Decision ID: c940eb92-ec2f-4a0c-aef2-0b2c9941f9ff
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
Die
Y._
GmbH mit Sitz in
Z._
war der
Sozialver
siche
rungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
,
seit Oktober 2015
als beitrags
pflichtige Arbeitgeberin angeschlossen und rechnete mit ihr
die paritätischen und FAK-Beiträge ab (vgl. Urk.
7/
4 f.
).
Mit Urteil vom 28. Februar 2018
eröffnete der Konkursrichter des Bezirksgerichts Meilen über die Gesellschaft den Konkurs. Das Verfahren wurde am 9. März 2018 mangels Aktiven eingestellt (Urk. 9).
Mit Verfügung vom 28. Januar
2020
(Urk. 7/157/2-4) verpflichtete die Ausgleichskasse
X._
, den ehemali
gen
Geschäftsführer der
Konkursitin
, zur Bezahlung von Schadenersatz für entgan
gene Beiträge in der Höhe von Fr. 65'950.6
5.
Die dagegen erhobene Einsprache vom 28. Februar 2020 (Urk. 7/160) wies die Ausgleichskasse mit Entscheid vom 17. Juni 2021 (Urk. 2 = Urk. 7/162) ab.
2.
Dagegen liess
X._
mit Eingabe vom 19. Juli 2021 (Urk. 1) Beschwerde erheben mit folgenden Anträgen:
1.
Die Verfügung der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich vom 28. Januar 2020 sowie der
Einspracheentscheid
der Sozialver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich vom 17. Juni 2021 gegen den Beschwerdeführer seien aufzuheben und es sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer nicht schadenersatzpflichtig ist.
2.
Eventualiter sei die Forderung für entgangene Beiträge angemessen zu reduzieren.
3.
Dem Beschwerdeführer sei eine angemessene Parteientschädigung zuzusprechen.
Die Beschwerdegegnerin schloss in ihrer Beschwerdeantwort vom 30. August 2021
(Urk. 6) auf Abweisung der Beschwerde, was
X._
zur Kenntnis ge
bracht wurde (vgl. Urk. 8).
Auf die Ausführungen der Parteien ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforder
lich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1
.1
Nach Art. 52 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlasse
nenver
sicherung
(AHVG)
hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder grobfahr
lässige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zufügt,
diesen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäft
s
führung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den glei
chen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solida
risch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu entwickelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestim
mungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (Art. 66 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG), Erwerbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz, EOG) und Arbeitslosenver
si
cherungsbeiträge (Art. 6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosen
ver
sicherung und die Insolvenzentschädigung, AVIG) sowie auf jene an die Fami
lienausgleichskassen (FAK) gemäss dem Bundesgesetz über die Familienzulagen (Art. 25
lit
. c
FamZG
).
1
.2
1
.2.1
Der Schaden gilt als eingetreten, sobald anzunehmen ist, dass die geschuldeten Beiträge aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben werden können (BGE 126 V 443 E. 3a, 121 III 382 E. 3bb, 388 E. 3a, je mit Hinweisen). Dies trifft dann zu, wenn die Beiträge im Sinne von Art. 16 Abs. 1 AHVG verwirkt sind (vgl. beispielsweise BGE 112 V 156, 98 V 26) oder wenn ihre Entrichtung wegen Zahlungsunfähigkeit der beitragspflichtigen Arbeitgeberin nicht mehr möglich ist (vgl. beispielsweise BGE 121 V 234, 240; BGE 141 V 487 E. 2.2). Im ersten Fall gilt der Schaden als eingetreten, sobald die Beiträge verwirkt sind (BGE 123 V 12 E. 5b, 168 E. 2a, 112 V 156 E. 2, 108 V 189 E. 2d, je mit Hinweisen). Im zweiten Fall gilt der Schadenseintritt als erfolgt, sobald die Beiträge wegen der Zahlungsunfähigkeit der Arbeitgeberin nicht mehr im ordentlichen Verfahren nach Art. 14 ff. AHVG erhoben werden können, in der Regel mit der Ausstellung eines Pfändungsverlustscheins oder der Konkurseröffnung über die Arbeitgeberin (BGE 136 V 268 E. 2.6 mit Hinweisen, BGE 123 V 12 E. 5b, 168 E. 2a, 113 V 256 E. 3a, 112 V 156 E. 2).
1
.2.2
Nach
altArt
. 52 Abs. 3 AHVG in der bis 31. Dezember 2019 gültig gewesenen Fassung verjährt der Schadenersatzanspruch zwei Jahre, nachdem die zuständige Ausgleichskasse vom Schaden Kenntnis erhalten hat, spätestens aber fünf Jahre
nach Eintritt des Schadens. Diese Fristen können unterbrochen werden. Die Arbe
it
geberin kann auf die Einrede der Verjährung verzichten. Sieht das Strafrecht eine längere Frist vor, so gilt diese.
Die Ausgleichskasse hat in der Regel von dem Zeitpunkt an Kenntnis des Schadens, in welchem sie unter Beachtung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit erkennen muss, dass die tatsächlichen Gegebenheiten nicht mehr erlauben, die Beiträge einzufordern, wohl aber eine Schadenersatzpflicht begründen können (BGE 134 V 353 E. 1.2, 131 V 425 E. 3.1, 128 V 15 E. 2a, je mit weiteren Hin
weisen; Urteil des Bundesgerichts 9C_166/2017 vom 8. August 2017 E. 4.1). Die Frist zur Geltendmachung des Schadens wird in Gang gesetzt, wenn die Aus
gleichskasse die für den Erlass einer Schadenersatzverfügung notwendige Kennt
nis über Existenz, Beschaffenheit und wesentliche Merkmale des Schadens sowie die Person des Ersatzpflichtigen hat (BGE 128 V 10 E. 5a mit Hinweisen). In diesem Sinne zumutbare Kenntnis eines Teilschadens genügt (BGE 121 V 240 E. 3c/
bb
; Urteil des Bundesgerichts
9C_131/2008
vom 28. Mai 2009 E. 3.3.1). Nicht erforderlich ist, dass die Höhe des Schadens ziffernmässig bereits genau festgelegt werden kann. Es reicht aus, wenn die Ausgleichskasse die voraus
sichtliche Höhe des aufgrund der unbezahlt gebliebenen Beiträge zu erwartenden Verlusts abzuschätzen vermag (vgl. BGE 116 II 158 E. 4a; Urteile des Bundes
gerichts 9C_325/2010 vom 10. Dezember 2010 E. 2.1.1 und 9C_166/2017 vom 8. August 2017 E. 4.1, je mit weiteren Hinweisen).
Bei Einstellung des Konkursverfahrens mangels Aktiven beginnt die Frist für die
Geltendmachung der Schadenersatzforderung (Kenntnis des Schadens) in der R
egel mit dem Datum der Veröffentlichung der Einstellung des Konkursver
fahrens mangels Aktiven im Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB) zu laufen (BGE 129 V 193 E. 2.3).
1
.2.3
Im Konkurs der
Y._
GmbH
wurde das Verfahren - wie erwähnt - am 9. März 2018 mangels Aktiven eingestellt (Urk. 9). Damit wurde die zwei
jährige Verjährungsfrist von
altArt
. 52 Abs. 3 ATSG ausgelöst. Mit Erlass der Scha
denersatzverfügung vom
28. Januar 2020 (Urk. 7/
157/2-4
)
wahrte die Be
schwer
degegnerin diese Frist. Die streitgegenständliche Forderung ist demnach nicht verjährt.
2.
2.1
Voraussetzung für eine Haftung nach Art. 52 AHVG ist zunächst das Vorliegen eines Schadens. Dieser besteht darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschuldeter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, dessen die Kasse verlustig geht (Thomas Nussbaumer, Die Ausgleichskasse als Partei im Schadenersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahngebühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb; vgl. auch BGE 108 V 189 E. 5). Im Hin
blick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitgeberbeiträge zum massgeblichen Scha
den (BGE 98 V 26 E. 5).
2.2
2.2.1
Die Beschwerdegegnerin stützte ihre Forderung gegen den Beschwerdeführer
im Wesentlichen auf
die Lohndekl
arationen der
Y._
GmbH für die Jahre 2015 (Urk. 7/17/3) und 2016 (Urk. 7/99), die vom Revisor erstellte Lohn
de
klaration für das Jahr 2017 (Urk. 7/127) sowie dessen
Aufrechnungen für die Jahre 2015 und 2016
(Urk. 7/128)
,
den Revisionsbericht vom 3. Juli 2018 (Urk. 7/129)
und den Kontoauszug vom 17. Januar 2020 (Urk. 7/156). Zudem liegen zahlreiche
Mahnungen (Urk. 7/8-9, 7/11
, 7/45, 7/47, 7/80
, 7/84, 7/86,
7/93, 7/102 und
7/106
),
Betreibungsbegehren (Urk. 7/15-16
und
7/108
),
Zah
lung
s
befehle
(Urk. 7/26
-27
und
7/109
),
Fortsetzungsbegehren (Urk. 7/39-40
) sowie
Verzugs
zin
s
ab
rechnungen (Urk. 7/50, 7/69
und
7/118
) bei den Akten.
Aus den Lohndeklarationen der
Y._
GmbH und den Feststellungen des Revisors ergibt sich, dass die Gesellschaft in den Jahren 2015 bis 2017 Lohn
zahlungen von insgesamt Fr. 664'884.
(= Fr. 96'200.
+ Fr. 321'265.
+ Fr. 109'975.
+
Fr.
2'865.
+ Fr. 134'579.
)
ausgerichtet hat (Urk.
7/17/3, 7/99
und 7/127-128)
.
Der von der Beschwerdegegnerin geltend gemachte Schaden
ersatzbetrag von Fr. 65'950.65 ergibt sich aus der Gegenüberstellung der
für die P
erioden 2015
und 2016 nachgeforderten
und für die
Jahr
e 2016 und
2017
geschuldeten Sozialversicherungsbeiträge (zuzüglich Nebenkosten
; vgl. auch
Urk.
7/
157/8-11
) und der
von der
Y._
GmbH
geleisteten
Zahlungen
(
Fr.
50.-- und
Fr.
40.80) sowie den verrechneten
CO
2
-G
utschriften und
Familien
zulagen
, wie sie im Kontoauszug vo
m 17. Januar 2020 (Urk. 7/156
) dokumentiert sind
(vgl. auch
Urk.
7/157/8-12)
.
D
iesbezüglich
ist zu beachten, dass die Beschwerdegegnerin korrekterweise
im genannten Kontoauszug vom 17. Januar 2020 (Urk. 7/156) die erst nach der Konkurseröffnung vom 28. Februar 2018 verbuchten Mahnkosten
(
Fr.
60.-- und
Fr.
40.--)
stornierte.
Dabei berücksichtigte die Beschwerdegegnerin, dass eine Haftung des Beschwerdeführers grundsätzlich nur für die vor der Konkurser
öff
nung
von Gesetzes wegen
mit jeder Lohnzahlung entstandenen und
am Ende der Zahlungsperiode
fällig gewordenen
Beiträge
in Betracht kommt beziehungsweise für jene
Beitragsforderungen, die vor der Konkurseröffnung innert der auf die Fälligkeit folgenden zehntägigen Zahlungsfrist hätten beglichen werden
müssen (
Art.
34 der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
, AHVV;
vgl. AHI 1994 S. 36 E.
6b).
Dies trifft auch
hinsichtlich derjenigen Schaden
spo
si
tionen
zu
, die auf Beitragsforderungen basieren, die lediglich deshalb erst nach der Konkurseröffnung in Rechnung gestellt worden sind, weil die
Y._
GmbH für die Jahre 2015 und 2016 un
vollständige
Lohndeklarationen erstellt beziehungsweise für das Jahr 2017 gar keine Lohndeklaration eingereicht hatte (vgl. Urk. 7/127-128).
2.2.2
Der Beschwerdeführer liess das Quantitativ der Schadenersatzforderung nicht sub
stantiiert, sondern lediglich mit Nichtwissen bestreiten. Er liess vortragen, dass er aufgrund des Kontoauszuges nicht nachprüfen könne, ob die Schadens
summe tatsächlich korrekt sei (Urk. 1 S. 5).
Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen, dass es im Bestreitung
sfall dem Beschwer
deführer
obliegt, substantiiert darzulegen, weshalb der von der Ausgleichskasse ermittelte Schadensbetra
g unzutreffend ist (ZAK 1991 S.
126). Im Übrigen ist im vorliegenden Fall der Schadensbetrag aufgrund des Kontoauszuges und der übri
gen Akten, namentlich auch der Feststellungen des Revisors
,
ausgewiesen. Mangels
offenkundiger Anhaltspunkte für Berechnungsfehler ist die Schadensberechnung der Ausgleichskasse
in der Höhe von Fr. 65'950.65 zu bestätigen.
3.
3.1
Art. 14 Abs. 1 AHVG und die Art. 34 ff.
AHVV
schreiben vor, dass der Arbeit
geber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeitgeber haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihnen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetz
lich vorgeschriebene
öffentlichrechtliche
Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser
öffen
t
lichrechtlichen
Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (BGE 118 V 193 E. 2a; 111 V 172 E. 2, je mit Hinweisen; vgl. Urteil des Bundes
gerichts 9C_165/2017 vom 8. August 2017 E. 4.2.3).
3.2
Aus den Akten ist ersichtlich, dass die
Y._
GmbH den ihr als
Arbeitgeberin obliegenden Abrechnungs- und Zahlungsverpflichtungen
praktisch
nicht
nachkam. Wie oben in E. 2.2.1 dargelegt wurde, sah sich die Beschwer
de
gegnerin deshalb gezwungen, die Gesellschaft wiederholt zu mahnen und
bereits für die ersten Rechnungen betreffend die
Akontobeiträge
November und Dezem
ber 2015 (
Urk.
7/15-16; vgl.
Urk.
7/6-7)
Schuldbetreibungsverfahren einzuleiten
und fortsetzen zu lassen.
Die J
ahresschluss
rechnung 2015 (
Urk.
7/51, 7/54) musste
gestundet werden, wobei der Ratenplan nicht eingehalten wurde (
Urk.
7/59)
,
und die Beiträge 2016 mussten - ohne Erfolg - ebenfalls in Betreibung gesetzt werden (
Urk.
7/95, 7/108 f.).
Wie bereits ausgeführt wurde, waren die
(mehrmals abge
mahnten und zu spät eingereichten)
Lohndeklarationen der Gesellschaft für die Jahre 2015 und insbesondere 2016 zu tief; für das Jahr 2017 reichte sie gar keine Lohndeklaration ein (vgl. Urk. 7/127-128). Es bedarf keiner weiteren Ausfüh
run
gen, dass die
Y._
GmbH Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG verletzt hat, weshalb der von ihr verursachte Schaden grundsätzlich voll zu decken ist.
Zu prüfen bleibt, inwieweit diese Missachtung
öffentlichrechtlicher
Arbeitgeber
pflichten auf grobfahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten des Beschwerde
füh
rers zurückzuführen ist.
4.
4.1
Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpflicht besteht nach dem Wortlaut des Art. 52 AHVG darin, dass die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber absichtlich oder grobfahrlässig Vorschriften verletzt hat und dass durch diese Missachtung ein Schaden verursacht worden ist (BGE 108 V 183 E. 1a). Absicht beziehungsweise Vorsatz und Fahrlässigkeit sind verschiedene Formen des Ver
schuldens. Art. 52 AHVG statuiert demnach eine Verschuldenshaftung, und zwar handelt es sich um eine Verschuldenshaftung aus öffentlichem Recht.
Nach der Rechtsprechung ist die Schadenersatzpflicht nach Art. 52 AHVG im konkreten Fall nur begründet, wenn nicht Umstände gegeben sind, welche das fehlerhafte Verhalten der Arbeitgeberin oder des Arbeitgebers als gerechtfertigt
erscheinen lassen oder ein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahr
lässigkeit ausschliessen. In diesem Sinne ist es denkbar, dass eine Arbeitge
berin oder ein Arbeitgeber zwar in vorsätzlicher Missachtung der AHV-Vor
schriften der Ausgleichskasse einen Schaden zufügt, aber trotzdem nicht scha
dener
satz
pflichtig wird, wenn besondere Umstände die Nichtbefolgung der ein
schlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft erscheinen lassen (BGE 108 V 183 E. 1b; Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts H 28/84 vom 21. August 1985 E. 2, in: ZAK 1985 S. 575). So kann es sein, dass es einer Arbeitgeberin oder einem Arbeitgeber durch das Nichtbezahlen der Beiträge ge
lingt, das Unternehmen aus einer schwierigen finanziellen Lage zu befreien und dessen Existenz zu retten. Ein solches Vorgehen führt allerdings nur dann nicht zu einer Haftung gemäss Art. 52 AHVG, wenn die Arbeitgeberin oder der Arbeit
geber zunächst für das Überleben des Unternehmens wesentliche andere Forde
rungen (insbesondere der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Lieferan
ten) befriedigt, gleichzeitig aber auf Grund der objektiven Umstände und einer seriösen Beurteilung der Lage annehmen darf, die geschuldeten Beiträge innert nützlicher Frist nachzuzahlen (BGE 108 V 183 E. 2; Urteile des damaligen
Eidg
. Versicherungsgerichts H 97/90 vom 30. Januar 1992 E. 4b, in: ZAK 1992 S. 246, und H 195/04 vom 18. Mai 2005 E. 4.4 mit Hinweisen; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6; ferner
Marco
Reichmuth
, Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG,
Diss
. Freiburg 2008,
Rz
668 und
Fn
941). Rechtfertigungs- oder Exkulpationsgründe sind dann nicht gegeben, wenn angesichts der Höhe der bestehenden Verbindlichkeiten und der eingegangenen Risiken von der vorüber
gehenden Nichtbezahlung der Forderungen objektiv keine für die Rettung der Firma
ausschlaggebende Wirkung erwartet werden kann, was zu verneinen ist,
wenn im Vergleich zum sonstigen finanziellen Rahmen oder Engagement der Firma
nicht sehr hohe Beitragsausstände zu verzeichnen sind (Urteil des dama
ligen
Eidg
. Versicherungsgerichts H 405/99 vom 23. August 2000 E. 4a mit diver
sen Hin
weisen; Urteil des Bundesgerichts
9C_41/2017 vom 2. Mai 2017 E.
7.2
).
4.2
4.2.1
Grobe Fahrlässigkeit liegt praxisgemäss vor, wenn eine Arbeitgeberin oder ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu verlangenden Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorgfalts
pflicht, die in den kaufmännischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher die betreffende Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss. Dabei sind an die Sorgfaltspflicht einer Aktiengesellschaft hinsichtlich der Ein
haltung gesetzlicher Vorschriften grundsätzlich strenge Anforderungen zu stellen
. Ähnlich ist zu differenzieren, wenn es darum geht, die subsidiäre Haftung der Organe zu ermitteln (BGE 108 V 199 E. 3a mit Hinweisen; ZAK 1985 S. 51 E. 2a, S. 620 E. 3b, je mit weiteren Hinweisen).
4.2.2
Nicht jedes einem Unternehmen als
solchem anzulastende Verschulden
muss auch ein solches seiner sämtlichen Organe sein. Vielmehr hat man abzuwägen, ob und inwieweit eine Handlung des Unternehmens einem bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb des Unter
neh
mens zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach entscheidend von der Verantwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertragen wurden (BGE 108 V 199 E. 3a; ZAK 1985 S. 620 E. 3b). Bei einfachen Verhältnissen muss vom einzigen Verwaltungsrat einer Aktiengesellschaft, der als solcher die Verwaltung der Gesellschaft als einzige Person in Organstellung zu besorgen hat, in der Regel der Überblick über alle wesentlichen Belange der Firma verlangt werden, und dies selbst dann, wenn er seine Befugnisse weitgehend an einen Geschäftsführer delegiert hat. Er kann mit der Delegation der Geschäftsführung nicht zugleich auch seine Verantwortung als einziges Verwaltungsorgan an den Geschäftsführer delegieren (BGE 108 V 199 E. 3b).
4.2.3
Formell eingesetzte Geschäftsführer einer GmbH wie auch Personen, die faktisch die Funktion eines Geschäftsführers ausüben, haften für den der Ausgleichskasse
zufolge nicht bezahlter Bundessozialversicherungsbeiträge entstandenen Scha
den
nach den gleichen Grundsätzen wie Organe einer Aktiengesellschaft. Dagegen besteht für den blossen Gesellschafter einer GmbH vorbehältlich einer abwei
chen
den statutarischen Regelung keine Pflicht zur Kontrolle oder Überwachung der Geschäftsführung, weshalb ihm das Fehlverhalten der Gesellschaft auch nicht an
gerechnet werden darf (BGE 126 V 237).
5.
5.1
Der
Beschwerdeführer liess ausdrücklich weder Widerrechtlichkeit noch Kausal
zusammenhang bestreiten (Urk. 1 S. 6 Ziff. 14). Er
liess zu seiner Entlastung viel
mehr vortragen
(Urk. 1)
, dass ih
m
höchstens eine mittlere Fahrlässigkeit vorzu
werfen sei, was für eine Haftung
nach Art. 52 AHVG
nicht ausreiche
. Diese Bestimmung verlange nämlich Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit, was nicht ge
geben sei. Die konkreten Umstände, die zum Zahlungsrückstand geführt hätten, müssten dabei berücksichtigt werden. Zum einen seien wesentliche Kunden
zah
lungen ausgefallen
(namentlich eine Zahlung von etwa Fr. 30'000.
)
; zum ande
ren
habe die
Y._
GmbH verschiedene kostenlose Nachbesserungen aus
führen müssen. Hinzu sei gekommen, dass der Beschwerdeführer zur Abwendung des Konkurses die Begleichung von diesbezüglich kritischen Forderungen vor
gezogen habe. Er habe
alles daran
gesetzt
, die
Y._
GmbH zu retten, womit Arbeitsplätze bewahrt und auch die Bezahlung der Beiträge, wenn auch verspätet, wieder hätten sichergestellt werden können. Leider habe dennoch der Konkurs eröffnet werden müssen. Das Handeln des Beschwerdeführers könne jedoch nicht als grobfahrlässige Schadensverursachung bezeichnet werden, ins
be
sondere weil er aufgrund des bisherigen Geschäftsganges mit gutem Grund davon ausgegangen sei, die Gesellschaft wieder auf Kurs bringen zu können.
5.2
Vorweg ist festzuhalten, dass im vorliegenden Prozess nicht zu untersuchen ist, ob der Konkurs der
Y._
GmbH irgendwie hätte verhindert werden können oder ob er durch am vorliegenden Verfahren nicht beteiligte Drittper
sonen verursacht worden ist. Auch ist nicht Prozessthema, ob
die Delkredere
aus
stände oder Nachbesserun
gen aussergewöhnlich und unvorh
ersehbar
waren. Im vorliegenden Verfahren ist vielmehr einzig zu entscheiden, ob
den Beschwerde
führer für die
anhaltende,
mehrfache Missachtung der Arbeitgeberpflichten
(E. 3.2)
ein qualifiziertes Verschulden
trifft
.
5.3
5.3.1
Der Beschwerdeführer war ab 1. Oktober 2015 einziger
Gesellschafter
und einzel
zeichnungsberechtigter Geschäftsführer der
Y._
GmbH (Urk. 1), einem Kleinunternehmen mit einfacher Verwaltungsstruktur und nur wenigen Angestellten (vgl. Urk. 7/17/3, 7/99 und 7/127).
Bei derart leicht überschaubaren Verhältnissen muss
vom einzigen Geschäftsführer einer Gesellschaft mit be
schränkter Haftung verlangt werden, dass er den Überblick über alle wesent
lichen Belange des Unternehmens hat.
Die Unterlassungen der
Y._
GmbH sind ihm unmittelbar zuzurechnen.
Der
Beschwerdeführer
muss
sich demnach den Vorhalt gefa
llen lassen, dass die
Y._
GmbH
der Beschwe
rdegegnerin
Sozialversicherungsbeitr
äge (inklusive Nebenkosten)
in der Höhe von
Fr. 65'950.65 schuld
ig blieb (vgl. E.
2
.2
),
in den J
ahren 2015 bis 2017 aber
Lohnzahlungen von insgesamt
Fr. 664'884.
ausgeri
chtet hat
te
(vgl. E. 2.2.1)
.
Mit anderen Worten wurde den Lohnzahlungen Priorität vor der Beitragsentrichtung eingeräumt.
Indem der Besc
hwerdeführer
von Anfang an
selbst diese Vor
gehensweise wählte, verletzte
er seine
öffentlichrechtlichen
Pflichten
als
Geschäftsführer einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung
.
Er
hätte nämlich dafür sorgen müssen, dass di
e
Y._
GmbH
nur Löhne ausrichtet, für die die Gesellschaft auch die entsprech
enden Sozialversicherungsbeiträge zu leisten imstande ist (für viele etwa:
Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts H 26/06 vom 10. April 2006 E. 4.3 mit Hinweis).
In verschuldensmässiger Hinsicht fällt weiter ins Gewicht, dass die
Y._
GmbH und damit auch der Beschwerdeführer als deren einziger Ge
schäftsführer nicht nur hinsichtlich der Beitragsbezahlung nicht rechtskonform handelten, sondern auch ihre Abrechnungspflichten nicht erfüllten. Wie bereits ausgeführt wurde, waren die Lohndeklarationen für die Jahre 2015 und 2016 unvollständig; für 2017 wurde von der Gesellschaft gar keine Lohndeklaration eingereicht. Schliesslich musste der Revisor die korrekten Lohnsummen fest
stel
len (vgl. Urk. 7/127-129).
5.3.2
Sofern die entsprechenden Ausführungen des Beschwerdeführers darauf abzielen sollten, die erheblichen Verstösse gegen die gesetzliche Beitragspflicht mit der oben in E. 4.1
a.E
. wiedergegebene
n
höchstrichterliche Praxis zu rechtfertigen,
wonach es in schwierigen finanziellen Situationen unter Umständen gerecht
fertigt sein kann, die Beiträge nicht zu bezahlen, um die Existenz des Unter
nehmens zu retten
, ist ihm nicht zu folgen
. Es ist nämlich zu betonen, dass ein solches Vorgehen nur dann nicht zu einer Haftung nach Art. 52 AHVG führt, wenn der Arbeitgeber im Zeitpunkt seiner Entscheidung aufgrund der objektiven Umstände und einer seriösen Beurteilung der Lage damit rechnen durfte, dass er
die Forderung der Ausgleichskasse binnen nützlicher Frist werde bezahlen können
. Es muss demzufolge sowohl ein materielles, inhaltliches Element (die seriösen Sanierungsaussichten) als auch ein zeitliches Element
(binnen nützlicher Frist) erfüllt sein. Nach der klaren Praxis genügt hingegen die
Aussicht auf eine Be
friedigung in fernerer Zukunft (oder gar erst nach Durchführung eines schuldbe
treibungsrechtlichen Verfahrens) nicht zur Entlastung.
Weiter ist erfor
derlich, dass zwischen der vorübergehenden Nichtbezahlung der Beiträge und den Sanier
ungsaussichten ein Kausalzusammenhang besteht (
«[
...] dass es einem Arbeitgeber [...] durch das Nichtbezahlen der Beiträge gelingt, die Existenz seines Unter
nehmens zu retten.»).
Im vorliegenden Fall sind alle drei Elemente nicht gegeben: Ein seriöser Sanie
rungsplan im Sinne der dargelegten Praxis ist nicht erkennbar. Das zeitliche Element war von Anfang an nicht gegeben; die Gesellschaft wies bereits
von Anbeginn ihres Anschlusses
Beitragsrückstände auf. Hinzu kommen die nicht
deklarierten Lohnzahlungen in erheblicher Höhe, die ihrerseits wieder zu (zu
nächst
verdeckten) Beitragsrückständen führten. Auch ist nicht ersichtlich, wie durch die Nichtbezahlung der Beiträge die Gesellschaft hätte gerettet werden können. Vielmehr machten die Zahlungsrückstände die finanzielle Situation der
Y._
GmbH immer aussichtsloser.
5.4
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass weder Rechtfertigungs- noch Schuld
ausschlussgründe vorliegen.
Das Handeln des Beschwerdeführers ist (zumindest) als grobfahrlässig zu quali
fizieren.
6.
Unter den gegebenen Umständen ist das Verhal
ten des Beschwerdeführers
ohne Weiteres auch als a
däquat kausal (BGE 119 V 406 E.
4a mit Hinweisen) für den bei der Beschw
erdegegnerin eingetretenen Schaden in der Höhe von Fr. 65'950.65
(vgl. E.
2.2) zu betrachten, weshalb er
zu Recht verpflichtet wurde,
dafür
Scha
denersatz zu leisten.
Demzufolge ist die Beschwerde abzuweisen.