Decision ID: f38a4932-9ac2-5a76-a91b-fc80aba6b5d1
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin, eine afghanische Staatsangehörige mit letz-
tem Aufenthalt in D._, verliess Afghanistan gemäss ihren Angaben
bei der Personalienaufnahme (PA) im Bundesasylzentrum (BAZ)
E._ vom 22. Oktober 2021 zusammen mit ihren beiden Kindern un-
gefähr vor fünfeinhalb Jahren und suchte am 18. Oktober 2021 in der
Schweiz um Asyl nach.
A.b Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab,
dass sie am 9. November 2018 in Griechenland, am 1. September 2021 in
Kroatien und am 12. Oktober 2021 in Slowenien um Asyl ersucht hatte.
A.c Am 27. Oktober 2021 führte das SEM mit der Beschwerdeführerin in
Anwesenheit ihrer Rechtsvertretung ein persönliches Gespräch gemäss
Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO), durch.
Dabei gab sie zu Protokoll, sie leide unter psychischen Problemen, die sie
bereits in Griechenland gehabt habe. Sie habe in der Schweiz einen Arzt
konsultiert, der ihr Medikamente verschrieben habe. Aufgrund ihrer Erleb-
nisse in Kroatien und Slowenien sei sie traumatisiert. Im Jahr 2018 sei sie
von der Türkei aus nach Griechenland gelangt, wo sie zuerst in einem Ho-
tel und anschliessend in einem Camp untergebracht worden sei. Im August
2020 habe ein Mann versucht, sie zu vergewaltigen. Mit Hilfe der (...) habe
sie Anzeige erstattet. Im September 2020 habe sie Griechenland verlassen
und sei nach Bosnien und Herzegowina gegangen, wo sie ein Jahr geblie-
ben sei, bis sie in Kroatien um Asyl nachgesucht habe. Dort sei sie zirka
einen Monat lang geblieben, dann sei sie nach Slowenien gereist, wo sie
ebenso um Asyl nachgesucht habe. Von dort aus sei sie über Italien in die
Schweiz weitergereist, wo sie am 18. Oktober 2021 angekommen sei.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zu einer allfälligen Zuständigkeit Kro-
atiens für die Behandlung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens der Be-
schwerdeführerin und ihrer Kinder sagte sie, sie habe ungefähr 20 Mal ver-
sucht, nach Kroatien einzureisen. Auch wenn sie zum Ausdruck gebracht
habe, sie wolle ein Asylgesuch stellen, sei sie zurückgewiesen worden.
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Einmal sei sie von uniformierten Polizisten von der Gruppe, mit der sie un-
terwegs gewesen sei, getrennt worden. Diese hätten sie sexuell belästigt
und zu vergewaltigen versucht (sie hätten ihr gesagt: «fuck you, don’t come
again»). Ein anderes Mal hätten die kroatischen Polizisten versucht, sie zu
schlagen; mit einem Schlagstock hätten sie ihren Sohn B._ an der
Nase getroffen. Kroatien könne ihren Kindern kein würdiges Leben bieten.
Zur Stützung ihrer Vorbringen gab die Beschwerdeführerin mehrere Foto-
grafien zu den Akten.
A.d Am 28. Oktober 2021 wandte sich die Rechtsvertretung an das SEM
und wies dieses auf die besondere Verletzlichkeit der Beschwerdeführerin
und ihrer kleinen Kinder hin. Die Beschwerdeführerin habe bereits am
22. Oktober 2021 einen Arzt aufgesucht, der Schlaflosigkeit und Dyspepsie
diagnostiziert habe. Er habe eine medikamentöse Behandlung und Unter-
suchungen des Blutes angeordnet. Beim ersten Treffen mit der Rechtsver-
tretung habe die Beschwerdeführerin darum gebeten, nur in Anwesenheit
von Frauen über ihre Fluchtgründe sprechen zu dürfen. Sie habe in ihrer
Heimat und auf ihrer Reise in die Schweiz sexuelle Gewalt erlitten. Sie
nehme seit über zwei Jahren Medikamente ein und warte auf einen Termin
bei einem Psychiater. Auch ihrem Sohn B._ seien vom Arzt Medi-
kamente verschrieben worden. Sie habe sich nach ihrer Ausreise aus Af-
ghanistan etwa zwei Jahre lang in der Türkei aufgehalten und in Griechen-
land sei sie Opfer eines Vergewaltigungsversuchs geworden. Das
Schlimmste sei ihr in Kroatien widerfahren, wo sie während zahlreicher
Rückweisungen misshandelt, gedemütigt und missbraucht worden sei.
Auch in Slowenien sei sie geschlagen worden und man habe ihr Geld und
persönliche Sachen weggenommen. Zudem seien sie und ihre Kinder an-
gehalten worden, ihre Kleider auszuziehen, als sie durchsucht worden
seien. Ihre Situation werde durch Berichte ihrer in Afghanistan zurückge-
bliebenen Schwester verschlimmert, die von ihrem Ex-Ehemann und des-
sen Familie bedroht werde. Zu berücksichtigen seien auch die beiden Kin-
der, die sich (praktisch) ihr ganzes Leben auf einer Odyssee befunden und
die Misshandlungen ihrer Mutter miterlebt hätten. Die Angaben der Be-
schwerdeführerin über ihre Erlebnisse in Kroatien würden durch kürzlich
veröffentlichte Berichte gestützt. Trotz Ermahnungen durch die Europäi-
sche Kommission fahre Kroatien mit den illegalen Rückweisungen von
Flüchtlingen fort. Angesichts der besonderen Verletzlichkeit der Beschwer-
deführerin und ihrer Kinder bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie
bei einer Überstellung nach Kroatien einer gegen Art. 3 EMRK verstossen-
den Behandlung ausgesetzt würden. Wegen der traumatischen Erlebnisse
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der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder in Kroatien und Slowenien sei
eine Überstellung weder mit Art. 3 EMRK noch mit den Schutzbestimmun-
gen der Kinderrechtskonvention zu vereinbaren. Die Anwendung der Sou-
veränitätsklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO und Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) sei dem-
nach angezeigt.
A.e Das SEM ersuchte die kroatischen Behörden gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO am 28. Oktober 2021 um die Übernahme der
Beschwerdeführerin und ihrer beiden Kinder.
A.f Die kroatischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen der Be-
schwerdeführerin und ihrer beiden Kinder am 10. November 2021 zu.
A.g Die Beschwerdeführerin nahm während ihres bisherigen Aufenthalts in
der Schweiz durch Vermittlung von MedicHelp für sich und ihren Sohn
B._ mehrmals ärztliche Hilfe in Anspruch.
B.
Mit Verfügung vom 27. Dezember 2021 – eröffnet am folgenden Tag – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder nicht ein, ordnete die Weg-
weisung in den für sie zuständigen Dublin-Mitgliedstaat (Kroatien) an und
forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Eintritt der Rechts-
kraft der Verfügung zu verlassen, ansonsten sie unter Zwang zurückgeführt
werden könnten. Gleichzeitig stellte es fest, einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. Ferner be-
auftragte das SEM den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegwei-
sung und ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis an die Beschwerdeführerin an.
C.
Die Beschwerdeführenden erhoben durch ihre Rechtsvertretung mit Ein-
gabe vom 31. Dezember 2021 gegen diesen Entscheid beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde und beantragten, der Nichteintretensent-
scheid sei aufzuheben, die Zuständigkeit der Schweiz sei festzustellen und
das Asylgesuch sei materiell zu prüfen. Eventualiter sei das Verfahren zur
Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Der Beschwerde sei auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuwei-
sen, bis zum Entscheid über dieselbe von jeglichen Vollzugshandlungen
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abzusehen. Die Beschwerdeführenden seien unter Gewährung der teilwei-
sen unentgeltlichen Rechtspflege von der Bezahlung von Verfahrenskos-
ten zu befreien und von der Erhebung eines Kostenvorschusses sei abzu-
sehen.
D.
Der Instruktionsrichter setzte den Vollzug der Überstellung am 3. Januar
2022 gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus.
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 6. Januar 2022 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde, Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses gut. Die Akten überwies er zur Ver-
nehmlassung an das SEM.
F.
Das SEM nahm in seiner Vernehmlassung vom 17. Januar 2022 zur Be-
schwerde Stellung und hielt an seinem Standpunkt fest.
G.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 2. Februar 2022 replizierten die
Beschwerdeführenden.
H.
Mit Eingabe vom 10. Februar 2022 liessen die Beschwerdeführenden drei
ärztliche Kurzberichte vom 2. und 4. Februar 2022 (letzterer B._
betreffend) übermitteln.
I.
Die Beschwerdeführenden reichten am 9. März 2022 einen B._ be-
treffenden ärztlichen Kurzbericht von Prof. Dr. med. F._, Facharzt
FMH für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, vom 1. März 2022 ein.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder haben am vorinstanzlichen
Verfahren teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung beson-
ders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung
beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Be-
schwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM
ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu prüfen (Art. 31a
Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerdeinstanz
grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob das SEM zu Recht auf das Asyl-
gesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2 m.w.H.). Das Bun-
desverwaltungsgericht hebt deshalb die angefochtene Verfügung auf und
weist die Sache zu neuer Entscheidung an das SEM zurück, sofern es den
Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet (vgl. BVGE 2011/30
E. 3, 2011/9 E. 5).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staats prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss der Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
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fende Mitgliedstaat einer Übernahme zugestimmt hat oder von dessen Zu-
stimmung infolge unterlassener Antwort innerhalb der genannten Frist aus-
zugehen ist, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta; ABl. C 364/1 vom 18. Dezember 2000) mit
sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prü-
fende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Sätze 2
und 3 Dublin-III-VO).
4.4 Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, ei-
nen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem ande-
ren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO).
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4.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (sog. Selbsteintrittsrecht; Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-
VO).
5.
5.1 Der Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerin ergab, dass
sie am 1. September 2021 in Kroatien ein Asylgesuch eingereicht hatte.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs bestätigte sie dies. Wie in der angefoch-
tenen Verfügung zutreffend festgehalten wird, steht durch den Abgleich der
Fingerabdrücke mit der Zentraleinheit Eurodac fest, dass die Beschwerde-
führerin in Kroatien als asylsuchende Person registriert worden ist. Auch in
der Beschwerde wird die Einreichung eines Asylgesuchs in Kroatien nicht
bestritten.
5.2 Die kroatischen Behörden haben dem Übernahmeersuchen des SEM
vom 28. Oktober 2021 bezüglich der Beschwerdeführerin und ihrer beiden
Kinder am 10. November 2021 zugestimmt, womit sie die Zuständigkeit
Kroatiens für die Prüfung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens explizit
anerkannten (Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständig-
keit Kroatiens ist somit gegeben.
6.
6.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, gestützt auf
die Dublin-III-VO sei Kroatien für die Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens zuständig. Es gebe keine Hinweise dafür, dass es im kro-
atischen Asylverfahren und in den Aufnahmebedingungen für Asylsu-
chende systemische Mängel gebe, die das Risiko einer unmenschlichen
Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK oder Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich brächten.
Die Frage der Push-Backs betreffe Personen, die versuchten, illegal nach
Kroatien einzureisen und dort um Asyl nachzusuchen, nicht jedoch Perso-
nen, die im Rahmen eines Dublin-Verfahrens nach Kroatien überstellt wür-
den. Abklärungen der schweizerischen Botschaft in Kroatien (nachfolgend
Botschaft) hätten ergeben, es sei unwahrscheinlich, dass Personen, die im
Rahmen eines Dublin-Verfahrens nach Kroatien überstellt würden, im
Sinne einer Kettenabschiebung nach Bosnien und Herzegowina ausge-
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schafft oder systematischer Gewalt seitens der kroatischen Polizei ausge-
setzt würden. Dublin-Rückkehrende würden legal in Zagreb und nicht ille-
gal an den Aussengrenzen Kroatiens einreisen. Die Abklärungen der Bot-
schaft hätten ergeben, dass Dublin-Rückkehrende immer Zugang zu ei-
nem Asylverfahren hätten. Dies werde auch im letzten Bericht «AIDA
Country Report: Croatia» des «European Council of Refugees and Exiles»
(ECRE) vom April 2020 bestätigt. Die von der Beschwerdeführerin geschil-
derten Misshandlungen seien auf die Gewalt einzelner Polizeibeamter zu-
rückzuführen. Die Verfehlungen von kroatischen Grenzpolizisten könnten
nicht dazu führen, dass Kroatien als Unrechtsstaat erachtet werde. Kroa-
tien verfüge über ein funktionierendes Justizsystem und sei in der Lage,
adäquaten Schutz vor Übergriffen Dritter zu gewähren. Es liege an der Be-
schwerdeführerin, sich auf dem Rechtsweg gegen allfällige künftige Be-
nachteiligungen zur Wehr zu setzen. Die eingereichten Fotografien hätten
nur geringen Beweiswert, da nicht festgestellt werden könne, ob und wann
sie an der Grenze zu Kroatien aufgenommen worden seien und ob kroati-
sche Grenzbehörden involviert gewesen seien. Zudem könne nicht davon
ausgegangen werden, dass sich die Beschwerdeführerin bei den zustän-
digen Behörden beschwert habe. Die Vorbringen der Beschwerdeführerin
liessen nicht darauf schliessen, dass sie nach einer Rückkehr nach Kroa-
tien dem «real risk» ausgesetzt sei, eine menschenrechtswidrige Behand-
lung zu erleiden. Es gelinge ihr nicht, die Vermutung umzustossen, dass
Kroatien seinen internationalen Verpflichtungen nachkomme. Hinsichtlich
der Zukunft ihrer Kinder weise das SEM darauf hin, dass ihnen der Zugang
zur Schule gewährt sei, und dass es an ihnen liege, sich im neuen sozialen
Umfeld zu integrieren. Kroatien sei an die Regeln der Aufnahmerichtlinie
gebunden. Auch die Abklärungen der Botschaft hätten bestätigt, dass vul-
nerable Personen, die ihm Rahmen eines Dublin-Verfahrens nach Kroatien
zurückkehrten, besondere Unterstützung hinsichtlich der Unterbringung,
der Sozialhilfe, der Einschulung und der Integration erhielten.
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) habe in seinem Urteil vom 19. März
2019 (C-163/17) festgehalten, eine Situation von Armut und verschlechter-
ter Lebensbedingungen würden die Zulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs nur in extremen Fällen in Frage stellen. Aus den Aussagen der Be-
schwerdeführerin gehe nicht hervor, dass ihr die kroatischen Behörden die
von der Aufnahmerichtlinie garantierten minimalen Rechte verwehrt hätten.
Auch wenn Kroatien von Flüchtlingen als Transitland betrachtet werde, sei
darauf hinzuweisen, dass es nicht an ihnen liege, den für die Prüfung des
Verfahrens zuständigen Staat selbst auszuwählen. Die kroatischen Behör-
den hätten sowohl die illegale Einreise, als auch die Asylgesuchstellung
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der Beschwerdeführerin korrekt registriert, und hätten ihrer Rücküber-
nahme explizit zugestimmt. Es sei nicht davon auszugehen, dass ihr in
Missachtung der Verfahrensrichtlinie kein Zugang zum Asylverfahren ge-
währt werde. Diese Auffassung werde auch von den deutschen und öster-
reichischen Partner-Behörden sowie der Europäischen Kommission ge-
teilt, die als Wächter über das Gemeinschaftsrecht keine Massnahmen ge-
gen Kroatien ergriffen habe. Der Europäische Gerichtshof für Menschen-
rechte (EGMR) habe in seinem Urteil vom 18. November 2021 (M.H. and
Others v. Croatia) Kroatien zwar unter verschiedenen Gesichtspunkten kri-
tisiert, habe aber weder eine generelle Position zum Asyl- und Aufnahme-
system Kroatiens bezogen noch systemische Schwachstellen desselben
festgestellt. Die Beschwerdeführerin habe nicht aufgezeigt, dass Kroatien
sich weigern würde, sie wiederaufzunehmen und ihr Asylgesuch zu prüfen,
oder sie in ein Land zurückzuschicken, in dem sie an Leib und Leben oder
Freiheit gefährdet sei.
Es lägen keine Gründe im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vor, wel-
che die Schweiz verpflichteten, das Asylgesuch der Beschwerdeführerin
und ihrer Kinder zu prüfen. Vorliegend gebe es keine Gründe für die An-
wendung der Souveränitätsklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO.
Zusammenfassend gehe aus den Medizinalakten hervor, dass die Be-
schwerdeführerin unter einer momentan asymptomatischen Dyspepsie, ei-
ner chronischen Mittelohrentzündung, einem verstopften Gehörgang, ei-
nem Trommelfelldefekt, einer Augentrockenheit und einer Posttraumati-
schen Belastungsstörung (PTBS) leide. Ihr Sohn B._ leide an einer
beidseitigen reizlosen Tonsillenhyperplasie (Vergrösserung der Gaumen-
mandeln). Hinsichtlich der in der Eingabe der Rechtsvertretung vom
28. Oktober 2021 erwähnten möglichen psychischen Probleme der Kinder
fänden sich in den Akten keine Hinweise, weshalb das SEM auf weitere
Abklärungen verzichte. Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführen-
den sei genügend abgeklärt, um über die Durchführbarkeit der Überstel-
lung befinden zu können. Es liege keine medizinische Notlage vor und es
sei nicht zu befürchten, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwer-
deführerin und ihrer Kinder bei einer Rückkehr nach Kroatien drastisch ver-
schlechtere. Die Gesundheits-Strukturen in Kroatien seien für die nötige
Behandlung ausreichend und dem Gesundheitszustand werde im Rahmen
der Überstellungsmodalitäten Rechnung getragen. Die Anwendung der
Souveränitätsklausel sei demnach nicht gerechtfertigt.
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6.2 In der Beschwerde wird einleitend der Sachverhalt geschildert und gel-
tend gemacht, das SEM verletze durch den angefochtenen Entscheid
Art. 3 EMRK. Der EGMR habe grundsätzlich festgestellt, dass das Fehlen
von systemischen Mängeln in einem Asylsystem die Gefahr nicht aus-
schliesse, dass dieses einer grossen Zahl von Personen vorenthalten
werde, weil es nicht die erforderliche Kapazität aufweise, um grosse Zu-
ströme von Asylsuchenden bewältigen zu können. Folglich müsse im Ein-
zelfall eine mögliche Verletzung von Art. 3 EMRK geprüft werden.
Berichten zur Situation in Kroatien sei zu entnehmen, dass sich die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende dort schwierig gestalteten und eine
den internationalen Rechtsnormen entsprechende Behandlung fraglich sei.
Es lägen zahlreiche Meldungen darüber vor, wie schlecht Asylsuchende an
den Grenzen zu Bosnien und zu Serbien insbesondere von Grenzpolizis-
ten behandelt würden. Dies werde von hohen Beamten Kroatiens bestätigt.
Das SEM sei auf zahlreiche Medienberichte hingewiesen worden, in denen
die Push-Back-Praktiken der kroatischen Behörden dokumentiert würden.
Menschen, die an die Landesgrenzen zurückgebracht würden, würden ver-
prügelt und ihrer Handys und Schuhe beraubt. Die systematische Gewalt
der kroatischen Behörden gegen Migranten sei erwiesen. Das SEM unter-
lasse es, die ihm genannten Quellen zu würdigen und verweise auf die
allgemeinen vertraglichen Verpflichtungen Kroatiens. Das Europäische Ko-
mitee zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender
Behandlung oder Strafe (CPT) habe am 3. Dezember 2021 einen Bericht
veröffentlicht, in dem die Angaben der Beschwerdeführerin bestätigt wür-
den. Obwohl sie geäussert habe, ein Asylgesuch stellen zu wollen, seien
sie und ihre Kinder an der Grenze zu Unrecht abgewiesen worden. Vor
diesen Hintergrund sei nicht nachvollziehbar, wie das SEM zur Auffassung
gelange, die kroatischen Behörden hätten ihre illegale Einreise und ihr
Asylgesuch in korrekter Weise registriert. Bereits die Möglichkeit, in Kroa-
tien ein Asylgesuch zu stellen, scheine derart eingeschränkt, dass erhebli-
che Zweifel an der Einhaltung internationaler Verpflichtungen seitens der
kroatischen Behörden bestünden. Im erwähnten Bericht werde auf zahlrei-
che Misshandlungen von Asylsuchenden durch die kroatischen Grenzbe-
hörden hingewiesen. Solches hätten auch die Beschwerdeführerin und ihre
Kinder durchgemacht. Der Standpunkt des SEM, die Besonderheiten der
Push-Backs hätten mit dem Dublin-In-Verfahren nichts zu tun, sei zu bean-
standen, denn die Gewalt, die von der Regierung befohlen werde, werde
durch die Behörden selbst verübt. Die Vermutung, Asylsuchende würden
in Kroatien von Verwaltungsbehörden gerecht behandelt, dürfe nicht mehr
gelten, denn es sei unwahrscheinlich, dass in Kroatien ein neutrales und
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faires Asylverfahren im Einklang mit dem humanitären Recht stattfinden
könne. Auch das Bundesverwaltungsgericht zitiere in seinen Urteilen zahl-
reiche Berichte, welche die schlechten Bedingungen in Kroatien bekräftig-
ten, und führe aus, bei gleichgelagerten Schilderungen habe das SEM
nicht hinreichend geprüft, inwiefern Anhaltspunkte für systembedingte
Schwachstellen und die Push-Back-Problematik an den kroatischen Gren-
zen im Einzelfall zu berücksichtigen seien. Fehl gehe der Hinweis des SEM
auf die Ausführungen der schweizerischen Botschaft, welche mehrfach die
Umstände gewürdigt habe, unter denen Dublin-Rückkehrende in Kroatien
behandelt würden. Das Gericht habe sich hinsichtlich der allgemeinen Bot-
schaftsabklärungen jedenfalls kritisch geäussert. Im Bericht des CTP
werde ausdrücklich festgestellt, dass in Kroatien ein Mechanismus fehle,
um sich gegen fehlbare Polizeiangehörige zur Wehr zu setzen. Das SEM
würdige nicht, ob es der Beschwerdeführerin zumutbar gewesen wäre, all-
fällig vorhandenen Schutz zu beanspruchen. Sie und ihre Kinder seien an
der Grenze zirka 20 Mal abgewiesen worden. Die erlittene Behandlung sei
für sie vor dem Hintergrund ihrer bisherigen Lebensgeschichte traumatisie-
rend gewesen. Es könne nicht erwartet werden, dass sie noch Vertrauen
in die kroatischen Behörden habe. Zudem seien auch die Aufnahmebedin-
gungen äusserst prekär, fehle es doch an grundlegendsten Standards und
Garantien. Das Gericht habe mehrfach beanstandet, dass das SEM be-
züglich des Systems in Kroatien nicht hinreichende Abklärungen vorge-
nommen habe. In den vorhandenen Berichten werde bestätigt, dass erheb-
liche Zweifel am Zugang zu medizinischer Grundversorgung bestünden.
Bei psychischen Problemen sei nur eine eingeschränkte Unterstützung
verfügbar. Die schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) empfehle in ihrem Be-
richt vom Dezember 2021, Personen mit psychischen Problemen nicht
nach Kroatien zu überstellen. Bereits in ihrem Bericht vom August 2018
habe sie ausgeführt, dass das Recht auf Zugang zur Gesundheitsvorsorge
nur die allgemeine und dringende Gesundheitsvorsorge abdecke und
sonstige Dienstleistungen sowie die meisten Medikamente von den Asyl-
suchenden selber zu bezahlen seien.
Die Beschwerdeführerin sei seit über zwei Jahren auf eine psychologische
Behandlung und Medikamente angewiesen. In der Schweiz nehme sie
starke Psychopharmaka ein; einzig aufgrund ihrer massiven Belastung
habe sie noch keine Gesprächstherapie begonnen. Es sei nachgewiesen,
dass sie künftig auf eine Behandlung angewiesen sei, die für sie in Kroatien
nicht zugänglich sei. Sie leide zudem an einer chronischen Mittelohrent-
zündung und müsste operiert werden, um das Trommelfell und/oder die
Gehörknöchelchenkette zu reparieren. Es sei nicht davon auszugehen,
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dass sie in Kroatien eine weitergehende Behandlung erhalten könne, und
es bestehe ein erhebliches Risiko, dass sie und ihre Kinder ohne Unter-
kunft und hinreichende medizinische Unterstützung in Kroatien leben
müssten, was das SEM zu Unrecht als mit Art. 3 EMRK vereinbar erachte.
Der EGMR habe in seinem Urteil vom 18. November 2021 eine Verletzung
der menschenrechtlichen Garantien durch die kroatischen Behörden fest-
gestellt. Damit sei bestätigt, dass in Kroatien Bedingungen herrschten, die
nicht mit den besonderen Bedürfnissen der vulnerablen Beschwerdeführe-
rin und ihrer Kinder vereinbar seien. Das SEM begründe nicht, weshalb es
bei ihnen von anderen Umständen ausgehe. Das Risiko einer Rückführung
der Familie nach Afghanistan durch die kroatischen Behörden sei sehr
hoch, da offenbar systematisch Asylanträge afghanischer Staatsangehöri-
ger abgelehnt würden. Die Schweiz müsse ferner ihre Verpflichtungen ge-
mäss dem Übereinkommen vom 18. Dezember 1979 zur Beseitigung jeder
Form von Diskriminierung der Frau (SR 0.108; nachfolgend: CEDAW) wah-
ren, was der Frauenrechts-Ausschuss in seiner Allgemeinen Empfehlung
Nr. 32/2014 zu den geschlechtsbezogenen Dimensionen des Flüchtlings-
begriffs, des Asyls, der Nationalität und der Staatenlosigkeit von Frauen
klargestellt habe. Gemäss Art. 2 CEDAW sei jegliche Form von Diskrimi-
nierung von Frauen zu verhindern. Die beiden Kinder der Beschwerdefüh-
rerin seien besonders schützenswert und zudem auf medizinische Unter-
stützung angewiesen. Die Kinder hätten die Misshandlungen und die Ge-
walt an den kroatischen Grenzen persönlich miterlebt. Gemäss Art. 3 des
Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes
(SR 0.107; nachfolgend: KRK) sei das Kindeswohl zu berücksichtigen, wo-
bei ihnen Zugang zu angemessener Unterkunft und Betreuung sowie Zu-
gang zu Bildung und altersgerechter Versorgung zu gewähren sei. Das
SEM habe dies nicht geprüft, obwohl das Gericht in seiner Rechtsprechung
bezüglich der Rückweisung von Kindern nach Kroatien verlange, dass ent-
sprechende Garantien vorlägen. Der kleine Sohn B._ benötige me-
dizinische Behandlung. Im Januar 2022 habe eine Sonografie zu erfolgen
und nach Abschluss des Asylverfahrens sei zu prüfen, ob eine Epipharyn-
goskopie (Nasenrachenspiegelung), eine Adenotomie (Entfernung der Ra-
chenmandeln) und eine Tonsillektomie (Mandelentfernung) durchzuführen
wären. Aufgrund der Erlebnisse der Kinder auf der Flucht sei absehbar,
dass auch sie psychologische Unterstützung benötigten. Die Rücküberstel-
lung nach Kroatien und die damit verbundene Obdachlosigkeit sowie die
fehlende medizinische Unterstützung und Schulbildung für die Kinder seien
nicht mit dem Kindeswohl vereinbar.
D-7/2022
Seite 14
Sollte die Zuständigkeit der Schweiz anhand der Zuständigkeitskriterien
der Dublin-III-VO vom Gericht nicht bejaht werden, sei darauf hinzuweisen,
dass die Prüfung der humanitären Gründe für einen Selbsteintritt unzu-
reichend gewesen sei. Das SEM hätte prüfen müssen, ob die Souveräni-
tätsklausel aus humanitären Gründen anzuwenden sei. Indem es dies mit
der textbausteinartigen, gehaltlosen Formulierung verneint habe, sei es der
Pflicht zur Ermessensausübung nicht nachgekommen und habe sein Er-
messen unterschritten.
Am 4. November 2014 habe der EGMR im Urteil Tarakhel gegen die
Schweiz (Urteil des EGMR Tarakhel gegen die Schweiz vom 4. November
2014, Nr. 29217/12) festgestellt, dass die Überstellung einer Familie nach
Italien ohne umfassende Garantien bezüglich einer menschenwürdigen
und kindergerechten Unterbringung, dem Zugang zu Schule und Bildung
sowie der Wahrung der Einheit der Familie eine Verletzung von Art. 3
EMRK darstelle. Die Beschwerdeführerin und ihr Sohn B._ benö-
tigten zukünftig medizinische Behandlung und seien nachweislich als be-
sonders vulnerabel zu erachten. Es rechtfertige sich, vorliegend aufgrund
der äusserst prekären Umstände in Kroatien, der schlimmen Erlebnisse
sowie des vulnerablen Zustandes der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder
analog die Rechtsprechung bezüglich der Garantien gemäss dem Urteil
Tarakhel anzuwenden. Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
sei aufgrund der kurzen Anwesenheitsdauer in der Schweiz noch kaum ab-
geklärt. Auch die beiden Kinder seien im Hinblick auf ihre psychische Ver-
fassung bis anhin nicht beurteilt worden, was aber notwendig wäre, um
eine Überstellung nach Kroatien beurteilen und die entsprechenden Ga-
rantien einholen zu können. Der Sachverhalt sei somit unvollständig erho-
ben worden.
6.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, das Bundesverwal-
tungsgericht habe mehrfach bestätigt, dass im kroatischen Asylsystem
keine systemischen Mängel bestünden, weshalb es hinsichtlich der Über-
stellung keine zusätzlichen Garantien benötige. Den Akten sei zu entneh-
men, dass die Beschwerdeführerin medikamentös behandelt werde und ihr
Sohn B._ keiner dringenden Behandlung bedürfe. Dem medizini-
schen Kurzbericht vom 5. Januar 2022 sei zu entnehmen, dass hinsichtlich
der Beschwerdeführerin eine Abklärung in Form einer Helicobacter-pylori-
Suche angeordnet und die Empfehlung einer Tympanoplastik innerhalb der
nächsten drei bis sechs Monate gegeben worden seien. Insofern in der
Beschwerde vermutet werde, die psychischen Probleme der Beschwerde-
führerin stünden in Zusammenhang mit den an der Grenze zu Kroatien
D-7/2022
Seite 15
geltend gemachten Misshandlungen, sei darauf hinzuweisen, dass auf ih-
ren Wunsch hin keine psychiatrische Behandlung begonnen worden sei
und sie bereits in Griechenland unter psychischen Problemen gelitten
habe. Es gehe nicht an, die geltend gemachten Ereignisse in Kroatien und
Slowenien als Ursache für die psychischen Probleme zu bezeichnen. Viel-
mehr habe die Beschwerdeführerin erst nach dem Entscheid des SEM um
eine psychologische Behandlung ersucht, was aus dem ärztlichen Kurzbe-
richt vom 11. Januar 2022 hervorgehe. Das Bundesverwaltungsgericht
habe mehrmals festgestellt, dass negative Asylentscheide bei Betroffenen
öfters zu psychischen Problemen führten. Das SEM zweifle nicht daran,
dass die in der Schweiz angeordneten Therapien und auch künftige medi-
zinische Konsultationen in Kroatien durchgeführt werden könnten. Die ge-
sundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin und ihres Sohnes seien
nicht derart schwerwiegend und die Behandlung sei nicht derart dringend,
dass sie nur in der Schweiz behandelt beziehungsweise durchgeführt wer-
den könnten. Wie in Art. 31 und 32 Dublin-III-VO vorgesehen, würden die
kroatischen Behörden vor der Überstellung über die gesundheitliche Situ-
ation der Beschwerdeführenden in Kenntnis gesetzt. Die Aussagen der Be-
schwerdeführerin zu den versuchten Grenzübertritten beschränkten sich
auf ein Ereignis, bei dem die Beschwerdeführerin beschimpft und betastet
worden sei, und seien vage und lakonisch. Sie habe weder die Daten der
Ereignisse noch die Art der erlittenen Misshandlungen präzise angegeben
beziehungsweise geschildert. Auch in der Eingabe der Rechtsvertretung
vom 28. Oktober 2021, in der auf das Vorgespräch derselben mit der Be-
schwerdeführerin hingewiesen werde, würden bezüglich der angeblichen
Rückweisungen an der Grenze zu Kroatien keine Details genannt, die es
erlaubten, eine Glaubhaftigkeitsprüfung vorzunehmen. Auch in der Be-
schwerde seien dazu keine präziseren Angaben gemacht worden. Da die
kroatischen Behörden der Überstellung der Beschwerdeführenden zuge-
stimmt hätten, bestehe kein Anlass zur Annahme, dass die Push-Backs
sich wiederholen könnten. Nach einlässlicher Prüfung des vorliegenden
Falles gelange das SEM zur Auffassung, dass es den Beschwerdeführen-
den nicht gelungen sei, stichhaltige Gründe dafür zu benennen, dass sie
nach einer Überstellung nach Kroatien einer gegen Art. 3 EMRK, Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK;
SR 0.105) oder Art. 4 der EU-Grundrechtecharta verstossenden Behand-
lung ausgesetzt würden. Das SEM habe den Untersuchungsgrundsatz
nicht verletzt, da derselbe die Parteien nicht von der Mitwirkungspflicht bei
der Sachverhaltsfeststellung entbinde.
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Seite 16
6.4 In der Replik wird entgegnet, in der Vernehmlassung fehle eine inhalt-
lich fundierte Auseinandersetzung mit den in der Beschwerde gemachten
Ausführungen. Der Hinweis auf die Rechtsprechung vermöge nicht zu be-
gründen, dass hinsichtlich Kroatiens aktuell keine systemischen Mängel im
Asylsystem vorlägen. Die Argumentation des SEM, die Beschwerdeführe-
rin habe bereits in Griechenland psychische Probleme gehabt, weshalb
diese nicht durch die Erlebnisse in Kroatien verursacht seien, erstaune
sehr. Dabei handle es sich um eine simple Hypothese; sollte das SEM an
den geäusserten Empfindungen zweifeln, hätte es Abklärungen bei Fach-
spezialisten veranlassen müssen. Die Beschwerdeführerin sei zufolge er-
littener sexueller Gewalt vorbelastet und teilweise in Behandlung gewesen.
Die Belastung sei erhöht, da sie an der kroatischen Grenze immer wieder
schwierige Umstände erlebt habe. Es sei ihr aktueller Gesundheitszustand
zu ermitteln und zu würdigen. Sie sei weiterhin auf medizinische und psy-
chologische Behandlung angewiesen. Sie habe ihre psychischen Prob-
leme von Anfang an offengelegt, sei aber anfänglich nicht in der Lage ge-
wesen, eine Therapie aufzunehmen. Danach habe sie mehrfach ein psy-
chiatrisches Konsil gewünscht, weshalb dies nicht eine Reaktion auf den
negativen Entscheid sei. Sie habe massive Gewalt erlitten und traumati-
sierte Menschen reagierten auch bezüglich des Zeitpunkts der Aufarbei-
tung unterschiedlich. Dem Bericht vom 12. Januar 2022 sei zu entnehmen,
dass sie an einer PTBS leide und in der Nebendiagnose «Kontaktanlässe
mit Bezug auf psychosoziale Umstände» festgehalten worden sei. Da nur
ein Konsilgespräch mit psychiatrischer Beurteilung und Medikamenteneva-
luation habe stattfinden können, enthalte der Bericht keine Angaben über
einen Behandlungsbedarf. Es wäre am SEM gelegen, weitere Abklärungen
vorzunehmen, eine Behandlung einzuleiten oder Rückfragen zu stellen.
Dem Kurzbericht vom 5. Januar 2022 sei zu entnehmen, dass eine Tym-
panoplastik am linken Ohr unbedingt innerhalb der nächsten drei bis sechs
Monate vorzunehmen sei. Inwiefern die Beschwerdeführerin eine solche in
Kroatien erhalten könne, ergebe sich aus den Ausführungen des SEM
nicht. Schliesslich werde auch eine weitere Eradikation angeordnet, sofern
sich die Schmerzen im Oberbauch nicht besserten. Die medizinische Be-
handlung sei somit nicht abgeschlossen. Es sei zwingend erforderlich,
dass Garantien für die Weiterbehandlung eingeholt würden. Das SEM zi-
tiere keine Berichte zur Verfügbarkeit medizinischer Behandlung in Kroa-
tien. Zentral sei, dass diese gemäss allgemeinen Berichten in Kroatien als
nicht verfügbar oder zugänglich erachtet werde, womit eine Verletzung von
Art. 3 EMRK drohe. Das SEM habe bei den Fachspezialisten nicht nach-
gefragt, welche Veränderung des Gesundheitszustands drohe, wenn die
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Seite 17
Behandlung nicht fortgesetzt werde. Dass das SEM Zweifel an der Glaub-
haftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin äussere, erstaune vor
dem Hintergrund, dass es diese in der angefochtenen Verfügung nicht in
Frage gestellt habe. Das Dublin-Gespräch finde ohne Protokollführer statt
und es werde nur eine summarische Zusammenfassung desselben festge-
halten. Zum freien Bericht der Beschwerdeführerin seien seitens des SEM
keine Fragen gestellt worden. Das Dublin-Gespräch habe lange gedauert
und es sei klar, dass keine Zeit für eine Verlängerung bestanden habe. Die
Rechtsvertretung habe einen Tag nach diesem Gespräch in einem Schrei-
ben an das SEM gewisse Angaben geschildert, welche die Beschwerde-
führerin beim Vorgespräch geäussert habe. Das SEM habe sich mit ihren
Angaben nicht auseinandergesetzt, die sie von Beginn weg geäussert
habe. Das Bundesverwaltungsgericht halte fest, dass das SEM gehalten
sei, Vorbringen in einer protokollierten Befragung zu erörtern, wenn diese
seit Beginn des Verfahrens kohärent vorgebracht worden seien. Gegen-
über ihrer Rechtsvertretung habe die Beschwerdeführerin trotz psychi-
scher Belastung zahlreiche Schilderungen ausführlich dargelegt. Sie habe
Mühe, die versuchten Grenzübertritte auseinanderzuhalten. Sie seien wie-
derholt im Wald aufgegriffen, zu einer Strasse gebracht und nach Bosnien
gefahren worden. Oft hätten die Kinder geweint und geschrien, was die
kroatischen Grenzbeamten nicht beeindruckt habe. Regelmässig seien
ihnen die Kleider und die Kopfbedeckungen weggenommen und teils ver-
brannt worden. Im Wald sei es stets kalt gewesen und sie seien meist be-
droht und beschimpft worden. Sie habe den Grenzübertritt auch alleine mit
ihren Söhnen versucht, weil sie gehofft habe, dass man dann milder mit
ihnen umgehen würde. Besonders in Erinnerung geblieben seien der Ver-
such, bei dem sie sexuell belästigt worden sei, und derjenige, bei dem ihr
Sohn einen Schlag abbekommen habe (in der Folge werden die beiden
Ereignisse ausführlicher geschildert). Das SEM widerspreche auch der
Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts, wenn es darlege, die erlebten
Push-Backs an der Grenze würden Dublin-Rückkehrende nicht betreffen.
Es seien hinreichend Gründe dargelegt, weshalb auf das Asylgesuch ein-
zutreten sei.
6.5 In der Eingabe vom 10. Februar 2022 wird darauf hingewiesen, dass
die Beschwerdeführerin am 2. Februar 2022 einen weiteren Arzttermin ge-
habt habe. Die Medikation sei angepasst und sie sei erneut bei der
G._ Psychiatrie in H._ angemeldet worden. Der Arzt von
Medic-Help halte eine Rückführung der Beschwerdeführenden für unzu-
mutbar. Die Unterlagen bestätigten, dass eine Überstellung aus medizini-
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Seite 18
schen Gründen unrechtmässig wäre und eine Weiterbehandlung der Be-
schwerdeführerin notwendig sei. Diese wäre in Kroatien nicht erhältlich.
Bezüglich B._ sei einzig eine handschriftliche und schwer leserliche
Notiz erstellt worden. Offenkundig bestehe auch bei ihm weiterer Untersu-
chungs- und Behandlungsbedarf.
6.6 In der Eingabe vom 9. März 2022 wird darauf hingewiesen, dass
B._ in den folgenden sechs bis acht Wochen eine konventionelle
Tonsillektomie (Entfernung der Gaumenmandeln) benötige. Dazu müsse
er in der Nähe eines Spitals untergebracht werden, was am derzeitigen
Aufenthaltsort nicht der Fall sei. Es sei nicht davon auszugehen, dass er in
Kroatien diesen Eingriff erhalten könne. Aufgrund der dortigen Infrastruktur
werde es auch nicht möglich sein, dass er in der Nähe eines Spitals unter-
gebracht werden könne. Je nach Verlauf des Eingriffs könnte er auch eine
Folgebehandlung benötigen. Demnach sei unter dem Aspekt des Kindes-
wohls zu prüfen, inwiefern eine Wegweisung nach Kroatien rechtmässig
sein könne.
7.
7.1
7.1.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesent-
liche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische Schwach-
stellen aufweisen, die für die Beschwerdeführerin und ihre Kinder im Falle
einer Überstellung in dieses Land die Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich brächten.
7.1.2 In der Beschwerde werden unter Hinweis auf Berichte zur Lage von
Asylsuchenden in Kroatien und die Erlebnisse der Beschwerdeführenden
Mängel im kroatischen Asylsystem geltend gemacht (kein oder erschwerter
Zugang zum Asylverfahren, Unterbringung, medizinische Versorgung).
7.1.3 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus der Richt-
linie des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
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Seite 19
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
aus der Aufnahmerichtlinie ergeben. (vgl. Urteile des BVGer D-4957/2021
vom 22. November 2021 E. 7.1, E-4550/2021 vom 22. Oktober 2021
E. 7.1.1, F-4018/2021 vom 15. September 2021 S. 5 f., D-3407/2021 vom
29. Juli 2021 S. 6 f., E-3281/2021 vom 22. Juli 2021 E. 6, F-3061/2021
vom 9. Juli 2021 E. 5 und D-1304/2021 vom 25. Mai 2021 E. 6.2, je mit
weiteren Hinweisen; die zitierten Verfahren betrafen – wie auch das vorlie-
gende – Wiederaufnahmekonstellationen).
7.1.4 Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, sie und ihre Kin-
der (wieder) aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz un-
ter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten
und auch den in den Eingaben zitierten Länderberichten sind keine stich-
haltigen Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in ihrem
Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise
in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr liefen,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausserdem hat
die Beschwerdeführerin nicht dargetan, die sie bei einer Rückführung er-
wartenden Bedingungen in Kroatien seien derart schlecht, dass sie zu ei-
ner Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder
Art. 3 FoK führten. Das Bundesverwaltungsgericht geht aktuell in konstan-
ter Praxis davon aus, dass – auch unter Würdigung der kritischen Bericht-
erstattung bezüglich Kroatien – keine Gründe für die Annahme vorliegen,
das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Dublin-Rückkeh-
rende, die in Kroatien bereits ein Asylgesuch stellen konnten, würden sys-
temische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-
III-VO aufweisen (vgl. vorstehend E. 7.1.2).
7.1.5 Soweit in der Beschwerde auf das Referenzurteil des Bundesverwal-
tungsgerichts E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 verwiesen wird, ist festzu-
stellen, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung im Unterschied zur
Verfügung, die im Verfahren E-3078/2019 zu überprüfen war, Stellung zur
Kritik an der Lage in Kroatien und zur Situation betreffend die illegalen so-
genannten Push-Backs genommen hat. Das SEM ist nach Abklärungen
zum Schluss gekommen, dass Dublin-Rückkehrende, die ausnahmslos
über Zagreb überstellt werden, nicht von Push-Backs betroffen seien und
keine Hinweise auf generelle systemische Schwachstellen im kroatischen
Asyl- und Aufnahmesystem hätten festgestellt werden können. Zudem
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Seite 20
seien keine Hinweise vorhanden, die belegen würden, dass den Dublin-
Rückkehrenden eine Rückschiebung nach Bosnien und Herzegowina (Ket-
tenabschiebung) oder systematische Gewalt seitens der kroatischen Poli-
zeibehörde drohe. Diese Ansicht wird vom Bundesverwaltungsgericht ge-
teilt.
7.1.6 Die geltend gemachten Drohungen und Erniedrigungen, welche die
Beschwerdeführerin bei ihren mehrfachen Einreiseversuchen nach Kroa-
tien erlebt habe, rechtfertigen es nicht, davon auszugehen, dass sie oder
ihre Kinder bei einer Rückkehr in die Dublin-Strukturen dieses Landes mit
hoher Wahrscheinlichkeit Opfer einer unmenschlichen oder erniedrigen-
den Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK, Art. 3 FoK oder Art. 4 EU-
Grundrechtecharta werden. Bei Fehlverhalten einzelner Beamter oder von
Privatpersonen könnte sie sich an die zuständigen kroatischen Stellen
wenden. Es erübrigt sich demnach, auf die vom SEM (erst) in der Vernehm-
lassung vorgebrachten Zweifel an der Glaubhaftigkeit der von der Be-
schwerdeführerin geltend gemachten Push-Backs und den dabei erlittenen
Übergriffen einzugehen.
7.1.7 Bei der Prüfung des Kindeswohls sind die bestehenden, gewichtigen
öffentlichen Interessen der Schweiz an der Überstellung der Beschwerde-
führerin und ihrer Kinder in den zuständigen Mitgliedstaat Kroatien und das
entgegengesetzte persönliche Interesse der Familie am Verbleib in der
Schweiz zur Durchführung eines Asylverfahrens gegenüberzustellen (vgl.
Urteil des BVGer E-7092/2017 vom 25. Januar 2021 E. 15.5). Vorliegend
bestehen gewichtige öffentliche Interessen, welche die privaten Interessen
überwiegen. Als wesentliches Element im Sinne des Kindeswohls ist das
grundlegende Bedürfnis von Kindern zu berücksichtigen, in möglichst en-
gem Kontakt mit ihrer Mutter aufwachsen zu können. Den Akten sind keine
Hinweise dafür zu entnehmen, dass in Kroatien die Gefahr bestehen
könnte, die Beschwerdeführerin werde von ihren Kindern getrennt. Hin-
sichtlich der bei B._ durchzuführenden konventionellen Tonsillekto-
mie ist auf die nachfolgenden Ausführungen in Erwägungen 7.2.4 zu ver-
weisen.
7.1.8 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
7.2
7.2.1 In der Beschwerde wird die Anwendung der Ermessensklausel von
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht im
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Seite 21
Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1,
gemäss derer das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch
dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre, gefordert. Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführe-
rin und ihrer Kinder stehe einer Überstellung entgegen; eine Überstellung
nach Kroatien setze sie einer Gefahr für ihre Gesundheit aus und verletze
damit Art. 3 EMRK.
7.2.2 Hinsichtlich der bei der Beschwerdeführerin und ihrem Sohn
B._ diagnostizierten gesundheitlichen Probleme ist auf die vorste-
henden Erwägungen zu verweisen (vgl. E. 6.1 Abschnitt 5, E. 6.2 Abschnitt
3 ff., E. 6.3 und 6.4). Eine zwangsweise Rückweisung beziehungsweise
Überstellung von Personen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ganz
ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist ins-
besondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortge-
schrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe
befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen müsste
und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl.
BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des EGMR). Eine
weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die
durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand-
lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer erns-
ten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.2.3 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Aus den Akten ist
nicht ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin oder ihre Kinder nicht reise-
fähig wären oder eine Überstellung ihre Gesundheit ernsthaft gefährdete.
Die dokumentierten gesundheitlichen Probleme sind nicht von einer derar-
tigen Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung ab-
gesehen werden müsste. In Einklang mit dem SEM ist davon auszugehen,
dass Kroatien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt.
Die Dublin-Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellenden die er-
forderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist
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Seite 22
die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigen-
falls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Sodann bestehen in Kroatien nebst den staat-
lichen Einrichtungen auch Angebote von Nichtregierungsorganisationen
für die psychologische Betreuung, womit von einem genügenden Behand-
lungsangebot auszugehen ist (vgl. Urteile des BVGer E-3281/2021 vom
22. Juli 2021 E. 7.5.2, D-1304/2021 vom 25. Mai 2021 E. 7.3.1 und
F-4368/2020 vom 14. Januar 2021 E. 7.3, je m.w.H.). Es liegen keine Hin-
weise vor, wonach Kroatien seinen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin-
III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde. Der Zugang zu
einer angemessenen psychiatrischen Behandlung in Kroatien kann zwar
unter Umständen erschwert sein, da kein Überwachungsmechanismus be-
steht, um schutzbedürftige Asylsuchende mit besonderen Bedürfnissen
und die zu ihren Gunsten zu treffenden Massnahmen zu ermitteln (vgl.
Asylum Information Database [AIDA], Länderbericht: Kroatien, 2019, Aktu-
alisierung April 2020, S. 80). Vorliegend sind die Diagnosen bereits in der
Schweiz gestellt und die erforderlichen Behandlungen im Wesentlichen de-
finiert worden, weshalb die vorgenannten Schwierigkeiten zu relativieren
sind. Die Beschwerdeführerin kann sich bei allfälligen Schwierigkeiten
beim Zugang zur medizinischen Versorgung zudem an die in Kroatien ope-
rierenden karitativen Organisationen wenden (vgl. Urteil des BVGer
E-4218/2020 vom 3. September 2020 E. 5.2.3).
7.2.4 Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochte-
nen Verfügung beauftragt sind, werden den medizinischen Umständen bei
der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung Rechnung
tragen und die kroatischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über
die spezifischen medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dub-
lin-III-VO). Dabei wird zu klären sein, ob die aufgrund des ärztlichen Be-
richts vom 1. März 2022 bei B._ in den nächsten sechs bis acht
Wochen durchzuführende konventionelle Tonsillektomie noch in der
Schweiz vorzunehmen ist – und aus diesem Grund mit der Überstellung
zuzuwarten ist –, oder ob diese zeitnah in Kroatien durchgeführt werden
kann. Auf diese Weise kann eine ununterbrochene und angemessene Wei-
terbehandlung gewährleistet werden. Eine darüberhinausgehende Einho-
lung spezifischer Zusicherungen hinsichtlich medizinischer Behandlung er-
achtet das Bundesverwaltungsgericht vorliegend nicht als erforderlich.
7.2.5 Im Übrigen ist nicht zu beanstanden, dass das SEM auf weitere Ab-
klärungen hinsichtlich der gesundheitlichen Probleme der Beschwerdefüh-
rerin und ihrer Kinder verzichtet hat, da nicht ersichtlich ist, inwiefern solche
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Seite 23
einen Einfluss auf die Einschätzung der Zulässigkeit und Zumutbarkeit ei-
ner Überstellung nach Kroatien haben könnten. Die Rüge der unvollstän-
digen Sachverhaltsabklärung erweist sich demnach als nicht berechtigt;
der eventualiter gestellte Antrag auf Rückweisung der Sache an das SEM
zur Neubeurteilung ist abzuweisen.
7.2.6 Angesichts des aktuellen Gesundheitszustands der Beschwerdefüh-
rerin und ihrer Kinder sind demnach keine zwingenden Gründe auszu-
machen, die zur Annahme führten, bei einer Überstellung nach Kroatien
drohe ihnen eine unmenschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK.
Daran vermag die im ärztlichen Kurzbericht geäusserte Einschätzung, eine
Rückführung der Beschwerdeführenden nach Kroatien erscheine aufgrund
der durchgemachten Erlebnisse und Erinnerungen unzumutbar, nichts zu
ändern, denn die Frage der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs ist
eine Rechtsfrage, die aufgrund der gesamten Aktenlage und der Praxis des
Bundesverwaltungsgerichts von den zuständigen Asylbehörden zu ent-
scheiden ist. Nach dem Gesagten konnte die Beschwerdeführerin kein
konkretes und ernsthaftes Risiko dartun, wonach ihre Überstellung nach
Kroatien die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
Es darf davon ausgegangen werden, Kroatien beachte für die Zeit nach
der Überstellung die übrigen massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmun-
gen sowie insbesondere die Verfahrensrichtlinie. Entgegen der in den Be-
schwerdeeingaben vertretenen Auffassung, erübrigt sich das Einholen ent-
sprechender Garantien.
7.3
7.3.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den Verzicht des
SEM auf die Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Ange-
messenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung im Wesentlichen
darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig
erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen
Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
7.3.2 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens
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Seite 24
zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang
weiterer Äusserungen.
7.4 Es besteht demnach kein Grund für eine Anwendung der Ermessens-
klauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist festzuhal-
ten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE
2010/45 E. 8.3).
7.5 Somit bleibt Kroatien der für die Behandlung der Asylgesuche der
Beschwerdeführenden zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
Kroatien ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29
wiederaufzunehmen.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder nicht
eingetreten. Da sie nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nieder-
lassungsbewilligung sind, wurde die Überstellung nach Kroatien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1). Der Antrag auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem ihre Rechtsbe-
gehren nicht als aussichtslos im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG qualifiziert
wurden und aufgrund der Akten von ihrer prozessualen Bedürftigkeit aus-
gegangen wurde, wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung mit Instruktionsverfügung vom 6. Januar 2022 gutgeheis-
sen, weshalb keine Kosten aufzuerlegen sind.
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