Decision ID: 088d0ff8-f38a-58fb-95f4-0d485e842b22
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am (...) Mai 2015 in der Schweiz um Asyl
und führte anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 20. Mai 2015
und der Anhörung vom 10. Mai 2016 im Wesentlichen aus, eritreischer
Staatsangehöriger tigrinischer Ethnie und orthodoxen Glaubens zu sein.
Von Geburt bis zu seiner Ausreise habe er in B._, Subzoba
C._, Zoba D._, gelebt. Die Schule habe er bis zur fünften
Klasse besucht und sei dann während ungefähr zehn Jahren zum (...) und
danach zum (...) ausgebildet worden. Im April 2012 habe er geheiratet und
im September 2012 mit der Arbeit als (...) begonnen. Im Jahr (...) habe es
eine Weisung gegeben, wonach sich alle (...) und (...), die noch nicht 40
Jahre alt seien, zum Militärdienst hätten melden müssen. Die persönlichen
Aufgebote seien über die (...) zugestellt worden. Ungefähr im (...) sei diese
Weisung jedoch zurückgezogen worden, weshalb er nie Militärdienst ge-
leistet habe. Im August 2014 sei seiner Mutter ein schriftliches Aufgebot
zugestellt worden, wonach er sich am darauffolgenden Tag bei der Verwal-
tung hätte melden müssen, um als Miliz bewaffnet zu werden. Er habe sich
zu diesem Zeitpunkt mit seiner kranken Ehefrau bei einer heiligen Quelle
befunden und sei über den Erhalt des Aufgebots nicht informiert worden.
Seine Mutter sei inhaftiert worden, weil er sich nicht gemeldet habe. Sein
Bruder habe ihn daraufhin kontaktiert und er sei nach Hause zurückge-
kehrt. Nachdem er sich bei der Verwaltung gemeldet habe, sei seine Mutter
gleichentags freigelassen worden. Er sei nicht bestraft worden, hätte sich
am nächsten Tag jedoch melden müssen, um seine Waffe in Empfang zu
nehmen. Da er keine Waffe habe tragen wollen und befürchtet habe, bei
einer Weigerung in Haft gesetzt zu werden, habe er Eritrea umgehend ver-
lassen. Über Äthiopien, Sudan und Libyen sei er nach Italien gereist und
von dort aus weiter in die Schweiz. Nach seiner Ausreise sei seine Mutter
erneut inhaftiert worden.
Als Beweismittel reichte er folgende Unterlagen ein: eine Heiratsurkunde,
die Taufurkunde seines Sohnes, eine Wohnsitzbestätigung und seine erit-
reische Identitätskarte.
B.
Mit Verfügung vom 12. Februar 2018 (eröffnet am 19. Februar 2018) ver-
neinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Wegweisungsvollzug.
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Seite 3
C.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
14. März 2018 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und bean-
tragte, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, er sei als Flüchtling
anzuerkennen und ihm sei in der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter
sei er zufolge der Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines
amtlichen Rechtsbeistands. Die Vorinstanz sei anzuweisen, von einer Da-
tenweitergabe oder Kontaktaufnahme mit den eritreischen Behörden abzu-
sehen.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Mai 2018 bestätigte das Bundesverwal-
tungsgericht den Eingang der Beschwerde und teilte dem Beschwerdefüh-
rer mit, er könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
E.
Das Bundesverwaltungsgericht hiess mit Zwischenverfügung vom 5. April
2018 das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und forderte den Beschwerdefüh-
rer auf, innert Frist eine Rechtsvertretung zu benennen, die als amtliche
Rechtsverbeiständung beigeordnet werden soll.
F.
Mit Eingaben vom 13. und 25. April 2018 zeigte die rubrizierte Rechtsver-
treterin die Mandatsübernahme unter Beilage einer Vollmacht an und er-
suchte um Akteneinsicht der vorinstanzlichen Akten sowie um Fristanset-
zung für eine Beschwerdeergänzung.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 27. April 2018 hiess das Bundesverwaltungs-
gericht das Gesuch um Beiordnung einer amtlichen Rechtsverbeiständung
gut, ordnete die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin
bei, überwies das Akteneinsichtsgesuch zur Behandlung an die Vorinstanz
und setzte dem Beschwerdeführer Frist zur Einreichung einer Beschwer-
deergänzung.
H.
