Decision ID: f2b8c3ba-7316-4355-afe1-0e9458d245ca
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ litt an diversen Geburtsgebrechen, an einem schweren psychomotorischen
Entwicklungsrückstand mit einer geistigen Behinderung und an einer Epilepsie (vgl. IV-
act. 20–28 f.). Die Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen sprach dem Versicherten
mit einer Verfügung vom 6. März 1984 (IV-act. 20–179 f.) gestützt auf einen Beschluss
der IV-Kommission des Kantons St. Gallen vom 21. Februar 1984 einen Pflegebeitrag
für eine Hilflosigkeit mittleren Grades mit Wirkung ab dem 1. Januar 1983 zu (IV-act.
15–6). Dieser Pflegebeitrag wurde mit Wirkung ab dem 1. Februar 1996 durch eine
Hilflosenentschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades abgelöst. Im Beiblatt zur
entsprechenden Verfügung vom 23. Mai 1996 (IV-act. 18) wurde darauf hingewiesen
(IV-act. 16–12), dass der Versicherte gemäss den Abklärungen der IV-Stelle bei drei der
wichtigsten Lebensverrichtungen auf eine Dritthilfe angewiesen sei und dauernd
überwacht werden müsse. Im Rahmen einer Überprüfung des Anspruchs auf die
Hilflosenentschädigung gaben die Eltern des Versicherten im August 1997 an (IV-act.
20–18 ff.), ihr Sohn benötige bei der Körperpflege, beim Ordnen der Kleidung nach
dem Verrichten der Notdurft sowie bei der Fortbewegung im Freien und bei der Pflege
von gesellschaftlichen Kontakten eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe. Zweimal
pro Tag müssten ihm die verschriebenen Medikamente verabreicht werden. Tagsüber
benötige er eine dauernde Überwachung. Er könne nicht unbeaufsichtigt im Freien
sein. Der Oberarzt für Neuropädiatrie des Ostschweizer Kinderspitals hatte im Mai
1997 berichtet (IV-act. 20–28 f.), das im Wachen abgeleitete EEG habe mässige
Allgemeinveränderungen gezeigt. Mehrfach seien rechtsbetonte, jedoch zur
Generalisierung neigende sharp-wave Paroxysmen registriert worden, die sich teilweise
A.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
klinisch durch ein Blinzeln bemerkbar gemacht hätten. Insgesamt spreche das EEG
weiterhin für eine erhöhte Anfallsbereitschaft. Die bisherige Medikation scheine
ausreichend zu sein, da der Versicherte klinisch anfallsfrei sei. Möglicherweise würden
allerdings kurze Blinzelepisoden nicht immer erkannt. Die antikonvulsive Medikation
werde sehr wahrscheinlich lebenslänglich notwendig sein. Von Auslassversuchen sei
dringend abzuraten. Mit einer Mitteilung vom 3. September 1997 informierte die IV-
Stelle den Versicherten darüber, dass er weiterhin einen Anspruch auf die bisherige
Hilflosenentschädigung habe (IV-act. 16–17).
Die Eltern des Versicherten teilten der IV-Stelle im Rahmen von Überprüfungen
des Leistungsanspruchs im September 2002 mit, dass sich die Situation nicht
verändert habe (IV-act. 25), weshalb die IV-Stelle im Juni 2003 eine Mitteilung erliess,
laut der es beim bisherigen Anspruch auf die Hilflosenentschädigung blieb (IV-act. 32).
Im Juni 2010 füllten die Eltern des Versicherten einen weiteren Fragebogen zur
Überprüfung des Anspruchs auf eine Hilflosenentschädigung aus (IV-act. 38). Sie
gaben an, der Gesundheitszustand ihres Sohnes sei gleich geblieben. Ihr Sohn
benötige eine erhebliche und regelmässige Dritthilfe bei der Körperpflege, bei der
Fortbewegung und bei der Pflege von gesellschaftlichen Kontakten. Er könne nicht
unbeaufsichtigt für eine längere Zeit im Freien sein und müsse deshalb entsprechend
überwacht werden. Mit einer Mitteilung vom 12. August 2010 informierte die IV-Stelle
den Versicherten darüber, dass er weiterhin einen unveränderten Anspruch auf die
bisherige Hilflosenentschädigung habe (IV-act. 44).
A.b.
Im Juli 2020 füllten die Eltern des Versicherten erneut einen Fragebogen zur
Überprüfung des Leistungsanspruchs aus (IV-act. 59). Sie gaben an, der
Gesundheitszustand ihres Sohnes sei unverändert geblieben. Der Versicherte benötige
weiterhin eine erhebliche und regelmässige Dritthilfe bei der Körperpflege, bei der
Fortbewegung und bei der Pflege von gesellschaftlichen Kontakten. Er könne nicht
unbeaufsichtigt für längere Zeit im Freien sein und benötige deshalb eine
entsprechende persönliche Überwachung. Am 29. Juli 2020 führte eine
Sachbearbeiterin der IV-Stelle eine „telefonische Abklärung“ durch, das heisst sie
erkundigte sich telefonisch beim Vater des Versicherten nach dem aktuellen
Gesundheitszustand und nach dem relevanten Hilfebedarf (IV-act. 62–1 f.). Sie hielt
fest, der Vater habe angegeben, dass der Versicherte in einem Heim wohne und sich
A.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
alle zwei Wochen von Freitagabend bis Sonntag bei den Eltern zuhause aufhalte.
Tagsüber arbeite er in der Werkstatt mit einer Aufsichtsperson, die sich um ihn
kümmere. Bei der Körperpflege, bei der Fortbewegung und bei der Pflege von
gesellschaftlichen Kontakten sei er weiterhin auf eine Dritthilfe angewiesen. Im Heim
könne er sich selbständig bewegen; ausserhalb werde er immer begleitet. Die
Sachbearbeiterin der IV-Stelle notierte, der Versicherte benötige also eine heimübliche
Überwachung. Die Eltern des Versicherten wiesen am 1. Oktober 2020 darauf hin (IV-
act. 62–3), dass das „Controlling“ im Wohnheim leider nicht so funktioniere, wie sie es
sich als Eltern wünschten. Möglicherweise mangle es an ausreichend Personal.
Jedenfalls müssten die Eltern das Personal immer und immer wieder anhalten, dem
Versicherten die nötige Hilfe beim Fortbewegen, beim Duschen sowie bei der
Behandlung der Warzen, der Hornhaut und dem Hautpilz zu geben.
Mit einem Vorbescheid vom 9. Oktober 2020 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten an (IV-act. 65), dass sie die Herabsetzung der Hilflosenentschädigung
vorsehe. Zur Begründung führte sie an, bei einer kollektiv ausgeübten Aufsicht, wie sie
in einem Wohnheim die Regel sei, liege gemäss den gesetzlichen Bestimmungen kein
anspruchsrelevanter persönlicher Überwachungsbedarf mehr vor. Folglich liege neu
lediglich noch eine leichtgradige und keine mittelgradige Hilflosigkeit mehr vor, weshalb
die Hilflosenentschädigung entsprechend herabzusetzen sei. Mit einer Verfügung vom
30. November 2020 setzte die IV-Stelle die Hilflosenentschädigung mit Wirkung ab
dem 1. Dezember 2020 auf eine Entschädigung bei einem Heimaufenthalt und einer
Hilflosigkeit leichten Grades herab (IV-act. 69).
A.d.
Am 11. Januar 2021 erhob der durch seine Eltern vertretene Versicherte
(nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 30.
November 2020 (act. G 1). Er liess die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und
die Weiterausrichtung der Hilflosenentschädigung in der bisherigen Höhe beantragen.
