Decision ID: 4907db8c-39dd-53ef-b029-efdb13a99a6c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka gemäss eigenen Angaben am
(...). Am 30. September 2019 reiste er in die Schweiz ein und suchte glei-
chentags um Asyl nach. Mit Mandatserteilung vom 4. Oktober 2019 bevoll-
mächtigte er die ihm zugewiesene Rechtsvertretung. Am 7. Oktober 2019
fand die Personalienaufnahme statt. Die Vorinstanz hörte den Beschwer-
deführer am 11. November 2019 zu seinen Asylgründen an.
Im Wesentlichen machte der tamilische Beschwerdeführer geltend, er
stamme aus B._, C._, wo er mit seiner Mutter, seiner Tante
und deren Kindern zusammengelebt habe. Nach Erreichen des (...) habe
er die Schule abgebrochen. Von 20(...) bis 20(...) habe er mehr Zeit mit
seinem Cousin verbracht, auf (...) und als (...) gearbeitet. Als er am (...)
auf dem Weg zu seinem Cousin gewesen sei, habe er gesehen, wie Ange-
hörige der Karuna-Gruppe sowie des Criminal Investigation Department
(CID) dessen Haus verlassen hätten. Die Beamten hätten ihn bemerkt, tät-
lich angegriffen und sich daraufhin entfernt. Als er das Haus betreten habe,
habe er seinen Cousin erschossen vorgefunden. Er habe das Verbrechen
bei der Polizei angezeigt und erklärt, er könne die Täter beschreiben. (...)
Tage später sei seine Mutter von Unbekannten
oder Beamten des CID eingeschüchtert und es sei ihr mitgeteilt worden, er
werde getötet, sollte er vor Gericht aussagen. Auf Anraten seines Onkels
sei er daraufhin bei einer (...) Familie untergetaucht, welche etwas aus-
serhalb von D._ gelebt habe. Er habe zirka (...) Jahre bei dieser
Familie gelebt und sich äusserst selten nach draussen begeben. Seine
Mutter sei weiterhin von Mitgliedern der Karuna-Gruppe und des CID be-
helligt worden. Sie habe deshalb Klage bei der Polizei eingereicht. Er selbst
sei gerichtlich vorgeladen worden, habe den Termin jedoch aus Furcht, auf
dem Weg zum Gericht getötet zu werden, nicht wahrgenommen. Er gehe
davon aus, dass sowohl die Polizei als auch der CID in die Sache verwi-
ckelt seien. Als im Zuge der sogenannten Osteranschläge im April 2019
muslimische Personen vermehrt im Fokus der Behörden gestanden hätten,
seien diese auch zur Familie gekommen, bei welcher er untergetaucht sei.
Weil er sich nicht habe ausweisen können und die Behörden ihn anfangs
für einen Muslim gehalten hätten, sei er für eine Nacht zum Verhör mitge-
nommen worden, insbesondere wegen des Verdachts, womöglich mit den
Anschlägen in Verbindung zu stehen. Nachdem er geschlagen und ge-
zwungen worden sei, seine Kleider auszuziehen, habe er der Polizei
E-6303/2019
Seite 3
schliesslich seine wahre Identität preisgegeben. Dabei habe sich heraus-
gestellt, dass er gerichtlich gesucht werde und ein Haftbefehl gegen ihn
vorliege. Dank guter Beziehungen seines Umfeldes und der Bezahlung ei-
ner Geldsumme sei er freigelassen worden. Danach sei er für kurze Zeit
bei einer (...) Familie untergetaucht und habe das Land schliesslich am
(...) mit einem gefälschten Pass verlassen. Zu seiner Gesundheit befragt
führte er aus, er leide an Herzproblemen und habe in seiner Heimat des-
halb Medikamente erhalten.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer seine Identitätskarte im Origi-
nal, die Kopie des Polizeirapports bezüglich seiner Aussagen über den Tat-
hergang, die Kopie der Anzeige der Mutter, die Kopie eine Arrestbestäti-
gung, die Kopie einer gerichtlichen Vorladung sowie medizinische Unterla-
gen zu seinen Behandlungen im Heimatland und zu seinen ärztlichen Kon-
sultationen in der Schweiz zu den Akten.
B.
Am 18. November 2019 nahm der Beschwerdeführer Stellung zum Ent-
scheidentwurf des SEM vom 15. November 2019. Zusammen mit der Stel-
lungnahme reichte er eine Kopie der Todesurkunde betreffend den Cousin
sowie eine Fotografie zu den Akten.
C.
Am 19. November 2019 gab der Beschwerdeführer einen weiteren medizi-
nischen Bericht sowie ein fremdsprachiges Dokument zu den Akten.
D.
Mit Verfügung vom 19. November 2019 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnetet den Voll-
zug der Wegweisung an.
E.
Am 21. November 2019 erklärte die Rechtsvertretung gegenüber der Vor-
instanz das Mandat für beendet.
F.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 28. November 2019 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt, der Entscheid der
Vorinstanz sei vollumfänglich aufzuheben und zur vollständigen Erhebung
des Sachverhaltes an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei der
E-6303/2019
Seite 4
Entscheid vollumfänglich aufzuheben und ihm Asyl zu gewähren. Sube-
ventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit, des Weg-
weisungsvollzuges festzustellen und ihm als Folge davon die vorläufige
Aufnahme zu gewähren. Ferner sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu
gewähren und insbesondere auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer ein fremdsprachiges Schrei-
ben, verschiedene Medienartikel, drei Fotos sowie eine Kostennote der
Rechtsvertretung zu den Akten.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Dezember 2019 hiess die Instruktionsrich-
terin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, in-
klusive Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses, sowie um amtli-
che Rechtsverbeiständung gut und lud die Vorinstanz zur Einreichung ei-
ner Vernehmlassung ein.
H.
Die Vorinstanz beantragt in der Vernehmlassung vom 13. Dezember 2019
die Abweisung der Beschwerde.
I.
Innert angesetzter Frist ging beim Gericht die Replik des Beschwerdefüh-
rers vom 2. Januar 2020 ein, mit welcher er einen Polizeirapport mit Über-
setzung, mehrere Medienartikel mit Übersetzung, eine beglaubigte Kopie
der Todesurkunde des Cousins, diverse Fotografien sowie eine aktuali-
sierte Kostennote seiner Rechtsvertretung zu den Akten gab.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 Asylgesetz [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
E-6303/2019
Seite 5
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
4.
Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an
die Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG noch denjenigen an das
Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG stand.
Zur Begründung wird in der Verfügung ausgeführt, die geltend gemachte
Gefahr, welche von den angeblichen Mördern des Cousins ausgehe, wäre
selbst bei Wahrunterstellung flüchtlingsrechtlich nicht relevant, da sich eine
mögliche Verfolgung nicht auf ein Motiv im Sinne von Art. 3 AsylG stütze.
Er habe kein Risikoprofil im Sinne der Rechtsprechung. Namentlich habe
er (...) Jahre nach Ende des Krieges in Sri Lanka gelebt. Sodann seien die
E-6303/2019
Seite 6
Ausführungen zur Tötung des Cousins, zu den anschliessenden Behelli-
gungen der Mutter und zum Verhalten der Behörden konfus und wider-
sprüchlich, wirkten an diversen Stellen als nachgeschoben und würden oft-
mals der Logik entbehren. Unter anderem seien seine Angaben zu den Tä-
tern widersprüchlich. Die eingereichten Beweismittel seien darüber hinaus
zu wenig aussagekräftig, um seine unsubstantiierten Schilderungen in ir-
gendeiner Weise stützen zu können.
5.
In der Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer einleitend gel-
tend, trotz Stellen eines entsprechenden Antrags habe es die Vorinstanz
abgelehnt, ihm eine Nachfrist zur Einreichung eines lesbaren Exemplars
seiner Meldung bei der Polizei zu gewähren. Sodann habe sie die einge-
reichte Todesurkunde des Cousins nicht in angemessener Weise gewür-
digt. Weiter spreche sie den Beweismitteln in Kopie in pauschaler Weise
den Beweiswert ab. Aufgrund dieser Verfahrensführung seien sowohl der
Anspruch auf Gewährung des rechtlichen Gehörs sowie die Pflicht zur
sorgfältigen und vollständigen Sachverhaltsabklärung durch die entschei-
dende Behörde verletzt worden. Zudem hätte die Angelegenheit aufgrund
ihrer Komplexität im erweiterten Verfahren durchgeführt werden müssen,
weshalb – insbesondere mit Blick auf die kurze Beschwerdefrist bei be-
schleunigten Verfahren – seine Verfahrensrechte abermals verletzt worden
seien. Ferner könne nicht davon gesprochen werden, dass er in Bezug auf
die Mörder seines Cousins widersprüchliche Angaben gemacht habe. Ins-
besondere habe er von Anfang an von vier Tätern gesprochen und diese
klar beschrieben. Ebenso habe er die Bedrohung der Mutter kohärent ge-
schildert und die von der Vorinstanz aufgezählten Widersprüche seien kon-
struiert respektive teilweise auf Missverständnisse zurückzuführen. Dass
er ferner über die Motive der Täter nur Vermutungen äussern könne bezie-
hungsweise diese nicht kenne, könne ihm nicht angelastet werden. So-
dann blende die Vorinstanz den spezifischen Länderkontext aus, wenn sie
festhalte, es sei nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer einer-
seits von den Behörden an einer Zeugenaussage gehindert, gleichzeitig
jedoch vom Gericht zu einer solchen aufgefordert werde. Des Weiteren
gehe aus den Schilderungen hervor, dass der sri-lankische Staat nicht wil-
lens beziehungsweise fähig sei, ihm als ethnischen Tamilen als Mordzeuge
den nötigen Schutz zu gewähren. Gestützt darauf habe er begründete
Furcht bei einer Rückkehr in sein Heimatland flüchtlingsrechtlich relevanter
Verfolgung ausgesetzt zu sein. Aufgrund der Aktenlage könne ferner nicht
ausgeschlossen werden, dass ihn die Behörden für den Tod des Cousins
E-6303/2019
Seite 7
verantwortlich machen wollten. Schliesslich würde er unter anderem auf-
grund seiner Herkunft, der illegalen Ausreise sowie des Umstands, dass er
kurz vor der Flucht inhaftiert gewesen sei, bei der Einreise unweigerlich die
Aufmerksamkeit der Behörden auf sich ziehen.
6.
In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, die vom Beschwerdefüh-
rer eingereichten Beweismittel vermöchten nicht zu belegen, dass sein
Cousin unter den geltend gemachten Umständen ums Leben gekommen
sei beziehungsweise dass er deshalb selber in flüchtlingsrechtlich relevan-
ter Weise verfolgt werde. Es habe sich folglich erübrigt, sich vertieft mit den
einzelnen Dokumenten auseinanderzusetzen. Insbesondere angesichts
der leichten Fälschbarkeit und der festgestellten Widersprüche in den
Fluchtvorbringen habe es sich nicht aufgedrängt, das Nachreichen einer
lesbaren Polizeimeldung abzuwarten. Ferner erweise sich der Vorhalt, an-
gesichts der gegebenen Komplexität hätte der Fall in das erweiterte Ver-
fahren überführt werden müssen und aufgrund der verkürzten Rechtsmit-
telfrist seien die Verfahrensrechte des Beschwerdeführers beschnitten
worden, als haltlos. Sodann sei unter anderem das Motiv seiner angebli-
chen Verfolger flüchtlingsrechtlich nicht relevant und der Behauptung, er
werde im Heimatland als Tamile durch die Behörden nicht angemessen
geschützt, könne nicht gefolgt werden. Dass er den Verdacht hege, die
Behörden könnten ihn für den Tod seines Cousins verantwortlich machen,
bringe er erst auf Beschwerdeebene vor, wobei den Akten nichts zu ent-
nehmen sei, was diese Vermutung stützen könnte. Vor dem Hintergrund
seiner bisherigen Aussagen sehe sich die Vorinstanz vielmehr in ihrer Ein-
schätzung bestärkt, dass seine Fluchtvorbringen unglaubhaft seien.
7.
In der Replik hält der Beschwerdeführer daran fest, eine vertiefte Ausei-
nandersetzung mit den Beweismitteln hätte sich aufgedrängt und das Asyl-
gesuch hätte im erweiterten Verfahren behandelt werden müssen. Hätte
sich die Vorinstanz zum Beispiel eingehend mit dem Polizeirapport ausei-
nandergesetzt, wäre für sie ersichtlich gewesen, dass er stets von vier Tä-
tern gesprochen habe. Die eingereichten Beweismittel könnten den Tod
des Cousins und seine Involvierung belegen. Zudem übersehe die Vor-
instanz bei ihrer Argumentation, dass die Tötung des Cousins mediales In-
teresse hervorgerufen habe und die Autoritäten deshalb, trotz der Beteili-
gung des CID, nicht untätig hätten bleiben können. Wie den eingereichten
Zeitungsartikeln sodann entnommen werden könne, seien im Zusammen-
hang mit der Tötung des Cousins (...) ehemalige Anhänger der Liberation
E-6303/2019
Seite 8
Tigers of Tamil Eelam (LTTE) vorübergehend festgenommen worden, was
den Verdacht verstärke, die Behörden könnten versucht sein, jemand an-
deres für den Tod verantwortlich zu machen.
8.
Die vom Beschwerdeführer erhobenen formellen Rügen der Verletzung
des rechtlichen Gehörs sowie der unrichtigen Sachverhaltserstellung sind
vorab zu behandeln, da sie geeignet sein könnten, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
Soweit der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe ihm zu Unrecht
keine Nachfrist zur Nachreichung eines lesbaren Polizeirapports einge-
räumt und er sich dabei auf Art. 110 Abs. 2 AsylG stützt, ist vorab darauf
hinzuweisen, dass sich diese Bestimmung auf das Beschwerdeverfahren
vor Gericht bezieht. Sodann oblag es dem Beschwerdeführer im Rahmen
seiner Mitwirkungspflicht, taugliche Beweismittel unverzüglich einzu-
reichen oder sich darum zu bemühen, solche innert angemessener Frist zu
beschaffen (Art. 8 Abs. 1 Bst. d AsylG). Der rechtlich vertretene Beschwer-
deführer hatte vom Zeitpunkt der Stellung des Gesuches am 30. Septem-
ber 2019 bis zur Anhörung am 11. November 2019 – entgegen seiner An-
sicht – genügend Zeit, taugliche Beweismittel einzureichen. Allfällige Kom-
plikationen bei der Beweismittelbeschaffung liegen grundsätzlich in seiner
Risikosphäre (vgl. die Beweisfolgelast von Art. 7 AsylG). Dass er eine
schlecht lesbare Kopie eines Polizeirapports zu den Akten reicht, ist ihm
selber anzulasten. Aufgrund des unbestimmten Hinweises, er werde sich
bemühen, eine besser lesbare Version einzureichen, war die Vorinstanz –
auch mit Blick auf die zu beachtende Behandlungsfrist (vgl. Art. 37 Abs. 2
AsylG) – nicht gehalten, dem Beschwerdeführer eine förmliche Frist anzu-
setzen oder den Entscheid bis zur Beibringung eines entsprechenden Do-
kuments auszusetzen. Sodann stand es dem Beschwerdeführer stets frei,
weitere Beweismittel im Rahmen von Art. 32 Abs. 2 VwVG nachzureichen.
Dass die Vorinstanz ferner die mit der Stellungnahme eingereichte Todes-
urkunde nicht übersetzen liess und diese auch nicht explizit Erwähnung in
der Entscheidbegründung fand, ist nicht zu beanstanden, zumal sie die
Flüchtlingseigenschaft selbst bei Wahrunterstellung der Vorbringen als
nicht erfüllt betrachtete und für die Übersetzung in diesem Sinne keine Not-
wendigkeit bestand (vgl. Art. 33a Abs. 4 VwVG). Bei dieser Ausgangslage
ist nicht zu beanstanden, dass es die Vorinstanz nicht als geboten erach-
tete, weitere Abklärungen zu tätigen und den Entscheid im beschleunigten
Verfahren fällte (vgl. Art. 26d AsylG). Im Übrigen legt der Beschwerdeführer
E-6303/2019
Seite 9
nicht dar, inwiefern ihm daraus ein Nachteil erwachsen sein soll; solches
ist auch nicht ersichtlich.
Aufgrund des Ausgeführte ist festzuhalten, dass keine Verletzung der Ver-
fahrensrechte des Beschwerdeführers festzustellen ist und sich folglich
keine Kassation aufdrängt.
9.
9.1 Es ist vorab festzustellen, dass die Vorinstanz eine Glaubhaftigkeits-
prüfung der Vorbringen des Beschwerdeführers unter Art. 3 EMRK prüfte
und nicht bereits unter dem Aspekt der Flüchtlingseigenschaft. Dem Be-
schwerdeführer ist daraus im Ergebnis kein Nachteil erwachsen, weshalb
auf den Aufbau des vorinstanzlichen Entscheides nicht weiter einzugehen
ist.
9.2 Der Beschwerdeführer begründet seine Flüchtlingseigenschaft im We-
sentlichen damit, er sei Zeuge eines Mordes geworden, in welchen auch
staatlichen Autoritäten verwickelt gewesen seien, weshalb er für den Fall
einer Rückkehr in sein Heimatland begründete Furcht habe, in flüchtlings-
rechtlich relevanter Weise verfolgt zu werden. Dies insbesondere deshalb,
da ihm die Staatsgewalt keinen Schutz vor den Tätern gewähren werde.
9.3 Aus den eingereichten Medienberichten und den dazugehörigen Über-
setzungen geht hervor, dass am (...) ein Beamter des (...), E._, ge-
tötet wurde. Den Berichten ist weder ein Hinweis auf die Täterschaft noch
auf das Tatmotiv zu entnehmen. Gemäss den Vorbringen des Beschwer-
deführers habe es sich beim Getöteten um eine enge Bezugsperson ge-
handelt, welche er als Cousin bezeichnet, obwohl der Verwandtschaftsgrad
weiter auseinandergelegen habe (vgl. SEM-Akten A24/24 Q85).
Die Beweismittel, welche den engsten Zusammenhang mit der Tötung des
Beamten beziehungsweise des "Cousins" und der diesbezüglichen Zeu-
geneigenschaft des Beschwerdeführers aufweisen, sind der eingereichte
Polizeirapport und die Anzeige der Mutter bei der Polizei.
Im Zusammenhang mit dem eingereichten Polizeirapport, welcher den vom
Beschwerdeführer geschilderten Tathergang wiedergibt, fällt auf, dass das
auf dem Rapport angebrachte letzte Datum unten links ([...]) sowie der
Stempel unten rechts unleserlich sind, weil die oberen und die unteren Zif-
fern- beziehungsweise Schrifthälften jeweils versetzt zueinanderstehen,
was einerseits ein Kopierfehler sein oder auf eine Bearbeitung hindeuten
E-6303/2019
Seite 10
könnte. Sodann ergibt sich aus der Abbildung nicht klar, ob sämtliche An-
gaben zum eigentlichen Dokument gehören oder teilweise Bestandteil ei-
nes darunterliegenden Dokuments bilden. Der Stempel der Polizeistation
ist ferner so angebracht, dass er die darunter stehenden Angaben verdeckt
(vgl. Beilage 1 zur Replik). Bereits aufgrund dieser formellen Inkonsisten-
zen und nicht zuletzt angesichts des Umstandes, dass das Dokument le-
diglich als Kopie vorliegt, kann dem Beweismittel insgesamt nur ein gerin-
ger Beweiswert attestiert werden. Gleiches ist bezüglich der Anzeige der
Mutter bei der Polizei festzustellen, welche ebenfalls nur in Kopie vorhan-
den ist. Ferner wären ihre Aussagen – sollte sie diese tatsächlich in dieser
Form gemacht haben – insbesondere vor dem Hintergrund des engen ver-
wandtschaftlichen Verhältnisses zu würdigen und vermöchten für sich die
Fluchtvorbringen des Beschwerdeführers nicht zu belegen. Die eingereich-
ten Medienartikel enthalten keine Hinweise darauf, der Beschwerdeführer
sei in irgendeiner Weise in den Tathergang involviert gewesen. Weiter sind
der gerichtlichen Vorladung in Kopie weder Erscheinungs- noch Anklage-
grund zu entnehmen (vgl. die anlässlich der Anhörung gemachten Über-
setzungen, SEM-Akten A24/24 Q72), weshalb auch dieses Dokument kei-
nen Bezug zwischen der beschriebenen Tat und der behaupteten Zeu-
geneigenschaft des Beschwerdeführers herzustellen vermag.
Zu den Fotografien, welche anscheinend in einem Spital aufgenommen
wurden und welche eine Person auf einer Barre – einmal auch in Anwe-
senheit eines Zivilisten – zeigen (vgl. die nicht nummerierten Beilagen zur
Rechtsmitteleingabe), ist festzuhalten, dass den Bildern nicht entnommen
werden kann, ob sie tatsachlich die erwähnte getötete Person sowie den
Beschwerdeführer zeigen. Sodann ist auch damit nicht substantiiert darge-
legt, dass der Beschwerdeführer zum Tatzeitpunkt vor Ort gewesen bezie-
hungsweise in die Tat als Zeuge verwickelt war.
Demnach ist festzuhalten, dass die Beweismittel weder für sich, noch in
ihrer Gesamtheit genügend substantiiert darzulegen vermögen, der Be-
schwerdeführer sei Zeuge eines Mordes geworden.
9.4 Zur behaupteten Täterschaft ist festzuhalten, dass der Beschwerdefüh-
rer diese dem CID sowie der Karuna-Gruppe zuordnet. Es ist in diesem
Zusammenhang festzuhalten, dass es sich zumindest um einen bemer-
kenswerten Zufall handelt, dass der Beschwerdeführer sämtliche dieser
vier Personen kennen will und sie einem politischen Lager zuordnen kann.
Die CID-Beamten habe er erkannt, weil er diese einmal im Büro des CID
E-6303/2019
Seite 11
gesehen habe, als er und der Cousin sich dort aufgehalten hätten. Die Ka-
runa-Angehörigen habe er bereits einmal anlässlich einer religiösen Zere-
monie gesehen (vgl. SEM-Akten 24/24 Q77 und Q91). Weiter stellt sich die
Frage, weshalb die Täter eines Mordes nicht entsprechende Massnahmen
gegen ihre Erkennung ergreifen, zumal die Tat in einer belebten Gegend
stattgefunden zu haben scheint (zum Beispiel habe sich nur 100 Meter vom
Tatort ein Geschäft befunden [a.a.O. Q64]). Sodann ist den Aussagen des
Beschwerdeführers sowie der Übersetzung des Medienartikels vom (...) zu
entnehmen, dass sich auch die (...) des Getöteten im Haus beziehungs-
weise am Tatort aufgehalten habe (vgl. Beilage 3 zur Replik). Gemäss Aus-
sage des Beschwerdeführers habe sie die Täter beim Betreten des Hauses
gesehen (vgl. SEM-Akten A24/24 Q64). Dabei ist jedoch nicht aktenkundig,
dass die (...) nach der Tat unter Druck gesetzt worden wäre. Aufgrund die-
ser Ungereimtheiten ist nicht vertieft darauf einzugehen, ob der Beschwer-
deführer von Beginn der vorinstanzlichen Anhörung an von vier Tätern ge-
sprochen habe. Nur ergänzungshalber ist anzumerken, dass die Medien-
artikel durchwegs von (...) Tätern sprechen (vgl. Beilagen 2 bis 4 zur Rep-
lik).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Fluchtvorbringen des Be-
schwerdeführers von diversen Zufällen geprägt sind und an zahlreichen
Stellen Fragen offenlassen. Sodann weisen die zur Untermauerung seiner
Schilderungen eingereichten Beweismittel nur geringe Beweiskraft bezie-
hungsweise nur geringen Beweiswert auf.
9.5 Ergänzend ist festzuhalten, dass die vom Beschwerdeführer geltend
gemachte kurze Verhaftung im Jahre 20(...) und die in diesem Zusammen-
hang vorgebrachten Misshandlungen gemäss seinen Schilderungen nicht
wegen seiner Eigenschaft als Zeuge eines Mords sondern – unter dem
Eindruck der sogenannten Osteranschläge – wegen Terrorverdachts er-
folgten. Ferner ist darauf hinzuweisen, dass gemäss Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts der sri-lankische Staat auch gegenüber Min-
derheiten wie der muslimischen und tamilischen Bevölkerung grundsätz-
lich als schutzfähig und schutzwillig gilt (vgl. Urteile des BVGer
E-6467/2018 vom 15. Januar 2021 E.8.2.2.2 sowie E-557/2017 vom 17.
Juli 2019 E. 6.2 f. m.w.H.). Es sind – auch vor dem Hintergrund des vorste-
hend Ausgeführten – keine genügenden Anzeichen dafür ersichtlich, dass
dies in Bezug auf den Beschwerdeführer nicht der Fall sein sollte. Unter
anderem die von ihm geschilderte Freilassung nach Bezahlung einer Geld-
summe – und nachdem den Behörden seine wahre Identität bekannt ge-
wesen sei – spricht nicht dafür, die heimatlichen Behörden würden ihn als
E-6303/2019
Seite 12
gefährlichen Kronzeugen betrachten, welchen es mundtot zu machen
gelte.
9.6 Im Zusammenhang mit nach Sri Lanka Zurückkehrenden hielt das Bun-
desverwaltungsgericht im Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 (als Refe-
renzurteil publiziert) fest, bestimmte Risikofaktoren (Eintrag in die „Stop-
List“, Verbindung zu den LTTE und exilpolitische Aktivitäten) seien als stark
risikobegründend zu qualifizieren, da sie unter den im Entscheid dargeleg-
ten Umständen zur Bejahung einer begründeten Furcht führen könnten.
Demgegenüber würden das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente, eine
zwangsweise respektive durch die IOM begleitete Rückführung sowie gut
sichtbare Narben schwach risikobegründende Faktoren darstellen. Dies
bedeute, dass diese in der Regel für sich alleine genommen keine rele-
vante Furcht vor ernsthaften Nachteilen zu begründen vermöchten. Jegli-
che glaubhaft gemachten Risikofaktoren seien in einer Gesamtschau und
in ihrer Wechselwirkung sowie unter Berücksichtigung der konkreten Um-
stände in einer Einzelfallprüfung zu berücksichtigen, mit dem Ziel, zu er-
wägen, ob mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich re-
levante Verfolgung bejaht werden müsse (vgl. a.a.O. E. 8.5.5).
Laut den Aussagen des Beschwerdeführers wurde er im Jahre 20(...) zur
Identitätserkennung und wegen Terrorverdachts für eine Nacht festgenom-
men. Nachdem seine Identität und damit seine tamilische Ethnie den Be-
hörden bekannt gewesen seien, hätten sie ihn gegen Bezahlung einer
Geldsumme wieder auf freien Fuss gesetzt. Es habe sich jedoch heraus-
gestellt, dass gegen ihn eine gerichtliche Vorladung beziehungsweise ein
Haftbefehl ausgestellt worden seien.
Gemäss den vorstehenden Erwägungen konnte der Beschwerdeführer
nicht darlegen, er stehe als Zeuge im Zusammenhang mit der Tötung sei-
nes Cousins in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise im Fokus der heimat-
lichen Behörden. Der lediglich in Kopie vorliegenden gerichtlichen Urkunde
kann nicht entnommen werden, weshalb er vor Gericht geladen wurde (vgl.
dazu E. 8.2.2). Andere allfällige Risikofaktoren sind nicht aktenkundig und
alleine aufgrund des Umstandes, dass er sich während längerer Zeit im
Ausland aufgehalten hat und sich für die Rückreise allenfalls Papiere wird
beschaffen müssen, besteht keine Veranlassung zur Annahme, er werde
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit hoher Wahrscheinlichkeit Verfol-
gung im flüchtlingsrechtlichen Sinne ausgesetzt sein.
E-6303/2019
Seite 13
9.7 Aufgrund des Ausgeführten ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein
Asylgesuch abgelehnt hat.
10.
10.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf
nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit
der Familie (Art. 44 AsylG).
10.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.2
11.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
E-6303/2019
Seite 14
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte
und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder un-
menschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen
werden.
Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erheb-
liche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in
Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerde-
führers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG
rechtmässig.
11.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Zudem ergeben sich auch keine konkreten Hinweise darauf,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen sogenannten
"Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In-
und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre.
11.2.3 Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka für sich alleine
lässt den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts nicht unzu-
lässig erscheinen (vgl. Urteil BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
E. 12.2). Auch der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick
auf eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem
europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt be-
fasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013,
Beschwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, a.a.O.; T.N. gegen
E-6303/2019
Seite 15
Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. ge-
gen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08;
Rechtsprechung zuletzt bestätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom
11. Juli 2017, Beschwerde Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichts-
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehren-
den Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Daran vermögen der
Regierungswechsel vom November 2019 sowie die aktuelle Situation in Sri
Lanka nichts zu ändern (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer E-1781/2020
vom 2. August 2021 E. 11.2).
11.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinn der flüchtlings- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zuläs-
sig.
11.3
11.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Bei der Frage des Vorhanden-
seins einer genügenden medizinischen Infrastruktur ist nicht erforderlich,
dass die Behandlung dort dem schweizerischen Standard entspricht (vgl.
BVGE 2009/2 E. 9.3.2 S. 21, EMARK 2003 Nr. 24 E. 5a und b).
11.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Nach einer eingehen-
den Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist das Bundes-
verwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass der Wegweisungsvoll-
zug in die Nordprovinz zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen
Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiä-
ren oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte
Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Urteil des
BVGer E-1866/2015 E. 13.2). In einem als Referenzurteil publizierten Ent-
scheid erachtet das Bundesverwaltungsgericht auch den Wegweisungs-
vollzug ins „Vanni-Gebiet“ als zumutbar (vgl. Urteil des BVGer
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5).
11.3.3 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen Mann,
welcher mehrere Jahre die Schule besuchte und im Heimatland über Ar-
beitserfahrung sowie ein soziales beziehungsweise familiäres Netzwerk
E-6303/2019
Seite 16
verfügt. Die Beschwerde enthält keine Ausführungen zur individuellen Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzuges und es kann diesbezüglich auf die
zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz – insbesondere auch zur Mög-
lichkeit der Behandlung seiner gesundheitlichen Leiden – verwiesen wer-
den.
11.3.4 Aufgrund des Ausgeführten erweist sich der Wegweisungsvollzug
sowohl in allgemeiner sowie in individueller Hinsicht als zumutbar.
11.4 Schliesslich verfügt der Beschwerdeführer über eine Identitätskarte
im Original und obliegt es ihm, sich bei der zuständigen Vertretung des
Heimatstaates die für eine Rückkehr weiteren notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
12.
Zusammenfassend ist der Wegweisungsvollzug als zulässig, zumutbar
und möglich zu bezeichnen. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt
somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
13.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – ange-
messen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
14.
14.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwischen-
verfügung vom 3. Dezember 2019 die unentgeltliche Prozessführung ge-
währt wurde und den Akten keine Hinweise auf Veränderungen seiner fi-
nanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, sind keine Verfahrenskosten
zu erheben.
14.2 Mit Replik vom 2. Januar 2020 wurde eine aktualisierte Kostennote zu
den Akten gegeben. Darin wird ein zeitlicher Aufwand von 11.5 Stunden zu
einem Stundensatz von Fr. 150.– geltend gemacht. Zusätzlich werden ein
Übersetzungsaufwand von 2.5 Stunden zu einem Stundensatz von Fr. 80.–
sowie Spesen in der Höhe von Fr. 8.– ausgewiesenen. Die deklarierten
Aufwände erweisen sich als angemessen und der Rechtsbeiständin ist ein
amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 1'933.– auszurichten (vgl. Art. 65
Abs. 2 VwVG i.V.m. Art. 12 und 8 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
E-6303/2019
Seite 17
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-6303/2019
Seite 18