Decision ID: 24ca7c03-55d9-461b-8703-0af0168ff730
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
I. Sachverhalt:
1. A._, geboren B._, wurde als Vierjährige erstmals zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet. Mit Verfügung vom 22.
Februar 1993 erhielt sie eine Kostengutsprache für heilpädagogische
Förderung, mit Verfügung vom 13. September 1993 eine solche für
psychomotorische Therapie. Im Alter von neun Jahren wurden ihr mit
Verfügung vom 18. November 1997 medizinische Massnahmen zur
Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 390 (Infantile Cerebralparese)
zugesprochen und ab dem Jahr 2000 erfolgten wiederholt Zusprachen für
Hörgeräte.
2. A._ machte ihren Schuleintritt in einer Einführungsklasse. Als in der
zweiten Primarklasse Probleme auftraten, wurde auf Empfehlung des
Kinderarztes und des schulpsychologischen Dienstes ein Übertritt in die
Sonderschule geprüft und bewilligt. A._ verzichtete indessen auf die
Sonderschulung und absolvierte die Primar- und Realschule in der
Förderklasse an der Regelschule. Danach absolvierte sie von Juli 2004
bis Juni 2005 ein Bündner Sozialjahr im Bildungszentrum C._ in
D._, arbeitete von September 2005 bis Juni 2006 als Au Pair im
Tessin und war von August 2006 bis November 2006 als Hilfsarbeiterin im
Hotel E._ in F._ tätig.
3. A._ besuchte ab Dezember 2006 die Lernstatt G._ in H._
und beabsichtigte, dort eine von der IV unterstützte Ausbildung zu
absolvieren. Dazu stellte sie anfangs des Jahres 2007 einen Antrag auf
berufliche Massnahmen. Im Rahmen ihrer Abklärungen holte die IV-Stelle
Berichte des behandelnden Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. med.
I._ und der Hausärztin Dr. med. J._ ein. In seinem Bericht vom
16. März 2007 diagnostizierte Dr. med. I._ eine kombinierte Störung
schulischer Fähigkeiten (ICD-10 F81.3) im Rahmen einer
posttraumatischen – auf die Kindheit zurückgehenden –
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Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) und führte aus, die Patientin könne ihre
berufliche Grundausbildung nur in einem geschützten Rahmen, wie ihn
zum Beispiel die Lernstatt G._ biete, realisieren. Dr. med. J._
diagnostizierte in ihrem Bericht vom 30. März 2007 eine Lernschwäche
und ein Intelligenzdefizit. Sie beschrieb A._ als Opfer sexuellen
Missbrauchs durch den Vater und gab ebenfalls an, eine Ausbildung sei
nur in einem geschützten Rahmen möglich. Mit Erklärung vom 26. Februar
2008 zog A._ ihren Antrag auf Unterstützung für die Ausbildung an
der Lernstatt G._ zurück, da sie unterdessen eine Anstellung als
Küchenhilfe im Berghaus K._ in L._ angetreten hatte.
4. Auf Anregung ihrer Arbeitgeberin im Berghaus K._ entschied sich
A._, eine Ausbildung zur Mitarbeiterin Küche mit eidgenössischem
Berufsattest zu machen. Mit Verfügung vom 9. Oktober 2008 erteilte die
IV-Stelle dafür Kostengutsprache. Die Lehre dauerte vom 1. September
2008 bis zum 31. August 2010. Danach arbeitete A._ noch drei
Monate in ihrem vormaligen Lehrbetrieb. Ihr Lohn wurde auf nur
CHF 2'500.00 pro Monat festgesetzt, da sie ihre Arbeit nach der
Einschätzung ihrer Arbeitgeber langsam ausübte und viel Instruktion und
Kontrolle brauchte. Ab dem Jahr 2010 war A._ als Mitarbeiterin
Küche beim Hotel M._ in L._ angestellt. Ihr Arbeitspensum lag
bei 100 % und der Lohn belief sich auf CHF 2‘500.00 pro Monat.
5. Mit Verfügung vom 4. März 2011 hielt die IV-Stelle fest, dass A._ bei
einem Invaliditätsgrad von 37 % keinen Anspruch auf eine Invalidenrente
habe. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
6. Im Frühjahr 2012 gab A._ ihre neue Anstellung als Verkäuferin bei
N._ in Chur noch in der Probezeit auf, weil sie schwanger war. Im
Juni 2012 heiratete sie und im September 2012 wurde ihr erstes Kind
geboren. In der Folge war sie als Mutter und Hausfrau tätig. Rund vier
Jahre später wurde im Mai 2016 das zweite Kind geboren.
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7. Weil sie zunehmend durch Zwangshandlungen beeinträchtigt wurde,
begann A._ im November 2015 eine ambulante Therapie bei der
Psychologin O._ von den Psychiatrischen Diensten Graubünden
(PDGR). In der Folge verschlechterte sich die Situation trotz der Therapie.
Von Januar 2018 bis Juni 2018 musste A._ von der psychiatrischen
Spitex unterstützt werden und vom 25. Oktober 2018 bis zum 28. Nov.
2018 wurde sie aufgrund hausärztlicher Zuweisung bei psychosozialer
Belastungssituation erstmals stationär in der Klinik Waldhaus behandelt.
Diagnostiziert wurden Zwangshandlungen, Adipositas und eine emotional
instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ.
8. Rund zwei Wochen nach dem Austritt aus der Klinik wurde A._ am 9.
Dezember 2018 erneut eingeliefert, diesmal im Rahmen einer
fürsorgerischen Unterbringung wegen psychischer Dekompensation mit
Suizidgedanken. Die stationäre Behandlung dauerte rund zwei Monate bis
zum 31. Januar 2019. Die Diagnosen waren unverändert und eine
testpsychologische Abklärung ergab einen Gesamt-IQ von 76. Während
dieses Klinikaufenthalts meldete sich A._ am 28. Dezember 2018 bei
der IV zum Bezug von Leistungen an. Und sie trennte sich von ihrem
Ehemann, welcher die Obhut über die beiden Kinder übernahm, obwohl
er in Vollzeit arbeitete. Nach dem Klinikaufenthalt besuchte A._ die
Tagesklinik und setzte die ambulante psychotherapeutische Behandlung
bei der Psychologin O._ fort.
9. Am 15. April 2019 trat A._ aufgrund akuter Suizidgedanken bei hoher
psychosozialer Belastung zum dritten Mal in die Klinik ein. Nach rund
einem Monat wurde sie aufgrund einer suizidalen Krise für rund fünf
Wochen auf die geschlossene Abteilung verlegt. Diagnostiziert wurden
eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, ein
Abhängigkeitssyndrom von Tabak und Zwangshandlungen. Diagnostiziert
wurde neu auch ein Verdacht auf leichte Intelligenzminderung, nachdem
eine testpsychologische Abklärung einen IQ von 55 ergeben hatte. Nach
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knapp drei Monaten konnte A._ die Klinik am 12. Juli 2019 verlassen
und wurde in der Folge in der Tagesklinik, mit ambulanter Psychotherapie
und psychiatrischer Spitex unterstützt.
10. Am 29. August 2019 liess die IV-Stelle eine Haushaltabklärung
durchführen. Diese ergab für die Zeit von Januar bis Oktober 2018 eine
Einschränkung von 36 %. Für die Zeit ab Januar 2019 wurde eine
Einschränkung von 34 % festgestellt.
11. Auf Anraten der behandelnden Psychologin begab sich A._ am 13.
Dezember 2019 zur Krisenintervention zum vierten Mal in stationäre
Behandlung. Zu den bisherigen Diagnosen kam neu ein schädlicher
Gebrauch von Kokain und von Cannabinoiden hinzu. Nach rund einem
Monat wechselte A._ am 14. Januar 2020 von der stationären in die
ambulante Betreuung in der Tagesklinik und am 12. März 2020 wurde für
sie eine Vertretungsbeistandschaft errichtet.
12. Im Auftrag der IV-Stelle wurde A._ am 14. Mai 2020 durch Dr. med.
P._ psychiatrisch abgeklärt. Mit Gutachten vom 16. Juni 2020 hielt er
fest, es liege keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vor.
Die Arbeitsfähigkeit sei in der angestammten und auch in adaptierten
Tätigkeiten nicht eingeschränkt. Die Schwierigkeiten rührten von der
Lernbehinderung und nicht von einer psychischen Krankheit her.
Bestandteil dieses Gutachtens war die neuropsychologische Abklärung
von lic. phil. Q._ vom 11. Juni 2020, welche eine Intelligenz im
unterdurchschnittlichen Bereich mit einem Gesamt-IQ von 77 und eine
leichte neuropsychologische Hirnfunktionsschwäche mit leichtgradigen
Beeinträchtigungen in sprachlichen und exekutiven Funktionen ergeben
und die Arbeitsfähigkeit aus neuropsychologischer Sicht in der
angestammten und in adaptierten Tätigkeiten auf 100 % eingeschätzt
hatte. Mit Abschlussbeurteilung vom 27. Juli 2020 schloss sich der
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Regionale Ärztliche Dienst der Beurteilung im Gutachten
P._/Q._ an.
13. Vom 25. September 2020 bis zum 9. Oktober 2020 hielt sich A._ auf
Zuweisung der behandelnden Psychologin zur Krisenintervention bei
sozialer Belastung sowie zunehmend selbstverletzendem Verhalten zum
fünften Mal stationär in der Klinik auf. Hauptdiagnose war nach wie vor
eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. Im
Austrittsbericht wurde ausgeführt, aus ärztlicher Sicht sei die Patientin auf
dem ersten Arbeitsmarkt dauerhaft arbeitsunfähig.
14. Die IV-Stelle informierte Dr. med. P._ über die erneute
Hospitalisierung. Mit Schreiben vom 22. Dezember 2020 hielt dieser fest,
der Verlauf seit August 2020 ändere nichts an seiner gutachterlichen
Einschätzung. Der Klinikaufenthalt im Herbst 2020 habe der
Krisenintervention gedient, der Austritt sei in psychisch stabilem Zustand
erfolgt. Die von den PDGR gestützt auf den falsch ermittelten IQ von 55
gestellte Nebendiagnose einer leichten Intelligenzminderung sei falsch, es
bestehe nur eine Intelligenz im unterdurchschnittlichen Bereich
beziehungsweise eine Lernbehinderung bei IQ 77.
15. Mit Vorbescheid vom 1. Februar 2021 teilte die IV-Stelle A._ mit, dass
sie ihr Leistungsbegehren voraussichtlich abweisen werde. Es bestehe
kein Rentenanspruch, der Invaliditätsgrad liege bei 0 %. Kurz darauf, am
4. Februar 2021, teilte die IV-Stelle A._ mit, sie gewähre ihr
Unterstützung bei der Stellensuche. Mit Hilfe der Eingliederungsberaterin
konnte A._ daraufhin schon am 15. Februar 2021 eine bis zum 23.
Juli 2021 befristete Anstellung im Umfang von 60 % bei der R._ im
Bereich Reinigung und Hausdienst antreten.
16. Mit Einwand vom 25. Februar 2021 beantragte A._, vertreten durch
ihren Berufsbeistand, über den Rentenanspruch solle erst befunden
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werden, wenn das Ergebnis der laufenden beruflichen Massnahme
vorliege, eventualiter sei gestützt auf ein psychiatrisches Zweitgutachten
und eine aktuelle Stellungnahme der PDGR eine Rente zuzusprechen.
Diesen Anträgen folgte die IV-Stelle nicht. Mit Verfügung vom 22. April
2021 verneinte sie den Anspruch auf eine Invalidenrente. Das Ergebnis
der laufenden beruflichen Massnahme müsse nicht abgewartet werden.
Das psychiatrische Gutachten von Dr. med. P._ inklusive der
neuropsychologischen Beurteilung von lic. phil. Q._ sei schlüssig,
nachvollziehbar und widerspruchsfrei. Es werde durch die Berichte der
PDGR nicht erschüttert. Unter Anwendung der allgemeinen Methode des
Einkommensvergleichs ergebe sich gestützt auf die Werte im
Kompetenzniveau 1 der Lohnstrukturerhebung (LSE) 2018 ein
Invaliditätsgrad von 0 % bei einem Valideneinkommen von CHF 54'611.00
und einem Invalideneinkommen von CHF 55'229.00.
