Decision ID: 882eed8d-a800-5bbb-9d90-191f49486db8
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.a
Der Beschwerdeführer, ein iranischer Staatsangehöriger, stellte – gemein-
sam mit seiner damaligen Ehefrau – am 4. Oktober 2010 erstmals in der
Schweiz ein Asylgesuch.
A.b Mit Verfügung vom 27. Juli 2015 lehnte das Staatssekretariat für Mig-
ration (SEM) die Asylgesuche des Beschwerdeführers und seiner damali-
gen Ehefrau – unter Einschluss des in der Zwischenzeit geborenen ge-
meinsamen Kindes – ab und ordnete die Wegweisung der Genannten aus
der Schweiz sowie den Vollzug an.
A.c Die gegen diese Verfügung gerichtete Beschwerde wies das Bundes-
verwaltungsgericht mit Urteil D-5214/2015 vom 4. Januar 2017 ab.
B.
Mit als Wiedererwägungsgesuch bezeichneter Eingabe an das SEM vom
13. Dezember 2018 ersuchte der Beschwerdeführer erneut um Gewäh-
rung des Asyls. Dabei reichte der Beschwerdeführer verschiedene Beweis-
mittel ein, welche er ausserdem mit einer weiteren Eingabe vom 7. Januar
2019 ergänzte.
C.
Mit Verfügung vom 7. März 2019 (Datum der Eröffnung: 8. März 2019)
lehnte das SEM dieses Gesuch (behandelt als Mehrfachgesuch im Sinne
von Art. 111c Abs. 1 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31], in der Fassung
vor dem 1. März 2019) ab und ordnete die Wegweisung des Beschwerde-
führers aus der Schweiz sowie den Vollzug an, wobei es ausserdem eine
Verfahrensgebühr von Fr. 600.– erhob.
D.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seines Rechts-
vertreters vom 8. April 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei be-
antragte er, er sei "wiedererwägungsweise" als Flüchtling zu anerkennen
und als solcher vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht bean-
tragte er die Aussetzung des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 111b
Abs. 3 AsylG, die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie ‒ sinngemäss – die Bestellung eines amtlichen
Rechtsbeistands gemäss aArt. 110a AsylG in der Person seines Rechts-
vertreters. Mit der Beschwerdeschrift wurden verschiedene Beweismittel
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eingereicht. Auf die Begründung der Beschwerde und den Inhalt der ein-
gereichten Beweismittel wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
Erwägungen eingegangen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 12. April 2019 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um
Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands ‒ als welcher der bisherige
Rechtsvertreter eingesetzt wurde ‒ gut. Hinsichtlich der beantragten Aus-
setzung des Wegweisungsvollzugs wurde festgestellt, bei der Eingabe des
Beschwerdeführers an das SEM vom 13. Dezember 2018 handle es sich
um ein Mehrfachgesuch im Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG, womit der
fragliche Antrag angesichts von Art. 42 AsylG gegenstandslos sei.
F.
Mit Vernehmlassung vom 30. April 2019 hielt das SEM vollumfänglich an
seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
Hiervon wurde dem Beschwerdeführer durch das Bundesverwaltungsge-
richt mit Schreiben vom 6. Mai 2019 Kenntnis gegeben.
G.
Mit Eingabe vom 8. Juli 2019 reichte der Rechtsvertreter eine Honorarab-
rechnung ein.
H.
Mit Eingaben seines Rechtsvertreters vom 7. November 2019 und vom
28. September 2020 übermittelte der Beschwerdeführer weitere Beweis-
mittel.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländerrechts richtet sich
die Kognition des Gerichts nach Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5).
1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Im vorliegenden Verfahren beantragt der Beschwerdeführer unter Beru-
fung auf Art. 3 und Art. 54 AsylG ausschliesslich die Feststellung seiner
Flüchtlingseigenschaft und gestützt darauf seine vorläufige Aufnahme.
Nachdem der Beschwerdeführer im vorinstanzlichen Verfahren noch die
Gewährung des Asyls beantragt hatte, enthält die Beschwerdeschrift dies-
bezüglich keine konkreten Begehren. Gegenstand des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens bildet damit in materieller Hinsicht lediglich die Frage
der Flüchtlingseigenschaft. Soweit mit der Verfügung des SEM vom
7. März 2019 das erneute Asylgesuch im Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG
abgelehnt wurde (Dispositivziffern 2 und 3), ist diese folglich in Rechtskraft
erwachsen.
4.
4.1 Nach dem soeben Gesagten sind die Vorbringen im vorinstanzlichen
Verfahren wie auch im Beschwerdeverfahren ausschliesslich unter dem
Aspekt subjektiver Nachfluchtgründe zu beurteilen. Personen mit subjekti-
ven Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flücht-
linge vorläufig aufgenommen (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1 so-
wie Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 2000 Nr. 16 E. 5a m.w.N.). Gemäss Art. 3 Abs. 4
AsylG sind zwar Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres
Verhaltens nach der Ausreise entstanden und weder Ausdruck noch Fort-
setzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat bestehenden Über-
zeugung oder Ausrichtung sind, keine Flüchtlinge. Diese einschränkende
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Feststellung wird jedoch durch den ausdrücklichen Hinweis auf den Vorbe-
halt der Geltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel-
lung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) relativiert (Art. 3 Abs. 4 in fine
AsylG).
4.2 Zur Begründung seines erneuten Asylgesuchs machte der Beschwer-
deführer gegenüber der Vorinstanz im Wesentlichen Folgendes geltend: Im
Asylentscheid vom 27. Juli 2015 habe das SEM bezweifelt, dass er wirklich
zum Christentum konvertiert und deswegen im Iran von asylrelevanter Ver-
folgung bedroht sei. Diesbezüglich könne er nun neue Beweismittel vorle-
gen. Seit ungefähr drei Jahren betreibe er im Internet unter der Bezeich-
nung "B._" einen persischsprachigen Blog, in dem er Informationen
zur Situation der Christen im Iran, Nachrichten zur dortigen religiösen Ver-
folgung sowie Bezeugungen seines eigenen christlichen Glaubens veröf-
fentliche. Am 9. November 2018 habe er entdeckt, dass seine Familie als
Reaktion auf einen von ihm verfassten Artikel über ein Buch des deutschen
Autors Thilo Sarrazin auf seiner Webseite zwei Videos veröffentlicht habe,
in denen er mit dem Tod bedroht werde. Durch die Website des Beschwer-
deführers habe sein Bruder namens C._ ausserdem Kenntnis von
seiner E-Mail-Adresse erlangt. Am 12. November 2018 habe ihm sein Bru-
der auch schriftlich mitgeteilt, dass er ihn im Auftrag des Vaters zur Wah-
rung der Familienehre finden und töten werde. Er habe von seinem Bruder
in der Folge weitere E-Mails erhalten, in denen er beschimpft und ihm ver-
sichert worden sei, die Familie werde ihn töten. Damit sei belegt, dass
seine Familie ihn aufgrund seines Abfalls vom islamisch-schiitischen Glau-
ben zum Christentum in ernstzunehmender Weise mit dem Tod bedrohe.
Gegen diese Drohungen habe er im Iran offensichtlich auch keinen staatli-
chen Schutz zu erwarten. In diesem Zusammenhang übermittelte der Be-
schwerdeführer dem SEM im Rahmen des Mehrfachgesuchs digitale Ko-
pien zweier Videos und Ausdrucke verschiedener E-Mails mitsamt Tran-
skription und deutscher Übersetzung. Diesbezüglich führte er gegenüber
der Vorinstanz durch seinen Rechtsvertreter aus, es gebe keinerlei Hin-
weise, dass die eingereichten Beweismittel in irgendeiner Weise manipu-
liert sein könnten. Des Weiteren brachte er vor, er könne auch die Glaub-
haftigkeit seiner Konversion zum Christentum zusätzlich belegen. Er habe
bei der Freien Evangelischen Gemeinde D._ einen theologischen
Kurs absolviert und befinde sich in einer weiteren theologischen Ausbil-
dung mit kulturell persischem Hintergrund. Auch sei er von der Freien
Christengemeinde E._ aIs Hausabwart eingestellt worden. Es sei
völlig ausgeschlossen, dass er sein Christsein bloss aufenthaltsrechtlich
motiviert vortäusche. Diesbezüglich reichte er beim SEM zwei kirchliche
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Seite 6
Ausbildungsbestätigungen, ein Unterstützungsschreiben sowie die Kopie
eines Arbeitsvertrags ein.
4.3 Das SEM stellte sich in der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen
auf die folgenden Standpunkte: Eine Konversion zum Christentum löse für
sich alleine keine asylrelevanten staatlichen Massnahmen aus. Bezüglich
einer Konversion im Ausland gelte eine restriktive Praxis, da eine solche
oftmals kurzerhand organisiert werde, um ein entsprechendes Anwesen-
heitsrecht zu erwirken. Ein derartiger Glaubenswechsel sei nicht ernsthaft
und nachhaltig, weshalb im Falle einer Rückkehr in den Iran auch nicht mit
asylrelevanten Nachteilen zu rechnen sei. Eine christliche Glaubensaus-
übung führe im Iran nur dann zu Verfolgungsmassnahmen, wenn sie hier-
zulande aktiv und sichtbar nach aussen praktiziert werde und davon aus-
gegangen werden müsse, dass das heimatliche Umfeld von einer solchen
Glaubensausübung erfährt. Mit dem Asylentscheid vom 27. Juli 2015 sei
festgestellt worden, dass die Konversion des Beschwerdeführers zum
Christentum keine religiösen Gründe gehabt habe. Das Bundesverwal-
tungsgericht habe diese Einschätzung mit dem Urteil vom 4. Januar 2017
bestätigt. Dabei habe es unter anderem festgehalten, dass es sich beim
Beschwerdeführer um ein einfaches Gemeindemitglied handle und kein
Anlass zur Annahme bestehe, sein Engagement im Rahmen seiner
schweizerischen Kirchgemeinde könnte das Interesse der heimatlichen
Behörden auf ihn lenken. Trotz der mit dem Mehrfachgesuch eingereichten
Beweismittel teile das SEM diese Einschätzung weiterhin. Der Beschwer-
deführer weise kein besonders exponiertes Profil auf, das bei einer Rück-
kehr in den Heimatstaat zu einer asylrelevanten Verfolgung durch die ira-
nischen Behörden führen könnte. Die eingereichten E-Mails und Videos
von Familienmitgliedern hätten nur einen bescheidenen Beweiswert, in-
dem es sich dabei leicht um blosse Gefälligkeiten handeln könne. Auch
habe der Beschwerdeführer nach eigenen Angaben seit ungefähr zehn
Jahren keinen Kontakt mehr mit seiner Familie gehabt, und es sei nicht
nachvollziehbar, weshalb sich seine Angehörigen nach so langer Zeit bei
ihm melden sollten, um ihm mit dem Tod zu drohen.
4.4
4.4.1 Mit Blick auf die angefochtene Verfügung ist zunächst festzustellen,
dass im vorinstanzlichen Verfahren keine Anhörung des Beschwerdefüh-
rers in Bezug auf die mit dem Mehrfachgesuch geltend gemachten Vorbrin-
gen durchgeführt wurde. In diesem Zusammenhang ist auf das Urteil des
Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Sachen A. A.
gegen die Schweiz (Beschwerde Nr. 32218/17) vom 5. November 2019
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hinzuweisen. In diesem Entscheid hatte sich der EGMR mit der Praxis der
schweizerischen Behörden bei der Prüfung der Frage zu befassen, ob ein
zum Christentum konvertierter afghanischer Staatsangehöriger im Falle
der Rückkehr in seinen Heimatstaat der Gefahr einer Verletzung von Art. 3
EMRK ausgesetzt wäre. Dabei rügte der Gerichtshof unter anderem, im
betreffenden Fall habe sich das Bundesverwaltungsgericht weder mit der
Art und Weise auseinandergesetzt, wie der Beschwerdeführer seinen
Glauben in der Schweiz gelebt habe, noch wie er ihn im Falle des Vollzugs
der Wegweisung in den Heimatstaat weiterzuführen gedenke (a.a.O.,
Ziff. 52). Zudem hielt der EGMR fest, die betreffenden Akten würden nichts
enthalten, was darauf schliessen liesse, der Beschwerdeführer im betref-
fenden Fall sei dazu befragt worden, wie er seinen Glauben in der Schweiz
ausübte und welche Möglichkeiten er hätte, diesen in Afghanistan weiterhin
zu leben (ebd., Ziff. 54). Des Weiteren stellte der Gerichtshof fest, das Bun-
desverwaltungsgericht hätte sich mit diesen Fragen auseinandersetzen
müssen, sei dies mittels einer Rückweisung an die erstinstanzliche Be-
hörde oder durch Übermittlung einer Frageliste an den Beschwerdeführer
in Bezug auf die erwähnten Punkte (ebd.).
4.4.2 Gestützt auf das genannte Urteil des EGMR hat das Bundesverwal-
tungsgericht zuletzt wiederholt Asylentscheide des SEM betreffend zum
Christentum konvertierte afghanische Staatsangehörige aufgehoben und
zu neuem Entscheid an das Staatssekretariat zurückgewiesen, weil dieses
es unterlassen hatte, die jeweiligen Beschwerdeführer vertieft zu ihrer
Glaubensbetätigung in der Schweiz sowie zur beabsichtigten künftigen
Praktizierung des Glaubens bei einer allfälligen Rückkehr in den Heimat-
staat zu befragen (vgl. Urteile E-2956/2018 vom 12. März 2020,
D-5247/2020 vom 17. November 2020). Angesichts der notorisch men-
schenrechtswidrigen Behandlung von Konvertiten und Konvertitinnen zum
Christentum im Iran (dazu nachfolgend, E. 4.5) sind in Bezug auf iranische
Staatsangehörige gestützt auf das erwähnte Urteil des EGMR die gleichen
Massstäbe an die Ermittlung des Sachverhalts anzuwenden wie bei christ-
lichen Konvertiten afghanischer Herkunft.
