Decision ID: 53c7b9ca-5834-5fc9-afe6-20830b850c3c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie, suchte am 12. Mai 2016 in der Schweiz um Asyl nach. Am 26. Mai
2016 erhob das SEM im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
B._ seine Personalien und befragte ihn zum Reiseweg und sum-
marisch zu seinen Asylgründen (Befragung zur Person [BzP]). Mit Zwi-
schenverfügung vom 23. Juni 2016 wies ihn das SEM für die Dauer seines
Asylverfahrens dem Kanton C._ zu. Am 18. Juni 2018 hörte ihn das
SEM einlässlich zu den Asylgründen an.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er stamme aus D._ im Vanni-Gebiet. Er habe
elf Jahre lang die Schule besucht und diese in E._ im Jahr 1999 mit
O-Level abgeschlossen. Von 1991 bis 2009 habe er weitgehend im Vanni-
Gebiet gelebt. Dort habe er zwischen 2008 und 2009 als (...) in einem (...)
der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) gearbeitet. Er sei indessen nie
Mitglied der LTTE gewesen. Im Verlaufe des Jahres 2008 sei er bei einer
Bombenexplosion verletzt worden. Etwa einen Monat später sei eine Cou-
sine bei einer weiteren Bombenexplosion getötet und eine andere dabei
verletzt worden.
Im März 2009 habe er versucht, zusammen mit seinen Familienangehöri-
gen nach F._ zu gelangen, sei jedoch unterwegs von der sri-lanki-
schen Marine aufgegriffen und nach G._ gebracht worden. Danach
sei er dem Camp in H._ zugewiesen worden, wo er mehrere Male
befragt worden sei. In diesem Lager sei er zunächst gemeinsam mit seiner
Mutter, seinem jüngeren Bruder I._ sowie seiner Schwester
J._ untergebracht gewesen. Nachdem seine Schwester als LTTE-
Mitglied identifiziert worden sei, habe man sie in ein anderes Lager über-
führt. Er selbst habe im August 2009 zusammen mit seiner Mutter sowie
seinem jüngeren Bruder dieses Lager verlassen dürfen und die Erlaubnis
erhalten, sich nach K._ (Distrikt Jaffna) zu begeben. Nichtdestotrotz
habe er in einem Camp des CID (Criminal Investigation Department) in
L._ eine weitere Befragung über sich ergehen lassen müssen und
sei dabei auch fotografiert worden. Anschliessend sei ihm eine dreimona-
tige Meldepflicht auferlegt worden. Im Dezember 2009 habe er geheiratet
und dabei gehofft, auf diese Weise weiteren Schwierigkeiten zu entgehen.
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Seit seiner Heirat habe er in M._ (Quartier N._ [im Distrikt
Jaffna]) in einem eigenen Haus gelebt. Zu Beginn seines dortigen Aufent-
halts sei er während eines Monats mehrere Male von Angehörigen des CID
befragt worden. Danach sei er bis Ende 2015 als Händler von (...) tätig
gewesen, wobei er die Waren in Colombo eingekauft und in verschiedenen
Städten im Norden Sri Lankas verkauft habe.
Sein jüngerer Bruder I._ sei früher ungefähr ein Jahr lang Mitglied
der LTTE gewesen, habe die Bewegung nach dem Eintritt seiner Schwes-
ter in die LTTE allerdings wieder verlassen dürfen. Seine Schwester sei bis
März 2009 bei den LTTE geblieben. Im August 2010 sei der besagte Bruder
auf dem Weg nach E._ festgenommen und danach für längere Zeit
inhaftiert worden. Kurz nach dessen Entlassung im Jahr 2011 oder 2012
sei ein Mithäftling erneut festgenommen worden, was seinen Bruder ver-
anlasst habe, nach O._ zu flüchten. In diesem Zusammenhang
seien seine Eltern mehrere Male behördlich befragt worden. Nachdem er
selbst (der Beschwerdeführer) seine Eltern Ende des Jahres 2011 besucht
habe, sei er von Mitgliedern des CID festgenommen worden. Danach habe
er drei Tage im (...) verbringen müssen. Auf Fürsprache seiner Eltern sowie
eines Dorfvorstehers hin sei er jedoch wieder freigelassen worden.
Im Jahr 2013 habe er in einem Van eines Onkels Leute transportiert, die in
Wahlkampagnen der TNA (Tamil National Alliance) tätig gewesen seien.
Deswegen sei er von Angehörigen der EPDP (Eelam People's Democratic
Party) bedroht worden. Etwa 20 Tage nach den Wahlen sei er in D._
von zwei Personen, die mit einem Motorrad unterwegs gewesen seien, zu-
sammengeschlagen worden. Als er wieder zu Bewusstsein gelangt sei,
habe er sich in einem Spital in P._ befunden.
Im Jahr 2014 habe er sich im Dorf E._ auf einer seiner Familie ge-
hörenden Landparzelle aufgehalten. Plötzlich seien Soldaten beziehungs-
weise Angehörige des CID aufgetaucht und hätten ihn beschuldigt, Kon-
takte zu den LTTE zu haben. Danach hätten sie ihn in ein Camp in
Q._ gebracht, ihn vernommen und zusätzlich geschlagen. Dabei
hätten sie ihm auch vorgeworfen, sein Land in E._ sei LTTE-Land.
Später habe er einem Parlamentarier (aus Jaffna) sowie seinem Dorfvor-
steher die Besitzurkunde des Grundstücks gezeigt, das bereits seinen El-
tern gehört habe. Diese hätten ihn in seiner Ansicht bestärkt, dieses Grund-
stück pflegen zu dürfen. Als er sich wieder auf besagtem Grundstück be-
funden habe, seien erneut Sicherheitsleute gekommen und hätten in aber-
mals ins Camp von Q._ gebracht. Mit Hilfe seines Dorfvorstehers
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sei er wieder freigekommen. Danach habe er sich aus Angst vor weiteren
Schwierigkeiten nicht mehr auf dieses Grundstück begeben.
