Decision ID: 81c390c3-3396-5cf3-a2d3-73ff291c43eb
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden sind sri-lankische Staatsangehörige tamilischer
Ethnie. Eigenen Angaben zufolge verliessen sie ihren Heimatstaat im Sep-
tember 2009 auf dem Luftweg und lebten in der Folge in C._ (In-
dien). Im Jahr 2013 stellten sie beim schweizerischen Generalkonsulat in
Mumbai ein Asylgesuch. Dieses teilte ihnen in einem Antwortschreiben mit,
dass es nicht mehr möglich sei, bei einer diplomatischen Vertretung der
Schweiz ein Asylgesuch einzureichen. Mithilfe eines Schleppers gelangten
die Beschwerdeführenden schliesslich im November 2015 per Flugzeug
via D._ und E._ nach Italien. Von dort reisten sie mit dem
Auto in die Schweiz, wo sie am 26. November 2015 im Empfangs- und
Verfahrenszentrum F._ ein Asylgesuch stellten. Daraufhin wurde
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 10. Dezember 2015 im
Rahmen einer Befragung zur Person (BzP) zu ihren persönlichen Umstän-
den, dem Reiseweg sowie summarisch zu ihren Asylgründen befragt. Am
26. September 2017 hörte sie das SEM einlässlich zu ihren Asylgründen
an.
B.
B.a Dabei machte die Beschwerdeführerin geltend, sie sei im Distrikt
G._ aufgewachsen und habe aufgrund des Bürgerkrieges im Jahr
1995 zusammen mit ihrer Familie ins sogenannte Vanni-Gebiet fliehen
müssen. Drei Jahre später sei sie freiwillig den Liberation Tigers of Tamil
Eelam (LTTE) beigetreten und habe dort in der politischen Abteilung gear-
beitet, unter anderem als Sekretärin von "H._", der (...) der LTTE.
Im Jahr (...) habe sie den LTTE-Angehörigen I._ geheiratet und im
gleichen Jahr sei ihr gemeinsamer Sohn zur Welt gekommen. Ab Januar
2009 habe sie ihre Arbeit beenden müssen, da sie durch den Krieg ge-
zwungen gewesen seien, mehrmals den Aufenthaltsort zu wechseln. Als
sie in ein von der sri-lankischen Armee kontrolliertes Gebiet gekommen
seien, habe sich ihr Ehemann am 17. Mai 2009 als LTTE-Mitglied zu er-
kennen gegeben. Die Militärangehörigen hätten ihn daraufhin mitgenom-
men und sie habe ihn seither nicht mehr gesehen. Sie selbst habe ihre
LTTE-Mitgliedschaft verschwiegen und sei mit ihrem Sohn in ein Flücht-
lingslager gekommen. Dort habe sie stets befürchtet, dass jemand sie ver-
raten könnte. Viele Leute hätten sie gekannt aufgrund ihrer Tätigkeit sowie
wegen ihres Ehemanns, der bei den LTTE eine sehr wichtige Person ge-
wesen sei. Ihr in der Schweiz lebender Schwager – mit dem sie über ihre
Schwiegermutter in Kontakt getreten sei – habe ihre Flucht aus dem Camp
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sowie die Ausreise nach Indien mithilfe eines lokalen Schleppers organi-
siert. Zu Beginn sei sie im Besitz eines dreimonatigen Touristenvisums ge-
wesen, danach habe sie sich bei den Behörden gemeldet. Sie habe sich
bei der Polizei registrieren müssen und nach Bezahlung eines Geldbetrags
einen Rapport erhalten. Sie seien als Flüchtlinge in Indien gewesen, wobei
sie eine sogenannte "Aussen-Registration" – im Gegensatz zur "Innen-Re-
gistration" in einem Flüchtlingslager – erhalten hätten. Ihr Schwager habe
sie von der Schweiz aus finanziell unterstützt. An ihrem Wohnort in Indien
hätten sich viele Tamilen aus Sri Lanka befunden, darunter auch ehemalige
LTTE-Mitglieder, die mittlerweile regierungsfreundlichen Gruppierungen
angehörten. Sie habe deshalb Angst gehabt, dass diese sie identifizieren
könnten. Als Frau habe sie sich in Indien auch nicht frei bewegen können
und sie sei dort alleine mit ihrem Sohn gewesen. Zudem seien in den Jah-
ren 2011/2012 einige Male Leute der "Q-Branch" zu ihr gekommen und
hätten sich nach ihrem Schwager erkundigt sowie Fragen zum Verbleib
ihres Ehemannes gestellt. Sie habe bereits früher versucht, in die Schweiz
– wo zwei Brüder ihres Mannes lebten – zu reisen; dies sei aber vor allem
aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen.
