Decision ID: c4ac5915-52cc-5dae-b294-af816f8b653f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer ist syrischer Staatsangehöriger kurdischer Eth-
nie und stammt aus dem Dorf B._ (kurdisch) respektive C._
(arabisch) nördlich der Stadt D._, Provinz H._. Er suchte am
23. Juli 2020 in der Schweiz um Asyl nach. Er wurde dem Bundesasylzent-
rum (BAZ) E._ zugewiesen. Am 4. August 2020 wurde ihm eine
Rechtsvertretung beigeordnet. Am 5. August 2020 fanden die Befragung
zur Person (Personalienaufnahme [PA]) und am 12. August 2020 das Dub-
lin-Gespräch statt. Am 26. August 2020 wurde er vertieft zu seinen Asyl-
gründen angehört. Als Beweismittel reichte er seine syrische Identitäts-
karte im Original ein (Akten der Vorinstanz [A]10, A18).
A.b Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen
damit, er sei anfänglich in seinem Heimatdorf zur Schule gegangen. Das
Gymnasium und die vierjährige Berufsschule habe er in F._ (resp.
G._) absolviert, wo er auch in einem Haus gewohnt habe, das der
Familie gehörte. Nach Abschluss der Ausbildung im Jahr 2013 sei er in sein
Heimatdorf zurückgekehrt, wo er in der Werkstatt der Familie mitgearbeitet
habe. In der Werkstatt hätten sie Metallarbeiten ausgeführt, sein Vater
habe aber auch Traktoren reparieren können. Den Militärdienst habe der
Beschwerdeführer verschieben können, weil er noch zur Schule gegangen
sei. Ein Dienstbüchlein habe er sich nicht ausstellen lassen. Drei seiner
Brüder seien jedoch wegen des drohenden Militärdienstes aus Syrien aus-
gereist. Ein weiterer Bruder sei 2014 aus der Armee desertiert und habe
Syrien auch verlassen.
Im Jahr 2009 habe er während einer Demonstration in G._, die we-
gen der Tötung von vier Kurden in Al-Raqqa initiiert worden sei, Fotos von
Polizisten gemacht. Er sei festgenommen und in einem Gefängnis für Min-
derjährige inhaftiert worden. Obwohl er nur Fotos von Polizisten gemacht
habe, sei im Polizeiprotokoll vermerkt worden, dass er ethnische Konflikte
zwischen Arabern und Kurden geschürt habe. Nach zwei Monaten habe
sein Vater seine Freilassung durch Beziehungen erwirken können. In der
Folge sei er einmal jährlich zum Gericht nach H._ vorgeladen wor-
den. Nach einer knapp viertelstündigen Befragung sei er jeweils wieder
entlassen worden. Der dritten Vorladung im Jahr 2012 habe er jedoch keine
Folge mehr geleistet, da sein Vater befürchtet habe, dass das syrische Re-
gime ihn für den Militärdienst rekrutieren würde. Zudem wäre es möglich
E-4927/2020
Seite 3
gewesen, dass ihm die syrischen Behörden weitere Vorwürfe gemacht hät-
ten, weil zu jener Zeit viele Demonstrationen stattgefunden hätten.
Im Jahr 2016 seien er, sein Vater und sein ältester Bruder in einen Hinter-
halt des Islamischen Staates (IS) geraten, geschlagen und entführt wor-
den. Sie seien gezwungen worden, für den IS zu arbeiten. In einer zu einer
Werkstatt und zum Gefängnis umfunktionierten Schule hätten sie für den
IS Panzerfahrzeuge gebaut. Als nach einem Jahr sein Bruder zu fliehen
versucht habe, sei dieser vom IS getötet worden. Der Beschwerdeführer
und sein Vater seien daraufhin weit weg vom ersten Haftort in eine Villa in
die Wüste gebracht worden. Er habe später erfahren, dass sie in der Nähe
des Euphrats gewesen seien. Dort hätten sie Kampfflugzeuge bereitstel-
len, Fahrzeuge panzern und an den Fahrzeugen Maschinengewehre mon-
tieren müssen. Im Winter hätten sie dann gemerkt, dass etwas geändert
habe. Sie hätten Flugzeuge gehört. Während dieser Zeit seien sie in einen
Keller gebracht worden. Schliesslich seien er und sein Vater von kurdi-
schen Kämpfern befreit und nach F._ gebracht und später von der
Familie abgeholt worden. Da er psychisch angeschlagen gewesen und
seine Mutter (...)krank gewesen sei, sei er zu Hause geblieben und habe
nichts gemacht. Im August/September 2019 hätten die kurdischen Behör-
den von ihm verlangt, die gleiche Arbeit zu verrichten, die er bereits für den
IS gemacht habe. Er habe ihnen geantwortet, dass er nicht arbeiten könne,
und dass er Zeit brauche, um darüber nachzudenken.
Aus Angst, dass das syrische Regime in seiner Heimatregion wieder prä-
sent sein könnte und er wegen des nicht absolvierten Militärdienstes, aber
auch wegen der damaligen Probleme im Zusammenhang mit der Fest-
nahme im Jahr 2009 belangt werden könnte, habe er sich entschieden,
Syrien zu verlassen. Zu seiner Entscheidung habe seine Befürchtung bei-
getragen, dass das Dorf wieder an den IS fallen, oder dass die Türkei seine
Heimatregion angreifen könnte. Am 1. November 2019 habe er Syrien in
Richtung Nordirak verlassen. Von dort sei er über den Iran in die Türkei
gereist und weiter über Griechenland und mehrere Länder in die Schweiz
gelangt.
A.c Das SEM konsultierte die Dossiers des Cousins des Beschwerdefüh-
rers, I._ (N [...]), sowie seiner Cousine, J._ (N [...]).
A.d Am 1. September 2020 stellte das SEM dem Beschwerdeführer den
Entwurf des Asylentscheids zu (A23).
E-4927/2020
Seite 4
A.e Mit Eingabe vom 2. September 2020 liess der Beschwerdeführer ge-
gen den Entscheidentwurf einen Einwand einreichen (A24).
A.f Mit Verfügung vom 3. September 2020, eröffnet am 3. September 2020,
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und
lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus
der Schweiz an, schob den Vollzug jedoch infolge Unzumutbarkeit zu
Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf (A25).
B.
Am 5. Oktober 2020 wies das SEM den Beschwerdeführer dem Kanton
K._ zu (A27).
C.
C.a Der Beschwerdeführer erhob gegen die Verfügung vom 3. September
2020 am 5. Oktober 2020 (Poststempel) Verwaltungsgerichtsbeschwerde.
Er beantragte die Aufhebung der Dispositivziffern 1 bis 3 der Verfügung
(die Verweigerung der Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung des Asylge-
suchs sowie die Wegweisung aus der Schweiz). Die Vorinstanz sei anzu-
weisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl
zu gewähren. Eventualiter sie die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung, auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sei zu verzichten (Beschwerdeakten [B-act.] 1).
C.b Mit Zwischenverfügung vom 12. Oktober 2020 hielt die Instruktions-
richterin fest, dass der vorläufig aufgenommene Beschwerdeführer den
Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfe. Weiter hiess sie
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses (B-act. 3).
C.c In ihrer Vernehmlassung vom 22. Oktober 2020 hielt die Vorinstanz
vollumfänglich an ihren Erwägungen in der Verfügung fest. Die Vernehm-
lassung wurde dem Beschwerdeführer am 3. November 2020 zur Kenntnis
zugestellt.
E-4927/2020
Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 COVID-19-Verordnung Asyl [SR 142.318];
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Be-
schwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläu-
fig aufgenommen hat. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse alternati-
ver Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748), erübrigen sich praxisge-
mäss Ausführungen zur Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
E-4927/2020
Seite 6
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal-
tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete die Abweisung des Asylgesuchs des Beschwer-
deführers damit, dass seine Vorbringen den Anforderungen an die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhielten.
5.1.1 Die Vorinstanz führte vorab zur geltend gemachten Furcht des Be-
schwerdeführers, von den syrischen Behörden für den Militärdienst rekru-
tiert zu werden, Folgendes aus: Für die Annahme einer begründeten Furcht
vor einer zukünftigen Rekrutierung reiche es nicht aus, dass er eine Person
im dienstfähigen Alter sei und befürchte, irgendwann ausgehoben zu wer-
den (vgl. EMARK 2006 Nr. 3). Angesichts seines Alters könne nicht ausge-
schlossen werden, dass er bei einem Verbleib in Syrien militärisch ausge-
hoben worden wäre. Er habe sich seit Ausbruch des Kriegs in Syrien nicht
mehr im vom syrischen Regime kontrollierten Gebiet aufgehalten (A18
F51). Weiter habe er Syrien am 1. November 2019 verlassen und sich da-
mit einer möglichen Erfassung durch die Militärbehörden entzogen. Bis zu
E-4927/2020
Seite 7
seiner Ausreise seien die Militärbehörden nicht mit ihm in Kontakt getreten,
um ihn einzuberufen. Demnach sei seine Furcht vor einer zukünftigen Rek-
rutierung als nicht begründet einzustufen.
5.1.2 Weiter äusserte sich das SEM zu den Befürchtungen des Beschwer-
deführers, künftigen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu sein. Er be-
fürchte im Zusammenhang mit der Festnahme an einer Demonstration im
Jahr 2009, als er als (...)jähriger Fotos von Polizisten gemacht habe, bei
einer Rückkehr nach Syrien Konsequenzen durch das syrische Regime.
Angesichts seines damaligen jugendlichen Alters sei nicht davon auszuge-
hen, dass die syrischen Behörden ihn deshalb als ernstzunehmende Ge-
fahr betrachten würden und er bei einer Rückkehr nach Syrien als Regime-
gegner wahrgenommen würde. Zudem habe er damals nach Haftentlas-
sung die jährlichen Vorladungen befolgt. Es bestehe kein Anlass zur An-
nahme, dass ihm aus dem Nichtbefolgen der Vorladung im Jahr 2012
Nachteile entstehen könnten. Ausserdem seien der zweimonatige Gefäng-
nisaufenthalt sowie die nachfolgenden Vorladungen als zu wenig intensiv
einzustufen und vermöchten keine Furcht vor einer künftigen Verfolgung
zu begründen.
Auch die Desertion eines seiner Brüder im Jahr 2014 und die Tatsache,
dass drei weitere Brüder sich einem allfälligen Militärdienst entzogen hät-
ten, würden ihm in einer Gesamtbetrachtung mit dem Vorfall im Jahr 2009
nicht ein heikles regimekritisches Profil verleihen. Er habe seit 2011 keinen
direkten Kontakt mehr mit den syrischen Behörden gehabt, wie auch die
übrigen Familienmitglieder keine direkten Probleme mit dem Regime ge-
habt hätten (A18 F52, F102). Auch sei eine drohende Reflexverfolgung we-
gen der Desertion des Bruders zu verneinen. Hinreichend konkrete und
präzise Hinweise dazu, dass von einer konkreten Furcht vor Massnahmen
der syrischen Behörden gegen ihn auszugehen wäre, lägen nicht vor. Auch
hinsichtlich der konsultierten Dossiers der Personen ausserhalb der Kern-
familie (eines Cousins und einer Cousine des Beschwerdeführers) würden
deren Angaben weder einen zeitlichen noch einen inhaltlich-kausalen Zu-
sammenhang mit seinen Vorbringen aufweisen. Seine Verwandten hätten
weder ein herausragendes politisches Profil, noch sei den Akten zu ent-
nehmen, dass er zu ihnen eine besondere Nähe aufweisen würde. Es lasse
sich daher von seinen Verwandten keine Reflexverfolgung ableiten.
5.1.3 Das SEM führte weiter aus, die Furcht des Beschwerdeführers vor
IS-Schläferzellen sei nicht mehr objektiv begründet, auch wenn seine sub-
E-4927/2020
Seite 8
jektive Furcht vor erneuten Übergriffen des IS aufgrund des Erlebten nach-
vollziehbar sei. Der IS habe seine territoriale Kontrolle in Syrien mittlerweile
fast vollständig verloren. An seinem Herkunftsort und in seiner Herkunfts-
region bestehe deshalb keine begründete Furcht mehr vor einer Verfolgung
durch den IS.
5.1.4 Schliesslich äusserte sich das SEM zu allfällig befürchteten asylrele-
vanten Nachteilen, die der Beschwerdeführer durch die kurdischen Behör-
den bei einer Rückkehr erfahren könnte. Es verwies dabei auf seine gefes-
tigte Praxis und diejenige des Bundesverwaltungsgerichts im Zusammen-
hang mit Rekrutierungsbemühungen der kurdischen Volksverteidigungs-
einheiten (YPG). Es treffe zwar zu, dass in jenen Gebieten Nordsyriens,
die durch die PYD (Partei der Demokratischen Union) und die YPG kon-
trolliert würden, Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienstpflicht erge-
hen würden. Diese Rekrutierungsbemühungen vermöchten mangels eines
Verfolgungsmotivs im Sinne von Art. 3 AsyIG und mangels hinreichender
Intensität jedoch keine flüchtlingsrechtliche Relevanz zu entfalten. Analog
dazu sei auch im Falle des Beschwerdeführers davon auszugehen, dass
er wegen seiner Weigerung, für die kurdischen Behörden Metallarbeiten zu
verrichten, keine asylrelevanten Nachteile zu befürchten habe. Er sei auch
von diesen Behörden nicht weiter behelligt worden, als er ihnen mitgeteilt
habe, nicht für sie arbeiten zu können.
5.2 Der Beschwerdeführer beanstandet die Erstellung des Sachverhalts
durch die Vorinstanz nicht und begründet das Kassations-Eventualbegeh-
ren nicht näher (vgl. Beschwerde S. 9 f.). Er führt aber aus, dass aus seiner
Sicht die Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG aufgrund der vorliegen-
den Kumulation von Risikofaktoren erfüllt sei. Bei einer hypothetischen
Rückkehr nach Syrien würde er in den Augen des syrischen Regimes mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit als Regimegegner wahrgenommen wer-
den und habe deshalb eine menschenrechtswidrige Behandlung zu be-
fürchten. Das angerufene Gericht gehe in seiner ständigen Rechtspre-
chung davon aus, dass durch eine Vielzahl von Berichten belegt sei, dass
die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts
im März 2011 gegen tatsächliche und vermeintliche Regimegegner mit
grösster Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorgehen würden.
5.2.1 Einleitend äusserte er sich zu seinem Risikoprofil hinsichtlich seiner
Verhaftung im Jahr 2009 und der Nichtbefolgung der gerichtlichen Vorla-
dung im Jahr 2012. Nach wie vor würden Personen in Syrien aus einer
grossen Anzahl von Gründen auf Fahndungslisten des syrischen Regimes
E-4927/2020
Seite 9
landen. Teilweise brauche es gar keine Gründe oder es genüge eine einfa-
che Verwechslung, um massivste Repressionen wie Folter bis hin zu ex-
tralegaler Hinrichtung zu erleiden. Besonders gefährdet, eine solche Be-
handlung zu erfahren, seien jedoch Personen, welche sich an regimekriti-
schen Demonstrationen beteiligt hätten und durch das Regime als Oppo-
sitionelle angesehen würden. Er verwies dabei auf den Report des Euro-
pean Asylum Support Office (EASO), "Syria: Targeting of individuals,
Country of Origin Report", von März 2020, S. 14 ff.. Die vorinstanzliche
Einschätzung dazu, wonach das syrische Regime ihn deswegen nicht als
ernstzunehmende Gefahr betrachte, sei zurückzuweisen. Es sei vielmehr
davon auszugehen, dass das perfekt vernetzte und akribisch gegen poten-
tielle Gegner agierende Regime Kenntnis von der Inhaftierung des Be-
schwerdeführers am Rande einer Demonstrationen sowie von der Nicht-
befolgung der Vorladung im Jahr 2012 habe. Er habe sich vor seiner Aus-
reise der Gefahr eines Zugriffs entzogen, indem er sich in kurdischen Ge-
bieten aufgehalten habe. Spätestens bei einer Rückkehr nach Syrien
würde diese Sache ihn einholen.
