Decision ID: d7b2a9d3-aba2-43ce-b905-c2d1e9782f6d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 12. April 2022 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab,
dass die Schweiz am 22. Oktober 2021 einen Visumsantrag von ihm ab-
gelehnt, Österreich ihm jedoch ein vom 8. Dezember 2021 bis zum 7. Ja-
nuar 2022 gültiges Visum ausgestellt hatte.
Anlässlich der Befragung vom 21. April 2022 wurde dem Beschwerdeführer
das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit einer Überstellung nach Österreich gewährt, welches grund-
sätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs zuständig sei (gestützt auf
die Verordnung [EU] Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist [nachfolgend: Dublin-III-VO]).
Die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates wurde vom
Beschwerdeführer bestritten. Er machte geltend, am 26. Dezember 2021
in die Schweiz geflogen und von dort aus für einen Geschäftstermin weiter
nach Österreich gereist zu sein. Österreich habe er am 28. Dezember 2021
auf dem Landweg verlassen und sei nach Türkiye zurückgekehrt. Dort sei
er bis zum bis 7. April 2022 geblieben, bevor er erneut in die Schweiz ge-
reist sei.
B.
Am 21. April 2022 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO.
Diesem Gesuch wurde am 21. Juni 2022 entsprochen.
C.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 4. Mai 2022 folgende Be-
weismittel zum Nachweis seines Aufenthalts in Türkiye ein:
- Rechnung vom 16. März 2022 für ein Geschäftsessen
- Kontoauszug betreffend Lohnüberweisungen am 14. Januar und
18. Februar 2022
- Bankauszug vom 8. April 2022 mit Lohnüberweisung für März 2022
- Arbeitsrapport/Abrechnung vom 3. Februar 2022 für Januar 2022
- Sitzungsprotokolle vom 4. Januar, 3. Februar und 5. April 2022
- Sozialversicherungsbeiträge (mit QR-Code)
- Aktives Formular für Sozialversicherungsbeiträge (mit QR-Code)
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- Ärztliches Rezept vom 23. Februar 2022 (mit QR-Code)
- Stromrechnung vom 25. März 2022
- Nebenkostenabrechnung vom 2. Februar 2022
- Bankauszug vom 18. Februar 2022 betreffend Nebenkosten
D.
Mit Verfügung vom 4. Juli 2022 (eröffnet tags darauf) trat das SEM in An-
wendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Wegweisung nach Ös-
terreich an und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der
Wegweisung. Zudem stellte es fest, einer allfälligen Beschwerde gegen
den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Mit Beschwerde vom 11. Juli 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzu-
heben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten. Eventualiter sei die Sache
zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer
Hinsicht ersuchte er um Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde sowie der unentgeltlichen Prozessführung. Als Beweismittel
legte er ein Formular betreffend Sozialversicherungsbeiträge sowie einen
Entscheid des Kassationshofes vom 15. März 2022 bezüglich eines ihn
betreffenden Strafverfahrens in Türkiye zu den Akten.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Juli 2022 erteilte die Instruktionsrichterin
der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und befand, über das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung werde zu einem spä-
teren Zeitpunkt entschieden. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung eingeladen.
G.
Die Vorinstanz hielt in der Vernehmlassung vom 27. Juli 2022 an ihrer Ver-
fügung vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
Der Beschwerdeführer replizierte am 8. August 2022 und hielt ebenfalls an
seinen Anträgen fest.
H.
Mit Eingabe vom 14. Oktober 2022 erkundigte sich der Beschwerdeführer
nach dem Stand des Verfahrens. Die Instruktionsrichterin antwortete mit
Schreiben vom 21. Oktober 2022. Am 28. November 2022 legte der Be-
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schwerdeführer zusätzliche Beweismittel betreffend Eröffnung eines Straf-
verfahrens in Türkiye gegen seine Ehefrau zu den Akten und ersuchte um
beförderliche Behandlung des Verfahrens.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108
Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
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3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3. Besitzt der Antragsteller ein gültiges Visum, so ist der Mitgliedstaat,
der das Visum erteilt hat, für die Prüfung des Antrags auf internationalen
Schutz zuständig, es sei denn, dass das Visum im Auftrag eines anderen
Mitgliedstaats im Rahmen einer Vertretungsvereinbarung gemäß Artikel 8
der Verordnung (EG) Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft erteilt
wurde. In diesem Fall ist der vertretene Mitgliedstaat für die Prüfung des
Antrags auf internationalen Schutz zuständig (Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Ist das Visum seit weniger als sechs Monaten abgelaufen, aufgrund des-
sen der Antragsteller in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats einreisen
konnte, so ist Art. 12 Abs. 2 anwendbar, solange er das Hoheitsgebiet der
Mitgliedstaaten nicht verlassen hat (Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO).
4.
4.1. Gemäss einem Abgleich mit dem CS-VIS wurde dem Beschwerdefüh-
rer von Österreich ein vom 8. Dezember 2021 bis 7. Januar 2022 gültiges
Schengenvisum ausgestellt. Die österreichischen Behörden hiessen das
Übernahmegesuch des SEM am 21. Juni 2022 gestützt auf Art. 12 Abs. 4
Dublin-III-VO gut.
4.2. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, von Österreich ein Visum er-
halten zu haben. Allerdings macht er geltend, das Hoheitsgebiet der Mit-
gliedstaaten verlassen zu haben, weshalb Österreich nicht für die Prüfung
seines Asylantrags zuständig sei. Die Vorinstanz habe die von ihm einge-
reichten Beweismittel nicht gewürdigt, sondern pauschal behauptet, diese
würden keinen oder nur einen geringen Beweiswert aufweisen. Sie habe
damit den Untersuchungsgrundsatz und ihre Begründungspflicht verletzt.
Diese formelle Rüge des Beschwerdeführers ist vorab zu beurteilen, da sie
allenfalls geeignet sein könnte, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfü-
gung zu bewirken.
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4.3. Der Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 VwVG) umfasst das Recht
des Betroffenen, sich vor Erlass eines in seine Rechtsstellung eingreifen-
den Entscheids zur Sache äussern zu können (Art. 30 VwVG). Er verlangt
von der Behörde, dass sie die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört,
ernsthaft prüft und in ihrer Entscheidfindung angemessen berücksichtigt.
Dies gilt für alle form- und fristgerechten Äusserungen, Eingaben und An-
träge, die zur Klärung der konkreten Streitfrage geeignet und erforderlich
erscheinen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass der Betroffene
den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz
die wesentlichen Überlegungen nennen, von denen sich die Behörde hat
leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
4.4. Für den Nachweis seines Aufenthalts in Türkiye bis zum 7. April 2022
reichte der Beschwerdeführer verschiedene Belege ein (vgl. Sachverhalt
Bst. C). Die Vorinstanz befand in ihrer Verfügung den Beweiswert der ein-
gereichten Beweismittel als gering. Es handle sich um Kopien von Doku-
menten ohne fälschungssichere Sicherheitsmerkmale. Zudem würden die
eingereichten Dokumente die Anwesenheit des Beschwerdeführers in Tür-
kiye nicht zweifelsfrei belegen. Strom und Nebenkosten müssten auch in
seiner Abwesenheit bezahlt werden, lebe doch seine Ehefrau weiterhin
dort. Auch sei denkbar, dass er seinen Lohn trotz Landesabwesenheit wei-
terhin erhalten habe. Das eingereichte Arztzeugnis könnte ihm aus Gefäl-
ligkeit ausgestellt worden sein. Anlässlich der Vernehmlassung merkte sie
zusätzlich an, bei den Ausführungen, wie der Beschwerdeführer zu den
Dokumenten gekommen oder wie diese entstanden seien, handle es sich
um Parteibehauptungen.
Mit der Vorinstanz ist davon auszugehen, dass die Strom- und Nebenkos-
ten den Aufenthalt des Beschwerdeführers in Türkiye nicht zu belegen ver-
mögen, da diese auch von anderen Personen bezahlt werden könnten. Die
Vorinstanz unterliess es jedoch, sich zu den Arbeitsprotokollen und den
Sozialversicherungsbelegen zu äussern, obwohl der Beschwerdeführer in
seiner Beschwerde explizit darauf hinwies, dass die Echtheit dieser Doku-
mente leicht verifizierbar sei. Er führte aus, die Sozialversicherungsbei-
träge, die er bis Ende März 2022 erhalten habe, würden zeigen, dass er
physisch in Türkiye arbeitstätig gewesen sei. Nach seiner Ausreise seien
die Beiträge per 25. April 2022 eingestellt worden, nachdem er knapp drei
Wochen lang nicht mehr zur Arbeit erschienen sei. Die diesbezüglichen
Dokumente würden einen QR-Code enthalten und könnten auf E-Devlet
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eingesehen werden (Beschwerde S. 6). Bei E-Devlet handelt es sich um
ein Internetportal der türkischen Regierung, auf welchem verschiedene
Dienstleistungen online erhältlich sind. Die Vorinstanz äusserte sich nicht
dazu, ob sie den QR-Code auf den Sozialversicherungsbelegen überprüft
habe, sondern verwies darauf, dass es sich um nicht fälschungssichere
Dokumente handle. Ein QR-Code kann jedoch auch auf einer Kopie einge-
lesen und damit die Echtheit des Dokuments überprüft werden. Zu den Ar-
beitsprotokollen bemerkte der Beschwerdeführer, es handle sich um amtli-
che Dokumente, deren Echtheit bei "T.C. Cevre Sehircilik iklim degisikligi
bakanligi toplu konut idaresi bakanligi" überprüft werden könne. Auch dazu
äusserte sich die Vorinstanz weder in ihrer Verfügung noch in der Vernehm-
lassung.
4.5. Zusammenfassend hat die Vorinstanz die Beweismittel nicht genü-
gend gewürdigt und damit das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers
verletzt. Eine Heilung ist aufgrund der Schwere der Verletzung ausge-
schlossen. Die Beschwerde ist demnach im Sinne des Eventualantrags
gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung ist aufzuheben und die Sache
zur Gewährung des rechtlichen Gehörs und zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
5.
5.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG) und das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung ist gegenstandslos geworden.
5.2. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung
auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
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