B.b Zum Nachweis ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin ihre sri-
lankische Identitätskarte und einen beglaubigten Auszug aus dem Geburts-
register ein. Ebenso legte sie eine Kopie der Identitätskarte ihres Eheman-
nes und beglaubigte Geburtsregisterauszüge betreffend den Ehemann so-
wie den gemeinsamen Sohn vor. Zudem wurden folgende Beweismittel zu
den Akten gegeben:
- Kopie der Heiratsurkunde
- Asylgesuch der Beschwerdeführerin vom 15. November 2013 an das
Schweizer Generalkonsulat in Mumbai und dessen Antwortschreiben
vom 19. November 2013
- Bericht von Human Rights Watch vom 7. April 2011
- mehrere Schreiben, mit welchen Familienangehörige nach dem Ehe-
mann der Beschwerdeführerin suchen
- von der Beschwerdeführerin ausgefülltes Formular "Report on the en-
forced or involuntary disappearance of a person"
- diverse Schreiben der Beschwerdeführerin in tamilischer Sprache
- Foto von der Hochzeit der Beschwerdeführerin
- Zeitung mit einem Foto des Ehemannes der Beschwerdeführerin und
J._ auf der Titelseite
- "Relief and Recovery Assistance to Displaced Persons"-Karte
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- "Temporary ID Card" der Beschwerdeführerin
- Liste mit Links, welche Berichte betreffend den Ehemann der Be-
schwerdeführerin enthielten
- ausgedrucktes Foto der Beschwerdeführerin in LTTE-Uniform
- ausgedruckte Fotos von der Beschwerdeführerin bei der UNO in Genf
- Visitenkarte von K._ vom (...) ([...])
- Ausweis der Beschwerdeführerin von der ONUG
- Internetartikel betreffend den Ehemann der Beschwerdeführerin
- Kopien der Registrierungsformulare der Beschwerdeführenden in In-
dien (L._ Police; Sri Lankan Registration Particulars)
C.
Mit Verfügung vom 22. August 2018 – eröffnet am 24. August 2018 – trat
das SEM auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, wies
sie aus der Schweiz weg und ordnete den Vollzug der Wegweisung nach
Indien an.
D.
Mit Eingabe vom 31. August 2018 erhoben die Beschwerdeführenden –
handelnd durch ihre neu mandatierte Rechtsvertreterin – beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid und beantragten, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache sei zur Neubeur-
teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zudem sei die Vorinstanz anzu-
weisen, auf das Asylgesuch einzutreten. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und Beiordnung der unter-
zeichnenden Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. Der Be-
schwerde lagen – neben einer Vollmacht und der angefochtenen Verfü-
gung – diverse Zeitungsberichte im Zusammenhang mit Verhaftungen von
LTTE-Leuten, ein Bericht des (...) vom 29. August 2018, ein Screenshot
eines Videos mit der Beschwerdeführerin sowie Schreiben von Lehrperso-
nen und Zeugniskopien betreffend B._ bei.
E.
Mit Eingabe vom 3. September 2018 reichte die Rechtsvertreterin eine So-
zialhilfebestätigung der (...) vom 31. August 2018 nach.
F.
Die Instruktionsrichterin stellte mit Verfügung vom 7. September 2018 fest,
die Beschwerdeführenden dürften den Ausgang des Verfahrens in der
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Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und ordnete den Beschwerdeführenden Rechtsanwäl-
tin Géraldine Walker als amtliche Rechtsbeiständin bei.
G.
Die Beschwerdeführenden reichten mit Eingabe vom 10. September 2018
ein Schreiben der (...) vom 4. September 2018 ein. Diesem lasse sich ent-
nehmen, wie rasch und vorbildlich sie sich in der Schweiz integriert hätten
und welche katastrophalen Auswirkungen auf ihr Wohlergeben ein ableh-
nender Entscheid hätte.
H.
