Decision ID: ead0ed06-df89-4078-9e62-92457dfcfadd
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
Die
1978
geborene
X._
war
von
Dezember 2004
bis
zu ihrer Kündi
gung per
30. November 2008
als
Mitarbeiterin im 2-Schicht-Betrieb für die Linienbedienung
bei
der
Y._
angestellt (
Urk.
8/
14
und Urk.
8/48/4 f.
).
Am
8. Mai 2008
(
Urk.
8/7
)
hatte
sie sich wegen
Darm- und Steissbeinproblemen mit mehreren Operationen und dauernder Schmerzen
zum Bezug von Leistun
gen der Invalidenversicherung an
gemeldet
. Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinischen und erwerblichen Verhält
nisse ab und v
eranlasste die Erstellung eines
Gutachtens bei
m
Z._
,
welches
am
21. Oktober 2009
(
Urk.
8/39
) erstattet wurde.
Am
1. März 2010 (Urk. 8/48)
trat die Versicherte eine 50%-Stelle bei der
A._
an.
Mit Vorbescheid vom
15. Oktober 2010
(Urk.
8/62
) stellte die IV-Stelle
die
Ableh
nung
des Rentengesuchs in Aussicht. Dagegen liess die Versicherte
am
19. Oktober 2010
(
Urk.
8/63
)
vorsorglich und am 20. Januar 2011 (Urk. 8/71) begründeten
Einwand erheben.
Die IV-Stelle holte daraufhin
eine Stellungnahme
des
Z._
ein
, welche dieses am
2.
November 2011 (Urk. 8/76) erstattete
. Am
30. Januar 2012
(
Urk.
2) verfügte sie im angekündigten Sinn.
2.
Gegen die Verfügung der IV-Stelle liess die Versicherte am
5. März 2012
(Urk.
1) Beschwerde erheben und beantragen, es sei ihr eine
ganze
Rente der In
validenversicherung
auszurichten. Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin an
zuweisen, eine erneute psychiatrische und gastroenterologische Begutachtung durchzuführen
. Schliesslich beantragte sie die unentgeltliche Prozessführung sowie die Bestellung von Rechtsanw
ältin
Dr.
Tanja Gehrig Arbenz, Winterthur,
zu
r
unentgeltlichen Rechtsvertreter
in
.
Die IV-Stelle schloss in ihrer Vernehm
lassung vom
5. April 2012
(
Urk.
7
) auf Abweisung der Beschwerde.
Am
1. Juni 2012
(
Urk.
10
)
wies das Gericht
das Gesuch
der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Prozessführung und unentgeltliche Rechtsvertretung zufolge Nichteinreichung der notwendigen Unterlagen ab.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, so
weit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8
Abs.
1 des
B
undesgesetzes über den Allgemei
nen Teil des Sozialversicherungsrecht
s. ATSG). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs.
1 des Bun
desgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7
Abs.
1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7
Abs.
2 ATSG).
1.2
Die seit dem 1. Januar 2004 massgeblichen Rentenabstufungen geben bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent Anspruch auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 Prozent Anspruch auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent Anspruch auf eine ganze Rente (Art. 28
Abs.
2 IVG).
1
.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
be
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden kön
nen (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1
.4
Das Sozialversicherungsgericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen fest
-
zustel
len und alle Beweismittel objektiv zu prüfen, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden, ob sie eine zuverlässige Beur
teilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Insbesondere darf es beim Vorliegen einander widersprechender medizinischer Be
richte den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweisma
terial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These ab
stellt (ZAK 1986 S. 188 E. 2a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist im Lichte dieser Grundsätze ent
scheidend, ob es für die Beant
wortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen
Untersuchun
gen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt
was vor allem bei psychischen Fehlent
wicklungen nö
tig ist
, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinander
setzung mit den Vorakten abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge ein
leuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Exper
ten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszu
räumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Be
antwortung der Fragen erschweren oder ver
unmöglichen, gegebe
nenfalls deutlich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; U. Meyer
Blaser, Die Rechtspflege in der Sozialversi
cherung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in H. Fredenhagen, Das ärztliche Gutach
ten, 3. Aufl. 1994, S. 24 f.).
2.
Die IV-Stelle begründete die Ablehnung des Leistungsbegehrens damit,
dass
bei der Beschwerdeführerin
gemäss dem
Gutachten
des
Z._
eine 70%ige Arbeitsfä
higkeit
bestehe.
Daraus resultiere ein Invaliditätsgrad von 26
%
, der keinen Rentenanspruch begründe.
Dem hält die Beschwerdeführerin entgegen,
das Gutachten
des
Z._
leide an diver
sen Mängeln und sei nicht verwertbar. Es sei insbesondere nicht berück
sichtigt
wor
den, dass sie
im Alter von 14 Jahren vergewaltigt und durch diesen Vorfall traumatisiert worden sei.
3.
3.1
Im Jahr 1992 hatte sich die Beschwerdeführerin einer VY-Analplastik mit Becken
bodenplastik und Sphinkteropexie wegen Sphinkterdysplasie Grad II unterziehen müssen. Im Jahr 1995 erfolgte die Exzision eines Handgelenk
ganglions links. 1999 wurde eine laterale Sphinkterotomie wegen einer chroni
schen Fissur durchgeführt, und in den Jahren 2005 und 2006 wurden Botox-Injektionen bei analer Schmerzproblematik durchgeführt. Im Jahr 2007 erfolg
ten eine Hämorrhoiden-Koagulation und die Resektion eines Analfibroms und im Januar 2008 wurde die Drainage einer Flüssigkeitskollektion am anococ
cygealen Übergang durchgeführt. Am 30. September 2008 wurde eine sakrale Granulomexzision und eine Deckung mit einem Limberg-Flap vorgenommen (vgl.
Urk.
8/39/5).
3.2
Dr.
med.
B._
,
Facharzt für Gastroenterologie
,
berichtete am
8. Juni 2008
(Urk.
8/15
)
, die Beschwerdeführerin leide
unter
chronischen
Analproblemen
nach
verschiedenen
Operationen
,
und die behandeln
de Psychologin
Dr.
phil.
C._
, Psychotherapeutin FSP/SPV
,
nannte in ihrem Bericht vom 10. Juli 2008 (Urk.
8/16
) die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung
(ICD-10 F43.1)
nach dem Tod des Vaters und
nach
einer sexuellen Belästigung am Ar
beitsplatz sowie eine andauernde Persönlichkeitsveränderung
(ICD-10 F62.1)
nach körperlicher Erkrankung mit einer 100%igen Arbe
itsunfähigkeit. Der be
handelnde
Hausarzt
Dr.
med.
D._
bestätigte im Bericht vom 15. Juli 2008
(Urk. 8/17)
diese Angaben.
3.3
Anlässlich der Begutachtung
durch
das
Z._
im Juni und September 2009
gab die Beschwerdeführerin an, sie habe Schmerzen im Steissbein
und am Darmaus
gang. Diese Schmerzen habe sie schon lange und sie seien im
mer schlimmer geworden. Trotz O
p
e
rationen und Medikamenten habe sich keine Besserung eingestellt. Sie könne kaum sitzen. Auch habe sie sowohl beim Stehen wie auch beim Gehen Schmerzen. Sie müsse immer wieder Pausen einlegen
,
und sie könne etwa 20 Minuten gehen. Am wenigsten Schmerzen habe sie beim Liegen.
Die Gutachter hielten fest, dass wiederholt Analfissuren nachgewiesen und behan
delt worden seien. Dadurch habe sich ein chronisches Schmerzsyndrom im Bereich des Anus und des Sakrums entwickelt, wo sich auch verschiedene Operationsnarben befänden. Eine eingehende Untersuchung sei wegen der star
ken Schmerzabwehr nicht möglich
gewesen. Aus gastroenterologischer Sicht könnten die Schmerzen zumindest teilweise mit den organischen Befunden er
klärt werden. Es bestehe auch die Möglichkeit einer neuen Analfissur, was aber wegen der starken Schmerzreaktion der Beschwerdeführerin nicht weiter habe abgeklärt werden können. Aus gastroenterologischer Sicht sei die Beschwerde
führerin für eine körperlich leichte bis intermittierend mittelschwere, wechsel
belastende Tätigkeit zu 70
%
arbeits- und leistungs
fähig in einem höheren Pensum mit vermehrten Pausen
. Bei der neurologischen Untersuchung habe keine neurologische Ursache für das Schmerzsyndrom festgestellt werden kön
nen
,
und es ergebe sich aus rein neurologischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
Bei der psychiatrischen Untersuchung sei eine Schmerzverarbeitungsstörung diagnostiziert worden, dies erkläre die von der Beschwerdeführerin vermehrt empfundene
n
Schmerzen, welche nicht durch somatische Befunde erklärt wer
den könnten. Ein zusätzliches psychisches Leiden sei nicht vorhanden
,
und aus psychiatrischer Sicht sei die Beschwerdeführerin in ihrer Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt.
Das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung wurde verneint, da
kein zugrunde liegendes Trauma g
enannt worden war.
Zusammengefasst sei die Beschwerdeführerin aus polydisziplinärer Sicht für eine körperlich leichte bis intermittierend mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeit zu 70
%
arbeits- und leistungsfähig, in einem ganztä
g
igen Pensum verwertbar.
