Decision ID: 4aba0c45-0e74-5179-8705-0f7637529dfb
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin hat ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge
am 1. November 2016 über den Flughafen Mogadischu verlassen und
stellte am 7. November 2016 am Flughafen in Zürich ein Asylgesuch.
B.
Mit Verfügung vom 7. November 2016 wurde der Beschwerdeführerin die
Einreise in die Schweiz vorläufig verweigert und ihr wurde der Transitbe-
reich des Flughafens Zürich als Aufenthaltsort zugewiesen.
C.
Zur Begründung ihres Asylgesuches brachte die Beschwerdeführerin an-
lässlich der Befragung zur Person (BzP) am 12. November 2016 und der
Anhörung zu den Asylgründen am 23. November 2016, welche beide im
Transitbereich des Flughafens Zürich stattfanden, im Wesentlichen folgen-
den Sachverhalt vor:
Sie sei in dem Ort B._ in der Provinz (...) geboren und aufgewach-
sen. Sie sei nicht zur Schule gegangen, habe aber zu Hause Koranunter-
richt erhalten. Ihre Mutter stamme aus dem Clan C._, ihr Vater ge-
höre dem Minderheitenclan D._ an. Da die Mutter sie habe schüt-
zen wollen, habe sie als Angehörige des Clans C._ gelebt und erst
nach der Heirat mit ihrem jetzigen Mann erfahren, dass sie eigentlich dem
Minderheitenclan D._ angehöre.
Das Dorf B._ sei unter der Kontrolle der Al-Shabaab gestanden. Im
Jahr 2010 habe ein Mann der Al-Shabab, der Neffe des Führers einer
Gruppe der Al-Shabaab, sie heiraten wollen. Sie habe sich geweigert, den
Mann zu heiraten, und sei deshalb während eines Monates inhaftiert wor-
den. In Haft sei sie mehrfach vergewaltigt worden. Nachdem sie aus der
Haft entlassen worden sei, sei der Mann an einen anderen Ort versetzt
worden, habe sie aber weiterhin heiraten wollen. Sie sei schliesslich noch
im selben Jahr gezwungen worden, den Mann per Telefon zu heiraten. Sie
habe zu diesem Zeitpunkt aber bereits eine Beziehung zu ihrem jetzigen
Ehemann gehabt. Am 30. Dezember 2012 hätten sie und ihr Ehemann sich
religiös trauen lassen und das Dorf B._ verlassen. Nach ihrer Heirat
habe sie während etwa drei Jahren mit ihrem Ehemann in dessen Heimat-
ort E._ gelebt. Im Jahr 2013 und im Jahr 2016 seien ihre Söhne zur
Welt gekommen. Die Familie ihres Mannes habe sie nicht akzeptiert, da
sie dem Minderheitenclan D._ angehöre, und die Familie habe von
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ihnen verlangt, sich scheiden zu lassen. Sie habe ihrer Mutter davon er-
zählt und diese habe ihr vorgeschlagen, wieder ins Dorf zurückzukehren,
da die frühere Geschichte mit der Al-Shabaab zwischenzeitlich sicherlich
in Vergessenheit geraten sei. Sie sei daraufhin mit ihrem Mann und den
beiden Kindern im Jahr 2016 ins Dorf zurückgekehrt. Die Al-Shabaab und
die Leute im Dorf hätten ihr jedoch vorgeworfen, mit zwei Männern gleich-
zeitig verheiratet zu sein und man habe sie deswegen steinigen wollen. Ihr
Mann hätte sich an der Steinigung beteiligen müssen, weshalb er unver-
züglich mit den beiden Söhnen aus dem Dorf geflohen sei, ohne sie dar-
über in Kenntnis zu setzen. Sie selber sei auch kurz darauf zu einer Freun-
din der Mutter nach Mogadischu geflohen. Diese habe ihr geholfen, die
Ausreise aus Somalia zu organisieren.
D.
Mit Verfügung vom 25. November 2016 wurde der Beschwerdeführerin die
Einreise in die Schweiz zur Prüfung ihres Asylgesuches bewilligt und sie
wurde dem Kanton (...) zugewiesen.
E.
Mit Schreiben vom 29. März 2018 erkundigte sich die Beschwerdeführerin
beim SEM nach dem Verfahrensstand. Das SEM beantwortete die Anfrage
am 5. April 2018 unter Verweis auf die hohe Geschäftslast und die geltende
Prioritätenordnung.
F.
Am 19. Dezember 2018 reichte die Beschwerdeführerin beim SEM einen
Antrag um Familiennachzug ihres Mannes und der beiden Söhne ein und
führte aus, die Situation des Getrenntlebens sei für sie sehr belastend.
G.
Mit Schreiben vom 23. Juli 2019 ersuchte das SEM die Beschwerdeführe-
rin, weitere Fragen in Bezug auf ihren Ehemann und die Kinder zu beant-
worten.
H.
Am 10. August 2019 nahm die Beschwerdeführerin Stellung und beantwor-
tet die ihr gestellten Fragen.
I.
Mit Verfügung vom 19. August 2019, eröffnet am 21. August 2019, ver-
neinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte
ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob
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den Vollzug der Wegweisung infolge Unzumutbarkeit indessen auf und ord-
nete eine vorläufige Aufnahme an. Das SEM begründete den ablehnenden
Asylentscheid im Wesentlichen mit der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen
der Beschwerdeführerin.
J.
Die Beschwerdeführerin liess diese Verfügung mit Beschwerde vom
16. September 2019 (Poststempel) durch ihre (damalige) Rechtsvertreterin
anfechten und beantragte, die angefochtene Verfügung sei in den Ziffern 1
bis 3 aufzuheben, es sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihr
sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei das Verfahren an die Vorinstanz zur
Neubeurteilung zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei die
unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und die Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin zu bestellen.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 19. September 2019 gewährte die Instrukti-
onsrichterin die unentgeltliche Prozessführung, verzichtete auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses und ordnete die Rechtsvertreterin Dr. iur.
Sonia Lopez Hormigo als amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig lud
sie die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
L.
In seiner Vernehmlassung vom 27. September 2019 hielt das SEM fest, die
Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Be-
weismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könn-
ten.
M.
Am 3. Oktober 2019 ersuchte die Beschwerdeführerin um Fristerstreckung
zur Einreichung einer Replik, welche die Instruktionsrichterin gewährte.
N.
Mit fristgerechter Replikeingabe vom 4. November 2019 hielt die Be-
schwerdeführerin an der Glaubhaftigkeit und der Asylrelevanz ihrer Vor-
bringen fest. Gleichzeitig ersuchte die als amtliche Rechtsbeiständin ein-
gesetzte Rechtsvertreterin Dr iur. Sonia Lopez Hormigo darum, sie sei auf-
grund der Aufgabe ihrer Tätigkeit für die Rechtberatungsstelle aus dem
Mandat als amtliche Rechtsbeiständin zu entlassen. Sie schlug Frau MLaw
Eliane Schmid, Rechtsanwältin, als neue amtliche Rechtvertreterin vor. In
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der Beilage wurde eine Substitutionsvollmacht zugunsten der neuen
Rechtsvertreterin eingereicht.
O.
Mit Eingabe vom 17. Dezember 2019 stellte die Beschwerdeführerin erneut
beim SEM ein Gesuch um Familiennachzug für ihren Mann und die beiden
Kinder.
P.
Mit Schreiben vom 20. Dezember 2019 teilte das SEM der Beschwerde-
führerin mit, dass sie gemäss der heutigen Aktenlage die Voraussetzungen
für einen Familiennachzug gemäss Art. 51 AsylG (SR 142.31) nicht erfülle.
Gleichzeitig wurde die Beschwerdeführerin darauf hingewiesen, dass vor-
läufig aufgenommene Personen gemäss Art. 85 AIG (SR 142.20) unter be-
stimmten Voraussetzungen ihre Ehegatten und Kinder nachziehen könn-
ten, und verwies sie diesbezüglich an die kantonalen Behörden.
Q.
Ein erneut eingereichtes Familiennachzugsgesuch der Beschwerdeführe-
rin liess das SEM gestützt auf Art. 74 der Verordnung vom 25. Oktober
2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE, SR 142.201)
dem Amt für Migration des Kantons (...) zukommen.
R.
Mit Verfügung vom 12. August 2020 wies das SEM ein am 30. April 2020
gestelltes Gesuch der Beschwerdeführerin um Kantonswechsel ab.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
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Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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4.
4.1 Das SEM begründete seinen Entscheid im Wesentlichen mit der Un-
glaubhaftigkeit der Vorbringen. Die Beschwerdeführerin habe die Zwangs-
heirat mit einem Mann der Al-Shabaab nicht glaubhaft machen können. Es
sei nicht nachvollziehbar, dass man sie einerseits inhaftiert habe, um ihre
Zustimmung für die Heirat zu erwirken und andererseits in der Haft nie-
mand mit ihr über die Heirat gesprochen habe und sie nach einem Monat
kommentarlos freigelassen worden sei, ohne dass sie der Heirat zuge-
stimmt hätte. Zudem sei erstaunlich, dass ihre Familie zwar gewusst habe,
dass sie inhaftiert sei, jedoch nichts unternommen habe. Insbesondere sei
nicht nachvollziehbar, dass ihr Vater gemäss ihren Angaben während der
einmonatigen Haft nicht mit der Al-Shabaab verhandelt habe, da er sie
nicht zur Heirat habe zwingen wollen, später jedoch seine Zustimmung zur
Heirat gegeben habe, um sie vor einer erneuten Strafe zu schützen. Hätte
der Neffe des Führers einer Gruppe der Al-Shabaab sie tatsächlich heira-
ten wollen, wäre zudem zu erwarten gewesen, dass er sie unmittelbar zur
Trauung gezwungen hätte. Es entbehre dagegen jeder Logik, dass die Al-
Shabaab sie zunächst festgenommen habe, nach einem Monat ergebnis-
los freigelassen, und erst einige Zeit später sie zur Heirat gezwungen hätte,
zumal der Neffe zu jenem Zeitpunkt bereits an einen anderen Ort versetzt
worden sei. Des Weiteren sei erstaunlich, dass der Mann sie vor der Heirat
mehrfach kontaktiert habe, während sie nach der telefonischen Trauung
nie wieder von ihm gehört habe, obwohl sie noch zwei Jahre in der Heimat
verblieben sei. Die geltend gemachte Haft und die Zwangsheirat seien so-
mit nicht glaubhaft.
In Bezug auf ihr Vorbringen, die Familie ihres Mannes habe sie nicht ak-
zeptiert, da sie einem Minderheitenclan angehöre, führte das SEM aus,
dass sie im Gegensatz zum Clan der Mutter namens C._ zum an-
geblichen Minderheitenclan des Vaters namens D._ keinerlei Anga-
ben habe machen können, obwohl dieser Clan angeblich mit dem Clan
C._ zusammengelebt habe. Hätten die beiden Clans tatsächlich
wie von ihr angegeben zusammengelebt, sei auch nicht nachvollziehbar,
dass sie von ihrer Zugehörigkeit zum Minderheitenclan nicht schon früher
erfahren hätte, gleichwohl aber die Familie ihres Mannes, welche in einer
anderen Stadt wohnhaft sei, davon gewusst habe. Ausserdem seien ihre
Ausführungen mit den Erkenntnissen des SEM über das Clansystem in
Somalia nur schwer vereinbar. Der D._-Clan lebe zwar traditionell
mit den F._-C._ zusammen, werde von diesen aber als un-
berührbar betrachtet. Wegen der Beteiligung der D._ in staatlichen
Sicherheitsdiensten in den 1980er Jahren unter Siad Barre, seien zudem
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viele Angehörige der D._ später von den F._-Clans, insbe-
sondere den C._, vertrieben und mitunter getötet worden. In Soma-
lia würden Mischehen zwischen Angehörigen von Mehrheits- und Minder-
heitenclans meist nicht akzeptiert. Es werde als besonders problematisch
angesehen, wenn eine Frau aus einem Mehrheitsclan einen Mann aus ei-
nem Minderheitenclan heirate, da dann ihre Kinder der Minderheit angehö-
ren würden. Vor diesem Hintergrund seien ihre Aussagen, die Angehörigen
des D._-Clans hätten ohne Weiteres mit den C._ zusam-
mengelebt und ihr Vater habe offenbar problemlos eine Frau des
C._-Clans heiraten können, nicht nachvollziehbar. Es sei somit
nicht glaubhaft, dass sie einem Minderheitenclan angehöre und deswegen
mit der Familie ihres Mannes Probleme gehabt habe.
Auch in Bezug auf die geltend gemachte bevorstehende Steinigung habe
sie widersprüchliche und unplausible Angaben gemacht. Es sei nicht nach-
vollziehbar, dass sie mit ihrem jetzigen Mann und den Kindern ins Dorf zu-
rückgekehrt sei, nur weil die Mutter gemeint habe, die Al-Shabaab habe sie
in der Zwischenzeit vielleicht vergessen. Es wäre vielmehr zu erwarten ge-
wesen, dass sie eigene Nachforschungen angestellt hätte. Zudem habe
sie angegeben, sie habe bereits zum Zeitpunkt der Zwangsheirat mit dem
jetzigen Mann eine Beziehung gehabt und alle im Dorf hätten davon ge-
wusst. Erst auf die Frage, weshalb sie nicht schon früher Probleme mit der
Al-Shabaab bekommen habe, habe sie erklärt, dass ihr Mann sie heimlich
besucht habe und es so ausgesehen habe, als hätten sie die Beziehung
beendet. In diesem Fall stelle sich indes die Frage, weshalb sie (nach der
Zwangsheirat) noch zwei Jahre im Dorf verblieben und nicht schon früher
mit ihrem jetzigen Mann weggegangen sei. Zudem habe sie in der Anhö-
rung angegeben, sie habe ihren Mann im Ort E._, ohne Zustim-
mung ihres Vaters, geheiratet. In der BzP habe sie demgegenüber ange-
geben, in B._ geheiratet zu haben. Dies spräche wiederum für den
Umstand, dass die zweite Heirat im Dorf nicht unbemerkt geblieben sei.
Nicht nachvollziehbar sei ausserdem, dass die Al-Shabaab die Steinigung
erst für einen späteren Zeitpunkt angesetzt habe und sie bis dahin nicht
inhaftiert worden sei. So habe man ihr die Möglichkeit zur Flucht gegeben.
Ihre Erklärung, die Al-Shabaab sei vermutlich davon ausgegangen, dass
niemand unbemerkt fliehen könne, sei vor dem Hintergrund, dass es ihr
bereits zuvor gelungen sei, aus dem Dorf zu fliehen, wenig überzeugend.
Schliesslich sei unplausibel, dass ihr Mann mit den Kindern heimlich geflo-
hen sei und das Telefon ausgeschaltet habe. Es wäre zu erwarten gewe-
sen, dass sie gemeinsam geflüchtet wären oder sich zumindest über das
weitere Vorgehen beraten hätten. Für das Verhalten ihres Mannes habe
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sei keine nachvollziehbare Erklärung angeben können. Somit könne auch
nicht geglaubt werden, dass die Al-Shabaab sie habe steinigen wollen. Ihre
Vorbringen würden insgesamt den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit
gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten.
4.2 Die Beschwerdeführerin hielt in ihrer Rechtsmitteleingabe an der
Glaubhaftigkeit der Vorbringen fest. Sie habe ihre Vorbringen eindrücklich,
lebhaft und keineswegs oberflächlich ausgeführt und es seien zahlreiche
Realkennzeichen ersichtlich. Sie habe beispielsweise detailreich und diffe-
renziert die Entführung und Vergewaltigung durch die Al-Shabaab-Männer
beschreiben können und auch die schlechten Lebensbedingungen in Haft
detailliert zu beschreiben vermocht. Besondere Beachtung würden vorlie-
gend zudem die Realkennzeichen in Form von emotionalen Regungen ver-
dienen. Die Beschwerdeführerin habe mehrmals geweint und Mühe ge-
habt, über die Geschehnisse zu sprechen. Bedauerlicherweise würden
sich im Anhörungsprotokoll ihre emotionalen Regungen nur ansatzweise
wiederfinden. Die Vorinstanz habe diese Realkennzeichen in ihrer Verfü-
gung nicht gewürdigt, obschon diesen in der Aussagepsychologie ein ho-
her Stellenwert zukomme. Verschiedene Berichte zu sexueller Gewalt an
Frauen in Somalia sowie über Zwangsheiraten würden zudem ihre Vorbrin-
gen stützen. In einer Gesamtwürdigung sei von der Glaubhaftigkeit der Vor-
bringen auszugehen.
Im Weiteren wurde unter Zitierung diverser Berichte sowie mit Verweis auf
die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ausgeführt, dass die
geltend gemachten Vorbringen asylrelevant im Sinne des Art. 3 AsylG
seien. Zudem habe die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr begrün-
dete Furcht, erneut Opfer von geschlechtsspezifischer Verfolgung zu wer-
den. Wie diversen Berichten zu entnehmen sei, sei die Lage für Frauen in
der Herkunftsregion der Beschwerdeführerin besonders prekär.
In der Rechtsmitteleingabe wurde ferner moniert, dass die Vorinstanz den
Sachverhalt in der angefochtenen Verfügung unvollständig und fehlerhaft
erstellt habe. Die erlittene Vergewaltigung sei nicht thematisiert und nicht
zur Entscheidbegründung herangezogen worden. Es seien somit wichtige
Sachverhaltselemente nicht behandelt worden, weshalb der Entscheid
nicht korrekt begründet sei. Die Sache sei demnach eventualiter zur kor-
rekten Abklärung und Begründung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
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4.3 In der Vernehmlassung entgegnete die Vorinstanz, dass sich die Be-
schreibung des Haftortes trotz mehrfacher Nachfragen auf wenige Infor-
mationen, welche sie als Dorfbewohnerin auch leicht aus anderen Quellen
hätte erfahren können, beschränkt habe. Sie habe dabei überwiegend die
Perspektive einer aussenstehenden Person eingenommen, indem sie die
üblichen Vorgehensweisen der Al-Shabaab in ihrem Dorf beschrieben und
auch Räume aufgezählt habe, in welchen sie während ihrer Haft gar nicht
gewesen sei. Nach ihren stärksten oder schlimmsten Erinnerungen (wäh-
rend der Haft) gefragt, habe sie ebenfalls nur sehr knapp geantwortet. Ab-
gesehen von Namen und wenigen Details zum Äusseren habe sie zudem
keine näheren Angaben zu beiden Al-Shabaab-Männern, welche sie über
einen Monat wiederholt vergewaltigt hätten, machen können. Auch die Be-
schreibung ihrer Freilassung sei sehr kurz ausgefallen. Bei der Darstellung
der geltend gemachten Vergewaltigung habe sie zwar einige Details ange-
geben und aus ihrer eigenen Perspektive erzählt. Allerdings seien bei der
Gesamtbeurteilung auch die zahlreichen – im Asylentscheid bereits aufge-
führten – Ungereimtheiten bezüglich der Umstände der Haft zu berücksich-
tigen. Die Beschreibung eines sexuellen Übergriffs – der sich auch in ei-
nem anderen Kontext zugetragen haben könnte – vermöge vorliegend die
Glaubhaftigkeit der Haft und die Vergewaltigung durch Mitglieder der Al-
Shabaab nicht zu begründen. Zudem sei zu bedenken, dass die beschrie-
benen Probleme und Schmerzen infolge der Beschneidung auch bei ein-
vernehmlichem Sexualverkehr auftreten könnten – worauf auch die Aussa-
gen der Beschwerdeführerin hindeuten würden – so dass die diesbezügli-
chen Schilderungen folglich nur bedingt bei der Glaubhaftigkeitsprüfung
berücksichtigt werden könnten.
Hinsichtlich des Bigamievorwurfes durch die Dorfbewohner und die Al-
Shabaab hätten sich die Schilderungen der Beschwerdeführerin auf we-
nige allgemeingültige Aussagen zum üblichen Vorgehen der Al-Shabaab
im Dorf beschränkt. Obwohl sie in der Anhörung mehrfach gebeten worden
sei, die Situation, als sie von der beabsichtigten Steinigung erfahren habe,
zu schildern, seien ihre Aussagen äusserst knapp geblieben und enthielten
keine Realkennzeichen. Auf konkrete Nachfrage habe sie keine substanti-
ierten Angaben über ihre Reaktion sowie die Reaktion der Mutter machen
können und auch nicht nachvollziehbar zu erklären vermocht, wie sie zum
Entschluss gekommen sei, das Dorf zu verlassen.
In Bezug auf den Vorwurf, das SEM habe die emotionalen Regungen nicht
gewürdigt, sei darauf hinzuweisen, dass gemäss dem in der Beschwerde
zitierten Fachartikel emotionale Regungen nicht zu den Realkennzeichen
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Seite 11
zählen würden. Im Gegenteil werde im Aufsatz sogar davor gewarnt, die
Einschätzung einer Aussage auf die Emotionen, wie beispielsweise Wei-
nen, zu stützen, da diese oft nicht mit der Wahrheit korrelieren würden.
Soweit in der Beschwerde angedeutet werde, dass die emotionalen Re-
gungen der Beschwerdeführerin nur im Ansatz protokolliert worden seien,
bleibe unklar, worauf sich dies beziehe.
Schliesslich hielt das SEM fest, dass entgegen den Ausführungen in der
Beschwerde vorliegend auch unter Berücksichtigung der frauenspezifi-
schen Fluchtgründe keine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung zu
bejahen sei. Die Beschwerdeführerin erfülle keine der gemäss der Recht-
sprechung aufgestellten Risikofaktoren und von einer besonderen Verletz-
lichkeit könne – nachdem die Vorbringen als unglaubhaft befunden worden
seien – nicht ausgegangen werden.
4.4 In der Replik wurde darauf hingewiesen, dass traumatisierte Personen
oft nicht bei der ersten Gelegenheit über das Erlebte berichten könnten.
Das Bundesverwaltungsgericht zähle „individualisierte Aussagen, welche
eine persönliche Betroffenheit oder ein persönlich gefärbtes Reaktions-
muster zum Ausdruck bringen", zu den Realkennzeichen. Vorliegend ver-
anschauliche unter anderem ihre Darstellung der Vergewaltigung die
Glaubhaftigkeitselemente ihrer Aussagen. Wie die Vorinstanz selber ein-
geräumt habe, habe sie diese detailreich und substantiiert dargelegt. Bei
der Darstellung der Freilassung habe sie sich zwar kurz gefasst, dies ent-
spreche jedoch ihrer gesamten Schilderungsweise. Ein Bruch in der Er-
zählstruktur liege nicht vor, sondern ihre Angaben zur Freilassung würden
nicht von den Angaben der Herkunft und ihrer Vergewaltigung abweichen.
Es sei offensichtlich, dass sie Mühe gehabt habe, die Situation, in welcher
sie sich damals befunden habe, zu schildern. Allein daraus könne jedoch
nicht die Unglaubhaftigkeit ihrer Aussagen abgeleitet werden, zumal es
sich dabei generell um das – wahrscheinlich auch kulturell beeinflusste –
Erzählmuster der Beschwerdeführerin handle. Sie habe klare Angaben zur
Identität der Täter sowie zum Motiv der sexuellen Übergriffe gemacht.
Diese seien insgesamt glaubhaft geworden, insbesondere auch vor dem
soziokulturellen Hintergrund in Somalia, wo sexuelle Übergriffe mit einem
sozialen Stigma verbunden seien. Sie habe in der Anhörung zudem darauf
hingewiesen, dass sie niemandem zuvor davon erzählt habe.
In Bezug auf die Asylrelevanz der Vorbringen sei anzumerken, dass Ver-
gewaltigung und andere Formen der geschlechtsspezifischen Gewalt
Handlungen seien, die grosse Schmerzen und sowohl psychisches als
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auch körperliches Leid verursachen und von staatlichen und nichtstaatli-
chen Akteuren gleichermassen als Methode der Verfolgung angewendet
würden. Sie gehöre der sozialen Gruppe der Frauen an, welche in Somalia
besonders gefährdet sei, vergewaltigt zu werden. Aus Furcht vor weiteren
ungerechtfertigten Eingriffen sei sie nicht in der Lage oder gewillt, sich des
Schutzes ihres Heimatstaats zu bedienen. Auch aufgrund ihrer ethnischen
Zugehörigkeit zur Minderheit der D._ liege eine aktuelle Verfol-
gungsgefahr vor.
5.
Zunächst ist die formelle Rüge, das SEM habe den Sachverhalt nicht voll-
ständig erstellt, da es sich in seiner Verfügung nicht zur geltend gemachten
Vergewaltigung geäussert habe (Beschwerde Ziff. 6), zu beurteilen, da sie
allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu
bewirken.
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
Die Beschwerdeführerin hat auf Beschwerdestufe zu Recht gerügt, dass
die Vorinstanz sich in der ablehnenden Verfügung nicht zu den geltend ge-
machten Vergewaltigungen geäussert hat. Die Beschwerdeführerin macht
damit geltend, die Verfügung des SEM sei unzulänglich begründet. Erst im
Rahmen des Schriftenwechsels hat die Vorinstanz sich mit den vorge-
brachten, während der Haft erlittenen sexuellen Übergriffen auseinander-
gesetzt und begründet, weshalb diese nichts an ihrer Einschätzung hin-
sichtlich der Glaubhaftigkeit ihrer Asylvorbringen zu ändern vermöchten.
Nachdem die Beschwerdeführerin diesbezüglich replikweise hat Stellung
nehmen können und dem Gericht bei der Prüfung der Glaubhaftigkeit von
Asylvorbringen wie bei der Würdigung der Asylrelevanz volle Kognition zu-
kommt, kann der Verfahrensmangel somit nunmehr als geheilt gelten (vgl.
zur Heilung von Verfahrensmängeln im Asylbeschwerdeverfahren BVGE
2014/22 E. 5.3, 2013/23 E. 6.1.3, 2009/54 E. 2.5). Die Beschwerdeführerin
erhielt Gelegenheit, im Rahmen der Replik zur Einschätzung des SEM
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Seite 13
Stellung zu nehmen. Aus dem ursprünglichen Verfahrensmangel ist ihr so-
mit kein Rechtsnachteil erwachsen. Ob die Einschätzung des SEM vom
Bundesverwaltungsgerichts geteilt wird, ist eine materielle Frage der recht-
lichen Würdigung der Sache, welche in den materiellen Erwägungen zu
prüfen sein wird.
Das Rechtsbegehren, die Verfügung des SEM sei eventualiter aufgrund
der unvollständigen Feststellung des Sachverhalts beziehungsweise der
mangelhaften Begründung zu kassieren, ist somit abzuweisen.
6.
6.1 Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein re-
duziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände
und Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft
gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist,
sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind.
Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der
Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten
Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge-
brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne ei-
ner Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachver-
haltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objek-
tivierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im Rah-
men eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Realkenn-
zeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Differen-
zierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive verfälsch-
ten Aussagen. Je mehr Realkennzeichen eine Aussage enthält, desto grös-
ser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage auf eigenem Erleben be-
ruht. Dabei sind immer die Fähigkeiten der aussagenden Person und die
Komplexität des vorgebrachten Geschehens zu berücksichtigen. Zu den
Realkennzeichen gehören insbesondere die logische Konsistenz, die un-
geordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige Darstellung, der quantitative
Detailreichtum, raum-zeitliche Verknüpfungen, die Wiedergabe von Ge-
sprächen, ausgefallene Einzelheiten, spontane Verbesserungen der eige-
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Seite 14
nen Aussagen, das Eingeständnis von Erinnerungslücken sowie die Schil-
derung von Interaktionen, Komplikationen, Nebensächlichkeiten, unver-
standenen Handlungselementen und eigenen psychischen Vorgängen
(vgl. Urteil des BVGer E-1832/2017 vom 3.Dezember 2019, E.3.3, mit Hin-
weis auf: ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge, Wie glaubhaft sind
ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und S. 139 ff.; REVITAL
LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie können aussagepsychologi-
sche Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, in:
AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5 sowie BVGE 2015/3
E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils m.w.H.).
6.2 Nach Durchsicht der Akten und unter Beachtung dieser Grundsätze
kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz
den Vorbringen zu Recht die Glaubhaftigkeit abgesprochen hat. Die einzel-
nen geltend gemachten Schwierigkeiten sind nur wenig nachvollziehbar
und es ist der Beschwerdeführerin insgesamt nicht gelungen, eine erleb-
nisgeprägte Schilderung ihrer Asylvorbringen vorzunehmen.
6.3 In Bezug auf das Vorbringen, ein Mann der Al-Shabaab habe die Be-
schwerdeführerin heiraten wollen, was sie jedoch abgelehnt habe, weswe-
gen sie inhaftiert worden sei, teilt das Gericht die Einschätzung des SEM,
dass ihre diesbezüglichen Aussagen unglaubhaft sind. Zunächst ist zwar
festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin in der BzP und der Anhörung
einheitlich und weitgehend widerspruchsfrei das Vorbringen darlegte (SEM
Akten A10, Ziff 7.01; A14, F155). Demgegenüber hat das SEM zu Recht
darauf hingewiesen, dass ihre Ausführungen oberflächlich und nicht nach-
vollziehbar sind. Es erscheint zum einen wenig glaubhaft, dass der Mann
der Al-Shabaab die Beschwerdeführerin zu einer Heirat habe zwingen wol-
len und sie deswegen habe inhaftieren lassen, ohne dass man sie während
der Haft auf die Heirat angesprochen hätte, um sie dann ohne Auflagen
wieder zu entlassen (SEM Akte A14, F226ff.). Erst später, nachdem der
Mann bereits nicht mehr im Dorf stationiert gewesen sei, sei sie mit ihm per
Telefon zwangsweise verheiratet worden. Dieses Vorgehen entbehrt jeder
Logik. Zum anderen ist es auch nicht plausibel, dass sie nach der Heirat
keinerlei Kontakt mehr mit dem Mann gehabt habe und ihn auch nicht wie-
dergesehen habe, obwohl sie danach noch zwei Jahre im Dorf gelebt habe
(SEM Akten A10, Ziff. 7.02). Die unplausible Darstellung der Geschehnisse
lässt erhebliche Zweifel an dem Vorbringen aufkommen.
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In der Beschwerde wurde demgegenüber vorgebracht, die Beschwerde-
führerin habe ihre Inhaftierung substantiiert und glaubhaft schildern kön-
nen. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin schätzt das Gericht je-
doch ihre Ausführungen über ihre Zeit in der Haft als nicht hinreichend de-
tailliert und mit keinen überzeugenden Realkennzeichen versehen ein. Sie
hat zwar auf Nachfrage das Haus und das konkrete Zimmer, in welchem
sie inhaftiert worden sei, beschrieben. Die Beschreibung fiel jedoch eher
oberflächlich und ohne quantitative Details aus. Bei ihrer Beschreibung
nannte sie auch keine auffallenden Elemente oder Nebensächlichkeiten
(SEM Akte A14, F182ff.), welche den Eindruck entstehen lassen würden,
sie sei tatsächlich einen Monat lang alleine in einem Zimmer festgehalten
worden. Auch auf die Frage, was ihr als stärkste Erinnerung in den Sinn
komme, wenn sie an diesen Monat in Haft denke, blieben ihre Aussagen
abgesehen von dem Verweis auf die Vergewaltigungen eher vage. Sie hat
zwar ihre psychischen Vorgänge ansatzweise wiedergegeben, indem sie
erklärte, sie sei traurig gewesen und habe immer daran gedacht, was als
nächstes mit ihr passiere (a.a.O., F191). Dies kann zwar als ein Realkenn-
zeichen gewertet werden, ansonsten enthalten ihre Aussagen indes keine
weiteren Realkennzeichen, welche insgesamt auf eine erlebnisgeprägte
Schilderung schliessen lassen würden. Die folgende Frage des SEM, ob
alle Tage gleich gewesen seien oder ob es ein besonders schlimmes Er-
eignis gegeben habe, beantwortete sie ebenfalls oberflächlich. Sie gab le-
diglich an, es habe auch Wachleute gegeben, die sie nicht vergewaltigt
hätten, ihr Essen gebracht und sie gut behandelt hätten. Es habe unter-
schiedliche Menschen gegeben (a.a.O., F192). Insgesamt blieben ihre
Aussagen zur Haft vage und die Schilderungen enthielten kaum erlebnis-
geprägte Elemente oder Aussagen, welche auf eine persönliche Betroffen-
heit hindeuten würden, so dass nicht ein glaubhaftes Bild der Inhaftierung
entsteht.
Des Weiteren fielen auch die Ausführungen der Beschwerdeführerin über
die Freilassung nach ihrer einmonatigen Haft äusserst knapp aus. Sie gab
lediglich an, man habe sie so lange inhaftiert, bis die Al-Shabaab gedacht
habe, dass sie einer Heirat zustimmen würde. Da sie ihre Zustimmung aber
nicht gegeben habe, sei der Leiter gekommen und habe ihr gesagt, sie
solle weggehen (SEM Akte A14, F217f.) Neben der oberflächlichen Schil-
derung scheinen ihre Aussagen auch nicht plausibel. Das SEM hat zu
Recht festgehalten, dass es nicht nachvollziehbar ist, dass die Al-Shabaab
sie inhaftiert habe, um eine Heirat zu erzwingen, sie dann aber ohne Auf-
lagen und ohne die Zwangsheirat in die Wege geleitet zu haben, wieder
freigelassen hätte.
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Der Beschwerdeführerin ist zwar zuzustimmen, dass sie an der Anhörung
über die Vergewaltigungen ausführlicher erzählt hat und beispielsweise
auch Gespräche mit den Tätern wiedergab. Sie erwähnte die Schmerzen,
die sie bei der Vergewaltigung verspürt habe, da sie beschnitten sei
(a.a.O., F194). Andererseits fiel ihre Beschreibung der Täter wiederum
eher oberflächlich und ohne spezielle Merkmale aus (a.a.O., F204-F210).
Ob die Beschwerdeführerin tatsächlich Opfer von sexueller Gewalt gewor-
den ist, kann vorliegend jedoch offen bleiben. Gemäss den obigen Erwä-
gungen ist der Kontext, in welchem die sexuellen Übergriffe angeblich statt-
gefunden haben, nicht glaubhaft geworden. Im Übrigen ist darauf hinzu-
weisen, dass sich keinerlei ärztliche Unterlagen in den Akten befinden, wel-
che ihre Aussagen stützen würden. Die in der Replik angedeutete Trauma-
tisierung der Beschwerdeführerin wurde nicht weiter belegt.
Des Weiteren ist auch den Ausführungen des SEM in Bezug auf die vorge-
brachte Zugehörigkeit der Beschwerdeführerin zum Minderheitenclan
D._ zuzustimmen. Während die Beschwerdeführerin detaillierte An-
gaben zur Clanfamilie F._ und zum Clan C._ hat machen
können (SEM Akten A10, Ziff. 1.08; A14, F48ff.), wusste sie nur sehr wenig
über den Minderheitenclan D._ (SEM Akten A10, Ziff. 1.08; A14,
F18ff.). Ferner überraschen auch ihre Aussagen, dass ihre Brüder von ihrer
Clanzugehörigkeit zu den D._ gewusst hätten, während die Be-
schwerdeführerin selbst erst an ihrer Hochzeit davon erfahren habe (SEM
Akte A14, F25), obschon sie gemeinsam im Dorf aufgewachsen seien.
Auch erscheint es realitätsfremd, dass der Vater der Beschwerdeführerin
am selben Ort gelebt habe und sie dennoch nichts von seiner Zugehörig-
keit zum Minderheitenclan erfahren habe (a.a.O., F44ff.). Hinzukommend
hat das SEM zu Recht darauf hingewiesen, dass in Somalia eine Ehe zwi-
schen einer Frau eines Mehrheitsclans und einem Mann aus einem Min-
derheitenclan als problematisch angesehen wird, weshalb bereits ihre Aus-
sage, dass ihre Eltern unbehelligt gemeinsam im Dorf gelebt hätten, mit
Zweifeln behaftet ist (vgl. Landinfo, Oslo. Query response Somalia: Low
status groups. 12.12.2016. S. 4-5, https://landinfo.no/wp-content/up-
loads/2018/03/Somalia-query-response-Somalia-Low-status-groups-
12122016.pdf). Im Beschwerdeverfahren wurde den Erwägungen des
SEM sodann diesbezüglich auch nichts entgegengehalten. Nach dem Ge-
sagten sind ihre Aussagen, sie gehöre einem Minderheitenclan an, nicht
glaubhaft geworden.
Vor diesem Hintergrund sind somit auch die Aussagen der Beschwerde-
führerin, sie habe Probleme mit der Familie ihres Mannes gehabt, da sie
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einem Minderheitenclan angehöre, unglaubhaft. Hinzukommend fällt auf,
dass sie kaum etwas über den Ort E._, in welchem sie mit ihrem
jetzigen Mann während drei Jahren gelebt habe, zu berichten wusste und
weder Quartiere noch Strassen nennen konnte (SEM Akten A10, Ziff. 1.14;
A14, F125ff.), obschon es sich bei dem Ort um eine Stadt handelt. Ihre
Erklärung, dass sie nur aus dem Haus gegangen sei, um ihrem Kind das
Laufen beizubringen (SEM Akte A14, F128), erscheint auch unter Berück-
sichtigung des kulturellen Hintergrundes realitätsfremd. Daneben hat sie
sich zum Ort der Trauung mit ihrem jetzigen Mann widersprochen. In der
Anhörung gab sie an, sie hätten sich in E._ getraut (a.a.O., F166),
während sie an der BzP B._ als Trauungsort angegeben hat (SEM
Akte A10, Ziff. 1.14).
Darüber hinaus ist auch ihre Aussage, dass bereits vor ihrem Umzug nach
E._ alle im Dorf von der Beziehung zu ihrem jetzigen Mann gewusst
hätten (a.a.O., F177), im Zusammenhang mit ihrer Angabe, dass man sie
genau deswegen drei Jahre später habe steinigen wollen, nicht nachvoll-
ziehbar. Auf Nachfrage erklärt sie zwar, ihr Mann habe sie nach der
Zwangsverheiratung mit dem Al-Shabaab-Angehörigen nur noch selten
und heimlich besucht (a.a.O., F179). In diesem Fall leuchtet jedoch nicht
ein, weshalb sie und ihr jetziger Mann nach der Zwangsverheiratung noch
zwei Jahre im Dorf verblieben seien, bevor sie geheiratet und nach
E._ gezogen seien.
6.4 Angesichts der obigen Erwägungen erscheint auch das Vorbringen, die
Al-Shabaab habe die Beschwerdeführerin nach ihrer Rückkehr ins Dorf
steinigen wollen, unglaubhaft beziehungsweise fällt die Grundlage des Vor-
bringens weg. Im Übrigen blieben auch die diesbezüglichen Ausführungen
der Beschwerdeführerin unplausibel und vage. So hat das SEM treffend
ausgeführt, dass zu erwarten gewesen wäre, dass die Al-Shabaab die Be-
schwerdeführerin bis zum festgelegten Datum der Steinigung festgehalten
hätte. Die Beschwerdeführerin blieb indes noch weitere fünf Tage unbehel-
ligt im Dorf, bevor sie nach Mogadischu geflohen sei (SEM Akte A10, Ziff.
7.02). Zudem machte sie nur äusserst vage Angaben dazu, wie verkündet
worden sei, dass man sie steinigen wolle (SEM Akten A10, Ziff. 7.02; A14,
F240ff.), wie sie selber davon erfahren habe (SEM Akte A14, F247ff.) und
wie die Reaktion der Mutter auf das Urteil ausgefallen sei (a.a.O., F250).
Da es sich dabei um einen äusserst einschneidenden Moment handeln
dürfte, wären substantiiertere und emotionalere Aussagen zu erwarten ge-
wesen. Auch die Reaktion ihres Mannes, unverzüglich nach Bekanntwer-
den der beabsichtigten Steinigung alleine zu fliehen und fortan das Telefon
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abzuschalten, erscheint zweifelhaft (a.a.O., F255ff.). Vielmehr wäre zu er-
warten gewesen, dass sie gemeinsam das weitere Vorgehen besprochen
hätten oder zusammen geflohen wären.
6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Gericht nach einer Ab-
wägung aller Elemente, welche für oder gegen die Glaubhaftigkeit der Vor-
bringen sprechen, zum Schluss kommt, dass es der Beschwerdeführerin
nicht gelungen ist, eine asylrelevante Verfolgung in Somalia glaubhaft zu
machen. Neben den als unglaubhaft befundenen Vorfluchtgründen erge-
ben sich entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin aus den Akten ins-
gesamt auch keine Hinweise auf ein Risikoprofil, welches bei einer Rück-
kehr nach Somalia mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit zu einer asylrele-
vanten Verfolgung führen würde. Das SEM hat somit zu Recht die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneint und ihr Asylgesuch ab-
gelehnt.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
7.2 Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 19. August 2019 die vor-
läufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeordnet hat,
erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit, Zu-
mutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. Die vorläufige Auf-
nahme tritt mit dem vorliegenden Entscheid formell in Rechtskraft.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenver-
fügung vom 19. September 2019 wurde indes das Gesuch um Gewährung
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der unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen. Eine allfällige Verände-
rung der finanziellen Lage der Beschwerdeführerin geht aus den Akten
nicht hervor. Der Beschwerdeführerin sind deshalb trotz Unterliegens keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen.
9.2 Mit Eingabe vom 4. November 2019 ersuchte die als amtliche Rechts-
beiständin eingesetzte Rechtsvertreterin Dr. iur. Sonia Lopez Hormigo um
Entlassung aus ihren Pflichten, da sie ihre Arbeit bei Caritas Schweiz per
Ende Monat definitiv niederlegen werde; es sei die neu bevollmächtigte
Vertreterin MLaw Eliane Schmid, Rechtsanwältin, als amtliche Rechtsbei-
ständin einzusetzen.
Dieses Gesuch ist bisher nicht behandelt worden. Angesichts der Tatsa-
che, dass das Verfahren im November 2019 spruchreif gewesen ist und
die neu bevollmächtigte Vertreterin denn auch seither keine Eingaben im
Verfahren eingereicht hat, ist praxisgemäss kein Mandatswechsel vorzu-
nehmen.
Das amtliche Honorar für den Aufwand, den die amtliche Rechtsbeiständin
Dr. iur. Sonia Lopez Hormigo im Beschwerdeverfahren ausgewiesen hat,
ist der Caritas Schweiz, Luzern, zu überweisen. Nachdem das Mandat
auch nach dem Ausscheiden von Dr. iur. Sonia Lopez Hormigo bei der
Caritas verblieben ist und im Gesuch um Entlassung aus dem Mandat
nichts Gegenteiliges festgehalten wurde, ist davon auszugehen, der An-
spruch auf das amtliche Honorar sei implizit an die Caritas Schweiz, Lu-
zern, übertragen worden (vgl. ANNE KNEER/LINUS SONDEREGGER, Die un-
entgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung im Asylbeschwerde-
verfahren, in ASYL 2/2017 S. 18).
9.3 Das Honorar ist aufgrund der eingereichten Kostennote zu bemessen.
Mit der Replik wurde eine aktualisierte Auflistung der zeitlichen Aufwendun-
gen der vormaligen Rechtsbeiständin eingereicht. Dabei wurde insgesamt
ein zeitlicher Aufwand von 8.16 Stunden bei einem Stundenansatz von Fr.
193.85 (inkl. MwSt) geltend gemacht. Der ausgewiesene Zeitaufwand er-
scheint dem Verfahren angemessen. Hingegen erachtet das Gericht vor-
liegend den Stundenansatz von Fr. 150.– (zuzüglich MwSt) für massge-
bend (vgl. Instruktionsverfügung vom 19. September 2019).
Gemäss Aktenlage und den anzuwendenden Bemessungsfaktoren
(Art. 12 i.V.m. Art. 9-11 VGKE) ist zulasten der Gerichtskasse demnach ein
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amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 1293.– (inkl. Mehrwertsteuerzu-
schlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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