Decision ID: 224380b1-4957-413e-922a-a09a57314577
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1968, ist gelernter Eisenwarenverkäufer und arbeitete als Fachverkäufer für verschiedene Heimwerkermärkte, unter anderem von August 2008 bis Februar 2011 als Standortleiter eines Werkzeugfachmarktes (
Urk.
10/90/5), zwischenzeitlich auch in selbständiger Stellung als mobiler Eisen
warenhändler (vgl.
Urk.
10/90/1-3).
Nach einer ersten
Anmeldung
vom 20.
Dezember 2007 unter Hinweis auf Rückenbeschwerden (
Urk.
10/3)
gewährte
die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, nach getätigten medizinischen (
Urk.
10/15-16,
Urk.
10/19) und erwerblichen (
Urk.
10/24,
Urk.
10/35)
Abklärungen Arbeitsvermittlung (
Urk.
10/26), welche sie nach An
stellung als Filialleiter per
1.
August 2008 abschloss (
Urk.
10/35). Ein weiteres, wegen Depression, Burnout und ADHS am 2
0.
Januar 2014 eingereichtes Leistungsgesuch
(Urk. 10/37)
wies die IV-Stelle unter Zugrundelegung des Gut
achtens von
Dr.
med.
Y._
, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psycho
therapie, vom 2
8.
November 2014 (
Urk.
10/65) mit Verfügung vom 1
5.
Januar 2015 (
Urk.
10/68) ab.
Mittlerweile arbeitete
X._
seit
September
2015 als
Verkaufsberater
in einem 30%-Pensum
, wobei er seit Dezember 2015 wegen der Folgen einer schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose
(MS)
und eines Schlaf
apnoe
syndroms sowie einer rezidivierenden depressiven Störung wiederholt krank
ge
schrieben war (
Urk.
10/71,
Urk.
10/77/5). Infolge dessen meldete er sich mit
am 2
9.
März 2016 unterzeichnetem
Formular erneut bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
10/71). Die IV-Stelle zog einen Auszug aus dem Individuellen Konto (IK) des Versicherten (
Urk.
10/76)
sowie
die Akten der Krankentaggeldversicherung bei
(
Urk.
10/77) und holte bei der letzten Arbeit
geberin (Bericht vom 1
1.
April 2016,
Urk.
10/75) sowie bei den behandelnden Ärzten (
Urk.
10/78,
Urk.
10/82,
Urk.
10/87) Auskünfte ein. Im Rahmen der Ein
gliederungsberatung (Verlaufsprotokoll vom 2
5.
Oktober 2016
, Urk. 10/93
) ge
währte die IV-Stelle als Frühinterventionsmassnahme
Arbeitsvermittlung
mit Hilfe eines Coaches (Mitteilungen vom 2
5.
Oktober 2016
[
Urk.
10/92
]
und vom
8.
Februar 2017
[
Urk.
10/101
]
und übernahm die Kosten für PC-Kurse (Mitteilung vom
8.
Februar 2017,
Urk.
10/102
). Mit Mitteilung vom 2
1.
Februar 2017 schloss sie die Eingliederungsmassnahmen ab (
Urk.
10/105) und leitete das Verfahren zur Prüfung eines Rentenanspruchs ein. Nach Eingang diverser Verlaufsberichte der behandelnden Fachpersonen (
Urk.
10/110-121) beauftragte die IV-Stelle
die
Z._
mit einer poly
disziplinären Untersuchung des Versicherten
,
über welche mit Gutachten vom
8.
März 2018 berichtet wurde (
Urk.
10/138). Mit Verfügung vom 2
7.
März 2018
legte
die IV-Stelle
dem Versicherten zur Abstinenz von Cannabis und zur Beobachtung der
Fatigue
bzw. zur Beurteilung der funktionellen Leistungs
fähig
keit auf, sich einer
mindestens zweiwöchigen
stationären Behandlung
zu unter
ziehen (
Urk.
10/145), deren Notwendigkeit der mittlerweile vertretene Ver
sicherte in Frage stellte (Schreiben vom 3
0.
April 2018,
Urk.
10/164). Nach weiteren Ab
klärungen über den Umstand der Einnahme vo
n CBD-Tropfen (
Urk.
10/168 ff.)
gab
die IV-Stelle
bei der
A._
das
poly
disziplinäre
Gutachten vom 2
3.
Januar 2019
in Auftrag
(
Urk.
10/183
; Nachtrag vom
6.
Februar 2019,
Urk.
10/184
).
Zu dieser Aktenlage nahm PD
Dr.
med. univ.
B._
, Facharzt für Neurologie und Mitglied des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD), wiederholt Stellung (
Urk.
10/187/10 ff.). Mit Schreiben vom 2
0.
März 2019 stellte die IV-Stelle
X._
die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (
Urk.
10/188), wogegen dieser Ein
wände erhob (
Urk.
10/196)
.
Auf Antrag hin
erteilte die IV-Stelle m
it Mitteilung vom 1
0.
September 2019 Kostengutsprache für
eine vom 1
6.
September bis 11.
Oktober 2019 dauernde Potenzialabklärung bei der
C._
GmbH (
Urk.
10/200), einschliesslich Taggeld (
Urk.
10/201,
Urk.
10/203). Die Durch
führungsstelle berichtete darüber am
9.
Oktober 2019 (
Urk.
10/205), woraufhin die IV-Stelle dem Versicherten mitteilte, dass die Eingliederungsmassnahmen ab
geschlossen würden (
Urk.
10/206). Nach Eingang des Verlaufsberichts des behandelnden Neurologen (
Urk.
10/214 ff.) wies die IV-Stelle wie vorbeschieden den Anspruch auf e
ine Rente mit Verfügung vom 17.
Juni 2020 ab (
Urk.
2).
2.
Hiergegen
erhob
X._
am 1
9.
August 2020 (
Urk.
1) Beschwerde mit dem Rechtsbegehren, es sei die Verfügung vom 1
7.
Juni 2020 aufzuheben und dem Beschwerdeführer ab dem
1.
August 2016 eine Rente zuzusprechen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozess
führung und um Bestellung seines Rechtsvertreters zum unentgeltlichen Rechts
beistand. Zum Nachweis seiner prozessualen Bedürftigkeit reichte er am 1
6.
September 2020 (Urk.
6) diverse Unterlagen ein (
Urk.
7
und
Urk.
8/
2-8
).
Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Vernehmlassung vom 2
9.
September 2020 Abweisung der Beschwerde (
Urk.
9) unter Auflage ihrer Akten (
Urk.
10/1-226)
. Das Doppel der Beschwerdeantwort wurde dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 3
0.
September 2020 (
Urk.
11) zugestellt.
Mit Eingabe vom 6. Oktober 2020 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers seine Honorarnote ein (Urk. 12).
Auf
die Vorbringen
der Parteien wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
1.3.1
Um den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.3.2
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) ab
gegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
1.3.3
Den von Versicherung
strägern im Verfahren nach Art.
44 ATSG eingeholten, den Anforderungen der Rechtsprechung entsprechenden Gutachten externer Spezial
ärzte (sogenannte Administrativgutachten) ist Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper
tise sprechen (BGE 135 V 465 E.
4.4; Urteil des Bundesgerichts 9C_823/2018 vom
11. Juni 2019 E.
2 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin stützte ihren Entscheid auf das
A._
-Gutachten vom 2
3.
Januar 2019 und ging davon aus, dass der Beschwerdeführer spätestens seit dem Begutachtu
ngszeitpunkt höchstens zu 30
%
a
rbeitsunfähig sei und diese Ein
schränkung nie höher gewesen sei, weshalb das Mindestmass an
durchschnitt
licher
Arbeitsunfähigkeit von 40
%
auch während des Wartejahres nicht erfüllt worden sei. Aus medizinischer Sicht könne den Empfehlungen des Abschluss
berichts der Potenzialabklärung nicht gefolgt werden. Eine Verschlechterung durch die Multiple Sklerose (MS) sei nicht ausgewiesen und die Tagesmüdigkeit lasse sich durch Therapien verbessern.
