Decision ID: 72383752-e489-5748-ac35-1d315a6e5cf7
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1958,
ist
diplomierte
Hundecoiffeuse
und übte bis
im Jahr 200
2
diverse Tätigkeiten aus
(
vgl.
Urk.
8/69
).
Dazwischen bezog sie ver
schiedentlich Arbeitslosenentschädigung (vgl.
Urk.
8/
102
).
Am 2
7.
September
2005
meldete
sie sich
erstmals zum Leistungsbezug bei der
Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
an (
Urk.
8/2).
Diese
gab
insbesondere
ein
internistisches, rheumatologisches und psychiatrisches
Gutachten in Auftrag
, das am 2
4.
Juli 2007 vom
Z._
erstattet
wurde (
Urk.
8/25).
Mit
Verfügung vom 22.
Januar 20
0
8 verneinte die IV-Stelle mangels eines invalidisierenden Gesundheitsschadens einen Anspruch der Versicherten auf berufliche Massnahmen sowie einen Rentenanspruch (
Urk.
8/29).
1.2
Am 2
0.
April 2010 meldete sich die Versicherte wegen Schmerzen und Bewe
gungseinschränkungen von der Wirbelsäule bis zu den Knien erneut zum Leis
tungsbezug bei der IV-Stelle an (
Urk.
8/33).
Diese legte
den
neu eingereichten
Arztbericht
(
Urk.
8/37) dem
Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD)
zur Stellung
nahme vor (
Urk.
8/38/2 f.)
und kündigte
der Versicherten
hernach
mit Vorbe
scheid vom
6.
Sept
ember 2010 an, nicht auf ihr Leistungsbegehren einzutreten
(
Urk.
8/40).
Aufgrund ihres Einwands
(
Urk.
8/45)
holte
d
ie
IV-Stelle einen weite
ren Arztbericht ein (
Urk.
8/48) und
liess
die Versicherte am 2
6.
Juli 2011 von
der RAD-Ärztin
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychothe
rapie
,
untersuchen (
Urk.
8/51).
In der Folge nahm
sie
die
berufliche Eingliederung
der Versicherten
an
die Hand (
Urk.
8/56)
. Die
Arbeitsdiagnostik in der
B._
im März 2012
wurde
nach wenigen Tagen
vorzeitig beendet (
Urk.
8/
61 und 8/63
)
; ein Arbeitstraining kam nicht zustande
(
vgl.
Urk.
8/68).
Am 1
5.
August 2012 schloss die IV-Stelle die Arbeitsvermittlung
mangels subjektiver Eingliederungsfähigkeit
ab (
Urk.
8/67)
.
Anschliessend
setzte sie
der Versicherten Frist an, um eine gesundheitliche Ver
schlechterung zu belegen
– verbunden
mit
d
er Androhung,
andernfalls
nicht auf ihr
Rentenbegehren
einzutreten (
Urk.
8/70-71). Zu den
neuen Arztberichten
(
Urk.
8/72-73) nahm der RAD-Arzt
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Allgemeinmedi
zin, am 2
1.
November 2012 Stellung (
Urk.
8/75/6). Gleichentags erliess die IV-Stelle einen neuen Vorbescheid, mit
d
em sie der Versicherten
die
Abweisung ihres Leistungsbegehrens
in Aussicht stellte
(
Urk.
8/77)
.
Zu
deren
Einwand
(
Urk.
8/81)
holte die IV-Stelle
am 16.
Januar 2013
eine Stellungnahme vo
n
RAD-Arzt
D._
, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
, ein
(Urk. 8/83/2).
Schliess
lich verneinte die IV-
Stelle m
it
Verfügung vom 2
4.
Januar 2013
erneut
einen Rentenanspruch
der Versicherten
bei einem Invaliditätsgrad von 20
%
(
Urk.
8/84).
Die von der Versicherten dagegen erhobene Beschwerde
wies das So
zialversicherungsgericht des Kantons Zürich m
it Urteil IV.2013.00200 vom 30.
Juni 2014 ab (
Urk.
8/94).
1.3
Mit Formular vom 1
3.
Juni 2017 meldete sich die Versicherte
–
unter Beilage eines neuen Arztberichts (
Urk.
8/95)
– wiederum
zum Leistungsbezug
bei der IV-Stelle
an (
Urk.
8/97). Diese holte einen aktuellen Auszug aus dem in
dividuellen Konto (IK;
Urk.
8/102) sowie
einen
weiteren
Arztbericht
(
Urk.
8/105
) ein, bevor sie
ihr
am 1
5.
August 2017
mitteilte, dass keine
Eingliederungsmassnahmen
möglich seien
(
Urk.
8/106).
Danach klärte sie den medizinischen Sachverhalt wei
ter ab
(
Urk.
8/108 und 8/110-111)
und forderte verschiedentlich zusätzliche An
gaben und Bilddokumente an
(
Urk.
8/11
2
-
1
21
).
Sämtliche
Unterlagen legte
sie
dem RAD-Arzt med.
pract
.
E._
, Facharzt für Neurologie, zur Stellungnahme vor (
Urk.
8/122).
Wie im
Vorbescheidverfahren
angekündigt (
Urk.
8/123)
ver
neinte
die IV-Stelle
letztlich
mit Verfügung vom 1
6.
Oktober 2018 abermals einen Rentenanspruch der Versicherten (
Urk.
2).
2.
Dagegen
erhob die Versicherte am 1
6.
November 2018 Beschwerde (
Urk.
1) mit dem Antrag, es sei ihr mit Wirkung ab
1.
Dezember 2017 eine ganze Invaliden
rente zuzusprechen; eventualiter sei die Sache zwecks ergänzender medizinischer Abklärungen an die IV-Stelle zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte
sie
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (
Urk.
1 S. 2).
Mit Eingabe vom 2
0.
Dezember 2018 (
Urk.
5) reichte die Versicherte einen
neuen
Arztbericht (
Urk.
6) ein. In der Beschwerdeantwort vom
3.
Januar 2019 schloss die IV-Stelle auf Ab
weisung der Beschwerde (
Urk.
7) und verzichtete mit Schreiben vom 1
7.
Januar 2019
a
uf eine Stellungnahme zu den nachgereichten Unterlagen (
Urk.
10).
Diese Eingaben wurden der Versicherten mit Verfügung vom 2
2.
Januar 2019 zur Kenntnisnahme zugestellt (
Urk.
11).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Unter welchen rechtlichen Voraussetzungen
ein
Anspruch auf eine Invalidenrente
entsteht
und welche zusätzlichen
Aspekte im Rahmen einer Neuanmeldung nach
vorgängiger
rechtskräftiger Verneinung eines
Leistungsanspruchs zu berücksich
tigen sind, wurde bereits im Urteil des Sozialversicherungsgerichts IV.2013.00200 vom 3
0.
Juni 2014 E. 1 erläutert
(vgl.
Urk.
8/94/3 ff.)
.
Es kann darauf verwiesen werden
.
Indessen hat das Bundesgericht
inzwischen s
eine
spezifische
R
echtspre
chung
zu
primäre
n
Abhängigkeitssyndromen beziehungsweise S
ubstanzkonsum
störungen, wie sie im soeben erwähnten Urteil des Sozialversicherungsgerichts in E. 5.2.2 erörtert wurde (vgl.
Urk.
8/94/12),
geändert
, worauf nachfolgend näher einzugehen ist.
1.2
Mit
BGE 145 V 215
hat
das Bundesgericht vor dem Hintergrund
der Rechtspre
chung zur Ausdehnung des strukturierten Beweisverfahrens gemäss
BGE 141
V 281 auf sämtliche psychischen Störungen (BGE 143 V 409 und 418) und
nach vertiefter Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Medizin die
bisherige Rechtsprechung, wonach primäre Abhängigkeitssyndrome
beziehungsweise
Sub
stanzkonsumstörungen zum vornherein keine invalidenversicherungsrechtlich
relevanten Gesundheitsschäden darstellen können und ihre funktionellen
Aus
wirkungen deshalb keiner näheren Abklärung bedürfen, fallen gelassen (E.
5.3.3).
Es hat entschieden, dass fortan - gleich wie bei allen anderen
psychischen Er
krankungen - nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln
sei, ob und gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes
Abhängigkeits
syndrom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten
Person auswirke. Dabei
könne
und
müsse
im Rahmen des strukturierten
Beweisverfahrens insbe
sondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten
Einzelfall Rechnung getragen werden (E. 6.3). Diesem komme nicht zuletzt
deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängigkeitserkrankungen - wie auch bei anderen
psychischen Störungen - oft eine Gemengelage aus krankheitswertiger Störung
sowie psychosozialen und soziokulturellen Faktoren vorliege. Letztere seien
auch bei Abhängigkeitserkran
kungen auszuklammern, wenn sie direkt negative
funkt
ionelle Folgen zeitigen würden
(Urteil des Bundesgerichts 8C_245/2019 vom 1
6.
September 2019 E. 4)
.
1.3
Im Zusammenhang mit dieser neuen Rechtsprechung hat das Bundesgericht in seinem Urteil 9C_309/2019 vom
7.
November 2019 E. 4.3.1 daran erinnert
, dass ein Rentenanspruch entstehen kann, wenn die versicherte Person nach Ablauf der
einjährigen Wartezeit (
Art.
28
Abs.
1
lit
. c
des
Bundesgesetz
es
über die Invali
denversicherung; I
VG)
nicht oder noch nicht eingliederungsfähig ist (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 8C_787/2014 vom 5.
Februar 2015 E. 3.2 mit zahlreichen Hinweisen
), wobei
insbesondere die grundsätzliche Behandelbarkeit einer Ge
sundheitsbeeinträchtigung in der Invalidenversicherung einen Anspruch nicht per se ausschliesst
(
vgl. BGE 143 V 409 E. 4.4 sowie grundlegend BGE 127 V 294 E. 4
).
1.4
Im Übrigen ist die neue Rechtsprechung auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 8C_245/2019 vom 1
6.
September 2019 E. 5 mit Hinweis). Hingegen
stellt
diese
für sich allein keinen Neuanmeldungs-
beziehungsweise Revisionsgrund dar.
Grund für eine Neuanmeldung - bei der die Revisionsregeln analog anwendbar sind (
Art.
17
des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
;
ATSG)
BGE 134 V 131 E. 3; BGE 117 V 198 E. 3a) -
ist
allemal eine Änderung der tatsächlichen Verhältnisse (BGE 141 V 9 E. 2.3
; BGE 130 V 343 E.
3.5
; vgl. hierzu insbesondere BGE 141 V 585 E. 5 und Urteil des Bundesgerichts 8C_541/2019 vom 2
3.
Dezember 2019 E. 5).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog im angefochtenen Entscheid, die gesundheitliche Verschlechterung seit der letzten rentenablehnenden Verfügung im Jahr 2008 sei auf das Suchtverhalten der Beschwerdeführerin zurückzuführen, weshalb kein Rentenanspruch bestehe (
Urk.
2).
Dazu verwies sie in der Beschwerdeantwort auf die Stellungnahme des RAD vom
8.
August 2018 (
Urk.
7).
2.2
Die Beschwerdeführerin hielt indessen dafür, Vergleichsbasis bilde die gerichtlich bestätigte Ver
fügung vom 2
4.
Januar 201
3.
Ihr
Such
t
verhalten habe inzwischen zu invalidisierenden
, irreversiblen
Folgeerkranku
ngen geführt
, die spätestens
seit
Dezember 2016 dokumentiert seien
.
Obschon sie derzeit betreut wohne und abs
tinent sei, bestehe die mindestens mittelgradige kognitive Störung fort. Gemäss den behandelnden
Ärzten
bestünden
eine sekundäre Hirnschädigung und ein ei
g
enständiges depressives Leiden
; ferner seien
ein
Korsakow
-Syndrom, eine leichte Demenz
, eine Polyneuropathie sowie eine Multiple Sklerose weiter abzu
klären, was bisher aus zeitlichen Gründen nicht möglich gewesen sei
. Die Be
schwerdegegnerin habe
weder beim
Arzt ihres Wohnheims
noch bei ihrem Thera
peuten einen Verlaufsbericht
eingeholt.
Aus
all
diesen Gründen könne nicht auf die Stellungnahme
des RAD abgestellt werden, der im Übrigen
am
1
5.
Mai 2018 zunächst
selbst
eine andauernde kognitive
Störung bestätigt habe
(
Urk.
1).
3.
Nach Eingang einer Neuanmeldung ist die Verwaltung zunächst zur Prüfung ver
pflichtet, ob die Vorbringen der versicherten Person überhaupt glaubhaft sind; verneint sie dies, so erledigt sie das Gesuch ohne weitere Abklärungen durch Nichteintreten. Dabei wird sie unter anderem zu berücksichtigen haben, ob die frühere Verfügung nur kurze oder schon längere Zeit zurückliegt, und dement
sprechend an die Glaubhaftmachung höhere oder weniger hohe Anforderungen stellen. Insofern steht ihr ein gewisser Beurteilungsspielraum zu, den das Gericht grundsätzlich zu respektieren hat. Daher hat das Gericht die Behandlung der
Ein
tretensfrage
durch die Verwaltung nur zu überprüfen, wenn das Eintreten streitig ist, das heisst wenn die Verwaltung gestützt auf
Art.
87
Abs.
3 der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
Nichteintreten beschlossen hat und die ver
sicherte Person deswegen Beschwerde führt; hingegen unterbleibt eine richterli
che Beurteilung der
Eintretensfrage
, wenn die Verwaltung – wie vorliegend – auf die Neuanmeldung eingetreten ist (BGE 109 V 108 E. 2b mit Hinweisen; vgl. auch BGE 130 V 64 E. 5.2, 71 E. 2.2 mit Hinweisen)
und nach umfangreichen Abklä
rungen (vgl. Sachverhalt E. 1.3) einen materiellen Entscheid gefällt hat.
4
.
4
.1
Zeitlicher Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen im Sinne eines materiellen Revisionsgrundes nach
Art.
17 ATSG bildet die letzte (der versicherten Person eröffnete) rechtskräf
tige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunkten für eine Änderung in den er
werblichen Auswirkungen des Gesundheitszustands) beruht; vorbehalten bleibt die Rechtsprechung zur Wiedererwägung und zur prozessualen Revision (BGE 133 V 108 E. 5.4)
.
Dabei braucht es sich nicht um eine formelle Verfügung (Art. 49 ATSG) zu handeln, so dass gegebenenfalls zu vergleichender Ausgangs
sachverhalt auch
derjenige
sein
kann
, der einer blosse
n
Mitteilung (
Art.
51 ATSG) gestützt auf Art. 74
ter
lit
. f IVV zugrunde lag (
vgl.
Urteil des Bundesgerichts 9C_599/2016 vom 29. März 2017 E. 3.1.2
mit Hinweis).
4.2
Vergleichsbasis bildet vorliegend somit der Sachverhalt
,
wie er
der
Verfügung
vom 2
4.
Januar 2013 zugrunde lag
(
Urk.
8/84). Daran ändert nichts, dass das So
zialversicherungsgericht die gegen jenen Entscheid erhobene Beschwerde mit Ur
teil IV.2013.00200 vom 3
0.
Juni 2014 mit der Begründung abwies, es fehle an einer anspruchsbeeinflussenden Veränderung der tatsächlichen Verhältnisse seit der rechtskräftigen Rentenablehnung vom 2
2.
Januar 2008 (vgl.
Urk.
8/94/13).
Das Gericht stützte sich damals auf die Beurteilung der RAD-Ärztin
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie (vgl.
Urk.
8/94/10 ff.), die nach eigener Untersuchung vom 2
6.
Juli 2011 (vgl.
Urk.
8/51) schlussfolgerte, aus versicherungsmedizinischer Sicht sei die funktionelle Leistungsfähigkeit auf
grund der in Anlehnung an den Mini-ICF-P festgestellten Beeinträchtigungen (vgl. dazu
Urk.
8/51/6 f.), der verminderten Konzentrationsfähigkeit, des vermin
derten Antriebes und der insgesamt verminderten emotionalen Belastbarkeit, auch infolge der Such
t
problematik (vgl.
Urk.
8/51/9: Rückfall bei Belastungssitu
ation mit erneutem Alkoholkonsum abends ohne wesentliche kognitive Ausfälle), leichtgradig eingeschränkt. Die Beschwerdeführerin benötige vermehrte Pausen und Erholungszeit, um aufkommende ängstliche Anspannungen und Überforde
rungsgefühle zu übe
rwinden. Es könne von einer 20%i
gen Verminderung der Ar
beitsfähigkeit wie auch im Haushaltsbereich ausgegangen werden. Bei Beruhi
gung der psychosozialen Belastungsfaktoren sei mit einer Verbesserung und Sta
bilisierung der Sy
mptomatik zu rechnen (vgl. Urk.
8/
51/10). Nach eigenen Anga
ben in der Untersuchung bewältigte die Beschwerdeführerin ihren Haushalt da
mals selbständig, kümmerte sich ausreichend um ihre Hunde, zeigte verschiedene Interessen und pflegte auch wenige soziale Kontakte (vgl.
Urk.
8/51/2-3).
5.
5.1
Gemäss den neuen Unterlagen war die
Beschwerdeführerin
inzwischen
vom
3.
bis 2
1.
April 2017 im
F._
hospitalisiert. Gemäss dem Austrittsbericht vom 2
3.
April 2017 stürzte sie am Eintrittstag, wobei sie sich eine Schulterkontusion link
s
zuzog und einen tonisch-klonischen Krampfanfall erlitt. Im Spital wurden zunächst eine schwere Elektrolytentgleisung mit
Hyponatriämie
(mit vorüberge
hender Verwirrtheit und
Hyperreflexie
) und
Hypokal
i
ämie
sowie eine
makro
zytäre
Anämie festgestellt. Hinzu kamen im Laufe des Aufenthalts die Diagnosen Benzodiazepin-
A
bhängigkeitssyndrom und koronare
Eingefässerkrankung
mit einem
anterioren
Nicht-ST-Hebungsinfarkt
(99
%
-RIVA-Stenose).
Neben dem be
kannten Alkoholabhängigkeitssyndrom (aktueller Bierkonsum gemäss Spitex 5 bis 6 Liter pro
Tag) sowie einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, beide mit unklarer Erstdiagnose,
wurde zudem
ein Status nach traumatischer,
antero
-inferiorer Schulterluxation links im Dezember 2016 mit inkompletter
Radialis
- und
Axillarisparese
sowie nicht dislozierter Abrissfraktur des
Tuberculum
majus
mit Hills-Sachs-Impressionsfraktur konstatiert. Ebenfalls mit Erstdiagnose im Jahr 2016 genannt wurden eine Fettleber, der Verdacht auf eine periphere Poly
neuropathie sowie eine chronische obstruktive Lungenerkrankung (COPD) Gold II.
Schliesslich
wurde aufgrund der persönlichen Anamnese eine kongenitale kog
nitive Minderbegabung festgehalten (vgl.
Urk.
8/108/7 f.).
Das
psychiatrische
Konsil
ergab, dass
die Situation
zuhause
zu jenem Zeitpunkt
schwierig war
. Die Beschwerdeführerin trinke vermehrt und sei zunehmend ver
wahrlost. Die Hunde müssten immer wieder in tierärztliche Behandlung. Die Spi
te
x komme zweimal täglich vorbei
(
Urk.
8/108/9).
Die Ärzte
sahen
die
Suchtprob
lematik im Vordergrund stehend,
weshalb sie im Hinblick auf eine geordnete Ta
gesstruktur eine Anbindung der Beschwerdeführerin
zweimal wöchentlich halb
tags ambulant an das
G._
planten und mit ihr einen Termin beim Hausarzt vereinbart
en
,
um einen allfälligen Einsatz von
Antabus
zu besprechen (vgl.
Urk.
8/108/10).
Wie dem
ergänzend ausgefüllten Formularbericht
zu entnehmen ist
,
erwarteten die Ärzte
damals
a
ufgrund der so
matischen Beschwerden keine relevante Einschränkung
in
der Tätigkeit als
Hun
decoiffeuse
.
Nähere
Angaben zur Arbeitsfähigkeit
waren ihnen indessen nicht möglich
. Allerdings gingen sie davon aus, ei
ne psychiatrische Betreuung und Entzugstherapie
würde
sich
wahrscheinlich positiv auf
die Arbeitsfähigkeit
aus
wirken (vgl.
Urk.
8/108/3 f.).
5.
2
Am 2
2.
August 2017 wurde die Beschwerdeführerin
aufgrund des Verdachts
auf eine
Infektexazerbation
der COPD
–
bei verwahrlostem Zustand und psychischer Belastung
–
erneut
notfallmässig
ins
F._
eingewiesen
. Im Austrittsbericht zur zweitägigen
Hospitalisation
wurde abgesehen von
einer
symptomatischen Harnwegsinfektion neu eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert und auf eine Exazerbation des Bierkonsums mit 6 bis 7 Litern pro Tag bei psychischer Belastungssituation im August 2017 hingewiesen. Anstelle einer kongenitalen kognitiven Minderbegabung wurden kognitive Defizite mit unklarer Erstdiag
nose, am ehesten im Rahmen des chronischen Alkohol- und
Benzodiazepinab
u
s
us
festgehalten (vgl.
Urk.
8/11
1
/7).
Zur damaligen Situation wurde notiert, die Beschwerdeführerin könne aufgrund ihrer Atembeschwerden und des chronischen Alkoholabusus nicht mehr aus dem Haus gehen und den Haushalt nicht mehr verrichten. Vor zwei Wochen seien ihr die Hunde
weggenommen worden. Seither trinke sie vermehrt Alkohol und habe schon länger keine psychiatrische Betreuung mehr beansprucht. Die Spitex richte täglich die Medikamente und komme einmal pro Woche, um die Wohnung zu putzen sowie für die Körperhygiene (vgl.
Urk.
8/111/7 f.). Aufgrund der rezidi
vierend auftretenden psychischen Dekompensationen und der daraus resultieren
den häuslichen Verwahrlosung, die sich trotz ambulanter Betreuung durch den Psychiater und tägliche
r
Spitex-Besuche im Laufe der Zeit progredient ver
schlechtert habe, sei bereits vor Spitaleintritt ein Gesuch an die Kindes- und Er
wachsenenschutzbehörde (KESB) gestellt worden. Eine betreute Wohnform lehne die Beschwerdeführerin ab. Seitens der Spitex sei eine Weiterbetreuung in der aktuellen Situation nicht tragbar. Da ein Austritt nach Hause wenig realistisch erscheine, habe man sich für eine fürsorgerische Unterbringung in der
G._
entschieden (
vgl.
Urk.
8/1
1
1/10).
Zur Arbeitsfähigkeit konnten die Ärzte im
beigelegten
Formularbericht erneut keine Angaben machen, erwogen aber
erneut
eine Steigerung derselben durch eine psychiatrische Betreuung und beurteilten die Beschwerdeführerin als mög
licherweise genügend belastbar für Eingliederungsmassnahmen von zwei Stun
den pro Tag. Die Motivation der Beschwerdeführerin
stuften
sie allerdings als gering
ein
(vgl.
Urk.
8/111/4).
5.
3
Die fürsorgerische Unterbringung
in der
G._
dauerte vom
2
3.
August
bis
zum
2
7.
Oktober 201
7.
Im
gleichentags
verfassten
Austrittsbericht wurden
eine leichte depressive Episode (ICD-10: F32.0) sowie
psychische und Verhaltensstörung
en durch Alkohol sowie Sedativa
/Hy
pnotika, je mit Abhängig
keitssyndrom (ICD-10: F10.2 und F13.2) und Restzustand (ICD-10: F10.7 und F13.7), diagnostiziert
(vgl.
Urk.
8/121/1).
E
ine genauere
ätiologisch-pathogeneti
sche
Einordnung der bestehenden mittelschweren kognitiven Störung
sei
ange
sichts
des
Testprofils
,
der Multimorbidität
und
der Polypharmazie
schwierig
. Die Bildgebung zeige ein unauffälliges
Neurokranium
und liefere keine Hinweise auf strukturelle oder Volumenveränderungen.
Einen ätiologischen Erklärungswert besässen sehr wahrscheinlich hauptsächlich die langjährige Alkohol- und
Ben
zodiazepin
abhängigkeit
sowie mögliche unerwünschte Medikamentennebenwir
kungen. Ob eine dementielle Entwicklung im Gange sei, werde sich erst im wei
teren Verlauf eruieren lassen (vgl.
Urk.
8/121/
4)
. An anderer Stelle wurde
erörtert
, dass
sich
im MRI des
Neurokraniums
eine parietal betonte Atrophie zeige. Die Läsionen würden aufgrund der Morphologie und der Verteilung an eine aktive
demyelinisierende
Erkrankung denken lassen, möglicherweise
im Rahmen einer Multiplen Sklerose. Eine andere
Autoimmunerkrankung sei nicht auszuschliessen (vgl.
Urk.
8/121/3).
Zum Ausschluss empfehle man
eine Lumbalpunktion (vgl.
Urk.
8/121/6). Möglich sei auch, dass die Läsionen durch die in der Kindheit statt
gehabte Enzephalitis verursacht worden seien (vgl.
Urk.
8/121/5).
Zum Verlauf wurde au
s
geführt
, w
ährend des Aufenthalts sei es zu keinem Rück
fall in den Alkoholkonsum gekommen und der Entzug mit maximal 10 mg
Lo
razepam
habe sich unauffällig gestaltet. Letzteres sei bis zum Austritt langsam auf 1 mg reduziert worden. Aufgrund der Schlafstörungen habe man
Pipamperon
initiiert, bei leichter depressiver Symptomatik jedoch auf 30 mg
Mirtazapin
um
gestellt. In der Ergotherapie habe man die Beschwerdeführerin zu Beginn moti
vieren müssen. Sie habe kognitive Einschränkungen gezeigt, sei im Verlauf aber freundlich gewesen und habe regelmässig und mit Ausdauer teilgenommen. In der neuropsychologischen Untersuchung habe sich eine mittelgradige kognitive Störung gezeigt, wodurch die Funktionsfähigkeit im Alltag deutlich einge
schränkt sei.
Von (gegenüber der Spitex geäusserten) Suizidgedanken habe sie sich während des Aufenthalts glaubhaft distanziert, sei im Affekt aber teilweise
dysphorisch
gereizt gewesen.
Die misstrauische,
dysphorische
Stimmungslage sei im Verlauf zurückgegangen
und sie ha
be sich freundlicher und angepasster im Kontakt gezeigt.
Insgesamt habe sich d
ie Beschwerdeführerin für eine stationäre Entwöhnungs
therapie motiviert
, aber durchwegs ambivalent
gezeigt. Auf eine Wohnheimplat
zierung habe sie sich zunächst – eingeengt auf den Verlust ihrer Hunde - nicht einlassen können. Eine stationäre Langzeittherapie in der
I._
habe sie trotz Vorgespräch abgelehnt. Wegen der häuslichen Verwahrlosung bei fehlender Krankheitseinsicht und wegen der Selbstgefährdung bei Nichteinnahme lebens
notwendiger Medikamente habe man
daher
eine Verlängerung der fürsorgeri
schen Unterbringung beantragt. Diese habe man aufgehoben, als
die Beschwer
deführerin
a
m 2
7.
Oktober 2017
doch noch
ins
J._
übergetreten sei (vgl.
Urk.
8/121/4 f.).
5.
4
Im Übrigen wurde die Beschwerdeführerin im ersten Halbjahr 2017 ambulant von
Dr.
med. univ.
K._
, Facharzt für Psychiatrie
und Psychotherapie, behandelt. Zwischen dem 1
8.
Januar und 2
7.
Juni 2017 fanden sowohl Konsultationen in der Praxis als auch Hausbesuche statt (vgl.
Urk.
8/110/5 f.).
Im Bericht, eingereicht im Juni 2017, diagnostizierte
Dr.
K._
einen schädli
chen Gebrauch von Alkohol sowie eine
Benzodiazepinabhängigkeit
(vgl.
Urk.
8/95/1). Die Beschwerdeführerin sei ihm durch den Hausarzt zugewiesen worden
, nachdem ein
im
Dezember 2016
–
nach einer Schulterluxation
–
im Krank
en
haus erfolgte
r
Alkoholentzug nicht
von Erfolg gekrönt gewesen sei
. Die Beschwerdeführerin habe unter 8 mg
Temesta
immer noch regelmässig bis zu 3 Liter Bier getrunken. Die Spitex sei vom Hausarzt im August 2016 installiert wor
den und besuche die Beschwerdeführerin inzwischen regelmässig zur Medika
menten- und Lebensmittelabgabe.
Diese
könne nicht mehr kochen oder ihre Fi
nanzen selbst regeln. Die Etablierung eines verhaltenstherapeutischen Programms zur Verbesserung der Lebensqualität mit dem Ziel einer Karenz von Alkohol und
Temesta
sei an der Motivation und abnehmenden kognitiven Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin gescheitert. Zweimal habe diese eine tagesklinische Be
handlung nach Schnupperbesuchen abgelehnt. Nach dem tonisch-klonischen An
fall im April 2017 hätten ihre kognitiven Leistungen erneut deutlich abgenom
men; sie habe ihn nicht wiedererkannt. Die Prognose bezüglich Abstinenz und Intervention
smöglichkeiten
sei schlecht. Er empfehle ein Alters- und Pflegeheim, wo er sie
aufsuchen
könne und der Alkoholkonsum kontrolliert werde. Die Be
schwerdeführerin sei arbeitsunfähig, woran medizinische Massnahmen nichts än
dern würden (vgl.
Urk.
8/95/2 f.).
Im Bericht vom
8.
März 2017 [richtig: 2018]
gab
Dr.
K._
an
, das Zustands
bild
habe sich
nach
seinem
Besuch
vom
2
5.
Januar 2017 in der unordentlichen, aber insgesamt sauberen
Wohnung leicht gebessert
.
Der Alkoholkonsum
sei aber nur leicht reduziert worden, eine
Tagesstruktur
habe man nicht etablieren können
. Im Anschluss an den Spitalaufenthalt im April 2017 sei es zu einem massiven kognitiven Abbau gekommen, weshalb die Spitex eine Gefährdungs
meldung gemacht habe.
Gemäss
E-Mail
derselben
vom
7.
Juni 2017
verweigere
die Beschwerdeführerin
teilweise
die Unterstützung bei der Körperpflege,
dem
Aufräumen und der H
auswirtschaft. Das Medikamenten
management sei mit zwei Einsätzen täglich fast nicht mehr durchführbar. Jede Woche müssten
liegenge
bliebene
Medikamente entsorgt werden. Die Beschwerdeführerin scheine die Mit
tags- und Nachtmedikamente nicht selbständig einnehmen zu können und benö
tige Hilfe bei der Mundspülung, dem Nasenspray und der Inhalation. Die Hunde würden ihr Geschäft in der Wohnung verrichten, der kleinere
der beiden
habe
zudem
massiv abgenommen. Die Schlafzimmerschränke seien gefüllt mit vollen und leeren Bierdosen. Der Konsum werde auf mindestens 6 bis 8 Liter pro Tag geschätzt. Die Beschwerdeführerin sei nicht mehr in der Lage, ihrer
Beiständin
die Rechnungen zu bringen. Sie vergesse schnell und könne sich immer weniger an terminliche Absprachen oder Zeiten halten (vgl.
Urk.
8/110/5 f.).
Die Be
schwerdeführerin, so
Dr.
K._
weiter,
sei seit dem ersten
Kontakt nie arbeits
fähig gewesen und werde
es auch nicht mehr
. Sie sei nicht mehr belastbar. Es bestünden insbesondere massive kognitive Defizite, ein depressives Zustandsbild sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Neben den Suchterkran
kungen diagnostizierte er neu eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.11; vgl.
Urk.
8/110/4 ff.).
Im
Bericht vom 2
9.
Mai 2018 wies
Dr.
K._
vorweg
darauf hin
, dass er die Beschwerdeführerin
seit dem 2
7.
Juni 2017 nicht mehr
gesehen habe, was
die verlangten
ergänzende
n
Einschätzungen erschwere. Aufgrund des langjährigen Alkoholkonsums und anderer Diagnosen könne von einer sekundären Hirnschä
digung ausgegangen werden. Verhaltenstherapeutisch im Vordergrund gestanden habe jedoch die Entzugsbehandlung. Allerdings habe er sich zusammen mit dem Hausarzt, dem Sozialdienst, der Spitex und dem Krankenhaus der Realität stellen müssen, dass
der Entzug
sehr schleppend vorangeschritten sei, die Kognition nach dem Krampfanfall indessen so abgebaut habe, dass ein Alleinleben die Beschwer
deführerin gefährdet hätte (
Urk.
8/113).
5.5
Der RAD-Arzt med.
pract
.
E._
beurteilte die Situation anhand der
vorstehen
den
Berichte, einschliesslich der Bildbefunde des Schädels und der neuropsycho
logischen Diagnostik, in der von der Beschwerdegegnerin als massgeblich erach
teten Stellungnahme vom
8.
August 2018 wie folgt: Eine Folgeerkrankung des langjährigen Alkohol- und
Sedativagebrauchs
im Sinne einer Hirnatrophie, eines
Korsakow
-Syndroms respektive einer Demenz könne «gegenwärtig» nicht diag
nostiziert werden. Die kognitiven Störungen und die Verhaltensstörungen seien auf den Übergebrauch von Alkohol zurückzuführen. Eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes gegenüber dem Jahr 2008 im Sinne eines neu hinzugetre
tenen invalidenversicherungsrechtlich relevanten Gesundheitsschadens respek
tive einer Folgeerkrankung des langjährigen Alkohol- und
Sedativagebrauchs
sei nicht ausgewiesen. Es handle sich nach wie vor um ein primäres Suchtgeschehen, das jedoch über die Zeit hinweg einen tragischen Verlauf genommen habe, so dass eine vermehrte Abhängigkeit von Fremdhilfe entstanden sei. Vor dem Hin
tergrund dieses Gesundheitszustandes sei eine Arbeitsfähigkeit nicht gegeben. Der Anspruch auf Leistu
ngen der Invalidenversicherung
vor dem Hintergrund eines primären Suchtgeschehens sei administrativ zu entscheiden (vgl.
Urk.
8/122/6).
5.6
Im Gerichtsverfahren reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht von
Dr.
med.
L._
,
Facharzt für Allgemeine Medizin
, vom 2
3.
November 2018 nach, den sie zwischen dem 1
8.
Dezember 2017 und 3
0.
Oktober 2018 sechsmal konsultiert hatte.
Er übernahm die Diagnosen aus den Berichten den
F._
und wies im Befund auf eine deutliche Aufmerksamkeits-, Auffassungs- und Konzentrati
onsstörung sowie eine formalgedankliche Verlangsamung hin. Eine Ich-Störung bestehe nicht. Im Affekt sei die Beschwerdeführerin niedergeschlagen, teilweise gereizt und ihre emotionale Schwingungsfähigkeit deutlich reduziert. Aus soma
tischer Sicht bestehe eine generealisierte Schmerzsymptomatik. Kardiopulmonal sei
sie
reduziert bei ausgeprägter COPD mit entsprechender Dyspnoe. Angesichts der schweren psychiatrischen und somatischen Diagnosen sowie ihrem Alter Rechnung tragend, sei gegenwärtig und sicher
auch
während der nächsten Jahre keine Arbeitsfähigkeit mehr gewährleistet, schon gar nicht im ersten Arbeits
markt. Wie er von der
J._
vernommen habe, werde die Beschwerdeführerin sozusagen auf den Pensionierten-Status gesetzt und mache lediglich einfache H
ilfsarbeiten, was mit Sicherheit ihrem Profil entspreche. Die Suchtproblematik sei unter der engmaschigen Betreuung gut kontrolliert. Nach de
n
ihm vorliegenden Angaben werde seit dem 2
3.
August 2018 kein Alkohol mehr
konsumiert
(vgl.
Urk.
6).
6.
6.
1
Dem RAD-Arzt ist in dem Sinne beizupflichten, als eine langjährige, nach einem anerkannten Klassifikationssystem fachärztlich schlüssig diagnostizierte Abhän
gigkeitserkrankung nicht von der Hand zu weisen ist.
Zudem ist durch die in
Erwägung 5 zitierten Berichte hinreichend belegt, dass sich der Gesundheitszu
stand der Beschwerdeführerin zwischen Dezember 2016 und Oktober 2017 mas
s
-
geblich
verschlechterte. So organisierte der Hausarzt im August 2016 zunächst eine
Spitexbetreuung
und ab Januar 2017 einen Psychiater, der die Beschwerde
führerin im Rahmen von Hausbesuchen ambulant behandelte. Dennoch verwahr
loste diese zusehends und es stellten sich Komplikationen wie Stürze, eine schwere Elektrolytentgleisung, ein Krampfanfall, eine
Benzodiazepinabhängig
keit
und ein massgeblicher kognitiver Abbau ein. Schliesslich wurde die Be
schwerdeführerin im August 2017 fürsorgerisch untergebracht. Aus dieser Unter
bringung wurde sie erst entlassen, als sie Ende Oktober 2017 freiwillig in ein betreutes Wohnen übertrat.
6.
2
Es fehlen indessen – bei im Juni 2017 erfolgter Neuanmeldung – verlässliche Angaben zum Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ab November 201
7.
Die Beschwerdegegnerin holte keinen einzigen
Bericht einer Arzt- oder Be
treuungsperson
ein
, welche die Beschwerdeführerin nach dem 2
7.
Oktober 2017 behandelte respektive
betreute. Dies obschon die mittelgradige kognitive Störung unmittelbar nach dem komplikationslosen Alkoholentzug mit auch massiver Re
duktion von
Temesta
im Rahmen der fürsorgerischen Unterbringung noch fort
bestand
, deren Ätiologie und damit
weitere Entwicklung nicht restlos geklärt wa
ren
(vgl. E. 5.3)
,
und
obschon
bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung immerhin ein Jahr verstrich.
Dabei postulierte
Dr.
K._
eine dauerhafte volle Arbeitsunfähigkeit seit Be
ginn seiner Behandlung (vgl. E. 5.
4
), während die Ärzte des
F._
– ohne einen Zeitrahmen zu nennen – eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit bei adäquater Behandlung als wahrscheinlich und eine genügende Belastbarkeit für Eingliede
rungsmassnahmen als möglicherweise gegeben erachteten (vgl. E. 5.
2
). Der
RAD
-Arzt wiederum attestierte der Beschwerdeführerin am
8.
August 2018 eine volle Arbeitsunfähigkeit aufgrund eines primären Suchtgeschehens (vgl. E. 6.1), wäh
rend diese selbst in der Beschwerde geltend machte, sie sei abstinent und wohne betreut im
J._
, doch die kognitiven Defizite persistierten (vgl.
Urk.
1 S. 4).
Der von ihr nachgereichte Arztbericht
stamm
t von einem Allgemeinmedi
ziner.
Er
beschrieb zwar
in der Tat
relevante kognitive Defizite, attestierte ihr aber mitunter
aufgrund der somatischen Diagnosen und
in Anbetracht ihres
Alters
(
von
damals
60 Jahren
)
eine
volle
Arbeits
unfähigkeit. Zudem ergibt sich aus
sei
nem
Bericht
implizit ein zwischenzeitlich erneute
r Alkoholkonsum, während nichts auf eine Fortsetzung der psychiatrischen Behandlung hindeutet.
Zudem
wird die Beschwerdeführerin im Wohnheim offenbar für leichte Hilfstätigkeiten eingesetzt
(vgl. E. 5.6)
.
Der Bericht deutet einen Zustand an, der bezüglich Be
handlungsintensität, Aktivitätsniveau und Motivation letztlich ähnlich
demjeni
gen bei
der letzten Rentenprüfung sein könnte.
6.
3
Zusammenfassend erfolgte die Beurteilung des medizinischen Sachverhalts im angefochtenen Entscheid
somit
im Lichte der bisherigen Rechtsprechung zur in
validisierenden Wirkung einer reinen Suchterkrankung. Der medizinische Sach
verhalt wurde daher nur für einen sehr kurzen Zeitraum näher abgeklärt. Dieser ist gekennzeichnet durch eine rasante Verschlechterung des Suchtgeschehens mit dem Verlust von Alltagskompetenzen und einer starke
n Intensivierung der Be
handlung und
Unterstützung, die unter der geänderten Rechtsprechung nach BGE 145 V 215 beachtlich sein kann. Die
bisherigen Abklärungen erlauben
jedoch
– bei auch unterschiedlichen
, teil
weise
eindeutig
zu
wohlwollenden
Prognosen
–
k
eine zuverlässigen Aussagen
zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit für den gesamten Beurteilungszeitraum
der Verfügung.
Zudem fehlt es an einer vertieften Auseinandersetzung ärztlicherseits mit den gemäss BGE 141 V 281 massgeblichen Aspekten. Eine ergebnisoffene Prüfung fand
bisher
nicht statt. Dazu gehört insbesondere die Beantwortung der Frage, inwiefern
nach wie vor
auszuklammernde invaliditätsfremde Faktoren einerseits und suchtbedingte Einschränkungen mit insoweit konsistentem Verhalten ande
rerseits vorliegen. Einzuordnen gilt es etwa die aktuell wie auch in den
Vorakten
(vgl. etwa
Urk.
8/68/7) festgestellte fehlende Motivation für einen beruflichen Wiedereinstieg oder eine adäquate Behandlung wie auch die soweit ersichtlich belastende, aber für die Beschwerdeführerin dennoch unvermeidbare Fremdplat
zierung der Hunde.
Aufgrund der
nun weggefallen
en
Unterscheidung zw
ischen primärer und sekundärer
Sucht sind
zudem
auch
das möglicherweise ressourcen
mobilisierende neu
e
Umfeld zu würdigen und
eine allfällige ressourcenhemmende Wirkung der früher festgestellten und im Rahmen des aktuellen Geschehens ver
nachlässigten
vulnerable
n
Persönlichkeit respektive emotional instabilen Persön
lichkeitszüge
näher zu beleuchten
(vgl. etwa
Urk.
8/51/9 oben; vgl. dazu auch Urteil des Bundesgerichts 9C_618/2019 vom 1
6.
März 2020 E. 8.2.1.3.2)
.
7.
Der
angefochtene Entscheid
ist
deshalb
aufzuheben und die Sache - dem Even
tualantrag der Beschwerdeführerin entsprechend
–
gestützt auf
§
26
Abs.
1 des
Gesetz
es
über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
)
an die Beschwerdegegne
rin zurückzuweisen, damit diese
– gegebenenfalls nach Ergänzung der Unterlagen – ein psychiatrisches Gutachten
nach Massgabe von BGE 145 V 215 und BGE 141 V 281
veranlasse und anschliessend erneut über den Rentenanspruch ver
füge.
Im Übrigen wurde in BGE 145 V 215 festgehalten, dass auch bei Vorliegen eines Abhängigkeitssyndroms die S
chadenminderungspflicht (Art. 7
IVG
) zur Anwen
dung komme, so dass von der versicherten Person etwa die aktive Teilnahme an zumutbaren medizinischen Behandlungen verlangt werden könne (
Art.
7
Abs.
2
lit
. d IVG). Komme sie den ihr auferlegten Schadenminderungspflichten nicht nach, sondern erhalte willentlich den krankhaften Zustand aufrecht, sei nach
Art.
7b
Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
21
Abs.
4
ATSG
eine Verweigerung oder Kürzung der Leistungen möglich (E. 5.3.1; zum Ganzen: Urteil des Bundes
gerichts 8C_245/2019 vom 1
6.
September 2019 E. 4).
Der Gutachter wird sich demnach
gegebenenfalls
mit der Frage auseinanderzusetzen haben, ob die Auf
erlegung einer Schadenminderungspflicht gebot
en
und zumutbar ist.
8.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2). Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versi
cherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
600.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden B
eschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Prozessführung
(
Urk.
1
S. 2)
erweist sich
damit
als gegenstandslos.