Decision ID: 511b7f8e-7677-5963-93f8-38edb8820cb8
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein ethnischer Kurde mit letztem Wohnsitz in
B._/Erbil, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am
20. Oktober 2015 gemeinsam mit seinem Bruder (C._) und dessen
Familie illegal und reiste via die Türkei und unbekannte Länder in die
Schweiz, wo er am 26. November 2015 im damaligen Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum D._ um Asyl nachsuchte. Am 3. Dezember 2015
wurde er summarisch zur Person befragt (BzP; Protokoll in den vorinstanz-
lichen Akten A4/11). Am 16. März 2018 folgte die vertiefte Anhörung zu den
Asylgründen (Anhörung; A12/16).
B.
Der Beschwerdeführer machte zur Begründung seines Asylgesuches gel-
tend, seine Familie sei 1979 aus dem Iran in den Irak geflüchtet. Er sei dort
geboren und habe immer im Irak gelebt. Seit zwei Jahren vor der Einreise
in die Schweiz sei er ein aktives Mitglied der (...) ([...]) gewesen. Er habe
an Sitzungen teilgenommen, Fotografien davon angefertigt und auf Face-
book über die Sitzungen berichtet. Auch sein Bruder habe sich zu Gunsten
der (...) engagiert. Nachdem dieser durch die Partei informiert worden sei,
dass sein Leben in Gefahr sei, hätten sie beide befürchtet, von iranischen
Geheimdiensten verfolgt zu werden. Daher hätten sie den Irak verlassen.
Seit der Ankunft in der Schweiz nehme er regelmässig an Treffen und Ver-
sammlungen des schweizerischen Ablegers der (...) sowie der (...) teil und
sei, wie bereits im Nordirak, für die Medien zuständig. Er fertige Fotos und
Videos von den Sitzungen sowie Veranstaltungen der Partei an und ver-
fasse Texte darüber. Diese veröffentliche er auf verschiedenen Webseiten.
Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer zwei Schü-
lerausweise, eine Flüchtlingsbestätigung des Hohen Flüchtlingskommis-
sars der Vereinten Nationen (UNHCR) und ein Schulzeugnis von
2013/2014 zu den Akten. Seine Asylgründe untermauerte er mit einem Par-
teiausweis der (...), den Statuten der (...), Fotos von Sitzungen und Veran-
staltungen der (...) in der Schweiz und einer Mitgliedsbestätigung der (...)
vom 20. Dezember 2015.
C.
Mit Verfügung vom 10. Oktober 2018 – eröffnet am 16. Oktober 2018 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
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der Schweiz an. Den Vollzug der Wegweisung erachtete es als unzumut-
bar, weshalb der Beschwerdeführer vorläufig in der Schweiz aufgenommen
wurde.
Gleichentags wies das SEM die Asylgesuche des Bruders des Beschwer-
deführers und dessen Familie ab.
D.
Mit Beschwerde seines Rechtsvertreters vom 15. November 2018 gelangte
der Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte,
die Verfügung des SEM sei aufzuheben und es sei ihm Asyl zu gewähren
oder jedenfalls (gestützt auf subjektive Nachfluchtgründe) die Flüchtlings-
eigenschaft festzustellen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtli-
cher Rechtsbeistand.
Zum Beweis seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer diverse, teil-
weise bereits beim SEM eingereichte Fotografien betreffend sein exilpoliti-
sches Engagement in der Schweiz zu den Akten und verwies auf Internet-
links von durch ihn verfasste Medienberichte und Fotodokumentationen.
Mit identischer Eingabe vom 15. November 2018 erhoben auch der Bruder
des Beschwerdeführers und dessen Familie Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht (Verfahren E-6486/2018).
E.
Mit Zwischenverfügung vom 27. November 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbei-
ständung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Ferner lud sie die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde vernehmen zu las-
sen.
F.
Das SEM führte mit Eingabe vom 12. Dezember 2018 im Wesentlichen
aus, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen o-
der Beweismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen
könnten.
G.
Am 28. Dezember 2018 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein.
E-6487/2018
Seite 4
H.
Mit Eingabe vom 20. Mai 2019 legte der Beschwerdeführer als weiteres
Beweismittel ein Bestätigungsschreiben der (...) (in Kopie) vom 19. März
2019 zu den Akten.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Oktober 2021 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, gemäss dem Eintrag im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) gehe der Beschwerdeführer mittlerweile einer Erwerbstätigkeit
nach. In diesem Zusammenhang setzte sie ihm Frist an, um entweder eine
aktuelle Fürsorgebestätigung oder das wahrheitsgetreu ausgefüllte Formu-
lar „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“ einzureichen.
J.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 28. Oktober 2021 das teil-
weise ausgefüllte Formular ohne Beilagen zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016
3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das alte Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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Seite 5
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf diese ist ein-
zutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich vorliegend nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Aufgrund des engen sachlichen und persönlichen Zusammenhangs ist das
vorliegende Verfahren mit dem Beschwerdeverfahren E-6486/2018 betref-
fend den Bruder des Beschwerdeführers und dessen Familie koordiniert zu
behandeln.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Wer um
Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumin-
dest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr
Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält
(Art. 7 AsylG).
4.2 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – insbesondere durch politische Exil-
aktivitäten – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel-
tend. Begründeter Anlass zur Furcht vor künftiger Verfolgung besteht dann,
wenn der Heimat- oder Herkunftsstaat mit erheblicher Wahrscheinlichkeit
von den Aktivitäten im Ausland erfahren hat und die Person deshalb bei
einer Rückkehr in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde
(vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1). Dabei muss hinreichend Anlass zur Annahme
bestehen, die Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
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Seite 6
und in absehbarer Zukunft verwirklichen – eine bloss entfernte Möglichkeit
künftiger Verfolgung genügt nicht (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2). Subjektive
Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von
Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des
Asyls. Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe
nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig auf-
genommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.
5.1 Zur Begründung der Verfügung hält das SEM insbesondere fest, den
Akten seien keine konkreten Hinweise darauf zu entnehmen, dass sich der
Beschwerdeführer in qualifizierter Weise exilpolitisch betätigt hätte. Zwar
sei bekannt, dass sich die iranischen Behörden grundsätzlich für die exil-
politischen Aktivitäten ihrer Staatsangehörigen interessierten. Jedoch sei
davon auszugehen, dass sie sich bei dieser Überwachung auf Personen
konzentrierten, die mit ihren politischen Aktivitäten aus der Masse der re-
gimekritischen iranischen Staatsangehörigen hervorträten und als ernst-
hafte Bedrohung für das iranische Regime wahrgenommen würden. Dies
treffe weder auf das politische Engagement des Beschwerdeführers im Irak
noch auf jenes in der Schweiz zu. Seine Aktivitäten, wie die Teilnahme an
Sitzungen und Anlässen der Jugendorganisation und der (...) im Nordirak
und in der Schweiz zwei bis drei Mal im Jahr sowie das Fotografieren die-
ser Sitzungen oder Veranstaltungen, würden keine begründete Furcht vor
flüchtlingsrelevanter Verfolgung bei einer Rückkehr in den Iran schaffen.
Die eingereichten Beweismittel vermöchten daran nichts zu ändern. Aus
den Statuten der (...), dem Parteiausweis und der Bestätigung der (...) so-
wie den Fotos von Sitzungen, Demos und Anlässen seiner Partei in der
Schweiz lasse sich nicht ableiten, dass er sich exponiert exilpolitisch betä-
tigt hätte. Den Parteiausweis habe er nach eigenen Angaben direkt nach
der Geburt erhalten und dieser habe ihm offenbar vor allem als Identitäts-
ausweis gedient. Die Bestätigung der (...) besage, dass er lediglich ein
einfaches Mitglied sei und als solches nicht in den Iran zurückkehren
könne. Somit würden keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass er von den
iranischen Behörden als Bedrohung wahrgenommen und deshalb verfolgt
würde. Er verfüge nicht über ein politisches Profil, das ihn bei der Rückkehr
in den Iran einer konkreten Gefährdung nach Art. 3 AsylG aussetzen
würde. Die Vorbringen hielten den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG somit nicht stand, weshalb er nicht als Flücht-
ling anerkannt werden könne. Auf die Glaubhaftigkeitsprüfung seiner Aus-
sagen werde deshalb trotzt diverser Ungereimtheiten verzichtet.
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Seite 7
In seiner Vernehmlassung führt das SEM sodann aus, bei den eingereich-
ten Beweismitteln handle es sich zum grössten Teil um Fotos von kurdi-
schen Veranstaltungen in der Schweiz, welche keinen Aufschluss über
eine aktive und substanzielle exilpolitische Rolle des Beschwerdeführers
in der Schweiz oder vorher im Nordirak geben würden.
5.2 Dagegen wendet der Beschwerdeführer ein, er habe nie gesagt, er sei
ein einfaches Mitglied der (...); vielmehr sei er seit jeher aktiv gewesen,
was er bei der Anhörung mehrfach erwähnt habe. Die iranischen Behörden
würden denn auch durchaus im Nordirak Anschläge auf die iranischen Kur-
den verüben; es komme seit längerer Zeit zu gezielten Tötungen (vgl. Be-
richt des Schweizer Radio und Fernsehens [SRF] vom 14.09.2018,
<https://www.srf.ch/audio/rendez-vous/angriff-auf-die-kurden-im-nord-
irak?partId=11403293>, abgerufen am 15.11.2021). Unter den Todesop-
fern des besagten Angriffs hätten sich viele seiner Bekannten befunden. Er
und sein Bruder hätten den Irak verlassen müssen, weil sie ähnliche Ver-
geltungsschläge gegen sich gefürchtet hätten. In der Schweiz habe er sein
exilpolitisches Engagement weiter intensiviert. Er sei in die Tätigkeiten der
iranischen Kurden in der Schweiz stark eingebunden und kenne die Par-
teiführung persönlich. Er nehme an praktisch allen Veranstaltungen und
Kundgebungen der Partei teil. So habe er sich gemeinsam mit seinem Bru-
der C._ (Verfahren E-6486/2018) mehrmals an Demonstrationen
gegen das iranische Regime beteiligt und weise eine beträchtliche Aktivität
in den sozialen Medien auf.
Sein Engagement werde durch die beim SEM und im Beschwerdeverfah-
ren eingereichten Beweismittel (insb. Parteiausweis der (...), Bestätigun-
gen der (...) vom 20. Dezember 2015 und vom 19. März 2019, Fotografien
des Beschwerdeführers und seines Bruders mit anderen Mitgliedern der
(...) bei Demonstrationen, Konferenzen und sonstigen Veranstaltungen)
belegt. Er sei heute der zuständige (...)verantwortliche von (...) in der
Schweiz. Die meisten Videos und Fotografien von Veranstaltungen würden
seine Handschrift tragen. Er habe zudem verschiedene Medienberichte
verfasst und Fotodokumentationen erstellt. Die Vorinstanz habe in der an-
gefochtenen Verfügung die Tätigkeiten als nicht beachtlich einstuft, dies
aber nicht näher begründet, was nicht nachvollziehbar sei. Er stelle durch
seine Beiträge für die kurdische Sache eine echte Gefahr für das iranische
Regime dar und müsse daher bei einer Rückkehr in den Iran oder den Irak
mit einem ernsthaften Vorgehen gegen sich rechnen. Ebenfalls nicht be-
rücksichtigt habe das SEM, dass sein ältester Bruder E._ mit Ver-
fügung des vormaligen Bundesamts für Migration (BFM) vom 9. Oktober
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Seite 8
2009 gestützt auf subjektive Nachfluchtgründe als Flüchtling anerkannt
worden sei (vgl. Beschwerdebeilage 3).
6.
6.1 Es ist bekannt, dass die iranischen Behörden die politischen Aktivitäten
ihrer Staatsbürger im Ausland überwachen und erfassen (vgl. dazu zuletzt
die Urteile des BVGer E-4980/2019 vom 30. Juni 2021 E. 5.4, D-1922/2020
vom 15. September 2021 E. 8.3, D-6006/2017 vom 12. März 2020 E. 5.3.2
m.w.H.). Die politische Betätigung für staatsfeindliche Organisationen im
Ausland ist seit der damaligen Neufassung des iranischen Strafrechts im
Jahr 1966 unter Strafe gestellt. Einschlägigen Berichten zufolge wurden in
der Vergangenheit bereits Personen verhaftet, angeklagt und verurteilt,
welche sich unter anderem im Internet kritisch zum iranischen Staat äus-
serten. Es bleibt jedoch im Einzelfall zu prüfen, ob die konkret geltend ge-
machten exilpolitischen Aktivitäten bei einer allfälligen Rückkehr in den Iran
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im flüchtlings-
rechtlichen Sinn nach sich ziehen. Gemäss konstanter Praxis des Bundes-
verwaltungsgerichts ist davon auszugehen, dass sich die iranischen Ge-
heimdienste auf die Erfassung von Personen konzentrieren, die über die
massentypischen, niedrigprofilierten Erscheinungsformen exilpolitischer
Proteste hinaus Funktionen ausgeübt und/oder Aktivitäten vorgenommen
haben, welche die jeweilige Person aus der Masse der mit dem Regime
Unzufriedenen herausstechen und als ernsthaften und gefährlichen Re-
gimegegner erscheinen lassen. Dabei darf davon ausgegangen werden,
dass die iranischen Sicherheitsbehörden zu unterscheiden vermögen zwi-
schen tatsächlich politisch engagierten Regimekritikern und Exilaktivisten,
die mit ihren Aktionen in erster Linie die Chancen auf ein Aufenthaltsrecht
zu erhöhen versuchen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3, bestätigt mit Urteil D-
830/2016 vom 20. Juli 2016 [als Referenzurteil publiziert] E. 4.2; zuletzt
bestätigt mit Urteil des BVGer D-1922/2020 vom 15. September 2021 E. 8
m.w.H).
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) geht ebenfalls
davon aus, dass eine möglicherweise drohende Verletzung von Art. 3
EMRK jeweils aufgrund der persönlichen Situation der beschwerdeführen-
den Person zu beurteilen ist. Berichte über schwerwiegende Menschen-
rechtsverletzungen im Iran begründen für sich allein noch keine Gefahr ei-
ner unmenschlichen Behandlung (vgl. Urteil des EGMR S.F. et al. gegen
Schweden vom 15. Mai 2012, 52077/10, §§ 63 f.; vgl. zum Ganzen Urteile
des BVGer D-830/2016 vom 20. Juli 2016 [als Referenzurteil publiziert], E-
4980/2019 vom 30. September 2021 E. 5.5).
E-6487/2018
Seite 9
6.2 Die Ausführungen des SEM zu den Aktivitäten des Beschwerdeführers
im Nordirak treffen zu. So brachte er vor, seit zwei Jahren an Sitzungen der
(...)/(...) teilgenommen, Fotos aufgenommen und Berichte geschrieben zu
haben, dies jedoch als einfaches Mitglied (A4 Ziff. 7.02, A12 F79, 82 f.).
Dies spricht gegen ein für die iranischen Behörden aus der Masse heraus-
stechendes Engagement. Überdies wähnte sich der Beschwerdeführer im
Nordirak lediglich aufgrund seines Engagements und einer Drohung ge-
genüber seinem Bruder ebenfalls in Gefahr. Er gab jedoch an, selbst nie
direkt und konkret bedroht und nie Opfer von Verfolgung geworden zu sein
(A4 Ziff. 7.02, A12 F92 f.). Ebenso führte er aus, dass zwischen der War-
nung seines Bruders und der Ausreise etwa ein Jahr vergangen sei (A12
F95 f.). Nachdem ihm und seinem Bruder in dieser Zeit nichts zugestossen
ist und auch keine weiteren Drohungen erfolgt sind (vgl. das Urteil des
BVGer vom E-6486/2018 betreffend C._ E. 6.2), kann nicht davon
ausgegangen werden, dass bei der Ausreise aus dem Nordirak eine flücht-
lingsrechtlich relevante Verfolgung seitens der iranischen Behörden in na-
her Zukunft drohte. Auch für eine im Falle einer (hypothetischen) Rückkehr
in den Iran oder in den Nordirak drohende Verfolgung durch den iranischen
Staat bestehen keine konkreten Hinweise. Zwar steht – etwa aufgrund des
Beitrags des SRF vom 14. September 2018 (vgl. E. 5.2) – fest, dass es im
Nordirak zu Tötungen von (...)-Mitgliedern durch den iranischen Staat ge-
kommen ist (vgl. auch die eingereichten Aufnahmen von – gemäss den
Ausführungen des Beschwerdeführers – (...)-Mitgliedern, die im Nordirak
Opfer eines Angriffs durch die iranischen Behörden wurden, Beweismittel
6). Dies lässt eine drohende gezielte Verfolgung des Beschwerdeführers
aber nicht als überwiegend wahrscheinlich erscheinen. Etwas anderes
ergibt sich auch nicht aus den eingereichten Beweismitteln. Insbesondere
die Bestätigungen der (...) vom 20. Dezember 2015 und vom 19. März
2019 – wobei es sich bei letzterer um eine Selbstbeschreibung des Be-
schwerdeführers handelt – sind nicht geeignet, eine bevorstehende Verfol-
gung zu belegen, zumal sie nicht darlegen, aus welchem Grund der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr verhaftet und verfolgt werden sollte.
Die alleinige Mitgliedschaft bei der (...) reicht für die Annahme einer Verfol-
gungsgefahr gemäss der ständigen Rechtsprechung nicht aus (vgl. vorne
E. 6.1). Zur Berücksichtigung des Asylentscheids betreffend den ältesten
Bruder des Beschwerdeführers, der sechs Jahre vor der Reise des Be-
schwerdeführers in die Schweiz als Flüchtling anerkannt wurde, war das
SEM mangels einer engen Verbindung zu den Asylgründen des Beschwer-
deführers schliesslich nicht gehalten. Eine flüchtlingsrechtlich relevante
Gefährdung aufgrund der Aktivitäten des Beschwerdeführers im Nordirak
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Seite 10
erscheint daher aufgrund von dessen Ausführungen und der vorliegenden
Beweismittel nicht überwiegend wahrscheinlich.
6.3 Hinsichtlich seines exilpolitischen Engagements in der Schweiz gab
der Beschwerdeführer bei der Anhörung an, er habe ein Treffen mitorgani-
siert, um die (...) wiederzubeleben; dabei sei er als (...)zuständiger gewählt
worden (A12 F65). Er nehme an allen Anlässen wie Demonstrationen und
Sitzungen teil, mache Fotos, nehme Videos auf und schreibe Berichte, die
er auf verschiedenen Webseiten veröffentliche (ebd. F66). Die wichtigen
Sitzungen fänden zwei- bis dreimal im Jahr statt (ebd. F69). Dazu reichte
er dem SEM diverse Fotografien von Anlässen der (...) ein. Das exilpoliti-
sche Engagement des Beschwerdeführers in der Schweiz prüfte und wür-
digte die Vorinstanz vor dem Hintergrund dieser Beweismittel und der rele-
vanten Rechtsprechung hinreichend; diesbezüglich kann entgegen dem
Vorhalt in der Beschwerde keine Verletzung der Begründungspflicht fest-
gestellt werden.
Mit der Beschwerde reichte der Beschwerdeführer weitere Fotografien be-
treffend seine und die exilpolitischen Aktivitäten seines Bruders C._
in der Schweiz ein; die mit den Ziffern 5, 11–14 und 18–21 bezeichneten
Fotografien lagen ganz oder teilweise bereits im erstinstanzlichen Verfah-
ren vor. Zudem verwies er auf Internetlinks, die einerseits von ihm verfasste
Medienberichte und Fotodokumentationen und andererseits einen Bericht
über eine Demonstration vom (...) enthielten, an der er teilgenommen habe
(Bericht vom 29. Dezember 2016 zu einer Demonstration bei den [...] auf
einer Website der [...] [nicht mehr abrufbar]; Bericht zu einer Demonstra-
tion vom [...]; Facebook-Eintrag mit 24 Bildern zum Gedenken an zwei ge-
tötete Parteimitglieder; Auflistung weiterer Berichte und Aufnahmen des
Beschwerdeführers [nicht mehr abrufbar]; alle abgerufen am 15.11.2021).
Mit den Fotografien von Konferenzen, Demonstrationen und Gedenkver-
anstaltungen und den im Internet veröffentlichten Berichten ist zwischen
Juni 2016 und September 2018 ein exilpolitisches Engagement des Be-
schwerdeführers nachgewiesen. Indes erweist sich die Teilnahme an die-
sen Veranstaltungen alleine nicht als derart intensiv, dass er sich dadurch
von der breiten Masse von iranischen Regimegegnern im Ausland abhe-
ben würde. Die geltend gemachte «beträchtliche Aktivität» in den sozialen
Medien stützte er sodann lediglich mit zwei Hinweisen auf nicht mehr ab-
rufbare Internetlinks, unter denen einerseits ein von ihm verfasster Bericht
sowie eine Auflistung weiterer Berichte zu finden gewesen sein sollen. Zu-
dem verwies er auf einen Facebook-Post mit 24 Bildern; ob es sich dabei
um sein eigenes Facebook-Profil handelt, führte er nicht aus und solches
E-6487/2018
Seite 11
ergibt sich auch aus der angegeben Webadresse nicht. Daher belegen
diese Beweismittel ebenfalls kein Engagement, das über niedrigprofilierte
Aktivitäten hinausgeht. Daran ändert nichts, dass der Beschwerdeführer
die Parteiführung in der Schweiz persönlich kennen soll. Insgesamt besteht
kein Grund zur Annahme, dass er von den iranischen Behörden als ernst-
zunehmender Regimekritiker eingestuft würde. Daher hat er bei einer
Rückkehr in den Iran oder den Nordirak nicht mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit flüchtlingsrechtlich relevante, ernsthafte Nachteile zu be-
fürchten.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer keine erlittene
oder drohende asyl- oder flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung glaub-
haft gemacht hat. Die Vorinstanz hat somit zu Recht das Bestehen der
Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgewiesen.
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder
über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen An-
spruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu
Recht angeordnet (vgl. Art. 32 Abs. 1 Asylverordnung 1 [SR 142.311; BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachver-
halt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be-
schwerde ist daher abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Mit Zwischenverfügung vom 27. No-
vember 2018 wurde sein Gesuch um unentgeltliche Prozessführung – un-
ter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhält-
nisse – gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ver-
zichtet. Aufgrund der zwischenzeitlich aktenkundig gewordenen Erwerbs-
tätigkeit wurde der Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom 21. Ok-
tober 2021 aufgefordert, dem Gericht eine aktuelle Fürsorgebestätigung
beziehungsweise das Formular „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“
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Seite 12
einzureichen. Mit Eingabe vom 28. Oktober 2021 bestätigte er eine Er-
werbstätigkeit vom 10. August 2019 bis 9. August 2021 im Rahmen einer
Lehre als Unterhaltspraktiker und eine vom 10. August 2021 bis zum
31. Oktober 2021 anschliessende befristete Arbeit beim selben Unterneh-
men. Dabei stellte er für den Monat Oktober 2021 einem monatlichen Ein-
kommen von Fr. 5'255.60 Auslagen von Fr. 1'425.– gegenüber.
10.2 Zur Berechnung der monatlichen Auslagen steht dem Beschwerde-
führer als alleinstehender Person ein monatlicher Grundbetrag von
Fr. 1200.– zu, welchem ein Zuschlag von 20%, mithin Fr. 240.–, zuzurech-
nen ist. Obwohl keine Belege eingereicht wurden, wird von den angegebe-
nen monatlichen Auslagen von Fr. 1'425.– ausgegangen, da diese realis-
tisch erscheinen. Der monatliche Notbedarf des Beschwerdeführers liegt
somit bei Fr. 2865.–, welche Summe dem Nettoeinkommen von
Fr. 5'255.60 gegenüberzustellen ist. Daraus resultiert ein monatlicher
Überschuss von Fr. 2'390.60. Vermögen liegt nach den Angaben des Be-
schwerdeführers ebenso wenig vor wie Schulden. Obgleich die ausgewie-
sene Erwerbstätigkeit befristet war, ergibt sich aus dem Lohn für die Zeit
vom 10. August bis Ende Oktober 2021 ein Überschuss von über
Fr. 5'000.–. Damit ist die prozessuale Bedürftigkeit nicht mehr belegt. Aus
diesem Grund ist die Verfügung vom 27. November 2021 betreffend die
Gutheissung des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung wiedererwägungsweise aufzuheben. Die Kosten für das vorliegende
Verfahren von Fr. 750.– sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 VGKE).
10.3 Mit Zwischenverfügung vom 27. November 2021 wurde auch der An-
trag auf unentgeltliche Verbeiständung im Sinne von aArt. 110a AsylG gut-
geheissen und dem Beschwerdeführer lic. iur. Okan Manav als amtlicher
Rechtsbeistand zugeordnet. Diese Zwischenverfügung ist indessen – auf-
grund des Wegfallens der Voraussetzungen – auch in Bezug auf die Ein-
setzung des Rechtsbeistandes zu widerrufen, wobei der Widerruf seine
Wirkung ex nunc entfaltet (vgl. das Urteil des BVGer E-2728/2015 vom
10. Mai 2017 E. 9.2). Der rubrizierte Rechtsvertreter ist demnach für den
bisher entstandenen Aufwand zu entschädigen, soweit dieser sachlich not-
wendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE).
Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der Regel
von einem Stundenansatz zwischen Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-an-
waltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2
VGKE). Die Frage des notwendigen zeitlichen Aufwandes ist vorliegend
E-6487/2018
Seite 13
vor dem Hintergrund zu betrachten, dass der Vertreter für den Beschwer-
deführer sowie dessen Bruder C._ samt Familie (Verfahren E-
6486/2018) identische Beschwerden, Repliken und Begleitschreiben vom
20. Mai 2019 und 28. Oktober 2021 eingereicht hat. Insgesamt ist diesbe-
züglich von einem Gesamtaufwand von sieben Stunden auszugehen, wo-
bei eine halbe Stunde auf eine Rüge betreffend Verletzung des rechtlichen
Gehörs entfällt, die vorliegend nicht zur Beurteilung stand. Für das vorlie-
gende Verfahren ist dem Rechtsvertreter daher ausgehend von einem Auf-
wand von 6.5 Stunden und einem Stundenansatz von Fr. 150.– ein (auf-
grund der identischen Beschwerden um die Hälfte gekürztes) Honorar von
gerundet Fr. 500.– (inkl. Auslagen) zu Lasten des Bundesverwaltungsge-
richts zuzusprechen.
Gemäss Art. 65 Abs. 4 VwVG ist die bedürftige Partei, die später zu hinrei-
chenden Mitteln gelangt, verpflichtet, Honorar und Kosten des Anwalts an
die Körperschaft oder autonome Anstalt zu vergüten, die sie bezahlt hat.
Nachdem der Beschwerdeführer über genügend finanzielle Mittel verfügt,
ist er zur Rückerstattung der bis zum Zeitpunkt des Widerrufs der unent-
geltlichen Rechtsverbeiständung – welcher auf den Zeitpunkt des vorlie-
genden Urteils fällt – entstandenen Kosten in der Höhe von Fr. 500.– zu
verpflichten.
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E-6487/2018
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