Zur Begründung liess er geltend machen, die Betreuungspersonen im Heim könnten
sich nicht zum langjährigen Verlauf äussern, weil es zu häufigen Personalwechseln
gekommen sei und deshalb niemand im Wohnheim arbeite, der schon seit Jahren mit
dem Beschwerdeführer arbeite. Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin)
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hätte wenigstens die Betreuungsperson aus der Werkstätte befragen können, die den
Beschwerdeführer bereits seit Jahren bestens kenne. Die motorischen Fähigkeiten des
Beschwerdeführers hätten sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich
verschlechtert. Kürzlich sei er gestürzt. Keine Betreuungsperson habe den Sturz
bemerkt; deshalb sei auch nicht sofort Hilfe geleistet worden. Die
Kollektivüberwachung funktioniere nicht und sei ohnehin ungenügend. Die „nicht
krampfende“ Epilepsie könne nur von einer sehr aufmerksamen Betreuungsperson,
aber sicher nicht im Rahmen einer Kollektivüberwachung, bemerkt werden. Aus Sicht
der Eltern sei der Hilfebedarf in den vergangenen 20 Jahren nicht geringer, sondern im
Gegenteil grösser geworden. Die Beschwerdegegnerin habe den Sachverhalt
mangelhaft abgeklärt.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 25. März 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 8). Zur Begründung führte sie an, der Beschwerdeführer wohne
seit dem 2. Januar 2000 in einem Heim, womit sich der für die Hilflosenentschädigung
massgebende Sachverhalt wesentlich verändert habe. Gemäss dem massgebenden
Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH)
liege keine massgebende Überwachungsbedürftigkeit vor, wenn die im Heim übliche
Kollektivüberwachung ausreiche. Die Abklärungen hätten ergeben, dass der
Beschwerdeführer keine dauernde individuelle Überwachung benötige.
B.b.
Der Beschwerdeführer liess am 7. Mai 2021 an seinem Antrag festhalten (act. G
10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).
B.c.
Am 24. August 2021 teilte das Versicherungsgericht den Eltern des Beschwerde
führers mit (act. G 14), dass eine Reduktion des Ansatzes der Hilflosenentschädigung
infolge eines Heimeintrittes nicht auf den zweiten des der Zustellung der Revisions
verfügung folgenden Monats, sondern auf den Folgemonat des Heimeintrittes hin (hier:
per 1. Februar 2020) vorzunehmen sei. Die Beschwerdegegnerin habe die Hilflosen
entschädigung deshalb möglicherweise verspätet herabgesetzt, weshalb die
Möglichkeit einer Korrektur zu Ungunsten des Beschwerdeführers bestehe (sog.
reformatio in peius). Das Versicherungsgericht räumte dem Beschwerdeführer die
Möglichkeit zum Rückzug der Beschwerde oder zur Stellungnahme zur möglichen
reformatio in peius ein. Die Eltern des Beschwerdeführers machten am 9. September
B.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
2021 geltend (act. G 15), sie könnten nicht nachvollziehen, wie das
Versicherungsgericht den möglichen Anpassungszeitpunkt per 1. Februar 2020
ermittelt habe. Sie könnten nicht Stellung zur drohenden reformatio in peius nehmen,
solange sie die Begründung dafür nicht verstünden. Am 15. September 2021 teilte das
Versicherungsgericht den Eltern des Beschwerdeführers (act. G 16), man habe in der
Beschwerdeantwort der Beschwerdegegnerin versehentlich gelesen, der Heimeintritt
sei am 2. Januar 2020 erfolgt; effektiv stehe dort aber, dass der Heimeintritt bereits am
2. Januar 2000 erfolgt sei. Aus den Akten gehe nicht hervor, ob der Ansatz der
Hilflosenentschädigung nach dem Heimeintritt auf einen Zweitel und nach dem Inkraft
treten der sechsten IVG-Revision per 1. Januar 2012 auf einen Viertel reduziert worden
sei. Das Versicherungsgericht werde die Beschwerdegegnerin zur
Aktenvervollständigung auffordern. Die Möglichkeit einer reformatio in peius stehe
damit nach wie vor im Raum. Am 1. Oktober 2021 liess der Beschwerdeführer erklären,
dass er an der Beschwerde festhalte (act. G 17).
Am 9. November 2021 ersuchte das Versicherungsgericht die
Beschwerdegegnerin, eine Auflistung über sämtliche ausbezahlten Beträge der
Hilflosenentschädigung für den Beschwerdeführer ab dem Anspruchsbeginn
zuzustellen (act. G 19). Die Beschwerdegegnerin reichte am 24. November 2021 (act. G
20) eine mit einer Erklärung eines Sachbearbeiters versehene Auflistung der
ausbezahlten Beträge der Hilflosenentschädigung ein (act. G 20.1). Dieser liess sich
entnehmen, dass der Beschwerdeführer ab Oktober 1998 zunächst den gewöhnlichen
Ansatz der Hilflosenentschädigung erhalten hatte, da das IVG damals noch keine
unterschiedlichen Ansätze für im Heim oder zuhause lebende Versicherte gekannt
hatte. Da der Beschwerdeführer bei der Gesetzesänderung per 1. Januar 2004 bereits
im Heim gelebt hatte, hatte er weiterhin den bisherigen Ansatz und nicht den doppelten
Ansatz für zuhause lebende Versicherte erhalten. Am 1. Januar 2012 war der Ansatz für
Heimbewohner infolge einer Gesetzesänderung (neu nur noch ein Viertel des
gewöhnlichen Ansatzes für zuhause lebende Bezüger einer Hilflosenentschädigung)
halbiert worden.
