Decision ID: d6b9bbb7-3cdb-59f3-b88c-a939cfec2aae
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ wurde im Juli 2009 unter Hinweis auf das Geburtsgebrechen Ziff. 395 Anh.
GgV (leichte cerebrale Bewegungsstörungen) zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1). Das Ostschweizer Kinderspital berichtete
im August 2009 (IV-act. 7), die Versicherte leide an einer ausgeprägten rumpf- und
beinbetonten Hypotonie bei einem deutlichen motorischen Entwicklungsrückstand
sowie an einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung. Sie benötige eine
Physiotherapie. Eventuell werde sie zu einem späteren Zeitpunkt eine
heilpädagogische Frühförderung benötigen. Mit einer Mitteilung vom 22. September
2009 erteilte die IV-Stelle eine Kostengutsprache für die Behandlung des
Geburtsgebrechens Ziff. 395 Anh. GgV längstens bis zur Vollendung des zweiten
Altersjahres (IV-act. 9).
A.a.
Im Februar 2016 wurde die Versicherte erneut zum Leistungsbezug angemeldet
(IV-act. 12). Die Eltern machten geltend, die Versicherte leide am Geburtsgebrechen
Ziff. 404 Anh. GgV. Die entsprechende Diagnose sei im Dezember 2015 gestellt
worden. Das Ostschweizer Kinderspital berichtete im Juni 2016 (IV-act. 19), die
Versicherte leide an einer leichten Lernbehinderung, an einem Aufmerksamkeitsdefizit-
und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) sowie an einem primordialen Kleinwuchs. Für die
Zeit nach dem Schuleintritt im August sei eine Ergotherapie geplant. Später werde
gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung oder auch eine psychotherapeutische
Begleitung notwendig sein. Gemäss einem Entwicklungsbericht vom 27. Juni 2016 war
eine im September 2013 in die Wege geleitete heilpädagogische Früherziehung per 28.
Juni 2016 mit Blick auf den anstehenden Schuleintritt der Versicherten abgeschlossen
worden (IV-act. 50). Die Heilpädagogin hatte in diesem Bericht die Zuweisung in eine
A.b.
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Ergotherapie als sinnvoll erachtet. Eine Schulpsychologin hatte bereits im April 2016
eine Sonderschulung in einer Schule für Kinder mit schwerwiegenden Lern- und
Verhaltensschwierigkeiten empfohlen (IV-act. 53). Die Kleingruppenschule berichtete im
Dezember 2016 (IV-act. 60), die Versicherte werde auf dem Niveau der ersten
Primarklasse beschult. Das Lern- und das Arbeitstempo seien verlangsamt. Für das
Schreiben von längeren Silben benötige sie eine Konzentrationshilfe. Sie spiele gerne
für sich Rollenspiele. Auch im Spiel mit anderen Kinder bewege sie sich oft in einem für
sie klaren Rollenspiel, dessen Ablauf von aussen aber nicht immer nachvollziehbar sei.
Sie habe viele Ideen und befinde sich sozusagen in einem eigenen Film. Oft halte sie
Monologe; für Dialoge sei sie nicht immer zugänglich. Im Februar 2017 notierte Dr.
med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), das Störungsbild könne
nicht eindeutig dem Geburtsgebrechen Ziff. 404 Anh. GgV zugeordnet werden,
weshalb eine kinderpsychiatrische Begutachtung notwendig sei (IV-act. 62).
Am 2. Oktober 2017 erstattete der Kinderpsychiater Dr. med. E._ im Auftrag der
IV-Stelle ein kinderpsychiatrisches Gutachten (IV-act. 72). Er hielt fest, das
Leistungsprofil sei auffällig gewesen. Insbesondere seien die rechtshemisphärischen
Leistungen, das Arbeitstempo und die exekutiv-motorischen Leistungen deutlich
reduziert gewesen. Die sprachlichen Leistungen, die reine visuelle Formerfassung und
das visuelle Lernen ohne grapho-motorische Anforderungen seien relativ gut gewesen.
Insgesamt habe sich das Bild einer Entwicklungsdyspraxie mit dyspraktisch-visuellen
und grapho-motorischen Schwierigkeiten gezeigt. Die testpsychologischen
Auffälligkeiten hätten eher jenen von Kindern mit einer Bewegungsstörung als jenen
von Kindern mit einem Geburtsgebrechen im Sinne der Ziff. 404 Anh. GgV
entsprochen. Die Schule habe über Aufmerksamkeitsdefizite berichtet. Auch in der
aktuellen Abklärung sei die Aufmerksamkeit aus verschiedenen Gründen auffällig
gewesen. Testpsychologisch objektivierte Schwierigkeiten in diesem Bereich seien vor
allem im Rahmen einer Überforderung aufgetreten. Die Kriterien für eine
Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0) seien parallel zur motorischen Störung erfüllt.
Diagnostisch leide die Versicherte an einer einfachen Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung, an einer umschriebenen Entwicklungsstörung der
motorischen Funktionen, an einer unterdurchschnittlichen Intelligenz sowie an einem
primordialen Kleinwuchs. In der Gesamtschau sei von einer angeborenen Pathologie
A.c.
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und nicht von einer mangelnden Förderung oder von einer Bindungsstörung
auszugehen. Die Untersuchungsergebnisse sprächen für eine gute Förderung. Die
Kriterien für die Diagnose eines Geburtsgebrechens im Sinne der Ziff. 404 Anh. GgV
seien nicht vollständig erfüllt. Die testpsychologischen Auffälligkeiten entsprächen am
ehesten einem Geburtsgebrechen im Sinne der Ziff. 390 Anh. GgV. Die Versicherte
benötige weiterhin eine spezifische Förderung, namentlich eine Ergotherapie und
allenfalls eine integrierte kinderpsychiatrische Behandlung. Ausserdem sei eine
medikamentöse Behandlung zu evaluieren. Die Weiterführung der Sonderschulung sei
indiziert. Die versicherungsmedizinischen Voraussetzungen für eine Ergotherapie
gestützt auf den Art. 12 IVG seien nicht erfüllt, da die Behandlungsdauer nicht
überblickt werden könne. Der RAD-Arzt Dr. F._ notierte am 23. Januar 2018 nach
einer Aktenwürdigung, die Voraussetzungen für die Anerkennung des Geburts
gebrechens Ziff. 390 Anh. GgV seien „ohne Zweifel“ nicht erfüllt (IV-act. 78).
Mit einem Vorbescheid vom 24. Januar 2018 teilte die IV-Stelle den Eltern der
Versicherten mit (IV-act. 80), dass sie die Abweisung des Leistungsbegehrens vorsehe.
Zur Begründung führte sie an, die Kriterien für die Anerkennung eines
Geburtsgebrechens im Sinne der Ziff. 404 Anh. GgV oder eines anderen
Geburtsgebrechens im Sinne des Anhangs zur GgV seien nicht erfüllt. Eine
Kostengutsprache für die Ergotherapie gestützt auf den Art. 12 IVG komme nicht in
Frage, weil die Dauer der Behandlung nicht überblickt werden könne. Mit einer als
„Keine Kostengutsprache für medizinische Massnahmen / Geburtsgebrechen Ziffer 404
(Störung des Verhaltens)“ bezeichneten Verfügung vom 12. März 2018 wies die IV-
Stelle das Leistungsbegehren ab (IV-act. 83). Diese Verfügung erwuchs unangefochten
in formelle Rechtskraft.
A.d.
Im März 2020 wurde die Versicherte von ihren Eltern erneut zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung, namentlich für eine Ergotherapie, angemeldet
(IV-act. 92). Die IV-Stelle wies die Eltern in der Folge darauf hin, dass es sich bei der
beantragten Ergotherapie um eine medizinische Massnahme handle, dass die Eltern im
Anmeldeformular das Kreuzchen aber nicht bei den medizinischen, sondern bei den
beruflichen Massnahmen gesetzt hätten und dass deshalb nicht feststehe, welche
Massnahmen genau die Eltern beantragen wollten. Sie forderte die Eltern auf
anzugeben, welche Leistungen sie beantragen wollten. Diese antworteten am 6. April
A.e.
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2020 (IV-act. 95), dass die Ergotherapie als „eigenständige“ medizinische Massnahme
im Sinne des Art. 12 IVG geprüft werden solle. Die Lehrerin habe angegeben, dass die
Ergotherapie entscheidend für die Verbesserung der späteren Erwerbsfähigkeit sei. Die
Ergotherapie werde seit der Einschulung im Jahr 2016 durchgeführt. In einem Bericht
der Kleingruppenschule vom 3. März 2020 war festgehalten worden (IV-act. 98–2),
dass die Ergotherapie eine wichtige Ergänzung zum Schulunterricht bilde. Die
Versicherte lerne in der Ergotherapie, Handlungsabläufe zu planen, Lösungen zu
suchen, mündlich und schriftlich korrekt zu „versprachlichen“, die Selbstkontrolle zu
verbessern, eine realistischere Selbsteinschätzung zu erlangen, das räumliche Denken
zu trainieren und das Vorstellungsvermögen zu verbessern. Die Ergotherapeutin Dr.
med. G._ vom Ostschweizer Kinderspital berichtete im Mai 2020 (IV-act. 99), die
Ergotherapie werde voraussichtlich bis zum Beginn einer Berufslehre weitergeführt
werden müssen. Allenfalls werde die Versicherte auch noch in der Anfangszeit zum
beruflichen Übergang eine Begleitung benötigen. Die weiterführende Therapie beziehe
sich auf eine schulische und berufliche Integration. Die Schule habe die Ergotherapie in
die Wege geleitet, um die Versicherte optimal auf eine Zukunft im Arbeitsleben
vorzubereiten. Das Ziel der Behandlung bestehe in der Entwicklung einer
grösstmöglichen Selbständigkeit im Alltag, im sozialen Umgang und auch in der
schulischen und beruflichen Ausbildung. Die Schule könne die erforderliche
Unterstützung nicht leisten, weshalb die Ergänzung der schulischen Förderung durch
eine Ergotherapie notwendig sei. Angesichts des bisherigen Verlaufs sei von
kontinuierlichen Entwicklungsfortschritten auszugehen. Falls keine sekundäre
emotionale Störung hinzukomme, sei von einer schulischen und beruflichen Ausbildung
– vermutlich im sonderpädagogischen Rahmen – auszugehen. Ohne die Ergotherapie
könnte die Versicherte ihr Potential nicht optimal entwickeln. Eine Sistierung der
Therapie würde auch die emotionale Entwicklung gefährden. Der RAD-Arzt Dr. med.
H._ hielt am 15. Juli 2020 fest (IV-act. 100), aufgrund der „gewünschten Dauer der
Therapie“ und der „vorhandenen Probleme“ handle es sich bei der Ergotherapie eher
um eine Leidensbehandlung und nicht um eine Integrationsmassnahme nach Art. 12
IVG. Mit einem Vorbescheid vom 23. Juli 2020 teilte die IV-Stelle den Eltern der
Versicherten mit (IV-act. 102), dass sie die Abweisung des Begehrens um eine
Ergotherapie vorsehe. Zur Begründung führte sie an, die Voraussetzungen des Art. 12
IVG seien nicht erfüllt. Die Ergotherapie diene der pädagogischen
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B.

Considerations:
Erwägungen
1.
Entwicklungsförderung. Die „vorhandenen Probleme“ müssten im pädagogischen
respektive sonderpädagogischen Rahmen angegangen werden. Die Ergotherapie sei
längerfristig nötig. Mit einer Verfügung vom 1. Oktober 2020 wies sie das
Leistungsbegehren ab (IV-act. 103).
Am 30. Oktober 2020 erhoben die Eltern der Versicherten eine Beschwerde gegen
die Verfügung vom 1. Oktober 2020 (act. G 1). Sie beantragten die Vergütung der
Kosten der Ergotherapie für die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin). Zur
Begründung führten sie aus, die Ergotherapie bereite die Versicherte auf die Oberstufe
und auf die Berufswelt vor. Aus den umfangreichen Berichten in den Akten gehe
hervor, dass die Versicherte auf diese Unterstützung angewiesen sei. Der
Kostenrahmen der Krankenkasse sei bereits ausgeschöpft. Mithilfe der Ergotherapie
könnten die zukünftig zu erwartenden Kosten verringert werden.
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 9. Februar
2021 die Abweisung der Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie an, eine
medizinische Massnahme im Sinne des Art. 12 IVG dürfe keinen „Dauercharakter“
aufweisen. Die Ergotherapie werde bereits seit Ende Oktober 2016 durchgeführt; eine
zeitnahe Beendigung sei nicht absehbar. Sie weise damit einen „Dauercharakter“ auf,
weshalb eine Kostenvergütung gestützt auf den Art. 12 IVG ausgeschlossen sei. Der
RAD habe zudem darauf hingewiesen, dass die Ergotherapie vor allem als
pädagogische Massnahme diene. Vor diesem Hintergrund überrasche nicht, dass die
Krankenkasse keine weitere Kostengutsprache mehr leisten wolle.
B.b.
Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
auf deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen, das mit der angefochtenen
Verfügung abgeschlossen worden ist. Den Gegenstand des Verwaltungsverfahrens hat
die Frage gebildet, ob die Beschwerdeführerin gestützt auf den Art. 12 IVG einen
Anspruch auf eine von der Invalidenversicherung finanzierte Ergotherapie habe.
1.1.
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Allerdings hatte die Beschwerdegegnerin bereits am 12. März 2018 ein
Verwaltungsverfahren abgeschlossen, das genau dieselbe Frage zum Gegenstand
gehabt hatte. Das wirft die Frage auf, ob es aus verfahrensrechtlicher Sicht überhaupt
zulässig gewesen ist, auf das im März 2020 erneut gestellte Begehren um eine von der
Invalidenversicherung finanzierte Ergotherapie gestützt auf den Art. 12 IVG einzutreten.
Das Bundesgericht plädiert in Fällen wie diesem für eine analoge Anwendung des
Art. 17 ATSG, das heisst es interpretiert eine Neuanmeldung nach einer früheren
Abweisung eines Leistungsbegehrens als ein „Revisionsgesuch“, das im Rahmen eines
„Revisionsverfahrens“ zu prüfen sei, was bedeutet, dass in erster Linie die Frage
beantwortet werden muss, ob sich der massgebende Sachverhalt seit der früheren
Abweisung wesentlich verändert habe (vgl. etwa BGE 130 V 71). Diese Auffassung ist
offensichtlich gesetzwidrig, denn die analoge Anwendung des Art. 17 ATSG auf
sogenannte Neuanmeldungen könnte nur zulässig sein, wenn das ATSG diesbezüglich
eine ausfüllungsbedürftige Gesetzeslücke enthalten würde, was aber nicht der Fall ist.
Der Art. 29 Abs. 1 ATSG unterscheidet nicht zwischen einer erstmaligen Anmeldung
zum Leistungsbezug und einer sogenannten Neuanmeldung nach einer früheren
Abweisung, weshalb eine Neuanmeldung ebenso umfassend zu prüfen ist wie eine
erstmalige Anmeldung. Im Übrigen führt das Bundesgericht seine eigene Auffassung
ad absurdum, wenn es gleichzeitig die Auffassung vertritt, in jedem Revisionsverfahren
nach Art. 17 ATSG sei der Sachverhalt umfassend zu prüfen (vgl. etwa BGE 141 V 9),
denn das würde ja bedeuten, dass eine Neuanmeldung – als „analoges
Revisionsbegehren“ – so umfassend wie eine erstmalige Anmeldung zu prüfen wäre.
1.2.
Aus dem Umstand, dass sich die bundesgerichtliche Auffassung zur analogen
Anwendung des Art. 17 ATSG auf eine sogenannte Neuanmeldung als gesetzwidrig
erweist, kann allerdings nicht abgeleitet werden, dass eine Neuanmeldung ohne
Weiteres in jedem Fall umfassend materiell geprüft werden müsste. Eine abweisende
Verfügung will nämlich augenscheinlich nicht nur einen Anspruch auf die anbegehrte
Dauerleistung für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft verneinen. Mit der
unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsenen Verfügung vom 12. März 2018 hat
die Beschwerdegegnerin einen Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine von der
Invalidenversicherung finanzierte Ergotherapie nicht nur für die Zeit bis und mit dem 12.
März 2018, sondern offenkundig auch für die Zeit danach respektive bis zur Vollendung
des 20. Altersjahres verneinen wollen. Hätte sich die Beschwerdeführerin bereits im
Mai 2018 erneut für eine Ergotherapie angemeldet, hätte die Beschwerdegegnerin
zweifellos auf die rechtskräftige Verfügung vom 12. März 2018 verwiesen und sie wäre
nicht auf die neue Anmeldung eingetreten. Dieser in der Verfügung vom 12. März 2018
1.3.
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offensichtlich enthaltene Wille der Beschwerdegegnerin, der Beschwerdeführerin auch
für die Zukunft keine Ergotherapie zu finanzieren, kann weder durch den Zeitablauf bis
zur Neuanmeldung im März 2020 noch durch den Umstand, dass die obligatorische
Krankenpflegeversicherung ihre Kostenbeteiligung offenbar eingestellt hat, beeinflusst
worden oder gar dahingefallen sein. Die Neuanmeldung vom März 2020 hat also bei
genauer Betrachtung darauf abgezielt, dass die Beschwerdegegnerin auf ihre
Verfügung vom 12. März 2018 zurückkomme, zumal die Neuanmeldung keinen Hinweis
auf eine allfällige Sachverhaltsveränderung in der Zeit nach dem 12. März 2018
enthalten hat. Ein unbesehenes Eintreten auf diese Neuanmeldung hätte einen Eingriff
in die Verbindlichkeit der Verfügung vom 12. März 2018 dargestellt, da sich die
Beschwerdegegnerin nochmals mit genau derselben Frage befasst hätte, mit der sie
sich bereits im am 12. März 2018 abgeschlossenen Verwaltungsverfahren befasst
hatte. Man könnte die Auffassung vertreten, dass das jederzeitige Anmelderecht der
Verbindlichkeit einer früheren abweisenden Verfügung vorgehen müsse, weil das
Verfahrensrecht ja nur bezwecke, dem materiellen Recht zum Durchbruch zu verhelfen,
und weil deshalb die Verbindlichkeit einer früheren abweisenden Verfügung einer
erneuten materiellen Prüfung eines Leistungsbegehrens nicht im Weg stehen dürfe.
