Decision ID: 795bd067-a497-5dcf-aa28-34a7ac4a154b
Year: 2015
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Mit Schreiben vom 10. November 2011 des deutschen Bundeszentral-
amts für Steuern (BZSt) wurde die Eidgenössische Steuerverwaltung
(ESTV) gestützt auf Art. 24 des Betrugsbekämpfungsabkommens (Abkom-
men vom 26. Oktober 2004 über die Zusammenarbeit zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Ge-
meinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits zur Bekämpfung von
Betrug und sonstigen rechtswidrigen Handlungen, die ihre finanziellen In-
teressen beeinträchtigen [BBA; SR 0.351.926.81]) sowie mit Verweis auf
das Schreiben des Finanzamts X._ (Deutschland, [...]) vom 4. No-
vember 2011 um Amtshilfe (Einziehung) ersucht.
A.b Dem fraglichen Ersuchen (Amtshilfe- bzw. Einziehungsersuchen) ist
folgender Sachverhalt zu entnehmen:
Nach den Erkenntnissen der Steuerfahndung Y._ erzielte
A._ in den Jahren ab 2003 nicht unerhebliche Einnahmen aus Wer-
bung im Internet (Affiliate-Geschäfte) sowie aus dem Verkauf von Internet-
Domains. Trotz entsprechender Verpflichtung hat er es unterlassen, Steu-
ererklärungen einzureichen. Aufgrund der Ermittlungen der Steuerfahn-
dung Y._ erliess das Finanzamt X._ Steuerbescheide ab
dem Veranlagungszeitraum 2003. Die in der (dem Einziehungsersuchen
beiliegenden) "Rückstandsanzeige" vom 24. Oktober 2011 des Finanzamts
X._ ausgewiesene Steuerforderung gegenüber A._ im Ge-
samtbetrag von EUR 1'981'182.89 ist in Deutschland laut schriftlicher Be-
stätigung des Finanzamts X._ rechtskräftig ("bestandskräftig") fest-
gesetzt und vollstreckbar. Die fragliche Forderung betrifft einerseits – im
Umfang von EUR 1'359'970.42 – die Einkommenssteuer in den Jahren
2003 bis 2010 samt "Solidaritätszuschlägen" und "Säumniszuschlägen",
andererseits – im Umfang von EUR 621'212.47 – die Umsatzsteuer in den
Jahren 2004 bis 2010 samt "Säumniszuschlägen". Gemäss "Rückstands-
anzeige" wurden sämtliche Steuerforderungen (bzw. Teilforderungen) in
den Jahren 2009 und 2011 fällig.
Die Vollstreckung der genannten Steuerforderungen in Deutschland blieb
erfolglos.
Im Rahmen des gegen A._ in Deutschland geführten Steuerstraf-
verfahrens (bzw. im Rahmen des entsprechenden internationalen Rechts-
hilfeverfahrens) konnten vier auf dessen Namen lautende Konten bei der
A-1531/2015
Seite 3
UBS AG (...) ermittelt werden ([...]). In die entsprechenden und allfälligen
weiteren Vermögenswerte von A._ in der Schweiz wird mit dem vor-
liegenden Amtshilfeersuchen die Vollstreckung beantragt.
Mit (rechtskräftigem) Urteil des Landgerichts Y._ vom 26. Februar
2010 wurde A._ zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier
Monaten ohne Bewährung verurteilt. Die Verurteilung erfolgte wegen der
Hinterziehung der Einkommens- und Gewerbesteuer in den Jahren 2004
bis 2006. In Bezug auf die im fraglichen Verfahren ebenfalls angeklagte
Hinterziehung der Umsatzsteuer 2003 bis 2008 wurde das Verfahren auf
Antrag der Staatsanwaltschaft Y._ in Anwendung von § 154 Abs. 2
der deutschen Strafprozessordnung (StPO-D) eingestellt.
B.
Die ESTV eröffnete daraufhin ein Amtshilfeverfahren, in dessen Rahmen
sie am 18. Dezember 2014 als vorsorgliche Massnahme eine Sicherstel-
lungsverfügung nach Art. 93 MWSTG (SR 641.20) erliess. Darin hält sie
fest, dass die Voraussetzungen für eine Einziehung nach Art. 24 BBA für
den Betrag von EUR 621'212.47 (Umsatzsteuerforderung) erfüllt seien. Die
direkten Steuern (Einkommenssteuerforderung) seien hingegen vom An-
wendungsbereich des BBA ausgeschlossen. Die Einziehung richte sich
nach dem MWSTG, welches diesbezüglich auf das SchKG (SR 281.1) ver-
weise. Da es bisher an einem Betreibungsort von A._ in der
Schweiz fehle, im Einziehungsersuchen jedoch mögliche Vermögenswerte
von diesem in der Schweiz bezeichnet würden, komme der Erlass einer
Sicherstellungsverfügung nach Art. 93 MWSTG in Frage. Die Vorausset-
zungen für eine solche Sicherstellung seien vorliegend erfüllt. Die ESTV
verlange von A._ daher die Leistung einer Sicherheit in der Höhe
von Fr. 918'998.27 für die gemäss Einziehungsersuchen geschuldete,
rechtskräftige und vollstreckbare Umsatzsteuerforderung im Betrag von
EUR 621'212.47. Die verlangte Sicherheit sei innert einer Frist von 30 Ta-
gen seit Eröffnung der Sicherstellungsverfügung in einer der in Art. 93
Abs. 7 MWSTG genannten Formen zu leisten.
An demselben Tag – mit Schreiben ("Arrestbefehl in Sachen [A._]")
vom 18. Dezember 2014 an das Betreibungsamt (...) – liess die ESTV
diese Sicherstellungsverfügung dem genannten Betreibungsamt als Ar-
restbefehl im Sinn von Art. 274 SchKG zukommen. Alle gegenüber der
UBS AG bestehenden Forderungen von A._, insbesondere dessen
Guthaben auf den erwähnten UBS-Konten, seien mit Arrest zu belegen.
A-1531/2015
Seite 4
C.
Mit Eingabe vom 9. März 2015 liess A._ (Beschwerdeführer) gegen
die erwähnte Sicherstellungsverfügung Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht erheben. Er beantragt (1.) die Aufhebung der angefochtenen
Sicherstellungsverfügung sowie (2.) des "Arrestbefehl[s] betreffend Arrest
Nr. ..., welcher sich auf die [angefochtene] Sicherstellungsverfügung"
stütze. Im Weiteren (3.) sei "der Zahlungsbefehl in der Betreibung Nr. ...
vom 30. Dezember 2014 [...] von der [ESTV] zurückzuziehen" – alles (4.)
unter Kosten- und Entschädigungsfolge ("zuzüglich MWST") zulasten der
Vorinstanz.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 14. April 2015 wies das Bundesverwaltungs-
gericht das Gesuch des Beschwerdeführers vom 19. März 2015 um unent-
geltliche Rechtspflege ab.
E.
In ihrer Vernehmlassung vom 24. April 2015 beantragt die Vorinstanz, dass
auf die Beschwerde nicht einzutreten sei. Eventualiter sei die Beschwerde
vollumfänglich abzuweisen, soweit darauf eingetreten werde – alles unter
Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten des Beschwerdeführers.
Auf die Vorbringen der Parteien wird – soweit entscheidwesentlich – in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Sicherstellungsverfü-
gung vom 18. Dezember 2014, welche die ESTV als vorsorgliche Mass-
nahme erlassen hat, nachdem sie vom BZSt gestützt auf Art. 24 BBA um
Einziehung von Umsatzsteuerforderungen ersucht wurde, die sich aus der
Hinterziehung von Umsatzsteuern durch den Beschwerdeführer in
Deutschland ergeben haben sollen.
Vorab sind die Eintretensvoraussetzungen zu prüfen:
1.1 Die Schweiz (ersuchte Vertragspartei) und Deutschland (ersuchende
Vertragspartei) haben das BBA am 23. Oktober bzw. 29. September 2008
ratifiziert und am 8. bzw. 9. Januar 2009 die gegenseitige Anwendbarkeit
A-1531/2015
Seite 5
nach Art. 44 Ziff. 3 BBA notifiziert. Folglich findet das BBA zwischen diesen
beiden Staaten seit dem 9. April 2009 Anwendung (vgl. Art. 44 Ziff. 3 Satz
2 BBA). Art. 44 BBA über das "Inkrafttreten" des BBA steht der Zulässigkeit
des vorliegenden Einziehungsersuchens, das vom 10. November 2011 da-
tiert, somit nicht entgegen.