17. Gegen diese Verfügung erhob A._ am 25. Mai 2021 Beschwerde an
das Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Sie beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Zusprechung einer
Invalidenrente ab wann rechtens, eventualiter die Rückweisung der
Angelegenheit zu weiteren Abklärungen. In formeller Hinsicht beantragte
sie unter Verweis auf ihren Bezug von Sozialhilfe die unentgeltliche
Prozessführung und Rechtsverbeiständung. Zur Begründung machte sie
im Wesentlichen geltend, das Gutachten P._/Q._ sei in sich
widersprüchlich und verharmlosend und stehe in unauflösbarem
Widerspruch zur Beurteilung der PDGR und zu ihren Lebensumständen.
Es sei auf die echtzeitliche Beurteilung in den Arztberichten der PDGR
abzustellen, welche ihr über die Hospitalisationen hinaus eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit attestierten. Die IV-Stelle habe die
Vergleichseinkommen falsch festgelegt. Das Valideneinkommen liege
infolge ihrer Frühinvalidität bei CHF 83‘500.00 und beim
Invalideneinkommen sei nicht auf die LSE abzustellen, sondern auf das
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Invalideneinkommen, dass der Verfügung vom 4. März 2011 zugrunde
gelegen habe.
18. Die IV-Stelle beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 4. Juni 2021 die
Abweisung der Beschwerde. Zur Kritik am Gutachten P._/Q._
führte sie aus, die Berichte der PDGR beruhten auf der falsch gestellten
Diagnose einer leichten Intelligenzminderung. Die Testung, welche einen
IQ von 55 ergeben habe, sei falsch. Es sei daher nachvollziehbar, dass
Dr. med. P._ retrospektiv zu einer anderen Einschätzung komme.
Das Valideneinkommen sei korrekt bemessen, eine Frühinvalidität liege
nicht vor, die Beschwerdeführerin habe mit ihrer IV-Anlehre zureichende
berufliche Kenntnisse erlangen können.
19. Mit Replik vom 12. August 2021 vertiefte die Beschwerdeführerin ihre
Argumentation. Insbesondere betonte sie, dass sie vom RAD als
Frühinvalide eingestuft worden war, und vertiefte ihre Kritik am Gutachten
P._/Q._. Auch reichte sie zwei Berichte ein, in welchen die
R._ ihre Leistungsfähigkeit mit 50 % umschrieb, den Leistungslohn in
der freien Wirtschaft auf CHF 1'772.00 pro Monat schätzte und eine
Tätigkeit in der freien Wirtschaft nur in „beschützender Arbeitsstelle“ als
möglich bezeichnete. Die Beschwerdeführerin reichte zudem einen
Bericht der PDGR vom 6. August 2021, in welchem die behandelnde
Psychologin angab, eine geregelte Arbeit sei nicht vorstellbar.
20. Mit Duplik vom 12. August 2021 hielt die IV-Stelle an ihrem Standpunkt
fest und führte im Wesentlichen aus, der neue Bericht ergebe nichts
Neues, er beruhe ebenfalls auf der falschen Diagnose einer leichten
Intelligenzminderung.
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Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften und in
der angefochtenen Verfügung sowie auf die im Recht liegenden
Beweismittel wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) sind Verfügungen der kantonalen
IV-Stellen direkt vor dem Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle
anfechtbar. Die im vorliegenden Fall angefochtene Verfügung der IV-Stelle
des Kantons Graubünden vom 22. April 2021 stellt demnach ein taugliches
Anfechtungsobjekt für ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden dar. Die sachliche Zuständigkeit des
Verwaltungsgerichts als Versicherungsgericht ergibt sich aus Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Verbindung mit Art. 49
Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR
370.100). Die Beschwerdeführerin ist als formelle und materielle
Adressatin von der angefochtenen Verfügung berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung (Art. 59
ATSG), weshalb sie zur Beschwerde legitimiert ist. Auf die zudem frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 60 und Art. 61 lit. b ATSG)
ist somit einzutreten.
2. Streitig und zu prüfen ist, ob die IV-Stelle der Beschwerdeführerin zu Recht
keine Invalidenrente zugesprochen hat. Uneinig sind sich die Parteien
beim Wartejahr (dazu Erwägung [E.] 4) und beim Valideneinkommen in
der Frage, ob eine Frühinvalidität vorliege (dazu E.6). Uneinig sind sie
weiter in der Frage, ob das Invalideneinkommen nach der
Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik (LSE) bemessen
werden könne (dazu E.7.1). Streitig sind schliesslich das Ausmass der
Arbeitsfähigkeit und der Beweiswert des Gutachtens von Dr. med.
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P._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, und von lic.
phil. Q._, Fachpsychologe für Neuropsychologie FSP (dazu E.7.2 ff.).
Massgebend für die Beurteilung der Streitfragen ist der Sachverhalt, wie
er sich bis zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung am
22. April 2021 entwickelt hat (BGE 132 V 215 E.3.1.1). In Bezug auf das
anwendbare Recht ist festzuhalten, dass seit dem 1. Januar 2022 die
revidierten Bestimmungen des IVG und der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) in Kraft sind (Weiterentwicklung
der IV). Da der hier umstrittene Rentenanspruch seine Begründung vor
dem 1. Januar 2022 fand, sind nach den allgemeinen Grundsätzen des
intertemporalen Rechts die bis zum 31. Dezember 2021 gültig gewesenen
Bestimmungen massgebend (vgl. Übergangsbestimmungen des IVG zur
Änderung vom 19. Juli 2020; BGE 144 V 210 E.4.3.1, Urteil des
Bundesgerichts 8C_479/2021 vom 5. Mai 2022 E.4.1).
3. Mit Verfügung vom 4. März 2011 war der Beschwerdeführerin bereits in
einem früheren Verfahren eine Rente verweigert worden (IV-act. 93). Das
vorliegende Verfahren basiert deshalb auf einer Neuanmeldung. Auf diese
ist die IV-Stelle, wie nachstehend dargelegt wird, zu Recht eingetreten.
3.1. Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn glaubhaft gemacht wird,
dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen
Weise geändert hat (Art. 87 Abs. 3 i.V.m. Abs. 2 IVV, Urteil des
Bundesgerichts 8C_481/2020 vom 15. Dezember 2020 E.2.2.). Damit soll
verhindert werden, dass sich die Verwaltung nach vorangegangener
rechtskräftiger Anspruchsprüfung immer wieder mit gleichlautenden und
nicht näher begründeten Gesuchen befassen muss (BGE 130 V 64
E.5.2.3). Voraussetzung für das Eintreten auf eine Neuanmeldung ist nach
der Rechtsprechung eine erhebliche Veränderung der tatsächlichen
Verhältnisse (BGE 130 V 71 E.2.2). Eine solche Veränderung kann
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namentlich in einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes mit
entsprechend verminderter Arbeitsfähigkeit oder in geänderten
erwerblichen Auswirkungen einer im Wesentlichen gleich gebliebenen
Beeinträchtigung der Gesundheit liegen. Dagegen stellt eine bloss
abweichende Beurteilung eines im Wesentlichen gleich gebliebenen
Sachverhalts keine relevante Änderung dar (BGE 141 V 9 E.2.3; Urteil des
Bundesgerichts 8C_541/2019 vom 23. Dezember 2019 E.3.1). Erheblich
ist eine Sachverhaltsänderung, wenn angenommen werden kann, der
Anspruch auf eine Invalidenrente sei begründet, falls sich die geltend
gemachten Umstände als richtig erweisen sollten (Urteil des
Bundesgerichts 8C_175/2019 vom 30. Juli 2019 E.1.1).
3.2. Unter Glaubhaftmachen im Sinne von Art. 87 Abs. 2 IVV ist nach der
Rechtsprechung kein Beweis nach dem im Sozialversicherungsrecht
allgemein massgebenden Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu verstehen. Die Beweisanforderungen sind vielmehr
herabgesetzt, indem nicht im Sinne eines vollen Beweises die Verwaltung
überzeugt werden muss, dass seit der letzten, rechtskräftigen
Entscheidung tatsächlich eine relevante Änderung der tatsächlichen
Verhältnisse eingetreten ist. Vielmehr genügt es, dass für die geltend
gemachte Veränderung wenigstens gewisse Anhaltspunkte bestehen,
auch wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, bei
eingehender Abklärung werde sich die behauptete Sachverhaltsänderung
nicht erstellen lassen (Urteil des Bundesgerichts 9C_725/2019 vom
27. Januar 2020 E.2.2).
3.3. Als Vergleichsbasis für die Beurteilung der Frage, ob Anhaltspunkte dafür
bestehen, dass bis zum Abschluss des aktuellen Verwaltungsverfahrens
eine anspruchserhebliche Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten
sein könnte, dient die letzte rechtskräftige Verfügung, welche auf einer
materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer
Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines
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Einkommensvergleichs beruht (BGE 133 V 108 E.5.4; Urteil des
Bundesgerichts 9C_346/2019 vom 6. September 2019 E.2.1.1). Im
vorliegenden Fall ist die Vergleichsbasis demnach der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin bei Erlass der Verfügung
vom 4. März 2011. An Diagnosen standen damals eine Lernschwäche und
ein Intelligenzdefizit sowie eine kombinierte Störung schulischer
Fähigkeiten im Rahmen einer posttraumatischen Belastungsstörung im
Raum (Berichte der Hausärztin Dr. med. J._ vom 7. März 2007 [IV-
act. 41 S. 1] und des Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. med. I._ vom
16. März 2007 [IV-act. 39]). Die Beschwerdeführerin hatte damals im
Vorfeld erfolgreich eine Ausbildung als Mitarbeiterin Küche mit
eidgenössischem Berufsattest (EBA) im Gasthaus K._ in L._
absolviert (IV-act. 59, 62, 72) und arbeitete im Frühjahr 2011 in einer
Vollzeitanstellung als Mitarbeiterin Küche im Hotel M._ in L._
(IV-act. 73). Hinweise darauf, dass sie im Frühjahr 2011 noch in
psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung stand, finden sich in den
Akten nicht. Dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
vom damaligen Zeitpunkt bis zum Erlass der vorliegend angefochtenen
Verfügung am 22. April 2021 wesentlich verschlechtert hat, erscheint
glaubhaft. Seit November 2015 befand sich die Beschwerdeführerin in
ambulanter psychotherapeutischer Behandlung (IV-act. 127 S. 1) und im
ersten Halbjahr 2018 war sie in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter auf die
Unterstützung der psychiatrischen Spitex angewiesen (IV-act. 145 S. 13).
Im Herbst 2018 eskalierte die Situation und die Beschwerdeführerin wurde
bis Ende des Jahres 2020 fünf Mal stationär in der Klinik behandelt. Die
Hospitalisationen dauerten gesamthaft rund sieben Monate und es war
sogar ein Aufenthalt auf der geschlossenen Station notwendig (IV-act. 119
S. 7 ff., 126, 138, 150, 199). Gemäss den Berichten der Psychiatrischen
Dienste Graubünden (nachfolgend: PDGR) waren neue psychiatrische
Diagnosen hinzugekommen, insbesondere eine emotional instabile
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Persönlichkeitsstörung und eine Zwangsstörung (IV-act. 119 S. 10, 126 S.
5, 138 S. 2, 150 S. 1, 199 S. 1).
3.4. Ist die anspruchserhebliche Änderung des Gesundheitszustandes – wie
vorliegend - glaubhaft gemacht, so ist die Verwaltung verpflichtet, auf das
neue Leistungsbegehren einzutreten und es in tatsächlicher und
rechtlicher Hinsicht umfassend zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere
Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E.2.3; Urteil des Bundesgerichts
9C_19/2021 vom 29. März 2021 E.2.2.1). Dies hat die IV-Stelle in korrekter
Weise getan und auch im vorliegenden Verfahren ist so vorzugehen.
4. Gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG haben Versicherte Anspruch auf eine
Rente, wenn sie während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind. Als
Arbeitsunfähigkeit gilt dabei im Sinne von Art. 6 ATSG die durch eine
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf
oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. In der angefochtenen
Verfügung thematisierte die IV-Stelle das Wartejahr nicht. Im Case Report
indessen führte sie aus, es könne kein Wartejahr eröffnet werden, da
jeweils nur während den stationären Aufenthalten in der Klinik eine
Arbeitsunfähigkeit vorgelegen habe (Case Report S. 22). Dem kann, aus
den nachfolgend dargelegten Gründen, nicht gefolgt werden.
4.1. Die Beschwerdeführerin trat am 25. Oktober 2018 erstmals zu stationärer
Behandlung in die Klinik ein (IV-act. 119 S. 7). Im Laufe des
darauffolgenden Jahres bis zum 25. Oktober 2019 verbrachte sie rund
fünfeinhalb Monate in der Klinik. Die erste Hospitalisation dauerte vom 25.
Oktober 2018 bis zum 28. November 2018 (IV-act. 119 S. 7), die zweite
vom 9. Dezember 2018 bis zum 31. Januar 2019 (IV-act. 126 S. 1) und die
dritte vom 15. April bis zum 12. Juli 2019 (IV-act. 140 S. 2). Für die Zeit
der Klinikaufenthalte attestierten die PDGR jeweils eine 100%ige
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Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 119 S. 10, 126 S. 5,140 S. 7). Auf diese Phasen
der Arbeitsunfähigkeit bezieht sich die IV-Stelle im Case Report (S. 22),
sie sind unbestritten.
4.2. Im Anschluss an die Klinikaufenthalte wurde die Beschwerdeführerin
jeweils in der Tagesklinik und mit ambulanter Psychotherapie behandelt
und durch die psychiatrische Spitex unterstützt. So war sie in der kurzen
Zeitspanne vom 29. November 2018 bis zum 8. Dezember 2018
durchgehend tagesklinisch betreut (IV-act. 119 S. 10), ebenso in den
Phasen vom 1. Februar 2019 bis zum Beginn der dritten Hospitalisation
am 15. April 2019 (IV-act. 126 S. 5, 127 S. 1) und vom 13. Juli 2019 bis
zum Beginn der vierten Hospitalisation am 13. Dezember 2019 (IV-act.
140 S. 7, 149 S. 2, 150 S. 1). Die Behandlung in der Tagesklinik fand an
zwei ganzen und zwei halben Tagen statt (IV-act. 149 S. 2). In den Phasen
zwischen den Klinikaufenthalten war die Beschwerdeführerin somit an drei
Tagen pro Woche nicht in der Lage zu arbeiten, so dass für diese Phasen
bereits aus praktischen Gründen eine Arbeitsunfähigkeit von 60 % vorlag.
Darüber hinaus geht aus dem Bericht vom 5. März 2019 hervor, dass die
PDGR die Beschwerdeführerin auch in den Phasen mit tagesklinischer
Betreuung zu 100 % arbeitsunfähig einschätzten (IV-act. 127 S. 1).
4.3. Der psychiatrische Gutachter Dr. med. P._ war ebenfalls der Ansicht,
während der stationären und teilstationären Klinikaufenthalte habe eine
100%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden. Er relativierte
dies aber indem er ausführte, die Arbeitsunfähigkeit sei nur formal mit der
Tatsache des Klinikaufenthaltes begründet gewesen, es könne keine
Diagnose gestellt werden, die eine anhaltende Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit begründen würde oder begründet hätte (IV-act. 184 S.
68). Dr. med. P._ untersuchte die Beschwerdeführerin am 14. Mai
2020 (IV-act. 184 S. 1), also erst deutlich nach dem für das Wartejahr
relevanten Zeitraum vom 25. Oktober 2018 bis zum 25. Oktober 2019.
Seine retrospektive Einschätzung des Gesundheitszustandes der
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Beschwerdeführerin ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes
zurückhaltend zu gewichten, da es generell und namentlich bei
psychischen Störungen schwierig ist, die Arbeitsfähigkeit rückwirkend
zuverlässig zu beurteilen (Urteile des Bundesgerichts 9C_549/2020 vom
1. September 2021 E.5.1 und 8C_418/2010 vom 27. August 2010 E.5.3.2).
Vorliegend geht aus den echtzeitlichen Berichten der PDGR und der
behandelnden Psychologin in überzeugender Weise hervor, dass die
Beschwerdeführerin ab dem Herbst 2018 eine Eskalation ihrer
psychischen und sozialen Probleme erlebte und auf psychiatrisch-
psychotherapeutische Behandlung angewiesen war (IV-act. 119 S. 7 ff.,
120 S. 6 ff., 121 S. 1 ff., 121 S. 6 ff., 126, 127, 138). Die retrospektive
Einschätzung von Dr. med. P._ widerspricht dem diametral. Mit der
Aussage, die Arbeitsunfähigkeit sei nur formal durch die Klinikaufenthalte
begründet gewesen, unterstellt Dr. med. P._ den damals
verantwortlichen Fachpersonen, dass ihre psychiatrischen Diagnosen
falsch waren und die stationären und teilstationären Behandlungen der
Beschwerdeführerin eigentlich gar nicht notwendig gewesen wären.
Überzeugende Gründe für seine abweichende Einschätzung vermag Dr.
med. P._ nicht geltend zu machen und sind auch nicht ersichtlich.
Gegen seine Einschätzung spricht vielmehr, dass die Beschwerdeführerin
in der fraglichen Zeit ihre angestammte Aufgabe mit Familienhaushalt und
Kinderbetreuung aufgab und keine Erwerbstätigkeit aufnahm. Die
rückwirkende Beurteilung durch Dr. med. P._ vermag deshalb die
echtzeitlich von den PDGR gestellten Diagnosen mit Behandlungsbedarf
und die echtzeitlich attestierte Arbeitsunfähigkeit nicht zu entkräften.
4.4. Die in Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG geforderte mindestens 40%ige
Arbeitsunfähigkeit während eines Jahres ist vorliegend somit gegeben.
Die Beschwerdeführerin war vom 25. Oktober 2018 bis zum 25. Oktober
2019 stets zu 100 % arbeitsunfähig, weil sie in diesem Jahr ohne
Unterbruch in der Klinik oder in der Tagesklinik behandelt werden musste.
- 16 -
Das Wartejahr ist somit entgegen der Ansicht der IV-Stelle erfüllt und der
Beginn des allfälligen Rentenanspruchs fällt auf den 1. Oktober 2019.
5. Als Invalidität gilt die durch einen körperlichen oder geistigen
Gesundheitsschaden als Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder
Unfall verursachte, voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
Erwerbsunfähigkeit (Art. 4 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 8 ATSG). Bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht ein Anspruch auf eine
Viertelsrente, ab 50 % auf eine halbe Rente, ab 60 % auf eine
Dreiviertelsrente und ab 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 aIVG).
Bei erwerbstätigen Personen erfolgt die Bemessung der Invalidität
aufgrund eines Einkommensvergleichs (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16
ATSG). Bei Nichterwerbstätigen wird darauf abgestellt, in welchem Masse
sie unfähig sind, sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen. Diese
Methode wird Betätigungsvergleich oder spezifische Methode genannt
(Art. 28a Abs. 2 IVG). Im vorliegenden Fall hat die IV-Stelle den
Invaliditätsgrad mit der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs
bemessen. Dies ist, wie nachstehend gezeigt wird, nicht zu beanstanden.
5.1. Nach der Rechtsprechung entscheidet die sogenannte Statusfrage über
die Wahl der Invaliditätsbemessungsmethode. Ob eine versicherte Person
als erwerbstätig oder als nichterwerbstätig einzustufen ist, beurteilt sich
danach, was diese bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn
keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde. Entscheidend ist nicht,
welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicherten Person im
Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum
sie hypothetisch erwerbstätig wäre (Urteil des Bundesgerichts
8C_526/2020 vom 31. Oktober 2020 E.3.2; Urteile des
Verwaltungsgerichts S 20 88 vom 15. Dezember 2020 E.6 ff. und S 20 98
vom 22. Dezember 2020 E.6.1 ff.). Die Beantwortung der Statusfrage
erfordert zwangsläufig eine hypothetische Beurteilung, die auch
hypothetische Willensentscheidungen der versicherten Person zu
- 17 -
berücksichtigen hat. Derlei ist einer direkten Beweisführung
wesensgemäss nicht zugänglich und muss in aller Regel aus äusseren
Indizien erschlossen werden (Urteil des Bundesgerichts 8C_526/2020
vom 31. Oktober 2020 E.3.3).
5.2. Vorliegend war die Beschwerdeführerin zwar seit der Geburt des ersten
Kindes im Herbst 2012 als Hausfrau und Mutter tätig (IV-act. 120, 145 S. 5,
145 S. 9 ff.). Seit der Trennung im Dezember 2018 lebten die Kinder –
damals sechs und zwei Jahre alt - aber untypischerweise nicht bei ihr,
sondern zunächst beim voll berufstätigen Vater und dann in einer
Pflegefamilie (IV-act. 145 S. 5, 193 S. 2). Die IV-Stelle ging deshalb in der
angefochtenen Verfügung davon aus, dass die Beschwerdeführerin im
Gesundheitsfall zu 100 % erwerbstätig sein müsste, um den Unterhalt für
sich selber und ihren Beitrag an den Unterhalt der beiden Kinder zu
bezahlen. Diese Sichtweise beanstandet die Beschwerdeführerin nicht.
Sie selber konnte die Frage nach ihrer hypothetischen Tätigkeit bei
Gesundheit bei der Haushaltabklärung nicht beantworten (IV-act. 145
S. 12).
6. Es hat sich gezeigt, dass die IV-Stelle zur Bemessung des
Invaliditätsgrades zu Recht auf die Methode des Einkommensvergleichs
abgestellt hat. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte
Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen
durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitslage erzielen
könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen würde, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16
ATSG). Die beiden Vergleichseinkommen sind vorliegend umstritten.
Nachfolgend wird in einem ersten Schritt das Valideneinkommen geprüft.
Die IV-Stelle hat dieses in der angefochtenen Verfügung für das
Vergleichsjahr 2020 auf CHF 54'611.00 festgelegt. Die
- 18 -
Beschwerdeführerin ist hingegen der Ansicht, das Valideneinkommen
betrage CHF 83'500.00, da bei ihr eine Frühinvalidität vorliege.
6.1. Gemäss Art. 26 Abs. 1 aIVV entspricht das Valideneinkommen einem
nach dem Alter abgestuften Prozentsatz des Medianwerts der LSE, wenn
die versicherte Person wegen der Invalidität keine zureichenden beruf-
lichen Kenntnisse erwerben konnte. Geburts- und Frühinvalide im Sinne
dieser Bestimmung sind gemäss Rz. 3035 des Kreisschreibens über die
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH, Stand 1.
Januar 2021) Versicherte, die seit ihrer Geburt oder Kindheit einen
Gesundheitsschaden aufweisen und deshalb keine zureichenden
beruflichen Kenntnisse erwerben konnten. Darunter fallen all jene
Personen, welche infolge ihrer Invalidität überhaupt keine
Berufsausbildung absolvieren können. Ebenso gehören dazu Versicherte,
welche zwar eine Berufsausbildung beginnen und allenfalls auch
abschliessen, zu Beginn der Ausbildung jedoch bereits invalid sind und mit
dieser Ausbildung nicht dieselben Verdienstmöglichkeiten realisieren
können wie eine nichtbehinderte Person mit derselben Ausbildung (Urteile
des Bundesgerichts 8C_369/2021 vom 28. Oktober 2021 E.7.1,
8C_784/2020 vom 18. Februar 2021 E.2.3, 8C_129/2019 vom 19. August
2019 E.3). Als Erwerb von zureichenden beruflichen Kenntnissen gilt
gemäss Rz. 3037 KSIH die abgeschlossene Berufsausbildung. Dazu
gehören auch Anlehren, wenn sie auf einem besonderen, der Invalidität
angepassten Bildungsweg ungefähr die gleichen Kenntnisse vermitteln
wie eine eigentliche Lehre oder ordentliche Ausbildung und wenn sie den
Versicherten in Bezug auf den späteren Verdienst praktisch die gleichen
Möglichkeiten eröffnen (Urteile des Bundesgerichts 8C_236/2021 vom 8.
September 2021 E.3.2 und 9C_611/2014 vom 19. Februar 2015 E.5). Im
Zusammenhang mit der zweijährigen Ausbildung mit Berufsattest EBA hat
das Bundesgericht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es nicht alleine
auf den Abschluss ankomme, sondern auch darauf, dass die versicherte
- 19 -
Person im erlernten Beruf über die gleichen Verdienstmöglichkeiten
verfügen müsse, wie eine nicht invalide Person mit der gleichen
Ausbildung (Urteil des Bundesgerichts 8C_725/2019 vom 3. März 2020
E.7).
6.2. Die Beschwerdeführerin litt seit ihrer Geburt beziehungsweise seit ihrer
Kindheit unter einem Gesundheitsschaden, welcher sich aus
verschiedenen Krankheitsbildern zusammensetzte und geeignet war, sie
bei ihrer beruflichen Entwicklung einzuschränken. Im Alter von fünf Jahren
erhielt sie eine Kostengutsprache für heilpädagogische Förderung und
psychomotorische Therapie (IV-act. 1 S. 18 und 25), nachdem der
heilpädagogische Dienst einen allgemeinen Entwicklungsrückstand und
der behandelnde Kinderarzt eine Verzögerung der kognitiven Entwicklung
und eine psychomotorische Störung festgestellt hatten (IV-act. 1 S. 14 und
17). Im Alter von neun Jahren wurden der Beschwerdeführerin
medizinische Massnahmen zur Behandlung des Geburtsgebrechens Nr.
