Decision ID: e80d7674-a305-4970-9747-8bee636bde60
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ war bei der C._ Physiotherapie als Physiotherapeutin tätig und dadurch
bei der B._ obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert, als sie am 13.
Februar 2017 auf einer Treppe ausrutschte und auf die rechte Schulter stürzte (UV-act.
2-1; vgl. den leicht abweichend beschriebenen Unfallhergang in UV-act. 4). Die
gleichentags auf der Zentralen Notfallaufnahme des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG)
erstbehandelnde Dr. med. D._, FMH Chirurgie, äusserte den Verdacht auf eine
frische Rotatorenmanschettenläsion der rechten Schulter und attestierte der
Versicherten ab 13. Februar 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % (UV-act. 2-2, 4-1
ff.). Die B._ kam für die Folgen des Unfalls auf (UV-act. 3).
A.a.
Eine MR-Untersuchung vom 14. Februar 2017 ergab eine fragliche geringe
Teilläsion der Gelenkkapsel bzw. des inferioren glenohumeralen Ligaments sowie eine
geringgradige interstitielle Delamination der Supraspinatussehne (UV-act. 4-6). Dr.
med. E._, Orthopädie F._, äusserte am 23. März 2017 den Verdacht auf eine
Pulley-Läsion der Schulter rechts (Differentialdiagnose HAGL-Läsion; UV-act. 6). Dr.
D._ attestierte der Versicherten vom 31. März bis 21. April 2017 eine
Arbeitsunfähigkeit von 75 %, vom 22. April bis 8. Mai 2017 eine solche von 0 % und ab
9. Mai 2017 wieder eine solche von 50 % (UV-act. 11, 21).
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufgrund persistierender Instabilitätsbeschwerden an der rechten Schulter (vgl.
UV-act. 14) führte Dr. E._ am 7. Juni 2017 eine Schulterarthroskopie mit mini-offener
HAGL-Refixation/Schulterstabilisation rechts durch (UV-act. 20). Dr. D._ attestierte
der Versicherten ab dem Operationsdatum eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %, welche
Dr. E._ am 18. Juli 2017 verlängerte (UV-act. 21, 25). Ab 4. September 2017 ging
dieser sodann von einer Arbeitsunfähigkeit von 60 % aus (UV-act. 27, 29, 36 f.).
A.c.
Dr. med. G._, beratende Ärztin der B._, beurteilte am 25. Oktober 2017, die
Läsion des glenohumeralen Ligaments an der Schulter sei überwiegend wahrscheinlich
unfallkausal. Ein Vorzustand sei nicht ersichtlich (UV-act. 31).
A.d.
Dr. E._ hatte am 9. Oktober 2017 berichtet, es sei zwischenzeitlich zu einer
vermehrten Schmerzausbildung gekommen. Die Versicherte arbeite derzeit zu 40 % als
Physiotherapeutin (UV-act. 32). Nachdem Dr. E._ eine MR-Untersuchung veranlasst
hatte (vgl. UV-act. 30, 33), wies er die Versicherte für eine Zweitmeinung Prof. Dr. med.
H._, Chefarzt an der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, KSSG, zu (UV-act. 34). Dieser befand am 15. Dezember 2017,
die persistierende Schulterinstabilität sei gut objektivierbar. Bis zur geplanten
Schulteroperation im Januar 2018 sei die Versicherte weiterhin zu 60 % arbeitsunfähig
(UV-act. 39, vgl. UV-act. 38). Am 5. Januar 2018 führte Prof. H._ eine offene
Stabilisation nach Latarjet rechts durch (UV-act. 48). Er attestierte der Versicherten ab
dem Operationsdatum eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % (UV-act. 42, 50).
A.e.
Die behandelnden Ärzte des KSSG berichteten am 31. Januar 2018, die
Versicherte klage über Schmerzen im proximalen Oberarmdrittel anterior nach einer am
25. Januar 2018 durchgeführten leichten Armbewegung im Sinne einer Abduktion. Die
Beschwerden seien in Zusammenschau der Anamnese, der Klinik und der Bildgebung
auf die lokale Weichteilgewebereizung zurückzuführen. Sie hätten der Versicherten eine
Therapie mit nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAR) rezeptiert (UV-act. 47). Am 15.
Februar 2018 hielten Prof. H._ sowie die untersuchende Assistenzärztin des KSSG
fest, es bestehe ein regelrechter Verlauf. Die von der Versicherten weiterhin
beschriebenen Beschwerden könnten von der Operation sowie auch der stark
verspannten Muskulatur herrühren. Sie empfahlen weiterhin eine regelmässige
Physiotherapie (UV-act. 51, vgl. UV-act. 55). Bis zum 13. Mai 2018 attestierte Prof.
A.f.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
H._ der Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % und ab 14. Mai 2018 eine
solche von 50 % (UV-act. 53).
Im Juni 2018 steigerte die Versicherte ihr Pensum auf 100 % (vgl. UV-act. 55; vgl.
auch UV-act. 115). Am 5. Juli 2018 berichtete Prof. H._, es sei seither graduell zu
einer zunehmenden schmerzhaften Instabilität der rechten Schulter gekommen. Die
Versicherte klage zudem über rezidivierende Blockadegefühle (UV-act. 115). Nach
Durchführung einer CT-Untersuchung hielten Prof. H._ sowie ein Assistenzarzt des
KSSG am 10. Juli 2018 fest, eine weitere operative Massnahme sei nicht indiziert. Es
erfolge ein Versuch zur Optimierung der Muskelrekrutierung mittels Elektrostimulation
(UV-act. 114). Die behandelnden Ärzte des KSSG attestierten der Versicherten ab 10.
Juli 2018 eine Arbeitsunfähigkeit von 60 %, ab 20. August 2018 eine solche von 100 %
(UV-act. 106, 112).
A.g.
Dr. G._ beurteilte am 11. September 2018 nach einer Untersuchung der
Versicherten, es liege eine Restinstabilität der Schulter rechts mit rezidivierenden
Subluxationen und belastungsabhängigen Schmerzen ventral (Differentialdiagnose:
Kapselreizung, Bicepssehnen-Tendinopathie) vor. In der angestammten Tätigkeit als
Physiotherapeutin bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 0 %, eine berufliche "Umstellung"
in eine angepasste Tätigkeit sei angezeigt. Für eine solche bestehe eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit (UV-act. 104).
A.h.
Prof. H._ sowie der zuständige Assistenzarzt hielten am 28. September 2018
fest, die Versicherte klage über progrediente Beschwerden im Sinne eines
Instabilitätsgefühls sowie Schmerzen bei Kombinationsbewegungen der Schulter. Sie
habe das Gefühl einer permanenten Subluxation des rechten Schultergelenks.
Aufgrund der unklaren Situation würden sie das Einholen einer Zweitmeinung bei Prof.
em. I._, Schulter-/Ellbogenchirurgie, Universitätsklinik J._, vorschlagen (UV-act.
101).
A.i.
Eine CT-Untersuchung vom 16. Oktober 2018 brachte eine gute Adaption des
Knochenblocks mit minimaler Stufenbildung sowie kleinere Knorpeldefekte am
posteroinferioren Humeruskopf zur Darstellung (UV-act. 98). Aufgrund einer
subjektiven, vorwiegend ventralen Restinstabilität der Schulter rechts führte Prof. I._
A.j.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bei der Versicherten am 19. November 2018 eine Schulterarthroskopie, eine anteriore
Labrumrefixation sowie eine offene Revision/Refixation der HAGL-Läsion und der
Subscapularissehne rechts durch (UV-act. 92, vgl. UV-act. 88).
Die Arbeitgeberin kündigte das Arbeitsverhältnis mit der Versicherten per 31.
Dezember 2018 (act. G5.1.96, vgl. UV-act. 85)
A.k.
Am 29. April 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, sie übernehme die
Kosten für Berufsberatung und Abklärung der beruflichen Eingliederungsmöglichkeiten
durch ihre Berufsberatung (UV-act. 84).
A.l.
Prof. I._ befand am 10. Juli 2019, eine strukturelle Pathologie könne im Moment
nicht nachgewiesen werden. Es bestehe keine Alternative zur physikalischen Beübung
respektive zur Kräftigung der Schulter und Koordinationsschulung. Er verordne der
Versicherten eine entsprechende Physiotherapie (UV-act. 81 f.).
A.m.
Dr. med. K._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt in seinem
Bericht vom 17. Oktober 2019 als Diagnose eine leichte bis mittelgradige depressive
Episode fest (ICD-10: F32.0). Die Entwicklung dieser Symptomatik hänge massgeblich
mit der Schulterproblematik, die durch den Unfall ausgelöst worden sei, zusammen. Es
liege zwar eine Arbeitsunfähigkeit vor, diese sei jedoch nicht durch die psychiatrische
Symptomatik begründet (UV-act. 80).
A.n.
Prof. I._ sowie Dr. med. L._, Shoulder Fellow, ebenfalls Klinik J._, befanden
am 19. November 2019, aus physiotherapeutischer und chirurgischer Sicht könne die
derzeitige Symptomatik (schmerzhafte Schulter und subjektive Instabilität) nicht
verbessert werden, weshalb die Behandlung sistiert werde. Sie empfahlen die
Durchführung eines Gutachtens zur umfassenden Beurteilung der Situation und
Stellungnahme bezüglich des beruflichen Verlaufs (UV-act. 79).
A.o.
Dr. G._ untersuchte die Versicherte am 14. Januar 2020. Sie beurteilte am 10.
Februar 2020, es liege derzeit noch eine Restinstabilität der Schulter rechts mit
rezidivierenden Subluxationen mit willkürlicher Komponente, belastungsabhängigen
Schmerzen, einer Bewegungseinschränkung und konsekutiv verminderter
Schulterbelastbarkeit rechts vor. Der medizinische Endzustand sei erreicht. Die
A.p.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Tätigkeit als Physiotherapeutin sei dauerhaft nicht mehr zumutbar. Für eine angepasste
Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 100 %, sie empfehle eine entsprechende
berufliche "Umstellung". Den Integritätsschaden schätzte sie auf 5 % (UV-act. 77).
Am 18. Februar 2020 erliess die B._ folgende Verfügung: "1. In angepasster
Tätigkeit besteht eine volle Arbeitsfähigkeit. 2. Wir gewähren Ihnen eine
Anpassungszeit bis am 31. Mai 2020. Während dieser Übergangszeit wird das Taggeld
auf der Basis einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit vergütet. 3. Es ist keine namhafte
Besserung des Gesundheitszustandes mehr zu erwarten. Die Heilungskosten werden
per 18. Februar 2020 eingestellt. 4. Die psychischen Beschwerden stehen in keinem
rechtserheblichen Kausalzusammenhang zum Unfallereignis. 5. Einer allfälligen
Einsprache gegen diese Verfügung wird die aufschiebende Wirkung entzogen." (UV-
act. 75).
A.q.
Dagegen erhob die Versicherte am 20. März 2020 Einsprache (UV-act. 71). Am 15.
Juli 2020 reichte sie, vertreten durch Rechtsanwalt MLaw M. Walder, St. Gallen, eine
Einsprachebegründung ein (UV-act. 56-1 ff.). Dieser legte sie unter anderem einen
Bericht von Dr. med. M._, Spezialarzt FMH für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie, Orthopädie N._, vom 7. Juli 2020 bei, worin festgehalten war, dass
eine neurologische Untersuchung am Muskelzentrum des KSSG (vgl. UV-act. 56-14 ff.)
eine neuralgische Schulteramyotrophie nach traumatischer Luxation (Plexusneuritis)
ergeben habe. Ein MRT vom 6. Juli 2020 habe erhebliche Artefakte im ventralen
Kompartiment durch das Implantatmaterial in Glenoid und Humerus gezeigt. Die Klinik
und bildgebende Diagnostik liessen auf eine persistierende pathologische,
schmerzhafte Translation über der nicht-anatomischen glenoidalen Gelenkfläche
schliessen. Es wäre zu überlegen, ob durch eine erneute, korrigierende operative
Intervention nach Latarjet mit Wiederherstellung der anatomischen Gelenkskrümmung
das Instabilitätsproblem zu beheben sei. Da sich nicht vorhersagen lasse, ob dieser
Eingriff einen Einfluss auf die Schmerzen hätte, habe sich die Versicherte derzeit
dagegen entschlossen. Beruflich sei eine Neuorientierung notwendig. Es sei davon
auszugehen, dass in Zukunft erneut medizinische Behandlungen notwendig seien,
weshalb sich ein endgültiger Fallabschluss nicht empfehle (UV-act. 56-18 ff.). In einer
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
gleichentags verfassten, an Rechtsanwalt Walder gerichteten Stellungnahme äusserte
sich Dr. M._ zudem zur Beurteilung von Dr. G._. Er befand, eine Besserung der
Beschwerden sei noch möglich. Auch eine adaptierte Tätigkeit sei der Versicherten nur
zu 80 % zumutbar. Der Integritätsschaden sei mit 10 % zu bemessen (UV-act. 56-9 f.).
Mit Entscheid vom 10. November 2020 trat die B._ auf die Einsprache insofern
nicht ein, als diese einen Anspruch auf eine Übergangsrente, eine
Integritätsentschädigung und Heilkostenleistungen nach Festsetzung einer Rente
betraf. Im Übrigen wies sie die Einsprache ab (act. G1.2).
B.b.
Dagegen erhob die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin), vertreten
durch Rechtsanwalt Walder, am 11. Dezember 2020 Beschwerde. Sie beantragte
damit, der Einspracheentscheid vom 10. November 2020 sei aufzuheben und es seien
ihr die ihr zustehenden gesetzlichen Leistungen zuzusprechen. Eventualiter sei die
Angelegenheit zwecks weiterer medizinischer Abklärungen an die B._ (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) zurückzuweisen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge
(act. G1). Sie liess unter anderem eine Mitteilung der IV-Stelle St. Gallen vom 27.
November 2020 einreichen, in welcher diese festgehalten hatte, die berufliche
Abklärung im Spital O._ habe aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen werden
müssen. Die Mitteilung schliesse das Verfahren nicht ab, die berufsberaterischen
Abklärungen würden weitergeführt (act. G1.4).
C.a.
Die Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. R. Bachmann,
Luzern, beantragte am 21. Januar 2021 die Abweisung der Beschwerde (act. G3).
C.b.
Mit Replik vom 4. März 2021 liess die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten. Sie liess unter anderem ausführen, sie sei am 18. Januar 2021 operiert
worden (Arthroskopie Schulter rechts, Débridement ventral, dorsale Kapselplicatur, 1 x
Jugger Knot; vgl. act. G5.3). Die Beschwerdegegnerin habe Kostengutsprache für die
Operation erteilt und bezahle derzeit Taggelder (act. G5).
C.c.
Am 15. März 2021 liess die Beschwerdeführerin ein Schreiben von Dr. M._ vom
9. März 2021 einreichen (act. G7, G7.1).
C.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 10. November 2020 liegt die Verfügung
vom 18. Februar 2020 zugrunde (UV-act. 75, act. G1.2). In dieser entschied die
Beschwerdegegnerin unter anderem über die Einstellung der Taggelder und der
Heilkostenleistungen. Diese beiden Ansprüche sind umstritten und vorliegend zu
prüfen. Soweit die Beschwerdegegnerin verfügte, "in angepasster Tätigkeit besteht
eine volle Arbeitsfähigkeit" (vgl. UV-act. 75) kann dies, wie von der Beschwerdeführerin
richtig bemerkt (vgl. UV-act. 56-1 ff.), nicht Verfügungsgegenstand sein. Dies zumal
eine Arbeitsunfähigkeit an sich keinen Leistungsanspruch begründet. Die vorgenannte
Dispositivziffer beinhaltet eine Feststellung, deren Verfügung in der Regel nicht zulässig
ist (Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl.
2014, § 71 N 7). Dasselbe gilt grundsätzlich auch bezüglich der Feststellung in der
Verfügung vom 18. Februar 2020, wonach die psychischen Beschwerden in keinem
rechtserheblichen Zusammenhang zum Unfallereignis stünden (UV-act. 75). Allerdings
sind diese beiden Aspekte vorliegend insofern trotzdem massgeblich, als sie eine
Anspruchsvoraussetzung für Leistungen der Unfallversicherung sind. Soweit die
Beschwerdeführerin in ihrer Einsprache einen Anspruch auf eine
Integritätsentschädigung, eine (Übergangs-)Rente und Übernahme der
Heilbehandlungskosten nach Rentenfestsetzung beantragte, trat die
Beschwerdegegnerin in ihrem Einspracheentscheid zu Recht nicht darauf ein, zumal
diese Ansprüche nicht Teil des Verfügungsgegenstandes waren (UV-act. 56-1 ff., 76,
act. G1.2). Dementsprechend können sie auch vorliegend nicht Streitgegenstand
bilden.
2.
Mit Duplik vom 1. April 2021 liess die Beschwerdegegnerin an ihrem Antrag auf
Abweisung der Beschwerde festhalten. Sie liess unter anderem vorbringen, zum
Zeitpunkt des Einspracheentscheids sei weder eine Operation voraussehbar, noch die
Arbeitsfähigkeit namhaft steigerbar gewesen. Aus der Tatsache, dass am 18. Januar
2021 eine weitere Operation erfolgt sei, lasse sich folglich nichts für das vorliegende
Beschwerdeverfahren ableiten (act. G9).
C.e.
Die Unfallkausalität bildet Anspruchsvoraussetzung für sämtliche
Versicherungsleistungen der Unfallversicherung (Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes
2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20]). Eine Leistungspflicht des
Unfallversicherers besteht demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und
adäquat-kausal mit einem versicherten Unfallereignis zusammenhängen (vgl. dazu BGE
129 V 181 f. E. 3.1 f.; André Nabold, N 48 ff. zu Art. 6, in: Marc Hürzeler/Ueli Kieser
[Hrsg.], Bundesgesetz über die Unfallversicherung, Kommentar zum schweizerischen
Sozialversicherungsrecht, 2018, [nachfolgend zitiert: KOSS UVG]; Irene Hofer, N 66 zu
Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/ Susanne Leuzinger/Kurt Pärli [Hrsg.],
Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019, [nachfolgend zitiert: BSK UVG];
Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung zum
Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 53 ff). Für die Beantwortung der Tatfrage
nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das
Gericht in der Regel auf Angaben medizinischer Sachverständiger angewiesen. Die
Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine
Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu
beurteilen ist (vgl. Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 55 und 58).
Die versicherte Person hat Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der
Unfallfolgen (Art. 10 Abs. 1 UVG). Ist die versicherte Person infolge des Unfalls voll oder
teilweise arbeitsunfähig (Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]), so hat sie Anspruch auf ein Taggeld (Art.
16 Abs. 1 UVG). Die vorübergehenden Leistungen (Heilbehandlung, Taggeld) sind
einzustellen und der Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG) zu prüfen,
wenn allfällige Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (IV)
abgeschlossen sind und von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine
namhafte Besserung des Gesundheitszustands der versicherten Person mehr erwartet
werden kann (Art. 19 Abs. 1 UVG). Das Erreichen des medizinischen Endzustands
bildet demgemäss in Nachachtung des Eingliederungsgrundsatzes die Voraussetzung
für die Prüfung der Rentenfrage.
2.2.
Bei nicht objektivierbaren Beschwerdebildern, deren adäquate Unfallkausalität sich
nach der sogenannten «Psychopraxis» bestimmt (BGE 115 V 133), stellen die nach
Abschluss der Behandlung von somatischen Unfallfolgen noch
behandlungsbedürftigen psychischen Leiden nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts keinen Grund für einen Aufschub der Einstellung der Heilbehandlungs-
und Taggeldleistungen dar, da die psychischen Beeinträchtigungen für die Beurteilung
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Adäquanz bei der Psychopraxis unberücksichtigt zu bleiben haben (Urteil des
Bundesgerichts vom 29. April 2016, 8C_892/2015, E. 4.1 mit Hinweisen). Sollte die
Prüfung der Kriterien nach BGE 115 V 133 im Zeitpunkt des medizinischen
Endzustands der unfallbedingten somatischen Gesundheitsschäden jedoch zu einer
Bejahung der Adäquanz natürlicher unfallkausaler psychischer Leiden führen, hat der
Unfallversicherer in Nachachtung des in Art. 19 Abs. 1 UVG enthaltenen Grundsatzes
«medizinische Eingliederung vor Rente» bis zum Erreichen des Endzustands des
unfallbedingten psychischen Schadens Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen zu
erbringen. Ist dieser Endzustand erreicht, so ist bezüglich der adäquaten Kausalität
eines allfälligen psychischen Dauerschadens (Erwerbsunfähigkeit und
Integritätsschaden) eine neuerliche Adäquanzprüfung vorzunehmen (Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 2. März 2020, UV 2018/10, E. 2.1 mit Hinweisen), wobei
diesfalls die psychischen Beeinträchtigungen bei der Beurteilung der Adäquanz
miteinzubeziehen wären.
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Um den Gesundheitszustand und insbesondere das Ausmass der
Arbeitsfähigkeit beurteilen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das
Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere
Fachleute zur Verfügung zu stellen haben (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
medizinischen Fachperson begründet und nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E. 3a
mit Hinweisen). Den Berichten und Gutachten, welche die Versicherungen während des
Administrativverfahrens von ihren eigenen oder von beratenden Ärzten und Ärztinnen
einholen, kann rechtsprechungsgemäss ebenfalls Beweiswert beigemessen werden
(BGE 135 V 467 ff. E. 4 und BGE 125 V 353 f. E. 3b/ee, je mit Hinweisen). In solchen
Fällen sind an die Beweiswürdigung jedoch strenge Anforderungen zu stellen.
Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, sind ergänzende Abklärungen
2.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Die Beschwerdegegnerin stellte die Heilkostenleistungen per 18. Februar 2020 und die
Taggeldleistungen per 31. Mai 2020 ein (UV-act. 75, act. G1.2). Im Folgenden ist
vorerst zu prüfen, ob diese Leistungseinstellungen im Hinblick auf die unfallkausalen
somatischen Beschwerden zu Recht erfolgt sind.
vorzunehmen (BGE 135 V 471 E. 4.7; RKUV 1997 Nr. U 281 S. 281 f. E. 1a).
Rechtsprechungsgemäss bildet das Datum des streitigen Einspracheentscheids die
zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (vgl. BGE 129 V 169 E. 1; Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 109 zu Art. 61).
Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei ihrem Entscheid in medizinischer Hinsicht
auf die Beurteilung von Dr. G._ vom 10. Februar 2020 (UV-act. 77). Diese hatte
beurteilt, es liege in somatischer Hinsicht noch eine Restinstabilität der Schulter rechts
(dominante Seite) mit rezidivierenden Subluxationen mit willkürlicher Komponente,
belastungsabhängigen Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und konsekutiv
verminderter Schulterbelastbarkeit rechts vor. Die Beschwerdeführerin habe subjektiv
vom letzten operativen Eingriff nicht profitiert und auch die schulterspezifische
physiotherapeutische Behandlung in der Klinik J._ habe keinen wesentlichen Benefit
gebracht, was die Schulterbelastbarkeit und Stabilität betreffe. Die Behandlung in der
Klinik J._ sei sowohl durch den behandelnden Schulterorthopäden Prof. I._ als
auch durch den Physiotherapeuten im November 2019 abgeschlossen worden. Prof.
I._ habe das Rehabilitationspotential als ausgeschöpft angesehen. Auch aus ihrer
Sicht bestünden keine zusätzlichen Therapievorschläge. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht beurteile sie die angegebenen Beschwerden an der
rechten Schulter als überwiegend wahrscheinlich unfallkausal. Wesentliche
unfallfremde Vorzustände sehe sie keine. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei von
weiteren medizinischen Massnahmen keine wesentliche Verbesserung der
Beschwerden mehr zu erwarten. Der medizinische Endzustand sei erreicht und sie
empfehle der Beschwerdegegnerin, den Fallabschluss zu prüfen (UV-act. 77).
3.1.
Prof. I._ und Dr. L._ hatten in ihrem Bericht vom 19. November 2019 befunden,
ein Jahr postoperativ zeigten sich weiterhin eine schmerzhafte Schulter und eine
subjektive Instabilität. Eine intensive schulterspezifische Physiotherapie inklusive
Pacer-Therapie habe keine wesentliche Besserung der Beschwerden mit sich
gebracht. Die Beschwerdeführerin leide weiterhin stark unter den Beschwerden und sei
nicht arbeitsfähig in ihrem ursprünglichen Beruf als Physiotherapeutin. Aus
physiotherapeutischer und chirurgischer Sicht könne die derzeitige Symptomatik nicht
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verbessert werden, weshalb die Behandlung sistiert werde. Sie empfahlen die
Durchführung eines Gutachtens zur umfassenden Beurteilung der Situation und
Stellungnahme bezüglich des beruflichen Verlaufs. Ansonsten könnte die
Beschwerdeführerin auch in eine spezifische Schmerztherapie zugewiesen werden,
wenn die Schmerzen im Vordergrund stünden (UV-act. 79). Den (unter Vorbehalt
erfolgten) Vorschlag einer Schmerztherapie konkretisierten sie nicht weiter und
äusserten sich nicht zu allfälligen Erfolgsaussichten. Es ist nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass diese konservative Massnahme den
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin in relevanter Weise verbessert hätte.
Dr. med. P._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH, führte am 24. April
2020 aus, er hole für die Beschwerdeführerin eine Zweitmeinung betreffend die Folgen
des Unfalls vom 13. Februar 2017 ein. Die Begutachtung von Dr. G._ sei insgesamt
oberflächlich und nicht geeignet, einen Endzustand festzustellen. Insbesondere stosse
auf, dass sie sich überwiegend auf die Aussagen von Prof. I._ stütze, der aber selbst
Gutachter und Operateur sei. Dies widerspreche jedem Gebot der Neutralität, weshalb
das Ergebnis der Begutachtung durch Dr. G._, also der Endzustand, nicht
hingenommen werden könne (UV-act. 68). Diese Kritik ist nicht nachvollziehbar, zumal
die Einschätzung des vorliegend als Operateur tätigen Prof. I._ plausibel ist und keine
Hinweise auf eine Voreingenommenheit bestehen. Eine allfällige Gutachtertätigkeit von
Prof. I._ in anderen Fällen stellt weder seine Beurteilung, noch seine Neutralität in
Frage. Dementsprechend ist es auch nicht zu beanstanden, dass Dr. G._ unter
anderem auf seine Einschätzung verwies. Dr. P._ führte sodann keine weiteren
konkreten Gründe an, weshalb die Beurteilungen von Dr. G._ sowie Prof. I._ nicht
beweiskräftig sein sollten.
3.3.
Der von Dr. P._ mit einer Zweitmeinung beauftragte Dr. M._ beurteilte am 7.
Juli 2020, klinisch liege trotz mehrfacher operativer Interventionen eine persistierende,
symptomatische Schulterinstabilität vor. Die Klinik und die bildgebende Diagnostik
liessen auf eine persistierende pathologische, schmerzhafte Translation über der nicht-
anatomischen glenoidalen Gelenkfläche schliessen. Auch durch den letzten
Weichteileingriff in der Klinik J._ habe das Problem nicht ausgeschaltet werden
können. Von medizinischer/orthopädischer Seite wäre zu überlegen, ob durch eine
erneute, korrigierende operative Intervention nach Latarjet mit Wiederherstellung der
anatomischen Gelenkskrümmung das Instabilitätsproblem zu beheben sei. Ob dieses
einen Einfluss auf die Schmerzen habe, lasse sich naturgemäss nicht vorhersagen.
Aufgrund dessen habe sich die Beschwerdeführerin derzeit gegen weitere operative
Interventionen entschlossen (UV-act. 56-18 ff.). In seiner gleichentags an Rechtsanwalt
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Walder gerichteten Stellungnahme führte Dr. M._ ebenfalls aus, es bestehe die
Möglichkeit, durch medizinische Massnahmen eine Besserung der Beschwerden
herbeizuführen. Namentlich käme eine Korrektur der Gelenkinkongruenz als
Maximalvariante und eine Entfernung des Implantatmaterials (Schrauben im Glenoid)
infrage. Durch diese operativen Interventionen wäre es möglich, die Schulterstabilität
zu verbessern. Auch könne durch eine Entfernung eines Teils der Implantate die
zusätzlich entstehende Knorpelschädigung gemindert werden. Inwieweit beide
Massnahmen aber bei dem mehrfach operierten Schultergelenk auch eine Minderung
der subjektiv erheblich störenden Schmerzen mit sich brächten, könne nicht
vorausgesagt werden (UV-act. 56-9). Sowohl in seinem Bericht als auch in der
Stellungnahme vom 7. Juli 2020 erwähnte Dr. M._ zudem, in Zukunft sei damit zu
rechnen, dass durch die Instabilität und die Schmerzen erneut medizinische
Behandlungen notwendig würden. Unter Umständen sei bei einer allfälligen
Früharthrose sogar ein prothetischer Gelenkersatz in Betracht zu ziehen. Somit
empfehle sich ein endgültiger Fallabschluss nicht (UV-act. 56-9 f., 59-18 ff.). Entgegen
den Ausführungen von Dr. M._ spricht allein die Möglichkeit einer späteren, noch
nicht absehbaren, Behandlungsbedürftigkeit nicht gegen den Fallabschluss. Ein
allfälliger Behandlungsbedarf könnte im Sinne eines Rückfalls oder Spätfolgen geltend
gemacht werden (wie vorliegend nach der Operation vom 18. Januar 2021 erfolgt; vgl.
act. G5, G5.3). Auch die von Dr. M._ vorgeschlagenen operativen Eingriffe sprachen
nicht gegen die von der Beschwerdegegnerin verfügte Leistungseinstellung per 10.
Februar 2020 bzw. 31. Mai 2020, zumal die Beschwerdeführerin damals unbestritten
eine weitere Operation ablehnte und damit auch nicht mit einer zeitnahen Durchführung
einer solchen zu rechnen war. Zudem waren auch die Erfolgsaussichten einer weiteren
Operation von Dr. M._ als fraglich beurteilt worden. Insofern zielt auch die
Argumentation von Dr. M._, Dr. G._ habe die Ursache der persistierenden
Instabilität nicht beachtet, ins Leere.
Insgesamt ist damit gestützt auf die überzeugende und mit den Einschätzungen
von Prof. I._ und Dr. L._ übereinstimmende Beurteilung von Dr. G._ vom 10.
Februar 2020 davon auszugehen, dass der Zeitpunkt des Fallabschlusses damals
erreicht war. Von weiteren medizinischen Behandlungen war überwiegend
wahrscheinlich keine massgebliche Verbesserung des Gesundheitszustandes mehr zu
erwarten. Die Beschwerdeführerin lehnte eine erneute operative Intervention explizit ab.
Es ist damit aus somatischer Sicht nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin die Heilkostenleistungen per 10. Februar 2020 und die Taggelder
nach Gewährung einer gut dreimonatigen Anpassungsfrist per 31. Mai 2020 einstellte.
Daran ändert auch die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin am 18. Januar 2021
3.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Vorliegend kann offenbleiben, ob die von der Beschwerdeführerin über den
Einstellungszeitpunkt vom 10. Februar bzw. 31. Mai 2020 hinaus beklagten
psychischen Beschwerden (vgl. UV-act. 80) in einem natürlichen
Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis vom 13. Februar 2017 stehen. Denn die
im Einstellungszeitpunkt vorzunehmende Adäquanzprüfung fällt zu ihren Ungunsten
aus, wie sich aus nachfolgenden Überlegungen ergibt.
operiert wurde und die Beschwerdegegnerin ab diesem Zeitpunkt wieder Leistungen
erbrachte (act. G5, G5.3 f.), nichts. Weitere medizinische Abklärungen erübrigen sich.
Bei der Beurteilung des Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und einer
anschliessend einsetzenden psychischen Fehlentwicklung mit Einschränkung der
Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ist nach der Rechtsprechung (BGE 115 V 133) vom
Unfallereignis auszugehen. Bei der Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs
ist im Hinblick auf die Gebote der Rechtssicherheit und der rechtsgleichen Behandlung
der Versicherten eine objektivierte Betrachtungsweise angezeigt (BGE 115 V 139 E. 6
mit Hinweisen). Ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen den Beschwerden und
dem Unfall besteht, wenn dem Unfall eine massgebende Bedeutung für die Entstehung
der Beschwerden zukommt. In objektivierter Betrachtungsweise werden die Unfälle
nach ihrer erfahrungsgemässen Eignung, psychische Beschwerden zu bewirken,
eingeteilt in banale und leichte Unfälle einerseits, schwere Unfälle andererseits und in
einen dazwischenliegenden Bereich der mittelschweren Unfälle. Bei banalen Unfällen
kann der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und psychischen
Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres verneint werden, weil auf Grund der
allgemeinen Lebenserfahrung davon ausgegangen werden kann, dass ein solcher
Unfall nicht geeignet ist, einen invalidisierenden psychischen Gesundheitsschaden zu
verursachen. Bei schweren Unfällen dagegen ist der adäquate Kausalzusammenhang
in der Regel zu bejahen, denn nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der
allgemeinen Lebenserfahrung sind solche Unfälle geeignet, invalidisierende psychische
Gesundheitsschäden zu bewirken.
4.1.
Bei Unfällen im mittleren Bereich lässt sich die Frage, ob zwischen dem Unfall und
der psychisch bedingten Erwerbsunfähigkeit ein adäquater Kausalzusammenhang
besteht, nicht aufgrund des Unfalls allein schlüssig beantworten. Vielmehr sind weitere,
objektiv fassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang
stehen oder als direkte bzw. indirekte Folge davon erscheinen, in eine
Gesamtwürdigung einzubeziehen. Die wichtigsten Kriterien sind dabei besonders
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dramatische Begleitumstände oder eine besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; die
Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzung, insbesondere ihre
erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen; eine
ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; körperliche Dauerschmerzen;
eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; ein
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen sowie der Grad und die
Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit (BGE 115 V 139 ff. E. 6a-c). Um die
adäquate Kausalität bejahen zu können, müssen nicht alle Umstände gegeben sein.
Vielmehr genügt ein Kriterium, wenn es sich um einen schweren Unfall im mittleren
Bereich handelt. Kommt keinem Einzelkriterium ein besonderes bzw.
ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien
herangezogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist. Diese Würdigung
führt zur Bejahung oder Verneinung des adäquaten Kausalzusammenhangs, ohne dass
nach weiteren Ursachen geforscht werden muss, die eine psychisch bedingte
Erwerbsunfähigkeit begünstigt haben könnten (SVR 1999 UV Nr. 10 S. 32).
Gemäss Schadenmeldung vom 20. Februar 2017 rutschte die Beschwerdeführerin
am 13. Februar 2017 auf einer Treppe aus und stürzte dabei auf die rechte Schulter
(UV-act. 2-1). Gegenüber der erstbehandelnden Dr. D._ gab die Beschwerdeführerin
präzisierend an, sie sei auf einer Treppe gestürzt und habe sich dabei mit dem nach
hinten überstreckten rechten Arm abgefangen. Sie habe ein "Plopp" in der Schulter
gespürt und danach Schmerzen gehabt (UV-act. 4). Damit ist vorliegend - mit der
Beschwerdegegnerin (vgl. act. G9) - höchstens von einem mittelschweren Ereignis im
Grenzbereich zu den leichten Unfällen auszugehen.
4.3.
Bei mittelschweren Ereignissen im Grenzbereich zu den leichten Unfällen müssen
für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs mindestens vier der
relevanten Kriterien oder ein einzelnes Kriterium in besonders ausgeprägter Weise
erfüllt sein. Bei der Prüfung dieser Kriterien sind psychische Aspekte ausser Acht zu
lassen (BGE 115 V 133 E. 6c/aa).
4.4.
Bei der Beurteilung des Kriteriums der dramatischen Begleitumstände oder der
besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls sind objektive Massstäbe anzuwenden. Nicht
was in der einzelnen betroffenen Person beim Unfall psychisch vorgeht, soll
entscheidend sein, sondern die objektive Eignung solcher Begleitumstände, bei ihr
psychische Vorgänge auszulösen (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 E. 3b/cc). Vorliegend
bestehen keine Hinweise auf eine besondere Eindrücklichkeit im Sinne der
Rechtsprechung.
4.4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführerin erlitt eine HAGL-Läsion der Schulter rechts (UV-act. 6,
20, 77-5). Diese Verletzung kann weder als besonders schwer, noch als Verletzung
besonderer Art eingestuft werden. Auch ist eine derartige Verletzung in der Regel nicht
geeignet, psychische Fehlentwicklungen auszulösen.
4.4.2.
Zur Beantwortung der Frage der Dauer der ärztlichen Behandlung ist nicht allein
der zeitliche Massstab entscheidend. Ebenfalls in die Prüfung einzubeziehen sind die
Art und Intensität der Behandlung sowie die Frage, inwieweit davon noch eine
Besserung des Gesundheitszustands zu erwarten war (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG] vom 20. Oktober 2006, U 488/05, E. 3.2.3; BGE 134 V
128, E. 10.2.3). Die Beschwerdeführerin wurde initial mit NSAR, Physiotherapie und
einer Ruhigstellung der Schulter behandelt (UV-act. 4-1 f.). Aufgrund persistierender
Instabilitätsbeschwerden führte Dr. E._ am 7. Juni 2017 eine Schulterarthroskopie mit
mini-offener HAGL-Refixation/Schulterstabilisation rechts durch (UV-act. 20). Am 5.
Januar 2018 erfolgte im KSSG eine offene Stabilisation nach Latarjet rechts (UV-act.
41, 48) und am 19. November 2018 in der Klinik J._ eine Schulterarthroskopie, eine
anteriore Labrumrefixation sowie eine offene Revision/Refixation der HAGL-Läsion und
der Subscapularissehne rechts (UV-act. 92). Dazwischen sowie nach dem letzten
operativen Eingriff wurde die Beschwerdeführerin zeitweise physiotherapeutisch sowie
medikamentös und versuchsweise mit Elektrostimulation behandelt. Ausserdem fanden
mehrere Kontrolluntersuchungen sowie Abklärungen statt (UV-act. 30, 32 ff., 39, 47,
51, 79, 81 f., 92, 101, 104, 114 f.). Das Kriterium ist unter Einbezug der vorgenannten
Tatsachen als erfüllt zu betrachten, allerdings nur in einfacher Form.
4.4.3.
Die Beschwerdeführerin klagte bis zur Operation vom 7. Juni 2017 primär über
Instabilitätsbeschwerden (vgl. UV-act. 14). Am 9. Oktober 2017 berichtete Dr. E._, es
sei zwischenzeitlich zu einer vermehrten Schmerzausbildung gekommen (UV-act. 32).
Im weiteren Verlauf berichteten die behandelnden Ärzte sowie Dr. G._ wiederholt
über Schmerzen (UV-act. 47, 77, 79, 101, 104, 115). Die operativen Eingriffe und die
physiotherapeutische Behandlung erfolgten jedoch insbesondere aufgrund der
(subjektiv empfundenen) Instabilität der Schulter (vgl. UV-act. 39, 88, 92). Auch das
Kriterium der Dauerschmerzen ist damit zumindest nicht in ausgeprägter Weise zu
bejahen.
4.4.4.
Es bestehen keine Hinweise auf eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die
Unfallfolgen erheblich verschlimmert hätte.
4.4.5.
Die Dauer der ärztlichen Behandlung und die geklagten Beschwerden deuten
alleine nicht schon auf einen schwierigen Heilungsverlauf hin. Das entsprechende
4.4.6.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kriterium erfordert besondere Gründe, welche die Heilung beeinträchtigt und verzögert
haben (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 7. Februar 2008, U 590/06, E. 4.3.2, und
vom 10. Juli 2008, 8C_61/2008, E. 7.6). Im konkreten Fall liegen keine solchen
besonderen Gründe vor.
Die behandelnden Ärzte attestierten der Beschwerdeführerin vom 13. Februar bis
30. März 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %, vom 31. März bis 21. April eine
solche von 75 %, vom 22. April bis 8. Mai 2017 von 0 % und vom 9. Mai bis 6. Juni
2017 von 50 % (UV-act. 11, 21; vgl. die teils leicht abweichenden Angaben in UV-act.
111). Nach der Operation vom 7. Juni 2017 wurde der Beschwerdeführerin bis zum 3.
September 2017 erneut eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % attestiert (21, 25). Ab 4.
September 2017 bis zur Operation vom 5. Januar 2018 gingen die behandelnden Ärzte
von einer Arbeitsunfähigkeit von 60 % aus (UV-act. 27, 29, 36 f., 39). Nach einer
postoperativen Arbeitsunfähigkeit von 100 % (vgl. UV-act. 41, 50, 53) attestierte Prof.
H._ der Beschwerdeführerin ab 14. Mai 2018 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % (UV-
act. 53). Vom 2. Juni bis 9. Juli 2018 war die Beschwerdeführerin sodann zu 100 % als
Physiotherapeutin tätig (vgl. UV-act. 55, 112). Aufgrund der dabei aufgetretenen
zunehmenden schmerzhaften Instabilität der rechten Schulter (vgl. UV-act. 115)
attestierten die behandelnden Ärzte der Beschwerdeführerin vom 10. Juli bis 19.
August 2018 eine Arbeitsunfähigkeit von 60 % und ab 20. August 2018 eine solche von
100 % (UV-act. 106, 112). Dr. G._ erachtete die Beschwerdeführerin in ihrer
Beurteilung vom 11. September 2018 in der angestammten Tätigkeit als
Physiotherapeutin als zu 100 % arbeitsunfähig, in einer adaptierten Tätigkeit jedoch als
zu 100 % arbeitsfähig (UV-act. 104). Am 14. Januar 2020 bestätigten Dr. G._, dass
die angestammte Tätigkeit dauerhaft nicht mehr zumutbar, eine adaptierte Tätigkeit
jedoch zu 100 % möglich sei (UV-act. 77). Die Beschwerdeführerin war damit -
abgesehen von einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit nach dem operativen Eingriff
vom 19. November 2018 (UV-act. 92) - mindestens seit 11. September 2018, mithin
rund eineinhalb Jahre nach ihrem Unfall, in einer adaptierten Tätigkeit zu 100 %
arbeitsfähig. Zuvor war sie zeitweise in ihrer angestammten Tätigkeit (teil-)arbeitsfähig.
Dr. M._ beurteilte am 7. Juli 2020 zwar, auch eine angepasste Tätigkeit halte er nur
zu 80 % für realisierbar (UV-act. 56-10). Er begründete jedoch nicht überzeugend,
weshalb auch eine schulterschonende Tätigkeit nicht vollschichtig zumutbar sein sollte.
Das Kriterium der langdauernden Arbeitsunfähigkeit ist damit nicht erfüllt.
4.4.7.
Da somit höchstens zwei der zu berücksichtigenden Kriterien erfüllt sind, keines
jedoch in besonders ausgeprägter Weise, ist der adäquate Kausalzusammenhang
zwischen dem Unfall vom 13. Februar 2017 und den psychischen Beschwerden zu
4.4.8.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Wie die Beschwerdeführerin zu Recht vorbringen lässt, waren im Zeitpunkt der
verfügten Leistungseinstellung die Eingliederungsmassnahmen der IV-Stelle St. Gallen
noch nicht abgeschlossen (vgl. act. G1, G1.4 f.). Dementsprechend steht die Frage
nach dem Anspruch auf eine Übergangsrente im Raum (vgl. dazu Art. 19 Abs. 3 UVG
i.V.m. Art. 30 Abs. 1 der Verordnung über die Unfallversicherung [UVV; SR 832.202]).
Die Beschwerdegegnerin hat jedoch - soweit aktenkundig - bis anhin noch nicht
darüber verfügt (vgl. UV-act. 75, act. G1.2, G1.6). Rechtsanwalt Walder hat bereits in
seiner Einsprachebegründung vom 15. Juli 2020 eventualiter die Zusprache einer
Übergangsrente beantragt (vgl. UV-act. 56-1 ff.) und mit Schreiben vom 11. Dezember
2020 (act. G1.6) die Beschwerdegegnerin zu einer entsprechenden Verfügung
aufgefordert. Nach Kenntnisnahme des vorliegenden Entscheids wird die
Beschwerdegegnerin einen allfälligen Anspruch auf eine Übergangsrente ab 1. Juni
2020 prüfen müssen. Sie wird dabei allfällige von ihr im Zusammenhang mit der
Operation vom 18. Januar 2021 ausgerichtete Taggelder (vgl. act. G5) sowie allfällige
Leistungen der IV-Stelle zu berücksichtigen haben. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass
die Beschwerdegegnerin nach Ende der beruflichen Eingliederungsmassnahmen über
einen allfälligen Anspruch auf eine Rente, eine Integritätsentschädigung und Leistungen
im Sinne von Art. 21 UVG zu entscheiden haben wird.
6.