Decision ID: 530a3913-fa8e-5bdf-83e9-64372d494011
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
1960, war seit dem 28. August
1987 mit
Y._
verheiratet,
welche
am 23. Juni 1991 verstarb (Urk. 2/1, Urk. 1 S. 2).
Infolgedessen
bezog
X._
a
b dem 24. Juni 1991 eine Ehegattenrente der Eidgenössischen Versicherungskasse (EVK
,
Urk. 2/2).
Mit Schreiben vom 15. Juni und vom 13. Juli 2020 forderte die Pensionskasse des Bundes PUBLICA (
nachfol
gend: PUBLICA
), als
Rechtsnachfolgerin der EVK
,
X._
auf,
zur Überprüfung seines Dossiers
einen Personenstandsausweis einzureichen (Urk. 2/3-4).
Nachdem eine
am 5. August 2020
vorgenommene telefonische Anfrage bei der Einwohner
kontrolle
Z._
ergeben hatte
, dass
X._
seit dem 31. Mai 1996
wieder
verheiratet
war
,
stellte die PUBLICA die Rentenzahlungen ein
(Urk. 2/5) und for
derte
m
it Schreiben vom 17. August 2020 die Rückerstattung der in der Zeit vom 1. August 2010 bis am 31. Juli 2020 ausgerichteten
Rentenbetreffnisse
im Ge
samtbetrag von Fr. 86'046.-- (Urk. 2/6).
Nachdem
X._
der Aufforderung zur Rückerstattung auch nach zweimaliger Mahnung (Urk. 2/8-9) keine Folge geleis
tet hatte, leitete die
PUBLICA
am 24. Februar 2021 eine Betreibung über Fr. 86'046.-- zuzüglich 5 % Zins seit dem 17. August 2020 ein (Urk. 2/10).
X._
erhob am 1. März 2021 Rechtsvorschlag (Urk. 2/10).
2.
Am 9. April 2021 erhob die
PUBLICA
Klage gegen
X._
und stellte folgendes Rechtsbegehren (Urk. 1 S. 2):
«1.
Der Beklagte sei zu verurteilen, der Klägerin den Betrag von Fr. 86'046
(zuzüglich Zins) zurückzubezahlen.
2.
Der gegen den Zahlungsbefehl des Betreibungsamtes Winterthur in
der Betreibung Nr.
...
am 1. März 2021 vom Beklagten erhobene
Rechtsvorschlag sei zu beseitigen.
u
nter Kostenfolge»
Mit Klageantwort vom 8. Mai 2021
schloss
X._
sinngemäss
auf
Abweisung der Klage (Urk. 5).
Die Klageantwort wird der Klägerin zusammen mit dem
vor
liegenden Urteil zugestellt.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die
Klägerin brachte zur Begründung ihrer Klage vor (Urk. 1),
sie habe
von der Heirat des Beklagten im Mai 1996
keine Kenntnis erhalten.
Der seither ruhende Anspruch des Beklagten auf eine Ehegattenrente
sei
am 1. Juni 2003 erloschen.
Da der Beklagte
gegenüber der Klägerin
seit vielen Jahren keinen Anspruch auf
eine
Ehegattenrente
m
ehr gehabt habe, seien die ausgerichteten
Rentenbetreff
nisse
zu Unrecht ausbezahlt worden und
entsprechend
zurückzuerstatten. Dadurch, dass der Beklagte seine Heirat nicht gemeldet habe, obwohl er auf der Rückseite des Rentenbescheides vom 1. August 1991 ausdrücklich auf seine dies
bezügliche Meldepflicht aufmerksam gemacht worden sei, habe er eine unent
schuldbare Unterlassung begangen, mit dem Zweck,
sich
einen recht
swidrigen Vorteil
zu verschaffen
. D
ies
habe
zur Folge, dass die zu Unrecht ausgerichteten Leistungen nicht bloss für fünf, sondern für zehn Jahre zurückgefordert werden könnten.
1.2
Der Beklagte führte dem
gegenüber aus (Urk. 5), er habe der EVK im März 1996 brieflich mitgeteilt, dass er am 31. Mai 1996 wieder heiraten werde. Daraufhin habe er einen Brief von der EVK erhalten, seither aber nie mehr etwas von der EVK beziehungsweise der
PUBLICA
gehört. Es sei ihm nie bewusst gewesen, wie lange diese Pensionszahlung andauern werde.
Den geforderten Betrag könne er nicht bezahlen, er hoffe auf
die
Vereinbarung einer Ratenzahlung
.
2.
2.
1
Gemäss Art. 34 Abs. 4
der Verordnung über die Pensionskasse des Bundes vo
m 24. August 1994 (PKB-Statuten,
AS 1995 533)
bleibt dem überlebenden Ehegat
ten der Anspruch auf eine Ehegattenrente im Falle der Heirat gewahrt; dieser ruht jedoch wäh
rend der Dauer der neuen Ehe. Der Wiederverheiratete kann sich für seinen Rentenanspruch durch eine Kapitalabfindung im Betrag von drei Jahres
renten auskaufen lassen. Er muss das Begehren um
Auskauf
innert einem Jahr nach der Heirat einreichen
.
2.2
Art. 73 Abs. 5 der
ab
1.
Juni 2003 zur Anwendung gelangenden
Verordnung über die Versicherung im
Kernplan
der Pensionskasse des Bundes vom 25. April 2001 (PKBV 1
,
SR 172.222.034.1
) statuiert das Erlöschen eines
gestützt auf Art. 34 Abs.
4 der PKB-Statuten infolge Wiederverheiratung des überlebenden Ehegatten
ruhenden Rentenanspruchs
am Tag des Übertritts
in die PUBLICA
. Ist die Fri
st von einem Jahr gemäss Art. 34 Abs.
4 der PKB-Statuten noch nicht abgelaufen, so kann der überlebende Ehegatte oder die überlebende Ehegattin das Begehren um
Auskauf
des
Rentenanspruches
stellen.
2.3
Wer eine Leistung von PUBLICA entgegennimmt, auf die er oder sie keinen An
spruch hat, muss sie samt Zinsen (Anhang 1 Ziff. 4) zurückerstatten. In Härtefäl
len oder aus verwaltungsökonomischen Gründen kann PUBLICA auf die Rück
forderung von Leistungen ganz oder teilweise verzichten. Die Kassenkommission
regelt die Einzelheiten in einem Härtefallreglement (Art. 72 des Vorsorgeregle
ment
s für die Angestellten und die Rentenbeziehenden des Vorsorgewerks Bund vom 15. Juni 2007
[VRAB,
SR 172.220.141.1])
. Die Verjährung von Rückforde
rungsansprüchen richtet sich nach Art. 35a
des
Bundesgesetz
es
über die berufli
che Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG
,
Art. 73 Abs. 2 VRAB).
2.4
Gemäss Art. 35a Abs. 1 BVG
sind unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzu
erstatten. Von der Rückforderung kann abgesehen werden, wenn der Leistungs
e
mpfänger gutgläubig war und die
Rückforderung zu einer grossen
Härte führt. Der Rückforderungsanspruch
erlischt drei Jahre, nachdem die
Vorsorgeeinrich
tung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber
fünf Jahre seit der
Au
szahlung der Leistung
. Wird der Rückforderungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet, für welche das Strafrecht eine längere Verjährungsfrist festsetzt, so ist diese Frist massgebend
(Art. 35a
Abs. 2 BVG).
Art. 35a BVG ist auch im Be
reich der weiter
gehenden Vorsorge anwendbar (Art. 49 Abs. 2 Ziff. 4 BVG).
2.
5
Eine Leist
ung, die ohne rechtlichen Grund erbracht
wurde, erfüllt das Tatbe
standsmerkmal de
r Unrechtmässigkeit in Art. 35a
Abs. 1 BVG. Der Verstoss ge
gen ei
n gesetzliches Verbot durch die Vorsorgeeinrichtung
oder ein subjektives Unrechtsbewusstsein auf Seiten des Leistungsempfängers sind nicht erforderlich. Unter anderem können sich unrechtmässige Auszahlungen aus Berechnungsfeh
lern, unzutreffender Schätzung des In
validitätsgrades, rückwirkender
Renten
revision, nachträglich festgestellter Anzeigepflichtverl
etzung,
nachträglich f
est
gestellter Überentschädigung und Wiederverheiratung ergeben (
Kahil
-Wolff Hummer, in: Schneider/Geiser/
Gächter
,
Kommentar zum schweizerischen S
ozial
versicherungsrecht [KOSS], BVG und FZG,
2. Auflage, Bern 2019, N 6 zu Art. 35a mit weiteren Hinweisen).
3.
3.1
Vorliegend bezog der Beklagte infolge des Hinschieds seiner Ehefrau seit dem 24. Juni 1991 eine E
hegattenrente
der EVK
(Urk. 2/2)
. A
m 31. Mai 1996
heiratete er
erneut (Urk. 2/5). In Anwendung der in diesem Zeitpunkt gültigen PKB-Statuten
ruhte sein Rentenanspruch während der Dauer der neuen Ehe (Art. 34 Abs. 4 PKB-Statuten, E. 2.1). Mit Übertritt in die PUBLICA
per
1.
Juni 2003
er
losch sein Rentenanspruch (Art. 73 Abs. 5
PKBV 1
, E. 2.2
; vgl. auch Art. 66 Abs. 1 PKBV 1
).
Dementsprechend verfügte
der Beklagte nach dem 31. Mai 1996
über keinen Rentenanspruch
gegenüber der Klägerin
mehr. Die seither
erbrachten
Rentenleistungen der Klägerin
wurden demzufolge zu Unrecht ausgerichtet
, was auch vom Beklagten nicht in Abrede gestellt
wird
(vgl. Urk. 5).
G
estützt auf
Art. 35a BVG
und Art. 72 VRAB
ist er
grundsätzlich zur Rückerstattung
der
un
rechtmässig
empfangenen Leistung
en
verpflichtet
(E. 2.3-2.4
).
Zu klären ist in
dessen, inwieweit
der
Rückforderungsanspruch
der
Klägerin
noch durchsetzbar
beziehungsweise bereits verjährt
ist.
3.2
Die Klägerin
erachtet vorliegend –
i
n Abweichung von Art. 35a Abs. 2 BVG
–
eine Verjährungsfrist von 10 Jahren als anwendbar
und verweist in diesem Zu
sammenhang auf das
Urteil des Bundesgerichts 9C
_399/2013 vom 30. November 2013 (
Urk. 1 S. 5
)
.
Darin sprach das
Bundesgericht der Fünfjahresfrist von Art. 35a Abs. 2 BVG in denjenigen Konstellationen eine eigenständige Bedeutung ab, in welchen ein Leistungsbezüger seine Meldepflicht qualifiziert, das heisst im Sinne einer unentschuldbaren Unterlassung
,
verletzt hat. In einem solchen Fall häng
e
der Eintritt der Fälligkeit
der einzelnen
Rückforderungsbetreffnisse
aus
nahmsweise vom anrechenbaren
Wissen des Gläubigers um die Grundlagen der Forderungen ab
. Bei Bejahung einer qualifizierten Meldepflichtverletzung und andauernd unverschuldeter fehlender Kenntnis der Vorsorgeeinrichtung über den Rü
ckerstattungstatbestand verjähre
das einzelne
Rückforderungsbetreffnis
jeden
falls
zehn Jahre nach seinem (virtuellen) Entstehen
(Urteil des Bundesgerichts 9C_399/2013 vom 30. November 2013 E. 3.2.2 mit Hinweisen)
.
Dem betreffenden Urteil lag die Konstellation zugrunde, dass
es die versicherte Person unterlassen
hatte
, erhebliche Einkünfte gegenüber der Invalidenversicherung zu deklarieren,
was die Ausrichtung von zu hohen Rentenleistungen auch der
Vorsorgeeinrich
tung zur Folge hatte.
Das Bundesgericht klassifizierte d
ieses Verhalten als quali
fizierte Verletzung der Meldepflicht gegenüber der Vorsorgeeinrichtung
(Urteil des Bundesgerichts 9C_399/2013 vom 30. November 2013 E.
3.2.1-3.2.2
mit Hin
weisen).
Das vom Beklagten im vorliegenden Fall an den Tag gelegte Verhalten
ist mit demjenigen der versicherten Person
im zitierten Entscheid
zumindest ver
gleichbar: D
er
Beklagte hat der
Klägerin die Änderung seines Zivilstandes nicht angezeigt und dadurch die Weiterausrichtung der Ehegattenrente bewirkt
.
D
ie zitierte bundesgerichtliche Rechtsprechung
erweist sich damit
für den vorliegen
den Fall als einschlägig
und die Anwendung einer zehnjährigen Verjährungsfrist als gerechtfertigt
.
Soweit der
Beklagte
ausführt, es sei ihm nicht bewusst gewesen, wie lange die Pensionszahlungen ausgerichtet würden
(E. 1
.2), ist anzumerken, dass er im Rentenbescheid
der EVK
vom 1. August 1991 auf seine Meldepflicht hingewiesen
worden war
(Urk. 2/2)
und ein subjektives Unrechtsbewusstsein für eine Rückforderung gemäss Art. 35a BVG sodann
ohnehin
nicht vorausgesetzt wird
(E. 2
.5).
Seine
Behauptung, er
habe
der EVK im März 1996 per Brief mitge
teilt, dass er am 31. Mai 1996
wieder heiraten werde (E. 1.2)
,
stützt
d
er
Beklagte
lediglich auf eine seinerseits verfasste handschriftliche Notiz (Urk. 6), welche eine
solche Meldung nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlich
keit zu belegen vermag.
Dementsprechend ist dem Beklagten
eine
qualifizierte Verletzung seiner Meldepflicht
vorzuhalten
und verjähren die einzelnen
Rückfor
derungsbetreffnisse
10 Jahre nach
dem Zeitpunkt ihres
(
virtuellen
)
Entstehen
s
(Urteil des Bundesgerichts 9C_399/2013 vom 30. November 2013 E. 3.2.2 mit Hinweisen)
.
Vorliegend erhielt die Klägerin am 5. August 2020 Kenntnis
davon
, dass der Be
klagte seit dem 31. Mai 1996 wiederverheiratet ist und seither über keinen Ren
tenanspruch mehr verfügt (Urk. 2/5).
Da
ihr die Grundlagen ihrer Rückforderung
erst ab diesem Zeitpunkt
bekannt waren, sind d
ie von ihr eingeklagten, in der Zeitspanne
vom 1. August 2010 bis am 31. Juli 2020 ausgerichteten
,
Rentenbe
treffnisse
noch nicht verjährt. Der eingeklagte Betrag von Fr. 86'046.--
ist anhand der Akten ausgewiesen (Urk. 2/7) und
blieb
vom Beklagten
un
bestritten.
Entspre
chend ist der
Beklagte zur Rückerstattung
von Fr. 86'046.--
an die Klägerin
ver
pflichtet
.
3.
3
Darüber hinaus verlangt die Klägerin Zins in unbezifferter Höhe
(Urk. 1 S. 2)
.
Nach Art. 75 des Obligationenrechts (OR)
wird die Forderung
sofort
fällig, doch erst mit der Mahnung des Gläubigers wird der Schuldner in Verzug gesetzt (Art. 102 Abs. 1 OR).
Aus den Akten geht hervor, dass
die Klägerin den Beklagten am 17. August 2020 zur Rückerstattung des eingeklagten Betrages aufforderte (Urk. 2/6).
A
b diesem Zeitpunkt
befand sich der Beklagte
in Verzug
.
A
uf dem
zurückzube
z
ahlenden
Betrag von Fr. 86’046.--
ist somit
ein reglementarischer Verzugszins von 2 % (Art. 72 Abs. 1 VRAB
i.V.m
.
Anhang
1 Ziff. 4 VRAB) ab dem 17. August 2020 zuzusprechen.
3.4
Soweit der Beklagte
ausführt
, er könne den geforderten Betrag nicht bezahlen (E. 1.2),
ist
er auf die Möglichkeit
hinzuweisen
, bei der Klägerin ein Erlassgesuch zu stellen
, wenn er nachweisen kann, dass
bei ihm ein Härtefall im Sinne von
Art. 72 Abs. 2 VRAB und dem dazugehörigen Härtefallreglement vorliegt
(vgl.
auch
Art. 35a Abs. 1
Satz 2
BVG
).
3.5
Der Beklagte ist demnach in Gutheissung der Klage zu verpflichten, der Klägerin Fr. 86'046.-- zuzüglich Zins zu 2 % seit dem 17. August 2020 zu bezahlen und der in der Betreibung Nr.
... des Betreibungsamts Winterthur
erhobene Rechtsvorschlag (Zahlungsbefehl vom 24. Februar 2021) ist
in diesem Umfang
aufzuheben.
4.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 73 Abs. 2 BVG).
Die
Klägerin
verzichtete
in ihrer Funktion als Trägerin
der beruflichen Vorsorge
richtigerweise darauf,
eine
Pro
zessentschädigung
zu
beantragen
(BGE 128 V 133 E. 5b, 126 V 143 E. 4a mit Hinweis).