Decision ID: 284189e4-2cdb-4eb7-9dec-db4726e119c2
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2008 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe in seinem Herkunftsland eine
Ausbildung zum B._ absolviert und in den vergangenen 13 Jahren als „Angestellter“
in einem Produktionsbetrieb gearbeitet. Der Lohn habe 4’445 Franken pro Monat
betragen. Am 13. März 2008 teilte Dr. med. C._ von der Klinik D._ Dr. med. E._
vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) telefonisch mit (IV-act. 19), der
Versicherte leide an einem Status nach einer schweren depressiven Episode,
gegenwärtig remittiert, sowie – verdachtsweise – an einem Morbus Bechterew. In den
Monaten Januar bis und mit März 2008 habe er sich zur stationären Behandlung in der
Klinik D._ befunden. Aktuell sei er aus psychiatrischer Sicht uneingeschränkt
arbeitsfähig. Die Arbeitgeberin habe das Arbeitsverhältnis gekündigt. Eine Mithilfe der
IV-Stelle bei der Stellensuche sei dringend indiziert. Im Auftrag der IV-Stelle erstatteten
der Rheumatologe Dr. med. F._ und die Psychiaterin med. pract. G._ am 29.
Dezember 2008 ein bidisziplinäres Gutachten (IV-act. 51). Die Sachverständigen hielten
fest, der Versicherte leide an einem chronischen Panvertebralsyndrom, an einer
undifferenzierten Somatisierungsstörung sowie an Problemen in Verbindung mit der
Berufstätigkeit und der Arbeitslosigkeit. Zudem bestehe der Verdacht auf eine
seronegative, HLA-B27-negative Spondarthropathie. Das organisch begründbare
arbeitsmedizinische Problem sei vor dem Hintergrund einer ausgeprägten
Selbstlimitierung schwer zu umreissen. Aus rheumatologischer Sicht seien dem
Versicherten angepasste respektive mittelschwere Tätigkeiten uneingeschränkt
zumutbar. Aus psychiatrischer Sicht lasse sich für die Zeit ab März 2008 (Remission
der depressiven Episode) keine Arbeitsunfähigkeit attestieren. Sowohl die
angestammte als auch jede andere leichte oder mittelschwere Tätigkeit sei dem
Versicherten aus bidisziplinärer Sicht ab März 2008 uneingeschränkt zumutbar. Mit
einer Verfügung vom 23. März 2009 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des
A.a.
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Versicherten ab (IV-act. 59). Der Versicherte erhob eine Beschwerde gegen diese
Verfügung. Nachdem die IV-Stelle ihre Verfügung am 3. November 2009 widerrufen
hatte (IV-act. 79), wurde das Beschwerdeverfahren am 27. November 2009
abgeschrieben (IV-act. 83). Mit einer Verfügung vom 1. April 2010 sprach die IV-Stelle
dem Versicherten für die Zeit vom 1. August 2008 bis zum 31. Dezember 2008 eine
befristete halbe Rente zu (IV-act. 91). Auch gegen diese Verfügung erhob der
Versicherte eine Beschwerde. Mit einem Entscheid vom 7. Mai 2012 hob das
Versicherungsgericht die Verfügung vom 1. April 2010 auf (IV 2010/200; vgl. IV-act.
104). Es hielt fest, die IV-Stelle habe es versäumt, nach dem Widerruf der ersten
Verfügung Abklärungen bezüglich der zwischenzeitlichen Entwicklung des
medizinischen Sachverhaltes zu tätigen, weshalb nicht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehe, dass die
Arbeitsfähigkeitsschätzung im bidisziplinären Gutachten vom 29. Dezember 2008 am 1.
April 2010 nach wie vor aktuell gewesen sei. Die Sache sei deshalb zur bidisziplinären
Verlaufsbegutachtung an die IV-Stelle zurückzuweisen. Zudem habe die IV-Stelle
weitere Abklärungen bezüglich des Valideneinkommens zu tätigen, denn vor dem
Auftreten der gesundheitlichen Beschwerden und der internen Umplatzierung an einen
adaptierten Arbeitsplatz habe der Beschwerdeführer ein deutlich höheres
Erwerbseinkommen erzielt, weshalb der zuletzt erzielte Lohn nicht das
Valideneinkommen sein könne.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die MEDAS Zentralschweiz am 29. Mai 2013 ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 130). Die Sachverständigen führten aus, aus
internistischer, rheumatologischer, otorhinolaryngologischer und dermatologischer
Sicht sei der Versicherte trotz eines chronischen cervicospondylogenen Syndroms,
eines chronischen thoraco-lumbo-iliosacralen Schmerzsyndroms, einer
Innenohrschwerhörigkeit rechts mit Tinnitus und rezidivierender unklarer
Gesichtsschwellungen für leidensadaptierte Tätigkeiten uneingeschränkt arbeitsfähig.
Der psychiatrische Sachverständige hielt fest, der Versicherte habe über einen Vorfall
aus seiner Kindheit berichtet: Im Alter von etwa zehn Jahren habe er mit dem Gewehr
seines Vaters versehentlich den vier oder fünf Jahre alten Sohn seiner Tante
erschossen; er habe gedacht, die Waffe sei nicht geladen. Sein Vater sei zu einer
bedingten Gefängnisstrafe verurteilt worden. Die Tante habe den Versicherten jedes
A.b.
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Mal angeschrien und schlagen wollen, wenn sie ihn gesehen habe. Er sei nie darüber
hinweggekommen, dass er ein Mörder sei. Diese Sache habe er nur den behandelnden
Psychiatern, dem Hausarzt und der Ehefrau erzählt. Seine Kinder wüssten nichts
davon. Wenn er drei Wünsche frei hätte, wäre es ihm wichtiger, diese Sache
ungeschehen zu machen, als gesund zu werden. Angesichts des bei der Untersuchung
erhobenen objektiven klinischen Befundes stehe die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung zur Diskussion. Dazu müsste aber eine vertiefte Exploration in
einem therapeutischen Rahmen durchgeführt werden. Im Rahmen der Begutachtung
sei auf eine Vertiefung verzichtet worden, da die Gefahr einer Retraumatisierung
bestanden hätte und da die Störung als solche eher gering ausgeprägt sei und sich
folglich ungeachtet der diagnostischen Unsicherheit ohnehin nicht direkt auf die
Arbeitsfähigkeit auswirke. Im Vordergrund stehe eine depressive Störung, deren
Schweregrad im Verlauf geschwankt habe und die deshalb als eine rezidivierende
depressive Störung durchschnittlich mittelgradigen Ausmasses zu qualifizieren sei. Die
Prognose sei eher schwierig zu stellen. Dass die Depression vorwiegend reaktiv sei,
spreche für eine günstige Prognose; angesichts der Chronifizierung und der leichten
Verschlechterung trotz Behandlung erscheine die Prognose aber eher als ungünstig.
Zudem leide der Versicherte an einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen
und psychischen Faktoren. Gesamthaft müsse eine Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent
attestiert werden. Nach der Konsensbesprechung attestierten die Sachverständigen
der MEDAS Zentralschweiz für die Zeit ab Juni 2012 einen Arbeitsfähigkeitsgrad von 50
Prozent für leidensadaptierte Tätigkeiten, wobei sie darauf hinwiesen, dass sich die
Erwerbsfähigkeit durch medizinische Massnahmen nicht mehr verbessern, sondern
lediglich stabilisieren lasse. Der RAD-Arzt Dr. med. H._ qualifizierte das Gutachten
als überzeugend (IV-act. 131). Ein Mitarbeiter des Rechtsdienstes notierte im Juni 2013
(IV-act. 134), nach der bundesgerichtlichen Auffassung leide der Versicherte lediglich
an einem syndromalen psychischen Beschwerdebild, das keine Arbeitsunfähigkeit
begründe. Folglich sei von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit auszugehen. Mit
einer Verfügung vom 16. September 2013 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab
(IV-act. 142). Der Versicherte erhob eine Beschwerde gegen diese Verfügung. Am 11.
Januar 2016 räumte das Versicherungsgericht der IV-Stelle die Möglichkeit ein,
Stellung zur Aufgabe der „Überwindbarkeitspraxis“ des Bundesgerichtes zu nehmen
(IV-act. 161). Diese machte am 27. Januar 2016 geltend (IV-act. 162), nach der
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bundesgerichtlichen Auffassung seien leichte und mittelschwere depressive Störungen
in aller Regel therapierbar, weshalb sie keine Arbeitsunfähigkeit begründeten. Dem
Kindheitstrauma (von dem die IV-Stelle irrtümlich annahm, der Versicherte sei lediglich
ein Zeuge gewesen und der Vater habe den Cousin versehentlich erschossen) komme
keine besondere Bedeutung zu. Mit einem Entscheid vom 3. November 2016 (IV
2013/523; vgl. IV-act. 176) hob das Versicherungsgericht die Verfügung vom 16.
September 2013 auf; es sprach dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1. Juni 2013
eine Dreiviertelsrente zu. Mit einem Urteil vom 15. September 2017 (8C_793/2016; vgl.
IV-act. 187) hob das Bundesgericht diesen Entscheid auf; es „bestätigte“ die
Verfügung vom 16. September 2013.
Im Dezember 2017 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung an (IV-act. 190). Die IV-Stelle forderte ihn am 28. Dezember
2017 auf, eine relevante Sachverhaltsveränderung seit der Abweisung des früheren
Leistungsbegehrens glaubhaft zu machen (IV-act. 194). Am 27. März 2018 teilte Dr.
C._ der IV-Stelle mit (IV-act. 200), der Gesundheitszustand des Versicherten habe
sich seit dem Tod seiner Mutter im vergangenen Jahr, die noch seine letzte
Bezugsperson im Herkunftsland gewesen sei, verschlechtert. Er leide seit etwa zwei
Monaten an einer mittelgradig bis schwer ausgeprägten depressiven Episode sowie an
einer andauernden Persönlichkeitsänderung nach einer extremen Belastung. Er sei
vollständig arbeitsunfähig. Der RAD-Arzt Dr. med. I._ notierte im April 2018, eine
relevante Verschlechterung des Gesundheitszustandes sei glaubhaft gemacht; der
Versicherte müsse erneut polydisziplinär begutachtet werden (IV-act. 205). Im Auftrag
der IV-Stelle erstattete die Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH am 17.
September 2018 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 217). Der internistische
Sachverständige hielt fest, der Versicherte leide aus internistischer Sicht nicht an einer
Gesundheitsbeeinträchtigung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Das seit etwa
vier Jahren bestehende leichtgradige obstruktive Schlafapnoesyndrom würde lediglich
bei Tätigkeiten mit hohen Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit eine
Einschränkung bewirken. Der rheumatologische Sachverständige führte aus, der
Versicherte leide an einem chronischen cervico-spondylogenen bis cervico-scapulären
Schmerzsyndrom, an einem chronischen lumbo-spondylogenen bis facettogenen
Schmerzsyndrom sowie an einer Periarthropathia coxae beidseits. Für die zuletzt
A.c.
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ausgeübte Tätigkeit sei ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 70 Prozent zu attestieren, denn
diese Tätigkeit könne dem Versicherten lediglich noch während sechs Stunden pro Tag
zugemutet werden; zudem sei die Leistungsfähigkeit wegen eines leicht erhöhten
Pausenbedarfs um zehn Prozent eingeschränkt. Eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit
sei vollzeitlich zumutbar, aber auch in einer solchen Tätigkeit bestehe ein leicht
erhöhter Pausenbedarf, der einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von zehn Prozent
entspreche. Gemäss den Akten sei der Versicherte „seit jeher“ zu mindestens 90
Prozent arbeitsfähig für leidensadaptierte Tätigkeiten gewesen. Der psychiatrische
Sachverständige hielt fest, der Versicherte habe in der Exploration verhalten, in sich
gekehrt gewirkt. Er habe leise und eher wenig gesprochen, die Mimik und die Gestik
seien wenig ausgeprägt gewesen. Die affektive Modulation sei eingeschränkt gewesen.
Er sei zwar in ernster und gefasster Haltung, aber durchwegs zum depressiven Pol hin
gerichtet gewesen. Der Antrieb sei herabgesetzt gewesen. Die Konzentration sei leicht
beeinträchtigt gewesen. Der Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven
Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode sowie – ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit – an einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren. Die ambulante Behandlung könnte durchaus noch intensiviert
werden. Der Medikamentenspiegel zeige, dass insbesondere hinsichtlich der
Medikation noch ein Optimierungsbedarf bestehe. Zu empfehlen sei der Einsatz eines
Antidepressivums, das auch schmerzmodulierende Eigenschaften besitze. Die
Prognose sei allerdings aufgrund des chronischen Verlaufs und der deutlich
ausgeprägten Krankheits- und Behinderungsüberzeugung ungünstig. Retrospektiv
müsse der im Gutachten der MEDAS Zentralschweiz attestierte
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 50 Prozent als zu hoch qualifiziert werden. Der Versicherte
habe damals nur an einer leichten depressiven Episode gelitten; die Schmerzstörung
habe weder damals noch aktuell eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gehabt. Eine
Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes sei ab März 2018
ausgewiesen. Dem Beschwerdeführer sei eine Erwerbstätigkeit nur noch zu 60 Prozent
zumutbar. Der RAD-Arzt Dr. I._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act.
218).
Mit einer Mitteilung vom 2. Oktober 2018 wies die IV-Stelle das Begehren des
Versicherten um berufliche Eingliederungsmassnahmen mangels subjektiver
A.d.
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Eingliederungsfähigkeit ab (IV-act. 221). Am 30. Oktober 2018 hielt sie den
Versicherten an, die psychotherapeutische Behandlung zu optimieren (IV-act. 228). Im
April 2019 teilte Dr. C._ der IV-Stelle mit (IV-act. 233–1 ff.), er sehe nicht ein, weshalb
die IV-Stelle und der RAD das bereits im ersten psychiatrischen Gutachten erkannte
Grundproblem des Versicherten – eine strukturelle Persönlichkeitsänderung – stets
ignoriert und nicht einmal versucht hätten, dieses Problem medizinisch oder juristisch
zu plausibilisieren. Der Versicherte sei nicht psychisch instabil. Er befinde sich in einem
chronifizierten Zustand, er habe jegliche soziale Integration, sein Selbstwertgefühl
sowie die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden oder auszudrücken, verloren und sei
komplett abhängig von seiner Familie. Seit dem Vorfall in seiner Kindheit sei er ständig
als Mörder bezeichnet und ausgegrenzt worden. Im Rahmen des nach dem Krieg
chaotischen Zustandes im Herkunftsland sei es dem mittlerweile alkoholkranken Vater
gelungen, die Flinte von den Behörden zurück zu bekommen. Im betrunkenen Zustand
habe er den Versicherten mit eben dieser Flinte bedroht und diesen für die Zerstörung
des gesamten Familienlebens verantwortlich gemacht. Diese Retraumatisierung habe
eine „Lawine auf emotionaler Ebene“ ausgelöst, die sich vordergründig zu Beginn nur
auf die körperliche Ebene projiziert habe. Der Sachverständige der ABI GmbH habe
sich mit dieser Problematik nicht befasst. Das Attest einer Arbeitsunfähigkeit von 40
Prozent sei bloss ein „Zückerli“ gewesen. Anders als „Scheintraumatisierte“, die ihre
angeblich traumatischen Lebensereignisse sehr blumig und mit einer deutlichen
Überwertungs- und sogar Aggravationstendenz schilderten, sprächen echt
traumatisierte Personen wie der Versicherte kaum je über die traumatischen Ereignisse
und versuchten stets, diese zu verdrängen. Bereits im Dezember 2018 hatte Dr. C._
dem Rechtsvertreter des Versicherten mitgeteilt (IV-act. 233–5 f.), die Auflage einer
Optimierung der psychotherapeutischen Behandlung mute geradezu zynisch an,
befinde sich der Versicherte doch bereits seit dem Jahr 2008 ununterbrochen in
psychotherapeutischer Behandlung. Allein bei Dr. C._ habe er mittlerweile 95
Therapiesitzungen gehabt. Zudem sei er bereits tagesklinisch und stationär behandelt
worden. Die Dosis des zur Schlafförderung verabreichten Antidepressivums könne
nicht erhöht werden, da der Versicherte ansonsten den ganzen Tag sediert und nicht
mehr funktionsfähig wäre. Das zur Behandlung der depressiven Störung eingesetzte
Antidepressivum habe eine sehr kurze Halbwertszeit; die Einnahme sei bereits einen
Tag später nicht mehr nachweisbar. Die IV-Stelle beauftragte den psychiatrischen
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Sachverständigen Dr. med. J._ von der ABI GmbH am 14. August 2019 mit einer
Verlaufsbegutachtung (IV-act. 241). Der Sachverständige erstattete das
Verlaufsgutachten am 14. Oktober 2019 (IV-act. 246). Er hielt fest, der Versicherte habe
wiederum leise gesprochen. Die Mimik und die Gestik seien wenig ausgeprägt
gewesen. Die affektive Modulation sei eingeschränkt gewesen. Er habe durchwegs
eine ernste und gefasste Haltung gezeigt und sehr traurig gewirkt. Die Stimmung sei
depressiv gewesen. Die für die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung
erforderlichen Kriterien seien nur teilweise erfüllt. So habe sich der Versicherte
beispielsweise vom immer wieder unerwartet einsetzenden Bohrlärm im oberen
Stockwerk nicht aus der Ruhe bringen lassen. Da aber gewisse typische Symptome
einer posttraumatischen Belastungsstörung vorhanden seien, sei eine rezidivierende
depressive Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode und
posttraumatischen Symptomen zu diagnostizieren. Zudem leide der Versicherte an
einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren, die
sich aber nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirke. Im Vergleich zur letzten Untersuchung
im Jahr 2018 habe sich der Gesundheitszustand nicht wesentlich verändert. Der
Versicherte habe besser über sein Trauma sprechen können, aber die Chronifizierung
sei weiter fortgeschritten. Theoretisch könnte die Behandlung intensiviert werden, aber
das werde kaum dazu führen, dass der Versicherte wieder einer ausserhäuslichen
Erwerbstätigkeit nachgehen werde. Der Verlauf sei chronisch. Die Prognose sei
ungünstig. Nach wie vor sei ein Arbeitsunfähigkeitsgrad von 40 Prozent zu attestieren.
Der RAD-Arzt Dr. I._ qualifizierte das Verlaufsgutachten als überzeugend (IV-act.
248).
Mit einem Vorbescheid vom 11. Februar 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit, dass sie die Zusprache einer Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 40
Prozent mit Wirkung ab dem 1. März 2019 vorsehe (IV-act. 254). Am 16. April 2020
liess der Versicherte einwenden (IV-act. 263), das erste Gutachten der ABI GmbH leide
an verschiedenen Mängeln und überzeuge deshalb nicht. Weshalb die IV-Stelle
ausgerechnet den vorbefassten und befangenen Sachverständigen Dr. J._ von der
ABI GmbH mit der Erstellung eines weiteren Gutachtens beauftragt habe, sei nicht
einzusehen. Der Versicherte leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ihm
stehe mindestens eine Dreiviertelsrente zu. Die IV-Stelle forderte Dr. J._ am 13. Mai
A.e.
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B.
2020 auf, Stellung zu den Einwänden des Versicherten zu nehmen (IV-act. 265). Dieser
antwortete am 25. Mai 2020 (IV-act. 266), er sehe keine Veranlassung, seine
Beurteilung zu revidieren. Der Versicherte könne seine Arbeitsfähigkeit ganztags oder in
einem Teilzeitpensum verwerten, aber der Arbeitsfähigkeitsgrad betrage in jedem Fall
60 Prozent. Die IV-Stelle räumte dem Versicherten am 7. Juli 2020 die Gelegenheit zur
Stellungnahme ein (IV-act. 269). Dieser liess am 29. Juli 2020 geltend machen, der
Arbeitsfähigkeitsgrad von 60 Prozent sei viel zu hoch (IV-act. 270). Mit einer Verfügung
vom 22. März 2021 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1. März
2019 eine Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 40 Prozent zu (IV-act. 275).
Am 10. Mai 2021 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 22. März 2021 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Zusprache mindestens einer halben Rente spätestens ab Juni 2018 und eventualiter
die Durchführung einer weiteren polydisziplinären Begutachtung. Zur Begründung
führte er aus, die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe das
Valideneinkommen zu tief angesetzt. Der Beschwerdeführer sei zuletzt als
Gruppenleiter respektive Schichtführer tätig gewesen und habe einen entsprechend
hohen Lohn bezogen. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades müsse ein
„Leidensabzug“ von zehn Prozent berücksichtigt werden. Das Wartejahr sei sechs
Monate nach der Neuanmeldung bereits längst abgelaufen gewesen, weshalb die
Rente mit Wirkung ab dem 1. Juni 2018 zugesprochen werden müsse. Das Gutachten
der ABI GmbH überzeuge allerdings nicht. Die Sachverständigen hätten den
Auswirkungen der Gesundheitsbeeinträchtigung bezogen auf die angestammte
Tätigkeit nicht hinreichend Rechnung getragen. Das Attest einer Einschränkung von
lediglich 30 Prozent aus somatischen Gründen überzeuge nicht. Die Kritik von Dr.
C._ am psychiatrischen Teilgutachten sei berechtigt. Das Gutachten sei in sich
widersprüchlich.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 12. August 2021 die Abweisung der
Beschwerde und die „Feststellung“, dass der Beschwerdeführer keinen
Rentenanspruch habe (act. G 7). Zur Begründung führte sie an, der
B.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/17
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Considerations:
Erwägungen
1.
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich seit der Abweisung des letzten
Rentenbegehrens nicht wesentlich verändert, weshalb er in „analoger Anwendung der
revisionsrechtlichen Bestimmungen“ nach wie vor keinen Rentenanspruch haben
könne.
Der Beschwerdeführer liess am 28. Oktober 2021 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 13). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 15).
B.c.
Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
auf deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen. Dieses hat die Prüfung eines
Rentenbegehrens im Rahmen einer sogenannten Neuanmeldung bezweckt, auf die die
Beschwerdegegnerin zu Recht eingetreten ist, nachdem der Beschwerdeführer mit
dem Bericht von Dr. C._ vom 27. März 2018 eine relevante Sachverhaltsveränderung
seit der Abweisung des früheren Begehrens glaubhaft gemacht hatte (vgl. Art. 87 Abs.
3 IVV).
1.1.
Die Beschwerdegegnerin hat behauptet, dass eine Neuanmeldung nur unter „revi
sionsrechtlichen Gesichtspunkten“ zu prüfen sei, dass also ein von der seinerzeitigen
Abweisung des Rentenbegehrens abweichender Entscheid nur zulässig sei, wenn sich
der relevante Sachverhalt nach dem 16. September 2013 wesentlich verändert habe.
Zur Diskussion stehe also nicht die Zusprache einer Rente, sondern die „Revision“ (Art.
17 Abs. 1 ATSG) einer „laufenden Nichtrente“. Diese Auffassung ist offensichtlich
gesetzwidrig, denn der Art. 17 Abs. 1 ATSG ist nach seinem völlig klaren Wortlaut nur
auf laufende Renten anwendbar. Auf eine „Nichtrente“ könnte er nur angewendet
werden, wenn der Wortlaut nicht dem wahren Sinn und Zweck des Art. 17 Abs. 1 ATSG
entsprechen würde und damit (ausfüllungsbedürftig) lückenhaft wäre. Das könnte nur
der Fall sein, wenn der Gesetzgeber Neuanmeldungen eindeutig anders als erstmalige
Anmeldungen zum Leistungsbezug hätte behandeln wollen, dies aber bei der
Formulierung des Art. 17 Abs. 1 ATSG – und auch bei der Formulierung des Art. 29
ATSG, der nicht zwischen erstmaligen und Neuanmeldungen unterscheidet –
versehentlich nicht zum Ausdruck gebracht hätte. Zu einer solchen Annahme besteht
keine Veranlassung. Anders als bei einer laufenden Rente besteht am Fortbestand
einer „laufenden Nichtrente“ keinerlei schützenswertes Interesse, denn für die
1.2.
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versicherte Person kann sich eine „Anpassung“ ja nur zum Positiven auswirken,
während das Interesse des Versicherungsträgers nur darin bestehen darf, die
massgebenden Gesetzesbestimmungen korrekt und gleichbehandelnd auf den
konkreten Sachverhalt anzuwenden. Nur der regelmässig hohe Abklärungsaufwand in
einem Rentenverfahren könnte es rechtfertigen, die Verwaltung zumindest vor einer
umfassenden Untersuchungspflicht bei repetitiven Neuanmeldungen zu schützen.
Diesem verfahrensökonomischen und nicht schwer ins Gewicht fallenden Interesse ist
aber mit dem Art. 87 Abs. 3 IVV hinreichend Rechnung getragen, denn die in dieser
Verordnungsbestimmung enthaltene Eintretenshürde erlaubt es den IV-Stellen,
repetitive Neuanmeldungen mit Nichteintretensentscheiden zu erledigen. Hat eine
Neuanmeldung aber die Nichteintretenshürde des Art. 87 Abs. 3 IVV gemeistert, ist
nicht einzusehen, weshalb sie nur eingeschränkt, nämlich unter revisionsrechtlichen
Gesichtspunkten geprüft werden sollte. Folglich kann nicht unterstellt werden, dass der
Gesetzgeber es versehentlich versäumt hätte, eine solche Beschränkung im Gesetz zu
erwähnen. Weder das ATSG noch das IVG enthält diesbezüglich eine
ausfüllungsbedürftige Lücke, weshalb die analoge Anwendung des Art. 17 Abs. 1
ATSG auf „Nichtrenten“ gesetzwidrig ist. Das Rentenbegehren des Beschwerdeführers
vom Dezember 2017 ist also umfassend und ohne eine Bindung an frühere Entscheide
zu prüfen.
Selbst wenn man die Neuanmeldung nicht gesetzmässig, sondern der bundes
gerichtlichen Auffassung folgend behandeln würde, könnte es keine Bindung an frühere
Entscheide geben. Das Bundesgericht vertritt nämlich die Auffassung, dass in einem
(echten) Revisionsverfahren nach Art. 17 Abs. 1 ATSG der Sachverhalt umfassend und
ohne jede Bindung an frühere Entscheide neu gewürdigt werden könne, sofern er sich
auch nur in einem von mehreren Teilelementen verändert habe. Ergäbe sich also in
einem Revisionsverfahren, dass zwischenzeitlich eine Sachverhaltsveränderung einge
treten sei, unterscheide sich der Prüfungsumfang im Revisionsverfahren nach der
bundesgerichtlichen Auffassung nicht mehr von jenem in einem Verfahren betreffend
eine erstmalige Anmeldung zum Leistungsbezug. Dasselbe müsste natürlich auch für
„unechte“ Revisionsverfahren betreffend „laufende Nichtrenten“ nach einer
Neuanmeldung gelten. Da eine Neuanmeldung nur materiell behandelt wird, wenn eine
relevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht worden ist, ist kaum ein Fall
denkbar, in dem eine Sachverhaltsveränderung komplett auszuschliessen wäre, was
bedeutet, dass der Prüfungsumfang nach der bundesgerichtlichen Auffassung bei einer
Neuanmeldung praktisch immer umfassend sein müsste. Selbst wenn also der Art. 17
Abs. 1 ATSG hier analog auf die am 16. September 2013 verfügte „Nichtrente“
angewendet werden müsste, wäre das Rentenbegehren vom Dezember 2017
1.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/17
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2.
umfassend zu prüfen, da sich der relevante Sachverhalt zwischen September 2013 und
Dezember 2017 massgeblich verändert hat. Der psychiatrische Sachverständige der
ABI GmbH hat nämlich explizit eine Verschlechterung des psychischen
Gesundheitszustandes bestätigt. Die von ihm attestierte Arbeitsfähigkeit von 60
Prozent ist nur deshalb höher als jene im Vorgutachten gewesen, weil er jenes als nicht
überzeugend qualifiziert hat. Seines Erachtens habe der Beschwerdeführer nämlich im
Zeitpunkt der Begutachtung durch die MEDAS Zentralschweiz nur an einer leichten
depressiven Episode gelitten, weshalb die damals attestierte Arbeitsunfähigkeit von 50
Prozent als zu hoch zu qualifizieren sei. Zudem hat auch der rheumatologische
Sachverständige der ABI GmbH ausdrücklich auf eine Verschlechterung des
(somatischen) Gesundheitszustandes hingewiesen: Hatte der rheumatologische
Sachverständige der MEDAS Zentralschweiz lediglich ein chronisches cervico-
spondylogenes Syndrom als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
angeführt, hatte der rheumatologische Sachverständige der ABI GmbH zusätzlich ein
chronisches lumbo-spondylogenes bis facettogenes Schmerzsyndrom sowie eine
Periarthropathia coxae beidseits als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
genannt. Die neuen Diagnosen wären natürlich als eine relevante
Sachverhaltsveränderung zu qualifizieren, die (nach der bundesgerichtlichen
Auffassung) zu einer umfassenden Prüfung ohne jede Bindung an frühere Entscheide
zwingen würden. Dasselbe gälte selbstverständlich auch für die vom psychiatrischen
Sachverständigen der ABI GmbH ausdrücklich konstatierte Verschlechterung des
psychischen Gesundheitszustandes, die ab März 2018 belegt ist.
Gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre
Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen,
erhalten oder verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen
Unterbruch zu mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität wird gemäss dem
Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
2.1.
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Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat in seinem Entscheid IV
2013/523 vom 3. November 2016 den zuletzt erzielten Lohn einschliesslich einer
Vierschichtzulage von 1’000 Franken pro Monat als Valideneinkommen berücksichtigt
(E. 3.1). Da das aktuelle Beschwerdeverfahren kein Revisionsverfahren im Sinne des
Art. 17 Abs. 1 ATSG zum Gegenstand hat, besteht bezüglich des Valideneinkommens
keine Bindung an den Entscheid IV 2013/523 vom 3. November 2016. Die
Berücksichtigung der Schichtzulage bei der Festsetzung des Valideneinkommens muss
rückblickend als falsch bezeichnet werden, denn die Möglichkeit, Schichtarbeit zu
leisten und eine entsprechende Schichtzulage zu erzielen, ist
invalidenversicherungsrechtlich als eine reine Zufälligkeit ohne jeden Zusammenhang
mit der (validen) Erwerbsfähigkeit zu qualifizieren. Grundsätzlich kann nämlich jede
gesunde Person Schichtarbeit leisten und auf dem invalidenversicherungsrechtlich
massgebenden allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt kann auch jede Person
eine Arbeitsstelle finden, bei der sie Schichtarbeit leisten und eine Schichtzulage
erzielen kann, weshalb es aus Gleichbehandlungsgründen unzulässig wäre, eine
Schichtzulage nur in Einzelfällen zu berücksichtigen. Konsequenterweise müsste in
jedem Fall bei der Festsetzung des Valideneinkommens eine Schichtzulage
berücksichtigt werden, was zur Folge hätte, dass nie mehr der statistische Zentralwert
der massgebenden Löhne (bspw. der Hilfsarbeiterlöhne über alle Branchen hinweg)
berücksichtigt werden könnte, sondern immer ein um den Betrag der Schichtzulage
höherer Lohn als Valideneinkommen herangezogen werden müsste. Im Ergebnis hätte
das eine künstliche Erhöhung des statistischen Zentralwertes der massgebenden
Löhne zur Folge, die sich nicht rechtfertigen liesse, weil der effektive statistische
Zentralwert bereits alle tatsächlich ausgerichteten Schichtzulagen berücksichtigt. Der
vom Beschwerdeführer zuletzt erzielte Lohn hat ohne die Schichtzulagen von 1’000
Franken pro Monat annähernd dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne
entsprochen (13 × 4’850 = 63’050 Franken vs. 65’177 Franken im Jahr 2012). Die
Tatsache, dass der tatsächlich erzielte Lohn etwas tiefer als der statistische Zentralwert
der Hilfsarbeiterlöhne gewesen ist, ist unerheblich, da er nicht auf eine
unterdurchschnittliche Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers, sondern auf Zwänge
des invalidenversicherungsrechtlich irrelevanten tatsächlichen Arbeitsmarktes
zurückzuführen ist. Auf dem allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt hätte der
Beschwerdeführer problemlos in eine durchschnittlich entlöhnte Hilfsarbeit wechseln
können. Selbstverständlich hätte er von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.
Entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters ist die „Beförderung“ zum Schichtführer
ebenfalls irrelevant, denn als Schichtführer hat der Beschwerdeführer augenscheinlich
keine Arbeiten verrichtet, die so hoch qualifiziert gewesen wären, dass sie die
Ausrichtung eines über dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne liegenden
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Lohnes gerechtfertigt hätten. Das Valideneinkommen entspricht zusammenfassend
dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne.
Für die Bemessung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
massgebend, welche Tätigkeiten dem Beschwerdeführer aus medizinischer Sicht in
welchem Umfang noch zumutbar sind. Zur Beantwortung dieser Frage hat die
Beschwerdegegnerin die ABI GmbH mit einer polydisziplinären Begutachtung des
Beschwerdeführers beauftragt. Die Sachverständigen der ABI GmbH haben den
Beschwerdeführer umfassend untersucht und die medizinischen Akten eingehend
gewürdigt. Sie haben in ihrem Gutachten sowohl die subjektiven Angaben des
Beschwerdeführers als auch die von ihnen erhobenen objektiven klinischen und
bildgebenden Befunde ausführlich wiedergegeben. Zwar hatte der Beschwerdeführer
bei der ersten psychiatrischen Exploration keine Aussagen zum belastenden Vorfall in
der Kindheit gemacht, aber der Sachverständige hatte nach dem Studium der Akten
über eine hinreichende Kenntnis der für seine Beurteilung relevanten Tatsachen
verfügt. Zudem hat der Beschwerdeführer bei der zweiten Exploration im Rahmen der
Verlaufsbegutachtung detaillierte Aussagen über den Vorfall in der Kindheit und dessen
Folgen gemacht. Nach der (psychiatrischen) Verlaufsbegutachtung haben die
Sachverständigen der ABI GmbH also über eine umfassende Kenntnis vom für ihre
Beurteilung massgebenden medizinischen Sachverhalt verfügt. Es besteht kein Grund
zur Annahme, dass sie eine wesentliche Tatsache übersehen oder versehentlich nicht
gewürdigt hätten. In ihrem Gutachten haben sie deutlich zwischen den subjektiven
Angaben des Beschwerdeführers und den objektiven klinischen und bildgebenden
Befunden unterschieden. Das hat es ihnen erlaubt, ihre Beurteilung strikt an den
massgebenden objektiven Befunden zu orientieren. Sie haben mit einer überzeugenden
Begründung aufgezeigt, dass der Beschwerdeführer in somatischer Hinsicht nur an
geringfügigen Gesundheitsbeeinträchtigungen gelitten hat, die lediglich das Spektrum
der in Frage kommenden Erwerbstätigkeiten eingeschränkt und für eine ideal
leidensadaptierte Tätigkeit nur einen leicht erhöhten Pausenbedarf verursacht haben. In
den Akten befinden sich keine medizinischen Berichte, die Zweifel an der
Überzeugungskraft des somatischen Teils des Gutachtens der ABI GmbH wecken
würden. Auch der psychiatrische Sachverständige hat seine Diagnosestellung und
Arbeitsfähigkeitsschätzung eingehend und überzeugend begründet. Seine
Schlussfolgerungen haben zwar in einem gewissen Widerspruch zu jenen des
psychiatrischen Sachverständigen der MEDAS Zentralschweiz gestanden, weil er sich
auf den Standpunkt gestellt hat, anhand der im Gutachten der MEDAS Zentralschweiz
genannten objektiven klinischen Befunde hätte damals lediglich eine leichtgradig
ausgeprägte depressive Störung diagnostiziert werden dürfen; zudem hätte der
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Arbeitsfähigkeitsgrad wesentlich höher sein müssen. Aus der Sicht eines medizinischen
Laien lässt sich nicht abschliessend beurteilen, wie berechtigt diese retrospektive Kritik
gewesen ist, aber diese Frage muss hier nicht beantwortet werden. Entscheidend ist,
dass der psychiatrische Sachverständige der ABI GmbH überzeugend aufgezeigt hat,
wie sich die Gesundheitsbeeinträchtigung des Beschwerdeführers im hier
massgebenden Zeitraum nach der Neuanmeldung im Dezember 2017 auf seine
Arbeitsfähigkeit ausgewirkt hat. Der behandelnde Psychiater Dr. C._ hat die
Beurteilung des psychiatrischen Sachverständigen zwar ausdrucksstark kritisiert, aber
seine Kritik weckt keinen begründeten Zweifel an der Überzeugungskraft des
Gutachtens der ABI GmbH (einschliesslich des psychiatrischen Verlaufsgutachtens),
denn Dr. C._ hat seine Beurteilung weitgehend auf die subjektiven Angaben des
Beschwerdeführers gestützt, die er offenbar unkritisch für bare Münze genommen hat.
Das verstärkt den bereits aufgrund des langjährigen Behandlungsauftrages
bestehenden Anschein einer objektiven Befangenheit von Dr. C._.
