Decision ID: fac0b2cd-2292-5398-b10c-687b9763749c
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1961 geborene A. _ meldete sich am 3. Juni 2014 im Rahmen der
Früherfassung bei der IV-Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden und machte ein
Burnout und eine Arbeitsunfähigkeit seit 17. Dezember 2013 geltend (IV-act. 1). Am 8. Juli
2014 reichte A. _ eine Anmeldung wegen des seit September 2013 bestehenden
Burnouts ein und beanspruchte Leistungen der Invalidenversicherung (IV-act. 8). Mit
Mitteilung vom 19. November 2014 wurde A. _ von der IV-Stelle ein Arbeitsversuch
zugesprochen (IV-act. 38). Danach konnte er ein Aufbautraining beziehungsweise einen
weiteren Arbeitsversuch absolvieren (IV-act. 64 und IV-act. 100). Mit Bericht vom 3. Mai
2016 wurde die Eingliederung seitens der IV-Stelle abgeschlossen, da A. _ mit einem
50% Pensum in einer Bäckerei sowie einem 20% Pensum bei der Herstellung von
Pferdebiskuits bestmöglich eingegliedert sei (IV-act. 123 und IV-act. 126). Mit Verfügung
vom 27. Oktober 2016 lehnte die IV-Stelle das Leistungsbegehren von A. _ mit der
Begründung ab, bei einem Invaliditätsgrad von 34% bestehe kein Anspruch auf
Rentenleistungen (IV-act. 139).
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B. Am 26. April 2017 reichte A. _ bei der IV-Stelle erneut ein Gesuch ein und
beanspruchte Leistungen (IV-act. 142). Die IV-Stelle klärte in der Folge den erwerblichen
und medizinischen Sachverhalt ab. Mit Vorbescheid vom 10. September 2018 kündigte die
IV-Stelle A. _ die Abweisung des Leistungsbegehrens an (IV-act. 183). Dagegen
liess A. _ am 5. Oktober 2018 und 21. November 2018 Einwand erheben (IV-act. 185
und IV-act. 189). Der Bericht der Klinik B. _ datiert vom 19. Februar 2019 (IV-act.
199-15ff/20). Mit Verfügung vom 18. März 2019 bestätigte die IV-Stelle ihren Vorbescheid
und wies das Leistungsbegehren von A. _ ab (IV-act. 198).
C. Gegen die Verfügung vom 18. März 2019 liess A. _ am 30. April 2019 mit den
eingangs erwähnten Anträgen Beschwerde beim Obergericht des Kantons Appenzell
Ausserrhoden erheben (act. 1). Die IV-Stelle beantragte mit Vernehmlassung vom 6. Juni
2019 die Abweisung der Beschwerde (act. 6).
D. Am 17. Juli 2019 liess A. _ innert erstreckter Frist die Replik einreichen (act. 10).
Die Duplik der IV-Stelle datiert vom 12. August 2019 (IV-act. 15).

Considerations:
Erwägungen
1. Formelles
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht als kantonales Ver-
sicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die örtliche
Zuständigkeit ist nach Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) gegeben.
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und
Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002
über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
Seite 4
2. Materielles
2.1
Wurde ein Rentenanspruch wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verneint, so wird
eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn damit glaubhaft gemacht wird, dass sich der Grad
der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (Art. 87 Abs. 3
i.V.m. Abs. 2 der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung (IVV,
SR 831.201); BGE 130 V 71 E. 2.2 mit Hinweisen).
Mit dem Beweismass des Glaubhaftmachens sind herabgesetzte Anforderungen an den
Beweis verbunden; die Tatsachenänderung muss nicht nach dem im Sozialversicherungs-
recht sonst üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt sein. Es
genügt, dass für das Vorhandensein des geltend gemachten rechtserheblichen Sachum-
stands wenigstens gewisse Anhaltspunkte bestehen, auch wenn durchaus noch mit der
Möglichkeit zu rechnen ist, bei eingehender Abklärung werde sich die behauptete Än-
derung nicht erstellen lassen (Urteil des Bundesgerichts 8C_596/2019 vom 15. Januar
2020 E. 3.2 mit Hinweisen; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, N. 16 zu Art. 17
ATSG). Beweisführungsbelastet ist die versicherte Person, diese hat die Veränderung
glaubhaft zu machen; der Untersuchungsgrundsatz spielt insoweit nicht (MEYER/REICH-
MUTH, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Aufl. 2014, N. 123 zu Art. 30-31
IVG).
Dr. C. _, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst
(RAD) Ostschweiz, erachtete es in ihrer Beurteilung vom 28. Juli 2017 aufgrund der
Unterlagen medizinisch plausibel nachvollziehbar, dass sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers verändert hat und dies Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit haben könnte
(IV-act. 148-3/3). Demgemäss hat eine richterliche Beurteilung der Eintretensfrage zu
unterbleiben (MEYER/REICHMUTH, a.a.O., N. 119 zu Art. 30-31 IVG mit Hinweis auf BGE
109 V 108 E. 2b).
2.2
Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären
und sich zu vergewissern, ob die vom Versicherten glaubhaft gemachte Veränderung des
Invaliditätsgrades oder der Hilflosigkeit auch tatsächlich eingetreten ist. Stellt sie fest, dass
der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Ablehnungsverfügung keine
Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zusätzlich
zu prüfen, ob nunmehr ein anspruchsbegründender oder ein anspruchserhöhender Invali-
ditätsgrad zu bejahen ist. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht
Seite 5
dem Gericht (MEYER/REICHMUTH, a.a.O., N. 120 zu Art. 30-31 IVG mit Hinweis auf BGE 117
V 198 E. 3.a).
Die zeitliche Vergleichsbasis für die Frage, ob eine rentenrelevante Veränderung des
Sachverhalts glaubhaft ist, bildet der Zeitpunkt der letzten umfassenden materiellen Prü-
fung. Der Vergleichszeitraum erstreckt sich grundsätzlich bis zur Prüfung und Beurteilung
des Gesuchs, d.h. bis zum Erlass der Verfügung betreffend die Neuanmeldung (Urteil des
Bundesgerichts 9C_226/2016 vom 31. August 2016 E. 3.1 mit Hinweis auf BGE 133 V 108
E. 5.4; MEYER/REICHMUTH, a.a.O., N. 122 zu Art. 30-31 IVG).
In verfahrensrechtlicher Hinsicht liegt eine Neuanmeldung vom 26. April 2017 vor (IV-act.
142). Die IV-Stelle lehnte mit Verfügung vom 27. Oktober 2016 das erste Leistungsbe-
gehren ab (IV-act. 139), welches offenbar in Rechtskraft erwuchs (IV-act. 148-1/3).
Demgemäss ist vorliegend der Zeitraum vom 27. Oktober 2016 bis zur angefochtenen
Verfügung vom 18. März 2019 zu vergleichen.
2.3
Nach Art. 8 Abs. 1 ATSG ist Invalidität die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Die Invalidität kann nach Art. 4 Abs. 1
IVG Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein. Erwerbsunfähigkeit ist der
durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur-
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsun-
fähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück-
sichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die unter anderem
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% ar-
beitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens
40% invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% besteht ein Anspruch auf eine Viertels-
rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% auf eine halbe Rente, bei einem In-
validitätsgrad von mindestens 60% auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 70% auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
Seite 6
2.4
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall
das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere
Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der Ärztin oder des Arztes ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und
bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind
die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Ar-
beitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 99 E. 4).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklag-
ten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medi-
zinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind
(BGE 134 V 231 E. 5.1).
2.5
Die IV-Stelle stellt sich auf den Standpunkt, dass die Arbeitsunfähigkeit des
Beschwerdeführers vor allem durch das Abhängigkeitsverhalten begründet sei und daher
keine Invalidität im Sinne des Gesetzes vorliege. Eine Sucht wie Alkoholismus oder
Medikamentenmissbrauch werde invalidenversicherungsrechtlich erst bedeutsam, wenn sie
ihrerseits eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt habe, in deren Folge ein körperlicher
oder geistiger die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eingetreten
sei, oder aber wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheits-
schaden sei, welchem Krankheitswert zukomme. Dies sei vorliegend gemäss dem RAD
nicht der Fall. Auch somatisch lägen keine Einschränkungen vor.
Der Beschwerdeführer lässt einwenden, in den Akten befänden sich zahlreiche Hinweise
auf eine relevante psychisch bedingte Gesundheitsstörung, weshalb nicht auf den RAD
abzustellen sei. Die Wiederanmeldung sei wegen der psychischen Probleme erfolgt. Der
RAD-Bericht, wonach von einem reinen Suchtgeschehen auszugehen sei, genüge den
allgemeinen beweisrechtlichen Anforderungen an einen ärztlichen Bericht nicht und stehe
im Übrigen im Widerspruch zur übrigen Aktenlage, weshalb die IV-Stelle den
Untersuchungsgrundsatz verletzt habe. Er lebe abstinent und die Abstinenz sei durch die
Beratungsstelle für Suchtfragen gesichert. Es werde ein psychiatrisches Gutachten
beantragt zur Frage, ob von einem reinen Suchtgeschehen oder von einer invalidenver-
sicherungsrechtlich relevanten Gesundheitsstörung auszugehen sei, wobei sämtliche
psychischen Einschränkungen einem strukturierten Beweisverfahren zu unterziehen seien.
Seite 7
Sodann leide er auch unter somatischen Beschwerden (Kniebeschwerden, Gonarthrose,
Schlafapnoe).
2.6
Aus den medizinischen Akten geht im Wesentlichen der folgende Sachverhalt hervor:
2.6.1
Im Austrittsbericht des Spitals B. _ vom 20. April 2017, in welchem der Beschwerde-
führer vom 10. April 2017 bis 20. April 2017 hospitalisiert war, wurden die Diagnosen
chronisch rezidivierender Alkoholabusus, vermehrter Benzodiazepinkonsum, Depression
und Sigmadivertikulose gestellt (IV-act. 147-3f/8).
2.6.2
Dr. E. _, Fachärztin Praktische Ärztin, diagnostizierte in der ärztlichen Bescheinigung
vom 4. Juli 2017 eine generalisierte Angststörung mit Panik-attacken (ICD-10: F41.3), eine
mittelgradige depressive Störung (ICD-10: F32.1) sowie ein schädlicher Gebrauch von
Alkohol, gegenwärtig abstinent (ICD-10: F10.2). Anfang Jahr habe der Beschwerdeführer
eine akute psychische Dekompensation inklusive sekundärem Alkoholkonsum zur
Linderung von Ängsten/Panikattacken erlitten. Dies nach 16 Jahren erfolgreicher
Abstinenz. Der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich im Verlauf des
letzten Jahres deutlich verschlechtert. Da ein komplexer psychischer Gesundheitsschaden
vorliege (Ängste, depressive Episoden, sekundärer Alkoholkonsum), sei eine schleichende
Verschlechterung eingetreten. Die Prognose habe sich verschlechtert und es sei zu
befürchten, dass der Beschwerdeführer auf längere Sicht maximal 40% - 50% arbeitsfähig
sei (IV-act. 147-1f/8).
2.6.3
Gemäss dem Austrittsbericht der Klinik G. _ vom 31. Juli 2017 befand sich der
Beschwerdeführer vom 8. Mai 2017 bis 1. Juli 2017 in stationärer psychiatrisch-
psychotherapeutischer Behandlung. Es wurden folgende Diagnosen gestellt: mittelgradige
depressive Episode (ICD-10: F32.1) mit Ausbildung eines Erschöpfungssyndroms (ICD-10:
Z73) vor dem Hintergrund einer psychosozialen Belastungssituation (ICD-10: Z56, Z63);
psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig
abstinent (ICD-10: F10.2) sowie Angststörung, nicht näher bezeichnet (ICD-10: F41.9).
Weiter wurde ausgeführt, dass der Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben vor einem
Jahr nach 16 Jahren Abstinenz wieder mit dem Alkoholkonsum begonnen habe (IV-act.
156-7f/18).
Seite 8
2.6.4
Im Arztbericht vom 9. August 2017 diagnostizierte Dr. E. _ eine rezidivierende
depressive Störung gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10:
F33.1), generalisierte Angststörung mit Panikattacken (ICD-10: F41.3),
Alkoholabhängigkeit, gegenwärtig abstinent (ICD-10: F10.2), schädlicher Gebrauch von
Tranquilizer (Benzodiazepin), gegenwärtig abstinent (ICD-10: F13.1). Aktuell bestehe ein
ängstlich getöntes, gehemmt-depressives Zustandsbild mit mittelgradigen Antriebs-, Denk-
und Affektstörungen und es bestehe zudem eine neurotische Komponente. Mittlerweile
schätze sie die Prognose als schlecht ein aufgrund der Chronifizierung. Kürzlich sei es zu
erneuten psychischen Dekompensation und dem abermaligen Eintritt vollumfänglicher
Arbeitsunfähigkeit gekommen. Seit 19. Juli 2017 bis auf weiteres bestehe eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 156-1ff/18).
2.6.5
Dr. E. _ diagnostizierte im Verlaufsbericht vom 21. Februar 2018 eine rezidivierende
depressive Störung, depressiv-ängstliches Syndrom mit Somatisierung (ICD-10: F33.1),
akute psychische Belastungsreaktion März 2017 mit Übergang in Anpassungs-störung mit
längerer depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21), generalisierte Angststörung mit
Panikattacken (ICD-10: F41.2), rezidivierende depressive Störung (ICD-10: F33.1),
schädlicher Gebrauch von Alkohol (ICD-10: F10.1), Nikotin und Benzodiazepinen. Der
Gesundheitszustand habe sich verschlechtert. Der Beschwerdeführer überschätze seine
Fähigkeiten und Möglichkeiten und fraglich sei eine dementielle Entwicklung im Sinne eines
Korsakow-Syndroms. Seit 15. März 2017 bestehe eine 100% Arbeitsunfähigkeit für die
Tätigkeit als Bäcker/Konditor. Tätigkeiten ohne Zeit- und Termindruck, ohne Publikumsver-
kehr und ohne besonderen Anforderungen an das Umstellungs- und Anpassungsvermögen
erscheinen in einer wohlwollenden und konfliktarmen Arbeitsatmosphäre aktuell für 2-4
Stunden pro Tag an 4 Wochenarbeitstagen im Tagdienst maximal noch möglich (IV-act.
172).
2.6.6
Im Austrittsbericht des Spitals H. _ vom 5. Juli 2018 wurden folgende Diagnosen
gestellt: Alkoholabhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent, aber in beschützender
Umgebung (ICD-10: F10.21), Störungen durch Sedativa und Hypnotika (Benzodiazepine):
Abhängigkeitssyndrom (ICD-10: F13.2), anamnestisch rezidivierende depressive Störung,
mittelschwere obstruktive Schlafapnoe, makrozytäres Blutbild ohne Anämie (IV-act. 179).
Seite 9
2.6.7
Dr. I. _, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie, ging im RAD-Bericht vom 23.
August 2018 von einem reinen Suchtgeschehen aus. Der Gesundheitszustand sei
gegenwärtig nicht stabil, die Entzugsbehandlung nicht abgeschlossen und die Abstinenz
nicht nachgewiesen. Eine über die Suchterkrankung hinausgehende psychische
Schädigung sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausschliessbar. Retrospektiv sei der
Suchtverlauf, vorliegend mit Suchtverlagerung auf Benzodiazepine, klassisch. In der
angestammten Tätigkeit bestehe durch die Kniebeschwerden eine geringe Einschränkung.
Im Vordergrund stehe die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit durch das fortgeschrittene
Suchtleiden. Nicht beurteilbar sei, auf welches Datum der Beginn der Arbeitsunfähigkeit
festgelegt werden könne (IV-act. 182).
2.6.8
Im Kurzaustrittsbericht des Spitals H. _ vom 30. September 2018 über die laufende
Hospitalisation vom 5. September 2018 bis voraussichtlich 3. Oktober 2018 wurde bei
gleichbleibender Diagnose zu früher von einer Teilnahme an einem ärztlich überwachten
Substitutionsprogramm berichtet (IV-act. 189-6f/11).
2.6.9
Im Bericht der Reha J. _ vom 21. Dezember 2018 über den stationären Aufenthalt
vom 6. November 2018 bis 15. Dezember 2018 wurden folgende Diagnosen gestellt:
rezidivierende depressive Störung, aktuell mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11); generalisierte Angststörung (ICD-10: F41.1);
psychische und Verhaltensstörungen durch Tabak, schädlicher Gebrauch (ICD-10:
F17.1)/ständiger Substanzgebrauch (ICD-10: F17.25); psychische und Verhaltens-
störungen durch Alkohol, gegenwärtig abstinent (ICD-10: F10.20); psychische und
Verhaltensstörungen durch Sedativa und Hypnotika (ICD-10: F13.25); Schlaf-Apnoe-
Syndrom, unter CBAP, compliant (IV-act. 196).
2.6.10
Im Bericht der Klinik B. _ vom 19. Februar 2019 über das ambulante integrative
Behandlungsprogramm vom 4. Februar 2019 bis zum 15. Februar 2019 wurde eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradig depressive Episode mit
somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11) sowie psychische Verhaltensstörungen durch
Alkohol: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10: F10.20), zurzeit abstinent, diagnostiziert (IV-act.
199-15ff/20).
Seite 10
2.7
Nach der bisherigen langjährigen und bei Erlass der angefochtenen Verfügung vom
18. März 2019 geltenden Rechtsprechung führen Suchterkrankungen (Drogensucht,
Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch) als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne
des Gesetzes. Sie werden im Rahmen der Invalidenversicherung dann relevant, wenn sie
eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die
Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eintritt, oder wenn sie selber
Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist, dem Krankheitswert
zukommt (statt vieler: BGE 124 V 265 E. 3c). Nach neuester Rechtsprechung wird einem
fachärztlich einwandfrei diagnostizierten Abhängigkeitssyndrom beziehungsweise einer
Substanzkonsumstörung nicht mehr zum vornherein jegliche invalidenversicherungs-
rechtliche Relevanz abgesprochen. Es ist wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen
nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln, ob und gegebenenfalls inwieweit
sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyndrom im Einzelfall auf die
Arbeitsfähigkeit auswirkt (JURIUS, Leistungen der Invalidenversicherung bei Sucht-
erkrankung, in: Jusletter, 12. August 2019; Urteil des Bundesgerichts 9C_724/2018 vom
11. Juli 2019 E. 7).
Da das Verfahren mangels genügender Abklärung des entscheidrelevanten Sachverhaltes
ohnehin an die IV-Stelle zurückzuweisen ist, ist diese Rechtsprechungsänderung
vorliegend noch nicht von Belang.
2.8
2.8.1
Gemäss Art. 43 Abs. 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren, nimmt die not-
wendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein.
Was notwendig ist, ergibt sich zum einen daraus, in welchem Umfang Abklärungen vorzu-
nehmen sind, und zum anderen daraus, in welcher Tiefe dies der Fall ist. Zunächst hat der
Versicherungsträger abzugrenzen, welche Bereiche für die zu entscheidende Frage mass-
gebend sind. In der Folge hat er im Rahmen des so begrenzten Bereiches den Sachverhalt
bis zur zweifelsfreien Eruierung abzuklären. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist
der Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zumindest mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann. Es ist Sache
des Gerichts, die Arbeits(un)fähigkeit der versicherten Person festzustellen. Dabei hat es
sich auf schlüssige medizinische Berichte zu stützen. Sofern solche nicht vorliegen oder
sich widersprechen, sind weitere Abklärungen unabdingbar, da ansonsten der Unter-
suchungsgrundsatz verletzt wird (UELI KIESER, a.a.O., N. 18ff. zu Art. 43 ATSG).
Seite 11
2.8.2
Entgegen der Auffassung der IV-Stelle ist die Aktenlage in Bezug auf den medizinischen
Sachverhalt nicht derart klar, dass über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann. Die
RAD-Ärztin Dr. C. _ ging in ihrer Beurteilung vom 31. August 2016 von keinem
Suchtleiden aus. Als Auslöser der psychischen Störungen nannte sie die vorhergehende
jahrelang anhaltende Mehrfachbelastung (IV-act. 136-4/6). Ihre Beurteilung und die vom
Beschwerdeführer geltend gemachten Kniebeschwerden - und soweit ersichtlich auch die
Gonarthrose - wurden in der in Rechtskraft erwachsenen Verfügung vom 27. Oktober 2016
berücksichtigt (IV-act. 22-8/11, IV-act. 23-2/4, IV-act. 136-5/6 und IV-act. 139). Im
vorliegend interessierenden Zeitraum trat als neues somatisches Leiden eine Schlafapnoe
hinzu (IV-act. 179-4/9 und IV-act. 196-2/5) und die RAD-Ärztin Dr. I. _ beurteilte die
Beschwerden des Beschwerdeführers mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als reines
Suchtgeschehen (IV-act. 182-4/5). Dies im Widerspruch zur Beurteilung der früheren RAD-
Ärztin Dr. C. _ und im Widerspruch zur langjährig behandelnden Ärztin Dr. E.
_. Auch wenn in Bezug auf die Aussagen der behandelnden Ärztin allenfalls eine
gewisse Zurückhaltung angebracht ist (BGE 135 V 465 E. 4.5), hat die frühere RAD-Ärztin
Dr. C. _ die Einschätzung der Psychiaterin Dr. E. _ als plausibel bezeichnet
(IV-act. 136-5/6). Auch die Berichte der Rehakliniken Klinik G. _, Reha J. _ und
Klinik B. _ (IV-act. 156, IV-act. 196 und IV-act. 199) weisen auf eine psychische
Erkrankung des Beschwerdeführers hin. Die Beurteilung des RAD, wonach retrospektiv
starke Hinweise auf ein reines Suchtgeschehen zu sehen seien, scheint zumindest
teilweise auf Annahmen zu beruhen. So mag die Scheidung der Ehe des
Beschwerdeführers wegen der ohne Wissen der Ehefrau erfolgten Besuche in Nachtclubs
für ein schon damals bestehendes Alkoholproblem sprechen, jedoch ist dies eine reine
Vermutung. Auch die Aussage, wonach nach dem im Jahr 2000 dokumentierten
Alkoholentzug eine Suchtverlagerung auf Benzodiazepine stattgefunden habe, mag
zutreffen, stellt aber angesichts dessen, dass eine Benzodiazepineinnahme (erst) seit 2014
durchgängig dokumentiert worden war, eher eine Vermutung dar. Zwar mag sein, dass die
depressiven Symptome, die kognitiven Defizite sowie die Therapieresistenz sich damit gut
erklären lassen, aber gestützt darauf den Schluss zu ziehen, es sei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit von einem reinen Suchtgeschehen auszugehen, vermag angesichts der
von anderen Fachärzten dokumentierten psychischen Störungen nicht gänzlich zu
überzeugen. Aufgrund der vorhandenen Zweifel an der Schlüssigkeit der Feststellungen
des RAD-Berichts sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 139 V 225 E. 5.2;
Urteil des Bundesgerichts 9C_649/2019 vom 13. Januar 2020 E. 4.1). Kommt hinzu, dass
sich Dr. I. _ nicht auf eigene Untersuchungen abstützen kann. Zwar können auch
Seite 12
solche RAD-Berichte beweiskräftig sein, jedoch kann vorliegend aufgrund der
abweichenden Beurteilung des psychischen Gesundheitszustandes des
Beschwerdeführers nicht von einem an sich feststehenden medizinischen Sachverhalt
ausgegangen werden, weshalb eine direkte fachärztliche Befassung zwingend erforderlich
ist (Urteil des Bundesgerichts 8C_559/2019 vom 20. Januar 2020 E. 5.2.1). Im Übrigen
erachtet selbst Dr. I. _ den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers als noch
nicht stabil (IV-act. 182-4/5).
Zusammenfassend ist die IV-Stelle ihrer Abklärungspflicht nicht genügend nachgekommen.
Die Beschwerde ist damit gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 18. März 2019
aufzuheben und die Sache an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit sie ein den Grundsätzen
nach BGE 141 V 281 entsprechendes psychiatrisches Gutachten einhole und
anschliessend neu verfüge.
3. Kosten und Entschädigung
3.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Die Vorin-
stanz unterliegt im vorliegenden Verfahren, da die Rückweisung der Sache zu weiterer
Abklärung und neuer Verfügung für die Frage der Auferlegung der Gerichtskosten wie auch
der Parteientschädigung praxisgemäss als volles Obsiegen der beschwerdeführenden
Partei gilt (BGE 132 V 215 E. 6.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_350/2017 vom
30. November 2017; UELI KIESER, a.a.O., N. 205 zu Art. 61 ATSG). Da der Vorinstanz
gemäss Art. 22 Abs. 1 VRPG keine Verfahrenskosten auferlegt werden können, werden die
Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 800.-- auf die Staatskasse genommen. Die
Gerichtskasse wird daher angewiesen, der Beschwerdeführerin den von ihr geleisteten
Kostenvorschuss von Fr. 800.-- zurückzuerstatten.
3.2
Gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerde-
führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungs-
gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit-
sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen.
Die Bemessung der Entschädigung richtet sich im Rahmen von Art. 61 lit. g ATSG nach
kantonalem Recht, mithin nach Art. 16 Abs. 1 der Verordnung vom 14. März 1995 über den
Anwaltstarif (AT, bGS 145.53; UELI KIESER, a.a.O., N. 208 ff zu Art. 61 ATSG; Urteil des
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Bundesgerichts 8C_11/2016 vom 22. Februar 2016 E. 3.1). Vorliegend handelt es sich um
einen durchschnittlichen leichten Fall mit durchschnittlicher Menge an Akten sowie keinen
besonders aufwändig zu beantwortenden Sachverhalts- und Rechtsfragen. Unter diesen
Umständen ist der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit Fr. 2‘800.20
(Pauschalhonorar Fr. 2‘500.-- + 4% Barauslagen (= Fr. 100.--) + 7.7% Mehrwertsteuer
(= Fr. 200.20)) zulasten der Vorinstanz zu entschädigen.