Decision ID: 07995a79-5134-4e96-ac08-4892ce924e1c
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalts abkläre, nachdem sich diese ihr gegenüber zu keinem
Zeitpunkt in diesem Sinne geäussert habe. Gemäss rechtskräftigem Urteil
vom 16. Dezember 2019 betrage das Valideneinkommen CHF 49'314.05;
ein Einkommen, das die Beschwerdeführerin mit ihrer späteren körperlich
anspruchsvollen Tätigkeit als Hauswartin bei weitem überschritten habe,
weshalb ein Anspruch ihr gegenüber ohnehin ausgeschlossen sei.
6.3. Mit Schreiben vom 9. Februar 2021 teilte die Beschwerdegegnerin 1 mit,
dass sie gegen die von der Beschwerdeführerin vorgeschlagene
Gutachtensperson keine Einwände habe. Alternativ schlug sie Dr. med.
Z._, Orthopädische Chirurgie FMH, zertifizierter Gutachter SIM,
AO._ Spital, oder Dr. med. AA._, FMH Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie, Zentrum für Orthopädie & Neurochirurgie, AB._,
vor.
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6.4. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 9. März 2021 gab die
Instruktionsrichterin bekannt, dass sich Prof. Dr. U._, Kantonsspital
AN._, zur Erstellung des Gutachtens in Zusammenarbeit mit dem
Assistenzarzt pract. med. AC._ bereit erklärt habe. Gleichzeitig räumte
sie den Parteien die Möglichkeit ein, vor der definitiven Auftragserteilung,
allfällige Ausstands- oder Ablehnungsgründe betreffend den
vorgeschlagenen Gutachter bzw. den Assistenzarzt geltend zu machen
sowie zum beigelegten Fragenkatalog Stellung zu nehmen und allfällige
Ergänzungsfragen einzureichen. Die Beschwerdeführerin (mit
Ergänzungsantrag zu Frage Ziff. 6 betreffend den natürlichen
Kausalzusammenhang) und die Beschwerdegegnerin 2 (mit Antrag auf
Weglassen der Kurzübersicht zur Vorgeschichte, Unzulässigkeit der Frage
Ziff. 6.2 mangels Rückfallmeldung, verschiedenen Ergänzungsfragen und
Hinweisen auf einen Krankheitszustand vor dem Unfall 2010 sowie auf die
Verteilung bzw. Tragung der Gutachtenskosten) reichten je mit Schreiben
vom 25. März 2021, die Beschwerdegegnerin 1 (mit Antrag auf Streichung
der Fragen Ziffern 7-9 und Ergänzungen/Anpassungen der Fragen Ziffern
6.1.1, 6.1.2, 7.1, 8 und 9) mit Schreiben vom 29. März 2021 ihre
Stellungnahmen ein. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 16. April 2021
bereinigte die Instruktionsrichterin den Fragenkatalog und stellte den
Parteien die definitive Fassung zu.
6.5. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 30. April 2021 erteilte die
Instruktionsrichterin Prof. Dr. med. U._, unter Hinweis auf Art. 307 des
Schweizerischen Strafgesetzbuches (SR 311 [StGB]; Strafbarkeit der
Abgabe eines falschen Gutachtens), den Auftrag zur Erstellung eines
orthopädischen Gerichtsgutachtens.
7. Das monodisziplinäre Gerichtsgutachten von Prof. Dr. med. U._/pract.
med. AC._ wurde am 30. Dezember 2021 ausgestellt.
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7.1. Die Gutachter stellten folgende fachspezifische Diagnosen mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit (S. 29):
- St.n. Implantation anatomische Schultertotalprothese links am
16.10.2018 (Dr. S._) mit postoperativer transienter Neuropraxie
N. axillaris, N. musculocutaneus und N. medianus links bei
- posttraumatischer fortgeschrittener Omarthrose links, ED 06/2015
(Dr. AI._)
- St.n. SAS links mit anterokaudaler Schulterstabilisation,
subacromialer Dekompression vom 13.02.2013 (Dr. O._) bei
- St.n. Schulterkontusion mit Schulter(sub)luxation und spontaner
Reposition links anlässlich Auffahrtrauma vom 12.05.2010
- Depression.
Zum Vorzustand legten die Gutachter dar, dass zum Zeitpunkt des Unfalls
vom 9. Dezember 2017 eine fortgeschrittene Omarthrose bestanden habe,
die erstmals im September 2013 MR-tomographisch beschrieben worden
war, in der MR-Untersuchung vom Juni 2012 und somit vor der
Schulterarthroskopie noch nicht bestanden hatte. Die Omarthrose sei
überwiegend wahrscheinlich in der Zeit zwischen 2010 und 2013
aufgetreten, weshalb die Gutachter unfallfremde Faktoren verneinten. Die
Omarthrose sei überwiegend wahrscheinlich Folge des Unfalls vom 12. Mai
2010 bzw. der Operation vom 13. Februar 2013. Auf die Frage nach dem
natürlichen Kausalzusammenhang legten sie dar, dass die Omarthrose als
Hauptursache der Beschwerden eher unwahrscheinlich kausal (im Sinne
von Hauptursache) mit dem Unfall vom 9. Dezember 2017 sei. Die dabei
erlittene Kontusion/Distorsion habe höchstwahrscheinlich zu einer
Aktivierung der vorbestehenden Omarthrose und somit zu einer
richtunggebenden Verschlechterung geführt. Sie bejahten eine
Teilkausalität von ungefähr 20 % und erachteten den Status quo sine als
am 31. August 2018 wahrscheinlich noch nicht eingetreten. Bei der
Omarthrose handle es sich überwiegend wahrscheinlich um Spätfolgen des
Unfalls vom 12. Mai 2010 bzw. der Operation vom 13. Februar 2013.
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Brückensymptome seien gegeben. Als Endzustand lasse sich
anamnestisch der August 2020 evaluieren. Die Arbeitsfähigkeit für eine
angepasste Tätigkeit (Bürotätigkeiten/kommunikative Arbeiten ohne
Belastung der linken Schulter) bezifferten die Gutachter auf 100 %,
diejenige für die (nicht leidensangepasste) Tätigkeit als
Hauswartin/Verkäuferin auf 0 %. Den Integritätsschaden gemäss Anhang 3
der UVV/SUVA-Tabellen legten sie bei 25 % fest.
7.2. Mit Stellungnahme vom 27. Januar 2022 hielt die Beschwerdegegnerin 2
fest, das Gutachten bestätige, dass höchstens eine Omarthrose auf den
Unfall vom 12. Mai 2010 zurückzuführen sein könnte. Diese (als Spätfolge
des Unfalls) habe sie bereits mit der Zusprechung einer
Integritätsentschädigung von 20 % mittels Verfügung vom 21. Juli 2017
berücksichtigt, womit dieser Gesundheitsschaden zu keinen weiteren
Ansprüchen ihr gegenüber führe. Die seit August 2015 bestehende und
auch von Dr. med. P._ bestätigte, unfallfremde Depression (mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit) sei nicht in die gutachterliche
Beurteilung eingeflossen, zudem sei widersprüchlich, dass trotz dieser
Diagnose unfallfremde Faktoren verneint würden. Weiter führte die
Beschwerdegegnerin 2 aus, wenn der Gutachter das Entstehen der
Omarthrose auf die Zeit zwischen 2010 und 2013 zurückführe, weil vor dem
Unfall vom 12. Mai 2010 keine Schulterbeschwerden bestanden hätten, so
bediene er sich der unzulässigen Beweismaxime "post hoc, ergo propter
hoc". Offensichtlich lasse sich die Ursache der Omarthrose retrospektiv
nicht evaluieren. Ferner bemängelte die Beschwerdegegnerin 2 auch, dass
die Versicherte eine ihrem Gesundheitszustand nicht angepasste Tätigkeit
angenommen und damit ihre Schadenminderungspflicht verletzt habe. Für
eine allfällige Verschlimmerung des Gesundheitszustands müsse sie nicht
aufkommen. Im Übrigen enthalte das Gutachten verschiedene
Inkonsistenzen zur Belastbarkeit und den geschilderten Tätigkeiten in
Haushalt und Sport.
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7.3. Die Beschwerdeführerin erachtete das Gerichtsgutachten in ihrer
Stellungnahme vom 28. Januar 2022 als beweiskräftig. Sie wies darauf hin,
dass entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin 1 am 31. August 2018
noch kein Status quo erreicht gewesen sei. Angesichts der Mitverursachung
der Gesundheitsschädigung durch die bei den Beschwerdegegnerinnen
versicherten Unfälle würden Leistungsansprüche bestehen, für deren
Erbringung gestützt auf Art. 102a UVV (Vorleistungspflicht) und Art. 100
Abs. 4 und Abs. 5 UVV (Leistungspflicht bei mehreren Unfallereignissen)
die Beschwerdegegnerin 1 zuständig sei. Die Beschwerdeführerin habe im
Rahmen einer durch die Invalidenversicherung finanzierten Umschulung im
Dezember 2021 das Diplom als Sachbearbeiterin
Immobilienbewirtschaftung erlangt und befinde sich weiter in der
Umschulung zur Erlangung eines Handelsdiploms. Die
Invalidenversicherung habe dafür ab dem 16. April 2021 bis zum 31. August
2021 Invalidentaggelder ausgerichtet, aktuell richte sie seit dem 1. Februar
2022 erneut Taggelder aus. Da der Rentenanspruch erst nach der
Umschulung beurteilt werden könne, habe die Beschwerdeführerin vorerst
Anspruch auf Taggelder der Unfallversicherung.
7.4. Mit Stellungnahme vom 24. Februar 2022 beantragte die
Beschwerdegegnerin 1, auf das Gerichtsgutachten sei nicht abzustellen
und es sei gestützt auf die eingereichte medizinische Stellungnahme von
Dr. med. AD._, Facharzt Orthopädische Chirurgie, vom 28. Januar
2022 die Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin 1 mangels natürlicher
Kausalität zu verneinen. Eventualiter sei ein gerichtliches Obergutachten
einzuholen, subeventualiter seien die gesetzlichen Leistungen zu 20 % dem
von ihr zu vertretenden Unfallereignis vom 9. Dezember 2017 aufzuerlegen.
Das Gutachten habe formale Mängel, insbesondere würde die Aktenlage
unvollständig dargestellt, beispielsweise bezüglich Schmerzmittelkonsum
und Funktionseinschränkungen, und es würden Anamnese und subjektive
Angaben vermischt. Zudem sei das Gutachten auch nicht schlüssig. Die
Aussage, der Unfall 2017 sei für die nach dem 31. August 2018
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aufgetretenen Beschwerden eher unwahrscheinlich kausal, sei zur
Aussage, der Unfall habe zu einer richtunggebenden Verschlechterung der
vorbestehenden Klink geführt, widersprüchlich. Darüber hinaus entbehre
die Postulierung einer richtunggebenden Verschlimmerung einer
schlüssigen Grundlage, zumal die Beschwerdeführerin nach dem Unfall
2017 nicht mehr Schmerzmittel einnehmen musste als vorher, ihr in den
Monaten nach dem Unfall keine schulterbedingte Arbeitsunfähigkeit
attestiert worden war, für die Zeit nach dem Unfall 2017 keine
Funktionseinschränkung, die über die davor festgestellten erheblichen
Funktionseinschränkungen hinausgingen, dokumentiert seien, und zumal
der Unfall 2017 auch keine strukturellen Schädigungen bewirkt habe. Sie
widerspreche u.a. auch der Aussage, dass bei einer so fortgeschrittenen
Omarthrose der Zeitpunkt zur Prothesenoperation sehr wahrscheinlich
früher oder später eingetroffen wäre. Der von ihr konsultierte Dr. med.
AD._ teile die Schlüsse der Gutachter nicht; nach dessen Ansicht habe
der Unfall 2017 nicht zu einer richtunggebenden Verschlimmerung geführt,
zumal sich aus den Akten keine Grundlage für die Annahme ergebe,
wonach der Unfall die vorbestehende Omarthrose aktiviert habe. Der Begriff
der Aktivierung entspreche einer nachweisbaren strukturellen Schädigung,
die entzündliche Veränderungen des Gelenks und/oder des subchondralen
Knochens (Knochenmarködem) beinhalte und vorliegend im MRI neun
Monate nach dem Ereignis nicht zu erkennen sei, womit eine Aktivierung
der Omarthrose nie eingetreten sei oder spätestens zu jenem Zeitpunkt
abgeheilt gewesen wäre. Dies sei wenig wahrscheinlich, weil sich dadurch
eine Verbesserung der Beschwerden eingestellt hätte. Die Indikation zur
endoprothetischen Versorgung sei bereits über ein Jahr vor dem Unfall
2017 von zwei unabhängigen Ärzten festgestellt worden; gemäss Dr. med.
AD._ hätte jedes denkbare äussere Ereignis oder auch jeder innere
Anlass ohne Zweifel und zur gleichen Zeit zur schulterprothetischen
Versorgung geführt. Mit den aufgezeigten Mängeln sowie den Aussagen
von Dr. med. AD._ lägen triftige Gründe vor, die ein Abweichen von
der gerichtsgutachterlichen Postulierung einer richtunggebenden
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Verschlimmerung durch den Unfall 2017 rechtfertigten. Sollte das Gericht
die natürliche Kausalität nicht bereits aufgrund der Stellungnahme von
Dr. med. AD._ verneinen, so sei ein Oberexperte zur Überprüfung der
Kausalitätsüberlegungen des Gerichtsgutachters zu beauftragen. Im Falle
der Bejahung eines natürlichen Kausalzusammenhangs seien allfällig neu
zugesprochene Dauerleistungen im Innenverhältnis gestützt auf Art. 100
Abs. 5 UVV und anhand der gutachterlichen Gewichtung der
Kausalitätsanteile im Verhältnis 20 % (Unfall 2017) zu 80 % (Unfall 2010)
zu verteilen. Die Gutachter hätten das Erreichen des Endzustands per
August 2020 festgelegt, bis dahin sei der Anspruch auf UVG-Taggelder zu
prüfen.
7.5. Mit Schreiben vom 6. April 2022 äusserte sich die Beschwerdeführerin
eingehend zu den Stellungnahmen der Beschwerdegegnerinnen. Vorerst
beanstandete sie die Einreichung des versicherungsmedizinischen Berichts
von Dr. med. AD._ nach Eintritt der Rechtshängigkeit des
Beschwerdeverfahrens. Die Stellungnahme der Beschwerdegegnerin 2
erachtete die Beschwerdeführerin als widersprüchlich und deren Einwände
weder geeignet, Zweifel an der gutachterlichen Einschätzung zu begründen
noch deren Leistungspflicht in Frage zu stellen. Die formale Kritik der
Beschwerdegegnerin 1 am Gerichtsgutachten wies die Beschwerdeführerin
zurück. Die Ausführungen der Gerichtsgutachter, welche die Omarthrose
als Hauptursache für die Operation und die bestehenden Beschwerden und
den Unfall 2017 als teilkausal-mitursächlich beurteilten, seien sehr
differenziert und von grossem Sachverstand in
unfallversicherungsrechtlicher Hinsicht getragen. Diese begründeten
schlüssig und nachvollziehbar, dass der Unfall 2017 den gesundheitlichen
Verlauf beschleunigt habe und somit mitursächlich für die
Behandlungsnotwendigkeiten (inkl. Prothesenimplantation) sei,
unabhängig davon, dass früher oder später allenfalls eine
Operationsnotwendigkeit eingetreten wäre. Die von der
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Beschwerdegegnerin 1 eingeholte Parteibeurteilung von Dr. med.
AD._ vermöge das Gerichtsgutachten nicht zu entkräften.
8. Gemäss den IV-Akten meldete sich die Beschwerdeführerin am 22. Oktober
2018 aufgrund einer Erschöpfungsdepression bei der IV-Stelle Graubünden
(nachfolgend IV-Stelle) zum Bezug von Leistungen an. Gemäss
Arbeitsunfähigkeitszeugnis des behandelnden Psychiaters, Dr. med.
AE._, vom 11. Februar 2019 lag eine Anpassungsstörung mit
ausgeprägten angstbetonten funktionell-vegetativen Symptomen und einer
depressiven Episode bei habituell biografisch-traumatogener
Strukturvulnerabilität (u.a. mit erhöhter emotionaler Verletzungssensitivität)
vor. Seit dem 7. Mai 2018 bestand deswegen eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit. Gemäss Bericht von Dr. med. S._ vom 29. April
2019 zeigte sich bei der Versicherten, nach deutlicher Einschränkung in den
ersten postoperativen Monaten, ein erfreulicher Verlauf. In der Folge holte
die IV-Stelle ein polydisziplinäres Gutachten ein, das am 23. August 2020
erstattet wurde (in den Fachdisziplinen allgemeine Innere Medizin,
Psychiatrie, Neuropsychologie, Orthopädie und EFL). Demnach wurde
folgender Gesundheitszustand diagnostiziert: Schmerzhafte
Funktionseinschränkung (ICD: M25.81) der linken Schulter mit/bei - St.n.
fortgeschrittener Omarthrose (ICD: M19.21) links mit/bei: - St.n.
Arthroskopie Schulter links mit anterocaudaler Schulterstabilisation,
subacromialer Dekompression vom 13. Februar 2013 - St.n. Implantation
anatomische Schulter Totalprothese links (Tornier Wright Ascend Flex,
Schaft 2C, Kopf 46/17/4. Perform Glenoid S40, Optipac Zement),
transossäre Naht Subscapularis, Bizepstenodese am 16. Oktober 2018,
sowie leichtgradig depressive Episode (ICD-10: F32.00). Die
Arbeitsfähigkeit im angestammten Beruf als Hausabwartin wurde als aus
orthopädischer (100 %) und psychiatrischer (20 %) Sicht nicht mehr
zumutbar erachtet und die Arbeitsunfähigkeit ab dem 7. Mai 2018 auf 100 %
geschätzt. In einem leidensadaptierten Beruf betrage die Arbeitsunfähigkeit
20 % (aus orthopädischer und psychiatrischer Sicht) ab dem 24. Juni 2020.
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Die IV-Stelle gewährte mit Mitteilung vom 28. Oktober 2020 Berufsberatung
und Abklärung der beruflichen Eingliederungsmöglichkeiten. In der Folge
begann die Beschwerdeführerin ab Januar 2021 einen
Wiedereingliederungsprozess mit Umschulung zur Sachbearbeiterin
Immobilienbewirtschafterin und eine Weiterbildung zur Erlangung des
Handelsdiploms, welches sie ihren Angaben zufolge voraussichtlich im
März 2023 erlangen wird.
9. Mit Verfügung vom 15. September 2022 schloss die Instruktionsrichterin
den Schriftenwechsel ab und forderte die anwaltlich vertretenen Parteien
auf, ihre Honorarnoten einzureichen.
10. Mit Schreiben vom 21. September 2022 gab der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin seinen Aufwand in den beiden (nunmehr vereinigten)
Verfahren bekannt.
Auf die weiteren Ausführungen in den angefochtenen
Einspracheentscheiden und in den Rechtsschriften wird, soweit
entscheidrelevant, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1.1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Einspracheentscheide
der Beschwerdegegnerin 1 vom 13. September 2019 (Unfall vom
9. Dezember 2017/B._; S 19 123; Akten der Beschwerdeführerin [Bf-
act.] 2, Akten der Beschwerdegegnerin 1 [Bg1-act.] 81) und der
Beschwerdegegnerin 2 vom 18. August 2020 (Unfall vom 12. Mai
2010/D._; S 20 107; Bf-act. 2, Akten der Beschwerdegegnerin 2 [Bg2-
act.] 186). Derartige Entscheide können gemäss Art. 1 Abs. 1 des
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Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) i.V.m.
Art. 56 Abs. 1 und Art. 58 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) beim
Versicherungsgericht desjenigen Kantons angefochten werden, in dem die
versicherte Person oder der Beschwerdeführer zur Zeit der
Beschwerdeerhebung Wohnsitz hat. Die Beschwerdeführerin hat Wohnsitz
in AF._, womit das Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden für
die Beurteilung der vorliegenden Beschwerden örtlich zuständig ist. Dessen
sachliche und funktionelle Zuständigkeit ergibt sich aus Art. 57 ATSG i.V.m.
Art. 49 Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG;
BR 370.100), wonach das Verwaltungsgericht als kantonales
Versicherungsgericht Beschwerden gegen Einspracheentscheide und
Verfügungen in Sozialversicherungssachen beurteilt, die gemäss
Bundesrecht der Beschwerde unterliegen. Mit Einspracheentscheid vom
13. September 2019 (S 19 123) und vom 18. August 2020 (S 20 107)
wiesen die Beschwerdegegnerinnen 1 und 2 die jeweilige Einsprache der
Beschwerdeführerin ab, womit taugliche Anfechtungsobjekte für ein
Verfahren vor dem streitberufenen Gericht vorliegen und die Zuständigkeit
des angerufenen Gerichts für die Beurteilung der vorliegenden Streitsache
zu bejahen ist. Als formelle und materielle Adressatin der angefochtenen
Einspracheentscheide ist die Beschwerdeführerin von diesen berührt und
sie weist ein schutzwürdiges Interesse an deren gerichtlichen Überprüfung
auf (Art. 59 ATSG).
1.2. Strittig ist, ob die Beschwerdegegnerin 1 oder die Beschwerdegegnerin 2
oder beide und in diesem Fall allenfalls, in welchem Verhältnis, für die
Behandlung der nach dem 31. August 2018 verbliebenen Beschwerden in
der linken Schulter und damit auch für die im Zusammenhang mit der
Schulterprothesenimplantation im Oktober 2018 stehenden Kosten
leistungspflichtig ist bzw. sind. Anfechtungsgegenstand ist dabei sowohl der
Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin 1 vom 13. September 2019
(S 19 123) und der Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin 2 vom
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18. August 2020 (S 20 107). Auszugehen ist vom Sachverhalt, der sich bis
zu diesen Zeitpunkten realisiert hat (BGE 142 V 337 E.3.2.2, BGE 131 V
402 E.2.1.2.1, Urteil des Bundesgerichts 9C_719/2020 vom 4. Januar 2022
E.3.2).
1.3. Nicht eingetreten werden kann auf die Rechtsbegehren der
Beschwerdeführerin, die dem Einspracheentscheid der
Beschwerdegegnerin 1 vom 13. September 2019 zugrundeliegende
Verfügung vom 27. März 2019 und die dem Einspracheentscheid der
Beschwerdegegnerin 2 vom 18. August 2020 zugrundeliegende Verfügung
vom 29. Mai 2020 sei ebenfalls aufzuheben, werden doch diese bereits mit
dem jeweils angefochtenen Einspracheentscheid hinfällig. Im Übrigen ist
jedoch auf die frist- und formgerecht eingereichten Beschwerden (Art. 60
und Art. 61 lit. b ATSG) einzutreten.
2. Bezüglich des anwendbaren Rechts ist zu beachten, dass am 1. Januar
2017 die revidierten Bestimmungen des UVG und der Verordnung über die
Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) in Kraft getreten sind. Gemäss
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September
2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem
Inkrafttreten ereignet haben (...), nach bisherigem Recht gewährt.
Vorliegend finden daher für die Fragen im Zusammenhang mit dem Unfall
vom 12. Mai 2010 grundsätzlich die bis zum 31. Dezember 2016 gültigen
Bestimmungen des UVG Anwendung, für diejenigen im Zusammenhang mit
dem Unfall vom 9. Dezember 2017 die revidierten Bestimmungen des UVG.
3. In beweisrechtlicher Hinsicht ist zunächst auf die Anträge der Parteien
einzugehen.
3.1. Die Beschwerdeführerin beantragte den Beizug der vollständigen Akten der
Beschwerdegegnerin 2 sowie die Einholung eines medizinischen
Gerichtsgutachtens zur Frage der Unfallkausalität, eventualiter (mit Hinweis
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auf das Urteil des Bundesgerichts 9C_207/2012 vom 3. Juli 2013 = BGE
139 V 349 E.5.4) könne auch lediglich ein Einigungsverfahren durchgeführt
werden, mit Festlegung des Fragenkatalogs und dannzumaliger
Rückweisung an die Beschwerdegegnerinnen zur Durchführung des
Gutachtens.
Mit Vernehmlassung vom 31. Oktober 2019 reichte die
Beschwerdegegnerin 2 sämtliche sie betreffenden Akten ein, womit der
entsprechende Antrag der Beschwerdeführerin gegenstandslos wurde.
Dem Antrag auf Einholung eines Gerichtsgutachtens wurde mit
verfahrensleitender Verfügung vom 30. April 2021 stattgegeben, die
Instruktionsrichterin beauftragte mit Verfügung vom 30. April 2021 (ohne
Durchführung eines Einigungsverfahrens) Prof. Dr. med. U._, das
entsprechende monodisziplinäre Gerichtsgutachten (in Zusammenarbeit
mit pract. med. AC._) zu verfassen, worauf das Gerichtsgutachten am
30. Dezember 2021 erstattet wurde.
3.2. Die Beschwerdegegnerin 2 beantragte die Einholung der Akten des
Sozialversicherungsgerichts Zürich. Da dieses, soweit ersichtlich, auf
dieselben medizinischen Akten abstellte, kann auf die Einholung dieser
gerichtlichen Verfahrensakten verzichtet werden. Weiter beantragte die
Beschwerdegegnerin 2 den Beizug des von der IV-Stelle eingeholten
polydisziplinären Gutachtens vom 23. August 2020. Im Januar 2021 edierte
die IV-Stelle sämtliche IV-Akten inkl. polydisziplinäres Gutachten vom
23. August 2020, womit diesem Antrag Genüge getan ist.
3.3. Auf den Eventualantrag der Beschwerdegegnerin 1 auf Einholung eines
Obergutachtens zur Überprüfung der Kausalitätsüberlegungen der
Gerichtsgutachter wird in Erwägung 5.5.9. eingegangen.
4. Gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG werden, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt, die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen,
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Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt. In diesen Fällen hat die
versicherte Person im Sinne von sogenannt kurzfristigen
Versicherungsleistungen u.a. Anspruch auf zweckmässige Behandlung der
Unfallfolgen (Art. 10 UVG; Heilbehandlung) und Taggelder, die den durch
die gesundheitliche Beeinträchtigung erlittenen Erwerbsausfall ausgleichen
sollen (Art. 16 UVG). Ist die versicherte Person infolge des Unfalls zu
mindestens 10 % invalid (Art. 8 ATSG), so hat sie Anspruch auf eine
Invalidenrente (sogenannt langfristige Leistung), sofern sich der Unfall vor
Erreichen des ordentlichen Rentenalters ereignet hat (Art. 18 Abs. 1 UVG),
und sofern von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte
Besserung des Gesundheitszustands zu erwarten ist und allfällige
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen
sind; mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die
Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG) (Wortlaut von Art. 18 UVG in
der Fassung vor dem 1. Januar 2017: Ist der Versicherte infolge des
Unfalles zu mindestens 10 % invalid [Art. 8 ATSG], so hat er Anspruch auf
eine Invalidenrente). Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine
dauernde erhebliche Schädigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Integrität, so hat sie auch Anspruch auf eine angemessene
Integritätsentschädigung (Art. 24 UVG) (sogenannt langfristige Leistung).
4.1. Die Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers setzt eine
Kausalität zwischen dem Unfall und der Gesundheitsschädigung sowie
deren Folgen voraus (Arbeitsunfähigkeit, Invalidität, Tod,
Integritätseinbusse, Hilflosigkeit), wobei es sich um einen natürlichen und
adäquaten Kausalzusammenhang handeln muss (BGE 147 V 161 E.3.1,
BGE 129 V 177 E.3.1; HÜRZELER/USINGER-EGGER, Einführung in das
schweizerische Unfallversicherungsrecht, Bern 2021, Rz. 221 f. und
Rz. 249 ff., RUMO-JUNGO/HOLZER, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, 4. Aufl., Zürich 2012, Art. 6, S. 53 ff.). Ursachen im
Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne
deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder
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nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten
gedacht werden kann (statt vieler: BGE 147 V 161 E.3.2). Entsprechend
dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen
Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass das Unfallereignis die
alleinige oder unmittelbare Ursache der gesundheitlichen Störungen und
Beschwerden ist; vielmehr genügt es, dass das Unfallereignis eine
Teilursache des Gesundheitsschadens ist (HÜRZELER/USINGER-EGGER,
a.a.O., Rz. 252; NABOLD, in: HÜRZELER/KIESER, Kommentar zum UVG, Bern
2018, Art. 6 Rz. 52), d.h. dass der Unfall nicht weggedacht werden kann,
ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele (BGE 147
V 161 E.3.2, BGE 129 V 177 E.3.1).
4.2. Ob ein natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist, stellt eine Tatfrage
dar, die mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit von der leistungsansprechenden
Person nachzuweisen ist, wobei die blosse Möglichkeit, dass ein solcher
besteht, den Beweisanforderungen nicht genügt (BGE 146 V 51 E.5.1,
BGE 129 V 177 E.3.1; HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 253, NABOLD,
a.a.O., Art. 6 Rz. 53). Nicht tauglich für den Beweis des natürlichen
Kausalzusammenhangs ist das Argument, die gesundheitlichen
Beeinträchtigungen seien erst nach dem Unfall aufgetreten und deshalb auf
das Unfallereignis zurückzuführen, d.h. die Beweismaxime "post hoc, ergo
propter hoc" ist unzulässig (BGE 119 V 335 E.2b/bb; Urteil des
Bundesgerichts 8C_241/2020 vom 29. Mai 2020 E.3; HÜRZELER/USINGER-
EGGER, a.a.O., Rz. 253, NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 53 Fn. 94).
4.3. Die Frage, ob ein bestimmter natürlicher Kausalzusammenhang adäquat
ist, stellt eine Rechtsfrage dar. Bei organisch objektiv ausgewiesenen
Unfallfolgen erfolgt eine einfache Adäquanzprüfung. Dabei spielt die
Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang ergebenden Leistungspflicht des Unfallversicherers
praktisch keine (selbständige) Rolle, da sich hier die adäquate weitgehend
- 28 -
mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 140 V 356 E.3.2; BGE 138 V 248
E.4; HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 271, NABOLD, a.a.O., Art. 6
Rz. 62 f.). Daher erfolgt in solchen Fällen grundsätzlich keine Eingrenzung
mittels der Adäquanzformel (HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 271).
4.4. Entfällt der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis
und dem Gesundheitsschaden gänzlich, so besteht keine Leistungspflicht
des Unfallversicherers mehr (HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 261,
NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 54). Klingt der Gesundheitsschaden infolge eines
Vorzustandes nicht ab, so kann sich der Unfallversicherer nur von einer
Leistungspflicht befreien, wenn der Unfall nicht mehr die natürliche und
adäquate Ursache darstellt, der Gesundheitsschaden also nur noch und
ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht (BGE 147 V 161 E.3.3
mit Hinweisen; HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 261). Dies trifft zu,
wenn entweder der "Status quo ante" – der Gesundheitszustand, wie er
unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat –, oder aber der "Status quo sine",
– der Zustand, wie er sich nach schicksalsmässigem Verlauf eines
krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt
hätte –, erreicht ist (BGE 147 V 161 E.3.3 mit Hinweisen; HÜRZELER/
USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 262 f., NABOLD, Art. 6 Rz. 54).
Trifft ein Unfall auf einen vorgeschädigten Körper und steht
medizinischerseits fest, dass weder der Status quo ante noch der Status
quo sine je wieder erreicht werden können, so handelt es sich nach der
Rechtsprechung um eine "richtunggebende Verschlimmerung" (Urteile des
Bundesgerichts 8C_421/2018 vom 28. August 2018 E.3.2, 8C_781/2017
vom 21. September 2018 E.5.1 und 8C_240/2016 vom 13. Juli 2016 E.3 in
fine; NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 54, RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., Art. 6,
S. 54, ACKERMANN, in: SCHAFFHAUSER/KIESER, Unfall und
Unfallversicherung, St. Gallen 2009, S. 39 f.). Solange der Status quo sine
vel ante nicht erreicht ist, hat der Unfallversicherer gestützt auf Art. 36
Abs. 1 UVG in aller Regel neben den Taggeldern auch Pflegeleistungen
- 29 -
und Kostenvergütungen zu übernehmen (Urteile des Bundesgerichts
8C_421/2018 vom 28. August 2018 E.3.2 und 8C_781/2017 vom
21. September 2018 E.5.1). Wird hingegen durch einen Unfall ein klinisch
stummer krankhafter Vorzustand aktiviert, wäre aber zu dessen Aktivierung
nicht unbedingt ein Unfallereignis notwendig gewesen, so spricht das
Bundesgericht von einer blossen Gelegenheits- oder Zufallsursache des
Gesundheitszustands, die keine Leistungspflicht der Unfallversicherung
nach sich zieht (Urteile des Bundesgerichts 8C_206/2022 vom 14. Juli 2022
E.2.3, 8C_287/2020 vom 27. April 2021 E.3.1 und 8C_669/2019 vom
25. März 2020 E.4.1; NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 55; ACKERMANN, in:
SCHAFFHAUSER/KIESER, Unfall und Unfallversicherung, St. Gallen 2009,
S. 38 f.).
4.5. Der Beweis, dass der einmal erstellte natürliche Kausalzusammenhang
weggefallen ist, obliegt dem Unfallversicherer (HÜRZELER/USINGER-EGGER,
a.a.O., Rz. 264). Der Beweis ist hauptsächlich mit Angaben medizinischer
Fachpersonen zu führen (Urteil des Bundesgerichts 8C_287/2020 vom
27. April 2021 E.3.1; NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 53); es gilt der Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O.,
Rz. 264). Diese Beweisgrundsätze gelten sowohl im Grundfall als auch bei
Rückfällen und Spätfolgen und sind für sämtliche Leistungsarten
massgebend (vgl. zum Ganzen: Urteile des Bundesgerichts 8C_734/2021
vom 8. Juli 2022 E.2.2.2, 8C_408/2019 vom 26. August 2019 E.3.2,
8C_93/2019 vom 23. August 2019 E.2.2 und 8C_17/2017 vom 4. April 2017
E.2.2; HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 264).
4.6. Ist der Unfall nur teilweise ursächlich für den Gesundheitsschaden, so führt
die Regelung von Art. 36 Abs. 1 UVG dazu, dass der Unfallversicherer
dennoch die ungekürzten sogenannt kurzfristigen Leistungen
(Heilbehandlung, Kostenvergütungen, Taggelder,
Hilflosenentschädigungen) schuldet (HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O.,
Rz. 261 und Rz. 292 [Durchbrechung des Kausalitätsprinzips bei diesen
- 30 -
Leistungen], NABOLD, a.a.O. Art. 36 Rz. 9). Eine angemessene Kürzung (als
Folge des Kausalitätsprinzips) der langfristigen Leistungen
(Invalidenrenten, Hinterlassenenrenten, Integritätsentschädigungen) erfolgt
unter bestimmten, sehr eingeschränkten Voraussetzungen, wenn der
Gesundheitsschaden teilweise durch mitwirkende unfallfremde Ursachen
herbeigeführt wurde (Art. 36 Abs. 2 UVG; HÜRZELER/USINGER-EGGER,
a.a.O., Rz. 292). Damit eine Kürzung der langfristigen Leistungen zulässig
ist, muss die auf die unfallfremden Ursachen zurückzuführende
Gesundheitsschädigung bereits vor dem Unfall zu einer Verminderung der
Erwerbsfähigkeit geführt haben (BGE 126 V 116 E.3, BGE 121 V 326 E.3c;
Urteil des Bundesgerichts 8C_337/2016 vom 7. Juli 2016 E.4.2.1; NABOLD,
a.a.O., Art. 36 Rz. 19 f., ACKERMANN, a.a.O., S. 36).
4.7. Gestützt auf Art. 11 UVV werden die Versicherungsleistungen durch die
Unfallversicherung auch für Rückfälle und Spätfolgen gewährt. Bei einem
Rückfall handelt es sich um das Wiederaufflackern einer vermeintlich
geheilten Gesundheitsschädigung; von Spätfolgen wird gesprochen, wenn
ein scheinbar geheiltes Leiden im Verlaufe längerer Zeit organische
Veränderungen bewirkt, die zu einem oft völlig anders gearteten
Krankheitsbild führen (BGE 118 V 293 E.2c; Urteile des Bundesgerichts
8C_589/2017 vom 21. Februar 2018 E.3.1.1, 8C_934/2014 vom 8. Januar
2016 E.3.2; HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 324; GEHRING, in:
GEHRING/KIESER/BOLLINGER, Kommentar KVG/UVG, Zürich 2018, Nr. 2
UVG, Art. 6, Rz. 26 f., NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 89). Voraussetzung für die
Ausrichtung von Versicherungsleistungen für Rückfälle und Spätfolgen ist,
dass zwischen den erneut geltend gemachten Beschwerden und der
seinerzeit beim versicherten Unfall erlittenen Gesundheitsschädigung ein
natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang besteht (BGE 118 V 293
E.2c; Urteil des Bundesgerichts 8C_421/2018 vom 28. August 2018 E.3.1;
NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 90, GEHRING, a.a.O., Nr. 2 UVG, Art. 6, Rz. 28).
Der Beweis für den Bestand des natürlichen Kausalzusammenhangs
obliegt dem/der Versicherten; je grösser der Abstand zwischen dem Unfall
- 31 -
und dem Auftreten der gesundheitlichen Beeinträchtigung ist, desto
strengere Anforderungen werden an den Wahrscheinlichkeitsbeweis
gestellt (Urteile des Bundesgerichts 8C_772/2019 vom 4. August 2020
E.3.2 und 8C_331/2015 vom 21. August 2015 E.2.2.2; NABOLD, a.a.O.,
Art. 36 Rz. 12; GEHRING, a.a.O., Nr. 2 UVG, Art. 6, Rz. 28). Bei
Beweislosigkeit fällt der Entscheid zu Lasten der versicherten Person aus
(Urteile 8C_589/2017 vom 21. Februar 2018 E.3.2.2 und 8C_331/2015 vom
21. August 2015 E.2.2.2). Werden durch einen Unfall Beschwerden
verursacht, übernimmt die Unfallversicherung den durch das Unfallereignis
verursachten Schaden, spätere Gesundheitsstörungen dagegen nur, wenn
eindeutige Brückensymptome gegeben sind (Urteile des Bundesgerichts
8C_589/2017 vom 21. Februar 2018 E.3.2.2, 8C_331/2015 vom 21. August
2015 E.2.2.2 und 8C_521/2011 vom 5. Dezember 2011 E.2.2.2).
Rückfall und Spätfolgen setzen in aller Regel voraus, dass die
Heilbehandlung nach dem Grundfall (rechtskräftig z.B. durch Ablauf der
Rechtsmittelfrist oder Zeitablauf nach einer formlosen Mitteilung)
abgeschlossen wurde (NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 91, GEHRING, a.a.O., Nr. 2
UVG, Art. 6 Rz. 31). Solange dies nicht der Fall ist, obliegt der
Kausalitätsnachweis nicht dem Versicherten, vielmehr hat der
Unfallversicherer den Wegfall des Kausalzusammenhangs nachzuweisen
(GEHRING, a.a.O., Nr. 2 UVG, Art. 6, Rz. 31).
4.8. Die Art. 77 UVG und Art. 99 ff. UVV regeln den Fall, dass mehrere
Unfallversicherer, bei denen die versicherte Person zugleich oder
hintereinander versichert ist bzw. war, für die Erbringung der Leistungen in
Frage kommen (HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 574;
Mehrfachträgerschaft). Die Leistungspflicht bei zeitlich nacheinander
eingetretenen Unfällen, für die verschiedene Versicherer zuständig sind, ist
in Art. 100 UVV geregelt (MOSIMANN, in: HÜRZELER/KIESER, a.a.O., Art. 77
Rz. 7 ff.); die Bestimmung umfasst den Fall, dass eine versicherte Person
verunfallt, während sie aufgrund eines früheren versicherten Unfalls noch
- 32 -
Anspruch auf Taggeld hat (Art. 100 Abs. 1 UVV) oder während sie aufgrund
eines früheren versicherten Unfalls noch in medizinischer Behandlung
steht, aber keinen Anspruch mehr auf ein Taggeld hat (Art. 100 Abs. 2
UVV). Ferner ist die Konstellation von Rückfällen und Spätfolgen aufgrund
mehrerer versicherter Unfälle normiert (Art. 100 Abs. 3 UVV). In den Fällen
nach Art. 100 Abs. 1-3 UVV, in denen der zweite bzw. der letzte Versicherer
leistungspflichtig ist, sind die anderen Versicherer dem leistungspflichtigen
Versicherer nicht zur Vergütung verpflichtet (Art. 100 Abs. 4 UVV). Art. 100
Abs. 5 UVV regelt die Frage der Leistungspflicht für eine Rente,
Integritätsentschädigung oder eine Hilflosenentschädigung, wenn diese
Folge mehrerer Unfälle sind (zum Ganzen: HÜRZELER/USINGER-EGGER,
a.a.O., Rz. 578).
4.9. Können sich mehrere Unfallversicherer nicht einigen, wer von ihnen für
Unfallfolgen leistungspflichtig ist, so kommt Art. 102a UVV (in Kraft seit
2017) zum Tragen (HÜRZELER/USINGER-EGGER, a.a.O., Rz. 579, MOSIMANN,
a.a.O., Art. 77 Rz. 13). Demnach hat derjenige Versicherer die Leistungen
im Sinne von Vorleistungen zu erbringen, der dem Auftreten der
Unfallfolgen in zeitlicher Hinsicht am nächsten ist. Art. 70 Abs. 1 ATSG
regelt hingegen die Vorleistungspflicht unter mehreren
Sozialversicherungen.
4.10. Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz
beherrscht (Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben
Versicherungsträger und Gericht von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Die Verwaltung als verfügende Instanz und im Beschwerdefall das Gericht
dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von
ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das
Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes
vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu
fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den
- 33 -
Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener
Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen
Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 144 V 427
E.3.2, BGE 138 V 218 E.6).
Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne der
Beweisführungslast begriffsnotwendig aus, da es Sache des
Sozialversicherungsgerichts (oder der verfügenden Verwaltungsstelle) ist,
für die Zusammentragung des Beweismaterials besorgt zu sein. Im
Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine
Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu
Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen
Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst
Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes auf Grund einer Beweiswürdigung einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat,
der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 144 V 427 E.3.2, BGE 138 V 218 E.6;
Urteil des Bundesgerichts 8C_17/2017 vom 4. April 2017 E.2.2).
4.11. Versicherungsträger und im Beschwerdefall das Gericht sind auf
verlässliche medizinische Entscheidungsgrundlagen angewiesen. Wie die
einzelnen Beweismittel zu würdigen sind, wurde in BGE 125 V 351 E.3
festgelegt. Demnach gilt für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Das heisst, Versicherungsträger und
Sozialversicherungsgerichte haben die Beweise frei, nämlich ohne Bindung
an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu
würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Gericht
alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu
prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine
zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten.
Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen
- 34 -
Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial
zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht
auf die andere medizinische These abstellt (zum Ganzen: BGE 143 V 124
E.2.2.2, BGE 134 V 231 E.5.1, BGE 125 V 351 E.3a; RUMO-JUNGO/HOLZER,
a.a.O., Art. 1, S. 6 f.).
4.12.1. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt,
in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet, und ob die Schlussfolgerungen des
Experten begründet sind (zum Ganzen: BGE 134 V 231 E.5.1, BGE 125 V
351 E.3a; RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., Art. 1, S. 6 f.). Ausschlaggebend
für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines
Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen
Inhalt (BGE 122 V 157 E.1c).
4.12.2. Dennoch hat es die Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen
medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen:
Was die Berichte und Gutachten versicherungsinterner Fachpersonen
betrifft, so kommt auch ihnen Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig
erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind
und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 351
E.3b/ee). Die Tatsache allein, dass die befragte Arztperson in einem
Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf
mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen. Es bedarf
vielmehr besonderer Umstände, die das Misstrauen in die Unparteilichkeit
- 35 -
der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen lassen. Im Hinblick auf
die erhebliche Bedeutung, die den Arztberichten im
Sozialversicherungsrecht zukommt, ist an die Unparteilichkeit des
Gutachters allerdings ein strenger Massstab anzulegen (zum Ganzen:
BGE 125 V 351 E.3b). Bestehen auch nur geringe Zweifel an der
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen
Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (vgl. BGE
145 V 97 E.8.5, BGE 142 V 58 E.5.1, BGE 139 V 225 E.5.2, BGE 135 V 465
E.4.3.2 und 4.4; Urteile 9C_168/2020 vom 17. März 2021 E.3.2 und
8C_679/2016 vom 7. Dezember 2016 E.2). Was Parteigutachten
anbelangt, rechtfertigt der Umstand allein, dass eine ärztliche
Stellungnahme von einer Partei eingeholt und in das Verfahren eingebracht
wird, nicht Zweifel an ihrem Beweiswert (BGE 125 V 351 E.3b/dd).
Nach der Praxis weicht das Gericht nicht ohne zwingende Gründe von der
Einschätzung von medizinischen Experten ab, deren Aufgabe es ist, ihre
Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen
bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum
Abweichen kann vorliegen, wenn das Gerichtsgutachten widersprüchlich ist
oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender
Weise zu anderen Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende Beurteilung
kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche
Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig genug
erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen,
sei es, dass es die Überprüfung durch eine/n Oberexpertin/en für angezeigt
hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Ergebnis des
Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V
351 E.3b/aa, BGE 122 V 157 E.1a-c, BGE 118 V 290 E.1b). Anspruch auf
ein Gerichtsgutachten besteht rechtsprechungsgemäss, wenn die
Abklärungsergebnisse aus dem Verwaltungsverfahren in rechtserheblichen
Punkten nicht ausreichend beweiswertig sind (BGE 143 V 269 E.6.2.3.2,
BGE 137 V 210 E.4.4.1.5; Urteile des Bundesgerichts 8C_80/2021 vom
- 36 -
7. Juli 2021 E.2.1, 8C_188/2020 vom 5. Mai 2020 E.2, 8C_187/2017 vom
11. August 2017 E.2.4 und 8C_348/2016 vom 9. Dezember 2016 E.2.4).
5. Im Nachfolgenden sind diese Grundsätze auf den vorliegenden Fall
anzuwenden.
5.1.1. Anfänglich anerkannten beide Beschwerdegegnerinnen ihre
Leistungspflicht nach UVG –, die Beschwerdegegnerin 2 für den Unfall vom
12. Mai 2010 bzw. die Schulteroperation vom 13. Februar 2013, die
Beschwerdegegnerin 1 für den Unfall vom 9. Dezember 2017 – und
erbrachten die diesbezüglichen gesetzlichen Leistungen. Damit entfällt die
einmal anerkannte Leistungspflicht der Unfallversicherer für den jeweiligen
Unfall erst, wenn der Unfall nicht mehr die natürliche und adäquate Ursache
des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also Letzterer nur noch und
ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht, mithin der Status quo
ante oder der Status quo sine erreicht ist (vgl. dazu Erwägung 4.4).
Im Einspracheentscheid vom 13. September 2019 (Bf-act. 2, Bg1-act. 81)
verneinte die Beschwerdegegnerin 1, dass die nach dem 31. August 2018
fortbestehenden Beschwerden, die zur Implantation der
Schultertotalprothese geführt hatten, auf den Unfall vom 9. Dezember 2017
zurückzuführen seien. Sie ging von einem Vorzustand aus dem Jahr 2013
bzw. einem Rückfall bezüglich des Unfalls aus dem Jahr 2010 aus, für den
die Beschwerdegegnerin 2 zuständig sei, weshalb sie den Fall auf den
Zeitpunkt 31. August 2018 hin abschloss.
5.1.2. Das Erreichen des (medizinischen) Endzustands (Fallabschluss) bedeutet
in erster Linie, dass von weiteren Behandlungen keine namhafte Besserung
zu erwarten ist, was eine zukünftige Verschlechterung und den Bezug von
Leistungen aus Rückfall/Spätfolgen nicht ausschliesst (BGE 144 V 245
E.5.5.5 und E.6.1). In Bezug auf den Unfall vom 12. Mai 2010 bzw. die
Schulteroperation vom 13. Februar 2013 wurde der Endzustand am
- 37 -
4. August 2016 erreicht, was das Sozialversicherungsgericht Zürich mit
rechtskräftigem Urteil vom 16. Dezember 2019 (Verfahren UV.2018.00203
E.5.1) bestätigte (auf Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 11.
Juli 2018 bzw. die Verfügung vom 21. Juli 2017 hin [Bg2-act. 136]). Die
Behauptung der Beschwerdegegnerin 2, der Fallabschluss sei angesichts
des Rückweisungsentscheids des Sozialversicherungsgerichts Zürich noch
nicht erfolgt, ist daher nicht zu hören. Für die Zeit nach der
Schulteroperation im Februar 2013 bis zum 9. November 2014 richtete die
Beschwerdegegnerin 2 weitere Taggelder aus und sprach eine
Integritätsentschädigung zu, was vorliegend nicht strittig ist; ein
Rentenanspruch wurde hingegen verneint. Der Grundfall selbst war damit
abgeschlossen und die Beschwerdegegnerin 2 hatte nach August 2016
keine Leistungen mehr zu erbringen (Taggelder, Heilbehandlung, Rente,
Integritätsentschädigung). Sofern die Beschwerdegegnerin 2 im
Zusammenhang mit dem Unfall vom Dezember 2017 leistungspflichtig
werden sollte, wäre dies nur dann der Fall, wenn für die Zeit nach
Fallabschluss am 4. August 2016 eine Verschlechterung des
Gesundheitszustands, mithin ein Rückfall oder Spätfolgen aus dem Unfall
2010 bzw. aus der Schulteroperation 2013 vorliegen würden. In diesem
Zusammenhang muss denn auch die Rückweisung der Sache seitens des
Sozialversicherungsgerichts Zürich gesehen werden (Urteil vom 16.
Dezember 2019 im Verfahren UV.2018.00203 E.6). Dieses verpflichtete die
Beschwerdegegnerin 2, weitere Abklärungen zu tätigen und ihre
Leistungspflicht bezüglich der nach dem Unfall vom 9. Dezember 2017
aufgetretenen Beschwerden zu prüfen. Die Beweispflicht für einen
natürlichen Kausalzusammenhang zwischen den erneut geltend
gemachten gesundheitlichen Beschwerden (Rückfall/Spätfolgen) und dem
Unfall 2010 bzw. der Operation 2013 oblag in diesem Fall der
Beschwerdeführerin (vgl. dazu Erwägung 4.7).
5.1.3. Ein Rückfall bzw. Spätfolgen können der Versicherung jederzeit gemeldet
werden (GEHRING, a.a.O., Nr. 2 UVG Art. 6 Rz. 25 mit Hinweis auf Urteil der
- 38 -
Cour de droit public Neuchâtel vom 9. Februar 2015, CPD.2014.13,
publiziert in: SVR 2016 UV Nr. 6). Auch wenn die Beschwerdegegnerin 2
behauptet, die Beschwerdeführerin habe ihr nie einen Rückfall und somit
eine Verschlechterung des Gesundheitszustands gemeldet, so erlangte sie
von den nach dem Unfall vom 9. Dezember 2017 aufgetretenen
gesundheitlichen Beschwerden unbestrittenermassen Kenntnis.
Ausgewiesen ist, dass die Beschwerdeführerin mit den Schreiben vom
17. September 2018 (Bg2-act. 140), vom 19. Oktober 2018 (Bg2-act. 142)
und vom 4. April 2019 (Bf-act. 5) an die Beschwerdegegnerin 2 auf das
erneute Ereignis bzw. auf den verschlechterten Gesundheitszustand
hinwies und dass in der Beschwerdeschrift der Beschwerdeführerin vom
10. September 2018 an das Sozialversicherungsgericht Zürich (Bg2-
act. 139) davon die Rede war. In ihrer Beschwerdeantwort im dortigen
Verfahren führte die Beschwerdegegnerin 2 aus, der geltend gemachte
Rückfall werde im Rahmen eines neuen Verwaltungsverfahrens zu prüfen
sein (Bg2-act. 141). Im Übrigen war in den auch der Beschwerdegegnerin 2
zugestellten Entscheiden der Beschwerdegegnerin 1 – Verfügung vom
27. März 2019 (Bg1-act. 66) bzw. Einspracheentscheid vom 13. September
2019 (Bg1-act. 81) –, mit der diese ihre Leistungspflicht (Heilbehandlungen
und Taggeldleistungen) per 31. August 2018 einstellte, von einem Rückfall
bzw. von der Notwendigkeit einer entsprechenden Anmeldung die Rede.
Der angeblich verspätete Zeitpunkt der Anmeldung kann der
Beschwerdeführerin somit nicht entgegengehalten werden.
5.1.4. Die Beschwerdegegnerin 2 zog in Folge des Urteils des
Sozialversicherungsgerichts Zürich vom 16. Dezember 2019 (Verfahren
UV.2018.00203) die Akten der Beschwerdegegnerin 1 bei und verneinte mit
Verfügung vom 29. Mai 2020 (Bg2-act. 183) bzw. Einspracheentscheid vom
18. August 2020 (Bg2-act. 186) ihre Leistungspflicht bezüglich des Unfalls
vom 9. Dezember 2017. Eigene medizinische Abklärungen nahm sie nicht
vor. Vielmehr stellte sie darauf ab, dass die Versicherte keine
Verschlechterung ihres Gesundheitszustands geltend gemacht habe, der
- 39 -
Fallabschluss per 4. August 2016 zu Recht erfolgt bzw. ein Rückfall
mangels Feststehens des Endzustands nicht zu prüfen und sie vom Unfall
vom 9. Dezember 2017 nicht betroffen sei. Geht man von einer gültigen
Rückfallmeldung aus (vgl. Erwägung 5.1.3), so ist fraglich, ob die
Beschwerdegegnerin 2 ihrer Untersuchungspflicht allein mit dem Beizug
der Akten der Beschwerdegegnerin 1 nachgekommen ist. Immerhin ist es
nach dem Untersuchungsgrundsatz Sache der verfügenden
Verwaltungsstelle, für die Zusammentragung des Beweismaterials besorgt
zu sein (BGE 117 V 261 E.3b, BGE 115 V 113 E.3d/bb; vgl. Erwägung 4.10).
Zwar ist die Beschwerdeführerin für das Vorliegen eines Rückfalls bzw. von
Spätfolgen beweispflichtig (vgl. Erwägung 4.7), doch hat sie die Folgen der
Beweislosigkeit nur dann zu tragen, wenn der Sachverhalt, aus dem sie
Leistungsansprüche ableitet (Rückfall/Spätfolgen), unbewiesen bleibt,
wenn es sich mithin als unmöglich erweist, im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat,
der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 138 V 218 E.6, BGE 117 V 261 E.3b,
BGE 115 V 142 E.8a; Urteil des Bundesgerichts 8C_17/2017 vom 4. April
2017 E.2.2, BGE 115 V 142 E.8a; vgl. Erwägungen 4.7 und 4.10).
5.2.1. In Bezug auf die Folgen aus dem Ereignis vom 9. Dezember 2017 erachtete
die Beschwerdegegnerin 1 den Status quo sine vel ante als am 31. August
2018 erreicht (Verfügung vom Verfügung vom 27. März 2019 bzw.
Einspracheentscheid vom 13. September 2019). Da der diesbezügliche
Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin 1 (Bg1-act. 81)
angefochten (Verfahren S 19 123) und somit nicht rechtskräftig ist, bleibt
die Beschwerdegegnerin 1 angesichts der ursprünglich anerkannten
Leistungspflicht für den Wegfall des Kausalzusammenhangs (Erreichen des
Status quo ante oder des Status quo sine) beweispflichtig (vgl. Erwägungen
4.5 und 4.7). Während also die Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin 1
für die Zeit zwischen dem Unfall und dem 31. August 2018 unbestritten ist,
- 40 -
muss sie für die Zeit ab dem 1. September 2018 und damit auch bezüglich
der Leistungen aus der Schulteroperation vom 16. Oktober 2018 geprüft
werden.
5.2.2. Im Zusammenhang mit den gesundheitlichen Beschwerden nach dem
Ereignis vom 9. Dezember 2017 unternahm die Beschwerdegegnerin 2,
trotz Abklärungs- bzw. Untersuchungspflicht und entsprechender
Anordnung seitens des Sozialversicherungsgerichts Zürich (Bg2-act. 168)
keinerlei medizinische Abklärungen hinsichtlich der Frage von
Rückfall/Spätfolgen, währenddem die Beschwerdegegnerin 1 zur Frage
ihrer Leistungspflicht bei Dr. med. T._ eine versicherungsmedizinische
Beurteilung einholte (Bf-act. 5, Bg1-act. 48, Bg2-act. 145). Im
angefochtenen Einspracheentscheid vom 18. August 2020 (in Bestätigung
der Verfügung vom 29. Mai 2020; Verfahren S 20 107) äusserte sich die
Beschwerdegegnerin 2 denn auch nicht zu den Voraussetzungen von
Rückfällen/Spätfolgen, vielmehr verhedderte sie sich in der
widersprüchlichen Behauptung, der Fallabschluss sei per August 2016
erfolgt bzw. der Grundfall sei noch nicht rechtskräftig abgeschlossen,
weshalb ein Rückfall nicht geprüft werden könne.
5.2.3. Sind die Abklärungsergebnisse aus dem Verwaltungsverfahren nicht
ausreichend beweiswertig (BGE 143 V 269 E.6.2.3.2, BGE 137 V 210
E.4.4.1.5; Urteile des Bundesgerichts 8C_80/2021 vom 7. Juli 2021 E.2.1,
8C_188/2020 vom 5. Mai 2020 E.2, 8C_187/2017 vom 11. August 2017
E.2.4 und 8C_348/2016 vom 9. Dezember 2016 E.2.4; vgl. Erwägung
4.12.2), obliegt es dem angerufenen Gericht in Beachtung des
Untersuchungsgrundsatzes, zunächst die strittige (Tat-)Frage des
Kausalzusammenhangs zwischen dem Gesundheitsschaden der
Beschwerdeführerin und dem Unfall vom 9. Dezember 2017 bzw. einem
allfälligen Rückfall oder Spätfolgen aus dem Unfall vom 12. Mai 2010 bzw.
der Schulteroperation vom 13. Februar 2013 zu beurteilen. Was den zu
berücksichtigenden Sachverhalt betrifft, ist der Zeitpunkt des
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Einspracheentscheids der Beschwerdegegnerin 1 vom 13. September
2019 (Unfall vom 9. Dezember 2017) bzw. des Einspracheentscheids der
Beschwerdegegnerin 2 vom 18. August 2020 (Unfall vom 12. Mai 2010)
massgebend (vgl. Erwägung 2).
5.3. Im Nachfolgenden sind die medizinischen Akten zu würdigen, insbesondere
das vom Gericht eingeholte monodisziplinäre Gutachten von Prof. Dr. med.
U._/pract. med. AC._ vom 30. Dezember 2021, wobei zu
beachten ist, dass das Gericht gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung (BGE 143 V 269 E.6.2.3.2; Urteile des Bundesgerichts
8C_80/2021 vom 7. Juli 2021 E.2.1 und 8C_188/2020 vom 5. Mai 2020 E.2)
bei Gerichtsgutachten nicht ohne zwingende Gründe von den
Einschätzungen des medizinischen Experten abweicht (BGE 125 V 351
E.3b/aa, BGE 118 V 290 E.1b; vgl. Erwägung 4.12.2).
5.3.1. Die folgenden ärztlichen Berichte waren nach dem Unfall vom 12. Mai 2010
erstellt worden:
- Bericht vom 21. Mai 2010 (Dr. med. J._ und Dr. med. L._, Klinik K._; Bg 2-act. 3): Knie- und Schulterkontusion links am 12.05.2010, im Spital AG._ Schulter links und Knie geröntgt, Fraktur ausgeschlossen.
- Bericht vom 29. Juni 2010 (MRT-Befund, Klinik K._; Bg2-act. 8): Zeichen einer retraktilen Kapsulitis ohne Läsion der Rotatoren, diese sind kräftig ohne Atrophie/Verfettung, kein posttraumatisches Knochenmarködem, Verdacht auf SLAP-Läsion.
- Bericht vom 9. August 2010 (Radiologie, Klinik M._; Bg2-act. 11): Diagnose Frozen Shoulder (keine degenerativen Veränderungen).
- Bericht vom 9. August 2010 (Dr. med. AL._, Klinik M._, . 12): Soweit beurteilbar Rotatorenmanschette intakt. Alle Bewegungen endgradig mit starker Schmerzprovokation. Keine Arthrose. Frozen shoulder links.
- Bericht vom 31. Januar 2011 (Dr. med. N._, Hausärztin, . 19): Die Patientin sei auch beim Heben und Tragen von Lasten / Kraftaufwendungen mit dem linken Arm sowie bei Arbeiten
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mit Armheben über Schulterhöhe und eventuell auf Leitern steigen eingeschränkt. In einer angepassten Tätigkeit sei sie ab sofort voll arbeitsfähig in vollem zeitlichem Ausmass und mit voller Leistung.
- Berichte vom 10. März/16. Juni/6. Oktober/28. Oktober 2011 (versch. Berichte von Dr. med. N._, Bg2-act. 23, 26, 35, 37): Progrediente Besserung, keine unfallfremden Faktoren. Schulterschmerzen links langsam regredient.
- Bericht vom 12. März 2012 (Dr. med. N._, Bg2-act. 38): Frozen Shoulder, neu Knacksen linke Schulter bei Bewegungen, Kausalität sehr wahrscheinlich (90-100 %), noch kein Abschluss.
- Bericht vom 1. Oktober 2012 (Dr. med. O._, Facharzt für Chirurgie FMH, chirurgische Schwerpunktpraxis; Bg2-act. 49): Keine Arthrosezeichen. Die intraartikuläre Kontrastapplikation sei von der Patientin verweigert worden. Flache Hill-Sachs-Läsion als Hinweis auf eine zurückliegende Luxation (nicht im Verlauf der letzten Monate). Nur kleiner, stabiler Labrumriss vorne. Sehr geringe Bursitis subacromialis/subdeltoidea. Soweit ohne intraartikulären Kontrast beurteilbar seien die restlichen Strukturen intakt.
- Operationsbericht vom 13. Februar 2013 (Dr. med. O._; . 59): Schulteroperation (arthroskopische Labrumrekonstruktion, Synovektomie des glenohumeralen Gelenks, subacromiale Dekompression).
- Bericht vom 25. September 2013 (Radiologie, Dr. med. AH._, . 62) und Bericht vom 4. Oktober 2013 (Dr. med. O._, . 63): Am 14. August 2013 habe die Patientin über vermehrte Schmerzen im Bereich der linken Schulter nach "Knackgeräusch" bei der Physiotherapie nach Aufdehnen in Aussenrotation berichtet. Befund aktuell gut vereinbar mit einer aktivierten Arthrose bei fortgeschrittenem Knorpelschaden, möglicherweise Korrelat der Knackgeräusche. Entzündlicher Reizzustand im Bereich der Supraspinatussehne. Tendinopathie der langen Bizepssehne. Mechanisch insuffizient imponierendes Labrum glenoidale, welches degenerativ stark alteriert sei, leicht verschoben imponiere und teilweise nicht mehr abgrenzbar sei.
- Bericht vom 1. April 2015 (Dr. med. AI._, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie, Klinik K._; Bg2-act. 74): Ausgesprochene Schultersteife links. Zur Bestandesaufnahme neue Arthro-MRI-Untersuchung und Röntgenuntersuchung und dann Besprechung der Therapieoptionen.
- Bericht vom 4. Mai 2015 (Dr. med. AJ._, Radiologie, Klinik K._; Bg2-act. 76): Mässig fortgeschrittene Omarthrose mit
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multiplen Geröllzysten im Glenoid. Die Knorpelüberzüge seien ausgedünnt. Osteophytäre Appositionen lägen am Humeruskopf und Glenoid. Tendinotische Ausdünnung der Supraspinatussehne. Leicht aktivierte AC-Gelenksdegeneration.
- Bericht vom 8. Juni 2015 (Dr. med. O._, Bg2-act. 79): Die Patientin klage weiterhin über chronische Abduktionsschmerzen der linken Schulter. Die Schmerzen würden durch Hebetätigkeiten des linken Arms mit Gewichtsbelastung verstärkt. Wenn sie den linken Arm nicht belaste, seien die Schmerzen erträglich. Schmerzmittel müsse sie noch selten und nur bei Bedarf einnehmen. Diagnose linke Schulter: Aktivierte Omarthrose Grad III, Tendinopathie der Rotatorenmanschette. Im linken Schultergelenk bestehe eine fortgeschrittene Omarthrose mit tieferen Knorpeldefekten. Das linke Schultergelenk sei funktionell eingeschränkt und schmerzhaft beweglich. Weiterhin bestehe eine schmerzhafte Belastungsintoleranz. Eine Omarthrose der linken Schulter sei zeitlebens als irreversibel einzuschätzen und könne im Verlauf der Jahre zur Verstärkung der Symptomatik führen. Eine funktionelle Verbesserung der linken Schulter werde durch weitere Physiotherapie erreicht werden. Weiterhin solle die berufliche Tätigkeit leidensangepasst optimiert werden. Eine angepasste leichte Tätigkeit ohne Hebearbeiten mit dem linken Arm und ohne Überkopfarbeiten seien uneingeschränkt möglich.
- Monodisziplinäres Gutachten von Dr. med. P._, Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates, med. zertifizierte Gutachterin SIM, Fähigkeitsausweis Vertrauensarzt SGV, vom 4. August 2016, im Auftrag der Beschwerdegegnerin 2 (Bf-act. 3, Bg2-act. 106): Seit spätestens Juni 2010 sei die Diagnose einer retraktilen Kapsulitis (= Frozen shoulder) mit Verdacht auf eine SLAP-Läsion bekannt ([Akronym für superiores Labrum von anterior nach posterior] = Schädigung des oberen Labrum glenoidale des Schulterblatts am Ursprung der langen Bizepssehne). In der Folge Diagnose einer alten Hill-Sachs-Deformität (= Impression im Oberarmkopf durch die Schultergelenkspfanne, die den Knorpel oder aber Knochen und Knorpel betreffen kann; Folge von meist häufig wiederholten Schulterluxationen). Im Rahmen einer Arthroskopie am 13. Februar 2013 sei eine Labrumrekonstruktion mit Synovektomie und subacromialer Dekompression erfolgt. Seit September 2013 und Mai 2015 seien degenerative Veränderungen bekannt. Aktuell ergäben sich deutliche Funktionseinschränkungen der linken Schulter in allen Funktionsebenen. Die Schmerzen konzentrierten sich auf den Verlauf Musculus infraspinatus und supraspinatus sowie auf den Processus coracoideus. Es bestünden eine Fehlstatik der Wirbelsäule, eine Haltungsinsuffizienz, ein muskulärer Hartspann und eine verschmächtigte Rumpfmuskulatur, jedoch kein nervenwurzelbezogenes neurologisches Defizit, zudem Fehl- und
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Überbelastung des Bewegungsapparates bei Übergewicht von mehr als 30 kg. Die Versicherte sei von einem anfahrenden Auto links erfasst worden. Das Ereignis vom 12. Mai 2010 sei geeignet gewesen, entweder eine Stauchung oder Prellung der linken Schulter herbeizuführen. Eine Schulterluxation sei, in Kenntnis des MRT-Befundes vom 29. Juni 2010, sehr unwahrscheinlich. Die Erstdokumentation aus der Klinik in Italien sei leider nicht beschafft worden. Im Verlauf seien Prellungen und Bursitis präpatellaris des linken Kniegelenks ohne Folgen ausgeheilt. Problematisch sei der Verlauf der linken Schulter mit einer retraktilen Kapsulitis mit Verdacht auf eine Labrumläsion im Juni 2010 gewesen. Nach dem ursächlichen Zusammenhang gefragt, gab die Gutachterin an, eine retraktile Kapsulitis könne viele Ursachen haben. Zu einem Vorzustand sei nichts bekannt. Eine namhafte Besserung der Gesundheitsschädigung dürfe nicht erwartet werden, da inzwischen ausgeprägte degenerative Veränderungen vorlägen. Die Aktenlage für die Begutachtung sei zu dünn, um die Frage unter Einschluss gesicherter Erkrankungen zu beantworten. In der angestammten Tätigkeit als Kassierin mit einem 42 %-Pensum bestehe volle Arbeitsfähigkeit mit Einschränkungen für mittelschwere und schwere Tätigkeiten in Kombination mit Heben und Tragen sowie Tätigkeiten über Kopf. Es handle sich um qualitative Einschränkungen ohne Auswirkungen auf das Pensum. Die Beschwerdeführerin könne körperlich leichte Tätigkeiten, die sie bevorzugt aus wechselnder Ausgangslage verrichten könne, in vollem Pensum ohne Einschränkungen verrichten. Der unfallbedingte Integritätsschaden für eine Omarthrose mit deutlichen Funktionseinschränkungen betrage aktuell 15 %, voraussichtlich auf Dauer 20 %. Die Beurteilung sei ohne Unfallaufnahmen aus Italien erfolgt (für die Gutachterin ist unverständlich, dass keine Bemühungen erfolgten, diese Unterlagen einzuholen; vgl. dazu Bg2-act. 103-105; die Beschwerdeführerin konnte die Erstdokumentation inkl. Röntgenaufnahmen nicht nachreichen).
- Bericht vom 25. August 2016 (Dr. med. AI._, K._-Klinik; . 107): Relevante, posttraumatische Gelenksschädigung. Die einzige therapeutische Option im Bereich der linken Schulter sei die Schultertotalprothese. Die Beweglichkeit sei stark eingeschränkt. Die Prognose sollte jedoch günstig sein. Vorgesehen sei eine aktuelle Röntgen- und CT-Untersuchung zur präoperativen Planung der Schultertotalprothese. Er empfahl, nicht mehr einen manuell tätigen Beruf zu wählen.
- Bericht vom 20. Oktober 2016 (Dr. med. AI._, K._, an D._; Bg2-act. 115): Mässig bis starke Omarthrose bei grossem Osteophyten inferior und sehr unregelmässigem Gelenkskopf, vor allem kranial. Grössere Zysten im Glenoidbereich. Das
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Glenohumeralgelenk sei zentriert. Das Gelenk zeige doch eine ordentlich starke Schädigung. Angesichts dessen werde die Implantation einer anatomischen Schultertotalprothese empfohlen mit günstiger Prognose. Die Omarthrose sei wohl mit Sicherheit auf den Unfall und die Operation zurückzuführen. Eine primär degenerative Arthrose im Alter von 37 Jahren sei höchst unwahrscheinlich.
- Bericht vom 30. November 2016 (Dr. med. AK._, Y._-Klinik, an D._; Bg2-act. 116): Selbstzuweisung zur Einholung einer Zweitmeinung. In Zusammenschau ergebe sich das Bild einer posttraumatischen Omarthrose, DD einer postoperativen Omarthrose. Weder vorherige MR-Bildgebung noch die entsprechenden radiologischen Befunde würden vorliegen, weshalb die Unfallkausalität nicht klar zu beantworten sei. Gemäss vorliegendem OP-Bericht zeigten sich intraoperativ wenig bis keine degenerativen Veränderungen. Hinzu komme die weiterhin massiv eingeschränkte aktive wie passive Schultergelenksbeweglichkeit im Sinne einer persistierenden, gravierenden Frozen Shoulder. Aus chirurgischer Sicht komme bei derart geschädigtem Gelenk nur noch die Prothesenimplantation als sinnvolle chirurgische Massnahme in Frage. Zur Schmerzreduktion wäre sicherlich auch eine intraartikuläre sowie subacromiale Kortisoninfiltration möglich.
- Bericht vom 4. Mai 2017 (Dr. med. O._; Bg2-act. 128): Vom 13. Februar 2013 bis Ende Dezember 2014 sei es der Beschwerdeführerin nicht möglich gewesen, eine angepasste Tätigkeit auszuüben. Nach der Schulteroperation vom 13. Februar 2013 sei der Heilungsverlauf durch die präoperative Bewegungseinschränkung sowie den über Jahre erfolgten Muskelabbau des linken Schultergürtels protrahiert worden. Insbesondere habe über den gesamten postoperativen Behandlungsverlauf ein Funktionsdefizit und eine Belastungsintoleranz der linken Schulter bestanden. Er habe die Versicherte erstmals wieder seit langer Zeit zur Konsultation gesehen. Bei der klinischen Untersuchung habe sich eine erhebliche Funktionseinschränkung der linken Schulter durch fortgeschrittene Einsteifung gezeigt. (...) In einer MRI-Untersuchung vom Herbst 2016 und einer Zweitbeurteilung der linken Schulter durch die Y._-Klinik Zürich sei der Versicherten eine ausgeprägte Omarthrose mitgeteilt und unter Vorbehalt eine Schulterprothese links empfohlen worden. Bei der recht jungen Patientin (37) solle jedoch ein Gelenksersatz mittels Schulterprothese genau geprüft werden und stelle nicht die erste Wahl der Therapie dar.
- Bericht vom 9. Juni 2017 (Dr. med. O._; Bg2-act. 129): Diagnose: Fortgeschrittene Omarthrose linke Schulter, Ausdünnung der Supraspinatussehne links, AC-Gelenksarthrose links. Die klinische Untersuchung zeige eine erhebliche Funktionseinschränkung der linken Schulter durch fortgeschrittene Einsteifung. Zum Funktionserhalt der
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linken Schulter und zur Eingliederung in den Arbeitsprozess sei weitere Physiotherapie zu empfehlen. Erneute Arthro-MRI Untersuchung vorgeschlagen. In Abhängigkeit der Resultate könne versucht werden, die Symptomatik des linken Schultergelenks durch eine Schulterarthroskopie zu verbessern. Das Ziel dieser Massnahme wäre eine vorübergehende Funktionsverbesserung sowie Schmerzlinderung mit dem Ziel, eine Eingliederung in das Berufsleben zu erreichen. Die vorgeschriebene (recte wohl: fortgeschrittene) Omarthrose könne durch einen operativen Eingriff nicht behandelt werden.
5.3.2. Nach dem Unfall vom 9. Dezember 2017 ergingen die folgenden ärztlichen
Berichte:
- Arbeitsunfähigkeitszeugnis vom 7. August 2018 (Dr. med. Q._; Bg1-act. 10): Arbeitsunfähigkeit 100 % vom 2.-14. August 2018.
- Bericht vom 9. August 2018 (Radiologie KSGR; Bg1-act. 19): Schultersonographie vom 8. August 2018.
- Bericht vom 13. August 2018 (Radiologie KSGR; Bg1-act. 16):  links am 10. August 2018.
- Arbeitsunfähigkeitszeugnis vom 14. August 2018 (Dr. med. R._; Bg1-act. 10): Arbeitsunfähigkeit 100 % vom 15.-31. August 2018.
- Bericht vom 22. August 2018 (Dr. med. S._, KSGR; Bf-act. 4, . 18): Konsultation am 16. August 2018. Im Dezember 2017 sei es leider zu einem erneuten Distorsionstrauma der linken Schulter gekommen, wobei die vorbestandenen Beschwerden deutlich exazerbierten und bis zum aktuellen Zeitpunkt eine deutliche Einschränkung im beruflichen sowie privaten Alltag verursachten. Die Patientin sei aktuell nicht in der Lage, die Hand über Schulterhöhe hinaus zu bewegen. Klinisch sowie subjektiv bestehe eine fortgeschrittene Pathologie über der linken Schulter mit Omarthrose und deutlicher Ausdünnung der Knorpeloberflächen humeral sowie glenoidal mit langsam beginnender Dezentrierung nach dorsokranial. Im alten MRI vom Februar 2018 habe sich noch eine kongruente Rotatorenmanschette mit nur geringfügiger Ausdünnung der Supraspinatussehne und leichter Tendinopathie gezeigt. Keine muskuläre Degeneration. Es bestehe klinisch auch eine Kapsulitis mit Einschränkung der passiven sowie auch aktiven Beweglichkeit. Als therapeutische Option bei dieser fortgeschrittenen Problematik bleibe letztlich nur noch die Implantation einer anatomischen Schulter-TP mit gleichzeitiger Mobilisation und Kapsulotomie. Prognostisch müsse festgehalten werden, dass bei der aktuellen Schulterpathologie links mit und ohne operatives Vorgehen eine eingeschränkte Belastbarkeit
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bestehe und bestehen bleibe. Erfahrungsgemäss müsse mit einer Belastungsgrenze von max. 5kg bis Bauchhöhe, 2kg bis Brusthöhe und keine Belastung ab Schulterhöhe für nicht repetitive Arbeiten gerechnet werden.
- Bericht vom 2. September 2018 (Dr. med. R._; Bg1-act. 17): Erstbehandlung am 14. August 2018. Exazerbation der vorbestehenden Omarthrose durch den Unfall. Zur Arbeitsunfähigkeit notierte er: Keine Überkopfarbeiten, Schulter kaum zu gebrauchen.
- OP-Bericht vom 16. Oktober 2018 (Dr. med. S._; Bg1-act. 41): Schulter-Totalprothese
- Versicherungsmedizinische Beurteilung vom 7. Dezember 2018/ 6. Januar 2019 (Dr. med. T._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, K._-Klinik, beratender Arzt der Beschwerdegegnerin 1; Bf-act. 5, Bg1-act. 48, Bg2-act. 145): Nach dem Sturz vom 9. Dezember 2017 hätten in der Bildgebung keine akut traumatischen Veränderungen gesehen werden können. Abstellend auf den Bericht von Dr. med. O._ vom 13. Februar 2013 und weitere Berichte aus dem Jahr 2018 (Röntgen vom 8. August 2018, Arthro-MRI vom 10. August 2018, Zeugnis Hausarzt vom 2. September 2018, Bericht Dr. med. S._ vom 16. August 2018, Operationsbericht vom 16. Oktober 2018) hielt er fest, dass die schwere Omarthrose der linken Schulter sowie die dazugehörenden Osteophyten (Anm. des Gerichts: Osteophyten = Knochenauswüchse in abgenutzten Gelenken) und der Knorpelschaden auf den Vorzustand 2013 zurückzuführen seien. Durch den Sturz vom 9. Dezember 2017 sei es zu einer vorübergehenden Verschlimmerung des Vorzustands im Sinne einer Distorsion der linken Schulter gekommen; eine traumatisch bedingte, strukturelle Verletzung der linken Schulter auf Grund des Sturzes sei nicht objektivierbar. Die Implantation der Schulterprothese links vom 16. Oktober 2018 stehe mit dem Unfallereignis vom 9. Dezember 2017 nicht in natürlich kausalem Zusammenhang. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit sei der Vorzustand aus dem Jahr 2013 die Indikation der Prothesenimplantation. Die Beschwerden infolge einer Distorsion heilten in der Regel innert weniger Monate ab. Der schwere Vorzustand verlängere den Heilverlauf. Ein Status quo sine sei am 31. August 2018 erreicht gewesen.
- Polydisziplinäres Gutachten der IV-Stelle vom 23. August 2020 (orthopädische Chirurgie, allgemeine Innere Medizin, Neuropsychologie, Psychiatrie, EFL; IV-Akten): Die Gutachter diagnostizierten eine schmerzhafte Funktionseinschränkung der linken Schulter (ICD: M25.81) sowie eine leichtgradig depressive Episode (ICD-10: F32.00) (mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit) und attestierten eine Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit von
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100 % und in einer Verweistätigkeit von 20 %. Die Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit wurde ab dem 1. März 2020 als möglich erachtet. Nach erfolgter Schulterprothese links stelle dieser Zeitpunkt den medizinischen Endzustand im Hinblick auf eine mögliche Tätigkeit dar.
5.3.3. Prof. Dr. med. U._/pract. med. AC._ untersuchten die
Beschwerdeführerin am 15. September 2021 und diagnostizierten, auch auf
der Basis bildgebender Untersuchungen (Röntgen, MRI), in dem am
30. Dezember 2021 ausgestellten Gerichtsgutachten (mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit) einen St.n. Implantation anatomische
Schultertotalprothese links am 16.10.2018 (Dr. med. S._) mit
postoperativer transienter Neuropraxie N. axillaris, N. musculocutaneus und
N. medianus links, bei posttraumatischer fortgeschrittener Omarthrose
links, ED 06/2015 (Dr. med. AI._ [recte: Dr. med. O._]), St.n. SAS
(Anm. Gericht: Subakromialsyndrom
[https://flexikon.doccheck.com/de/SAS]) links mit anterokaudaler
Schulterstabilisation, subacromialer Dekompression vom 13.02.2013
(Dr. med. O._) und St.n. Schulterkontusion mit Schulter(sub)luxation
und spontaner Reposition links anlässlich Auffahrtrauma vom 12.05.2010.
Unter den Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit führten sie
zudem auch eine Depression auf (Gutachten, S. 29, Ziff. 4.1).
Zum Vorzustand legten die Gutachter dar, dass zum Zeitpunkt des Unfalls
vom 9. Dezember 2017 eine fortgeschrittene Omarthrose bestand, die
erstmals im September 2013 MR-tomographisch beschrieben worden war
(in den Verlaufskontrollen mit deutlicher Zunahme), vor der
Schulterarthroskopie im Jahr 2013 somit (insbesondere in der MR-
Untersuchung vom Juni 2012) noch nicht bestanden hatte. Die Ursache der
Omarthrose lasse sich retrospektiv nicht genau evaluieren (Trauma vs.
Operation), eine
Omarthrose könne jedoch durchaus posttraumatisch nach einer
Schulterluxation oder postoperativ auftreten. Eine altersbedingte primäre
Omarthrose im Alter der Explorandin sei äusserst unwahrscheinlich,
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weshalb die Omarthrose überwiegend wahrscheinlich in der Zeit zwischen
2010 und 2013 aufgetreten sei. Da vor dem Unfall vom 12. Mai 2010 keine
Schulterbeschwerden bestanden hatten und die Explorandin in der Lage
war, Tennis zu spielen und problemlos Überkopfarbeiten auszuführen,
schlossen sie unfallfremde Faktoren aus und kamen zum Schluss, dass die
Omarthrose und damit auch die über den 31. August 2018 hinaus
andauernden gesundheitlichen Beschwerden überwiegend wahrscheinlich
Folge des Unfalls vom 12. Mai 2010 bzw. der Operation vom 13. Februar
2013 sind (zum Ganzen: Gutachten, S. 30 f., Ziff. 5, und S. 34, Ziff. 6.2.1), wobei es sich dabei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit um Spätfolgen
des Unfalls bzw. der Operation vom Februar 2013 handle,
Brückensymptome seien gegeben (Gutachten, S. 34, Ziff. 6.2.1).
Auf die Frage nach dem natürlichen Kausalzusammenhang legten die
Gutachter dar, dass die Omarthrose als Hauptursache der Beschwerden
mit dem Unfall vom 9. Dezember 2017 eher unwahrscheinlich kausal (im
Sinne von Hauptursache) sei. Die dort erlittene Kontusion/Distorsion habe
höchstwahrscheinlich zu einer Aktivierung der vorbestehenden Omarthrose
und somit zur einer richtunggebenden Verschlechterung geführt
(Gutachten, S. 31, Ziff. 6.1.1). Die im August 2018 durchgeführte MR-
Untersuchung habe keine Hinweise für weitere Traumafolgen gezeigt
(z.B. Rotatorenmanschettenruptur, Bizepssehnen-Ruptur), sondern ein
Fortschreiten der Omarthrose im Vergleich zu den vorangegangenen MR-
Untersuchungen. In diesem Sinne (Aktivierung/richtunggebende
Verschlechterung) bestehe mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine
Teilkausalität, wobei eine Prozentangabe sehr spekulativ sei und fast nicht
möglich, sie diese aber auf ungefähr 20 % (bzw. auf 80 % in Bezug auf den
Unfall 2010/Operation 2013) beziffern würden (Gutachten, S. 32, Ziff. 6.1.2
und, S. 34, Ziff. 6.2.2). Die Aktivierung der Omarthrose habe zu einer
langanhaltenden richtunggebenden Verschlechterung mit vermehrten
Schmerzen und weiteren Funktionseinschränkungen geführt, weshalb sie
die Frage, ob die allein durch den Unfall vom 9. Dezember 2017
- 50 -
hervorgerufenen Beschwerden abgeheilt seien, verneinten (Gutachten,
S. 32, Ziff. 6.1.3).
Der Status quo ante sei nach dem Unfall vom 9. Dezember 2017 nie erreicht
worden, ein Status quo sine wäre am 31. August 2018 ohne den die
Omarthrose auslösenden Unfall wahrscheinlich noch nicht eingetreten
gewesen (Gutachten, S. 32, Ziff. 6.1.4). Die Beschwerden einer Arthrose
nähmen im Lauf der Jahre in der Regel zu und führten oft, bei starken
Schmerzen und zunehmender Einschränkung der Lebensqualität, zu einem
Gelenksersatzverfahren (Prothese). Bei einer so fortgeschrittenen
Omarthrose wie bei der Explorandin wäre dieser Zeitpunkt früher oder
später sehr wahrscheinlich eingetroffen, wobei ein genauer Zeitpunkt nicht
genannt werden könne (Gutachten, S. 32, Ziff. 6.1.4). In Bezug auf den
Unfall vom 12. Mai 2010 bzw. die Operation vom 13. Februar 2013 werde
der Status quo sine vel ante mit höchster Wahrscheinlichkeit nie mehr
eintreten (Gutachten, S. 35, Ziff. 6.2.4).
Nach ihrer Einschätzung liess sich als Endzustand anamnestisch der
August 2020 evaluieren. Die Arbeitsfähigkeit für eine angepasste Tätigkeit
(Bürotätigkeiten/kommunikative Arbeiten ohne Belastung der linken
Schulter) bezifferten die Gutachter auf 100 %, diejenige für die (nicht
leidensangepasste) Tätigkeit als Hauswartin/Verkäuferin auf 0 %. Den
Integritätsschaden gemäss Anhang 3 der UVV/SUVA-Tabellen legten sie
bei 25 % fest (Gutachten, S. 35 ff., Ziffn. 7, 8 und 9.2, vgl. auch Erwägung
6 f.).
Zur Aktenbeurteilung von Dr. med. T._ vom 7. Dezember
2018/6. Januar 2019 (Bg1-act. 48) führten die Gerichtsgutachter Folgendes
aus (Gutachten, S. 33, Ziff. 6.1.7): Es sei unmöglich, ein genaues Datum
des Status quo sine festzulegen. Richtig sei, dass sich eine Omarthrose
über die Jahre verschlechtere. Gleichzeitig sei die Wahrscheinlichkeit sehr
hoch, dass die Aktivierung der Omarthrose durch den Unfall vom
- 51 -
9. Dezember 2017 zu einer langanhaltenden (d.h. über den 31. August
2018 andauernden), richtunggebenden Verschlechterung geführt habe,
bzw. könne man davon ausgehen, dass die Beschwerden der Omarthrose
am 31. August 2018 ohne Unfallereignis noch nicht so stark gewesen
wären, dass eine Prothesenimplantation nötig wurde. Somit gingen sie nicht
davon aus, dass am 31. August 2018 ein Status quo sine erreicht gewesen
sei.
5.4. Das Gerichtsgutachten von Prof. Dr. med. U._/pract. med. AC._
vom 30. Dezember 2021 wurde den Parteien zur Stellungnahme zugestellt.
Diese brachten verschiedene Einwände vor:
5.4.1. Für die Beschwerdeführerin erfüllt das Gerichtsgutachten gemäss ihrer
Stellungnahme vom 28. Januar 2022 die bundesgerichtlichen Vorgaben
und ist daher dem Urteil zugrunde zu legen. Es bestehe ein Zustand nach
Implantat einer Schulterprothese, der ihre Arbeitsfähigkeit einschränke.
Ursache ihres Zustands seien die beiden Unfälle vom 12. Mai 2010 (mit
nachfolgender Operation im 2013) und vom 9. Dezember 2017; es
bestünden keine unfallfremden Anteile. Der zweite Unfall habe zu einer
richtunggebenden Verschlimmerung geführt, und entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin 1 sei am 31. August 2018 kein Status quo erreicht
gewesen. Aufgrund der Mitverursachung der Gesundheitsschädigung
durch die bei den Beschwerdegegnerinnen versicherten Unfälle bestünden
Leistungsansprüche; gestützt auf Art. 102a UVV (Vorleistungspflicht) und
Art. 100 Abs. 4 und Abs. 5 UVV (Leistungspflicht bei zeitlich nacheinander
eingetretenen Unfällen, vgl. dazu Erwägung 4.8) sei die
Beschwerdegegnerin 1 für die Erbringung der Leistungen zuständig.
5.4.2. Mit Stellungnahme vom 24. Februar 2022 beantragte die
Beschwerdegegnerin 1, auf das Gerichtsgutachten sei mangels
Schlüssigkeit nicht abzustellen, und gestützt auf die von ihr neu
eingereichte versicherungsmedizinische Stellungnahme von Dr. med.
- 52 -
AD._, Facharzt Orthopädische Chirurgie, vom 28. Januar 2022 sei ihre
Leistungspflicht mangels natürlicher Kausalität zu verneinen. Eventualiter
sei ein gerichtliches Obergutachten einzuholen, subeventualiter seien die
gesetzlichen Leistungen zu 20 % dem von ihr zu vertretenden Unfallereignis
vom 9. Dezember 2017 zuzuweisen. Begründend führte die
Beschwerdegegnerin 1 aus, das Gerichtsgutachten habe formale Mängel,
zumal die Gutachter unvollständig aus den Akten zitierten (z.B. Dr. med.
P._ betreffend Schmerzmittelkonsum, Dr. med. O._ betreffend
Funktionseinschränkung vor dem Unfall vom 9. Dezember 2017) und zumal
sie die anamnestischen nicht sauber von den subjektiven Angaben getrennt
hätten (insbesondere betreffend Stärke der Schmerzen vor und nach dem
Unfall vom 9. Dezember 2017). Auch inhaltlich sei das Gerichtsgutachten
nicht überzeugend: der Aussage, der Unfall vom 9. Dezember 2017 habe
zu einer richtunggebenden Verschlimmerung geführt, stünden die
Tatsachen entgegen, dass die Beschwerdeführerin danach weder vermehrt
Schmerzmittel habe einnehmen müssen, noch dass ihr eine unfallbedingte
Arbeitsunfähigkeit attestiert worden wäre bzw. weitere
Funktionseinschränkungen hinzugekommen wären und dass der Unfall
2017 auch keine strukturellen Schädigungen bewirkt habe. Der Schluss,
durch den Unfall 2017 sei es zu einer richtunggebenden Verschlimmerung
gekommen, sei u.a. nicht vereinbar mit der Aussage, bei einer so
fortgeschrittenen Omarthrose wäre es früher oder später sehr
wahrscheinlich zu einer Prothesenoperation gekommen. Der von ihr
beigezogene Dr. med. AD._ teile die Beurteilung von Prof. Dr. med.
U._ nicht; seiner Ansicht nach habe der Unfall vom 9. Dezember 2017
keinerlei Ursache für die Operation vom 16. Oktober 2018 gesetzt, weil
nach diesem Unfall keine unmittelbare, erhebliche Verschlechterung des
Beschwerdebildes eingetreten sei, sondern eine Verschlechterung, wie sich
diese auch aus dem normalen, in der Regel nicht linear symptomatischen
Verlauf der Arthrose ergebe. Der Begriff der Aktivierung entspreche einer
nachweisbaren strukturellen Schädigung, die entzündliche Veränderungen
des Gelenks und/oder des subchondralen Knochens beinhalte und
- 53 -
vorliegend im MRI neun Monate nach dem Ereignis nicht zu erkennen sei.
Eine Aktivierung der Omarthrose und damit eine richtunggebende
Verschlimmerung sei nie eingetreten oder spätestens zu diesem Zeitpunkt
(neun Monate später beim MRI) abgeheilt gewesen, was wenig
wahrscheinlich sei, da sich dadurch eine Verbesserung der Beschwerden
eingestellt hätte. Die Indikation zur endoprothetischen Versorgung sei von
zwei unabhängigen Ärzten bereits über ein Jahr vor dem Unfall 2017
festgestellt worden und jedes denkbare äussere Ereignis oder auch jeder
innere Anlass hätte ohne Zweifel und zur gleichen Zeit zur
schulterprothetischen Versorgung geführt. Dem Unfall vom 2017 komme
nach Ansicht von Dr. AD._ im Verhältnis von Ursache und Wirkung für
die Implantation der Schulterprothese keinerlei eigenständige Bedeutung
zu. Diese Ausführungen zeigten, dass die gutachterliche Annahme einer
richtunggebenden Verschlimmerung durch den Unfall vom 9. Dezember
2017 medizinisch nicht einleuchte bzw. auf einem falschen Verständnis des
Begriffes durch den Gerichtsgutachter beruhe. Aus diesen Gründen lägen
triftige Gründe für ein Abweichen vom Gerichtsgutachten vor.
5.4.3. Mit Stellungnahme vom 27. Januar 2022 rügte die Beschwerdegegnerin 2,
dass die Gutachter die ebenfalls diagnostizierte Depression nicht in ihre
Beurteilung einbezogen hätten, obwohl auch diese Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit habe; zudem sei widersprüchlich, dass trotz dieser
Diagnose unfallfremde Faktoren verneint würden. Entgegen seiner
Aussage, dass sich die Ursache der Omarthrose retrospektiv nicht
evaluieren lasse, erachteten die Gutachter den Unfall vom 12. Mai 2010 als
kausal, womit sie sich unzulässigerweise von der Beweismaxime "post hoc,
ergo propter hoc" hätten leiten lassen. Zudem widersprächen auch die
geltend gemachten funktionellen Einschränkungen den von der
Beschwerdeführerin angegebenen sportlichen Tätigkeiten, langjährigen
Hauswartsarbeiten und den Tätigkeiten im Haushalt (Fenster putzen,
Wäsche waschen). Mit Verfügung vom 21. Juli 2017, bestätigt mit Urteil des
Sozialversicherungsgerichts Zürich vom 16. Dezember 2019, habe sie in
- 54 -
Berücksichtigung der Omarthrose als Spätfolge des Unfalls 2010 eine
Integritätsentschädigung ausgerichtet, weshalb dieses Leiden ihr
gegenüber zu keinerlei Ansprüchen mehr führe. Das Gericht habe den
Endzustand per 4. August 2016 bestätigt. Darüber hinaus bemängelte die
Beschwerdegegnerin 2, dass die Versicherte eine ihrem
Gesundheitszustand nicht angepasste Tätigkeit angenommen habe und
damit ihre Schadenminderungspflicht verletzt habe. Für eine allfällige
Verschlimmerung des Gesundheitszustands müsse sie daher nicht
aufkommen.
5.4.4. Mit Stellungnahme vom 6. April 2022 äusserte sich die Beschwerdeführerin
zu den Stellungnahmen der Beschwerdegegnerinnen. Vorerst
beanstandete sie, dass die Beschwerdegegnerin 1 mit dem
versicherungsmedizinischen Bericht von Dr. med. AD._ nach Eintritt
der Rechtshängigkeit weitere Abklärungen tätigte, was gegen den
Anspruch auf ein faires Verfahren und auf Waffengleichheit verstosse,
zumal sie selbst nicht über dieselben finanziellen Möglichkeiten wie die
Unfallversicherung verfüge.
Die Stellungnahme der Beschwerdegegnerin 2 erachtete die
Beschwerdeführerin als widersprüchlich: einerseits berufe sich diese auf
das Gutachten von Dr. med. P._, welche die Unfallkausalität der
Schulterbeschwerden hinsichtlich des Unfalls 2010 bejaht hatte, gleichzeitig
wolle sie jedoch nicht für die Langzeitfolgen des Unfallereignisses
aufkommen, obwohl der Gerichtsgutachter die Unfallkausalität für die
Verschlechterung nach dem Unfall 2017 und die Schulteroperation im 2018
bejahe. Die Einwände der Beschwerdegegnerin 2 bezüglich der
diagnostizierten Depression, der unzulässigen Beweismaxime "post hoc,
ergo propter hoc", der von der Beschwerdeführerin ausgeübten Tätigkeiten,
der abgeurteilten Sache, der Schadenminderungspflicht und angeblicher
Inkonsistenzen seien weder geeignet, Zweifel an der gutachterlichen
Einschätzung zu begründen noch die Leistungspflicht in Frage zu stellen.
- 55 -
Die Einwände der Beschwerdegegnerin 1 bezüglich mangelnde
gesundheitliche Verschlechterung nach dem Unfall 2017 und angeblich
unvollständige Zitierung der Aktenstücke durch die Gerichtsgutachter wies
die Beschwerdeführerin zurück. Die Ausführungen der Gerichtsgutachter,
welche die Omarthrose als Hauptursache für die Operation und die
bestehenden Beschwerden und den Unfall 2017 als teilkausal-mitursächlich
beurteilten, seien sehr differenziert und von grossem Sachverstand in
unfallversicherungsrechtlicher Hinsicht getragen. Diese begründeten
schlüssig und nachvollziehbar, dass der Unfall 2017 den Verlauf
beschleunigt habe und somit mitursächlich für die weiteren
Behandlungsnotwendigkeiten (inkl. Prothesenimplantation) sei,
unabhängig davon, dass früher oder später allenfalls eine
Operationsnotwendigkeit eingetreten wäre. Die von der
Beschwerdegegnerin 1 eingeholte Parteibeurteilung von Dr. med.
AD._ erfülle die bundesgerichtlichen Voraussetzungen an ein
Aktengutachten nicht, zudem sei die Fragestellung tendenziös und die
Hinweise auf die Medikamenteneinnahme sei nicht ausreichend, um das
Gerichtsgutachten zu entkräften.
5.5. Im Nachfolgenden ist das Gerichtsgutachten vom 30. Dezember 2021
rechtlich zu würdigen.
5.5.1. Die Beschwerdegegnerin 1 erachtete das Gerichtsgutachten in ihrer
Stellungnahme vom 24. Februar 2022 als nicht beweiswürdig und
untermauere ihre Einwände mit der neu eingereichten
versicherungsmedizinischen Stellungnahme von Dr. med. AD._ vom
28. Januar 2022 zur Kausalitätsbeurteilung der Gerichtsgutachter. Die
Beschwerdeführerin rügte in ihrer Stellungnahme vom 6. April 2022 die
Einreichung dieses Berichts als unzulässige Abklärungsmassnahme und
damit als Verstoss gegen den Anspruch auf ein faires Verfahren und den
Grundsatz der Waffengleichheit (Art. 6 der Konvention zum Schutze der
- 56 -
Menschenrechte und Grundfreiheiten [EMRK; SR 0.101] und Art. 29 der
Bundesverfassung der Eidgenossenschaft [BV; SR 101]).
Zum Zeitpunkt der Einholung der versicherungsmedizinischen
Stellungnahme von Dr. med. AD._ lag die Verfahrenshoheit beim
Gericht, zumal die formgültige Einreichung der Beschwerde nach Art. 56 ff.
ATSG (zusammen mit der Beschwerdeantwort des Versicherungsträgers)
die alleinige Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerichts bewirkt,
über das in der angefochtenen Verfügung bzw. im angefochtenen
Einspracheentscheid) geregelte Rechtsverhältnis zu entscheiden
(Devolutiveffekt; vgl. dazu BGE 136 V 2 E.2.5; Urteile des Bundesgerichts
8C_441/2020 vom 19. August 2020 E.3.2.1 und 8C_399/2020 vom 28.
September 2020 E.4) und damit auch, den rechtserheblichen Sachverhalt
von Amtes wegen zu ermitteln (Art. 61 lit. c ATSG), weshalb es dem
Versicherungsträger grundsätzlich verwehrt ist, nach Einreichung des
Rechtsmittels weitere oder zusätzliche Abklärungen vorzunehmen.
Letzteres gilt allerdings nur, soweit sie den Streitgegenstand betreffen und
auf eine allfällige Änderung der angefochtenen Verfügung durch Erlass
einer neuen abzielen (vgl. BGE 136 V 2 E.2.5, BGE 127 V 228 E.2b/aa;
Urteile des Bundesgerichts 8C_18/2019 vom 1. April 2019 E.5.2,
8C_67/2017 vom 14. Juni 2017 E.5.6, 8C_410/2013 vom 15. Januar 2014
E.5.2). Erlaubt sind der Verwaltung demgegenüber in aller Regel punktuelle
Abklärungen (wie das Einholen von Bestätigungen, Bescheinigungen oder
auch Rückfragen bei medizinischen Fachpersonen oder anderen
Auskunftspersonen) (vgl. BGE 127 V 228 E.2b/aa und bb; Urteil des
Bundesgerichts 8C_399/2020 vom 28. September 2020 E.4). Wegleitende
Gesichtspunkte für die Beantwortung der Frage, was im kantonalen
Verfahren noch zulässiges Verwaltungshandeln darstellt, bilden die
inhaltliche Bedeutung der Sachverhaltsvervollständigung und die zeitliche
Intensität allfälliger weiterer Abklärungsmassnahmen (zum Ganzen: BGE
136 V 2 E.2.7, BGE 127 V 228 E.2b/aa und bb; Urteile des Bundesgerichts
8C_399/2020 vom 28. September 2020 E.4, 8C_410/2013 vom 15. Januar
- 57 -
2014 E.5.3; Urteile des Verwaltungsgerichts [VGU] S 2017 112 vom 21.
August 2018 E.5.3, S 17 5 vom 6. Dezember 2017 E.5.2.2.2, S 17 31 vom
22. Januar 2019 E.3.2.6, S 16 163 vom 29. November 2017). Gemäss
Bundesgericht ist es grundsätzlich zulässig, ein im Verfahren nach Art. 44
ATSG eingeholtes Gutachten einer medizinischen Vertrauensperson zu
unterbreiten, damit diese zur medizinischen Nachvollziehbarkeit und
Schlüssigkeit Stellung nimmt (Urteil des Bundesgerichts 8C_408/2009 vom
25. Mai 2010 = BGE 136 V 113, dort nicht publizierte E.6.2; VGU S 17 31
vom 22. Januar 2019 E.3.2.5). Solchen Aktenberichten von
Sachverständigen, die nicht im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholt
wurden, kommt dann aber praxisgemäss nicht der gleiche Beweiswert wie
einem Gutachten zu (BGE 135 V 465 E.4.7; Urteil des Bundesgerichts
8C_408/2009 vom 25. Mai 2010 E.6.2). Auf sie kann abgestellt werden,
wenn ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die
ärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen
Sachverhalts geht (Urteil des Bundesgerichts 8C_281/2018 vom 25. Juni
2018 E.3.2.2), mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten
Person in den Hintergrund rückt (Urteile des Bundesgerichts 8C_750/2020
vom 23. April 2021 E.4 in fine, mit zahlreichen Hinweisen, 8C_780/2016
vom 24. März 2017 E.6.1).
Dem von der Beschwerdegegnerin 1 beigezogenen Dr. med. AD._
standen die Originalunterlagen, mit Ausnahme des Gerichtsgutachtens vom
30. Dezember 2021 und des Gutachtens von Dr. med. P._ vom 4.
August 2016 (Bg2-act. 106), nicht zur Verfügung; er stützte sich lediglich
auf die Aktenzusammenfassungen in den Gutachten von Prof. Dr. med.
U._/pract. med. AC._ und von Dr. med. P._ ab. Wie
ausgeführt, ist die Einholung einer solchen medizinischen Beurteilung zum
ergangenen Gerichtsgutachten grundsätzlich zulässig (BGE 135 V 465
E.4.7; Urteil des Bundesgerichts 8C_408/2009 vom 25. Mai 2010 E.6.2,),
weshalb die versicherungsmedizinische Stellungnahme von Dr. med.
AD._ vom 28. Januar 2022 nicht aus dem Recht gewiesen wird. Ihr
- 58 -
kommt allerdings höchstens der Beweiswert eines Aktenberichts (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 8C_281/2018 vom 25. Juni 2018 E.3.2.2) bzw. eines
Parteigutachtens zu (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_408/2009 vom 25.
Mai 2010 E.6.2; BGE 135 V 465 E.4.7; vgl. zum Ganzen auch Erwägung
4.12).
5.5.2. Der formalen Rüge der Beschwerdegegnerin 1, das Gerichtsgutachten
zitiere relevante anamnestische Daten aus den medizinischen Akten nur
unvollständig (Gutachten, S. 4-18, Ziff 1.2), ist entgegenzuhalten, dass den
Gutachtern alle relevanten Akten zur Verfügung standen (Akten
Beschwerdeführerin, Akten Beschwerdegegnerin 1, Akten
Beschwerdegegnerin 2, IV-Akten, vgl. auch Auftragsschreiben der
Instruktionsrichterin vom 30. April 2021), und dass eine
Aktenzusammenfassung naturgemäss nicht sämtliche Angaben enthalten
kann, woraus aber nicht zu schliessen ist, die Gutachter hätten nicht alle
ihnen zur Verfügung gestellten Akten zur Kenntnis genommen. Wenn daher
in der Zusammenfassung des Gutachtens von Dr. med. P._ der
Schmerzmittelkonsum nicht im Detail aufgeführt ist (Gutachten, S. 10; vgl.
auch Bg2-act. 106) und beim medizinischen Bericht von Dr. med. O._
vom 9. Juni 2017 die Formulierung "erhebliche Funktionseinschränkung der
linken Schulter mit fortgeschrittener Einsteifung" nicht erwähnt wird
(Gutachten, S. 12, vgl. auch Bg2-act. 129), vermag dies allein die
Beweiskraft des Gerichtsgutachtens nicht in Frage zu stellen.
Dasselbe gilt für die von der Beschwerdegegnerin 1 in ihrer Stellungnahme
vom 24. Februar 2022 vorgebrachte Rüge (Ziff. 5), die Gutachter
vermischten (unvollständig wiedergegebene) Angaben aus den Akten und
Angaben der Versicherten anlässlich der Begutachtung bzw. sie
unterschieden nicht zwischen (vollständiger) Anamnese und subjektiven
Angaben. Sie stützte sich dabei auf die Angaben des von ihr beigezogenen
Dr. med. AD._ (versicherungsmedizinische Stellungnahme vom
28. Januar 2022). Die Gutachter unterteilten ihre Ausführungen zu den
- 59 -
subjektiven Angaben der Explorandin (Gutachten, S. 19, Ziff. 2) in
"Chronologische Darstellung der medizinischen Vorgeschichte und der
Behandlungen" (Gutachten, S. 19 ff., Ziff. 2.1), "Erwerbliche Situation"
(Gutachten, S. 23, Ziff. 2.2), "Aktuelle Beschwerden der Schulter links"
(Gutachten, S. 24, Ziff. 2.3) und in Unterkapiteln geordnete
"Systemanamnese" (Gutachten, S. 24 ff., Ziff. 2.4). In dem von Dr. med.
AD._ angesprochenen Kapitel "Chronologische Darstellung der
medizinischen Vorgeschichte und der Behandlungen" (Gutachten, S. 19 ff.,
Ziff. 2.1) wird nebst dem Verlauf der gesundheitlichen Beschwerden auch
der medizinische Bericht zitiert, aus dem die Angaben stammen. Wenn zur
besseren Einordnung bzw. zur Ergänzung auch anlässlich der
Begutachtung erhobene Angaben der Explorandin z.B. bezüglich der
Beschwerdesymptomatik oder der erwerblichen Situation (vgl. die Hinweise
auf S. 6 der Stellungnahme von Dr. med. AD._ auf die S. 20 f. des
Gerichtsgutachtens) eingeflossen sind, ist dies einerseits erkennbar und
andererseits nicht unzulässig, jedenfalls ist nicht ersichtlich, dass sich
daraus eine Verfälschung der medizinischen Vorgeschichte ergäbe. In
formaler Hinsicht erfüllt das Gerichtsgutachten vom 30. Dezember 2021 die
vom Bundesgericht aufgestellten Erfordernisse; es beruht mithin auf den
Vorakten (Anamnese) und auf eigenen Untersuchungen (Gutachten, S. 18),
berücksichtigt auch die geklagten Beschwerden (Gutachten, S. 24, Ziff. 2.3)
und erweist sich als für die streitigen Belange umfassend (vgl. dazu
Erwägung 4.12.1).
5.5.3. Zum Vorzustand (vor dem Unfall 2017) wiesen die Gutachter auf die
fortgeschrittene Omarthrose und deren Zunahme in den Verlaufskontrollen
(nach September 2013) hin, wobei sie gleichzeitig unter Hinweis auf
entsprechende Literatur darlegten, dass eine Omarthrose im Laufe der
Jahre in der Regel zunehme (Gutachten, S. 31, Ziff. 5.2). Sie bestätigten,
dass es sich bei den über den 31. August 2018 hinaus andauernden
bestehenden gesundheitlichen Beschwerden mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit um Spätfolgen des Unfalls 2010 bzw. der Operation
- 60 -
2013 handle (Gutachten, S. 34, Ziff. 6.2.1), dass Brückensymptome
gegeben seien (Gutachten, S. 30 f., Ziff. 5, S. 34, Ziff. 6.2.1) und dass ein
Gelenksersatzverfahren bei einer so fortgeschrittenen Omarthrose früher
oder später ohnehin sehr wahrscheinlich notwendig geworden wäre
(Gutachten, S. 32, Ziff. 6.1.4). Liegen also Spätfolgen aus dem Unfall 2010
bzw. der Operation 2013 vor, steht allein der rechtskräftig festgestellte
Fallabschluss per August 2016 einer sich daraus ergebenden
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin 2 nicht entgegen.
Wenn die Beschwerdegegnerin 2 den Gutachtern in ihrer Stellungnahme
vom 27. Januar 2022 (Ziff. 3) vorwirft, sie hätten die Ursache der
Omarthrose als retrospektiv nicht evaluierbar erachtet, deren Entstehung
aber nach der unzulässigen Beweisregel "post hoc, ergo propter hoc" (vgl.
dazu Erwägung 4.2) dennoch auf den Zeitpunkt zwischen 2010 und 2013
festgelegt, um die von ihnen als wahrscheinlich erachtete Kausalität zu
begründen, und wenn die Beschwerdegegnerin 2 damit den natürlichen
Kausalzusammenhang zwischen den Schulterbeschwerden und dem Unfall
2010 bzw. der Operation 2013 bestreiten wollte, übersieht sie, dass sie die
Unfallkausalität bereits im Rahmen der Abwicklung des Grundfalls aus dem
Unfall vom 12. Mai 2010 bzw. aus der Operation 2013 und gestützt auf das
Gutachten von Dr. med. P._ vom 4. August 2016 (Bf-act. 3, Bg2-
act. 106) anerkannt hatte, was zumindest bis zur Verfügung vom 21. Juli
2017 mit Fallabschluss per 4. August 2016 nicht umstritten war. So war
diese z.B. auch von Dr. med. AI._ in seinem Bericht vom 20. Oktober
2016 (Bg2-act. 115) bestätigt worden, der eine primär degenerative
Arthrose im Alter von 37 Jahren als höchst unwahrscheinlich ansah (Bg2-
act. 115); und Dr. med. AK._ hatte in seinem Bericht vom 30.
November 2016 erklärt, die Unfallkausalität könne er mangels Vorliegens
von bildgebenden Befunden nicht klar beantworten, jedoch ergäben sich
aus dem Operationsbericht 2013 wenig bis keine degenerativen
Veränderungen (Bg2-act. 116, S. 3). Wenn die Beschwerdegegnerin 2 in
ihrer Stellungnahme die gutachterliche Aussage hervorhebt, die Ursache
- 61 -
der
Omarthrose lasse sich retrospektiv nicht evaluieren (Ziff. 3), gleichzeitig
jedoch festhält, sie habe die Omarthrose mit Verfügung vom 21. Juli 2017
berücksichtigt (Ziff. 6 und 7), erweisen sich ihre Ausführungen auch als
widersprüchlich. Schliesslich lässt sich auch aus ihrer Aussage, die
Beschwerdeführerin sei in der Lage, sportlichen Aktivitäten nachzugehen
und Hauswarts- sowie Haushaltsarbeiten auszuführen (Ziff. 4), nichts
Konkretes gegen die gutachterliche Schlussfolgerung ableiten, dass es sich
bei der Omarthrose um eine Spätfolge aus dem Unfall vom 12. Mai 2010
bzw. aus der Operation vom 13. Februar 2013 handelt.
Das Sozialversicherungsgericht Zürich hielt mit Urteil UV.2018.00203 vom
16. Dezember 2019 (betreffend die Verfügung vom 21. Juli 2017, Bg2-
act. 132, bzw. den Einspracheentscheid vom 11. Juli 2018, Bg2-act. 136)
rechtskräftig fest, dass der Endzustand bezüglich des Unfalls vom 12. Mai
2010 am 4. August 2016 erreicht war, was bedeutet, dass von weiteren
Heilbehandlungen keine Verbesserungen der Arbeitsfähigkeit mehr
erwartet wurden (vgl. Erwägung 5.1.2). Der Behauptung der
Beschwerdegegnerin 2 in ihrer Stellungnahme vom 27. Januar 2022
(Ziff. 6), die Ausrichtung einer Integritätsentschädigung für die Omarthrose
als dauernde und erhebliche Schädigung der körperlichen Integrität
schliesse weitere Ansprüche ihr gegenüber aus, steht Art. 11 UVV
entgegen, wonach die Leistungspflicht erneut zu prüfen ist, wenn die
Versicherte zu einem späteren Zeitpunkt einen Rückfall erleidet bzw. wenn
sich Spätfolgen aus einem versicherten Unfall ergeben. Darauf hatte denn
die Beschwerdegegnerin 2 in ihrer Verfügung vom 21. Juli 2017 (Bg2-
act. 132, S. 2) auch selbst hingewiesen. Trotzdem und in Missachtung ihrer
gesetzlichen (Art. 43 ATSG i.V.m. Art. 1 UVG) und auch vom
Sozialversicherungsgericht Zürich explizit auferlegten Abklärungspflicht
(vgl. Urteil UV.2018.00203 vom 16. Dezember 2019 E.6) unterliess es die
Beschwerdegegnerin 2, ernsthaft zu prüfen, ob es sich bei den
fortbestehenden Schulterbeschwerden um einen Rückfall bzw. um
- 62 -
Spätfolgen aus dem fraglichen Ereignis handelte. So zielt auch ihre
Behauptung (Ziffn. 7, 11, 12), die Omarthrose sei als Spätfolge des Unfalls
2010 mit Verfügung vom 21. Juli 2017 bei Erreichen des rechtskräftig
festgelegten Endzustands per 4. August 2016 berücksichtigt worden und
weitere auf den Unfall 2010 zurückzuführende Beschwerden seien nicht
ersichtlich, womit sie ihrer Leistungspflicht vollumfänglich nachgekommen
sei, an der Sache vorbei, zumal weder die Zusprechung einer
Integritätsentschädigung noch das Erreichen des Endzustands jegliche
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin 2 ein für alle Male ausschliessen.
Die gutachterliche Schlussfolgerung, dass die Omarthrose als Spätfolge
des Unfalls 2010 bzw. der Operation 2013 anzusehen ist, wird durch die
Aussagen der Beschwerdegegnerin 2 nicht erschüttert.
5.5.4. Die Beschwerdegegnerin 1 rügt das Gerichtsgutachten in inhaltlicher
Hinsicht, indem sie den gutachterlichen Schluss, der Unfall vom 9.
Dezember 2017 habe zu einer richtunggebenden Verschlimmerung geführt,
aufgrund verschiedener Widersprüche (kein erhöhter
Schmerzmittelkonsum, keine schulterbedingte Arbeitsunfähigkeit, keine
weiteren Funktionseinschränkungen und keine strukturellen Schädigungen
durch den Unfall 2017) als unhaltbar bezeichnet.
Gemäss dem medizinischen Bericht von Dr. med. O._ vom 8. Juni
2015 (Bg2-act. 79) waren die Schmerzen im linken Schultergelenk
erträglich, wenn der Arm nicht belastet wurde, sie nahmen jedoch durch
Hebetätigkeiten mit Gewichtsbelastung zu; gemäss seinen Angaben nahm
die (zu jenem Zeitpunkt arbeitslose) Beschwerdeführerin nur noch selten
und nur bei Bedarf Schmerzmittel ein. Ein Jahr später scheint der
Schmerzmittelkonsum gemäss Gutachten von Dr. med. P._ vom
4. August 2016 (beruhend auf der Untersuchung vom April 2016) gestiegen
zu sein: Irfen 800 2x1, Dafalgan bis zu 4 Tabletten täglich, Panprax bei
Bedarf 1x1, Novalgin in Reserve sowie ein "Medikament auf
psychiatrischem Fachgebiet"
- 63 -
(Bf-act. 3, Bg2-act. 106, S. 7/15). Nach Aussagen der Beschwerdeführerin
bestanden die Schmerzen Tag und Nacht und vieles müsse mit dem
rechten Arm gemacht werden (Bf-act. 3, Bg2-act. 106, S. 6/15). Auch gab
sie an, seit Oktober 2015 zu 50 % in einem privaten Haushalt als
Haushälterin zu arbeiten, wobei sie gerne wieder zu 100 % arbeiten würde,
was ihr wegen der Schulterbeschwerden aber nicht möglich sei (Bf-act. 3,
Bg2-act. 106, S. 3/15). Im August 2016 erwähnte die Beschwerdeführerin
gegenüber Dr. med. AI._, sie arbeite zu 50 % als Haushälterin und zu
20 % in der Reinigung; es gehe so nicht mehr, sie könne den linken Arm
nicht heben; in Ruhe habe sie mässige, beim Heben "höllische" Schmerzen
(Bg2-act. 107). Der Arzt sprach von einer relevanten, posttraumatischen
Gelenksschädigung, von einer stark eingeschränkten Beweglichkeit und
der Unmöglichkeit manueller Tätigkeiten (Bg2-act. 107), im Oktober 2016
von einer ordentlich starken Schädigung des Gelenks (Bg2-act. 115). Im
Rahmen der Anamnese teilte ihm die Beschwerdeführerin mit, dass sie
mittlerweile gekündigt habe, die Schulter würde sie doch stark stören (Bg2-
act. 115). Der im November 2016 aufgesuchte Dr. med. AK._
bestätigte eine massiv eingeschränkte aktive wie passive
Schultergelenksbeweglichkeit im Sinne einer persistierenden, gravierenden
Frozen Shoulder; zur Schmerzreduktion empfahl er eine intraartikuläre
sowie subacromiale Kortisoninfiltration (Bg2-act. 116). Im Mai und Juni
2017 bestätigte Dr. med. O._ (Bg2-act. 128 und 129), der die
Versicherte offenbar seit 2015 nicht mehr zur Konsultation gesehen hatte,
eine erhebliche Funktionseinschränkung der linken Schulter durch
fortgeschrittene Einsteifung. Er erwähnte, dass die Beschwerdeführerin
arbeitslos sei; zum Funktionserhalt der linken Schulter sowie zur
Schmerzlinderung zwecks Eingliederung in den Arbeitsprozess empfahl er
weitere Physiotherapie.
Im Gerichtsgutachten (S. 20, Ziff. 2.1) wird für den Zeitraum 2015 und 2016
eine Tätigkeit als Verkäuferin, Reinigungs- und Haushaltskraft angegeben,
was mit den erwähnten medizinischen Berichten nicht in Widerspruch steht
- 64 -
(Bf-act. 3, Bg2-act. 106, S. 3/15, 107, 115), ebensowenig wie die Angabe,
dass die Beschwerdeführerin bei Belastungen unter grossen Schmerzen litt
und schmerzbedingt nur zu 50 % arbeiten konnte (Bf-act. 3, Bg2-act. 106,
S. 7/15 und S. 3/15, 107). Gemäss IK-Auszug war die Beschwerdeführerin
im 2014 mehrheitlich, im 2015 häufig nichterwerbstätig, im März 2017
arbeitslos, ab Mai 2017 und somit auch zur Zeit des Unfalls im Dezember
2017 und weiter ab Januar 2018 bei der G._ AG angestellt (IV-Akten
98). Eigenen Angaben zufolge war sie dabei trotz massiver,
bewegungsabhängiger Schmerzen in einem Sportzentrum zu 100 % als
Hauswartin tätig (Gutachten, S. 21, Ziff. 2.1). Nach dem Unfall im Dezember
2017 war sie aus psychiatrischen Gründen von Mai bis Oktober 2018
arbeitsunfähig geschrieben (Dr. med. AM._ vom 5. Oktober 2018, IV-
Akten 87-47/190). Obwohl sich der zweite Unfall im Dezember 2017
ereignete, konsultierte die Beschwerdeführerin wegen der
Schulterbeschwerden erst im August 2018 verschiedene Ärzte, die ihr dann
aufgrund einer Schultersonographie vom 9. August 2018 (Bg1-act. 19) und
einer MRI/Gado-Schulterarthro vom 13. August 2018 (Bg1-act. 16) für
August 2018 eine schulterbedingte Arbeitsunfähigkeit attestierten (Dr. med.
Q._, Bg1-act. 10; Dr. med. R._, Bg1-act. 10). Im Rahmen der
Konsultation bei Dr. med. S._ am 16. August 2018 erwähnte die
Beschwerdeführerin, dass die vorbestandenen Beschwerden deutlich
exazerbiert seien und bis zum aktuellen Zeitpunkt eine deutliche
Einschränkung im beruflichen sowie privaten Alltag verursachten (Bf-act. 4,
Bg1-act. 18). Dr. med. S._ bestätigte eine fortgeschrittene Pathologie
über der linken Schulter mit Omarthrose und deutlicher Ausdünnung der
Knorpeloberflächen sowie eine Kapsulitis mit Einschränkung der passiven
sowie auch aktiven Beweglichkeit. Dr. med. R._ beschrieb in seinem
Bericht vom 2. September 2018 (Bg1-act. 17) eine Exazerbation der
vorbestehenden Omarthrose und gab an, die Schulter sei kaum zu
gebrauchen.
- 65 -
Wie die Beschwerdegegnerin 1 zutreffend ausführte, beruht die Annahme,
dass es anlässlich des Unfalls 2017 zu einer Schmerzexazerbation kam und
die Beschwerdeführerin mehr Schmerzmittel einnehmen musste als davor,
allein auf deren Angaben (Bg1-act. 17 und 18). Die Medikation im
Begutachtungszeitpunkt, nämlich am 15. September 2021, notabene nach
der Implantation der Schultertotalprothese, mit einer Tablette Irfen 400 mg
morgens (zusammen mit einem Magenschutz) und eventuell einer zweiten
Tablette bei vermehrter Belastung der Schulter (Gutachten, S. 24, Ziff. 2.3),
lässt keinen objektiven Schluss auf die Medikamenteneinnahme
unmittelbar nach dem fraglichen Unfall vom 9. Dezember 2017 zu.
Allerdings ist nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin die
verschiedenen Ärzte deshalb erst im August 2018 konsultierte, weil sie ihre
Schulter in der Zeit davor wegen ihrer psychischen Erkrankung im Frühling
2018 und der daraus resultierenden Arbeitsunfähigkeit (vgl. dazu IV-Akten
87-47/190) weniger belastet haben dürfte, weshalb ihr bis dahin auch keine
den Schulterbeschwerden zugeordnete Arbeitsunfähigkeit attestiert worden
war. Wenn die Beschwerdeführerin aber bereits vor dem Unfall 2017 bei
Belastung von "höllischen" Schmerzen berichtete (Bg2-act. 107) und
Dr. med. AI._ einen Beruf empfahl, bei dem der Arm nicht belastet
werde (Bg2-act. 107), so wird aus den Akten nicht ersichtlich, dass die
Schmerzen nach dem Unfall 2017 stärker gewesen wären.
Wie die Beschwerdegegnerin 1 ebenfalls zu Recht ausführt, sind für die Zeit
nach dem Unfall 2017 keine wesentlich weitergehenden
Funktionseinschränkungen dokumentiert. Sowohl vor wie nach dem
Ereignis 2017 war die Schulter in der Beweglichkeit stark bzw. massiv aktiv
und passiv eingeschränkt (vgl. Bg2-act. 106 [Dr. med. P._], S. 6, 9,
11/15 sowie 13/15 [Ziff. 9.2: Einschränkungen für mittelschwere und
schwere Tätigkeiten in Kombination mit Heben und Tragen sowie
Tätigkeiten über Kopf], Bg2-act. 107 [Dr. med. AI._], S. 2, [August
2016] und Bg2-act. 116 [Dr. med. AK._], S. 2, [November 2016]), im
Sinne einer persistierenden gravierenden Frozen Shoulder (Bg2-act. 116
- 66 -
[Dr. med. AK._], S. 2 [November 2016: unbelastete Tätigkeit unterhalb
Brusthöhe empfohlen]), es bestand eine erhebliche
Funktionseinschränkung durch fortgeschrittene Einsteifung (Bg2-act. 128
[Dr. med. O._], S. 3 [Mai 2017]), die Beschwerdeführerin war im
Wesentlichen nicht in der Lage, den Arm zu heben und – schmerzbedingt –
ihn zu belasten (vgl. dazu Bg2-act. 79 [Dr. med. AI._ [recte: Dr. med.
O._]; Juni 2015], Bg2-act. 107 [Dr. med. AI._; August 2016]).
Nach dem Unfall vom 9. Dezember 2017, nämlich im August 2018 wurde
attestiert, dass keine Überkopfarbeiten möglich und die Schulter kaum zu
gebrauchen sei (Bg1-act. 17 [Dr. med. R._], S. 3) bzw. eine
eingeschränkte Belastbarkeit bei max. 5 kg bis Bauchhöhe, 2 kg bis
Brusthöhe und keine Belastbarkeit ab Schulterhöhe für nicht repetitive
Arbeiten bestünden (Bg1-act. 18 [Dr. med. S._]). Auch was die
Abduktionsfähigkeit des linken Arms (Anm. des Gerichts: Abduktion =
seitliche Wegführung bzw. das Abspreizen eines Körperteils von der
Körpermitte oder der Längsachse einer Extremität
[https://flexikon.doccheck.com/de/ Abduktion]) betrifft, ist für die Zeit nach
dem Unfall keine Verschlechterung ersichtlich:
2013: 90° (Bg2-act. 63)
2014: 120-140° (Bg2-act. 65, 68)
2015: 80° (Bg2-act. 74)
2016: bis zur Horizontalen (Anm. des Gerichts: entspricht 90°) (Bg2-
act. 116) / 80° (Bg2-act. 107)
2017: (vor dem Unfall): 80° (Bg2-act. 129)
2018: (nach dem Unfall): Hand nicht über Schulterhöhe (Anm. des
Gerichts: entspricht ca. 90°) bzw. Anteversion/Abduktion nicht konklusiv
beurteilbar oder sofortige Gegenspannung und Schmerzangabe mit
max. 50° (Bg1-act. 18)
Damit stimmt auch überein, dass die Indikation zur Prothesenimplantation
bereits im Jahr 2016 diskutiert bzw. empfohlen worden war. Dr. med.
- 67 -
AI._ hatte eine solche in seinen Berichten vom 25. August 2016 und
vom 20. Oktober 2016 (Bg2-act. 107 und 115) als einzige therapeutische
Option bezeichnet und diese daher mit günstiger Prognose empfohlen.
Auch Dr. med. AK._, den die Beschwerdeführerin für eine
Zweitmeinung konsultierte, hatte in seinem Bericht vom 30. November 2016
bestätigt, dass bei derart geschädigtem Gelenk eine Prothesenimplantation
die einzig sinnvolle chirurgische Massnahme sei (Bg2-act. 116, S. 2).
Dr. med. O._ sprach sich in seinem Bericht vom 4. Mai 2017 (Bg2-act.
128, Ziff. 3, vgl. auch Zwischenbericht vom 9. Juni 2017, Bg2-act. 129) nicht
grundsätzlich gegen eine solche aus, er bezeichnete lediglich einen
Gelenksersatz mittels Schulterprothese bei der recht jungen Patientin (37
Jahre) nicht als erste Wahl der Therapie.
Auch aus den bildgebenden Befunden vor und nach dem Unfall 2017 sind
keine wesentlichen Abweichungen erkennbar: Der MRI-Befund vom 4. Mai
2015 (bei verweigerter Injektion vorgängig der Untersuchung) zeigte eine
mässig fortgeschrittene Omarthrose mit multiplen Geröllzysten im Glenoid
(Anm. des Gerichts: Glenoid = äußere Gelenkpfanne des Schulterblattes),
ausgedünnten Knorpelüberzügen, osteophytären Appositionen an
Humeruskopf und Glenoid, tendinotische Ausdünnung der
Supraspinatussehne und leicht aktivierter AC-Gelenksdegeneration (Anm.
des Gerichts: AC-Gelenk = Acromioclaviculargelenk, Gelenkverbindung
zwischen dem Schlüsselbein und dem Acromion des Schulterblatts) (Bg2-
act. 76, S. 2 f.), die Röntgen- und CT-Untersuchung vom 20. Oktober 2016
eine mässig bis starke Omarthrose bei grossem Osteophyten inferior und
sehr unregelmässigem Gelenkskopf, v.a. cranial und grössere Zysten im
Glenoidbereich (Bg2-act. 115) und die Sonographie/Röntgen-
Untersuchung vom 30. November 2016 (Bg2-act. 116) eine fortgeschrittene
Omarthrose mit asymmetrischem Gelenksspalt, caudaler
Osteophytenbildung sowie ossären Unregelmässigkeiten im Bereich der
cranialen Humeruskopfkalotte, einen axial dorsal dezentrierten
Humeruskopf mit so gut wie aufgehobenem Gelenkspalt, eine intakte
- 68 -
Rotatorenmanschette, ein unauffälliges AC-Gelenk, keine Bursitis, keinen
gleno-humeralen Erguss sowie eine verdickte Gelenkkapsel. Nach dem
Unfall vom 9. Dezember 2017 ergab die MRI-Untersuchung der Schulter
links nach Gado-Schulterarthro vom 10. August 2018 am ehesten
posttraumatisch schwere degenerative Veränderungen des
Schultergelenks mit grossen Ostheophyten v.a. der inferioren
Humeruskopfzirkumferenz sowie flächigen Knorpelschäden mit
aufgebrauchtem Knorpel am superioren Glenoid, mässige Zeichen einer
adhäsiven Kapsulitis (Anm. des Gerichts: Kapsulitis = Frozen
Shoulder/Schultersteife = chronische, entzündliche Veränderungen im
Bereich der Schultergelenkkapsel, vgl. https://flexikon.doccheck. com/de/
Frozen_shoulder, vgl. auch Sachverhalt Ziff. 3.4) mit verdickter
Gelenkkapsel am inferioren Gelenkrecessus und angrenzendem Ödem,
Bursitis (Anm. des Gerichts: Bursitis = Entzündung eines Schleimbeutels)
der Bursa subacromialis/subdeltoidea, keine höhergradigen Defekte der
Rotatorenmanschette und im Rotatorenintervall fraglich medialisierte lange
Bizepssehne (Bg1-act. 16, S. 2). Die Röntgenuntersuchung vom 22. August
2018 ergab eine fortgeschrittene Omarthrose mit leichter Reduktion des
Subacromialraums, randständige Exophyten am Humeruskopf und am
Glenoid sowie einen deutlich reduzierten Gelenksspalt (Bg1-act. 18, S. 2).
Dr. med. S._ beschrieb die Pathologie der linken Schulter als
fortgeschrittene Omarthrose mit deutlicher Ausdünnung der
Knorpeloberflächen humeral sowie glenoidal mit langsam beginnender
Dezentrierung noch dorsokranial. Er erwähnte ein altes (vorliegend nicht
aktenkundiges) MRI vom Februar 2018, das noch eine kongruente
Rotatorenmanschette mit nur geringfügiger Ausdünnung der
Supraspinatussehne und leichter Tendinopathie und keine muskuläre
Degeneration grösseren Ausmasses zeigte. Klinisch bestehe auch eine
Kapsulitis mit Einschränkung der passiven sowie aktiven Beweglichkeit
(Bg1-act. 18, S. 2). Als therapeutische Option bei dieser fortgeschrittenen
Problematik bleibe letztendlich nur noch die Implantation einer
anatomischen Schulter-TP mit gleichzeitiger Mobilisation und Kapsulotomie
- 69 -
(Bg1-act. 18, S. 2). Die Gutachter bestätigten, dass die im August 2018
durchgeführten bildgebenden Untersuchungen keine Hinweise für
strukturelle Schädigungen bzw. für weitere Traumafolgen zeigten
(z.B. Rotatorenmanschettenruptur, Bizepssehnen-Ruptur; Gutachten,
S. 31, Ziff. 6.1.1; vgl. auch Dr. med. T._, Bg1-act. 48, S. 2), wenn sie
aber von einem Fortschreiten der Omarthrose im Vergleich zu den
vorangegangenen MR-Untersuchungen sprechen, ist mangels
entsprechender Beschreibung bzw. Begründung tatsächlich nicht
nachvollziehbar, – wie die Beschwerdegegnerin 1 zu Recht ausführt –,
worin sich diese von ihnen postulierte, durch den Unfall 2017
höchstwahrscheinlich ausgelöste Aktivierung der vorbestandenen
Omarthrose und damit richtunggebende, und nicht nur vorübergehende
Verschlimmerung im Gegensatz zum normalen, in der Regel nicht linear
verlaufenden Fortschreiten der Omarthrose zeigen sollte. In den erwähnten
bildgebenden Untersuchungen vom August 2018 werden jedenfalls (mit
Ausnahme der Bursitis) keine zusätzlichen entzündlichen Veränderungen
des Schultergelenks beschrieben (Bg1-act. 16, S. 2, Bg1-act. 18, S. 2).
5.5.5. Auf entsprechende Frage hin antworteten die Gerichtsgutachter, ein Status
quo ante sei nach dem Unfall 2017 nie erreicht worden, ein Status quo sine
wäre wahrscheinlich am 31. August 2018 noch nicht eingetreten
"ohne dass der Unfall vom 9. Dezember 2017 eine Aktivierung der
Omarthrose ausgelöst hätte" (Gutachten, S. 32, Ziff. 6.1.4). Gleichzeitig
halten sie fest, ein Gelenksersatzverfahren wäre bei einer so
fortgeschrittenen Omarthrose früher oder später sehr wahrscheinlich nötig
geworden (Gutachten, S. 32, Ziff. 6.1.4). Diese Ausführungen sind in
verschiedener Hinsicht widersprüchlich.
Ein Gesundheitsschaden infolge eines Vorzustandes beruht dann nur noch
auf unfallfremden Ursachen, wenn der "Status quo ante" – der
Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat –,
oder aber der "Status quo sine", – der Zustand, wie er sich nach
- 70 -
schicksalsmässigem Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne
Unfall früher oder später eingestellt hätte –, erreicht ist (vgl. dazu Erwägung
4.4). Dem Status quo ante geht eine temporäre Verschlimmerung eines
Vorzustandes voraus (Quelle: Koordination Schweiz) (Schema 1):
Der Status quo sine bezieht sich auf den schicksalsmässigen Verlauf eines
krankhaften Vorzustandes (Quelle: Koordination Schweiz) (Schema 2):
Gemäss Gerichtsgutachter führte der Unfall vom 9. Dezember 2017 mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit zu einer Aktivierung der Omarthrose
bzw. zu einer richtunggebenden Verschlechterung mit vermehrten
Schmerzen und weiterer Funktionseinschränkung (Gutachten, S. 32,
Ziff. 6.1.2 f.). Eine "richtunggebende Verschlimmerung" liegt vor, wenn ein
Unfall auf einen vorgeschädigten Körper trifft und medizinischerseits
feststeht, dass weder der Status quo ante noch der Status quo sine je
wieder erreicht werden können (vgl. Erwägung 4.4.). Bei einer
richtunggebenden Verschlimmerung liegt die natürliche Kausalität jetzt und
- 71 -
künftig vor (und zwar bei gleichbleibendem und bei fortschreitendem
Vorzustand, Schema 3 und 4) (Quelle: Koordination Schweiz):
Bei gleichbleibendem Vorzustand (Schema 3)
Bei fortschreitendem Vorzustand (Schema 4)
Die Gerichtsgutachter bestätigten, dass die Beschwerden einer Omarthrose
stetig voranschreiten, mithin bestand bei der Beschwerdeführerin ein
fortschreitender Vorzustand (vgl. Schemata 2 und 4). Wenn die Gutachter
dann aber festhielten, ein genaues Datum des Status quo sine sei
unmöglich festzulegen, scheinen sie davon auszugehen, ein solcher würde
sich irgendwann einstellen, was aber einer vorübergehenden – und nicht
richtunggebenden – Verschlimmerung entsprechen würde (vgl. Schema 2).
Dasselbe gilt für die Angabe, die Beschwerden der Omarthrose hätten
früher oder später eine Prothesenimplantation notwendig gemacht, ohne
Unfallereignis jedoch wären sie am 31. August 2018 nicht so stark gewesen,
dass eine solche bereits dann notwendig wurde, weshalb sie nicht davon
ausgingen, dass zu diesem Zeitpunkt ein Status quo sine erreicht sei
(Gutachten, S. 33, Ziff. 6.1.7). Diesbezüglich ist unklar, ob die Gutachter
den Zeitpunkt der Prothesenimplantation mit dem Erreichen des Status quo
- 72 -
sine gleichsetzen, was ebenfalls gegen die Annahme einer
richtunggebenden Verschlimmerung sprechen würde. Die aufgezeigten
Widersprüche lassen auf eine nicht einheitliche Handhabung der fraglichen
Begrifflichkeiten seitens der Gutachter schliessen, womit sich ihre
Feststellungen erst recht als nicht überzeugend erweisen.
Wenn sie darüber hinaus annahmen, der Unfall 2017 habe eine zeitliche
Beschleunigung der ohnehin voranschreitenden gesundheitlichen
Verschlechterung bewirkt, wenn sie mithin davon ausgingen, die
Beschwerden der Omarthrose wären im August 2018 ohne Unfallereignis
noch nicht so stark gewesen, dass eine Prothesenimplantation nötig
gewesen wäre (Gutachten, S. 33, Ziff. 6.1.7), überzeugt diese
Schlussfolgerung auch aus dem Grund nicht, weil die Indikation zum
Schultergelenksersatz bereits im Jahr 2016 von mehreren Ärzten bestätigt
worden war (vgl. Bg2-act. 107, 115, 116, 128). Zwar gehören nach der
Rechtsprechung zu den im Sinne von Art. 6 Abs. 1 UVG massgebenden
Ursachen auch Umstände, ohne deren Vorhandensein die gesundheitliche
Beeinträchtigung nicht zur gleichen Zeit eingetreten wäre; eine
schadensauslösende traumatische Einwirkung wirkt also selbst dann
leistungsbegründend, wenn der betreffende Schaden auch ohne das
versicherte Ereignis früher oder später wohl eingetreten wäre, der Unfall
somit nur hinsichtlich des Zeitpunkts des Schadenseintritts conditio sine qua
non war (Urteil des Bundesgerichts 8C_337/2016 vom 7. Juli 2016 E.4.1.1).
Bei bereits seit 2016 klar gegebener Indikation zum Schultergelenksersatz
ist diese allein aufgrund der acht Monate später gemachten
anamnestischen Hinweise auf eine nicht näher beschriebene
Schmerzexazerbation und ohne konkrete Anhaltspunkte für eine
tatsächliche Verschlechterung des Gesundheitszustands (z.B. stärkere
Schmerzen, grössere Funktionseinschränkungen, etc. vgl. dazu Erwägung
5.5.4) gezogene Schlussfolgerung der Gutachter aber nicht schlüssig. Die
Beschwerdeführerin unterzog sich im 2016 der empfohlenen
Schultertotalprothesenoperation nicht aus medizinischen Gründen (noch)
- 73 -
nicht, sondern weil sie zu jenem Zeitpunkt noch lieber mit Schmerzmitteln
leben wollte (Gutachten, S. 21, Ziff. 2.1). Dabei ist zu erwähnen, dass die
Beschwerdeführerin den ärztlichen Empfehlungen grundsätzlich eine
gewisse Zurückhaltung entgegenzubringen schien, indem sie zur Frage der
Schulterprothesenimplantation eine Zweit- und Drittmeinung einholte (Bg2-
act. 116 und 128, Schreiben der Beschwerdeführerin vom 8. Januar 2021
betreffend verfahrensleitende Verfügung vom 22. Dezember 2020), und
auch z.B. bei radiologischen Untersuchungen die Kontrastmittelinjektionen
verweigerte, was zu weniger klaren Bildgebungen führte (Limitierung der
Aussagefähigkeit; vgl. MRI vom 1. Juni 2012 [Bg2-act. 50], MRI vom 25.
September 2013 [Bg2-act. 62], MRI vom 4. Mai 2015 [Bg2-act. 76]).
5.5.6. Eine "richtunggebende Verschlimmerung" liegt dann nicht mehr vor, wenn
durch einen Unfall ein klinisch stummer krankhafter Vorzustand aktiviert
wird, zu dessen Aktivierung aber nicht unbedingt ein Unfallereignis
notwendig gewesen wäre; das Bundesgericht spricht dann von einer
blossen Gelegenheits- oder Zufallsursache des Gesundheitszustands, die
keine Leistungspflicht der Unfallversicherung nach sich zieht (Urteile des
Bundesgerichts 8C_287/2020 vom 27. April 2021 E.3.1 und 8C_669/2019
vom 25. März 2020 E.4.1; NABOLD, a.a.O., Art. 6 Rz. 55; ACKERMANN, in:
SCHAFFHAUSER/KIESER, Unfall und Unfallversicherung, St. Gallen 2009,
S. 38 f.). Daher verhält es sich anders, wenn ein Unfall nur Gelegenheits-
oder Zufallsursache ist, die ein gegenwärtiges Risiko, mit dessen
Realisierung jederzeit zu rechnen gewesen wäre, manifest werden lässt,
ohne im Rahmen des Verhältnisses von Ursache und Wirkung
eigenständige Bedeutung anzunehmen; mithin liegt keine
anspruchsbegründende Teilursache vor, wenn das aus der potentiellen
pathogenen Gesamtursache resultierende Risiko dermassen gegenwärtig
war, dass der auslösende Faktor gleichsam beliebig und austauschbar
erschiene (Urteile des Bundesgerichts 8C_605/2021 vom 30. März 2022
E.3.3, 8C_587/2020 vom 5. Februar 2021 E.6.1, 8C_669/2019 vom 25.
März 2020 E.4.1, 8C_337/2016 vom 7. Juli 2016 E.4.1.2, 8C_847/2016 vom
- 74 -
5. April 2017 E.5.3.2), mithin – bei erstelltem Auslösezusammenhang –,
wenn die unfallbedingte Einwirkung auf einen derart labilen, prekären
Vorzustand trifft, dass jederzeit mit einem Eintritt der (organischen)
Schädigung zu rechnen gewesen wäre, sei es aus eigener Dynamik der
pathogenen Schadensanlage oder wegen Ansprechens auf einen
beliebigen anderen Zufallsanlass. Mithin erscheint der Unfall nicht als
kausal signifikantes Ereignis, sondern als austauschbarer Anlass, wenn ein
alltäglicher alternativer Belastungsfaktor zu annähernd gleicher Zeit
dieselbe Gesundheitsschädigung hätte bewirken können; es entsteht daher
keine Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers (Urteile des
Bundesgerichts 8C_605/2021 vom 30. März 2022 E.3.3 und 8C_337/2016
vom 7. Juli 2016, E.4.1.2).
Zwar kommt der Beurteilung von Dr. med. AD._ lediglich geringe
Beweiskraft zu (vgl. Erwägung 4.12.2), zumal sie nicht auf den
Originalakten, sondern lediglich auf den im Gerichtsgutachten von Prof.
Dr. med. U._/pract. med. AC._ vom 30. Dezember 2021 und im
Gutachten von Dr. med. P._ vom 4. August 2016 (Bf-act. 3, Bg2-
act. 106) erwähnten Aktenzusammenfassungen beruht. Dennoch ist nicht
von der Hand zu weisen, dass sich – worauf Dr. med. AD._ hinweist
(S. 10) – eine erhebliche Verstärkung der Beschwerden durch das
Unfallereignis aus den Akten nicht ablesen lässt (vgl. auch Erwägung 5.5.4).
Insbesondere bestehen keine Anzeichen einer nachweisbaren strukturellen
Schädigung (Erwägung 5.5.4; vgl. auch Gutachten, S. 31, Ziff. 6.1.1), die
entzündliche Veränderungen des Gelenks und/oder des subchondralen
Knochens (Knochenmarködem) ausgelöst haben könnten
(versicherungsmedizinische Stellungnahme von Dr. med. AD._,
S. 12), was gemäss Dr. med. AD._ Voraussetzung einer Aktivierung
wäre; eine solche habe sich aber im MRI vom August 2018, neun Monate
nach dem Unfall vom 9. Dezember 2017, nicht gezeigt
(versicherungsmedizinische Stellungnahme von Dr. med. AD._, S. 12;
vgl. auch Bg1-act. 16, 18, 19), weshalb es seiner Ansicht nach nie zu einer
- 75 -
entsprechenden Aktivierung der Omarthrose gekommen oder (was
unwahrscheinlich sei) eine solche spätestens zu diesem Zeitpunkt (Anm.
des Gerichts: MRI im August 2018) abgeheilt war
(versicherungsmedizinische Stellungnahme von Dr. med. AD._,
S. 12), womit auch gesagt wäre, dass mit dem Unfall 2017 eben keine
richtunggebende Verschlimmerung eingetreten sein konnte.
Dementsprechend ist Dr. med. AD._ der Ansicht, der Unfall vom 9.
Dezember 2017 habe keinerlei Ursache für die Operation vom 16. Oktober
2018 gesetzt, weil nach diesem Unfall keine unmittelbare, erhebliche
Verschlechterung des Beschwerdebildes eingetreten sei, sondern eine
Verschlechterung, wie sich diese auch aus dem normalen, in der Regel
nicht linear symptomatischen Verlauf der Arthrose ergebe.
Selbst wenn die Gerichtsgutachter mit dem Begriff der Aktivierung, in
Abweichung von den Angaben von Dr. med. AD._, lediglich eine
Zunahme von Beschwerden hätten beschreiben wollen, wie Dr. med.
AD._ zu bedenken gab (versicherungsmedizinischen Stellungnahme
von Dr. med. AD._, S. 12), wäre eine solche Verschlechterung
tatsächlich nicht beschrieben und nachgewiesen bzw. auch mit dem
Fortschreiten der Omarthrose erklärbar. Darüber hinaus haben sich die
Gutachter mit der Unterscheidung zwischen richtunggebender
Verschlimmerung und Gelegenheits- bzw. Zufallsursache nicht
auseinandergesetzt (wobei sie auch nicht zwischen langanhaltender und
richtunggebender Verschlimmerung unterscheiden, vgl. Gutachten, S. 32,
Ziff. 6.1.3, und S. 42, Ziff. 10), obwohl sie eine Aufteilung der Kausalität als
fast nicht möglich bzw. sehr spekulativ bezeichneten (Gutachten, S. 32,
Ziff. 6.1.2 und, S. 34, Ziff. 6.2.2). Während sie aber den Unfall 2017
trotzdem als richtunggebend bezeichneten, mit der Begründung, dass die
im August 2018 durchgeführte MR-Untersuchung keine Hinweise für
weitere Traumafolgen enthielt (z.B. Rotatorenmanschettenruptur,
Bizepssehnen-Ruptur), sondern ihrer Ansicht nach im Vergleich zu den
vorangegangenen MR-Untersuchungen ein Fortschreiten der Omarthrose
- 76 -
zeigte (bedingt durch die durch den Unfall ausgelöste Aktivierung
[Gutachten, S. 31 f., Ziff. 6.1.1-6.1.3]), hielt Dr. med. AD._ fest, dass
jedes denkbare äussere Ereignis oder auch innere Anlass ohne Zweifel
ebenfalls und zur gleichen Zeit zur schulterprothetischen Versorgung
geführt hätte (versicherungsmedizinische Stellungnahme von Dr. med.
AD._, S. 13 auf entsprechende Frage [S. 10]), mit anderen Worten
erachtete er den Unfall 2017 als Gelegenheits- oder Zufallsursache für die
darauf notwendig gewordene Schulteroperation.
5.5.7. Die Beschwerdegegnerin 2 beanstandete, dass Dr. med. P._ auf eine
seit August 2015 bestehende unfallfremde Depression mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit hingewiesen habe, die Gutachter jedoch unfallfremde
Faktoren verneint und die seit langem bestehenden psychischen
Gesundheitsstörungen in ihrer Beurteilung nicht berücksichtigt hätten.
Dr. med. P._ erwähnte in ihrem Gutachten vom 4. August 2016, dass
die Versicherte wegen einer Depression in psychiatrischer Behandlung sei
(Bg2-act. 106, S. 6 f.). Im polydisziplinären Gutachten der IV-Stelle vom 23.
August 2020 (IV-act. 87), auf das im Gerichtsgutachten ebenfalls
hingewiesen wird (S. 22), wird eine leichtgradige depressive Episode
diagnostiziert (S. 14/190) und eine Arbeitsunfähigkeit (Leistungsminderung
bei vollumfänglicher Anwesenheit) aus psychiatrischer Sicht von 20 %
attestiert (S. 17/190, S. 163/190). Im Verlauf ergab sich eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit von Mai-Oktober 2018 und von Februar-Dezember 2019
(IV-act. 87, S. 142 f./190, S. 146/190).
Die Gutachter bestätigten im Gerichtsgutachten die Depression als
Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 29). Wenn sie unter
Ziff. 5.1 die Depression zwar nicht erwähnten, aber unfallfremde Faktoren
verneinten bzw. unter Ziff. 5.2 die psychischen Beschwerden nicht
erwähnten, so erweist sich dies entgegen den Behauptungen der
Beschwerdegegnerin 2 nicht als widersprüchlich oder falsch, zumal es bei
diesen Fragen nicht um die Arbeitsfähigkeit, sondern um die hier
- 77 -
interessierende Schulterproblematik (Vorzustand, Ziff. 5.1 bzw.
