Decision ID: 0a289c74-8ecc-4c24-b30c-0ddf6d95bb6f
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Die Beschwerdekammer entnimmt den Akten:
1.
1.1.
D. (nachfolgend der Beschuldigte) führte am 13. März 2018 bei E. aufgrund
einer diagnostizierten Trigeminusneuralgie (Störung des Gesichtsnervs)
eine neurochurgische Operation durch, bei welcher es zu Komplikationen
kam. E. verstarb am 16. März 2018.
1.2.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau eröffnete in der Folge ein Strafver-
fahren gegen den Beschuldigten wegen fahrlässiger Tötung und Urkunden-
fälschung.
2.
Am 17. Februar 2021 verfügte die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau die
Einstellung des Verfahrens, was von der Oberstaatsanwaltschaft am
18. Februar 2021 genehmigt wurde.
3.
3.1.
Mit Eingabe vom 8. März 2021 liess der Vater der Verstorbenen, A., Be-
schwerde gegen diese seinen Vertretern am 24. bzw. 26. Februar 2021 zu-
gestellte Verfügung erheben und stellte die folgenden Anträge:
" 1.
Die Einstellungsverfügung sei aufzuheben.
2.
Die Angelegenheit sei an die Beschwerdegegnerin betreffend Fortfüh-
rung der Untersuchung zurückzuweisen.
3.
Es sei ein Obergutachten auf Universitätsstufe anzuordnen.
4.
Es seien die kompletten Verfahrensakten beizuziehen.
6.
Die Kosten dieses Verfahrens seien zulasten der Beschwerdegegnerin
zu bestimmen."
3.2.
Am 18. März 2021 leistete der Beschwerdeführer die mit Verfügung vom
16. März 2021 eingeforderte Sicherheit für allfällige Kosten von
Fr. 3'000.00.
- 3 -
3.3.
Mit Eingabe vom 8. April 2021 erstattete die Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau die Beschwerdeantwort und beantragte die kostenfällige Abweisung
der Beschwerde.
3.4.
Mit Eingabe vom 20. April 2021 erstattete der Beschuldigte die Beschwer-
deantwort und beantragte:
" 1.
Die Beschwerde sei vollumfänglich abzuweisen, soweit darauf einzu-
treten ist.
2.
Eventualiter sei der Kommentar vom 29. Mai 2020 von Prof. Dr. med.
G. dem Gutachter, Prof. Dr. med. H., zur Stellungnahme zu unterbrei-
ten.
3.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen."
3.5.
Mit Eingabe vom 26. April 2021 verzichtete die Staatsanwaltschaft Lenz-
burg-Aarau auf eine freigestellte Stellungahme und hielt an ihren in der Be-
schwerdeantwort gestellten Anträgen fest.
3.6.
Mit Eingabe vom 15. Mai erstattete der Beschwerdeführer eine Stellung-
nahme und hielt an seinen in der Beschwerde gestellten Anträgen fest.
3.7.
Mit Eingabe vom 7. Juni 2021 reichte die Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau eine Stellungnahme ein und beantragte erneut die kostenfällige Ab-
weisung der Beschwerde.
3.8.
Mit Eingabe vom 28. Juni 2021 reichte der Verteidiger des Beschuldigten
seine Honorarnote ein.

Considerations:
Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Verfügungen der Staatsanwaltschaft betreffend Einstellung eines Strafver-
fahrens sind gemäss Art. 322 Abs. 2 i.V.m. Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO mit
- 4 -
Beschwerde anfechtbar. Es liegen keine Beschwerdegründe gemäss
Art. 394 StPO vor. Somit ist die Beschwerde zulässig.
1.2.
1.2.1.
Die Legitimation einer beschwerdeführenden Person im kantonalen Be-
schwerdeverfahren gegen einen Einstellungsentscheid setzt voraus, dass
diese durch die im Raum stehenden Straftaten in ihren Rechten unmittelbar
verletzt wurde und sie demnach Geschädigte im Sinne von Art. 115 Abs. 1
StPO ist (Art. 322 Abs. 2 StPO; Art. 104 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 118 Abs. 1
und Art. 115 StPO).
1.2.2.
Geschütztes Rechtsgut bei Tötungsdelikten ist primär das Leben. Beim Er-
folgseintritt war der Träger des geschützten Rechtsgutes ausschliesslich
die getötete Person selbst. Angehörige sind deshalb keine geschädigten
Personen i.S.v. Art. 115 Abs. 1 StPO (MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 48 f.
zu Art. 115 StPO). Der Beschwerdeführer wird als Vater der Verstorbenen
jedoch vom persönlichen Anwendungsbereich gemäss Art. 116 Abs. 2
StPO erfasst. Demnach gilt er als Angehöriger eines Opfers im Sinne die-
ser Bestimmung und ist legitimiert, eigene Zivilansprüche geltend zu ma-
chen (Art. 117 Abs. 3 i.V.m. Art. 122 Abs. 2 StPO). Weiter tritt er als Ange-
höriger gemäss Art. 110 Abs. 1 StGB in die Verfahrensrechte der Verstor-
benen ein und ist als Rechtsnachfolger verfahrensrechtlich legitimiert, ver-
erbte Adhäsionsansprüche geltend zu machen sowie sich im Strafpunkt am
Strafverfahren zu beteiligen (Art. 121 Abs. 1 StPO; BGE 142 IV 82 E. 3.2).
Der Beschwerdeführer konstituierte sich am 28. Dezember 2020 als Privat-
kläger und nimmt als Partei am Verfahren teil. Er ist damit legitimiert, gegen
die Einstellungsverfügung vom 17. Februar 2021 Beschwerde zu erheben,
soweit diese das Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung betrifft.
1.2.3.
Hinsichtlich des Vorwurfs der Urkundenfälschung ist lediglich eine Legiti-
mation des Beschwerdeführers durch ein Eintreten in die Verfahrensrechte
von †E. i.S.v. Art. 121 Abs. 1 StPO denkbar.
Urkundendelikte schützen in erster Linie die Allgemeinheit. Geschütztes
Rechtsgut ist das besondere Vertrauen, welches im Rechtsverkehr einer
Urkunde als Beweismittel entgegengebracht wird. Daneben können auch
private Interessen unmittelbar verletzt werden, falls die Urkundenfälschung
auf die Benachteiligung einer bestimmten Person abzielt (BGE 140 IV 155
E. 3.3.3 m.w.H.).
- 5 -
Der Beschwerdeführer äussert sich nicht dazu, inwiefern die von ihm als
falsch beanstandete Nennung von Prof. Dr. I. im Operationsbericht als "As-
sistenz" auf eine Benachteiligung von †E. abgezielt haben könnte. Da – wie
zu zeigen sein wird – die Beschwerde in diesem Punkt jedoch ohnehin ab-
zuweisen ist, kann die Frage, ob auch Individualinteressen direkt tangiert
sind, offengelassen werden.
1.3.
Die weiteren Eintretensvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen
Anlass.
2.
Nach Art. 7 Abs. 1 StPO sind die Strafbehörden grundsätzlich verpflichtet,
im Rahmen ihrer Zuständigkeit ein Verfahren einzuleiten und durchzufüh-
ren, wenn ihnen Straftaten oder auf Straftaten hinweisende Verdachts-
gründe bekannt werden. Gemäss Art. 324 Abs. 1 StPO erhebt die Staats-
anwaltschaft beim zuständigen Gericht Anklage, wenn sie aufgrund der Un-
tersuchung die Verdachtsgründe als hinreichend erachtet und keinen Straf-
befehl erlassen kann. Nach Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO verfügt sie nament-
lich dann die (vollständige oder teilweise) Einstellung des Verfahrens, wenn
kein Tatverdacht erhärtet ist, der eine Anklage rechtfertigt. Entscheidend
dafür ist, ob der Verdacht gegen den Beschuldigten in der Untersuchung
nicht in dem Masse erhärtet wurde, dass Aussicht auf eine Verurteilung
besteht, m.a.W. ein Freispruch zu erwarten ist. Der Tatverdacht ist bereits
dann als anklagegenügend anzusehen, wenn die Tatbeteiligung des Be-
schuldigten und eine strafrechtliche Reaktion (Strafe oder Massnahme) im
Zeitpunkt des Entscheids über die Frage, ob Anklage zu erheben oder das
Verfahren einzustellen ist, bloss wahrscheinlich erscheint (LANDS-
HUT/BOSSHARD, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung,
3. Aufl. 2020, N. 15 zu Art. 319 StPO).
Der Entscheid über die Einstellung des Verfahrens richtet sich nach dem
aus dem Legalitätsprinzip fliessenden Grundsatz "in dubio pro duriore" (vgl.
Art. 5 Abs. 1 BV und Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 319 Abs. 1 und Art. 324 Abs. 1
StPO). Danach darf eine Einstellung durch die Staatsanwaltschaft grund-
sätzlich nur bei klarer Straflosigkeit oder offensichtlich fehlenden Prozess-
voraussetzungen angeordnet werden. Hingegen ist, sofern die Erledigung
mit einem Strafbefehl nicht in Frage kommt, Anklage zu erheben, wenn
eine Verurteilung wahrscheinlicher erscheint als ein Freispruch. Ist ein Frei-
spruch gleich wahrscheinlich wie eine Verurteilung, drängt sich in der Re-
gel, insbesondere bei schweren Delikten, eine Anklageerhebung auf (BGE
138 IV 186 E. 4.1; BGE 138 IV 86 E. 4.1; je mit Hinweisen). Bei zweifelhaf-
ter Beweis- oder Rechtslage hat nicht die Staatsanwaltschaft über die
Stichhaltigkeit des strafrechtlichen Vorwurfs zu entscheiden, sondern das
zur materiellen Beurteilung zuständige Gericht. Der Grundsatz, dass im
Zweifelsfall nicht eingestellt werden darf, ist auch bei der Überprüfung von
- 6 -
Einstellungsverfügungen zu beachten (BGE 143 IV 241 E. 2.2.1 mit Hin-
weisen).
Die Sachverhaltsfeststellung obliegt grundsätzlich dem urteilenden Gericht.
Die Staatsanwaltschaft und die Beschwerdeinstanz dürfen bei Entscheiden
über die Einstellung eines Strafverfahrens den Sachverhalt daher nicht wie
ein urteilendes Gericht feststellen. Sachverhaltsfeststellungen müssen in
Berücksichtigung des Grundsatzes "in dubio pro duriore" jedoch auch bei
Einstellungen zulässig sein, soweit gewisse Tatsachen "klar" bzw. "zwei-
felsfrei" feststehen, so dass im Falle einer Anklage mit grosser Wahrschein-
lichkeit keine abweichende Würdigung zu erwarten ist. Davon kann indes
nicht ausgegangen werden, wenn eine abweichende Beweiswürdigung
durch das Gericht ebenso wahrscheinlich erscheint. Den Staatsanwalt-
schaften ist es nach dem Grundsatz "in dubio pro duriore" lediglich bei einer
unklaren Beweislage untersagt, der Beweiswürdigung des Gerichts vorzu-
greifen (BGE 143 IV 241 E. 2.3.2 mit Hinweisen).
3.
3.1.
3.1.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau stützt die Einstellung des Strafver-
fahrens wegen fahrlässiger Tötung auf das medizinische Fachgutachten
von Prof. Dr. med. H. vom 15. August 2019 sowie das neurochirurgische
Ergänzungsgutachten vom 10. Mai 2020, in welchem Prof. H. zu den (vom
Ehemann von †E. in Auftrag gegebenen) medizinischen Einschätzungen
von Prof. Dr. med. G. vom 2. Dezember 2019 Stellung nahm. Der Auffas-
sung von Prof. H. folgend kam die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau zu-
sammengefasst zum Schluss, dass der Eingriff vom 13. März 2018 bei ei-
ner therapieresistenten Trigeminusneuralgie und Nachweis eines entspre-
chenden Gefäss-Nerven-Konflikts indiziert gewesen und lege artis erfolgt
sei. Das Vorgehen habe einer standardgemässen Trigeminusdekompres-
sion entsprochen. Auch die Behandlung der aufgetretenen Komplikationen
sei regelgerecht erfolgt (Einstellungsverfügung S. 12). Die Komplikation ei-
ner ausgedehnten arteriellen Subarachnoidalblutung sei eine Rarität, mit
welcher weder aus antegrader noch aus retrograder Betrachtung habe ge-
rechnet werden können. †E. sei zuvor über den Ablauf der Operation und
über alle relevanten (inkl. die tatsächlich aufgetretenen) Komplikationen in-
formiert worden. Nach der Operation seien die Verhältnisse im Operations-
gebiet stabil gewesen. Das spätere Versterben von †E. sei nicht voraus-
sehbar und für den Beschuldigten auch nicht vermeidbar gewesen. Es lä-
gen keine Hinweise vor, dass die Komplikation einer schweren arteriellen
Blutung, welche zum Versterben geführt habe, fahrlässig durch diesen aus-
gelöst worden sei. Die Überlebenschancen hätten lediglich durch eine sog.
Dekompression der hinteren Schädelgrube mit Entfernung von weiterem
Kleinhirngewebe und grösseren Knochenanteilen verbessert werden kön-
nen. Angesichts der zu erwartenden schweren neurologischen Ausfälle sei
- 7 -
im K. im Konsens mit den Angehörigen und dem mutmasslichen Willen von
†E. auf diese Möglichkeit verzichtet worden (Einstellungsverfügung S. 13).
Der Vorwurf eines Übernahmeverschuldens des Beschuldigten lasse sich
ebenfalls nicht erhärten. Nach den Ausführungen von Prof. H. und Prof. G.
gelte die Operationstechnik nach Jannetta als anspruchsvoll und gehöre zu
den weniger häufig durchgeführten Eingriffen in der Schweiz, wobei keine
Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Neurochirurgie hin-
sichtlich der Kompetenzvoraussetzungen zur Durchführung dieser Opera-
tion vorlägen. Gemäss den Ausführungen von Prof. H. sei es im höchsten
Masse unprofessionell, wenn Prof. G. aus dem Einsatzort des Beschuldig-
ten im "L." dessen fehlende Qualifikation als Spezialist für Hirnchirurgie ab-
leite. Der Beschuldigte habe von 2012 bis 2016 als leitender Arzt und stell-
vertretender Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik des O. fungiert und
habe in dieser Zeit zahlreiche cranielle Eingriffe selbständig durchgeführt,
davon auch solche mit höchstem Schwierigkeitsgrad (Einstellungsverfü-
gung S. 13/14).
Hinsichtlich des geltend gemachten Organisationsverschuldens verweist
die Staatsanwaltschaft Lenzburg Aarau auf die Ausführungen von Prof. G.
welcher zwar geltend mache, dass das neurochirurgische ärztliche Perso-
nal in der P. nicht in der Lage sei, gravierende Komplikationen nach Schä-
deleingriffen zu beherrschen, gleichzeitig jedoch davon ausgehe, dass der
Krankheitsverlauf bei †E. nach fehlerhaften Durchtrennung eines wichtigen
Venenleiters in der hinteren Schädelgrube nicht mehr korrigierbar gewesen
sei, sie aber bezüglich der Komplikationen adäquat überwacht und behan-
delt worden sei. Weiter verweist die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau
auf Prof. H., welcher es als korrekt bezeichnet habe, dass †E. nach der
Operation vom 13. März 2018 langsam aufgeweckt und neurologisch beur-
teilt worden sei. Es habe damals keine zwingende Indikation zur Durchfüh-
rung einer Katheterangiografie gegeben und es habe keine zwingende Not-
wendigkeit zur Verlegung in ein Zentrumsspital vorgelegen. Mit der Kom-
plikation des Hirnwasseraufstaus habe in der P. regelgerecht umgegangen
werden können. Die Behandlung eines Vasospasmus sei hingegen in ei-
nem spezialisierten und erfahrenen Zentrumsspital durchzuführen, wes-
halb diesbezüglich eine Verlegung in ein Zentrumsspital angezeigt gewe-
sen wäre. Diese mögliche Komplikation sei jedoch im Behandlungszeit-
raum in der P. nicht im Vordergrund gestanden, da ein Vasospasmus in der
Regel erst nach 5-10 Tagen nach einer solchen Blutung auftrete (Einstel-
lungsverfügung S. 14/15).
3.1.2.
In der Beschwerde wird im Wesentlichen Folgendes ausgeführt:
Die Genehmigung der angefochtenen Einstellungsverfügung vom 17. Feb-
ruar 2021 sei durch die Oberstaatsanwaltschaft bereits am 18. Februar
- 8 -
2021 erteilt worden. Es stelle sich die Frage, ob die Akten seitens der Ober-
staatsanwaltschaft geprüft worden seien oder ob die Genehmigung nur rein
deklaratorisch erfolgt sei (Beschwerde S. 2).
Die Voraussetzungen für die Einstellung des Strafverfahrens wegen fahr-
lässiger Tötung seien vorliegend nicht erfüllt.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau habe ausser der Anordnung eines
Gutachtens bei Prof. H. keine Untersuchungshandlungen vorgenommen.
Weder der Beschuldigte noch der beigezogene Assistenzarzt seien befragt
worden.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau stelle nur auf die Einschätzung von
Prof. Dr. H. ab, ignoriere aber dessen offensichtliche Befangenheit, so dass
diesem Bericht von Prof. H. kein Beweiswert zukommen könne. Der Be-
schuldigte und Prof. H. seien beide bei der M.-Gruppe tätig (Beschwerde
S. 2), privat befreundet und würden gemeinsam als Referenten bei ver-
schiedenen Tagungen auftreten. Sie hätten ein eigenes kleines medizini-
sches Netz bestehend aus sechs Belegärzten der P. und würden als Ko-
operationspartner zusammenarbeiten (www.J..ch).
Dem Gefälligkeitsgutachten von Prof. H. stehe ein Gutachten von Prof. Dr.
G. entgegen, ehemaliger Chefarzt Neurochirurgie des AC. ([...]Jahre) und
langjähriger Präsident der N.. Prof. G. gehe von einer groben Sorgfalts-
pflichtverletzung des Beschuldigten aus, zeige diese klar auf und entkräfte
die Einschätzung von Prof. H.. Aufgrund des Untersuchungsgrundsatzes
wäre die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau verpflichtet gewesen, ein
Obergutachten anzuordnen bzw. Untersuchungshandlungen in Form von
Einvernahmen des Beschuldigten bzw. des Assistenzarztes durchzufüh-
ren. Es liege eine widersprüchliche medizinische Einschätzung vor, die
nicht ausreiche zu entscheiden, ob der Beschuldigte fahrlässig gehandelt
habe oder nicht. Gestützt auf die Einschätzung von Prof. G. sei der Tod von
†E. voraussehbar und vermeidbar gewesen.
Es könne nicht ohne Willkür angenommen werden, dass zweifelsfrei kein
Tatverdacht bestehe und eine gerichtliche Beurteilung zu einem klaren
Freispruch führen würde. Aus diesem Grunde sei Anklage zu erheben (Be-
schwerde S. 3). Gerade bei schweren Delikten wie den vorliegenden be-
stehe ein rechtsstaatlicher Anspruch auf Durchführung einer gerichtlichen
Beurteilung. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau dürfe sich nicht als
medizinische Fachinstanz hervorheben und sich nicht die Rolle des Gerich-
tes anmassen (Beschwerde S. 4).
3.1.3.
Die Staatsanwaltschaft Aarau-Lenzburg bringt in der Beschwerdeantwort
vor, dass kein Verdacht der Befangenheit von Gutachter Prof. H. vorliege.
- 9 -
Insbesondere ergebe sich nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung ein
Verdacht der Befangenheit nicht bloss daraus, dass der Gutachter bzw.
Ärzte im gleichen Institut arbeiten oder den gleichen Arbeitgeber haben und
folglich vorliegend auch nicht daraus, dass beide Belegärzte derselben Kli-
nikgruppe seien. Dies sei den Parteien vor der Erteilung des Gutachterauf-
trags mehrfach begründet worden. Die Verfügung vom 21. März 2019 sei
unangefochten in Rechtskraft erwachsen und die Parteien hätten Ergän-
zungsfragen gestellt, welche Prof. H. ebenfalls beantwortet habe (Be-
schwerdeantwort S. 2).
Der Bericht von Prof. G. sei innert drei Tagen erstellt worden. Es handle
sich dabei entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers nicht um ein zwei-
tes Gutachten, welches das Gutachten von Prof. H. entkräfte, sondern –
wie dieser selber ausführe – um eine medizinische Einschätzung (Be-
schwerdeantwort S. 2).
3.1.4.
In der Beschwerdeantwort des Beschuldigten wird zusammengefasst gel-
tend gemacht, dass Prof. H. und der Beschuldigte sich nicht persönlich
kennen würden. Dass beide in der M.-Gruppe tätig seien, ergebe aufgrund
des Belegarztsystems keine wirtschaftliche Verbindung, welche auf eine
Voreingenommenheit schliessen lasse. Belegärzte würden auf eigene
Rechnung arbeiten und stünden untereinander im freien Wettbewerb. Der
Beschuldigte sei weder dem AA.-Netzwerk angeschlossen noch sei er wirt-
schaftlich mit Dr. med. AF. verbunden. Dr. AG., welcher bei der Operation
vom 13. März 2018 assistiert habe, habe erstmals Ende Juli 2020 bei Prof.
H. assistiert und ihn vorher gar nicht gekannt (Beschwerdeantwort 3/4).
Inwiefern weitere Befragungen etwas an der Beurteilung ändern könnten,
sei nicht klar. Im Vordergrund stehe einzig die Frage, ob der Verschluss der
Vena petrosa superior einem Vorgehen lege artis entspreche oder nicht.
Der Gutachter Prof. H. sei von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau aus-
gesucht worden. Er geniesse als jahrelanger Chefarzt einen exzellenten
Ruf im Bereich der Schädelbasischirurgie (Beschwerdeantwort. S. 4).
Der Beschuldigte sei jahrelang im O. als stellvertretender Chefarzt tätig ge-
wesen und habe die komplexesten neurochirurgischen Operationen alleine
durchgeführt. Er habe bereits 6'000 neurochirurgische Eingriffe durchge-
führt. Die Jannetta-Methode werde nur selten durchgeführt, weil die Entlas-
tung der Hirnnerven häufig mit anderen Behandlungsmethoden möglich
sei, was bei †E. jedoch aussichtslos gewesen sei. Ihr Leidensdruck sei so
gross gewesen, dass sie Suizidabsichten geäussert habe (Beschwerdean-
twort S. 5).
- 10 -
Das Gutachten von Prof. H. ergebe, dass dem Beschuldigten keine Sorg-
faltspflichtverletzung vorgeworfen werden könne. Dem halte Prof. G. in sei-
ner medizinischen Einschätzung grundsätzlich einzig entgegen, dass der
Beschuldigte einen bilateralen cerebellären venösen Infarkt verursacht
habe, indem er die Vena petrosa superior rechts fälschlicherweise und un-
nötig koaguliert und durchtrennt habe. Gemäss Prof. G. hätte – wenn diese
Vene überhaupt getrennt werde – ein temporäres Clipping angebracht wer-
den müssen, um allfällig unerwünschte Reaktionen prüfen zu können.
Diese Behauptungen würden im Ergänzungsgutachten von Prof. H. unter
Verweis auf die massgebenden medizinischen Quellen in einer auch für
medizinische Laien oder den Rechtsanwender plausiblen Weise widerlegt.
Danach sei die Durchtrennung der Vena petrosa superior nicht sorgfalts-
pflichtwidrig unter Berücksichtigung der Versperrung der Sicht (Obstruk-
tion). Die Alternative wäre einzig der Abbruch der Operation gewesen, was
im Hinblick auf den Leidensdruck der Patientin nicht in Frage gekommen
sei. Ein temporäres Clipping gehöre nicht zu den anerkannten Standard-
Methoden. Für den Verlauf ab dem 13. März 2018, 18.00 Uhr, erkenne so-
gar der Parteigutachter Prof. G. keine Sorgfaltspflichtverletzung des Be-
schuldigten (Beschwerdeantwort S. 5/6).
Im Sinne eines Eventualantrags seien die Bemerkungen von Prof. G. vom
29. Mai 2020, welche dem Beschuldigten nie eröffnet worden seien, allen-
falls an Prof. H. zuzustellen. In dieser Eingabe bringe Prof. G. plötzlich
neue Literatur ins Spiel, welche in der Bibliographie nicht erwähnt sei, und
verweise auf Narayan, wobei dieses Schriftstück von Juli 2018 datiere. Es
stelle sich die Frage, ob er damit eine täuschende Literaturinterpretation
vornehme, denn der wichtigste Satz in der Arbeit Narayans laute: "Die Er-
haltung der Dandy Vene (Vena petrosa) ist ein neurochirurgisches Di-
lemma". Die Frage des Verschlusses der Vena petrosa superior beschäf-
tige die neurochirurgische Fachgesellschaft weltweit. Mit solchen Dilem-
mata seien operativ tätige Chirurgen tagtäglich konfrontiert. Die Schlussfol-
gerung von Prof. G., wonach der Verschluss der Vena petrosa superior ge-
nerell und im konkreten Fall eine Sorgfaltspflichtverletzung darstelle, sei
schlicht falsch. Auch dem Beschuldigten sei natürlich bekannt gewesen,
dass die Durchtrennung der Vena petrosa superior Gefahren berge. Es sei
indes absolut unzutreffend, dass der Venenverschluss kontraindiziert sei.
Auch ein temporäres Clipping berge nicht unwesentliches Gefahrenpoten-
tial und sei weder in der Literatur noch in den klinischen Studien mit hinrei-
chender Evidenzstufe belegt und weltweit nicht als Standardbehandlung zu
betrachten (Beschwerde-antwort S. 6/7).
3.1.5.
In seiner Stellungnahme vom 15. Mai 2021 führt der Beschwerdeführer zu-
sammengefasst aus, dass die Beschwerdeantwort der Staatsanwaltschaft
Lenzburg-Aarau und die Beschwerdeantwort des Beschuldigten seine Ar-
gumente nicht entkräften könnten. Es gehe ausschliesslich darum, ob die
- 11 -
angefochtene Einstellungsverfügung zu Recht erfolgt sei oder nicht. Er be-
streite das Vorliegen der Voraussetzungen für den Erlass einer Einstel-
lungsverfügung (Stellungnahme S. 1). Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau habe keine korrekte Untersuchung durchgeführt. Sie habe einen
Gutachter eingesetzt, der dem Beschuldigten nahestehe und nicht objektiv
urteilen könne. Das Gegengutachten, das eine Sorgfaltspflichtverletzung
feststelle, sei nicht durch eine weitere Begutachtung oder ein Obergutach-
ten geprüft worden. Weder der assistierende Arzt Dr. AG. noch der angeb-
lich assistierende Arzt Prof. I., der Anästhesist oder allfällige Mitarbeiter auf
der Intensivstation seien befragt worden. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau habe weiter nicht geprüft, ob das kleine Netz der Kooperations-
partner, dem der Beschuldigte und der Gutachter angehörten, eine objek-
tive Begutachtung überhaupt zulasse (Stellungnahme S. 2). Er sei über-
zeugt, dass der Gutachter und der Beschuldigte aufgrund dieser Koopera-
tionspartnerschaft mit lediglich sechs Personen sehr eng zusammenarbei-
ten würden, was das normale Mass einer Verbandsmitgliedschaft über-
schreite. Bereits die wirtschaftliche Einheit der M.-Gruppe sei ein Grund
gewesen, einen anderen Gutachter zu beauftragen. Es liege kein neutrales
Gutachten vor. Die Darstellung des Beschuldigten, dass er Prof. H. nicht
kenne, sei im Übrigen tatsachenwidrig (Stellungnahme S. 3). Auffällig sei
auch, dass der bei der Operation vom 13. März 2018 assistierende Arzt Dr.
AG. beim Gutachter Prof. H. assistiert habe und assistiere.
Prof. G. sei [...] Jahre Chefarzt Neurochirurgie des AC. und langjähriger
Präsident der N. gewesen und besser qualifiziert als Prof. H.. Er gehe da-
von aus, dass die Operation fehlerhaft und nicht lege artis erfolgt sei und
dass der Tod der Patientin bei korrekter Durchführung der Operation hätte
verhindert werden können. Dennoch habe die Staatsanwaltschaft Lenz-
burg-Aarau diesen offensichtlichen Widerspruch zum Gutachten nicht
durch Befragungen oder ein Obergutachten geprüft.
Dass der Beschuldigte bereits 6'000 neurochirurgische Eingriffe durchge-
führt haben solle, sei bei seinem Alter gar nicht möglich und tatsachenwid-
rig.
Der Sachverhalt sei komplex und es sei unverständlich, dass die Staatsan-
waltschaft Lenzburg-Aarau diese medizinische Komplexität von sich aus zu
lösen wisse (Stellungnahme S. 4).
3.1.6.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau macht in der Stellungnahme vom
7. Juni 2021 geltend, es lägen keine Anhaltspunkte vor, dass die Ober-
staatsanwaltschaft die Akten nicht geprüft habe und die Bewilligung nicht
ordentlich erfolgt sei. Die Vorwürfe des Beschwerdeführers seien nicht
nachvollziehbar. Dies insbesondere in Anbetracht des Umstandes, dass
die medizinische Einschätzung von Prof. G. auch innert bloss drei Tagen
- 12 -
übers Wochenende erstattet worden sei. Die Strafverfolgungsbehörde sei
vorliegend auch nicht einfach untätig geblieben, sondern habe eine Legal-
inspektion durch das IRM durchführen lassen und ein Gutachten in Auftrag
gegeben, zu welchem die Parteien umfassend hätten Stellung nehmen
können, was zu einem Ergänzungsgutachten geführt habe (Stellungnahme
S. 2).
3.2.
Nach Art. 117 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geld-
strafe bestraft, wer fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht. Fahr-
lässig begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Folge seines Verhal-
tens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht
Rücksicht nimmt. Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die
Vorsicht nicht beachtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen
persönlichen Verhältnissen verpflichtet ist (Art. 12 Abs. 3 StGB).
Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung setzt somit voraus, dass der
Täter den Erfolg durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht verursacht hat.
Grundvoraussetzung für das Bestehen einer Sorgfaltspflichtverletzung und
mithin für die Fahrlässigkeitshaftung bildet die Vorhersehbarkeit des Er-
folgs. Die zum Erfolg führenden Geschehensabläufe müssen für den kon-
kreten Täter mindestens in ihren wesentlichen Zügen voraussehbar sein.
Zunächst ist daher zu fragen, ob der Täter eine Gefährdung der Rechtsgü-
ter des Opfers hätte voraussehen beziehungsweise erkennen können und
müssen. Für die Beantwortung dieser Frage gilt der Massstab der Adä-
quanz. Danach muss das Verhalten geeignet sein, nach dem gewöhnlichen
Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den ein-
getretenen herbeizuführen oder mindestens zu begünstigen. Die Adäquanz
ist nur zu verneinen, wenn ganz aussergewöhnliche Umstände, wie das
Mitverschulden des Opfers beziehungsweise eines Dritten oder Material-
oder Konstruktionsfehler, als Mitursache hinzutreten, mit denen schlechthin
nicht gerechnet werden musste und die derart schwer wiegen, dass sie als
wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des Erfolgs erscheinen und
so alle anderen mitverursachenden Faktoren – namentlich das Verhalten
des Angeschuldigten – in den Hintergrund drängen (BGE 135 IV 56 E. 2.1).
Wo besondere Normen ein bestimmtes Verhalten gebieten, bestimmt sich
das Mass der dabei zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie nach diesen
Vorschriften. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts richten sich
die Sorgfaltspflichten des Arztes im Allgemeinen nach den Umständen des
Einzelfalles, namentlich nach der Art des Eingriffs oder der Behandlung,
den damit verbundenen Risiken, dem Beurteilungs- und Bewertungsspiel-
raum, der dem Arzt zusteht, sowie den Mitteln und der Dringlichkeit der
medizinischen Massnahme. Der Arzt hat indes nicht für jene Gefahren und
Risiken einzustehen, die immanent mit jeder ärztlichen Handlung und auch
mit der Krankheit an sich verbunden sind. Zudem steht dem Arzt sowohl in
- 13 -
der Diagnose als auch in der Bestimmung therapeutischer oder anderer
Massnahmen oftmals ein gewisser Entscheidungsspielraum zu. Er handelt
unsorgfältig, wenn sich sein Vorgehen nicht nach den durch die medizini-
sche Wissenschaft aufgestellten und generell anerkannten Regeln richtet
und dem jeweiligen Stand der Wissenschaft nicht entspricht (BGE 134 IV
175 E. 3.1 und 3.2).
Damit der Eintritt des Erfolgs auf das pflichtwidrige Verhalten des Täters
zurückzuführen ist, genügt allerdings seine Voraussehbarkeit nicht. Wei-
tere Voraussetzung ist vielmehr, dass der Erfolg auch vermeidbar war. Da-
bei wird ein hypothetischer Kausalverlauf untersucht und geprüft, ob der
Erfolg bei pflichtgemässem Verhalten des Täters ausgeblieben wäre. Für
die Zurechnung des Erfolgs genügt (entsprechend der sogenannten "Wahr-
scheinlichkeitstheorie"), wenn das Verhalten des Täters mindestens mit ei-
nem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit die Ursache des Erfolgs bildete
(BGE 135 IV 56 E. 2.1).
3.3.
3.3.1.
Vorliegend stellt sich zunächst die Frage einer Sorgfaltspflichtverletzung
des Beschuldigten bei der Behandlung von †E. sowie der Vermeidbarkeit
des Tods von †E. bei sorgfältigem Handeln.
3.3.2.
Die Beantwortung dieser Fragen setzt ärztliches Fachwissen voraus, über
welches die Strafbehörden nicht verfügen.
Es liegen folgende Gutachten und ärztliche Einschätzungen vor:
- Rechtsmedizinisches Gutachten des AK. (act. 184 ff.)
- Neurochirurgisches Gutachten von Prof. Dr. med. H. vom 15. August
2019 (act. 130.15 ff.)
- Medizinische Einschätzung von Prof. Dr. G. vom 2. Dezember 2019 (im
Auftrag des Ehemannes von †E. erstellt; act. 156.68 ff.)
- Neurochirurgisches Ergänzungsgutachten von Prof. H. vom 10. Mai
2020 (act. 130.50 ff.)
- Kommentar von Prof. G. vom 29. Mai 2020 zum neurochirurgischen Er-
gänzungsgutachten von Prof. H. vom 10. Mai 2020 (act. 156.95 ff.).
3.3.3.
Den Akten lässt sich folgender, bislang unbestritten gebliebener Sachver-
halt entnehmen:
Bei †E. wurde eine therapierefraktäre Trigeminusneuralgie (Gesichts-
schmerz bei Funktionsstörung des Trigeminusnervs) rechts bei mikrovas-
kulärem Konflikt diagnostiziert. Am 13. März 2018 führte der Beschuldigte
- 14 -
bei ihr eine mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta durch. Während
der Operation vom 13. März 2018 kam es zu einer plötzlichen massiven
Schwellung des Kleinhirns und unklaren Blutungen. Das herausgetretene
Kleinhirn wurde chirurgisch entfernt. Nachdem die Hämostase (Blutgerin-
nung) als zufriedenstellend und die Blutungen als kontrolliert erachtet wur-
den, wurde die Operation beendet, ein Schädel-CT durchgeführt und die-
ses nach drei Stunden wiederholt. Das CT habe stationäre Verhältnisse
gezeigt und die neurologische Beurteilung von †E. habe keine fassbaren
Defizite ergeben. Im Verlauf des nächsten Morgens verschlechterte sich
der Zustand von †E. stark. Es kam zu einem GCS-Abfall auf 3 (Glasgow
Coma Scale von 3-15 reichend; 3 komatös, 15 volles Bewusstsein). Bei
einem erneuten Schädel-CT wurde eine linksseitige Ischämie (verminderte
oder fehlende Durchblutung) und eine leichte Zunahme der Blutung im
Kleinhirn mit Verlagerung des Hirnstamms und Erweiterung der Liquor-
räume festgestellt. Es wurde eine Ventrikeldrainage (Ableitung des Gehirn-
wassers) eingelegt und †E. ins K. verlegt. Im K. wurden ausgedehnte In-
farkte im Kleinhirnbereich mit beginnender Kompression des Hirnstamms
festgestellt. Aufgrund der Patientenverfügung wurde auf eine Dekompres-
sion (chirurgischer Eingriff zur Entlastung des erhöhten Drucks im Schäde-
linnern) verzichtet. †E. verstarb am 16. März 2018. Als Todesursache
wurde von einem zentralen Regulationsversagen bei Einklemmung der
Kleinhirntonsillen und des Hirnstammes ausgegangen (Operationsbericht
act. 16; Verlegungsbericht/Austrittsbericht act. 12 f.; Bericht vom 14. März
2018 act. 25 ff.; Pflegerischer Verlaufsbericht act. 37, Einwilligung act.
135.13 ff., Schlussbericht act. 103 f., Gutachten IRM act. 185 ff.).
3.3.4.
Hinsichtlich der Durchtrennung der Vena petrosa superior während der
Operation vom 13. März 2018 wird im Operationsbericht Folgendes ge-
schildert: "... Die Vena petrosa superior zeigt sich deutlich über dem Trige-
minusverlauf obstruierend, so dass nach Überprüfung der venösen Verhält-
nisse die Vene koaguliert und scharf durchtrennt wird" (act. 17).
3.3.5.
3.3.5.1.
In seinem neurochirurgischen Gutachten vom 15. August 2019 (act. 130.15
ff.) führte Prof. H. aus, dass der operative Eingriff zur Trigeminusdekom-
pression technisch standardgemäss und regelgerecht ausgeführt worden
sei (act. 130.20, 130.25, 130.26, 130.30). Für eine optimale Darstellung des
N. trigeminus sei die V. petrosa superior nach Überprüfung der venösen
Situation verschlossen und etwas Knochen der Felsenbeinhinterkante ab-
getragen worden. Dieses Vorgehen sei nicht zu beanstanden. Das Ziel der
Operation, nämlich die Trennung des Gefäss-Nervenkonflikts habe in re-
gelrechter Art und Weise durch Mobilisation der beteiligten Arterie und Ein-
bringen eines Teflonpflasters erfolgen können. Erst jetzt, praktisch am
Ende der Operation, sei es zu Komplikationen gekommen, welche sich für
- 15 -
den Operateur im ersten Moment wie eine Schwellung des Kleinhirngewe-
bes dargestellt hätten, wobei es sich aus seiner Sicht nicht um eine eigent-
liche Schwellung des Kleinhirns, sondern vielmehr um eine Verlagerung
des Kleinhirns durch Blutung hinter dem Kleinhirn gehandelt habe (act.
130.20). Die bei †E. aufgetretene Komplikation einer schweren Subarach-
noidalblutung sei als Rarität zu bezeichnen, mit welcher weder aus ante-
grader noch aus retrograder Betrachtung habe gerechnet werden können
(act. 130.22 f.; 130.31). Anhand des (plausibel und kongruent erscheinen-
den, act. 130.24) Operationsberichts sei weder in Bezug auf die Verursa-
chung dieser Komplikation noch dem Umgang damit ein fehlerhaftes Vor-
gehen festzustellen (act. 130.23). Die ausgedehnten Durchblutungsstörun-
gen, die letztendlich zur Einstellung der aktiven Therapie im K. und dem
nachfolgenden Tod geführt hätten, seien aus seiner Sicht eindeutig wäh-
rend der ersten Operation am 13. März 2018 aufgetreten. Ob diese jedoch
durch eine direkte (chirurgische) Manipulation oder durch das Zusammen-
kommen von Hypotonie (niedrigem Blutdruck), aktivierter Gerinnung (durch
die nachvollziehbare und nicht als fahrlässig zu bewertende [act. 130.21 f.]
Gabe gerinnungsfördernder Medikamente) oder die eingesetzten ab-
schwellenden Massnahmen zustande gekommen sei, lasse sich nicht zwei-
felsfrei sagen. Die Comptutertomographie-Angiographien vom 13. März
2018 um 13:31 Uhr und 17:54 Uhr sprächen jedenfalls gegen einen chirur-
gischen Verschluss der am meisten betroffenen Gefässe, da sich diese mit
Kontrastmittel gefüllt hätten (act. 130.24). Es lägen keine Hinweise darauf
vor, dass die zum Versterben führende Komplikation einer schweren arte-
riellen Blutung fahrlässig ausgelöst worden sei (act. 130.25).
3.3.5.2.
Im Auftrag des Ehemannes der Verstorbenen erstattete Prof. G. am 2. De-
zember 2019 eine "medizinische Einschätzung" (act. 156.68 ff.). Er führte
aus, dass der Beschuldigte bei der Operation am 13. März 2018 fehlerhaft
und nicht lege artis gehandelt habe (act. 156.71, 156.72, 156.73). Die Wahl
des Eingriffs werde als korrekt erachtet, allerdings nicht die fehlerhafte
Durchtrennung der Vena petrosa superior rechts (act. 156.73). Der Be-
schuldigte habe bei †E. einen bilateralen cerebellären venösen Infarkt ver-
ursacht, indem er die Vena petrosa superior rechts fälschlich und unnötig
koaguliert und durchtrennt habe. Zusammen mit der operativen, zugangs-
bedingten Kompression der rechten Kleinhirnhemisphäre sei es durch den
Unterbruch des rechtsseitigen petrosalen Venensystems zu einer venös-
arteriellen Abflussstörung im Kleinhirn und Hirnstamm der Patientin mit ent-
sprechender Schwellung des Gehirngewebes und einer multilokulären ce-
rebellären Einblutung gekommen, die postoperativ noch progedient gewe-
sen sei (156.71, 156.74). Auf die Gefahr eines durch eine venös-arterielle
Abflussstörung bedingten Hirninfarkts mit konsekutivem Hirnödem und Hä-
morrhagie bei Unterbruch der cerebellären Brückenvenen und mechani-
scher Retraktion des Kleinhirns sei in der Literatur schon 1998 hingewiesen
worden. Wenn überhaupt eine Unterbrechung von relevanten Venen in der
- 16 -
hinteren Schädelgrube in Erwägung gezogen würde, müsse durch eine
temporäre Clip-Applikation an der betreffenden Vene geprüft werden, ob
es zu unerwünschten Reaktionen am Kleinhirn kommen würde. Eine solche
temporäre Clippung habe am 13. März 2018 aber nicht stattgefunden. Es
lasse sich nicht schlüssig nachvollziehen, wie der Operateur intraoperativ
habe entscheiden können, dass die permanente, irreversible Unterbre-
chung der rechten Vena petrosa superior folgenlos bleiben würde. Die in-
nerhalb von Minuten eingetretene massive Schwellung des Kleinhirns und
die massive arterielle Blutung im operativen Zugangsbereich sei im zeitli-
chen und ursächlichen Zusammenhang mit der Unterbrechung des venö-
sen Abflusses des petrosalen Anteils des Cerebellums gestanden (act.
156.71). Der Beschuldigte habe als Facharzt für Neurochirurgie wissen
müssen, dass die chirurgische Unterbrechung einer anatomisch und funk-
tionell bedeutenden Vene in der hinteren Schädelgrube zu lebensgefährli-
chen Konsequenzen führen könne. Hirninfarkte, die durch eine venöse
Stase entstünden, insbesondere jene in der hinteren Schädelgrube, wür-
den in der Neurochirurgie als hoch gefährlich angesehen. Der Tod der Pa-
tientin hätte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit verhindert werden kön-
nen, wenn die Unterbrechung der rechten Vena petrosa superior nicht er-
folgt wäre (act. 156.72). Es gebe bei einer mikrovaskulären Dekompression
wegen einer Trigeminusneuralgie keine Indikation für die Durchtrennung /
Zerstörung normaler und relevanter Gefässstrukturen in der hinteren Schä-
delgrube wie der Vena petrosa superior (act. 156.73). Nur die Zerstörung
des venösen Abflusses im Bereich der rechten Kleinhirnhemisphäre erkläre
den unaufhaltsamen Verlauf bei †E.. Andere Ursachen für die massive int-
raoperative Reaktion liessen sich anhand der Akten nicht erkennen. Das
Blutgerinnungssystem der Patientin sei gemäss Labordaten nicht beein-
trächtigt gewesen und sie habe keine Risikofaktoren für eine Hirngefässer-
krankung aufgewiesen. Eine kausale, erfolgsversprechende Therapie sei
in dieser Situation nicht mehr möglich gewesen (act. 156.74). Der Beschul-
digte habe mit dieser Komplikation rechnen müssen. Sie sei aufgrund der
gravierenden Auswirkungen der Unterbrechung der venösen Drainage des
Kleinhirns durch keine wirksame Massnahme therapeutisch-chirurgisch zu
beeinflussen gewesen. Eben wegen dieser Konsequenzen werde von der
Zerstörung der venösen Drainage des Kleinhirns dringend abgeraten
(act. 156.77).
3.3.5.3.
Im Ergänzungsgutachten vom 10. Mai 2020 (act. 130.50 ff.) führte Prof. H.
aus, dass der intraoperative Verschluss der Vena petrosa superior bei De-
kompressionen des Nervus trigeminus seit vielen Jahren Gegenstand wis-
senschaftlicher Diskussionen sei, da es keine sicher vorhersagbare Reak-
tion auf einen Verschluss dieser Vene gebe. In den allermeisten Fällen
(97.7%) habe der Verschluss der Vena petrosa superior keine negativen
Auswirkungen. Nur in 0.1% sei ein tödlicher Verlauf gesehen worden (act.
- 17 -
130.51, 130.54). Der Verschluss der Vena petrosa superior sei ein allge-
mein akzeptiertes Vorgehen und vom Erfinder der strittigen Operation
selbst bei einem von diesem ermittelten Risiko für Kleinhirnverletzungen
von 0.68 % als Standardvorgehen empfohlen. Die Behauptung von
Prof. G., dass eine Jannetta-Operation nicht lege artis durchgeführt worden
sei, weil die Vena petrosa superior auf einer Seite verschlossen worden
sei, sei vor diesem Hintergrund offensichtlich falsch (act. 130.51).
Der Ausdruck "über dem Trigeminusverlauf obstruierend" im Operations-
bericht stelle eine Begründung für das Vorgehen dar, welche er dahinge-
hend verstehe, dass die Vena petrosa superior zwischen dem Betrachter
und dem Nervus trigeminus verlaufen und die Sicht auf den Nerv versperrt
gewesen sei. Dies könne aber nur der Beschuldigte zuverlässig beantwor-
ten (act. 130.54, 130.56). Eine unkontrollierte Blutung, durch eine Verlet-
zung der Vene beim Versuch, die Dekompression des N. trigeminus "um
die Vene herum" zu erreichen, sei in der Regel deutlich traumatischer als
die kontrollierte Durchtrennung (act. 130.54). In einigen Fällen sei eine mik-
rovaskuläre Dekompression des Nervus trigeminus aufgrund eines un-
günstigen Verlaufs der Vena petrosa superior sehr schwierig oder gar nicht
möglich, ohne die Integrität der Vene zu gefährden. Es sei in diesen Fällen
vom Operateur zu entscheiden, ob er die Vene von vorneherein ver-
schliesse und durchtrenne, die Dekompression um die Vene herum durch-
führe und damit ein Einreissen und eine unkontrollierte Blutung provoziere
oder die Operation abbreche (act. 130.56).
Der einseitige Verschluss der Vena petrosa superior könne auch im un-
günstigsten Fall die aufgetretenen intraoperativen Komplikationen nicht,
und schon gar nicht als alleiniger Faktor erklären. Zwar könne ein Ver-
schluss von grösseren Venen zu einer venösen Abflussstörung mit Schwel-
lung und venösen Stauungsblutungen führen. Da die Vena petrosa supe-
rior wie viele Hirnvenen mehrere Drainagemöglichkeiten besitze, würden
solche Folgen jedoch sehr selten auftreten. Viel häufiger sei dies bei einem
Verschluss eines venösen Sinus. Arterielle Blutungen, wie im OP-Bericht
beschrieben, seien dagegen auch bei Verschlüssen grosser Venen oder
venöser Sinus nicht beschrieben. In einer Meta-Analyse von 35 Publikatio-
nen betreffend intraoperativem Verschluss der Vena petrosa superior seien
bei 23 von 987 Patienten Komplikationen beschrieben worden, in keinem
Fall aber eine arterielle Blutung. Nur einer sei verstorben. Dies entspreche
einer Inzidenz von Komplikationen bei einem Verschluss der Vena petrosa
superior von 2.3% und einer Mortalität von 0.1%. Es entspreche nicht der
Literatur, dass der intraoperative Verschluss der Vena petrosa superior al-
leine für die schwere Komplikation und das spätere Versterben von
†E. verantwortlich sei (act. 130.51). Eine eindeutige Ursache der Kompli-
kationen, die letztendlich zum Versterben von †E. geführt hätten, könne
jedoch nicht definiert werden. Ein Hirnstamminfarkt, wie ihn Prof. G. er-
- 18 -
wähne, sei weder im MRI noch im Rahmen der rechtsgutachterlichen Un-
tersuchungen gefunden worden. Der Begriff einer venös-arteriellen Ab-
flussstörung, den Prof. G. verwende, sei ihm überdies nicht bekannt und
existiere in der einschlägigen Literatur nicht (act. 130.152).
Das von Prof. G. geforderte "temporäre Clipping" der Vena petrosa superior
vor einer etwaigen Durchtrennung sei kein standardisiertes Verfahren. Ziel
sei es, zu beobachten ob der Verschluss der Vene zu einer Schwellung im
OP-Gebiet als Folge eines verminderten Blutabflusses aus dem Kleinhirn
führe. Falls dies der Fall sei, könne der Clip abgenommen und der Abfluss
des Blutes wieder normalisiert werden. Es gebe aber keine standardisierte
Zeit, die man abwarten solle, noch eine definierte Reaktion, womit die
Durchführung und Interpretation in höchstem Masse subjektiv sei. Ausser-
dem gebe es zahlreiche Beschreibungen von verzögerten Reaktionen auf
einen intraoperativen Verschluss der Vena petrosa superior erst mehrere
Tage nach der Operation, welche sich durch einen intraoperativen Testver-
schluss nicht vorhersagen liessen (act. 130.52, 130.55). Die Risiken seien
die mechanische Verletzung der betroffenen Vene aber auch benachbarter
Nerven, anderer Gefässe (Arterien und Venen) oder von Hirngewebe (act.
130.56). Prof. G. lasse weiter offen, wie hätte verfahren werden sollen,
wenn dieser Test nicht das erhoffte Ergebnis gezeigt hätte und wie dieses
genau zu definieren sei (act. 130.52).
Da der intraoperative Verschluss der Vena petrosa superior ein häufig prak-
tiziertes und von neurochirurgischen Meinungsbildnern auf diesem Gebiet
sogar empfohlenes Vorgehen darstelle und das Risiko einer schweren
Komplikation als "niedrig" bezeichnet werde, müsse das intraoperative Vor-
gehen des Beschuldigten uneingeschränkt als lege artis bezeichnet wer-
den. Die Einschätzung von Prof. G. entspreche nicht der aktuellen und zum
Zeitpunkt der strittigen Behandlung bekannten Literatur. Seine Schlussfol-
gerungen seien nicht nachvollziehbar oder belegbar und er verwende Be-
griffe, die z.T. nicht existieren würden oder sachlich falsch seien (act.
130.53).
3.3.5.4.
In seiner Kommentierung zum Ergänzungsgutachten vom 29. Mai 2020
(act. 156.95 ff.) führte Prof. G. unter Verweis auf verschiedene Literatur-
stellen aus, dass es aus heutiger Sicht nicht nur anachronistisch, sondern
falsch sei, die regelmässige Durchtrennung der Vena petrosa superior bei
der operativen Behandlung einer Trigeminusneuralgie als Standardvorge-
hen zu fordern, nachdem in den letzten 20 Jahren mehr Wissen und Erfah-
rungen über die Folgen einer Ausschaltung grosser Venenleiter in der hin-
teren Schädelgrube angehäuft worden seien (act. 156.96 f., 156.98). In der
(z.T. auch von Prof. H. zitierten) Literatur werde vor die Vene obliterieren-
den Massnahmen gewarnt. Vor diesem Hintergrund erscheine es irritie-
rend, dass Prof. H. behaupte, der pathophysiologische Mechanismus, der
- 19 -
bei †E. zu den cerebellären Durchblutungsstörungen und dem tödlichen
Verlauf geführt habe, könne nicht definiert werden. Es bestehe ein eindeu-
tiger zeitlicher und auch kausaler Zusammenhang zwischen der Venen-
Obliteration und der raschen intraoperativen Schwellung der Kleinhirnhe-
misphäre im Rahmen der eingetretenen venösen Abflussstörung. Dies
habe zu einer arteriellen Hypoxie in zentralen Anteilen der ipsilaretalen
Kleinhirnhemisphäre mit der Folge auch postoperativ prozesshaft fort-
schreitender Durchblutungsstörungen geführt (act. 156.97).
Er habe das probeweise temporäre Clippen der Vena petrosa superior nicht
verlangt, sondern habe auf eine Publikation verwiesen, in welcher diese
Technik als Option diskutiert werde, vor allem wenn (wie bei †E.) die ve-
nöse Anatomie der hinteren Schädelgrube präoperativ nicht radiologisch
untersucht worden sei und die Dominanz des venösen Abflusses und der
Kollateralkreislauf der betreffenden ipsilateralen Vena petrosa superior un-
bekannt seien. Die Reaktion auf die temporäre Clippung könne durch Be-
obachtung der Verfärbung der corticalen cerebellären Blutgefässe, der
Schwellungsneigung der ipsilateralen Kleinhirnhemisphäre und der Reak-
tion der akustisch/trigeminal evozierten Hirnstammpotentiale (die von Jan-
netta seit 1980 – anders als vom Beschuldigten bei der Operation – intrao-
perativ immer durchgeführt worden seien) beurteilt werden (act. 156.98).
Eine absichtliche Okklusion einer Vena petrosa superior weise ein gefähr-
liches Risikopotential auf bei Patienten mit einer Trigeminusneuralgie, die
nicht an einer die Lebenszeit begrenzenden cerebralen Krankheit (z.B. ei-
nem Hirntumor mit neurologischen Störungen) leiden und bei welchen kein
erhöhtes intraoperatives Risiko in Kauf genommen werden müsse, um ei-
nen nennenswerten Behandlungserfolg zu erzielen. Es stünden weiter mitt-
lerweile überzeugende und erfolgreiche mikrochirurgische Operationsme-
thoden zur Verfügung, die in allen Situationen den Erhalt der Vena petrosa
superior gewährleisten würden (act. 156.98). Dass der Beschuldigte diese
mikrochirurgischen Operationsmethoden zum Erhalt der Vena petrosa su-
perior bei †E. nicht zum Einsatz gebracht habe und dass er die Vene (bei
Unkenntnis bzw. Nichtexistenz von präoperativen Befunden zur neurovas-
kulären Gefässanatomie der Patientin) verschlossen habe, ohne zu wissen,
welche Relevanz (Dominanz des venösen Drainageumfangs, Anatomie
des venösen Kollateralkreislaufs) sie für die venöse Drainage des Klein-
hirns und des Hirnstamms haben könnte, sei als massive Verletzung der
ärztlichen Sorgfaltspflicht zu werten (act. 156.99).
3.3.6.
Bei den medizinischen Einschätzungen von Prof. G. handelt es sich um ein
Privatgutachten, welches nicht den gleichen Stellenwert hat wie ein Gut-
achten, das von der Untersuchungsbehörde oder vom Gericht eingeholt
wurde. Privatgutachten bilden bloss Bestandteil der Parteivorbringen. Die
Qualität von Beweismitteln kommt ihnen nicht zu. Ein Parteigutachten ist
- 20 -
nur geeignet, die Erstellung eines (zusätzlichen) Gutachtens zu rechtferti-
gen oder darzulegen, dass das gerichtliche oder amtliche Gutachten man-
gelhaft oder nicht schlüssig ist (BGE 141 IV 305 E. 6.6.1).
Vorliegend stehen sich hinsichtlich der Frage, ob die bei †E. vorgenom-
mene Trigeminusdekompression nach den Regeln der ärztlichen Sorgfalt
durchgeführt wurde, sowie der Frage nach der Ursache der schweren und
letztlich todesursächlichen Durchblutungsstörungen, zwei sich diametral
widersprechende Fachmeinungen gegenüber. Insbesondere vertreten
Prof. H. und Prof. G. gegensätzliche Ansichten zur Frage, ob überhaupt
bzw. unter welchen Umständen bei einer Durchtrennung der Vena petrosa
superior im Rahmen einer Trigeminusdekompression, wie sie bei †E.
durchgeführt wurde, von einem Vorgehen lege artis ausgegangen werden
kann bzw. ob bei der Operation alternative Methoden hätten angewendet
oder zunächst Abklärungen hätten getroffen werden müssen bzw. können.
Während Prof. H. die Ursache der schweren Durchblutungsstörungen, wel-
che schliesslich zum Versterben von †E. geführt hätten, als ungeklärt, je-
doch zumindest nicht als alleiniger Faktor durch den Verschluss der Vena
petrosa superior verursacht bezeichnet, sieht Prof. G. diese Zerstörung des
venösen Abflusses als alleinige und unaufhaltsame Ursache der Komplika-
tionen.
Auch wenn den Einschätzungen von Prof. G. als Parteigutachten nicht der-
selbe Stellenwert zukommt, wie dem von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau in Auftrag gegebenen neurochirurgischen Gutachten von Prof. H.,
handelt es sich dabei doch um eine Fachmeinung, welche (insbesondere
auch angesichts der vom Beschwerdeführer dargelegten langjährigen Er-
fahrung von Prof. G. als Chefarzt Neurochirurgie des AC. und Präsident der
N., act. 156.63) nicht als von vorneherein unzutreffend bezeichnet werden
kann. Es drängen sich insbesondere keine Anhaltspunkte auf, nach wel-
chen die Ausführungen von Prof. G. von vorneherein als offensichtlich un-
geeignet erscheinen, die Einschätzungen des Gutachters Prof. H. in Frage
zu stellen.
Es ist kann damit nicht von einer klaren Sachlage ausgegangen werden,
welche die Strafbarkeit des Beschuldigten offensichtlich ausschliessen und
die Einstellung des Verfahrens rechtfertigen würde. Insbesondere er-
scheint der massgebliche Sachverhalt noch nicht hinreichend ermittelt. Die
Einschätzungen von Prof. G. werfen Fragen auf, die nur durch ein weiteres,
von dritter Seite zu erstellendes Gutachten zu beseitigen sind. Die Staats-
anwaltschaft Lenzburg-Aarau hat ein solches weiteres Gutachten in Auftrag
zu geben.
3.4.
Zusammenfassend kann derzeit bereits aufgrund der offenen Fragen des
Vorliegens einer Sorgfaltspflichtverletzung im Rahmen der Operation vom
- 21 -
13. März 2018 und deren natürliche Kausalität nicht gesagt werden, dass
der Beschuldigte den Tatbestand der fahrlässigen Tötung offensichtlich
nicht erfüllt hat. Damit sind die Voraussetzungen für die Einstellung des
Verfahrens wegen fahrlässiger Tötung nicht erfüllt.
Unter diesen Umständen erübrigen sich Ausführungen zum weiteren vom
Beschwerdeführer vorgebrachten Vorwurf der mangelhaften Prüfung der
Einstellungsverfügung durch die Oberstaatsanwaltschaft.
Die Beschwerde ist damit im Zusammenhang mit dem Vorwurf der fahrläs-
sigen Tötung gutzuheissen.
4.
4.1.
4.1.1.
Bezüglich des Vorwurfs der Urkundenfälschung begründet die Staatsan-
waltschaft Lenzburg-Aarau die Einstellung des Verfahrens damit, dass ein-
zig der Tatbestand der Falschbeurkundung in Betracht komme, dieser je-
doch nicht erfüllt sei, da dem Operationsbericht zu entnehmen sei, dass
Prof. Dr. med. I. im Operationsverlauf für eine dritte fachärztliche Beurtei-
lung im Operationssaal hinzugezogen worden sei. Der Bericht enthalte je-
doch keine Hinweise darauf, dass Prof. I. darüber hinaus tätig geworden
sei. Der Inhalt des Operationsberichts stimme damit mit den tatsächlichen
Gegebenheiten überein. Die Bezeichnung als "Assistenz" erscheine korrekt
und der Wahrheit entsprechend, da sich Prof. I. tatsächlich - wenn auch nur
für kurze Zeit - für eine fachärztliche Beurteilung im Operationssaal befun-
den habe. Dies entspreche der Auskunft von Prof. Dr. med. AM., Direktor
und Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik am K., nach welcher die Kate-
gorie der Assistenz auch auf Personen angewendet werden könne, welche
im Operationssaal eine fachliche Beurteilung und Hilfestellung geben wür-
den, sowie der Auskunft von Dr. AO., Klinikdirektor der P., wonach es üblich
sei, dass der Arzt, welcher für eine fachärztliche Beurteilung hinzugezogen
werde, als "Operations-Assistent" aufgeführt werde. Im Übrigen handle es
sich beim Operationsbericht nicht um ein Schriftstück, welchem eine er-
höhte Glaubwürdigkeit zukomme, sondern um einen Verlaufsbericht (Ein-
stellungsverfügung S. 16 f.).
4.1.2.
In der Beschwerde wird ausgeführt, dass die Voraussetzungen für die Ein-
stellung des Verfahrens wegen Urkundenfälschung nicht erfüllt seien (Be-
schwerde S. 2/3). Das Thema Urkundenfälschung sei nicht vertieft und ins-
besondere Prof. I., welcher sich vehement wehre, in irgendeiner Art und
Weise eine Assistenz innegehabt zu haben, nicht befragt worden (Be-
schwerde S. 3).
- 22 -
4.1.3.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau macht in der Beschwerdeantwort
geltend, dass Prof. I. intraoperativ zur fachärztlichen Beurteilung beigezo-
gen worden sei, um den Situs zu beurteilen. Da der Operationsbericht voll-
ständig auszuführen habe, wer im Operationssaal (auch wenn nur für we-
nige Minuten) anwesend gewesen sei, sei Prof. I. als Assistenz aufgeführt
worden. Es lägen keine Anhaltspunkte für eine Falschbeurkundung vor
(Beschwerdeantwort S. 2)
4.1.4.
Der Beschuldigte führt in der Beschwerdeantwort aus, dass weder behaup-
tet noch im Operationsbericht unterstellt werde, dass Prof. I. im engeren
Sinn assistiert habe. Der Operationsbericht halte explizit fest, dass es sich
um einen kurzen Beizug für eine fachärztliche Beurteilung handle. Wie dem
Protokoll zur Einvernahme von Prof. BA. vom 23. März 2019 aus dem Ver-
fahren ST.2018.5883 zu entnehmen sei, habe Prof. I. am Tag der Verle-
gung der Patientin gesagt, dass er anlässlich der Operation notfallmässig
dazu gerufen worden sei (Beschwerdeantwort S. 7).
4.1.5.
In der Stellungnahme vom 15. Mai 2021 führt der Beschwerdeführer aus,
dass Prof. I. nicht befragt worden sei. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau habe nicht untersucht, warum Prof. I. im Operationsbericht aufge-
führt worden sei, dieser jedoch jegliche Assistenz bestreite (Stellungnahme
S. 2, 4). Der Operationsbericht sei ein wichtiges Dokument, eine Urkunde
der man vertrauen solle. Wenn Prof. I. aufgeführt werde, obwohl er nicht
assistiert habe, werde der Leser in die Irre geführt (Stellungnahme S. 3).
4.2.
4.2.1.
Der Tatbestand der Falschbeurkundung i.S.v. Art. 251 Ziff. 1 StGB verlangt
die Errichtung einer echten, aber inhaltlich unwahren Urkunde. Wahr ist der
Inhalt, wenn er Vorstellungen weckt, die nach der Verkehrsauffassung des
Adressatenkreises mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Zur Abgrenzung
von der schriftlichen Lüge wird eine qualifizierte Beweiseignung im Sinne
einer erhöhten Überzeugungskraft verlangt, die gegeben ist, wenn objek-
tive Garantien die Wahrheit der Erklärung gewährleisten (TRECHSEL/ERNI,
in: Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 4. Aufl. 2021, N. 6
f. und 9 zu Art. 251 StGB).
4.2.2.
Im Operationsbericht zur Operation vom 13. März 2018 (act. 16 ff.) wird
Prof. Dr. med. F. eingangs unter "Assistenz" aufgeführt. Unter "technisches
Vorgehen" werden das Vorgehen und die Umstände der Operation chrono-
logisch genannt. Nachdem verschiedene unklare Blutungen und deren Be-
handlung geschildert werden, wird folgendes ausgeführt: "Im Verlauf nach
- 23 -
ca. 30min ist allerdings die Hämostase zufriedenstellend. Intraoperativ wird
nun noch Prof. I. für eine Beurteilung hinzugezogen und der Situs für eine
dritte Fachärztliche Beurteilung präsentiert" (act. 17/18). Der als "Assis-
tenz" zusammengefasste Beitrag von Prof. I. wird damit im Operationsbe-
richt deutlich konkretisiert. Aus der Bezeichnung "Assistenz" kann unter
diesen Umständen offensichtlich nicht abgeleitet werden, dass Prof. I.
selbst operierend bzw. assistierend i.e.S. tätig war.
Dass Prof. I. – wie im Operationsbericht geschildert - tatsächlich im Ver-
laufe der Operation für eine Beurteilung hinzugezogen wurde, ergibt sich
aus der E-Mail von Prof. I. an den Beschuldigten vom 31. Mai 2021, in wel-
cher er bestätigt, "intraoperativ, steril, den Situs begutachtet" zu haben
(Beilage 2 zur Stellungnahme des Beschuldigten vom 10. Juni 2021 im Ver-
fahren SBK.2021.77) sowie der Einvernahme von Prof. BA. vom 23. März
2019 aus einem anderen Strafverfahren, in welcher Prof. BA. angibt von
Prof. I. vom Fall der Patientin †E. und dem Umstand, dass er anlässlich der
Operation notfallmässig dazu gerufen worden sei, erfahren zu haben (Bei-
lage 4 zur Beschwerdeantwort des Beschuldigten vom 20. April 2021). Aus
der den Akten zu entnehmenden E-Mail vom 31. August 2020 von Prof. I.
an den Vertreter des Ehemanns der Verstorbenen geht ebenfalls hervor,
dass Prof. I. vom Beschuldigten in den Operationssaal gebeten worden sei,
um den Situs anzuschauen, was er gemacht habe. Die Rolle des "assistie-
renden Arztes", welcher Prof. I. in diesem Schreiben von sich wies, betrifft
offensichtlich die Assistenz im engeren Sinne einer Tätigkeit am Operati-
onstisch, welche sich auch aus dem Operationsbericht nicht ableiten lässt
(act. 156.143).
Es bestehen damit keine Anhaltspunkte dafür, dass der Operationsbericht
inhaltlich falsche Angaben enthalten könnte. Unter diesen Umständen wäre
im Falle einer Anklageerhebung mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Frei-
spruch vom Vorwurf der Falschbeurkundung zu erwarten. Die Einstellung
des Verfahrens ist damit in diesem Punkt nicht zu beanstanden, womit die
Beschwerde diesbezüglich abzuweisen ist, soweit darauf einzutreten ist.
5.
Zusammenfassend ist Ziff. 1 der angefochtenen Einstellungsverfügung in
teilweiser Gutheissung der Beschwerde hinsichtlich des Vorwurfs der fahr-
lässigen Tötung aufzuheben. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hat
diesbezüglich ein weiteres, von dritter Seite zu erstellendes Gutachten in
Auftrag zu geben. Die von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau ge-
troffene Kosten- und Entschädigungsregelung ist hiervon ebenfalls betrof-
fen, womit auch Ziff. 2-4 der angefochtenen Verfügung aufzuheben sind.
- 24 -
6.
6.1.
Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die Kosten des Rechts-
mittelverfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Hebt
die Rechtsmittelinstanz einen Entscheid auf und weist sie die Sache zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück, so trägt der Kanton die Kos-
ten des Rechtsmittelverfahrens und, nach Ermessen der Rechtsmittel-
instanz, jene der Vorinstanz (Art. 428 Abs. 4 StPO). Diese letztgenannte
Bestimmung bezieht sich insbesondere auf kassatorische Entscheide über
Beschwerden gemäss Art. 397 Abs. 2 StPO (THOMAS DOMEISEN, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 25 zu
Art. 428 StPO).
Die angefochtene Einstellungsverfügung ist hinsichtlich des Strafverfah-
rens wegen fahrlässiger Tötung aufzuheben, hinsichtlich des Strafverfah-
rens wegen Urkundenfälschung jedoch zu bestätigen. Bei diesem Ausgang
des Verfahrens rechtfertigt es sich, dem Beschwerdeführer die Kosten des
Beschwerdeverfahrens zu 1⁄4 aufzuerlegen und im Übrigen auf die Staats-
kasse zu nehmen.
6.2.
Der Beschwerdeführer ist nicht anwaltlich vertreten und macht keine zu
entschädigenden Aufwendungen geltend.
6.3.
6.3.1.
Die Entschädigung der beschuldigten Person für die angemessene Aus-
übung ihrer Verfahrensrechte bei einer Einstellung des Strafverfahrens
oder bei einem Freispruch geht zulasten des Staats, wenn es sich um ein
Offizialdelikt handelt (Art. 429 Abs. 1 StPO), und zulasten der Privatkläger-
schaft, wenn es um ein Antragsdelikt geht (Art. 432 Abs. 2 StPO; BGE 147
IV 47).
Bei der Urkundenfälschung handelt es sich um ein Offizialdelikt (Art. 251
StGB), womit vorliegend infolge der zu bestätigenden Einstellung des Ver-
fahrens der Staat die Entschädigung des Beschuldigten zu tragen hat. Ent-
sprechend dem Ausgang des Verfahrens und der Kostenverteilung ent-
spricht die auszurichtende Entschädigung 1⁄4 der angemessenen Aufwen-
dungen der Verteidigung in diesem Beschwerdeverfahren.
6.3.2.
Der Beschuldigte macht im vorliegenden Beschwerdeverfahren sowie im
(die gleiche Einstellungsverfügung betreffenden) Verfahren SBK.2020.77
insgesamt Aufwendungen von 17.7 Stunden geltend. Er stellt einen Stun-
denaufwand von Fr. 240.00 sowie Auslagen von Fr. 128.00 in Rechnung
und macht insgesamt ein Honorar von Fr. 4'712.95 (inkl. MwSt) geltend.
- 25 -
Der Aufwand sei etwa zu 2/3 im Beschwerdeverfahren SBK.2021.77 und zu 1/3 im vorliegenden Verfahren entstanden. Im vorliegenden Beschwerde-
verfahren beantragt er entsprechend die Ausrichtung einer Entschädigung
von Fr. 1'571.00.
Der insgesamt geltend gemachte Stundenaufwand von 17.7 Stunden (für
beide Beschwerdeverfahren) und die Verteilung zu 1/3 und 2/3 erscheint an-
gesichts der zu studierenden Gutachten und medizinischen Berichte sowie
der insbesondere im vorliegenden Beschwerdeverfahren eingereichten
zahl- und umfangreichen Parteieingaben angemessen.
Es handelt sich indessen um einen Fall von durchschnittlicher Schwierig-
keit, womit ein Stundenansatz von Fr. 220.00 (§ 9 Abs. 2bis AnwT) zur An-
wendung kommt.
Zuzüglich der geltend gemachten Auslagen von Fr. 128.00 und 7.7 % MwSt
(ausmachend Fr. 309.70) ergibt sich damit ein Betrag von Fr. 4'331.70, wo-
von 1/3 (ausmachend Fr. 1'443.90) auf das vorliegende Beschwerdeverfah-
ren entfallen.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens ist dem Beschuldigten aus der
Staatskasse eine Entschädigung im Umfang von 1⁄4 der im vorliegenden
Beschwerdeverfahren entstandenen angemessenen Aufwendungen, aus-
machend Fr. 361.00, auszurichten.