Decision ID: d20e1a48-b8db-4e40-8c0b-2f952fa377c4
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1968, war von Juni 2015 bis Juni 2016 bei der
Y._
GmbH als Bäckerei-Mitarbeiter und von November 2017 bis Februar 2018 als Lieferant bei
Z._
tätig (Urk. 7/6; Urk. 7/7 Ziff. 5.4; Urk. 7/29). Unter Hinweis auf eine posttraumatische Belastungsstörung
,
eine rezi
di
vierende depressive Störung und chronische lumbale Rückenbeschwerden
mel
dete er sich am
5. Juli 2018
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
7/7
).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizi
nische und erwerbliche Situation ab
und verneinte nach
durchgeführtem
Vorbe
scheidverfahren
(Urk.
7/42
; Urk.
7/44; Urk. 7/52; Urk. 7/56; Urk. 7/57
) mit Verfü
gung vom
20. Januar 2020
einen Rentenanspruch (Urk.
7/59
= Urk. 2).
2.
Der Versicherte erhob am
17. Februar 2020
Beschwerde gegen die Verfügung vom
20. Januar 2020
(Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihm
eine ganze Rente zuzu
sprechen, eventuell sei über seinen
Gesundheitszustand und
seine
Arbeitsfähigkeit ein unabhängiges psychiatrisches Gutachten erstellen zu lassen
(Urk. 1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
5. März 2020
(Urk.
6
) die Abweisung der Beschwerde.
Mit Gerichtsverfügung vom
23. März 2020
wurden antragsgemäss (vgl. Urk. 1 S.
2
) die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung bewilligt und dem Beschwerdeführer die Beschwerdeantwort zugestellt (Urk.
8
).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
men
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundes
gesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sic
h im Aufgabenbereich zu betä
ti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unt
erbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.4
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bun
desgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beur
teilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische
Leiden entwickelte strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indika
toren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belas
tungs
fak
toren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) ande
rerseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzu
schätzen (BGE
141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesge
richts 9C_590/2017 vom 15. Februar 2018 E. 5.1).
1.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, dass es dem Beschwerdeführer aus somatischer Sicht zumutbar sei, eine leichte Tätigkeit in einem vollen Pensum a
uszuüben. Gestützt auf die jeweils gleichen
statistischen Zahlen für die Bestimmung des Validen- und des Inva
lideneinkommens entstehe keine Erwerbseinbusse und somit auch kein Anspruch auf Rentenleistungen (S. 1 unten). In psychischer Hinsicht lägen in den Arzt
be
richten viele verschiedene und diskrepante Angaben vor. Eine gesundheitliche Einschränkung sei aufgrund der Unterlagen mit überwiegender Wahrschein
lich
keit auszuschliessen
. Selbst wenn eine Einschränkung aufgrund einer posttrau
ma
tischen Belastungsstörung vorliegen würde, so wäre diese bereits im Ursprungs
land ausgebrochen, wodurch auch kein Anspruch auf Leistungen der Inva
liden
versicherung entstehen würde (S. 2 oben). Der Beschwerdeführer habe zudem erst seit 2010 Beiträge entrichtet, die psychiatrischen Diagnosen seien dann bereits
2011 gestellt worden. Bei Eintritt der Invalidität lägen somit keine drei vollen Bei
tragsjahre vor, womit die versicherungsmässigen Voraussetzungen nicht erfüllt seien (S. 2 Mitte).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1), er sei von Juni 2015 bis Juni 2016 noch erwerbstätig gewesen. Vor Juli 2017 könne die Invalidität daher gar nicht eingetreten sein. Deshalb sei auch sein psychischer Gesundheitsschaden nicht etwa schon im Ursprungsland ausgebrochen. Vielmehr sei entscheidend, dass
dieser erst in der Schweiz und frühestens im Juli 2017 zu einer Invalidität geführt habe
.
Er habe von 2010 bis 2017 deutlich mehr als drei Jahre
lang
Beiträge geleistet, womit die beitragsmässigen Voraussetzungen für eine Rente erfüllt seien (S. 4 Ziff. 8).
Aufgrund der in den Akten liegenden Arztberichte sei in psychischer Hinsicht ein ganz erheblicher Gesundheitsschaden, der die Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeits
markt ausschliesse, klar erstellt (S. 5 Ziff. 9).
Es sei deshalb seitens des Psychiaters des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) klarerweise nicht zulässig, einen psy
chiatrischen Gesundheitsschaden zu verneinen. Auch wenn die anamnestischen Angaben in den verschiedenen Arztberichten nicht immer völlig deckungsgleich
gewesen wären, dürfte
hieraus
nicht einfach auf manipulative Darstellung, Falsch
aussagen, Aggravation oder Rentenbegehrlichkeit geschlossen werden. Wenn schon, dann müssten die Ursachen von allfälligen Diskrepanzen im Rahmen eines unabhängigen psychiatrischen Gutachtens geklärt werden (S.
5 f.
Ziff.
10
).
Dem aktuellen Behandler seien sodann keine solche Widersprüche aufgefallen (S. 6 Ziff. 11).
Die Beschwerdegegnerin habe einfach die unzutreffende, nicht einmal auf einer eigenen Untersuchung beruhende Beurteilung des RAD übernommen und den Berichten von zwei renommierten Fachkliniken keine Beachtung geschenkt. Falls die Beschwerdegegnerin trotz den klaren Berichten der Behandler wirklich noch
Zweifel am Vorliegen eines IV-relevanten Gesundheitsschadens hätte haben dürf
en, so hätte sie aufgrund ihrer Untersuchungspflicht noch weitere Abklä
rungen treffen und insbesondere ein unabhängiges psychiatrisches Gutachten anordnen müssen (S. 6 Ziff.
12
).
2.3
In der Beschwerdeantwort (Urk. 6) anerkannte die
Beschwerdegegnerin
, dass es nicht relevant sei, ob der Beschwerdeführer mit den gesundheitlichen Ein
schrän
kungen in die Schweiz eingereist sei. Massgeblich für die Bestimmung der ver
sicherungsmässigen Voraussetzungen sei der Eintritt der Invalidität (S. 1 unten). E
ine solche liege aber nicht vor
, da die Diagnose einer sich auf die Leis
tungs
fähigkeit auswirkenden posttraumatischen Belastungsstörung nicht nachvollzo
gen werden könne. Hierzu werde auf die Stellungnahme des RAD verwiesen. Im Ergebnis sei der Rentenanspruch daher zu Recht verneint worden (S. 2).
2.4
Strittig und zu prüfen ist der Leistungsanspruch des Beschwerdeführers und dabei insbesondere die Frage, ob der medizinische Sachverhalt
in psychischer Hinsicht
s
eitens der Beschwerde
gegnerin
genügend abgeklärt wurde.
3.
3.1
Die Ärzte des
Zentrums A._
führten im Bericht vom 23.
Juni 2014 (Urk. 7/5/20-23) aus, der Beschwerdeführer habe sich am 13. Juni 2014 erstmals im Zentrum
C._
vorgestellt. Sie nannten folgende Diagnosen nach ICD-10 (S. 1 oben):
-
M54.4 chronische lumbale Rückenschmerzen mit
radikulärer
Ausbreitung ohne nachweisbare
Radikulopathie
links, bei radiologisch nachgewiesener Diskushernie am 5. Lendenwirbel (L5) mit möglicher Wurzelaffektion beid
seitig
. Status nach Verletzung des
Iliosakralgelenks
(ISG) durch Rake
ten
splitter mit Pseudoarthrose /
Nearthrose
ISG links 1986, Entfernung Raketensplitter am 26. Februar 2013
-
F43.1 fremdanamnestisch posttraumatische Belastungsstörung
3.2
Am 30. Juli 2014 (Urk. 7/5/12-13) berichteten die Ärzte des
A._
über die psy
chiatrische Untersuchung vom 28. Juli 201
4.
Sie
stellten die gleichen
Diagnosen
wie in ihrem Bericht vom 2
3.
Juni 2014
(S. 1 oben
; vgl. vorstehend E. 3.1
)
.
Der Patient stamme aus dem Iran. Trotz beim ersten Eindruck bestehender guter deutscher Sprachkenntnisse habe sich im weiteren Verlauf der Exp
loration eine
deutliche Sprachbarriere
offenbart. Der Patient habe ber
ichtet, dass er sich sehr früh politisch interessiert und engagiert habe, etwa ab dem 10. Lebensjahr.
So habe er letztlich schon mit 13 Jahren seine Heimatsta
dt fluchtartig verlassen müssen und
habe sich zwei Jahre lang allein in
Teheran durchgeschlagen. Mit 15 Jahren habe er den Iran dann fluchtartig verlassen müssen und sei über die Türkei mit einem falschen Pass in den Irak eingereist. Dort habe er bis 2008 etwa 20 Jahre lang gelebt. Er sei dann als Flüchtling über Griechenland und Italien in die Schweiz gekommen. Im Irak habe er sich damals weiterhin politisch und gesell
schaftlich engagiert. Er habe insgesamt 10 Jahre Hausarrest gehabt. Folter oder Gefängnisaufenthalte würden verneint, er habe aber in einer ständigen Bedro
hung und Angst gelebt. 1986 sei er 18-jährig bei einem Raketenangriff verletzt worden. Er sei damals bei der Armee gewesen (S. 1 f
.
).
Der Patient gehe seit etwa 3 Jahren etwa einmal im Monat zum
B._
zur Behandlung einer posttraumatischen Belastungs
störung
. Er habe
Cipralex
verordnet bekommen, welches er nur unregelmässig nehme. Mittlerweile sei der Schlaf deutlich besser geworden, Albträume träten seltener auf, sie handelten meist von seiner Vergangenheit und dem Krieg. Die Stimmung variiere
. Es bestü
nden Interessen, er könne sich auch grundsätzlich freuen, der Antrieb sei weitgehend ungestört (S. 2 Mitte).
Die anamnestischen Angaben sprächen durchaus für eine stattgehabte posttrau
matische Belastungsstörung, die jedoch seit mittlerweile drei Jahren in regel
m
ässi
ger Therapie sei. Eine parallele psychiatrische Anbindung an das Zentrum
C._
sei nicht indiziert, ebenso wenig eine Einzelpsychotherapie (S. 2 unten).
3.3
Am 14. April 2015 (Urk. 7/5/1-2) berichteten die Ärzte des
A._
, der Beschwerde
führer sei vom 13. Juni 2014 bis 9. März 2015 im Zentrum
C._
in ambulanter Behandlung gewesen.
Im
Vergleich zu
den
Bericht
en
vom
2
3.
Juni und
30. Juli 2014 (vorstehend E. 3.
1 und 3.
2)
wurde als Diagnose zusätzlich eine
sensomotorische
axonal-demyelinisierende
Polyneuropathie (G62.9) genannt (S. 1
oben). Insgesamt sei im Verlauf eine eher passiv-fordernde Haltung deutlich ge
worden. So habe der Beschwerdeführer unter anderem eine Anmeldung bei der Invalidenversicherung gewünscht. Dies hätten ihm die berichtenden Ärzte frei
gestellt und auch vermittelt, dass sie ihn in einer angepassten Tätigkeit als arbeits
fähig erachteten (S. 1 unten). Eine Wiedervorstellung sei zurzeit nicht vorgesehen. Der Behandlungsabschluss sei im Einverständnis mit dem Patienten erfolgt (S.
2
).
3.4
Die Ärzte des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer (AFK) des
B._
führten im Bericht vom 30. März 2017 (Urk. 7/55/8-12) aus, die Behandlung habe vom 15. November 2011 bis zum 31. März 2017 gedauert. In diesem Zeitraum hätten 55 Therapiesitzungen in zwei- bis achtwöchigen Abständen und parallel dazu zahlreiche sozialberatende Gespräche stattgefunden (S. 1 oben). Es wurden folgende Austrittsdiagnosen genannt (S. 1 Mitte):
-
posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischen Symptomen (F33.11)
-
anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.4)
-
Verdacht auf andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.0)
Der Patient leide unter wiederkehrenden körperlichen Schmerzen. Obwohl er gerne arbeiten wolle, sei es aufgrund der somatischen Beschwerden sehr schwie
rig, einen Arbeitgeber zu finden. Parallel dazu fühle er sich vom Sozialdienst stark unter Druck gesetzt, missverstanden, diskriminiert oder ungerecht behan
delt. Dies habe im Laufe der Behandlung zu wiederkehrenden Konflikten mit starken emotionalen Reaktionen geführt. Wiederholt habe er formuliert, durch die vielen negativen Erlebnisse depressiv geworden zu sein (S. 2
oben
).
In seinem 9. Lebensjahr sei er zu einer politischen Gruppe gekommen. Mit zirka 14 Jahren sei er mit
den Mujaheddin
«raus aus der Stadt». Ein Jahr später habe er mit einem gefälschten Pass in die Türkei fliehen müssen.
Er sei sehr lange bei
den Mujaheddin
gewesen und habe einen recht hohen Rang gehabt. Aber nach
dem er 1991 im
Nordiran
Kurden aus einem Lager
der Mujaheddin
freigelassen habe, sei er unter Hausarrest gestellt worden
. Während des Hausarrests
seien Versuche einer Indoktrination unternommen worden. Er habe keine Bewegungs
freiheit gehabt und sei wegen seiner kritischen Haltung wiederholt verhört wor
den. Nach dem
Einmarsch der Amerikaner in den Irak sei er dorthin geflüchtet, wo er fünf Jahre lang in einem US-Gefangengenlager gefangen gehalten worden sei. Dabei sei er wiederholt wegen der ehemaligen Zugehörigkeit zu
den Mujaheddin
verhört worden, wobei Druckmittel wie Wasser- und Nahrungsrestriktion einge
setzt worden seien. Bei einem radikalen Hungerstreik sei er fast gestorben. Dieser habe aber schliesslich dazu geführt, dass er vom Hohen
Flüchtlingskommissar der Vereinten
Nationen (UNHCR) als Flüchtling anerkannt worden sei
(S. 2 Ziff. 5).
Der Patient sei sehr um seine Arbeitsintegration bemüht. Die Sozialberatung habe ihn unterstützt, wobei er Formalitäten mit Bemühen und grosser Sorgfalt bear
beitet habe (S. 3 Ziff. 7
).
Zum psychopathologischen Status bei Austritt wurde festgehalten, es bestünden leichte Auffassung
s
- und Konzentrationsstörungen, wobei hinsichtlich der Auf
fassung Defizite im Sprachverständnis berücksichtigt werden müssten. Das for
male Denken erscheine verlangsamt, eingeengt und grübelnd. Es bestünden Hin
weis
e
auf Ich-Störungen in Form intrusiver Al
b
träume, die unter Stress und Anspannung stärker aufträten. Es gäbe dissoziative Zustände dergestalt, dass sich der Patient in sozialen Themen wie beispielsweise Wohnungs- und Arbeitssuche verliere. Im Affekt wirke er einerseits flach und schwer fassbar, wechselnd mit Phasen von deprimierter Niedergestimmtheit. Er sei
dy
s
phorisch
und ungeduldig bis leicht gereizt.
Der Patient sei beängstigt hinsichtlich seiner Zukunft, sein Antrieb und seine Psychomotorik wirkten vermindert. Es gebe einen leichten Mangel an Krankheitseinsicht und wiederholte Phasen sozialen Rückzugs (S. 3 Ziff.
8
).
Der Patient sei seit früher Kindheit potenziell traumatischen Situationen aus
gesetzt gewesen. Über Jahre sei er Mitglied einer hierarchisch strukturierten, politischen und bewaffneten Organisation gewesen, die nicht nur seine Konzepte und Beziehungen beeinflusst haben dürfte, sondern die Persönlichkeitsent
wick
lung nachhaltig geprägt habe (S. 4 Ziff. 10).
3.5
Die Ärzte der Klinik für
Konsiliarpsychiatrie
und
Psychosomatik des Universi
tätsspitals
D._
führten im Abschlussb
ericht vom 24. August
2018 (Urk. 7/49) aus, die Behandlung des Beschwerdeführers habe vom 13. Mai 2017 bis am 24. August 2018 gedauert. Sie nannten folgende Diagnosen (S. 1 unten):
-
F43.1 (komplexe) posttraumatische Belastungsstörung
-
F33.1 rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Epi
sode mit somatischen Symptomen
-
F45.1 chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fak
to
ren
Die vom Patienten beschriebene Symptomatik finde ihren Ursprung einerseits in
einer lebenslangen Sozialisation durch Krieg, Verfolgung, Bedrohung und Indok
trination, welche auch traumatische Ereignisse im engeren Sinne umfasse, ande
rerseits in der aktuellen multimodalen Belastungssituation mit Arbeitslosigkeit, finanzieller Bedrängnis, schwerer Erkrankung der Ehefrau, Sorgen um Ange
hö
rige im Heimatland und vielem mehr.
Formalklassifikatorisch
liessen sich die Symp
tome am ehesten im Rahmen einer komplexen posttraumatischen Belas
tungs
störung (Differentialdiagnose Persönlichkeitsveränderung nach Extrembe
las
tung) mit begleitendem depressiven Syndrom erfassen
. Bei bereits früher be
ste
henden Episoden (mit Besserung unter vorübergehender beruflicher Beschäf
ti
gun
g 2008-2010) werde von einer rezidivierenden depressiven Störung ausge
gangen, es wäre jedoch auch an eine unvollständige Remission zu denken. Der biografisch gewachsene Störungsanteil sei stark mit der Persönlichkeit des Patien
ten ver
wo
ben und therapeutisch nur wenig beeinflussbar. In der Wahr
nehmung des Patien
ten stünden die
psychosozialen Belastungsfaktoren klar im Vordergrund und seien am ehesten einer Unterstützung zugänglich. Bei langan
haltender Sympto
matik und schwerer psychosozialer Ausgangssituation seien die prognostischen Erwartungen gegenwärtig begrenzt (S. 1).
Zum aktuellen psychischen Status wurde
unter anderem
festgehalten, das Lang
zeitgedächtnis
wei
se zahlreiche
Unschärfen
und Lücken auf
,
mit deutlichen Schwierigkeiten hinsichtlich der chron
olog
ischen Zuordnung (S. 2
oben
).
Die persönliche Anamnese wird im Bericht ausführlich wiedergegeben (S. 3 f.), wo
rauf
in der Würdigung (nachstehend E. 4) noch zurückzukommen ist.
Im November 2017 habe der Patient im Rahmen einer Teilzeitstelle (20
%
) bei einem iranischen Lebensmittelhändler zu arbeiten begonnen. Bei Eintreffen belastender Nachrichten aus dem Heimatland sei es zu vermehrten Sorgen, Ver
gesslichkeit, Konzentrationsstörungen und zunehmenden Schmerzen gekommen, was wiederholt zu Schwierigkeiten am Arbeitsplatz geführt habe. Zum Beispiel habe er einmal vergessen, die Handbremse eines Lieferfahrzeugs anzuziehen, woraufhin dieses einen Abhang hinuntergerollt und gegen eine Hauswand ge
prallt sei
. Nachdem ihm durch die Gemeinde die Teilnahme an einem
Leistungs
assessment
und Wiedereingliederungsprogramm
(
E._
)
vermittelt worden sei, habe er seine Teilzeitarbeitsstelle gekündigt (S. 5 Mitte).
3.6
Auf Anfrage der Beschwerdegegnerin umschrieben die Ärzte des
A._
am 2
0.
November 2018 das dem Beschwerdeführer zumutbare Tätigkeitsprofil
. Sie hielten fest, dass ihm
Tätigkeiten mit wechselnder sitzender, stehender Körperbe
lastung unter Vermeidung von Heben und Tragen von Gewichten über 10 Kilo
gramm zuzumuten seien (
Urk.
7/27/7).
3.
7
Im Bericht vom 17. Januar 2019 zuhanden der Beschwerdegegnerin (Urk. 7/28) fü
hrten die Ärzte des
D._
aus, dem
Beschwerdeführer sei vom 15. März 2017 bis am 31. Oktober 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
und vom 1. November 2017 bis zum 31. Mai 2018 eine solche von 80
%
für die Tätigkeit als Lieferant attestiert worden (
S. 2
Ziff. 1.3).
Psychische Beschwerden seien zum Zeitpunkt der letzten Konsultation am 24. August 2018 wie folg
t
vorhanden gewesen: Konzentrationsstörungen mit plötzlicher Abgelenktheit bei einschiessenden Erin
ne
rungen an die Vergangenheit und Sorgen um die Familie (Geschwister) in der Heimat; reduzierte Auffassung bei deutlicher psychischer Anspannung und inne
rer Unruhe; Trauer und Hoffnungslosigkeit hinsichtlich der sozialen und persön
lichen Situation bei längerer Arbeitslosigkeit und schwerer Erkrankung der Ehefrau; erhöhtes Misstrauen und teils paranoides Erleben/Beeinträchti
gungs
erleben bei unzureichender psychischer Stabilität infolge der zahlreichen Belas
tungen in der Vergangenheit (30 Jahre Lagerisolation im Iran/Irak, Trennung von der Herkunftsfamilie seit dem Jugendalter, zahlreiche traumatische Erlebnisse, fehlender sozialer Rückhalt); reduzierter Antrieb (
S. 5
Ziff. 2.2).
Es
seien alle Kriterien einer
trauma
-spezifischen Psychopathologie erfüllt (S. 6 Mitte Ziff. 2.4).
Grundsätzlich verfüge der Beschwerdeführer über zahlreiche Fähigkeiten (Auto
fahren, Sprach- und Kulturkenntnisse), jedoch sei er während der gesamten Be
handlungsdauer deutlich eingeschränkt und nur vorübergehend sehr limitiert arbeitsfähig gewesen (S. 7 Ziff. 2.7).
In
einer ruhigen, wertschätzenden und zuverlässigen Arbeitsumgebung werde es für möglich gehalten, dass der Beschwerdeführer sich im Fall einer hinreichenden Stabilisierung in einem Arbeitsteam integrieren und klare, strukturierte Aufgaben in reduziertem Pensum ausführen könnte (S. 8 Ziff. 3.5). Wie viele Stunden pro Tag ihm in der bisherigen oder in einer leidensangepassten Tätigkeit zumutbar seien, könne aufgrund des länger zurückliegenden Behandlungsabschlusses nicht hinreichend beantwortet werden (S. 8 Ziff. 4.1-2). Angesichts der lange beste
hen
den psychischen und körperlichen Einschränkungen sowie der zahlreichen belas
tenden Erlebnisse in der Vergangenheit werde die Prognose einer beruflichen Wiedereingliederung als limitiert angesehen (S. 8 Ziff. 4.
3).
3.
8
Die Ärzte der i
ntegrierten Psychiatrie
F._
führ
ten
i
m Bericht vom 7. Februar 2019 (Urk. 7/37) aus, die Behandlung erfolge seit dem 4. Oktober 2018, wobei die Termine in der Regel alle drei bis vier Wochen stattfänden (S. 1 Ziff. 1.1-2). Eine Arbeitsunfähigkeit sei seitens der Berichtenden bislang
nicht
attestiert worden (S. 1 Ziff. 1.3).
Der Patient stamme aus dem Iran und habe sich im Alter von 13 Jahren einer linksextremistischen Vereinigung angeschlossen, weshalb er im Alter von 14 Jahren aus dem Land habe fliehen müssen. Bis zum Jahr 2003 habe er dann in Lagern
der Mujaheddin
im Grenz
be
reich Iran/Irak gelebt und sei dort Zeuge von Erschiessungen und Folter gewor
den. 2003 sei er aus dem Lager geflüchtet und dann bis 2008 von den Amerika
nern interniert worden. 2008 sei mit Hilfe des UNHCR die Flucht in die Schweiz erfolgt (S. 1 f. Ziff. 2.1).
Zum Psychostatus wurde ausgeführt, Aufmerksamkeit, Auffassung, Konzentra
tion und Gedächtnis wirkten leicht beeinträchtigt, im formalen Gedankengang sei der Patient teils umständlich. Die Stimmung sei niedergestimmt, Schwin
gungsfähigkeit und Antrieb seien reduziert und psychomotorisch sei er ver
lang
samt. Es gebe einen sozialen Rückzug (S. 2 Ziff. 2.4).
Es wurden dieselben Diagnosen genannt wie von den Ärzten de
s
D._
(vorstehend E. 3.5). Diese hätten Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 2 Ziff. 2.5). Die Diag
nosen seien von den vorbehandelnden Kollegen übernommen und durch die Be
richtenden bestätigt worden.
Es handle sich um einen schwer komplex erkrankten Patienten. Eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt werde für schwer umsetz
bar gehalten (S. 2 Ziff. 2.7). Gegenwärtig nehme er am Wiedereingliederungs
programm
E._
teil und arbeite dreimal pro Woche einen halben Tag (S. 3 Ziff. 3.1). Er gehe hiermit einer leidensangepassten Tätigkeit nach (S. 3 Ziff. 3.3). Beim Patienten liege insgesamt nur eine geringe Belastbarkeit vor. Einschrän
kungen bestünden hinsichtlich von Konzentrationsstörungen, erhöhter Erschöpf
barkeit sowie körperlicher Einschränkungen im Sinne der Schmerzbeschwerden (S. 3 Ziff. 3.4). Er verfüge nur über sehr wenige Ressourcen. Es bestünden nur wenige soziale Kontakte, er lebe insgesamt mit seiner Ehefrau sozial isoliert (S. 3 Ziff. 3.5). Die aktuell ausgeführte Tätigkeit sei im angegebenen Umfang zumutbar (S. 3 Ziff. 4.1). Die Prognose zur Eingliederung werde aufgrund des schweren und langjährig
chronifizierten
Krankheitsbildes als äusserst gering (richtig wohl: ungünstig) eingeschätzt (S. 3 Ziff. 4.3).