Mit Eingabe vom 26. September 2018 reichte die Rechtsvertreterin eine
Kostennote zu den Akten.
I.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 1. Oktober 2018 zur Beschwerde
vom 31. August 2018 vernehmen.
J.
Mit Instruktionsverfügung vom 8. Oktober 2018 wurde den Beschwerde-
führenden ein Doppel der Vernehmlassung des SEM zugestellt und ihnen
die Gelegenheit eingeräumt, eine Replik einzureichen. Sie liessen die an-
gesetzte Frist ungenutzt verstreichen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit der vorliegenden Beschwerde wird eine Verfügung angefochten, mit
welcher das SEM auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht ein-
getreten ist. Die Beurteilungskompetenz der Beschwerdeinstanz ist damit
grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das
Asylgesuch nicht eingetreten ist. Sofern das Bundesverwaltungsgericht
den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet, enthält es sich
einer selbstständigen materiellen Prüfung, hebt die angefochtene Verfü-
gung auf und weist die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz
zurück (vgl. BVGE 2014/39 E. 3 m.w.H.). Bezüglich der Frage der Wegwei-
sung und des Vollzugs hat das SEM eine materielle Prüfung vorgenom-
men, weshalb dem Gericht diesbezüglich volle Kognition zukommt.
3.
3.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, die Beschwer-
deführenden hätten sich nach Ablauf ihres indischen Touristenvisums Ende
2009 bei der örtlichen Polizei registrieren können und in der Folge stets in
C._ gelebt. Sie hätten sich als Flüchtlinge in Indien aufgehalten und
eine sogenannte Aussenregistrierung erhalten, womit sie über einen recht-
mässigen Aufenthaltsstatus verfügt hätten. Es bestünden keine Hinweise
darauf, dass in Indien kein effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne
von Art. 5 Abs. 1 AsylG bestehe. Die Wegweisung in diesen Staat erweise
sich daher als zulässig. Eigenen Angaben zufolge habe die Beschwerde-
führerin in Indien keine nennenswerten Probleme mit den Behörden ge-
habt. Die geltend gemachten Befragungen durch den indischen Geheim-
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dienst ("Q-Branch") in den Jahren 2011/2012 lägen weit zurück und stün-
den nicht in einem kausalen Zusammenhang zur Ausreise im November
2015. Ihre persönlichen Ausreisemotive – namentlich der Umstand, dass
sie sich als Frau in Indien nicht alleine bewegen könne und dort mit ihrem
Sohn alleine gewesen sei – stellten keine asylbeachtliche Verfolgung dar.
Die Beschwerdeführenden könnten somit in einen Drittstaat zurückkehren,
in welchem Schutz vor einer Rückschiebung bestehe, weshalb auf ihre
Asylgesuche nicht einzutreten sei.
3.2 In der Rechtsmitteleingabe wurde geltend gemacht, es sei nicht kor-
rekt, dass das SEM annehme, die Beschwerdeführenden seien in Indien
als Flüchtlinge registriert. Vielmehr seien sie mit einem Touristenvisum
nach Indien gereist und hätten sich dann registrieren lassen, was mit einer
Wohnsitzbescheinigung in der Schweiz vergleichbar sei. Die Beschwerde-
führerin habe in Indien nie ein Verfahren durchlaufen und Aussagen zu ih-
ren Fluchtgründen gemacht. Bei der Frage nach ihrem Aufenthaltsstatus
sei zwar als Antwort protokolliert worden: "Flüchtling. Diese Registrierung
nennt man Aussen-Registrierung." Beim Wort Flüchtling müsse es sich
aber um einen Übersetzungsfehler handeln, da offensichtlich von einer Re-
gistrierung und nicht von einem Flüchtlingsstatus im Sinne des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flücht-
lingskonvention [FK]; SR 0.142.30) gesprochen worden sei. Als sri-lanki-
sche Staatsangehörige seien die Beschwerdeführenden berechtigt, in In-
dien zu leben, wobei eine einfache Registrierung mit Namen und Wohna-
dresse genüge und keine weiteren Angaben erforderlich seien. Dies lasse
sich keinesfalls mit einem Flüchtlingsstatus gleichsetzen. Entsprechend
bestehe im Falle einer Rückkehr kein Schutz vor einer Rückschiebung ge-
mäss dem Non-Refoulement-Gebot. Die Beschwerdeführerin habe gegen-
über den indischen Behörden nicht angegeben, dass sie Mitglied der LTTE
und Ehefrau eines LTTE-Kaders gewesen sei, da sie sich vor Repressalien
von Seiten des indischen Geheimdienstes gefürchtet habe. Es sei offen-
sichtlich, dass Indien – wo die LTTE als terroristische Organisation gelte –
der Beschwerdeführerin keinen Schutz gewähren würde, wenn die Behör-
den von ihrer Verbindung zu den LTTE wüssten. Ferner habe sie im Jahr
(...) im Rahmen des (...) bei der UNO in Genf eine Aussage zum Ver-
schwinden ihres Ehemannes gemacht. Dem Bericht des (...) lasse sich
entnehmen, dass sie als wichtige Zeugin einer grossen Gefahr ausgesetzt
sei, da kein sicheres Zeugenschutzprogramm existiere. Im Nachgang der
Befragung bei der UNO seien diverse Medienmitteilungen inklusive Foto
der Beschwerdeführerin publiziert worden und auf Youtube gebe es ein Vi-
deo, auf welchem sie klar erkennbar sei. Ihre Verbindung zu den LTTE sei
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somit auch in Indien bekannt und bei einer Rückkehr hätte sie dort offen-
sichtlich eine Verfolgung nach Art. 3 AsylG zu befürchten.
3.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, dass aus der von der
Beschwerdeführerin eingereichten Registrierungsbestätigung eindeutig
hervorgehe, dass sie als Flüchtling nach Indien gekommen sei. Aufgrund
ihrer eigenen Aussagen sowie der vorgelegten Unterlagen könne davon
ausgegangen werden, dass der indische Staat die Beschwerdeführenden
als Flüchtlinge beziehungsweise legale, reguläre Aufenthalter anerkannt
habe. Sie verfügten somit über einen rechtmässigen Aufenthaltsstatus in
Indien. Sodann habe die Beschwerdeführerin rund sechs Jahre dort gelebt,
ohne jemals mit den Behörden in Konflikt geraten zu sein und ohne dass
ihr eine Ausschaffung gedroht hätte. Es sei nicht ersichtlich, weshalb ihr
nun aufgrund ihrer Zeugenaussagen bei der UNO in Indien eine asylrele-
vante Verfolgung drohen sollte.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat zurückkehren können, in welchem sie sich vor-
her aufgehalten haben (Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG). Nach 31a Abs. 2
AsylG findet die Bestimmung von Abs. 1 Bst. c keine Anwendung, wenn
Hinweise darauf bestehen, dass im Einzelfall im Drittstaat kein effektiver
Schutz vor Rückschiebung nach Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht.
Die Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG setzt voraus, dass der
Vollzug in den betreffenden Drittstaat aufgrund einer Rückübernahmezusi-
cherung auch tatsächlich stattfinden kann. Die Frage der Möglichkeit des
Wegweisungsvollzugs in den Drittstaat ist damit materiell im erstinstanzli-
chen Nichteintretensverfahren zu prüfen (vgl. Urteil des BVGer
E-8853/2010 vom 8. Juni 2011 E. 6.1; Botschaft zur Änderung des Asylge-
setzes vom 4. September 2002, BBl 2002 6845, 6850 Ziff. 1.2.1 und 6884 f.
Ziff. 2.1.1 [zur altrechtlichen Bestimmung aArt. 34 Abs. 3 Bst. b AsylG] so-
wie Urteil des BVGer E-6058/2018 vom 29. November 2018 E. 6.3).
4.2
4.2.1 Es ist vorliegend unbestritten, dass die Beschwerdeführenden vor ih-
rer Reise in die Schweiz seit September 2009 in Indien gelebt haben. Die
Beschwerdeführerin erwähnte bereits anlässlich der BzP, dass sie sich le-
gal in Indien aufgehalten habe (vgl. A6, Ziff. 2.05). Bei der Anhörung präzi-
sierte sie, dass sie als Flüchtling mit einer "Aussen-Registration" in Indien
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gewesen sei (vgl. A21, F107). Entgegen den Ausführungen auf Beschwer-
deebene ist nicht davon auszugehen, dass das Wort "Flüchtling" falsch
übersetzt worden ist. Auf der in Kopie eingereichten Registrierungsbestäti-
gung der Beschwerdeführenden bei der indischen Polizei ist unter der
Rubrik "Reason for Visit" das Wort "Refugee" vermerkt. Es kann somit an-
genommen werden, dass sie tatsächlich als Flüchtlinge in Indien registriert
gewesen sind.
4.2.2 Wie die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zutreffend aus-
führte, hat Indien weder die FK noch das Zusatzprotokoll vom 31. Januar
1967 (SR 0.142.301) ratifiziert und verfügt über kein eigentliches Asylrecht.
In diesem Sinne dürfte auch die Feststellung in der Beschwerdeschrift kor-
rekt sein, dass die Beschwerdeführenden kein Asylverfahren durchlaufen
haben und ihre Gründe für die Ausreise aus Sri Lanka gegenüber den in-
dischen Behörden nicht offenlegen mussten. Auch wenn Indien in seiner
nationalen Gesetzgebung weder einen Flüchtlingsstatus noch ein Asylver-
fahren kennt, beherbergt das Land de facto zahlreiche Flüchtlinge aus ver-
schiedenen Ländern. Da es keine einheitliche Regelung und keine zentrale
Behörde gibt, die für Flüchtlinge zuständig wäre, werden diese aber oft
sehr unterschiedlich behandelt (vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer
F-6490/2016 vom 8. August 2017 E. 9.2 m.w.H.).
4.2.3 Im Bundesstaat Tamil Nadu leben mehrere Zehntausend sri-lanki-
sche Tamilen, welche mehrheitlich vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflo-
hen sind. Dabei wird oft unterschieden zwischen Flüchtlingen, die in
Camps der Regierung untergebracht sind – von der Beschwerdeführerin
als Personen mit "Innen-Registration" bezeichnet (vgl. A21, F107) – und
jenen ausserhalb der Camps, welche über ein "Refugee Certificate" verfü-
gen und bei lokalen Polizeistationen registriert sind (vgl. The Indian Ex-
press, Explained: The Sri Lankan Refugee Question, 31.01.2015,
https://indianexpress.com/article/india/india-others/explained-the-sri-
lankan-refugee-question/, abgerufen am 15.10.2020). Die Beschwerdefüh-
renden sind letzteren zuzurechnen, da sie legal mit einem Visum nach In-
dien reisten und sich dort bei der Polizei registrieren liessen. Sie lebten zu
keinem Zeitpunkt in einem Flüchtlingscamp und erhielten daher auch keine
staatliche Unterstützung (vgl. A21, F107 f.). Ihr rund sechsjähriger Aufent-
halt in Indien ist aber als rechtmässig anzusehen, da die Behörden ihnen
den Aufenthalt gestatteten und dies in einem offiziellen Dokument – der
polizeilichen Registrierung – bestätigt wurde. Es ist davon auszugehen,
dass für ausländische Personen in Indien, die von den Behörden als
Flüchtlinge angesehen werden – wie dies bei den Beschwerdeführenden
https://indianexpress.com/article/india/india-others/explained-the-sri-lankan-refugee-question/ https://indianexpress.com/article/india/india-others/explained-the-sri-lankan-refugee-question/
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der Fall ist – grundsätzlich ein effektiver Schutz vor Rückschiebung nach
Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht (vgl. in diesem Sinn auch Urteile des BVGer
E-2838/2017 vom 8. Juni 2017 E. 9 und D-3449/2020 vom 20. Juli 2020
E. 7.1 je m.w.H.). Daran ändert auch der Umstand nichts, dass die Be-
schwerdeführenden nicht als Flüchtlinge im Sinne der Flüchtlingskonven-
tion anerkannt waren und kein eigentliches Asylverfahren durchlaufen ha-
ben.
4.3 Es stellt sich vorliegend jedoch die Frage, ob der rechtmässige Aufent-
halt der Beschwerdeführenden in Indien sie dazu berechtigt, erneut in die-
ses Land einzureisen und sich weiterhin dort aufzuhalten. Aus den Akten
geht nicht hervor, dass das SEM bei den indischen Behörden eine Rück-
übernahmezusicherung eingeholt hätte. Die ursprüngliche Einreise der Be-
schwerdeführenden nach Indien im Jahr 2009 erfolgte mit einem Reise-
pass und einem gültigen Touristenvisum (vgl. A21, F98 und F105 sowie
Registrierungsbestätigung der L._ Police, A7 Beweismittel 16). Die
Beschwerdeführerin ist eigenen Angaben zufolge aber nicht mehr im Besitz
ihres Reisepasses (vgl. A6, Ziff. 4.02). Die in Kopie eingereichten Regist-
rierungsbestätigungen sind zwar nicht mit einem Ablaufdatum versehen,
es lässt sich aus diesen aber auch nicht ohne Weiteres schliessen, dass
gestützt darauf eine Wiedereinreise nach Indien möglich wäre. Vielmehr
erscheint es als wahrscheinlich, dass die indischen Behörden ordentliche
Reisepapiere und allenfalls erneut ein Visum für die Einreise verlangen.
Das SEM wäre vorliegend gehalten gewesen, eine ausdrückliche Rück-
übernahmezusicherung der indischen Behörden einzuholen oder zumin-
dest darzulegen, aus welchen Gründen es davon ausgeht, dass eine er-
neute Einreise nach Indien und der weitere Aufenthalt dort als gesichert
angesehen werden kann. Dies erscheint angesichts der fehlenden Reise-
dokumente sowie des Umstands, dass die Beschwerdeführenden sich seit
November 2015 nicht mehr in Indien aufgehalten haben, zumindest als
zweifelhaft. Es ist folglich unklar, ob eine Rückkehr nach Indien überhaupt
möglich ist. Dies wäre aber Voraussetzung für die Anwendung des Nicht-
eintretenstatbestands gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG.
5.
5.1 Die Behörde stellt den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG
i.V.m. Art. 12 VwVG). Die Sachverhaltsfeststellung ist unvollständig, wenn
nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksich-
tigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Ver-
waltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff.). Gemäss
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Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Sa-
che selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen
an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an die Vo-
rinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt
werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist.
Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5).
5.2 Vorliegend erweist sich der rechtserhebliche Sachverhalt als nicht aus-
reichend erstellt, da die Vorinstanz keine Rückübernahmezusicherung ein-
geholt hat und auch nicht darlegt, inwiefern eine Rückkehr der Beschwer-
deführenden nach Indien aus anderen Gründen ohne Weiteres als möglich
angesehen werden könnte. Die Voraussetzungen von Art. 31a Abs. 1 Bst. c
AsylG können somit aufgrund der derzeitigen Aktenlage nicht geprüft wer-
den. Da weitere Erhebungen notwendig sind und sich das Verfahren mithin
noch nicht als spruchreif erweist, ist die angefochtene Verfügung zu kas-
sieren. Die Sache ist an die Vorinstanz zurückzuweisen, welche eine Rück-
übernahmezusicherung der indischen Behörden einzuholen oder durch
weitere Instruktionsmassnahmen sicherzustellen hat, dass der Vollzug der
Wegweisung nach Indien möglich ist. Sollte dies der Fall sein, wird das
SEM im Anschluss zu prüfen haben, ob dem Vollzug der Wegweisung auch
zum heutigen Zeitpunkt keine Wegweisungsvollzugshindernisse entgegen-
stehen. Bei der entsprechenden Beurteilung wird insbesondere das Kin-
deswohl – welches im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung bei Kindern stets
einen Gesichtspunkt von gewichtiger Bedeutung darstellt (vgl. BVGE
2009/51 E. 5.6) – des noch minderjährigen Sohnes zu beachten sein.
5.3 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Auf-
hebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz zur Neubeurteilung beantragt wird.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
6.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
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ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In der
Kostennote vom 26. September 2018 wurde ein Aufwand von 8.67 Stun-
den à Fr. 220.– sowie Auslagen (Spesen, Kopien, Porto) von Fr. 35.50 gel-
tend gemacht, zuzüglich Mehrwertsteuer, insgesamt Fr. 2'091.70. Der ver-
anschlagte Zeitaufwand erscheint vorliegend angesichts des Aktenum-
fangs und der Komplexität des Falles als zu hoch – der geltend gemachte
Aufwand pro futuro ist ohnehin nicht zu vergüten – und ist daher zu redu-
zieren. Als angemessen ist ein zeitlicher Aufwand von sieben Stunden zu
erachten. Die vom SEM auszurichtende Parteientschädigung ist deshalb
auf Fr. 1'697.– (gerundet, inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzu-
schlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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