Decision ID: a28b66a6-587f-5c04-b64c-706850853f9b
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer
Ethnie mit letztem Wohnort in B._ (Zoba C._), verliess Erit-
rea gemäss eigenen Angaben am 28. Juni 2015 illegal und gelangte am
13. September 2015 in die Schweiz. Am darauffolgenden Tag reichte er ein
Asylgesuch ein. Die Befragung zur Person fand am 17. September 2015
(BzP; Protokoll in den SEM-Akten A6/11; nachfolgend: A6) und die Anhö-
rung zu den Asylgründen am 7. Juli 2017 (Protokoll in den SEM-Akten
A22/22; nachfolgend: A22) statt.
A.b Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen
aus, er sei 2000 in der zwölften Runde in D._ in den Nationaldienst
eingezogen worden und habe seit damals als einfacher Soldat im Rahmen
der Streitkräfte Dienst geleistet. Nach der militärischen Ausbildung sei er
der KS (Anmerkung des Gerichts: «Kifle Sewit»; umgangssprachlich für
Militäreinheit) (...) zugeteilt und im Krieg eingesetzt worden. Bis zu seiner
Ausreise habe er in der (...), zuletzt in E._, gedient. Er habe Wache
halten sowie gelegentlich auf dem Feld arbeiten müssen. Während seiner
Dienstzeit habe er jeweils die ihm gewährten einmonatigen Urlaube über-
zogen, da er zu Hause landwirtschaftliche Arbeiten ausgeführt habe, um
die wirtschaftliche Existenz seiner Familie zu sichern; dafür sei er jeweils
bestraft worden.
2012 habe er seinen Militärurlaub länger als die anderen Male überschrit-
ten, und er sei deswegen im (...) 2012 während rund zehn Tagen in
F._ bei der KS in Haft gewesen. Danach habe man ihn zurück zu
seiner Einheit beordert. Im selben Jahr habe er auch eine Verwarnung sei-
tens seines Bataillonsführers erhalten, weil er heimlich Radio (...) gehört
habe. Für lange Zeit habe er keinen Urlaub mehr erhalten, sondern erst
wieder ungefähr im (...) 2014. Als er damals zu Hause angekommen sei,
habe er vom zwischenzeitlichen Tod seiner Mutter im Jahr 2013 erfahren.
Im (...) 2014 sei dann auch sein Vater verstorben. Folglich sei er nicht mehr
in den Nationaldienest zurückgekehrt, da er für seine Frau und seine vier
Kinder habe sorgen müssen. Gegen Ende (...) 2015 sei er von zwei Sol-
daten seiner Einheit zu Hause festgenommen worden; erneut sei er wäh-
rend rund zehn Tagen bei der KS in F._ inhaftiert worden; dann
habe er unterschriftlich bestätigen müssen, dass er bei einem erneuten
Versuch, dem Militärdienst fernzubleiben, streng bestraft werde, weil er
dies bereits öfters getan und sich trotz mehrfacher Strafen nicht gebessert
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habe. Er habe grosse Angst und keine Ahnung gehabt, ob sie ihn umbrin-
gen oder nur ins Gefängnis oder zurück zu seiner Einheit schicken würden.
Gefürchtet habe er sich auch, weil er früher schon einmal von seinem Ba-
taillonsführer G._ verwarnt worden sei, weil er Radio (...) gehört
habe; er habe nicht gewusst, ob dies vielleicht in der Zwischenzeit von sei-
nem Bataillon an die KS weitergemeldet worden sei. Für politische Verge-
hen sei die Bestrafung noch strenger. Deshalb habe er zwei oder drei Tage
später F._ verlassen und sei mit dem Bus nach H._ gefah-
ren. Von dort aus sei er zu Fuss über I._ und unter Umgehung des
Grenzpostens in J._ in den Sudan gelangt.
Nach seiner Ausreise aus Eritrea habe man seiner Ehefrau und seinen vier
Kindern die Hälfte ihres Landes enteignet, da er seinen Heimatstaat uner-
laubterweise verlassen habe.
A.c Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer unter anderem eine
Kopie seines Militärdienstausweises vom 1. November 2001 und eine Ein-
wohnerbestätigungskarte (im Original) zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 15. Juni 2018 – eröffnet am 18. Juni 2018 – verneinte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte
sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
C.
C.a Der Beschwerdeführer gelangte mit Eingabe seines Rechtsvertreters
vom 18. Juli 2018 an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt die Auf-
hebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz zur vollständigen Sachverhaltserstellung. Eventualiter
sei die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen und
ihm Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzu-
ordnen, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Vo-
rinstanz.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, und um unentgeltliche Rechtsverbeiständung in der Person sei-
nes Rechtsvertreters.
C.b Der Beschwerdeführer reichte unter anderem folgende Beweismittel
zu den Akten:
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– zwei Fotografien, die ihn in Militäruniform zeigen (einmal in K._
im September 2005 und einmal in L._ im November 2008),
– eine Auflistung der Aufenthaltsorte während seines Militärdienstes von
2000 – 2015,
– zwei Referenzschreiben und zwei Bestätigungen bezüglich eines Kur-
ses sowie eines freiwilligen Einsatzes, alle aus dem Jahr 2018.
D.
Am 23. Juli 2018 stellte die zuständige Instruktionsrichterin des Bundes-
verwaltungsgerichts fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten, und mit solcher vom 2. August 2018
hiess sie die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung,
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Einsetzung
des Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand gut. Zudem lud sie die
Vorinstanz unter Hinweis auf die Erwägungen zur Einreichung einer Ver-
nehmlassung ein.
E.
In ihrer Vernehmlassung vom 9. August 2018 hält die Vorinstanz mit ergän-
zenden Bemerkungen an ihrer Verfügung vom 15. Juni 2018 fest und be-
antragt sinngemäss die Abweisung der Beschwerde.
F.
Innert erstreckter Frist replizierte der Beschwerdeführer am 5. Septem-
ber 2018. Als Beilagen reichte er die bereits mit der Beschwerde einge-
reichte Fotografie, die 2008 in L._ aufgenommen worden sei, im
Original zu den Akten sowie eine weitere Fotografie (Original), ebenfalls
aufgenommen in L._ im November 2008. Des Weiteren reichte er
einen Kartenausschnitt von L._, ein Medikamentenrezept (im Origi-
nal), ausgestellt vom Verteidigungsministerium am 28. Mai 2004, sowie ei-
nen Briefumschlag inklusive Zustellungsnachweis, und schliesslich eine
provisorische Honorarnote vom 5. September 2018 ein.
G.
Mit Schreiben vom 9. Oktober 2019 erkundigte sich der Beschwerdeführer
nach dem Verfahrensstand und reichte eine aktualisierte Honorarnote vom
9. Oktober 2019 zu den Akten.
G.a Die Instruktionsrichterin beantwortete dieses Schreiben am 15. Okto-
ber 2019.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015 [SR 142.31]).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht (in der Folge:
BVGer) zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5
VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel –
und auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (vgl. aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer erhebt als Hauptantrag formelle Rügen. Er be-
mängelt, die Vorinstanz habe den Sachverhalt unrichtig beziehungsweise
unvollständig festgestellt sowie ihre Begründungspflicht verletzt. Zwar sei
er anlässlich der Anhörung aufgefordert worden, über die Erlebnisse wäh-
rend seiner langen Dienstzeit zu sprechen, und er habe auch über den
Alltag und die Kriegserlebnisse ausführlich berichten können. Aber dann
sei die Befragung abrupt durch die Mittagspause unterbrochen worden,
und danach sei er nicht mehr zu der im Krieg zugezogenen Verletzung, zu
seiner Dienstzeit und seinen weiteren Stationierungsorten in den Jahren
2001 bis 2015 befragt worden. Die Vorinstanz habe es damit unterlassen,
wichtige Sachverhaltselemente festzustellen und zu berücksichtigen. Die
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Seite 6
Sache sei deshalb zur Durchführung einer ergänzenden Anhörung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie bei Begründetheit ge-
eignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellt die Asylbehörde den
Sachverhalt von Amtes wegen fest. Die unrichtige oder unvollständige
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts kann nach Art. 49 Bst. b
VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG gerügt werden. Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. ALF-
RED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Ihre Grenze
findet die Untersuchungspflicht in der Mitwirkungspflicht der asylsuchen-
den Person (vgl. Art. 8 AsylG).
Der mit Grundrechtsqualität ausgestattete Grundsatz des rechtlichen Ge-
hörs (Art. 29 Abs. 2 BV) umfasst eine Anzahl verschiedener verfassungs-
rechtlicher Verfahrensgarantien. Der in Art. 32 VwVG konkretisierte Teil-
gehalt verpflichtet die Behörde nicht nur, den Parteien zu ermöglichen, sich
zu äussern und ihre Vorbringen tatsächlich zu hören (Art. 30 f. VwVG),
sondern sie auch sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheid-
findung zu berücksichtigen. Eng damit zusammen hängt die Pflicht der Be-
hörde, ihren Entscheid zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Denn, ob sich
die Behörde tatsächlich mit allen erheblichen Vorbringen der Parteien be-
fasst und auseinandergesetzt hat, lässt sich erst in der Begründung erken-
nen. Die Anforderungen an die Begründungsdichte eines Asylentscheides
sind regelmässig hoch, wiegen die rechtlich geschützten Interessen der
Betroffenen doch allgemein schwer (vgl. PATRICK SUTTER, in: Kommentar
VwVG, 2008, Art. 32 VwVG, Rz. 2). Insgesamt muss der Entscheid so ab-
gefasst sein, dass ihn der Betroffene gegebenenfalls sachgerecht anfech-
ten kann, was nur möglich ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch
die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild ma-
chen können.
3.3 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt grundsätzlich in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise
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mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Die Wahl der Ent-
scheidform liegt weitgehend im pflichtgemässen Ermessen der Beschwer-
deinstanz, wobei die Urteilsform verhältnismässig und auf den jeweiligen
individuell-konkreten Fall zugeschnitten sein muss (vgl. MADELEINE
CAMPRUBI, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfah-
ren [VwVG], a.a.O., Rz. 2-3 und 9 ff. zu Art. 61 Abs. 1).
3.4 Dem Anhörungsprotokoll ist zu entnehmen, dass der Befrager kurz vor
der Mittagspause damit begann, den Beschwerdeführer zur seiner Zeit im
Militärdienst zu befragen (A22 ab F107). Dieser beantwortete diese
konkreten Fragen nachvollziehbar und erlebnisorientiert (z.B. ebd. F107,
F109). Als letztes wurde er nach konkreten Ereignissen gefragt, und als
Beispiel wurden ihm Kriegshandlungen genannt (ebd. F114). In freier Rede
schilderte er dann ausführlich und detailliert, wie sie von D._ in den
Kriegsdienst eingezogen worden seien. Sein letzter Satz lautete: "(...) nach
M._ gebracht. Dort gab es Krieg. Da habe ich zum ersten Mal
geschossen." An dieser Stelle fand die Mittagspause statt. Nach der
Mittagspause begann der Befrager mit einer sowohl sachlich als auch
zeitlich gänzlich anderen Thematik, indem er den Beschwerdeführer nur
noch zur geltend gemachten illegalen Ausreise anhörte. Erst auf die Frage
der Hilfswerksvertretung (ebd. F147) hin wurde der Militärdienst nochmals
kurz thematisiert, allerdings nur noch rund um den Zeitraum der geltend
gemachten Desertion am Ende der langen Dienstzeit. Angesichts dessen,
dass das SEM für unglaubhaft hält, dass der Beschwerdeführer zwischen
den Jahren 2001 und 2015 noch im Nationaldienst gewesen sei, ist die in
der Beschwerde aufgeworfene Frage, ob dazu die Sachgrundlage
hinreichend erstellt und das SEM seiner Begründungspflicht genügend
nachgekommen sei, berechtigt. Auf die zutreffende Begründung in der
Beschwerdeschrift (ebd. S. 6 und 11f.) und der Replik (ebd. Ziff. 1) kann
verwiesen werden; das Argument in der Vernehmlassung, eine weitere
Abklärung in Bezug auf die Zeitspanne zwischen 2001 und 2015 erübrige
sich, weil der Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht habe, dass er in
dieser Zeit im Dienst gewesen sei, ist offensichtlich untauglich. Es ist in
diesem Zusammenhang schliesslich darauf hinzuweisen, dass im Rahmen
der Glaubhaftigkeitsprüfung nicht nur die gegen die Sachverhalts-
darstellung des Betroffenen sprechenden Elemente, sondern auch jene die
zu seinen Gunsten sprechen, zu berücksichtigen sind. Das
Bundesverwaltungsgericht ist aber in der Lage, gestützt auf die
vorliegenden Akten einen reformatorischen Entscheid zu treffen, was nicht
zuletzt aus prozessökonomischen Gründen angezeigt ist. Die Frage, ob die
formellen Rügen eine Rückweisung zu begründen vermöchten, kann
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deshalb offengelassen werden. Schliesslich erwächst dem
Beschwerdeführer durch dieses Vorgehen kein Nachteil, weil der
Entscheid, wie zu zeigen sein wird, zu seinen Gunsten ausfällt.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils
m.w.H.). Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind
über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus
so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merk-
male, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers ver-
bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3).
Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichen-
den Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides, wobei allerdings erlittene Verfolgung oder
im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung
auf andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation
zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der
asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2;
2010/9 E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
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Seite 9
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftmachung bedeutet im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweismass und lässt durch-
aus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Eine Be-
hauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer
Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, ob-
wohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht es für die
Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich
ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie-
gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre-
chen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe,
die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen
oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (BVGE
2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in we-
sentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind,
den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder
verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im Rah-
men eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Realkenn-
zeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Differen-
zierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive verfälsch-
ten Aussagen. Zu den Realkennzeichen gehören insbesondere die logi-
sche Konsistenz, die ungeordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige Dar-
stellung, der quantitative Detailreichtum, raum-zeitliche Verknüpfungen,
die Wiedergabe von Gesprächen, ausgefallene Einzelheiten, spontane
Verbesserungen der eigenen Aussagen, das Eingeständnis von Erinne-
rungslücken sowie die Schilderung von Interaktionen, Komplikationen, Ne-
bensächlichkeiten, unverstandenen Handlungselementen und eigenen
psychischen Vorgängen (vgl. ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge,
Wie glaubhaft sind ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und
S. 139 ff.; REVITAL LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie können
aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und An-
wälten helfen?, in: AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5
sowie BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils
m.w.H.).
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Seite 10
5.
5.1 Zunächst ist der rechtserhebliche Sachverhalt festzustellen. Das SEM
hält einen Grossteil der Sachdarstellung des Beschwerdeführers aus den
nachfolgend aufgezeigten Gründen (E. 5.2) für unglaubhaft, letzterer hält
erläuternd an seinen Vorbringen fest (E. 5.3). Demzufolge ist vorab zu prü-
fen, ob das SEM die Sachdarstellung zu Recht als unglaubhaft im Sinne
von Art. 7 AsylG qualifiziert hat (E. 5.4).
5.2 Die Vorinstanz geht zwar, insbesondere aufgrund des Militärauswei-
ses, davon aus, er habe seinen Nationaldienst zwischen 2000 und 2001
ordentlich erfüllt. Seine Vorbringen, er habe zwischen 2001 und 2015 wei-
terhin Nationaldienst geleistet und sei 2015 schliesslich desertiert und in
der Folge illegal ausgereist, qualifiziert sie aber als nicht glaubhaft, weshalb
diese nicht auf ihre Asylrelevanz geprüft werden müssten.
Dazu führt sie im Wesentlichen aus, zum einen seien die Aussagen des
Beschwerdeführers nicht genügend detailliert ausgefallen. Er habe zu den
vorgebrachten Inhaftierungen von (...) und (...) keine Details, wie etwa die
genauen Haftdaten und Orte nennen können und zudem die Haftumstände
nicht zu schildern vermocht. Auch die Angaben zum angeblichen Warn-
schreiben seien vage und stereotyp ausgefallen. Er habe sich weder zu
dessen genauem Inhalt äussern können noch zum Namen und militäri-
schen Grad der Person, welche ihn zur Unterschrift aufgefordert habe. Aus-
serdem habe er das Datum dieses Schreibens nicht gewusst. Die Vorbrin-
gen zur angeblichen Desertion im (...) 2015 seien ebenfalls wenig detail-
liert, pauschal und stereotyp ausgefallen. Sie liessen diesbezüglich insbe-
sondere sämtliche Details zur Organisation, Planung und Durchführung
vermissen. Schliesslich seien auch die Angaben zum Fluchtweg bezie-
hungsweise der vorgebrachten illegalen Ausreise allgemein und pauschal
ausgefallen.
Zum anderen widersprächen die Vorbringen des Beschwerdeführers der
allgemeinen Erfahrung sowie der Logik des Handelns. So sei nicht nach-
vollziehbar, weshalb er erst 2015 und nicht bereits Jahre zuvor aus dem
Nationaldienst desertiert sei. Ferner sei nicht plausibel, dass er sich ab (...)
2014 unerlaubterweise ein Jahr lang zu Hause habe aufhalten können und
nicht bereits früher aufgesucht worden sei. Zudem wäre davon auszuge-
hen, dass er deswegen wohl länger als zehn Tage in Haft genommen oder
zumindest schärfer bewacht worden wäre.
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Weder die vom Beschwerdeführer auf Beschwerdestufe eingereichte Liste
der Aufenthaltsorte noch die übrigen Beweismittel vermöchten an dieser
Qualifizierung etwas zu ändern.
5.3 Der Beschwerdeführer hält dem im Wesentlichen entgegen, er habe
ausführlich beschrieben, wie er Ende (...) 2015 an seinem Wohnort von
Soldaten aufgegriffen und dann während zehn Tagen in F._ in Haft
versetzt worden sei. Es sei durchaus plausibel, dass er trotz mehrmaliger
eigenmächtiger Verlängerungen seiner Urlaube vergleichsweise glimpflich
davongekommen sei, zumal angesichts der verbreiteten Willkür. Er sei
einfacher, dennoch grundsätzlich guter Soldat gewesen und seitens seiner
Vorgesetzten habe ein gewisses Verständnis für seine Situation
bestanden, nämlich, dass er als Vater und Ernährer von vier Kindern aus
wirtschaftlicher Not jeweils länger als erlaubt zu Hause geblieben sei.
Solange er eigenständig zu seiner Einheit zurückgekehrt sei, habe dies
keine schwerwiegenden Konsequenzen gehabt. Probleme habe man vor
allem dann erhalten, wenn man in einer Razzia aufgegriffen worden sei,
das habe er versucht zu vermeiden. Die behördliche Willkür lasse auch
realistisch erscheinen, dass er erst nach einem Jahr aufgesucht worden
sei, selbst wenn die Dauer tatsächlich lange sei. Zu beachten sei dabei
auch, dass er sich unauffällig verhalten, jeglichen Behördenkontakt
vermieden und vorwiegend auf dem Feld gearbeitet habe.
Der Haftalltag sei eintönig gewesen, weshalb es auch nicht viel darüber zu
berichten gebe. Dennoch sei er in der Lage gewesen, Details zu beschrei-
ben, etwa wie sie die Notdurft hätten verrichten müssen. Die Ungewissheit
darüber, wie es weitergehe nach der Haft, habe er realitätsnah geschildert.
Das SEM verkenne auch, dass er nicht in einer eigentlichen Haftanstalt
festgehalten worden sei, sondern auf dem Gelände der KS (...), das er
nach seiner Freilassung vergleichsweise leicht habe verlassen können, zu-
mal er auch nicht unter spezieller Bewachung gestanden sei. Zwar sei zu-
treffend, dass die Sanktion milde erscheine, was aber auch damit zu tun
haben könne, dass er ein langjähriger Soldat gewesen und noch nie bei
einem illegalen Ausreiseversuch gefasst worden sei. Ferner sei er mit der
Unterschrift des Reueschreibens der behördlichen Aufforderung nachge-
kommen. Angesichts des vergleichsweise lockeren Regimes nach der Haft
sei auch keine detailliertere Planung der Desertion notwendig gewesen.
Auch die Erwägungen des SEM zum Reue- und Warnschreiben überzeug-
ten nicht und die illegale Ausreise sei sehr wohl glaubhaft geschildert wor-
den. Schliesslich habe die Vorinstanz insgesamt die Beweisregel von Art.
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7 AsylG zu restriktiv gehandhabt, zumal auch zwischen den Vorbringen an-
lässlich der BzP und jenen an der Anhörung keine Widersprüche erkennbar
seien. Er habe die seit 2001 andauernde Dienstzeit mit den eingereichten
Fotografien, der Auflistung seiner Dienstorte sowie dem Medikamentenre-
zept vom 28. Mai 2004 untermauern könne. Schliesslich könne, entgegen
der Ansicht der Vorinstanz, aus seinem Militärausweis nicht abgeleitet wer-
den, dass er seinen Nationaldienst am 1. November 2001 erfüllt und damit
beendet habe. Es sei bekannt, dass das eritreische Militär zwar gemäss
Proklamationen den Nationaldienst auf 18 Monate beschränke, faktisch
aber regelmässig auf unbestimmte Zeit verlängert habe.
5.4 Nach einer Würdigung sämtlicher für und gegen die Glaubhaftigkeit der
Schilderungen des Beschwerdeführers sprechenden Elemente, erachtet
das Gericht die geltend gemachten Asylgründe für glaubhaft.
5.4.1 Die Konsultierung der Befragungskontrolle hinterlässt zunächst
grundsätzlich einen glaubwürdigen persönlichen Eindruck des Beschwer-
deführers. Dazu trägt bei, dass er seiner Mitwirkungspflicht nachgekom-
men ist und unter anderem seinen Militärausweis zu den Akten gegeben
hat. Obwohl dieser Ausweis die vom Beschwerdeführer geltend gemachten
Vorbringen nicht ohne Weiteres zu stützen vermag, hat er ihn eingereicht,
was für seine persönliche Glaubwürdigkeit spricht. Selbst wenn die Erzähl-
weise des Beschwerdeführers auf Anhieb teilweise oberflächlich wirkt, ist
sie insgesamt authentisch und gut vereinbar mit der geltend gemachten
Herkunft aus einer traditionellen und ländlichen Gegend und einer ärmeren
Bevölkerungsschicht (u.a. A22 F9, F13 f., F38 und 43). Den Aussagen ist
eine insgesamt übereinstimmende und schlüssige Sachdarstellung zu ent-
nehmen, die sich problemlos in die bekannten Gegebenheiten Eritreas ein-
fügen lässt. Immer wieder fielen die Antworten des Beschwerdeführers ge-
rade nicht stereotyp aus, und sie enthalten verschiedene Realkennzei-
chen; dies sowohl in den Kernvorbringen (vgl. nachstehende Ausführun-
gen) als auch, wenn er scheinbar Unwesentliches beschreibt (z.B. die Be-
schreibung, wie man ins Spital komme: A22 F12–F14). Er ist auch spontan
in der Lage, raum-zeitliche Verknüpfungen herzustellen und Ereignisse wi-
derspruchsfrei einzuordnen, selbst wenn er dabei nicht die exakten Daten
nennt. Der Beschwerdeführer hat schliesslich die wesentlichen Asylgründe
bereits anlässlich der BzP genannt. Den mit der Beschwerde zu den Akten
gereichten Referenzschreiben kommt zwar kein eigenständiger Beweis-
wert zu, sie bestätigen aber immerhin den durch die Protokolle gewonnen
Eindruck der persönlichen Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers.
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5.4.2 Was die einzelnen, dem Beschwerdeführer vom SEM entgegenge-
haltenen Argumente betrifft, ist folgendes festzuhalten:
Soweit das SEM ihm nicht glaubt, dass er nach 2001 noch während rund
14 Jahren im Dienst gewesen sei, lässt das Datum (1. November 2001) auf
dem Militärausweis nicht bereits den Schluss zu, er habe damit seinen Mi-
litärdienst ordentlich beendet. Denn vorab ist nicht nachvollziehbar, wes-
halb der Beschwerdeführer den Ausweis, hätte er die Bedeutung, die das
SEM ihm beimisst, von sich aus zu seinen Lasten einreichen sollte. Weit
mehr ins Gewicht fällt, dass seine Aussage, er sei trotz Ablaufs der eigent-
lich vorgesehenen 18 Monate weiterhin im Dienst einbehalten worden, sich
mit den realen Verhältnissen in Eritrea in der fraglichen Zeit decken (u.a.
Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 4.8.3 mit
Hinweis auf entsprechende Quellen). Die notorische Willkür der eritrei-
schen Militärbehörden wurde seitens des SEM– ebenso wie an anderen
Stellen – in die Würdigung nicht einbezogen. Der Umstand, dass dem An-
hörungsprotokoll keine ausführlicheren Angaben über die lange Zeit zwi-
schen 2001 und 2015 zu entnehmen sind, ist nicht dem Beschwerdeführer
anzulasten und vertiefende Fragen hätten zweifellos ein konkreteres Bild
ermöglicht (vgl. oben E. 3.4). Immerhin ergeben sich aus den Protokollen
genügend Hinweise, dass die Sachdarstellung des Beschwerdeführers zu-
trifft. So gibt er in der BzP gleich zu Beginn an, er sei in der 12. Runde
eingezogen worden und befinde sich seither im Nationaldienst bei den
Streitkräften, wo er in der KS zweimal inhaftiert worden sei (A6 Ziff. 7.01 f).
In der Anhörung schildert er dann zunächst in freier Rede seine Asyl-
gründe. Diese Ausführungen wirken insgesamt erlebnisorientiert und real,
unter anderem indem gleich mehrmals Aussagen Dritter in direkter Rede
wiedergegeben werden. Die beiden bereits an der BzP erwähnten Inhaftie-
rungen setzt er nun in einen zeitlichen und sachlichen Kontext (A22 F44).
Die wenigen Rückfragen zum Militärdienst nach dem Krieg vermag er kon-
kret zu beantworten (u.a. ebd. A47f.), und er nennt die exakte militärische
Bezeichnung (ebd. F49). Die Schilderungen auf die Frage hin, ob er be-
richten könne über die 14, 15 Jahre im Militärdienst (ebd. F107) wirken auf
Anhieb zwar etwas oberflächlich, was aber sowohl auf der – angesichts
dieser langen Dauer – sehr offen gehaltenen Fragestellung als auch auf
der individuellen, insgesamt aber stimmigen, Erzählweise des Beschwer-
deführers gründen kann. Trotzdem enthalten die Ausführungen auch etli-
che Realzeichen, beispielsweise das spontan genannte Beispiel unter der
Frage 107 oder die Relativierung der Verhältnisse in der Haili in der Antwort
zur Frage 109. Auffallend ist auch die spontane Beschreibung, nach der 3.
Invasion 2001 habe seine Einheit nochmals militärisch ausgebildet werden
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müssen, und diese Ausbildung habe in N._ stattgefunden (ebd.
F110). Diese Aussage fügt sich überdies gänzlich in seine Aussagen zu
den Kriegshandlungen ein, die zeitlich in den Beginn seines Militärdienstes
fallen (ebd. F114). Dies, obwohl er hier aus einer ganz anderen Perspektive
erzählt.
Aber auch in der Beschreibung seiner Urlaube, die er normalerweise
einmal im Jahr erhalten habe, während des ganzen Jahres 2013, nach der
ersten Haft, aber gar nicht, bleibt der Beschwerdeführer durchwegs
schlüssig. Dass er die genauen Daten über all die Jahre hinweg nicht exakt
nennen kann, spricht im vorliegenden Kontext eher für als gegen ihn, zumal
die zeitliche Einordnung stimmig ist (A22 F84 ff.). Im Zusammenhang mit
seinen Urlauben kann etwa auch auf die Antwort zu Frage 95 verwiesen
werden, die alles andere als nacherzählt wirkt. So greift er dort etwa
spontan wieder auf, dass, wenn man länger zuhause bleibe als erlaubt, vor
allem wesentlich sei, nicht in eine Razzia zu geraten. Wie es ihnen zuhause
ergangen sei von (...) 2014 bis Sommer 2015 beschreibt er ebenfalls
nachvollziehbar und in authentischer Sprache (ebd. F149–151). Das
vorinstanzliche Argument, es sei unlogisch, dass der Beschwerdeführer
angesichts der zahlreichen Urlaube nicht früher desertiert sei, ist schwach.
Es kann auf die zutreffenden Ausführungen in der Beschwerdeschrift
verwiesen werden (S. 10). Es überzeugt umso weniger, als der
Beschwerdeführer real zu schildern vermag, wie er und welche
Befürchtung schliesslich doch seine Ausreise aus dem Land bewirkt habe
(vgl. nachfolgend).
Ein zentrales Element für den Entschluss des Beschwerdeführers, Eritrea,
und damit auch seine Familie, zu verlassen, gründet offensichtlich in seiner
mit dem verbotenen Radiohören verbundenen Furcht. Er erwähnt diesen
Umstand bereits in der freien Rede, wobei gerade dieser Abschnitt diverse
Realzeichen enthält (A22 F44). Später nimmt er immer wieder darauf Be-
zug, insbesondere auch im Zusammenhang mit seinem Ausreiseent-
schluss und seiner Angst (ebd. F52, F64 und insbesondere F68–F71). Das
SEM hat dieses Vorbringen weder im Sachverhalt aufgenommen noch ge-
würdigt, was erneut formell-rechtliche Fragen aufwerfen könnte. Nach dem
Gesagten ist aber auch dieser Umstand ohne Weiteres als glaubhaft zu
erachten und in den zu subsumierenden Sachverhalt einzubeziehen. Er
stützt im Übrigen erneut das Vorbringen, der Beschwerdeführer habe in
diesem Zeitpunkt (2012) immer noch Dienst geleistet.
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Was die beiden Inhaftierungen betrifft, hat er auch diese von Anfang an
genannt und stets widerspruchsfrei eingeordnet. Sie fügen sich ebenfalls
problemlos in die gesamten Schilderungen des Beschwerdeführers ein,
und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln. Warum das SEM ihm bei-
spielsweise entgegenhält, keine genauen Haftorte und -zeiten zu nennen,
ist nicht ersichtlich. Es kann dazu auf die Antworten zu den Fragen 44,
49 ff. und 93 f. verwiesen werden (A22). Des Weiteren kann auf seine
Schilderung, weshalb er ab (...) oder (...) 2014 länger als üblich seinen
Hafturlaub überzogen habe, verwiesen werden; sie wirken plausibel, unter
anderem wegen den Verknüpfungen, die er herstellt: er führt dazu aus, er
habe 2013 ununterbrochen Militärdienst leisten müssen. In seinem Urlaub
ungefähr im (...) 2014 habe er zu Hause erfahren, dass seine Mutter 2013
verstorben sei. Er habe davon zuvor nichts gewusst, da er 2013 keinen
Kontakt zu seiner Familie gehabt habe. Einen Monat nach seiner Rückkehr,
im (...) 2014, sei dann auch noch sein Vater verstorben (A22 F44). Er er-
klärt zudem nachvollziehbar, dass er nach dem Tod seiner Eltern die ein-
zige Person gewesen sei, die für seine Frau und seine vier Kinder habe
sorgen können, weshalb er nicht zu seiner Einheit zurückgekehrt sei. Er
sei sich aber auch bewusst gewesen, dass sie ihn einmal fassen würden,
was dann auch tatsächlich geschehen sei; diese Abholung bei ihm zu
Hause schildert er wiederum in Wiedergabe von direkter Rede (vgl. A22
F44 und F98; A6 Ziff. 7.01). Zum Haftalltag während der zehntägigen In-
haftierung 2015 führt er aus, er sei den ganzen Tag mit einer weiteren Per-
son in einem Raum eingesperrt gewesen. Während dieser Zeit hätten sie
mit anderen nicht viel Kontakt gehabt und es seien ihnen auch keine Fra-
gen gestellt worden. Am Morgen hätten sie Tee erhalten und am Mittag
sowie am Abend eine Mahlzeit (vgl. A22 F100 ff.). Auch wenn er darüber
hinaus nicht zahlreiche Details nennt, gibt es keinen Grund daran zu zwei-
feln. Das SEM verkennt überdies, dass der Beschwerdeführer gar nie aus-
gesagt hatte, das Regime während der beiden Haftzeiten sei besonders
schlimm gewesen, und sein Einwand, aufgrund der Eintönigkeit während
diesen 10 Tagen sei auch nichts Besonderes zu berichten gewesen, ist
berechtigt (vgl. Beschwerdeschrift S. 9 oben).
Was schliesslich das Reue- und Warnschreiben und die anschliessende
Desertion und illegale Ausreise betrifft, fügen sich auch die diesbezügli-
chen Schilderungen des Beschwerdeführers problemlos in seine gesamte
Sachdarstellung. Er war im Stande, in freier Rede überzeugend wiederzu-
geben, was ihm zum Inhalt des Reueschreibens gesagt worden sei, und
auch, weshalb er dieses unterschrieben habe. Die damit verbundenen
Emotionen – seine Angst und die Ungewissheit, was ihm nun drohe – und
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die spontane Verbindung, die er zur früheren Verwarnung aufgrund des
illegalen Radiohörens herstellt, wirken real und nicht konstruiert (A22 F44,
F154). Er betont mehrmals, er sei schockiert gewesen und habe Angst ge-
habt, denn er habe nicht gewusst, was er machen solle, und ob er getötet,
ins Gefängnis oder zurück zu seiner Einheit gebracht werde, weshalb er
sich zur Desertion entschieden habe (ebd. sowie F51-53, 64, 78 und 153).
Dort, wo der Beschwerdeführer konkret zur Verwarnung wegen des Ra-
diohörens befragt wird, spannt er spontan den Bogen zum Reue- und
Warnschreiben von 2015, das er unterschrieben habe (A22 F68). Diese
gerade nicht chronologische Wiedergabe, die sich aber insgesamt zu ei-
nem stimmigen Ganzen fügt, bestärkt die Glaubhaftigkeit der 2015 ausge-
stellten und vom Beschwerdeführer unterzeichnete Warnung. Auch dass er
den Namen und militärischen Grad des Überbringers des Schreibens nicht
kenne, ist nicht ein Grund, an seinen Angaben zu zweifeln, zumal
F._ nicht sein ordentlicher Stationierungsort war. Die Ausführungen
zum Weggang von F._ drei Tage nach der Entlassung aus der Haft
wirken im Kontext der gesamten Sachdarstellung gerade aufgrund dessen,
dass sie unspektakulär sind, realitätsnah. Das SEM verkennt, dass in Erit-
rea nicht jeder Soldat einem strengsten Regime untersteht und nicht jede
Strafe Folter gleichkommen muss; gerade angesichts der weitverbreiteten
Willkür. Der Beschwerdeführer macht, wie bereits erwähnt, auch in den Be-
fragungen nicht geltend, er habe, über die unerträglich endlose Dienstzeit
und den damit verbundenen Freiheitsentzug hinaus, einem besonders
strengen Regime unterstanden oder besonders strenge Bestrafung erlit-
ten. Auf Beschwerdestufe macht er erneut darauf aufmerksam und erklärt
nachvollziehbar, weshalb er verhältnismässig leicht habe fliehen können
(vgl. Beschwerdeschrift S. 7 und 10 f.).
Zu Recht hält der Beschwerdeführer schliesslich auch an der Authentizität
der illegalen Ausreise fest, die Einschätzung des SEM ist nach einer Durch-
sicht der Akten nicht nachvollziehbar. Seine Erzählungen enthalten zahlrei-
che Details. So schilderte er die verschiedenen Orte, die er passiert habe,
und nannte beispielsweise bereits an der BzP die Umgehung des Kontroll-
postens bei J._ (vgl. A6 Ziff. 5.02). Diese Besonderheit greift er
auch in der Anhörung von selbst wieder auf, und er schilderte weitere De-
tails dazu (A22 F 121, 126). Ebenso spontan beschrieb er die vorherr-
schenden Wetterbedingungen, die damit zusammenhängenden Befürch-
tungen (ebd. F131) und auch geografische Merkmale, wie die auffallend
vielen Plantagen (ebd. F44, F123), sowie den Leuchtturm der sudanesi-
schen Stadt O._, an welchem er sich orientiert habe (ebd. A22
F132). Schliesslich sind auch die wiedergegebenen Empfindungen und
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Gefühle als Realkennzeichen zu qualifizieren. Als er gefragt wurde, wie er
den Fluss I._ überquert habe, erklärte er: «[...] Als ich I._
überquert habe, musste ich fast weinen. Da wurde es mir klar, dass ich
meine Heimat verlasse. Ich hatte auch Hunger, ich hatte kein Wasser da-
bei, ich hatte Durst. Ich musste fast weinen.» (A22 F136).
5.4.3 Abschliessend gibt es keinen Grund, dem Beschwerdeführer zu un-
terstellen, die vom Beschwerdeführer zu den Akten gereichten Fotografien
seien anders, insbesondere zu einem anderen Zeitpunkt, entstanden als
von ihm angegeben. Warum die Jahresangaben "nachgeschoben" (vgl.
Vernehmlassung) sein sollten, erhellt nicht. Der Beschwerdeführer hat sich
darum bemüht, Originalbeweismittel einreichen zu können, und dies auch
getan. Sie vermögen nicht mehr aber auch nicht weniger, als seine glaub-
haften Schilderungen zu stützen.
5.4.4 Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht nach ei-
ner Gesamtwürdigung der für und gegen die Sachdarstellung des Be-
schwerdeführers sprechenden Elemente zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer seine Asylgründe (vgl. Sachverhalt Bst. A.b) glaubhaft im
Sinne von Art. 7 AsylG gemacht hat.
6.
6.1 Damit ist als nächstes zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aufgrund
des glaubhaft gemachten Sachverhaltes die Flüchtlingseigenschaft erfüllt
und ihm, gegebenenfalls Asyl zu gewähren ist (vgl. E. 4.1).
6.2 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs-
sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige-
rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei-
nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt
ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte (vgl. dazu u.a. Urteil des BVGer D-1359/2015
vom 22. August 2017 E. 6.1 mit Hinweis auf die weitergeführte Rechtspre-
chung der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission [ARK] in
Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 2006 Nr. 3). In diesen
Fällen droht nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung unter
unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regelmässig
der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird von den
eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst.
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6.3 Der Beschwerdeführer hat seine Desertion aus dem militärischen Na-
tionaldienst glaubhaft gemacht (vgl. E. 5.4). Es ist nach dem Gesagten da-
von auszugehen, dass die ihm mittels Reue- und Warnschreiben bereits
angedrohte ernsthaftere Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehr-
pflicht dienen würde, was ‒ unter der Voraussetzung rechtsstaatlicher und
völkerrechtskonformer Rahmenbedingungen ‒ grundsätzlich als legitim zu
erachten wäre. Sondern es ist damit zu rechnen, dass der Beschwerdefüh-
rer aufgrund seiner Desertion als politischer Gegner qualifiziert und als sol-
cher unverhältnismässig schwer bestraft würde. Mit anderen Worten hätte
er eine politisch motivierte Bestrafung und eine Behandlung zu erwarten,
die eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
darstellt. Aufgrund der glaubhaft gemachten Desertion hat der Beschwer-
deführer damit eine begründete Furcht vor einer asylrelevanten Verfolgung
im Falle einer Rückkehr nach Eritrea. Eine innerstaatliche Fluchtalternative
ist nicht ersichtlich. Er erfüllt die Flüchtlingseigenschaft und es sind auch
keine Asylausschlussgründe im Sinne von Art. 53 AsylG ersichtlich, wes-
halb ihm Asyl zu gewähren ist.
6.4 Die angefochtene Verfügung verletzt nach dem Gesagten Bundes-
recht. Sie ist in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und das SEM ist
anzuweisen, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers anzuer-
kennen und ihm Asyl zu gewähren.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem obsiegenden und vertretenen Beschwerdeführer ist zulasten der
Vorinstanz eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendi-
gen und verhältnismässig hohen Kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1
VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Der Rechtsvertreter reichte am 9. Oktober 2019 eine Kosten-
note zu den Akten, die einen Arbeitsaufwand von 13.95 Stunden zu einem
Stundenansatz von Fr. 300.– sowie Spesen von Fr. 21.90 ausweist, was
angemessen erscheint. Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteient-
schädigung beträgt somit insgesamt Fr. 4’530.85 (inklusive Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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