Decision ID: bf415ed3-a856-5286-984d-84b569c70e5b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 10. Oktober 2019 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Bei der Personalienaufnahme vom 15. Oktober 2019 gab der Beschwer-
deführer an, er sei marokkanischer Staatsangehöriger mit letztem Wohnort
B._. Identitätsdokumente könne er nicht einreichen. Die Identitäts-
karte habe er nicht mehr und sein Pass sei abgelaufen. Er habe Marokko
1991 verlassen und sei mit einem Visum nach C._ gereist. Nach-
dem er 1997 aus C._ ausgewiesen worden sei, habe er sich zwan-
zig Tage in Marokko aufgehalten, sei dann nach C._ zurück und
später nach D._ gereist. 1999 habe er sich nochmals einige Tage
in Marokko aufgehalten. Nach Erhalt eines Visums sei er wieder nach
D._ und von dort schliesslich am 10. Oktober 2019 in die Schweiz
gelangt.
C.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 18. Oktober 2019 bestätigte der Be-
schwerdeführer, dass er am (...) 2019 in D._ ein Asylgesuch gestellt
habe. Nachdem er dort einen negativen Asylentscheid erhalten habe, habe
er befürchtet, nach Marokko zurückgeschickt zu werden.
Die (...) Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen des SEM vom 18.
Oktober 2019 am 25. Oktober 2019 zu.
D.
Mit Verfügung vom 8. Januar 2020 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht ein und
ordnete die Wegweisung des Beschwerdeführers nach D._ sowie
den Vollzug der Überstellung an.
E.
Die vom Beschwerdeführer dagegen erhobene Beschwerde wies das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil F-324/2020 vom 24. Januar 2020 ab.
F.
Nach Ablauf der Frist zur Überstellung des Beschwerdeführers nach
D._ hob das SEM den Nichteintretensentscheid vom 8. Januar
2020 am 18. Mai 2020 auf und nahm das nationale Asylverfahren auf.
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G.
Am 16. Juni 2020 erklärte der Beschwerdeführer den Verzicht auf eine kos-
tenlose Rechtsvertretung im Asylverfahren.
H.
Am 26. Juni 2020 hörte das SEM den Beschwerdeführer zu seinen Asyl-
gründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, seine Familie gehöre zur
Ethnie der Berber. Er sei in E._ geboren, dann mit seiner Familie
nach F._ und im Alter von etwa vier Jahren nach G._ im
Norden von B._ umgezogen. Er habe seinen Pass und die Identi-
tätskarte in D._ zurückgelassen. Sein Vater, der in der (...) und spä-
ter auf dem (...) gearbeitet habe, sei im Jahr (...) gestorben. Er habe (...)
Schwestern und (...) Brüder, wobei ein Bruder (...) gestorben sei. Seine
ältere Schwester habe in der (...) eine Ausbildung gemacht und dadurch
die Familie finanziell unterstützen können. Er habe in G._ die
Schule bis zur Matura besucht, wobei er drei oder vier Klassen wiederholt
habe. (...) habe er die Schule beendet, ohne die Matura bestanden zu ha-
ben. Danach habe er während drei Monaten in einer (...) gearbeitet. Als
Kind sei er drei Mal vergewaltigt worden. Das erste Mal in F._ im
Alter von (...) oder (...) Jahren durch einen ihm nicht namentlich bekannten
Dorfbewohner, der ihn mit einem Stein zu Boden gestossen und von hinten
vergewaltigt habe. Als er (...) oder (...) Jahre alt gewesen sei, hätten Ar-
meeangehörige, die in der Nähe von G._ stationiert gewesen seien,
ihn zwei Mal vergewaltigt. Abgesehen von einem Psychiater habe er nie
jemandem von diesen Vergewaltigungen erzählt. 1980 oder 1981 habe er
in G._ an einer Demonstration gegen die Erhöhung des Brotpreises
teilgenommen. Kundgebungsteilnehmer hätten Polizisten mit Backsteinen
beworfen und in Metzgereien an Fleischerhaken aufgehängt. 72 Polizisten
seien dabei ums Leben gekommen. Das Militär habe daraufhin die De-
monstrierenden aus der Luft beschossen. Er sei geflohen, als er Helikopter
gehört habe. Es sei zu Verhaftungen gekommen. Er wisse nicht, was mit
den Festgenommenen geschehen sei. Ihm persönlich sei nichts passiert.
Er sei danach wieder zur Schule gegangen. Es habe keine anderen De-
monstrationen gegeben und er sei nicht politisch aktiv gewesen. Er habe
Marokko verlassen, weil er nach Beendigung der Schule keine Arbeit ge-
funden habe. Zudem habe es viele Ungerechtigkeiten gegeben. Die Le-
bensbedingungen seiner Familie seien schwierig gewesen. Berber seien
vom Staat ungerecht behandelt, von der Gesellschaft marginalisiert und
von den Arabern in sprachlicher Hinsicht diskriminiert worden. Zudem sei
er nach dem Tod seines Bruders, der ihn immer unterstützt habe, destabi-
lisiert gewesen. Er sei danach oft dem Unterricht ferngeblieben. Nachdem
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er die Matura nicht bestanden habe, hätten seine Mutter und seine
Schwester ihm gesagt, dass dies eine Schande sei, und er habe das Ge-
fühl gehabt, dass er nicht mehr kostenlos zu Hause essen und wohnen
könne. All diese Umstände hätten ihn zur Ausreise bewogen. Ohne jeman-
dem etwas zu sagen, sei er im Jahr 1990 nach H._ gereist. Nach
sechs Monaten sei er nach Marokko zurückgekehrt. Im September 1991
sei er dann mit einem Visum nach C._ gelangt. Seine Schwester
und befreundete Nachbarn hätten ihn dabei finanziell unterstützt. Zwei o-
der drei Jahre später sei er in C._ verhaftet und nach I._
(Marokko) zurückgeschickt worden. Nach zwanzig Tagen sei er erneut
nach C._ gereist und habe dann dort bis 1997 gelebt. Danach sei
er nach D._ gegangen. Im Jahr 1999 sei er für rund zwanzig Tage
zu seiner Familie nach Marokko zurückgekehrt und anschliessend mit ei-
nem Visum legal wieder nach D._ gereist. Dort habe er sich dann
bis zum 10. Oktober 2019 aufgehalten. Nachdem er in D._ nach
Erhalt des negativen Asylentscheids aufgefordert worden sei, das Land zu
verlassen, habe er sich vor einer Rückschaffung nach Marokko gefürchtet.
Er habe in C._ in der (...) gearbeitet und (...) verkauft. In D._
habe er (...) unterrichtet und sich zur Fachperson im Bereich der (...) aus-
bilden lassen. Bei einem Unfall in D._ im Jahr 2007 habe er sich
(...) gebrochen und eine (...) erlitten. Er sei damals von einem Neurologen
behandelt worden, wobei zwei MRI keine Beeinträchtigungen gezeigt hät-
ten. Derzeit habe er leichte (...), weil er Fussball gespielt habe, und manch-
mal das Gefühl, dass die (...) auf der rechten Seite die (...) touchieren wür-
den, was vielleicht daher rühre, dass er immer auf der gleichen Seite
schlafe. Zudem sei er (...) gewesen. Seit vier oder fünf Jahren sei er (...)
und habe seither Schlafstörungen. Nachdem er sich vier oder fünf Jahre
nach dem Unfall in D._ beinahe das Leben habe nehmen wollen,
habe ihm ein Freund geraten, einen Psychiater aufzusuchen. Er habe
manchmal das Gefühl, dass das Leben für ihn bedeutungslos sei, nachdem
er in seinem Alter noch keine Frau und keine Kinder habe. Nach der An-
kunft in der Schweiz habe er sich in psychiatrische Behandlung begeben.
Er erhalte Medikamente. Vor drei Monaten habe er angefangen, wieder
Kontakt zu seinen Angehörigen in Marokko aufzunehmen. Seine Ge-
schwister hätten in G._ mit staatlicher Unterstützung Häuser ge-
baut und Familien gegründet. Er habe in Marokko nie Probleme mit den
Behörden gehabt, aber er sehe dort für sich keine Zukunft. Wenn er zu-
rückkehre, würde er die Stabilität seiner Familie zerstören. Anders als seine
Geschwister würde er vom Staat nichts bekommen, da er im Ausland ge-
wesen sei. Er wisse nicht, was er in Marokko machen sollte. Er habe dort
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kein Haus, keine Frau und keine Freunde und seine Mentalität sei mittler-
weile verwestlicht.
I.
Infolge Ablaufs der gesetzlichen Höchstdauer des Aufenthalts des Be-
schwerdeführers in einem Zentrum des Bundes verwies das SEM das Asyl-
gesuch mit Zwischenverfügung vom 2. Juli 2020 in das erweiterte Verfah-
ren und teilte den Beschwerdeführer dem Kanton J._ zu.
J.
J.a Mit Verfügung vom 10. Juli 2020 – eröffnet am 14. Juli 2020 – stellte
das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung des Be-
schwerdeführers aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Des
Weiteren entzog es einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wir-
kung und händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten ge-
mäss Aktenverzeichnis aus.
J.b Zur Begründung führte es im Wesentlichen aus, die Vorbringen des
Beschwerdeführers vermöchten den Anforderungen an die Flüchtlingsei-
genschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standzuhalten. Obschon die Lebens-
umstände, in denen er aufgewachsen sei, und die wirtschaftlichen Schwie-
rigkeiten bedauerlich seien, vermöchten die Vorbringen betreffend die Ar-
beits- und Perspektivenlosigkeit und schwierigen Lebensbedingungen der
Berber keine Asylrelevanz zu entfalten. Eine gezielte Verfolgung von An-
gehörigen der Berber in Marokko sei dem SEM nicht bekannt. Die marok-
kanische Bevölkerung sei in gleichem Mass von den wirtschaftlichen Le-
bensbedingungen betroffen und wirtschaftliche Schwierigkeiten vermöch-
ten keine asylrelevante Verfolgung darzustellen. Der Beschwerdeführer
mache zudem ausschliesslich private Probleme mit der Mutter respektive
der Schwester und den Wunsch nach besseren Chancen geltend. Mit den
marokkanischen Behörden habe er eigenen Aussagen zufolge nie Prob-
leme gehabt. Auch die Teilnahme an einer Demonstration 1980/1981 ver-
möge keine Asylrelevanz zu entfalten. Dieses Ereignis stehe in keinem
zeitlichen und sachlichen Kausalzusammenhang zur erst 1990 respektive
1991 erfolgten Ausreise des Beschwerdeführers aus Marokko. Zudem
liege auch diesbezüglich keine gezielte Verfolgung des Beschwerdeführers
gemäss Art. 3 AsylG vor, und es bestünden in diesem Zusammenhang
keine Hinweise für eine begründete Furcht vor zukünftiger asylrelevanter
Verfolgung. Schliesslich vermöge auch das Vorbringen, als Kind drei Mal
vergewaltigt worden zu sein, keine Asylrelevanz zu entfalten. Obschon es
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sehr bedauerlich sei, dass dem Beschwerdeführer als Kind Unrecht ange-
tan worden sei, bestehe zwischen den Vergewaltigungen und der Ausreise
1990/1991 kein genügend enger Kausalzusammenhang. Es seien auch
keine Hinweise vorhanden, wonach der Beschwerdeführer aufgrund dieser
Vorfälle im Kindesalter begründete Furcht vor asylrelevanten Verfolgungs-
massnahmen zu befürchten hätte oder deswegen 1990/1991 aufgrund ei-
nes unerträglichen psychischen Drucks zur Ausreise aus Marokko gezwun-
gen gewesen wäre. Vielmehr habe er im Wesentlichen ökonomische
Gründe angeführt, die zur Ausreise geführt hätten. Der Wegweisungsvoll-
zug sei als zulässig, zumutbar und möglich zu erachten. Der Beschwerde-
führer verfüge über eine Schulbildung sowie mehrjährige Berufserfahrung
in Europa und es sei davon auszugehen, dass er sich damit eine Existenz-
grundlage aufbauen könne. Zudem bestehe in Marokko ein familiäres Be-
ziehungsnetz. Insbesondere die Schwester habe den Beschwerdeführer
bei der Ausreise finanziell unterstützt, und die Mutter und Geschwister wür-
den immer noch in G._ leben und mittlerweile eigene Grundstücke
und Häuser besitzen. Angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer bei
der Anhörung gut Auskunft über die aktuellen Lebensbedingungen der An-
gehörigen habe geben können, sei davon auszugehen, dass der Kontakt
soweit intakt sei. Zudem handle es sich bei ihm um einen volljährigen
Mann, der es immer wieder geschafft habe, in unbekannten Ländern und
Kulturen neu anzufangen und sich einen Lebensunterhalt zu sichern. Er
sei in Marokko aufgewachsen und sozialisiert worden, kenne sich mit den
dortigen Begebenheiten gut aus und spreche die Landessprache fliessend.
Es könne ihm deshalb trotz mehrjähriger Landesabwesenheit zugemutet
werden, seinen Lebensunterhalt im Heimatland zu bestreiten. Soziale und
wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölkerung im
Allgemeinen betroffen sei, genügten nicht, um eine konkrete Gefährdung
darzustellen. Laut den medizinischen Unterlagen vom 23. Oktober 2019
und 31. Dezember 2019 leide der Beschwerdeführer an einer (...) und ei-
nem (...). Ihm seien die Medikamente (...) und (...) verschrieben und eine
psychologisch-psychiatrische Behandlung empfohlen worden. Marokko
verfüge über zahlreiche psychiatrische und medizinische Institutionen
(bspw. das [...] in B._ mit praktizierenden Psychiatern) und die
Wirkstoffe der verschriebenen Medikamente seien dort ohne Weiteres zu-
gänglich. Im Weiteren habe Marokko mit dem Régime d'Assistance Médi-
cale (RAMED) ein Mittel zur Sicherung der medizinischen Grundversor-
gung geschaffen, mit dem auch wirtschaftlich bedürftige Personen Zugang
zum Gesundheitssystem hätten. Eine allfällig benötigte psychiatrische Be-
handlung und Medikation sei somit für den Beschwerdeführer in Marokko
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– und insbesondere in B._ – verfügbar und zugänglich. Da die psy-
chischen Beschwerden somit nicht geeignet seien, eine medizinische Not-
lage zu begründen, erübrige es sich im Sinne einer antizipierten Beweis-
würdigung, ein aktuelles Arztzeugnis einzufordern. Die vorliegenden Arzt-
berichte würden auch nicht darauf schliessen lassen, dass die gesundheit-
lichen Beschwerden derart schwerwiegend seien, als dass der Beschwer-
deführer nicht in der Lage wäre, sich um die Sicherung seiner wirtschaftli-
chen Existenz zu kümmern. Betreffend die geltend gemachten Beschwer-
den am (...) und im (...) sei nicht davon auszugehen, dass diese den Be-
schwerdeführer in eine existenzielle Notlage bringen würden. Die Proble-
matik der Suizidalität könne medikamentös behandelt werden, und ihr sei
im Rahmen des Vollzugs Rechnung zu tragen. Schliesslich vermöge auch
die blosse Möglichkeit einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 dem Vollzug
nicht entgegenzustehen.
K.
K.a Mit Eingabe vom 13. August 2020 (Datum Poststempel; Schreiben da-
tiert vom 12. August 2020) erhob der Beschwerdeführer beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde. Er ersuchte um Aufhebung der vorinstanzli-
chen Verfügung vom 10. Juli 2020 und um Gewährung des Asyls, eventu-
aliter um Gewährung der vorläufigen Aufnahme und subeventualiter um
Rückweisung der Sache an das SEM zwecks Neubeurteilung. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er – unter Verweis auf eine Fürsorgeab-
hängigkeitsbestätigung vom 11. August 2020 – um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung.
K.b Zur Begründung brachte er im Wesentlichen vor, er habe Marokko vor
dreissig Jahren verlassen, nachdem er dort schweres Leid wie die sexuel-
len Misshandlungen im Kindesalter habe erleben müssen. Er habe immer
wieder unter staatlicher Repression und Verfolgung gelitten, weil er das
Regime des damaligen Königs kritisiert und an Demonstrationen wie der-
jenigen im Jahr 1981 teilgenommen habe. Sein Unmut gegen die damalige
Regierung sei stetig gewachsen. Das Recht auf freie Meinungsäusserung
sei nicht gewährleistet gewesen und er habe sich in seiner Freiheit erheb-
lich eingeschränkt gefühlt. Heutzutage übe beispielsweise der Aktivist
K._, der ebenfalls der in Marokko seit jeher marginalisierten Ethnie
der Berber angehöre, Kritik am marokkanischen Regime und sei deswegen
(...) zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Bei einer Rückkehr
nach Marokko würde es ihm wohl nicht anders ergehen. Zudem drohe ihm
dort strafrechtliche Verfolgung, weil er homosexuell sei, und es könne nicht
von ihm verlangt werden, seine sexuelle Ausrichtung nicht offen zu leben.
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Nach einem Zusammenbruch sei er immer noch psychisch erschöpft. Die
Aussicht auf eine Rückschaffung nach Marokko wecke bei ihm Verzweif-
lung bis hin zu Suizidgedanken. Er werde zeitnah einen entsprechenden
Bericht nachreichen. Eine Wiedervereinigung mit seiner Familie, die weder
seine politischen Überzeugungen noch seine sexuelle Orientierung tole-
riere, wäre nicht möglich, da seine Angehörigen wohl mit Repressionen zu
rechnen hätten; beispielsweise sei davon auszugehen, dass sein Bruder
wegen ihm verhaftet würde. Das marokkanische Gesundheitssystem habe
zwar keinen schlechten Ruf, weise aber doch gravierende Probleme auf,
aufgrund derer davon auszugehen sei, dass ihm die benötigte medizini-
sche Versorgung nicht zur Verfügung stehen würde. Er verweise hierzu auf
diverse, im Internet einsehbare Berichte zum Fachkräfte- und Medizinalbe-
darfmangel. Hinsichtlich der allgemeinen Menschenrechtslage in Marokko
verweise er auf einen Bericht von Human Rights Watch. Als Regimegegner
und Freidenker wäre es für ihn gefährlich, sich in Marokko zu bewegen.
Zudem hänge er seit (...) der (...) an, die in Marokko nicht akzeptiert werde.
Das SEM habe den Sachverhalt nicht rechtsgenüglich erhoben. Er hätte
ausführlicher zur Verfolgungsgefahr in Marokko befragt werden müssen.
Zudem habe er vor den bei der Anhörung anwesenden Frauen nicht offen
über seine sexuelle Ausrichtung und die damit zusammenhängenden
Probleme sprechen können. Auch sei er damals aus psychischen Gründen
nicht in der Lage gewesen, über all seine Befürchtungen zu sprechen. Des
Weiteren sei das SEM zu Unrecht von der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ausgegangen. Nach dem langen Aufenthalt im Ausland ver-
füge er in Marokko über keine sozialen Kontakte mehr und er wäre dort
gänzlich auf sich allein gestellt.
L.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 14. August 2020 den Ein-
gang der Beschwerde.
M.
Mit Verfügung vom 17. August 2020 stellte die Instruktionsrichterin fest,
dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten dürfe (Art. 42 AsylG).
N.
Mit Zwischenverfügung vom 21. August 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss
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Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung zur
Beschwerde ein.
O.
In seiner Vernehmlassung vom 2. September 2020 beantragte das SEM
die Abweisung der Beschwerde. Anlässlich der Anhörung habe der Be-
schwerdeführer angegeben, ausschliesslich an einer Demonstration teilge-
nommen, deswegen persönlich keine Probleme gehabt und keine weiteren
politischen Aktivitäten ausgeübt zu haben. Die in der Beschwerde neu vor-
gebrachte Verfolgung wegen regierungskritischer Aktivitäten, wonach er an
mehreren Demonstrationen teilgenommen habe und wegen Kritikäusse-
rung am damaligen König und Regime verfolgt worden sei, sei unsubstan-
ziiert und als nachgeschoben zu qualifizieren, zumal der Beschwerdeführer
keine konkreten Vorfälle dargelegt habe. Die erst nachträglich vorge-
brachte Verfolgung wegen Homosexualität und Zugehörigkeit zur (...) sei
ebenfalls als nachgeschoben zu erachten. Der Beschwerdeführer sei bei
der Anhörung ausdrücklich zur Nennung weiterer Gründe aufgefordert wor-
den und er habe explizit verneint, dass ihm Weiteres widerfahren sei. Da
ein gemischtgeschlechtliches Befragungsteam im Einsatz gewesen sei, sei
dem Beschwerdeführer bei der Anhörung auch das rechtliche Gehör ge-
mäss Art. 6 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) gewährt worden, und er habe sich mit der Fortsetzung des
Gesprächs in Anwesenheit von Personen unterschiedlichen Geschlechts
einverstanden erklärt. Es sei nicht ersichtlich, weshalb er sich bei der An-
hörung nicht zu dem neu geltend gemachten Vorbringen hätte äussern
können. Auch der Vorwurf einer zu wenig ausführlichen Befragung sei un-
begründet. Der Beschwerdeführer sei von 10 Uhr bis 14:10 Uhr (abzüglich
einer halbstündigen Mittagspause) befragt worden und habe die Möglich-
keit gehabt, sich zu seinen Asylgründen frei zu äussern. Zudem habe er
anlässlich der Rückübersetzung die Gelegenheit erhalten und genutzt, um
Anmerkungen zum Protokoll anzubringen. Im Übrigen seien die neuen Vor-
bringen durch keinerlei Beweismittel belegt.
P.
Am 7. September 2020 stellte die Instruktionsrichterin dem Beschwerde-
führer die Vernehmlassung zu und räumte ihm die Gelegenheit zur Einrei-
chung einer Replik ein.
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Seite 10
Q.
In seiner Replik vom 23. September 2020 (Datum Poststempel) entgeg-
nete der Beschwerdeführer im Wesentlichen, es sei ihm bei der Anhörung
nicht gelungen, die Situation von 1981 und bis zur Ausreise detailliert und
anschaulich zu schildern. Er habe damals viele Demonstrationen miterlebt,
auch wenn er nicht mehr aktiv daran teilgenommen habe. Er habe erlebt,
wie Freunde und Bekannte nach Kundgebungen spurlos verschwunden
seien. Auch wenn er persönlich nicht Opfer von Verfolgungshandlungen
geworden sei, habe ein Klima der Angst und Repression geherrscht, das
ihn zur Emigration bewegt habe. Der Verbleib bei seiner Familie sei damals
nicht mehr möglich gewesen und dies sei auch heute noch so. Seine Fa-
milie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben, weil er so sei, wie er sei. Bei
der Anhörung sei ihm alles zu schnell gegangen. Zudem sei er durch die
Präsenz von Frauen gehemmt gewesen. Er habe sich nicht getraut, etwas
zu sagen, da er nicht als Macho habe gelten wollen. Als er gefragt worden
sei, ob er in einem Männerteam angehört werden möchte, sei die Anhörung
schon weit fortgeschritten gewesen und er habe diese nur schnell beenden
wollen. Er hätte niemals vor Frauen über seine sexuelle Orientierung spre-
chen können. Die Probleme, die er in Marokko haben könnte, seien
zwangsläufig hypothetischer Natur. Vor der Ausreise habe er keine Prob-
leme gehabt. Erst bei einer Rückkehr würden wegen seiner religiösen
Überzeugung oder seiner sexuellen Orientierung Probleme auf ihn zukom-
men. Auch das Problem, mit über (...) Jahren alleinstehend und kinderlos
in die Heimat zurückkehren zu müssen und als gescheiterte Existenz von
der Familie und der Gesellschaft geächtet zu werden, habe im Ausreise-
zeitpunkt noch nicht bestanden. Er habe sich im Exil immer wieder politisch
eingemischt und in sozialen Medien geäussert, was in Marokko nicht ge-
fahrlos möglich wäre. Es sei ihm nicht bekannt, was der marokkanische
Staat von ihm wisse, es wäre ihm aber nicht möglich, dort ein menschen-
würdiges Leben zu führen. Er wäre ohne soziales Netz auf sich allein ge-
stellt, würde als Verlierer gelten und wohl kaum eine Arbeit finden. Auch
könnte er dort seine sexuelle Orientierung und die religiöse Überzeugung
nicht offen leben. Ihm drohe daher bei einer Rückkehr nach Marokko eine
existenzielle Notlage. Lieber würde er seinem Leben ein Ende setzen, als
dies erleben zu müssen. Er sei wegen Entkräftung in psychiatrischer Be-
handlung. Seine Schlafprobleme würden medikamentös behandelt.
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Seite 11

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereich-
te Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Vorab ist die formelle Rüge des Beschwerdeführers, das SEM habe
den Sachverhalt unvollständig abgeklärt und damit sein rechtliches Gehör
verletzt, zu prüfen.
3.2 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26 - 33 VwVG kon-
kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst alle Befugnisse, die
einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachauf-
klärung und stellt andererseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs-
recht der Partei dar. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich zu hören, sorgfältig und
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Seite 12
ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung angemessen zu berück-
sichtigen (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu
den allgemeinen Grundsätzen des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens
(Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes
wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen
zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ord-
nungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unvollständig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sa-
chumstände berücksichtigt wurden, unrichtig, wenn der Verfügung ein fal-
scher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird. Der Untersu-
chungsgrundsatz gilt nicht uneingeschränkt, sondern findet sein Korrelat in
der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person.
3.3 Der Beschwerdeführer monierte, die Anhörung sei ihm zu schnell ge-
gangen, er hätte ausführlicher befragt werden müssen. Auch sei er damals
aus psychischen Gründen nicht in der Lage gewesen, über all seine Prob-
leme zu sprechen. Des Weiteren habe er vor den anwesenden Frauen
nicht offen über seine sexuelle Ausrichtung sprechen können.
3.3.1 Die Rüge, das SEM habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt, in-
dem der Beschwerdeführer nicht ausführlich genug befragt worden sei, fin-
det in den Akten keine Stütze. Das SEM hat dem Beschwerdeführer im
Rahmen der Anhörung vom 26. Juni 2020 umfassend Gelegenheit einge-
räumt, seine Asylgründe vorzubringen. Die gesuchstellende Person trägt
die Substanziierungslast und aus dem Anhörungsprotokoll ergeben sich
keine Anhaltspunkte für die Annahme, die Befragungsleitung hätte dem Be-
schwerdeführer nicht genügend Raum gegeben, sich zu äussern. Im Be-
fragungsprotokoll finden sich auch keine Anhaltspunkte für die Annahme,
der Beschwerdeführer wäre aufgrund seiner damaligen psychischen Ver-
fassung nicht in der Lage gewesen, die Fluchtgründe sowie die Gründe,
die aus seiner Sicht gegen eine heutige Rückkehr nach Marokko sprechen
würden, darzulegen. Zwar gab er zu Beginn der Anhörung an, er sei psy-
chisch angeschlagen (vgl. vorinstanzliche Akte 1053455-A45 S. 2 F5),
aber konkrete Hinweise, dass er aufgrund seines Befindens nicht einnah-
mefähig gewesen wäre, lassen sich der ausführlichen Befragung zu sei-
nem Gesundheitszustand nicht entnehmen (vgl. A45 S. 12 f. F85-101).
3.3.2 Dem Anhörungsprotokoll sind auch keine Anhaltspunkte für die An-
nahme zu entnehmen, das Geschlecht der Mitwirkenden hätte einen Ein-
fluss auf das Aussageverhalten des Beschwerdeführers gehabt. Gemäss
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Seite 13
Art. 17 Abs. 2 AsylG in Verbindung mit Art. 6 AsylV 1 wird die asylsuchende
Person von einer Person gleichen Geschlechts befragt, wenn konkrete Hin-
weise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen. Geschlechtsspezi-
fisch ist die Verfolgung dann, wenn sie in der Form sexueller Gewalt statt-
findet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen soll (vgl. hierzu BVGE
2015/42 E. 5.2). Das Geschlecht soll auch bei der Auswahl der weiteren
anwesenden Personen berücksichtigt werden. Art. 6 AsylV 1 ist eine Aus-
gestaltung des rechtlichen Gehörs, mithin eine Schutzvorschrift, deren
Zweck es ist, dass asylsuchende Personen ihre Vorbringen angemessen
vortragen, das heisst, erlittene Übergriffe möglichst frei und unbeeinträch-
tigt von Schamgefühlen schildern können. Gleichzeitig dient sie dazu, die
Richtigkeit der Sachverhaltsabklärung zu gewährleisten. Da diese Schutz-
vorschrift nicht bloss ein Recht der asylsuchenden Person beinhaltet, eine
solche Befragung zu verlangen, sondern die Behörde dazu verpflichtet, in
der vorgesehenen Weise vorzugehen, sobald entsprechende Hinweise
vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzuwenden. Ein Verzicht der betroffe-
nen asylsuchenden Person auf die Befragung durch eine Person gleichen
Geschlechts respektive im Rahmen eines gleichgeschlechtlichen Teams
kann nur dann angenommen werden, wenn er ausdrücklich erklärt wird
(vgl. BVGE 2015/42; vgl. auch etwa Urteil des BVGer D-6857/2016 vom
15. Februar 2018 E. 4.1 m.w.H.). Aus den vorliegenden Verfahrensakten
geht hervor, dass der Beschwerdeführer bei der Anhörung, in deren Rah-
men er Vergewaltigungen im Kindesalter vorbrachte, gefragt wurde, ob er
sich ausschliesslich in Gegenwart von Männern äussern möchte. Er ver-
neinte dies respektive erklärte sich mit der Fortsetzung der Befragung in
Anwesenheit von Personen des andern Geschlechts ausdrücklich einver-
standen (vgl. A45 S. 12 F83-84). Es bestand somit für das SEM keine Ver-
anlassung zum Abbruch der Anhörung und zur Durchführung einer erneu-
ten Anhörung in einem reinen Männerteam.
3.3.3 Die Anhörung vom 26. Juni 2020 ist aufgrund des Gesagten nicht zu
beanstanden. Sie ist mit der notwendigen Ausführlichkeit ausgefallen. Der
Beschwerdeführer hatte ausreichend Gelegenheit, sich zu seinen Asyl-
gründen frei zu äussern und es wurden ihm seitens der Befragungsleitung
zahlreiche spezifische Nachfragen gestellt, auf die er Auskunft geben
konnte. Das SEM fragte abschliessend mehrmals nach, ob der Beschwer-
deführer alle Probleme, die ihn zur Flucht bewogen hätten und alle Gründe,
die seines Erachtens gegen eine heutige Rückkehr nach Marokko spre-
chen würden, habe vorbringen können, was dieser bejahte (vgl. A45 S. 14f.
F103-105). Der Beschwerdeführer vermengt die Feststellung des rechtser-
heblichen Sachverhalts mit der materiellen Würdigung der Sache. Das
D-4062/2020
Seite 14
SEM hielt in der angefochtenen Verfügung alle wesentlichen Sachverhalts-
elemente – soweit es ihm möglich war – fest und würdigte die Ausführun-
gen des Beschwerdeführers. Hinsichtlich der erst auf Beschwerdeebene
vorgebrachten Homosexualität und Zugehörigkeit des Beschwerdeführers
zur (...) kann dem SEM kein Vorwurf einer unvollständigen Sachverhalts-
abklärung gemacht werden. Es wäre aufgrund der Mitwirkungspflicht nach
Art. 8 AsylG Sache des Beschwerdeführers gewesen, dies darzulegen.
Das SEM erachtete im Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung den damals
bekannten Sachverhalt als rechtsgenüglich erstellt. Diese Einschätzung ist
nicht zu beanstanden. Die Würdigung bildet nunmehr Gegenstand des Be-
schwerdeverfahrens.
3.4 Aufgrund des Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Der entsprechende (Eventual-)Antrag um Rück-
weisung an das SEM ist daher abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht, vielmehr müssen
konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Mass-
geblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im
Zeitpunkt des Asylentscheids. Die Gewährung des Asyls kann nicht dazu
dienen, einen Ausgleich für vergangenes Unrecht zu schaffen, sondern be-
zweckt, Schutz vor künftiger Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4
E. 5.4).
D-4062/2020
Seite 15
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Entscheidend ist, ob eine
Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Rich-
tigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Gesuchstellenden sprechen, bei ei-
ner objektivierten Sichtweise überwiegen oder nicht (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2).
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass der Beschwerde-
führer die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu begründen
vermag.
5.2 Die vom Beschwerdeführer vorgebrachten drei Vergewaltigungen im
Kleinkindalter seitens eines damaligen Nachbarn respektive von damals in
der Nähe seines Wohnorts stationierten Soldaten vermögen infolge fehlen-
den zeitlichen und sachlichen Kausalzusammenhangs zur erst im Jahr
1990/1991 erfolgten Ausreise des Beschwerdeführers aus Marokko keine
asylrechtliche Relevanz zu entfalten. Zudem dient das Asyl, wie zuvor aus-
geführt (vgl. E. 4.1), nicht dem Ausgleich für vergangenes Unrecht, son-
dern der Gewährung von Schutz vor künftiger Verfolgung (vgl. BVGE
2008/4 E. 5.4). Auch in Bezug auf die Teilnahme des Beschwerdeführers
an einer Demonstration gegen die Erhöhung des Brotpreises im Jahr 1980
oder 1981 fehlt es am notwendigen zeitlichen Kausalzusammenhang zur
erst zehn Jahre später erfolgten Ausreise aus Marokko. Im Übrigen sei der
Beschwerdeführer deswegen persönlich nicht im Visier der Behörden ge-
standen und nicht wie andere Teilnehmer im Nachgang der besagten
Kundgebung verfolgt worden. Die in der Rechtsmitteleingabe vom 13. Au-
gust 2020 angetönte Teilnahme an weiteren Demonstrationen steht in kla-
rem Widerspruch zu den Angaben des Beschwerdeführers bei der Anhö-
rung vom 26. Juni 2020, wonach es nebst der Kundgebung von 1980/1981
keine anderen politischen Aktivitäten seinerseits gegeben habe. In der
Replik vom 23. September 2020 nahm er die Aussage in der Beschwerde
denn auch zurück und erklärte, es habe zwar noch weitere Demonstratio-
nen gegeben, er habe aber nicht (mehr) daran teilgenommen, sei persön-
D-4062/2020
Seite 16
lich nie Opfer von Verfolgungshandlungen geworden und habe im Zeit-
punkt der Ausreise aus Marokko keine Probleme mit den heimatlichen Be-
hörden gehabt. Entgegen der vom Beschwerdeführer geäusserten Be-
fürchtung lassen sich den Akten denn auch keine konkreten Anhaltspunkte
für die Annahme entnehmen, er hätte bei einer heutigen Rückkehr wegen
der einmaligen Teilnahme an einer Demonstration im Kindesalter Verfol-
gungsmassnahmen flüchtlingsrechtlicher Intensität im Sinne von Art. 3
AsylG seitens der heimatlichen Behörden zu befürchten. Der Verweis auf
einen Aktivisten, der in Marokko zu einer Haftstrafe verurteilt worden sei,
vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Der Beschwerdeführer,
der die Substanziierungslast für seine Vorbringen trägt, hat keine konkre-
ten Aktivitäten dargelegt, aufgrund derer er heutzutage in den Augen der
heimatlichen Behörden als unliebsamer Politaktivist wahrgenommen wer-
den könnte.
5.3 Soweit der Beschwerdeführer vorbrachte, ethnische Berber würden in
Marokko generell diskriminiert, ist festzustellen, dass die Zugehörigkeit zu
den Berbern für sich allein keinen Asylgrund im Sinne von Art. 3 AsylG dar-
zustellen vermag. Gezielt gegen ihn gerichtete, flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgungsmassnahmen im Sinne von Art. 3 AsylG hat der Be-
schwerdeführer in diesem Zusammenhang nicht vorgebracht. Im Übrigen
ist beispielsweise die Sprache Tamazight (Berberisch) seit einer Verfas-
sungsänderung im Jahr 2011 wie Arabisch offizielle Amtssprache Marok-
kos.
5.4 Die vorgebrachten ökonomischen Schwierigkeiten des Beschwerde-
führers vermögen ebenfalls keine Asylrelevanz im Sinne von Art. 3 AsylG
zu entfalten.
5.5 In Bezug auf die vom Beschwerdeführer erst auf Beschwerdeebene
vorgebrachte Befürchtung, wegen Homosexualität oder der Zugehörigkeit
zur (...) von den heimatlichen Behörden verfolgt zu werden, ist darauf hin-
zuweisen, dass Asylsuchende verpflichtet sind, an der Feststellung des
Sachverhalts mitzuwirken (Art. 8 AsylG), und klare asylrelevante Aussa-
gen, die von späteren Aussagen diametral abweichen oder bestimmte Er-
eignisse oder Befürchtungen, die nicht ansatzweise erwähnt werden, Wi-
dersprüche sind, die im Rahmen der Beweiswürdigung zu berücksichtigen
sind (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizeri-
schen Asylrekurskommission [EMARK] 1993/3 E. 3 S. 13). Die besagten,
vom Beschwerdeführer erst in der Beschwerde vorgetragenen Befürchtun-
gen, die er im vorinstanzlichen Verfahren mit keinem Wort erwähnt hatte,
D-4062/2020
Seite 17
müssen als nachgeschoben und damit unglaubhaft bezeichnet werden.
Der Beschwerdeführer wurde zu Beginn der Anhörung vom 26. Juni 2020
ausdrücklich auf seine Mitwirkungspflicht hingewiesen (vgl. A45 S. 2) und
er bestätigte am Ende der Befragung, keine weiteren, nicht erwähnten
Gründe zu haben, die gegen die Rückkehr in seinen Heimatstaat sprechen
würden (vgl. A45 S. 14 f. F103-105). Auch wurde er explizit gefragt, ob er
das Geschlecht betreffend eine andere Zusammensetzung des Befra-
gungsteams wünsche, was er verneinte (vgl. A45 S. 12 F83-84). Es ist da-
her auch nicht verständlich respektive mit Schamgefühlen erklärbar, dass
er die Homosexualität mit keinem Wort erwähnte, war er doch demgegen-
über in der Lage, über den sexuellen Missbrauch zu berichten. Im Übrigen
ist in Marokko grundsätzlich nicht mit asylrelevanter Verfolgung aufgrund
des Bekanntwerdens einer homosexuellen Orientierung zu rechnen und
auch der soziale Druck, welchem homosexuelle Personen dort unter Um-
ständen ausgesetzt sind, vermag grundsätzlich nicht die von Art. 3 Abs. 2
AsylG geforderte Intensität zu erreichen (vgl. die Urteile des BVGer E-
2647/2020 vom 2. September 2020 E. 7.3, D-5585/2017 vom 19. Septem-
ber 2019 E. 7.3 und 8.2.2, D-3969/2018 vom 26. August 2019 E. 5.2).
5.6 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen, im Zeitpunkt der Aus-
reise aus Marokko asylrechtlich relevanter Verfolgung seitens der marok-
kanischen Behörden gemäss Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen zu sein.
Konkrete Anhaltspunkte für eine objektiv begründete Furcht vor künftiger
gezielter, asyl- respektive flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung des Be-
schwerdeführers durch die heimatlichen Behörden oder Drittpersonen im
Sinne von Art. 3 AsylG liegen aufgrund der Aktenlage ebenso wenig vor.
Das SEM hat demnach die Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint und
das Asylgesuch des Beschwerdeführers zutreffend abgelehnt.
6.
Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeord-
net (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
D-4062/2020
Seite 18
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss Praxis der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigen-
schaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen.
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
7.2.2 Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt nur
Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
7.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
D-4062/2020
Seite 19
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Dies ist dem Beschwerdeführer unter Hinweis auf die vorste-
henden Erwägungen zum Asylpunkt nicht gelungen. Auch die allgemeine
Menschenrechtssituation in Marokko lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
7.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.1 In Marokko herrscht kein Krieg, Bürgerkrieg oder eine Situation all-
gemeiner Gewalt, aufgrund derer die Zivilbevölkerung als konkret gefähr-
det bezeichnet werden müsste. Der Wegweisungsvollzug dorthin ist daher
grundsätzlich zumutbar (vgl. statt vieler das Urteil des BVGer E-2647/2020
vom 2. September 2020 E. 9.3.2).
7.3.2 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Der Beschwerdeführer lebte seit
Kindesalter mit seiner Familie in B._. Die Geschwister und die Mut-
ter seien nach wie vor dort wohnhaft und würden zwischenzeitlich über ei-
gene Grundstücke und Häuser verfügen. Der Kontakt bestehe wieder. So-
ziale Anknüpfungspunkte sind somit erkennbar. Zudem handelt es sich
beim Beschwerdeführer um einen alleinstehenden Mann, der grundsätzlich
nur für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen hat. Seinen Angaben zu-
folge kann er eine Schulbildung sowie in Europa erworbene Arbeitserfah-
rung in verschiedenen Bereichen vorweisen. Es kann somit erwartet wer-
den, dass er sich in wirtschaftlicher Hinsicht wird eingliedern können. Seine
Einwände, in Marokko in ärmlichen Verhältnissen gelebt zu haben, vermö-
gen nicht gegen die Zumutbarkeit des Vollzugs zu sprechen. Allfällige wirt-
schaftliche Reintegrationsschwierigkeiten vermögen dem Vollzug nicht ent-
gegenzustehen, da blosse soziale oder wirtschaftliche Schwierigkeiten,
D-4062/2020
Seite 20
von denen die ansässige Bevölkerung betroffen ist (bspw. Mangel an Ar-
beitsplätzen), keine existenzbedrohende Situation zu begründen vermö-
gen (vgl. BVGE 2010/41 E. 8.3.6). Weder das nicht mehr ganz junge Alter
des Beschwerdeführers noch seine lange Landesabwesenheit führen vor
dem Hintergrund des vorstehend Gesagten zur Annahme der Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs. In Bezug auf die dokumentierten gesund-
heitlichen Beschwerden (vgl. aktenkundige Arztberichte vom 18. Oktober
2019 [Diagnose: (...)] und 20. Dezember 2019 [Diagnosen: (...); Suizidri-
siko aktuell gering; Medikation anschlagend]) ist darauf hinzuweisen, dass
aus gesundheitlichen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden kann,
wenn eine dringend notwendige medizinische Behandlung im Heimatland
schlicht nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit der (Weiter-
)Behandlung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährden-
den Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder gar
zum Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls
nicht vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Stan-
dard entsprechende Behandlung grundsätzlich möglich ist (vgl. BVGE
2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2
E. 9.3.2). Von einer solchen, den Wegweisungsvollzug unzumutbar ma-
chenden existenziellen medizinischen Notlage ist vorliegend aufgrund der
Aktenlage nicht auszugehen. Der Beschwerdeführer fand laut den akten-
kundigen medizinischen Unterlagen in der Schweiz fachärztliche Betreu-
ung. Der EGMR anerkennt grundsätzlich keinen Anspruch auf Verbleib in
einem Konventionsstaat, um weiterhin in den Genuss medizinischer Unter-
stützung zu kommen (vgl. Urteil vom 2. Mai 1997 i.S. D. gegen Vereinigtes
Königreich) und es ist nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer
wäre auf eine Behandlung angewiesen, die zwingend nur in der Schweiz
gewährleistet werden könnte. Marokko verfügt über ein gut entwickeltes
Gesundheitssystem und es darf davon ausgegangen werden, dass – so-
fern notwendig – eine adäquate medizinische (Weiter-)Behandlung der ge-
sundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers dort gewährleistet ist.
Die in der Rechtsmitteleingabe angeführten Berichte zu einem Fachkräfte-
und Medizinalbedarfmangel in ländlichen Gebieten Marokkos vermögen an
dieser Einschätzung nichts zu ändern. Der Beschwerdeführer lebte vor sei-
ner Ausreise in der Grossstadt B._ und Marokko verfügt insbeson-
dere in urbanen Zentren über eine genügende Anzahl von Einrichtungen,
die psychiatrische oder psychologische Therapien anbieten. Überdies ist
mit dem RAMED ein Mittel zur Sicherung der medizinischen Grundversor-
gung gegeben, mit dem auch wirtschaftlich bedürftigen Personen der Zu-
gang zum Gesundheitssystem gewährt wird (vgl. hierzu Urteile des BVGer
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E-285/2020 vom 29. Januar 2020 S. 15 und E-3778/2016 vom 30. April
2018 E. 7.3.5). Bezüglich der Befürchtung einer Selbstgefährdung bei ei-
nem zwangsweisen Wegweisungsvollzug ist festzuhalten, dass vom Voll-
zug der Wegweisung gemäss konstanter Rechtsprechung nicht Abstand
genommen wird, solange Massnahmen zwecks Verhütung der Umsetzung
einer Suiziddrohung getroffen werden können. Dies scheint vorliegend bei
allenfalls auftretenden suizidalen Tendenzen möglich. Dem Gesundheits-
zustand des Beschwerdeführers ist bei der Vollzugsorganisation mit einer
angemessenen Vorbereitung Rechnung zu tragen. Es ist zwar nachvoll-
ziehbar, dass der negative Ausgang des Asylverfahrens und die damit ver-
bundene Zukunftsangst eine grosse Belastung für den Beschwerdeführer
darstellen, aber dies vermag nicht zu rechtfertigen, den Wegweisungsvoll-
zug wegen Vorliegens einer medizinischen Notlage, die im Heimatland
schlicht nicht behandelbar wäre, als unzumutbar zu bezeichnen. Ohne die
Schwierigkeiten bei einer Rückkehr nach dem langjährigen Auslandsauf-
enthalt zu verkennen, ist somit insgesamt nicht davon auszugehen, der
Beschwerdeführer würde bei einer Rückkehr nach Marokko aus individuel-
len Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine
existenzielle Notlage geraten, die als konkrete Gefährdung im Sinne der zu
beachtenden Bestimmung zu werten wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG).
Bei dieser Sachlage ist im Übrigen gleichzeitig klar, dass in den gesund-
heitlichen Umständen kein völkerrechtliches Wegweisungsvollzugshinder-
nis liegen kann.
7.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
7.4 Des Weiteren obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaats die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Schliesslich steht auch die Corona-
Pandemie dem Vollzug nicht entgegen. Es handelt sich dabei, wenn über-
haupt, um ein temporäres Vollzugshindernis, dem im Rahmen der Voll-
zugsmodalitäten Rechnung zu tragen ist.
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem ihm
aber die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ge-
währt wurde, ist von der Kostenerhebung abzusehen, zumal nicht ersicht-
lich ist, dass der Beschwerdeführer nicht mehr bedürftig wäre.
(Dispositiv nächste Seite)
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