Decision ID: 1e010248-3a2b-5122-91e3-0dee74d0da6f
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die aus dem Kosovo stammende Beschwerdeführerin (geb. [...]) heiratete
am 5. Juni 2012 im Kanton Zürich den Schweizer Bürger B._ (geb.
[...]) und zog zu ihm in die Schweiz. In der Folge erhielt sie eine Aufent-
haltsbewilligung zum Verbleib beim Ehemann. Inzwischen verfügt sie über
eine Niederlassungsbewilligung. Am (...) 2017 wurde die gemeinsame
Tochter C._ geboren (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 1).
B.
Am 17. November 2017 (Eingang bei der Vorinstanz am 7. Dezember
2017) ersuchte die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 27 des bis zum
31. Dezember 2017 in Kraft gestandenen Bürgerrechtsgesetzes (aBüG,
AS 1952 1087) als Ehegattin eines Schweizer Bürgers um erleichterte Ein-
bürgerung (SEM act. 1).
C.
In der Folge holte das SEM beim Gemeindeamt des Kantons Zürich einen
Erhebungsbericht ein (SEM act. 4). Dieser lag am 13. September 2018 vor.
Daraus ging hervor, dass auf Seiten der Beschwerdeführerin keine Grund-
kenntnisse über die Schweiz vorhanden seien. Das Gemeindeamt stellte
daher einen negativen Antrag und empfahl der Gesuch stellenden Person,
vorerst einen Integrationskurs zu besuchen (SEM act. 5).
D.
Nachdem die Beschwerdeführerin die von ihr verlangten Unterlagen
(Sprachzertifikate, Bestätigungen über besuchten Integrationskurs, Refe-
renzschreiben) im Rahmen eines ausführlichen Schriftverkehrs sukzessive
nachgereicht hatte (SEM act. 6 – 20), stellte ihr die Vorinstanz mit Schrei-
ben vom 3. Juli 2020 die auszufüllenden Erklärungen betreffend Beachtens
der Rechtsordnung und ehelicher Gemeinschaft zu (SEM act. 21).
E.
Am 16. Juli 2020 (Eingang bei der Vorinstanz) reichte die Beschwerdefüh-
rerin die beiden auf den 15. Juli 2020 datierten, unterzeichneten Erklärun-
gen ein (SEM act. 22). Tags darauf ging beim SEM ein Schreiben des Ehe-
mannes vom 15. Juli 2020 ein. Darin teilte er mit, dass sich die Ehegatten
in einer Trennungsphase befänden. Seine Ehefrau habe seine Unterschrift
auf der Erklärung betreffend ehelicher Gemeinschaft «verfälscht». Als Be-
weis legte er die Kopie seines Schweizer Passes bei, worauf seine Unter-
schrift ersichtlich war (SEM act. 23).
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Seite 3
F.
Nach weiteren Erkundigungen im Zusammenhang mit einem zwischenzeit-
lich erfolgten Umzug der Eheleute innerhalb des Kantons Zürich orientierte
die Vorinstanz die Beschwerdeführerin am 19. November 2020 über die
Äusserungen ihres Ehemannes vom 15. Juli 2020 und hielt fest, dass sie
die Trennung verheimlicht, dadurch bewusst falsche Angaben gemacht
und das SEM folglich getäuscht habe. Es müsse daher davon ausgegan-
gen werden, dass sie sich nicht an die Rechtsordnung halte und die hiesi-
gen Verhältnisse sowie elementare Verhaltensregeln und Prinzipien nicht
beachte. Die Voraussetzungen für eine erleichterte Einbürgerung seien
mithin nicht erfüllt. Gleichzeitig gewährte die Vorinstanz der Beschwerde-
führerin das rechtliche Gehör und empfahl ihr, das Gesuch zurückzuziehen
(SEM act. 27).
G.
G.a Am 23. November 2020 bestätigten die Eheleute, gemeinsam am
neuen Domizil zu leben (SEM act. 28). Weil sie sich nicht zum Schreiben
des Staatssekretariats vom 19. November 2020 äusserten, wurde ihnen
nochmals das rechtliche Gehör hierzu gewährt (SEM act. 29).
G.b Mit Schreiben vom 15. Dezember 2020 liess der Ehemann der Be-
schwerdeführerin verlauten, er habe die Erklärung vom 15. Juli 2020 ei-
genhändig, aber nicht mit seiner richtigen Unterschrift unterzeichnet. Die
Beschwerdeführerin habe die Unterschrift nicht gefälscht. Seine Äusse-
rung, dass sich das Paar in einer Trennungsphase befinde, rühre von ei-
nem Streit her. Sie seien nie getrennt gewesen und hätten dies auch nicht
vor. Ihre Ehe sei intakt (SEM act. 34).
G.c Am 16. Dezember 2020 liess sich auch der damalige Rechtsvertreter
zur Angelegenheit vernehmen. Unter Bezugnahme auf das Schreiben des
Ehemannes hielt er ergänzend fest, dass es sich um eine tatsächlich ge-
lebte und gewollte Ehe handle, weshalb die Voraussetzungen für die er-
leichterte Einbürgerung der Beschwerdeführerin erfüllt seien (act. 35).
Nachdem ihm Akteneinsicht gewährt worden war, hielt er am 21. Januar
2021 an seinen bisherigen Ausführungen fest (SEM act. 39).
H.
Mit Verfügung vom 22. April 2021 lehnte die Vorinstanz das Gesuch der
Beschwerdeführerin um erleichterte Einbürgerung ab (SEM act. 40).
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Seite 4
I.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 25. Mai 2021 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragte die Beschwerdeführerin, handelnd durch Rechtsanwältin
Aileen Rose Kreyden, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und
das SEM anzuweisen, ihr die erleichterte Einbürgerung zu erteilen; even-
tualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In formeller Hinsicht ersuchte sie unter ande-
rem um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Die Beschwerdeeingabe war mit mehreren Beweismitteln (insbesondere
undatierten Ferien- und Familienaufnahmen, Fotos der Haustürklingel so-
wie einer nochmaligen Äusserung von B._ vom 25. Mai 2021 zur
ehelichen Situation zum Zeitpunkt der Erklärung betreffend ehelicher Ge-
meinschaft vom 15. Juli 2020) ergänzt (BVGer act. 1).
J.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Juni 2021 hiess das Bundesverwaltungs-
gericht das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung
gut und setzte Rechtsanwältin MLaw Aileen Kreyden als amtliche Anwältin
ein. Zugleich wurde die Beschwerdeführerin aufgefordert, die Ehegatten
betreffende Betreibungsregisterauszüge nachzureichen (BVGer act. 3).
K.
Am 7. Juni 2021 übermittelte das SEM dem Bundesverwaltungsgericht ei-
nen Rapport der Kantonspolizei Zürich vom 26. Mai 2021. Dem darin rap-
portierten Vorfall konnte entnommen werden, dass sich zwischen den Ehe-
gatten in der Nacht vom 8./9. Mai 2021 an deren Domizil eine heftige, zum
Teil tätliche Auseinandersetzung zugetragen hatte (BVGer act. 5).
L.
Mit Beschwerdeergänzung vom 31. August 2021 reichte die Beschwerde-
führerin innert der hierfür erstreckten Frist die verlangten Betreibungsregis-
terauszüge ein (BVGer act. 10).
M.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 28. September 2021
auf Abweisung der Beschwerde (BVGer act. 12).
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Seite 5
N.
Am 6. Oktober 2021 erhielt die Beschwerdeführerin Gelegenheit, sich so-
wohl zur Vernehmlassung der Vorinstanz vom 28. September 2021 als
auch zum Polizeirapport vom 26. Mai 2021 zu äussern (BVGer act. 13).
Replikweise hielt die Beschwerdeführerin am 5. November 2021 am ein-
gereichten Rechtsmittel, den Rechtsbegehren und deren Begründung fest
(BVGer act. 14).
O.
Mit Schreiben vom 3. Januar 2022 bat die amtliche Rechtsbeiständin um
Entlassung aus dem Mandat und dessen Übertragung auf Rechtsanwalt
MLaw Nicolas von Wartburg (BVGer act. 16).
P.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Mit dem am 1. Januar 2018 in Kraft getretenen Bürgerrechtsgesetz vom
20. Juni 2014 (BüG, SR 141.0) wurde der gleichnamige Erlass vom
29. September 1952 aufgehoben (vgl. Art. 49 BüG i.V.m. Ziff. I seines An-
hangs). Gemäss der Übergangsbestimmung des Art. 50 Abs. 1 BüG richten
sich Erwerb und Verlust des Schweizer Bürgerrechts nach dem Recht, das
bei Eintritt des massgebenden Tatbestands in Kraft steht. Die Beschwer-
deführerin hat ihr Einbürgerungsgesuch noch vor dem Inkrafttreten des
BüG eingereicht, weshalb die Streitsache in materieller Hinsicht nach dem
alten Bürgerrechtsgesetz zu beurteilen ist (Art. 50 Abs. 2 BüG).
2.
2.1 Verfügungen des SEM betreffend die erleichterte Einbürgerung sind mit
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 47 Abs. 1
BüG i.V.m. Art. 31 ff. VGG; vgl. den gleichlautenden Art. 51 Abs. 1 aBüG).
2.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
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Seite 6
2.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf ihre frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes sowie die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren
das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen (vgl. BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1 E. 2).
4.
Die Beschwerdeführerin rügt in verfahrensrechtlicher Hinsicht eine Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG), indem die Vorinstanz eine absolut mangelhafte und unausgewo-
gene Beweiswürdigung vorgenommen habe. Fragen im Zusammenhang
mit der Beweiswürdigung bilden indes Gegenstand der nachfolgenden ma-
teriell-rechtlichen Prüfung.
5.
5.1 Eine ausländische Person kann nach der Eheschliessung mit einer
Schweizer Bürgerin oder einem Schweizer Bürger ein Gesuch um erleich-
terte Einbürgerung stellen, wenn sie insgesamt fünf Jahre in der Schweiz
gewohnt hat, seit einem Jahr hier wohnt und seit drei Jahren in ehelicher
Gemeinschaft mit der Schweizerin oder dem Schweizer lebt (Art. 27 Abs.1
aBüG). Gemäss Art. 26 Abs. 1 aBüG setzt die erleichterte Einbürgerung in
materieller Hinsicht voraus, dass die Bewerberin oder der Bewerber in der
Schweiz integriert ist (Bst. a), die schweizerische Rechtsordnung beachtet
(Bst. b) und die innere und äussere Sicherheit der Schweiz nicht gefährdet
(Bst. c). Alle Einbürgerungsvoraussetzungen müssen sowohl im Zeitpunkt
der Gesuchseinreichung als auch anlässlich der Einbürgerungsverfügung
erfüllt sein (BGE 140 II 65 E. 2.1). Dies gilt namentlich auch für den Bestand
einer ehelichen Gemeinschaft. Ist eine solche von Anfang an nicht gege-
ben oder tritt im Verlauf des Verfahrens eine Situation ein, in der sie nicht
mehr angenommen werden kann, darf die erleichterte Einbürgerung nicht
verfügt werden (vgl. BGE 135 II 161 E. 2; 130 II 482 E. 2; 129 II 401 E. 2.2;
BVGE 2016/32 E. 4.3.1).
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Seite 7
5.2 Die eheliche Gemeinschaft im Sinne des Art. 27 aBüG bedeutet mehr
als nur das formelle Bestehen einer Ehe. Verlangt wird eine tatsächliche
Lebensgemeinschaft, die vom gemeinsamen Willen der Ehegatten getra-
gen wird, ihre Ehe auch künftig aufrecht zu erhalten (vgl. BGE 135 II 161
E. 2 m.H.). Der Gesetzgeber wollte dem ausländischen Ehegatten eines
Schweizer Bürgers die erleichterte Einbürgerung ermöglichen, um die Ein-
heit des Bürgerrechts der Ehegatten im Hinblick auf ihre gemeinsame Zu-
kunft zu fördern (Botschaft des Bundesrats zur Änderung des BüG vom
27. August 1987, BBl 1987 III 293 ff., S. 310). Sobald an einen Begriff
rechtliche Folgen – wie hier der Erwerb des Bürgerrechts an die Ehe –
geknüpft sind, liegt die Definitionshoheit nicht mehr beim Einzelnen, son-
dern beim Gesetzgeber bzw. bei der Rechtsprechung (vgl. Urteil des
BVGer F-1157/2020 vom 9. Dezember 2021 E. 5.2 m.H.).
6.
6.1 Im Verfahren um erleichterte Einbürgerung gilt – wie im Verwaltungs-
verfahren allgemein – der Untersuchungsgrundsatz. Gemäss Art. 12
VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest, wobei sie
sich der zulässigen und zumutbaren Möglichkeiten der Sachaufklärung be-
dient. Die Notwendigkeit, im Rahmen eines Einbürgerungsverfahrens be-
hördliche Erhebungen durchführen bzw. durchführen zu lassen, wird durch
die Mitwirkungspflicht der Parteien ergänzt. In dieser Hinsicht hält Art. 13
Abs. 1 Bst. a VwVG fest, dass Parteien in einem durch eigenes Begehren
eingeleiteten Verfahren verpflichtet sind, an der Feststellung des Sachver-
halts mitzuwirken. Diese dem Verwaltungsrecht eigene Verpflichtung gilt
auch in Einbürgerungsverfahren und besteht selbst dann, wenn sich der
von der gesuchstellenden Person zu erbringende Beitrag zu ihrem Nachteil
auswirkt (vgl. Urteil des BGer 1C_238/2020 vom 21. Oktober 2020 E. 6.4
m.H.). Verweigert die Partei die Mitwirkung, kann die Behörde einen Akten-
entscheid fällen, sofern sie ihre Abklärungspflicht in angemessener Weise
wahrgenommen hat. Wenn die Behörde in antizipierter Beweiswürdigung
ausschliessen kann, dass weitere Ermittlungen die Beweislosigkeit behe-
ben könnten, kann sie einen Beweislastentscheid fällen (vgl. etwa Urteile
des BVGer F-3499/2021 vom 11. November 2021 E. 5.1 oder F-1066/2019
vom 22. September 2020 E. 5.2 m.H.).
6.2 Führt ein regelkonform durchgeführtes Beweisverfahren zu Beweislo-
sigkeit, stellt sich die Beweislastfrage. Der allgemeine Rechtsgrundsatz,
wonach derjenige die (objektive) Beweislast für das Vorliegen einer Tatsa-
che trägt, der aus ihr Rechte ableitet (Art. 8 ZGB), gilt auch für die Voraus-
setzungen der erleichterten Einbürgerung nach Art. 26 Abs. 1 und Art. 27
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Abs. 1 aBüG. Die Beweislast für deren Vorliegen trägt demzufolge der Ge-
suchsteller bzw. die Gesuchstellerin (vgl. Urteil BVGer
F-2224/2016 vom 23. April 2018 E. 4.2). Der Beweis ist geleistet, wenn die
Behörde gestützt auf die freie Beweiswürdigung zur Überzeugung gelangt
ist, dass sich der rechtserhebliche Sachverhalt verwirklicht hat. Ist das nicht
der Fall, hat die Behörde demnach so zu entscheiden, wie wenn das Nicht-
vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen erwiesen wäre
(vgl. BVGE 2008/23 E. 4 m.H.). Gegenstand der behördlichen Überzeu-
gung bzw. das geforderte Beweismass ist nicht die mehr oder weniger
hohe Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Sachverhalts, sondern sein tat-
sächliches Vorliegen. Dabei sind bloss abstrakte oder theoretische Zweifel,
die immer möglich sind, nicht massgebend. Es muss sich um begründete
Zweifel handeln, das heisst solche, die sich nach den gesamten Umstän-
den aufdrängen (vgl. Urteil F-1157/2020 E. 6.2 m.H.).
7.
7.1 Die Vorinstanz führte in der Verfügung vom 22. April 2021 im Wesent-
lichen aus, wohl sprächen die Akten auf den ersten Blick für eine stabile
Ehe, allerdings lägen auf der anderen Seite Sachverhaltselemente vor, auf-
grund derer erhebliche Zweifel an der Intaktheit, Stabilität und Zukunftsge-
richtetheit der ehelichen Gemeinschaft bestünden. So habe der Ehemann
der Gesuchstellerin dem SEM mittels Schreiben vom 15. Juli 2020 mitge-
teilt, dass sich die Eheleute in einer Trennungsphase befänden und die
Beschwerdeführerin seine Unterschrift auf der Erklärung betreffend eheli-
cher Gemeinschaft gefälscht habe. Aufgrund der allgemeinen Lebenser-
fahrung gehe das Staatssekretariat davon aus, dass die eheliche Situation
zum fraglichen Zeitpunkt derart angespannt gewesen sein müsse, dass
sich die Ehegatten mit einer Trennung auseinandergesetzt hätten und der
Ehemann es als notwendig erachtet habe, die verfügende Behörde dar-
über zu informieren. Hinzu kämen Unstimmigkeiten mit dem zeitlich zu-
sammenfallenden, erst drei Monate später gemeldeten Umzug der Ehe-
leute an einen anderen Wohnort. Besagte Zweifel hätten danach weder die
Beschwerdeführerin noch ihr Gatte zu beseitigen vermocht. Ob sich die
Situation in der Zwischenzeit entspannt habe, könne offenbleiben, zumal
sich erst nach einer gewissen Zeitspanne beurteilen liesse, ob die Ehe wie-
der stabil und intakt sei.
7.2 Die Beschwerdeführerin hielt hauptsächlich dagegen, die Vorinstanz
stütze sich auf eine einseitige, mangelhafte und vollkommen unausgewo-
gene Beweiswürdigung. Dafür, dass die Ehe nicht intakt sei, beziehe sie
sich einzig auf ein Schreiben des Ehemannes vom Juli 2020. Jener habe
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Seite 9
seine Äusserungen inzwischen revidiert und am 15. Dezember 2020 expli-
zit festgehalten, dass er sein damaliges Schreiben aus einem Streit heraus
verfasst habe und keine Trennungsabsichten bestünden. Dieses Beweis-
mittel könne deshalb nicht zum Anlass genommen werden, die gesamte
Beziehung in Frage zu stellen. Ausser Acht gelassen habe das SEM ferner
die Umstände der Beziehung (Beziehungsdauer, gemeinsames Kind, ge-
meinsamer Wohnsitz, Referenzschreiben) sowie alle übrigen Beweismittel.
Die zusammen mit der Beschwerdeeingabe eingereichten Fotos mit Ehe-
mann und/oder Kind belegten ebenfalls, dass es sich um eine intakte und
glückliche Ehe sowie eine gesunde und fröhliche Familie handle, die zu-
sammenwohne.
Mit Blick auf den Polizeirapport vom 26. Mai 2021 liess die Beschwerde-
führer replikweise verlauten, den Eklat vom 9. Mai 2021 gelte es im Kontext
des ihr von der Parteivertretung kurz zuvor erläuterten Einbürgerungsent-
scheides zu verstehen. Darüber, dass ihr Ehemann das Einbürgerungsver-
fahren sabotiert habe, sei sie damals sehr aufgebracht gewesen und habe
in der Wut deshalb mit Trennung gedroht. Wohl würden sie sich – wie jedes
andere Paar auch – streiten und durch schwierigere Phasen gehen, die
Ehe sei jedoch nach wie vor intakt.
8.
8.1 Streitig und zu prüfen ist in erster Linie, ob zwischen der Beschwerde-
führerin und ihrem Schweizer Ehemann eine intakte und stabile eheliche
Gemeinschaft im Sinne von Art. 27 Abs. 1 Bst. c aBüG bestand. Objektiv
beweisbelastet ist die Beschwerdeführerin als gesuchstellende Partei (vgl.
oben E. 6.2).
8.2 Für den Bestand der ehelichen Gemeinschaft hätten, jedenfalls bis im
Sommer 2020, als das SEM beabsichtigte, die Beschwerdeführerin erleich-
tert einzubürgern, Aspekte wie die Beziehungsdauer, die im Januar 2017
geborene gemeinsame Tochter sowie die vorhandenen Referenzauskünfte
gesprochen. Für einen positiven Einbürgerungsentscheid fehlten nurmehr
die Erklärungen betreffend Beachtens der Rechtsordnung und ehelicher
Gemeinschaft. Diese gingen am 16. Juli 2020 bei der Vorinstanz ein (SEM
act. 22). Erste ernsthafte Zweifel an der Intaktheit und Zukunftsgerichtet-
heit der Ehe kamen auf, als das SEM tags darauf ein Schreiben ihres Ehe-
mannes, datierend vom 15. Juli 2020, erhielt. Darin gab jener bekannt,
dass er und die Beschwerdeführerin sich in einer Trennungsphase befän-
den. Er habe die Erklärung betreffend ehelicher Gemeinschaft nicht unter-
schrieben, sondern seine Gattin habe die Unterschrift «verfälscht» (SEM
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Seite 10
act. 23). Ein Vergleich mit der gleichzeitig eingereichten Passkopie zeigte,
dass die Unterschriften in der Tat nicht übereinstimmten. Weil der Inhalt
des fraglichen Informationsschreibens auf erhebliche Differenzen in der
Beziehung zwischen den Betroffenen hindeutete, hegte das SEM ab dann
berechtigte Zweifel am Bestand einer stabilen Ehe.
8.3 Die Beschwerdeführerin argumentierte wie erwähnt damit, dass ein
einziges Schreiben nicht zum Anlass genommen werden dürfe, ihre Bezie-
hung in Frage zu stellen. Alle anderen Sachverhaltselemente sprächen für
eine intakte Ehe. Ausserdem habe ihr Ehemann seine Haltung am 15. De-
zember 2020 schriftlich revidiert und dies am 25. Mai 2021 nochmals be-
kräftigt. Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Wohl präzisierte
B._ mit Eingabe vom 15. Dezember 2020, er habe die Erklärung
betreffend die eheliche Gemeinschaft eigenhändig, aber nicht mit seiner
richtigen Unterschrift unterzeichnet, die Beschwerdeführerin habe die Un-
terschrift also nicht gefälscht. Ferner führte er aus, seine damaligen Äusse-
rungen rührten daher, dass sie sich gestritten hätten. In Tat und Wahrheit
seien sie nie getrennt gewesen, und sie hätten dies auch nicht vor (SEM
act. 34). Dieses unter zweifelhaften Umständen zu Stande gekommene
Dementi (im Einzelnen siehe Sachverhalt Bst. E. – G weiter vorne) ändert
indes nichts daran, dass es sich beim behaupteten Streit um einen sehr
gravierenden Vorfall gehandelt haben muss. Zudem bestätigt der Ehegatte
mit seiner Äusserung, er habe nicht mit seiner richtigen Unterschrift unter-
zeichnet, weil er der Beschwerdeführerin die Unterschrift nicht habe ver-
weigern können, dass die Ehe schon damals massiven Spannungen aus-
gesetzt gewesen sei. Wäre die Ehe wie vorgegeben stabil und intakt ge-
wesen, so hätte er sich kaum dazu veranlasst gesehen, das SEM an-
schliessend darüber zu informieren, dass die Unterschrift «verfälscht» sei,
besagte Erklärung nicht den Tatsachen entspreche und sie sich in Tren-
nung befänden. Abgesehen davon erfolgt eine Information solchen Inhalts
erfahrungsgemäss nicht leichtfertig; dagegen spricht hier nur schon das
gestaffelte Vorgehen mit dem angeblichen Verfälschen der eigenen Unter-
schrift und der darauffolgenden schriftlichen Klarstellung gegenüber der
Behörde, dies gleich noch unter Vorlage einer Passkopie. Seine nachträg-
lichen Erklärungsversuche vom 15. Dezember 2020 und 25. Mai 2021 sind
vor diesem Hintergrund als unglaubhaft und unter Druck erfolgend einzu-
stufen.
8.4 Mit dem Vorfall, der sich in der Nacht vom 8./9.Mai 2021 am Domizil
der Eheleute zutrug, kam im Verlaufe des Rechtsmittelverfahrens eine ak-
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Seite 11
tenkundige Tatsache hinzu, welche die im Rahmen einer Gesamtwürdi-
gung miteinzubeziehenden weiteren Aspekte wie die Beziehungsdauer,
das gemeinsame Kind, die Wohnsituation, die Referenzauskünfte sowie
die eingereichten Fotos vollends in einem anderen Licht erscheinen las-
sen. Laut dem betreffenden Polizeirapport wurde die Kantonspolizei Zürich
von einer Nachbarin damals morgens um zwei Uhr wegen einer Auseinan-
dersetzung zwischen den Eheleuten in deren Wohnung gerufen. Vor Ort
stellte sich heraus, dass die Beschwerdeführerin kurz zuvor vom Ausgang
zurückgekehrt war, B._ sie hierbei als Schlampe tituliert hatte und
sie ihm gegenüber danach tätlich geworden war (Kratzer am linken Unter-
arm). Gegenüber den beiden Polizeibeamten gaben beide unabhängig
voneinander an, sich seit längerer Zeit bzw. seit Jahren zu streiten. Ferner
stellte sich heraus, dass der Ehemann die Scheidung anstrebt, die Be-
schwerdeführerin sich eigener Darstellung zufolge jedoch dagegen wehrt,
solange sie nicht eingebürgert sei. Während der Tatbestandsaufnahme soll
es zu wüsten verbalen Ausfälligkeiten und gegenseitigen Vorwürfen ge-
kommen sein, wobei die Betroffenen keinerlei Anstalten getroffen hätten,
die anwesende Tochter vor den Auseinandersetzungen zu schützen (zum
Ganzen siehe BVGer act. 5). Damit erweisen sich die in der Replik hierzu
angestellten Erklärungsversuche (einmaliger Eklat wegen des kurz zuvor
eröffneten negativen Einbürgerungsentscheides, es handle sich um Strei-
tereien wie bei anderen Paaren) als unbehelflich. Wohl kann es in jeder
Ehe zu Differenzen kommen, die aufgezeigten aktenkundigen Vorfälle
sprengen den üblichen Rahmen solcher Streitigkeiten aber bei weitem. Da-
mit ist den Ausführungen der Beschwerdeführerin in Bezug auf die Stabili-
tät der Ehe jegliche Grundlage entzogen.
9.
Nach dem Gesagten ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen zu be-
weisen, dass zwischen ihr und ihrem schweizerischen Ehemann eine
stabile und auf die Zukunft gerichtete eheliche Gemeinschaft gemäss
Art. 27 Abs. 1 Bst. c aBüG besteht. Die materiellen Voraussetzungen für
die erleichterte Einbürgerung sind somit nicht erfüllt. Die Frage, ob die Be-
schwerdeführerin die schweizerische Rechtsordnung im Sinne von Art. 26
Abs. 1 Bst. b aBüG beachtet hat, kann unter diesen Umständen offenge-
lassen werden.
10.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist
daher abzuweisen.
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Seite 12
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens würde die Beschwerdeführerin
kostenpflichtig (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr mit Zwischenverfügung vom
3. Juni 2021 die unentgeltliche Rechtspflege samt Verbeiständung gewährt
wurde, ist sie von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit. Zudem ist
die bisher als amtliche Vertreterin eingesetzte Rechtsanwältin Aileen Rose
Kreyden aus der Gerichtskasse zu entschädigen (Art. 12 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Aufgrund des vorliegenden
Urteils ist auf das Gesuch vom 3. Januar 2022 um Entlassung aus dem
Mandat und dessen Übertragung auf Rechtsanwalt Nicolas von Wartburg
nicht einzugehen.
11.2 Das Gericht setzt die Entschädigung aufgrund der Kostennote fest
(Art. 14 Abs. 2 VGKE). In der am 3. Januar 2022 vorgelegten Kostennote
werden Aufwendungen von Fr. 4'235.40 (inkl. Auslagen und Mehrwert-
steuer) in Rechnung gestellt (BVGer act. 16). In Berücksichtigung der Not-
wendigkeit der Eingaben, der Schwierigkeit der Streitsache in rechtlicher
und tatsächlicher Hinsicht sowie der Bandbreite ausgerichteter Entschädi-
gungen in vergleichbaren Fällen ist das Honorar nach Massgabe der ein-
schlägigen Bestimmungen auf Fr. 2'500.– (inkl. Auslagen und Mehrwert-
steuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen. Ge-
langt die Beschwerdeführerin später zu hinreichenden Mitteln, so hat sie
dem Gericht das amtliche Honorar zu vergüten (Art. 65 Abs. 4 VwVG).
Dispositiv nächste Seite
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