Decision ID: 7d57a34c-00f7-4cff-814e-6739bd0a65f6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A. Die Bundesanwaltschaft (nachfolgend «BA») führt eine Strafuntersuchung
gegen den gambischen Staatsangehörigen A. u.a. wegen Verdachts der
Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Am 26. Januar 2017 nahm ihn die
Polizei in der Schweiz fest. Das Regionale Zwangsmassnahmengericht Ber-
ner Jura-Seeland versetzte ihn am 28. Januar 2017 in Untersuchungshaft.
Das Kantonale Zwangsmassnahmengericht des Kantons Bern (nachfolgend
«ZMG BE») verlängerte diese seither mehrmals um drei bzw. sechs Monate,
zuletzt mit Entscheid vom 27. Juli 2022 bis 25. Oktober 2022 (KZM 22 823,
nicht paginiert) und mit Entscheid vom 1. November 2022 bis 25. Ja-
nuar 2023 (KZM 22 1171, nicht paginiert).
B. Am 7. Oktober 2022 liess A. ein Gesuch um Haftentlassung stellen. Die BA
leitete das Haftentlassungsgesuch am 10. Oktober 2022 an das ZMG BE
weiter mit dem Antrag, es sei abzuweisen. Mit Verfügung vom 11. Okto-
ber 2022 gab das ZMG BE A. und seiner Verteidigung Gelegenheit, innert
Frist von 3 Tagen ab Erhalt der Verfügung auf die Stellungnahme der BA
vom 10. Oktober 2022 schriftlich zu replizieren, und setzte dem Beschwer-
deführer und seiner Verteidigung Frist von 3 Tagen ab Erhalt der Verfügung,
um dem ZMG BE den allfälligen Verzicht auf eine mündliche Verhandlung
schriftlich mitzuteilen. Am 12. Oktober 2022 bestätigte die Verteidigung den
Erhalt der Verfügung und teilte mit, dass der Beschwerdeführer eine Ver-
handlung verlange. Am 16. Oktober 2022 reichte die Verteidigung diverse
Unterlagen ein. Am 17. Oktober 2022 fand die Verhandlung statt. Das
ZMG BE entschied gleichentags, dass das Haftentlassungsgesuch abgewie-
sen und die bestehende Untersuchungshaft fortgeführt wird. Die schriftliche
Begründung erging am 19. Oktober 2022 (KZM 22 1132, nicht paginiert).
C. Mit Eingabe vom 20. Oktober 2022 beantragte die BA dem ZMG BE die Ver-
längerung der Untersuchungshaft um weitere drei Monate (KZM 22 1171,
nicht paginiert).
D. Gegen den das Haftentlassungsgesuch abweisenden Entscheid vom
17. Oktober 2022 gelangt A., vertreten durch Rechtsanwalt Philippe Currat,
mit Beschwerde vom 31. Oktober 2022 an die Beschwerdekammer des Bun-
desstrafgerichts und beantragt (BH.2022.13, act. 1):
- 3 -
A la forme
1. Recevoir le présent recours,
Au préalable
1. Admettre Monsieur A. au bénéfice de l’assistance juridique et commettre à la défense
de ses intérêts l’avocat soussigné.
Au fond
1. Annuler l’ordonnance du Tribunal cantonal des mesures de contrainte du Canton de
Berne, rendue le 19 octobre 2022 et notifiée dans sa motivation complète du même jour,
le 20 octobre 2022, sous référence KZM 22 1132, dans la procédure SV.17.0026.
2. Ordonner la mise en liberté immédiate de Monsieur A.
3. Assortir cette mise en liberté des mesures de substitution suivantes, qu’il s’engage à
respecter :
a. Une assignation à résidence, dans un lieu à déterminer d’entente avec le Secrétariat
d’Etat aux migrations ou dans un cadre fermé analogue à un établissement d’exécution
de peine ;
b. Une obligation de se présenter régulièrement à un service administratif, cantonal ou
fédéral ;
c. Le port d’un bracelet électronique ;
d. Toute autre mesure que la Cour des plaintes du Tribunal de céans pourrait proposer.
4. Condamner le Ministère public de la Confédération en tous les frais et dépens de l’ins-
tance.
E. Mit Entscheid vom 1. November 2022 verlängerte das ZMG BE die Untersu-
chungshaft bis 25. Januar 2023 (KZM 22 1171, nicht paginiert).
F. Mit Schreiben vom 3. November 2022 übermittelte das ZMG BE die gesam-
ten Haftakten (einschliesslich KZM 22 1171 betreffend Haftverlängerungs-
- 4 -
gesuch der BA vom 20. Oktober 2022). Gleichzeitig verzichtete es unter Ver-
weis auf den angefochtenen Entscheid vom 19. Oktober 2022 (schriftliche
Begründung) auf eine Beschwerdeantwort (BH.2022.13, act. 4).
G. Die BA beantragt mit Beschwerdeantwort vom 7. November 2022, die Be-
schwerde vom 31. Oktober 2022 sei unter Kostenfolge abzuweisen
(BH.2022.13, act. 5).
H. Mit Beschwerdereplik vom 10. November 2022 lässt A. an seiner Be-
schwerde vom 31. Oktober 2022 festhalten (BH.2022.13, act. 6).
I. Am 11. November 2022 bat die Beschwerdekammer die BA, die Beilagen 3
und 4 zum Haftverlängerungsgesuch der BA vom 20. Oktober 2022 nachzu-
reichen (BH.2022.13, act. 7). Mit Eingabe vom 14. November 2022 reichte
die BA die erwähnten Beilagen nach (BH.2022.13, act. 8), was A. und dem
ZMG BE mit Schreiben vom 15. November 2022 zur Kenntnis gebracht
wurde (BH.2022.13, act. 10).
J. Gegen den das Haftverlängerungsgesuch gutheissenden Entscheid vom
1. November 2022 gelangt A., vertreten durch Rechtsanwalt Philippe Currat,
mit Beschwerde vom 14. November 2022 an die Beschwerdekammer des
Bundesstrafgerichts und beantragt (BH.2022.14, act. 1):
A la forme
1. Recevoir le présent recours,
Au préalable
1. Admettre Monsieur A. au bénéfice de l’assistance juridique et commettre à la défense
de ses intérêts l’avocat soussigné.
2. Ordonner la jonction de la présente procédure avec la procédure déjà pendante par-
devant la Cour des plaintes du Tribunal pénal fédéral, sous référence BH.2022.13
KZM 22 1132, dans le cadre de procédure SV.17.0026.
- 5 -
Au fond
1. Annuler l’ordonnance de prolongation de la détention provisoire du Tribunal cantonal
des mesures de contrainte du Canton de Berne, rendue le 1er novembre 2022 et notifiée
le 2 novembre 2022, sous référence KZM 22 1171 002, dans la procédure SV.17.0026.
2. Ordonner la mise en liberté immédiate de Monsieur A.
3. Assortir cette mise en liberté des mesures de substitution suivantes, qu’il s’engage à
respecter :
a. Une assignation à résidence, dans un lieu à déterminer d’entente avec le Secrétariat
d’Etat aux migrations ou dans un cadre fermé analogue à un établissement d’exécution
de peine ;
b. Une obligation de se présenter régulièrement à un service administratif, cantonal ou
fédéral ;
c. Le port d’un bracelet électronique ;
d. Toute autre mesure que la Cour des plaintes du Tribunal de céans pourrait proposer.
4. Condamner le Ministère public de la Confédération en tous les frais et dépens de l’ins-
tance.
K. Mit Schreiben vom 18. November 2022 teilte das ZMG BE mit, dass es auf
eine Beschwerdeantwort verzichte (BH.2022.14, act. 3). Die BA beantragt
mit Beschwerdeantwort vom 21. November 2022, die Beschwerde vom
14. November 2022 sei unter Kostenfolge abzuweisen (BH.2022.14, act. 4).
Innert Frist zur allfälligen Replik und bis heute liess sich A. nicht mehr ver-
nehmen.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen Bezug genom-
men.
- 6 -

Considerations:
Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 3 Abs. 1 StBOG ist die Verfahrenssprache Deutsch, Franzö-
sisch oder Italienisch. Nach konstanter Praxis der Beschwerdekammer defi-
niert die Sprache des angefochtenen Entscheids die Sprache im Beschwer-
deverfahren (TPF 2018 133 E. 1 mit Hinweisen). Davon abzuweichen be-
steht hier kein Grund. Der vorliegende Beschluss ergeht deshalb in deut-
scher Sprache, auch wenn der Beschwerdeführer die Beschwerden vom
31. Oktober 2022 und 14. November 2022 in französischer Sprache einge-
reicht hat.
2. Die Beschwerdeverfahren BH.2022.13 und BH.2022.14 haben beide die
Haft des Beschwerdeführers zum Gegenstand. Sie sind – wie vom Be-
schwerdeführer beantragt – zu vereinen (vgl. Art. 30 i.V.m. Art. 379 StPO).
3.
3.1 Die verhaftete Person kann Entscheide über die Anordnung, die Verlänge-
rung und die Aufhebung der Untersuchungs- oder Sicherheitshaft bei der
Beschwerdeinstanz anfechten (Art. 222 und 393 Abs. 1 lit. c StPO). Die Zu-
ständigkeit der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide kantonaler Zwangsmassnahmenge-
richte im Bereich der Bundesgerichtsbarkeit ergibt sich aus Art. 65 Abs. 1
und 3 i.V.m. Art. 37 Abs. 1 StBOG. Voraussetzung zur Beschwerdeerhebung
ist auf Seiten der Partei ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung
oder Änderung des angefochtenen Entscheides (Art. 382 Abs. 1 StPO). Die
Beschwerde ist innert zehn Tagen schriftlich und begründet einzureichen
(Art. 396 Abs. 1 StPO). Mit ihr gerügt werden können gemäss Art. 393 Abs. 2
StPO Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Missbrauch
des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (lit. a), die un-
vollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts (lit. b) sowie die
Unangemessenheit (lit. c).
3.2 Die Eintretensvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass. Auf
die Beschwerden vom 31. Oktober 2022 und 14. November 2022 ist grund-
sätzlich (vgl. E. 5.3 und 5.4) einzutreten.
4. Gemäss Art. 221 Abs. 1 StPO ist Untersuchungshaft namentlich zulässig,
wenn die beschuldigte Person eines Verbrechens oder Vergehens dringend
verdächtig ist und Fluchtgefahr besteht (lit. a). Die Haft hat wie alle
- 7 -
strafprozessualen Zwangsmassnahmen verhältnismässig zu sein (vgl.
Art. 197 und 212 StPO).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer rügt zunächst die Erwägung der Vorinstanz, dass
keine Anhaltspunkte für schwere psychische bzw. physische Schäden in-
folge Konventionsverletzungen beim Beschwerdeführer erkennbar seien, die
eine Intervention seitens der Vorinstanz erforderlich machen würden. Der
angefochtene Entscheid vom 17. Oktober 2022 sei bereits in diesem Punkt
aufzuheben und die Rechtswidrigkeit der Haftbedingungen festzustellen
(BH.2022.13, act. 1 S. 10 f.).
5.2 Die Haftbedingungen können unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäs-
sigkeit wesentlich sein und sind insofern grundsätzlich auch zu prüfen, wenn
Zweifel an ihrer Rechtmässigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts
1B_326/2021 vom 5. Juli 2021 E. 3.3). Dabei ist es im Haftüberprüfungsver-
fahren, in dem rasch zu entscheiden ist, nicht möglich, umfassende Abklä-
rungen über die Auswirkungen eines der verhafteten Person auferlegten
Haftregimes vorzunehmen. Vielmehr muss es bei einer vorläufigen Einschät-
zung aufgrund der vorliegenden Akten sein Bewenden haben. Eine umfas-
sende Beurteilung der Haftbedingungen unter Abklärung sämtlicher Um-
stände hat allenfalls in einem besonderen separaten Verfahren zu erfolgen,
in das bei Bedarf auch die Vollzugsbehörden in geeigneter Weise einzube-
ziehen sind. Ein solches Verfahren kann sich gegebenenfalls auf strafpro-
zessuale (in Anwendung von Art. 234 ff. StPO) Haftbedingungen erstrecken
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 1B_326/2021 vom 5. Juli 2021 E. 3.4).
5.3 Soweit der Beschwerdeführer eine umfassende Beurteilung der Haftbedin-
gungen unter Abklärung sämtlicher Umstände anstrebt, ist er – wie schon
von der Vorinstanz – auf die kantonalrechtlich normierten Beschwerdemög-
lichkeiten zu verweisen (Art. 235 Abs. 5 StPO; vgl. dazu auch – den Be-
schwerdeführer selbst betreffende Entscheide – Beschluss des Bundesstraf-
gerichts BH.2021.3 vom 6. Oktober 2021 sowie Urteil des Bundesgerichts
1B_607/2021 vom 25. November 2021 E. 2.2 und Beschluss des Bun-
desstrafgerichts BH.2018.5 vom 28. August 2018 E. 7.3 sowie Urteil des
Bundesgerichts 1B_465/2018 vom 2. November 2018 E. 4.5). Im Übrigen
wird im Rahmen der Überprüfung der Verhältnismässigkeit der Haft darauf
zurückzukommen sein.
5.4 Soweit der Beschwerdeführer den Vorwurf der schweren Körperverletzung
i.S.v. Art. 122 StGB erhebt, ist er darauf hinzuweisen, dass allfällige
- 8 -
Strafanzeigen an die zuständige Strafverfolgungsbehörde zu richten sind
(vgl. Art. 301 Abs. 1 StPO).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bestreitet das Vorliegen des dringenden Tatver-
dachts (BH.2022.13, act. 1 S. 11 ff.; BH.2022.14, act. 1 S. 10 ff.).
6.2 Im Gegensatz zum erkennenden Sachrichter hat die Beschwerdekammer
bei der Überprüfung des allgemeinen Haftgrundes des dringenden Tatver-
dachts (Art. 221 Abs. 1 StPO) keine erschöpfende Abwägung sämtlicher be-
lastender und entlastender Beweisergebnisse vorzunehmen. Macht ein In-
haftierter geltend, er befinde sich ohne ausreichenden Tatverdacht in straf-
prozessualer Haft, ist vielmehr zu prüfen, ob aufgrund der bisherigen Unter-
suchungsergebnisse genügend konkrete Anhaltspunkte für ein Verbrechen
oder Vergehen und eine Beteiligung des Beschwerdeführers an dieser Tat
vorliegen, die Justizbehörden somit das Bestehen eines dringenden Tatver-
dachts mit vertretbaren Gründen bejahen durften. Im Haftprüfungsverfahren
genügt dabei der Nachweis von konkreten Verdachtsmomenten, wonach
das untersuchte Verhalten mit erheblicher Wahrscheinlichkeit die fraglichen
Tatbestandsmerkmale erfüllen könnte. Das Beschleunigungsgebot in Haft-
sachen (Art. 31 Abs. 3–4 BV, Art. 5 Abs. 2 StPO) lässt hier nur wenig Raum
für Beweismassnahmen. Auch über die gerichtliche Verwertbarkeit von Be-
weismitteln ist in der Regel noch nicht im Untersuchungsverfahren abschlies-
send zu entscheiden (BGE 141 IV 289 E. 1 S. 291 f. mit Hinweisen). Zur
Frage des dringenden Tatverdachts bzw. zur Schuldfrage hat die Beschwer-
dekammer weder ein eigentliches Beweisverfahren durchzuführen noch dem
erkennenden Strafrichter vorzugreifen. Vorbehalten bleibt allenfalls die Ab-
nahme eines liquiden Alibibeweises (BGE 143 IV 330 E. 2.1 S. 333 f.; 143
IV 316 E. 3.1 S. 318; je mit Hinweisen).
Der dringende Tatverdacht muss sich im Verlauf des Strafverfahrens grund-
sätzlich verdichten (bzw. ausreichend hoch verbleiben). Dabei kommt es
nach der Praxis des Bundesgerichtes auch auf die Art und Intensität der be-
reits vorbestehenden konkreten Verdachtsgründe an (vgl. Urteil
1B_139/2007 vom 17. Dezember 2007 E. 4.3). Zu Beginn der Strafuntersu-
chung sind die Anforderungen an den dringenden Tatverdacht geringer als
in späteren Prozessstadien. Im Laufe des Strafverfahrens ist in der Regel
ein zunehmend strengerer Massstab an die Erheblichkeit und Konkretheit
des Tatverdachts zu legen. Nach Durchführung der gebotenen Untersu-
chungshandlungen muss eine Verurteilung als wahrscheinlich erscheinen
- 9 -
(BGE 143 IV 316 E. 3.2 S. 318 f. mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts
1B_176/2018 vom 2. Mai 2018 E. 3.2).
6.3 Die Beschwerdegegnerin verdächtigt den Beschwerdeführer, im Gesamt-
kontext eines ausgedehnten resp. systematischen Angriffs gegen die Zivil-
bevölkerung – ausgeführt durch gambische staatliche Dienste, mit dem Ziel
der Einschüchterung der Bevölkerung und der Unterdrückung der Opposition
und von Personen, die eine angebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit
darstellten, zum Zweck des Machterhalts des damaligen Präsidenten Yahya
Jammeh, wobei zu den ständigen Akteuren dieses Zusammenwirkens der
Geheimdienst «National Intelligence Agency» (NIA), die «Junglers» sowie
die dem Beschwerdeführer formell unterstellen Polizeikräfte, namentlich
aber nicht ausschliesslich die «Police Intervention Unit» (PIU) sowie die Ge-
fängnisse, insbesondere das Gefängnis «Mile 2», gehörten – als Mitglied der
gambischen Armee, in seiner Funktion als «Inspector General of Police»
(IGP) ab Februar 2005 bzw. ab November 2006 als Innenminister der Re-
publik Gambia zwischen 2000 und September 2016 einzelne Taten (nament-
lich vorsätzliche Tötung, Freiheitsberaubung und Folter) persönlich began-
gen, angeordnet, koordiniert, zugelassen oder nicht verhindert zu haben.
6.4 Dem Beschwerdeführer werden primär Verbrechen gegen die Menschlich-
keit i.S.v. Art. 264a Abs. 1 (i.V.m. Art. 264k Abs. 1 Satz 1) StGB vorgeworfen.
Das Bundesgericht bejahte den dringenden Verdacht der Verbrechen gegen
die Menschlichkeit zuletzt in seinem Urteil 1B_519/2020 vom 28. Oktober
2020, die Beschwerdekammer in ihrem Beschluss BH.2021.2 vom 1. Sep-
tember 2021. Auf diese früheren Entscheide wird verwiesen.
6.5
6.5.1 Seit dem letzten Haftbeschwerdeverfahren (BH.2021.2) sind namentlich fol-
gende weiteren Elemente hinzugekommen:
6.5.2 Aussagen des Beschwerdeführers (10. September und 7./8. Oktober 2021)
Der Beschwerdeführer wurde am 10. September 2021 sowie am 7. und
8. Oktober 2021 von der Beschwerdegegnerin in Bern als beschuldigte Per-
son einvernommen (SV.17.0026, pag. 13-001-1054 ff. und 13-001-1090 ff.
