Decision ID: 57d7e17f-cbdd-4a62-bf29-698a8ff55330
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ stürzte am 10. August 2015 bei der Arbeit als B._ bei der C._ GmbH,
aus rund ca. 2.5 Metern Höhe durch ein Glasdach auf ein Auto (vgl. zum Unfallereignis
die Suva-Akten, insb. Fremd-act. 1-211 [in act. G 7.2; gemäss Nummerierung in der
Akten-Fusszeile], vgl. auch IV-act. 22). Der Versicherte zog sich dabei insbesondere
eine inkomplette Berstungsfraktur LWK2 (Typ Magerl A3.1) zu, welche am 12. August
2015 im Kantonsspital St. Gallen (KSSG) operativ versorgt wurde (vgl. IV-act. 33-5 ff.).
Anschliessend hielt er sich bis zum 8. September 2015 zur stationären Rehabilitation in
der Klinik D._ auf (vgl. IV-act. 5-1, 33-11). Bei einem erfreulichen postoperativen
Verlauf (vgl. IV-act. 33-13 ff.) wurde in der Folge eine Teilmaterialentfernung L2/3
durchgeführt (IV-act. 33-13 ff., 40). Die Arbeitgeberin des Versicherten hatte das
Arbeitsverhältnis per 30. September 2015 gekündigt, wobei es sich unfallbedingt bis
31. Dezember 2015 verlängerte (IV-act. 16).
A.a.
Im Februar 2016 meldete sich der Versicherte zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1). Nach einer
durch den Unfallversicherer veranlassten Sprechstunde zur beruflichen Eingliederung in
der Rehaklinik E._ am 9. März 2016 (IV-act. 22) teilte die IV-Stelle dem Versicherten
am 7. April 2016 mit, dass aufgrund seines Gesundheitszustandes keine beruflichen
Massnahmen möglich seien und Behandlungsmassnahmen im Vordergrund stünden
(IV-act. 27).
A.b.
Am 26. April 2016 wurde der Versicherte im Auftrag des Unfallversicherers
kreisärztlich untersucht. Dr. med. F._, Facharzt für Chirurgie, hielt im entsprechenden
Untersuchungsbericht fest, dass in der angestammten Tätigkeit als B._ keine
Arbeitsfähigkeit mehr bestehe, da die Belastung für die Wirbelsäule zu hoch sei. In
A.c.
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einer wechselbelastenden, leichten bis mittelschweren Tätigkeit mit einer
Gewichtslimite repetitiv von 10kg und selten von 15kg bestehe ab dem
Untersuchungstag wieder eine volle Arbeitsfähigkeit (Fremd-act. 12).
Die behandelnden Ärzte des KSSG hielten im Bericht vom 17. Juni 2016 fest, dass
der Versicherte einen äusserst protrahierten postoperativen Verlauf präsentiere. Die
beklagten Beschwerden seien am ehestens im Sinne eines Mischbildes zwischen
muskulären Schmerzen, leicht degenerativ veränderten Facettengelenken L2/3 und
einer Schmerzverbreitungsstörung (wohl Schmerzverarbeitungsstörung) zu verstehen.
Empfohlen werde in diagnostischer/therapeutischer Absicht die Infiltration der
Facettengelenke L2/3 und L3/4. Der Versicherte brauche hierfür Bedenkzeit. Ein
Wiedereinstieg ins Berufsleben als B._ sei als äusserst unrealistisch zu sehen. Dem
Versicherten sei keine schwere körperliche Tätigkeit zuzumuten (IV-act. 66).
A.d.
Am 12. Juli 2016 nahm Suva-Kreisärztin Dr. med. G._, Fachärztin für
Neurochirurgie, zu den neuen Berichten dahingehend Stellung, dass anamnestisch und
klinisch bekannte Befunde vorlägen. Die Arbeit als B._ bleibe unzumutbar (Fremd-
act. 17).
A.e.
Mit Verfügung vom 19. Juli 2016 verneinte die Suva den Anspruch auf eine
Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 4% und sprach dem Versicherten eine
Integritätsentschädigung von Fr. 25'200.00 basierend auf einer Integritätseinbusse von
20% zu (Fremd-act. 20).
A.f.
Am 7. September 2016 berichtete Dr. med. H._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, dass beim Versicherte eine posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS, ICD-10 F43.1), eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode (F32.1), sowie Probleme in Verbindung mit der Berufstätigkeit
und Arbeitslosigkeit (Z56) vorlägen. Bei ungenügender beruflicher Reintegration und
fehlenden Behandlungsmöglichkeiten sei eine Chronifizierung der Beschwerden
wahrscheinlich. Der sukzessiven Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit würden
keine psychiatrischen Einschränkungen im Weg stehen. Der Versicherte habe die
Therapie im Mai 2016 aufgrund der Leistungseinstellung der Suva beendet (IV-act. 72).
A.g.
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B.
Die gegen die Verfügung des Unfallversicherers erhobene Einsprache wurde mit
Einspracheentscheid vom 22. Dezember 2016 abgewiesen (Fremd-act. 23; dieser
Entscheid wurde letztinstanzlich durch das Bundesgericht bestätigt [Urteil des
Bundesgerichtes vom 12. April 2019, 8C_768/2018]).
A.h.
Am 13. Dezember 2016 hatte die IV-Stelle dem Versicherten mitgeteilt, dass sie
ihm Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche (Arbeitsvermittlung) durch die
Stiftung I._ (nachfolgend: Stiftung I._) durch ihre Eingliederungsberatung gewähre.
Am 23. Dezember 2016 gewährte sie ihm zudem Arbeitsvermittlung (IV-act. 79 f.).
B.a.
Ab dem 1. Februar 2017 war der Versicherte als Industrielackierer im 50%-
Pensum bei der J._ AG, tätig (IV-act. 87). Im Zwischenbericht der Stiftung I._ vom
20. Juni 2017 wurde festgehalten, dass er eine wechselbelastende Tätigkeit ausübe
und das Pensum von 50% optimal sei. Eine Steigerung auf ein 60%-Pensum sei wegen
einer massiven Verstärkung der Rückenbeschwerden gescheitert (IV-act. 93). Der
Hausarzt des Versicherten bestätigte in seinem Bericht vom 5. Juli 2017 eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit (IV-act. 97).
B.b.
Die Ärzte des KSSG hielten im Bericht vom 23. August 2017 fest, dass sich
klinisch vornehmlich paravertebrale Myogelosen im Bereich des thorakolumbalen
Übergangs sowie Druckschmerzen in den Facettengelenken L4/5 und L5/S1 zeigten.
Dem Versicherten sei eine Facettengelenks-Infiltration angeboten worden, welche er
jedoch nicht wünsche (IV-act. 105).
B.c.
In der Folge veranlasste die IV-Stelle eine polydisziplinäre Begutachtung bei der
estimed AG, Zug (Disziplinen Allgemeine Innere Medizin, Neurologie, Chirurgie und
Psychiatrie, IV-act. 111, 114 ff.). Im entsprechenden Gutachten vom 25. April 2018
hielten die Gutachter fest, dass der Versicherte aufgrund der neurologischen und
chirurgischen Diagnosen eines chronischen Lumbovertebralsyndroms sowie eines
Status nach inkompletter Berstungsfraktur LWK 2 mit schmerzhafter
Bewegungseinschränkung sowie einer Muskelatrophie LWS links in seiner
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei. Auf psychiatrischem und internistischem Fachgebiet
lägen keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vor; insbesondere wirke sich
B.d.
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die auf psychiatrischem Fachgebiet gestellte Diagnose eines Status nach
Anpassungsstörung nicht auf die Arbeitsfähigkeit aus. Die in den Vorakten
diagnostizierte PTBS habe anlässlich der aktuellen Begutachtung ausgeschlossen
werden können. Unter Berücksichtigung des aktenkundigen Krankheitsverlaufs, der
Ergebnisse der Wiedereingliederungsmassnahmen sowie aufgrund der aktuellen
Untersuchungen sei sowohl in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Industrielackierer als
auch in einer adaptierten Tätigkeit eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit gegeben, wobei die
auf chirurgisch-orthopädischem Fachgebiet festgestellten
Gesundheitsbeeinträchtigungen massgeblich seien. Der Versicherte könne nicht mehr
in Zwangshaltungen arbeiten, keine schweren Gegenstände mehr heben und tragen
und keine Arbeiten im Knien, Überkopf oder in gebückter Haltung ausführen. Zumutbar
seien insbesondere wechselbelastende Tätigkeiten ohne überwiegendes Gehen oder
Stehen. Das Alter des Versicherten wirke sich nicht zusätzlich negativ aus. Eine
Tätigkeit als B._ sei dem Versicherten nicht mehr zumutbar (IV-act. 123).
Auf Rückfrage der IV-Stelle (IV-act. 125) äusserte sich der chirurgische estimed-
Gutachter dahingehend, dass sich im Vergleich zur kreisärztlichen Untersuchung (vom
26. April 2016) eine Verschlechterung eingestellt habe. Trotz dieser Verschlechterung
arbeite der Versicherte zu 50% als Pulverbeschichter und Lackierer; diese Arbeitsstelle
habe er selber gefunden. Die Gewichtsbelastung, die in der kreisärztlichen
Untersuchung formuliert worden sei, sei zu hoch. Die Gewichtslimite sollte bei 7.5kg
liegen und Zwangshaltungen sollten vermieden werden. In einer optimal angepassten
Arbeitsumgebung könne die Arbeitsfähigkeit auf 70% gesteigert werden
(Stellungnahme vom 29. September 2018, IV-act. 142).
B.e.
Am 21. Mai 2019 teilte die IV-Stelle dem Versicherten den Abschluss der
Arbeitsvermittlungsbemühungen mit, da er eine ideal adaptierte Anstellung gefunden
habe (IV-act. 159).
B.f.
Mit Vorbescheid vom 26. September 2019 stellte die IV-Stelle dem Versicherten
die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht (IV-act. 180).
B.g.
Gegen den Vorbescheid liess der Versicherte am 4. November 2019 Einwand
erheben und die Zusprache einer Rente basierend auf einen Invaliditätsgrad von 48%
B.h.
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C.
beantragen (IV-act. 183). Mit Verfügung vom 24. Februar 2020 verneinte die IV-Stelle
einen Rentenanspruch des Versicherten bei einem Invaliditätsgrad von 27% (IV-act.
186).
Dagegen liess der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Adrian
Rufener, St. Gallen, am 31. März 2020 Beschwerde erheben mit den Anträgen, die
Verfügung vom 24. Februar 2020 sei aufzuheben und es seien ihm die gesetzlichen
Leistungen zu erbringen. Das Verfahren sei zu sistieren, bis die Suva rechtskräftig über
den Antrag auf Neuprüfung eines Rentenanspruchs entschieden habe. Er liess geltend
machen, dass beim Abstellen auf die von den estimed-Gutachtern festgestellte
Arbeitsfähigkeit von 50% ein Invaliditätsgrad von über 40% resultiere (act. G 1).
C.a.
Am 27. April 2020 entsprach das Gericht dem Sistierungsgesuch und sistierte das
Verfahren (act. G 4, vgl. auch die Stellungnahme der IV-Stelle vom 17. April 2020,
act. G 3). Am 21. Mai 2021 hob es die Sistierung wieder auf und forderte die
Beschwerdegegnerin zur Einreichung der Beschwerdeantwort auf (act. G 7).
C.b.
Mit Beschwerdeantwort vom 1. Juli 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führte sie an, dass unter
Berücksichtigung der präzisierenden Stellungnahme des orthopädischen Experten vom
29. September 2018 auf das estimed-Gutachten abgestellt werden könne. Bei einer
Arbeitsfähigkeit von 70% ergebe sich beim vom Bundesgericht festgelegten
Valideneinkommen von Fr. 65'866.00 und einem auf den Lohnstrukturerhebungen
(LSE) basierenden Invalideneinkommen von Fr. 46'762.00 ein Invaliditätsgrad von 29%
(act. G 8).
C.c.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (vgl. act. G 13).C.d.
Die Parteien verzichteten auf eine Stellungnahme hinsichtlich der vom Gericht
beigezogenen Akten des Unfallversicherers (vgl. act. G 11 f., 14 ff.).
C.e.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Streitig und vorliegend zu prüfen ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführers.1.1.
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist dabei der
durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). Nach Art. 28
Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60%
invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf
eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein solcher auf
eine Viertelsrente.
1.2.
Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine
zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der medizinischen
Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
1.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/12
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2.
Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach haben Gericht und Verwaltung von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (Urteil des
Bundesgerichts vom 1. April 2011, 8C_73/2011, E. 4.1).
1.4.
In medizinischer Hinsicht steht aufgrund der vorliegenden Akten fest, dass sich der
Beschwerdeführer anlässlich des Unfallereignisses vom 10. August 2015 eine
inkomplette Berstungsfraktur LWK 2 zuzog, wobei er unstreitig nach wie vor an
Unfallrestfolgen in Form von Belastungsbeschwerden und Bewegungseinschränkungen
der Wirbelsäule leidet. Sodann besteht ärztlicherseits Einigkeit darüber, dass dem
Beschwerdeführer die angestammte Tätigkeit als B._ aufgrund der Belastung der
Wirbelsäule nicht mehr zumutbar und er somit in seiner angestammten Tätigkeit nicht
mehr arbeitsfähig ist (vgl. Fremd-act. 12-4; IV-act. 123-38).
2.1.
Umstritten ist hingegen die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in
angepassten Tätigkeiten. Die Beschwerdegegnerin legte der angefochtenen Verfügung
in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen das Gutachten der estimed AG vom 25. April
2018 zugrunde. Bezüglich der Arbeitsfähigkeitsschätzung wich sie jedoch davon ab
und stütze sich auf die in Beantwortung von Rückfragen abgegebene, vom Gutachten
abweichende Einschätzung des chirurgisch-orthopädischen Fachgutachters, wonach
die Arbeitsfähigkeit in einer optimal angepassten Arbeitsumgebung auf 70% gesteigert
werden könnte (act. G 7). Der Beschwerdeführer macht geltend, es sei (auch)
hinsichtlich der Arbeitsfähigkeitsschätzung auf das Gesamtgutachten abzustellen (act.
G 1).
2.2.
Die durch das Ereignis vom August 2015 erlittenen Unfallfolgen und deren
Auswirkung auf die Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers sind mit Urteil vom 12.
April 2019 vom Bundesgericht beurteilt worden (8C_768/2018). Dieses ist zum Schluss
gekommen, dass keine Erwerbseinbusse vorliege und der Beschwerdeführer keinen
Rentenanspruch habe. Es hat sich dabei auf die kreisärztliche Beurteilung vom 26. April
2016 gestützt; das estimed-Gutachten vom 25. April 2018 hat das Gericht unter
Verweis auf das beschränkte Novenrecht für unbeachtlich befunden (E. 3 und 4). In der
kreisärztlichen Beurteilung vom 26. April 2016 war dem Beschwerdeführer eine
angepasste leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeit mit einer
Gewichtslimite von 10kg und selten 15kg ohne Zwangshaltungen für den Rücken, ohne
vornüber geneigtes Arbeiten, ohne Überkopfarbeiten unter Last sowie ohne Arbeiten in
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/12
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3.
kauernder Stellung bzw. statischen Positionen vom Suva-Kreisarzt als vollzeitig
zumutbar erachtet worden (Fremd-act. 12).
Demgegenüber gingen die Sachverständigen im estimed-Gutachten vom 25. April
2018 (IV-act. 123) von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten aus,
wobei sie ausschliesslich die auf chirurgisch-orthopädischem Fachgebiet festgestellten
Gesundheitsbeeinträchtigungen eines chronischen Lumbovertebralsyndroms, eines
Status nach inkompletter Berstungsfraktur LWK 2 mit schmerzhafter
Bewegungseinschränkung sowie einer Muskelatrophie LWS als massgeblich
erachteten. Auf psychiatrischem und internistischem Fachgebiet stellten die Gutachter
keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Insbesondere wurde festgehalten,
dass sich die auf psychiatrischem Fachgebiet gestellte Diagnose eines Status nach
Anpassungsstörung nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirke und die in den Vorakten
diagnostizierte PTBS anlässlich der aktuellen Begutachtung habe ausgeschlossen
werden können. Die Gutachter kamen zum Schluss, dass das allgemeine und
berufliche Leistungsvermögen ausschliesslich durch die Wirbelsäulenproblematik
eingeschränkt sei (IV-act. 123-30). Der Beschwerdeführer könne nicht mehr in
Zwangshaltungen arbeiten, keine schweren Gegenstände mehr heben und tragen und
keine Arbeiten im Knien, Überkopf oder in gebückter Haltung ausführen. Zumutbar
seien insbesondere wechselbelastende Tätigkeiten ohne überwiegendes Gehen oder
Stehen (IV-act. 123-37 f.). Auf Rückfrage der Beschwerdegegnerin korrigierte der
chirurgische estimed-Gutachter seine gutachterliche Arbeitsfähigkeitsschätzung
dahingehend, dass die Arbeitsfähigkeit in einer optimal angepassten Arbeitsumgebung
auf 70% gesteigert werden könne. Er hielt fest, dass sich im Vergleich zur
kreisärztlichen Untersuchung eine klinische Verschlechterung eingestellt habe. Die
Gewichtsbelastung, die in der kreisärztlichen Untersuchung formuliert worden sei, sei
zu hoch. Die Gewichtslimite sollte bei 7.5kg liegen und Zwangshaltungen sollten
vermieden werden (Stellungnahme vom 29. September 2018, IV-act. 142).
2.4.
Bei der Würdigung der vorliegenden Aktenlage fällt ins Gewicht, dass das
Gutachten auf umfassender Aktenkenntnis sowie polydisziplinären Untersuchungen
beruht und das gesamte Leidensbild des Beschwerdeführers über die Folgen des
Unfallereignisses hinaus umfassend psychiatrisch und somatisch beurteilt. Das
Gutachten ist denn auch in Bezug auf die gestellten Diagnosen plausibel. Insbesondere
überzeugt mit Blick auf die Vorakten die Einschätzung der Gutachter, dass für die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers einzig die
Wirbelsäulenproblematik massgeblich ist und im Zeitpunkt der Begutachtung keine
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/12
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(überlagernden) psychischen Beschwerden oder neurologischen Beeinträchtigungen
vorgelegen haben. Insgesamt ist somit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer auch rund drei Jahre nach dem Ereignis vom
August 2015 weiterhin ausschliesslich durch (somatische) Unfallrestfolgen in seiner
Leistungs- und Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war. Hinweise darauf, dass sich dies bis
zum Verfügungszeitpunkt im Februar 2020 verändert haben könnte, liegen zudem nicht
vor.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Einschätzung des chirurgischen Gutachters
einer 50%igen (bzw. korrigiert 30%igen) Arbeitsunfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten
nicht hinreichend nachvollziehbar. Aus den Akten ergeben sich keine plausiblen
Hinweise darauf, dass seit der kreisärztlichen Beurteilung vom April 2016 eine derart
erhebliche Verschlechterung des Unfallschadens eingetreten wäre, dass sich die
Arbeitsfähigkeit in optimal rückenadaptierten Tätigkeiten auf die Hälfte reduziert haben
könnte. Zwar bestanden im Zeitpunkt der Begutachtung neben einer deutlichen
Muskelatrophie paravertebral links, Muskelverspannungen und schmerzhaften
Myogelosen insbesondere eine Druck- und Klopfschmerzhaftigkeit über sämtlichen
Dornfortsätzen der LWS (IV-act. 123-58, 142). Allerdings hatte der Kreisarzt bereits im
April 2016 einen Druck- und Klopfschmerz über den Dornfortsätzen der Wirbelkörper
B10 bis L5 und somit Druck- und Klopfschmerzen über der ganzen LWS und darüber
hinaus auf drei Segmenten der Brustwirbelsäule festgehalten (Fremd-act. 12-3).
Aufgrund dieser Befunde ist eine klinische Verschlechterung, wenn überhaupt, als
derart gering einzuschätzen, dass eine daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit von
30% oder gar 50% nicht plausibel erscheinen kann. Hinzu kommt, dass die rund 16
Monate nach der kreisärztlichen Beurteilung durchgeführte Röntgenuntersuchung
bildgebend ebenfalls keine erheblich verschlechterte Situation gezeigt hatte (vgl. auch
den Bericht des KSSG vom 23. August 2017, IV-act. 105). Schliesslich sind aus den
Akten auch keine äusseren Umstände ersichtlich, die auf einen gesteigerten
Leidensdruck des Beschwerdeführers hindeuten würden. Insbesondere hat dieser die
mehrmals empfohlenen Facettengelenks-Infiltrationen immer wieder abgelehnt (IV-act.
105, vgl. auch IV-act. 123-35). Zudem wurde keine regelmässige Schmerzmedikation
etabliert bzw. benötigt, sondern es blieb offenbar stets bei der gelegentlichen
Bedarfsmedikation (vgl. IV-act. 105-1 unten; 142-3). Nebenbei fällt zudem Folgendes
auf: In Beantwortung der Rückfragen hielt der chirurgische Gutachter fest, dass sich
bei der Beobachtung des Versicherten beim Entkleiden ebenfalls Defizite im Bereich
der unteren Körperhälfte gefunden hätten (IV-act. 142-4). In seinem Teilgutachten hatte
er die Ent- und Bekleidung am Ober- und Unterkörper jedoch als flüssig bezeichnet
und lediglich auf eine Schmerzangabe beim Bücken zum Entkleiden der Schuhe
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/12
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hingewiesen (IV-act. 123-58). Der internistische Gutachter hatte überdies sogar explizit
und detailliert festgehalten, dass er beim An- und Ausziehen keinerlei Einschränkungen
des Beschwerdeführers beobachtet hatte (IV-act. 123-19 oben). Insgesamt vermögen
es die Feststellungen des chirurgischen Gutachters im Rahmen der körperlichen
Untersuchung jedenfalls nicht als nachvollziehbar erscheinen lassen, dass bei optimal
rückenschonender Tätigkeit eine deutlich höhere quantitative Einschränkung bestehen
sollte, als sie vom Kreisarzt im April 2016 erhoben worden war. Nach dem Gesagten
vermag die Arbeitsfähigkeitsschätzung des chirurgischen Gutachters somit nicht zu
überzeugen. Dies umso weniger, als auch die auf Rückfrage der Beschwerdegegnerin
vorgenommene "Korrektur" der Arbeitsfähigkeitsschätzung von 50% auf 70% jegliche
Begründung vermissen lässt.
Der Umstand, dass der Beschwerdeführer eine Steigerung seiner Arbeitstätigkeit
von 50% auf 60% schmerzbedingt abbrechen musste, vermag für sich alleine keine
wesentliche Verschlechterung zu belegen, zumal aus den Akten nicht abschliessend
hervorgeht, ob die von ihm aktuell ausgeführte Arbeit als Industrielackierer ideal
adaptiert ist. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass es Aufgabe der Ärzte (und nicht von
verantwortlichen Personen eines Einsatzprogrammes oder des Arbeitgebers) ist, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Zwar hat der Hausarzt des Beschwerdeführers die 50%ige Arbeitsfähigkeit in
adaptierten Tätigkeiten in seinem Bericht vom 5. Juli 2017 bestätigt. Allerdings lässt
dieser Bericht ein objektives Zumutbarkeitsprofil für adaptierte Tätigkeiten und eine
überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung vermissen. Vielmehr hat der Hausarzt auf
einen Arbeitsplatzbeschrieb verzichtet mit dem kurzen Hinweis, der Beschwerdeführer
habe eine Stelle gefunden, "die auf ihn zugeschnitten" sei (IV-act. 97). Entgegen der
Ansicht des Beschwerdeführers ist somit nicht darauf abzustellen, wie er seine
Restarbeitsfähigkeit effektiv verwertet.
3.3.
Zusammenfassend überzeugt die gutachterlich festgelegte (hohe)
Arbeitsunfähigkeit vor dem Hintergrund einer weitgehend unveränderten
gesundheitlichen Situation ohne namhafte Verschlechterung nicht. Vielmehr ist die
gutachterliche Einschätzung als eine andere Beurteilung des seit der kreisärztlichen
Abklärung im Wesentlichen gleich gebliebenen Gesundheitszustands zu werten.
Nachdem sich auch aus den vom Beschwerdeführer vorgebrachten medizinischen
Einschätzungen keine objektiven Gesichtspunkte, die ausser Acht gelassen worden
wären, ergeben, ist auf die damalige, auch vom Bundesgericht als beweiskräftig
erachtete kreisärztliche Beurteilung abzustellen (vgl. auch den Bericht des KSSG vom
3.4.
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4.
Bei einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit und ohne
Gewährung eines namhaften Tabellenlohnabzugs (vgl. diesbezüglich das Urteil des
Bundesgerichtes vom 12. April 2019, 8C_768/2018, E. 5.2.3) resultiert offensichtlich
kein rentenbegründender Invaliditätsgrad von mindestens 40%. Dies wäre selbst dann
nicht der Fall, wenn auf eine Arbeitsfähigkeit von lediglich 70% abgestellt würde, zumal
das Valideneinkommen (vgl. das Urteil 8C_768/2018 E. 5.3.2) nicht über dem für das
Invalideneinkommen einschlägigen Tabellenlohn (vgl. das Urteil 8C_768/2018 E. 5.1.2)
liegt. Die von der Beschwerdegegnerin verfügte Abweisung des Rentenanspruchs
erweist sich deshalb im Ergebnis als korrekt.
5.