Decision ID: 46bf62b4-0f22-4fcd-8d08-0a7948a22c7e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin (syrische Staatsangehörige, geb. [...]) ersuchte
am 22. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl. Anlässlich der Anhörung vom
12. August 2022 äusserte sie betreffend Kantonszuteilung den Wunsch, in
den Kanton B._ zugeteilt zu werden. Dort lebe ihr Bruder
C._. Dieser sei wie ein Freund für sie und stehe ihr sehr nahe. Er
unterstütze sie und habe sich bereit erklärt, die Arzttermine für sie zu orga-
nisieren und sie nötigenfalls zu begleiten. Sie verstehe sich auch gut mit
der Ehefrau ihres Bruders. Die Beziehung zu ihren anderen vier Brüdern,
die ebenfalls in der Schweiz seien, sei ebenfalls gut, aber mit C._
habe sie eine engere Beziehung. Wenn sie in einen anderen Kanton zuge-
teilt würde, würde es ihr psychisch schlechter gehen.
B.
Mit am 23. August 2022 datiertem Entscheidentwurf teilte das SEM der Be-
schwerdeführerin mit, ihr Asylgesuch werde abgewiesen, sie werde vorläu-
fig aufgenommen und für ihren weiteren Aufenthalt in der Schweiz dem
Kanton D._ zugewiesen. Mit entsprechender Stellungnahme vom
22. August 2022 beantragte die Beschwerdeführerin erneut die Zuweisung
in den Kanton B._. Sie sei auf ihren Bruder, der in E._ lebe,
angewiesen, da sie selbst nicht in der Lage sei, ärztliche Termine zu orga-
nisieren und wahrzunehmen.
C.
Mit Verfügung vom 23. August 2022 stellte das SEM fest, die Beschwerde-
führerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab
und wies sie aus der Schweiz weg. Gleichzeitig verfügte es die vorläufige
Aufnahme der Beschwerdeführerin und wies sie dem Kanton D._
zu, der mit der Umsetzung der vorläufigen Aufnahme beauftragt wurde.
Ferner stellte das SEM fest, eine allfällige Beschwerde gegen die Kantons-
zuweisung habe keine aufschiebende Wirkung.
D.
Am 26. August 2022 erliess das SEM einen «Zuweisungsentscheid an den
Kanton» und verfügte die Zuweisung der Beschwerdeführerin an den Kan-
ton D._. Ferner stellte es fest, eine allfällige Beschwerde gegen die
Kantonszuweisung habe keine aufschiebende Wirkung.
E.
Am 1. September 2022 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde beim
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Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der Verfügung
vom 26. August 2022. Die Vorinstanz sei anzuweisen, sie dem Kanton
B._ zuzuweisen. Ferner ersuchte sie um Wiederherstellung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde, vorsorgliche Zuweisung an den
Kanton B._ und superprovisorische Anweisung an die Vollzugsbe-
hörden, von einer Zuweisung an den Kanton D._ abzusehen, bis
das Bundesverwaltungsgericht über die Wiederherstellung der aufschie-
benden Wirkung und die vorsorglichen Massnahmen entschieden habe.
Darüber hinaus beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Gemäss Art. 105 AsylG (SR 142.31) i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des
Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführerin
ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Entscheide über die Zuweisung der asylsuchenden Person an einen
Kanton können gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG – Art. 27 Abs. 3 AsylG geht
als spezielle Bestimmung der allgemeinen Regel von Art. 106 Abs. 1 AsylG
vor (Art. 106 Abs. 2 AsylG) – nur mit der Begründung angefochten werden,
sie verletzten den Grundsatz der Einheit der Familie.
2.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei-
ten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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3.
3.1 Gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG weist das SEM die Asylsuchenden den
Kantonen zu und trägt dabei den schützenswerten Interessen der Kantone
und der Asylsuchenden Rechnung. Die Verteilung erfolgt nach einem
Schlüssel gemäss Art. 21 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
(AsylV 1, SR 142.311), wobei das SEM bei der Verteilung bereits in der
Schweiz lebende Familienangehörige, die Staatsangehörigkeit der Asylsu-
chenden und besonders betreuungsintensive Fälle berücksichtigt (Art. 22
Abs. 1 AsylV 1).
3.2 Der Begriff der «Einheit der Familie» gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG wird
im Asylgesetz einheitlich verwendet und entspricht dem Schutzbereich von
Art. 8 EMRK (BVGE 2008/47 E. 4.1). Er umfasst demnach die Kernfamilie,
d.h. Ehegatten, eingetragene Partnerinnen und Partner, in dauernder ehe-
ähnlicher Gemeinschaft zusammenlebende Personen sowie deren minder-
jährige Kinder (vgl. Art. 1a Bst. e AsylV 1). Andere familiäre Beziehungen
stehen nur in besonderen Fällen unter dem Schutz dieser Garantie. Ist die
Beziehung zwischen Eltern und ihren volljährigen Kindern oder zwischen
erwachsenen Geschwistern betroffen, muss ein Abhängigkeitsverhältnis
dargetan werden, das über die normalen familiären Bindungen hinausgeht
(BGE 147 I 268 E. 1.2.3; 144 II 1 E. 6.1).
3.3 Besondere Elemente der Abhängigkeit können sich unabhängig vom
Alter namentlich aus besonderen Betreuungs- oder Pflegebedürfnissen
wie bei körperlichen oder geistigen Behinderungen und schwerwiegenden
Krankheiten ergeben (vgl. BGE 120 Ib 257 E. 1e; 115 Ib 1 E. 2d; Urteil des
BGer 2C_339/2019 vom 14. November 2019 E. 3.4; Urteil des EGMR
65550/13 Belli und Arquier-Martinez gegen Schweiz vom 11. Dezember
2018 Ziff. 65). Die betroffene Person muss für die Bewältigung des tägli-
chen Lebens auf fremde Hilfe angewiesen sein, die ihr sinnvollerweise nur
von einem nahen Angehörigen geleistet werden kann. Eine lediglich mora-
lische Unterstützung genügt dabei nicht, um ein Abhängigkeitsverhältnis im
Sinne der Rechtsprechung zu begründen (Urteil 2C_339/2019 E. 3.5;
BVGE 2008/47 E. 4.1.1 f.; Urteile des BVGer F-4426/2018 vom 9. August
2018; C-3538/2016 vom 20. Juni 2016 E. 5.3; C-2686/2016 vom 30. Mai
2016 E. 4; Urteil des EGMR 23887/16 I.M. gegen Schweiz vom 9. April
2019 § 62; CHRISTOPH GRABENWARTER/KATHARINA PABEL, Europäische
Menschenrechtskonvention, 7. Aufl. 2021, § 22 Rz. 18). Das besondere
Abhängigkeitsverhältnis muss gewachsen sein und im Zeitpunkt der Gel-
tendmachung des Anspruchs bestehen (Urteile des BGer 2C_396/2021
vom 27. Mai 2021 E. 3.2; 2C_867/2016 vom 30. März 2017 E. 2.2).
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4.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie habe zu ihrem Bruder
C._, der mit einer C-Bewilligung im Kanton B._ lebe, ein be-
sonders enges Verhältnis. Dieses habe bereits in Syrien bestanden, als ihr
Bruder noch dort gelebt habe. Bereits für die Dauer des Asylverfahrens
habe sie auf einen entsprechenden Antrag hin zu ihrem Bruder nach
E._ ziehen können. Sie leide seit März 2022 an anhaltendem Juck-
reiz. Die Stärke des Juckreizes habe dazu geführt, dass sie Ende Juni 2022
notfallmässig ein Spital aufgesucht habe und daraufhin für wenige Tage
hospitalisiert worden sei. Im Arztbericht sei festgehalten worden, dass es
für die Kratzspuren am Körper womöglich eine psychische Ursache gebe,
weshalb eine psychotherapeutische Anbindung empfohlen worden sei. Zu-
dem leide sie an Schlaflosigkeit. Aufgrund ihres schlechten körperlichen
und psychischen Gesundheitszustands sei sie auf den Beistand ihres in
E._ wohnhaften Bruders angewiesen, insbesondere für die Organi-
sation der Arzttermine. Seit sie den intensiven Juckreiz entwickelt habe und
Kratzspuren am ganzen Körper habe, bestehe zu ihrem Bruder C._
ein Abhängigkeitsverhältnis. Sie sei nicht in der Lage, die ärztliche Hilfe
selbstständig wahrzunehmen. Zwar lebe auch ein Bruder im Kanton
D._, aber sie habe aufgrund eines familiären Konflikts keinen Kon-
takt zu diesem. Da die Kantonszuweisung vorliegend in den Schutzbereich
von Art. 8 EMRK eingreife und ihre privaten Interessen das öffentliche In-
teresse an einer effizienten, gleichmässigen Verteilung der Asylsuchenden
auf die Kantone überwiegen würden, sei die Verfügung vom 26. August
2022 aufzuheben.
5.
Der Bruder der Beschwerdeführerin ist bereits im Oktober 2009 in die
Schweiz eingereist. Damals war die Beschwerdeführerin [...] Jahre alt. Sie
hat ihren Bruder mittlerweile seit 13 Jahren nicht mehr gesehen. Darüber
hinaus sind auch aktuell keine besonderen Betreuungs- oder Pflegebedürf-
nisse ersichtlich, die ein Abhängigkeitsverhältnis rechtfertigen würden. Aus
den vorliegenden Arztberichten ist ersichtlich, dass die Beschwerdeführe-
rin Ende Juni 2022 zunächst eine Behandlung für eine Scabies-Infektion
erhalten hat. Am 19. Juli 2022 wurde sodann festgestellt, dass als Ursache
für das Kratzen eine psychogene Ursache in Betracht komme, wobei die
Beschwerdeführerin «in einem guten Allgemeinzustand» entlassen wurde.
Weder aus den Akten noch aus der Beschwerdebegründung ergibt sich,
dass die Beschwerdeführerin für die Bewältigung des täglichen Lebens auf
fremde Hilfe angewiesen wäre und dass ihr die notwendige Unterstützung
nur durch ihren im Kanton B._ lebenden Bruder zuteil werden
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könnte. Darüber hinaus ist für die Organisation von allfälligen Arztterminen
nicht erforderlich, dass die Beschwerdeführerin im selben Wohnkanton lebt
wie ihr Bruder. Vielmehr kann dieser sie auch unterstützen, wenn sie im
Kanton D._ lebt. Aus der ihr im Rahmen des Asylverfahrens ge-
währten vorübergehenden Privatunterbringung beim Bruder kann sie
nichts zu ihren Gunsten ableiten. Abschliessend ist festzuhalten, dass ein
weiterer Bruder der Beschwerdeführerin im Kanton D._ lebt. Die
Vorinstanz hat bei der Kantonszuweisung somit die in der Schweiz leben-
den Familienangehörigen berücksichtigt.
6.
Die Zuweisung der Beschwerdeführerin in den Kanton D._ verletzt
damit nicht den Grundsatz der Einheit der Familie gemäss Art. 27 Abs. 3
letzter Satz AsylG. Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
Die Gesuche um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde
und um superprovisorische Anweisung an die Vollzugsbehörden, von einer
Zuweisung an den Kanton D._ abzusehen, bis das Bundesverwal-
tungsgericht über die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung und
die vorsorglichen Massnahmen entschieden habe, sind gegenstandslos
geworden.
8.
8.1 Die gestellten Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet ei-
ner allfälligen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1
VwVG).
8.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 800.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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