Decision ID: 5726bff6-3e8c-5739-8249-4efc662725ea
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 12. Mai 2020 im Bundesasylzentrum Ba-
sel ein Asylgesuch ein. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der «Euro-
dac»-Datenbank ergab, dass er am 18. September 2018 in Griechenland
um Asyl nachgesucht hatte und er am 9. März 2020 in Italien wieder illegal
in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten gelangt und daktyloskopisch er-
fasst worden war (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 8 und 9).
B.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 20. Mai 2020 gewährte das SEM
dem Beschwerdeführer im Beisein der zugewiesenen Rechtsvertretung
das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer allfälligen Rückkehr dorthin
sowie zum medizinischen Sachverhalt. Hierbei bestätigte er u.a., dass ihm
in Griechenland und Italien gegen seinen Willen die Fingerabdrücke abge-
nommen worden seien. In Bezug auf Italien ergänzte er, dass es viele
Gründe gebe, nicht in dieses Land zurückzukehren. Wenn Italien ein
Rechtsstaat wäre, die Polizei funktionieren würde und Gesetze «herr-
schen» würden, so wäre er nicht in die Schweiz gekommen. Zum medizi-
nischen Sachverhalt gab er an, dass es ihm in dieser Hinsicht gut gehe
(SEM act. 15).
C.
Unter Bezugnahme auf einen Arztbesuch vom 4. Juni 2020 bei den Univer-
sitären Psychiatrischen Kliniken Basel (nachfolgend: UPK) beantragte der
Parteivertreter für seinen Mandanten mit Eingabe vom 9. Juni 2020 eine
umfassende medizinische Abklärung (SEM act. 24 und 25).
D.
Am 3. Juli 2020 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 1 oder Art. 18 Abs. 1
Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO).
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E.
Die italienischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen am 6. Juli
2020 gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO zu (SEM act. 30 und 31).
F.
Ergänzende Erkundigungen des SEM zum Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers ergaben, dass er sich wegen des Verdachts auf eine post-
traumatische Belastungsstörung in der Zwischenzeit einer ambulanten
psychiatrischen Behandlung unterzogen hatte und ihm entsprechende Me-
dikamente verschrieben worden waren (SEM act. 32 und 33).
G.
Mit Verfügung vom 15. Juli 2020 (eröffnet am 21. Juli 2020) trat die Vor-
instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstellung
nach Italien und forderte ihn – unter Androhung von Zwangsmassnahmen
im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kan-
ton Basel-Stadt mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Be-
schwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus
und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid
keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 35).
H.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 28. Juli 2020 be-
antragt der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei aufzuhe-
ben und die Vorinstanz anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten;
eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung
an das SEM zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht er
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses (BVGer act. 1).
I.
Am 29. Juli 2020 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG
den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus. Der Vollzugsstopp
wurde dem gemäss angefochtener Verfügung mit dem Vollzug der Weg-
weisung beauftragten Kanton Basel-Stadt mitgeteilt (BVGer act. 2). Am
30. Juli 2020 erging dieselbe Anordnung auch gegenüber dem Kanton Ba-
sel-Landschaft (BVGer act. 4).
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Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
29. Juli 2020 in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwür-
diges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist da-
her zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Urteilsbegrün-
dung, zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
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Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.H.).
4.
In formeller Hinsicht rügt der Parteivertreter, sowohl zwei Anfragen der Vor-
instanz an die Pflege X._ vom 7. Juli 2020 und 13. Juli 2020 als auch
deren Antwortschreiben vom 8. Juli 2020 und 21. Juli 2020 nicht erhalten
zu haben. Die angefochtene Verfügung sei deshalb bereits wegen Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs aufzuheben. Das Akteneinsichtsrecht bildet
einen Teilgehalt des verfassungsmässigen Anspruchs auf rechtliches Ge-
hör (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV) und umfasst diejenigen Akten, welche geeignet
sind, der entscheidenden Instanz als Grundlage für ihren Entscheid zu die-
nen (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, N. 494 m.H. oder WALDMANN/OE-
SCHLER, Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, N 60 ff. zu Art. 26 VwVG).
