Decision ID: 4f91f96e-cd51-5d83-b860-c9a88cbf87b3
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 13. Februar 2018 in der Schweiz um Asyl
nach. Noch am selben Tag teilte das SEM ihm mit, er sei per Zufallsprinzip
der Testphase des Verfahrenszentrums Zürich zugewiesen worden.
B.
Am 27. April 2018 wurde der Beschwerdeführer vom SEM befragt und am
29. Juni 2018 zu seinen Asylgründen angehört. Er machte im Wesentlichen
geltend, er sei sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Ethnie und
stamme aus dem Dorf B._ bei C._ (...). Im Jahr (...) sei
seine Familie nach D._ gezogen. Dort habe sein Vater als (...) ge-
arbeitet und er (der Beschwerdeführer) die Schule besucht (Abschluss
Ende [...], A-Level). Anfangs (...) seien sie nach B._ zurückgekehrt.
Mitte (...) sei er von den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) zwangs-
weise rekrutiert worden. Er habe eine dreimonatige Grundausbildung er-
halten und danach bis Februar (...) als (...) gearbeitet; er habe (...). Im (...)
2009 habe er in das von der Armee kontrollierte Gebiet fliehen wollen. Un-
terwegs sei er durch Bombensplittern am (...) und an der (...) verletzt wor-
den und er habe wegen eines (...) nicht mehr laufen können. Er sei von
der Armee aufgegriffen und in das Spital von D._ gebracht worden.
Nach sechsmonatiger Behandlung sei er mit einem Bus des Criminal In-
vestigation Department (CID) in das Lager von E._ (F._) ge-
bracht worden. Dort seien etwa 300 bis 400 Personen eingesperrt gewe-
sen. Wie alle Insassen sei auch er geschlagen worden. Er sei mehrmals
von CID- und Armeeangehörigen zu seinen Tätigkeiten für die LTTE be-
fragt worden. Er habe die Wahrheit gesagt, nämlich, dass er zwangsweise
rekrutiert worden sei und die ihm aufgetragenen Arbeiten nur aus Angst
ausgeführt habe. Zwei Mal pro Woche hätten Familienangehörige ihn be-
suchen dürfen und auch vom IKRK habe er Besuch erhalten. Nachdem
sein Vater dem CID Geld und Schmuck gegeben habe, sei er nach (...)
Monaten, Mitte (...) 2010, freigelassen worden. Die folgenden drei Monate
habe er ohne Probleme in D._ gelebt und mit seinem Vater als (...)
gearbeitet. Danach sei er in das vom CID und der Armee betriebene (...)-
Camp vorgeladen worden. Dort sei ihm gesagt worden, er müsse sich künf-
tig anfangs des Monats melden. Dies habe er fortan getan. Seine Mutter
habe ihn jeweils begleitet. Als er sich statt am 1. erst am 2. (...) 2011 ge-
meldet habe, sei seine Mutter bei der Ankunft am Morgen respektive am
Nachmittag weggeschickt worden. Er sei in einen Raum gebracht worden,
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wo ein Mann am Boden gelegen habe. Sie seien beide zusammengeschla-
gen worden, bis sie sich kaum mehr hätten bewegen können. Er habe sich
ausziehen müssen und sei gefesselt worden. Seine Hoden seien ge-
quetscht worden und er habe aus dem Penis geblutet. Die Männer hätten
nur Singhalesisch gesprochen, was er nicht verstehe, beziehungsweise,
sie hätten ihn in schlechtem Tamilisch gefragt, wo die LTTE Geld und
Schmuck versteckt hätten. Er habe gesagt, dass er nicht freiwillig bei den
LTTE gewesen sei und deren Verstecke nicht kenne. Sie hätten ihm nicht
geglaubt. Zwischendurch seien die Männer weggegangen. Er nehme an,
dass sie draussen Alkohol konsumiert hätten. Nach vier oder fünf Stunden
seien sie zurückgekommen und hätten ihn wieder geschlagen. Gegen
Abend respektive in der folgenden Nacht gegen zwei, drei oder vier Uhr sei
ihm in einem unbewachten Moment die Flucht gelungen. Er habe den an-
deren Häftling, der nicht gefesselt gewesen sei, gebeten, seine Fesseln zu
lösen, und er sei dann aus dem offenen Fenster gesprungen. Den Mithäft-
ling habe er auch aus dem Fenster gezogen. Das Gelände sei mit Stachel-
draht gesichert gewesen. Ihm sei es gelungen, durch den Draht zu robben.
Der andere Mann habe dies nicht geschafft und sei zurückgeblieben. Er
habe nur seine Jeans respektive Unterhose mitnehmen können. Er sei
durch einen Teich geschwommen und dann nach Hause gelaufen. Von
Weitem habe er sehen können, dass mit Taschenlampen nach ihm gesucht
worden sei. Er habe seiner Mutter berichtet, was vorgefallen sei, und sich
dann in der Nähe in einem Busch versteckt. Am nächsten Tag habe ihn der
Vater respektive die Mutter zu einem Bekannten gebracht. Am selben Vor-
mittag sei zuhause nach ihm gesucht worden; seine Mutter habe ihm dies
berichtet. Die nächsten (...) Monate sei er nachts abwechslungsweise bei
drei verschiedenen Bekannten untergekommen. Tagsüber habe er sich in
dem besagten Busch versteckt. In dieser Zeit sei weiterhin bei seiner Mut-
ter und auch beim Dorfvorsteher nach ihm gesucht worden; wie viele Male
wisse er nicht, vielleicht einmal pro Woche. Da er nicht ewig so habe leben
können, habe er Sri Lanka im (...) 2011 mithilfe eines Schleppers unter
einer falschen Identität verlassen. Er sei nach G._ geflogen und
habe dort die nächsten Jahre als (...) gelebt. Bei dem auf dem (...) Ausweis
genannten Einreisedatum (2013) handle es sich um einen Tippfehler.
