Decision ID: d91d88cb-6afb-5c5d-8b7e-709b2dc01a71
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge im November 2015 zusammen mit ihrem Bruder B._ (N [...])
in Richtung Türkei. Sie gelangten mit einem Boot nach Griechenland und
setzten ihre Reise auf dem Landweg durch verschiedene europäische
Staaten fort. Am 22. November 2015 erreichten sie die Schweiz, wo sie
zwei Tage später um Asyl nachsuchten. Beide wurden dem Testbetrieb des
Verfahrenszentrums Zürich zugewiesen. Nach der Personalienaufnahme
und einem beratenden Vorgespräch wurde die Beschwerdeführerin am
7. Januar 2016 zu ihren Asylgründen angehört. Mit Verfügung vom 19. Ja-
nuar 2016 wies das SEM die Beschwerdeführerin und ihren Bruder dem
erweiterten Verfahren zu. Am 11. Mai 2017 fand eine ergänzende Anhörung
statt.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie stamme aus der Stadt
C._ in der Provinz D._ und gehöre der Volksgruppe der tür-
kischsprachigen Qashqai an. Sie habe die Schule mit einer Maturität ab-
geschlossen und ein Universitätsstudium absolviert, welches sie im Som-
mer 2015 mit einem Master in (...) beendet habe. Ihre Familie habe stets
politische Probleme mit den iranischen Behörden gehabt, insbesondere
aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Nach der Revolution sei einer ih-
rer Cousins hingerichtet worden. Zudem sei ihr Schwager E._ eine
einflussreiche Person ihres Stammes gewesen und immer wieder verhaftet
worden. Zuletzt habe er sich wöchentlich, ebenso wie ihr Bruder
B._, bei den Behörden melden müssen. Mehrere ihrer Brüder seien
zu Gefängnisstrafen verurteilt worden und ihre Schwester F._ (N
[...]) habe aufgrund ihrer politischen Aktivitäten in der Schweiz Asyl erhal-
ten. Die Sicherheitsbehörden hätten auch regelmässig ihr Haus durch-
sucht. Sie selbst sei immer wieder von Angehörigen der Basij – einer Volks-
miliz, die in der Nähe ihres Hauses eine Station gehabt habe – belästigt
worden. Bereits als Zwölfjährige hätten Basij-Mitglieder sie auf dem Weg
zur Schule angegriffen und missbraucht. Danach sei es noch zwei weitere
Male auf dem Schulweg zu Übergriffen durch Angehörige der Basij gekom-
men. Im Jahr 2009 sei sie wiederum von Basij-Leuten an einer Bushalte-
stelle zu Boden gestossen, getreten und beschimpft worden. Ein anderes
Mal, etwa im (...) 2015, sei sie abends von zwei Basij-Mitgliedern auf dem
Motorrad angegriffen worden. Dabei sei sie zu Boden gefallen und habe
sich Verletzungen im Gesicht zugezogen. Einige Wochen später habe sich
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E._ aufgrund seiner Meldepflicht zu den Behörden begeben. Als er
zurückgekommen sei, habe er im Gesicht geblutet und sei daraufhin ver-
storben. Die Behörden hätten ihrer Schwester G._ – der Ehefrau
von E._ – gesagt, sie solle keine Klage einreichen wegen des Todes
ihres Mannes. Zudem hätten sie ihr mitgeteilt, der Vorfall mit den Basij und
ihrer Schwester (der Beschwerdeführerin) sei kein Zufall gewesen. Nach
diesem Ereignis sei B._, der eine sehr enge Beziehung zu
E._ gehabt habe, seiner Meldepflicht bei den Behörden nicht mehr
nachgekommen. Am (...) November 2015 seien Vertreter der Sicherheits-
behörden in den frühen Morgenstunden zum Haus gekommen, in dem sie
mit ihren Eltern gelebt habe. Sie hätten nach B._ gefragt und damit
gedroht, anstelle ihres Bruders sie mitzunehmen. Ihre Verwandten und ins-
besondere ihre Mutter hätten sie in der Folge überredet, zusammen mit
B._ den Iran zu verlassen.
Weiter brachte die Beschwerdeführerin vor, sie sei bereits im Iran zum
Christentum konvertiert. Aufgrund ihrer Erlebnisse mit den iranischen Be-
hörden und den Basij – die angeblich im Namen des Islam und der Ge-
rechtigkeit handelten – habe sie begonnen, den Islam abzulehnen. Sie
habe sich zuerst für das Judentum interessiert, sei dann aber über einen
katholischen Freund ihres Bruders B._ mit dem Katholizismus in
Kontakt gekommen. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen habe sie an
heimlichen Versammlungen in Wohnungen von Christen teilgenommen.
Neben ihrer Familie habe niemand davon gewusst. Zwischenzeitlich sei sie
in der Schweiz getauft worden und würde daher bei einer Rückkehr auf-
grund ihrer Konversion erhebliche Probleme bekommen.
B.b Die Beschwerdeführerin reichte zum Nachweis ihrer Identität ihre
Shenasnameh und ihre iranische Identitätskarte im Original ein. Als weitere
Beweismittel legte sie einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 1997 betreffend
E._, eine Besuchserlaubnis für ihre Mutter betreffend den Bruder
H._, zwei Vorladungen für H._ aus dem Jahr 2010 sowie
eine Mahnung an ihren Bruder I._ im Zusammenhang mit einer An-
zeige gegen ihn (alle als Scanausdruck) vor. Zudem wurde eine Vorladung
für ihren Bruder B._ vom (...) 2015 zu den Akten genommen.
C.
Mit Verfügung vom 27. März 2018 – eröffnet am 4. April 2018 – stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete deren Vollzug an.
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D.
Mit Eingabe vom 4. Mai 2018 erhob die Beschwerdeführerin – handelnd
durch ihren Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
de gegen diesen Entscheid. Sie beantragte die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Anerken-
nung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 54 AsylG (SR 142.31)
und gestützt darauf eine vorläufige Aufnahme. Subeventualiter sei von ei-
ner Wegweisung abzusehen und es sei infolge Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands in der Per-
son des unterzeichnenden Rechtsvertreters, eventualiter sei zumindest auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Der Beschwerde la-
gen – neben einer Vollmacht, der angefochtenen Verfügung und einer So-
zialhilfebestätigung – ein ärztliches Zeugnis von Dr. J._ vom
12. April 2018, ein Taufschein vom (...) 2017, ein Schreiben und eine Ver-
fügung betreffend den Eintritt der Beschwerdeführerin in die römisch-ka-
tholische Körperschaft vom (...) 2017 sowie drei Referenzschreiben betref-
fend ihre Religionszugehörigkeit bei.
E.
Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege
mit Verfügung vom 17. Mai 2018 gut, verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und ordnete der Beschwerdeführerin Rechtsanwalt
Marcel Zirngast als amtlichen Rechtsbeistand bei.
F.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 1. Juni 2018 zur Beschwerde vom
4. Mai 2018 vernehmen. Als Beilage wurde ein Auszug des von der Be-
schwerdeführerin geführten Religionsblogs mit teilweiser Übersetzung ein-
gereicht.
G.
Mit Eingabe vom 21. Juni 2018 reichte die Beschwerdeführerin durch ihren
Rechtsvertreter eine Replik ein. Dieser lagen Ausdrucke ihres Religions-
blogs sowie ihrer Facebook-Seite, beide mit verschiedenen Kommentaren,
bei.
H.
Der Rechtsvertreter liess dem Bundesverwaltungsgericht mit Eingabe vom
9. November 2018 eine Auflistung des Vertretungsaufwands zukommen.
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I.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 1. Juni 2021 liess die Beschwer-
deführerin die folgenden Beweismittel zu den Akten reichen: ein Schreiben
des Pfarramts (...) vom 28. April 2021, ein Bestätigungs-Schreiben der
(...), ein Auszug der Zeitschrift (...) vom Dezember 2020, ein Referenz-
schreiben von Pfarrerin K._ vom 3. Mai 2020, ein Flyer für den Film
(...) in welchem die Beschwerdeführerin porträtiert wird, ein Auszug aus
dem Buch (...) der römisch-katholischen Gesprächskommission in wel-
chem sie mit einem Foto abgebildet ist sowie Screen-Shots von Social-
Media-Konten mit Erläuterungen. Ergänzend wurden ein Arbeitszeugnis
der (...) vom 11. Dezember 2020, eine Legitimationskarte der (...) und ein
Zertifikat telc Deutsch B1 eingereicht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, die Beschwer-
deführerin habe den Iran eigenen Angaben zufolge verlassen, weil die Si-
cherheitsbehörden damit gedroht hätten, sie anstelle ihres Bruders
B._ mitzunehmen. Diesbezüglich sei festzuhalten, dass es
B._ im Rahmen seines Asylverfahrens nicht gelungen sei, seine
Verfolgung glaubhaft zu machen. Es sei daher auch nicht plausibel, dass
die Beschwerdeführerin seinetwegen eine Reflexverfolgung zu befürchten
gehabt hätte. Ihre Angaben zu den Ereignissen vor der Ausreise seien zu-
dem widersprüchlich ausgefallen. So habe sie einerseits angegeben, die
Behörden hätten ihre Eltern darüber informiert, dass sie anstelle von
B._ mitgenommen werde. Zudem hätten die Beamten anlässlich
des Besuchs bei ihnen zu Hause geschrien und gedroht. Andrerseits habe
sie ausgeführt, die Behördenvertreter hätten sich ruhig verhalten und ver-
lauten lassen, es gehe um nichts Grosses. Dann hätten sie ihr direkt ge-
sagt, sie würden sie anstelle ihres Bruders mitnehmen. Weiter falle auf,
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dass sie erstaunlich schlecht über die angebliche Verfolgungsgeschichte
von B._ informiert sei. Sie habe weder angeben können, ob er ver-
urteilt worden sei, noch ab welchem Zeitpunkt er seiner Meldepflicht nicht
mehr nachgekommen sei. Ausserdem habe B._ ausgesagt, der
Vorfall im (...) 2015 mit den Basij sei zur Anzeige gebracht worden, wäh-
rend die Beschwerdeführerin angegeben habe, es sei keine Anzeige er-
stattet worden. Sie habe auch nicht nachvollziehbar darlegen können, wes-
halb gerade sie zu diesem bestimmten Zeitpunkt gezielt angegriffen wor-
den sei. Zwar habe sie erklärt, die Basij hätten ihre Familie damit wohl war-
nen wollen. Weshalb diese auf eine solche Art der Warnung – die von ihrer
Familie nicht einmal verstanden worden sei – zurückgreifen sollten, bleibe
jedoch unverständlich und mute konstruiert an. Zudem bestünden starke
Zweifel an ihrer Aussage, dass sie verfolgt und bedroht worden sei, weil
sie einer Familie angehöre, die seit vielen Jahren Schwierigkeiten mit den
Sicherheitskräften gehabt habe. Ihre zuvor in die Schweiz geflüchtete
Schwester F._ habe dies in keiner Weise erwähnt und ausdrücklich
verneint, abgesehen von den eigenen politischen Tätigkeiten sowie eines
isolierten Ereignisses Probleme mit den iranischen Behörden gehabt zu
haben. Dies sei angesichts der erheblichen Schwierigkeiten, die ihre ge-
samte Familie über Jahre hinweg gehabt haben soll, schwer verständlich.
Schliesslich würden auch die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrem
Bruder H._ Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Verfolgungsabsichten
seitens der iranischen Behörden aufwerfen. Dieser soll zwar verurteilt wor-
den sein und sich verstecken müssen, was aber in einem seltsamen Kon-
trast stehe zu dessen Verhalten, in einem Dorf nahe C._ zu wohnen
und alle zwei Wochen die Eltern zu besuchen. Schliesslich sei die Be-
schwerdeführerin nie von den heimatlichen Behörden mitgenommen oder
verhaftet worden und habe weder einer Meldepflicht noch einer Ausreise-
sperre unterstanden, was darauf hindeute, dass ihr gegenüber keine ge-
zielte Verfolgungsabsicht bestanden habe. Ihre Vorbringen hielten deshalb
den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand.
Sodann reiche gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts allein das Bekenntnis zum Christentum nicht aus, um von einer Ver-
folgungssituation im Iran auszugehen. Vorliegend habe die Familie der Be-
schwerdeführerin von ihrer Teilnahme an christlichen Versammlungen ge-
wusst, während dies den Behörden nicht bekannt gewesen sei. Sie habe
ihren Glauben auch nicht nach aussen getragen. Entsprechend vermöge
die vorgebrachte Konversion zum Christentum die Flüchtlingseigenschaft
nicht zu begründen. Hinsichtlich der geltend gemachten Übergriffe durch
Angehörige der Basij während ihrer Schulzeit sei festzuhalten, dass sie
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nach diesen noch mehrere Jahre im Iran gelebt habe. Ohne auf die Glaub-
haftigkeit dieser Vorbringen einzugehen sei festzustellen, dass diese nicht
in einem genügend engen zeitlichen Kausalzusammenhang zur Flucht
stünden. Überdies habe sie die Angriffe nicht bei den Behörden gemeldet,
weshalb diesen kein mangelnder Schutzwille vorgeworfen werden könne.
Weiter bringe die Beschwerdeführerin vor, ihre ganze Familie habe unter
den iranischen Behörden gelitten, da sie der ethnischen Minderheit der
Qashqai angehörten. Zwar seien nach der iranischen Revolution regime-
kritische Führer der Qashqai zum Tode verurteilt und verschiedene Bräu-
che als unislamisch eingestuft worden. Die Qashqai würden im Iran aber
nicht aufgrund ihrer Ethnie verfolgt, auch wenn es infolge ihres Minderhei-
tenstatus zu Diskriminierungen kommen könne. Hinweise auf effektive Dis-
kriminierungen bestünden im Fall der Beschwerdeführerin nicht, zumal sie
ein Universitätsstudium absolviert habe und ihre Familie Immobilien be-
sitze.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde einleitend festgehalten, dass die Vor-
instanz die Verfolgungslage des Bruders B._ zu Unrecht als nicht
glaubhaft eingestuft habe. Diesbezüglich werde vollumfänglich auf die Be-
schwerdeschrift in dessen Verfahren (D-2611/2018) verwiesen. Das Aus-
sageverhalten der Beschwerdeführerin zeige auf, dass sie offenkundig
traumatisiert sei. Vor allem bei der Zweitanhörung habe sie häufig geweint
und die Hilfswerksvertretung habe angemerkt, sie mache einen traumati-
sierten Eindruck. Dies lasse sich damit erklären, dass sie seit ihrem zwölf-
ten Lebensjahr mehrmals sexuelle Übergriffe durch Volksmilizionäre habe
erdulden müssen. Sie habe unter Tränen dargelegt, dass sie deswegen
alle Männer hasse und nicht mehr wie ein normaler Mensch leben könne.
Es sei ihr offensichtlich schwergefallen, über diese Vorkommnisse zu spre-
chen. In einem aktuellen ärztlichen Zeugnis werde bestätigt, dass sie unter
grossen Ängsten, Panikattacken und Schlafstörungen leide, die im Zusam-
menhang mit früheren Erlebnissen stünden. Die Vorinstanz sei überhaupt
nicht auf die dahingehenden Aussagen der Beschwerdeführerin eingegan-
gen und habe in der angefochtenen Verfügung lediglich ausgeführt, es
fehle an einem zeitlichen Kausalzusammenhang zwischen diesen Ereig-
nissen und der Flucht. Diese Auffassung zeuge von einem gänzlichen Ig-
norieren frauenspezifischer Fluchtgründe, da es völlig lebensfremd sei,
dass sich ein zwölfjähriges Mädchen zur Ausreise entschliessen würde.
Viel plausibler sei, dass dieses – wie vorliegend – aus Scham und Angst
vor einer weiteren Eskalation einfach schweige. Zudem seien die Basij Teil
des iranischen Machtapparates, weshalb es sich dabei um einen direkten
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staatlichen Übergriff handle. Eine Anzeige bei der Polizei sei zwar theore-
tisch möglich, aber offensichtlich aussichtslos. Die Beschwerdeführerin sei
die jüngste Tochter einer grösseren Qashqai-Familie in C._. Sie sei
damit das verletzlichste und am besten angreifbare Glied der Familie ge-
wesen, weshalb sie vermute, sie habe mit den erlittenen Übergriffen für die
Aktivitäten ihrer Brüder sowie ihres Schwagers büssen müssen. Es sei
auch möglich, dass die Basij versucht hätten, eine Reaktion ihrer Brüder
zu provozieren, um die Situation eskalieren zu lassen und gegen diese vor-
gehen zu können. Auch wenn kein enger zeitlicher Konnex zwischen die-
sen Vorkommnissen und der Flucht bestehe, stellten diese einen bedeut-
samen Erklärungshintergrund für die Gefährdung der Beschwerdeführerin
dar. Aufgrund dieser Vorgeschichte sei nachvollziehbar, dass ihr die Dro-
hung der Behörden am (...) November 2015, sie anstelle von B._
mitzunehmen, als existenziell bedrohend erschienen sei. Sie habe dieses
Ereignis mehrmals auffallend detailliert, unter Tränen und widerspruchsfrei
geschildert. Zu Beginn seien die Behördenvertreter ruhig geblieben und
hätten gesagt, es gehe um nichts Grosses. Als sie aber keine Informatio-
nen zum Aufenthalt des Bruders erhalten hätten, seien sie lauter gewor-
den. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz liege darin kein Widerspruch,
sondern die zu erwartende Dynamik eines solchen Vorgangs. Die Be-
schwerdeführerin habe zudem eindrücklich geschildert, dass bereits An-
stalten gemacht worden seien, die Fraueneinheit aufzubieten, um sie zu
verhaften. Nur auf die Intervention ihrer Mutter hin hätten sich die Behörden
vorerst davon abhalten lassen. Dies habe jedoch bedeutet, dass sie von
nun an jeden Tag mit einer Verhaftung hätte rechnen müssen, solange ihr
Bruder B._ sich nicht den Behörden stellt. Es sei für die Familie
daher klar gewesen, dass nicht nur B._, sondern auch die Be-
schwerdeführerin das Land verlassen müsse. Weiter sei es aufgrund ihrer
Traumatisierung durchaus plausibel, dass für sie die ihren Bruder betref-
fenden Ereignisse nicht im Vordergrund gestanden hätten. Sie habe offen
zugegeben, gegenüber ihren Brüdern ambivalente Gefühle gehegt zu ha-
ben, da sie ohne deren Aktivitäten allenfalls nicht ins Visier der Basij gera-
ten wäre. Es sei auch zu beachten, dass die Beschwerdeführerin mehr als
(...) Jahre jünger sei als B._ und die Familie wohl bemüht gewesen
sei, sie als jüngstes Familienmitglied möglichst wenig mit allen Vorfällen zu
belasten. Folglich sei nachvollziehbar, dass sie keine detaillierte Kenntnis
von der Verfolgungsgeschichte ihres Bruders habe. Weiter sei es nicht als
relevanten Widerspruch zwischen den Aussagen der Beschwerdeführerin
und jenen von B._ anzusehen, dass letzterer angegeben habe, der
Vorfall mit den Basij im Jahr 2015 sei zur Anzeige gebracht worden. Auf-
grund ihrer bisherigen Erfahrungen sei es für die Beschwerdeführerin klar
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gewesen, dass eine Anzeige nichts bringen würde, weshalb sie davon ab-
gesehen habe. Es sei aber durchaus plausibel, dass ihr Bruder durch den
Überfall die Familienehre tangiert gesehen habe und – ohne Kenntnis der
Beschwerdeführerin – eine Anzeige erstattet habe.
Sodann erfülle die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft auch
aufgrund ihrer Apostasie, da es im Iran nach islamischem Recht unter To-
desstrafe verboten sei, vom Islam abzufallen. Die mit der Beschwerde ein-
gereichten Unterlagen – Taufschein, Schreiben der Kirchbehörden sowie
Referenzschreiben – würden ihre Konversion sowie ihr Engagement als
katholische Christin belegen. Ergänzend sei darauf hinzuweisen, dass sie
einen römisch-katholischen Religionsblog in persischer Sprache sowie
eine Facebook-Seite und einen YouTube-Kanal betreibe. Es müsse davon
ausgegangen werden, dass diese Online-Aktivitäten dem islamisch-theo-
kratischen Regime im Iran bekannt und ein Dorn im Auge seien. Sie sei
eine profilierte katholische Christin, weshalb subjektive Nachfluchtgründe
im Sinne von Art. 54 AsylG vorlägen.
4.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, aufgrund der einge-
reichten Unterlagen sei davon auszugehen, dass sich die Beschwerdefüh-
rerin in der Schweiz habe taufen lassen. Obwohl die Taufe bei der ergän-
zenden Anhörung bereits einige Monate zurückgelegen habe, habe sie die
zum Katholizismus gestellten Fragen nur rudimentär beantworten können.
Es sei daher fraglich, wie ernsthaft sie sich mit dem neuen Glauben ausei-
nandergesetzt habe. Die vorgelegten Referenzschreiben würden sich im
Wesentlichen auf den Besuch des Gottesdienstes beschränken. Zwar
werde in einem Schreiben erwähnt, die Beschwerdeführerin sei auch mis-
sionarisch tätig; als Beispiel werde aber lediglich die Mithilfe an einer Gas-
senweihnacht aufgeführt. Damit habe sie sich offensichtlich nicht in asylre-
levanter Weise exponiert. In Bezug auf den Religionsblog sei festzuhalten,
dass keine Belege vorlägen, welche eine eindeutige Zuordnung zur Be-
schwerdeführerin erlauben würden. Aufgrund des unpersönlichen Inhalts
scheine dieser vielmehr zwecks Untermauerung der Asylvorbringen erstellt
worden zu sein. Zudem lägen keine klaren Hinweise dafür vor, dass der
Blog den iranischen Behörden überhaupt bekannt sei. Da sie bis anhin
nicht negativ in Erscheinung getreten sei, sei nicht ersichtlich, weshalb die
heimatlichen Behörden aktiv ihre Tätigkeiten überwachen sollten. Insge-
samt sei nicht davon auszuggehen, dass sie im Iran mit einer asylrelevan-
ten Verfolgung zu rechnen hätte, zumal die diskrete und private Glau-
bensausübung grundsätzlich möglich sei.
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Seite 11
4.4 In der Replik wurde geltend gemacht, die Vorinstanz werfe der Be-
schwerdeführerin vor, sie habe nur ein rudimentäres Wissen zum Katholi-
zismus. Entgegen der vorinstanzlichen Auffassung sei eine Apostasie vom
Islam aber kein kognitiv-intellektueller Vorgang. Sei jemand bereit, den Is-
lam zu verlassen und damit sein Leben zu riskieren, geschehe dies nie aus
intellektuellen Gründen, sondern aufgrund einer existenziellen Identitäts-
krise. Die Beschwerdeführerin habe ausführlich dargelegt, dass sie die Er-
lebnisse mit Vertretern der Volksmilizen vom Islam entfremdet hätten. Viele
Menschen im Iran seien der autoritären und gewaltsamen islamistisch-the-
okratischen Diktatur überdrüssig und deshalb offen für eine existenzielle
Neuorientierung. Weiter sei es unzutreffend, dass sich auf dem Religions-
blog und der Facebook-Seite nur unpersönliche Einträge befänden. Nicht
nur seien auf dem Blog bei ihrem Profil die vollständigen Personalien samt
Aufenthaltsort ersichtlich, es gebe dort auch zahlreiche persönliche Kom-
mentare zu ihren Einträgen. Die Facebook-Seite – auf welcher ihre Perso-
nalien ebenfalls ersichtlich seien – weise über dreitausend "Freunde" auf
und es finde darauf ein reger Austausch statt, wobei es zum Teil auch be-
drohliche Kommentare aus dem Iran gebe. Es sei daher glaubhaft, dass
sich die Beschwerdeführerin als Apostatin und Katholikin exponiert habe
und als solche den Religionsbehörden im Iran bekannt sei, zumal diverse
ihrer Familienangehörigen bereits gegen staatliche Interessen verstossen
hätten und auch sie selbst schon mit den Volksmilizen zu tun gehabt habe.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen ei-
nes Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge-
macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie
aber überwiegend für wahr hält. Eine wesentliche Voraussetzung für die
Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erleb-
nisse betreffende, substanziierte, weitgehend widerspruchsfreie und kon-
krete Schilderung der Vorkommnisse, welche bei objektiver Betrachtung
plausibel erscheint. Von unglaubhaften Ausführungen ist dagegen bei
wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen
Vorbringen auszugehen. Entscheidend ist, ob bei einer Gesamtbeurteilung
die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung der Be-
schwerdeführenden sprechen, überwiegen oder nicht. Demgegenüber
reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt eines Vor-
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Seite 12
bringens zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Umstände we-
sentliche Elemente gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre-
chen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2013/11 E. 5.1).
5.2 Vorab ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungsgericht im
Urteil D-2611/2018 – gleichen Datums wie der vorliegende Entscheid – in
Übereinstimmung mit dem SEM zum Schluss kommt, dass es dem Bruder
der Beschwerdeführerin, B._, nicht gelang, eine Vorverfolgung
glaubhaft zu machen (vgl. dazu Urteil D-2611/2018 E. 5). Es ist somit nicht
davon auszugehen, dass dieser im Zeitpunkt der Ausreise von den irani-
schen Sicherheitsbehörden gesucht wurde. Damit ist der geltend gemach-
ten Reflexverfolgung, welche der Beschwerdeführerin aufgrund ihres Bru-
ders gedroht haben soll, die Grundlage entzogen. Die Vorinstanz wies in
diesem Zusammenhang zutreffend darauf hin, dass die Beschwerdeführe-
rin kaum Angaben zur angeblichen Verfolgungsgeschichte ihres Bruders
machen konnte. Sie erwähnte lediglich einen Gefängnisaufenthalt nach
dem Militärdienst – letzteren beendete B._ etwa (...) – und erklärte,
dass er oft inhaftiert worden sei. Sie konnte aber keine näheren Angaben
dazu machen, wann er das letzte Mal in Haft gewesen sei (vgl. A30,
F107 ff.). Auf die Frage nach den Problemen von B._ antwortete die
Beschwerdeführerin, dass er ein Regierungsgegner sei und "an Dingen"
teilgenommen habe. Präzisierend führte sie aus, damit seien die Demonst-
rationen von 2009 und "alles was mit den Qashqai zu tun hat" gemeint (vgl.
A30, F130 f.). Es ist schwer nachvollziehbar, dass sie nur derart vage Aus-
führungen zur Verfolgung von B._ machen konnte, nachdem der
unmittelbare Grund für die Ausreise die Reflexverfolgung wegen des Bru-
ders gewesen sein soll. Zudem ist anzumerken, dass sie den Iran gemein-
sam mit B._ verliess und mit ihm in die Schweiz reiste. Vor diesem
Hintergrund erstaunt es, dass sie lediglich sehr rudimentäre Kenntnisse
über dessen Verfolgungsgeschichte aufweist und offenbar auch kaum mit
ihm darüber gesprochen haben will (vgl. A18, F17 f.). Zwar trifft es zu, dass
zwischen den beiden Geschwistern ein erheblicher Altersunterschied be-
steht. Es ist jedoch festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin als Akade-
mikerin über einen hohen Bildungsstand verfügt und im Alter von (...) Jah-
ren ihren Heimatstaat verliess. Entsprechend kann erwartet werden, dass
sie die massiven Probleme mit den Sicherheitsbehörden, die B._
geltend machte – mehrmonatige Inhaftierungen, diverse Gerichtsverhand-
lungen sowie zahlreiche kürzere Festnahmen – mitbekommen hätte und
konkretere Angaben dazu machen könnte. Insgesamt ist daher nicht davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführerin vor der Ausreise gedroht hätte,
anstelle ihres behördlich gesuchten Bruders festgenommen zu werden.
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Seite 13
5.3 Sodann brachte die Beschwerdeführerin vor, sie sei mehrmals von An-
gehörigen der Volksmiliz Basij behelligt worden. Zuletzt soll sie von diesen
im (...) 2015 auf der Strasse angegriffen worden sein. Das SEM hielt dies-
bezüglich zutreffend fest, dass sie – anders als ihr Bruder – angegeben
hat, der betreffende Vorfall sei nicht zur Anzeige gebracht worden (vgl. A18,
F92 f. sowie Akten N [...], A23, F104 und F308). Zwar hat B._ aus-
drücklich erklärt, dass er und nicht etwa die Beschwerdeführerin Anzeige
erstattet habe (vgl. Akten N [...], A23, F305). Dies ändert jedoch nichts da-
ran, dass zu erwarten gewesen wäre, dass er seine Schwester zumindest
über die Anzeigeerstattung informiert hätte, zumal diese offensichtlich da-
von direkt betroffen gewesen wäre. Weiter wies die Vorinstanz zu Recht
darauf hin, dass der von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Hin-
tergrund der Behelligungen durch die Basij unklar bleibt. Nicht nur gelang
es B._ im Rahmen seines Asylverfahrens nicht, glaubhaft zu ma-
chen, dass er im Iran in asylrelevanter Weise verfolgt worden war. Auch die
in der Schweiz als Flüchtling anerkannte Schwester F._ führte bei
ihren Befragungen zu keinem Zeitpunkt aus, dass ihre Familie anhaltend
von behördlichen Verfolgungsmassnahmen betroffen gewesen wäre. Dies
erscheint schwer nachvollziehbar, nachdem die Beschwerdeführerin –
wenn auch äusserst rudimentär – von zahlreichen Problemen ihrer Brüder
berichtete, beispielsweise einem Gefängnisaufenthalt von B._, ei-
ner Verurteilung von Bruder H._ oder häufigen Mitnahmen von allen
ihren Brüdern (vgl. A30, F32 und F109 ff.). Es ist anzunehmen, dass
F._ derart massive Schwierigkeiten, die ihre nächsten Familienan-
gehörigen mit den heimatlichen Behörden gehabt haben sollen, erwähnt
hätte. Sie sprach jedoch lediglich eine Messerattacke auf den Bruder
I._ – welcher zwischenzeitlich als Flüchtling in England lebt – an
und nannte keine weiteren Vorfälle betreffend ihre Geschwister. Zudem fällt
auf, dass sowohl die Beschwerdeführerin als auch B._ angaben,
ihre Schwester sei im Zuge einer Demonstration zusammengeschlagen
worden (vgl. A18, F90 und Akten N [...], A23, F130), während F._
selbst dies nicht geltend machte. In diesem Zusammenhang wies das SEM
überdies zu Recht darauf hin, dass die Angaben zur Situation von Bruder
H._ nicht darauf schliessen lassen, dass die Familie der Beschwer-
deführerin anhaltend einer ernsthaften Verfolgung von Seiten der irani-
schen Behörden ausgesetzt gewesen wäre. Die Beschwerdeführerin führte
zwar aus, dass H._ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden sein
soll und sich seither auf der Flucht befinde (vgl. A18, F69). Dabei habe er
den Iran aber nicht verlassen, da seine Ehefrau nicht ausreisen wolle. Die
beiden lebten zusammen in der Ortschaft L._ in der Provinz
D._ (vgl. A18, F67 f.). Dieses Dorf befinde sich in der Nähe von
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C._ und H._ gehe alle zwei Wochen seine Mutter besuchen
(vgl. A30, F14). Selbst wenn er dabei gewisse Vorsichtsmassnahmen ein-
halten sollte (vgl. A30, F118), ist dieses Verhalten schwer nachvollziehbar,
wenn der Bruder tatsächlich von den Behörden gesucht würde. Es erstaunt
auch, dass er – trotz Verurteilung und damit jederzeit drohender Verhaftung
– geheiratet hat (vgl. A30, F35) und mit seiner Frau in der Nähe seiner
Familie lebt. Diese Umstände lassen daran zweifeln, dass er sowie die üb-
rigen Familienangehörigen der Beschwerdeführerin wirklich im geltend ge-
machten Ausmass vom iranischen Staat behelligt worden sind.
5.4 Die Beschwerdeführerin machte weiter geltend, dass sie bereits als
zwölfjährige Schülerin von zwei Angehörigen der Basij missbraucht worden
sei. Noch während der Schulzeit sei es zu zwei weiteren Übergriffen ge-
kommen (vgl. A30, F68 ff. und F89 ff.). Wie die Vorinstanz zutreffend aus-
führte, fehlt es diesen Ereignissen an einem zeitlich und sachlich ausrei-
chend engen Kausalzusammenhang zur späteren Ausreise. Zwar lässt
sich nicht von der Hand weisen, dass es – wie in der Beschwerdeschrift
angemerkt wird – lebensfremd wäre, zu erwarten, dass sich ein zwölfjähri-
ges Mädchen zur Ausreise aus dem Heimatstaat entschliessen würde. Die
Beschwerdeführerin machte indessen nicht geltend, dass sie ihren Heimat-
staat als direkte Folge dieser Vorfälle verlassen habe. Vielmehr führte sie
aus, sie sei aus dem Iran ausgereist aufgrund der Drohung der Sicherheits-
behörden, sie anstelle ihres Bruders B._ zu verhaften (vgl. etwa
A18, F36; A30, F133 ff.). Wie oben dargelegt wurde, erweist sich die gel-
tend gemachte Reflexverfolgung aber als nicht glaubhaft. Auch wenn sich
den Befragungsprotokollen der Beschwerdeführerin verschiedene Anhalts-
punkte für eine Traumatisierung entnehmen lassen, ist nicht davon auszu-
gehen, dass diese – sollte tatsächlich eine solche vorliegen – auf die von
ihr dargelegten Umstände zurückzuführen ist.
5.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es der Beschwerdeführerin
nicht gelingt, glaubhaft zu machen, dass sie im Zeitpunkt der Ausreise ei-
ner asylrelevanten Gefährdung ausgesetzt war. Sodann lassen sich den
Akten auch keine konkreten Hinweise dafür entnehmen, dass sie aufgrund
ihrer Schwester F._ oder ihres Bruders I._, die in der
Schweiz respektive in England als Flüchtlinge anerkannt wurden, einer Re-
flexverfolgung ausgesetzt gewesen wäre. Es wurde nicht geltend gemacht
und ist nicht ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin aufgrund von deren
Flucht – die mehrere Jahre vor ihrer eigenen Ausreise erfolgte – Probleme
erhalten hätte, die in einem erkennbaren Zusammenhang zu ihren Ge-
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Seite 15
schwistern stehen. Weiter ist nicht davon auszugehen, dass sie wegen ih-
rer Zugehörigkeit zur ethnischen Minderheit der Qashqai ernsthaften Nach-
teilen im Sinne des Asylgesetzes ausgesetzt war. Ihre Familie war wirt-
schaftlich gut gestellt und besitzt mehrere Immobilien (vgl. A18, F20). Die
Beschwerdeführerin selbst konnte die Schule besuchen und ein Universi-
tätsstudium absolvieren (vgl. A18, F25 f.). Sie war folglich in dieser Hinsicht
keinen massgeblichen Diskriminierungen ausgesetzt. Ferner machte sie
geltend, dass sie bereits im Iran zum Christentum konvertiert sei. Sie sei
aber nicht Mitglied einer katholischen Kirche geworden, da es dort nicht
möglich sei, öffentlich einer solchen beizutreten oder an Messen teilzuneh-
men (vgl. A18, F80 f.). Die Beschwerdeführerin betonte, dass ihre Konver-
sion den Behörden nicht bekannt gewesen sei (vgl. A18, F84), womit sie in
dieser Hinsicht vor der Ausreise offensichtlich keine Probleme erhalten hat.
Nach dem Gesagten hat das SEM zu Recht eine Vorverfolgung verneint
und das Asylgesuch der Beschwerdeführerin abgelehnt. Auch die Anord-
nung der Wegweisung erweist sich als rechtmässig, nachdem sie weder
über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung verfügt noch über ei-
nen Anspruch auf Erteilung einer solchen (Art. 44 AsylG, vgl. BVGE
2009/50 E. 9 m.H.).
6.
6.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl.
Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe können zwar die Flüchtlings-
eigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG begründen, führen jedoch nach
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. dazu
BVGE 2009/28 E. 7.1 m.w.H., und 2009/29 E. 5.1).
6.2 Auf Beschwerdeebene wurde weiter geltend gemacht, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft (auch) aufgrund von subjekti-
ven Nachfluchtgründen wegen ihrer Apostasie vom Islam. In der Schweiz
sei sie getauft worden, in die römisch-katholische Kirchgemeinschaft ein-
getreten, nehme regelmässig an Gottesdiensten teil und unterstütze die
Oberin des (...). Daneben betreibe sie einen römisch-katholischen Religi-
onsblog in persischer Sprache, eine Facebook-Seite und einen
YouTube-Kanal, auf welchem sie über das Christentum berichte. Die Be-
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Seite 16
schwerdeführerin sei als profilierte Katholikin iranischer Herkunft anzuse-
hen. Es müsse davon ausgegangen werden, dass diese Online-Aktivitäten
dem islamisch-theokratischen Regime im Iran bekannt geworden seien. Da
es nach geltendem Recht im Iran unter Todesstrafe verboten sei, vom Is-
lam abzufallen, wäre bei einer Rückkehr ihr Leben gefährdet.
6.3 Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat sich in
seinem Urteil vom 5. November 2019 (Beschwerde Nr. 32218/17, A.A. ge-
gen die Schweiz) mit der Frage befasst, ob ein afghanischer Staatsange-
höriger, der zum Christentum konvertiert war, bei einer Rückkehr in seinen
Heimatstaat der Gefahr einer Verletzung von Art. 3 EMRK ausgesetzt wäre.
Der EGMR kam dabei unter anderem zum Schluss, das Bundesverwal-
tungsgericht habe sich weder mit der Art und Weise auseinandergesetzt,
wie der Beschwerdeführer seinen Glauben in der Schweiz gelebt habe,
noch wie er ihn im Falle der Rückkehr nach Afghanistan weiterzuführen
gedenke (a.a.O. Ziff. 52). Weiter wurde im Urteil festgehalten, den Akten
lasse sich nicht entnehmen, dass der Beschwerdeführer dazu befragt wor-
den sei, wie er seinen Glauben in der Schweiz seit der Taufe lebe und wie
er diesen in Afghanistan weiterhin leben könnte. Der Gerichtshof kam in
der Folge zum Schluss, das Bundesverwaltungsgericht hätte sich mit die-
sen Fragen auseinandersetzen und entsprechende Abklärungen tätigen
müssen, beispielsweise durch eine Rückweisung an die Vorinstanz oder
durch Übermittlung einer Liste mit entsprechenden Fragen an den Be-
schwerdeführer (a.a.O. Ziff. 54).
6.4 Gestützt auf das genannte Urteil des EGMR hat das Bundesverwal-
tungsgericht wiederholt Asylentscheide des SEM betreffend zum Christen-
tum konvertierte afghanische Staatsangehörige aufgehoben und zu neuem
Entscheid an das SEM zurückgewiesen, weil dieses es unterlassen hatte,
die jeweiligen Beschwerdeführenden vertieft zu ihrer Glaubensbetätigung
in der Schweiz sowie zur beabsichtigten künftigen Praktizierung des Glau-
bens bei einer allfälligen Rückkehr in den Heimatstaat zu befragen (vgl.
Urteile E-2956/2018 vom 12. März 2020, D-5247/2020 vom 17. November
2020 und E-2221/2019 vom 6. April 2021). Aufgrund der notorisch men-
schenrechtswidrigen Behandlung von Personen aus dem Iran, die zum
Christentum konvertiert sind, kam das Bundesverwaltungsgericht im Urteil
D-1661/2019 vom 23. März 2021 zum Schluss, dass in Bezug auf iranische
Staatsangehörige gestützt auf das genannte Urteil des EGMR die gleichen
Massstäbe für die Ermittlung des Sachverhalts anzuwenden sind wie bei
christlichen Konvertiten afghanischer Herkunft (vgl. dort E. 4.4.2 und 4.5).
D-2598/2018
Seite 17
6.5 Bei der Prüfung der Frage, ob aufgrund einer Konversion zum Chris-
tentum und einer entsprechenden Glaubensausübung von Asylsuchenden
im Ausland Nachfluchtgründe vorhanden sind, ist soweit als möglich zu-
nächst die christliche Überzeugung der betreffenden Person im Einzelfall
zu untersuchen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.5). Das Bekenntnis zu einem
religiösen Glauben beziehungsweise die Konversion zu einem neuen reli-
giösen Glauben stellt eine innere Tatsache dar, die keinem direkten Beweis
zugänglich ist, sondern nur anhand einer Verbindung verschiedener Indi-
zien ermittelt werden kann. Neben den Aussagen der betroffenen Person
sind bei der Beurteilung insbesondere deren konkrete Handlungen – da-
runter Besuche von Gottesdiensten, Dauer und Intensität des Engage-
ments in einer religiösen Gemeinschaft, Aussagen Dritter – zu berücksich-
tigen. Eine Konversion ist dann als bewiesen anzusehen, wenn die ge-
samthafte Betrachtung solcher Indizien für den religiösen Glauben der be-
troffenen Person zum Schluss führt, dass die Konversion nach der allge-
meinen Lebenserfahrung gegeben ist. Eine lediglich formelle Konversion,
beispielsweise durch eine Taufe, ohne Hinweise auf eine innere Überzeu-
gung, reicht dafür in der Regel nicht aus (vgl. Referenzurteil D-4952/2014
vom 23. August 2017 E. 6.2).
6.6 Vorliegend hat die Beschwerdeführerin bereits bei der Personalienauf-
nahme kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz angegeben, sie sei katholi-
schen Glaubens. Ergänzend führte sie aus, dass ihre Eltern Muslime seien;
sie selbst sei aber vor etwa zwei Jahren zum Christentum konvertiert (vgl.
A12, Ziff. 1.13). Sie bekräftige diese Angaben sowohl in der ersten als auch
in der zweiten Anhörung (vgl. A18, F80 ff. und A30, F164 ff.). Im Rahmen
der Vernehmlassung hielt das SEM zwar fest, es sei davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin in der Schweiz getauft worden sei. Ange-
sichts ihres lediglich rudimentären Wissens zum Katholizismus sei die
Ernsthaftigkeit der Konversion indessen fraglich. Der Religionsblog habe
einen unpersönlichen Inhalt und es lägen keine Belege dafür vor, dass die-
ser ihr eindeutig zugeordnet werden könnte. Nach Auffassung des Bundes-
verwaltungsgerichts kann es jedoch als erstellt erachtet werden, dass die
Beschwerdeführerin vom Islam zum Christentum konvertiert ist. Nicht nur
hat sie ihren Religionswechsel gegenüber den schweizerischen Asylbehör-
den stets offengelegt, die von ihr eingereichten Beweismittel lassen auch
auf ein anhaltendes Engagement für den neu angenommenen Glauben
schliessen. Neben den mit der Beschwerdeschrift vorgelegten Unterlagen
wurden mit Eingabe vom 1. Juni 2021 verschiedene weitere Dokumente zu
den Akten gereicht, welche die christlichen Aktivitäten der Beschwerdefüh-
rerin beschreiben und belegen. Darin wird einerseits bestätigt, dass sie seit
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Seite 18
mehreren Jahren aktiv an Gottesdiensten teilnimmt und im Herbst 2020 ins
(...) aufgenommen wurde. Darüber hinaus wurde sie sowohl in der Zeit-
schrift (...), dem Buch (...) sowie dem Film (...) – der unter anderem vom
Schweizer Radio und Fernsehen produziert wurde – porträtiert, wobei sie
jeweils mit Bild und Namen erwähnt wird. Auf dem von ihr geführten Reli-
gionsblog sind unter der Rubrik "Blog-Admin-Profil" sowohl der Name als
auch das Geburtsjahr, der Wohnort sowie weitere persönliche Angaben der
Beschwerdeführerin ersichtlich. Auch wenn sich der Blog vor allem mit Bi-
belzitaten und kirchlichen Inhalten befasst und weniger mit persönlichen
Glaubensbekenntnissen, weist dieser einen klaren Bezug zum Christen-
tum und zum Katholizismus auf und lässt sich ohne Weiteres der Be-
schwerdeführerin als dessen Autorin zuordnen. Dasselbe gilt für das Face-
book-Profil, auf welchem ihr Name genannt wird und sie mit einem Foto
abgebildet ist. Dem mit der Replik eingereichten Auszug des Profils lässt
sich entnehmen, dass sie sich als Christin zu erkennen gibt und gewisse
Beiträge rege – teilweise auch kritisch bis hin zu bedrohlich – kommentiert
wurden. Vor diesem Hintergrund ist es als erstellt zu erachten, dass die
Beschwerdeführerin während ihres Aufenthalts in der Schweiz ein von aus-
sen klar erkennbares Engagement für den christlichen Glauben vorzuwei-
sen hat und ihre Aktivitäten darauf schliessen lassen, dass ihre Konversion
auf eine tatsächliche innere Überzeugung zurückzuführen ist. Die Vo-
rinstanz beschränkte sich jedoch darauf, festzustellen, dass das rudimen-
täre Wissen der Beschwerdeführerin zum katholischen Glauben keine be-
sonders eingehende Auseinandersetzung mit dem Katholizismus erken-
nen lasse. Es erscheint jedoch nicht sachgerecht, aus den wenigen Fra-
gen, die ihr in dieser Hinsicht gestellt wurden (vgl. insb. A30, F165 ff.),
Rückschlüsse auf die Authentizität der Konversion zu ziehen. Das SEM
wäre vielmehr gehalten gewesen, abzuklären, ob und inwiefern die Be-
schwerdeführerin ihren Glauben im Alltag praktiziert, wie sie dies gegebe-
nenfalls nach aussen trägt und welche Möglichkeiten sie hätte, ihre Reli-
gion im Heimatstaat zu leben. Aus den auf Beschwerdeebene vorgelegten
Unterlagen geht klar hervor, dass die Beschwerdeführerin als engagierte
Christin bezeichnet werden kann und sich offensichtlich nicht davor scheut,
sich auf den sozialen Medien, im Rahmen von Medienberichten oder eines
Fernsehportraits namentlich als konvertierte Katholikin zu erkennen zu ge-
ben. Umso mehr drängt es sich auf, den Sachverhalt im Lichte der oben
erwähnten Rechtsprechung des EGMR genauer abzuklären und näher zu
untersuchen, ob aus dem anhaltenden Engagement der Beschwerdefüh-
rerin für den christlichen Glauben in der Schweiz im Falle der Rückkehr
eine Gefährdung resultiert. Dabei wird zu berücksichtigen sein, dass sie
als Angehörige der Qashqai einer ethnischen Minderheit angehört und mit
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Seite 19
ihrem Bruder I._ und der Schwester F._ zwei nahe Familien-
angehörige aufgrund ihrer Probleme mit den iranischen Behörden im Aus-
land als Flüchtlinge anerkannt worden sind. Zudem deuten die vorgelegten
Beweismittel im Zusammenhang mit ihrem Bruder H._ darauf hin,
dass dieser zumindest in früheren Jahren einmal inhaftiert gewesen war.
Dieser persönliche Hintergrund ist insofern von Bedeutung, als damit eine
erhöhte Wahrscheinlichkeit einhergeht, nach einer Rückkehr unter Be-
obachtung der iranischen Behörden zu stehen. Zum aktuellen Zeitpunkt
erweist sich eine abschliessende Beurteilung der Gefährdungslage der Be-
schwerdeführerin aber als nicht möglich. Zwar ist die Konversion zum
Christentum erstellt und es ist davon auszugehen, dass sie ihren Glauben
offen lebt und diesen nach aussen trägt. Es sind jedoch weitere Untersu-
chungsmassnahmen erforderlich hinsichtlich der Frage, wie sich die kon-
krete Glaubensausübung in der Schweiz – unter Berücksichtigung ihrer
persönlichen Situation – auf eine mögliche Gefährdung bei einer Rückkehr
auswirkt und welche Möglichkeiten sie überhaupt hätte, ihren Glauben im
Heimatstaat auszuüben.
7.
Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht
in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz-
lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden,
wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er-
scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Vorliegend er-
weist sich eine Kassation der angefochtenen Verfügung als angezeigt, da
der Sachverhalt nicht vollständig erstellt ist und weitere Untersuchungs-
massnahmen notwendig sind. Der Beschwerdeführerin bleibt auf diese
Weise auch der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als im Asyl-
verfahren das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen. Die Dis-
positivziffern 1, 4 und 5 der angefochtenen Verfügung sind aufzuheben und
die Sache ist im Sinne der vorstehenden Erwägungen zur vollständigen
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und neuen Entscheidung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzu-
weisen.
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Seite 20
9.
9.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63
Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin ist bezüglich ihrer Anträge auf
Asylgewährung und Aufhebung der Wegweisung unterlegen. Bezüglich der
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und der Anordnung des Wegwei-
sungsvollzugs wurde die Verfügung aufgehoben und zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückgewiesen, womit sie teilweise obsiegt hat. Praxis-
gemäss ist von einem Obsiegen zu zwei Dritteln auszugehen, weshalb die
Verfahrenskosten grundsätzlich zu einem Drittel der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen wären. Nachdem in der Zwischenverfügung vom 17. Mai
2018 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Hinweise
auf eine Veränderung der finanziellen Verhältnisse vorliegen, ist von einer
teilweisen Kostenauflage abzusehen.
9.2 Die Beschwerdeführerin ist im Umfang ihres Obsiegens – also zu zwei
Dritteln – für die ihr erwachsenen notwendigen Kosten zu entschädigen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter reichte für die Verfahren
D-2598/2018 und D-2611/2018 (betreffend den Bruder B._) eine
gemeinsame Kostenaufstellung vom 9. November 2018 ein. Darin wurde
ein Aufwand von 38.65 Stunden à Fr. 220.– sowie Auslagen in Höhe von
Fr. 140.20, zuzüglich Mehrwertsteuer, geltend gemacht, wovon die Hälfte
auf die Beschwerdeführerin entfalle. Im Vergleich zu anderen Fällen er-
scheint der zeitliche Aufwand unverhältnismässig hoch. Als angemessen
ist vorliegend für die beiden konnexen Fälle D-2598/2018 und D-2611/2018
ein Zeitaufwand von 25 Stunden zu erachten, wobei die Hälfte davon auf
die Beschwerdeführerin entfällt. Die Parteientschädigung ist somit auf
Fr. 2'025.– (gerundet; inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) festzuset-
zen und geht zulasten des SEM.
9.3 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin als
amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet wurde, ist er im Weiteren für seinen
Aufwand unbesehen des Ausgangs des Verfahren zu entschädigen, soweit
dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Pra-
xisgemäss geht das Gericht bei amtlicher Vertretung von einem Stunden-
ansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte aus, womit
sich der in der Kostennote angegebene Stundenansatz als angemessen
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Seite 21
erweist. Der als notwendig zu erachtende zeitliche Aufwand für das vorlie-
gende Verfahren ist indessen – wie oben dargelegt – auf 12.5 Stunden
festzusetzen. Folglich ist dem Rechtsvertreter für den weiteren Aufwand
zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar in Höhe von Fr. 1'012.–
(inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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