390 gewährt (IV-act. 1 S. 53). Zum damaligen Zeitpunkt wurde diese
Krankheit in der Verordnung über Geburtsgebrechen (GgV; SR
831.232.21) beschrieben mit "Angeborene cerebrale Lähmungen
(spastisch, athetotisch, ataktisch)", in der aktuellen GgV wird sie als
"Infantile Cerebralparese" bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine
frühkindliche Schädigung des Gehirns, welche zu Bewegungsstörungen
infolge verändertem Muskeltonus führt, häufig verbunden mit
Verhaltensauffälligkeiten, verzögerter Sprachentwicklung, verminderter
Intelligenz sowie Seh- und Hörstörungen
(https://www.msdmanuals.com/de/heim/gesundheitsprobleme-von-
kindern/neurologische-st%C3%B6rungen-bei-kindern/zerebralparese-cp,
zuletzt besucht am 28. Juni 2022). Die Beschwerdeführerin begann die
obligatorische Schulzeit in einer Förderklasse. Weil sie nur mit grosser
Mühe mithalten konnte, empfahlen der Kinderarzt und der
Schulpsychologische Dienst eine Sonderschulung im Schulheim Masans
- 20 -
(IV-act. 1 S. 43 und 46). Diese Massnahme wurde vom Erziehungs-,
Kultur- und Umweltschutzdepartement Graubünden zwar genehmigt (IV-
act. 1 S. 49), die Beschwerdeführerin verzichtete aber darauf und verblieb
in der Förderklasse der Regelschule. Bei anstehender Berufsausbildung
im Alter von neunzehn Jahren wurde von der Hausärztin Dr. med. J._
eine Lernschwäche und ein Intelligenzdefizit diagnostiziert (IV-act. 41 S.
1), vom Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. I._ eine kombinierte
Störung schulischer Fähigkeiten (ICD-10 F43.1; IV-act. 39). Beide Ärzte
waren der Ansicht, dass eine Ausbildung nur in einem geschützten
Rahmen möglich sein würde (IV-act. 39, 41 S. 2). Zusätzlich belastet war
die Beschwerdeführerin durch sexuellen Missbrauch in ihrer frühen
Kindheit. Dieser Missbrauch hatte zu einer posttraumatischen
Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) geführt, welche über Jahre vom Kinder-
und Jugendpsychiater Dr. med. I._ behandelt worden war (IV-act. 39,
41 S. 2). Damit steht fest, dass die Beschwerdeführerin in ihrer
schulischen und beruflichen Entfaltung durch ein Geburtsgebrechen und
zwei fachärztlich diagnostizierte psychische Störungen beeinträchtigt
wurde. Die Voraussetzung eines invalidisierenden Gesundheitsschadens
gemäss Art. 26 Abs. 1 aIVV ist somit erfüllt.
6.3. Zusätzlich in ihrer beruflichen Entwicklung behindert wurde die
Beschwerdeführerin durch eine Intelligenzproblematik. Wie in der
vorstehenden Erwägung ausgeführt, zeigte sich schon früh in der Kindheit
und dann sehr deutlich während der Schulzeit und der Ausbildung, dass
die Beschwerdeführerin nicht über eine durchschnittliche Intelligenz
verfügt. Dies wurde durch den neuropsychologischen Gutachter lic. phil.
Q._ bestätigt. Seine Abklärungen ergaben einen Gesamt-IQ von 77
und eine leichte neuropsychologische Hirnfunktionsschwäche mit
leichtgradigen Beeinträchtigungen in sprachlichen und exekutiven
Funktionen (IV-act. 183 S. 11 und 15). Ob diese Intelligenzproblematik für
sich alleine betrachtet als invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne
- 21 -
von Art. 26 Abs. 1 aIVV qualifiziert werden könnte, kann offenbleiben, stellt
sie doch nicht den einzigen Grund für die problematische berufliche
Entwicklung dar, sondern kommt erschwerend zu den von Dr. med.
I._ fachärztlich gestellten Diagnosen hinzu (kombinierte Störung
schulischer Fähigkeiten (ICD-10 F81.3), posttraumatische
Belastungsstörung (ICD-10 F43.1; IV-act. 39). Der Vollständigkeit halber
sei erwähnt, dass die Rechtsprechung uneinheitlich ist in der Frage, wann
ein Intelligenzdefizit als invalidisierender Gesundheitsschaden gilt.
Intelligenzminderungen werden nach dem Klassifikationssystem ICD-10 in
leichte (IQ 69 bis 50), mittelgradige (IQ 49 bis 35), schwere (IQ 34 bis 20)
und schwerste (IQ weniger als 20) Fälle eingeteilt (ICD-10 F70 bis F73).
Bei einem IQ zwischen 70 und 84, wie er bei der Beschwerdeführerin
getestet wurde, ist die Intelligenz zwar deutlich unterdurchschnittlich, nicht
aber im Sinne der IDC-10 krankheitswertig. Entsprechend verneint das
Bundesgericht bei einem IQ von 70 und mehr in der Regel einen
invalidenversicherungsrechtlich massgeblichen Gesundheitsschaden
(Urteile des Bundesgerichts 8C_369/2021 vom 28. Oktober 2021 E.5.4,
9C_5/2021 vom 6. Mai 2021 E.3.3 und 9C_601/2019 vom 7. Januar 2020
E.3.5.2). Das Bundesgericht hielt indessen wiederholt fest, es komme
nicht nur auf die Höhe des IQ an, sondern es sei immer der Gesamtheit
der gesundheitlichen Beeinträchtigungen Rechnung zu tragen (Urteile des
Bundesgerichts 8C_302/2020 vom 24. Juni 2020 E.5.1, 8C_608/2018 vom
11. Februar 2019 E.5.2). Weiter hielt das Gericht fest, bei einer im
untersten Normalbereich liegenden Intelligenz sei eine Invalidität nicht
ausnahmslos ausgeschlossen (Urteil des Bundesgerichts 9C_601/2019
vom 7. Januar 2020 E.3.5.3). Entsprechend wertete es ausnahmsweise
auch Intelligenzdefizite im Sinne von blossen Lernbehinderungen als
medizinisches Substrat für eine Frühinvalidität (Urteile des Bundesgerichts
8C_189/2018 vom 25. Mai 2018 E.4.2.3, 9C_611/2014 vom 19. Februar
2015 E.5.1).
- 22 -
6.4. Der Beschwerdeführerin gelang es trotz ihrer Beeinträchtigungen und
entgegen der Prognose der Ärzte, vom 1. September 2008 bis 31. August
2010 eine Ausbildung zur Mitarbeiterin Küche EBA in der freien Wirtschaft
zu absolvieren (IV-act. 59). Sie wurde dabei allerdings von der IV und der
pro infirmis unterstützt (IV-act. 62 und 72 S. 3 ff.) und ihre Arbeitgeber im
Gasthaus K._ begleiteten die Ausbildung mit sehr viel
Entgegenkommen und Geduld (IV-act. 56, 65, 69, 71 und 72). Wie erwähnt
stellt eine Ausbildung mit EBA grundsätzlich zureichende berufliche
Kenntnisse im Sinne von Art. 26 Abs. 1 aIVV dar. Vor dem Hintergrund
von Rz. 3035 und 3037 KSIH bleibt deshalb zu prüfen, ob die
Beschwerdeführerin in ihrem erlernten Beruf über die gleichen
Verdienstmöglichkeiten verfügte, wie eine nicht invalide Person mit der
gleichen Ausbildung. Die Beschwerdeführerin war nach dem Abschluss
ihrer Ausbildung in den Monaten September und Oktober 2010 weiterhin
in ihrem Lehrbetrieb angestellt, danach im Hotel M._ in L._. Der
Lohn lag in beiden Arbeitsverhältnissen nur bei CHF 2'500.00 pro Monat
(IV-act. 73 und 77). Damit war der Lohn der Beschwerdeführerin
wesentlich tiefer als der Lohn einer nicht invaliden Person mit derselben
Ausbildung in derselben Anstellung. Der Mindestlohn damals lag gemäss
L-GAV (Version 2010) für Mitarbeiter mit EBA bei CHF 3'567.00 pro Monat
und für Mitarbeiter ohne Berufsausbildung bei CHF 3'383.00
(https://gav.arbeitsrechtler.ch/Gastgewerbe_L-GAV-
Kommentar_2010_A2010.2.pdf, zuletzt besucht am 28. Juni 2022). Ein
Grund für den L-GAV-widrig tiefen Lohn war gemäss dem Bericht des
Lehrbetriebs vom 13. August 2010 die Tatsache, dass die
Beschwerdeführerin bei der Ausführung ihrer Arbeiten langsamer war als
andere Mitarbeiter, indem sie für ihre Aufgaben etwa 150 % der üblichen
Zeit brauchte. Ein weiterer Grund für den tiefen Lohn lag darin, dass
arbeitgeberseitig ein deutlicher Mehraufwand bei der Instruktion,
Begleitung und Kontrolle der Beschwerdeführerin anfiel (vgl. IV-act. 72 S.
2). Die Langsamkeit und die Unselbständigkeit waren während der Lehre
- 23 -
wiederholt Thema bei den Besprechungen zwischen der
Beschwerdeführerin, den Arbeitgebern und den Fachleuten für die
berufliche Integration der IV gewesen (vgl. IV-act. 78). Es kann mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass
diese Minderleistungen auf die kognitiven und psychischen Probleme der
Beschwerdeführerin zurückzuführen waren. Entgegen der Ansicht der IV-
Stelle ist deshalb davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin aus
gesundheitlichen Gründen nie in der Lage war, ein ihrem formellen
Ausbildungsstand entsprechendes Einkommen zu erzielen. Entsprechend
hat denn auch der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) die
Beschwerdeführerin im vorangehenden Verfahren klar und eindeutig als
frühinvalid eingestuft (IV-act. 94 S. 4, 6 und 11). Der vorliegende Fall ist
deshalb vergleichbar mit dem Fall, welcher dem Urteil des Bundesgerichts
9C_611/2014 vom 19. Februar 2015 zugrunde lag. In jenem Fall konnte
eine Beschwerdeführerin mit einem IQ von 73 zwar eine Anlehre als
Coiffeuse absolvieren, in der Tätigkeit als Coiffeuse hatte sie dann aber
Probleme mit ihrer Langsamkeit infolge ihrer kognitiven Defizite. Das
Bundesgericht hielt dafür, bei dieser Sachlage sei es überwiegend
wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin ihre erworbenen
Fachkenntnisse als Coiffeuse wirtschaftlich nicht gleichermassen wie
andere Berufskolleginnen hätte verwerten können und anerkannte eine
Frühinvalidität (Urteil des Bundesgerichts 9C_611/2014 vom 19. Februar
2015 E.5.1 f.).
6.5. Bestätigt wird die Frühinvalidität durch die spätere berufliche Entwicklung.
Nach ihrer Anstellung im Hotel M._ hatte die Beschwerdeführerin
viele Jahre lang kein reguläres Arbeitsverhältnis mehr inne. Ihre erste
Anstellung nach der langen Phase als Hausfrau und Mutter war diejenige
als Reinigungsmitarbeiterin bei der R._ von Februar 2021 bis Juli
2021. Bei dieser Anstellung zeigte sich, dass die Beschwerdeführerin nach
wie vor unfähig war, einen Lohn zu erwirtschaften, wie dies Personen mit
- 24 -
einer Ausbildung als Mitarbeiterin Küche EBA üblicherweise tun. Nach der
sorgfältigen Beurteilung der R._ in ihrem Bericht vom 23. Juni 2021
lag der Leistungslohn in der freien Wirtschaft nur bei CHF 1'772.00 pro
Monat, während eine Person ohne Leistungseinschränkung in dieser
Tätigkeit CHF 3'544.00 erzielen könnte (Bf-act. 6 S. 3).
6.6. Die IV-Stelle hat die Beschwerdeführerin somit zu Unrecht nicht als
Frühinvalide eingestuft. Das Valideneinkommen ist zu korrigieren und in
Anwendung von Art. 26 Abs. 1 aIVV ausgehend vom Medianwert der LSE
festzulegen. Dieser lag zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen
Verfügung gemäss dem IV-Rundschreiben Nr. 403 des Bundesamtes für
Sozialversicherungen BSV vom 17. November 2020 bei CHF 83'500.00.
