Decision ID: d8cdd3f1-5639-57fa-8827-547a356a1519
Year: 2012
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die
Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters entschieden wird
(Art. 111 Bst. e AsylG), und es sich vorliegend, wie nachfolgend aufge-
zeigt, um eine solche handelt, weshalb der Beschwerdeentscheid nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG vorliegend auf einen Schriften-
wechsel verzichtet wurde,
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es
das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 32-35 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwerdein-
stanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2011/9 E. 5
S. 116),
dass sich demnach die Beschwerdeinstanz – sofern sie den Nichteintre-
tensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstständigen mate-
riellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung aufhebt und die Sa-
che zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweist,
dass die Vorinstanz die Frage der Wegweisung und des Vollzugs ma-
teriell geprüft hat, weshalb dem Bundesverwaltungsgericht diesbezüg-
lich grundsätzlich volle Kognition zukommt, wobei sich diese Fragen
– namentlich diejenigen hinsichtlich des Bestehens von Vollzugshin-
dernissen (Durchführbarkeit der Überstellung an den zuständigen
Staat) – in den Dublin-Verfahren bereits vor Erlass des Nichteintre-
tensentscheides stellen,
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asyl-
suchende in einen Drittstaat ausreisen können, welcher für die Durch-
führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zu-
ständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG),
dass das BFM an Italien ein Ersuchen um Übernahme des Beschwer-
deführers gestellt hat und dieses innerhalb der festgelegten Frist unbe-
antwortet geblieben ist, weshalb die Zuständigkeit auf Italien überge-
gangen ist,
E-1804/2012
Seite 7
dass die Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens nicht in Frage steht und aufgrund der einschlägigen
Staatsverträge und Verordnungen der Europäischen Gemeinschaft (ins-
besondere DAA, Dublin II-VO und DVO Dublin) feststeht,
dass der Beschwerdeführer nach Italien ausreisen kann, welches Land
für die Prüfung seines Asylantrages zuständig ist,
dass, wie auch in der Beschwerde beantragt wird, zu prüfen bleibt, ob
Gründe vorliegen, die das BFM hätten veranlassen müssen, sein ihm
gemäss Art. 3 Abs. 2 Satz 1 Dublin II-VO auch bei Zuständigkeit eines
anderen Signatarstaates zustehendes Selbsteintrittsrecht auszuüben,
dass der Beschwerdeführer im Rahmen des rechtlichen Gehörs am
25. Januar 2012 geltend machte, er habe in Italien auf der Strasse leben
müssen, weshalb aufgrund der winterlichen Temperaturen sein Leben in
Gefahr gewesen sei, die humanitären Organisationen hätten ihm nicht
länger helfen können, er beherrsche die italienische Sprache nicht und
könne so nicht leben,
dass er mit Bezug auf den eingereichten ärztlichen Bericht vom 28. März
2012 auf Beschwerdeebene insbesondere im Wesentlichen geltend
macht, er sei in psychiatrischer Behandlung und benötige dringend psy-
chiatrisch-psychotherapeutische Unterstützung und Stabilisierung,
dass eine angemessene Psychoedukation in seiner Muttersprache und
eine engmaschige psychiatrische Behandlung, inklusive adäquater psy-
chopharmakologischer Therapie, essentiell sei, um den (Krank-
heits-)Verlauf günstig zu beeinflussen,
dass im ärztlichen Bericht die Prognose gestellt wird, ohne adäquate
fachärztliche Behandlung würde von einer ungünstigen Prognose mit
Exazerbation (Verschlimmerung) der psychotischen Symptomatik ausge-
gangen, was mitunter zu fremd- oder selbstgefährdendem Verhalten füh-
ren könnne, normalerweise seien akut entstandene psychische Krankhei-
ten gut behandelbar,
dass in der Rechtsmitteleingabe zudem geltend gemacht wird, der Be-
schwerdeführer habe in Italien ohne Aufenthaltsbewilligung und ohne Ar-
beit auf der Strasse gelebt und nur für kurze Zeit Hilfe von einer humani-
tären Organisation erhalten,
E-1804/2012
Seite 8
dass in der Rechtsmitteleingabe gefolgert wird, die Schweiz sei aufgrund
humanitärer Gründe gehalten, von ihrem Selbsteintrittsrecht gemäss
Art. 3 Abs. 2 Dublin II-VO Gebrauch zu machen,
dass Art. 3 Dublin II-VO nach der Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts nicht direkt anwendbar ist, sondern nur in Verbindung mit
einer anderen Norm angerufen werden kann (vgl. BVGE 2010/45 E. 5),
dass Italien unter anderem Signatarstaat der FK, der EMRK und der FoK
ist,
dass keine konkreten Hinweise dafür bestehen, Italien würde sich nicht
an die massgebenden völkerrechtlichen Bestimmungen, insbesondere an
das Rückschiebungsverbot oder die einschlägigen Normen der EMRK,
halten,
dass auch kein Grund zur Annahme besteht, Personen, die sich im Rah-
men eines Asylverfahrens in Italien aufhalten, würden aufgrund der dorti-
gen Aufenthaltsbedingungen in eine existenzielle Notlage versetzt,
dass Italien die Mindestnormen der EU für die Aufnahme von Asylsu-
chenden anwendet, entsprechende Aufnahmestrukturen zur Verfügung
stellt und die medizinische Grundversorgung grundsätzlich gewährleistet,
dass das Bundesverwaltungsgericht hinsichtlich der Lebensbedingungen
von Asylsuchenden in Italien festhält, dass Asylsuchende bei der Unter-
kunft, der Arbeit und beim Zugang zur medizinischen Infrastruktur zwar
Schwierigkeiten ausgesetzt sein können,
dass das Gericht aber auch in Berücksichtigung der mit den Kapazitäts-
engpässen im Zusammenhang stehenden schwierigen Aufenthalts- und
Lebensbedingungen nicht zum Schluss gelangt, Italien verletze in syste-
matischer Weise die Richtlinie Nr. 2003/9/EG des Rates vom 27. Januar
2003 zur Festlegung von Mindestnormen für die Aufnahme von Asylbe-
werbern in den Mitgliedstaaten (Amtsblatt Nr. L 031 vom 06/02/2003
S. 0018-0025),
dass zwar das italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende in der Kritik
steht, in den Aufenthalts- und Verfahrensbedingungen für Personen, wel-
che sich im Rahmen eines Asylverfahrens in Italien aufhalten, aber insge-
samt kein Vollzugshindernis zu erkennen ist,
E-1804/2012
Seite 9
dass nach Kenntnis des Gerichts Dublin-Rückkehrende bezüglich Unter-
bringung von den italienischen Behörden bevorzugt behandelt werden
und sich – nebst den staatlichen Strukturen – auch zahlreiche private
Hilfsorganisationen der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen
annehmen,
dass beispielsweise die Organisation "Arci con Fraternità" seit dem 1. Ja-
nuar 2009 die Betreuung der Flüchtlinge im Flughafen Fiumicino (Rom)
organisiert und dort den Asylsuchenden kostenlose Rechtsberatung an-
bietet, womit dem Beschwerdeführer auch die Möglichkeit offensteht,
rechtliche Beratung zur Weiterführung seines Asylverfahrens in Italien zu
erhalten,
dass nach Erkenntnis des Gerichts die medizinische und psychothera-
peutische Versorgung in Italien zureichend gewährleistet ist,
dass deshalb weder angesichts der Verhältnisse in Italien noch zufolge
der individuellen Situation des Beschwerdeführers Anlass zur Annahme
einer existenziellen Notlage im Falle einer Rückführung dorthin besteht,
dass das mit der Rechtsmittelschrift angerufene Schreiben des italieni-
schen Innenministeriums vom 26. November 2009 und der zitierte Bericht
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom Mai 2011 zu keiner ande-
ren Betrachtungsweise führen,
dass das pauschale Vorbringen, Italien könne den Anforderungen der EU-
Mindestrichtlinien in Bezug auf die Bedürfnisse unter anderem von
Krankheit betroffenen Personen nicht nachkommen, in dieser Form nicht
gehört werden kann,
dass gemäss der EU-Richtlinie 2003/9/EG den Asylsuchenden bei be-
sonderen Bedürfnissen eine entsprechende medizinische Versorgung
angeboten wird und diese Richtlinie auch in Italien umgesetzt worden ist,
dass der Beschwerdeführer demzufolge auch in Italien die benötigte Be-
handlung seines psychischen Leidens erhalten kann,
dass das BFM, um den vorgebrachten psychischen Problemen Rechnung
zu tragen, anzuweisen ist, die italienischen Behörden frühzeitig vor der
Überstellung des Beschwerdeführers über dessen gesundheitliche Situa-
tion und den Behandlungsbedarf zu informieren, damit diese die notwen-
digen Massnahmen ergreifen können,
E-1804/2012
Seite 10
dass somit für das Bundesverwaltungsgericht keine Gründe ersichtlich
sind, die das Bundesamt zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts (Art. 3
Abs. 2 Dublin II-VO) hätten veranlassen sollen,
dass das Bundesamt demnach in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d
AsylG zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht einge-
treten ist,
dass das Nichteintreten auf ein Asylgesuch in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz zu Folge hat (Art. 44 Abs. 1 AsylG) und vorliegend keine
Ausnahme von diesem Grundsatz ersichtlich ist (vgl. BVGE 2008/34
E. 9.2), weshalb diese zu Recht angeordnet wurde,
dass – wie schon vorstehend ausgeführt – die Frage der Zulässigkeit,
Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs in Verfahren
nach Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG bereits Voraussetzung (und nicht erst
Regelfolge) des Nichteintretensentscheides ist (vgl. BVGE 2010/45
E. 10.2), weshalb allfällige Vollzugshindernisse systembedingt bereits im
Rahmen der eventuellen Anwendung der sogenannten Souveränitäts-
klausel (Art. 3 Abs. 2 Dublin II-Verordnung) geprüft wurden,
dass nach dem Gesagten der vom BFM verfügte Vollzug der Wegwei-
sung zu bestätigen ist,
dass der Beschwerdeführer demnach nicht darzutun vermag, inwiefern
die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzt, den rechtserheblichen
Sachverhalt unrichtig oder unvollständig feststellt oder unangemessen ist
(Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen ist,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten (Art. 1-3 VGKE)
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen wären (Art. 63 Abs. 1 VwVG),
dass zwar das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ungeachtet der Bedürftigkeit des Be-
schwerdeführers abzuweisen ist, da die Beschwerdebegehren aufgrund
der aktuellen Praxis zu den vorliegenden Rechtsfragen als aussichtslos
zu bezeichnen sind,
dass aber in Anwendung von Art. 6 Bst. b VGKE vorliegend die Verfah-
renskosten zu erlassen sind,
dass mit dem instruktionslosen Direktentscheid in der Hauptsache die
Gesuche um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, um Er-
E-1804/2012
Seite 11
teilung der aufschiebenden Wirkung und um Anordnung von vorsorgli-
chen Massnahmen hinfällig werden.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1804/2012
Seite 12

Considerations: