Decision ID: 5d9f2ace-69dd-4cde-8841-f8e2319731f2
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Urs Glaus, Marktplatz 4, 9004 St. Gallen,
gegen
AXA Versicherungen AG, General Guisan Strasse 40, Postfach 357, 8401 Winterthur,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Marianne Sieger, Kuttelgasse 8, Postfach 2158,
8022 Zürich,
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
A.
A.a A._ war mit einem Teilpensum von 80% als medizinische Masseurin und
Bademeisterin bei Dr. med. B._, Facharzt FMH für Rheumatologie, angestellt und
dadurch bei den Winterthur-Versicherungen (später AXA Winterthur Versicherungen,
heute AXA Versicherungen AG, nachfolgend AXA oder Unfallversicherung)
obligatorisch gegen Unfälle versichert. Am 19. Dezember 1995 rutschte sie auf einer
vereisten Stelle auf einem Parkplatz aus und fiel rückwärts auf Rücken und Kopf. Beim
Aufstehen stiess sie sich den Kopf heftig an der Stossstange eines Fahrzeugs an, unter
das sie beim Sturz gerutscht war, ohne dass sie es bemerkt hatte (UV-act. 1, 3, 16).
Am 22. Dezember 1995 suchte sie die Chirurgie Z._ auf. Dr. med. C._ beschrieb
ein Stauchungstrauma im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) und paravertebrale
Verspannungen und diagnostizierte eine Myogelose der HWS rechts und links (UV-act.
M1). Der Röntgenbefund war unauffällig, der Bewegungsumfang der HWS nicht
eingeschränkt. Die Versicherte, die im Unfallzeitpunkt auch eine selbständige Tätigkeit
als Heilpraktikerin von damals ca. 20% ausübte, wurde zunächst 50%, ab 9. Januar
1996 100% arbeitsunfähig geschrieben (UV-act. 3, M2). Die AXA kam für die
gesetzlichen Leistungen (Taggelder und Heilungskosten) auf. Neben einem nahezu
therapieresistenten Zervikalsyndrom stellten sich rechtsseitig Gefühlsstörungen und
eine allgemeine Muskelschwäche ein (UV-act. M4a, 11a). Ab Mitte 1997 war die
Versicherte auf einen Rollstuhl angewiesen (vgl. UV-act. M15 f., M16a S. 11). Von der
Invalidenversicherung (IV) erhielt sie ab Dezember 1996 eine ganze Rente (Beilage zu
UV-act. 19). Nach verschiedenen Abklärungen und einem stationären
Rehabilitationsaufenthalt in der Rehaklinik D._ vom 5. Januar bis 1. Februar 1999
stellte die Unfallversicherung bei Fehlen von organisch objektiv nachweisbaren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallfolgen die Leistungen per 31. Juli 2000 mangels Kausalität zum Unfallereignis ein
(UV-act. 73).
A.b Den daraufhin eingeschlagenen Rechtsweg beendete das Eidgenössische Ver
sicherungsgericht (EVG; seit 1. Januar 2007 sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts) mit Urteil vom 10. September 2003 durch Rückweisung der Sache an
die Unfallversicherung, damit diese nach Durchführung eines interdisziplinären
Gutachtens neu verfüge (UV-act. 100, Verfahrensnummer U 289/02, E. 3, besonders
E. 3.3).
A.c Nach aussergerichtlichen Vergleichsverhandlungen sowie einem Briefwechsel der
Parteien zur Gutachterstelle und zum Fragenkatalog, entschied sich die AXA, die vom
EVG verlangte Begutachtung am Institut für Interdisziplinäre Medizinische
Begutachtungen (IIMB), Zug bzw. Zürich, unter Federführung von PD Dr. med. E._,
Facharzt FMH für Neurologie, durchführen zu lassen (Auftrag vom 1. Juli 2005 [UV-act.
148], Fragenkatalog sowie Zusatzfragen des Rechtsvertreters der Versicherten [UV-act.
147, 150 f., 153]).
A.d Vor Erteilung des Begutachtungsauftrags hatte die Unfallversicherung mit
Verfügung vom 5. August 2004 die Ausrichtung von Versicherungsleistungen nach Juli
2000 abgelehnt, da der Leistungseinstellung per 31. Juli 2000 durch das Urteil des EVG
vom 10. September 2003 keine aufschiebende Wirkung zukomme (UV-act. 113). Die
Beschwerde gegen den bestätigenden Einspracheentscheid vom 19. Januar 2005 (UV-
act. 131) hatte das Verwaltungsgericht von Appenzell Ausserrhoden mit Urteil vom
23. November 2005 gutgeheissen (UV-act. 181). Auf Beschwerde der
Unfallversicherung hin hatte das Bundesgericht mit Urteil vom 24. Juli 2007 den
kantonalen Entscheid aufgehoben und die Ablehnung, Versicherungsleistungen über
den 31. Juli 2000 hinaus auszurichten, bestätigt (Verfahrensnummer U 115/06; Beilage
zu UV-act. 181).
A.e Am 9. April 2008 wurde der AXA das IIMB-Gutachten vom 7. April 2008 zugestellt
(UV-act. 208, M32), unter Beilage des psychiatrischen Teilgutachtens vom 29. März
2008 (UV-act. M32.2). Der Bericht der Dres. med. F._ und G._, beide Fachärzte für
Neurologie, vom 25. Februar 2008 über die Untersuchung der motorisch evozierten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Potentiale (MEP-Untersuchung) am Kantonsspital Winterthur wurde nachgereicht (UV-
act. M32.1, 213-216). Auf orthopädische und rheumatologische Teilgutachten, eine
Ganganalyse sowie ein neuropsychologisches Teilgutachten war verzichtet worden
(IIMB-Gutachten S. 37 f.). Als ausschliesslich unfallkausale Diagnose hielten die
Gutachter ein transientes zervikozephales und zervikobrachiales Syndrom fest und
schätzten die Dauer dieser somatischen Beschwerden - pragmatisch gesehen - auf
sechs bis neun Monate durch den Unfall bedingt. Wahrscheinlich habe die Explorandin
auch eine milde traumatische Hirnverletzung (mild traumatic brain injury, MTBI) erlitten,
die folgenlos abgeheilt sei. Im Zeitpunkt der Leistungseinstellung per 31. Juli 2000 bzw.
des Einspracheentscheids vom 16. Februar 2001 diagnostizierten sie eine schwere
Konversions- oder dissoziative Störung gemäss ICD-10 F44.7 und als Nebendiagnose
eine akzentuierte Persönlichkeit mit deutlich narzisstischen Zügen gemäss ICD-10.1
(wovon differentialdiagnostisch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung [ICD-10
F60.8] nur schwer abzugrenzen sei; IIMB-Gutachten S. 41 ff., S. 48 f.). Sie führten aus,
dass es sich beim aktuellen Beschwerdebild um ein psychisch bedingtes Leiden
handle, ohne dass zusätzlich eine organische Störung (mit Spastik, Pyramidenzeichen,
Atrophie der Interossei) vorliege. Das Unfallereignis vom 19. Dezember 1995 müsse als
überwiegend wahrscheinliche Teilursache am heutigen Zustandsbild gesehen werden,
wobei sie den Unfall gegenüber den unfallfremden Faktoren im Hintergrund sehen
würden. Das heute vorliegende, psychisch bedingte Beschwerdebild im Sinn einer
Konversions- oder schweren dissoziativen Störung gemäss ICD-10 F44.7 erachteten
sie zu zwei Dritteln unfallfremd und zu einem Drittel unfallbedingt (IIMB-Gutachten
S. 45). Die volle Arbeitsunfähigkeit sei psychisch bedingt und bestehe auch für
angepasste Tätigkeiten (IIMB-Gutachten S. 45 ff.).
A.f Es folgten mehrere Vergleichsgespräche zwischen den Parteien, bei denen keine
Einigung zustande kam (dokumentiert vor allem in UV-act. 224, 228, 232, 234 f.). Mit
Verfügung vom 20. November 2009 (UV-act. 236) hielt die AXA fest, sie halte das IIMB-
Gutachten vom 7. April 2008 grundsätzlich für schlüssig, nachvollziehbar und
entsprechend verwertbar. Den heutigen Beschwerden liege weder ein objektiver,
bildgebend nachweisbarer, noch ein neurologischer Befund zu Grunde. In Anwendung
der Rechtsprechung von BGE 115 V 133 sei die Adäquanz zu verneinen und die früher
erfolgte Terminierung der Leistungen per 31. Juli 2000 bleibe bestehen.
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die dagegen erhobene Einsprache vom 23. Dezember 2009 (UV-act. 237) wies die AXA
mit Entscheid vom 22. September 2010 ab.
C.
C.a Dagegen richtet sich die Beschwerde vom 22. Oktober 2010 mit den Anträgen auf
Aufhebung des Einspracheentscheids vom 22. September 2010 und der Verfügung
vom 20. November 2009 sowie Rückweisung an die AXA zur Festlegung der
Leistungen ab 1. August 2000; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der
Beschwerdegegnerin. Zur Begründung wird das Vorgehen von PD Dr. E._ und
Dr. med. H._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, kritisiert und die
Schlüssigkeit ihres Gutachtens verneint. Die Beschwerdegegnerin sei der Anordnung
des Bundesgerichts im Entscheid vom 10. September 2003 nicht nachgekommen und
habe kein interdisziplinäres Gutachten eingeholt, das den Anforderungen genüge. Die
anspruchsaufhebende Tatsache, dass kein Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall
und den gesundheitlichen Problemen der Beschwerdeführerin bestehe, habe nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit bewiesen werden können. Für den Fall, dass das
Versicherungsgericht dieser Argumentation nicht folgen könne, sei festzuhalten, dass
der natürliche Kausalzusammenhang aufgrund des IIMB-Gutachtens zu mindestens
einem Drittel gegeben sei. Die Adäquanz sei nicht nach BGE 115 V 133 sondern nach
BGE 117 V 359 zu prüfen und sei gegeben. Gegebenenfalls werde das
Versicherungsgericht ersucht, direkt ein entsprechendes Gutachten einzuholen, da die
Rückweisung an die AXA aufgrund der Fallbehandlung während der letzten Jahre
unzumutbar erscheine.
C.b Die AXA hat - wie in den früheren Gerichtsverfahren gegen die
Beschwerdeführerin - Rechtsanwältin Marianne I. Sieger, Zürich, mit der Vertretung
ihrer Interessen beauftragt. Mit Beschwerdeantwort vom 10. Februar 2011 lässt sie die
Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung des Einspracheentscheids vom
22. September 2010, unter den gesetzlichen Folgen, beantragen. Zur Begründung wird
angeführt, das IIMB-Gutachten vom 7. April 2008 erbringe den vollen Beweis. Aus
diesem ergebe sich unmissverständlich und klar, dass die von der Beschwerdeführerin
geklagten Beschwerden im Rahmen eines psychisch bedingten Leidens (schwere
Konversions- oder dissoziative Störung gemäss ICD-10 F44.7 bei akzentuierter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Persönlichkeit mit deutlich narzisstischen Zügen) gesehen werden müssten. Die von
der Beschwerdeführerin und ihren behandelnden Ärzten (Dr. med. I._, Facharzt FMH
für orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparats und für
Handchirurgie, und Prof. Dr. med. J._, Facharzt FMH für Neurologie und leitender
Arzt Neuroorthopädie) vertretene Auffassung, die Beschwerden seien auf somatische
Ursachen zurückzuführen, hätten im IIMB-Gutachten nachvollziehbar und schlüssig
entkräftet werden können. Da der adäquate Kausalzusammenhang zum leichten oder
höchstens mittelschweren an der Grenze zu den leichten Unfällen einzustufenden
Ereignis nach der vorliegend anwendbaren sogenannten Psychopraxis (BGE 115 V
133) verneint werden müsse, sei letztlich irrelevant, dass die Gutachter eine natürliche
Teilkausalität des Unfalls ermittelt hätten.
C.c Mit Replik vom 22. März 2011 lässt die Beschwerdeführerin zusätzlich eine
mündliche Verhandlung beantragen. Ihre Kritik des IIMB-Gutachtens wird vertieft und
es wird festgehalten, es sei formell nicht verwertbar. Werde dennoch auf das
Gutachten abgestellt, sei der natürliche Kausalzusammenhang ausgewiesen. Die
Adäquanz sei nach BGE 117 V 359 zu prüfen, da sich ihre psychische Störung laut
IIMB-Gutachten nicht verselbständigt habe, sondern als Teil der körperlichen
Beschwerden aufgetreten sei.
C.d Mit Duplik vom 7. Juni 2011 hält die Beschwerdegegnerin ergänzend zur
Beschwerdeantwort fest, bei der Erstellung des interdisziplinären Gutachtens sei weder
Art. 44 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG; SR 830.1) noch der Anspruch der Beschwerdeführerin auf das rechtliche Gehör
derart verletzt worden, dass das Gutachten nicht verwertbar sei. Die Neuropsychologin
dipl. psych. K._ sei korrekt gegen Dr. phil. L._, Fachpsychologin für
Psychotherapie FSP und Neuropsychologie FSP, als Gutachterin für Neuropsychologie
ausgetauscht worden. Der Verzicht auf das neuropsychologische Gutachten sei
inhaltlich nachvollziehbar und schlüssig begründet worden. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin überzeichne die Erstellung des Gutachtens als chaotisch. Die
lange Dauer von 2 3/4 Jahren zwischen der Auftragserteilung am 1. Juli 2005 und der
Erstattung des Gutachtens am 7. April 2008 vermöge keinen Mangel im Rechtssinn
darzustellen. Das IIMB-Gutachten genüge den bundesgerichtlichen Anforderungen an
ein interdisziplinäres Gutachten. Der Duplik wird eine Stellungnahme von Prof.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. E._ beigelegt (Beilage 1 bzw. act. G18.1), in der die Beteiligung von Prof. Dr.
rer. nat. M._ und seiner Ehefrau (Neuropsychololgin K._) am interdisziplinären
Gutachten vom 7. April 2008 dargestellt wird.
D.
Mit Schreiben vom 11. November 2011 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerde
führerin dem Gericht Datenblätter zu den drei Ganganalysen ein, die bei Prof. J._
gemacht worden waren (act. G 23, G 23.1-23.3). Die Rechtsvertreterin der
Beschwerdegegnerin bediente er ebenfalls mit diesen Unterlagen.
E.
