Decision ID: 6e7cf0b5-5879-5fa5-b12f-88784304998c
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1972 geborene
X._
, ausgebildeter Mandatsbuchhalter,
meldete sich am 8. D
ezember 2005 unter Hinweis auf einen Tinnitus in beiden Ohren, mehrere Hörstürze und undeutliche
s
Hören bei Nebengeräuschen bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
7/1
, Urk. 7/31 S. 3)
. Mit Mit
teilung vom 13. Juli 2006 erteilte
n
die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
sowie anschliessend die Sozialversicherungsanstalt Aargau, IV-Stelle,
Kostengutsprache
für Hilfsmittel (Hörgeräte; Urk. 7/9, Urk. 7/16, Urk. 7/25
).
Eine Neuanmeldung des Versicherten vom 21. April 2012 (Urk. 7/26) wurde von der Sozialversicherungsanstalt Aargau, IV-Stelle, am 11. Mai 2012 formlos abgeschlossen (Urk. 7/29).
1.2
Am 15. November 2012 meldete sich der
für die
Y._
AG
tätig gewesene Versicherte unter Hinweis auf psychosomatische Störungen erneut zum Leistungsbezug an (Urk. 7/46
, Urk. 7/50)
.
Mit Verfügung vom 14. Februar 201
3
verneinte die IV-Stelle einen Rentenanspruch und gewährte eine Frühinterventions
massnahme in Form eines Jobcoachings (Urk. 7/57 f.).
1.3
Mit Anmeldung vom 16. November 2015 ersuchte der
zuletzt
vom 1. März bis 30. November 2015
für die
Z._
AG tätig gewesene
Versicherte unter Hinweis auf eine psychische Erkrankung infolge Mobbing und Scheidung
erneut
um Leistung
en
der Invalidenversicherung
(Urk. 7/71,
Urk. 7/74 f.,
Urk. 7/101)
.
Die wiederum zuständige Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte erwerbliche sowie medizinische Abklärungen und liess den Versicherten insbesondere von Dr. med.
A._
, Facharzt für Psyc
hiatrie und Psychotherapie FMH
,
sowie Dipl.-Psych. Dipl.-Inf.-Wiss.
B._
(Expertise
n vom 20. Juni beziehungsweise 21. August 201
7
;
Urk. 7/136
,
Urk. 7/141 f.
) begutachten.
In der Folge stellte ihm die IV-Stelle mit Vo
rbescheid vom 21. September 201
7
(Urk. 7/160) in Aussicht, das Leistungsbegehren abzu
weisen. Nach erhobene
m
Einwand vom 5. Oktober 201
7
(Urk. 7/165
,
Urk.
7/172
)
gewährte die IV-Stelle ein Belastbarkeitstraining
für die Dauer vom
1.
Februar bis 3
1.
Oktober 2018, welches per 1
5.
Juni 2018 abgebrochen wurde (
Urk.
7/178-180,
Urk.
7/199-201,
Urk.
7/213) und liess den Beschwerdeführer durch den Arzt des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) psychiatrisch untersuchen
(
Urk.
7/231,
Urk.
7/237)
.
M
it Verfügung vom 1
1.
Juni 2019 (
Urk.
2)
sprach die IV-Stelle dem Versicherten
basierend auf einem Invaliditätsgrad von 100
%
rückwirkend ab
1.
Juni 2018 eine ganze Rente zu.
2.
Hiergegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 12. Juli 2019 (Urk. 1) Beschwerde und beantragte, die Verfügung vom 11. Juni 2019 sei aufzuheben,
soweit s
ie
ihm
einen Rentenanspruch vor dem 1. Juni 2018 verweigere, es sei ihm eine ganze IV-Rente ab 1. Februar 2017 zuzusprechen, es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung
und
Rechtsverbeiständung
zu gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin (S. 2).
Die IV-Stelle schloss am 28. August 2019 (Urk. 6) auf Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 2. September 2019 (Urk. 8) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben ge
mäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) An
spruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen
für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (lit. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (lit.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige be
rufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe; lit. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (lit. d).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
Versicherte haben gemäss Art.
22 IVG während der Durchführung von Einglie
derungsmassnahmen nach Art. 8 Abs. 3 Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie an wenigstens drei aufeinander folgenden Tagen wegen der Massnahmen verhindert sind, einer Arbeit nachzugehen, oder in ihrer gewohnten Tätigkeit zu mindestens 50 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) sind (Abs. 1).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog in der angefochtenen Verfügung vom 11. Juni 2019 (Urk. 2) zur Hauptsache,
aufgrund der RAD-Untersuchung vom 1
2.
März 2019 bestehe
aus ärztlicher Sicht rückblickend eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % für jede Tätigkeit seit Februar 2016 (Beginn Wartejahr). Das Wartejahr habe am 31. Januar 2017 geendet. Zu diesem Zeitpunkt habe
aus ihrer Sicht
noch Eingliederungspotenzial beim Beschwerdeführer bestanden und es seien Eingliederungsmassnahmen zugesprochen wor
den. Im Zeitraum vom 1. Februar
bis 15. Juni 2018 habe
d
er
Beschwerdeführer
für die Eingliederungsmassnahme Taggeld erhalten. Grundsätzlich besteh
e
ein Anspruch auf Rente erst nach Eingliederungsmassnahmen
. Der Rentenbeginn sei deshalb am 1. Juni 2018 (S. 2).
2.2
Dagegen wendet der Beschwerdeführer im Wesentlichen ein,
aufgrund der Recht
sprechung könnten Eingliederungsmassnahmen unabhängig
vom
Renten
anspruch zugesprochen werden und bei erfolgreicher Durchführung zum Revisionstatbestand führen.
Ein Rentenanspruch könne selbst dann entstehen, wenn zu einem späteren Zeitpunkt Eingliederungsmassnahmen noch aktuell werden könnten.
Es gehe nun nicht an, dass das
Untätigsein
der Beschwerde
gegnerin ihm angelastet werde und der Rentenbeginn auf Juni 2018 festgesetzt werde, nachdem die Eingliederungsbemühungen fehlgeschlagen seien. Vielmehr müsse der Rentenbeginn rückwirkend per 1. Februar 2017 – nach Ablauf des Wartejahres und ungeachtet von Eingliederungsbemühungen – festgelegt werden (S. 9).
2.3
Vorwegzuschicken ist, dass sowohl der grundsätzliche Rentenanspruch des Beschwerdeführers al
s auch
dessen
Umfang unstrittig
ist und zu keinen weiteren Bemerkungen Anlass gibt.
Ebenso unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer während seines Bezuges
von Invalidentaggeldern
für die Dauer der Eingliederungs
massnahmen
vom
1. Februar
bis
15. Juni 2018
(Urk.
7/179 f., Urk. 7/200 f.,
Urk. 7/213
) keinen Rentenanspruch hat
(vgl.
Art.
29 Abs.2 IVG)
.
Str
ittig und zu prüfen ist demnach
die Rechtmässigkeit der angefochtenen Verfügung vom 1
1.
Juni 2019 insoweit, als die Beschwerdegegnerin einen Renten
anspruch
des Beschwerdeführers vor dem 1
.
Juni
2018 verneinte und in diesem Zusammenhang insbesondere die Eingliederungsfähigkeit im Zeitraum
zwischen dem Zeitpunkt des Ablaufs des Wartejahrs am
1. Februar 2017 und dem
Beginn des
Taggeldbezugs
am 1.
Februar
2018.
3.
3.1
3.1.1
Die verantwortlich zeichnenden
medizinischen Fachpersonen der i
ntegrierten Psychiatrie
C._
stellten im Verlaufsbericht vom
15
.