[Beilagen 1 und 2 zum Haftverlängerungsgesuch vom 19. Oktober 2021,
KZM 21 1178]) und dabei mit verschiedenen Beweismitteln konfrontiert. Er
bestritt (erneut), am 14. April 2016 im Hauptquartier der PIU und NIA anwe-
send gewesen zu sein. Er habe auch keine Instruktionen, Anweisungen oder
Befehle erteilt. In Bezug auf handschriftliche Notizen aus seinem Asyldossier
und aus dem Koffer, der am 26. Januar 2017 im Asylzentrum von Z./BE
- 10 -
sichergestellt wurde, sagte der Beschwerdeführer, er wisse nicht, ob es sich
um seine Dokumente handle und ob er sie geschrieben habe. Alle Parteien,
auch die regierende Partei, hätten für Demonstrationen Bewilligungen bean-
tragt und diese seien, soweit er wisse, erteilt worden. Wenn es seit 20 Jahren
eine Opposition gebe, so bedeute das, dass das Umfeld insoweit in Ordnung
sei, dass man seine Aktivitäten ausführen könne. Wenn die Menge der De-
monstration vom 14. April 2016 nicht aggressiv gewesen wäre, wenn die De-
monstranten mit dem Commissioner B. und seinem Team zusammengear-
beitet hätten, hätten sie sich zerstreut und die PIU hätte nicht interveniert.
Sein Verhältnis zu Yahya Jammeh sei ein Arbeitsverhältnis gewesen. Er
habe dem Präsidenten in mehreren Fällen Empfehlungen abgegeben.
6.5.3 Aussagen von C.
C., ehemaliger Parteiführer der «United Democratic Party» (UDP), wurde am
5. November 2021 von der Beschwerdegegnerin in Gambia als Zeuge ein-
vernommen (SV.17.0026, pag. 12-043-0001 ff. [Beilage 1 zum Haftverlänge-
rungsgesuch vom 17. Januar 2022, KZM 22 50]). Er sagte namentlich aus,
dass Bewilligungen für Parteitreffen in den Jahren zwischen 2006 und 2016
namentlich im Vorfeld von Wahlen unter dem Vorwand der nationalen Si-
cherheit regelmässig verweigert und politische Kundgebungen durch die po-
lizeilichen Dienste und das Militär beeinträchtigt worden seien. Er habe von
einer Person aus der NIA, deren Namen er nicht bekannt geben wolle, er-
fahren, dass die NIA den Beschwerdeführer kontaktiert hätten, um ihn über
den Tod von D. zu informieren. Der Beschwerdeführer habe gesagt, er werde
mit dem Präsidenten Kontakt aufnehmen. Nach einer gewissen Zeit habe
der Beschwerdeführer die NIA kontaktiert um zu sagen, sie sollten den Leich-
nam von D. nach Y. bringen und dort begraben lassen. Anlässlich seiner
eigenen Verhaftung an der Demonstration vom 16. April 2016 habe er Sol-
daten, Angehörige der PIU und Personen in Zivil gesehen, wobei er an-
nehme, dass es sich bei Letzteren um NIA Agenten gehandelt habe. Den
Beschwerdeführer habe er im PIU-Hauptquartier gesehen.
6.5.4 Aussagen von E.
Den Schilderungen des gambischen und niederländischen Staatsangehöri-
gen E., der am 12./13./14. Juli 2022 von der Beschwerdegegnerin in Bern
als Auskunftsperson (Privatklägerschaft) einvernommen wurde
(SV.17.0026, pag. 12-044-0005 ff., 12-044-0046 ff., 12-044-0086 ff. [Beila-
gen 4–6 zum Haftverlängerungsgesuch vom 18. Juli 2022, KZM 22 823]),
lässt sich unter anderem entnehmen, dass er als Mitglied des gambischen
Parlaments (für die damalige Regierungspartei «Alliance for Patriotic
- 11 -
Reorientation and Construction [APRC]) am 28. März 2006 von drei nicht
uniformierten und bewaffneten NIA-Offizieren verhaftet, zum NIA Hauptquar-
tier und anschliessend ins «Mile 2»-Gefängnis gebracht worden sei. Dort
seien sehr viele andere Verhaftete gewesen. Er habe u.a. F. gekannt. Sie
habe überall Blut am Körper gehabt, ihr ganzer Körper sei geschwollen, ihre
Kleider seien zerrissen gewesen und sie habe geweint. Er sei in eine Zelle
gebracht worden. Dort sei er von «Junglers» abgeholt und zur NIA zum Ver-
hör gebracht worden. Während der Fahrt sei er geschlagen worden. Beim
NIA Hauptquartier sei er zum Panel gebracht worden. Im Verhörraum, hinter
dem Panel sitzend, sei auch der Beschwerdeführer anwesend gewesen. Es
seien auch «Junglers» anwesend gewesen. Er sei zum gescheiterten
Putschversuch befragt worden und habe gesagt, er wisse nichts über diesen
Putsch. Auch der Beschwerdeführer habe ihn angesprochen. Während der
Befragung sei er geschlagen und mit dem Tod bedroht worden. Er sei von
den «Junglers» zurück ins «Mile 2» gebracht worden, wobei er während der
Fahrt wieder geschlagen worden sei. Er sei in seine Zelle zurückgebracht
worden. Nachts seien die «Junglers» erneut gekommen und hätten ihn wie-
der zur NIA gebracht. Dort sei er erneut ins Konferenzzimmer zum Panel
gebracht worden. Es seien die gleichen Personen anwesend gewesen, auch
der Beschwerdeführer. Der Beschwerdeführer sei jedes Mal dort gewesen,
wenn auch er dort gewesen sei. Im Verlauf der Befragung sei G. in den Kon-
ferenzraum gebracht worden. Dessen Mund sei voller Blut, das Gesicht ge-
schwollen gewesen. Er (E.) sei wieder hinausgebracht und in ein offenes
Gelände gebracht worden. Es sei ihm gesagt worden, er solle sich hinknien,
mit seinen Händen in Handschellen auf dem Rücken. Es sei ein schwarzer
Plastiksack über seinen Kopf gestülpt worden. Jemand habe das Plastik in
seinem Nacken gehalten. Sie hätten kaltes Wasser über ihn geschüttet.
Dann hätten sie begonnen ihn zu schlagen, etwa zehn Minuten lang, dann
seien ihm Fragen gestellt worden in Bezug auf den Putschversuch. Danach
sei er wieder geschlagen worden. So sei das mindestens zwei oder drei Mal
geschehen. Bei der letzten Runde der Schläge sei er ohnmächtig geworden.
Während den Misshandlungen durch die «Junglers» seien keine Mitglieder
des Untersuchungspanels anwesend gewesen. Danach sei er zurück in den
Konferenzraum gebracht worden, wo verlangt worden sei, dass er eine Aus-
sage mache. Seine Kleider seien zerrissen und mit Blut befleckt gewesen.
Er habe gesagt, dass er nicht sprechen könne, worauf er in einen Neben-
raum gebracht worden sei. Schliesslich sei er wieder ins «Mile 2» zurückge-
bracht worden.
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6.5.5 Schlussbericht der Bundeskriminalpolizei vom 22. Juli 2022
Mit Schlussbericht vom 22. Juli 2022 fasste die Bundeskriminalpolizei die
Ermittlungsergebnisse zusammen (SV.17.0026, pag. 10-001-1407 ff. [Bei-
lage 1 zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Oktober 2022, KZM 22 1171]).
6.5.6 Aussagen des Beschwerdeführers (30. August und 1. September 2022)
Der Beschwerdeführer wurde am 30. August 2022 und am 1. Septem-
ber 2022 von der Beschwerdegegnerin in Bern als beschuldigte Person ein-
vernommen (SV.17.0026, pag. 13-001-1273 ff. [Beilage 2 zur Eingabe der
Beschwerdegegnerin vom 14. November 2022], pag. 13-001-1345 ff. [Bei-
lage 5 zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Oktober 2022]). Der Be-
schwerdeführer reichte u.a. eine schriftliche Erklärung zu den Akten, in der
er sich ausführlich zur Sache äussert (deutsche Übersetzung: SV.17.0026,
pag. 13-001-1443 ff. [Beilage 6 zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Ok-
tober 2022]).
6.6 Die neuen Elemente lassen die Verdachtslage weiter verdichtet erscheinen.
Insbesondere liegen mit der Aussage von E. Anhaltspunkte vor, dass der
Beschwerdeführer im März 2006 als IGP im Konferenzraum der NIA, in wel-
chem das aus Mitgliedern verschiedener Sicherheitsbehörden zusammen-
gesetzte Untersuchungspanel tagte, anwesend war; dass E. im Rahmen des
dortigen Verhörs Folter ausgesetzt war; dass der Beschwerdeführer die Fol-
gen der Folter wahrnehmen konnte; dass die verschiedenen Sicherheitsbe-
hörden, namentlich Angehörige der NIA, des Gefängnispersonals und der
«Junglers» organisiert zusammenwirkten. Mit der Aussage von C. liegen An-
haltpunkte vor, dass der Beschwerdeführer als Innenminister um die Ereig-
nisse im Nachgang zur Demonstration im April 2016 wusste; die NIA dem
Beschwerdeführer rapportierte; der Beschwerdeführer dem Präsidenten rap-
portierte; der Beschwerdeführer Anweisungen des Präsidenten der NIA wei-
terleitete; die dem Beschwerdeführer als Innenminister formell unterstellten
Behörden, namentlich die Polizei und die Gefängnisbehörden, mit der NIA
und den «Junglers» organisiert zusammenwirkten.
6.7 Soweit der Beschwerdeführer den dringenden Verdacht eines zumindest
systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung Gambias (mindestens)
zwischen 2000 und 2016 bestreitet, vermögen seine Vorbringen diesen nicht
entscheidend zu entkräften.