Zusammenfassend ist also kein Grund ersichtlich, der gegen ein Abstellen auf das
Gutachten der ABI GmbH (einschliesslich des psychiatrischen Verlaufsgutachtens)
sprechen würde, weshalb gestützt auf jenes Gutachten mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, dass der
Beschwerdeführer trotz seiner Gesundheitsbeeinträchtigung einer ideal
leidensadaptierten Hilfsarbeit in einem Pensum von 60 Prozent hätte nachgehen
können.
Da der Beschwerdeführer ideal leidensadaptierte Hilfsarbeiten ausführen könnte,
entspricht der Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens
dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne und damit dem
Valideneinkommen, weshalb der Betrag bei der Berechnung des Invaliditätsgrades
mathematisch keine Rolle spielen kann. Die Invalidität ist deshalb anhand eines
sogenannten Prozentvergleichs zu bemessen, das heisst der Invaliditätsgrad entspricht
dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, korrigiert um einen allfälligen dem sogenannten
Tabellenlohnabzug analogen Abzug. Ein solcher Abzug wird berücksichtigt, wenn
davon ausgegangen werden muss, dass die versicherte Person ihre Arbeitsfähigkeit
nicht mit demselben ökonomischen Erfolg verwerten kann wie eine gesunde, im selben
Pensum tätige Person. Das ist der Fall, wenn anzunehmen ist, dass ein strikt
ökonomisch-betriebswirtschaftlich denkender, also keinen Soziallohn ausrichtender
Arbeitgeber der versicherten Person keinen durchschnittlichen, sondern nur einen
unterdurchschnittlichen Lohn ausbezahlen wird, um seinen aus der Anstellung der
versicherten Person resultierenden „Arbeitsmehrwert“ – die Differenz zwischen dem
ökonomischen Wert der Arbeitsleistung und den direkten und indirekten Lohn- und
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Lohnnebenkosten – auf einen durchschnittlichen Betrag zu erhöhen. Kann eine
versicherte Person nur einen unterdurchschnittlichen ökonomischen Mehrwert
generieren oder sind die indirekten Lohnkosten oder die Lohnnebenkosten
überdurchschnittlich hoch, resultiert für den Arbeitgeber nämlich nur ein
unterdurchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“. Ein strikt betriebswirtschaftlich
operierender, also ganz bewusst keinen Soziallohn ausrichtender Arbeitgeber wird das
nicht hinnehmen, sondern diese „Einbusse“ auf den Arbeitnehmer überwälzen, indem
er diesem nur einen unterdurchschnittlichen Lohn bezahlt, sodass für den Arbeitgeber
ein durchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“ resultiert. Ein potentieller Arbeitgeber müsste
bei einer Beschäftigung des Beschwerdeführers das Risiko von depressionstypisch
überdurchschnittlich starken Leistungsschwankungen, die den Betriebsablauf stören
würden, sowie das Risiko von depressionstypisch überdurchschnittlich vielen
krankheitsbedingten Absenzen einkalkulieren. Zudem müsste er dem Umstand
Rechnung tragen, dass der Beschwerdeführer weder bezüglich der zuzuweisenden
Tätigkeiten noch in zeitlicher Hinsicht flexibel eingesetzt werden kann. Der
Beschwerdeführer kann sich nämlich nicht gleich rasch auf eine neue Tätigkeit
einstellen wie ein gesunder Arbeitnehmer und er kann auch keine Überstunden leisten,
da der attestierte Arbeitsfähigkeitsgrad von 60 Prozent das maximal zumutbare
Pensum darstellt. Diese Einschränkungen rechtfertigen einen dem Tabellenlohnabzug
analogen Abzug von maximal 15 Prozent. Der Invaliditätsgrad beträgt folglich maximal
49 Prozent (= 100% – 85% × 60%). Damit besteht ein Anspruch auf eine Viertelsrente
der Invalidenversicherung.
Weil der psychiatrische Sachverständige der ABI GmbH explizit erklärt hat, dass
seine Arbeitsfähigkeitsschätzung erst ab dem Zeitpunkt der zwischen den
Begutachtungen durch die MEDAS Zentralschweiz im Jahr 2013 und durch die ABI
GmbH im Jahr 2018 eingetretenen Verschlechterung des psychischen
Gesundheitszustandes massgebend sei, stellt sich die Frage, wann genau diese
Verschlechterung eingetreten ist. Bei den Akten befinden sich kaum psychiatrische
Berichte aus jener Zeit. Der psychiatrische Sachverständige der ABI GmbH hat deshalb
überzeugend dargelegt, dass die Verschlechterung erst ab der Berichterstattung durch
Dr. C._ im März 2018 als ausgewiesen qualifiziert werden könne. Selbst wenn diese
Angabe medizinisch nicht überzeugen sollte, muss aus juristischer Sicht von einer
objektiven Beweislosigkeit hinsichtlich einer vor dem März 2018 eingetretenen
Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes ausgegangen werden, da
der Sachverständige der ABI GmbH natürlich den Gesundheitszustand vor der
Untersuchung nicht hat erheben können und da die Akten keine überzeugenden
Angaben für die Zeit vor März 2018 enthalten. Die Folgen der Beweislosigkeit müsste in
2.5.
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3.
Zusammenfassend erweist sich die angefochtene Verfügung als rechtmässig, weshalb
die Beschwerde abzuweisen ist. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind dem
unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen. Sie sind durch den von ihm geleisteten
Kostenvorschuss von 600 Franken gedeckt. Der unterliegende Beschwerdeführer hat
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.