Decision ID: f8ddf9fb-404d-4c43-b170-e7a358b84697
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Oktober 1993 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 3). Er gab an, er habe eine kaufmännische Ausbildung
absolviert. Sein Hausarzt, Dr. med. B._, berichtete im November 1993 (IV-act. 6), der
Versicherte habe ihn erstmals im Mai 1991 konsultiert. Damals habe er sich schon seit
langem in psychiatrischer Behandlung befunden. In den anschliessenden mehr oder
weniger regelmässigen Konsultationen habe der Versicherte ein buntes funktionelles
Beschwerdebild gezeigt. Sämtliche somatischen Abklärungen hätten keinen
pathologischen Befund geliefert. Der behandelnde Psychiater Dr. med. C._ teilte der
IV-Stelle im April 1994 mit (IV-act. 9), der Versicherte leide an Angst- und
Panikstörungen bei einer Persönlichkeit mit vermeidenden und narzisstischen Zügen.
Er befinde sich in einer Identitätskrise, weil er einerseits seinen Beruf nicht selbst,
sondern unter Druck des sehr autoritären und konservativ denkenden Vaters ergriffen
habe und weil er andererseits homosexuell sei, was in seiner Familie ein Tabu sei. Im
Jahr 1990 habe er sich von der Familie getrennt. Der Gesundheitsschaden habe sich
im Verlauf des Jahres 1990 allmählich entwickelt. Die bisherigen Therapieversuche
seien gescheitert. An beruflichen Massnahmen seien eine Berufsberatung und eventuell
eine Umschulung und eine Vermittlung in eine Tätigkeit zu empfehlen, die der
Persönlichkeit des Versicherten entspreche. Nachdem der Versicherte gegenüber
einem Berufsberater der Invalidenversicherung erklärt hatte, dass er sich einen
Berufswechsel nicht zutraue und dass er deshalb selbständig nach einer weniger
anspruchsvollen Tätigkeit im kaufmännischen Bereich suchen wolle (vgl. IV-act. 19),
wurde das Verfahren betreffend berufliche Massnahmen mit einer Verfügung vom 14.
Juli 1995 abgeschlossen (IV-act. 22).
A.a.
Im März 2012 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 23). Er gab an, er leide seit Juni 2011 an einem
A.b.
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Morbus Sudeck. Die Arbeitgeberin berichtete im April 2012 (IV-act. 31), der Versicherte
sei seit August 2007 als Sachbearbeiter in einem Pensum von 80 Prozent angestellt.
Aktuell arbeite er in einem Pensum von 40 Prozent. Der Hausarzt Dr. med. D._ gab
am 20. April 2012 gegenüber Dr. med. E._ vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD) telefonisch an (IV-act. 40–1 f.), er habe den Versicherten schon seit
längerem nicht mehr gesehen. Dieser leide seit Juni 2011 an massiven Schmerzen und
an einer zunehmenden Bewegungseinschränkung des rechten, dominanten Arms vom
Handgelenk bis zur Schulter. Die Ursache sei unklar. Ein Chiropraktor habe einen
Morbus Sudeck diagnostiziert. Der Versicherte könne den rechten Arm maximal noch
bis zur Horizontalen heben. Seit längerem sei er zu 50 Prozent arbeitsunfähig (bezogen
auf sein Pensum von 80 Prozent). Phasenweise sei er auch vollständig arbeitsunfähig
gewesen. Die Tätigkeit als Sachbearbeiter sei ideal leidensadaptiert. In einem
„Assessmentgespräch“ teilte der Versicherte mit (IV-act. 51), er arbeite in einem
Pensum von 80 Prozent, weil er sich dies leisten könne. Im September 2011 sei er
vollständig arbeitsunfähig gewesen. Ab Dezember 2011 habe er wieder zu 50 Prozent
(von 80 Prozent) gearbeitet. Seine effektive Leistung sei aber tiefer, weil er zusätzliche
Pausen benötige. Er könne nicht einmal mehr den Telefonhörer halten, weshalb er mit
einem Head-Set versorgt worden sei. Er könne die Türen nicht mehr selbständig öffnen
und er brauche Hilfe beim Anziehen eines Jacketts. Im Auftrag der
Krankentaggeldversicherung erstellte Dr. med. F._ am 12. Dezember 2012 ein
orthopädisches Gutachten (Fremdakten). Sie hielt fest, der Versicherte leide an
erheblichen Funktionseinschränkungen beider Schultergelenke, an rechts ausgeprägter
als links vorhandenen Funktionseinschränkungen der Ellbogengelenke und der
Handgelenke sowie an einer Fehlstatik der Wirbelsäule. Der Psychiater Dr. med. G._
habe anlässlich einer Rückfrage angegeben, dass eine leichte depressive Episode ohne
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vorliege. Aus orthopädischer Sicht sei wegen des
Verdachts auf eine frozen shoulder-Problematik eine vollständige Arbeitsunfähigkeit für
die nächsten sechs Monate ausgewiesen.
