Decision ID: da51dc3a-b7cc-5480-aca6-7f4e66be48b9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 5. Juli 2016 in der Schweiz um Asyl
nach. Anlässlich der Befragung zur Person vom 26. Juli 2016 führte sie im
Wesentlichen aus, sie sei ethnische Tigrinya und stamme aus B._.
Als sie die achte Klasse besucht habe, sei ungefähr Mitte 2012 in der Nähe
der Schule ein Heuhaufen, bei welchem sie oft gespielt habe, in Brand ge-
raten. Ihr sei vorgeworfen worden, den Brand gelegt zu haben, weshalb sie
festgenommen und auf der Polizeistation in B._ inhaftiert worden
sei. Nach ungefähr vier Monaten hätte sie zum Ausbildungsstützpunkt
C._ gebracht werden sollen. Kurzzeitig seien ihr die Handschellen
abgenommen worden, weshalb ihr die Flucht gelungen sei. Anfang 2013
sei sie aus Eritrea nach Äthiopien ausgereist. Anfang 2016 sei sie via Su-
dan und Italien in die Schweiz gereist. In ihr Heimatland könne sie nicht
zurückkehren, da sie dort in den Militärdienst einberufen werde. Aus ge-
sundheitlichen Gründen sei sie in Äthiopien hospitalisiert worden; sie sei
auf Medikamente angewiesen.
B.
Im Rahmen des Dublin-Verfahrens trat die Vorinstanz mit Verfügung vom
13. Oktober 2016 auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein
und wies sie aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Mitgliedstaat (Ita-
lien) weg. Die Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Ein Wie-
dererwägungsgesuch wies die Vorinstanz mit Verfügung vom 23. Januar
2017 ab, soweit darauf einzutreten war. Sie erklärte die Verfügung vom
13. Oktober 2016 für rechtskräftig und vollstreckbar.
Im Wiedererwägungsverfahren reichte die Beschwerdeführerin drei Arzt-
berichte vom 10. April 2016, vom 21. Dezember 2016 und vom 22. Dezem-
ber 2016 ein.
C.
Am 28. Februar 2017 wurde die Beschwerdeführerin nach Mailand über-
stellt.
D.
Nach ihrer Wiedereinreise in die Schweiz reichte die Beschwerdeführerin
am 14. August 2017 ein als zweites Asylgesuch bezeichnetes Schreiben
ein. Sie begründete es damit, entgegen der Zusicherung der schweizeri-
schen Behörden habe sie in Italien keinen Platz in einer Unterbringung und
keine medizinische Versorgung erhalten. Die italienischen Behörden seien
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nicht gewillt, ihrer gesundheitlichen und persönlichen Situation Rechnung
zu tragen und ihr eine angemessene Unterkunft und Betreuung zur Verfü-
gung zu stellen. Eine erneute Wegweisung nach Italien sei nicht zumutbar.
Auf ihr Asylgesuch sei einzutreten.
E.
Mit Schreiben vom 1. September 2017 legte die Beschwerdeführerin einen
weiteren Arztbericht vom 28. August 2017 zu den Akten.
F.
Am 5. Oktober 2017 gewährte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin das
rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Italiens und zu einer allfälligen Wegwei-
sung nach Italien. Mit Schreiben vom 16. Oktober 2017 nahm die Be-
schwerdeführerin dazu Stellung.
Dem Schreiben war ein Arztbericht eines Sanatoriums vom 12. Oktober
2017 beigelegt.
G.
Am 27. Dezember 2017 reichte die Beschwerdeführerin einen Austrittsbe-
richt des Sanatoriums vom 6. November 2017 ein.
H.
Am 23. Januar 2018 wurde die Beschwerdeführerin über die Beendigung
des Dublin-Verfahrens und die Durchführung des nationalen Asyl- und
Wegweisungsverfahrens in Kenntnis gesetzt.
I.
Mit E-Mail vom 16. Februar 2018 und 9. März 2018 erbat die Beschwerde-
führerin die Vorinstanz um Korrektur ihrer Registration im Zentralen Migra-
tionssystem (ZEMIS). Ihr Verfahren sei dort als Mehrfachgesuch registriert
worden, weshalb sie nicht in einer Asylstruktur, sondern in einer Notunter-
kunft untergebracht worden sei. Sie sei nie zu ihren Asylgründen angehört
und ihre Asylgründe seien nie geprüft worden. Per E-Mailverkehr vom
8. und 9. März 2018 teilte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin mit, das
erste Verfahren sei am 2. November 2016 mit einem Dublin-Nichteintreten-
sentscheid rechtskräftig abgeschlossen worden, weshalb es sich um ein
Mehrfachgesuch handle und somit schriftlich durchgeführt werde.
J.
Am 19. April 2018 forderte die Vorinstanz die Beschwerdeführerin innert
Frist zur schriftlichen Ergänzung des Mehrfachgesuchs auf. Mit Schreiben
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vom 30. Mai 2018 reichte sie ihre ergänzenden Angaben zu ihren Asylgrün-
den ein und machte im Wesentlichen geltend, sie sei kognitiv einge-
schränkt. Ihr Erinnerungsvermögen und ihre Auffassungsgabe seien beein-
trächtigt. Ihre Angaben in der Befragung würden stimmen. Als Jugendliche
sei sie von einem Soldaten vergewaltigt worden. Als sie die achte Klasse
besucht habe, habe sie drei Militärdienstaufgebote erhalten, welche sie
nicht befolgt habe. Während ihrer viermonatigen Haft habe sie erfahren,
dass sie nach C._ zur Militärdienstausbildung gebracht werde. Auf-
grund der Vergewaltigung durch einen Soldaten habe sie Angst gehabt, ihr
widerfahre dasselbe im Militärdienst nochmals.
Die Beschwerdeführerin reichte ihren Taufschein, die eritreische Identitäts-
karte ihrer Mutter (beides in Kopie) sowie einen Arztbericht vom 29. Mai
2018 ein.
K.
Mit Verfügung vom 20. August 2018 (eröffnet am 22. August 2018) stellte
die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz, welche aber wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben wurde.
L.
Mit Eingabe vom 21. September 2018 erhob die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, die Verfügung der
Vorinstanz sei in den Ziffern 1 bis 3 des Dispositivs aufzuheben. Es sei ihre
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr sei Asyl zu gewähren. Eventu-
aliter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. Es sei
die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses zu verzichten. Ihr sei in der Person des Unter-
zeichnenden ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen.
Die Beschwerdeführerin legte ein Gutachten des German Institute of Glo-
bal Area Studies (GIGA) vom 15. April 2018 und eine Fürsorgebescheini-
gung ins Recht.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 1. Oktober 2018 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsver-
beiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
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und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung.
N.
Am 16. Oktober 2018 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
O.
Mit Replik vom 31. Oktober 2018 nahm die Beschwerdeführerin Stellung
zur Vernehmlassung. Der Replik war eine Honorarnote beigelegt.
P.
Mit Schreiben vom 24. Januar 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen
Austrittsbericht einer (...) vom 12. November 2019 ins Recht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende
Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh-
rerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
unter Vorbehalt nachfolgender Erwägung einzutreten (aArt. 108 Abs. 1
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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4.
4.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs.
Dabei handelt es sich um eine formelle Rüge, welche vorab zu beurteilen
ist, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Ver-
fügung zu bewirken.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderer-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
4.3 Die Beschwerdeführerin begründet die Rüge der Verletzung des recht-
lichen Gehörs damit, es habe insgesamt lediglich eine mündliche Befra-
gung rein summarischer Natur von weniger als einer Stunde stattgefunden.
Im Weiteren sei das Verfahren schriftlich fortgesetzt worden. Eine mündli-
che Anhörung sei nicht erfolgt, weshalb sie nicht die Gelegenheit gehabt
habe, sich ausführlich zu ihren Asylgründen zu äussern.
4.4 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts muss im
Falle von Mehrfachgesuchen im Grundsatz keine Anhörung (Art. 29 AsylG)
durchgeführt werden (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.3). Vorliegend stellt sich die
Frage, ob es sich bei der Eingabe vom 14. August 2017 um ein Mehrfach-
gesuch im Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG handelt.
Dem Wortlaut der Bestimmung von Art. 111c Abs. 1 AsylG lässt sich ent-
nehmen, dass ein Asylgesuch nur als Mehrfachgesuch qualifiziert werden
kann, wenn es innert fünf Jahren nach Rechtskraft eines Asyl- und Weg-
weisungsentscheides eingereicht wurde. Die Vorinstanz erliess im Rah-
men des Dublin-Verfahrens am 13. Oktober 2016 einen Nichteintretensent-
scheid. Beim Dublin-Verfahren handelt es sich um ein reines Zuständig-
keitsverfahren; das erste Asylgesuch der Beschwerdeführerin wurde nicht
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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materiell behandelt, womit auch kein rechtskräftig abgeschlossenes Asyl-
verfahren vorliegt. Das Asylgesuch der Beschwerdeführerin vom 14. Au-
gust 2017 ist daher nicht als Mehrfachgesuch zu qualifizieren; vielmehr
handelt es sich um das erste, noch nicht behandelte Asylgesuch. Somit
kommen die Bestimmungen des ordentlichen Asylverfahrens zur Anwen-
dung; namentlich muss eine Anhörung durchgeführt werden (Art. 29
AsylG; vgl. die Botschaft zur Änderung des Asylgesetzes vom 26. Mai
2010, BBl 2010 4455, 4505).
4.5 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Regel reformato-
risch. Nur ausnahmsweise wird eine angefochtene Verfügung kassiert und
an die Vorinstanz zurückgewiesen. Vorliegend ist das rechtliche Gehör ver-
letzt. Eine Kassation der angefochtenen Verfügung ist daher gerechtfertigt.
Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Verfügung vom 20. August 2018 ist
aufzuheben und die Sache ist zur Durchführung einer Anhörung und Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Bei der Durchführung der Anhörung wird dem Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführerin (u.a. [...], komplexe [...]) Rechnung zu tragen sein. Sie
ist in der Zwischenzeit in einer betreuten Institution untergebracht worden.
5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
5.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21.
Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr not-
wendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechtsver-
treter der Beschwerdeführerin reichte eine Honorarnote in der Höhe von
Fr. 4'317.60 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) ein. Dieser Be-
trag erscheint angesichts des Umfangs der Eingaben als zu hoch und ist
entsprechend zu kürzen. Die Vorinstanz ist somit anzuweisen, der Be-
schwerdeführerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'660.–
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c
VGKE) auszurichten.
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