November 2016 (
unter Berücksichtigung der neuropsychologischen Abklärung vom 9. November 2016;
Urk. 7/109
/6-11
) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1):
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
-
Kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dependenten, ängstlich-vermeidenden und unreifen Zügen (ICD-10 F61)
-
Reaktion auf schwere Belastung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F43.9)
-
Differentialdiagnostisch posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
-
ADHS im erwachsenen Alter (ICD-10 F90.0)
-
Klinischer Verdacht auf leichte kognitive Defizite (ICD-10 F06.7)
-
Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängigkeits
syndrom, seit mehreren Monaten abstinent (ICD-10 F10.2)
Sie hielten fest, der Beschwerdeführer bräuchte einen – geschützten – Arbeits
platz, an dem er auf ein verständnisvolles Gegenüber treffe, das seine umständliche, zum Teil verlangsamte Arbeitsweise, seine Schwierigkeiten im formalen Denken, Konzentrationsprobleme und leichte Ablenkbarkeit, sowie seine grosse Verletzlichkeit mit phasenweisem Misstrauen (Verschwörungs
theorien) und Grössenideen zu moderieren wüsste. Wichtig wäre auch, dass die teilweise kindlich anmutende Persönlichkeit respektiert würde.
Zurzeit sei er
in einer bisherigen und einer angepassten Tätigkeit zu
100 % arbeitsunfähig. Es müsste mit dem Beschwerdeführer ausprobiert werden, in welchem Umfang und in welcher Arbeitssparte er arbeiten könne. Es wäre wichtig, dass seine Arbeits
leistung von diesbezüglich gesch
ultem Personal beurteilt würde
(S. 2).
Sie wiesen
darauf hin, dass sich der Beschwerdeführer aktuell noch bis Ende November in der Tagesklinik der
C._
befinde, damit er sich weiterhin emotional stabilisieren und einen geregelten Tagesrhythmus einüben könne. Wünschenswert wäre eine anschliessende B
elastungserprobung durch die IV
entweder in seinem angestammten Arbeitsfeld oder
eine Umschulung in einem anderen
, eventuell geschützten Arbeitsfeld (S. 3).
Dem Bericht zur neuropsychologischen Abklärung (Urk. 7/109/6-11) ist präzisierend zu entnehmen, dass eine angepasste Tätigkeit mit reduzierter Leistungs
anforderung und eventuell zusätzlicher Zeitzugabe auf einer niedrigeren Verantwortungsstufe zu prüfen sei, die dem Beschwerdeführer erlaube, sei
ne
beruflichen Fertigkeiten einzubringen, ihm eine positive Selbst
wirksamkeitserfahrung ermögliche und durch die Tagesstrukturierung zur langfristigen Stabilisierung der psychischen Erkrankung beitragen dürfte. Dabei dürfte der Beschwerdeführer von einer wohlwollenden äusseren Strukturierung mit erhöhten Rückmeldungen profitieren. Es w
e
rde die Abklärung beruflicher Massnahmen durch die IV mit Eruierung der Arbeitsfähigkeit durch eine Potential
abklärung empfohlen (S. 3 f.).
3.1.2
In ihrem Bericht
zuhanden der Beschwerdegegnerin vom 1. Februar 2017
(Urk. 7/126) diagnostizierten die medizinischen Fachpersonen
der
C._
mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit
noch
eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mitte
lgradige Episode (ICD-10 F33.1),
eine wahrscheinliche Persönlichkeits
störung mit ängstlich-unsicheren und abhängigen Zügen (ICD-10 F61.0
) sowie psychische und Verhaltensstörung
en
durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F10.2;
S. 1).
D
enkbar wäre ein Belastungs
training unter geschützten Bedingungen drei bis vier Stunden täglich (S. 3).
Sie empfahlen die Fortführung der ambulanten Psychotherapie und psycho
pharmakologische Unterstützung und prognostizierten eine eventuelle Steigerung der Belastbarkeit erstmal im geschützte
n Rahmen und je nach Verlauf auch wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt sowie die Abstinenzerhaltung (S. 4).
3.2
3.2.1
Die Gutachter Dr.
A._
und Dipl.-Psych. Dipl.-Inf.-Wiss.
B._
führten in der Konsensbeurteilung vom 21. August 2017 (Urk. 7/142) aus neuropsychologi
s
cher
Sich
t
als sich
auf die Arbeitsfähigkeit
auswirkend an
, beim Beschwerdeführer bestünden leichte kognitive Funktionsbeeinträchtigungen in den figuralen Lern- und Gedächtnisleistungen sowie den komplexeren Wahrnehmungs
funktionen. Aus psychiatrischer Sicht
diagnostizierten sie
mit Auswirkun
g auf die Arbeitsfähigkeit eine
sonstige organische Persönlichkeit
s
- und Verhaltensstörung aufgrund einer Krankheit
sschädigung oder Funktions
störung des Gehirns (ICD-10 F07.8). Vorbestehend sei differenzialdiagnostisch die Möglichkeit eines Hyperaktivitätszentrums im Erwachsenenalter (ICD-10 F90.0) im Sinne einer einfachen Aktivität
s
- und Aufmerksamkeitsstörung zu berück
sichtigen.
Als
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit konstatierten sie aus neuropsychologischer Sicht, die allgemeine Intelligenzleistung des Beschwer
deführers habe zum Untersuchungszeitpunkt knapp im durchschnittlichen Bereich gelegen (Gesamt-IQ = 95). Aus psychiatrischer Sicht
bestünden
eine Alkoholabhängigkeit (ICD-10 F10.2),
eine
psychische
Verhaltensstörung durch Alkohol und ein
Abhängigkeitssyndrom
(S. 3)
.
3.2.2
Sie führten aus, z
entrale Problematik sei die Interaktion zwischen der organischen Persönlichkeitsstörung und der Alkoholabhängigkeit. Es sei eindeutig bei weiterer Alkoholabhängigkeit von einer weiteren Verschlechterung des Zustandsbildes auszugehen. Auch die Befundung des MRI spreche eindeutig von einem alkohol
bedingten ideologischen Zusammenhang. Zusätzlich fänden sich weitere Hinweise auf eine organische Ätiologie. In allen Funktionsbereichen des persönlichen Lebens und auch in der Erwerbsfähigkeit komme es aufgrund der
organischen Persönlichkeitsstörung zur erheblichen Reduktion der Leistungs
fähigkeit
(S. 4)
.
3.2.3
Die Arbeitsfähigkeit betreffend gelangten sie zum Schluss,
aktuell sei von einer 100-prozentigen Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Buch
halter auszugehen. Mit ausreichend
er
Genauigkeit und Sicherheit könne ein Zeit
punkt herausgenommen werden, in dem eine klare Datierung möglich sei. Zum Zeitpunkt der Erstellung des bildgebenden Verfahrens zeige sich eine eindeutige Veränderung, die festzumachen sei. Es sei daher ab Februar 2016 von einer 100-prozentigen Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Buchhalter auszugehen.
Hinsichtlich einer angepassten Tätigkeit sei bei vollständiger Alkohol
abhängigkeit von einer
dringend indizierten
Alkoholabstinenz auszugehen. Es sei daher von einer 100-prozentigen Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit auszugehen.
Es fänden sich zwei zentrale Probleme bei einer angepassten Tätigkeit. Der Beschwerdeführer sei trotz langjähriger Alkoholabhängigkeit immer noch überzeugt, dass eine kontrollierte Möglichkeit des Trinkens bei Alkoholabhängigkeit bestehen würde. Zusätzlich fänd
en
sich, unreflektiert
,
eine
geringgradige
Notwendigkeit für den Beschwerdeführer selber wieder in eine Tätigkeit zurückzufinden. Es bestehe eine geringe Motivation zur Arbeitstätigkeit. Insgesamt fänden sich ausreichende Hinweise, um von einer Datierung einer 100-prozentigen Arbeitsfähigkeit ab Februar 2016 in angepasster Tätigkeit auszugehen (S. 4 f.).