Der Beschwerdeführer ergänzte seine Beschwerde mit Eingabe vom
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Seite 4
23. Mai 2018 und legte ein Bestätigungsschreiben der (...) inklusive deut-
scher Übersetzung vom 28. Februar 2018 sowie ein Schreiben der (...)
vom 18. Februar 2018 zu den Akten.
I.
Mit Eingabe vom 16. Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer eine weitere
Beschwerdeergänzung mit Beweismitteln und eine aktualisierte Kosten-
note zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer-
deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Gemäss Art. 97 Abs. 1 und 2 AsylG dürfen Personendaten von Asylsu-
chenden, anerkannten Flüchtlingen und Schutzbedürftigen dem Heimat-
oder Herkunftsstaat nicht bekannt gegeben werden, wenn dadurch die be-
troffene Person oder ihre Angehörigen gefährdet würden. Über ein Asylge-
such dürfen keine Angaben gemacht werden. Eine allfällige Kontaktauf-
nahme zur Beschaffung der notwendigen Reisepapiere darf nur erfolgen,
wenn in erster Instanz das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft verneint
wurde.
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Seite 5
Für die in der Beschwerde pauschal und ohne individuelle Begründung be-
antragte Anweisung an die Vorinstanz, die Kontaktaufnahme mit dem Hei-
mat- oder Herkunftsstaat sowie jegliche Datenweitergabe an denselben sei
zu unterlassen, besteht bei der vorliegenden Aktenlage keine Veranlas-
sung, weshalb der entsprechende Verfahrensantrag abzuweisen ist.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Befürchtungen, künftig staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt zu werden, sind nur dann asylrelevant, wenn begründeter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss ent-
fernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete
Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der
vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahr-
scheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nach-
vollziehbar erscheinen lassen. Ob eine begründete Furcht vor künftiger
Verfolgung vorliegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu
beurteilen. Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in der gleichen Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Die objektive Betrachtungsweise ist durch das vom Betroffenen
bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fäl-
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len zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht
(Entscheidungen und Mitteilungen der [damaligen] Schweizerischen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2004/1 E. 6a; BVGE 2008/4 E. 5.2; BVGE
2011/50 E. 3.1.1; BVGE 2011/51 E. 6).
6.
6.1 Zur Begründung ihres ablehnenden Asylentscheids führte die Vor-
instanz im Wesentlichen aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers be-
züglich seiner Asylgründe und der illegalen Ausreise würden den Anforde-
rungen an die Asylrelevanz nicht genügen. Gemäss verschiedenen Berich-
ten würden die eritreischen Behörden bei Verweigerung des Dienstes der
Volksarmee uneinheitlich vorgehen. Zum Teil habe die Dienstverweigerung
keine Folgen, teilweise führe sie zu Verhaftung, Zwangsdienstleistung in
der Volksarmee, Entzug von Lebensmittelcoupons und anderen Massnah-
men. Für die Annahme einer begründeten Furcht vor asylrelevanten Nach-
teilen zufolge der illegalen Ausreise und der Dienstverweigerung des Be-
schwerdeführers würden keine genügenden Hinweise vorliegen. In Eritrea
habe er als (...) gearbeitet und gemäss seinen Ausführungen keinen Nati-
onaldienst leisten müssen. Er sei zwar angeblich zum Milizdienst aufgefor-
dert und seine Mutter deshalb vorübergehend inhaftiert worden, jedoch sei
sie wieder freigelassen worden und sie habe keine weiteren Nachteile er-
fahren. Nach seinem ersten Nichterscheinen sei der Beschwerdeführer
nicht bestraft, sondern lediglich erneut aufgeboten worden. Es bestehe
demnach kein Anlass zur Annahme, seine Ausreise und seine Verweige-
rung des Dienstes in der Milizarmee hätten asylrelevante Nachteile zur
Folge. Nebst der illegalen Ausreise würden keine weiteren Anknüpfungs-
punkte vorliegen, welche ihn in den Augen des eritreischen Regimes als
missliebige Person erscheinen lassen könnten. Zufolge der fehlenden
Asylrelevanz verzichtete die Vorinstanz auf die Prüfung der Glaubhaftigkeit
der Asylvorbringen des Beschwerdeführers.