Nach Art. 26 Abs. 1 aIVV ist dieser Wert bei Personen von mehr als 30
Jahren im Umfang von 100 % zu berücksichtigen. Die Beschwerdeführerin
war bei Erlass der angefochtenen Verfügung 33 Jahre alt. Das
Valideneinkommen beträgt somit CHF 83'500.00.
7. Geprüft wird nun das Invalideneinkommen. Die IV-Stelle hat dieses für das
Vergleichsjahr 2020 auf CHF 55'229.00 festgelegt, ausgehend vom
Zentralwert aller Wirtschaftszweige im Kompetenzniveau 1 gemäss der
LSE 2018 und ausgehend von einer Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin von 100 % gestützt auf das psychiatrisch-
neuropsychologische Gutachten P._/Q._. Die
Beschwerdeführerin ist damit nicht einverstanden, sie ist der Ansicht, es
könne nicht auf das Gutachten P._/Q._ abgestellt werden und
das Invalideneinkommen sei auf einen deutlich tieferen Wert festzulegen.
7.1. Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist nach der
Rechtsprechung primär von der beruflich-erwerblichen Situation
auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Übt sie nach
Eintritt der Invalidität eine Erwerbstätigkeit aus, bei der – kumulativ –
besonders stabile Arbeitsverhältnisse gegeben sind und anzunehmen ist,
- 25 -
dass sie die ihr verbleibende Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise voll
ausschöpft, und erscheint zudem das Einkommen aus der Arbeitsleistung
als angemessen und nicht als Soziallohn, gilt grundsätzlich der tatsächlich
erzielte Verdienst als Invalidenlohn. Ist kein solches tatsächlich erzieltes
Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die versicherte Person
nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an
sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können für
die Festsetzung des Invalideneinkommens die (im Zeitpunkt der
angefochtenen Verfügung aktuellsten) LSE-Tabellenlöhne herangezogen
werden (BGE 143 V 295 E.2.2; Urteil des Bundesgerichts 9C_206/2021
vom 10. Juni 2021 E.4.4.2). Vorliegend stand die Beschwerdeführerin bei
Erlass der angefochtenen Verfügung am 22. April 2021 in einem
Arbeitsverhältnis mit der R._ (Bf-act. 6). Dieses Arbeitsverhältnis hat
die IV-Stelle zu Recht nicht als Basis für die Ermittlung des
Invalideneinkommens verwendet. Es war befristet und dauerte nur kurz
vom 15. Februar 2021 bis zum 23. Juli 2021, umfasste nur ein Pensum
von 60 % und stand im Rahmen einer beruflichen
Eingliederungsmassnahme (Bf-act. 6). Zuvor hatte die
Beschwerdeführerin seit der Geburt ihrer älteren Tochter im Jahr 2012
keine Erwerbstätigkeit mehr ausgeübt. Dass die IV-Stelle auf die LSE
2018 abgestellt hat, ist deshalb nicht zu beanstanden. Nicht gefolgt
werden kann der Beschwerdeführerin, wenn sie geltend macht, es sei auf
das Invalideneinkommen abzustellen, das damals der Rentenverfügung
vom 4. März 2011 zugrunde gelegt worden war (IV-act. 93). Jenes
Invalideneinkommen war nach dem Einkommen bemessen worden, das
die Beschwerdeführerin im Jahr 2007 im Hotel E._ erzielt hatte (IV-
act. 94 S. 11), was so weit zurück liegt, dass es als Basis für das aktuelle
Invalideneinkommen nicht in Frage kommt.
7.2. Bei der Bemessung des Invalideneinkommens anhand der LSE ist die
Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit von zentraler Bedeutung, mithin die
- 26 -
Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person in welchem
Umfang noch zugemutet werden können, beziehungsweise wie gross die
Arbeitsfähigkeit in einer optimal angepassten Tätigkeit ist. Zur
Beantwortung dieser Frage sind die IV-Stellen und die
Sozialversicherungsgerichte auf die Einschätzungen medizinischer
Experten angewiesen. Sie können sich auf den RAD (Art. 59 Abs. 2bis
IVG), auf die Berichte der behandelnden Ärztinnen und Ärzte oder auf
externe medizinische Sachverständige stützen (Art. 59 Abs. 3 IVG). Bei
der Würdigung der medizinischen Unterlagen ist das Versicherungsgericht
frei (Art. 61 lit. c ATSG). Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes
ist deshalb entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des
Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E.5.1, 125 V 351 E.3a).
Dennoch hat es die Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen
medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen. So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten volle Beweiskraft
zuzuerkennen, wenn sie aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten erstattet wurden und bei
der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 210 E.1.3.4, 125 V 351 E 3b/bb). Nur wenn die
Schlüssigkeit eines solchen Gutachtens in wesentlichen Punkten
zweifelhaft erscheint, sind ergänzende Beweisvorkehren in Betracht zu
ziehen und nötigenfalls anzuordnen (BGE 137 V 210 E.1.3.4, 125 V 353
E.3b/bb). Bei Berichten von behandelnden Ärzten darf und soll der
Erfahrungstatsache Rechnung getragen werden, dass die behandelnden
- 27 -
Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in
Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen. Der Bericht
eines behandelnden Arztes hat somit nicht den gleichen Rang wie ein von
der IV-Stelle nach dem vorgegebenen Verfahrensrecht eingeholtes
Gutachten. Ein solcher Bericht verpflichtet indessen - wie jede
substanziiert vorgetragene Einwendung gegen ein solches Gutachten -
den Richter zu prüfen, ob der Bericht des behandelnden Arztes die
Auffassungen und Schlussfolgerungen des förmlich bestellten Gutachters
derart zu erschüttern vermag, dass davon abzuweichen ist (BGE 135 V
465 E.4.5, 125 V 361 E.3c). Auch den Berichten und Gutachten
versicherungsinterner Ärzte kommt Beweiswert zu, sofern sie als
schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich
widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit
bestehen (BGE 125 V 351 E.3b/ee).
7.3. Untersucht wird zunächst das neuropsychologische Gutachten vom 11.
Juni 2020, in welchem lic. phil. Q._ zum Schluss kam, es liege mit IQ
77 eine Intelligenz im unterdurchschnittlichen Bereich und eine leichte
neuropsychologische Hirnfunktionsschwäche mit leichtgradigen
Beeinträchtigungen in sprachlichen und exekutiven Funktionen vor (IV-act.
183 S. 15), und es bestünden weder in der angestammten noch in
angepassten Tätigkeiten relevante Einschränkungen der
Leistungsfähigkeit (IV-act. 183 S. 18 f.). Als Fachpsychologe für
Neuropsychologie FSP und als zertifizierter neuropsychologischer
Gutachter SIM verfügte lic. phil. Q._ unbestrittenermassen über das
nötige Fachwissen. Sein Gutachten beruhte auf einer eingehenden, rund
dreistündigen Untersuchung am 9. Juni 2020 (IV-act. 183 S. 1). Der
Gutachter hatte Einsicht in die vollständigen Vorakten und er listete die
neuropsychologisch relevanten Punkte im Kapitel "Aktenauszug" korrekt
auf (IV-act. 183 S. 2 ff.). Er erhob die Anamnese in den wesentlichen
Punkten (IV-act. 183 S. 6 ff.) und führte umfangreiche
- 28 -
neuropsychologische Tests durch. Hinweise darauf, dass er diese Tests
nicht sachgerecht durchgeführt hätte, liegen nicht vor (IV-act. 183 S. 8 ff.).
Die Befunde wurden sorgfältig erhoben und klar und übersichtlich
geschildert (IV-act. 183 S. 11 ff. und 20 ff.). Sodann ist die Beurteilung
nachvollziehbar und schlüssig, soweit sie die einzelnen Teilbereiche
betrifft (IV-act. 183 S. 15 ff.). So gibt es insbesondere keine Indizien, die
gegen den Gesamt-IQ von 77 sprechen würden (IV-act. 183 S. 11, 15 und
23). Lic. phil. Q._ wies zu Recht darauf hin, dass Abklärungen der
PDGR im März 2019 mit einem IQ von 76 ein vergleichbares Ergebnis
ergeben hätten. Zur Testung der PDGR vom Juli 2019 mit einem IQ von
55 erklärte er in überzeugender Weise, dass diese nicht nachvollziehbar
und verlässlich sei, weil dabei keine Symptomvalidierung stattgefunden
habe (IV-act. 183 S. 16). Überzeugend ist auch die gutachterliche
Einordnung der Befunde als leichte neuropsychologische
Hirnfunktionsschwäche mit leichtgradigen Beeinträchtigungen in
sprachlichen und exekutiven Funktionen (IV-act. 183 S. 15). Ebenso ist
nachvollziehbar, dass gemäss lic. phil. Q._ die beruflichen
Anforderungen den intellektuellen und kulturtechnischen Möglichkeiten
der Beschwerdeführerin angepasst sein müssen, dass also die
Kommunikation anschaulich und einfach sein muss, dass die
Informationseinheiten in kleinen Portionen vermittelt und bei Bedarf
wiederholt werden müssen, insbesondere bei neuen Inhalten, und dass
der Umgang mit Texten auf einem sehr einfachen Niveau gehalten werden
muss, ebenso die Anforderungen an komplexere Funktionen wie zum
Beispiel das Erkennen von Zusammenhängen und Gesetzmässigkeiten
(IV-act. 183 S. 16 f.). Überzeugend ist schliesslich, dass lic. phil. Q._
aus den Funktionseinschränkungen keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit in zeitlicher Hinsicht ableitete, weder in der
angestammten, noch in einer adaptierten Tätigkeit (IV-act. 183 S. 17 und
18). Widersprüchlich und nicht überzeugend sind hingegen die Aussagen
von lic. phil. Q._ zur Frage, inwieweit sich die
- 29 -
Funktionseinschränkungen in qualitativer Hinsicht auf die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin auswirken. So erwähnte er im Zusammenhang
mit der Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit eine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit um 10 bis 30 % bei Aufgaben mit komplexen
Anforderungen. Weiter führte er aus, rein die neuropsychologischen
Befunde betreffend sei von geringgradigen Einschränkungen
auszugehen, wenn die Beschwerdeführerin nach klaren Vorgaben ihr
bekannte Aufgaben ausüben könne (IV-act. 183 S. 17). Im Widerspruch
dazu beschrieb er an anderer Stelle, in der angestammten Tätigkeit sei
nicht von relevanten Einschränkungen auszugehen (IV-act. 183 S. 18).
Auch im Zusammenhang mit der Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit
ist die Beurteilung nicht nachvollziehbar. So führte lic. phil. Q._ aus,
es sei nicht von einer relevanten Leistungsverminderung auszugehen,
wenn die Beschwerdeführerin nicht mit den seit jeher bestehenden
Schwächen in kulturtechnischen Anforderungen konfrontiert sei (IV-act.
183 S. 18). Dabei verkannte er, dass die Beschwerdeführerin ja eben
gerade durch diese Schwächen in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt
ist, weil keine Tätigkeit vorstellbar ist, bei welchen stets die gleichen
bekannten Aufgaben auszuführen wären und bei welchen
kulturtechnische Anforderungen überhaupt keine Rolle spielen würden.
Auch bei einfachsten Arbeiten, wie sie die Beschwerdeführerin in Küche,
Reinigung und Hausdienst ausgeübt hat, ist es nötig, Anweisungen von
Vorgesetzten zu verstehen und mit einer gewissen Flexibilität den
Umständen entsprechend umzusetzen. Zusammenfassend ist somit
festzuhalten, dass die Schlussfolgerung von lic. phil. Q._ in Bezug auf
die Arbeitsfähigkeit nicht genug differenziert ist. Dem Gutachten von lic.
phil. Q._ kann somit nur für die Grundlagen, nicht aber für die
Schlussfolgerung hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit volle Beweiskraft
beigemessen werden.
- 30 -
7.4. Untersucht wird nun das psychiatrische Gutachten vom 16. Juni 2020, in
welchem Dr. med. P._ zum Schluss kam, es liege keine Diagnose mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vor und die Arbeitsfähigkeit sei in der
bisherigen und in adaptierten Tätigkeiten nicht eingeschränkt (IV-act. 184
S. 62 und 67 ff.). Unbestritten ist dabei, dass Dr. med. P._ als
Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie und als zertifizierter
psychiatrischer Gutachter SIM über die nötigen fachlichen Kompetenzen
verfügt.
7.4.1. Geprüft wird zunächst die Beweiskraft des Gutachtens in Bezug auf die
Phase ab Beginn des allfälligen Rentenanspruchs am 1. Oktober 2019, für
welche Dr. med. P._ eine retrospektive Beurteilung vornahm. In
dieser Phase besuchte die Beschwerdeführerin zunächst vom 1. Oktober
2019 bis zum 12. Dezember 2019 die Tagesklinik und wurde durch die
psychiatrische Spitex und durch ambulante Therapie unterstützt (IV-act.
140 S. 7). Danach hielt sie sich vom 13. Dezember 2019 bis zum 14.
Januar 2020 zum vierten Mal stationär in der Klinik auf (IV-act. 150 S. 1).
Im Anschluss unterzog sie sich erneut einer tagesklinischen und
ambulanten psychiatrischen Betreuung mit psychiatrischer Spitex (IV-act.
150 S. 2, Bf-act. 5). Die Arbeitsunfähigkeit während des stationären
Klinikaufenthaltes lag naturgemäss bei 100 % (IV-act. 150). Dass die
Arbeitsunfähigkeit nach der Einschätzung der PDGR auch in den Phasen
mit tagesklinischer und ambulanter Behandlung bei 100 % lag, wurde
bereits im Zusammenhang mit dem Wartejahr dargelegt (siehe vorne
E.4.2).
7.4.2. Lässt sich - wie vorliegend - eine gutachterlich attestierte
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit nicht vereinbaren mit einer
mehrwöchigen stationären und mit einer langdauernden teilstationären
Behandlung, so sind nach der Rechtsprechung die rückblickenden
Beurteilungen des Gutachters zurückhaltend zu gewichten, da es generell
und namentlich bei psychischen Störungen schwierig ist, die
- 31 -
Arbeitsfähigkeit rückwirkend zuverlässig zu beurteilen (Urteile des
Bundesgerichts 9C_549/2020 vom 1. September 2021 E.5.1 und
8C_418/2010 vom 27. August 2010 E.5.3.2). Auf eine von den
echtzeitlichen ärztlichen Beurteilungen abweichende gutachterliche
Einschätzung ist nur dann abzustellen, wenn der Gutachter eine absolut
überzeugende und nachvollziehbare Begründung für seine Einschätzung
vorbringt (Urteil des Bundesgerichts 9C_603/2020 vom 3. Februar 2021
E.3.2.2). Vorliegend fehlt es an einer überzeugenden Begründung. Dr.
med. P._ Aussage, wonach die stationären und teilstationären
Klinikaufenthalte nur zu einer "formalen" Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit geführt hätten, ist nicht nachvollziehbar (IV-act. 184 S.
67). Mit dem Konstrukt der formalen Arbeitsunfähigkeit unterstellt Dr. med.
P._ den behandelnden Ärzten und Therapeuten, dass ihre Diagnosen
falsch und die stationäre und teilstationäre Behandlung eigentlich gar nicht
notwendig gewesen wären. Dies erscheint angesichts der Ausführungen
der PDGR im Bericht zur vierten Hospitalisation und angesichts der
vorangehenden langanhaltenden Krise mit drei stationären
Klinikaufenthalten nicht überzeugend (IV-act. 150, siehe auch vorne
E.4.3). Dr. med. P._ bringt keine konkreten Hinweise und keine
Argumente dafür vor, dass die Beschwerdeführerin in dieser Phase
eigentlich keine intensive Behandlung gebraucht hätte und stattdessen zu
100 % hätte arbeiten können. Entgegen der Ansicht der IV-Stelle ist die
von den PDGR durch die verordnete Behandlung echtzeitlich attestierte
100%ige Arbeitsunfähigkeit überzeugend, obwohl die PDGR nach der
neuropsychologischen Testung vom 2. Juli 2019 fälschlicherweise von
einem zu tief angesetzten IQ von 55 ausgingen (IV-act. 138, 149 S. 3,
150). Die Arbeitsunfähigkeit war nach der Einschätzung der PDGR
offensichtlich primär auf die Borderline Störung und die Zwangsstörung
zurückzuführen, waren die PDGR doch zuvor von einem IQ von 76
ausgegangen, ohne dass sie die Gesamtsituation dadurch wesentlich
anders eingeschätzt hätten (IV-act. 126). Gegen die von Dr. med. P._
- 32 -
festgestellte 100%ige Arbeitsfähigkeit spricht schliesslich auch, dass die
zuständige Fachperson anlässlich der Haushaltabklärung am 29. August
2019 eine Einschränkung von 36 % bzw. 34 % festgestellte (IV-act. 145 S.
12) und dass die KESB Nordbünden am 12. März 2020 eine
Vertretungsbeistandschaft errichtete (IV-act. 176).
7.4.3. Wie gezeigt erschüttern die echtzeitlichen Berichte der behandelnden
Ärzte die rückwirkende Beurteilung durch den förmlich bestellten
Gutachter derart, dass davon abzuweichen ist. Für die Phase ab dem 1.
Oktober 2019 ist deshalb auf die echtzeitlich durch die PDGR attestierte
beziehungsweise aus der verordneten Behandlung resultierende 100%ige
Arbeitsunfähigkeit abzustellen. Aus den Akten geht nicht eindeutig hervor,
bis wann die Beschwerdeführerin auf tagesklinische Behandlung
angewiesen war. Angesichts der Tatsache, dass die teilstationäre
Behandlung nach den vorangehenden Klinikaufenthalten jeweils über
mehrere Monate durchgeführt wurde, kann mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Beschwerdeführerin
nach dem Austritt aus dem Klinik am 14. Januar 2019 bis mindestens Ende
Februar 2019 die Tagesklinik besuchte (IV-act. 150). Weil eine
Verbesserung der Erwerbsfähigkeit gemäss Art. 88a Abs. 1 IVV erst dann
zu berücksichtigen ist, nachdem sie ohne wesentliche Unterbrechung drei
Monate gedauert hat, ist für die Phase vom 1. Oktober 2019 bis zum 31.
Mai 2020 von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen.
7.4.4. Geprüft wird nun die Beweiskraft des psychiatrischen Gutachtens in der
Phase ab dem 1. Juni 2020. Für diese Phase ist das Gutachten echtzeitig.
Dr. med. P._ untersuchte die Beschwerdeführerin am 14. Mai 2020,
erstattete sein Gutachten am 16. Juni 2020 und aktualisierte es mit
Ergänzung vom 22. Dezember 2020 (IV-act.184 S. 1 und 204 S. 1). Dr.
med. P._ kam auch für diese Phase zum Schluss, es liege keine
psychiatrische Diagnose vor und die Arbeitsfähigkeit sei nicht
eingeschränkt (IV-act. 184 S. 62 und 67 ff., 204 S. 2). Damit weicht seine
- 33 -
Einschätzung auch für die Zeit ab dem 1. Juni 2020 von der Einschätzung
der behandelnden Ärzte ab. Im Herbst 2020 wies die behandelnde
Psychotherapeutin O._ die Beschwerdeführerin zu ihrer fünften
Hospitalisation ein. Es ging um eine Krisenintervention bei sozialer
Belastung und zunehmend selbstverletzendem Verhalten (IV-act. 199
S. 1), wobei die soziale Belastung hauptsächlich aus einer Überforderung
bei der Mithilfe in der Betreuung der Kinder und aus Konflikten mit deren
Vater entstanden war (IV-act. 199 S. 2). Vom 25. September 2020 bis zum
9. Oktober 2020 wurde die Beschwerdeführerin stationär in der Klinik
behandelt, im Anschluss wiederum in der Tagesklinik und ambulant (IV-
act. 199 S. 1 und 3). Gemäss Austrittsbericht der PDGR vom 22. Oktober
2020 war die Hauptdiagnose nach wie vor eine emotional instabile
Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (ICD-10 F60.31). Als
Nebendiagnosen wurden psychische und Verhaltensstörungen durch
Cannabinoide (schädlicher Gebrauch, ICD-10 F12.1), psychische und
Verhaltensstörungen durch Tabak (Abhängigkeitssyndrom, ICD-10
F17.2), eine Zwangsstörung (ICD-10 F42.9), eine leichte
Intelligenzminderung ohne Angabe einer Verhaltensstörung (ICD-10
F70.9) und ein Vitamin-D-Mangel aufgeführt (IV-act. 199 S. 1). Der IV-
Stelle ist darin zu folgen, dass die Diagnose der leichten
Intelligenzminderung im Lichte des Gutachtens von lic. phil. Q._ nicht
zutrifft. Dies ändert aber entgegen der Ansicht der IV-Stelle nichts daran,
dass den Berichten der PDGR im Zusammenhang mit dem
Behandlungsbedarf und der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit ein hoher
Beweiswert beizumessen ist, da diesbezüglich allem Anschein nach die
Borderline-Störung und die Zwangsstörung zentral waren. Im
Austrittsbericht vom 22. Oktober 2020 attestierten die PDGR der
Beschwerdeführerin über die 100%ige Arbeitsunfähigkeit während des
Klinikaufenthalts hinaus eine dauerhafte vollständige Arbeitsunfähigkeit
für den ersten Arbeitsmarkt (IV-act. 199 S. 3). Rund ein Jahr später führten
die PDGR mit Bericht vom 6. August 2021 aus, die Beschwerdeführerin
- 34 -
sei nach wie vor durch die kognitiven Störungen, die
unterdurchschnittliche Intelligenz, die Persönlichkeitsstruktur als
Borderline-Typ und die Zwangserkrankung bei der Erwerbstätigkeit und
bei der Alltagsbewältigung eingeschränkt. Trotz langjähriger Therapie sei
sie leider nicht in der Lage, das Gelernte in ihrem Arbeitsalltag umzusetzen
und weise bei Überforderung selbstverletzendes Verhalten auf. Es sei
nicht vorstellbar, dass sie einer geregelten Arbeit nachgehe (Bf-act. 5).
Diese Arztberichte wecken in Verbindung mit diversen Unstimmigkeiten,
die nachfolgend im Detail aufgezeigt werden, Zweifel an der
Zuverlässigkeit des Gutachtens von Dr. med. P._, welchem deshalb
auch in Bezug auf die Phase ab dem 1. Juni 2020 keine volle Beweiskraft
beigemessen werden kann.
7.4.5. Dr. med. P._ setzte sich nicht genügend mit dem in den Vorakten
dokumentierten Krankheitsverlauf und mit den von den PDGR gestellten
Diagnosen auseinander. Dem Gutachter standen sämtliche Vorakten zur
Verfügung und im Kapitel "Aktenauszug" zitierte er ausführlich aus allen
relevanten Berichten (IV-act. 184 S. 8 bis 37). Er unterliess es aber, diese
Informationen einordnend und gewichtend zusammenzufassen und bei
der Befragung und der Beurteilung genügend Bezug darauf zu nehmen.
Entsprechend fokussierte Dr. med. P._ zu eng auf den Zeitpunkt der
Untersuchung. Dr. med. P._ vermochte nicht überzeugend
darzulegen, weshalb seine Beurteilung von derjenigen der behandelnden
Ärzte diametral abweicht. Dies wird nachfolgend im Detail anhand der
einzelnen Diagnosen aufgezeigt.
7.4.5.1. Besonders deutlich zeigt sich die Mangelhaftigkeit des Gutachtens von
Dr. med. P._ bei der Zwangsstörung. Obwohl aus den Berichten der
PDGR hervorgeht, dass die Beschwerdeführerin durch ihre Zwänge
phasenweise massiv in ihrer Lebensgestaltung und in ihren Aufgaben im
Haushalt und in der Kinderbetreuung behindert war, ging Dr. med.
P._ kaum auf diese Störung ein (IV-act. 184 S. 37 ff.). Im Kapitel
- 35 -
"Befragung" begnügte er sich allem Anschein nach mit den Antworten,
welche die Beschwerdeführerin spontan von sich aus zu den einzelnen
Fragen angab. Auf vervollständigende, strukturierende und vertiefende
Nachfragen verzichtete er, obwohl die Antworten der Beschwerdeführerin
teilweise chaotisch, unstrukturiert und unvollständig waren (IV-act. 184 S.
37 ff.). So gab die Beschwerdeführerin auf die Frage nach der Entstehung,
dem Verlauf und dem aktuellen Zustand der Beschwerden zum Thema
Zwangshandlungen lediglich an, sie habe vor dem ersten Klinikeintritt im
Herbst 2018 "diese Probleme bekommen" (IV-act. 184 S. 42). Im Kapitel
"Befund" hielt Dr. med. P._ fest, es fänden sich keine Hinweise auf
Zwangsgedanken oder zwanghafte Handlungen. Dies steht im
Widerspruch dazu, dass ihm die Beschwerdeführerin - wie er selber
festhält - berichtet hatte, dass sie aktuell immer wieder kontrollieren
müsse, ob ihre Schuhe sauber seien (IV-act. 184 S. 57). Dass die Kontrolle
der Schuhe anscheinend zum Zeitpunkt der Untersuchung nur wenig Zeit
in Anspruch nahm (IV-act. 184 S. 57), rechtfertigt es nicht,
Zwangshandlungen gänzlich zu verneinen. Im Kapitel "Diagnosen" nahm
Dr. med. P._ zwar Bezug auf die Tatsache, dass die PDGR
regelmässig eine Zwangsstörung diagnostiziert hatten (IV-act. 184 S. 59).
Allerdings verzerrte er dabei die Informationen aus den Berichten der
PDGR. So stellte er die Zwangshandlungen als nebensächliches Problem
dar. Damit vernachlässigte er, dass die Zwangsstörung seit mindestens
2018 trotz regelmässiger Therapie über Jahre anhielt und dass bei der
ersten Hospitalisation die Zwangsstörung mit vorwiegend Zwangsritualen
(ICD-10 F.42.1) die Hauptdiagnose darstellte (IV-act. 119 S. 10). Gemäss
den Ausführungen im Austrittsbericht waren die Zwänge im Vorfeld des
Klinikaufenthalts so massiv gewesen, dass sie von der
Beschwerdeführerin und ihrem Umfeld als wesentliche Ursache für die
Überforderung und damit als Grund für die Einweisung erlebt worden
waren. Damals hatte sie den Zwang, dauernd die Hände zu waschen,
Wäsche bis zu sechs Mal pro Tag zu waschen, vermeintlich schmutzige
- 36 -
Wäsche wegzuwerfen, Wäsche nach klarem Schema in den Schrank
einzuräumen und Fensterläden zu schliessen (IV-act. 119 S. 7). Nicht
korrekt ist sodann, dass Dr. med. P._ angab, die Zwänge seinen
während der Klinikaufenthalte gänzlich verschwunden (IV-act. 184 S. 59
f.). Analysiert man die Berichte und den Verlauf im Detail, so zeigt sich im
Gegenteil, dass die Zwangsstörung die ganze Zeit mehr oder weniger
symptomatisch blieb. Bei Austritt nach der ersten Hospitalisation am 28.
November 2018 waren die Zwänge zwar deutlich gebessert, aber noch
immer vorhanden (IV-act. 119 S. 9). Kurz darauf, beim Wiedereintritt in die
Klinik am 9. Dezember 2018, waren sie bereits wieder intensiv (IV-act. 121
S. 7). Bei Austritt nach der zweiten Hospitalisation am 31. Januar 2019
waren die Zwänge dann zwar tatsächlich nicht mehr vorhanden (IV-act.
126 S. 2), in der Folge traten sie, in leicht gebesserter Form, aber sofort
wieder auf (Bericht vom 15. März 2019, IV-act. 127 S. 2). Im Vorfeld der
dritten Hospitalisation intensivierten sich die Zwangshandlungen, so dass
die Hände bei Eintritt in die Klinik am 15. April 2019 vom übermässigen
Waschen ganz trocken und rissig waren (IV-act. 138 S. 1). Bei Austritt aus
der Klinik am 12. Juli 2019 war der Allgemeinzustand gebessert (IV-act.
138 S. 2), die Zwangshandlungen waren aber, wie die Beschwerdeführerin
wenig später anlässlich Haushaltabklärung vom 29. August 2019 angab,
nach wie vor ein Problem (IV-act. 145 S. 1). Auch im Austrittsbericht zur
vierten Hospitalisation vom 14. Januar 2020 wurde die Zwangsstörung
diagnostiziert, eine Angabe zur Form und zur Intensität der Zwänge findet
sich in diesem Bericht leider nicht (IV-act. 150 S. 1). Der Verlauf spricht
indessen dafür, dass die Zwangsstörung auch im Jahr 2020 stets ein
Problem darstellte. So berichtete die Beschwerdeführerin beim fünften
Klinikeintritt am 29. September 2020 über den Zwang, dauernd die Hände
zu waschen und die Schuhe zu binden, und die PDGR diagnostizierten
erneut eine nicht näher bezeichnete Zwangsstörung im Sinne von ICD-10
F.42.9 (IV-act. 199 S. 1 f.). Aus all diesen Gründen hat sich Dr. med.
- 37 -
P._ nicht genügend und nicht in korrekter Weise mit der Problematik
der Zwänge auseinandergesetzt.
7.4.5.2. Das Gutachten von Dr. med. P._ vermag auch im Zusammenhang
mit der Persönlichkeitsstörung nicht zu überzeugen. Die PDGR stellten im
Austrittsbericht vom 6. Dezember 2018 die Nebendiagnose einer
emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ (ICD-10
F60.30, IV-act. 119 S. 10), im Austrittsbericht zur zweiten Hospitalisation
vom 5. März 2019 wurde diese Störung dann als Hauptdiagnose
aufgeführt (IV-act. 126 S. 5). Auch in den weiteren Austrittsberichten
wurde die emotional instabile Persönlichkeitsstörung als Hauptdiagnose
angeführt, nun aber in der Ausprägung als Boderline-Typ (ICD-10 F60.31).
In der ICD-10 wird diese Störung wie folgt umschrieben: Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden. Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; und ein Borderline-Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.
Dr. med. P._ machte keinerlei Ausführungen zu diesen in der ICD-10
aufgeführten Kriterien und stellte die Diagnose der PDGR lediglich damit
in Frage, dass er geltend machte, sie sei nie begründet worden (IV-act.
184 S. 60). Dies vermag nicht zu überzeugen. Anders als in einem
Gutachten ist es in Austrittsberichten von Kliniken weder nötig noch üblich,
die Diagnosen eingehend zu begründen. Im vorliegenden Fall beruhen die
Austrittsberichte der PDGR auf jeweils mehrwöchigen Klinikaufenthalten,
während welchen sich die behandelnden Ärzte ihrer Aufgabe
entsprechend intensiv mit der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt
hatten. Dadurch hatten sie Erkenntnisse über ihre Persönlichkeitsstruktur
und ihre Verhaltensmuster gewonnen und waren offensichtlich zur Ansicht
gelangt, dass diese eine krankheitswertige Abweichung darstellten. Diese
- 38 -
Beurteilung vermag Dr. med. P._ auch nicht mit dem Argument zu
entkräften, es liege keine Persönlichkeitsstörung vor, die Schwierigkeiten
seien mit der Lernbehinderung eigentlich weitgehend erklärt (IV-act. 184
S. 60). Die Beschwerdeführerin war wiederholt suizidal und zeigte immer
wieder selbstverletzendes Verhalten (IV-act.126 S. 1, 138 S. 1, 199 S. 1)
was zum typischen Bild einer an einer Persönlichkeitsstörung des Typs
Borderline Erkrankten passt und sich nicht mit der Lernbehinderung
erklären lässt. Dasselbe gilt für die zahlreichen in den Akten vermerkten
Konflikte.
7.4.5.3. Die Beschwerdeführerin wurde als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs und
entwickelte in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung, welche
über Jahre therapiert werden musste (IV-act. 39). Hierauf ging Dr. med.
P._ überhaupt nicht ein, obwohl er aufgrund der Berichte der
Hausärztin Dr. med. J._ (IV-act. 41) und des Kinder- und
Jugendpsychiaters Dr. med. I._ (IV-act. 39) darum wusste. In der
Befragung gab die Beschwerdeführerin von sich aus an, sie habe etwas
Schlimmes erlebt, als sie klein gewesen sei, aber sie wisse nicht mehr,
was es gewesen sei (IV-act. 184 S. 43). Auch hier erfolgte keine klärende
Nachfrage durch den Gutachter, auch nicht unter dem Titel
"Einschneidende Erlebnisse inkl. frühere Konflikte mit dem Gesetz", wo er
sich mit der Antwort der Beschwerdeführerin begnügte, sie sei nie mit dem
Gesetz in Konflikt geraten (IV-act. 184 S. 50). Auch in diesem Punkt
erscheint das Gutachten oberflächlich.
7.4.5.4. Dr. med. P._ stützte sich vollumfänglich auf das neuropsychologische
Gutachten von lic. phil. Q._. Dieses ist wie gezeigt voll beweiskräftig,
was die vorgenommenen Tests, die Befunde und deren Einordnung als
Intelligenz im unterdurchschnittlichen Bereich und als leichte
neuropsychologische Hirnfunktionsschwäche mit leichtgradigen
Beeinträchtigungen in sprachlichen und exekutiven Funktionen anbelangt
(IV-act. 183 S. 8). Lic. phil. Q._ Beurteilung der Auswirkungen der
- 39 -
festgestellten Funktionseinschränkungen auf die Arbeitsfähigkeit hat sich
indessen als widersprüchlich erwiesen (siehe vorne E.7.3). Dr. med.
P._ stellte in seinem Gutachten undifferenziert auf die
widersprüchliche Schlussfolgerung von lic. phil. Q._ ab. Dadurch fehlt
seinem Gutachten die volle Beweiskraft in der Frage der Auswirkungen
der Intelligenzproblematik auf die Arbeitsfähigkeit. Auf den von lic. phil.
Q._ ermittelten IQ von 77 stellte Dr. med. P._ hingegen zu Recht
ab. Wie gezeigt hat lic. phil. Q._ den IQ sorgfältig ermittelt und
überzeugend begründet, weshalb nicht auf den von den PDGR am 2. Juli
2019 ermittelten IQ von 55 abzustellen ist (IV-act. 149 S. 3, siehe vorne
E.7.3). Dr. med. P._ beanstandete deshalb zu Recht, dass die PDGR
ausgehend von einem IQ von 55 auf das Vorliegen einer leichten
Intelligenzminderung gemäss ICD-10 F.70.0 bzw. F70.9 geschlossen
hatten (IV-act. 138 S. 2, 149 S. 1, 150 S. 1, 199 S. 1). Bei einem IQ von
77 liegt gemäss der ICD-10 keine krankheitswertige Intelligenzstörung vor,
sondern nur eine deutlich unterdurchschnittliche Intelligenz im Sinne einer
Lernbehinderung (IQ 70 bis 84). Dr. med. P._ anerkannte, dass die
Lernbehinderung in der Ausbildung zu Problemen geführt hatte, ging aber
zu Unrecht davon aus, dass die Beschwerdeführerin danach einige Jahre
ohne wesentliche Einschränkung arbeiten konnte (IV-act. 184 S. 62). Im
Zusammenhang mit der Frage der Frühinvalidität hat sich gezeigt, dass
die Beschwerdeführerin durch ihre Lernbehinderung und deren
Wechselwirkung mit ihren weiteren psychischen Problemen auch bei
einfachsten Arbeiten so langsam und unselbständig war, dass die
Leistungsfähigkeit arbeitgeberseitig als massiv eingeschränkt erlebt und
nur ein entsprechend geringer Lohn ausbezahlt wurde (siehe vorne E.6.3).
Dr. med. P._ ging zudem zu Unrecht davon aus, dass eine
Intelligenzproblematik nur dann versicherungsrechtlich relevante
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit haben kann, wenn die
Krankheitsschwelle der ICD-10 (IQ 70) unterschritten ist. Es trifft zwar zu,
dass das Bundesgericht bei einem IQ von 70 und mehr in der Regel einen
- 40 -
invalidenversicherungsrechtlich massgeblichen Gesundheitsschaden
verneinte (Urteile des Bundesgerichts 8C_369/2021 vom 28. Oktober
2021 E.5.4, 9C_5/2021 vom 6. Mai 2021 E.3.3 und 9C_601/2019 vom
7. Januar 2020 E.3.5.2). Das Bundesgericht hielt indessen wiederholt fest,
es komme nicht nur auf die Höhe des IQ an, sondern es sei immer der
Gesamtheit der gesundheitlichen Beeinträchtigungen Rechnung zu tragen
(Urteile des Bundesgerichts 8C_302/2020 vom 24. Juni 2020 E.5.1,
8C_608/2018 vom 11. Februar 2019 E.5.2). Weiter hielt das Gericht fest,
bei einer im untersten Normalbereich liegenden Intelligenz sei eine
Invalidität nicht ausnahmslos ausgeschlossen (Urteil des Bundesgerichts
9C_601/2019 vom 7. Januar 2020 E.3.5.3). Entsprechend wertete es
ausnahmsweise auch Intelligenzdefizite im Sinne von blossen
Lernbehinderungen als invalidisierenden Gesundheitsschaden (Urteile
des Bundesgerichts 8C_189/2018 vom 25. Mai 2018 E.4.2.3,
9C_611/2014 vom 19. Februar 2015 E.5.1). Vor diesem Hintergrund hätte
Dr. med. P._ somit nicht aufgrund des IQ der Beschwerdeführerin
ausschliessen dürfen, dass sich ihr Intelligenzdefizit negativ auf ihre
Arbeitsfähigkeit auswirkt (IV-act. 184 S. 62). Vielmehr hätte er
untersuchen und beurteilen müssen, ob und inwieweit ihre
unterdurchschnittliche Intelligenz unter den konkreten Lebensumständen
und in Kombination mit den übrigen psychischen Schwierigkeiten die
Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Dass Dr. med. P._ eine solche
Beeinträchtigung nicht gänzlich ausschloss, zeigt sich unter anderem
daran, dass er darauf hinwies, dass die kognitiven Einschränkungen bei
der Eingliederung berücksichtigt werden müssten (IV-act. 184 S. 62).
