Decision ID: f516b76a-8f3d-4d42-86ef-e4f694cd8ae0
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1973,
arbeitete zuletzt
in einem Pensum von 65 %
als Betriebsmitarbeiterin bei der
Z._
AG
und
geht seit dem 2
3.
Dezember 2018 (Verkehrsunfall mit Heckauffahrkollision) keiner Erwerbstätigkeit mehr nach. Am 2
3.
Februar 2019 meldete sie sich
wegen Beschwerden im Zusammen
hang mit dem genannten Unfall
bei der Invalidenversicherung zum Leistungs
bezug an (Urk. 12/12).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich,
IV-Stelle, tätigte medizinische und berufliche Abklärungen (insb. Urk. 12
/12;
Urk.
12/36-37;
Urk.
12/51;
Urk.
12/62
;
Urk.
12/71-72)
und holte die Akten des Unfallversicherers (Urk. 12/18
;
Urk.
12/48
;
Urk.
12/70)
und des Krankentaggeld
versicherers
(Urk. 12/69
;
Urk.
12/82; Urk. 12/89
)
ein
.
Am 1
2.
Februar 2020 teilte sie mit, dass keine Eingliederungsmassnahmen möglich seien, da sich die
Versicherte
nicht eingliederungsfähig fühle (Urk. 12/68)
.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 12/98;
Urk.
12/106) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 2
6.
März 2021 (Urk. 2) einen Anspruch auf eine Invalidenrente.
2.
Dagegen
liess
die Versicherte
, vertreten durch
Y._
,
am 1
0.
Mai 2021 (Urk. 1) Beschwerde
erheben
mit den folgenden Anträgen:
«1.
Die Verfügung vom 2
6.
März 2021 sei aufzuheben.
2.
Der Anspruch auf Versicherungsleistungen der Beschwerdeführerin sei anzuerkennen und ihr sei eine volle Invalidenrente zu gewähren.
3.
Eventualiter sei die Angelegenheit an die Sozialversicherungsanstalt Zürich, IV-Stelle, zurückzuweisen, mit dem Auftrag, die erforderlichen Sachverhaltsabklärungen zur sachgerechten Verifizierung der Kranken
geschichte zugunsten des seitens der Beschwerdeführerin bestehenden Leistungsanspruchs vorzunehmen.
4.
Es seien sämtliche Akten der Beschwerdegegnerin beizuziehen und der Beschwerdeführerin eine angemessene Frist zur Stellungnahme zu den seit ihrem Einwand vom
1.
Februar 2021 von der Beschwerdegegnerin neu eingeholten Akten zu gewähren.
5.
Der Beschwerdeführerin sei die unentgeltliche Rechtsvertretung zu gewähren.
6.
Der der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit der vorliegenden Beschwerde entstandene Vertretungsaufwand sowie allfällig entstandene
Verfahrenskosten seien ihr von der Beschwerdegegnerin vollumfänglich zu
entschädigen.»
Mit Beschwerdeantwort vom 3
0.
Juni 2021 (Urk. 11) schloss die Beschwerdegeg
nerin auf Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am
5.
Juli 2021 (Urk. 13) mitgeteilt wurde.
3.
Die Axa Versicherungen AG (AXA) als obligatorischer
Versicherer
nach dem Bundesgesetz über die Unfallversicherung (UVG) verneinte ihre Leistungspflicht im Zusammenhang mit dem gemeldeten Unfallereignis vom 23. Dezember 2018 mit
Einspracheentscheid
vom
30. November 2020
über den 2
3.
März 2019 hinaus. Die dagegen am 2
5.
Januar 2021 erhobene Beschwerde wies das hiesige Gericht mit heutigem Urteil (Prozessnummer UV.2021.00027) ab.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise
des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.
2.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
1.3
Der Invaliditätsgrad bemisst sich gemäss
Art.
28a
Abs.
1 IVG bei erwerbstätigen Versicherten nach
Art.
16 ATSG (Einkommensvergleich).
Bei nicht erwerbstätigen Versicherten, die im Aufgabenbereich tätig sind, wird gemäss
Abs.
2 dieser Bestimmung für die Bemessung des Invaliditätsgrades darauf abgestellt, in welchem Masse sie unfähig sind, sich im Aufgabenbereich zu betätigen (Betätigungsvergleich).
Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig sind, wird der Invaliditätsgrad gemäss
Art.
28a
Abs.
3 IVG für diesen Teil nach
Art.
16 ATSG festgelegt. Sind sie daneben mutmasslich auch im Aufgabenbereich tätig, so wird der Invaliditäts
grad für diese Tätigkeit nach dem Betätigungsvergleich festgelegt. In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Antei
l der Tätigkeit im Aufgaben
berei
ch festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu bemessen (gemischte Methode).
1.4
Sowohl bei der erstmaligen Prüfung des Rentenanspruchs als auch bei der Rentenrevision und im Neuanmeldungsverfahren ist die Methode d
er Invalidi
tätsbemessung (Art. 28a IVG) zu bestimmen (BGE
144
I 28 E. 2.2, 117 V 198 E. 3b).
Die für die Methodenwahl (Einkommensvergleich, gemischte Methode, Betäti
gungsvergleich) entscheidende Statusfrage, nämlich ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als nichterwerbstätig einzustufen ist, beurteilt sich danach, was die Person bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde. Entscheidend ist somit nicht, welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicher
ten Person im Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum sie hypothetisch erwerbstätig wäre. Bei im Haushalt tätigen Versicherten im Besonderen
(vgl. Art. 27 IVV)
sind die persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen Verhältnisse ebenso wie allfällige Erziehungs- und Betreuungsauf
gaben gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen Fähigkeiten und die Ausbil
dung sowie die persönlichen Neigungen und Begabungen zu berücksichtigen. Massgebend sind die Verhältnisse, wie sie sich bis zum Erlass der Verwaltungs
verfügung entwickelt haben, wobei für die hypothetische Annahme einer im Gesundheitsfall ausgeübten (Teil-)Erwerbstätigkeit der im Sozialversicherungs
recht übliche Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich ist
(BGE 144 I 28 E. 2.3, 141 V 15 E. 3.1, 137 V 334 E. 3.2, 125
V 146 E. 2c, 117 V 194 E. 3b).
Die Beantwortung der Statusfrage erfordert zwangsläufig eine hypothetische Beurteilung, die auch die hypothetischen Willensentscheidungen der versicherten Person zu berücksichtigen hat. Diese Entscheidungen sind als innere Tatsachen wesensmässig einer direkten Beweisführung nicht zugänglich und müssen in der Regel aus äusseren Indizien erschlossen werden (vgl. BGE 144 I 28 E. 2.4
; Urteil des Bundesgerichts 8C_178/2021 vom 11. Mai 2021 E. 3.2 mit Hinweisen
).
1.5
Das Gesetz regelt nicht, welche Beschäftigungen unter den Begriff der Tätigkeit in einem Aufgabenbereich nach
Art.
28a
Abs.
2 und 3 IVG fallen. Gemäss A
rt. 27
Abs.
1 IVV gelten als Aufgabenbereich der im Haushalt tätigen Versicherten die übliche Tätigkeit im Haushalt sowie die Pflege und Betreuung von Angehörigen. Nicht dazu gehören reine Freizeitbeschäftigungen (BGE 142 V 290 E. 5)
. Ist ein Aufgabenbereich
«
Haushalt
»
vorhanden, so wird dessen Anteil nicht in Abhän
gigkeit vom Umfang der im Aufgabenbereich anfallenden Arbeiten festgesetzt; vielmehr entspricht er grundsätzlich der Differenz zwischen dem Erwerbsanteil und einem Pensum von 100
%
(BGE 141 V 15 E. 4.5).
Bei mutmasslich teilzeitlich erwerbstätigen Versicherten ohne Betreuungspflichten darf nach der Recht
sprechung der Anteil der Nichterwerbstätigkeit nicht ohne Weiteres als
(nicht versicherte)
Freizeit qualifiziert werden.
Vielmehr ist
im
Rahmen der Sachver
haltsabklärung festzustellen, ob auch ohne Gesundheitsschaden regelmässig übliche Tätigkeiten im Haushalt verrichtet worden wären.
Trifft dies zu,
ist von einem Aufgabenbereich Haushalt auszugehen und die Invaliditätsbemessung nach der gemischten Methode vorzunehmen (vgl. Urteil
des Bundesgerichts
9C_487/2021 vom
8.
März 2022 E. 4.2.2 und E. 4.2.3).
1.
6
Bei der Beurteilung der
Arbeits
(
un
)
fähigkeit
stützt sich die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen, die von ärztlichen und gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu stellen sind. Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammen
hänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V
351 E. 3a S. 352 mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin stellte in der angefochtenen Verfügung fest, dass die Beschwerdeführerin mutmasslich zu 65
%
erwerbstätig wäre und qualifizierte die verbleibenden 35 % als Freizeitbereich. Sie führte
mit Verweis auf das
bidiszipli
näre
(orthopädische und psychiatrische) Gutachten zuhanden des K
rankentag
geldversi
cherers
vom 2
6.
Mai und
2.
Juni 2020 (Urk. 12/82/6-43)
aus, dass die Beschwerdeführerin in einer sitzenden Tätigkeit
noch vor Ablauf des Wartejahres
zu 100 % arbeitsfähig
gewesen
sei. Nach einer Gewichtsreduktion sei auch von einer vollen Arbeitsfähigkeit für stehende und gehende Tätigkeiten
auszugehen.
Sie ermittelte einen Invaliditätsgrad von 0
%
und verneinte einen Anspruch auf eine Invalidenrente.
2.2
Demgegenüber liess die Beschwerdeführerin vorbringen
(Urk. 1)
, dass sie seit dem Unfallereignis am 2
3.
Dezember 2018
insbesondere
wegen permanenten Nacken-, Brustwirbelsäulen (BWS)- und Lendenwirbelsäulen (LWS)-Schmerzen, Steifig
keit und eingeschränkter Beweglichkeit der Halswirbelsäule (HWS)
, Schmerzen in der linken Schulter und einer erheblichen psychiatrischen Störung
vollständig arbeitsunfähig sei
, was aufgrund der fachärztlichen Berichte des Unfallversiche
rers und des Krankentaggeldversicherers nachgewiesen sei.
Sinngemäss sprach sie sich wiederum gegen die B
eweiswertigkeit des
bidisziplinären
Gutachtens zuhanden des
Krankentaggeldversicherers
aus.
Insbesondere seien Art und Ausmass der psychischen Beschwerden nicht detailliert abgeklärt worden (
Ziff.
7
-9
).
Ausserdem liess sie monieren, dass diverse somatische Beschwerden bestün
den, hinsichtlich derer der medizinische Sachverhalt nicht hinreichend abgeklärt sei
(
Ziff.
4)
.
Weiter sei ihr das rechtliche Gehör nicht gewährt worden, indem ihr keine Gelegenheit gegeben
worden
sei
, sich im
Einwandverfahren
zur neuerlichen RAD-Stellungnahme zu äussern (
Ziff.
5
und 10
)
.
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Invalidenrente zu Recht verneint hat.
3
.
3.1
Die angefochtene Verfügung erweist sich
- angesichts der neueren Recht
sprechung -
bereits
bei der Wahl der Invaliditätsbemessungsmethode als fehler
haft.
Die Beschwerdeführerin hatte anlässlich des Standortgesprächs am 2
6.
April 2019
angegeben, dass sie keine Betreuungsaufgaben habe und das ausgeübte Pensum von 65 % «einfach so gekommen sei». Bei guter Gesundheit hätte sie in diesem Rahmen weitergearbeitet. Sie habe während der Schulzeiten Vollzeit gearbeitet und in den Schulferien die Überzeit wieder abgebaut (Urk. 12/22 S. 2).
Die Beschwerdegegnerin
qualifizierte sie in der Folge mangels Betreuungsaufga
ben als
mutmasslich zu 65 %
erwerbstätig, wobei sie
beim verbleibenden Pensum von 35 % von
(nichtversicherter)
Freizeit
ausging
(Urk. 12/111 S. 11)
.
Diese Folgerung ist nicht nachvollziehbar. Aus den Akten geht hervor, dass die Beschwerdeführerin seit ihrem Unfall im Dezember 2018 von einer Kollegin Hilfe im Haushalt erhält. Die Kollegin
erledige den Haushalt, bügle, koche und putze. Ohne diese Unterstützung sei die Beschwerdeführerin nach ihren eigenen Anga
ben
«
aufgeschmissen
»
(Urk. 12/48/83; vgl. auch Urk. 12/22 S. 4). Die geschilder
ten Umstände lassen den Schluss zu, dass die Beschwerdeführerin ohne Gesundheitsschaden regelmässig übliche Tätigkeiten im Haushalt verrichtet hätte. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist
bei der Beschwerdeführerin
deshalb
neben dem Erwerbsbereich
ein Aufgabenbereich Haushalt zu bejahen und die Invaliditätsbemessung nach der gemischten Methode vorzunehmen (
E. 1.5
).
3.2
Nicht ohne Weiteres nachvollziehbar ist auch das
mutmassliche Erwerbspensum
von 65 %
. Die Beschwerdeführerin war zwar im Zeitpunkt der Anmeldung zum Leistungsbezug bei der
Z._
AG als Betriebsmitarbeiterin in einem Pensum von 65
%
angestellt. Vor dieser Anstellung arbeitete sie von 2016 bis Juni 2017 als Verkäuferin in einem Pensum von 80
%
(Urk. 12/12
Ziff.
5.4). Ebenfalls erzielte sie im Jahr 2018 neben der Beschäftigung bei der
Z._ AG bei der A._
AG ein Einkommen von
Fr.
3'029.--, wo sie bis zur Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen jeweils dienstags in einem Umfang von zwei bis dreieinhalb Stunden Reinigungsarbeiten erledigt hatte (Urk. 12/17/3)
.
In den
rund zehn
Jahren vor der Anmeldung zum Leistungsbezug hatte die Beschwerdeführerin gemäss Auszug aus dem Individuellen Konto (IK) oft in verschiedenen
Kleinpensen
Anstellungen im Bereich Reinigung und Verkauf inne, die sich
regelmässig
mit dem Bezug von Arbeitslosentaggeldern abwechselten.
In Kenntnis der im Jahr 2018 ausgeübten Nebentätigkeit neben der 65 %-Anstellung und
der vom Umfang her
sehr unterschiedlichen
früheren
Tätigkeiten hätte d
ie Aussage der Beschwerdeführerin, dass sie bei guter Gesundheit «so weitergearbeitet hätte», in Bezug auf das mutmassliche Pensum im Erwerbsbe
reich von Seiten der Beschwerdegegnerin zumindest genauerer Nachfrage
bedurft.
So hätte zum Beispiel auch
eine
Information
darüber
, in welchem Umfang sie in Zeiten der Arbeitslosigkeit Stellen gesucht hatte, Aufschluss darüber gegeben, in welchem mutmasslichen Pensum sie als Gesunde tätig wäre und welches Pensum dem Aufgabenbereich Haushalt zufällt.
Die Sache ist daher an die Beschwerdegegne
rin zurückzuweisen, damit
sie
die mutmasslichen
Pensen
im Erwerbs- und Aufgabenbereich festlege.
3.3
Danach
wird die Beschwerdegegnerin
ergänzende Abklärungen hinsichtlich der
gesundheitlichen Einschränkungen im Erwerbsbereich und im Haushalt
tätigen müssen
, da sich diese
, wie die nachfolgenden Ausführungen zeigen,
gestützt auf
die
vorhandene Aktenlage nicht beurteilen lassen
.
Insbesondere ist darauf
hinzuweisen, dass
dem
bidisziplinäre
n
Gutachten zuhanden des Krankentaggeldversicherers vom 2
6.
Mai und
2.
Juni 2020 (
Urk.
12/82/6-43)
, auf das sich die angefochtene Verfügung stützt,
im Hinblick auf die neu vorzunehmende Bemessung der Invalidität nach der gemischten Methode
kein Beweiswert zukommt
.
