Decision ID: 8895d091-ef9f-5c52-a9b8-649627336101
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
B._ (fortan: der Beschwerdeführer) und seine Ehefrau A._
(fortan: die Beschwerdeführerin; gemeinsam: die Beschwerdeführer) such-
ten am 28. Juli 2019 in der Schweiz um Asyl nach. Am 7. August 2019 fand
die Befragung zur Person (BzP) statt. Am 8. August wurde der älteste Sohn
der Beschwerdeführer im Rahmen einer BzP summarisch zur Person und
zu den Asylgründen befragt. Am 20. September 2019 (erste Anhörung) so-
wie am 26. November 2019 (ergänzende Anhörung) wurden die Beschwer-
deführer vertieft zu den Asylgründen angehört.
B.
Die Beschwerdeführer – türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie mit
letztem Wohnsitz in Istanbul – reichten dem SEM im erstinstanzlichen Ver-
fahren zum Nachweis ihrer Identität und zur Stützung ihrer Vorbringen ihre
türkischen Identitätskarten und Reisepässe sowie diejenigen ihrer Kinder
(im Original), einen Auszug aus dem Personenstandsregister des Be-
schwerdeführers (im Original), Dokumente betreffend die Geschwister des
Beschwerdeführers (Identitätskarten und Reisepässe, Aufenthaltsgeneh-
migungen und Asylentscheide aus Deutschland sowie Anklageschriften,
Anhörungs- und Verhandlungsprotokolle und gerichtliche Urteile türkischer
Behörden; jeweils in Kopie) zu den Akten.
C.
Zu seiner Biographie und zu seinen Asylgründen machte der Beschwerde-
führer im Wesentlichen Folgendes geltend. Er stamme aus der Stadt
G._, Provinz H._, wo er mit 9 Geschwistern aufgewachsen
sei. Sein Vater habe ein eigenes Unternehmen geführt, wo er mit 18 Jahren
zu arbeiten begonnen habe, bevor er anschliessend ab 2005 in seiner ei-
genen Handelsunternehmung und ab 2015 zusätzlich mit einer eigenen
Unternehmung im Bausektor tätig gewesen sei. Finanziell sei es ihm und
der Familie sehr gut gegangen. Seine Familie sei in der Heimat politisch
aktiv gewesen und schon früh ins Visier der türkischen (Sicherheits-)Be-
hörden geraten und fortan von diesen verfolgt worden. Drei seiner Brüder
hätten wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft bei der PKK (Partiya
Karkerên Kurdistanê, Arbeiterpartei Kurdistans) in der Türkei langjährige
Gefängnisstrafen abgesessen. Er, der Beschwerdeführer, sei nie politisch
aktiv gewesen. Die Sicherheitskräfte hätten unzählige Razzien bei ihm zu-
hause in der Provinz H._ durchgeführt, zeitweise auch ein- bis zwei-
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mal in der Woche. In den Jahren 2015 und 2016 seien fünf seiner Ge-
schwister nach Deutschland ausgereist, wo ihnen inzwischen ein Aufent-
haltsrecht und teilweise auch Asyl gewährt worden sei. Nach der Ausreise
seiner Geschwister hätten die Sicherheitskräfte ihn besonders ins Visier
genommen. Die Razzien in seinem Haus hätte sich intensiviert und man
habe ihn dabei vor seiner Familie beleidigt, geschlagen und ein Gewehr an
den Kopf gehalten. Die Behörden hätten von ihm wissen wollen, wo sich
seine Geschwister aufhalten würden und ihn aufgrund seiner Familie der
Unterstützung der PKK bezichtigt. In diesem Zeitraum sei er auch von be-
waffneten Sicherheitskräften auf dem Arbeitsweg angehalten worden und
nachdem man ihn und sein Fahrzeug untersucht habe, sei er in einem ge-
panzerten Polizeifahrzeug in ein Bergdorf gebracht und dort über mehrere
Stunden geschlagen, beschimpft und danach dort zurückgelassen worden.
Ausserdem seien die Polizisten auch häufig in seinen Geschäftsräumlich-
keiten erschienen und hätten ihn jeweils aufgefordert, die Region zu ver-
lassen. Er und seine Familie haben grossen, insbesondere psychischen
Druck verspürt und er habe befürchtet, in Zukunft von den Behörden getö-
tet zu werden. Aus diesem Grund habe er Anfang des Jahres 2018 mit der
Familie den Wohnort gewechselt und sei in die weitentfernte türkische Küs-
tenstadt I._ gezogen. Auch dort hätten ihn die (Sicherheits-)Behör-
den schikaniert. Sie hätten ihn persönlich und telefonisch bedroht und es
seien zweimal Razzien in der Familienwohnung durchgeführt worden. In
gesellschaftlicher Hinsicht seien die Kinder an der neuen Schule aufgrund
ihrer kurdischen Ethnie ausgegrenzt worden. Im Februar 2019 habe er
I._ mit seiner Familie verlassen und sich in Istanbul niedergelassen.
