Decision ID: 9d121b73-322d-557d-a59d-0727cb8d8df5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein aus dem Dorf B._, nahe der Stadt
Derik, stammender syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie –
suchte am 27. November 2020 in der Schweiz um Asyl nach. Er wurde dem
Bundesasylzentrum (BAZ) der (...) zugewiesen. Am 2. Dezember 2020
wurde ihm eine Rechtsvertretung beigeordnet. Am 3. Dezember 2020
folgte eine Befragung zu seiner Person (Personalienaufnahme [PA]). Am
8. Januar 2021 wurde er vertieft zu seinen Asylgründen angehört.
Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, er sei nach neun Schuljahren im Alter von 14 Jahren letztmals in einer
grösseren Ortschaft – Kamishli – gewesen. Bis zum Alter von 17/18 Jahren
habe er seine zwei Brüder in der Ortschaft C._ noch besucht. Seit
seinem 18. Geburtstag habe er sich nur noch im Dorf aufgehalten, um nicht
von einer der Milizen rekrutiert zu werden. Er habe auf den familieneigenen
Ländereien mitgearbeitet. Es seien verschiedene Truppen um sein Heimat-
dorf stationiert gewesen. Neben den kurdischen Milizen seien auch inter-
nationale Streitkräfte verschiedener Länder, so auch der USA, Russlands
und der Türkei, präsent gewesen. Es seien ferner Patrouillen des syrischen
Regimes in der Region aktiv gewesen. Diese hätten im Dorf D._ ein
Polizeirevier eröffnet und von dort aus "Rundfahrten" in die umliegenden
Dörfer gemacht. Am 20. September 2020 habe er auf einer der Familie ge-
hörenden Plantage, zirka zwanzig Fussminuten von zu Hause, gearbeitet,
als gegen halb zwölf Uhr mittags sein Vater zu ihm gekommen sei. Er habe
ihm mitgeteilt, dass die Polizei soeben bei ihnen gewesen sei und nach
ihm (dem Beschwerdeführer) gesucht habe, um ihn für den Militärdienst
mitzunehmen. Sein Vater habe ein schriftliches Aufgebot entgegengenom-
men und dies, da er Analphabet sei, mit seinen Fingerabdrücken bestätigt.
Die Polizei habe seinem Vater erklärt, dass sich der Beschwerdeführer zum
Dienst melden müsse, andernfalls ihn die Behörden abholen würden. Sein
Vater habe deshalb erklärt, er müsse Syrien sofort verlassen. Der Be-
schwerdeführer sei nach Hause geeilt, um seine Sachen zu packen. Er
habe seiner Mutter von der Entscheidung des Vaters erzählt. Während sich
seine Mutter weinend zurückgezogen habe, habe er sich rasch umgezo-
gen. Sein Vater habe ihm, als er ebenfalls von der Plantage zu Hause an-
gekommen sei, das Aufgebot für den Militärdienst gezeigt. Da sie aber nicht
viel Zeit gehabt hätten, habe er dieses nicht gelesen oder genauer ange-
schaut. Er sei zusammen mit dem Vater sofort zum Nachbarn gegangen,
der sogleich den Kontakt mit dem Schlepper hergestellt und ihn zu dessen
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Haus im Dorf E._ gefahren habe. Dort hätten bereits andere junge
Männer – alles Kurden – gewartet. Sie hätten bis Sonnenuntergang das
Haus nicht verlassen dürfen. Später sei ein junger Mann eingetroffen, der
vom Schlepper als ihr Leiter vorgestellt worden sei, dessen Anweisungen
sie zu befolgten gehabt hätten. Nach Sonnenuntergang seien sie gemein-
sam mit dem Auto, zu Fuss und mit einem Boot ausgereist und am nächs-
ten Morgen in einem türkischen Dorf angelangt. Dass der Beschwerdefüh-
rer seine Ausreise noch am gleichen Tag habe antreten können, sei Zufall
gewesen. Angekommen in der Schweiz habe er von seinem Bruder ein
Foto des Militäraufgebots erhalten und dieses zum ersten Mal gelesen. Er
befürchte, bei einer Rückkehr in seine Heimat wegen des nicht angetrete-
nen Militärdienstes hingerichtet zu werden.
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer eine
Kopie des Militärdienstaufgebots zu den Akten.
B.
Am 15. Januar 2021 erhielt die Rechtsvertretung Gelegenheit, zum Ent-
wurf der hier angefochtenen Verfügung Stellung zu nehmen. In ihrer Stel-
lungnahme vom 27. Januar 2021 führte die Rechtsvertretung aus, der Be-
schwerdeführer sei mit dem Entscheidentwurf nicht einverstanden.
C.
Mit am gleichen Tag eröffneter Verfügung vom 29. Januar 2021 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht
und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung
aus der Schweiz an, schob deren Vollzug aber zufolge Unzumutbarkeit zu-
gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. Es begründete seine Verfügung
im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden
den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht standhalten, so dass deren
Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse.
D.
Am gleichen Tag legte die damalige Rechtsvertretung ihr Mandat nieder.
E.
Mit Eingabe vom 1. März 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht durch seinen neu mandatierten Rechtsvertreter dage-
gen Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
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gung und die Rückweisung an die Vorinstanz zwecks Feststellung der voll-
ständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und
zur Neubeurteilung, eventualiter die Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft und die Gewährung von Asyl, (sub-)eventualiter die Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft beziehungsweise die vorläufige Aufnahme als
Flüchtling aufgrund von subjektiven Nachfluchtgründen.
In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
ersucht.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
2. März 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR
142.31]).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 COVID-19-Verordnung Asyl; Art. 48 Abs. 1 so-
wie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Be-
schwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläu-
fig aufgenommen hat. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse alternati-
ver Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748), erübrigen sich praxisge-
mäss Ausführungen zur Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal-
tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
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5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.4 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.5 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte sub-
jektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Subjektive
Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von
Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss von Asyl.
Stattdessen werden Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachwei-
sen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men.
6.
6.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung damit, die Vorbringen des
Beschwerdeführers seien insgesamt unglaubhaft. Seine Ausführungen
zum Gespräch mit seinem Vater, als er vom Aufgebot für den Militärdienst
erfahren habe, zu seinen Gedanken in der Zeitspanne von der Kenntnis-
nahme dieses Aufgebots bis zur Ankunft im Hause des Schleppers sowie
zur Interaktion mit seiner Mutter, als er diese das letzte Mal gesehen habe,
seien auffällig detailarm und undifferenziert ausgefallen. Es sei ihm auch
nach mehrmaligen Aufforderungen nicht gelungen, seine Interaktionen mit
seinen Eltern oder seine Gefühle wiederzugeben. Er habe lediglich ange-
geben, Angst verspürt zu haben, und dies auf explizite Nachfragen wieder-
holt. Er habe keinerlei Details angegeben, wie sein Vater ihm diese schwie-
rige Nachricht mitgeteilt habe oder wie er darauf reagiert habe. Er habe
von einem äusserst kurzen und emotionslosen Gespräch mit seiner Mutter
gesprochen. Seine Erläuterungen zu seinen Handlungen bis zum Verlas-
sen des Hauses enthielten keine spezifischen Details, welche angesichts
der Bedeutung und Einzigartigkeit der Situation zu erwarten gewesen wä-
ren. Im Gegensatz dazu seien seine Erzählungen zur illegalen Ausreise
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deutlich lebendiger ausgefallen und nebensächliche Einzelheiten erwähnt
worden.
Weiter erstaune, dass es seinem Vater gelungen sein soll, seine Flucht
noch am Tag des Erhalts des Militäraufgebots zu planen und durchzufüh-
ren. Es habe zudem Widersprüche zu den Mitgliedern der Fluchtgruppe,
die sich im Hause des Schleppers befunden hätten, gegeben, was die
Schlussfolgerung bestärke, dass die innert Stunden aufgegleiste Flucht
nicht den Tatsachen entsprechen könne.
Ferner sei unwahrscheinlich, dass die Militärbehörden des syrischen Re-
gimes noch Rekrutierungsmassnahmen für die staatliche Armee im Wir-
kungsgebiet der kurdischen Truppen durchführen würden, da sich die syri-
sche Regierung im Juli 2012 weitestgehend aus den kurdischen Gebieten
– mit Ausnahme der Städte al-Hassaka und al-Qamishli – zurückgezogen
hätten. Die eingereichte Fotokopie eines militärischen Aufgebots weise kei-
nerlei fälschungssichere Merkmale auf. Es sei bekannt, dass solche Doku-
mente in Syrien käuflich erworben sowie auf der Webseite des Verteidi-
gungsministeriums die Vorlage für ein militärisches Aufgebot abgerufen
und ausgedruckt werden könnten. Entsprechend gering sei deren Beweis-
kraft. Es sei überdies nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer
dieses Dokument damals weder gelesen noch angeschaut habe. Es er-
staune auch, dass die Beamten ihn direkt hätten mitnehmen wollen, sein
Einrücken gemäss dem Aufgebot jedoch erst für in frühestens drei Tagen
vorgesehen gewesen sei.
6.2 In der Beschwerde wurde vorab ausgeführt, die Vorinstanz habe die
Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts schwerwiegend verletzt, da es nicht abgeklärt habe, ob der
Beschwerdeführer nicht bereits aufgrund seiner illegalen Ausreise aus Sy-
rien die Flüchtlingseigenschaft erfülle. Der Bericht der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) vom 28. März 2015 zeige auf, dass er als Wehr-
dienstpflichtiger ein spezifisches Profil habe, mit dem er durch seine ille-
gale Ausreise gegen Ausreisebestimmungen verstossen habe. Dies werde
ihm als regierungsfeindliche Haltung unterstellt. Das SEM hätte zwingend
weitere Abklärungen, insbesondere eine zusätzliche Anhörung durchfüh-
ren müssen.
In materieller Hinsicht wendete der Beschwerdeführer zudem ein, seine
Schilderungen zum Erhalt der Militärdienstvorladung seien glaubhaft aus-
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gefallen. Es spreche nichts gegen die Echtheit des eingereichten Doku-
ments, auch nicht, dass er erst nach drei Tagen hätte einrücken müssen.
Er werde von der syrischen Regierung als Militärdienstverweigerer, Oppo-
sitioneller und Verräter betrachtet und habe begründete Furcht vor künfti-
ger asylrelevanter Verfolgung. Dabei wies er auf die Praxis des Bundes-
verwaltungsgerichts in BVGE 2015/3 hin. Weiter zitierte er verschiedene
Berichte zur Rekrutierungspraxis der syrischen Behörden, welche sich mit
seinen Vorbringen decken würden. Im Falle einer Rückkehr müsse er um-
gehend mit einer Inhaftierung rechnen. Es sei ihm daher Asyl beziehungs-
weise aufgrund von subjektiven Nachfluchtgründen die vorläufige Auf-
nahme als Flüchtling zu gewähren. Allenfalls wäre die Unzulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs wegen drohender Verletzung von Art. 3 EMRK fest-
zustellen.
7.
7.1 Die formelle Rüge, die Vorinstanz habe seine Abklärungspflicht verletzt
– sie habe sich auf die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerde-
führers beschränkt und keine weiteren Abklärungen, insbesondere keine
zusätzliche Anhörung durchgeführt – erweist sich als unbegründet. Zum
einen hat das SEM die Vorbringen des Beschwerdeführers insgesamt als
unglaubhaft bezeichnet, weshalb es darauf verzichten konnte, diese auf
ihre Asylrelevanz hin zu prüfen. Der Umstand, dass es die vorgebrachten
Ausreisegründe und das zu deren Stützung eingereichte Beweismittel an-
ders gewichtet hat, ist nicht als Verletzung des rechtlichen Gehörs zu wer-
ten. Ferner bildet die Frage, ob der Beschwerdeführer bereits aufgrund sei-
ner illegalen Ausreise aus Syrien die Flüchtlingseigenschaft erfülle, Gegen-
stand der (nachfolgenden) materiellen Prüfung. Es ist weiter nicht ersicht-
lich, welche weiteren Abklärungen oder wozu die Vorinstanz eine zusätzli-
che Anhörung hätte durchführen sollen. Nach dem Gesagten besteht keine
Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen aufzu-
heben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. Der Antrag auf Rückweisung und Neubeurteilung ist somit abzuwei-
sen.
7.2
7.2.1 Nach Prüfung der Akten schliesst sich das Bundesverwaltungsgericht
auch in materieller Hinsicht der vorinstanzlichen Schlussfolgerung an. Die
Ausführungen in der Beschwerdeschrift und die dort gemachten Hinweise
auf Berichte der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) und die Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts lassen keine andere Beurtei-
lung zu.
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7.2.2 Der Vorinstanz ist zunächst darin zu folgen, dass sich die Ausführun-
gen des Beschwerdeführers zur militärischen Aushebung und zum Erhalt
eines Militärdienstaufgebots als unglaubhaft erweisen. Die diesbezügli-
chen Einwände in der Beschwerdeschrift, vermögen nicht zu überzeugen.
Ungeachtet dessen vermag die drohende Rekrutierung für den obligatori-
schen Militärdienst des syrischen Regimes für sich allein ohnehin keine
begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung zu begründen.
7.2.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat in BVGE 2015/3 E. 5 festgestellt,
dass auch nach der Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG die bisherige
Rechtspraxis in Bezug auf Personen, die ihr Asylgesuch mit einer Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion im Heimatstaat begründen, weiterhin
gültig bleibt. Entsprechend vermag eine Wehrdienstverweigerung oder De-
sertion nicht allein, sondern nur verbunden mit einer Verfolgung im Sinne
von Art. 3 Abs. 1 AsylG die Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Mit ande-
ren Worten muss die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten
Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienst-
verweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen haben, die
ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. In Bezug
auf die spezifische Situation in Syrien erwog das Gericht weiter, die ge-
nannten Voraussetzungen seien im Falle eines syrischen Refraktärs erfüllt,
der der kurdischen Ethnie angehört, einer oppositionell aktiven Familie ent-
stammt und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatli-
chen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen habe (vgl. E. 6.7.3).
Im vorliegenden Fall ist eine vergleichbare Konstellation nicht gegeben.
Der Beschwerdeführer gehört zwar der kurdischen Ethnie an, entstammt
mangels entsprechender Hinweise aber weder einer oppositionell aktiven
Familie noch machte er im vorinstanzlichen Verfahren oder auf Beschwer-
deebene geltend, irgendwelche Probleme mit den Behörden gehabt zu ha-
ben oder politisch oder auf andere Weise diesen aufgefallen zu sein. Daran
vermag sein Einwand, wonach seine Militärdienstpflichtverweigerung als
Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst und er als politischer Gegner
unverhältnismässig bestraft würde, nichts zu ändern. Auch die im Rahmen
des vorinstanzlichen Verfahrens eingereichte Aufforderung zum Militär-
dienst trägt nichts zu einer derartigen Exponierung bei, zumal an deren
Echtheit wie von der Vorinstanz zutreffend ausgeführt, ohnehin erhebliche
Zweifel bestehen. So handelt es sich dabei um ein Dokument, das leicht
käuflich erwerbbar ist. Zudem stimmt dessen Inhalt nicht mit den Angaben
des Beschwerdeführers überein, wonach dieser am Tag des behördlichen
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/3
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Besuchs hätte mitgenommen werden sollen. Der diesbezügliche Erklä-
rungsversuch, sein Vater habe dies so interpretiert, ist als Schutzbehaup-
tung zu werten. Letztlich kann die Frage der Echtheit des eingereichten
Militärdienstaufgebots offenbleiben, weil der Beschwerdeführer im Zusam-
menhang mit der ihm drohenden Rekrutierung keine Gründe vorgebracht
hat, die auf ein zusätzliches asylrelevantes Motiv schliessen lassen wür-
den.
7.3 Zum Vorbringen in der Beschwerde, mit der illegalen Ausreise des Be-
schwerdeführers liege ein subjektiver Nachfluchtgrund vor, ist festzuhalten,
dass eine allgemeine Praxis, wonach bei einer geltend gemachten illegalen
Ausreise die Flüchtlingseigenschaft zu bejahen ist, nicht existiert. Die ille-
gale Ausreise aus Syrien entfaltet praxisgemäss per se keine flüchtlings-
rechtliche Relevanz, wenn – wie vorliegend – keine Verfolgungssituation
im Sinne von Art. 3 AsylG und keine besondere individuelle Vorbelastung
vorliegen (vgl. zur Praxis des BVGer betreffend illegale Ausreise aus Syrien
unter anderen Urteil des BVGer E-848/2020 E. 6.3, m.w.H.). Das Vorliegen
eines subjektiven Nachfluchtgrundes aufgrund der illegalen Ausreise des
Beschwerdeführers ist zu verneinen. Sollte er wegen einer allfälligen Wehr-
dienstverweigerung beziehungsweise illegalen Ausreise einer solchen Be-
strafung ausgesetzt werden, wäre eine solche als legitime staatliche Ver-
folgung ohne flüchtlingsrechtliches Motiv zu bezeichnen.
7.4 Es bleibt anzumerken, dass sich vorliegend nicht der Schluss ergibt,
der Beschwerdeführer sei zum heutigen Zeitpunkt in seinem Heimatstaat
nicht gefährdet. Indessen ist eine Gefährdung ausschliesslich auf die all-
gemeine in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation zurückzuführen, der
die Vorinstanz mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen hat.
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu-
weisen.
10.
10.1 Der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
erweist sich mit vorliegendem Urteil als gegenstandslos.
10.2 Der mit der Beschwerde gestellte Antrag auf Erlass der Verfahrens-
kosten ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden
Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen waren, weshalb die
Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind.
10.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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