Decision ID: bc6725ce-1781-4d76-a3a0-db6add0f03ea
Year: 2007
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Anlass gebenden Sachverhalts als massgebend erachtet. Dies sei nicht das
erstmalige unrichtige Handeln der Amtsstelle, sondern jener Tag, an dem sich
die Verwaltung später, beispielsweise anlässlich einer Rechnungskontrolle,
unter Anwendung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit über ihren Fehler hätte
Rechenschaft geben müssen. Die Beschwerdegegnerin habe dem
Beschwerdeführer im Anschluss an ihre Mitteilung vom 13. November 2003
mit Verfügung vom 19. März 2004 fälschlicherweise und entgegen der ersten
Mitteilung sowie entgegen dem Verfügungsteil 2, ab 1. Januar 2004 eine
ganze Invalidenrente aufgrund eines IV-Grades von 68% zugesprochen und
diese dem Versicherten bis zum 31. August 2006 zu Unrecht ausbezahlt. Erst
anlässlich des am 30. Januar 2006 von Amtes wegen eingeleiteten
erstmaligen Revisionsverfahrens habe die IV-Stelle am 31. August 2006
diesen Fehler festgestellt. Dies sei das fristauslösende Datum, sodass sich
die Rückforderung vom 6. September 2006 als rechtzeitig erweise. Im Übrigen
sei auch die absolute Verjährungsfrist von 5 Jahren gewahrt. Das behauptete
Fehlen der Bösgläubigkeit sei allenfalls im Zusammenhang mit einem
Erlassgesuch zu prüfen.
7. In seiner Replik vom 1. November 2006 liess der Beschwerdeführer
ausführen, dass die Beschwerdegegnerin bei gebotener Sorgfalt spätestens
zum Zeitpunkt der Leistungsausrichtung hätte erkennen müssen, dass sie zu
hohe Leistungen ausrichte. Weil sie es an der erforderlichen Sorgfalt habe
fehlen lassen und somit die einjährige Verjährungsfrist ausgelöst habe, könne
sie sich auch nicht auf die absolute 5-jährige Verjährungsfrist berufen. Im
Übrigen sei sich der Beschwerdeführer bewusst, dass bei negativem
Verfahrensausgang der Weg eines Erlassgesuches offen stehe.
8. Die Beschwerdegegnerin hielt mit ihrer Duplik vom 9. November 2006 an
ihrem Antrag fest.

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt im vorliegenden Verfahren bildet die
Rückforderungsverfügung der Beschwerdegegnerin vom 6. September 2006.
Streitgegenstand bildet die Frage, ob der Beschwerdeführer die im Umfange
von Fr. 37'888.— bezogenen Leistungen der Beschwerdegegnerin
zurückerstatten muss.
2. Nach Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind unrechtmässig bezogene
Leistungen zurückzuerstatten. Unrechtmässig ist eine Leistung dann, wenn
der betreffende Sachverhalt unrichtig festgestellt oder gewürdigt worden ist
bzw. wenn aus einem korrekten Sachverhalt rechtlich fehlerhafte Schlüsse
gezogen wurden.
Vorliegend wird nicht bestritten, dass dem Beschwerdeführer zu Unrecht eine
ganze statt einer Dreiviertelsrente ab dem 1. Januar 2004 ausgerichtet wurde.
3. a) Bestritten und daher zu prüfen ist die Frage, ob der Rückforderungsanspruch
von Fr. 37'888.— infolge Ablaufs der relativen Verjährungsfrist gemäss Art.
25 Abs. 2 ATSG erloschen ist.
Art. 25 Abs. 2 ATSG sieht vor, dass der Rückforderungsanspruch mit Ablauf
eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis
erhalten hat, erlischt. Bei der einjährigen Frist gemäss Art. 25 Abs. 2 ATSG
handelt es sich um eine Verwirkungsfrist. Gemäss Rechtssprechung des
Eidgenössischen Versicherungsgerichtes (EVG) gilt dabei nicht der Zeitpunkt,
in dem der Fehler gemacht wird, als fristauslösend, sondern der Zeitpunkt, in
dem die Verwaltung unter Anrechnung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit
den Fehler hätte erkennen müssen; wobei das EVG nicht das erstmalige
unrichtige Handeln der Verwaltung als fristauslösend hat genügen lassen.
Vielmehr stellte es auf jenen Tag ab, an dem sich die Amtsstelle später unter
Anwendung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit über ihren Fehler hätte
Rechenschaft ablegen müssen (EVGU I.678/2000, mit Verweis auf BGE 110
V 306).
b) Die Argumentation des Beschwerdeführers geht demzufolge fehl, wenn er das
Datum des Verfügungserlasses vom 19. März 2004 als fristauslösend
bezeichnet, denn mittels dieser Verfügung hat die Beschwerdegegnerin dem
Beschwerdeführer sowohl entgegen der Mitteilung vom 13. November 2003,
als auch wider deren Verfügungsteil 2 ab dem 1. Januar 2004 eine ganze
Invalidenrente statt einer Dreiviertelsrente zugesprochen und diese
Invalidenrente dem Versicherten bis zum 31. August 2006 zu Unrecht
ausbezahlt. Folglich kann es sich dabei keinesfalls um das fristauslösende
Datum handeln, da zu diesem Zeitpunkt der Fehler erst begangen wurde.
c) Die Beschwerdegegnerin macht geltend, sie habe den Fehler anlässlich des
eingeleiteten Revisionsverfahrens am 31. August 2006 bemerkt. Deshalb sei
dies das massgebende und somit fristauslösende Datum. Nach der
erwähnten höchstrichterlichen Rechtssprechung kann aber auch der
Beschwerdegegnerin nicht gefolgt werden. Wie auch das Datum der
fehlerhaften Handlung nicht relevant sein kann, kann das Datum des
Entdeckens des Fehlers nicht als massgebend betrachtet werden.
d) Vielmehr muss derjenige Zeitpunkt als fristauslösend herangezogen werden,
an welchem die Beschwerdegegnerin unter Anrechnung der ihr zumutbaren
Aufmerksamkeit den Fehler hätte erkennen müssen.
Am 20. Januar 2006 hat die Beschwerdegegnerin die Rentenrevision anhand
genommen. Zu diesem Zeitpunkt wäre es der Beschwerdegegnerin
spätestens zumutbar gewesen, den Fehler zu entdecken (vgl. EVGU
I.678/2000, Erw. 3b). Vorzuziehen ist indessen das Abstellen auf dasjenige
Datum, an welchem die Beschwerdegegnerin die Revision von Amtes wegen
hätte einleiten müssen. Würde nämlich auf das erstgenannte Datum
abgestellt, hätte die IV-Stelle jeweils die Möglichkeit, die Entdeckung des
Fehlers herauszuzögern, was nicht anginge.
4. Für das Gericht ist nur schwer nachvollziehbar, dass ein derart krasser Fehler
über mehr als zweieinhalb Jahre nicht bemerkt wurde. Trotzdem ergibt sich,
dass mit dem Erlass der Rückforderungsverfügung vom 6. September 2006
die einjährige relative Verwirkungsfrist des Art. 25 Abs. 2 ATSG in beiden
Fällen, ob nun auf den 30. November 2005 oder den 20. Januar 2006 als
Fristbeginn abgestellt wird, noch nicht abgelaufen war und die Rückforderung
rechtzeitig verfügt wurde. Somit kann letztlich auch offen bleiben, ob nun das
Datum der Anhandnahme der Rentenrevision oder das Datum, an dem die
Rentenrevision einzuleiten gewesen wäre, den fristauslösenden Zeitpunkt
darstellt.
5. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG (SR 831.20) ist das Beschwerdeverfahren neu
(seit 01.07.2006) – in Abweichung zu Art. 61 lit. a ATSG - bei Streitigkeiten
um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem
kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach
dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr.
200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Angesichts aller Umstände rechtfertigt es
sich hier, dem Beschwerdeführer Kosten von Fr. 200.-- aufzuerlegen.
6. Gestützt auf Art. 25 Abs. 1, zweiter Satz ATSG i. V. m. Art. 4 der Verordnung
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV; SR 830.11)
wird die Rückerstattung unrechtmässig gewährter Leistungen, die in gutem
Glauben empfangen werden, bei Vorliegen einer grossen Härte ganz oder
teilweise erlassen. Nach Art. 4 Abs. 2 ATSV ist für die Beurteilung, ob im
Einzelfall eine grosse Härte vorliegt, der Zeitpunkt der rechtskräftigen
Rückforderungsverfügung massgebend. Die zuständige kantonale Amtsstelle
darf dem Erlassgesuch eines Versicherten somit nur dann stattgeben, wenn
kumulativ Gutgläubigkeit des Empfängers beim Bezug der Leistung und
grosse Härte für den Fall der Rückerstattung vorliegen. Für den
Beschwerdeführer besteht somit die Möglichkeit, bis spätestens 30 Tage nach
Eintritt der Rechtskraft der Rückforderungsverfügung, bei der zuständigen
kantonalen Amtsstelle ein Erlassgesuch zu stellen (Art. 4 Abs. 4 ATSV).