Decision ID: 35395fa0-9c45-51c9-9a29-5a9a280b4f86
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 29. März 2015 zusammen mit seiner
Tante, B._ (N [...]), um Asyl in der Schweiz.
B.
B.a Mit Verfügung des SEM vom 19. August 2015 trat das SEM auf das
Asylgesuch nicht ein und wies den Beschwerdeführer in den zuständigen
Dublin-Mitgliedsstaat (Portugal) weg. Der für den Vollzug zuständige Kan-
ton C._ wurde angewiesen, allfällige Vollzugsmassnahmen mit
denjenigen der Tante zu koordinieren.
B.b Auf die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde vom 18. Sep-
tember 2015 trat das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-5863/2015
vom 24. September 2015 nicht ein. Bereits zuvor hatte das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil D-5300/2015 vom 4. September 2015 die Be-
schwerde der Tante des Beschwerdeführers gegen die sie betreffende
Nichteintretensverfügung des SEM vom 19. August 2015 abgewiesen.
C.
In der Folge teilte das Migrationsamt des Kantons C._ dem SEM
mit, dass die Tante des Beschwerdeführers seit dem 21. Oktober 2015 ver-
schwunden und ihr Aufenthaltsort unbekannt sei.
D.
D.a Der Beschwerdeführer reichte beim SEM als nunmehr unbegleiteter
Minderjähriger am 23. Oktober 2015 ein Wiedererwägungsgesuch ein.
D.b Das SEM hiess dieses Gesuch mit Verfügung vom 4. Januar 2016 gut,
hob seine Verfügung vom 19. August 2015 auf und nahm das nationale
Asylverfahren wieder auf.
D.c Mit Beschwerde vom 15. Januar 2015 liess der Beschwerdeführer
diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht anfechten, da sich das
SEM nicht mit den gestellten Anträgen auf Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege beziehungsweise Zusprechung einer Parteientschädigung
befasst habe. In der Folge wies das SEM mit Verfügung vom 2. Mai 2016
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege das Wieder-
erwägungsverfahren betreffend ab. Diesen Entscheid liess der Beschwer-
deführer mit neuerlicher Beschwerde vom 9. Mai 2016 anfechten. Das
Bundesverwaltungsgericht schrieb daraufhin das Beschwerdeverfahren
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Seite 3
D-327/2016 (die Verfügung vom 4. Januar 2016 betreffend) mit Entscheid
vom 27. Mai 2016 als gegenstandslos geworden ab. Die Beschwerde ge-
gen die Verfügung des SEM vom 2. Mai 2016 wurde gleichentags vom
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-2896/2016 abgewiesen.
D.d Mit Verfügung vom 11. Juli 2017 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylge-
such ab. Er wurde aus der Schweiz weggewiesen, jedoch wurde die Weg-
weisung infolge Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme
aufgeschoben. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
E.
Mit Urteil des Jugendgerichts des Kantons C._ vom (...) 2018
wurde der Beschwerdeführer der (...) schuldig gesprochen und zu einem
Freiheitsentzug von sieben Monaten, bedingt, mit einer Probezeit von zwei
Jahren verurteilt. Laut Beschwerde sei gegen diesen Entscheid Berufung
eingereicht worden. Das (...)gericht des Kantons C._ habe diese
mit Entscheid vom (...) 2020 teilweise gutgeheissen und auf eine Freiheits-
strafe von fünf Monaten, bedingt, mit einer Probezeit von zwei Jahren, er-
kannt (vgl. E. 5.3).
F.
Mit Schreiben vom 27. April 2020 teilte das SEM dem Beschwerdeführer
mit, dass aufgrund seiner zwischenzeitlich erreichten Volljährigkeit erwo-
gen werde, die vorläufige Aufnahme aufzuheben und den Vollzug der Weg-
weisung anzuordnen. Gleichzeitig erhielt er Gelegenheit, bis zum 26. Mai
2020 eine Stellungnahme einzureichen. Eine solche ging beim SEM nicht
ein.
G.
Das Migrationsamt des Kantons C._ teilte dem SEM mit Schreiben
vom 6. Mai 2020 mit, dass es keine Bemerkungen zur Aufhebung mitzutei-
len habe.
H.
Mit Verfügung vom 15. Juni 2020 – eröffnet am 23. Juni 2020 – hob das
SEM die am 11. Juli 2017 angeordnete vorläufige Aufnahme auf, forderte
den Beschwerdeführer auf, die Schweiz innert Frist zu verlassen, und be-
auftragte den Kanton C._ mit dem Vollzug der Wegweisung.
D-3705/2020
Seite 4
I.
I.a Am 22. Juli 2020 liess der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid
durch seine Rechtsvertreterin Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und ihm sei weiterhin die vorläufige Aufnahme zu belassen, eventualiter
sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeur-
teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
wurde um die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechts-
verbeiständung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses ersucht. Zudem sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu
erteilen und es sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer den Ausgang
des Beschwerdeverfahrens in der Schweiz abwarten könne.
I.b Der Beschwerde lagen folgende Beweismittel bei:
- Vollmacht
- Angefochtene Verfügung
- Zustellcouvert
- Schreiben Dr. med. D._, E._ vom 29. August 2019
- Arztbericht (...), (...), vom 16. Dezember 2019
- Arztbericht Dr. med. D._, E._ vom 15. Januar 2020
- Schreiben F._, (...), vom 20. Januar 2020
- Schreiben pract. med. G._, E._, vom 21. Januar 2020
- Bericht (...) vom 21. Juli 2020
- Bestätigung Vereinsmitgliedschaft (...) vom 24. November 2017
- Schreiben Verein (...) vom 12. Juni 2018
- Anmeldebestätigung (...) vom 25. Februar 2020 betreffend Deutschkurs
- Motivationsschreiben
- Diverse Bewerbungsunterlagen und Schnupperlehrbeurteilungen
- Arbeitsbestätigung (...) vom 1. Februar 2019
- Zuweisungsentscheid des Erziehungsdepartements des Kantons C._ vom 14. Juni 2018
- Kursbestätigungen (...) vom 20. und 22. Juli 2020
- Unterstützungsbestätigung der Sozialhilfe C._ vom 20. Juli 2020
J.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 23. Juli 2020 den Eingang
der Beschwerde.
D-3705/2020
Seite 5
K.
Mit Verfügung vom 18. August 2020 trat der Instruktionsrichter auf das Ge-
such um Erteilung der aufschiebenden Wirkung nicht ein und stellte fest,
der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten und die vorläufige Aufnahme bleibe bis zum Abschluss des Be-
schwerdeverfahrens bestehen. Im Weiteren hiess er die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Be-
schwerdeführers gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, eine Vernehmlassung
einzureichen.
L.
Das SEM liess sich mit Eingabe vom 28. August 2020 zur Beschwerde ver-
nehmen.
M.
Dem Beschwerdeführer wurde mit Instruktionsverfügung vom 2. Septem-
ber 2020 Gelegenheit gegeben, eine Replik einzureichen.
N.
In der Folge liess dieser innert erstreckter Frist mit Eingabe vom 12. Okto-
ber 2020 replizieren. Gleichzeitig wurde ein Behandlungseintrag der (...),
E._, vom 16. September 2020 eingereicht.
O.
Die Rechtsvertreterin teilte dem Gericht mit Schreiben vom 20. Oktober
2020 mit, dass sich der Beschwerdeführer seit dem (...) 2020 in einem be-
fristeten Arbeitsverhältnis mit der (...) befinde, und dass gute Chancen be-
stünden, dass dieses unbefristet weitergeführt werde. Der Arbeitsvertrag
vom (...) 2020 lag der Eingabe bei.
P.
Mit Zwischenverfügung vom 23. September 2021 forderte der Instruktions-
richter den Beschwerdeführer auf, bis zum 8. Oktober 2021 seine allenfalls
weiterhin bestehende Bedürftigkeit zu belegen und allfällige Arbeitszeug-
nisse und Informationen einzureichen.
Q.
Der Beschwerdeführer liess dem Gericht innert erstreckter Frist mit Ein-
gabe vom 15. Oktober 2021 Informationen zu seinen Arbeitstätigkeiten und
D-3705/2020
Seite 6
finanziellen Verhältnissen zusammen mit den folgenden Unterlagen zu-
kommen:
- Bestätigungsschreiben (...) vom 6. September 2021
- Lohnabrechnung (...) für November 2020
- Vereinbarung (...) vom 10. Februar 2021
- Vereinbarung (...) vom 1. März 2021
- Auflösung Vereinbarung (...) vom 10. Mai 2021
- Einsatzvertrag (...) vom 21. Mai 2021
- Lohnausweis 2021 (...) vom 4. August 2021
- Arbeitsvertrag (...) vom 9. September 2021
- Lohnabrechnung (...) für September 2021
- Zwischenzeugnis (...) vom 12. Oktober 2021
- Unterstützungsbestätigung Sozialhilfe C._ vom 29. September 2021
- Bestätigung über Ablösung von der Sozialhilfe C._ vom 12. Juli 2021
- Formular "Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege"
- Police Krankenversicherung 2021
- Kopie (...)
- Screenshot Kontostand Postfinance
- Mietvertrag vom (...) 2021

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det im Bereich der Aufhebung der vorläufigen Aufnahme endgültig (Art. 84
Abs. 2 AIG [SR 142.20]; Art. 83 Bst. c Ziff. 3 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 112 Abs. 1 AIG
i.V.m. Art. 37 VGG, Art. 48, Art. 50 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist – vorbehältlich der Erwägung 3 – einzutreten.
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Seite 7
2.
Mit der Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts und die Unangemes-
senheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 49 VwVG, vgl. hierzu
auch BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gemäss Art. 55 Abs. 1 VwVG hat die Beschwerde in Verwaltungssachen
aufschiebende Wirkung und das SEM hat die aufschiebende Wirkung der
Beschwerde nicht entzogen (Art. 55 Abs. 2 VwVG). Der Instruktionsrichter
ist deshalb mit Verfügung vom 18. August 2020 auf das Gesuch um Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung nicht eingetreten (vgl. Bst. K).
4.
4.1 Ist der Vollzug einer verfügten Aus- oder Wegweisung nicht möglich,
nicht zulässig oder nicht zumutbar, so verfügt das SEM die vorläufige Auf-
nahme (Art. 83 Abs. 1 AIG). Es überprüft hernach periodisch, ob die Vo-
raussetzungen für die vorläufige Aufnahme noch gegeben sind und ordnet
gegebenenfalls deren Vollzug an (Art. 84 Abs. 1 und 2 AIG). Dies ist der
Fall, wenn der Vollzug der rechtskräftig angeordneten Wegweisung (nun-
mehr) zulässig ist und es der ausländischen Person zumutbar und möglich
ist, sich in ihren Heimat-, den Herkunfts- oder einen Drittstaat zu begeben
(Art. 83 Abs. 2-4 AIG).
4.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernis-
sen gilt gemäss ständiger Praxis derselbe Beweisstandard wie bei der
Flüchtlingseigenschaft. Diese sind folglich zu beweisen, wenn der strikte
Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.
BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
D-3705/2020
Seite 8
5.
5.1 Die Vorinstanz hielt in ihrem Asylentscheid vom 11. Juli 2017 (unter an-
derem) fest, der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers in seinen
Heimatstaat sei in Würdigung sämtlicher Umstände und unter Berücksich-
tigung der Aktenlage, insbesondere seiner persönlichen Situation, im ge-
genwärtigen Zeitpunkt nicht zumutbar.
5.2 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führt das SEM aus, eine
zwangsweise Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat Angola
sei vorab aufgrund seiner Minderjährigkeit während des Asylverfahrens so-
wie in Würdigung sämtlicher Umstände (fehlende Ausbildung, geltend ge-
machtes fehlendes Beziehungsnetz im Heimatland) zum damaligen Zeit-
punkt als unzumutbar erachtet worden. Unterdessen sei der Beschwerde-
führer seit bald (...) Jahren volljährig, weshalb das Hauptargument für die
ursprüngliche Anordnung seiner vorläufigen Aufnahme weggefallen sei. Er
habe die Möglichkeit zur Stellungnahme nicht genutzt und darauf verzich-
tet, individuelle Gründe anzuführen, die aus seiner Sicht gegen eine Rück-
kehr in sein Heimatland sprechen könnten. Aus den Akten sei nicht ersicht-
lich, dass ihm die Einreichung einer Stellungnahme nicht möglich gewesen
wäre, weshalb er die Folgen der verweigerten Mitwirkungspflicht nach
Art. 90 AIG vollumfänglich zu tragen habe. Bei der Beurteilung der indivi-
duellen Zumutbarkeit einer Rückkehr nach Angola müsse sich das SEM
deshalb weitgehend auf die Akten aus dem vorangegangenen Asylverfah-
ren stützen. Dort habe der Beschwerdeführer mehrere Personen angege-
ben, die ihm bei der Ausreise aus Angola oder bei der Flucht vor der Polizei
geholfen hätten. Es sei deshalb davon auszugehen, dass er im Heimatland
durchaus Kontakte gehabt und Beziehungen gepflegt, sich mithin in einem
sozialen Netz bewegt habe. Da seine Abwesenheit aus Angola mit fünf
Jahren noch relativ kurz sei, könne vom Beschwerdeführer erwartet wer-
den, dass er seine früheren Kontakte und Beziehungen wieder reaktiviere
und auf diese Weise zumindest in einer Anfangsphase seiner Reintegration
die notwendige Unterstützung erhalten werde. Im Weiteren habe er im
Asylverfahren angegeben, in Angola zumindest teilweise die Schule be-
sucht und (...) zu haben. Damit habe er bereits vor seiner Ankunft in der
Schweiz über gewisse, wenngleich bescheidene schulische und berufliche
Kompetenzen verfügt. In der Schweiz habe er eine (...)klasse besucht und
– wie sich aus dem Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) er-
gebe – einen Kurzeinsatz als (...) geleistet. Auf diese zusätzlich gesam-
melte Erfahrung könne er bei einer wirtschaftlichen Reintegration in Angola
ebenfalls zurückgreifen. Ausserdem sei der Wegweisungsvollzug zulässig
und möglich.
D-3705/2020
Seite 9
Nachdem das ursprüngliche primäre Vollzugshindernis der Minderjährig-
keit weggefallen sei und auch keine anderen Vollzugshindernisse festge-
stellt worden seien, sei das öffentliche Interesse an der Aufhebung der vor-
läufigen Aufnahme als erheblich einzustufen. Demgegenüber würden
keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich der Beschwerdeführer wäh-
rend seines bisherigen, relativ kurzen hiesigen Aufenthalts von fünf Jahren
in sprachlicher, sozialer oder wirtschaftlicher Hinsicht überdurchschnittlich
beziehungsweise überhaupt integriert hätte und dass daraus eine ausser-
ordentlich enge Beziehung zur Schweiz abzuleiten wäre. Auch würden
keine Informationen über allfällige Familienangehörige in der Schweiz vor-
liegen. Gegen die Annahme einer positiven Integration in der Schweiz
spreche des Weiteren ein dem SEM vorliegendes Urteil des Jugendge-
richts des Kantons C._ vom (...) 2018, mit welchem der Beschwer-
deführer der (...) schuldig gesprochen und zu einem siebenmonatigen Frei-
heitsentzug verurteilt worden sei. Über seine Kindheit oder sein Bezie-
hungsnetz in Angola habe er auch vor dem Jugendgericht mehrheitlich die
Aussage verweigert. Auf die Aufforderung zur Einreichung einer Stellung-
nahme im Rahmen des rechtlichen Gehörs habe er nicht reagiert. Wenn
dem SEM somit keine weitergehenden Informationen bezüglich einer all-
fälligen Integration vorliegen würden respektive diese im vorliegenden Ver-
fahren nicht berücksichtigt werden könnten, so habe dies der Beschwerde-
führer mit Blick auf Art. 90 AIG vorab selber zu verantworten. Aufgrund der
noch relativ kurzen Landesabwesenheit könne im Übrigen angenommen
werden, dass für den Beschwerdeführer eine Rückkehr in sein Heimatland,
wo er seine gesamte Kindheit sowie einen Teil seiner Jugend verbracht
habe, nicht mit grösseren Anpassungsschwierigkeiten verbunden sein
sollte.
5.3 In der Beschwerde wird argumentiert, der Beschwerdeführer habe
nach wie vor kein tragfähiges familiäres oder anderweitiges soziales Be-
ziehungsnetz in Angola. Er habe Angola im Alter von (...) Jahren verlassen.
Seinen Vater habe er nie kennengelernt und er wisse nichts über ihn. Seine
Mutter habe ihn verlassen, als er noch klein gewesen sei, und er habe seit-
her keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt. Er wisse nicht, wo sie sich aufhalte
und ob sie überhaupt noch lebe. Deshalb sei er bei seiner Tante mütterli-
cherseits in sozial sehr schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Die
Tante habe ihn kurz nach der Einreise in die Schweiz unangekündigt ver-
lassen, und er habe von ihr nie mehr etwas gehört. Andere Familienange-
hörige habe er in Angola keine oder auf jeden Fall keine Kenntnisse dar-
über. Es sei nicht nachvollziehbar, dass nun die Beurteilung desselben
Sachverhalts aus den Asylakten zu einem anderen Ergebnis führen solle.
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Seite 10
Bei der einen Person, welche ihm und seiner Tante bei der Flucht aus An-
gola geholfen habe, handle es sich um einen Kollegen des Freundes der
Tante, der sie beherbergt habe. Er (der Beschwerdeführer) habe diesen
Mann nicht gut gekannt. Nach dem Verschwinden des Freundes der Tante
hätten sie zwar in einer kleinen Wohnung dieses Mannes leben können; er
habe aber nur wenig Kontakt zu ihm gehabt. Die minimale Unterstützung,
welche die Tante durch die beiden Männer erfahren habe, sei klar von der
Beziehung zu dieser abhängig gewesen und durch den Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr nicht mehr einzuholen. Abgesehen davon sei der
Freund der Tante seit dessen Verhaftung durch die Polizei im (...) 2013
verschwunden. Auch vom Kollegen des Freundes der Tante habe der Be-
schwerdeführer seit der Ausreise nichts mehr gehört und wisse nicht, wo
er sich aufhalte. Von Italien bis in die Schweiz seien sie sodann von einer
anderen, nicht aus Angola stammenden Person begleitet worden. Diese
habe der Beschwerdeführer zuvor noch nie gesehen und auch danach
habe er nie mehr Kontakt zu ihr gehabt. Angesichts seines ihm strafrecht-
lich zustehenden Aussageverweigerungsrechts dürfe ihm nicht negativ an-
gelastet werden, im Jugendstrafverfahren keine Auskunft zu seinem Bezie-
hungsnetz in Angola gegeben zu haben. Im Weiteren sei nicht davon aus-
zugehen, dass ihm eine berufliche Eingliederung in Angola glücken sollte.
Er habe die Schule frühzeitig abgebrochen und Angola bereits mit (...) Jah-
ren verlassen. Einen Beruf habe er dort keinen erlernt. Bei seiner gelegent-
lichen Arbeit in einer (...) sei er noch ein Kind gewesen. Ausserdem habe
er diesen Job nur erhalten, weil sein Arbeitgeber der Freund der Tante ge-
wesen sei. Aufgrund dessen Verhaftung im (...) 2013 und unklaren Schick-
sals könne nicht davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr wieder bei ihm arbeiten könnte und somit Unterstützung
bei der beruflichen Eingliederung erhielte. Auch in der Schweiz habe er
noch keine Berufsbildung abgeschlossen. Die Schulbesuche in der
Schweiz seien für seine Integration im Heimatland nicht von Nutzen. Er sei
motiviert auf der Suche nach einer Lehrstelle im handwerklichen Bereich,
leider bisher ohne Erfolg. Die traumatischen Erlebnisse in der Kindheit und
die schwierige Situation als unbegleiteter Minderjähriger in der Schweiz
hätten ihn psychisch stark belastet. Daher habe er viele schulische Absen-
zen gehabt und das Brückenangebot vor dem Ende des letzten Schuljah-
res abbrechen müssen. Mittlerweile bereue er dies und arbeite hart daran,
sich eine sichere Zukunft in der Schweiz aufzubauen. Durch das Corona-
virus habe sich die Lage in Angola sehr verschlechtert. Die bereits zuvor
hohe Armuts- und Arbeitslosenrate sei seither drastisch angestiegen. Dass
er in einem solchen Arbeitsmarkt ohne Ausbildung und Unterstützung Fuss
fassen könne, sei unwahrscheinlich. Es sei davon auszugehen, dass er in
D-3705/2020
Seite 11
seinem Heimatland völlig auf sich alleine gestellt wäre, was gerade ange-
sichts der Covid-19-Situation für ihn fatale Auswirkungen hätte. Erschwe-
rend komme seine gesundheitliche Situation hinzu. Nach fünf herausfor-
dernden Jahren sei es ihm endlich gelungen, ein soziales Umfeld aufzu-
bauen und zu pflegen und neue Motivation zu finden, sich beruflich zu etab-
lieren. Diese neu gewonnene Stabilität sei bedingt durch die Kontinuität
seiner Lebensumstände in der Schweiz und das Gefühl von Sicherheit. Bei
einem erneuten Herausreissen aus seinem Umfeld würde sich sein psychi-
scher Zustand verschlimmern und negativ auf eine berufliche Eingliede-
rung im Heimatland auswirken. Ausserdem sei am 26. Dezember 2019
eine (...) diagnostiziert und durch den behandelnden Arzt eine (...) alle
zwei bis drei Jahre indiziert worden. Solche regelmässigen Kontrollen wä-
ren dem Beschwerdeführer in Angola finanziell nicht zumutbar. Zudem
habe eine psychogene Komponente des (...) nicht ausgeschlossen werden
können, und es bestehe der Verdacht einer Depression im Rahmen einer
Anpassungsstörung. Der Beschwerdeführer werde bald eine psychologi-
sche Beratung beginnen und entsprechende Berichte nachreichen.
Das persönliche Interesse des Beschwerdeführers am Verbleib in der
Schweiz sei aufgrund seiner fortgeschrittenen Integration als hoch zu ge-
wichten. Er schätze die schweizerische Kultur, die politische Demokratie
sowie die sprachliche und kulturelle Vielfalt. In den letzten Jahren habe er
ein zwar kleines, aber stabiles soziales Umfeld aufbauen können, welches
viel zu seiner Integration beigetragen habe. Er werde als respektvoller, an-
ständiger und sympathischer Mensch wahrgenommen, der um seine gute
Integration bemüht sei. Zudem sei er leidenschaftlicher (...). Von 2017 bis
2019 habe er im (...) trainiert. Nun sei er Mitglied des (...) in E._
und trainiere dort zwei Mal pro Woche. Die Vereinstätigkeit habe ihm sehr
geholfen, ein soziales Umfeld aufzubauen. Die deutsche Sprache beherr-
sche er mittlerweile auf einem mündlichen Niveau A2. Aufgrund der vielen
Schweizer Freunde verstehe und spreche er sogar immer häufiger auch
Schweizerdeutsch. Er sei sich bewusst, dass er sich weiterhin bemühen
müsse, seine Sprachkenntnisse zu verbessern, vor allem hinsichtlich sei-
ner beruflichen Eingliederung. Ein Intensiv-Deutschkurs auf dem Niveau
A2.2 habe jedoch coronabedingt wieder abgebrochen werden müssen.
Aufgrund seiner schwierigen Situation als unbegleiteter Minderjähriger und
den damit verbundenen psychischen Problemen habe er in der Schweiz
zunächst Mühe gehabt, sich für die Schule zu motivieren. Er habe lieber
gleich eine richtige Arbeit finden und finanziell unabhängig sein wollen. Da-
mit seien auch seine Absenzen zu erklären. Er habe in der Zwischenzeit
viel an sich gearbeitet und verstanden, wie wichtig der Abschluss einer
D-3705/2020
Seite 12
Ausbildung sei. Bereits während der (...)klasse habe er sich fleissig auf
Lehrstellen beworben und verschiedene Schnupperlehren und Praktika ab-
solvieren können. Zwischenzeitlich sei er sogar in einem befristeten Ar-
beitsverhältnis bei der (...) gewesen. Von (...) 2018 bis (...) 2020 habe er
aus eigener Initiative das (...) für arbeitslose Jugendliche besucht, welches
ihn umso mehr motiviere, sobald wie möglich eine Berufsausbildung zu ab-
solvieren und finanziell unabhängig zu leben. Die gegen das Urteil des Ju-
gendgerichts des Kantons C._ vom (...) 2018 eingereichte Beru-
fung sei mit Entscheid vom (...) 2020 teilweise gutgeheissen worden. Die
Freiheitsstrafe sei auf fünf Monate reduziert worden, bedingt zu vollziehen
bei einer Probezeit von zwei Jahren. Bereits das Jugendgericht habe die
Strafe bedingt ausgesprochen, weil der Beschwerdeführer sein Aggressi-
onspotential seither im Griff habe und von einer guten Legalprognose aus-
zugehen sei. Er bereue seine damaligen Taten sehr und habe aus den Feh-
lern gelernt. Die letzte Tat habe er im (...) 2017 begangen, und er sei seit-
her nicht mehr straffällig geworden. Zu den Tatzeitpunkten sei er noch min-
derjährig gewesen und habe sich in einer sehr schwierigen Situation be-
funden. Er sei von seiner Tante verlassen worden und habe sich alleine in
einem fremden Land befunden, in welchem er die Sprache nicht beherrscht
habe, sozial ausgegrenzt worden sei und keine familiäre Bezugsperson
gehabt habe. Vor diesem Hintergrund wäre es unverhältnismässig, ihm
aufgrund dieser bereits mehrere Jahre zurückliegenden Taten die positive
Integration abzusprechen. Das öffentliche Interesse der Schweiz an einer
restriktiven Einwanderungspolitik vermöge die mit einer Rückkehr verbun-
denen verheerenden humanitären Folgen unter Würdigung der guten In-
tegration in der Schweiz nicht zu überwiegen. Die ungenügende Güterab-
wägung des SEM verletze die durch Art. 96 AIG statuierten Orientierungs-
linien für die Ermessensausübung. Es liege deshalb eine unangemessene
Verfügung vor, welche den Beschwerdeführer in einer unverhältnismässi-
gen Härte treffe.
Was die angebliche Verletzung der Mitwirkungspflicht anbelange, habe das
SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör mitten im Corona-Lock-
down gewährt. Er sei zu diesem Zeitpunkt nicht anwaltlich vertreten und
der Zugang zu den kantonalen Rechtsberatungsstellen erschwert und nur
beschränkt verfügbar gewesen. Ohne fachliche Unterstützung sei er nicht
in der Lage gewesen, die Wichtigkeit des Schreibens zu erkennen. Die un-
zureichende Berücksichtigung der aktuellen persönlichen Verhältnisse so-
wie die unzutreffende Behauptung, er verfüge in Angola über ein soziales
Netzwerk und Chancen, sich beruflich einzugliedern, seien mit dem Unter-
suchungsgrundsatz nicht vereinbar.
D-3705/2020
Seite 13
5.4 In der Vernehmlassung wird dem entgegengehalten, der Beschwerde-
führer sei mittlerweile (...) Jahre alt und damit volljährig. Im Gegensatz zum
Zeitpunkt des Asylentscheides habe er zudem mittlerweile eine gewisse
Schulbildung genossen, welche ihm bei der Bewältigung des Alltags – ob
in der Schweiz oder Angola – durchaus von Nutzen sein könne. Bezüglich
der Tante sei vorab anzumerken, dass diese lediglich (...) Jahre älter sei
als der Beschwerdeführer. Dass er seine ganze Kindheit lediglich in deren
Obhut verbracht haben solle und diese die einzige Bezugsperson respek-
tive sein ganzes soziales Umfeld dargestellt habe, erscheine unglaubhaft.
Es sei zudem schwer nachvollziehbar, dass die Tante den (...) Jahre jün-
geren Neffen zwar während vieler Jahre aufgezogen und betreut habe, die-
sen aber nach der gemeinsamen Einreise in die Schweiz nach kurzer Zeit
unangekündigt verlassen und den Kontakt zu ihm gleich komplett abgebro-
chen habe. Dass die sozialen Verhältnisse, in welchen der Beschwerde-
führer aufgewachsen sei, schwierig gewesen seien, werde nicht bestritten.
Es erscheine aber wenig glaubhaft, dass er abgesehen von der Tante über
kein soziales Beziehungsnetz im Heimatland oder in einem Drittstaat ver-
füge. Im Asylentscheid sei denn auch festgehalten worden, dass die Aus-
sagen des Beschwerdeführers nur begrenzt glaubhaft seien. Trotzdem sei
die vorläufige Aufnahme vorab aufgrund der Gesamtumstände respektive
seiner persönlichen Situation, wozu unter anderem die Minderjährigkeit ge-
hört habe, verfügt worden. Dass er tatsächlich über kein soziales Netzwerk
verfügt habe, habe das SEM mangels Glaubhaftigkeit der Aussagen nie
ausdrücklich festgehalten. Die Anforderungen an die Stabilität und die
Dichte eines familiären oder sozialen Beziehungsnetzes seien im Rahmen
der Überprüfung einer vorläufigen Aufnahme für eine volljährige Person
weniger hoch anzusetzen als für eine minderjährige Person. Von einer voll-
jährigen Person könne erwartet werden, dass sie im Heimatland bei ihrer
Rückkehr auf weniger Unterstützung angewiesen sei und den Aufbau eines
Beziehungsnetzes sowie die Reintegration selbständig an die Hand neh-
men könne. Eine fehlende Berufserfahrung in der Schweiz sowie die Co-
vid-19-Situation im Heimatland vermöchten an dieser Einschätzung nichts
zu ändern. An der schlechten Nachvollziehbarkeit der im Asylverfahren ge-
machten Aussagen habe sich ebenfalls nichts geändert. Wenn im Asylent-
scheid dennoch zugunsten einer vorläufigen Aufnahme entschieden wor-
den sei, müsse nach Erreichen der Volljährigkeit nicht zwingend an deren
Fortbestand festgehalten werden, selbst wenn keine neuen Erkenntnisse
hinsichtlich des sozialen Beziehungsnetzes ersichtlich seien. Aufgrund der
Aktenlage und der nur eingeschränkten persönlichen Glaubwürdigkeit des
Beschwerdeführers sei vielmehr zu schliessen, dass dieser seine tatsäch-
D-3705/2020
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lichen sozialen Verhältnisse im Heimatland vor den Schweizer Migrations-
behörden bewusst verschweige. Es sei nicht Aufgabe des SEM, hypothe-
tische Überlegungen zu einem familiären oder anderweitigen sozialen Um-
feld einer ausländischen Person vorzunehmen, wenn diese ganz offen-
sichtlich nicht bereit sei, wahrheitsgemäss und umfassend darüber Aus-
kunft zu geben. Ebenso wenig habe das SEM ein dergestalt lediglich be-
hauptetes Fehlen eines Beziehungsnetzes im Heimatland ohne weiteres
hinzunehmen. Es sei auf die aktuellsten Entscheide des Bundesverwal-
tungsgerichts verwiesen, mit welchen abschlägige Entscheide des SEM zu
Asylgesuchen von volljährigen angolanischen Staatsangehörigen bestätigt
worden seien.
Die Ausführungen der Rechtsvertretung würden den Eindruck bestätigen,
dass sich der Beschwerdeführer bis anhin schwer getan habe mit einer
Integration in der Schweiz. Es werde nicht bestritten, dass unbegleitete
ausländische Minderjährige sich in einem ihnen fremden Land in einer
schwierigen Situation befinden würden. Viele könnten die ihnen angebote-
nen Programme aber dennoch nutzen. Mit einem eher pauschalen Hinweis
auf die psychische Verfassung lasse sich die mangelnde Integration wie
auch das mangelnde Engagement im Rahmen der bisher absolvierten res-
pektive abgebrochenen Ausbildungsprogramme nicht rechtfertigen. Das
SEM gehe weiterhin von einer eher unterdurchschnittlichen Integration in
der Schweiz aus.
Die Zustellung von Schreiben durch die Post sei auch während des Lock-
downs jederzeit gewährleistet gewesen. Dem Beschwerdeführer wäre es
jederzeit möglich gewesen, nach Erhalt des entsprechenden Schreibens
telefonisch mit einer Rechtsberatungsstelle oder einer ihn betreuenden
Person Kontakt aufzunehmen. Die Rechtsberatungsstellen hätten ihre Ak-
tivitäten auch während des Lockdowns nie eingestellt und seien grundsätz-
lich (auch telefonisch und per Email) erreichbar gewesen. Dem (...)-jähri-
gen Beschwerdeführer habe aufgrund einschlägiger Erfahrungen mit ver-
schiedensten Behörden oder Rechtsbeiständen durchaus zugemutet wer-
den können, sich bei Erhalt eines amtlichen Schreibens über dessen Inhalt
zu informieren und sich bei Notwendigkeit innert nützlicher Frist Unterstüt-
zung zu organisieren. Das SEM habe mit dem Verfassen der Aufhebungs-
verfügung in Erwartung einer Antwort denn auch noch über drei Wochen
nach Fristablauf zugewartet. Reagiert habe der Beschwerdeführer aber of-
fensichtlich erst nach Erhalt der Aufhebungsverfügung. Ein solches Verhal-
ten entspreche nur bedingt der geltend gemachten fortgeschrittenen In-
tegration in der Schweiz.
D-3705/2020
Seite 15
5.5 Der Beschwerdeführer lässt in der Replik ausführen, die Umstände des
Fehlens eines sozialen Beziehungsnetzes in Angola und einer Ausbildung
seien nach wie vor unverändert. Ausserdem sei seine schlechte gesund-
heitliche Verfassung mitzuberücksichtigen. Das junge Alter der Tante sei
kein Anhaltspunkt dafür, dass er in Angola auf ein tragfähiges soziales Be-
ziehungsnetz zurückgreifen könnte. Die Verhältnisse, in welchen er aufge-
wachsen sei, seien sehr schwierig gewesen. Die Tante habe kaum finanzi-
elle Mittel gehabt und sich nicht besonders gut um ihn gekümmert. Sie
habe Unterstützung von einem Freund erhalten. Ob sie zuvor, als er noch
jünger gewesen sei, allenfalls Unterstützung von weiteren Personen erhal-
ten habe, wisse er nicht. Selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, so
hätten diese Beziehungen ab dem Zeitpunkt, ab welchem er sich zurück-
erinnern könne, nicht mehr bestanden. Er habe auch keine Kenntnisse dar-
über, um wen es sich dabei gehandelt haben solle. Entsprechend könne
nicht davon ausgegangen werden, dass allfällige frühere Bekannte der
Tante ein tragfähiges Beziehungsnetz bilden würden. Er könne sich nicht
erklären, weshalb seine Tante ihn so plötzlich verlassen habe, und habe
sie mit der Hilfe der damaligen Sozialarbeiterin zu finden versucht, jedoch
vergebens. Auch wenn die Beziehung zur Tante nicht immer einfach gewe-
sen sei, sei der plötzliche Verlust der einzigen Bezugsperson eine sehr
traumatisierende Erfahrung gewesen, mit welcher er nach wie vor zu
kämpfen habe. Selbst wenn davon ausgegangen werde, dass die Tante
freiwillig die Entscheidung getroffen habe, ihn zu verlassen, sei ihr Verhal-
ten nicht schwierig nachzuvollziehen. Gerade in Anbetracht ihres jungen
Alters sei nicht auszuschliessen, dass sie mit der grossen Verantwortung
überfordert gewesen sei. In der Schweiz habe sie den Beschwerdeführer
womöglich in Sicherheit gesehen, woraufhin sie ihn verlassen habe.
Im Asylverfahren sei vom SEM als glaubhaft erachtet worden, dass die
Mutter Angola verlassen habe und die Tante offensichtlich nicht mehr in
Angola weile. Die vorläufige Aufnahme sei somit nicht nur wegen der Min-
derjährigkeit des Beschwerdeführers verfügt worden, sondern wegen des
Vorliegens verschiedener Umstände. Diese Umstände seien sehr wohl als
glaubhaft angesehen worden, ansonsten das SEM wohl nicht gestützt da-
rauf die vorläufige Aufnahme angeordnet hätte. Das SEM habe in seinem
Asylentscheid ausserdem nirgends erwähnt, dass die Aussagen des Be-
schwerdeführers zum nicht vorhandenen sozialen Beziehungsnetz nicht
glaubhaft seien. Hätte das SEM nicht geglaubt, dass dieses soziale Bezie-
hungsnetz in Angola nicht bestehe, wäre dem Beschwerdeführer wahr-
scheinlich auch als Minderjähriger die Rückkehr zugemutet worden. Es
könne nicht sein, dass die Vorinstanz eine neue Beurteilung bezüglich des
D-3705/2020
Seite 16
sozialen Beziehungsnetzes vornehme, wenn keine neuen Anhaltpunkte
vorliegen würden, wonach sich diesbezüglich etwas am Sachverhalt geän-
dert haben könnte. Im Gegenteil, der Beschwerdeführer halte sich nun seit
über fünf Jahren nicht mehr in Angola auf und es würden keine neuen An-
haltspunkte vorliegen, welche darauf schliessen liessen, er habe innerhalb
der letzten fünf Jahre ein tragfähiges Beziehungsnetz aufgebaut. Selbst
wenn grundsätzlich davon ausgegangen werden könne, dass eine volljäh-
rige Person auf weniger Unterstützung angewiesen sei, gelte es immer die
besonderen Umstände des Einzelfalls zu beachten. Der Beschwerdeführer
habe eine äusserst schwierige Kindheit hinter sich. Aufgrund der vielen
traumatischen Erlebnisse kämpfe er immer wieder mit psychischen Prob-
lemen, welche es ihm trotz seiner hohen Motivation nach wie vor erschwe-
ren würden, einen Ausbildungsplatz zu finden und damit finanziell unab-
hängig zu sein. Er sei auch in der Schweiz auf Unterstützung bei der Aus-
bildungs- und Jobsuche angewiesen. In Angola hingegen könnte er auf kei-
nerlei Unterstützung zurückgreifen. Umso unwahrscheinlicher wäre es für
ihn, dort seinen Lebensunterhalt eigenständig zu bestreiten. Trotz Bemü-
hungen sei es ihm bisher leider nicht gelungen, einen Ausbildungsplatz zu
erhalten. Er könne somit weder eine in Angola absolvierte Schulbildung
noch eine in der Schweiz abgeschlossene Berufslehre vorweisen. Diese
fehlende persönliche Voraussetzung biete in einem Land, welches sich seit
2014 in einer wirtschaftlichen Krise befinde, wohl kaum Möglichkeit zur Si-
cherung des Existenzminimums. Es bestehe sodann der Verdacht auf eine
Depression im Rahmen einer Anpassungsstörung. Zudem bedürfe er auf-
grund seiner diagnostizierten (...) einer regelmässigen (...) und der Ein-
nahme von (...). Die Ursachen für seine Beschwerden im (...) hätten nach
wie vor nicht abschliessend geklärt werden können. Aufgrund seiner chro-
nischen (...)schmerzen sei er ausserdem in physiotherapeutischer Be-
handlung. In Angola hingegen seien funktionierende Strukturen, Material
und Fachkräfte im Gesundheitssystem Mangelware. Viele Angolaner hät-
ten deshalb keinen Zugang zu Gesundheitspflege, medizinischer Versor-
gung und Betreuung. Unter Berücksichtigung der in humanitärer, sozialer
und wirtschaftlicher Hinsicht nach wie vor fragilen Lage in Angola und sei-
ner individuellen Umstände würde er im Falle einer Rückkehr nach Angola
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in eine existenzielle Not-
lage geraten.
Die Schwierigkeiten bei der Ausbildungs- und Jobsuche liessen sich auf-
grund der Lebensgeschichte des Beschwerdeführers rechtfertigen. Es
liege nicht an einer mangelnden Motivation, sich beruflich zu integrieren.
D-3705/2020
Seite 17
Diese sei immer vorhanden gewesen. An eine Person mit einer solch trau-
matischen Vergangenheit, die ausserdem als Minderjährige in der Situation
sei, sich alleine in einem neuen Land zurecht zu finden, könnten nicht die
gleich hohen Anforderungen hinsichtlich der Integration gestellt werden.
Der Beschwerdeführer habe trotz dieser erschwerenden Umstände durch
seine Motivation und die Unterstützung anderer immer wieder Fortschritte
gemacht, ein stabiles soziales Umfeld aufgebaut und sich hier gut inte-
griert.
6.
6.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
Vorliegend ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33
Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zu-
lässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen ver-
fassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3
des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere
grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe
[FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). Gemäss Praxis des Europäischen Ge-
richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folter-
ausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real
risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124-127 m.w.H.). Solches wird vom Beschwerdeführer in-
dessen weder vorgebracht noch ergeben sich entsprechende konkrete An-
haltspunkte aus den Akten. Schliesslich lässt auch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Angola den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Mithin ist der Vollzug der Weg-
weisung des Beschwerdeführers zulässig.
6.2
6.2.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
D-3705/2020
Seite 18
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.2.2 In BVGE 2014/26 kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss,
auf dem Staatsgebiet Angolas (ohne Berücksichtigung der Exklave
Cabinda) herrsche weder Krieg, Bürgerkrieg noch eine Situation allgemei-
ner Gewalt. Aufgrund der in humanitärer, sozialer und wirtschaftlicher Hin-
sicht nach wie vor fragilen Lage sei jedoch im Rahmen einer Einzelfallprü-
fung zu beurteilen, ob die betroffene Person im Fall einer Rückkehr in eine
existenzielle Notlage geraten würde. Dabei seien neben den persönlichen
Voraussetzungen und Ressourcen der betroffenen Person – wie Ge-
schlecht, Alter, Gesundheitszustand, Bildungsniveau, Ausbildung und Be-
rufserfahrung – auch die Existenz eines tragfähigen familiären oder ander-
weitigen sozialen Beziehungsnetzes sowie konkrete Möglichkeiten zur Si-
cherung des Existenzminimums und der Wohnsituation in Betracht zu zie-
hen (E. 9.14).
6.2.3 Das SEM hat die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der an-
gefochtenen Verfügung bejaht. Diesbezüglich kann zur Vermeidung von
Wiederholungen auf die weitgehend zutreffenden Ausführungen der Vo-
rinstanz in der angefochtenen Verfügung und der Vernehmlassung verwie-
sen werden (vgl. E.5.2 und 5.4). In Ergänzung und Präzisierung dazu ist
Folgendes festzustellen:
6.2.4 Vorab ist festzuhalten, dass sich das SEM in seiner Verfügung vom
11. Juli 2017 nur sehr allgemein zu den Gründen für die Gewährung der
vorläufigen Aufnahme äusserte ("[...] notamment de votre situation person-
nelle [...]", vgl. A52/7 Ziff. III.2). In der angefochtenen Verfügung führt es –
übereinstimmend mit der "Notice interne" aus dem Asylverfahren – aus, die
vorläufige Aufnahme sei damals aufgrund der Minderjährigkeit des Be-
schwerdeführers respektive mangels umfassender Schulbildung und Be-
rufserfahrung sowie mangels bekannter Familienangehöriger erfolgt. Es
sei als glaubhaft erachtet worden, dass die Mutter und die Tante des Be-
schwerdeführers nicht mehr in Angola weilen würden (vgl. SEM-act. (...)-
5/7 Ziff. 2.1 und 2.3). Das SEM wäre demzufolge zum Zeitpunkt seiner Ver-
fügung vom 11. Juli 2017 aus Gründen des Kindswohls verpflichtet gewe-
sen sicherzustellen, dass der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr
nach Angola einem Familienmitglied, einem Vormund oder einer Aufnah-
meeinrichtung hätte übergeben werden können, welche seinen Schutz ge-
währleistet hätten (vgl. Art. 69 Abs. 4 AIG). Aus dem Umstand, dass das
D-3705/2020
Seite 19
SEM damals auf aufwändige Nachforschungen verzichtete, kann der Be-
schwerdeführer heute nichts zu seinen Gunsten ableiten. Nachdem die
umfassende Abklärungspflicht mit Erreichen der Volljährigkeit des Be-
schwerdeführers weggefallen ist, darf eine weitergehende Glaubhaftig-
keitsprüfung dessen soziales Beziehungsnetz betreffend vorgenommen
werden.
6.2.5 Der Beschwerdeführer führte im Rahmen der Anhörung aus, ein
Mann namens H._ habe sich während mehrerer Jahre um ihn und
seine Tante gekümmert, als sie nach I._ gekommen seien (vgl. etwa
SEM-act. A50/22 F24 ff., F40). Dieser sei bei einer Demonstration am (...)
2013 festgenommen worden und sei seither verschwunden (vgl. SEM-act.
A50/22 F157). J._, ein Freund von H._, habe ihn und seine
Tante in der Folge unterstützt und ihnen bei der Ausreise geholfen (vgl.
SEM-act. A4/13 Ziff. 3.01; A50/22 F117, 174). In seiner Verfügung vom
11. Juli 2017 beurteilte das SEM das Vorbringen des Beschwerdeführers,
er sei aufgrund seiner Teilnahme an der besagten Demonstration verhaftet
und gefangen gehalten worden, aufgrund verschiedener Ungereimtheiten
als unglaubhaft. So führte es etwa aus, der Beschwerdeführer habe in der
BzP gesagt, er sei zwei Tage nach der Demonstration verhaftet worden. In
der Anhörung habe er dagegen gesagt, er sei ein oder zwei Monate nach
der Demonstration festgenommen worden. Im Weiteren habe er in der BzP
erklärt, die besagte Demonstration habe wegen des Verschwindens von
zwei Personen stattgefunden, wohingegen er in der Anhörung nur eine
Person erwähnt habe (vgl. SEM-act. A52/7 Ziff. II.1). In den Befragungs-
protokollen finden sich ferner weitere Widersprüche. So gab der Beschwer-
deführer in der BzP an, nach der Demonstration hätten bewaffnete Leute
von ihm und der Tante verlangt zu verraten, wo die Maschinen seien, um
Flugblätter herzustellen, ansonsten sie den Onkel töten würden (vgl. SEM-
act. A4/13 Ziff. 7.01). In der Anhörung erklärte er hingegen, die Polizisten
hätten die Maschinen beschlagnahmt und vielmehr wissen wollen, wo sich
H._ aufhalte (vgl. SEM-act. A50/22 F117, F163). Grosse Fragezei-
chen weckt sodann der Umstand, dass der Beschwerdeführer in seinem
Asylverfahren ausführte, H._ (beziehungsweise in der BzP: [...])
und J._ seien Freunde gewesen (vgl. SEM-act. A4/13 Ziff. 3.01;
A50/22 F92 f.), während die Tante in ihrer BzP von einer einzigen Person
namens K._ (...) sprach (vgl. SEM-act. A3/12 Ziff. 2.02). Diesen Wi-
derspruch vermochte der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung nicht
zu erklären (vgl. SEM-act. A50/22 F199). In der Summe führt diese Vielzahl
von Ungereimtheiten in den Aussagen des Beschwerdeführers zum Ergeb-
D-3705/2020
Seite 20
nis, dass erhebliche Zweifel am Vorbringen bestehen, H._ sei an-
lässlich der Demonstration vom (...) 2013 verschwunden. Zudem erstaunt,
dass er im Jugendstrafverfahren angab, er und seine Tante hätten nach
drei Jahren in I._ die Grosseltern getroffen und seien dort eingezo-
gen (vgl. Urteil des Jugendgerichts des Kantons C._ vom (...) 2018
S. 18), welchen Umstand er im Asylverfahren nicht erwähnte, sondern viel-
mehr in der Anhörung aussagte, er wisse nicht, ob er Grosseltern habe
(vgl. SEM-act. A50/22 F48). Insgesamt kann nach dem Gesagten das auf
Beschwerdeebene geltend gemachte gänzliche Fehlen eines sozialen Be-
ziehungsnetzes in der Heimat übereinstimmend mit dem SEM offensicht-
lich nicht geglaubt werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer die Schweizer Behörden über seine wahre Biografie und
sein Beziehungsnetz zu täuschen versucht. Diese Annahme wird gestützt
durch den Umstand, dass die portugiesische Botschaft in Luanda dem Be-
schwerdeführer am (...) 2015 zusammen mit vier weiteren Personen, da-
runter auch einer Person mit dem Namen seiner angeblichen Mutter,
L._ (vgl. SEM-act. A50/22 F47), ein Familien-Schengenvisum aus-
stellte (vgl. SEM-act. A2/4). Dies überrascht, zumal er angab, seine Mutter
sei schon seit langem verschwunden (vgl. SEM-act. A4/13 Ziff. 3.01;
A50/22 F82 ff.). Insgesamt ist davon auszugehen, dass der Beschwerde-
führer in Angola über ein zumindest minimales soziales Beziehungsnetz
verfügt, welches ihn nach einer Rückkehr bei der Reintegration unterstüt-
zen könnte. Das Vorbringen, die minimale Unterstützung, welche die Tante
durch die beiden Männer erfahren habe, sei von der Beziehung der Tante
abhängig gewesen, vermag mithin nicht zu überzeugen. Auch die Landes-
abwesenheit von mittlerweile über sechseinhalb Jahren ändert nichts da-
ran, dass dem Beschwerdeführer zuzumuten ist, frühere Kontakte für eine
Anfangsphase zu reaktivieren.
6.2.6 In Bezug auf die geltend gemachten medizinischen Probleme des
Beschwerdeführers ist festzuhalten, dass nur dann auf Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden kann, wenn eine notwen-
dige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht
und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchti-
gung des Gesundheitszustandes führen würde. Dabei wird als wesentlich
die allgemeine und dringende medizinische Behandlung erachtet, welche
zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz notwendig ist. Un-
zumutbarkeit liegt jedenfalls nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunfts-
staat eine nicht dem schweizerischen Standard entsprechende medizini-
sche Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2, m.w.H.; Urteil
des BVGer E-3954/2018 vom 24. Juli 2018 E. 9.4.2).
D-3705/2020
Seite 21
Die dargelegten gesundheitlichen Probleme (psychische Probleme, [...])
weisen nicht einen Schweregrad auf, welcher zur Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges führen würde. In diesem Zusammenhang ist fest-
zustellen, dass in der Eingabe vom 15. Oktober 2021 – über ein Jahr nach
dem letzten aktenkundigen Behandlungseintrag der (...) vom 16. Septem-
ber 2020 – keinerlei aktuell behandlungsbedürftigen gesundheitlichen Be-
schwerden thematisiert werden. Hinzu kommt, dass abgesehen von Hin-
weisen auf psychische Schwierigkeiten (vgl. etwa Bericht der (...) vom
21. Juli 2020) und einer Verdachtsdiagnose auf Depression im Rahmen ei-
ner Anpassungsstörung (vgl. etwa Behandlungseintrag [...] vom 16. Sep-
tember 2020) – entgegen der Ankündigung in der Beschwerde – bis heute
kein psychologischer oder psychiatrischer Bericht eingereicht wurde. Beim
Vorbringen, bei einem erneuten Herausreissen des Beschwerdeführers
aus seinem Umfeld würde sich der psychische Zustand verschlimmern und
negativ auf eine berufliche Eingliederung im Heimatland auswirken, han-
delt es sich um eine reine Mutmassung. Beizupflichten ist dem Beschwer-
deführer insofern, als viele Angolaner nur einen eingeschränkten Zugang
zu Gesundheitspflege, medizinischer Versorgung und Betreuung haben.
Auch wenn die Leistungen nur schwer zugänglich sind, ist gleichwohl ist
festzuhalten, dass Angola – neben einem privaten Sektor – über ein staat-
liches, kostenloses Gesundheitssystem verfügt. Die besten Spitäler des
Landes befinden sich in Luanda, wobei auch diese in der Regel keinen
hohen Standards entsprechen (vgl. Allianzcare, Healthcare in Angola,
https://www.allianzcare.com/en/support/health-and-wellness/national-
healthcare-systems/healthcare-in-angola.html, abgerufen am 04.11.2021).
Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer in Angola bei Bedarf zumindest eine elementare medizinische Behand-
lung erhalten kann. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, es sei
ihm aus finanziellen Gründen nicht zuzumuten, die regelmässigen (...) in
Angola weiterzuführen, ist davon auszugehen, er werde allfällige staatlich
nicht finanzierte Kosten aus einem Arbeitserwerb bezahlen können. Zudem
sei er – etwa in Bezug auf die Einnahme von (...) oder die (...) – auf die
Möglichkeit einer individuellen medizinischen Rückkehrhilfe hingewiesen.
Diese kann nicht nur in der Form der Mitgabe von Medikamenten, sondern
beispielsweise auch der Organisation und Übernahme von Kosten für not-
wendige Untersuchungen und Therapien bestehen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d
AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 über Finanzie-
rungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]). Auch der Grad der Integration bildet
grundsätzlich kein Kriterium für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG (vgl. BVGE 2009/52
https://www.allianzcare.com/en/support/health-and-wellness/national-healthcare-systems/healthcare-in-angola.html https://www.allianzcare.com/en/support/health-and-wellness/national-healthcare-systems/healthcare-in-angola.html
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Seite 22
E. 10.3 m.w.H.). Die Beurteilung einer Härtefallsituation infolge einer allen-
falls fortgeschrittenen Integration – bei Personen, die sich mindestens fünf
Jahre in der Schweiz aufhalten – fällt in die Zuständigkeit der kantonalen
Migrationsbehörden (vgl. Art. 14 Abs. 2 AsylG).
6.2.7 Schliesslich handelt es sich beim Beschwerdeführer um einen jungen
arbeitsfähigen Mann, der die Kindheit und einen Teil der Jugend in Angola
verbracht hat, mit der Sprache und den gesellschaftlichen Gepflogenheiten
seines Heimatstaates vertraut ist, dort eine bescheidene Schulbildung er-
halten und gewisse Arbeitserfahrungen gemacht hat. Zudem hat er in der
Schweiz wertvolle schulische und praktische Arbeitserfahrungen sammeln
dürfen. Auch unter Berücksichtigung der durch das Corona-Virus schwieri-
geren Situation auf dem Arbeitsmarkt sollte es dem Beschwerdeführer
möglich sein, in Angola ein wirtschaftliches Auskommen zu finden, selbst
wenn er in der Schweiz keine Berufsbildung abgeschlossen hat. Es darf
daher von ihm erwartet werden, auch nach der mehrjährigen Landesabwe-
senheit die erforderlichen Bemühungen für eine Reintegration in Angola zu
unternehmen.
6.2.8 Unter Berücksichtigung sämtlicher vorliegender Umstände beurteilt
auch das Bundesverwaltungsgericht nach dem Gesagten den Vollzug der
Wegweisung aktuell als zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG.
6.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.
7.1 In seinem Grundsatzentscheid E-3822/2019 vom 28. Oktober (publi-
ziert als BVGE 2020 VI/9) stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, dass
bei der Beurteilung einer Aufhebung einer vorläufigen Aufnahme gemäss
Art. 84 Abs. 2 AIG das Verhältnismässigkeitsprinzip, das einen allgemei-
nen Grundsatz staatlichen Handelns bildet (Art. 5 Abs. 2 BV), zu beachten
ist (vgl. a.a.O. E. 7–11).
7.2 Gemäss Art. 96 AIG sind die privaten Interessen der vorläufig aufge-
nommenen Person an einem Verbleib in der Schweiz und das Interesse
des Staates an der Aufhebung der vorläufigen Aufnahme und des Vollzugs
der Wegweisung gegeneinander abzuwägen (vgl. dazu BVGE 2007/32);
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Seite 23
dabei ist keine schematische Betrachtungsweise vorzunehmen, sondern
auf die gesamten Umstände des Einzelfalles abzustellen. Zu berücksichti-
gen sind Faktoren wie die Dauer der Anwesenheit in der Schweiz, der Grad
der Integration, die familiäre Situation, die noch zum Heimatstaat beste-
henden Verbindungen, bei Straffälligkeit die Schwere begangener Delikte
beziehungsweise die Art der verletzten Rechtsgüter, das Verschulden des
Betroffenen und das Verhalten des Ausländers in dieser Periode (vgl.
BVGE 2020 VI/9 E. 10.4).
7.3 Der Beschwerdeführer verliess Angola im Alter von rund (...) Jahren
mit bescheidener Schulbildung und rein praktisch erworbener Arbeitserfah-
rung als jugendlicher Hilfsarbeiter in einer (...). Er verbrachte somit für die
Sozialisation noch relevante Jahre als Jugendlicher beziehungsweise jun-
ger Erwachsener in der Schweiz. Was die Integration des Beschwerdefüh-
rers in der Schweiz zum Zeitpunkt der Vernehmlassung anbelangt, kann
vorab auf die weitgehend zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz in der
angefochtenen Verfügung und der Vernehmlassung verwiesen werden
(vgl. E. 5.2 und 5.4). Übereinstimmend mit der Vorinstanz war zum dama-
ligen Zeitpunkt trotz attestierter Bemühungen und Motivation, Ziele zu er-
reichen (vgl. Bericht (...) vom 21. Juli 2020), von einer mangelnden Integra-
tion des Beschwerdeführers auszugehen, welche nicht alleine auf psychi-
sche Probleme und die Situation als unbegleiteter Minderjähriger zurück-
zuführen gewesen sein dürfte. Die mit Eingabe vom 15. Oktober 2021 ein-
gereichten Unterlagen zeigen dagegen auf, dass aktuell eine positive Ent-
wicklung zu beobachten ist. Zwar musste ein am (...) 2020 begonnenes
befristetes Arbeitsverhältnis bei der (...) am (...) 2020 vorzeitig beendet
werden, weil sich der Beschwerdeführer nicht wohlgefühlt habe. Anschlies-
send besuchte er vom (...) 2021 bis (...) 2021 eine Beschäftigungsmass-
nahme bei der Sozialhilfe, in deren Rahmen er bei der (...) als Betriebsmit-
arbeiter angestellt war. In der Folge trat er am (...) 2021 eine Stelle als (...)
bei der (...) an. Seit dem (...) 2021 arbeitet er für die (...), wobei es sich
um den gleichen Vorgesetzten und die gleiche Tätigkeit wie zuvor handle.
Laut Arbeitsvertrag dauert die Probezeit noch bis Mitte (...) 2021. Gemäss
dem eingereichten Zwischenzeugnis der (...) vom (...) 2021 sei der Be-
schwerdeführer ein zuverlässiger, einsatzfreudiger (...)arbeiter. Er denke
aktiv mit und arbeite lösungsorientiert und erfülle die ihm gestellten Aufga-
ben zur Zufriedenheit des Unternehmens. In persönlicher Hinsicht wird ihm
ein engagiertes, loyales, hilfsbereites und freundliches Verhalten gegen-
über Kunden, Kollegen und Vorgesetzten attestiert. Seit dem (...) 2021 wird
der Beschwerdeführer zudem nicht mehr von der Sozialhilfe unterstützt
und seit dem (...) 2021 ist er Hauptmieter einer Wohnung, welche er mit
D-3705/2020
Seite 24
drei weiteren Personen teilt. Er ist zudem Mitglied eines (...)vereins, wo er
regelmässig trainiert. Positiv zu werten ist sodann, dass er seit 2017 nicht
mehr straffällig geworden ist. Bedauerlich ist allerdings, dass es ihm bis
anhin nicht gelungen ist, eine Berufsausbildung in Angriff zu nehmen. Trotz
der neusten Entwicklungen ist dem Beschwerdeführer angesichts der über
sechseinhalbjährigen hiesigen Aufenthaltsdauer nach wie vor keine fortge-
schrittene Integration gelungen. Jedoch scheint er nach langen Anfangs-
schwierigkeiten auf gutem Weg zu sein, ein nachhaltig selbständiges und
geregeltes Leben in der Schweiz aufzubauen, und es kann auf eine ge-
wisse Bindung an die Schweiz geschlossen werden. Damit ist gleichermas-
sen gesagt, dass eine Aufhebung der vorläufigen Aufnahme nicht nur eine
gewisse Entwurzelung mit sich bringen, sondern auch die Nachhaltigkeit
seines offenkundigen Reifeprozesses erheblich gefährden würde. Unbe-
strittenermassen ist ein stabiles Umfeld bei der Entwicklung eines jungen
Erwachsenen als entscheidender Faktor anzusehen.
7.4 Zusammenfassend ist in diesem Grenzfall festzustellen, dass die pri-
vaten Interessen des Beschwerdeführers an einem Verbleib in der Schweiz
die öffentlichen Interessen am Wegweisungsvollzug im heutigen Zeitpunkt
knapp überwiegen und sich die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme damit
als unverhältnismässig erweist. Gleichzeitig ist der Beschwerdeführer da-
rauf hinzuweisen, dass für den Fall einer weiteren Delinquenz oder eines
verschuldeten Verlustes der Arbeitsstelle eine neuerliche Beurteilung der
Verhältnismässigkeit anders ausfallen dürfte. Auf die weiteren Vorbringen
in der Beschwerde braucht vor diesem Hintergrund nicht eingegangen zu
werden.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die vorinstanzliche
Verfügung vom 15. Juni 2020 ist aufzuheben. Der Beschwerdeführer bleibt
weiterhin vorläufig aufgenommen. Der Eventualantrag auf Rückweisung
der Sache zur Neubeurteilung ist dadurch gegenstandslos geworden.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Instruktionsverfügung vom
18. August 2020 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich ge-
genstandslos und es erübrigt sich eine Prüfung der aktuellen finanziellen
Verhältnisse des Beschwerdeführers.
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9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde
keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung von Fr. 2'300.– (inkl. Auslagen und allfälligem Mehr-
wertsteuerzuschlag) zuzusprechen. Aufgrund der Parteientschädigung er-
übrigt sich die Ausrichtung eines Honorars an die vom Gericht eingesetzte
amtliche Rechtsbeiständin.
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D-3705/2020
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