4.4.3 Allerdings erweist sich aufgrund der nachfolgenden Erwägungen,
dass im vorliegenden Fall der entscheidwesentliche Sachverhalt aufgrund
der Eingaben des Beschwerdeführers im vorinstanzlichen wie auch im vor-
liegenden Verfahren bereits ausreichend klar ist. Angesichts dessen und
des daraus folgenden Verfahrensergebnisses erübrigt sich eine Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung des Sachver-
halts.
D-1661/2019
Seite 8
4.5
4.5.1 Die Menschenrechtssituation im Iran muss allgemein als schlecht be-
zeichnet werden, insbesondere bezüglich der Wahrung der politischen
Rechte und der Meinungsäusserungsfreiheit. Auch die Religionsfreiheit ist
im Iran nicht gewährleistet. Für das Judentum, das Christentum und den
Zoroastrismus gilt zwar im Iran innerhalb des gesetzlichen Rahmens ein
Recht auf freie Ausübung der religiösen Riten und Zeremonien, und die
Mitglieder dieser Religionsgemeinschaften dürfen sich in persönlichen und
glaubensspezifischen Belangen gemäss ihren religiösen Vorschriften ver-
halten. Dieser Grundsatz wird jedoch nicht nur im alltäglichen Leben, son-
dern auch durch verschiedene Normen des iranischen Rechts durchbro-
chen. So werden die Christen im Iran insbesondere in wirtschaftlicher, be-
ruflicher und sozialer Hinsicht diskriminiert, was auch deren Schlechterstel-
lung in ehe-, erb- und strafrechtlichen Angelegenheiten zur Folge hat.
4.5.2 Die diskrete und private Glaubensausübung ist im Iran zwar grund-
sätzlich möglich, und der Übertritt zu einer anderen Glaubensrichtung al-
lein führt zu keiner individuellen staatlichen Verfolgung. Den Angehörigen
der christlichen Minderheit ist es jedoch verboten, ihren Glauben über den
Kreis ihrer Familie und ihrer Gemeinde hinaus zu propagieren. Missionari-
sche Tätigkeit wird als Verstoss gegen allgemein geltende islamische
Grundprinzipien angesehen und als solche verfolgt. Dabei richtet sich das
Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte insbesondere gegen die jewei-
ligen Kirchenführer und gegen in der Öffentlichkeit besonders aktive Chris-
ten. So gehören evangelikale Christen zu den Personen, die besonders
häufig von den iranischen Behörden und Sicherheitskräften drangsaliert,
festgenommen und gefoltert sowie mitunter angeklagt und zu Haftstrafen
verurteilt werden. Mit einer asylrelevanten Verfolgung durch den iranischen
Staat aufgrund einer Konversion ist mithin dann zu rechnen, wenn sich die
Person durch eine missionierende Tätigkeit exponiert und Aktivitäten des
Konvertiten vorliegen, die vom Regime als Angriff auf den Staat angesehen
werden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3; Urteile des BVGer E-3033/2016 vom
19. Dezember 2019 E. 5.5 sowie D-4795/2016 vom 15. März 2019 E. 6).
D-1661/2019
Seite 9
4.6
4.6.1 Bei der Prüfung der Frage, ob aufgrund einer Konversion zum Chris-
tentum und einer entsprechenden Glaubensausübung von Asylsuchenden
im Ausland Nachfluchtgründe vorhanden sind, ist soweit als möglich zu-
nächst die christliche Überzeugung der betreffenden Person im Einzelfall
zu untersuchen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.5).
4.6.2 Das Bekenntnis zu einem religiösen Glauben beziehungsweise die
Konversion zu einem neuen religiösen Glauben stellt eine innere Tatsache
dar, die keinem direkten Beweis zugänglich ist, sondern nur anhand einer
Verbindung verschiedener Indizien ermittelt werden kann. Indizien (Anzei-
chen) sind Hilfstatsachen, die, wenn selber bewiesen, auf eine andere, un-
mittelbar rechtserhebliche Tatsache schliessen lassen. Der erfolgreiche In-
dizienbeweis begründet eine der Lebenserfahrung entsprechende Vermu-
tung, dass die nicht bewiesene Tatsache gegeben ist. Für sich selbst be-
trachtet deuten Indizien jeweils nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit
auf eine bestimmte Tatsache hin. Gemeinsam – einander ergänzend und
verstärkend – können Indizien zum Schluss führen, dass die rechtserheb-
liche Tatsache nach der allgemeinen Lebenserfahrung gegeben sein
muss. Der Indizienbeweis ist dem direkten Beweis gleichgestellt (vgl. BGE
144 IV 345 E. 2.2.3.4 m.w.N.).
4.6.3 Die religiöse Zugehörigkeit respektive eine Konversion kann prak-
tisch nur anhand der Aussagen der betroffenen Person und gegebenen-
falls ihrer konkreten Handlungen (Besuche von Gottesdiensten, Dauer und
Intensität des religiösen Engagements zum Beispiel in einer Kirchge-
meinde, religiöse Bildung, Aussagen Dritter usw.) beurteilt werden. Eine
Konversion ist dann als bewiesen anzusehen, wenn die gesamthafte Be-
trachtung und Beurteilung solcher Indizien für den religiösen Glauben der
betroffenen Person zum Schluss führt, dass die Konversion nach der all-
gemeinen Lebenserfahrung gegeben ist. Eine lediglich formelle Konver-
sion, beispielsweise durch eine Taufe, ohne Hinweise auf eine innere Über-
zeugung reicht dafür in der Regel nicht aus (vgl. Referenzurteil
D-4952/2014 vom 23. August 2017 E. 6.2 sowie Urteil des BVGer
E-3033/2016 vom 19. Dezember 2019 E. 5.7).
4.7
4.7.1 Im vorliegenden Fall ist in Bezug auf die Argumentation der Vor-
instanz in der angefochtenen Verfügung (vgl. E. 4.3) zunächst festzustel-
len, dass offensichtlich nicht davon die Rede sein kann, der Beschwerde-
führer habe seine Konversion zum Christentum und seine diesbezügliche
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Seite 10
Glaubensbetätigung kurzfristig in die Wege geleitet und es handle sich da-
bei nicht um ein nachhaltiges religiöses Engagement.
4.7.2 Vielmehr ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer bereits im Rah-
men des ordentlichen ersten Asylverfahrens – nach Einreichung des Asyl-
gesuchs am 4. Oktober 2010 – vorgebracht hatte, er sei zum Christentum
übergetreten, wobei er gemäss im damaligen Verfahren eingereichten Be-
weismitteln am 16. Februar 2011 durch eine schweizerische christliche Ge-
meinschaft getauft wurde. Mit dem ersten beschwerdeinstanzlichen Urteil
vom 4. Januar 2017 wurde die Konversion zum Christentum auch nicht in
Zweifel gezogen, deren asylrechtliche Relevanz aber aufgrund der Ein-
schätzung verneint, der Beschwerdeführer sei lediglich ein einfaches Ge-
meindemitglied, dessen kirchliches Engagement nicht dazu führe, dass die
iranischen Behörden auf ihn aufmerksam geworden wären. Im Rahmen
des Mehrfachgesuchs wurden verschiedene Dokumente (Zertifikate sowie
zwei Bestätigungsschreiben der Gemeinde- und Schulungsleitung der
Freien Evangelischen Gemeinde D._ vom 30. November 2018) ein-
gereicht, aus denen hervorgeht, dass der Beschwerdeführer im Jahr 2018
an zwei jeweils mehrmonatigen religiösen Ausbildungen teilnahm. Einem
Bestätigungsschreiben des Präsidenten der Freien Christengemeinde
E._ vom 29. November 2018 ist weiter zu entnehmen, dass der Be-
schwerdeführer zum damaligen Zeitpunkt seit zwei Jahren beim Genann-
ten und dessen Ehefrau wohnhaft gewesen sei. Aus einer im vorinstanzli-
chen Verfahren eingereichten Kopie eines Arbeitsvertrags geht hervor,
dass der Beschwerdeführer durch die Freie Christengemeinde E._
am 7. Dezember 2018 – unter dem Vorbehalt der künftigen Erlangung des
erforderlichen Aufenthaltsstatus – als Hauswart zweier Liegenschaften der
genannten religiösen Gemeinschaft angestellt wurde. Aus einem weiteren
Aktenstück geht hervor, dass der Verein F._ in G._ – der
sich im Rahmen einer Allianz von schweizerischen Freikirchen unter ande-
rem der christlich-religiösen Unterweisung von Muslimen widmet – den Be-
schwerdeführer am 19. Dezember 2018 im Rahmen eines Vorvertrags als
theologisch-sozialdiakonischen Mitarbeiter im Praktikum anstellte. Ge-
mäss diesem Vorvertrag gehören zu den Aufgaben des Beschwerdefüh-
rers im Rahmen des vorgesehenen Praktikums die seelsorgerliche Beglei-
tung von Migranten, Asylsuchenden und Flüchtlingen, Unterricht und Vor-
träge zu Themen des Christentums und des Islams an kirchlichen Veran-
staltungen sowie Übersetzungsdienste. Den erwähnten Bestätigungs-
schreiben ist ausserdem zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer durch
die leitenden Personen der jeweiligen religiösen Institutionen als überzeug-
D-1661/2019
Seite 11
ter und aktiver Christ bezeichnet wird. Bereits aufgrund der im vorinstanz-
lichen Verfahren eingereichten Beweismittel erweist sich mithin, dass der
Beschwerdeführer nach seiner Konversion über einen Zeitraum von mehr
als sieben Jahren in einem freikirchlich-christlichen Umfeld aktiv war und
dort – indem er zumindest während der letzten zwei Jahre vor dem Erlass
der angefochtenen Verfügung im Haushalt des Präsidenten einer christli-
chen Gemeinschaft wohnte – auch seinen Lebensmittelpunkt hatte.
In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass die soeben erwähnten
Beweismittel in der angefochtenen Verfügung inhaltlich in keiner Weise ge-
würdigt wurden. Damit hat das SEM den Anspruch des Beschwerdeführers
auf rechtliches Gehör verletzt, so insbesondere dessen Recht auf Ab-
nahme der angebotenen und tauglichen Beweise durch die Behörde, wel-
ches mit der behördlichen Pflicht korreliert, die betreffenden Vorbringen
sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu berück-
sichtigen. Auch ihrer Begründungspflicht ist die Vorinstanz damit nicht aus-
reichend nachgekommen.
4.7.3 Im vorliegenden Verfahren wurden weitere Beweismittel eingereicht,
die belegen, dass der Beschwerdeführer seine religiösen Aktivitäten anhal-
tend und bis zum heutigen Zeitpunkt verfolgt. So geht aus einem Bestäti-
gungsschreiben einer christlichen theologischen Ausbildungsorganisation
vom 25. Oktober 2019 und einem Schreiben der Schulungsleiterin der
Freien Evangelischen Gemeinde D._ vom August 2020 hervor,
dass der Beschwerdeführer weiterhin ein aktiver Student sei. Schliesslich
wurde mit Eingabe vom 28. September 2020 ein Auszug aus der Zeitschrift
des Vereins F._ eingereicht. Daraus geht hervor, dass auf dem "Y-
outube"-Kanal des Vereins ein Beitrag des Beschwerdeführers veröffent-
licht wurde, der sich an afghanische und iranische Staatsangehörige mus-
limischer Religionszugehörigkeit richtet und diese für eine christliche Glau-
bensbetätigung gewinnen soll.
4.7.4 Zusammenfassend ist als belegt zu erachten, dass der Beschwerde-
führer nicht nur seit mittlerweile mindestens zehn Jahren in aktiver, anhal-
tender und als intensiv zu bezeichnender Weise einer christlichen Glau-
bensbetätigung nachgeht, sondern damit auch missionarische Zwecke ver-
folgt.
4.8 In einem nächsten Schritt ist auf die Frage einzugehen, ob die Konver-
sion und die christliche Glaubensbetätigung des Beschwerdeführers ge-
mäss den Kriterien der geltenden Rechtsprechung zu einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Gefährdung im Heimatstaat führen.
D-1661/2019
Seite 12
4.8.1 Diesbezüglich ist zum einen zu berücksichtigen, dass eine missiona-
rische Tätigkeit im Iran durch die staatlichen Behörden als Verstoss gegen
das islamische Recht verfolgt und in menschenrechtswidriger Weise ge-
ahndet wird (vgl. E. 4.5.2). Der Beschwerdeführer ist, wie sich gezeigt hat,
in der freikirchlichen Bewegung aktiv, wobei er sich persönlich bei der Mis-
sionierung von – unter anderen – iranischen Staatsangehörigen muslimi-
scher Religionszugehörigkeit engagiert. Zudem betätigt er sich auch im In-
ternet in persischer Sprache in christlich-missionarischer Hinsicht. Ange-
sichts der Tatsache, dass die iranischen Behörden bekanntermassen die
politischen Aktivitäten ihrer Staatsbürger im Ausland überwachen und er-
fassen (vgl. etwa Urteil des BVGer E-3033/2016 vom 19. Dezember 2019
E. 5.6) und aus Sicht des iranischen Staates auch eine christlich-missiona-
rische Tätigkeit als regimefeindlich aufgefasst werden kann, muss mit er-
heblicher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass auch ent-
sprechende Aktivitäten unter Asylsuchenden iranischer Staatsangehörig-
keit geeignet sind, die Aufmerksamkeit der iranischen Behörden auf sich
zu ziehen.
4.8.2 Zum anderen sind in diesem Zusammenhang die geltend gemachten
Drohungen der im Iran lebenden Familienangehörigen gegen den Be-
schwerdeführer zu berücksichtigen. In der angefochtenen Verfügung
wurde diesbezüglich ausgeführt, die im vorinstanzlichen Verfahren einge-
reichten E-Mails und Videos von Familienmitgliedern seien nur von gerin-
gem Beweiswert, da es sich um blosse Gefälligkeiten handeln könne. Auch
sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Familienangehörigen den Be-
schwerdeführer mit dem Tod bedrohen sollten, nachdem er zu diesen wäh-
rend zehn Jahren keinen Kontakt mehr gehabt habe. Hierzu ist zunächst
festzustellen, dass der Beschwerdeführer in seinem Mehrfachgesuch dar-
legte, sein Bruder habe ihn – aufgrund seines Blogs in persischer Sprache
mit christlichem Inhalt – im Internet ausfindig gemacht. Jedoch wurde die-
ses grundsätzlich nachvollziehbare Vorbringen von der Vorinstanz mit kei-
nem Wort erwähnt. Aus der angefochtenen Verfügung geht auch in keiner
Weise hervor, ob das SEM den Inhalt der eingereichten E-Mails und Videos
überhaupt zur Kenntnis genommen hat.
Gemäss geltender Rechtspraxis kann die zuständige Behörde von der Ab-
nahme angebotener Beweismittel absehen, wenn diesen keine Tauglich-
keit zum Beweis des behaupteten Sachverhalts zukommt. Allerdings ist
eine derartige antizipierte Beweiswürdigung nur unter der Voraussetzung
zulässig, dass das angebotene Beweismittel offensichtlich nicht geeignet
ist, das Beweisergebnis zu beeinflussen (vgl. BERNHARD WALDMANN/JÜRG
D-1661/2019
Seite 13
BICKEL, in: Bernhard Waldmann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxis-
kommentar VwVG, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2016, Art. 33, N 14 ff.,
m.w.N.). Mit Blick auf die behördliche Pflicht zur Abnahme der angebote-
nen und tauglichen Beweise (Art. 33 VwVG) stellt sich in diesem Zusam-
menhang die Frage, ob die Vorinstanz hinsichtlich der genannten Beweis-
mittel ohne weiteres und – im Sinne einer antizipierten Beweiswürdigung –
ohne jegliche Kenntnis des konkreten Inhalts davon ausgehen durfte, es
komme ihnen keinerlei Entscheidrelevanz zu. Dies wäre der Fall, sofern
mit ausreichender Sicherheit angenommen werden könnte, diesen Be-
weismitteln könnten keinerlei Anhaltspunkte für eine allfällige asylrechtlich
relevante Gefährdung des Beschwerdeführers im Iran entnommen werden.
Von einer solchen Gewissheit kann im vorliegenden Fall jedoch nicht aus-
gegangen werden. Insbesondere ist die pauschale Behauptung, die Be-
weismittel könnten aus Gefälligkeitsgründen entstanden sein, ohne Kennt-
nis ihres Inhalts offensichtlich untauglich, die Entscheidrelevanz zu vernei-
nen.
Wie sich erweist, sind die fraglichen Beweismittel vielmehr durchaus von
entscheidwesentlicher Bedeutung. Auch in diesem Zusammenhang ist so-
mit eine Verletzung des rechtlichen Gehörs des Beschwerdeführers und
der behördlichen Begründungspflicht festzustellen (vgl. schon E. 4.7.2).
Im Mehrfachgesuch wurde ausgeführt, aus den im betreffenden Verfahren
eingereichten Videos und den E-Mails gehe hervor, dass dem Beschwer-
deführer nicht nur keinerlei Zugehörigkeit zu seiner Familie mehr zugebilligt
werde, sondern dass sein Bruder C._ alles daran zu setzen beab-
sichtige, ihn zur Wiederherstellung der Familienehre zu töten. Der religiös
bedingte Hass auf den Beschwerdeführer habe jedes natürliche familiäre
Empfinden für ihn ausgelöscht beziehungsweise ins Gegenteil verkehrt.
Gemäss Angaben des Beschwerdeführers zeigt das erste im vorinstanzli-
chen Verfahren eingereichte Video seine Eltern, seinen Bruder, zwei
Schwestern sowie eine Tante. Im ersten Video sage die Mutter des Be-
schwerdeführers, dass seine Familie ihn töten und in Stücke schneiden
wolle, wobei sie sich, begleitet von ihren Töchtern, über die Schande be-
klage, die er mit seiner Apostasie über die Familie gebracht habe. Danach
bekunde der Vater, den Beschwerdeführer wegen des Abfalls vom schiiti-
schen Glauben eigenhändig zu erwürgen und umzubringen, und dass der
Bruder ihn anschliessend zerstückeln werde. Der Bruder stelle ausserdem
klar, dass er damit die Erlaubnis und den Auftrag habe, ihn aufzusuchen
und zu töten, dass er dies auch tun werde und der Beschwerdeführer nir-
gends mehr sicher sein könne. Die Mutter, die Tante und die Schwestern
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würden sich daraufhin weiter lange und laut über die Not und Schande be-
klagen, in die sie durch den Beschwerdeführer gebracht worden seien, so-
wie über den abgrundtiefen Hass, den sie nun für ihn empfänden. Im zwei-
ten Video würden der Vater und der Bruder erneut bekräftigen und be-
schwören, dass der Beschwerdeführer getötet und geköpft werden müsse,
weil er zum Christentum übergetreten sei und nun diesen Glauben ver-
breite. Aus den eingereichten E-Mails des Bruders C._ geht ge-
mäss den vorliegenden Übersetzungen im Wesentlichen das Gleiche her-
vor.
Die Sichtung der im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Videos
ergibt, dass die darin gezeigten Personen mit äusserster Wut und offen-
kundigem Hass agieren, während sie ihre Todesdrohungen gegen den Be-
schwerdeführer ausstossen. Es besteht für das Gericht keinerlei konkreter
Anlass, die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Identität der gezeig-
ten Personen und den Inhalt der von ihnen gemachten Aussagen gemäss
den eingereichten Transkriptionen und Übersetzungen zu bezweifeln. Glei-
ches gilt für den Inhalt der eingereichten E-Mails des Bruders C._.
Zu berücksichtigen sind ausserdem die im Rahmen des Beschwerdever-
fahrens eingereichten Beweismittel. In einem weiteren Video ist der Bruder
C._ zu sehen, wie er dem Beschwerdeführer mit offensichtlich er-
kennbarem, fanatischem Hass damit droht, ihn eigenhändig zu enthaup-
ten, wobei er in der erhobenen Faust ein blutiges Messer hält. Weiteren E-
Mails des Bruders sind weitere Beschimpfungen, Racheschwüre und To-
desdrohungen zu entnehmen. Auch in Bezug auf die beschwerdeweise
eingereichten Beweismittel besteht keinerlei konkreter Grund für Zweifel
an deren Echtheit.
Zusammenfassend ergibt die Prüfung der im vorinstanzlichen wie auch im
vorliegenden Verfahren eingereichten Beweismittel, dass die Todesdro-
hungen gegen den Beschwerdeführer seitens seiner im Iran lebenden Fa-
milienangehörigen als glaubhaft zu erachten sind. Angesichts des zur Si-
tuation von christlichen Konvertiten und Konvertitinnen im Iran bereits Ge-
sagten erübrigt es sich, weiter auszuführen, dass der Beschwerdeführer
hinsichtlich dieser Bedrohung im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat
seitens der dortigen Behörden keinerlei Schutz zu erwarten hätte. Vielmehr
läge es im Belieben der Familienangehörigen des Beschwerdeführers, ihn
durch eine Denunziation bei den iranischen Behörden einer flüchtlings-
rechtlich relevanten staatlichen Verfolgung auszuliefern.
4.9 Nach dem Gesagten ist die unter dem Aspekt subjektiver Nachflucht-
gründe geltend gemachte Gefährdung des Beschwerdeführers im Sinne
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von Art. 3 AsylG als glaubhaft einzustufen. Der Beschwerdeführer erfüllt
somit die Flüchtlingseigenschaft.
5.
Lehnt die Vorinstanz ein Asylgesuch ab, verfügt sie in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.1 Die mit der angefochtenen Verfügung angeordnete Wegweisung des
Beschwerdeführers ist nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens (vgl.
E. 3). Zu prüfen ist hingegen der von der Vorinstanz verfügte Vollzug der
Wegweisung.
5.2 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
ländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. De-
zember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integra-
tion ([AIG, SR 142.20]). Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den
Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglich-
keit) sind alternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug
der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwe-
senheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln (BVGE 2009/51 E. 5.4).
5.3 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. So darf insbesondere keine Person in irgendeiner Form zur
Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder
ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder
in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu
werden (flüchtlingsrechtliches Refoulementverbot; Art. 33 Abs. 1 des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK,
SR 0.142.30] und Art. 5 Abs. 1 AsylG).
5.4 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft erfüllt, erweist
sich der Wegweisungsvollzug in den Iran als unzulässig. Entsprechend ist
der Beschwerdeführer vorläufig in der Schweiz aufzunehmen.
6.
Aufgrund der angestellten Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen,
und die Dispositivziffern 1, 4, 5 und 6 der angefochtenen Verfügung sind
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aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flücht-
ling anzuerkennen und in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG kann die Beschwerdeinstanz der ganz
oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren
eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnis-
mässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung
der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Gestützt auf die in Betracht zu
ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9‒13 VGKE), die als insgesamt an-
gemessen erscheinende Kostennote des Rechtsvertreters vom 8. Juli
2019 (8.65 Stunden à Fr. 220.‒, zzgl. Auslagen von Fr. 128.30 und Mehr-
wertsteuer) und unter Berücksichtigung des Vertretungsaufwands für die
danach erfolgten Eingaben sind dem Beschwerdeführer insgesamt
Fr. 2'600.‒ (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen. Dieser Be-
trag ist dem Beschwerdeführer durch das SEM zu entrichten.
7.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar des als amtlicher Rechtsbeistand
im Sinne von aArt. 110a AsylG eingesetzten Rechtsvertreters wird damit
gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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