Decision ID: 10e54b2e-dc51-5230-8b5a-e01d5da9d6e7
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a. Der Beschwerdeführer suchte am (...) in der Schweiz um Asyl nach.
A.b. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am X._ so-
wie am Y._ in Deutschland und am Z._ in B._ um
Asyl ersucht hatte.
A.c. Im Rahmen der Personalienaufnahme (PA) vom 1. Oktober 2020 gab
der Beschwerdeführer an, er sei im (...) aus seinem Heimatland ausgereist
und mit der Einreise nach Deutschland im (...) erstmals in ein europäisches
Land gelangt. In der Schweiz würden keine Bezugspersonen von ihm le-
ben.
A.d. Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 5. Oktober 2020 führte der
Beschwerdeführer aus, es sei ihm nach seiner Festnahme in B._
erklärt worden, dass er nach Deutschland, wo er einen negativen Asylent-
scheid erhalten habe, zurückgeschafft werde. Nach seiner Freilassung
habe er sich versteckt und sei erst im (...) mit dem Auto eines Freundes
nach Deutschland zurückgekehrt. Da er Angst vor einer Ausschaffung ge-
habt habe, habe er sich nicht mehr bei den deutschen Behörden gemeldet
und bei einem Freund aufgehalten.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur allfälligen Zuständigkeit Deutsch-
lands für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens sowie
zu einer allfälligen Rückkehr dorthin erklärte der Beschwerdeführer, in
Deutschland sei sein Fall nicht korrekt behandelt worden. Deshalb sei er
nach B._ gegangen, wo er festgenommen worden sei, weil ihn die
dortigen Behörden hätten abschieben wollen. Er sei überzeugt, dass er (in
seine Heimat) abgeschoben werde, wenn er nach Deutschland zurückkeh-
ren müsse. Er habe einen Anwalt eingeschaltet. Nach Erhalt des negativen
Entscheids habe er nochmals ein Asylgesuch eingereicht. Nachdem er auf-
gefordert worden sei, Reisedokumente zu beschaffen, habe er sich nach
B._ begeben.
Im Weiteren gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche Ge-
hör zur allfälligen Zuständigkeit von B._ für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens sowie zu einer allfälligen Rückkehr
dorthin. Dazu gab der Beschwerdeführer an, er habe in B._ eine
D-5201/2020
Seite 3
Asylkarte für die Jahre (...) bis (...) erhalten. Sein Fall sei danach nicht be-
handelt worden. Die Behörden hätten ihm mitgeteilt, dass er nach Deutsch-
land müsse, worauf er ins Gefängnis gebracht worden sei. Als er im Jahr
(...) den Flug verweigert habe, sei ihm gesagt worden, dass er in
B._ kein Asyl habe. Dann sei er aus dem Flughafen entlassen wor-
den, worauf er sich in B._ versteckt habe und kleineren Arbeiten
nachgegangen sei. Während dieser Zeit habe ihn eine sri-lankische
Gruppe zusammengeschlagen und ihm das (Nennung Körperteil) gebro-
chen. Er habe in der Folge die Auskunft erhalten, dass er ohne Medical
Card sein (Nennung Körperteil) nicht behandeln lassen könne. Wegen psy-
chischer Probleme habe er Tabletten genommen und sei dann ins Spital
gekommen. Die Rechnung für die psychische Behandlung habe er selber
bezahlen müssen.
Bezüglich des medizinischen Sachverhalts brachte der wegen eines ein-
geschienten (Nennung Körperteil) an Krücken gehende Beschwerdeführer
ferner vor, er habe Probleme mit seinem (Nennung Körperteil). Es gehe
ihm psychisch sehr schlecht und er sei in einer Verfassung, dass er selber
nicht wisse, was er spreche. Er sei beim Arzt gewesen. Die existierenden
Arztberichte aus Deutschland und der Schweiz würden nachgereicht.
A.e. Am (...) ersuchte das SEM die deutschen Behörden um Übernahme
des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die deutschen Be-
hörden stimmten dem Übernahmeersuchen am (...) gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO zu.
A.f. Eine vom SEM angeordnete medizinische Abklärung des Beschwer-
deführers vom (...) ergab (Nennung Leiden). Der Beschwerdeführer sei am
(...) operiert worden, erhalte verschiedene Medikamente und sei bei diver-
sen Stellen zur Weiterbehandlung angemeldet ([...]). Ferner reichte der Be-
schwerdeführer zu seinem Gesundheitszustand (Nennung Beweismittel)
zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 9. Oktober 2020 – eröffnet am 14. Oktober 2020 – trat
die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
D-5201/2020
Seite 4
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Über-
stellung nach Deutschland, forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ab-
lauf der Beschwerdefrist zu verlassen und beauftragte den zuständigen
Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig wurden ihm die edi-
tionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt und festge-
stellt, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine auf-
schiebende Wirkung zukomme.
C.
Die Rechtsvertreterin teilte dem SEM mit Schreiben vom 14. Oktober 2020
die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit.
D.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 21. Oktober 2020 gegen
den diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und
beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei auf sein
Asylgesuch einzutreten und das nationale Asylverfahren durchzuführen,
eventualiter sei die Sache zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung, die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
sowie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Der Beschwerde lagen (Aufzählung Beweismittel) bei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
D-5201/2020
Seite 5
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine offensichtlich unbe-
gründete Beschwerde, weshalb auf einen Schriftenwechsel zu verzichten
und der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Im Falle eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
D-5201/2020
Seite 6
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-
tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei-
nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet dem-
gegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Ka-
pitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.5 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, dessen Antrag ab-
gelehnt wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt
hat oder der sich ohne Aufenthaltstitel im Hoheitsgebiet eines anderen Mit-
gliedstaats aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder-
aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO).
4.6 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
5.
Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden grundsätzlich kein Recht
ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3). Den vorliegenden Akten ist zu entnehmen, dass
D-5201/2020
Seite 7
der Beschwerdeführer am X._ sowie am Y._ in Deutschland
ein Asylgesuch eingereicht hatte. Am (...) ersuchte die Vorinstanz die deut-
schen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers. Dieses Rück-
übernahmeersuchen hiessen die deutschen Behörden am (...) gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO gut. Die grundsätzliche Zuständigkeit
Deutschlands ist somit gegeben.
6.
6.1 Die Vorinstanz hielt zur Begründung ihres Nichteintretensentscheids
fest, Deutschland bleibe gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO für das
Asylverfahren des Beschwerdeführers bis zu einem allfälIigen Wegwei-
sungsvollzug oder einer allfälligen Regelung des Aufenthaltsstatus weiter-
hin zuständig, auch wenn sein Asylverfahren in Deutschland bereits rechts-
kräftig abgeschlossen sei. Es würden keine Hinweise vorliegen, dass
Deutschland seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachgekom-
men wäre und das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durch-
geführt hätte. Auch weise nichts daraufhin, dass die deutschen Behörden
dem Beschwerdeführer keinen effektiven Schutz vor Rückschiebung ge-
währen würden. Es gäbe keine Gründe für die Annahme, dass das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Deutschland
Schwachstellen aufweisen würden, die eine Gefahr einer unmenschlichen
oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta und Art. 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention
(EMRK) mit sich bringen würden. Deutschland sei sowohl Signatarstaat
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(Flüchtlingskonvention, FK, SR 0.142.30) als auch der EMRK. Es lägen
keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass sich Deutschland nicht an
seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halten und die Asyl- und Wegwei-
sungsverfahren nicht korrekt durchführen würde. Es sei nicht davon aus-
zugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Überstellung nach
Deutschland gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK ausgesetzt, in eine existenzi-
elle Notlage geraten oder ohne Prüfung seines Asylgesuchs und unter Ver-
letzung des Non-Refoulement-Gebots in seinen Heimat- oder Herkunfts-
staat überstellt würde. Zudem lägen keine systemischen Mängel in
Deutschlands Asyl- und Aufnahmesystem vor. Ferner bestünden weder
Gründe, das Asylgesuch des Beschwerdeführers gemäss Art. 16 Abs. 1
Dublin-III-VO zu prüfen, noch die Souveränitätsklausel anzuwenden.
Betreffend die dargelegten physischen und psychischen Beschwerden sei
D-5201/2020
Seite 8
festzuhalten, dass Deutschland über eine ausreichende medizinische Inf-
rastruktur verfüge und auch abgewiesenen Asylsuchenden die notwendige
medizinische Grundversorgung gewähre. Es lägen keine Hinweise vor, wo-
nach Deutschland dem Beschwerdeführer eine medizinische Behandlung
zukünftig verweigern würde, zumal er dort nachweislich auch als abgewie-
sener Asylsuchender Zugang zu medizinischer Behandlung gehabt habe.
Für das weitere Dublin-Verfahren sei einzig die Reisefähigkeit ausschlag-
gebend. Diese werde erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt. Zu-
dem trage das SEM dem aktuellen Gesundheitszustand bei der Organisa-
tion der Überstellung nach Deutschland Rechnung, indem es die deut-
schen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 VO Dublin vor der Über-
stellung über den Gesundheitszustand und die notwendige medizinische
Behandlung informiere. Deutschland sei für das weitere Verfahren zustän-
dig, weshalb auf das Asylgesuch nicht eingetreten werde.
6.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in seiner Rechtsmitteleingabe, er
sei mit der Überstellung nach Deutschland nicht einverstanden, weil dies
eine Kettenabschiebung nach Sri Lanka für ihn bedeute. In Deutschland
sei sein Asylgesuch abgelehnt und seine Wegweisung nach Sri Lanka an-
geordnet worden. Als Angehöriger der tamilischen Ethnie sei er bei einer
Rückkehr in seine Heimat seines Lebens nicht mehr sicher, da seine Volks-
zugehörigkeit dort immer wieder stark mit einer Nähe zu den Liberation
Tigers of Tamil Eelam (LTTE) assoziiert werde. Durch seine Rückweisung
würde die Schweiz daher das Non-Refoulement-Prinzip verletzen. Sein
Asylgesuch sei in der Schweiz, einem Land mit humanitärer Tradition, zu
prüfen. Die politische Lage habe sich in Sri Lanka in den letzten Jahren
weiter zugespitzt, wobei die tamilische Minderheit wieder intensiver über-
wacht und verfolgt werde. Vor diesem Hintergrund und seiner konkreten
Situation sei nicht erklärbar, weshalb er in Deutschland kein Asyl erhalten
habe. Aus den ins Recht gelegten medizinischen Unterlagen gehe hervor,
was ihm in Sri Lanka zugestossen sei. Deutschland habe in seinem Fall
offensichtliche Fehler und Verstösse begangen.
7.
7.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die im erstinstanzlichen Verfahren
und auf Beschwerdeebene vorgebrachten Gründe an der staatsvertragli-
chen Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens nichts zu ändern vermögen.
7.2 Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
D-5201/2020
Seite 9
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105), der FK sowie
deren Zusatzprotokoll vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt
seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Ferner
gelten in Deutschland die Richtlinien 2013/32/EU (Verfahrensrichtlinie),
2011/95/EU (Qualifikationsrichtlinie) und 2013/33/EU (Aufnahmerichtlinie)
des Europäischen Parlaments und des Rates. Es darf davon ausgegangen
werden, Deutschland anerkenne und schütze die Rechte, die sich für
Schutzsuchende aus den genannten Richtlinien ergeben.
Den Ausführungen des Beschwerdeführers im vorinstanzlichen Verfahren
und in der Beschwerdeeingabe lassen sich keine begründeten Hinweise
auf das Vorliegen systemischer Schwachstellen des deutschen Asylsys-
tems im Sinne von Art. 3 Abs. 2 2. Satz Dublin-III-VO entnehmen, die eine
Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne
des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen
würden. Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO nicht gerechtfertigt.
7.3 Die Vorinstanz hat sodann die Anwendung des Selbsteintrittsrechts im
Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu
Recht verneint.
7.3.1 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, wonach die deutschen Behörden sich weigern würden, ihn wieder-
aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhal-
tung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn
auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Deutschland werde in
seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur
Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden. Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn
bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Deutschland seien
derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Es liegen keine
Hinweise dafür vor, dass die Behandlung seines Asylgesuchs durch die
deutschen Behörden mangelhaft gewesen sein könnte und seine Wegwei-
sung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips verfügt worden wäre. In
diesem Zusammenhang scheint der Beschwerdeführer zu verkennen,
dass ein definitiver Entscheid über ein Asylgesuch und die Wegweisung in
D-5201/2020
Seite 10
das Heimatland nicht per se eine Verletzung des Non-Refoulement-Prin-
zips darstellen. Das Prinzip der Überprüfung eines Asylgesuchs durch ei-
nen einzigen Mitgliedstaat («one chance only») dient im Gegenteil der Ver-
meidung von multiplen Asylgesuchen in verschiedenen Staaten (soge-
nanntes «asylum shopping»; vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Die Über-
stellung des Beschwerdeführers nach Deutschland führt gemäss den Ak-
ten nicht zu einer Kettenabschiebung, welche gegen das Non-Refoule-
ment-Prinzip verstossen würde, wie es in Art. 33 FK verankert ist (und sich
ausserdem aus Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3
FoK ableiten lässt).
Der Beschwerdeführer hat nicht geltend gemacht, Deutschland würde ihm
dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Le-
bensbedingungen vorenthalten. Davon ist auch nicht auszugehen. Bei ei-
ner allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übrigen
nötigenfalls an die deutschen Behörden wenden und die ihm zustehenden
Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Auf-
nahmerichtlinie). Der Beschwerdeführer behauptete sodann zu Recht
nicht, er erhalte in Deutschland keine medizinische Behandlung. Den ein-
gereichten ärztlichen Unterlagen aus Deutschland ist vielmehr zu entneh-
men, dass er dort bereits ärztlich untersucht und auch behandelt wurde.
(vgl. Bstn. A.f. und D). Die gesundheitlichen Probleme stellen sich im Übri-
gen nicht derart gravierend dar, als dass eine Überstellung nach Deutsch-
land eine tatsächliche Gefahr (real risk) einer Verletzung von Art. 3 EMRK
mit sich bringen würde (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H.). Die mit dem Voll-
zug der angefochtenen Verfügung beauftragten Behörden werden den me-
dizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der
Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die deutschen
Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizini-
schen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
7.3.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8). Die angefochtene Verfügung ist unter
diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten
keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive
Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich
deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
D-5201/2020
Seite 11
7.3.3 Zusammenfassend besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1.
7.4 Somit bleibt Deutschland der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
Deutschland ist verpflichtet, den Beschwerdeführer wiederaufzunehmen.
8.
Das SEM hat demnach den rechtserheblichen Sachverhalt vollständig und
korrekt erhoben und ist zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Weil
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Deutschland in
Anwendung von Art. 44 AsylG zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
9.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
10.
Aus den Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung kein
Bundesrecht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106
AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist somit abzuweisen.
11.
Da das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
werden die Anträge um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
12.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da dieses Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen
war (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG).
Die Verfahrenskosten sind somit gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen
D-5201/2020
Seite 12
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-5201/2020
Seite 13