Decision ID: 197cc8f4-2708-4e5b-9394-44d868d96cdb
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ bezog ab dem 1. Juni 2001 eine ganze Rente der Invalidenversicherung (act.
255, 262 ff.). Zu dieser Rente bezog er für seine beiden Söhne und für seine Tochter
(geboren 199_, 200_ und 200_) je eine Kinderrente. Im Rahmen von
Eheschutzmassnahmen wies das Kreisgericht C._ die IV-Stelle mit Entscheid vom 7.
April 2010 an, die IV-Kinderrenten für die drei Kinder direkt der Ehefrau des
Versicherten auszuzahlen (act. 245). Die entsprechende Drittauszahlungsverfügung
erging am 30. April 2010 (act. 243). Das Scheidungsurteil folgte am 24. Oktober 2013
(IV-act. 199). Die IV-Stelle wurde erneut angewiesen, die drei Kinderrenten der
Kindsmutter auszuzahlen.
A.a.
Am 19. Juli 2019 machte die Ausgleichskasse die Kindsmutter darauf aufmerksam
(IV-act. 46), dass B._ (nachfolgend: Tochter) am ._ September 2019 das 18.
Altersjahr vollenden und dass damit der Anspruch auf eine Kinderrente erlöschen
werde. Bei Versicherten in Ausbildung könne der Anspruch allerdings bis zum
vollendeten 25. Altersjahr weiterbestehen. Sie forderte die Kindsmutter deshalb auf,
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einen entsprechenden Nachweis einzureichen, falls sich die Tochter in Ausbildung
befinden sollte. Am 5. August 2019 ging der Lehrvertrag zwischen der Tochter und der
D._ GmbH ein (IV-act. 45). Die Lehre sollte vom 1. August 2019 bis 31. Juli 2021
dauern. Unter Ziff. 12 des Lehrvertrages war festgehalten worden, dass die Tochter die
Lehre am 31. Januar 2019 (2. Lehrjahr) aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen
habe; ab August 2019 werde sie das zweite Lehrjahr wiederholen und die Ausbildung
fortsetzen. Dieser Lehrabbruch war nicht anspruchsrelevant, da die Tochter zu diesem
Zeitpunkt das 18. Altersjahr noch nicht erreicht hatte. Am 30. September 2020 teilte die
Kindsmutter telefonisch mit, dass ihre Tochter die Lehre im September 2020
abgebrochen habe (IV-act. 39). Am 30. September 2020 ging eine Vereinbarung vom
13. August 2020 ein, mit der der Lehrvertrag per 30. September 2020 aufgelöst worden
war (IV-act. 35 f.). Der Grund für die Auflösung war die Gesundheit der lernenden
Person gewesen. Mit einer Verfügung vom 9. Oktober 2020 stellte die IV-Stelle die
Kinderrente für die Tochter per 30. September 2020 ein; sie forderte die zu viel
bezahlten Leistungen für den Oktober 2020 in der Höhe von Fr. 609.-- zurück (IV-
act. 33).
Am 3. August 2021 teilte die Kindsmutter mit, dass ihre Tochter die Ausbildung
aus gesundheitlichen Gründen habe unterbrechen müssen (IV-act. 16). Die Lehre
werde ab dem August 2021 fortgesetzt. Der neue Lehrbetrieb war die E._ AG. Die
Lehrfortsetzung wurde für die Zeit vom 1. August 2021 bis 31. Juli 2022 vereinbart (IV-
act. 16-3 ff.). Der monatliche Bruttolohn betrug im 3. Lehrjahr Fr. 1'150.-- pro Monat
(ohne 13. Monatslohn). Am 10. September 2021 reichte die Kindsmutter ein
Arztzeugnis vom 25. März 2021 ein (IV-act. 15). F._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, hatte berichtet, dass die Tochter seit Juli 2020 in seiner Behandlung
stehe. Sie habe sich bereits im Jahr 2019 wegen desselben Leidens von ihm behandeln
lassen. Wegen des seelischen Leidens habe der Arbeitgeber das Ausbildungsverhältnis
im August 2020 auflösen müssen. Er gehe im jetzigen Zeitpunkt nicht davon aus, dass
eine Anmeldung bei der IV notwendig sein werde. Mit einer Verfügung vom 1. Oktober
2021 sprach die IV-Stelle dem Vater rückwirkend ab dem 1. Oktober 2020 wieder eine
Kinderrente für die Tochter zu (IV-act. 11). Die Auszahlung dieser Rente erfolgte wieder
an die Kindsmutter. Allerdings fehlte eine entsprechende ausdrückliche Anordnung der
Drittauszahlung.
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
am 13. Oktober 2021 Beschwerde (act. G 1). Er erklärte, er verstehe nicht, weshalb für
seine Tochter nach dem Abbruch der Lehre nun plötzlich rückwirkend wieder eine
Kinderrente bezahlt werde. Es müsse überprüft werden, ob der Lehrlingslohn
zusammen mit der Wohnung nicht den Lohn überstiegen, welcher zum Bezug einer
Kinderrente berechtige. Des Weiteren verstehe er nicht, weshalb die Kinderrente auf
das Konto der Kindsmutter überwiesen werde, da die Tochter volljährig sei.
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 23. Dezember
2021 die Abweisung der Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung verwies sie auf die
Stellungnahme des Fachbereichs AHV/IV-Leistungen vom 21. Dezember 2021 (IV-act.
1, act. G 6.1). Der zuständige Teamleiter hatte darin festgehalten, dass die Tochter ihre
Berufslehre zur G._ EFZ nach einem zehnmonatigen Unterbruch aus gesundheit
lichen Gründen, der ärztlich bestätigt worden sei, auf den nächstmöglichen Lehrbeginn
per 1. August 2021 wieder regulär fortgesetzt habe. Ihr Einkommen sei tiefer als die
Maximalrente von Fr. 2'370 (2020) bzw. Fr. 2'390.-- (2021). Die Kinderrente wurde
somit zu Recht rückwirkend per Oktober 2020 zugesprochen. Die zwischenzeitlich
volljährige Tochter lebe weiterhin im selben Haushalt wie die Kindsmutter, weshalb die
Zahlungen zu Recht an diese erfolgten. Die IV-Stelle habe keine Anzeichen dafür, dass
die Kinderrente nicht zweckmässig verwendet würde. Es stehe der Tochter jedoch frei,
die Auszahlung der Kinderrente an sich zu verlangen.
B.b.
In seiner Replik vom 3. März 2022 machte der Beschwerdeführer ergänzend
geltend (act. G 10), beim ärztlichen Zeugnis sei ihm aufgefallen, dass es erst am 25.
März 2021 ausgestellt worden sei und dass der ausstellende Arzt ein Bekannter der
Kindsmutter sei. Es sei eine psychiatrische Begutachtung der Tochter angezeigt. Es
müsse untersucht werden, ob die Tochter drogenabhängig sei. Der neue Lehrbetrieb
(E._ AG) habe sich für die Tochter eingesetzt und ihr sogar eine kleine Wohnung
gemietet, damit die Anreise entfalle. Aufgrund des inkorrekten Verhaltens der Tochter
sei der Lehrvertrag aber bereits wieder gekündigt worden. Seine Tochter sei nicht
krank, sondern faul. Für weitere Auskünfte stehe der Präsident des Verwaltungsrates
des Lehrbetriebs sicher gerne zur Verfügung.
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Gemäss dem Art. 59 ATSG ist zur Beschwerde berechtigt, wer durch die angefochtene
Verfügung berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder
Änderung hat. Dazu ist ein rechtliches oder praktisches Interesse an der Aufhebung
oder Änderung der Verfügung notwendig, d.h. eine allfällige Gutheissung der
Beschwerde müsste einen Nachteil wirtschaftlicher, ideeller, materieller oder
anderweitiger Natur vermeiden (vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 4. A., N. 9 zur Art.
59). Zudem muss die Beschwerde führende Person durch die angefochtene Verfügung
stärker als jedermann betroffen sein und sie muss in einer besonderen,
beachtenswerten, nahen Beziehung zur Streitsache stehen (U. Kieser, a.a.O., N. 10).
Der Beschwerdeführer, dessen Anspruch auf eine Kinderrente zur Invalidenrente zur
Diskussion steht, ist offensichtlich stärker als jedermann betroffen und er steht in einer
besonderen Beziehung zur Kinderrente. Zu prüfen bliebt, ob bei einer allfälligen
Gutheissung der Beschwerde ein relevanter Nachteil vermieden würde. Rein
wirtschaftlich betrachtet würde eine Gutheissung der Beschwerde keinen Nachteil
vermeiden, sondern im Gegenteil einen Nachteil bewirken, womit ein schutzwürdiges
Interesse verneint werden müsste. Das öffentliche Recht, und damit auch das
Verwaltungsjustizverfahren, ist aber nicht vom wirtschaftlichen Interesse, sondern vom
Legalitätsprinzip und vom Gleichbehandlungsgrundsatz beherrscht. Das in jedem
Begehren enthaltene Grundanliegen, gesetzmässig behandelt zu werden, muss
deshalb auch das schutzwürdige Interesse definieren: Auch das Begehren,
rechtmässig, aber wirtschaftlich nachteilig behandelt zu werden, muss schutzwürdig
sein. Niemand kann gezwungen sein, eine zu seinem wirtschaftlichen Vorteil
ausgefallene, aber rechtswidrige Verfügung zu akzeptieren, weil auf eine Beschwerde
gegen diese Verfügung mangels eines schutzwürdigen Interesses nicht eingetreten
würde. Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).B.d.
Am 17. März 2022 räumte das Gericht der Tochter des Versicherten die
Gelegenheit ein, zur Beschwerde Stellung zu nehmen (act. G 13). Die Tochter
antwortete am 27. März 2022 (act. G 14), dass die Vorwürfe des Versicherten
unzutreffend seien. Das Gericht dürfe Dr. F._ bei allfälligen Fragen gerne
kontaktieren.
B.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Mit einer Verfügung vom 9. Oktober 2020 hatte die Beschwerdegegnerin die damals
laufende Kinderrente für die Tochter per 30. September 2020 eingestellt, weil die
Tochter ihre Lehre aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen hatte; die
Beschwerdegegnerin hatte die bereits ausbezahlte Kinderrente für Oktober 2020
zurückgefordert. Mit der angefochtenen Verfügung vom 1. Oktober 2021 hat die
Beschwerdegegnerin rückwirkend ab dem 1. Oktober 2020 wieder eine Kinderrente für
die Tochter zugesprochen. Diese Verfügung enthält keinen Hinweis darauf, dass die
Beschwerdegegnerin die formell rechtskräftige Einstellungsverfügung vom 9. Oktober
2020 vorgängig gestützt auf den Absatz 1 oder 2 des Art. 53 ATSG aufgehoben hätte.
Würde das Gericht die Beschwerde abweisen, lägen also zwei Entscheide vor, die sich
gegenseitig ausschliessen würden: Kein Anspruch auf eine Kinderrente für die Tochter
ab dem 1. Oktober 2020 – Anspruch auf eine Kinderrente für die Tochter ab dem 1.
Oktober 2020. Die angefochtene Verfügung erweist sich als rechtswidrig, weil sie über
etwas entscheiden will, über das bereits formell rechtskräftig – und damit auch für die
Beschwerdegegnerin verbindlich – entschieden ist, nämlich über den
Kinderrentenanspruch für die Tochter ab dem 1. Oktober 2020. Deshalb ist die
angefochtene Verfügung ersatzlos aufzuheben.
3.
Bei diesem Verfahrensausgang unterliegt die Beschwerdegegnerin vollumfänglich. Sie
hat deshalb für die Gerichtskosten (Art. 69 Abs. 1 IVG) aufzukommen. Diese sind
praxisgemäss auf Fr. 600.-- festzusetzen. Da die Gerichtsschreiberin verhindert ist, ist
dieses Urteil von einer mitwirkenden Richterin unterzeichnet (Art. 39 Abs. 2 VRP).