Decision ID: 41966cce-8c68-55cf-9c96-2f8123ea284f
Year: 2019
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die am (...) 1958 geborene und in ihrem Heimatland wohnhafte deut-
sche Staatsangehörige A._ (nachfolgend: Versicherte oder Be-
schwerdeführerin) war als Grenzgängerin in der Schweiz erwerbstätig und
leistete Beiträge an die schweizerische Alters-, Hinterlassenen- und Invali-
denversicherung (AHV/IV, Akten der Vorinstanz [nachfolgend: act.] 11, S.
2). Namentlich arbeitete sie vom 24. November 2008 bis zum Eintritt der
vollständigen Arbeitsunfähigkeit am 7. Dezember 2012 (Kündigung des Ar-
beitsverhältnisses per 31. Juli 2013, vgl. act. 46, S. 5) mit einem Pensum
von zuletzt 80 % (vgl. act. 121) als Pflegehelferin in der B._ AG in
(...) (act. 4, S. 4; act. 15.1).
A.b Am 27. Februar 2013 meldete sich die Versicherte bei der IV-Stelle
C._ zum Bezug von Leistungen der schweizerischen Invalidenver-
sicherung an, wobei sie betreffend ihre gesundheitlichen Beeinträchtigun-
gen auf einen Entlassungsbericht der Klinik D._ in (...)/DE vom 28.
Januar 2013 verwies (act. 4, S. 5). In diesem Bericht zuhanden der Deut-
schen Rentenversicherung (nachfolgend: DRV) waren folgende Diagnosen
genannt worden: rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittel-
gradige Episode (ICD-10 F33.1), idiopathische thrombozytopenische Pur-
pura (ICD-10 D69.3), Hashimoto-Thyreoiditis (ICD-10 E06.3), Mikrohäma-
turie (ICD-10 R31) und Innenohrschwerhörigkeit (ICD-10 H90.3). Für die
letzte berufliche Tätigkeit als Pflegehelferin wurde der Versicherten eine
Arbeitsfähigkeit im zeitlichen Umfang von weniger als 3 Stunden und für
eine leidensadaptierten Tätigkeit eine solche von 6 Stunden und mehr at-
testiert (act. 9).
A.c Die IV-Stelle C._ holte Berichte bei den behandelnden Ärzten
der Versicherten ein. Der Hausarzt Dr. med. E._, Facharzt für All-
gemeinmedizin, nannte in seinem Bericht vom 10. Februar 2014 als ar-
beitsfähigkeitseinschränkende Diagnosen eine seit März 2011 bestehende
reaktive Depression (ICD-10 F32.9) und eine mittelgradige depressive Epi-
sode (ICD-10 F33.1, act. 26). Die behandelnde Psychiaterin, Dr. med.
F._, Fachärztin für psychosomatische Medizin/Psychotherapie und
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie/Sozialmedizin, gab in ihrem Be-
richt vom 19. Februar 2014 als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits-
fähigkeit eine depressive Erkrankung, rezidivierend, derzeit mittelgradig
ausgeprägt (ICD-10 F33.1) sowie eine idiopathische thrombozytopenische
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Purpura (ICD-10 D69.3) an und attestierte eine seit November 2012 beste-
hende 100 %ige Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als
Pflegehelferin (act. 27). In Würdigung der Berichte kam der zuständige Arzt
des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD), Dr. med. G._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, gemäss seiner Stellungnahme
vom 28. Februar 2014 zum Schluss, dass bei der Versicherten der Ge-
sundheitszustand bzw. die Arbeitsfähigkeit verbesserungsfähig sei, wes-
halb berufliche Integrationsmassnahmen sinnvoll seien (act. 29).
A.d Gemäss einem zuhanden der zuständigen Krankentaggeldversiche-
rung erstellten psychiatrischen Gutachten von Dr. med. H._, Fach-
ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 17. März 2014 wurden als
Diagnosen eine mittelgradige depressive Episode, teilremittiert bei bekann-
ter rezidivierender depressiver Störung (ICD-10 F33.1), eine asthenische
Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.7) und eine idiopathische Thrombozy-
topenie M. Werlhof (ICD-10 D69.3) genannt. Dr. H._ hielt fest, dass
aufgrund des Gesundheitszustands der Versicherten davon auszugehen
sei, dass diese wieder eine Arbeitsfähigkeit von 100 % erreiche, wobei eine
Unterstützung mittels beruflicher Integrationsmassnahmen günstig er-
scheine (act. 37, S. 2-20).
A.e In der Folge wurden Integrationsmassnahmen durchgeführt in Form
eines Jobcoachings vom 31. Juli bis 30. November 2014, einem Belastbar-
keits- und Aufbautraining in der Stiftung I._ (im Betrieb “kaufmänni-
sche Dienstleistungen“) vom 6. Juli 2014 bis 31. März 2015 sowie einem
Aufbautraining im 1. Arbeitsmarkt in der J._ AG in (...) vom 1. April
bis 31. Juli 2015 (act. 42 - 104). Im Schlussbericht zu den Integrations-
massnahmen vom 17. September 2015 hielt der Eingliederungsverant-
wortliche fest, dass die Versicherte im J._ die beste Leistung und
konstanteste Präsenz habe erbringen können. Sie habe dort im Bereich
der Fussbäder mit einem täglichen Pensum von 5 Stunden gearbeitet und
alle anfallenden Tätigkeiten ausgeführt. Während der Massnahme sei es
zu zwei kurzen Krankheitsabsenzen gekommen. Die beabsichtige Steige-
rung des Pensums auf 5.5 Stunden sei in diesem Arbeitsbereich mit den
hohen Anforderungen eines Badebetriebs (Aufsicht, Dienstleistung, Infor-
mation, Reinigung, hohe Luftfeuchtigkeit und -temperatur, Kundenkontakt,
keine Pausen, immer in Bewegung) nicht möglich gewesen. Bei einer leich-
teren Tätigkeit könne von einem möglichen Pensum von bis ca. 6 Stunden
ausgegangen werden. Da eine Verlängerung der Integrationsmassnahmen
nicht mehr möglich bzw. zielführend sei, würden diese abgeschlossen. Die
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Versicherte habe mitgeteilt, dass sie sich wie vereinbart bei der Ar-
beitsagentur in Deutschland angemeldet habe und dort Leistungen be-
ziehe (act. 112). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren verfügte die
IV-Stelle für Versicherte im Ausland (nachfolgend: IVSTA oder Vorinstanz)
auf Veranlassung der IV-Stelle C._ am 10. November 2015, dass
die Teilnahme an der Integrationsmassnahme “Aufbautraining“ abge-
schlossen werde, und dass betreffend eine allfällige befristete Rente zu
gegebener Zeit eine separate Verfügung ergehen werde (act. 127).
A.f Die behandelnden Ärzte Dr. F._ und Dr. E._ gaben in ih-
ren Verlaufsberichten vom 15. Juli 2015 bzw. 5. August 2015 (Eingangsda-
tum) beide an, dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten infolge
der Integrationsmassnahmen verschlechtert habe (act. 109, 111). In sei-
nem Verlaufsbericht vom 6. Dezember 2015 gab Dr. E._ einen im
Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustand an und hielt fest, dass
der Versicherten andere (leidensangepasste) Tätigkeiten (z. B. Bürotätig-
keiten) im Umfang von anfangs 3 bis 6 Stunden zumutbar seien (act. 128).
Dr. F._ hielt in ihrem Verlaufsbericht vom 21. März 2016 fest, dass
es während der Integrationsmassnahmen, insb. während der Tätigkeit im
J._, zu einer fortschreitenden Verschlechterung in Form von ver-
mehrter Depressivität, vorzeitiger Erschöpfbarkeit, Antriebsschwäche,
Konzentrationsstörungen sowie einer erneuten Verschlechterung der
Thrombozytenwerte gekommen sei. Seither habe es gewisse Befindens-
schwankungen gegeben, auf durchgehend niedrigem Leistungsniveau.
Insbesondere seit Anfang 2016 bestehe erneut eine depressive Exazerba-
tion. Als arbeitsfähigkeitseinschränkende Diagnosen nannte Dr. F._
“F33.1, zeitweise auch F33.2“ sowie idiopathisches Purpura und hielt fest,
dass der Versicherten weder die bisherige noch andere Tätigkeiten zumut-
bar seien (act. 132). Gemäss seiner Stellungnahme vom 11. Mai 2016 er-
achtete RAD-Arzt Dr. G._ die ihm vorgelegten Berichte als nicht
ausreichend zur Beurteilung des Gesundheitszustands bzw. der Arbeitsfä-
higkeit der Versicherten und hielt daher eine Begutachtung in den Diszipli-
nen Psychiatrie und Allgemeine Innere Medizin für angezeigt (act. 133).
A.g Im Hinblick auf die bevorstehende Begutachtung der Versicherten
stellte die IVSTA der IV-Stelle C._ zur Vervollständigung deren Dos-
siers die neu hinzugekommenen Akten zu (act. 142, 145), darunter ein psy-
chiatrisches Gutachten von Dr. med. K._, Arzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 29. Juli 2016 zuhanden der DRV. Gemäss diesem
hatte Dr. K._ bei der Versicherten eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F33.1)
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und eine Dysthymie (ICD-10 F34.1) diagnostiziert und festgehalten, dass
die Versicherte wegen der Kombination der psychischen und somatischen
Beschwerden als erwerbsunfähig einzustufen sei (act. 142, S. 51-61). Ge-
mäss Rentenbescheid der DRV vom 8. September 2016 wurde der Versi-
cherten ab 1. Mai 2016 eine Rente wegen voller Erwerbsminderung zuge-
sprochen (act. 145, S. 2).
A.h Am 25. Oktober 2016 wurde die Versicherte durch die L._ AG
bidisziplinär (Psychiatrie und Innere Medizin) untersucht und begutachtet.
Im entsprechenden Gutachten vom 14. November 2016 (act. 146.1) wurde
als einzige Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eine Anpas-
sungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10 F43.21) genannt.
Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit wurden folgende Diagnosen
angegeben: idiopathische thrombozytopenische Purpura (Morbus Werlhof,
ED 2/2011), Verdacht auf Hashimoto-Thyreoiditis, geringe Rezidivvarikosis
beider Unterschenkel bei Zustand nach Varizen-Operation beidseits 1995,
initiale Gonarthrose beidseits sowie Zustand nach Tonsillektomie 1975. Die
Gutachter kamen konsensual zum Schluss, dass die Arbeitsfähigkeit der
Versicherten in der bisherigen sowie in leidensadaptierten Tätigkeiten auf-
grund der psychiatrischen Symptomatik um 40 % eingeschränkt sei
(act. 146.1, S. 18 f.). RAD-Arzt Dr. G._ erachtete das Gutachten
gemäss seiner Stellungnahme vom 23. November 2016 als grundsätzlich
beweiskräftig, hielt jedoch fest, dass die gestellte Diagnose einer Anpas-
sungsstörung mit längerer depressiver Reaktion aus rein versicherungs-
medizinischer Sicht keine relevante Arbeitsfähigkeitseinschränkung zu be-
gründen vermöge. Insofern müsse man zum Schluss kommen, dass die
Versicherte keine wesentlich beeinträchtigte Arbeitsfähigkeit aufweise
(act. 149).
A.i Mit Vorbescheid vom 1. Februar 2017 stellte die IV-Stelle C._
der Versicherten die Abweisung ihres Leistungsbegehrens in Aussicht
(act. 150). Dagegen erhob die Versicherte am 17. Februar 2017 Einwand
(act. 153). Innert der zweifach erstreckten Frist zur Einreichung einer de-
taillierten Begründung beantragte die zwischenzeitlich durch Rechtsanwäl-
tin Elisabeth Tribaldos vertretene Versicherte die Ausrichtung einer Rente
und/oder Durchführung einer beruflichen Massnahme; eventualiter die
Durchführung einer erneuten medizinischen Begutachtung oder einer BE-
FAS-Abklärung; subeventualiter die Prüfung und Durchführung beruflicher
Massnahmen. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass das
L._-Gutachten nachvollziehbar und begründet dargelegt habe,
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dass eine verselbständigte, dauerhafte und arbeitsfähigkeitseinschrän-
kende gesundheitliche Störung gegeben sei. Demgegenüber könne auf die
vom Gutachten abweichende RAD-Beurteilung aus verschiedenen Grün-
den nicht abgestellt werden (reines Aktenkonsil, keine schlüssige Begrün-
dung für die Abweichung von der gutachterlichen Beurteilung, Unverein-
barkeit mit den Resultaten des Belastbarkeitstrainings, Unvereinbarkeit mit
den Beurteilungen der behandelnden Ärzte, fehlende Fachkompetenz für
die abschliessende Beurteilung der orthopädischen Einschränkungen im
Bereich der Knie, Unvereinbarkeit mit der Zusprache einer vollen Invali-
denpension durch die DRV). Betreffend den Einkommensvergleich sei
keine Beurteilung vorgenommen worden, ob die medizinisch-theoretische
Arbeitsfähigkeit von 60 % auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt überhaupt
noch – insbesondere unter Berücksichtigung des fortgeschrittenen Alters –
verwertbar sei. Hierfür sei eine BEFAS-Abklärung durchzuführen. Weiter
seien geeignete berufliche Integrationsmassnahmen durchzuführen, denn
bei der Massnahme in einer Badeanstalt habe es sich aufgrund der hohen
Verletzungsgefahr um eine nicht dem Leiden angepasste Tätigkeit gehan-
delt (act. 162). Zu dem Einwandschreiben hielt RAD-Arzt Dr. G._
am 23. Mai 2017 fest, dass die Vorbringen der Versicherten nichts an der
bisherigen versicherungsmedizinischen Einschätzung änderten. Betref-
fend die geltend gemachten orthopädischen/rheumatologischen Ein-
schränkungen verweise er auf die RAD-interne Stellungnahme von Dr.
med. M._, Facharzt für Rheumatologie FMH, vom 23. Mai 2017
(vgl. act. 165), welcher zum Schluss gekommen sei, dass die Knieproble-
matik die Arbeitsfähigkeit der Versicherten in einer entsprechend ange-
passten Tätigkeit nicht vermindere (act. 164).
A.j Mit Verfügung vom 9. Juni 2017 wies die IVSTA gestützt auf die Fest-
stellungen der IV-Stelle C._ das Leistungsbegehren der Versicher-
ten ab. Zur Begründung hielt sie im Wesentlichen und unter Verweis auf
die (psychiatrische und rheumatologische) Stellungnahmen des RAD vom
23. Mai 2017 fest, dass die psychiatrische Diagnose einer Anpassungsstö-
rung mit längerer depressiver Reaktion einerseits impliziere, dass die de-
pressiven Beschwerden reaktiver Natur seien auf dem Boden psychosozial
belastender Ereignisse und Erlebnisse, und andererseits, dass sie von ih-
rer Schwere her nicht das Ausmass einer typisch depressiven Episode aus-
machten. Dabei sei zu erwähnen, dass insbesondere psychosoziale Be-
lastungsfaktoren im Rahmen der invalidenversicherungsrechtlichen Leis-
tungszusprache grundsätzlich ausgeklammert würden. Im Weiteren werde
auf die Rechtsprechung des Bundesgerichts verwiesen, welches im Urteil
9C_636/2007 vom 28. Juli 2008 festgehalten habe, dass u.a. die Diagnose
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“Anpassungsstörung (ICD-10 F43.22)“ nicht als invalidisierendes Leiden
gelte. Bei einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion
handle es sich rechtsprechungsgemäss auch nicht um eine psychische
Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer (Urteil
9C_153/2012 vom 15. Oktober 2012). Die übrigen nach der Rechtspre-
chung massgeblichen Kriterien (sozialer Rückzug in allen Lebensberei-
chen, Einschränkungen im Funktionsniveau, Therapieresistenz) seien bei
der Versicherten weder gehäuft noch ausgeprägt erfüllt, so dass nicht auf
einen invalidisierenden Gesundheitsschaden geschlossen werden könne.
Zusammengefasst begründe die psychosomatische Symptomatik aus ver-
sicherungsmedizinischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
Der versicherungsmedizinischen Beurteilung (der Arbeitsfähigkeit) sei ge-
genüber dem subjektivem Erleben der Versicherten (während den Einglie-
derungsmassnahmen) der Vorrang zu geben, da nur erstere auf objektiven
und nachvollziehbaren Befunden basiere. In Bezug auf die Berichte von
Hausärzten und behandelnden Spezialärzte sei rechtsprechungsgemäss
der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass diese im Hinblick auf
ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfall eher zu Gunsten
ihrer Patienten aussagen. Der Umstand, dass die DRV der Versicherten
eine 100 %ige Invalidität zugestanden habe, begründe keine Bindungswir-
kung seitens der schweizerischen Invalidenversicherung. Bezüglich der
Knieproblematik seien die Akten aufgrund des Einwands der Versicherten
vom RAD-Facharzt für Rheumatologie beurteilt worden, welcher festgehal-
ten habe, dass die diagnostizierte Gonarthrose beidseits mit rechts nach-
gewiesenen geringen degenerativen Veränderungen und klinisch doku-
mentierter normaler Funktion beider Kniegelenke keine Einschränkung in
einer angepasster Tätigkeit begründe. Somit sei von einer ganztägigen Ar-
beitsfähigkeit ohne Leistungseinschränkung auszugehen. Da weder durch
weitere medizinische Abklärungen noch durch eine BEFAS-Abklärung an-
derslautende rechtserhebliche Erkenntnisse zu erwarten seien, könne auf
diese verzichtet werden. Bezüglich der Aufnahme einer angepassten Tä-
tigkeit werde auf die der Versicherten obliegende Schadenminderungs-
pflicht verwiesen. Betreffend den Einkommensvergleich begründe vorlie-
gend keines der rechtsprechungsgemäss zu berücksichtigen Merkmale
(insb. Alter, Anzahl Dienstjahre, Nationalität, Aufenthaltskategorie, Be-
schäftigungsgrad) einen Abzug vom anrechenbaren Tabellenlohn. Der Ver-
sicherten stünden auf dem gesetzlich vorgesehenen hypothetischen aus-
geglichenen Arbeitsmarkt genügend leichte Hilfs-, Kontroll- und Überwa-
chungsarbeiten offen. Die Zumutbarkeit der Verwertung der medizinisch-
theoretischen Restarbeitsfähigkeit sei bei der Versicherten weder aufgrund
ihres Alters noch aus anderen Gründen ausgeschlossen. In Bezug auf den
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von der Versicherten subeventualiter gestellten Antrag auf Prüfung und
Durchführung beruflicher Massnahmen werde auf die Verfügung vom
10. November 2015 verwiesen, mit welcher bereits rechtskräftig die Been-
digung der Integrationsmassnahmen abgehandelt sowie auch ein An-
spruch auf weitere Eingliederungsmassnahmen ausgeschlossen worden
seien (act. 169).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob die nach wie vor durch Rechtsanwältin
Elisabeth Tribaldos vertretene Versicherte am 10. Juli 2017 Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragte, die Verfügung vom
9. Juni 2017 sei aufzuheben und die Vorinstanz sei zu verpflichten, ihr die
gesetzlichen Versicherungsleistungen nach IVG, namentlich eine Invali-
denrente von mindestens 40 %, zu erbringen (Ziff. 1), die Vorinstanz sei zu
verpflichten, ihr geeignete berufliche Eingliederungsmassnahmen zuzu-
sprechen (Ziff. 2), eventualiter sei ein medizinisches Obergutachten durch
das Gericht in Auftrag zu geben (Ziff. 3), subeventualiter sei die Angelegen-
heit an die Vorinstanz zurückzuweisen und diese zu verpflichten, eine ver-
waltungsexterne medizinische Begutachtung durchzuführen (Ziff. 4), unter
Kosten und Entschädigungsfolge zzgl. MWST zulasten der Vorinstanz. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie um die Anordnung eines
zweiten Schriftenwechsels (vgl. S. 9, Rz. 22 f.). Zur Begründung der Be-
schwerde führte sie im Wesentlichen aus, dass die Vorinstanz zu Unrecht
nicht von einem IV-relevanten Gesundheitsschaden ausgegangen sei. Ge-
mäss dem L._-Gutachten liege nachvollziehbar und begründet eine
dauerhafte, die Arbeitsfähigkeit einschränkende gesundheitliche Störung
vor. Ein Überwiegen von psychosozialen Faktoren sei gutachterlich schlüs-
sig und nachvollziehbar verneint worden. Zudem sprächen auch das
Scheitern der beruflichen Integrationsmassnahmen, welches gemäss psy-
chiatrischem Gutachter krankheitsbedingt gewesen sei, und die Beurtei-
lungen der behandelnden Fachärzte für einen invalidisierenden Gesund-
heitsschaden. Die Vorinstanz und der RAD-Arzt verkennten, dass im psy-
chiatrischen Kontext nicht die Diagnose allein relevant sei, sondern die
Auswirkungen der Erkrankung auf die Arbeitsfähigkeit. Das verwaltungsex-
terne L._-Gutachten habe im Vergleich zur Aktenbeurteilung des
psychiatrischen RAD-Arztes vom 23. November 2016 einen höheren Be-
weiswert. Zudem bestünden an der versicherungsinternen Beurteilung des
psychiatrischen RAD-Arztes Zweifel, begründet durch die Resultate des
Belastbarkeitstrainings, der fachlich fehlenden Kompetenz zur Beurteilung
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der orthopädischen Einschränkungen im Bereich der Knie, woran auch die
von der Vorinstanz eingeholte kurze Beurteilung des rheumatologischen
RAD-Arztes vom 23. Mai 2017 nichts ändere, sowie dem Umstand, dass
seitens der DRV eine volle Invalidenpension ausgerichtet werde. Somit
habe das L._-Gutachten Vorrang und es sei auf die attestierte 40
%ige Arbeitsunfähigkeit abzustellen. Hinsichtlich der Zumutbarkeit der Ver-
wertung der Restarbeitsfähigkeit sei festzuhalten, dass diese im konkreten
Einzelfall zu beurteilen sei und eine solche Beurteilung bisher nicht statt-
gefunden habe. Aufgrund des fortgeschrittenen Alters stelle sich die Frage,
ob eine theoretisch verbleibende Arbeitsfähigkeit überhaupt noch verwert-
bar sei. Eventuell sei die Sache an die Vorinstanz zur Ermittlung der kon-
kreten Leistungsfähigkeit anhand einer BEFAS-Abklärung zurückzuwei-
sen. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz sei ihr eine Selbsteingliederung
in den ausgeglichenen Arbeitsmarkt aufgrund dessen strukturelle Verände-
rung nicht (mehr) möglich, weshalb das Invalideneinkommen auf “Null“ zu
setzen sei. In Bezug auf berufliche Massnahmen habe sie – auch bei Ge-
währung einer Teilrente – Anspruch auf die Durchführung von geeigneten
beruflichen Integrationsmassnahmen, denn bisher seien lediglich untaugli-
che Versuche unternommen worden, insbesondere sei die Tätigkeit im
Rahmen des Belastbarkeitstrainings in einer Badeanstalt aufgrund der
grossen Verletzungsgefahr nicht leidensadaptiert gewesen (Akten im Be-
schwerdeverfahren [nachfolgend: BVGer-act.] 1).
B.b Mit Instruktionsverfügung vom 12. Juli 2017 wurde die Beschwerde-
führerin aufgefordert, bis zum 14. August 2017 das der Verfügung beige-
legte Formular “Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“ ausgefüllt und mit
den nötigen Beweismitteln versehen beim Bundesverwaltungsgericht ein-
zureichen (BVGer-act. 2). Innert erstreckter Frist teilte die Beschwerdefüh-
rerin am 28. August 2017 mit, dass sie ihr Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege zurückziehe (BVGer-act. 5).
B.c Mit Vernehmlassung vom 27. Oktober 2017 beantragte die Vorinstanz
die Abweisung der Beschwerde bzw. die Bestätigung der angefochtenen
Verfügung. In der beigelegten Stellungnahme der IV-Stelle C._ vom
24. Oktober 2017 war festgehalten worden, dass auf weitere Ausführungen
verzichtet und auf die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung ver-
wiesen werde (BVGer-act. 6). Die Vernehmlassung wurde der Beschwer-
deführerin mit Instruktionsverfügung vom 3. November 2017 zur Kenntnis
gebracht (BVGer-act. 11).
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C.
Auf die weiteren Vorbringen und Beweismittel wird – soweit entscheidwe-
sentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 40 Abs. 2 IVV [SR 831.201], Art. 31, Art. 32 und
Art. 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b IVG [SR 831.20]) und die Be-
schwerdeführerin ist als Adressatin der angefochtenen Verfügung zur Er-
hebung der Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG; siehe auch
Art. 59 ATSG [SR 830.1]). Nachdem die Beschwerdeführerin den Kosten-
vorschuss innert Frist geleistet hat (BVGer-act. 8), ist auf die unbestritte-
nermassen innert Frist und im Übrigen auch formgerecht eingereichte Be-
schwerde vom 10. Juli 2017 einzutreten (Art. 63 Abs. 4 VwVG; Art. 50
Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG; siehe auch Art. 60 ATSG).
2.
2.1 Gemäss Beschwerde beantragte die Beschwerdeführerin nebst der
Ausrichtung einer Invalidenrente “von mindestens 40 %“ auch die Durch-
führung geeigneter beruflicher Eingliederungsmassnahmen (BVGer-act. 1,
S. 2, Rechtsbegehren Ziff. 1 und 2).
2.2 Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstands des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet die
Verfügung vom 9. Juni 2017, mit welcher die Vorinstanz einen Anspruch
der Beschwerdeführerin auf eine Invalidenrente abgewiesen hat. Der durch
diese Verfügung definierte Streitgegenstand beschränkt sich folglich auf
den Rentenanspruch und kann sich grundsätzlich nicht auch auf weitere
Ansprüche gegenüber der Invalidenversicherung, namentlich auf berufli-
che Eingliederungsmassnahmen, erstrecken. Nun gilt im Sozialversiche-
rungsrecht aber der allgemeine Grundsatz “Eingliederung vor Rente“ (vgl.
etwa UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Vorbemerkungen N 81
ff., mit Hinweisen), laut dem die Zusprache einer Rente die Unmöglichkeit
voraussetzt, die rentenspezifische Invalidität mit einer (medizinischen oder
beruflichen) Eingliederung zu minimieren (vgl. auch Art. 28 Abs. 1 Bst. a
IVG). Ergäbe sich also, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein Ren-
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Seite 11
tenanspruch im Raum stünde, so gehörte zum Streitgegenstand notwendi-
gerweise auch die Frage, ob die Verwaltung den Grundsatz “Eingliederung
vor Rente“ beachtet und eine allfällige Pflicht der Beschwerdeführerin zu
Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe (vgl. auch Urteil des
BGer 8C_163/2018 vom 28. Januar 2019 E. 4.3.3.3, zur Publikation vorge-
sehen). Wenn allerdings eine IV-Stelle bereits zu einem früheren Zeitpunkt
formell rechtskräftig über die berufliche Eingliederung verfügt hat, dann
kann bei der Beurteilung des Rentenanspruchs keine vorgängige Prüfung
des Grundsatzes “Eingliederung vor Rente“ mehr erfolgen, da ansonsten
die formell rechtskräftige Verfügung betreffend berufliche Massnahmen ge-
richtlich beurteilt würde, obwohl der Beschwerdeweg gegen diese Verfü-
gung nicht mehr offen steht.
2.3 Die Vorinstanz verwies in der angefochtenen rentenabweisenden Ver-
fügung auf ihre frühere Verfügung vom 10. November 2015, mit welcher
rechtskräftig die Beendigung der Integrationsmassnahmen abgehandelt
sowie ein Anspruch auf weitere Eingliederungsmassnahmen ausgeschlos-
sen worden sei (act. 169, S. 7). Da sich das Dispositiv der Verfügung vom
10. November 2015 vom Wortlaut her nur auf die Beendigung der Teil-
nahme an der Integrationsmassnahme “Aufbautraining in der J._
AG“ bezieht, stellt sich die Frage, ob die Vorinstanz einen allfälligen An-
spruch der Beschwerdeführerin auf (weitere) berufliche Massnahmen tat-
sächlich als Ganzes verneint hat. Als Begründung der Verfügung vom 10.
November 2015 wurde einerseits die Aussichtslosigkeit auf eine weitere
Verbesserung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin angegeben und
andererseits der Umstand, dass sich die Beschwerdeführerin beim deut-
schen Arbeitsamt für Leistungen angemeldet habe, wobei der Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen beim Bezug von Leistungen der Arbeitslosen-
versicherung des Wohnlandes erlösche.
2.4 Da die Beschwerdeführerin deutsche Staatsangehörige ist und in
Deutschland wohnt, sind vorliegend das am 1. Juni 2002 in Kraft getretene
Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenos-
senschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihrer Mit-
gliedsstaaten anderseits über die Freizügigkeit (FZA, SR 0.142.112.681)
sowie die gemäss Anhang II des FZA anwendbare Verordnung (EG) des
Europäischen Parlaments und des Rates Nr. 883/2004 vom 29. April 2004,
die am 1. April 2012 die Verordnungen (EWG) des Rates Nr. 1408/71 vom
14. Juni 1971 abgelöst hat, anwendbar. Gemäss Anhang XI, Schweiz, Zif-
fer 8 der VO Nr. 883/2004 gilt ein Arbeitnehmer oder Selbstständiger, der
den schweizerischen Rechtsvorschriften über die Invalidenversicherung
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nicht mehr unterliegt, weil er seine existenzsichernde Erwerbstätigkeit in
der Schweiz infolge Unfalls oder Krankheit aufgeben musste, als in dieser
Versicherung versichert für den Erwerb des Anspruchs auf Eingliederungs-
massnahmen bis zur Zahlung einer Invalidenrente und während der Durch-
führung dieser Massnahmen, sofern er keine anderweitige Erwerbstätigkeit
ausserhalb der Schweiz aufnimmt. Diese (Nachversicherungs-)Norm
wurde in Ziffer 1011 des Kreisschreibens über das Verfahren zur Leistungs-
festsetzung in der AHV/IV (KSBIL; gültig ab 1. Juni 2002, Stand 4. April
2016) konkretisiert (vgl. BVGE 2017/ V7 E. 6.7). Gemäss dieser Bestim-
mung gelten schweizerische Staatsangehörige oder Personen mit der
Staatsangehörigkeit eines EU-Landes, die in der Schweiz ohne Wohnsitz
zu haben eine Erwerbstätigkeit als Arbeitnehmende oder Selbständiger-
werbende ausgeübt haben und den schweizerischen Rechtsvorschriften
über die Invalidenversicherung nicht mehr unterliegen, weil sie ihre exis-
tenzsichernde Erwerbstätigkeit in der Schweiz in Folge Unfalls oder Krank-
heit aufgeben mussten, in Bezug auf den Anspruch von Eingliederungs-
massnahmen als versichert. Dies gilt auch während der Durchführung die-
ser Massnahmen, sofern sie keine anderweitige Erwerbstätigkeit aus-
serhalb der Schweiz aufnehmen. Der Nachversicherungsschutz endet hin-
gegen beim Bezug einer (ganzen oder teilweisen) Invalidenrente, bei ab-
geschlossener erstmaliger Eingliederung oder beim Bezug einer Leistung
der Arbeitslosenversicherung des Wohnlandes.
2.5 Angesichts der dargelegten Rechtslage und dem Umstand, dass sich
die Beschwerdeführerin bei der Arbeitslosenversicherung in Deutschland
angemeldet hatte und – entsprechend ihren Angaben gegenüber dem Ein-
gliederungsverantwortlichen – von dieser Leistungen bezog sowie an einer
Massnahme teilnahm (vgl. act. 112, S. 3), ergibt sich, dass die Verfügung
der Vorinstanz vom 10. November 2015 dahingehend zu verstehen ist,
dass ein Anspruch auf weitere berufliche Massnahmen als Ganzes ver-
neint wurde. Da die Verfügung unangefochten in Rechtskraft erwachsen
ist, kann der Anspruch auf berufliche Massnahmen nicht Streitgegenstand
des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden, weshalb auf den entspre-
chenden Antrag auf Zusprache von geeigneten beruflichen Eingliederungs-
massnahmen nicht einzutreten ist. Der Streitgegenstand beschränkt sich
folglich auf den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin.
3.
3.1 Im Hinblick auf das anwendbare Recht kommen wie erwähnt das FZA
sowie die Regelwerke der Gemeinschaft zur Koordinierung der Systeme
C-3864/2017
Seite 13
der sozialen Sicherheit gemäss Anhang II des FZA zur Anwendung. Der
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin beurteilt sich jedoch auch nach
dem Inkrafttreten des FZA allein nach schweizerischem Recht (BGE 130 V
253 E. 2.4).
3.2 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 9. Juni 2017) eingetretenen Sachverhalt ab
(BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verän-
dert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsver-
fügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b).
3.3 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechts-
folgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 132 V 215 E. 3.1.1),
weshalb jene Vorschriften Anwendung finden, die spätestens beim Erlass
der Verfügung vom 9. Juni 2017 in Kraft standen; weiter aber auch Vor-
schriften, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren, die
aber für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprüche
von Belang sind.
4.
4.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
C-3864/2017
Seite 14
4.2 Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG (in
der seit 1. Januar 2008 gültigen Fassung) Versicherte, die ihre Erwerbsfä-
higkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstel-
len, erhalten oder verbessern können (Bst. a), während eines Jahres ohne
wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig
(Art. 6 ATSG) gewesen sind (Bst. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu min-
destens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (Bst. c). Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Viertelsrente, bei mindes-
tens 50 % auf eine halbe Rente, bei mindestens 60 % auf eine Dreiviertels-
rente und bei mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist
Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG).
4.3 Um den Grad der Arbeitsunfähigkeit bzw. der Invalidität beurteilen bzw.
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Ge-
richt auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch
andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder
der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die ver-
sicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Aus-
künfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Ar-
beitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können
(BGE 132 V 93 E. 4; 125 V 256 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfas-
send ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Be-
schwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgege-
ben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und
in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet, ob die Schluss-
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V
351 E. 3a) und ob der Arzt über die notwendigen fachlichen Qualifikationen
verfügt (Urteil des 9C_736/2009 vom 26. Januar 2010 E. 2.1).
4.4 Zwar gilt für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsver-
fahren der Grundsatz der freien Beweiswürdigung, jedoch hat die Recht-
sprechung in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufgestellt (vgl. BGE 125 V
351 E. 3b).
4.4.1 Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten
von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender Beobachtun-
gen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten
C-3864/2017
Seite 15
und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
ist bei der Beweiswürdigung Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht kon-
krete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125
V 351 E. 3b/bb; Urteil BGer 9C_278/2016 vom 22. Juli 2016 E. 3.2.2).
4.4.2 In Bezug auf Berichte von Hausärzten darf und soll der Richter der
Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf
ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Guns-
ten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 353 E. 3b/cc). Dies gilt für den
allgemein praktizierenden Hausarzt wie auch den behandelnden Spezial-
arzt (Urteil des EGV I 655/05 vom 20. März 2006 E. 5.4 mit Hinweis auf
BGE 125 V 351 E. 3b/cc).
4.4.3 Auf Stellungnahmen des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) kann
für den Fall, dass ihnen materiell Gutachtensqualität zukommen soll, nur
abgestellt werden, wenn sie den allgemeinen beweisrechtlichen Anforde-
rungen an einen ärztlichen Bericht genügen (Urteil des EGV I 694/05 vom
15. Dezember 2006 E. 2). Allerdings sind die Berichte versicherungsinter-
ner medizinischer Fachpersonen praxisgemäss nur soweit zu berücksich-
tigen, als auch keine geringen Zweifel an der Richtigkeit ihrer Schlussfol-
gerungen bestehen (BGE 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4; 122 V 157
E. 1d). Die versicherungsinternen Ärztinnen und Ärzte müssen über die im
Einzelfall erforderlichen persönlichen und fachlichen Qualifikationen verfü-
gen (Urteil des BGer 9C_736/2009 vom 26. Januar 2010 E. 2.1). Nicht
zwingend erforderlich ist, dass die versicherte Person persönlich unter-
sucht wird. Nach der Praxis kann einem reinen Aktengutachten auch voller
Beweiswert zukommen, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im
Wesentlichen nur um die ärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden
medizinischen Sachverhalts geht (Urteile des BGer 8C_641/2011 vom
22. Dezember 2011 E. 3.2; 9C_323/2009 vom 14. Juli 2009 E. 4.3.1 und
I 1094/06 vom 14. November 2007 E. 3.1.1, je mit Hinweisen; RKUV 2006
U 578 S. 175 E. 3.4 und 1988 U 56 S. 371).
4.5 Im Weiteren ist festzuhalten, dass die rechtsanwendenden Behörden
in der Schweiz nicht an die Feststellungen ausländischer Versicherungs-
träger, Behörden und Ärzte bezüglich Invaliditätsgrad und Anspruchsbe-
ginn gebunden sind (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; AHI-Praxis 1996, S. 179;
vgl. auch Zeitschrift für die Ausgleichskassen [ZAK] 1989 S. 320 E. 2). Viel-
mehr unterstehen auch die aus dem Ausland stammenden Beweismittel
C-3864/2017
Seite 16
der freien Beweiswürdigung durch das Gericht (vgl. Urteil des Eidgenössi-
schen Versicherungsgerichts EVG, [heute: Bundesgericht, BGer] vom
11. Dezember 1981 i.S. D.).
4.6 Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern
das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines
bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Der
Richter und die Richterin haben vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu
folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die Wahr-
scheinlichste würdigen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b, 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
5.
5.1 Umstritten ist zunächst, ob bei der Beschwerdeführerin aus psychiatri-
scher Sicht eine invalidenversicherungsrechtlich zu berücksichtigende Ge-
sundheitsbeeinträchtigung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vorliegt.
5.2
5.2.1 Betreffend psychiatrische Erkrankungen ist zu beachten, dass ge-
mäss neuester bundesgerichtlicher Rechtsprechung fortan nicht mehr nur
psychosomatische Schmerzstörungen, sondern sämtliche psychische Lei-
den, insbesondere auch affektive Störungen, einschliesslich der leichten
bis mittelschweren depressiven Erkrankungen, einem strukturierten Be-
weisverfahren gemäss BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (BGE 143 V
418 E. 7.1 m.H. auf BGE 143 V 409 [beide vom 30. November 2017]). Da-
bei erfolgt anhand eines Katalogs von Indikatoren eine ergebnisoffene
symmetrische Beurteilung des – unter Berücksichtigung leistungshindern-
der äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotentialen
(Ressourcen) andererseits – tatsächlich erreichbaren Leistungsvermögens
(BGE 141 V 281 E. 3.6). Die erwähnten Indikatoren hat das Bundesgericht
wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie "funktioneller
Schweregrad" (E. 4.3) mit den Komplexen "Gesundheitsschädigung"
(E. 4.3.1; Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome
[E. 4.3.1.1]; Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
[E. 4.3.1.2]; Komorbiditäten [E. 4.3.1.3]), "Persönlichkeit" (Persönlichkeits-
entwicklung und -struktur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2])
und "sozialer Kontext" (E. 4.3.3) sowie Kategorie "Konsistenz" (Gesichts-
punkte des Verhaltens [E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschrän-
kung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen
C-3864/2017
Seite 17
(E. 4.4.1) und behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewie-
sener Leidensdruck (E. 4.4.2). Diese neue Rechtsprechung ist auf alle im
Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden und
ist somit auch im vorliegenden Fall massgebend (vgl. Urteil des BGer
9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1).
5.2.2 Hinsichtlich der Beweiswürdigung eines den Indikatoren von BGE
141 V 281 folgenden Gutachtens – wie vorliegend an sich das L._-
Gutachten vom 14. November 2016 – sind zunächst die allgemeinen be-
weisrechtlichen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten zu beachten
(vgl. E. 4.3 und 4.4 hiervor). Zudem ergibt sich aus BGE 141 V 281 Fol-
gendes: Hinsichtlich der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit haben sich sowohl
die medizinischen Sachverständigen als auch die Organe der Rechtsan-
wendung bei ihrer Einschätzung des Leistungsvermögens an den norma-
tiven Vorgaben zu orientieren; die Gutachter im Idealfall gemäss der ent-
sprechend formulierten Fragestellung (BGE 141 V 281 E. 5.2). Die Rechts-
anwender prüfen die medizinischen Angaben frei insbesondere daraufhin,
ob die Ärzte sich an die massgebenden normativen Rahmenbedingungen
gehalten haben und ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellun-
gen anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit
schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 6). Im Rahmen der Beweiswürdigung
obliegt es den Rechtsanwendern zu überprüfen, ob in concreto aus-
schliesslich funktionelle Ausfälle bei der medizinischen Einschätzung be-
rücksichtigt wurden und ob die Zumutbarkeitsbeurteilung auf einer objekti-
vierten Grundlage erfolgte (BGE 141 V 281 E. 5.2.2; Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Die rechtsanwendenden Behörden haben mit besonderer Sorgfalt zu prü-
fen, ob die ärztliche Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit auch invaliditäts-
fremde Gesichtspunkte (insbesondere psychosoziale und soziokulturelle
Belastungsfaktoren) mitberücksichtigt, die vom sozialversicherungsrechtli-
chen Standpunkt aus unbeachtlich sind (vgl. BGE 140 V 193; 130 V 352 E.
2.2.5). Wo psychosoziale Einflüsse das Bild prägen, ist bei der Annahme
einer rentenbegründenden Invalidität Zurückhaltung geboten (BGE 141 V
281 E. 4.3.3; 127 V 294 E. 5a; Urteile des BGer 8C_582/2017 vom
22. März 2018 E. 5; 8C_746/2015 vom 3. Februar 2016 E. 2.2 und
9C_146/2015 vom 19. Januar 2016 E. 3.1 mit Hinweisen). Eine rentenbe-
gründende Invalidität ist nur dann anzunehmen, wenn funktionelle Auswir-
kungen medizinisch anhand der Indikatoren schlüssig und widerspruchs-
frei festgestellt sind und somit den versicherungsmedizinischen Vorgaben
Rechnung getragen wurde. Entscheidend bleibt letztlich immer die Frage
der funktionellen Auswirkungen einer Störung, welche im Rahmen des So-
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C-3864/2017
Seite 18
zialversicherungsrechts abschliessend nur aus juristischer Sicht beantwor-
tet werden kann (BGE 144 V 50 E. 4.3; BGE 141 V 281 E. 6, Urteil des
BGer 8C_635/2018 vom 21. Dezember 2018 E. 6.1). Gelangt jedoch der
Rechtsanwender zum Schluss, ein Gutachten erfülle sowohl die mit BGE
141 V 281 definierten versicherungsmedizinischen Massstäbe wie auch
die allgemeinen rechtlichen Beweisanforderungen, ist es beweiskräftig und
die darin formulierten Stellungnahmen zur Arbeitsfähigkeit sind zu über-
nehmen. Eine davon losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach
Massgabe des strukturierten Beweisverfahrens soll nicht stattfinden (BGE
141 V 281 E. 5.2.3; Urteil des BGer 8C_260/2017 vom 1. Dezember 2017
E. 4.2.5 mit weiteren Hinweisen).
5.3 Gestützt auf die Stellungnahme von RAD-Arzt Dr. G._ vom 23.
November 2016 hielt die Vorinstanz das L._-Gutachten vom 14.
November 2016 in tatsächlicher medizinischer Hinsicht zwar für beweis-
kräftig, gelangte jedoch in Abweichung zur gutachterlichen Arbeitsunfähig-
keitsschätzung von 40 % zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin in
leidensadaptierten Tätigkeiten zu 100 % arbeitsfähig sei. Sie begründete
dies damit, dass die aus psychiatrischer Sicht gestellte Diagnose einer An-
passungsstörung mit längerer depressiver Reaktion aus rein versiche-
rungsmedizinischer Sicht keine IV-rechtlich relevante Arbeitsfähigkeit zu
begründen vermöge, da die Diagnose einerseits impliziere, dass die de-
pressiven Beschwerden reaktiver Natur und durch IV-rechtlich auszuklam-
mernde psychosoziale Belastungsfaktoren begründet seien, und anderer-
seits, dass die Beschwerden vom Schweregrad her nicht die einer typi-
schen depressiven Episode erreichten. Zudem verwies die Vorinstanz auf
bundesgerichtliche Entscheide aus den Jahren 2008 und 2015, wonach
eine Anpassungsstörung bzw. eine Anpassungsstörung mit längerer de-
pressiver Reaktion nicht als invalidisierendes Leiden gelte (act. 169, S. 4,
6).
5.4 Die Ansicht der Vorinstanz, dass ausgehend von der Diagnose einer
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion eine IV-rechtlich re-
levante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von vornherein auszuschlies-
sen sei, ist angesichts der oben dargelegten neuesten bundesgerichtlichen
Rechtsprechung, wonach sämtliche psychische Störungen einem struktu-
rierten Beweisverfahren zu unterziehen sind (E. 5.2.1 hiervor), nicht halt-
bar. Insofern sind auch die Verweise der Vorinstanz auf die nach alter
Rechtsprechung (sog. Überwindbarkeitspraxis, vgl. BGE 130 V 352) er-
gangenen Bundesgerichtsentscheide unbeachtlich. Im Rahmen des nach
C-3864/2017
Seite 19
neuer Rechtsprechung seit Ende 2017 bei allen psychischen Erkrankun-
gen grundsätzlich anzuwendenden strukturierten Beweisverfahren ist an-
hand der massgeblichen Indikatoren das Leistungsvermögen bzw. die Ar-
beitsfähigkeit der versicherten Person in einer Gesamtbetrachtung einzel-
fallgerecht, ressourcenorientier und ergebnisoffen zu beurteilen (BGE 141
V 281 E. 4.1.1. f.). Vor diesem Hintergrund verbietet es sich, aus einer be-
stimmten Diagnose per se direkt das Vorliegen einer Arbeitsunfähigkeit
bzw. Arbeitsfähigkeit abzuleiten. Dass insbesondere auch bei der Diag-
nose Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10
F43.21) nicht von vornherein eine arbeitsfähigkeitseinschränkende Wir-
kung ausgeschlossen werden kann, ergibt sich auch aus dem Urteil des
Bundesgerichts 8C_551/2015 vom 17. März 2016 (E. 5). Darin hat das
Bundesgericht erwogen, dass unter F43.2 Störungen erfasst werden, de-
ren Symptome meist nicht länger als sechs Monate anhalten, es sich bei
den längeren depressiven Reaktionen (F43.21) jedoch anders verhält.
5.5 Soweit die Vorinstanz einen IV-rechtlich relevanten Gesundheitsscha-
den damit verneinen will, dass die psychische Erkrankung der Beschwer-
deführerin bzw. die sich daraus ergebenden Beschwerden allein durch psy-
chosoziale Belastungsfaktoren begründet seien, ist darauf hinzuweisen,
dass rechtsprechungsgemäss zwar ein invalidisierender Gesundheits-
schaden nur gegeben sein kann, wenn das klinische Beschwerdebild nicht
einzig in psychosozialen und soziokulturellen Umständen seine Erklärung
findet, sondern davon psychiatrisch unterscheidbare Befunde umfasst (Ur-
teil des BGer 9C_648/2017 vom 20. November 2017 E. 2.3.1 m.H. auf
BGE 127 V 294 E. 5a). Jedoch verliert eine psychische Erkrankung nicht
jegliche Relevanz im Sinne eines rein invaliditätsfremden Geschehens, nur
weil sie auch auf psychosoziale Faktoren zurückgeführt werden kann (vgl.
Urteil des BGer 9C_116/2018 vom 17. April 2018 E. 3.2.2). Gemäss den
Diagnosekriterien der WHO handelt es sich bei Anpassungsstörungen
nach ICD-10 F43.2 um Zustände von subjektivem Leiden und emotionaler
Beeinträchtigung, die soziale Funktionen und Leistungen behindern und
während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebens-
veränderung, nach einem belastenden Lebensereignis oder bei Vorhan-
densein oder der drohenden Möglichkeit von schwerer körperlicher Krank-
heit auftreten. Die individuelle Disposition oder Vulnerabilität spielt bei dem
möglichen Auftreten und bei der Form der Anpassungsstörung eine grosse
Rolle, es ist aber dennoch davon auszugehen, dass das Krankheitsbild
ohne die Belastung nicht entstanden wäre (vgl. DILLING/MOMBOUR/
SCHMIDT [Hrsg], Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-
10 Kapitel V [F], 10. Aufl. 2015, S. 209 f.). Demnach sind psychosoziale
C-3864/2017
Seite 20
Belastungen zwar mögliche “Auslösefaktoren“ für eine Anpassungsstörung
nach ICD-10 F43.2, jedoch wird das Beschwerdebild nicht allein durch
diese, sondern durch das Hinzutreten der individuelle Disposition oder Vul-
nerabilität aufrechterhalten. Der psychiatrische L._-Gutachter gab
in seinem Teilgutachten entsprechend an, dass es bei der Beschwerdefüh-
rerin aufgrund ihrer lebensgeschichtlichen Entwicklung, vor dem Hinter-
grund einer internistischen Erkrankung, zu einer depressiven Dekompen-
sation im Sinne einer Anpassungsstörung gekommen sei, welche diese
aufgrund von mangelnden Kompensationsmechanismen auch mit thera-
peutischer Hilfe nicht habe auflösen können (act. 146.2, S. 11). In der bi-
disziplinären Gesamtbeurteilung hielten die Gutachter fest, dass bei der
Beschwerdeführerin keine Funktionseinschränkungen, welche sich aus
den direkten Folgen nicht versicherter Faktoren (invaliditätsfremde Fakto-
ren wie z. B. Arbeitslosigkeit, schwierige wirtschaftliche Lage etc.) ergäben,
erkennbar seien (act. 146.1, S. 20). Entgegen der Ansicht der Vorinstanz
kann daher nicht davon ausgegangen werden, dass die psychische Er-
krankung der Beschwerdeführerin einzig durch psychosoziale Belastungs-
faktoren begründet und eine IV-rechtlich relevante Arbeitsunfähigkeit damit
a priori zu verneinen sei.
5.6 Nachdem nun festgestellt wurde, dass eine psychiatrisch begründete
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin entgegen der Ansicht der Vo-
rinstanz nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann, ist im Folgen-
den zu prüfen, ob das L._-Gutachten vom 14. November 2016, wel-
ches die Vorinstanz zumindest in tatsächlicher medizinischer Hinsicht als
beweiskräftig erachtete und insoweit ihrer Verfügung vom 9. Juni 2017 zu-
grunde legte, die mit BGE 141 V 281 definierten versicherungsmedizini-
schen Massstäbe sowie die allgemeinen rechtlichen Beweisanforderungen
erfüllt, so dass auf die gutachterlich attestierte Arbeitsunfähigkeit von 40 %
abgestellt werden kann.
5.6.1 In BGE 141 V 281 wurde an verschiedenen Stellen auf die Wichtigkeit
einer genauen Diagnosestellung nach einem international anerkannten
Klassifikationssystem hingewiesen (BGE 141 V 281 E. 2.1.1 f.). Auch wenn
das Bundesgericht in Folgeentscheiden den bis dahin auf der Diagnose
liegenden Schwerpunkt auf die funktionalen Auswirkungen einer gesund-
heitlichen Störung verlegt hat (BGE 143 V 418 E. 6; Urteil des BGer
9C_273/2018 vom 28. Juni 2018 E. 4), stellt eine fachärztlich einwandfrei
gestellte Diagnose nach wie vor den Ausgangspunkt dar für die Beurteilung
der Frage, ob ein Gesundheitsschaden im Sinne der klassifizierenden
Merkmale vorliegt, dar (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2; 143 V 418 E. 6; 141
C-3864/2017
Seite 21
V 281 E. 2.1; 142 V 106 E. 3.3). So ist die gestellte Diagnose Referenz für
allfällige Funktionseinschränkungen. In den konsistenten Nachweis einer
gestörten Aktivität und Partizipation einzubeziehen sind nur funktionelle
Ausfälle, die sich aus denjenigen Befunden ergeben, welche auch für die
Diagnose der Gesundheitsbeeinträchtigung massgebend gewesen sind.
Die Einschränkung in den Alltagsfunktionen, welche begrifflich zu einer
lege artis gestellten Diagnose gehört, wird mit den Anforderungen des Ar-
beitslebens abgeglichen und anhand von Schweregrad- und Konsistenz-
kriterien in eine allfällige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit umgesetzt. Auf
diesem Weg können geltend gemachte Funktionseinschränkungen über
eine sorgfältige Plausibilitätsprüfung bestätigt oder verworfen werden
(BGE 141 V 281 E. 2.1.2 mit weiteren Hinweisen). Die Sachverständigen
sollen die Diagnose so begründen, dass die Rechtsanwender nachvollzie-
hen können, ob die klassifikatorischen Vorgaben tatsächlich eingehalten
sind (BGE 142 V 106 E. 3.3). Dafür ist erforderlich, dass der medizinische
Gutachter wenigstens kurz darlegt, welcher der charakteristischen Krite-
rien einer Diagnose inwiefern und wie ausgeprägt gegeben sind (Urteil des
BGer 9C_634/2015 vom 15. März 2016 E. 6.1). Die Bedeutung der ge-
nauen Diagnosestellung und -begründung wird entsprechend auch in den
Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der Schwei-
zerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie [SGPP] vom 16.
Juni 2016 (nachfolgend: Qualitätsleitlinien) betont. Demnach soll auf
Grundlage sämtlicher erhobener und ausgewerteter Daten – d. h. der me-
dizinischen Befundlage (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.1) – eine Diagnose her-
geleitet und begründet werden, indem sie den Kriterien der aktuellen ICD
oder des aktuellen DSM gegenübergestellt und geprüft wird, welche der
Kriterien aufgrund der Befunde erfüllt sind. Neben der Diagnosebegrün-
dung sind auch Differenzialdiagnosen zu diskutieren. Widersprüche (z. B.
zwischen Aktenlage und klinischem Querschnittsbefund, zwischen Be-
schwerden und klinischem Befund, zwischen Befund und Ergebnissen von
Zusatzuntersuchungen) müssen offengelegt und so weit wie möglich ge-
klärt werden (S. 21, Rz. 6.3 der Qualitätsleitlinien). Die Qualitätsleitlinien
legen die methodischen, formalen und inhaltlichen Grundanforderungen
fest (vgl. BGE 141 V 281 E. 5.1.2) und die Rechtsprechung hat sie als an-
erkannten Standard für eine sachgerechte und rechtsgleiche (versiche-
rungs-)psychiatrische Begutachtung bezeichnet. Ein sich formal und inhalt-
lich nach den Leitlinien richtendes Gutachten soll somit den Regelfall bil-
den (BGE 140 V 260 E. 3.2.2; Urteil des BGer 8C_260/2017 vom 1. De-
zember 2017 E. 3.3).
C-3864/2017
Seite 22
5.6.2 Der psychiatrische L._-Gutachter, Dr. med. N._, Fach-
arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, stellte bei der Beschwerdeführerin
– ganz im Gegensatz zu sämtlichen psychiatrischerseits bisher gestellten
Diagnosen – die Diagnose einer Anpassungsstörung mit längerer depres-
siver Reaktion (ICD-10 F43.21). Diese Diagnosestellung ist aus verschie-
denen Gründen nicht nachvollziehbar:
5.6.2.1 Gemäss der ICD-10-Klassifikation der WHO beinhalten die Diag-
nosekriterien einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion
(ICD-10 F43.21) eine zeitliche Komponente. Demnach wird diese Form der
Anpassungsstörung definiert als leichter depressiver Zustand als Reaktion
auf eine länger anhaltende Belastungssituation, der aber nicht länger als 2
Jahre dauert (vgl. DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT, a.a.O., S. 210). Gemäss
Dr. N._ soll die Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reak-
tion aufgrund der lebensgeschichtlichen Entwicklung (Summe der früheren
negativen Erfahrungen, act. 146.2, S. 9) der Beschwerdeführerin, vor dem
Hintergrund einer internistischen Erkrankung (gemeint: idiopathische
thrombozytopenische Purpura), ausgelöst worden sein (act. 146.2, S. 11).
Diese Aussage überzeugt nicht, denn wie aus dem internistischen Gutach-
ten hervorgeht, erfolgte die Erstdiagnose der idiopathischen thrombozyto-
penischen Purpura (Morbus Werlhof) bereits im Februar 2011 (vgl.
act. 146.3, S. 5), womit das Zeitkriterium von maximal 2 Jahren im Zeit-
punkt der psychiatrischen Begutachtung vom 25. Oktober 2016 ganz klar
überschritten war. Die Diagnose der Anpassungsstörung mit längerer de-
pressiver Reaktion konnte somit definitionsgemäss weder in diesem Zeit-
punkt noch im für die vorliegende Beurteilung massgeblichen Zeitpunkt des
Erlasses der angefochtenen Verfügung vom 9. Juni 2017 vorgelegen ha-
ben (vgl. auch Urteil BGer 8C_551/2015 vom 17. März 2016 E. 5.1). Zudem
erweisen sich die gutachterlichen Ausführungen zu den Auslösefaktoren
als zu vage, denn die ICD-10-Klassifikation verlangt den eindeutigen Nach-
weis des belastenden Ereignisses bzw. der belastenden Situation bzw. der
Lebenskrise, das bzw. die zur Störung geführt hat. Zudem müssen über-
zeugende, wenn auch vielleicht nur vermutete Gründe dafür, sprechen,
dass die Störung ohne Belastung nicht aufgetreten wäre (vgl. DILLING/MO-
MBOUR/SCHMIDT, a.a.O., S. 209). Dies ist nicht vereinbar mit den Ausfüh-
rungen von Dr. N._, wonach die persistierende depressive Symp-
tomatik der Beschwerdeführerin bereits vor der Diagnose des Morbus
Werlhof, die er als auslösenden Faktor nannte, aufgetreten sei (vgl.
act. 146, S. 8 f.). Schliesslich bleibt unklar, weshalb die Arbeitsunfähigkeit
der Beschwerdeführerin erst im Dezember 2012 eintrat, nachdem die Blu-
C-3864/2017
Seite 23
terkrankung bereits im Februar 2011 diagnostiziert worden war und die An-
passungsstörung gemäss Diagnosekriterien im Allgemeinen innerhalb ei-
nes Monats nach dem belastenden Ereignis oder der Lebensveränderung
eintritt (vgl. DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT, a.a.O., S. 209).
5.6.2.2 Weiter findet sich in der Beurteilung von Dr. N._ keine aus-
reichende und nachvollziehbare Begründung, weshalb er von der in den
medizinischen Vorakten fachpsychiatrisch wiederholt gestellten Diagnose
einer rezidivierenden depressiven Störung, mittelgradige depressive Epi-
sode (ICD-10 F33.1; vgl. insb. act. 9; act. 26; 37; 142, S. 21; act. 132; act.
142, S. 51 ff.) abgewichen ist. Dr. N._ nahm einzig Bezug auf das
Gutachten von Dr. K._ vom 8. August 2016 und kritisierte die gleich-
zeitige Vergabe der Diagnosen einer rezidivierenden depressiven Störung
und einer Dysthymie, was in dieser Form dem ICD-10 nicht entspreche.
Die von ihm diagnostizierte Anpassungsstörung würde das Beschwerde-
bild besser beschreiben, wobei dies letztlich von akademischem Interesse
sei (act. 146.2, S. 12). Diese Ausführungen sind nicht überzeugend, denn
die Diagnosekriterien der Anpassungsstörung mit längerer depressiver Re-
aktion und der rezidivierenden depressiven Störung, mittelgradige depres-
sive Episode, überlappen sich zwar teilweise, sind aber nicht deckungs-
gleich (vgl. DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT, a.a.O., S. 209 f. und 169 ff.). Ein
wesentlicher Unterschied liegt darin, dass eine Anpassungsstörung mit län-
gerer depressiver Reaktion definitionsgemäss nur bei einem leichten de-
pressiven Zustand diagnostiziert werden kann (vgl. DILLING/MOM-
BOUR/SCHMIDT, a.a.O., S. 209). Demgegenüber hatte Dr. K._ – wie
auch die behandelnde Psychiaterin und weitere psychiatrische Fachärzte
– eine mittelgradig ausgeprägte depressive Störung festgestellt (act. 142,
S. 59). Eine Klärung dieses Widerspruchs findet sich im Gutachten von Dr.
N._ nicht. Zudem bleibt in diesem Zusammenhang auch die Aus-
sage von Dr. N._, es sei aus psychiatrischer Sicht von “mittelgradi-
gen Befunden“ auszugehen (act. 146.2, S. 9), unklar resp. widersprüchlich.
Falls sich dies auf die Ausprägung der depressiven Symptomatik beziehen
sollte, hätte die Diagnose einer Anpassungsstörung mit längerer depressi-
ver Reaktion definitionsgemäss nicht gestellt werden dürfen.
5.6.2.3 Nebst der fehlenden Auseinandersetzung mit von anderen Ärzten
der Psychiatrie gestellten abweichenden Diagnosen äusserte sich Dr.
N._ auch nicht zu dem Widerspruch zwischen dem von ihm erho-
benen klinischen Befund und dem Ergebnis der testpsychologischen Un-
tersuchung (Beck-Depressions-Inventar), bei welcher die Beschwerdefüh-
C-3864/2017
Seite 24
rerin laut Gutachten einen Wert erzielt hatte, der für eine schwere depres-
sive Symptomatik spricht (vgl. act. 164.2, S. 7). Diesbezüglich besteht Klä-
rungsbedarf, umso mehr, als sich gemäss einer anderen Testung (Test of
Memory Malingering [TOMM-Test]) keine Hinweise auf das Vorliegen einer
Aggravation oder gar Simulation seitens der Beschwerdeführerin finden
liessen (act. 164.2, S. 8).
5.6.2.4 Zusammengefasst und im Sinne eines Zwischenfazits ist festzuhal-
ten, dass die Diagnosestellung und -begründung durch Dr. N._
nicht nachvollziehbar ist, weshalb diesbezüglich nicht auf das psychiatri-
sche (Teil-)Gutachten abgestellt werden kann.
5.6.3 Abgesehen von der mangelhaften Diagnosestellung vermag das Teil-
gutachten von Dr. N._ auch mit Blick auf die mit BGE 141 V 281
definierten versicherungsmedizinischen Massstäbe nicht zu überzeugen:
5.6.3.1 Die Kategorie “funktioneller Schweregrad“ beurteilt sich nach den
konkreten funktionellen Auswirkungen und insbesondere danach, wie stark
die versicherte Person in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen
Funktionen leidensbedingt beeinträchtigt ist (vgl. Urteil des BGer
9C_590/2017 vom 15. Februar 2018 E. 6.3 m.H.). Beim zum ersten Kom-
plex der “Gesundheitsschädigung“ gehörenden Indikator “Ausprägung der
diagnoserelevanten Befunde“ (vgl. E. 5.2.1 hiervor) geht es darum, die kon-
kreten Erscheinungsformen der diagnostizierten Gesundheitsschädigung
festzustellen, d. h. die Schwere und das Ausmass des Krankheitsgesche-
hens. Die Schwere des Krankheitsgeschehens ist vom Gutachter anhand
aller verfügbaren Elemente aus der diagnoserelevanten Ätiologie und Pa-
thogenese zu plausibilisieren (BGE 141 V 281 E. 4.3.1.1). Die vorliegend
festgestellten diagnostischen Mängel und Unklarheiten im psychiatrischen
Gutachten von Dr. N._ beschlagen unvermeidlich auch den Indika-
tor “Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde“. Es ist wie erwähnt nicht
klar, weshalb Dr. N._ zum Schluss kam, es lägen aus psychiatri-
scher Sicht “mittelgradige Befunde“ vor bzw. worin diese mittelgradigen Be-
funde konkret bestehen. Bei der Definition des Belastungsprofils hielt er in
Anlehnung an das Mini-ICF-APP fest, dass mittelgradige Beeinträchtigun-
gen verschiedener Fähigkeiten gegeben seien, ohne jedoch dabei auf die
psychopathologischen Befunde Bezug zu nehmen (act. 146.2, S. 11). Eine
Plausibilisierung der angegeben mittelgradigen Ausprägung der diagnose-
relevanten Befunde ist vor diesem Hintergrund nicht möglich.
C-3864/2017
Seite 25
5.6.3.2 Weiter hat unter dem Indikator “Komorbidität“ eine Gesamtbetrach-
tung der Wechselwirkungen und sonstigen Bezüge der diagnostizierten
psychischen Erkrankung(en) zu sämtlichen begleitenden krankheitswerti-
gen Störungen zu erfolgen (vgl. Urteil des BGer 9C_21/2017 vom 22. Feb-
ruar 2018 E. 5.2.1 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3; zur Ausdeh-
nung des strukturierten Beweisverfahrens auf sämtliche psychischen Er-
krankungen vgl. BGE 143 V 418 E. 6 und 7). Wie das Bundesgericht in
Präzisierung von BGE 141 V 281 in BGE 143 V 418 erkannt hat, fallen
Störungen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich be-
deutsame Komorbiditäten in Betracht, wenn ihnen im konkreten Fall res-
sourcenhemmende Wirkung beizumessen ist. Das strukturierte Beweisver-
fahren, wie es in BGE 141 V 281 definiert wurde, steht einer Aufteilung von
Einbussen auf einzelne Leiden entgegen, da es auf einer ergebnisoffenen
Gesamtbetrachtung in Berücksichtigung der Wechselwirkungen basiert
(Urteil 9C_21/2017 E. 5.2.1; BGE 143 V 418 E. 8.1). Im Sinne dieser ge-
forderten beschwerdeübergreifenden Gesamtbetrachtung hätten sämtli-
che körperlichen Leiden der Beschwerdeführerin in die Ressourcenbeur-
teilung miteinbezogen werden müssen. Zwar erwähnte Dr. N._ in
seinem Teilgutachten unter “Komorbiditäten“ die “Bluterkrankung“ und be-
urteilte deren Auswirkungen auf die psychische Erkrankung, jedoch liess
er die übrigen im internistischen Gutachten aufgeführten somatischen Di-
agnosen (act. 146.3, S. 5) unbeachtet. Insbesondere hinsichtlich der diag-
nostizierten beginnenden Gonarthrose beidseits hatte die Beschwerdefüh-
rerin gegenüber dem internistischen Gutachter über Schmerzen in beiden
Kniegelenken geklagt (act. 146.3, S. 2), womit eine ressourcenmindernde
Auswirkung dieser Erkrankung nicht ausgeschlossen werden kann. Aus
der Stellungnahme des rheumatologischen RAD-Arztes vom 23. Mai 2017,
wonach die Kniebeschwerden in einer leidensadaptierten Tätigkeit keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zur Folge hät-
ten, folgt nicht, dass diese im Rahmen der Ressourcenbeurteilung unbe-
achtlich sind (vgl. Urteil BGer 9C_658/2018 vom 11. Januar 2019 E. 4.3).
Nach dem Gesagten erweist sich die psychiatrische Abklärung betreffend
den Indikator “Komorbidität“ als unvollständig.
5.6.3.3 Betreffend den ebenfalls der Kategorie des funktionellen Schwere-
grades angehörenden Komplex “Persönlichkeit“ (Persönlichkeitsdiagnos-
tik, persönliche Ressourcen) finden sich keine Ausführungen zu den per-
sönlichen Ressourcen der Beschwerdeführerin, welche die psychiatrische
Beeinträchtigung kompensieren und damit die Leistungsfähigkeit begüns-
tigen könnten (vgl. Urteil des BGer 9C_658/2018 E. 5 m. H. auf BGE 141
V 281 E. 4.1.1). Da die Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person nach
C-3864/2017
Seite 26
neuer bundesgerichtlicher Rechtsprechung unter Berücksichtigung leis-
tungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensati-
onspotentialen (Ressourcen) andererseits zu bestimmen ist (BGE 141 V
281 E. 3.6), stellen die fehlenden gutachterlichen Angaben zu den persön-
lichen Ressourcen der Beschwerdeführerin einen Mangel dar. Infolge des-
sen, lässt sich auch die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. N._
nicht plausibilisieren.
5.6.4 Schliesslich erweisen sich die Angaben von Dr. N._ zum ret-
rospektiven Verlauf der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin als zu
vage. So hielt er fest, dass die beschriebenen Einschränkungen der Be-
schwerdeführerin seit dem 7. Dezember 2012 bestünden, und dass der
damals dokumentierten Arbeitsunfähigkeit von 100 %, insbesondere auf-
grund der erfolgten Krankenhausaufenthalte, durchwegs gefolgt werden
könne. Im Verlauf hätte dann jedenfalls in einer leidensadaptierten Ver-
weistätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 60 % erreicht werden können (act.
146.2, S. 12). Mangels konkreter zeitlicher Angaben unter Bezugnahme
auf die in den Akten vorhandenen echtzeitlichen fachpsychiatrischen Be-
richte, reichen die Aussagen von Dr. N._ nicht, um die Arbeitsfähig-
keit der Beschwerdeführerin in retrospektiver Hinsicht mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit beurteilen zu können.
5.6.5 Zusammengefasst genügt das psychiatrische (Teil-)Gutachten von
Dr. N._ weder den allgemeinen Beweisanforderungen noch den mit
BGE 141 V 281 definierten versicherungsmedizinischen Massstäben. Auf
das (Teil-)Gutachten sowie die darin attestierte Arbeitsunfähigkeit von 40
% kann folglich nicht abgestellt werden.
5.7 Die übrigen in den Akten liegenden psychiatrischen Berichte und Gut-
achten stellen ebenfalls keine rechtsgenügliche Grundlage zur Beurteilung
des psychischen Gesundheitszustands bzw. der Arbeitsfähigkeit der Be-
schwerdeführerin dar. Die behandelnde Psychiaterin Dr. F._ attes-
tierte der Beschwerdeführerin im jüngsten Verlaufsbericht vom 21. März
2016 eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit in jeder Tätigkeit, was angesichts
der angegebenen wenigen Befunde (angespannt und erschöpft wirkend,
Grundstimmung bedrückt, ängstlich besorgt, zielgerichteter Antrieb vermin-
dert, vorzeitige Erschöpfung, Konzentrationsminderung) und der niedrig-
frequenten psychotherapeutischen Behandlungstermine nicht nachvoll-
ziehbar erscheint (vgl. act. 132, S. 2). Aus ihren Berichten ist zudem zu
entnehmen, dass sie auch somatische Beschwerden und psychosoziale
Faktoren in ihre Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen miteinbezogen hatte (vgl.
C-3864/2017
Seite 27
act. 132, S. 2; act. 60). Gleiches gilt für Dr. K._, welcher in seinem
Gutachten vom 8. August 2016 zuhanden der DRV explizit festhielt, dass
die Beschwerdeführerin aufgrund der psychischen und somatischen Be-
schwerden in Kombination als erwerbsunfähig einzustufen sei (act. 142, S.
60).
6.
6.1 In somatischer Hinsicht stützte sich die Vorinstanz bzw. die IV-Stelle
C._ bei der Annahme, die Beschwerdeführerin sei in leidensadap-
tierten Tätigkeiten zu 100 % arbeitsfähig, auf das L._-Gutachten
vom 14. November 2016 und die Stellungnahme des rheumatologischen
RAD-Arztes Dr. M._ vom 23. Mai 2017 (act. 165).
6.2 Der internistische Gutachter der L._, Dr. med. O._,
Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, kam in seinem Teilgutachten zum
Schluss, dass bei der Beschwerdeführerin keine internistischen Diagnosen
mit Relevanz für die Arbeitsfähigkeit vorlägen. Zur Diagnose idiopathische
thrombozytopenische Purpura (nachfolgend: ITP) hielt er fest, dass der ins-
gesamt fünfjährige Verlauf als stabil bezeichnet werden könne, da grössere
Blutungen bisher nicht aufgetreten seien. Andere internistische Erkrankun-
gen lägen nicht vor. Die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und in einer Ver-
weistätigkeit lägen aus internistischer Sicht bei 100 % (act. 146.3, S. 5).
Die Beurteilung von Dr. O._ erscheint eher oberflächlich und lü-
ckenhaft. So fehlt es an Ausführungen zum Krankheitsbild der ITP und de-
ren möglichen gesundheitlichen Auswirkungen. Zudem steht seine Ein-
schätzung im ungeklärten Widerspruch zu anderen Arztberichten, in wel-
chen die ITP als arbeitsfähigkeitsrelevante Diagnose aufgeführt wurde. Im
Entlassungsbericht der Klinik D._ vom 28. Januar 2013 wurde bei-
spielsweise festgehalten, dass aufgrund der “Immunerkrankung“ (gemeint:
ITP) Einschränkungen bestünden, da diese zu einer sehr schnellen Er-
schöpfbarkeit und einer geringen Belastbarkeit führe (act. 9, S. 14). Dem-
gegenüber ging Dr. O._ ohne jegliche Begründung davon aus, dass
die von der Beschwerdeführerin geklagten Symptome der schnellen Er-
schöpfbarkeit und Müdigkeit dem psychischen Bereich zuzuordnen seien
(vgl. act. 146.3, S. 1 f.). Diese Ansicht erweckt in dieser Absolutheit doch
erhebliche Zweifel, zumal in der medizinischen Literatur diverse mit der ITP
verbundene Einschränkungen beschrieben werden; darunter kognitive Ein-
schränkungen, Fatigue, Schwäche, Depression, erhöhtes Infektionsrisiko,
Nebenwirkungen der ITP-Therapie (vgl. z. B. Matzdorff et al., Immunthro-
mobzytopenie – aktuelle Diagnostik und Therapie, Oncology Research and
C-3864/2017
Seite 28
Treatment, 2018; 41, S. 29 f., abrufbar unter: https://www.karger.com/Ar-
ticle/FullText/486384, zuletzt besucht am 25. Februar 2019). Vor diesem
Hintergrund greift die Begründung von Dr. O._, die ITP habe des-
wegen keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit, weil bisher keine grös-
seren Blutungen aufgetreten seien, zu kurz. Es erscheint ohnehin fraglich,
ob der Gutachter als Facharzt für Allgemeine Innere Medizin ohne (ersicht-
liche) weitere Spezialisierung die notwendigen fachlichen Kompetenzen
hat, um diese selten vorkommende Erkrankung (vgl. Matzdorff et al.,
a.a.O., S. 5) aus dem Spezialbereich Hämatologie unter Einbezug aller re-
levanten Kriterien zu beurteilen. Eine tiefergehende Auseinandersetzung
mit dem Krankheitsbild ist dem Gutachten jedenfalls nicht zu entnehmen.
6.3 Nachdem die Beschwerdeführerin im Einwandschreiben auf ihre Knie-
beschwerden hingewiesen hatte, legte die Vorinstanz bzw. die IV-Stelle
C._ die Angelegenheit dem rheumatologischen RAD-Arzt Dr.
M._ zur Beurteilung aufgrund der Akten vor. Dieser kam gemäss
seiner Stellungnahme vom 23. Mai 2017 zum Schluss, dass die sympto-
matische Gonarthrose beidseits mit rechts nachgewiesenen geringen de-
generativen Veränderungen (MRI des rechten Kniegelenks vom 29. Sep-
tember 2015, vgl. act. 146.4, S. 12) und klinisch dokumentierter normaler
Funktion beider Kniegelenke keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in
angepasster Tätigkeit begründe (act. 165, S. 2). An dieser Schlussfolge-
rung bestehen insofern Zweifel, als dass Dr. M._ sich in klinischer
Hinsicht mangels anderer Berichte ausschliesslich auf das internistische
(Teil-)Gutachten von Dr. O._ stützen konnte. Die Ausführungen von
Dr. O._ zu den Kniebeschwerden sind jedoch sehr spärlich. Er hielt
fest, dass die Beschwerdeführerin Schmerzen in beiden Kniegelenken an-
gegeben habe (act. 164.2, S. 2). Anamnestisch sei im Februar 2016 der
Nachweis eines Gelenkergusses im rechten Knie bei beginnender Gon-
arthrose rechts erfolgt, wobei ein Hämarthros nicht habe ausgeschlossen
werden können (act. 146.3, S. 3). Beim Befund zum Bewegungsapparat
gab er an, es bestünden arthrotische Reibegeräusche in beiden Kniege-
lenken, die jedoch wie die übrigen grossen Gelenke aktiv und passiv frei
beweglich seien (act. 146.3, S. 4). In der Folge führte er die initiale Gon-
arthrose beidseits ohne weitere Begründung und ohne die von der Be-
schwerdeführerin geklagten Knieschmerzen zu berücksichtigen als Diag-
nose ohne Relevanz für die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auf
(act. 164.3, S. 5). Nebst der mangelnden Begründung stellt sich auch die
Frage, ob Dr. O._ als Facharzt für Allgemeine Innere Medizin die
nötige Qualifikation zur fachgerechten und umfassenden Befunderhebung
C-3864/2017
Seite 29
und -beurteilung in Bezug auf eine rheumatologische/orthopädische Beein-
trächtigung aufweist. Nach dem Gesagten kann jedenfalls nicht mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit von einem feststehen-
den Sachverhalt und lückenlos erhobenen Befund in Bezug auf die Knie-
beschwerden ausgegangen werden. Dafür spricht auch der Umstand, dass
Dr. M._ nicht in der Lage war, die Arbeitsfähigkeit der Beschwerde-
führerin in der bisherigen Tätigkeit als Pflegehelferin, welche er bezugneh-
mend auf die Angaben im Arbeitsgeberfragebogen als körperlich schwere
Tätigkeit qualifizierte, aufgrund der Akten einzuschätzen, sondern diesbe-
züglich eine rheumatologische oder orthopädische Untersuchung als erfor-
derlich erachtete (act. 165, S. 2). Aufgrund der bestehenden nicht geringen
Zweifel an der Aktenbeurteilung von Dr. M._, kann darauf nicht ab-
gestellt werden (vgl. E. 4.4.3 hiervor).
6.4 Nach dem Gesagten bietet die Aktenlage auch in somatischer Hinsicht
keine genügende Grundlage zur Beurteilung des Gesundheitszustands
und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin.
7.
7.1 Im Ergebnis zeigt sich, dass die Vorinstanz den relevanten medizini-
schen Sachverhalt weder in psychiatrischer noch somatischer Hinsicht
rechtsgenüglich abgeklärt hat. Zudem hat sich die Vorinstanz, abgesehen
vom Antrag auf Abweisung der Beschwerde in ihrer Vernehmlassung da-
rauf beschränkt, auf die Ausführungen in der angefochtenen Verfügung zu
verweisen. Anlass zur Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels be-
stand vorliegend somit nicht, weshalb der entsprechende Verfahrensantrag
der Beschwerdeführerin abzuweisen ist. Mangels einer zuverlässigen me-
dizinischen Entscheidgrundlage ist es vorliegend nicht möglich, mit dem im
Sozialversicherungsrecht erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu beurteilen, ob und gegebenenfalls in welcher Höhe
und ab wann die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
7.2 Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung
des Sachverhaltes (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ist dann möglich, wenn sie in der
notwendigen Beantwortung der bisher ungeklärten Frage nach den Aus-
wirkungen des Gesundheitszustandes auf die Arbeits- respektive Leis-
tungsfähigkeit begründet liegt oder wenn lediglich eine Klarstellung, Präzi-
sierung oder Ergänzung gutachterlicher Ausführungen erforderlich ist
(Art. 61 Abs. 1 VwVG; vgl. BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4).
C-3864/2017
Seite 30
Bei regelmässiger Einholung von medizinischen Gerichtsgutachten litte die
Rechtsstaatlichkeit der Versicherungsdurchführung empfindlich und wäre
von einem Substanzverlust bedroht, wenn die Verwaltung von vornherein
darauf bauen könnte, dass ihre Arbeit ohnehin in jedem verfügungsweise
abgeschlossenen Sozialversicherungsfall auf Beschwerde hin gleichsam
gerichtlicher Nachbesserung unterläge (BGE 137 V 210 E. 4.2). Würde
eine gravierend mangelhafte Sachverhaltsabklärung im Verwaltungsver-
fahren durch Einholung eines Gerichtsgutachtens im Beschwerdeverfah-
ren korrigiert, bestünde zudem die konkrete Gefahr der unerwünschten
Verlagerung der den Durchführungsorganen vom Gesetz übertragenen
Pflicht zur Abklärung des rechtserheblichen medizinischen Sachverhalts
auf das Gericht mit entsprechender zeitlicher und personeller Inanspruch-
nahme der Ressourcen (BGE 137 V 210 E. 4.2; Urteil des BVGer
C-1358/2014 vom 11. Dezember 2015 E. 5). Überdies wäre damit der dop-
pelte Instanzenzug, den sich die Beschwerdeführerin vorliegend mit ihrem
Rückweisungsantrag ausdrücklich erhalten wollte (vgl. BVGer-act. 1, S. 2),
nicht gewahrt (Urteil des BVGer C-1882/2017 vom 3. April 2018 E. 6.1). Im
Weiteren liegen nicht an sich umfassende und beweiskräftige Gutachten
vor, welche indessen zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, so dass
sich die Frage nach der Anordnung eines Obergutachtens stellen würde
(vgl. BGE 136 V 156 E. 3.3, 125 V 351 E. 3b/aa mit Hinweisen).
7.3 Die Vorinstanz und die IV-Stelle C._ hätten die Mangelhaftigkeit
des L._-Gutachtens – sowohl aus psychiatrischer wie auch aus so-
matischer Sicht – bei genügender Sorgfalt erkennen können bzw. müssen.
Insbesondere ist zu beanstanden, dass Dr. G._ als Facharzt der
Psychiatrie auch die Beurteilung der Beweiskraft des für ihn fachfremden
internistischen Teilgutachtens überlassen worden war (vgl. Urteil des
BVGer C-1882/2017 vom 3. April 2018 E. 6.2).
7.4 Die erforderliche weitere medizinische Abklärung hat vorliegend – nach
Aktualisierung des medizinischen Dossiers – in Form einer interdisziplinä-
ren Begutachtung der Beschwerdeführerin stattzufinden. Nur so kann si-
chergestellt werden, dass alle relevanten Gesundheitsschädigungen er-
fasst und die daraus jeweils abgeleiteten Einflüsse auf die Arbeitsfähigkeit
würdigend in einem Gesamtergebnis ausgedrückt werden (vgl. dazu SVR
2008 IV Nr. 15 S. 44, E. 2.1). Geboten erscheinen Expertisen in den Fach-
bereichen Hämatologie, Orthopädie/Rheumatologie und Psychiatrie (letz-
tere unter Berücksichtigung der Standardindikatoren gemäss neuer bun-
desgerichtlicher Rechtsprechung, BGE 143 V 418; 143 V 409; 141 V 281).
Ob neben den genannten Fachdisziplinen auch noch weitere Spezialisten
C-3864/2017
Seite 31
beigezogen werden, ist dem pflichtgemässen Ermessen der Gutachter zu
überlassen, zumal es primär ihre Aufgabe ist, aufgrund der konkreten Fra-
gestellung über die erforderlichen Untersuchungen zu befinden (vgl. dazu
Urteil des BGer 8C_124/2008 vom 17. Oktober 2008 E.6.3.1). Betreffend
den zu beurteilenden Zeitraum haben die Gutachter sinnvollerweise die
Entwicklung des Gesundheitszustands und den Verlauf der Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin seit Juli 2012 bis zum Zeitpunkt der neuen Begut-
achtung miteinzubeziehen und zu beurteilen.
7.5 Die polydisziplinäre Begutachtung hat vorliegend in der Schweiz zu er-
folgen, zumal die Abklärungsstelle mit den Grundsätzen der schweizeri-
schen Versicherungsmedizin vertraut sein muss (vgl. dazu Urteil des BGer
9C_235/2013 vom 10. September 2013 E. 3.2; Urteile des BVGer
C-5862/2014 vom 5. April 2016 E. 5.2 und C-329/2014 vom 8. Juli 2015
E. 5.3.1 je mit Hinweis auf C-4677/2011 vom 18. Oktober 2013 E. 3.6.3).
Der Beschwerdeführerin ist das rechtliche Gehör zu gewähren und es ist
ihr Gelegenheit zu geben, Zusatzfragen zu stellen (BGE 137 V 210
E. 3.4.2.9 S. 258 ff.). Gründe, welche eine Begutachtung in der Schweiz
als unverhältnismässig erscheinen liessen, sind vorliegend keine ersicht-
lich. Des Weiteren erfolgt die Gutachterauswahl bei polydisziplinären Be-
gutachtungen in der Schweiz nach dem Zufallsprinzip (vgl. dazu BGE 139
V 349 E. 5.2.1 und Art. 72bis Abs. 2 IVV), was im Interesse der Verfahrens-
beteiligten liegt, wobei vorliegend die Zufallsauswahl der Gutachterstelle
aufgrund des Ausgeführten unter Ausschluss der L._ AG zu erfol-
gen haben wird.
7.6 Im Ergebnis ist die Beschwerde im Subeventualantrag gutzuheissen
und die Angelegenheit somit unter Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung vom 9. Juni 2017 zur Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen
im Sinne der Erwägungen und anschliessender neuer Verfügung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
8.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG
die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei. Da eine
Rückweisung praxisgemäss als Obsiegen der Beschwerde führenden Par-
tei gilt (BGE 132 V 215 E. 6), sind im vorliegenden Fall der Beschwerde-
führerin keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Der geleistete Vorschuss
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von Fr. 800.– ist der Beschwerdeführerin nach Eintritt der Rechtskraft des
vorliegenden Urteils zurückzuerstatten. Der unterliegenden Vorinstanz
werden von Gesetzes wegen keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63
Abs. 2 VwVG).
8.2 Die Beschwerdeführerin hat Anspruch auf eine Parteientschädigung,
die von der Vorinstanz zu leisten ist (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m.
Art. 7 ff. VGKE) Da seitens der Rechtsvertreterin keine Kostennote einge-
reicht wurde, ist die Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen (14
Abs. 2 Satz 2 VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensausgangs,
des gebotenen und aktenkundigen Aufwands, des durchgeführten einfa-
chen Schriftenwechsels, des Umstandes, dass die Beschwerdeführerin be-
reits im vorinstanzlichen Verfahren durch ihre Rechtsvertreterin vertreten
war, der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des vorliegend
zu beurteilenden Verfahrens sowie in Anbetracht der in vergleichbaren Fäl-
len gesprochenen Entschädigungen ist eine Parteientschädigung von
Fr. 2'300.– (inkl. Auslagen, ohne Mehrwertsteuer [vgl. dazu z. B. Urteil des
BVGer C-1741/2014 vom 28. April 2016 E. 8.3 mit Hinweisen]; Art. 9 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 10 Abs. 2 VGKE) gerechtfertigt.
Für das Dispositiv wird auf die nächste Seite verwiesen.
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