Decision ID: 31d653ae-95b9-5a10-ae84-529ae6fcbb7a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie, gelangte eigenen Angaben zufolge am 1. Dezember 2014 in die
Schweiz, wo er gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
B._ um Asyl nachsuchte. Am 2. Dezember 2014 wurde er dem Test-
betrieb und damit dem Verfahrenszentrum Zürich zugewiesen. Am 14. Ja-
nuar 2015 wurde er zu seiner Person, zum Reiseweg sowie summarisch
zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]) und am 9.
Februar 2016 eingehend angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen geltend,
er stamme aus C._, Distrikt Jaffna, wo er mit Unterbrüchen bis zu
seiner Ausreise gelebt habe. In den Jahren 2004 und 2005 habe er an Pro-
pagandaveranstaltungen der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) teil-
genommen. In der Folge sei er mehrmals vom Criminal Investigation De-
partment (CID) zu Hause befragt und bedroht worden, wobei ihm die Un-
terstützung der LTTE vorgeworfen worden sei. Im Februar 2006 sei er mit-
genommen und während etwa drei Monaten im C._-Camp festge-
halten, befragt und geschlagen worden. Nach seiner Freilassung habe er
sich immer in Manipay bei Verwandten aufgehalten, wobei er jeweils zu
Hause gesucht worden sei. Im Jahr 2009 sei ihm die Ausreise aus Sri
Lanka verweigert worden, da er von den Behörden gesucht werde. Am 22.
Oktober 2014 sei er verhaftet und wieder ins C._-Camp gebracht
worden, wo er befragt und geschlagen worden sei. Eine Woche später sei
er im Spital in D._ aufgewacht. Gleich nach seiner Entlassung aus
der Klinik Ende Oktober 2014 habe seine Mutter die Ausreise organisiert.
Im November sei er von Colombo über Dubai nach Genf geflogen und von
dort nach Kreuzlingen gebracht worden.
Als Beweismittel reichte er seine Identitätskarte, eine polizeiliche Mittei-
lung, eine Bestätigung des Spitals in D._ und verschiedene Doku-
mente des (...) zu den Akten. Am 15. März 2016 liess das SEM die Bestä-
tigung des Spitals durch die Schweizer Botschaft in Colombo auf Ihre Au-
thentizität überprüfen. Dabei stellte sich dieses als gefälscht heraus. In sei-
ner Stellungnahme zu diesem Ergebnis vom 1. September 2016 machte
der Beschwerdeführer geltend, er könne sich dies nicht erklären und erbat
um Frist bis zum 15. Oktober 2016 um ein neues, echtes Arztzeugnis ein-
zureichen.
D-522/2017
Seite 3
B.
Mit Verfügung vom 21. Dezember 2016 – eröffnet am 22. Dezember 2016
– stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie den Vollzug an.
C.
Dagegen erhob er mit Eingabe vom 23. Januar 2017 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der vorinstanzli-
chen Verfügung und Rückweisung des Verfahrens an die Vorinstanz, even-
tualiter die Gutheissung des Asylgesuchs, subeventualiter die Anordnung
der vorläufigen Aufnahme aufgrund Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs. Ferner ersuchte er um unverzügliche Mittei-
lung, welche Gerichtspersonen mit der Behandlung der Beschwerde be-
traut werden und um Bestätigung, dass diese tatsächlich zufällig ausge-
wählt worden seien sowie um vollständige Einsicht in die gesamten vor-
instanzlichen Akten, verbunden mit einer angemessenen Frist zur Einrei-
chung einer Beschwerdeverbesserung.
Der Beschwerde lagen zahlreiche Beilagen bei. Auf diese wird – soweit für
den vorliegenden Entscheid wesentlich – in den Erwägungen eingegan-
gen.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Februar 2017 stellte die Instruktionsrichte-
rin den legalen Aufenthalt des Beschwerdeführers während des Verfahrens
fest und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleich-
zeitig wies sie die Vorinstanz an, das erneut gestellte Akteneinsichtsgesuch
zu behandeln, setzte Frist zur Beschwerdeergänzung und teilte ihm die
Zusammensetzung des Spruchkörpers mit.
E.
Am 13. Februar 2017 reichte der Beschwerdeführer eine Beschwerdeer-
gänzung ein und beantragte erneut, das SEM sei anzuweisen, ihm korrekte
Akteneinsicht in verschiedenen spezifische Aktenstücke zu gewähren.
F.
Am 22. Februar 2017 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer erneut
Akteneinsicht.
D-522/2017
Seite 4
G.
Mit Vernehmlassung vom 28. Februar 2017 hielt das SEM an seiner Verfü-
gung vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
H.
Am 16. März 2017 machte der Beschwerdeführer von seinem Replikrecht
Gebrauch und reichte weitere Beilagen ein, auf welche ebenfalls – soweit
für den vorliegenden Entscheid wesentlich – in den Erwägungen eingegan-
gen wird.
I.
Am 13. Mai 2020 reichte der Beschwerdeführer ein Update der durch den
Rechtsvertreter zusammengestellten Länderinformationen, einen neuen,
vom Rechtsvertreter verfassten Länderbericht vom 23. Januar 2020 inklu-
sive einer CD-ROM mit zahlreichen Beilagen beziehungsweise Hinter-
grundinformationen sowie einen Zusatzbericht zur Ländersituation in Sri
Lanka für die Zeit vom 26. Februar bis zum 10. April 2020 ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
D-522/2017
Seite 5
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Glaubhaftmachung im
Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Gegensatz zum strikten Be-
weis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse
Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Für die
Glaubhaftmachung reicht es nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar
möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und
überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung
sprechen (vgl. dazu ausführlich BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1;
2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
D-522/2017
Seite 6
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, die
Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die
Glaubhaftmachung nicht genügen. So seien seine Schilderungen betref-
fend die von ihm ausgeführten Propagandaaktionen für die LTTE wie auch
der dreimonatige Aufenthalt im Camp insgesamt unsubstantiiert und erleb-
nisfern ausgefallen. Auch auf mehrmaliges Nachfragen hin habe er die be-
haupteten Erlebnisse nicht näher beschreiben können. Die Schilderungen
des Camp-Aufenthaltes seien eintönig und stereotyp geblieben und es
könnten daraus keinerlei persönliche Regungen entnommen werden.
Diese Vorbringen könnten ihm somit nicht geglaubt werden. In der Folge
könnten ihm logischerweise auch die weiteren, darauf aufbauenden Verfol-
gungsmassnahmen nicht geglaubt werden. So seien auch die Ausführun-
gen zu seiner Festnahme und seinem Aufenthalt im Camp im Jahr 2014
eintönig und unbeteiligt ausgefallen, bei diesen seien keine prägenden Er-
lebnisse oder persönliche Regungen zu erkennen. Zudem sei anzumer-
ken, dass sich die von ihm eingereichten ärztlichen Dokumente betreffend
den Spitalaufenthalt als gefälscht erwiesen hätten. Es sei deshalb davon
auszugehen, dass er versucht habe, die Schweizer Behörden hinsichtlich
eines asylrelevanten Gefährdungsprofils zu täuschen. Zur angegebenen
Verweigerung der Ausreise aus Sri Lanka im Jahr 2009 sei sodann festzu-
halten, dass er diese erst bei der vertieften Anhörung vorgebracht habe.
Dabei bleibe es unerklärlich, warum er dies nicht schon früher erwähnt
habe. Ferner sei nicht nachvollziehbar, warum die Flughafenbehörden ihn
nicht der zuständigen Abteilung des Terrorist Investigation Departments
(TID) übergeben hätten, sei er doch gemäss seinen Angaben wegen Un-
terstützung der LTTE gesucht worden. Es sei dem Beschwerdeführer somit
nicht gelungen, die geltend gemachte Furcht vor Verfolgung durch die hei-
matlichen Behörden glaubhaft zu machen.
Zwar könne seine tamilische Ethnie, die Herkunft aus dem Norden, sein
Alter, das angeblich illegale Verlassen Sri Lankas und die Rückkehr mit
temporären Reisedokumenten die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Be-
hörden im Rahmen der Wiedereinreise erhöhen. Trotz dieser Faktoren
gebe es jedoch keinen hinreichend begründeten Anlass zur Annahme,
dass er Massnahmen zu befürchten habe, welche über einen sogenannten
backgroundcheck hinausgehen.
4.2 Mit seiner Beschwerde rügte der Beschwerdeführer im Wesentlichen,
dass ihm nicht vollständige Akteneinsicht gewährt worden sei, dass das
SEM seinen Anspruch auf das rechtliche Gehör und dabei unter anderem
D-522/2017
Seite 7
die Begründungspflicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt weder
vollständig noch richtig abgeklärt und Bundes- sowie Völkerrecht verletzt
habe.
Zur Begründung führte er an, das SEM missachte mit seinem Entscheid
die aktuelle Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts vollständig.
Es handle sich beim Beschwerdeführer um einen jungen Tamilen aus dem
Norden Sri Lankas, mit einem exilpolitischen Engagement und zusätzli-
chen weiteren Verdachtsmomenten seitens der sri-lankischen Behörden.
Das SEM habe keine Prüfung der Risikofaktoren vorgenommen und stütze
sich auf ein altes Grundsatzurteil aus dem Jahr 2011, nicht auf das aktuelle
Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts. Ferner begründe es sei-
nen Entscheid mit der fehlenden Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Be-
schwerdeführers. Dies sei problematisch, da die Befragung sowie die An-
hörung erhebliche Mängel aufgewiesen hätten. So sei bei der BzP der Fo-
kus nicht auf die Gesuchsgründe, sondern auf die Flughäfen Dubai und
Genf gelegt worden. Ferner sei der Beschwerdeführer darauf hingewiesen
worden, seine Gründe kurz zu halten. Indem die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer dann vorwerfe, er habe nicht alle Kernelemente erwähnt,
verletze sie den Anspruch auf rechtliches Gehör. Zudem sei der Entscheid
nicht vom selben Sachbearbeiter verfasst worden, welcher die Anhörung
durchgeführt habe, und zwischen Anhörung und Entscheid seien rund zwei
Jahre vergangen. Mit diesem Vorgehen missachte die Vorinstanz eine
zentrale Empfehlung seitens Prof. Dr. Walter Kälin, obwohl sie in einer Me-
dienmitteilung vom 26. Mai 2014 versprochen habe, diese Empfehlungen
rasch und konsequent umzusetzen. Das SEM hätte dem Beschwerdefüh-
rer vor Erlass des Entscheides das rechtliche Gehör gewähren müssen,
damit dieser zu den aktuellen Entwicklungen hätte Stellung nehmen kön-
nen. Im Weiteren sei der rechtserhebliche Sachverhalt nicht vollständig ab-
geklärt worden, was ebenfalls zur Aufhebung des vorinstanzlichen Ent-
scheides führen müsse. In Bezug auf das vermeintlich gefälschte Doku-
ment betreffend Spitalaufenthalt sei darauf hinzuweisen, dass eine Person,
welche eine Bestätigung für einen Spitalaufenthalt ausstelle, welcher of-
fensichtlich aufgrund von Misshandlungen durch sri-lankische Sicherheits-
kräfte stattgefunden habe, nicht zugeben werde, diese ausgestellt zu ha-
ben, da ihr vorgeworfen werden könnte, Mitwisser von Menschenrechtver-
brechen zu sein. Das SEM habe diesbezüglich den Sachverhalt nicht rich-
tig abgeklärt. Ebenfalls von der Vorinstanz nicht abgeklärt worden sei die
Narbe des Beschwerdeführers. Diese befinde sich in der Mitte seines Rü-
ckens und sei sehr gut sichtbar. Narben würden gemäss Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts als Risikofaktor gelten.
D-522/2017
Seite 8
Ferner habe sich der Beschwerdeführer in der Schweiz exilpolitisch enga-
giert. Dies habe er bisher nicht geltend machen können, da ihm seitens
des SEM vor Entscheidfällung das rechtliche Gehör nicht gewährt worden
sei. Er habe im September 2016 an einer Demonstration in Genf und in
den Jahren 2015 und 2016 an der Heldengedenkfeier der LTTE in Freiburg
teilgenommen. Auch dies stelle gemäss Praxis einen Risikofaktor dar.
Im Weiteren führte der Beschwerdeführer aus, es sei zu erwarten, dass er
vor einer Rückschaffung auf dem sri-lankischen Generalkonsulat vorspre-
chen müsse zwecks Ersatzreisepapierbeschaffung. Es sei bekannt, dass
bei der obligatorischen Papierbeschaffung über das sri-lankische Konsulat
systematisch Gründe für eine politische Verfolgung abgeklärt werden und
aufgrund der Akten oder der Wahrnehmungen bei der Vorsprache auch die
Aufnahme auf einer Liste angeordnet werde. Dies führe dazu, dass bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka automatisch eine Verhaftung und Verhöre
durch den CID und TID erfolgen würden. In einem anderen Verfahren habe
er ein für den internen sri-lankischen Behördengebrauch zu verwendendes
Formular erhalten, welches diese Praxis offenlege. Eine Kopie davon
wurde als Beweismittel eingereicht. Aus den Akten werde klar, dass der
Beschwerdeführer bei der entsprechenden Überprüfung einen Eintrag er-
halten würde, der mit Sicherheit zu einer Aufnahme auf die «Watch List»
führen würde, sollte nicht bereits ein solcher vorliegen. Daraus ergebe sich,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit einer asylrelevanten Verfol-
gung zu rechnen habe.
Schliesslich habe das SEM seine Begründungspflicht verletzt, indem es
sich bei seiner Begründung nicht auf das Referenzurteil des Bundesver-
waltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 stütze und damit keine
Überprüfung der dort definierten Risikofaktoren vorgenommen habe. Aus
all diesen Gründen sei eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
zwingend notwendig. Sollte dies nicht geschehen, müsse die vollständige
und richtige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts durch das Bun-
desverwaltungsgericht vorgenommen werden. In diesem Fall werde bean-
tragt, dass der Beschwerdeführer erneut ausführlich anzuhören sei, dies
durch eine Fachperson, welche über ausreichendes Hintergrundwissen zu
Sri Lanka verfüge. So sei nach einer Analyse des erwähnten Referenzur-
teils klar, dass der Beschwerdeführer zahlreiche Risikofaktoren erfülle. Auf-
grund seiner Festnahmen und der Verhöre in Sri Lanka sei davon auszu-
gehen, dass er sich auf einer Liste der Behörden befinde, insbesondere,
wenn man beachte, dass er im Jahr 2009 an der Ausreise gehindert wurde.
D-522/2017
Seite 9
Die Narbe an seinem Rücken stelle einen weiteren Risikofaktor dar. Aus-
serdem habe er sich in der Schweiz exilpolitisch engagiert. Schliesslich
würde er mit temporären Reisedokumenten zwangsweise nach Sri Lanka
zurückgeschafft. Bereits dies würde die Aufmerksamkeit der sri-lankischen
Behörden erhöhen. Somit sei klar, dass der Beschwerdeführer entweder
direkt am Flughafen in Colombo oder aber zu einem späteren Zeitpunkt
verhaftet werde, mit den entsprechenden asylrelevanten Folgen. Er sei
deshalb als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren.
4.3 In ihrer Vernehmlassung legte die Vorinstanz im Wesentlichen dar, bei
den Aktenstücken A14 und A15 handle es sich um eine Botschaftsanfrage
und die dazugehörige Antwort zu Visumerteilungen von Seiten anderer
Schengenvertretungen. Diese sei für ein allfälliges Dublinverfahren rele-
vant und tangiere den vorliegenden Asylentscheid nicht. Ferner würden in
der Beschwerde Bedenken am Vorgehen der Schweizer Botschaft in Co-
lombo bei lokalen Abklärungen geäussert. Hierzu sei festzuhalten, dass
sich diese gemäss eigenen Angaben im Falle von Abklärungen im Rahmen
von Anfragen durch Schweizer Behörden konsequent an die Vorgaben ge-
mäss Art. 97 Abs. 1 AsylG halte. Dies sei auch für den vorliegenden Fall
bestätigt worden, wobei das genaue Vorgehen der Botschaft beschrieben
wird. Die Beschwerdeschrift enthalte zu diesem Punkt sodann keine kon-
kreten und stichhaltigen Argumente oder Belege, welche die Vorgehens-
weise der Schweizer Vertretung in Colombo oder die entsprechenden Ab-
klärungsergebnisse in Frage zu stellen vermögen würden.
4.4 In seiner Replik führte der Beschwerdeführer aus, das SEM gehe auf
zahlreiche seiner Rügen überhaupt nicht ein. Dies mache klar, dass es die-
sen Rügen nichts entgegenzusetzen habe. Ferner sei ihm die Aktenein-
sicht durch das SEM nach wie vor nicht korrekt gewährt worden. Dieses
sei deshalb erneut anzuweisen, ihm die korrekte und vollständige Akten-
einsicht in die Akte A28 zu gewähren und eine Frist zur Beschwerdeergän-
zung anzusetzen. Die Ausführungen zum Ablauf der Botschaftsabklärung
würden sodann klarmachen, dass das SEM den wesentlichen Punkt der
entsprechenden Rüge völlig verkannt habe, weshalb die betreffenden Ab-
schnitte aus der Beschwerde und der Beschwerdeergänzung erneut auf-
geführt wurden. Ausserdem sei ihm Einsicht in die in der Vernehmlassung
erwähnte Aktennotiz vom 27. Februar 2017 zu gewähren. Schliesslich ent-
hält die Replik aktuelle Länderhintergrundinformationen zu Sri Lanka.
D-522/2017
Seite 10
4.5 In seiner Eingabe vom 13. Mai 2020 führte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen aus, es seien die Entwicklungen in Sri Lanka zu berücksich-
tigen. So sei die allgemeine Ländersituation zu Sri Lanka letztmals im Zuge
der Eingabe vom 16. März 2017 dargelegt worden. Seither seien mehr als
drei Jahre vergangen und die Situation habe sich für Angehörige der tami-
lischen Minderheit und Personen mit LTTE-Verbindungen weiter ver-
schlechtert, zumal heute in Sri Lanka der berüchtigte Rajapaksa-Clan wie-
der an der Macht sei. Beim Beschwerdeführer handle es sich unbestritte-
nermassen um einen hinduistischen Tamilen, welcher aus C._ im
damals von den LTTE kontrollierten Vanni-Gebiet stamme. Er habe zehn
Geschwister und sein Vater sei bereits im Jahr 1995 gestorben. Die Familie
lebe in ärmlichen Verhältnissen. Ein Wegweisungsvollzug wäre schon des-
wegen unzumutbar. Zudem ergebe sich aus dem Herkunftsort im Vanni-
Gebiet ein behördlicher Grundverdacht auf eine LTTE-Verbindung.
Schliesslich halte er sich mittlerweile seit über fünf Jahren in der Schweiz
und somit in einem tamilischen Diasporazentrum auf, wobei es ihm bisher
nicht möglich gewesen sei, sein exilpolitisches Engagement geltend zu ma-
chen. So habe er in den Jahren 2015 und 2016 an drei exilpolitischen Ver-
anstaltungen der tamilischen Diaspora teilgenommen. Im Weiteren wieder-
holt der Beschwerdeführer seine Asyl- sowie Beschwerdevorbringen. Fer-
ner werden Ausführungen zum vom Rechtsanwalt verfassten Länderbe-
richt vom 23. Januar 2020 gemacht und ausgeführt, auch nach dem 23.
Januar 2020 habe sich die menschenrechtliche und politische Lage in Sri
Lanka weiter verschlechtert. So seien die zentralstaatliche Souveränität
und das Machtmonopol des Rajapaksa-Clans weiter angewachsen. Insbe-
sondere werde auf den zunehmenden Kompetenzzuwachs des Rajapa-
ksa-Clans und die Militarisierung öffentlicher Institutionen hingewiesen,
ebenso auf die anhaltenden Festnahmen, Übergriffe und Einschüchterun-
gen von Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Angehörigen ethni-
scher Minderheiten. Die Abkehr vom Reformkurs, die zunehmende Macht-
konzentration des Rajapaksa-Clans sowie die erhöhte Militarisierung dürfte
ihrerseits zu einer verstärkten Verfolgung von Personen mit dem Profil des
Beschwerdeführers führen. Seit Ende Februar 2020 habe sich die Sicher-
heitslage in Sri Lanka unter dem Vorwand der Bekämpfungsmassnahmen
gegen das Corona-Virus zudem erneut verschlechtert. Der stark militari-
sierte und politisierte Ansatz der Pandemiebekämpfung habe die ethni-
schen Spannungen in Sri Lanka weiter erhöht und der Militarisierung und
der Machtkonzentration des Militärs einen weiteren Schub verliehen.
Gleichzeitig hätten die Eindämmungsmassnahmen gegen das Virus zu ei-
ner Schwächung der Demokratie, der Zivilgesellschaft und der Position der
Minderheiten geführt. Aus den Präsidentschaftswahlen im November 2019
D-522/2017
Seite 11
hätten sich sodann zwei neue Risikofaktoren ergeben. Erstens habe sich
die Verfolgungsintensität unter der neuen sri-lankischen Regierung erhöht.
Zweitens würden unter der Rückkehr des Rajapaksa-Clans generell und
insbesondere Angehörige der tamilischen und muslimischen Minderheiten,
welche aus dem Ausland zurückkehren, unter Terrorverdacht stehen, dies
gelte besonders für Rückkehrer aus der Schweiz. Der Beschwerdeführer
weise sodann sämtliche der im Referenzurteil des Bundesverwaltungsge-
richts vom 15. Juli 2016 (E-1866/2015) definierten Risikofaktoren auf: er
habe LTTE-Verbindungen, sei in den Jahren 2006, 2009 und 2014 im Zu-
sammenhang mit einem behördlichen LTTE-Verdacht inhaftiert und dabei
registriert worden, er habe sich in der Schweiz exilpolitisch engagiert, trage
auffällige Narben, befinde sich seit über vier Jahren in der Schweiz und
habe keine gültigen Reisepapiere. Wegen der von ihm erlebten Folter wäre
zudem in Zukunft auch bei nur niederschwelliger künftiger Verfolgung von
der Annahme der Flüchtlingseigenschaft auszugehen, da eine erhöhte Ver-
folgungsempfindlichkeit bestehe. Nicht zuletzt aufgrund seines dokumen-
tierten exilpolitischen Engagements würden dem Beschwerdeführer von
der sri-lankischen Regierung Wiederbelebungsbestrebungen der LTTE un-
terstellt. Es sei somit absolut klar, dass er aufgrund seiner politischen Über-
zeugungen und Tätigkeiten und seines mehr als fünfjährigen Aufenthalts in
der Schweiz bei einer Rückkehr in das Sri Lanka der Rajapaksas vom sri-
lankischen Sicherheitsapparat ins Visier genommen und Opfer von Verfol-
gungsmassnahmen würde, die unter Art. 3 EMRK verpönt seien. Er sei in
der Schweiz als Flüchtling anzuerkennen.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer rügt in seiner Rechtsmitteleingabe zunächst
verschiedene Verletzungen des formellen Rechts durch die Vorinstanz.
Diese verfahrensrechtlichen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls
geeignet sein könnten, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu
bewirken (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwal-
tungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
5.1.1 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellen die Asylbehörden
den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Untersuchungsgrundsatz). Dabei
muss die Behörde die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunter-
lagen beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber
ordnungsgemäss Beweis führen. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung
dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter
belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist sie, wenn
die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes
D-522/2017
Seite 12
wegen abgeklärt oder nicht alle für die Entscheidung wesentlichen Sach-
umstände berücksichtigt hat (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA
BINDER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren
[VwVG], 2. Aufl. 2018, Art. 12 N. 16; BENJAMIN SCHINDLER, in: a.a.O.,
Art. 49 N. 29).
5.1.2 Das rechtliche Gehör, welches in Art. 29 Abs. 2 BV verankert ist und
in den Art. 29 ff. VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert wird,
dient einerseits der Aufklärung des Sachverhalts, andererseits stellt es ein
persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der Parteien dar. Gemäss Art.
30 Abs. 1 VwVG hört die Behörde die Parteien an, bevor sie verfügt (vgl.
BVGE 2011/37 E. 5.4.1).
Die Begründungspflicht, welche sich aus dem Anspruch auf rechtliches Ge-
hör gemäss Art. 29 VwVG ergibt, verlangt, dass die Behörde ihren Ent-
scheid so begründet, dass die betroffene Person ihn gegebenenfalls sach-
gerecht anfechten kann und sich sowohl sie als auch die Rechtsmittel-
instanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl.
LORENZ KNEUBÜHLER/RAMONA PEDRETTI, in: a.a.O., Art. 35 N. 7ff.; BVGE
2007/30 E. 5.6). Dabei kann sich die verfügende Behörde auf die wesent-
lichen Gesichtspunkte beschränken, hat jedoch wenigstens die Überlegun-
gen kurz anzuführen, von denen sie sich leiten liess und auf welche sie
ihren Entscheid stützt (BVGE 2008/47 E. 3.2; Entscheide und Mitteilungen
der Schweizerischen Asylrekurskommission (EMARK) 2006 Nr. 24 E. 5.1).
5.2 Zunächst rügt der Beschwerdeführer, indem das SEM anlässlich der
BzP den Fokus auf die Flughäfen Dubai und Genf anstatt auf die Gesuchs-
gründe gelegt und ihn darauf hingewiesen habe, sich kurz zu halten, um
ihm dann vorzuwerfen, er habe nicht alle Kernelemente erwähnt, habe es
den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Dabei verkennt der Be-
schwerdeführer, dass es sich bei der BzP eben gerade nicht um eine erste
Anhörung handelt, sondern diese der Erfassung der Identität und des Rei-
sewegs dient. Deshalb wird auch nicht verlangt, dass Asylsuchende bereits
alle ihre Gründe vortragen, sondern der Fokus auf die Kernelemente ge-
legt. Das SEM beanstandet somit zu Recht, dass es gegen die Glaubhaf-
tigkeit von Vorbringen spreche, die als Kernelemente für die Flucht darge-
stellt werden, wenn diese bei der BzP mit keinem Wort erwähnt werden.
5.3 Der Beschwerdeführer rügt weiter, die Vorinstanz habe den Anspruch
auf rechtliches Gehör verletzt, indem sie zu viel Zeit habe verstreichen las-
sen zwischen BzP und Anhörung und da der Entscheid nicht vom gleichen
D-522/2017
Seite 13
Sachbearbeiter verfasst worden sei, der die Anhörung durchgeführt habe.
Damit habe die Vorinstanz die Empfehlungen von Prof. Dr. Walter Kälin an
das SEM missachtet. Dazu ist festzuhalten, dass der Zeitraum von rund
zwei Jahren zwischen Befragung und Anhörung keine Verletzung des
rechtlichen Gehörs darstellt, zumal es sich bei der vom Beschwerdeführer
angerufenen Empfehlung, die Anhörung möglichst zeitnah zur BzP durch-
zuführen, um keine justiziable Verfahrenspflicht handelt. Bei dem vom Be-
schwerdeführer zitierten Rechtsgutachten handelt es sich lediglich um eine
Empfehlung von Prof. Dr. Walter Kälin an das SEM, aus welcher der Be-
schwerdeführer keine Ansprüche ableiten kann. Dasselbe gilt für die Medi-
enmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014. Aus dem Anspruch auf rechtli-
ches Gehör ergeben sich keine zeitlichen Vorgaben für die Vorinstanz. Be-
treffend die weitere Rüge, die Verfügung sei nicht durch die an der Anhö-
rung anwesende Person erlassen worden, ist festzuhalten, dass nicht er-
sichtlich ist, inwiefern ihm aus der Behandlung seines Falles durch ver-
schiedene Personen ein Nachteil entstanden sein soll. Aus dem Anspruch
auf rechtliches Gehör ergeben sich keine Vorgaben für die Vorinstanz, die
Verfügung müsse durch die befragende Person verfasst werden. Die Rü-
gen gehen somit fehl. Hinsichtlich der Forderung des Beschwerdeführers,
wonach er vor Erlass der angefochtenen Verfügung zwingend hätte erneut
befragt werden müssen, ist festzuhalten, dass die Untersuchungspflicht
der Behörden ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht eines Gesuchstellers
findet (vgl. Art. 8 AsylG), der auch die Substanziierungslast trägt (vgl. Art.
7 AsylG). Aus den Akten ist ersichtlich, dass der Beschwerdeführer nach
seiner letzten Befragung bis zum Ergehen der angefochtenen Verfügung
keine aktuellen Ereignisse zu Handen des SEM zu vermelden hatte, wes-
halb das SEM zu Recht keine weiteren Abklärungen vornahm und insbe-
sondere darauf verzichtete, den Beschwerdeführer nochmals anzuhören.
Ferner bemängelt der Beschwerdeführer, der rechtserhebliche Sachverhalt
sei unvollständig und unrichtig abgeklärt worden. So habe die Vorinstanz
die Tragweite seiner individuellen Gefährdung im Kontext der aktuellen Si-
tuation in Sri Lanka nur unzureichend erkannt und die vom Bundesverwal-
tungsgericht definierten Risikofaktoren nicht korrekt abgeklärt, danach
nicht gewürdigt und das Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 bei-
nahe vollständig ignoriert. Weiter habe es die Vorinstanz unterlassen, die
Folgen eines behördlichen „Backgroundchecks“ im Zusammenhang mit
der Beantragung der Ausstellung von Reisepapieren für das vorliegende
Verfahren korrekt und vollständig abzuklären. Diese Rügen gehen fehl. Die
Vorinstanz hat die Ausführungen des Beschwerdeführers vor dem Hinter-
grund der aktuellen Lage in Sri Lanka gewürdigt. Diese Würdigung ist nicht
D-522/2017
Seite 14
zu beanstanden, zumal sie ihm eine sachgerechte Anfechtung ermöglichte.
Selbst wenn das SEM tatsächlich ein älteres Urteil zitiert hat, ändert dies
nichts daran, dass die Aussage, wonach die Zugehörigkeit zur tamilischen
Ethnie und die längere Landesabwesenheit nicht ausreichen, um bei einer
Rückkehr von einer Verfolgungssituation auszugehen, auch gemäss dem
neueren Referenzurteil Praxis des Gerichts ist – weitere vom Beschwerde-
führer vorgebrachte Risikofaktoren wurden diesem nicht geglaubt. Ferner
spricht allein der Umstand, dass das SEM zum einen in seiner Länderpra-
xis zu Sri Lanka einer anderen Linie folgt, als vom Beschwerdeführer ver-
treten, und es zum anderen aus sachlichen Gründen auch zu einer ande-
ren Würdigung der Vorbringen gelangt, als vom Beschwerdeführer ver-
langt, nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung. Der rechtser-
hebliche Sachverhalt wurde von der Vorinstanz richtig und vollständig fest-
gestellt.
5.4 Zur Rüge, das SEM habe seine Begründungspflicht verletzt, kann fest-
gehalten werden, dass es in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar
und hinreichend differenziert aufgezeigt hat, von welchen Überlegungen es
sich leiten liess. Es hat sich auch mit sämtlichen wesentlichen Vorbringen
des Beschwerdeführers auseinandergesetzt. Der blosse Umstand, dass
der Beschwerdeführer die Auffassung des SEM nicht teilt, ist keine Verlet-
zung der Begründungspflicht, sondern eine Frage der materiellen Beurtei-
lung.
5.5 Schliesslich ersucht der Beschwerdeführer mit seiner Replik erneut um
Akteneinsicht, einerseits in das Aktenstück A28, da ihm die Einsicht nicht
vollständig gewährt worden sei, und andererseits in die in der Vernehmlas-
sung erwähnte Aktennotiz vom 27. Februar 2017. Diese Gesuche sind ab-
zuweisen. Zum Aktenstück A28 ist festzuhalten, dass dem Beschwerdefüh-
rer genügend Einsicht gewährt wurde, zumal dem ihm anonymisiert zuge-
stellten Dokument alle relevanten Aussagen des Aktenstückes zu entneh-
men sind. Betreffend die Aktennotiz vom 27. Februar 2017 ist festzuhalten,
dass die Einsicht in dieses Aktenstück ebenfalls als gewährt gilt, da dessen
Inhalt in der Vernehmlassung wiedergegeben wurde.
5.6 Nach dem Gesagten erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün-
det. Die Vorinstanz hat das Asylverfahren den gesetzlichen Vorgaben ent-
sprechend durchgeführt, womit der Rückweisungsantrag als auch die ge-
stellten Beweisanträge abzuweisen sind.
D-522/2017
Seite 15
6. Für den Fall einer materiellen Behandlung durch das Gericht beantragt
der Beschwerdeführer, er sei erneut anzuhören. Wie oben dargelegt ist der
Sachverhalt als hinreichend erstellt zu erachten, weshalb dieser Antrag ab-
zuweisen ist.
7.
7.1 Eine einlässliche Prüfung der Akten ergibt, dass die Vorbringen des
Beschwerdeführers nicht geeignet sind, eine asylrelevante Verfolgung
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen.
7.2 Das Gericht kommt – in Übereinstimmung mit der Vorinstanz – zum
Schluss, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers zu seinen Propagan-
daaktivitäten für die LTTE, den Befragungen durch das CID, den Inhaftie-
rungen im Februar 2006 und im Oktober 2014 sowie der Ausreiseverwei-
gerung im Jahr 2009 den Anforderungen an die Glaubhaftmachung nicht
genügen. So ist dem SEM darin zuzustimmen, dass die entsprechenden
Aussagen insgesamt unsubstantiiert und erlebnisfern ausgefallen und da-
rin keine prägenden Erlebnisse oder persönliche Regungen zu erkennen
sind. Eine nähere Beschreibung seines dreimonatigen Aufenthaltes im
Camp war ihm auch auf mehrmaliges Nachfragen hin nicht möglich.
Schliesslich ist das gefälschte Beweismittel betreffend Spitalaufenthalt als
starkes Indiz der Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen zu werten. Daran ver-
mögen die Ausführungen in der Beschwerde und der Replik nichts zu än-
dern, zumal diese sich in Behauptungen erschöpfen und den Ausführun-
gen der Vorinstanz beziehungsweise der Botschaft nichts substanziiertes
entgegengesetzt wird. Der Beschwerdeführer hatte anlässlich der Gewäh-
rung des rechtlichen Gehörs um Frist ersucht, um ein neues Dokument
einzureichen und die Sache damit zu klären. Diese Frist hat er jedoch un-
genutzt verstreichen lassen und auch bis heute keine entsprechenden Do-
kumente eingereicht. Ebenfalls zuzustimmen ist der Vorinstanz darin, dass
seine Schilderung, er sei im Jahr 2009 an der Ausreise gehindert worden,
da er von den Behörden gesucht worden sei, nicht zu überzeugen vermag.
Es widerspricht der Logik, dass die Behörden ihm die Ausreise verweigert
haben sollen wegen eines Eintrages, er werde gesucht, er aber am Flug-
hafen nicht festgehalten und dem TID übergeben worden sein soll. Dem
Beschwerdeführer ist es somit nicht gelungen, die von ihm angeführten
Vorfluchtgründe glaubhaft zu machen.
7.3 Weiter ist zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer – wie er geltend macht
– im heutigen Zeitpunkt bei einer Rückkehr aufgrund der aktuellen politi-
D-522/2017
Seite 16
schen Entwicklungen sowie seiner geltend gemachten exilpolitischen Akti-
vitäten ernsthafte Nachteile (im Sinne von Nachfluchtgründen) drohen wür-
den.
7.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hielt im Urteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 (als Referenzurteil publiziert) fest, bestimmte Risikofaktoren
(Eintrag in die Stop-List, Verbindung zu den LTTE und exilpolitische Aktivi-
täten) seien als stark risikobegründend zu qualifizieren, da sie unter den im
Entscheid dargelegten Umständen bereits für sich alleine genommen zur
Bejahung einer begründeten Furcht führen könnten. Demgegenüber wür-
den das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente, eine zwangsweise res-
pektive durch die Internationale Organisation für Migration (IOM) begleitete
Rückführung sowie gut sichtbare Narben schwach risikobegründende Fak-
toren darstellen. Dies bedeute, dass diese in der Regel für sich alleine ge-
nommen keine relevante Furcht vor ernsthaften Nachteilen zu begründen
vermöchten. Jegliche glaubhaft gemachten Risikofaktoren seien in einer
Gesamtschau und in ihrer Wechselwirkung sowie unter Berücksichtigung
der konkreten Umstände in einer Einzelfallprüfung zu berücksichtigen, mit
dem Ziel zu erwägen, ob mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine flücht-
lingsrechtlich relevante Verfolgung bejaht werden müsse (vgl. Urteil
E-1866/2015 E. 8.5.5). Der Ausgang der Kommunalwahlen vom 10. Feb-
ruar 2018 ändert an dieser Einschätzung der Lage nichts. Dies gilt auch
unter Berücksichtigung der aktuellen politischen Lage in Sri Lanka. Die ak-
tuelle Lage in Sri Lanka war nach den Terroranschlägen im April 2019 zwar
als volatil zu beurteilen, jedoch ist aufgrund dessen nicht auf eine generell
erhöhte Gefährdung von zurückkehrenden tamilischen Staatsangehörigen
zu schliessen. Auch der am 6. Oktober 2018 begonnene Machtkampf zwi-
schen Sirisena, Rajapaksa und Wickremesinghe sowie die Präsident-
schaftswahlen von November 2019 vermögen diese Einschätzung nicht in
Frage zu stellen.
Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Rajapaksa zum neuen Präsiden-
ten Sri Lankas gewählt (vgl. Neue Zürcher Zeitung [NZZ], In Sri Lanka kehrt
der Rajapaksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019; https://www.the-
guardian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-candidate-rajapa-
ksa-premadas-count-continues, abgerufen am 05.03.2020). Gotabaya
Rajapaksa war unter seinem älteren Bruder, dem ehemaligen Präsidenten
Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015 an der Macht war, Verteidi-
gungssekretär. Er wurde angeklagt, zahlreiche Verbrechen gegen Journa-
listinnen und Journalisten sowie Aktivisten begangen zu haben. Zudem
D-522/2017
Seite 17
wird er von Beobachtern für Menschenrechtsverletzungen und Kriegsver-
brechen verantwortlich gemacht; er bestreitet die Anschuldigungen (vgl.
Human Rights Watch [HRW]: World Report 2020 – Sri Lanka, 14.01.2020).
Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bruder Mahinda
zum Premierminister und band einen weiteren Bruder, Chamal Rajapaksa,
in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Mahinda und Chamal Raja-
paksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett zusammen zahlreiche
Regierungsabteilungen oder -institutionen (vgl. https://www.ani-
news.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents-brother-cha-
mal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-state20191127174753/, abgerufen
am 04.03.2020). Beobachter und ethnische / religiöse Minderheiten be-
fürchten insbesondere mehr Repression und die vermehrte Überwachung
von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen und
Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen Personen (vgl.
Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt Ängste
bei Minderheiten, 21.11.2019). Anfang März 2020 löste Gotabaya Rajapa-
ksa das Parlament vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri
Lankas Präsident löst das Parlament auf, 03.03.2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri
Lanka: Families of "Disappeared" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt
es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist weiter-
hin im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden
Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive
deren Folgen besteht.
7.3.2 Nachdem der Beschwerdeführer keine Vorfluchtgründe nachweisen
oder glaubhaft machen konnte und er kein relevantes politisches Profil auf-
weist, erfüllt er auch keine der im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 dargelegten stark risikobegründenden Faktoren. Weiter
wurde er keiner Straftat angeklagt oder verurteilt und verfügt somit auch
nicht über einen Strafregistereintrag. Die von ihm angeführte Narbe stellt
sodann – wenn überhaupt – einen schwach risikobegründenden Faktor
D-522/2017
Seite 18
dar. Dabei ist festzustellen, dass die zum Beleg derselben eingereichte Fo-
tografie von sehr schlechter Qualität ist, weshalb das Vorliegen einer Narbe
nicht abschliessend beurteilt werden kann. Aber selbst unter Berücksichti-
gung einer einzigen Narbe in Verbindung mit seiner tamilischen Ethnie, sei-
ner über fünfjährigen Landesabwesenheit und der fehlenden Reisepapiere
ist nicht von einer Gefährdung flüchtlingsrechtlich beachtlichen Ausmasses
im Sinne des Referenzurteils auszugehen. Sodann macht der Beschwer-
deführer geltend, er sei exilpolitisch aktiv, konkret habe er in den Jahren
2015 und 2016 an drei exilpolitischen Veranstaltungen der tamilischen
Diaspora teilgenommen, wobei er diesbezüglich Fotografien einreichte.
Weitere exilpolitische Tätigkeiten macht er nicht geltend. Bei exilpolitischen
Tätigkeiten auf solch geringem Niveau ist praxisgemäss nicht von einem
flüchtlingsrechtlich relevanten Profil des Beschwerdeführers auszugehen.
7.4 An dieser Einschätzung vermögen die auf Beschwerdeebene einge-
reichten Dokumente, Berichte und Länderinformationen, die im Wesentli-
chen die allgemeine politische Lage in Sri Lanka betreffen, nichts zu än-
dern, zumal sie allesamt weder einen persönlichen Bezug zum Beschwer-
deführer aufweisen, noch ein solcher hinreichend dargelegt wurde. Inso-
weit sei zur Vermeidung von Wiederholungen auf die zutreffenden Erwä-
gungen der Vorinstanz verwiesen.
8. Das Bundesverwaltungsgericht stellt zusammenfassend fest, dass der
Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft gemäss den Voraussetzun-
gen von Art. 3 und 7 AsylG aus den soeben erwähnten Gründen nicht er-
füllt, weshalb das SEM das Asylgesuch zu Recht ablehnte.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
D-522/2017
Seite 19
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
10.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
D-522/2017
Seite 20
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
10.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.3.1 Im vorerwähnten Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
nahm das Bundesverwaltungsgericht eine aktuelle Lagebeurteilung mit Be-
zug auf die Zumutbarkeit des Vollzugs von Wegweisungen nach Sri Lanka
vor (vgl. a.a.O. E. 13.2 – 13.4). Den Wegweisungsvollzug in die Nordpro-
vinz (Distrikte Jaffna, Kilinochchi, Mullaitivu, Mannar und Vavuniya; im
Sinne der Definition in BVGE 2011/24 E. 13.2.2.1) erachtete das Bundes-
verwaltungsgericht als zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zu-
mutbarkeitskriterien (insbesondere die Existenz eines tragfähigen familiä-
ren oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte
Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden könne (vgl. a.a.O.
E. 13.3.3).
10.3.2 Der Beschwerdeführer stammt aus der Nordprovinz, Bezirk Jaffna,
womit vorstehende Rechtsprechung auf ihn anwendbar ist. Wie die Vor-
instanz im angefochtenen Entscheid zutreffend ausführte, ist er jung und
soweit aus den Akten ersichtlich gesund, verfügt über eine solide Schulbil-
dung (Besuch der regulären Schule und des [...]). Gemäss eigenen Anga-
ben verfügt er in seinem Heimatort über einige Verwandte seiner Kernfa-
milie, welche ihn bei einer Rückkehr und Wiedereingliederung in den Alltag
in Sri Lanka unterstützen und ihm eine gesicherte Wohnsituation bieten
können. Es ist demnach davon auszugehen, dass er sowohl auf eigene
Ressourcen als auch ein familiäres und wirtschaftliches Beziehungsnetz
zurückgreifen kann, welches ihm bei einer Rückkehr ermöglichen wird, für
D-522/2017
Seite 21
seinen Lebensunterhalt aufzukommen und sich im Heimatstaat zu reinteg-
rieren. An dieser Einschätzung vermögen die Ausführungen in der Be-
schwerde nichts zu ändern.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
10.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und zufolge seiner sehr um-
fangreichen Eingaben auf Beschwerdeebene mit teilweise unnötigen Be-
gehren und Anliegen, deren Ergebnis dem Rechtsvertreter teilweise schon
hätten bekannt sein müssen, auf insgesamt Fr. 1‘500.– festzusetzen (Art.
1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschä-
digungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-522/2017
Seite 22