Nachdem die Behörden seinen Aufenthaltsort in Istanbul erfahren hätten,
habe auch in der Familienwohnung in Istanbul eine Razzia stattgefunden,
wobei die Familie beleidigt und die Wohnung verwüstet worden sei. Auch
sei er von der Polizei in Istanbul mehrmals telefonisch bedroht worden.
Insgesamt seien sie drei Monate in Istanbul geblieben. Aufgrund des zu-
nehmenden Drucks seitens der Behörden – auch nach den Wohnortswech-
seln – hätten sie sich schliesslich entschieden, die Türkei zu verlassen. Am
26. Juli 2019 seien sie mit ihren Reisepässen legal mit ihren Kindern auf
dem Flugweg von Istanbul nach Zürich gereist.
D.
Die Beschwerdeführerin bestätigte im Wesentlichen die Vorbringen des
Beschwerdeführers. Die Familie beziehungsweise ihr Ehemann sei auf-
grund seiner Familie und ihrer kurdischen Ethnie von den staatlichen
(Sicherheits-)Behörden unterdrückt und drangsaliert worden. In den ver-
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schiedenen Wohnungen der Familie seien durch die Polizei ständig Raz-
zien durchgeführt und ihr Ehemann geschlagen und telefonisch bedroht
worden. Der Druck sei so gross geworden, dass sie um ihr Leben gefürch-
tet hhätten und deshalb das Land verlassen mussten.
E.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2021 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rer erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte deren Asylgesuche ab,
wies sie aus der Schweiz weg und beauftragte den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung.
F.
Mit Eingabe vom 24. Juni 2021 erhoben die Beschwerdeführer gegen die-
sen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantrag-
ten, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und zwecks weiterer Ab-
klärungen an das SEM zurückzuweisen. Eventualiter sei ihnen Asyl zu ge-
währen oder die Flüchtlingseigenschaft festzustellen. In prozessualer Hin-
sicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
Bestellung des bevollmächtigten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbei-
stand sowie um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses. Mit der
Beschwerde reichten sie Fotos von Dokumenten betreffend zwei der Brü-
der des Beschwerdeführers (Aufenthaltstitel in Deutschland, Anrufliste des
Telefons des Bruders aus der Heimat), ein Zeugenschreiben des Dorfvor-
stehers seines Heimatdorfs in der Provinz H._ sowie Fotos der be-
schädigten Eingangstüre ihres Hauses im Heimatdorf zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdeführer sind als
Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG).
Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG sowie Art. 52 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
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3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt
auf Art. 111a Abs 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriften-
wechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden
(Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge-
fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen,
die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifi-
schen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen
Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexverfol-
gung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3
S. 225, unter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl. ausserdem
EMARK 1994 Nr. 17).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie BVGE 2013/11 E. 5.1; Anne Kneer und Linus
Sonderegger, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick
über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015
S. 5).
5.
5.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen der Beschwerdeführer hielten den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit (Art. 7 AsylG) und der Flüchtlingseigenschaft (Art. 3 AsylG)
nicht stand.
Die Aussagen der Beschwerdeführer zu den behaupteten Razzien seien
insgesamt weder ausführlich noch detailliert ausgefallen und würden teil-
weise auch Widersprüche aufweisen. So habe der Beschwerdeführer be-
treffend die Anzahl, den konkreten Ablauf, die Motivation und das Ende der
behaupteten Razzien – auch auf wiederholte Nachfrage – sich auf die Wie-
dergabe einer pauschalen und inhaltlich dürftigen Schilderung der Ge-
schehnisse beschränkt. Gleiches gelte für die Beschwerdeführerin, welche
ausserdem hinsichtlich des genauen Ablaufs der Razzien abweichende
Aussagen zwischen den beiden Anhörungen machte, die im Widerspruch
zu den Aussagen ihres Ehemanns stünden. Ihre Ausführungen seien
knapp und substanzlos. Weiter hätten die Beschwerdeführer auch in Bezug
auf die behaupteten telefonischen Drohungen seitens der Polizei lediglich
vage Ausführungen gemacht, insbesondere zu deren Anzahl, Hintergründe
und Gesprächsinhalt.
Ferner sei es den Beschwerdeführern nicht gelungen, den konkreten Be-
weggrund ihrer Ausreise aus dem Heimatland darzutun. Sie sollen diesbe-
züglich verschiedene Gründe ausgeführt haben, von zunehmendem be-
hördlichen Druck aufgrund der Geschwister des Beschwerdeführers oder
von den psychischen Schwierigkeiten und fehlenden Zukunftsaussichten
der Kinder. Die Aussagen seien allgemein gehalten worden und nicht
schlüssig. Ausserdem hätten sie nicht erklären können, weshalb sie nicht
bereits früher, das heisst vor Sommer 2019, ausgereist seien.
Zur flüchtlingsrechtlichen Relevanz der geltend gemachten Reflexverfol-
gung im Lichte von Art. 3 AsylG führte die Vorinstanz Folgendes aus. In
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materieller Hinsicht sei auf die weiterhin gültige Rechtsprechung der Asyl-
rekurskommission zur Reflexverfolgung abzustellen (EMARK 2005/1), wo-
nach erlittene oder zu befürchtende Nachteile naher Angehöriger in der
Regel keine flüchtlingsrelevante Intensität aufweisen würden. Die An-
nahme einer begründeten Furcht vor Reflexverfolgung setze besondere
Umstände voraus. Vorliegend seien solche besonderen Umstände jedoch
zu verneinen. Es bestehe gemäss aktuellen Erkenntnissen bei Angehöri-
gen von inhaftierten oder ehemals verfolgten Personen in der Regel keine
Gefahr, in der Türkei von Reflexverfolgungsmassnahmen betroffen zu wer-
den. Zwei seiner Brüder hätten ihre Haftstrafen in der Türkei bereits ver-
büsst. Gegen den dritten Bruder seien Anklagen hängig; auch wenn er ak-
tuell von den Behörden gesucht werden würde, handle es sich in Bezug
auf eine Reflexverfolgung jedoch nicht um einen erschwerenden Umstand,
da dem Bruder kein Gewaltdelikt vorgeworfen werde und er damals auch
aus der Untersuchungshaft entlassen worden sei, weshalb der gesamte
Familienverband als nicht in einem besonderen Masse exponiert zu gelten
habe. Schliesslich sei auch zu berücksichtigen, dass gegen den Beschwer-
deführer nach eigenen Angaben bis heute kein strafrechtliches Verfahren
in der Türkei hängig ist und er trotz den Schwierigkeiten seiner Verwandten
ein weitgehend normales Leben habe führen können.
5.2 Dem halten die Beschwerdeführer im Wesentlichen Folgendes entge-
gen. Es sei nicht ersichtlich und die Vorinstanz lege nicht dar, wie hoch der
Detaillierungsgrad hätte sein müssen, damit ihre Aussagen als glaubhaft
eingestuft worden wären. Es erschliesse sich ihnen nicht, was sie in Bezug
auf ihr Aussageverhalten anders hätten machen müssen und was die Vo-
rinstanz zur Annahme der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen konkret erwartet
habe. Das Aussageverhalten sei auch im Lichte der wiederholten Repres-
salien und Todesdrohungen durch die Sicherheitskräfte im Heimatland,
welche die Beschwerdeführer haben erleiden müssen, zu betrachten. Auf-
grund der traumatischen Erlebnisse sei es verständlich, wenn auf be-
stimmte Fragen keine ausführlichen Antworten gegeben werden können.
Hinsichtlich der Reflexverfolgung sei zu beachten, dass der Beschwerde-
führer aus einer politisch sehr aktiven Familie stamme und dessen Ge-
schwister vor der Verfolgung der staatlichen Behörden aus der Türkei hät-
ten flüchten müssen. Die Mehrheit dieser Geschwister sei in Deutschland
inzwischen als Flüchtlinge anerkannt worden, insbesondere auch weil die
Repressalien selbst nach der Verbüssung der Haftstrafen im Heimatland
angedauert hätten. Schliesslich zeige auch das eingereichte Zeugen-
schreiben des Dorfvorstehers ihres Heimatorts eindrücklich auf, welchen
Repressionen die Familie ausgesetzt gewesen sei.
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6.
6.1 Die Beschwerdeführer machen verschiedene formelle Rügen geltend,
die vorab zu beurteilen sind, da sie zu einer Kassation der angefochtenen
Verfügung führen könnten. Die Beschwerdeführer rügen eine Verletzung
des Untersuchungsgrundsatzes, eine unvollständige und unrichtige Abklä-
rung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie eine Verletzung des recht-
lichen Gehörs.
6.2 Der Untersuchungsgrundsatz verlangt, dass die Behörde von Amtes
wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts sorgt, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen be-
schafft, die rechtlich relevanten Umstände abklärt und ordnungsgemäss
darüber Beweis führt. Eine Sachverhaltsfeststellung ist unrichtig, wenn der
Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt
wird, oder wenn Beweise unzutreffend gewürdigt wurden. Unvollständig ist
sie, wenn nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachumstände berück-
sichtigt werden (vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3). Das rechtliche Gehör, welches
in Art. 29 Abs. 2 BV verankert und in den Art. 29 ff VwVG für das Verwal-
tungsverfahren konkretisiert wird, dient einerseits der Aufklärung des Sach-
verhalts, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs-
recht der Parteien dar. Gemäss Art. 30 Abs. 1 VwVG hört die Behörde die
Parteien an, bevor sie verfügt (vgl. BVGE 2011/32 E. 5.4.1).
6.3 Wenn die Beschwerdeführer monieren, aus der Verfügung gehe nicht
hervor, welches Mass an Details zur Annahme der Glaubhaftigkeit zu er-
warten gewesen wäre, ist vorab festzustellen, dass diese Rüge die rechtli-
che Würdigung beschlägt und dort abzuhandeln ist.
Die Rügen sind unbegründet. Dass die Vorinstanz nach Auffassung der
Beschwerdeführer die psychischen Umstände und das starke politische
Profil der Familie nicht sachgerecht gewürdigt haben soll, ist aus den Akten
nicht ersichtlich und erweist sich als haltlos. Die Vorinstanz gibt die proto-
kollierten Aussagen zur Entwicklung der familiären Situation aufgrund der
behaupteten behördlichen Repressalien ausführlich wieder (vgl. Verfü-
gung, S. 3 f.) und würdigt diese bei der Prüfung der Glaubhaftigkeit und der
Asylrelevanz ausführlich (vgl. Verfügung, S. 6 ff.). Weiter befasst sie sich
auch eingehend und unter Berücksichtigung der eingereichten Beweismit-
tel – unter dem Titel der Reflexverfolgung – mit der behaupteten (politisch
motivierten) Verfolgung und Situation der Geschwister des Beschwerde-
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führers. Schliesslich ist auch nicht ersichtlich, nach welchen weiteren Ele-
menten die Vorinstanz hätte forschen müssen und wird von den Beschwer-
deführern auch nicht ansatzweise geltend gemacht.
6.4 Der Antrag auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückwei-
sung an die Vorinstanz zwecks Abklärungen für eine Neubeurteilung ist ab-
zuweisen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten so-
dann in materieller Hinsicht zum Schluss, dass die Vorinstanz die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführer und die Glaubhaftigkeit ihrer Aus-
sagen mit zutreffender Begründung verneint hat. Auf die entsprechenden
Ausführungen in der angefochtenen Verfügung kann zur Vermeidung von
Wiederholungen – mit den nachfolgenden Ergänzungen – verwiesen wer-
den. Was die Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene hiergegen vorbrin-
gen, vermag zu keiner anderen Betrachtungsweise zu führen.
7.2 Es trifft zu, dass der Beschwerdeführer die behaupteten Razzien an
den verschiedenen Wohnorten der Familie (H._, I._ und Is-
tanbul) nicht ausführlich schildern konnte. So beschreibt er die angeblichen
Razzien in H._ in den Anhörungen insgesamt knapp und oberfläch-
lich. Die Sicherheitsbehörden sollen jeweils die Haustür aufgebrochen ha-
ben und sie (die Familie) hätten sich auf den Boden legen müssen, wobei
der Beschwerdeführer auch vor den Augen seiner Frau geschlagen worden
sei, namentlich mit einem Gewehrkolben (vgl. SEM-eAkten, 1048741-14,
F40; 1048741-27, F51). Auch fällt es – in Übereinstimmung mit der Vo-
rinstanz – auf, dass er zur Anzahl der Razzien in H._ keine verläss-
lichen Angaben machen konnte. Die Polizei sei zeitweise ein- bis zweimal
wöchentlich vorbeigekommen und auf Nachfrage ergänzte er, dass in den
Jahren 2015 und 2016 alleine in seinem Haus über fünfzig Razzien durch-
geführt worden seien (vgl. SEM-eAkten, 1048741-27, F49–50). Der Be-
schwerdeführer lässt es nach Ansicht des Gerichts bei seinen Aussagen
an jeglichem Detailreichtum vermissen. So wäre zu erwarten gewesen,
dass er insbesondere den konkreten Ablauf der behaupteten Razzien aus-
führlich geschildert hätte, was beispielsweise Angaben zur Anzahl der Po-
lizisten und anwesenden Personen, die Wiedergabe von Gesprächen und
Interaktionsschilderungen oder die Schilderung von Emotionen umfassen
würde; dies umso mehr, als nach eigenen Angaben über Jahre hinweg und
über fünfzig Razzien stattgefunden haben sollen. Ausserdem ist zu bemer-
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ken, dass der Beschwerdeführer in der BzP – wenn damals auch nur sum-
marisch zu den Asylgründen befragt – die Razzien in H._ nicht aus-
drücklich erwähnt hat, sondern nur eine Razzia in I._ (vgl. SEM-
eAkten, 1047233-41, Ziffer 7.01).
Auch zu den Letzteren vermag der Beschwerdeführer sich nicht ausführlich
zu äussern, wie die Vorinstanz zu Recht festhält (vgl. Verfügung, S. 6). So-
dann sticht hervor, dass der Beschwerdeführer in der BzP eine Razzia in
ihrer Wohnung in I._ erwähnt, an der ihm und seiner Frau angeblich
eine Pistole an den Kopf gehalten und sie mit dem Tod bedroht worden
seien (vgl. SEM-eAkten, 1047233-41, Ziffer 7.01). In der ersten Anhörung
– befragt zur Situation in I._ – spricht er dann nicht mehr ausdrück-
lich von einer Razzia, sondern davon, dass die Polizei einmal bei ihm in
der Nacht zuhause vorbeigekommen sei, wobei er dabei weder den Ein-
satz von Gewalt noch einer Pistole erwähnt (vgl. SEM-eAkten, 1048741-
15, F34). In der ergänzenden Anhörung gibt er schliesslich wieder an, es
seien zwei Razzien in ihren Wohnungen in I._ durchgeführt worden
und sie seien dabei mit dem Tod bedroht worden. Dass ihnen zur Bekräfti-
gung dieser Drohung eine Pistole an den Kopf gehalten worden sei, er-
wähnt er auch hier – in Abweichung zur BzP – nicht mehr (vgl. SEM-eAk-
ten, 1048741-27, F17 und F47).
Ferner ist auch den vorinstanzlichen Ausführungen zur behaupteten Raz-
zia in Istanbul zuzustimmen. Es kann auf die diesbezüglichen Erwägungen
in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. Verfügung, S. 6).
Der Beschwerdeführer hat zu der Razzia in Istanbul im Vergleich zu den
angeblichen Razzien in H._ und I._ zwar ausführlichere Ant-
worten gegeben (vgl. etwa SEM-eAkten, 1048741-27, F7, F11 und F14).
Dennoch ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz festzustellen, dass es
ihm insgesamt nicht gelungen ist – auch auf explizite Nachfrage – seine
Schilderungen angemessen zu konkretisieren, insbesondere was die kon-
krete Motivation und den Ablauf von Beginn bis zum Ende der Razzia be-
trifft.
Die Durchsicht der protokollierten Aussagen ergibt schliesslich insgesamt,
dass der Beschwerdeführer die behaupteten Razzien, seien es jene in
H._, I._ oder auch Istanbul, stets knapp und oberflächlich
hält und die Schilderungen sich über sämtliche Befragungen hinweg weit-
gehend ähneln, insbesondere zum Ablauf der Razzien. Dass die verschie-
denen Razzien – angesichts der behaupteten Anzahl und dem Zeitraum
sowie auf verschiedenen Landesteilen verteilt – stets ähnlich oder gar
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Seite 11
gleich abgelaufen sein sollen und der Beschwerdeführer auch auf Nach-
frage keine nennenswerten Unterschiede ausmachen konnte (vgl. etwa
SEM-eAkten, 1048741-27, F48 und F51), erscheint nicht nachvollziehbar.
Die Vorinstanz hat sodann zu Recht festgestellt, dass auch die Beschwer-
deführerin zu den behaupteten Razzien knappe, mit wenig Substanz aus-
gestattete Aussagen gemacht hat (vgl. Verfügung, S. 6 f.). Sie beschränkte
sich im Wesentlichen auf eine schematische und vage Schilderung der an-
geblichen Ereignisse und konnte auch auf Nachfrage keine ausführlichen
Angaben zum Verlauf der Razzien machen oder nennenswerte Unter-
schiede zwischen den einzelnen Razzien erläutern. Hinsichtlich des Ab-
laufs der angeblichen Razzia in Istanbul ist aus den protokollierten Aussa-
gen ausserdem ein relevanter Widerspruch auszumachen. In der ersten
Anhörung sagte sie aus, die Polizisten hätten sie alle in einer Reihe auf-
stellen lassen (vgl. SEM-eAkten, 1048741-14, F39), während sie dies in
der ergänzenden Anhörung verneint und auf Nachfrage korrigierend hinzu-
fügt, sie hätten sich während einer Razzia im Haus des Schwiegervaters,
das heisst des Vaters des Beschwerdeführers, in H._ in eine Reihe
aufstellen müssen (vgl. SEM-eAkten, 1048741-28, F31 und F36). Der Be-
schwerdeführer sagte in der ergänzenden Anhörung hingegen, dass die
türkische Polizei sie bei sämtlichen Razzien nie in eine Reihe habe stellen
lassen (vgl. SEM-eAkten, 1048741-27, F81). Wenn die Beschwerdeführe-
rin diesbezüglich einen Gedächtnisverlust geltend macht, überzeugt dies
nicht (vgl. SEM-eAkten, 1048741-28, F31).
Nach dem Gesagten ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass es den Be-
schwerdeführern nicht gelungen ist, die behaupteten Razzien durch die tür-
kischen Sicherheitsbehörden glaubhaft darzulegen. Daran vermögen auch
die auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel nichts zu ändern.
Die Fotos, welche eine beschädigte Türe – angeblich die Türe des Famili-
enhauses in H._ – zeigen, sind nicht geeignet, die zahlreichen be-
haupteten Razzien zu untermauern. Gleiches gilt für das Schreiben des
Dorfvorstehers von G._, in welchem dieser im Wesentlichen bestä-
tigt, dass die Sicherheitsbehörden im Haus der Beschwerdeführer in der
Provinz H._ regelmässig Hausdurchsuchungen durchführt. Na-
mentlich führt der Dorfvorsteher im besagten Schreiben aus, er habe die
Polizei persönlich begleitet, als diese im März 2021 im Haus der Beschwer-
deführer eine Hausdurchsuchung durchgeführt haben sollen und könne
dies demgemäss bezeugen. Die Beschwerdeführer erwähnen anlässlich
der Befragungen, insbesondere zu den behaupteten Razzien, zu keinem
Zeitpunkt die Person des Dorfvorstehers. Weshalb er die Polizei angeblich
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Seite 12
gerade an diese kürzlich stattgefundene Hausdurchsuchung begleitet ha-
ben soll
– und an den angeblich zahlreichen in der Vergangenheit stattgefundenen
Razzien im Haus der Beschwerdeführer demgemäss offenbar nicht anwe-
send war – wird nicht begründet und ist auch nicht nachvollziehbar. Auch
dass der Dorfvorsteher die Hintergründe der Hausdurchsuchungen nicht
kenne und keine Informationen darüber habe, ist angesichts der langjähri-
gen Haftstrafen der Brüder des Beschwerdeführers und dem teilweise aus-
geprägten politischen Profil der Geschwister – welche dem Dorfvorsteher
lebensnah bekannt sein dürften – nicht einleuchtend. Das erst auf Be-
schwerdeebene eingereichte Schreiben ist insgesamt als nachgeschoben
zu betrachten und als Gefälligkeitsschreiben einzustufen. Es ist demge-
mäss nicht geeignet, die von den Beschwerdeführern vorgebrachten Raz-
zien als glaubhaft erscheinen zu lassen.
7.3 Weiter ist mit der Vorinstanz einig zu gehen, wenn sie die Aussagen
der Beschwerdeführer zu den behaupteten Drohanrufen als vage bezeich-
net (vgl. Verfügung, S. 7). So vermochten die Beschwerdeführer weder zur
Anzahl noch zum konkreten Inhalt oder Hintergrund der angeblichen Droh-
anrufe durch die Sicherheitsbehörden nachvollziehbare und detaillierte
Aussagen zu tätigen (vgl. etwa SEM-eAkten, 1048741-27, F21–F22,
F26–F30).
7.4 Auch unter dem Aspekt der Reflexverfolgung erweist sich die Be-
schwerde als unbegründet. Es ist auf die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz zu verweisen, ergänzt mit den folgenden Ausführungen.
7.4.1 Aus den Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer einer Familie
angehört, deren Mitglieder sich teilweise in beträchtlicher Weise politisch
oppositionell für die Sache der Kurden engagiert haben. Gemäss den ein-
gereichten Beweismitteln wurden zwei Brüder des Beschwerdeführers in
der Türkei zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Mit Urteil des Strafgerichts
J._ vom (...) wurde sein Bruder K._ wegen Mitgliedschaft in
einer terroristischen Vereinigung (PKK) zu zwölf Jahren Gefängnisstrafe
verurteilt (vgl. SEM-Akten, Beweismittel, 5f). Sein Bruder L._ wurde
mit Urteil des Strafgerichts J._ vom (...) wegen Mitgliedschaft in ei-
ner terroristischen Vereinigung (PKK) zu sechs Jahren und drei Monaten
Gefängnisstrafe verurteilt (vgl. SEM-Akten, Beweismittel, 3b). In welchem
Umfang die genannten Brüder die Gefängnisstrafen verbüsst haben, ergibt
sich aus den eingereichten Beweismitteln nicht. Nach Angaben des Be-
schwerdeführers haben diese ihre Gefängnisstrafen abgesessen (vgl.
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SEM-eAkten, 1048741-15, F40 und F43). Unabhängig davon ist festzustel-
len, dass sowohl K._ als auch L._ inzwischen in Deutsch-
land wohnhaft sind und dort über eine Aufenthaltserlaubnis verfügen (vgl.
SEM-Akten, Beweismittel, 3a). Vor diesem Hintergrund ist nicht ersichtlich,
dass die türkischen Behörden weiterhin ein Interesse an den genannten
Brüdern aufweisen beziehungsweise derer nach Vollzug der Haftstrafe und
Ausreise nach Deutschland habhaft zu werden versucht haben und zu die-
sem Zweck den Beschwerdeführer ins Visier genommen hätten. Daran än-
dert auch nichts, dass K._ gemäss eingereichten Urteil des Straf-
gerichts J._ vom (...) offenbar zu einer weiteren Gefängnisstrafe
von zweieinhalb Jahren verurteilt worden ist (vgl. SEM-Akten, Beweismit-
tel, 5c). Die Beschwerdeführer legen insbesondere nicht substantiiert dar,
inwiefern die türkischen Behörden etwa Anstalten getroffen haben, um
K._ habhaft zu werden.
In Bezug auf den Bruder M._ ergibt sich sodann aus den Akten,
dass gegen ihn in den Jahren 2011 und 2014 Anklage erhoben wurde we-
gen des Vorwurfs der Mitgliedschaft bei der PKK (vgl. SEM-Akten, Beweis-
mittel, 6b-f). Der weitere Verlauf und aktuelle Stand dieser Verfahren ist
nicht dokumentiert und wird vom Beschwerdeführer auch auf Beschwerde-
ebene nicht weiter erläutert. M._ ist nachweislich bereits im Jahr
2015 nach Deutschland ausgereist und verfügt inzwischen über einen dor-
tigen Aufenthaltstitel (vgl. SEM-Akten, Beweismittel, 6c). Aufgrund der zwei
offenbar noch hängigen Anklagen kann zwar davon ausgegangen werden,
dass die türkischen Behörden grundsätzlich ein Interesse an dessen Auf-
enthaltsort haben. Mit der Vorinstanz ist jedoch festzustellen, dass dies un-
ter dem Aspekt der Reflexverfolgung vorliegend kein erschwerendes Ele-
ment darstellt. Trotz der hängigen Anklagen musste er offenbar nicht bis zu
einem allfälligen Gerichtsurteil in (Untersuchungs-)Haft verweilen, andern-
falls er nicht – legal oder illegal – im Jahr 2015 nach Deutschland hätte
ausreisen können. Die Vorinstanz hat gestützt darauf zutreffend festgehal-
ten, dass die ganze Familie deshalb nicht in derart hohen Masse exponiert
sei, wie dies bei schweren Straftaten wie etwa Gewaltdelikten der Fall sein
könnte.
Was sodann den Bruder N._ betrifft, ist Folgendes festzuhalten:
Gemäss den eingereichten Beweismitteln ist dieser Mitglied der Partei
HDP (Halklarin Demokratik Partisi; SEM-Akten, Beweismittel, 2c). Er wurde
in den Jahren 2016 und 2017 offenbar zweimal polizeilich befragt, wobei
er eine Mitgliedschaft bei oder Aktivitäten für die PKK abstritt (vgl. SEM-
Akten, Beweismittel, 2e und 2d). Aus den Akten ergibt sich nicht und wird
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von den Beschwerdeführern auch nicht geltend gemacht, dass gegen ihn
ein Verfahren beziehungsweise eine Anklage erhoben worden wäre oder
er jemals in Haft war. Nach seiner Ausreise aus der Türkei verfügt er inzwi-
schen über einen Aufenthaltstitel in Deutschland (vgl. SEM-Akten, Beweis-
mittel, 2a). Gemäss aktueller Quellenlage können Angehörige von HDP-
Mitgliedern in bestimmten Fällen ins Visier der türkischen Behörden gera-
ten und einer (Reflex-)Verfolgung ausgesetzt werden. Dies ist insbeson-
dere der Fall, wenn das betreffende HDP-Mitglied einen hohen Bekannt-
heitsgrad hat oder durch ihre Aktivitäten in den Sozialen Medien oder durch
öffentliche Aktionen erhöhte Aufmerksamkeit der türkischen Behörden auf
sich zieht (vgl. UK Home Office, Country Policy and Information Note. Tur-
key: Peoples’ Democratic Party (HDP), 03.2020; zuletzt abgerufen am
20.07.2021). Gestützt auf die Akten ist nicht ersichtlich und wird von den
Beschwerdeführern auch nicht substantiiert vorgebracht, dass N._
eine hohe Funktion innerhalb der HDP innehat oder sich in der Türkei oder
im Ausland in irgendeiner Form politisch engagiert hat. Demzufolge ist
auch hier nicht davon auszugehen, dass die türkischen Behörden ein be-
sonderes Interesse an seiner Person haben und ihn deshalb besonders im
Visier hätten und damit die Angehörigen – darunter die Beschwerdeführer
– Verfolgungsmassnahmen durch die türkischen Behörden riskieren wür-
den.
7.4.2 Schliesslich sind auch die persönlichen Lebensumstände der Be-
schwerdeführer in der Türkei hervorzuheben. Diese sprechen insgesamt
nicht dafür, dass sie von den türkischen Behörden aufgrund der Geschwis-
ter des Beschwerdeführers besonders ins Visier genommen worden wä-
ren. So haben die Beschwerdeführer ihren Wohnsitz innerhalb der Türkei
mehrmals verlegt und sich in den jeweiligen Städten legal angemeldet und
konnten auch ihre Kinder an der staatlichen Schule anmelden, wobei sie
offenbar keinerlei Schwierigkeiten administrativer Natur seitens der Behör-
den haben gewärtigen müssen. Weiter konnten sich die Beschwerdeführer
im Mai 2019 ohne Schwierigkeiten von den zuständigen türkischen Behör-
den legal neue Reisepässe für alle Familienmitglieder ausstellen lassen
(vgl. SEM-eAkten, 1047233-41, Ziffer 4.02) und haben im gleichen Jahr für
zwei Wochen einen Familienurlaub im Balkan unternommen und sind an-
schliessend wieder auf legalem Weg in die Türkei zurückgekehrt (vgl.
SEM-eAkten, 1048741-14, F65; SEM-eAkten, 1048741-27, F72), ohne von
den Behörden behelligt zu werden. Ausserdem leben weitere Familienmit-
glieder des Beschwerdeführers, namentlich der Vater und der Bruder
O._, weiterhin in der Provinz H._. Seine Unternehmung hat
der Beschwerdeführer nach dem Wegzug nach I._ dem Bruder
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übertragen, welcher sich fortan um dessen Geschäft und gemeinsam mit
dem Vater um dessen Vermögensangelegenheiten in der Türkei kümmert
(vgl. SEM-eAkten, 1048741-15, F18; SEM-eAkten, 1048741-14, F11). Die
Beschwerdeführer behaupten zwar, dass nach ihrer Ausreise nun der Bru-
der von den Behörden schikaniert werde und in deren Fokus stehe. Sie
bringen diesbezüglich aber lediglich vor, dass die Behörden einige Male in
den Büroräumlichkeiten erschienen seien und sich nach ihrem Aufenthalts-
ort erkundigt haben sollen (vgl. SEM-eAkten, 1048741-14, F43–F47). Aus-
serdem sei der Vater des Beschwerdeführers noch während ihres Aufent-
halts in Istanbul angeblich von der Polizei für eine Befragung vorgeladen
worden (vgl. SEM-eAkten, 1048741-28, F16). Diese Vorbringen sind weder
dokumentiert noch werden sie von den Beschwerdeführern genügend sub-
stantiiert. Weitere allfällige behördliche Druckversuche auf den Bruder und
den Vater des Beschwerdeführers sind nicht ersichtlich und werden im Üb-
rigen auch nicht geltend gemacht. Demgemäss kann davon ausgegangen
werden, dass die noch in der Türkei wohnhaften Familienmitglieder ihrem
Alltag und ihren Geschäftstätigkeiten weitgehend unbehelligt nachgehen
können. Ferner wurde er gemäss seinen Aussagen von den Behörden
auch nie offiziell gesucht (vgl. SEM-eAkten, 1047233-41, Ziffer 7.02). End-
lich haben die türkischen Behörden über all die Jahre keine (strafrechtli-
chen) Ermittlungen oder sonstige Verfahren gegen den Beschwerdeführer
eingeleitet (vgl. SEM-eAkten, 1048741-15, F45, F52– F56, F59) und er war
nach eigenen Angaben weder in der Türkei noch nach seiner Ausreise im
Ausland jemals politisch aktiv oder hat jemals öffentlich eine bestimmte po-
litische Haltung zum türkischen Staat manifestiert (vgl. SEM-eAkten,
1047233-41, Ziffer 7.02).
7.5 Insgesamt gelingt es den Beschwerdeführern demzufolge nicht, eine
bestehende oder objektiv drohende Verfolgung glaubhaft zu machen. Eine
begründete Furcht vor künftiger Verfolgung ist auch unter dem Titel der
Reflexverfolgung zu verneinen. Die Vorinstanz hat die Asylgesuche zu
Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an, wobei es den Grundsatz der Einheit der Familie berücksichtigt
(Art. 44 AsylG).
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8.2 Die Beschwerdeführer verfügen weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis nicht möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden
(Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführern nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, findet der in Art. 5 AsylG
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verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung vorliegend keine Anwen-
dung. Eine Rückkehr der Beschwerdeführer in den Heimatstaat ist dem-
nach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdefüh-
rer noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen.
9.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
9.3.1 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi-
schen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in ver-
schiedenen Provinzen im Südosten des Landes (im Einzelnen: Batman,
Diyarbakir, Mardin, Siirt, Urfa und Van, anders als die Provinzen Hakkari
und Sirnak, zu den Letzteren BVGE 2013/2 E. 9.6) sowie der Entwicklun-
gen nach dem Militärputschversuch im Juli 2016 ist gemäss konstanter
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts nicht von einer Situation allgemei-
ner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch
nicht für Angehörige der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. statt vieler
BVGer E-1716/2020 vom 22. April 2020 E. 7.4.1 und E-2181/2020 vom
17. Dezember 2020 E. 12.4.1 je m.H.).
9.3.2 Sodann liegen auch keine individuellen Gründe vor, die gegen den
Vollzug der Wegweisung sprechen würden. Die Beschwerdeführer sind
jung, gesund und haben in der Türkei die Schule besucht. Ausserdem hat
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der Beschwerdeführer in der Heimat – nach eigenen Angaben sehr erfolg-
reich – eine eigene Unternehmung geführt, welche offenbar immer noch
aktiv ist und seither vom Bruder geführt wird. Hinzu kommt, dass die Fami-
lie nach eigenen Angaben über ein Haus im Eigentum verfügt und verschie-
dene Familienmitglieder, darunter mit dem Bruder und dem Vater engste
Familienmitglieder, nach wie vor in der Türkei leben. Die geeigneten
Voraussetzungen für eine berufliche wie auch soziale Reintegration liegen
damit vor und die Beschwerdeführer können zur Unterstützung bei der
Wiedereingliederung bei Bedarf auch auf das grosse familiäre Beziehungs-
netz im Heimatstaat zurückgreifen. Zur Situation der Kinder ist Folgendes
zu bemerken: Die Kinder sind alle in der Türkei geboren und haben bis zur
Ausreise in die Schweiz den grössten Teil ihres Lebens in der Provinz
H._ verbracht, wurden somit in der Türkei sozialisiert und sprechen
die türkische Sprache. Der älteste Sohn C._, geboren am (...), hat
in der Türkei die Schule bis zur achten Klasse besucht. Die zwei Töchter
D._, geboren am (...), und E._, geboren am (...), wurden
ebenfalls in der Türkei eingeschult. Was den jüngsten Sohn F._,
geboren am (...), betrifft, so ist davon auszugehen, dass er in der Schweiz
eingeschult worden ist. Aufgrund des Alters und insbesondere aufgrund der
relativ kurzen Dauer des aktuellen Aufenthalts in der Schweiz, kann nicht
von einer fortgeschrittenen Verwurzelung der Kinder in der Schweiz ge-
sprochen werden. Es ist davon auszugehen, dass sich alle Kinder in der
Türkei nach einer kurzen Angewöhnungszeit integrieren können. Eine
Rückkehr in die Türkei ist demnach auch mit dem Kindeswohl vereinbar.
Im Übrigen finden sich diesbezüglich in der Beschwerde keinerlei Ausfüh-
rungen.
9.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführern, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Das gestellte Rechtsbegehren erweist sich als aussichtslos, weshalb
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ungeachtet einer allfälligen
prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
den Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit vorliegendem
Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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