Soweit ersichtlich, erhielt der Beschwerdeführer in alle Medizinalakten Ein-
sicht. Sie umfassen Unterlagen zu zwei Konsultationen bei den UPK Basel
vom 12. Juni 2020 bzw. 26. Juni 2020, ein von einem Allgemeinmediziner
am 22. Juni 2020 ausgefülltes Formular sowie drei medizinische Daten-
blätter für interne Arztbesuche (SEM act. 25, 32 und 33). Die eingangs er-
wähnten Erkundigungen und Mitteilungen sind im Aktenverzeichnis unter
act. 37 («E-Mailverkehr intern [BAZ-Pflege X._]») vermerkt. Wohl
erhielt der Beschwerdeführer keine Einsicht in das fragliche Aktenstück,
allerdings wird darin primär auf den Bericht der UPK Basel vom 26. Juni
2020 sowie einen dem Betroffenen ebenfalls bekannten, auf den 24. Juli
2020 angesetzten Folgetermin verwiesen. Damit war es ihm ohne weiteres
möglich, seine Rechte wirksam wahrzunehmen. Eine Verletzung des Ak-
teinsichtsrechts liegt mithin nicht vor.
Soweit der Parteivertreter im Zusammenhang mit der Abklärung des medi-
zinischen Sachverhalts darüber hinaus eine Verletzung der Begründungs-
pflicht rügt (Ziff. 12 der Beschwerdeschrift), bildet diese Gegenstand der
materiell-rechtlichen Beurteilung.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
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Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Staat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf
das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi-
tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens («take back») findet demgegen-
über grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
5.3 Wenn ein Antragsteller, aus einem Drittstaat kommend, die Land-, See-
oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, ist dieser
Staat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des Antrags auf
internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet gemäss dieser
Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzübertritts. Die Dublin-
III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prü-
fenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
6.
6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Eu-
rodac»-Datenbank ergab, dass er am 9. März 2020 illegal nach Italien ein-
gereist war (SEM act. 8 und 9). Das SEM ersuchte die italienischen Behör-
den am 3. Juli 2020 um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 oder Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO (SEM act. 26). Diese
stimmten dem Übernahmeersuchen am 6. Juli 2020 gestützt auf Art. 13
Abs. 1 Dublin-III-VO zu (SEM act. 30 und 31). Die grundsätzliche Zustän-
digkeit Italiens ist somit gegeben.
6.2 Nachfolgend ist demnach im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien würden syste-
mische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen
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oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist.
7.
7.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
7.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
8.
8.1 In der Rechtsmitteleingabe vom 28. Juli 2020 gab der Beschwerdefüh-
rer an, aufgrund in Afghanistan erlittener massiver körperlicher Misshand-
lungen durch seinen Vater und zwei ältere Brüder an einer posttraumati-
schen Belastungsstörung zu leiden. Da er höchstwahrscheinlich auf die
Verabreichung von Medikamenten angewiesen sei, könne der vorinstanz-
lichen Schlussfolgerung, dass bei ihm keine lebensbedrohliche psychische
Beeinträchtigung vorliege, nicht gefolgt werden. In Italien könne er nämlich
nicht auf die Verabreichung von Medikamenten vertrauen. Die Angelegen-
heit sei deshalb zu einer vollständigen Abklärung des medizinischen Sach-
verhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Gemäss dem neusten Bericht
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom Januar 2020 zu Italien
gebe es dort zu wenig und nicht angemessene Aufnahmestrukturen, und
die medizinische Versorgung für Personen mit psychischen Problemen er-
weise sich als ungenügend. Aus dem Bericht der UPK Basel vom 10. Juli
2020 gehe hervor, dass er eine vulnerable Person sei. Die festgestellten
Symptome hätten Krankheitswert und er sei dringend auf ein entsprechen-
des Betreuungsangebot angewiesen. Seine Überstellung nach Italien dürfe
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Seite 8
deshalb nur erfolgen, wenn sichergestellt sei, dass er auch dort eine ange-
messene und wirksame Behandlung erhalte. Die Vorinstanz hätte von Ita-
lien deshalb individuelle Zusicherungen verlangen müssen, um Langzeit-
schäden zu minimieren. Im Übrigen habe sich die Vorinstanz kaum mit der
Möglichkeit eines allfälligen Selbsteintritts gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO auseinandergesetzt. Hinzu komme, dass die COVID-19-Situation das
italienische Gesundheitssystem komplett überlastet habe. Es müsse rea-
listischerweise davon ausgegangen werden, dass es nach Bewältigung
des COVID-19-Notstandes noch Monate dauern werde, bevor sich dieses
System stabilisiere. Innerhalb der sechsmonatigen Überstellungsfrist er-
scheine es nicht realistisch, dass Personen, die nach Italien überstellt wür-
den und auf eine Gesundheitsversorgung angewiesen seien, Zugang zum
dortigen Gesundheitssystem erhalten würden.
8.2 Die Vorinstanz vertrat in der angefochtenen Verfügung im Wesentli-
chen den Standpunkt, dass der Beschwerdeführer nicht an schwerwiegen-
den medizinischen Problemen leide, die einer Rückführung aufgrund feh-
lender Zulässigkeit und Zumutbarkeit entgegenstehen könnten. Es lägen
keine Hinweise vor, wonach Italien ihm eine medizinische Behandlung ver-
weigert hätte oder zukünftig verweigern würde.
8.3 Wie die Vorinstanz zutreffend festhält, steht es dem Beschwerdeführer
nach erfolgter Überstellung nach Italien offen, dort um Asyl nachzusuchen
und damit Zugang zu den asylrechtlichen Aufnahmestrukturen zu erhalten.
Er hat in diesem Zusammenhang kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan, die italienischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzuneh-
men und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Re-
geln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, das Land werde in seinem Fall
den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in
ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr
laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Die
Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein, kann
im Einzelfall widerlegt werden. Wie eben erwähnt, bedarf es hierfür aber
konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls von den Betroffe-
nen darzutun sind (vgl. Urteil des BVGer E-937/2020 vom 24. Februar
2020 E. 5.4 m.H.).
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Seite 9
8.4 Des Weiteren gibt es keine konkreten Hinweise für die Annahme, Italien
würde dem Beschwerdeführer dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtli-
nie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Das italie-
nische Fürsorgesystem für Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus
steht zwar in der Kritik, das Bundesverwaltungsgericht ist aber
in dem am 17. Dezember 2019 ergangenen Grundsatz- und Referenzurteil
E-962/2019 zum Schluss gelangt, auch nach Erlass und Umsetzung des
«Salvini-Dekrets» sei gegenwärtig das Vorliegen systemischer Schwach-
stellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO, welche die staatliche
Unterstützung Italiens und dessen Einrichtungen für Asylsuchende betref-
fen, zu verneinen (vgl. ausführlich E. 6.1 – 6.4). Dies gilt auch, obwohl die
dortigen Lebensumstände von Asylsuchenden, anerkannten Flüchtlingen
und Personen mit einem subsidiären Schutzstatus mit gewissen Mängeln
behaftet sind, und sich demgegenüber mehrere private Hilfsorganisationen
der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen annehmen (vgl. bspw.
Urteile des BVGer F-2628/2020 vom 29. Mai 2020 E. 5.3 oder F-2009/2020
vom 24. April 2020 E. 8.3). Vor diesem Hintergrund vermag der Beschwer-
deführer aus dem Bericht der SFH vom Januar 2020 nichts zu seinen
Gunsten abzuleiten. Ohnehin hielt er sich eigenen Angaben zufolge nur
kurz in Italien und ausserhalb der dortigen Asylstrukturen auf.
9.
9.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine zwangs-
weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur
ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine
vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR
Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10,
§§ 180–193 m.w.H.).
9.2 Gestützt auf den aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerdefüh-
rers gilt es zu beurteilen, ob er als vulnerable Person einzustufen ist. Den
Akten kann hierzu entnommen werden, dass er am 4. Juni 2020 anlässlich
einer Sprechstunde bei den UPK Basel über seit Jahren bestehende
Schlafstörungen und Panikattacken klagte und Suizidgedanken äusserte
(SEM act. 25). Wegen des Verdachts auf eine posttraumatische Belas-
tungsstörung verschrieben die UPK Basel dem Beschwerdeführer am
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Seite 10
12. Juni 2020 Quetiapin und, bei Bedarf, Temesta. Zudem wurde er über
Atemübungen instruiert, und die ihn behandelnde Person vermerkte «Ak-
tuell keine Suizidalität» (SEM act. 32). Auf dem medizinischen Datenblatt
vom 10. Juli 2020 ist ferner festgehalten, dass er seit kurzem nächtliches
Herzrasen habe, worauf die UPK Basel das Medikament Quetiapin absetz-
ten und stattdessen Temesta empfahlen. Auf dem von der Klinik am
26. Juni 2020 ausgefüllten Formular figuriert überdies ein Hinweis auf ei-
nen Folgetermin vom 24. Juli 2020 (zum Ganzen vgl. SEM act. 33). Sons-
tige medizinischen Vorkehren wurden nicht als angezeigt erachtet. Die be-
stehenden Beeinträchtigungen vorwiegend psychischer Natur erweisen
sich aufgrund dieser Diagnosen nicht als so gravierend, dass der Be-
schwerdeführer im Falle einer Überstellung nach Italien mit dem Risiko ei-
ner ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung seines
Gesundheitszustandes konfrontiert wäre. Die Erkrankung ist mit Medika-
menten und Entspannungsübungen behandelbar und die psychische Be-
handlung kann in Italien weitergeführt werden. Das beschriebene Krank-
heitsbild vermag eine Unzulässigkeit im Sinne der restriktiven Rechtspre-
chung mithin nicht zu rechtfertigen. Aufgrund des gegenwärtigen Gesund-
heitszustandes kann der Beschwerdeführer nicht zur Gruppe besonders
verletzlicher Personen gezählt werden (vgl. Referenzurteil
E-962/2019 E. 7.4), womit es keiner individuellen Zusicherungen der itali-
enischen Behörden bezüglich Unterbringung und medizinischer Versor-
gung bedarf.
9.3 Der Beschwerdeführer wurde, wie erwähnt, in der Schweiz medizinisch
versorgt und dem SEM waren seine gesundheitlichen Probleme bekannt.
In Bezug auf das Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung wären von
zusätzlichen Abklärungen keine neuen Erkenntnisse zu erwarten gewesen
(zur antizipierten Beweiswürdigung vgl. BGE 141 I 60 E. 3.3 oder BGE 136
I 229 E. 5.3). Entgegen der Auffassung des Parteivertreters ist deshalb
nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz diesbezüglich keine weiteren
Vorkehren getroffen oder den Kontrolltermin vom 24. Juli 2020 abgewartet
hat. Die auf Beschwerdeebene erhobene Rüge der nicht rechtsgenügli-
chen Sachverhaltsabklärung ist folglich nicht stichhaltig.
9.4 Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Italien grundsätzlich über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. etwa Urteile des
BVGer F-2628/2020 vom 29. Mai 2020 E. 5.4.3 oder F-2009/2020 vom
24. April 2020 E. 8.7 je m.H.). Es liegen keine Hinweise vor, wonach dem
Beschwerdeführer dort eine adäquate medizinische Behandlung verwei-
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Seite 11
gert würde. Der Zugang für asylsuchende Personen zum italienischen Ge-
sundheitssystem über die Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich
gewährleistet, auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen
kommen kann (Urteil E-962/2019 E. 6.2.7). Im Hinblick auf die vorgenann-
ten Ausführungen darf demnach davon ausgegangen werden, er finde be-
züglich seiner im Dublin-Verfahren vorgebrachten psychischen Probleme
Zugang zu entsprechender medizinischer Versorgung, sollte er auf solche
angewiesen sein.
9.5 Hervorzuheben gilt es an dieser Stelle, dass die schweizerischen Be-
hörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind,
die italienischen Behörden bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten
der Überstellung in geeigneter Weise über die spezifischen Umstände des
Beschwerdeführers (einschliesslich einer allenfalls vorzunehmenden me-
dizinischen Kontrolle und Versorgung) zu informieren haben (Art. 31 f. Dub-
lin-III-VO). Gegebenenfalls kann dem Beschwerdeführer zur Sicherstellung
einer lückenlosen Behandlung für die erste Zeit eine Reservemedikation
mitgegeben werden. Vorliegend figuriert in den Überstellungsmodalitäten
denn ein Hinweis darauf, dass beim Beschwerdeführer ein Verdacht auf
eine posttraumatische Belastungsstörung bestehe (SEM act. 34). Art. 3
EMRK steht somit einer Überstellung nach Italien nicht entgegen.
9.6 Soweit der Parteivertreter der Vorinstanz schliesslich vorwirft, sich bei
der Einschätzung der COVID-19-Pandemie in unzulässiger Weise auf ei-
nen hypothetisch günstigen Verlauf abzustützen, ist er darauf hinzuweisen,
dass es sich hierbei nach der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts um
ein bloss temporäres Vollzugshindernis handelt, welchem im Rahmen der
Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen ist (vgl. etwa Urteil des BVGer
F-2489/2020 vom 3. Juni 2020 E. 6.3 m.H.). Es versteht sich von selbst,
dass die Überstellung erst erfolgen kann, wenn die Reisebeschränkungen
dies zulassen, und dass dannzumal die Reisefähigkeit des Beschwerde-
führers unter Berücksichtigung der konkreten Umstände zu beurteilen sein
wird. Das Recht auf eine wirksame Beschwerde gemäss Art. 13 EMRK wird
mit einem solchen Vorgehen nicht verletzt.
9.7 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Italien der für die
Behandlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers zuständige Mit-
gliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
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10.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
11.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
12.
Der am 29. Juli 2020 bzw. 30. Juli 2020 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit
vorliegendem Urteil dahin.
13.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehen-
den Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind, weshalb die
Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Die Verfah-
renskosten sind daher dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Dispositiv Seite 13
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