Decision ID: d4027c3d-eaa6-4f9a-aa5f-b0a79db0fc34
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1982 geborene
X._
(geschi
eden und kinderlos) war vom 28.
Janu
a
r bis
9.
August 2002 in der psychiatrischen
A._
stationär hospita
lisiert. Am 2
6.
Juli 2002 (Eingangsdatum) meldete sich die Versicherte bei
der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, I
V-Stelle, wegen einer seit circa 1995 bestehenden psychischen Krankheit zum Leistungsbezug an (
Urk.
9/2). Im August 2002 wurde für
X._
eine Beistandschaft errichtet
(Urk.
9/12). Nach Abklärung der erwerblichen und medizinischen Verhältnisse übernahm die IV-Stelle mit Verfügung vom 2
3.
Mai 2005 die Kosten für die Ausbildung zur Medizinischen Praxisassistentin PSW im Rahmen der erstmaligen Berufsaus
bil
dung von 2002 bis 2005 bei der
B._
in Zürich (
Urk.
9/19). Nachdem
X._
ihre Ausbildung abgebrochen hatte (
Urk.
9/46 S. 5),
hob die IV-Stelle die kostengutsprechende Verfügung per 3
0.
Juli 2004 auf (Verfügung vom 2
0.
August 2004,
Urk.
9/44).
Am 1
9.
August 2005 (Eingangsdatum) meldete sich die Versicherte erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug (berufliche Massnahmen) an, da sie nun - nach vervollständigtem Praktikums
jahr - ihre Ausbil
dung bei der
B._
be
enden wolle (
Urk.
9/48). Die I
V-Stelle holte bei
Dr.
med.
C._
, Fach
arzt Psychiatrie und Psychotherapie, respektive seinem delegierten Psyc
hothe
ra
peut lic. phil. D._
, Psychoanalytiker und Psychotherapeut SPV+FSP, den Bericht vom
3.
Oktober 2005 (
Urk.
9/51) ein. Gestützt darauf verweigerte
die IV-Stelle mit Verfü
gung vom 1
3.
Oktober 20
05 eine Kostengutsprache für Beru
fs
be
ratung, da kein invalidisierender Gesundheitsschaden ausgewiesen sei (
Urk.
9/55).
Auf die dagegen von der Amtsvormundin erhobene Einspr
a
che vom 1
1.
Novem
ber 2005 (
Urk.
9/56
) trat die I
V-Stelle mit Einspracheentscheid vom
9.
Dezember 2005 nicht ein, da diese von
X._
nicht unterschrieben gewesen und auch innert gewährter Frist nicht nachträglich unterschrieben worden sei (
Urk.
9/61).
1.2
Am 2
7.
Januar 2015 wurde die Versicherte von ihrer neu eingesetzten Beis
tändin bei der IV-Stelle zur Fr
üherfassung (
Urk.
9/66-68) gemelde
t und meldete sich selbst am 7. März
2016 (Eingangdatum) zum Leistu
ngsbezug an (
Urk.
9/71), nach
dem sie vom 1
7.
Dezember 2015 bis
8.
Februar 2016 in der
E._
hospitalisiert gewesen war. Die IV-Stelle klärte die medizinischen und erwerblichen Verhältnisse ab und erfragte am
8.
respektive 2
0.
April 2016 von
X._
we
itere Angaben zu ihren Behandlern
(
Urk.
9/77-80). Mit Schrei
ben vom 3
0.
September respektive 1
4.
Oktober respektive 2
7.
Dezember 2016 ver
suchte die IV-Stelle der Versicherten und ihrer Beiständin - unter d
em Titel «Durchführung einer M
assnahme zur Verbesserung des Gesundheitszustandes» - mitzuteilen, dass gemäss ihren
Abklärun
gen
zurzeit nicht abschliessend beurteilt werden könne, ob die Einschränkung ihrer Erwerbsfähigkeit bleibend sei oder zumindest längere Zeit andauere. Gemäss der medizinischen Einschätzung könne ihr Gesundheitszustand mit einer Alkoholabstinenz von mindestens
sechs Mona
ten und der Durchführu
ng einer regelmässigen Psychotherapie wesentlich ver
bessert werden. Wenn sie an dieser Massnahme nicht
teilnehme
, könne dies dazu führen, dass auf ihr Begehren nicht eingetreten werde oder aufgrund der Akten entschieden werden müsse und ein allfälliger Leistungsanspruch abgelehnt oder gekürzt werde. Die eingeschrieben versandten Briefe konnten nicht zugestellt werden (
Urk.
9/84-95). Mit Vorbescheid
vom 2
1.
März 2017 kündigte die I
V-Stelle
X._
an, wegen Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht aufgrund der Akten zu entscheiden, weshalb kein Anspruch auf IV-Leistungen bestehe (
Urk.
9/96). Dagegen erhob die dazu bevollmächtigte Beiständin am
4.
Mai 2017 Einwand (
Urk.
9/103,
Urk.
9/105 und
Urk.
9/107 samt Beilagen).
1.3
Daraufhin holte die I
V-Stelle bei der Akut-Tagesklinik der
F._
den Arztbericht vom l.
September
2017 ein
(Urk
.
9/116), wozu die Versicherte
beziehungsweise ihre Beiständin am 25.
Okto
ber 2017 Stellung nahm (
Urk.
9/120). Mit Einschreiben vom
9.
November 2017 forderte die IV-Stelle die Versicherte unter Hinweis auf
Art.
21
Abs.
4 des Bun
des
gesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) unt
er dem Titel „Schadenminderungspflicht: Aufforderung zur Wahrnehmung der Mit
wirkungspflicht" auf, es sei eine sechsmonatige Alkoholabstinenz vorzuweisen und eine regelmässige Psychotherapie unter Anbindung an eine suchtspezifische Therapie d
urchzuführen, da eine solche M
assnahme zumutbar sei und eine wes
ent
liche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit verspreche. Es sei bis am 2
7.
Novem
ber 2017
mitzuteilen
, bei welchem Arzt oder welcher
Ärztin
die Massnahme durchgeführt werde. Andernfalls könne dies dazu führen, dass ihr die Leistungen vorübergehend oder dauernd gekür
zt oder verweigert würden (Urk.
9/121). Am 1
3.
Dezember 2017
teilte
die Beiständin der IV-Stelle mit, dass es aufgrund der schweren psychischen Krankheit der Versicherten ausserordentlich schwierig sei, sie in ein solches Setting zu zwingen. Es sei
bis jetzt nicht möglich gewesen, mit der Versicherten einen solchen Termin zu vereinbaren. Da anschliessend - nach bis zum 1
9.
Januar 2018 erstreckter (Urk.
9/122) - Frist keine Reaktion seitens der Versicherten erfolgte, wies die IV-Stelle aufgrund der fehlenden Mitwirkung und entsprechend aufgrund der Akten
bei einem primären Suchtgeschehen das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 2
5.
Januar 2018 ab (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
X._
am 2
6.
Februar 2018 Beschwerde und beantragte, ihr sei unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung eine ganze Invalidenrente zuzusprechen, eventuell sei die Sache an die IV-Stelle
für weitere medizinische Abklärun
gen (Gutachten) zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um
Gewähru
ng der unentgeltlichen Prozessführung und um Bestellung von Rechts
anwalt
lic. iur. Urs P. Keller, Zolliko
n, als unentgeltlichen Rechtsbeistand (
Urk.
l sowie nachgereichter Entscheid der KESB „Zustimmung zur Prozess
füh
rung",
Urk.
5-6). Mit Beschwerdeantwort vom
5.
April 2018 schloss die Beschwe
r
degegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
8, unter Beilage ihrer Akten,
Urk.
9/1-129). Im Rahmen der Replik vom 1
2.
April 2018 hielt die Beschwerde
führerin an ihren Anträgen fest (
Urk.
10-11). Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 2
3.
April 2018 auf das Einreichen einer Duplik (
Urk.
13), was der Beschwer
deführerin am 2
5.
April 2018 mitgeteilt wurde (
Urk.
14).
3.
Auf die Verbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird -
soweit erforderlich - im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Gemäss
Art.
7
Abs.
l I
VG muss die versicherte Person alles ihr Zumutbare unter
nehmen, um die Dauer und das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit (
Art.
6 ATSG) zu verringern und den Eintritt einer Invalidität (
Art.
8 ATSG) zu verhindern. Nach
Art.
7
Abs.
2 IVG muss di
e versicherte Person an allen zu
mutbaren Massnahmen, die zur Erhaltung des bestehenden Arbeitsplatzes oder zu ihrer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in einen dem Erwerbsleben gleichgestellten Aufgabenbereich dienen, aktiv teilnehmen, worunter insbesondere auch medizinische Massnahmen nach
Art.
25 des Bundesgesetzes
über die Krankenversicheru
ng (KVG) fallen.
Nach
Art.
7b
Abs.
l IVG können Leistungen nach
Art.
21
Abs.
4 ATSG gekürzt oder verweigert werden, wenn die versicherte Person den Pflichten nach
Art.
7 I
VG nicht nachgekommen sind.
Art.
21
Abs.
4 ATSG bestimmt, dass einer versicherten Person die Leistungen vor
übergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert werden können, wenn sie sich einer zumutbaren Behandlung oder
Eingliederung
ins Erwerbsleben, die eine wesentliche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit oder eine neue Erwerbsmög
lich
keit verspricht, entzieht oder widersetzt oder nicht aus eigenem Antrieb das ihr
Zumutbare dazu beiträgt. Behandlun
gs- oder Eingliederungsmassnahmen, die eine Gefahr für Leben und Gesundheit darstellen, sind nicht zumutbar. Die ver
sicherte Person muss vorher
schriftlich gemahnt und auf die Rechtsfolgen hinge
wiesen werden; ihr ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen.
Art.
43
Abs.
2 ATSG bestimmt, dass sich die versicherte Person ärztlichen oder fach
lichen Untersuchungen zu unterziehen hat, soweit diese für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind. Kommen die versicherte Person oder andere Per
sonen, die Leistungen beanspruchen, den Auskunfts- und Mitwirkungspflichten in unentschuldbarer Weise nicht nach, so kann nach
Art.
43
Abs.
3 ATSG der Versicherungsträger auf Grund der Akten verfügen oder die Erhebungen ein
stellen und Nichteintreten beschliessen. Die versicherte Person muss vorher schrift
lich gemahnt und auf die Rechtsfolgen hingewiesen werden; ihr ist eine ang
emessene Bedenkzeit einzuräumen
.
1
.4
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
2.
2.1
Die Beschwerdegegne
rin begründete die angefochtene
Verfügung damit, dass ein Leistungsanspruch aufgrund der fehlenden Mitwirkung der Beschwerdeführerin nicht entsprechend geprüft werden könne, weshalb ein Entscheid aufgrund der Akten erfolge. Demnach sei von einem primären
Suchtgeschehen auszugeben, was in
validenv
ersicherungsrechtl
ich keinen Anspruch begründe (
Urk.
2).
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte dagegen vor, dass kein primäres, sondern ein sekundäres Suchtgeschehen vorliege. So seien psychische Beschwerden bereits seit der Kindheit aktenkundig. Die Alkoholproblematik sei erst 2005 hinzuge
kommen und sei ger
ade durch die diagnostizierte Borderlin
e-Störung verursacht worden. Dabei handle es sich um ein weiteres krankheitsbedingtes selbst
schä
di
gend
es Verhalten (gleich der Essstörung, den Su
izidversuchen und dem Abbruch von sozialen Kontakten). Krankheitsbedingt seien ihre Copingstrategien einge
schränkt, weshalb die auferlegte
Schadenminderu
ngspflicht nicht dem Leiden ent
sprechend sei. Die auferlegten
Massnahmen seien nicht geeignet, den Ge
sundheitszustand massgebend zu verbessern.
Überdies sei der eingeholte Bericht der
F._
nicht vollständig, weshalb er beweisrechtlich nicht verwertbar sei. Folglich drängten sich weitere Abklärungen (Einholung eines Gutachtens durch die Verwaltung) auf (
Urk.
l).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob bei der Beschwerdeführerin ein Leistungsanspruch zu Recht wegen Verletzung der
Mitwirk
ungspflicht
verneint wurde.
3.
3.1
Im Zusammenhang mit der erstmaligen Berufsausbildung der Beschwerdeführerin wurde folgende medizinische Aktenlage geprüft:
3.1.1
Im Bericht der Psychia
trischen
A._
vom 30.
Juli 200
2 (Urk.
9/8), wo
die Beschwerdeführerin vom 28. Januar bis 10.
August 2002 stationär hospita
li
siert war, wurde zuhanden der Beschwerdegegnerin als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine depressive Entwicklung bei Patientin in adoleszenter Krise bei schwierigen familiären Verhältnissen, bestehend seit circa Anfang 2001, diagnostiziert. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit verbleibe eine unspezifische Essstörung mit zum Teil bulimischem und anorektischem Verhalten, erstmals im Alter von circa 14 Jahren, dann wieder 200
1.
Die
Beschwerdeführerin sei
in Deutschland geboren
, j
edoch in der Schweiz
in schwierigen familiären Verhältnissen
aufgewachsen. Der Vater sei reformierter Pfarrer
und
die Mutter Krankenpflegerin
gewesen
. Der
zwei Jahre jüngere Bruder leide
seit Geburt an Cerebralparese und
sei
schwer behindert. Die
Beschwerde
führerin sei
Bettnässerin
gewesen
. Sie
habe
schon früh vor Schulbeginn mit Eis
kunstlaufen
begonnen und sei
sehr begabt
gewesen, habe
jedoch unter dem
starken Trainingsdruck
gelitten. Ab dem 1
0.
Altersjahr hätten zunehmende Schul
schwierigkeit
en
bestanden. D
ie Beschwerdeführerin habe die
Aufgaben nicht
mehr gemacht und habe schlechte Leistungen gehabt. Sie sei insgesamt von Schule
und Eislaufen
überfordert
gewesen. Als 13-J
ährig
e sei ein
erste
r
Suizidversuch mit Tabletten in appellativer Absicht
erfolgt
.
E
rstmals
seien starke Gewicht
s
prob
leme
aufgekommen
, nachdem dies wegen der Eislaufkarriere immer Thema
ge
wesen
. Innert kurzer Zeit habe sie 6
Kilogramm abgenommen.
Dazwischen
seien immer
wieder Essanfälle
erfolgt
.
Als 15-Jährige habe sie das Eiskunstlaufen abge
brochen und eine
erste massive Krise wegen eines Beziehungsabbruchs
erlitten
.
Dabei habe sie wieder 8 Kilogramm abgenommen.
Seither sei sie in
Psycho
the
rapie. In dieser Zeit
habe sie
einen
Kaufrausch entwickelt, wobei es
in diesem Zusammenhang zum Teil
zum
Stehlen von Geld zuhause
gekommen sei
. Die
Beschwerdeführerin habe
nach der obligatorischen Sc
hulzeit ein Sozialjahr in
G._
absolviert und im Personal
haus
gewohnt
.
Sie sei
depressiv
gewesen und habe
es morgens oft nicht aus dem Bett
geschafft und viel gefehlt sowie unter
Schlaf
störungen
gelitten
. Bis Juni 2001
habe
sie als Spital
angestellte im
H._
gearbeitet und sei
dann von
psychiatrischerseits krank
geschrieben
worden
. Im Juni 2001
sei es erneut zu einer
Krise wegen einer Beziehung zu einem jungen Mann
gekommen
.
Es habe eine z
unehmend
e
depressive Entwick
lung und massive Beziehungskrise zu den Eltern
mit Schlafstörungen, nächte
langem Weinen und Alkoholmissbrauch
gefolgt
.
Dabei sei es e
rneut
zu
schwie
rige
m
Essverhalten mit Gewichtsschwankungen un
d einem tiefsten Gewicht von 4 Kilogramm, einem höchsten von
68
Kilogramm
bei
einer Grosse von 165
Zenti
meter gekommen
. Wegen der letzten Krise
sei die Beschwerdeführerin
schliesslich in unsere Klinik eingewiesen
worden.
Die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sei aktuell
- mit
Unterstützungs
leis
tungen (Beistand, Familiengespräche, Psychotherapie) -
gegeben
. Die Be
schwer
deführerin
b
ringe die nötigen Ressourcen und Fähigkeiten mit und sei auch in der Lage, diese zu leisten, sofern es sich um eigene Ziele handle. Dies dürfte in der Ausbildung gegeben sein, weshalb berufliche Massnahmen geeignet seien. Eine Rente sei gegenwärtig nicht empfehlenswert, da ansonsten eine Chronifizie
rung zu befürchten sei.
Die Beschwerdeführerin
habe
eine deutliche Stabilisierung erreichen
können jedoch brauche
sie weiterhin viel Unterstützung in der Struk
turierung und Gestaltung ihres Alltages. Da die Beziehung zu den Eltern sehr schwierig
sei
,
sei es
notwendig, die
Beschwerdeführerin
möglichst unabhängig zu halten. So
sei
ein Beistand organisiert
worden
, damit die Finanzen die familiären Beziehungen nicht mehr belaste
te
n. Die
Beschwerdeführerin
möchte die Aus
bildung zur Arztgehilfin machen und
habe
dazu die Aufnahmeprüfung an der
B._
bestanden, dies trotz ihres schlechten Schulabschlusses an der Realschule.
D
ie
Beschwerdeführerin sei
sehr intelligent,
weshalb
ihre früheren schlechten Schulleistungen eher als Resultat eines Beziehungskonflikts betrachtet werden
dürften
.
Mit
Hilfeleistungen
sei
die Prognose der
Beschwerdeführerin
als günstig
zu betrachten
,
wobei es
jedoch einige Zeit beanspruchen
werde
.
3.
1.
2
Dr.
med.
I._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
stellte in seinem Bericht vom 26. August 2002 (Urk. 9/9) zuhanden
der Be
schwerdegegnerin folgende
Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
Adoleszentenkrise (differentialdiagnostisch: Instabile Persönlichkeitsstörung, Bor
der
line-Störung) mit Essstörung und Neigung zur Selbstschädigung, bestehend seit circa 200
0.
Die Beschwerdeführerin sei vom 19. Juni bis 31. Oktober 2001 zu 100
%
arbeitsunfähig gewesen. Ihr Gesundheitszustand sei besserungsfähig und eventuell seien medizinische
und/oder berufliche Massnahmen angezeigt. Mög
licherweise handle es sich bloss um vorübergehende Einschränkungen (Adoles
zentenkrise), welche sich «auswachsen» könnten. Ein Rentenanspruch sei nicht gerechtfertigt. Eine
Berufsberatung
oder Umschulung wäre unter Umständen sinnvoll. Die Beschwerdeführerin sei seit November 2001 halbtags, eventuell auch ganztags in ihrer noch zu findenden Berufstätigkeit
arbeitsfähig
.
3.
1.
3
In seinem Verlaufsbericht vom 1
4.
Februar 2003 (Urk. 9/17) zuhanden der Be
schwerdegegnerin hielt
Dr.
I._
an seinen zuvor gestellten Diagnosen fest (vgl. E. 3.2). Die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sei zum Zeitpunkt der Beendigung der obligatorischen Schulzeit grundsätzlich - je nach Tätigkeit -
gegeben
gewesen. Jedenfalls gebe es keinen Grund für die Annahme, sie sei nur begrenzt oder gar nicht arbeitsfähig gewesen. Bei vorhandener Bereitschaft der Beschwerdeführerin, bei geeigneter Auswahl der Tätigkeit und
angemessener
Füh
rung
wäre sie durchaus i
n
der Lage gewesen,
einer
Erwerbstätigkeit nachzu
gehen.
Es habe jedoch damals tatsächlich ein Gesundheitsschaden
–
Adoleszen
tenkrise beziehungsweise
höchst wahrscheinlich vorliegende Persönlichkeits
stö
rung -
bestanden, der die erfolgreiche Aufnahme
einer erstmaligen Ausbildung
erschwert, wenn nicht sogar verunmöglicht habe.
Wenn nun der Beschwerde
führerin der Start in eine Ausbildung und ins Berufsleben zum damaligen Zeit
punkt misslungen sei, so sei dies in erster Linie dem erwähnten Gesundheits
schaden zuzuschreiben, welcher spätestens im Jahr 2000 manifest geworden sei.
3.
1.
4
Dr.
C._
respektive sein delegierter Psychotherapeut
D._
diagnostizierten in ihrem Bericht vom 3. Oktober 2005 (Urk. 9/51) zuhanden der Beschwerde
geg
nerin eine bulimia nervosa (ICD-10: F50.2) mit latenter Suizidalität, auf dem Hin
tergrund schwieriger familiärer Umstände (
behinderter
Bruder, extremer Leis
tungs
druck
, ICD-10: Z63.8), welche seit der Pubertät in unterschiedlicher Stärke bestehe.
Die Arbeitsfähigkeit und die psychisch-körperliche Stabilität der
Beschwerde
führerin sei
en
stark
eingeschränkt
gewesen
. Eine belastende und oft schwer fassbare Familiengeschichte mit einem behinderten, jüngeren Bruder, (Cerebral
parese
),
für den die
Beschwerdeführerin
schon im frühen Kindesalter medizi
ni
sche Verrichtungen
habe
ausführen
müssen, und dem Diabetes der
Mutter,
hätten eine unbelastete psychische Entw
icklung oft unmöglich
gemacht
. Die
Beschwer
deführerin sei
durch übermässige Kontrollen seitens der Mutter, wohl aus nicht verarbeiteten Kränkungen mit dem behinderten Sohn, geradezu „in die Gesund
heit getrieben"
worden
und
habe
dadurch einen weit über der Norm liegenden
Leistungsdruck entwickelt (Profi-Eiskunstlauf-Karriere). Diesem Leistungsdruck sei
die
Beschwerdeführerin
oft nicht gewachsen
gewesen
und
habe
so oft auch nicht mehr die Arbeitsfähigkeit erreichen
können, die ihr eigentl
ich als junge Frau mit guter Intelligenz, klarem Bewusstsein und allseits guter Orientierung möglich gewesen wäre.
Es sei davon auszugehen
, dass
die Beschwerdeführerin
ihre Aus
bildung mit Hilfe der
IV
und d
er ambulanten Psychotherapie abschliesse
. Es
be
ständen
dann gute Aussichten, dass ihre Arbeitsfähigkeit auf längere Sicht stabi
li
siert
bleibe
. Würde der Ausbildungsweg durch äussere Hindernisse und Be
schrän
kungen wie finanz
ielle Unterstützung
verhindert, oder müsste er abge
bro
chen werden,
würde
die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs der Arbeitsfähigkeit
wachsen, so
dass die
Beschwerdeführerin
später von der IV unterstützt werden müsste.
Die bisherige
finanzielle Unterstützung der
Beschwerdeführerin sei des
halb
währen
d ihrer Ausbildung fortzusetzen.
3.2
Bei der vorliegenden Neuanmeldung lagen der Beschwerdegegnerin im Zeitpunkt des Verfügungserlasses folgende Unterlagen vor:
3.2.1
Im Bericht der
E._
vom 1
5.
Februar 2016 (Urk. 9/75 S. 7-14), wo sich die Beschwerdeführerin vom 17. Dezember 2015 bis
8.
Februar 2016 in stationärer Behandlung befand, wurde
n folgende Diagnosen aufgeführt:
-
Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol:
Abhängigkeitssyndro
m
(ICD-10:
F10.2
)
-
Rezidivi
erende depressive Störung, gegenwärt
ig
mittelgradige Episode
(ICD-10:
F33.1
)
-
Bipolare
affektive Störung, gegenwärtig
leichte oder mittelgradige
depressive
Episode (ICD-10:
F31.3
)
Die 33-jährige, aktuell
i
n
J._
lebende
, a
rbeitslose, ausreichend gepflegte, altersentsprechend aussehende Arzthelferin
sei
pünktlich und eigenständig zu ihr
er
1.
stationären Aufnahme in
die
E._
und der
4.
i
nsgesamt
gekommen
. Die
Beschwerdeführerin habe
über eine erhebliche
Alkoholab
hängi
g
keit von 4-6 Liter
n
Bier pro Tag
berichtet
.
Sie habe keine
Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen,
leide
aber an starker Erschöpfung, A
ntriebslosigkeit und Energielosi
gkeit
, Perspektivlosigkei
t und
Zukunftsangst, Stimmungsschwan
kungen, Schlafs
törung, fehlende
n Coping-
Strategien, nicht "Nein" sagen können
,
aber auch an einer fehlenden Tagesstruktur und
am
unmittelbaren Drang jeden Tag beim
Bahnhofsmilieu
J._
«abzuhängen»
. Sie sei am Ende und möchte ihr Leben endlich i
n den Griff bekommen und wieder i
n Ihrem Beruf arbeiten kö
nnen.
Obwohl sie seit ihrem 15. Lebensjahr regelmässig Alkohol konsumiere, finde sie, dass Alkohol erst nach 2001 zu einem Problem für sie geworden sei. Die Be
schwerdeführerin
sei
seit Mitte Juli
2015 beim RAV
gemeldet. Sie sei geschieden und
habe eine darauffolgende dreijährige Partnerschaft vor
circa 7
Monaten be
endet. Aktuell sei sie Si
ngle und alleine lebend. Sie habe einen kleinen aber guten Bekanntenkre
is, wobei sie sich auch häufig in «
schlechter
Gesellschaft» mit Suchtmi
ttelabhängigen an ihrem Wohnort
J._
herumtreibe. Ihr Tagesablauf bestehe
darin, dass
sie aufgrund i
hrer, seit
Kindheit bestehenden Schlafprobleme meist die ganze Nacht f
ernsehe, weil sie nicht einschlafen könne. Am Morgen könne sie dann endlich schlafen und schlafe dann meist bis nachmittags. An
schliessend mache sie den Haushalt, später treffe sie dann
häufig am Bahnhof
J._
herumlungernde
suchmittelabhängige Kollegen, mit denen sie leider bis nachts "rumhänge".
Die Beschwerdeführerin sei medikamentös behandelt worden und es sei ein Benzodiazepin-unterstützte Alkoholentgiftung durchgeführt worden.
Der Entzug
sei
anfänglich aufgrund einer präedeliranten
Symptomatik
in Form von fraglichen kurzzeitigen optischen und akustische
n Halluzinationen, erheblicher i
nnerlicher Unruhe, aber auch mit Agitation und Unruhe seitens der
Beschwerdeführerin sehr
schwierig
gewesen.
Während des Aufenthaltes
sei
es zu einem einmaligen Rückfall
in Form von Kokai
nkonsum
gekommen.
Die
Be
schwerdeführerin habe
an einer integrierten psychiatrisch
en psychotherapeu
ti
schen und pfl
egerischen Behandlung teil
genommen
, inklusiv
e
der verbalen und non-verbalen Mo
dule wie Intensive Psychotherapi
e, Körpertherapie, Atelier Ge
staltung, STAR-Gruppe und medikamentöse E
instellung und Optimierung. Es sei
ein Klärungsgespräch mit der Familie und
mit der Bei
ständin
erfolgt, i
n dem
die Notwendigkeit einer anschli
essende
n Langzeittherapi
e verdeutlicht
worden sei
. Da sich die
Beschwerdeführerin
nicht in der Lage
gefühlt habe,
gewissen Regeln wie vorübergehende Kontakt
sperre zu Familie und Freunden im Rahmen einer Langzeittherapie nachgehen zu können
,
sei
vereinbart
worden, dass sie sich in einer Tagesklinik in Zürich anmelden solle.
Es
sei leider kurz danach
am Wochen
ende seitens der
Beschwerdeführerin
erneut zu
einem massiven Rückfall
mit Alkohol und vermutlich auch von Drogen
gekommen, sodass
sie
aus disziplina
rischen Gründen am
8. Februar 2016 habe
entlassen werden
müssen
.
Im Rahmen des
Austr
i
ttsgespräch
s
i
n Anwesenheit der Pflege
habe sich die Beschwerde
füh
rerin
klar, deutlich sowie glaubhaft von Eigen-
und Fremdgefährdung
sowie von Suizidalität distanzi
ert. Sie
sei
in der Lage
gewesen,
realistische Zukunftspläne zu äussern,
habe in die Tagesklini
k gehen wollen und
sich
anschliessend wieder zu
r stationären Therapie an
melden
zu wollen
. Der Aufenthalt
dort habe ihr gut getan.
Die
Beschwerdeführerin könne sich nach einer l-monatigen Sperrfrist (aus dis
zi
pli
narischen Gründen
) erneut
dort
für einen stationär
psychiatrischen
Aufenthalt anmelden.
Für die Dauer der stationären Hospitalisation habe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden.
3.2.2
Dr.
med.
K._
, FMH
Allgemeine Medizin, verwies in i
hrem undatierten Bericht (Urk. 9/83 S. 6-9
, eingegangen am 1
1.
August 2016
) zuhanden der Be
schwerdegegnerin auf die in der
E._
gestellten Diagnosen (vgl. E. 3.6). Die Beschwerdeführerin sei zu den im Zeitraum vom 16. Juni bis 14. Juli 2016 bei ihr vereinbarten Terminen nicht erschienen. Im Weiteren ver
weise sie auf die beigelegten Berichte (Urk. 9/83 S. 12-68).
3.2.3
Im Rahmen des Vorbescheidverfahrens holte die Beschwerdegegnerin bei der Akut-Tagesklinik der
F._
einen Arztbericht vom
1.
September 2017 (Urk. 9/116) ein, worin folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit genannt wurden:
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
(ICD-10: F33.1, bestehend seit der frühen Jugendzeit)
-
Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol:
Abhängigkeitssyndrom (ICD-10: F10.2, seit mehr als 10 Jahren)
Die Beschwerdeführerin sei dort vom 20. April bis 2
9.
Mai 2017 in teilstationärer Behandlung gewesen.
Der Eintritt in die Akut
-T
agesklinik
sei
freiwillig auf Zu
weisung von
Dr.
med.
L._
,
Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
zur Stabilisierung und Schaffung einer Tagesstruktur im Rahmen einer emotionalen Instabilität mit Alkoholabhängigkeit
erfolgt
. Die
Beschwerdeführerin
habe aufgrund von Ängsten und fehlender Adhärenz ihren Job als
Medizinische Praxisassistentin (
MPA
)
verloren und sich auch vom Freund getrennt. Seit 3-4 Jahren
zeigten sich
vermehrt Stimmungsschwankun
gen
und ein
gesteigerter Alkoholkonsum. Die Beschwerdeführerin
erlebe sich als launisch und emotional.
Sie sei zweimalig stationär zum Alkoholentz
ug gewesen. Früher
habe sie
diverse alkoholische Getränke
getrunken
, aktuell
sei es
vermehrt Bier
von
5-6 Dosen,
wobei sie
teilweise länger
e Zeit
auf Alkohol verzichten
könne.
Der letzte
Konsum sei 3 Wochen vor Eintritt erfolgt. Die
Beschwerdeführerin
habe
eher bagatellisierend von 3
Suizidversuchen mit schwerer Tablettenintoxikation
und anschliessender Intensivstation berichtet
. Aktuell
habe sie keine Suizid
ge
danken und sei
glaubhaft abstinenz- und absprachefähig.
Es seien k
eine soma
tischen Erkrankungen oder Allergien bekannt.
Die
Beschwerdeführerin
lebe von der Sozialhilfe, könne ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, sei verbeiständet und solle in ein betreutes Wohnen, was ihrem Wunsch nicht entspreche. Die
Be
schwerdeführerin habe vordergründig eine rasche Stimmungsstabilisierung gezeigt
und
sich vorwiegend an Gruppenaktivitäten beteiligt. Sie
möchte aktuell keine vollständige Abstinenz und
könne diese bei
Frustrationsereignissen nicht dauer
haft aufrechterha
lten, zudem verkehre sie weiter
hin in
einer
alkohol-konsu
mie
rende
n
peer-group. Im Labor zeigten sich durch
eine
deutliche MCV-Erhöhung Anzeichen f
ür chronischen schweren Alkohol
konsum, klinisch
habe sie
sich
über Müdigkeit und Neigung zu blauen Flecken
beklagt
, sodass ihr eine Alkoholkarenz und
gegebenenfalls eine
somatische Abklärung empfohlen
worden sei
. Es
sei
vor
beugend mit einer Thiamin-Substitution begonnen
worden
. Die
Beschwerde
füh
rerin
habe einmalig einen Rückfall erlitten, insgesamt
habe sich im Verlauf eine abnehmen
de Präsenz bei den Therapien
gezeigt
, sodass ein administrativer Aus
tritt beschlossen
worden sei
. Sie
habe
Kontaktadressen für alkoholspezifische Behandlungsangebote
erhalten
und dür
fte nach einer Sperrfrist von 2
Wochen erneut in
die dortige
Behandlung eintreten,
wobei
dafür
jedoch eine dauerhafte ext
erne suchtspezifische Einbindung
vorausgesetzt sei
. Zum Austrittszeitpunkt
hätten
sich keine Anhaltspunkte für eine akute Selbst- und/oder Fremdge
fähr
dung
ergeben.
Aufgrund einer langjährigen Erkrankungsdauer, Konfliktbewältigungsstrategie mit persönl
ichkeitsspezifischen Faktoren, f
ehlender Fähigkeit zur dauerhaften Ab
stinenz und teilweise eingeschränkten Krankheitseinsicht
sei
vo
n einer schlech
ten Prognose auszugehen. Die Beschwerdeführerin sei durch e
rhöhte Ab
lenkbarkeit, erhöhte Ris
i
kobereitschaft, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit,
Unzuverlässigkeit, Konfliktbereitschaft, Antriebsstörungen, Schlafstörungen, toxi
sche
Folgen
des Alkoholkonsums (Erbrechen, Ü
belkei
t, Infekt- und Blutungs
nei
gung) eigeschränkt.
Aufgrund der psychischen Folgestörungen durch den Alko
hol
konsum (Ablenkbarkeit, Reizbarkeit, Frustrationsintoleranz) bestehe eine
Ver
minderung der Leistung und der Produktivität, erhöhe die Unfallgefahr und Fehler
rate, bewirke eine Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung, fördere Kon
flikte am Arbeitsplatz und führe zu mangelndem Verantwortungsbewusstsein. Ob die bisherige Tätigkeit als MPA
oder eine andere behinderungsangepasste Tätig
keit der Beschwerdeführerin
noch zumutbar sei, könne aktuell nicht zuverlässig eing
eschätzt werden, wobei aber eine verminderte Leistungsfähigkeit bestehe. Die Einschränkungen liessen sich durch medizinische Massnahmen wie multimodale psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung mit medikamentöser Unterstütz
ung und einem sucht-spezifischen Schwerpunkt im ambulanten oder teilstatio
nären Setting verbessern. Dadurch könne die Arbeitsleistung verbessert, die Feh
ler reduziert werden, was zu mehr Selbstwirksamkeitserfahrungen führe.
Mit einer Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit sei zu rechnen, doch sei der Zeitpunkt aktuell noch nicht abschätzbar.
Es handle sich um eine mittelschwere Al
koholabhängigkeit mit Bagatellisie
rungs
tendenze
n im Rah
men einer Abwehr durch Verleugnung
bei
strukturellen De
f
iziten mit einer Frustrationsin
toleranz.
D
ie Arbeitsfähigkeit der
Beschwerde
führerin sei bis heute und auch
auf längere Sicht ohne multimodale psychiatrisch-psychothera
peutische
Behandlung mit medika
mentöser Unterstützung und einem sucht-spezifischen Schwerpunkt, sowie ohne eine schützende soziale Umgebung als 0
% (zu 100 % arbeitsunfähig) zu beurteilen.
3.2.4
Am 6. Oktober 2017 nahm
Dr.
med. M._
, Arzt für Allgemeine Medizin FMH und zertifizierter Gutachter SIM, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) Stellung zum Bericht der
Akut-Tagesklinik der
F._
vo
m
1.
September 2017 (vgl. E. 3.7.1
, Urk. 9/125 S. 3 f.
) und hielt fest, dass darin in den Diagnosen keine «Persönlichkeitsstörung» aufgeführt sei. Ausserdem verwies sie auf Punkt 1.7, wonach die
verminderte
Leistungsfähigkeit aufgrund der psychischen Folgestö
rungen durch den Alkoholkonsum (Ablenkbarkeit, Stimmungsinstabilität, Reiz
bar
keit und Frustrationsintoleranz) bestehe und das Ausmass vom jeweiligen klinischen Bild abhänge und aktuell nicht zuverlässig beurteilbar sei. Daraus folgerte RAD-Arzt
M._
, dass die psychischen Einschränkungen klar als Folge des Alkoholabusus
und als nicht bleibend
zu sehen seie
n. Damit sei die Beschwer
deführerin von der
F._
als dazu fähig eingestuft worden, den Alkoholabusus zu beenden und eine Abstinenz zu erreichen. Daher sei die Alkoholabstinenz weiter
hin zu verlangen, weshalb an der Einschätzung vom 23. September
2016
(Urk. 9/95 S. 4) festgehalten werde.
4.
4.1
Vorliegend wies die Beschwerdegegnerin das Leistungsbegehren mit der Be
grün
dung ab, dass der Leistungsanspruch aufgrund der fehlenden Mitwirkung der Beschwerdeführerin nicht geprüft werden könne und entsprechend aufgrund der Akten zu entscheiden sei. Demnach sei von einem primären Suchtgeschehen aus
zugeben, was keinen invalidenversicherungsrecht
l
ich relevanten Gesundheits
scha
den darstelle (
Urk.
2).
Nach Lage der Akten wurde im Laufe des Verwaltungsverfahrens das Mahn- und
Bedenkzeit
verfahren bezüglich Mitwirkung bei der Abklärung des Sachverhalts im Sinne von
Art.
43
Abs.
3 IVG nicht formgültig durchgeführt, da die Schreiben vom 3
0.
September respektive 1
4.
Oktober respektive 2
7.
Dezember 2016
weder
der Beschwerdeführerin persönlich noch ihrer Beiständin zugestellt werden konnten
(vgl. Sachverhalt E.
1.3 und
Urk.
9/84-95). Eine Verletzung der Mitwir
kungspflicht im Sinne von
Art.
43
Abs.
3 ATSG kann der
Beschwerdeführerin mangels rechts gültig erfolgter Mahnung daher nicht vorgeworfen werden. Abge
sehen davon hat die Beschwerdegegnerin nach ihrem Vorbescheid vom 2
1.
M
ärz
2017, womit sie der
Beschwerdeführerin wegen Verletzung der „Mitwirkungs
pflicht" gestützt auf die Aktenlage die Abweisung des Leistungsbegehrens ange
kündigt hatte, dem dagegen erhobenen Einwand der Beschwerdeführerin faktisch stattgegeben, indem sie das Abklärungsverfahren wieder aufgenommen und bei der Akut-Tagesklinik der
F._
den Arztberi
cht vom l. September 2017 (Urk.
9/116) eingeholt und der Beschwerde
führerin zur Stellungnahme unterbreitet hat.
In der Folge hat die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin zur Schaden
min
derungspflicht im Sinne von
Art.
7
Abs.
l und
Abs.
2 lit. d IVG in
Verbindung mit
Art.
7b
Abs.
l IVG
und
Art.
21
Abs.
4 ATSG angehalten, das entsprechende Mahn- und Bedenkzeitverfahren durchgeführt und anschliessend mit angefoch
tener Verfügung einen Leistungsanspruch verneint. Die Beschwerdeführerin hat in ihrer Beschwerde bereits einlässlich dazu Stellung genommen, ob i
hr eine Ver
letzung der Schadenminderu
ngspflicht vorgeworfen
werden könne und dies ver
neint (Urk. 1 f.). Es ist daher zu
lässig, die angefochtene Verfügung ohne Weite
rungen auch unter dem Blickwinkel zu prüfen, ob und inwieweit die verfügte Verneinung des Leistungsanspruchs aufgrund einer V
erletzung der Schadenmin
derungspfl
icht im Sinne von
Art.
7
Abs.
l und
Abs.
2 lit. d IVG in Verbindung mit
Art.
7b
Abs.
l IVG
und
Art.
21
Abs.
4 ATSG gerechtfertigt ist.
4.2
Vorweg ist zu prüfen, ob die Besc
hwerdegegnerin die Schadenminderu
ngspflicht formgültig auferle
gt und dabei insbesondere das Ma
hn- und Bedenkzeitverfahren eingehalten hat (vgl. E. 1.3).
4.2.1
Nachdem die Beiständin am 2
5.
Oktober 2017 zum Bericht der
F._
vom l.
September 2017, welcher nach dem erhobenen Einwand eingeholt worden war, Stellung genommen hatte, forderte die IV-Stelle am
9.
November 2017 die Ver
sic
herte unter dem Titel „Schadenminderun
gspflicht - Aufforderung zur Wahr
nehmung der Mitwirkungspflicht" - auf, es sei eine sechsmonatige Alkoholab
stinenz vorzuweisen und eine regelmässige Psychotherapie unter Anbindung an eine suchtspezifische Therapie
durchzufüh
ren, da eine solche Massnahme zumut
bar sei und eine wesentliche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit verspreche. An
dernfalls könne dies dazu führen, dass ihr die Leistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert würden
(Urk.
9/121).
Im Schreiben vom 1
4.
Dezember 2017 (
Urk.
9/122) wurde die mit Schreiben vom
9.
November 2017 angesetzte Frist bis 1
9.
Januar 2018 erstreckt und angedroht, dass bei Nichteinhaltung der eingeräumten Frist zur Mitwirkung aufgrund der Akten entschieden werden könne, was zur Abweisung des Gesuchs führen könne.
4.2.2
Daraus ergibt sich, dass das Mahn.- und Bedenkzeitverfahren nach
Art.
21
Abs.
4 ATSG formgültig durchgeführt worden ist. Die Folgen der Säumnis (Kürzung oder Verweigerung der Leistungen) wurden mittels Einschreiben an die
Beiständi
n angedroht und d
ie eingeräumte Bedenkzeit von ein
em Monat war angemessen, zumal sie noch erstreckt wurde.
Unbestrittenerm
assen ist die Beschwerdeführerin zwischen der Einleitung des Mahn- und Bedenkzeitverfahrens am
9.
November 2017 und dem Erl
ass der an
ge
fochtenen Verfugung
nach Ablauf der einmalig, erstreckten Bedenkzeit am
2
5.
Januar 2018 ihrer Schadenminderungspflicht in keiner Weise nachge
kommen
.
4.3
Zu prüfen ist weiter die Zumutbarkeit der auferlegten Behandlungsmassnahme. Mit Einschreiben vom
9.
November 2017 wurde der Beschwerdeführerin folgende
Schadenminderungspflicht auferlegt: „Es ist eine sechsmonatige Alkoholabsti
nenz
vorzuweisen und eine regelmässige Psychotherapie durchzuführen. Zusätzlich soll eine Anbindung an eine suchtspezifische Therapie neben der ambulanten Psy
chotherapie erfolgen."
Die Beschwerdeführerin lässt die
Zumu
tbarkeit der auferlegten Schadenminde
rungspflicht nicht bestreiten. Daran ändert nichts, dass sie in der Folge mit E-Mail
vom 1
3.
Dezember 2017 vorbringen liess, sie leide an einer schweren psy
chischen Krankheit und es sei mit dieser komorbiden Störung ausserordentlich schwierig, sie in ein solches Setting zu zwingen. Dem Arztbericht der
F._
vom l. September 2017 ist denn auch zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin glaubhaft absti
nenz- und absprachefähig sei (
Urk.
9/116).
4.4
4.4.1
Zur Frage, ob die
M
assnahme eine wesentliche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit im Sinne von
Art.
21
Abs.
4 ATSG versprach, liess die Beschwerdeführerin vor
bringen, gemäss Arztbericht der
F._
vom l. September 2017 (E. 3.2.3) könne nicht verlässlich eingeschätzt werden, ob wieder eine Arbeitsfähigkeit erreicht werden könne. Es würden zwar umfangreiche medizinische Massnahmen und die Schaffung von sozialen
Voraussetzungen empfohlen. Die Ä
rzte empfählen eine Fort
führung der psychiatrisch-psychot
herapeutischen M
assnahmen im ambulan
ten oder teilstationären Setting mit Schwerpunkt einer suchtspezifischen Be
handlung mit Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT)/dialektisch-behavioralen Therapie (DBT). Zudem sollte eine strikte Alkoholkarenz, eine
anti
abusive Therapie mit Acamprosat oder Nalmefen erfolgen. Sie führten aus, es sollte eine abstinenzmotivierende soziale Umgebung
geschaffen werden. Ferner sollte die Psychotherapie im ambulanten Rahmen mit den Schwerpunkten Frust
rationstoleranz, Entwöhnung von Alkohol, funktionale Coping-Strategien erfol
gen. Trotz der Empfehlung dieser umfangreiche
n sozialen und medizinischen M
assnahmen gingen die Arzte von einer schlechten Prognose aus. Aufgrund der langjährigen Erkrankungsdauer, der Konfliktbewältigungsstrategie mit persön
lich
keitsspezifischen Faktoren, fehlender Fähigkeit zur dauernden Abstinenz und teilweise eingeschränkten Krankheitseinsicht sei von einer schlechten Prognose auszugeben. De
mnach
ergebe sich aus dem Arz
tbericht nicht, dass die Arbeits
fähigkeit mit der Auferlegung der
Schadenminderungspflicht in anspru
chsaus
schliessender Weise verbessert werden könnte. Ei
ne Verletzung der Schaden
min
derun
gspflicht würde der Beschwerdeführerin daher auch unter Zug
run
delegung dieses Berichts nicht vorgeworfen werden können (
Urk.
l S. 10 f.).
4.4.2
Zur Arbeitsfähigkeit ist dem zitierten Arztbericht zu entnehmen, es könne aktuell nicht zuverlässig eingeschätzt werden, ob die bisherige Tätigkeit als MPA oder eine andere behinderungsangepasste Tätigkeit der Beschwerdeführerin noch zu
mutbar sei, wobei aber eine verminderte Leistungsfähigkeit bestehe. Diese Ein
schränkungen He
ssen sich durch medizinische M
assnahmen verbessern. Mit einer Wiederaufn
a
hme der beruflichen Tätigkeit sei zu rechnen, doch sei der Zeitpunkt aktuell noch nicht abschätzbar. Im Austrittsbericht der
E._
vom 1
5.
Februar 2016 (E. 3.2.1) wurde eine Arbeitsunfähigkeit lediglich für die Dauer des stationären Aufenthalts attestiert.
Angesichts dieser jüngsten in den Akten liegenden medizinischen Berichte er
scheint - aus medizinischer Sicht - die Möglichkeit einer vollständigen renten
aussc
hliessenden beruflichen Wiedereingliederu
ng der Beschwerdeführerin nicht ausgeschlossen, woran auch eine schlechte Prognose nichts ändert, ist selbige doch auch durch - nicht krankheitswertige - persönlichkeitsspezifische Faktoren begründet. Vor diesem Hintergrund erscheint die Abweisung des Leistungs
be
gehrens als angemessen, zumal die Beschwerdeführerin während
des Mahn- und Bedenkzeitverfah
rens in keinerlei zählbarer Weise kooperiert hat.
4.5
Diese Erwägungen f
ü
hren zur Abweisung der Beschwerde.
5.
5.1
Nach Gesetz und Praxis sind in der Regel die Voraus
setzungen für die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung erfüllt, wenn der Prozess nicht
aussichtslos, die Partei bedürftig und die anwaltliche Verbeistän
dung notwendig oder doch geboten ist (BGE 103 V 46, 100 V 61, 98 V 115).
5.2
Die Beschwerdeführerin bezieht Sozialhilfe (
Urk.
3/10-11). Mit Blick darauf ist sie im vorliegenden Verfahren bezogen auf den massgebenden Zeitpunkt als prozes
sual bedürftig zu qualifizi
eren. Da auch die weiteren Anspru
chsvoraussetzungen (fehlende Aussichtslosigkeit und sachliche Notwendigkeit der Rechtsverbei
stän
dung) erfüllt sind, ist der Beschwerdeführerin in Bewilligung ihres Gesu
chs vom 2
6.
Februar 2018 (
Urk.
1) Rechtsanwalt lic. iu
r. Urs P. Keller, Zollikon, als unent
geltlichen Rechtsvertreter für das vorliegende Verfahren zu bestellen, und es ist ihr die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.
5.3
Die Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert zu bemessen sind (
Art.
69
Abs.
1
bis
IV
G), sind auf
Fr.
600.--
anzusetzen und der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen, jedoch zufolge Ge
währung
der unentgeltlichen Prozessführu
ng einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
5.4
Rechtsanwalt Keller hat in seiner Kostennote vom 2
1.
Januar 2020 (
Urk.
19) einen Zeitaufwand von 12.4 S
tun
den und Auslagen von
Fr.
18.50 geltend gemacht, was angemessen erscheint. Er ist daher in der Höhe von
Fr.
2'958.— (inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
5.5
Die Beschwerdeführerin ist darauf hinzuweisen, dass sie zur Nachzahlung der Gerichtskosten und der Kosten für die unentgeltliche Rechtspflege verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist (§16
Abs.
4 des Gesetzes über das Sozial
ver
siche
rungsgericht, GSVGer).