Decision ID: 0433b44d-1505-5bd3-a4d3-0293fed43e72
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden stellten am 30. November 2015 in der
Schweiz Asylgesuche. Am 3. Dezember 2015 wurden die Beschwerdefüh-
renden 1–3 jeweils summarisch befragt (Befragungen zur Person, BzP).
A.b Aufgrund des geschilderten Reiseweges gewährte das SEM den Be-
schwerdeführenden das rechtliche Gehör dazu, dass Deutschland für die
Behandlung ihrer Asylgesuche zuständig sein könnte.
A.c Das SEM leitete in der Folge ein Dublin-Übernahmeverfahren mit
Deutschland ein. Die deutschen Behörden entsprachen am 21. Dezember
2015 einem Ersuchen des SEM um Wiederaufnahme der Beschwerdefüh-
renden.
A.d In der Folge trat das SEM mit Verfügung vom 14. Januar 2016 auf die
Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, ordnete die Überstellung
nach Deutschland an und beauftragte den Kanton E._ mit deren
Vollzug. Diese Verfügung erwuchs mangels Anfechtung in Rechtskraft.
A.e In einer Eingabe an das SEM vom 23. Juni 2016 hielt der Beschwer-
deführer 1 fest, die Frist zur Überführung nach Deutschland sei am 21. Juni
2016 ungenutzt abgelaufen, weshalb er darum ersuche, die Asylgesuche
der Familie nunmehr in der Schweiz zu prüfen.
A.f Mit Verfügung vom 4. Juli 2016 hob das SEM seinen Nichteintretens-
entscheid vom 14. Januar 2016 zufolge Ablaufs der Überstellungsfrist auf
und teilte den Beschwerdeführenden mit, damit werde das nationale Asyl-
und Wegweisungsverfahren in der Schweiz durchgeführt.
B.
Am 13. November 2017 (Beschwerdeführer 1) und 14. November 2017
(Beschwerdeführende 2 und 3) führte das SEM die eingehenden Anhörun-
gen zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) durch.
C.
C.a Die Beschwerdeführenden gaben bei ihren Befragungen übereinstim-
mend an, sie seien arabischer Ethnie mit sunnitischer Glaubensrichtung
und stammten aus F._ / G._ / Provinz Diyala.
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C.b
C.b.a Der Beschwerdeführer 1 führte in der BzP zur Begründung seines
Asylgesuches im Wesentlichen aus, er habe etwa sechs Jahre lang die
Schule besucht und anschliessend während zehn Jahren der irakischen
Armee gedient. Danach habe er als (...) gearbeitet. Er habe sich politisch
nicht betätigt und auch keine Probleme mit den irakischen Behörden oder
Drittpersonen gehabt. Im Klima eskalierender Spannungen zwischen Schi-
iten und Sunniten habe er eines Tages ein "X" an der Haustür vorgefunden
und deswegen das Schlimmste befürchtet.
C.b.b In der Anhörung vom 13. November 2017 machte der Beschwerde-
führer 1 massgeblich geltend, sein Sohn H._ sei im (...) 2012 we-
gen eines Verhältnisses zu einer jungen Frau schiitischen Glaubens – auf
Betreiben von deren Familie hin, die mit der Beziehung nicht einverstanden
gewesen sei – inhaftiert worden. Die Familie des Mädchens habe drei Tage
nach dem Vorfall im (...) 2012 ihren Wohnort verlassen. Nach dem Weg-
gang jener Familie sei vor deren Haus eine Sprengladung deponiert wor-
den. Diese habe von Experten entschärft werden können. Der Beschwer-
deführer sei deswegen im (...) 2012 verhaftet und zur Anti-Kriminal-Einheit
von G._ gebracht worden. Vor der eigentlichen Befragung habe
man ihn zunächst mehrere Stunden lang beleidigt, verunglimpft und ge-
schlagen. Der Befrager habe sich dann weder durch sein Alibi – er habe
als (...) Zeugen benennen können – noch sonst von seiner Unschuld über-
zeugen lassen. Etwa am (...) 2013 sei er mit Hilfe des Bruders gegen eine
Geldzahlung freigekommen. Er sei in der Folge von Angehörigen der
Freundin des Sohnes bedroht worden und deshalb mit seiner Familie nach
I._ ausgewichen. Seine Frau sei in dieser Zeit etwa einmal monat-
lich den noch inhaftierten Sohn besuchen gegangen. Eines Tages habe sie
die Lebensbedingungen in I._ nicht mehr ausgehalten und sei nach
F._ zurückgekehrt. Er selber sei in der Region von I._ ge-
blieben und habe seine Arbeit fortgeführt. Nach Vermittlung durch die
Stämme, der die beiden Familien angehört hätten, sei auch er schliesslich
nach F._ zurückgekehrt und habe seine Arbeit als (...) wiederauf-
genommen.
Er habe sich an Diskussionen über die religiösen Parteien beteiligt, worauf
ihm zum Verlassen der Region geraten worden sei. In der Folge habe er
sich bei solchen Gesprächen zurückgehalten, obwohl dies schwierig für ihn
gewesen sei.
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Im Irak seien die Identitätskarten von ehemaligen Gefängnisinsassen
durch Loch-Spuren erkennbar, und er sei bei Strassenkontrollen deswegen
von der Polizei beleidigt und geschlagen worden und habe den Polizisten
auch Geld zahlen müssen.
Einmal habe er bei einer Diskussion mit Kollegen den Imam Al Sistani
kritisiert. In der Folge habe er eines Morgens ein "X" auf seiner Tür vor-
gefunden, was im Irak als direkte Todesdrohung oder als Aufforderung zur
Abreise angesehen werde. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse habe er
sich letztlich zum Verlassen der Heimat entschieden.
Er leide unter gesundheitlichen Problemen und habe Mühe zur Ruhe zu
kommen. Der Sohn sei inzwischen im Rahmen einer Amnestie freigekom-
men und halte sich seit zwei Monaten in Griechenland auf.
C.c Die Beschwerdeführerin 2 führte aus, sie habe etwa sechs Jahre die
Schule besucht und diese unter anderem wegen ihrer fragilen Gesundheit
abgebrochen. Mit etwa (...) Jahren habe sie ihren Mann geheiratet. Der
hauptsächliche Grund für die Ausreise der Familie seien die Probleme des
ältesten Sohnes H._ gewesen, der verhaftet worden und etwa drei
Jahre lang im Gefängnis gewesen sei. Etwa sechs Monate nach dieser
Festnahme habe man ihren Mann unter dem Verdacht, eine Sprengladung
gelegt zu haben, festgenommen. Vor diesem Hintergrund seien sie nach
seiner Freilassung nach I._ ausgewichen. Sie sei sechs Monate
dort geblieben, anfänglich in einer Unterkunft des Bruders, später in den
Bergen nahe der Stadt. Sie habe in dieser Zeit den inhaftierten Sohn be-
sucht und sei dabei Beleidigungen und Vorwürfen ausgesetzt worden. Die
kurdische Familie, die ihnen in I._ Unterkunft gewährt habe, habe
verlangt, dass die damals erst (...)-jährige Tochter (Beschwerdeführerin 3)
deren Sohn heirate. Dies hätten sie als Eltern nicht gewollt, weshalb sie mit
der Tochter zurück nach G._ gezogen sei. Der Ehemann sei allein
zurückgeblieben und habe die Farm der kurdischen Familie gehütet, wobei
sich das Verhältnis zu dieser Familie abgekühlt habe. Angehörige des
Stammes des Ehemannes hätten in der Folge in den Schwierigkeiten des
inhaftierten Sohnes vermittelt, weshalb dann auch ihr Mann nach
G._ zurückgekehrt sei.
Wegen der Festnahme des Sohnes hätten sie ihr Auskommen und das
Landgut aufgeben respektive verkaufen müssen. Die Familie habe
Schmiergeld bezahlt, um die Situation des verhafteten Sohnes zu verbes-
sern, ohne dass dies etwas genützt habe. Sie habe erst bei ihrem ersten
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Besuch im Gefängnis erfahren, dass der Hintergrund der Verhaftung eine
Liebesgeschichte mit einem schiitischen Mädchen gewesen sei. Als sich
die Probleme in der Region verschärft hätten, sie den Sohn nicht mehr
habe besuchen können und schliesslich ein Neffe ihres Ehemannes getö-
tet worden sei, hätten sie sich zur Wegreise entschlossen.
C.d Die Beschwerdeführerin 3 schilderte ebenfalls, wie ihr Bruder im (...)
2012 in ihrem Beisein zu Hause verhaftet worden sei. Kurz darauf sei auch
der Vater festgenommen worden und etwa einen Monat lang in Haft geblie-
ben. Etwa zwei Monate später seien sie nach I._ gegangen. An-
fänglich sei es dort gut gegangen, dann habe die kurdische Familie, bei der
sie Unterkunft gefunden hätten, sie mit ihrem Sohn verheiraten wollen. Ihre
Eltern und sie selber hätten das abgelehnt, was die Beziehung zu dieser
Familie belastet habe. Etwa eine Woche später habe sie mit ihrer Mutter
und dem kleinen Bruder I._ verlassen, während der Vater dort ge-
blieben sei. Etwa ein bis eineinhalb Jahre später sei dann auch der Vater
zu ihnen zurückgekehrt. Etwa einen Monat später sei ein Cousin von ihr
getötet worden, und ein knappes Jahr nach der Rückkehr des Vaters aus
I._ seien sie aus dem Irak ausgereist. In dieser Zeit sei es ihrer
Erinnerung nach zu keinen besonderen Vorfällen mehr gekommen. Der
Vater habe als (...) gearbeitet und die Mutter sei daheim geblieben. Kurz
vor der Ausreise habe sie gehört, dass der Vater wegen einiger Äusserun-
gen Ärger bekommen habe.
C.e Die Beschwerdeführenden reichten ihre Identitätsausweise, eine Ver-
legungskarte, eine medizinische Bestätigung von (...) vom 9. November
2017, einen Personalausweis des Bruders des Beschwerdeführers 1, ein
Haftentlassungsformular sowie medizinische Unterlagen betreffend den
Beschwerdeführer 1 zu den erstinstanzlichen Akten.
D.
Mit Verfügung vom 17. August 2018 – eröffnet am 21. August 2018 – stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen, lehnte ihre Asylgesuche ab und verfügte die Wegwei-
sung aus der Schweiz. Wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegwei-
sung ordnete die Vorinstanz die vorläufige Aufnahme der Beschwerdefüh-
renden an.
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Seite 6
E.
E.a Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 20. September
2018 reichten die Beschwerdeführenden durch ihren Rechtsvertreter Be-
schwerde gegen die Verfügung vom 17. August 2018 ein. Sie beantragten,
diese Verfügung sei aufzuheben und die Sache sei zur vollständigen und
richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
und zur Neubeurteilung zurückzuweisen; eventualiter sei ihre Flüchtlings-
eigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren.
E.b In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung.
E.c Mit der Beschwerde wurden unter anderem Kopien der bereits beim
SEM eingereichten Beweismittel mit französischsprachigen Übersetzun-
gen zu den Akten gereicht.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Januar 2019 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gut. Mit gleicher Ver-
fügung überwies er die Beschwerdeakten der Vorinstanz zur Vernehmlas-
sung.
G.
Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung vom 8. Januar 2019 an ihren
Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
H.
Die Beschwerdeführenden liessen in ihrer Replik vom 25. Januar 2019 an
ihren Begehren festhalten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts Anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerdeschrift wird der Vorinstanz Verletzung des An-
spruchs auf Akteneinsicht und auf rechtliches Gehör sowie eine willkürliche
Argumentation vorgeworfen. Weiter rügen die Beschwerdeführenden eine
Verletzung der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechts-
erheblichen Sachverhalts durch das SEM. Diese verfahrensrechtlichen Rü-
gen sind vorab zu prüfen.
3.2
3.2.1 Gemäss Art. 6 AsylG in Verbindung mit Art. 12 VwVG stellen die
Asylbehörden den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Untersuchungs-
grundsatz). Dabei muss die Behörde die für das Verfahren erforderlichen
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Sachverhaltsunterlagen beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände ab-
klären und darüber ordnungsgemäss Beweis führen. Unrichtig ist die Sach-
verhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger
oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvoll-
ständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sach-
verhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt hat oder nicht alle für die Ent-
scheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt worden sind (vgl.
dazu AUER/BINDER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal-
tungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2018, Art. 12 N. 16; BENJAMIN SCHINDLER,
a.a.O., Art. 49 N. 29).
3.2.2 Der Gehörsanspruch verlangt dabei auch, dass die Behörde die Vor-
bringen tatsächlich hört und ernsthaft prüft sowie angemessen in der Ent-
scheidfindung berücksichtigt. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründungspflicht als
weiterer Gehalt des Anspruchs auf rechtliches Gehör verlangt, dass die
Behörde ihren Entscheid so begründet, dass die betroffene Person ihn ge-
gebenenfalls sachgerecht anfechten kann und sich sowohl sie als auch die
Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen
können (vgl. KNEUBÜHLER/PEDRETTI, a.a.O., Art. 35 N. 7 ff.; BVGE 2007/30
E. 5.6). Dabei kann sich die verfügende Behörde auf die wesentlichen Ge-
sichtspunkte beschränken; sie hat jedoch wenigstens die Überlegungen
kurz anzuführen, von denen sie sich leiten liess und auf welche sie ihren
Entscheid stützt (BVGE 2008/47 E. 3.2; Entscheide und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 24 E. 5.1).
3.3 Einleitend ist festzuhalten, dass in der Beschwerdeschrift ver-
schiedentlich die sich aus dem Untersuchungsgrundsatz ergebende Frage
der Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit derjenigen der
rechtlichen Würdigung dieses Sachverhalts vermengt wird (welche die ma-
terielle Entscheidung über die vorgebrachten Asylgründe betrifft und dort
zu prüfen ist).
3.4 Zur Rüge der Verletzung der Abklärungspflicht – indem die Beweismit-
tel nicht übersetzt und nicht korrekt nummeriert worden seien – hat sich die
Vorinstanz in der Vernehmlassung geäussert und die Stellen im Anhö-
rungsprotokoll des Beschwerdeführers 1 aufgelistet, an denen diese Doku-
mente übersetzt worden seien. Die Durchsicht dieses Protokolls ergibt,
dass sowohl die in der Beschwerde angesprochenen Unterlagen "Bulletin
de sortie de prison" und "Carte de Deplaçes" (vgl. Beschwerde S. 6 und
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Protokoll A25 F/A 22 und 38) als auch das einen Bruder betreffende Doku-
ment und die Identitätsausweise der Ehefrau und Kinder übersetzt worden
sind (vgl. a.a.O. F/A 41). Die Rüge der Verletzung der Abklärungspflicht ist
unbegründet.
3.5 Das Gleiche gilt für das Monieren der Nichtnummerierung der einzel-
nen Beweismittel innerhalb des mit Aktennummer A28/1 erfassten Beweis-
mittelumschlags – respektive das diesbezügliche Nummerieren mittels An-
bringen von Post-Its durch das SEM (vgl. Replik S. 1) –, zumal die Be-
schwerdeführenden die im Couvert A28 abgelegten Beweismittel kennen,
weil sie sie zu den Akten gereicht hatten. Die vorliegend gewählte Form
lässt eine eindeutige Zuordnung namentlich zu den vorhandenen Überset-
zungspassagen ohne Weiteres zu. Der diesbezügliche Antrag auf amtliche
Übersetzung auf Beschwerdeebene respektive auf Ansetzen einer Frist zur
Einreichung von Übersetzungen (vgl. Beschwerde S. 6) ist bei dieser Sach-
lage abzuweisen.
3.6
3.6.1 Die Beschwerdeführenden machen geltend, das SEM habe nicht er-
wähnt und nicht gewürdigt, dass den Beschwerdeführenden im Nordirak
eine Zwangsverheiratung der Tochter (Beschwerdeführerin 3) gedroht
habe und sie sich deswegen gezwungen gesehen hätten, diese Region
erneut zu verlassen.
Eine weitere Verletzung der Abklärungspflicht wird im langen Zeitablauf
zwischen der Einreichung des Asylgesuchs (November 2015) und den ein-
gehenden Anhörungen (November 2018) gesehen. Die Abklärungspflicht
sei auch dadurch verletzt worden, dass die Anhörungen viel zu lange ge-
dauert hätten. So sei der Beschwerdeführer 1 fast acht Stunden lang an-
gehört worden. Analoges gelte auch mit Bezug auf die Beschwerdeführen-
den 2 und 3.
Zudem habe das SEM seine Pflicht zur Erfassung des rechtserheblichen
Sachverhalts verletzt, indem keine offenen und teilweise unsinnige Fragen
gestellt worden seien und beispielsweise die Erfassung der vom Beschwer-
deführer 1 offerierten Namen der an einem Streitgespräch beteiligten Per-
sonen verweigert worden sei.
Nicht erfasst habe die Vorinstanz, dass der Identitätsausweis des Be-
schwerdeführers nach dem Gefängnisaufenthalt perforiert gewesen sei,
was ihn bei Kontrollen als Straftäter und ehemaligen Gefängnisinsassen
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erkennbar gemacht habe. Und nicht erwähnt habe das SEM die Ermordung
des Neffen des Beschwerdeführers 1, die insbesondere von der Beschwer-
deführerin 2 als ausschlaggebendes Ereignis für das Verlassen der Heimat
genannt worden sei.
3.6.2 Die Rüge, die Vorinstanz habe relevante Sachverhaltselemente nicht
korrekt festgestellt, erweist sich nach Durchsicht der Akten als unbegrün-
det:
Das SEM hat die Beschwerdeführenden zur Person, zu ihren Asylgründen
befragt und einlässlich angehört sowie den Sachverhalt nach Einräumen
aller bestehenden Verfahrensrechte festgestellt. Den Beschwerdeführen-
den wurde jeweils zu einem frühen Zeitpunkt der Anhörung durch die of-
fene Frage nach ihren Asylgründen die Möglichkeit gegeben, ihre Erleb-
nisse uneingeschränkt vorzutragen (vgl. Protokolle A25/22 F/A 42 ff.,
A26/15 F/A 35 ff. und A27/13 F/A 23 f.). Namentlich die Beschwerdefüh-
renden 1 und 2 haben dabei ihre Asylgründe sehr ausführlich geschildert.
Die jeweils folgenden Fragestellungen dienten der Konkretisierung und Si-
cherstellung im Rahmen der Erhebung aller notwendigen Sachverhaltsele-
mente. Eine Notwendigkeit weiterer Abklärungen oder einer weiteren er-
gänzenden Anhörung ergibt sich aus den Akten nicht.
Es ist, wie oben erwähnt, auch nicht erforderlich, dass die Behörde sich in
der Begründung mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtli-
chen Einwand einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen
explizit würdigt. Die Vorinstanz hat folgend in der angefochtenen Verfügung
ihre Überlegungen genannt, auf die sie ihren Entscheid gestützt hat und
sie hat in ihrer Begründung auf die vorgebrachten Asylgründe Bezug ge-
nommen. Dabei legte sie in hinreichender Ausführlichkeit dar, aus welchen
Gründen die Asylvorbringen den Anforderungen zur Bejahung der Flücht-
lingseigenschaft nicht genüge und weshalb diese nicht zur Gewährung von
Asyl führen würden. Im Übrigen obliegen Durchführung und Leitung einer
Befragung der Behörde, darunter fällt auch die Fragestellung, die sich ins-
besondere an den bereits protokollierten Aussagen der Beschwerdefüh-
renden zu orientieren hat. Der unsubstanziierte Vorwurf des Stellens "un-
sinniger" Fragen (vgl. Beschwerde S. 7) ist unbegründet.
Es ist zwar durchaus wünschenswert, dass zwischen Befragung und An-
hörung ein relativ kurzer Zeitraum liegt. Allerdings gibt es diesbezüglich
keine zwingende, mit Rechtsfolgen versehene gesetzliche Verpflichtung
des SEM. Der Länge des zwischen Befragung und Anhörung verstrichenen
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Zeitraums ist indessen bei der Würdigung der Aussagen Rechnung zu tra-
gen. Auch für die Dauer der einzelnen Anhörung im Asylverfahren besteht
keine verbindliche Vorgabe des Gesetz- oder Verordnungsgebers. Wie
lange eine Anhörung dauern soll, ist nicht anhand von starren zeitlichen
Kriterien, sondern im Rahmen der individuellen Situation zu beurteilen. In
erster Linie massgebend ist dabei, ob die angehörte Person der Anhörung
zu folgen vermag. Den vorliegenden Protokollen ist nicht zu entnehmen,
dass die Beschwerdeführenden Mühe bekundet hätten, sich zu konzent-
rieren, oder die Anhörungen aus anderen Gründen nicht zu bewältigen ver-
mocht hätten. Entsprechend hat die mitwirkende Hilfswerkvertretung bei
keiner der Anhörungen in diesem Sinn Bemerkungen angebracht oder Ein-
wände angemeldet. Wie auch im Rechtsmittel anerkannt, waren die Befra-
gungen durch Pausen unterbrochen, sie fanden zudem an zwei aufeinan-
derfolgenden Tagen statt, womit auch der angesprochenen Belastung für
den Übersetzer (vgl. Beschwerde S. 7) genügend Rechnung getragen wor-
den ist.
3.7 In der Beschwerde wird gerügt, das SEM habe nur vordergründig "for-
mell" die Asylgründe über die Frage der Asylrelevanz geprüft, faktisch je-
doch "versteckt" über die Glaubhaftigkeit argumentiert. Dieser Einwand er-
weist sich – soweit er nachvollziehbar ist – als unbegründet. Das SEM ist
in seiner Verfügung zum Schluss gekommen, die Vorbringen würden den
Anforderungen zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung
von Asyl nicht genügen und hielt fest, eine abschliessende Glaubhaftig-
keitsprüfung könne unterbleiben. Die Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft setzt die flüchtlingsrechtliche Relevanz und die Glaubhaftigkeit einer
Asylbegründung kumulativ voraus. Sind Asylgründe nicht relevant im Sinn
von Art. 3 AsylG, kann eine zusätzliche Glaubhaftigkeitsprüfung unterblei-
ben, und bei unglaubhaften Vorbringen muss das SEM nicht zusätzlich prü-
fen, ob sie den Anforderungen von Art. 3 AsylG standhalten würden.
3.8 Zusammenfassend ist der Sachverhalt vom SEM unter Einhalten der
massgeblichen Verfahrensvorschriften rechtsgenüglich erstellt worden. Die
Verfügung wurde so abgefasst, dass die Beschwerdeführenden – wie die
vorliegende Beschwerdeschrift aufzeigt – in der Lage waren, diese sach-
gerecht anzufechten. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist nicht fest-
zustellen, auch nicht in Form einer Verletzung der Begründungspflicht. Ins-
gesamt ist schliesslich auch der pauschalen Rüge einer Verletzung des
Willkürverbots der Boden entzogen.
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Seite 12
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung seiner Verfügung vorab aus, der
Grund für die Inhaftierung des Sohnes H._ sei von den Beschwer-
deführenden unterschiedlich beschrieben worden, und das eingereichte
Entlassungsdokument bringe in diesem Zusammenhang keine konkreten
Erkenntnisse. Es falle zudem auf, dass der Beschwerdeführer 1 die Inhaf-
tierung des Sohnes anlässlich der BzP nicht erwähnt und damals zu Pro-
tokoll gegeben habe, er habe mit den irakischen Behörden oder Drittper-
sonen keine Probleme gehabt.
5.2 Ungeachtet der Frage der Glaubhaftigkeit der Vorbringen sei festzuhal-
ten, dass die vom Beschwerdeführer 1 erwähnte eigene Festnahme von
(...) 2012 / (...) 2013 offensichtlich nicht in direktem Kausalzusammenhang
zur Ausreise im November 2015 gestanden habe. Auch die Inhaftierung
des Sohnes im (...) 2012 habe den Beschwerdeführer 1 nicht daran gehin-
dert, weiterhin im Heimatland zu bleiben, seiner Arbeit nachzugehen und
Reisepässe für die Ausreise zu erhalten. Diese Vorbringen seien folglich
asylrechtlich nicht relevant.
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Seite 13
5.3 Bezüglich der beiden Vorfälle, bei denen der Beschwerdeführer 1 in
Strassenkontrollen geraten, befragt, beleidigt und geschlagen worden sei,
müsse festgehalten werden, dass er dabei weder verhaftet noch inhaftiert
oder einem gerichtlichen Verfahren zugeführt worden sei. Diese Erlebnisse
hätten nicht eine Intensität aufgewiesen, der er nur durch Verlassen des
Heimatstaates habe entgehen können.
5.4 Soweit vorgebracht worden sei, die Haustür sei mit einem "X" markiert
worden, könnten die Beschwerdeführenden weder den Urheber noch des-
sen Motivation darlegen noch konkrete und ernsthafte Probleme im Nach-
gang zu den kritischen Äusserungen des Beschwerdeführers 1 über den
Imam darlegen. Zudem habe die Beschwerdeführerin 2 diese Markierung
nicht respektive erst auf konkretes Nachfragen hin überhaupt erwähnt, was
darauf hinweise, dass dieser Vorfall nicht ausschlaggebend für das Verlas-
sen der Heimat gewesen sei. Im Übrigen sei festzustellen, dass die Be-
schwerdeführenden damals nicht unverzüglich zu Angehörigen oder in den
kurdischen Teil des Irak ausgewichen seien, wo sie sich bereits früher auf-
gehalten hätten. Diese Vorbringen würden sich damit ebenfalls nicht als
asylrelevant erweisen.
5.5 Die Beschwerdeführenden hätten weiter angeführt, den Irak aus medi-
zinischen Gründen und wegen der allgemein unsicheren Situation verlas-
sen zu haben. Diese Vorbringen würden indessen keine der in Art. 3 AsylG
genannten Verfolgungsmassnahmen betreffen, seien mithin flüchtlings-
rechtlich ebenfalls nicht relevant.
6.
6.1 In der Beschwerde werden im Wesentlichen die vorgebrachten Asyl-
gründe erneut aufgeführt. Es wird festgehalten, dass diese den Anforde-
rungen an die Flüchtlingseigenschaft genügen würden. Der Beschwerde-
führer 1 habe in der Erstbefragung ausführlich geschildert, dass das Asyl-
gesuch letztlich in den religiösen Konflikten zwischen den Schiiten und
Sunniten im Irak begründet sei. Den Aussagen seien die konkreten Auswir-
kungen für die Familie klar zu entnehmen. Sowohl die Probleme des Soh-
nes als auch das "X" an der Haustür seien konkrete Auswirkungen dieser
religiösen Auseinandersetzungen. Dass der Beschwerdeführer 1 sich bei
der Erstbefragung auf dieses weniger weit zurückliegende Ereignis bezo-
gen habe, sei nachvollziehbar. Die Argumentation der Vorinstanz gehe hier
fehl. Es sei zudem absurd, dem Beschwerdeführer vorzuwerfen, dass er
nicht habe sagen können, wer und wann dieses "X" angebracht habe, zu-
mal solche Personen ja gerade versteckt agieren würden.
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Seite 14
6.2 Bei den religiösen Konflikten zwischen Sunniten und Schiiten handle
es sich um das zentrale Vorbringen der Beschwerdeführenden; in sämtli-
chen Anhörungen sei dies Thema gewesen. Davon sei besonders der
Sohn betroffen gewesen. Die Beschwerdeführenden hätten sich deswegen
vorübergehend in das Kurdengebiet begeben. Sie hätten wegen der dro-
henden Zwangsverheiratung der Tochter jedoch wieder an ihren Herkunfts-
ort zurückkehren müssen. Nachdem der Sohn inhaftiert gewesen und die
Beschwerdeführenden als Sunniten bekannt gewesen seien, sei das die
Flucht letztlich auslösende Ereignis die Drohung mit dem "X" gewesen.
Diese Schilderungen seien insgesamt detailliert und glaubhaft ausgefallen.
Das SEM sei zu Unrecht von der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen ausge-
gangen und verletze mit seinen willkürlichen Behauptungen Art. 7 AsylG
und Art. 9 BV.
6.3 Der Beschwerdeführer 1 sei während seiner Haft schwer misshandelt
worden. Die Vorinstanz habe dies ebenso wenig gewürdigt wie den Um-
stand, dass ihm vorgeworfen worden sei, zur Gefolgschaft von Saddam
Hussein zu gehören. Insgesamt sei diese politisch-ethnisch-religiöse Ver-
folgung nicht richtig erfasst und gewürdigt worden.
6.4 Dieser Vorverfolgung im Jahr 2013 habe er nur durch Flucht nach
I._ ausweichen können. Es stelle sich die Frage, ob auch im Jahr
2015 eine neue oder weiterhin andauernde asylrelevante Verfolgung be-
standen habe. Der Beschwerdeführer 1 sei aus I._ zurück-
gekehrt, weil er sich nach Verhandlungen und Mediationen der involvierten
Stämme nicht mehr in Gefahr gesehen habe. Die dann erneut erlebte Dro-
hung durch Beschmieren der Türe habe aufgezeigt, dass er sich getäuscht
habe. Aufgrund der Vorgeschichte hätten die Beschwerdeführenden je-
doch mit neuer gezielter Verfolgung rechnen müssen. Die von der Vor-
instanz erwähnte Fluchtalternative Nordirak habe sie nicht fundiert geprüft
und insbesondere ausser Acht gelassen, dass dort der Tochter die Zwangs-
verheiratung gedroht hatte. Diese Fluchtalternative habe damit gar nicht
mehr zur Verfügung gestanden.
6.5 Der Beschwerdeführer 1 leide ausserdem aufgrund der Inhaftierung
und erlittenen Folter unter schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen,
unter anderem an einer Zwangsstörung. Diese anhaltenden Beschwerden
würden die Glaubhaftigkeit der Darlegungen der Beschwerdeführenden
belegen.
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Seite 15
7.
Das Bundesverwaltungsgericht kommt in Würdigung aller vorliegender
Sachverhaltselemente zu folgenden Schlussfolgerungen:
7.1 Einleitend ist nochmals festzuhalten, dass die Vorinstanz in ihrer Ver-
fügung zwar gewisse Zweifel an den Darlegungen namentlich des Be-
schwerdeführers 1 hat erkennen lassen, jedoch die Asylvorbringen erkenn-
bar anhand der Kriterien von Art. 3 AsylG inhaltlich geprüft und gewürdigt
hat.
7.2 Die Beschwerdeführenden machen – jedenfalls in ihren Anhörungen –
übereinstimmend geltend, ihr Sohn respektive Bruder sei im (...) 2012 ver-
haftet worden. Es sei um eine Liebesbeziehung mit einem schiitischen
Mädchen gegangen, deren Eltern mit dem sunnitischen Freund der Tochter
nicht einverstanden gewesen seien.
7.3
7.3.1 Der Beschwerdeführer 1 hat nach der Festnahme des Sohnes noch
bis (...) 2012 weitergearbeitet, und die Beschwerdeführenden 2 und 3 ha-
ben für diesen Zeitraum keine Nachteile geltend gemacht. Im (...) 2012 sei
der Beschwerdeführer 1 dann unter dem Verdacht eines (versuchten)
Sprengstoffanschlags vor dem Haus der Eltern des besagten schiitischen
Mädchens inhaftiert und bis (...) 2013 festgehalten worden. Ungeachtet
der Frage der Glaubhaftigkeit wäre diese Festnahme als im Rahmen straf-
rechtlicher Ermittlungen erfolgt zu qualifizieren, zumal der untersuchenden
Behörde aufgrund der beschriebenen familiären Fehde offenbar ein Tatmo-
tiv beim Beschwerdeführer 1 nicht abwegig erschien. Der Beschwerdefüh-
rer 1 kam nach gut einem Monat wieder auf freien Fuss.
7.3.2 Soweit er ausführt, er sei in der Haftanstalt misshandelt worden und
nach der Freilassung seien von Seiten der Familie jenes Mädchens Dro-
hungen gegen ihn erfolgt, ist Folgendes festzuhalten: Die Beschwerdefüh-
renden haben vor diesem Hintergrund eine innerstaatliche Ausweichmög-
lichkeit genutzt, indem sie kurz nach der Freilassung des Beschwerdefüh-
rers 1 nach I._ umzogen. Dort konnten sie im Haus des Bruders der
Beschwerdeführerin 2 eine Unterkunft beziehen; später wohnten sie in der
Umgebung ausserhalb der Stadt bei einer kurdischen Familie, bei der der
Beschwerdeführer 1 eine Anstellung gefunden hatte. Dass nach der Ab-
kühlung des vormals guten persönlichen Verhältnisses zur Kurdenfamilie –
infolge der Weigerung der Beschwerdeführenden 1 und 2, ihre jugendliche
Tochter (Beschwerdeführerin 3) dem Sohn jener Familie zur Frau zu geben
– eine eigentliche Verfolgungssituation entstanden wäre, ist den Aussagen
der Beschwerdeführenden nicht zu entnehmen.
E-5385/2018
Seite 16
7.3.3 Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Beschwer-
deführenden auch später den am ursprünglichen Wohnort erlebten Vorfäl-
len und Drohgebärden (namentlich der durch Malen eines "X" auf die Türe
ausgesprochenen Warnung), wiederum durch Ausweichen in den kurdi-
schen Teil des Irak hätten entgehen können, zumal sie dort beim Bruder
der Beschwerdeführerin 2 offenbar weiterhin eine mindestens anfänglich
funktionierende Unterkunftsmöglichkeit gefunden hätten. Die Existenz ei-
ner solchen zumutbaren innerstaatlichen Schutzalternative bedeutet, dass
die Flüchtlingseigenschaft auch in diesem Kontext nicht festgestellt werden
kann.
7.3.4 Der Beschwerdeführer 1 verblieb nach der Rückkehr der Beschwer-
deführerinnen 2 und 3 vorerst in I._. Seine Rückkehr erfolgte
– wie oben ausgeführt – nicht als Folge von andauernden Problemen mit
der kurdischen Familie, sondern weil die Fehde mit der schiitischen Familie
am vorherigen Wohnort durch eine Mediation seitens der involvierten
Stämme beigelegt worden sei. Dies sei etwa ein Jahr später der Fall ge-
wesen. Der Beschwerdeführer 1 hat demnach etwa ab (...) 2014 wieder in
F._ an der ursprünglichen Adresse gelebt und seine Arbeit als (...)
wiederaufgenommen. Soweit in der Beschwerde geltend gemacht wird, er
sei mit Saddam Hussein in Verbindung gebracht worden (vgl. Beschwerde
S. 16) ist nach Sichtung der Akten festzuhalten, dass der Beschwerdefüh-
rer 1 solches nur für den Zeitraum seiner gut einmonatigen Inhaftierung ab
(...) 2012 beschrieben hat.
7.3.5 Die für den Zeitraum 2014 bis zur Ausreise erwähnten Diskussionen,
bei denen der Beschwerdeführer 1 gemäss seinen Schilderungen nicht mit
seiner Meinung hinter dem Berg gehalten und er sich auch zu den Konflik-
ten zwischen Schiiten und Sunniten geäussert habe, haben ihm gemäss
seinen Angaben zwar Anwürfe von Privaten eingebracht; so habe eine Per-
son ihm die Ausreise nahegelegt, und es sei deswegen – so jedenfalls die
Vermutung des Beschwerdeführers 1 (vgl. Protokoll A4 S. 8) – auch das
"X" als Drohung an die Haustüre geschmiert worden. Wie oben dargelegt,
hätten die Beschwerdeführenden diesen Nachteilen wie auch allfällig neu
aufkommenden Drohungen der Familie jenes schiitischen Mädchens durch
erneuten Weggang in den Nordirak ausweichen können.
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Seite 17
7.3.6 Für den Zeitraum von 2014 bis zur kontrollierten Ausreise – über den
Flughafen von J._ – im November 2015 haben die Beschwerdefüh-
renden keine von behördlicher Seite ausgehenden Probleme geltend ge-
macht. Vielmehr konnten sie vor ihrer Ausreise die notwendigen Reisedo-
kumente bei den zuständigen Behörden erlangen.
7.3.7 Die vom Beschwerdeführer 1 beschriebenen zweimaligen Strassen-
kontrollen durch die Polizei sind dabei offenbar nicht zielgerichtet gegen
seine Person erfolgt. Auch in Berücksichtigung des Vorbringens, dass er
wegen des perforierten Identitätsausweises von den Polizisten behelligt
und diskriminiert worden sei, erweisen sich diese Vorfälle als nicht genü-
gend intensiv im Sinn von Art. 3 AsylG. Im Übrigen hat der Beschwerde-
führer 1 auch ausgeführt, er habe einen neuen Identitätsausweis beantragt
und erhalten, wodurch er bei Strassenkontrollen nicht mehr leicht als ehe-
maliger Häftling erkennbar war.
7.3.8 Im Rechtsmittel wird ausgeführt, der Beschwerdeführer 1 leide auf-
grund der während der einmonatigen Inhaftierung (...) 2012 / (...) 2013
erlittenen Misshandlungen an gesundheitlichen Problemen, namentlich
habe sich deswegen eine Zwangsstörung manifestiert (vgl. Beschwerde
S. 21). Mit Bezug auf diesen "Tick" ist allerdings darauf hinzuweisen, dass
dieser gemäss Aussagen des Beschwerdeführers 1 bereits vor der Haft
bestanden hatte (vgl. Protokoll A25 F/A 43).
7.3.9 Vor dem Hintergrund der in J._ und im Zentralirak herrschen-
den Situation erscheinen die von den Beschwerdeführenden geltend ge-
machten Behelligungen und Probleme letztlich insgesamt als Ausdruck der
allgemeinen Gewaltsituation (die gemäss Praxis der schweizerischen
Asylbehörden die generelle vorläufige Aufnahme der betroffenen Personen
zur Folge hat). Eine gezielte, aktuelle und flüchtlingsrechtlich hinreichend
intensive Verfolgungssituation hat das SEM hingegen zu Recht verneint.
7.4 In der Replik vom 25. Januar 2019 wird neu geltend gemacht, ein
Bruder des Beschwerdeführers 1 – der den Beschwerdeführenden damals
bei der Vermittlung in der Fehde mit der schiitischen Familie behilflich ge-
wesen sei – habe nunmehr von Jihadisten einen Drohbrief erhalten, in wel-
chem mit der Ermordung von ihm und seinem Bruder (Beschwerdefüh-
rer 1) gedroht werde. Der Bruder sei deswegen inzwischen in die Türkei
gereist. Mit der Eingabe werden Kopie eines Drohschreibens (mit Überset-
zung) und eines türkischen Flüchtlingsausweises zu den Akten gereicht.
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Dass diese Bedrohung in Zusammenhang mit den von den Beschwerde-
führenden geltend gemachten Ausreisegründen stehen, kann diesem
neuen Vorbringen nicht entnommen werden, zumal der Beschwerdefüh-
rer 1 eine von dieser Seite erfolgte oder befürchtete Bedrohung nicht gel-
tend gemacht hat. Einer allfälligen allgemeinen Bedrohungssituation, die
von religiösen Fanatikern ausgehen würde, wäre mit der für die Beschwer-
deführenden verfügten vorläufigen Aufnahme infolge Unzumutbarkeit des
Vollzugs der Wegweisung hinreichend Rechnung getragen.
7.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass es den Beschwerdeführenden
nicht gelungen ist, das Bestehen von Fluchtgründen im Sinn von Art. 3
AsylG darzutun. Die Vorinstanz hat zu Recht ihre Flüchtlingseigenschaft
verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
9.2 Nachdem die Beschwerdeführenden von der Vorinstanz zufolge Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenom-
men worden sind, stellt sich die Frage des Vorliegens weiterer Vorausset-
zungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung – Unzulässig-
keit und Unmöglichkeit – aktuell nicht, da diese Vollzugshindernisse alter-
nativer Natur sind: Ist eines erfüllt, gilt der Vollzug der Wegweisung als un-
durchführbar (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
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9.3 Die vom SEM in der Verfügung vom 17. August 2018 angeordnete vor-
läufige Aufnahme tritt mit dem Erlass des heutigen Urteils formell in Kraft.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
11.
Bei diesem Verfahrensausgang wären die Kosten den Beschwerdeführen-
den aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Instruktionsverfügung vom
3. Januar 2019 wurde jedoch ihr Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Im Urteilszeitpunkt liegen
keine Anhaltspunkte dafür vor, die finanzielle Lage hätte sich seither ent-
scheidrelevant verändert, weshalb für das vorliegende Beschwerdeverfah-
ren keine Kosten zu erheben sind.
(Dispositiv nächste Seite)
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