Decision ID: 89465a67-a431-4bcc-8b5c-741379a972d1
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ arbeitete als Küchenangestellter für die B._ AG. Über diese Arbeitgeberin
war er bei der Visana Versicherungen AG (nachfolgend: Visana) gegen Berufs- und
Nichtberufsunfälle sowie gegen Berufskrankheiten versichert. Am 18. Juli 2019 stürzte
er, als er auf dem Weg zur Arbeit einem anderen Fahrradfahrer ausweichen musste,
vom Velo. Dabei verletzte er sich, sodass er mit dem Rettungsdienst notfallmässig in
die Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates
des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) eingeliefert werden musste. Gemäss
Notfallbericht vom 19. Juli 2019 hatte er gegenüber den erstbehandelnden Ärzten
angegeben, er sei nach vorne über den Lenker auf beide Hände gestürzt und habe
einen Kopfanprall erlitten. Diese hielten als Diagnose fest: Kontusion Hände beidseits
vom 18. Juli 2019 bei Fahrradsturz mit kleiner Exkoriation im Gesicht rechts, klinisch
kein Schädelhirntrauma, und bescheinigten eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % bis
23. Juli 2019, danach gemäss Hausarzt (act. G5.1-9 ff. und 14). Am Tag nach dem
Unfall erschien der Versicherte erneut im KSSG. Die Klinik für Neurochirurgie wies ihn
bei einer Paralyse des rechten Arms der Klinik für Hand-, Plastische und
Wiederherstellungschirurgie zu, welche ihn bei diagnostizierter unklaren
posttraumatischen, motorischen Schwäche der rechten Hand stationär aufnahm (act.
G5.1-5 f.). Es erfolgte die Schienenruhigstellung, konsequente Hochlagerung und
Kühlung der rechten oberen Extremität. Unter diesen Massnahmen zeigte sich die
Schwäche am 20. Juli 2019 bereits regredient, sodass der Versicherte in gutem
Allgemeinzustand nach Hause entlassen werden konnte. Die Arbeitsunfähigkeit von
100 % wurde bis 30. Juli 2019 verlängert (act. G5.1-3 f.). In der Verlaufsuntersuchung
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 26. Juli 2019 beschrieb der Versicherte ausser einer punktuellen Druckdolenz am
ulno-palmaren Handgelenk kaum noch Schmerzen. Der Befund an der rechten Hand
war deutlich verbessert. Da sich im Röntgen jedoch eine fragliche undislozierte Os
pisiforme-Fraktur zeigte, wurde eine Handgelenksskelettschiene abgegeben und ein
Kontrolltermin in drei Wochen vereinbart (act. G5.1-12 f.). Der Versicherte erschien
bereits am 7. August 2019 wieder in der Klinik für Hand-, Plastische und
Wiederherstellungschirurgie und berichtete über seit einigen Tagen neu aufgetretene
nächtliche Schmerzen im Bereich des palmaren Unterarms. Weiterhin persistiere die
Schwäche im Bereich der Langfinger bei Beugung. Teilweise strahlten die Schmerzen
in den Mittel- bis Kleinfinger aus. Die Ruhigstellung in der Handgelenksmanschette
habe keine Linderung gebracht, das Gefühl in den Fingern sei normal vorhanden (act.
G5.1-26 f.; vgl. auch den Bericht über die Untersuchung vom 21. August 2019 in act.
G5.1-29 f. über die zunehmende Verbesserung der Befunde an den Händen bei
ausstehender Untersuchung zur Beurteilung der Nervenleitgeschwindigkeit des Nervus
medianus rechts und die erstmals beklagten Schmerzen im Bereich des
thorakolumbalen Übergangs mit subjektiver Schwäche des linken Beins und
Taubheitsgefühl in der gesamten unteren Extremität). Am 27. August 2019
diagnostizierten die Ärzte der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates des KSSG eine Kontusion der Brust- und Lendenwirbelsäule
(BWS/LWS) nach Velosturz mit Kontusion beider Handgelenke und verordneten
Physiotherapie (act. G5.1-32 f.). Ein am 29. August 2019 durchgeführtes MRI der
Halswirbelsäule (HWS) und des Plexus cervicobrachialis rechts ergab eine breitbasige
Diskushernie Halswirbelkörper (HWK) 5/6 mit Spinalkanalstenose und
Myelonkompression sowie fokaler Myelopathie (über 1.2 cm) und primär discal
bedingter Neuroforamenstenose links mit potentieller Kompression der Nervenwurzel
C7 links sowie eine Diskushernie HWK 6/7 links paramedian mit fokaler
Myelonkompression ohne Myelopathie und fraglicher Kompression der Nervenwurzel
C7 links. Ein Nachweis für eine Raumforderung oder ein Hämatom im Verlauf des
Plexus cervicalis und brachialis fand sich nicht (act. G5.1-35 f.). Die Ärzte der Klinik für
Neurochirurgie am KSSG beurteilten diese Bildgebung im Sinn einer Myelonkontusion
nach stattgehabtem Trauma und veranlassten eine CT der HWS (act. G5.1-38). Diese
fand am 9. September 2019 in der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin am KSSG
statt und ergab im Vergleich zum MRI eine stationäre Darstellung der breitbasigen
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diskushernien HWK 5/6 und HWK 6/7, beide mit Einengung des Spinalkanals und
neuroforaminaler Enge linksseitig (act. G5.1-47). Bezüglich des rechten Handgelenks
mit Os pisiforme-Fraktur wurde von den Ärzten der Klinik für Hand-, Plastische und
Wiederherstellungschirurgie am 11. September 2019 weiterhin eine
Schienenruhigstellung verordnet (act. G5.1-50). Mit Schreiben vom 12. September
2019 anerkannte die Visana ihre Leistungspflicht für das Ereignis vom 18. Juli 2019 und
richtete dem seither arbeitsunfähigen Versicherten Taggeldleistungen aus (vgl. act.
G5.1-52 ff. und 65 ff.). Seitens der Handchirurgie wurde die Behandlung bei
beschwerdefreier Handgelenksproblematik anlässlich der Untersuchung vom
11. Oktober 2019 abgeschlossen (act. G5.1-69).
Am 14. November 2019 wurde der Versicherte erneut an der Klinik für
Neurochirurgie am KSSG untersucht. Die Ärztinnen diagnostizierten eine
Spinalkanalstenose HWK 5/6 und HWK 6/7 mit linksbetonter Neuroforamenstenose C6
und C7 und fokaler Myelopathie Höhe HWK 5/6 bei Status nach Myelonkontusion
rechtsseitig bei Fahrradsturz 07/19 und (klinisch) M4-Paresen Armbeugung/-streckung,
Fingerbeugung/-streckung, Fingerspreizen rechts, M4-Parese für Hüftbeugung,
rechtsbetont gesteigerten Reflexen, sensiblem Defizit Hand rechts (C7/C8) und Bein
links bis sub TH8 paramedian links und starken Nacken- und Schulterschmerzen seit
dem Fahrradsturz. Ein MRI der LWS und BWS sei ausstehend, ebenso eine Abklärung
des Zustandes der Nervenbahnen im Rückenmark (MEP/SEP [act. G5.1-89 ff.]). Das
MRI wurde am 21. November 2019 erstellt und ergab mehrsegmental geringe bis
moderate degenerative Alterationen der unteren LWS mit multifaktoriell bedingter,
höhergradiger Spinalkanalstenose Lendenwirbelkörper (LWK) 4/5 und subtotal
aufgehobenem perikaudalem Liquorsaum, jedoch ohne Nachweis einer Kompression
neuraler Strukturen. Akute Traumafolgen liessen sich ebenso keine nachweisen (act.
G5.1-93). Die Beurteilung der Nervenbahnen erfolgte am 26. November 2019 und
zeitigte einen Verdacht auf eine Pyramidenbahnläsion zum rechten Arm bei insgesamt
normalen Tibialis- und Medianusmesswerten (act. G5.1-104). In der Zusammenschau
der erhobenen Befunde und Abklärungsergebnisse kamen die Ärztinnen der Klinik für
Neurologie am 6. Dezember 2019 zum Schluss, dass eine Pyramidenbahnläsion bei
Ableitung des Nervus medianus links vorliege, welche zu den klinischen Befunden
passe. Es bestehe die Indikation zur operativen Sanierung der cervikalen
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Spinalkanalstenose. Beim vom Versicherten bevorzugten zuwartenden Procedere mit
konservativen Therapien seien unter anderem persistierende Paresen die möglichen
Folgen (act. G5.1-115 f.). Hausarzt Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeine Innere
Medizin, bescheinigte dem Versicherten weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
(act. G5.1-122 ff.). Das Verlaufs-MRI der HWS vom 26. Februar 2020 ergab im
Vergleich zur Untersuchung vom 29. August 2019 einen stationären Befund mit
unveränderter Myelopathie auf Höhe HWK 5/6 (act. G5.1-132).
Am 30. März 2020 nahm Dr. med. D._, Facharzt FMH für Orthopädische
Chirurgie und beratender Arzt der Visana, eine Kausalitätsbeurteilung vor.
Zusammengefasst kam er zum Schluss, dass sich der Versicherte beim Velosturz vom
18. Juli 2019 Kontusionen beider Hände und eine kleine Hautläsion im Gesicht
zugezogen habe. Im Rahmen der ausführlichen notfallmässigen Abklärung sei explizit
festgehalten worden, dass keine Hinweise für ein stattgehabtes Schädelhirntrauma
bestünden oder für eine Pathologie an der Wirbelsäule oder an Schultern und
Oberarmen, wo auch keine Schmerzen angegeben worden seien. Anlässlich der
folgenden Abklärungen hätte bildgebend eine Fissur am proximalen Radiusschaft links
festgestellt werden können, die klinisch aber keine wesentliche Rolle gespielt habe.
Rechts sei bei persistierenden eher ulnaren Handgelenksschmerzen eine undislozierte
Fraktur am Os pisiforme postuliert worden, die seines Erachtens aber nicht eindeutig
abgegrenzt werden könne, im Verlauf aber jedenfalls folgenlos ausgeheilt sei. Knapp
drei Wochen nach dem Trauma habe der Versicherte über neu aufgetretene nächtliche
Schmerzen am rechten Vorderarm und nochmals zwei Wochen später über neu
aufgetretene Beschwerden an der Wirbelsäule und am linken Bein berichtet. Die
diesbezüglich durchgeführten ergänzenden bildgebenden Abklärungen hätten als
wahrscheinliche Ursache für diese Symptomatik eine cervikale Myelopathie auf Höhe
HWK 5/6 und eine Einengung der Neuroforamina C6 und C7 links gezeigt, bedingt
durch deutliche degenerative Veränderungen in Form einer Osteochondrose und
Spondylose sowie durch eine paramedian links gelegene Diskushernie HWK 6/7.
Insgesamt sei bezüglich der beim Velosturz vom 18. Juli 2019 erlittenen
Kontusionsverletzungen im Bereich der Hände und des Handgelenks nach folgenloser
Abheilung der Status quo sine spätestens bei der handchirurgischen Kontrolle vom
11. Oktober 2019 erreicht gewesen. Eine am 29. August 2019 bildgebend
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diagnostizierte cervikale Myelopathie auf Höhe HWK 5/6, welche bis aktuell die
Beschwerden des Versicherten bestimme, sei ohne namhafte Zweifel als
krankheitsbedingter Natur einzustufen bei in Anbetracht seiner Alterskategorie schon
ausgeprägten degenerativen Veränderungen in diesem Segment und ohne Hinweise
auf einen morphologisch fassbaren traumatisch bedingten Einfluss. Dazu passe auch
gut, dass der Versicherte zu Beginn nach dem Unfall keinerlei Beschwerden im Bereich
von Kopf, Nacken oder HWS angegeben habe, wie es bei einer relevanten Verletzung
in diesem Bereich fast zwingend zu erwarten gewesen wäre. Die nach wie vor
attestierte Arbeitsunfähigkeit als Küchenmitarbeiter sei durch die bestehende
Pathologie an der HWS zwar zu begründen, doch handle es sich dabei um eine rein
unfallfremde Problematik (act. G5.1-144 ff.).
Mit Schreiben vom 21. April 2020 stellte die Visana ihre Leistungen gestützt auf
die Beurteilung von Dr. D._ rückwirkend auf den 11. Oktober 2019 ein und empfahl
dem Versicherten, sich für eine weitere Kostenübernahme ab dem 12. Oktober 2019 an
seine Krankenkasse zu wenden. Auf eine Rückforderung der über diesen Zeitpunkt
hinaus erbrachten Leistungen verzichtete sie (act. G5.1-163; für entsprechende
Mitteilungen an die Arbeitgeberin und die Leistungserbringer vgl. act. G5.1-158 ff.).
A.d.
In den Sprechstundenberichten über die Untersuchungen vom 6. Mai 2020 und
29. Juni 2020 hielten die Ärzte der Klinik für Neurologie eine stabile bis leicht
verbesserte Symptomatik bei bekannter cervikaler Spinalkanalstenose mit
Myelonkompression und fokaler Myelopathie auf Höhe HWK 5/6 fest. Aus
neurologischer Sicht sei ein weiteres konservatives Procedere mit regelmässiger
Physiotherapie vertretbar. Ob ein Kausalzusammenhang zwischen den Befunden und
dem Fahrradsturz bestehe, sei retrospektiv nicht sicher beurteilbar. Es erscheine
durchaus plausibel, dass der Sturz zu einer Aggravation einer wahrscheinlich schon
vorbestehenden Problematik geführt habe. Dass die Spinalkanalstenose selbst eine
Folge des Sturzes sei, erachteten die Ärzte aber als unwahrscheinlich (act. G5.1-168
und 178 f.).
A.e.
Mit Schreiben vom 8. September 2020 zeigte Rechtsanwältin lic. iur. HSG Debora
Bilgeri, St. Gallen, der Visana an, dass sie die Vertretung der Interessen des
Versicherten übernommen habe und verlangte Akteneinsicht (act. G5.1-184). Am
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
16. Oktober 2020 teilte sie der Visana mit, dass sie die Einschätzung des beratenden
Arztes, wonach der Status quo sine am 11. Oktober 2019 erreicht worden sei, nicht
nachvollziehen könne. Sie ersuchte um Bestätigung der weiteren Leistungspflicht (act.
G5.1-189). Nachdem eine solche nicht erfolgte, verlangte Rechtsanwältin Bilgeri am
16. November 2020 eine einsprachefähige Verfügung (act. G5.1-191). Diese erging am
11. Februar 2021. Die Visana hielt darin unter Verweis auf die Beurteilung von Dr. D._
an der Einstellung der Leistungen für das Ereignis vom 18. Juli 2019 auf den
11. Oktober 2019 fest (act. G5.1-194 ff.).
Mit Einsprache vom 15. März 2021 liess der Versicherte, weiterhin vertreten durch
Rechtsanwältin Bilgeri, die Aufhebung der Verfügung und die Erbringung der
gesetzlichen Leistungen aus dem Unfallereignis vom 18. Juli 2019 beantragen. Gegen
die der Verfügung zugrundeliegende Beurteilung von Dr. D._ liess er im Wesentlichen
einwenden, dass er beim Sturz mit dem Kopf auf dem Boden aufgeprallt sei. Dieser
Aufprall könne nicht isoliert den Kopf beeinträchtigen, sondern führe sich als logische
Folge in der Wirbelsäule fort. Bereits in der orthopädischen Sprechstunde vom 21.
