Decision ID: 0a1fe6f2-e4ce-4846-8078-02d7328c8521
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 26. Juni 2019 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1).
Die letzte Arbeitgeberin gab am 29. Juli 2019 an, der Versicherte sei als Steward im
Zugrestaurant während 42 Stunden pro Woche tätig gewesen (IV-act. 11). Für das Jahr
2019 habe er hierfür ein Jahresgehalt von Fr. 55'627.-- erhalten. Dr. med. B._,
Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH, berichtete am 9. August 2019 (IV-act.
12-3), der Versicherte leide an einer mittelgradigen depressiven Episode (mit einem
Status nach Klinikaufenthalt in Gais vom 10. Mai bis 11. Juli 2019) und einer
psychofunktionellen Schwindelsymptomatik nach leichtem Schädel-Hirn-Trauma am
18. Dezember 2018. Seit dem 18. Dezember 2018 bestehe eine volle
Arbeitsunfähigkeit; derzeit aus psychischen Gründen. Am 22. Oktober 2019 berichteten
die Fachpersonen der Psychiatrie C._ (IV-act. 14), die depressive Episode sei beim
Versicherten gegenwärtig schwer, jedoch ohne psychotische Symptome. Am 19.
November 2019 gaben sie weiter an (IV-act. 17), der Versicherte sei vom 18.
September bis 15. November 2019 in stationärer Behandlung gewesen. Dabei seien
folgende psychiatrische Diagnosen erhoben worden: Eine schwere depressive Episode
ohne psychotische Symptome und eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung. Am
12. Februar 2020 erstattete Dr. med. D._ im Auftrag der elipsLife Versicherung ein
psychiatrisches Gutachten (Fremdakten act. 72-18 ff.). Dr. D._ führte darin aus, der
Versicherte leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung und sei derzeit voll
arbeitsunfähig. Am 2. April 2020 berichteten die Fachpersonen der Psychiatrie C._
(IV-act. 25) über die tagesklinische Behandlung seit dem 18. September 2019 bis zum
6. März 2020. Sie gaben an, der Versicherte leide an einer akuten Belastungsreaktion.
Eine depressive Episode oder eine Schmerzstörung diagnostizierten die Fachpersonen
nicht mehr. In einem zweiten durch die elipsLife Versicherungen in Auftrag gegebenen
A.a.
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psychiatrischen Gutachten vom 28. Juni 2020 führte Dr. med. E._ aus (Fremdakten
act. 74-1 ff.), er habe beim Versicherten keine psychiatrische Beeinträchtigung
feststellen können; der Versicherte sei voll arbeitsfähig.
Am 13. Oktober 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 32), zur
Klärung der Leistungsansprüche erachte sie eine medizinische Untersuchung
(Psychiatrie mit neuropsychologischer Zusatzdiagnostik) als notwendig. Am 11.
Februar 2021 erstatteten Prof. Dr. F._ ein psychiatrisches (IV-act. 45-2 ff.) und Dr.
