Decision ID: 2f1905b6-8207-5411-92a7-96d2b65c50d5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden (Mutter [Beschwerdeführerin 1] und Sohn [Be-
schwerdeführer 2, geb. 2015]) reichten am 17. Mai 2021 in der Schweiz ein
Asylgesuch ein. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der Eurodac-Daten-
bank ergab, dass Portugal ihnen ein bis 11. Februar 2020 gültiges Schen-
gen-Visum gewährt hatte. Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 4. Juni
2021 führte die Beschwerdeführerin 1 dazu aus, sie sei mit dem Visum im
Jahre 2019 mit dem Flugzeug in Portugal eingereist. Nach Ablauf des Vi-
sums sei sie illegal in Portugal geblieben und habe das Land am Ende des
Ramadans 2021 (Mai) verlassen. In Portugal habe sie keinen Antrag auf
eine Aufenthaltsbewilligung gestellt. In Bezug auf den Gesundheitszustand
wurde geltend gemacht, dass sie – die Beschwerdeführerin 1 – seit länge-
rer Zeit Bauch- und Beinschmerzen habe. Der Beschwerdeführer 2 habe
Augenprobleme. Die Pflege sei darüber informiert und entsprechende Spi-
taltermine stünden an.
B.
Nachdem die portugiesischen Behörden das SEM am 22. Juni 2021 infor-
miert hatten, dass die Beschwerdeführerin 1 im März 2020 eine Aufent-
haltsbewilligung für fünf Jahre (gültig bis März 2025) erhalten habe, er-
suchte das SEM am 24. Juni 2021 die portugiesischen Behörden um Über-
nahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 12 Abs. 1 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
C.
Am 5. Juli 2021 hiessen die portugiesischen Behörden das Ersuchen des
SEM um Übernahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 12 Abs. 1
Dublin-III-VO gut.
D.
Am 4. August 2021 gewährte das SEM den Beschwerdeführenden via
Rechtsvertretung das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit der Überstellung nach Portu-
gal, dessen Zuständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs grundsätz-
lich in Frage komme. In ihrer schriftlichen Stellungnahme vom 13. August
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2021 machten die Beschwerdeführenden geltend, sie seien mit einer Rück-
kehr nach Portugal nicht einverstanden. Der Beschwerdeführer 2 sei sehr
krank. Er habe schlechte Augen und Probleme mit seinem Kopf. In Portu-
gal hätten sie keine medizinische Behandlung erhalten. Es sei sehr schwer,
dort eine Unterkunft zu erhalten, vor allem mit einem Kind. Am 1. Septem-
ber 2021 stehe ein Arzttermin an, um abzuklären, was mit den Augen nicht
stimme. Sie ersuchten das SEM, mit dem Entscheid zuzuwarten, um den
medizinischen Sachverhalt rechtsgenüglich abklären zu können.
E.
Mit Verfügung vom 17. August 2021 (eröffnet am 18. August 2021) trat das
SEM auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht ein, verfügte de-
ren Überstellung nach Portugal und forderte sie auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die
Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
F.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 24. August 2021 (Postaufgabe) gelangten die
Beschwerdeführenden an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträ-
gen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz an-
zuweisen, ihre Pflicht zum Selbsteintritt auszuüben und sich für das vorlie-
gende Asylverfahren für zuständig zu erklären; eventualiter sei die
Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1991 (AsylV1, SR 142.311) für das Asylverfahren
zuständig zu erklären; subeventualiter sei die Sache wegen Verletzung des
rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im Sinne einer vor-
sorglichen Massnahme sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu
erteilen und die Vollzugsbehörden anzuweisen, von einer Überstellung
nach Portugal abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die vor-
liegende Beschwerde entschieden habe. Ferner ersuchten sie um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege. Zudem beantragten sie die Anset-
zung einer Nachfrist für eine ergänzende Begründung der Beschwerde.
G.
Am 25. August 2021 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen su-
perprovisorischen Vollzugstopp an.
H.
Mit Eingabe vom 26. August 2021 reichten die Beschwerdeführenden eine
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Beschwerdeergänzung nach. Darin beantragten sie, das SEM sei anzu-
weisen, das Selbsteintrittsrecht auszuüben und das Asylverfahren in der
Schweiz zu behandeln. Eventualiter sei der Fall an das SEM zurückzuwei-
sen, um den Sachverhalt vollständig abzuklären.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachverhaltsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG]),
Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich
erfüllt. Auf die Beschwerde vom 24. August 2021 ist einzutreten. Nicht ein-
zutreten ist hingegen auf die Anträge der Beschwerdeergänzung vom
26. August 2021, soweit diese über die Anträge der Beschwerde hinaus-
gehen. Einerseits erfolgte die Beschwerdeergänzung nach Ablauf der
Rechtsmittelfrist. Andererseits enthält sie keine ausschlaggebenden Vor-
bringen, welche gemäss Art. 32 Abs. 2 VwVG trotz Verspätung zu berück-
sichtigen wären. Es handelt sich dabei um Vorbringen, die schon im
vorinstanzlichen Verfahren geltend gemacht wurden beziehungsweise Ge-
genstand des angefochtenen Entscheids waren.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
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Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt die Vorinstanz in der Regel die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi-
tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3 Besitzt ein Antragsteller einen gültigen Aufenthaltstitel, so ist der Mit-
gliedstaat, der den Aufenthaltstitel ausgestellt hat, gemäss Art. 12 Abs. 1
Dublin-III-VO für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig.
4.
Die Beschwerdeführenden sind im Besitze einer bis März 2025 gültigen
Aufenthaltsbewilligung in Portugal. Nachdem die portugiesischen Behör-
den innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Über-
nahmegesuch des SEM zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit Portugals
grundsätzlich gegeben.
5.
Die Beschwerdeführenden bringen in ihrer Rechtsmitteleingabe vor, sie
könnten nicht nach Portugal zurückkehren, weil der Beschwerdeführer 2
krank sei und Portugal alle Asylsuchenden sehr schlecht behandle.
6.
Das Bundesverwaltungsgericht geht – wie die Vorinstanz – nicht davon
aus, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsu-
chende in Portugal Schwachstellen aufweist, die eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der
EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden. Abgese-
hen davon, dass die Beschwerdeführenden in Portugal eine bis März 2025
gültige Aufenthaltsbewilligung besitzen, bestehen keine konkreten Anhalts-
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punkte dafür, dass sich Portugal nicht an seine völkerrechtlichen Verpflich-
tungen halten und das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt
durchführen würde. Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO nicht gerechtfertigt.
7.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorinstanz den rechtserheblichen Sach-
verhalt im Hinblick auf allfällige gravierende gesundheitlichen Probleme
der Beschwerdeführenden nicht hinreichend abgeklärt hat und allenfalls
das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO aus-
zuüben ist.
7.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine zwangs-
weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur
ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Ein
vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Pa-
poshvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
7.2 Die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin 1 (Bein- und
Bauchschmerzen), die hier auch medikamentös behandelt wurden, sind
offensichtlich nicht gravierend. Sie sind denn auch auf Beschwerdeebene
nicht (mehr) thematisiert worden. In Bezug auf den Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers 2 fanden wegen seines Augenleidens mehrere
Konsultationen in der Augenklinik des Universitätsspitals Basel statt. Eine
weitere Untersuchung ist am 1. September 2021 vorgesehen. Von einer
schweren Erkrankung beziehungsweise einer ernsten, raschen und unwie-
derbringlichen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes im Falle ei-
ner Überstellung nach Portugal kann ebenfalls nicht gesprochen werden.
Sein Zustand bietet mithin keine Veranlassung, eine Überstellung nach
Portugal als unzulässig im Sinne der oben erwähnten (restriktiven) Recht-
sprechung zu qualifizieren.
7.3 Da – wie gesagt – auch beim Beschwerdeführer 2 keine schwerwie-
gende Erkrankung vorliegt, wären von zusätzlichen Abklärungen diesbe-
züglich keine neuen Erkenntnisse zu erwarten gewesen (zur antizipierten
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Beweiswürdigung vgl. BGE 141 I 60 E. 3.3 oder BGE 136 I 229 E. 5.3). Es
ist daher nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz den Sachverhalt me-
dizinisch nicht weiter abklären liess und die Konsultation vom 1. September
2021 nicht abwartete. Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes be-
ziehungsweise des rechtlichen Gehörs liegt nicht vor. Folglich erweist sich
die entsprechende Rüge als nicht stichhaltig.
7.4 Ferner ist darauf hinzuweisen, dass Portugal als zuständiger Dublin-
Staat über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt und ver-
pflichtet ist, bei Bedarf die erforderliche medizinische Versorgung zu ge-
währen, welche zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforder-
liche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen
umfasst. Wie bereits die Vorinstanz zutreffend festhielt, liegen keine Hin-
weise vor, wonach Portugal den Beschwerdeführenden eine notwendige
medizinische Behandlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern
würde. Darüber hinaus wird die Vorinstanz dem Gesundheitszustand der
Beschwerdeführenden dadurch Rechnung tragen, indem es die portugie-
sischen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO vor der
Überstellung über deren Gesundheitszustand und eine allenfalls notwen-
dige medizinische Behandlung informiert.
7.5 Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asyl-
gesuch einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen
Selbsteintritt naheliegen würden. Das SEM ist daher zu Recht auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und hat die Überstel-
lung nach Portugal angeordnet. Portugal ist als zuständiger Mitgliedstaat
gemäss Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflichtet, die Beschwerdeführenden
zu übernehmen.
8.
Die Beschwerde ist somit abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Mit
dem Urteil in der Sache wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung gegenstandslos. Der angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorlie-
gendem Urteil dahin.
9.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
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– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.- festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
10.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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