Gemäss der beigelegten Auswertung des Mini-ICF-App (Urk. 7/37/5-7) bestehe eine erheblich ausgeprägte
Beeinträchtigung in
der
Flexib
ilität und Umstel
lungs
fähigkeit sowie
in der
Wider
stands- und Durchhaltefähigkeit. Eine mässig ausge
prägte
Beeinträchtigung
bestehe
in
der
Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und
Routinen,
der Fä
higkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben,
in der
Kompetenz- und Wissensanwendung,
in der
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit,
bei
Proaktivität und Spontana
ktivitäten sowie in der Selbstbehauptungsfä
higkeit
.
Eine
leicht
ausgeprägte
Beeinträchtigung
bestehe
in
der
Konversati
on und Kon
taktfähigkeit zu Drit
ten,
der
Gruppenfähigkeit,
der
Fähigkeit
zu engen dyadischen Beziehungen sowie
der
Mobilität und Verkehrsfä
higkeit. Keine Beeinträchtigung
bestehe
bei
der
Fähigkeit zur Selbstpflege und Selbstversorgung
.
3.
9
Dr. med.
G._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führte in seiner Stellungnahme vom 23. August 2019 (Urk. 7/41 S. 4-7) aus, der Lebenslauf des Versicherten erscheine als inkonsistent (S. 4 f.). Gegen einen Leidensdruck spreche, dass er bei den Ärzten der
F._
nur alle drei bis vier Wochen Behandlungstermine wahrnehme.
Von diesen werde ein schwerwiegender Gesundheitsschaden postuliert, im Widerspruch dazu würden im Mini-ICF aber die meisten Fähigkeiten mit keiner, leichten oder mässigen Beeinträchtigung geratet (S. 5 oben).
Dass er in den Lagern der Mujaheddin Zeuge von Erschiessungen und Folter geworden sei, stehe in keinem anderen Bericht ausser in demjenigen
der
F._
.
Die ausführliche Anamnese in den Berichten des
D._
(vorstehend E. 3.5
und 3.7
)
weiche von den Angaben im Lebenslauf ab (S. 5 Mitte). Nachweislich falsch sei die Angabe des Versicherten, wonach er nach dem Stellenverlust im Jahr 2010 keine Anstellungen mehr gefunden habe (S. 5 unten). Die anamnestischen Angaben in den Berichten des
D._
würden als ausge
spro
chen inkonsistent erachtet, im Kontext zu den Angaben in anderen Berichten bestehe ein hochgradiger Verdacht auf manipulatives Berichten. Aggravation scheine vorzuliegen (S. 6
oben
).
Gemäss
Bericht des
A._
vom 30. Juli 2014 (vorstehend E. 3.2)
habe der Ver
sicherte angegeben, er habe als 13-jähriger seine Heimatstadt fluchtartig ver
lassen müssen, habe sich zwei Jahre in Teheran durchgeschlagen und habe dann als 15-jähriger den Iran endgültig fluchtartig verlassen und sei mit einem falschen Pass über die Türkei in den Irak eingereist. Wenn das Geburtsjahr stimme, so sei dies alles während des Iran-Irak-Kriegs geschehen (S. 6 unten).
In somatischer Hinsicht sei der Versicherte gemäss den Berichten des
A._
in angepasster Tätigkeit vollständig arbeitsfähig. Zumutbar seien Tätigkeiten mit wechselnder sitzender und stehender Körperbelastung unter Vermeidung von Heben und
Tragen von Gewichten über 10 kg
. Der postulierte psychiatrische Ge
sundheitsschaden könne nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachvoll
zogen werden. Die anamnestischen Angaben in den verschiedenen Arztberichten seien so diskrepant, dass nur manipulative Darstellung und Falschaussagen diese
Unterschiede erklären könnten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit liege Aggravation vor, Rentenbegehrlichkeit sei zu vermuten (S. 7 Mitte
)
.
3.
10
Auf Nachfrage des Beschwerdeführers führten die Ärzte der
F._
i
n der
E-Mail vom 17. Oktober 2019 (Urk. 7/48/2) aus, in den Sitzungen seien keine Wider
sprüche gegenüber den Angaben im Bericht des AFK (vorstehend E. 3.4)
aufge
fallen
.
Allerdings stehe der Aufbau einer therapeutischen Beziehung im Vorder
grund und
nicht
die Überprüfung der Angaben des Patienten auf Objektivität.
4.
4.1
In somatischer Hinsicht
beanstandete
der Beschwerdeführer die Beurteilung der
Beschwerdegegnerin, wonach ihm eine
körperlich
leichte Tätigkeit in einem vollen
Pensum zumutbar sei, nicht (vorstehend E. 2.1-2). Diese stützt sich auf die Ein
schätzung von Dr.
G._
, RAD, welcher seinerseits
auf
die Berichte
der Ärzte
des
A._
abstellte (vorstehen
d E. 3.
9
). Diese hatten die Behandlung der Rücken
schmerzen im Frühjahr 2015 abgeschlossen und festgehalten, der Beschwerde
führer sei in einer angepassten Tätigkeit arbeitsfähig (vorstehend E. 3.3
; vgl. auch E. 3.6
). Es ist somit erstellt, dass in rein somatischer Hinsicht in einer angepassten
, körperlich
leichten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 100
%
besteht.
4.2
In psychischer Hinsicht
dokumentiert
der Bericht der Ärzte des
AFK (vorstehend E. 3.4)
eine regelmässig stattgehabte
Psychotherapie von November 2011 bis März 2
017
und somit über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren. Während dieser Zeit
nahm der Beschwerdeführer insgesamt
55 Therapiesitzungen
in An
spruch
, was dem Bericht erhebliches Gewicht verleiht und ungeachtet des teil
weise auch eher lockeren
Sitzungsr
hythmus von zwei bis acht Wochen einen Leidensdruck erkennen lässt. Die gestellten psychiatrischen Diagnosen wurden begründet. So ist
etwa
das Bestehen einer mittelgradigen depressive
n
Episode
anhand
des
festgestellten
psychopathologischen Status gut nachvollziehbar
.
Be
treffend
die
diagnostizierte
pos
ttraumatische Belastungsstörung wird
mit der aus
führlich d
argestellten Anamnese an sich plausibel
, inwiefern der Beschwerde
füh
rer seit früher Kindheit potenziell traumatischen Situationen ausgesetzt gewesen sei
. Nicht erwähnt wird jedoch, seit wann die posttraumatische Belastungsstörung bestehe, was die Plausibilitätsprüfung dieser Diagnose erschwert, setzt sie doch
gemäss ICD-10
F43.1 v
oraus, dass sie mit einer Latenz von wenigen Wochen bis Monaten nach
dem traumatischen Ereignis auftritt (Urteil des Bundesgerichts 9C_228/2013 vom 26. Juni 2013 E. 4.1.2
).
D
ie hernach vo
n
Mai 2017 bis August 2018 behandelnden Ärzte der
D._
zeigten
detailliert auf
, wie sie zu den iden
tischen Diagnosen wie die Ärzte des AFK
gelangt waren
(vorstehend
E. 3.5
). Nicht in derselben argumentativen Tiefe bewegten sich die zuletzt behandelnden Ärzte
der
F._
(vorstehend E. 3.
8
), welche die Diagnosen der Ärzte des
D._
übernahmen und bestätigten. Es ist Dr.
G._
denn auch darin zuzustimmen (vorstehend E. 3.
9
), dass im
aktuellen
Mini-ICF die meisten Fähigkeiten mit leichten oder mässigen Beeinträchti
gungen angegeben worden sind
, was sich mit dem postu
lierten schwerwiegenden Gesundheitsschaden beziehungsweise der Aussage, der Patient sei schwer komplex erkrankt,
eher nicht verträgt
.
Es ist dies
– abgesehen von der fehlenden Begründung der zwischenzeitlichen Arbeitsfähigkeit von 20
%
im Zeitraum November 2017 bis Februar 2018 durch die Ärzte des
D._
-
indes die einzige Schwachstelle
in
fach
medizinischer Hin
sicht
, die Dr.
G._
in den
im Recht liegenden
Arztberichten ausmachte. Im Übrigen legte er seinen Fokus darau
f, Widersprüche in den anamnestischen An
gaben des Beschwerdeführers herauszufiltern. Richtig ist dabei zunächst, dass sich diese zu verschiedenen Zeitpunkten gegenüber unterschiedlichen Ärzten getätigten Angaben des Beschwerdeführers nicht
vollständig
miteinander in Übereinstimmung bringen lassen. Dies gilt insbesondere für die Angaben zu seiner Vergangenheit im Iran und Irak. Zu verweisen ist indes darauf,
das
s diese Diskrepanzen
durchaus
auch
seinen sprachlichen Defiziten (vgl. E. 3.2+4)
oder insbesondere dem Krankheitsbild geschuldet sein könnte
n
. So hielten die Ärzte des
D._
im August 2018 zum Psychostatus fest, das Langzeitgedächtnis weise zahlreiche
Unschärfen
und Lücken auf, mit deutlichen Schwierigkeiten hin
sichtlich der chronologischen Zuordnung (E. 3.5).
Nicht mehr durch solche Unzulänglichkeiten zu erk
l
ären sind die von Dr.
G._
gerügten Inkonsistenzen im Hinblick auf den Lebenslauf (vgl. Urk. 7/6), wo in den Jahren 1985 bis 2007 diverse Erfahrungen in unterschiedlichen Berufen im Irak aufgelistet wurden. Dies also in einer Zeit, in der der Beschwerdeführer ge
mäss
gegenüber den Behandlern getätigten
Aussagen
in 30-jähriger Lageriso
lation (vgl. E. 3.
7
), in zehnjährigem
Hausarrest (vorstehend E. 3.2) beziehungs
weise 4-5 Jahre in einem US-Gefangenenlager (vorstehend E. 3.
8
, Urk. 7
/49 S. 4 oben) gewesen sei
. Ein
schriftlicher
Lebenslauf wird indes in der Regel im Hin
blick auf eine mögliche Stellenbewerbung verfasst, weshalb sein Inhalt
in diesem Zusammenhang
zu würdigen ist. Beispielsweise wäre es der Stellensuche
wohl
kaum zuträglich, im Lebenslauf eine 30-jährige Lagerisolation anzuführen. Dass der Beschwerdeführer
in all diesen Jahren
so oder anders
gewisse Tätigkeiten ausführte und sich
bestimmte
Kenntni
sse aneignete, liegt so
dann
nah, womit es als nachvollziehbar erscheint,
solche
im Lebenslauf anzuführen.
Die Vorgeschichte des Beschwerdeführers zu entwirren, dürfte keine einfache Angelegenheit sein.
Allerdings
erhielt er bislang
auch
noch keine Gelegenheit,
die vordergründig bestehenden Widersprüche auf
entsprechend
explizite Nach
frage hin aufzulösen.
Diese Gelegenheit könnte dem Beschwerdeführer anlässlich einer neutralen psychiatrischen Begutachtung
eingeräumt
werden. Fü
r die Be
handler stand hingegen -
w
ie die Ärzte der
F._
ausdrücklich festh
ielten (vgl.
vorstehend E. 3.
10
) -
der Aufbau der therapeutischen Beziehung im Vordergrund und nicht die Überprüfung der Angaben des Patienten auf Objektivität.
Festzu
halten
ist
derzeit
, dass
den Ärzten der
F._
jedenfalls keine Widersprüche ins Auge fielen und solche auch von den anderen Behandlern ebenso wenig genannt wurden wie ein Verdacht auf Aggravation.
Eindeutig taktisch motivierte Falsch
aussagen sind sodann nicht
zu erkennen
, auch wenn es tatsächlich etwas be
fremdet, dass der Beschwerdeführer die
immerhin rund ein Jahr dauernde
Anstel
lung als Bäckerei-Mitarbeiter von 2015 bis 2016 gegenüber den Ärzten des
D._
nicht erwähnte. Ein
stattgehabter
T
äuschungsversuch seinerseits wäre
hier jedoch
wenig aussichtsreich und ist daher auch eher
unwahrscheinlich, nachdem
der betreffende
Arbeitseinsatz ja im
Auszug aus dem individuellen Konto
(Urk. 7/29) und sogar im selber verfassten Lebenslauf (Urk. 7/6) schriftlich dokumentiert
ist
.
Es überzeugt
im Ergebnis
nicht, wenn Dr.
G._
sich in fachmedizinischer
Hin
sicht kaum mit den
zahlreichen übereinstimmenden psychiatrischen
Diagnosen
und den
weiteren
Feststellungen
der Berichte über die langjährige therapeutische Behandlung des Beschwerdeführers auseinandersetzte
und stattdessen
aus den Widersprüchen in den anamnestischen Angaben direkt auf einen hochgradigen Verdacht auf manipulatives Berichten sowie eine sehr wahrscheinliche Aggra
vation schloss und Re
ntenbegehrlichkeit vermutete.
Ihm und der auf seine Stel
lungnahme abstützenden Beschwerdegegnerin kann diesbezüglich nicht gefolgt werden.
Es bestehen
genügend
Anhaltspunkte für eine relevante psychische Prob
lematik,
welchen
nachzugehen ist.
4.3
So
präzise
, wie die Behandler
ihre Diagnosen stellten
, so
unpräzise
waren sie hinsichtlich der Frage, wie sich die festgestellten psychischen Beeinträchtigungen auf die Arbeitsfähigkeit auswirkten.
Die Ärzte des AFK äusserten sich hierzu nicht von sich aus (E. 3.4) und die Ärzte des
D._
konnten die Frage qu
antitativ nicht beantworten, sondern
gaben lediglich an, das Arbeiten in reduziertem Pensum in einer angepassten Tätigkeit werde für möglich gehalten, wobei die Prognose einer beruflichen Wiedereingliederun
g als limitiert angesehen würde
(E. 3.
7
). Die Ärzte der
F._
schliesslich erachteten eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt für schwer umsetzbar
sowie
die derzeitige Tätigkeit in einem Wiedereingliede
rungs
programm als angepasst und während dreier
Halbtage
pro Woche zumutbar, ohne diese Tätigkeit indes näher zu beschreiben (E. 3.
8
).
Ohne
entsprechende
fachärztliche Stellungn
ahme erhellt auch nicht,
ob und
wie
die Arbeitseinsä
tz
e
des Beschwerdeführers
von 2008 bis 2010/2011 (E. 3.5; Urk.
7
/
6
), von Juni 2015 bis Juni 2016 und von Nove
mber 2017 bis Februar 201
8 mit den offenbar gleichgebliebenen
Diagnosen
und der in den Berichten ange
deuteten relativ erheblichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in Einklang zu bringen
sind.
Bei dieser Ausgangslage ist eine gerichtliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht möglich.
Auch kann
das bei psychischen Gesundheitsschäden vorge
schrie
bene strukturierte Beweisfahren (vorstehend E.
1.4) nicht durchgeführt werden, nachdem
ärztlicherseits
bislang keine
Prüfung der massgebenden Indikatoren erfolgt ist.
4.4
Der medizinische Sachverhalt kann nach dem Gesagten nicht erstellt werden.
Damit fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid. Die Sache ist daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach
Einholung eines psychia
trischen Gutachtens
eine neue Beurteilung
vornehme und über den Leistungs
an
spruch des Beschwerdeführers neu verfüge. In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Nach § 34 Abs. 1
GSVGer
hat die obsiegende Beschwerde führende Person An
spruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Nach ständiger Recht
sprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57
E. 2.2), weshalb der vertretene Beschwer
deführer Anspruch auf eine Prozessent
schädigung hat.
Beim praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ist die Prozessentschädigung a
uf Fr.
2’000
.-- (inklusive Baraus
lagen und Mehr
wertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.