Decision ID: b0ff5c62-3d8b-5f64-bb9a-3373811f81ff
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden sind syrische Staatsangehörige arabischer Eth-
nie und stammen aus der Stadt C._, Provinz D._. Sie haben
ihren Heimatstaat ihren Angaben zufolge am 5. Dezember 2011 bezie-
hungsweise am 7. Dezember 2011 in Richtung Jordanien verlassen und
sind nach Libyen gereist. Dort haben sie sich bis am 12. April 2016 aufge-
halten und sind dann in Richtung Schweiz aufgebrochen. Am 20. April
2016 suchten sie in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Am 25. April 2016 wurden sie zu ihrer Person sowie summarisch zu ihren
Asylgründen befragt (Befragung zur Person; BzP). Am 13. Februar 2018
wurden sie eingehend angehört.
Der Beschwerdeführer (Ehemann) brachte in den Befragungen im Wesent-
lichen vor, dass er im Frühjahr 2011 eine Gruppe von Revolutionären, wel-
che sich gegen das syrische Regime gestellt habe, gegründet und ange-
führt habe. Er sei für die Lieferungen von Nahrungsmitteln zuständig ge-
wesen und habe die Gruppe finanziert. Die Mitglieder hätten sich jeweils in
einem Raum eines Spitals getroffen, welches seinem Neffen – ebenfalls
ein Mitglied der Gruppe – gehört habe. Der Beschwerdeführer habe an den
grossen Freitags-Demonstrationen in Damaskus teilgenommen und seine
Gruppe habe diese jeweils organisiert. Während einer Demonstration
seien sie von Heckenschützen beschossen worden, wobei sein Cousin ge-
tötet worden sei. Danach hätten sie nur noch in E._ demonstriert.
Sein Sohn F._, welcher als Lehrer gearbeitet habe, sei eines Tages
festgenommen worden. Dies habe ihn und die anderen Gruppenmitglieder
alarmiert und fortan hätten sie nur noch auf dem Feld oder bei Freunden,
jedoch nicht mehr in ihren eigenen Häusern übernachtet. Zwei Monate
nach der Verhaftung seines Sohnes, am 1. Oktober 2011, sei er ebenfalls
gemeinsam mit anderen Gruppenmitgliedern festgenommen worden, da
man die Demonstrationen habe verhindern und sie als Organisatoren habe
eliminieren wollen. Anlässlich der Festnahme – er habe bei seinen Feldern
in einem Bauernhaus geschlafen – seien ihm von fünf bewaffneten Männer
in Militäruniformen die Augen verbunden worden. Zuerst sei er beschimpft
und dann auf den Kopf und den ganzen Körper geschlagen worden. Darauf
sei er zu einem Auto gebracht worden und sie seien mit ihm weggefahren.
Unterwegs habe das Auto angehalten, und zwei seiner Freunde, die er an
ihrer Stimme erkannt habe, seien ebenfalls in das Auto eingestiegen. Sie
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alle seien in ein Gefängnis, in welchem widrige Umstände geherrscht hät-
ten, verbracht worden. Sie hätten dort keine Toilette zur Verfügung gehabt
und nach der ersten Zeit in einer Einzelzelle seien sie in einen grossen
Raum zu anderen Häftlingen verlegt worden, in welchem so wenig Platz
gewesen sei, dass sie gerade so hätten stehen können. Nahrung hätten
sie so wenig erhalten, dass sie knapp hätten überleben können. Bei der
Nahrungsverteilung hätten die Mitgefangenen Rücksicht aufeinander ge-
nommen und das Essen miteinander geteilt. Sie hätten keine Gelegenheit
gehabt, sich zu waschen. Nach ungefähr zwei Monaten sei er gegen Löse-
geld, welches von seinen Freunden bezahlt worden sei, wieder freigelas-
sen worden unter der Bedingung, dass er das Land verlasse. Er sei aus
der Zelle geholt, mit verbundenen Augen in ein Fahrzeug gebracht und an
die syrisch-jordanische Grenze gefahren worden. Dort angekommen, sei
von ihm verlangt worden, dass er jemanden, mit dem er bereits zusam-
mengearbeitet hatte, anrufe. Dieser habe ihn zuerst nach seinem Standort
sowie danach um Erlaubnis gefragt, seinen Peinigern drei Millionen syri-
sche Lira für seine Freilassung zu übergeben. Er habe zugestimmt, und sei
danach nach Jordanien gebracht worden. Dort habe er sich zu einem
Freund begeben, zwei Tage später seien seine Frau und seine Tochter
nachgereist und zu ihm gestossen. Auch ihre Söhne seien wegen ihrer Ein-
stellung gegen das Regime verfolgt worden. Der im Jahr 2011 verhaftete
Sohn sei nach längerer Zeit wieder freigelassen worden und befinde sich
nun auf freiem Fuss in einem Dorf, in welchem die syrische Armee nicht
mehr stationiert sei.
Die Beschwerdeführerin (Ehefrau) gab in ihrer Anhörung an, dass sie und
ihre Tochter aufgrund der Verhaftung ihres Sohnes ihr Zuhause ebenfalls
verlassen und bei Freunden hätten leben müssen, da die Gefahr einer
Festnahme zu gross gewesen sei. Ihren Ehemann, welcher in dieser Zeit
auf den Farmen bei Freunden gelebt habe, habe sie während dieser Zeit
nicht mehr getroffen, da dies zu gefährlich gewesen wäre. Da ihre Telefone
abgehört worden seien, hätten sie auch nicht mehr miteinander telefoniert.
Nur durch Freunde habe sie erfahren, wie es ihm in dieser Zeit ergangen
sei. Als ihr Ehemann verhaftet worden sei, was ihr der Sohn eines Freun-
des mitgeteilt habe, sei sie davon ausgegangen, dass ihr Ehemann bald
tot sein würde. Sie habe sich in einem Schockzustand befunden und sei
völlig handlungsunfähig gewesen. Nachdem ihr Ehemann in Jordanien bei
einem Freund angekommen sei, seien sie und ihre Tochter von diesem
Freund benachrichtigt worden. Danach seien sie nach Jordanien gereist
und hätten ihrem Ehemann seinen Reisepass gebracht.
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Als Beweismittel für ihre Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden
Listen mit Namen von syrischen Märtyrern sowie mehrere Todesanzeigen
von Verwandten zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 16. Dezember 2019 – eröffnet am 19. Dezember 2019 –
stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen würden; es lehnte ihre Asylgesuche ab, wies sie aus
der Schweiz weg und nahm sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs vorläufig in der Schweiz auf.
D.
Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden am 3. Januar
2020 durch ihren Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwaltungs-
gericht und beantragten, die Verfügung des SEM sei aufzuheben, es sei
ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihnen in der Schweiz Asyl
zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie die Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung.
Als Beweismittel reichten die Beschwerdeführenden Kopien der dänischen
Aufenthaltsbewilligungen ihrer dort asylberechtigten Kinder sowie einer
Einladung zu einer Trauerveranstaltung betreffend syrische Märtyrer zu
den Akten.
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 14. Januar 2020 hiess die damals zustän-
dige Instruktionsrichterin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud die
Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
F.
Am 29. Januar 2020 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung zu den
Akten.
G.
Am 17. Februar 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein.
H.
Infolge der Pensionierung der zuständigen Instruktionsrichterin per Ende
Dezember 2021 hat Richterin Susanne Bolz den Vorsitz des Verfahrens
übernommen.
Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Asylrelevante Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG können auch aus
einer Reflexverfolgung entstehen, bei welcher sich Verfolgungsmassnah-
men nebst der primär betroffenen Person auch auf Familienangehörige
und Verwandte erstrecken (vgl. BVGE 2010/57 E. 4.1.3 m.w.H., im Kontext
Syrien das Urteil des BVGer E-2257/2019 vom 15. März 2021).
4.
4.1 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass das Vorbringen des
Beschwerdeführers, er habe eine revolutionäre Gruppe gegründet, un-
glaubhaft sei. Zwar habe er aufgezeigt, welcher Gedanke hinter der Grün-
dung der Gruppe gestanden habe und habe zumindest im Ansatz die Auf-
gabenverteilung nachvollziehbar erläutert. Jedoch habe er auch auf mehr-
fache Nachfrage hin nicht substantiiert angeben können, welche Tätigkei-
ten er konkret ausgeführt habe. Beispielsweise sei er gefragt worden, was
er in dieser und für diese Gruppe getan habe. Seine Antwort habe sich
darauf beschränkt, dass die Revolution jemanden brauche, der sie finan-
ziere. Dies sage jedoch nichts Konkretes aus und weise keinen persönli-
chen Bezug auf. Auch auf erneute Nachfrage nach den genauen Aktivitäten
sei seine Antwort allgemein und oberflächlich geblieben. Auf Frage nach
der Zusammenarbeit mit den Personen, welchen er Geld gegeben habe,
hätten sich seine Erzählungen darin erschöpft anzugeben, dass es sich
dabei um zwei bereits erwähnte Gruppenmitglieder sowie um Personen
gehandelt habe, zu welchen ein Vertrauensverhältnis bestanden habe.
Auch auf Nachfrage sei es ihm nicht möglich gewesen anzugeben, wie die
Zusammenarbeit genau ausgesehen habe. Dies sei erstaunlich, da er zu-
vor angegeben habe, die Gruppe geführt zu haben, was ein hohes Mass
an Koordination der Mitglieder erfordere. Gänzlich unglaubhaft seien seine
Angaben zum konkreten Ablauf der Treffen, er habe diesbezüglich nur an-
gegeben, sie hätten sich in einem Raum im Spital getroffen. Auf die Frage
nach den genauen Geschehnissen in diesem Raum sei er gar nicht einge-
gangen, sondern habe nur allgemein mit einem Abriss der regimekritischen
politischen Losung geantwortet. Somit sei es ihm nicht möglich gewesen,
die von ihm vorgebrachte Führungsposition in einer revolutionären Gruppe
oder überhaupt die Mitgliedschaft in einer solchen glaubhaft zu machen.
Seite 7
Gleich verhalte es sich bei der Schilderung der zahlreichen Demonstratio-
nen, welche der Beschwerdeführer seinen Angaben zufolge organisiert
habe. Fragen nach den Abläufen dieser Veranstaltungen habe er mit allge-
meinen Angaben wie beispielsweise, wo die erste Demonstration stattge-
funden habe, dass die von ihm organisierten Demonstrationen eine Reak-
tion auf diejenige von G._ gewesen sei und dass dort Kinder getötet
worden seien, beantwortet. Erneut danach gefragt, hätten sich seine Aus-
führungen darauf beschränkt, dass jeden Tag Kundgebungen stattgefun-
den hätten, diese von morgens bis abends gedauert hätten und die Men-
schen überall gewesen seien. Sofern er überhaupt auf die ihm gestellten
Fragen eingegangen sei, habe er derart oberflächlich und unpersönlich ge-
antwortet, dass auch die Demonstrationsteilnahmen nicht als glaubhaft er-
achtet werden könnten. Dies hingegen entziehe die Grundlage für seine
geltend gemachte Verhaftung.
Weiter seien auch die Schilderungen der Verhaftung und des Gefängnis-
aufenthalts knapp geblieben; sie wiesen keinerlei Realkennzeichen
oder Substanz auf. Der Beschwerdeführer habe lediglich pauschale Hand-
lungsabläufe geschildert. Daran änderten auch die wenigen näheren An-
gaben zu den Geschehnissen, zum Beispiel dass er die Sicherheitsbeam-
ten erst bemerkt habe, als diese bereits da gewesen seien und die Haus-
türe mit den Füssen eingetreten hätten oder dass er bei der Mitnahme be-
leidigt worden sei, nichts. Auf die Frage, was sie im Gefängnis zu Essen
und Trinken erhalten hätten, habe er angegeben, dass ihm sehr wenig Es-
sen wie eine Kartoffel und ein Stück Brot gegeben worden seien. Auf Nach-
frage nach dem Ablauf der Essensausgabe habe er ausgeführt, der Ge-
fängniswärter habe jeweils das Essen in die Einzelzellen hineingeworfen.
Nochmals nach dem genauen Ablauf gefragt, habe er ausweichend geant-
wortet und ausgeführt, wie schlimm diese Haft für ihn gewesen sei. Die
wenigen angegebenen Einzelheiten, wie dass beispielsweise die Toiletten
in den Einzelzellen geschlossen gewesen seien und sie sich in die Hose
hätten machen müssen, oder dass er sich während des Aufenthalts in der
Massenzelle nach seiner Einzelzelle gesehnt habe, weil sie in der Massen-
zelle aufgrund von Platzmangel nur gerade so hätten stehen können, wür-
den nicht ausreichen, die zweimonatige Haft substantiiert und in persönli-
cher Weise zu beschreiben. Seine Inhaftierung und der Gefängnisaufent-
halt seien demnach als unglaubhaft zu erachten.
Des Weiteren seien den Akten keine Hinweise zu entnehmen, dass die Be-
schwerdeführenden aufgrund der Verhaftung ihres damals verhafteten
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Sohnes Nachteile im Sinne des Asylgesetzes erlitten hätten. Dieser be-
finde sich zwischenzeitlich wieder auf freiem Fuss und halte sich nach wie
vor in Syrien auf. Seine Inhaftierung habe keine ersichtlichen Konsequen-
zen nach sich gezogen. Die Befürchtungen betreffend die Bürgerkriegssi-
tuation in Syrien seien schliesslich auf die allgemeine Lage in Syrien zu-
rückzuführen und asylrechtlich nicht relevant.
4.2 Die Beschwerdeführenden machten in ihrer Beschwerde geltend, dass
der Beschwerdeführer in den Befragungen entgegen den Ausführungen in
der vorinstanzlichen Verfügung viele Details genannt habe und seine Er-
zählungen kohärent und widerspruchsfrei seien. Er habe die Personen be-
nannt, mit denen er die Organisation gegründet und an Demonstrationen
teilgenommen habe, und die Zeit, in der er inhaftiert gewesen sei, einge-
hend beschrieben. Selbst wenn in seinen Ausführungen Ungereimtheiten
vorhanden seien, müssten die eingereichten Beweismittel berücksichtigt
werden, welche glaubhaft erscheinen würden. Zudem sei zu beachten,
dass eine einzige unglaubhafte Aussage nicht zur Unglaubhaftigkeit sämt-
licher Vorbringen führe.
Bei einer Rückkehr nach Syrien hätten sie zudem wegen ihres Sohnes
H._ eine Reflexverfolgung zu befürchten. Diesem sei in der
Schweiz Asyl gewährt worden. Zudem hätten zwei weitere ihrer Kinder in
Dänemark Asyl erhalten. Ferner seien zwei ihrer Familienmitglieder im sy-
rischen Bürgerkrieg gefallen.
4.3 In der Vernehmlassung verwies das SEM auf verschiedene Widersprü-
che zwischen den Aussagen der Beschwerdeführenden und denjenigen ih-
rer Tochter und ihres Sohnes, deren Asylakten es beigezogen hatte.
Zur geltend gemachten Reflexverfolgung führte das SEM in der Vernehm-
lassung aus, dass die Angst der Beschwerdeführenden vor einer drohen-
den Reflexverfolgung – rein subjektiv betrachtet – durchaus nachvollzieh-
bar sei. Objektiv betrachtet sprächen hingegen mehrere Gründe gegen die
Gefahr einer Reflexverfolgung. Einerseits sei ihr Sohn nach 25 Tagen Haft
«einfach so» entlassen worden, und es seien den Angaben der Beschwer-
deführerin zufolge damals viele Personen verhaftet und wieder auf freien
Fuss gesetzt worden. Ihr Sohn weise aufgrund dessen offenbar ein tiefes
politisches Profil auf, was gemäss Rechtsprechung gegen die Gefahr einer
Reflexverfolgung für die Familienmitglieder spreche. Andererseits seien die
Beschwerdeführenden nie aufgrund einer mutmasslichen oppositionellen
Seite 9
Tätigkeit oder zur familiären Zugehörigkeit zu ihrem Sohn befragt oder ver-
haftet worden, obwohl die Behörden die Möglichkeit dazu gehabt hätten.
Vielmehr habe sich die Beschwerdeführerin noch mehrere Monate im sel-
ben Ort aufgehalten, ohne dass ihr etwas zugestossen sei. Zudem sei ihren
Aussagen zu entnehmen, dass der Auszug aus dem Haus und letztlich
auch die Ausreise aus Syrien der allgemein fehlenden Sicherheit geschul-
det gewesen sei.
4.4 Die Beschwerdeführenden machten in der Replik geltend, dass eine
Reflexverfolgung auch deswegen zu befürchten sei, da nebst dem Sohn
H._ auch der Sohn F._ in der Schweiz Asyl erhalten habe
und zwei weitere Kinder in Dänemark. Dass F._ in Syrien nach sei-
ner Haft «einfach so» entlassen worden sei, bedeute nicht, dass er aus
Sicht des syrischen Regimes kein Oppositioneller sei.
4.5 Im Sinne einer Vorbemerkung ist darauf hinzuweisen, dass entgegen
den Ausführungen in der Replik den schweizerischen Asylbehörden nicht
bekannt ist, dass nebst dem am 27. Juni 2014 in der Schweiz als Flüchtling
aufgenommenen Sohn der Beschwerdeführenden, I._ ([...]), ein
anderer Sohn mit Namen J._ Asyl erhalten hätte (vgl. Replik S. 1
Ziff. 2). Somit ist davon auszugehen, dass sich die entsprechenden Aus-
führungen in der Replik (beispielsweise, dass sich der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführenden zu einer Besprechung mit J._ getroffen
habe), auf den sich in der Schweiz befindenden Sohn H._ bezie-
hen.
4.6
4.6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass es den Beschwerdeführenden – wie die Vorinstanz einge-
hend und zutreffend begründete – nicht gelungen ist, eine asylbeachtliche
Verfolgung im Sinne von Art. 3 und Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen. Ins-
besondere ergibt eine Konsultation der Befragungsprotokolle und der vor-
instanzlichen Verfügung, dass das SEM die Akten sorgfältig geprüft, die
oben genannten Unglaubhaftigkeitselemente in seiner Verfügung ausführ-
lich und nachvollziehbar aufgezeigt und schliesslich zu Recht festgestellt
hat, die Vorbringen der Beschwerdeführenden vermöchten den Anforde-
rungen an die Glaubhaftmachung nicht standzuhalten. Diesbezüglich wird
auf die vorstehend aufgeführten Erwägungen der Vorinstanz verwiesen,
welchen das Gericht vollumfänglich zustimmt (vgl. E. 4.1).
Seite 10
4.6.2 Zunächst handelt es sich bei den insbesondere vom Beschwerdefüh-
rer geschilderten Ereignissen nicht um Nebensächlichkeiten, sondern um
einschneidende Erlebnisse, bei welchen erwartet werden darf, dass dar-
über in einer gewissen Detailtreue berichtet werden kann. Zwar sind solche
Ereignisse – Verhaftung und Inhaftierung im Zusammenhang mit seiner
Funktion als Mitglied einer oppositionellen Gruppe sowie Demonstrations-
teilnahmen – im damaligen Kontext Syriens grundsätzlich nachvollziehbar,
da nach Kenntnis des Gerichts während des in Frage stehenden Zeitrau-
mes auch Teilnehmende an Demonstrationen oder in anderer Art und
Weise eine oppositionelle Haltung einnehmende Personen mit lediglich ge-
ringem oppositionellen Profil inhaftiert wurden. Dennoch können die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden auch vor dem Hintergrund der damali-
gen Situation in Syrien nicht für glaubhaft befunden werden.
4.6.3 Hervorzuheben ist beispielsweise, dass der Beschwerdeführer zur
Gründung und Leitung einer oppositionellen Gruppierung sowie der Orga-
nisation von und Teilnahme an regimekritischen Demonstrationen und so-
mit zur Grundlage seiner angeblichen Verfolgung keinerlei substantiierte
Angaben zu machen vermochte. Seine diesbezüglichen Ausführungen be-
schränken sich weitgehend auf die Schilderung reiner Handlungsabläufe
(vgl. beispielsweise die Ausführungen zu den Treffen der Gruppe in einem
Spital; hier verweist der Beschwerdeführer lediglich auf das Ziel dieses
Treffens, obwohl er aufgefordert wurde zu erzählen, was in diesem Raum
alles geschehen sei; SEM-Akte A24 F49). Bereits den Schilderungen der
Gruppengründung fehlt es an jeglichen Einzelheiten. Zwar nannte der Be-
schwerdeführer plausibel die Verteilung der einzelnen Funktionen seiner
Freunde und erklärte, dass jeder eine Aufgabe zugeteilt erhalten habe, wel-
che nah bei seinem Beruf liege (A24 F43). Hingegen vermochte er auch
auf mehrfache Nachfrage nicht darzulegen, wie genau seine eigene Tätig-
keit ausgesehen hatte. Vielmehr sprach er wiederholt pauschal davon, er
habe «der Revolution» oder «den Demonstranten» Geld gegeben und
diese hätten darum gebeten (A24 F44 ff.). Nach einem besonderen Ereig-
nis gefragt, welches sich allenfalls während seiner Zeit als Organisator ab-
gespielt haben könnte, nannte der Beschwerdeführer lediglich die Fest-
nahme seines Sohnes während des Ramadans (A24 F54).
4.6.4 Gleiches gilt für die angeblichen Demonstrationsteilnahmen, von wel-
chen der Beschwerdeführer nur sehr oberflächlich und ohne jeglichen per-
sönlichen Bezug berichtete, so dass nicht der Eindruck entstand, der Be-
schwerdeführer sei selbst bei den Demonstrationen dabei gewesen (A24
Seite 11
F59–F62). Sämtliche in diesem Zusammenhang gemachten Angaben er-
schöpfen sich in allgemein zugänglichen Informationen wie beispielsweise
dem Ort der Veranstaltung oder dem Umstand, dass dabei Menschen ums
Leben gekommen seien. Weiter fehlt es der geltend gemachten Verhaftung
an persönlichen Eindrücken (A24 F64 ff.). Hinzu kommt, dass der Be-
schwerdeführer in der Anhörung zuerst angegeben hatte, er sei zusammen
mit seinem Sohn festgenommen worden (A24 F32), was er in der Folge
jedoch überhaupt nicht mehr erwähnte, sondern nur noch davon sprach,
alleine auf seiner Farm verhaftet worden zu sein.
4.6.5 Auch die mit der Beschwerde eingereichten Beweismittel (Namens-
listen syrischer Märtyrer sowie Todesanzeigen von Verwandten der Be-
schwerdeführenden) sind nicht geeignet, diese Schlussfolgerung umzu-
stossen. Belegt wird damit lediglich, dass im syrischen Bürgerkrieg zahlrei-
che Menschen umgekommen sind, was aktenkundig und vorliegend nicht
bestritten ist. Aus dem – sehr bedauerlichen – Umstand, dass sich darunter
auch Verwandte der Beschwerdeführenden befinden, kann nicht abgeleitet
werden, die Beschwerdeführenden müssten eine Verfolgung in Sinne des
Asylgesetzes befürchten.
4.7 Schliesslich ist auch nicht davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führenden wegen ihres Sohnes H._, welchem in der Schweiz Asyl
gewährt wurde, oder des in Syrien kurzzeitig verhafteten Sohnes
F._ eine Reflexverfolgung zu befürchten hätten.
Zwar ist der Sohn F._ gemäss den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers wegen seiner Sympathie zur Revolution verhaftet worden und trat spä-
ter einer revolutionären Kampftruppe bei (A24 F116). Allerdings wurde er,
wie die Vorinstanz zu Recht erkannte, nach kurzer Zeit (ungefähr 25 Tage)
wieder aus der Haft entlassen und lebt nach wie vor unbehelligt in Syrien
(A24 F23 f., A25 F38). Ein besonderes politisches Profil, welches darauf
schliessen lassen müsste, dass ihn das syrische Regime aufgrund seiner
politischen Tätigkeiten suchen würden, ist den Akten nicht zu entnehmen
und wurde von den Beschwerdeführenden auch nicht geltend gemacht. Es
ist somit davon auszugehen, dass ihr Sohn wie viele andere syrische
Staatsangehörige, welche zu jener Zeit mit der Revolution sympathisierten,
willkürlich verhaftet wurde, was gemäss Rechtsprechung nicht für die Ge-
fahr einer bestehenden Reflexverfolgung für die Familienmitglieder spricht.
Tatsächlich wurde einem anderen Sohn der Beschwerdeführenden,
I._, ([...]), am 27. Juni 2014 in der Schweiz Asyl gewährt. Dieser
Seite 12
Umstand alleine führt aber noch nicht zur Annahme einer Reflexverfolgung
in Bezug auf die Beschwerdeführenden, zumal auch in dessen Akten kei-
nerlei Hinweise dafür vorhanden sind, dass die Familie oppositionell aktiv
wäre. Ein höheres Gefährdungspotential ist deshalb nicht zu bejahen. Zu-
dem wurde weder im vorinstanzlichen Verfahren noch in der Beschwerde
aufgezeigt, wie sich eine Reflexverfolgung wegen H._ politischer
Aktivitäten bei den Beschwerdeführenden geäussert hätte oder im Falle
einer Rückkehr äussern würde. Demnach sind keine konkreten Anhalts-
punkte für eine erfolgte oder drohende Reflexverfolgung ersichtlich.
4.8 Abschliessend ist festzuhalten, dass die von der Vorinstanz auf Be-
schwerdeebene angeführten Widersprüche zwischen den Aussagen der
Beschwerdeführenden und denjenigen ihrer Kinder in deren eigenen Asyl-
verfahren für den vorliegenden Entscheid nicht massgebend sind. Das
SEM erwähnte im Sachverhalt der angefochtenen Verfügung zwar, dass
es die jeweiligen Asylverfahrensakten beigezogen habe, zog deren Inhalt
jedoch für die Begründung seiner Verfügung nicht bei. Somit stellt sich
auch nicht die Frage nach der Gewährung des rechtlichen Gehörs und ist
auf die entsprechenden Ausführungen der Parteien im Schriftenwechsel
nicht weiter einzugehen.
4.9 Diesen Ausführungen zufolge ist die Vorinstanz zutreffend zur Ein-
schätzung gelangt, die Beschwerdeführenden hätten keine asylrechtlich
relevante Gefährdung glaubhaft machen können und erfüllten die Flücht-
lingseigenschaft nicht. Die Vorinstanz hat folglich die Asylgesuche zu
Recht abgelehnt.
5.
5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder
über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen An-
spruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach
ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9,
je m.w.H.).
5.2 Im vorliegenden Fall ist im Übrigen anzumerken, dass das Bundesver-
waltungsgericht nicht der Auffassung ist, die Beschwerdeführenden seien
zum heutigen Zeitpunkt in ihrem Heimatstaat nicht gefährdet. Indessen ist
Seite 13
eine solche Gefährdung ausschliesslich auf die allgemeine in Syrien herr-
schende Bürgerkriegssituation zurückzuführen, welcher durch die Vorin-
stanz im Rahmen der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen wurde.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt sowie den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist folg-
lich abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Indessen
wurde der in der Beschwerdeschrift gestellte Antrag auf unentgeltliche Pro-
zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung
vom 14. Januar 2020 gutgeheissen, womit die Beschwerdeführenden
keine Verfahrenskosten zu tragen haben.
(Dispositiv nächste Seite)
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