Decision ID: ca3e2c21-35d4-4a1e-b538-d1761647c468
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
I. Sachverhalt:
1. A._, Jahrgang 1948, wurde erstmals im Jahre 1988 mit der Diagnose
paranoide katatone Schizophrenie psychiatrisch in der Kantonalen
Psychiatrischen Klinik C._ in D._ hospitalisiert. Am 21. Januar
1997 wurde ihr in der Person des Amtsvormundes E._ ein Beirat zur
Regelung der Finanzbelange und medizinischen Abklärungen betreffend
allfälliger Geltendmachung von Sozialversicherungsleistungen zur Seite
gestellt. A._ befand sich zudem ab dem 20. Mai 1997 bis am 1. Juli
1997, vom 5. August 1998 bis am 17. Juni 1999 sowie vom 12. August
1999 bis am 1. November 1999 jeweils zur stationären Behandlung in der
Kantonalen Psychiatrischen Klinik C._ wegen chronisch-paranoider
Schizophrenie mit kontinuierlich wahnhaftem Verlauf. Am 1. November
1999 verliess A._ – ohne vorherige Absprache und Angabe eines
Aufenthaltsorts – die Klinik und galt fortan trotz behördlicher und
polizeilicher Suche bis im Februar 2020 als vermisst.
2. Gestützt auf das Gesuch der Sozialversicherungsanstalt des Kantons
St. Gallen, IV-Stelle (nachfolgend IV-Stelle St. Gallen), vom 3. Juli 2000
sistierte die AHV-Ausgleichskasse des Kantons Graubünden
(nachfolgend AHV-Ausgleichskasse Graubünden) die IV-Rente von
A._ aufgrund deren unbekannten Aufenthalts per 31. Juli 2000.
3. Am 17. April 2001 ernannte die Vormundschaftsbehörde P._ B._
zur Beirätin ihrer Mutter A._.
4. Am 28. November 2011 meldete B._ ihre Mutter A._ bei der
Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen (nachfolgend Ausgleichskasse
St. Gallen) für eine Altersrente ab März 2012 an, wobei sie darauf hinwies,
dass der Aufenthaltsort der Antragstellerin seit ungefähr zehn Jahren
unbekannt sei und sie bereits solange als vermisst gelte. Gemäss Stand
der polizeilichen Ermittlungen bestehe die Möglichkeit, dass sich die
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Antragstellerin als Obdachlose im Raum F._ aufhalte, was es jedoch
anhand eines DNA-Tests noch zu prüfen gelte. Die Ausgleichskasse St.
Gallen sistierte in der Folge am 26. April 2012 die Anmeldung für die
Altersrente von A._ aufgrund des unbekannten Aufenthaltes.
5. Mit Urkunde vom 27. Mai 2015 ernannte die Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde (KESB) G._ B._ gestützt auf
Art. 394 Abs. 1 i.V.m. Art. 395 Abs. 1 und 3 ZGB zur Beiständin von
A._.
6. Am 27. Februar 2020 orientierte B._ die Ausgleichskasse St. Gallen
darüber, dass sich A._ seit dem 3. Dezember 2019 in der Clinica
H._ in I._ aufhalte, wobei deren Identität erst anhand einer DNA-
Probe habe festgestellt werden können, und beantragte im Namen ihres
Mündels die Anhandnahme des Gesuchs um Altersrente vom November
2011 und die rückwirkende Auszahlung der AHV-Rente ab dem
Rentenalter von A._.
7. Im März 2020 leitete die Ausgleichskasse St. Gallen die Anmeldung von
A._ zuständigkeitshalber an die AHV-Ausgleichskasse Graubünden
weiter. Mit E-Mail vom 22. April 2020 stellte B._ der AHV-
Ausgleichskasse Graubünden die verlangten Unterlagen im
Zusammenhang mit der Anmeldung von A._ zu, und machte weitere
Ausführungen zu deren Krankheitsgeschichte und Aufenthaltsorten. Mit
Verfügung vom 4. Mai 2020 sprach die AHV-Ausgleichskasse
Graubünden A._ die Altersrente rückwirkend ab 1. März 2012 zu.
8. Mit Schreiben vom 16. Juni 2020 beantragte B._ bei der AHV-
Ausgleichskasse Graubünden für A._ zusätzlich die Auszahlung der
Verzugs- und Vergütungszinsen gemäss Art. 26 ATSG.
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9. Mit Entscheid vom 25. Juni 2020 wies die AHV-Ausgleichskasse
Graubünden die (sinngemässe) Einsprache von A._ gegen ihren
Entscheid vom 4. Mai 2020 mit der Begründung ab, dass die Verzögerung
der Leistungsausrichtung auf die nicht vollumfängliche Mitwirkung der
Leistungsansprecherin zurückzuführen sei und deshalb die
Voraussetzungen von Art. 26 Abs. 2 ATSG nicht erfüllt seien bzw. kein
Verzugszins geschuldet sei.
10. Dagegen erhob A._ (nachfolgend Beschwerdeführerin) vertreten
durch ihre Beiständin B._, am 26. August 2020 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden mit den Anträgen, der
angefochtene Einspracheentscheid vom 25. Juni 2020 sei aufzuheben
und der Beschwerdeführerin seien die Verzugszinse auf ihre Altersrente
zu bezahlen. Begründend führte die Beiständin an, dass die
Beschwerdeführerin die Mitwirkungspflicht nicht verletzt habe und sie kein
Verschulden an der Verzögerung treffe, was aus den eingebrachten
ärztlichen Berichten ersichtlich sei, wonach bereits 1997 eine paranoide
Schizophrenie mit kontinuierlichem wahnhaftem Verlauf diagnostiziert
worden sei. Gemäss ärztlichem Austrittsbericht der Kantonalen
Psychiatrischen Klinik C._ vom 19. Juni 2020 habe diese Diagnose
bis heute Bestand. Daraus sei zu schliessen, dass die Beschwerdeführerin
über all die Jahre, in denen ihr Aufenthalt unbekannt gewesen sei, an der
paranoiden Schizophrenie gelitten habe. Erst am 19. November 2019 sei
ihre Mutter in J._ aufgefallen, in das K._ Krankenhaus
eingeliefert und danach in die Clinica H._ di I._ verlegt worden
und anhand eines DNA-Tests habe die Identität der Beschwerdeführerin
bestätigt werden können. Die Beschwerdeführerin habe mehrere Jahre
ohne festen Wohnsitz auf der Strasse gelebt. Es sei deshalb davon
auszugehen, dass sie in dieser Zeit keine medizinische Behandlung
erhalten habe. Aber auch im gegenteiligen Fall hätte die psychotische
Symptomatik gemäss den medizinischen Berichten fortbestanden. Daraus
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ergebe sich der Schluss, dass der Beschwerdeführerin der Vorwurf, dass
sie ihren Aufenthalt nicht bekannt gegeben bzw. seit ihrem Verschwinden
im Jahre 1999 nie ein Lebenszeichen von sich gegeben habe, nicht
gemacht werden könne. Aufgrund ihrer Krankheit treffe sie kein
Verschulden und sie habe auch keine Mitwirkungspflicht verletzt.
Diesbezüglich treffe die SVA Graubünden eine Untersuchungspflicht, da
sie aufgrund der IV-Akten von der Krankheit (Schizophrenie) und der
Situation der Beschwerdeführerin Kenntnis gehabt habe. Im Übrigen sei
der SVA Graubünden dadurch, dass sie die AHV-Rente mehrere Jahre
später habe ausbezahlen können, ein Zinsgewinn entstanden, welcher
nun an die Beschwerdeführerin weiterzuleiten sei.
11. In ihrer Vernehmlassung vom 3. September 2020 beantragte die AHV-
Ausgleichskasse Graubünden (nachfolgend Beschwerdegegnerin) die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie primär auf den
angefochtenen Einspracheentscheid vom 25. Juni 2020. Richtig und
unbestritten sei, dass der Verzugszins keinen pönalen Charakter aufweise
und unabhängig von einem Verschulden am Verzug geschuldet sei. Der
Gesetzgeber habe in Art. 26 Abs. 2 ATSG das in Art. 91 OR geordnete
Institut des Gläubigerverzugs aufgenommen, wonach ein
Schuldnerverzug ausgeschlossen sei, sofern der Gläubiger nicht die ihm
obliegenden Handlungen zur Annahme der geschuldigten Leistung
vornehme. Wäre der Beschwerdegegnerin resp. der SVA St. Gallen im
Jahre 2012 eine Lebensbescheinigung und/oder eine
Wohnsitzbescheinigung eingereicht worden, hätte die AHV-Rente bereits
2012 berechnet und verzugszinsfrei ausbezahlt werden können. Somit sei
die Verzögerung der Leistungsausrichtung ausschliesslich darauf
zurückzuführen, dass die Beschwerdeführerin, die jahrelang unbekannten
Aufenthalts gewesen sei, wodurch eine fast achtjährige
Verfahrensverzögerung entstanden sei, ihrer Mitwirkungspflicht nicht
vollumfänglich nachgekommen sei. Daran vermöge auch die
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(unbestrittene) Tatsache, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer
Krankheit (paranoide Schizophrenie) seit über 20 Jahren nicht mehr
urteilsfähig sei, nichts ändern. Die (urteilsunfähige) Beschwerdeführerin,
die einerseits (unverschuldet) ihre Mitwirkungspflicht nicht vollumfänglich
erfüllt habe, müsse sich andererseits auch das Verhalten ihrer
gesetzlichen Vertreterin anrechnen lassen, was auch in Bezug auf die
Erfüllung der Mitwirkungspflichten gelte.
12. Mit Replik vom 5. Oktober 2020 liess die Beschwerdeführerin durch die
Beiständin die früheren sowie die aktuell gültige Ernennungsurkunde/n
vom 27. Mai 2015 und die Zustimmung der KESB G._ gemäss
Art. 416 ZGB vom 30. September 2020 für das vorliegende Verfahren
einreichen und den Ausführungen der Beschwerdegegnerin entgegnen,
dass die Gläubigerin gemäss Art. 91 OR nur in Verzug käme, wenn sie die
Mitwirkungspflicht ungerechtfertigterweise verweigert hätte. Die
Verletzung der Mitwirkungspflicht sei lediglich dann unentschuldbar, wenn
die Weigerung der versicherten Person nicht mehr nachvollziehbar sei,
wenn also ein Rechtfertigungsgrund nicht erkennbar oder das Verhalten
schlechthin unverständlich sei. Wenn die Beschwerdeführerin, wie aus
den Unterlagen ersichtlich, vollumfänglich in ihrer eigenen Welt lebe und
nicht mit ihrer Umwelt interagiere, so nehme sie auch keine
Mitwirkungspflicht wahr. Das Verhalten der Beschwerdeführerin sei
aufgrund der gestellten Diagnose der chronischen paranoiden
Schizophrenie mit kontinuierlichem Verlauf seit dem Jahre 1997 deshalb
nachvollziehbar, gerechtfertigt und entschuldbar. Da die
Beschwerdeführerin jeglichen Kontakt mit den Behörden und auch ihren
Kindern gemieden und seit November 1999 kein Lebenszeichen von sich
gegeben habe, habe auch deren Vertreterin bzw. Beiständin weder eine
Lebensbescheinigung noch eine Wohnsitzbestätigung der
Beschwerdeführerin beibringen können. Aufgrund dessen könne der
Beschwerdeführerin auch kein Nachteil erwachsen, zumindest nicht im
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sozialversicherungsrechtlichen Verfahren, das den öffentlich-rechtlichen
und nicht den zivilrechtlichen Grundsätzen zu folgen habe. Als Beweis
dafür, dass die Beschwerdeführerin vermisst worden war und niemand
wusste, ob sie noch lebte bzw. wo sie sich aufhielt, reichte die Beiständin
den von der Kantonspolizei St. Gallen publizierten Auszug der vermissten
Personen ein. Die Beiständin führte weiter aus, dass sie seit November
1999 mit der Kantonspolizei in Kontakt gewesen sei. Entsprechende
Unterlagen befänden sich bei den AHV-Akten. Im Jahre 2011 habe es
Anhaltspunkte dafür gegeben, dass sich die Beschwerdeführerin in der
Nähe von F._ aufhalten könnte. Bei den anschliessenden
gemeinsamen Recherchen mit den örtlichen Behörden und der
Kantonspolizei St. Gallen sei jedoch festgestellt worden, dass es sich bei
dieser Person nicht um die Beschwerdeführerin gehandelt habe. Sollte
das Gericht trotzdem zur Auffassung gelangen, dass die
Mitwirkungspflichten verletzt worden seien, so sei zu beachten, dass die
Rechtsfolgen erst nach zwingender Durchführung eines Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens hätten eintreten können. Der Versicherungsträger
hätte demnach die Beschwerdeführerin zuvor schriftlich mahnen, sie über
die rechtlichen Konsequenzen einer weiteren Verweigerung informieren
und überdies eine angemessene Bedenkzeit einräumen müssen, was
vorliegend unterlassen worden sei. Da dieser zwingenden
Vorgehensweise nicht nachgekommen worden sei, dürften auch keine
Rechtsfolgen einer – vorliegend jedoch nicht vorhandenen –
Mitwirkungspflichtverletzung eintreten.
13. In ihrer Duplik hielt die Beschwerdegegnerin unverändert an ihrem Antrag
fest und äusserte sich zu den in der Replik enthaltenen Ausführungen.
Entgegen der Ausführungen in der Replik sei ein Verschulden des
Gläubigers nicht Voraussetzung, so dass Gläubigerverzug nach Art. 91
OR auch dann eintrete, wenn der Gläubiger aus Gründen, die er nicht zu
vertreten habe, an der Mitwirkung verhindert sei. Dem Gläubigerverzug
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werde in Art. 96 OR der Fall gleichgestellt, wenn die Erfüllung aus einem
anderen in der Person des Gläubigers liegenden Grund oder infolge einer
unverschuldeten Ungewissheit über die Person des Gläubigers nicht
erfolgen könne, wenn z.B. der Aufenthaltsort des Gläubigers unbekannt
sei. Vorliegend sei die Verzögerung der Leistungsausrichtung
offensichtlich auf einen in der Person der Beschwerdeführerin liegenden
Grund zurückzuführen, so dass sie im Sinne von Art. 91 ff. OR (wenn auch
unverschuldet) jahrelang in Gläubigerverzug gewesen sei.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften, den angefochtenen
Entscheid sowie die übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 84 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) entscheidet das
Versicherungsgericht am Ort der Ausgleichskasse über Beschwerden
gegen Verfügungen und Einspracheentscheide kantonaler
Ausgleichskassen. Der Einspracheentscheid vom 25. Juni 2020, mit
welchem die Beschwerdegegnerin das Gesuch der heutigen
Beschwerdeführerin vom 16. Juni 2020 um Auszahlung von
Verzugszinsen im Sinne von Art. 26 Abs. 2 ATSG abgewiesen hat, stellt
demnach ein taugliches Anfechtungsobjekt für ein Verfahren vor dem
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden dar. Die sachliche
Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ergibt sich aus Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 49 Abs. 2 lit. a
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100),
wonach das Verwaltungsgericht als kantonales Versicherungsgericht
Beschwerden gegen Einspracheentscheide und Verfügungen in
Sozialversicherungssachen beurteilt, die gemäss Bundesrecht der
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Beschwerde unterliegen. Als formelle und materielle Adressatin des
angefochtenen Einspracheentscheids ist die Beschwerdeführerin berührt
und weist ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung auf (Art. 59
ATSG). Die rechtmässige Vertretung durch B._ als Beiständin ist
überdies ausgewiesen, so dass auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde einzutreten ist (vgl. Beschluss der KESB G._ vom 30.
September 2020, beschwerdeführerische Akten [Bf-act.] 6).
2. Die Bestimmungen des ATSG sind auf den ersten Teil des AHVG
anwendbar, soweit das AHVG keine Abweichung vom ATSG vorsieht
(Art. 1 Abs. 1 AHVG).
3. Vorliegend unbestritten ist in sachverhaltlicher Hinsicht, dass der
Beschwerdeführerin mit Entscheid vom 4. Mai 2020 rückwirkend auf den
1. März 2012 AHV-Renten zugesprochen und ausbezahlt wurden. Strittig
und zu prüfen ist jedoch, ob die AHV-Ausgleichskasse Graubünden der
Beschwerdeführerin auf die rückwirkend zugesprochene AHV-Rente
Verzugszinsen schuldet und das Vorliegen einer Verletzung der
Mitwirkungspflicht.
4.1. Ist die versicherte Person ihrer Mitwirkungspflicht vollumfänglich
nachgekommen, werden die Sozialversicherungen für ihre Leistungen
nach Ablauf von 24 Monaten nach der Entstehung des Anspruchs,
frühestens aber 12 Monate nach dessen Geltendmachung
verzugszinspflichtig (Art. 26 Abs. 2 ATSG). Der Gesetzgeber nahm dabei
das in Art. 91 Obligationenrecht (OR; SR 220) geordnete Institut des
Gläubigerverzugs auf, wonach ein Schuldnerverzug ausgeschlossen ist,
wenn der Gläubiger nicht die ihm obliegenden Handlungen zur Annahme
der geschuldeten Leistung vornimmt (vgl. KIESER, ATSG-Kommentar,
4. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 26 Rz. 58). Diese
Mitwirkungspflichten ergeben sich insbesondere aus Art. 28 Abs. 2 und
Art. 43 Abs. 3 ATSG (siehe nachfolgende Erwägungen 4.2 ff.; KIESER,
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a.a.O., Art. 26 Rz. 59). Dabei sind nur diejenigen Verletzungen
massgebend, die Ursache für eine Verfahrensverzögerung darstellen (vgl.
BBl 1999 4578; KIESER, a.a.O., Art. 26 Rz. 59). Art. 26 ATSG sieht eine
allgemeine Verzugs- und Vergütungszinspflicht vor, die in subjektiver
Hinsicht für alle dem ATSG unterstellten Sozialversicherungen gilt und
objektiv sowohl auf die Leistungsansprüche der Versicherten als auch auf
die Beitragsforderungen der Versicherer anwendbar ist (vgl. DOLF, in:
FRÉSARD-FELLAY/KLETT/LEUZINGER (Hrsg.), Basler Kommentar, ATSG,
Basel 2020, Art. 26 Rz. 6; KIESER, a.a.O., Art. 26 Rz. 39 f.). Absatz 2 von
Art. 26 ATSG findet seinen Ursprung in der von der Lehre vor dem
Inkrafttreten des ATSG vertretenen Auffassung, wonach öffentlich-
rechtliche Geldforderungen grundsätzlich zu verzinsen sind (vgl. BBl 1999
4579; DOLF, a.a.O., Art. 26 Rz. 27). Dem Verzugszins kommt die Funktion
eines Vorteilsausgleichs wegen verspäteter Zahlung der Hauptschuld zu
(vgl. Art. 102 OR; BGE 129 V 345 E.4.2.1). Hingegen weist der
Verzugszins keinen pönalen Charakter auf und ist unabhängig von einem
Verschulden am Verzug geschuldet (vgl. BGE 139 V 297 E.3.3.2.2;
KIESER, a.a.O., Art. 26 Rz. 11). Der Schuldnerverzug wird beendigt, wenn
der Schuldner nachträglich die geschuldete Leistung erbringt (vgl. KIESER,
a.a.O., Art. 26 Rz. 63).
4.2. Das Verwaltungsverfahren und der kantonale Sozialversicherungsprozess
sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht, wonach der
Sozialversicherungsträger verpflichtet ist, den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen vollständig und richtig zu ermitteln (vgl.
BGE 119 V 347 E.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_38/2013 vom 2.
September 2013 E.4.4.1). Nach Art. 43 Abs. 1 ATSG prüft der
Versicherungsträger die Begehren, nimmt die notwendigen Abklärungen
von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein (vgl. Art. 61
lit. c ATSG im versicherungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren). Die
Untersuchungspflicht des Versicherungsträgers dauert so lange, bis über
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die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen
hinreichende Klarheit besteht (vgl. Urteile des Bundesgerichts
9C_382/2020 vom 7. Oktober 2020 E.2.2, 8C_641/2019 vom 8. April 2020
E.3.3.1, 9C_662/2016 vom 15. März 2017 E.2.2). Ergänzend dazu besteht
die Auskunfts- und Mitwirkungspflicht des Versicherten gemäss Art. 43
Abs. 3 ATSG (vgl. BGE 125 V 193 E.2 m.H., 122 V 157 E.1). Diese
Bestimmung legt nicht fest, um welche Pflichten es sich im Einzelnen
handelt, darunter fallen zum Beispiel das Erteilen von Auskünften (Art. 28
Abs. 2 ATSG) oder die Meldung bei veränderten Verhältnissen (Art. 31
ATSG). Die Abklärungspflicht nach Art. 43 ATSG gilt in allen erfassten
Sozialversicherungszweigen (vgl. BGE 133 V 89 E.6.2.3). Kommt die
versicherte Person, die Leistungen beansprucht, ihrer Auskunfts- oder
Mitwirkungspflichten in unentschuldbarer Weise nicht nach, kann der
Versicherungsträger auf Grund der Akten entscheiden oder die
Erhebungen einstellen und Nichteintreten beschliessen. Er muss diese
Personen vorher schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hinweisen;
ihnen ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen (Art. 43 Abs. 3
ATSG; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_629/2018 vom 19. August 2019
E.4.1). Voraussetzung dafür ist eine schuldhafte Verletzung der
obliegenden Pflicht. Diese kann angenommen werden, wenn das
Verhalten der leistungsbeanspruchenden Person als geradezu nicht mehr
nachvollziehbar erscheint, d.h. wenn ein Rechtfertigungsgrund nicht
einmal ansatzweise erkennbar ist oder das Verhalten schlechthin
unverständlich ist (vgl. SCHIAVI, in: FRÉSARD-FELLAY/KLETT/LEUZINGER
(Hrsg.), Basler Kommentar, ATSG, Basel 2020, Art. 43 Rz. 32; KIESER,
a.a.O., Art. 43 Rz. 103). Die Verletzung der Mitwirkungspflicht ist hingegen
gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung etwa dann entschuldbar,
wenn sie der versicherten Person nicht zugerechnet werden kann, da sie
krankheitsbedingt oder aus anderen Gründen nicht in der Lage war, ihren
Pflichten nachzukommen (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_370/2013
vom 22. November 2013 E.4.1, 8C_733/2010 vom 10. Dezember 2010
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E.5.3, 9C_994/2009 vom 22. März 2010 E.5.2). Sind die Voraussetzungen
psychischer oder gesundheitlicher Gründe gegeben, ist die fehlende
Mitwirkung entschuldbar (vgl. SCHIAVI, a.a.O., Art. 43 Rz. 33).
4.3. Die Ausgleichskasse St. Gallen bzw. die AHV-Ausgleichskasse
Graubünden hatten somit im Zusammenhang mit der Anmeldung der
Beschwerdeführerin für eine Altersrente den rechtserheblichen
Sachverhalt zu ermitteln, was unter anderem auch den Status und den
Aufenthaltsort der versicherten Person beinhaltete. Nachvollziehbar ist,
dass die Amtsstellen dabei auf die Mithilfe bzw. Auskunft der versicherten
Person selber bzw. deren Beirätin bzw. Beiständin angewiesen waren. So
hat die Ausgleichskasse St. Gallen mit Schreiben vom 26. April 2012 die
Anmeldung der Beschwerdeführerin für die Altersrente aufgrund deren
unbekannten Aufenthalts sistiert, und die damalige Beirätin B._ um
Mitteilung gebeten, wie der Stand der Dinge sei und ob eine
entsprechende Lebensbescheinigung in Q._ oder eine
Wohnsitzbescheinigung in der Schweiz beigebracht werden könne (vgl.
beschwerdegegnerische Akten [Bg-act.] 7/1).
Vorliegend ist demnach zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin in
unentschuldbarer Weise ihrer Auskunfts- und Mitwirkungspflicht nicht
nachgekommen ist.
4.4.1. Aus den vorliegenden Akten geht hinsichtlich der Krankengeschichte der
Beschwerdeführerin hervor, dass bei ihr bereits im Jahre 1988, als sie
erstmals im November 1988 in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik
C._ hospitalisiert werden musste, die Diagnose paranoide katatone
Schizophrenie gestellt wurde und sich die Beschwerdeführerin damals
gegen jeglichen Kontakt mit Mitmenschen, auch zu ihren Kindern, gewehrt
hatte. Aus dem Arztbericht von Dr. med. L._ vom 13. Mai 1997
zuhanden der Invalidenversicherung geht weiter hervor, dass aus der
Anamnese auch Sekundärsymptome wie Wahnideen bekannt seien. Die
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Beschwerdeführerin lasse ihre beiden Töchter nicht mehr in ihr Haus. Sie
hetze tagaus-tagein durch die Strassen, grüsse niemanden und flösse
durch ihre Erscheinung den Kindern Angst ein. Sie spreche zudem oft mit
sich selber und belästige seit Jahren verschiedene Persönlichkeiten des
Dorfes mit Dutzenden von Briefen und Zetteln mit unverständlichem Inhalt.
Sie falle zudem seit Monaten wieder auf mit Unruhe, Autismus und
Störung der Affektivität (vgl. Arztbericht von Dr. med. L._, vom 13.
Mai 1997, Bf-act. 3). Mitte Mai 1997 wurde die Beschwerdeführerin von
der Polizei im Tessin aufgegriffen, da sie mit ihrem Fahrzeug und einem
aus Pappe selbst hergestellten Nummernschild unterwegs war, und der
Polizei durch wahnhaftes Verhalten auffiel. Die Beschwerdeführerin wurde
zunächst in die Clinica H._ in I._ eingewiesen und am 16. oder
20. Mai 1997 (Anm. des Gerichts: beide Daten finden sich in den ärztlichen
Berichten) zur stationären Behandlung wegen angetriebenen und
ausgeprägten wahnhaften Zustands in die Kantonale Psychiatrische Klinik
C._ in D._ verlegt. Am 28. Mai 1997 entwich die
Beschwerdeführerin von dort und musste durch die Polizei wieder
zurückgebracht werden. Am 1. oder 2. Juli 1997 (Anm. des Gerichts: beide
Daten finden sich im ärztlichen Bericht) verliess die Beschwerdeführerin
ohne Absprache die Klinik, die darauf eingeleitete polizeiliche Suche blieb
ohne Ergebnis. Da die Beschwerdeführerin als vermisst galt, wurde sie am
31. Juli 1997 administrativ entlassen, wobei eine chronische paranoid-
halluzinatorische Schizophrenie diagnostiziert wurde, inhaltlich dominiert
durch ein ausgeprägtes Wahnsystem und autistischen Rückzug. Trotz der
hochpotent-neuroleptischen Behandlung konnte bei der
Beschwerdeführerin eine nachweisliche Remission der Wahnsymptomatik
nicht erreicht werden (vgl. Bericht der Kantonalen Psychiatrischen Klinik
C._ vom 14. August 2020 über die Behandlung von A._ vom 20.
Mai 1997 bis zum 1. Juli 1997, Bf-act. 4/1). Die Beschwerdeführerin konnte
nach etwas mehr als einem Jahr in Q._ ausfindig gemacht
werden, wo sie keinen festen Wohnsitz hatte, vorwiegend im Verein oder
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bei karitativen Einrichtungen lebte. Zuletzt hielt sie sich in M._ auf, wo
sie den Ordnungsorganen auffiel, als sie vor einer Bank sass und
'Schuldscheine' ausfüllte, verschiedene Passanten ansprach (angeblich
ihre Ex-Ehemänner) und sie nach ihren Papieren und ihrem
Aufenthaltsrecht in Q._ fragte. Schliesslich wurde sie durch die
Polizei aufgegriffen und in die Psychiatrische Klinik in M._ (Unità
Sanitaria Locale di M._) eingewiesen sowie am 5. August 1998 mit
der REGA in die Kantonale Psychiatrische Klinik C._ verlegt. Beim
Eintritt in die Klinik präsentierte sich ein leicht antriebsgesteigertes,
psychotisches Zustandsbild mit ausgeprägten formalen Denkstörungen
(beschleunigt, tangential, sprunghaft, inkohärent) sowie ein komplexer
systematisierter Wahn. Die Patientin gab an, internationale Ärztin und
bereits schon unendliche Zeit am Leben bzw. immer wieder geboren
worden zu sein und vor 44 Jahren zurückgetreten zu sein, da man sie
kaputt gemacht habe. Sie fühlte sich von 'ihren fünf Männern' verfolgt, die
sie über 'den Staat' an ein 'Netz' angeschlossen hätten und nun
manipulieren würden. Da die Patientin keine Krankheitseinsicht zeigte,
wurde ein fürsorgerischer Freiheitsentzug verfügt. Am 17. Juni 1999 trat
sie in das Wohn- und Beschäftigungsheim N._ in O._ ein, von
wo aus die weitere psychiatrische Behandlung ambulant beim
Sozialpsychiatrischen Dienst in P._ durchgeführt wurde (vgl. Bericht
der Kantonalen Psychiatrischen Klinik C._ vom 14. August 2020
betreffend die Hospitalisation von A._ vom 5. August 1998 bis zum
17. Juni 1999, Bf-act. 4/2). Das Wohnheim verliess die
Beschwerdeführerin in der Folge ohne Abmeldung und reiste, ohne über
einen Ausweis zu verfügen, nach Q._, von wo sie am 11. August
1999 nach O._ zu einem Bekannten zurückkehrte. Die
Amtsvormundschaft P._ verfügte in der Folge eine Klinikeinweisung,
so dass die Beschwerdeführerin am 12. August 1999 durch die Polizei
erneut in die Kantonale Psychiatrische Klinik C._ verbracht wurde.
Beim Eintritt in die Klinik zeigte die Patientin ein psychotisches
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Zustandsbild mit Beeinträchtigungs- und Beeinflussungswahn, sie
äusserte wiederholt die Überzeugung, eine internationale Ärztin zu sein
und schon die ganze Menschheit behandelt zu haben. Die psychotische
Symptomatik remittierte auch unter der neuroleptischen Behandlung nicht,
die Patientin war jedoch fähig, am Gemeinschaftsleben teilzunehmen und
sich dabei wohl zu fühlen. Am 1. November 1999 kehrte sie überraschend
aus dem freien Ausgang nicht in die Klinik zurück, so dass sie am 26.
November 1999 wegen der Gefahr der Verwahrlosung bei psychotischem
Zustandsbild polizeilich ausgeschrieben wurde (vgl. Bericht der
Kantonalen Psychiatrischen Klinik C._ vom 14. August 2020 über die
stationäre Behandlung von A._ vom 12. August 1999 bis
1. November 1999, Bf-act. 4/3).
4.4.2. Am 6. Juli 2000 orientierte die AHV-Ausgleichskasse Graubünden die IV-
Stelle St. Gallen über die Sistierung der IV-Rente der Beschwerdeführerin
per 31. Juli 2000 aufgrund deren unbekannten Aufenthalts (vgl. Bg-act. 2
S. 8 f.). Am 26. November 2011 meldete die damalige Beirätin B._
die Beschwerdeführerin bei der Ausgleichskasse St. Gallen für eine
Altersrente per März 2012 an, wobei sie auf den seit ungefähr 10 Jahren
unbekannten Aufenthaltsort der vermissten Antragstellerin hinwies und
den entsprechenden E-Mail-Verkehr mit der Kantonspolizei St. Gallen
einreichte (vgl. Bg-act. 1 und 2). Am 26. April 2012 teilte die
Ausgleichskasse St. Gallen der damaligen Beirätin mit, dass die
Anmeldung aufgrund des unbekannten Aufenthalts der
Beschwerdeführerin sistiert worden sei, und ersuchte um Mitteilung, wie
der Stand der Dinge sei und ob eine entsprechende Lebensbescheinigung
in Q._ oder eine Wohnsitzbescheinigung in der Schweiz
beigebracht werden könne (vgl. Bg-act. 7 S. 1). Mit Schreiben vom 4. Juni
2012 machte die damalige Beirätin gegenüber der IV-Stelle St. Gallen
Ausführungen zur Beschwerdeführerin und deren immer noch
unbekanntem Aufenthalt und ersuchte um Bestätigung, dass auf die
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Verjährungseinrede der per 1. August 2000 (recte: 31. Juli 2000) sistierten
IV-Rente verzichtet werde (vgl. Bg-act. 8 S. 3 f.). Mit Urkunde vom 27. Mai
2015 ernannte die KESB G._ die bisherige Beirätin B._ zur
Beiständin der Beschwerdeführerin, für die eine
Vertretungsbeistandschaft mit Einkommens- und Vermögensverwaltung
nach Art. 394 Abs. 1 i.V.m. 395 Abs. 1 und 3 ZGB bestand (vgl. Bf-act. 1
= Bg-act. 14). Am 19. November 2019 wurde die Beschwerdeführerin in
J._ auf der Strasse aufgefunden, zuerst dort ins Spital eingeliefert,
wo eine Restpsychose diagnostiziert wurde, und am 3. Dezember 2019 in
die Clinica H._ in I._ verlegt, wo sie sich als 'Sofia Loren' ausgab,
so dass erst ein DNA-Test Klarheit über ihre Identität ergab (vgl. Rapporto
accertamento di paternità, vom 10. Februar 2020, Bg-act. 8 S. 1 und S. 5–
11). Mit Schreiben vom 27. Februar 2020 orientierte die Beiständin die
Sozialversicherungsanstalt St. Gallen über den Aufenthalt der
Beschwerdeführerin ab dem 3. Dezember 2019 in der Clinica H._,
I._, wobei sie darauf hinwies, dass sie seit fast 20 Jahren keinen
Kontakt mehr mit ihrer Mutter gehabt habe und erst anhand eines DNA-
Testes deren Identität habe festgestellt werden können. Ferner bat sie
darum, das Gesuch um eine Altersrente vom November 2011 an die Hand
zu nehmen und ihr rückwirkend ab ihrem Rentenalter die AHV
auszubezahlen (Bg-act. 8 S. 1). Am 6. März 2020 zeigte die
Sozialversicherungsanstalt St. Gallen der Beiständin an, dass die AHV-
Ausgleichskasse Graubünden für die Bearbeitung der Altersrente
zuständig sei (Bg-act. 11). Am 14. April 2020 bestätigte das Einwohneramt
P._ den (zivilrechtlichen) Wohnsitz der Beschwerdeführerin in
P._, mit unbekannter Adresse (vgl. Bg-act. 15). In ihrer E-Mail vom
22. April 2020 an die AHV-Ausgleichskasse Graubünden wies die
Beiständin darauf hin, dass die Beschwerdeführerin Ende letzten Jahres
auf der Strasse aufgefunden worden sei, und vieles darauf hindeute, dass
sie sich während 20 Jahren auf der Strasse als Obdachlose
durchgeschlagen habe. Es sei davon auszugehen, dass sie in dieser Zeit
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auch keine Medikamente oder Behandlung ihrer Krankheit erhalten habe,
so dass sich die paranoide Schizophrenie definitiv verfestigt habe. Ihre
Mutter erkenne sie heute nicht als Tochter und gebe sich als 'Sophia
Loren' aus, eine normale Kommunikation sei unmöglich (vgl. Bg-act. 13
S. 1). Ab dem 27. April 2020 bis zum 3. Juni 2020 befand sich die
Beschwerdeführerin zur stationären Behandlung in der Kantonalen
Psychiatrischen Klinik C._ (vgl. Bf-act. 5). Mit Entscheid vom 4. Mai
2020 wurde der Beschwerdeführerin die Altersrente rückwirkend ab dem
1. März 2012 zugesprochen und nachbezahlt, ein Anspruch auf
Vergütungszinsen wurde verneint (vgl. Renten-Fallnotiz der AHV-
Ausgleichskasse Graubünden vom 24. März 2020, Bg-act. 24 S. 2, 25).
Mit Schreiben vom 16. Juni 2020 beantragte die Beiständin die
Auszahlung der Verzugs- und Vergütungszinse auf die
Rentennachzahlungen und wies zugleich darauf hin, dass die
Beschwerdeführerin nun im Alterszentrum in P._ wohne (vgl. Bg-act.
33 S. 1). Im Austrittsbericht vom 19. Juni 2020 hielten die Ärzte der
Kantonalen Psychiatrischen Klinik C._ fest, dass die 72-jährige
Beschwerdeführerin am 27. April 2020 aufgrund eines psychotischen
Zustands im Rahmen der bekannten paranoiden Schizophrenie und bei
Verdacht auf eine Demenzentwicklung aufgenommen worden sei. Beim
Eintritt habe sich die Patientin misstrauisch, zeitlich desorientiert und
ungepflegt gezeigt, es sei bei ihr ein ausgeprägtes Wahnsystem
vorhanden gewesen und sei es zum Teil immer noch, was sich darin
gezeigt habe, dass sie realitätsfremde Aussagen über ihre Herkunft, ihren
letzten Wohnort, Familienangehörige und Perspektiven gemacht habe,
sich als 'Sophia Loren' und als Ärztin ausgegeben habe, die das
Medizinstudium in Amerika abgeschlossen und in der Klinik in I._ tätig
gewesen sei; die verneint habe, Töchter zu haben, und überdies
angegeben habe, in den letzten Jahren in den unterschiedlichsten
Ländern, unter anderem in der Türkei, in verschiedenen Ländern in
Südamerika, in den USA und in Kanada gelebt zu haben. In den
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Gesprächen sei die Patientin unruhig, vorbeiredend, weitschweifig im
Kontakt und gelockert in ihren Assoziationen gewesen. Zudem habe sie
von der Norm abweichende Verhaltensweisen aufgezeigt, wie z.B. das
Fertigrauchen von Zigaretten anderer Patienten, was als Überbleibsel
ihres Lebens auf der Strasse gedeutet werde. Das Wahnsystem, was als
eine Art Selbstschutz erachtet werde, habe nicht aufgebrochen werden
können. Aus der Sicht der Ärzte Co-existiere das Wahnsystem mit der
Realität und störe dies im Alltag praktisch nicht (vgl. Bf-act. 5; Bg-act. 37
S. 18–22).
4.4.3. Am 30. September 2020 hielt die KESB G._ in ihrem Beschluss fest,
dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer langjährigen psychischen
Erkrankung sowie des aktuellen Gesundheitszustandes nicht in der Lage
sei, ihre Ansprüche selbständig geltend zu machen, so dass sie dabei
durch ihre Beiständin vertreten werden müsse (vgl. Bf-act. 8 S. 3).
4.4.4. Aus den vorliegenden Akten geht hervor, dass die Beiständin, deren
Handlungen der Beschwerdeführerin zuzurechnen sind (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 9C_588/2019 vom 14. Februar 2020 E.3.2 m.w.H.), die
Beschwerdegegnerin umgehend nach Feststehen der Identität der
Beschwerdeführerin orientiert hat, nachdem sie den Ausgleichskassen der
Kantone St. Gallen und Graubünden jeweils korrekt und vollständig
Meldung und Anmeldung zugehen liess, so dass die Aktenlage – soweit
möglich – stets vollständig war (vgl. Anmeldung AHV-Rente im November
2011 per März 2012, Bg-act. 1 f.; Sistierung der Anmeldung aufgrund
unbekannten Aufenthalts der Beschwerdeführerin und Aufforderung der
Ausgleichskasse St. Gallen zur Einreichung von Lebens- und
Wohnsitzbescheinigung am 26. April 2012, Bg-act. 6 f.; Antwort der
damaligen Beirätin am 4. Juni 2012, Bg-act. 8). Aus dem Ausgeführten
erhellt, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Krankheit
unentschuldigt nicht in der Lage war, ihrer Mitwirkungspflicht
nachzukommen und Auskunft über ihren Status und ihren Aufenthaltsort
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zu machen bzw. entsprechend eine Lebensbescheinigung und/oder
Wohnsitzbescheinigung einzureichen, was im Übrigen auch für deren
Beirätin bzw. Beiständin gilt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_588/2019
vom 14. Februar 2020 E.3.2 m.w.H.). Das Verhalten der
leistungsansprechenden Person erscheint dem Gericht nachvollziehbar,
ihr Verhalten nicht schlechthin unverständlich, so dass der Schluss
gezogen werden kann, dass weder die Beschwerdeführerin noch ihre
Beiständin in unentschuldbarer Weise den obliegenden Auskunfts- und
Mitwirkungspflichten nicht nachgekommen sind. Damit ist erstellt, dass die
Beschwerdeführerin einen Anspruch auf Verzugszins im Sinne von Art. 26
Abs. 2 ATSG hat.
Die Beschwerdegegnerin wiederum verletzte die ihr obliegende
Abklärungspflicht, indem sie – obwohl sie vom IV-Renten-Bezug, von der
Diagnose der Beschwerdeführerin und von deren jahrelangem
unbekanntem Aufenthalt Kenntnis hatte – dennoch ohne Durchführung
von Mahn- und Bedenkzeitverfahren, wie nachfolgend aufgezeigt,
aufgrund der Akten zu Ungunsten der Beschwerdeführerin entschied.
4.5. Zwingende Voraussetzung für die in Art. 43 Abs. 3 ATSG vorgesehenen
Sanktionen, wonach der Verwaltungsträger aufgrund der vorliegenden
Akten beschliessen oder er – nach Einstellung der Erhebungen – auf das
Leistungsbegehren nicht eintreten kann, ist eine schriftliche Mahnung der
leistungsbeanspruchenden Person mit Hinweis auf die Rechtsfolgen
sowie eine angemessene Bedenkzeit. Der Verwaltungsträger hat den
Nachweis der Mahnung zu erbringen (vgl. BBl 1999, 4600; SVR 2008 IV
Nr. 17, I 677/05, E.5.2; SCHIAVI, a.a.O., Art. 43 Rz. 36; KIESER, a.a.O.,
Art. 21 Rz. 152 und Art. 43 Rz. 104, 110). Im Rahmen der Prüfung des
angefochtenen Entscheids des Versicherungsträgers ist vorfrageweise zu
klären, ob die verlangte Mitwirkung rechtmässig war oder nicht (vgl. SVR
1998 UV Nr. 1; KIESER, a.a.O., Art. 43 Rz. 112). Der
Verhältnismässigkeitsgrundsatz ist praxisgemäss auch bei der gestützt
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auf Art. 43 Abs. 3 ATSG zu verfügenden Sanktion zu berücksichtigen.
Erbringt die leistungsansprechende Person die verweigerte Mitwirkung zu
einem späteren Zeitpunkt, kann sich die festgelegte Sanktion –
Nichteintreten oder Entscheid aufgrund der Akten – nur auf diejenige
Zeitspanne beziehen, während der die Mitwirkung verweigert wurde (vgl.
BGE 139 V 585 E.6.3.7.5; Urteil des Bundesgerichts 9C_244/2016 vom
16. Januar 2017 E.3.3; KIESER, a.a.O., Art. 43 Rz. 114 m.H.).
Vorliegend sind eine Mahnung der Beschwerdeführerin sowie die
Einräumung einer Bedenkzeit unterblieben. Die Beschwerdegegnerin
behandelte den Antrag der Beschwerdeführerin vom 16. Juni 2020 um
Ausrichtung der Verzugszinsen als Einsprache gegen die Verfügung vom
4. Mai 2020, womit der Beschwerdeführerin die AHV-Rente zugesprochen
worden war, und erliess am 25. Juni 2020 ohne Weiterungen den
(angefochtenen) Einspracheentscheid (vgl. Bg-act. 25, 33 f.). Dass ihr
Antrag als Einsprache gegen die Verfügung über die AHV-Rente
betrachtet wurde, wird von der Beschwerdeführerin nicht gerügt, so dass
sich weitere Ausführungen dazu erübrigen. Zu Recht hingegen rügt die
Beschwerdeführerin, dass vor Erlass des angefochtenen Entscheids kein
Mahn- und Bedenkzeitverfahren durchgeführt und stattdessen direkt
gestützt auf die Akten entschieden wurde, geht es doch vorliegendenfalls
gerade darum, dass der Beschwerdeführerin vorgeworfen wird, ihren
Auskunfts- und Mitwirkungspflichten im Sinne von Art. 43 Abs. 3 Satz 1
ATSG in unentschuldbarer Weise nicht nachgekommen zu sein. Der
Einspracheentscheid vom 25. Juni 2020 erweist sich daher als
rechtswidrig, so dass er aufzuheben ist.
4.6.1. Nach dem Wortlaut von Art. 26 Abs. 2 ATSG richtet sich der Beginn des
Zinslaufs nach der Entstehung des Anspruchs bzw. dessen
Geltendmachung. Nach Rechtsprechung und Lehre handelt es sich dabei
um einen Fälligkeitstermin, womit die Verzugszinspflicht zwei Jahre nach
Entstehung des Leistungsanspruchs beginnt. Der Sinn der 24–Monatsfrist
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liegt darin, der Versicherung einen gewissen Zeitraum für Abklärungen zu
gewähren, innert welchem sie noch keine Verzugszinsen bezahlen muss
(vgl. BGE 137 V 273 E.4.4 und 5 = Pra 101 (2012) Nr. 13, BGE 133 V 9
E.3.6; DOLF, a.a.O., Art. 26 Rz. 32; KIESER, a.a.O., Art. 26 Rz. 46 f.). Bei
periodischen Renten beginnt die Verzugszinspflicht zwei Jahre nach
Beginn der Rentenberechtigung als solcher, nicht erst jeweils zwei Jahre
nach Fälligkeit jeder einzelnen Monatsrente (vgl. BGE 133 V 9 E.3.6;
DOLF, a.a.O., Art. 26 Rz. 34; KIESER, a.a.O., Art. 26 Rz. 48 f.). Anspruch
auf eine Altersrente haben Frauen, welche das 64. Altersjahr vollendet
haben (Art. 21 Abs. 1 lit. b AHVG), der Anspruch auf die Altersrente
entsteht am ersten Tag des Monats, welcher der Vollendung des gemäss
Absatz 1 massgebenden Altersjahres folgt (Art. 21 Abs. 2 AHVG). Eine
Verletzung der Mitwirkungspflicht hindert dann den Beginn der
Verzugszinsen, wenn die Verletzung einerseits kausal für die
Verfahrensverzögerung ist und andererseits auf das Verhalten des
Versicherten selbst oder der leistungsbeanspruchenden Person
zurückzuführen ist (vgl. BBl 1999, 4578). Der Lauf der Verzugszinsen wird
dadurch nur gehemmt, der Zinsanspruch an sich jedoch nicht aufgehoben
(KIESER, a.a.O., Art. 26 Rz. 62 m.w.H).
4.6.2. Der anwendbare Zinssatz von 5 % ergibt sich aus Art. 7 Abs. 1 der
Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSV; SR 830.11) sowie aus Art. 42 der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVV; SR 831.101).
4.6.3. Aufgrund der vorstehenden Ausführungen ist festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin ab dem 1. März 2014 (24 Monate nach Beginn des
AHV-Rentenanspruchs) Anspruch auf Verzugszins von 5 % auf ihre
Altersrente gemäss Art. 26 Abs. 2 ATSG hat.
Zu beachten gilt es dabei aber, dass der Versicherungsträger dann keinen
Verzugszins schuldet, wenn die betroffene Person keinen Schaden erlitten
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hat, weil ihr die ausstehenden Mittel von anderer Seite zur Verfügung
gestellt worden sind. Dies ist dann der Fall, wenn Dritte (Arbeitgeber,
öffentliche oder private Fürsorge, Haftpflichtversicherung)
Vorschusszahlungen unter Abtretung der Nachzahlungsforderung leisten,
wenn andere Sozialversicherungen (Kranken-, Unfall-, Militär-,
Arbeitslosenversicherung) Vorleistungen im Sinne von Art. 70 ATSG
erbringen oder wenn Durchführungsstellen der AHV/IV oder der EL
Vorleistungen erbringen (vgl. Wegleitung über die Renten (RWL) in der
Eidgenössischen Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung des
Bundesamtes für Sozialversicherungen BSV, Stand 1. Januar 2021,
Rz. 10503 ff., 10508, ersichtlich unter:
https://sozialversicherungen.admin.ch/de/d/6857/download; besucht am
5. Oktober 2021).
5.1. Gemäss aArt. 61 lit. a ATSG in Verbindung mit Art. 82a ATSG
(Übergangsbestimmung zur Änderung vom 21. Juni 2019) ist das
kantonale Beschwerdeverfahren in Sozialversicherungssachen – ausser
bei leichtsinniger oder mutwilliger Prozessführung – kostenlos, weshalb
vorliegend keine Kosten erhoben werden.
5.2. Nach Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Person
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da die obsiegende
Beschwerdeführerin nicht anwaltlich vertreten ist, steht ihr praxisgemäss
keine Parteientschädigung zu, eine solche hat sie zudem auch nicht
beantragt.
https://sozialversicherungen.admin.ch/de/d/6857/download
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