-VO wiederaufzunehmen.
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten. Da
die Beschwerdeführenden nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung sind, wurde die Überstellung nach Österreich
in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32
Bst. a AsylV 1).
7.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
8.
8.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfü-
gung des SEM zu bestätigen.
8.2 Der am 16. August 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegen-
dem Urteil dahin.
8.3 Die mit der Beschwerde gestellten Gesuche um Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde und um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses erweisen sich aufgrund des direkten Entscheids
in der Sache als gegenstandslos.
E-3503/2022
Seite 12
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13