Decision ID: 0659521a-106b-4490-9efb-8c50db54bfee
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Mit Verfügung vom 24. September 2019 stellte das SEM fest, der Ge-
suchsteller erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
vom 27. Oktober 2016 ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug an.
A.b Mit Urteil D-5604/2019 vom 3. Dezember 2019 wies das Bundesver-
waltungsgericht die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom
25. Oktober 2019 ab.
B.
Mit Eingabe vom 16. Dezember 2019 gelangte der Gesuchsteller an das
Bundesverwaltungsgericht. Er ersuchte um revisionsweise Aufhebung des
Urteils D-5604/2019 vom 3. Dezember 2019. In prozessualer Hinsicht be-
antragte er, den Vollzug bis zum Urteil des Gerichtes aufzuschieben und
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten sowie ihm eine
Rechtsvertretung beizuordnen. Mit dem Revisionsgesuch reichte der Ge-
suchsteller ein Dokument mit dem Titel «Gotabaya Rajapaksa’s Präsident-
schaft – Menschenrechte unter Beschuss» als Beweismittel zu den Akten.
C.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 18. Dezember 2019 setzte die
Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung gestützt auf Art. 126
BGG per sofort einstweilen aus.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Dezember 2019 hielt die Instruktionsrich-
terin fest, die Eingabe vom 16. Dezember 2019 werde als Revisionsgesuch
entgegengenommen, der Wegweisungsvollzug bleibe ausgesetzt und der
Gesuchsteller könne den Ausgang des Revisionsverfahrens in der Schweiz
abwarten. Ferner hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses, wies jedoch das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
verbeiständung ab.
D-6694/2019
Seite 3

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet gemäss Art. 105 AsylG
(SR 142.31) auf dem Gebiet des Asyls in der Regel endgültig über Be-
schwerden gegen Verfügungen des SEM (vgl. zur Ausnahme Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG). Es ist ausserdem zuständig für die Revision von Urteilen, die
es in seiner Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE
2007/21 E. 2.1).
1.2 Gemäss Art. 45 VGG gelten für die Revision von Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts die Art. 121–128 BGG sinngemäss. Nach Art. 47 VGG
findet auf Inhalt, Form und Ergänzung des Revisionsgesuches Art. 67
Abs. 3 VwVG Anwendung.
1.3 Das Revisionsgesuch ist ein ausserordentliches Rechtsmittel, das sich
gegen einen rechtskräftigen Beschwerdeentscheid richtet. Wird das Ge-
such gutgeheissen, beseitigt dies die Rechtkraft des angefochtenen Ur-
teils, und die bereits entschiedene Streitsache ist neu zu beurteilen (vgl.
MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs-
gericht, 2. Aufl. 2013, S. 303 Rz. 5.36).
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht auf Gesuch hin seine Urteile aus
den in Art. 121–123 BGG aufgeführten Gründen in Revision (Art. 45 VGG).
Nicht als Revisionsgründe gelten Gründe, welche die Partei, die um Revi-
sion nachsucht, bereits im ordentlichen Beschwerdeverfahren hätte gel-
tend machen können (sinngemäss Art. 46 VGG).
2.
2.1 Im Revisionsgesuch ist insbesondere der angerufene Revisionsgrund
anzugeben und die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens im Sinne von
Art. 124 BGG darzutun.
2.2 Der nicht vertretene Gesuchsteller macht sinngemäss den Revisions-
grund versehentliches Nichtberücksichtigen in den Akten liegender erheb-
licher Tatsachen (Art. 121 Bst. d BGG) geltend und zeigt implizit die Recht-
zeitigkeit des Revisionsbegehrens auf. Auf das frist- und formgerecht ein-
gereichte Revisionsgesuch ist deshalb einzutreten.
D-6694/2019
Seite 4
3.
3.1 Gemäss Art. 121 Bst. d BGG kann die Revision eines Urteils verlangt
werden, wenn das Gericht in den Akten liegende erhebliche Tatsachen aus
Versehen nicht berücksichtigt hat.
3.2 Der Gesuchsteller führt in seinem Revisionsgesuch aus, in Sri Lanka
hätten am 16. November 2019 Wahlen stattgefunden, wobei der Bruder
des ehemaligen Präsidenten, Gotabaya Rajapaksa, an die Macht gekom-
men sei. Dieser habe den ehemaligen Präsidenten, Mahinda Rajapaksa,
als Premier Minister eingesetzt. Beiden würden Kriegsverbrechten vorge-
worfen. Seit der Amtseinsetzung habe die Repression gegenüber Medien-
schaffenden, Angehörigen von Minderheiten und Personen, die über eine
Verbindung zu den LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) verfügen, zu-
genommen. Hierzu sei die von ihm eingereichte Zusammenstellung zu den
jüngsten Ereignissen in Sri Lanka zu beachten. Es sei stossend, dass die
aktuelle Situation in Sri Lanka im Urteil vom 3. Dezember 2019 mit keinem
Wort erwähnt worden sei. Der allgemeine Verweis auf die allgemeine Lage
im Heimat- beziehungsweise Herkunftsland würde den Gesuchsteller im
Unklaren lassen, ob das Gericht überhaupt Kenntnis von diesem Macht-
wechsel genommen und die erhöhte Gefahr für Tamilinnen und Tamilen in
irgendeiner Weise berücksichtigt habe oder nicht. Gerade bei der Beurtei-
lung des Wegweisungsvollzugs hätte das Gericht in irgendeiner Weise Be-
zug zur aktuellen Situation nehmen müssen.
