Decision ID: 22c2e871-ac2c-5242-a7ac-398a1c7fe049
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin 1 (nachfolgend: Beschwerdeführerin) und der Be-
schwerdeführer 2 (nachfolgend: Beschwerdeführer) stellten am (...) No-
vember 2015 in der Schweiz Asylgesuche. Das SEM führte am 13. Novem-
ber 2015 ihre Befragungen zur Person (BzP) durch. Am 11. Februar 2016
informierte das SEM sie darüber, dass ein zuvor eingeleitetes Dublin-
Zuständigkeitsverfahren beendet worden sei und das Asylverfahren in der
Schweiz durchgeführt werde. Am 7. April 2017 und am 18. Mai 2017 (Fort-
setzung) fand die Anhörung des Beschwerdeführers zu seinen Asylgrün-
den statt. Die Beschwerdeführerin wurde ebenfalls am 18. Mai 2017 ange-
hört.
A.a Der Beschwerdeführer gab bei seinen Anhörungen an, er stamme aus
D._ und habe nach der obligatorischen Schulzeit (...) Jahre lang
(...) studiert, das Studium jedoch nicht abgeschlossen. Neben seiner
hauptberuflichen Tätigkeit als (...) habe er in E._ in einem (...) ge-
arbeitet. Dort habe er mit dem Geschäftsinhaber islamkritische
Unterlagen (...). Er habe sich auch in den sozialen Medien regimekritisch
geäussert. Am (...). 2015 sei er zu Hause vom iranischen Geheimdienst
Ettelaat verhaftet worden. Man habe ihn (...) Wochen lang an einem unbe-
kannten Ort festgehalten, wo er verhört und gefoltert worden sei. Danach
sei er zuerst vor Gericht und anschliessend in ein Gefängnis in D._
verbracht worden. Am (...). 2015 habe man ihn gegen Kaution entlassen,
wobei (...) als Sicherheit habe hinterlegen müssen. In der Folge sei er aus
Furcht vor weiterer Verfolgung – ohne seine Partnerin, die ihm auf dem
Luftweg nachgereist sei – am (...) 2015 in die Türkei geflohen. Ungefähr
(...) 2015 habe er (...) erfahren, dass eine schriftliche Vorladung für ihn
abgegeben worden sei, respektive eine Verwarnung für den Fall, dass er
sich nicht bei den Behörden melde; er befürchte, dass nun (...) konfisziert
werde. Gemäss deren Schilderung hätten auch immer wieder Geheim-
dienstangehörige bei seiner Familie seinetwegen vorgesprochen. Er leide
immer noch an den gesundheitlichen Folgen der erlittenen Misshandlun-
gen.
In der Schweiz habe er sich der (...) Kirche angeschlossen und sich am
(...) 2016 taufen lassen. Er nehme regelmässig an Gottesdiensten teil.
Ausser seiner Mutter wisse im Iran niemand von seiner Konversion.
A.b Die Beschwerdeführerin gab zu Protokoll, sie habe im Iran – abgese-
hen von alltäglichen Einschränkungen der iranischen Frauen bezüglich
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ihres Erscheinungsbilds und ihrer Kleidung – selber keine Schwierigkeiten
gehabt und sei einzig wegen der Probleme ihres Ehemannes ausgereist.
A.c Die Beschwerdeführenden reichten (neben Identitätspapieren und
Flüchtlingsausweisen/-Registrierungen) zum Beleg ihrer Vorbringen ins-
besondere drei in D._ ausgestellte Gerichtsdokumente, einen Be-
richt des Hauptgefängnisses von D._ sowie eine Verwarnung der
Staatsanwaltschaft D._ zu den Akten.
B.
Am (...) heirateten die Beschwerdeführenden in der Schweiz.
C.
Mit Verfügung vom 26. August 2019 (eröffnet am 3. September 2019) wies
das SEM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden unter Verneinung ih-
rer Flüchtlingseigenschaft ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
D.
D.a Diesen Asylentscheid liessen die Beschwerdeführenden mit Be-
schwerde vom 2. Oktober 2019 beim Bundesverwaltungsgericht anfech-
ten. Sie beantragten sinngemäss die Aufhebung der Verfügung vom
26. August 2019, für den Beschwerdeführer die Feststellung der originären
Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung und für die Beschwerdefüh-
rerin den Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft ihres Ehemannes und die
Gewährung von (Familien-)Asyl; eventualiter seien die Beschwerdeführen-
den als Flüchtlinge – subeventualiter, infolge Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs, als Ausländer – vorläufig aufzunehmen.