Nachdem sein (Verwandter) schwer erkrankt sei, sei er im (...) 2017 nach
Sri Lanka zurückgekehrt. Er sei mit einem (...) Pass nach Colombo geflo-
gen. Bei der Einreise habe er keine Schwierigkeiten gehabt. Er habe ledig-
lich auf dem Einreiseformular seinen Zielort – D._ – angeben müs-
sen und dann problemlos weitergehen können. Er habe damals keine Be-
denken gehabt, nach Sri Lanka zurückzukehren, nachdem es einen neuen
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Präsidenten gegeben habe und laut seiner Mutter seit 2015 oder 2016 nie-
mand mehr nach ihm gefragt habe. Die folgenden Monate habe er denn
auch ohne Probleme bei seiner Familie in D._ gelebt. Anfangs (...)
2018 sei es wegen eines Schmugglers in ihrem Wohnviertel zu einer Raz-
zia durch eine Spezialeinheit aus Colombo – bestehend aus CID, Armee
und Polizei – gekommen. Jedes Haus sei durchsucht worden. Dabei habe
ein CID-Angehöriger bemerkt "Du bist neu hier" und nach seiner Identitäts-
karte verlangt. Nach Vorweisung des Dokuments sei er für eine Befragung
in das Büro respektive Camp des CID in H._ gebracht worden. Er
sei nicht gefesselt, aber ohne einen Wortwechsel getreten und geschlagen
worden. Ein muslimischer CID-Angehöriger, der etwas Tamilisch gekonnt
habe, habe gesagt, man wisse, dass er lange nicht mehr in D._
gemeldet gewesen sei, und er habe ihn gefragt, wo er gewesen sei. Er
habe nichts gesagt beziehungsweise geantwortet, dass er im Ausland ge-
wesen sei. Später sei dieser CID-Angehörige wiedergekommen und habe
gesagt, dass sie seine alten Unterlagen gefunden und Kenntnis von seiner
Flucht und der illegalen Rückkehr hätten; er müsse warten, bis ein höherer
Offizier komme. Danach sei er unbewacht allein gelassen worden. Er habe
die Chance genutzt und sei durch die nur angelehnte Tür entkommen. Er
sei über die etwa vier Meter hohe Mauer, die das Gelände umgeben habe,
gesprungen; er sei auf einen kaputten Stuhl oder ein Brett geklettert und
so auf die Mauer gelangt. Er sei zu einem Bekannten gerannt, der am
nächsten Tag seine Eltern informiert und einen Schlepper vermittelt habe.
Am (...) 2018 sei er mit dem Schlepper nach Colombo gefahren und habe
Sri Lanka am (...) 2018 erneut mit gefälschten Papieren verlassen. Über
ein (...) Land sei er nach I._ geflogen, von wo aus er am 12. Feb-
ruar 2018 in die Schweiz gelangt sei. Seine Eltern und seine (...) Schwes-
tern würden weiterhin in D._ leben. Von seiner Mutter habe er er-
fahren, dass noch am (...) 2018 nach ihm gesucht worden sei und seither
immer wieder nach seinem Aufenthaltsort gefragt werde; einmal auch bei
der Dorfvorsteherin. Er sei hierzulande wegen der (...)verletzung in (...)
und wegen (...) im (...) bei einem (...) gewesen. Zudem habe er ab und zu
(...). Psychisch gehe es ihm gut.
Bezüglich der weiteren Aussagen beziehungsweise der Einzelheiten des
rechtserheblichen Sachverhalts wird auf die Protokolle und die eingereich-
ten Beweismittel (Identitätskarte, Schülerausweis, Wohnsitzbestätigung,
IOM-Registrierungskarte, IKRK-Büchlein, nach Haftentlassung im (...)
2010 erhaltene Karte, vier (...) Ausweise, Geburtsurkunde, Dokumente der
Eltern [Geburtsurkunden, Eheurkunde], zwei Arztberichte vom 26. März
2018 und 15. Juni 2018) verwiesen (vgl. vorinstanzliche Akten).
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C.
Mit Schreiben vom 4. Juli 2018 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit,
dass sein Asylgesuch weiterer Abklärung bedürfe und deshalb nicht mehr
im Rahmen der Testphase im Verfahrenszentrum Zürich, sondern im er-
weiterten Verfahren behandelt werde. Gleichzeitig wies es den Beschwer-
deführer dem Kanton J._ zu.
D.
Am 5. Juli 2018 teilte die damalige Rechtsvertreterin des Beschwerdefüh-
rers dem SEM die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit.
E.
E.a Mit Verfügung vom 30. August 2018 – eröffnet am 3. September 2018
– stellte das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Wegweisung an.
E.b Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, die Vorbringen des Be-
schwerdeführers vermöchten weder den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) noch jenen an die Flüchtlingsei-
genschaft gemäss Art. 3 AsylG zu genügen. Die Aussagen des Beschwer-
deführers zu seinen Problemen in den Jahren 2011 und 2018, wonach er
zwei Mal vom CID respektive der Armee festgehalten und misshandelt wor-
den sei, weil man ihn als LTTE-Mitarbeiter verdächtigt habe, und ihm beide
Male die Flucht gelungen sei, seien widersprüchlich, unsubstanziiert und
logisch nicht nachvollziehbar. Sie könnten daher nicht geglaubt werden. Mit
den Vorbringen, von (...) bis (...) als (...) für die LTTE gearbeitet zu haben
und danach inhaftiert gewesen zu sein, vermöge der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu begründen. Die be-
sagte Tätigkeit führe heute in Sri Lanka nicht zu asylrelevanter Verfolgung,
zumal der Beschwerdeführer bereits 2009 dazu verhört worden sei und die
Wahrheit gesagt habe. Dass er danach Probleme mit den Behörden gehabt
hätte, habe er nicht glaubhaft zu machen vermögen. Allein die Tatsache,
dass er tamilischer Ethnie und jung sei, indiziere im heutigen Zeitpunkt
keine begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung. Die Verletzung aus
dem Jahr 2009 sei zwar ein Schicksalsschlag gewesen, jedoch als Auswir-
kung des damaligen Kriegs zu beurteilen und daher heute nicht mehr asyl-
relevant. Allein die Befragung von illegal ausgereisten oder über keine gül-
tigen Identitätsdokumente verfügenden Rückkehrern zu ihrem Hintergrund
bei der Ankunft am Flughafen stelle keine asylrelevante Verfolgung dar.
Auch Kontrollmassnahmen am Herkunftsort würden grundsätzlich kein
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asylrelevantes Ausmass annehmen. Der Beschwerdeführer sei, mit einem
Unterbruch, bis (...) 2018 in Sri Lanka wohnhaft gewesen. Er habe also
nach Kriegsende noch jahrelang im Heimatstaat gelebt. Allfällige im Zeit-
punkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten folglich kein Verfol-
gungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen vermö-
gen. Aufgrund der Aktenlage sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer
Rückkehr nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevan-
ter Weise verfolgt werden sollte. Aus dem IKRK-Dokument und der Bestä-
tigung der Inhaftierung im Jahr 2009 würden keine Hinweise für eine aktuell
bestehende asylrelevante Verfolgung des Beschwerdeführers hervorge-
hen. Er erfülle die Flüchtlingseigenschaft daher nicht. Der Wegweisungs-
vollzug sei zulässig, zumutbar und möglich. Der Beschwerdeführer habe
vor der Ausreise in D._ gelebt und seinen Lebensunterhalt als (...)
verdienen können. Zudem verfüge er über ein verwandtschaftliches Bezie-
hungsnetz im In- und Ausland, das ihn unterstützen könne. Es könne auch
nicht aus gesundheitlichen Gründen auf eine Unzumutbarkeit des Vollzugs
geschlossen werden. Dem ärztlichen Bericht vom 26. März 2018 sei zu
entnehmen, dass der Beschwerdeführer aufgrund der Erlebnisse vor der
Ausreise unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), (...)
sowie Problemen (...) leide. Der Beschwerdeführer habe indes nicht glaub-
haft machen können, in den Jahren 2011 und 2018 misshandelt worden zu
sein. Der Arztbericht beruhe offensichtlich im Wesentlichen auf den Aussa-
gen des Beschwerdeführers. Laut dem spitalärztlichen Bericht vom
16. Juni 2018 seien keine (...) im (...) erkennbar. Sollte der Beschwerde-
führer tatsächlich gesundheitliche Probleme haben, so wären diese auf an-
dere Ursachen, eventuell die Verletzung durch Bombensplitter oder die
Haft im Jahr 2009, zurückzuführen. Sollte er aufgrund früherer Erlebnisse
in Sri Lanka oder aus anderen Gründen psychische Probleme aufweisen,
so wären diese in Sri Lanka behandelbar. In Colombo und im Norden des
Landes bestehe ein gut ausgebautes System von psychiatrischer Betreu-
ung, an das er sich bei Bedarf wenden könne. Auch allfällige körperliche
Schmerzen könnten in Sri Lanka behandelt werden.
F.
F.a Mit Eingabe vom 3. Oktober 2018 erhob der Beschwerdeführer durch
die rubrizierte Rechtsvertreterin (Vollmacht vom 6. September 2018) beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er ersuchte um Aufhebung der
vorinstanzlichen Verfügung und um Gewährung des Asyls, eventualiter um
Feststellung der Unzulässigkeit, allenfalls Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs und um Gewährung der vorläufigen Aufnahme. In verfah-
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rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er – unter Verweis auf eine Fürsorgeab-
hängigkeitsbestätigung vom 7. September 2018 – um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung sowie um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Des Weiteren ersuchte
er um Feststellung, dass der Beschwerde aufschiebende Wirkung zu-
komme, und dass sein rechtliches Gehör verletzt worden sei.
F.b Zur Begründung brachte er im Wesentlichen vor, das SEM habe die
Begründungspflicht und damit das rechtliche Gehör verletzt, indem es in
seinem Entscheid nur den Vorfall von 2011 gewürdigt, die Verhaftung im
Jahr 2018 hingegen nicht berücksichtigt respektive nicht ausgeführt habe,
weshalb es an deren Glaubhaftigkeit zweifle. Nach Darlegung des Sach-
verhalts wandte er ein, dass es nicht zutreffe, dass er vor dem Verhör im
Jahr 2018 lange Zeit unbehelligt in Sri Lanka gelebt habe, sei er doch von
2011 bis 2017 in G._ gewesen. Anlass für sein Asylgesuch sei das
Verhör im (...) 2018 gewesen, aufgrund dessen er realisiert habe, dass er
auch neun Jahre nach Ende des Bürgerkriegs nicht in Frieden in Sri Lanka
leben könne, nachdem er einige Zeit für die LTTE tätig gewesen sei. Bei
der Rückkehr aus G._ sei er beim ersten Kontakt mit dem CID ver-
haftet worden. Es sei ihm unterstellt worden, den LTTE immer noch nahe-
zustehen und an einem Wiederaufbau im Ausland mitgewirkt zu haben.