Das würde aber eine erhebliche Ausnahme vom Grundsatz der Verbindlichkeit formell
rechtskräftiger Verfügungen darstellen. Ein solcher „Systembruch“ müsste sich auf eine
entsprechende gesetzliche Grundlage stützen können. Das Versicherungsgericht hat
teilweise die Auffassung vertreten, eine solche Grundlage sei im Art. 29 Abs. 1 ATSG
enthalten, da das jederzeitige Anmelderecht notwendigerweise die Pflicht des
Versicherungsträgers enthalten müsse, auf eine Anmeldung einzutreten und diese zu
prüfen. Das hält einer kritischen Würdigung aber nicht stand. Der Art. 29 Abs. 1 ATSG
enthält nämlich nur eine Ausnahme von der generell im Verwaltungsrecht
anzuwendenden Offizialmaxime: Anders als im Verwaltungsrecht allgemein (z.B. im
Steuerrecht) üblich wird ein Sozialversicherungsleistungsverfahren nicht von Amtes
wegen, sondern nur auf ein entsprechendes Begehren hin eröffnet. Der Sinn und
Zweck des Art. 29 Abs. 1 ATSG beschränkt sich also darauf, die
Sozialversicherungsträger von der Pflicht zu entbinden, von Amtes wegen nach
materiell zu prüfenden Leistungsansprüchen zu forschen. Selbst eine Altersrente der
AHV wird beispielsweise nicht von Amtes wegen, sondern nur auf ein entsprechendes
Gesuch hin zugesprochen, was bedeutet, dass die Ausgleichskassen nicht für jeden
Versicherten, der das 65. Altersjahr vollendet, automatisch einen Anspruch auf eine
Altersrente prüfen müssen. Aus dieser rein auf eine Durchbrechung des allgemeinen
Grundsatzes, wonach die Offizialmaxime gelte, abzielenden Regelung im Art. 29 Abs. 1
ATSG kann kein Recht der versicherten Person auf eine materielle Prüfung jeder
Anmeldung zum Leistungsbezug abgeleitet werden; der Art. 29 Abs. 1 ATSG enthält
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2.
nur die Pflicht der Versicherten, sich zum Leistungsbezug anzumelden. Folglich kann
dem Gesetzgeber nicht unterstellt werden, er habe mit dem Art. 29 Abs. 1 ATSG die
Verbindlichkeit von formell rechtskräftigen (Abweisungs-) Verfügungen einschränken
wollen.
Das bedeutet, dass die Neuanmeldung im März 2020 bei genauer Betrachtung auf
eine Korrektur der Abweisungsverfügung vom 12. März 2018 abgezielt hat: Die Eltern
der Beschwerdeführerin haben mit ihrer Neuanmeldung die Beschwerdegegnerin dazu
bewegen wollen, auf ihren ablehnenden Entscheid vom 12. März 2018
zurückzukommen und der Beschwerdeführerin doch noch eine Ergotherapie
zuzusprechen. Die Neuanmeldung vom März 2020 ist also nichts anderes als ein
Wiedererwägungsgesuch im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG gewesen. Die
Beschwerdegegnerin ist auf dieses Wiedererwägungsgesuch eingetreten und sie hat es
materiell geprüft. Die das entsprechende Verwaltungsverfahren abschliessende, hier zu
beurteilende Verfügung vom 1. Oktober 2020 ist also eine Wiedererwägungsverfügung
im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG gewesen, mit der die Beschwerdegegnerin das
ursprüngliche Begehren um eine Ergotherapie (wiedererwägungsweise) erneut
abgewiesen hat. In diesem Beschwerdeverfahren ist folglich zu prüfen, ob die
wiedererwägungsweise Abweisung des Begehrens um eine Ergotherapie vom Februar
2016 rechtmässig gewesen ist.
1.4.