6.2 Auf Beschwerdeebene macht der Beschwerdeführer geltend, seine
Mutter sei nach seiner Ausreise rund acht Monate inhaftiert gewesen und
befände sich seither in regelmässiger medizinischer Behandlung wegen
Bluthochdrucks, Diabetes und weiteren Gesundheitsleiden. In Eritrea rei-
che bereits der Versuch einer Ausreise aufgrund einer militärischen Auffor-
derung aus, um für viele Monate inhaftiert zu werden. Bei einer Rückkehr
nach Eritrea würde er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
sanktioniert werden. Er wäre gezwungen, eine Waffe zu tragen und die Be-
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hörden würden bei einer Weigerung nicht vor einer unmenschlichen Be-
strafung zurückschrecken. Aus Pietätsgründen dürfte es den eritreischen
Befehlsempfängern zwar schwerer fallen, einen (...) zu schlagen, eine In-
haftierung für unbestimmte Zeit könne jedoch nicht ausgeschlossen wer-
den. Die Inhaftierung seiner Mutter und seiner Geschwister würden weitere
Gründe für eine Verfolgung bei einer Rückkehr darstellen. Die Vorinstanz
habe nicht berücksichtigt, dass die monatelange Haft der Mutter gesetzes-
widrig gewesen sein dürfte.
In seiner Beschwerdeergänzung bringt der Beschwerdeführer vor, die
Vorinstanz sei fälschlicherweise davon ausgegangen, dass er nie Militär-
dienst geleistet habe. Im März 2011 habe er ein Aufgebot erhalten und des-
wegen Schwierigkeiten gehabt. Aus seiner Aussage gehe nicht hervor,
dass er nicht in den Dienst habe einrücken müssen. Aus dem Dienst sei er
wieder entlassen worden, weil die Weisung zurückgenommen worden sei.
Im August 2014 habe seine Mutter erneut ein Aufgebot erhalten und er
hätte sich melden müssen, um eine Waffe in Besitz zu nehmen. Die Vor-
instanz habe daraus fälschlicherweise geschlossen, er hätte in den Miliz-
dienst eintreten müssen. Er gehe jedoch davon aus, dass er in den eritrei-
schen Nationaldienst eingezogen worden wäre. Seine Mutter und seine
Geschwister seien inhaftiert worden und eine Schwester sei in der Schweiz
als Flüchtling anerkannt worden. Dies mache deutlich, dass er aus einer
regimekritischen Familie stamme. Es liege deshalb eine flüchtlingsrechtlich
relevante Verfolgungsgefahr vor und die Furcht vor zukünftiger Verfolgung
sei begründet.
7.
7.1 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs-
sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige-
rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei-
nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt
ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den
Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person
rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen
droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung
unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regel-
mässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird
von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit auf-
gefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht haben, einer
solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinn von
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Art. 1A Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen
(EMARK 2006 Nr. 3; bestätigt im Urteil des BVGer E-1740/2016 vom
9. Februar 2018 E. 5.1).
7.2 In Eritrea existiert parallel zum Nationaldienst die sogenannte Volksar-
mee (Hizbawi Serawit), welche in ihrer heutigen Form im Jahr 2012 nach
zwei äthiopischen Angriffen auf eritreisches Territorium entstand und deren
Zweck darin besteht, die durch zahlreiche Desertionen geschwächte erit-
reische Armee als kostengünstige Kompensation zu stärken. Die Dienst-
pflicht in der Volksarmee beruht im Gegensatz zu derjenigen im National-
dienst auf keiner gesetzlichen Grundlage (SEM, Fokus Eritrea, Volksarmee
"Volksmiliz", 31. Januar 2017, S. 4). Sie setzt sich aus demobilisierten
und aus dem Nationaldienst Entlassenen sowie über 50-jährigen, nicht
mehr der Reserve angehörenden Personen zusammen (U.S. Department
of State, Country Reports on Human Rights Practices for 2017: Eritrea,
20. April 2018; European Asylum Support Office EASO, EASO-Bericht
über Herkunftsländerinformationen, Länderfokus Eritrea, Mai 2015, S. 44;
Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH, Fokus Eritrea, Die Volksarmee –
Hizbawi Serawit, Länderanalyse vom 6. Oktober 2016; SEM, Volksarmee,
S. 5 f.). Die Angehörigen der Volksarmee durchlaufen zunächst eine mili-
tärische Grundausbildung an der Waffe und werden anschliessend für Be-
wachungsaktivitäten oder verschiedene Arbeitseinsätze, so beispielsweise
in öffentlichen Entwicklungsprojekten oder in der Landwirtschaft, aufgebo-
ten. Die Einsätze werden an einzelnen Tagen oder über einige Wochen
hinweg ohne Bezahlung und ohne Entschädigung für den Erwerbsausfall
an ihrer üblichen Arbeitsstelle geleistet (Landinfo, Country of Origin Infor-
mation Centre, Report National Service, 20. Mai 2016; SEM, Volksarmee,
S. 11).
7.3 Hinsichtlich der Konsequenzen bei Nichtbefolgung einer Aufforderung
zum Eintritt in die Volksarmee existieren unterschiedliche Informationen.
Gemäss der (überaus dünnen) Quellenlage kommt als Bestrafung der Ver-
lust von Lebensmittelcoupons und Identitätspapieren, ein Entzug der Ge-
schäftslizenz, die Beschlagnahmung von Eigentum oder gar eine Inhaftie-
rung in Frage (SEM, Volksarmee, S. 15 f.; SFH, Themenpapier der Län-
deranalyse, Eritrea: Nationaldienst, 30. Juni 2017, S. 19; EASO-Bericht,
S. 44; Amnesty International, Just Deserters: Why indefinite national ser-
vice in Eritrea has created a generation of refugees. Dezember 2015, S.
25; U.S. Department of State, Country Reports on Human Rights Practices
for 2017: Eritrea, 20. April 2018, S. 6). Aus den verfügbaren Quellen geht
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sodann vereinzelt hervor, dass inhaftierte Volksarmeedeserteure, wie be-
reits Militärdienstdeserteure, einer unverhältnismässig harten Bestrafung
ausgesetzt sind. Betroffene würden in Einzelzellen ohne Tageslicht inhaf-
tiert, nicht genügend Wasser und Essen erhalten und gefoltert werden
(SFH, Nationaldienst, S. 19; UN Human Rights Council. Report of the de-
tailed findings of the Commission of Inquiry on Human Rights in Eritrea, 5.
Juni 2015, U.S. Department of State, Country Reports on Human Rights
Practices for 2017: Eritrea 2017, 20. April 2018, S. 4).
7.4 Vereinzelt wird auch die Meinung vertreten, dass Personen, die sich
der Einberufung zur Volksarmee durch Flucht ins Ausland entziehen, als
Deserteure betrachtet und wie Deserteure bestraft würden. Ebenfalls als
Deserteure würden in der Volksarmee dienstpflichtige Personen gelten, die
nach einer bewilligten, zeitlich befristeten Ausreise nicht innert Frist zurück-
kehrten und sich so dem Dienst in der Volksarmee entziehen (SFH, Volks-
armee; SFH, Eritrea: Ausreisevisa, Länderanalyse vom 20. April 2017,
S. 4; Danish Immigration Service, Eritrea: Drivers and Root Causes of Em-
igration, National Service and the Possiblity of Return, August und Oktober
2014, S. 14). Für diese Annahme spricht der Umstand, dass die Volksar-
mee gemäss neueren Berichten mutmasslich ebenfalls dem Kommando
der Armee untersteht beziehungsweise seit Mai 2014 in die Struktur der
Armee integriert worden sein soll und nun von Militärkommandeuren ge-
führt wird, auch wenn sie zumindest formell keinen Teil des Nationaldiens-
tes bildet (SEM, Volksarmee, S. 12; SFH, Nationaldienst, S. 19 f.). Die
Volksarmee kann als eine weitere Verlängerung der militärischen Dienst-
pflicht qualifiziert werden (Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom
17. August 2017 E. 12.5).
7.5 Die Strafen reichen folglich von einfachen Ermahnungen bis hin zu In-
haftierungen unter widrigsten Bedingungen. Es kann jedoch nicht allge-
mein von einer asylrelevanten Bestrafung ausgegangen werden. Hinsicht-
lich der Verhängung von Strafen bei Desertion und Dienstverweigerung be-
treffend die Volksarmee scheint der Einzelne dem individuellen Vorgesetz-
ten und somit dessen Willkür ausgesetzt zu sein. Es ist deshalb im Einzel-
fall zu prüfen, ob bei Desertion und Dienstverweigerung asylrelevante Kon-
sequenzen zu befürchten sind (Urteile des BVGer E-6670/2017 vom 1. No-
vember 2019 E. 5.2.3; E-1970/2016 vom 2. Oktober 2018 E. 4.4).
