Decision ID: 557d9b5a-4ef3-5a81-bb4c-9eafa8b06cbe
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer gibt an ein chinesischer Staatsangehöriger tibeti-
scher Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._ zu sein. Er verliess seinen
Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 10. Mai 2014 in Richtung Nepal.
Weil die vorgesehene Weiterreise nach Europa von dort aus nicht möglich
gewesen sei, sei er nach Indien gegangen. Mithilfe eines Schleppers, wel-
cher ihm einen gefälschten indischen Reisepass sowie ein von der polni-
schen Vertretung ausgestelltes Schengen-Visum besorgt habe, sei er auf
dem Luftweg nach Polen und von dort mit dem Auto in die Schweiz gelangt.
Am 17. Februar 2016 stellte er im Empfangs- und Verfahrenszentrum
C._ ein Asylgesuch. Per Zufallsprinzip wurde er dem Testbetrieb
des Verfahrenszentrums Zürich zugewiesen, woraufhin am 22. Februar
2016 eine Personalienaufnahme durchgeführt wurde. Am 10. März 2016
fand ein beratendes Vorgespräch statt.
B.
B.a Mit Verfügung vom 14. März 2016 trat das SEM auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein und wies ihn nach Polen weg. In seiner
Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht machte er daraufhin erst-
mals geltend, er sei noch minderjährig. Als Beweismittel reichte er die Ori-
ginale einer chinesischen Identitätskarte sowie eines "Hukou" (Familien-
büchlein) zu den Akten. Eine vom SEM in Auftrag gegebene Kurzuntersu-
chung der Dokumente ergab, dass diese keine objektiven Fälschungs-
merkmale aufweisen, wobei die Identitätskarte gestützt auf entsprechen-
des Vergleichsmaterial als echt eingestuft wurde. Mit Urteil D-1802/2016
vom 2. August 2016 wies das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde
ab. Zur Begründung wurde unter anderem ausgeführt, dass die vorgeleg-
ten Identitätsdokumente nicht eindeutig dem Beschwerdeführer zugeord-
net werden könnten und es ihm nicht gelinge, seine Minderjährigkeit glaub-
haft zu machen.
B.b Parallel zur Beschwerdeerhebung im Dublin-Verfahren ersuchte der
Beschwerdeführer das SEM mit Eingabe vom 12. April 2016 gestützt auf
die neu vorgelegten Identitätsdokumente um Änderung seiner Personalien
im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS). Dieses Gesuch
wurde vom SEM mit Verfügung vom 10. August 2016 abgelehnt.
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B.c Mit Eingabe vom 16. August 2016 stellte der Beschwerdeführer beim
SEM ein qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch, in welchem er die wieder-
erwägungsweise Aufhebung der Verfügung vom 14. März 2016 sowie die
Prüfung seines Asylgesuchs in der Schweiz beantragte.
B.d Weiter liess der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 26. August 2016
durch seinen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
gegen die Verfügung vom 10. August 2016 (Datenänderung im ZEMIS) er-
heben. In der Folge wurde durch das Institut für Rechtsmedizin der (...) am
9. November 2016 ein Gutachten zur Altersabklärung des Beschwerdefüh-
rers erstellt. Dieses kam zum Schluss, dass sich die Vollendung des 18.
Lebensjahres und damit das Erreichen der Volljährigkeit nicht mit der not-
wendigen Sicherheit belegen lasse. Das SEM hob daraufhin seine Verfü-
gung vom 14. März 2016 auf, legte das Geburtsdatum des Beschwerde-
führers im ZEMIS auf den (...) fest und nahm das nationale Asylverfahren
wieder auf. Mit Entscheid A-5213/2016 vom 6. Dezember 2016 schrieb das
Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde gegen die Verfügung betref-
fend Datenänderung im ZEMIS ab.
C.
C.a Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 17. August 2017 einlässlich
zu seinen Asylgründen an.
C.b Dabei machte er geltend, er stamme aus dem in der Autonomen Re-
gion Tibet (Tibet Autonomous Region, nachfolgend: TAR) gelegenen Dorf
D._ im Bezirk E._ und habe dort bis zum Alter von (...) Jah-
ren gelebt. Danach sei er zu seinem Onkel nach B._ gezogen, da
sein Vater verstorben sei und ihm so eine gute Bildung ermöglicht werden
sollte. Nach etwa zweieinhalb Jahren in B._ habe sein Onkel ihn
aus der chinesischen Primarschule genommen und in eine tibetische
Schule namens "(...)" geschickt. Sein Onkel sei ein bekannter Handels-
mann und habe einen chinesischen Pass, mit welchem er bis nach Nepal
habe reisen können. Von dort aus habe er (...) nach Tibet geschmuggelt,
welche innerhalb der Familie, aber auch an der Schule (...) gezeigt worden
seien. Im April 2014 sei er während der Frühlingsferien zusammen mit ei-
nem Lehrer seiner Schule, welcher aus demselben Dorf stamme, nach
D._ zurückgekehrt. Dabei hätten sie den Onkel überredet, ihnen
zwei der (...) mitzugeben. Eine der (...) habe eine (...) enthalten. Nachdem
sie die (...) ihren Familien (...) hätten, seien sie sehr berührt gewesen von
der Freude, die ihre Angehörigen empfunden hätten. Er und sein Lehrer
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hätten diese Freude weitergeben wollen und darum den Dorfvorsteher ge-
beten, die (...) den anderen Dorfbewohnern zu zeigen. Zuerst habe dieser
abgelehnt, schliesslich aber auf ihr inständiges Bitten gesagt, sie könnten
machen, was sie wollten. Daraufhin hätten sie die (...) im Schulgebäude
vor mehr als hundert Personen (...), wobei das Publikum begeistert und
glücklich gewesen sei. Sie hätten sich danach etwa zwei Tage im Dorf auf-
gehalten und seien anschliessend nach B._ zurückgekehrt. Einen
Tag nach der Rückkehr habe er seinen Onkel ausser sich angetroffen. Die-
ser habe ihm gesagt, sein Handeln im Heimatdorf habe grosses Unheil
ausgelöst. Die Mönche des nahegelegenen Klosters seien Anhänger von
F._ und bis anhin im Dorf verehrt worden. Nach der (...) hätten sie
ihr hohes Ansehen in der Bevölkerung verloren, woraufhin sie angekündigt
hätten, sich bei der Bezirksverwaltung zu beschweren. Der Dorfvorsteher
habe davon Kenntnis erlangt und seinen Onkel darüber informiert. Zu sei-
ner Überraschung habe der Onkel ihm mitgeteilt, er müsse umgehend nach
Nepal gehen, da er andernfalls den Chinesen in die Hände fallen und jah-
relang ins Gefängnis kommen könnte. Zudem habe die Gefahr bestanden,
dass er gefoltert werde und verrate, dass sein Onkel die (...) ins Land ge-
bracht habe. Dies hätte dessen Familie und Existenz gefährdet, was er
nicht habe riskieren wollen. Der Onkel habe daraufhin die Ausreise nach
Nepal organisiert. In der Folge sei sowohl seine Familie im Heimatdorf als
auch sein Onkel von den chinesischen Sicherheitsbehörden mehrmals
nach ihm gefragt sowie kurzzeitig festgehalten worden.
C.c Der Beschwerdeführer reichte zum Nachweis seiner Identität eine chi-
nesische Identitätskarte sowie ein "Hukou" im Original ein. Zudem wurden
der Ausdruck eines E-Mail-Verkehrs zwischen der Rechtsvertretung und
der schweizerischen Botschaft in Peking, eine handschriftliche Notiz mit
dem Herkunftsort des Beschwerdeführers sowie vier Fotoausdrucke aus
seiner Heimatregion zu den Akten gegeben.
D.
D.a Gestützt auf ein am 11. Mai 2018 durchgeführtes Telefongespräch mit
dem Beschwerdeführer erstellte ein von der Fachstelle Lingua beauftragter
Experte ([...]) einen Bericht, in welchem das landeskundlich-kulturelle Wis-
sen des Beschwerdeführers überprüft sowie eine linguistische Analyse sei-
ner Sprechweise vorgenommen wurde. Die sachverständige Person kam
dabei zum Schluss, dass der Beschwerdeführer sehr wahrscheinlich nicht
in der Volksrepublik China (nachfolgend: VR China), sondern in der exilti-
betischen Gemeinschaft hauptsozialisiert worden sei.
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D.b Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom
3. Juli 2018 das rechtliche Gehör zum Lingua-Bericht. Daraufhin reichte
dieser mit Eingabe vom 10. Juli 2018 eine entsprechende Stellungnahme
ein.
D.c Weiter liess das SEM durch die interne Länderanalyse die vorgelegte
chinesische Identitätskarte und das Hukou inhaltlich überprüfen. Die Län-
deranalyse SEM stellte dabei fest, dass die Identitätskarte mehrere Abwei-
chungen in Form von Orthographie- und Satzzeichenfehlern enthalte. Die
hohe Frequenz der Abweichungen innerhalb eines einzigen Dokuments
könne ein Indiz dafür sein, dass es sich nicht um eine authentische Identi-
tätskarte der VR China handle.
D.d Mit Schreiben vom 31. Oktober 2018 gewährte das SEM dem Be-
schwerdeführer das rechtliche Gehör zur Dokumentenanalyse. Dieser
reichte durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom 6. November 2016
eine Stellungnahme dazu ein.
E.
Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 29. November 2018 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht.
Es lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete deren Vollzug – unter Ausschluss des Wegweisungsvollzugs
in die Volksrepublik China – an. Gleichzeitig wurden die vom Beschwerde-
führer gestellten Gesuche um Einsicht in die Dokumentenanalysen sowie
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung abgelehnt.
F.
Mit Eingabe vom 28. Dezember 2018 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seinen Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde gegen diesen Entscheid. Darin beantragte er, die angefochtene
Verfügung sei in den Dispositivziffern 1-4 sowie 6-8 aufzuheben und die
Vorinstanz sei anzuweisen, ihn als Flüchtling anzuerkennen und ihm in der
Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, ihn
als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Subeventuatliter seien die folgenden
Untersuchungs- und Beweismassnahmen vorzunehmen: Ihm sei im Rah-
men einer Parteibefragung Gelegenheit zum Sprechen in seinem heimatli-
chen Dialekt zu geben, seine Halbschwester sei einer Parteibefragung zu
unterziehen, es sei ein DNA-Geschwister-Test durchzuführen sowie ein un-
abhängiger Experte sei mit der Echtheitsprüfung der ins Recht gelegten
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chinesischen Identitätskarte zu betrauen. Subsubeventualiter sei die Sa-
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und Beiordnung des unterzeichnenden Rechtsvertreters als
amtlichen Rechtsbeistand. Ebenso sei ihm der unterzeichnende Rechts-
vertreter ab dem Zeitpunkt der entsprechenden Gesuchstellung für das
erstinstanzliche Asylverfahren als amtlicher Rechtsbeistand beizuordnen.
Als Beschwerdebeilagen wurden – neben einer Kopie der angefochtenen
Verfügung sowie einer Vollmacht – folgende Unterlagen zu den Akten ge-
reicht: Entscheid des Verwaltungsgerichts G._ vom 7. Juli 2016, ein
Fragekatalog zuhanden eines Gegengutachters, die Audioaufnahme eines
Gesprächs zwischen dem Beschwerdeführer und seiner Schwester, ein
Verbindungsnachweis zu seinem Onkel sowie Screenshots von Chatpro-
tokollen der App "WeChat".
G.
Die Instruktionsrichterin stellte mit Zwischenverfügung vom 15. Januar
2019 fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Weiter hiess sie das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung – unter der Voraussetzung des fristgerechten
Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – gut und ordnete dem Be-
schwerdeführer unter derselben Voraussetzung Rechtsanwalt Joël Müller
als amtlichen Rechtsbeistand bei.
H.
Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe vom 22. Januar 2019 eine Fürsor-
gebestätigung nachreichen. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass das auf
der Zwischenverfügung vom 15. Januar 2019 angegebene Geburtsdatum
nicht korrekt sei.
I.
Mit Eingabe vom 30. Januar 2019 reichte der Beschwerdeführer dem Ge-
richt ein "Gegengutachten" ein. Zur Erläuterung führte er aus, eine von der
Tibet Foundation vermittelte Person habe die Aufnahme des Lingua-Ge-
sprächs angehört und einen vom Rechtsvertreter erstellten Fragekatalog
dazu beantwortet.
J.
In einer weiteren Eingabe vom 24. April 2019 reichte der Rechtsvertreter
eine E-Mail des Beschwerdeführers vom 10. April 2019 zu den Akten, in
welcher dieser von Ereignissen aus seiner Heimat berichte.
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K.
Eine Verfahrensstandsanfrage des Beschwerdeführers vom 18. Februar
2020 wurde von der Instruktionsrichterin am 20. März 2020 beantwortet.
L.
Mit Eingabe vom 25. März 2020 wies der Beschwerdeführer erneut darauf
hin, dass das Geburtsdatum vom Bundesverwaltungsgericht falsch geführt
werde, da als Geburtsjahr (...) erfasst sei. Sein Alter sei jedoch bereits im
Rahmen der vorangehenden Verfahren geklärt worden. Er ersuche daher
um Berichtigung des vom Gericht geführten Datums auf das korrekte Ge-
burtsjahr (...).
M.
Die Instruktionsrichterin teilte dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom
7. April 2020 mit, dass es sich bei der Erfassung seines Geburtsdatums
um einen Fehler gehandelt habe. Dieser sei nun korrigiert und er werde im
System mit dem richtigen Geburtsdatum geführt.
N.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 6. April 2020 zur Beschwerde vom
28. Dezember 2018 vernehmen.
O.
Der Rechtsvertreter übermittelte dem Gericht mit Eingabe vom 7. Septem-
ber 2020 die E-Mail-Anfrage eines potenziellen Arbeitgebers des Be-
schwerdeführers. Dieser erkundigte sich, wie sicher dessen Verbleib in der
Schweiz sei, da er kein Interesse daran habe, ihn als Lehrling auszubilden,
wenn er nicht hier bleiben könne.
P.
Mit Eingabe vom 14. September 2020 reichte der Rechtsvertreter auf ent-
sprechende Aufforderung des Gerichts hin eine Replik ein.
Q.
In einer weiteren Eingabe vom 11. November 2020 setzte der Rechtsver-
treter das Gericht darüber in Kenntnis, dass dem Beschwerdeführer grund-
sätzlich eine Lehrstelle für den Sommer 2021 zugesichert worden sei, wo-
bei der Arbeitgeber aber rasch Kenntnis über den definitiven Aufenthalts-
status haben müsse. Weiter wurde ein Artikel der NZZ vom 24. Oktober
2020 betreffend Lingua-Gutachten ins Recht gelegt.
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R.
Eine erneute Verfahrensstandsanfrage des Beschwerdeführers vom
4. Februar 2021 – in welcher er insbesondere auf die zurzeit noch für ihn
offen gehaltene Lehrstelle hinwies – wurde von der Instruktionsrichterin mit
Schreiben vom 9. Februar 2021 beantwortet.
S.
Der Rechtsvertreter reichte mit Eingabe vom 9. März 2021 eine aktuelle
Kostennote zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
4.
4.1 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung aus, es habe auf-
grund von Zweifeln an der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Her-
kunft die Fachstelle Lingua beauftragt, ein Sprach- und Herkunftsgutachten
zu erstellen. Die sachverständige Person sei dabei zum Schluss gekom-
men, dass er relativ viele landeskundlich-kulturellen Kenntnisse zur ange-
gebenen Heimatregion habe nachweisen können. In seinen Angaben hät-
ten sich aber auch einige Lücken und Unstimmigkeiten befunden, welche
unter Berücksichtigung seines angegebenen biografischen Hintergrundes
nicht erklärbar seien. (...) Die linguistische Analyse habe ergeben, dass
seine Sprechweise auf allen Ebenen fast ausschliesslich Gemeinsamkei-
ten mit dem (...) aufweise. Angesichts der Biografie des Beschwerdefüh-
rers sei zwar mit Einflüssen anderer Varietäten – insbesondere des (...)-
Tibetischen – zu rechnen gewesen. Auch unter Berücksichtigung seines
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mehrjährigen Aufenthalts in B._, des jungen Alters sowie des Zeit-
ablaufs seit dem Verlassen der Heimat wäre aber zu erwarten gewesen,
dass er regelmässig Formen der Sprachvarietät aus seiner Heimatregion
verwende. Dies sei jedoch nicht der Fall gewesen. Er habe insbesondere
aktiv Formen verwendet, die im Innertibetischen ungrammatisch seien –
was als starker Hinweis auf einen längeren Aufenthalt ausserhalb Tibets zu
werten sei – und einige Lexeme in einer Art und Weise verwendet, die für
das Innertibetische unidiomatisch seien. Zudem hätten seine Kenntnisse
der chinesischen Sprache die auf seiner Biografie basierenden Erwartun-
gen nur teilweise erfüllt. Auch wenn er von sich aus einige chinesische
Lehnwörter verwendet habe und in der Lage gewesen sei, sich auf Chine-
sisch vorzustellen, habe er einige einfache und in Tibet häufig verwendete
chinesische Ausdrücke nicht gekannt. In der Stellungnahme anlässlich der
Gewährung des rechtlichen Gehörs habe er unter anderem geltend ge-
macht, dass er sowohl bei der Anhörung als auch beim Lingua-Gespräch
dargelegt habe, sein Heimatdialekt sei "(...)" (phon.) und er sei ohne Wei-
teres bereit, im Rahmen eines Gesprächs zu belegen, dass er den "(...)"-
Dialekt beherrsche. Es sei darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdefüh-
rer beim Lingua-Telefoninterview zweimal explizit darum gebeten worden
sei, seinen Heimatdialekt zu sprechen. Es sei nicht nachvollziehbar, wes-
halb er nun nachträglich anbiete, in einem erneuten Gespräch den von ihm
geltend gemachten Heimatdialekt zu belegen; vielmehr habe er dazu be-
reits eingehend Gelegenheit gehabt. Die sachverständige Person sei in ei-
ner Gesamtwürdigung zum Schluss gekommen, dass der Beschwerdefüh-
rer sehr wahrscheinlich nicht im Autonomen Gebiet Tibet, sondern in einer
exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der der VR China sozialisiert wor-
den sei. Zwar habe er relativ viele landeskundlich-kulturelle Kenntnisse zur
angegebenen Herkunftsregion vorweisen können. Dieses Wissen könne
aber auch ausserhalb der TAR erlernt werden. Es sei davon auszugehen,
dass es sich bei ihm um einen gebildeten jungen Mann handle, zumal er
das Personalienblatt auf Englisch ausgefüllt habe und die Personalienauf-
nahme in englischer Sprache durchgeführt worden sei.
Sodann habe der Beschwerdeführer während des Dublin-Beschwerdever-
fahrens eine chinesische Identitätskarte sowie ein chinesisches Familien-
büchlein (Hukou) im Original zu den Akten gegeben. Eine erste Kurzunter-
suchung habe ergeben, dass es sich bei der Identitätskarte um ein echtes
Dokument handle. Dabei sei lediglich eine formelle Überprüfung vorge-
nommen worden. Bei einer späteren inhaltlichen Überprüfung der Identi-
tätskarte durch die Länderanalyse SEM habe sich gezeigt, dass diese
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mehrere Abweichungen in Form von Orthographie- und Satzzeichenfeh-
lern aufweise. Dies könne ein Indiz dafür sein, dass es sich nicht um eine
authentische chinesische Identitätskarte handle. Die beiden Untersuchun-
gen stellten unterschiedliche Analysen dar, weshalb sich deren Ergebnisse
nicht widersprechen würden. Es sei bekannt, dass gefälschte Identitätskar-
ten in China einfach zugänglich seien und der Handel mit diesen ein gros-
ses Business darstelle. Dabei könnten die Dokumente technisch wohl so
gut hergestellt werden, dass keine objektiven Fälschungsmerkmale er-
sichtlich seien. Aufgrund der inhaltlichen Mängel gehe das SEM aber da-
von aus, dass es sich bei der eingereichten Identitätskarte nicht um ein
authentisches Dokument handle. In Bezug auf das Hukou habe weder die
erste Kurzuntersuchung noch die Länderanalyse SEM eine abschlies-
sende Aussage machen können. Es gebe jedoch Quellen, wonach Fäl-
schungen solcher Hukous käuflich erwerbbar seien. Nachdem betreffend
die Identitätskarte von einer Fälschung auszugehen sei und das Familien-
büchlein kein Lichtbild enthalte – womit es dem Beschwerdeführer nicht
eindeutig zugeordnet werden könne – sei dieses kein taugliches Beweis-
mittel, um seine Sozialisierung in der VR China zu belegen. Im Rahmen
des rechtlichen Gehörs habe er geltend gemacht, der Umstand, dass die
Dokumente nachweislich über die schweizerische Botschaft aus China in
die Schweiz übermittelt worden seien, stelle ein gewichtiges Indiz für deren
Echtheit dar. Angesichts der obigen Ausführungen zu Dokumentenfäl-
schungen sei dieser Einwand jedoch nicht geeignet, die Authentizität der
Dokumente zu belegen. Zusammenfassend vermöchten die eingereichten
Identitätspapiere an der Einschätzung des Lingua-Berichts nichts zu än-
dern.
Sodann wiesen die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinen Flucht-
gründen nicht die Qualität auf, welche zu erwarten wäre, wenn er die ge-
schilderten Ereignisse erlebt hätte. Zwar enthielten seine Angaben durch-
aus einige Realkennzeichen wie Details, logische Konsistenz und eine ge-
wisse Ausführlichkeit. Es handle sich bei ihm aber um einen gebildeten
jungen Mann, weshalb zu erwarten gewesen wäre, dass seine Angaben
deutlich mehr individuelle und subjektiv geprägte Schilderungen enthalten.
Seine Darlegungen erwiesen sich als ausweichend oder stereotyp und er
sei nicht in der Lage gewesen, ein klares Bild der Verfolgungshandlungen
zu geben. Dies sei als Indiz dafür zu werten, dass seine Vorbringen kon-
struiert seien. Zudem stünden seine Aussagen zur Ausreise – welche kurz
und stereotyp ausgefallen seien – in einem klaren Kontrast zu den voran-
gehenden längeren Ausführungen. Im Sinne einer Gesamtwürdigung sei
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festzustellen, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderun-
gen an das Glaubhaftmachen im Sinne von Art. 7 AsylG nicht genügten.
Dies füge sich ein in das Abklärungsergebnis der Lingua-Analyse. Da es
ihm nicht gelungen sei, eine Sozialisierung in der VR China sowie seine
Asylgründe glaubhaft zu machen, sei mit überwiegender Wahrscheinlich-
keit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer vor der Ankunft in der
Schweiz in der exiltibetischen Diaspora gelebt habe. Nachdem er keine
konkreten, glaubhaften Hinweise auf einen längeren Aufenthalt in einem
Drittstaat geliefert habe, komme das SEM zum Schluss, dass keine flücht-
lings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an den
bisherigen Aufenthaltsort sprächen. Er erfülle die Flüchtlingseigenschaft
folglich nicht und sein Asylgesuch sei abzulehnen.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, dass die Vorinstanz
zahlreiche Aussagen des Beschwerdeführers, welche für seine Sozialisie-
rung in der VR China sprechen würden, nicht berücksichtigt habe. Seine
Angaben seien überaus konsistent, detail- und erlebnisorientiert sowie mit
zahlreichen Realkennzeichen versehen. Er habe bei der Anhörung spezifi-
sche landeskundliche Kenntnisse vorweisen können, wobei es angesichts
des grossen Detailwissens sehr unwahrscheinlich sei, dass diese – wie
von der Vorinstanz behauptet – erlernt worden seien. Intuitiv habe er auch
immer wieder chinesische Wörter sowie spezifische tibetische Begriffe ver-
wendet. Hinsichtlich der Ergebnisse der Lingua-Analyse sei festzuhalten,
dass der Beschwerdeführer bereits bei der Anhörung zahlreiche (...) er-
wähnt habe, weshalb die Feststellung, dass er keine (...) habe nennen
können, erstaune. Es sei auch zu beachten, dass geographische Orte in
der Regel sowohl tibetische als auch chinesische Namen trügen, die weder
territorial noch begrifflich immer deckungsgleich seien. Punktuelles Unwis-
sen, wie es das SEM betreffend den (...) vorbringe, dürfe in Anbetracht der
umfangreichen Kenntnisse nicht überbewertet werden. Zum Vorhalt, dass
er in seiner Sprechweise aktiv für das Innertibetische ungrammatische For-
men sowie unidiomatische Lexeme verwende, könne nicht Stellung ge-
nommen werden, da der Beschwerdeführer nicht wisse, welche Ausdrücke
damit gemeint seien. Überdies habe die sachverständige Person festge-
halten, dass zum Dialekt des Bezirks E._ keine sprachwissen-
schaftliche Forschung existiere, weshalb der Dialekt (...) H._ als
Referenzvarietät hinzugezogen worden sei. Dabei werde nicht berücksich-
tigt, dass das betreffende Gebiet zahlreiche verschiedene Dialekte auf-
weise. Der Beschwerdeführer habe bis zum Wegzug aus seinem Heimat-
dorf einen lokalen Dialekt ("[...]") gesprochen, welchen er noch heute im
Gespräch mit seinen Verwandten verwende. Weder der Dolmetscher in der
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Anhörung noch jener der Rechtsvertretung habe diesen Dialekt verstan-
den, weshalb er diesen im Rahmen des Lingua-Gesprächs gar nicht erst
zu sprechen begonnen habe. Als Beweismittel werde eine Audio-aufnahme
eingereicht, in welcher er sich mit seiner Schwester im Heimatdialekt un-
terhalte. Er sei jederzeit bereit, im Zuge einer Parteibefragung zu belegen,
dass er seinen Heimatdialekt beherrsche. Der Umstand, dass er einen in-
nertibetischen Dialekt spreche, welcher mit den glaubhaften Angaben zu
seiner Biografie übereinstimme, stelle ein relevantes Indiz für seine Sozia-
lisierung in der VR China dar. Nachdem er vor der Ausreise mehrere Jahre
in B._ gelebt habe, sei es nur konsequent, dass die Sprache an-
lässlich des Lingua-Gesprächs vom (...)-Tibetischen geprägt gewesen sei.
Zudem habe er eineinhalb Jahre in Nepal verbracht, was gewisse exiltibe-
tischen Einflüsse erwarten lasse. In Bezug auf seine Chinesischkenntnisse
sei festzuhalten, dass er bereits an der Anhörung einfache Sätze sowie
Zahlen auf Chinesisch habe sagen können und von sich aus verschiedene
chinesische Begriffe verwendet habe. Zur Lingua-Analyse sei sodann an-
zumerken, dass die sachverständige Person lediglich zum Schluss gekom-
men sei, der Beschwerdeführer sei "sehr wahrscheinlich" nicht in Tibet so-
zialisiert worden, was auf eine gewisse Zurückhaltung des Experten hin-
deute. Ohnehin komme einer solchen Analyse nur dann ein erhöhter Be-
weiswert zu, wenn gewisse Anforderungen an die Person des Experten er-
füllt seien und sich der Bericht als inhaltlich schlüssig und nachvollziehbar
erweise. Dies sei vorliegend jedoch fraglich, da die zahlreichen korrekt be-
antworteten Fragen ungleich weniger berücksichtigt und hinsichtlich der
linguistischen Analyse unbelegte Annahmen zu einer Referenzvarietät ge-
troffen worden seien. Der Lingua-Analyse sei daher kein erhöhter Beweis-
wert zuzumessen. Vielmehr würden die nachgewiesenen sowie glaubhaft
vorgetragenen Sprachkenntnisse des Beschwerdeführers für seine Sozia-
lisierung in der TAR sprechen.
Zu den Dokumentenanalysen gelte es festzuhalten, dass sowohl das Fa-
milienbüchlein als auch die chinesische Identitätskarte im Anschluss an
eine erste Untersuchung von der Vorinstanz als "mit Sicherheit echt" ein-
gestuft worden seien. Nach einer zweiten Analyse des Familienbüchleins
sei es nun plötzlich nicht mehr möglich, eine Aussage zu dessen Echtheit
zu machen. Dies sei widersprüchlich und die Dokumentenanalysestelle der
Vorinstanz diskreditiere sich damit selber. Bei der Identitätskarte sei nach
einer zweiten Untersuchung – aufgrund von inhaltlichen Mängeln – davon
ausgegangen worden, dass es sich um eine Fälschung handle. Eine derart
krasse Neubeurteilung wäre aber unter Einbezug der ersten Analyse sorg-
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fältig zu begründen gewesen, zumal keine Einsicht in die Untersuchungs-
berichte gewährt worden sei. Es falle auf, dass auch der zweite Bericht
lediglich von Fälschungsindizien spreche und folglich nicht mit Sicherheit
von einer Fälschung ausgegangen werden könne. Offenkundig lägen denn
auch keine objektiven Fälschungsmerkmale vor, was angemessen zu be-
rücksichtigen sei. Im Sinne einer weiteren Untersuchungsmassnahme
könne in dieser Hinsicht lediglich die Begutachtung der Dokumente durch
einen unabhängigen Experten beantragt werden. Ein weiteres Indiz, wel-
ches für die Sozialisierung des Beschwerdeführers in der TAR spreche, sei
der Umstand, dass die Herkunft seiner in der Schweiz lebenden Halb-
schwester nicht in Zweifel gezogen worden sei und sie ihren Bruder im
Rahmen ihres Asylverfahrens erwähnt habe. Subeventuatliter werde in die-
sem Zusammenhang eine Parteibefragung der Schwester sowie die Vor-
nahme eines Geschwister-DNA-Tests beantragt. Allgemein sei der Be-
schwerdeführer bereit, im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht an allen mög-
lichen Untersuchungs- und Beweismassnahmen mitzuwirken. So teile er
auch die Telefonnummer seines in B._ wohnhaften Onkels mit, wel-
cher gerne kontaktiert werden dürfe. Ausserdem würden ein Verbindungs-
nachweis für erfolgte Gespräche mit dem Onkel und Screenshots der in
China verbreiteten App "WeChat", aus welchen die Kommunikation mit
früheren Kollegen aus B._ hervorgehe, eingereicht.
Sodann habe das SEM behauptet, die Aussagen des Beschwerdeführers
zur illegalen Ausreise seien kurz und stereotyp, wobei es dies mit keinem
Beispiel aus den Akten belege. Dies hätte sich denn auch als schwierig
erwiesen, nachdem er sehr ausführlich und in sich stimmig von der Aus-
reise berichtet habe. Seine Ausführungen enthielten diverse ortsbezogene
Elemente und zahlreiche Realkennzeichen, darunter auch Gefühlsempfin-
dungen. Die Vorinstanz habe sich indessen gar nicht mit seinen Aussagen
auseinandergesetzt. Auch in Bezug auf seine Fluchtgründe halte sie ledig-
lich pauschal fest, dass angesichts des Bildungsstands des Beschwerde-
führers mehr subjektiv geprägte Beschreibungen zu erwarten gewesen wä-
ren. Wiederum würden keine konkreten Beispiele genannt und es bleibe
unklar, inwiefern seine persönlichen Voraussetzungen ein anderes Aussa-
geverhalten hätten erwarten lassen sollen und wie dieses ausgesehen
hätte. Die Qualität seiner Aussagen sei sehr hoch und er habe insbeson-
dere im Rahmen der mehrseitigen freien Rede ausserordentlich plastisch,
konsistent, detail- und erlebnisorientiert berichtet. Immer wieder habe er
Direktzitate verwendet, besondere Details erwähnt und ortsbezogene An-
gaben gemacht, dabei aber auch Wissenslücken zugegeben. Diese Ele-
mente seien als Realkennzeichen zu werten. Betreffend die Angaben zur
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Seite 15
konkreten Verfolgung – die nach Auffassung der Vorinstanz ausweichend
oder stereotyp seien – sei festzuhalten, dass er deren genaue Umstände
lediglich vom Hörensagen, insbesondere von seinem Onkel, kenne. Die
Aussagewürdigung des SEM halte insgesamt einer Rechtskontrolle nicht
stand und sei bisweilen sogar als willkürlich zu bezeichnen. Eine korrekte
Würdigung seiner Asylvorbringen ergebe, dass diese als glaubhaft im
Sinne von Art. 7 AsylG einzustufen seien.
4.3 Mit Eingabe vom 30. Januar 2019 liess der Beschwerdeführer dem Ge-
richt die Antworten der Gegengutachterin zum vom Rechtsvertreter erstell-
ten Fragekatalog einreichen. Dabei sei insbesondere relevant, dass er
beim Lingua-Gespräch zwar aufgefordert worden sei, seinen Heimatdialekt
zu sprechen. Als er daraufhin gesagt habe, sein Heimatdialekt sei "(...)"
und die befragende Person würde diesen sowieso nicht verstehen, sei so-
fort zur nächsten Frage – in (...)-Dialekt – übergegangen worden. Weiter
habe er den Namen des (...) genannt, wobei er seinen Heimatdialekt ver-
wendet habe. Ebenso habe er die Frage nach (...) mit dem tibetischen Na-
men beantwortet und lediglich deren chinesischen Namen nicht gekannt.
Damit könnten einige der ihm vorgeworfenen fehlenden Kenntnisse ent-
kräftet werden.
4.4 In seiner Vernehmlassung wies das SEM darauf hin, dass das in der
Beschwerdeschrift in Aussicht gestellte Gegengutachten lediglich darin be-
standen habe, dass eine Übersetzerin der Tibet Foundation das Lingua-
Gespräch angehört und einige Fragen dazu beantwortet habe. Die betref-
fenden Antworten seien jedoch sehr kurz und teils kaum verständlich, wo-
mit sie nicht geeignet seien, den aus dem Lingua-Gespräch gezogenen
Schluss zur Herkunft des Beschwerdeführers sowie die in der angefochte-
nen Verfügung aufgeführten Argumente zu entkräften.
4.5 Der Beschwerdeführer machte im Rahmen der Replik geltend, aus der
Vernehmlassung gehe nicht klar hervor, worin die Kritik der Vorinstanz am
Gegengutachten bestehe. Mutmasslich versuche sie, den Beweiswert der
eingereichten Eingabe in Frage zu stellen. Es handle sich dabei zumindest
um eine Auskunft einer Drittperson und somit um ein taugliches Beweis-
mittel, welches die in der Lingua-Analyse getroffenen Annahmen zusätzlich
zu hinterfragen vermöge. Dem Gegengutachten komme indessen gar kein
entscheidendes Gewicht zu, weil die Vorinstanz – wie in der Beschwerde-
schrift dargelegt werde – zu Unrecht und allzu schwerpunktmässig auf die
Ergebnisse der Lingua-Analyse abgestellt habe, ohne seine überaus de-
tailorientierten Kenntnisse zu berücksichtigen.
D-7407/2018
Seite 16
4.6 Mit Eingabe vom 11. November 2020 legte der Beschwerdeführer unter
anderem einen Artikel der NZZ vom 24. Oktober 2020 ins Recht, in wel-
chem die im vorliegenden Fall festgestellten "Fragwürdigkeiten" im Zusam-
menhang mit Lingua-Analysen grundsätzlich bestätigt würden. Der Zei-
tungsartikel kritisiert insbesondere, dass die Experten der Fachstelle Lin-
gua unter einem Pseudonym arbeiten und die Gesuchsteller nur kurze Zu-
sammenfassungen der Lingua-Berichte erhielten. Zudem habe die Über-
prüfung einer konkreten Lingua-Analyse durch eine Gruppe von Tibetolo-
gie-Professoren und -Lehrbeauftragen ergeben, dass ein vom Experten
"(...)" erstellter Lingua-Bericht zahlreiche Mängel aufweise und wissen-
schaftlichen Ansprüchen in keiner Art und Weise genüge.
5.
5.1 Das SEM stützt seine Verfügung in wesentlichen Teilen auf die Lingua-
Analyse ab. Gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
stellt eine solche zwar kein Sachverständigengutachten (Art. 12 Bst. e
VwVG; Art. 57 ff. des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über den
Bundeszivilprozess [BZP, SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG) dar, sondern eine
schriftliche Auskunft einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP
i.V.m. Art. 19 VwVG). Sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche
Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Experten wie auch an die in-
haltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analyse erfüllt sind, ist
ihr jedoch ein erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2014/12
E. 4.2.1).
5.2 Der Beschwerdeführer machte bei der Anhörung geltend, er sei im Dorf
D._ im Bezirk E._ aufgewachsen und im Alter von (...) Jah-
ren nach B._ gezogen (vgl. A87, F15 und F18). Der Lingua-Bericht
hält fest, der Beschwerdeführer habe angegeben, er stamme aus dem Dorf
I._, Gemeinde J._, Kreis E._ (Provinzbezirk
H._) und habe ab dem (...) Lebensjahr in B._ gelebt. Nach
einer Prüfung der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse sowie einer lingu-
istischen Analyse kam der Experte zum Schluss, der Beschwerdeführer sei
"sehr wahrscheinlich" nicht in Tibet, konkret im Gebiet H._ und in
B._, hauptsozialisiert worden, sondern in einer exiltibetischen Ge-
meinschaft ausserhalb der VR China. Diese Formulierung lässt darauf
schliessen, dass aus der Lingua-Abklärung kein eindeutiges Ergebnis re-
sultierte und eine Sozialisierung in der TAR aus Sicht des Experten nicht a
priori ausgeschlossen werden kann.
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Seite 17
5.3 Im Lingua-Bericht wurde festgehalten, dass der Beschwerdeführer re-
lativ viele landeskundlich-kulturellen Kenntnisse zur angegebenen Heimat-
region habe nachweisen können. So habe er die (...) gekannt und drei (...)
aus seinem Heimatkreis richtig angegeben. Sein Wissen zum (...) sowie
zu (...) sei detailliert und fast ausnahmslos korrekt gewesen. Gleichzeitig
wies der Experte darauf hin, dass derartiges Wissen sowohl in Tibet selbst
als auch ausserhalb der VR China erworben werden könne. Weiter stellte
er fest, dass sich in den Ausführungen des Beschwerdeführers einige Lü-
cken und Unstimmigkeiten fänden. So sei es unerwartet, dass er einen (...)
genannt habe, der (...) sei. Der Beschwerdeführer erklärte in diesem Zu-
sammenhang, sein (...) habe früher (...). Dies ist lediglich insofern unzu-
treffend, als (...) zum heutigen Zeitpunkt noch immer (...). Weiter wurde
bemängelt, dass er keine (...) habe nennen können und ihm der (...) un-
bekannt gewesen sei; zudem stufte der Experte eine (...) als grob falsch
ein. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer als
(...)jähriges Kind aus seinem Heimatdorf wegzog – in das auf dem Land-
weg mehr als (...) Kilometer entfernte B._ – und in den folgenden
Jahren lediglich zweimal dorthin zurückkehrte (vgl. A87, F54). Entspre-
chend können nicht allzu hohe Erwartungen an das Wissen zur (...) gestellt
werden. In Bezug auf die Kenntnisse zu B._ wurde ihm insbeson-
dere vorgehalten, dass er den Namen (...) nicht gewusst habe, ebenso wie
jenen einer (...) und einer bekannten (...). Zwar trifft es zu, dass der Be-
schwerdeführer in diesen Punkten keine Angaben machen konnte. Diesen
fehlenden Kenntnissen zu B._ steht jedoch die korrekte Nennung
von fünf anderen (...) und drei (...) gegenüber. Weiter nannte er die (...)
sowie die (...), welche er auch zutreffend (...) konnte. Seine detaillierten
Ausführungen zum (...) und zum (...) wurden weitestgehend als richtig ein-
gestuft. Ferner ist zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer bereits
bei der Anhörung verschiedene Ausführungen zu seiner Heimat machte
(vgl. A87, F15 ff. und F29 ff.). Sein Wissen zur angegebenen Herkunft er-
weist sich insgesamt als relativ umfangreich, was auch der Lingua-Experte
festgestellt hat. Dessen Schlussfolgerung, dass die landeskundlich-kultu-
rellen Kenntnisse dagegen sprächen, dass der Beschwerdeführer (...)
Jahre in Tibet gelebt habe, ist daher nur schwer nachvollziehbar. Zwar lässt
sich grundsätzlich nicht ausschliessen, dass derartiges Wissen ausserhalb
der TAR erlernt werden kann. Angesichts des Umstands, dass der Be-
schwerdeführer zu verschiedenen Lebensbereichen korrekte Angaben ma-
chen konnte und sich seine Wissenslücken zu wesentlichen Teilen auf
seine Heimatregion – die er im Alter von (...) Jahren verlassen hatte – be-
ziehen, erscheint dies im vorliegenden Fall aber wenig naheliegend.
D-7407/2018
Seite 18
5.4
5.4.1 In Bezug auf die linguistische Analyse hielt der Experte einleitend
fest, es sei davon auszugehen, dass der Kreis E._ über einen eige-
nen Dialekt verfüge. Seines Wissens existiere zu diesem aber keine
sprachwissenschaftliche Forschung. Als Referenzvarietät werde daher der
Dialekt der (...) H._ beigezogen, da aufgrund der geografischen
Lage von E._ anzunehmen sei, dessen Dialekt gehöre zur selben
Dialekt-Untergruppe ([...]) wie der Dialekt von H._. Für die Analyse
sei weiter der (...)-Dialekt massgeblich, welcher dem (...) zuzuordnen sei
und sich deutlich vom (...) unterscheide.
5.4.2 Der Beschwerdeführer machte bei der Anhörung geltend, dass er
muttersprachlich den "(...)", einen lokalen Dialekt von K._ (Nach-
barkreis von E._, Anm. des Gerichts) spreche (vgl. A87, F4). Auf
Beschwerdeebene wurde sein ursprünglicher Dialekt jeweils als "(...)"
(phon.) bezeichnet. Anlässlich der Anhörung erklärte der Beschwerdefüh-
rer, in den ersten beiden Jahren nach seinem Umzug habe er erst den (...)
-Dialekt lernen müssen, da er vorher nur den heimatlichen Dialekt gespro-
chen habe (vgl. A87, F22). Zudem führte er an einer anderen Stelle aus, er
habe sich mit seinem Onkel am Telefon im heimatlichen Dialekt unterhal-
ten, damit "es geheim bleibe" (vgl. A87, F88). Diese Aussagen implizieren,
dass sich der (...)-Dialekt erheblich von seinem Heimatdialekt unterschei-
det. Der Beschwerdeführer wurde zwar anlässlich des Lingua-Gesprächs
aufgefordert, seinen Heimatdialekt zu sprechen. Gemäss dem auf Be-
schwerdeebene eingereichten "Gegengutachten" habe er daraufhin ge-
sagt, die Interviewerin würde diesen sowieso nicht verstehen, woraufhin
das Gespräch im (...)-Dialekt fortgesetzt worden sei. Dies erscheint denn
auch insofern naheliegend, als der Beschwerdeführer den (...)-Dialekt of-
fensichtlich beherrscht und seine Gesprächspartnerin gemäss dem Lin-
gua-Bericht ein (...) sprach. Das SEM äusserte sich im Rahmen der Ver-
nehmlassung nicht zum vom Beschwerdeführer aufgeworfenen Argument,
das Gespräch sei im (...)-Dialekt geführt worden.
5.4.3 In diesem Zusammenhang ist einerseits anzumerken, dass es grund-
sätzlich nicht ohne Weiteres nachvollziehbar erscheint, dass die vom Lin-
gua-Experten herangezogene Referenzvarietät der (...) H._ geeig-
net sein soll, um den Dialekt des Beschwerdeführers einzuordnen. Die Ent-
fernung zwischen H._ und D._ beträgt auf dem Landweg
rund 360 Kilometer und die Region ist teilweise schwer zugänglich, zumal
das Heimatdorf des Beschwerdeführers nicht an eine Verkehrsstrasse an-
gebunden ist (vgl. A87, F15). Dies lässt es als fraglich erscheinen, ob die
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Seite 19
Dialekte tatsächlich in ausreichendem Mass vergleichbar sind. Zudem ist
vorliegend zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer sich seit langer
Zeit nicht mehr in seinem herkömmlichen Sprachraum aufhielt. Andrerseits
ist darauf hinzuweisen, dass sein Heimatdialekt möglicherweise gar keine
Variante des (...) darstellt. Erst kürzlich wurde von Sprachwissenschaftlern
ein unter anderem in der Gemeinde L._ gesprochener Dialekt na-
mens (...) beschrieben, welcher von Tibetern phonetisch mit "(...)" bezeich-
net wird (vgl. [...]). Dabei könnte es sich durchaus um den vom Beschwer-
deführer "(...)" genannten Dialekt handeln. Diesbezüglich ist zu beachten,
dass der (...)-Dialekt als nicht-tibetische Sprache beschrieben und klar
vom (...) abgegrenzt wird (vgl. [...]). Ergänzend ist anzumerken, dass eine
Zuordnung des Heimatdialekts des Beschwerdeführers zu dieser Sprache
auch erklären würde, weshalb er angeblich einen in seiner Heimat wichti-
gen (...) nicht gekannt haben soll. Dem Lingua-Bericht lässt sich entneh-
men, dass er lediglich den (...) angeführt hat, welchen der Experte nicht
lokalisieren konnte, nicht aber den wichtigen (...). Der (...) wird im (...)-
Dialekt jedoch offenbar als "(...)" bezeichnet (vgl. [...]).
5.4.4 Der Experte führte im Rahmen der linguistischen Analyse aus, es
wäre zu erwarten gewesen, dass der Beschwerdeführer neben Formen
des (...) regelmässig Formen gebrauchen würde, die Gemeinsamkeiten
mit der Referenzvarietät aufweisen. Unter den vorliegenden Umständen
erscheint dieser Schluss jedoch nicht gerechtfertigt, nachdem der Be-
schwerdeführer eigenen Angaben zufolge (trotz entsprechender Aufforde-
rung) gar nicht seinen Heimatdialekt sprach. Dies kann vorliegend auch
nicht als blosse Schutzbehauptung eingestuft werden. Einerseits lebte er
vor der Ausreise mehrere Jahre in B._ und spricht den dortigen Di-
alekt fliessend. Nachdem die Interviewerin ihrerseits ebenfalls den (...)-Di-
alekt verwendete, erscheint eine Verständigung in diesem Dialekt nahelie-
gend. Andrerseits ist es als möglich zu erachten, dass sich der Heimatdi-
alekt des Beschwerdeführers derart stark vom (...) unterscheidet, dass er
zu Recht befürchtete, dieser werde von der Interviewerin nicht verstanden.
Weiter kann es nicht als gesichert angesehen werden, dass der Heimatdi-
alekt tatsächlich zur selben Dialekt-Untergruppe gehört wie der Dialekt von
H._. Zudem verliess der Beschwerdeführer sein Heimatdorf und
damit das ursprüngliche sprachliche Umfeld im Alter von (...) Jahren, bevor
er noch als Jugendlicher aus der VR China ausreiste. Zum Zeitpunkt des
Lingua-Gesprächs hielt er sich bereits seit vier Jahren im Ausland auf. Die
Erwartungen des Experten, dass er in seiner Sprache dennoch regelmäs-
sig Formen verwenden müsste, die Gemeinsamkeiten mit der Referenzva-
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Seite 20
rietät – die an einem mehr als 300 Kilometer von seinem Heimatdorf ent-
fernten Ort gesprochen wird – aufweisen, erscheinen daher nicht nachvoll-
ziehbar. Es kann folglich nicht davon ausgegangen werden, dass die
Sprechweise des Beschwerdeführers nicht mit seiner angegebenen Bio-
grafie vereinbar sei. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er im
Rahmen des Lingua-Gesprächs aktiv für das Innertibetische ungrammati-
sche Formen verwendet sowie sich einzelner Lexeme in einer für das In-
nertibetische unidiomatischen Art und Weise bedient habe. Durch die Aus-
reise aus dem Heimatstaat im Alter von (...) Jahren kam er im jugendlichen
Alter bereits zum zweiten Mal in ein neues sprachliches Umfeld und musste
sich entsprechend anpassen. Wie bereits ausgeführt, hielt er sich im Zeit-
punkt des Lingua-Gesprächs seit vier Jahren ausserhalb der VR China auf.
Angesichts dessen erscheint die gelegentliche Verwendung von Ausdrü-
cken, welche für die exiltibetische Sprache typisch sind, nicht geeignet, die
geltend gemachte Hauptsozialisation in der TAR zu widerlegen.
5.4.5 Hinsichtlich der Chinesischkenntnisse des Beschwerdeführers führte
der Linuga-Experte aus, dass er während des Gesprächs von sich aus ei-
nige chinesische Lehnwörter verwendet habe. Dies deckt sich mit dem Pro-
tokoll der Anhörung, bei welcher der Beschwerdeführer an verschiedenen
Stellen von sich aus chinesische Ausdrücke verwendete (vgl. etwa A87,
F14, F16, F21, F32, F42, F67, F135, F139). Weiter habe sich der Be-
schwerdeführer anlässlich des Lingua-Gesprächs in chinesischer Sprache
vorstellen können, alle Wochentage und diverse Zahlen korrekt bezeichnet
sowie einzelne Sätze übersetzen können. Daneben habe er aber auch
mehrere häufig vorkommende chinesische Wörter aus dem Alltagsbereich
nicht gekannt, weshalb seine Chinesischkenntnisse die auf seiner Biogra-
fie basierenden Erwartungen nur teilweise erfüllen würden.
5.4.6 Nach dem Gesagten kommt das Gericht vorliegend zum Schluss,
dass sich aus der linguistische Analyse nicht ableiten lässt, der Beschwer-
deführer sei nicht in der TAR sozialisiert worden. Er gab an, bis zum (...)
Lebensjahr in seiner Heimatregion gelebt und den "(...)"-Dialekt gespro-
chen zu haben. Danach habe er mehrere Jahre in B._ gelebt und
den dortigen Dialekt erlernt, bevor er seinen Heimatstaat im Jahr 2014 als
(...)-jähriger Teenager verlassen habe. Somit hat er mehr als die Hälfte
seines Lebens ausserhalb der Region verbracht, in welcher sein Heimatdi-
alekt gesprochen wird. Es kann daher nicht davon ausgegangen werden,
dass seine Sprache regelmässig Formen einer geografisch relativ weit von
seinem Heimatdorf entfernten Referenzvarietät aufweisen müsste. Dabei
ist – wie schon festgehalten (vgl. E. 5.4.3) – zu beachten, dass es sich beim
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Seite 21
Heimatdialekt möglicherweise um einen erst kürzlich beschriebenen Dia-
lekt handelt, der gerade nicht zum (...) und damit zur Dialektgruppe zählt,
die vom Experten als Referenzvarietät herangezogen wurde. Zudem ver-
fügt der Beschwerdeführer über gewisse, wenn auch den Erwartungen des
Experten nur (aber immerhin) teilweise genügende Kenntnisse der chine-
sischen Sprache. Insgesamt erweist sich die vom Lingua-Experten sowie
dem SEM gezogene Schlussfolgerung, die Sprechweise des Beschwerde-
führers lasse darauf schliessen, dass er sehr wahrscheinlich in einer exilti-
betischen Gemeinschaft ausserhalb der VR China sozialisiert worden sei,
als nicht überzeugend.
5.5 Sodann hat der Beschwerdeführer im Rahmen des Dublin-Verfahrens
D-1802/2016 eine chinesische Identitätskarte sowie ein Familienbüchlein
zu den Akten gereicht. Eine vom SEM in Auftrag gegebene Kurzuntersu-
chung der Dokumente ergab, dass bei beiden keine objektiven Fäl-
schungsmerkmale festgestellt werden konnten. Der Bericht hielt weiter
fest, dass es sich bei der Identitätskarte um ein echtes Dokument handle,
während beim Familienbüchlein infolge fehlenden Vergleichsmaterials
keine abschliessende Beurteilung möglich sei. In der Folge führte das SEM
in seiner Vernehmlassung zur Dublin-Beschwerde aus, eine Prüfung der
Dokumente habe zwar deren Echtheit ergeben, es sei jedoch nicht davon
auszugehen, dass es sich bei der darin genannten Person um den Be-
schwerdeführer handle. Im weiteren Verlauf des Verfahrens hat das SEM
– nach Durchführung einer Altersabklärung, welche die Minderjährigkeit
bestätigte – die Hauptidentität des Beschwerdeführers "gemäss den auf
den chinesischen Dokumenten enthaltenen Angaben" angepasst (vgl.
A77). Es ging somit davon aus, dass diese dem Beschwerdeführer mit aus-
reichender Sicherheit zugeordnet werden können. Zu einem späteren Zeit-
punkt liess die Vorinstanz die Dokumente durch die Länderanalyse SEM
zusätzlich inhaltlich untersuchen. Dabei wurde in Bezug auf die Identitäts-
karte – zum Hukou konnte keine abschliessende Aussage gemacht werden
– festgestellt, dass diese insgesamt sieben Abweichungen in Form von Or-
thographie- und Satzzeichenfehlern aufweise. Der Bericht hielt fest, solche
Fehler seien zwar möglich, aber die hohe Frequenz von Abweichungen in-
nerhalb eines einzigen Dokuments "könnte möglicherweise ein Indiz dafür
sein", dass es sich nicht um eine authentische Identitätskarte der VR China
handle. Aus dieser Formulierung wird offensichtlich, dass die Inhaltsana-
lyse keineswegs auf eine eindeutige Fälschung schliessen lässt. Weiter ist
zu beachten, dass die Identitätskarte keine objektiven Fälschungsmerk-
male aufweist und der Beschwerdeführer über den Prozess von deren Aus-
stellung zutreffend Auskunft geben konnte (vgl. A87, F48 f. und A96). Vor
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Seite 22
diesem Hintergrund erscheint es nicht gerechtfertigt, gestützt auf die relativ
vage Aussage der Länderanalyse SEM sowie den Umstand, dass ge-
fälschte Identitätskarten in China einfach zugänglich seien und der Handel
mit diesen ein grosses Business darstelle, von einer Fälschung auszuge-
hen. Die eingereichte Identitätskarte ist daher als Indiz für die Herkunft des
Beschwerdeführers aus der VR China zu werten.
5.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer so-
wohl im Rahmen der Anhörung als auch anlässlich des Lingua-Gesprächs
relativ viele landeskundlich-kulturellen Kenntnisse vorweisen konnte, wo-
bei aber auch einzelne Wissenslücken vorhanden waren. Die vom Exper-
ten vorgenommene linguistische Analyse erscheint nicht geeignet, eine So-
zialisierung ausserhalb der TAR als wahrscheinlich erscheinen zu lassen.
Vielmehr gibt es Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer mutter-
sprachlich einen lokalen Dialekt spricht, der fast ausschliesslich in der von
ihm angegebenen Herkunftsregion vorkommt. Er verfügt über gewisse Chi-
nesischkenntnisse und verwendete anlässlich der Anhörung zahlreiche
chinesische Lehnwörter. Weiter reichte er eine chinesische Identitätskarte
zu den Akten, welche als echt einzustufen ist. Unter Würdigung der kon-
kreten Umstände des vorliegenden Falles kommt das Gericht daher zum
Schluss, dass das SEM zu hohe Anforderungen an das Glaubhaftmachen
des Herkunftsortes gestellt hat. Es ist mit überwiegender Wahrscheinlich-
keit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer, wie von ihm geltend
gemacht, im Dorf D._ sowie in B._ sozialisiert worden ist,
bevor er die VR China im Alter von (...) Jahren verliess.
6.
6.1 In einem weiteren Schritt ist zu prüfen, ob auch die vom Beschwerde-
führer zur Begründung seines Asylgesuchs vorgebrachte Verfolgungssitu-
ation als glaubhaft im Sinne von Art. 7 Abs. 1 AsylG zu beurteilen ist.
6.2 Nach Auffassung der Vorinstanz weisen die Aussagen des Beschwer-
deführers zu seinen Fluchtgründen nicht die erforderliche Qualität auf, wel-
che zu erwarten wäre, wenn er ein solches Ereignis erlebt hätte. Dem An-
hörungsprotokoll lässt sich entnehmen, dass er seine Asylgründe sehr aus-
führlich und in einem mehrseitigen freien Bericht darlegte (vgl. A87, F67 f.).
Das SEM wies zutreffend darauf hin, dass die Schilderungen diverse De-
tails aufweisen und logisch konsistent sind. Es ist indessen nicht nachvoll-
ziehbar, weshalb seine Aussagen eine höhere Qualität hätten aufweisen
müssen. Zwar ist es richtig, dass die persönlichen Umstände einer asylsu-
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chenden Person, darunter auch ihre kognitiven Fähigkeiten sowie ein ho-
her Bildungsstand, bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit miteinzubezie-
hen sind. Für den vorliegenden Fall ist in dieser Hinsicht festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer über eine mehrjährige Schulbildung verfügt (vgl.
A87, F22). Durch seine Ausreise im Alter von (...) Jahren wurde sein Schul-
besuch jedoch unterbrochen, womit nicht von einem aussergewöhnlichen
Bildungsstand ausgegangen werden kann, welcher eine besonders hohe
Aussagequalität erwarten lassen müsste. Er schildert die Ereignisse im
freien Bericht aus seiner individuellen Perspektive und legt dabei eigene
Gedankengänge und Emotionen dar. Beispielsweise erklärte er, dass er
die (...) unbedingt habe in sein Heimatdorf mitnehmen wollen, um sie sei-
ner tiefgläubigen Mutter zu zeigen. In nachvollziehbarer Weise führte er
aus, dass er und sein Lehrer sich über die Reaktion ihrer Angehörigen sehr
gefreut hätten, was sie motiviert habe, die (...). Es sei ihm auch wichtig
gewesen, die (...), weil die Menschen in seinem Heimatdorf kein Wissen
darüber gehabt und einfach die Götter verehrt hätten, welche von den Chi-
nesen empfohlen worden seien. Weiter finden sich in den Ausführungen
des Beschwerdeführers konkrete Interaktionen, namentlich mit dem Dorf-
vorsteher und seinem Onkel. Angesichts dieser vorhandenen Realkennzei-
chen ist unklar, welche weiteren oder präziseren Angaben das SEM erwar-
tet hätte, damit seine Schilderungen die erforderliche Aussagequalität er-
reichen. Zwar fällt auf, dass die Ausführungen des Beschwerdeführers zu
den Ereignissen nach dem Verlassen des Heimatdorfs und damit zu seiner
konkreten Verfolgung eher knapp ausgefallen sind (vgl. A87, F70, F74 und
F83 f. und F89). In der Beschwerdeschrift wird aber zu Recht darauf hin-
gewiesen, dass er von seinem Onkel über die betreffenden Vorfälle infor-
miert wurde und diese gerade nicht selbst erlebt hat.
6.3 Zur Glaubhaftigkeit der geltend gemachten illegalen Ausreise führte
das SEM lediglich aus, dass die diesbezüglichen Aussagen des Beschwer-
deführers im Kontrast zu vorangehenden längeren Aussagepassagen
stünden, zumal sie kurz und stereotyp ausgefallen seien. Es ist jedoch zu
berücksichtigen, dass angesichts des unterschiedlichen Zeitraums und der
andersartigen Ereignisse kaum erwartet werden kann, dass der Beschwer-
deführer seine Fluchtgründe und die Ausreise in vergleichbarem Umfang
schildert. Die Angaben zur Ausreise enthalten zwar einzelne stereotype
Elemente, können jedoch nicht grundsätzlich als oberflächlich angesehen
werden (vgl. A87, F123 ff.). Auf Nachfrage konnte der Beschwerdeführer
ergänzende Ausführungen machen und er zeichnete auf, wie er die Um-
stände bei der Grenzüberquerung wahrgenommen habe (vgl. A87,
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F132 ff.). Die Schilderungen enthalten auch Realkennzeichen, da der Be-
schwerdeführer Details und angetroffene Schwierigkeiten erwähnt sowie
eigene Emotionen darlegt. Er beschreibt den zurückgelegten Weg bis zur
Grenze in nachvollziehbarer Weise, wobei der Lingua-Bericht ebenfalls
festhält, dass es sich bei der angegebenen Route um einen möglichen Rei-
seweg nach Nepal handelt.
6.4 Insgesamt ist auch hinsichtlich der vom Beschwerdeführer dargelegten
Fluchtgründe sowie der illegalen Ausreise festzuhalten, dass das SEM zu
hohe Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Asylvorbringen gestellt
hat. Die Schilderungen sind detailliert, enthalten zahlreiche Realkennzei-
chen und keinerlei Widersprüche. Es ist nicht nachvollziehbar, wie der Be-
schwerdeführer hätte aussagen müssen, um den von der Vorinstanz ge-
forderten Anforderungen an die Aussagequalität gerecht zu werden. Im
Rahmen einer Gesamtwürdigung überwiegen vorliegend die Elemente,
welche für die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen sprechen.
7.
Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
anlässlich eines Besuchs in seinem Heimatdorf zusammen mit seinem
Lehrer eine öffentliche Vorführung von (...) organisiert hat. Dies ist den chi-
nesischen Behörden zur Kenntnis gelangt, weshalb er sowohl im Heimat-
dorf als auch bei seinem Onkel in B._ gesucht worden ist. Sein
Stiefvater und sein Onkel erhielten mehrfach Besuch von Behördenvertre-
tern und wurden seinetwegen vorübergehend festgehalten (vgl. A87, F63,
F83 f. und F89). Die subjektive Furcht des Beschwerdeführers vor einer
Verhaftung durch die chinesischen Behörden und damit verbundenen
ernsthaften Nachteilen erweist sich daher als objektiv begründet. Die dro-
hende Verfolgung erfolgt aus einem asylrelevanten Motiv im Sinne von Art.
3 AsylG und es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass diese zum heutigen
Zeitpunkt nicht mehr aktuell wäre.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt. Den Akten lassen sich
keine Hinweise auf das Vorliegen von Asylausschlussgründen im Sinne
von Art. 53 AsylG entnehmen. Die Beschwerde ist somit gutzuheissen. Der
Beschwerdeführer ist als Flüchtling anzuerkennen und die Vorinstanz ist
anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
9.
D-7407/2018
Seite 25
9.1 Der Rechtsvertreter stellte mit Eingabe vom 10. Juli 2018 (Stellung-
nahme zur Lingua-Analyse) den Antrag, aufgrund der grossen Komplexität
des Verfahrens sei er dem Beschwerdeführer als unentgeltlicher Rechts-
beistand beizuordnen. Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung fest,
im erstinstanzlichen Asylverfahren sei gemäss der Rechtsprechung der
ehemaligen schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) nur äusserst
selten davon auszugehen, dass der Beizug einer professionellen Rechts-
vertretung aufgrund der besonderen Komplexität der sich stellenden Tat-
sachen- und Rechtsfragen erforderlich sei. Eine solche Konstellation sei
vorliegend nicht gegeben, weshalb der entsprechende Antrag abzuweisen
sei.
9.2 In der Beschwerdeeingabe wurde geltend gemacht, der vorliegende
Fall biete aufgrund seiner Dauer und seines Volumens – drei Gerichtsver-
fahren, ein Wiedererwägungsgesuch, ein Altersgutachten, zwei divergie-
rende Dokumentenanalysen sowie ein nicht leicht verständlicher 17-seiti-
ger Asylentscheid – erhebliche Schwierigkeiten. In rechtlicher Hinsicht er-
forderten die Stellungnahmen zur Lingua-Analyse sowie zur Dokumen-
tenanalyse ein Verständnis für und einen Überblick über das gesamte Ver-
fahren, wobei die Auseinandersetzung mit Gutachten äusserst komplex sei
und spezifisches Wissen erfordere. Die Beiordnung eines unentgeltlichen
Rechtsvertreters für das erstinstanzliche Verfahren erweise sich daher als
gerechtfertigt.
9.3 Grundsätzlich ist eine unentgeltliche Verbeiständung gestützt auf
Art. 65 Abs. 2 VwVG im erstinstanzlichen Verfahren zwar nicht ausge-
schlossen. Wie die Vorinstanz aber zutreffend festhielt, ist die Notwendig-
keit einer rechtlichen Vertretung nur unter sehr restriktiven Voraussetzun-
gen – wenn sich im Verfahren komplexe Sach- und Rechtsfragen stellen –
zu bejahen. Andernfalls würden die spezifischen Eigenheiten des Asylver-
fahrens wie etwa das Institut der Hilfswerkvertretung, der oder die amtlich
bestellte Dolmetscher oder Dolmetscherin oder die Existenz von weitge-
hend unentgeltlich arbeitenden Beratungsstellen in aller Regel dafür sor-
gen, dass ein subjektives Zurückbleiben der betroffenen Partei hinter dem
"durchschnittlichen Bewerber" aufgefangen werde (vgl. BVGE 2017 VI/8
E. 3.3.2 m.H.a. die von dem Bundesverwaltungsgericht fortgeführte Praxis
der ARK).
9.4 Im Rahmen des vorliegenden Asylverfahrens wurden zwar bereits
mehrere (Gerichts-) Verfahren geführt. Dies lässt aber für sich allein noch
nicht auf eine besondere Komplexität des erstinstanzlichen Asylverfahrens
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schliessen. Es ist darauf hinzuweisen, dass bei den jeweiligen Gerichtsver-
fahren stets die Möglichkeit bestand, gestützt auf die entsprechenden
Rechtsgrundlagen um Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsbeistands
zu ersuchen. Die Durchführung einer Altersabklärung, eines Lingua-Gut-
achtens sowie von Dokumentenanalysen sind nicht als ausserordentliche
oder besonders komplexe Verfahrensschritte anzusehen. Bei den betref-
fenden Stellungnahmen im Rahmen des gewährten rechtlichen Gehörs
ging es in erster Linie darum, sich zu tatsächlichen Feststellungen zu äus-
sern, wofür kein spezifisches juristisches Wissen erforderlich ist. Insge-
samt erscheint das erstinstanzliche Verfahren zwar als sehr umfangreich,
es weist aber keine ausserordentliche Komplexität in rechtlicher oder tat-
sächlicher Hinsicht auf. Das SEM hat folglich die unentgeltliche Verbeistän-
dung zu Recht verweigert. Der auf Beschwerdeebene gestellte Antrag auf
Einsetzung des unterzeichnenden Rechtsvertreters als amtlichen Rechts-
beistand für das erstinstanzliche Asylverfahren ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
eine Parteientschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Kos-
ten zuzusprechen (Art. 64 VwVG, Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE]). Der Rechtsvertreter reichte mit Eingabe vom
9. März 2021 eine Kostennote ein, in welcher er einen zeitlichen Aufwand
von 25.75 Stunden à Fr. 250.– sowie Auslagen in Höhe von Fr. 335.90 gel-
tend machte. Im Begleitschreiben führte er aus, dass es sich vorliegend
um einen äusserst komplexen und aufwändigen Fall handle, weshalb der
relativ hohe veranschlagte Zeitaufwand gerechtfertigt sei. Der tatsächliche
Aufwand – insbesondere für Recherchen und Aktenstudium, aber auch für
kleinere Eingaben – liege denn auch höher als die verrechnete Zeit. Zwar
trifft es zu, dass das vorliegende Verfahren relativ umfangreich ist. Nichts-
destotrotz erscheint der veranschlagte Zeitaufwand, namentlich die zwan-
zig Stunden für das Verfassen der Beschwerdeschrift, als unangemessen
hoch und ist zu kürzen. Unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist die Parteienschädigung pauschal
auf Fr. 5'000.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen. Das
SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer diesen Betrag auszurichten.
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