phil. G._ am 10. Februar 2021 ein neuropsychologisches Gutachten (IV-act. 45-47
ff.). Der psychiatrische Sachverständige führte in seinem Fachgutachten aus, der
Versicherte leide an einer Anpassungsstörung mit längerdauernder depressiver
Reaktion. Das Vorgutachten von Dr. D._ sei formal völlig unstrukturiert. Die
Wiedergabe der subjektiven Beschwerdeschilderung des Versicherten, der objektiven
Befundlage, der anamnestischen Angaben und der diagnostischen Erwägungen seien
völlig durcheinander. Die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung werde
nicht kriteriengeleitet aus dem ICD-10 begründet, sondern auf den Bagatellunfall vom
18. Dezember 2018 bezogen. Schon alleine deswegen sei die Diagnose der
posttraumatischen Belastungsstörung abwegig. Das von Dr. D._ angegebene
Trauma (nämlich der Unfall vom Dezember 2018) erfülle die Charakterisierung für eine
posttraumatische Belastungsstörung nach ICD-10 (wonach eine solche als eine
verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation
kürzerer oder längerer Dauer, mit aussergewöhnlicher Bedrohung oder
katastrophenartigem Ausmass, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen
würde, entstehe; als Beispiel sei hier an eine aktive Teilnahme an Kriegsgeschehen,
Holocaust-Erfahrungen, Folter oder Naturkatastrophen zu denken) nicht. Auch die im
April 2020 nach der tagesklinischen Behandlung gestellte Diagnose einer akuten
Belastungsreaktion sei falsch. Nach ICD-10 sei dies eine vorübergehende Störung, die
sich bei einem psychisch nicht manifest gestörten Menschen als Reaktion auf eine
aussergewöhnliche physische oder psychische Belastung entwickle und die im
Allgemeinen innerhalb von Stunden oder Tagen abklinge. Hier sei einzuwenden, dass
es sich beim Unfallereignis nach den vorliegenden Berichten um ein Bagatellereignis
und nicht um eine aussergewöhnliche physische Belastung gehandelt habe. Zudem sei
die psychische Reaktion auf den Unfall nicht nach Stunden oder Tagen abgeklungen,
A.b.
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sondern halte seit der damaligen Diagnosestellung an. Trotz der festgestellten
Aggravation der Beschwerden (vgl. nachfolgende Ausführungen) könne der Ansicht von
Dr. E._, dass keinerlei psychiatrische Erkrankung vorliege, nicht gefolgt werden.
Aufgrund der vielfältigen Hinweise aus unterschiedlichen Quellen bezüglich der
Aggravation oder mindestens der Symptomverdeutlichungstendenz sei jedoch davon
auszugehen, dass keine Störung in einem Ausmass vorliege, welche die Diagnose einer
depressiven Episode rechtfertigen würde. Vielmehr sei deutlich zu erkennen, dass sich
nach dem erlittenen Unfall im Laufe der Jahre und der folgenden Kündigung des
Arbeitsverhältnisses eine depressive Reaktion im Sinne einer Anpassungsstörung
entwickelt habe. Es bestehe eine Diskrepanz zwischen dem Aktivitätsniveau im Alltag
und der angeblich vollkommen vorhandenen Arbeitsunfähigkeit. So lenke der
Versicherte ein Auto, mache Ferien in H._, lebe aktiv in der Familie, nehme
verschiedene Termine wahr, interessiere sich am Fernsehen (insb. für die Nachrichten),
gehe spazieren, halte sich in der Cafeteria der Familie auf, gehe gelegentlich in die
Kirche oder telefoniere regelmässig mit Verwandten in H._. Die geklagten Symptome
und Funktionseinbussen seien deutlich aggraviert. Auch das vom Versicherten
Berichtete weise immer wieder Inkonsistenzen auf. So habe er angegeben, er sei seit
langem nicht mehr gereist. Nach einer Konfrontation durch den Gutachter (da der
Versicherte den zunächst zugewiesenen Untersuchungstermin nicht wahrgenommen
habe) habe der Versicherte dann aber zugegeben, dass er sich vor kurzem in H._
aufgehalten und deshalb die erste Aufforderung zur Begutachtung nicht erhalten habe.
Auch bezüglich des Autofahrens habe er immer wieder diskrepante Angaben gemacht.
Die Symptomverdeutlichung sei allerdings mit überwiegender Wahrscheinlichkeit im
Sinne seiner narzisstischen Persönlichkeitsanteile zu sehen. Subjektiv sei für den
Versicherten mit dem Unfallereignis eine intakte Welt zusammengebrochen. Da ihm
seine narzisstische Anlage nicht gestatte, bei sich selbst die Motive für die negative
Veränderung zu sehen und damit durch Überwindung zu einer positiven
Zukunftsgestaltung zu kommen, steigere er sich völlig in das Krankheitskonzept mit
einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit infolge des externen Unfallereignisses hinein.
Dabei wirke er in den verschiedenen Untersuchungssituationen immer wieder
demonstrativ, was der Persönlichkeitsstruktur und allenfalls auch den kulturellen
Besonderheiten zuzuschreiben sei. Damit sei eher nicht von einer bewussten
manipulativen Simulation der Beschwerden zur Erreichung einer IV-Rente auszugehen;
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vielmehr liege eine durch seine Persönlichkeit getriggerte Symptomverdeutlichung −
auch sich selbst gegenüber − vor. Der Versicherte könne sowohl in der zuletzt
ausgeübten Tätigkeit als ungelernter Bahnsteward als auch in einer adaptierten
Tätigkeit zu 100% anwesend sein. Innerhalb der Anwesenheitszeit sei die Leistung
sowohl bei der bisherigen sowie auch in einer adaptierten Tätigkeit durch die
vermutlich eher leicht ausgeprägte kognitive Störung und die Restsymptomatik der
Anpassungsstörung im Sinne der depressiven Reaktion zu circa 30% eingeschränkt.
Die Gesamtarbeitsfähigkeit in der bisherigen und in einer adaptierten Tätigkeit belaufe
sich damit auf 70%. Diese sei seit dem Unfall im Dezember 2018 gegeben; davon
ausgenommen seien die Zeiten der stationären Behandlung, während derer der
Versicherte je zu 100% arbeitsunfähig gewesen sei. Die neuropsychologische
Sachverständige führte in ihrem Fachgutachten aus (IV-act. 45-47 ff.), beim
Versicherten sei mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Aggravation von kognitiven
Defiziten auszugehen. Es sei nicht auszuschliessen, dass ein gekränkter narzisstischer
Verarbeitungsprozess seine Leistungsbereitschaft unbewusst deutlich reduziere.
Ebenso wenig könne eine bewusstseinsnahe Aggravation klar abgegrenzt werden. Es
könne somit nicht abschliessend auseinandergehalten werden, ob es sich (teils) um
eine störungsbedingte (im Rahmen einer psychischen Störung) kognitive
Symptomverstärkung oder um eine bewusstseinsnahe Aggravation von kognitiven
Beschwerden handle. Zusammenfassend sei festzuhalten, dass sich der Versicherte in
der neuropsychologischen Begutachtung in einem Zustand präsentiert habe, in dem
seine kognitive Leistungsfähigkeit − und damit seine Arbeitsfähigkeit − nicht valide
testpsychologisch habe beurteilt werden können. Der RAD-Arzt Dr. med. I._ notierte
am 14. April 2021 (IV-act. 48), das Gutachten von Dr. F._ mit konsensueller
Würdigung des neuropsychologischen Zusatzgutachtens von Dr. I._ entspreche im
Wesentlichen den versicherungsmedizinischen Kriterien. Es bestünden diverse
Inkonsistenzen, die aber in die gutachterliche Bewertung einbezogen worden seien.
Das bedeute, dass die Arbeitsunfähigkeitsbeurteilung nicht mit verminderter
Aussagesicherheit vorgenommen worden sei.
Am 15. April 2021 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, sein Begehren um
berufliche Massnahmen werde abgewiesen (IV-act. 51).
A.c.
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B.
Mit einem Vorbescheid vom 3. August 2021 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten die Abweisung seines Rentenbegehrens bei einem IV-Grad von 30% an
(IV-act. 58). Hiergegen liess der Versicherte am 21. September 2021 einwenden (IV-act.
62), ihm sei eine Invalidenrente auszurichten. Am 21. Oktober 2021 verfügte die IV-
Stelle wie angekündigt die Abweisung des Rentenbegehrens (IV-act. 63).
A.d.