8.
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8.1 Der Beschwerdeführer macht auf Beschwerdeebene geltend, er sei im
Jahr 2011 in den Militärdienst eingerückt. Er sei jedoch wieder entlassen
worden, als die Weisung, auch (...) müssten Militärdienst leisten, wieder
zurückgezogen worden sei. Anlässlich der Anhörung führte er hingegen auf
Nachfrage aus, nie Militärdienst geleistet zu haben (vgl. A29 F189). Er
habe im März 2011 ein Aufgebot erhalten, wonach sich alle (...) und (...),
die noch nicht 40 Jahre alt gewesen seien, in E._ hätten melden
müssen, um die militärische Ausbildung zu absolvieren. Er sei bereit gewe-
sen, sich bei der Verwaltung in C._ zu melden und sei für diesen
Tag vorbereitet gewesen. Als er jedoch gesehen habe, dass die meisten
nicht hätten gehen wollen, habe er dem Aufgebot auch keine Folge geleis-
tet (vgl. SEM-Akten act. A29 F187 f.). Nach seiner Hochzeit sei die landes-
weit geltende Anweisung, dass alle Leute, die (...) und unter 40 Jahre alt
seien nach E._ gehen müssten, zurückgezogen worden (vgl. act.
A29 F200). Damit ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nie
Militärdienst geleistet hat.
Zum zweiten Aufgebot im Jahr 2014 führte er aus, er wäre bei der Milizein-
heit (...) eingeteilt worden. Sehr wahrscheinlich wäre er nach E._
gebracht worden (vgl. act. A29 F182). Seine Mutter sei verhaftet worden,
weil er sich geweigert habe, als Miliz bewaffnet zu werden (vgl. act. A29
F61). Der Beschwerdeführer spricht damit selbst immer von Miliz und nicht
vom Militärdienst. Wie er selbst ausführt, handelt es sich nur um eine Ver-
mutung, dass er nach E._ hätte einrücken müssen. Daraus lässt
sich nicht ableiten, dass er dort hätte Militärdienst leisten müssen. Als er
sich bei den Behörden meldete, um seine Mutter aus der Haft zu befreien,
wurde er sodann auch nicht direkt in den Dienst eingezogen, sondern er
hätte sich am nächsten Tag melden müssen, um eine Waffe zu erhalten
(vgl. act. A29 F164). Insgesamt deuten die Aussagen des Beschwerdefüh-
rers darauf hin, dass er sich für den Dienst bei der Volksarmee hätte mel-
den müssen.
8.2 Zufolge des konkreten Kontakts zu den eritreischen Behörden zum
Zwecke der Einberufung in die Volksarmee besteht eine hohe Wahrschein-
lichkeit, dass dem Beschwerdeführer seitens der eritreischen Behörden zu-
folge seiner Dienstverweigerung und der illegalen Ausreise aus dem Hei-
matland eine regimefeindliche Haltung unterstellt würde. Erschwerend
kommt hinzu, dass seine (...) Geschwister nicht in den Militärdienst zurück-
gekehrt sind und deshalb inhaftiert wurden (vgl. act. A29 F56 f.). Seine
Mutter wurde sodann nicht nur wegen ihm und diesen Geschwistern, son-
dern bereits nach der Ausreise seiner in der Schweiz lebenden Schwester
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im Jahr 2009/2010 in Haft genommen (vgl. act. A29 F 56 f. und F68). Damit
ist davon ausgehen, dass auch die Familie des Beschwerdeführers als re-
gimekritisch betrachtet wird. Vor diesem Hintergrund ist eine objektiv be-
gründete Furcht des Beschwerdeführers, im Falle einer Rückkehr nach
Eritrea ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu wer-
den, zu bejahen. Der Beschwerdeführer erfüllt mithin die Flüchtlingseigen-
schaft. Asylausschlussgründe im Sinne von Art. 53 AsylG sind nicht ersicht-
lich.
9.
Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung vom
12. Februar 2018 ist aufzuheben und das SEM anzuweisen, die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen und ihm Asyl zu ge-
währen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG).
10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
10.3 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 37 VGG kann die
Beschwerdeinstanz der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes
wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen not-
wendigen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die
Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff.
des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]).
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung von insgesamt Fr. 800.– zuzusprechen.
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