B.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
auf deren Rechtmässigkeit. Sein Gegenstand muss folglich jenem des mit der
angefochtenen Verfügung abgeschlossenen Verwaltungsverfahren entsprechen. Jenes
ist eindeutig ein Revisionsverfahren im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gewesen, was
bedeutet, dass sich sein Gegenstand auf die Frage beschränkt hat, ob eine relevante
Sachverhaltsveränderung eingetreten sei, die zu einer Anpassung der
Hilflosenentschädigung führen müsse. Auch dieses Beschwerdeverfahren hat sich auf
diese Frage zu beschränken.
2.
Aus den Akten geht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit hervor, dass sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
nicht in einer für den Anspruch auf die Hilflosenentschädigung relevanten Weise
verändert hat. Die Beschwerdegegnerin hat sich auf den Standpunkt gestellt, infolge
des Heimeintrittes sei der Bedarf nach einer dauerhaften persönlichen Überwachung
im Sinne des Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV dahingefallen, weil der Beschwerdeführer im Heim
in den Genuss einer für seine Bedürfnisse ausreichenden kollektiven Überwachung
gekommen sei. Der Beschwerdeführer ist aber gar nicht im Jahr 2020 neu in ein Heim
eingetreten; er lebt bereits seit dem 2. Januar 2000 – also seit bald 22 Jahren – in
einem Heim. Diesbezüglich hat sich der massgebende Sachverhalt im Jahr 2020 also
gar nicht verändert, weshalb auch kein entsprechender Revisionsgrund gegeben ist,
der eine Herabsetzung der Hilflosenentschädigung per 1. Dezember 2020 hätte
rechtfertigen können. Die angefochtene Verfügung vom 30. November 2020 erweist
sich damit als rechtswidrig, weshalb sie ersatzlos aufzuheben ist. Das bedeutet, dass
der Beschwerdeführer über den 30. November 2020 hinaus einen unveränderten
Anspruch auf die bisherige Hilflosenentschädigung hat.
3.
Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, der relevante Sachverhalt habe sich im
Jahr 2000 verändert, weil nämlich der Überwachungsbedarf des Beschwerdeführers ab
dem Heimeintritt am 2. Januar 2000 durch die heimtypische kollektive Überwachung
abgedeckt gewesen sei, sodass der Beschwerdeführer keine persönliche
Überwachung mehr benötigt habe. Mit der angefochtenen Verfügung hätte man dann
einfach gewissermassen „verspätet“ eine rückwirkende Revision – mit einem willkürlich
gewählten Wirkungszeitpunkt ex nunc – vorgenommen. Aufgrund der Akten steht fest,
dass der Beschwerdeführer bis zum Heimeintritt eine dauernde persönliche
Überwachung im Sinne des Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV benötigt hatte. Gemäss der Rz.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8035 KSIH liegt ein Anwendungsfall des Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV nur vor, wenn die
persönliche Überwachung ein gewisses Mass an Intensität aufweist. Ein relevanter
Überwachungsbedarf besteht, wenn die versicherte Person wegen geistiger Absenzen
nicht während des ganzen Tages allein gelassen werden kann oder wenn eine
Drittperson mit kleineren Unterbrüchen anwesend sein muss, weil die versicherte
Person nicht allein gelassen werden kann. Hätte der Beschwerdeführer vor dem
Heimeintritt also nicht intensiv dauernd und persönlich überwacht werden müssen,
hätte die Beschwerdegegnerin bei der ursprünglichen Zusprache der Hilf
losenentschädigung keinen Überwachungsbedarf im Sinne des Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV
anerkannt. Augenscheinlich kann die typische kollektive und niederschwellige Über
wachung im Heim, in das der Beschwerdeführer am 2. Januar 2000 eingetreten ist,
diesen – verbindlich anerkannten – hohen Überwachungsbedarf nicht abgedeckt
haben. Der Heimeintritt respektive die „Unterstellung“ unter die kollektive und
niederschwellige Überwachung im Heim kann deshalb keine relevante
Sachverhaltsveränderung im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gewesen sein, die eine
Herabsetzung der Hilflosenentschädigung hätte rechtfertigen können. Das ergibt sich
auch aus der – von der Beschwerdegegnerin offensichtlich fehlinterpretierten – Rz.
8038 KSIH, wonach in der Regel keine persönliche Überwachungsbedürftigkeit
vorliegt, wenn bloss eine kollektive Aufsicht ausgeübt wird, wie dies beispielsweise in
einem Wohn-, Alters- oder Pflegeheim der Fall ist. Das bedeutet nämlich nicht, dass die
kollektive heimtypische Überwachung auch einen (hohen) Überwachungsbedarf im
Sinne des Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV abdecken würde, wie die Beschwerdegegnerin
fälschlicherweise angenommen hat. Es geht vielmehr um Folgendes: Wenn eine
versicherte Person in ein Heim eintreten muss, weil sie nicht mehr selbständig zuhause
leben kann, kommt sie „automatisch“ unter die heimtypische kollektive Aufsicht; sie
könnte sich deshalb auf den Standpunkt stellen, der Heimeintritt belege, dass sie
überwachungsbedürftig im Sinne des Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV sei. Aber dieser Schluss
ist nach Rz. 8038 KSIH gerade deshalb falsch, weil die heimtypische kollektive und
niederschwellige Überwachung einen so intensiven Überwachungsbedarf, wie ihn der
Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV im Blick hat, gar nicht abdecken könnte. Darum ist es gemäss
der Rz. 8035 KSIH auch grundsätzlich unerheblich, in welcher Umgebung sich die
versicherte Person aufhält, das heisst es darf für die Bemessung der Hilflosigkeit
keinen Unterschied machen, ob sie in der Familie, privat oder in einem Pflegeheim lebt.
Ist die versicherte Person zuhause im Sinne des Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV
überwachungsbedürftig, dann ist sie es auch nach einem Einzug in ein Heim, weil die
Überwachungsbedürftigkeit vom objektiven Gesundheitszustand und nicht von der
Betreuungssituation abhängig ist. Das leuchtet ohne weiteres ein, weil die Antwort auf
die Frage, ob ein entsprechender Hilfebedarf besteht, offensichtlich nicht davon
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abhängen kann, wie dieser allfällige Bedarf abgedeckt wird. Durch den Eintritt des
Beschwerdeführers in ein Heim am 2. Januar 2000 hat sich folglich gemäss der Rz.
8035 KSIH nichts an seinem Überwachungsbedarf im Sinne des Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV
geändert, weshalb sich auch eine rückwirkende Revision der Hilflosenentschädigung
infolge des am 2. Januar 2000 erfolgten Heimeintritts als rechtswidrig erweisen würde.
4.
Der Heimeintritt am 2. Januar 2000 hat sich auch nicht – als eine relevante
Sachverhaltsveränderung im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG – auf den Ansatz der
Hilflosenentschädigung ausgewirkt, weil das IVG damals noch keine unterschiedlichen
Ansätze der Hilflosenentschädigung für im Heim oder für zuhause lebende Personen
gekannt hat. Die von der Beschwerdegegnerin eingereichte Auflistung der
ausbezahlten Beträge der Hilflosenentschädigung belegt, dass die
Beschwerdegegnerin jeweils korrekt auf die Gesetzesrevisionen per 1. Januar 2004
und per 1. Januar 2012 reagiert hat, sodass sich diesbezüglich kein Korrekturbedarf
ergibt, auf den allerdings in diesem Beschwerdeverfahren ohnehin nicht reagiert
werden könnte, weil eine entsprechende Korrektur mangels einer relevanten
Sachverhaltsveränderung nicht im Zuge einer Revision nach Art. 17 Abs. 2 ATSG
vorgenommen werden könnte.
5.
Dieser Verfahrensausgang gilt hinsichtlich der Kostenfolgen als ein vollständiges
Obsiegen des Beschwerdeführers, da dieser mit seinem Hauptanliegen, der Korrektur
der von ihm als rechtswidrig erachteten Verfügung vom 30. November 2020,
vollumfänglich durchgedrungen ist. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind folglich
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm
geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet.