Decision ID: 7aa4c6c3-c142-5866-b568-0d67b9802262
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 27. Oktober 2015 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person vom 16. November 2015
(BzP; Protokoll in den SEM-Akten A4/11) und der Anhörung vom 16. Juni
2017 (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten A17/2) machte er im Wesent-
lichen Folgendes geltend:
Er sei syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie und in B._ ge-
boren. Kurz nach seiner Geburt sei seine Familie nach C._ (ara-
bisch: D._) umgezogen, wo er aufgewachsen sei. Im Alter von 18
Jahren sei er nach E._ umgezogen. Im Jahr (...) habe er den Mili-
tärdienst angetreten und darin bis im Oktober (...) gedient. Am (...) März
2004 sei er in seine Heimatregion gereist und habe dort an Demonstratio-
nen teilgenommen. Als die sogenannten Qamishli-Unruhen in C._
ausgebrochen seien, habe er sich nach zwei Tagen wieder nach
E._ begeben. Vor dem Hintergrund der kurdischen Protestbewe-
gungen sowie seiner kurdischen Ethnie habe ihm sein Arbeitgeber sofort
die Arbeitsstelle gekündigt. Nach der Kündigung sei er ins Quartier
F._ gegangen, wo er fortan gelebt und gearbeitet habe. Bei einer
Razzia der Sicherheitskräfte im Jahr (...) sei er festgenommen und dann
mit ungefähr 70–80 weiteren Personen während 13 Tagen festgehalten
worden. Um freigelassen zu werden, hätten sie ihren Fingerabdruck auf
einem Dokument hinterlassen müssen, ohne dieses lesen zu dürfen. Im
Jahr (...) habe er in E._ wiederum an einer Demonstration teilge-
nommen. Dabei sei er verhaftet und während ungefähr 24 Stunden festge-
halten worden. Im März (...) habe er – wie in den Jahren zuvor auch – für
das Newroz-Fest Flugblätter verteilt. Am (...) sei er deshalb erneut inhaf-
tiert worden. Im Gefängnis habe man ihm den Pass abgenommen und ihn
misshandelt. Am (...) sei er unter der Auflage entlassen worden, sich alle
fünf Monate beim (...) beziehungsweise beim Militärsicherheitsdienst
(Amen Askari) zu melden. Er hätte Berichte schreiben sollen über politisch
aktive Personen in seinem Umfeld, was er aber nicht gemacht habe. Als er
kurz nach der Haftentlassung versucht habe, sich einen neuen Pass aus-
stellen zu lassen, habe er erfahren, dass gegen ihn ein Ausreiseverbot be-
stehe. Der Beschwerdeführer gab weiter an, er sei Koordinationsmitglied
der (...) in G._, einem überwiegend von Kurden bewohnten Wohn-
quartier in E._, gewesen und habe jeden Freitag Flugblätter und
Ankündigungen der Partei (...) verteilt. Sein Arbeitskollege namens
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H._ sei auch immer dabei gewesen. Nachdem dessen Cousin na-
mens I._ im (...) 2011 als Märtyrer gestorben sei, hätten die Behör-
den ihn sowie die anderen, welche jeweils mit der Koordination demons-
triert hätten, gesucht. H._ sei festgenommen worden und als er im
Jahr (...) wieder aus der Haft entlassen worden sei, habe er ihm (dem Be-
schwerdeführer) mitgeteilt, dass auch er gesucht werde. H._ habe
in der Haft unter Misshandlung sowohl seinen Namen als auch weitere Na-
men von Mitgliedern des Koordinationskomitees preisgegeben. Im (...)
2012 hätten die Behörden anlässlich eines Trauerzugs für einen verstorbe-
nen Märtyrer – an dem auch der Beschwerdeführer teilgenommen habe –
auf die Teilnehmenden geschossen. Danach sei er nach C._ ge-
reist, indem er sich als (...) ausgegeben habe. Anfang des Jahres (...) habe
er zum letzten Mal an einer Demonstration in C._ teilgenommen.
Danach habe er aufgrund des Drucks seiner Familie damit aufgehört. Weil
er vom (...) gesucht worden sei, habe er Syrien schliesslich im (...) 2015
verlassen.
Als Nachweis für seine Identität reichte der Beschwerdeführer seinen Füh-
rerschein, sein Familienbüchlein, einen Familien-/Zivilregisterauszug und
eine Heiratsurkunde zu den Akten. Ausserdem legte er ein Haftentlas-
sungsdokument, ein Bild von sich an einer Demonstration in Syrien sowie
die Fotokopie eines Internet-Reports der Gruppe (...) über einen Protest
und die Festnahme von (...)-Mitgliedern in E._ im Jahr (...) als Be-
weismittel ins Recht.
