Decision ID: 16a9e38b-9bc6-4af1-8982-0650ceb310ab
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2 stellten am 1. beziehungsweise 29. No-
vember 2010 in der Schweiz Asylgesuche. Mit separaten Verfügungen vom
11. August 2011 stellte das damalige Bundesamt für Migration (BFM; heute
SEM) fest, dass sie die Flüchtlingseigenschaft erfüllen und gewährte ihnen
Asyl.
B.
Mit Verfügungen vom 29. Februar 2012, 5. April 2013 und 22. April 2015
wurden die Beschwerdeführenden 3 bis 5 gemäss Art. 51 Abs. 3 AsylG
(SR 142.31) in das ihren Eltern gewährte Asyl einbezogen und als Flücht-
linge anerkannt.
II.
C.
Mit Schreiben vom 23. Juli 2020 teilte das Migrationsamt des Kantons
F._ der Vorinstanz mit, die Beschwerdeführenden seien seit
(...) Juli 2019 unbekannten Aufenthalts gewesen. Am (...) Juli 2020 seien
sie erneut beim Migrationsamt erschienen und hätten um Zuteilung einer
Unterkunft ersucht. Unter Hinweis auf die mehr als einjährige Abwesenheit
der Beschwerdeführenden sowie auf beiliegende Passkopien, aus welchen
hervorgehe, dass sie mehrmals in den Sudan gereist seien, ersuchte das
Migrationsamt das SEM darum, "die Asylgewährung zu überprüfen".
D.
Mit Schreiben vom 6. August 2020 gab das SEM den Beschwerdeführen-
den Gelegenheit zur Stellungnahme im Hinblick auf ein eventuelles Er-
löschen des ihnen gewährten Asyls gemäss Art. 64 Abs. 1 Bst. a AsylG.
E.
Die Beschwerdeführenden reichten mit Eingabe vom 31. August 2020 eine
Stellungnahme ein, in welcher sie darum ersuchten, es sei von einer Fest-
stellung des Erlöschens des Asyls abzusehen, da besondere Umstände im
Sinne von Art. 64 Abs. 2 AsylG vorliegen würden.
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Seite 3
Sie hätten nicht die Absicht gehabt, so lange im Ausland zu verbleiben, und
seien unverschuldet verhindert gewesen, früher in die Schweiz zurück-
reisen. Sie hätten sich ursprünglich nur einen Monat im Sudan aufhalten
wollen, um die erkrankte Mutter der Beschwerdeführerin 2 zu besuchen.
Ein Rückflug von Khartum nach G._ sei für den (...) 2019 gebucht
gewesen. Kurz nach ihrer Ankunft sei jedoch die Beschwerdeführerin 2 an
Malaria erkrankt und habe sich deshalb in ärztliche Behandlung begeben
müssen. Da sich ihre Symptome verschlimmert hätten, habe sie sich
schliesslich entschieden, sich von einem traditionellen religiösen
Heiler weiterbehandeln zu lassen. Diese Therapie habe wegen ihrer an-
dauernden Symptome während mehrerer Monate fortgesetzt werden müs-
sen. Die Familie habe sich einerseits wegen dieser Erkrankung der Be-
schwerdeführerin 2, aber auch weil deren kranke Mutter auf ihre Unterstüt-
zung angewiesen gewesen sei, entschieden, ihren Aufenthalt in Khartum
zu verlängern. Sie hätten eigentlich im Frühling 2020 in die Schweiz
zurückkehren wollen. Aufgrund des im Sudan damals verhängten Lock-
downs sei eine Rückreise aber vorerst nicht möglich gewesen. Sie hätten
erst für Juli 2020 einen Rückflug buchen können. Sie hätten sich während
ihres ganzen Auslandaufenthalts ausschliesslich im Sudan aufgehalten.
Zum Beleg ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführerin eine
Buchungsbestätigung betreffend Hin- und Rückflüge zwischen G._
und Khartum, medizinische Unterlagen aus dem Sudan sowie mehrere
Familienfotos zu den Akten.
F.
Mit Verfügung vom 11. September 2020 (eröffnet am 16. September 2020)
stellte das SEM fest, dass das den Beschwerdeführenden gewährte Asyl
erloschen sei, wobei darauf hingewiesen wurde, dass sie nach wie vor über
die Flüchtlingseigenschaft verfügen würden.
G.
Die Beschwerdeführenden erhoben mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung
vom 23. September 2020 an das Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
gegen diese Verfügung und beantragten, diese sei aufzuheben, es sei fest-
zustellen, dass besondere Umstände im Sinne von Art. 64 Abs. 2 AsylG
vorliegen würden; auf die Feststellung des Erlöschens ihres Asyls sei zu
verzichten; eventualiter sei die Sache zur hinreichenden Sachverhalts-
abklärung und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung und um Beiordnung ihrer Rechtsvertreterin als un-
entgeltliche Rechtsbeiständin.
E-4735/2020
Seite 4
H.
H.a Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung an das SEM vom 23. September
2020 beantragten die Beschwerdeführenden, es sei ihre vorläufige Auf-
nahme als Flüchtlinge anzuordnen, eventualiter – bei fehlender Zuständig-
keit – das Gesuch an die kantonalen Migrationsbehörden weiterzuleiten.
H.b Mit Antwortschreiben vom 29. September 2020 führte die Vorinstanz
aus, dass mangels rechtskräftiger Feststellung des Erlöschens des Asyls
derzeit keine Wegweisung und demzufolge auch keine vorläufige Auf-
nahme angeordnet werden könne. Die Anordnung der Wegweisung falle
in die Kompetenz der Kantone. Ferner wurde den Beschwerdeführenden
mitgeteilt, ohne Gegenbericht innert Frist werde davon ausgegangen, dass
sie ihr Gesuch um Anordnung einer vorläufigen Aufnahme zurückziehen
würden, und dieses würde als gegenstandslos geworden abgeschrieben.
H.c Nachdem die Beschwerdeführenden sich innert erstreckter Frist nicht
vernehmen liessen, beschloss das SEM mit Verfügung vom 13. November
2020, dass das Gesuch um Erteilung der vorläufigen Aufnahme als sinn-
gemäss durch Rückzug gegenstandslos geworden abgeschrieben werde.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Oktober 2020 forderte der Instruktionsrich-
ter des Bundesverwaltungsgerichts die Beschwerdeführenden auf, innert
Frist ihre Mittellosigkeit zu belegen. Er stellte fest, über die Gesuche um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung
werde zu einem späteren Zeitpunkt des Verfahrens befunden und ver-
zichtete vorderhand auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem
wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
J.
In ihrer Vernehmlassung vom 9. Oktober 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
K.
Mit Eingabe vom 19. Oktober 2020 reichten die Beschwerdeführenden
eine Fürsorgebestätigung betreffend die Beschwerdeführenden 2 bis 5
ein. Zudem wurde um Verlängerung der Frist zur Einreichung einer ent-
sprechenden Bestätigung betreffend den Beschwerdeführer 1 ersucht.
Dem Gesuch gab der Instruktionsrichter am 21. Oktober 2020 statt.
Mit Eingabe vom 2. November 2020 wurde eine Bestätigung des
Anspruchs auf Sozialhilfeunterstützung für den Beschwerdeführers 1 nach-
gereicht.
E-4735/2020
Seite 5
L.
Der Instruktionsrichter hiess mit Zwischenverfügung vom 10. November
2020 die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um unentgeltliche Verbeiständung
im Sinne von Art. 102m AsylG gut, setzte MLaw Nora Maria Riss als amtli-
che Rechtsbeiständin der Beschwerdeführenden ein und verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem wurde ihnen ein Dop-
pel der Vernehmlassung des SEM zur Kenntnisnahme zugestellt.
M.
Mit Eingabe vom 9. Dezember 2020 wurde ein Beschluss der Stadt
H._ vom 2. Dezember 2020 betreffend die Sozialhilfeunterstützung
des Beschwerdeführers 1 nachgereicht.
N.
Mit Schreiben vom 25. Februar 2021 erkundigten die Beschwerdeführen-
den sich nach dem Verfahrensstand.
Dieses Schreiben wurde vom Instruktionsrichter mit Schreiben vom
2. März 2021 beantwortet.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
E-4735/2020
Seite 6
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gemäss Art. 64 Abs. 1 AsylG erlischt das Asyl in der Schweiz, wenn sich
Flüchtlinge während mehr als einem Jahr im Ausland aufgehalten haben
(Bst. a), wenn Flüchtlinge in einem anderen Land Asyl oder die Bewilligung
zum dauernden Verbleiben erhalten haben (Bst. b), wenn die Flüchtlinge
darauf verzichten (Bst. c), wenn die Weg- oder Ausweisung vollzogen wor-
den ist (Bst. d) oder wenn eine Landesverweisung nach Artikel 66a oder
66abis StGB oder Artikel 49a oder 49abis MStG rechtskräftig geworden ist
(Bst. e). Das SEM kann die Frist nach Absatz 1 Buchstabe a verlängern,
wenn besondere Umstände vorliegen (Art. 64 Abs. 2 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, der Gesetz-
geber habe bei den Erlöschenstatbeständen gemäss Art. 64 Abs. 1 AsylG
angesichts der Eindeutigkeit der jeweiligen Sachverhaltskonstellationen
bewusst darauf verzichtet, den Erlass einer Widerrufsverfügung zu ver-
langen und stattdessen ein automatisches Erlöschen des Asylstatus vor-
gesehen. Entsprechend sei beim Erlöschen nach Art. 64 Abs. 1 Bst. a
AsyIG nicht nach dem Motiv oder der Absicht des überjährigen Ausland-
aufenthalts zu differenzieren, sondern der Asylstatus erlösche von Geset-
zes wegen mit dem überjährigen Aufenthalt des Flüchtlings im Ausland.
Dies entspreche in analoger Weise der Rechtsfolge von Art. 61 Abs. 2 AIG
(SR 142.20).
Das Geltendmachen besonderer Umstände im Sinne von Art. 64 Abs. 2
AsylG beziehungsweise das Ersuchen um Verlängerung der in Art. 64
Abs. 1 Bst. a AsyIG genannten Frist habe in jedem Fall vor Ablauf dersel-
ben zu erfolgen, zumal der Asylstatus ansonsten automatisch erlösche.
E-4735/2020
Seite 7
Vorliegend sei kein entsprechendes Ersuchen beim SEM eingegangen,
und es könne auch nicht von einem konkludenten Ersuchen der Beschwer-
deführenden um Fristverlängerung ausgegangen werden. Vielmehr hätten
sie sich bis zur Wiedereinreise in die Schweiz weder beim SEM noch beim
kantonalen Migrationsamt gemeldet, um die Behörden über ihren angeb-
lich länger als geplant ausfallenden Aufenthalt im Sudan zu informieren,
obwohl sie schulpflichtige Kinder hätten. Auch nach Ausbruch der Corona-
Pandemie hätten sie sich nicht an die Schweizer Behörden gewandt, um
diese über die Unmöglichkeit einer Rückreise in die Schweiz innert Jahres-
frist in Kenntnis zu setzen. Folglich stehe fest, dass angesichts des über-
jährigen Auslandaufenthalts der Beschwerdeführenden und mangels eines
Ersuchens um Fristverlängerung das ihnen in der Schweiz gewährte Asyl
gestützt auf Art. 64 Abs. 1 Bst a AsyIG erloschen sei.
4.2
4.2.1 Die Beschwerdeführenden brachten zur Begründung ihrer Be-
schwerde vor, die Frage, ob die von der Vorinstanz getroffene Analogie zu
Art. 61 Abs. 2 AIG in diesem Sinn angewendet werden könne, müsse in
Abwesenheit entsprechender Rechtsprechung mit Hilfe einer Auslegung
des Gesetzes entschieden werden. In Art. 61 Abs. 2 AIG gebe es keine
Ausnahmeregelung und keinen Verweis auf allfällig vorhandene besondere
Umstände. Es werde jedoch darauf verwiesen, dass die Niederlassungs-
bewilligung auf Gesuch hin vier Jahre aufrechterhalten werden könne.
In dieser Bestimmung sei demnach klar geregelt, dass die Fristverlänge-
rung nur auf Gesuch hin gewährt werden könne. In Art. 64 Abs. 2 AsylG
sei hingegen nur davon die Rede, dass das SEM die in Art. 64 Abs. 1 Bst. a
AsylG festgelegte Frist aufgrund "besonderer Umstände" verlängern
könne. Ob dafür ein Gesuch der betroffenen Personen – mithin vor Ablauf
der Frist – nötig sei, ergebe sich aus dem Wortlaut von Art. 64 Abs. 2 AsylG
nicht. Auch eine systematische Analyse lasse die analoge Anwendung von
Art. 61 Abs. 2 AIG fragwürdig erscheinen. Die beiden Artikel würden sich in
verschiedenen Gesetzen befinden und unterschiedliche Sachverhalte
regeln. Ein Erlöschen der Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung
gemäss Art. 61 AIG führe in der Regel zur Wegweisung der betroffenen
Person. Diese habe sich zudem auch nicht unter den Schutz der Schweiz
aufgrund von asylrechtlich relevanter Verfolgung gestellt. Der Grund für die
Erteilung der jeweiligen Bewilligungsarten sei damit ein völlig anderer,
ebenso wie die Konsequenzen bei einem Erlöschen. Eine historische und
teleologische Auslegung sei vorliegend dadurch erschwert, dass zu Art. 64
Abs. 1 Bst. a AsylG wenig bis keine historischen Materialien verfügbar
seien.
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Seite 8
4.2.2 Falls von einer analogen Anwendung von Art. 61 Abs. 2 AIG ausge-
gangen werde, müsste auch die Weisung vom 16. Dezember 2020 betref-
fend die Umsetzung der Verordnung 3 über Massnahmen zur Bekämpfung
des Coronavirus (COVID-19-Verordnung 3) sowie zum Vorgehen bezüg-
lich Ein-/Ausreise in/aus der Schweiz (Nr. 323.7-5040/3) berücksichtigt
werden. Darin stehe bezüglich Art. 61 Abs. 2 AIG Folgendes: "Die Pande-
miesituation ist ebenfalls zu berücksichtigen, wenn bei einem Ausland-
aufenthalt mit oder ohne Aufrechterhaltung eine Rückkehr in die Schweiz
aus diesem Grund nicht fristgerecht erfolgen konnte (z.B. fehlende Flug-
verbindungen). Ist die Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung
erloschen (Art. 61 Abs. 3 AIG), können die kantonalen Behörden die
Wiederzulassung beim SEM beantragen (Art. 30 Abs. 1 Bst. b und k AIG;
Wiedererteilung der Niederlassungsbewilligung gemäss Art. 34 Abs. 3
AIG)."
Damit beziehe sich diese Weisung klar auf Fälle, in denen die Bewilligung
bereits erloschen sei. Schliesslich sei auch auf die Definition der "beson-
deren Umstände" einzugehen. Es handle sich hierbei um einen unbe-
stimmten Rechtsbegriff, der durch die Rechtsprechung bisher nicht erkenn-
bar definiert worden sei. Gemäss Handbuch des SEM könnten solche
besonderen Umstände vorliegen, wenn eine Person eine länger dauernde
Ausbildung mache oder wenn medizinische Gründe vorliegen würden.
Im vorliegenden Fall seien klarerweise medizinische Gründe gegeben.
Besondere Gründe seien auch darin zu erblicken, dass den Beschwerde-
führenden eine Rückreise in die Schweiz aufgrund der weltweiten Pande-
mie-Situation objektiv unmöglich gewesen sei.
4.2.3 Sie hätten sich genau ein Jahr und zwölf Tage im Ausland aufgehal-
ten und seien in die Schweiz zurückgekehrt, sobald dies in Anbetracht des
Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin 2 und der Pandemie-
Situation wieder möglich gewesen sei. Aufgrund des Lockdowns im Sudan
hätten sie keinen Zugang zu einer Rechtsvertretung gehabt; zudem seien
sie sich der Folgen des verlängerten Aufenthalts in keiner Weise bewusst
gewesen.
4.2.4 Im Weiteren habe das SEM selber von den Kantonen verlangt, ihren
Ermessensspielraum zu nutzen, um der ausserordentlichen Situation
Rechnung zu tragen und behördliche Fristen im Einzelfall zu erstrecken,
damit im Ergebnis "den Betroffenen infolge der Pandemie-Situation keine
zusätzlichen Nachteile" entstünden. Vor diesem Hintergrund erscheine es
E-4735/2020
Seite 9
nicht verhältnismässig, einer ganzen Familie aufgrund eines Ausland-
aufenthalts von wenig mehr als einem Jahr den Asylstatus zu entziehen.
Die Vorinstanz habe es unterlassen, alle für die Beurteilung des vorliegen-
den Falles relevanten Umstände zu berücksichtigen, und habe es insbe-
sondere versäumt, ihre eigenen Weisungen bezüglich des Art. 61 AIG im
Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ebenfalls analog anzuwenden.
Dieses Vorgehen erscheine aufgrund der Gesamtumstände des Falls in
keiner Weise verhältnismässig. Der vorliegende Fall sei daher eventualiter
zu kassieren und zur erneuten Beurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
5.
5.1 Nach Durchsicht der Akten hält das Bundesverwaltungsgericht Folgen-
des fest:
5.2 Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführenden sich vom (...) Juli
2019 bis am (...) Juli 2020, mithin während mehr als einem Jahr, im Aus-
land aufgehalten haben. Demnach sind die Voraussetzungen von Art. 64
Abs. 1 Bst. a AsylG für das Erlöschen des Asyls erfüllt. Das Asyl erlischt
diesfalls automatisch (vgl. SCHWEIZERISCHE FLÜCHTLINGSHILFE [SFH],
Handbuch zum Asyl- und Wegweisungsverfahren, 3. Auflage, 2021,
S. 251; GRASDORF-MEYER/OTT/VETTERLI, Geflüchtete Menschen im
Schweizer Recht, 2021, S. 280 Rz 1030; CARONI/SCHEIBER/PREI-
SIG/ZOETEWEIJ, Migrationsrecht, 4. Aufl. 2018, S. 479).
5.3 Art. 64 Abs. 2 AsylG sieht jedoch vor, dass das SEM diese Frist verlän-
gern kann, wenn "besondere Gründe" vorliegen. Die Frage, ob es für eine
Verlängerung des Asyls in jedem Fall eines Gesuchs der betroffenen Per-
sonen bedarf (in analogiam zu Art. 61 Abs.2 AIG) oder eine solche auch
von Amtes wegen möglich ist, kann vorliegend offengelassen werden:
5.4 Innert der Jahresfrist gemäss Art. 64 Abs. 1 Bst. a AsylG haben weder
die Beschwerdeführenden ein Gesuch um deren Erstreckung gestellt, noch
hat das SEM explizit eine Verlängerung der Frist angeordnet. Es liegt auch
keine Konstellation vor, bei welcher gestützt auf den Grundsatz des Ver-
trauensschutzes eine stillschweigende oder konkludente Verlängerung der
Frist anzunehmen wäre (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der vorma-
ligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 23 E. 2).
E-4735/2020
Seite 10
5.5 Abgelaufene Fristen sind naturgemäss nicht erstreckbar. Ein Gesuch
um Erstreckung der Frist von Art. 64 Abs. 2 AsylG respektive eine allfällige
Erstreckung von Amtes wegen hätte demnach vor Ablauf der Frist erfolgen
müssen (vgl. in diesem Zusammenhang analogiter auch Art. 61 Abs. 1 AIG
und Art. 79 Abs. 2 der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und
Erwerbstätigkeit vom 24. Oktober 2007 [VZAE; SR 142.201]).
5.6 Es besteht im Übrigen kein Grund zur Annahme, die Beschwerdefüh-
renden wären unverschuldet davon abgehalten worden, fristgerecht ein
Erstreckungsgesuch zu stellen. Bei pflichtgemässer Sorgfalt wäre es ihnen
ohne Weiteres möglich und zuzumuten gewesen, die schweizerischen
Migrationsbehörden – nötigenfalls mithilfe der Botschaft in Khartum – über
ihren Aufenthaltsort und ihre Situation in Kenntnis zu setzen. Den Be-
schwerdeführenden mögen die rechtlichen Konsequenzen eines über-
jährigen Auslandsaufenthalts nicht bekannt gewesen sein. Es muss ihnen
jedoch nach mehr als elfjährigem Aufenthalt in der Schweiz bewusst gewe-
sen sein, dass sie die hiesigen Behörden über einen derart langen Aus-
landsaufenthalt zu informieren gehabt hätten, zumal zumindest die älteren
Kinder zu jenem Zeitpunkt schulpflichtig waren und auch absehbar war,
dass die Familie bei einer so langen unangekündigten Landesabwesenheit
auch ihre von den Behörden organisierte Wohnsituation verlieren würde
(vgl. Schreiben des Migrationsamts an das SEM vom 23. Juli 2020).
5.7 Die Argumentation in der Beschwerdeschrift vermag keine andere Ein-
schätzung zu rechtfertigen.
5.7.1 Namentlich ist die angefochtene Verfügung unter dem Aspekt der
Verhältnismässigkeit nicht zu beanstanden: Zum einen ergeben sich, wie
erwähnt, aus den Akten keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwer-
deführenden berechtigten Grund gehabt hätten, auf eine Verlängerung der
Frist, mithin einer Aufrechterhaltung des Asylstatus, zu vertrauen. Zum an-
deren ist darauf hinzuweisen, dass das Erlöschen des Asyls der Beschwer-
deführenden nicht zu einer automatischen Aberkennung der Flüchtlingsei-
genschaft führt (vgl. Urteil des BVGer E-4976/2021 vom 9. Dezember 2021
E. 5.1). Dies hat das SEM in der angefochtenen Verfügung denn auch aus-
drücklich festgehalten (vgl. Verfügung S. 3). Der blosse Verlust des Asyl-
status hat für die Beschwerdeführenden demnach keine wesentlichen
Nachteile zur Folge. Sie verfügen weiterhin über ein Anwesenheitsrecht in
der Schweiz und über die Möglichkeit der Erwerbstätigkeit. Als Flüchtlinge
geniessen sie ausserdem nach wie vor den Refoulement-Schutz gemäss
Art. 33 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie Art. 25 Abs. 2 und 3 BV.
E-4735/2020
Seite 11
5.7.2 Es trifft zwar zu, dass im Sudan aufgrund der Covid-19-Pandemie ein
totaler Lockdown vom 18. April 2020 bis am 7. Juli 2020 verhängt wurde,
welcher zweifellos zu einer massgeblichen Einschränkung der Bewe-
gungsfreiheit der Beschwerdeführenden führte. Indessen wäre es ihnen
auch in diesem Zeitraum möglich gewesen – beispielsweise mittels telefo-
nischer Kontaktaufnahme mit der Schweizer Botschaft oder dem kantona-
len Migrationsamt –, sich um eine Aufrechterhaltung ihres Aufenthalts-
status in der Schweiz zu bemühen.
5.7.3 Angesichts dessen, dass die Beschwerdeführenden, wie erwähnt, ihr
Aufenthaltsrecht in der Schweiz nicht verloren haben, können sie in Bezug
auf ihren Asylstatus aus der von ihnen zitierten Weisung vom 16. Dezem-
ber 2020 betreffend die Umsetzung der Verordnung 3 über Massnahmen
zur Bekämpfung des Coronavirus (COVID-19-Verordnung 3) sowie zum
Vorgehen bezüglich Ein-/Ausreise in/aus der Schweiz (Nr. 323.7-5040/3)
nichts zu ihren Gunsten ableiten.
5.7.4 Dass die in Art. 64 Abs. 1 Bst. a AsylG erwähnte Frist nur um wenige
Tage überschritten wurde, kann schliesslich ebenfalls keine entscheidende
Rolle spielen.
5.8 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass innert der in Art. 64 Abs. 1 Bst. a
AsylG festgelegten Frist kein Erstreckungsgesuch gestellt wurde, weshalb
die Voraussetzungen für eine Erstreckung gestützt Art. 64 Abs. 2 AsylG
von vornherein nicht gegeben sind. Demnach erübrigt es sich zu prüfen,
ob besondere Gründe für eine Verlängerung im Sinne dieser Bestimmung
vorgelegen hätten.
5.9 Für das SEM bestand im Übrigen auch kein Anlass, die Eingabe vom
30. August 2020 als Gesuch um Wiederherstellung der Frist entgegenzu-
nehmen oder zu behandeln, zumal die durch eine professionelle Rechts-
vertreterin vertretenen Beschwerdeführenden kein entsprechendes Ge-
such gestellt haben. Im Übrigen wäre nach dem oben Gesagten auch kaum
von einem unverschuldeten Hindernis, innert Frist zu handeln, im Sinne
von Art. 24 Abs. 1 VwVG auszugehen gewesen.
5.10 Gründe für die eventualiter beantragte Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz sind den Akten, wie dargelegt, ebenfalls nicht zu entnehmen.
E-4735/2020
Seite 12
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und die Vorinstanz den Sachverhalt richtig und
vollständig festgestellt hat. Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Instrukti-
onsverfügung vom 10. November 2020 ihr Gesuch um unentgeltliche Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine
Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle Lage seither ent-
scheidrelevant verändert hat, ist von der Auflage von Verfahrenskosten ab-
zusehen.
8.
Mit der Zwischenverfügung vom 10. November 2020 wurde auch das Ge-
such der Beschwerdeführenden um amtliche Verbeiständung gutgeheis-
sen (Art. 102m Abs. 1 AsylG) und ihre Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin eingesetzt. Demnach ist dieser durch das Gericht ein
Honorar für ihre notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren
auszurichten. Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb
die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind
(Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Das Honorar für die amtliche Rechtsverbei-
ständung wird unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungs-
faktoren und in Anwendung der am 20. August 2020 kommunizierten Stun-
denansätze demnach von Amtes wegen auf insgesamt Fr. 900.– (inkl. Aus-
lagen und Mehrwertsteueranteil) festgelegt.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13