Rückfall/Spätfolgen aus dem Unfall 2010, Ziff. 5.2) ging. Die Gutachter
setzten sich mit den möglichen Ursachen der Omarthrose auseinander,
wobei sie zwischen Trauma und Operation bzw. posttraumatischer und
postoperativer Ursache unterscheiden (Antwort zu Ziff. 5.1). Dass eine
psychiatrische Diagnose bzw. die von Dr. med. P._ erwähnte
Depression (Bg2-act. 106, S. 6 f.) einen Einfluss auf die
Schulterproblematik gehabt haben könnte, stand zu keinem Zeitpunkt im
Raum noch waren die orthopädischen Gutachter beauftragt, Solches zu
beantworten. Unter diesen Umständen ist nicht zu beanstanden, dass die
Gutachter in ihrer – notabene orthopädischen – Beurteilung nicht näher auf
die psychischen Beschwerden eingingen. Wären sie der Ansicht gewesen,
die Begutachtung hätte um den psychiatrischen oder weitere Fachbereiche
ergänzt werden müssen, hätten sie dies entsprechend kundtun müssen
(vgl. Fragenkatalog Einleitung).
5.5.8. Angesichts eines für den fraglichen Zeitraum unmittelbar nach dem Unfall
vom 9. Dezember 2017 nicht dokumentierten medizinischen Sachverhalts
(vgl. insbesondere Erwägung 5.5.6) und angesichts der in Bezug auf die
wesentliche Frage der Unfallkausalität bzw. der Unterscheidung zwischen
richtunggebender Verschlimmerung und Zufalls- oder Gelegenheitsursache
nicht nachvollziehbar bzw. widersprüchlich begründeten medizinischen
Einschätzung (vgl. Erwägung 5.5.5) vermag das Gerichtsgutachten vom
30. Dezember 2021 nach Ansicht des Gerichts in der Kausalitätsbeurteilung
nicht zu überzeugen. Die Schlussfolgerung der Gerichtsgutachter, dass mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Teilkausalität zwischen dem Unfall
2017 und den über den 31. August 2018 hinaus andauernden
gesundheitlichen Beschwerden an der linken Schulter bestehe (Gutachten,
S. 31, Ziff. 6.1.2), der Unfall 2017 also zu einer Aktivierung der Omarthrose
bzw. zu einer (von ihnen nicht präzis definierten) richtunggebenden
Verschlechterung geführt habe, erweist sich demnach als nicht schlüssig.
Demgegenüber lässt sich gestützt auf die versicherungsmedizinische
- 78 -
Stellungnahme vom 28. Januar 2022 (Beilage zur Stellungnahme der
Beschwerdegegnerin 1 vom 24. Februar 2022) des von der
Beschwerdegegnerin 1 beigezogenen Dr. med. AD._ zweierlei
ableiten: Einerseits basiert die angegebene Schmerzexazerbation
anlässlich des Unfalls 2017 nur auf den rund acht Monate danach
gemachten anamnestischen Angaben der Beschwerdeführerin (vgl. Bg1-
act. 17 und 18), wobei sich aus den Akten keine erhebliche
Verschlimmerung der Beschwerden ablesen lässt (vgl. auch Erwägung
5.5.4), was auch mit der Tatsache korreliert, dass die Beschwerdeführerin
mindestens bis April 2018 weiterhin zu 100 % arbeitstätig war (IV-act. 87,
S. 142 f./190, S. 146/190). Andererseits erweist sich mangels Herleitung als
unklar, was die Gutachter mit dem Begriff der Aktivierung der Omarthrose
meinten, sie selbst beschrieben ein Fortschreiten der Omarthrose im
Vergleich zu den vorangegangenen MR-Untersuchungen (Gutachten,
S. 31, Ziff. 6.1.1), während Dr. med. AD._ eine Aktivierung als
strukturelle Schädigung mit entzündlichen Veränderungen des Gelenks
und/oder des subchondralen Knochens definierte
(versicherungsmedizinische Stellungnahme vom 28. Januar 2022 von
Dr. med. AD._, S. 12), wobei sich eine solche durch den Unfall vom
9. Dezember 2017 ausgelöste Aktivierung aus den Akten
unbestrittenermassen nicht ergibt (insbesondere auch aus dem MRI vom
10. August 2018 nicht [vgl. Bg1-act. 16, 18, 19]; Gutachten, S. 31, Ziff. 6.1.1
[keine weiteren Traumafolgen z.B. Rotatorenmanschettenruptur,
Bizepssehnen-Ruptur], versicherungsmedizinische Stellungnahme vom 28.
Januar 2022 von Dr. med. AD._, S. 12; vgl. auch Erwägung 5.5.4).
Unter diesen Umständen ist die Schlussfolgerung der Gutachter, es liege
eine richtunggebende Verschlimmerung (vgl. dazu Erwägung 5.5.5 f.) vor,
zu welcher der Unfall vom 9. Dezember 2017 geführt habe und zwar mit
dem gebotenen Grad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (Gutachten,
S. 31 f., Ziff. 6.1.1 f.), nicht nachvollziehbar. Wenn demgegenüber die
Gutachter einerseits bestätigten, dass eine Omarthrose im Laufe der Jahre
in der Regel zunehme (Gutachten, S. 31, Ziff. 5.2), und wenn andererseits
- 79 -
die Indikation zur endoprothetischen Versorgung bereits mehr als ein Jahr
vor dem Unfall 2017 von zwei bzw. drei unabhängigen Ärzten (Dr. med.
AI._, Dr. med. AK._, Dr. med. O._) festgestellt worden war,
liegt der Schluss nahe, dass das fragliche Unfallereignis entweder gar
keinen Einfluss auf die Indikation zur Schulteroperation hatte oder lediglich
im Sinne eines Auslösers die Beschwerdeführerin bewog, die ihr in den
Jahren 2016 (vgl. Bg2-act. 107, 115 und 116) und 2017 (Bg2-act. 128)
empfohlene Operation doch durchzuführen. Entsprechend ist auch
plausibel, wenn Dr. med. AD._ ausführte, jedes denkbare äussere
Ereignis oder auch jeder innere Anlass hätte ohne Zweifel und zur gleichen
Zeit zur schulterprothetischen Versorgung geführt (vgl.
versicherungsmedizinische Stellungnahme vom 28. Januar 2020, S. 13 auf
entsprechende Frage [S. 10]), mit anderen Worten den Unfall 2017 als
Gelegenheits- oder Zufallsursache für die darauf notwendig gewordene
Schulteroperation erachtete. Dem entspricht, dass Dr. med. S._
sowohl im Operationsbericht vom 16. Oktober 2018 (Bg1-act. 41) als auch
im Bericht vom 22. August 2018 (Bg1-act. 18) in Bezug auf die
Operationsindikation von zunehmenden Schmerzen bei erfolgter
Schulterstabilisation im 2013 bzw. von nun seit ca. acht Jahren
bestehenden Schmerzen und fortgeschrittener Problematik und bezüglich
des Unfalls vom 9. Dezember 2017 nicht von einem die Operation
auslösenden Faktor sprach.
5.5.9. Für das Gericht erweist sich das Gerichtsgutachten vom 30. Dezember
2021 in Bezug auf die Frage des natürlichen Kausalzusammenhangs
zwischen dem Unfall vom 9. Dezember 2017 und dem
Gesundheitszustand, wie er sich im August 2018 präsentierte, bzw. der
Operation zum endoprothetischen Schultergelenksersatz im Oktober 2018
als nicht überzeugend. Insbesondere vermögen daran die diesbezüglichen
versicherungsmedizinischen Ausführungen von Dr. med. AD._ trotz
der geringen Beweiskraft von Parteigutachten (vgl. Erwägung 4.12.2; wobei
von einer tendenziösen Fragestellung entgegen den Behauptungen der
- 80 -
Beschwerdeführerin nicht gesprochen werden kann [vgl. S. 10: reine
Gelegenheitsursache, S. 13: Teilursache im Sinne einer vorübergehenden
Verschlimmerung, S. 13: oder Teilursache im Sinne einer
richtunggebenden Verschlimmerung]) erhebliche Zweifel hervorzurufen,
womit zwingende Gründe gegeben sind (vgl. dazu Erwägung 4.12.2), auf
das monodisziplinäre Gerichtsgutachten von Prof. Dr. med. U._/pract.
med. AC._ vom 30. Dezember 2021 nicht abzustellen.
Damit stellt sich weiter die Frage, ob es einer Überprüfung durch eine/n
Oberexpertin/en bedarf, wie dies auch die Beschwerdegegnerin 1 im
Eventualantrag verlangte, oder ob das Gericht ohne Oberexpertise vom
Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen ziehen
kann (vgl. dazu BGE 125 V 351 E.3b/aa, BGE 122 V 157 E.1a-c, BGE 118
V 290 E.1b). Dabei ist nur die Frage entscheidend, ob der Unfall vom 9.
Dezember 2017 als richtunggebende Verschlimmerung oder als Zufalls-
bzw. Gelegenheitsursache einzuschätzen ist. Angesichts des Umstands,
dass der medizinische Sachverhalt erhoben ist, dass aufgrund der im
Oktober 2018 erfolgten Prothesenimplantation keine weiteren
Untersuchungen zum vorherigen Gesundheitszustand mehr möglich sind
und aus den vorliegenden Akten keine Anhaltspunkte für eine relevante
Verschlimmerung der Beschwerden nach dem Unfall 2017 erhoben werden
können (vgl. Erwägung 5.5.4: lediglich anamnestische Angaben zur
Schmerzexazerbation rund acht Monate nach dem Ereignis, keine
vergleichbaren Angaben zum Schmerzmittelbedarf, keine weitergehenden
Funktionseinschränkungen im Vergleich zum Zeitpunkt vor dem Unfall,
keine relevante Verschlimmerung im Vergleich zu den bildgebenden
Untersuchungen im 2016), kommt das Gericht zum Schluss, dass der Unfall
vom 9. Dezember 2017 nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine
richtunggebende Verschlimmerung ausgelöst haben konnte, sondern dass
höchstens ein Zustand, wie er sich bei schicksalsmässigem Verlauf des
Vorzustands – hier bei stetig voranschreitender Omarthrose –, auch ohne
Unfall früher oder später eingestellt hätte, vorliegen konnte. Unter diesen
- 81 -
Umständen kann von der Einholung einer medizinischen Oberexpertise
kein anderes entscheidrelevantes Ergebnis erwartet, mithin die
Überzeugung des Gerichts durch weitere Beweiserhebungen nicht
geändert werden, weshalb davon abzusehen ist (antizipierte
Beweiswürdigung; BGE 144 V 361 E.6.5, BGE 136 I 229 E.5.3; Urteil des
Bundesgerichts 8C_754/2019 vom 6. Februar 2020 E.5.3).
5.6. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin 1 vom 13. September 2019
(Verfahren S 19 123) abzuweisen und die Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin 2 vom 18. August 2020
(Verfahren S 20 107) gutzuheissen, der angefochtene Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin 2 aufzuheben und die Sache im Sinne der
Erwägungen zu neuem Entscheid an die Beschwerdegegnerin 2
zurückzuweisen ist.
6. Bezüglich der Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin 1 und der
Beschwerdegegnerin 2 ist weiter Folgendes zu beachten:
6.1. Wird eine (Teil-)Kausalität zwischen dem Unfall vom 9. Dezember 2017 und
den im August 2018 festgestellten gesundheitlichen Beschwerden bzw. der
Operation zum endoprothetischen Schultergelenksersatz im Oktober 2018
verneint, entfällt eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin 1 nach
Einstellung der von ihr bis zum 31. August 2018 anerkannterweise
erbrachten Leistungen. Der angefochtene Einspracheentscheid der
Beschwerdegegnerin 1 vom 13. September 2019 ist daher zu schützen.
6.2. Liegt ausschliesslich ein Rückfall/Spätfolgen aus dem Unfall vom 12. Mai
2010 bzw. der Operation vom 13. Februar 2013 vor (vgl. Erwägung 5.5.3),
ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen diesen Ereignissen und
den im August 2018 festgestellten orthopädischen Beschwerden bzw. der
Operation zum endoprothetischen Schultergelenksersatz im Oktober 2018
- 82 -
gegeben. Damit hat die Beschwerdegegnerin 2 für sämtliche kurz- und
langfristigen Leistungen im Zusammenhang mit den ab dem 1. September
2018 weiterbestehenden Schulterbeschwerden der Beschwerdeführerin
aufzukommen. Daran ändert der Umstand nichts, dass die Heilbehandlung
im Rahmen des Grundfalls 2010 abgeschlossen (HÜRZELER/KIESER, a.a.O.,
Art. 6 Rz. 91) und die Beschwerdeführerin nach dem Fallabschluss im 2016
zeitweise arbeitstätig war. Auch Art. 100 UVV steht der Leistungspflicht
nicht entgegen, zumal kein entsprechender koordinationsrechtlicher
Tatbestand vorliegt. Der angefochtene Einspracheentscheid der
Beschwerdegegnerin 2 vom 18. August 2020 ist folglich aufzuheben und
die Sache in grundsätzlicher Bejahung der Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin 2 für den fraglichen Zeitraum ab dem 1. September
2018 (gemäss Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin 1 vom
13. September 2019, Bf-act. 2, Bg1-act. 81) bzw. ab der
Schulterprothesenimplantation vom 16. Oktober 2018 (Bg1-act. 41) zu
erneutem Entscheid an diese zurückzuweisen ist.
6.3. Bei der Festlegung der Leistungen wird die Beschwerdegegnerin 2 zu
berücksichtigen haben, dass das Sozialversicherungsgericht Zürich in
seinem Urteil vom 16. Dezember 2019 (UV.2018.00203) eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit (für körperlich leichte Tätigkeiten,
vgl. E.5.1 und E.5.3.2) für die Zeit nach dem 4. August 2016 bestätigte, für
die Festlegung des Valideneinkommens den Lohn als Kassiererin (E.5.2)
und für das Invalideneinkommen die Schweizerische Lohnstrukturerhebung
des Bundesamtes für Statistik (LSE) als massgeblich vorgab, zumal die
tatsächlich ausgeübte Hauswartstätigkeit dem Belastungsprofil nicht
entsprach und kein besonders stabiles Arbeitsverhältnis bestanden hatte
(E.5.3.2). Sofern Taggeldleistungen erbracht werden (Art. 16 und Art. 17
UVG), wird zu beachten sein, dass die Beschwerdeführerin auch
Leistungen der Invalidenversicherung bezog.
- 83 -
6.4. Gemäss Art. 102a UVV besteht eine Vorleistungspflicht für denjenigen
Versicherer, der dem Auftreten der Unfallfolgen in zeitlicher Hinsicht am
nächsten ist, wenn sich mehrere Versicherer nicht einigen können, wer von
ihnen für diese leistungspflichtig ist. Mit Festlegung der grundsätzlichen
Leistungspflicht zu Lasten der Beschwerdegegnerin 2 entfällt eine allfällige
Vorleistungspflicht der Beschwerdegegnerin 1.
7. Gemäss aArt. 61 lit. a ATSG i.V.m. Art. 82a ATSG ist das Verfahren vor
dem kantonalen Versicherungsgericht – vorbehältlich der mutwilligen oder
leichtsinnigen Verfahrensführung – für die Parteien kostenlos.
7.1.1. Mit Bezug auf die Kosten des eingeholten monodisziplinären
Gerichtsgutachtens von Prof. Dr. med. U._/pract. med. AC._ vom
30. Dezember 2021 gilt es zu beachten, dass gemäss Art. 45 Abs. 1 ATSG
der Versicherungsträger die Kosten der Abklärung des Sachverhalts durch
einen unabhängigen Sachverständigen übernimmt, wenn er die
Massnahme angeordnet hat oder wenn diese für die Beurteilung des
Anspruchs unerlässlich war. Dazu zählen nach Lehre und Rechtsprechung
auch Gerichtsgutachten, die das Gericht einholen musste, weil die
Abklärungen des Versicherers für die sachgerechte Beurteilung nicht
ausreichend waren (vgl. KIESER, a.a.O., Art. 45 Rz. 20 und 27 ff.; BGE 143
V 269 E.6.2.1, BGE 139 V 496 E.4.4 und BGE 137 V 210 E.4.4.2).
Voraussetzung für die Auferlegung der Kosten an die Verwaltung bzw. an
den Versicherungsträger ist, dass ein Zusammenhang besteht zwischen
dem Untersuchungsmangel seitens der Verwaltung und der Notwendigkeit,
eine Gerichtsexpertise anzuordnen (BGE 143 V 269 E.3.3, BGE 140 V 70
E.6.1 und BGE 139 V 496 E.4.4; Urteil des Bundesgerichts 8C_349/2016
vom 15. Juli 2016 E.2.2; vgl. analog für den Bereich der Unfallversicherung:
BGE 140 V 70 E.6.2). Dies trifft namentlich zu bei einem manifesten
Widerspruch zwischen den verschiedenen, aktenmässig belegten
ärztlichen Auffassungen, ohne dass dieser durch objektiv begründete
Argumente entkräftet wurde, wenn zur Klärung der medizinischen Situation
- 84 -
notwendige Aspekte unbeantwortet geblieben sind oder auf eine Expertise
abgestellt wurde, welche die Anforderungen an eine medizinische
Beurteilungsgrundlage nicht erfüllt (BGE 140 V 70 E.6.1, BGE 139 V 496
E.4.4; VGU S 20 15 vom 1. Dezember 2020 E.9.1 und S 18 60 vom
6. August 2020 E.11). Wenn die Verwaltung dagegen den
Untersuchungsgrundsatz respektiert und ihre Auffassung auf objektive
konvergente Grundlagen oder auf die Ergebnisse einer rechtsgenüglichen
Expertise gestützt hat, ist die Überbindung der Kosten des erstinstanzlichen
Gerichtsgutachtens an sie nicht gerechtfertigt, aus welchen Gründen dies
auch immer erfolgte. Vorliegend wurde bereits festgehalten, dass die
Beschwerdegegnerin 2 ihrer – auch seitens des
Sozialversicherungsgerichts Zürich erklärten (vgl. Urteil UV.2018.00203
vom 16. Dezember 2019 E. 6 sowie Erwägung 5.5.3) – Abklärungspflicht
nicht nachgekommen ist, weshalb es gerechtfertigt ist, die Kosten für die
Einholung des Gerichtsgutachtens trotz grundsätzlicher Kostenlosigkeit des
Verfahrens der Beschwerdegegnerin 2 zu überbinden (BGE 140 V 70
E.5.2.2 und E.6). Daran ändern auch die von ihr im Schreiben vom 25. März
2021 (zur verfahrensleitenden Verfügung der Instruktionsrichterin vom 9.
März 2021) gemachten gegenteiligen Ausführungen nichts.
7.1.2. Was die Höhe der Gutachtenskosten betrifft, so liegen zwei Rechnungen
über total CHF 17'197.30 (CHF 557.65 + CHF 16'639.65) im Recht. Diese
liegen innerhalb des erweiterten Kostendaches von CHF 18'000.00 (vgl.
Gutachtensauftrag vom 30. April 2021 und Schreiben des Kantonsspitals
AN._ vom 7. Juni 2021) und sind nicht zu beanstanden. Weitere
Verfahrenskosten werden nicht erhoben.
7.2. Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende
Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Rückweisung der Sache
an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuem Entscheid gilt als
vollständiges Obsiegen (Urteile des Bundesgerichts 8C_24/2022 vom 20.
September 2022 E.6.2, 9C_995/2012 vom 17. Januar 2013 E.3), weshalb
- 85 -
die hier obsiegende anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin Anspruch auf
eine Parteientschädigung zu Lasten der unterliegenden
Beschwerdegegnerin 2 hat. Im Übrigen wird die Bemessung der
Parteientschädigung gemäss Art. 61 Satz 1 ATSG nach dem kantonalen
Recht bestimmt (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_519/2020 vom 6. Mai
2021 E.2.2, 9C_64/2019 vom 25. April 2019 E.4, 9C_714/2018 vom
18. Dezember 2018 E.9.2 [in BGE 144 V 380 nicht publiziert], 9C_321/2018
vom 16. Oktober 2018 E.6.1). Nach Art. 78 VRG i.V.m. Art. 2 der
Verordnung über die Bemessung des Honorars der Rechtsanwältinnen und
Rechtsanwälte (Honorarverordnung [HV]; BR 310.250) wird die
Parteientschädigung vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach
der Schwierigkeit des Prozesses bemessen, wobei es grundsätzlich von
dem in der Honorarnote geltend gemachten (und als angemessen zu
betrachtenden) Aufwand sowie vom (üblichen) Stundenansatz ausgeht. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin machte mit seiner Eingabe vom
21. September 2022 einen Aufwand von insgesamt 53.8 Stunden geltend.
Dieser erscheint angesichts des Umfangs und der Komplexität der
Streitsache als angemessen. Praxisgemäss wird bei Nichtvorliegen einer
Honorarvereinbarung ein Stundenansatz von CHF 240.-- angewendet (vgl.
VGU U 22 37 vom 31. Mai 2022 E.2.2.3, R 22 25 vom 17. Mai 2022 E.2.1.2,
R 21 28 vom 29. April 2021 E.1 und statt vieler: R 17 86 vom 17. April 2018
E.5.2). Damit ergibt sich ein gesamtes Honorar von CHF 14'323.45 (53.8
Stunden à CHF 240.00 [CHF 12'912.00] zzgl. 3 % Spesen [CHF 387.40]
und 7.7 % MWST [CHF 1'024.05]). In diesem Umfang hat die
Beschwerdegegnerin 2 die Beschwerdeführerin aussergerichtlich zu
entschädigen.