Im Mai 2015 seien CID-Leute bei ihm zuhause erschienen. Er sei zu die-
sem Zeitpunkt ausser Haus gewesen. Am nächsten Tag hätten die CID-
Leute ihn ins Camp von R._ mitgenommen, wo sie ihn über seine
beruflichen Aktivitäten im Vanni-Gebiet sowie zu seinen Kontakten zu den
LTTE befragt hätten. Am selben Abend sei er wieder entlassen, indessen
aufgefordert worden, sich am folgenden Tag für eine weitere Befragung
zusammen mit seiner Frau wieder im Camp einzufinden. An diesem Tag
seien er und seine Frau getrennt befragt, in der Folge aber am selben Tag
wieder entlassen worden. Am 7. Juni 2015 sei er erneut im selben Camp
einvernommen worden. Abermals seien Fragen zu seinem Geschäft, zu
seinem Aufenthalt im Vanni-Gebiet sowie zu seinen Kontakten mit Mitglie-
dern der LTTE gestellt worden. Er sei während der Befragung massiv miss-
handelt worden. Am Ende des Verhörs habe man ihn davor gewarnt, eine
Anzeige zu machen. Trotzdem habe er sich am nächsten Tag zum Büro
der Menschenrechtskommission begeben, um Anzeige zu erstatten. Dort
habe man ihm allerdings mitgeteilt, er müsse die Übergriffe zunächst bei
der Polizei zur Anzeige bringen, ansonsten man nichts für ihn tun könne.
Er habe sich jedoch nicht getraut, eine entsprechende Anzeige bei der Po-
lizei zu machen. Aus Angst sei er mit seiner Familie nach S._ ge-
gangen. In der Folge sei er erneut in M._ gesucht worden. Darauf-
hin habe er sich zu einer in T._ wohnhaften Tante begeben. Im März
2016 seien zwei Geschäftspartner festgenommen worden, worauf man ihn
erneut in M._ gesucht habe. Daraufhin habe er Zuflucht bei einem
Priester gefunden. Schliesslich habe er sich im April 2016 nach Colombo
begeben und sei am 2. Mai 2016 via den dortigen Flughafen illegal ausge-
reist. Anschliessend sei er von U._ aus auf dem Luftweg in die
V._ und von dort aus nochmals mit dem Flugzeug nach W._
(X._) gelangt. Von X._ sei er mit dem Zug nach mehrmali-
gem Umsteigen am 7. Mai 2016 illegal in die Schweiz gelangt, wobei er
sich bei der Grenzkontrolle mit einem gefälschten Reisepass ausgewiesen
habe.
Der Beschwerdeführer reichte im Verlaufe des erstinstanzlichen Verfah-
rens seine sri-lankische Identitätskarte im Original, beglaubigte Kopien sei-
ner Geburtsurkunde und eines Ehescheins, seine Familienkarte (Kopie),
eine Wohnsitz- und eine Umsiedlungsbestätigung, sri-lankische Gerichts-
dokumente bezüglich seines jüngeren Bruders (in Kopie), zwei Fotos der
beiden Cousinen, ein Foto mit seinem Geschäftspartner Y._ (vgl.
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act. A11/20 S. 2 F3, F70 S. 9 Abs. 2 i.V.m. S. 19, Anm. 4 sowie Beweismit-
telkuvert [A12] Ziff. 9), ein Referenzschreiben (To Whom It May Concern)
eines Parlamentariers aus Jaffna vom 16. Juni 2016 sowie zwei weitere
Bestätigungsschreiben eines Priesters vom 16. November 2016 bezie-
hungsweise des Mitglieds eines örtlichen Bauernverbandes vom 10. Juni
2016 zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 6. Dezember 2019 – eröffnet am 10. Dezember 2019 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der
Wegweisung.
C.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 9. Januar 2020
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Dabei beantragte er, die
Verfügung des SEM vom 6. Dezember 2019 sei aufzuheben und es sei ihm
Asyl in der Schweiz zu gewähren. Eventualiter sei festzustellen, dass der
Vollzug der Wegweisung unzumutbar sei, und die vorläufige Aufnahme an-
zuordnen. Weiter beantragte er, es sei die aufschiebende Wirkung festzu-
stellen. Schliesslich beantragte er, es sei ihm die unentgeltliche Rechts-
pflege unter Einschluss der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung zu be-
willigen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Der Beschwerdeführer fügte seiner Rechtsmittelschrift eine Unterstüt-
zungsbestätigung der (...) ([...]) vom 19. Dezember 2019 bei.
D.
Mit Schreiben vom 14. Januar 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der vorliegenden Beschwerde.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 29. Januar 2020 teilte der zuständige Instruk-
tionsrichter dem Beschwerdeführer mit, er dürfe den Ausgang des Verfah-
rens in der Schweiz abwarten. Ferner hiess er das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses. Weiter hiess er das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gut, forderte den Beschwerdeführer
indessen auf, bis zum 12. Februar 2020 einen amtlichen Rechtsbeistand
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zu benennen, ansonsten angenommen werde, er verzichte auf die Beiord-
nung eines solchen.
F.
Mit Eingabe vom 7. Februar 2020 stellte sich der jetzige Rechtsvertreter
dem Gericht unter Vorlage einer Vertretungsvollmacht als amtlicher
Rechtsbeistand vor und stellte gleichzeitig Antrag auf vollständige Akten-
einsicht.
G.
G.a Mit Instruktionsverfügung vom 13. Februar 2020 wies das Bundesver-
waltungsgericht die Vorinstanz an, dem Beschwerdeführer beziehungs-
weise dessen Rechtsvertreter vollständige Akteneinsicht zu gewähren.
Gleichzeitig räumte es dem Beschwerdeführer eine Frist von 15 Tagen ab
Erhalt der Akteneinsicht zur Einreichung einer allfälligen Beschwerdeer-
gänzung ein.
G.b Am 21. Februar 2020 erhielt der Rechtsvertreter die vorinstanzlichen
Akten, machte indessen in der Folge von seinem Recht auf Einreichung
einer Beschwerdeergänzung keinen Gebrauch.
H.
Mit Instruktionsverfügung vom 16. April 2020 lud das Bundesverwaltungs-
gericht die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung bis zum
1. Mai 2020 ein.
I.
Das SEM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 11. Mai 2020 innert
einmalig erstreckter Frist die Abweisung der Beschwerde.