Selbst wenn seine Angaben zu dem Verhör im Jahr 2011 als unglaubhaft
zu werten wären, was er bestreite, hätte das SEM das Verhör von 2018
berücksichtigen müssen. Er habe beide Verhöre detailliert und wider-
spruchsfrei geschildert. Es sei verständlich, dass er sich bei dem Verhör
von 2011 nicht mit dem anderen Gefangenen unterhalten habe, habe er
diesen doch zunächst für tot gehalten. Zudem sei er selbst aufgrund der
Schläge benommen gewesen und unter grossem Stress gestanden. Ange-
sichts der Verletzungen des Mitgefangenen sei es nicht nötig gewesen,
diesen zu fesseln oder zu bewachen. Dass er (der Beschwerdeführer)
seine Schmerzen und die Hindernisse bei der Flucht habe überwinden kön-
nen, sei angesichts seiner Todesangst und seines Überlebenswillens nicht
ungewöhnlich. Auch sei es aufgrund der Situation nachvollziehbar, dass er
den Mitgefangenen nicht nach seinem Namen gefragt habe. Die Misshand-
lungen habe er detailliert beschrieben (Fusstritte, Schläge mit Sturmge-
wehr und Schlagstock, Zerquetschen der Hoden) und auch die Fragen
nach dem Aussehen der Schläger und des Raums habe er beantwortet.
Zur Schilderung seiner damaligen Gefühle sei er nicht explizit aufgefordert
worden. Er habe aber mehrmals gesagt, dass er Todesangst gehabt habe
und deshalb trotz der starken Schmerzen versucht habe, zu fliehen. Die
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Namen der drei Personen in D._, die ihm abwechselnd Unter-
schlupf gewährt hätten, habe er genannt. Es verstehe sich von selbst, dass
er keine Aufstellung über die genauen Übernachtungsdaten vorlegen
könne. Auch die Ereignisse im (...) 2018 habe er detailliert beschrieben. Er
habe den Ablauf der Suche im Haus seiner Eltern, die Fahrt zu dem CID-
Büro, den Raum, in den er gebracht worden sei, und die Schläger und den
muslimischen Befrager beschrieben, und die Flucht an den betrunkenen
Schlägern vorbei über die Mauer und den Stacheldraht zu einem Tempel
geschildert. Seine Angaben würden keine wesentlichen Widersprüche ent-
halten. Vielmehr versuche das SEM, anhand kleiner Ungenauigkeiten eine
generelle Unglaubhaftigkeit zu konstruieren. Die Frage, wann seine Mutter
das Camp am (...) 2011 verlassen habe, habe er nicht unterschiedlich be-
antwortet, sondern er habe gesagt, dass sie am Morgen nicht mit ihm habe
gehen dürfen und ihm später erzählt habe, dass sie bis am Nachmittag auf
ihn gewartet habe. Die Abweichung in den Angaben zum Zeitpunkt der da-
maligen Flucht (Abend oder Nacht) sei nicht so wesentlich, als dass von
einem Widerspruch auszugehen sei; es sei einfach dunkel gewesen. Auch
hinsichtlich der Sprachen der Schläger beim Verhör 2011 liege kein Wider-
spruch vor. Die Männer hätten untereinander Singhalesisch, mit ihm aber
gebrochenes Tamilisch gesprochen. Ob er bei seiner Flucht gesehen habe,
dass nach ihm gesucht worden sei, oder ob er nur die Scheinwerfer wahr-
genommen habe, sei nicht entscheidend. Unmittelbar nach der Flucht habe
er Männer mit Taschenlampen beobachtet, er habe aber nicht selbst gese-
hen, dass am Tag nach der Flucht zuhause nach ihm gesucht worden sei.
Den ihm vorgehaltenen Widerspruch bezüglich des Verhörs von 2018, wo-
nach er keine Fragen beantwortet respektive doch geantwortet habe, habe
er auf Nachfrage bei der Anhörung aufgelöst, indem er erklärt habe, dass
er nur auf die Frage nach seinem Aufenthalt in der Zeit vor 2017 geantwor-
tet, sonst aber keine Aussagen gemacht habe. Nachdem er bereits drei
Mal verhaftet worden sei und nach dem letzten Verhör im (...) 2018 nur mit
Glück entkommen sei, sei seine Furcht vor einer künftigen Verfolgung be-
gründet. Sri Lanka sei noch immer nicht in der Lage oder willens, die not-
wendigen Vorkehrungen zu treffen, um Tamilen wie ihn zu schützen. Es sei
das Ziel des Staates, ein erneutes Aufflammen des tamilischen Separatis-
mus im Keim zu ersticken. Der Alltag sei weiterhin stark militarisiert und die
tamilische Bevölkerung sei konstanten Einschüchterungen und Schikanen
durch die Sicherheitskräfte ausgesetzt. Ehemalige LTTE-Mitglieder und
Personen mit vermuteten Verbindungen zu den LTTE seien nach wie vor
das Ziel von Übergriffen durch die Sicherheitskräfte. Er verweise auf di-
verse Berichte über Polizeigewalt sowie im Jaffna-Distrikt und in der Nord-
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provinz durch Angehörige der Sicherheitskräfte und des Militärs began-
gene Entführungen, illegale Inhaftierungen, Folterungen und anschlies-
sende Freilassungen gegen Lösegeldzahlungen. Dies lege den Schluss
nahe, dass einerseits seine Verfolger unbestraft bleiben würden und er an-
dererseits bei einer Rückkehr mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnlicher Ver-
folgung ausgesetzt sein würde. Er weise mehrere Risikofaktoren im Sinne
der Rechtsprechung auf. So sei er bereits zwei Mal inhaftiert und misshan-
delt worden, weil er für die die LTTE während des Kriegs als (...) tätig ge-
wesen sei. Durch seinen Aufenthalt in G._ habe er sich aus behörd-
licher Sicht verdächtig gemacht, weshalb er im (...) 2018 erneut festge-
nommen worden sei. Das Durchlaufen eines Asylverfahrens in der Schweiz
stelle einen weiteren Risikofaktor dar. Die Wahrscheinlichkeit, dass er nach
einer Rückkehr aufgespürt würde, sei angesichts des fortschrittlichen sri-
lankischen Datenbanksystems als hoch einzustufen. Als Tamile aus dem
Norden des Landes würde er bereits bei der Einreise ins Visier der Sicher-
heitskräfte geraten. Das Fehlen ordentlicher Reisepapiere würde zu einer
näheren Personenüberprüfung und einem Anfangsverdacht, den LTTE na-
hezustehen, führen. Falls er nicht direkt am Flughafen in Colombo verhaf-
tet würde, sei das Risiko gross, später vom CID aufgespürt und unter An-
wendung von Folter verhört zu werden. Er habe daher bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka begründete Furcht vor einer Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG.
G.
Am 5. Oktober 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Oktober 2018 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, dass der Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wir-
kung zukomme und der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten dürfe. Sie hiess die Gesuche um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut und ord-
nete die rubrizierte Rechtsvertreterin dem Beschwerdeführer als amtliche
Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlas-
sung zur Beschwerde ein.
I.
In seiner Vernehmlassung vom 16. Oktober 2018 beantragte das SEM die
Abweisung der Beschwerde. Der Beschwerdeführer vermöge den Erwä-
gungen des SEM zur Unglaubhaftigkeit der vorgebrachten Inhaftierungen
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in den Jahren 2011 und 2018 nichts Stichhaltiges entgegensetzen. Seine
diesbezüglichen Aussagen seien widersprüchlich, unsubstanziiert und lo-
gisch nicht nachvollziehbar. Im Gegensatz dazu habe er die belegte Haft
im Jahr 2009 realitätsnah beschreiben können. Dies zeige, dass er durch-
aus in der Lage sei, über wirklich Erlebtes substanziiert, widerspruchsfrei
und nachvollziehbar zu berichten. Allein die Behauptung, einst für die LTTE
als (...) gearbeitet zu haben und nach Ende des Kriegs 2009 inhaftiert ge-
wesen zu sein, indiziere heute keine begründete Furcht mehr vor asylrele-
vanten Verfolgungsmassnahmen. Würde noch ein Verdacht gegen den Be-
schwerdeführer bestehen, wäre er spätestens bei der angeblichen Rück-
reise nach Sri Lanka im Jahr 2017 von den Behörden behelligt worden.
Solches habe er jedoch nicht glaubhaft machen können. In Sri Lanka gebe
es auch keine systematische Verfolgung der tamilischen Volksgruppe. Al-
lein die Tatsache, dass ein Angehöriger der tamilischen Ethnie aus dem
Ausland zurückkehre, führe nicht zu asylrelevanter Verfolgung.
J.
Die Instruktionsrichterin stellte dem Beschwerdeführer die Vernehmlas-
sung am 18. Oktober 2018 zu und räumte ihm die Gelegenheit zur Replik
ein.
K.
In seiner Replik vom 2. November 2018 entgegnete der Beschwerdeführer
im Wesentlichen, er habe über die Inhaftierung im Jahr 2018 ausführlich
berichtet und allein der Hinweis des SEM, dass es unwahrscheinlich sei,
verletzt über eine Mauer zu springen, könne nicht genügen, um diese als
erfunden zu qualifizieren. Zudem sei die Frage der Sicherheit sri-lankischer
Rückkehrer neu zu evaluieren. Präsident Sirisena habe den gewählten Re-
gierungschef durch den früheren Staatschef Mahinda Rajapaksa ersetzt.
Dies sei verfassungswidrig. Nun habe er auch noch das Parlament beur-
laubt. Welche Folgen diese Entwicklungen haben würden, sei schwer ab-
zuschätzen. Es könne aber nicht ohne Weiteres davon ausgegangen wer-
den, dass er bei einer Rückkehr keiner Verfolgung ausgesetzt sein würde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
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Seite 11
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Vorab ist die formelle Rüge des Beschwerdeführers betreffend Verlet-
zung der Begründungspflicht und damit des rechtlichen Gehörs seitens der
Vorinstanz zu prüfen.
3.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest. Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29
Abs. 2 BV, Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), das alle Befugnisse umfasst,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
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Seite 12
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden sowie Einsicht in die Akten zu nehmen. Mit
dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen
tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung ange-
messen zu berücksichtigen. Die Begründung der Verfügung muss so ab-
gefasst sein, dass die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls
sachgerecht anfechten kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überle-
gungen nennen, von denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren
Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist hingegen, dass sich die Begründung
mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes ein-
zelne Vorbringen ausdrücklich erwähnt oder widerlegt. Somit darf sich die
Vorinstanz bei der Begründung der Verfügung auf die für den Entscheid
wesentlichen Gesichtspunkte beschränken und ist nicht gehalten, sich aus-
drücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung auseinanderzusetzen
(vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
3.3 Die Rüge des Beschwerdeführers, die Vorinstanz habe die von ihm gel-
tend gemachte Verhaftung im (...) 2018 in der angefochtenen Verfügung
nicht berücksichtigt respektive die angenommene Unglaubhaftigkeit unge-
nügend begründet, geht fehl. Die Vorbringen des Beschwerdeführers zu
den Ereignissen im (...) 2018 finden sich in der Sachverhaltsdarstellung
der vorinstanzlichen Verfügung wieder (vgl. angefochtene Verfügung S. 2
f.) und das SEM hat dargelegt, weshalb es die besagten Angaben als nicht
glaubhaft erachtet (vgl. angefochtene Verfügung S. 4 f.). Es hat hinrei-
chend differenziert aufgezeigt, von welchen Überlegungen es sich bei sei-
nem Entscheid leiten liess, und dem Beschwerdeführer dadurch die sach-
gerechte Anfechtung ermöglicht, wie die Beschwerde zeigt. Eine Gehörs-
verletzung liegt damit nicht vor. Dass das SEM nach einer gesamtheitlichen
Würdigung der Parteivorbringen und Beweismittel zu einem anderen
Schluss als der Beschwerdeführer gelangt ist, stellt keine Verletzung der
Begründungspflicht, sondern eine Frage des materiellen Rechts dar. Ob
der Einschätzung des SEM zu folgen ist, ist nunmehr Gegenstand des vor-
liegenden Beschwerdeverfahrens.
3.4 Aufgrund des Gesagten ist der Antrag des Beschwerdeführers auf
Feststellung einer Gehörsverletzung abzuweisen. Es besteht keine Veran-
lassung, die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben
und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
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4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht, vielmehr müssen
konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Mass-
geblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im
Zeitpunkt des Asylentscheids. Die Gewährung des Asyls kann nicht dazu
dienen, einen Ausgleich für vergangenes Unrecht zu schaffen, sondern be-
zweckt, Schutz vor künftiger Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4
E. 5.4), wobei erlittene Verfolgung im oder im Zeitpunkt der Ausreise be-
standene begründete Furcht vor Verfolgung auf eine andauernde Gefähr-
dung hinweisen können. Veränderungen der objektiven Situation im Hei-
mat- oder Herkunftsstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu-
gunsten und zulasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl.
BVGE 2010/57 E. 2.6, 2008/34 E. 7.1 und 2008/12 E. 5.2.).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Entscheidend ist, ob eine
Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Rich-
tigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Gesuchstellenden sprechen, bei ei-
ner objektivierten Sichtweise überwiegen oder nicht (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2).
5.
D-5671/2018
Seite 14
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass der Beschwerde-
führer die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu begründen
vermag.
5.2 Das SEM stellte weder die vom Beschwerdeführer zu seiner Person
und seiner Herkunft gemachten Angaben noch die Vorbringen zu der (er-
zwungenen) Tätigkeit als (...) für die LTTE von (...) bis (...), der (...)mona-
tigen Hospitalisierung ab (...) 2009 und der anschliessenden dreimonati-
gen Internierung (Entlassung im [...] 2010) grundsätzlich in Frage. Das
SEM erachtete es indes nicht als glaubhaft, dass der Beschwerdeführer,
nachdem er den sri-lankischen Behörden gegenüber die Zwangsrekrutie-
rung durch die LTTE und die niederrangige (...)tätigkeit offengelegt und im
(...) 2010 aus dem Internierungslager entlassen worden sei, den von ihm
geschilderten Nachstellungen seitens der Behörden im Jahr 2011 und 2018
– Festnahmen am (...) 2011 und anfangs (...) 2018 – ausgesetzt gewesen
sein soll. Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich der vorinstanzli-
chen Einschätzung der Vorbringen des Beschwerdeführers an. Die Ausfüh-
rungen des Beschwerdeführers zu den Festhaltungen in den Jahren 2011
und 2018, bei denen ihm beide Male die Flucht gelungen sei, vermögen
auch unter Berücksichtigung seiner Einwendungen in den Rechtsmittelein-
gaben nicht in einem für die Glaubhaftigkeit genügenden Mass zu über-
zeugen. Die vom SEM geäusserten Zweifel an den diesbezüglichen Schil-
derungen des Beschwerdeführers sind berechtigt. Die Angaben des Be-
schwerdeführers vermitteln kein stimmiges Bild und seine Ausführungen
auf Beschwerdeebene sind nicht geeignet, die Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit der geltend gemachten Verfolgung zu beseitigen respektive eine im
Zeitpunkt der Ausreise aus Sri Lanka gegen ihn gerichtete Verfolgung asyl-
beachtlichen Ausmasses im Sinne von Art. 3 AsylG seitens der heimatli-
chen Behörden darzulegen. In Bezug auf den geltend gemachten Vorfall
vom (...) 2011 ist es kaum nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer
und der Mitgefangene die ganze Zeit über kein Wort gewechselt hätten,
obwohl sie während mehreren Stunden allein in dem Zimmer zurückgelas-
sen worden seien. Auch vermag die Erklärung des Beschwerdeführers, es
sei angesichts der Verletzungen des Mitgefangenen nicht nötig gewesen,
diesen zu fesseln oder zu bewachen, nicht zu überzeugen, wäre doch an-
zunehmen, dass eine Fesselung bei der Verhaftung respektive zu Beginn
eines Verhörs erfolgen würde, wie dies auch beim Beschwerdeführer der
Fall gewesen sei. Insgesamt betrachtet erscheint es unrealistisch, dass
das CID zwei Gefangene – davon einen ohne Fesseln – über einen länge-
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Seite 15
ren Zeitraum in einem Raum mit einem offenen Fenster unbewacht allein-
lassen würde. Die Aussagen des Beschwerdeführers sind auch nicht frei
von wesentlichen Widersprüchen. So divergieren die Angaben zum Zeit-
punkt der Flucht aus dem Camp – gegen Abend des (...) 2011 respektive
erst in der folgenden Nacht zwischen zwei und vier Uhr – erheblich, und
der Einwand des Beschwerdeführers, es sei einfach dunkel gewesen, ver-
mag die Diskrepanz von mehreren Stunden nicht zu erklären. Selbst wenn
sein Zeitgefühl während der Haft beeinträchtigt gewesen sein sollte, hätte
er spätestens bei der Ankunft zuhause die Uhrzeit realisieren müssen, zu-
mal er seine Mutter, der er das Vorgefallene nach der Ankunft erzählt habe,
wohl aus dem Schlaf gerissen hätte, wenn er nicht schon am Abend, son-
dern erst mitten in der Nacht nach Hause gekommen wäre. Eine kohärente
zeitliche Einordnung der Flucht aus dem Camp wäre daher von ihm zu er-
warten gewesen. Dass er wegen der besagten Festnahme vom (...) 2011
im (...) 2011 nach G._ ausgereist sei, vermag der Beschwerdefüh-
rer mit den eingereichten (...) Ausweisdokumenten aus den Jahren 2013,
2015, 2016 und 2017 nicht zu belegen. Dass es sich, wie vom Beschwer-
deführer geltend gemacht, bei dem auf dem von den (...) Behörden ver-
merkten Einreisedatum von 2013 um einen Tippfehler handle, ist zumin-
dest anzuzweifeln. Jedenfalls kehrte der Beschwerdeführer eigenen Anga-
ben zufolge im (...) 2017 ohne Bedenken respektive ohne Furcht vor Ver-
folgungsmassnahmen nach Sri Lanka zurück, und lebte und arbeitete da-
nach unbehelligt mit seiner Familie in D._. Seine Vorbringen zu der
Festnahme nach einer Razzia wegen eines Schmugglers anfangs (...)
2018 – es müsste sich um den (...) 2018 gehandelt haben, sei der Be-
schwerdeführer doch zwecks Ausreise am (...) 2018 nach Colombo gefah-
ren – vermögen nicht zu überzeugen. Es erscheint schlicht unrealistisch,
dass der Beschwerdeführer vom CID ungefesselt in einem unverschlosse-
nen Raum allein gelassen worden sei, so dass er diesen ungehindert durch
eine nur angelehnte Tür habe verlassen, über den Hof rennen und eine vier
Meter hohe Mauer dank eines dort liegenden Stuhls oder Bretts übersprin-
gen können, ohne von den draussen stehenden Beamten bemerkt zu wer-
den. Der Einwand des Beschwerdeführers in der Rechtsmitteleingabe vom
6. September 2018, wonach die CID-Beamten eine Bewachung offenbar
nicht für nötig befunden hätte, da er gefesselt gewesen sei, vermag nicht
zu überzeugen. Vielmehr widerspricht sich der Beschwerdeführer damit
selbst, hatte er doch im vorinstanzlichen Verfahren angegeben, bei dem
Verhör anfangs (...) 2018 nicht gefesselt worden zu sein. Zudem würde die
Flucht des damals von Schlägen geschwächten Beschwerdeführers über
eine hohe Mauer mit gefesselten Händen noch viel unrealistischer erschei-
nen. Insgesamt betrachtet vermag der Beschwerdeführer nicht glaubhaft
D-5671/2018
Seite 16
zu machen, dass er nach der anfangs 2010 erfolgten Entlassung aus dem
Internierungslager von den sri-lankischen Behörden in der geschilderten
Art und Weise 2011 und 2018 verfolgt worden sei.
5.3 Es bleibt zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorver-
folgung bei einer Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG drohen würden.
5.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Ge-
fahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Zur Be-
urteilung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in
Form von Verhaftung und Folter zu werden, wurden verschiedene Risiko-
faktoren identifiziert. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder
vergangene Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der "Stop List" und die
Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden als
stark risikobegründende Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid
dargelegten Umständen bereits für sich allein genommen zur Bejahung ei-
ner begründeten Furcht führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen
ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und
eine gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach risiko-
begründende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitrei-
chenden Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tat-
sächlich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behör-
den bestrebt sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen
und so den sri-lankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die darge-
legten Risikofaktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, de-
ren Namen in der am Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" ver-
merkt seien und der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungs-
weise einen Strafregistereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen
oder vermuteten Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte
für sri-lankische Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch be-
tätigt hätten (vgl. a.a.O. E. 8).
5.3.2 Die vom Beschwerdeführer vorgebrachte Zwangsrekrutierung durch
die LTTE im Jahr (...) und (erzwungene) Tätigkeit als (...) für die LTTE bis
(...) sowie die Entlassung nach (...)monatiger Internierung im (...) 2010
nach Offenlegung der niederschwelligen Tätigkeit für die LTTE den sri-lan-
kischen Behörden gegenüber sind glaubhaft. Der Beschwerdeführer
D-5671/2018
Seite 17
konnte indes nicht glaubhaft dartun, dass er nach der Entlassung aus dem
Internierungslager Opfer von behördlichen Verfolgungsmassnahmen asyl-
relevanten Ausmasses geworden ist. Die vermeintliche Festnahme vor der
im (...) 2018 erfolgten Ausreise aus Sri Lanka vermochte er – wie auch die
geltend gemachte Festhaltung vor der ersten Ausreise 2011 – nicht glaub-
haft zu machen. Es liegen keine konkreten Hinweise für ein aktuell beste-
hendes Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden vor und
auch aus der tamilischen Ethnie, der Verletzung aus dem Jahr 2009, der
mittlerweile bald dreijährigen Landesabwesenheit sowie der Asylgesuch-
stellung in der Schweiz kann keine flüchtlingsrechtlich relevante Gefähr-
dung des Beschwerdeführers abgeleitet werden. Mangels persönlichen
Bezugs ist auch aufgrund der Präsidentschaftswahl im November 2019
und des Ausgangs der Parlamentswahlen im August 2020 keine begrün-
dete Furcht vor zukünftiger Verfolgung des Beschwerdeführers und eine
etwaige Verschärfung der Gefährdungssituation zu bejahen. Schliesslich
lässt sich auch aus dem allfälligen Einsatz temporärer Reisepapiere keine
relevante Gefährdung ableiten. Selbst wenn der Beschwerdeführer ohne
Reisepass respektive mit temporären Reisedokumenten nach Sri Lanka
zurückkehren müsste, würde dies zwar allenfalls bei der Wiedereinreise in
Sri Lanka zu einem "Background-Check" führen. Es muss damit gerechnet
werden, dass er nach dem Verbleib seiner Reisepapiere und zum Grund
seiner Ausreise befragt und überprüft wird. Dabei kann nicht ausgeschlos-
sen werden, dass er wegen des fehlenden Reisepasses gebüsst wird, wo-
bei ein entsprechendes Vorgehen der sri-lankischen Behörden aber keine
flüchtlingsrechtliche Relevanz entfaltet (vgl. Referenzurteil E-1866/2015
vom 25. Juli 2016 E. 8.4.4). Insgesamt betrachtet ist somit nicht davon aus-
zugehen, dass der Beschwerdeführer im Fall einer Rückkehr nach Sri
Lanka dort Massnahmen zu befürchten hat, die über eine einfache Kon-
trolle hinausgehen, und ihm wegen seines Profils ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
5.4 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Das SEM hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine aus-
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Seite 18
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
7.2.2 Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt nur
Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
D-5671/2018
Seite 19
7.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Dies ist dem Beschwerdeführer nicht gelungen. Auch die all-
gemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungs-
vollzug nicht als unzulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil des BVGer E-
1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2 sowie statt vieler Urteile des BVGer
D-4591/2017 vom 5. November 2020 E. 7.2.3, D-2130/2017 vom 14. Ok-
tober 2020 E. 9.2.3 und E-6769/2019 vom 1. Oktober 2020 E. 8.3). Es er-
geben sich aus den Akten auch keine konkreten Hinweise darauf, dass der
Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen soge-
nannten "Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten
im In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefähr-
det wäre. Daran vermögen der Regierungswechsel im November 2019 und
die seither veränderte Lage in Sri Lanka nichts zu ändern.
7.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Das Bundesverwal-
tungsgericht geht weiterhin davon aus, dass der Wegweisungsvollzug in
die Nord- und Ostprovinz zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuel-
len Zumutbarkeitskriterien bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil E-
1866/2015 E. 13.2). Auch der Wegweisungsvollzug ins "Vanni-Gebiet" gilt
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als zumutbar (vgl. Urteil des BVGer D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017
E. 9.5). Diese Einschätzung bleibt auch nach den aktuellen Entwicklungen
in Sri Lanka (vgl. dazu im Einzelnen etwa Urteil des BVGer D-7353/2017
vom 24. Juni 2020 E. 11.3.1) und insbesondere auch nach den Parla-
mentswahlen vom 5. August 2020 weiterhin zutreffend (vgl. statt vieler Ur-
teil des BVGer D-4591/2017 vom 5. November 2020 E. 7.3.1).
7.3.2 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Der Beschwerdeführer stammt sei-
nen Angaben zufolge aus der Nordprovinz Sri Lankas. Bis zu seiner Aus-
reise im (...) 2018 habe er mit seinen Eltern und Geschwistern in
D._ gelebt und er verfügt somit dort über verwandtschaftliche Kon-
takte. Es handelt sich bei ihm zudem um einen alleinstehenden Mann, der
einen Schulabschluss (A-Level) und Arbeitserfahrung als (...) vorweisen
kann. Es kann somit erwartet werden, dass er sich in wirtschaftlicher Hin-
sicht wird eingliedern können. In Bezug auf die dokumentierten gesund-
heitlichen Beschwerden (vgl. aktenkundige Arztberichte vom 26. März
2018 [Diagnosen: PTBS, (...), Probleme im (...), Schlafstörungen, Vitamin-
mangel] und 15. Juni 2018 [Diagnose: (...); Feststellung, dass dafür keine
somatische Ursache erkennbar sei]) ist darauf hinzuweisen, dass aus ge-
sundheitlichen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden kann, wenn
eine dringend notwendige medizinische Behandlung im Heimatland
schlicht nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit der (Weiter-
)Behandlung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährden-
den Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder gar
zum Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls
nicht vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Stan-
dard entsprechende Behandlung grundsätzlich möglich ist (vgl. BVGE
2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2
E. 9.3.2). Von einer solchen medizinischen Notlage ist vorliegend nicht
auszugehen. Wie in der angefochtenen Verfügung diesbezüglich zutref-
fend festgestellt wurde, könnten die besagten Beschwerden – sofern sie
noch bestehen (auf Beschwerdeebene liess sich der Beschwerdeführer
dazu nicht vernehmen) – auch im Heimatstaat behandelt werden. Es ist
somit nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer würde bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, sozi-
aler oder gesundheitlicher Natur in eine existenzielle Notlage geraten, die
als konkrete Gefährdung im Sinne der zu beachtenden Bestimmung zu
werten wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG).
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7.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
7.4 Des Weiteren obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaats die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Schliesslich steht auch die Corona-
Pandemie dem Vollzug nicht entgegen. Es handelt sich dabei, wenn über-
haupt, um ein temporäres Vollzugshindernis, dem im Rahmen der Voll-
zugsmodalitäten Rechnung zu tragen ist.
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem ihm
aber die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ge-
währt wurde, ist von der Kostenerhebung abzusehen, zumal nicht ersicht-
lich ist, dass der Beschwerdeführer nicht mehr bedürftig wäre.
9.2 Die amtliche Rechtsvertretung ist unbesehen des Ausgangs des Ver-
fahrens zu entschädigen. Bei der Bemessung des Honorars wird nur der
notwendige Aufwand entschädigt (vgl. Art. 8 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), und die Rechtsvertretung wurde vom
Gericht in der Ernennungsverfügung vom 10. Oktober 2018 über die in der
Regel angewendeten Stundenansätze informiert.
Die Rechtsvertreterin reichte mit der Replik vom 2. November 2018 ihre
Kostennote ein. Sie bezifferte den zeitlichen Aufwand mit 12 Stunden und
45 Minuten und beantragte einen Stundenansatz von Fr. 150.–. Zudem
machte sie eine Dossiereröffnungspauschale von Fr. 50.– sowie Auslagen
von Fr. 68.– (Fr. 8.– Porto, Fr. 60.– Dolmetscherkosten) geltend und wies
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darauf hin, dass keine Mehrwertsteuerpflicht bestehe. Der zeitliche Auf-
wand scheint relativ hoch, aber noch angemessen. Der Stundenansatz von
Fr. 150.– liegt im Kostenrahmen. Indes ist die Dossiereröffnungspauschale
zu kürzen; generelle Pauschalen werden praxisgemäss nicht vergütet,
sondern nur effektiv ausgewiesene Kosten entschädigt. Das amtliche Ho-
norar ist somit vorliegend auf insgesamt Fr. 1980.50 (einschliesslich Aus-
lagen; ohne Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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