Gemäss dem Art. 12 IVG haben Versicherte einen Anspruch auf jene
medizinischen Massnahmen, die nicht auf die Behandlung eines Leidens an sich,
sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet
sind, die Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer
wesentlichen Beeinträchtigung zu bewahren. Dieser Anspruch auf medizinische
Eingliederungsmassnahmen ist mit der fünften IVG-Revision auf Versicherte beschränkt
worden, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben. Vor der fünften IVG-Revision
hatte für alle Versicherten bis zum Erreichen des ordentlichen Rentenalters unter den
Voraussetzungen des Art. 12 IVG ein Anspruch auf medizinische Massnahmen und
damit auch die Gefahr bestanden, dass die Invalidenversicherung in einem Einzelfall
eine jahrzehntelange Leistungspflicht treffen könnte. Zur Vermeidung dieser Gefahr
hatte das Bundesgericht eine Praxis begründet, wonach eine Behandlung von einer
unbestimmt langen Dauer (sog. Dauerbehandlung) nicht vom Art. 12 IVG erfasst sein
könne. Für minderjährige, noch nicht erwerbstätige Versicherte hatte es im Sinne einer
Ausnahme von diesem Grundsatz eine Vergütung der Kosten einer „Dauerbehandlung“
gestützt auf den Art. 12 IVG als zulässig erachtet, wenn ohne diese Behandlung „eine
2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/14
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Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die
Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit oder beide beeinträchtigt würden“ (vgl. ZAK
1981 S. 547; Ulrich Meyer/Marco Reichmuth, Rechtsprechung des Bundesgerichtes
zum IVG, 3. Aufl. 2014, Art. 12 N 33, mit Hinweisen). Mit der bei der fünften IVG-
Revision eingeführten Beschränkung des Anspruchs auf medizinische
Eingliederungsmassnahmen auf Versicherte, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet
haben, ist dieser „altrechtliche Ausnahmefall“ zum „neurechtlichen Normalfall“
geworden. Ausschlaggebend ist also nur, ob der Abbruch der Ergotherapie die Gefahr
einer Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit der Beschwerdeführerin in sich birgt, was
gestützt auf das überzeugende Gutachten von Dr. E._ und auf die Berichte der
behandelnden Ärzte klar zu bejahen ist. Der bisherige Verlauf zeigt nämlich, dass die
Beschwerdeführerin in den letzten Jahren wesentliche Fortschritte bezüglich ihrer
Fähigkeit, vom Schulunterricht zu profitieren, erzielt hat, die sie ohne die Ergotherapie
nicht in diesem Umfang hätte erzielen können. Würde die Ergotherapie nun
abgebrochen, so würde die weitere Entwicklung dieser Fähigkeit einen erheblichen
Einbruch erleiden, der auch durch die übrigen schulischen und pädagogischen
Unterstützungsleistungen nicht vermieden werden könnte. Dadurch würde sich die
Eingliederungs- und Erwerbsfähigkeit der Beschwerdeführerin wesentlich
verschlechtern. Unabhängig von der noch zu erwartenden Behandlungsdauer sind
deshalb die Voraussetzungen für die Vergütung der Kosten der Ergotherapie durch die
Beschwerdegegnerin gestützt auf den Art. 12 IVG erfüllt.
Dagegen könnte eingewendet werden, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer
Gesundheitsbeeinträchtigung später möglicherweise trotz der Ergotherapie nicht in der
Lage sein könnte, einer ökonomisch relevanten Erwerbstätigkeit nachzugehen, was
bedeuten würde, dass die Ergotherapie zum Vorneherein nicht eingliederungswirksam
sein könnte und dass deshalb ein Anspruch auf die Vergütung der Kosten der
Ergotherapie gestützt auf den Art. 12 IVG nicht in Frage käme. Gemäss der ständigen
Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen (vgl. statt vieler den
Entscheid IV 2017/334 vom 18. Juli 2018, E. 3.2.2) ist allerdings vom
Eingliederungszweck des Art. 12 IVG nicht nur die Fähigkeit erfasst, im ersten
(„ungeschützten“) Arbeitsmarkt erwerbstätig sein zu können. Auch eine Vorbereitung
auf eine Erwerbstätigkeit in einem geschützten Rahmen gilt als eine
anspruchsbegründende Eingliederungsmassnahme (vgl. Art. 16 Abs. 2 lit. a IVG),
sofern die versicherte Person dabei einen relevanten ökonomischen Mehrwert
generieren kann (vgl. dazu auch AHI 2000 S. 187 ff.). Eine solche spätere ökonomisch
relevante Erwerbsfähigkeit kann nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden, da es sich dabei nicht um
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/14
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ein Sachverhaltselement handelt, das sich mittels einer Sachverhaltsabklärung
ermitteln liesse, sondern vielmehr um eine Prognose für die Zukunft, die naturgemäss
nicht beweisbar ist. Folglich kann in Bezug auf die spätere Erwerbsfähigkeit nur mit
Plausibilitäten operiert werden. Je jünger eine versicherte Person ist und je weiter eine
allfällige spätere Erwerbsfähigkeit in der Zukunft liegt, desto schwieriger ist es, eine
plausible Prognose abzugeben. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Kindheit
und die Jugend in aller Regel von einer stetigen Entwicklung geprägt sind, was
Prognosen über einen Zeitraum von mehreren Jahren stark erschwert. In Bezug auf
Kinder wird es daher nur in wenigen Ausnahmefällen möglich sein, eine spätere
Eingliederungsunfähigkeit mit der notwendigen Plausibilität zu prognostizieren. Käme
eine Anwendung des Art. 12 IVG nur in jenen wenigen Fällen in Frage, in denen eine
hinreichend plausible Prognose bezüglich der Eingliederungsfähigkeit gestellt werden
könnte, würde der Art. 12 IVG weitestgehend zum toten Buchstaben verkommen. Dies
liess sich offenkundig nicht mit dem Sinn und Zweck des Art. 12 IVG vereinbaren, der
auf eine Optimierung der (späteren) Erwerbsfähigkeit und damit auf eine Minimierung
des Risikos, eine Rente auszahlen zu müssen, abzielt. Jede durchgeführte
Eingliederungsmassnahme leistet grundsätzlich einen Beitrag zu dieser Optimierung;
jede verweigerte Eingliederungsmassnahme gefährdet eine spätere Erwerbsfähigkeit.
Je früher eine Eingliederungsmassnahme durchgeführt wird, desto bessere Erfolge sind
normalerweise für die spätere Erwerbsfähigkeit zu erwarten. Kurz vor dem Beginn einer
allfälligen beruflichen Eingliederung dürfte von medizinischen Massnahmen nämlich in
aller Regel nicht mehr derselbe Erfolg wie von frühzeitig begonnenen und dann über
Jahre hinweg konsequent durchgeführten medizinischen Massnahmen erwartet
werden. Das spricht ebenfalls für die Notwendigkeit, selbst bei einer unsicheren
Prognose so früh als möglich mit medizinischen Massnahmen zu beginnen. Angesichts
des Umstandes, dass Eingliederungsmassnahmen im Vergleich mit Rentenleistungen
in aller Regel wesentlich kostengünstiger sind, ist die Verweigerung einer
Eingliederungsmassnahme, die das Risiko einer späteren Rentenleistung erhöht, in aller
Regel als unverhältnismässig zu qualifizieren. Die teleologische Interpretation zwingt
folglich dazu, die im Wortlaut des Art. 12 IVG augenscheinlich fehlende Regel bezüglich
der Anwendbarkeit der Bestimmung bei unsicheren Prognosen lückenfüllend zu
ergänzen: Wenn nicht mit einer hohen Plausibilität feststeht, dass die versicherte
Person später selbst bei bester medizinischer Versorgung durch die
Invalidenversicherung kein ökonomisch relevantes Erwerbseinkommen wird erzielen
können (die medizinische Massnahme also keine Eingliederungswirkung haben kann),
muss – dem Sinn und Zweck des Art. 12 IVG entsprechend – ein Anspruch auf eine
medizinische Eingliederungsmassnahme bejaht werden (sofern auch die übrigen
Voraussetzungen erfüllt sind).
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/14
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St.Galler Gerichte
Das Bundesgericht hat diese Auslegung in einem neueren Urteil als
bundesrechtsprechungswidrig bezeichnet (Urteil 9C_677/2017 vom 8. Juni 2018, E.
4.1). Zur Begründung hat es aber nicht auf seine Auffassung verwiesen, wonach kein
Anspruch auf eine Kostenvergütung bestehe, wenn eine Eingliederung in den ersten
(„ungeschützten“) Arbeitsmarkt nicht „überwiegend wahrscheinlich“ sei (vgl. etwa die
Urteile 9C_842/2016 vom 27. April 2017, E. 5.2, und 8C_632/2017 vom 6. März 2018,
E. 5.3.1), sondern es hat an eine ältere Praxis angeknüpft (vgl. etwa das Urteil des
Bundesgerichtes I 408/06 vom 15. März 2007, E. 4.2, mit Hinweisen): Es hat
festgehalten, dass eine im Sinne des Art. 12 IVG günstige Prognose bereits dann
vorliege, wenn das versicherte Kind später mit hinreichender Plausibilität im
geschützten Rahmen ein Einkommen von „einigen hundert Franken (und nicht bloss ein
Nulleinkommen) erwirtschaften“ könne (Urteil 9C_677/2017 vom 8. Juni 2018, E. 4.3).
Damit hat es – soweit überblickbar – erstmals seit langem (und im Ergebnis in
Übereinstimmung mit der Praxis des St. Galler Versicherungsgerichtes) wieder explizit
eine Eingliederung in eine geschützte Tätigkeit als einen relevanten
Eingliederungserfolg im Sinne des Art. 12 IVG qualifiziert. Zusätzlich hat das Bundes
gericht eingeräumt, dass eine entsprechende Erfolgsprognose nur dann zu verneinen
sei, wenn hinreichend „negative“ Anhaltspunkte vorlägen, die gegen einen späteren
Eingliederungserfolg sprächen. Das Bundesgericht hat also nicht geprüft, ob
ausreichend „positive“ Anhaltspunkte für einen späteren Eingliederungserfolg
vorhanden seien. Das entspricht – trotz der angeblichen Bundesrechtswidrigkeit – im
Ergebnis der Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen, wie sie in der
obigen E. 2.2 dargestellt worden ist: Entscheidend ist also, ob im Einzelfall genügend
Anhaltspunkte vorliegen, die gegen einen späteren Eingliederungserfolg sprechen,
einen solchen Eingliederungserfolg somit als nicht plausibel erscheinen zu lassen;
fehlen solche Anhaltspunkte, müssen die Kosten für medizinische Massnahmen
gestützt auf den Art. 12 IVG übernommen werden.
2.3.
Vorliegend ist mit Blick auf die aktuelle bundesgerichtliche Auffassung also
entscheidend, ob Anhaltspunkte vorliegen, die eine spätere Eingliederung der
Beschwerdeführerin im geschützten Rahmen als nicht plausibel erscheinen lassen.
Ausschlaggebend sind in diesem Zusammenhang die folgenden Aspekte: Die
Beschwerdeführerin ist im Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen Verfügung erst
zwölf Jahre alt gewesen. Ihre sprachlichen Leistungen, die rein visuelle Formerfassung
und das visuelle Lernen ohne graphomotorische Anforderungen sind gemäss dem
überzeugenden Gutachten von Dr. E._ relativ gut gewesen. Die Intelligenz ist zwar
unterdurchschnittlich gewesen (IQ von 72), aber die testpsychologischen Auffälligkeiten
wie auch die Schwierigkeiten in Bezug auf die Aufmerksamkeit haben vor allem im
2.4.
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Zusammenhang mit einer Entwicklungsdyspraxie beziehungsweise mit einer
motorischen Störung und einer daraus resultierenden Überforderung gestanden, wobei
Dr. E._ festgestellt hat, dass die objektiven Befunde eine gute Förderung in den
Jahren vor der Begutachtung belegten. Er hat die Weiterführung der Sonderschulung
als indiziert erachtet und empfohlen, die Ergotherapie fortzusetzen. Die
Kleingruppenschule hat in ihrem Bericht vom 3. März 2020 darauf hingewiesen, dass
die Beschwerdeführerin wesentliche Fortschritte gemacht habe. Zwar müssten noch
Themen behandelt werden, die der späteren beruflichen Integration vorgelagert seien,
aber die Beschwerdeführerin habe die entsprechenden Kompetenzen bereits deutlich
entwickeln können. Die Ergotherapie erweise sich dabei als eine wichtige Ergänzung;
die Schule und die Ergotherapeutin arbeiteten eng zusammen. In der Ergotherapie
würden unter anderem Themen wie ein verständliches, natürliches Sprechen gefördert,
was augenscheinlich mit Blick auf eine spätere berufliche Eingliederung wichtig ist. Die
Ergotherapeutin hat am 16. Januar 2020 festgehalten, die Therapieschwerpunkte
bestünden unter anderem in der Verbesserung der räumlichen Wahrnehmung im
Hinblick auf die Verbesserung des Verständnisses von Logik und Mathematik, in der
Anleitung, sich bei Bedarf Hilfe zu holen, in der Förderung der Konzentration und
Ausdauer sowie des strukturierten Arbeitens und in der Förderung der Selbständigkeit
im Alltag. Gewisse Fortschritte hätten bereits erreicht werden können.
Zusammenfassend verfügt die Beschwerdeführerin damit durchaus über ein
ausreichendes Potential mit Blick auf eine spätere berufliche Eingliederung, selbst
wenn eine solche in einem geschützten Rahmen erfolgen sollte. Zudem hat die
Beschwerdeführerin bereits relevante Fortschritte erzielt, die unter anderem das
Resultat einer engen Zusammenarbeit zwischen der Schule und der Ergotherapeutin
gewesen sind. Die Ergotherapie hat dabei entgegen der unbegründeten Behauptung
der Beschwerdegegnerin nicht allein einem rein pädagogischen Zweck (was auch
immer das in diesem Zusammenhang heissen mag) gedient, sondern zum Ziel gehabt,
die für die Ausbildung erforderlichen „Grundkompetenzen“ zu fördern. Sowohl die
Ergotherapeutin als auch die Schule haben bestätigt, dass diese Zusammenarbeit
wichtig und wirksam ist (vgl. dazu auch die Deutsch-österreichisch-schweizerische
Versorgungsleitlinie zu Definition, Diagnostik, Behandlung und psychosozialen
Aspekten bei umschriebenen Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen, AWMF-
Register Nr. 022/017). Weil nicht mit der erforderlichen Prognoseplausibilität
angenommen werden kann, dass die Beschwerdeführerin später selbst im geschützten
Rahmen kein nennenswertes Erwerbseinkommen werde erzielen können, erweist sich
die Verfügung vom 12. März 2018, mit der die Beschwerdegegnerin einen Anspruch
der Beschwerdeführerin auf eine Ergotherapie gestützt auf den Art. 12 IVG verweigert
hat, als zweifellos unrichtig im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG. Da auch die zweite
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3.
Die Gerichtskosten, die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf
600 Franken festzusetzen sind, sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Den Eltern der Beschwerdeführerin wird der von ihnen geleistete
Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet.