Decision ID: 441228c3-3423-5c40-8f7f-26b835146299
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin ersuchte zusammen mit ihren Kindern am
16. Februar 2016 in der Schweiz um Asyl. Zur Begründung ihres Gesuchs
machte sie geltend, sie stamme aus D._, Kosovo, und sei albani-
scher Ethnie und islamischen Glaubens. (...) 2015 sei ihr Mann von einem
ehemaligen UCK-Kämpfer erschossen worden. Dem sei ein Konflikt zwi-
schen dem Neffen ihres Mannes und dem Bruder des Täters vorangegan-
gen. Der Mörder sei in Haft genommen worden. Nach der Beerdigung habe
sie ihre Söhne wieder in den Kindergarten geschickt. Die Kindergärtnerin
habe ihr in der Folge mitgeteilt, sie könne für die Sicherheit der Kinder nicht
garantieren, da bereits mit deren Entführung gedroht worden sei. Daraufhin
habe sie sich bei ihrer Mutter und später bei ihren Schwägerinnen
(Schwestern des Mannes) aufgehalten. Diese hätten ihr aus Sicherheits-
gründen zur Ausreise geraten. Aufgrund der genannten Vorfälle leide sie
an psychischen Problemen. Eine Rückkehr komme in Anbetracht der Blut-
racheproblematik, namentlich auch ihre Kinder betreffend, nicht in Be-
tracht.
A.b Mit Verfügung vom 4. März 2016 lehnte die Vorinstanz die Asylgesu-
che ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Voll-
zug. Begründet wurde dieser Entscheid mit der fehlenden Asylrelevanz der
Vorbringen. Im Kosovo als «safe country» sei im Rahmen einer Regelver-
mutung vom Bestehen einer Schutzinfrastruktur auszugehen. Die Be-
schwerdeführerin habe die Nachstellungen und Drohungen gegen ihre Kin-
der den Behörden nicht gemeldet. Es sei auch nicht von einem allfällig ge-
planten Blutrachedelikt auszugehen, da eine solche Rache nach dem Mord
an ihrem Ehemann von der falschen Familie ausginge. Von Seiten ihrer
Familie sei aber offenbar keine solche Fehde beabsichtigt worden. Abge-
sehen davon seien die Kinder noch viel zu jung, um von einer allfälligen
Fehde tangiert zu werden. Betreffend Wegweisungsvollzug wurde ausge-
führt, die Beschwerdeführerin habe in der Heimat noch ihre Mutter und eine
Schwester, wobei sie bei einer Rückkehr bei der Mutter wohnen könne.
Auch zu ihren Schwägerinnen habe sie offenbar ein gutes Verhältnis. Da-
mit verfüge sie als alleinstehende Frau mit zwei Kindern über ein breites
Familiennetz. Ferner seien im Kosovo in den letzten Jahren verschiedene
Frauenorganisationen, an die sie sich im Bedarfsfall wenden könne, aktiv
geworden.
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A.c Eine entsprechende Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
vom 14. März 2016 wurde mit Urteil D-1609/2016 vom 27. Dezember 2016
abgewiesen.
B.
B.a Mit Eingabe an das SEM vom 2. Februar 2017 stellten die Beschwer-
deführenden ein Gesuch um Wiedererwägung betreffend den Vollzug der
Wegweisung und beantragten, die Verfügung des SEM vom 4. März 2016
sei im Wegweisungsvollzugspunkt aufzuheben und es sei festzustellen,
dass der Vollzug der Wegweisung in den Kosovo unzumutbar sei, sowie
die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Begründet wurde das Gesuch damit,
dass die Beschwerdeführerin erfahren habe, dass die Verwandten ihres
Mannes Anspruch auf ihre Kinder erheben würden. Sie seien mit ihrer ei-
genmächtigen Ausreise nicht einverstanden gewesen und hätten den Fall
bereits der lokalen Polizeistelle in D._ gemeldet. Zur Untermaue-
rung wurden in diesem Zusammenhang eidesstattliche Erklärungen einge-
reicht und darauf hingewiesen, dass die Polizei in D._ lediglich auf
Anfrage einer schweizerischen Amtsstelle eine solche Anzeige herausge-
ben würde. Das SEM werde deshalb ersucht, diese herauszuverlangen.
Ferner könne die Beschwerdeführerin bei einer allfälligen Rückkehr nicht
im Haus ihrer Mutter wohnen, da ihr in Deutschland wohnhafter Bruder,
welchem besagtes Haus gehöre, dies verboten habe. Er wolle nicht in die
Probleme der Familie ihres verstorbenen Ehemannes miteinbezogen wer-
den. Damit mache sie zwei Umstände geltend, die im Asylverfahren nicht
oder unzureichend gewürdigt worden seien: Ihr drohe bei einer Rückkehr
einerseits die Wegnahme ihrer Kinder und andererseits könne sie von ihrer
eigenen Familie nicht die nötige Unterstützung erwarten.
B.b Das SEM wies das Wiedererwägungsgesuch mit Verfügung vom
24. März 2017 ab und stellte fest, die Verfügung vom 4. März 2016 sei
rechtskräftig und vollstreckbar. Zur Begründung führte die Vorinstanz an,
die eingereichten Beweismittel, mit denen belegt werden solle, dass die
Angehörigen des ermordeten Ehemannes der Beschwerdeführerin ihr bei
einer Rückkehr in den Kosovo die Kinder entziehen wollten, seien ebenso
als Gefälligkeitsdokumente zu werten wie die Schreiben der Verwandten
der Beschwerdeführerin, in denen erklärt werde, sie könne von ihnen keine
Hilfe erwarten. Die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin sei
sodann nicht derart schlecht, dass die Rückführung zu einer lebensbedroh-
lichen Verschlechterung derselben führe.
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B.c Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden am 7. April 2017 Be-
schwerde und legten dar, die eingereichten Beweismittel betreffend die
drohende Entziehung ihrer Kinder seien von einer in der Schweiz lebenden
Cousine des Schwagers der Beschwerdeführerin aus dem Kosovo mitge-
bracht worden. Diese habe bei einem Besuch im Kosovo Angehörige des
ermordeten Ehegatten der Beschwerdeführerin angetroffen und erfahren,
dass diese von der bevorstehenden Rückschaffung Kenntnis erhalten hät-
ten und nun Anspruch auf die Kinder der Beschwerdeführerin erheben wür-
den. Es sei keine Warnung an die Beschwerdeführerin erfolgt, sondern die
genannte Bekannte habe beim Notar nachgefragt, ob die Familie des Er-
mordeten tatsächlich entsprechende Anzeigen und Erklärungen abgege-
ben habe. In einer Eingabe vom 22. April 2017 wurde zudem erklärt, die
Bekannte habe die Familie des Ermordeten gebeten, ihr das Begehren für
den Kindesanspruch schriftlich zu geben. Der Notar habe von der Familie
das Einverständnis erhalten, ihr die Kopien auszuhändigen. Der Familie
des Ermordeten sei daran gelegen, dass alle Behörden von ihrem An-
spruchsrecht Kenntnis erhielten. Möglicherweise würden sie sich sogar
Hilfe von den Schweizer Behörden erhoffen. Dieses Verhalten sei im koso-
varischen Kontext plausibel und könne nicht als Gefälligkeit gegenüber der
Beschwerdeführerin qualifiziert werden.
B.d Das Bundesverwaltungsgericht stützte die vorinstanzliche Verfügung
und wies die Beschwerde mit Urteil D-2089/2017 vom 11. Mai 2017 ab.
C.
Am 27. Juli 2018 gelangten die Beschwerdeführenden mit als «Gesuch be-
treffend neues Asylgesuch / vorläufige Aufnahme / Gesuch um Wiederer-
wägung» bezeichneten Eingabe an die Vorinstanz und beantragten, es sei
die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren, even-
tualiter sei die vorläufige Aufnahme der Gesuchsteller anzuordnen, sube-
ventualiter sei wiedererwägungsweise eine vorläufige Aufnahme wegen
Unzulässigkeit und / oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges zu
gewähren. In prozessualer Hinsicht wurde um die Erteilung der aufschie-
benden Wirkung und Aussetzung des Wegweisungsvollzugs sowie Befrei-
ung von der Bezahlung der Verfahrenskosten und Verzicht auf Erhebung
eines Gebührenvorschusses sowie Bestellen eines unentgeltlichen
Rechtsbeistandes in der Person des Unterzeichneten ersucht.
Begründet wurde das Gesuch damit, die Beschwerdeführerin habe sich
erstmals einer eingehenden medizinischen Untersuchung nach dem inter-
national anerkannten Istanbul-Protokoll unterzogen. Der entsprechende
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Bericht vom 28. Juni 2018 werde nun eingereicht. Die untersuchenden Ärz-
tinnen hätten festgestellt, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der erlit-
tenen häuslichen Gewalt durch ihren Ehemann und dessen Brüder sowie
aufgrund der erlebten Erschiessung ihres Ehemannes bei einer Rückfüh-
rung in den Kosovo in erheblichem Masse retraumatisiert würde. Es seien
unter anderem eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und eine
Angst und depressive Störung diagnostiziert worden. Weiter lässt sich dem
Arztbericht entnehmen, die Beschwerdeführerin habe bereits während der
Hochzeitsvorbereitungen gemerkt, dass die Familie ihres Mannes sehr
streng und anspruchsvoll sei. Im ersten Jahr nach der Hochzeit habe ihr
Mann sie gut behandelt, seine Brüder jedoch seien immer strenger mit ihr
umgegangen. Das Paar habe im Haus der Eltern des Ehemannes gelebt,
wo auch die Brüder und deren Familien gelebt hätten. Bald habe sie bei
ihren Schwägerinnen Zeichen von körperlicher Misshandlung bemerkt. Ihr
Mann sei von seinen Brüdern kritisiert worden, wenn er sie gut behandelt
und ihr beispielsweise erlaubt habe, ihre Familie alleine zu besuchen. Mit
der Zeit habe ihr Mann begonnen, ebenfalls Hand gegen sie zu erheben.
Nach der Geburt der Kinder habe er sie manchmal gezwungen, auf dem
Boden zu schlafen zur Bestrafung. Auch habe er sie mehrfach vergewaltigt.
Auch die im Haus lebenden Kinder seien von den Brüdern ihres Mannes
regelmässig verprügelt worden. In diesem Klima der Gewalt habe die Be-
schwerdeführer unter immer stärkerer Angst gelitten, weshalb sie sich auch
nicht getraut habe, ihren Mann zu verlassen. Hätte sie dies getan, hätte
ihre Schwiegerfamilie es niemals zugelassen, dass sie ihre Kinder mitge-
nommen hätte. Nach dem Tod ihres Vaters im Mai 2015 habe sie sich noch
hilfloser gefühlt, da sie keinerlei Schutz aus ihrer Familie mehr gehabt
habe. Am (...) 2015 sei ihr Mann erschossen worden. Dies habe für sie
bedeutet, dass sie keinerlei Rechte mehr habe gegenüber ihrer Schwie-
gerfamilie. Sie sei nicht offiziell, sondern nur nach Brauch verheiratet ge-
wesen. Ihre Schwiegerfamilie halte sich an den Kanun, welcher zwar seit
den 1950er Jahren offiziell im Kosovo nicht mehr gelte, aber auf dem Land
nach wie vor beachtet werde. In der Region D._ sei es in der Regel
so, dass die Frau beim Tod ihres Ehemannes ihre Kinder bei der Schwie-
gerfamilie lassen und das Haus für immer verlassen müsse. Tue sie dies
nicht, unternehme die Schwiegerfamilie alles Mögliche um die Kinder zu
sich zu nehmen. Die Beschwerdeführerin habe sich nicht an diese Regeln
gehalten, sondern sei ohne die Erlaubnis ihrer Schwiegerfamilie in die
Schweiz gereist, wo sie um Asyl ersucht habe. Nachdem ihr Asylgesuch
am 27. Dezember 2016 zweitinstanzlich abgewiesen worden sei, habe sie
versucht, sich das Leben zu nehmen, und sei aufgrund dessen vom 6. bis
zum 11. Januar 2017 hospitalisiert gewesen. Sie beschreibe Flashbacks
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und intrusive Gedanken im Zusammenhang mit den innerfamiliären Ge-
waltvorfällen sowie mit dem Ort des Todes ihres Mannes, wo sie diesen tot,
in seinem Blut liegend, vorgefunden habe, sowie Panikattacken und Angst
in Bezug auf die Sicherheit ihrer Kinder. Sie klage über chronische Kopf-
schmerzen, Muskelverspannungen und Zittern. Ferner beschreibe sie Hy-
pervigilanz, eine grosse Lärmsensibilität, Reizbarkeit, Schlafstörungen,
Albträume, starke Angstzustände, Traurigkeit, Ohnmacht, Müdigkeit, Er-
schöpfung und Weinen. Diese Symptomatik stimme mit jener einer PTBS
überein. Bei ihr sei eine Fortsetzung der psychotherapeutischen Behand-
lung sowie eine medikamentöse antidepressive Behandlung indiziert.
Ohne diese sei die Prognose schlecht. Sollten ihr ihre Kinder von der
Schwiegerfamilie weggenommen werden, würde das Risiko von selbstge-
fährdendem Verhalten bestehen. Die psychologischen Beobachtungen zu-
sammen mit den erhaltenen Informationen und dem Wissen über innerfa-
miliäre Gewalt, sexuelle Gewalt, den drohenden Verlust der Kinder, würden
nach Meinung der Ärzte einen sehr hohen Grad an Kohärenz mit den gel-
tend gemachten Misshandlungen und der Furcht vor der Wegnahme der
Kinder durch die Schwiegerfamilie darstellen. Die beschriebene und beo-
bachtete psychologische Symptomatik stimme in hohem Masse mit der
extremen Stresssituation im soziokulturellen Kontext der Beschwerdefüh-
rerin überein.
Weiter wurde die Länderanalyse des SEM «Focus Kosovo – Behandlungs-
angebote bei psychischen Erkrankungen» vom 25. Oktober 2016 zitiert.
Darin werde festgestellt, dass bei schweren psychischen Störungen im Ko-
sovo Einschränkungen in der Behandlung bestehen würden. Gerade kom-
plexe PTBS würden eine grosse Herausforderung darstellen. Zum selben
Befund komme der Länderbericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH), wonach derzeit im Kosovo keine Möglichkeit bestehe, eine PTBS
zusammen mit einer schweren depressiven Episode angemessen zu be-
handeln. Dies, weil sowohl die notwendigen Medikamente fehlen würden
als auch das entsprechende Fachwissen der dortigen Ärzte nicht vorhan-
den sei. Ferner sei das Kindeswohl vorrangig zu beachten. Eine Rückfüh-
rung der Beschwerdeführenden hätte zur Folge, dass die Beschwerdefüh-
rerin von ihren Kindern getrennt würde, sei es durch eine Fremdplatzie-
rung, da sie gesundheitlich nicht in der Lage sein werde, im Kosovo ein
eigenständiges Leben zu führen, sei es durch die Familie des verstorbenen
Ehemannes. Ferner sei die Beschwerdeführerin durch ihren Ehemann und
dessen Brüder Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Aufgrund ihrer Si-
tuation würden daher konkrete Anzeichen für das Vorliegen geschlechts-
spezifischer Verfolgungsgründe bestehen.
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D.
Mit Verfügung vom 26. August 2020 (eröffnet am 28. August 2020) nahm
die Vorinstanz die Eingabe der Beschwerdeführenden als «qualifiziertes
Wiedererwägungsgesuch» entgegen, wies dieses ab und erklärte ihre Ver-
fügung vom 4. März 2016 für rechtskräftig und vollstreckbar. Gleichzeitig
wurden die Gesuche um unentgeltliche Verbeiständung und um Erlass der
Verfahrenskosten abgewiesen und eine Gebühr in der Höhe von Fr. 600.–
erhoben sowie festgehalten, dass einer allfälligen Beschwerde keine auf-
schiebende Wirkung zukomme. Begründet wurde diese Verfügung im We-
sentlichen damit, gemäss Beschluss des Bundesrates vom 6. März 2009
gelte der Kosovo als verfolgungssicherer Staat («safe country») im Sinne
von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG (SR 142.31). Damit bestehe die gesetzliche
Regelvermutung, dass asylrelevante staatliche Verfolgung nicht stattfinde
und Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung gewährleistet sei. Gemäss
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts würden Frauen im Ko-
sovo bei der Durchsetzung ihrer Rechte zwar nach wie vor auf Schwierig-
keiten stossen. Jedoch seien auch Fortschritte in der staatlichen Ahndung
von häuslicher Gewalt gegen Frauen erzielt worden. Soweit die Beschwer-
deführerin geltend mache, ihr Ehemann habe sie physisch und sexuell
misshandelt, sei anzumerken, dass dieser bereits vor ihrer Ausreise ver-
storben sei. Es sei daher ausgeschlossen, dass sie bei einer Rückkehr Ge-
fahr laufen könnte, durch ihn häusliche Gewalt zu erfahren. Betreffend die
Furcht, ihre Schwäger könnten sich erneut an ihr vergehen, sei festzuhal-
ten, dass keine Hinweise darauf bestehen würden, dass diese je wegen
häuslicher Gewalt angezeigt worden wären. Es würden demnach keine An-
haltspunkte dafür vorliegen, dass sie trotz einer Strafanzeige der konkreten
Gefahr zukünftiger gewalttätiger Übergriffe ausgesetzt sein könnte. Ferner
sei im letzten Verfahren festgestellt worden, dass der Schwager und wei-
tere Angehörige ihres verstorbenen Ehemannes sie offensichtlich in ihrem
Bestreben unterstützt hätten, nicht in den Kosovo zurückkehren zu müs-
sen. In Bezug auf den eingereichten psychiatrischen Bericht stellte die Vo-
rinstanz fest, dass dieser sich lediglich an den Empfehlungen des Istanbul-
Protokolls orientiere, jedoch kein eigentliches Gutachten nach Istanbul-
Protokoll darstelle und es offenbleibe, inwieweit und nach welchen Kriterien
dessen Standards angewendet worden seien. Das SEM stelle sodann
nicht in Abrede, dass die Beschwerdeführerin psychisch belastet sei, es
falle jedoch auf, dass den früheren Verfahren keinerlei Andeutungen oder
Hinweise für erlittene häusliche Gewalt zu entnehmen seien. Zwar ver-
weise sie in ihrer Eingabe zurecht darauf, dass besonders delikate Situati-
onen erst im späteren Verlauf des Verfahrens ans Licht kommen können
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und die Glaubhaftigkeit von Vorbringen über psychisch belastende Ereig-
nisse im Zusammenhang mit einer verspätet geltend gemachten ge-
schlechtsspezifischen Verfolgung nicht ohne Weiteres von der Hand zu
weisen seien. Indes sei in dieser Situation eine individuelle und nuancierte
Überprüfung vorzunehmen, welche die Gesamtheit aller Umstände des
Einzelfalls berücksichtige. So erstaune, dass sie die gewalttätigen Über-
griffe im Haushalt ihres Mannes, insbesondere was die Kinder betreffe, in
keinem der früheren Verfahren erwähnt habe. Insgesamt vermöge deshalb
der eingereichte psychiatrische Bericht den Entscheid vom 4. März 2016
nicht umzustossen. Weiter mache die Beschwerdeführerin geltend, ihre
Kinder seien aufgrund des gewaltsamen Todes ihres Vaters von Blutrache
bedroht und der Kanun würde vorsehen, dass ihr ihre Kinder weggenom-
men würden. Diese Vorbringen seien bereits im ordentlichen Verfahren be-
ziehungsweise im ersten Wiedererwägungsverfahren geprüft worden. Es
sei daher vollumfänglich auf die Verfügung des SEM vom 4. März 2016 und
vom 24. März 2017 sowie auf die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts
D-1609/2016 vom 27. Dezember 2016 und D-2089/2017 vom 11. Mai 2017
zu verweisen. Schliesslich mache sie geltend, ihre psychische Erkrankung
sei im Kosovo nicht angemessen behandelbar. Das Bundesverwaltungs-
gericht sei in vergleichbaren Fällen zum Schluss gekommen, dass die be-
nötigte medizinische Behandlung aufgrund der im Kosovo vorhandenen
medizinischen Versorgungslage weitgehend gewährleistet sei. Es sei da-
von auszugehen, dass auch die Beschwerdeführenden die in der Schweiz
aufgenommene Behandlung im Kosovo fortsetzen könnten, wenn auch
nicht unter denselben Voraussetzungen wie in der Schweiz. Dabei sei auf
die Möglichkeit einer individuellen medizinischen Rückkehrhilfe zu verwei-
sen. Auch in Bezug auf das Kindswohl sei die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs durch das Bundesverwaltungsgericht in den früheren Ver-
fahren bestätigt worden. Vor dem Hintergrund, dass die psychiatrische Be-
handlung im Kosovo möglich sei, sei nicht davon auszugehen, dass die
Kinder fremdplatziert werden müssten. Zudem sei davon auszugehen,
dass sie im Kosovo durch ihre Verwandten Unterstützung erhalten könne.
Auch die durch den Besuch der Schule beginnende Integration der Kinder
in der Schweiz vermöge nicht eine Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs zu begründen. Somit würden keine Gründe vorliegen, welche die
Rechtskraft der Verfügung vom 4. März 2016 beseitigen könnten, weshalb
das Wiedererwägungsgesuch abzuweisen sei.
E.
Am 28. September 2020 erhoben die Beschwerdeführenden gegen diesen
Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragten,
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Seite 9
der Entscheid des SEM sei vollumfänglich aufzuheben, es sei ihre Flücht-
lingseigenschaft festzustellen und ihnen sei Asyl zu gewähren, eventualiter
seien sie vorläufig aufzunehmen, subeventualiter sei die Sache zur Vor-
nahme von weiteren Abklärungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
prozessualer Hinsicht wurde beantragt, es sei der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und der Vollzug der Wegweisung per sofort
auszusetzen, es sei den Beschwerdeführenden für das vorinstanzliche
Verfahren die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und ihnen sei in
der Person des unterzeichnenden Rechtsanwaltes ein unentgeltlicher
Rechtsbeistand zu bestellen sowie es sei ihnen im Beschwerdeverfahren
die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und in der Person des un-
terzeichnenden Rechtsanwaltes ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu be-
stellen. Zur Begründung der Beschwerde wurde im Wesentlichen ange-
führt, die Beschwerdeführenden hätten erhebliche häusliche Gewalt und
den gewaltsamen Tod ihres Ehemannes beziehungsweise Vaters erlebt.
Auch würden frauenspezifische Verfolgungsgründe vorliegen. Die Be-
schwerdeführerin leide deswegen heute unter anderem an einer PTBS und
einer Angst und depressiven Störung, die im Kosovo aufgrund mangelnder
Therapiemöglichkeit sowie aufgrund der erheblichen Gefahr einer Retrau-
matisierung nicht angemessen behandelt werden könnten. Eine Rückfüh-
rung hätte auch zur Folge, dass die Beschwerdeführerin von ihren Kindern
getrennt würde. Schliesslich leide auch eines der beiden Kinder aufgrund
der erlittenen häuslichen Gewalt an einer PTBS, Anpassungsstörung und
Pavor Nocturnus, die im Kosovo nicht behandelt werden könnten. Im ein-
gereichten Arztbericht werde festgestellt, dass der Beschwerdeführer 3
eine angemessene Behandlung seiner psychischen Krankheiten benötige,
die im Kosovo allerdings nicht existiere. Ferner würde ihn eine Rückkehr in
den Kosovo, wo ihm diese schrecklichen Ereignisse zugestossen seien,
retraumatisieren und seine Entwicklung könnte dadurch langfristig geschä-
digt werden. Dies stehe mit dem Kindeswohl nicht im Einklang und würde
ebenfalls asylrelevante Nachteile nach sich ziehen. Ferner seien die Kinder
in der Schweiz gut integriert. Zusätzlich wird in der Beschwerde geltend
gemacht, am 12. März 2020 sei das Elternhaus der Beschwerdeführerin in
D._ bis auf die Mauern niedergebrannt. Es sei offenbar in Abwe-
senheit der Bewohner eingedrungen und ein Feuer gelegt worden, dies
werde durch einen Bericht des Innenministeriums bestätigt. Im Bereich der
geschlechtsspezifischen Verfolgung müsse geprüft werden, ob für die
Frauen nach Berücksichtigung der gesamten in einer bestimmten Gemein-
schaft geltenden Regeln ein Minimum an persönlicher Entfaltung im Sinne
der Menschenwürde möglich sei. Nach geltender Praxis würden die gene-
rellen und die grundsätzlichen Schwierigkeiten, denen die Frauen in einer
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patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt sind, für sich allein keine Verfol-
gung im Sinne des Asylgesetzes darstellen. Indes könnten Frauen, je nach
den spezifischen Verhältnissen im jeweiligen Land, wegen der bestehen-
den sozialen Beziehungen in eine Situation geraten, die mit einer Gefähr-
dung ihres Lebens oder ihrer körperlichen Integrität gleichzusetzen sei. Ge-
mäss Schutztheorie sei zu klären, ob die Person, die verfolgt werde oder
eine Verfolgung befürchte, angemessenen Schutz in ihrem Heimatland fin-
den könne. Im Bereich der geschlechtsspezifischen Verfolgung sei die Auf-
forderung, Schutz bei den Behörden zu suchen, differenziert zu betrachten
und die Prüfung müsse die spezifischen Verhältnisse im Herkunftsstaat
und die persönliche Situation des Opfers berücksichtigen. Indem sich die
Vorinstanz ganz allgemein auf den Standpunkt stelle, der Kosovo sei ein
«safe country» und damit weder die spezifischen Verhältnisse im Her-
kunftsstaat noch die persönliche Situation des Opfers berücksichtige, ver-
letze sie den Anspruch auf rechtliches Gehör und stelle den Sachverhalt
nicht rechtsgenüglich fest. Ferner attestiere die Vorinstanz dem eingereich-
ten psychiatrischen Gutachten keine Relevanz und behaupte, dieses sei
kein Gutachten nach Istanbul-Protokoll, ohne dies zu begründen. Damit
verletze sie nicht nur den Anspruch auf rechtliches Gehör, sondern auch
grundlegende Beweisregeln des Asylverfahrens. Entgegen der Ansicht des
SEM müsse dem eingereichten Gutachten erheblicher Beweiswert zukom-
men. Ferner wird dem Vorwurf des SEM, die Beschwerdeführerin habe die
häusliche Gewalt in keinem früheren Verfahren geltend gemacht, entgeg-
net, es sei – selbst nach Weisung des SEM – möglich, dass besonders
delikate Situationen, beispielsweise eine Vergewaltigung, erst im späteren
Verlauf des Verfahrens ans Licht kämen. Die schwere Traumatisierung der
Beschwerdeführerin sei sodann erstellt. Das ärztliche Gutachten stelle zu-
dem fest, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihres Traumas grosse
Schwierigkeiten bekunde, über die innerfamiliären Erlebnisse zu berichten.
Weiter wird geltend gemacht, der Kosovo stelle für alleinerziehende Frauen
und insbesondere solche, die Opfer häuslicher Gewalt und sexueller Über-
griffe geworden seien, kein «safe country» dar. Der Kosovo zeichne sich
durch ein hohes Aufkommen an Gewalt gegen Frauen aus. So verbiete
selbst Deutschland, welches den Kosovo ebenfalls als «safe country» er-
achte, die Abschiebung von alleinerziehenden Frauen in den Kosovo, weil
die Gefahr sozialer und wirtschaftlicher Isolation drohe. Schliesslich habe
das SEM den Aspekt des Kindeswohls mit keinem Wort berücksichtigt. Die
Beschwerdeführenden 2 und 3 würden in der Schweiz die Schule besu-
chen und hätten den Kosovo im Alter von vier Jahren verlassen. Sie wür-
den die Landessprache fliessend in Wort und Schrift beherrschen. Gemäss
Bericht der Lehrpersonen würden sie sich hier in einem kindergerechten
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Seite 11
und stabilen Umfeld befinden und seien gut entwickelt. Ein Herausreissen
aus diesem gewohnten Umfeld würde das Kindeswohl gefährden, insbe-
sondere da vollkommen unklar sei, was mit ihnen im Kosovo geschehen
würde. Auch dies habe die Vorinstanz pflichtwidriger Weise nicht näher ab-
geklärt. Dabei sei darauf hinzuweisen, dass eines der beiden Kinder unter
gesundheitlichen Problemen leide. Das Kindeswohl sei im höchsten Aus-
mass gefährdet, wenn die Familie in den Kosovo abgeschoben würde.
Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden
folgende Beweismittel zu den Akten: die Auskunft der SFH-Länderanalyse
vom 12. September 2017 (Kosovo: Sorgerecht), einen ärztlichen Bericht
betreffend die Beschwerdeführerin vom 28. Juni 2018, ein Schreiben von
Frau Amélie Hagmann vom 21. Juli 2020, zwei Schulbestätigungen für die
beiden Kinder vom 8. Juli 2020, ein Schreiben von Jean-Daniel Diserens
vom 23. September 2020, einen ärztlichen Bericht betreffend den Be-
schwerdeführer 3 vom 30. Juni 2020, einen Bericht des Innenministeriums
der Republik Kosovo vom 16. März 2020 mit beglaubigter Übersetzung so-
wie eine Auskunft der SFH-Länderanalyse vom 31. August 2016 (Kosovo:
Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer schwe-
ren depressiven Episode).
F.
Am 29. September 2020 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der
Wegweisung per sofort einstweilen aus.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM. Da Wiederer-
wägungsentscheide gemäss Lehre und Praxis grundsätzlich wie die ur-
sprüngliche Verfügung auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezo-
gen werden können, ist das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung
der vorliegenden Beschwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls endgültig, ausser – was vorliegend nicht der Fall ist – bei Vorlie-
gen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor dem die Beschwerde
führende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
D-4802/2020
Seite 12
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.4 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der
Regel in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (vgl. Art. 21
Abs. 1 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht kann auch in solchen Fällen
auf die Durchführung des Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1
AsylG).
1.5 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.
Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt
(vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert
30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und
begründet einzureichen (Art. 111b aAbs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum soge-
nannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" vgl. BVGE 2013/22
E. 5.4 m.w.H.).
3.
3.1 Die Beschwerdeführenden rügen eine Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs und des Untersuchungsgrundsatzes. Diese formellen Rügen sind
vorab zu beurteilen.
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Seite 13
3.2 Nach Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Ge-
hör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderseits
stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines
Entscheides dar. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen,
sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern und er-
hebliche Beweise beizubringen, wenn dies geeignet ist, den Entscheid zu
beeinflussen (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1, BVGE 2009/35 E. 6.4.1 mit Hin-
weisen).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043).
4.
4.1 Nach eingehender Prüfung der Akten erachtet das Bundesverwal-
tungsgericht den rechtserheblichen Sachverhalt für nicht richtig und voll-
ständig abgeklärt. Ferner wird in Bezug auf den eingereichten Arztbericht
eine Verletzung des rechtlichen Gehörs festgestellt. So stellt die Vorinstanz
in ihrer Verfügung fest, der eingereichte psychiatrische Bericht orientiere
sich lediglich an den Empfehlungen des Istanbul-Protokolls, stelle jedoch
kein Gutachten nach Istanbul-Protokoll dar und es bleibe offen, inwieweit
und nach welchen Kriterien dessen Standards angewendet worden seien.
Die Vorbringen der Beschwerdeführenden betreffend erlebte häusliche Ge-
walt erachtet die Vorinstanz trotz Bericht als unglaubhaft. Im Bericht wird
hingegen festgehalten, dieser sei unter Berücksichtigung der Empfehlun-
gen des Istanbul-Protokolls verfasst worden. Die Vorinstanz unterlässt es
in ihrer Verfügung, zu begründen, weshalb sie davon ausgeht, dass der
Bericht den Standards eines Gutachtens nach Istanbul-Protokoll nicht ent-
spreche. Das Istanbul-Protokoll (vollständiger Titel: Handbuch für die wirk-
same Untersuchung und Dokumentation von Folter und anderer grausa-
mer, unmenschlicher oder entwürdigender Behandlung oder Strafe) bein-
haltet allgemeingültige Standards zur Untersuchung und Dokumentation
von Folter und weiteren Menschenrechtsverletzungen. Die Standards des
Istanbul-Protokolls wurden durch diverse Sachverständige während eines
D-4802/2020
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dreijährigen Prozesses ausgearbeitet und von der UN-Generalversamm-
lung angenommen. Gutachten, die im Einklang mit den Standards des Is-
tanbul-Protokolls erstellt werden, kann somit ein erhöhter wissenschaftli-
cher Wert zuerkannt werden (vgl. Interpellation Glättli 17.3193, verfügbar
unter: https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suchecuria-vista/ge-
schaeft?AffairId=20173193, abgerufen am 11.11.2020). Es ist somit für die
Feststellung des korrekten Sachverhaltes durchaus relevant, ob es sich
beim psychiatrischen Bericht um ein Gutachten handelt, welches im Ein-
klang mit den Standards des Istanbul-Protokolls erstellt wurde. Indem das
SEM dies ohne weitere Begründung verneint und der Beschwerdeführerin
zu dieser Einschätzung auch keine Möglichkeit zur Stellungnahme gewährt
hat, hat sie deren Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Dadurch, dass
dieses Beweismittel von der Vorinstanz nicht hinreichend gewürdigt wurde,
wurde ausserdem der rechtserhebliche Sachverhalt nicht korrekt festge-
stellt. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass die Argumentation der Vo-
rinstanz, es erstaune, dass die Beschwerdeführerin die gewalttätigen
Übergriffe im Haushalt ihres Mannes in keinem früheren Verfahren erwähnt
habe, nicht zu überzeugen vermag. Nach konstanter Rechtsprechung des
Gerichts kann ein verspätetes Vorbringen durch kulturell bedingte Schuld-
und Schamgefühle beziehungsweise einen Selbstschutzmechanismus er-
klärbar sein (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.3 mit Hinweis auf Entscheidungen
und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
2003 Nr. 17). Das Vorbringen der Beschwerdeführerin im Hinblick auf die
erlittene (sexuelle) Gewalt durch ihren Ehemann und dessen Brüder wird
vom Gericht angesichts des ärztlichen Berichts und der Diagnose als
glaubhaft erachtet.
4.2 Betreffend Sachverhaltsfeststellung ist weiter festzuhalten, dass unter
Berücksichtigung des ärztlichen Berichts beziehungsweise der darin gel-
tend gemachten neuen Vorbringen sowie der gesundheitlichen Probleme
sowohl der Beschwerdeführerin als auch des Beschwerdeführers 3 die
Aussage der Vorinstanz, betreffend Blutrache, Kindswohl und einer allfälli-
gen Wegnahme der Kinder könne auf die vorherigen Verfügungen und Ur-
teile verwiesen werden, nicht genügt. Diese Fragen sind alle – nach der
korrekten und vollständigen Feststellung des Sachverhalts – einer erneu-
ten Prüfung zu unterziehen. Dasselbe gilt für das Vorbringen einer mögli-
chen Retraumatisierung bei einer Rückkehr in den Kosovo. Es ist vorlie-
gend weder nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz dem ärztlichen Be-
richt die Relevanz abspricht, noch, weshalb im Hinblick auf die neuen Vor-
bringen durch die Vorinstanz keine weiteren Abklärungen vorgenommen
worden sind. Die Beschwerdeführenden sind als alleinerziehende Mutter
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Seite 15
und deren Kinder als vulnerable Gruppe zu qualifizieren. Sie stammen aus
einem Teil Kosovos, von welchem bekannt ist, dass die Gesellschaft nach
wie vor sehr traditionell funktioniert. Die Vorinstanz wäre unter diesen Um-
ständen gehalten gewesen – und ist es nun umso mehr im Hinblick auf die
Beweismittel betreffend Brandstiftung im Haus der Mutter der Beschwer-
deführerin – weitere Abklärungen, insbesondere eine Botschaftsabklärung
vorzunehmen.
4.3 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Vorinstanz, indem sie dem
eingereichten Arztbericht kaum Gewicht zumass und es unterliess, weitere
Abklärungen vorzunehmen, den Sachverhalt nicht richtig und vollständig
abgeklärt und damit den Untersuchungsgrundsatz verletzt hat. Relevante
Abklärungen im Herkunftsstaat sind möglich und angezeigt.
5.
5.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück.
5.2 Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere
angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein
umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen feh-
lende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Be-
schwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus
prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber
nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5).
5.3 Nach dem Gesagten erweist sich eine Kassation als angezeigt. Zwar
kann auch das Bundesverwaltungsgericht einzelne Untersuchungsmass-
nahmen veranlassen und selber durchführen. Da jedoch der Sachverhalt
nicht abschliessend geklärt erscheint und weitere Untersuchungsmass-
nahmen notwendig sind, ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Auf-
hebung der vorinstanzlichen Verfügung beantragt wird. Das Verfahren ist
an die Vorinstanz zurückzuweisen und diese ist anzuweisen, in geeigneter
Weise die Umstände der Beschwerdeführenden in D._ abzuklären,
insbesondere betreffend deren Gesundheit und der Möglichkeit, unter de-
ren Berücksichtigung wieder dort Fuss zu fassen, sowie der Möglichkeit
einer Wegnahme der Kinder der Beschwerdeführerin durch deren Schwie-
gerfamilie. Weiter ist es anzuweisen, die im Beschwerdeverfahren einge-
reichten Unterlagen angemessen zu würdigen und die Sache neu zu beur-
teilen.
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Bei dieser Sachlage erübrigt sich eine weitere Auseinandersetzung mit den
restlichen Vorbringen im Beschwerdeverfahren.
6.
Mit dem materiellen Entscheid in der Hauptsache wird der prozessuale An-
trag, es sei der Vollzug der Wegweisung für die Dauer des Beschwerde-
verfahrens auszusetzen, hinfällig.
7.
7.1 Die Beschwerdeführenden beantragen, ihnen sei auch für das vor-
instanzliche Verfahren die unentgeltliche Prozessführung sowie die unent-
geltliche Rechtsverbeiständung zu gewähren.
7.2 Der Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege und amtliche Verbei-
ständung wird in erster Linie durch das anwendbare Verfahrensrecht gere-
gelt. Unabhängig davon besteht ein solcher Anspruch auch unmittelbar ge-
stützt auf Art. 29 Abs. 3 BV (BGE 128 I 225 E. 2.3). Danach hat jede Per-
son, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und deren Rechtsbe-
gehren nicht aussichtslos erscheint, Anspruch auf unentgeltliche Rechts-
pflege. Soweit es zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist, hat sie ausser-
dem Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand. Für das Beschwerde-
verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht wird die unentgeltliche
Rechtspflege in aArt. 110a AsylG (vgl. für das neue Recht: Art. 102m
AsylG) und Art. 65 VwVG konkretisiert. In Bezug auf Beschwerden im Rah-
men von Wiedererwägungsverfahren verzichtete der Gesetzgeber auf die
Anwendung der erleichterten Regelungen zur amtlichen Verbeiständung
(vgl. aArt. 110a AsylG; vgl. für das neue Recht: Art. 102m Abs. 2 AsylG), so
dass die allgemeinen Regeln des Art. 65 Abs. 2 VwVG zur Anwendung
kommen. Für das erstinstanzliche Asylverfahren als nichtstreitiges Verwal-
tungsverfahren fehlt eine entsprechende ausdrückliche gesetzliche Rege-
lung (vgl. BVGE 2017 VI/8 E. 3.1).
7.3 Vorliegend ist festzustellen, dass in der Beschwerde zu Recht ausge-
führt wird, das Wiedererwägungsgesuch sei nicht aussichtslos gewesen
und die prozessuale Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin ergebe sich aus
den Akten. Die Vorinstanz wäre bei einer anderen Betrachtungsweise ver-
pflichtet gewesen, der Beschwerdeführerin eine entsprechende Nachfrist
für das Einreichen einer Fürsorgebestätigung anzusetzen. Bereits der Um-
stand, dass das Migrationsamt des Kantons Thurgau mit Schreiben vom
2. August 2018 darum ersucht wurde, den Vollzug der Wegweisung im
Sinne einer vorsorglichen Massnahme einstweilen auszusetzen, zeigt auf,
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dass auch das SEM nicht von der Aussichtslosigkeit des Wiedererwä-
gungsgesuchs ausging. Dafür spricht auch die Dauer des Verfahrens. Vor
diesem Hintergrund ergibt sich, dass in der angefochtenen Verfügung zu
Unrecht von der Aussichtslosigkeit des Wiedererwägungsgesuchs ausge-
gangen und eine Gebühr erhoben wurde. Das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG für das erstinstanzliche
Wiedererwägungsverfahren ist folglich gutzuheissen. Allfällig bereits ge-
leistete Gebühren sind der Beschwerdeführerin durch die Vorinstanz zu-
rückzuerstatten.
7.4 Betreffend die Notwendigkeit einer amtlichen Verbeiständung im vo-
rinstanzlichen Verfahren ist festzuhalten, dass es für die Anhandnahme ei-
nes Wiedererwägungsverfahrens durch das SEM gestützt auf das Asylge-
setz genügt, wenn die Partei den Grund für die Wiedererwägung schriftlich
darlegt und zur Untermauerung der Vorbringen allenfalls geeignete Be-
weismittel vorlegt (vgl. dazu auch das Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-1943/2019 vom 24. Mai 2019 E. 4.5). Sofern das SEM das Gesuch
aufgrund der Eingabe und der Beweismittel nicht zur Entscheidreife brin-
gen kann, ist es gehalten, weitere Abklärungen bis hin zu einer erneuten
Anhörung, vorzunehmen. Vorliegend hat das SEM keine weiteren Abklä-
rungen vorgenommen, jedoch wurden auch durch den Rechtsvertreter der
Beschwerdeführenden keine weiteren Eingaben getätigt. Es ist nicht er-
kennbar, dass diese ihr Verfahren notwendigerweise nur mit Unterstützung
durch einen amtlich beigeordneten Rechtsvertreter hätten durchführen
können. Es stellten sich im erstinstanzlichen Wiedererwägungsverfahren
weder in tatsächlicher noch rechtlicher Hinsicht schwierige Fragen. Dies im
Unterschied zum Beschwerdeverfahren, wo bereits der Entscheid über die
Gewährung der amtlichen Rechtsverbeiständung im erstinstanzlichen Ver-
fahren komplexere Rechtssachverhalte beinhaltet und Ansprüche betrifft,
die die Beschwerdeführerin als Laiin und einer Schweizerischen Amtsspra-
che nicht mächtigen Person nicht ohne fachliche juristische Unterstützung
geltend zu machen vermag (vgl. a.a.O. E. 6.1). Folglich hat die Vorinstanz
das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65
Abs. 2 VwVG zu Recht mangels Notwendigkeit abgewiesen.
8.
8.1
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG), weshalb der Antrag um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gegenstandslos geworden ist.
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8.2
Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die
ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten (Art.
64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote zu den
Akten gereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann jedoch verzich-
tet werden, da sich im vorliegenden Verfahren der Aufwand zuverlässig ab-
schätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Dem Beschwerdeführer ist somit
eine Parteientschädigung zu Lasten des SEM von insgesamt Fr. 3’000.–
zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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