4.
Die Beschwerdeführerin weist darauf hin, dass der psychiatrische Gutachter des
Z._
die
in der Kindheit erlittene Vergewaltigung nicht berücksichtigt habe (
Urk.
1 S. 3 f.).
Den Gutachtern
des
Z._
lag unter anderem der Bericht der Kinderklinik des
E._
vom 5. Mai 1992 (
Urk.
8/39/32) vor, in dem der Ver
dacht geäussert wurde, die damals 14jährige Versicherte sei im Rahmen der en
gen Familienverhältnisse sexuell missbraucht worden; die gynäkologische Un
tersuchung habe indes keine Anhaltspunkte dafür ergeben. Der psychiatrische Gutachter unterliess es, die Beschwerdeführerin auf diesen Aktenhinweis anzu
sprechen beziehungsweise sie nach einem entsprechenden Erlebnis zu befragen, und ging auch unter dem Titel „Stellungnahme zu früheren ärztlichen Einschät
zungen“ nicht auf diese Aussage ein (
Urk.
8/39/7-12). Als ihm die IV-Stelle den Einwand der Beschwerdeführerin vom 20. Januar 2011, in welchem sie explizit auf den im Jahr 1992 geäusserten Verdacht eines sexuellen Missbrauchs hinge
wiesen hatte (
Urk.
8/71/5), zur Stellungnahme unterbreitete, ging der Gutachter erneut über diese Passage hinweg mit dem Hinweis, er habe die Beschwerde
führerin im bei einer Begutachtung üblichen Umfang zu ihrer Kindheit befragt und die subjektiven Angaben im Gutachten festgehalten (
Urk.
8/76).
Wohl fällt auf, dass die Beschwerdeführerin erstmals im Beschwerdeverfahren, nachdem ihr Versicherungsleistungen verweigert worden sind, ausdrücklich geltend macht, sie sei als Kind tatsächlich vergewaltigt worden, und ihre Er
klärung, aufgrund der Familientradition habe sie dieses Vorkommnis insbeson
dere vor dem Vater geheim halten müssen, ist angesichts der Tatsache, dass ihr Vater bereits im Jahr 2001 verstarb (vgl.
Urk.
8/39/8), für das lange Schweigen nicht vollends überzeugend. Anderseits kann ein derartiges Erlebnis Schamge
fühle auslösen, die es verhindern, von sich aus darüber zu sprechen. Umso mehr wäre es die Aufgabe des psychiatrischen Gutachters gewesen, die Beschwerde
führerin als Fachmann darauf anzusprechen, um einerseits zu eruieren, ob ein solcher Vorfall stattgefunden hat, um andererseits zu beurteilen, welche Folgen ein allfälliges derartiges Erlebnis bei der Beschwerdeführerin hinterlassen hat.
Indem sich das Gutachten mit der Frage eines sexuellen Missbrauchs in der Kind
heit nicht auseinandersetzte und auch eine weitere, 2007 stattgefundene sexuelle Belästigung nicht erwähnte, vermag die Schlussfolgerung, in psychi
scher Hinsicht liege ausser einer die Arbeitsfähigkeit nicht tangierenden Schmerzverarbeitungsstörung kein Gesundheitsschaden vor, nicht zu überzeu
gen. Bereits aus diesem Grund ist die Sache zur neuen Begutachtung der Be
schwerdeführerin an die IV-Stelle zurückzuweisen, ohne dass auf die weiteren Rügen am Gutachten weiter eingegangen werden muss. Dabei wird nicht nur die psychische Seite erneut abzuklären sein, sondern auch die somatische Situ
ation, da die von der Beschwerdeführerin geklagten Schmerzen durchaus in ei
nen organischen Zusammenhang gestellt und sogar die Möglichkeit einer erneut Analfistelbildung in Betracht gezogen wurde, ohne dass die notwendigen Ab
klärungen vorgenommen wurden.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
5.1
Abweichend von Art. 61 lit. a ATSG ist das Beschwerdeverfahren um die Bewilli
gung oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung vor dem kantonalen Gericht kostenpflichtig. Die Gerichtskosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr.
200.-- bis
Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69
Abs.
1
bis
IVG). Die Kosten sind auf
Fr.
800
.-- anzusetzen und entsprechend dem Verfahrensausgang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Parteientschädigung. Diese ist nach Art. 61 lit. g ATSG in Verbindung mit
§
34 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses zu bemessen. In Anwendung dieser Grundsätze rechtfertigt sich die Zusprechung einer Prozessentschädigung von
Fr.
2’200
.-- (inkl. Mehrwertsteuer und allfällige Barauslagen).