Decision ID: 985aa86d-dd01-4938-a216-5070014fb3ab
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 8. Juli 2022 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass er am 27. Juni 2022 in Italien aufgegriffen und
daktyloskopiert worden war.
C.
Am 15. Juli 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zugewie-
sene Rechtsvertretung.
D.
D.a Beim Dublin-Gespräch vom 20. Juli 2022 (Akten der Vorinstanz [SEM-
act.] 13/3) machte er geltend, er habe Libyen vor circa eineinhalb Monaten
über das Meer illegal verlassen und sei seither nie mehr dorthin zurückge-
kehrt. Ende Juni sei er mit dem Boot nach Italien gelangt. Er sei einen Tag
lang auf dem Meer gewesen, bevor er von einem Schiff der italienischen
Behörden gerettet worden sei. Am 27. Juni 2022 habe er in E._
seine Fingerabdrücke abgegeben. Bei der Einreise habe er seine Führer-
scheine für PW und LKW sowie seinen Geburtsschein im Original bei sich
gehabt, welche ihm die italienischen Behörden weggenommen hätten, als
er noch auf dem Schiff gewesen sei. Beim Verlassen des Schiffes habe er
diese Dokumente zurückerhalten. Sie seien ihm aber später von der Polizei
in F._ zusammen mit 800 Euro wieder weggenommen worden. Mit
dem Zug sei er bis zur Schweizer Grenze gefahren und habe einen Tag
nach der illegalen Einreise in die Schweiz ein Asylgesuch gestellt. Zwei
Tage vor der Einreise in die Schweiz habe er versucht, nach G._ zu
gelangen. Er sei aber von der (...) Polizei erwischt und nach Italien zurück-
geschickt worden. Bisher sei er nur in der Schweiz, Italien und G._
erkennungsdienstlich erfasst worden. Derzeit habe er weder einen Aufent-
haltstitel noch ein Visum für ein anderes Land. Er habe auch ausser in der
Schweiz nirgendwo sonst um Asyl nachgesucht. In Italien habe er wegen
der Afrikaner im Camp kein Asylgesuch gestellt.
D.b Im Rahmen des ihm von der Vorinstanz gleichzeitig gewährten rechtli-
chen Gehörs zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und
zu einem Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
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(SR 142.31) führte der Beschwerdeführer aus, er könne nicht dorthin zu-
rückkehren, weil es im Camp, wo er gewesen sei, viele Afrikaner gegeben
habe. Diese hätten gewusst, dass er Libyer sei. Sie hätten ihn immer be-
droht, sich an ihm rächen wollen und ihn körperlich angegriffen. Eines
nachts seien zwei betrunkene Afrikaner zu ihm gekommen, hätten ihn als
Libyer beschimpft, am Hals gepackt und geschlagen. Er habe diesen Vor-
fall bei den Behörden nicht angezeigt, da es dort keine Behörden geben
würde. Die Afrikaner beherrschten das Camp. Dieses sei isoliert gewesen.
Es gebe nur einen Italiener, der aber lediglich einmal pro Tag ins Camp
gekommen sei. Er habe den Fall weder bei diesem Italiener noch bei der
italienischen Polizei angezeigt.
E.
Gestützt auf den Eurodac-Treffer ersuchte die Vorinstanz am 20. Juli 2022
die italienischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers im
Sinne von Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin-III-VO).
Die italienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert der
festgelegten Frist unbeantwortet.
F.
Mit Verfügung vom 24. November 2022 – eröffnet am 28. November 2022
(vgl. Empfangsbestätigung [SEM-act. 38/1]) – trat das SEM in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Italien, forderte ihn – unter
Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, beauftragte den Kanton
H._ mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Beschwerde-
führer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und
stellte fest, eine allfällige Beschwerde gegen die Verfügung habe keine auf-
schiebende Wirkung.
G.
Am 28. November 2022 erklärte die zugewiesene Rechtsvertretung das
Mandat mit sofortiger Wirkung als beendet. Der Beschwerdeführer wurde
über die Gründe der Niederlegung – die Aussichtslosigkeit einer Be-
schwerde (Art. 102h Abs. 4 AsylG) – informiert.
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H.
Mit Eingabe vom 1. Dezember 2022 (Poststempel tags darauf) erhob der
Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und be-
antragte, die Verfügung des SEM sei aufzuheben. Die Flüchtlingseigen-
schaft sei anzuerkennen und es sei Asyl zu gewähren. Es sei festzustellen,
dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich
sei und die vorläufige Aufnahme sei anzuordnen. Es sei die unentgeltliche
Prozessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten und ein amtlicher Rechtsbeistand einzusetzen. Eventualiter
sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen.
I.
Die Instruktionsrichterin setzte am 5. Dezember 2022 gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist somit – unter Vorbehalt der nachfol-
genden Erwägung 2.2. – einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Daher ist auf die Rechtsbegehren betreffend
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Gewährung von Asyl und der vor-
läufigen Aufnahme nicht einzutreten.
2.3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie-
gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche,
weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge), wie
das vorliegende eines ist, sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO)
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genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierar-
chie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwen-
den, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller
erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen
(Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser
Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann kein anderer Staat bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prü-
fende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO).
3.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre. Stehen völkerrechtliche Vollzugshinder-
nisse einer Überstellung entgegen, ist ein Selbsteintritt zwingend.
4.
In der Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer geltend, er fühle
sich in Italien, wo es viele Libyer gebe, nicht sicher. Er sei Soldat in (...)
von I._ gewesen. Im Weiteren habe Italien auf das Übernahmeer-
suchen der Schweiz nicht geantwortet.
5.
Ein Abgleich mit der Zentraleinheit Eurodac ergab, dass der Beschwerde-
führer am 27. Juni 2022 in Italien daktyloskopiert worden war. Das SEM
ersuchte deshalb die italienischen Behörden am 20. Juli 2022 um dessen
Übernahme im Sinne von Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO. Die italienischen Be-
hörden liessen das Ersuchen innert der festgelegten Frist unbeantwortet,
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womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7
Dublin-III-VO). Vor diesem Hintergrund ist das SEM zu Recht von der Zu-
ständigkeit Italiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver-
fahrens des Beschwerdeführers ausgegangen. Dass er bisher in Italien
kein Asylgesuch eingereicht hat, ist damit nicht von Belang.
Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind die dargelegten Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers nicht geeignet, an der Zuständigkeit Italiens
etwas zu ändern. Sie begründen auch keinen Anlass zur Ausübung des
Selbsteintrittsrechts der Schweiz (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO,
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1).
6.
6.1. Italien ist Vertragsstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben. Das italienische Asylverfahren und Aufnahmesys-
tem weisen demnach keine systemischen Mängel auf (vgl. Referenzurteil
des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9.1 mit Hinweis auf Re-
ferenzurteil des BVGer E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3 und
Urteil des BVGer E-685/2021 vom 23. Februar 2021 E. 6).
6.2. Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die italienischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen
und in der Folge seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien würde in seinem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet wäre oder in dem er Gefahr lau-
fen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Die
Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein, kann
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im Einzelfall widerlegt werden. Wie soeben erwähnt, bedarf es hierfür aber
konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffenen
glaubhaft darzutun sind (vgl. Urteil des BVGer E-937/2020 vom 24. Februar
2020 E. 5.4 m.H.).
6.3. Der Beschwerdeführer hat nicht geltend gemacht, die ihn bei einer
Rückführung erwartenden Bedingungen in Italien seien derart schlecht,
dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könn-
ten. Im Weiteren gibt es auch keine konkreten Hinweise für die Annahme,
Italien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehen-
den minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen
vorübergehenden Einschränkung steht es ihm offen, sich an die entspre-
chenden italienischen Behörden zu wenden und die ihm zustehenden Auf-
nahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnah-
merichtlinie). Das italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende und Per-
sonen mit Schutzstatus steht zwar in der Kritik. Das Bundesverwaltungs-
gericht ist aber im Referenzurteil E-962/2019 zum Schluss gelangt, selbst
nach Erlass und Umsetzung des «Salvini-Dekrets» sei das Vorliegen sys-
temischer Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO,
welche die staatliche Unterstützung Italiens und dessen Einrichtungen für
Asylsuchende betreffen, zu verneinen (vgl. ausführlich E. 6.1 – 6.4 des er-
wähnten Referenzurteils sowie etwa Urteile des BVGer F-444/2021 vom
8. Februar 2021 E. 5; F-5083/2020 vom 22. Oktober 2020 E. 4;
F-5058/2020 vom 20. Oktober 2020 E. 4; F-4584/2020 vom 17. September
2020 E. 5.2 und D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.1). Am 20. Dezember
2020 ist zudem das Umwandlungsgesetz Nr. 173/2020 zum Gesetzesdek-
ret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2020 in Kraft getreten. Letzteres sieht
eine umfassende Reform des Aufnahmesystems für Asylsuchende in Ita-
lien vor, indem zentrale Bestimmungen des «Salvini-Dekrets» geändert
und ein engverflochtenes Aufnahme- und Integrationssystem implemen-
tiert wurden. Das neue Aufnahmesystem ist vergleichbar mit jenem, das
vor Erlass des «Salvini-Dekrets» bestanden hatte. Die Asylsuchenden wer-
den für den Identifikationsprozess und die Gesundheitsuntersuchungen
zur Feststellung allfälliger Schutzbedürftigkeit in Erstaufnahmezentren
oder CAS untergebracht. Für das weitere Asylverfahren werden sie in das
Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integra-
zione) überführt. Das Zweitaufnahmesystem SAI, welches das SIPROIMI
(Sistema di protezione per titolari di protezione internazionale e minori stra-
nieri non accompagnati) ablöst, bedeutet eine Rückkehr von einem zentra-
lisierten und sicherheitsorientierten Ansatz der öffentlichen Aufnahmezen-
tren hin zu einem von lokalen Behörden verwalteten, dezentralisierten und
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flächendeckenden Aufnahmesystem, ähnlich dem einstigen SPRAR (Sis-
tema di protezione per richiedenti asilo e rifugiati). Das SAI steht wieder
allen Asylsuchenden, also auch den im Rahmen des Dublin-Verfahrens
nach Italien überstellten Personen, offen. Ziel des SAI ist es, die Asylsu-
chenden zu betreuen und den schutzbedürftigen Asylsuchenden, insbe-
sondere Familien, Dienstleistungen anzubieten, die auf ihre Bedürfnisse
zugeschnitten sind. Des Weiteren ermöglicht das Gesetzesdekret
Nr. 130/2020 den Asylsuchenden wieder, sich im kommunalen Einwohner-
register eintragen zu lassen (Art. 3). Mit der Registrierung erhalten sie ei-
nen Ausländerausweis, der ihnen den Zugang zu den regionalen Dienst-
leistungen, wie beispielsweise der medizinischen Versorgung, erleichtert
(vgl. ausführlich Referenzurteil F-6330/2020 E. 10.5). Im Januar 2021 um-
fasste das SAI 30'049 Unterbringungsplätze und 760 Projekte (vgl. a.a.O.,
E. 11.1). Ausserdem ist darauf hinzuweisen, dass Italien über eine funktio-
nierende Polizeibehörde verfügt, die sowohl als schutzwillig wie auch als
schutzfähig gilt. Sollte der Beschwerdeführer sich in Italien vor Übergriffen
durch Drittpersonen fürchten oder sogar solche erleiden, so steht es ihm
frei, sich an die zuständigen staatlichen Stellen zu wenden, was er gemäss
eigenen Angaben bislang nicht getan hat. Ebenso hat er die Möglichkeit,
bei allfälligen weiteren Schwierigkeiten die dafür zuständigen Behörden
beziehungsweise die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontak-
tieren. Was seine Asylgründe anbelangt, so kann er diese bei den für sein
Asyl- und Wegweisungsverfahren zuständigen italienischen Behörden vor-
bringen.
6.4. Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt. Es sind ferner auch keine individuellen völkerrechtli-
chen Überstellungshindernisse gegeben.
7.
7.1. Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 20. Juli 2022 wurde der Be-
schwerdeführer auch zum medizinischen Sachverhalt befragt. Er erklärte
diesbezüglich, er sei gesund.
7.2. Wie dem Arztbericht vom 29. Juli 2022 zu entnehmen ist, musste der
Beschwerdeführer wegen einer bei einer Schlägerei erlittenen enoralen
Rissquetschwunde an der rechten Seite der Oberlippe behandelt werden.
Die Wunde wurde genäht und ihm wurde ein Schmerzmittel verabreicht. Im
Weiteren wurde eine Computertomographie des Schädels durchgeführt,
welche weder Traumafolgen, Frakturen noch intracerebrale Blutungen
ergab. Insoweit besteht kein weiterer Behandlungsbedarf.
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7.3. Aus dem Arztbericht vom 25. August 2022 ergibt sich, dass der Be-
schwerdeführer angab, er habe vor zwei Jahren eine Schussverletzung am
linken Unterschenkel erlitten und deswegen in Libyen Pregabalin verordnet
bekommen. Er nehme seit dann dieses Medikament und benötige es wie-
der. Als Massnahme wurde ihm bis auf Weiteres Pregabalin in der bisheri-
gen Dosierung verschrieben.
7.4. Die vorliegenden gesundheitlichen Probleme stellen kein völkerrecht-
liches Vollzugshindernis im Sinne von Art. 3 EMRK dar, welches zwingend
zu einem Selbsteintritt führen müsste. Italien verfügt grundsätzlich über
eine ausreichende medizinische Infrastruktur (vgl. etwa Urteil des BVGer
F-2715/2021 vom 11. März 2022 E. 9 m.H.) und ist gemäss Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizi-
nische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt
erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Stö-
rungen umfasst, zugänglich zu machen. Es liegen keine Anhaltspunkte vor,
wonach dem Beschwerdeführer dort eine adäquate medizinische Behand-
lung verweigert würde. Im Bedarfsfall kann er sich an das dafür zuständige
Fachpersonal wenden. Nach dem Gesagten erweist sich die Überstellung
nach Italien als zulässig.
8.
Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren
Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen. An dieser Einschätzung ver-
mag der Wunsch des Beschwerdeführers, in der Schweiz zu bleiben, nichts
zu ändern. In seinem Fall sind überdies keine Gründe ersichtlich, welche
die Vorinstanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO bezie-
hungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 hätten verpflichten können (vgl. BVGE
2015/9 E. 8).
9.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat seine Überstellung nach Ita-
lien verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde
ist folglich abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
10.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind der Eventualantrag auf
Erteilung der aufschiebenden Wirkung und das Gesuch um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
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Der am 5. Dezember 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegen-
dem Urteil dahin.
11.
11.1. Die Beschwerde ist – wie sich aus den obenstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG unbesehen der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers abzuweisen
ist. Das Gesuch um Einsetzung eines amtlichen Rechtsbeistands im Sinne
von Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG ist mangels Erfüllung der Voraussetzun-
gen von Art. 65 Abs. 1 VwVG ebenfalls abzuweisen.
11.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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