Decision ID: 5245c94f-56a7-52d9-8172-9348e89ac363
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
B._, ein 1979 geborener indischer Staatsangehöriger (nachfolgend:
Gesuchsteller bzw. Gast), beantragte am 25. beziehungsweise am 26. Juni
2019 bei der Schweizerischen Botschaft in Abu Dhabi (Vereinigte Arabi-
sche Emirate [VAE]) ein Schengen-Visum für einen einmonatigen Be-
suchsaufenthalt bei A._ (nachfolgend: Gastgeber bzw. Beschwer-
deführer), welcher im Kanton Zürich lebt (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM-
act.] 3/26-29).
B.
Gemäss einer Aktennotiz der Schweizerischen Botschaft in Abu Dhabi
(nachfolgend: Schweizerische Botschaft) vom 28. Juni 2019 habe der Ge-
suchsteller angegeben, verheiratet zu sein. Unterlagen über seine Familie
habe er jedoch nicht vorgelegt. Er sei von einem Gastgeber eingeladen
worden, der keinerlei Informationen zur Beziehung (zwischen den beiden)
bekannt gegeben habe. Der Gastgeber sei Inder, habe einen spanischen
Reisepass und arbeite in der Schweiz. Der Gesuchsteller lebe seit 2018 in
den VAE, arbeite dort als Fahrer und verdiene sehr wenig (SEM-act. 3/30).
C.
Ebenfalls am 28. Juni 2019 verweigerte die Schweizerische Botschaft mit
Formularverfügung das Visum, da die vorgelegten Informationen über den
Zweck und die Bedingungen des beabsichtigten Aufenthaltes nicht glaub-
haft seien. Zudem könne die Absicht einer fristgerechten Wiederausreise
des Gesuchstellers aus dem Schengen-Raum nicht festgestellt werden
(SEM-act. 1/3).
D.
Gegen die Verweigerung des Visums erhob der Gastgeber am 8. Juli 2019
(Postaufgabe) Einsprache bei der Vorinstanz (SEM-act. 1/5).
E.
Im Rahmen des Einspracheverfahrens nahm die Vorinstanz Einsicht in die
Akten der Schweizerischen Botschaft und liess durch die Migrationsbe-
hörde im Wohnsitzkanton des Gastgebers weitere Abklärungen zum Sach-
verhalt vornehmen. Einen von dieser Behörde an ihn gerichteten Fragen-
katalog beantwortete der Gastgeber umgehend. Demnach handelt es sich
beim Gast um seinen Bruder, welcher in den VAE lebe und arbeite. Dessen
Gehalt sei sehr gut. Sein Bruder wolle seine jährlichen Ferien bei ihm –
dem Gastgeber – und seiner Mutter in der Schweiz verbringen. Er würde
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seinem Bruder gern die Sehenswürdigkeiten der Schweiz zeigen. Nach
seinen Ferien würde dieser in die VAE zurückkehren und wieder als «Light
Vehicle Driver» arbeiten (SEM-act. 6/37).
F.
Mit Verfügung vom 16. September 2019 wies das SEM die Einsprache ab.
Dabei teilte es die Einschätzung der Schweizerischen Botschaft, wonach
eine anstandslose und fristgerechte Ausreise des Gesuchstellers nach sei-
nem Besuchsaufenthalt nicht als hinreichend gesichert betrachtet werden
könne. Dieser stamme aus einer Region (in Indien), aus welcher als Folge
der dort insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht herrschenden Verhält-
nisse der Zuwanderungsdruck nach wie vor stark anhalte. Im Weiteren
seien aus den persönlichen, familiären und wirtschaftlichen Verhältnissen
des Gastes keine Umstände ersichtlich, die besondere Gewähr für die Wie-
derausreise nach dem Besuchsaufenthalt bieten könnten, handle es sich
doch bei ihm um einen jungen Mann, welcher in den VAE als Fahrer einer
Erwerbstätigkeit mit äussert geringem Einkommen nachgehe und darauf
verzichtet habe, Belege für allfällige Verpflichtungen in Indien oder in den
VAE ins Recht zu legen (SEM-act. 7/48-51).
G.
Am 8. Oktober 2019 (Postaufgabe) gelangte der Gastgeber mit Be-
schwerde an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte sinngemäss,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das Schengen-Visum für
einen Besuchsaufenthalt zu erteilen.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 1. November 2019 schloss das SEM auf
Abweisung der Beschwerde.
I.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik.
J.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.
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Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Die Einspracheentscheide des SEM bezüglich Schengen-Visa sind mit
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 112 Abs. 1
AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). Das Rechtsmittelverfahren richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am vorangegangenen Einspracheverfahren
teilgenommen und ist als Gastgeber durch die angefochtene Verfügung
besonders berührt. Der fest anberaumte Besuchszeitraum ist inzwischen
abgelaufen. Durch die Einreichung des Rechtsmittels hat der Beschwerde-
führer jedoch kundgetan, dass er sein Rechtsschutzinteresse aufrechter-
hält. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist daher ein-
zutreten (Art. 50 und 52 VwVG).
1.3 In der vorliegenden Angelegenheit entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begrün-
dung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.; 2011/43 E. 6.1).
3.
Der angefochtenen Verfügung liegt das Gesuch eines in den VAE lebenden
indischen Staatsangehörigen um Erteilung eines Visums für einen einmo-
natigen Besuchsaufenthalt in der Schweiz zugrunde. Da sich der Gesuch-
steller nicht auf die EU/EFTA-Personenfreizügigkeitsabkommen berufen
kann und die beabsichtigte Aufenthaltsdauer 90 Tage nicht überschreitet,
fällt die Streitsache in den persönlichen und sachlichen Anwendungsbe-
reich der Schengen-Assoziierungsabkommen, mit denen die Schweiz den
http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/1
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Schengen-Besitzstand und die dazugehörigen gemeinschaftsrechtlichen
Rechtsakte übernommen hat (BVGE 2014/1 E. 3; 2011/48 E. 3). Das Aus-
länder- und Integrationsgesetz (AIG, SR 142.20) und dessen Ausführungs-
bestimmungen gelangen nur soweit zur Anwendung, als die Schengen-As-
soziierungsabkommen keine abweichenden Bestimmungen enthalten
(Art. 2 Abs. 4 AIG).
4.
4.1 Drittstaatsangehörige dürfen über die Aussengrenzen des Schengen-
Raums für einen Aufenthalt von höchstens 90 Tagen innerhalb eines Zeit-
raums von 180 Tagen einreisen, wenn sie im Besitz eines Visums sind, falls
ein solches nach Massgabe der Verordnung (EU) 2018/1806 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 14. November 2018 (Aufstellung der
Liste der Drittländer, deren Staatsangehörige beim Überschreiten der Aus-
sengrenzen im Besitz eines Visums sein müssen, sowie der Liste der Dritt-
länder, deren Staatsangehörige von dieser Visumpflicht befreit sind [ABl. L
303/39 vom 28.11.2018; nachfolgend: Verordnung [EU] 2018/1806; in Kraft
seit 15. Februar 2019]) erforderlich ist (Art. 6 Abs. 1 Bst. b der Verordnung
[EG] Nr. 2016/399 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9.
März 2016 über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der
Grenzen durch Personen [Kodifizierter Text] [Schengener Grenzkodex,
SGK, Abl. L 77/1 vom 23.03.2016]; Art. 6 Abs. 1 der Verordnung vom
15. August 2018 über die Einreise und die Visumerteilung [VEV, SR
142.204]); vgl. auch Art. 2 Ziff. 6 SGK; Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG). Als indi-
scher Staatsangehöriger unterliegt der Gesuchsteller unbestrittenermas-
sen der Visumpflicht (Anhang I der bereits erwähnten Verordnung Nr.
2018/1806; Art. 8 Abs. 1 VEV).
4.2 Voraussetzung zur Visumerteilung und zur Einreise ist unter anderem,
dass die drittstaatsangehörige Person keine Gefahr für die öffentliche Ord-
nung, die innere Sicherheit, die öffentliche Gesundheit oder die internatio-
nalen Beziehungen eines Mitgliedstaats darstellt (Art. 6 Abs. 1 Bst. e SGK)
und Gewähr für die gesicherte Wiederausreise bietet (Art. 32 Abs. 1 Bst. b
der Verordnung [EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft [Visako-
dex, VK, ABl. L 243/1 vom 15.09.2009]; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2011/48
E. 4.5; 2009/27 E. 5.2). Wenn die betreffende Person nicht bereit ist, das
Hoheitsgebiet des Schengen-Raums fristgerecht wieder zu verlassen, ist
eine Gefahr für die öffentliche Ordnung im Sinne von Art. 6 Abs. 1 Bst. e
SGK anzunehmen (BVGE 2014/1 E. 4.3 m.H.). Die Behörden haben daher
zu prüfen und drittstaatsangehörige Personen zu belegen, dass die Gefahr
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einer rechtswidrigen Einwanderung oder einer nicht fristgerechten Aus-
reise nicht besteht respektive dass die gesuchstellende Person für die ge-
sicherte Wiederausreise Gewähr bietet (Art. 14 Abs. 1 Bst. d VK; Art. 21
Abs. 1 VK; BVGE 2014/1 E. 4.4; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2009/27 E. 5.2).
4.3 Das schweizerische Ausländerrecht kennt weder ein allgemeines
Recht auf Einreise noch gewährt es einen besonderen Anspruch auf Ertei-
lung eines Visums. Die Schweiz ist daher grundsätzlich nicht gehalten,
drittstaatsangehörigen Personen die Einreise zu gestatten. Das Schengen-
Recht schränkt die nationalstaatlichen Befugnisse insoweit ein, als es ein-
heitliche Voraussetzungen für Einreise und Visum aufstellt und die Mitglied-
staaten verpflichtet, die Einreise bzw. das Visum zu verweigern, wenn die
Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Einen Anspruch auf Einreise bzw. Vi-
sum vermittelt aber auch das Schengen-Recht nicht (BVGE 2014/1 E. 4.1.1
und E. 4.1.5; 2011/48 E. 4; Urteil des BVGer F-7617/2016 vom 12. März
2018 E. 4.1).
4.4 Sind sämtliche Voraussetzungen für die Visumerteilung erfüllt, ist das
Schengen-Visum auszustellen. Ist hingegen einer der in Art. 32 Abs. 1 VK
(nicht abschliessend) aufgelisteten Tatbestände gegeben, darf ein einheit-
liches Visum nicht erteilt werden (vgl. Art. 21 Abs. 1 und Abs. 3 VK; Art. 32
Abs. 1 VK; BVGE 2014/1 E. 4.5; 2011/48 E. 4.6; Urteil des BVGer
F-7617/2016 E. 4.1). Das Schengen-Visum ist deshalb unter anderem zu
verweigern, wenn Zweifel an der von der drittstaatsangehörigen Person
bekundeten Absicht bestehen, das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten vor
Ablauf der Gültigkeit des beantragten Visums wieder zu verlassen (Art. 32
Abs. 1 Bst. b VK; BVGE 2014/1 E. 4.4). Den Behörden kommt bei der Be-
urteilung, ob die Voraussetzungen für die Visumerteilung erfüllt sind, ein
weiter Beurteilungsspielraum zu (BVGE 2014/1 E. 4.1.5 in fine).
4.5 Sind – abgesehen vom Visum selbst – die Einreisevoraussetzungen
nicht erfüllt, kann in Ausnahmefällen ein Visum mit räumlich beschränkter
Gültigkeit erteilt werden, das nur für das Hoheitsgebiet des betreffenden
Mitgliedstaats gilt. Von dieser Möglichkeit kann der betreffende Mitglied-
staat unter anderem Gebrauch machen, wenn er es aus humanitären
Gründen, aus solchen des nationalen Interesses oder aufgrund internatio-
naler Verpflichtungen für erforderlich hält (vgl. Art. 3 Abs. 4 VEV; Art. 25
Abs. 1 Bst. a VK; Art. 6 Abs. 5 Bst. c SGK).
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5.
5.1 In der Regel lassen sich keine gesicherten Feststellungen darüber tref-
fen, ob eine drittstaatsangehörige Person tatsächlich beabsichtigt, vor Ab-
lauf des Visums den Schengen-Raum zu verlassen, weshalb darüber eine
Prognose zu erstellen ist. Hierzu sind alle Umstände des Einzelfalles zu
würdigen. Die Beweisführungslast obliegt dabei der drittstaatsangehörigen
Person (Art. 14 Abs. 1 Bst. d VK; Art. 14 Abs. 3 i.V.m. Anhang II VK; Art. 5
Abs. 1 Bst. c SGK; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2014/1 E. 4.4 und E. 6.1). An-
haltspunkte zur Beurteilung der Gewähr für eine fristgerechte Wiederaus-
reise können sich zunächst aus der allgemeinen Situation im Herkunftsland
der drittstaatsangehörigen Person ergeben. Namentlich bei Einreisegesu-
chen von Personen aus Staaten bzw. Regionen mit politisch, wirtschaftlich
und sozial ungünstigen Verhältnissen rechtfertigt sich eine strenge Praxis,
da die persönliche Interessenlage in solchen Fällen erfahrungsgemäss
häufig nicht mit dem Ziel und Zweck einer zeitlich befristeten Einreisebe-
willigung im Einklang steht (BVGE 2014/1 E. 6.1 m.H.).
5.2 Die Öffnung der Wirtschaft im Jahr 1991 führte in Indien zu einer ra-
santen wirtschaftlichen Entwicklung. In der Informationstechnologie oder
der Forschung (insbesondere der Biotechnologie) gehört Indien zu den
führenden Ländern der Welt. Nach wie vor ist das Land jedoch von krasser
Armut und extremer Ungleichheit der Lebenschancen geprägt. Indien hat
weltweit die grösste Zahl an absolut armen Menschen. Etwa 22 % der Be-
völkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze von 1,90 USD pro Tag. 58 %
aller Inder stehen weniger als 3,10 USD pro Tag zur Verfügung. Gemäss
dem aktuellen Bericht zur menschlichen Entwicklung (Human Develop-
ment Report) figuriert Indien auf Platz 130. Zwar ist der Indexwert in den
vergangenen Jahren gestiegen, doch zeigen die Werte für Einkommen,
Bildung oder Lebenserwartung deutlich, dass die aufstrebende Wirt-
schaftsmacht Indien noch viele Hürden zu nehmen hat, bis von einem die
breite Masse erfassenden Wohlstand gesprochen werden kann (Quelle:
LIPortal Das Länderinformationsportal, www.liportal.de > Indien > Wirt-
schaft und Entwicklung, Wirtschaftsentwicklung sowie Armutsbekämpfung,
besucht im Februar 2020; Deutsches Auswärtiges Amt, www.auswertiges-
amt.de > Aussen- und Europapolitik > Länder > Indien > Bilaterale Bezie-
hungen, Stand 28. Februar 2020, besucht im März 2020).
5.3 Aktenkundig hat der Gast Indien verlassen und lebt seit 2018 in den
VAE, in (...), wo er seit 21. Juni 2018 als «Light Vehicle Driver» für das
ortsansässige Unternehmen «C._» arbeitet (SEM-act. 3/19).
http://www.auswertiges-amt.de/ http://www.auswertiges-amt.de/
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5.4 Zwar besteht in den VAE allgemein ein hohes Wohlstandsniveau, doch
präsentiert sich die Lage der Millionen ausländischer Arbeitnehmer mehr-
heitlich anders. In seinem Jahresbericht von 2016 hält Amnesty Internatio-
nal fest, dass Arbeitsmigranten in den VAE – ungeachtet der Schutzklau-
seln im Arbeitsgesetz von 1980 sowie nachfolgender Dekrete – weiterhin
ausgebeutet und misshandelt werden. Das Sponsorensystem («kafala»)
mache es Arbeitgebern («Sponsoren») leicht, Arbeitsmigranten auszubeu-
ten. Beteiligen sie sich an Streiks oder anderen gewerkschaftlichen Aktio-
nen, drohe ihnen Haft und Ausweisung (vgl. www.amnesty.de > Jahresbe-
richt 2016 > Vereinigte Arabische Emirate >Rechte von Arbeitsmigranten,
30. Mai 2016, besucht im Februar 2020). Obwohl das öffentliche Leben in
den VAE durch eine für die Region weitgehende Liberalität gekennzeichnet
ist, unterliegen die Rechte von Arbeitsmigranten deutlichen Einschränkun-
gen, (vgl. Deutsches Auswärtiges Amt, www.auswertiges-amt.de > Verei-
nigte Arabische Emirate (VAE) > Politisches Porträt, Stand 2. Oktober
2019, besucht im März 2020).
6.
6.1 Vor diesem Hintergrund ist nicht zu beanstanden, dass das SEM das
Risiko einer nicht fristgerechten Ausreise von aus Indien stammenden Ge-
suchstellern als hoch einschätzt. Ein im Zielland Schweiz bestehendes, mi-
nimales soziales Beziehungsnetz aus Verwandten oder Freunden ist zu-
dem ein wichtiges Element, das den Entscheid dorthin auszuwandern er-
leichtern kann. Angesichts der restriktiven Zulassungsregelung führt dies
nicht selten zur Umgehung von ausländerrechtlichen Bestimmungen, in-
dem die Gesuchstellenden – einmal eingereist – versuchen, den Aufenthalt
auf eine ganz andere rechtliche Basis abzustützen (BVGE 2014/1
E. 6.2.2). Das Risiko einer nicht fristgerechten Wiederausreise des Gastes
ist demnach grundsätzlich als hoch einzuschätzen.
6.2 In die Prognose über die Absicht einer gesuchstellenden Person, den
Schengen-Raum fristgerecht zu verlassen, sind weiter deren persönliche,
familiäre und berufliche Situation sowie deren Interessenlage miteinzube-
ziehen (BVGE 2014/1 E. 6.3.1). Obliegt einer gesuchstellenden Person im
Heimatland beispielsweise eine besondere berufliche, gesellschaftliche
oder familiäre Verantwortung, kann dies die Prognose für eine anstands-
lose Wiederausreise begünstigen. Umgekehrt muss bei Personen, die in
ihrer Heimat keine besonderen Verpflichtungen haben, das Risiko eines
ausländerrechtlich nicht regelkonformen Verhaltens nach einer bewilligten
Einreise als hoch eingeschätzt werden (BVGE 2014/1 E. 6.3.1 m.H.;
2009/27 E. 8).
http://www.amnesty.de/ http://www.auswertiges-amt.de/
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6.3 Beim Gast handelt es sich um einen 39-jährigen Mann, der gemäss
seinen Angaben verheiratet ist (SEM-act. 3/29). Ob es sich dabei um eine
gelebte Partnerschaft handelt, ob seine Ehefrau mit ihm in den VAE oder
alleine in Indien lebt, geht aus den Akten nicht hervor. Der Beschwerdefüh-
rer macht lediglich geltend, sein Gast würde sein Umfeld niemals verlas-
sen. Weitere Angaben zum privaten Hintergrund des Gastes werden nicht
gemacht. Besondere soziale oder familiäre Verpflichtungen, welche diesen
von einer Emigration abhalten könnten, sind damit nicht erkennbar.
6.4 Damit ist der wirtschaftlichen Situation des Gastes ein besonderes Au-
genmerk zu widmen.
6.4.1 Der Aktennotiz der Botschaft ist zu entnehmen, dass der Gast als
«Light Vehicle Driver» in den VAE für ein geringes Einkommen arbeitet (vgl.
Sachverhalt Bst. B). Gemäss dem Schreiben seines Arbeitgebers vom
25. Juni 2019 beziffert sich sein monatlicher Lohn jedoch auf 6'000 AED
(SEM-act. 3/19). Dies entspricht einem Betrag von Fr. 1’516.20– (Umrech-
nungskurs vom 9. März 2020).
6.4.2 Auf Beschwerdeebene wird nunmehr geltend gemacht, der Gast
gehe in den VAE als Speditionsleiter einer hoch angesehenen Erwerbstä-
tigkeit nach. Sein dortiger Verdienst entspreche in etwa einem Einkommen
in der Schweiz. Er habe in Dubai ein angesehenes Lebensumfeld und lebe
nicht in «armen Verhältnissen».
6.4.3 Der eingereichte Auszug aus dem Konto des Gastes lässt diese An-
gaben noch einmal in einem anderen Licht erscheinen. So weist der er-
wähnte Kontoauszug (...) per 25. Juni 2019 einen Saldo von 37'479.47
AED (ungefähr Fr. 9'471.–; Umrechnungskurs vom 9. März 2020) aus. Es
fällt auf, dass auf dieses Konto unregelmässige Zahlungen getätigt wur-
den, nämlich am 9., 13. und 29. Dezember 2018. Des Weiteren am
31. Januar 2019 sowie am 28. Februar 2019, am 23. März 2019 und am
11. Juni 2019. Die Höhe der Einzahlungen betrug jeweils 6'000.– AED. Da
die letztere Einzahlung von einer Person namens «D._», die übri-
gen von einer Person namens «E._» getätigt wurden (SEM-act.
1/16 f.), nähren sich jedoch Zweifel, ob es sich bei den erwähnten Einzah-
lungen um Lohnzahlungen seines Arbeitgebers (dem Unternehmen
«C._») handelt.
6.5 Demnach kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Gast tat-
sächlich über eine massgebliche berufliche Verankerung beziehungsweise
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eine gesicherte wirtschaftliche Existenz in den VAE verfügt, welche die Ge-
fahr eines Verbleibens in der Schweiz respektive im Schengen-Raum über
den deklarierten Zeitraum hinaus als unwahrscheinlich erscheinen lässt.
6.6 Des Weiteren geht aus der bereits erwähnten Aktennotiz der Botschaft
hervor, dass der Gast am 1. April 2019 bei den tschechischen Behörden
die Erteilung eines Visums beantragt hat, welches mit der Begründung ver-
weigert wurde, seine Absicht, vor Ablauf des Visums aus dem Hoheitsge-
biet der Schengen-Mitgliedstaaten auszureisen, habe nicht hinreichend
festgestellt werden können. Sein Reisepass beinhalte neben einem unbe-
nutzten chinesischen Visum auch ein unbenutztes für Thailand. Zudem
enthalte er einen Stempel vom 10. Juni 2016 («Endorsement-Stempel) von
Rumänien. Ferner sei er im Jahr 2019 zwei Tage in die Türkei gereist
(SEM-act. 3/30). Demnach ist der Eindruck, wonach der Gast einen Auf-
enthalt ausserhalb Indiens und den VAE in Betracht zieht, nicht von der
Hand zu weisen.
6.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass dem Gast weder in den VAE noch
in Indien besondere berufliche, familiäre oder gesellschaftliche Verpflich-
tungen obliegen. Vor dem geschilderten Hintergrund erscheint das Risiko,
dass der Gast die Schweiz nach seinem Besuchsaufenthalt nicht wieder
rechtzeitig verlassen könnte, erheblich. Daran vermögen auch die gegen-
teiligen Zusicherungen des Beschwerdeführers nichts zu ändern: Gastge-
ber können zwar für bestimmte finanzielle Risiken im Zusammenhang mit
dem Besuchsaufenthalt, nicht aber für ein bestimmtes Tun oder Unterlas-
sen ihres Gastes rechtswirksam einstehen (vgl. BVGE 2014/1 E. 6.3.7 mit
Hinweis auf BVGE 2009/27 E. 9).
7.
Unter Berücksichtigung der allgemeinen Situation im Herkunftsland und
vor dem dargelegten persönlichen Hintergrund durfte die Vorinstanz davon
ausgehen, dass keine hinreichende Gewähr für eine fristgerechte und an-
standslose Wiederausreise des Gastes nach einem Besuchsaufenthalt be-
steht. Demnach wurde das Visum für den gesamten Schengen-Raum zu
Recht verweigert. Gründe humanitärer oder anderer Art, welche die Ertei-
lung eines Visums mit räumlich beschränkter Gültigkeit gerechtfertigt hät-
ten (vgl. dazu E. 4.5 vorstehend), wurden nicht geltend gemacht.
8.
Die angefochtene Verfügung ist im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu bean-
standen. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
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9.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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