1.2 Gemäss Art. 24 Ziff. 1 BBA zieht die ersuchte Vertragspartei auf Ersu-
chen der ersuchenden Vertragspartei in den Anwendungsbereich des BBA
fallende Forderungen ein, als ob es ihre eigenen wären. Nach seinem Art. 2
Ziff. 1 Bst. b findet das BBA Anwendung auf die Beschlagnahme und Ein-
ziehung geschuldeter oder zu Unrecht vereinnahmter Beträge, die sich aus
den in Art. 2 Ziff. 1 Bst. a BBA genannten rechtswidrigen Handlungen er-
geben. Als rechtswidrige Handlungen gelten der "Betrug und sonstige
rechtswidrige Handlungen, die die finanziellen Interessen der Vertragspar-
teien beeinträchtigen", unter anderem "in Bezug auf den Waren- und
Dienstleistungsverkehr, der gegen steuerrechtliche Vorschriften auf dem
Gebiet der Mehrwertsteuer, der besonderen Verbrauchssteuern und der
Verbrauchssteuern verstösst" (Art. 2 Ziff. 1 Bst. a Lemma 2 BBA). Die im
vorliegenden Amtshilfeersuchen verlangte Einziehung rechtskräftiger und
vollstreckbarer Umsatzsteuerforderungen im Zusammenhang mit der (an-
geblichen) Hinterziehung von Umsatzsteuern durch den Beschwerdeführer
in Deutschland wird entsprechend (grundsätzlich) vom Anwendungsbe-
reich des BBA erfasst (vgl. dazu: Urteil des BVGer A-1735/2011 vom
21. Dezember 2011 E. 1.1.2; vgl. zur "weiten Auslegung" des Begriffs "Be-
trug und sonstige rechtswidrige Handlungen" gemäss BBA: ANNA SKVARC,
Bekämpfung von strafbaren Verhaltensweisen nach dem Betrugsbekämp-
fungsabkommen zwischen der Schweiz und der EU, 2010, S. 31 ff., insb.
S. 83 ff. mit zahlreichen Literaturhinweisen; HERMANN KÄSTLI, Betrugsbe-
kämpfung im Rahmen der bilateralen Abkommen II mit der EU, in: ASA 74
S. 177–199, insb. S. 183; vgl. ferner zum Anwendungsbereich des BBA:
Botschaft vom 1. Oktober 2004 zur Genehmigung der bilateralen Abkom-
men zwischen der Schweiz und der Europäischen Union, einschliesslich
der Erlasse zur Umsetzung der Abkommen, Bilaterale II [nachfolgend: Bot-
schaft Bilaterale II], Bundesblatt [BBl] 2004 5965 ff., 6188).
1.3 Beim BBA handelt es sich um einen völkerrechtlichen Vertrag im Sinn
von Art. 2 Abs. 1 Bst. a des Wiener Übereinkommens vom 23. Mai 1969
über das Recht der Verträge (VRK; SR 0.111; in Kraft getreten für die
Schweiz am 6. Juni 1990; vgl. Urteil des BVGer A-1735/2011 vom 21. De-
zember 2011 E. 2; SKVARC, a.a.O., S. 17 f.; FABRICE FILIEZ, in: Christine
Kaddous/Monique Jametti Greiner [Hrsg.], Bilaterale Abkommen II
A-1531/2015
Seite 6
Schweiz-EU und andere neue Abkommen, 2006, S. 654). Gemäss Art. 190
BV haben die rechtsanwendenden Behörden das Völkerrecht anzuwen-
den. Die Schweiz folgt dem monistischen System, demgemäss Völkerrecht
direkt anwendbar ist, ohne dass eine Transformation ins Landesrecht not-
wendig wäre. Dementsprechend gelangt das BBA vorliegend direkt zur An-
wendung (vgl. BGE 138 II 42 E. 3.1; BVGE 2010/40 E. 3.2; Urteil des
BVGer A-1735/2011 vom 21. Dezember 2011 E. 1.1.4).
1.4
1.4.1 Gemäss Art. 9 Ziff. 1 Satz 1 BBA wenden die Behörden der Vertrags-
parteien die unter dem Titel "Amtshilfe" stehenden Bestimmungen des BBA
(Art. 7–24 BBA) im Rahmen der Zuständigkeiten an, die ihnen auf der
Grundlage ihres internen Rechts übertragen worden sind.
1.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gemäss Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, sofern keine Ausnahme
nach Art. 32 VGG vorliegt und es sich bei der Vorinstanz um eine Behörde
im Sinn von Art. 33 VGG handelt. Nach diesen Bestimmungen fällt die in-
ternationale Amtshilfe (insbesondere in Fiskalsachen) in den justiziellen
Aufgabenbereich des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. statt vieler: BGE
137 II 128 E. 2.2.2 mit Hinweisen). In Angelegenheiten der internationalen
Rechtshilfe steht dagegen grundsätzlich die Beschwerde ans Bundesstraf-
gericht offen (vgl. Art. 37 Abs. 2 Bst. a des Bundesgesetzes vom 19. März
2010 über die Organisation der Strafbehörden des Bundes [StBOG;
SR 173.71]); die Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht ist diesfalls
nach Art. 32 Abs. 2 Bst. a VGG ausgeschlossen.
1.4.3 Dass es sich vorliegend nicht um eine Rechtshilfesache, sondern um
eine in den Zuständigkeitsbereich des Bundesverwaltungsgerichts fallende
Angelegenheit im Rahmen der (internationalen) Amtshilfe handelt, ist zwi-
schen den Parteien zu Recht unbestritten (vgl. zur Unterscheidung von
Amts- und Rechtshilfe gemäss BBA: Urteil des BVGer A-1735/2011 vom
21. Dezember 2011 E. 1.1.5 f. sowie SKVARC, a.a.O., S. 166 ff.; vgl. ferner
BGE 137 II 128 2.2 f. sowie CAROLIN HÜRLIMANN-FERSCH, Voraussetzun-
gen für die Amts- und Rechtshilfe in Steuerstrafsachen unter besonderer
Berücksichtigung der qualifizierenden Elemente beim Steuer- und Abgabe-
betrug, 2010, insb. S. 6 ff.; KÄSTLI, a.a.O., S. 179 ff.; MICHAEL BEUSCH/RALF
IMSTEPF, in: Martin Zweifel/Michael Beusch/Pierre-Marie Glauser/Philip
Robinson [Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundes-
gesetz über die Mehrwertsteuer, 2015 [nachfolgend: Kommentar MWSTG],
N 6 zu Art. 75 MWSTG).
A-1531/2015
Seite 7
1.5 Betreffend die mit dem vorliegenden Einziehungsersuchen verlangte
internationale Amtshilfe im Bereich der Mehrwertsteuer (bzw. Umsatz-
steuer) richten sich die Zuständigkeit und das innerstaatliche Verfahren seit
dem 1. Februar 2013 nach Art. 75a MWSTG; dies gilt jedenfalls dann, wenn
– wie im vorliegenden Fall – gestützt auf das BBA um Amtshilfe ersucht
wird (Art. 75a MWSTG fand im Rahmen des Erlasses des Bundesgesetzes
vom 28. September 2012 über die internationale Amtshilfe in Steuersachen
[StAhiG; SR 672.5] Eingang ins Mehrwertsteuerrecht und ist mit diesem
am 1. Februar 2013 in Kraft getreten; vgl. Botschaft vom 6. Juli 2011 zum
Erlass eines Steueramtshilfegesetzes [nachfolgend: Botschaft StAhiG],
BBl 2011 6193 ff., 6228; BEUSCH/IMSTEPF, Kommentar MWSTG, N 5, 12
und 16 zu Art. 75a MWSTG). Bei Bestimmungen über die Amtshilfe handelt
es sich grundsätzlich um Vorschriften verfahrensrechtlicher Natur, die mit
ihrem Inkrafttreten auf sämtliche im Zeitpunkt des Inkrafttretens hängige
Amtshilfeverfahren sofort Anwendung finden, sofern keine anderslautende
Übergangsregelung besteht (vgl. BVGE 2010/40 E. 6.5.2). Betreffend die
Amtshilfebestimmung von Art. 75a MWSTG findet sich keine Übergangs-
regelung (vgl. dagegen Art. 24 StAhiG e contrario). Die Bestimmung ist da-
her auf das vorliegende Amtshilfeverfahren, das am 1. Februar 2013 (be-
reits und noch) hängig war, anwendbar.
1.6 Nach Art. 75a Abs. 2 MWSTG vollzieht die ESTV die Amtshilfe in ana-
loger Anwendung der Art. 115a–115i des Zollgesetzes vom 18. März 2005
(ZG; SR 631.0). Gemäss Art. 115i ZG sind Zwischenverfügungen, ein-
schliesslich Verfügungen über Zwangsmassnahmen, sofort vollstreckbar
(Abs. 1 Satz 1). Sie können nicht selbstständig angefochten werden (Abs. 1
Satz 2). Selbständig anfechtbar sind hingegen Zwischenverfügungen, die
durch die Beschlagnahme oder Sperre von Vermögenswerten und Wert-
gegenständen einen unmittelbaren und nicht wiedergutzumachenden
Nachteil bewirken (Abs. 2). Gegen solche Zwischenverfügungen und die
Schlussverfügung kann Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht er-
hoben werden (Abs. 3).
1.6.1 Gegenüber Art. 93 Abs. 4 MWSTG, wonach gegen die Sicherstel-
lungsverfügung im Bereich der Mehrwertsteuer beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde geführt werden kann, handelt es sich bei Art. 115i ZG
nicht nur um eine lex posterior, sondern auch um eine (amtshilfeverfah-
rensrechtliche) lex specialis. Die Rechtsmittelregelung gemäss Art. 115i
ZG geht hier daher jener gemäss Art. 93 Abs. 4 MWSTG vor (vgl. allgemein
A-1531/2015
Seite 8
zum Vorrang der lex specialis und der lex posterior: ULRICH HÄFE-
LIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl.
2010, N 220).
1.6.2 In der Schlussverfügung wird die Amtshilfeleistung begründet und der
Umfang der zu übermittelnden Informationen, Unterlagen, Gegenstände o-
der Vermögenswerte (vorliegend des Betrags der eingezogenen Forde-
rung [vgl. Art. 24 Ziff. 4 BBA]) bestimmt (vgl. Art. 115h Abs. 1 ZG). Die an-
gefochtene Sicherstellungsverfügung ist demgegenüber als reine Sicher-
stellungsverfügung nach Art. 93 MWSTG ausgestaltet. Es handelt sich ent-
sprechend nicht um eine nach Art. 115i Abs. 3 ZG beim Bundesverwal-
tungsgericht anfechtbare Schlussverfügung. Vielmehr erliess die ESTV die
angefochtene Sicherstellungsverfügung als vorsorgliche Massnahme im
Sinn von Art. 24 Ziff. 3 BBA (i.V.m. Art. 115c ZG und Art. 93 MWSTG) im
Rahmen und (sinngemäss) für die Dauer des vorliegenden Amtshilfever-
fahrens. Die fragliche Sicherstellungsverfügung ist daher als (selbständig
eröffnete) Zwischenverfügung zu qualifizieren (vgl. BGE 134 I 83 E. 3.1;
Urteil des BVGer A-2970/2010 vom 22. März 2012 E. 1.1 mit Hinweisen;
FELIX UHLMANN/SIMONE WÄLLE-BÄR, in: Bernhard Waldmann/Philippe
Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren, 2009, N 7 zu Art. 45 VwVG).
1.6.3 Zwischenverfügungen können – wie erwähnt (E. 1.6 am Anfang) –
nach den hier analog anwendbaren Art. 115i Abs. 2 und 3 ZG nur dann
selbständig mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht angefochten
werden, wenn sie "durch die Beschlagnahme oder Sperre von Vermögens-
werten und Wertgegenständen einen unmittelbaren und nicht wieder gut-
zumachenden Nachteil bewirken".
1.6.3.1 Grundsätzlich obliegt es dem Beschwerdeführer darzutun, dass ein
solcher Nachteil besteht, soweit dessen Vorliegen nicht ins Auge springt
(vgl. BGE 137 III 324 E. 1.1; Urteil des BVGer A-3885/2014 vom 19. Feb-
ruar 2015 E. 1.2 mit Hinweisen; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN
BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bun-
des, 3. Aufl. 2013, N 909; ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEU-
BÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013,
N 2.45 ff.). Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts haben Verfügun-
gen, mit denen bestimmte Gegenstände oder Geldwerte beschlagnahmt
werden, offensichtlich einen unmittelbaren und nicht wieder gutzumachen-
den Nachteil zur Folge, weil die betroffene Person dadurch gehindert wird,
A-1531/2015
Seite 9
frei über die entsprechenden Vermögenswerte zu verfügen. Das gilt gleich-
ermassen für Kontensperren (vgl. BGE 128 I 129 E. 1, 126 I 97 E. 1b; Urteil
des BGer 1P.189/2000 vom 21. Juni 2000 E. 2 f.).
1.6.3.2 Vorliegend geht mit der angefochtenen Sicherstellungsverfügung
nach Art. 93 MWSTG streng genommen zwar – anders als im Fall von Ver-
fügungen über die Beschlagnahme oder Sperre von Vermögenswerten –
kein formeller Entzug der eigentlichen Verfügungsbefugnis über bestimmte
Vermögenswerte einher. Der Beschwerdeführer wird durch die angefoch-
tene Sicherstellung jedoch insofern unmittelbar an der freien Verfügung
über sein Vermögen gehindert, als mit der Pflicht zur Sicherstellung eine
Pflicht zum Werterhalt im entsprechenden Umfang (d.h. im Umfang des
sicherzustellenden Betrages) verbunden ist. So wird mit Busse bestraft,
wer vorsätzlich oder fahrlässig Sicherheiten nicht gehörig leistet, sofern die
Tat nicht nach einer anderen Bestimmung mit höherer Strafe bedroht ist
(Art. 98 Bst. d MWSTG).
Hinzu kommt, dass die Sicherstellungsverfügung nach Art. 93 MWSTG
durchaus zu einem formellen Entzug der Verfügungsbefugnis über be-
stimmte Vermögenswerte führen kann, gilt sie nach der gesetzlichen Re-
gelung doch zugleich als Arrestbefehl im Sinn von Art. 274 SchKG (vgl.
Art. 93 Abs. 3 MWSTG). Die Steuerbehörde kann mithin zur zwangsrecht-
lichen Durchsetzung der Sicherstellungsverfügung bestimmte Vermögens-
werte, welche dem Beschwerdeführer gehören, mit Arrest belegen lassen.
Im vorliegenden Fall wurde denn auch die angefochtene Sicherstellungs-
verfügung noch am Tag ihres Erlasses – mit Schreiben bzw. "Arrestbefehl"
vom 18. Dezember 2014 – dem zuständigen Betreibungsamt zum Vollzug
zugesandt. In der Folge wurden die vier genannten Konten des Beschwer-
deführers bei der UBS AG mit Arrest belegt bzw. gesperrt. Der Beschwer-
deführer oder Dritte dürfen ohne Einwilligung des zuständigen Betrei-
bungsamtes nicht mehr über die betreffenden Vermögenswerte verfügen,
solange sie dafür keine Sicherheit leisten (vgl. Art. 277 SchKG).
Insgesamt rechtfertigt es sich hier daher, analog der dargestellten bundes-
gerichtlichen Rechtsprechung (E. 1.6.3.1) vom Vorliegen eines unmittelba-
ren und nicht wieder gutzumachenden Nachteils auszugehen.
1.6.4 Nach dem Ausgeführten ist die angefochtene Sicherstellungsverfü-
gung als Zwischenverfügung zu qualifizieren (E. 1.6.2), die im Sinn von
Art. 115i Abs. 2 ZG "durch die Beschlagnahme oder Sperre von Vermö-
genswerten und Wertgegenständen einen unmittelbaren und nicht wieder
A-1531/2015
Seite 10
gutzumachenden Nachteil" bewirkt (E. 1.6.3). Sie ist folglich selbständig
mittels Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 31–
33 VGG i.V.m. Art. 75a Abs. 2 MWSTG und Art. 115i Abs. 2 und 3 ZG).
1.7 Der Beschwerdeführer ist durch die angefochtene Sicherstellungsver-
fügung beschwert (Art. 115i Abs. 3 Satz 2 ZG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG),
hat diese frist- und formgerecht angefochten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52
Abs. 1 VwVG) und den einverlangten Kostenvorschuss rechtzeitig geleistet
(vgl. Art. 21 Abs. 3 VwVG).
1.8 Demnach ist auf die Beschwerde – mit nachfolgender Einschränkung
– einzutreten.
Als unzulässig – jedenfalls im vorliegenden Verfahren, das eine Sicherstel-
lung betrifft – erweist sich der Antrag des Beschwerdeführers, "der Zah-
lungsbefehl in der Betreibung Nr. ... vom 30. Dezember 2014 sei von der
[ESTV] zurückzuziehen". Denn gegen den fraglichen Zahlungsbefehl hätte
sich der Beschwerdeführer im entsprechenden Betreibungsverfahren mit-
tels Erhebung des Rechtsvorschlags zur Wehr zu setzen.
2.
2.1 Die Sicherstellungsverfügung besteht in einer behördlichen Mass-
nahme mit dem Zweck, dem Gemeinwesen Sicherheit für einen Steueran-
spruch zu verschaffen, dessen Verwirklichung aus bestimmten äusseren
Gründen als gefährdet erscheint. Durch die Sicherstellungsverfügung soll
dafür gesorgt werden, dass der Steueranspruch bei Eintritt der Fälligkeit
bzw. nach Vorliegen eines rechtskräftigen Entscheids tatsächlich realisiert
werden kann (vgl. Urteile des BVGer A-1663/2006 vom 19. März 2007
E. 2.1 sowie – mit Bezug auf Sicherstellungen im Bereich der Leistungsab-
hängigen Schwerverkehrsabgabe [LSVA] – A-2726/2014 vom 12. August
2014 E. 5.3 je mit Hinweisen).
2.2 Damit eine Sicherstellung allenfalls zulässig ist, muss eine Gefährdung
der Steuerforderung vorliegen. Im Anwendungsbereich von Art. 93 Abs. 1
MWSTG reicht es aus, wenn die rechtzeitige Bezahlung der Steuerforde-
rung als gefährdet "erscheint" (Bst. a); eine solche Gefährdung ist also
nach dem Wortlaut der Verordnung nur glaubhaft zu machen (vgl. Urteil
des BGer 2A.59/2003 vom 25. September 2003 E. 3.1 sowie Urteil des
BVGer A-2726/2014 vom 12. August 2014 E. 5.4.1). Weiter liegt nach
Art. 93 Abs. 1 MWSTG eine Gefährdung der Steuerforderung unter ande-
rem dann vor, wenn die zahlungspflichtige Person Anstalten trifft, ihren
A-1531/2015
Seite 11
Wohn- oder Geschäftssitz oder ihre Betriebsstätte in der Schweiz aufzuge-
ben (Bst. b), oder wenn sie mit ihrer Zahlung in Verzug ist (Bst. c).
Die Gefährdung braucht nicht in einem nach aussen sichtbaren Verhalten
der steuerpflichtigen Person zu liegen. Bereits eine objektive Gefährdung
– ohne dass der steuerpflichtigen Person eine entsprechende Absicht
nachgewiesen werden könnte – kann eine Sicherstellungsverfügung recht-
fertigen. Im Einzelfall kann es bereits ausreichen, dass eine steuerpflich-
tige Person ihre Abrechnungen nicht korrekt ausfüllt bzw. nicht fristgerecht
einreicht (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. e MWSTG). Dagegen reicht eine Gefähr-
dung ausschliesslich zufolge schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse des
Schuldners nicht aus. Notwendig sind vielmehr bestimmte gefährdende
Handlungen, deren Effekt dem Staatswesen das zur Deckung seiner An-
sprüche nötige Vermögen entzieht (vgl. Urteile des BVGer A-2726/2014
vom 12. August 2014 E. 5.4.1 sowie A-1663/2006 vom 19. März 2007
E. 2.2.1; vgl. ERNST BLUMENSTEIN/PETER LOCHER, System des Steuer-
rechts, 6. Aufl. 2002, S. 332 f.). Eine weite "Auslegung" bzw. Handhabung
des Gefährdungstatbestands entspricht grundsätzlich der Natur der Mehr-
wertsteuer; denn diese basiert auf dem Prinzip der Selbstveranlagung
(statt vieler: Urteil des BVGer A-2473/2014 vom 13. März 2015 E. 2.3 mit
Hinweisen).
2.3 Sodann muss die gegen eine steuerpflichtige Person erlassene Sicher-
stellungsverfügung auch verhältnismässig sein. Die Behörde soll sich kei-
nes strengeren Zwangsmittels bedienen, als es die Umstände verlangen
(BGE 124 I 44 f. E. 3e, 123 I 121 E. 4e; Urteile des BVGer A-2726/2014
vom 12. August 2014 E. 5.8.1 sowie A-1663/2006 vom 19. März 2007
E. 2.2.3 je mit Hinweisen). Dies gilt vorab einmal für die Höhe der verlang-
ten Sicherheit. Sicherstellungsverfügungen müssen in jedem Fall ihren
provisorischen Charakter behalten und der (geschuldeten bzw. voraus-
sichtlich geschuldeten) Steuerforderung Rechnung tragen. Das Bundes-
verwaltungsgericht überprüft die Angemessenheit (vgl. Art. 49 Bst. c
VwVG) der bei ihm angefochtenen Sicherstellungsverfügungen allerdings
mit Zurückhaltung und interveniert nur, wenn der Sicherstellungsbetrag of-
fensichtlich übersetzt ist (vgl. Urteile des BVGer A-2726/2014 vom 12. Au-
gust 2014 E. 2 und A-3546/2011 vom 19. August 2011 E. 1.2; vgl. ferner
Urteil des BGer 2C_753/2007 vom 15. Mai 2008 E. 3.3 sowie grundsätzlich
BVGE 2010/19 E. 4.2).
2.4 Die Sicherstellungsverfügung nach Art. 93 MWSTG hat den Rechts-
grund der Sicherstellung, den sicherzustellenden Betrag und die Stelle,
A-1531/2015
Seite 12
welche die Sicherheiten entgegennimmt, anzugeben; sie gilt als Arrestbe-
fehl im Sinn von Art. 274 SchKG (Art. 93 Abs. 3 Satz 1 MWSTG).
3.
Im vorliegenden Beschwerdeverfahren geht es – nur, aber immerhin – da-
rum, die Rechtmässigkeit der angefochtenen Sicherstellungsverfügung zu
überprüfen. Dagegen ist hier nicht – jedenfalls nicht abschliessend – dar-
über zu entscheiden, ob dem vorliegenden Amtshilfeersuchen zu entspre-
chen ist. Diese Frage vermag grundsätzlich erst Gegenstand des allfälligen
nachfolgenden, gegen die entsprechende Schlussverfügung der ESTV ge-
richteten, Beschwerdeverfahrens beim Bundesverwaltungsgericht zu bil-
den (vgl. E. 1.6 am Anfang).
3.1 Im Rahmen der Überprüfung der Rechtmässigkeit der angefochtenen
Sicherstellungsverfügung stellt sich vorab die Frage, ob die ESTV das die-
ser Verfügung zugrunde liegende Amtshilfeverfahren zu Recht eröffnet hat.
Die Frage ist insoweit zu bejahen, als sich das vorliegende Amtshilfeersu-
chen nicht als offensichtlich (prima facie) unzulässig erweist.
3.1.1 Mit dem fraglichen Ersuchen wird gestützt auf Art. 24 BBA die Einzie-
hung einer Gesamtsteuerforderung von EUR 1'981'182.89 verlangt. Diese
Forderung betrifft neben der Umsatzsteuer (indirekte Steuer) auch die Ein-
kommenssteuer (direkte Steuer). Gestützt auf Art. 24 BBA können indes
keine Forderungen eingezogen werden, welche die direkten Steuern be-
treffen (vgl. Art. 2 Ziff. 4 BBA). Insoweit daher mit dem vorliegenden Amts-
hilfeersuchen auch die Einziehung von Einkommenssteuerforderungen
verlangt wird (nämlich im Umfang von EUR 1'359'970.42), erweist es sich
als offensichtlich unzulässig. Die ESTV hat das vorliegende Amtshilfever-
fahren – und folgerichtig auch die angefochtene Sicherstellungsverfügung
– daher zu Recht auf die (nach Art. 24 BBA grundsätzlich einziehungsfä-
hige und im fraglichen Ersuchen geltend gemachte) Umsatzsteuerforde-
rung von EUR 621'212.47 beschränkt (vgl. dazu auch E. 3.3.1 und Sach-
verhalt Bst. A.b und B).
3.1.2 Die Einziehung nach Art. 24 BBA ist weiter nur in Bezug auf geschul-
dete oder zu Unrecht vereinnahmte Beträge zulässig (vgl. Art. 2 Ziff. 1
Bst. b BBA). Einem entsprechenden Ersuchen sind zwingend eine amtliche
Ausfertigung oder eine beglaubigte Kopie des von der ersuchenden Ver-
tragspartei erlassenen Vollstreckungstitels und gegebenenfalls das Origi-
nal oder eine beglaubigte Kopie sonstiger für die Einziehung erforderlicher
A-1531/2015
Seite 13
Unterlagen beizulegen (Art. 24 Ziff. 2 BBA; vgl. Botschaft Bilaterale II, BBl
2004 6194).
3.1.2.1 Das BZSt hat der ESTV als Vollstreckungstitel die "Rückstandsan-
zeige" des Finanzamts X._ vom 24. Oktober 2011 eingereicht
(s. Vernehmlassungsbeilage 16). Das Finanzamt X._ bescheinigt
darin mittels Stempel und Unterschrift, dass die erwähnte Umsatzsteuer-
forderung von EUR 621'212.47 in Deutschland gegenüber dem Beschwer-
deführer rechtskräftig festgesetzt und vollstreckbar ist.
3.1.2.2 Die fragliche Forderung betrifft die Jahre 2004 bis 2010. Der Be-
schwerdeführer behauptet, dass betreffend die Jahre 2009 und 2010 nicht
das Finanzamt X._, sondern das Finanzamt Z._ für die
"Festsetzung und Vollstreckung" der Forderung zuständig sei (bzw. gewe-
sen wäre).
Aufgrund des sog. völkerrechtlichen Vertrauensprinzips besteht – ausser
bei offenbarem Rechtsmissbrauch – grundsätzlich kein Anlass, an der
Sachverhaltsdarstellung und an den Erklärungen anderer Staaten zu zwei-
feln (vgl. BGE 128 II 407 E. 3.2, 4.3.1 und 4.3.3, 126 II 409 E. 4; Urteil des
BVGer A-6989/2014 vom 25. Februar 2015 mit Hinweisen). Die ESTV –
wie auch das Bundesverwaltungsgericht – ist deshalb an die Darstellung
des Sachverhalts im vorliegenden Einziehungsersuchen insoweit gebun-
den, als diese nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Widersprü-
che von vornherein entkräftet werden kann (vgl. statt vieler: BGE 128 II 407
E. 5.2.1, 127 II 142 E. 5a, 125 II 65 E. 6a f.; Urteil des BVGer A-1735/2011
vom 21. Dezember 2011 E. 3.4 mit Hinweisen). Mithin liegt es grundsätzlich
nicht an der ESTV bzw. am Bundesverwaltungsgericht, im Rahmen eines
Amtshilfeverfahrens nach Art. 24 BBA die Zuständigkeit der deutschen Be-
hörden im Bereich der (innerstaatlichen) Steuerfestsetzung und/oder (in-
nerstaatlichen) Steuervollstreckung zu überprüfen. Der Beschwerdeführer
hätte die fragliche Rüge vielmehr im betreffenden (innerstaatlichen) Ver-
fahren in Deutschland vorbringen müssen. Für das vorliegende (internati-
onale) Einziehungs- bzw. Vollstreckungsverfahren ist entscheidend, dass
ein Vollstreckungstitel vorliegt, der vom BZSt – als "zentrale Dienststelle"
nach Art. 11 BBA – im Verfahren nach Art. 24 BBA eingereicht wurde und
worin die fraglichen Umsatzsteuerforderungen als rechtskräftig ("bestands-
kräftig") und vollstreckbar ausgewiesen sind. Insoweit der Beschwerdefüh-
rer zumindest implizit vorbringt, die fraglichen Forderungen seien entgegen
den Angaben im vorliegenden Vollstreckungstitel nicht rechtskräftig oder
vollstreckbar, bestehen für diese Behauptung keinerlei Anhaltspunkte in
A-1531/2015
Seite 14
den Akten. Auch sonst sind keine Gründe ersichtlich, weshalb der fragliche
Vollstreckungstitel nicht rechtsgenügend sein sollte bzw. weshalb das Ge-
richt entgegen dem völkerrechtlichen Vertrauensprinzip an der Richtigkeit
der darin enthaltenen Angaben zweifeln müsste.
3.1.3 In einem Einziehungsersuchen nach Art. 24 BBA ist rechtsgenügend
darzutun, dass die einzuziehende Forderung aus einer nach Art. 2 Ziff. 1
Bst. a BBA amtshilfefähigen Straftat stammt (vgl. Art. 24 Ziff. 1 i.V.m. Art. 2
Ziff. 1 Bst. b BBA). Indes hat sich die ersuchte Vertragspartei nicht darüber
auszusprechen, ob die im Ersuchen angeführten Tatsachen zutreffen oder
nicht. Wie erwähnt (vgl. E. 3.1.2.2), ist sie an die Darstellung des Sachver-
halts im Ersuchen insoweit gebunden, als diese nicht wegen offensichtli-
cher Fehler, Lücken oder Widersprüche sofort entkräftet werden kann. Das
Bundesverwaltungsgericht prüft als Amtshilfegericht nur, ob die Schwelle
zur berechtigten Annahme des Tatverdachts erreicht ist. In der Folge ob-
liegt es der vom Amtshilfeverfahren betroffenen Person, den begründeten
Tatverdacht klarerweise und entscheidend zu entkräften. Gelingt ihr dies,
ist die Amtshilfe zu verweigern (vgl. Urteil des BVGer A-1735/2011 vom
21. Dezember 2011 E. 3.4 mit Hinweisen; vgl. ferner BGE 128 II 407
E. 5.2.1, 127 II 142 E. 5a, 125 II 65 E. 6a f.).
3.1.3.1 Zwischen den Parteien ist zu Recht unbestritten, dass die dem Be-
schwerdeführer im vorliegenden Einziehungsersuchen vorgeworfene Hin-
terziehung von Umsatzsteuern grundsätzlich eine nach BBA amtshilfefä-
hige Straftat darstellt (vgl. E. 1.2). Der Beschwerdeführer macht jedoch gel-
tend, aus dem fraglichen Ersuchen ergäben sich keine hinreichenden An-
haltspunkte, dass er tatsächlich Umsatzsteuern hinterzogen haben könnte.
Vielmehr ergäbe sich das Gegenteil: So hätten die deutschen Behörden
gegen ihn zwar ein Strafverfahren wegen der Hinterziehung von Umsatz-
steuern geführt. Mit Urteil des Landgerichts Y._ vom 26. Februar
2010 sei das betreffende Verfahren jedoch eingestellt worden. Dieses Ur-
teil sei zudem in Rechtskraft erwachsen. Eine Wiederaufnahme des fragli-
chen Strafverfahrens sei nicht mehr möglich, da seit Eintritt der Rechtskraft
des Urteils des Landgerichts mehr als drei Monate vergangen seien (der
Beschwerdeführer beruft sich diesbezüglich auf § 154 Abs. 4 StPO-D). Das
Gesuch erweise sich daher – mangels Vorliegens einer nach BBA amtshil-
fefähigen Straftat – als offensichtlich unzulässig.
3.1.3.2 Der Beschwerdeführer verkennt bei dieser Argumentation zu-
nächst, dass die Amtshilfe nach BBA bzw. die Frage nach dem Vorliegen
einer nach Art. 2 Ziff. 1 BBA in den Anwendungsbereich des BBA fallenden
A-1531/2015
Seite 15
"rechtswidrigen Handlung" nicht an eine entsprechende (rechtskräftige)
strafrechtliche Verurteilung im ersuchenden Vertragsstaat gebunden ist.
Nach den vorstehenden Ausführungen (E. 3.1.3 am Anfang) genügt es viel-
mehr, wenn aufgrund der Sachverhaltsdarstellung im Ersuchen die
Schwelle zur berechtigten Annahme des Tatverdachts erreicht ist.
Gemäss Sachverhaltsdarstellung im vorliegenden Ersuchen (vgl. zum Fol-
genden: Sachverhalt Bst. A.b) hat der Beschwerdeführer trotz Aufforde-
rung keine Umsatzsteuererklärungen eingereicht. Die deutschen Behörden
leiteten gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen der Hinterziehung von
Umsatzsteuern ein, welches zu einer entsprechenden Anklageerhebung
beim Landgericht Y._ führte. Dieses hat das fragliche Verfahren
zwar auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt. Diese Einstellung er-
folgte jedoch nicht etwa deshalb, weil sich im Verlauf des gerichtlichen Ver-
fahrens ergeben hat, dass offensichtlich kein strafbares Verhalten bzw.
keine Hinterziehung von Umsatzsteuern gegeben ist. Die fragliche Einstel-
lung erfolgte vielmehr aufgrund von § 154 Abs. 1 Ziff. 1 i.V.m. § 154 Abs. 2
StPO-D. Nach § 154 Abs. 1 Ziff. 1 StPO-D kann die Staatsanwaltschaft von
der Verfolgung einer Tat absehen, wenn die Strafe, zu der die Verfolgung
führen kann, neben einer Strafe, die gegen den Beschuldigten wegen einer
anderen Tat rechtskräftig verhängt worden ist oder die er wegen einer an-
deren Tat zu erwarten hat, nicht beträchtlich ins Gewicht fällt (vgl. das "Op-
portunitätsprinzip" bzw. den "Verzicht auf Strafverfolgung" gemäss Art. 8
der Schweizerischen Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 [StPO;
SR 312.0]). Ist die "öffentliche Klage" – wie eben im vorliegenden Fall –
bereits erhoben, so kann das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft
das Verfahren einstellen (vgl. § 154 Abs. 2 StPO-D; vgl. Beschwerdebei-
lage 5). Darüber hinaus teilte das BZSt der ESTV mit E-Mail vom 15. No-
vember 2012 mit, dass die Einstellung nach § 154 Abs. 2 StPO-D eine
"nachgewiesene Tat" voraussetze. Im vorliegenden Fall sei eine Umsatz-
steuerhinterziehung gegeben (vgl. Vernehmlassungsbeilage 21).
Für das Bundesverwaltungsgericht ist damit rechtsgenügend dargetan,
dass die gemäss Ersuchen einzuziehenden Umsatzsteuerforderungen aus
der Hinterziehung von Umsatzsteuern durch den Beschwerdeführer und
damit aus einer nach BBA amtshilfefähigen Straftat stammen. Der Be-
schwerdeführer bringt nichts vor, was diesen Schluss entscheidend in
Frage zu stellen vermöchte. Für sein Vorbringen, mit der Einstellung nach
§ 154 Abs. 2 StPO-D könne nicht mehr auf das Vorliegen einer (nach BBA
amtshilfefähigen) Hinterziehung von Umsatzsteuern geschlossen werden,
besteht mit Verweis auf das Ausgeführte jedenfalls keine Grundlage.
A-1531/2015
Seite 16
3.1.4 Der Beschwerdeführer stellt sich weiter auf den Standpunkt, das vor-
liegende Einziehungsersuchen erweise sich deshalb als offensichtlich un-
zulässig, weil die Verwendung der erwähnten UBS-Kontendaten gegen
den Spezialitätsvorbehalt verstosse, der im internationalen Rechtshilfever-
fahren, in dem die betreffenden Bankinformationen hätten erhältlich ge-
macht werden können, angebracht worden sei.
Die fraglichen Konteninformationen wurden Deutschland (Oberstaatsan-
waltschaft Y._) durch die ESTV mit Schreiben vom 28. Juni 2011
betreffend "SDÜ/BBA – Rechtshilfeverfahren i.S. [A._] wegen Steu-
erhinterziehung" übermittelt (s. Beschwerdebeilage 10). Im Anhang zu die-
sem Schreiben wird auf die eingeschränkte Verwendung dieser Doku-
mente hingewiesen ("allgemeiner" und "ergänzender" Spezialitätsvorbe-
halt). Laut Ziff. VII. Bst. c des Anhangs können die im Rahmen des Rechts-
hilfeverfahrens übermittelten Informationen und Beweismittel unter ande-
rem in Verfahren zur Einziehung der Erträge aus Straftaten, wegen denen
Rechtshilfe gewährt werden müsste, verwendet werden (vgl. die zulässige
Verwendung nach Art. 36 Bst. c BBA). Die Hinterziehung von Umsatzsteu-
ern stellt eine nach BBA rechtshilfefähige Straftat dar (vgl. E. 1.2 analog
sowie ROLAND STÜDLE, Auswirkungen des Betrugsbekämpfungsabkom-
mens mit der EU auf die MWST: Ausdehnung der Rechtshilfe auf Steuer-
hinterziehungsdelikte bei den indirekten Steuern, in: Der Schweizer Treu-
händer 12/05, S. 1068–1071). Die Verwendung der fraglichen Konteninfor-
mationen im vorliegenden Einziehungsverfahren ist daher ohne weiteres
zulässig.
3.1.5 Gemäss Art. 4 BBA kann die ersuchte Vertragspartei die Zusammen-
arbeit ablehnen, wenn die Erledigung des Ersuchens nach Auffassung der
ersuchten Vertragspartei geeignet ist, die Souveränität, die Sicherheit, die
öffentliche Ordnung oder andere wesentliche Interessen der ersuchten
Vertragspartei zu beeinträchtigen. Art. 10 BBA sieht sodann unter dem Titel
"Verhältnismässigkeit" vor, dass die ersuchte Behörde ein Amtshilfeersu-
chen ablehnen darf, wenn der Verhältnismässigkeitsgrundsatz verletzt wird
(vgl. Urteil des BVGer A-1735/2011 vom 21. Dezember 2011 E. 3.1;
SKVARC, a.a.O., S. 180). Namentlich hält Art. 10 Bst. b BBA fest, dass die
Behörde der ersuchten Vertragspartei ein Ersuchen um Zusammenarbeit
ablehnen kann, wenn sich eindeutig ergibt, dass die Behörde der ersu-
chenden Vertragspartei die üblichen Informationsquellen nicht ausge-
schöpft hat, die sie unter den gegebenen Umständen zur Erlangung der
erbetenen Informationen hätte nutzen können, ohne die Erreichung des
angestrebten Ergebnisses zu gefährden.
A-1531/2015
Seite 17
Art. 4 und 10 BBA stellen sog. "Kann-Bestimmungen" dar. Die ersuchte
Vertragspartei verfügt im Anwendungsbereich dieser Bestimmungen daher
über Ermessen. Mit Blick auf Art. 4 BBA sei aber immerhin erwähnt, dass
ein Verstoss gegen den ordre public vorliegend nicht ersichtlich ist. Ferner
erscheint das vorliegende Ersuchen insofern nicht als unverhältnismässig,
als nach der darin enthaltenen, unbestrittenen Darstellung der ersuchen-
den Vertragspartei Vollstreckungsmassnahmen in Deutschland erfolglos
geblieben sind (vgl. Art. 10 Bst. b BBA).
3.1.6 In Art. 18 Ziff. 2 BBA sind die Angaben aufgeführt, die ein Amtshilfeer-
suchen nach dem BBA im Allgemeinen enthalten muss: die ersuchende
Behörde (Bst. a); die Massnahme, um die ersucht wird (Bst. b); den Ge-
genstand und Grund des Ersuchens (Bst. c); die betroffenen Rechts- und
Verwaltungsvorschriften und sonstigen rechtlichen Elemente (Bst. d); mög-
lichst genaue und umfassende Angaben zu den natürlichen oder juristi-
schen Personen, gegen die sich die Ermittlungen richten (Bst. e) sowie
eine Zusammenfassung des Sachverhalts und der bereits durchgeführten
Massnahmen, ausser in Fällen des Art. 14 (Bst. f), die hier jedoch nicht
weiter interessieren.
Für das Bundesverwaltungsgericht ist nicht ersichtlich, inwiefern das vor-
liegende Amtshilfeersuchen diesen Anforderungen – soweit diese auf Ein-
ziehungsersuchen wie das vorliegende überhaupt (direkt oder sinnge-
mäss) anwendbar sind – nicht genügen sollte. Der Beschwerdeführer
macht denn auch nichts anderes geltend. Insoweit Art. 18 BBA das Stellen
von verdachtsunabhängigen Amtshilfeersuchen verhindern soll, wird auf
die Ausführungen unter E. 3.1.3 hiervor verwiesen (vgl. dazu ferner: Urteil
des BVGer A-1735/2011 vom 21. Dezember 2011 E. 3.2 f.).
3.1.7 Der Beschwerdeführer beruft sich ferner auf Art. 46 BBA, wonach das
BBA nur für Ersuchen wegen Straftaten gilt, die mindestens sechs Monate
nach der am 26. Oktober 2004 erfolgten Unterzeichnung des Abkommens,
d.h. ab dem 26. April 2005, begangen wurden.
Mit Blick auf Art. 46 BBA erwiese sich das vorliegende Amtshilfeersuchen
in der Tat insoweit als offensichtlich unzulässig, als damit die Einziehung
von Umsatzsteuerforderungen verlangt würde, die aus einer vor dem
26. April 2005 begangenen Straftat stammen. Grundsätzlich ist gestützt auf
das völkerrechtliche Vertrauensprinzip (vgl. E. 3.1.2.2) zwar anzunehmen,
dass die ersuchende Vertragspartei im Ersuchen nur die Einziehung von
Forderungen verlangt, die aus Straftaten stammen, die ab dem 26. April
A-1531/2015
Seite 18
2005 begangen wurden. Diese Annahme rechtfertigt sich aber freilich nur
solange, als ihr keine gegenteiligen, offensichtlichen Anhaltspunkte entge-
genstehen.
In dieser Hinsicht fällt vorliegend auf, dass mit dem fraglichen Ersuchen
auch die Einziehung von Forderungen verlangt wird, welche die Umsatz-
steuer in den Jahren 2004 und 2005 betreffen. Während es das Bundes-
verwaltungsgericht in Bezug auf die Forderung 2005 gerade noch für ge-
rechtfertigt hält, ohne weitere Begründung durch das BZSt einzig gestützt
auf das völkerrechtliche Vertrauensprinzip anzunehmen, dass die entspre-
chende(n) Straftat(en) ab dem 26. April 2005 begangen wurde(n), erachtet
es dieselbe Annahme in Bezug auf die Forderung 2004 für ganz offensicht-
lich nicht zulässig. Dem Gericht erschliesst sich nämlich nicht, inwiefern
der Forderung 2004 eine rechtswidrige Handlung zugrunde liegen könnte,
die erst viel später, eben ab dem 26. April 2005, begangen wurde. Derlei
mag nach dem insoweit massgeblichen deutschen Recht zwar nicht aus-
geschlossen sein; ohne diesbezügliche Begründung durch das BZSt bzw.
allein aufgrund des völkerrechtlichen Vertrauensprinzips ist davon jedoch
nicht auszugehen.
Das vorliegende Ersuchen erweist sich folglich hinsichtlich der Forderung
2004, welche gemäss "Rückstandsanzeige" einen Gesamtbetrag von
EUR 10'103.91 betrifft, als offensichtlich ungenügend begründet, so dass
insoweit keine Sicherstellung zulässig ist. Der ESTV steht es jedoch frei,
im Rahmen des vorliegenden Amtshilfeverfahrens die erforderliche Be-
gründung beim BZSt nachzuverlangen und den betreffenden Betrag gege-
benenfalls zu einem späteren Zeitpunkt sicherzustellen. Anzumerken ist,
dass es zur fraglichen Begründung entgegen der offenbaren Ansicht der
ESTV nicht ausreicht, wenn das BZSt geltend macht, die Forderung 2004
sei erst am 28. Oktober 2009 fällig geworden. Das Fälligkeitsdatum der
Forderung ist im Rahmen von Art. 46 BBA nicht das massgebliche Krite-
rium.
3.1.8 Nach der vorgenommenen prima-facie-Überprüfung erweist sich das
vorliegende Einziehungsersuchen in Bezug auf die Einkommenssteuerfor-
derungen (vgl. E. 3.1.1) sowie in Bezug auf die Umsatzsteuerforderungen
2004 im Gesamtbetrag von EUR 10'103.91 (vgl. E. 3.1.7) als offensichtlich
unzulässig. Die vorliegende Sicherstellung ist daher vorab auf die Umsatz-
steuerforderungen 2005 bis 2010 im Gesamtbetrag von EUR 611'108.56
zu beschränken (= Gesamtsteuerforderung gemäss Ersuchen
[EUR 1'981'182.89] abzüglich Anteil Einkommenssteuerforderungen
A-1531/2015
Seite 19
[EUR 1'359'970.42] sowie Anteil Umsatzsteuerforderungen 2004
[EUR 10'103.91]).
3.2 In einem zweiten Schritt gilt es nun zu prüfen, ob die Voraussetzungen
für den Erlass der angefochtenen Sicherstellungsverfügung als vorsorgli-
che Massnahme im vorliegenden Amtshilfeverfahren erfüllt sind.
3.2.1 Gemäss Art. 24 Ziff. 3 BBA trifft die ersuchte Vertragspartei vorsorg-
liche Massnahmen, um die Einziehung einer (in den Anwendungsbereich
des BBA fallenden) Forderung zu gewährleisten. Nach dem (analog) an-
wendbaren innerstaatlichen Verfahrensrecht dürfen zum Zweck der Her-
ausgabe von Informationen, Unterlagen, Gegenständen oder Vermögens-
werten Massnahmen durchgeführt werden, die im schweizerischen Recht
vorgesehen sind und die im Mehrwertsteuerrecht oder in den nichtmehr-
wertsteuerrechtlichen Erlassen des Bundes angewendet werden können
(Art. 115c ZG analog).
Der Erlass der angefochtenen Sicherstellungsverfügung (Sicherstellungs-
verfügung nach Art. 93 MWSTG) ist im vorliegenden Amtshilfeverfahren
(Einziehungsverfahren nach Art. 24 BBA) daher grundsätzlich zulässig
bzw. möglich.
3.2.2 Dass weiter eine Gefährdung der Steuerforderung gegeben ist, ist
vorliegend offensichtlich und daher zu Recht unbestritten. So hat der Be-
schwerdeführer namentlich seinen Wohnsitz in Deutschland aufgegeben
und ist mit der Bezahlung der streitbetroffenen Umsatzsteuerforderung in
Verzug (vgl. E. 2.2).
3.2.3 Der Beschwerdeführer moniert jedoch – bezugnehmend auf Art. 93
Abs. 3 MWSTG –, aus der angefochtenen Sicherstellungsverfügung gehe
nicht hervor, auf welche "Faktoren" sich die ESTV bei der "Berechnung"
des sicherzustellenden Betrages gestützt habe.
Dem Beschwerdeführer ist mit der Vorinstanz entgegenzuhalten, dass es
hier nicht um die Sicherstellung wahrscheinlich geschuldeter Steuerbe-
träge geht, deren mutmassliche Höhe mit geeigneten Methoden bzw. Fak-
toren geschätzt werden müsste. Die streitbetroffene Forderung ist gemäss
dem vorliegenden Vollstreckungstitel vielmehr rechtskräftig und vollstreck-
bar. Der entsprechende Betrag ergibt sich unmittelbar aus dem Vollstre-
ckungstitel, und zwar durch einfache Addition aller Umsatzsteuerforderun-
gen ("Schuldbeträge") und "Säumniszuschläge" in den Zeilen 23 bis 34. In
der angefochtenen Sicherstellungsverfügung wird auf diese "Berechnung"
A-1531/2015
Seite 20
insofern hingewiesen, als die Sicherstellung (zu Recht) lediglich in Bezug
auf die Umsatzsteuerforderungen verfügt wird (vgl. E. 3.1.1). Es liegt weder
an der ESTV noch am Bundesverwaltungsgericht, im Rahmen eines Ein-
ziehungsverfahrens nach Art. 24 BBA den Bestand, die Bemessung oder
die Höhe der im ausländischen Verfahren ermittelten, rechtskräftigen und
vollstreckbaren Steuerforderung zu begründen.
3.2.4 Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, die angefochtene Sicherstel-
lungsverfügung gelte nach der gesetzlichen Regelung zugleich als Arrest-
befehl nach Art. 274 SchKG und habe daher den entsprechenden Anforde-
rungen zu genügen. Namentlich hätten darin die mit Arrest zu belegenden
Vermögensgegenstände (bzw. die fraglichen UBS-Konten) bezeichnet
werden müssen (vgl. Art. 274 Abs. 2 Ziff. 4 SchKG).
Der Beschwerdeführer verkennt das Verhältnis zwischen der angefochte-
nen Sicherstellungsverfügung und dem Schreiben der ESTV vom 18. De-
zember 2014 ("Arrestbefehl in Sachen [A._]") an das zuständige
Betreibungsamt, mit welchem gestützt auf die angefochtene Sicherstel-
lungsverfügung (und unter Beilage derselben) die Arrestlegung auf den
fraglichen Konten des Beschwerdeführers bei der UBS AG verlangt worden
ist (vgl. Sachverhalt Bst. B): Die Steuerbezugsbehörden können die Sicher-
stellungsverfügung als Arrestbefehl, der nach Art. 275 ff. SchKG zu vollzie-
hen ist, verwenden. Eine Sicherstellungsverfügung, die zugleich als Arrest-
befehl verwendet wird, wirkt doppelt: Einmal verpflichtet sie die steuer-
pflichtige Person zu einer Sicherheitsleistung, zum anderen ordnet sie den
Vollzug des Arrests auf bestimmten Gegenständen der steuerpflichtigen
Person durch das Betreibungsamt an. Bei Verwendung der Sicherstel-
lungsverfügung als Arrestbefehl müssen in der Sicherstellungsverfügung
die Arrestgegenstände bezeichnet werden. Arrestbefehl und Sicherstel-
lungsverfügung müssen jedoch nicht zwingend in diesem Sinn als "doku-
mentmässige Einheit" erscheinen. Vielmehr kann der Arrestbefehl – wie
eben im vorliegenden Fall – auch separat, gestützt auf eine (rechtskräftige
oder angefochtene) Sicherstellungsverfügung, ergehen. Die Sicherstel-
lungsverfügung gilt dabei insbesondere als Ausweis, dass ein (steuerrecht-
licher) Arrestgrund gegeben ist. Hingegen ist allgemein kein Arrestbefehl
mehr möglich, wenn die Sicherstellungsverfügung von einer Rechtsmitte-
linstanz endgültig aufgehoben wurde. Im Umfang, in dem die angefochtene
Sicherstellungsverfügung aufzuheben ist, entfällt auch der Arrest als darauf
gestützte Sicherungsmassnahme. Aus diesem Grund kommt Beschwerde-
antrag (2.) im Übrigen auch keine selbständige Bedeutung zu (s. Sachver-
halt Bst. C).
A-1531/2015
Seite 21
3.2.5 Die Voraussetzungen für den Erlass der angefochtenen Sicherstel-
lungsverfügung sind erfüllt.
3.3 In einem dritten und letzten Schritt ist die Höhe der verlangten Sicher-
heit auf ihre Angemessenheit hin zu überprüfen. Das Bundesverwaltungs-
gericht übt diese Überprüfungsbefugnis jedoch mit Zurückhaltung aus und
interveniert nur, wenn der Sicherstellungsbetrag offensichtlich übersetzt ist
(E. 2.3).
Die ESTV geht in der angefochtenen Sicherstellungsverfügung von einer
einziehungsfähigen Umsatzsteuerforderung von EUR 621'212.47 aus. Zur
Sicherstellung dieser Forderung erscheint ihr der Betrag von
Fr. 918'998.27 als angemessen. Sie ermittelte diesen Betrag, indem sie die
genannte Euro-Forderung (bzw. die jeweiligen Teilforderungen) zum (je-
weiligen) Fälligkeitsdatum (gemäss "Rückstandsanzeige" vom 24. Oktober
2011) in Schweizerfranken umrechnete:
EUR: Fälligkeit: Stichtageskurs: ergibt in Fr.:
513'793.47 28.10.2009 1.53070 786'463.66
74'150.00 03.01.2011 1.25649 93'168.73
33'269.00 25.07.2011 1.18326 39'365.88
total EUR:
621'212.47
total in Fr.:
918'998.27
Dieses Vorgehen bzw. Ergebnis ist wie folgt zu beurteilen:
3.3.1 Die ESTV hat bei der Festlegung des sicherzustellenden Betrages
zwar grundsätzlich zu Recht nur die Umsatzsteuerforderungen berücksich-
tigt (vgl. E. 3.1.1). Weiter liegen keine Anhaltspunkte vor, wonach die frag-
lichen Forderungen mittlerweile ganz oder teilweise bezahlt worden wären.
Der Beschwerdeführer macht Letzteres, d.h. die ganze oder teilweise Til-
gung der fraglichen Forderungen, denn auch nicht geltend. Zu berücksich-
tigen ist jedoch, dass – wie gezeigt (E. 3.1.7) – das vorliegende Amtshil-
feersuchen, was die einzuziehenden Umsatzsteuerforderungen 2004 im
Gesamtbetrag von EUR 10'103.91 betrifft, eine offensichtlich unzu-
reichende Begründung enthält. Insoweit ist die vorliegende Sicherstellung
A-1531/2015
Seite 22
daher nicht angezeigt. Mithin hat die ESTV die gemäss Ersuchen einzuzie-
henden Umsatzsteuerforderungen bei der Festlegung des vorliegend si-
cherzustellenden Betrages zu Unrecht in voller Höhe (nämlich im Umfang
von EUR 621'212.47) berücksichtigt. Richtigerweise hätte sie der fragli-
chen Festlegung eine Umsatzsteuerforderung von EUR 611'108.56 zu-
grunde legen müssen (vgl. E. 3.1.8).
3.3.2 Hinsichtlich der Frage, auf welche Weise ausgehend von den Euro-
Forderungen der Sicherstellungsbetrag in Schweizerfranken zu ermitteln
ist, beruft sich die ESTV auf Art. 45 Abs. 1 der Mehrwertsteuerverordnung
vom 27. November 2009 (MWSTV; SR 641.201). Danach sind zur Berech-
nung der geschuldeten (schweizerischen) Mehrwertsteuer Entgelte in aus-
ländischer Währung im Zeitpunkt der Entstehung der Steuerforderung in
Landeswährung umzurechnen.
Insofern die ESTV damit geltend machen wollte, für ihre Berechnungs-
bzw. Umrechnungsweise bestehe vorliegend mit Art. 45 Abs. 1 MWSTV
eine zwingende verordnungsrechtliche Grundlage, kann ihr nicht gefolgt
werden. Bei Art. 45 Abs. 1 MWSTV handelt es sich nämlich um eine Be-
stimmung, die der Berechnung der (schweizerischen) Mehrwertsteuer
dient. Diese ist in Schweizerfranken geschuldet. Der massgebliche Umsatz
ist daher in Schweizerfranken zu bestimmen, und zwar zum Zeitpunkt, in
dem er nach der gesetzlichen Regelung erzielt wurde bzw. in dem die
Mehrwertsteuerforderung entstanden ist (vgl. Art. 40 MWSTG). Vorliegend
geht es dagegen um die Festlegung eines angemessenen Sicherstellungs-
betrages in Schweizerfranken in Bezug auf eine in Euro geschuldete (aus-
ländische) Umsatzsteuerforderung, die bereits rechtskräftig feststeht und
vollstreckbar ist. Für das Bundesverwaltungsgericht sind daher keine
Gründe ersichtlich, die eine Berechnung nach Art. 45 Abs. 1 MWSTV im
vorliegenden Fall als zwingend erscheinen liessen. Im Übrigen entspricht
die Berechnung der ESTV überhaupt nicht den Vorgaben von Art. 45 Abs. 1
MWSTV, zumal sie auf das Fälligkeitsdatum abstellt und nicht – was nach
Art. 45 Abs. 1 MWSTV richtig wäre – auf den Zeitpunkt der Entstehung der
Steuerforderung.
3.3.3 Da neben Art. 45 Abs. 1 MWSTV auch keine andere (staatsvertragli-
che oder innerstaatliche) Regelung ersichtlich ist, wie der Sicherstellungs-
betrag im vorliegenden Fall zu berechnen bzw. die Forderung in ausländi-
scher Währung umzurechnen ist, bleibt es beim allgemeinen Grundsatz,
wonach der Betrag der Sicherstellung jedenfalls nicht offensichtlich über-
setzt sein darf (E. 2.3).
A-1531/2015
Seite 23
Die ESTV stellte vorliegend – wie erwähnt – einen Betrag von
Fr. 918'998.27 sicher. Sie ging damit um Fr. 185'668.-- bzw. rund 25% über
den Betrag hinaus, der gemessen am Umrechnungskurs im Zeitpunkt des
Erlasses der fraglichen Sicherstellungsverfügung am 18. Dezember 2014
(Fr. 1.20 pro Euro) zur vollständigen Sicherstellung der vorliegend mass-
geblichen Forderung von EUR 611'108.56 (= Fr. 733'330.27 entsprechend
einem Wechselkurs von Fr. 1.20 pro Euro) nötig gewesen wäre. Zwar er-
scheint es nicht von vornherein als unangemessen, bei der Festlegung des
Sicherstellungsbetrages im Fall von ausländischen Forderungen in gewis-
sem Umfang über den Betrag hinauszugehen, der sich gemäss "aktuellem"
Umrechnungskurs zum Erlasszeitpunkt der Sicherstellungsverfügung
ergibt. Eine solche "Abweichung nach oben" könnte im Einzelfall nament-
lich deshalb gerechtfertigt sein, weil im Erlasszeitpunkt der Sicherstellung
absehbar ist, dass sich der Schweizerfranken gegenüber der ausländi-
schen Währung bis zum Vollzug der Amtshilfeleistung abschwächen
könnte, so dass die volle Einbringlichkeit (bzw. Deckung) der ausländi-
schen Forderung im Vollzugszeitpunkt der Amtshilfeleistung als gefährdet
erschiene. Vorliegend war im Erlasszeitpunkt der angefochtenen Sicher-
stellungsverfügung indes nicht mit einer Abschwächung des Schweizer-
frankens gegenüber dem Euro zu rechnen. Viel eher wäre davon auszuge-
hen gewesen, dass die Schweiz den Euromindestkurs von Fr. 1.20 bis zum
Vollzug der vorliegenden Amtshilfeleistung möglicherweise aufheben, und
dass damit eine wesentliche Stärkung des Schweizerfrankens gegenüber
dem Euro einhergehen könnte (wie bekannt, hat der Euro gegenüber dem
Schweizerfranken nach der am 15. Januar 2015 erfolgten Aufhebung des
Euromindestkurses tatsächlich stark an Wert eingebüsst). Auch sonst sind
keine Gründe ersichtlich, wonach aus damaliger Perspektive (d.h. im Er-
lasszeitpunkt der angefochtenen Sicherstellungsverfügung) bei der Festle-
gung des vorliegend sicherzustellenden Betrages eine (im genannten
Sinn) "Abweichung nach oben" angezeigt gewesen wäre. Die ESTV bringt
entsprechende Gründe denn auch nicht vor. Der in der angefochtenen Si-
cherstellungsverfügung festgelegte Sicherstellungsbetrag erweist sich so-
mit im Umfang von Fr. 185'668.-- als offensichtlich übersetzt, weshalb in-
soweit eine Intervention des Gerichts erforderlich wird (E. 2.3).
3.3.4 Nach dem Vorstehenden ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen
und der sicherzustellende Betrag auf Fr. 733'330.-- festzusetzen
(Fr. 918'998.27 gemäss angefochtener Sicherstellungsverfügung abzüg-
lich offensichtlich übersetzter Betrag von Fr. 185'668.--).
A-1531/2015
Seite 24
4.
Es bleibt über die Verfahrenskosten (E. 4.1) und eine allfällige Parteient-
schädigung (E. 4.2) zu befinden:
4.1 Die Verfahrenskosten werden in der Regel der unterliegenden Partei
auferlegt; unterliegt diese nur teilweise, so werden die Verfahrenskosten
ermässigt (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
Nach dem Vorstehenden unterliegt der Beschwerdeführer insgesamt etwa
zu 75%. Entsprechend hat er die auf Fr. 10'000.-- festzusetzenden Verfah-
renskosten (vgl. Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE; SR 173.320.2]) im Umfang von Fr. 7'500.-- zu tragen. Die-
ser Betrag ist dem geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 10'000.-- zu ent-
nehmen. Der Restbetrag von Fr. 2'500.-- ist dem Beschwerdeführer zu-
rückzuerstatten.
Der Vorinstanz sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 2
VwVG).
4.2 Der teilweise obsiegende, anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat
gemäss Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 7 ff. VGKE Anspruch auf eine
(reduzierte) Parteientschädigung zulasten der Vorinstanz. Da der Vertreter
des Beschwerdeführers dem Bundesverwaltungsgericht keine Kostennote
eingereicht hat, ist die Parteientschädigung vorliegend praxisgemäss auf
Fr. 3'750.-- festzusetzen (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE). In diesem Betrag ist
die Mehrwertsteuer nicht enthalten, weil aufgrund des ausländischen
Wohnsitzes des Beschwerdeführers in Bezug auf die Leistung seines
Rechtsvertreters von einem (steuerbefreiten) Dienstleistungsexport auszu-
gehen ist (vgl. Art. 8 Abs. 1 sowie Art. 18 Abs. 1 MWSTG; Urteil des BVGer
A-1606/2014 vom 7. Oktober 2014 E. 10.2.4).
Die Vorinstanz hat als Bundesbehörde keinen Anspruch auf Parteientschä-
digung (Art. 7 Abs. 3 VGKE).
5.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet der internatio-
nalen Amtshilfe im Bereich der Mehrwertsteuer endgültig, wenn die Amts-
hilfe – wie im vorliegenden Fall – ihre völkerrechtliche Grundlage im BBA
hat (Art. 75a Abs. 2 MWSTG i.V.m. Art. 115i Abs. 3 ZG; vgl. Botschaft StA-
hiG, BBl 2011 6193 ff., 6228; vgl. BEUSCH/IMSTEPF, Kommentar MWSTG,
N 5, 12 und 16 zu Art. 75a MWSTG).
A-1531/2015
Seite 25
Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.
A-1531/2015
Seite 26