Auf der einen Seite wiegen diesbezüglich die Verdachtsgründe zur allgemei-
nen Lage in Gambia mit dem unabhängigen Bericht des
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UN-Sonderberichterstatters über Folter, Juan E. Méndez, vom 16. März
2015 betreffend Gambia (A/HRC/28/68/Add. 4; nachfolgend: UN-Folterbe-
richt), sowie dem unabhängigen Bericht des UN-Sonderberichterstatters
über aussergerichtliche, willkürliche oder im Schnellverfahren beschlossene
Hinrichtungen, Christof Heyns, vom 11. Mai 2015 betreffend Gambia
(A/HRC/29/37/Add. 2) schon seit Beginn der Untersuchung sehr schwer (vgl.
u.a. Beschlüsse des Bundesstrafgerichts BH.2017.1 vom 24. Februar 2017
E. 5.3.5 und BH.2017.5 vom 31. Mai 2017 E. 4.3.2 sowie BGE 143 IV 316
E. 5.1). Der UN-Folterbericht gelangt im Wesentlichen zum Schluss, dass
während des Regimes von Yahya Jammeh (unter anderem) die Strafverfol-
gungsbehörden und Sicherheitskräfte in Gambia im rechtsfreien Raum
agierten («operate without any legal oversight») und ungestraft Menschen-
rechtsverletzungen begehen konnten, insbesondere Folter, die namentlich
im Anfangsstadium von Untersuchungshaft weit verbreitet war und zur Rou-
tine gehörte («prevalent and routine»; vgl. Ziff. 97 f. des UN-Folterberichts).
Wie sodann UN-Sonderberichterstatter Heyns in seinem Bericht betont,
herrschte eine Atmosphäre der Angst seitens der Zivilbevölkerung (vgl.
Ziff. 80; zum Ganzen BGE 143 IV 316 E. 6.2). Die Gesamtbeurteilung des
UN-Folterberichts, dass die Anwendung von Folter von der Regierung plan-
mässig als Mittel eingesetzt worden ist, um die Bevölkerung einzuschüchtern
und die Opposition zu unterdrücken, wurde im Verlauf der Untersuchung
häufig gestützt und nie entscheidend entkräftet.
Auf der anderen Seite wirken die diesbezüglichen Vorbringen des Beschwer-
deführers schwach (schriftliche Erklärung, SV.17.0026, pag. 13-001-1460
bis 13-001-1465 [Beilage 6 zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Oktober
2022]):
Der Beschwerdeführer macht u.a. geltend, die prinzipielle Haltung des
UN-Sonderberichterstatters, seinen Besuch beim ersten Anzeichen von
Schwierigkeiten zu beenden, habe es ihnen unmöglich gemacht, sich ein
Bild von der tatsächlichen Lage im Land zu machen (SV.17.0026, pag. 13-
001-1461 [Beilage 6 zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Oktober 2022]).
Der UN-Sonderberichterstatter Méndez hebt ausdrücklich hervor, dass der
UN-Folterbericht nur unter ausserordentlich schwierigen Umständen erstellt
werden konnte. Deshalb sind einzelne Aussagen des UN-Folterberichts mit
einer gewissen Zurückhaltung zu würdigen (BGE 143 IV 316 E. 6.2). Auf die
allgemeine Einschätzung der Lage in Gambia kann aber ohne Einschrän-
kung abgestellt werden.
Sodann bringt der Beschwerdeführer namentlich vor, aus Dokumenten des
SEM gehe hervor, dass während seiner gesamten Amtszeit als
- 14 -
Innenminister rund 1000 Personen aus der Schweiz nach Gambia zurückge-
führt worden seien. Das Bundesverwaltungsgericht habe die Entscheide des
Bundesamts für Migration stets bestätigt und den Beschwerdeführern syste-
matisch unterstellt, dass Gambia ein Paradies für Touristen sei und dass ihre
Befürchtungen, nach ihrer Rückkehr nach Banjul gefoltert zu werden, ein Kli-
schee und unbegründet seien (SV.17.0026, pag. 13-001-1461 f. [Beilage 6
zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Oktober 2022]). Die diesbezüglichen
Entscheide, die der Beschwerdeführer am 14. August [2022] in Kopie zu den
Akten gereicht habe, befinden sich nicht in den vorliegenden Haftakten. Ein
Beizug im vorliegenden Verfahren erübrigt sich. Aufgrund der bisherigen Un-
tersuchungsergebnisse vermöchten allfällige Verwaltungsentscheide, an die
der Strafrichter grundsätzlich nicht gebunden ist, den Tatverdacht nicht zu
entkräften.
Weiter führt der Beschwerdeführer auch an, abgesehen von den wenigen
Personen, die in diesem Verfahren identifiziert worden seien, sei die Be-
schwerdegegnerin nicht in der Lage, festzustellen, wie viele Personen bei
der NIA oder von NIA-Agenten gefoltert worden seien, und die Beschwerde-
gegnerin kenne nicht die Umstände, unter denen sie gefoltert worden seien,
und schon gar nicht ihre Namen und Identität. Die sehr allgemeinen Begriffe,
die in den UN-Berichten in Bezug auf Gambia verwendet würden, liessen
nicht darauf schliessen, dass der Kontext für eine Definition von Verbrechen
gegen die Menschlichkeit hier gegeben sei. Der UN-Sonderberichterstatter
Juan E. Méndez vermeide sorgfältig die Formulierung «weitverbreiteter oder
systematischer Angriff», um allgemeinere Begriffe zu verwenden, die nicht
mit der Definition der Verbrechen gegen die Menschlichkeit verbunden seien
(SV.17.0026, pag. 13-001-1462 [Beilage 6 zum Haftverlängerungsgesuch
vom 20. Oktober 2022]). Der Angriff i.S.v. Art. 264a StGB muss ausgedehnt
oder systematisch sein. Dieser ist alternativ durch seinen Umfang (eine Viel-
zahl von Opfern; quantitatives Element) oder durch seinen Organisations-
grad gekennzeichnet (qualitatives Element), wobei sich diese Elemente
überschneiden können (BGE 143 IV 316 E. 4.5.4). Die Annahme eines An-
griffs gegen die Zivilbevölkerung Gambias setzt mithin nicht voraus, dass die
Beschwerdegegnerin eine Vielzahl von Opfern identifiziert. Im Übrigen las-
sen die Begriffe, die im UN-Folterbericht verwendet werden («the practice of
torture is prevalent and routine») durchaus darauf schliessen, dass der Kon-
text für Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegeben ist.
Schliesslich macht der Beschwerdeführer u.a. geltend, die Tatvorwürfe, über
welche die Beschwerdegegnerin ihn informiert habe, würden Taten gegen
einzelne, straffällige und zum Teil auch Personen im aktiven Militärdienst be-
treffen, mithin sei das Kriterium der Zivilbevölkerung nicht erfüllt
- 15 -
(SV.17.0026, pag. 13-001-1463 ff. [Beilage 6 zum Haftverlängerungsgesuch
vom 20. Oktober 2022]). Die Annahme eines Angriffs auf die Zivilbevölke-
rung setzt nicht voraus, dass die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdefüh-
rer jede Einzeltat im Rahmen eines Angriffs auf die Zivilbevölkerung vorwirft.
Trotz allfälliger Straffälligkeit der Betroffenen bleiben diese Zivilisten. Und
auch wenn sich einzelne Kombattanten unter eine Gruppe mischen, bleibt
diese ziviler Natur, wobei in Friedenszeiten sogar Militärpersonen der Zivil-
bevölkerung zuzuordnen sein könnten (vgl. BGE 143 IV 316 E. 4.5.5).
6.8 Soweit der Beschwerdeführer den dringenden Tatverdacht in Bezug auf die
ihm vorgeworfenen Einzeltaten bestreitet, ist im Folgenden darauf einzuge-
hen.
6.9
6.9.1 Dem Beschwerdeführer wird zum Nachteil von D. vorsätzliche Tötung als
Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Mittäterschaft (Art. 264a Abs. 1 lit. a
StGB), eventualiter Nichtverhindern der vorsätzlichen Tötung als Vorgesetz-
ter (Art. 264a Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 264k Abs. 1 StGB), zum Nachteil von
H., I., J., K. und L. Freiheitsberaubung als Verbrechen gegen die Mensch-
lichkeit in Mittäterschaft (Art. 264a Abs. 1 lit. d StGB), eventualiter Nichtver-
hindern der Freiheitsberaubung als Vorgesetzter (Art. 264a Abs. 1 lit. d i.V.m.
Art. 264k Abs. 1 StGB), sowie zum Nachteil aller erwähnten Personen Folter
als Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Mittäterschaft (Art. 264a Abs. 1
lit. f StGB), eventualiter Nichtverhindern der Folter als Vorgesetzter
(Art. 264a Abs. 1 lit. f i.V.m. Art. 264k Abs. 1 StGB), vorgeworfen
(SV.17.0026 pag. 03-001-0002 f. [Beilage 7 zum Haftverlängerungsgesuch
vom 20. Oktober 2022, KZM 22 1171]).