B.
Mit Verfügung vom 27. März 2019 – eröffnet am 28. März 2019 – verneinte
die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und
lehnte sein Asylgesuch ab. Sie verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete gleichzeitig wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
seine vorläufige Aufnahme an.
C.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 20. April 2019
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhe-
bung der vorinstanzlichen Verfügung und die Gewährung von Asyl. Even-
tualiter sei seine Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und er als Flüchtling
vorläufig aufzunehmen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um unentgeltliche Prozessführung un-
ter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
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Seite 4
D.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Mai 2019 hiess die Instruktionsrichterin
des Bundesverwaltungsgerichts das Gesuch um unentgeltliche Prozess-
führung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
lud das SEM zur Vernehmlassung ein.
E.
Mit Vernehmlassung vom 24. Mai 2019 hielt die Vorinstanz an ihrer Verfü-
gung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
F.
Am 28. Mai 2019 stellte das Gericht dem Beschwerdeführer die Vernehm-
lassung des SEM zur Kenntnisnahme zu.
G.
Mit Eingabe vom 1. Juni 2021 informierte der rubrizierte Rechtsvertreter
das Gericht darüber, dass er das Mandat des Beschwerdeführers über-
nommen habe und legte dem Schreiben eine Vollmacht bei. Ausserdem
reichte er einen den Beschwerdeführer betreffenden Auszug aus dem
Suchregister der syrischen Kriminalpolizei beziehungsweise Abteilung für
Kriminalsicherheit in Kopie sowie dessen Übersetzung in die deutsche
Sprache und einen Ausdruck aus Facebook zu den Akten.
H.
Am 13. September 2021 reichte der Beschwerdeführer das Original des
obengenannten Auszugs aus dem Suchregister der syrischen Kriminalpo-
lizei beziehungsweise Abteilung für Kriminalsicherheit ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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Seite 5
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das alte Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
In der angefochtenen Verfügung hat das SEM unter anderem festgestellt,
der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweise sich als un-
zumutbar, weshalb es seine vorläufige Aufnahme in der Schweiz anord-
nete. Die Wegweisungsvollzugshindernisse sind praxisgemäss alternativer
Natur (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 m.w.H.). Demzufolge ist auf das Be-
schwerdebegehren 2, soweit damit die vorläufige Aufnahme begehrt wird,
mangels Rechtsschutzinteresse nicht einzutreten.
Im Übrigen ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
behandeln sind.
3.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, das SEM habe den Untersu-
chungsgrundsatz verletzt, indem es sein Asylgesuch nicht genügend um-
fassend und sorgfältig geprüft habe. Er sei während der Befragungen oft
unterbrochen und aufgefordert worden, kurze Antworten zu geben, was bei
ihm Unsicherheiten, Hemmungen und Angst ausgelöst habe. Die dolmet-
schende Person habe wegen Zeitmangels unpräzise beziehungsweise un-
vollständig übersetzt oder die Antworten seien nicht vollständig protokolliert
worden. Auf diese Einwände ist nachfolgend in der Erwägung 3.3 einzuge-
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hen. Die anderen in diesem Zusammenhang vom Beschwerdeführer ge-
machten Vorwürfe (unterschiedliches Niveau verschiedener Dolmetscher,
Kritik an SEM-Mitarbeitenden betreffend Durchführung der BzP) wurden in
pauschaler Weise und ohne Bezug auf den konkreten Fall erhoben. Ent-
sprechende Mängel gehen auch nicht aus den Akten hervor, weshalb nicht
weiter darauf einzugehen ist.
3.3 Dem Anhörungsprotokoll sind keine Anhaltspunkte dafür zu entneh-
men, dass der Beschwerdeführer oft unterbrochen wurde. Dies geschah
zwar während der freien Schilderung der Asylgründe für eine Verständi-
gungsfrage. Jedoch wurde ihm an anderen Stellen Gelegenheit gegeben,
seine Vorbringen ausführlich darzulegen (vgl. SEM-Akten A17/20 F37,
F44, F75). Auch der Vorwurf, die dolmetschende Person habe unpräzise
beziehungsweise unvollständig übersetzt oder die Antworten seien nicht
vollständig protokolliert worden, findet keine Stütze in den Akten. Der Be-
schwerdeführer hat alle protokollierten Antworten mit seiner Unterschrift
bestätigt und präzisiert auch in der Beschwerdeschrift nicht, welcher Teil
des Protokolls unvollständig sein soll beziehungsweise welche Aussagen
darin fehlen sollen.
Überdies ist festzuhalten, dass sich die Vorinstanz mit den wesentlichen
Sachverhaltselementen differenziert auseinandergesetzt und ihm dadurch
eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht hat (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2
m.w.H.). Sein Einwand, die BzP sei kurz ausgefallen und klärende Nach-
fragen – durch welche Widersprüche zur späteren Anhörung allenfalls hät-
ten vermieden werden können – seien ausgeblieben, ist nicht gänzlich un-
berechtigt (SEM-Akten A4/11 Ziffer 7.02 ff.). Jedoch gehen aus dem Proto-
koll der BzP und auch aus den übrigen Akten keine Verfahrensfehler – im
Sinne einer Verletzung des rechtlichen Gehörs oder einer fehlerhaften oder
unvollständigen Sachverhaltsfeststellung – die eine Rückweisung der Sa-
che an die Vorinstanz rechtfertigen würden, zumal dem Beschwerdeführer
angesichts des Ausgang des vorliegenden Verfahrens kein Nachteil er-
wächst. Dem Umstand ist allerdings im Rahmen der Prüfung der Glaubhaf-
tigkeit seiner Vorbringen Rechnung zu tragen (vgl. unten E. 6.2.3).
3.4 Zusammenfassend rechtfertigen die formellen Rügen keine Rückwei-
sung an die Vorinstanz und das Gericht entscheidet reformatorisch (Art. 61
Abs. 1 VwVG).
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Seite 7
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Massge-
blich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeit-
punkt des Asylentscheids (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.
5.1 Zur Ablehnung des Asylgesuches führte die Vorinstanz aus, dass die
Vorbringen des Beschwerdeführers unglaubhaft seien. Er habe an der BzP
seine Haftentlassung anders dargelegt als in der Anhörung. Anlässlich der
BzP habe er angegeben, im Jahr (...) von einem Richter eines Militärge-
richts freigesprochen worden zu sein. Demgegenüber habe er in der Anhö-
rung geschildert, er sei aufgrund von Bestechung und Absprachen durch
seinen Anwalt aus der Haft entlassen worden. Der Richter des Militärge-
richts habe angeordnet, dass er an den Staatssicherheitsdienst überwie-
sen werde. Stattdessen habe er daraufhin in Anwesenheit seines Anwalts
und eines Hauptmanns eine Verpflichtung zwecks Freilassung unterschrei-
ben müssen, gemäss welcher er sich alle fünf Monate bei den Behörden
hätte melden und ihnen Informationen über politisch aktive Vertrauensper-
sonen liefern müssen. In der BzP habe er zu Protokoll gegeben, nach der
Freilassung im Jahr (...) keine Probleme mehr mit dem Staat gehabt zu
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haben. An der Anhörung habe er im Widerspruch dazu ausgesagt, nach
der Haftentlassung hätte er als Spitzel arbeiten sollen, sei mit einem Aus-
reiseverbot belegt und an verschiedenen Orten vom Militärsicherheits-
dienst gesucht worden. An einer Stelle habe er dargelegt, E._ Ende
(...) verlassen zu haben. An einer anderen Stelle sei die Rede vom Jahr
2010 gewesen. Seine Ehefrau habe – entgegen seinen Ausführungen –
von keinem Druck zu berichten gewusst, welcher auf sie ausgeübt worden
sei, weil nach ihm gefahndet worden sei. Es bestünden keine Hinweise
darauf, dass er seitens des sogenannten Islamischen Staats (IS) persönli-
che, gezielt gegen ihn gerichtete Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu
befürchten habe. Die Verhaftungen in den Jahren (...) hätten sich (...) oder
mehr Jahre vor seiner definitiven Ausreise aus Syrien ereignet und stünden
somit nicht in kausalem Zusammenhang zu derselben. Es bestünden keine
glaubhaften Anhaltspunkte dafür, dass er nach (...) im Fokus der Behörden
gewesen sei.
5.2 Dem entgegnet der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde im We-
sentlichen, er habe aus politischer Überzeugung einen Beitrag geleistet,
um die Situation der Kurden in Syrien zu verbessern und auf die Lage der
Menschenrechte aufmerksam zu machen. Er habe sich an den kurdischen
Aufständen im Jahr 2004 beteiligt und deshalb Angst um sein Leben ge-
habt. Die syrischen Behörden unterstellten solchen Personen grundsätz-
lich eine regierungsfeindliche Haltung und bestraften diese bei einer Rück-
kehr streng, wobei sich die Strafmassnahmen durch ein hohes Mass an
Brutalität auszeichneten. Aufgrund der begrenzten Zeit sei es bei der BzP
zu Unklarheiten und Ungereimtheiten gekommen; viele Punkte seien er-
klärungsbedürftig gewesen und hätten wegen Unterbrüchen und Zeitman-
gels erst an der Anhörung geklärt werden können. Er sei nur mithilfe seines
Anwalts und gegen Bezahlung aus der Haft entlassen worden, weil der An-
walt der "Schlüssel" zum Richter gewesen sei und über ein gutes Bezie-
hungsnetz verfügt habe. Daher habe dieser verhindern können, dass er
ans Staatssicherheitsgericht überwiesen werde. Die Haftentlassung sei nur
gegen Bezahlung erfolgt und bedingt ausgesprochen worden. In diesem
Zusammenhang sei auch ein Ausreiseverbot verhängt worden. Er sei we-
gen Verteilung von Flugblättern der (...)-Partei und somit wegen politischen
Aktivitäten verhaftet worden. Er habe seine Haft und die Entlassung aus
derselben glaubhaft beschrieben und sein Körper weise Folterspuren auf.
Die Unklarheit betreffend die Umstände der Haftentlassung sei auf den
Zeitmangel in der BzP zurückzuführen. Er sei nach seiner Haftentlassung
nach C._ gereist, um seine Familie zu besuchen, aber schon bald
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nach E._ zurückgekehrt, weil C._ klein sei und er den Be-
hörden dort rasch aufgefallen wäre. Er sei seinen Verpflichtungen im Rah-
men der bedingten Haftentlassung nicht nachgekommen und habe des-
halb befürchtet, erneut verhaftet zu werden. Deshalb habe er sich kaum
frei bewegen können. Viele Demonstrationsteilnehmende seien verhaftet,
entführt und getötet worden; viele von ihnen hätten die Namen von anderen
Teilnehmenden unter Folter preisgegeben. Es sei deshalb davon auszuge-
hen, dass auch der Beschwerdeführer registriert worden und den Behör-
den bekannt sei. Er habe seiner Ehefrau keine Angst machen wollen und
ihr deshalb nichts über seine Aktivitäten berichtet. In seinem Kulturkreis sei
ohnehin nicht üblich, dass Männer ihren Ehefrauen alles erzählten, was sie
planten oder erlebt hätten. Er habe sich um die Ausstellung eines Reise-
passes bemüht, um sich zu vergewissern, ob gegen ihn tatsächlich ein
Ausreiseverbot bestehe. Er stamme aus einer politischen Familie und
seine Brüder J._ und K._ hätten in der Schweiz Asyl erhal-
ten. Er selbst sei – genauso wie sie – Mitglied der (...)-Partei.
In seiner Eingabe vom 1. Juni 2021 fügt der Beschwerdeführer hinzu, er
habe im April 2021 in Erfahrung gebracht, dass er in Syrien zur Fahndung
und Verhaftung ausgeschrieben sei. Zwei Geheimdienstabteilungen such-
ten nach ihm. Sein Name sei im System namens FISH registriert, welches
behördlich gesuchte Personen erfasse. Der Eingabe legte er ein Dokument
im Original (sowie dessen Übersetzung) bei, welchem das Resultat aus
dem FISH-System zu entnehmen sei. Zudem habe er im (...) 2021 den
syrischen Präsidenten auf seiner Facebook-Seite sowie auf der offiziellen
Seite des syrischen Generalkonsulats in L._ kritisiert. Dieser Kom-
mentar sei dem syrischen Generalkonsulat mit grosser Wahrscheinlichkeit
aufgefallen. Auch deshalb drohten ihm erhebliche Nachteile und unverhält-
nismässige Strafen.
6.
6.1 Die Lage in Syrien wurde durch das Bundesverwaltungsgericht im Rah-
men zweier Koordinationsurteile ausführlich gewürdigt (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.2 sowie das Referenzurteil BVGer D-5579/2013 vom 25. Februar 2015
E. 5.3 und 5.7.2, jeweils m.w.H.). Demnach ist durch eine Vielzahl von Be-
richten belegt, dass die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem
Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen tatsächliche oder vermeintli-
che Regimegegner mit grösster Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorge-
gangen sind. Personen, die sich an regimekritischen Demonstrationen be-
teiligt haben, sind in grosser Zahl von Verhaftung, Folter und willkürlicher
Tötung betroffen gewesen. Die politische Unrast wurde dabei nicht zuletzt
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Seite 10
durch Ereignisse in der Stadt Dar'a im März 2011 entfacht, als staatliche
Sicherheitskräfte Kinder verhafteten und bei anschliessenden Protesten
mehrere Demonstrierende töteten. Durch das zunehmend gewaltsame
Vorgehen des syrischen Regimes gegen die landesweite Protestwelle mit
Hunderten von Todesopfern, der Inhaftierung und Folterung Zehntausen-
der Personen, darunter selbst Kinder (vgl. hierzu BVGE 2015/3 E. 6.2.1),
folgte eine Eskalation des Konflikts, die schliesslich in einen offenen Bür-
gerkrieg mündete.
Personen, die durch die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte als Gegner
des Regimes identifiziert werden, haben eine Behandlung zu erwarten, die
einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
gleichkommt. Diese Feststellung gilt auch heute noch (jüngst bestätigt u.a.
in den Urteilen des BVGer E-4558/2019 vom 15. März 2021 E. 6.5.3;
E-4315/2018 vom 8. Januar 2021 E. 6.2.1; E-4545/2018 vom 25. Novem-
ber 2020 E. 9.3.1).
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet die Vorbringen des Beschwer-
deführers angesichts zahlreicher sogenannter Realkennzeichen insge-
samt als glaubhaft gemacht, zumal die Glaubhaftmachung nicht die Aus-
räumung sämtlicher Zweifel bedingt. Nachfolgend wird auf die von der Vor-
instanz angeführten Unglaubhaftigkeitselemente und die vom Beschwer-
deführer diesbezüglich entgegneten Argumente beziehungsweise Aussa-
gen eingegangen.
Der Einschätzung des SEM, die Ehefrau des Beschwerdeführers habe
über keinen Druck zu berichten gewusst, welcher aufgrund der Fahndung
nach ihm auf sie ausgeübt worden sei, kann nicht gefolgt werden. Diesbe-
züglich gab der Beschwerdeführer lediglich zu Protokoll, dass man sie in
B._ mehrmals nach ihm gefragt habe (vgl. A17/20 F105). Auch die
Ehefrau erwähnte, dass Behördenmitglieder vorbeikamen und nach ihm
fragten (vgl. B9/10 F45). Anlässlich der Behördenbesuche habe sie jeweils
Ausreden dafür erfunden, dass er sie nicht begleitete (vgl. a.a.O. F48). Das
Gericht sieht – entgegen der Vorinstanz – in diesen Aussagen keinen Wi-
derspruch.
Anders als die Vorinstanz erkennt das Gericht auch keinen wesentlichen
Widerspruch darin, dass der Beschwerdeführer in der BzP erwähnte, aus
seiner Haft im Jahr (...) vom Richter freigesprochen worden zu sein und in
der Anhörung darlegte, er sei mithilfe seines Anwalts unter bestimmten Auf-
lagen und der Bezahlung von Bestechungsgeld entlassen worden. Auch in
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Seite 11
der Anhörung gab er zu Protokoll, am Ende seiner Haft zum Militärgericht
gebracht worden zu sein (vgl. A17/20 F48). Dass er dort dann mit seinem
Anwalt in ein separates Zimmer gebracht worden sei und eine schriftliche
Verpflichtung habe unterschreiben sowie Geld bezahlen müssen, ist ledig-
lich als Präzisierung der in der BzP gemachten Angaben zu verstehen und
angesichts des summarischen Charakters der BzP als glaubhaft zu be-
trachten (vgl. A17/20 F48). Dabei ist auch zu beachten, dass die BzP in
casu stark verkürzt durchgeführt wurde und daher insbesondere auf tiefer
gehende Abklärungen betreffend die Asylgründe verzichtet wurde. Dass
der Beschwerdeführer nach der Haftentlassung zumindest versucht hat,
sich einen Reisepass ausstellen zu lassen, ist nicht gänzlich unplausibel,
zumal auch dies gegen Bezahlung erfolgt sei.
Es mutet zwar zunächst seltsam an, dass der Beschwerdeführer in der BzP
zu Protokoll brachte, nach seiner Haftentlassung im Jahr (...) keine Prob-
leme mehr mit den Behörden gehabt zu haben und in der Anhörung angab,
er sei zur Spitzelarbeit verpflichtet worden, es bestehe ein Ausreiseverbot
gegen ihn und er sei durch den Militärsicherheitsdienst gesucht worden.
Festzustellen ist jedoch, dass er auch in der Anhörung an keiner Stelle gel-
tend machte, nach der Haftentlassung nochmals in Behördenkontakt ge-
standen zu sein. Dies könnte unter anderem seinen getroffenen Vorsichts-
massnahmen geschuldet sein. Es erscheint deshalb nicht abwegig, dass
er – insbesondere vor seinem persönlichen Hintergrund und seinen vor-
gängigen Erfahrungen mit den Behörden (Festnahmen, Inhaftierungen,
Misshandlung) – die Frage in der BzP nach weiteren Problemen mit dem
Staat nach der Freilassung mit "nein" beantwortete, zumal er mit diesem
seither nicht mehr in persönlichem Kontakt stand (vgl. A4/11 Ziffer 7.02).
Auch hier ist sodann der besonders verkürzte Rahmen, in welchem die BzP
stattgefunden hat, zu berücksichtigen. Der Beschwerdeführer wies an der
Anhörung denn auch darauf hin, er habe an der Befragung nicht detailliert
erzählen dürfen. Es sei ihm gesagt worden, er könne beim zweiten Inter-
view ausführlich berichten und entsprechende Beweismittel abgeben
(vgl. A17/20 F102). Diese Erklärung wirkt im vorliegenden Kontext nach-
vollziehbar; es ist in der vorliegenden Befragungskonstellation auch denk-
bar, dass es bei der Niederschrift in der BzP in diesem Punkt zu einem
Missverständnis gekommen ist. Allein aus diesem vermeintlichen Wider-
spruch – der im Übrigen in der Anhörung nicht angesprochen wurde – die
gesamten diesbezüglichen Ausführungen in Frage zu stellen, würde jeden-
falls dem Grundsatz von Art. 7 Asyl zuwiderlaufen, wonach im Gegensatz
zum strikten Beweis Glaubhaftmachen genügt, was wiederum gewisse
Zweifel zulässt. Wie nachfolgend aufgezeigt wird, muss aufgrund einer im
E-1897/2019
Seite 12
heutigen Zeitpunkt begründeten Furcht vor Verfolgung des Beschwerde-
führers die Frage nach der Glaubhaftigkeit der Umstände der Haftentlas-
sung ohnehin nicht abschliessend geklärt werden.
6.3
6.3.1 Der Beschwerdeführer hat in glaubhafter Weise vorgetragen, dass er
sich in seinem Leben über Jahre hinweg aktiv in der politischen Opposition
beziehungsweise für die pro-kurdische Sache engagiert hat und dies den
syrischen Behörden bekannt war. Besonders ins Gewicht fällt bei der
Glaubhaftigkeitsprüfung der Umstand, dass der Beschwerdeführer in sei-
nen Schilderungen keineswegs chronologisch vorgeht, sondern seine Vor-
bringen ungeordnet sowie sprunghaft darlegt und realitätsnah in seine Bio-
grafie einbetten kann (vgl. Revital Ludewig u.a., Wie können aussagepsy-
chologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?,
AJP 2011, S. 1424). Seine Angaben enthalten sodann trotz des Umstan-
des, dass die Ereignisse zum Zeitpunkt der Anhörung teilweise (...) Jahre
zurücklagen, zahlreiche Details und decken sich mit den Herkunftsländer-
informationen (vgl. A17/20 F37, F44, F48, F50, F73; [...]; [...]; Finnish Im-
migration Service [FIS], Syrian pro-government armed groups and issues
related to freedom of movement, reconciliation processes and return to
original place of residence in areas controlled by the Syrian government,
14. Dezember 2018, < https://migri.fi/documents/5202425/5914056/Sy-
ria_Fact-finding+mission+to+Beirut+and+Damascus%2C+April+2018.
pdf >, alle abgerufen am 4. März 2022). Die Schilderungen zum Kontext
seiner Festnahmen und die geltend gemachten Nachteile sind nicht nur
ausführlich, sondern auch grösstenteils in sich stimmig ausgefallen und
enthalten zahlreiche Realkennzeichen. Zu Letzteren gehört die häufige
Wiedergabe von Interaktionen in der direkten Rede (vgl. u.a. A17/20 F48,
F50, F54, F73, F77, F95). Auch finden sich in ihnen immer wieder spontane
Einschübe, teilweise auch von Nebensächlichkeiten, die für tatsächlich Er-
lebtes sprechen. Hinsichtlich der Haft (...) gab er beispielsweise spontan
an, nie das Tageslicht gesehen und daher nicht gewusst zu haben, ob es
Tag oder Nacht sei; bei seiner Festnahme im Jahr (...) habe er nur eine
Unterhose getragen und bei der Freilassung einen Schlafanzug; sein Bart
sei damals lang gewesen, weil ihm in Haft nur die Haare rasiert worden
seien (vgl. a.a.O. F84, F95). Weitere Beispiele solch spontaner Äusserun-
gen finden sich auch in seinen Ausführungen zu seiner Situation nach der
Haft und seinen getroffenen Vorsichtsmassnahmen. Etwa als er angab, er
habe auf seiner Reise Ende (...) von E._ nach C._ sogar
ein Namensschild getragen, als wäre er ein (...) (vgl. a.a.O. F44). Oder
wenn er wiedergibt, er habe von seinem ehemaligen Arbeitgeber nicht den
E-1897/2019
Seite 13
vereinbarten Lohn erhalten, weil dieser von der behördlichen Suche nach
ihm gewusst habe (vgl. a.a.O. F50). Er erklärt auch seine Gefühlslage und
Gedankengänge, beispielsweise, dass er nach diesem Vorfall mit seinem
ehemaligen Arbeitgeber aus Wut an allen Demonstrationen teilgenommen
habe, weil er sich ungerecht behandelt gefühlt habe (vgl. a.a.O.). Er konnte
demnach glaubhaft darlegen, seit 2004 und auch nach Ausbruch des Bür-
gerkriegs regelmässig an Demonstrationen teilgenommen zu haben und in
diesem Zusammenhang persönlich erfasst worden zu sein. Die einzelnen
über die Jahre verteilten Ereignisse können im syrischen Kontext nicht iso-
liert voneinander betrachtet werden. Er wurde aufgrund seiner Teilnahme
an Protesten und seines jahrelangen politischen Engagements insgesamt
dreimal festgenommen und inhaftiert, war Mitglied des Koordinationskomi-
tees der (...) sowie der Partei (...), für die er regelmässig Flugblätter ver-
teilte. Er dürfte deshalb mit einer hohen Wahrscheinlichkeit bei den syri-
schen Behörden als Regimekritiker vermerkt sein.
6.3.2 Der Argumentation der Vorinstanz zum fehlenden Kausalzusammen-
hang zwischen Verfolgung und Flucht kann nur teilweise gefolgt werden.
Zwar ist einerseits festzuhalten, dass der Beschwerdeführer für den Zeit-
raum nach der behördlichen Suche bei seinen Eltern Anfang (...) keine
Verfolgungsmassnahmen mehr geltend macht und zuletzt Anfang des Jah-
res (...) in C._ an einer Demonstration teilgenommen hat. Anderer-
seits hat er glaubhaft dargelegt, dass er sich an den vorherigen Demonst-
rationen in E._ jeweils vermummte, sich bei drohender Gefahr je-
weils versteckte und die Identitätskarte eines Freundes auf sich trug, wenn
er sich fortbewegen wollte. Mit der Hilfe eines befreundeten Buschauffeurs
konnte er Ende (...) auch unter einer falschen Identität nach C._
reisen (vgl. u.a. A17/20 F55, F91 ff.).
Sodann ist festzustellen, dass sich die staatlichen Sicherheitskräfte ab dem
Sommer 2012 mit wenigen Ausnahmen aus dem Nordosten des Landes
zurückzogen und in der Folge nur noch vereinzelt dort vorzufinden waren
(vgl. Kurdwatch [Berlin], What does the Syrian-Kurdish opposition want?,
September 2013, < https://kurdwatch.ezks.org/pdf/KurdWatch_A009_en_
Parteien2.pdf >; The New York Times, Kurdish Struggle Blurs Syria's Battle
Lines, 1. August 2013, < https://www.nytimes.com/2013/08/02/world/
middleeast/syria.html >; Kurdwatch [Berlin], Al-Hasakah: PYD checks are
becoming increasingly more frequent, 17. Juli 2012, < https://kurdwatch.
ezks.org/?aid=2585&z=en >, alle abgerufen am 4. März 2022). Es ist an
dieser Stelle aber auch darauf hinzuweisen, dass die kurdischen Akteure
ihre Machtposition in dieser Region nicht uneingeschränkt zu konsolidieren
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vermochten, mithin nicht von einer stabilen und organisierten Autorität aus-
gegangen werden kann, die das betreffende Gebiet und dessen Bevölke-
rung vollumfänglich zu kontrollieren und schützen in der Lage ist. Die kur-
disch kontrollierten Teilgebiete Nordsyriens gelten weiterhin als volatil und
die weitere Entwicklung der militärischen und politischen Situation auch in
dieser Region war zum damaligen Zeitpunkt ungewiss (vgl. ausführlich das
Referenzurteil des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.9.2 f.).
Die Tatsache, dass seine Eltern seit Anfang (...) nicht mehr wegen ihm auf-
gesucht worden seien, lässt – insbesondere vor dem Hintergrund, dass er
sich erst wieder dort aufhielt, nachdem die YPG die grundsätzliche Kon-
trolle über C._ übernahm – noch nicht den Schluss zu, dass er
dadurch automatisch aus dem Fokus des Regimes verschwunden wäre
(vgl. [...], abgerufen am 4. März 2021).
Weiter ist zu beachten, dass ein fehlender zeitlicher Zusammenhang zwi-
schen Verfolgungsmassnahmen und Ausreise (nur) die Regelvermutung
zugunsten des Vorliegens begründeter Furcht vor künftiger Verfolgung zer-
stört. Dies schliesst aber nicht aus, dass im konkreten Einzelfall die früher
erlittene Verfolgung einen der guten Gründe für die aktuelle Verfolgungs-
furcht darstellen kann (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.). Der Beschwer-
deführer hat unbestrittenermassen vor seiner Ausreise bereits ernsthafte
Nachteile erlitten. Aufgrund dessen hatte er objektive Gründe für eine aus-
geprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 m.w.H.). Ange-
sichts dessen, dass der Beschwerdeführer in der Vergangenheit mit hoher
Wahrscheinlichkeit bereits als Regimegegner erkannt wurde, ist vor dem
Hintergrund der unter E. 6.1 umschriebenen Lage für Oppositionelle – die
sich heute nicht anders darstellt – bei einer hypothetischen heutigen Rück-
kehr des Beschwerdeführers davon auszugehen, dass er mit hinreichender
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft von asylrechtlich erhebli-
chen Nachteilen bedroht wäre. Demnach erweist sich seine Furcht vor Ver-
folgung im heutigen Zeitpunkt sowohl in subjektiver als auch in objektiver
Hinsicht als begründet. Gestützt wird diese Einschätzung nicht zuletzt auch
durch das mit Eingabe vom 1. Juni 2021 eingereichte Beweismittel. Es han-
delt sich dabei um eine an die (...) gerichtete Anfrage des Amtsanwalts um
Informationen über den Beschwerdeführer. Auf der Rückseite des Doku-
ments befindet sich das von (...) M._ handschriftlich notierte Su-
chergebnis. Der Beschwerdeführer werde demgemäss vom Geheimdienst
(einerseits von der Zweigstelle [...] [Zweig des (...)] und andererseits von
der Zweigstelle (...) [Militärgeheimdienst] gesucht. Mehrere formale Anga-
ben entsprechen nach Erkenntnissen des Gerichts den zu erwartenden
und es sind keine objektiven Fälschungsmerkmale erkennbar. Ausserdem
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ist das Dokument inhaltlich in sich schlüssig und stimmt auch überein mit
den Aussagen des Beschwerdeführers. Beispielsweise hat der Beschwer-
deführer bereits in seiner Anhörung vom 16. Juni 2017 angegeben, dass
er sich nach seiner Haftentlassung vom (...) regelmässig beim (...) hätte
melden sollen, was er aber nicht gemacht habe. Dass deshalb von dersel-
ben Behörde zu einem späteren Zeitpunkt ein Suchbefehl gegen ihn aus-
gestellt wurde, ist nachvollziehbar. Es gibt insgesamt keinen entscheiden-
den Grund, die Echtheit des eingereichten Originaldokuments zu bezwei-
feln.
6.3.3 Die Frage, ob dem Beschwerdeführer, wie in der Beschwerde weiter
vorgebracht, auch eine asylrelevante Reflexverfolgung aufgrund seines in
der Schweiz als Flüchtling anerkannten Bruders J._ (N [...]) droht,
kann nach dem Gesagten offenbleiben. Dieser hatte geltend gemacht,
zahlreiche regierungskritische Gedichte veröffentlicht zu haben und seit
(...) Leiter eines Niederlassungsbüros der Partei (...) gewesen zu sein, was
zumindest die Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers, der geltend
macht, aus einer politischen Familie zu stammen, stützt.
6.4 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer im heutigen Zeitpunkt
bei einer Rückkehr nach Syrien begründete Furcht vor ernsthaften Nach-
teilen im Sinne von Art. 3 AsylG. Eine innerstaatliche Schutzalternative be-
steht nicht. Er erfüllt deshalb die Flüchtlingseigenschaft. Der Tatbestand
von Art. 54 AsylG ist nicht erfüllt, da seine Flüchtlingseigenschaft nicht in
den exilpolitischen Tätigkeiten begründet liegt. Aus den Akten ergeben sich
sodann keine Gründe für die Annahme einer Asylunwürdigkeit des Be-
schwerdeführers gemäss Art. 53 AsylG. Dem Beschwerdeführer ist Asyl zu
gewähren.
7.
Nach dem Gesagten verletzt die angefochtene Verfügung Bundesrecht.
Die Beschwerde ist gutzuheissen und die Verfügung des SEM vom
27. März 2019 ist aufzuheben. Der Beschwerdeführer erfüllt die Flücht-
lingseigenschaft und das SEM ist anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Par-
teikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
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VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung von insgesamt Fr. 400.– zuzusprechen.
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