Decision ID: 160cc6d2-3e80-4711-86b6-e61f4969b864
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ wurde im Oktober 2020 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1). Die Klinik für Neonatologie des
Universitätsspitals Zürich berichtete im November 2020 (IV-act. 4), der frühgeborene
Versicherte leide an einem Kleinwuchs, an einem Untergewicht und an einer
Microcephalie, an einem Atemnotsyndrom bei einem Serfactantmangel, an einem
Pneumothorax rechts, an einem persistierenden Ductus arteriosus botalli, an einer
Hypospadie sowie an einer Hypoglykämie respektive an den Geburtsgebrechen Ziff.
494, 497, 313, 352 und 498 Anh. GgV. Im Status sei zusätzlich ein ausgeprägtes Genu
recurvatum rechts aufgefallen, das sich unter Lagerung und Physiotherapie klinisch
verbessert habe, weshalb es als ein Befund im Rahmen des Oligohydramnions oder im
Rahmen einer genetischen Grunderkrankung interpretiert worden sei. Mit vier
Mitteilungen vom 21. Januar 2021 erteilte die IV-Stelle eine Kostengutsprache für die
zur Behandlung der Geburtsgebrechen Ziff. 497, 498, 321, 313, 352 und 494 Anh. GgV
notwendigen medizinischen Behandlungen (IV-act. 13 ff.).
A.a.
Bereits im Dezember 2020 hatte das Ostschweizer Kinderspital darauf
hingewiesen, dass der Versicherte unter anderem auch am Geburtsgebrechen Ziff. 177
Anh. GgV litt (IV-act. 7). Einem Bericht des Ostschweizer Kinderspitals vom 12. Februar
2021 zufolge war das Genu recurvatum rechts mit einer in lateraler
Subluxationsstellung befindlichen Patella seit dem 23. Oktober 2020 mit einer
Redressionstherapie behandelt worden (IV-act. 23). In einem Bericht vom 18. März
2021 wies das Ostschweizer Kinderspital darauf hin (IV-act. 34), dass bezüglich des
Genu recurvatum eine orthopädische Beurteilung eingeholt worden sei. Sonographisch
habe sich ein korrektes Alignement des Gelenks mit einer orthotopen Patella gezeigt. In
der Folge sei eine Redressionstherapie mit einer begleitenden Physiotherapie in die
Wege geleitet worden. Am 14. April 2021 empfahl das Ostschweizer Kinderspital eine
A.b.
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B.
Kostengutsprache für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 177 Anh. GgV (IV-
act. 45). Am 23. April 2021 berichtete es (IV-act. 49), im Rahmen der
Redressionstherapie falle ein zusätzlicher Mehraufwand an. In der sonographischen
Verlaufsuntersuchung habe sich eine mittlerweile zentrierte Patella Wiberg Typ II/III im
Sulcus trochlearis in regelrechter Position gezeigt. Der Versicherte werde eine
unterstützende Physiotherapie benötigen. Am 7. Juni 2021 (IV-act. 60) hielt med. pract.
D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) fest: „Gemäss Rz. 177.4
KSME (Kreisschreiben über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung) besteht kein Leistungsanspruch auf medizinische Massnahmen
nach Art. 13 IVG im Sinne der Ziff. 177 Anh. GgV. Das Leiden des Versicherten, das
Genu recurvatum rechts mit Patella in lateraler Subluxationsstellung und mit
mittlerweile zentrierter Patella Wiberg Typ II/III im Sulcus trochlearis in regelrechter
Position ist gemäss KSME explizit von einem Leistungsanspruch für medizinische
Massnahmen nach Art. 12 und 13 IVG ausgeschlossen“. Am 26. Mai 2021 erteilte die
IV-Stelle eine Kostengutsprache für die zur Behandlung der Geburtsgebrechen Ziff.
183, 303, 355 und 395 Anh. GgV notwendigen medizinischen Massnahmen (IV-act. 56
ff.). Mit einem Vorbescheid vom 15. Juni 2021 teilte sie der Mutter des Versicherten mit
(IV-act. 62), dass sie die Abweisung des Begehrens um medizinische Massnahmen
gestützt auf den Art. 13 IVG in Verbindung mit der Ziff. 177 Anh. GgV vorsehe. Zur
Begründung führte sie an: „Gemäss den medizinischen Unterlagen liegt ein Genu
recurvatum rechts mit Patella in lateraler Subluxationsstellung und mit mittlerweile
zentrierter Patella Wiberg Typ II/III im Sulcus trochlearis in regelrechter Position vor.
Dieses Leiden ist von einem Leistungsanspruch für medizinische Massnahmen nach
Art. 12 und 13 IVG ausgeschlossen“. Mit einer Verfügung vom 2. September 2021,
deren Begründung mit jener des Vorbescheides vom 15. Juni 2021 identisch war, wies
sie das Leistungsbegehren ab (IV-act. 84).
Am 27. September 2021 liess der Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 2. September 2021
erheben (act. G 1). Seine ihn vertretenden Eltern machten geltend, sie seien mit der
Verfügung nicht einverstanden. Es handle sich um ein angeborenes Leiden, das eine
Gipsbehandlung erfordert habe. Aktuell werde versucht, die Position des Knies durch
B.a.
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Considerations:
Erwägungen
1.
regelmässiges Dehnen gemäss den Instruktionen der Orthopädin und der
Physiotherapeutin beizubehalten. Die Orthopädin habe angegeben, dass allfällige
weitere Behandlungen in der Zukunft nicht auszuschliessen seien.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 1. Dezember
2021 unter Hinweis auf die angefochtene Verfügung und eine Stellungnahme des
Fachbereichs vom 10. November 2021 (act. G 6.1) die Abweisung der Beschwerde
(act. G 6). In jener Stellungnahme war geltend gemacht worden: „Diagnosen einer
Patelladysplasie (Typus Wiberg usw.) oder eine Patella alta und andere Lageanomalien
der Kniescheiben, wie es hier bei der vorliegenden Diagnose der Fall ist, fallen gemäss
Rz. 177.4 KSME nicht unter die Ziff. 177 Anh. GgV und können auch nicht gestützt auf
Art. 12 IVG übernommen werden. Dementsprechend ist dieser Fall der Patella in
lateraler Subluxationsstellung und mit mittlerweile zentrierter Patella Wiberg Typ II/III im
Sulcus trochlearis in regelrechter Position gemäss KSME explizit von einem
Leistungsanspruch für medizinische Massnahmen nach Art. 12 und 13 IVG
ausgeschlossen. Dies wird ebenfalls mit RAD-Stellungnahme vom 7. Juni 2021
ausführlich erläutert“.
B.b.
Nach Art. 49 Abs. 3 ATSG müssen Verfügungen mit einer Begründung versehen
werden. Der Sinn und Zweck dieser Begründungspflicht besteht entgegen einer oft
vertretenen Ansicht nicht darin, den Verfügungsadressaten über alle erdenklichen
Details jener Überlegungen zu informieren, die für den Entscheid der verfügenden
Behörde eine Rolle gespielt haben. Die verfügende Behörde ist auch nicht verpflichtet,
sich mit allen Einwänden und Vorbringen des Verfügungsadressaten
auseinanderzusetzen. Vielmehr geht es darum, dem Verfügungsadressaten Kenntnis
der wesentlichen Gründe zu verschaffen, die dazu geführt haben, dass der Entscheid
so und nicht anders ausgefallen ist. Dadurch soll es dem Verfügungsadressaten
ermöglicht werden, sich in Kenntnis der für den Entscheid massgebenden Gründe für
oder aber gegen die Erhebung eines Rechtsmittels zu entscheiden und eine allfällige
Einsprache oder Beschwerde fundiert zu begründen. Enthält eine Verfügung keine
Begründung, die diesen (minimalen) Anforderungen genügt, liegt eine Verletzung der
Begründungspflicht nach Art. 49 Abs. 3 ATSG vor. Eine solche Rechtswidrigkeit kann
1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/7
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grundsätzlich nicht von der Rechtsmittelinstanz behoben werden, denn auch wenn
diese die Verfügung in ihrem Rechtsmittelentscheid „nachträglich“ mit einer
ausreichenden Begründung versieht, ändert sich nichts am Umstand, dass es dem
Verfügungsadressaten nicht möglich gewesen ist, sich fundiert für oder gegen eine
Anfechtung der Verfügung zu entscheiden. Der Verfügungsadressat müsste bei einem
solchen Vorgehen eine definitive Verkürzung des Rechtsmittelweges hinnehmen, da er
ja erst im Rahmen des Beschwerdeverfahrens den Entscheid, die Sache zur
nächsthöheren Instanz weiterzuziehen, fundiert fällen könnte. Nur wenn der
Verfügungsadressat selbst erklärt oder eindeutig zu verstehen gibt, dass er bereit ist,
dies hinzunehmen, um möglichst rasch zu einem „definitiven“ materiellen Entscheid zu
kommen (wenn er also die rasche materielle Entscheidung einer formal in jeder Hinsicht
korrekten Entscheidung vorzieht), kann eine Verletzung der Begründungspflicht
„geheilt“ beziehungsweise „ignoriert“ werden.
Die Begründung der angefochtenen Verfügung vom 2. September 2021 hat sich
auf den Hinweis, dass das zur Diskussion stehende Genu recurvatum rechts in den
„Anwendungsbereich“ der Rz. 177.4 KSME falle, und auf eine mehr oder weniger
wortwörtliche Wiedergabe dieser Rz. 177.4 KSME beschränkt. Auch der Vorbescheid,
die der Beschwerdeantwort beigelegte Stellungnahme des Fachbereichs und sogar die
Aktenwürdigung des RAD haben sich auf die Wiedergabe der Rz. 177.4 KSME
beschränkt. Das bedeutet für sich allein noch nicht, dass die Beschwerdegegnerin ihre
Begründungspflicht verletzt hätte, denn wenn die Rz. 177.4 KSME eine überzeugende
Begründung dafür enthalten würde, weshalb das hier konkret zur Diskussion stehende
Gebrechen zwar grundsätzlich ein Geburtsgebrechen im Sinne der Ziff. 177 Anh. GgV
ist, aber trotzdem keine Leistungspflicht der Invalidenversicherung auslösen kann,
müsste die (knappe) Begründung der angefochtenen Verfügung vom 2. September
2021 – die Wiedergabe der Rz. 177.4 KSME – als zur Erfüllung des Sinn und Zwecks
der Begründungspflicht ausreichend qualifiziert werden, da die Eltern des
Beschwerdeführers damit über alle notwendigen Informationen verfügt hätten, die sie
benötigt haben, um einen fundierten Entscheid für oder gegen die Anfechtung der
Verfügung vom 2. September 2021 zu treffen. Nun enthält die Rz. 177.4 KSME aber
überhaupt keine Begründung dafür, weshalb „eine Patelladysplasie (Typus Wiberg
usw.) oder eine Patella alta und andere Lageanomalien der Kniescheibe sowie eine
Dysplasie des Condylus femoris lateralis“ nicht „unter die Ziffer 177 GgV-EDI“ fallen
sollten. Der Inhalt der Rz. 177.4 KSME beschränkt sich allein auf die Festellung, dass
solche Gebrechen kein Geburtsgebrechen im Sinne des Art. 13 IVG darstellten. Was
der Grund für die „Ausklammerung“ dieser Gebrechen aus dem Anwendungsbereich
der Ziff. 177 Anh. GgV sein soll, ist nicht ersichtlich. Für den Rechtsanwender lässt sich
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/7
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2.
Im Sinne eines obiter dictum ist darauf hinzuweisen, dass die angefochtene Verfügung
augenscheinlich nur die Leistungspflicht nach Art. 13 (in Verbindung mit der Ziff. 177
Anh. GgV) betroffen hat. Das Verwaltungsverfahren hat sich nämlich durchwegs auf die
Frage beschränkt, ob es sich beim Genu recurvatum rechts, an dem der
Beschwerdeführer leidet, um ein Geburtsgebrechen handelt, für das die
Invalidenversicherung eine Leistungspflicht treffe. Der in der RAD-Stellungnahme, im
Vorbescheid und in der Verfügung auftauchende Hinweis, dass auch eine
Leistungspflicht nach Art. 12 IVG ausgeschlossen sei, ist allein darauf zurückzuführen,
dass die Beschwerdegegnerin ihren Entscheid im Wesentlichen wortwörtlich mit der
Rz. 177.4 KSME begründet hat, wo es heisst: „Sie [die vorgenannten Gebrechen]
stellen kein Geburtsgebrechen im Sinne von Art. 13 IVG dar und können auch nicht
also nicht nachvollziehen, weshalb er keine Kostengutsprache gestützt auf den Art. 13
IVG erteilen darf, wenn eines der in der Rz. 177.4 KSME erwähnten Gebrechen vorliegt.
Das versetzt die der Aufsicht des Bundesamtes für Sozialversicherungen unterstellten
IV-Stellen in eine schwierige Lage: Sie sind gehalten, die Weisungen der
Aufsichtsbehörde zu befolgen und damit im Einzelfall nach der Rz. 177.4 KSME
vorzugehen, aber sie können nicht wissen, weshalb sie ihren Entscheid so und nicht
anders fällen müssen. Das verunmöglicht es ihnen, ihre entsprechenden Verfügungen
mit einer ausreichenden Begründung zu versehen, da sie ja selbst nicht wissen, was
die wesentlichen Gründe sind, die das Bundesamt für Sozialversicherungen bewogen
haben, in der Rz. 177.4 KSME gewisse Gebrechen von der Anwendung der Ziff. 177
Anh. GgV und damit von der Leistungspflicht der Invalidenversicherung auszunehmen,
wie der vorliegende Fall exemplarisch zeigt: Obwohl die Beschwerdegegnerin
offenkundig darum bemüht gewesen ist, ihren ablehnenden Entscheid angemessen zu
begründen, ist ihr
das objektiv nicht gelungen und hat ihr das auch gar nicht gelingen können, weil ihr die
massgebenden Gründe für den ablehnenden Entscheid wohl selber nicht bekannt
gewesen sind. Das ändert allerdings nichts daran, dass eine objektive Verletzung der
Begründungspflicht vorliegt, weshalb die angefochtene Verfügung als rechtswidrig
aufgehoben werden muss. Die Sache ist zur Sicherstellung eines „unverkürzten“
Rechtsmittelweges für den Beschwerdeführer an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Diese wird die Aufsichtsbehörde ersuchen, ihren Entscheid dafür, die
in der Rz. 177.4 KSME erwähnten Gebrechen von der Leistungspflicht nach Art. 13 IVG
in Verbindung mit der Ziff. 177 Anh. GgV auszunehmen, so zu begründen, dass es der
Beschwerdegegnerin möglich sein wird, ihre Begründungspflicht nach Art. 49 Abs. 3
ATSG zu erfüllen.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/7
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gestützt auf Art. 12 IVG übernommen werden“. Was der Hinweis auf den Art. 12 IVG in
den Ausführungen dazu, welche Gebrechen als ein Geburtsgebrechen im Sinne der
Ziff. 177 Anh. GgV zu qualifizieren sind, zu suchen hat, ist nicht nachvollziehbar, zumal
die Anwendung des Art. 12 IVG – anders als jene des Art. 13 IVG – nicht von der Art
eines Gebrechens, sondern vielmehr von der Eingliederungswirksamkeit der
Behandlung abhängt, was den Ausschluss bestimmter Gebrechen vom
Anwendungsbereich des Art. 12 IVG zum Vorneherein gesetzwidrig macht. Auch für
diese unerwartete Anweisung an die IV-Stellen sucht man in der Rz. 177.4 KSME
vergeblich nach einer Begründung. Jedenfalls enthalten die Akten der
Beschwerdegegnerin keinen Hinweis darauf, dass diese sich je mit den
Voraussetzungen der Anwendung des Art. 12 IVG auf den vorliegenden Fall befasst
hätte, weshalb die vermeintliche Verweigerung einer Leistungspflicht gestützt auf den
Art. 12 IVG, die nur in der Verfügungsbegründung, aber nicht im Betreff oder im
Dispositiv auftaucht, als ein blosses redaktionelles Versehen beim Zitieren aus der Rz.
177.4 KSME qualifiziert werden muss. Hätte sich das Versicherungsgericht materiell
mit der Sache befasst, hätte es sich allein auf die Leistungspflicht nach Art. 13 IVG
beschränkt; bezüglich der Leistungspflicht nach Art. 12 IVG hätte es das Vorliegen
einer materiellen Verfügung verneint.
3.
Die Gerichtskosten von 600 Franken sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete Kostenvorschuss von
600 Franken zurückerstattet.