Der Beschwerdeführer soll im Kontext eines ausgedehnten und systemati-
schen Angriffs des gambischen Sicherheitsapparats gegen regimekritische
Teile der gambischen Zivilbevölkerung unter anderem (SV.17.0026, pag. 13-
001-1211 f., pag. 13-001-1234 ff. [Beilagen 2 und 3 zum Haftverlängerungs-
gesuch vom 18. Juli 2022, KZM 22 823]):
- als damaliger Innenminister von Gambia als Mittäter dafür verantwortlich
sein, dass D., welcher Politiker der Opposition der Regierung war und in
Verdacht stand, einer der Anführer der unbewilligten, politischen Kundge-
bung der Oppositionspartei UDP vom 14. April 2016 gewesen zu sein, in
der Nacht vom 14. auf den 15. April 2016 im Hauptquartier der NIA in
Banjul von Mitarbeitenden der NIA mit massiven Schlägen am ganzen
Körper gefoltert wurde; eventualiter als vorgesetzter Verantwortlicher der
- 16 -
Polizeikräfte die Folter von D. durch die NIA vorsätzlich nicht verhindert
haben;
- als damaliger Innenminister von Gambia als Mittäter dafür verantwortlich
sein, dass D. als Folge der Folterhandlungen derart schwere Verletzun-
gen erlitt, dass er in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2016 im Haupt-
quartier der NIA verstarb; eventualiter als vorgesetzter Verantwortlicher
der Polizeikräfte die Tötung von D. durch die NIA vorsätzlich nicht verhin-
dert haben;
- als damaliger Innenminister von Gambia als Mittäter dafür verantwortlich
sein, dass H., welcher in Verdacht stand, einer der Anführer der unbewil-
ligten, politischen Kundgebung der Oppositionspartei UDP vom 14. April
2016 zu sein, in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2016 im Hauptquar-
tier der NIA in Gambia von Mitarbeitenden der NIA gefoltert wurde, indem
diese ihm u.a. die Arme hinter den Rücken fesselten, ihn hart an die Seite
seines Auges schlugen, ihm die Kleider auszogen, ihn auf einen Tisch
fesselten, ihm die Augen verbanden, ihn an verschiedenen Körperstellen
Elektroschocks verabreichten, massiv Schläge gegen seinen Körper aus-
teilten; eventualiter als vorgesetzter Verantwortlicher der Polizeikräfte die
Folter von H. durch die NIA vorsätzlich nicht verhindert haben;
- als damaliger Innenminister von Gambia als Mittäter dafür verantwortlich
sein, dass I., welche in Verdacht stand, eine der Anführerinnen der unbe-
willigten, politischen Kundgebung der Oppositionspartei UDP vom 14. Ap-
ril 2016 zu sein, in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2016 im Haupt-
quartier der NIA in Gambia von Mitarbeitenden der NIA gefoltert wurde,
indem diese sie u.a. am ganzen Körper mit massiven Schlägen traktier-
ten, ihren Kopf an die Wand schlugen, ihr damit drohten, sie zu erhängen
und an Krokodile zu verfüttern, sie auf einen Tisch legten und massiv auf
den ganzen Körper schlugen, sie mit kaltem Wasser übergossen; even-
tualiter als verantwortlicher Vorgesetzter der Polizeikräfte die Folter von I.
durch die NIA vorsätzlich nicht verhindert haben;
- als damaliger Innenminister von Gambia als Mittäter dafür verantwortlich
sein, dass J., welche Mitglied der Oppositionspartei UDP war, in der Nacht
vom 14. auf den 15. April 2016 im Hauptquartier der NIA in Gambia von
Mitarbeitenden der NIA gefoltert wurde, indem diese sie u.a. auf einen
Tisch legten und sie bis zur Bewusstlosigkeit hin am ganzen Körper mit
Schlägen traktierten, sie nach draussen ins Freie warfen und mit Wasser
übergossen, sie erneut heftig schlugen, sie verspotteten; eventualiter als
- 17 -
verantwortlicher Vorgesetzter der Polizeikräfte die Folter von J. durch die
NIA vorsätzlich nicht verhindert haben;
- als damaliger Innenminister von Gambia als Mittäter dafür verantwortlich
sein, dass K., welche eine Politikerin der Opposition der Regierung war,
in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2016 im Hauptquartier der NIA in
Gambia von Mitarbeitenden der NIA u.a. mit massiven Schlägen gefoltert
wurde, bis hin zur Bewusstlosigkeit, die NIA Mitarbeitenden sie überdies
mit kaltem Wasser übergossen, sie beschimpften und ihr damit drohten,
dass 20 Männer sie vergewaltigen würden; eventualiter als verantwortli-
cher Vorgesetzter der Polizeikräfte die Folter von K. durch die NIA vor-
sätzlich nicht verhindert haben;
- als damaliger Innenminister von Gambia als Mittäter dafür verantwortlich
sein, dass L., welcher ein Politiker der Opposition der Regierung war, in
der Nacht vom 14. auf den 15. April 2016 im Hauptquartier der NIA in
Gambia von Mitarbeitenden der NIA mit massiven Schlägen gefoltert
wurde, bis zur Bewusstlosigkeit, wobei er mit einem Stromkabel an einen
Tisch gefesselt worden war; eventualiter als verantwortlicher Vorgesetzter
der Polizeikräfte die Folter von L. durch die NIA vorsätzlich nicht verhin-
dert haben.
6.9.2 In seiner schriftlichen Erklärung bringt der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen vor, keine der bei der NIA gefolterten Personen habe sich zum Zeit-
punkt der Ereignisse in seinem (des Beschwerdeführers) Gewahrsam oder
unter seiner (des Beschwerdeführers) Kontrolle befunden. Im Zusammen-
hang mit der rechtswidrigen Demonstration vom 14. April 2016 habe die Po-
lizei im Einklang mit dem Gesetz gehandelt. Als die NIA beschlossen habe,
die fünf Personen in ihr Hauptquartier zu bringen, sei dies auf Anweisung
von M., dem damaligen DG (Director General) der NIA, geschehen. N. sei
nachträglich informiert worden. Er (der Beschwerdeführer) sei zu diesem
Zeitpunkt nicht informiert worden. Die Polizeikräfte seien von der NIA daran
gehindert worden, ihren Job zu machen. Die NIA habe die Polizei nicht zu-
gelassen. Aus den Aussagen von M. vor der gambischen Polizei gehe her-
vor, dass er (M.) seine Befehle direkt vom Präsidenten erhalten habe. Er (der
Beschwerdeführer) habe damit nichts zu tun. Er sei weder an der Entschei-
dung noch an der Übermittlung der Befehle an die Täter beteiligt gewesen.
Dies sei von O., P. und Q. bestätigt worden. Er (der Beschwerdeführer) sei
bei der NIA nicht anwesend gewesen, als die Folterungen und der Tod von
D. stattgefunden hätten. Er (der Beschwerdeführer) wäre mit dem, was bei
der NIA geschehen sei, ganz und gar nicht einverstanden gewesen, wenn er
irgendwie davon erfahren hätte. Wenn er (der Beschwerdeführer) in der Lage
- 18 -
gewesen wäre, dies in irgendeiner Weise zu verhindern, hätte er es getan.
Ausserdem habe keiner der von der Beschwerdegegnerin identifizierten phy-
sischen Täter jemals zu seinen (des Beschwerdeführers) Untergebenen ge-
hört. Die NIA habe unter der Verantwortung und Autorität des Office of the
President gestanden und sei dem Präsidenten direkt unterstellt gewesen
(SV.17.0026, pag. 13-001-1477 ff. [Beilage 6 zum Haftverlängerungsgesuch
vom 20. Oktober 2022, KZM 22 1171]).
In seinen Beschwerden bringt der Beschwerdeführer vor, die Geschehnisse
im Zusammenhang der rechtswidrigen Demonstration vom 14. April 2016 in
Banjul fügten sich nicht in einen Kontext eines ausgedehnten oder systema-
tischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung i.S.v. Art. 264a Abs. 1 StGB ein
(BH.2022.13, act. 1 S. 13; BH.2022.14, act. 1 S. 12).
6.9.3 Gemäss Art. 264a Abs. 1 StGB wird mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jah-
ren bestraft, wer im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen An-
griffs gegen die Zivilbevölkerung einen Menschen vorsätzlich tötet (lit. a)
oder einem unter seinem Gewahrsam oder seiner Kontrolle stehenden Men-
schen grosse Leiden oder eine schwere Schädigung des Körpers oder der
physischen oder psychischen Gesundheit zufügt (lit. f). Die Voraussetzun-
gen für die Annahme von Täterschaft und Teilnahme richten sich auch bei
Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach den im schweizerischen Straf-
recht allgemein geltenden Regelungen der Beteiligungslehre (WOHLERS, in:
Wohlers/Godenzi/Schlegel [Hrsg.], Handkommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 264k
StGB N. 1). Danach ist Mittäter, wer sogenannte Tatherrschaft ausübt, d.h.
wer bei der Entschliessung, Planung oder Ausführung eines Deliktes vor-
sätzlich und in massgebender Weise mit anderen Tätern zusammenwirkt, so
dass er als Hauptbeteiligter dasteht. Der Tatbeitrag begründet Tatherrschaft,
wenn er nach den Umständen des konkreten Falles und dem Tatplan für die
Ausführung des Deliktes so wesentlich ist, dass sie mit ihm steht oder fällt
(BGE 133 IV 76 E. 2.7).
6.9.4 Die Vorbringen des Beschwerdeführers stellen nicht in Frage, dass genü-
gend konkrete Anhaltspunkte für eine vorsätzliche Tötung zum Nachteil von
D. und für Folter zum Nachteil von D., H., I., J., K. und L. vorliegen.
Seine Vorbringen, die NIA habe die Rolle der Polizei «gekapert», es sei völlig
ausserhalb seiner Kontrolle gewesen, was bei der NIA geschehen sei, er
habe keinen Anteil an dem, was bei der NIA geschehen sei, vermögen auf-
grund der bisherigen Untersuchungsergebnisse den Tatverdacht nicht zu
entkräften. Es liegen u.a. diverse Aussagen vor, wonach der Beschwerde-
führer am 14. April 2016 persönlich bei der PIU anwesend gewesen sei (vgl.
- 19 -
Schlussbericht der Bundeskriminalpolizei, SV.17.0026, pag. 10-001-1485 f.
[Beilage 1 zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Oktober 2022, KZM 22
1171]). Auch für seine Anwesenheit am 14. April 2016 im NIA-Hauptquartier
liegen mehrere Aussagen vor (vgl. Schlussbericht der Bundeskriminalpolizei,
SV.17.0026, pag. 10-001-1489 f. [Beilage 1 zum Haftverlängerungsgesuch
vom 20. Oktober 2022, KZM 22 1171]). In Bezug auf den Kontext ist auf die
vorstehenden Erwägungen zu verweisen (vgl. E. 6.7 hiervor). Zurzeit liegen
Anhaltspunkte vor, wonach der Beschwerdeführer einen massgeblichen Tat-
beitrag sowohl zur Tötung von D. als auch zur Folter von D., H., I., J., K. und
L. geleistet hat. Damit besteht der dringende Tatverdacht, der Beschwerde-
führer könnte sich der Verbrechen gegen die Menschlichkeit i.S.v. Art. 264a
Abs. 1 StGB zu deren Nachteil strafbar gemacht haben.
6.10
6.10.1 Dem Beschwerdeführer wird zum Nachteil von R. vorsätzliche Tötung als
Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Mittäterschaft (Art. 264a Abs. 1
lit. a StGB) vorgeworfen (SV.17.0026 pag. 03-001-0003 [Beilage 7 zum
Haftverlängerungsgesuch vom 20. Oktober 2022, KZM 22 1171). Der Be-
schwerdeführer soll im Kontext des ausgedehnten und systematischen An-
griffs des gambischen Sicherheitsapparats gegen regimekritische Teile der
gambischen Zivilbevölkerung als Innenminister von Gambia als Mittäter da-
für verantwortlich sein, dass R. – welcher ein ehemaliger APRC-Mehrheits-
führer in der gambischen Nationalversammlung («Majority Leader of the
National Assembly»), eine bedeutende Persönlichkeit Gambias von wach-
sender Popularität gewesen sei und im Gefängnis «Mile 2» eine Freiheits-
strafe verbüsst habe, jedoch wegen seines Gesundheitszustands am
29. Oktober 2011 in einem Spitalzimmer im «[...] Hospital» in Banjul gele-
gen habe – von einem «Patrol Team», namentlich bestehend aus S., T.,
AA., BB., CC. und DD. und angeführt von EE., auf Befehl von Major FF. hin
mit dem Bettlaken im Spitalbett stranguliert worden sei und als Folge der
Strangulation unmittelbar im Spitalbett verstorben sei (SV.17.0026 pag. 13-
001-1211, 13-001-1221 f. [Beilage 2 zum Haftverlängerungsgesuch vom
18. Juli 2022, KZM 22 823]).
6.10.2 In seiner schriftlichen Erklärung bringt der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen vor, R. sei nicht im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses inhaftiert
gewesen, sondern habe unter der Aufsicht der Prison Services gestanden.
Als er sich unwohl gefühlt habe, sei er in ein Krankenhaus gebracht wor-
den, um die notwendige Behandlung zu erhalten. Das Krankenhaus habe
nie seiner Kontrolle oder Autorität unterstanden. Er habe keine Möglichkeit
gehabt, in irgendeiner Weise einzugreifen. Die «Junglers» seien nur dem
Präsidenten unterstellt gewesen; dieser allein habe ihnen Befehle erteilen
- 20 -
können. Er (der Beschwerdeführer) sei nie Mitglied der «Junglers» gewe-
sen, er habe nie Kontrolle oder Autorität über sie ausgeübt. EE. habe durch-
gängig erklärt, er habe mit einer Gruppe von «Junglers» auf direkten Befehl
des Präsidenten gehandelt, und seinen (des Beschwerdeführers) Namen
im Zusammenhang mit diesen Handlungen nie erwähnt (SV.17.0026
pag. 13-001-1475 ff. [Beilage 6 zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Ok-
tober 2022, KZM 22 1171]).
In seinen Beschwerden bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor,
er könne in keiner Weise mit dessen Tod in Verbindung gebracht werden.
Jedenfalls handle es sich bei einer Einzelperson nicht um eine Bevölkerung
und der Tod stünde in keinem Zusammenhang mit der rechtswidrigen De-
monstration vom 14. April 2016, sodass nicht von einem Verbrechen gegen
die Menschlichkeit gesprochen werden könne. Folglich liege auch keine
schweizerische Gerichtsbarkeit vor (BH.2022.13, act. 1 S. 13; BH.2022.14,
act. 1 S. 12).
6.10.3 Die Vorbringen des Beschwerdeführers stellen nicht in Frage, dass genü-
gend konkrete Anhaltspunkte für eine vorsätzliche Tötung zum Nachteil von
R. vorliegen.
Seine Vorbringen, dass er mit der Tod von R. nichts zu tun habe, vermögen
aufgrund der bisherigen Untersuchungsergebnisse den Tatverdacht nicht
zu entkräften. GG. sagte anlässlich seiner Einvernahme vom 11. März
2021 namentlich aus, er sei vom damaligen Director General of Prisons
HH. beordert worden, R. im Spital zu bewachen (SV.17.0026, pag. 12-034-
0026 [Beilage 11 zum Haftverlängerungsgesuch vom 19. Juli 2021, KZM
21 842]). HH. habe seine Instruktionen mutmasslich vom Innenminister,
dem Beschwerdeführer erhalten (a.a.O., pag. 12-034-0053). EE. sagte an-
lässlich seiner Einvernahme vom 15. März 2021 namentlich aus, am Tag
vor dem Einsatz habe ihm FF. im Spital gezeigt, wo sich R. aufhalte. Als
sie in der Nacht gekommen seien, habe die Wache auf ihn den Eindruck
gemacht, informiert zu sein. Gewöhnlich würden in dieser Situation auch
zwei Wachen postiert (SV.17.0026, pag. 12-035-0080 ff. [Beilage 12 zum
Haftverlängerungsgesuch vom 19. Juli 2021, KZM 21 842]). FF. habe ihm
den Grund für die Mission nicht erläutert, ausser dass die Instruktion vom
Präsidenten gekommen sei (a.a.O., pag. 12-035-84; vgl. zum Ganzen auch
Schlussbericht der Bundeskriminalpolizei, SV.17.0026, pag. 10-001-
1482 f. [Beilage 1 zum Haftverlängerungsgesuch vom 20. Oktober 2022,
KZM 22 1171]). Auch wenn die Aussagen in Details voneinander abwei-
chen, legen sie nahe, dass die Tötung von R. zusammen mit den Gefäng-
nisdiensten unter Einbezug des Beschwerdeführers geplant wurde. In
- 21 -
Bezug auf den Kontext ist auf die vorstehenden Erwägungen zu verweisen
(vgl. E. 6.7 hiervor). Zurzeit liegen Anhaltspunkte vor, wonach der Be-
schwerdeführer einen massgeglichen Tatbeitrag zur Tötung von R. geleis-
tet hat. Damit besteht der dringende Tatverdacht, der Beschwerdeführer
könnte sich der Verbrechen gegen die Menschlichkeit i.S.v. Art. 264a
Abs. 1 StGB zu dessen Nachteil strafbar gemacht haben. Die schweizeri-
sche Gerichtsbarkeit ergibt sich aus Art. 264m StGB.
6.11 Aus den vorangehenden Erwägungen ergibt sich, dass der dringende Tat-
verdacht insbesondere in Bezug auf mehrfache Widerhandlungen gegen
die Straftatbestände von Art. 264a Abs. 1 StGB zu bejahen ist. Es kann
vorliegend offenbleiben, ob der dringende Tatverdacht auch in Bezug auf
weitere Straftatbestände und die Sachverhaltsvorwürfe vor dem 1. Januar
2011, dem Datum des Inkrafttretens der Bestimmungen des Zwölften
Titelbis StGB, bejaht werden kann.
7.
7.1 Die Annahme von Fluchtgefahr setzt ernsthafte Anhaltspunkte dafür voraus,
dass die beschuldigte Person sich durch Flucht dem Strafverfahren oder der
zu erwartenden Sanktion entziehen könnte (Art. 221 Abs. 1 lit. a StPO). Im
Vordergrund steht dabei eine mögliche Flucht ins Ausland, denkbar ist je-
doch auch ein Untertauchen im Inland. Bei der Beurteilung, ob Fluchtgefahr
besteht, sind die gesamten konkreten Verhältnisse zu berücksichtigen. Es
müssen Gründe bestehen, die eine Flucht nicht nur als möglich, sondern als
wahrscheinlich erscheinen lassen. Die Schwere der drohenden Strafe ist
zwar ein Indiz für Fluchtgefahr, genügt jedoch für sich allein nicht, um den
Haftgrund zu bejahen. Miteinzubeziehen sind die familiären und sozialen
Bindungen, die berufliche und finanzielle Situation und die Kontakte zum
Ausland. Selbst bei einer befürchteten Reise in ein Land, welches die be-
schuldigte Person grundsätzlich an die Schweiz ausliefern bzw. stellvertre-
tend verfolgen könnte, ist die Annahme von Fluchtgefahr nicht ausgeschlos-
sen. Die Wahrscheinlichkeit einer Flucht nimmt in der Regel mit zunehmen-
der Verfahrens- bzw. Haftdauer ab, da sich auch die Dauer des allenfalls
noch zu verbüssenden strafrechtlichen Freiheitsentzugs mit der bereits ge-
leisteten prozessualen Haft, die auf die mutmassliche Freiheitsstrafe anzu-
rechnen wäre (Art. 51 StGB), kontinuierlich verringert (vgl. zum Ganzen
BGE 145 IV 503 E. 2.2; 143 IV 160 E. 4.3; je mit Hinweisen).
7.2 Die Vorinstanz verweist im angefochtenen Entscheid vom 1. November 2022
(E. 7) auf ihren Entscheid vom 17. Oktober 2022. In diesem bzw. seiner
schriftlichen Begründung vom 19. Oktober 2022 (E. 6.4) erwog die
- 22 -
Vorinstanz, sie habe in ihrem Entscheid vom 27. Juli 2022 (KZM 22 823)
festgehalten, dass der Beschwerdeführer über keinerlei Anknüpfungspunkte
in der Schweiz verfüge. Die Familie des Beschwerdeführers lebe im Ausland.
Ebenfalls erschienen die finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers
aufgrund der noch ausstehenden Antwort auf das entsprechende Rechtshil-
feersuchen noch nicht als hinreichend abgeklärt. Ausserdem drohe dem Be-
schwerdeführer im Falle eines Schuldspruchs eine äusserst empfindliche
Sanktion, zumal einige der in Frage kommenden Straftatbestände eine Min-
deststrafe von fünf Jahren Freiheitsstrafe vorsähen (Art. 264a Abs. 1 StGB;
Art. 111 StGB) und der dringende Tatverdacht aktuell in Bezug auf eine
mehrfache Tatbegehung vorliege. Auch nach gut 66 Monaten Haft sei die
Verfahrensdauer noch nicht in ausreichende Nähe zur im Verurteilungsfalle
drohenden Strafe gerückt, derart dass die drohenden Sanktionen keinen (zu-
sätzlichen) Fluchtanreiz mehr schaffen würden.
Die der Fluchtgefahr zugrundeliegenden Tatsachen hätten sich in den rund
drei Monaten seit dem vorgenannten Entscheid ebenfalls nicht geändert. Die
Fluchtgefahr bestehe bereits aufgrund der fehlenden Verwurzelung des Be-
schwerdeführers in der Schweiz; er verfüge über keinerlei familiäre, berufli-
che, soziale oder wirtschaftliche Verhältnisse und Bindungen zur Schweiz.
Daran vermöchten weder das zurzeit sistierte Asylverfahren noch die finan-
ziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers etwas zu ändern. Beide Aspekte
seien bereits an sich nicht geeignet, um davon auszugehen, dass damit eine
Flucht bzw. ein Untertauchen verhindert werden könnte. Zudem steige mit
dem bevorstehenden Abschluss des Verfahrens die Verurteilungswahr-
scheinlichkeit, womit sich die Fluchtgefahr akzentuieren dürfte. Es sei zu ge-
wärtigen, dass der Beschwerdeführer im Falle einer Verurteilung eine lang-
jährige Haftstrafe drohe; trotz der zwischenzeitlich rund 70 Monate Haft sei
davon auszugehen, dass die Verfahrensdauer noch nicht in ausreichende
Nähe zur im Verurteilungsfalle drohenden Strafe gerückt sei, sodass die dro-
henden Sanktionen keinen (zusätzlichen) Fluchtanreiz mehr schaffen wür-
den.
7.3 Der Beschwerdeführer bestreitet die Fluchtgefahr grundsätzlich nicht. Er
macht indes geltend, die Vorinstanz habe es unterlassen, die Fluchtgefahr
unter Berücksichtigung der seit dem Entscheid vom 27. Juli 2022 eingetre-
tenen Tatsachen, namentlich der Ankündigung des bevorstehenden Ab-
schlusses der Untersuchung vom 8. September 2022, seiner Einvernahmen
vom 30. August 2022 und 1. September 2022, seiner schriftlichen Erklärung
bzw. derer deutschen Übersetzung, neu einzuschätzen. Die erstandene Un-
tersuchungshaft von bald sechs Jahren liege deutlich über der in Betracht zu
ziehenden Mindeststrafen. Die Vorinstanz begründe nicht, inwiefern dem
- 23 -
Beschwerdeführer eine längere Freiheitsstrafe drohen soll (BH.2022.13,
act. 1 S. 14 ff.; BH.2022.14, act. 1 S. 13 ff.).
7.4
7.4.1 Ein Indiz für Fluchtgefahr ist die Schwere der drohenden Strafe. Bei der
Prognose der zu erwartenden Strafe ist vom dringenden Tatverdacht auszu-
gehen, wie sich dieser zum Zeitpunkt des Haftentscheids präsentiert (GFEL-
LER/BIGLER/BONIN, Untersuchungshaft, 2017, N. 634). Vorliegend wird der
dringende Tatverdacht der mehrfachen Verbrechen gegen die Menschlich-
keit in Mittäterschaft gemäss Art. 264a Abs. 1 StGB zum Nachteil von D.
(Folter und vorsätzliche Tötung), H., I., J., K., L. (jeweils Folter) und R. (vor-
sätzliche Tötung) bejaht. Die dem Beschwerdeführer vorgeworfenen Taten
wiegen äusserst schwer. Die Einzeltaten erlangen im Zusammenhang mit
den Gesamttaten eine «neue Unrechtsdimension» und betreffen nicht allein
die einzelnen Opfer, sondern durch das Infragestellen oder Negieren inter-
nationaler Standards der Menschlichkeit bzw. grundlegender Menschen-
rechte sowie durch die Bedrohung von Frieden und Sicherheit auch überin-
dividuelle Interessen und kollektive Rechtsgüter und insoweit die Völkerge-
meinschaft als Ganzes (BGE 143 IV 316 E. 4.3 mit Hinweisen). Der drin-
gende Tatverdacht bezieht sich weder auf eine Qualifizierung i.S.v. Art. 264a
Abs. 2 StGB noch auf eine Privilegierung i.S.v. Art. 264a Abs. 3 StGB (zumal
eine solche in Bezug auf die vorgeworfenen vorsätzlichen Tötungen ausge-
schlossen ist). Rechtfertigungsgründe sind keine ersichtlich. Art. 264a Abs.
1 StGB sieht eine Mindeststrafe von fünf Jahren vor. Die Höchststrafe der
Freiheitsstrafe beträgt 20 Jahre (Art. 40 Abs. 2 StGB bzw. aArt. 40 StGB
[vom 1. Januar 2007 bis 31. Dezember 2017 geltende Fassung]). In Berück-
sichtigung aller Umstände ist im Falle einer Verurteilung des Beschwerde-
führers nicht mit einer Freiheitsstrafe im unteren Bereich zu rechnen. Nach
der Rechtsprechung ist die Möglichkeit einer bedingten Entlassung aus dem
Strafvollzug im Grundsatz nicht zu berücksichtigen (BGE 145 IV 179 E. 3.4
mit Hinweisen). Vorliegend ist kein Anlass ersichtlich, von diesem Grundsatz
ausnahmsweise abzuweichen. Die im Falle einer Verurteilung zu erwartende
Strafe stellt auch unter Berücksichtigung der bald sechs Jahre andauernden
Untersuchungshaft nach wie vor einen Fluchtanreiz dar.
7.4.2 Es sind keine Gründe ersichtlich, die persönlichen und familiären Verhält-
nisse des Beschwerdeführers anders zu würdigen als bisher. Dass die Vor-
würfe gegen den Beschwerdeführer schwer wiegen, er keinen Bezug zur
Schweiz hat, hingegen als ehemaliger Innenminister Gambias im Ausland –
abgesehen von seiner Familie – über Kontakte verfügen dürfte, spricht eben-
falls nach wie vor für Fluchtgefahr.
- 24 -
7.4.3 Nach dem Gesagten ist weiterhin von einer hohen Wahrscheinlichkeit aus-
zugehen, dass sich der Beschwerdeführer in Freiheit dem Strafverfahren
durch Flucht entzieht. Die angefochtenen Entscheide sind jedenfalls im Er-
gebnis nicht zu beanstanden.
8.
8.1 Wie alle strafprozessualen Zwangsmassnahmen hat die Untersuchungshaft
verhältnismässig zu sein (vgl. Art. 5 Abs. 2 und Art. 36 Abs. 3 BV, Art. 197
Abs. 1 lit. c und Art. 212 Abs. 2 lit. c StPO). Die Untersuchungshaft muss
durch die Bedeutung der Straftat gerechtfertigt sein (Art. 197 Abs. 1 lit. d
StPO) und darf nicht länger dauern als die zu erwartende Freiheitsstrafe
(Art. 212 Abs. 3 StPO). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ver-
langt der Verhältnismässigkeitsgrundsatz von den Behörden, umso zurück-
haltender zu sein, je mehr sich die Haft der zu erwartenden Freiheitsstrafe
nähert; dabei ist jedoch nicht das Verhältnis der erstandenen Haftdauer zur
zu erwartenden Freiheitsstrafe als solches entscheidend, sondern es ist viel-
mehr auf die Umstände des Einzelfalls abzustellen (BGE 145 IV 179 E. 3.5).
Strafprozessuale Haft darf sodann nur als letztes Mittel angeordnet oder auf-
rechterhalten werden. Wo sie durch weniger einschneidende Massnahmen
ersetzt werden kann, muss von ihrer Anordnung oder Fortdauer abgesehen
und an ihrer Stelle eine solche Ersatzmassnahme verfügt werden (Art. 212
Abs. 2 lit. c i.V.m. Art. 237 f. StPO; vgl. BGE 145 IV 503 E. 3.1; 142 IV 367
E. 2.1; 140 IV 74 E. 2.2). Zwar können mildere Ersatzmassnahmen für Haft
geeignet sein, einer gewissen niederschwelligen Fluchtneigung ausreichend
Rechnung zu tragen. Bei ausgeprägter Fluchtgefahr erweisen sich Ersatz-
massnahmen jedoch regelmässig als nicht ausreichend (vgl. BGE 145 IV
503 E. 3.2 f.; zuletzt u.a. Urteil des Bundesgerichts 1B_470/2022 vom
29. September 2022 E. 5.1).
8.2 Die Vorinstanz erwog in ihrem letzten Entscheid KZM 22 1171 vom 21. Ok-
tober 2022 (E. 8), mit Verweis auf die Ausführungen in ihrem Entscheid vom
19. Oktober 2022 seien geeignete Ersatzmassnahmen angesichts der aus-
geprägten Fluchtgefahr im Lichte der konstanten bundesgerichtlichen Recht-
sprechung zurzeit keine ersichtlich. Angesichts der Handlungen, deren der
Beschwerdeführer verdächtigt werde, drohe ihm trotz einer Untersuchungs-
haft von 72 Monaten im Falle einer Verlängerung noch keine Überhaft. Die
von der Beschwerdegegnerin beantragte Verlängerung der Untersuchungs-
haft von 3 Monaten sei demnach noch als verhältnismässig einzustufen,
auch unter Berücksichtigung des Beschleunigungsgebots mit Blick auf die
vorgesehenen Verfahrenshandlungen. Zurzeit habe die Beschwerdegegne-
rin über die umfangreichen Beweisanträge der Parteien im Rahmen von
- 25 -
Art. 318 StPO zu befinden. Das Vorverfahren sollte demnach kurz vor dem
Abschluss stehen. Überdies stehe der vollständige Vollzug der Rechtshil-
feersuchen weiterhin aus, wobei gemäss der Beschwerdegegnerin im Ver-
laufe der nächsten Wochen zumindest mit einem Teil der ersuchten Doku-
mente und Informationen gerechnet werden könne. Trotz der Komplexität
des Verfahrens und dem damit einhergehenden Aufwand sei die Beschwer-
degegnerin weiterhin gehalten, die weiteren Schritte mit der gebotenen Ge-
schwindigkeit voranzutreiben.