J.
Das Bundesverwaltungsgericht stellte dem Beschwerdeführer die Ver-
nehmlassung des SEM am 20. Mai 2020 zu und räumte ihm die Gelegen-
heit ein, bis zum 4. Juni 2020 eine Replik einzureichen.
K.
Am 4. Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertre-
ter eine Replik ein, in der beantragt wurde, der Vernehmlassung der Vor-
instanz sei androhungsgemäss keine Beachtung zu schenken. Eventuali-
ter sei die Vernehmlassung als für die Beschwerde irrelevant zu beurteilen.
Ergänzend zum Antrag gemäss Ziff. 3 der Beschwerdefrist (recte: Be-
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schwerdeschrift) sei zudem festzustellen, dass der Vollzug der Wegwei-
sung nicht möglich sei und es sei von Vollzugshandlungen abzusehen be-
ziehungsweise es seien die Ausweisungsmodalitäten den gegebenen Um-
ständen anzupassen. Mit der Replik wurden ein Auszug aus der Schnell-
recherche der SFH-Länderanalyse vom 10. April 2020 zu Sri Lanka (Aktu-
elle politische Situation, Überwachung der Diaspora, Geldsammeln im Aus-
land für Kriegsopfer) sowie ein Zeitungsartikel aus der Internetzeitung
Asian Tribune vom 21. Mai 2020 eingereicht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1
VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – un-
ter nachstehendem Vorbehalt – einzutreten.
1.4 Gemäss Art. 55 Abs. 1 VwVG hat die Beschwerde in Verwaltungssa-
chen aufschiebende Wirkung und das SEM hat die aufschiebende Wirkung
der Beschwerde nicht entzogen (Art. 55 Abs. 2 VwVG). Auf den Antrag, es
sei die aufschiebende Wirkung (der Beschwerde) festzustellen, ist daher
mangels Rechtsschutzinteresses nicht einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
4.
4.1 Festzustellen ist zunächst, dass das SEM entgegen der Annahme in
der Replik seine Vernehmlassung nicht verspätet, sondern innert einmalig
erstreckter Frist eingereicht hat (vgl. Sachverhalt Bst. I). Der Antrag in der
Replik, die Vernehmlassung des SEM sei (als verspätet eingereicht) aus
dem Recht zu weisen, ist folglich abzuweisen. Ohnehin könnten auch eine
verspätet eingereichte Vernehmlassung im Rahmen von Art. 32 Abs. 2
VwVG berücksichtigt werden.
4.2 Das SEM kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an
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die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG stand.
So habe der Beschwerdeführer in der BzP unter anderem angegeben,
Ende 2011, als er bei seinen Eltern zu Besuch geweilt habe, von Angehö-
rigen des CID festgenommen und drei Tage im (...) festgehalten worden
zu sein, worauf er mit Hilfe seiner Eltern sowie eines Dorfvorstehers frei-
gelassen worden sei. Demgegenüber falle auf, dass er diese zweifellos
einschneidende mehrtägige Inhaftierung in der Anhörung mit keinem Wort
mehr erwähnt habe, obwohl ihm zuvor zugesichert worden sei, dass er
seine Asylgeschichte von Anfang an erzählen könne und er am Ende der
Anhörung bestätigt habe, alles Wesentliche seines Asylgesuchs erzählt zu
haben.
Weiter habe er in der BzP dargelegt, (im Jahr 2014) in E._ auf sei-
nem Grundstück zweimal von Soldaten angehalten, kontrolliert und abge-
führt worden zu sein, wogegen er bei der Anhörung von CID-Angehörigen
in Zivil gesprochen habe. Er habe diesen Widerspruch auf Vorhalt nicht
ausreichend ausräumen können.
Hinsichtlich seiner Befragung durch CID-Leute im Mai 2015 habe er bei der
BzP ausgeführt, diese seien zu ihm nach Hause gekommen, wobei er nicht
zugegen gewesen sei. Daraufhin habe der CID ihn angerufen und ange-
wiesen, nach Hause zu kommen. Nach seiner Rückkehr sei er befragt und
anschliessend ins Camp gebracht worden, wo die Befragung fortgesetzt
worden sei. Demgegenüber habe er bei der Anhörung zunächst geltend
gemacht, am 19. Mai 2015 seien Angehörige des CID nach Hause gekom-
men und hätten ihn gesucht, wobei er unterwegs gewesen sei. Am folgen-
den Tag seien die CID-Leute erneut zu Hause vorbeigekommen und hätten
ihn mitgenommen. Im weiteren Verlauf der Anhörung habe er jedoch ange-
geben, die CID-Leute hätten ihn an diesem Tag auf einer Hochzeitsfeier
festgenommen, um auf weiteren Vorhalt hin, laut Aussagen in der BzP be-
reits am ersten Tag telefonisch nach Hause zitiert worden zu sein, zu er-
klären, die CID-Leute hätten ihn effektiv am zweiten Tag nicht persönlich
auf der Hochzeitsfeier abgeholt, sondern er sei damals vom CID von seiner
Wohnung aus telefonisch nach Hause zitiert worden.
Im Weiteren falle auf, dass seine Aussagen zu den Umständen der angeb-
lichen Befragungen karg, kaum detailliert und substanzlos ausgefallen
seien. Die Erkenntnisse der Glaubwürdigkeitsforschung würden ein Sys-
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Seite 10
tem von Hinweisen liefern, die für wahrheitsgemässe Darlegungen (so ge-
nannte Realitätskennzeichen) sprechen würden. Solche seien insbeson-
dere eine detaillierte Schilderung, ein freies assoziatives Erzählen, Interak-
tionsschilderung (z.B. Dialoge) sowie inhaltliche Besonderheiten. Solche
Realitätskennzeichen würden in seinem Vortrag fast gänzlich fehlen. Ge-
rade bei Festnahmen sowie insbesondere bei Inhaftierungen und den da-
bei teilweise erlittenen Schlägen würde es sich indes um einschneidende
Ereignisse handeln, die erfahrungsgemäss besonders gut im Gedächtnis
haften bleiben würden. Auch diese Auffälligkeiten deuteten darauf hin, dass
er sich auf konstruierte Erlebnisse berufe.
Weiter habe er hinsichtlich des Ausreisegrunds der Festnahme von Ge-
schäftspartnern in der BzP angegeben, am 30. März 2016 sei sein Ge-
schäftspartner Z._ festgenommen worden, worauf er zu Hause ge-
sucht worden sei. In der Anhörung habe er jedoch angegeben, im März
2016 sei zunächst Z._, zwei Tage später auch noch dessen Arbeit-
geber Y._ festgenommen worden, wobei er erst nach der Fest-
nahme des Letzteren gesucht worden sei. Diese Aussagen seien nicht mit-
einander vereinbar.
Die Strafuntersuchungen gegen seinen Bruder I._ könnten die be-
schädigte Glaubhaftigkeit seiner Asylbegründung nicht wiederherstellen.
Diese angebliche Strafuntersuchung sei nämlich kein zentrales Element
seiner Asylbegründung gewesen. Ausserdem habe er nicht glaubhaft ma-
chen können, deswegen einer Verfolgung ausgesetzt gewesen zu sein.
Bei den Bestätigungsschreiben handle es sich naturgemäss um Gefällig-
keitsschreiben mit wenig Beweiswert. Zudem dürften die Angaben der Aus-
steller auf reinem Hörensagen beruhen, da keiner derselben ausgesagt
habe, Zeuge der gegen den Beschwerdeführer eingeleiteten Verfolgungs-
massnahmen geworden zu sein.
Soweit der Beschwerdeführer behaupte, 2013 im Rahmen seiner Trans-
portdienste zugunsten von Wahlkämpfern der TNA von Anhängern der
EDPD bedroht beziehungsweise von Unbekannten in D._ zusam-
mengeschlagen worden zu sein, ermangle es diesen Vorkommnissen un-
geachtet ihrer Glaubhaftigkeit des hinreichenden zeitlichen und sachlichen
Zusammenhangs zwischen Verfolgung und Ausreise, weshalb diese
gleichfalls keine Asylrelevanz entfalten könnten.
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4.3 In der Vernehmlassung hält das SEM ergänzend fest, der Beschwer-
deführer habe in der Anhörung auf Nachfrage hin erklärt, sein Laden und
sein Lager hätten sich in seinem Hof befunden. Bei der BzP habe er dem-
gegenüber angegeben, keinen Laden gehabt zu haben. Weiter habe er in
der Beschwerde (unter Ziff. 20) bestätigt, in der BzP angegeben zu haben,
von Soldaten abgeführt worden zu sein. Laut seinen Angaben in der Anhö-
rung seien es indes CID-Angehörige in Zivil gewesen. Nach seinen Aussa-
gen seien Militärgeheimdienst, CID und Soldaten nur schwer voneinander
zu unterscheiden. Nach dem Dafürhalten des SEM bestehe jedoch die Re-
gelvermutung, dass Soldaten Uniform tragen würden.
5.
5.1 Vorweg ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer bereits in der BzP
seine Gründe für das Verlassen des Heimatlandes ausführlich schildern
konnte. So hat er zunächst die Gelegenheit erhalten, diese in freier Rede
darzulegen (vgl. act. A5/13 S. 8 f., Ziff. 7.01), wobei der Mitarbeiter des
SEM gar zweimal nachfragte, ob er nun alle Ausreisegründe erwähnt habe.
Dabei schilderte der Beschwerdeführer im Kern bereits sämtliche Ge-
schehnisse, die im Sachverhalt unter Bst. A wiedergegeben sind (Arbeit als
[...]) im Vanni-Gebiet für die LTTE; Verletzung bei einer Bombenexplosion
im Jahr 2008; Fluchtversuch nach F._ per Boot im März 2009; Ver-
haftung durch die sri-lankische Marine und Transferierung in das Flücht-
lingslager in H._ und Verhör; Identifizierung seiner Schwester als
LTTE-Mitglied und Transferierung derselben in ein anderes Lager; Entlas-
sung der Mutter, des jüngeren Bruders sowie des Beschwerdeführers aus
dem Lager H._ im August 2009; weitere Befragung des Beschwer-
deführers im CID-Camp von L._ und daran anschliessende dreimo-
natige Meldepflicht; Heirat im Dezember 2009 und Umzug nach
M._; mehrmalige Befragung durch CID-Angehörige nach seinem
Umzug nach M._; Beginn seiner Geschäftstätigkeit als Händler von
(...); Festnahme seines jüngeren Bruders I._ im August 2010 auf
dem Weg nach E._ (Grundbesitz der Familie) und Inhaftierung bis
2011 oder 2012; Flucht desselben nach seiner Entlassung nach
O._; dreitägige Festnahme des Beschwerdeführers Ende 2011
durch das CID nach dem Besuch seiner Eltern wegen des jüngeren Bru-
ders; Transport von Wahlkämpfern der TNA im durch Beschwerdeführer im
Jahr 2013 im Van eines Onkels, Anfeindungen durch Leute der EPDP und
Überfall auf Beschwerdeführer durch unbekannte Personen etwa 20 Tage
nach den Wahlen sowie Spitalaufenthalt in P._; Festnahme des Be-
schwerdeführers 2014 durch sri-lankische Sicherheitskräfte auf einer fami-
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Seite 12
lieneigenen Landparzelle in E._ unter Verdächtigung zu LTTE-Ver-
bindungen; zweimalige Befragung des Beschwerdeführers im Mai 2015
durch Angehörige des CID im Camp von R._ zu LTTE-Kontakten –
am zweiten Tag zusammen mit seiner Ehefrau; erneute Befragung des Be-
schwerdeführers durch das CID im Camp von R._ am 7. Juni 2015
und massive Misshandlung; Gang zu einer Menschenrechtsorganisation
am 8. Juni 2015, die ihn jedoch aufgefordert habe, eine Anzeige bei der
Polizei zu machen; Wegzug nach S._ – erneute behördliche Suche
nach seiner Person in M._ – Wegzug nach T._ zu einer
Tante – Festnahme seines Geschäftspartners Z._ im März 2016 –
erneute behördliche Suche in M._ – Ausreise am 2. Mai 2016). Da-
raufhin stellte ihm das SEM noch diverse Zusatzfragen zu seinen Asylgrün-
den (vgl. a.a.O., S. 9 f. Ziff. 7.02). Auch in der Anhörung zu den Asylgrün-
den wurde dem Beschwerdeführer die Möglichkeit eingeräumt, zunächst
aus seiner Sicht seine ganze Asylgeschichte zu erzählen (vgl. act. A11/20
S. 8 f. F70), woraufhin ihm zusätzlich zahlreiche vertiefende Fragen ge-
stellt wurden (vgl. a.a.O., S. 9 ff. F71 ff.).
5.2
5.2.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer-
deführer habe eine dreitägige Festnahme und Befragung durch CID-Leute
(im Zusammenhang mit seinem jüngeren Bruder) Ende des Jahres 2011
bei der Anhörung nicht mehr erwähnt, weshalb an der Glaubhaftigkeit des
fraglichen Ereignisses zu zweifeln sei. In der Beschwerde wird entgegnet,
er habe diesem Vorkommnis sowohl vor dem Hintergrund der intensiven
Befragungen im Flüchtlingslager im Jahr 2009 als auch den späteren, teil-
weise mit Folter verbundenen Befragungen keine grosse Bedeutung bei-
gemessen, weshalb er es in der Anhörung nicht mehr erwähnt habe (vgl.
a.a.O., S. 6 Ziff. 19). Wiewohl sowohl die Befragung in der BzP als auch
die Anhörung sehr ausführlich ausgefallen sind, kann nicht ausgeschlos-
sen werden, dass der Beschwerdeführer dieses Geschehnis bei der Anhö-
rung nicht (mehr) erwähnte, weil es für ihn im Gesamtkontext keine grosse
Bedeutung hatte. Letztlich kann aufgrund der nachfolgenden Erwägungen
(vgl. E. 5.3.3) jedoch offenbleiben, ob die dreitägige Festnahme des Be-
schwerdeführers Ende des Jahres 2011 glaubhaft ist oder nicht.
5.2.2 Die Vorinstanz erblickte sodann einen Widerspruch darin, dass der
Beschwerdeführer bei der BzP erwähnt habe, Soldaten hätten ihn im Jahr
2014 von seinem Grundstück in E._ abgeführt, während es bei der
Anhörung CID-Leute in Zivil gewesen sein sollen. In der Beschwerde wird
diesbezüglich argumentiert, er sei sich nicht sicher gewesen, um wen es
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sich gehandelt habe, da Militärgeheimdienst, CID und Soldaten nur schwer
voneinander zu unterscheiden seien. Die Personen, welche ihn abgeführt
hätten, seien aber sicherlich in Zivil gekleidet gewesen (vgl. a.a.O., S. 6 f.
Ziff. 20). In der Vernehmlassung vertritt das SEM den Standpunkt, Solda-
ten würden im Regelfall uniformiert auftreten.
Die Annahme des SEM, Soldaten seien in der Regel uniformiert, mutet be-
zogen auf den Einzelfall spekulativ an. Nichtsdestotrotz verfängt die Argu-
mentation in der Beschwerde nicht, der Beschwerdeführer habe nicht ge-
nau erkennen können, wer die ihn abführenden Sicherheitsleute in Zivil ge-
wesen seien, zumal er in der Anhörung unmissverständlich erklärt hat,
diese hätten sich ihm gegenüber mit Arbeitsausweisen als CID-Angehörige
ausgewiesen (vgl. act. A11/20 S. 9 f. F75 bis 79). Diese Aussage steht in
eklatantem Widerspruch zur früheren Aussage des Beschwerdeführers bei
der BzP, er sei damals von Soldaten festgenommen worden. Die pauschale
Argumentation in der Replik, CID-Angehörige, die dem Militär angegliedert
seien, würden auch als Soldaten (in zivil) wahrgenommen (vgl. a.a.O., S. 5
Ziff. 8), vermag nicht zu überzeugen. Es ist folglich unglaubhaft, dass der
Beschwerdeführer im Verlaufe des Jahres 2014 auf einer familieneigenen
Landparzelle im Vanni-Gebiet zweimal von Sicherheitsleuten festgenom-
men und befragt worden sein soll.
5.2.3 In Bezug auf die angebliche Festnahme und Befragung durch CID-
Leute im Mai 2015 erweisen sich die Schilderungen des Beschwerdefüh-
rers hinsichtlich der konkreten Festnahmemodalitäten ebenfalls als äus-
serst inkonsistent: So erklärte er bei der Anhörung beim freien Vortrag sei-
ner Asylgründe zunächst, CID-Leute hätten ihn am 19. Mai 2015 zuhause
gesucht, wobei er unterwegs gewesen sei. Am nächsten Tag seien die CID-
Leute wieder zuhause erschienen und hätten ihn mitgenommen (vgl. act.
A11/20 S. 8 F70). Am 21. Mai 2015 seien er und seine Frau nochmals zu
Befragungen ins Camp von R._ einbestellt worden. Zu einem spä-
teren Zeitpunkt der Anhörung behauptete der Beschwerdeführer jedoch, er
sei am 20. Mai 2015 auf einer Hochzeit gewesen, wobei ihn die CID-Leute
dort abgeholt hätten (vgl. a.a.O., S. 10 F82 und F89 f.). Auf Vorhalt hin, er
habe in der BzP ausgesagt, die CID-Leute hätten ihn damals telefonisch
nachhause beordert, erklärte er plötzlich, seine Frau habe ihm auf die
Hochzeitsfeier angerufen und ihn im Auftrag des CID nachhause bestellt
(vgl. a.a.O., S. 15 f. F150). Auf abermaligen Vorhalt hin, er habe doch zu
einem früheren Zeitpunkt erklärt, (von CID-Leuten) von der Hochzeit aus
weggebracht worden zu sein, äusserte er sich dahingehend, aus Angst
habe ihn damals eine Person auf seinen Wunsch hin nach Hause begleitet,
D-137/2020
Seite 14
weshalb er früher davon gesprochen habe, "nach Hause gebracht" worden
zu sein (vgl. a.a.O., S. 16 F151). Angesichts der aufgezeigten Widersprü-
che sowie des spezifischen Aussageverhaltens des Beschwerdeführers
verfängt der Einwand in der Beschwerde nicht, er könne sich "nicht mehr
genau an alle Verhaftungen erinnern" (vgl. a.a.O., S. 7 Ziff. 21). Darüber
hinaus vermag auch der weitere Einwand, er hätte die behördliche Vor-
sprache während der Hochzeitsfeier bereits in der BzP erzählen wollen, sei
aber zur Kürze angehalten worden, angesichts seiner detaillierten dortigen
Schilderungen (vgl. a.a.O., S. 7 Ziff. 21), nicht zu überzeugen. Nach dem
Gesagten können dem Beschwerdeführer auch die Befragungen im Mai
2015 durch Angehörige des CID nicht geglaubt werden. Damit entfällt im
Ergebnis auch die Glaubhaftigkeit der angeblichen letzten Einvernahme
des Beschwerdeführers durch das CID am 7. Juni 2015, soll diese doch im
Nachgang zu den Befragungen im Mai 2015 vereinbart worden sein, die
sich als unglaubhaft erwiesen haben. Ergänzend ist zu festzuhalten, dass
sich auch die Angaben des Beschwerdeführers darüber, wann und in wel-
chem Rahmen er zu seiner letzten Befragung vom 7. Juni 2015 aufgeboten
worden sein will, als unstimmig erweisen. So erklärte der Beschwerdefüh-
rer einerseits, am 21. Mai 2015 nach der Befragung zusammen mit seiner
Frau nochmals persönlich für eine Befragung auf den 7. Juni 2015 aufge-
boten worden zu sein (vgl. act. A11/20 S. 12 f. F112 bis 114). Andererseits
wird in der Beschwerde behauptet, er habe eine zusätzliche Befragung, bei
der ihm im Wesentlichen nur der weitere Gesprächstermin vom 7. Juni
2015 mitgeteilt worden sei, erst im Verlaufe der Anhörung erwähnt, weil
dies gar keine richtige Befragung und deswegen leicht zu vergessen ge-
wesen sei (vgl. a.a.O., S. 7 Ziff. 22).
5.2.4 Als widersprüchlich zu bewerten sind schliesslich die Angaben des
Beschwerdeführers in Bezug auf die angebliche Festnahme von Ge-
schäftskollegen im März 2016. So erwähnte er in der BzP ausschliesslich
die Festnahme des Arbeitskollegen Z._ und fügte hinzu, seit des-
sen Festnahme sei er selber erneut zu Hause gesucht worden (vgl. act. A5
S. 9 Ziff. 7.01). In der Anhörung sprach er demgegenüber davon, im März
2016 sei zunächst Z._, zwei Tage später dann auch dessen Arbeit-
geber Y._ festgenommen worden, wobei er erst nach der Fest-
nahme des Letzteren gesucht worden sei (vgl. act. A11/20 S. 9 F70). Sein
auf Vorhalt in der Anhörung abgegebene Erklärung, er habe in der BzP
nicht alles ausführlich erzählen können (vgl. a.a.O., S. 16 F153), überzeugt
angesichts der ausführlichen Befragung in der BzP nicht.
D-137/2020
Seite 15
5.2.5 Nach dem Gesagten ist übereinstimmend mit dem SEM der Schluss
zu ziehen, dass der Beschwerdeführer bezogen auf den Zeitpunkt seiner
Ausreise aus Si Lanka keine asylrelevante Verfolgung glaubhaft zu ma-
chen vermochte. Daran vermögen auch die drei Bestätigungsschreiben ei-
nes Priesters, eines Parlamentariers und des Mitglieds eines örtlichen Bau-
ernverbandes nichts zu ändern, kommt diesen doch grundsätzlich nur ein
beschränkter Beweiswert zu, zumal sie sich Ergebnis nur auf die Angaben
des Beschwerdeführers stützen, die sich in weiten Teilen als unglaubhaft
erwiesen haben.
5.3
5.3.1 Das SEM stellte weiter fest, es bestehe kein begründeter Anlass zur
Annahme, der Beschwerdeführer sei bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft asylrelevan-
ten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt. Es gelte zu prüfen, ob er im Falle
der Rückkehr begründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen
im Sinne von Art. 3 AsylG habe. Diese Prüfung sei gemäss dem Referenz-
urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 an-
hand von Risikofaktoren vorzunehmen. Rückkehrer, die illegal ausgereist
seien, über keine gültigen Identitätsdokumente verfügten, im Ausland ein
Asylverfahren durchlaufen hätten oder behördlich gesucht würden, würden
am Flughafen zu ihrem Hintergrund befragt. Diese Befragung und das all-
fällige Eröffnen eines Strafverfahrens wegen illegaler Ausreise stellten
keine asylrelevante Verfolgungsmassnahme dar. Regelmässig würden
Rückkehrer auch am Herkunftsort zwecks Registrierung, Erfassung der
Identität, bis hin zur Überwachung der Aktivitäten der Person befragt. Diese
Kontrollmassnahmen nähmen grundsätzlich kein asylrelevantes Ausmass
an. Der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft gemacht, vor der Ausreise
asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein.
Vielmehr habe er bis Ende (recte: Anfang) Mai 2016 in Sri Lanka gelebt,
mithin noch rund sieben Jahre seit Ende des Bürgerkrieges. Allfällige, im
Zeitpunkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten folglich kein Ver-
folgungsinteresse der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht. Auf-
grund der Aktenlage sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr in
Sri Lanka in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte.
Auch die am 16. November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl mit dem
Sieg von Gotabaya Rajapaksa könne diese Einschätzung nicht umstossen.
Dieser sei der Bruder von Mahinda Rajapaksa, welcher von 2005 bis 2015
Präsident von Sri Lanka gewesen sei. Unter ihm sei Gotabaya Rajapaksa
Sekretär im Verteidigungsministerium und faktisch für die Kriegsführung im
D-137/2020
Seite 16
Bürgerkrieg gegen die LTTE verantwortlich gewesen. Gotabaya Rajapaksa
würden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Mit seiner Wahl zum Präsidenten
gingen Befürchtungen von mehr Repression und Überwachung von Men-
schenrechtsaktivisten und Minderheiten einher. Dennoch bestehe aktuell
kein Anlass zur Annahme, ganze Volksgruppen seien kollektiv einer Verfol-
gungsgefahr ausgesetzt. Voraussetzung für die Annahme einer Verfol-
gungsgefahr aufgrund der Präsidentschaftswahlen vom 16. November
2019 sei ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Person zu diesem Er-
eignis respektive dessen Folgen. Ein allgemeiner Verweis auf politische
Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit sowie mögliche zukünftige Er-
eignisse reichten nicht aus. Ein solch persönlicher Bezug sei vorliegend
nicht gegeben.
Ebenfalls keine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen könne er aus
dem Umstand ableiten, dass gegen seinen Bruder und weitere verdächtige
Personen im Jahre 2010 eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet wor-
den sei, soll dieser doch freigelassen und anschliessend ins Ausland ver-
reist sein. Ausserdem habe der Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen
können, in diesem Zusammenhang überhaupt asylrelevanten Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Dasselbe gelte in Bezug auf
seine Situation angesichts der angeblichen früheren LTTE-Mitgliedschaft
seiner Schwester, die immer noch der Meldepflicht unterstehen solle.
5.3.2 In der Beschwerde wird demgegenüber geltend gemacht, nach der
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts würden Personen, die
auch nach Beendigung des Bürgerkriegs unter Verdacht stünden, mit der
LTTE in Verbindung zu stehen oder gestanden zu haben, einer erhöhten
Verfolgungsgefahr unterliegen. Auch die Verwandtschaft mit einem ver-
meintlichen oder tatsächlichen LTTE-Mitglied, das Vorliegen früherer Ver-
haftungen durch die sri-lankischen Behörden, das Fehlen der erforderli-
chen Identitätspapiere bei der Einreise in Sri Lanka, die Asylgesuchstellung
im Ausland sowie Narben am Körper der Rückkehrenden würden als Risi-
kofaktoren gelten (vgl. a.a.O., S. 9 f. Ziff. 35). Weiter wird auf die Zuspit-
zung der politischen Lage in Sri Lanka hingewiesen, wobei sich politische
Gegner des Rajapaksa-Clans zunehmend in Gefahr fühlen würden. Er-
wähnt wird auch die Entführung einer Mitarbeiterin der Schweizerischen
Botschaft in Colombo am 25. November 2019 (vgl. a.a.O., S. 10 f. Ziff. 36).
In der Replik wird hinsichtlich der politischen Entwicklung in Sri Lanka
nachgetragen, die Absetzung des Parlaments durch den neuen Präsiden-
ten anfangs März 2020 und die Besetzung praktisch sämtlicher wichtiger
Ministerien mit ranghohen Militärs lasse Ungutes, etwa ein offenes oder
D-137/2020
Seite 17
verdecktes Einsetzen eines Militärregimes, erahnen. Die in Kürze zu er-
wartende Unterstellung der Nordprovinzen unter das militärische Ober-
kommando lasse erwarten, dass sich die Repression gegen Tamilen mit
Risikoprofil massiv verstärken werde (vgl. a.a.O., S. 6 f. Ziff. 12).
5.3.3 In Bezug auf ein allfälliges asylbeachtliches Risikoprofil des Be-
schwerdeführers im Sinne des Referenzurteils des Bundesverwaltungsge-
richts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 8 ist zunächst festzuhalten, dass
dieser nicht glaubhaft machen konnte, in der jüngeren Vergangenheit we-
gen angeblicher Verbindungen zu den LTTE behördlichen Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Daran vermag auch der Um-
stand nichts zu ändern, dass er möglicherweise – wie zahlreiche Lands-
leute auch – nach dem Ende des Bürgerkriegs in einem Flüchtlingslager
interniert und dort möglicherweise im Zusammenhang mit den LTTE be-
fragt wurde, zumal er im August 2009 aus dem Lager entlassen wurde.
Auch die allfällige kurzzeitige Befragung durch Angehörige des CID nach
seiner Ankunft in N._ im Dezember 2009 lässt nicht darauf schlies-
sen, dass die heimatlichen Behörden ihn weiterhin zu Kontakten mit den
LTTE verdächtigt hätten, konnte er doch nicht glaubhaft dartun, in der Fol-
gezeit bis zu seiner Ausreise aus Sri Lanka im Mai 2016 deswegen behörd-
lich angehalten und befragt worden zu sein.
Was seine zwei Geschwister betrifft ist folgendes festzuhalten: Wie den bei
den Akten befindlichen Gerichtsunterlagen zu entnehmen ist, wurde der
jüngere Bruder des Beschwerdeführers zusammen mit vier weiteren Per-
sonen am (...) 2010 bei einer Razzia in der Nähe des Armeecamps (...)
(im Vanni-Gebiet) festgenommen, weil er sich ohne Erlaubnis in militäri-
schem Sperrgebiet aufgehalten hat, worauf eine Strafuntersuchung einge-
leitet wurde (vgl. Beweismittelkuvert A12 Ziff. 8). In der Folge wurde der
Bruder jedoch laut Angaben des Beschwerdeführers auf gerichtliche An-
ordnung hin im Jahr 2011 (vgl. act. A5/13 S. 8 Ziff. 7.01)
oder 2012 wieder freigelassen (vgl. act. A11/20 S. 8 F70). Der Bruder soll
sich anschliessend nach O._ begeben haben. In diesem Zusam-
menhang fällt allerdings auf, dass der Beschwerdeführer hinsichtlich der
Gründe, welche seinen Bruder zur Ausreise nach O._ verhalten ha-
ben sollen, unterschiedliche Angaben machte. So erklärte er in der BzP,
nach der Entlassung seines jüngeren Bruders im Jahr 2011 sei einer seiner
drei Mithäftlinge erneut festgenommen worden (vgl. act. A5/13 S. 8
Ziff. 7.01). Bei der Anhörung machte er demgegenüber geltend, der Bruder
habe ausreisen müssen, weil nach der Entlassung seiner fünf Freunde ei-
ner dieser Freunde verschollen sei (vgl. act. A11/20 S. 6 F51), CID-Leute
D-137/2020
Seite 18
die ganze Familie beschuldigt hätten, ein Landstück in E._ von den
LTTE erhalten zu haben (vgl. a.a.O., S. 8 F70), beziehungsweise weil ein
Freund seines Bruders, der auch Mitglied der LTTE gewesen sei, nach des-
sen Freilassung festgenommen worden sei (vgl. a.a.O., S. 19 Anm. 2).
Weiter fällt auf, dass der Beschwerdeführer bei der Anhörung weder
wusste, wo sein Bruder in O._ wohne, noch anzugeben vermochte,
welchen Aufenthaltsstatus er dort habe (vgl. a.a.O., S. 6 F48 f.). Schliess-
lich vermochte er nicht glaubhaft zu machen, dass er zeitnah zu seiner
Ausreise behördliche Schwierigkeiten wegen seines Bruders in O._
hatte. Letztere Feststellung gilt auch in Bezug auf seine Schwester, welche
laut Angaben des Beschwerdeführers zusammen mit ihren Eltern in
K._ leben und dort einer Meldepflicht unterstehen soll (vgl. act.
A11/20 S. 4 F23 f. i.V.m. S. 14 F133). Zu den Entwicklungen der allgemei-
nen politischen Lage in Sri Lanka ist festzustellen, dass in keiner Weise
erkennbar ist, wie sich diese zum heutigen Zeitpunkt auf den Beschwerde-
führer auswirken könnten. Diesbezüglich kann auf die zutreffenden Erwä-
gungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. An dieser Ein-
schätzung ändert die erfolgte Entführung und Verhaftung einer sri-lanki-
schen Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Colombo nichts, da
diesbezüglich kein individueller Bezug zum Beschwerdeführer ersichtlich
ist. Gemäss Auskunft der Schweizerischen Botschaft sind in diesem Zu-
sammenhang keine Informationen an die sri-lankischen Behörden gelangt,
so dass keine Anhaltspunkte auf eine erhöhte Gefährdungssituation vorlie-
gen. Angesichts des Gesagten ist auch nicht von einem asylerheblichen
Risikoprofil des Beschwerdeführers im Sinne des Referenzurteils des Bun-
desverwaltungsgericht E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 8 auszugehen.
5.4 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Nach dem Gesagten hat das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylge-
such abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
D-137/2020
Seite 19
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.3 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
D-137/2020
Seite 20
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri
Lanka ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka
lässt den Wegweisungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen (vgl. Refe-
renzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2 sowie statt
vieler Urteil des BVGer E-895/2020 vom 15. April 2020 E. 9.2). Es ergeben
sich aus den Akten auch keine konkreten Hinweise darauf, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genann-
ten "Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im
In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre. Daran vermögen der Regierungswechsel vom November 2019 so-
wie die seither veränderte Lage in Sri Lanka nichts zu ändern. Der Weg-
weisungsvollzug erweist sich somit als zulässig.
7.4
7.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen, und es herrscht weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1). Ge-
mäss Rechtsprechung ist der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ost-
provinz zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015
D-137/2020
Seite 21
vom 15. Juli 2016 E. 13.2). An dieser Einschätzung vermögen die Gewalt-
vorfälle in Sri Lanka vom 21. April 2019, der gleichentags von der sri-lanki-
schen Regierung verhängte und am 28. August 2019 aufgehobene Aus-
nahmezustand sowie die mit den Wahlen im November 2019 zusammen-
hängenden gewalttätigen Ausschreitungen nichts zu ändern (vgl. dazu statt
vieler Urteil BVGer E-895/2020 vom 15. April 2020 E. 9.3). Vorliegend spre-
chen auch keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs. Der Beschwerdeführer stammt zwar ursprünglich aus
D._, Distrikt P._ im Vanni, hat aber seit Dezember 2009 in
N._ (Distrikt Jaffna, Nordprovinz) gelebt, wohin der Vollzug der
Wegweisung grundsätzlich als zumutbar zu erachten ist. Im Weiteren ver-
fügt der Beschwerdeführer in Sri Lanka über ein familiäres Umfeld (vgl. act.
A5/13 S. 5 Ziff. 3.01 sowie A11/20 F9 bis 16 und F19 bis 33 sowie F41). In
beruflicher Hinsicht war er als selbständiger Händler für (...) tätig (vgl. act.
A5/13 S. 4 f. Ziff. 1.17.05 sowie A11/20 F42 f. und F45 f.). Es ist somit nicht
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka in eine existentielle Notlage geraten wird. Der Vollzug der Weg-
weisung erweist sich demnach nicht als unzumutbar.
7.5 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12).
Dem Vollzug der Wegweisung steht auch die Corona-Pandemie nicht ent-
gegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um ein temporäres
Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die
kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt
des Vollzugs der Wegweisung der Situation in Sri Lanka angepasst wird
(vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e sowie statt vieler Urteil des
BVGer D-4796/2019 vom 27. April 2020 E. 8.9). Der Vollzug der Wegwei-
sung ist daher auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
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Seite 22
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit auf
diese einzutreten ist.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm indessen mit Zwi-
schenverfügung vom 29. Januar 2020 zufolge Bedürftigkeit die unentgelt-
liche Prozessführung sowie – unter Vorbehalt der rechtzeitigen Benennung
– die amtliche Rechtsverbeiständung nach aArt. 110a Abs. 1 AsylG ge-
währt wurde und sich an den Voraussetzungen dazu nichts geändert hat,
sind ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
10.
Dem mit Verfügung vom 29. Januar 2020 für das Beschwerdeverfahren
amtlich beigeordneten Rechtsvertreter ist ein Honorar auszurichten (vgl.
für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff.
VGKE). Das Gericht legt der amtlichen Verbeiständung bei anwaltlichen
Vertretern einen Tarif von Fr. 200.– bis Fr. 220.– zugrunde. Der Rechtsver-
treter hat keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb das Gericht die
auszurichtende Entschädigung auf Grund der Akten festsetzt (Art. 14
Abs. 2 VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfak-
toren (Art. 9 ff. VGKE) ist dem Rechtsbeistand ein Betrag von Fr. 1'000.–
(inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen.
Dispositiv nächste Seite)
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