3.2.4
Zu den beruflichen Massnahmen und einer Prognose wiesen die Experten darauf hin, dass der Beschwerdeführer selber angebe, dass er alkoholfreie Tage einhalten könnte. Insgesamt seien die Angaben bezüglich Alkohol jedoch zu hinterfragen und nicht als sicher anzunehmen. Von den behandelnden Ärzten sollte vor alle
n
anderen Massnahmen die Möglichkeit einer Entzugsklinik diskutiert werden. Diese sei zwingend nötig bei körperlicher Abhängigkeit mit Abhängigkeits
symptomen.
Andernfalls
sei eine Arbeitserprobung mit langsamer Steigerung, beginnend von 50 % mit der Überprüfung, welche
Tätigkeiten
durch den Beschwerdeführer regelmässig und dauerhaft durchgeführt werden könnten
,
dring
end
indiziert. Der angestammte Beruf mit eidgenössischem Fähigkeits
ausweis
als
kaufmännischer Angestellter, Buchhalter, sei aufgrund der organischen Komponente durch den Beschwerdeführer explizit nicht mehr ausführbar. Zu berücksichtigen sei die selber angegebene geringe Motivation bezüglich einer 100 % Tätigkeit. Dies sei jedoch nicht krankheitsbedingt, sondern motivational zu werten. Nach einer dreimonatigen Arbeitserprobung sollte in Absprache mit der be
t
reuenden Stelle eine Arbeitsstelle gefunden werden, die
bei
den interaktionellen und kognitiven Kompetenzen de
m
Beschwerdeführer möglich sei. Explizit und erneut sei jedoch darau
f
hinzuweisen, dass dem Beschwerdeführer eine 100%-Stelle rein basierend auf den kognitiven und emotionalen Kompetenzen und der psychiatrischen Erkrankung möglich sei. Die Ablehnung einer 100%-Arbeitsstelle sei nicht
mit einer psychiatrischen Erkrankung
zu begründen (S. 5 f.).
3.3
Der Arzt des RAD, Dr. med.
D._
, Facharzt für Psychiatrie und Psycho
therapie, untersuchte den Beschwerdeführer am 12. März 2019. Im Bericht vom 14. März 2019 (Urk. 7/237) diagnostizierte er mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leicht ausgeprägt (ICD-10 F33.0), eine organische Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F07.0) sowie eine Panikstörung (ICD-10 F41.0) und ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Alkoholabhängigkeit, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F10.20; S. 3). Er hielt fest, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit liege ein dauerhaft die Arbeitsfähigkeit einschränkender Gesundheitsschaden vor. Aufgrund der psychopathologischen Symptome sei eine Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt nicht denkbar (S. 3). Er bezifferte die Arbeitsunfähigkeit mit 100 % in bisheriger und angepasster Tätigkeit seit Februar 2016. Zum Aufbau eines geregelten Tagesablaufes werde die Tätigkeit in einem geschützten Arbeitsplatz empfohlen. Eine medizinische Massnahme sei nicht aufzuerlegen (S. 4).
4.
4.1
Rentenleistungen sind erst dann auszurichten, wenn keine zumutbaren
Eingliederungsmassnahmen
mehr in Betracht fallen und ein Rentenanspruch
kann
grundsätzlich
erst nach Beendigung der Eingliederungsmassnahmen entstehen, und zwar selbst dann, wenn diese nur einen Teilerfolg brachten oder scheiterten
. Laufen indes keine
beruflichen Massnahmen und sind solche auch nicht konkret angeordnet, so kann mithin auch dann ein (allenfalls befristeter) Rentenanspruch entstehen, wenn die Möglichkeiten der beruflichen Eingliederu
ng noch nicht ausgeschöpft sind (Urteil des Bundesgerichts 9C_892/2011 vom 21. September 2012 E. 3.3.1). Demnach bewirkt der
in der Invalidenversicherung geltende Grun
dsatz «Eingliederung vor Rente»,
dass die Rente hinter einer Eingliederungsmassnahme bzw. dem damit verbundenen Taggeld zurücktritt
(
so
Art.
28
Abs.
1 lit. a IVG
), jedoch eine Invalidenrente vor dem Zeitpunkt der Beendigung der Eingliederungsmassnahmen, gegebenenfalls auch rückwirkend, zuzusprechen ist, wenn die versicherte Person nicht oder noch
nicht eingliederungsfähig war
(Urteil des Bundesgerichts 9C_689/2019 vom 20. Dezember 2019 E. 3.1 mit Hinweisen)
.
4.2
Grundlage des unbestrittenen Anspruchs des Beschwerdeführers auf eine ganze Invalidenrente ab dem
1.
Juni
2018
bildet die Einschätzung des beschwerde
gegnerischen RAD, worin insbesondere die Diagnose einer organischen Persönlichkeits
störung
(ICD-10 F07.0)
gestellt und eine vollständige Arbeits
unfähigkeit seit Februar 2016 in jeglicher Tätigkeit festgestellt und eine Tätigkeit in ges
chütztem Rahmen empfohlen wurde
(E. 3.3). Damit stimmten auch die Gutachter Dr.
A._
und Dipl.-Psych. Dipl.-Inf.-Wiss.
B._
insofern überein, als auch sie eine das Gehirn beschlagende organische Pathologie feststellten, welche eine Persönlichkeitsstörung zur Folge hat und diese Einschränkung ebenfalls auf den Zeitpunkt des Nachwei
ses der Hirnschädigung mittels
MRI im Februar 2016 zurückdatierten (E. 3.2.3). Dass es seit Februar 2016 zu einer Veränderung (Verbesserung) des Gesundheitszustandes gekommen ist, macht die Beschwerdegegnerin sodann weder geltend noch bestehen nach Aktenlage Anhalts
punkte hierfür. Gestützt wird die Beurteilung des RAD auch durch die echtzeitlichen Berichte des
C._
. Während die zuständigen medizinischen Fach
personen am 15. November 2016 (E. 3.1.1) dem Beschwerdeführer eine 100 %
ige
Arbeitsunfähigkeit bei unklarem Potenzial attestierten – so diskutierten sie eine Belastungserprobung oder eine Umschulung in ein anderes, eventuell geschütztes Arbeitsumfeld –, hielten sie am 1. Februar 2017 (E. 3.1.2) lediglich noch ein Belastungstraining unter geschützten Bedingungen für denkbar. Darüber hinaus hatte auch der Sachbearbeiter der Eingliederungsberatung Bedenken in Bezug auf die Durchführung von Massnahmen (Verlaufsprotokoll Eingliederungsberatung, Eintrag vom 12. Dezember 2017; Urk. 7/214 S. 4 oben).
Auf die RAD-Beurteilung ist demnach abzustellen und ein Eingliederungs
potenzial für die Zeit vom 1. Februar 2017 bis zum Antritt des Belastbarkeits
trainings am 1. Februar 2018 zu verneinen.
4.3
Entgegenstehende
beweiswertige
echtzeitliche
Arztb
erichte, welche eine
Arbeits- oder
Eingliederungsfähigkeit in der Zeit
von Februar 2017 bis zum Antritt des Belastbarkeitstrainings im Februar 2018 ausweisen
, liegen
nicht
vor
. Auf das Gutachten
A._
/
B._
(E. 3.2), welches von einer Arbeitsfähigkeit von 100 % in angepasster Tätigkeit ausging, stellte auch die Beschwerdegegnerin selber in ihrem Entscheid über den Rentenanspruch nicht ab, sondern veranlasste weiterführende Abklärungen, welche in der Untersuchung durch ihren RAD mündeten. Das Gutachten erweist sich hinsichtlich der
attestierten
Arbeits
fähigkeit und de
r
Ausführungen zu beruflichen Massnahmen
denn auch als widersprüchlich: S
o betonten sie einerseits die Wechselwirkungen zwischen der
Alkoholabhängigkeit
und der organischen Persönlichkeitsstörung als zentrales Problem
. Andererseits setzten sie sich mit den Auswirkungen der Alkohol
abhängigkeit auf die Arbeits- und Eingliederungsfähigkeit nicht auseinander
. Damit
legten
sie
ihrer Beurteilung
i
mplizit die
überholte Rechtsprechung zugrunde, wonach primäre Suchterkrankungen sich grundsätzlich nicht invalidisierend auswirken (vgl.
aber
Urteil des Bundesgerichts 9C_724/2018 vom 1
1.
Juli 2019).
Auf das Gutachten kann in dieser Hinsicht daher nicht abgestellt werden. Im Übrigen erschiene - wenn der gutachterlichen Einschätzung gefolgt würde - ein Eingliederungspotenzial im zu prüfenden Zeitraum bereits deswegen als ausgeschlossen, weil im Gutachten ein vorgängiger Alkoholentzug vor Aufnahme einer Tätigkeit als zwingend erachtet worden war. Dass ein solcher nicht durchgeführt wurde, rügt die Beschwerdegegnerin mangels Auferlegung einer Schadenminderungspflicht zu Recht nicht.
4.4
Zusammenfassend ist von einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % seit Februar 2016, welche Grundlage des unbestrittenen Rentenanspruchs ab 1. Juni 2018 bildete, und dem Fehlen einer Eingliederungsfähigkeit im Zeitraum vom 1. Februar 2017 bis zur Aufnahme des Belastbarkeitstrainings am 1. Februar 2018 auszugehen. Die Beschwerdegegnerin verkennt, dass gemäss vorzitierter Rechtsprechung (E. 4.1) ein Rentenanspruch auch vor Durchführung von Eingliederungsmassnahmen entstehen kann. Da
sie
im fraglichen Zeitraum zwischen dem Ablauf des Wartejahres am 1. Februar 2017 und dem Beginn des Belastungs
trainings am 1. Februar 2018 keine Eingliederungsmassnahmen angeordnet hatte, konnte für die besagte Zeit ein Rentenanspruch entstehen (E. 4.1); dass die Beschwerdegegnerin zuvor untätig blieb und keine Eingliederungsmassnahmen anordnete, kann dem Beschwerdeführer nicht zum Nachteil gereichen.
Vielmehr war es gar
der Beschwerdeführer selber
,
der
im
Dezember 2017
deren
Aufnahme
verlangt hatte
(
Urk. 7/214 S. 3 ff.
).
Demzufolge ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
5.1
Die Kosten des Verfahrens gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind auf Fr. 800.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Dem Beschwerdeführer steht ausgangsgemäss
eine
volle
Prozessentschädigung
zu.
Die Rechtsvertreterin
des Beschwerdeführers machte einen Aufwand
von insgesamt
12
Stunden
50 Minuten
geltend
(Urk. 10/2)
, welcher der Sache
noch als angemessen
scheint. Die
Prozessentschädigung ist dementsprechend und
bei Anwendung des gerichtsüblichen Stundenansatzes von
Fr. 220.
--
auf
Fr. 3'144.40
festzulegen (
12
Stunden 5
0
Minuten à Fr. 220.-- = Fr.
2'823.35
zuzüglich Barauslagen von Fr.
96.25
zuzüglich Mehrwertsteuer).
Das
vom Beschwerdeführer am 12. Juli 2019
gestellte Gesuch um unentge
ltliche Rechtspflege (Urk. 1 S.
2)
ist damit gegenstandslos.