2.2
Dem hält der Beschwerdeführer im Wesentlichen entgegen, dass die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die
A._
-Gutachter nicht auf der im
Z._
-Gutachten geforderten vertieften Abklärung der Auswirkungen der kognitiven Störung sowie der
Fatigue
unter stationären Bedingungen und Langzeit
beobachtung basiere
. Ausserdem stehe deren Einschätzung in krasser Diskrepanz zu den Wahrnehmungen und Erkenntnissen der Eingliederungsfachleute. Daher sei der bundesgerichtlichen Rechtsprechung folgend eine klärende medizinische Stellungnahme dazu einzuholen. Sollte hierauf verzichtet werden, sei davon aus
zugehen, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner kognitiven Defizite weder als Eisenwarenverkäufer noch in leitender Position arbeitsfähig sei, woraus sich ein IV-Grad von 50
%
ergebe.
3.
3.1
Gestützt auf die medizinischen
Vorakten
sowie
die
eigene
n
internistische
n
, neurologische
n
, neuropsychologische
n
und psychiatrische
n
Untersuchungen an verschiedenen Tagen im Dezember 2017 erstatte
te
n die Gutachter der
Z._
am
8.
März 2018 das erste der von der Beschwerdeg
eg
nerin eingeholten Gutachten (
Urk.
10/138).
Mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierten sie (1) eine koronare Herzkrankheit,
Stentin
2010, (2) eine multiple Sklerose vom schub
förmigen Verlauf (EDSS 2,0) sowie (3) ein Adultes ADHS (
Urk.
10/138/49). Ohne Auswirkungen seien eine
Präadipositas
,
ein
Nikotinkonsum,
eine
Unterschenkel
varikose,
eine
anamnestisch
e
COPD, kompensiert, eine
Polytoxikomanie
mit Konsum von
Cannabinoiden
und Kokain sowie eine leichtgradige kognitive Störung (ICD-10: F06.7;
Urk.
10/138/49 f.).
In der
z
usammenfassenden Konsens
beurteilung führten die Gutachter aus, dass in schweren körperlichen Tätigkeiten sowie in Arbeiten mit Exposition auf gefährdenden Höhen
die Arbeitsfähigkeit
aufgrund einer mit der multiplen Sklerose assoziierten leichten Ataxie auf Dauer
nicht mehr gegeben sei, dies wahrscheinlich seit Erkrankungsbeginn im Jahre 200
0.
Die derzeit ausgeübte Tätigkeit mit einem geringen Pensum von zirka 20-30
%
erscheine angesichts der von ihnen erhobenen objektiven Befunde leistbar, fraglich sei die Fahreignung (
Urk.
10/138/44 f.
,
Urk.
10/138/52
). Die erhobene leichte kognitive Störung sei hinsichtlich der Frage einer Irreversibilität nochmals unter Abstinenzbedingungen zu prüfen
. Die berichtete Ermüdung (
Fatig
ue
) habe sich in den hiesigen objektiven Befunden nicht ausreichend nachzeichnen lassen, hierzu sei eine Langzeitbeobachtung unter stationären Bedingungen zu empfehlen. In Abhängigkeit vom Ergebnis könne zur Arbeitsfähigkeit in an
gepassten Tätigkeiten (gegebenenfalls über die obgenannte Teilarbeitsfähigkeit hinausgehend) ausreichend fundiert
Stellung genommen werden.
Fatig
ue
-Syndrome seien mit der MS assoziiert, müssten jedoch nicht vorliegen, und ihr eigener klinischer Eindruck lege dies auch vorerst nicht nahe. Der zerebrale Bild
befund
deute keine erhebliche K
rankh
eitsaktivität an und der Beschwerdeführer berichte keine
kürzlichen
neuen Erkrankungsschübe; auch der klinische neurologische Befund sei eher nur leicht auffällig gewesen (
Urk.
10/138/45
,
Urk.
10/138/52 f.
).
D
ie
anamnestisch aufscheinende Alltagsaktivität
spreche
für eine erhalt
ene Selbständigkeit, Selbstverso
r
g
ung und Freizeitaktivität, was mit der berichteten Müdigkeit/Ermüdung nicht einfach in Einklang zu bringen sei. Eine vertiefende Prüfung der tatsächlichen Limitation in einem grösseren zeit
lichen Läng
sschnitt erscheine also angezeigt
.
Fatig
ue
-Syndrome würden in der nichtm
edizinischen Rezeption nicht selten als quasi krankheitsimmanent gegeben und sich dabei einer klinischen Manifestation entziehend angenommen, was nicht unbedingt mit der schulmedizinischen Rezeption übereinstimme. Letzte
re kenne klinisch fassbare
Fatig
ue
-S
yndrome mit erkennbaren Störungen von Wachheit,
Attenz
und kognitivem Tempo (sowie auch motorischer Ermüdung). Ein
Uhthoff
-P
hänomen
im engeren Sinne (Verschlechterung unter Wärme
exposition) sei im Fall des Beschwerdeführers nicht berichtet (
Urk.
10/138/54 f.).
3.2
Die in der Folge dem Beschwerdeführer auferlegte stationäre Beha
ndlung zur Beobachtung der
Fatig
ue
(Verfügung vom 2
7.
März 2018,
Urk.
10/145) fand unter anderem zufolge fehlender Kostentragung nicht statt (vgl.
Urk.
10/152
;
Urk.
10/175
). Abklärungen zur Fahreignung erbrachten, dass das kantonale Strassenverkehrsamt dem Beschwerdeführer unter gewissen verkehrs
medizinischen Auflagen das Führen eines Motorfahrzeuges
weiterhin
gestattete (vgl. Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 2
2.
J
anuar 2018
[
Urk.
10/161
/1]
sowie Antrag des Instituts für Rechtsmedizin der
Universität D._
, Verkehrs
medizin, vom 2
1.
N
ovember 2017
[
Urk.
10/161/2-3
]
)
.
Ferner konnte der Beschwerdeführer eine ärztliche
Empfehlung
für die Einnahme von CBD-Tropfen
vorlegen (
Urk.
10/171). RAD-Arzt
PD
Dr.
B._
erachtete daraufhin in seine
n
Stellungnahme
n
vom
1
5.
Juni und
9.
Juli 2018 ein Obergutachten für notwendig, wobei der Nachweis zu erbringen sei, dass
im Zeitpunkt der
Untersuchungen
keine Substanzeinwirkung (CBD/THC/Kokain)
vorhanden sei. Die
Fatig
ue
solle während den Untersuchungen beobachtet werden (
Urk.
10/187/12
f.
).
3.3
Am 1
9.
und 2
0.
November 2018 wurde der Beschwerdeführer
durch Prof.
Dr.
med.
E._
(f
allführender Oberarzt der
A._
-Begutachtung und Facharzt FMH Innere Medizin),
Dr.
med.
F._
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie,
Dr.
med.
G._
, Fachärztin für Neurologie FMH, zertifizierte medizinische Gutachterin SIM und MAS Versiche
rungsmedizin, sowie
lic
. phil.
H._
und M. Sc.
I._
, Fachpsychologe bzw. -psychologin für Neuropsychologie FSP, gut
achterlich untersucht.
3.3.1
Im Gutachten vom 2
3.
Januar 2019 wurden folgende relevante Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit genannt
(
Urk.
10/183/6)
:
1.
L
eichte neuropsychologische Störung bei Diagnosen
2.
bis 5.
2.
Multiple Sklerose vom schubförmig remittierenden Verlauf (ICD-10: G35.1)
3.
