Decision ID: 1c01de2b-2743-4b31-a3e4-01b02c8b7d42
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Der Vizepräsident entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau verurteilte A. mit Strafbefehl vom
30. Juni 2021 wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln i.S.v. Art. 4a
Abs. 1 lit. a VRV i.V.m. Art. 90 Abs. 1 SVG (Überschreiten der allgemeinen
Höchstgeschwindigkeit innerorts), begangen am 9. Januar 2021, 19.05
Uhr, mit dem Lieferwagen ZH aaa auf der Seetalstrasse in Hallwil, Fahrt-
richtung Boniswil, zu einer Busse von Fr. 120.00.
Gegen diesen ihm am 20. September 2021 zugestellten Strafbefehl erhob
A. mit Eingabe vom 28. September 2021 (Postaufgabe am 1. Oktober
2021) Einsprache.
2.
2.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau überwies die Akten am 5. Oktober
2021 an das Bezirksgericht Lenzburg zur Durchführung des Hauptverfah-
rens, mit dem Hinweis, dass die Einsprache aus ihrer Sicht verspätet erho-
ben worden sei.
2.2.
Die Präsidentin des Bezirksgerichts Lenzburg entschied mit Verfügung vom
9. November 2021:
" 1. Auf die Einsprache des Beschuldigten vom 1. Oktober 2021 (Postaufgabe) wird nicht eingetreten.
2. Es wird festgestellt, dass der Strafbefehl ST.2021.2879 der  Lenzburg-Aarau vom 30. Juni 2021 in Rechtskraft erwachsen ist.
3. Die Gerichtskosten für das Verfahren vor dem Bezirksgericht Lenzburg, bestehend aus einer Gerichtsgebühr von CHF 300.00 und den Auslagen von CHF 18.00, insgesamt CHF 318.00, werden dem Beschuldigten .
4. Der Beschuldigte hat seine Parteikosten selber zu tragen."
3.
3.1.
Gegen diese ihm am 11. November 2021 zugestellte Verfügung erhob A.
mit Eingabe vom 15. November 2021 bei der Beschwerdekammer in Straf-
sachen des Obergerichts des Kantons Aargau Beschwerde mit dem sinn-
gemässen Antrag, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die
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Präsidentin des Bezirksgerichts Lenzburg sei anzuweisen, das erstinstanz-
liche Hauptverfahren durchzuführen.
3.2.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau ersuchte mit Beschwerdeantwort
vom 2. Dezember 2021 um Abweisung der Beschwerde unter Kostenfol-
gen.

Considerations:
Der Vizepräsident zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Die Verfügungen und Beschlüsse sowie die Verfahrenshandlungen der
erstinstanzlichen Gerichte sind mit Beschwerde anfechtbar; ausgenommen
sind verfahrensleitende Entscheide (Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO). Die vorlie-
gende Beschwerde richtet sich gegen eine Verfügung der Präsidentin des
Bezirksgerichts Lenzburg, mit welcher diese die Gültigkeit der Einsprache
gegen einen Strafbefehl verneinte, mithin gegen einen Endentscheid. Be-
schwerdeausschlussgründe i.S.v. Art. 394 StPO liegen nicht vor. Damit ist
die Beschwerde zulässig.
1.2.
Ist die Beschwerdeinstanz ein Kollegialgericht, was im Kanton Aargau ge-
mäss § 65 Abs. 2 GOG i.V.m. § 9 f. und Anhang 1 Ziff. 2 Abs. 5 der Ge-
schäftsordnung des Obergerichts vom 21. November 2012 der Fall ist, so
beurteilt die Verfahrensleitung die Beschwerde gemäss Art. 395 lit. a StPO
allein, wenn diese - wie im vorliegenden Fall - ausschliesslich Übertretun-
gen zum Gegenstand hat.
1.3.
Der Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens kann vom Beschwerde-
führer nicht frei bestimmt werden, sondern wird durch die angefochtene
Verfahrenshandlung verbindlich festgelegt. Gegenstände, über welche die
vorinstanzliche Strafbehörde nicht entschieden hat, soll die Beschwer-
deinstanz nicht beurteilen, da sonst in die funktionelle Zuständigkeit der
Vorinstanz eingegriffen würde. Dementsprechend sind neue Anträge bzw.
eine Erweiterung der bisherigen Anträge und damit des Streitgegenstands
im Beschwerdeverfahren grundsätzlich nicht zulässig (PATRICK GUIDON,
Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, 2011,
Rz. 390, 543).
Gegenstand der Verfügung der Präsidentin des Bezirksgerichts Lenzburg
vom 9. November 2021 bildete einzig die Gültigkeit der Einsprache des Be-
schwerdeführers gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau vom 30. Juni 2021. Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, er sei zu
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Unrecht wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln i.S.v. Art. 4a
Abs. 1 lit. a VRV i.V.m. Art. 90 Abs. 1 SVG (Überschreiten der allgemeinen
Höchstgeschwindigkeit innerorts) bestraft worden, ist auf die Beschwerde
somit nicht einzutreten, da darüber in der angefochtenen Verfügung nicht
entschieden wurde.
2.
2.1.
Der Beschwerdeführer rügt mit vorliegender Beschwerde, er habe nie eine
Busse erhalten, sondern direkt den Strafbefehl inkl. Verfahrenskosten. Da-
mit macht er sinngemäss die Ungültigkeit des Strafbefehls geltend.
2.2.
Gemäss Art. 1 Abs. 1 lit. a Ziff. 7 OBG wird mit Ordnungsbusse in einem
vereinfachten Verfahren (Ordnungsbussenverfahren) bestraft, wer eine im
Strassenverkehrsgesetz (SVG) aufgeführte Übertretung begeht, wenn der
betreffende Übertretungstatbestand in der Bussenliste 1 gemäss Anhang 1
der gestützt auf Art. 15 OBG erlassenen OBV aufgeführt ist (Art. 1 Abs. 2
OBG).
Das Ordnungsbussenverfahren ist indessen nur anwendbar, wenn der Ver-
treter des zuständigen Organs die Widerhandlung selbst festgestellt hat
(Art. 3 Abs. 1 OBG) oder es sich um eine Widerhandlung gegen das SVG
und die gestützt darauf erlassenen Verordnungen handelt, die durch eine
automatische Überwachungsanlage festgestellt wurde, welche die Anfor-
derungen des Messgesetzes erfüllt (Art. 3 Abs. 2 OBG), und kein Ausnah-
mefall gemäss Art. 4 oder Art. 5 Abs. 2 OBG vorliegt.
2.3.
Das Ordnungsbussenverfahren ist, wenn seine Voraussetzungen gegeben
sind, obligatorisch anzuwenden. Die Fälle, in denen eine dem Ordnungs-
bussenrecht unterstehende Übertretung ausnahmsweise im ordentlichen
Verfahren zu ahnden ist, werden durch Gesetz und Verordnung abschlies-
send geregelt. Gemäss Art. 14 OBG kann eine Ordnungsbusse allerdings
auch im ordentlichen Strafverfahren ausgesprochen werden, mithin durch
die Staatsanwaltschaft im Strafbefehlsverfahren oder durch ein Gericht.
Entsprechend richtet sich die Kostenauflage in diesem Fall nach der StPO.
Das bundesrechtliche Prinzip der Kostenfreiheit (Art. 12 OBG) bezieht sich
auf das Ordnungsbussenverfahren. Im ordentlichen Verfahren ist das Prin-
zip der Kostenfreiheit jedoch dann anzuwenden, wenn es ohne sachlichen
Grund eingeleitet worden ist (BGE 145 IV 252 E. 1.5 S. 255; STEFAN MAE-
DER/MARCEL ALEXANDER NIGGLI, in: Basler Kommentar, Strassenverkehrs-
gesetz, 2014, N. 21 zu Art. 103 SVG).
Daraus folgt, dass ein Strafbefehl nicht nichtig, sondern lediglich anfechtbar
ist, wenn statt des Ordnungsbussenverfahrens ohne sachlichen Grund das
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ordentliche Verfahren eingeleitet worden ist. Will der Beschuldigte in einem
solchen Fall erreichen, dass gegen ihn eine Ordnungsbusse ausgefällt
und/oder auf eine Kostenauflage nach den Regeln der StPO verzichtet
wird, hat er folglich gegen den Strafbefehl Einsprache gemäss Art. 354
StPO zu erheben.
3.
3.1.
Gegen den Strafbefehl kann insbesondere die beschuldigte Person bei der
Staatsanwaltschaft innert zehn Tagen Einsprache erheben (Art. 354 Abs. 1
lit. a StPO). Über die Gültigkeit des Strafbefehls und der Einsprache ent-
scheidet nach Art. 356 Abs. 2 StPO das erstinstanzliche Gericht. Ist die
Einsprache ungültig, z.B. weil sie verspätet eingereicht wurde, tritt das erst-
instanzliche Gericht auf sie nicht ein und es bleibt beim Strafbefehl, d.h.
dieser wird gemäss Art. 354 Abs. 3 StPO zum rechtskräftigen Urteil (CHRIS-
TIAN SCHWARZENEGGER, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozess-
ordnung, 3. Aufl. 2020, N. 2 zu Art. 356 StPO).
3.2.
Die Einsprachefrist beginnt mit der Zustellung des Strafbefehls (Art. 384
lit. b StPO), wobei der Tag der Zustellung bei der Fristberechnung nicht
mitgezählt wird (Art. 90 Abs. 1 StPO). Fällt der letzte Tag der Frist auf einen
Samstag, einen Sonntag oder einen vom Bundesrecht oder vom kantona-
len Recht anerkannten Feiertag, so endet sie am nächstfolgenden Werktag
(Art. 90 Abs. 2 StPO). Gerichtsferien gibt es im Strafverfahren nicht (Art. 89
Abs. 2 StPO). Die Frist ist eingehalten, wenn die Verfahrenshandlung spä-
testens am letzten Tag der Frist bei der zuständigen Behörde vorgenom-
men wird (Art. 91 Abs. 1 StPO). Eingaben müssen spätestens am letzten
Tag der Frist bei der Strafbehörde abgegeben werden oder zu deren Han-
den der Schweizerischen Post, einer schweizerischen diplomatischen oder
konsularischen Vertretung oder, im Falle von inhaftierten Personen, der An-
staltsleitung übergeben werden (Art. 91 Abs. 2 StPO).
Der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 30. Juni 2021
wurde dem Beschwerdeführer am 20. September 2021 polizeilich zuge-
stellt (vorinstanzliche Akten [VA] act. 11 f.). Die Einsprachefrist begann so-
mit am 21. September 2021 zu laufen und endete am 30. September 2021.
Die Einsprache des Beschwerdeführers vom 28. September 2021
(VA act. 13) wurde erst am 1. Oktober 2021 der Schweizerischen Post
übergeben (VA act. 14) und damit verspätet erhoben. Wiederherstellungs-
gründe i.S.v. Art. 94 Abs. 1 StPO (vgl. dazu CHRISTOF RIEDO, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 37 zu
Art. 94 StPO) hat der Beschwerdeführer nicht geltend gemacht.
Demnach hat die Vorinstanz zutreffend festgestellt, dass die Einsprache
des Beschwerdeführers gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
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Lenzburg-Aarau vom 30. Juni 2021 zufolge verspäteter Einreichung ungül-
tig ist.
3.3.
Gemäss den obigen Ausführungen ist die Vorinstanz zu Recht auf die Ein-
sprache des Beschwerdeführers gegen den Strafbefehl der Staatsanwalt-
schaft Lenzburg-Aarau vom 30. Juni 2021 nicht eingetreten und hat ge-
stützt auf Art. 354 Abs. 3 StPO folgerichtig festgestellt, dass der Strafbefehl
in Rechtskraft erwachsen ist. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen, so-
weit auf sie einzutreten ist.
4.
Bei diesem Ausgang hat der Beschwerdeführer die Kosten des Beschwer-
deverfahrens zu tragen (Art. 428 Abs. 1 StPO) und es ist ihm keine Ent-
schädigung auszurichten.