3.3 Ein Übersehen einer aktenkundigen Tatsache liegt dann vor, wenn das
Gericht ein Aktenstück gar nicht zur Kenntnis genommen oder dessen Sinn
nicht richtig erfasst hat. Eine Revision scheidet aus, wenn einer bestimm-
ten Tatsache bewusst keine Rechnung getragen wird, weil das Gericht
diese für nicht ausschlaggebend hält. Ferner muss die Tatsache erheblich
sein. Erheblichkeit setzt voraus, dass die Tatsache geeignet ist, die tatbe-
ständlichen Grundlagen des Entscheids zu ändern, was bei zutreffender
rechtlichen Würdigung zu einem anderen, für den Gesuchsteller günstige-
ren Ergebnis führen würde (vgl. MOSER/ BEUSCH/KNEUBÜHLER a.a.O.
Rz. 5.51 und 5.54). Vorerst stellt sich die Frage, ob der Gesuchsteller mit
der Wahl im Heimatland überhaupt eine «in den Akten liegende Tatsache»
geltend machen kann, beziehungsweise ob eine von Amtes wegen zu be-
rücksichtigende Tatsache (Ereignis im Heimatland) überhaupt eine in den
Akten liegende Tatsache darstellen kann. Dies muss vorliegend jedoch
nicht abschliessend beurteilt werden, denn selbst wenn dies zu bejahen
wäre, führte dies – wie nachfolgend begründet – nicht zur Gutheissung der
Revision. Im Urteil vom 3. Dezember 2019 wurde festgehalten, es handle
D-6694/2019
Seite 5
sich um eine offensichtlich unbegründete Beschwerde, welche in einzel-
richterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters bezie-
hungsweise einer zweiten Richterin entschieden werde (Art. 111 Bst. e
AsylG) weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen sei (Art. 111a
Abs. 2 AsylG). Weiter wurde im Urteil dargestellt, weshalb das Gericht –
wie auch die Vorinstanz – die Vorbringen des Gesuchstellers als nicht
glaubhaft qualifiziere, namentlich dass das Gericht erhebliche Zweifel an
den geltend gemachten Problemen mit den sri-lankischen Soldaten hege,
diese ohnehin nicht kausal für die Ausreise gewesen sein könnten und die
gesamte vom Gesuchsteller geschilderte Bedrohungssituation als deutlich
übersteigert und überwiegend unwahrscheinlich erscheine. An dieser Ein-
schätzung zum Asylpunkt vermag eine Veränderung der Situation im Hei-
matland – mit Ausnahme einer allfälligen Kollektivverfolgung, von welcher
das Gericht betreffend Tamilen in Sri Lanka offensichtlich nicht ausgeht –
nichts zu ändern; bereits aus diesem Grund kann im nicht ausdrücklichen
Nennen der politischen Entwicklungen kein Übersehen liegen. Auch betref-
fend Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs wurde im summarisch be-
gründeten Urteil ausgeführt, weshalb keine Gründe – weder aufgrund der
allgemeinen Lage im Heimat- beziehungsweise Herkunftsstaat noch indi-
vidueller Art – vorliegen würden, die den Wegweisungsvollzug unzumutbar
erscheinen liessen. Zwar wurde dabei, wie vom Gesuchsteller festgehal-
ten, die Wahl von Gotabaya Rajapaksa nicht explizit erwähnt. Jedoch
wurde die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs mit der aktuellen Situ-
ation im Heimatland begründet. Diese Beurteilung weicht denn auch nicht
von der allgemeinen Rechtsprechung des Gerichts nach den erwähnten
Wahlen ab. Dass der Ausgang der Wahlen im Urteil nicht erwähnt wurde,
ist somit mit dem summarischen Charakter der Urteilsbegründung zu er-
klären. Es lässt sich daraus nicht schliessen, dass das Gericht die aktuelle
Situation in Sri Lanka nicht gewürdigt hat. Schliesslich erweist sich die Ver-
änderung der Situation im Heimatland vor dem Hintergrund des (mangeln-
den) Profils des Beschwerdeführers sodann auch nicht als erheblich. Dar-
aus erhellt, dass das Bundesverwaltungsgericht keine in den Akten liegen-
den erheblichen Tatsachen aus Versehen nicht berücksichtigt hat.
4.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine revisionsrechtlich relevan-
ten Gründe dargetan sind. Das Gesuch um Revision des Urteils des Bun-
desverwaltungsgerichts vom 16. Dezember 2019 ist demzufolge abzuwei-
sen.
D-6694/2019
Seite 6
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten dem
Gesuchsteller aufzuerlegen, aufgrund der mit Zwischenverfügung vom
20. Dezember 2019 gewährten unentgeltlichen Prozessführung sind aber
keine Verfahrenskosten zu erheben.
6.
Mit vorliegendem Urteil fällt der mit Verfügung vom 18. Dezember 2019
gewährte und am 20. Dezember 2019 bestätigte provisorische Vollzugs-
stopp dahin.
(Dispositiv nächste Seite)
D-6694/2019
Seite 7