Decision ID: 344f0b08-8e32-5cd1-96ff-b1780a8c87a9
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Am 18. November 2019 suchten die Beschwerdeführenden in der Schweiz
um Asyl nach. Am 22. November 2019 fand die Personalienaufnahme (PA)
und am 3. Dezember 2019 ein Dublin-Gespräch statt.
B.
B.a Die Beschwerdeführenden wurden vom SEM am 6. März 2020 nach
Art. 26 Abs. 3 AsylG (SR 142.31) befragt.
B.b Der Beschwerdeführer (A._) brachte dabei vor, er und seine
Ehefrau (B._; Beschwerdeführerin) seien kosovarische Bürger,
beide in der Region C._ geboren und bis zu ihrer Ausreise in der
Ortschaft D._ wohnhaft gewesen. Nach ihrer Heirat im (...) hätten
sie gemeinsam mit seinen Eltern und seinen (...) jüngeren Brüdern im
Hause seines Vaters gelebt. Er habe sich nach dem Mittelschulabschluss
an der Universität von C._ im Bereich (...) immatrikuliert, das Stu-
dium aber nicht aufgenommen. Er habe bis zu seiner Ausreise aus dem
Kosovo im eigenen Familienbetrieb als (...) gearbeitet. Dieses Unterneh-
men gehöre seinem (...) und seinem (...) väterlicherseits.
Im Jahr (...) sei (...) seines Vaters von Soldaten der UÇK (frühere parami-
litärische Organisation Ushtria Çlirimtare e Kosovës, «Befreiungsarmee
des Kosovo») festgenommen und ermordet worden. Sein Vater kenne die
Namen der beiden Täter und sei deswegen am (...) von den (...) Tribunalen
beziehungsweise von dessen Sonderuntersuchungsbeauftragten (nachfol-
gend: Specialist Prosecutor's Office) als Zeuge in E._ vorgeladen
worden – dies, nachdem sein Vater bereits am (...) von den damaligen Po-
lizeibehörden der United Nations Interim Administration Mission (UNMIK)
im F._ befragt worden sei. Im (...) sei sein Vater ausserdem in
C._, wo dieses Gericht Ableger habe, befragt worden; der Termin
in E._ sei noch ausstehend. Eine (...) von ihm sei ebenfalls als Zeu-
gin vorgeladen worden, weil der Haupttäter, der (...) seines Vaters ermor-
det habe, am (...) auch versucht habe, seine (...) zu vergewaltigen. An je-
nem Tag habe (...) seines Vaters Geburtstag gehabt. Sein Vater und (...)
seien deshalb auf dem Weg zu ihm in die Kaserne gewesen, um ihn zu
besuchen, als sie von einem UÇK-Soldaten namens G._ angehal-
ten worden seien. G._ habe (...) einfach mitnehmen wollen, anwe-
sende UÇK-Soldaten hätten dies aber verhindert und sein Vater und (...)
seien wieder nach Hause gegangen. Seine Familie wisse nicht genau,
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wann (...) des Vaters ermordet worden sei, jedenfalls sei dies nach der
Festnahme durch die UÇK-Soldaten gewesen.
Der fluchtauslösende Vorfall habe sich am (...) vor besagtem Hintergrund
(Vorladung seines Vaters als Zeuge in E._) ereignet. Damals sei er
(Beschwerdeführer) gegen Mitternacht zu Fuss auf dem Heimweg gewe-
sen. Plötzlich sei ein Fahrzeug an ihm vorbeigefahren, habe kurz danach
angehalten und sei zurückgefahren. Der Fahrer, ein ihm unbekannter
Mann, habe die Fensterscheibe heruntergekurbelt und zu ihm gesagt, er
sollte zusehen, dass sein Vater seinen Mund nicht zu weit aufmache, an-
dernfalls werde es für ihn als auch für seinen Vater zu grossen Problemen
kommen. Zu Hause angekommen habe er in der gleichen Nacht seine Ehe-
frau und am nächsten Tag seinen Vater über das Vorgefallene informiert.
Sein Vater habe geantwortet, er werde sich nicht von der Zeugenaussage
abhalten lassen. Er (Beschwerdeführer) habe daher zusammen mit seiner
Ehefrau beschlossen, aus dem Kosovo auszureisen; sie hätten kein Ver-
trauen in die lokalen Polizeikräfte oder in die Organe der (...)-Untersu-
chungsbehörden vor Ort, die für ihre Sicherheit hätten garantieren sollen.
So seien sie am (...) mit Hilfe einer Reiseagentur nach H._ und von
dort aus per Auto weiter in die Schweiz gelangt.
B.c Die Beschwerdeführerin brachte vor, sie habe im Jahr (...) die (...) ab-
geschlossen und anschliessend bis im (...) an der Universität von
C._, Fachrichtung (...), studiert.
Sie bestätigte, ihr Ehemann sei am (...) bedroht worden. Seither lebe sie
in ständiger Angst. Aufgrund ihrer Ehe sei nicht nur ihr Ehemann, sondern
auch sie in Gefahr.
B.d Die Beschwerdeführenden reichten zum Nachweis ihrer Identität ihre
kosovarischen Identitätskarten sowie Führerscheine (je im Original), ihre
kosovarischen Geburtszertifikate beziehungsweise Geburtsregisteraus-
züge (in Kopie) sowie mehrere Akten – insbesondere Universitätsdiplome
und -bestätigungen – und zum Beweis ihrer Asylvorbringen zwei Vorladun-
gen des Specialist Prosecutor's Office betreffend den Vater des Beschwer-
deführers vom (...) sowie eine Zeugenaussage des Vaters vor dem UNMIK
vom (...) ins Recht.
C.
Der Entscheidentwurf des SEM wurde der damaligen Rechtsvertretung der
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Beschwerdeführenden am 13. März 2020 ausgehändigt. Die Stellung-
nahme zum Entscheid ging am 16. März 2020 beim SEM ein.
D.
Mit Verfügung vom 17. März 2020 – gleichentags eröffnet – verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden, lehnte ihr Asyl-
gesuch ab und verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie den Weg-
weisungsvollzug.
E.
Die Beschwerdeführenden erhoben gegen diesen Entscheid mit Eingabe
vom 24. März 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie be-
antragten, es sei die vorinstanzliche Verfügung aufzuheben, ihre Flücht-
lingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren. Eventualiter sei
das SEM anzuweisen, ihnen die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Sube-
ventualiter sei die Sache an das SEM zurückzuweisen. In prozessualer
Hinsicht sei ihnen die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und in
der Person des rubrizierten Rechtsvertreters ein amtlicher Rechtsbeistand
beizuordnen.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
25. März 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG
[SR 142.31]).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführenden haben am Verfahren vor dem SEM teilgenommen, sind durch
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die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzfähi-
ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summa-
risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a
Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzich-
tet.
4.
4.1 Die Beschwerdeführenden rügen in formeller Hinsicht eine Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör, namentlich die Pflicht des SEM zur
sorgfältigen und ernsthaften Prüfung ihrer Vorbringen. Das SEM habe die
als Beweis offerierten Internetberichte über ermordete Zeugen im ange-
fochtenen Entscheid nicht berücksichtigt.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
4.3 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet ei-
nen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl., 2013, Rz. 1043)
4.4 Das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung ausdrücklich auf
das Vorbringen einer fehlenden Schutzmöglichkeit seitens der kosovari-
schen Behörden und die in diesem Zusammenhang erwähnten diversen
Berichte bezogen (vgl. angefochtene Verfügung S. 5). Der Umstand, dass
das SEM zu einem anderen Schluss als die Beschwerdeführenden ge-
langte, stellt keine unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sach-
verhalts oder des rechtlichen Gehörs dar. Unter diesen Umständen ist die
Rüge, das SEM habe aus dem Internet offerierte Berichte ermordeter Zeu-
gen nicht berücksichtigt, als nicht stichhaltig zu erachten. Im Übrigen ist
auch keine Verletzung der Begründungspflicht zu erkennen, weil es den
Beschwerdeführenden möglich war, sich ein Bild über die Tragweite des
vorinstanzlichen Entscheides zu machen und diesen sachgerecht anzu-
fechten (BGE 129 I 232 E. 3.2).
4.5 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Nichtüberweisung in das
erweiterte Verfahren sei rechtswidrig gewesen (vgl. Beschwerde, Ziff. II
A. 3, S. 3). Zwar wird eine Verletzung des Rechts auf wirksame Be-
schwerde gemäss Art. 13 EMRK behauptet, es wird jedoch nicht aufgezeigt
(und solches ergibt sich auch aus dem zu beurteilenden Rechtsmittel
nicht), dass die Beschwerdeführenden durch die Dauer der Beschwerde-
frist an der Beschwerdeführung konkret gehindert gewesen wären. Abge-
sehen davon erscheint die Einschätzung des SEM, dass sich vorliegend
keine weiteren Abklärungen i.S.v. Art. 26d AsylG aufdrängten, nach Durch-
sicht der Akten als nachvollziehbar.
4.6 Der Antrag auf Rückweisung der Sache an das SEM ist abzuweisen
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
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Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
6.
6.1 Das SEM gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen der Beschwerdeführenden hielten den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Zur Begründung führt es aus, die von den Beschwerdeführenden darge-
legte Bedrohung in der Nacht des (...) stelle lediglich einen Übergriff durch
eine dem Beschwerdeführer unbekannte Person dar und sei rein eigen-
mächtig motiviert. Der geschilderten versuchten Nötigungshandlung ge-
genüber ihm beziehungsweise seinem Vater lägen persönliche Tatent-
schlüsse eines mutmasslichen Täterkreises und eine mögliche kriminelle
Motivation zugrunde. Es handle sich beim besagten Angriff um eine ge-
meinrechtliche Verfehlung, der aus asylrechtlicher Perspektive keine Rele-
vanz zukomme. Entgegen der Mutmassung des Beschwerdeführers, dass
eine mögliche Anzeige auf Grund der in seiner Gegend vorherrschenden
dürftigen Polizeiarbeit und bestehender Verstrickungen nicht ernst genom-
men worden wäre und an seiner Situation nichts hätte ändern können, sei
gemäss aktueller Quellenlage und gemäss Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts gesichert, dass die kosovarische Polizei ihren Schutz-
pflichten grundsätzlich nachkomme und ein staatlicher Schutz im Heimat-
staat objektiv zugänglich sei. Insofern sei vom Schutzwillen und von der
weitgehenden Schutzfähigkeit der Sicherheitsbehörden auszugehen. Fer-
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ner sei es ihnen auch individuell zumutbar, den Schutz der Polizei zu su-
chen, sollte es zukünftig zu Übergriffen oder Drohungen zu ihren Lasten
kommen. Dass sie es bislang unterlassen hätten, auch nur im Ansatz Rat
oder Hilfe von der Polizei oder aber vom Specialist Prosecutor’s Office –
immerhin eine neutrale Ermittlungsbehörde mit einem völkerrechtlich ver-
ankerten Mandat im Kosovo – zu suchen, sei ihnen zuzuschreiben und
letztlich auch nicht umfassend nachvollziehbar. Dies gelte umso mehr als
der Beschwerdeführer höchstens unmittelbar gefährdet und nach eigenen
Angaben über kein Wissen oder Informationen über die betreffenden Ge-
schehnisse in der Vergangenheit verfüge, die er preisgeben könnte. Dass
es bislang zu keinen polizeilichen Ermittlungen oder Hilfeleistungen ge-
kommen sei, sei primär darin zu sehen, dass die Beschwerdeführenden
sich dazu entschlossen hätten, das Vorgefallene zu verschweigen bezie-
hungsweise sogar gegenüber ihren Freunden und näheren Verwandten
Falschangaben zu machen. Ihr Vorbringen sei daher – trotz ihrer verständ-
lichen Verunsicherung – aus asylrechtlicher Perspektive unbeachtlich.
Die eingereichten Beweismittel vermöchten diese Schlussfolgerung nicht
umzustossen.
6.2 In der Rechtsmitteleingabe wird entgegnet, dass die Beschwerdefüh-
renden wegen des bevorstehenden Auftretens des Vaters des Beschwer-
deführers als Zeuge in einem internationalen Strafverfahren gegen ehema-
lige UÇK-Mitglieder begründete Furcht hätten, an Leib und Leben bedroht
zu sein. Die vorinstanzliche Behauptung, dass sie bei der lokalen Polizei
hätten wirksam um Schutz ersuchen können, sei gänzlich unbegründet und
gehe fehl. Es sei angesichts der zahlreichen Medien- und NGO-Berichten
erstellt, dass ihre Angst, Schutz bei der kosovarischen Polizei zu suchen,
objektiv begründet gewesen sei. Die Regelvermutung der Schutzfähigkeit
und -willigkeit der kosovarischen Behörden sei im vorliegenden Einzelfall
umgestossen. Angesichts der Vielzahl von dokumentierten Übergriffen auf
Zeugen (und der zu vermutenden Dunkelziffer) in «UÇK-Prozessen» sei
nicht von der Schutzfähigkeit und Schutzwilligkeit des Staates oder von
nichtstaatlichen Behörden – namentlich dem Specialist Prosecutor’s Office
oder den Kosovo Specialist Chambers – auszugehen. Hinzu komme, dass
die Schutzgewährung durch letztere (nichtstaatliche) Instanz auch hinsicht-
lich der Dauerhaftigkeit in ihrer Eignung ausgesprochen fraglich erscheine.
Allein der Umstand, dass der Vater des Beschwerdeführers zurzeit noch
im Kosovo lebe, vermöge die Furcht der Beschwerdeführenden vor flücht-
lingsrechtlich relevanten Nachteilen nicht als unbegründet erscheinen.
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Dass sich die Gefährdung auch auf die Familie des Zeugen beziehe, wür-
den nicht nur die zahlreich offerierten Medienberichte zeigen, sondern er-
gebe sich auch aus der Logik des Handelns, der allgemeinen Lebenser-
fahrung sowie der gerichtsnotorischen Kenntnisse über Verfolgung. Im
Asylrecht finde dieser Zusammenhang Niederschlag und rechtliche Aner-
kennung im Institut der Reflexverfolgung. Dass der Vater des Beschwerde-
führers trotz der lebensbedrohlichen Situation im Kosovo verbleiben wolle,
möge für Aussenstehende schwer nachvollziehbar sein, ändere daran aber
nichts.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer beruft sich zunächst auf die Tötung (...) väterli-
cherseits im Jahr (...) durch Soldaten der UÇK, die damit in Zusammen-
hang stehende Befragung seines Vaters am (...) durch die damaligen Po-
lizeibehörden der UNMIK, die am (...) von den (...) Tribunalen angezeigte
Vorladung seines Vaters nach E._ und die im (...) von einem Able-
ger dieses Gerichts durchgeführte Befragung des Vaters in C._.
Diese Ereignisse sind gestützt auf die vorliegenden Akten und die einge-
reichten Beweismittel zwar glaubhaft gemacht. Sie sind jedoch – auch
wenn eine Gefahr für Personen, die gegen frühere UÇK-Kämpfer gericht-
lich aussagen, und deren Familienangehörige durchaus bestehen kann
(vgl. Urteil des BVGer E-790/2015 vom 23. Dezember 2015 E. 6.4.2) –
nicht asylrelevant für das vorliegende Verfahren, da sie nicht in einem ge-
nügend kausalen Zusammenhang zu dem am (...) angeblich erfolgten
fluchtbegründenden Ereignis und der daraufhin am (...) erfolgten Ausreise
des Beschwerdeführers und seiner Ehefrau aus dem Heimatstaat stehen.
So legte der Beschwerdeführer selbst dar, dass weder die Familie noch er
im Zeitraum von (...) (Aussage des Vaters bei der UNMIK) bis im (...) im
Heimatstaat Behelligungen seitens der UÇK ausgesetzt gewesen seien
(vgl. SEM-act. (...)-47/15 F. 64 nachfolgend: 47/15). Soweit er geltend
macht, er sei aufgrund der bevorstehenden Zeugenaussage seines Vaters
am (...) bedroht worden und sich in diesem Zusammenhang auf eine man-
gelnde Schutzfähig- und Schutzwilligkeit der kosovarischen Behörden be-
ruft, ist Folgendes festzuhalten.
Der Beschwerdeführer wurde angeblich am (...), als er sich nach 23 Uhr
zu Fuss auf dem Nachhauseweg von C._ nach D._ befand,
von einem Auto überholt, worauf dieses anhielt und zurücksetzte. Der Fah-
rer sagte daraufhin zum Beschwerdeführer, er solle seinem Vater mitteilen,
dass er den Mund nicht zu weit aufmachen solle, andernfalls er und der
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Seite 10
Beschwerdeführer Probleme erhalten würden. Das SEM verzichtete da-
rauf, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente in diesen Vorbringen einzu-
gehen, da diese aus asylrechtlicher Perspektive unbeachtlich seien. Das
Bundesverwaltungsgericht stimmt dieser Schlussfolgerung zu. Selbst bei
Wahrunterstellung des Vorfalls vom (...) vermag dieser nicht zur Annahme
zu führen, dass der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner Ausreise kon-
krete Rachehandlungen seitens der UÇK im Sinne einer Sippenhaft bezie-
hungsweise eine Reflexverfolgung zu gewärtigen hatte. Aus den Schilde-
rungen des Beschwerdeführers, dass das fragliche Auto ihn auf dem Nach-
hauseweg erst überholt, dann angehalten und zurückgesetzt habe, ergibt
sich vielmehr, dass es sich dabei nicht um eine gezielte Verfolgung bezie-
hungsweise Bedrohung des Beschwerdeführers, sondern allenfalls um ein
bloss zufälliges Aufeinandertreffen gehandelt hat. Dabei bleibt allerdings
offen, wer der dem Beschwerdeführer unbekannte Fahrer gewesen ist. Die
– erst auf Nachfrage des SEM erfolgte – Angabe, es habe sich um einen
der beiden Täter, deren Name sein Vater anlässlich der Aussage bei der
UNMIK genannte habe, gehandelt, ist offensichtlich eine blosse Mutmas-
sung (vgl. SEM-act. 47/15 F. 72 i.V.m. F 50). Im Übrigen hält sich
G._, der angebliche Haupttäter am seinerzeitigen Mord des (...),
nach Darlegung des Beschwerdeführers gar nicht im F._ auf (vgl.
SEM-act. 47/15 F. 105), weshalb allein wegen des angeblichen Vorfalls
vom (...) nicht davon auszugehen ist, dass die Familie des Beschwerde-
führers oder dieser selbst in den Fokus von G._ oder der UÇK ge-
kommen wäre. Ergänzend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
nach eigenen Angaben als einziger von (...) Brüdern eine Reflexverfol-
gungshandlung erlebt haben will (SEM act. 47/15 F. 10). Dass für seine
(...) Brüder, wovon (...) ebenfalls volljährig (...), keine Gefahr bestehen
soll, Rachehandlungen der UÇK zum Opfer zu fallen, und die (...) Brüder
offenbar keine Anstalten zur Flucht aus dem Heimatstaat getroffen haben,
ist jedenfalls nicht plausibel, selbst wenn der Beschwerdeführer der älteste
der (...) Brüder ist. Insgesamt vermochte der Beschwerdeführer einen
glaubhaften Konnex zwischen der Vorladung seines Vaters als Zeuge und
einer angeblichen Bedrohung seitens der UÇK nicht herzustellen.
Schliesslich entspricht auch das Verhalten des Beschwerdeführers nach
dem fraglichen Vorfall vom (...) – er hielt sich seinen Angaben nach bis zu
seiner Ausreise am (...) überwiegend zu Hause und «nur ab und zu» in
Cafés in seinem Quartier auf (SEM-act. 47/15 F. 85 f.) – nicht jenem eines
asylrelevant Bedrohten. Es wäre vielmehr zu erwarten, dass sich der Be-
schwerdeführer überhaupt nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt hätte.
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Seite 11
7.2 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer und
seine Ehefrau eine im Zeitpunkt der Ausreise bestehende asylrelevante
Verfolgung oder eine objektiv begründete Furcht vor asylrelevanter Verfol-
gung nicht glaubhaft machen konnten, weshalb die Vorinstanz ihre Flücht-
lingseigenschaft zutreffend verneint und ihr Asylgesuch zu Recht gestützt
auf Art. 40 i.V.m. Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG abgelehnt hat.
Auf Ausführungen zur allfälligen Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit der
kosovarischen Behörden kann demnach verzichtet werden.
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 sowie 4 EMRK) einer Weiterreise der
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG
kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn
sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg,
Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret ge-
fährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbe-
halt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der
Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Aus-
länder weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch einen Dritt-
staat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Bei Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
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Seite 12
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Praxis der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Das SEM wies in seiner angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung vorliegend keine Anwen-
dung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden in den Heimatstaat
ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr («real risk»)
nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschie-
bung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssitu-
ation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug
der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
9.3 Vorab ist festzuhalten, dass die allgemeine Lage im Kosovo weder von
Krieg, Bürgerkrieg noch von allgemeiner Gewalt gekennzeichnet ist, so
dass der Vollzug der Wegweisung dorthin grundsätzlich zumutbar ist. Der
Bundesrat hat den Kosovo denn auch als Staat bezeichnet, in welchen eine
Rückkehr in der Regel zumutbar ist (vgl. Art. 83 Abs. 3 AIG i.V.m. Art. 18
der Verordnung über den Vollzug der Weg- und Ausweisung sowie der Lan-
desverweisung von ausländischen Personen [VVWAL, SR 142.281] und
Anhang 2 der Verordnung). Diese gesetzliche Vermutung kann durch sub-
stantiierte Hinweise umgestossen werden.
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Seite 13
Die Beschwerdeführenden bringen keine Einwände bezüglich die Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzuges vor. Um Wiederholungen zu vermeiden
ist auf die zutreffenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung zu
verweisen (vgl. SEM act. (...)-53/9, Ziff. III 2., S. 6). Nach dem Gesagten
erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.
Zusammenfassend hat das SEM den Wegweisungsvollzug zu Recht als
zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufi-
gen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 14 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und  soweit diesbezüglich
überprüfbar  angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Die Beschwerdeführenden beantragen die Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie die Beiordnung
eines amtlichen Rechtsbeistandes gemäss Art. 102m Abs. 4 AsylG. Auf-
grund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass ihre Begehren als
aussichtslos zu geltend haben. Damit ist eine der beiden kumulativ zu er-
füllenden Voraussetzungen (Bedürftigkeit und Nicht-Aussichtslosigkeit)
nicht gegeben, weshalb die Gesuche trotz behaupteter Bedürftigkeit abzu-
weisen sind.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
D-1700/2020
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