Decision ID: 27707f8a-2d69-486e-b47d-3e1427307cc5
Year: 2021
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Am 12. August 2019 stellte A._ Strafantrag gegen B._ (Beschwerdegegner/Beschuldigter)
wegen einfacher Körperverletzung und Beschimpfung. A._ (Beschwerdeführer/Privatkläger)
konstituierte sich als Privatkläger im Zivil- und Strafpunkt und machte Schadenersatz in der
Höhe von Fr. 1'500.‒ sowie Genugtuung in der Höhe von Fr. 2'000.‒ geltend. Konkret wirft er
dem Beschuldigten vor, dieser habe ihn am Sonntag 11. August 2019 zwischen 15:00 Uhr und
16:00 Uhr in der Wohnung an der A._strasse 1 in Z._, mit der rechten geballten Faust zwei
Mal ins linke Auge sowie einmal in die linke Schulter geschlagen. Dadurch habe er
(Beschwerdeführer) eine Schwellung/Prellung am linken Auge sowie eine Schulterverletzung
erlitten. Sodann habe ihn der Beschuldigte anlässlich der Auseinandersetzung mit
«Hurensohn», «du huere Schwuchtel» sowie «Arschloch» beschimpft.
In der Folge eröffnete die Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung und befragte den
Beschuldigten, den Beschwerdeführer sowie dessen Ehefrau zur Sache.
Am 9. Oktober 2020 verfügte die Staatsanwaltschaft die Einstellung des Verfahrens. Sie
verwies die Zivilklage auf den Zivilweg, auferlegte die Verfahrenskosten dem Staat, gewährte
dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege und entschädigte den Beschuldigten.
Es wurde keine Genugtuung ausgerichtet.
B.
Dagegen reichte der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 22. Oktober 2020 Beschwerde mit
folgenden Anträgen ein:
«1. Die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Nidwalden vom 09. Oktober 2020
betreffend einfache Körperverletzung etc. sei in den Ziffern 1, 2, 3 und 5 aufzuheben.
2. Die Staatsanwaltschaft Nidwalden sei anzuweisen, das Strafverfahren betreffend einfache
Körperverletzung etc. gegen B._ wieder aufzunehmen.
3. Es sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Hierzu sei ihm
die unterzeichnete Rechtsanwältin beizugeben.
4. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegner.»
C.
Die Staatsanwaltschaft Nidwalden schloss mit Beschwerdeantwort vom 4. November 2020 auf
Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge zu Lasten des Beschwerdeführers. Gleichzeitig
3 │ 14
übermittelte sie die Verfahrensakten. Der Beschuldigte liess am 5. November 2020 ebenfalls
die Abweisung der Beschwerde, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des
Beschwerdeführers, verlangen. Die Beschwerdeantworten wurden dem Beschwerdeführer am
10. November 2020 zur Kenntnis gebracht und der Rechtsschriftenwechsel abgeschlossen.
D.
Mit Verfügung P 20 20 vom 10. November 2020 wurde das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege für das vorliegende Verfahren bewilligt und Rechtsanwältin Niedrist als
unentgeltliche Rechtsbeiständin eingesetzt.
E.
Mit Eingabe vom 16. November 2020 teilte der Beschuldigte mit, seinen Informationen zufolge
sei das mit der Beschwerde übermittelte Schreiben nicht von C._ verfasst worden. Er
beantragte die Sistierung des Verfahrens bis zum rechtskräftigen Abschluss des
Strafverfahrens sowie die Edition der Strafakten, eventualiter die Durchführung einer
mündlichen Verhandlung.
F.
Mit Schreiben vom 19. November 2020 teilte die Ehefrau C._ mit, der Brief «wiederrufen»
vom 18. Oktober 2020 sei von ihrem Exmann A._ gefälscht und unterzeichnet worden. Sie
habe mittlerweile Strafanzeige wegen Urkundenfälschung erstattet.
G.
Mit Stellungnahme vom 1. Dezember 2020 beantragte der Beschwerdeführer:
«1. Das Gesuch vom 16. November 2020 sei vollumfänglich abzuweisen.
2.
2.1 Eventualiter sei ein graphologisches Gutachten zur Überprüfung der Echtheit der Unterschrift
im Schreiben von C._ vom 18. Oktober 2020 anzuordnen.
2.2 Eventualiter seien D._, B.strasse x, in Y._ und E._ (076 _) als Zeugen zu befragen.
3. Sofern eine mündliche Verhandlung durchgeführt wird bzw. Frau C._ persönlich befragt wird,
sei auch der Beschwerdeführer persönlich zu befragen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des Beschwerdegegners.»
H.
Mit Präsidialverfügung vom 16. Dezember 2020 wurde das Sistierungsgesuch abgewiesen.
4 │ 14
I.
Die Beschwerdeabteilung in Strafsachen des Obergerichts Nidwalden hat die vorliegende
Streitsache anlässlich ihrer Sitzung vom 16. März 2021 abschliessend beraten und beurteilt.
Auf die Ausführungen in den Rechtsschriften sowie die eingereichten Unterlagen wird, soweit
für die Entscheidfindung erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Erwägungen:
1.
1.1
Angefochten ist die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Nidwalden vom
9. Oktober 2020 (STA-Nr. A1 19 6173). Gegen Einstellungsverfügungen, die von der
Staatsanwaltschaft gestützt auf Art. 319 StPO erlassen wurden, können die Parteien innert
10 Tagen bei der Beschwerdeinstanz Beschwerde erheben (Art. 322 Abs. 2 und Art. 393
Abs. 1 lit. a StPO). Beschwerdeinstanz ist die Beschwerdeabteilung in Strafsachen des
Obergerichts Nidwalden, welche in Dreierbesetzung entscheidet (Art. 22 Ziff. 2 und Art. 29
GerG [NG 261.1]). Vorliegend hat sich der Beschwerdeführer als Straf- und Zivilkläger im
Strafverfahren gegen den Beschuldigten beteiligt. Er gilt damit als Partei, hat ein rechtlich
geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des Entscheides und ist somit zur
Erhebung der Beschwerde legitimiert (Art. 104 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 382 Abs. 1 StPO). Die
angefochtene Einstellungsverfügung wurde dem Beschwerdeführer am 13. Oktober 2020
zugestellt (STA-act. 1.17). Die mit Eingabe vom 22. Oktober 2020 (Eingang 23. Oktober 2020)
erhobene Beschwerde erfolgte mithin fristgerecht und entspricht überdies den
Formerfordernissen. Auf die Beschwerde ist demnach einzutreten.
1.2
Mit der Beschwerde können Rechtsverletzungen (einschliesslich Überschreitung und
Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung), die
unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt
werden (Art. 393 Abs. 2 StPO). Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn
entscheidrelevante Umstände nicht oder nicht ausreichend abgeklärt oder berücksichtigt
worden sind. Unvollständigkeit ist mit anderen Worten gegeben, wenn nicht alle
entscheidrelevanten Tatsachen erhoben, also über bestimmte rechtserhebliche Tatsachen
5 │ 14
kein Beweis geführt worden ist, oder wenn die erhobenen Tatsachen nicht alle einer
Beweiswürdigung unterzogen worden sind. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, u.a.
wenn die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird, so dass diese nicht
zum Gegenstand eines Beweisverfahrens gemacht wird, oder wenn Beweise unzutreffend
gewürdigt werden.
1.3
1.3.1
Unter dem Begriff Noven werden im Prozessrecht im Allgemeinen neue Behauptungen und
Beweise verstanden. Dabei werden zwei Arten von Noven unterschieden. Echte Noven sind
Tatsachen, die erst nach der anzufechtenden, hoheitlichen Verfahrenshandlung eingetreten
sind, sowie die für sie anzubietenden Beweismittel. Unechte Noven dagegen sind Tatsachen,
die sich vor diesem Zeitpunkt verwirklicht haben, die aber aus Unsorgfalt oder mangels
Kenntnis der Partei nicht geltend gemacht worden sind (PATRICK GUIDON, Die Beschwerde
gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, Aufl. 2011, Rz. 367 f.). Der Gesetzgeber hat
davon abgesehen, für die Rechtsmittelverfahren in allgemeiner Weise und für das
Beschwerdeverfahren im Besonderen eine restriktive Regelung bezüglich neuer Beweise
einzuführen. Damit können im Beschwerdeverfahren neue Tatsachen geltend gemacht und
neue Beweismittel eingebracht werden (ANDREAS J. KELLER, in: Zürcher Kommentar StPO,
3. Aufl. 2020, N. 42 zu Art. 393 mit Hinweis auf das Urteil des Bundesgerichts 1B_768/2012
vom 15. Januar 2013 E. 2.1). Neue Tatsachen und Beweismittel im Sinne echter Noven sind
zu berücksichtigen, soweit sie für die richtige Anwendung des Rechts erheblich sein könnten.
Es ist mithin derjenige Sachverhalt zugrunde zu legen, wie er im Zeitpunkt der Entscheidfällung
durch die Beschwerdeinstanz besteht.
1.3.2
Der Beschwerdeführer legt ein mit «Wieder rufen» betiteltes und mit «C._» unterzeichnetes
Schreiben vom 18. Oktober 2020 in's Recht (nachfolgend: Widerrufsschreiben):
« Wieder rufen 18.10.2020
Ich C._ muss was Klarstellen. Weill ich gerne Neutrale meinung habe muss ich jetzt stellung
beziehen. Ich habe alles gesehen vom Schlag in das Gesicht und schulter wie A._ in die
Türrahme fählt. Da wo er am Boden liegte.
Dass ging so schnell das mann es erst später wahr. genommen hat.
Aber B._ hat sich die kapute Schulter geschlagen hat. Das wahr dissen augenblick wo ich B._
retour halten wollte.
Ich habe mir innerlich ein Ruck gegeben, ich finde mann muss erlich sein.
6 │ 14
Dieses ende hat A._ nicht verdinnt, er leidet schon genug.
Liebe Grüsse
C._»
1.3.3
Das Widerrufsschreiben wurde offensichtlich knapp eine Woche nach Erlass der
Einstellungsverfügung verfasst. Demzufolge handelt es sich um ein echtes Novum, das
grundsätzlich zu berücksichtigen ist.
2.
2.1
Der Zweck der Strafuntersuchung besteht darin, den Sachverhalt in tatsächlicher und
rechtlicher Hinsicht so weit abzuklären, dass das Vorverfahren abgeschlossen werden kann
(Art. 308 Abs. 1 StPO). Dabei sind die Strafbehörden verpflichtet, alle für die Beurteilung der
Tat und der beschuldigten Person bedeutsamen Tatsachen von Amtes wegen zu ermitteln
(Art. 6 Abs. 1 StPO). Nach Beendigung des Untersuchungsverfahrens entscheidet die
Staatsanwaltschaft sodann, ob ein Strafbefehl zu erlassen, Anklage zu erheben oder das
Verfahren einzustellen ist (Art. 318 StPO).
Gemäss Art. 319 Abs. 1 StPO stellt die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren vollständig oder
teilweise ein, wenn sich kein Tatverdacht erhärtet, der eine Anklage rechtfertigt (lit. a), kein
Straftatbestand erfüllt ist (lit. b), Rechtfertigungsgründe einen Straftatbestand unanwendbar
machen (lit. c), Prozessvoraussetzungen definitiv nicht erfüllt werden können oder
Prozesshindernisse aufgetreten sind (lit. d) oder nach gesetzlicher Vorschrift auf
Strafverfolgung oder Bestrafung verzichtet werden kann (lit. e). Dabei handelt es sich nicht um
eine abschliessende Aufzählung von Einstellungsgründen. Erscheint ein Gerichtsverfahren
aus anderen Gründen als aussichtslos, müssen auch sie zu einer Einstellung führen. Im
Übrigen verstehen sich die Gründe gemäss Art. 319 Abs. 1 lit. a bis d StPO als zwingend und
führen somit ausnahmslos zur Einstellung des Verfahrens (ROLF GRÄDEL/MATTHIAS HEINIGER,
Basler Kommentar [BSK] StPO, 2. Aufl. 2014, N. 5 zu Art. 319).
2.2
Der Entscheid über die Einstellung eines Verfahrens hat sich nach dem Grundsatz «in dubio
pro duriore» zu richten. Dieser Grundsatz ergibt sich aus dem Legalitätsprinzip (Art. 5 Abs. 1
7 │ 14
BV und Art. 2 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 319 Abs. 1 und Art. 324 Abs. 1 StPO) und bedeutet,
dass eine Einstellung durch die Staatsanwaltschaft grundsätzlich nur bei klarer Straflosigkeit
oder offensichtlich fehlenden Prozessvoraussetzungen angeordnet werden darf. Hingegen ist,
sofern die Erledigung mit einem Strafbefehl nicht in Frage kommt, Anklage zu erheben, wenn
eine Verurteilung wahrscheinlicher erscheint als ein Freispruch. Ist ein Freispruch genauso
wahrscheinlich wie eine Verurteilung, drängt sich in der Regel, insbesondere bei schweren
Delikten, eine Anklageerhebung auf (BGE 138 IV 86 E. 4.1 und E. 4.2). Der Grundsatz, dass
im Zweifel nicht eingestellt werden darf, ist auch bei der Überprüfung von
Einstellungsverfügungen zu beachten (BGE 143 IV 241 E. 2.2.1 mit Hinweisen). Bei der
Beurteilung dieser Frage verfügen die Staatsanwaltschaft und die Beschwerdeinstanz über
einen gewissen Ermessensspielraum (BGE 143 IV 241 E. 2.3.3; 138 IV 186 E. 4.1).
2.3
Der Staatsanwalt hat nicht eine abschliessende Beurteilung darüber vorzunehmen, ob sich die
beschuldigte Person einer ihr zur Last gelegten Tat strafbar gemacht hat, sondern nur, ob
genügend Anhaltspunkte vorhanden sind, die es rechtfertigen, das Verfahren weiterzuführen.
Bei zweifelhafter Beweis- oder Rechtslage hat nicht die Staatsanwaltschaft über die
Stichhaltigkeit des strafrechtlichen Vorwurfs zu entscheiden, sondern das zur materiellen
Beurteilung zuständige Gericht (BGE 143 IV 241 E. 2.2.1; LANDSHUT Nathan/BOSSHARD
Thomas, in: Züricher Kommentar StPO, a.a.O., N. 15 f. zu Art. 319 mit weiteren Hinweisen).
Schwierig sind Fälle, in denen ausser den sich widersprechenden Aussagen des
Geschädigten und der beschuldigten Person keine wesentlichen Beweismittel vorhanden sind.
Grundsätzlich kann eine Anklage auch auf ein Einzelzeugnis gestützt werden; dies wird dann
geschehen dürfen, wenn das Einzelzeugnis von einem unbefangenen Zeugen stammt oder es
durch Indizien besonders gestützt wird, da nur dann eine Verurteilung als wahrscheinlich
erachtet werden kann. Steht dem bestreitenden Beschuldigten nur die Aussage eines an der
Verurteilung unmittelbar interessierten Geschädigten gegenüber und finden dessen
Anschuldigungen nicht eine objektive Bestätigung im Untersuchungsergebnis, so kann von
einem für die Anklageerhebung hinreichenden Verdacht nicht gesprochen werden. Ein
Einzelzeugnis kann zwar als rechtsgenügender Beweis angesehen werden. Zu prüfen ist
indessen, ob die Aussage in jeder Hinsicht als zuverlässig und unbefangen erscheint, oder
durch Indizien besonders unterstützt wird (LANDSHUT/BOSSHARD, a.a.O., N. 17 zu Art. 319 mit
weiteren Hinweisen).
8 │ 14
3.
Die Staatsanwaltschaft erwog in der Einstellungsverfügung zusammengefasst Folgendes: Der
Beschwerdeführer habe am 11. August 2019 von seiner Ehefrau erfahren, dass diese und der
Beschuldigte am Abend zuvor Geschlechtsverkehr gehabt hätten. Direkt nach dem Gespräch
habe der Beschwerdeführer den Beschuldigten angerufen und zu ihm zitiert. In der Folge sei
es zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen. Über den genauen Ablauf der tätlichen
Auseinandersetzung bestünden stark voneinander abweichende Sachverhaltsdarstellungen.
Unbestritten sei, dass der Beschwerdeführer auf den Beschuldigten zuging und anfing diesen
im Oberkörperbereich zu stossen. Daraufhin habe ihm der Beschuldigte mit der rechten
geballten Faust zumindest einmal ins linke Auge geschlagen. Ferner sei erstellt, dass der
Beschuldigte den Beschwerdeführer nach dem Faustschlag mit beiden Armen umklammerte
und auf einen Stuhl gesetzt habe.
In rechtlicher Hinsicht kam die Staatsanwaltschaft zum Schluss, dass die geltend gemachte
Verletzung Folge einer (widerrechtlichen) Handlung des Beschuldigten sei, der aber in
rechtfertigender Notwehr i.S.v. Art. 15 StGB gehandelt habe. Eine Verurteilung des
Beschuldigten wegen einfacher Körperverletzung erscheine wenig wahrscheinlich. Vielmehr
sei ein Freispruch zu erwarten. In Bezug auf den Vorwurf der einfachen Körperverletzung sei
das Verfahren gemäss Art. 319 Abs. 1 lit. c StPO i.V.m. Art. 15 StGB einzustellen.
Hinsichtlich des Vorwurfs der Beschimpfung kam die Staatsanwaltschaft zum Schluss, die
Beteiligten hätten sich gegenseitig etwa in gleichem Niveau beschimpft und sich an Ort und
Stelle Gerechtigkeit verschafft. Ein öffentliches Interesse, welches nochmalige Sühne
verlangen würde, sei nicht ersichtlich. Sie stellte das Verfahren in Anwendung von Art. 177
Abs. 3 StGB i.V.m. Art. 319 Abs. 1 lit. e StPO ebenfalls ein.
4.
4.1
Der Beschwerdeführer macht unter Verweis auf das aufgelegte Widerrufsschreiben eine
unvollständige Sachverhaltsfeststellung geltend. Dieses echte Novum schaffe im Hinblick auf
den Vorfall vom 11. August 2019 eine neue Ausgangslage. Das Schreiben sei ein erhebliches
Indiz dafür, dass der Beschuldigte gegen seine linke Schulter geschlagen habe. Durch das
Schreiben habe sich die Beweislage derart verändert, dass neue rechtserhebliche
Rückschlüsse auf den Tathergang möglich seien. Insofern sei die Einstellungsverfügung
aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
9 │ 14
Im Übrigen gebe es keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Verletzungen an der linken
Schulter ohne Mitwirkung des Beschuldigten entstanden seien. Es sei reine Spekulation, dass
die Verletzung durch das Hinunterwerfen von Gegenständen entstanden sein könnte. Vor
diesem Hintergrund erscheine eine Verurteilung nicht als von vornherein unwahrscheinlich.
Zumal es sich nicht um eine reine Aussage-gegen-Aussage-Situation handle, sondern
objektive Beweise in Form von ärztlichen Berichten vorlägen, die eine Schulterverletzung
dokumentierten. Eine Verfahrenseinstellung komme unter diesen Umständen nicht in Frage.
Im Rahmen seiner Stellungnahme vom 1. Dezember 2020 ergänzt er, das Dokument sei
entstanden als zwischen seiner Ehefrau und ihm ein gutes Verhältnis geherrscht habe. Sie
habe ihn gebeten ein entsprechendes Schreiben zu verfassen und es handschriftlich
unterzeichnet. Es sei nicht Sache der Beschwerdeinstanz die Echtheit des Dokuments zu
überprüfen, sondern der Staatsanwaltschaft.
4.2
Die Staatsanwaltschaft hält entgegen, das Widerrufsschreiben schaffe keine neue
Ausgangslage. Die konkreten Umstände des Zustandekommens des nach Erlass der
Einstellungsverfügung verfassten Schreibens seien unbekannt. Es bestehe nach wie vor eine
familiäre Beziehung sowie eine finanzielle Abhängigkeit zwischen C._ und dem
Beschwerdeführer. Ihre Aussagen sei daher mit besonderer Vorsicht zu würdigen. Ungeachtet
dessen, sei das Schreiben auch nicht geeignet etwas an dem zur Einstellung des Verfahrens
führenden Ergebnis zu ändern. Zum einen habe der Beschwerdeführer selber geltend
gemacht, dass er auch von seiner Ehefrau in die Schulter geschlagen worden sei. Zum
anderen habe er in seiner Wutattacke auch mehrere Gegenstände geworfen. Bei objektiver
Betrachtung könne die Schulterverletzung auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden.
Der Beweis, dass der (angebliche) Schulterschlag des Beschuldigten tatsächlich die Ursache
für die behauptete Schulterverletzung sei, wäre damit nach wie vor nicht erbracht. Selbst wenn
der Beschuldigte den Beschwerdeführer zusätzlich noch gegen die Schulter geschlagen hätte,
wäre auch dieser Schlag in Anbetracht der Gesamtumstände zu Gunsten des Beschuldigten
als angemessen und gerechtfertigte Notwehrhandlung (i.S.v. Art. 15 StGB) zu beurteilen.
4.3
Der Beschuldigte befasst sich mit Inhalt und Erscheinungsbild des Widerrufsschreibens und
stellt dessen Glaubhaftigkeit in Abrede. Er macht stark zusammengefasst geltend, das
Widerrufsschreiben sei nicht geeignet neue rechtserhebliche Tatsachen zu beweisen. Der bis
10 │ 14
heute arbeitsunfähige Beschwerdeführer wolle ihm die Schuld und damit den Schaden für
seine Schulterverletzung tragen lassen. Sodann seien die Ehefrau und die Kinder auf
Unterhaltsbeiträge des Beschwerdeführers angewiesen und hätten demnach ein Interesse am
Ausgang des Verfahrens. Es sei sehr wahrscheinlich, dass der vermeintliche Widerruf auf
Druck des Beschwerdeführers erfolgt sei. Die vom Beschwerdeführer aufgelegten Arztberichte
würden, wie von der Staatsanwaltschaft zu Recht erkannt, keinen Beweis dafür liefern, dass
die Verletzung der Schulter zwingend von der streitigen Auseinandersetzung herrühre.
5.
5.1
Die Ehefrau hatte sowohl anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 9. Oktober 2019 als
auch an der staatsanwaltlichen Einvernahme vom 17. Februar 2020 detaillierte Ausführungen
gemacht und klar aufgezeigt, was sie beobachten konnte und was nicht. So gab sie zu
Protokoll, dass sie den Schlag in die Schulter nicht gesehen habe (STA-act. 5.21 dep. 43 bzw.
STA-act. 5.30 dep. 64). Sie könne nicht genau sagen, ob die Schulter durch den Beschuldigten
verletzt worden sei oder ob der Beschwerdeführer sich am Türrahmen gestossen habe (STA-
act. 5.20 dep. 27 bzw. STA-act. 5.30 dep. 65 f.). Es sei alles sehr schnell gegangen und es sei
ihr zudem wichtig gewesen, dass die Kinder nichts davon mitbekommen (STA-act. 5.20 dep.
27; auch STA-act. 5.21 dep. 32). Den Schlag aufs Auge konnte die Ehefrau konkret schildern
(einmalig, mit geballter rechter Faust; STA-act. 5.20 dep. 30-32 bzw. STA-act. 5.29 dep. 57-
59; 5.32 dep. 89).
5.2
Kernaussage des Widerrufsschreibens ist, dass die Ehefrau (nun doch) einen Schlag in die
Schulter des Beschwerdeführers gesehen haben will. Damit widersprechen die Ausführungen
sowohl den bisherigen Aussagen der Ehefrau wie auch ihrem späteren Schreiben vom 19.
November 2020. Unabhängig ihres Wahrheitsgehaltes vermag die (neue) Aussage an dem
zur Einstellung des Verfahrens führenden Ergebnis nichts zu ändern. Der Beschwerdeführer
hatte anlässlich der polizeilichen Einvernahmen zu Protokoll gegeben, er sei auch von seiner
Ehefrau in die Schulter geschlagen worden (STA-act. 5.16 dep. 46 f.). Sodann gab er zu, in
einer Wutattacke Gegenstände geworfen zu haben (STA-act. 5.40 dep. 11, act. 5.46 dep. 75,
act. 5.47 dep. 88 f.). Er gab überdies zu Protokoll, dass er sich am Türrahmen das Schulterblatt
und nicht vorne die Sehne angestossen habe (STA-act. 5.50 dep. 119) und dass seine Frau
nicht alles gesehen hat bzw. haben könnte (STA-act. 5.49 dep. 112, act. 5.50 dep. 114). Vor
11 │ 14
diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass er zeitnah eine Sehnenproblematik
am Oberarm beklagte (vgl. STA-act. 2.14) liesse sich nicht eindeutig klären, ob die geltend
gemachte Schulterproblematik tatsächlich auf einen Schlag des Beschuldigten
zurückzuführen wäre. In Anbetracht der Umstände wäre der Schulterschlag überdies analog
dem Faustschlag als angemessene und gerechtfertigte Notwehrhandlung im Sinne von Art. 15
StGB zu beurteilen. Schliesslich werden die Aussagen, wonach der Beschwerdeführer mit den
tätlichen Handlungen angefangen hat, im aufgelegten Schreiben nicht widerrufen. Entgegen
der Auffassung des Beschwerdeführers bleibt die Ausgangslage unverändert. Damit kann im
vorliegenden Beschwerdeverfahren sowohl die Identität als auch die Intention der das
Schreiben verfassenden Person offenbleiben. Es bedarf weder eines graphologischen
Gutachtens noch der Befragung weiterer Zeugen.
5.3
Nach dem Gesagten ist die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 9. Oktober
2020 nicht zu beanstanden und die Beschwerde abzuweisen.
6.
6.1
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens
oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1, erster Satz StPO).
Die Entscheidgebühr vor Obergericht als Beschwerdeinstanz beträgt Fr. 200.– bis Fr. 3'000.–
(Art. 11 Ziff. 2 PKoG [NG 261.2]), wird ermessenweise (Art. 2 PKoG) auf Fr. 1'000.–
festgesetzt und wäre dem Ausgang des Verfahrens entsprechend grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wurde jedoch die unentgeltliche
Rechtspflege gewährt, womit er in Anwendung von Art. 136 Abs. 2 lit. b StPO vorerst von den
Verfahrenskosten zu befreien ist.
6.2
6.2.1
In Strafsachen beträgt das ordentliche Honorar im Verfahren vor der Beschwerdeinstanz
Fr. 500.– bis Fr. 3'000.– (Art. 45 Ziff. 5 PKoG). Das Honorar des unentgeltlichen
Rechtsbeistandes im Strafverfahren beträgt je Stunde Fr. 220.‒ (Art. 39 Abs. 2 PKoG analog).
12 │ 14
Das ordentliche Honorar beträgt je Stunde zwischen Fr. 220.‒ und Fr. 250.‒ (Art. 34 Abs. 2
PKoG).
6.2.2
Die Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers legte eine Honorarnote im Betrage von
Fr. 1'947.75 ins Recht (Honorar Fr. 1'687.50 [6.75 Std. à Fr. 250.‒], Auslagen Fr. 121.‒, 7.7%
MWSt Fr. 139.25) ein.
In Nachachtung des gesetzlichen Stundenansatzes wird das Honorar auf Fr. 1'729.65
(Honorar Fr. 1'485.‒ [6.75 Std. à Fr. 220.‒], Auslagen Fr. 121.‒, 7.7% MWSt Fr. 123.65)
festgesetzt. Zufolge bewilligter unentgeltlicher Rechtspflege ist Rechtsanwältin Niedrist für
ihren Aufwand aus der Gerichtskasse zu entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO).
Der Beschwerdeführer ist zur Nachzahlung verpflichtet, sobald es seine wirtschaftlichen
Verhältnisse erlauben. Der Anspruch des Kantons verjährt in 10 Jahren nach Rechtskraft des
Entscheids (Art. 135 Abs. 4 und 5 StPO analog).
6.3
6.3.1
Die Entschädigung der beschuldigten Person für die angemessene Ausübung ihrer
Verfahrensrechte geht bei einer Einstellung des Strafverfahrens oder bei einem Freispruch
zulasten des Staats, wenn es sich um ein Offizialdelikt handelt (Art. 429 Abs. 1 StPO), und
zulasten der Privatklägerschaft, wenn es um ein Antragsdelikt geht (Art. 432 Abs. 2 StPO). Im
Berufungsverfahren betreffend Offizialdelikte wird die unterliegende Privatklägerschaft
entschädigungspflichtig, im Beschwerdeverfahren hingegen der Staat. Geht es um ein
Antragsdelikt, wird sowohl im Berufungs- wie im Beschwerdeverfahren die Privatklägerschaft
entschädigungspflichtig (Art. 436 Abs. 1 i.V.m. Art. 432 Abs. 2 StPO; zum Ganzen: BGE 147
IV 47 E. 4.2.6).
Vorliegend bezieht sich das eingestellte Verfahren auf Antragsdelikte (Art. 123 Ziff. 1 StGB
und Art. 177 Abs. 1 StGB). Der Beschwerdeführer wird somit gegenüber dem Beschuldigten
entschädigungspflichtig. Obwohl in der StPO nicht explizit verankert, entbindet die
unentgeltliche Rechtspflege nicht von der Pflicht zur Bezahlung einer Prozessentschädigung
an die bei Antragsdelikten im Strafpunkt obsiegende beschuldigte Person (LIEBER Viktor, in:
13 │ 14
Zürcher Kommentar StPO, a.a.O., N. 9 zu Art. 136 StPO; MAZZUCCHELLI Goran/POSTIZZI
Mario, in: BSK-StPO, a.a.O., N. 7 zu Art. 136 StPO).
6.3.2
Der Rechtsbeistand des Beschuldigten legte eine Honorarnote über Fr. 1'671.90 ins Recht
(Honorar Fr. 1'509.75 [5.49 Std. à Fr. 275.‒], Auslagen Fr. 42.60, 7.7% MWSt Fr. 119.55).
In Nachachtung des gesetzlichen Stundenansatzes wird das Honorar auf Fr. 1'524.05
(Honorar Fr. 1'372.50 [5.49 Std. à Fr. 250.‒], Auslagen Fr. 42.60, 7.7% MWSt Fr. 108.95)
festgesetzt. Der Beschwerdeführer wird verpflichtet den Beschwerdegegner intern und direkt
mit Fr. 1'524.05 zu entschädigen (inkl. Auslagen und MWSt).
14 │ 14