Decision ID: a77dc897-9b40-5dab-95b2-b0c33fc7d233
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 13. Juli 2021 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 3. August 2021 fand im Bundesasylzentrum (BAZ) B._
die Personalienaufnahme (PA) statt.
B.
Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der "Eurodac"-Datenbank ergab,
dass sie am 23. Juli 2020 in Griechenland ein Asylgesuch eingereicht hatte
und ihr dort am 11. Januar 2021 internationaler Schutz gewährt worden
war.
C.
Die Vorinstanz ersuchte die griechischen Behörden am 20. Juli 2021 ge-
stützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal anwesender Dritt-
staatsangehöriger (Rückführungs-Richtlinie) und auf das Abkommen zwi-
schen der Schweiz und Griechenland über die Rückübernahme von Per-
sonen mit irregulärem Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729)
schriftlich um Rückübernahme der Beschwerdeführerin. Diesem Ersuchen
stimmten die griechischen Behörden am 21. Juli 2021 zu und teilten gleich-
zeitig mit, dass der Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft zuer-
kannt worden sei und sie in Griechenland über eine vom 11. Januar 2021
bis am 10. Januar 2024 gültige Aufenthaltsbewilligung verfüge.
D.
D.a Anlässlich des am 6. August 2021 durchgeführten persönlichen Ge-
sprächs gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(Dublin-III-VO), orientierte das SEM die Beschwerdeführerin über den ihr
durch die griechischen Behörden gewährten internationalen Schutz und
gewährte ihr das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsyIG (SR 142.31) sowie zur Weg-
weisung nach Griechenland. Dabei führte die Beschwerdeführerin aus, sie
habe ihre Heimat am 15. Januar 2020 verlassen und sei dann über
C._ nach Griechenland zu einer ihrer Schwerstern gelangt. In Grie-
chenland habe sie sich während eineinhalb Jahren aufgehalten und auch
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einen Aufenthaltsstatus erhalten. Anfangs habe sie mit ihrer Schwester zu-
sammen in einem Camp gelebt. Diese Schwester habe Griechenland, als
sie ihre Papiere bekommen habe, verlassen und sei in die Schweiz ausge-
reist. Daraufhin sei sie (die Beschwerdeführerin) im Camp in ein eigenes
Zimmer zu ihrer anderen Schwester transferiert worden. Schliesslich habe
auch diese Schwester Griechenland verlassen, sei nach D._ aus-
gereist und habe dort Asyl beantragt. Da sie es alleine in Griechenland
nicht mehr ausgehalten habe, sei sie zu ihrer Schwester in die Schweiz
gereist. Ausschlaggebend für die Ausreise aus Griechenland sei auch ge-
wesen, dass sie sich dort in einer sehr schlechten Lage befunden habe.
Sie habe, seitdem sie den Schutzstatus erhalten habe, keine finanzielle
Unterstützung mehr erhalten. Zudem sei sie gesundheitlich sehr ange-
schlagen. Die Ärzte in Griechenland hätten sie vor der Gewährung ihres
Aufenthaltsstatus nicht richtig behandelt. Sie habe bei den Ärzten über Ma-
genschmerzen und Atemnot geklagt und dann lediglich drei Tabletten er-
halten. Weiterführende Untersuchungen seien nicht gemacht worden.
Nach ihrem derzeitigen gesundheitlichen Wohlbefinden gefragt, führte sie
aus, es gehe ihr nicht gut, sie sei krank. Sie leide an einer (...)krankheit
und erhalte deshalb bereits seit sechs Jahren Blut, das letzte Mal habe sie
dieses im Jahr 2019 in E._, Syrien, erhalten. In der Schweiz sei
aufgrund von ihr gemeldeter Probleme ein Arzttermin für sie vereinbart wor-
den, dann sei sie aber an Corona erkrankt und seither nicht mehr bei der
Pflege gewesen. Zudem führte sie aus, dass sie starke Magenschmerzen
erhalten würde, wenn sie kein Blut bekäme. Momentan leide sie an Kopf-
schmerzen, Schwindel und Fieber.
D.b Die bei dem Gespräch anwesende Rechtsvertreterin stellte in der
Folge einen Antrag auf umfassende medizinische Abklärung sowie die
nochmalige Gewährung des rechtlichen Gehörs in schriftlicher Form, da
der Sachverhalt noch nicht abschliessend erstellt sei.
Die Rechtsvertreterin erhielt daraufhin die Gelegenheit, sich innert Frist
schriftlich weiter zur Sache zu äussern.
E.
Am 10. August 2021 reichte die Rechtsvertreterin das medizinische Daten-
blatt für interne Arztbesuche im BAZ B._ ein, wonach die Beschwer-
deführerin an einer (...) leide.
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F.