8.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, der Fluchtgefahr könne mit den Er-
satzmassnahmen, die er vorschlage, ausreichend begegnet werden. Der
Umstand, dass ihn die Beschwerdegegnerin auf die Möglichkeit des vorzei-
tigen Strafvollzugs hinweise, zeige, dass andere Massnahmen existierten,
welche die Untersuchungshaft ersetzen könnten. Die Vorinstanz lege nicht
dar, inwiefern er eine längere Strafe zu gewärtigen habe als die erstandene
Untersuchungshaft. Das Beschleunigungsgebot sei verletzt (BH.2022.13,
act. 1 S. 16 ff.; BH.2022.14, act. 1 S. 16 ff.).
8.4 Der Beschwerdeführer wurde am 26. Januar 2017 festgenommen und
am 28. Januar 2017 in Untersuchungshaft versetzt. Mit deren durch die Vor-
instanz angeordneten Verlängerung bis zum 25. Januar 2023 ergäbe sich
eine Gesamtdauer von sechs Jahren. Im Falle eines Schuldspruchs kann
eine Freiheitsstrafe von bis zu 20 Jahren verhängt werden (vgl. vorn
E. 7.4.1). Damit droht noch keine Überhaft. Vorliegend ist, wie ausgeführt
(vgl. vorn E. 7.4), von einer ausgeprägten Fluchtgefahr auszugehen. Der Be-
schwerdeführer legt nicht dar, wieso die Auflage, sich nur in einem bestimm-
ten Haus aufzuhalten, sich regelmässig bei einer Amtsstelle zu melden
und/oder die elektronische Überwachung allein oder kombiniert ausnahms-
weise geeignet sein sollten, der bestehenden Fluchtgefahr zu begegnen.
Solches ist auch nicht ersichtlich. Andere Ersatzmassnahmen nach Art. 237
StPO, welche die Fluchtgefahr hinreichend bannen könnten, sind unter den
gegebenen Umständen ebenfalls nicht erkennbar. Soweit der Beschwerde-
führer beantragt, in einer geschlossenen Anstalt mit strafvollzugsähnlichem
Regime untergebracht zu werden, ist er – wie schon von der Vorinstanz –
darauf hinzuweisen, dass es ihm jederzeit frei steht, bei der Verfahrenslei-
tung ein Gesuch um Versetzung in den vorzeitigen Strafvollzug zu stellen
(Art. 236 StPO). Dass es zu für die Haftfrage massgeblichen Verzögerungen
bei der Strafuntersuchung gekommen wäre, ist angesichts der Komplexität
des vorliegenden Falles nicht ersichtlich. Die Beschwerdegegnerin hat in ih-
rer Beschwerdeantwort vom 7. November 2022 bekräftigt, dass sie eine An-
klage bis 25. Januar 2023 anstrebt, unter Vorbehalt insbesondere des Ent-
scheids über die Beweisanträge der Parteien im Rahmen von Art. 318 StPO.
- 26 -
8.5 Schliesslich ist auf das Vorbringen des Beschwerdeführers einzugehen, die
Haftbedingungen gefährdeten seine Gesundheit. In seiner schriftlichen Er-
klärung führt der Beschwerdeführer aus, er bestätige, dass seine Gesundheit
stark beeinträchtigt worden sei, sowohl physisch als auch psychisch, durch
die Haftbedingungen, unter denen er mehr als fünfeinhalb Jahre lang festge-
halten worden sei, insbesondere während der Inhaftierung in X./BE. Er habe
um eine medizinische Untersuchung seines Zustands gebeten, damit geeig-
nete Massnahmen ergriffen werden könnten, aber die Beschwerdegegnerin
sei seiner Bitte nicht nachgekommen. Sie habe nur gewollt, dass er die Ge-
fängnisärzte zu Gunsten der Beschwerdegegnerin von der ärztlichen
Schweigepflicht entbinde, was weder legitim noch nützlich gewesen sei, um
die von ihm angeprangerte Situation zu verbessern (SV.17.0026 pag. 13-
001-1454 [Beilage 6 zum Haftverlängerungsantrag vom 20. Oktober 2022,
KZM 22 1171]). In seiner Beschwerde vom 31. Oktober 2022 bringt der Be-
schwerdeführer vor, die in seinem Schreiben vom 15. Juni 2022 an die Be-
schwerdegegnerin zitierten medizinischen Berichte legten die schweren
Konsequenzen dar, welche Isolationshaft bei Häftlingen dauerhaft hervor-
rufe, sowohl physischer als auch auf psychischer Art, ab einer Dauer von
14 Tagen. Ein medizinisches Gutachten über den Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers, das er verlangt habe, sei noch von keiner Behörde an-
geordnet worden (BH.2022.13, act. 1 S. 10). Das Schreiben des Beschwer-
deführers vom 15. Juni 2022 liegt ohne Beilagen in den Haftakten. Der Be-
schwerdeführer lässt darin zahlreiche Dokumente über Haftbedingungen
und deren Folgen anführen, die sich jedoch nicht auf die konkrete und aktu-
elle Situation des Beschwerdeführers zu beziehen scheinen (KZM 22 1132,
nicht paginiert). Auf die Frage der Gerichtspräsidentin anlässlich der Ver-
handlung vom 17. Oktober 2022, wie es ihm gehe, antwortete der Beschwer-
deführer, er sei okay. Seine Gesundheit sei auch in Ordnung (Protokoll vom
17. Oktober 2022, KZM 22 1132, nicht paginiert). Die Vorinstanz erwog, es
seien keine Anhaltspunkte für schwere psychische bzw. physische Schäden
beim Beschwerdeführer infolge Konventionsverletzungen beim Beschwer-
deführer erkennbar, die eine Intervention seitens der Vorinstanz erforderlich
machen würden (Schriftliche Begründung vom 19. Oktober 2022, KZM 22
1132, nicht paginiert). Aufgrund der vorliegenden Akten besteht kein Anlass
anzunehmen, dass die gesundheitlichen Auswirkungen des dem Beschwer-
deführer auferlegten Haftregimes unzumutbar wären.
8.6 Nach dem Gesagten ist die Haft nach wie vor als verhältnismässig anzuse-
hen.
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9. Die Abweisung des Haftentlassungsgesuchs und die Verlängerung der Un-
tersuchungshaft sind aufgrund der vorangehenden Erwägungen wegen drin-
genden Tatverdachts, bestehender Fluchtgefahr sowie gegebener Verhält-
nismässigkeit zu bestätigen. Die Beschwerden vom 31. Oktober 2022 und
14. November 2022 sind abzuweisen.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer ersucht für die vorliegenden Verfahren um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Bestellung des Rechtsanwalts
Philippe Currat als amtlicher Verteidiger (BP.2022.70, act. 1; BP.2022.75,
act. 1).
10.2 Über die Gewährung des Rechts auf unentgeltliche Rechtspflege im vor ihr
geführten Beschwerdeverfahren entscheidet die Beschwerdekammer selbst.
Eine in der Strafuntersuchung eingesetzte amtliche Verteidigung wirkt im
Haftbeschwerdeverfahren – jedenfalls wenn die beschuldigte Person be-
schwerdeführende Partei ist – nicht automatisch als unentgeltlicher Rechts-
beistand mit und zwar auch dann nicht, wenn die beschuldigte Person im
Hauptverfahren notwendig verteidigt werden muss. Die unentgeltliche
Rechtspflege kann bei Haftbeschwerden von der Nichtaussichtslosigkeit des
konkret verfolgten Prozessziels abhängig gemacht werden. Als aussichtslos
sind Begehren anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich ge-
ringer sind als die Verlustgefahren und die deshalb kaum als ernsthaft be-
zeichnet werden können. Dagegen gilt ein Begehren nicht als aussichtslos,
wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr die Waage hal-
ten oder jene nur wenig geringer sind als diese. Bei Haftbeschwerden ist
Aussichtslosigkeit mit Zurückhaltung anzunehmen (vgl. Beschluss des Bun-
desstrafgerichts BH.2018.5 vom 28. August 2018 E. 9.2 m.w.H.).
10.3 Wie die vorstehenden Erwägungen aufzeigen, stehen die angefochtenen
Entscheide im Einklang mit der ständigen Rechtsprechung und den beste-
henden anerkannten Grundsätzen im Untersuchungshaftrecht. Der drin-
gende Tatverdacht, die Fluchtgefahr sowie die Verhältnismässigkeit sind klar
zu bejahen. Die erhobenen Rügen zielten damit von Anfang an ins Leere.
Damit mangelt es an einer materiellen Voraussetzung für die unentgeltliche
Rechtspflege. Die entsprechenden Gesuche des Beschwerdeführers sind
unbesehen seiner finanziellen Verhältnisse abzuweisen.
11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer die Gerichts-
kosten zu tragen (vgl. Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Gerichtsgebühr ist auf
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Fr. 3'000.-- festzusetzen (Art. 73 StBOG i.V.m. Art. 5 und Art. 8 Abs. 1
BStKR).
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