Im Dezember 2013 meldete sich der Versicherte zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung an (IV-act. 78). Er gab an, er benötige eine regelmässige
erhebliche Dritthilfe beim An- und Auskleiden (seit August 2012), beim Essen (seit
September 2012), bei der Körperpflege (seit Juli 2012), beim Verrichten der Notdurft
A.c.
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(seit November 2012) sowie bei der Fortbewegung im Freien (seit Januar 2013). Im
Auftrag der IV-Stelle erstattete die Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH am 2.
September 2014 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 96). Die Sachverständigen
hielten fest, der Versicherte leide an einem Funktions- und Belastungsdefizit des
gesamten rechten Armes, an einem Funktions- und Belastungsdefizit der linken
Schulter, an einer leichten schmerzbedingten kognitiven Beeinträchtigung sowie – ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung, an akzentuierten ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitszügen, an
einem chronischen thoraco-lumbo-spondylogenen Schmerzsyndrom, an einem
chronischen cervico-spondylogenen Schmerzsyndrom, an einer chronischen Hepatitis
B, an einem Morbus Basedow sowie an Übergewicht. Zudem bestehe der Verdacht auf
eine arterielle Hypertonie. Aus somatischer Sicht liessen sich die angegebenen
Beschwerden und Funktionseinschränkungen nur zum Teil begründen. Die
ausgeprägte Invalidisierung mit anamnestischer Hilfsbedürftigkeit sei aus
rheumatologischer Sicht nicht nachvollziehbar. Die Funktionseinschränkungen seien
am ehesten auf die Ruhigstellung zurückzuführen, die zu einer gewissen Versteifung
der Gelenke geführt habe. Bei der neurologischen Untersuchung sei aufgefallen, dass
der Versicherte beim Ankleiden „völlig gezielte“ Bewegungen mit beiden Händen
ausgeführt habe. Aus psychiatrischer Sicht könne keine Diagnose mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit gestellt werden. Zusammenfassend seien körperlich leichte,
adaptierte Tätigkeiten im Vollpensum zumutbar, wobei aufgrund der schmerzbedingten
kognitiven Einschränkung eine Leistungseinbusse von zehn Prozent bestehe. Der
Arbeitsfähigkeitsgrad betrage also 90 Prozent. Zusammenfassend bestehe eine
„deutliche“ Diskrepanz zwischen der Beurteilung und der Selbsteinschätzung. Die
RAD-Ärztin Dr. E._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 97).
Mit einem Vorbescheid vom 23. Oktober 2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit, dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens mangels eines
rentenbegründenden Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 108). Am 18. Dezember 2014
notierte die RAD-Ärztin Dr. med. H._ im Zusammenhang mit der Prüfung des
Begehrens um eine Hilflosenentschädigung (IV-act. 115), unter Berücksichtigung der
aktuellen medizinischen Befunde und der Vorgeschichte leide der Versicherte an einer
schweren psychischen Erkrankung aus dem neurotisch-somatoformen Formenkreis.
A.d.
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Angesichts des langwierigen Krankheitsverlaufs mit einer progredienten Symptomatik
müsse davon ausgegangen werden, dass der Versicherte diese nicht willentlich
beeinflussen könne. Durch die schwere psychische Erkrankung sei der vom
Versicherten angegebene Unterstützungsbedarf im Alltag plausibel begründet. Mit
einer Verfügung vom 22. Januar 2015 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des
Versicherten ab (IV-act. 119). Mit einer Verfügung vom 6. Mai 2015 sprach sie ihm
rückwirkend per 1. Dezember 2012 eine Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren
Grades zu (IV-act. 133).
Bereits am 25. Februar 2015 hatte der Versicherte eine Beschwerde gegen die das
Rentenbegehren abweisende Verfügung vom 22. Januar 2015 erhoben (IV-act. 127).
Noch während des laufenden Beschwerdeverfahrens meldete er sich im Januar 2016
zum Bezug eines Assistenzbeitrages an (IV-act. 138). Eine Sachbearbeiterin der IV-
Stelle ermittelte nach einem Gespräch mit dem Versicherten in dessen Wohnung einen
Assistenzbedarf von 111,91 Stunden pro Monat, wovon 35,71 Stunden durch die
Hilflosenentschädigung und 52,2 Stunden durch Leistungen der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung abgedeckt waren (IV-act. 156). Mit einer Verfügung vom
13. Juni 2016 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1. Januar
2016 einen Assistenzbeitrag für 32,09 Stunden pro Monat zu (IV-act. 162). Mit einem
Entscheid vom 31. Oktober 2017 hob das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
die Rentenverfügung vom 22. Januar 2015 auf (IV 2015/68; vgl. IV-act. 164). Es hielt
fest, das psychiatrische Teilgutachten der ABI GmbH überzeuge nicht, weil es mit der –
mittlerweile aufgegebenen – „Päusbonog“-Rechtsprechung des Bundesgerichtes
begründet worden sei. Zudem hätte die IV-Stelle der ABI GmbH das von Dr. F._
erwähnte psychiatrische Teilgutachten von Dr. G._ zur Verfügung stellen müssen,
das sich nicht bei den Akten befinde. Das rheumatologische Teilgutachten sei nicht
umfassend, weil keine aktuellen bildgebenden Untersuchungen durchgeführt worden
seien. Im Übrigen sei nicht nachvollziehbar, weshalb die IV-Stelle das Rentenbegehren
bei einem Invaliditätsgrad von null Prozent abgewiesen, dem Versicherten aber eine
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades sowie einen Assistenzbeitrag
zugesprochen habe.
A.e.
Die IV-Stelle versuchte in der Folge, das psychiatrische Teilgutachten von
Dr. G._ erhältlich zu machen, was allerdings nicht gelang (IV-act. 175 ff., 192–1 und
A.f.
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195). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die estimed AG am 27. Juni 2019 ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 218). Die Sachverständigen hielten fest,
insbesondere unter Berücksichtigung der Ergebnisse der neurologischen und der
psychiatrischen Begutachtung müsse die im Vordergrund stehende beidseitige
Armparese im Rahmen einer psychogenen respektive funktionellen Störung
beziehungsweise im Rahmen einer dissoziativen Bewegungsstörung gesehen werden.
Nebst dieser dissoziativen Bewegungsstörung lägen eine somatoforme Störung, eine
leichte kognitive Störung sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – ein
schwergradiges obstruktives Schlafapnoesyndrom, eine chronische Hepatitis B, ein
Morbus Basedow, eine arterielle Hypertonie, eine mittelgradige
Aortenklappeninsuffizienz, eine Adipositas, eine anankastisch histrionisch, asthenisch
ängstlich vermeidend strukturierte Persönlichkeitsakzentuierung, eine
Überlastungsarthro- und Tendinopathie der beiden Füsse, ein myofascial betontes
Panvertebralsyndrom und Ekchondrome des linken Humerus vor. Funktionell sei der
Versicherte durch die abhanden gekommene Funktionalität der beiden Arme massivst
eingeschränkt. Das betreffe sowohl den persönlich-privaten als auch den
geschäftlichen Alltag. Inkonsistenzen seien nicht aufgefallen. In den Untersuchungen
habe sich eine leichte Verdeutlichungstendenz gezeigt. Die dissoziative
Bewegungsstörung dürfe nicht mit einer Aggravation oder Simulation verwechselt
werden. Sowohl aus neurologischer als auch aus psychiatrischer Sicht sei für sämtliche
Tätigkeiten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit zu attestieren. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI GmbH sei retrospektiv als illusorisch zu
qualifizieren, da der Versicherte seine Arme für nichts mehr benutzen könne. Allerdings
sei zu berücksichtigen, dass damals noch lediglich der rechte Arm betroffen gewesen
sei. Die Wurzeln der Erkrankung reichten wohl bis in die Kindheit und Jugend des
Versicherten zurück. Im Jahr 2011 möge sich dann ein Seelenschmerz körperlich
manifestiert haben, der sich in einer symbolhaften Handlungsunfähigkeit sowie in einer
Unfähigkeit, dem Vater die Hand zu reichen, gezeigt habe. Zum damaligen Zeitpunkt
hätten allerdings wohl noch die Schmerzen im Vordergrund gestanden. Im weiteren
Verlauf sei es mit dem endgültigen Bruch beziehungsweise der Abwendung des Vaters
zu einer Zunahme der Erkrankung mit der Herausbildung der Symptomatik einer
Konversionsstörung gekommen. Die Verschlimmerung mit dem Erlöschen der
Arbeitsfähigkeit möge auf Dezember 2016, Januar 2017 zu datieren sein. Die RAD-
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Ärztin Dr. med. I._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend; der RAD-Arzt med.
pract. J._ hielt fest (IV-act. 219), das Gutachten enthalte verschiedene Hinweise auf
Inkonsistenzen: Während der neuropsychologischen Testung habe der Versicherte
unvermittelt mit beiden Armen respektive Händen unter seinen Stuhl (Gewicht ca. 5–
7kg) gegriffen, um diesen näher an den Tisch zu rücken; die Serum-
Wirkstoffkonzentration der eingenommenen Psychopharmaka hätten gegen eine
regelmässige Einnahme gesprochen; bei der allgemein-internistischen Untersuchung
seien das Greifen mit den Händen auf der Liege sowie das Abstützen beim Abliegen
und Aufsitzen zu beobachten gewesen; während der rheumatologischen Untersuchung
habe sich der Versicherte zwischendurch schnell bewegt, gewisse Ankleide- und
Ausziehtätigkeiten selbst durchgeführt und dabei einen geschätzt etwas grösseren
Bewegungsumfang als in der eigentlichen Untersuchung gezeigt. Eine Muskelatrophie,
wie sie nach einem angeblich so langen Zeitraum des Nichtbenutzens der Arme und
Hände zu erwarten gewesen wäre, habe nicht festgestellt werden können. Der
Versicherte nehme keine Behandlungen in Anspruch. Offenbar wurde der Versicherte in
der Folge im Auftrag der IV-Stelle observiert; da die Observation den Verdacht, der
Versicherte habe unwahre Angaben gemacht, nicht hatte bestätigen können, ordnete
die IV-Stelle mit einer Verfügung vom 25. März 2020 die Vernichtung der
Observationsergebnisse an (IV-act. 236). Im Juli 2020 notierte der RAD-Arzt J._ (IV-
act. 244), unter Berücksichtigung des Observationsmaterials sei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Versicherte an den vom
psychiatrischen Sachverständigen diagnostizierten psychischen Beeinträchtigungen
leide. Nach der Einschätzung des Sachverständigen seien diese Beeinträchtigungen
gut behandelbar. Bislang habe der Versicherte aber noch keine entsprechende
psychiatrische Behandlung in Anspruch genommen. Ihm sei eine solche Behandlung
aber zumutbar. Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle hatte bereits im Juni 2020 notiert (IV-
act. 246), die vollständige Arbeitsunfähigkeit sei gemäss dem Gutachten der estimed
AG sicher seit Dezember 2016 ausgewiesen. Vermutlich sei der Versicherte seit dem
Jahr 2014 oder 2015 zumindest teilweise arbeitsunfähig gewesen. Der Assistenzbeitrag
sei per 1. Januar 2016 zugesprochen worden. Eine Spitexorganisation habe im Juni
2016 berichtet, dass sie den Versicherten seit August 2015 unterstütze. Der Beginn der
Arbeitsunfähigkeit sei deshalb auf diesen Zeitpunkt festzusetzen. Da der Versicherte
nur zu 80 Prozent erwerbstätig gewesen sei, sei der Invaliditätsgrad anhand der
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B.
sogenannten „gemischten Methode“ zu berechnen. Im Haushalt sei unter
Berücksichtigung der Mithilfe des Lebenspartners von einer Einschränkung von 50
Prozent auszugehen. Der Invaliditätsgrad belaufe sich auf 90 Prozent (= 100% × 80% +
50% × 20%).
Mit einem Vorbescheid vom 7. Juli 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
dass sie die Zusprache einer ganzen Rente mit Wirkung ab dem 1. August 2016
vorsehe (IV-act. 247). Dagegen liess der Versicherte am 24. Juli 2020 einwenden (IV-
act. 252–1 ff.), die Invalidität sei schon wesentlich früher eingetreten. Ihm müsse die
ganze Rente mit Wirkung ab Dezember 2012 zugesprochen werden. Von September
bis Dezember 2011 sei er vollständig arbeitsunfähig gewesen; danach habe er bloss
noch 50 Prozent (von 80 Prozent) arbeiten können. Ab August 2012 sei er nur noch zu
30 Prozent arbeitsfähig gewesen. Die Orthopädin Dr. F._ habe ihm im Dezember
2012 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Seit Dezember 2012 sei er hilflos.
Er habe bereits ab Juli 2012 Spitexleistungen bezogen. Mit einer Verfügung vom 29.
Oktober 2020 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1. August
2016 eine ganze Rente zu (IV-act. 265). Bezugnehmend auf die Einwände des
Versicherten hielt sie fest (IV-act. 260; vgl. auch IV-act. 256), die Arbeitsunfähigkeit sei
gemäss den überzeugenden Ausführungen der Sachverständigen der estimed AG erst
ab dem Jahr 2016 ausgewiesen. Aus Sicht des RAD sei auf diese Ausführungen
abzustellen.
A.g.
Am 27. November 2020 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 29. Oktober 2020 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache mindestens einer halben Rente ab September 2012 und einer ganzen Rente
ab Dezember 2012 sowie eventualiter die Durchführung von weiteren medizinischen
Abklärungen. Zur Begründung führte er aus, der Beschwerdeführer sei seit dem Jahr
2011 arbeitsunfähig und seit Herbst 2012 nicht mehr erwerbstätig. Er habe sich im
März 2012 zum Leistungsbezug angemeldet.
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 12.
Januar 2021 die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an,
B.b.
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die vom Beschwerdeführer behauptete Arbeitsunfähigkeit in der Vergangenheit sei in
den Akten nicht ausgewiesen, wie die RAD-Ärzte J._ und Dr. I._ überzeugend
aufgezeigt hätten.
Der Beschwerdeführer liess am 28. Januar 2021 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 8).
B.c.
Das Versicherungsgericht forderte die estimed AG am 19. Januar 2022 auf
(act. G 11), Stellung zur Frage zu nehmen, ob für die Vergangenheit auf das Gutachten
der ABI GmbH abgestellt werden könne. Es hielt fest, in der Konsensbeurteilung der
estimed AG sei die Arbeitsfähigkeitsschätzung der Sachverständigen der ABI GmbH
als „illusorisch“ bezeichnet worden, während das psychiatrische Teilgutachten der
estimed AG den Eindruck vermittle, die Sachverständigen der ABI GmbH hätten den
damaligen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers korrekt erfasst und eine
überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Die estimed AG hielt am 9. März
2022 fest (act. G 12), offenbar liege ein Missverständnis vor. Der Beschwerdeführer sei
retrospektiv als erst ab Ende 2016, Anfang 2017 vollständig arbeitsunfähig zu
qualifizieren. Im Vorfeld sei es im Zusammenhang mit dem Bruch der Beziehung zum
Vater zu einer erheblichen Verschlechterung gekommen. Retrospektiv überzeuge die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI GmbH für den damaligen Zeitraum bis zum Jahr
2014, in dem die ABI GmbH ihr Gutachten erstellt habe. Im Gutachten der estimed AG
sei ja festgehalten worden, dass aus somatischer Sicht nach wie vor von einem
Arbeitsfähigkeitsgrad von 90 Prozent ausgegangen werden könne, nur sei die
Verwertung dieser Arbeitsfähigkeit eben seit dem Jahreswechsel 2016/2017 aus
psychischen Gründen illusorisch geworden.
B.d.
Der Beschwerdeführer liess am 15. März 2022 geltend machen (act. G 14), die
Stellungnahme der estimed AG sei unsorgfältig erstellt worden, was wohl auf den
Umstand zurückzuführen sei, dass die Sachverständigen dafür nicht entschädigt
würden. In ihrer Stellungnahme hätten sie zentrale Aussagen des ursprünglichen
Gutachtens umgedeutet. Im Zeitpunkt, in dem das Gutachten erstellt worden sei, also
im Frühjahr 2019, hätten die Sachverständigen der estimed AG eine seit mehreren
Jahren bestehende vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Die Beschwerdegegnerin
nahm keine Stellung.
B.e.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Dieses hat sich auf die Prüfung eines im
März 2012 eingereichten Rentenbegehrens beschränkt, nachdem berufliche
Eingliederungsmassnahmen bereits vor Jahren eingestellt worden sind. Zwischen den
Parteien ist zwar nur der Zeitpunkt des Rentenbeginns umstritten, aber den –
unteilbaren – Anfechtungs- und Streitgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet
die Rentenzusprache an sich, was bedeutet, dass umfassend zu prüfen ist, ob und falls
ja ab wann und in welcher Höhe ein Rentenanspruch des Beschwerdeführers
gegenüber der Invalidenversicherung besteht.
Das Versicherungsgericht wies den Beschwerdeführer am 12. Juli 2022 darauf hin
(act. G 20), dass die Möglichkeit einer reformatio in peius bestehe. Die
Beschwerdegegnerin habe den Rentenbeginn nämlich auf einen früheren als jenen
Zeitpunkt festgesetzt, der massgebend wäre, wenn den Ausführungen der
Sachverständigen der estimed AG gefolgt würde. Der Beschwerdeführer liess am 15.
Juli 2022 an der Beschwerde festhalten (act. G 22).
B.f.
Am 26. Juli 2022 forderte das Versicherungsgericht die Sachverständigen der
estimed AG auf zu erklären (act. G 24), wie es sich medizinisch rechtfertigen lasse, von
einer objektiv praktisch vollständig aufgehobenen Fähigkeit des Beschwerdeführers
auszugehen, auf beiden Seiten die Arme, Hände und Finger einzusetzen, wenn dieser
doch bewiesen habe, dass er beidseitig die Arme, Hände und Finger einsetzen könne,
als er während der neuropsychologischen Begutachtung den Stuhl an den Tisch
herangerückt habe. Die Sachverständigen antworteten am 21. August 2022 (act. G 25),
das spontane Heranrücken des Stuhls an den Tisch sei weder als eine Diskrepanz
noch als ein Hinweis auf eine Simulation zu werten. Die Handlungsunfähigkeit sei als
ein Abwehrmechanismus zu einem sonst bestehenden „unerträglichen“, unbewussten,
intrapsychischen Konflikt zu qualifizieren, wobei die „Lähmung“ der oberen Extremität
nur im Erleben des Beschwerdeführers bestehe und nicht auf einem organischen
Korrelat basiere. Es handle sich um eine Desintegration der Gesamtpersönlichkeit und
um eine Entkopplung von seelischen und körperlichen Funktionen.
B.g.
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2.
Ein Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung besteht nach Art. 28 Abs. 1
IVG, wenn die versicherte Person ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, wenn sie
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach dem Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der Invalidität
wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Erwerbstätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
Beziehung zu jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie
gesund geblieben wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
2.1.
Der Beschwerdeführer hat eine Ausbildung zum Kaufmann mit einem
eidgenössischen Fähigkeitszeugnis abgeschlossen und in der Folge als Kaufmann
gearbeitet. Die Validenkarriere entspricht jener eines typischen Kaufmannes, weshalb
das Valideneinkommen dem statistischen Zentralwert der Löhne von Kaufleuten
entsprechen muss.
2.2.
Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
massgebend, welche Tätigkeiten dem Beschwerdeführer aus medizinischer Sicht
zumutbar sind. Die Beschwerdegegnerin hat im Verlauf des Verwaltungsverfahrens
zwei Gutachten eingeholt, die als Administrativgutachten nach der vom Bundesgericht
geschaffenen Beweiskaskade als Beweismittel „zweiter Klasse“ zu qualifizieren sind
und allein deshalb schon einen wesentlich höheren Beweiswert als die –
„viertklassigen“ – Berichte der behandelnden Ärzte haben (vgl. zum Ganzen etwa den
Entscheid IV 2019/277 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 24. August 2021, E.
4.1, mit zahlreichen Hinweisen). Der Beweiswert des sorgfältig erarbeiteten sowie auf
einer umfassenden Abklärung des massgebenden medizinischen Sachverhaltes und
einer eingehenden Würdigung der Vorakten beruhenden Gutachtens der estimed AG ist
von den Parteien zu Recht nicht in Frage gestellt worden. Gälte im
Sozialversicherungsrecht allerdings nicht das reduzierte Beweismass der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit, sondern das im allgemeinen Verwaltungsrecht
massgebende höhere Beweismass der an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit,
könnte nicht auf dieses Gutachten abgestellt werden. Während der
neuropsychologischen Testung hat der Beschwerdeführer nämlich gemäss der
Schilderung der Sachverständigen einmal unvermittelt mit beiden Händen unter den
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/16
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Stuhl gegriffen, diesen hoch gehoben und nach vorne gerückt, was ihm gemäss den
Ausführungen der Sachverständigen der estimed AG medizinisch gar nicht möglich
hätte sein dürfen. Als weitere Inkonsistenzen sind im Gutachten die nicht planmässige
Einnahme der Psychopharmaka und das Abstützen auf die Arme und Hände beim
Aufsitzen von der Liege erwähnt. Da die Sachverständigen eine – zumindest aus der
Sicht eines medizinischen Laien – überzeugende Erklärung dafür geliefert haben, dass
die auffälligste Inkonsistenz (das Heranrücken des Stuhles an den Tisch) in
medizinischer Hinsicht nicht im Widerspruch zur attestierten praktischen
Gebrauchsunfähigkeit der Arme und Hände steht und da in den einen langen Zeitraum
abdeckenden Akten insgesamt nur wenige Inkonsistenzen beschrieben werden,
wecken die erwähnten Inkonsistenzen nicht ausreichend ernsthafte Zweifel an der
Zuverlässigkeit des Gutachtens der estimed AG, was bedeutet, dass das Gutachten
trotz dieser Inkonsistenzen in Bezug auf die Diagnosen und damit auch in Bezug auf
die Arbeitsfähigkeit als überwiegend wahrscheinlich richtig zu qualifizieren ist.
Für die Beurteilung des Zeitraums vor der Begutachtung des Beschwerdeführers
im Frühjahr 2019 haben die Sachverständigen der estimed AG unter anderem
massgeblich auf das Gutachten der ABI GmbH abgestellt. Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers hat wiederholt und mit sich teils an der Grenze der Sachlichkeit
bewegenden Ausführungen geltend gemacht, das Gutachten der ABI GmbH sei vom
Versicherungsgericht als untauglich qualifiziert worden. In der Replik hat er geltend
gemacht, er „hoffe, das Versicherungsgericht findet dazu deutliche Worte“. Diese
Auffassung von der Haltung des Versicherungsgerichtes zum Gutachten der ABI GmbH
ist allerdings unzutreffend; das Missverständnis dürfte wohl auf eine unsorgfältige
Lektüre des Entscheides IV 2015/68 vom 31. Oktober 2017 zurückzuführen sein. Das
Versicherungsgericht hat nämlich festgehalten, dass auf das psychiatrische
Teilgutachten der ABI GmbH nicht abgestellt werden könne, weil die
Arbeitsfähigkeitsschätzung mit der „Päusbonog“-Rechtsprechung des
Bundesgerichtes begründet worden sei, die aber in der Zeit zwischen der Erstellung
des Gutachtens und der gerichtlichen Würdigung aufgegeben worden sei. Der vom
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers bereits damals vorgebrachten, an der Sache
vorbeigehenden Kritik am Gutachten der ABI GmbH ist das Versicherungsgericht nicht
gefolgt. Das Argument des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers, die Beurteilung
der Sachverständigen der estimed AG könne nicht zutreffend sein, soweit sie sich mit
jener der Sachverständigen der ABI GmbH decke, weil das Gutachten der ABI GmbH
vom Versicherungsgericht als untauglich verworfen worden sei, trifft deshalb nicht zu.
Der Vorwurf an die Sachverständigen der estimed AG, sie hätten die gerichtliche
Anfrage unsorgfältig beantwortet, weil sie dafür kein Geld mehr erhalten hätten, ist
2.4.
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haltlos, zumal die Sachverständigen der estimed AG ihren Aufwand in Rechnung
gestellt und selbstverständlich vergütet erhalten haben. Aus der Sicht eines
medizinischen Laien leuchten die Ausführungen der Sachverständigen der estimed AG
in deren Stellungnahme vom 9. März 2022 ein. Ein Widerspruch zu den Ausführungen
im Gutachten oder gar eine – vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers behauptete
– „Umdeutung“ von Passagen im Gutachten ist nicht auszumachen. Die
Sachverständigen der estimed AG haben bereits im Gutachten mehrfach ausdrücklich
darauf hingewiesen, dass es im Zeitraum zwischen der Begutachtung durch die ABI
GmbH im Jahr 2014 und der Begutachtung durch die estimed AG im Frühjahr 2019 zu
einer wesentlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes des
Beschwerdeführers gekommen sein müsse, wobei insbesondere der Abbruch der
Beziehung zum Vater eine wesentliche Rolle gespielt habe, der zum Jahreswechsel
2016/2017 erfolgt sei (vgl. dazu etwa die anamnestischen Angaben in IV-act. 218–209
und 218–218). Dem Gutachten lässt sich entnehmen, dass die Sachverständigen der
estimed AG die Ausführungen der Sachverständigen der ABI GmbH als grundsätzlich
überzeugend, aber mittlerweile – wegen der erwähnten Verschlechterung des
psychischen Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers – „veraltet“ qualifiziert
haben. Inhaltlich stimmen die Schlussfolgerungen in der Stellungnahme vom 9. März
2022 also mit jenen im Gutachten überein. Daran kann die vom Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers aus dem Kontext gerissene Aussage im Gutachten, der
Beschwerdeführer sei schon seit Jahren vollständig arbeitsunfähig, was nach der
Interpretation des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers „mehr als zwei Jahre“
bedeuten müsse, nichts ändern. Gestützt auf die - zumindest aus der Sicht eines
medizinischen Laien - überzeugende Würdigung der Befundschilderungen im
Gutachten der ABI GmbH durch die Sachverständigen der estimed AG steht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der
Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Begutachtung durch die ABI GmbH im Jahr 2014
zumindest noch nicht vollständig arbeitsunfähig gewesen ist. Die vom Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers als Gegenbeweis angeführten „echtzeitlichen“ Berichte aus
den Jahren 2011–2014 wecken daran keinen Zweifel, da die Beurteilungen der
behandelnden Ärzte massgebend vom therapeutischen Behandlungsauftrag
beeinflusst gewesen sind, weshalb nach der bundesgerichtlichen Auffassung ein
objektiver Anschein der Befangenheit besteht, und da sich jene Beurteilungen
retrospektiv als unzutreffend erweisen, weil sich aus dem Gutachten der estimed AG
mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ergibt, dass
die Funktionsstörung der Arme entgegen den damaligen Mutmassungen der
behandelnden Ärzte keine objektivierbare somatische Ursache hat. Der Umstand, dass
der Beschwerdeführer bereits ab dem Jahr 2012 Spitex-Leistungen in Anspruch
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genommen hat, sagt nichts über die massgebende versicherungsmedizinische
Zumutbarkeitsbeurteilung für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit aus. Das im Auftrag
der Krankentaggeldversicherung erstellte Gutachten der Orthopädin Dr. F._ von Ende
2012 ist schliesslich ebenfalls nicht geeignet, Zweifel an der retrospektiven Beurteilung
der Sachverständigen der estimed AG zu wecken, denn mittlerweile ist erwiesen, dass
die massgebende Gesundheitsbeeinträchtigung auf keine objektivierbare somatische
Ursache zurückgeführt werden kann, was bedeutet, dass der Beschwerdeführer aus
rein orthopädischer Sicht gar nie massgeblich in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt
gewesen ist. Zusammenfassend besteht also keine Veranlassung, von der
retrospektiven Beurteilung der Sachverständigen der estimed AG abzuweichen.
Der Beschwerdeführer ist gemäss den - aus der Sicht eines medizinischen Laien -
überzeugenden Ausführungen der Sachverständigen der estimed AG ab Januar 2017
vollständig arbeitsunfähig gewesen. Für die Zeit davor haben die Sachverständigen der
estimed AG retrospektiv keine Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben, sondern
lediglich festgehalten, die Wurzeln der Erkrankung reichten wohl bis in die Kindheit und
Jugend des Versicherten zurück. Im Jahr 2011 möge sich dann ein Seelenschmerz
körperlich manifestiert haben, der sich in einer symbolhaften Handlungsunfähigkeit
sowie in einer Unfähigkeit, dem Vater die Hand zu reichen, gezeigt habe. Zum
damaligen Zeitpunkt hätten allerdings wohl noch die Schmerzen im Vordergrund
gestanden. Im weiteren Verlauf sei es mit dem endgültigen Bruch beziehungsweise der
Abwendung des Vaters zu einer Zunahme der Erkrankung mit der Herausbildung der
Symptomatik einer Konversionsstörung gekommen. Die Verschlimmerung mit dem
Erlöschen der Arbeitsfähigkeit möge auf Dezember 2016, Januar 2017 zu datieren sein.
Diese vagen Ausführungen erlauben es nicht, für die weiter zurückliegende Zeit eine
allfällige relevante Arbeitsunfähigkeit und deren Grad mit dem erforderlichen
Beweisgrad zu bestimmen. Auf die Berichte der behandelnden Ärzte aus jener Zeit
kann aus den oben genannten Gründen nicht abgestellt werden. Zu berücksichtigen ist
schliesslich, dass die Sachverständigen der estimed AG ausdrücklich (und
überzeugend) festgehalten haben, die Gesundheitsbeeinträchtigung habe sich in den
Jahren 2011–2017 in einem fortlaufenden Prozess verschlechtert; erst ab Januar 2017
sei der Beschwerdeführer dann vollständig arbeitsunfähig gewesen. Von weiteren
Abklärungen kann bezüglich des genauen Verlaufs in antizipierender Beweiswürdigung
kein Erkenntnisgewinn erwartet werden. Das bedeutet, dass für die Zeit vor Januar
2017 eine objektive Beweislosigkeit hinsichtlich des Grades der Arbeitsunfähigkeit
vorliegt, deren Nachteil in einer analogen, lückenfüllenden Anwendung des Art. 8 ZGB
der Beschwerdeführer zu tragen hat. Folglich hat das sogenannte Wartejahr (Art. 28
Abs. 1 lit. b IVG) erst im Januar 2017 zu laufen begonnen und damit erst am 31.
2.5.
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3.
Hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen gilt dieser Verfahrensausgang als
ein Unterliegen des Beschwerdeführers. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind deshalb
ihm aufzuerlegen. Sie sind durch den von ihm geleisteten Kostenvorschuss von 600
Franken gedeckt. Die zusätzlichen Kosten von 600 Franken für die Beantwortung der
Ergänzungsfragen sind wegen einer Verletzung der Untersuchungspflicht der
Beschwerdegegnerin (Art. 43 Abs. 1 ATSG) angefallen. Sie sind nach dem
Verursacherprinzip der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der unterliegende
Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.