Decision ID: cef7c4a9-23f5-5835-93c3-ca17deb8f462
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die volljährige Beschwerdeführerin – eine afghanische Staatsangehörige
und ethnische Hazara aus C._ (Iran) – suchte am 3. August 2020
in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Anlässlich der einlässlichen Anhörung vom 25. August 2020 machte sie zur
Begründung ihres Asylgesuchs im Wesentlichen geltend, sie habe als af-
ghanische Staatsangehörige zeitlebens im Iran gelebt. In den Jahren
2004/2005 sei sie mit ihrem Cousin zwangsverheiratet worden. In dieser
Zwangsehe sei sie von ihrem Cousin/Ehemann regelmässig geschlagen
und missbraucht worden, worauf sie sich im Jahr 2007/2008 von ihm habe
scheiden lassen. Nach der Scheidung sei ihr Cousin/Exmann nach Afgha-
nistan zurückgekehrt. Im Jahr 2017 habe sie D._ geheiratet. Als ihr
Cousin/Ex-Ehemann von ihrer Heirat mit D._ erfahren habe, habe
dieser von Afghanistan aus ihre Schwiegereltern im Iran kontaktiert und sie
(die Beschwerdeführerin) als Betrügerin bezichtigt, weil er der Meinung ge-
wesen sei, dass sie noch immer mit ihm verheiratet sei. Als ihre Schwie-
gereltern zudem erfahren hätten, dass sie auf einem Auge blind sei, sei sie
von diesen beschimpft und ausgegrenzt worden. Bei einem Streit im April
2018 habe ihr Schwiegervater – sie sei zu diesem Zeitpunkt schwanger
gewesen – so heftig gegen den Bauch getreten, dass sie ihr Kind verloren
habe. Aus Angst vor weiteren Behelligungen habe sie sich mit ihrem Ehe-
mann D._ zunächst vom Iran in die Türkei abgesetzt, ehe sie über
Griechenland und Österreich in die Schweiz gelangt sei.
C.
Mit am 4. November 2020 zugestellter Verfügung vom 3. November 2020
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht und wies ihr Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Weg-
weisung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz, schob den Vollzug je-
doch wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
D.
Am 21. November 2020 gebar die Beschwerdeführerin ihre Tochter
B._.
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E.
Gegen die Verfügung des SEM vom 3. November 2020 liess die Beschwer-
deführerin mit Eingabe vom 3. Dezember 2020 beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde einreichen. Sie liess beantragen, die Verfügung des
SEM sei in den Dispositiv-Ziffern 1 bis 3 aufzuheben, ihre Flüchtlingseigen-
schaft sei festzustellen und ihr sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die
Verfügung des SEM aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und um Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertretung.
F.
Mit Schreiben vom 4. Dezember 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG (SR 142.31); Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie ist daher zur
Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 so-
wie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde vor dem Bundesverwaltungsgericht kann im Bereich des
Asyls die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und
Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige
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Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106
Abs. 1 AsylG).
3.
Die am 21. November 2020 geborene Tochter der Beschwerdeführerin wird
in das Verfahren ihrer Mutter miteinbezogen.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin entschieden
(Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend aufgezeigt, handelt es sich vorlie-
gend um eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch
zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
Das SEM hat die Vorbringen der Beschwerdeführerin vorliegend zu Recht
als unter dem Blickwinkel des Flüchtlingsbegriffs von Art. 3 AsylG irrelevant
beurteilt. So ist hinsichtlich der von der Beschwerdeführerin geltend ge-
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machten Zwangsheirat mit ihrem Cousin im Jahr 2004/2005 darauf hinzu-
weisen, dass für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3
AsylG die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheids massgeblich ist. Un-
abhängig von der Frage der Glaubhaftigkeit der geschilderten Zwangshei-
rat, vermag die Beschwerdeführerin vorliegend keine zum heutigen Zeit-
punkt begründete Furcht vor einer gezielten Verfolgung ihrer Person dar-
zulegen. Aus den Akten ergeben sich – entgegen der in der Beschwerde
vertretenen Ansicht (vgl. daselbst, S. 6 ff.) – keine konkreten Hinweise für
die Annahme, dass sie im heutigen Zeitpunkt, über zwölf Jahre nach ihrer
Scheidung (2007/2008), von ihrem Cousin/Ex-Ehemann asylbeachtliche
Nachteile zu befürchten hätte. So gibt die Beschwerdeführerin selbst zu
Protokoll, dass sie nach der Scheidung nie mehr Kontakt zu ihrem
Cousin/Ex-Ehemann gehabt habe (vgl. SEM-act. A20, F111 ff.). Der von
der Beschwerdeführerin geltend gemachte Anruf ihres Cousins/Ex-Ehe-
mannes bei ihren Schwiegereltern im Jahr 2017 ist als Nachteil zu wenig
intensiv, um eine asylbeachtliche Bedrohung zu begründen, was auch die
Vorinstanz zutreffend erkannt hat. Mithin ist – entgegen der Beschwerde
(vgl. daselbst, S. 8 ff.) – offensichtlich nicht davon auszugehen, dass ihr
bei einer Rückkehr in ihren Heimatstaat Afghanistan ein sogenannter Eh-
renmord drohen würde. Sodann hat die Vorinstanz richtig erkannt, dass die
Vorbringen bezüglich ihrer Situation im Drittstaat Iran asylrechtlich nicht re-
levant und mithin nicht weiter zu berücksichtigen sind. Schliesslich liegen
auch keine Hinweise auf eine Gehörsverletzung vor. Entgegen der Rüge in
der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 11 f.) hat sich die Vorinstanz mit der Ge-
fährdungssituation der Beschwerdeführerin in Afghanistan hinreichend
auseinandergesetzt. An dieser Einschätzung vermag der erstmals auf Be-
schwerdeebene geltend gemachte, in keiner Weise näher substantiierte
Hinweis auf mögliche Behelligungen durch Familienangehörige des Ehe-
mannes nichts zu ändern. Für eine Rückweisung der Sache an die Vo-
rinstanz besteht kein Anlass. Der Beschwerdeführerin ist es demnach nicht
gelungen, nachzuweisen, dass sie in Afghanistan aktuell objektiv begrün-
dete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG
haben müsste. Es erübrigt sich, auf weitere Beschwerdevorbringen näher
einzugehen, weil sie am Ergebnis nichts ändern können. Das SEM hat das
Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie nicht darauf ein,
so verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Im Lichte dieser Bestimmung hat die Vor-
instanz die Wegweisung vorliegend zu Recht angeordnet.
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7.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung vom 3. November
2020 die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz an-
geordnet. Demnach erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zuläs-
sigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
8.
Die Beschwerdeführerinnen beantragen die unentgeltliche Rechtspflege
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen
ergibt sich, dass ihre Begehren als von vornherein aussichtslos zu gelten
haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht
gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist. Aus demselben
Grund kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung
nicht stattgegeben werden. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die
Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE], SR 173.320.2) somit den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag auf Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos gewor-
den.
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