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode
4.
Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10: F90.0)
5.
Mittelschweres obstruktives Schlafapnoe-Syndrom, unbehandelt
-
Aktuell: AHI von 39,1/h
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten die Gutachter:
-
Koronare Herzkrankheit
-
Linksherzkatheter 2011 USZ: keine signifikante
Stenosierung
-
kvRf
:
Dyslipidämie
, Nikotinabusus
-
Hepatopathie unklarer Ätiologie (DD Nebenwirkung von
Tecfidera
, NASH)
-
Sonographie Abdomen vom 18.1.19: Kein Hinweis für Hepatopathie
-
Status nach schädlichem Gebrauch von Kokain (ICD-10: F1
3
.1)
-
DD: Kokainabhängigkeit
-
Status nach schädlichem Gebrauch von
Cannabinoiden
(ICD-10: F12.1)
Zur Krankheitsentwicklung und Herleitung der aktuellen Diagnosen
(
Urk.
10/183/5)
führten die Gutachter aus, dass bereits in früher Kindheit beim Beschwerdeführer eine einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung diagnostiziert worden sei, welche augenblicklich mit
Focalin
gut behandelt sei. Einen früheren schädlichen Gebrauch von Kokain und Cannabis habe der Beschwerdeführer in der Zwischenzeit sistiert, was durch die aktuelle toxikologische Untersuchung belegt werde. Im Rahmen der ADHS-Erkrankung zeige der Beschwerdeführer gewisse Persönlichkeitsveränderungen, einhergehend mit einer gewissen Impulsivität; ferner best
ehe
eine gewisse narzisstische Komponente, wobei der Beschwerdeführer die Kriterien für eine Persönlichkeits
störung nicht erfülle. Wiederholt sei es zur Ausprägung von depressiven Episoden gekommen, wobei der B
eschwerdeführer aktuell eine leichtgradige Episode dieser rezidivierenden depressiven Störung aufweise. Sie äussere sich vor allem in einer leicht deprimierten Stimmungslage, Energiemangel (überlappend mit einer
MS-bedingten
Fatig
ue
), einem Antriebsmangel sowie Schlafstörungen.
Aus neurologischer Sicht sei seit dem Jahre 2000 eine Multiple Sklerose vom schubförmig remittierenden Verlauf bekannt. Aktuell zeigten sich ein leichtes
Tetrapyramidal
-Syndrom mit Pyramidenbahnzeichen, eine stumme Zone linkes Bein und linksbetont gesteigerte Muskeleigenreflexe. Eine manifeste
Paraspastik
habe nicht festgestellt werden können. Im Hirnnervenbereich zeigten sich neben leicht hypermetrischen
Blicksakkaden
eine
sakkadierte
horizontale Blickfolge, jedoch keine Hinweise auf einen pathologischen Spontan-/Blickrichtungs
nystagmus oder auf anderweitige komplexe zentralnervöse Augenmotilitäts
störungen. In der Koordinationsprüfung würden Zeichen einer
residuellen
sensiblen Ataxie im Bereich des rechten Beines bei ubiquitär eingeschränktem Vibrationsempfinden rechts dominieren. Auch wenn der Beschwerdeführer im Selbstbeurteilungs-Fragebogen FSMC
(
Fatigue
Skala für Motorik und Kognition
)
die Kriterien
für eine schwere kognitive
Fatig
ue
erfülle, dürfe die Beurteilung des Schweregrades der Ermüdbarkeit nicht ausschliesslich auf diesen Selbstbeurteilungsbogen abstützen, sondern müsse im Gesamtkontext der beruf
lichen und ausserberuflichen Aktivitäten be
urteilt werden. Während der Begu
tachtung hätten sich, mit Ausnahme der neuropsychologischen
Abklärung
, wo gegen Ende der Untersuchung eine erhöhte Ermüdbarkeit aufgetreten sei, keine Anzeichen vermehrter Ermüdbarkeit gezeigt. Auch die ausserberuflichen Aktivitäten des Beschwerdeführers (Spaziergänge, Auftritt als Gastmusiker, Foto
grafieren, Malen, Möbel bauen, Mofa reparieren) würd
en gegen eine signifikante
Fatig
ue
sprechen. Der Beschwerdeführer führe ein Motorfahrzeug, was ebenfalls ein Mindestmass an Konzentration und Aufmerksamkeit voraussetze, so dass nicht von einer hochgradigen inva
lidisierenden
Fatig
ue
ausgegangen werden könne.
Im Rahmen der aktuellen neuropsychologischen Untersuchung könne bei gegebener Beschwerdevalidität eine leichte neuropsychologische Störung diagnostiziert werden, welche wohl multifaktoriell bei Multipler Sklerose, ein
facher Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung seit Kindheit und unbehandeltem Schlafapnoe-Syndrom sowie aktuell leichtgradiger Episode einer rezidivierenden depressiven Störung bedingt sei.
3.3.2
Zu den funktionellen Auswirkungen der Befunde bzw. D
iagnosen
führten die Gutachter in der interdisziplinären Gesamtbeurteilung aus,
es bestehe eine leichte ne
u
r
opsychologische Störung mit mittelschwerer Verminderung der verbalen und visuellen Erfassungsspanne, mittelschwer verminderter Umstellfähigkeit und leicht verminderter figuraler Flüssigkeit. Das visuelle Arbeitsgedächtnis sei leicht defizitär. Angesichts der auf somatischer Ebene fassbaren fokal-neurologischen Defizite bestünden Einschränkungen der Koordinations- und Gehfähigkeit, so dass dem Beschwerdeführer keine Tätigkeiten zugemutet werden könnten, die ausschliesslich im Stehen und im Gehen, ohne Möglichkeit, sich hinsetzen zu können, und täglich über mehrere Stunden absolviert werden müssten.
Auch kämen keine körperlich repetitiv mittelschweren bis schweren Tätigkeiten in Frage. Es dürften dem Beschwerdeführer angesichts der bein- und rechtsbetonten Ataxie und der Tiefensensibilitätsstörung im Bereich des rechten Beines keine Tätigkeiten zugemutet werden, die das Gehen/Stehen/Balancieren auf Leitern und Gerüsten sowie das Arbeiten in Höhen aufgrund der erhöhten Sturz- und Absturzgefahr beinhalte
te
n. Ferner müsse dem Beschwerdeführe
r aufgrund der motorischen
Fatig
ue
, die sich im Bereich der Hände beidseits manifestiere
(repetitives Handling von Werk
zeugen-/Geräte-Demonstration), die Möglichkeit einer Pause zwischen den Gerätedemonstrationen gewährt werden, da davon aus
zugehen sei, dass leichte Koordinations
-
/
Feinmotorikstörungen
beim rep
e
titiven Gebrauch auftreten könnten. Tätigkeiten mit der Notwendigkeit des berufs
mässigen Führens eines Motorfahrzeugs seien ungeeignet, solange das Schlaf
apnoesyndrom unbehandelt bleibe. Insgesamt sei die Durchhaltefähigkeit mittel
gradig eingeschränkt (
Urk.
10/183/6 f.)
.
3.3.3
In der angestammten Tätigkeit als Eisenwaren
v
erkäufer und Verkaufsberater best
ehe
bei einer ganztags zumutbaren Arbeitspräsenz von 100
%
eine Leistungs
einschränkung von 30
%
. Mit Sicherheit würden diese Angaben ab Gutachtens
zeitpunkt gelten. Eine retrospektive Einschätzung der Arbeitsfähigkeit sei nicht konklusiv möglich. Es sei aber eher nicht davon auszugehen, dass früher über einen längeren Zeitraum eine höhere als die aktuell attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden habe. Nicht davon auszugehen sei, dass der Beschwerdeführerin in einer anderen als der aktuell ausgeübten Tätigkeit eine höhere Arbeitsfähigkeit umsetzen könne. Unzumutbar seien Tätigkeiten mit aus
schliesslichem Stehen oder Gehen ohne Möglichkeit, sich hinsetzen zu können, körperliche repetitiv mittelschwere bis schwere Tätigkeiten, mit Notwendigkeit des Besteigens von Leitern oder Arbeiten auf Gerüsten oder in sturzgefährdeter Höhe. Es müsse gewährleistet sein, dass der Beschwerdeführer bei Tätigkeiten mit den Händen regelmässig kurze Pausen einschalten könne. Die Tätigkeit sollte kognit
iv einfach
und klar strukturiert sein, allenfalls auch rein repetitiven Charakter haben und weitgehend automatisiert und überlernt sein. Dabei sollten die Anforderungen an die geteilte A
ufmerksamkeit gering
gehalten werden. Auch hier würden die Angaben mit Sicherheit ab Gutachtenszeitpunkt gelten
(
Urk.
10/183/7 f.)
. Die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sei einerseits qualitativ durch die somatisch fassbaren fokalneurologischen Defizite bedingt, quantitativ wirke sich die leichte neuropsychologische Störung mit erhöhter
Fa
tig
ue
und die leichte psychiatrische Komorbidität einschränkend auf die Arbeitsfähigkeit aus, wobei sich die aus fachärztlicher Sicht angegebenen Einschränkungen der A
rbeitsfähigkeit nicht additi
v auswi
rken würden, da sich die Auswirkungen der jeweiligen Krankheitsbilder grösstenteils überlappen würden (
Urk.
10/183/8).
3.3.4
Im Nachgang zu diesem Gutachten
teilte
Prof.
Dr.
E._
m
it Schreiben vom
6.
Februar 2019
mit
, dass ihnen nach Versand
des Gutachtens
die Klinik für Pneumologie des
Spitals J._
einen neuen Schlafbericht habe zu
kommen lassen. Es zeige sich, dass der Befund der von ihnen veranlassten Watch-Pad-Untersuchung
vom 1
9.
November 2018
doch verwertbar gewesen sei. Der
(näher ausgeführte)
Befund sei vereinbar mit einer mindestens mittelschweren Schlafapnoe. An der Konklusion des polydisziplinären Gutachtens vom 2
3.
Januar 2019 ändere sich hierdurch aber nichts (
Urk.
10/184).
3.4
Nach negativem Vorbescheid (
Urk.
10/188) ersuchte der Beschwerdeführer unter anderem - vorgängig zum Rentenentscheid - um berufliche Eingliederungs
massnahmen. Die letzte
,
nur im Teilzeitpensum ausgeübte Tätigkeit als Promotor von
K._
-Geräten sei nicht an einem festen Arbeitsort möglich gewesen, sondern habe zusätzlich beanspruchende, oft über weite Strecken führende Fahr
wege zu den verschiedenen Baum
ä
rkten nötig gemacht. Nach sechsjähriger Ab
senz von einer Vollzeitanstellung sei er trotz Arbeitswilligkeit nicht zur Selbst
eingliederung befähigt und beantrage ein Arbeitstraining (
Urk.
10/198/3). In der Folge gewährte die Beschwerdegegnerin eine vom 1
6.
September bis 1
1.
Oktober 2019 dauernde Potentialabklärung bei
C._
,
in
L._
(Urk. 10/200)
.
Im Abschlussbericht
vom
9.
Oktober 2019 (
Urk.
10/205
) wird der Gesamtverlauf dahingehend zusammengefasst (S. 4), dass der Beschwerdeführer am 1
6.
September 2019 mit einem Pensum von 3
.
5 Stunden an fünf Tagen gestartet sei. Bereits nach dem ersten Arbeitstag
sei
er zwei Tage nicht im Programm gewesen. Grund dafür seien wahrscheinlich Medikamente gewesen, welche er als Vorbereitung für die anstehende Operation (Entfernung von Lymphknoten) habe einnehmen müsse. Er habe darauf körperlich reagiert und seine Schmerzen hätten sich so sehr verstärkt, dass er nicht habe am Programm teilnehmen können. In der zweiten Woche hätten sie ihn nach Hause geschickt, da er einen sehr geschwächten Eindruck gemacht habe. Bis zum (ambulanten) Operationstermin am 2
5.
September 2019 sei er zur Erholung zu Hause geblieben. Am Tag nach der Operation habe er an einer
K._-Geräte
-Schulung teilgenommen, was offensichtlich eine zu hohe Belastung für ihn gewesen sei. Er sei am Freitag sichtlich erschöpft (verminderte Feinmotorik, gerötete Augen, langsames Sprechen, Konzentrations
schwierigkeiten) gewesen und habe das Programm frühzeitig verlassen. In der dritten Woche sei es dem Beschwerdeführer erstmals gelungen, an drei aneinander
folgenden Tagen (3
.
5 Stunden/Tag) im Programm anwesend zu sein, was sehr anstrengend für ihn gewesen sei. Die restlichen Tage der Woche habe er sich erschöpft, müde gefühlt, habe über Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Schmerzen, vor allem in den Händen, geklagt. Eine Teilnahme am Programm für den Rest der Woche sei nicht möglich gewesen. Der Beschwerdeführer sei motiviert im Programm erschienen, habe Durchhaltewillen gezeigt, se
i kooperativ und bemüht gewesen
alles auszuprobieren
. Aufgrund der vielen Fehlzeiten, seiner geringen Arbeitsfähigkeit (max. 30
%
bezogen auf den ersten Arbeitsmarkt, vgl. S. 2) und der schwankenden Leistungsfähigkeit würden sie zum jetzigen Zeit
punkt keine weiteren Integrationsmassnahmen empfehlen, sondern eine An
stellung im geschützten Rahmen.
3.5
Dr.
med.
M._
, praktische Ärztin
,
Allgemeine Medizin FMH, berichtete am 2
3.
Oktober 2019, dass infolge verminderter Belastbarkeit, häufige
r
Wechsel von «guten»/
«
schlechten» Tagen und muskulärer Steifheit eine zirka 40%ige Arbeits
tätigkeit, wechselnd belastend (sitzend, stehend, mit genügend Erhöhungszeiten) möglich sei (
Urk.
10/214).
3.6
Der behandelnde Neurologe,
Dr.
med.
N._
, berichtete der Beschwerdegegnerin am 2
7.
Januar 2020 über die neurologische Verlaufsuntersuchung vom 2
1.
Januar 2020 (
Urk.
10/
2
18) und führte in seiner Beurteilung aus: Die Multiple Sklerose zeige erfreulicherweise einen recht konstanten, das heisst stabilen Ver
lauf, ohne anamnestisch erinnerbare schubförmige Verschlechterung und ohne chronische Progredienzen. Schwieriger sei die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit. Die diskrete Ataxie (Blindstrichgang, unmöglich verschärfter Romberg, diskrete
Bradydysdiadochokinese
der Hände und vor allem unvol
lständige VOR-Suppression) sei der in Ruhe objektivierbare Befund
. Dabei bleibe die geschilderte rasche Ermüdung gut nachvollziehbar und verständlich. Dies betreffe einerseits die allgemeine Gleichgewichtsfunktion, aber auch die motorischen Handlungen beider Arme, Hände.
In
Anbetracht der Multiplen Sklerose als Grunderkrankung und auch des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms halte er
(
Dr.
N._
)
eine Arbeitsfähigkeit von 40-50
%
für adäquat. Sollte mit der nächtlichen Beatmung bzw. der optimalen Therapie des
obstruktiven Schlafapnoesyndroms (
OSAS
)
ein besserer Zustand erreicht werde
n
, könne die vom Beschwerdeführer geschilderte Tagesmüdigkeit besser beeinflusst werden, was seine Arbeitsfähigkeit tagsüber allenfalls auf 50
%
stabilisieren könne.
Dr.
med.
N._
vermerkt
e
eingangs, dass die Behandlung des seit 2016 bekannten mittelschweren OSAS bis jetzt nicht erfolgt sei (
Urk.
10/218/3). B
etreffend die
massgebenden Symptome
der allgemeinen Müdigkeit sei die optimale symptomatische Therapie wichtig. In diesem Rahmen erachte er
auch die adäquate Anpassung d
es S
chlafa
pnoe-Syndroms als ganz zentral. Deshalb empfehle er auch eine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aus dieser, nämlich
somnologischer-pneumologischer
und all
gemein internistischer Sicht (
Urk.
10/218/1).
Bereits im Bericht vom 1
2.
Januar 2017
hatte
Dr.
N._
verschiedenste Tätig
keiten im Bereich des früheren Tätigkeitsbereichs (Fachmann für Eisenwaren, leichtere handwerkliche Tätigkeiten) in reduziertem zeitlichem Rahmen mit ver
mindertem Belastungsausmass für gut möglich
erachtet
und ein insgesamt 50%iges Pensum aus neurologischer Sicht für machbar
gehalten
(
Urk.
10/98/2).
3.7
RAD-Arzt
PD
Dr.
B._
erklärte am
6.
April 2020 nach Einsicht in diese Akten, dass eine Verschlechterung der Symptomatik der Grunderkrankung explizit ver
neint werde. Von den therapeutischen Optionen, wie im
A._
-Gutachten vor
geschlagen (nächtliche Atemdrucktherapie, Intensivierung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung), könne insbesondere eine Besserung der beklagten Tagesmüdigkeit erwartet werden. Seitens der Behandler erfolge eine andere Beurteilung des im Wesentlichen unveränderten Gesundheitsschadens, weshalb die Einschätzung der Gutachter weiterhin gelte (
Urk.
10/222/4).
4.
4.1
In formeller Hinsicht erfüllt das
A._
-Gutachten alle von der Rechtsprechung
an eine beweiskräftige medizinische Grundlage
geforderten Anforderung
en
(E. 1.3):
E
s stützt sich auf die vollständigen (medizinische
n
)
Vorakten
, berücksichtigt die geklagten Beschwerden, beruht auf umfassenden eigenen Abklärungen
(auch - wie von
Dr.
N._
gefordert -
pneumologischen
/allgemeininternistischen)
und
legt seine
Einschätzung in Auseinandersetzung mit den Ergebnissen derselben begründet dar. Dabei
ist festzuhalten, dass nach übereinstimmenden ärztlichen Befunden die objektivierbaren Auswirkungen der MS stationär sind und sich
nachweisbar
in einer leichten
, näher ausgeführten,
Ataxie zeigen, welche die im
A._
-Gutachten (ü
bereinstimmend auch mit den
Z._
-Gutachte
r
n)
näher um
schriebenen
Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit in
qualitativer Hinsicht
zur Folge haben
.
Die divergierende Einschätzung der Arbeitsfähigkeit in quantitativer Hinsicht gründet in erster Linie auf d
er
unterschiedliche
n
Gewichtung der geklagten
Erschöpfungssymptomatik, die der behandelnde
Dr.
N._
bereits im Bericht vom 1
1.
Februar 2016 (
Urk.
10/69) als unklarer Pathogenese beurteilte und daher eine Schlafabklärung veranlasste.
Während
Dr.
N._
indes d
i
e durch die MS verursachten Einschränkungen in Feinmotorik, Fühl- und Gleichgewichts
störungen, deren Kompensation zur raschen Ermü
dung beitragen würden, nebst dem
unbehandelten OSAS als Ursache
eines
verminderten Belastungsausmasses
von 50
%
ansieht (
E. 3.6
),
erachteten die
A._
-Gutachter eine quantitative Ein
sc
hränkung von lediglich 30
%
als
gegeben.
4.2
Die
A._
-Gutachter (vgl. insbesondere
im
neurologische Teilgutachten,
Urk.
10/183/32-46) begründeten ihre Einschätzung vorab
- in Nachachtung der von der Invalidenversicherung geforderten objektivierten Einschätzung -
damit, dass die vom Beschwerdeführer geschilderte, schwere kognit
ive und motorische
Fatig
ue
im Gesamtkontext der beruflichen und ausserberuflichen Aktivitäten und in Zusammenschau der mehrstündigen neu
r
opsychologischen Testung und den dort dokumentierten klinischen Verhaltensbeobachtungen gesehen werden
muss
(
Urk.
10/183/41).
Dr.
F._
führt
e
in seinem psychiatrischen Teilgutachten aus, dass das vom Beschwerdeführer geschilderte Erschöpfungssyndrom (Müdig
keit und Erschöpfung in Abhängigkeit von körperlicher und geistiger Tätigkeit; morgens am geringsten und zunehmend bis zur Mittagszeit; nicht jeden Tag vor
handen und sich bessernd durch Erholung; auch bei geistiger Aktivität kaum vor
handen) nicht typischerweise einer
Fatigue
,
beispielsweise bei einer MS
, ent
spreche. Eine solche
Fat
i
gue
sei typischerweise konstant vorhanden und könne durch Erholung (Schlaf) kaum verbessert werden. Sie sei auch nicht abhängig von geistiger oder körperlicher Tätigkeit und nur ein leichtes Ausdauertraining sei in Studien für eine Verbesserung der Symptomatik belegt (
Urk.
10/183/57). Der psychiatrische Gutachter konnte daher das geklagte Müdigkeitssyndrom nicht erklären, jedenfalls weder allein der MS noch der leichten depressiven Episode zuschreiben (
Urk.
10/183/58).
In der zweieinhalb Stunden dauernden (vgl.
Urk.
10/183/32) neurologisch
en Begutachtung zeigten sich der
Gutachter
in
keine Zeichen einer übermässigen Ermüdbarkeit. Die im Rahmen der neuropsychologischen Begutachtung erhobenen und validierten Testbefunde einer leicht
en kognitiven Störung führte die
neurologische Gutachter
in
nicht zwangsläufig ausschliesslich auf die MS zurück, sondern erachtete
es als not
wendig, das Ergebnis im Kontext mit den übrigen Diagnosen,
insbesondere de
s unbehandelte
n
OSAS
sowie des
vorgängig über mehrere Jahre bestehende
n
Kokainkonsum
s
,
zu sehen. Hinsichtlich der
Fatig
ue
-Symptomatik ergaben sich aus neurologischer Sicht
sodann
leichte Zwe
ifel dahingehend, dass die
Fatig
ue
ausschliesslich hirnorg
anischer Natur ist. So führte die
neurologische Gutachter
in
Dr.
G._
aus, der Beschwerdeführer beschreibe, dass die Müdigkeit bei Beschäftigung und bei Aktivitäten (Spaziergänge bis zu vier Stunden, reger Kundenkontakt) in den Hintergrund trete und vor allem bei monotonen, kognitiv und körperlich weniger fordernden Tätigkeiten oder bei Aktivitäten, die nicht seinen Interessen entsprechen würden, auftrete. Dies entspreche nicht einer typisch krankheits
-
/
störungsspezifischen
Fatig
ue
-Symptomatik bei MS, sondern könne durchaus auch durch motivationale und/oder psychische Ko-Faktoren miterklärt werden.
Ferner wies die
Gutachter
in
darauf hin, dass die geklagte bzw.
im FSMC
eruierbare
schwere
Fatig
ue
-Symptomatik in Anbetracht der ausser
beruflichen Aktivitäten (Spaziergänge, Auftritte als Gastmusiker, Fotografieren, Malen, Möbel bauen, Mofa reparieren und Besuch eines «Mofa-Events») sowie des strukturierten Tagesablaufes (Tagesplanung, Versorgung Haustier, Haushalts
führung) relativiert werden muss
und auch
das Führen eines Fahrzeuges ein Mindestmass an Konzentration und Aufmerksamkeit zuzüglich einer Leistungs
reserve
erfordert
(
Urk.
10/183/42).
Damit (vgl. auch E. 3.
3
.2) begründet das Gutachten nachvollziehbar, weshalb ungeachtet der Selbstangaben das Ausmass der
Fatigue
zu einer weniger ein
schneidenden quantitativen A
rbeitsunfähigkeit führt.
Hierbei ist zu berücksichtigen,
dass die ärztliche Beurteilung von der Natur der Sache her unausweichlich Ermessenszüge trägt
und
die medizinische Folgen
abschätzung notgedrungen eine hohe Variabilität auf
weist
(BGE 140 V 193 E. 3.1 S. 195; 137 V 210 E. 3.4.2.3 S. 253)
.
I
m Zusammenhang mit unterschiedlichen ärztlichen Einschätzungen
ist
dem Unterschied zwischen Behandlungs- und Begutachtungsauftrag Rechnung zu tragen (BGE
135 V 465 E. 4.5,
125 V 351 E. 3b/cc S. 353; Urteil 9C_561/2018 vom
8.
Februar 2019 E. 5.3.2.2).
Vorliegend besteht kein Anhalt dafür, dass der behandelnde Facharzt Aspekte dargelegt hätte, die die Gutachter nicht oder zu wenig berücksichtigten, zumal sich hinsichtlich der Darstellung objektivierbarer Einschränkungen keine Unterschiede ausmachen
lassen
.
Die gutachterlichen Schlussfolgerung
en
lassen sich
daher
nicht alleine aufgrund
der
abweichenden E
inschätzung des
behandelnden F
acharztes
oder
der Hausärztin
in Frage stellen.
Ferner ist darauf hinzuweisen, dass von den behandelnden Ärzten, entgegen ihrer Einschätzung einer weitgehenden,
Fatigue
-bedingten Einschränkung von 50
%
und mehr, die Fahreignung nicht in Frage gestellt
wurde
(vgl.
Urk.
10/138/24) und sie sich nicht mit den ausserberuflichen Aktivitäten auseinandersetzten. Demzufolge ist zu vermuten, dass ihre Ein
schätzung in quantitativer Hinsicht weitgehend auf den Angaben des Beschwerdeführers beruht, was sich insbesondere auch in der von der Hausärztin verwandten
, vom Beschwerdeführer ebenfalls benutzten
Wortwahl («gute/schlechte» Tage) aufzeigt (E. 3.5). Ferner bleibt festzuhalten, dass
Dr.
N._
einen wesentlichen Einfluss des (unbehandelten) mittelschweren OSAS für gegeben erachtete (E. 3.6) und bereits die ambulanten Behandler des Spital
s
O._
anlässlich der am 2
4.
August 2016
erfolgten
Kontrolluntersuchung ein gutes (objektiv wie subjektiv) Ergebnis der Maskentherapie festhielten (
Urk.
10/119), weshalb davon auszugehen ist, dass mit entsprechender Compliance innert kurzer Zeit eine wesentliche Verbesserung der Müdigkeit auch noch zu erreichen ist.
4.3
Der Beschwerdeführer monierte, dass diese Einschätzung nicht - wie im
Z._
-Gutachten empfohlen - unter stationären Bedingungen erfolgte. Dies ist zwar zu
treffend, jedoch konnte die Einschätzung einerseits unter Abstinenz von beeinflussenden
Substantien
erfolgen
, andererseits bestätigte sich das vom neurologischen
Z._
-Gutachter festgehaltene fehlende objektivierbare Korrelat für eine kognitive oder motorische
Fatigue
(
Urk.
10/138/24)
aufgrund
zeitlich
an
dauernden, klinischen Untersuchungen
, neuropsychologischen Ab
klärungen
und V
erhaltensbeobachtungen.
Insbesondere ist zu beachten, dass die neurologische Untersuchung am zweite
n
Tag von 14:00 bis 16:30 Uhr erfolgte, nachdem der Beschwerdeführer am Vormittag eine dreistündige neuro
psychologische Testung absolviert hatte und am Vortag jeweils drei Stunden vor
mittags und nachmittags exploriert worden war (
Urk.
10/183/2).
Dies erlaubte, in Berücksichtigung der Alltagsaktivitäten, eine objektivierte Einschätzung der Leistungsfähigkeit. Dabei ist darauf abzustellen, dass die
A._
-Gutachter, hätten sie ohne eine
-
über
mehrere
Wochen dauernde
-
stationäre Beobachtung
keine
valable
Einschätzung vornehmen können
,
dies auch deklariert hätten.
4.4
Der Bericht über die Potenzialabklärung vom
9.
Oktober 2019 (
Urk.
10/205) ver
mag ebenfalls keine konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit des
A._
-Gut
achtens vom 2
3.
Januar 2019 zu begründen (
vgl. E. 3.4
)
. Der Beschwerdeführer musste sich zeitgleich einer ambulanten Operation, offenbar mit vorbereitender Medikation, unterziehen, weshalb die gezeigte Leistungsfähigkeit nicht zum Nennwert genommen werden kann. Ausserdem nahm er während der Abklärung am Tag
nach
der Operation an einer
K._
-S
chulung teil. Auch wenn die Ein
gliederungsfachfrau eine gute Leistungsbereitschaft feststellen konnte, scheint
die Aussagekraft dieses Berichts
angesichts den neben der Abklärung sich ergebenden Belastungen als derart beschränkt, dass auch von einer Stellung
nahme der Gutachter hierzu wenig Erhellendes zu erwarten ist.
Im Übrigen stehen die Feststellungen, wonach nach einem Pensum von zwei bis drei Stunden ein Nachlassen der Konzentrationsfähigkeit beklagte wurde, in Einklang mit der von den Gutachtern postulierten Notwendigkeit, regelmässige Pausen einzulegen
, so
wie den qualitativen Einschränkungen in kognitiver Hinsicht
, wonach die zumut
baren Tätigkeiten kognitiv einfach und klar strukturiert sei sollten und insbesondere rein repetitiven Charakter haben
,
weitgehend automatisiert und überlernt sein sollten
(E. 3.3.3
;
Urk.
10/183/8
)
, die Potenzialabklärung jedoch kaum Routinetätigkeiten forderte.
4.5
Zusammenfassend ist daher gestützt auf das in allen Punkten beweiskräftige
A._
-Gutachten vom 2
3.
Januar 2019 da
von auszugehen, dass bei ganztäg
iger Präsen
z medizinisch-theoretisch eine 7
0%ige Arbeitsfähigkeit zumutbar ist, unter Berücksichtigung der von den Gutachtern näher umschriebenen
motorischen und kognitiven Einschränkungen (vgl. E. 3.3.3).
Zu prüfen bleiben die erwerblichen Auswirkungen.
5.
5.1
Die Beschwerdegegnerin
nahm keinen Erwerbsvergleich vor und
begründete
dies
damit,
es sei
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer auch in der Vergangenheit nie mehr als zu 30
%
durchschnittlich eingeschränkt
gewesen
sei.
Zwar vermuteten die
A._
-Gutachter, dass die Arbeitsunfähigkeit in der Vergangenheit nie über das Ausmass der im Zeitpunkt der gutachterlichen Untersuchung festgestellten Arbeitsunfähigkeit hinausging.
Diese Vermutung ist während des aktenkundig stabilen Verlaufes der MS-Erkrankung plausibel. Der medizinischen Aktenlage ist jedoch zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer im Jahre 2015 zwei Krankheitsschübe durchlitt,
nach Angaben von
Dr.
N._
im Mai und Dezember 2015 (vgl.
Urk.
10/82/2). Dieser schrieb den Beschwerdeführer ab Ende Dezember 2015 zu 100
%
und ab 2
5.
Mai
2016 zu 70
%
arbeitsunfähig, mit einer prognostizierten Verbesserung
per
6.
Juni 2016 (
Urk.
10/82/3
; vgl. auch das Zeugnis der Hausärztin vom 2
8.
September 2016,
Urk.
10/89/2, welche bereits ab
3.
bis 2
4.
November 2015 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vermerkte
)
. Der Beschwerdeführer meldete sich am 3
1.
März 2016 zum Leistungsbezug an, wes
halb in Anwendung von
Art.
29
Abs.
1 IVG der frühestmögliche Rentenbeginn der
1.
September 2016 darstellt. Von September 2015 bis und mit August 2016 errechnet sich unter Zugrundelegung der von den
A._
-Gutachtern ein
geschätzten Leistungseinbusse von 30
%
sowie der infolge des Schubes vor
über
gehend attestierten Arbeitsunfähigkeit eine durchschnittliche Arbeits
unfähig
keit
von
jedenfalls 60
%
([120
%
(September bis Dezember 2015) + 400
%
(Januar bis April 2016) + 93
%
(Mai) +
41
%
(Juni) + 60
%
(Juli/August 2016)
] :
12 = 59
.
5
%
). Damit wäre nach Ablauf des Wartejahres im September 2016 jedenfalls die not
wendige durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit für eine
Dreiviertelsrente
gegeben. Damit ist eine Bemessung des Invaliditätsgrades im Zeitpunkt des frühest
möglichen Rentenbeginns
(September 2016)
unter Beachtung allfälliger Veränderungen bis zum Verfügungszeitpunkt (Juni 2020)
notwendig. Im Zeit
punkt des Rentenbeginns bezog der Beschwerdeführer keine Eingliederungs
taggelder, weshalb
Art.
29
Abs.
2 IVG einem Anspruchseintritt nicht entgegen
stünde.
5.2
5.2.1
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommens
vergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommens
vergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2
, 128 V 29 E. 1
).
Für den Einkommensvergleich sind die Verhältnisse im Zeitpunkt des (hypothetischen) Beginns des Rentenanspruchs massgebend, wobei Validen- und Invalideneinkommen auf zeitidentischer Grundlage zu erheben und allfällige rentenwirksame Änderungen der Vergleichseinkommen bis zum Verfügungs
erlass zu berücksichtigen sind (BGE 143 V 295 E. 4.1.3, 129 V 222 E. 4.1 und E. 4.2, 128 V 174).
5.2.2
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist für die Ermittlung des
Validen
einkommens
entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühest
möglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahr
scheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommens
entwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung ent
spricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 144 I 103 E. 5.3, 139 V 28 E. 3.3.2, 135 V 58 E. 3.1, 134 V 322 E. 4.1).
5.2.3
Für die Festsetzung des trotz Gesundheitsschädigung
zumutbarerweise
noch realisierbaren Einkommens (Invalideneinkommen) ist nach der Rechtsprechung primär von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die ver
sicherte Person konkret steht. Übt sie nach Eintritt der Invalidität eine Erwerbs
tätigkeit aus, bei der – kumulativ – besonders stabile Arbeitsverhältnisse gegeben sind und anzunehmen ist, dass sie die ihr verbliebene Arbeitsfähigkeit in zumut
barer Weise voll ausschöpft, und erscheint zudem das Einkommen aus der Arbeitsleistung als angemessen und nicht als Soziallohn, gilt grundsätzlich der tatsächlich erzielte Verdienst als Invalide
nlohn (BGE 139 V 592 E. 2.3;
135 V 297 E.
5.2; 129 V 472 E. 4.2.1; 126 V 75 E. 3b/
aa
).
Sind diese Bedingungen nicht erfüllt,
können nach der Rechtsprechung Tabellen
löhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE) herangezogen werden (BGE 139 V 592 E. 2.3, 135 V 297 E. 5
.2, 129 V 472 E. 4.2.1
). Dabei sind grundsätzlich die im Verfügungs
zeitpunkt aktuellsten veröffentlichten Tabellen der LSE zu verwenden (BGE 143 V 295 E. 4.1.3
).
5.3
5.
3.1
Der Beschwerdeführer verfügt über einen eidgenössischen Fachausweis als Eisen
warenverkäufer sowie die Suva-anerkannte Staplerprüfung (
Urk.
10/90/12-13). Ferner besuchte er geschäftsinterne Weiterbildungen im Personalmanagement, als Filialleiter und Lehrlingsbetreuer (
Urk.
10/97/1,
Urk.
10/90/3). Bis 2008 arbeitete er im erlernten Beruf als Fachverkäufer/Verkaufsberater
, unterbrochen durch diverse anderweitige
Temporäreinsätze
bzw. Reisetätigkeit (vgl.
Urk.
10/183/27),
und
vom
1.
August 2008 bis 2
8.
Februar 2011 als Standortleiter (
Urk.
10/90/4-11).
Diese Stelle wurde ihm infolge der
vom 2
9.
September bis 1
7.
November 2010 dauernden
Hospitalisation
in der psychiatrischen Klinik
P._
AG im
Herbst 2010 gekündigt (
Urk.
10/48/2,
Urk.
10/65/16). Anschliessend arbeitete er als Lagerist
bzw. Sachbearbeiter im V
erka
ufs
innendienst
bis zur Krankschreibung infolge einer Erschöpfungsdepression bzw. eines «Burn-out»
, das zur zweiten
Hospitalisation
führte
(
Urk.
10/48/
2,
Urk.
10/183/28,
Urk.
10/65/16).
Von August 2015 bis zur Krankschreibung im Januar 2016 arbeitete der Beschwerdeführer in Festanstellung zu einem Pensum von 12 Wochenstunden als
Verkaufsberater
. Diese Anstellung wurde von der Arbeitgeberin infolge anhaltender Krankheitsabsenz gekündigt (
Urk.
10/75). In der Folge jedoch arbeitete er für dieselbe Arbeitgeberin
als Promot
o
r von
K._
-Produkten an Ständen und in Baumärkten
auf A
bruf zu einem Pensum zwischen 20 und 25
%
,
so auch im Zeitpunkt der
A._
-B
egutachtung (
Urk.
10/183/28).
5
.3.2
Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer ohne seinen Gesundheitsschaden vollzeitlich erwerbstätig wäre. Dabei ist zu beachten, dass er die letzten Vollzeit
stellen als Filialleiter bzw. Verkaufsberater im Innendienst aus gesundheitlichen Gründen verlor. Gemäss den Einschätzungen der
A._
-Gutachter
an die Anforderungen einer zumutbaren Tätigkeit
(E. 3.3.3)
ist ausserdem davon auszu
gehen, dass infolge
der kognitiven
Leistungsbeeinträchtigung eine Stelle als Filialeiter
inklusive Lehrlingsbetreuung
auch in reduziertem Pensum nicht mehr möglich ist. Gemäss Auszug aus dem IK vom 2
5.
Februar 2014 (
Urk.
10/42) erzielte der Beschwerdeführer als Filialleiter im Jahre 2009 einen Jahreslohn von
Fr.
70'494.-- und als Verkaufsberater im Innendienst/Lagerist im Jahre 2012
einen solchen von F
r.
72'800.--. Es ist davon auszugehen, dass er ohne gesundheitliche Einbrüche eine diesen Stellen adäquate Tätigkeit fortgesetzt hätte und einen vergleichbaren Lohn erzielt hätte. Dementsprechend kann für die Bestimmung des
Valideneinkommens
auf das zuletzt in Festanstellung zu einem Vollpensum erzielte Einkommen
in kognitiv anspruchsvollerer Tätigkeit
ab
gestellt werden. Gemäss der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen
Tabelle T 39 (
Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise un
d der Reallöhne, 2010-2019)
er
rechnet sich auf der Basis eines 2012 erzielten Jahr
es
lohnes von
Fr.
72'800.-- ein
auf das Jahr 2016 hochgerechnet
es Erwerbsein
kommen
von
Fr.
74'497.-- (Index Männer 2012: 2188 Punkte; 2016: 2239 Punkte). Dieser Wert ist als
Valideneinkommen
heranzuziehen.
5.3.3
Für die Bestimmung des Invalideneinkommens (Stand 2016) sind die LSE 2016 heranzuziehen, wobei auf Tabelle T1_tirage_skill_level
, monatlicher Bruttolohn (Zentralwert) nach Wirtschaftszweigen, Kompetenzniveau und Geschlecht
, Privater Sektor,
abzustellen ist.
Im Dienstleistungssektor, Detailhandel, verdienten Männer im Kompetenzniveau 2 (
praktische Tätigkeiten, wie Verkauf etc.
), worauf angesichts der Berufsausbildung und der beruflichen Erfahrung des Beschwerdeführers jedenfalls abzustellen ist,
im Jahre
2016
Fr.
4'894.--. Umgerechnet auf die im Detailhandel 2016 betriebsübliche durchschnittliche Arbeitszeit von 41
.
8 Wochenstunden (Tabelle
T 03.02.03.01.04.01
,
Betriebs
übliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen
)
errechnet sich bei voller Leistungsfähigkeit ein Jahreslohn von
Fr.
61'370.75 (
Fr.
4'894
.
--
:
40 x 41,8 x 12). Als Invalideneinkommen ist dieser Wert entsprechend der gutachterlichen Einschätzung um 30
%
zu kürzen, womit ein zumutbares Erwerbseinkommen von
Fr.
42'
960.-- resultiert.
5.3.4
Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführer
aufgrund des gutachterlich fest
gelegten (eingeschränkten) Anforderungsprofils
seine
Rest-
Arbeitsfähigkeit nur mit unterdurchschnittlichem Erfolg erwerblich verwerten kann (vgl. BGE 135 V 297 E. 5.2 S. 301; Urteil 8C_477/2017 vom 2
1.
November 2017 E. 6.3.2.1, je mit Hinweisen).
Bestehen über das ärztlich beschriebene Beschäftigungspensum hinaus zusätzliche Einschränkungen, wie beispielsweise ein vermindertes Rendement pro Zeiteinheit wegen verlangsamter Arbeitsweise oder ein Bedarf nach ausserordentlichen Pausen oder ist die funktionelle Einschränkung ihrer besonderen Natur nach nicht ohne Weiteres mit den Anforderungen vereinbar, wie sie sich aus den gewöhnlichen betrieblichen Abläufen ergeben, kann dies bei der Bemessung des leidensbedingten Abzugs vom statistischen Tabellenlohn berücksichtigt werden (Urteile 8C_558/2017 vom
1.
Februar 2018 E. 5.3.1 und 8C_163/2015 vom 1
6.
Juni 2015 E. 3.2.2 je mit Hinweis). Im Zumutbarkeitsprofil wurde dem Bedarf nach längeren, betriebsunübliche
n Pausen bereits durch die auf 7
0
%
reduzierte Leistungsfähigkeit bei einer ganztägigen Präsenzzeit Rechnung getragen
. Allenfalls kann
zusätzlich
dem Umstand Rechnung getragen werden, dass der Beschwerdeführer die Möglichkeit habe muss
,
sich hinzusetzen, eine ausschliesslich stehende oder gehende Tätigkeit, wie sie im Verkaufsbereich anzutreffen ist (vgl. hierzu auch die
Beurteilung der IV-Berufsberaterin
, wonach zum Fachverkäufer
langes Stehen und
Auffüllen von Regalen gehöre,
Urk.
10/24/4)
und worunter auch die Tätigkeit als Promotor zählt, nicht mehr zumutbar ist.
Dieser Umstand kann jedoch höchstens mit einem Abzug von 10
%
Berücksichtigung finden
, da dem Pausenbedarf bereits Rechnung getragen wurde;
a
nderweitige einkommensbeeinflussende Faktoren (Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie)
sind nicht ersichtlich
. Damit ist das Invaliden
einkommen auf
mindestens
Fr.
38'664.-- (
Fr.
42'960.-- x 0
.
9) festzusetzen (Stand 2016).
5.3.5
Nicht abgestellt werden kann
- wie vom Beschwerdeführer postuliert (
Urk.
1 S. 8) -
auf das effektiv erzielte Erwerbseinkommen als Promotor von
K._
-Geräten. Bei dieser auf Abruf ausgeübten Tätigkeit einschliesslich langer Anfahrtswege lässt sich das effektiv ausgeübte Pensum nicht derart exakt eruieren, dass eine Hochrechnung auf ein allenfalls mögliches 70%iges Pensum zulässig wäre, zumal auch nicht feststeht, ob dieselbe Tätigkeit
überhaupt
in einem höheren P
ensum
zum selben Lohn
angeboten würde
.
5.4
Aus der G
egenüberstellung der
so ermittelten Validen- und I
nvalideneinkommen
ergibt sich eine Erwerbseinbusse von
Fr.
35'833.-- (
Fr.
74'497.--
-
Fr.
38'664.--) bzw. ein Invaliditätsgrad von 48
%
(35'833.-- x 100/74’497)
, was zum Anspruch auf eine
Viertelsren
te
führt. Im hier massgeblich
zu beurteilenden Zeitraum bis zur angefochtenen Verfügung
(
vgl.
BGE 130 V 138 E. 2.1 mit Hinweis
)
traten keine revisionsrechtlich relevanten Änderungen ein und die parallele
,
statistische Nominallohnerhöhung beider Vergleichseinkommen vermag keine Änderung des Invaliditätsgrades zu bewirken.
6.
Nach diesen Erwägungen ist in teilweiser Gutheissung der Beschwerde die angefochtene Verfügung vom 1
7.
Juni 2020 aufzuheben und festzustellen, dass der Beschwerdeführer ab
1.
September 2016 Anspruch auf eine
Viertelsrente
der Invalidenversicherung hat.
7.
7.1
Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer Anspruch auf Er
satz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (
Art.
61
lit
. g ATSG).
E
ine «
Überklagung
»
rechtfertigt
nach der in Renten
angelegenheiten ergangenen Rechtsprechung eine Reduktion der Partei
entschädigung nur, wenn das ziffernmässig bestimmte Rechtsbegehren den
Prozessaufwand beeinflusst hat
(BGE 117 V 401 E. 2c, vgl. Urteile des Bundes
gerichts 8C_449/2016 vom
2.
November 2016 E. 3.1.1 und, 8C_500/2020 vom
9.
Dezember 2020 E. 4.4).
Vorliegend entstand durch die Begründung des Rechtsbegehrens auf eine
(
mindestens
)
halbe Rente kein
wesentlicher
Mehraufwand, weshalb Anspruch auf eine ungekürzte Prozessentschädigung besteht.
Mit Eingabe vom
6.
Oktober 2020 (
Urk.
12) reichte der Rechtsvertreter eine d
e
taillierte Honorarnote über einen Zeitaufwand von 10 Stunden sowie Baraus
lagen von
Fr.
77.60 ein, was angemessen erscheint. Die Beschwerdegegnerin ist daher zu verpflichten, dem Beschwerdeführer eine Prozessentschädigung von
Fr.
2'453.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
7.2
Die auf
Fr.
800.-- festzusetzenden Gerichtskosten (vgl.
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) sind
bei diesem Ausgang des Verfahrens
ebenfalls vollumfänglich der Beschwerde
gegnerin aufzuerlegen.
7.3
Unter diesen Umständen wird das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gegenstandslos.