Zwar ist den vom Krankentaggeldversicherer nicht im gesetzlich vorgesehenen Verfahren nach
Art.
44 ATSG eingeholten Gutachten nicht per se der Beweiswert abzusprechen, sondern kommt ihnen nach der Rechtsprechung der Beweiswert versicherungsinterner ärztlicher Feststellungen zu (Urteil des Bundesgerichts 8C_71/2016 vom
1.
Juli 2016 E. 5.3). Diesen hat die Rechtsprechung stets Beweiswert zuerkannt, aber betont, dass ihnen nicht dieselbe Beweiskraft wie einem im Verfahren nach
Art.
44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag gegebenen Gutachten beizumessen ist (BGE 125 V 351 E. 3a). Soll ein Versiche
rungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinter
nen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 122 V 157 E. 1.d)
Dr.
med.
B._
, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, führte am
2.
Juni 2020
im Rahmen ihres orthopädischen Teilgutach
tens und der zusammenfassenden
bidisziplinären
Beurteilung
aus
(Urk. 12/82/6-19)
, dass sie nach Anamneseerhebung und körperlicher Unter
suchung
der Beschwerdeführerin
das Hauptproblem im geschätzten Übergewicht von etwa 35
kg (bei Adipositas Grad II) sehe
(S. 8 und 9)
. Rezidivierende Beschwer
d
en der Wirbelsäule seien möglich bei Fehlstatik, Haltungsinsuffizienz, muskulärem Hartspann und völlig
verschmächtigter
Rumpfmuskulatur
(S. 8 unten)
.
Leisten
schmerzen/Hüftgelenksbeschwerden links seien möglich und sollten abgeklärt werden (S. 9 Mitte).
Eine drastische Gewichtsreduktion sei dringend notwendig
(S. 9)
.
Aus orthopädischer Sicht ergebe sich ab sofort eine volle Arbeitsfähigkeit ohne Einschränkungen der Leistungsfähigkeit für überwiegend sitzende Tätig
keiten mit Steigerung der Belastbarkeit auch für gehende und stehende Tätigkeiten im Verlauf der Gewichtsabnahme
(S. 9)
.
Vom
4.
bis 2
9.
Juni 2019 befand sich die Beschwerdeführerin zur
stationären psychosomatischen Rehabilitat
ion im
Rehazentrum
C._
(Urk. 12/51/12-19). Im Austrittsbericht wurden insbesondere die folgenden Diagnosen genannt:
-
Zervikospondylogenes
Syndrom links
-
Periarthropathia
humeroscapularis
tendopathica
vom
Supraspinatustyp
-
Chronisches
lumbospondylogenes
Syndrom links
Die involvierten Ärzte empfahlen eine berufliche Reintegration im niedrigprozen
tigen Pensum von 30
%
.
Der behandelnde Rheumatologe
Dr.
med.
D._
, FMH Rheumatologie, FMH Physikalische Medizin, führte in seinem Bericht vom
5.
November 2019 (Urk. 12/72/8-9) zuhanden des Hausarztes der Beschwerdeführerin
,
med.
pract
.
E._
,
Allgemeinmedizin FMH,
aus, dass bei ihr mittlerweile ein
chronifiziertes
Schmerzsyndrom bestehe. Dreimal wöchentlich erfolge eine physikalische Thera
pie, die keine wesentliche Besserung zu erzielen scheine. Aus rheumatologisch-somatischer Sicht teile er die Einschätzung der Davoser Ärzte
, dass ein Arbeitsversuch zu 30
% zumutbar sei.
In
ihrer
orthopädischen Beurteilung
hat sich
Dr.
B._
weder
hinsichtlich der
Diagnosestellung noch
der
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
mit diesen fachärzt
lichen Einschätzungen auseinandergesetzt.
Vielmehr stützte D
r.
B._
ihre Einschätzung der Leistungsfähigkeit einzig auf das geschätzte Übergewicht
von etwa 35
kg
, was demgegenüber von den behandelnden Ärzten in keinem der in den Akten befindlichen Berichte je thematisiert wurde.
Im Rahmen der Systemanamnese notierte
Dr.
F._
bereits am 22. Oktober 2017 (Urk. 12/51/2-3) ein Gewicht von 82 kg.
Weder in den Berichten der Hausärzte
med.
pract
.
E._
(Urk. 12/36/1; Urk. 12/72/4-5) und
Dr.
G._
(Urk. 12/46), noch der behandeln
den Rheumatologen
Dr.
med.
F._
, FMH Rheumatologie, FMH Innere Medizin (Urk. 12/36/2-3) und Dr.
D._
(Urk. 12/36/4; Urk. 12/51; Urk. 12/72/8-9) noch des behandelnden Psychiaters
Dr.
med. H._
wurde das bekannte
und sich kontinuierlich erhöhende
Übergewicht je als leistungsmindernd erwähnt.
Die involvierten
Somatiker
sahen die Ursache für eine Leistungseinschränkung vielmehr in den verschiedenen
chronifizierten
Schmerzen im Bereich des Rückens und der linken Schulter. Zu
dieser
Diskrepanz
äusserte sich
Dr.
B._
nicht.
Auch der Stellungnahme von
Dr.
med. I._
, Facharzt für Chirurgie, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der Beschwerdegegnerin lässt sich dazu nichts entnehmen.
Damit kann offenbleiben, wie es sich mit der Einschätzung im psychiatrischen Teilgutachten verhält, da nach dem Gesagten konkrete Indizien
gegen die Schlüssigkeit und Zuverlässigkeit der orthopädischen Expertise und
Dr.
B._
s zusammenfassenden
bidisziplinären
Beurteilung bestehen, weshalb auf das Gutachten für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit im Erwerbsbereich nicht abgestellt werden kann.
Ebenso wenig lässt sich die der Beschwerdeführerin zumutbare Arbeitsleistung
im Erwerbsbereich
gestützt auf die Berichte der behandelnden Ärzte festlegen, da insbesondere hinsichtlich des empfohlenen Wiedereinstiegs in einem Pensum von 30
%
unklar ist, woraus sich die
70-prozentige Einschränkung
aus medizinischer Sicht
ergibt.
Zum Bereich Haushalt
lässt sich unter Berücksichtigung der medizinischen Aktenlage einzig festhalten, dass gestützt auf die Einschätzung
von
Dr.
B._
, wonach aufgrund des Übergewichts lediglich sitzende Tätigkeiten möglich seien, Anhaltspunkte für
gewisse
Einschränkungen bestehen.
Es ist zudem
zu beachten
, dass nach der Rechtsprechung die von einer qualifizierten Person durchgeführte Abklärung vor Ort (nach Massgabe von
Art.
69
Abs.
2 IVV) für gewöhnlich die geeignete und genügende Vorkehr zur Bestimmung der gesundheitlichen Einschränkung im Haushalt darstellt (vgl. Urteil
des Bundesgerichts
9C_201/2011 vom
5.
September 2011 E. 2).
Damit sind sowohl im Erwerbsbereich wie auch im Haushalt
ergänzende Abklärungen hinsichtlich der gesundheitlichen Einschränkungen
und der Leistungsfähigkeit erforderlich.
3.4
Zusammengefasst ist d
ie Sache
damit
an die Beschwerdegegnerin zurückzuwei
sen, damit diese
die mutmasslichen
Pensen
im Erwerbs- und Aufgabenbereich
festlege,
die
gesundheitlichen
Einschränkung
en
im
Erwerbsbereich und im
Haushalt abkläre und die Invalidität neu bemesse
, was zur Gutheissung der Beschwerde in diesem Sinn führt
.
4.
4.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
800.-- anzusetzen. Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird bei diesem Verfahrensausgang gegenstandslos.
4.2
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerdeführerin eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwendung von
Art.
61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses
und unter Anwendung des für Vertreterinnen und Vertreter
ohne abgeschlossenes juristisches Studium
üblichen Stundensatzes von Fr. 145.-- (zuzüglich 7.7
%
MWSt
)
auf
Fr.
1'
4
00.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwert
steuer) festzusetzen ist.