Decision ID: 7f708806-0674-46f9-b4ea-4e9c976cc343
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
Mit Verfügungen vom 9. Juni 2017 (Urk. 3/3/1) und 7. Dezember 2017 (Urk. 3/7/1) setzte die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichs
kasse
, die persönlichen Beiträge von
X._
für das Jahr 2011 auf Fr. 207'995.40 und Fr. 73'069.35 fest (jeweils inklusive Verwaltungskosten; zuzüglich Verzugs
zinsen). Die zweite (zusätzliche) Beitragsverfügung vom 7. Dezember 2017 er
setzte
nach erfolgreicher Intervention von
X._
(vgl. Urk. 3/4-6)
im Nach
hinein zuständigkeitshalber die Beitragsverfügung
der Ausgleichskasse des Kan
tons Schwyz vom 19. September 2017 (Urk. 3/2).
1.2
Bereits mit Eingabe vom 4. Juli 2017 (Urk. 7/11) hatte
X._
gegen die Bei
tragsverfügung vom 9. Juni 2017 Einsprache erhoben. Diese Einsprache zog er jedoch mit Schreiben vom 19. Juli 2017 (Urk. 7/18) zurück.
In demselben Schreiben (Urk. 7/18) stellte
X._
ein Gesuch um Herabset
zung/Erlass der Beitragsforderung.
1.3
Mit Verfügung vom 15. November 2017 (Urk. 7/43) wies der Rechtsdienst der
Sozialversicherungsanstalt
(SVA)
des Kantons Zürich
das Gesuch um Herabset
zung der persönlichen AHV/IV/EO-Beiträge für das Beitragsjahr 2011 ab. Zur Be
gründung wurde ausgeführt, es gehe aus den eingereichten beziehungsweise bei
gezogenen Unterlagen hervor, dass die verfügbaren Mittel von Fr. 211'238.
den ermittelten Notbedarf von Fr. 55'544.
überstiegen, weshalb die Bezahlung der offenen Beiträge keine unzumutbare Härte darstelle.
1.4
Mit Schreiben vom 12. Dezember 2017 (Urk. 7/64) stellte
X._
ein weiteres Herabsetzungsgesuch. Dieses Gesuch betraf die in der Zwischenzeit zugestellte
(zusätzliche)
Beitragsverfügung vom 7. Dezember 2017 (
vgl. dazu oben Ziff. 1.1).
1.5
Am 14. Dezember 2017 liess
X._
Einsprache gegen die Verfügung vom 15. November 2017 betreffend Herabsetzung erheben (Urk. 7/69). Diese Einspra
che wurde mit Entscheid vom 14. Mai 2018 (Urk. 2) abgewiesen.
2.
Mit Eingabe vom 8. Juni 2018 (Urk. 1) liess
X._
Beschwerde gegen den
Ein
spracheentscheid
vom 14. Mai 2018 (Urk. 2) erheben mit folgenden Anträgen:
Der
Einspracheentscheid
der SVA Zürich vom 14. Mai 2018 sei aufzu
heben. Es seien
die persönlichen AHV-Beiträge von
X._
für das Jahr 2011 auf den Mindestbeitrag herabzusetzen; eventualiter seien die AHV-Beiträge auf CHF 40'000.00 herabzusetzen.
Es seien die IV-Akten von
X._
beizuziehen.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Ausgleichs
kasse der SVA Zürich.
Der Rechtsdienst der SVA Zürich schloss in seiner Beschwerdeantwort vom 23. August 2018 (Urk. 6) auf Abweisung der Beschwerde.
Replicando
liess
X._
an seinen Anträgen festhalten (Urk. 10). Auf die Einreichung einer Duplik wurde verzichtet (vgl. Urk. 13). In der Folge wurden weitere Eingaben eingereicht, die den Parteien wechselseitig zur Kenntnis gebracht wurden (vgl. Urk. 16-26).
Mit Verfügung vom 23. September 2019 (Urk. 27) wurde
weiter
X._
Frist angesetzt, um eine aktuelle und vollständige Notbedarfsrechnung und einen aktuellen Vermögensausweis einzureichen. Die entsprec
hende Eingabe mit Bele
gen ging
am 1. Oktober 2019 ein (Urk. 29 und 30/1-3). Diese Dokumente wurden der Ausgleichskasse am 4. Oktober 2019 zur Kenntnisnahme zugestellt (Urk. 31).
Auf die Ausführungen der Parteien ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforder
lich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Ist einer obligatorisch versicherten Person die Bezahlung der Beiträge aus selb
ständiger Erwerbstätigkeit nicht zuzumuten, so können ihre Beiträge auf begrün
detes Gesuch hin für bestimmte oder unbestimmte Zeit angemessen herabgesetzt werden (Art. 11 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Alters- und
H
interlassenen
versicherung
[AHVG]
). Die Voraussetzung der Unzumutbarkeit ist erfüllt, wenn die beitragspflichtige Person bei Bezahlung des vollen Beitrags ihren Notbedarf und denjenigen ihrer Familie nicht befriedigen könnte. Ob eine Notlage besteht, ist aufgrund der gesamten wirtschaftlichen Verhältnisse und nicht allein anhand des Erwerbseinkommens zu beurteilen (BGE 104 V 61 E. 1a mit Hinweisen). Unter Notbedarf ist das Existenzminimum im Sinne des SchKG zu verstehen (BGE 120 V 271 E. 5a mit Hinweis).
1.2
Da der ganze oder partielle Erlass solcher Forderungen eine wirtschaftliche Not
lage des Schuldners voraussetzt (Art. 11 AHVG), muss der endgültige Erlass- be
ziehungsweise Herabsetzungsentscheid - unter Vorbehalt von Fällen missbräuch
licher Verzögerung - auf die ökonomischen Verhältnisse des Schuldners abstel
len, die im Zeitpunkt gegeben sind, da er bezahlen sollte (BGE 104 V 61 E. 1b). Dies ist der Zeitpunkt der Eröffnung der Verfügung über das Gesuch beziehungs
weise des
Einspracheentscheids
(
Rz
3041 der Wegleitung über die Beiträge der
Selbständigerwerbenden
und Nichterwerbstätigen [WSN] 2019).
Dem erstinstanzlichen Gericht ist es aber
auch
nicht verwehrt, unter Umständen - aus prozessökonomischen Gründen - nach Gewährung des rech
tlichen Gehörs
seinem Entscheid den neuen Sachverhalt zugrunde zu legen (BGE 104 V 61 E. 1b mit Hinweis).
Das liegt im Ermessen des erkennenden Gerichts.
2.
2.1
Die
Beschwerdegegnerin begründete den
angefochtenen
Einspracheentscheid
(Urk. 2)
damit, dass dem Notbedarf des Beschwerdeführers von Fr. 63'903.
verfügbare Mittel in der Höhe von Fr. 109'842.20 gegenüberstün
den. Demzufolge stelle die Bezahlung der noch offenen Beiträge keine unzumut
bare Härte dar.
Im Rahmen des vorliegenden Prozesses führte die Beschwerdegegnerin in der Be
schwerdeantwort (Urk. 6) aus, dass die verfügbaren Mittel selbst dann über dem ermittelten Notbedarf liegen würden, wenn - wie beantragt - das Einkommen von
Y._
von Fr. 9'038.
zu streichen wäre
und die erhöhte Prämie für die Grundversicherung der Krankenkasse von Fr. 9'526.
, die Zahnarztkosten von Fr. 8'039.
und die selbstgetragenen Kosten von
Y._
(Ehefrau)
von Fr. 1'876.10 sowie von
X._
von Fr. 1'000.
al
s Ausgaben zu berücksichtigen wären. Die verfügbaren Mittel würden dann Fr. 100'804.
betragen; der Notbe
darf würde sich auf Fr. 73'594.
belaufen. Auch dann wären die Voraussetzun
gen einer Herabsetzung nicht gegeben.
Am 4. Februar 2019 äusserte sich die Beschwerdegegnerin dahingehend (Urk. 19), dass das vom Beschwerdeführer eingereichte Scheidungsurteil vom 13. Dezember 2018 (Urk. 17) nichts ändere: Massgebend seien die Verhältnisse im Zeitpunkt des Verfügungserlasses. Nachträgliche Änderungen der finanziellen oder zivilrechtli
chen Verhältnisse
könnten daher nicht zu einer Neuberechnung führen.
2.2
Der Beschwerdeführer liess demgegenüber im Wesentlichen vortragen
(Urk. 1)
, dass
die Gesamtforderung der Beschwerdegegnerin für das Jahr 2011 rund Fr. 290'000.
(zuzüglich aufgelaufene Verzugszinsen) betrage. Diese Forderung könne er nicht begleichen. Seine Ehe stehe kurz vor dem «Aus». Se
ine Ehefrau, Y._
, sei krank; sie beziehe eine Rente. Sein jüngster Sohn habe sein Studium erst im Mai 2018 abgeschlossen. Ab Februar 2019 werde der Be
schwerdeführer eine Altersrente beziehen. Zu bedenken sei, dass der Beschwer
deführer 2011 zwar ein beitragspflichtiges Einkommen von knapp drei Millionen erzielt habe, aber es «gerade wegen seinem von der IV als rentenrelevanten Ge
sundheitsschaden anerkannten ‘Prob
lem’ verspekuliert» habe, weshalb
die Bezah
lung der von der Beschwerdegegnerin sieben Jahre später verfügten Beitragsfor
derung samt Zinsen als unzumutbar im Sinne von Art. 11 AHVG bezeichnet wer
den
müsse
. Aufgrund der besonderen Umstände sei ausnahmsweise ein Abwei
chen vom betreibungsrechtlichen Notbedarf als Grenze für eine Notla
ge angezeigt (S. 2 f.). Dass im
konkreten Fall ausserordentliche Umstände auf eine Notlage hindeuteten, ergebe sich auch aus der Erkrankung der Frau des Beschwerdefüh
rers und ihrem Erwerbsausfall infolge Arbeitsunfähigkeit im Jahr 201
8.
Der ab
schlägige Entscheid der Beschwerdegegnerin habe zudem aufgrund der desolaten finanziellen und persönlichen Umstände zum Scheidungsentschluss aus Existenz
ängsten geführt (S. 5). Die Berechnung des Notbedarfs sei folgendermassen zu korrigieren: Bei den anrechenbaren Ausgaben seien die Zahnarztkosten von Fr. 5'433.45 und Fr. 2’605.45, die Krankheitskosten von Fr. 2'042.60 sowie die KVG-Prämien ab Januar 2018 (
X._
: 12 x Fr. 388.70;
Y._
: 12 x Fr. 405.10) zu berücksichtigen. Weiter sei nicht ersichtlich, warum die Rück
zahlungen der Prämienverbilligun
g
und die Rückzahlung der Ergänzungsleistun
gen angesichts der «besonderen Umstände» in der Berechnung des Notbedarfs nicht berücksichtigt werden sollten. Es handle sich ja nicht um «private Schulden» (S. 5 f.).
Replicando
liess der Beschwerdeführer
im Wesentlichen an den Ausführungen in der Beschwerdeschrift festhalten und ergänzend vortragen, dass die von ihm aus
geübte Tätigkeit seinem Gesundheitszustand respektive seinem Leiden nicht an
gepasst gewesen sei. Er sei letztlich aufgrund der ihm seit seiner Anmeldung zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung nicht gewährten Unterstützung der IV-Stelle gescheitert. Heute stehe er vor dem Übertritt in ein Wohnheim in
Z._
. Die Eingliederung über ein neuartiges IV-Pilotprojekt (von der SVA Zü
rich angepriesen) sei für den Beschwerdeführer ohne Begleitung angesichts der seit 2010 aktenkundigen auffälligen formalen Denkstörungen gänzlich ungeeig
net gewesen (Urk. 10).
Mit Schreiben vom 20. Dezember 2018 liess der Beschwerdeführer das Schei
dungsurteil vom 13. Dezember 2018 einreichen (vgl. Urk. 16 und 17) und mit Eingabe vom 20. Februar 2019 (Urk. 21) um Berücksichtigung der neuen Situa
tion ersuchen. Am 14. August 2019 liess der Beschwerdeführer dem Gericht mit
teilen, dass seine geschiedene Ehefrau verstorben sei
, und
erneut
um angemessene Berücksichtigung ersuchen
(Urk. 25).
Mit Eingabe
vom 30. September 2019 (Urk. 29) liess der Beschwerdeführer die Verfügung der
A._
betreffend Ausrichtung von Ergänzungs- und Zu
satzleistungen vom 18. September 2019 (Urk. 30/1) samt
amtlichem Einkom
mensvergleich ins Recht reichen. Daraus ist ersichtlich, dass die Ausgaben des Beschwerdeführers in Höhe von Fr. 74'122.
die Einnahmen von Fr. 41'037.
um Fr. 33'085.
übersteigen.
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin die Voraussetzungen für eine Herabsetz
ung
der Beiträge für das Jahr 2011 zu Recht verneint hat, weil die verfügbaren Mittel des Beschwerdeführers seinen Notbedarf erheblich überstei
gen.
3.
3.1
Gemäss der in E. 1.2
a.E
. zitierten höchstrichterliche Rechtsprechung (BGE 104 V 61 E. 1b) steht es dem erstinstanzlichen Gericht frei, seinen Entscheid betreffend Herabsetzung oder Erlass von Beiträgen - abweichend vom Grundsatz, wonach auf den Sachverhalt zum Zeitpunkt der Eröffnung des angefochtenen
Einsprache
entscheids
abzustellen ist - auf der Grundlage des Sachverhaltes, wie er sich im Urteilszeitpunkt präsentiert, zu fällen. Unter Berücksichtigung der gesamten Um
stände des vorliegenden Falles
(insbesondere angesichts des zeitlichen Faktors)
scheint es angezeigt,
auf den aktuell vorliegenden Sachverhalt abzustellen.
3.2
Dieses Ansinnen wurde den Parteien implizit bereits mit Verfügung vom 23. Sep
tember 2019 (Urk. 27) mitgeteilt, als der Beschwerdeführer aufgefordert wurde, eine aktuelle Notbedarfsrechnung und einen aktuellen Vermögensausweis ins Recht zu reichen. Mit Eingabe vom 30. September 2019 (Urk. 29) kam er dieser Aufforderung nach und reichte die Verfügung der
A._
vom 18. Sep
tember 2019 (Urk. 30/1) samt amtlicher Not
bedarfsberechnung und einem Beleg der
B._
(«Kontobewegungen» [Urk. 30/3]) ein.
Der Beschwerdegegnerin wurden diese Dokumente zugestellt (vgl. Urk. 31). Sie liess sich in der Folge nicht vernehmen.
Aus der genannten Verfügung der
A._
beziehungsweise dem beilie
genden Berechnungsblatt ist ersichtlich, dass
der Beschwerdeführer per Ende De
zember 2018 über ein Vermögen von Fr. 21'823.
verfügte und dass im Jahr 2019 Einnahmen (Renteneinkommen) von Fr. 41'037.
Ausgaben von insgesamt Fr. 74'122.
(zur Hauptsache «
Heimtaxe
»
) gegenüberstehen. Mit anderen Worten übersteigen die Ausgaben die Einnahmen gegenwärtig um Fr. 33'085.
pro Jahr.
Es bedarf keiner weiteren Ausführungen, dass der Beschwerdeführer angesichts dessen, dass sein Notbedarf sein Einkommen jährlich um mehr als Fr. 33'000.
übersteigt, nicht in der Lage ist, die für das Jahr 2011 festgesetzten Beiträge in der Höhe von Fr. 207'995.40 und Fr. 73'069.35 (jeweils inklusive Ver
waltungskosten; zuzüglich Verzugszinsen) zu bezahlen. Es liegt eine Unzumut
barkeit im Sinne von Art. 11 Abs. 1 AHVG vor.
In Gutheissung der Beschwerde ist der angefochtene
Einspracheentscheid
vom 14. Mai 2018 (Urk. 2) aufzuh
eben, und es sind
die persönlichen Beiträge des Be
schwerdeführers für 2011 auf den Mindestbeitrag herabzusetzen.
4.
Nach
§
34
Abs.
1
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
)
hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikos
ten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemes
sen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
).
Demzufolge ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerdeführerin eine angemessen erscheinende Prozessentschädigung in der Höhe von Fr.
2'600.
zu bezahlen.