D.b Mit der Beschwerde wurden eine Vielzahl von Beweismitteln einge-
reicht, namentlich Belege für die exilpolitischen Aktivitäten des Beschwer-
deführers, medizinische Unterlagen, Berichte über die Situation im Iran,
das Unterstützungsschreiben eines Seelsorgers F._, eine Kosten-
note und eine Bestätigung der Mittellosigkeit der Beschwerdeführenden.
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E.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Oktober 2019 hiess die vormalige Instruk-
tionsrichterin die Gesuche der Beschwerdeführenden um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung sowie Verbeiständung und um Befreiung
von der Kostenvorschusspflicht gut und setzte MLaw Olivia Eugster als
amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführenden ein; zudem wurde
der Vorinstanz Gelegenheit geboten, sich zur Beschwerde vernehmen zu
lassen.
F.
Mit Eingabe vom 18. Oktober 2019 orientierte die Rechtsbeiständin das
Gericht über den beeinträchtigten physischen und psychischen Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers und über Misshandlungen, die im
Asylverfahren bisher nicht zur Sprache gekommen seien. Mit dem Schrei-
ben wurden sieben Arztberichte zu den Akten gereicht und weitere medizi-
nische Unterlagen angekündigt.
G.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 18. Oktober 2019 – die den
Beschwerdeführenden in der Folge ohne Gewährung des Replikrechts zur
Kenntnis gebracht wurde – an seiner Verfügung fest.
H.
Am (...) kam das Kind der Beschwerdeführenden (...) in der Schweiz zur
Welt.
I.
In einer als "Replik" bezeichneten Eingabe vom 22. November 2019 äus-
serten sich die Beschwerdeführenden zur Vernehmlassung der Vorinstanz
und liessen an ihren Anträgen festhalten. Mit dem Schreiben wurden
mehrere Screenshots von einer Facebook-Site des Beschwerdeführers,
ein Schreiben betreffend seine exilpolitischen Aktivitäten und eine Kosten-
note der Rechtsbeiständin eingereicht.
J.
Mit weiteren Eingaben vom 22. November 2019, 28. Mai 2020, 16. und
30. September 2020, 27. April 2021 und 19. August 2021 wurden unter an-
derem der Taufschein des neugeborenen Kindes, den Beschwerde-
führer betreffende medizinische Berichte sowie Beweismittel zum Beleg
seiner exilpolitischen Aktivitäten, ein Unterstützungsschreiben und ein
Flyer aus dem Kreis der (...) Kirchgemeinde G._ und eine Kosten-
note (Stand: 27. April 2021) ins Recht gelegt.
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K.
Im Frühling 2021 wurde das Verfahren der Beschwerdeführenden von der
Leitung der Abteilung V des Bundesverwaltungsgerichts aus organisatori-
schen Gründen dem vorsitzenden Richter zur weiteren Behandlung zuge-
teilt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 105
und aArt. Abs. 1 AsylG, Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführen-
den 1 und 2 haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Ihre während des Beschwerdeverfahrens geborene Tochter
(Beschwerdeführerin 3) ist in das Asyl(beschwerde)verfahren der Eltern
einzubeziehen.
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck
noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat bestehen-
den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM begründete seinen Asylentscheid, soweit die geltend ge-
machten Vorfluchtgründe betreffend, mit der Unglaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers.
4.1.1 Die Herstellung und Verbreitung (...) mit religiösem und regierungs-
kritischem Inhalt sei von ihm in verschiedener Hinsicht – namentlich be-
züglich der Abläufe und der Aufteilung der Rollen zwischen ihm und dem
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Inhaber (...) – unterschiedlich geschildert worden. Die angeblichen Aktivi-
täten in den sozialen Medien vor der Flucht habe er in der BzP und im
ersten Teil der Anhörung noch nicht erwähnt, sondern erst anlässlich der
Fortsetzung der Anhörung vom 18. Mai 2017.
4.1.2 Gemäss Erfahrungen des SEM bringe ein Grossteil der iranischen
Asylsuchenden vor, im Iran inhaftiert worden zu sein, was sich oft als tat-
sachenwidrig herausstelle, obwohl solche Haftstrafen von ihnen meist aus-
führlich geschildert würden. Beim Beschwerdeführer wirke die Schilderung
der Haftumstände detailreicher und substanziierter als die Beschreibung
der politischen Aktivitäten, die zu dieser Verhaftung geführt hätten; diese
Feststellung sei demnach als Unglaubhaftigkeitsindiz zu werten.
4.1.3 Angesichts der offensichtlich unglaubhaften Asylvorbringen erübrige
sich eine vertiefte Prüfung der eingereichten Beweismittel, insbesondere
der Gerichtsunterlagen, zumal diese in Kopieform eingereichten Doku-
mente nicht fälschungssicher seien.
4.2 Die Konversion des Beschwerdeführers (...) wurde vom SEM nicht an-
gezweifelt. Die Vorinstanz führte dazu jedoch aus, es sei "fraglich", ob er
dadurch bei einer Rückkehr in den Iran allerdings einer Gefährdung im Sinn
von Art. 3 AsylG ausgesetzt würde, zumal er sich diesbezüglich nicht ge-
äussert habe und den Akten keine konkreten Anhaltspunkte dafür zu ent-
nehmen seien, dass die iranischen Behörden Kenntnis von der Konversion
erhalten hätten.
4.3 In der Beschwerde wurde unter anderem festgehalten, die Unglaubhaf-
tigkeitsargumentation des SEM beruhe teilweise auf aktenwidrigen Fest-
stellungen. So habe der Beschwerdeführer die Aktivitäten in den sozialen
Medien bereits im ersten Teil der Anhörung erwähnt, und dass er erst auf
mehrmaliges Nachfragen hin die Titel von politischen Büchern genannt
habe, sei ebenfalls unzutreffend. Die vom SEM beanstandeten Schilderun-
gen der Fluchtgründe seien detailliert, substanziiert und glaubhaft.
Im Rechtsmittel wurden weiter auch die exilpolitischen Aktivitäten und die
Umstände der Konversion (...) ausführlich beschrieben.
4.4 In seiner Vernehmlassung räumte das SEM die Richtigkeit einiger
Gegenargumente aus der Beschwerdeschrift ein, hielt aber daran fest,
dass die unbestrittene Substanziiertheit der Schilderungen der Haftzeit
noch nicht zwingend auf die Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens schliessen
lasse. Es sei durchaus möglich, dass der Beschwerdeführer schon einmal
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selber eine Hafterfahrung gemacht habe, "vermutlich" aber nicht aus den
im Asylverfahren vorgebrachten Gründen. Der Beschwerdeführer habe be-
zeichnenderweise keine Auszüge aus seinem Facebook-Profil eingereicht,
welche Online-Aktivitäten während der Dauer des Aufenthalts im Iran be-
legen würden. Durch die in der Beschwerde geltend gemachten politischen
Exilaktivitäten habe er sich nicht besonders exponiert. Zudem falle der ge-
häufte exilpolitische Aktivismus nach Erhalt des negativen erstinstanzli-
chen Asylentscheids auf, nachdem er sich in den drei Jahren seit der Ein-
reise in die Schweiz noch nicht politisch betätigt habe.
4.5 Mit der Replik reichten die Beschwerdeführenden sieben Screenshots
der Facebook-Site des Beschwerdeführers aus den Jahren (...) zu den Ak-
ten. Sie führten aus, dieser habe die Aktivitäten in den sozialen Medien in
der BzP nicht explizit erwähnt, weil er dazu angehalten worden sei, sich in
dieser summarischen Befragung kurz zu halten, und er davon ausgegan-
gen sei, im Asylverfahren seien in erster Linie seine persönlichen Erleb-
nisse von Interesse und nicht seine Aktivitäten in den sozialen Medien. Die
Aussage des SEM, er habe sich erst nach Erhalt des negativen Asylent-
scheids politisch in der Schweiz betätigt, sei unzutreffend; diese Argumen-
tation sei überdies unverständlich, nachdem in der Vernehmlassung aus-
drücklich anerkannt werde, dass er seit Januar 2016 in grosser Regelmäs-
sigkeit politische Inhalte geteilt habe. Abschliessend wurde erneut auf die
im Asylverfahren eingereichten Gerichtsunterlagen verwiesen.
5.
5.1 Vorbringen sind nach Lehre und Praxis glaubhaft gemacht, wenn sie
genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind (vgl. hierzu
und zum Folgenden insbes. BVGE 2012/5 E. 2.2 und 2010/57 E. 2.2 f.;
Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis-
sion [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; KNEER / SONDEREGGER, Glaub-
haftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts, in: ASYL 2/2015 S. 5). Die Aussa-
gen dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen
Punkten nicht widersprüchlich sein, der inneren Logik nicht entbehren oder
den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen
sind substanziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schil-
derungen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb
einer Anhörung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen
Dritter keine Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale
Widersprüche sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betref-
fen, zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige
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Begründung für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hin-
aus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen,
was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen un-
terdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen
auswechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mit-
wirkung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im
Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen.
Aussagewidersprüche zwischen den Protokollen der summarischen ersten
Befragung und der einlässlichen Anhörung dürfen für die Beurteilung der
Glaubhaftigkeit nach konstanter Praxis berücksichtigt und herangezogen
werden, wenn klare Angaben bei der Befragung zur Person in wesentlichen
Punkten der Asylbegründung von späteren Aussagen in der Anhörung zu
den Asylgründen diametral abweichen, oder wenn bestimmte Ereignisse
oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt wer-
den, nicht bereits bei der Erstbefragung zumindest ansatzweise erwähnt
werden (vgl. bereits EMARK 1993 Nr. 3).
5.2 Nach Auffassung des Gerichts vermögen die Vorbringen des Be-
schwerdeführers zu den Geschehnissen vor seiner illegalen Ausreise aus
dem Iran diesen Anforderungen insgesamt zu genügen. Die Unglaubhaf-
tigkeitsargumente des SEM werden von der amtlichen Rechtsbeiständin in
der Beschwerde und in der Replik auf überzeugende Weise bestritten.
Zwecks Vermeidung von Wiederholungen kann vorab auf diese Entgeg-
nungen verwiesen werden (zumal sie in der Vernehmlassung, zu Recht,
teilweise anerkannt worden sind).
5.3 Die protokollierte Schilderung der Erlebnisse während der gut (...)mo-
natigen Inhaftierung im Iran weist unbestrittenermassen eine Vielzahl von
Realkennzeichen auf. Die protokollierten Angaben des Beschwerdeführers
sind substanziiert und wirken lebensecht. Aus der Feststellung des SEM,
dies sei erfahrungsgemäss auch bei vielen iranischen Asylsuchenden der
Fall, deren Vorbringen sich dann trotzdem als unglaubhaft herausstellen
würden (vgl. Verfügung S. 6), lässt sich für die im vorliegenden Verfahren
vorzunehmende Glaubhaftigkeitsprüfung nichts Hilfreiches ableiten.
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5.4 Die Beschreibung der politischen Aktivitäten (...) sind im Vergleich zur
Beschreibung der Haftumstände zwar tatsächlich etwas weniger ausführ-
lich; sie weisen aber ebenfalls Realitätskennzeichen auf und können nach
Auffassung des Geruchs jedenfalls nicht als unsubstanziiert bezeichnet
werden. Die detailliertere (und deutlich emotionaler wirkende) Erzählart
könnte im Übrigen auch darauf zurückzuführen sein, dass die
zu beschreibenden Ereignisse während der Haft zweifellos deutlich ein-
prägsamer waren als die Vornahme (...).
5.5 Soweit in der angefochtenen Verfügung die Aufgabenteilung zwischen
dem Beschwerdeführer und dem Inhaber (...) und die konkreten Abläufe
bei (...) ausführlich dargelegt und als widersprüchlich bezeichnet werden,
wirkt diese Argumentation – auch unter Berücksichtigung des Umstands,
dass zwischen der BzP und den beiden Anhörungsteilen eineinhalb Jahre
vergingen – teilweise gesucht. Es kann auch in dieser Hinsicht auf die über-
zeugenden Entgegnungen der Rechtsbeiständin verwiesen werden (vgl.
Beschwerde S. 5 ff.).
5.6 Dass der Beschwerdeführer seine Aktivitäten in den sozialen Medien
vor der Ausreise in der BzP nicht erwähnte, ist nur auf den ersten Blick
überraschend: Er begann die Antwort auf die Frage nach den "wesentli-
chen Gründen" für die Ausreise (vgl. Protokoll BzP S. 8) mit den folgenden
Worten: "Es hat politische Gründe. Ich wurde gefoltert [...]". Die Darstellung
der amtlichen Rechtsbeiständin ist nicht unplausibel, der Beschwerdefüh-
rer sei wohl davon ausgegangen, dass auf diese Frage hin eine kurze
Schilderung der persönlichen Verfolgungserlebnisse und deren Ursache
erwartet werde (vgl. Replik S. 1).
5.7
5.7.1 Der Beschwerdeführer hat folgende Beweismittel in Form von Kopien
zu den Akten gereicht: Ein Formular der iranischen Staatsanwaltschaft be-
treffend die Annahme einer Kaution vom (...), ein Strafurteil des Revoluti-
onsgerichts D._ vom (...) 2015 (gemäss Übersetzung wegen (...))
und ein das erste Urteil weitgehend bestätigendes Urteil des Berufungsge-
richts der Provinz D._ vom (...) 2016.
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Seite 11
5.7.2 Die Argumentation der Vorinstanz, diese Beweismittel müssten im
Asylverfahren nicht geprüft und berücksichtigt werden, weil die Asylvorbrin-
gen sich als unglaubhaft herausgestellt hätten (vgl. angefochtene Verfü-
gung 6), ist unzutreffend. Allenfalls könnte höchstens, umgekehrt, auf die
inhaltliche Prüfung der Glaubhaftigkeit einzelner protokollierter Aussagen
verzichtet werden, wenn der Sachverhalt durch Dokumente positiv-
rechtlich bewiesen wäre. Das Vorgehen des SEM im Zusammenhang mit
diesen Gerichtsdokumenten stellt im Ergebnis eine Nichtabnahme zulässi-
ger Beweismittel dar und verletzt neben dem Untersuchungsgrundsatz
(Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG) auch das rechtliche Gehör der Be-
schwerdeführenden.
5.7.3 Der vorinstanzliche Hinweis darauf, dass die drei Dokumente in Form
von Kopien eingereicht worden seien (vgl. angefochtene Verfügung,
a.a.O.), erfolgt zwar zu Recht. Kopien weisen indessen nicht von vorn-
herein keine, sondern praxisgemäss reduzierte Beweiskraft auf. Dass
diese Beweismittel formale oder inhaltliche Fälschungsmerkmale aufwei-
sen würden, wird vom SEM nicht behauptet; solches wäre auch für das
Gericht nicht ersichtlich. Unter diesen Umständen stellen die Dokumente
zwar nicht den Beweis für die Richtigkeit, aber immerhin Indizien für die
Glaubhaftigkeit des Sachvortrags dar.
5.8
5.8.1 Den Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer neben
einer Vielzahl physischer Erkrankungen auch an vielen psychischen
Gesundheitsbeschwerden leidet. In den vielen beigebrachten medizini-
schen Berichten sind unter anderen die folgenden Diagnosen psychischer
Erkrankungen aufgeführt: Verdacht auf Posttraumatische Anpassungsstö-
rung; generalisierte Angststörung mit Hypervigilanz, Schlafstörungen, An-
getriebensein, vegetative Begleitsymptomatik, Herzangst, Panikattacken
und Hypochondrie (differenzialdiagnostisch: Traumafolgestörung); schwe-
re Depression, Posttraumatische Belastungsstörung. Im aktuellsten
Bericht eines Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie FMH vom (...)
2021 werden die folgenden Diagnosen erwähnt: Depressive
Störung (derzeit mittelgradige Episode), Generalisierte Angststörung,
Panikstörung. In mehreren Berichten werden diese psychiatrischen
Diagnosen in direkten Zusammenhang mit den anamnestisch erhobenen
Ereignissen während des Gefängnisaufenthalts im Iran gestellt.
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Seite 12
5.8.2 Bei den vielen eingereichten Unterlagen betreffend die Behandlung
physischer Leiden des Beschwerdeführers fallen (neben dem quantitativen
Umfang der Beschwerden) die Diversität dieser Gesundheitsprobleme auf.
Im letzten eingereichten Bericht hält der Hausarzt des Beschwerdeführers
nach einer langen Auflistung der ihm bekannten Behandlungen seines
Klienten fest: "Die Vielzahl der bekannten und geklagten Beschwerden ist
aus hausärztlicher Sicht für einen (...)-jährigen Mann abnorm und meines
Erachtens nur als Folge einer schweren psychophysischen Destabilisie-
rung infolge der im Iran durchgemachten Folterung erklärbar".
5.8.3 Bei dieser Aktenlage stellen auch die beigebrachten medizinischen
Berichte ein Indiz für die Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Verfolgung
im Heimatstaat dar.
5.9 Nach dem Gesagten gelangt das Gericht im Rahmen einer Gesamt-
würdigung aller aktenkundigen Umstände zum Schluss, dass die Asylvor-
bringen des Beschwerdeführers als glaubhaft zu qualifizieren sind.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer wurde vor seiner Ausreise aus politischen Grün-
den inhaftiert und mehr als (...) Monate lang unter Misshandlungen festge-
halten. Er reiste unmittelbar nach der bedingten Freilassung aus und hatte
zu diesem Zeitpunkt begründete Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter
Verfolgung. Praxisgemäss besteht die Regelvermutung, dass von erlitte-
ner, mit der Ausreise in Kausalzusammenhang stehender Vorverfolgung
ohne Weiteres auf das Bestehen einer begründeten Furcht vor weiterer,
zukünftiger Verfolgung zu schliessen ist (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5
m.w.H.). Dabei ist auch zu beachten, dass eine Person, die bereits einmal
staatlicher Verfolgung ausgesetzt war, objektive Gründe für eine ausge-
prägtere (subjektive) Furcht hat als jemand, der erstmals in Kontakt mit
staatlichen Sicherheitskräften kommt (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2, 2011/50
E. 3.1.1 und 2010/57 E. 2, jeweils m.w.H.). Vorliegend besteht kein Grund,
von dieser Regelvermutung abzuweichen. Die Voraussetzungen für die
Feststellung der originären Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3 AsylG
sind demnach auch im heutigen Zeitpunkt erfüllt.
6.2 Aus den Akten sind sodann auch keine Hinweise ersichtlich, die auf
das Bestehen von Asylausschlussgründen (insbesondere im Sinn von
Art. 53 AsylG) hindeuten würden.
6.3 Das SEM ist demnach anzuweisen, dem Beschwerdeführer unter
Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft in der Schweiz Asyl zu gewähren.
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Seite 13
6.4 Unter diesen Umständen kann die Frage der flüchtlingsrechtlichen
Konsequenzen der Konversion des Beschwerdeführers (...) sowie seiner
exilpolitischen Aktivitäten offenbleiben.
7.
7.1 Die Beschwerdeführerin hat die Feststellung ihrer originären Flücht-
lingseigenschaft nicht beantragt. Den Akten sind in der Tat keine Hinweise
auf eine Reflexverfolgung wegen ihres Mannes zu entnehmen. Das
Gleiche gilt offenkundig auch für das in der Schweiz geborene Kind (...).
7.2 Für die beiden Angehörigen des Beschwerdeführers wird jedoch der
Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Familien-
asyl beantragt.
7.2.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten von Flüchtlingen
und ihre minderjährigen Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl,
wenn keine besonderen Umstände dagegen sprechen.
7.2.2 Nachdem den Akten keine solchen Umstände zu entnehmen sind, ist
das SEM anzuweisen, die Beschwerdeführerinnen 1 und 3 in die Flücht-
lingseigenschaft und das Asyl ihres Ehemanns beziehungsweise Vaters
einzubeziehen.
8.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten vollumfänglich gutzuheissen;
Die Verfügung des SEM vom 26. August 2019 ist aufzuheben.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG)
10.
Den Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung
von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise
erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der in der Kostennote vom
27. April 2021 ausgewiesene Aufwand ist angesichts der Komplexität des
Verfahrens angemessen. Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteient-
schädigung wird – unter Berücksichtigung des Aufwands für die nachträg-
lichen Eingaben vom 19. und 24. August 2021 demnach auf insgesamt
Fr. 3800.– (inkl. Auslagen) festgelegt.
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