Mit Schreiben vom 17. August 2021 teilte die Rechtsvertreterin betreffend
die Wegweisung der Beschwerdeführerin nach Griechenland mit, diese sei
gesundheitlich aufgrund einer (...)erkrankung (eine genaue Diagnose der
Krankheit habe sie nie erhalten), bei welcher sie auf Blutinfusionen ange-
wiesen sei, sehr angeschlagen. Sie sei im Alltag auf viel Unterstützung an-
gewiesen, da sie an schlechten Tagen nicht einmal aus dem Bett komme
und nichts alleine machen könne. In Griechenland sei sie medizinisch un-
genügend unterstützt worden. Sodann sei die Zeit im griechischen Camp
sehr schwierig gewesen. Es habe dort viele Konflikte und Gewalt gegeben,
zudem seien die hygienischen Verhältnisse sehr schlecht gewesen. Finan-
zielle Unterstützung durch den griechischen Staat habe sie nicht bekom-
men. Essen und Waren des täglichen Bedarfs habe sie beim Roten Kreuz
erhalten. Mit ihrer nunmehr in der Schweiz lebenden Schwester habe sie
bereits in Syrien und danach in Griechenland zusammengewohnt. Diese
Schwester habe sie während dreier Monate in Griechenland im Alltag un-
terstützt, für sie gekocht und ihr bei der Verrichtung alltäglicher Handlungen
geholfen. Weitere Unterstützung habe sie während dieser Zeit durch ihre
zweite Schwester erhalten, welche sich nun in D._ aufhalte. Nach-
dem ihre Schwestern ausgereist seien, habe sie kurz Unterstützung von
Nachbarn erhalten, diese hätten sich jedoch nicht länger um sie kümmern
können und wollen, weshalb sie Griechenland verlassen habe. Müsste sie
nun nach Griechenland zurückkehren, wäre sie vollkommen auf sich al-
leine gestellt. Von ihrer Familie lebe niemand mehr in Griechenland und sie
verfüge dort über kein soziales Netz. Aufgrund ihrer gesundheitlichen Be-
schwerden könne sie nicht für sich alleine sorgen und sei auf Unterstützung
angewiesen. Ihr Wohlergehen sei davon abhängig, dass sie enge Unter-
stützung und Hilfe im Alltag von ihr bekannten Personen erhalte. Ihre
Schwester in der Schweiz habe sie bereits gepflegt und kenne ihre Bedürf-
nisse. Im Falle einer Wegweisung würde sich ihr Gesundheitszustand si-
cherlich verschlechtern.
G.
Am 27. August 2021 reichte die Rechtsvertreterin das ergänzte medizini-
sche Aktenblatt für interne Arztbesuche im BAZ B._ sowie den La-
borbefund des Labors F._ vom 10. August 2021 zu den Akten.
H.
Am 13. September 2021 ersuchte das SEM die Pflege im BAZ darum, die
Beschwerdeführerin einer Arztkontrolle zuzuführen.
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I.
Am 16. September 2021 reichte die Rechtsvertreterin das ergänzte Medi-
zinische Datenblatt für interne Arztbesuche BAZ mit einem am selbigen Tag
vorgenommenen, neuen Eintrag zu den Akten. Dabei wurde lediglich die
von der Beschwerdeführerin anlässlich des rechtlichen Gehörs geschil-
derte Krankengeschichte nochmals festgehalten sowie der Vorschlag un-
terbreitet, eine medikamentöse Behandlung zu starten und bei weiteren
Schmerzen eine (...) durchzuführen.
Die Pflege des BAZ teilte dem SEM die gewonnenen Erkenntnisse der Un-
tersuchung sowie die Therapievorschläge ebenfalls am 16. September
2021 mit.
J.
Mit Schreiben vom 12. Oktober 2021 reichte die Rechtsvertreterin ein E-
Mail des Schwagers der Beschwerdeführerin zu den Akten. Diesem sei zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin an (...) leide, bei einer Rückkehr
nach Griechenland wäre sie der Gefahr einer rapiden Verschlechterung ih-
res Gesundheitszustandes ausgesetzt. In der Schweiz habe sie jedoch ihre
Schwester und ihren Schwager, welche sie betreuen und pflegen würden.
Unter den gegebenen Umständen sei eine Wegweisung nach Griechen-
land unzulässig, weshalb auf das Asylgesuch einzutreten sei.
K.
Am 13. Oktober 2021 wurde dem SEM ein Arztbericht – Rückmeldung an
Medic-Help (Pflegefachperson) im BAZ betreffend eine zahnmedizinische
Behandlung im G._ zugestellt.
L.
Die Rechtsvertreterin reichte in der Folge mehrere Arztberichte der
H._ und I._ (datiert vom [...] und [...] November 2021) so-
wie der Interdisziplinären Notfallstation J._ (datiert vom [...] No-
vember 2021) zu den Akten. Den Berichten lässt sich entnehmen, dass bei
der Beschwerdeführerin eine (...) sowie (...) diagnostiziert worden waren,
weshalb eine (...) vorgenommen und eine (...) erstellt wurde. Der operative
Verlauf gestaltete sich komplikationslos und die Beschwerdeführerin
konnte in gutem Allgemeinzustand entlassen werden.
M.
Am 6. Dezember 2021 stellte das SEM dem Bereich Pflege des BAZ per
Mail mehrere Fragen zum Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin.
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Gleichentags wurden die Fragen beantwortet und sämtliche obengenann-
ten medizinische Akten sowie neu der vollständige Austrittsbericht der
H._ und I._ vom (...) November 2021 mit Beurteilung, Ver-
lauf und Prozedere sowie Austrittsmedikation mitgeschickt.
N.
Am 8. Dezember 2021 übermittelte das SEM den Entwurf des angekündig-
ten Nichteintretensentscheids inklusive sämtlicher entscheidrelevanter Ak-
ten der Rechtsvertretung zur Stellungnahme.
O.
Am 9. Dezember 2021 reichte die Rechtsvertreterin die Stellungnahme ein.
Dabei führte sie aus, dass sowohl sie selbst als auch die Beschwerdefüh-
rerin mit einer Wegweisung nach Griechenland infolge Unzumutbarkeit und
Unzulässigkeit nicht einverstanden seien. Die Beschwerdeführerin sei eine
alleinstehende, kranke Frau, die auf die Unterstützung von nahestehenden
Personen angewiesen sei. In Griechenland würde sie auf der Strasse le-
ben müssen und ihr Gesundheitszustand würde sich sehr schnell ver-
schlechtern. Die Beschwerdeführerin verfüge zwar seit dem 11. Januar
2021 über einen Schutzstatus in Griechenland, die Situation habe sich aber
seit dem Machtwechsel im Sommer 2019 gravierend verschlechtert, habe
doch der zuständige Minister selbst gesagt, dass Personen, die einen
Schutzstatus erhalten würden, von diesem Zeitpunkt an für sich selbst sor-
gen müssten, so wie es jeder Bürger tue. Dies habe zur Folge, dass Men-
schen mit Schutzstatus oftmals in der Obdachlosigkeit landen würden, da
sie keinen Zugang zu elementaren Leistungen hätten und nicht auf Unter-
stützung von staatlicher Seite hoffen könnten. Ihnen drohe innert kürzester
Zeit Verelendung und ein Leben unter menschenrechtswidrigen Bedingun-
gen. Auch der Zugang zu Obdachlosenunterkünften sei oftmals an Bedin-
gungen geknüpft, welche internationale Schutzberechtigte nicht erfüllen
könnten. Administrative Hürden würden denn auch den Zugang zu Sozial-
leistungen, Gesundheitsversorgung und zum Arbeitsmarkt verhindern, da
die wenigsten Schutzberechtigten in der Lage seien, an die dafür notwen-
digen amtlichen Dokumente zu gelangen. Die Folge davon sei, dass sie
grundlegende soziale Rechte faktisch nicht wahrnehmen könnten. Diese
materielle Not führe unabwendbar zu einem menschenunwürdigen Dasein
und verletze dadurch den Schutzbereich von Art. 3 EMRK. Auch die Be-
schwerdeführerin würde sich im Falle einer Rückkehr nach Griechenland
in einer solchen extremen materiellen Not wiederfinden. Zwei Wochen,
nachdem sie ihre Aufenthaltsbewilligung erhalten habe, habe sie ihre bis-
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her bewohnte Unterkunft verlassen müssen und habe keine staatliche Un-
terstützung mehr erhalten. Sie sei nicht ortskundig und spreche keine Grie-
chisch. Zudem sei sich aufgrund ihrer Krankheit und als alleinstehende
Frau besonders verletzlich.
P.
Mit Verfügung vom 10. Dezember 2021 – gleichentags eröffnet – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch
der Beschwerdeführerin nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an. Ferner wurden ihr die editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt.
Q.
Mit Eingabe vom 17. Dezember 2021 liess die Beschwerdeführerin durch
ihre Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen
die Verfügung vom 10. Dezember 2021 erheben und beantragte, die Ver-
fügung des SEM sei vollumfänglich aufzuheben und die Vorinstanz sei an-
zuweisen, infolge Unzumutbarkeit beziehungsweise Unzulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen, eventualiter
sei die Verfügung des SEM zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung
und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
R.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
22. Dezember 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
S.
Mit Schreiben vom 23. Dezember 2021 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht der Beschwerdeführerin den Eingang ihrer Beschwerde.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die Dispositivziffern 1 – 2 der Verfügung des SEM vom 10. Dezember
2021 betreffend Nichteintreten auf das Asylgesuch und Verfügung der
Wegweisung sind in Rechtskraft erwachsen. Die Beschwerde richtet sich
ausschliesslich gegen den angeordneten Vollzug der Wegweisung.
2.2 Hinsichtlich der Frage des Wegweisungsvollzugs hat die Vorinstanz
eine materielle Prüfung vorgenommen. Dem Gericht kommt diesbezüglich
volle Kognition zu.
3.
Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel
in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (Spruchkörper; Art. 21
Abs. 1 VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen
auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1
AsylG).
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Seite 9
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin moniert in ihrer Beschwerde in formeller Hin-
sicht, die Vorinstanz habe sowohl ihre Untersuchungs- als auch Begrün-
dungspflicht verletzt. Die Untersuchungspflicht sei dadurch verletzt wor-
den, dass die Vorinstanz keine individuelle Prüfung der medizinischen Ge-
sundheitsversorgen der Beschwerdeführerin in Griechenland vorgenom-
men und ihre geltend gemachte Abhängigkeit von ihrer in der Schweiz le-
benden Schwester nicht geprüft habe. Zur Durchführbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs stütze sich die Vorinstanz sodann auf das zehn Jahre alte
Referenzurteil D-2076/2010 vom 16. August 2011, welches hinsichtlich der
allgemeinen Lage in Griechenland nicht mehr aktuell sei, würden doch die
massgeblich neuen Entwicklungen der letzten zehn Jahre dadurch nicht
berücksichtigt werden. Somit beruhe der Entscheid der Vorinstanz auf ver-
alteten Quellen und könne daher den vorliegenden Sachverhalt sowie das
Gewicht der Aussagen der Beschwerdeführerin nicht vollständig würdigen,
weshalb die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Griechen-
land überhaupt nicht ausreichend begründet werden könne.
4.2
4.2.1 Das Asylverfahren wird vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht
(Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Behörde von Amtes wegen
für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachver-
haltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu be-
schaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsge-
mäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Dazu
gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu äus-
sern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung
muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person den Entscheid gege-
benenfalls sachgerecht anfechten kann (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1, 126 I
97 E. 2.b). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem Sach-
verhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche
Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der
Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu AUER/BINDER, in: Auer/Mül-
ler/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum VwVG, 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu
Art. 12). Die Untersuchungspflicht der Behörden findet ihre Grenzen an der
Mitwirkungspflicht eines Gesuchstellers (Art. 8 AsylG), der auch die Sub-
stantiierungslast trägt (Art. 7 AsylG).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/10
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Seite 10
4.2.2 Die Vorinstanz hat sich mit den geltend gemachten gesundheitlichen
Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin, mit den eingereichten Arztbe-
richten und den darin angegebenen Diagnosen und Therapien auseinan-
dergesetzt und sich beim Bereich Pflege des BAZ umfassend über die ge-
sundheitliche Situation der Beschwerdeführerin erkundigt (insb. angefoch-
tene Verfügung S. 10 f.). Die von der Beschwerdeführerin geltend ge-
machte (...)diagnose konnte denn auch in der Schweiz – trotz zahlreicher
Untersuchungen inklusive Computertomografie – nicht bestätigt bezie-
hungsweise gestellt werden. Die übrigen Beschwerden wurden durch die
Operation beseitigt (SEM-Akte 1102326-48/9). Der Beschwerdeführerin
wurde nach der Operation ein Sonderurlaub bei ihrer Schwester zur Erho-
lung genehmigt. Aus diesem kehrte sie selbstständig in ihre Unterkunft im
BAZ zurück, äusserte sich zufrieden und fühlte sich beschwerdefrei (ange-
fochtene Verfügung S. 10). Das SEM hat denn auch sämtliche Berichte
sowie das (angebliche) Abhängigkeitsverhältnis zur Schwester bei seiner
Entscheidfindung berücksichtigt und dem Entscheid zugrunde gelegt.
4.2.3 Das von der Beschwerdeführerin angeführte Referenzurteil
D-2076/2010 vom 16. August 2011 wird in der angefochtenen Verfügung
nicht erwähnt. Das SEM stützte sich vielmehr auf aktuelle Urteile aus den
Jahren 2019 bis 2021 und trägt den veränderten Verhältnissen in Griechen-
land somit genügend Rechnung (vgl. S. 9 der angefochtenen Verfügung).
Die Vorinstanz hat dementsprechend genügend aufgezeigt von welchen
Überlegungen sie sich hat leiten lassen und worauf sie ihren Entscheid
stützte (vgl. Verfügung des SEM vom 10. Dezember 2021, Ziff. III 2). Eine
sachgerechte Anfechtung war denn auch möglich, wie die vorliegende Be-
schwerde zeigt. Eine Verletzung der Begründungspflicht ist demnach zu
verneinen.
4.2.4 Vor diesem Hintergrund erweist sich die Kritik, das SEM habe seine
Untersuchungs- beziehungsweise Begründungspflicht verletzt, als unbe-
rechtigt. Der blosse Umstand, dass die Beschwerdeführerin die Beurtei-
lung durch das SEM nicht teilt, stellt keine ungenügende Abklärung und
Feststellung des Sachverhalts dar.
4.2.5 Die formellen Rügen erweisen sich demnach als unbegründet. Es be-
steht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aufzuheben und
die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Das entspre-
chende Eventualbegehren ist abzuweisen.
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Seite 11
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Bei der Geltendmachung von Wegwei-
sungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das
heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, andern-
falls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2).
Vorliegend ist einzig der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland einer
Prüfung zu unterziehen.
5.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30],
Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984
gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende
Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiter-
reise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder
einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83
Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumut-
bar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situatio-
nen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage
konkret gefährdet sind. Der Vollzug ist nicht möglich, wenn die Ausländerin
oder der Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch
in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83
Abs. 2 AIG).
6.
6.1 Das SEM führte hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs aus, dass das
Refoulement-Gebot bezüglich des Heimatstaates nicht zu prüfen sei, da
die Beschwerdeführerin in einen Drittstaat reisen könne, in dem sie Schutz
vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG finde. Weder die in
Griechenland herrschende Situation noch andere Gründe sprächen so-
dann gegen die Zumutbarkeit der Wegweisung in diesen Staat. Personen
mit Schutzstatus könnten sich in Griechenland auf die Garantien in der
Qualifikationsrichtlinie berufen, wonach sie griechischen Bürgerinnen und
Bürgern gleichgestellt seien in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu Gerich-
ten und den öffentlichen Schulunterricht, respektive gleichgestellt mit an-
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Seite 12
deren Ausländern und Ausländerinnen, beispielsweise in Bezug auf Er-
werbstätigkeit oder die Gewährung einer Unterkunft. Unterstützungsleis-
tungen und weitere Rechte müssten direkt bei den zuständigen Behörden
eingefordert werden, falls notwendig auf dem Rechtsweg. Zudem stehe
auch ohne Weiteres die Möglichkeit offen, sich ergänzend um Hilfe an eine
der vor Ort tätigen Hilfsorganisationen zu wenden und von aktuellen Zu-
satzprogrammen zu profitieren. Sodann kenne auch Griechenland Hilfs-
programme für alleinstehende Frauen. Auch wenn anzuerkennen sei, dass
die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig seien, liege es doch an
der Beschwerdeführerin, diese Regelvermutung der Asylbehörde umzu-
stossen und konkret nachzuweisen, dass ihr Griechenland ihre Rechte völ-
kerrechtswidrig verweigere und Unterstützungsleistungen entsprechend
unterlassen würden. Es sei nach wie vor – auch unter der Berücksichtigung
der neuen Gesetzesbestimmungen von Griechenland, welche am 11. März
2020 in Kraft getreten sei – nicht von einer generellen unmenschlichen
oder entwürdigenden Behandlung von Schutzberechtigten im Sinne von
Art. 3 EMRK auszugehen (unter Verweis auf mehrere aktuelle Urteile des
Bundesverwaltungsgerichts). Betreffend den Zugang zur Gesundheitsver-
sorgung in Griechenland sei darauf hinzuweisen, dass die griechischen
Behörden Personen mit Schutzstatus kostenlosen Zugang zum Gesund-
heitssystem gewähren würden. Der Vollzug der Wegweisung sei somit zu-
lässig.
