Decision ID: 86320154-0d83-540f-96a3-631895e76e30
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (afghanischer Staatsangehöriger) ersuchte am
22. September 2020 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Finger-
abdrücke mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit
Eurodac) ergab, dass er am 28. Juli 2020 in Bulgarien und am 8. Septem-
ber 2020 in Österreich ein Asylgesuch gestellt hatte.
B.
Anlässlich der Erstbefragung von unbegleiteten minderjährigen Asylsu-
chenden (UMA) vom 14. Oktober 2020 gab der Beschwerdeführer als Ge-
burtsdatum den (...) 2004 an. Zu seinem Gesundheitszustand führte er
aus, von seinen von den Taliban erschossenen Eltern zu träumen.
C.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer 22. Oktober 2020 das rechtli-
che Gehör zu einer medizinischen Altersabklärung sowie zu einem allfälli-
gen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit der Überstellung nach
Bulgarien oder Österreich, deren Zuständigkeit für die Behandlung des
Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdeführer hielt
fest, er sei in Österreich in Quarantäne gewesen und habe keine Schule
besuchen können. In der Schweiz habe er bessere Möglichkeiten. Eine Al-
tersabklärung sei nicht notwendig, insbesondere, da eine solche bereits in
Österreich durchgeführt worden sei.
D.
Am 4. November 2020 erstellte das Institut für Rechtsmedizin des
B._ ein rechtsmedizinisches Gutachten über die Ergebnisse der fo-
rensischen Altersdiagnostik und ermittelte dabei ein Mindestalter des Be-
schwerdeführers von 19 Jahren im Zeitpunkt der Untersuchung vom
29. Oktober 2020.
Aufgrund dieses Ergebnisses mutierte die Vorinstanz im Zentralen Migra-
tionsinformationssystem (ZEMIS) das Geburtsdatum des Beschwerdefüh-
rers auf den 1. Januar 2002.
E.
Die österreichischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM um Über-
nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
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des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) am 9. Novem-
ber 2020 gut.
F.
Zum Ergebnis des rechtsmedizinischen Gutachtens und zu einer allfälligen
Wegweisung nach Österreich nahm der Beschwerdeführer am 17. Novem-
ber 2020 Stellung und führte aus, die Altersanpassung sei rechtswidrig. In
Österreich sei er zu Recht als Minderjähriger registriert worden, weshalb
er nicht dorthin überstellt werden könne.
G.
Am 24. November 2020 trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers nicht ein, verfügte dessen Überstellung nach Österreich und for-
derte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu ver-
lassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung der editionspflichtigen
Akten und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid
komme keine aufschiebende Wirkung zu.
H.
Mit Beschwerde vom 2. Dezember 2020 (Postaufgabe) gelangte der Be-
schwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die an-
gefochtene Verfügung sei aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft sei
anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren. Es sei festzustellen, dass
der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei
und die vorläufige Aufnahme sei anzuordnen. Ferner ersuchte er um un-
entgeltliche Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses und um Einsetzung eines amtlichen Rechtsbeistands. Even-
tualiter sei die aufschiebende Wirkung der Beschwerde wiederherzustel-
len.
Als Beweismittel reichte er ein Foto einer einbandagierten Hand ein.
I.
Am 3. Dezember 2020 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovi-
sorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungs-
gericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat, der ein schutzwürdiges Inte-
resse an der Änderung oder Aufhebung der angefochtenen Verfügung hat,
zur Erhebung der Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten, soweit da-
mit die Aufhebung des Nichteintretensentscheids beantragt wird (Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 52 VwVG). Die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft,
die Gewährung von Asyl oder die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme
bilden demgegenüber nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung und
damit auch nicht des vorliegenden Verfahrens. Auf die entsprechenden Be-
schwerdeanträge ist deshalb nicht einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 - 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23-25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
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keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3. Im Falle von unbegleiteten Minderjährigen, die über keine familiären
Bindungen zu Personen in einem der Mitgliedstaaten verfügen (vgl. Art. 8
Abs. 1–3 Dublin-III-VO), ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO derjenige
Mitgliedstaat zuständig, in dem der unbegleitete Minderjährige seinen An-
trag auf internationalen Schutz gestellt hat (und sich tatsächlich aufhält; s.
Urteil des EuGH vom 6. Juni 2013 C-648/11 MA et al./Secretary of State
for the Home Department Rn. 60).
3.4. Der Beschwerdeführer hat am 28. Juli 2020 in Bulgarien und wenige
Wochen später, am 8. September 2020, ein Asylgesuch in Österreich ge-
stellt. Gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III VO ist somit Bulgarien zuständig für
die Behandlung des Asylantrags. Aus der angefochtenen Verfügung er-
schliesst sich nicht, warum das SEM das Übernahmeersuchen nicht an
Bulgarien, sondern an Österreich gerichtet hat. Die österreichischen Be-
hörden haben indessen das Gesuch um Wiederaufnahme gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO am 9. November 2020 ausdrücklich gut-
geheissen. Somit ist davon auszugehen, dass Österreich sich als zustän-
dig erachtet.
4.
4.1. Der Beschwerdeführer behauptet, minderjährig zu sein und macht da-
mit sinngemäss geltend, die Schweiz sei für die Überprüfung seines Asyl-
antrages gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO zuständig. Er führt an, das fo-
rensische Gutachten habe ergeben, sein Zahnalter weise darauf hin, dass
er 16 Jahre alt sei. Sein Körpergewicht suggeriere ein Alter von 15 Jahren.
Einzig das Skelettalter deute darauf, dass er über 18 Jahre alt sei. Dies sei
eine ungenaue Art, das Alter zu bestimmen. Er habe versucht, seinen On-
kel wegen seiner Tazkira (afghanisches Identitätsdokument) zu erreichen,
aber die Taliban hätten diesem die Finger abgeschnitten. Zudem gebe es
zurzeit kein Internet dort.
4.2. Der Beschwerdeführer hat keine heimatlichen Identitätsdokumente
und damit keine objektiven Beweismittel eingereicht, welche Rückschlüsse
auf sein Alter zulassen würden. Er hat einzig seine österreichische Verfah-
renskarte vorgelegt. Im Rahmen der Erstbefragung gab er jedoch zu Pro-
tokoll, das dort vermerkte Geburtsdatum (1. Januar 2004) und sein Name
seien nicht korrekt. Der Dolmetscher habe ihn nicht richtig verstanden. Er
sei am (...) 2004 geboren worden.
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Beide Daten steht im Widerspruch zum forensischen Gutachten des
B._ vom 4. November 2020, welches von einem durchschnittlichen
Lebensalter des Beschwerdeführers von 18 bis 23 Jahren ausgeht, wobei
es das wahrscheinlichste Alter auf 23 Jahre schätzt. Als Mindestalter nennt
es 19 Jahre am 29. Oktober 2020. Das vom Beschwerdeführer angege-
bene Alter von 16 Jahren kann gemäss Gutachten nicht zutreffen. Konkrete
Anhaltspunkte, um an den Aussagen des Gutachtens zu zweifeln, beste-
hen nicht. Solche werden vom Beschwerdeführer auch nicht geltend ge-
macht. Dieser vermag die behauptete Minderjährigkeit nicht zu beweisen,
ja nicht einmal glaubhaft zu machen (zum Beweismass vgl. Urteil des
BVGer D-4450/2018 vom 18. Februar 2019 E. 7.2). Die Vorinstanz ist folg-
lich zu Recht davon ausgegangen, dass der Beschwerdeführer am 28. Juli
2020 (Zeitpunkt des ersten Asylantrags in Bulgarien) volljährig war (vgl. Art.
7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO findet daher keine An-
wendung auf den Beschwerdeführer mit der Folge, dass sich an der Zu-
ständigkeit von Österreich grundsätzlich nichts ändert.
5.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1
erster Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), auszuüben ist.
5.1. Der Beschwerdeführer macht in Bezug auf seinen Gesundheitszu-
stand geltend, es gehe ihm schlecht, er müsse sich unbedingt erholen.
Der Beschwerdeführer substantiiert nicht, inwiefern seine psychische
oder physische Gesundheit beeinträchtigt ist. Im Rahmen der Erstbefra-
gung machte er geltend, immer wieder von der Ermordung seiner Eltern
durch die Taliban zu träumen. Anlässlich seiner Stellungnahme zu einer
medizinischen Altersabklärung gab er zu Protokoll, dass ihm in der
Schweiz Schlafmittel verschrieben worden seien, um seine Schlafstörun-
gen zu lindern. Es bestehen somit keine Anhaltspunkte, wonach bei ihm
eine Erkrankung vorliegen würde, die seiner Überstellung nach Österreich
entgegenstehen könnte. Zudem dürfte der Zugang zu allen notwendigen
medizinischen Untersuchungen und Behandlungen in Österreich gewähr-
leistet sein.
5.2. Der Beschwerdeführer führt schliesslich an, er habe seine beiden jün-
geren Brüder in der Türkei verloren. In der Schweiz würde man ihm helfen,
sie zu finden.
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Unabhängig davon, dass dieses Vorbringen die Zuständigkeit der Schweiz
nicht zu begründen vermag, hat der Beschwerdeführer auch in Österreich
die Möglichkeit, nach seinen beiden Brüdern zu suchen. Der Suchdienst
des Roten Kreuzes steht ihm auch dort zur Verfügung (s. < https://www.ro-
teskreuz.at/ich-brauche-hilfe/restoring-family-links >, abgerufen am
4.12.2020).
5.3. Die Vorinstanz hat ihr Ermessen somit korrekt ausgeübt. Ein Selbst-
eintritt aus humanitären Gründen ist bei dieser Sachlage nicht angezeigt.
5.4. Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Österreich ist als zuständiger Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-
VO verpflichtet, den Beschwerdeführer wiederaufzunehmen. Die Vor-
instanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die
Überstellung nach Österreich angeordnet.
6.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
6.1. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 3. Dezember 2020 angeord-
nete Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde ist gegenstandslos geworden.
6.2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist ab-
zuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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