7.4.5.5. Die behandelnde Psychotherapeutin O._ hielt in ihrem
Verlaufsbericht vom 17. Dezember 2019 einen schädlichen Gebrauch von
Kokain fest (ICD-10 F14.1; IV-act. 149 S. 1). Im Bericht der PDGR vom
14. Januar 2020 und auch in den späteren Berichten wird der Konsum von
Kokain hingegen nicht erwähnt (IV-act. 150 S. 1). Gegenüber Dr. med.
- 41 -
P._ erwähnte die Beschwerdeführerin, sie habe zwei- oder drei Mal
Kokain versucht und dieses Jahr sicher einmal Kokain genommen (IV-act.
184 S. 44). Der Laborbefund am Tag der gutachterlichen Untersuchung
war negativ auf Kokain (IV-act. 184 S. 58). In seiner Beurteilung geht Dr.
med. P._ nur sehr oberflächlich auf den Kokainkonsum ein, indem er
angibt, in den Akten werde zwar der schädliche Gebrauch von Kokain
diagnostiziert, es bleibe aber unklar, worin genau der Schaden bestehen
solle (IV-act. 184 S. 59). Genauso oberflächlich bleibt die
Auseinandersetzung von Dr. med. P._ mit dem Cannabiskonsum der
Beschwerdeführerin. Ein schädlicher Gebrauch von Cannabinoiden (ICD-
10 F.12.1) wurde erstmals von der Psychotherapeutin O._ mit Bericht
vom 17. Dezember 2019 festgehalten (IV-act. 149 S. 1) und dann in der
Folge stets von den PDGR diagnostiziert (IV-act. 150 S. 1, 199 S. 1). Bei
der gutachterlichen Untersuchung gab die Beschwerdeführerin an, sie
konsumiere Cannabis, sie rauche einen Joint am Abend, vielleicht auch
mal zwei, aber nicht jeden Tag (IV-act. 184 S. 44). Der Laborbefund auf
Cannabis war negativ (IV-act. 184 S. 58). Dr. med. P._ verzichtete
darauf, diesen Widerspruch durch vertieftes Nachfragen aufzulösen und
zu untersuchen, wie sich der Cannabiskonsum allenfalls schädlich auf das
psychische Befinden der Beschwerdeführerin auswirkte (IV-act. 184 S.
59).
7.4.6 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich der
psychiatrische Gutachter nicht lege artis mit den Diagnosen und der
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die PDGR auseinandersetzte und
seine davon abweichende Einschätzung nicht überzeugend und
nachvollziehbar begründet. Zudem steht seine Schlussfolgerung, es
könne keine psychiatrische Diagnose gestellt werden, im Widerspruch
dazu, dass er dazu riet, die ambulante psychotherapeutische Behandlung
im Sinne einer integrierten psychiatrischen Begleitung weiterzuführen (IV-
act. 184 S. 69). Ein weiterer, gravierender Mangel besteht darin, dass Dr.
- 42 -
med. P._ die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aus
neuropsychologischer Sicht durch lic. phil. Q._ eins zu eins übernahm
ohne zu erkennen, dass der neuropsychologische Gutachter die
festgestellten kognitiven Einschränkungen nicht in der gebotenen Weise
berücksichtigt hatte. Wenig überzeugend ist auch, dass Dr. med. P._
eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und in adaptierter Tätigkeit
festhielt, obwohl er anscheinend davon ausging, dass für die
Beschwerdeführerin kaum Stellen auf dem ersten Arbeitsmarkt in Frage
kommen und sie bei der Stellensuche auf Unterstützung angewiesen sein
würde (IV-act. 184 S. 69). Dass die Eingliederung im ersten Arbeitsmarkt
sich schwierig gestalten würde, entsprach denn auch der Einschätzung
der diesbezüglichen Fachpersonen der IV. Nach dem
Evaluationsgespräch vom 31. August 2020 waren sie der Ansicht, die
Arbeitsfähigkeit müsse zunächst im zweiten Arbeitsmarkt getestet werden,
danach könne die aufgebaute Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt
überprüft werden (IV-act. 193 S. 1). Mit Mitteilung vom 2. Oktober 2020
wurden die Bemühungen um Arbeitsvermittlung dann gar eingestellt mit
der Begründung, Arbeitsvermittlung sei zurzeit nicht möglich, weil der
Gesundheitszustand noch zu unstabil sei (IV-act. 193 S. 2, 196 S. 1). Dies
stand in Zusammenhang mit der fünften Hospitalisation der
Beschwerdeführerin vom 29. September 2020 bis zum 9. Oktober 2020
(IV-act. 199). Der durch diesen Klinikaufenthalt ausgewiesene intensive
Behandlungsbedarf spricht ganz klar gegen das Vorliegen einer
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit, wie sie Dr. med. P._ drei Monate
zuvor in seinem Gutachten festgestellt hatte. Daran vermögen auch die
Ausführungen von Dr. med. P._ in seiner Ergänzung zum Gutachten
vom 22. Dezember 2020 nichts zu ändern. Dr. med. P._ gab an, der
erneute Klinikaufenthalt ändere nichts an der gutachterlichen
Einschätzung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit, er habe der
Krisenintervention bei belastender psychosozialer Situation gedient und
bei Austritt aus der Klinik sei der psychische Zustand stabil gewesen (IV-
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act. 204 S. 1 f.). Dabei nimmt Dr. med. P._ erneut die von den PDGR
gestellten Diagnosen nicht ernst genug und übersieht, dass der Zustand
beim Austritt aus der Klinik zwar deutlich gebessert, nicht aber gänzlich
stabil war (IV-act. 199 S. 2), so dass im Anschluss (wiederum) eine
mehrmonatige Behandlung in der Tagesklinik und die Fortsetzung der
ambulanten psychotherapeutischen Behandlung notwendig waren (IV-act.
199 S. 3). Gegen die von Dr. med. P._ festgestellte 100%ige
Arbeitsfähigkeit sprechen schliesslich die Erfahrungen der
Beschwerdeführerin im Arbeitsverhältnis bei der R._ vom 15. Februar
2021 bis zum 23. Juli 2021. Nach der sorgfältigen Beurteilung der R._
in ihrem Bericht vom 23. Juni 2021 lag die Leistung der
Beschwerdeführerin während der Anwesenheitszeit bei 50 %.
Eingeschränkt wurde die Leistung durch ein stark verlangsamtes
Arbeitstempo, Unselbständigkeit, Ablenkbarkeit, sehr häufiges
Nachfragen bei Vorgesetzten (auch zu arbeitsfremden Themen), wenig
Selbstvertrauen, einen grossen Bedarf nach Bestätigung durch
Vorgesetzte, viel Zeit und Unterstützung bei neuen Abläufen (Bf-act. 6
S. 2, 7). An dieser Stelle sei nebenbei erwähnt, dass es sinnvoll gewesen
wäre, wenn die IV-Stelle vor dem Erlass der angefochtenen Verfügung das
Ergebnis der Eingliederungsmassnahme bei der R._ abgewartet
hätte. Ein weiterer Mangel des Gutachtens von Dr. med. P._ besteht
darin, dass bei den aktenkundigen psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin ein strukturiertes Beweisverfahren nach
Massgabe von BGE 141 V 281 durchzuführen gewesen wäre (vgl. BGE
143 V 409 E.4.5.2, 143 V 418 E.6).
7.5. Aus all den genannten Gründen kann dem Gutachten von Dr. med.
P._ keine volle Beweiskraft beigemessen werden. Die IV-Stelle hat
somit bei der Bemessung des Invalideneinkommens auch in der Phase ab
dem 1. Juni 2020 zu Unrecht auf das Gutachten P._/Q._
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abgestellt. Da die bei den Akten liegenden fachärztlichen Berichte im
vorliegenden Verfahren keine umfassende Beurteilung erlauben, sind
vertiefte medizinische Abklärungen durch eine versicherungsexterne
psychiatrische Fachperson notwendig. Weitere neuropsychologische
Abklärungen sind nicht notwendig, die zu beauftragende psychiatrische
Fachperson kann sich auf das Gutachten von lic. phil. Q._ abstützen.
Dabei darf sie allerdings die Schlussfolgerungen zur Arbeitsfähigkeit nicht
einfach übernehmen, sondern muss gestützt auf die Befunde und die
Beurteilung in den einzelnen Aspekten durch lic. phil. Q._ die
Schlussfolgerung für die Arbeitsfähigkeit aus neuropsychologischer Sicht
eigenständig ziehen (siehe vorne E.7.3).
8. Somit ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung aufzuheben ist. Für
die Phase vom 1. Oktober 2019 bis zum 31. Mai 2020 lässt sich der
Rentenanspruch im vorliegenden Verfahren festlegen. Das
Valideneinkommen liegt aufgrund der Frühinvalidität bei CHF 83'500.00
(siehe vorne E.6.6). Das Invalideneinkommen liegt bei CHF 0.00, da
gestützt auf echtzeitlichen Beurteilungen der PDGR von einer
vollständigen Arbeitsunfähigkeit in dieser Phase auszugehen ist (siehe
vorne E.7.4.3). Der Invaliditätsgrad liegt damit bei 100 %, so dass die
Beschwerdeführerin für diese acht Monate Anspruch auf eine ganze Rente
hat (Art. 28 Abs. 2 aIVG).
9. Für die Phase ab dem 1. Juni 2020 lässt sich nicht in diesem Verfahren
über den Rentenanspruch entscheiden, da der medizinische Sachverhalt
im Sinne der vorstehenden Erwägungen weiter abzuklären ist. Die IV-
Stelle hat in einem ersten Schritt zur beruflich-praktischen Abklärung
Eingliederungsmassnahmen durchzuführen. Auf diese ist die
Beschwerdeführerin angewiesen, darin sind sich die
Eingliederungsverantwortlichen (IV-act. 190, 193, 209) und der
psychiatrische Gutachter Dr. med. P._ (IV-act. 184 S. 69) einig. Das
Ergebnis der Eingliederungsmassnahmen wird eine wichtige Grundlage
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zur Beantwortung der Frage sein, ob und inwieweit die medizinisch-
theoretische Restarbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt verwertbar
ist. In einem zweiten Schritt hat die IV-Stelle ein psychiatrisches Gutachten
zur gesundheitlichen Situation und zur Arbeitsfähigkeit ab dem 1. Juni
2020 einzuholen. Gestützt auf diese Abklärungen hat die IV-Stelle den
Rentenanspruch neu festzulegen.
10. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei
Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-
Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die
Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom
Streitwert im Rahmen von CHF 200.00 bis CHF 1000.00 festgelegt.
Vorliegend werden die Kosten auf CHF 700.00 festgelegt. Diese Kosten
hat die unterliegende IV-Stelle zu übernehmen.
11. Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende
Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen. Vorliegend hat die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin mit Honorarnote vom 30. September 2021 einen
Betrag von CHF 2'555.85 in Rechnung gestellt (14 Arbeitsstunden à CHF
160.00, plus Spesenpauschale von 3 %, plus Mehrwertsteuer). Diese
Rechnung ist weder vom Zeitaufwand noch vom Stundenansatz her zu
beanstanden. Die IV-Stelle hat deshalb die Beschwerdeführerin mit CHF
2'555.85 aussergerichtlich zu entschädigen.
12. Das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Prozessführung
und Rechtsverbeiständung ist bei diesem Ausgang des Verfahrens
gegenstandslos geworden.
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