Weiter sei die medizinische Versorgung in Griechenland inklusive allfälliger
psychologischer respektive psychiatrischer Behandlungsmöglichkeiten für
Personen mit Schutzstatus gewährleistet. Es sei somit davon auszugehen,
dass eine adäquate Behandlung auch nach einer Überstellung gegeben
sei. Der Beschwerdeführerin stehe es offen, ihre Rechte bei den griechi-
schen Behörden geltend zu machen. Zudem könne sie auch rechtlich ge-
gen einzelne Ärzte vorgehen, sollte sie begründete Zweifel an einer kor-
rekten medizinischen Behandlung hegen. Der aktuelle Gesundheitszu-
stand der Beschwerdeführerin sei bekannt und die Diagnose (...) habe sich
in keiner fachmedizinischen Untersuchung ergeben. Nach dem Sonderur-
laub bei ihrer Schwester zur Erholung von der Operation sei sie ins BAZ
zurückgekehrt und habe sich seither zufrieden und beschwerdefrei gezeigt.
Aufgrund der umfassenden medizinischen Aktenlage könne ausgeschlos-
sen werden, dass vorliegend eine medizinische Notlage bestehe und sich
deswegen ihr Gesundheitszustand bei einer Rückkehr nach Griechenland
drastisch verschlechtern würde. Aus den vorliegenden Akten ergäben sich
keine Hinweise auf lebensbedrohliche physische oder psychische gesund-
heitliche Beeinträchtigungen, aufgrund derer bei einer Überstellung nach
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Seite 13
Griechenland auf eine gesundheitliche Gefährdung zu schliessen wäre,
welche die Rückführung gemäss ständiger Praxis – und auch unter der
Berücksichtigung einer allfälligen Verletzung von Art. 3 EMRK – als nicht
zulässig oder nicht zumutbar erscheinen lassen könne. Die in der Schweiz
erstellten medizinischen Dokumente würden ihr ausgehändigt. Schliesslich
vermöge der Ausbruch des Corona-Virus nichts daran zu ändern, dass die
Gesundheitsversorgung in Griechenland als grundsätzlich gewährleistet
gelte. Sodann lägen keine Gründe vor, welche einen Selbsteintritt der
Schweiz begründen könnten. Der Vollzug nach Griechenland sei somit zu-
lässig, zumutbar und – die entsprechende behördliche Zustimmung liege
vor – auch technisch möglich und praktisch durchführbar.
6.2 In der Beschwerde wurde, wie bereits im Rahmen des rechtlichen Ge-
hörs, ausführlich auf die allgemein schwierige Situation von Personen mit
Schutzstatus in Griechenland (unter Nennung mehrerer Berichte) und auf
die Überlastung des griechischen Staats, der gar nicht in der Lage sei, allen
Personen mit Schutzstatus angemessenen Schutz zu bieten, hingewiesen.
Wäre die Beschwerdeführerin nicht in die Schweiz ausgereist, hätte sie auf
der Strasse schlafen müssen. Im Falle ihrer Rückführung sei daher damit
zu rechnen, dass sie der Obdachlosigkeit ausgesetzt wäre. Als alleinste-
hende Frau mit gravierenden gesundheitlichen Problemen handle es sich
bei ihr um eine mehrfach vulnerable Person. Sie müsse mit geschlechts-
spezifischer Verfolgung rechnen, auch wenn sie bis anhin noch nicht davon
betroffen gewesen sei, wäre sie als Obdachlose dennoch ein potentielles
Opfer. Zudem würde ihr die Unterstützung der Schwester fehlen, wodurch
sie nicht einmal die Verrichtung des täglichen Lebens bewältigen könnte.
Sie habe seit dem Ausbruch ihrer Krankheit vor sechs Jahren immer Un-
terstützung von einem ihr nahestehenden Familienmitglied gehabt, wel-
ches ihr im Alltag zu Seite gestanden sei. In Syrien habe sie ihren Bruder
und dessen Familie gehabt, in Griechenland ihre zwei Schwestern. Des-
halb sei davon auszugehen, dass sie im Falle der Wegweisung in Grie-
chenland in eine existenzielle Notlage geraten würde. Da sie aufgrund ih-
res (...) gesundheitlich sehr angeschlagen sei und an schlechten Tagen
noch nicht einmal aus dem Bett komme, sei sie auf die Unterstützung ihrer
Schwester angewiesen. Sie stehe somit analog zu Art. 16 Dublin-III-VO in
einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer sich in der Schweiz befindenden
Schwester, weshalb eine Wegweisung nach Griechenland unzumutbar sei.
Die Schwester habe in ihrem Mail vom 17. September 2021 denn auch die
Aufnahme der Schwester bei sich sowie die Übernahme sämtlicher Kosten
für diese bestätigt. Ausserdem sei nicht abschliessend geklärt, ob die (...)
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Seite 14
Ursache der (...) gewesen sei. Sodann habe die Beschwerdeführerin, wäh-
rend sie sich noch in den Strukturen des Asylverfahrens in Griechenland
befunden habe, bereits erlebt, dass sie die erforderliche medizinische Ver-
sorgung nicht erhalte. Der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland
verstosse nach dem Gesagten vorliegend gegen Art. 3 EMRK und eine
Wegweisung nach Griechenland sei damit unzulässig. Zudem sei die Weg-
weisung auch nicht zumutbar, weshalb die Beschwerdeführerin in der
Schweiz vorläufig aufzunehmen sei.
7.
7.1 In der Beschwerde wird neu eine analoge Anwendung von Art. 16 Dub-
lin-III-VO geltend gemacht, da zwischen der Beschwerdeführerin und ihrer
Schwester in der Schweiz ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe. Da es sich
vorliegend jedoch nicht um ein Dublin-Verfahren handelt, kann sich die Be-
schwerdeführerin nicht (auch nicht analog) auf Art. 16-Dublin-III-VO beru-
fen. Aufgrund ihres Vorbringens ist jedoch zu prüfen, ob allenfalls ein Fall
von Art. 8 EMRK (Achtung des Familienlebens) vorliegt.
7.2 Das Recht auf Achtung des Familienlebens nach Art. 8 EMRK kann an-
gerufen werden, wenn eine staatliche Entfernungs- oder Fernhaltemass-
nahme zur Trennung von Familienmitgliedern führt (BGE 135 I 153 E. 2.1).
Art. 8 EMRK schützt praxisgemäss einerseits insbesondere die Kernfami-
lie, mithin die Ehe- und Konkubinatspartner und die minderjährigen Kinder;
andererseits fallen auch über die Kernfamilie hinausgehende verwandt-
schaftliche Beziehungen unter den Schutz dieser Bestimmung, sofern eine
nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung besteht und ein besonde-
res Abhängigkeitsverhältnis vorliegt (vgl. BVGE 2008/47 E. 4.1.1).
7.2.1 In der Beschwerde wurde vorgebracht, dass die Beschwerdeführerin
nach dem Tod ihres Bruders, welcher sich zuvor um sie gekümmert habe,
mit Hilfe ihrer Schwestern nach Griechenland gelangt sei. In Griechenland
sei sie von ihren Schwestern abhängig gewesen und von diesen, bis zu
deren Erteilung des Flüchtlingsstatus und der Abreise in die Schweiz be-
ziehungsweise nach D._, umsorgt worden. Da die Beschwerdefüh-
rerin auch heute noch unter einer Erkrankung ihres (...) leide, sei sie auf
die Unterstützung ihrer Schwester angewiesen. Sodann habe ihre Schwes-
ter in ihrem Mail bestätigt, dass sie sich um sie kümmern werde.
7.2.2 Die Schwester der Beschwerdeführerin fällt nicht in die Kernfamilie
der Beschwerdeführerin, weshalb ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis
zwischen der Beschwerdeführerin und ihrer Schwester vorliegen muss,
E-5554/2021
Seite 15
was sich jedoch aus den Akten nicht ergibt. An dieser Einschätzung ver-
mag der Einwand, wonach die Beschwerdeführerin aufgrund ihres gesund-
heitlichen Zustands auf Hilfe angewiesen sei, nichts zu ändern. So wird
denn auch nicht geltend gemacht, dass die Beschwerdeführerin bereits im
Heimatland auf die Hilfe ihrer Schwester angewiesen gewesen wäre. Die
angebliche (...) liess sich sodann nicht diagnostizieren und aufgrund der
aktenkundigen (möglicherweise noch bestehenden) (...) (SEM-Akte
1102326-48/9) kann nicht auf eine Abhängigkeit zur Schwester geschlos-
sen werden. Weiter ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin nach
dem Tod ihres Bruders – alleine auf sich gestellt – bewerkstelligen konnte,
aus Syrien nach Griechenland zu ihren Schwestern zu gelangen. Ihre bei-
den Schwestern liessen sie denn auch alleine in Griechenland zurück und
führten ihre eigene Reise in die Schweiz beziehungsweise nach
D._ ohne sie fort (SEM-Akte 1102326-20/3; 1102326-26/2). Ge-
mäss dem zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) stellte ihre
Schwester bereits am 10. Juli 2020 in der Schweiz ein Asylgesuch. Somit
hielten sich die Schwestern in Griechenland höchstens wenige Monate ge-
meinsam auf. Von einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer
Schwester kann somit nicht gesprochen werden. Dementsprechend liegt
keine Verletzung von Art. 8 EMRK vor, wenn die Beschwerdeführerin nach
Griechenland zurückgewiesen wird.
8.
8.1 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten – wie
Griechenland einer ist (vgl. Urteil des BVGer E-1354/2021 vom 7. April
2021 E. 7) – die Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen, darunter im Wesentlichen das Refoulement-Verbot und grundlegende
menschenrechtliche Garantien, einhalten (vgl. FANNY MATTHEY, in: Cesla
Amarelle/Minh Son Nguyen, Code annoté de droit des migrations, Bern
2015, Art. 6a AsylG N 12 S. 68). Es obliegt der betroffenen Person, diese
beiden Legalvermutungen umzustossen. Dazu hat sie ernsthafte Anhalts-
punkte dafür vorzubringen, dass die Behörden des in Frage stehenden
Staates im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwen-
digen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen
aussetzen würden respektive, dass sie im in Frage stehenden Staat auf-
grund von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesund-
heitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. statt vieler
das Urteil des BVGer E-2617/2016 vom 28. März 2017 E. 4).
E-5554/2021
Seite 16
8.2 Das Gericht geht in konstanter Rechtsprechung grundsätzlich davon
aus, dass Griechenland als Signatarstaat der EMRK, des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105)
und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht-
linge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar
1967 (SR 0.142.301) seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nachkommt. Das Vorliegen eines Vollzugshindernisses unter dem
Aspekt der Zulässigkeit bei Personen, denen von den griechischen Behör-
den ein Schutzstatus verliehen wurde, wird vom Bundesverwaltungsgericht
praxisgemäss nur dann bejaht, wenn im jeweiligen Einzelfall konkrete An-
haltspunkte für Völkerrechtsverletzungen vorliegen. Das Gericht erkennt
an, dass die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig sind. Dennoch
ist gemäss Rechtsprechung diesbezüglich nicht von einer generellen un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung von Schutzberechtigten
im Sinne von Art. 3 EMRK auszugehen (so insbesondere Urteil des BVGer
D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 8.2 m.w.H. [als Referenzurteil publi-
ziert]). Die bekannten Unzulänglichkeiten treten nicht in einer Weise auf,
welche darauf schliessen lassen, dass Griechenland grundsätzlich nicht
gewillt oder nicht fähig sei, Schutzberechtigten die ihnen zustehenden
Rechte und Ansprüche zu gewähren, beziehungsweise dass diese bei Be-
darf nicht auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden könnten (vgl. beispiels-
weise Urteile des BVGer E-2508/2020 vom 24. September 2020 und
E-319/2021 vom 27. Januar 2021). Im Falle einer Verletzung der Garantien
der EMRK steht zudem gestützt auf Art. 34 EMRK nach wie vor der Rechts-
weg an den EGMR offen (a.a.O. E. 8.2).
8.3 Im vorliegenden Fall liegen – wie bereits in der angefochtenen Verfü-
gung (vgl. S. 8 – 11) eingehend dargelegt wurde – keine hinreichenden
Anhaltspunkte dafür vor, dass für die Beschwerdeführerin persönlich ein
"real risk" bestehen würde, bei einer Rückkehr nach Griechenland dort ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt zu werden. Es ist diesbezüglich nicht ersichtlich, dass sie recht-
lich gegen eine Verweigerung von Unterstützungsleistungen vorgegangen
wäre. Die blosse Möglichkeit, in nicht absehbarer Zeit aus nicht vorausseh-
baren Gründen in eine derart missliche Lebenssituation getrieben zu wer-
den, die einer Aussetzung einer existenziellen Notlage und andauernden
menschenrechtswidrigen Behandlung gleichkäme, vermag die Schwelle zu
einem entsprechenden "real risk" nicht zu überschreiten.
E-5554/2021
Seite 17
Gemäss Praxis des EGMR kann der Vollzug der Wegweisung eines abge-
wiesenen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen im Einzelfall ei-
nen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen; hierfür sind jedoch ganz aus-
sergewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl. Urteil Paposhvili gegen
Belgien vom 13. Dezember 2016, 41738/10 §183). Eine solche Situation
ist vorliegend nicht gegeben. Wie in der angefochtenen Verfügung (vgl.
S. 11) zutreffend festgehalten wurde, bestehen keine Hinweise, dass die
von der Beschwerdeführerin geltend gemachten gesundheitlichen Prob-
leme im Sinne der genannten Rechtsprechung relevant sein könnten. Grie-
chenland hat sich sodann völkerrechtlich verpflichtet, Asylsuchenden und
ausländischen Personen mit einem Schutzstatus die erforderlichen medi-
zinischen Behandlungen zur Verfügung zu stellen (vgl. Urteil des BVGer
E-3110/2020 vom 24. Juni 2020 E. 7.4 S. 13 f.).
8.4 Nach dem Gesagten liegen keine konkreten Hinweise vor, dass die Be-
schwerdeführerin im Falle ihrer Rückkehr nach Griechenland einer un-
menschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK
ausgesetzt wäre. Im Übrigen kann zur Vermeidung von Wiederholungen
auf die ausführlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung (vgl.
Ziff. III. 2) verwiesen werden. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich so-
mit als zulässig.
8.5
8.5.1 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht die Vermutung, dass eine
Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (vgl.
Anhang 2 der Verordnung über den Vollzug der Weg- und Ausweisung so-
wie der Landesverweisung von ausländischen Personen [VVWAL,
SR 142.281]). Der Bundesrat ist – auch in Anbetracht der gegenwärtigen
Asylpolitik Griechenlands – auf seine diesbezügliche Einschätzung, welche
periodisch zu überprüfen ist (vgl. Art. 83 Abs. 5bis AIG), bisher nicht zurück-
gekommen.
8.5.2 Die Vorinstanz hat zutreffend auf die Verpflichtungen Griechenlands
gegenüber Schutzberechtigten bezüglich Unterbringung, medizinischer
Versorgung, Sozialhilfe und Erwerbstätigkeit hingewiesen, welche sich ins-
besondere aus der Qualifikationsrichtlinie sowie auch aus der Flüchtlings-
konvention ergeben. Das Bundesverwaltungsgericht geht nach wie vor da-
von aus, dass Personen mit Schutzstatus griechischen Bürgerinnen und
Bürgern in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu Gerichten und den öffent-
lichen Schulunterricht respektive mit anderen Ausländern und Ausländerin-
E-5554/2021
Seite 18
nen beispielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder die Gewährung ei-
ner Unterkunft gleichgestellt sind (vgl. Art. 16 - 24 FK). Die Schutzberech-
tigten können sich – wie Personen mit Flüchtlingsstatus – auf die Garantien
in der Qualifikationsrichtlinie berufen. Es darf von der Beschwerdeführerin
erwartet werden, sich bei Unterstützungsbedarf an die griechischen Behör-
den zu wenden und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg
einzufordern. Auch wenn eine adäquate Eingliederung der Beschwerde-
führerin in die sozialen Strukturen Griechenlands als Schutzberechtigte mit
nicht zu verkennenden Erschwernissen verbunden ist, vermögen ihre Vor-
bringen die Anforderungen an eine konkrete Gefährdung nicht zu erfüllen.
An dieser Feststellung vermögen weder die Hinweise auf verschiedene öf-
fentlich zugängliche Berichte betreffend die Situation in Griechenland noch
die Verweise auf die ausländische Rechtsprechung etwas zu ändern. Der
Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin
gemäss ihren Angaben in Griechenland bis anhin nicht obdachlos war und
jeweils auf die Hilfe von Nachbarn zurückgreifen konnte (SEM-Akte
1102326-26/2). Zudem ist festzuhalten, dass aus den vorliegenden Akten
nicht hervorgeht, dass sie aktiv um Hilfe bei den griechischen Behörden
oder Hilfsorganisationen ersucht hätte oder diese ihr grundsätzlich verwei-
gert worden wäre. Es darf denn auch von ihr erwartet werden, sich bei Un-
terstützungsbedarf an die griechischen Behörden zu wenden und die er-
forderliche Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern, selbst wenn
die diesbezüglichen Prozedere langwierig sein sollten.
8.5.3 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich auch unter Berücksichti-
gung des Gesundheitszustandes als zumutbar. Diesbezüglich sind den Ak-
ten keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass eine allenfalls notwendige
medizinische Behandlung – insbesondere der möglicherweise noch vor-
handenen (...) (SEM-Akte 1102326-48/9) – in Griechenland nicht gegeben
wäre. Daran vermag denn auch der von der Beschwerdeführerin geschil-
derte Vorfall, wonach ihr in Griechenland gegen ihre Schmerzen lediglich
Tabletten verschrieben worden seien, welche nichts genützt hätten, nichts
zu ändern, zumal sie selbst angibt, nicht nochmals einen Arzt aufgesucht
zu haben (SEM-Akte 1102326-20/3). Die mit dem Vollzug der Wegweisung
beauftragten schweizerischen Behörden werden die griechischen Behör-
den vor der Durchführung der Wegweisung über die besonderen medizini-
schen Bedürfnisse der Beschwerdeführerin informieren und diesen Um-
ständen bei der Bestimmung geeigneter Vollzugsmodalitäten Rechnung zu
tragen haben. Die Beschwerdeführerin ist ihrerseits gehalten, bei der Vor-
bereitung ihrer Rückkehr mit den Vollzugsbehörden zu kooperieren, was
ihre geordnete und gut vorbereitete Rückkehr erleichtern würde. Es steht
E-5554/2021
Seite 19
ihr auch frei, von den Möglichkeiten der Rückkehrhilfe Gebrauch zu ma-
chen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der der Asylverordnung 2 vom
11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Der Aufenthalt ihrer Schwester in
der Schweiz vermag denn auch an der Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs nichts zu ändern (vgl. E. 8.2.2). Die von der Schwester angebo-
tene finanzielle Unterstützung (SEM-Akte 1102326-35/1) kann auch in
Griechenland erbracht werden.
8.5.4 Das Bundesverwaltungsgericht kann sich somit auch hinsichtlich der
Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs der Beschwerdeführe-
rin nach Griechenland der Beurteilung der Vorinstanz anschliessen. Zur
Vermeidung von Wiederholungen ist diesbezüglich ebenfalls auf die aus-
führlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung (vgl. Ziff. III 2) zu
verweisen.
8.6 Der Vollzug der Wegweisung ist schliesslich nach Art. 83 Abs. 2 AIG
möglich, da die griechischen Behörden einer Rückübernahme der über ei-
nen Flüchtlingsstatus verfügenden Beschwerdeführerin ausdrücklich zuge-
stimmt haben und den Akten keine Hinweise auf eine Reiseunfähigkeit zu
entnehmen sind. Der gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin
kann, falls erforderlich, bei der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten an-
gemessen Rechnung getragen werden.
Schliesslich steht auch die Covid-19-Pandemie dem Wegweisungsvollzug
nicht entgegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um ein tem-
poräres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitäten
durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der
Zeitpunkt des Vollzugs der Situation in Griechenland angepasst wird.
8.7 Zusammenfassend hat das SEM zu Recht den Wegweisungsvollzug
nach Griechenland als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet, wes-
halb die Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht fällt.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese beantragte indessen
die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
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Abs. 1 VwVG. Dieses bis anhin nicht behandelte Gesuch ist gutzuheissen,
da die Begehren nicht von vornherein aussichtslos waren. Auf die Erhe-
bung der Verfahrenskosten ist zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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