Am 22. November 2021 liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) vom 21. Oktober 2021 erheben (act. G 1). Er beantragte im
Wesentlichen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und ihm sei eine
Invalidenrente auszurichten. Zur Begründung führte er aus, da er auch an anhaltenden
Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit leide, wäre im Verwaltungsverfahren eine
polydisziplinäre statt nur einer monodisziplinären Begutachtung notwendig gewesen.
Da eine solche fehle, sei die Angelegenheit zur Vervollständigung der Abklärungen an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Übrigen dürfe nicht auf die Tabellenlöhne
für Hilfsarbeiter abgestellt werden, da diese ein zu hohes potentielles Einkommen
angäben.
B.a.
Am 17. Januar 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Sie führte zur Begründung im Wesentlichen aus, die von Prof.
Dr. F._ in seinem Gutachten erhobenen Befunde erschienen nicht besonders
ausgeprägt. Die diagnostizierte Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion
lasse nicht auf eine schwere Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und
Symptome schliessen. Mit Blick auf die ausgeprägten Inkonsistenzen liege kein
stimmiges Gesamtbild der gleichmässigen Einschränkung in allen Lebensbereichen
vor. Damit sei der von Prof. Dr. F._ diagnostizierten Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion in Nachachtung von BGE 141 V 281 aus juristischer Sicht keine
Einschränkung auf die Arbeitsfähigkeit zuzuschreiben. Mit anderen Worten könne der
attestierten Arbeitsunfähigkeit von 30% nicht gefolgt werden.
B.b.
Am 18. Januar 2022 wurde das Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege (Befreiung von Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) für das Beschwerdeverfahren bewilligt (act. G 6).
B.c.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 21. Oktober 2021
einen Rentenanspruch des Beschwerdeführers bei einem IV-Grad von 30% verneint.
Strittig ist, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
2.
Eine versicherte Person hat laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf eine Rente
der Invalidenversicherung, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, wenn sie
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach dem Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der Invalidität
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre. Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach
der Geltendmachung des Leistungsanspruchs (Art. 29 Abs. 1 IVG).
In einer Replik vom 6. Mai 2022 liess der Beschwerdeführer an seinen
Beschwerdeanträgen festhalten (act. G 12). Zur Begründung führte er ergänzend aus,
die Beschwerdegegnerin habe eine unzulässige juristische Parallelüberprüfung des
Gutachtens von Dr. F._ vorgenommen. Der Gutachter habe entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin seine Arbeitsfähigkeitsschätzung begründet und nicht bloss vom
diagnostizierten Geschehen direkt auf eine Arbeitsunfähigkeit geschlossen.
B.d.
Am 13. Mai 2022 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf die Einreichung einer
Duplik (act. G 14).
B.e.
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3.
Die Beschwerdegegnerin hat zur Abklärung der verbleibenden Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers bei Prof. Dr. F._ ein psychiatrisches und bei Dr. phil. I._ ein
neuropsychologisches Gutachten eingeholt. Ein Gutachten hat vollen Beweiswert,
wenn es für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie
der medizinischen Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen der Experten
begründet sind (vgl. etwa BGE 125 V 351, E. 3a).
3.1.
Die Gutachter haben in ihren Teilgutachten den Anlass und den Umstand der
Begutachtung umschrieben; sämtliche Vorakten sind ihnen zur Verfügung gestanden.
Wo relevant, sind sie näher auf die Vorakten eingegangen. Prof. Dr. F._ hat sich
insbesondere mit den von den Behandlern und Vorgutachtern erhobenen Diagnosen
auseinandergesetzt und überzeugend begründet, weshalb diese Diagnosen beim
Beschwerdeführer nicht erhoben werden können. Die Gutachter haben den
Beschwerdeführer je persönlich untersucht, die Anamnese erhoben und die objektive
Befundlage festgehalten sowie beurteilt. Auch zu den Aggravations- und
Verdeutlichungstendenzen haben sich die Sachverständigen geäussert. Die von Dr.
F._ erhobene Diagnose überzeugt auch im Hinblick darauf, dass er die von den
Behandlern und Vorgutachtern erhobenen Diagnosen überzeugend entkräftet bzw. wo
nötig dargelegt hat, wieso die ICD-10-Kriterien jeweils nicht erfüllt gewesen sind. Zum
Schluss hat Prof. Dr. F._ eine Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Dr. I._ hat
aufgrund der Aggravation keine validen Testresultate und folglich keine Stellungnahme
zur Funktions- und Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers abgeben können. Sie hat
erläutert, aufgrund der Aggravation habe sie auch keine Aussagen zur Ätiologie einer
allfälligen kognitiven Störung machen können. Was die Frage nach der Motivation zu
den der auffälligen Leistungsvalidierung zugrundeliegenden Verhaltensmustern
anbelange, sei keine abschliessende Antwort möglich. Es sei nicht auszuschliessen,
dass ein gekränkter narzisstischer Verarbeitungsprozess seitens des
Beschwerdeführers unbewusst seine Leistungsbereitschaft deutlich reduziert habe.
Ebenso wenig könne eine bewusstseinsnahe Aggravation klar abgegrenzt werden.
Abschliessend könne damit nicht auseinandergehalten werden, ob es sich (teils) um
eine störungsbedingte (im Rahmen einer psychischen Störung) kognitive
Symptomverstärkung handle oder um eine bewusstseinsnahe Aggravation von
kognitiven Beschwerden. Würden nur diese Ausführungen im neuropsychologischen
Gutachten gewürdigt, wäre es im Rahmen des Verwaltungsverfahrens notwendig
3.2.
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gewesen, ein sogenanntes "Mahn- und Bedenkzeitverfahren" durchzuführen und die
neuropsychologische Begutachtung zu wiederholen, da diese zu keinen validen
Ergebnissen geführt hat. Dr. F._ hat aber in seinem Gutachten ausgeführt (IV-act.
45-36 f. und 45-40 f.), die Symptomverdeutlichung des Beschwerdeführers sei mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit im Sinne der narzisstischen Persönlichkeitsanteile
zu sehen. Aufgrund seiner narzisstischen Persönlichkeitsstruktur sei der
Beschwerdeführer nicht in der Lage, eine andere, funktionalere Strategie zur
Überwindung seiner Schwierigkeiten zu entwickeln. So seien nicht nur die vorhandenen
Beschwerden sich selber gegenüber deutlich aggraviert, sondern er nehme auch die
Zuschreibung der Verursachung auf ein externes Ereignis (den Bagatellunfall von 2018)
vor. Die narzisstische Anlage gestatte es ihm nicht, bei sich selbst Motive für die
negative Veränderung zu sehen und damit durch Überwindung zu einer positiven
Zukunftsgestaltung zu kommen; er steigere sich völlig in das Krankheitskonzept einer
vollständigen Arbeitsunfähigkeit durch das externe Unfallereignis hinein. Dadurch wirke
er in den verschiedenen Untersuchungssituationen immer wieder demonstrativ. Zwar
seien gewisse Hinweise für ein manipulatives Verhalten vorhanden (Verschweigen des
Aufenthalts in H._, demonstrativ leidendes Verhalten während der Untersuchung),
letztlich komme er aber zum Schluss, es sei eher nicht von einer bewussten
manipulativen Simulation der Beschwerden mit dem Ziel, eine Invalidenrente zu
erhalten, als vielmehr von einer durch die Persönlichkeit des Beschwerdeführers
getriggerten Symptomverdeutlichung − auch sich selbst gegenüber − auszugehen. Da
die Aggravation aufgrund der narzisstischen Persönlichkeitsanteile im Wesentlichen
störungsbedingt ist, ist im Rahmen einer antizipierenden Beweiswürdigung
anzunehmen, dass eine Rückweisung an die Beschwerdegegnerin mit der Auflage, ein
"Mahn- und Bedenkzeitverfahren" und die Wiederholung der neuropsychologischen
Begutachtung durchzuführen, keinen anderen medizinischen Sachverhalt ergeben
würde. Es ist davon auszugehen, dass eine weitere neuropsychologische
Begutachtung aufgrund der störungsbedingten Aggravation wiederum keine validen
Ergebnisse und damit auch keine neuen Erkenntnisse liefern würde. Deshalb ist
bezüglich der neuropsychologischen Begutachtung von einer objektiven
Beweislosigkeit auszugehen. Dr. F._ hat also die Symptomverdeutlichung/
Aggravation des Beschwerdeführers einordnen und abgrenzen können. Er hat
überzeugend dargelegt, wieso der Beschwerdeführer − unter Berücksichtigung der
Symptomverdeutlichung/Aggravation − sowohl in der bisherigen als auch in einer
adaptierten 70% arbeitsfähig ist. Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit hat er eine
weitere neuropsychologische Untersuchung nicht als notwendig erachtet. Auch der
RAD-Arzt Dr. Kübler hat am 14. April 2021 notiert (IV-act. 48), Dr. F._ habe die
Inkonsistenzen in seine gutachterliche Bewertung einbezogen und damit die
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Arbeitsunfähigkeitsbeurteilung nicht mit verminderter Aussagesicherheit vorgenommen.
Nachfolgend gilt es zu prüfen, ob die vorgebrachten Einwände der Parteien berechtigte
Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens zu wecken vermögen.
Der Beschwerdeführer hat moniert, aufgrund seiner somatischen Beschwerden
wären neben der psychiatrischen (und neuropsychologischen) Begutachtung auch
gutachterliche Abklärungen in somatischen Disziplinen notwendig gewesen. Der
Beschwerdeführer hat im Jahr 2018 infolge eines Bagatellunfalls ein (mildes) Schädel-
Hirn-Trauma erlitten. Danach sind durch die Behandler diesbezüglich keine weiteren
Abklärungen/Behandlungen vorgenommen worden; es sind auch keine Beschwerden
des Beschwerdeführers dokumentiert, welche die Behandler zu weiteren Abklärungen
bewogen hätten. In den Akten finden sich insgesamt keine Hinweise für eine relevante
somatische Beeinträchtigung für den Zeitraum nach dem Schädel-Hirn-Trauma bzw.
vor der Begutachtungsanordnung durch die Beschwerdegegnerin. Die Behandler
haben gar explizit vermerkt, dass die Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen
Gründen bestehe (IV-act. 12-3). Daher hat der RAD berechtigterweise keinen Anlass
gesehen, den Beschwerdeführer auch in somatischer Hinsicht begutachten zu lassen.
Weiter ist die monodisziplinäre Begutachtung dem Beschwerdeführer angekündigt
worden (IV-act. 32); er hat diese nicht beanstandet, das heisst er hat keine
Notwendigkeit einer Abklärung in somatischer Hinsicht gesehen. Die
Beschwerdegegnerin hat also zu Recht keine somatischen Abklärungen vornehmen
lassen.
3.3.
Weiter hat der Beschwerdeführer gerügt, es sei nicht denkbar, dass er bei einer
vollzeitlichen Präsenz nur eine reduzierte Leistung erbringen könne. Diese Ansicht geht
jedoch fehl und ist nicht nachvollziehbar, denn die Leistung des Beschwerdeführers
kann z.B. durch ein unproduktiveres bzw. langsameres Arbeiten infolge der
psychischen Einschränkungen gemindert sein.
3.4.
Die Beschwerdegegnerin hat ausgeführt, der Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr.
F._ könne nicht gefolgt werden, da die diagnoserelevanten Befunde und Symptome
nicht schwer ausgeprägt seien und aufgrund der Inkonsistenzen kein stimmiges
Gesamtbild entstehe. Dr. F._ hat in seinem Gutachten die von ihm erhobenen,
objektiven Befunde genau aufgelistet und anschliessend eine Beurteilung
vorgenommen. Als Facharzt und zertifizierter Gutachter ist er in der Lage gewesen, die
Schwere der Befunde zu beurteilen. Die medizinische Fachperson des RAD hat denn
auch das Gutachten von Dr. F._ und insbesondere dessen
Arbeitsfähigkeitsschätzung als überzeugend befunden. In der Beschwerdeantwort hat
die Beschwerdegegnerin erstmals die Ansicht vertreten, dass die
3.5.
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Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. F._ nicht überzeuge; sie hat diese Ansicht nicht
fachmedizinisch begründet; sondern nur eine medizinische "Laienmeinung" geäussert.
Dr. F._ hat jedoch die Schwere der erhobenen Befunde und damit die
psychiatrischen Einschränkungen sowie die daraus resultierende Arbeitsfähigkeit unter
Berücksichtigung der psychischen Einschränkungen besser als ein medizinischer Laie
beurteilen können. Das Gutachten enthält kein Indiz dafür, dass Dr. F._ nicht fähig
gewesen wäre, die Schwere der Befunde und die daraus resultierenden
Einschränkungen zu beurteilen. Dr. F._ hat denn auch − wie vorgängig bereits
ausführlich dargelegt − die Inkonsistenzen, die Symptomverdeutlichung und die
Aggravationen des Beschwerdeführers erkannt. Er ist in der Lage gewesen, eine
"bereinigte" Arbeitsfähigkeitsschätzung, unter Ausklammerung der Inkonsistenzen, der
Symptomverdeutlichung und der Aggravationen, vorzunehmen. Dies ist auch für die
medizinische Fachperson des RAD nachvollziehbar und überzeugend gewesen; sie hat
bei der Gutachtenanalyse explizit vermerkt, dass die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung trotz
der Inkonsistenzen nicht mit verminderter Aussagesicherheit gemacht worden sei, da
Dr. F._ die Inkonsistenzen habe ausklammern können (vgl. dazu IV-act. 48). Damit
vermag die medizinische "Laienmeinung" der Beschwerdegegnerin nicht zu
überzeugen.
Insgesamt sind die Einwände der Parteien nicht geeignet, Zweifel an der
Überzeugungskraft des Gutachtens von Dr. F._ zu wecken. Damit steht mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer
sowohl in der bisherigen als auch in einer adaptierten Tätigkeit seit dem Bagatellunfall
im Jahre 2018 zu 70% arbeitsfähig gewesen ist. Für die Prüfung, ob das sogenannte
Wartejahr (Art. 28 Abs. 2 lit. b IVG) erfüllt ist, muss auf die Erwerbseinbusse am letzten
Arbeitsplatz abgestellt werden. Bei der letzten Arbeitgeberin des Beschwerdeführers
handelt es sich um eine bekannt arbeitnehmerfreundliche, in der nationalen und
internationalen Bahngastronomie tätige Aktiengesellschaft. Aufgrund der allgemeinen
Lebenserfahrung ist davon auszugehen, dass, falls der Beschwerdeführer nach wie vor
bei der letzten Arbeitgeberin tätig wäre, diese ihm in einem 70%-Pensum auch 70%
des bisherigen Lohnes ausbezahlen würde; weitere Lohneinbussen (analog dem sog.
Tabellenlohnabzug) sind nicht zu erwarten. Da damit durchgehend lediglich eine
30%ige Arbeitsunfähigkeit (mit nur kurzzeitigen, nicht längerdauernden höheren
Arbeitsunfähigkeiten aufgrund von Operationen bzw. stationären Aufenthalten)
bestanden hat, ist die Anspruchsvoraussetzung einer mindestens 40%igen
Arbeitsunfähigkeit (Art. 6 ATSG) während eines Jahres (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG; sog.
Wartejahr) und einer anschliessenden Invalidität von mindestens 40% nicht erfüllt.
3.6.
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4.