Decision ID: 41d1809d-6b62-5d52-bac9-38e2e7f69687
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ (im Folgenden: Versicherte), meldete sich bei der Invalidenversicherung (IV)
am 28. November 2014 zur Früherfassung (IV-act. 1) und am 16. Dezember 2014 zum
Leistungsbezug an (IV-act. 6).
A.a.
Die Versicherte war als Fahrerin ihres Autos am 4. April 2014 frontal mit einem
entgegenkommenden, nach links abbiegenden Personenwagen kollidiert und hatte
dabei ein HWS-Distorsionstrauma erlitten (Schadenmeldung UVG vom 11. April 2014,
Fremdakten, act. 2-173, Untersuchungsbericht Spital B._ vom 4. April 2014,
Fremdakten, act. 2-137 f.; vgl. auch Bericht Kantonspolizei St. Gallen vom 11. April
2014, Fremdakten, act. 2-143 ff. und Einstellungsverfügung Untersuchungsamt B._
vom 17. Juli 2014, Fremdakten, act. 2-37). Die SUVA hatte den Arbeitsplatz besichtigt
und im entsprechenden Bericht vom 13. Mai 2014 festgehalten, die Versicherte habe
am 22. April und 5. Mai 2014 je einen Arbeitsversuch von einigen Stunden absolviert.
Beide Versuche hätten wegen starker Kopfschmerzen und
Konzentrationsschwierigkeiten abgebrochen werden müssen. Die Versicherte beklage
fast täglich ständige Kopfschmerzen, einen ständigen Pfeifton im linken Ohr, seit dem
Unfall auch Schmerzen im linken Arm, Einschlafprobleme und bei Belastung leichte
Knieschmerzen links (Fremdakten, act. 2-115 ff.). Ab dem 19. Mai war die Versicherte
zunächst zu 70 % und vom 2. Juni bis zum 12. August 2014 im Wesentlichen zu 50 %
arbeitsunfähig geschrieben worden (Abrechnungen Taggeld SUVA, Fremdakten,
act. 3-2 ff.). In der Folge war die Versicherte im Hinblick auf die Schmerzen, die
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sensibilitätsstörungen im Arm (Sulcus-ulnaris-Syndrom, Karpaltunnelsyndrom) und
neurokognitive Probleme durch Dr. med. C._, Neurologie FMH, (Bericht vom 3. Juni
2014, Fremdakten, act. 2-67 ff.) und PD Dr. med. D._, Oberärztin Neurologie Klinik
E._ (Bericht vom 20. August 2014, Fremdakten, act. 2-8 ff.) abgeklärt worden.
Dr. D._ hatte aufgrund der Chronifizierung der Nackenschmerzen, der
Kopfschmerzen und der depressiven Stimmungslage eine stationäre Rehabilitation
empfohlen. Diese war vom 17. September bis 22. Oktober 2014 in der Rehaklinik F._
erfolgt, wo eine HWS-Distorsion QTF 1, eine Kniekontusion rechts, ein klinisch
sensibles Sulcus-ulnaris-Syndrom links, ein leichtgradiges rein sensibles
Karpaltunnelsyndrom links, eine aktuell in Remission übergehende Anpassungsstörung
mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21) und differenzialdiagnostisch eine
depressive Episode in Remissionsphase sowie eine psychosoziale Belastung durch
Kündigung ihrer Arbeitsstelle und derjenigen ihres Ehemannes erhoben worden waren.
Im Austrittsbericht vom 24. Oktober 2014 war festgehalten worden, aufgrund der noch
reduzierten psychischen Belastbarkeit (Konzentrationsschwäche, durchgemachte
depressive Reaktion im Rahmen einer Anpassungsstörung in Remissionsphase) führten
Anforderungen und Stressbelastungen rasch zu einer Überforderung und einer damit
verbundenen Verschlechterung der psychischen Verfassung. Dabei handle es sich um
eine Beurteilung der momentanen Situation. In körperlicher Hinsicht (unfallkausal)
bestehe eine volle Arbeitsfähigkeit in leichten bis mittelschweren Arbeiten (IV-act. 3).
Dr. med. G._, Facharzt FMH für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie,
führte im Bericht vom 9. Januar 2015 aus, in der neurologischen Untersuchung finde
sich kein Defizit. Die geschilderten Beschwerden seien mit somatoformen
Beschwerden im Sinne eines depressiven Syndroms, differenzialdiagnostisch einer
posttraumatischen Belastungsstörung vereinbar. Er erhob einen Verdacht auf eine
somatoforme Störung und ein depressives Syndrom (IV-act. 18).
A.c.
Die die Versicherte seit August 2014 behandelnde Dr. med. H._, Fachärztin
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, diagnostizierte eine posttraumatische
Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) und eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10:
F32.1). Sie attestierte vom 1. bis 21. Dezember 2014 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit.
Am 11. Februar 2015 hielt sie leichte, körperlich nicht belastende Tätigkeiten ohne
Verantwortungsübernahme, bei denen sich die Versicherte immer wieder zu Pausen
A.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zurückziehen könne, ca. zwei Stunden pro Tag für zumutbar. Am 20. Februar 2015
berichtete sie, aus medizinischer Sicht werde die Versicherte zurzeit als nicht
arbeitsfähig eingeschätzt (Arztbericht vom 11. Februar 2015 IV-act. 21; Bericht
zuhanden der SUVA vom 20. Februar 2015, Fremdakten, act. 7-102 f.).
Am 6. Februar 2015 hatte die Versicherte eine tagesklinische Behandlung in der
Klinik I._ begonnen. Dr. med. J._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
diagnostizierte einen Zustand nach mittelgradiger bis schwerer depressiver Episode
mit somatischen Symptomen; gegenwärtig leichte bis mittelgradige Episode mit
somatischen Symptomen (Bericht vom 14. April 2015 zuhanden der SUVA,
Fremdakten, act. 7-95 f.). Im Arztbericht vom 3. Juli 2015 erwähnte er zusätzlich die
Diagnose einer generalisierten Angststörung (ICD-10: F41.1). Die Versicherte sei vom
3. Februar bis 31. Mai 2015 zu 100 % und ab 1. Juni 2015 zu 80 % arbeitsunfähig. Es
fänden sich gröbere mnestische Störungen, im formalen Denken sei sie leicht
verlangsamt, im Affekt vordergründig verunsichert und innerlich angespannt, leicht
affektlabil. Die affektive Schwingungsfähigkeit, der Antrieb und die Motorik seien leicht
vermindert (IV-act. 29). Ab 1. August 2015 attestierte er eine 50%ige Arbeitsfähigkeit
(Arztbericht vom 13. Juni 2016, IV-act. 56). RAD-Arzt Dr. med. K._, Facharzt Für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, nahm am 3. August 2015 Stellung: Medizin-
theoretisch müsse in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Produktionsmitarbeiterin und
in einer adaptierten Tätigkeit von einer mindestens 50%igen Arbeitsfähigkeit,
schrittweise steigerbar auf Vorniveau, ausgegangen werden. Aus psychiatrischer Sicht
sei die Versicherte in der Stellensuche eingeschränkt (IV-act. 31).
A.e.
Mit Mitteilung vom 29. September 2015 sprach die IV-Stelle der Versicherten
Arbeitsvermittlung zu (IV-act. 41). Nachdem die Versicherte in einem vom RAV
vermittelten Einsatzprogramm bei der L._ lediglich zu 20 % arbeiten konnte und
durch Dr. M._ zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben wurde, schloss der
Eingliederungsverantwortliche seinen Fall am 5. Januar 2016 ab (Verlaufsprotokoll
Eingliederungsberatung, IV-act. 43), und die IV-Stelle wies das Begehren hinsichtlich
beruflicher Massnahmen mit Mitteilung vom 14. Januar 2016 ab, da sich die
Versicherte subjektiv nicht leistungsfähig fühle (IV-act. 47).
A.f.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. J._ attestierte der Versicherten infolge der Konzentrationsstörungen,
Antriebsstörungen, der Einschränkung der geistigen Flexibilität aufgrund der formalen
Denkstörungen, der Störungen der Psychomotorik und der sozialen Fertigkeiten ab 27.
Januar 2016 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Nach einer vorübergehenden
Verbesserung der depressiven Symptomatik, der sozialen Fertigkeiten und einem
Abbau der Vermeidungshaltung nach Beginn der Therapie habe seit Spätsommer 2015
die depressive Symptomatik mit Rückzugstendenzen, psychophysischer Erschöpfung
und generalisierter Ängstlichkeit zugenommen (Arztberichte vom 11. April 2016,
Fremdakten act. 13, und vom 13. Juni 2016, IV-act. 56).
A.g.
Vom 30. Mai bis 2. Juli 2016 befand sich die Versicherte in stationärer Behandlung
in der Klinik N._. Dort wurden unter anderem eine mittelgradige depressive Episode
mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11), eine anhaltende Schmerzstörung (ICD-10:
F45.4), ein klinisch sensibles Sulcus-ulnaris-Syndrom links, ein leichtgradiges rein
sensibles Karpaltunnelsyndrom links sowie ein Status nach Kniekontusion rechts
erhoben. Im formalen Denken sei die Versicherte verlangsamt und berichte von
mittelgradigem Gedankenkreisen und Existenzängsten. Im Affekt imponiere sie
deprimiert, hoffnungslos und leicht affektstarr, erlebe sich als gereizt und innerlich
unruhig, äussere Gefühllosigkeit, Störungen der Vitalgefühle und Insuffizienzgefühle.
Der Antrieb sei gehemmt, es bestehe ein ausgeprägter sozialer Rückzug. Es habe eine
leichte Stabilisierung des physischen und psychischen Zustandes erreicht werden
können (Austrittsbericht vom 25. Juli 2016; IV-act. 59).
A.h.
Dr. J._ hielt am 19. Oktober 2016 gegenüber der SUVA fest, die Versicherte
klage vordergründig über Nacken- und Kopfschmerzen, schmerzbedingte
Schlafstörungen, Müdigkeit, Deprimiertheit, Lust- und Freudlosigkeit, Ängste und
innere Anspannung sowie Zurückgezogenheit. Aus rein psychiatrischer Sicht sei sie zu
höchstens 50 % arbeitsunfähig. Die bisherige 100%ige Arbeitsunfähigkeit sei aus
"psychosomatischer Sicht" attestiert worden (Fremdakten, act. 47).
A.i.
Gestützt auf eine psychiatrische Beurteilung von Dr. med. O._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 12. Dezember 2016 (Fremdakten, act. 51)
stellte die SUVA mit Verfügung vom 18. Januar 2017 ihre Leistungen per 1. Februar
2017 ein. Die aktuell geklagten Beschwerden seien organisch nicht hinreichend
A.j.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nachweisbar. Die Adäquanz sei nach einschlägiger Rechtsprechung zu verneinen
(Fremdakten, act. 56-1 ff.). Eine Einsprache gegen diese Verfügung wurde abgewiesen
(Entscheid vom 9. Januar 2018, Fremdakten, act. 67).
Dr. J._ führte im Verlaufsbericht vom 16. März 2017 aus, es bestehe eine
zunehmende körperliche und geistige Verwahrlosung. Seit Mai 2016 habe sich die
depressive Symptomatik erheblich verschlechtert mit zunehmenden Antriebsstörungen,
Deprimiertheit, Konzentrationsstörungen, allgemeiner Erschöpfung, Schlafstörungen
und sozialem Rückzug (IV-act. 67).
A.k.
Die IV-Stelle liess daraufhin die Versicherte durch die SMAB AG polydisziplinär
begutachten (Gutachten vom 3. Januar 2018, med. pract. P._, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates; Dr. med.
Q._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin; Dr. med. R._, Facharzt für Neurologie,
Psychiatrie und Psychotherapie; Lic. phil. S._, Fachpsychologin für
Neuropsychologie; Untersuchungen vom 21. November, 4. und 12. Dezember 2017;
IV-act. 79). Aus interdisziplinär massgeblicher psychiatrischer Sicht kamen die
Gutachter zum Ergebnis, aufgrund der Anamnese, Fremdanamnese, Vorgeschichte
und der aktuellen Exploration liege eine chronische mittelgradige Depression vor.
Neuropsychologisch hätten leichte bis mittelschwere kognitive Beeinträchtigungen in
den Bereichen Aufmerksamkeit, Gedächtnis und exekutive Funktionen objektiviert
werden können. Unter Berücksichtigung der Quantität und Qualität der
krankheitsbedingten Beeinträchtigungen auf der einen Seite und der kognitiven
Anforderungen bei der letzten Tätigkeit auf der anderen Seite schränkten diese unter
Berücksichtigung der übrigen, rein psychischen Symptome, die Arbeitsfähigkeit um
50 % ein. In einer leidensangepassten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit aufgrund
der verminderten psychomentalen Belastbarkeit und Ausdauer 70 %. Die Versicherte
sei in der Lage, körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten mit Heben und Tragen
von Lasten bis zu 15 kg ohne wesentliche Einschränkungen durchzuführen. Unter
Zugrundelegung einer umschriebenen Sensibilitätsstörung in der linken Hand könnten
allenfalls Tätigkeiten erschwert sein, bei denen bimanuell getastet werden bzw. der
Tastsinn unbedingt bimanuell intakt sein müsse. Ansonsten sei bei jeglicher neuen
Tätigkeit eine verlängerte Einarbeitungszeit zu berücksichtigen. Es bestünden ein
erhöhter Regenerationsbedarf und ein Mehraufwand in Vorbereitung und Planung.
A.l.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Multitasking könne nicht zugemutet werden. Einfache Routinetätigkeiten seien
vorzuziehen. Zeitdruck sollte vermieden werden (IV-act. 79-13 f.).
RAD-Arzt Dr. K._ nahm am 19. Januar 2018 Stellung, das Gutachten erfülle
formal und inhaltlich die Konventionen (IV-act. 80). Mit Vorbescheid vom 7. Februar
2018 gewährte die IV-Stelle der Versicherten das rechtliche Gehör zur vorgesehenen
Abweisung des Leistungsbegehrens (IV-act. 87). Hiergegen erhob die Versicherte,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. K. Glavas, am 16. Februar 2018 Einwand und
machte geltend, in Berücksichtigung der notwendigen Pausen, der verminderten
Arbeitgeberresonanz und des gestörten interaktionellen Konfliktverhaltens etc. sei
davon auszugehen, dass sie weiterhin mindestens zu 50 % eingeschränkt bleibe. Es
sei ihr daher rückwirkend und für die nächsten zwei Jahre eine halbe Rente zu
gewähren (IV-act. 91).
A.m.
Mit Verfügung vom 5. Juni 2018 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab. Die
im Einwand geltend gemachten Einschränkungen seien bereits bei der gutachterlichen
Festlegung der Arbeitsfähigkeit von 70 % in adaptierten Tätigkeiten hinreichend
berücksichtigt worden. Es bestehe Anspruch auf Arbeitsvermittlung. Dieser tangiere
(jedoch) den Rentenentscheid nicht (IV-act. 95).
A.n.
Mit Mitteilung vom 20. Juni 2018 sprach die IV-Stelle der Versicherten
Arbeitsvermittlung zu (IV-act. 103).
A.o.
Mit Beschwerde vom 6. Juli 2018 (Postaufgabe) beantragt A._ (im Folgenden:
Beschwerdeführerin), vertreten durch Rechtsanwalt MLaw M. Glavas, die Verfügung
vom 5. Juni 2018 sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen aufzuheben und es sei
ihr vorerst eine halbe Rente zu gewähren. Es sei in zwei Jahren eine Neuevaluation
vorgesehen. Sie habe ab dem 4. April 2014 bis zu diesem Zeitpunkt Anspruch auf eine
halbe Rente. Einerseits liege der definitive medizinische Zustand noch nicht vor,
andererseits seien die beruflichen Massnahmen nicht abgeschlossen. Die
Beschwerdegegnerin blende die Zeit bis zur Begutachtung gesetzeswidrig völlig und
grundlos aus. Dies sei umso weniger korrekt, als die medizinische Beurteilung nicht in
jeder Hinsicht überzeuge. Vor Eintritt der Rechtskraft der angefochtenen Verfügung sei
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abzuklären, ob die Sensibilitätsstörung der linken Hand die Ausübung von Tätigkeiten,
welche bimanuell auszuführen seien, erschwere. Auch die Diskrepanz zwischen der
gutachterlich attestierten Arbeitsfähigkeit von 50 % in der bisherigen Tätigkeit und von
70 % in adaptierten Tätigkeiten verlange, dass vorerst die beruflichen Massnahmen
abzuwarten seien. Es sei in sechs Monaten (ab Beschwerdeeinreichung) ein
medizinischer Bericht einzuholen. Die Beschwerdeführerin habe allfällige Abzüge
betreffend Teilarbeitsfähigkeit, eine allfällige Unfähigkeit, sich wieder einzugliedern,
einen erhöhten Pausenbedarf sowie ein gestörtes Konfliktverhalten nicht
mitberücksichtigt. Auch diese Faktoren seien weiter abzuklären (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 24. September 2018 beantragt die
Beschwerdegegnerin, die Beschwerde sei abzuweisen. Aus dem SMAB-Gutachten
vom 3. Januar 2018 gehe hervor, dass der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin stabil sei, was auch RAD-Arzt Dr. K._ in seiner Stellungnahme
vom 19. Januar 2018 festhalte. Sie sei nicht verpflichtet, die weiteren Entwicklungen
des Gesundheitszustandes abzuwarten und erst zu verfügen, wenn sich dieser
stabilisiert habe. Dass über die Rentenfrage erst befunden werden könne, wenn
vorgängig oder (mindestens) gleichzeitig über den Anspruch auf berufliche
Massnahmen entschieden würde, treffe nicht zu. Könne ein Rentenanspruch durch
noch vorzunehmende berufliche Eingliederungsmassnahmen nicht mehr beeinflusst
werden, weil etwa ein rentenbegründender Invaliditätsgrad nicht gegeben sei, könne
der Rentenentscheid unabhängig von allfälligen Eingliederungsmassnahmen gefällt
werden. Auf das SMAB-Gutachten vom 3. Januar 2018 sei abzustellen. Dass beim
Tätigkeitsprofil die Sensibilitätsstörung in der linken Hand erwähnt, jedoch nicht
berücksichtigt worden sei, begründe keinen Mangel am Gutachten. Die
Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin seien bereits in der
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung berücksichtigt worden. Eine darüber hinausgehende
Verminderung der Leistungsfähigkeit bestehe nicht. Ein reduzierter Beschäftigungsgrad
falle bei Frauen kaum ins Gewicht. Der Einkommensvergleich sei nicht zu beanstanden
(act. G 4).
B.b.
Mit Replik vom 19. Oktober 2018 bestreitet die Beschwerdeführerin, sich nicht
arbeitsfähig zu fühlen bzw. gefühlt zu haben. Weiter reicht sie ein Schreiben eines
Instruktionsrichters des Bundesverwaltungsgerichts an das Bundesamt für
B.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Sozialversicherungen (BSV) ein, woraus hervorgehe, dass seitens der Leitung der
SMAB AG Druck auf einen begutachtenden Arzt ausgeübt worden sei, sein Gutachten
in den Kernaussagen grundlegend und fundamental abzuändern (act. G 6.1). Auch in
ihrem Fall sei nicht korrekt vorgegangen worden. So habe der neuropsychologische
Gutachter geäussert, dass sie zumindest vorübergehend eine ganze Rente erhalten
werde. Die Begutachtung müsse wiederholt werden. Es werde die Evaluation
beantragt, in wie vielen Fällen die Gutachterstellen eine Arbeits- und
Erwerbsunfähigkeit in einem invalidisierenden Ausmass überhaupt bestätigt hätten. Vor
deren Abschluss dürfe den Obergutachtern das Gutachten nicht zur Verfügung gestellt
werden (act. G 6).
Die Beschwerdegegnerin verzichtet stillschweigend auf eine Duplik (act. G 7).B.d.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und
vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
1.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der
Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE
141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang andauernde und
erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
1.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Medizinische Grundlage der angefochtenen Verfügung vom 5. Juni 2018 bildet das
Gutachten der SMAB AG vom 3. Januar 2018 (IV-act. 79). Über dessen
Beweistauglichkeit ist vorab zu befinden.
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
1.5.
2.1.
Die Beschwerdeführerin macht unter Hinweis auf angebliche betrügerische
Machenschaften bei der SMAB AG geltend, es bestehe der begründete Verdacht, dass
die Gutachterstelle auch in ihrem Fall nicht korrekt gearbeitet habe. Der
neuropsychologische Gutachter habe der Beschwerdeführerin gegenüber in
Anwesenheit ihres Sohnes gesagt, dass sie mindestens vorübergehend ein ganze
Rente erhalten werde, was für eine unsaubere Arbeitsweise der Gutachterstelle auch in
ihrem Fall spreche (act. G 6-2).
2.1.1.
Vorliegend handelt es sich um ein polydisziplinäres Gutachten, das
entsprechend dem in Art. 72 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR
831.201) festgelegten Zufallsprinzip vergeben wurde (vgl. IV-act. 75). Damit ist gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung der Gefahr, dass eine konkrete Gutachterstelle
aus wirtschaftlichen Interessen (Erhalt einer grossen Zahl von Aufträgen) im Sinne der
beauftragenden IV-Stelle handeln könnte, ausreichend Rechnung getragen (BGE 137 V
239, E. 2.4.3 f. und S. 242, E. 3.1.1). Bei der SMAB AG handelt es sich um eine vom
2.1.2. bis
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
BSV anerkannte Gutachterstelle (Liste des BSV der polydisziplinären Gutachterstellen,
welche über einen Vertrag mit dem BSV nach Artikel 72 IVV verfügen, Stand: 1. Juni
2020; eingesehen unter https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialversicherungen/
iv/grundlagen-gesetze/organisation-iv/medizinische-gutachten-iv.html).
bis
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung vermögen etwa das blosse
Auftragsvolumen bei einem Gutachter oder einer Gutachterstelle bzw. der
regelmässige Beizug derselben (Urteile des Bundesgerichts vom 29. Januar 2019,
9C_704/2018, E. 5.1, vom 25. Oktober 2016, 8C_354/2016, E. 5 und 29. Mai 2015,
8C_467/2014, E. 4), kritische Äusserungen zu behandelnden Ärzten durch einen
Gutachter (Urteil des Bundesgerichts vom 19. August 2016, 9C_276/2016, E. 3.1.2 mit
Hinweis), eine frühere Tätigkeit des Gutachters beim RAD (Urteil des Bundesgerichts
vom 29. Juni 2016, 9C_257/2016, E. 4.2), ein durchgeführtes Strafverfahren gegen
einen Gutachter betreffend die Abgabe einer Gesamtbeurteilung ohne Rücksprache mit
einem Teilgutachter (Urteil des Bundesgerichts vom 23. April 2013, 9C_970/2012, E. 4)
oder eine starke Abweichung bei der Auswertung der Häufigkeitsverteilung von
attestierten Arbeitsunfähigkeitsgraden für sich allein genommen nicht objektiv den
Anschein von Befangenheit eines Gutachters oder einer Gutachterstelle zu wecken. Für
die Annahme des Vorliegens einer Befangenheit bedarf es weiterer, die konkrete
Begutachtung betreffende Umstände (Urteil des Bundesgerichts vom 20. April 2020,
9C_25/2020, E. 5.1.2.2).
2.1.3.
Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, es sei eine vergleichende
Untersuchung über die von einzelnen Gutachterstellen im Durchschnitt attestierten
Arbeitsfähigkeiten durchzuführen, anerkannte das Bundesgericht zwar ein
entsprechendes privates Interesse versicherter Personen an der Einsicht in die Daten
(BGE 144 I 170). Einen Anspruch auf Erstellung und Zurverfügungstellung einer solchen
Erhebung hat es aber hinsichtlich begutachtender Institutionen mit dem Hinweis
verneint, dass diese nicht befangen sein könnten. Hinsichtlich einzelner Gutachter
erwog es, dass die Aussagekraft einer allfälligen Tendenz, Arbeitsunfähigkeit eher
zurückhaltend oder grosszügig anzuerkennen, im einzelnen Leistungsverfahren zu
beurteilen sei. Im konkreten Fall verneinte es, dass die Kenntnis der vom betreffenden
Experten in anderen Fällen attestierten Arbeitsunfähigkeiten mangelnde
Ergebnisoffenheit zu belegen vermöge. Konkrete Anhaltspunkte, die auf einen
Befangenheitsanschein hindeuten könnten, seien ohnehin nicht vorgetragen worden
(Urteil vom 22. April 2020, 8C_25/2020, E. 5.1.2.2). Was die vorliegend geltend
gemachte Äusserung des neuropsychologischen Gutachters zum Anspruch auf eine
befristete Rente betrifft, ist nicht ersichtlich, inwiefern diese auf ein unkorrektes
2.1.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3. Nachfolgend ist das Gutachten inhaltlich zu prüfen.
Arbeiten Hinweise geben sollte. Zum einen ist die Aussage nicht belegt, zum anderen
betrifft sie die rechtliche Würdigung des Sachverhaltes, welche nicht dem Gutachter
obliegt, und die Beschwerdeführerin könnte hieraus auch gestützt auf den
Vertrauensschutz nichts zu ihren Gunsten ableiten. In medizinischer Hinsicht hat die
neuropsychologische Gutachtensperson - bei der es sich notabene um eine Frau
handelt - überdies eine ausführliche Beurteilung abgegeben und die Adaptionskriterien
für eine angepasste Tätigkeit festgelegt. Die genaue Arbeitsfähigkeitsschätzung werde
durch den psychiatrischen Gutachter erfolgen (vgl. IV-act 79-71 f.).
Somit besteht kein Grund, dem Gutachten oder einem Teil davon von Vornherein
wegen Befangenheit die Beweistauglichkeit abzusprechen. Es erfüllt auch die übrigen
von der Rechtsprechung festgelegten formellen Kriterien (vgl. E. 1.4 vorstehend).
2.2.
Die Beschwerdeführerin schilderte, primär leide sie unter Kopfschmerzen, die
täglich, meist abends, in unterschiedlicher Intensität aufträten, sowie unter einem
linksseitigen Tinnitus, besonders wenn es unter vielen Menschen laut sei. An zweiter
Stelle stünden Konzentrationsstörungen. Früher habe sie ohne Probleme ein Buch
gelesen, nun müsse sie etwas mehrfach lesen, um den Inhalt überhaupt zu verstehen.
Sie sei auch beim Lesen abgelenkt, müsse viel über ihre Gesundheit und ihre
Perspektive nachdenken. Sie habe auch das Gefühl, dass ihr Ehemann sie provoziere
und belüge. Sie sei immer traurig, nur die Kinder ihrer Schwester bereiteten ihr etwas
Freude. Sie sei vergesslich, ständig müde, habe keine Kraft, sei schnell nervös,
erschöpft, beginne dann auch zu zittern und habe Ein- und Durchschlafprobleme. In
der linken Hand (auch im Arm und an den Fingern) verspüre sie Kribbelempfindungen
bzw. ein Taubheitsgefühl. Schliesslich werde ihr beim Aufstehen vom Liegen oder beim
Hin- und Herbewegen des Kopfes schwindlig. Dies sei im normalen Alltag nicht
relevant (IV-act. 79-25, 33, 45, 54 f.). Aufgrund der Durchschlafstörungen stehe sie in
der Regel erst gegen Mittag auf und nehme das Mittagessen bei ihrer Schwester ein.
Danach lege sie sich wieder hin und gehe mit ihrer Schwester gegen 15.00 Uhr
spazieren, sofern es ihr möglich sei. Danach warte sie, bis ihre Söhne und der
Ehemann gegen 17.00 Uhr nach Hause kämen. Sie versuche, zwischendurch Romane
zu lesen, schaue nicht mehr fern und benutze keinen Computer. Sie fahre mit den Auto
beispielsweise zum Arzt. Im Sommer sei sie für zwei Wochen in Mazedonien gewesen
(IV-act. 79-25, 33, 45, 55, 68). Am letzten Arbeitsplatz hätten Müdigkeit, Kraftlosigkeit
und Konzentrationsstörungen zu Fehlern geführt. Sie habe sich nicht wohl gefühlt,
habe Probleme mit Arbeitskollegen gehabt, die immer wieder Fragen gestellt, sie
provoziert und teilweise schikaniert hätten, was (zusätzlich) Auswirkungen auf ihre
3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Konzentrationsfähigkeit gehabt und zu Fehlern geführt habe (IV-act. 79- 27, 57). Einen
Arbeitsversuch im Recycling habe sie 2016 nach zwei Wochen abbrechen müssen, da
sie überfordert gewesen sei (IV-act. 79-27, 57). Von der Rehabilitationsbehandlung in
der Klinik F._ habe sie nur kurzfristig profitiert und von den Behandlungen kaum
Linderung erfahren. Der Unfall bzw. die Erkrankung habe ihr Leben erheblich verändert
(IV-act. 79-33).
Der neurologische Gutachter diagnostizierte Spannungskopfschmerzen und eine
unklare Sensibilitätsstörung an Unterarm und Hand links (IV-act. 79-29). Er befand, die
früheren Diagnosen eines Sulcus-ulnaris-Syndroms und eines Karpaltunnelsyndroms
könnten nicht bestätigt werden (IV-act. 79-30). Bei dezidierter Untersuchung des
Berührungsempfindens an der Hand und am Arm beschreibe die Beschwerdeführerin
Ausfälle in einem Bereich, der keinem peripheren Nerv oder einer Nervenwurzel
eindeutig und ausreichend zugeordnet werden könne. Ähnliches gelte für die
beschriebenen intermittierend auftretenden Kribbelparästhesien vom Unterarm bis in
die Hand links. Letztendlich hätten aber die vorgetragenen Beschwerden keine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Allenfalls seien Tätigkeiten mit erforderlichem
intaktem bimanuellem Tastsinn beeinträchtigt (IV-act. 79-29). Hier waren schon die
früheren Beurteilungen uneinheitlich: Während Dr. C._ klinisch ein sensibles Sulcus-
ulnaris-Syndrom und elektrophysiologisch ein leichtgradiges rein sensibles
Karpaltunnelsyndrom feststellte (Bericht vom 3. Juni 2014, Fremdakten, act. 2-67 ff.),
fand einige Wochen später Dr. D._ klinisch keinen Anhalt für ein Sulcus-ulnaris- oder
Karpaltunnelsyndrom (Bericht vom 20. August 2014, Fremdakten, act. 2-8 ff.). Es ist
daher nachvollziehbar, dass der neurologische Gutachter keine sich auf die
Arbeitsfähigkeit auswirkende wesentliche Symptomatik annimmt. Er führte weiter aus,
die beschriebene Schwindelproblematik sei uneinheitlich. Hinweise auf eine
neurologische Genese lägen nicht vor (IV-act. 79-30). Dabei kann es sein Bewenden
haben, nachdem die Beschwerdeführerin selbst sich durch den Schwindel nicht
wesentlich eingeschränkt fühlt. In der letzten Tätigkeit (Montage) oder einer
Verweistätigkeit attestierte der neurologische Gutachter eine Arbeitsfähigkeit von
100 % (IV-act. 79-29). Auch retrospektiv habe aus rein klinisch-neurologischer Sicht zu
keinem Zeitpunkt eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der letzten Tätigkeit und in
einer Verweistätigkeit bestanden (IV-act. 79-30).
3.2.
Der orthopädische Gutachter erhob chronisch-rezidivierende Zervikozephalgien
mit freier Funktion der Halswirbelsäule und rezidivierenden Muskelspannungsstörungen
im Schulter-/Nackenbereich (IV-act. 79-37) und kam zum Schluss, die Arbeitsfähigkeit
in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Produktionsmitarbeiterin und in
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leidensangepasster Tätigkeit sei nicht eingeschränkt. Spätestens drei Wochen nach
dem Unfallereignis sei die Beschwerdeführerin (aus orthopädischer Sicht) wieder
arbeitsfähig gewesen (IV-act. 79-38).
Auch aus dem internistischen Fachgebiet konnten keine Gesundheitsschäden mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt werden (IV-act. 79-50 f.).
3.4.
Die Neuropsychologin kam zum Schluss, es bestünden aktuell leichte bis
mittelschwere kognitive Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses
und der exekutiven Funktionen. Diese seien qualitativ mit der beschriebenen
depressiven Symptomatik zu vereinbaren. Aufmerksamkeits-, Antriebs- und
Lerndefizite seien bei depressiven Störungen sehr typisch (IV-act. 79-71).
3.5.
3.6.
Der psychiatrische Gutachter diagnostizierte eine chronische mittelgradige
Depression (ICD-10: F32.2). Im psychiatrischen Befund seien eine depressive
Stimmungslage mit verminderter affektiver Resonanz, gestörtem interaktionellen
Kontaktverhalten (Zurückhaltung, kaum Blickkontakt) und Beeinträchtigungen in
Denken, Antrieb und Psychomotorik feststellbar. Darüber hinaus beschreibe die
Beschwerdeführerin ausgeprägte Schlafstörungen; Initiative, Freude und
Durchhaltefähigkeit hätten abgenommen (IV-act. 79-60). Dr. H._ hatte zusätzlich die
Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) gestellt und dazu
ausgeführt, diese habe im Februar 2015 erhärtet werden können. An Symptomen seien
Erinnerungslücken an Teile des Unfalls, Trigger (vor allem Geräusche), Hyperarousal,
erhöhte psychische Sensivität, kognitive Probleme, Reizbarkeit, Schlafstörungen und
somatische Symptome explorier- und beobachtbar gewesen. Die Beschwerdeführerin
erlebe sich gegenüber der Familie abgestumpft und fühle sich isoliert und
unverstanden (Arztbericht Dr. H._ vom 10. April 2016, IV-act. 53). Der psychiatrische
Gutachter nahm dazu Stellung, die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung sei überhaupt nicht nachvollziehbar. Weder das Unfallereignis noch
die spätere Symptomatologie (und der aktuelle Befund) liessen eine solche
diagnostische Annahme zu (IV-act. 79-63).
3.6.1.
Zur selben Ansicht war auch Dr. O._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, in seinen psychiatrischen Beurteilungen vom 16. November 2015
und vom 12. Dezember 2016 zuhanden der SUVA gelangt (Fremdakten, act. 7-14 ff.;
Fremdakten, act. 51). Die Diagnose beschreibt die Reaktion auf ein belastendes
Ereignis oder eine Situation aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen
3.6.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausmasses, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Als Beispiel
wird unter anderem ein schwerer Unfall erwähnt (vgl. H. Dilling/W. Mombour/
M.H. Schmidt, ICD-10, 10. Aufl., 2015, S. 207). Da beim Unfall vom 4. April 2014 keine
Personen schwer verletzt wurden und auch die Beschwerdeführerin selbst nicht
lebensbedrohlich verletzt war, ist von einem solchen Ereignis nicht auszugehen. Zudem
erhärtete sich die Diagnose erst im Februar 2015, mithin kurz vor Beendigung der
Behandlung bei Dr. H._ am 23. März 2015 (IV-act. 53).
Sodann verneinte der Gutachter das Vorliegen einer generalisierten Angststörung
(ICD-10: F41.1), wie sie Dr. J._ diagnostiziert hatte (Arztbericht vom 3. Juli 2015, IV-
act. 29). Diese könne jedenfalls zum aktuellen Zeitpunkt nicht bestätigt werden (IV-act.
79-63). Die Diagnose einer Angststörung wurde weder in der Klinik N._ gestellt
(Austrittsbericht vom 25. Juli 206, IV-act. 59) noch von Dr. O._ (Beurteilungen vom
16. November 2015 und vom 12. Dezember 2016 zuhanden der SUVA, Fremdakten,
act. 7-14 ff.; Fremdakten, act. 51) bestätigt. Der Gutachter erhob keine befundlichen
Hinweise für Phobien oder eine Panikstörung (IV-act. 79-59).
3.6.3.
Nicht ausdrücklich äusserte er sich zum Vorliegen der in der Klinik N._
erhobenen anhaltenden Schmerzstörung (ICD-10: F45.4; Austrittsbericht vom 25. Juli
2016, IV-act. 59). Er ordnete die Kopfschmerzen als psychosomatisches Korrelat der
Depression zu (IV-act. 79-60) und berücksichtigte, dass sich Depression und
Kopfschmerzen gegenseitig verstärkten (IV-act. 79-62). Dass er die Schmerzen in die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit mit einbezog, zeigt sich auch daran, dass er einerseits
eine mittelgradige Depression diagnostizierte, andererseits aber die psychischen
Befunde als schwer ausgeprägt bezeichnete (IV-act. 79-61). Ähnlich hatte zudem
Dr. O._ im Bericht vom 16. November 2015 festgehalten, die beschriebene
Symptomatik lasse eher an eine depressive Störung und eine Überlastung mit
somatoformen Symptomen denken. Diagnostisch stünden die depressiven Symptome
mit den Auswirkungen auf Affekt und Schmerzen im Vordergrund (Fremdakten,
act. 7-22).
3.6.4.
Der psychiatrische Gutachter erwähnte übereinstimmend, bei den von der
Beschwerdeführerin beschriebenen Konzentrationsstörungen handle es sich um eine
sogenannte depressive Pseudodemenz. Hierzu passten auch die neuropsychologisch
objektivierten kognitiven Beeinträchtigungen in den Bereichen Aufmerksamkeit,
Gedächtnis und exekutive Funktionen (IV-act. 79-60). Er stufte den Schweregrad der
neuropsychologischen Befunde nachvollziehbar als leicht bis mittelgradig ein (IV-
act. 79-61).
3.6.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der psychiatrische Gutachter bestimmte die Arbeitsfähigkeit anhand der
Indikatoren des strukturierten Beweisverfahrens: Er führte aus, durch die erhebliche
Einschränkung der psychomentalen Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit insgesamt,
aber auch durch die Abnahme von Antrieb und Durchhaltevermögen seien die pro
Zeiteinheit mögliche Leistungsfähigkeit und das Rendement eingeschränkt. Hinzu
kämen die neuropsychologischen Defizite. Die mit der bisherigen Tätigkeit verbundene
gleichzeitige Überwachung mehrerer Parameter wäre aufgrund der kognitiven
Beeinträchtigungen erheblich erschwert (IV-act. 79-60, 71). Die neuropsychologischen
Befunde seien als leicht bis mittelgradig, die psychischen Befunde als schwer
einzustufen. Sie führten zu einer erheblichen Einschränkung der Funktionsfähigkeit im
Alltag. Es finde seit wenigen Monaten nach dem Unfall eine psychiatrisch-
psychotherapeutische Behandlung statt. Unverständlich sei, dass die antidepressive
Medikation seit über zwei Jahren nicht verändert worden sei. Die medikamentösen
Therapieansätze seien nicht ausgeschöpft (IV-act. 79-61). Die Beschwerdeführerin
verfüge über gute Ressourcen in den Komplexen Realitätsprüfung, Urteilsbildung,
Beziehungsfähigkeit, Kontaktgestaltung und Interaktionskompetenz. Die
Selbstwertregulation, Regressionsfähigkeit und Intentionalität seien herabgesetzt. Der
Antrieb sei reduziert. Sie sei aber durchaus in der Lage, Willenskräfte zu mobilisieren.
Ein krankhaft bedingter Rückzug aus sozialen Bereichen liege teilweise vor. Das
unmittelbare soziale Umfeld sei intakt. Es bestehe eine familiäre Unterstützung, die als
interpersonelle Ressource gelte. Das Aktivitätsniveau sei in allen vergleichbaren
Lebensbereichen gleichmässig eingeschränkt. Eine Diskrepanz zwischen den
Bereichen Haushalt, Freizeitgestaltung, Benutzung von Verkehrsmitteln und Führungs-
und Kontrollfunktionen sei insofern nicht feststellbar (IV-act. 79-62). Flexibilität und
Urteilsfähigkeit, Planung und Strukturierung von Aufgaben,
Selbstbehauptungsfähigkeit, Fähigkeit zu Spontanaktivitäten und die
Durchhaltefähigkeit seien mittelgradig, die Kontaktfähigkeit zu Dritten leicht und die
Anpassung an Regeln und Routinen, die Anwendung fachlicher Kompetenzen, die
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, die Gruppenfähigkeit, die Verkehrsfähigkeit, die
Fähigkeit zu familiären bzw. intimen Beziehungen und die Selbstpflege seien nicht
beeinträchtigt. Bei der arbeitsbezogenen Leistungsfähigkeit lägen darüber hinaus
Einschränkungen in den Bereichen Sicherheit, Arbeitsleistung (Leistungs- und
Zeitkomponente), Lebensqualität (mangelnde Erholung und Partizipation bei
Erschöpfung), nicht jedoch in den Bereichen Gesundheit und soziales
Interaktionsverhalten vor (IV-act. 79-63).
3.7.
Zur Arbeitsfähigkeit hielt der psychiatrische Gutachter fest, die psychischen und
neuropsychologischen Einschränkungen begründeten unter Berücksichtigung der
3.8.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anderen intakten psychischen und kognitiven Funktionen in der in dieser Hinsicht
anforderungsreichen bisherigen Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 50 %.
Zusammenfassend bestehe ein erhöhter Regenerationsbedarf und ein Mehraufwand
bei Vorbereitung und Planung. Multitasking könne nicht zugemutet werden. Einfache
Routinetätigkeiten seien vorzuziehen. Es sollte Zeitdruck vermieden werden und sei
eine verlängerte Einarbeitungszeit zu berücksichtigen (IV-act. 79-63). In einer
Verweistätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit hingegen 70 %. Die verminderte
psychomentale Belastbarkeit und Ausdauer blieben auch hier relevant, unter
Berücksichtigung des Leistungsprofils würden aber die anderen die Leistungsfähigkeit
einschränkenden Komponenten wegfallen (IV-act. 79-14, 61). Daraus erhellt, dass die
psychiatrischen und neuropsychologischen Einschränkungen in der geschätzten
Arbeitsfähigkeit von 70 % vollumfänglich berücksichtigt sind.
3.9.
Zum Verlauf legte der psychiatrische Gutachter dar, in Annahme der Entwicklung
einer mittelgradigen Depression im baldigen Verlauf nach dem Unfall (Juni 2014) dürfte
die Arbeitsfähigkeit bis Oktober 2014 in einer Grössenordnung von 70 % gelegen
haben. Zu diesem Zeitpunkt habe sich die Depression in einer Remissionsphase
befunden. Spätestens ab Februar 2015 habe eine mittelgradige Depression vorgelegen.
Auch wenn diese im Verlauf Schwankungen unterworfen gewesen sei, sei im
Längsschnitt von wenigen Änderungen der Funktionsfähigkeit auszugehen, so dass die
Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit seit dieser Zeit bis anhaltend bei 50 %
anzusiedeln sei. Es sei davon auszugehen, dass es durch die Chronifizierung zu einer
quantitativen und qualitativen Zunahme der depressiogenen kognitiven und
psychischen Symptome gekommen sei, sodass die Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit anders als in der ersten Zeit nach dem Unfall zu beurteilen seien. In
einer leidensadaptierten Tätigkeit sei entsprechend diesem Verlauf von Juni bis
Oktober 2014 von einer 80%igen, von Oktober 2014 bis Februar 2015 von einer
100%igen und seit Februar 2015 von einer 70%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-
act. 79-64).
3.9.1.
Dr. J._ attestierte ab 1. Juli 2015 eine Arbeitsfähigkeit von 50 % (Besprechung
SUVA vom 28. April 2015, Fremdakten, act. 7-91 ff.). Aufgrund einer Zunahme der
depressiven Symptomatik erhöhte er die Arbeitsunfähigkeit ab 27. Januar 2016 auf
100 % (Berichte vom 11. April 2016, Fremdakten, act. 13, und vom 13. Juni 2016, IV-
act. 56). Ab Mai 2016 berichtete er von einer erheblichen Verschlechterung des
Gesundheitszustandes (Verlaufsbericht vom 16. März 2017, IV-act. 67). Der stationäre
3.9.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Aufenthalt in der Klinik N._ führte zu keiner Verbesserung der Konzentrations-,
Merkfähigkeits- und Gedächtnisstörungen und im affektiven Bereich zu einer leichten
Verbesserung der Vitalgefühle, der inneren Unruhe, der Insuffizienzgefühle und der
Antriebshemmung bei nach wie vor vorhandener Deprimiertheit, Hoffnungslosigkeit,
Affektstarre, Gereiztheit, Gefühlslosigkeit und einem ausgeprägten sozialen Rückzug
(Austrittsbericht vom 25. Juli 2016, IV-act. 59, ergänzende Stellungnahmen zuhanden
der SUVA vom 4. August 2016, Fremdakten, act. 36-3 ff.). Dr. J._ hielt gegenüber der
SUVA am 19. Oktober 2016 fest, die bislang attestierte Arbeitsunfähigkeit von 100 %
sei aus "psychosomatischer Sicht" erfolgt. Aus rein psychiatrischer Sicht sei die
Beschwerdeführerin höchstens 50 % arbeitsunfähig (Fremdakten, act. 47;
Verlaufsbericht vom 16. März 2017, IV-act. 67). Diese Angabe bezieht sich auf die
bisherige Tätigkeit (IV-act. 67-3, Ziff. 1.2). Geht man davon aus, dass Dr. J._ die von
psychosozialen Belastungsfaktoren herrührenden und rein subjektiven Beschwerden
ausklammert, stimmt seine Einschätzung mit derjenigen des psychiatrischen
Gutachters überein. Dabei handelt es sich um den Gesundheitszustand nach der
berichteten Verschlechterung im Mai 2016. Damit ist nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass im Verlauf aus psychiatrischer Sicht vor
der Begutachtung eine höhere Arbeitsunfähigkeit bestanden hat. Dem Gutachter ist
somit zu folgen, dass die 70%ige Arbeitsfähigkeit ab Februar 2015 bestanden hat.
Zusammenfassend berücksichtigt das Gutachten die geklagten Beschwerden,
die vorhandenen medizinischen Akten, beruht auf üblicher Befundaufnahme und ist
schlüssig und nachvollziehbar und die massgeblichen Indikatoren des strukturierten
Beweisverfahrens werden erörtert. Auf die getroffene Arbeitsfähigkeitsschätzung ist für
die Beurteilung des Rentenanspruches abzustellen.
3.10.
Die Beschwerdeführerin war ab dem 4. April 2014 zu 100 % beziehungsweise
50 % arbeitsunfähig (Fremdakten, act. 3-2 ff.; Unfallschein UVG, Fremdakten,
act. 2-54). Die Anmeldung zum Leistungsbezug erfolgte am 16. Dezember 2014. Ein
allfälliger Rentenanspruch besteht somit ab 1. Juni 2015 (Art. 28 Abs. 1 lit. b und
Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG). Gemäss den Gutachtern ist interdisziplinär führend aus
psychiatrischer Sicht seit dem 1. Februar 2015 von einer 70%igen Arbeitsfähigkeit für
adaptierte Tätigkeiten auszugehen.
4.1.
Die ehemalige Arbeitgeberin gab für die Beschwerdeführerin ab 1. Januar 2014 ein
Einkommen von 13 x Fr. 4'450.-- = Fr. 57'850.-- an (Angaben vom 21. Januar 2015, IV-
act. 19-3). Die Beschwerdegegnerin ging von diesem Betrag als Valideneinkommen
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aus. Hinzu kommt eine Gratifikation von Fr. 1'500.-- (IV-act. 19-4). Unter deren
Berücksichtigung beläuft sich das Valideneinkommen auf Fr. 59'350.--. Wird das
Valideneinkommen aufgrund des durchschnittlichen Jahreseinkommens der Jahre
2010 bis 2014 (Auszug aus dem individuellen Konto [IK], IV-act. 10) berechnet, ergibt
sich kein höherer Betrag (2010: Fr. 49'894.-- : 2579 x 2673 = Fr. 51'713.--; 2011:
Fr. 59'240.-- : 2604 x 2673 = Fr. 60'810.--; 2012: Fr. 53'321 : 2630 x 2673 =
Fr. 54'193.--; 2013: Fr. 58'820.-- : 2648 x 2673.-- = Fr. 59'375.--; Durchschnitt
Fr. 57'088.--).
Das Invalideneinkommen bemisst sich nach dem Durchschnittseinkommen
gemäss Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik (BFS),
Kompetenzniveau 1, Frauen, welches für das Jahr 2014 Fr. 53'793.-- beträgt.
Entsprechend der Arbeitsfähigkeit von 70 % beläuft sich das Invalideneinkommen ohne
Tabellenlohnabzug auf Fr. 37'655.--.
4.3.
Nach ständiger Rechtsprechung können gesundheitliche Einschränkungen, die
bereits in der Beurteilung des medizinischen Zumutbarkeitsprofils enthalten sind, nicht
zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten Abzuges einfliessen und so zu einer
doppelten Anrechnung desselben Gesichtspunktes führen (Urteile 8C_805/2016 vom
22. März 2017 E. 3.1; 8C_536/2014 vom 20. Januar 2015 E. 4.3; je mit Hinweisen).
Dabei rechtfertigt der Umstand, dass eine grundsätzlich vollzeitlich arbeitsfähige
versicherte Person gesundheitlich bedingt lediglich reduziert leistungsfähig ist, an sich
keinen Abzug vom Tabellenlohn (Urteil 8C_536/2014 vom 20. Januar 2015 E. 4.3;
9C_728/2009 vom 21. September 2010 E. 4.3.2, in: SVR 2011 IV Nr. 31 S. 90 mit
Hinweisen). Bestehen jedoch über das ärztlich beschriebene Beschäftigungspensum
hinaus zusätzliche Einschränkungen, wie beispielsweise ein vermindertes Rendement
pro Zeiteinheit wegen verlangsamter Arbeitsweise oder ein Bedarf nach
ausserordentlichen Pausen oder ist die funktionelle Einschränkung ihrer besonderen
Natur nach nicht ohne weiteres mit den Anforderungen vereinbar, wie sie sich aus den
gewöhnlichen betrieblichen Abläufen ergeben, kann dies bei der Bemessung des
leidensbedingten Abzugs vom statistischen Tabellenlohn berücksichtigt werden (Urteil
des Bundesgerichts vom 18. Januar 2018, 8C_552/2017, E. 5.3.1).
4.4.
Soweit die Beschwerdeführerin einen Teilzeitabzug geltend macht, ist ein
Minderverdienst anhand der Statistik nicht ausgewiesen (vgl. BFS, T18, Monatlicher
Bruttolohn [Zentralwert] nach Beschäftigungsgrad, beruflicher Stellung und Geschlecht,
2014). Auch sind in der Arbeitsfähigkeitsschätzung von 70 % sämtliche Auswirkungen
des psychischen Gesundheitsschadens berücksichtigt (vgl. E. 2.6). Aus somatischer
Sicht verbleibt die Einschränkung für Tätigkeiten, die einen bimanuell intakten Tastsinn
4.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, über den Rentenanspruch hätte erst bei
Vorliegen eines stabilen medizinischen Zustandes und nach oder zusammen mit dem
Entscheid über berufliche Massnahmen entschieden werden dürfen.
erfordern. Deren Anteil im Spektrum der für die Beschwerdeführerin in Frage
kommenden Tätigkeiten dürfte sehr klein sein, so dass diese in der
Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht berücksichtigte Einschränkung keinen
Tabellenlohnabzug rechtfertigt. Mithin besteht keine Grundlage für einen
Tabellenlohnabzug. Bei einem Valideneinkommen von Fr. 59'350.-- und einem
Invalideneinkommen von Fr. 37'655.-- resultiert ein Invaliditätsgrad von 36,6 %
([Fr. 59'350.-- - Fr. 37'655.--] : 59'350.--). Die Beschwerdeführerin hat somit keinen
Rentenanspruch.
Der Kreisarzt der SUVA kam am 26. November 2015 zum Schluss, aus organisch-
orthopädischer Warte sei von einem erreichten stabilen Zustand auszugehen
(Fremdakten, act. 7-30). Namentlich im Hinblick auf die Symptomatik in Arm und Hand
links ist aufgrund der Akten nicht von einer Veränderung auszugehen und sind die
Beschwerden ausreichend abgeklärt. Den psychischen Zustand betreffend hielt RAD-
Arzt Dr. K._ am 19. Januar 2018 fest, dass (aus psychiatrischer Sicht) im
Längsschnitt von einem stabilen Gesundheitszustand auszugehen sei (IV-act. 80). Der
Gesundheitszustand war somit im Begutachtungs- und Verfügungszeitpunkt stabil.
5.1.
Nachdem der Einkommensvergleich keinen rentenbegründenden Invaliditätsgrad
ergibt, war es gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts zum einen ohnehin
zulässig, zuerst über das Rentenbegehren und erst danach über allfällige weitere beruf
lichen Massnahmen zu entscheiden (Urteile vom 14. April 2003, I 99/02, E. 4.2; vom
20. Mai 2015, 8C_187/2015, E. 3.2.1). Zum anderen hat die Beschwerdegegnerin vor
der Prüfung des Rentenanspruches bereits Arbeitsvermittlung durchgeführt und einen
weiteren Anspruch mangels Vorliegens der subjektiven Eingliederungsfähigkeit am 14.
Januar 2016 abgewiesen (vgl. Assessmentprotokolle vom 14. August 2015, 29.
September 2015 und 5. Januar 2016, IV-act. 36, 40 und 43, sowie Feststellungsblatt
berufliche Massnahmen vom 14. Januar 2016 sowie Mitteilung vom 14. Januar 2016,
IV-act. 47). Sollte zu einem späteren Zeitpunkt eine Verschlechterung des
Gesundheitszustands eintreten oder insbesondere die Symptomatik am Ellbogen und
der Hand stärker und objektivierbar werden, wäre bei entsprechender Dokumentierung
auch eine stärkere Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit glaubhaft, so dass sich für
eine allfällige spätere Wiederanmeldung für die Beschwerdeführerin kein Nachteil
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.