Decision ID: 260787cf-cb37-556b-85d7-8631063f0290
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin verliess Äthiopien gemäss eigenen Angaben
im Juni 2015. Am 12. August 2015 wurde sie bei der Einreise in die Schweiz
vom Grenzwachkorps aufgegriffen und nach ihren Personalien befragt. Da-
bei gab die Beschwerdeführerin an, sie heisse B._, sei am
(...) geboren und eritreische Staatsangehörige. Am gleichen Tag suchte die
Beschwerdeführerin um Asyl nach. Dabei gab sie auf dem von ihr selbstän-
dig ausgefüllten Personalienblatt an, ihr Name sei A._, am (...) ge-
boren und eritreische Staatsangehörige.
A.b Aufgrund von Zweifeln an der geltend gemachten Minderjährigkeit
führte Dr. med. C._ im Auftrag der Vorinstanz am 17. August 2015
eine Handknochenanalyse bei der Beschwerdeführerin durch. Die Unter-
suchung ergab ein Knochenalter von 19 Jahren oder mehr.
B.
Am 19. August 2015 fand die Befragung zur Person (BzP) statt.
Dabei gab die Beschwerdeführerin an, sie sei am (...) geboren und eritrei-
sche Staatsangehörige. Auf Nachfrage erklärte sie, sie sei (...)-jährig, mit-
hin im Jahr (...) geboren. Weiter führte sie aus, sie habe nie in Eritrea ge-
lebt. Sie sei in Äthiopien aufgewachsen. Ihre Eltern seien Eritreer und hät-
ten sich getrennt als sie (...) Jahre alt gewesen sei. Sie wisse nicht, aus
welcher Region in Eritrea ihre Eltern stammen würden. Ihre Mutter sei von
Äthiopien nach Eritrea zurückgekehrt. Wann wisse sie nicht. (...) Ge-
schwister würden ebenfalls in Eritrea leben. Ihr Vater lebe in D._,
Äthiopien, und habe sie einmal besucht. Sie habe seit (...) Jahren keinen
Kontakt mit ihm. Nach der Rückkehr ihrer Mutter nach Eritrea sei sie bei
einer Pflegemutter in D._ aufgewachsen. Sie wisse nicht, wie alt sie
gewesen sei, als sie zur Pflegemutter gebracht worden sei. Die Schule
habe sie bis zur (...) Klasse besucht. Danach habe sie ihrer Pflegemutter
in deren (...) helfen müssen. Sie wisse nicht, wie viele Jahre sie nach dem
Schulabbruch noch in Äthiopien gelebt habe.
In Ungarn hätten sie die Behörden aufgegriffen. Sie habe gesagt, dass sie
kein Asylgesuch stellen wolle. Sie könne sich nicht erinnern, ob ihr die Fin-
gerabrücke abgenommen worden seien. Sie habe überall auf der Reise
falsche Namen angegeben. An den Namen, welchen sie in Ungarn abge-
geben habe, könne sie sich nicht mehr erinnern. Bei der Einreise in die
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Schweiz habe sie ebenfalls einen falschen Namen und ein falsches Ge-
burtsdatum angegeben.
Im Rahmen der BzP gewährte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin das
rechtliche Gehör zum Ergebnis der Knochenaltersanalyse und zu einer
Wegweisung nach Ungarn. Die Beschwerdeführerin hielt daran fest,
(...) Jahre alt zu sein. Nach Ungarn wolle sie nicht zurückkehren. Die Vor-
instanz teilte der Beschwerdeführerin mit, dass für das weitere Verfahren
von deren Volljährigkeit ausgegangen und demnach als Geburtsdatum der
(...) erfasst werde.
C.
Am 7. Oktober 2015 reichte die Beschwerdeführerin bei den kantonalen
Behörden einen Impfausweis, ein Dokument eines Spitals und einen Tauf-
schein – alles jeweils in Kopie – ein.
D.
Mit Verfügung vom 28. Oktober 2015 trat die Vorinstanz auf das Asylge-
such der Beschwerdeführerin nicht ein und wies sie nach Ungarn weg.
E.
Im April 2017 reichten die Beschwerdeführerin und ihr als Flüchtling aner-
kannter Partner, E._ ([...]), eritreischer Staatsangehöriger, ein Ge-
such um Eheschliessung beim Zivilstandsamt F._ ein. Dieses Ge-
such wurde später zurückgezogen.
F.
Mit Urteil E-7420/2015 vom 20. Juli 2017 hiess das Bundesverwaltungsge-
richt die gegen die Verfügung vom 28. Oktober 2015 erhobene Be-
schwerde gut und wies die Sache an die Vorinstanz zurück.
G.
Mit Schreiben vom 13. September 2017 informierte die Vorinstanz die Be-
schwerdeführerin über die Beendigung des Dublin-Verfahrens und die
Durchführung des nationalen Verfahrens.
H.
Die Vorinstanz hörte die Beschwerdeführerin am 7. Februar 2018 einläss-
lich zu ihren Asylgründen an.
Dabei führte die Beschwerdeführerin aus, ihre Pflegemutter habe sie nicht
zur Schule gehen lassen, ihr zu wenig zu essen gegeben und es sei ihr
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verboten worden, Kontakt mit ihren leiblichen Eltern aufzunehmen. Sie
habe im (...) der Pflegemutter arbeiten müssen. Diese habe ihr lediglich
(...) gekauft; einen Lohn habe sie nicht erhalten. Ihr (...) habe sie mehrfach
sexuell belästigt und Geschlechtsverkehr mit ihr haben wollen. Sie habe
mit einer Tante in G._ Kontakt aufgenommen und ihre Probleme
geschildert. Diese habe ihr geraten, das Land zu verlassen. Im Juni 2015
sei sie aus Äthiopien ausgereist.
I.
Mit Verfügung vom 13. März 2018 verneinte die Vorinstanz die Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Den zustän-
digen Kanton beauftragte sie mit dem Vollzug der Wegweisung.
J.
Mit Eingabe vom 10. April 2018 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, die Verfügung der Vor-
instanz sei aufzuheben, die Sache sei zur vollständigen Erhebung des
Sachverhalts und insbesondere zur Durchführung einer Botschaftsabklä-
rung in Äthiopien an das SEM zurückzuweisen. Prozessual sei ihr die un-
entgeltliche Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses, und die amtliche Verbeiständung zu gewähren.
Als Beweismittel gab die Beschwerdeführerin diverse Ausdrucke aus
«GoogleMaps», eine Auskunft der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH)
zum Thema «Äthiopien: Rückkehr einer jungen, alleinstehenden Frau»
vom 13. Oktober 2009, einen Schreiben des Kantonsspitals H._
vom 11. April 2017 betreffend einen stationären Aufenthalt ab dem 19. April
2017, ein Schreiben des Zivilstandsamts F._ vom 11. August 2017
betreffend Ehevorbereitung, eine Kopie der Aufenthaltsbewilligung ihres
Partners, eine Fürsorgebestätigung, eine Kostennote und diverse Fotos zu
den Akten.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 16. April 2018 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie
amtlichen Verbeiständung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung
ein.
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L.
In der Vernehmlassung vom 26. April 2018 hielt die Vorinstanz an ihren
Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
M.
Am 8. Mai 2018 wurde die Vernehmlassung der Beschwerdeführerin zur
Kenntnisnahme zugestellt.
N.
Mit Schreiben vom 24. Oktober 2018 informierte die Beschwerdeführerin
das Gericht über ihre Schwangerschaft.
O.
Am (...) 2019 wurden die Beschwerdeführerin und ihr Partner Eltern von
H._.
P.
Am 20. Dezember 2019 reichte die Beschwerdeführerin die Vaterschaftsa-
nerkennung ihres Partners vom (...) 2019 sowie eine Erklärung über die
gemeinsame elterliche Sorge zu den Akten.
Q.
Mit Schreiben vom 15. Januar 2020 ersuchte der Partner der Beschwerde-
führerin die Vorinstanz um Einbezug seines Sohnes in seine Flüchtlingsei-
genschaft. Die Vorinstanz führte mit Schreiben vom 14. Februar 2020 aus,
sie könne das Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft nicht be-
handeln, solange das Verfahren der Beschwerdeführerin und ihres Sohnes
vor dem Bundesverwaltungsgericht hängig sei.
R.
R.a Mit Zwischenverfügung vom 25. Juni 2020 lud die Instruktionsrichterin
die Vorinstanz aufgrund des veränderten Sachverhalts infolge der Geburt
des Sohnes der Beschwerdeführerin zu einem weiteren Schriftenwechsel
ein.
R.b Mit Verfügung vom 27. Juli 2020 zog die Vorinstanz den Sohn der Be-
schwerdeführerin gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG in die Flüchtlingseigen-
schaft seines Vaters ein und gewährte ihm Asyl.
R.c Mit separater Verfügung vom gleichen Tag hob die Vorinstanz die Zif-
fern 4 und 5 der Verfügung vom 13. März 2018 wiedererwägungsweise auf,
stellte die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung fest und gewährte
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der Beschwerdeführerin die vorläufige Aufnahme. Den zuständigen Kanton
beauftragte sie mit der Umsetzung der vorläufigen Aufnahme.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
Die Beschwerdeführerin beantragt in der Rechtsmitteleingabe ausschliess-
lich die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz aufgrund einer Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs, namentlich des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer unvoll-
ständigen Sachverhaltsfeststellung und der Begründungpflicht.
5.
5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffe-
nen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern und
erhebliche Beweise beizubringen, wenn dies geeignet ist, den Entscheid
zu beeinflussen (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1, BVGE 2009/35 E. 6.4.1 mit
Hinweisen).
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5.2 Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vor-
bringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfin-
dung angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristge-
rechten Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkre-
ten Streitfrage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid gegebenenfalls
sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegun-
gen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie
ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit
allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne
Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
5.3 Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein fal-
scher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise
falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den
Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes we-
gen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufgelis-
teten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Dazu gehört, die Identität (vgl. dazu Art. 1 Bst. a der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) offenzulegen und vorhandene
Identitätspapiere abzugeben, an der Feststellung des Sachverhaltes mit-
zuwirken und in der Anhörung die Asylgründe darzulegen, allfällige Beweis-
mittel vollständig zu bezeichnen und unverzüglich einzureichen sowie bei
der Erhebung der biometrischen Daten mitzuwirken (vgl. BVGE 2011/28
E. 3.4).
6.
6.1 In der angefochtenen Verfügung gelangt die Vorinstanz zum Schluss,
die Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen an das
Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten.
Vorab sei festzustellen, dass aufgrund der substanzlosen und widersprüch-
lichen Angaben der Beschwerdeführerin von Beginn weg Zweifel an ihrer
Identität, ihrem Alter und der eritreischen Staatsangehörigkeit bestanden
hätten. Die darauf vom SEM in Auftrag gegebene Handknochenanalyse
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habe ergeben, dass die Beschwerdeführerin bereits zum Zeitpunkt der Ein-
reichung des Asylgesuchs 19 Jahre oder älter gewesen sei.
Die Beschwerdeführerin habe sodann kaum Angaben zu ihrer Abstam-
mung und Familie machen können. Es sei nicht glaubhaft, dass sie nichts
über ihre Familie wisse. Ihr Unwissen erkläre sie mit dem Aufenthalt bei
der Pflegemutter, welche ihr angeblich sämtliche Informationen vorenthal-
ten habe. Es sei offensichtlich, dass die Beschwerdeführerin damit Lücken
in ihren Aussagen zu kaschieren versuche. In ihrem soziokulturellen Um-
feld sei die Herkunft äusserst wichtig. Vor dem Hintergrund, dass die Be-
schwerdeführerin eine Tante habe, mit der sie einige Tage verbracht und in
telefonischem Kontakt gestanden habe, sei zu erwarten, dass sie grundle-
gende Angaben zu ihrer Familie machen könne. Sie habe angegeben, ein
schwieriges Leben bei der Pflegemutter gehabt zu haben und es sei ihr
grösstes Bestreben gewesen, ihre Eltern ausfindig zu machen und mit
ihnen zu leben. Demnach sei realitätsfremd, dass sie trotz dieses funda-
mentalen Bedürfnisses keine Anstrengungen unternommen habe, diesen
Wunsch zu realisieren, zumal ihr Vater in der gleichen Stadt gewohnt und
sie besucht habe. Aufgrund des Ausmasses ihrer Unwissenheit stehe fest,
dass sie ihre Identität und Herkunft zu verheimlichen versuche. Sie habe
ihren Angaben widersprechende eritreischen Schuldokumente eingereicht
und bisher keine rechtsgenüglichen Identitätspapiere beschafft. Es sei ihr
nicht gelungen, ihre eritreische Staatsangehörigkeit glaubhaft zu machen.
Ihre Staatsangehörigkeit müsse demnach als unbekannt gelten.
Aufgrund des soeben Ausgeführten, sei die persönliche Glaubwürdigkeit
der Beschwerdeführerin stark infrage gestellt. Ihren Asylgründen sei infolge
der offensichtlich falschen Angaben betreffend ihre Person und Biographie
die Grundlage entzogen. Ihre Aussagen zu den Vorbringen seien ferner auf
Nachfrage durchwegs vage, oberflächlich und widersprüchlich ausgefallen,
obwohl sie im Rahmen der Anhörung die Möglichkeit erhalten habe, ihre
Asylgründe ausführlich darzulegen. Bezüglich ihres Aussageverhaltens sei
hervorzuheben, dass sie von Anfang an den Fragen auszuweichen ver-
sucht habe, nur vage geantwortet und sich auch auf Daten nicht habe fest-
legen wollen. Dass sie jedoch durchaus in der Lage sei, persönliche Erleb-
nisse glaubhaft wiederzugeben, gehe aus ihrer Schilderung der Reise her-
vor. Ihre Darstellung zeichne sich durch die Länge ihrer Aussagen, die Dif-
ferenziertheit, die Genauigkeit und den ausserordentlichen Detailreichtum
aus. Solche von subjektiven Eindrücken geprägten Schilderungen würden
bei der Wiedergabe der zu ihrer Flucht führenden Problemen gänzlich feh-
len.
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Seite 9
7.
7.1 In der Rechtsmitteleingabe macht die Beschwerdeführerin zunächst
geltend, der Befragungsstil anlässlich der Anhörung habe sie eingeschüch-
tert und in eine Verteidigungshaltung gedrängt. Als sie von einem sexuellen
Übergriff zu erzählen begonnen habe, habe die Befragerin das Erzählte
nicht aufgenommen, sondern sei zur geforderten Schilderung der Pflege-
mutter zurückgekehrt. Weiter habe die Vorinstanz den Untersuchungs-
grundsatz verletzt, indem sie ihre detaillierten Angaben zu Äthiopien aus-
ser Acht gelassen habe. Es gäbe in den Akten sehr wohl Hinweise, dass
sie äthiopische Staatsangehörige sei. Das SEM habe ihr jedoch von Be-
ginn weg ihre Herkunft nicht glauben wollen. Es wäre verpflichtet gewesen,
zur Abklärung der Identität eine Botschaftsabklärung in Äthiopien durchzu-
führen. Weiter bestreite sie, eritreische Schuldokumente eingereicht und
angegeben zu haben, ethnische Eritreerin zu sein. Schliesslich habe das
SEM die Begründungspflicht verletzt, indem es lediglich Hinweise auf Pro-
tokollstellen der Anhörung mache, anstatt zu begründen, weshalb die Vor-
bringen unglaubhaft seien.
7.2 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, der Vorhalt der Be-
schwerdeführerin, das SEM erwähne fälschlicherweise ein eritreisches
Schuldokument, sei berechtigt. Dabei handle es sich offensichtlich um ein
Versehen, zumal die Beschwerdeführerin keinen Bezug zu Eritrea und den
dortigen Institutionen habe. Dieses Versehen ändere an der Schlussfolge-
rung indes nichts, wonach die Beschwerdeführerin die Behörden über ihre
Herkunft zu täuschen versuche. Es sei protokollarisch festgehalten, dass
die Beschwerdeführerin als Staatsangehörigkeit «Eritrea» angegeben
habe. Ihr Erklärungsversuch in der Beschwerde, wonach diese Angabe auf
ihrer angeblichen Unkenntnis beruhe, vermöge nicht zu überzeugen. Halt-
los sei auch der Vorwurf, das SEM habe die äthiopische Herkunft der Be-
schwerdeführerin nicht abgeklärt. Es obliege der Beschwerdeführerin, ihre
Herkunft glaubhaft zu machen. Vorliegend habe sie ihre Pflicht verletzt, in-
dem sie ihre wahre Identität verheimliche. Die angeblichen Probleme mit
Dritten seien sodann wiederlegt. Abschliessend sei darauf hinzuweisen,
dass die Beschwerdeführerin – falls sie äthiopische Staatsangehörige sei
– problemlos heimatliche Dokumente beschaffen könnte. Damit könnte sie
ihren Partner in der Schweiz heiraten und ihr Verbleib bei ihm wäre ge-
währleistet.
7.3
7.3.1 Soweit die Beschwerdeführerin zunächst vorbringt, der Befragungs-
stil habe sie eingeschüchtert, ist festzuhalten, dass sich dem Protokoll
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Seite 10
keine entsprechenden Hinweise entnehmen lassen. Auch die zur Durch-
führung eines korrekten Verfahrens anwesende Hilfswerksvertretung hat
nichts Entsprechendes festgehalten. Vielmehr wurde die Beschwerdefüh-
rerin von der Befragerin auf ihre Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht hinge-
wiesen, nachdem ihre Angaben zu ihrer Biographie und ihrem Alter ober-
flächlich geblieben sind (vgl. SEM-Akten A44/22 F28 f.). Zum Vorbringen,
die Befragerin sei bei der Frage 42 nicht weiter auf ihre Schilderungen zu
den sexuellen Belästigungen durch ihren (...) eingegangen, was wenig
sensibel sei, ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin an dieser Stelle
explizit nach ihrer Pflegemutter gefragt wurde (vgl. a.a.O. F42). Als sie be-
gonnen hat, von den sexuellen Übergriffen durch ihren (...) zu erzählen,
wurde sie erst nach sechs Sätzen von der Befragerin darauf hingewiesen,
dass sie über ihre Pflegemutter berichten solle (vgl. a.a.O. F43). Im weite-
ren Verlauf der Anhörung wurde sie zu ihren Asylgründen und damit ein-
hergehend zu den sexuellen Übergriffen befragt und konnte sich dazu äus-
sern (vgl. a.a.O. F62 ff. und insbesondere F96 ff.). Das strukturierte Vorge-
hen der Befragerin, die Beschwerdeführerin zunächst zu ihrer Person so-
wie ihrem Umfeld und danach zu ihren Asylgründen zu befragen, ist nicht
zu beanstanden. Der Einwand der Beschwerdeführerin erweist sich als un-
begründet.
7.3.2 Zur Rüge der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes ist festzu-
halten, dass die Beschwerdeführerin mehrmals nach ihrer Staatsangehö-
rigkeit gefragt wurde (vgl. SEM-Akten A8/12 Ziff. 1.09 und A44/22 F15 ff.).
Auch wurden ihr zahlreiche Fragen zu Familienangehörigen gestellt (vgl.
SEM-Akten A44/22 F16 ff. und F34 ff.). Die Beschwerdeführerin gab so-
wohl gegenüber dem Grenzwachkorps, als auch auf dem von ihr selbstän-
dig ausgefüllten Personalienblatt, der BzP, anlässlich der Anhörung und in
der Beschwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz vom 28. Oktober
2015 an, eritreische Staatsangehörige zu sein. Auf dem Personalienblatt
gab sie als Ethnie «Tigrinya» an (vgl. SEM-Akten A1/2). Auch führte sie
aus, ihre Eltern seien Eritreer. Die Vorinstanz gelangte aufgrund der un-
substanziierten Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrer Herkunft und ih-
rer Familie zum Schluss, die geltend gemachte eritreische Staatsangehö-
rigkeit sei nicht glaubhaft, weshalb ihre Staatsangehörigkeit als «unbe-
kannt» erfasst werde. Auf Beschwerdeebene macht die Beschwerdeführe-
rin nun im Widerspruch dazu geltend, es gebe Hinweise, dass sie äthiopi-
sche Staatsangehörige sei. Wie die Vorinstanz in der Vernehmlassung zu-
treffend ausführte, obliegt es der Beschwerdeführerin im Rahmen ihrer Mit-
wirkungspflicht, ihre Herkunft glaubhaft zu machen. Der Untersuchungs-
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Seite 11
grundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchen-
den (vgl. E. 5.3). Vor dem Hintergrund, dass die Beschwerdeführerin wäh-
rend des erstinstanzlichen Verfahrens stets geltend machte, eritreische
Staatsangehörige zu sein, war die Vorinstanz nicht gehalten, weitere Ab-
klärungen zu einer allfälligen äthiopischen Staatsangehörigkeit zu tätigen
oder gar eine Botschaftsabklärung in Äthiopien in Auftrag zu geben. Im Üb-
rigen hat die Beschwerdeführerin auch auf der Geburtsanmeldung ihres
Sohnes vom (...) 2019 und damit nach Beschwerdeerhebung angegeben,
eritreische Staatsangehörige zu sein (vgl. SEM-Akten A56/5). Ob die Vo-
rinstanz zu Recht von einer unbekannten Staatsangehörigkeit ausgegan-
gen ist, ist indes eine materielle Frage. Darauf ist vorliegend nicht weiter
einzugehen, da die Beschwerdeführerin lediglich die Rückweisung der Sa-
che an die Vorinstanz aufgrund formeller Mängel beantragt. Eine Verlet-
zung des Untersuchungsgrundsatzes ist zu verneinen.
7.3.3 Schliesslich rügt die Beschwerdeführerin eine Verletzung der Be-
gründungspflicht. Das SEM habe lediglich Hinweise auf Protokollstellen
gemacht, anstatt zu begründen, weshalb die geltend gemachten Asylvor-
bringen nicht glaubhaft seien. Im Rahmen der Prüfung von Vollzugshinder-
nisse habe sich die Vorinstanz nicht mit ihrer wirtschaftlichen und sozialen
Situation auseinandergesetzt. Auch die Beziehung zu einem in der
Schweiz anerkannten Flüchtling habe sie ausser Acht gelassen.
Die Vorinstanz hat unter Hinweis auf konkrete Protokollstellen ausgeführt,
welche Elemente des Sachverhaltsvortrags sie als mangelhaft betrachtet.
Die Begründung der Vorinstanz in Bezug auf die Asylgründe ist zwar
knapp, aber ausreichend ausgefallen. Auch die Beziehung der Beschwer-
deführerin zu einem in der Schweiz anerkannten Flüchtling wurde in der
angefochtenen Verfügung erwähnt. Ferner war es der Beschwerdeführerin
möglich sich ein Bild über die Tragweite der Verfügung zu machen und
diese sachgerecht anzufechten. Ob die Vorinstanz zu Recht von einer un-
bekannten Staatsangehörigkeit und der Unglaubhaftigkeit der Asylvorbrin-
gen ausgegangen ist, ist – wie bereits vorstehend dargelegt– eine Frage
der materiellen Würdigung. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin
in der Rechtsmitteleingabe war die Vorinstanz nicht gehalten, bei der Prü-
fung der Vollzugshindernisse auf ihre individuelle Situation einzugehen, da
sie von einer Verletzung der Mitwirkungspflicht ausging. Eine Verletzung
der Begründungspflicht ist demnach zu verneinen. Da die Beschwerdefüh-
rerin lediglich die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz beantragt und
durch die teilweise Wiedererwägung der Verfügung vom 13. März 2018 in-
folge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges vorläufig aufgenommen
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Seite 12
wurde, ist auf die weiteren Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe, ins-
besondere zur Situation von alleinstehenden Frauen in Äthiopien, und die
Beweismittel nicht weiter einzugehen.
7.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz den Anspruch
der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör, namentlich den Untersu-
chungsgrundsatz und die Begründungspflicht, nicht verletzt hat. Die Rügen
erweisen sich demnach als unbegründet, weshalb keine Veranlassung be-
steht, die Sache aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom
16. April 2018 gutgeheissen wurde und nicht von einer Änderung der finan-
ziellen Lage der Beschwerdeführerin auszugehen ist, sind keine Verfah-
renskosten zu erheben.
8.2 Mit Zwischenverfügung vom 16. April 2018 wurde der Beschwerdefüh-
rerin die unentgeltliche Rechtsverbeiständung gewährt und Ass. iur. Chris-
tian Hoffs als amtlicher Vertreter eingesetzt.
Der Rechtsvertreter macht in seiner Kostennote einen zeitlichen Aufwand
von 8,5 Stunden à Fr. 200.–, Übersetzungskosten in der Höhe von
Fr. 100.– und weitere Auslagen von Fr. 20.– (insgesamt Fr. 1'820.–) gel-
tend. Der zeitliche Aufwand erscheint zu hoch und ist auf 6,5 Stunden zu
kürzen. Unter Berücksichtigung der weiteren Eingaben ist der Aufwand auf
insgesamt 7,5 Stunden festzusetzen. Bei amtlicher Vertretung wird zudem
in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-
anwaltliche Rechtsvertreter und Rechtsvertreterinnen ausgegangen (vgl.
Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]), Zwischenverfügung vom 16. April 2018). Der Stun-
denansatz von Fr. 200.– ist demensprechend auf Fr. 150.– zu kürzen. Dem
amtlichen Vertreter ist durch das Bundesverwaltungsgericht ein Honorar in
der Höhe von Fr. 1’245.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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