Decision ID: 3437bfee-5419-5240-812d-030bb3261fc9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Tamile mit letztem Wohnsitz in B._
(Vanni-Gebiet), verliess Sri Lanka eigenen Angaben gemäss am 30. Ja-
nuar 2014 und reiste am 24. Februar 2014 in die Schweiz ein, wo er am
selben Tag um Asyl nachsuchte.
A.b Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 25. Februar 2014 mit, er
werde in Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der Verordnung über die Durchfüh-
rung von Testphasen zu den Beschleunigungsmassnahmen im Asylbereich
vom 4. September 2013 (TestV, SR 142.318.1) für den Aufenthalt und das
Verfahren dem Verfahrenszentrum Zürich zugewiesen.
A.c Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 5. März 2014 erklärte
der Beschwerdeführer, man könne in Sri Lanka nicht leben, da es dort stän-
dig Kontrollen gebe. Man werde zu Hause zu jeder Tageszeit gestört. Er
habe mehrere von Soldaten oder den „Liberation Tigers of Tamil Eelam“
(LTTE) ausgehende Angriffe erlebt und fürchte sich, wenn er Soldaten
sehe. Im Jahr 2009 sei er von den LTTE mitgenommen und zusammenge-
schlagen worden, als er sich der Armee habe stellen wollen. Er habe sich
zirka drei Monate lang im von der Regierung betriebenen Camp von
C._ aufgehalten; die ganze Bevölkerung habe dorthin gehen müs-
sen. Im Mai 2013 habe die Armee sein Haus kontrolliert. Auf seine Gesund-
heit angesprochen, sagte der Beschwerdeführer, er fühle sich schwach,
zittere und stottere. Sein ihm zugewiesener Rechtsvertreter bemerkte am
Ende der BzP, der Beschwerdeführer habe erwähnt, er fühle sich krank und
habe darum gebeten, nicht im fensterlosen Warteraum mit vielen anderen
Personen warten zu müssen. Es gebe Hinweise auf eine psychische Er-
krankung (starkes Stottern, Zittern und starkes Blinzeln), weshalb er die
Erstellung eines psychologischen Gutachtens anrege.
A.d Der Beschwerdeführer übermittelte dem SEM mit Schreiben vom
20. März 2014 Kopien seiner Identitätskarte, seiner Geburtsurkunde und
seiner IDP-Bestätigung.
A.e Mit Eingabe vom 26. März 2014 liess der Beschwerdeführer dem SEM
das Original seiner Identitätskarte, seine IDP-Bestätigung, ein Schreiben
des Dorfvorstehers und eine Fotografie eines zerstörten Hauses zukom-
men.
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A.f Am 16. April 2014 hörte das SEM den Beschwerdeführer einlässlich zu
seinen Asylgründen an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei
in D._ geboren worden; seine Eltern seien mit ihm ins Vanni-Gebiet
gegangen, als er noch ein Baby gewesen sei. Er habe bis im Mai 2008 dort
gelebt. Sein jüngerer Bruder habe Sri Lanka im Jahr 2003 aufgrund von
Schwierigkeiten mit den LTTE verlassen; diese hätten ihn rekrutieren wol-
len. Ihn hätten die LTTE nicht mitnehmen wollen, da er nicht kräftig genug
gewesen sei und Schwierigkeiten mit dem linken Arm gehabt habe. Die
LTTE hätten schliesslich seine Schwester mitgenommen; als sie krank ge-
worden sei, habe man sie gehen lassen. Nachdem sein Bruder weggegan-
gen sei, hätten ihn die LTTE einmal mitgenommen; nach einem Tag Trai-
ning habe er es nicht mehr ausgehalten und sei weggegangen. Die Armee
habe das Haus seiner Familie im Jahr 2008 bombardiert. Die Befragerin
sprach den Beschwerdeführer auf sein Stottern an und erkundigte sich, ob
er bereits als Kind gestottert habe. Er bejahte dies und gab an, das Stottern
habe sich aufgrund seiner Erlebnisse verschlimmert. Bei Befragungen
durch die Armee habe er insofern Schwierigkeiten gehabt, als sich einige
Soldaten über ihn lustig gemacht und andere ihn bedroht hätten, wenn sie
ihn nicht verstanden hätten. Aufgrund seines Zitterns sei er in Sri Lanka
zum Arzt gegangen. Er sei kontrolliert, aber nicht behandelt worden. Auf-
grund der Explosionen und der Bombardierungen während des Bürger-
kriegs in Sri Lanka hätten sich seine gesundheitlichen Probleme verschärft.
Am 22. April 2009 habe er sich der sri-lankischen Armee gestellt. Er sei
zusammen mit seiner Familie ins C._-Camp gebracht worden, wo
er mindestens zwei Monate geblieben sei. Dort sei er vom Criminal Inves-
tigation Department (CID) und der Armee befragt und registriert worden. Er
sei geschlagen und getreten worden. Durch die erlittenen Schläge seien
die Schmerzen an seinem Arm intensiver geworden. Da Bekannte für sie
gebürgt hätten, habe seine Familie das Camp verlassen dürfen. Sie seien
kurz darauf nach B._ zurückgekehrt. Dort habe er bis im Jahr 2014
gelebt. Während dieser Zeit habe die Armee in der Gegend immer wieder
Kontrollen durchgeführt. Als er die Soldaten gesehen habe, sei er in Panik
geraten. Er habe in ständiger Angst gelebt und sich kaum aus dem Haus
getraut. Nach der Rückkehr ins Dorf seien die Soldaten einmal zu ihm ge-
kommen und hätten behauptet, er habe bei den LTTE eine Ausbildung ab-
solviert. Man habe ihn gefragt, zu welcher Einheit der LTTE er gehört und
was er dort gemacht habe. Er sei fünf oder sechs Monate lang auf diese
Weise belästigt worden. Er habe sich im Jahr 2009 einen Reisepass aus-
stellen lassen, weil er Sri Lanka habe verlassen wollen. Der Schlepper
habe ihm gesagt, es sei momentan schwierig und er müsse warten.
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A.g Der vormalige Rechtsvertreter wies das SEM am 16. April 2014 darauf
hin, dass der Beschwerdeführer möglicherweise an einer psychischen Er-
krankung leide. Um den Sachverhalt vollständig erstellen zu können, be-
dürfe es einer psychologischen Begutachtung.
A.h Das SEM setzte den vormaligen Rechtsvertreter mit Zwischenverfü-
gung vom 17. April 2014 davon in Kenntnis, die Behandlung des Asylge-
suchs erfordere weitere Abklärungen, die im erweiterten Verfahren durch-
zuführen seien. Für den weiteren Aufenthalt während des Asylverfahrens
wies es den Beschwerdeführer am 22. April 2014 dem Kanton E._
zu.
B.
B.a Das SEM stellte mit Verfügung vom 27. Januar 2017 fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein
Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug derselben an.
B.b Das Bundesverwaltungsgericht hiess die durch die Rechtsvertreterin
des Beschwerdeführers eingereichte Beschwerde vom 3. März 2017 mit
Urteil D-1367/2017 vom 20. September 2017 insoweit gut, als es die Ver-
fügung vom 27. Januar 2017 aufhob und die Sache im Sinne der Erwägun-
gen zur Neubeurteilung an das SEM zurückwies.
C.
C.a Das SEM forderte den Beschwerdeführer am 20. April 2018 zur Einrei-
chung eines ärztlichen Berichts zu seinem Gesundheitszustand auf.
C.b Am 9. Mai 2018 ging beim SEM ein psychiatrischer Bericht von
Dr. med. F._, Psychiatrie/Psychotherapie, vom 3. Mai 2018 ein. Di-
agnostiziert wurde eine Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Re-
aktion (ICD-10 F43.22).
C.c Das SEM forderte den Beschwerdeführer am 18. Dezember 2019 auf,
einen weiteren ärztlichen Bericht einzureichen und übermittelte ihm einen
kurzen Fragenkatalog dazu.
C.d Am 10. Januar 2020 ging bei SEM ein ärztlicher Bericht von med.
pract. G._, Fachärztin für innere Medizin FMH, vom 9. Januar 2020
ein. Diagnostiziert wurden ein Verdacht auf eine posttraumatische Belas-
tungsstörung (PTBS; ICD-10 F43.1), eine unklare Sprech- und Artikulati-
onsstörung und eine Kachexie unklarer Genese.
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C.e Mit Schreiben vom 3. Februar 2020 forderte das SEM den Beschwer-
deführer zur Einreichung eines ergänzenden Arztberichts auf und übermit-
telte ihm einen Fragenkatalog dazu.
C.f Am 12. März 2020 reichte der Beschwerdeführer einen ärztlichen Kurz-
bericht von med. pract. G._ vom 5. März 2020 ein.
D.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 26. März 2020 – eröffnet am 30. März
2020 – fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
und lehnte sein Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung
aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
E.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 29. April 2020 liess der Be-
schwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben. In dieser wird beantragt, der Entscheid der Vo-
rinstanz sei vollumfänglich aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei
Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und als Folge davon
sei dem Beschwerdeführer die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu ge-
währen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wird beantragt, es sei dem Be-
schwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, insbeson-
dere sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und es
sei ihm die Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin beizuord-
nen.
Der Eingabe lagen eine Kostennote und ein aktueller Bericht zu Sri Lanka
bei (vgl. S. 23 der Beschwerde).
F.
Der Instruktionsrichter hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege mit Zwischenverfügung vom 7. Mai 2020 gut und gab
dem Beschwerdeführer in der Person von MLaw Cora Dubach eine unent-
geltliche Rechtsbeiständin bei. Er setzte dem Beschwerdeführer Frist bis
zum 10. Juni 2020 zur Einreichung eines aktuellen ärztlichen/psychologi-
schen Berichts sowie einer Erklärung über die Entbindung von der Schwei-
gepflicht der ihn behandelnden Personen gegenüber den Asylbehörden.
G.
Am 22. Juli 2020 übermittelte der Instruktionsrichter die Akten zur Ver-
nehmlassung an das SEM.
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H.
Mit Eingabe vom 29. Juli 2020 liess sich das SEM zur Beschwerde verneh-
men.
I.
Die Rechtsvertreterin nahm in ihrer Eingabe vom 28. August 2020 zur Ver-
nehmlassung des SEM Stellung und reichte ein ärztliches Schreiben der
Klinik (...) vom 21. August 2020 und eine Kostennote vom 28. August 2020
ein.
J.
Mit Schreiben vom 4. September 2020 übermittelte die Rechtsvertreterin
eine Erklärung des Beschwerdeführers bezüglich der Entbindung der ihn
behandelnden Ärzte von ihrer Schweigepflicht.
K.
Der Instruktionsrichter forderte den Beschwerdeführer mit Zwischenverfü-
gung vom 6. Oktober 2020 auf, einen ausführlichen psychiatrischen Be-
richt nachzureichen.
L.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 1. März 2021 wurde ein Bericht
der Klinik für (...) vom 18. Februar 2021 und einen Bericht der Klinik für
(...) vom 12. Januar 2021 eingereicht. Diagnostiziert wurden darin eine
PTBS, eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Epi-
sode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F33.2), soziale Phobien, mit-
telgradig ausgeprägt (ICD-10 F40.1) und ein reduziertes kognitives Funk-
tionsniveau, DD im Rahmen einer frühkindlichen Entwicklungsstörung, DD
syndromale Erkrankung. Ferner wurde ein die Schwester des Beschwer-
deführers betreffendes Medical Clinic Drug Book des (...), zwei E-Mails von
Dr. med. H._ und eine Kostennote vom 28. Februar 2021 einge-
reicht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus-
druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat be-
stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des
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Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, es sei nicht aus-
zuschliessen, dass die Familie des Beschwerdeführers die LTTE habe un-
terstützen müssen, und dass sie nach dem Krieg interniert und bei der
Festnahme von Soldaten geschlagen worden sei. Ebenfalls möglich sei,
dass er nach seiner Entlassung aus dem Camp von Soldaten befragt, kon-
trolliert und dabei wegen seines Stotterns ausgelacht worden sei. Schliess-
lich könne nicht ausgeschlossen werden, dass seine Schwester, sein
Cousin und ein entfernter Verwandter bei den LTTE gewesen seien. Ein
gezieltes und ständiges Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden
habe er jedoch nicht überzeugend darstellen können. Das Verfolgungsin-
teresse müsste nicht gegen ihn, sondern gegen seine Verwandten gerich-
tet gewesen sein. Er habe nicht berichtet, dass seine Schwester verfolgt
werde, und er habe auch nicht erwähnt, dass er aufgrund des angeblichen
LTTE-Einsatzes seines Cousins Schwierigkeiten gehabt habe. Hinsichtlich
seines Bruders habe er angegeben, dieser sei 2003 nach I._ ge-
flüchtet, weil die LTTE ihn hätten rekrutieren wollen. Vor diesem Hinter-
grund sei nicht ersichtlich, inwiefern dessen Ausreise ihn in Gefahr einer
staatlichen Verfolgung hätte setzen können, seien doch viele Tamilen aus
wirtschaftlichen Gründen ausgereist. Hinsichtlich der Angehörigen, die an-
geblich bei den LTTE gewesen seien, stelle das SEM fest, dass der Be-
schwerdeführer bei der Anhörung weder die Kampfaktivitäten seiner
Schwester noch den Einsatz seines Cousins beim Geheimdienst der LTTE
erwähnt habe. Über eine Zusammenarbeit des Bruders seines Schwagers
mit den LTTE habe er nicht berichtet. In der Anhörung habe er davon ge-
sprochen, dass seine Familie den LTTE gezwungenermassen Lebensmit-
tel und Geld gegeben habe. Ein Grossteil der Familien im Vanni-Gebiet
habe der Bewegung in ähnlicher Weise helfen müssen.
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In der Anhörung habe der Beschwerdeführer gesagt, er sei bei seiner Fest-
nahme vom Mai 2009 von der Armee geschlagen worden, im Camp sei er
keiner Gewalt mehr ausgesetzt gewesen. Nach seiner Entlassung aus dem
Camp sei er nie mehr festgenommen worden. Anlässlich weiterer Kontrol-
len sei er monatlich befragt worden, wobei ihm nichts angetan worden sei.
Für die Ausreise im Jahr 2014 habe er keinen ausschlaggebenden Grund
genannt. In der (ersten) Beschwerdeschrift habe er erklärt, er habe auf-
grund der Verfolgung durch das Militär zu stottern begonnen und seine An-
stellung beim UNHCR wegen des Drucks und der gezielten Drohungen
aufgegeben. Die Armeeangehörigen hätten sich wegen seiner Sprech-
schwierigkeiten über ihn lustig gemacht und ihn bedroht. Die Belästigun-
gen seien aber im verbalen Bereich geblieben. Eine Anstellung beim
UNHCR und massiven Druck sowie Bedrohungen durch das Militär habe
er bei beiden Befragungen nicht erwähnt. Schliesslich habe er auch seinen
Ärzten gegenüber unterschiedliche Angaben gemacht. Laut Gutachten zu
den Konsultationen vom 11. April 2014 und 21. Februar 2017 sei aufgrund
der angeblich erlebten Folterungen eine PTBS festgestellt worden. Wäh-
rend der einmaligen Konsultation vom 14. März 2017 bei Dr. med.
L._ habe er jegliche Inhaftierung, Misshandlung, Folter oder Befra-
gung verneint. Der Arzt habe lediglich eine Angst vor einer Wegweisung
nach Sri Lanka beschrieben. Bei einer Untersuchung durch Dr. med.
J._ habe er ausgesagt, er sei anlässlich einer Festnahme im Jahr
2009 gefoltert beziehungsweise geschlagen worden. Es falle auf, dass der
Beschwerdeführer weder vor noch nach der Konsultation vom 14. März
2017 einen Psychiater oder Psychologen aufgesucht habe, weshalb die
Vorbringen seiner Rechtsvertretungen, er leide an einer PTBS und benö-
tige psychiatrische Unterstützung, zurückzuweisen sei. Seine angeblichen
Ängste, die fehlende Konzentrationsfähigkeit und Vergesslichkeit seien
nicht bestätigt worden. Die eingereichten ärztlichen Zeugnisse sowie die
Tatsache, dass er nie psychiatrisch behandelt worden sei, seien nicht mit
der Situation einer schwer traumatisierten Person vereinbar. Die fehlende
Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers werde bestätigt.
Zu den angeblichen exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwerdeführers
stelle das SEM fest, dass in der (ersten) Beschwerde angegeben werde,
er habe seit 2015 jährlich an Gedenkfeiern und an einigen Demonstratio-
nen teilgenommen. Dies seien Behauptungen, die mit keinen stichhaltigen
Angaben oder Beweismitteln untermauert worden seien. Es sei nicht davon
auszugehen, dass die sri-lankischen Behörden einfache Mitläufer von
Massenveranstaltungen identifizieren könnten und diese verfolgten.
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Bei den Asylvorbringen handle es sich weitgehend um eine stark dramati-
sierte Version von allenfalls tatsächlich erlebten Kriegsereignissen. Der Be-
schwerdeführer habe eine begründete Furcht vor Verfolgung im Zeitpunkt
seiner Ausreise im Jahr 2014 nicht glaubhaft machen können. Vor diesem
Hintergrund sei nicht glaubhaft, dass seine Familie nach seiner Ausreise
gezielt kontrolliert worden sei.
Dem Beschwerdeführer sei seinen Angaben gemäss vor seiner Ausreise
ein Reisepass ausgestellt worden, weshalb er offenbar legal ausgereist sei.
Aufgrund des blossen Umstands, dass er Tamile sei und eine lange Zeit im
Ausland gelebt habe, sei nicht davon auszugehen, dass er als Person
gelte, die eine besonders enge Beziehung zu den LTTE gepflegt habe. Die
am 16. November 2019 durchgeführte Präsidentschaftswahl könne diese
Einschätzung nicht umstossen. Es gebe keinen Anlass zur Annahme, dass
ganze Volks- oder Berufsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausge-
setzt seien. Die Anforderungen an eine begründete Furcht vor Verfolgung
seien beim Beschwerdeführer nicht gegeben.
4.2 In der Beschwerde wird einleitend darauf hingewiesen, dass aufgrund
der Sicherheitsmassnahmen wegen der Corona-Krise kein persönliches
Gespräch mit dem Beschwerdeführer habe durchgeführt werden können.
Da er unter starkem Stottern leide, habe sich dies besonders negativ aus-
gewirkt. Dem Dolmetscher sei es während des gesamten Telefonats prak-
tisch unmöglich gewesen, ihn richtig und vollständig zu verstehen, weshalb
das Risiko von Missverständnissen bestehe.
Der Beschwerdeführer habe im Rahmen eines Rekrutierungsversuchs
durch die LTTE im Jahr 2008 an einem Training teilgenommen und seine
Schwester sei von dieser Organisation als Kämpferin eingesetzt worden.
Sie habe ihre Tätigkeit bislang verheimlichen können. Seinem Bruder habe
eine Zwangsrekrutierung gedroht, weshalb er seit 2003 in I._ lebe.
Sein Cousin, der mit der Familie des Beschwerdeführers zusammengelebt
habe, sei beim Geheimdienst der LTTE tätig gewesen. In Sri Lanka gelte
er als verstorben, er lebe aber als anerkannter Flüchtling in K._.
Seit der Rückkehr aus dem Flüchtlingslager sei die Familie des Beschwer-
deführers regelmässig von der Armee aufgesucht worden. Seine Angehö-
rigen und er seien jeweils einzeln zu ihren LTTE-Tätigkeiten befragt und es
sei ihnen mit dem Tod gedroht worden, sollten sie die LTTE künftig wieder
unterstützen. Mit der Rückkehr seiner traumatisierten Schwester hätten
sich die Besuche der Armee akzentuiert. Die Befragungen hätten ihn unter
Stress gesetzt, er habe gestottert und gezittert, was die Armee veranlasst
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habe, ihm zu unterstellen, er sage nicht die Wahrheit. So sei er in den Fo-
kus der Behörden geraten. Es habe die Gefahr bestanden, dass er aus
Panik davongerannt wäre, was mit Sicherheit einen Schiessbefehl ausge-
löst hätte.
Da der Beschwerdeführer unter grossen Erinnerungslücken leide, habe
man bereits 2017 mit seinem Vater Kontakt aufgenommen. Dieser habe
gesagt, sein Sohn sei mehrmals durch die Angehörigen der Armee mitge-
nommen worden und während Tagen unauffindbar gewesen. Als ihn die
Familie gefunden habe, sei er nicht ansprechbar gewesen und habe unter
Schock gestanden. Während des Telefonats mit der Rechtsvertretung
habe der Beschwerdeführer gesagt, er sei von der Armee einmal in einen
Bunker gebracht und massiv sexuell belästigt worden. Man habe ihn etwa
fünf Tage lang festgehalten. Diese Schilderungen fügten sich in die Anga-
ben ein, die sein Vater 2017 gemacht habe. Sie deckten sich auch mit sei-
ner Aussage, er fürchte sich vor erneuten Mitnahmen durch die Armee. In
den Gesprächsnotizen aus dem Jahr 2017 finde sich die Bemerkung, der
Beschwerdeführer könne sich nicht genau erinnern, was ihm die Soldaten
alles angetan hätten.
Bereits 2017 sei auf die psychischen Probleme des Beschwerdeführers
hingewiesen worden. Das erste aufgegleiste Behandlungssetting bei
Dr. L._ sei daran gescheitert, dass er zu diesem kein Vertrauens-
verhältnis habe aufbauen können. Vielleicht sei die kulturelle Nähe ein Hin-
dernis für ihn gewesen, da der mit dem Arzt zusammenarbeitende Psycho-
loge einen speziellen tamilischen Akzent gesprochen habe, den der Be-
schwerdeführer nur schlecht verstanden habe. Nun sei er bei einer Psy-
chologin in Behandlung, wegen der Corona-Krise habe er indessen keinen
neuen Termin erhalten.
Die Bewohner des Heimatdorfes des Beschwerdeführers stünden unter
Generalverdacht, den LTTE nahe gestanden zu sein und Informationen
über diese zu haben. Die dort lebenden Familien würden heute noch re-
gelmässig monatlich von der Armee aufgesucht und kontrolliert. Dabei
werde nach abwesenden Familienmitgliedern gefragt. Die Schwester habe
Probleme erhalten und werde direkt zu den LTTE befragt. Nach solchen
Interviews drehe sie durch und schreie am Abend im Bett. Militärangehö-
rige erkundigten sich beim Vater nach dem Beschwerdeführer; nach dem
Regierungswechsel seien noch mehr Militärangehörige im Dorf stationiert
worden.
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Das SEM halte in seinem Entscheid fest, dass viele Elemente des Sach-
verhalts glaubhaft gemacht worden seien. Das SEM lasse ausser Acht,
dass der Beschwerdeführer von Armeeangehörigen mehrmals mehrere
Tage mitgenommen worden sei. Er könne sich an die Erlebnisse nicht mehr
erinnern, was ein Hinweis auf eine Traumatisierung sei. Auch wenn unge-
klärt sei, was er erlebt habe, habe sich durch diese Mitnahmen eine asyl-
relevante Verfolgung manifestiert. Selbst wenn das Verfolgungsinteresse
nur bezüglich seiner Verwandten bestünde, sei mindestens von einer Re-
flexverfolgung auszugehen. Die Vermutung, er habe wegen der Ausreise
des Bruders keine Probleme zu befürchten, sei nicht adäquat. Personen
aus seinem Dorf stünden unter dem Verdacht, mit der Elite der LTTE in
Verbindung zu stehen. Die Flucht eines Familienmitglieds ziehe weitrei-
chende Verdächtigungen nach sich, weshalb die Vermutung des SEM nicht
haltbar sei. Sollten die Tätigkeiten seiner Schwester für die LTTE und sein
Training bei der LTTE ans Licht kommen, führe dies in der Regel zu einer
direkten staatlichen Verfolgung.
Es treffe zu, dass der Beschwerdeführer nicht genau habe angeben kön-
nen, wann er 2014 ausgereist sei, was in seinen grossen Erinnerungslü-
cken begründet liege. Die angedeuteten sexuellen Übergriffe, die sich mit
den Aussagen seines Vaters deckten und sich in gewissen Aussagen in
den Protokollen finden liessen, könnten eine Erklärung dafür sein, weshalb
er 2014 ausgereist sei und es bis heute nicht geschafft habe, den Grund
offenzulegen.
Die unübersichtliche Situation bezüglich der medizinischen Behandlung
liege unter anderem daran, dass eine Verständigung mit dem Beschwer-
deführer schwierig sei. Während seiner Stotter-Anfälle könne nur eine Per-
son, zu der er ein Vertrauensverhältnis habe, eine vollständige Anamnese
stellen. Dass es ihm offensichtlich nicht gut gehe, habe sich während des
langen Asylverfahrens mehrmals gezeigt und sei von mehreren, wenn
auch nur kurzfristig Beteiligten festgestellt worden. Unter Berücksichtigung
der besonderen Umstände sei davon auszugehen, dass er mit seiner ein-
geschränkten Kommunikationsfähigkeit seine Verfolgung habe glaubhaft
darlegen können.
Der Beschwerdeführer sei ein Tamile, der sein ganzes Leben im Vanni-
Gebiet gelebt habe. Seine Familie sei gezwungenermassen zur Komplizin
der LTTE geworden. Die Verbindung zu den LTTE habe dazu geführt, dass
die Familie auch nach dem Aufenthalt in einem Camp regelmässig von der
Armee verhört worden sei. Er sei höchstwahrscheinlich Opfer sexueller
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Übergriffe geworden. Seine Beschäftigung beim UNHCR und die Rückkehr
seiner Schwester hätten die Regelmässigkeit der Besuche durch die Ar-
mee erhöht. Die erlebte Verfolgung erfülle die geforderte Intensität und sei
asylrechtlich relevant. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) habe fest-
gehalten, dass bereits ein Gerücht über eine wie auch immer geartete Zu-
sammenarbeit mit oder Unterstützung der LTTE ausreiche, um verfolgt zu
werden. Gemäss Rechtsprechung unterlägen Personen, die nach Beendi-
gung des Bürgerkriegs unter Verdacht stünden, mit den LTTE in Verbin-
dung zu stehen oder gestanden zu haben, einer erhöhten Verfolgungsge-
fahr. Der generelle Ausschluss einer Verfolgungsgefahr aufgrund eines ge-
ringen politischen Profils sei nicht zulässig. Der Beschwerdeführer weise
mehrere Risikofaktoren in seiner Biografie auf, die dazu führten, dass er
aus Sicht des sri-lankischen Staats eine Gefahr darstelle. Seine Schwester
und sein Cousin seien bei den LTTE gewesen, der Beschwerdeführer habe
einen Rekrutierungsversuch erlebt und sein Bruder sei nach I._ ge-
flüchtet. Die Herkunft aus dem Vanni-Gebiet verstärke den Verdacht, er
stehe mit den LTTE in Verbindung. Die illegale Ausreise des Beschwerde-
führers und die Anwesenheit seines Bruders in I._ entkräfteten den
Verdacht nicht, sondern erhärteten diesen. Während den Verhören sei er
nach einer bestehenden Unterstützung der LTTE gefragt worden, was nicht
unterschätzt werden dürfe. Die sri-lankische Regierung sei immer noch
über ein Wiedererstarken der LTTE besorgt und verfolge jeglichen Ver-
dacht mit Aufmerksamkeit. Die Tragweite der Befragung des Beschwerde-
führers sei vom SEM unterschätzt worden. Er werde wegen seines Profils
und seiner familiären Verbindungen verdächtigt, an einem Erstarken der
LTTE interessiert zu sein, was ihn besonders gefährde. Verstärkt werde der
behördliche Verdacht durch seine Zitter- und Stotter-Anfälle; das Risiko,
wegen seines Verhaltens mitgenommen und gefoltert zu werden, sei als
hoch einzustufen. Die Bedrohung mit dem Tod und drohende Folter seien
als Gefährdung von Leib und Leben zu qualifizieren. Zumindest sei das
Vorliegen eines unerträglichen psychischen Drucks zu bejahen, da die psy-
chische Belastung des Beschwerdeführers sehr hoch gewesen sei. Selbst
wenn dies nicht bejaht würde, habe er heute begründete Furcht vor Verfol-
gung. Vor seiner Ausreise sei er über längere Zeit hinweg willkürlichen Ar-
meebesuchen, Befragungen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewe-
sen. Der Anblick von Armeeangehörigen löse in ihm Panik aus, die ihn
seine traumatischen Kriegserlebnisse wieder durchleben lasse. Die Todes-
drohungen kombiniert mit dem Unvermögen, sich ruhig und sachlich ver-
halten zu können, löse eine grosse Angstreaktion aus, die für ihn unerträg-
lich gewesen sei. Er habe bereits 2009 ausreisen wollen, habe den Ver-
such auf Anraten des Schleppers aber abbrechen müssen, was zeige,
D-2264/2020
Seite 14
dass die Situation für ihn schon damals unerträglich gewesen sei. Für ei-
nen vernünftig denkenden Menschen sei diese Furcht vor Verfolgungs-
handlungen nachvollziehbar. Angesichts der Armeeverhöre könne nicht
davon ausgegangen werden, er habe sich unbehelligt in seinem Heimat-
land aufhalten können. Aufgrund seiner Reaktion sei er besonders ver-
dächtig und gefährdet gewesen. Die subjektive Angst des Beschwerdefüh-
rers sei nachvollziehbar und es gebe auch nach dem Regierungswechsel
zahlreiche Fälle willkürlicher Verhaftungen und Folter. Folter werde immer
noch nicht geahndet. Der Beschwerdeführer sei in seiner Heimat auch ob-
jektiv gesehen nicht sicher. Aufgrund aller genannten Umstände sei er
möglicherweise auf einer «Stop List» aufgeführt, weshalb ihm bei der Ein-
reise nach Sri Lanka Verhaftung und Folter drohten. Es bestehe Grund zur
Annahme, dass er zumindest auf der «Watch List» aufgeführt sei. Ein Indiz
für Probleme bei einer Rückkehr sei das fortwährende Interesse des sri-
lankischen Staats an seinem Verbleib nach dreijähriger Landesabwesen-
heit. Die Gefahr bestehe nach dem aktuellen Regierungswechsel weiter-
hin.
4.3 Das SEM führt in der Vernehmlassung aus, es sei nicht ersichtlich,
weshalb die heimatlichen Behörden ein Verfolgungsinteresse am Be-
schwerdeführer haben sollten. Seine Schwester habe ihren LTTE-Einsatz
bis jetzt verbergen können und auch sein Cousin solle als verstorben gel-
ten. Er habe bei der Anhörung erklärt, er habe schon als Kind gestottert,
weshalb die Behauptung, er habe aufgrund der Befragungen durch die Ar-
mee zu zittern und stottern begonnen, nicht der Realität entspreche. Auch
könne nicht geglaubt werden, dass er aufgrund von Erinnerungslücken
nicht erzählt habe, dass er von der Armee mehrmals mitgenommen worden
sei. Es sei erstaunlich, dass er sich nun an alles erinnere und erklärt habe,
er sei massiv sexuell belästigt worden. Die Erinnerungslücken seien ärzt-
lich nie bestätigt worden. Es erstaune, dass er lediglich zum Arzt gegangen
sei, als er von SEM aufgefordert worden sei, Arztzeugnisse einzureichen.
Es sei nicht ersichtlich, weshalb die Armee im Jahr 2020 monatlich alle
Häuser des Heimatdorfs des Beschwerdeführers durchsuchen sollte, und
weshalb seine Schwester elf Jahre nach Kriegsende nun Probleme mit den
Behörden haben sollte. Es erscheine gewagt zu behaupten, er habe in der
Schweiz aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten nicht psychiatrisch
behandelt werden können. Auch bei einem stotternden Patienten sei davon
auszugehen, dass seit 2014 die Möglichkeit bestanden hätte, eine Thera-
pie durchzuführen, falls dies dringend nötig gewesen wäre. Der Beschwer-
deführer sei vom SEM zweimal angehört worden, ohne dass gravierende
D-2264/2020
Seite 15
Verständigungsprobleme zwischen ihm und dem Dolmetscher festgestellt
worden seien.
4.4 In der Replik wird entgegnet, die behandelnde Psychiaterin,
Dr. M._ teile mit, hinsichtlich des Beschwerdeführers sei eine auf-
fallende Konzentrationsschwierigkeit beziehungsweise eine kommunika-
tive Schwierigkeit rapportiert worden. Sie habe telefonisch mitgeteilt, der
Beschwerdeführer gebe auf klare Fragen vorbeiirrende Antworten. Er be-
ginne Sätze, ohne sie zu beenden, auch abrupte Themenwechsel und zeit-
liche Sprünge seien zu beobachten, was auf eine Zeitgitterstörung hin-
weise. Trotz Übersetzung verstehe er teilweise einfache Fragen nicht, wes-
halb eine neuropsychologische Abklärung in Erwägung gezogen werde. Es
gebe Hinweise auf einen verminderten IQ-Wert, dessen Ursachen unge-
klärt seien. Auch die zuständige Sozialarbeiterin beobachte kognitive Ver-
ständigungsprobleme. Die Ärztin habe gesagt, sie habe Gesten des Be-
schwerdeführers beobachtet, die ein Hinweis dafür seien, dass er über kör-
perlich Erlebtes berichte. Solche Gesten fehlten erfahrungsgemäss, wenn
er solche Übergriffe lediglich als Unbeteiligter bezeugen würde. Die Ärztin
beobachte, dass er äusserst hierarchiegläubig und bedacht sei, keine fal-
sche Aussage zu machen. Er habe geäussert, er könne sich nicht daran
erinnern, was er zwei Minuten zuvor gesagt habe. Dies erkläre die Angabe
in der Beschwerde, er habe vergessen, bei der Anhörung alle Übergriffe
darzulegen. Es könne bereits jetzt gesagt werden, dass nicht von einem
intakten Erinnerungsvermögen ausgegangen werden könne. Der Be-
schwerdeführer habe wohl schon seit seiner Kindheit gestottert, was er
lange Zeit nicht bemerkt habe; dies sei gemäss Dr. M._ bei Kindern
häufig. Erst als er in der Schule ausgegrenzt worden sei, sei er sich dessen
bewusstgeworden. Es könne davon ausgegangen werden, dass das Stot-
tern im familiären Bereich phasenweise abgenommen, sich jedoch zusam-
men mit dem Zittern bei den Armeebesuchen verstärkt habe. Diese Be-
obachtung teile die behandelnde Ärztin, die angegeben habe, er stottere
deutlich mehr, wenn er von traumatischen Ereignissen erzähle. Das Risiko,
dass seine Reaktionen ihn bei den Behörden verdächtig machten, existiere
auch in Zukunft.
Der Umstand, dass die Schwester des Beschwerdeführers nicht zusam-
men mit ihrer Familie ins Heimatdorf zurückgekehrt sei, habe bei den Be-
hörden den Verdacht erweckt, sie sei möglicherweise bei den LTTE gewe-
sen. Jegliche Rückkehr von Personen ins Vanni-Gebiet sei Anlass, deren
Vergangenheit auszuleuchten, denn ein Grossteil der Zivilbevölkerung aus
diesem Gebiet sei in der Endphase des Krieges von den LTTE rekrutiert
D-2264/2020
Seite 16
worden. Auf allen im Dorf lebenden Familien laste der Verdacht, sie hätten
mit den LTTE kooperiert. Hinzu komme, dass der Bruder des Beschwerde-
führers als verstorben gelte und seine Schwester verzögert und traumati-
siert zur Familie zurückgekehrt sei. Dies sei für die Behörden Anlass genug
davon auszugehen, dass die Familie mit den LTTE kooperiert habe, was
vorliegend auch zutreffe. Seine Familie und er würden aufgrund ihrer Eth-
nie und ihrer politischen Gesinnung verfolgt.
Bereits in der Beschwerde vom März 2017 sei ausgeführt worden, dass ein
erster Behandlungsversuch des Beschwerdeführers in der Schweiz ver-
siegt sei, was er so interpretiert habe, als dass sein Leiden «normal» sei.
Er versuche um jeden Preis, Flashbacks zu verhindern, weshalb er keinen
zweiten Anlauf gewagt habe. Es sei ein Gutachten angeregt worden, das
nie Eingang in die Akten gefunden habe. Es sei nicht sein Fehler, dass dem
so sei. Vielmehr scheine es gerade bezüglich der Erstellung des medizini-
schen Sachverhalts zu Verfehlungen gekommen zu sein, die nicht ihm an-
gelastet werden könnten. Die Behauptung des SEM, es seien bei den An-
hörungen keine Verständigungsprobleme festgestellt worden, irritiere. Auf
dem Triageblatt des SEM seien «offensichtliche Schwierigkeiten» vermerkt
worden. Das Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil D-1367/2017 vom
20. September 2017 festgehalten, dass «schwerste Sprachstörungen» ak-
tenkundig gewesen seien, die nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen
seien.
4.5 In der Eingabe vom 1. März 2021 wird ausgeführt, im eingereichten
psychiatrischen Bericht werde festgehalten, dass beim Beschwerdeführer
eine komplexe neuropsychiatrische Situation vorliege, die auch nach aus-
führlichem Vertrauensaufbau und exzessiven Abklärungsbemühungen
keine abschliessende Beurteilung zulasse. Die Anamnese sei durch das
als «eingeschränkt» beurteilte Sprachniveau und durch ein «deutlich redu-
ziertes kognitives Funktionsniveau» erschwert. Dies könne auf eine früh-
kindliche Entwicklungsstörung oder Intelligenzverminderung zurückgeführt
werden, müsse es aber nicht. Beim Beschwerdeführer sei eine schwergra-
dige PTBS diagnostiziert worden. Es seien intrusives Erinnern, Albträume,
dissoziative Ereignisse, Bedrohungserleben, Ängste und insbesondere
Schlaf-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen mit ausgeprägten Zeit-
gitterstörungen diagnostiziert worden. Des Weiteren leide er an einer re-
zidivierenden depressiven Störung, einer sozialen Phobie und einem redu-
zierten kognitiven Funktionsniveau. Es werde erneut vermerkt, dass er un-
ter Anspannung stottere. Auch ein Zittern der rechten Hand, teilweise sich
ausbreitend über den ganzen Körper, sei beobachtet worden. Die Ärzte
D-2264/2020
Seite 17
hielten fest, dass das Langzeitgedächtnis im Gespräch deutlich einge-
schränkt sei; es sei eine deutliche eingeschränkte Auffassungsgabe fest-
gestellt worden.
Die neurologische Untersuchung unterstreiche, dass der Beschwerdefüh-
rer sich lange Fragen nicht merken könne. Es sei eine «schwergradig ver-
langsamte Leistung» und eine «schwergradig verminderte verbale bei
leichtgradig reduzierter nonverbaler Merkspanne» festgestellt worden.
Auch sein Abstraktionsvermögen, sein Sprach- und Instruktionsverständ-
nis seien schwer eingeschränkt. Der IQ-Test sei angesichts der schwergra-
digen Verlangsamung nicht verwertbar. Es sei der Eindruck einer «deutli-
chen Schwierigkeit bei der Bearbeitung der Aufgaben» verblieben. Der Be-
schwerdeführer sei kooperativ, aber nicht genügend kooperationsfähig,
insbesondere, weil er trotz auch bildlicher Erklärungsweise die Aufgaben
nicht verstanden habe. Der Bericht schliesse eine frühkindliche Entwick-
lungsstörung und eine Intelligenzverminderung nicht aus.
In beiden Berichten werde festgehalten, dass der Beschwerdeführer einer
engmaschigen psychotherapeutischen Anbindung bedürfe. Er verfüge we-
der über die erforderlichen kognitiven noch über Belastungsreserven für
eine Traumatherapie. Er sei ins Ambulatorium der (...) zur sozialpsychiat-
risch-stabilisierenden Behandlung überwiesen worden. Von einem Thera-
pieabbruch werde abgeraten, da sich das Zustandsbild ohne Unterstüt-
zung rasch verschlechtern dürfte und sich eine akute Suizidalität nicht aus-
schliessen lasse.
Angesichts der ausführlichen Diagnose sei es nicht mehr zulässig, sich al-
leine auf den Bericht von Dr. N._ (recte: Dr. F._) zu stützen
und die diagnostizierte PTBS in Frage zu stellen, wie es das SEM im Ent-
scheid vom 26. März 2020 getan habe. Auch die Vergesslichkeit und die
Konzentrationsstörungen, die das SEM anzweifle, seien nun aktenkundig
durch Fachpersonen erstellt. Angesichts der psychischen Erkrankung und
deren starken Auswirkungen auf seine kognitiven und sprachlichen Fähig-
keiten könne nicht davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdefüh-
rer je in der Lage gewesen sei, seine Asylgründe ausreichend geltend zu
machen. Sein Unvermögen, ausführliche Fragen zu beantworten bezie-
hungsweise Instruktionen Folge zu leisten, lasse im Kontext einer Anhö-
rung zu den Asylgründen aufhorchen. Es sei von einer potenziell vorüber-
gehenden Unfähigkeit auszugehen. Dies sei daran ersichtlich, dass er als
«nicht vollständig explorierbar» qualifiziert worden sei. Der Verdacht, den
die Rechtsvertretung seit Beginn des Mandatsverhältnisses gehabt habe,
D-2264/2020
Seite 18
habe sich bestätigt. Seit Anbeginn seien die durch den Beschwerdeführer
preisgegebenen Ereignisse bruchstückhaft und ohne feste und klare zeitli-
che Ordnung geblieben. Nach Austausch mit Frau Dr. M._ habe
sich ergeben, dass auch ihr ein Gesamtbild der Gegebenheiten fehle. Sie
erachte es als möglich, dass ganze Episoden von traumatischen Ereignis-
sen noch nicht zur Sprache gekommen seien. Dies decke sich mit den Aus-
künften, die die Rechtsvertretung bei den Eltern des Beschwerdeführers
eingeholt habe. Als weiterer Hinweis sei die «persönliche Anamnese» im
Bericht vom 18. Februar 2021 zu sehen, gemäss welcher er bei der Be-
schreibung seiner Zeit im Flüchtlingslager mehrfach in Folge dissoziiert
habe, sodass keine weiteren Anamnesen über diesen Zeitraum hätten er-
hoben werden können. Zudem habe er erneut angegeben, dass er in den
Befragungen zu seinen Asylgründen «vor manchen Themen zu viel Angst
gehabt habe, um sie zu besprechen». Welchen Effekt das Stottern und Zit-
tern in Verhörsituationen mit der Armee auf deren Einschätzung haben
könne, sei bereits in den beiden Beschwerden ausgeführt worden. Auch
wenn die erlebte Verfolgung nicht vollends habe eruiert werden können,
müsse alleine schon deshalb von einer künftigen asylrelevanten Verfol-
gung ausgegangen werden. Es stehe fest, dass die Behörden in den Haus-
halten des Vanni-Gebiets Routinekontrollen durchführten. Es sei unaus-
weichlich, dass er bei einer solchen Kontrolle negativ auffalle, was ange-
sichts der verwandtschaftlichen Beziehung zu den LTTE asylrelevante
Konsequenzen nach sich ziehen werde.
Erneut sei auf den fragilen Gesundheitszustand der Schwester des Be-
schwerdeführers hinzuweisen. Auch im Bericht vom 18. Februar 2021
werde erwähnt, dass die Schwester nach ihrer Freilassung durch die LTTE
psychisch schwer angeschlagen gewesen sei. Seit sie versucht habe, sich
zu ertränken, könne sie nicht mehr allein gelassen werden. Sie habe mehr-
mals hospitalisiert werden müssen. Die Pflege der Schwester sei zeit- und
ressourcenaufwändig. Es liege ein Bericht dazu vor. Seit mindestens 2018
sei sie im (...) in Behandlung, wo sie rund einmal im Monat hingehe. Dem
Medical Clinic Drug Book sei zu entnehmen, dass sie an einer «Resistant
Schizophrenia» leide und nicht auf die klassische medizinische Therapie
anspreche. Es sei davon auszugehen, dass die Eltern des Beschwerde-
führers mit der Betreuung der Schwester ausgelastet seien. Auch Frau Dr.
M._ habe gesagt, dass bereits in der Schweiz der Betreuungsauf-
wand einer solchen Patientin sehr gross wäre. Angesichts des Umstandes,
dass auch der Beschwerdeführer bei einer Rückschaffung auf die tägliche
Unterstützung seiner Eltern angewiesen wäre, sei zu folgern, dass dies zu
deren kompletten Überlastung führen würde.
D-2264/2020
Seite 19
5.
5.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel
(Bstn. a-e). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mit-
wirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Dazu ge-
hört, die Identität offenzulegen und vorhandene Identitätspapiere abzuge-
ben, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und in der Anhö-
rung die Asylgründe darzulegen, allfällige Beweismittel vollständig zu be-
zeichnen und unverzüglich einzureichen sowie bei der Erhebung der bio-
metrischen Daten mitzuwirken (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind. Die Sachverhaltsfeststellung ist demgegenüber unvollständig,
wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände be-
rücksichtigt werden.
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht hielt in seinem Urteil D-1367/2017 vom
20. September 2017 fest, aufgrund der Aktenlage bestünden insgesamt
genügend Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer unter einer
PTBS leiden könnte, wobei der diesbezügliche Sachverhalt durch das SEM
nicht rechtsgenüglich abgeklärt worden sei. Es könne nicht ausgeschlos-
sen werden, dass eine psychische Erkrankung Einfluss auf sein Aussage-
verhalten gehabt haben könnte. Das Vorliegen einer psychischen Erkran-
kung könnte zudem Auswirkungen auf die Beantwortung der Frage nach
der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben (vgl. E. 5.3.10).
Das Bundesverwaltungsgericht wies das SEM an, den aktuellen Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers durch ein zu erstellendes ärztlich-
psychiatrisches Gutachten zu klären. Bei der Beurteilung der Aussagen
des Beschwerdeführers seien die Ergebnisse des Gutachtens hinsichtlich
der Interpretation seines Aussageverhaltens zu berücksichtigen. Sollte das
SEM den Schluss ziehen, das Asylgesuch des Beschwerdeführers sei
auch aufgrund der vollständigen Sachverhaltsfeststellung erneut abzuwei-
sen, werde es die Ergebnisse des Gutachtens bei der Beurteilung der
Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu berücksichtigen haben
(vgl. E. 6).
D-2264/2020
Seite 20
5.3 Diesbezüglich ist vorweg festzustellen, dass das SEM nach der Rück-
weisung der Sache entgegen der Anweisung durch das Bundesverwal-
tungsgericht keine ärztlich-psychiatrische Begutachtung des Beschwerde-
führers durchführen liess. Vorerst forderte es ihn am 20. April 2018 auf,
einen ärztlichen Bericht einzureichen; dieser Aufforderung kam der Be-
schwerdeführer, der einmal konsiliarisch von einem Tamilisch sprechenden
Psychotherapeuten gesehen wurde, Anfang Mai 2018 nach. Mit Zwischen-
verfügungen vom 18. Dezember 2019 und 3. Februar 2020 forderte das
SEM den Beschwerdeführer erneut auf, (ergänzende) Arztberichte einzu-
reichen. Er kam diesen Aufforderungen nach, indem er zwei Berichte sei-
ner Hausärztin übermittelte.
5.4
5.4.1 Bereits bei der BzP vom 5. März 2014 wies der dem Beschwerdefüh-
rer von Amtes wegen zugewiesene Rechtsvertreter das SEM darauf hin,
dass beim Beschwerdeführer äussere Hinweise auf eine psychische Er-
krankung vorlägen, weshalb er die Einholung eines psychologischen Gut-
achtens anregte (vgl. SEM-act. A9/11 S. 8). Nach Abschluss der Anhörung
vom 16. April 2014 hielt die Befragerin im Formular «Triage Übergabe ins
erweiterte Verfahren“ fest, der Beschwerdeführer habe offensichtlich
Schwierigkeiten. Zurzeit laufe eine allgemeine ärztliche Abklärung. Da
nicht klar sei, ob die gesundheitlichen Schwierigkeiten angeboren oder
traumabedingt seien, müsse eine weitergehende, eventuell psychiatrische
Abklärung vorgenommen werden. Dies benötige Zeit, weshalb der Be-
schwerdeführer ins erweiterte Verfahren zu überweisen sei (vgl. SEM-act.
A19/1). Gleichentags wies der damalige Rechtsvertreter das SEM darauf
hin, dass sich Anzeichen ergäben, wonach der Beschwerdeführer an einer
psychischen Krankheit leide. Es falle auf, dass er bei Fragen nach seinem
Gesundheitszustand ausweiche, was in Anbetracht der Hinweise auf eine
psychische Erkrankung zu würdigen sei. Es sei von Amtes wegen ein psy-
chologisches Gutachten „beizuziehen“ (vgl. SEM-act. A20/1).
5.4.2 In den von der Rechtsvertretung im Rahmen des ersten Beschwer-
deverfahrens eingereichten Unterlagen befindet sich eine Überweisung der
(...) (med. pract. O._) vom 11. April 2014 zur konsiliarischen Unter-
suchung des Beschwerdeführers an das psychiatrische Konsil. Diagnosti-
ziert wurden eine Kachexie (pathologischer Gewichtsverlust), Ein- und
Durchschlafstörungen, eine PTBS sowie Dysarthrie und Anarthrie
(schwerste Sprechstörungen). Über den weiteren Gang der Abklärungen
ist nichts bekannt. Des Weiteren befindet sich in den Unterlagen eine Di-
agnose zuhanden der Migrationsbehörden von Dr. med. P._ vom
D-2264/2020
Seite 21
21. Februar 2017, in der bezüglich des Beschwerdeführers ein dringender
Verdacht auf eine PTBS nach Trauma 2009 gestellt wird. Dr. P._
erachtete eine psychiatrische Beurteilung als «zwingend empfohlen».
5.4.3 Während des wiederaufgenommenen vorinstanzlichen Verfahrens
wurden vom SEM mehrere ärztlich-psychiatrische Berichte betreffend den
Beschwerdeführer eingefordert.
5.4.3.1 Dem Bericht von Dr. L._ vom 3. Mai 2018 ist zu entnehmen,
dass der Beschwerdeführer an Einschlafstörungen leide und vegetative
Angstsymptome wie Zittern bei bestimmten Reizen (z.B. uniformiertes Si-
cherheitspersonal) erlebe. Vor einer Rückkehr nach Sri Lanka fürchte er
sich, weil er auf der Flucht Leichen von erschossenen Menschen gesehen
habe. Auf Nachfrage habe er jegliche direkte Inhaftierung, Misshandlung
oder Folter verneint. Aus seiner Erzählung sei eine körperliche Traumati-
sierung auszuschliessen; es sei aber möglich, dass er in der Kriegszone
mit Zerstörung, Gewalt und Leichen konfrontiert worden sei. Die typischen
Symptome von einer Traumafolgestörung verneine er.
5.4.3.2 Gemäss dem ärztlichen Bericht von med. pract. J._ vom
9. Januar 2020 sei die Flucht des Beschwerdeführers nach im Jahr 2009
in Sri Lanka erlittener Festnahme und Folter – er sei geschlagen worden –
erfolgt. Er äussere Schlafstörungen und Angstzustände. Es liege eine aus-
geprägte Sprech- und fraglich auch Artikulationsstörung vor. Dem ergän-
zenden Bericht derselben Ärztin vom 5. März 2020 ist nichts Neues zu ent-
nehmen. Immerhin wies sie darauf hin, sie könne nicht beurteilen, welchen
Einfluss die medizinischen Probleme des Beschwerdeführers auf sein Aus-
sageverhalten gehabt hätten.
5.5 Für den Inhalt der beiden im Rahmen des zweiten Beschwerdeverfah-
rens eingereichten ärztlich-psychiatrischen beziehungsweise neuropsy-
chologischen Berichte (...) vom 18. Februar 2021 und 12. Januar 2021 ist
auf die vorstehenden Ausführungen unter Erwägung 4.5. zu verweisen.
5.6 Angesichts der ausführlichen ärztlichen Berichte (...) aus dem Jahre
2021, die aufgrund mehrerer Sitzungen mit dem Beschwerdeführer erstellt
wurden, ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer unter einer
schwergradigen PTBS, einer rezidivierenden depressiven Störung und so-
zialen Phobien leidet. Der von verschiedener Seite geäusserte Verdacht,
der Beschwerdeführer leide unter einer PTBS, hat sich durch seine mehr-
D-2264/2020
Seite 22
monatige Exploration an der Klinik für (...) bestätigt. Dem von dieser Diag-
nose abweichenden ärztlichen Bericht von Dr. L._ vom 3. Mai 2018
kann unter diesen Umständen kein entscheidendes Gewicht beigemessen
werden, da er auf einem einzigen Gespräch mit einem Tamilisch sprechen-
den Psychotherapeuten basiert, dem sich der Beschwerdeführer eigenen
Angaben gemäss nicht habe öffnen können. Dass der Beschwerdeführer
unter psychischen Problemen leiden könnte, welche die umfassende
Sachverhaltsfeststellung erschweren beziehungsweise verunmöglichen
könnten, wurde sowohl seitens des SEM als auch seitens der zugewiese-
nen Rechtsvertretung bereits anlässlich der BzP und der Anhörung be-
merkt. Angesichts der aktuellsten ärztlichen beziehungsweise psychologi-
schen Berichte ist davon auszugehen, dass es ihm aufgrund seiner per-
sönlichen Fähigkeiten erschwert beziehungsweise verunmöglicht ist, län-
gere oder komplexere Fragestellungen zu erfassen und zu beantworten.
Es bestehen Hinweise darauf, dass er über möglicherweise erlittene ge-
waltsame Übergriffe nicht oder nur ansatzweise zu berichten im Stande
war und ist. Die Schwierigkeiten bei der Sachverhaltsermittlung liegen nicht
in der mangelnden Kooperationswilligkeit des Beschwerdeführers, sondern
in seiner Kooperationsunfähigkeit begründet. Bei der Beurteilung der
Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers und seiner persön-
lichen Glaubwürdigkeit ist davon gebührend Kenntnis zu nehmen.
5.7 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen lässt sich die vom SEM in der
angefochtenen Verfügung vorgenommene Einschätzung, die von den
Rechtsvertretern aufgestellte Behauptung, der Beschwerdeführer leide an
einer PTBS und bedürfe dringend psychiatrischer Betreuung, sei zurück-
zuweisen, nicht aufrechterhalten. Ebenso wenig zu überzeugen vermag
angesichts der auf Beschwerdeebene gewonnenen Erkenntnisse die Ein-
schätzung des SEM, die angeblichen Ängste, die fehlende Konzentrations-
fähigkeit und die Vergesslichkeit des Beschwerdeführers seien medizinisch
nicht bestätigt worden.
5.8 Aufgrund der im Beschwerdeverfahren eingereichten ausführlichen
ärztlich-psychiatrischen und neuropsychologischen Berichte steht fest,
dass der Beschwerdeführer unter anderem an einer PTBS und an sozialen
Phobien leidet. Angesichts der Aktenlage ist davon auszugehen, dass die
psychische Erkrankung des Beschwerdeführers einen Einfluss auf sein
Aussageverhalten gehabt hat. Diese Sachlage wurde vom SEM durch die
von ihm gewählte Vorgehensweise nicht in genügender Weise abgeklärt
und erkannt. Der rechtserhebliche Sachverhalt wurde demzufolge bisher
D-2264/2020
Seite 23
nur ungenügend abgeklärt und der Anspruch des Beschwerdeführers auf
rechtliches Gehör verletzt.
6.
6.1 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur, weshalb des-
sen Verletzung grundsätzlich ungeachtet der materiellen Auswirkungen zur
Aufhebung des betreffenden Entscheides führt (vgl. BVGE 2008/47
E. 3.3.4 S. 676 f., m.w.H.). Vorliegend sieht sich das Bundesverwaltungs-
gericht nicht veranlasst, mittels durch das Gericht vorzunehmender weite-
rer Sachverhaltsabklärungen eine Heilung der Gehörsverletzung vorzu-
nehmen, zumal dem Beschwerdeführer dadurch eine Instanz verloren
ginge und zudem nach dem erwähnten Grundsatzentscheid BVGE
2008/47 eine Heilung die Ausnahme bleiben und auch nur dann gangbar
sein soll, wenn eine fehlende Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz
mit vertretbarem Aufwand hergestellt werden kann. Diese beiden Voraus-
setzungen sind vorliegend nicht erfüllt, da die Gehörsverletzung gravierend
ist und dem Bundesverwaltungsgericht ein nicht unerheblicher Aufwand
entstehen würde.
6.2 Aufgrund des vorstehend Gesagten ist die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Sache zur weiteren vollständigen Sachverhaltsabklä-
rung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das SEM wird nach Rücksprache
mit der Rechtsvertreterin beziehungsweise der den Beschwerdeführer be-
handelnden ärztlich-psychiatrischen oder psychologischen Fachpersonen
zu klären haben, ob eine ergänzende Anhörung des Beschwerdeführers
angesichts seines aktuellen Gesundheitszustands allenfalls zu neuen Er-
kenntnissen über von ihm erlittene traumatisierende Erlebnisse zu führen
möchte. Bei der Beurteilung der Aussagen des Beschwerdeführers werden
die nunmehr vorliegenden fachärztlichen und neuropsychologischen Er-
gebnisse bei der Interpretation seines Aussageverhaltens zu berücksichti-
gen sein. Sollte das SEM den Schluss ziehen, das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers sei auch aufgrund der – soweit möglich – vollständigen
Sachverhaltsfeststellung erneut abzuweisen, wird es die Ergebnisse der
fachärztlichen beziehungsweise neuropsychologischen Abklärungen des
Beschwerdeführers bei der Beurteilung der Durchführbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ebenso zu berücksichtigen haben wie die im Beschwerde-
verfahren dargelegte Situation der Familie des Beschwerdeführers.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
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Seite 24
8.
8.1 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Bei der Be-
messung der Parteientschädigung beziehungsweise eines allfällig zu ent-
richtenden amtlichen Honorars gilt, dass nur notwendige und verhältnis-
mässig hohe Kosten ausgeglichen werden (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m.
Art. 7 Abs. 1 und 4 VGKE).
8.2 Mit der Eingabe vom 1. März 2021 wurde von der Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers eine Kostennote über Fr. 2235.– eingereicht (Aufwand
von insgesamt 14 Stunden à Fr. 150.–, Kosten für Dolmetscherdienste von
Fr. 120.– und Portospesen von Fr. 15.–), die angesichts der Aktenlage als
angemessen erscheint. Gemäss Mitteilung ist die Rechtsvertretung nicht
mehrwertsteuerpflichtig. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemes-
sungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer deshalb zulas-
ten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2235.–
(inkl. Auslagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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