August 2019 seien Beschwerden an der Wirbelsäule und im linken Bein beurteilt
worden, von welchen angenommen werden müsse, dass sie bereits einige Zeit zuvor
aufgetreten seien. Dies verkenne der beratende Arzt genauso wie die Tatsache, dass
die Schmerzen im BWS/LWS-Übergang seitens des KSSG im Rahmen der
Untersuchung vom 11. September 2019 zweifelsfrei als posttraumatisch diagnostiziert
worden seien. Auch berücksichtige Dr. D._ nicht, dass ihm die Rettungssanitäter
wegen Miteinbezugs des Kopfes und der HWS einen Stiffneck angelegt hätten. Selbst
wenn degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule bereits vor dem Unfall
vorgelegen haben sollten, wären diese durch den Sturz offensichtlich verschlimmert
worden, was sich auch aus dem Bericht der Klinik für Neurologie über den Untersuch
vom 29. Juni 2020 ergebe. Die Einschätzung des beratenden Arztes sei unvollständig
und nicht umfassend, so dass keine zuverlässigen Schlüsse daraus gezogen werden
könnten. Der Nachweis des Status quo sine sei nicht erbracht, weshalb die
Leistungseinstellung unrechtmässig sei (act. G5.1-197 ff.).
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
Gegen den Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde vom 28. Juni 2021 mit
dem Antrag, dieser sei aufzuheben und die Visana (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
zu verpflichten, die gesetzlichen Leistungen aus dem Unfall vom 18. Juli 2019 zu
erbringen; eventualiter sei vorgängig ein Gerichtsgutachten einzuholen; unter Kosten-
und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin. Der Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführer) lässt zur Begründung auf zweieinhalb Seiten
zusammengefasst vortragen, es sei insgesamt erstellt, dass die aktuell noch
vorhandenen Beschwerden zeitnah zum Unfallereignis aufgetreten seien und die
Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht erst in Kenntnis der entsprechenden
Diagnosen (inklusive Beschwerden an der Wirbelsäule) uneingeschränkt anerkannt
Am 15. Mai 2021 nahm Dr. D._ zu den erhobenen Einwänden Stellung. Seines
Erachtens liessen sich sämtliche Argumente, die einen Kausalzusammenhang
zwischen dem Ereignis vom 18. Juli 2019 und den im Rahmen der späteren
Abklärungen festgestellten neurologischen Symptomen suggerierten, anhand der
vorhandenen medizinischen Berichte schlüssig widerlegen. An seiner Einschätzung
könne festgehalten werden (act. G5.1-212 ff.). Mit Entscheid vom 26. Mai 2021 wies
die Visana die Einsprache ab. Zur Begründung hielt sie zusammengefasst fest, es sei
nach Würdigung sämtlicher Akten sowie unter Berücksichtigung der vorgebrachten
Argumente festzuhalten, dass die Stellungnahmen von Dr. D._ für die Beurteilung der
rechtserheblichen Fragen umfassend und seine Schlussfolgerungen ausreichend
begründet, widerspruchsfrei und einleuchtend seien. Ihnen sei volle Beweiskraft
zuzuerkennen. Es seien keine objektiv feststellbaren Gesichtspunkte vorgebracht
worden, welche geeignet wären, Zweifel an den Beurteilungen von Dr. D._ zu
wecken. Vielmehr sei es diesem gelungen, die vorgebrachten Argumente aufzunehmen
und vollumfänglich zu entkräften. Somit sei erstellt, dass das Ereignis vom 18. Juli
2019 überwiegend wahrscheinlich zu einer Kontusion der Hände, links begleitet von
einer Fissur im poximalen Radiusschaft, rechts von einer möglichen undislozierten
Fraktur des Os pisiforme, und einer kleinen Hautläsion im Gesicht geführt habe. Diese
Verletzungen seien folgenlos abgeheilt. Sämtliche übrigen Beschwerden ständen mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in Zusammenhang mit dem Fahrradsturz (act.
G5.1-216 ff.).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe. Es treffe sie die Beweislast für den behaupteten Wegfall des
Kausalzusammenhangs im Sinne des Status quo sine oder ante. Nach Lage der
medizinischen Akten beständen berechtigte Zweifel an der nicht näher belegten
Auffassung des beratenden Arztes, wonach die für die Beschwerden ursächliche
Myelonkontusion nicht unfallbedingt sei, sodass der Beweis nicht erbracht sei und die
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin weiterhin bestehe (act. G1 und G5.1-232 ff.).
Mit Beschwerdeantwort vom 12. Oktober 2021 beantragt die Beschwerdegegnerin, die
Beschwerde vom 28. Juni 2021 gegen den Einspracheentscheid vom 26. Mai 2021 sei
abzuweisen (act. G5). Auf die knapp fünfzigseitige Begründung des Antrags sowie den
Inhalt der Replik vom 17. November 2021 (act. G7) und der Duplik vom 4. Januar 2022
(act. G9), womit die Parteien an ihren Anträgen festhalten, wird, soweit erforderlich, in
den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Erwägungen
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht die im Zusammenhang
mit dem Unfall vom 18. Juli 2019 ausgerichteten Versicherungsleistungen
(Heilbehandlung- und Taggeldleistungen) auf den 11. Oktober 2019 eingestellt hat.
Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) werden Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt. Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der Unfallversicherung
bildet die Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht des Unfallversicherers besteht
demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und adäquat kausal mit einem
versicherten Unfallereignis zusammenhängen (André Nabold, N 48 ff. zu Art. 6, in: Marc
Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz über die Unfallversicherung, Kommentar
zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert: KOSS UVG];
Irene Hofer, N 63 ff. zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli
[Hrsg.], Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019 [nachfolgend zitiert: BSK
UVG]; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 53 ff.). Ist die
Unfallkausalität einmal mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, so
1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entfällt die Leistungspflicht des Unfallversicherers erst, sobald der Unfall nicht mehr die
natürliche (und adäquate) Ursache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also
Letzterer nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Dies trifft
dann zu, wenn entweder der (allenfalls krankhafte) Gesundheitszustand, wie er
unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante) oder aber derjenige
Zustand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften
Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine),
erreicht ist. Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenhang
muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines
Gesundheitsschadens mit dem im Sozialversicherungsrecht allgemein üblichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Die blosse
Möglichkeit nunmehr gänzlich fehlender ursächlicher Auswirkungen des Unfalles
genügt nicht. Da es sich dabei um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt
aber die entsprechende Beweislast - anders als bei der Frage, ob ein
leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht beim
Versicherten, sondern beim Unfallversicherer (vgl. Rumo-Jungo/ Holzer, a.a.O., S. 54;
vgl. ferner nebst vielen das Urteil des Bundesgerichts vom 4. November 2016,
8C_594/2016, E. 2.2).
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Bezüglich Beweiswert eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
der medizinischen Fachperson begründet und nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E.
3a mit Hinweisen). Berichte und Gutachten, welche die Versicherungen während des
Administrativverfahrens von ihren eigenen Ärzten und Ärztinnen einholen, können
beweistauglich sein. An deren Beweiswürdigung sind indes strenge Anforderungen zu
stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen
vorzunehmen (BGE 135 V 470 f. E. 4.4 mit Hinweis; bestätigt in: Urteil des
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Bundesgerichts vom 23. November 2012, 8C_592/2012, E. 5.3). Auch ärztliche
Beurteilungen aufgrund der Akten sind nicht an sich unzuverlässig, sofern ein
lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die ärztliche Beurteilung
eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht (Urteil des
Bundesgerichts vom 8. Februar 2007, U 223/06, E. 5.1.2). Erachtet das
Sozialversicherungsgericht die rechtserheblichen tatsächlichen Entscheidgrundlagen
bei pflichtgemässer Beweiswürdigung als schlüssig, darf es den Prozess ohne
Weiterungen abschliessen (vgl. BGE 135 V 469 E. 4.3.2 mit Hinweisen). Diesfalls
besteht kein Anspruch auf Beizug versicherungsexterner medizinischer Gutachten
(BGE 122 V 157).
Der Beschwerdeführer bringt vor, die aktuell noch vorhandenen Beschwerden
seien zeitnah zum Unfallereignis aufgetreten und die Beschwerdegegnerin habe ihre
Leistungspflicht in Kenntnis der entsprechenden Diagnosen (inklusive Beschwerden an
der Wirbelsäule) uneingeschränkt anerkannt, weshalb sie die Beweislast für den
behaupteten Wegfall des Kausalzusammenhangs im Sinne des Status quo sine oder
ante treffe. Es ist vorab zu prüfen, wie es sich damit verhält.
2.1.
Die E._ AG hat dem Leistungszentrum UVG der Beschwerdegegnerin am 6.
September 2019 die Unfallmeldung der Arbeitgeberin zugestellt zusammen mit drei
ärztlichen Bescheinigungen über eine unfallbedingte vollständige Arbeitsunfähigkeit bis
4. September 2019 und dem provisorischen Austrittsbericht der Klinik für Hand-,
Plastische und Wiederherstellungschirurgie über die Hospitalisation vom 19. bis 20. Juli
2019 (act. G5.1-14 ff.). In der Unfallmeldung wird der Fahrradsturz beschrieben und
unter Verletzung als betroffener Körperteil "Hand links" angegeben. Unter Art der
Schädigung wird eine "posttraumatische, motorische Schwäche" aufgeführt. Im
provisorischen Austrittsbericht findet sich die Diagnose "posttraumatische, motorische
Schwäche Hand rechts [...] am ehesten im Rahmen der Schwellung [bei] Status nach
Kontusion Vorderarme beidseits nach Velosturz am 18. Juli 2019". Unter Prozedur
wurde festgehalten "Hochlagerung, abschwellende Massnahmen" und unter
Procedere: "Wir empfehlen die Weiterführung der konsequenten Hochlagerung und
Kühlung. Die Schiene sollte bis zur Kontrolle in unserer Sprechstunde (telefonisches
Aufgebot folgt) getragen werden. Bei Schmerzen in der Schiene sollt[e] diese gelockert
werden.". Am 9. September 2019 reichte die E._ AG der Beschwerdegegnerin die
Lohnabrechnungen des Beschwerdeführers nach sowie den CT-Bericht der Klinik für
Radiologie und Nuklearmedizin, Netzwerk Radiologie, St. Gallen, vom selben Tag,
womit das Vorliegen einer Fraktur im Bereich der HWS geklärt wurde (act. G5.1-40 ff.).
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Bei im Befund weitestgehend regelrechten Verhältnissen mit moderaten degenerativen
Veränderungen der Wirbelsäule (ventrale Spondylophyten sowie beginnende
Osteochondrose HWK 5/6 mit stationärer breitbasiger Diskushernie) konnte keine
frische össäre Läsion im Sinne einer Fraktur nachgewiesen werden (act. G5.1-47).
Gestützt auf diesen Informationsstand verfasste die Beschwerdegegnerin das
Schreiben vom 12. September 2019, womit sie als zuständige Unfallversicherung ihre
Leistungspflicht für das Ereignis vom 18. Juli 2019 anerkannte (act. G5.1-52). Alle
anderen medizinischen Berichte, welche im Zeitraum vom 18. Juli bis 11. Dezember
2019 erstellt wurden, gingen der Beschwerdegegnerin erst nach diesem
Anerkennungsschreiben zu (act. G5.1-7). Das betrifft insbesondere die veranlassten
neurologischen Abklärungen im Zusammenhang mit der kernspintopmographisch
nachgewiesenen Spinalkanalstenose HWK 5/6 und HWK 6/7 mit Myelopathie auf Höhe
HWK 5/6 und linksbetonter Foramenstenose C6 und C7 links sowie
Myelonkompression ohne Myelopathie auf Höhe HWK 6/7 links (act. G5.1-38). Davon,
dass die Beschwerdegegnerin im Zusammenhang mit dem Ereignis vom 18. Juli 2019
am 12. September 2019 ihre Leistungspflicht auch für die gesundheitlichen
Beeinträchtigungen im Bereich der HWS anerkannt hätte, kann deshalb keine Rede
sein. Den Nachweis dafür, dass diese Beeinträchtigungen in einem natürlichen
Kausalzusammenhang mit dem Velosturz stehen, hat deshalb der Beschwerdeführer zu
erbringen. Dass die Beschwerdegegnerin betreffend die genannten neurologischen
Pathologien die Beweislast für den Wegfall des Kausalzusammenhangs im Sinne des
Status quo ante oder sine zu erbringen hätte und bei Misslingen weiterhin
leistungspflichtig bliebe, wie es die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers darstellt,
trifft daher nicht zu.
Die Beschwerdegegnerin vertritt - wie erwähnt (vgl. Sachverhalt B.b) - die
Auffassung, dass es beim Ereignis vom 18. Juli 2019 überwiegend wahrscheinlich zu
einer Kontusion der Hände, links begleitet von einer Fissur im proximalen Radiusschaft,
rechts von einer möglichen undislozierten Fraktur des Os pisiforme, und einer kleinen
Hautläsion im Gesicht gekommen sei. Nachdem sie für diese Unfallfolgen die
Leistungspflicht anerkannt und unbestrittenermassen die Kosten für deren
Heilbehandlung übernommen sowie die Taggelder während der Zeit, als es dadurch zu
einer relevanten Arbeitsunfähigkeit gekommen war, erbracht hat, ist im Anschluss an
die medizinisch ausgewiesene und grundsätzlich unstrittige folgenlose Abheilung
dieser Verletzungen per 11. Oktober 2019 (vgl. dazu act. G5.1-69 f.) nur noch zu
prüfen, ob die Beschwerdegegnerin rechtmässig gehandelt hat, als sie ihre
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leistungspflicht für die weiterhin noch beklagten namentlich neurologischen
Beeinträchtigungen im Bereich der HWS mangels Unfallkausalität verneinte.
Der dokumentierte medizinische Sachverhalt seit dem Unfall vom 18. Juli 2019 -
mit speziellem Augenmerk auf die anhaltende Wirbelsäulenproblematik - präsentiert
sich wie folgt: Im Notfallbericht der Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates des KSSG vom 19. Juli 2019 wurde eine
Kontusion an beiden Händen, eine kleine Exkoriation im Gesicht rechts sowie klinisch
ausdrücklich kein Schädelhirntrauma diagnostiziert. Der Beschwerdeführer klagte über
beidseitige Schmerzen an den Händen und den Unterarmen. Ansonsten bestanden
keine Schmerzen, insbesondere keine im Bereich der HWS, der Wirbelsäule oder der
Schulter resp. Oberarme beidseits. Diesbezüglich wurde ausgeführt, dass der
Bodycheck keine Prellmarken am Rücken und keine Druckdolenzen über HWS, BWS
und LWS ergeben habe. Nach Abnahme des Stiffnecks habe sich eine frei bewegliche,
schmerzfreie HWS ohne axialen Kompressionsschmerz gezeigt (act. G5.1-9 f.). Im
Austrittsbericht der Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie des
KSSG vom 22. Juli 2019 wurde als Diagnose eine posttraumatische, motorische
Schwäche an der rechten Hand am ehesten im Rahmen der Schwellung bei Status
nach Kontusion der beiden Vorderarme genannt (act. G5.1-3 f.). Anlässlich des
Untersuchs vom 26. Juli 2019 beschrieb der Beschwerdeführer eine posttraumatisch-
motorische Schwäche der rechten Hand und ansonsten kaum noch Schmerzen,
lediglich an einem Punkt am ulno-palmaren Handgelenk, insbesondere bei Druck (act.
G5.1-12 f.). In der Sprechstunde vom 7. August 2019 berichtete der Beschwerdeführer
über seit einigen Tagen neu aufgetretene nächtliche Schmerzen im Bereich des
palmaren Unterarms. Weiterhin persistiere die Schwäche im Bereich der Langfinger bei
Beugung und teilweise strahlten die Schmerzen in den Mittel- bis Kleinfinger aus. Das
Gefühl in den Fingern sei normal vorhanden. Die neu aufgetretenen Schmerzen im
Bereich des Unterarms wurden von den Klinikärzten am ehesten durch eine diffuse
Einblutung im Bereich der Unterarmmuskulatur erklärt. Dadurch komme es
möglicherweise auch zu einer leichtgradigen Kompression des Nervus medianus (act.
G5.1-26 f.). Beim Kontrolluntersuch vom 21. August 2019 klagte der Beschwerdeführer
erstmals über Schmerzen im Bereich des thorakolumbalen Übergangs mit
Schwächegefühl der linken unteren Extremität und Taubheitsgefühl des gesamten
linken Beins (act. G5.1-29 f.), woraufhin die Zuweisung in die Klinik für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates folgte. Anlässlich des
Untersuchs vom 27. August 2019 diagnostizierten die dortigen Klinikärzte eine
Kontusion BWS/LWS nach Sturz mit dem Velo. Es bestehe eine dezente Druck- sowie
Klopfdolenz am thorakolumbalen Übergang sowie im Bereich der LWS. Die
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Röntgenuntersuchung desselben Tages ergab keinen Hinweis für eine ossäre Läsion
(act. G5.1-32 f.). Am 29. August 2019 wurde ein MRI der Wirbelsäule (Clivus bis
Brustwirbelkörper [BWK] 5) durchgeführt (act. G5.1-35 f.). Dabei zeigte sich gemäss
Sprechstundenbericht der Klinik für Neurologie vom 10. September 2019 (bei
Untersuch vom 6. September 2019) eine Spinalkanalstenose HWK 5/6 und 6/7 mit
Myelopathie auf Höhe HWK 5/6 und linksbetonter Foramenstenose C6 und C7 links
sowie eine Myelonkompression ohne Myelopathie auf Höhe HWK 6/7 links (act.
G5.1-38 f.). Diese Befunde zeigten sich in etwa gleichbleibend resp. nur gering
verändert in den folgenden bildgebenden Untersuchungen (act. G5.1-47, 132, 210) und
sind aufgrund der übereinstimmenden medizinischen Beurteilungen wahrscheinliche
Ursache für die anhaltende Problematik über das Leistungseinstellungsdatum (11.
Oktober 2019) hinaus (act. G5.1-116, 146).
Dr. D._ führte anlässlich seiner versicherungsinternen Beurteilung vom 30. März
2020 in Würdigung des genannten Verlaufs zusammengefasst aus, dass die am 29.
August 2019 bildgebend diagnostizierte zervikale Myelopathie auf Höhe HWK 5/6,
welche die Beschwerden des Beschwerdeführers bestimme, ohne namhafte Zweifel als
krankheitsbedingter Natur einzustufen sei. Dazu passe, dass der Beschwerdeführer zu
Beginn nach dem Unfall keinerlei Beschwerden im Bereich von Kopf, Nacken und HWS
angegeben habe, wie sie bei einer relevanten Verletzung in diesem Bereich fast
zwingend zu erwarten gewesen wären (act. G 5.1-144 ff.). Mit Beurteilung vom 15. Mai
2021 bestätigte Dr. D._ in Abhandlung der Einwände der Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers (act. G5.1-197 ff.) seine Einschätzung. Es würden sich keine
Hinweise auf einen morphologisch fassbaren traumatisch bedingten Einfluss ergeben.
Entsprechend sei die Myelopathie als ausschliesslich unfallfremd zu bewerten. Sie sei
beim erlittenen Sturz weder entstanden noch in objektivierbarer Weise strukturell
beeinflusst worden (act. G5.1-212 ff.).
3.3.
Dr. D._ hat zur streitigen Frage der Unfallkausalität der anhaltenden
(neurologischen) Problematik Stellung genommen und die vorhandenen medizinischen
Berichte und den darin beschriebenen Verlauf der Beschwerden berücksichtigt.
Gestützt darauf hält er als Sturzfolgen "lediglich" Kontusionen an beiden Händen/
Handgelenken für ausgewiesen, nachdem eine Beteiligung der Wirbelsäule
ausdrücklich ausgeschlossen worden sei. Die Beurteilungen von Dr. D._ sind
schlüssig und erfüllen die Anforderungen an beweiskräftige Arztberichte, zumal sie sich
insbesondere mit dem in E. 3.2 beschriebenen Verlauf decken. Einleuchtend ist
insbesondere auch, dass eine relevante Beteiligung der Wirbelsäule, insbesondere der
HWS, zeitnah - und nicht erst Wochen später - Beschwerden verursacht und in den
3.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arztberichten Erwähnung gefunden hätte. Was der Beschwerdeführer vorträgt, vermag
keine auch nur geringen Zweifel an der Beurteilung von Dr. D._ zu begründen. Zwar
gehen die behandelnden Ärzte der Orthopädie und Neurologie des KSSG von einer
beim Ereignis vom 18. Juli 2019 erlittenen Kontusion der LWS/BWS (act. G5.1-32 f.)
und der HWS (act. G5.1-63 f.) aus resp. interpretieren das Myelopathiesignal im HWK
5/6 am ehesten als eine Myelonkontusion nach stattgehabtem Trauma. Sie sprechen
sich demnach für eine im Rahmen des Unfalls verursachte Verschlimmerung
vorbestehender degenerativer Pathologien der Wirbelsäule aus. Diese Beurteilung
erschiene plausibel, wenn die Wirbelsäule beim Ereignis tangiert gewesen wäre und
der Beschwerdeführer seither an Beschwerden gelitten hätte, wovon die Orthopäden
und die Neurologinnen des KSSG aufgrund der Ausführungen des Beschwerdeführers
offenkundig ausgingen (act. G5.1-32 f., 90). Auch Hausarzt dipl. med. C._ geht in
seinem Bericht vom 2. März 2020 - ohne nähere Begründung - davon aus, dass die
Myelopathie im Bereich der HWS Folge des Fahrradsturzes sei (act. G5.1-135). Eine
Beteiligung der Wirbelsäule im Rahmen des Ereignisses vom 18. Juli 2019 ist gestützt
auf die medizinischen Berichte aber gerade nicht hinlänglich ausgewiesen resp. im
Notfallbericht der den verletzten Beschwerdeführer nach dem Unfall aufnehmenden
Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates des
KSSG vom 19. Juli 2019 ausdrücklich verneint worden (act. G5.1-9 f.), womit die Dauer
von mehreren Wochen bis zur ersten Beschwerdeschilderung (act. G5.1-29 f.) auch
eine Verschlimmerung vorbestehender Pathologien, wie es Dr. D._ in seinen
Beurteilungen überzeugend ausführt, unwahrscheinlich erscheinen lässt. Daran ändert
nichts, dass es zeitnah zum Unfall zu einer motorischen Schwäche in der rechten Hand
und zu Schmerzen im rechten Unterarm gekommen ist, da diese in keinem der
ärztlichen Berichte mit einer zervikalen Problematik in Verbindung gebracht, sondern
im Rahmen der Kontusion/Schwellung resp. einer Kompression des Nervus medianus
gesehen wurden (act. G5.1-3 ff., 26 f.). Diese Einschätzung leuchtet ein, zeigte sich die
motorische Schwäche doch bereits wenige Tage nach dem Unfallereignis verbessert
(act. G5.1-17, 21) und auch die Schmerzen im Unterarm gingen zurück (act. G5.1-29
f.). Soweit die Rechtsvertreterin resp. die behandelnden Ärzte für die Annahme einer
Unfallkausalität angeben, dass der Beschwerdeführer vor dem Sturz vom 18. Juli 2019
symptomfrei gewesen sei (act. G1 S. 5, G5.1-179, 189), ist festzuhalten, dass die
Formel "post hoc ergo propter hoc" nach ständiger Rechtsprechung für sich allein
nicht ergiebig ist (BGE 119 V 340 ff. E. 2b/bb; vgl. ferner nebst vielen das Urteil des
Bundesgerichts vom 17. April 2020, 8C_158/2020, E. 3.2).
Zusammengefasst ist gestützt auf das Gesagte in Beachtung der versicherungs
internen Beurteilungen und in Würdigung der übrigen medizinischen Akten
3.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Nach dem Gesagten ist der angefochtene Einspracheentscheid vom 26. Mai 2021 nicht
zu beanstanden und die dagegen erhobene Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind mangels gesetzlicher Grundlage im UVG keine zu erheben (vgl. dazu Art. 61 lit. f
ATSG). Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG).