Decision ID: a90b3fbe-7735-438f-8657-61fb723c57ff
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 14. August 2022 im Bundesasylzentrum
(BAZ) B._ um Asyl nach. Dabei gab er an, er sei am (...) geboren
und damit noch minderjährig.
B.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab,
dass er bereits am 24. Juni 2022 in Bulgarien und am 30. Juli 2022 in Ös-
terreich Asylgesuche gestellt hatte.
C.
Am 22. September 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm
zugewiesene Rechtsvertretung.
D.
D.a Am 17. Oktober 2022 wurde mit dem Beschwerdeführer in Anwesen-
heit seiner zugewiesenen Rechtsvertretung eine Erstbefragung für unbe-
gleitete Minderjährige (EB UMA) durchgeführt. Dabei wurde festgehalten,
dass er sich gemäss eigenen Angaben in Bulgarien unter den Personalien
C._ sowie in Österreich unter den Personalien D._, geb.
(...), habe registrieren lassen. Das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Bul-
gariens wurde auf den Schriftweg verwiesen. Zu seiner gesundheitlichen
Situation hielt der Beschwerdeführer fest, er sei gesund, mache sich aber
viele Sorgen um seinen aufgrund eines Angriffs behinderten Vater. Deshalb
könne er in der Nacht auch nicht gut schlafen.
D.b Das SEM informierte den Beschwerdeführer an der EB UMA darüber,
dass aufgrund des Gesprächs nicht abschliessend habe beurteilt werden
können, ob er minderjährig sei oder nicht, weshalb er für eine medizinische
Altersabklärung aufgeboten werde. Der Beschwerdeführer bekräftigte
noch einmal seine Minderjährigkeit und erklärte sich mit dem Vorgehen
einverstanden. Seine Rechtsvertretung merkte an, dass es für sie aufgrund
der eingereichten Kopien der Tazkira sowie der nachvollziehbaren Anga-
ben zu seinem Alter nicht angezeigt sei, ein Altersgutachten erstellen zu
lassen.
E.
E.a Am 17. Oktober 2022 ersuchte die Vorinstanz die österreichischen Be-
hörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18
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Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO) und teilten den besagten Behörden mit, dass sie eine
Altersabklärung durchführen würden und das entsprechende Alter zu ge-
gebener Zeit angepasst werde. Weiter informierten sie die österreichischen
Behörden darüber, dass eine Verfahrenskarte aus Österreich vorliege, wo-
nach der Beschwerdeführer als volljährig registriert worden sei (Geburts-
datum: [...]).
Zudem ersuchte die Vorinstanz um Mitteilung, falls bereits ein Dublin-Ver-
fahren durch die österreichischen Behörden eingeleitet worden sei.
E.b Gleichentags ersuchte die Vorinstanz auch die bulgarischen Behörden
um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO und informierte die besagten Behörden ebenfalls dar-
über, dass sie eine Altersabklärung durchführen würden und das entspre-
chende Alter zu gegebener Zeit angepasst werde sowie, dass der Be-
schwerdeführer gemäss österreichischer Verfahrenskarte volljährig sei
(Geburtsdatum: [...]).
F.
Am 18. Oktober 2022 stimmten die österreichischen Behörden dem Über-
nahmeersuchen nicht zu. Zur Begründung führten sie aus, sie hätten ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO die bulgarischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers ersucht und diese hätten dem Ersu-
chen zugestimmt (SEM-Akte 1189556-22/1). Da der Beschwerdeführer für
die österreichischen Behörden anschliessend nicht mehr auffindbar gewe-
sen sei, hätten sie die bulgarischen Behörden über sein Verschwinden in-
formiert.
G.
Am 21. Oktober 2022 führte das Institut für Rechtsmedizin (...) eine Alters-
abklärung beim Beschwerdeführer durch. Im Gutachten vom 25. Oktober
2022 kamen die Ärzte zum Schluss, dass der Beschwerdeführer «mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das 18. Lebensjahr vollendet
und die Volljährigkeit erreicht» habe. Das Mindestalter betrage 21.6 Jahre.
E-5529/2022
Seite 4
H.
Am 25. Oktober 2022 stimmten die bulgarischen Behörden dem Ersuchen
der Vorinstanz um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO explizit zu.
I.
I.a Mit Schreiben vom 4. November 2022 gewährte das SEM dem Be-
schwerdeführer das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Anpassung seines
Geburtsdatums im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf
den (...). Gleichzeitig wurde er aufgefordert, allfällige Gründe zu nennen,
die gegen eine Zuständigkeit Bulgariens für die Durchführung seines Asyl-
verfahrens sowie gegen eine Wegweisung in diesen Staat sprechen wür-
den.
I.b Der Beschwerdeführer reichte mit Schreiben vom 14. November 2022
seine Stellungnahme ein.
J.
Am 16. November 2022 änderte die Vorinstanz das Geburtsdatum des Be-
schwerdeführers im ZEMIS auf den (...) und brachte einen Bestreitungs-
vermerk an.
K.
Mit Verfügung vom 18. November 2022 (eröffnet am 23. November 2022)
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte dessen
Überstellung nach Bulgarien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Be-
handlung seines Asylgesuches zuständig sei, forderte ihn auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, und beauftragte den
zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig ver-
fügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest,
dass sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...), mit Bestreitungsvermerk,
laute und einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine auf-
schiebende Wirkung zukomme.
L.
Mit Eingabe vom 30. November 2022 liess der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragte, die Zif-
fern 1 bis 5 und 7 der Verfügung der Vorinstanz vom 18. November 2022
seien aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch
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Seite 5
einzutreten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzufüh-
ren, eventualiter sei die Verfügung zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsab-
klärung und Neubeurteilung an sie zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht beantragte er im Sinne vorsorglicher Massnah-
men, der vorliegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu er-
teilen und die Vollzugsbehörde sei anzuweisen, von einer Überstellung
nach Bulgarien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die
vorliegende Beschwerde entschieden habe. Des Weiteren beantragte er
die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf
die Kostenvorschusserhebung.
M.
Am 1. Dezember 2022 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Weg-
weisung per sofort einstweilen aus.
Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die vorinstanzlichen
Akten in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
In den Rechtsbegehren der Beschwerde wird ausdrücklich die Aufhebung
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Seite 6
der Ziffern 1 bis 5 und 7 der angefochtenen Verfügung beantragt. Die Be-
gründung hält zudem fest, dass vorerst auf die Geltendmachung der Min-
derjährigkeit verzichtet und eine ZEMIS-Beschwerde vorbehalten werde.
Die Anpassung des Geburtsdatums im ZEMIS auf den (...) bildet somit je-
denfalls nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu
behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
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zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) – wie vorliegend
– findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprü-
fung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und
8.2.1 m.w.H.).
5.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). Dieses so-
genannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss
dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Grün-
den auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer
Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungs-
hindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
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Seite 8
5.5 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Euro-
dac-Datenbank ergab, dass dieser am 24. Juni 2022 in Bulgarien ein Asyl-
gesuch gestellt hatte (SEM-Akte 1189556-8/2). Die bulgarischen Behörden
stimmten dem Ersuchen der Vorinstanz mit Schreiben vom 25. Oktober
2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO ausdrücklich zu (SEM-
Akte 1189556-24/1). Die Zuständigkeit Bulgariens ist somit grundsätzlich
gegeben, was vom Beschwerdeführer nicht bestritten wird.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht in seiner Beschwerdeschrift im Wesent-
lichen geltend, er habe geschildert, dass er mehrfach von der bulgarischen
Polizei geschlagen worden sei und dabei eine Knochenfraktur erlitten
habe. Weiter habe er davon berichtet, gegen seinen Willen mehr als 24
Stunden in einem Kellerraum festgehalten und schliesslich zur Abgabe sei-
ner Fingerabdrücke gezwungen worden zu sein. Daraufhin sei er für 15
Tage in einem geschlossenen Camp unter menschenunwürdigen Zustän-
den festgehalten, geschlagen, beleidigt und beschimpft worden. Medizini-
sche Hilfe sei ihm dort ebenfalls verweigert worden. Er habe lediglich zwei
Mahlzeiten am Tag erhalten und dauernd unter Hunger gelitten. Das offene
Camp habe dieselben Mängel aufgewiesen. Das SEM habe diese Um-
stände bei der Prüfung des vorliegenden Einzelfalles nicht gewürdigt. Zu-
dem habe es versäumt, sich mit der aktuellen Lage in Bulgarien aufgrund
des Ukrainekriegs auseinanderzusetzten. Das bereits mangelhafte Asyl-
und Gesundheitssystem Bulgariens werde dadurch nämlich zusätzlich be-
lastet. Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Men-
schenrechte (EGMR), des Bundesverwaltungsgerichts sowie des Berichts
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 13. September 2022
könne die Regelvermutung, wonach sich Bulgarien an seine völkerrechtli-
chen Verpflichtungen hielte, nicht aufrecht erhalten werden, da die von ihm
in Bulgarien erlebten geschilderte Gewalt eine Verletzung von Art. 3 EMRK
darstelle (unter Verweis auf den Bericht der SFH Polizeigewalt in Bulgarien
und Kroatien vom 13. September 2022; Urteil des BVGer
F-2707/2022 vom 12. Oktober 2022).
6.2 Bulgarien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die
E-5529/2022
Seite 9
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt
und schützt.
6.3
6.3.1. Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesent-
liche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende in Bulgarien systemische Schwach-
stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich bringen würden.
6.3.2. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil
F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asyl-
system und der Situation asylsuchender Personen in Bulgarien auseinan-
dergesetzt. Es hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die
Aufnahmebedingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese
aber nicht systemischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach
Bulgarien grundsätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien
in Bulgarien nicht systembedingt unmöglich. Die tiefe Anerkennungsquote
gegenüber Staatsangehörigen gewisser Länder rechtfertige es nicht, keine
Überstellungen mehr vorzunehmen. Betroffene Personen könnten gegen
einen negativen Asylentscheid ein wirksames Rechtsmittel einlegen. Zu-
dem seien die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzentren zwar pre-
kär, könnten aber nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert
werden (Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.6.1 und 6.6.7). An dieser Praxis
hat das Bundesverwaltungsgericht auch unter Berücksichtigung der Belas-
tung des Asylsystems durch ukrainische Kriegsflüchtlinge festgehalten
(vgl. etwa Urteil des BVGer D-4840/2022 vom 31. Oktober 2022 E. 6.3.2.
und E-4193/2022 vom 28. September 2022 E. 5.3 m.H.).
6.3.3. Der Beschwerdeführer verweist insbesondere auf einen Bericht der
SFH vom 13. September 2022 (Polizeigewalt in Bulgarien und Kroatien:
Konsequenzen für Dublin-Überstellungen). Darin wird unter anderem fest-
gehalten, dass angesichts der Dichte der Belege über Polizeigewalt in Bul-
garien von einer systematischen Gewaltanwendung ausgegangen werden
E-5529/2022
Seite 10
müsse, welche vom Staat zumindest geduldet werde. Die Regelvermu-
tung, dass sich Bulgarien, an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halte,
könne daher nach Auffassung der SFH nicht aufrechterhalten werden, wes-
halb sich eine Überstellung dorthin grundsätzlich als unzulässig und unzu-
mutbar erweise. Trotz dieser Einschätzung geht das Bundesverwaltungs-
gericht nach wie vor davon aus, dass das Asylsystem Bulgariens keine
systemischen Mängel aufweist und im Einzelfall zu prüfen ist, ob es Gründe
gibt, die einer Überstellung entgegenstehen könnten. Was denn auch das
vom Beschwerdeführer angeführte Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
F-2707/2022 so festhält. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass sich das ge-
nannte Urteil F-2707/2022 insbesondere mit der Situation eines ernsthaft
erkrankten Asylsuchenden auseinandersetzt, wohingegen der Beschwer-
deführer in casu keine ernsthaften gesundheitlichen Probleme aufweist
([...] [vgl. SEM-Akte 1189556-13/15 S. 14; 1189556-32/3 S. 2]). Im Übrigen
bringt der Beschwerdeführer nichts vor, das Anlass zur Änderung der
Rechtsprechung geben könnte. Eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO ist daher nicht gerechtfertigt.
6.4 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, er sei in Bulgarien mehr-
mals geschlagen worden, habe eine Knochenfraktur erlitten und er sei ge-
gen seinen Willen mehr als 24 Stunden in einem Kellerraum festgehalten
worden. Die Bedingungen sowohl im geschlossene als auch im offenen
Camp seien menschenunwürdig gewesen. Er habe zu wenig Essen erhal-
ten und sei medizinisch nicht versorgt worden. Diesbezüglich ist festzuhal-
ten, dass seine Schilderung in diesem Zusammenhang relativ oberflächlich
blieben (SEM-Akte 1189556-13/15 S. 7 und 8; 1189556-32/3). Selbst bei
Wahrunterstellung der Vorkommnisse ist indessen nicht davon auszuge-
hen, der Beschwerdeführer sei aufgrund einzelner Zwischenfälle in Bulga-
rien per se der Gefahr von gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Bei erleb-
ter Gewalt kann er sich an die dort zuständigen Justizbehörden wenden,
was er bisher offensichtlich nicht getan hat. Auch wenn es – wie der er-
wähnte Bericht der SFH darlegt – subjektiv schwierig ist, sich an die Be-
hörden jenes Staates zu wenden, dessen Beamte die geltend gemachten
Misshandlungen verursacht haben, so ist dies nicht als grundsätzlich un-
zumutbar zu erachten. Ebenso ist es dem Beschwerdeführer zuzumuten,
sich im Falle von unhaltbaren Zuständen bei der Unterbringung an die bul-
garischen Behörden zu wenden und die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie
zustehenden Rechte einzufordern.
6.5 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
E-5529/2022
Seite 11
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des EGMR). Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft
Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener me-
dizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert
würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Die gesundheitlichen
Beschwerden des Beschwerdeführers ([...]) sind nicht als derart schwer-
wiegend anzusehen, dass aus humanitären Gründen oder gar wegen einer
drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK von einer Überstellung nach Bul-
garien abgesehen werden müsste (SEM-Akte 1189556-13/15 S. 14;
1189556-32/3 S. 2).
Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass Bulgarien über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet,
den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumin-
dest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von
Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu
machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit beson-
deren Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe
(einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung)
zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine Hinweise
vor, wonach Bulgarien dem Beschwerdeführer eine adäquate medizinische
Behandlung verweigern würde. Der Beschwerdeführer konnte nicht nach-
weisen, dass er nicht reisefähig sei oder eine Überstellung seine Gesund-
heit ernsthaft gefährden würde.
6.6 Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Weder ist die Schweiz verpflichtet, auf das Asylgesuch einzu-
treten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt na-
helegen würden. Das SEM ist daher zu Recht auf das Asylgesuch des Be-
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Seite 12
schwerdeführers nicht eingetreten. Da er nicht im Besitz einer gültigen Auf-
enthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach
Italien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet
(Art. 32 Bst. a AsylV 1). Nach dem Gesagten erweisen sich die erhobenen
formellen Rügen (Verletzung des rechtlichen Gehörs aufgrund einer Ver-
letzung der Begründungspflicht sowie eine unvollständige/unrichtige Sach-
verhaltsfeststellung) als unbegründet. Es besteht somit auch keine Veran-
lassung zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz im Sinne des Even-
tualbegehrens.
7.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem
Urteil abgeschlossen, weshalb sich der Antrag auf Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung als gegenstandslos erweist. Der angeordnete Voll-
zugsstopp fällt mir vorliegendem Urteil dahin.
9.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – aussichtlos waren, weshalb die Vor-
aussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Das Gesuch um
Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird mit dem vorliegenden Ent-
scheid in der Sache gegenstandslos.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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