5.2.2 Er führte weiter zu seinem familiären Umfeld aus, vier der insgesamt
sechs Brüder hätten sich dem Militärdienst entzogen, einer von ihnen sei
gar aus dem aktiven Dienst desertiert. Weiter seien eine Cousine und ein
Cousin wegen ihres regimekritischen Profils beziehungsweise der Flucht
aus dem Dienst in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt worden. Sein kei-
nesfalls als regimetreu erscheinendes familiäres Umfeld schärfe somit sein
Risikoprofil und erhöhe die Wahrscheinlichkeit, spätestens bei einer hypo-
thetischen Rückkehr nach Syrien als Regimegegner eingestuft und ent-
sprechend behandelt zu werden.
5.2.3 Schliesslich gab er hinsichtlich des nicht geleisteten Militärdienstes
zu bedenken, dass er zwar – wie die Vorinstanz zu Recht ausführe – nicht
ausgehoben worden sei. Unbeachtet geblieben sei jedoch der Umstand,
dass er grundsätzlich ein junger, diensttauglicher Mann sei, welcher sich
durch sein eigenes Verhalten der generellen Wehrdienstpflicht entzogen
habe. Auch wenn er dadurch in den Augen des syrischen Regimes nicht
als Militärdienstverweigerer im engeren Sinn gelte, sei er bei einem allfälli-
gen Kontakt mit dem Regime zusätzlich gefährdet. Aufgrund seiner Vorge-
schichte mit der Verhaftung und Internierung im Zusammenhang mit der
Demonstration im Jahr 2009 sei von einer Vorbelastung auszugehen.
E-4927/2020
Seite 10
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht bestätigt die vorinstanzlichen Schluss-
folgerungen.
6.1.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, bei ihm liege ein asylrelevan-
tes Risikoprofil vor, namentlich weil er grundsätzlich militärdienstpflichtig
und daher heute Dienstverweigerer sei, und weil sich dies im Zusammen-
hang einerseits mit seiner Vorgeschichte im Jahr 2009 und der Nichtbefol-
gung der gerichtlichen Vorladung im Jahr 2012, andererseits mit seinem
familiären Umfeld als asylrelevante Gefährdung auswirke.
Das Bundesverwaltungsgericht hat seine Praxis betreffend Wehrdienstver-
weigerung und Desertion namentlich im Entscheid BVGE 2015/3 dargelegt
sowie in BVGE 2020 VI/4 bestätigt. In Bezug auf die spezifische Situation
in Syrien kam das Bundesverwaltungsgericht vor dem Hintergrund der ana-
lysierten Lageberichte in BVGE 2015/3 zum Schluss, dass eine drohende
asylbeachtliche Verfolgung dann anzunehmen sei, wenn die Dienstverwei-
gerung als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst werde, wenn also
die drohende Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht dienen
würde, sondern damit zu rechnen sei, dass der Beschwerdeführer als po-
litischer Gegner qualifiziert und als solcher unverhältnismässig schwer be-
straft würde (BVGE 2015/3 E. 6.7.3). Das Gericht erachtete die genannten
Voraussetzungen im Falle eines syrischen Refraktärs als erfüllt, der der
kurdischen Ethnie angehörte, einer oppositionell aktiven Familie ent-
stammte und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatli-
chen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen hatte, indem er sich po-
litisch exponiert hatte (BVGE 2015/3 E. 6.7.3).
In zahlreichen, in der Folge des Entscheids BVGE 2015/3 ergangenen,
nicht publizierten Urteilen hat das Bundesverwaltungsgericht diese Praxis
betreffend Dienstverweigerer und Deserteure aus Syrien gefestigt (vgl. die
Hinweise in BVGE 2020 VI/4 E. 5.1.2). Das Gericht geht demnach davon
aus, dass bei Wehrdienstverweigerung im syrischen Kontext jedenfalls
dann eine asylrelevante Strafe in begründeter Weise zu befürchten ist,
wenn zusätzliche exponierende Faktoren gegeben sind, welche darauf
schliessen lassen, dass eine Person als Regimegegner angesehen wird
und somit aus politischen Gründen eine unverhältnismässige Strafe zu be-
fürchten hätte. Hingegen geht das Gericht in ständiger Praxis nicht davon
aus, dass «herkömmlichen Wehrdienstverweigerern», das heisst solchen,
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/3
E-4927/2020
Seite 11
die nicht zusätzlich politisch exponiert sind, mit genügender Wahrschein-
lichkeit eine die Schwelle der Asylrelevanz erreichende Strafe droht (vgl.
BVGE 2020 VI/4 E. 6.2.4).
6.1.2 Betreffend den Beschwerdeführer ist allerdings festzuhalten, dass
das SEM zu Recht davon ausgegangen ist, dieser sei nie von den syri-
schen Behörden für den Militärdienst ausgehoben worden, weshalb eine
begründete Furcht, als Dienstverweigerer belangt zu werden, schon aus
diesem Grund nicht anzuerkennen sei. Diese Erwägung entspricht der
ständigen Praxis auch des Gerichts. Die blosse Tatsache, im dienstpflich-
tigen Alter zu sein, ohne jedoch ausgehoben worden zu sein, und eine
bloss abstrakt drohende Rekrutierung für den obligatorischen Militärdienst
des syrischen Regimes vermag für sich allein keine begründete Furcht vor
asylrelevanter Verfolgung aufzuzeigen (vgl. beispielsweise Entscheide
D-794/2021 vom 4. März 2021 E. 7.4, D-2365/2021 vom 12. Juli 2021
E. 6.2, D-5806/2019 vom 9. April 2021 E. 6.2).
Die Situation des Beschwerdeführers ist daher mit den Konstellationen der
Entscheide BVGE 2015/3 oder BVGE 2020 VI/4 nicht vergleichbar. Wie
erwähnt, wurde der Beschwerdeführer nie für den syrischen Militärdienst
ausgehoben und konnte die Musterung, da er noch die Schule besuchte,
verschieben. Nach Abschluss der Ausbildung im Jahr 2013 entzog er sich
den syrischen Behörden, indem er sich ab dann nicht mehr in vom syri-
schen Regime beherrschten Gebieten aufhielt (A18 F51 f.). Weitere Belan-
gungen durch syrische Behörden hinsichtlich seiner militärischen Dienst-
pflicht sind nicht ersichtlich.
6.1.3 Was ferner die Ereignisse im Jahr 2009 respektive 2012 betrifft, ist
mit der Vorinstanz festzuhalten, dass diese sich nicht als genügend inten-
siv erweisen. Zudem kann ein hinlänglicher Kausalzusammenhang zur
Ausreise des Beschwerdeführers im November 2019 nicht bejaht werden.
Insbesondere ist aus den Akten nicht ersichtlich und wird auch vom Be-
schwerdeführer nicht behauptet, dass die Nichtbefolgung der zugestellten
Vorladung im Jahr 2012 (vgl. A18 F105, F109, F112-F115) für ihn damals
mit Folgen verbunden gewesen wäre, obwohl er bis im Jahr 2013 noch in
F._ wohnte, dort zur Schule ging und damit im damaligen Zeitraum
noch unter einem gewissen Einflussbereich des syrischen Regimes ge-
standen haben dürfte. Von einem risikoverschärfenden Einfluss auf asylre-
levante Massnahmen durch das syrische Regime bei seiner Rückkehr
nach Syrien ist deshalb in naher Zukunft nicht auszugehen, auch wenn der
Beschwerdeführer aufgrund dieser Ereignisse vor über zehn Jahren eine
E-4927/2020
Seite 12
gewisse Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf
sich gezogen haben dürfte; dass die damaligen Vorfälle nun, Jahre später,
den Beschwerdeführer bei den syrischen Behörden als Regimegegner er-
scheinen liessen, wird nicht mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit einer
drohenden zukünftigen Verfolgung aufgezeigt. Auch was die anderen Risi-
kofaktoren betrifft – der Beschwerdeführer ist Angehöriger der kurdischen
Ethnie und mehrere seiner Brüder haben sich dem Militärdienst entzogen,
einer von ihnen ist desertiert (A18 F73 – F77) – ist die Beurteilung der Vor-
instanz zu bestätigen und ergibt sich keine asylrelevante Schärfung seines
Risikoprofils, welche seine subjektive Furcht vor ernsthaften Nachteilen im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
objektiv betrachtet verwirklichen könnte.
6.1.4 Auch hinsichtlich der Furcht des Beschwerdeführers vor künftiger
Verfolgung seitens des IS ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass eine
Verfolgung aktuell nicht mehr objektiv begründet ist. Der IS existiert zwar
weiterhin; es handelt sich aber heute um eine Terrororganisation ohne
eigenes Staatsgebiet. Neuere Berichte skizzieren das Wiedererstarken
des IS; er operiert vor allem in der Wüste westlich des Euphrat und in den
Provinzen Deir ez-Zor und Homs (vgl. NZZ am Sonntag, In der Nacht kehrt
der Islamische Staat zurück, vom 3. April 2021; European Asylum Support
Office EASO, Syria Security Situation Country of Origin Report, Juli
2021,S. 28 ff.; The Guardian, 'A lull not a loss': Islamic State is rebuilding
in Syria, say Kurdish forces; 14. Oktober 2021). Die IS-Kämpfer sind aber
auch östlich des Euphrats in den Gebieten der von Kurden angeführten
und von den USA (ursprünglich) unterstützten Syrischen Demokratischen
Kräfte (SDF) aktiv (vgl. NZZ, Der IS-Terror keimt wieder auf, 4. November
2020, https://www.nzz.ch/international/is-terror-das-juengste-attentat-in-
wien-laesst-den-is-aufkeimen-ld.1585019, sowie G. STEINBERG, Der La-
gerkomplex al-Haul in Syrien, Stiftung für Wissenschaft und Politik, SWP-
Aktuell 2020 A74, vom 15. September 2020, https://www.swp-ber-
lin.org/10.18449/2020A74/; je abgerufen am 27. Oktober 2021). Indessen
hat der IS seine territoriale Kontrolle in Syrien fast vollständig verloren (vgl.
Frankfurter Rundschau, Der Krieg in Syrien – eine Chronologie, veröffent-
licht am 4. März 2020, vgl. https://www.fr.de/politik/syrien-lage-im-buerger-
krieg-krieg-warum-aktuell-russland-tuerkei-corona-90035893.html, abge-
rufen am 27.10.2021). Objektiv besteht damit in der Heimatregion des Be-
schwerdeführers in Nordostsyrien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit kei-
ne gezielt gegen ihn gerichtete Verfolgungsgefahr mehr durch den IS.
https://www.nzz.ch/international/is-terror-das-juengste-attentat-in-wien-laesst-den-is-aufkeimen-ld.1585019 https://www.nzz.ch/international/is-terror-das-juengste-attentat-in-wien-laesst-den-is-aufkeimen-ld.1585019 https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A74/ https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A74/ https://www.fr.de/politik/syrien-lage-im-buergerkrieg-krieg-warum-aktuell-russland-tuerkei-corona-90035893.html https://www.fr.de/politik/syrien-lage-im-buergerkrieg-krieg-warum-aktuell-russland-tuerkei-corona-90035893.html
E-4927/2020
Seite 13
6.1.5 Die Vorinstanz hielt im Übrigen auch zu Recht fest, dass hinsichtlich
der geltend gemachten Anordnungen der kurdischen Behörden keine Hin-
weise für eine begründete Furcht des Beschwerdeführers vor asylrelevan-
ten Nachteilen ersichtlich sind (vgl. Referenzurteil D-5329/2014 vom
23. Juni 2015; dieses ist weiterhin aktuell; vgl. etwa Entscheide
E-2092/2021 vom 17. Mai 2021 E. 5.4, D-2365/2021 vom 12. Juli 2021
E. 6.4, E-2574/2019 vom 23. September 2021 E. 5.3). Der Beschwerde-
führer bestreitet dies auch nicht.
6.2 Es bleibt anzumerken, dass sich vorliegend nicht der Schluss ergibt,
der Beschwerdeführer sei zum heutigen Zeitpunkt in seinem Heimatstaat
nicht gefährdet. Indessen ist eine Gefährdung ausschliesslich auf die all-
gemeine in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation zurückzuführen, der
die Vorinstanz mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen hat.
6.3 Zusammenfassend hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Bundesverwal-
tungsgericht ihm mit Zwischenverfügung vom 12. Oktober 2020 die unent-
E-4927/2020
Seite 14
geltliche Prozessführung gewährt hat und die Bedürftigkeit auch heute wei-
terhin besteht, sind dem unterliegenden Beschwerdeführer jedoch keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-4927/2020
Seite 15