Decision ID: 30c79eac-3903-42ae-a810-5bc34219f5cf
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ litt an einer Multiplen Sklerose, weshalb er ab dem 1. März 2002 eine ganze
Rente der Invalidenversicherung (vgl. den Entscheid IV 2002/178 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 12. August 2003) und ab dem 1. September 2002 eine
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit schweren Grades bezog (EL-act. B/758). Ab dem
1. Mai 2011 erhielt er Ergänzungsleistungen (EL-act. B/706; vgl. auch EL-act. B/741
und B/727), unter anderem Vergütungen für private Pflegekosten respektive
Spitexleistungen, soweit diese nicht von der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung übernommen worden waren (vgl. etwa EL-act. B/696). Mit
einer Verfügung vom 18. April 2013 sprach die IV-Stelle dem EL-Bezüger einen
Assistenzbeitrag für 75,43 Stunden pro Monat zu (EL-act. B/633). Im Juli 2013 erteilte
die EL-Durchführungsstelle eine Kostengutsprache für eine private Haushaltshilfe im
Umfang von maximal 22 Stunden pro Monat plus vier Stunden pro Jahr für Gross- und
Fensterreinigungen (EL-act. B/617). Im Mai 2014 prüfte die EL-Durchführungsstelle die
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau. Eine
Sachbearbeiterin notierte, infolge einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes
des EL-Bezügers könne die Ehefrau diesen nicht länger als eine Stunde alleine lassen;
sie müsse ihn rund um die Uhr betreuen (EL-act. B/547). Die EL-Durchführungsstelle
berücksichtigte deshalb die Hilflosenentschädigung des EL-Bezügers als
Erwerbseinkommen der Ehefrau (EL-act. B/546). Mit einer Verfügung vom 17. Oktober
A.a.
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2016 erhöhte die IV-Stelle den Assistenzbeitrag auf ein Maximum von 205,6 Stunden
pro Monat „Standardqualifikation“ und 30,42 Stunden für Nachteinsätze, wobei sie die
Vergütung allerdings nur für elf Monate pro Jahr zuliess (EL-act. B/374). Im April 2017
liess der EL-Bezüger bei der EL-Durchführungsstelle beantragen (EL-act. B/336), dass
seiner Ehefrau nicht weiter ein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werde.
Zur Begründung machte sein Rechtsvertreter geltend, der EL-Bezüger benötige
mittlerweile zwei Assistenzpersonen. Die Ehefrau erbringe einen erheblichen Teil der
Assistenzleistungen. Sie erhalte dafür keinen Lohn. Man könne doch nicht dem EL-
Bezüger die Hilflosenentschädigung mittels einer entsprechenden Kürzung der
Ergänzungsleistung einfach wegnehmen. Ein Sachbearbeiter der EL-
Durchführungsstelle notierte im Mai 2017 (elektronische Notiz zu EL-act. B/336), die
Praxis, wonach die Hilflosenentschädigung als hypothetisches Erwerbseinkommen des
pflegenden Ehegatten anzurechnen sei, dürfte vor Gericht wohl keinen Schutz finden.
Der Ehefrau des EL-Bezügers dürfe deshalb nicht länger ein hypothetisches
Erwerbseinkommen angerechnet werden. Am 9. Mai 2017 erging eine entsprechende
Verfügung (EL-act. B/329). Auf ein Wiedererwägungsgesuch des EL-Bezügers hin
erliess die EL-Durchführungsstelle am 15. August 2017 eine weitere Verfügung, mit der
sie die Ergänzungsleistung rückwirkend ab dem 1. Juni 2014 ohne ein hypothetisches
Erwerbseinkommen der Ehefrau neu berechnete (EL-act. B/291). Mit einer Verfügung
vom 18. Oktober 2017 erhöhte die IV-Stelle den Assistenzbeitrag auf 235,6 + 30,42
Stunden pro Monat (EL-act. B/252).
Am 12. April 2019 ersuchte der EL-Bezüger um eine Vergütung von ungedeckten
Kosten für 6,5 Stunden Pflege pro Tag als Krankheitskosten (EL-act. B/80–1). Zur
Begründung führte er aus, der Assistenzbeitrag sei plafoniert und reiche deshalb
(zusammen mit der IV-Rente, der Hilflosenentschädigung und den bisherigen
Ergänzungsleistungen) nicht aus, um den tatsächlich ausgewiesenen Pflegebedarf zu
decken. Der ärztlich ausgewiesene Bedarf liege bei 14,5 Stunden pro Tag, die „SVA“
anerkenne aber nur einen Hilfebedarf von acht Stunden pro Tag. Der Eingabe lag eine
„Pflegebedarfserhebung“ des Paraplegikerzentrums Nottwil bei (EL-act. 80–17 f.), laut
der die Pflege des EL-Bezügers – ohne die Berücksichtigung der Mithilfe der Ehefrau –
einen täglichen Aufwand von 10,5 Stunden für eine erste Pflegeperson, einen Aufwand
von drei Stunden für eine zweite Pflegeperson und einen Aufwand von einer Stunde für
A.b.
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eine dritte Pflegeperson verursachte, da verschiedene Pflegeleistungen wegen der
Körpergrösse, der Diagnose und der Spastik nicht von einer Pflegeperson allein
erbracht werden konnten. Das Kantonsspital St. Gallen hatte bereits am 15. August
2018 angegeben (EL-act. B/80–20 f.), der EL-Bezüger sei komplett bewegungsunfähig
und nicht einmal mehr in der Lage, eine Glocke zu betätigen. Die Ehefrau bewege sich
an der maximalen Belastungsgrenze, da der EL-Bezüger mindestens zwei
Pflegepersonen benötige, aber nur eine bezahlt werde. Die Ehefrau sei mittlerweile
selbst gesundheitlich angeschlagen. Der EL-Bezüger müsse rund um die Uhr betreut
werden, da er nicht mehr fähig sei, Lungensekret abzuhusten, sodass eine ständige
Erstickungsgefahr bestehe. Die EL-Durchführungsstelle hielt in einem Schreiben vom
30. April 2019 fest (EL-act. B/76), ziehe man vom geltend gemachten Pflegebedarf von
14,5 Stunden pro Tag respektive 436,93 Stunden pro Monat den gemäss der
aktuellsten Verfügung betreffend den Assistenzbeitrag (vgl. EL-act. B/80–9)
abgedeckten Assistenzbedarf von 307,17 Stunden pro Monat ab, verbleibe ein
ungedeckter Anteil von 129,76 Stunden pro Monat. Pro Stunde könnten maximal 25
Franken bezahlt werden. Die ungedeckten Restkosten beliefen sich also auf 3’244
Franken pro Monat. Davon sei ein Anteil von zwei Dritteln der Hilflosenentschädigung,
also 1’264 Franken, abzuziehen, weshalb maximal 1’980 Franken pro Monat als
Krankheits- und Behinderungskosten vergütet werden könnten. Der EL-Bezüger liess
am 22. Mai 2019 einwenden (EL-act. B/71), die Berechnung sei nicht korrekt, weil die
Hilflosenentschädigung faktisch doppelt angerechnet werde; ihr Betrag werde ja
bereits bei der Berechnung des Assistenzbeitrages angerechnet. Er beantrage die
Übernahme der vollen Restkosten von 3’244 Franken pro Monat. Die EL-
Durchführungsstelle teilte dem EL-Bezüger am 17. Juni 2019 mit (EL-act. B/59), dass
sie seine Ausführungen nachvollziehen könne. Bislang sei sie noch nie mit dem
Problem konfrontiert gewesen, dass der Assistenzbeitrag nicht zur Deckung der
Pflegekosten ausgereicht habe. Sie werde die Sache nochmals vertieft prüfen und
anschliessend entscheiden.
Am 17. Juli 2019 beauftragte die EL-Durchführungsstelle das
Gesundheitsdepartement des Kantons St. Gallen, den Aufwand für die Pflege,
Betreuung und Mithilfe im Haushalt respektive die entsprechenden Präsenzzeiten zu
ermitteln (EL-act. B/42). Die Abklärung wurde am 27. August 2019 durchgeführt. Die
A.c.
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Pflegesachverständige hielt in ihrem Bericht vom 29. August 2019 fest (EL-act. B/29),
der EL-Bezüger müsse alle zwei Stunden neu im Bett gelagert werden. Die Mobilisation
in den Rollstuhl sei sehr aufwendig. Dafür würden mindestens zwei Personen benötigt.
Mindestens viermal pro Stunde müsse Sekret abgesaugt werden. Wegen der
Atemsituation müsse der EL-Bezüger rund um die Uhr überwacht werden. Eine verbale
Kommunikation sei nicht möglich. Anhand der Mimik des EL-Bezügers könne aber
davon ausgegangen werden, dass er am Geschehen teilnehme und das Gesprochene
gut verstehe. Der EL-Bezüger könne sich nicht alleine beschäftigen. Die
Alltagsgestaltung richte sich nach seinem Tageszustand. Die Assistenzpersonen
spielten dabei eine wesentliche Rolle. Alle Tätigkeiten im Haushalt würden durch eine
Assistenzperson und die Ehefrau ausgeführt. Die Spitex sei eingebunden. Eine
Pflegeperson sei während 30–40 Minuten pro Tag anwesend und mache
Bewegungsübungen. Durchschnittlich benötige der EL-Bezüger pro Monat 271
Stunden Pflege und Betreuung, eine Stunde Alltagsbegleitung (die in dieser
Berechnung „sicher zu kurz“ komme) und 24 Stunden hauswirtschaftliche Leistungen.
Die Präsenzzeit tagsüber und in der Nacht sei nicht eingerechnet. Alle pflegerischen
Leistungen würden durch das Assistenzpersonal durchgeführt. Die Ehefrau habe drei
Personen angestellt. Zwei Personen kümmerten sich mehrheitlich um die Pflege, die
dritte unterstütze die Ehefrau im Haushalt. Die Ehefrau unterstütze das
Assistenzpersonal bei allen pflegerischen Verrichtungen. Die Spitex könnte –
besonders in allen Aufgaben der Grundpflege – mehr einbezogen werden. Für den EL-
Bezüger und die Ehefrau seien aber die häufigen Personalwechsel bei der Spitex
belastend und unangenehm. Sie fühlten sich bei der Pflege durch die
Assistenzpersonen viel sicherer und vertrauter. Nachts betreue die Ehefrau den EL-
Bezüger alleine. Geschehe etwas Unvorhergesehenes, könne sie spontan eine
Assistenzperson herbeirufen. Mit einer Verfügung vom 4. November 2019 wies die EL-
Durchführungsstelle das Leistungsbegehren vom 12. April 2019 ab (EL-act. B/17). Zur
Begründung führte sie an, der ausgewiesene Bedarf belaufe sich auf 356 Stunden pro
Monat. Der Assistenzbeitrag decke 247 Stunden ab. Die Hilflosenentschädigung
entspreche der Vergütung für einen Aufwand von weiteren 57 Stunden. Die
obligatorische Krankenpflegeversicherung vergüte einen Spitexeinsatz von 14 Stunden
pro Monat. Damit verblieben noch 38 Stunden pro Monat, die nicht durch
Sozialversicherungsleistungen abgedeckt würden. Da der Assistenzbeitrag nur für elf
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Monate ausgerichtet werde, falle pro Jahr zusätzlich ein ungedeckter Aufwand von 296
Stunden an. Pro Jahr seien also 296 + 11 × 38 = 714 Stunden nicht abgedeckt. Das
entspreche einem Aufwand von knapp zwei Stunden pro Tag. Dieser Aufwand könne
vollumfänglich durch die Ehefrau erbracht werden.
Am 3. Dezember 2019 liess der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 4. November 2019 erheben (EL-act. B/8 und A/212). Sein Rechtsvertreter machte
geltend, die Ehefrau sei nicht in der Lage, einen Zusatzaufwand zu leisten; sie sei
selber schon seit Wochen krank, wie aus einer Bescheinigung der behandelnden Ärztin
med. pract. D._ vom 27. November 2019 hervorgehe (vgl. EL-act. B/9). Zudem sei
der von der EL-Durchführungsstelle anerkannte Gesamtaufwand zu tief. Am 7. April
2020 forderte die EL-Durchführungsstelle die behandelnde Ärztin auf, nähere Angaben
zum Gesundheitszustand der Ehefrau zu machen (EL-act. A/196). Diese antwortete am
9. April 2020 (EL-act. A/179), die Ehefrau habe im Jahr 2018 einen Magenbypass
erhalten; im September 2019 habe sie sich einer Fettschürzenoperation unterzogen, in
deren Folge Nachblutungen, ein infiziertes Hämatom und Bauchschmerzen aufgetreten
seien. Als Pflegehilfe sei die Ehefrau deswegen sicher bis Ende November 2019 zu 100
Prozent und bis Ende Dezember 2019 zu 50 Prozent arbeitsunfähig gewesen. Aktuell
bestünden aus somatischer Sicht keine Einschränkungen mehr für die Tätigkeit als
Pflegehilfe. Die Ehefrau des EL-Bezügers leide aber an einer Erschöpfungsdepression,
weshalb sie im November 2019 in eine psychiatrische Behandlung überwiesen worden
sei. Die psychische Befindlichkeit habe sich zwischenzeitlich stabilisiert, aber die
Erschöpfungsdepression sei nicht verschwunden; sie unterliege Schwankungen. Am 5.
Mai 2020 ersuchte die EL-Durchführungsstelle den behandelnden Psychiater Dr. med.
E._ um eine Stellungnahme zum Gesundheitszustand und zur Arbeitsfähigkeit der
Ehefrau als Pflegehelferin (EL-act. A/169). Der Psychiater berichtete am 27. Mai 2020
(EL-act. A/163 f.), die Ehefrau des EL-Bezügers leide an einer mittelgradigen bis
schweren depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom. Das Erstgespräch
habe am 10. Dezember 2019 stattgefunden. Ihr psychischer Zustand habe seither nur
leicht stabilisiert werden können, da das Pensum der Assistenzpersonen mangels
finanzieller Mittel nicht gesteigert werden könne. Sie sei dringend auf eine Entlastung
angewiesen. Am 9. Juni 2020 widerrief die EL-Durchführungsstelle die angefochtene
A.d.
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Verfügung vom 4. November 2019 (EL-act. A/142). Das Einspracheverfahren wurde als
gegenstandslos abgeschrieben (EL-act. A/139).
Auf eine Rückfrage der EL-Durchführungsstelle hin liess der EL-Bezüger am 21.
Juli 2020 geltend machen (EL-act. A/131), per 1. Juni 2019 sei eine zusätzliche
Assistenzperson eingestellt worden. Alle drei Assistenten hätten „ca. fünf Stunden
mehr am Tag“ als die zugesprochenen Leistungen erbracht. Die Überlastungssituation
bestehe schon seit längerer Zeit, sei allerdings immer unerträglicher geworden. Am 7.
August 2020 liess der EL-Bezüger die Abrechnungen der Assistenzpersonen einreichen
(EL-act. A/128). Die EL-Durchführungsstelle teilte dem EL-Bezüger am 26. August 2020
mit (EL-act. A/126), die Abrechnungen zeigten, dass ab Juni 2019 nicht wesentlich
mehr Stunden als in der Zeit davor abgerechnet worden seien. Auffallend sei aber,
dass seit April 2020 rund 100 Stunden mehr pro Monat geleistet würden. Sie ersuche
um eine Begründung dieses erheblichen Mehraufwandes. Mittlerweile dürften die
postoperativen Beschwerden der Ehefrau abgeklungen sei. Sollte es ihr dennoch nicht
möglich sein, täglich zwei Stunden Pflege zu leisten, müsste dies medizinisch
begründet werden. Am 7. September 2020 notierte eine Sachbearbeiterin der EL-
Durchführungsstelle (elektronische Notiz zu EL-act. A/126), der Psychiater habe
telefonisch nachgefragt, wofür die Bestätigung benötigt werde. Sie habe ihn gefragt,
ob die Ehefrau denn wirklich nicht zwei Stunden mehr leisten könne. Er habe diese
Frage nicht beantworten wollen. Am 22. September 2020 notierte eine
Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle (elektronische Notiz zu EL-act. A/126),
der Psychiater habe telefonisch bestätigt, dass die Ehefrau während zwei Stunden pro
Tag Pflegeleistungen erbringen könne (vgl. auch EL-act. A/116). Bezugnehmend auf die
Erhöhung der abgerechneten Leistungen ab April 2020 liess der EL-Bezüger am 30.
Oktober 2020 mitteilen, die Zahl der abgerechneten Stunden sei jeden Monat in etwa
gleich hoch, nur bezahle die IV-Stelle bloss acht von zwölf Monaten, da die
Maximalstunden aufgebraucht seien, was aber nicht reiche (EL-act. A/106). Am 21.
Dezember 2020 gab der behandelnde Psychiater an, dass die Ehefrau seit dem
Erstgespräch am 10. Dezember 2019 zwei Stunden Pflege pro Tag erbringen könne
(EL-act. A/77). Eine Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle notierte (EL-act. A/
73), für den Zeitraum von September bis Dezember 2019 könnten zwei Stunden pro
Tag für die Pflege und Betreuung des EL-Bezügers vergütet werden. Analog zum
A.e.
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Assistenzbeitrag sei ein Stundenansatz von 33.20 Franken zu veranschlagen. Für die
Zeit danach bestehe kein Anspruch auf eine Vergütung. Mit einer Verfügung vom 18.
Januar 2021 sprach die EL-Durchführungsstelle dem EL-Bezüger 4’980 Franken für
direkt angestelltes Pflegepersonal in der Zeit von September bis Dezember 2019 zu
(EL-act. A/71 f.).
Am 17. Februar 2021 liess der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 18. Januar 2021 erheben (EL-act. A/62). Sein Rechtsvertreter beantragte die
Vergütung der am 12. April 2019 geltend gemachten Pflegekosten und eventualiter die
Durchführung von weiteren Abklärungen. Zur Begründung führte er aus, die
abgerechneten Leistungen seien dringend notwendig gewesen. Die immense
Pflegeleistung, die die Ehefrau erbracht habe, sei zusätzlich erforderlich gewesen und
nicht abgerechnet worden. Es fehlten nicht nur zwei Stunden pro Tag. Am 19. April
2021 reichte er ein Arztzeugnis von Dr. E._ vom 19. April 2021 ein, laut dem sich der
Gesundheitszustand der Ehefrau seit Anfang des Jahres 2021 deutlich verschlechtert
hatte (EL-act. A/46). Die EL-Durchführungsstelle forderte bei Dr. E._ am 13. August
2021 einen ausführlichen Bericht an (EL-act. A/29). Am 29. September 2021 berichtete
Dr. E._ (EL-act. A/22), aus psychiatrischer Sicht könne die Ehefrau den EL-Bezüger
nur maximal zwei Stunden pro Tag unterstützen. Sie benötige dringend eine
zusätzliche pflegerische Unterstützung.
A.f.
Am 7. Oktober 2021 verstarb der EL-Bezüger (EL-act. A/23). Die Erben erklärten
am 22. Oktober 2021, dass sie an der Einsprache festhielten (EL-act. A/13). Mit einem
Entscheid vom 29. November 2021 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache
gegen die Verfügung vom 18. Januar 2021 ab (EL-act. A/9). Zur Begründung führte sie
an, bei richtiger Berechnung sei der Pflegeaufwand komplett abgedeckt gewesen.
Dieser habe sich nämlich auf 200,43 Stunden pro Monat belaufen, was der Differenz
zwischen dem ermittelten Gesamtaufwand von 272 Stunden und dem Gegenwert der
Hilflosenentschädigung (57 Stunden pro Monat) sowie dem von der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung vergüteten Aufwand von 14,43 Stunden entspreche. Der
Assistenzbeitrag habe 218,85 Stunden pro Monat abgedeckt, sei aber nur elfmal pro
Jahr ausbezahlt worden, weshalb er effektiv bloss 200,61 Stunden pro Monat
abgedeckt habe. Die am 18. Januar 2021 verfügte Zusprache von 75 × 2 Stunden
Pflegekosten für die Zeit von September bis Dezember 2019 erweise sich damit als
A.g.
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B.
rechtswidrig. Angesichts der Komplexität der Sachlage könne es aber „dabei sein
Bewenden haben“, denn die angefochtene Verfügung sei „zwar rechtsfehlerhaft, aber
wohl nicht offensichtlich unrichtig“. Da eine Rückforderung der zugesprochenen
Leistung „damit wohl nicht in Frage“ komme und da angesichts der längeren
Verfahrensdauer von einem „grossen Interesse an einem das Verfahren
abschliessenden materiellen Entscheid“ auszugehen sei, könne von einer reformatio in
peius ausnahmsweise abgesehen werden. Für die Zeit vom 18. Januar 2021 bis zum 7.
Oktober 2021 müsste ein weiteres Gesuch gestellt werden, aber dieses werde wohl
abgewiesen werden.
Am 7. Januar 2022 liessen die Erben des verstorbenen EL-Bezügers (nachfolgend:
die Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 29.
November 2021 erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheides, „soweit ein weitergehender Anspruch auf
Vergütung von Krankheitskosten verneint wird“, die Vergütung der mit dem Begehren
vom 12. April 2019 geltend gemachten Kosten, soweit diese nicht bereits durch Dritte
vergütet worden seien, sowie eventualiter die Rückweisung der Sache an die EL-
Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur Durchführung von
weiteren Abklärungen. Zur Begründung führte er aus, in zeitlicher Hinsicht massgebend
sei entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin nicht nur der Sachverhalt bis
zum Zeitpunkt der Eröffnung der Verfügung vom 18. Januar 2021, sondern auch jener
bis zum Zeitpunkt der Eröffnung des angefochtenen Einspracheentscheides. Die
Beschwerdegegnerin habe diesen Teil des Sachverhaltes bereits ermittelt, weshalb er
problemlos gewürdigt werden könne. Die notwendigen Betreuungskosten seien für den
gesamten Zeitraum weitaus höher als von der Fachperson des
Gesundheitsdepartementes festgelegt gewesen. Alle geltend gemachten und
ausgewiesenen Kosten seien notwendig gewesen.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 1. Februar 2022 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 5).
B.b.
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Am 4. März 2022 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführer 58
medizinische Berichte ein, die seiner Ansicht nach den progredienten Verlauf der
Erkrankung des EL-Bezügers belegten (act. G 10). Er machte geltend, der
Abklärungsbericht aus dem Jahr 2019 könne nur schon aufgrund der Progredienz der
Erkrankung nicht massgebend sein. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine
Stellungnahme (act. G 12).
B.c.
Am 30. März 2022 wies das Versicherungsgericht die Beschwerdeführer darauf
hin (act. G 14), dass nicht nachvollziehbar sei, weshalb die Beschwerdegegnerin die
aufgrund ihrer (nicht abwegig erscheinenden) Berechnung materiell-rechtlich nicht
geschuldeten, aber effektiv ausgerichteten Leistungen nicht zurückgefordert habe. Das
Versicherungsgericht könne jedenfalls keine entsprechende „Kulanz“ gewähren. Die
Beschwerdeführer müssten deshalb mit einer reformatio in peius rechnen.
B.d.
Die Beschwerdeführer liessen am 8. April 2022 an ihrer Beschwerde festhalten
(act. G 15). Ergänzend liessen sie geltend machen, das Kantonsspital St. Gallen habe
bereits im August 2018 eine Betreuung durch zwei Personen während zwölf Stunden
pro Tag als notwendig erachtet. Das Paraplegikerzentrum Nottwil habe im Oktober
2018 einen Pflegebedarf von 14,5 Stunden bei einem stationären Rehabilitationssetting
ermittelt. Im März 2021 habe die Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen
eine Betreuung rund um die Uhr als notwendig erachtet und festgehalten: „Gänzlich
hilfloser Patient, unfähig zu essen, zu schlucken oder zu kommunizieren“. Es sei nicht
nachvollziehbar, wie die Leistungen durch die Witwe des EL-Bezügers – bei bei ihr
selbst vorhandenen, beginnenden respektive fortschreitenden gesundheitlichen
Einschränkungen – hätten erbracht werden können, wenn diese nur die von der
Beschwerdegegnerin zugesprochenen Leistungen für externe Hilfe erhalten hätte. Der
EL-Bezüger habe beispielsweise knapp hundertmal pro Tag abgesaugt werden
müssen. Mittlerweile habe sich die Witwe selbst zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung anmelden müssen.
B.e.
Auf eine entsprechende Aufforderung des Versicherungsgerichtes hin reichte die
Beschwerdegegnerin am 22. April 2022 die IV-Akten des EL-Bezügers und der Witwe
ein (act. G 18). Den Akten betreffend den EL-Bezüger liess sich entnehmen, dass
dieser bereits im Juni 2016 auf eine umfassende Pflege und Betreuung angewiesen
B.f.
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gewesen war, die damals fast ausschliesslich von der Ehefrau geleistet worden war;
eine Ergotherapeutin hatte nach einer anschaulichen Schilderung der Situation die
Finanzierung einer „vollständigen zweiten Person“ als Unterstützung bei der Pflege und
im häuslichen Bereich empfohlen (act. G 18.1.274). Bei einer Abklärung in der
Wohnung des EL-Bezügers im August 2016 hatte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle
einen Assistenzbedarf von 277,17 Stunden und einen Pauschalbedarf für
Nachteinsätze von 30,42 Stunden pro Monat ermittelt, wovon 57,14 Stunden durch
den Gegenwert der Hilflosenentschädigung und 14,43 Stunden durch Pflichtleistungen
der obligatorischen Krankenpflegeversicherung abgedeckt waren (act. G 18.1.293 ff.).
Im Mai 2017 hatte der EL-Bezüger unter Hinweis auf eine weitere Verschlechterung
seines Gesundheitszustandes eine Erhöhung des Assistenzbeitrages beantragen
lassen (act. G 18.1.323; vgl. auch act. G 18.1.333). Die Klinik für Neurologie des
Kantonsspitals St. Gallen hatte im Juli 2017 berichtet (act. G 18.1.335), der EL-Bezüger
sei neu unfähig, den elektrischen Rollstuhl zu bedienen, und unfähig, selber zu essen.
Die Beine seien nun plegisch, die Arme stärker paretisch. In der neurologischen
expanded disability status scale erreiche er nun einen Wert von 9,5: „Gänzlich hilfloser
Patient. Unfähig zu essen, zu schlucken oder zu kommunizieren“. Im Barthel-Index, für
den die Fähigkeiten Essen, Duschen, persönliche Hygiene, An- und Auskleiden,
Stuhlinkontinenz, Urininkontinenz, Toilettenbenützung, Transfer, Fortbewegung im
Rollstuhl sowie Treppensteigen erfragt würden, erreiche er null von hundert Punkten.
Die Ehefrau sei weder ausgebildet noch physisch in der Lage, die notwendige 24
Stunden-Betreuung zu bewerkstelligen. Bei einer weiteren Abklärung vor Ort hatte eine
Sachbearbeiterin der IV-Stelle im Oktober 2017 einen Assistenzbedarf von 307,17
Stunden und einen Pauschalbedarf für Nachteinsätze von 30,42 Stunden pro Monat
ermittelt, wovon 57,14 Stunden durch den Gegenwert der Hilflosenentschädigung und
14,43 Stunden durch Pflichtleistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung
abgedeckt waren (act. G 18.1.337 ff.). Im August 2018 hatte der Sozialdienst des
Kantonsspitals St. Gallen eine Erhöhung des Assistenzbeitrages auf mindestens zwölf
Stunden pro Tag beantragt und zur Begründung angeführt (act. G 18.1.399), der EL-
Bezüger sei komplett bewegungsunfähig. Er könne noch nicht einmal eine Glocke
betätigen und sei daher auf eine ständige Überwachung angewiesen. Die Ehefrau
bewege sich an der maximalen Belastungsgrenze. Momentan benötige der EL-Bezüger
24 Stunden Betreuung pro Tag, da immer zwei Pflegekräfte anwesend sein müssten,
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von denen allerdings nur eine bezahlt werde. Er könne Lungensekret nicht mehr
selbständig abhusten, weshalb rund um die Uhr jemand anwesend sein müsse, der
dieses absauge. Das Ehepaar befinde sich in einer Ausnahmesituation. Ein Aufenthalt
in einem Pflegeheim wäre mindestens genauso teuer, aber dort wäre die Versorgung
nicht gleichwertig. Die IV-Stelle hatte am 22. August 2018 geantwortet (act. G
18.1.401), aktuell decke der Assistenzbedarf zusammen mit der
Hilflosenentschädigung und den Pflichtleistungen der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung bereits einen Hilfebedarf von weit über 300 Stunden pro
Monat ab. Bei der Berechnung sei bereits überall (ausser bei gemeinnützigen oder
ehrenamtlichen Tätigkeiten, Aus- oder Weiterbildung, Kinderbetreuung und beruflichen
Tätigkeiten) die höchste Hilfestufe berücksichtigt worden. Das Schweizer
Paraplegikerzentrum Nottwil hatte im Oktober 2018 einen Pflegebedarf von 14,5
Stunden pro Tag ermittelt (act. G 18.1.404–1). Im November 2018 hatte der EL-
Bezüger erneut um eine Erhöhung des Assistenzbeitrages ersucht (act. G 18.1.406). Er
hatte geltend gemacht, seine Ehefrau habe eine Darmsenkung erlitten, die operativ
habe behandelt werden müssen. Nun dürfe sie nicht mehr als 30 Kilogramm heben. Sie
könne ihn nicht mehr länger im bisherigen Umfang pflegen. Zu berücksichtigen sei,
dass sie Tag und Nacht alle fünf Minuten Lungensekret absaugen müsse. Er hoffe,
dass sich die Sachbearbeiter der IV-Stelle vorstellen könnten, wie es sich anfühle, an
allen vier Extremitäten gelähmt zu sein und das Gefühl zu haben, ohne die zusätzlichen
unterstützenden Personen ersticken zu müssen. Mit einer Verfügung vom 6. Februar
2019 hatte die IV-Stelle das Revisionsgesuch mit der Begründung abgewiesen, die
individuelle Höchstgrenze bei den alltäglichen Lebensverrichtungen sei erreicht;
obwohl der Hilfebedarf gestiegen sei, könne nicht mehr als der gesetzlich vorgesehene
Maximalbetrag ausgerichtet werden, der bereits zugesprochen worden sei (act. G
18.1.421). Im August 2019 hatte sie die Ehefrau des EL-Bezügers darauf hingewiesen
(act. G 18.1.438), dass für die Monate Mai, Juni und Juli 2019 weit mehr als die
bewilligten Stunden abgerechnet worden seien. Zwar sei es möglich, in einzelnen
Monaten bis zu 150 Prozent des Kostendachs in Rechnung zu stellen, aber der
Jahresbetrag bilde auf jeden Fall die oberste Grenze. Würden weiterhin in diesem
Umfang Leistungen in Rechnung gestellt, werde der Assistenzbeitrag im November
2019 ausgeschöpft sein. Da das neue Rechnungsjahr erst im April 2020 beginnen
werde, könnten in dieser Situation für die Monate Dezember 2019 bis und mit April
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Considerations:
Erwägungen
1.
2020 keine Assistenzleistungen mehr vergütet werden. Für die Monate August 2019,
Oktober 2019 und Mai 2020 hatte die Ehefrau des EL-Bezügers dann sogar Leistungen
von mehr als 150 Prozent des monatlichen Kostendachs abgerechnet (vgl. act. G
18.1.439 ff.). Den Akten betreffend die Ehefrau liess sich entnehmen, dass diese sich
im November 2021 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet
hatte (act. G 18.2.5). Bereits im Oktober 2021 hatte Dr. E._ berichtet (act. G 18.2.2),
sie leide an einer schweren depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom, an
einer morbiden Adipositas bei einem Status nach einem Magenbypass im Januar 2018,
an einer Refluxoesophagitis Grad A, an einem Status nach einer Bauchdeckenplastik
im September 2019, an einem sensomotorischen Carpaltunnelsyndrom beidseits sowie
an einer Facettengelenkarthrose im Bereich der Lendenwirbelsäule.
Am 28. April 2022 liessen die Beschwerdeführer ein Schreiben der Spitex vom 8.
April 2022 sowie verschiedene Berichte einreichen, die bereits in den IV-Akten
enthalten waren (act. G 19). Die Spitex hatte für die Monate Januar bis und mit März
2020 Leistungen für insgesamt 3’285.94 Franken erbracht (act. G 19.1). Am 27. Mai
2022 liessen die Beschwerdeführer erneut an ihren Anträgen festhalten (act. G 25).
B.g.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides vom 29. November 2021 auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb
sein Gegenstand jenem des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Der Zweck des
Einspracheverfahrens hat sich in der Überprüfung der Verfügung vom 18. Januar 2021
auf deren Rechtmässigkeit erschöpft, denn auch das Einspracheverfahren ist ein
(„echtes“) Rechtsmittelverfahren gewesen. Mit der Verfügung vom 18. Januar 2021 hat
die Beschwerdegegnerin ein Verwaltungsverfahren abgeschlossen, das sie auf ein
Gesuch des EL-Bezügers vom 12. April 2019 hin eröffnet hatte, mit dem die Vergütung
von Krankheits- und Behinderungskosten in der Form von zuhause erbrachten
Pflegeleistungen beantragt worden waren. Den Gegenstand des Verwaltungsverfahrens
hat also die Frage gebildet, ob der EL-Bezüger im massgebenden Zeitraum von
frühestens Januar 2018 (vgl. Art. 15 lit. a ELG) bis und mit Januar 2021 einen Anspruch
auf die Vergütung von Kosten für Hilfe, Pflege und Betreuung zuhause (vgl. Art. 14 Abs.
1 lit. b ELG) gehabt hat. Allein diese Frage hat auch den Gegenstand des
1.1.
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anschliessenden Einspracheverfahrens bilden können und sie bildet folglich ebenso
den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens.
Die Beschwerdeführer haben unter Verweis auf eine entsprechende Auffassung
des Bundesgerichtes eingewendet, der Gegenstand des Einspracheverfahrens hätte
(wesentlich) weiter sein müssen; die Beschwerdegegnerin hätte nämlich zusätzlich
auch den Sachverhalt vom 18. Januar 2021 bis zum 29. November 2021 würdigen
müssen. Diese Auffassung überzeugt nicht, denn ein Einspracheentscheid ist keine
„Korrekturverfügung“, die an die Stelle einer angefochtenen Verfügung treten würde,
sondern ein Entscheid über ein formelles Rechtsmittel. Als Rechtsmittelverfahren weist
das Einspracheverfahren – anders als das Verwaltungsverfahren – Züge eines
kontradiktorischen Verfahrens auf, was bedeutet, dass mit einem Einspracheentscheid
über einen „Streit“ zwischen zwei Parteien entschieden wird. Daran ändert der
Umstand nichts, dass die verfügende Behörde gleichzeitig Partei und Entscheidinstanz
ist, denn sie ist dem Legalitätsprinzip, dem Gleichbehandlungsgrundsatz, dem
Fairnessprinzip etc. unterworfen, sodass sie durchaus fähig ist, objektiv über den
„Streit“ zu entscheiden. Da es sich beim Einspracheverfahren also wesensmässig um
ein streitiges Verfahren handelt, muss es einen zum Vorneherein klar definierten
Streitgegenstand haben. Darin unterscheidet sich das Einspracheverfahren nicht von
einem Beschwerdeverfahren. Eindeutig bestimmt ist der Streitgegenstand des
Einspracheverfahrens aber nur, wenn er nicht weiter als der Gegenstand der
angefochtenen Verfügung ist. Würde der Streitgegenstand des Einspracheverfahrens
nicht nur die Sachverhaltsentwicklung bis zur Eröffnung der angefochtenen Verfügung,
sondern auch die weitere Sachverhaltsentwicklung bis zum Tag der Eröffnung des
Einspracheentscheides, umfassen, müsste er sich im Laufe des Einspracheverfahrens
ständig verändern respektive vergrössern. Im Umfang dieser nachträglichen
Erweiterung wäre der Einspracheentscheid zudem nicht mehr ein
Rechtsmittelentscheid, sondern wesensmässig eine Verfügung, denn diesem Teil des
Streitgegenstandes läge weder eine formelle Verfügung noch eine Einsprache
zugrunde; die verfügende Behörde würde diesbezüglich originäre Rechtsanwendung
betreiben, also wesensmässig verfügen. Der Einspracheentscheid bestünde damit
wesensmässig aus zwei Teilen: Für die Sachverhaltsentwicklung bis zum Erlass der
einspracheweise angefochtenen Verfügung wäre er ein Rechtsmittelentscheid, für die
spätere Sachverhaltsentwicklung wäre er eine Verfügung, gegen die – systemwidrig –
keine Einsprache erhoben, sondern nur noch das Rechtsmittel der Beschwerde an das
kantonale Versicherungsgericht ergriffen werden könnte. Nach der bundesgerichtlichen
Auffassung soll das im Interesse der Verfahrensbeschleunigung in Kauf genommen
werden. Das Bundesgericht fingiert also, dass jeder Einsprecher ein überwiegendes
1.2.
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2.
Interesse an einer Beurteilung auch der späteren Sachverhaltsentwicklung im
Einspracheentscheid haben müsse und deshalb für diesen Teil des Sachverhaltes
gerne auf die Rechtsmittelmöglichkeit der Einsprache verzichte. Diese Fiktion ist
unhaltbar, weil sie im Ergebnis das Rechtsmittel der Einsprache als eine unnötige
Verzögerung und damit als praktisch überflüssig qualifiziert. Da das Argument der
Verfahrensbeschleunigung diese Fiktion also offensichtlich nicht zu rechtfertigen
vermag, muss es dabei bleiben, dass der Gegenstand des Einspracheverfahrens nicht
weiter sein kann als der Gegenstand der angefochtenen Verfügung. Damit fehlt der
Behörde auch die Möglichkeit, den Gegenstand des Einspracheverfahrens dadurch zu
verändern, dass sie den Entscheidzeitpunkt bewusst wählt. Ein seiner Natur nach
streitiges Verfahren kann auch deshalb nicht über einen sich immer wieder
verändernden Gegenstand geführt werden, weil jede Veränderung im Zeitablauf neue
Sachverhalts- und Rechtsfragen aufwirft, die jeweils wieder zum Gegenstand der
Auseinandersetzung gemacht werden müssten, bevor der Einspracheentscheid
ergehen könnte (vgl. zum Ganzen auch den Entscheid EL 2012/37 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 2. März 2015, E. 2). In zeitlicher Hinsicht kann deshalb für
dieses Beschwerdeverfahren nur der Sachverhalt bis zum 18. Januar 2021
massgebend sein.
Gemäss dem Art. 14 Abs. 1 lit. b ELG sind die Kantone verpflichtet, eine kantonale
gesetzliche Regelung zu schaffen, die die Vergütung von Kosten für Hilfe, Pflege und
Betreuung zuhause erlaubt. Der Art. 4 ELG/SG (sGS 351.5) sieht einen Anspruch auf
die Vergütung der ausgewiesenen Krankheits- und Behinderungskosten nach Art. 14
Abs. 1 lit. a–g ELG vor, der sich auf die im Rahmen einer wirtschaftlichen und
zweckmässigen Leistungserbringung erforderlichen Ausgaben beschränkt, soweit
diese nicht von anderen Versicherungen oder Dritten gedeckt sind (Abs. 1), wobei
Pflichtleistungen, die von anderen obligatorischen Sozialversicherungen angerechnet
wurden, als wirtschaftlich und zweckmässig gelten, während Kosten, die den
Leistungskatalog einer obligatorischen Sozialversicherung übersteigen, nicht vergütet
werden (Abs. 2). Gestützt auf den Art. 4 Abs. 5 ELG/SG hat der kantonale
Verordnungsgeber die Vergütung der ausgewiesenen Kosten für direkt angestelltes
Pflegepersonal vorgesehen (Art. 11 der Verordnung über die Vergütung von Krankheits-
und Behinderungskosten bei den Ergänzungsleistungen [VKB; sGS 351.53]). Eine
solche Vergütung setzt den Bezug einer Hilflosenentschädigung bei einer Hilflosigkeit
mindestens mittleren Grades voraus; massgebend sind nur die Kosten für jene Pflege-
und Betreuungsleistungen, die nicht durch eine Spitexorganisation erbracht werden
2.1.
bis
bis
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können (Art. 11 Abs. 1 VKB). Dieser Anteil der Pflege- und Betreuungsleistungen sowie
das Anforderungsprofil der anzustellenden Person müssen durch eine vom
Gesundheitsdepartement bezeichnete Stelle festgelegt werden; wird diese Stelle nicht
beigezogen oder werden deren Vorgaben nicht eingehalten, werden die Kosten nicht
vergütet (Art. 11 Abs. 2 VKB). Mit dieser Beschränkung der nach Art. 11 Abs. 1 VKB
vergütungsfähigen Kosten hat der Verordnungsgeber seinen ihm vom Gesetzgeber
eingeräumten Ermessensspielraum respektive seinen Vollzugsauftrag nicht
überschritten, denn die Beschränkung der vergütungsfähigen Kosten anhand einer
durch eine geeignete Fachstelle erstellten Beurteilung erweist sich als sachlich
gerechtfertigt und als für die Durchsetzung des Gleichbehandlungsgebotes
erforderlich. In Beschwerdeverfahren betreffend Pflege- und Betreuungskosten zeigt
sich nämlich immer wieder, dass die im konkreten Fall beigezogenen Pflegefachkräfte
oder Spitexorganisationen den ihrer Ansicht nach notwendigen Pflegebedarf deutlich
höher als den objektiv gerechtfertigten Pflegebedarf ansetzen, weshalb es sinnvoll ist,
das Kostendach für direkt angestelltes Pflegebedarf ausschliesslich gestützt auf eine
objektive „Zweitmeinung“ im Sinne des Art. 11 Abs. 2 VKB festzusetzen.
Im Auftrag der Beschwerdegegnerin hat eine Pflegefachperson des
Gesundheitsdepartementes am 27. August 2019 eine Abklärung im Sinne des Art. 11
Abs. 2 VKB durchgeführt. Die Pflegesachverständige hat die Situation in ihrem
Abklärungsbericht anschaulich geschildert. Die umfangreichen medizinischen Akten
und Sachverhaltsdarstellungen der Familie des EL-Bezügers enthalten keine Hinweise,
die Zweifel an der Zuverlässigkeit der Sachverhaltsschilderung im Abklärungsbericht
vom 29. August 2019 wecken würden. Das Ergebnis der Abklärung hinsichtlich des
notwendigen zeitlichen Pflege- und Betreuungsbedarfs deckt sich mit jenen, die die
Abklärungen der IV-Stelle im Zusammenhang mit dem Assistenzbedarf ergeben haben.
Auch wenn sich der Zustand des EL-Bezügers in den letzten Jahren laufend weiter
verschlechtert hat, ist der Pflege- und Betreuungsbedarf im Wesentlichen während des
gesamten hier massgebenden Zeitraums unverändert hoch gewesen. Bereits im Juli
2017 hatte die Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen den EL-Bezüger
nämlich als vollständig hilflos bezeichnet und festgehalten, in der neurologischen
expanded disability status scale erreiche er nun einen Wert von 9,5: „Gänzlich hilfloser
Patient. Unfähig zu essen, zu schlucken oder zu kommunizieren“. Im Barthel-Index, für
den die Fähigkeiten Essen, Duschen, persönliche Hygiene, An- und Auskleiden,
Stuhlinkontinenz, Urininkontinenz, Toilettenbenützung, Transfer, Fortbewegung im
Rollstuhl sowie Treppensteigen erfragt würden, erreiche er null von hundert Punkten.
Die Ehefrau sei weder ausgebildet noch physisch in der Lage, die notwendige 24
Stunden-Betreuung zu bewerkstelligen. Bei einer Abklärung vor Ort im Rahmen eines
2.2.
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Revisionsverfahrens betreffend den Assistenzbeitrag hatte eine Sachbearbeiterin der
IV-Stelle im Oktober 2017 einen Assistenzbedarf von 307,17 Stunden und einen
Pauschalbedarf für Nachteinsätze von 30,42 Stunden pro Monat ermittelt. An diesem
erheblichen Pflege- und Betreuungsbedarf hat sich in den Jahren danach nur noch
wenig geändert, weil der EL-Bezüger damit bereits im Jahr 2017 eine maximale Pflege
und Betreuung benötigt hatte. Der von der Pflegesachverständigen des
Gesundheitsdepartementes ermittelte monatliche Zeitaufwand von 271 Stunden für
Pflege und Betreuung, eine Stunde für die Alltagsbegleitung und 24 Stunden für
hauswirtschaftliche Leistungen, von total also 296 Stunden pro Monat, erweist sich vor
diesem Hintergrund als überzeugend und für den gesamten hier massgebenden
Zeitraum beweiskräftig. Dem Abklärungsbericht lässt sich allerdings entnehmen, dass
die Präsenzzeiten tagsüber und in der Nacht nicht eingerechnet worden sind, wohl weil
die Ehefrau des EL-Bezügers rund um die Uhr anwesend gewesen ist und die
Sachverständige davon ausgegangen sein muss, die Anwesenheit der Ehefrau rund um
die Uhr sei nicht vergütungsfähig, die Ehefrau stehe also gewissermassen „gratis“ rund
um die Uhr zur Verfügung. Diese Auffassung ist nicht haltbar, denn augenscheinlich
kann es dem Ehegatten eines schwer pflegebedürftigen Versicherten nicht zugemutet
werden, rund um die Uhr einen (enormen) Pflege- und Betreuungsaufwand zu leisten,
ohne dafür eine Entschädigung zu erhalten. Der Aufwand der Ehefrau hätte also
zwingend mit berücksichtigt werden müssen. Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen,
dass bei nicht planbaren Massnahmen, die eine stetige Bereitschaft einer Pflegeperson
erfordern, die zwischen den einzelnen Massnahmen liegenden Zeitabschnitte nach der
bundesgerichtlichen Auffassung als pflegebedingt zu betrachten und folglich ebenfalls
zu entschädigen sind (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichtes 9C_46/2017 vom 6.
Juni 2017, E. 3.2, mit Hinweisen). Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass
das ansonsten überzeugende Ergebnis der Abklärung einfach um 365 Tage/Jahr × 24
Stunden/Tag ÷ 12 Monate/Jahr = 730 Stunden/Monat erhöht werden müsse, womit die
ununterbrochene Präsenz der Ehefrau vollumfänglich abgedeckt wäre. Daraus würde
allerdings ein insgesamt zu hoher Entschädigungsanspruch resultieren, denn dem dem
Bericht vom 29. August 2019 beigelegten „RAI Home Care-Leistungskatalog“ (EL-act.
B/28) lässt sich beispielsweise entnehmen, dass für das regelmässige Absaugen (im
Durchschnitt viermal pro Stunde) ein Aufwand von 2’688 Minuten pro Monat = 44,8
Stunden pro Monat berücksichtigt worden ist, was bedeutet, dass der von der
Sachverständigen des Gesundheitsdepartementes ermittelte Gesamtaufwand zum Teil
jenen Aufwand beinhaltet hat, den die Ehefrau geleistet hat. Der knapp gehaltene
Abklärungsbericht vom 29. August 2019 enthält keine Ausführungen, die es erlauben
würden, den von der Sachverständigen berücksichtigten Anteil der Ehefrau am
gesamten Pflege- und Betreuungsaufwand von 296 Stunden pro Monat mit dem
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3.
Dieser Verfahrensausgang gilt hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als
ein Obsiegen der Beschwerdeführer. Gerichtskosten sind allerdings keine zu erheben
(Art. 61 lit. f ). Die Beschwerdeführer haben einen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Der erforderliche Vertretungsaufwand ist als insgesamt
durchschnittlich zu qualifizieren, denn die Akten sind zwar überdurchschnittlich
umfangreich gewesen, aber dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführer ist der
massgebende Sachverhalt aus dem Verwaltungs- und Einspracheverfahren bereits
bestens bekannt gewesen. Zudem hat sich das Beschwerdeverfahren nur auf eine
isolierte Rechtsfrage beschränkt. Die Parteientschädigung ist folglich auf 3’500 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.