Decision ID: 0b5658d1-4a49-5a47-8c20-79f4c9a4efba
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden, aserbaidschanische Staatsangehörige mit
letztem Aufenthalt in C._, verliessen ihr Heimatland eigenen Anga-
ben gemäss am 14. November 2017 und reisten nach Deutschland. Da
ihnen die schweizerische Botschaft in Baku (Aserbaidschan; nachfolgend
Botschaft) Ende Oktober 2017 Schengen-Visa ausgestellt hatte, stimmte
das SEM einer Übernahme der Beschwerdeführenden im Rahmen eines
Dublin-Verfahrens am 9. Januar 2018 zu. Am 23. Mai 2018 reisten sie in
die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchten.
A.b Am 31. Mai 2018 führte das SEM mit den Beschwerdeführenden die
Befragungen zur Person (BzP) durch.
Der Beschwerdeführer erklärte unter anderem, er habe in seiner Heimat
bis im Jahr 2013 bei der Behörde für (...) gearbeitet. Danach habe er sich
einige Jahre lang in Deutschland aufgehalten, wo er um Asyl nachgesucht
habe. Nach seiner Rückkehr in die Heimat im Mai 2016 habe er inoffiziell
in (...) gearbeitet. Bei seiner Rückkehr aus Deutschland sei er bei der
Passkontrolle aufgehalten und der Polizei übergeben worden. Man habe
von ihm erwartet, dass er gegen von den heimatlichen Behörden festge-
nommene Personen aussage. Während seines Aufenthalts in Deutschland
sei er zweimal in die Feier des Novruz-Festes involviert gewesen. Auf den
«Werbungen» dafür sei seine Telefonnummer angebracht worden. Die
Leute hätten ihn angerufen und er habe ihnen Tickets für die Veranstaltun-
gen verkauft. Den Erlös habe er an den Organisator namens D._
weitergegeben. Die aserbaidschanische Polizei habe ihm Fotografien vom
Novruz-Fest 2016 vorgelegt. Man habe ihm gesagt, die Fotografien beleg-
ten, dass er Geld gesammelt und dieses an die «Milli Shura» (National
Versammlung; Anmerkung des Gerichts) geschickt habe. Man habe ihm
mit Verhaftung gedroht und er habe Aussagen gegen Menschen aus der
«Milli Shura» machen müssen. Es seien ihm niedergeschriebene Aussa-
gen vorgelegt worden, die er unterschrieben habe. Danach sei er freige-
lassen worden. Später sei er von der Staatsanwaltschaft vorgeladen wor-
den, wo er ebenfalls eine Aussage habe unterschreiben müssen. Er sei
zum Präsidenten der «Vatandas Hamraylik» gegangen und habe ihm die
Situation geschildert. Der Parteipräsident habe gesagt, er habe eine Be-
kannte, die beim Innenministerium arbeite, und werde die Situation abklä-
ren. Am 20. Juni 2016 habe er beim Parteipräsidenten nachgefragt. Dieser
habe gesagt, er (der Beschwerdeführer) solle Aussagen machen, es werde
D-4936/2020
Seite 3
ihm nicht schaden. Ungefähr im Juni 2017 sei ein Quartier-Polizist zu ihm
gekommen, der gesagt habe, er müsse erneut zur Staatsanwaltschaft ge-
hen. Dort habe ihm ein Ermittler gesagt, E._ von der «Milli Shura»
sei verhaftet worden Er (der Beschwerdeführer) müsse bei einer Gegen-
überstellung aussagen, dass er ihr aus Deutschland über eine Drittperson
(F._) Geld geschickt habe. Die Verhandlung hätte am 30. Novem-
ber 2017 stattfinden sollen. Man habe gewollt, dass er auch noch gegen
andere Personen aussage. Am 15. August 2017 habe er sich an einen
Rechtsanwalt gewandt, der vorgeschlagen habe, sie sollten sich bei der
Zollbehörde erkundigen. Diese habe bestätigt, dass er angehalten und an
die Polizei übergeben worden sei. Die anderen Behörden hätten nichts be-
stätigt.
Die Beschwerdeführerin gab an, sie seien 2013 wegen ihres Kinderwun-
sches nach Europa gekommen. Die deutschen Ärzte hätten ihr nicht helfen
können. Sie und ihr Ehemann hätten sich entschieden, in die Heimat zu-
rückzukehren und ein Kind zu adoptieren. Als sie am heimatlichen Flugha-
fen angekommen seien, seien sie während zweier Tage festgehalten wor-
den. Sie habe nur das Kind im Kopf gehabt und sei mehrmals zu den Be-
hörden gegangen. Sie habe verstanden, dass sie hätte Geld bezahlen
müssen, um das Kind zu erhalten. Sie hätten Aserbaidschan aufgrund der
Probleme ihres Ehemannes verlassen. Falls sie nicht ausgereist wären,
hätte man ihn unter einem falschen Vorwand festgenommen. Nach ge-
sundheitlichen Problemen gefragt, sagte die Beschwerdeführerin, sie habe
manchmal Kopfschmerzen. In Deutschland und in Aserbaidschan sei sie
wegen Depressionen in Behandlung gewesen.
A.c Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 14. Oktober 2019 einläss-
lich zu seinen Asylgründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, dass
seine Ehefrau und er im Mai 2016, als sie aus Deutschland nach Aserbaid-
schan zurückgekehrt seien, von Mitarbeitern des Grenzschutzes und der
Polizei in ein Zimmer gebracht worden seien. Man habe sie und ihr Gepäck
durchsucht. Danach seien sie auf eine Polizeidienststelle gebracht worden,
wo sie und ihre Sachen nochmals durchsucht worden seien. Am folgenden
Morgen seien zwei zivil gekleidete Personen gekommen, die sie zur «Poli-
zeiabteilung (...) zur Bekämpfung von schwerer Kriminalität» gebracht hät-
ten, wo sie von G._ befragt worden seien. Dieser habe ihm gesagt,
die Behörden hätten Informationen über alle Bürger, die im Ausland lebten.
Er habe ihnen vorgeworfen, sie hätten Aserbaidschan verraten und Scha-
den zugefügt. G._ habe ihm Fotografien von zwei Novruz-Festen
gezeigt und beweisen wollen, dass er (der Beschwerdeführer) die an den
D-4936/2020
Seite 4
Festen gesammelten Gelder an die Opposition weitergegeben habe.
G._ habe ihm Fragen zu diversen Personen gestellt. Er habe in der
Tat an Versammlungen teilgenommen, an denen diese Personen anwe-
send gewesen seien. Am folgenden Tag sei die Befragung weitergeführt
worden. Man habe ihm gesagt, dass in verschiedenen deutschen Städten
Personen lebten, die mit gefälschten Papieren eine Aufenthaltserlaubnis
erhalten hätten. Man habe ihm vorgeschlagen, gegen diese Personen aus-
zusagen, und gedroht, ansonsten werde man ihn ins Gefängnis bringen,
man habe genügend Beweise gegen ihn. Da seine Ehefrau und er müde
und entkräftet gewesen seien, habe er vorgefertigte «Papiere» unterzeich-
net. Er habe gedacht, er werde eine Möglichkeit der Rettung suchen, wenn
er wieder draussen sei. Er habe sich an den Parteivorsitzenden gewandt,
der ihm gesagt habe, es gebe in Deutschland «Sachen mit gefälschten
Papieren». Die Leute im Innenministerium hätten gesagt, man werde kei-
nen Druck auf ihn (den Beschwerdeführer) ausüben, falls er wie gewünscht
aussagen werde. Anfang Juli 2016 sei er auf Geheiss eines Polizisten zur
Oberstaatsanwaltschaft gegangen. Der Untersuchungsbeamte habe ihm
ein Dokument vorgelegt, in dem gestanden sei, dass er (der Beschwerde-
führer) auf Befehl einiger Personen Geld gesammelt und dieses mit Hilfe
von F._ an E._ geschickt habe. Er habe dieses Papier un-
terschrieben. Am 6. Juni 2017 sei der Polizist erneut gekommen. Der Un-
tersuchungsbeamte bei der Staatsanwaltschaft habe gesagt, E._
sei verhaftet worden und er müsse am Prozess vom 30. November 2017
gegen sie aussagen. Man habe ihm eine Liste mit Namen vorgelegt, die er
hätte lernen müssen, um beim Prozess gegen diese Personen auszusa-
gen. Er sei zu einem Anwalt gegangen, der gesagt habe, er werde an meh-
rere Behörden schreiben. Nur die Grenzschutzbehörde habe geantwortet.
Der Anwalt habe ihm gesagt, er habe sich mit den unterschriebenen Doku-
menten selbst belastet. Sollte er vor Gericht wie gewünscht aussagen, be-
stätige er seine Mittäterschaft. Er (der Anwalt) könne nicht vorhersehen,
wie das Urteil lauten werde. Er (der Beschwerdeführer) habe realisiert,
dass wegen seiner Aussagen vielleicht Unschuldige ins Gefängnis müss-
ten. Zusammen mit seiner Ehefrau habe er sich zur Ausreise entschieden.
Er sei weder in Aserbaidschan noch in Deutschland politisch aktiv gewe-
sen. Er gehe davon aus, dass er im Fall einer Rückkehr nach Aserbaid-
schan festgenommen werde. Weil er Mitglied der «Vatandas Hamraylik»
sei, werde er unter Druck gesetzt und falsch angeschuldigt. Alle Menschen,
die nicht der Regierungspartei angehörten, würden unter Druck gesetzt.
A.d Am 11. November 2019 wurde die Beschwerdeführerin vom SEM ver-
tieft zu ihren Asylgründen angehört. Sie wies einleitend auf gesundheitliche
D-4936/2020
Seite 5
Probleme hin und brachte im Wesentlichen vor, ihr Ehemann und sie seien
nach ihrer Rückkehr nach Aserbaidschan am 9. Mai 2016 am Flughaften
festgehalten und zur Polizei gebracht worden. Ihrem Ehemann sei vorge-
worfen worden, dass er sich mit «politischen Leuten» zusammengetan und
Geld gesammelt habe. Ihr Mann, der eigentlich politisch nicht aktiv gewe-
sen sei, sei befragt worden und habe den Anschuldigungen widersprochen.
Bei einer weiteren Befragung habe man ihrem Mann angedroht, ihn zu ver-
haften, falls er nichts zugebe. Man habe ihnen ein Papier vorgelegt, das
sie hätten unterschreiben müssen. Danach hätten sie gehen dürfen. Ab
und zu hätten sie ihren Mann zu sich gerufen, aber er habe ihr nichts er-
zählt. Die Behörden hätten verlangt, dass ihr Mann unschuldige Menschen
falsch beschuldige. Nachdem sie nach der Einreise freigelassen worden
seien, sei der für ihr Viertel zuständige Polizist zweimal gekommen. Man
habe ihren Mann zur Staatsanwaltschaft gerufen. Als er die Situation als
zu gefährlich eingestuft habe, hätten sie die Ausreise vorbereitet. Sie selbst
habe mit den Behörden nie Probleme gehabt.
A.e Das SEM ersuchte die Botschaft am 4. Mai 2020 um die Vornahme
von Abklärungen im Heimatland der Beschwerdeführenden.
A.f Die Botschaft übermittelte am 9. Juni 2020 die Ergebnisse ihrer Abklä-
rungen.
A.g Das SEM setzte die Beschwerdeführenden am 23. Juni 2020 vom we-
sentlichen Inhalt der Botschaftsanfrage und -antwort in Kenntnis und setzte
ihnen Frist zur Einreichung einer Stellungnahme.
A.h Mit Schreiben vom 1. Juli 2020 bezogen die Beschwerdeführenden
Stellung zu den Abklärungsergebnissen.
A.i Das SEM forderte die Beschwerdeführenden am 6. August 2020 auf,
bezüglich ihrer gesundheitlichen Probleme ärztliche Berichte einzureichen.
A.j Beim SEM ging am 18. August 2020 betreffend den Beschwerdeführer
ein ärztliches Zeugnis von Dr. med. H._ ein. Betreffend die Be-
schwerdeführerin ging beim SEM am 19. August 2020 ein ärztlicher Bericht
von Dr. med. I._ mit Beilagen ein.
A.k Die Beschwerdeführenden gaben im Rahmen des vorinstanzlichen
Verfahrens zahlreiche Beweismittel ab (vgl. SEM-act. A8 Ziff. 1 - 9, A19
Ziff. 1 - 6).
D-4936/2020
Seite 6
B.
Mit Verfügung vom 3. September 2020 – eröffnet am 5. September 2020 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingsei-
genschaft nicht erfüllen, und lehnte ihre Asylgesuche ab. Gleichzeitig ver-
fügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
C.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 5. Oktober 2020 erhoben die Be-
schwerdeführenden beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfü-
gung Beschwerde. Darin wurde beantragt, das Gericht habe nach dem Ein-
gang der Beschwerde unverzüglich darzulegen, welche Gerichtspersonen
mit der Behandlung der vorliegenden Sache betraut würden, gleichzeitig
habe es bekanntzugeben, wie diese Gerichtspersonen ausgewählt worden
seien, falls in diese Auswahl eingegriffen worden sei, habe das Gericht die
objektiven Kriterien bekannt zu geben, nach denen diese Gerichtsperso-
nen ausgewählt worden seien, den Beschwerdeführenden sei dazu Ein-
sicht in die Datei der Software des Gerichts zu gewähren, mit welcher diese
Auswahl nach Eingang der Beschwerde kreiert worden sei, und es sei of-
fenzulegen, wer diese Auswahl getroffen habe [1], es sei ihnen vollständige
Einsicht in die gesamten Akten des SEM, insbesondere in die Akten A24
und A25 (Botschaftsanfrage des SEM vom 4. Mai 2020 sowie -antwort vom
9. Juni 2020) sowie in die in der angefochtenen Verfügung referenzierten
Berichte zur Behandlungsmöglichkeit der gesundheitlichen Probleme der
Beschwerdeführerin zu gewähren, und nach der vollständigen Aktenein-
sicht sei ihnen eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwer-
deergänzung anzusetzen [2], die Verfügung sei wegen der Verletzung des
Anspruchs auf rechtliches Gehör aufzuheben und die Sache sei an das
SEM zurückzuweisen [3], eventuell sei die Verfügung wegen der Verlet-
zung der Begründungspflicht aufzuheben und die Sache an das SEM zu-
rückzuweisen [4], eventuell sei die Verfügung aufzuheben und die Sache
sei zur Feststellung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen
Sachverhalts und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen [5],
eventuell sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden festzu-
stellen und es sei ihnen Asyl zu gewähren [6], eventuell seien die Ziffern 3
und 4 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung aufzuheben und die
Unzulässigkeit oder die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzu-
stellen [7]. Der Eingabe lagen zahlreiche Beweismittel bei (vgl. Beilagen-
verzeichnis S. 32 f. der Beschwerde).
D-4936/2020
Seite 7
D.
Der Instruktionsrichter setzte die Beschwerdeführenden mit Zwischenver-
fügung vom 15. Oktober 2020 von der Zusammensetzung des Spruchkör-
pers in Kenntnis und teilte ihnen mit, wer den Spruchkörper wann und wie
generiert habe [1]. Er forderte die Beschwerdeführenden auf, bis zum
30. Oktober 2020 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten, unter
der Androhung, bei ungenutzter Frist werde auf die Beschwerde nicht ein-
getreten. Zudem teilte er ihnen mit, dass über die weiteren Anträge zu ei-
nem späteren Zeitpunkt befunden werde.
E.
Am 28. Oktober 2020 wurde zugunsten des Bundesverwaltungsgerichts
ein Kostenvorschuss von Fr. 750.– eingezahlt.
F.
Mit Eingabe vom 29. Oktober 2020 teilten die Beschwerdeführenden mit,
sie hätten den Kostenvorschuss eingezahlt. Sie legten ein Schreiben von
D._ mit deutscher Übersetzung bei.
G.
Der Instruktionsrichter wies das Gesuch um Gewährung von direkter Ein-
sicht in die Akten A24 und A25 und den Antrag, es sei den Beschwerdefüh-
renden Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung einzureichen,
mit Verfügung vom 12. November 2020 ab [2]. Die Akten übermittelte er
zur Vernehmlassung an das SEM. Er wies dieses an, den Beschwerdefüh-
renden in der Vernehmlassung bekanntzugeben, auf welche Quellen es
sich hinsichtlich der medizinischen Behandelbarkeit von gesundheitlichen
Problemen der Beschwerdeführerin beziehe.
H.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 20. November 2020 an sei-
nem Standpunkt fest.
I.
In ihrer Stellungnahme vom 10. Dezember 2020 hielten die Beschwerde-
führenden an ihren Anträgen fest. Derselben lagen ein undatiertes Schrei-
ben des Beschwerdeführers und ein Bericht des Europarats bezüglich
Aserbaidschan vom 12. Juli 2019 bei.
D-4936/2020
Seite 8

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Nachdem der Kosten-
vorschuss fristgerecht geleistet wurde, ist auf die Beschwerde einzutreten.
1.4 In der Beschwerde wird beantragt, das Bundesverwaltungsgericht
habe Einsicht in die Datei der Software zu gewähren, mit der die Bestim-
mung des Spruchkörpers vorgenommen worden sei [1]. Gemäss Art. 26
Abs. 1 VwVG haben die Partei oder ihr Vertreter Anspruch darauf, in ihrer
Sache folgende Akten einzusehen: Eingaben von Parteien und Vernehm-
lassungen von Behörden (Bst. a), alle als Beweismittel dienenden Akten-
stücke (Bst. b) und Niederschriften eröffneter Verfügungen (Bst. c). Die
Software, mit welcher das Bundesverwaltungsgericht den Spruchkörper
bestimmt, welcher die bei ihm eingereichten Rechtsmittel beurteilt, ist als
solche keine das konkrete Verfahren betreffende Akte, in die Einsicht ge-
währt werden könnte. Der entsprechende Antrag ist daher abzuweisen. Im
Übrigen ist hinsichtlich der Spruchkörperbildung auf die Zwischenverfü-
gung vom 15. Oktober 2020 zu verweisen (vgl. Bst. D).
D-4936/2020
Seite 9
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, die Massnah-
men, denen die Beschwerdeführenden nach ihrer Rückkehr nach Aser-
baidschan am 9. Mai 2016 ausgesetzt worden seien, würden nicht in direk-
tem Zusammenhang mit ihrer Flucht im Jahr 2017 stehen. Sie seien asyl-
rechtlich nicht relevant. Die Angaben, die der Beschwerdeführer zum Tref-
fen vom 6. Juni 2017 mit dem Generalstaatsanwalt gemacht habe, seien
wenig substanziiert gewesen. Es erstaune, dass ihm dieser keine detail-
lierteren Angaben bezüglich seiner Mitwirkung an der Verhandlung vom
30. November 2017 gemacht habe, namentlich betreffend die Personen,
die er hätte erwähnen sollen. Gemäss Informationen des SEM sei
E._ wegen Schmuggels verurteilt worden, nachdem sie an der
Grenze zu J._ festgenommen worden sei. Es sei schwerlich nach-
vollziehbar, dass die aserbaidschanischen Behörden den Beschwerdefüh-
rer zu diesem Zeitpunkt aufgefordert hätten, gegen sie auszusagen.
E._ sei im Rahmen einer Amnestie durch den Staatspräsidenten
D-4936/2020
Seite 10
am 17. März 2019 freigelassen worden. Nichts lasse darauf schliessen,
dass der Beschwerdeführer, wie von ihm ausgeführt, in diesen Prozess
hätte verwickelt werden sollen. Wäre dies der Fall gewesen, hätten ihn die
Behörden am Verlassen des Landes gehindert. Die eingereichten Doku-
mente vermöchten diesen Standpunkt nicht zu ändern, da sie für die Asyl-
gewährung nicht erheblich seien.
4.2 In der Beschwerde wird der Sachverhalt ausführlich dargelegt und gel-
tend gemacht, es müsse den Beschwerdeführenden Einsicht in die Bot-
schaftsanfrage und -antwort gegeben werden. Es sei nicht ersichtlich, wel-
che öffentlichen oder privaten Interessen einer Offenlegung entgegenstün-
den. In der Verfügung werde Bezug genommen auf Berichte, welche die
medizinischen Behandlungsmöglichkeiten der Beschwerdeführerin in
Aserbaidschan belegen sollten. Nur eine der vier referenzierten Quellen
sei greifbar. Bei den anderen habe die Sachbearbeitern als «Link» den
Pfad auf ihrem persönlichen Computer angegeben. Schon nur aufgrund
dieser mangelnden Sorgfalt würde sich eine Rückweisung der Sache an
das SEM rechtfertigen. Die referenzierten Berichte fänden sich weder in
den Akten noch seien sie im Aktenverzeichnis vermerkt. Demnach werde
um Einsicht in diese Berichte ersucht. Eine vollständige Auseinanderset-
zung mit den Erwägungen des SEM zur Durchführbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs könne erst vorgenommen werden, wenn die Akteneinsicht
korrekt gewährt worden sei.
Der Beschwerdeführer sei ein «passiver Oppositioneller» gewesen, der
seit 2001 Mitglied der oppositionellen «Civil Solidarity Party» gewesen sei.
Da ihm die heimatliche Kultur wichtig sei, habe er sich nach seiner Ankunft
in Deutschland mit Landsleuten in Verbindung gesetzt. Aufgrund seiner
Kontakte sei er auf dem Flyer für die Novruz-Feierlichkeiten von 2015 und
2016 als für den Ticketverkauf zuständig erwähnt worden. An den nicht un-
bedingt politischen Feierlichkeiten hätten aserbaidschanische Oppositi-
onspolitiker und im Exil lebende Regime-Kritiker teilgenommen. Nach der
Rückkehr vom 9. Mai 2016 habe man den Beschwerdeführenden am Flug-
hafen 7000.– Euro abgenommen und sie zu einem nahegelegenen Poli-
zeigebäude gebracht, wo sie von G._ befragt worden seien. Dieser
habe dem Beschwerdeführer eröffnet, dass man über seine Kontakte zu
exilpolitischen Kreisen Bescheid wisse. Es seien ihm Fotografien von im
Exil lebenden Oppositionspolitikern gezeigt worden, die bei den Novruz-
Feierlichkeiten aufgenommen worden seien. Er habe zu diesen Leuten
keine engen Kontakte gepflegt. Es sei ihm vorgeworfen worden, er habe
für die Opposition Geld gesammelt. Die Müsavat-Partei finanziere sich mit
D-4936/2020
Seite 11
im Ausland gesammelten Geldern, stelle Asylsuchenden in Deutschland
falsche Bestätigungen aus und erwarte im Gegenzug Geldzahlungen. Es
sei ihm eröffnet worden, dass die Beweislage genüge, um ihn zu inhaftie-
ren. Falls er mit den Behörden zusammenarbeite, könne er einer Bestra-
fung entgehen. Nach langen Verhören habe er ein Geständnis unterschrie-
ben, wonach er in Deutschland Geld gesammelt und dieses F._ ge-
geben habe, der es an E._ weitergeleitet habe. Anfang Juli 2016
sei er auf der Oberstaatsanwaltschaft von K._ von einem Beamten
(L._) dazu bewegt worden, ein zweites Geständnis zu unterschrei-
ben. Da er in einer aussichtslosen Situation gewesen sei, habe er unter-
schrieben. Am 6. Juni 2017 sei er erneut zur Staatsanwaltschaft vorgela-
den worden. L._ habe ihm gesagt, man erwarte, dass er am Pro-
zess gegen E._ aussage. Der beigezogene Anwalt habe dem Be-
schwerdeführer gesagt, es liege gegen ihn zwar nur bei den Grenzbehör-
den etwas vor, mit einer Aussage gegen E._ könnte er sich aber
strafbar machen, da er damit Straftaten eingestehen würde.
Das SEM habe weder verschiedene wichtige Sachverhaltselemente noch
die Verfolgerperspektive der Behörden korrekt erfasst. Die eingereichten
Beweismittel seien nicht übersetzt und bei der Beweisfindung nicht berück-
sichtigt worden. Die Argumentation beschränke sich auf viele Textbau-
steine und nur wenig einzelfallspezifische Würdigung. Der Beschwerdefüh-
rer könne belegen, dass er in Aserbaidschan behördlich gesucht werde,
wo ihm eine mehrjährige Haft drohe. Das SEM habe sich keinerlei Länder-
informationen bedient, weshalb die Verfügung unhaltbar sei.
Die eingereichten Beweismittel seien in der angefochtenen Verfügung nur
knapp und unvollständig erwähnt worden. Gemäss angefochtener Verfü-
gung seien acht Beweismittel zu den Akten gegeben worden, es seien aber
effektiv 15 gewesen. Da sie nicht übersetzt worden seien, habe das SEM
sich mit deren Inhalt nicht auseinandergesetzt. Das SEM habe die Beweis-
mittel entgegengenommen, weshalb es von deren Relevanz ausgegangen
sei. Die Beschwerdeführenden seien ihrerseits davon ausgegangen, das
SEM werde sich mit deren Inhalt auseinandersetzen oder gemäss Art. 8
Abs. 2 AsylG Übersetzungen davon verlangen. Bei der BzP seien zwar ein-
zelne Dokumente mit einem Satz übersetzt worden, es sei aber nicht klar-
geworden, was deren Relevanz und Inhalt sei. Der Beschwerdeführer habe
ein Gerichtsurteil eingereicht, aus dem er hätte Namen auswendig lernen
sollen. Es wäre von Interesse gewesen, zu wissen, was diesen Personen
von den Behörden zu einem früheren Zeitpunkt vorgeworfen worden sei,
D-4936/2020
Seite 12
um die Verfolgerperspektive zu verstehen. Von einem korrekten Beweis-
verfahren könne keine Rede sein. Das Verhalten des SEM verstosse ge-
gen den Anspruch auf rechtliches Gehör.
Das SEM habe den Beschwerdeführer vor der angefochtenen Verfügung
nicht erneut angehört oder ihm zumindest das rechtliche Gehör gewährt.
Gefährdungssituationen könnten sich nach der Flucht verändern, was vor-
liegend der Fall sei. Gegen ihn sei in Aserbaidschan ein Verfahren eröffnet
worden und er werde gesucht. Hinsichtlich der Mitwirkungspflicht sei als
bekannt vorauszusetzen, dass Asylbewerber, die der hiesigen Sprache
nicht mächtig und mit den Abläufen nicht vertraut seien, kaum in der Lage
seien, sich schriftlich an das SEM zu wenden. Das SEM habe demnach
den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt.
Das SEM habe die Vorbringen der Beschwerdeführenden grösstenteils als
glaubhaft erachtet. Der Beschwerdeführer habe nicht vorgebracht, er sei
aufgrund des Prozesses gegen E._ gefährdet. Vielmehr habe er
vorgebracht, er sei am 9. Mai 2016 kontrolliert worden und man habe ihm
einen Betrag von 7000.– Euro abgenommen. Es sei ihm vorgeworfen wor-
den, er sei in die illegale Finanzierung der Opposition verwickelt. Aus Sicht
der Verfolger habe er Geld für die Opposition gesammelt und dieses über
verschiedene Mittelsmänner im Oppositionsbündnis «Milli Shura» an
E._ überwiesen. Die Behörden seien von diesen Aktivitäten ausge-
gangen, weil er für die Novruz-Anlässe Tickets verkauft und engen Kontakt
zu den Organisatoren unterhalten habe. Man habe ihm gesagt, er könne
sich einer Strafe entziehen, falls er kooperiere und gegen die Hintermänner
des Finanzierungssystems aussage. Aus Sicht der heimatlichen Behörden
handle es sich bei ihm um eine Person, die in das komplexe System der
Finanzierung der Opposition aus dem Ausland involviert gewesen sei. Die-
ser Verdacht sei nicht ganz unbegründet, sorge doch der Betrag von
7000.– Euro für Aufsehen. Der Beschwerdeführer sei geflohen, als er ge-
gen die vermeintlichen Hintermänner hätte aussagen sollen. Durch die Am-
nestie von E._ würden die Verdachtsmomente gegen ihn nicht be-
seitigt. Seine Kooperation sei eine Bedingung gewesen, damit er nicht auf-
grund seiner Involvierung in das Finanzierungssystem der Opposition be-
langt werde. Die Flucht ins Ausland habe diesen Verdacht bestärkt und
führe zu einer Verschärfung der Strafe. Vor diesem Hintergrund hätte das
SEM abklären müssen, ob Personen, die vermeintlich oder tatsächlich in
die Finanzierung der aserbaidschanischen Opposition sowie in den
Schmuggel und illegalen Geldtransfer involviert seien, in Aserbaidschan
bestraft würden. In der angefochtenen Verfügung werde es unterlassen,
D-4936/2020
Seite 13
der Frage nachzugehen, ob er aufgrund der ihm vorgeworfenen Straftaten
sowie der Flucht bei einer Rückkehr mit asylrechtlich relevanter Verfolgung
zu rechnen habe. Das SEM habe die Begründungspflicht verletzt.
Das SEM habe sowohl die individuellen Asylgründe des Beschwerdefüh-
rers, als auch die Asylgründe aufgrund der Sicherheitslage in Aserbaid-
schan unvollständig und unrichtig ermittelt und abgeklärt. Der Beschwer-
deführer habe für die Novruz-Feier 2016 in M._ die Tickets verkauft.
An der Feier seien verschiedene aserbaidschanische Künstler aufgetreten.
Auf einer Fotografie sei er mit dem bekannten Satiriker, Dichter und Jour-
nalisten N._ abgebildet, bei dem es sich um eines der bekanntesten
Opfer des aserbaidschanischen Regimes handle. 2006 sei dieser verhaftet
und wegen Drogenbesitzes zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden.
N._ habe immer gesagt, die Drogen seien ihm von den Behörden
untergeschoben worden, um ihn mundtot zu machen. Am 12. November
2015 sei Aserbaidschan für die damalige Verhaftung vom Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) verurteilt worden. Es sei klar,
dass ein Kontakt mit einem so profilierten Gegner des Regimes Verdachts-
momente auf Seiten der Behörden bestärke. Der Beschwerdeführer habe
noch andere Oppositionelle oder mit dem Regime in Konflikt stehende Per-
sonen getroffen. Bei seiner Rückkehr nach Aserbaidschan sei er festge-
nommen und es seien ihm Fotografien von den Novruz-Feiern von 2015 in
O._ und 2016 in M._ sowie der Flyer, auf dem er als Ticket-
verkäufer genannt werde, gezeigt worden. Es sei ihm vorgeworfen worden,
sich im Ausland gegen das Regime engagiert zu haben und in ein System
der Parteienfinanzierung der Opposition verwickelt zu sein. Dabei sei es
unter anderem um gefälschte Papiere gegangen. Unter Druck gesetzt,
habe er eine Erklärung unterzeichnet, wonach er in dieses Finanzierungs-
system involviert gewesen sei. Gemäss Verfolgerperspektive sei er in ein
als illegal erachtetes System der Parteifinanzierung aus dem Ausland in-
volviert und oppositionspolitisch gegen das Regime tätig gewesen. Viele
Sachverhaltselemente seien unklar geblieben und vom SEM nicht abge-
klärt worden. Es bleibe unklar, weshalb die Behörden (und der Beschwer-
deführer) gedacht hätten, dass genug gegen ihn vorliege, um ihn zu inhaf-
tieren und zu verurteilen, und um was es sich beim System der «gefälsch-
ten Papiere» der Opposition handle. Die bei den Akten liegenden Aussa-
gen, die er bei den deutschen Behörden gemacht habe, lieferten Hinweise
dafür, weshalb er verhaftet worden sei. Die Beschwerdeführenden hätten
bei der Einreise 7000.– Euro auf sich gehabt, von denen ihnen die Hälfte
gehört habe. Weshalb sie so viel Geld dabeigehabt hätten, ergebe sich
D-4936/2020
Seite 14
nicht aus den Protokollen. Insgesamt seien Gründe für eine Haft vorgele-
gen. E._ sei für genau dieses Delikt, nämlich den Schmuggel von
12 000.– amerikanischen Dollar nicht deklarierten Bargelds aus dem Aus-
land zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden. Damit werde auch
der vom SEM bestrittene Kausalzusammenhang klar. Beiden seien angeb-
lich in den Schmuggel von nicht deklariertem Bargeld involviert und beide
sollten Teil eines komplexen Systems der Finanzierung der Opposition aus
dem Ausland sein. Allein das Mitführen einer solchen Summe von nicht de-
klariertem Bargeld sei in Aserbaidschan strafbar und führe zu einer mehr-
jährigen Haftstrafe. Hätte der Beschwerdeführer nicht mit den Behörden
kooperiert, hätte er im Mai 2016 tatsächlich mit einer Haftstrafe zu rechnen
gehabt. Der Organisator der Novruz-Feiern, D._, sei in Deutschland
in illegale Aktivitäten verwickelt gewesen. So seien Aserbaidschanern ge-
gen Bezahlung eines höheren Betrags gefälschte Dokumente der Opposi-
tion ausgestellt worden, damit diese mit denselben die Asylgewährung hät-
ten erreichen können. Gemäss Berichten seien erhebliche Summen um-
gesetzt worden, die teilweise über verschachtelte Transaktionen an die Op-
position zurückgeflossen seien. D._ habe als Knotenpunkt dieses
Systems gegolten und sei von den deutschen Behörden vorübergehend
festgenommen worden. Es sei naheliegend, dass der Beschwerdeführer
auch aufgrund seines engen Kontakts mit D._ verdächtigt worden
sei, in das Finanzierungssystem der Opposition involviert zu sein. Aus Sicht
der aserbaidschanischen Behörden handle es sich bei ihm um einen Re-
gimegegner, der engen Kontakt zu Regimefeinden und Personen gehabt
habe, die in die Finanzierung der Opposition verwickelt gewesen seien. Es
sei augenfällig, dass das SEM dies nicht korrekt erfasst und abgeklärt
habe. Der rechtserhebliche Sachverhalt sei damit unvollständig und nicht
korrekt abgeklärt worden.
Der Beschwerdeführer habe nach dem Erlass des Entscheids des SEM in
Aserbaidschan einen Anwalt engagiert, der sich mit Schreiben vom 9. Sep-
tember 2020 an das Hauptpolizeiamt (...) gewandt habe. Diese Behörde
habe den Anwalt am 22. September 2020 darüber informiert, der Be-
schwerdeführer sei von der Ermittlungsabteilung des Hauptpolizeiamts ge-
mäss Art. 206.1 des aserbaidschanischen Strafgesetzbuchs wegen
Schmuggels angeklagt worden. Da er Vorladungen keine Folge geleistet
habe, sei er zur Fahndung ausgeschrieben worden. Das Hauptpolizeiamt
habe eine Kopie des Beschlusses beziehungsweise Antrags um Eröffnung
eines Strafverfahrens gegen den Beschwerdeführer vom 15. August 2019
beigelegt. Die Behörden beschuldigten ihn, «grosse Mengen an Geld,
Wertsachen und Waren von der Zollgrenze der Republik Aserbaidschan
D-4936/2020
Seite 15
vom Ausland zu schmuggeln». Gemäss Art. 206.3 des Strafgesetzbuchs
drohten ihm bei Verurteilung bis zu fünf Jahre Haft. Damit habe er den Be-
weis erbracht, dass er in seiner Heimat verfolgt werde. Eine mehrjährige
Haftstrafe sei asylrelevant. Die beigebrachten Beweismittel widerlegten die
Argumentation des SEM, wonach er nichts zu befürchten habe, weil
E._ begnadigt worden sei. Das SEM habe sich somit bei der Beur-
teilung des Asylgesuchs auf einen unvollständigen und unrichtigen Sach-
verhalt abgestützt.
Das SEM habe sich in der angefochtenen Verfügung nicht mit der aktuellen
Menschenrechts- und Sicherheitslage in Aserbaidschan auseinanderge-
setzt. Gemäss der Flüchtlingsdefinition in der Flüchtlingskonvention und in
Art. 3 Abs. 1 AsylG habe das SEM die individuelle Fluchtgeschichte aber
vor diesem Hintergrund zu beurteilen. In Aserbaidschan stünden regime-
kritische Personen unter Beobachtung und würden schlecht behandelt. Üb-
licherweise würden regimekritische Bürger eingeschüchtert, indem sie ver-
haftet und gefoltert würden. Zudem würden ihnen erhebliche Nachteile an-
gedroht. Bei Weiterführung der regimekritischen Tätigkeiten würden Oppo-
sitionelle häufig aufgrund eines erfundenen Gesetzesbruchs inhaftiert.
Diese Abläufe ergäben sich aus den Länderinformationen und aus zahlrei-
chen Beispielen. Der Straftatbestand «Schmuggel» sei in Aserbaidschan
mehrfach verwendet worden, um Oppositionelle zu inhaftieren. Werde das
Strafmass gegen E._ als Massstab genommen, hätte der Be-
schwerdeführer aufgrund des Schmuggels mit einer Haftstrafe von zwei
Jahren zu rechnen. Die Anklage deute darauf hin, dass die Behörden von
mehreren Fällen des Schmuggels ausgingen, wobei die Anklagepunkte be-
liebig erweitert werden könnten. Der Beschwerdeführer müsse mit mindes-
tens zwei Jahren Haft, verbunden mit unmenschlicher Behandlung und al-
lenfalls Folter, rechnen.
Der Beschwerdeführer habe auf das Schicksal von P._ hingewie-
sen, der zu über sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden sei, weil er
angeblich aus dem Ausland die Opposition finanziert habe. Es sei klar,
dass der Beschwerdeführer keine Chance auf ein faires Verfahren habe.
Nicht sein tatsächliches Engagement sei massgeblich, sondern die Verfol-
gerperspektive. Aus den Länderinformationen ergebe sich, dass in Aser-
baidschan angeklagte Personen, die tatsächlich oder vermeintlich in die
Finanzierung der Opposition verwickelt seien, mit langen Haftstrafen zu
rechnen hätten. Aus den Erwägungen im Entscheid gehe hervor, dass das
SEM die Gefährdung des Beschwerdeführers und die Verfolgerperspektive
nicht korrekt erfasst habe. Indem es die Länderhintergrundinformationen
D-4936/2020
Seite 16
nicht beigezogen und somit die Asylrelevanz der Vorbringen nicht zu eru-
ieren vermocht habe, sei der rechtserhebliche Sachverhalt nicht korrekt
und nicht vollständig abgeklärt worden.
Sollte die Sache nicht an das SEM zurückgewiesen werden, sei der Be-
schwerdeführer unter Beiziehung einer kompetenten Übersetzungsperson
erneut anzuhören. Das SEM erachte den vorgebrachten Sachverhalt als
überwiegend glaubhaft. Da die eingereichten Beweismittel nicht übersetzt
worden seien, könne ausgeschlossen werden, dass sich das SEM vertieft
mit denselben auseinandergesetzt habe. Für den Beweis der geschilderten
Bedrohungslage existierten verschiedene Dokumente, mit denen der Be-
schwerdeführer die ihm drohende Verfolgung abschliessend beweisen
könne. Er habe zur Vorsprache beim Staatsanwalt vom 6. Juni 2017 ein
Beweismittel eingereicht und diese ausführlich vorgebracht. Das SEM
habe keine Nachfragen dazu gestellt und ihm somit nicht die Gelegenheit
gegeben, ausführlicher zum Treffen Stellung zu nehmen. Selbst wenn die-
ses Treffen unglaubhaft wäre, wäre dies unerheblich für die drohende Ver-
folgung im Heimatland. Die aufgrund der Beweislage obsolete Glaubhaf-
tigkeitsprüfung sei auf einer mangelhaften Grundlage erfolgt und sei falsch.
Es sei klar, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft erfülle.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, die Quellen zur medizi-
nischen Versorgungslage in Aserbaidschan seien in der Datenbank des
SEM gefunden worden (KOMPASS, namentlich das von der IOM publi-
zierte Informationsblatt zu Aserbaidschan). Ein grosser Teil der mit der Be-
schwerde eingereichten Beweismittel beziehe sich auf die allgemeine Si-
tuation in Aserbaidschan und könne die Einschätzung des SEM nicht rela-
tivieren. Die Fotografie des Beschwerdeführers mit zwei Oppositionellen
belege nur seine Anwesenheit bei diesem Ereignis. Die auf der eingereich-
ten CD enthaltenen Berichte bezögen sich auf einen Zeitraum von 2012
bis 2015. Die meisten Dokumente seien dem SEM bekannt; sie bezögen
sich auf die allgemeine Lage in Aserbaidschan in der Berichtsperiode, wäh-
rend welcher der Beschwerdeführer keine Nachteile geltend gemacht
habe. Die gegen ihn erhobene Anklage wegen Betrugs/Schmuggels stelle
keine Verfolgung gemäss Art. 3 AsylG dar. Nichts lasse darauf schliessen,
dass er sich nicht verteidigen und von einem fairen Verfahren profitieren
könne, selbst wenn er politisch aktiv gewesen sei. Das SEM weise darauf
hin, dass E._ aufgrund einer Amnestie freigelassen worden sei. Es
erstaune, dass der Beschwerdeführer das mit der Beschwerde einge-
reichte Dokument nicht bei seiner Anhörung oder im Rahmen des rechtli-
chen Gehörs zu den Abklärungsergebnissen der Botschaft eingereicht und
D-4936/2020
Seite 17
sich nach seiner Ausreise nicht nach allfälligen gegen ihn eröffneten Ver-
fahren erkundigt habe.
4.4 In der Stellungnahme wird entgegnet, dass bezüglich der Botschafts-
antwort und -anfrage eine Offenlegung mit partieller Abdeckung von Passa-
gen der Akten A24 und A25 das rechtsstaatlich korrekte Vorgehen gewe-
sen wäre. Bei der Akteneinsicht und dem rechtlichen Gehör gehe es im
Kerngehalt darum, dass überprüft werden könne, ob das Vorgehen des
SEM korrekt gewesen sei. Das Erstellen einer Zusammenfassung sei nur
in Ausnahmefällen zulässig. Es bleibe dem Rechtsvertreter nichts Anderes
übrig, als auf den Willen des Gesetzgebers und auf die zahlreichen Fehler,
die sich aus einer zusammenfassenden Wiedergabe des Aktenstücks er-
geben könnten, hinzuweisen, und auf einer korrekten Behandlung des Be-
gehrens zu bestehen.
Der unterzeichnende Anwalt habe keinen Zugriff auf die interne Datenbank
des SEM, weshalb unklar bleibe, auf welche Beweismittel sich das SEM
beziehe. Das SEM habe sich trotz Aufforderung durch das Gericht gewei-
gert, auf nachvollziehbare und überprüfbare Weise die Quellen offenzule-
gen. Dies sei prozessverzögernd und sorge für Zusatzaufwand auf allen
Seiten. Ohne nachvollziehbaren Quellenverweis sei ein wissenschaftliches
und rechtsstaatliches Verfahren nicht möglich. Sollte die Sache nicht zu-
rückgewiesen werden, müsste das SEM erneut angewiesen werden, dem
Anwalt die entsprechenden Quellen zuzustellen.
Der Beschwerdeführer habe belegen können, dass er in Aserbaidschan
von Haft bedroht sei. Die zu den Akten gegebenen Beweismittel enthielten
ihn direkt betreffende Beweismittel oder Beweismittel, die mit dem ihm vor-
geworfenen Delikt zusammenhingen. Eine mehrjährige Haftstrafe aufgrund
einer politisch motivierten Anklage sei asylrelevant. Dazu werde ein Schrei-
ben des Beschwerdeführers eingereicht, in dem er festhalte, dass die Fi-
nanzierung einer Oppositionspartei in Aserbaidschan nicht verboten sei.
Der Straftatbestand «Schmuggel» werde benutzt, um gegen unliebsame
Personen vorgehen zu können. Dies werde mit dem Fall von E._
belegt. Eine Amnestie sei nicht Ausdruck eines rechtsstaatlich korrekten
Verfahrens. Es sei nochmals darauf hinzuweisen, dass das SEM sich in
der angefochtenen Verfügung nicht mit der aktuellen Menschenrechts- und
Sicherheitslage in Aserbaidschan auseinandergesetzt habe. Zu behaup-
ten, dem SEM sei die «Länderentwicklung» bewusst und diese sei still-
schweigend gewürdigt worden, sei absurd und pauschal. Die Auffassung
des SEM, der Beschwerdeführer könne trotz politischen Engagements ein
D-4936/2020
Seite 18
faires Verfahren erwarten, sei zurückzuweisen. Das SEM habe keine Län-
derinformationen zu den Akten gegeben, wonach tatsächlich
oder vermeintlich politisch aktive Personen in Aserbaidschan mit einem fai-
ren Verfahren rechnen könnten. Dazu werde eine Erklärung der Men-
schenrechtskommissarin des Europarats vom 12. Juli 2019 eingereicht, in
der auf die wiederholten Verurteilungen Aserbaidschans vor dem EGMR
verwiesen werde.
5.
5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht der Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab-
gefasst sein, dass der oder die Betroffene den Entscheid gegebenenfalls
sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegun-
gen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie
ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit
allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne
Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
D-4936/2020
Seite 19
5.2
5.2.1 Als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs gewährt das Recht auf Akten-
einsicht (Art. 26 VwVG) die Möglichkeit, die relevanten Unterlagen einzu-
sehen, auf welche die Behörde ihren Entscheid stützt. Soweit das Recht
eingeschränkt werden kann, so insbesondere wenn ein überwiegendes öf-
fentliches oder privates Interesse an der Geheimhaltung besteht (Art. 27
VwVG), muss die Behörde vom wesentlichen Inhalt der Unterlagen Kennt-
nis sowie die Gelegenheit geben, sich dazu zu äussern und Gegenbeweis-
mittel zu bezeichnen (Art. 28 VwVG; vgl. BVGE 2015/10 E. 3.3).
5.2.2 In der Stellungnahme zur Vernehmlassung wird darauf hingewiesen,
die Beschwerdeführenden seien mit dem Entscheid in der Zwischenverfü-
gung vom 12. November 2020 hinsichtlich des Gesuchs um Gewährung
von direkter Einsicht die Akten A24 und A25 nicht einverstanden. Praxisge-
mäss unterstehen die Akten betreffend Botschaftsabklärungen dem Akten-
einsichtsrecht. Dieses Recht kann aufgrund von Geheimhaltungsinteres-
sen eingeschränkt werden. Eine Zusammenfassung der Botschaftsanfrage
und -antwort ging mit Zwischenverfügung des SEM vom 23. Juni 2020 an
die Beschwerdeführenden. Soweit im Beschwerdeverfahren weiterge-
hende Einsicht, gegebenenfalls unter Abdeckung der geheim zuhaltenden
Stellen, beantragt wird, ist festzuhalten, dass die Erstellung einer Zusam-
menfassung eine Möglichkeit für die Behörde darstellt, ihrer Pflicht zur Ge-
währung der Einsicht in Akten bei gleichzeitiger Wahrung öffentlicher oder
privater Interessen an deren Geheimhaltung nachzukommen. Das SEM ist
bei Geheimhaltungsinteressen gehalten, den wesentlichen Inhalt wieder-
zugeben und zwar in einer Weise, die es der betroffenen Person ermög-
licht, sich dazu zu äussern und Gegenbeweismittel zu bezeichnen (vgl. Ur-
teile des BVGer D-36/2018 vom 12. Oktober 2020 E. 3.2 und E-6502/2019
vom 19. März 2020 E. 5.3.). Dem ist das SEM vorliegend hinreichend
nachgekommen. Da der Botschaftsantwort Angaben zu den Abklärungs-
möglichkeiten der Botschaft und deren Grenzen zu entnehmen sind, die
den Rahmen des Einzelfallspezifischen überschreiten, hat das SEM zu
Recht nicht die gesamten Ausführungen der Botschaft offengelegt. Den Be-
schwerdeführenden war es möglich, sich zu dem sie persönlich betreffen-
den Inhalt der Botschaftsantwort zu äussern und sie hätten auch weitere
Beweismittel bezeichnen und/oder einreichen können. Eine Verletzung des
Akteneinsichtsrechts ist nicht ersichtlich. Der Antrag auf weitergehende Ak-
teneinsicht ist abzuweisen.
D-4936/2020
Seite 20
5.3 Die in der Beschwerde erhobene Rüge, das SEM habe die von den
Beschwerdeführenden eingereichten Beweismittel nicht hinreichend ge-
würdigt und somit den Anspruch der Beschwerdeführenden auf rechtliches
Gehör verletzt, ist begründet. Vorab ist festzuhalten, dass keine Überset-
zungen der nicht in deutscher oder englischer Sprache verfassten Doku-
mente vorliegen, weshalb es nicht nur dem Bundesverwaltungsgericht un-
möglich ist, sondern auch dem SEM schwerlich möglich gewesen sein
dürfte, deren Tragweite einzuschätzen. Um sich nachvollziehbar mit den
abgegebenen Beweismitteln auseinandersetzen zu können, hätte das
SEM zumindest eine zusammenfassende Übersetzung derselben vorneh-
men oder von den Beschwerdeführenden anfordern müssen. Das SEM hat
im Sachverhalt der angefochtenen Verfügung unter Ziffer 4 einen Teil der
Beweismittel aufgeführt, diese aber in seinen Erwägungen kaum gewür-
digt. In Ziffer 3 der Erwägungen hielt es lediglich fest, die Dokumente seien
für die Asylgewährung nicht erheblich, ohne darzulegen, weshalb es zu
dieser Einschätzung gelangt. Es ist zwar nicht erforderlich, dass sich die
Begründung mit allen Parteistandpunkten und allen eingereichten Beweis-
mitteln einlässlich auseinandersetzt, jedoch wäre vorliegend aufzuzeigen
gewesen, weshalb vor allem die eingereichten behördlichen Dokumente
als nicht relevant erachtet werden. Da das SEM die eingereichten wesent-
lichen Beweismittel keiner ausreichenden Würdigung unterzog, verletzte
es den Anspruch der Beschwerdeführenden auf rechtliches Gehör.
5.4 In der Beschwerde wird weiter gerügt, das SEM habe hinsichtlich der
Behandelbarkeit der medizinischen Probleme der Beschwerdeführerin auf
seine interne Dokumentation verwiesen. Als «Link» sei auf den Pfad des
persönlichen Computers der Sachbearbeiterin verwiesen worden. Das
Bundesverwaltungsgericht wies das SEM mit Zwischenverfügung vom
12. November 2020 an, in der Vernehmlassung bekanntzugeben, auf wel-
che Quellen es sich hinsichtlich der Behandelbarkeit von gesundheitlichen
Beschwerden der Beschwerdeführerin beziehe. Das SEM beschränkte
sich in der Vernehmlassung auf den Hinweis, es habe die angeführten
Quellen in seiner internen Datenbank gefunden. Bei einer der Quellen
handle es sich um ein Informationsblatt zu Aserbaidschan der IOM. Da im-
mer noch nicht offengelegt wurde, welches die vier angegebenen Quellen
sind, verletzt das SEM den Anspruch der Beschwerdeführenden auf recht-
liches Gehör. Ihnen war und ist es nicht möglich, sich ein umfassendes Bild
von der Argumentation des SEM zu machen, da sie nicht alle der angeführ-
ten Quellen konsultieren können.
D-4936/2020
Seite 21
5.5 Die Beschwerdeführenden rügen, das SEM habe den Beschwerdefüh-
rer vor Erlass der angefochtenen Verfügung nicht erneut angehört oder ihm
zumindest in schriftlicher Form das rechtliche Gehör gewährt, obwohl zwi-
schen Anhörung und Entscheidfällung fast ein Jahr verstrichen sei. Damit
missachte das SEM eine Empfehlung seitens Prof. Walter Kälin im Rechts-
gutachten vom 24. März 2014 und seine eigene Medienmitteilung vom
26. Mai 2014.
Bei dem von den Beschwerdeführenden zitierten Rechtsgutachten handelt
es sich lediglich um eine Empfehlung von Prof. Walter Kälin an das SEM,
aus welcher sie keine Rechtsansprüche ableiten lassen. Dasselbe gilt für
die Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014. Das SEM wies den Be-
schwerdeführer gegen Ende der Anhörung vom 14. Oktober 2019 darauf
hin, er habe während des weiteren Verfahrens die Pflicht, das SEM über
neu eintretende Ereignisse zu informieren, die bei der Prüfung des Ge-
suchs zu berücksichtigen wären (vgl. SEM-act. A20/18 S. 15). Am 23. Juni
2020 setzte das SEM die Beschwerdeführenden von der Botschaftsabklä-
rung in Kenntnis und gewährte ihnen Frist zur Einreichung einer Stellung-
nahme und Bezeichnung allfälliger Beweismittel. Die Stellungnahme der
Beschwerdeführenden in französischer Sprache datiert vom 1. Juli 2020.
Die Behauptung, dem Beschwerdeführer sei vor Erlass der Verfügung das
rechtliche Gehör nicht gewährt worden, ist somit vorliegend ebenso akten-
widrig wie diejenige, Asylbewerber seien kaum in der Lage, sich in schrift-
licher Form an das SEM zu wenden. Dem Beschwerdeführer wäre es zu-
mutbar gewesen, in der Stellungnahme zur Botschaftsabklärung darauf
hinzuweisen, dass in Aserbaidschan gegen ihn ein Strafverfahren eingelei-
tet worden sei, hätte er davon Kenntnis gehabt. Gemäss den Ausführungen
in der Beschwerde sei dies nicht der Fall gewesen, da er erst nach Erhalt
der angefochtenen Verfügung erneut einen Anwalt beauftragen liess, bei
den heimatlichen Behörden Abklärungen über ein allfällig gegen ihn einge-
leitetes Strafverfahren zu tätigen (vgl. Beschwerde S. 21). Wäre der Be-
schwerdeführer vom SEM vor Erlass der Verfügung ergänzend angehört
worden, hätte er demnach keine Angaben über neu eingetretene Ereig-
nisse machen können, da ihm diese nicht bekannt waren. Die erhobene
Rüge geht somit in jeglicher Hinsicht fehl.
5.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Rüge, das SEM habe den
Anspruch der Beschwerdeführenden auf rechtliches Gehör verletzt, teil-
weise berechtigt ist.
D-4936/2020
Seite 22
6.
6.1
6.1.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel
(Bstn. a-e). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mit-
wirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Dazu ge-
hört, die Identität offenzulegen und vorhandene Identitätspapiere abzuge-
ben, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und in der Anhö-
rung die Asylgründe darzulegen, allfällige Beweismittel vollständig zu be-
zeichnen und unverzüglich einzureichen sowie bei der Erhebung der bio-
metrischen Daten mitzuwirken (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4).
6.1.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht
bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten-
widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt
worden sind. Die Sachverhaltsfeststellung ist demgegenüber unvollstän-
dig, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände
berücksichtigt werden.
6.2 Bereits vorstehend wurde festgehalten, dass das SEM die eingereich-
ten Beweismittel nicht übersetzte oder übersetzen lassen liess und diese
nicht hinreichend würdigte. Aufgrund des Umstands, dass sich das SEM
kein abschliessendes Bild über die Tragweite der eingereichten Beweismit-
tel machen konnte, wurde auch der Sachverhalt unvollständig festgestellt.
6.3 Der Beschwerdeführer brachte bei seinen Befragungen vor, er sei nach
seiner Rückkehr aus Deutschland im Mai 2016 von der aserbaidschani-
schen Polizei und der Staatsanwaltschaft befragt und genötigt worden, an-
dere Personen belastende Aussagen zu machen beziehungsweise ent-
sprechend vorgefertigte Dokumente zu unterzeichnen. Das SEM erachtete
diese Schilderungen des Beschwerdeführers nicht als unglaubhaft, ver-
neinte aber die flüchtlingsrechtliche Relevanz derselben. Den Ausführun-
gen in der angefochtenen Verfügung folgend, erachtete das SEM explizit
«nur» die Vorladung der Staatsanwaltschaft vom Juni 2017 und die dazu
gemachten Angaben des Beschwerdeführers als zweifelhaft. Im Beweis-
mittelumschlag (vgl. SEM-act. A19) findet sich ein fremdsprachiges Schrei-
ben von L._ (gemäss Angaben des Beschwerdeführers ein Mitar-
beiter der Staatsanwaltschaft) vom 22. Mai 2017, an das ein Dokument
vom 1. Mai 2017 geheftet ist, in dem die Namen verschiedener Personen
D-4936/2020
Seite 23
unterstrichen sind. Gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers hätte
er sich diese Namen einprägen und bei einer Gerichtsverhandlung vom
November 2017 nennen sollen. Der angefochtenen Verfügung ist nicht zu
entnehmen, was im Schreiben von L._ steht und um was es sich
beim an das Schreiben angeheftete Dokument handelt. Insofern das SEM
davon ausgeht, die Aussagen des Beschwerdeführers zum geltend ge-
machten Treffen mit L._ vom Juni 2017 seien wenig substanziiert,
erscheint der Einwand in der Beschwerde, der Beschwerdeführer sei dazu
nicht eingehend befragt worden, als berechtigt. Das Bundesverwaltungs-
gericht erachtet den entsprechenden Sachverhalt bei dieser Ausgangslage
als nicht als vollständig erstellt.
6.4 Im Beschwerdeverfahren wurden neu beschaffte Dokumente einge-
reicht, die belegen sollen, dass gegen den Beschwerdeführer in Aserbaid-
schan aufgrund der Verwirklichung des Tatbestands des Schmuggels ein
Strafverfahren eingeleitet wurde. Einem Beschluss der Ermittlungsabtei-
lung des Hauptpolizeiamts (...) vom 15. August 2019 kann entnommen
werden, dass der Beschwerdeführer wiederholt grosse Mengen an Geld
Wertsachen und Waren nach Aserbaidschan gebracht haben soll, ohne
diese zu deklarieren. Das SEM stellt sich in der Vernehmlassung auf den
Standpunkt, dieses Verfahren sei asylrechtlich irrelevant und der Be-
schwerdeführer könne sich verteidigen und auf ein faires Verfahren ver-
trauen. Der Beschwerdeführer hingegen bringt vor, das eingeleitete Ver-
fahren bezwecke, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen, dass er sein Hei-
matland verlassen und am Gerichtsprozess vom November 2017 nicht die
von ihm gewünschten Aussagen gemacht habe. Das Bundesverwaltungs-
gericht erachtet den entsprechenden Sachverhalt als nicht hinreichend ab-
geklärt.
6.5 Nach dem Gesagten steht fest, dass das SEM im vorliegenden Fall den
Anspruch der Beschwerdeführenden auf rechtliches Gehör verletzt hat. Zu-
dem hat es Teile des rechtserheblichen Sachverhalts nicht genügend ab-
geklärt. Schliesslich sind nach Erlass der angefochtenen Verfügung neue
Sachverhaltselemente hinzugekommen, die noch nicht genügend abge-
klärt werden konnten.
7.
7.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
D-4936/2020
Seite 24
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist. Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör führt grund-
sätzlich ebenfalls zur Kassation und Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz. Die Heilung von Gehörsverletzungen aus prozessökonomischen
Gründen ist auf Beschwerdeebene unter gewissen Voraussetzungen mög-
lich.
7.2 Aufgrund der Berechtigung mehrerer der erhobenen formellen Rügen,
drängt sich vorliegend eine Kassation der angefochtenen Verfügung auf.
Die festgestellten Gehörsverletzungen sind angesichts der vorstehenden
Erwägungen nicht als marginal einzustufen. Das Bundesverwaltungsge-
richt verfügt nicht mehr über die volle Kognition, was eine zwingende Be-
dingung zur Heilung von nicht leicht zu nehmenden Verfahrensverletzun-
gen wäre. Aufgrund der heutigen Aktenlage kann der Hintergrund des ge-
gen den Beschwerdeführer in Aserbaidschan offenbar geführten Verfah-
rens und damit die mögliche Gefährdung des Beschwerdeführers nicht ab-
schliessend beurteilt werden, weil der diesbezüglich relevante Sachverhalt
nicht in genügender Weise erstellt wurde. Es ist nicht Aufgabe des Bun-
desverwaltungsgerichts als vorliegend einziger Beschwerdeinstanz, für
eine vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sor-
gen, zumal diese Abklärungen in ihrem Umfang und ihrer Dauer den für
das Bundesverwaltungsgericht vertretbaren Aufwand überschreiten. Vor
diesem Hintergrund ist das Verfahren an die Vorinstanz zurückzuweisen.
8.
Bei dieser Sachlage erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit den weite-
ren Vorbringen, Ausführungen und Anträgen in der Beschwerde und den
eingereichten Beweismitteln.
9.
Die Beschwerde ist hinsichtlich der beantragten Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung und der Rückweisung der Sache an das SEM zur Neube-
urteilung gutzuheissen. Das SEM wird die von den Beschwerdeführenden
im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Beweismittel – soweit dies für
die Beurteilung des rechtserheblichen Sachverhalts notwendig ist – zumin-
dest zusammenfassend zu übersetzen beziehungsweise von den Be-
schwerdeführenden Übersetzungen einzufordern haben. Hinsichtlich des
als nicht hinreichend erstellt erachteten Sachverhalts können möglicher-
weise die bislang nicht übersetzten Beweismittel Hinweise geben. Der Be-
D-4936/2020
Seite 25
schwerdeführer wird zu den noch nicht abgeklärten Sachverhaltselemen-
ten erneut zu befragen sein. Dabei ist ihm die Gelegenheit zu geben, sich
zur geltend gemachten Vorladung zur Staatsanwaltschaft vom Juni 2017
und dem Ablauf des entsprechenden Treffens mit L._ zu äussern.
Des Weiteren wird der Beschwerdeführer zum Hintergrund des offenbar
gegen ihn eingeleiteten Strafverfahrens zu befragen sein. Um denselben
abklären zu können, wird es sich unter Umständen als notwendig erweisen,
ihn aufzufordern, über seinen aserbaidschanischen Anwalt weitere Unter-
lagen zu beschaffen.
10.
Die auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel sind zusammen mit
den Beschwerdeakten D-4936/2020 an das SEM zu übermitteln.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Der zugunsten des Bundesverwaltungsgerichts ein-
gezahlte Kostenvorschuss von Fr. 750.– ist den Beschwerdeführenden zu-
rückzuerstatten.
12.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts des Ausgangs des
Verfahrens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi-
gung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen
Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten der Vorinstanz
eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 3000.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-4936/2020
Seite 26