Decision ID: c79ca108-f064-445b-9266-69bfe282b6de
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer wurde am 4. Januar 2022 von den schweizeri-
schen Grenzbehörden angehalten und in der Folge wegen illegaler Ein-
reise in Haft genommen. Am 6. Januar 2022 suchte er aus der Haft um
Asyl nach.
A.b Die Abklärungen des SEM ergaben, dass er am 20. Dezember 2021
in B._ ein Asylgesuch eingereicht hatte. Es ersuchte die (...) Behör-
den am 10. Januar 2022 um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers.
Diese gaben dem Ersuchen mit Antwortschreiben vom 18. Januar 2022
nicht statt. Auch das Remonstrationsersuchen des SEM vom 18. Januar
2022 wurde von den (...) Behörden abschlägig beantwortet, im Wesentli-
chen mit der Begründung, es sei ein Übernahmeersuchen B._ bei
den italienischen Behörden hängig.
A.c Am 8. Februar 2022 richtete das SEM ein auf Art. 13 Abs. 2 Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) gestütztes
Aufnahmeersuchen an die italienischen Behörden. Nach durchgeführtem
Dublin-Gespräch liess es diesen am 9. März 2022 weitere Informationen
zukommen. Das Übernahmeersuchen blieb unbeantwortet.
B.
Mit Verfügung vom 11. April 2022 (eröffnet am 13. April 2022) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung
nach Italien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines
Asylgesuches zuständig sei. Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug
der Wegweisung nach Italien und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
C.
Mit Beschwerde vom 22. April 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 11. April 2022 sei
aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten; eventuell sei die an-
gefochtene Verfügung vollständig aufzuheben und zur rechtsgenügenden
Durchführung des Asylverfahrens sowie zur Neubeurteilung an die Vorin-
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stanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewäh-
rung der aufschiebenden Wirkung, die unverzügliche Anweisung der Voll-
zugsbehörden im Sinne einer superprovisorischen vorsorglichen Mass-
nahme, von einer Wegweisung nach Italien sei abzusehen, bis das Bun-
desverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung ent-
schieden habe, sowie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
(einschliesslich Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses).
D.
Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Überstellung am 25. April
2022 per sofort einstweilen aus.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 28. April 2022 erteilte die Instruktionsrichterin
der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und stellte fest, der
Beschwerdeführer könnte den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten. Ferner wurde ihm die unentgeltliche Prozessführung gewährt und
der Vorinstanz Frist zur Einreichung einer Vernehmlassung gesetzt.
F.
Mit Vernehmlassung vom 3. Mai 2022 hielt das Staatssekretariat an seiner
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
G.
Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 11. Mai 2022.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Seit einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom
21. Dezember 2017 können sich Asylsuchende in Beschwerdeverfahren
gegen Überstellungsentscheidungen auch in der Schweiz auf die richtige
Anwendung sämtlicher objektiver Zuständigkeitskriterien der Dublin-III-VO
berufen, insbesondere auf Bestimmungen, die einen Zuständigkeitsüber-
gang infolge Fristablaufs vorsehen (vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5 [insb.
E. 5.3.2] m.w.H.).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer macht eine Verletzung seines Anspruchs auf
unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102f ff. AsylG geltend,
da ihm nicht unmittelbar nach Stellung seines Asylgesuchs am 6. Januar
2022 sondern erst mit dem Eintritt in das Bundesasylzentrum nach der
Haftentlassung am 22. Februar 2022 Zugang zu einer Rechtsvertretung
ermöglicht worden sei.
3.2 Gemäss Art. 102f Abs. 1 AsylG haben asylsuchende Personen, deren
Gesuch in einem Zentrum des Bundes behandelt wird, Anspruch auf un-
entgeltliche Rechtsberatung und Rechtsvertretung. Ab Beginn der Vorbe-
reitungsphase und für das weitere Asylverfahren wird jeder asylsuchenden
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Person eine Rechtsvertretung zugeteilt, sofern sie nicht ausdrücklich da-
rauf verzichtet (Art. 102h Abs. 1 AsylG). Diese Ansprüche gelten gemäss
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts auch für Asylsuchende,
die sich in Haft befinden (vgl. etwa Urteil des BVGer E-1401/2020 vom
1. April 2020 E. 3.4.2 mit Hinweis auf Urteil D-5705/2019 vom 25. Novem-
ber 2019).
3.3 Vorliegend ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer erst nach Zu-
führung in das Bundesasylzentrum Zugang zu einer Rechtsberatung und
Rechtsvertretung im Sinne der genannten Bestimmungen hatte (vgl. Ver-
nehmlassung S. 2), wobei das SEM bereits ab dem 10. Januar 2022 Zu-
ständigkeitsabklärungen beziehungsweise Überstellungsbemühungen
vorgenommen hatte. Er bevollmächtigte die ihm zugewiesene Rechtsver-
tretung schliesslich am 7. März 2022. Entgegen der vom SEM vertretenen
Auffassung oblag es nicht dem Beschwerdeführer, aus der Haft um Bei-
gabe einer Rechtsvertretung zu ersuchen. Vielmehr wäre es Aufgabe des
SEM gewesen, ihn unmittelbar nach Kenntnis seines Asylgesuchs über
seinen Anspruch auf unentgeltliche Rechtsberatung und Rechtsvertretung
zu informieren und ihm eine solche zuzuweisen. Der vom SEM in der Ver-
nehmlassung erwähnte Umstand, dass sich der Beschwerdeführer nicht
sicher war, ob er an seinem Asylgesuch festhalten wolle, zeigt gerade die
Notwendigkeit einer Rechtsberatung auf. Insofern ist dem Beschwerdefüh-
rer zuzustimmen, dass die Vorinstanz seinen Anspruch auf unentgeltliche
Rechtsberatung und -vertretung verletzt hat.
3.4 Ob es sich bei der Befragung des Beschwerdeführers vom 6. Januar
2022 durch die Kantonspolizei C._ bereits um das sogenannte
Dublin-Gespräch (persönliches Gespräch gemäss Art. 5 Dublin-III-VO) ge-
handelt hat, braucht vorliegend nicht abschliessend geklärt zu werden.
Festzuhalten ist immerhin, dass gemäss Akten eine polizeiliche Befragung
im Rahmen der ausländerrechtlichen Haft stattfand. Die entsprechende
Befragung wurde aber – soweit ersichtlich – weder vom SEM angeordnet
noch durchgeführt. Der von der kantonalen Migrationsbehörde gegebene
Auftrag, es sei dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör "zum Dublin-
Verfahren für B._" zu gewähren, ändert daran nichts.
3.5 Unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände besteht vorliegend kein
Anlass, die Sache zur Wiederholung des Verfahrens an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen, da dies einen prozessualen Leerlauf bedeuten würde. Der
Beschwerdeführer konnte sich mit der Rechtsvertretung über das Festhal-
ten an seinem Asylgesuch beraten (vgl. Vernehmlassung S. 2) und das
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Dublin-Gespräch des SEM mit dem Beschwerdeführer fand erst nach der
Mandatierung der zugewiesenen Rechtsvertretung am 8. März 2022 statt.
Dass die Rechtsvertretung in Absprache mit dem Beschwerdeführer auf
eine Teilnahme verzichtete, ist irrelevant. Jedenfalls ist nicht ersichtlich,
dass und inwiefern dem Beschwerdeführer durch die Unterlassung des
SEM ein konkreter Nachteil entstanden wäre (vgl. Urteil des BVGer E-
6958/2019 vom 8. Januar 2020 S. 6). Allerdings ist das SEM aufzufordern,
seinen sich aus Art. 102f ff. AsylG ergebenden Verpflichtungen auch bei
sich in Haft befindenden Asylsuchenden nachzukommen.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
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die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge-
stellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-VO aufzuneh-
men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
Diese Verpflichtung erlischt, wenn der Gesuchsteller oder eine andere Per-
son gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c oder d das Herrschaftsgebiet der Mitglied-
staaten während einer Dauer von mindestens drei Monaten verlassen hat,
ausser die Person verfüge über einen durch den zuständigen Mitgliedstaat
ausgestellten Aufenthaltstitel (vgl. Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen
bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten An-
trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser
Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
5.
5.1 Den vorliegenden Akten, insbesondere den Aussagen des Beschwer-
deführers, ist zu entnehmen, dass er sich von 2011 bis 2021 in Italien auf-
gehalten hatte, bevor er am 20. Dezember 2021 in B._ ein Asylge-
such einreichte. Nachdem die (...) Behörden eine Übernahme abgelehnt
hatten, ersuchte das SEM die italienischen Behörden am 8. Februar 2022
um Aufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 2 Dublin-
III-VO. Nach durchgeführtem Dublin-Gespräch liess es den italienischen
Behörden am 9. März 2022 weitere Informationen zukommen. Diese lies-
sen das Übernahmeersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vor-
gesehenen Frist unbeantwortet, womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit
anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO).
Der Beschwerdeführer kann – entgegen seinen Ausführungen in der Be-
schwerdeschrift – aus dem Hinweis des SEM im Übernahmeersuchen an
die italienischen Behörden auf die Haft gemäss Art. 28 Dublin-III-VO nichts
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zu seinen Gunsten ableiten. Der Umstand, dass das SEM die italienischen
Behörden erst am 8. Februar 2022, und damit mehr als einen Monat nach
Asylgesuchstellung (Art. 28 Abs. 3 Dublin-III-VO), um Übernahme des Be-
schwerdeführers ersuchte, hat einzig zur Folge, dass sich die Vorinstanz
nicht auf die für die Haftsituation vorgesehene verkürzte Antwortfrist beru-
fen kann. Vielmehr kommt es – wie vom SEM in der Vernehmlassung zu-
treffend erwähnt – wieder zur Anwendung der ordentlichen Fristen (Art. 28
Abs. 3 Dublin-III-VO; vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum Euro-
päischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018, N. 27 zu Artikel 28). Dass
seit der Asylgesuchseinreichung bereits mehr als ein Monat vergangen
war, war für die italienischen Behörden im Übrigen ohne Weiteres aus den
Angaben im Übernahmeersuchen (vgl. Akten SEM 1121546-15) ersicht-
lich. Das SEM war sodann nicht verpflichtet, die italienischen Behörden
nach der am 21. Februar 2022 von den kantonalen Behörden angeordne-
ten Haftentlassung und dem durchgeführten Dublin-Gespräch erneut um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 21 Abs. 1 Dublin-III-
VO zu ersuchen. Dies umso weniger, als den italienischen Behörden die
Erkenntnisse aus dem Dublin-Gespräch am 9. März 2022 mitgeteilt wur-
den (vgl. Akten SEM 1121546-34). Zudem ergibt sich aus der angefochte-
nen Verfügung (S. 3), dass das SEM von einer (ordentlichen) zweimonati-
gen Antwortfrist der italienischen Behörden gemäss Art. 22 Abs. 1 und
Abs. 7 Dublin-III-VO und nicht von der einmonatigen Frist in Dringlichkeits-
verfahren ausging. Es liegt weder eine Verletzung der Begründungspflicht
noch eine unvollständige oder unrichtige Sachverhaltsfeststellung vor.
Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit gegeben.
5.2 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli-
che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Asylsuchende in Italien würden systemische Schwachstellen
aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich
bringen würden.
5.2.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
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und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
5.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich zuletzt in seinem Urteil
D-4235/2021 vom 19. April 2022 (zur Publikation als Referenzurteil vorge-
sehen) mit der Situation für Asylsuchende in Italien auseinandergesetzt.
Auf die dortigen Ausführungen kann verwiesen werden.
5.2.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
5.3 Der Beschwerdeführer bringt keine weiteren Einwände gegen eine
Überstellung nach Italien vor, es ergeben sich auch keine solchen aus den
Akten. Für die Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkre-
tisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss welcher das SEM das
Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn
dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre, besteht so-
mit keine Veranlassung.
5.3.1 Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den
Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat
selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.4 Somit bleibt Italien der für die Behandlung des Asylgesuches des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
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7.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem aber mit
Zwischenverfügung vom 28. April 2022 die unentgeltliche Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten
zu erheben.
10.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist trotz der festgestellten Verletzung
seines Anspruchs auf unentgeltliche Rechtsberatung und Rechtsvertre-
tung keine (reduzierte) Parteientschädigung zuzusprechen, da es sich vor-
liegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne
von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe
von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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