Anlässlich der mündlichen Verhandlung vom 16. November 2011 hielten beide Parteien
an ihren Standpunkten fest. Die Beschwerdeführerin liess nochmals Gründe anführen,
weshalb das IIMB-Gutachten vom 7. April 2008 nicht verwertbar sei und nicht darauf
abgestellt werden könne. Dabei wurde auch die Durchführung der vom Hauptgutachter
angeführten Gespräche in Zweifel gezogen und PD Dr. E._ diesbezüglich der
Schwindelei, ja selbst der Lüge bezichtigt. Für den Fall, dass das Gericht zum Schluss
käme, das IIMB-Gutachten sei nicht schlüssig, solle in Betracht gezogen werden, auf
eine weitere Begutachtung zu verzichten und der Beweislast den Vorrang vor dem
Untersuchungsgrundsatz zu geben; dies analog zur Rechtsprechung zu Lasten
Beschwerde führender Personen, denen in mehreren Gutachten der Beweis der
Kausalität nicht gelungen sei. Die Beschwerdegegnerin liess diesen Argumenten die
Schlüssigkeit des Gutachtens entgegenhalten und stellte sich auf den Standpunkt, falls
das Gericht zum gegenteiligen Schluss käme, sei eine erneute Begutachtung
durchzuführen. Die konkrete Frage des Vorsitzenden, ob sie sich einer erneuten
polydisziplinären (neurologischen, orthopädischen und psychiatrischen) Begutachtung
unterziehen würde, bejahte die Beschwerdeführerin. Sie schränkte lediglich ein,
aufgrund früherer schlechter Erfahrungen lasse sie sich die HWS nicht manipulieren.
F.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften und an der mündlichen
Verhandlung vom 16. November 2011 sowie den Inhalt der übrigen Akten wird, soweit

Considerations:
für den Entscheid erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen näher eingegangen.
Erwägungen:
1.
1.1 Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht an der Leistungs
einstellung per 31. Juli 2000 festgehalten und der Beschwerdeführerin weitere
Leistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung verweigert hat.
1.2 Die Beschwerdegegnerin hat die rechtlichen Grundlagen für eine Leistungspflicht
der Unfallversicherung im angefochtenen Einspracheentscheid zutreffend dargelegt
(Ziffer 2.4 am Anfang). Darauf kann verwiesen werden. Zu den Ausführungen im ersten
Abschnitt von Ziffer 2.3 des angefochtenen Einspracheentscheids über die Einholung
von Gutachten durch eine soziale Unfallversicherung ist auf Art. 44 ATSG hinzuweisen,
der für das am 1. Juli 2005 beim IIMB in Auftrag gegebene Gutachten Gültigkeit hatte
(Inkrafttreten des ATSG am 1. Januar 2003 [vgl. AS 2002 3393]) und insbesondere für
die Mitwirkungsrechte der Parteien anwendbar war (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar,
2. Aufl. 2009, Art. 44, Rz. 12).
1.3 Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist nach der höchstrichterlichen
Rechtsprechung entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben worden ist, in
der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der medizinischen
Fachperson begründet und nachvollziehbar sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert
ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung
der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder
Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 134 V 232 E. 5.1 und BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweis). Auch den Berichten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kann
rechtsprechungsgemäss Beweiswert beigemessen werden, sofern sie als schlüssig
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine
Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 135 V 467 ff. E. 4 und BGE 125 V
353 f. E. 3b/ee je mit Hinweisen). Art. 8 der Schweizerischen Bundesverfassung (BV;
SR 101) und Art. 6 Ziff. 1 der Europäischen Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101) geben keinen formellen
Anspruch auf versicherungsexterne Begutachtung wenn Leistungsansprüche streitig
sind. Erachtet das Sozialversicherungsgericht die rechtserheblichen tatsächlichen
Entscheidgrundlagen bei pflichtgemässer Beweiswürdigung als schlüssig, darf es den
Prozess ohne Weiterungen - insbesondere ohne Anordnung eines Gerichtsgutachtens -
abschliessen (vgl. BGE 135 V 469 E. 4.3.2 mit Hinweisen)
1.4 Im Urteil U 343/02 vom 10. September 2003 hat das EVG festgehalten, dass es
grundsätzlich Sache der Gutachter ist, über Art und Umfang der auf Grund der
konkreten Fragestellung erforderlichen Untersuchungen zu befinden (E. 2.2; vgl. auch
Urteil des Bundesgerichts vom 9. Januar 2008, U 7/07, E. 4.1 und David Weiss,
Ausgewählte Aspekte der Begutachtung in der obligatorischen Unfallversicherung, SZS
2011 S. 329, besonders Abschnitt 5.3.12 S. 351 f.). Aufgabe des Versicherers und
allenfalls des Sozialversicherungsgerichts ist es alsdann, das Gutachten bei der
Beweiswürdigung unter anderem darauf zu prüfen, ob es für die streitigen Belange
umfassend ist und auf allseitigen Untersuchungen beruht (BGE 125 V 352 E. 3a).
2.
Vorab ist der natürliche Kausalzusammenhang der über Juli 2000 hinaus geklagten
Gesundheitsbeeinträchtigungen der Beschwerdeführerin zum Unfall vom 19. Dezember
1995 zu beurteilen. In diesem Zusammenhang ist vor allem das IIMB-Gutachten vom
7. April 2008 auf seine Schlüssigkeit und Beweiskraft zu überprüfen. Im Rahmen der
Begutachtung am IIMB wurde die Beschwerdeführerin neurologisch,
neurophysiologisch und psychiatrisch untersucht (vgl. Zusammenfassung auf S. 1 des
Gutachtens [UV-act. M32]). Am 18. September 2005, 31. März 2008 und 7. April 2008
fanden interdisziplinäre Besprechungen statt. Die Beschwerdeführerin lässt
verschiedene Unzulänglichkeiten des IIMB-Gutachtens vom 7. April 2008 rügen und
schliesst daraus, dieses sei nicht schlüssig und damit nicht beweistauglich. Auf die
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=U+343%2F02&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-V-351%3Ade&number_of_ranks=0#page352
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinischen Akten, besonders das IIMB-Gutachten und die Kritikpunkte dazu, wird
im Folgenden eingegangen:
2.1 Psychiatrisch wurde die Beschwerdeführerin in Gesprächen vom 1. und
14. September 2005 durch Dr. H._ exploriert (vgl. psychiatrisches Teilgutachten vom
29. März 2008 [UV-act. M32.2]). Er stellte die Hauptdiagnose einer schweren
Konversions- oder dissoziativen Störung gemäss ICD-10 F44.7 und führte als
Nebendiagnose eine akzentuierte Persönlichkeit mit deutlich narzisstischen Zügen
gemäss ICD-10.1 auf, von der differentialdiagnostisch eine narzisstische
Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8) nur sehr schwer abzugrenzen sei (S. 19 f. des
Gutachtens). Wie der Vergleich mit dem Bericht von Dr. med. N._, Facharzt FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie, über das Konsilium vom 14. bzw. 26. Januar 1999
zeigt (UV-act. M19b), wurden Dr. H._ nur sehr beschränkt Angaben gemacht. Die
Beschwerdeführerin zeigte sich dem psychiatrischen IIMB-Gutachter gegenüber
äusserst misstrauisch und kooperierte deutlich eingeschränkt (vgl. S. 13 f. des
psychiatrischen Teilgutachtens sowie UV-act. 168-175). Inhaltlich lässt sich aus dem
Text des psychiatrischen Teilgutachtens jedoch keine ablehnende Haltung von
Dr. H._ der Beschwerdeführerin gegenüber herauslesen, auch wenn sie subjektiv
eine solche empfunden haben mag. Vielmehr ist es in neutralem Stil verfasst und bietet
diesbezüglich keinen Anlass für Kritik. Dem psychiatrischen Teilgutachten können auch
keine Hinweise entnommen werden, wonach die Interaktion zwischen dem
begutachtenden Psychiater und der Explorandin nicht oder ungenügend reflektiert
worden wären, wie an der mündlichen Verhandlung gerügt. Vielmehr findet diese
Reflexion auf Seite 13 ff. des psychiatrischen Teilgutachtens statt, wo auch der Inhalt
der weiteren Korrespondenz unter den Beteiligten zusammengefasst wird (UV-act.
168-175; Verzicht auf das Ausfüllen testpsychologischer Fragebögen, Einholung von
Fremdanamnesen). - Dr. H._ setzte sich in normalem - für die Beweiskraft eines
Gutachtens geforderten (vgl. vorstehende E. 1.3) - Umfang mit den Vorakten
auseinander (S. 3 - S. 8 [oben], S. 16 [ab 2. Drittel] - S. 18 [2. Drittel]). Von den
Berichten, denen das EVG am 10. September 2003 die Eignung abgesprochen hatte,
die Frage nach dem natürlichen Kausalzusammenhang abschliessend zu beantworten
(Urteil U 289/02 E. 3.2 S. 7; UV-act. 100), hatte der Psychiater zwar auf denjenigen von
Dr. med. O._, Facharzt FMH für Innere Medizin und beratender Arzt der
Unfallversicherung, vom 24. Juni 2000 (UV-act. M25), sowie auf eine von zwei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stellungnahmen von Dr. med. P._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie
und beratender Psychiater der Unfallversicherung, vom 2. Juni 1999 (UV-act. M20a),
hingewiesen. Dies geschah aber nicht zur Begründung der eigenen Diagnose, sondern
zur Vollständigkeit der Beurteilung, und ist nicht zu beanstanden. - Die Begründung der
diagnostizierten Konversionsstörung ist zwar nicht sehr umfangreich ausgefallen,
genügt aber den Anforderungen der Rechtsprechung (vgl. vorstehende E. 1.3). Die
Psychiatrie leitet Krankheitsbilder nicht naturwissenschaftlich exakt begründet her;
solches kann daher im Einzelfall von einem Psychiater nicht verlangt werden. Dass
Dr. H._ den zugrundeliegenden Konflikt der Beschwerdeführerin lediglich vermuten
konnte, liegt einerseits in ihrer eingeschränkten Kooperation, andererseits in der
Tatsache begründet, dass sie sich vehement gegen eine "Psychiatrisierung" wehrte
und infolge der psychischen Erkrankung den vermuteten Konflikt gar nicht wahrhaben
konnte. Aus dieser Vermutung lässt sich somit keine fehlende Begründetheit der
psychiatrischen Diagnose herleiten. - Hätte sich Dr. H._ mit Auffassungen
auseinandergesetzt, welche gegen eine psychische Genese der gesundheitlichen
Probleme sprechen, hätte er physische Ursachen diskutieren müssen, was nicht in
seinen Fachbereich gehört. Er tat daher richtig daran, solche Ausführungen zu
unterlassen. - Das "Gutachten" von Prof. Dr. M. Lüscher vom 11. Februar 2005
(Beilage zu UV-act. 139) lag Dr. H._ nicht vor, er konnte sich daher nicht damit
auseinandersetzen. Für diese als "Gutachten" bezeichnete Zusammenstellung von
Qualifikationen, die während Ausbildungsmodulen erstellt worden waren, hatte die
Beschwerdeführerin die geforderten weiteren Angaben nicht geliefert, weshalb das
"Gutachten" von der AXA zu Recht auch nicht zu den medizinischen Akten genommen
und den IIMB-Gutachtern nicht vorgelegt wurde (UV-act. 140 f.). - Auch in der
Tatsache, dass im Rahmen der IIMB-Begutachtung die psychiatrische Exploration vor
der somatischen stattfand, kann im konkreten Fall keine Verletzung der Leitlinien der
Schweizerischen Gesellschaft für Versicherungspsychiatrie (SGVP) für die
Begutachtung psychischer Störungen (in: Schweizerische Ärztezeitung [SAeZ] 2004
S. 1048 ff.) gesehen werden. Aus den Vorakten lagen zahlreiche Berichte über
somatische Untersuchungen der Beschwerdeführerin vor. Diese waren Dr. H._ auch
inhaltlich bekannt. Seine psychiatrischen Untersuchungen erfolgten daher nicht vor den
somatischen. - Zusammenfassend sind die Einwendungen der Beschwerdeführerin
gegen das psychiatrische Teilgutachten vom 29. März 2008 (UV-act. M32.2) nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stichhaltig. Vielmehr erfüllt es die Voraussetzungen an die Beweistauglichkeit, ist für die
streitigen Belange umfassend, beruht auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt
die geklagten Beschwerden, ist in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese
abgegeben worden, leuchtet in der Darlegung der psychiatrischen Zusammenhänge
und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein und die Schlussfolgerungen von
Dr. H._ sind begründet und nachvollziehbar (vgl. auch vorstehende E. 1.3).
2.2 Der neurologischen Beurteilung im IIMB-Gutachten liegen die neurologische
Untersuchung durch PD Dr. E._ vom 20. September 2007 und die
neurophysiologische bzw. Untersuchung der motorisch evozierten Potentiale (MEP-
Untersuchung) durch Dr. F._ und Dr. G._ vom 20. Februar 2008 zugrunde
(Gutachten S. 23 ff., S. 29 - S. 31 sowie UV-act. M32.1). Soweit die neurologische
Untersuchung der Beschwerdeführerin möglich war, erhob PD Dr. E._ keine
pathologischen Befunde. Auch die MEP-Untersuchung zeigte "keine Anhaltspunkte für
das Vorliegen einer organischen Ursache der subjektiv empfundenen
Tetraparese" (siehe Beurteilung S. 2 des Berichts vom 25. Februar 2008 [UV-act.
M32.1]). Die Beurteilung von PD Dr. E._ ordnet sich damit in die Reihe der bisherigen
neurologischen Untersuchungen durch Dr. med. Q._, Facharzt FMH für Neurologie,
vom 25. März 1996 (UV-act. M5), durch Dr. med. R._, Assistenzarzt Neurologie an
der S._ Klinik Y._, am 21. Juni 1996 (UV-act. M15b), konsiliarisch durch Dr. med.
T._, Oberärztin Neurologie am Schweizerischen Paraplegiker-Zentrum, am
22. Oktober 1996 (UV-act. M11a), gutachterlich durch Dr. med. U._, Facharzt FMH
für Neurologie, am 4. November 1997 (UV-act. M16a), sowie während des
Rehabilitationsaufenthalts vom 5. Januar bis 1. Februar 1999 in der Rehaklinik D._
durch die dortigen Ärzte unter Leitung von PD Dr. med. V._, Facharzt FMH für
Neurologie (UV-act. M19a), ein. Keine neurologische Untersuchung zeigte einen
auffälligen Neurostatus oder "klinisch-neurologisch eindeutig pathologische
Abweichungen", wie es Dr. T._ im Konsiliarbericht vom 29. Oktober 1996
zusammenfasste (UV-act. M11a). Zwar erhob die Konsiliarärztin Hinweise für mögliche
Abweichungen von der Norm (z.B. Spastik), diese blieben aber so vage, dass sie sie
insgesamt nicht als eindeutig pathologisch bewerten konnte. An der Rehaklinik D._
wurde eine Syringomyelie auf der gesamten Länge des Rückenmarks definitiv
ausgeschlossen (Bericht vom 9. Februar 1999 [UV-act. M19a]), nachdem bereits
Dr. U._ 14 Monate früher dafür keine Anzeichen gefunden hatte (Bericht vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
10. November 1997 [UV-act. M16a]). Die neurologische Beurteilung im IIMB-Gutachten
ist schlüssig und erfüllt ebenfalls die Voraussetzungen an die Beweistauglichkeit (vgl.
E. 1.3 und 2.1 am Ende).
2.3 Die Beschwerdeführerin lässt rügen, PD Dr. E._ habe unzulässigerweise
eigenmächtig auf Teilgutachten in den Bereichen Rheumatologie, Orthopädie und
Neuropsychologie verzichtet. Das EVG hatte im Urteil vom 10. September 2003 ein
interdisziplinäres Gutachten gefordert (Urteil U 289/02 E. 3.3 [UV-act. 100]). Aufgrund
dieser Vorgabe, der Akten, des Austausches unter den Parteien (UV-act. 114, 116,
121 f., 126, 128-130, 139-145) sowie der kursorischen Beurteilung durch PD Dr. E._
vor Erteilung des Begutachtungsauftrags (UV-act. 127) war vorgesehen, in den
Bereichen Neurologie, Rheumatologie, Orthopädie, Psychiatrie und Neuropsychologie
Teilgutachten durchzuführen. Mit Schreiben vom 1. Oktober 2007 hatte PD Dr. E._
der AXA berichtet, mittlerweile seien die psychiatrische und die neurologische
Exploration erfolgt (UV-act. 196, mit Kopie an den Rechtsvertreter der Explorandin).
Aufgrund der Aktenlage sowie der Anamnese und der aktuellen Untersuchungsbefunde
erachte er es als nicht indiziert, eine zusätzliche rheumatologische und orthopädische
Untersuchung durchzuführen.
2.3.1 Der vorgesehene Verzicht auf das rheumatologische Teilgutachten war von
PD Dr. E._ mit Schreiben vom 1. Oktober 2007 (UV-act. 196) angezeigt und die
Beschwerdegegnerin nach ihrem Einverständnis zu diesem Vorgehen gefragt worden.
Zur Begründung hatte der Hauptgutachter angeführt, infolge des Sturzereignisses sei
es nie zu Beschwerden (der Knochen und) der Weichteile im Sinn von
rheumatologischen Beschwerden gekommen. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin hatte das Einverständnis zu diesem Verzicht im Schreiben vom
31. Oktober 2007 zwar nicht ausdrücklich gegeben, hatte aber keinerlei Gründe
angeführt, weshalb eine Exploration durch eine Fachperson für Rheumatologie
durchzuführen sei (UV-act. 199). Zudem hatte er im Vorfeld zum Begutachtungsauftrag
bei der Bestimmung der medizinischen Disziplinen geäussert, dass seine Mandantin
neurologisch, neuropsychologisch, orthopädisch, psychiatrisch und allenfalls
rheumatologisch zu untersuchen sei (Schreiben vom 3. Januar 2005, UV-act. 126).
Nach Vorliegen der zweiten Ganganalyse durch PD Dr. J._ (vom 18. Mai 2005, UV-
act. M30; eine erste Ganganalyse war am 31. Januar bzw. 5. Februar 2001 erstellt und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
am 30. März 2001 gegenüber dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin weiter
erläutert worden [UV-act. M29]) hielt Rechtsanwalt Dr. Glaus ausdrücklich fest, eine
Begutachtung durch einen Rheumatologen erscheine nun überflüssig (Schreiben vom
16. Juni 2005, UV-act. 143). Zusammenfassend ist der Verzicht auf das
rheumatologische Teilgutachten mit dem konkludenten Einverständnis der
Beschwerdeführerin zustande gekommen. Daher kann nicht die Rede davon sein, PD
Dr. E._ hätte eigenmächtig gehandelt.
2.3.2 Auch für den Verzicht auf das orthopädische Teilgutachten hatte PD
Dr. E._ am 1. Oktober 2007 (UV-act. 196) die Beschwerdegegnerin nach ihrem
Einverständnis gefragt und zur Begründung angeführt, infolge des Sturzereignisses sei
es nie zu Beschwerden der Knochen (und der Weichteile) im Sinn von orthopädischen
Beschwerden gekommen. Die Beschwerdeführerin hatte in der Stellungnahme vom
31. Oktober 2007 (UV-act. 199) bezweifeln lassen, dass zu ihrer Zusatzfrage nach
allfälligen Instabilitäten der Wirbelsäule, besonders der HWS, schlüssig Stellung
genommen werden könne, wenn kein orthopädisches Teilgutachten durchgeführt
werde. Telefonisch und mit E-Mail vom 25. Januar 2008 an PD Dr. E._ wurde vom
zuständigen Sachbearbeiter der AXA unter anderem bestätigt, dass wahrscheinlich auf
eine rheumatologische und orthopädische Beurteilung verzichtet werde. Gleichzeitig
unterstrich er das Anliegen, die Begutachtenden sollten die Frage der Ganganalyse
vertieft prüfen und den Bedarf nach bzw. den Nutzen einer solchen entsprechend
würdigen (UV-act. 202 f.). Nachdem die Versicherte die negativen Folgen der MEP-
Untersuchung vom 20. Februar 2008 schildern liess (Schreiben vom 29. Februar 2008
[UV-act. 206]), wies PD Dr. E._ in seiner Stellungnahme vom 4. März 2008 (UV-act.
207) auf deren hin, sie ertrage keine Erschütterungen des Körpers und betonte, die
verlangte orthopädische Untersuchung mache keinen Sinn, wenn die HWS nicht
untersucht werden dürfe. Bei dieser Ausgangssituation kann auch für das
orthopädische Teilgutachten nicht von einem eigenmächtigen Verzicht durch PD
Dr. E._ gesprochen werden.
2.3.3 Unzulänglichkeiten weist das Vorgehen von PD Dr. E._ hingegen
bezüglich der neuropsychologischen Teilbegutachtung auf: Nachdem sich die Parteien
für die neuropsychologische Begutachtung auf Frau Dr. L._ geeinigt hatten, teilte PD
Dr. E._ der Unfallversicherung am 1. Oktober 2007 ohne Begründung mit, er werde
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die neuropsychologische Untersuchung bei Frau K._ am Neuropsychologischen
Institut der Universität Y._ durchführen lassen. Zu diesem Schritt nahm die AXA
gegenüber PD Dr. E._ nicht Stellung. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
hatte im Schreiben vom 31. Oktober 2007 sein Befremden über dieses Vorgehen
ausgedrückt, es als nicht vertrauensbildend bezeichnet und insbesondere die fehlende
Begründung für den Austausch der Begutachterin gerügt (UV-act. 199). Aus dem
Gutachten vom 7. April 2008 geht hervor, dass PD Dr. E._ lediglich mit dem Leiter
des Neuropsychologischen Instituts der Universität Y._, Prof. M._, Rücksprache
genommen und dieses Gespräch zusammengefasst hatte (UV-act. M32, S. 38). Nach
diesen Ausführungen war auf eine neuropsychologische Abklärung der
Beschwerdeführerin verzichtet worden, weil diese aufgrund der psychiatrischen
Diagnose (schwere Konversions- oder dissoziative Störung) nicht sinnvoll sei, da keine
Differenzierung zwischen möglichen unfallbedingten kognitiven
Funktionseinschränkungen und allfälligen neuropsychologischen Störungen möglich
sei. Zurzeit könnten einzig Tests durchgeführt werden, die eine allfällige Simulation
abklären würden. Für eine solche hätten weder der psychiatrische Gutachter noch er
als Hauptgutachter irgendwelche Hinweise, weshalb sich weitere diesbezügliche
Abklärungen erübrigten. - Als völlig untauglich erweist sich der
Rechtsfertigungsversuch von PD Dr. E._ im Schreiben vom 18. August 2008 zu
seinem Vorgehen, gab er doch darin vor, Frau K._ hätte die Beschwerdeführerin
neuropsychologisch abgeklärt und ihr Bericht sei von ihrem Ehemann und
Klinikdirektor gegengezeichnet worden (UV-act. 222, Antwort auf Schreiben
Rechtsanwalt Glaus vom 1. August 2008 [UV-act. 219]). Mit der Stellungnahme vom
23. Mai 2011, die der Duplik vom 7. Juni 2011 beigelegt worden ist (act. G 18.1), stellte
PD Dr. E._ die Tatsachen so dar, wie sie sich aufgrund der übrigen Akten ergeben,
und gestand ein, dass aufgrund der mündlichen Vorabklärungen kein
Begutachtungsauftrag an Frau K._ oder an das Neuropsychologische Institut der
Universität Y._ ergangen war; wobei jedoch weiterhin ungeklärt blieb, ob er mit Herrn
M._ oder Frau K._ gesprochen hatte. Wird der Verzicht auf das
neuropsychologische Teilgutachten im IIMB-Gutachten zwar plausibel und
nachvollziehbar begründet, so stellt sich doch die Frage, ob PD Dr. E._ formell
korrekt vorgegangen ist, indem er die Aussagen von Prof. M._ (oder allenfalls von
Frau K._) lediglich als indirekte Aussage dokumentierte. Diese Frage kann aber
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
letztlich offen gelassen werden, denn nach der Rechtsprechung (BGE 119 V 341
E. 2.b.bb, RKUV 2000 Nr. U 395 S. 316) vermag es die Neuropsychologie nicht,
selbständig und abschliessend die Beurteilung der Genese von Beschwerden
vorzunehmen. Die neuropsychologischen Untersuchungsergebnisse können im
Rahmen der gesamthaften Beweisführung bedeutsam sein, wenn nach der Aktenlage
medizinisch vieles für die Unfallkausalität der ausgewiesenen Beschwerden spricht,
ohne dass vom unfallärztlichen Standpunkt aus der Zusammenhang direkt mit
Wahrscheinlichkeit zu bejahen wäre. Das setzt aber im Einzelfall voraus, dass die
Fachperson für Neuropsychologe in der Lage ist, überprüf- und nachvollziehbare,
mithin überzeugende Aussagen zur Unfallkausalität zu machen, die sich in die anderen
(interdisziplinären) Abklärungsergebnisse schlüssig einfügen.
2.3.4 Die Vermutung der Beschwerdeführerin, auf die Teilgutachten sei aus
finanziellen Gründen verzichtet worden, braucht bei dieser Ausgangslage, nicht näher
überprüft zu werden. Zudem enthalten die vorliegenden Akten keinen Hinweis auf einen
Verzicht aus finanziellen Gründen (vgl. UV-act. 202 f.).
2.4
2.4.1 Die Beschwerdeführerin lässt geltend machen, durch den Verzicht auf das
orthopädische Teilgutachten habe die Stabilität ihrer Wirbelsäule nicht überprüft
werden können. PD Dr. J._ habe im Bericht vom 5. Februar 2001 über die
Ganganalyse vom 31. Januar 2001 darauf hingewiesen, dass die klinisch nach wie vor
manifeste Instabilität der HWS, die auch für eine Spastizität mitverantwortlich sein
könne, nach wie vor problematisch sei (UV-act. 29, Beurteilung S. 3). Dem sind die
Berichte über die radiologischen Untersuchungen vom 9. Januar 1996 (Röntgen;
berichtet in UV-act. M4 und M15b), vom 25. März 1996 (Magnetresonanztomogramm
[MRI], UV-act. M4), vom 21. Oktober 1996 (MRI und Röntgen, UV-act. M11) und vom
15. Januar 1999 (MRI, UV-act. M20 sowie berichtet in UV-act M19a S. 4)
entgegenzuhalten. Ausser dem Bericht vom 25. März 1996, der dazu keine
ausdrücklichen Ausführungen macht, verneinen diese Berichte Instabilitäten
ausdrücklich. Selbst PD Dr. J._ erwähnt im Bericht vom 5. Februar 2001 eine
Instabilität der HWS lediglich als Möglichkeit, indem er unter anderem ausführt: "...
würde ich eine inkomplette Tetraplegie als Diagnose annehmen und die Ursache in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer ligamentären HWS-Verletzung suchen, die nach wie vor instabil scheint, wie die
Klinik zeigt, indem die Patientin die HWS nicht bewegen kann und manuell stabilisieren
muss." (UV-act. M29, Beurteilung S. 2). Auch in seinen Erläuterungen vom 30. März
2001 relativiert PD Dr. J._ seine Einschätzung, dass eine Instabilität der HWS
vorliege und gesteht ein, dass ihm die medizinischen Vorakten nicht bekannt seien und
die vorhanden Röntgenbilder und anderen bildgebenden Untersuchungen nicht
vorliegen würden (UV-act. M29; Das Fehlen der Vorakten war auch vom EVG vermerkt
worden [vgl. Urteil U 289/02 E. 3.2 S. 8; UV-act. 100].). Von PD Dr. J._ weder
berücksichtigt noch diskutiert wurde auch die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin
während Monaten einen Halskragen trug und jeweils über ein Gefühl der Instabilität
klagte, wenn sie diesen ablegte. (Dokumentiert ist das regelmässige Tragen des
Halskragens noch im Bericht von Dr. I._ vom 16. September 1997, 22 Monate nach
dem Unfall [UV-act. M15].). Im Bericht vom 23. Mai 2005 über die Ganganalyse vom
18. Mai 2005 erwähnte auch PD Dr. J._ eine allfällige Instabilität der HWS nicht mehr
(UV-act. M30). Im IIMB-Gutachten wird die Frage nach einer Instabilität der HWS oder
einzelner Segmente der HWS klar verneint (Gutachten S. 55, Antwort auf Zusatzfrage
9b). Aufgrund der Akten kann somit nicht von einer Instabilität der HWS ausgegangen
werden. Von einer solchen wäre im Übrigen keinesfalls dargelegt, dass sie mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit auf das Unfallereignis vom 19. Dezember 1995
zurückzuführen ist.
2.4.2 Hinweise auf strukturelle Verletzungen, die durch den Unfall vom
19. Dezember 1995 verursacht worden sind, finden sich in den Akten nicht; weder an
der Wirbelsäule, noch an einem andern Körperteil. Die linkskonvexe Fehlhaltung der
mittleren HWS mit Streckhaltung und fixierter Beweglichkeit am zerviko-thorako-
lumbalen Übergang, die sich in den Röntgenbildern vom 9. Januar 1996 und im MRI
der zervikalen Wirbelsäule vom 25. März 1996 zeigte (Berichte vom 25. März 1996 [UV-
act. M4] und 21. Juni 1996 [UV-act. M15b S. 2]), der in Inklination leicht akzentuierte
Kyphosewinkel auf Höhe C4/C5 (Funktionsaufnahmen vom 21. Oktober 1996 am
Schweizerischen Paraplegiker-Zentrum [UV-act. M11]) sowie die im MRI der HWS vom
15. Januar 1999 weiterhin festgestellte Streckhaltung (Bericht Dr. med. W._, Facharzt
FMH für medizinische Radiologie, vom 20. Januar 1999 [UV-act. M20] und Hinweis im
Bericht der Rehaklinik D._ vom 9. Februar 1999 [UV-act. M19a S. 4]) können nicht als
strukturelle Läsionen im Sinn von organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen bzw.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
objektivierbaren Untersuchungsergebnissen, die reproduzierbar und von der Person
der Untersuchenden und den Angaben der Patientin unabhängig sind, bezeichnet
werden (vgl. SVR 2010 UV Nr. 6 S. 25 E. 2 mit Hinweis [Urteil des Bundesgerichts vom
28. Oktober 2009, 8C_216/2009; in BGE 135 V 465 nicht publizierte E. 2] und Urteil des
Bundesgerichts vom 17. Oktober 2008, 8C_124/2008, E. 6.1). Auch diesbezüglich
wären von einem orthopädischen Teilgutachten keine zusätzlichen Erkenntnisse zu
erwarten gewesen.
2.5
2.5.1 Im interdisziplinären IIMB-Gutachten vom 7. April 2008 werden neben den
psychiatrischen und neurologischen Teilgutachten bzw. Untersuchungsberichten sowie
dem Bericht über die MEP-Untersuchung die interdisziplinäre Einschätzung von PD
Dr. E._ und Dr. H._ dargestellt und ausführlich begründet und die Fragen der
Parteien beantwortet. Die Begründung nimmt jeweils (in Fussnoten) Bezug auf die
entsprechenden Ausführungen der Vorakten, berücksichtigt und diskutiert auch die
abweichenden Meinungen des behandelnden Orthopäden Dr. I._ (mit Hauptgebiet
Handchirurgie), von Frau X._, Ärztin und diplomierte analytische Psychologin, sowie
PD Dr. J._. Das Gutachten betont das ursprünglich als leicht geschilderte
Unfallereignis vom 19. Dezember 1995 (medizinische Akten M1-M15b, Beilage zu UV-
act. 1, UV-act. 3 und 16) und dessen fehlende Eignung, schwerwiegende Verletzungen
zu verursachen, die im Lauf der Jahre zum Krankheitsbild einer inkompletten
Tetraplegie führten (v.a. ab S. 39). Daneben wird begründet dargelegt, dass weder
irgendwelche knöchernen Strukturen verletzt worden waren, noch andere, durch
Röntgen oder MRI belegbare Verletzungen dokumentiert oder neurologisch
nachweisbare organische Störungen (Spastik, Pyramidenzeichen oder Atrophie der
Interossei) dargetan werden konnten. Anlässlich der mündlichen Verhandlung wurde
eine Aktenwidrigkeit des IIMB-Gutachtens (S. 44) geltend gemacht, weil es die
Hinweise von Dr. T._ auf Spastik nicht berücksichtige. Wie gegen Ende von E. 2.2
ausgeführt, kam auch die Oberärztin für Neurologie am Schweizer Paraplegiker
Zentrum Nottwil in ihrem Konsiliarbericht vom 29. Oktober 1996 begründet zum
Schluss, klinisch-neurologisch seien nicht eindeutig pathologische Abweichungen
festzustellen und beurteilte die Hinweise für Abweichungen von der Norm lediglich als
möglich (UV-act. M11a). Der Schluss von Dr. E._, in den Akten seien keine Spastik
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
oder Pyramidenzeichen beschrieben worden, trifft demnach zu und erweist sich nicht
als aktenwidrig. - Im IIMB-Gutachten werden die in den Ganganalysen vom 31. Januar
2001 und 18. Mai 2005 (UV-act. M29 f.) erhobenen Befunde, insbesondere die
sogenannte Spastizität bei einer inkompletten Tetraplegie und deren Widerspruch zu
den somatischen bzw. organischen Befunden, erläutert (S. 40ff.). Für diese
Auseinandersetzung war der Beizug der Datenblätter nicht nötig, die vom
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin am 11. November 2011 nachgereicht wurden
(act. G 23.1-23.3). Die Ergebnisse der Ganganalysen waren in den Berichten von PD
Dr. J._ genügend dokumentiert (UV-act. M29 f.). Im Gutachten waren nicht die
Ganganalysen als solche zu beurteilen und zu kommentieren, sondern die Frage zu
klären, ob sich die gezeigten Gesundheitsbeeinträchtigungen und mit welcher
Begründung auf den Unfall vom 19. Dezember 1995 zurückführen liessen. Diese
Aufgabe erfüllt das IIMB-Gutachten. Es weist auch zutreffend darauf hin, dass aus der
Tatsache, dass Gesundheitsbeeinträchtigungen nach dem Unfall aufgetreten seien,
nicht darauf geschlossen werden dürfe, dass diese durch den Unfall verursacht worden
seien ("post hoc ergo propter hoc"). - Dr. E._ äusserte die abstrakte Vermutung, die
unfallbedingten somatischen Beschwerden dürften sechs bis neun Monate nach dem
Ereignis ausgeheilt gewesen sein, in erster Linie pragmatisch und ging im Folgenden
nicht davon aus, es sei mit Sicherheit so gewesen (vgl. Gutachten S. 41 ff.). Er wies zu
Recht auf die unfallnahen Berichte hin, wonach Schwindel bei der ersten Konsultation
nicht mehr berichtet wurde (UV-act. M2: Fragebogen bei HWS-Verletzungen) und ein
Rückgang der Sensibilitätsstörungen an der Hand sowie das gänzliche Fehlen der
Kopfschmerzen berichtet wurde (UV-act. M4a: Bericht Dr. I._ vom 13. Februar 1996).
Wann genau die Gesundheitsbeeinträchtigungen der Beschwerdeführerin allein auf
psychische Ursachen zurückzuführen waren, kann im Nachhinein nicht sicher
festgestellt werden. Vorliegend ist ein solcher exakter Zeitpunkt auch nicht relevant, da
die Beschwerdegegnerin ihre Leistungen erst per Juli 2000 und somit auf einen
Zeitpunkt einstellte, für welchen schlüssig hergeleitet wurde, dass sich nur noch
psychische Unfallfolgen auswirkten. - Zusammengefasst beruht das IIMB-Gutachten
auf allseitigen neurologischen und psychiatrischen Untersuchungen, berücksichtigt die
geklagten Beschwerden, ist in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben
worden, leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beurteilung der medizinischen Situation ein und sind die Schlussfolgerungen begründet
und nachvollziehbar (vgl. auch vorstehende E. 1.3).
2.5.2 Insbesondere der zeitliche Ablauf der Begutachtung, die ungewöhnlich
lange Dauer zwischen der Auftragserteilung am 1. Juni 2005 (UV-act. 148) und der
Niederschrift am 7. April 2008 (UV-act. M32) sowie die Tatsache, dass trotz mehreren
Mahnungen wiederholt während Monaten keine Aktivitäten seitens der
Begutachtenden zu verzeichnen waren, geben berechtigten Anlass zu Kritik am IIMB
und dessen Medizinischem Leiter, PD Dr. E._. Das Gericht anerkennt, dass beim
IIMB-Gutachten vieles nicht gut gelaufen ist. Diese Ungereimtheiten waren durchaus
derart, dass bei der Beschwerdeführerin und ihrem Rechtsvertreter Zweifel an der
Objektivität des Gutachtens aufkommen konnten. Die berechtigte Kritik am Ablauf und
den Umständen vermag dennoch die nach rechtlichen Kriterien zu beurteilende
Beweiskraft des IIMB-Gutachtens nicht zu beeinflussen.
2.6 Indem das IIMB-Gutachten die diagnostizierte schwere Konversions- oder
dissoziative Störung gemäss ICD-10 F44.7 überwiegend wahrscheinlich auf den Unfall
vom 19. Dezember 1995 als Teilursache zurückführt (v.a. S. 41 ff.), bejaht es den
natürlichen Kausalzusammenhang. Analog hatten auch Dr. N._ am 26. Januar 1999
und Dr. U._ am 10. November 1997 geurteilt (UV-act. M19b, M16a). Von einem
(teilweisen) natürlichen Kausalzusammenhang ist somit bei der Beurteilung der
Adäquanz auszugehen.
3.
3.1 Sind die geklagten Beschwerden natürlich unfallkausal, nicht aber objektiv
ausgewiesen, wie vorstehend erläutert (besonders E. 2.4.2) und vorliegend der Fall, so
ist bei der Beurteilung der Adäquanz vom augenfälligen Geschehensablauf
auszugehen, und es sind gegebenenfalls weitere unfallbezogene Kriterien
einzubeziehen (BGE 134 V 111 f. E. 2.1). Hat die versicherte Person einen Unfall
erlitten, welcher die Anwendung der Schleudertrauma-Rechtsprechung rechtfertigt, so
sind hierbei die durch BGE 134 V 126 ff. E. 10 präzisierten Kriterien massgebend. Ist
diese Rechtsprechung nicht anwendbar, so sind grundsätzlich die Adäquanzkriterien,
welche für psychische Fehlentwicklungen nach einem Unfall entwickelt wurden (BGE
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_216%2F2009&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-V-109%3Ade&number_of_ranks=0#page109 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_216%2F2009&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-V-109%3Ade&number_of_ranks=0#page109 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_216%2F2009&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F115-V-133%3Ade&number_of_ranks=0#page133
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
115 V 140 E. 6c/aa), anzuwenden (BGE 134 V 111 f. E. 2.1; vgl. auch SVR 2010 UV
Nr. 6 S. 25 E. 2 mit Hinweisen [Urteil des Bundesgerichts vom 28. Oktober 2009,
8C_216/2009; in BGE 135 V 465 nicht publizierte E. 2] und Urteil des Bundesgerichts
vom 10. Juni 2008, 8C_583/2007, E. 2.2).
3.2 Beim Unfall vom 19. Dezember 1995 erlitt die Beschwerdeführerin nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit ein Schleudertrauma bzw. eine HWS-Distorsion. Die
unfallnahen Akten dokumentieren ein (axiales) Stauchungstrauma bzw. eine
Schädelprellung (vgl. UV-act. M1 f., M5). Hingegen geht PD Dr. E._ im IIMB-
Gutachten überwiegend wahrscheinlich von einer milden traumatischen Hirnverletzung
durch den Unfall aus, die folgenlos ausgeheilt sei (UV-act. M32 S. 50 f.). Damit kann
nicht davon gesprochen werden, die Beschwerdeführerin habe beim Unfall vom
19. Dezember 1995 ein Schädelhirntrauma erlitten, welches Langzeitbeschwerden zur
Folge hätte und die Anwendung der Schleudertrauma-Praxis rechtfertigte (vgl. Urteil
des EVG vom 13. Juni 2005, U 276/04, E. 2.2). Ob eine schleudertraumaähnliche
Verletzung gesetzt worden war, und daher die Schleudertrauma-Praxis Anwendung
findet, kann letztlich offen bleiben. Mit Kopf- und Nackenschmerzen sowie Schwindel
und später Erbrechen, sofort bzw. innerhalb von Stunden nach dem Unfall, waren zwar
mehrere Elemente des sogenannt typischen Beschwerdebildes aufgetreten (vgl. BGE
117 V 360 E. 4b; UV-act. M1 f.). Nach anfänglichem Rückgang der
Sensibilitätsstörungen und Verschwinden der Kopfschmerzen (UV-act. M4a, M5)
weiteten sich die Symptome immer mehr aus und war die Beschwerdeführerin ab
Sommer 1997 auf einen Rollstuhl angewiesen (vgl. UV-act. M15). Bereits anlässlich der
Konsultation vom 21. Juni 1996 in der S._-Klinik hatte Dr. R._ den dringenden
Verdacht auf eine funktionelle Überlagerung geäussert (UV-act. M8). Dieser Verdacht
wurde von Dr. U._ im Gutachten vom 10. November 1997 als dringender Verdacht
auf eine schwere Konversionsneurose und funktionelle Störung wiederholt (UV-act.
M16a). Als die Beschwerdeführerin eine psychiatrische Untersuchung zuliess, stellte
Dr. N._ die Diagnose einer dissoziativen Bewegungsstörung (ICD-10 F44.4; UV-act.
19b). Diese Diagnose wurde durch Dr. H._ aufgrund seiner gutachterlichen
Gespräche vom 1. und 14. September 2005 im psychiatrischen Teilgutachten vom
29. März 2008 bzw. im IIMB-Gutachten vom 7. April 2008 bestätigt (UV-act. M32.2,
M32). Aufgrund dieser vorherrschenden und für eine HWS-Distorsion bzw. eine
schleudertraumaähnliche Verletzung atypischen psychiatrischen Diagnose (typisch sind
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_216%2F2009&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F115-V-133%3Ade&number_of_ranks=0#page133 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_216%2F2009&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-V-109%3Ade&number_of_ranks=0#page109
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hier Diagnosen aus dem Kreis der depressiven Erkrankungen, vgl. auch BGE 117 V
360E. 4b; SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 E. 2) ist vorliegend die Adäquanz nach BGE 115 V
133 zu prüfen. Diese Adäquanzprüfung beschränkt sich ausschliesslich auf die
physischen Unfallfolgen, deren Eignung geprüft wird, die psychischen Gesundheits
beeinträchtigungen zu verursachen.
3.3 Als geeigneter Anknüpfungspunkt für eine Einteilung der Unfälle mit psychischen
Folgeschäden dient nach der Rechtsprechung das (objektiv erfassbare) Unfallereignis
selbst (BGE 115 V 139 E. 6 mit Hinweisen). Ausgehend vom augenfälligen
Geschehensablauf werden die Unfälle in banale bzw. leichte, mittlere und schwere
Unfälle eingeteilt. Bei banalen Unfällen wie z.B. bei geringfügigem Anschlagen des
Kopfes oder Übertreten des Fusses und bei leichten Unfällen wie z.B. einem
gewöhnlichen Sturz oder Ausrutschen kann der adäquate Kausalzusammenhang
zwischen Unfall und psychischen Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres
verneint werden (BGE 115 V 139 E. 6a).
3.4 Nach der Schilderung von Dr. C._ im Bericht vom 18. Januar 1996 (UV-act.
M1), die die Beschwerdeführerin an der mündlichen Verhandlung vom 16. November
2011 auf konkrete Befragung als zutreffend bezeichnete, wäre der Unfall vom
19. Dezember 1995 als leicht zu bezeichnen und die adäquate Kausalität ohne
Weiteres zu verneinen. Wird von der Schilderung der Beschwerdeführerin in der
Unfallmeldung ausgegangen (UV-act. 1), ist der Unfall zu ihren Gunsten als
mittelschwer an der Grenze zu den leichten Ereignissen einzustufen. Die Adäquanz ist
jedoch auch in diesem Fall zu verneinen. Es liegt jedenfalls keine Häufung der in BGE
115 V 133 und von der Beschwerdegegnerin im angefochtenen Einspracheentscheid
zutreffend aufgeführten Adäquanzkriterien (Ziffer 2.5) vor, weshalb die
Voraussetzungen des adäquaten Kausalzusammenhangs nicht erfüllt sind (vgl. BGE
115 V 140 f. E. 6c).
4.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind gemäss Art. 61 lit. a ATSG keine zu erheben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2009&to_date=31.12.2009&sort=relevance&subcollection_mI35=on&insertion_date=&top_subcollection_aza=any&query_words=%22Latenzzeit%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-V-359%3Ade&number_of_ranks=0#page359 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2009&to_date=31.12.2009&sort=relevance&subcollection_mI35=on&insertion_date=&top_subcollection_aza=any&query_words=%22Latenzzeit%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-V-359%3Ade&number_of_ranks=0#page359 http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2011&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=BGE+115+V+133&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F112-V-39%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page39 http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2011&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=BGE+115+V+133&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F112-V-39%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page39
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte