Decision ID: d283bcb9-9c0a-4db9-af51-960532f90c4a
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
Der 1973 geborene
Z._
sel. war
vom
1.
April 2011 bis zu seinem Tod bei der
A._
AG
angestellt und im Rahmen dieses Arbeitsverhältnisses bei der SWICA
Versicherungen AG (nachfolgen
d: SWICA) gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen
versichert (
Urk.
9/1).
Am
4.
November 2017
erhängte er sich im Badezimmer der von ihm, seiner Lebenspartnerin
Y._
sowie dem
gemeinsamen Sohn
X._
bewohnten Wohnung (
Urk.
9/5/6
f.
).
Mit Schreiben vom
7.
Dezember 2017 teilte die SWICA der Arbeitgeberin des Versicherten mit, dass sie
mit Ausnahme der Vergütung der Bestattungs
kos
ten
keine Versicherungsleistungen erbringen werde, da der Versicherte freiwillig aus dem Leben geschieden und davon auszugehen sei, dass er im Zeitpunkt der
Handlung nicht gänzlich unfähig gewesen sei, vernunftgemäss zu handeln (
Urk
.
9/6).
Nach Eingang
zweier
Schreiben der
durch Rechtsanwalt Volker
Pribnow
vertretenen
, auch im Namen ihres Sohnes handelnden
Lebenspartnerin des Versicherten
(vgl.
Urk.
9/7)
vom 1
0.
Januar und 1
2.
Februar 2018
betreffend
Hinterlassenenleistungen
(
Urk.
9/8, 9/10)
holte die SWICA beim ehemals behan
delnden Arzt des Versicherten, Dr. med.
B._
, Facharzt für Psychia
trie und Psychotherapie, einen Bericht ein
(
Urk.
9/11), der am 2
9.
Juni
2018 ein
ging
(
Urk.
9/19).
Daraufhin hielt
sie
mit Schreiben vom
5.
Juli
2018 an ihrer
Beurteilung fest (
Urk.
9/20)
, worauf die Lebenspartnerin mit Eingabe vom
3.
August
2018 die Durchführung weiterer Abklärungen forderte (
Urk.
9/21)
.
Mit Verfügung vom
6.
September 2018 verneinte die SWICA
mit Ausnahme der Bestattungskosten in der Höhe von
maximal
Fr. 2'842.--
ihre Leistungspflicht (
Urk.
9/24), wogegen
die Lebenspartnerin
am
8.
Oktober 2018 Einsprache erhob (
Urk.
9/25).
Mit ergänzender Eingabe vom 2
4.
Dezember 2018 (
Urk.
9/29) reichte
sie
ein psychiatrisches Gutachten von
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 2
2.
Dezember
2018 zu den Akten (
Urk.
9/28). Die SWICA gelangte
in der Folge mit Rückfragen an Dr.
B._
(vgl.
Urk.
9/36, 9/38), welche indes unbeantwortet blieben. Mit Entscheid vom 1
8.
Dezem
ber 2018
(richtig: 2019)
wies sie
die Einsprache ab (Urk.
2 =
Urk.
9/39).
2.
Dagegen erhob
Y._
im Namen ihres Sohnes
am
3.
Februar 2020
Beschwerde mit dem Rechtsbegehren, der angefochtene
Einspracheentscheid
sei aufzuheben und es seien die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen. Eventualiter seien weitere medizinische Abklärungen durch das Sozialversicherungsgericht vorzunehmen.
Subeventualiter
sei die Sache
zur weiteren medizinischen Abklä
rung und neuen Entscheidung
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
(
Urk.
1
S. 2).
Mit
Beschwerdeantwort vom
8.
Juni 2020 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
8 S. 2), worüber d
ie Mutter des
Be
schwer
deführer
s
mit Verfügung vom 1
0.
Juni 2020 in Kenntnis gesetzt wurde (
Urk.
10).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallversic
herung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen, die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausge
brochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu beurteilende
Suizid
hat sich am
4.
November 2017
ereignet, weshalb die
seit
dem
1.
Januar 2017
gültig
en
Normen auf den vorliegenden Fall Anwen
dung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Die
Zusprache
von Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung setzt grundsätzlich das Vorliegen eines Berufs- oder Nichtberufsunfalles oder einer Berufskrankheit voraus (
Art.
6
Abs.
1
UVG
).
Ein Unfall ist gemäss Art. 4
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
1.3
Hat die versicherte Person den Gesundheitsschaden oder den Tod absichtlich her
beigeführt, so besteht gemäss
Art.
37
Abs.
1 UVG mit Ausnahme der Bestattungs
kosten kein Anspruch auf Versicherungsleistungen. Diese Bestimmung findet indes keine Anwendung, wenn die versicherte Person zur Zeit der Tat ohne Ver
schulden gänzlich unfähig war, vernunftgemäss zu handeln, oder wenn die Selbsttötung, der Selbsttötungsversuch oder die Selbstverstümmelung die eindeu
tige Folge eines versicherten Unfa
ll
s war (
Art.
48 UVV
; BGE 140 V 220 E.
3.2
).
1.4
Rechtsprechungsgemäss ist aufgrund der Macht des Selbsterhaltungstriebes in der Regel von einer natürlichen Vermutung der Unfreiwilligkeit einer Selbsttötung und damit vom Vorliegen eines Unfalles auszugehen, wenn Zweifel bestehen, ob der Tod eines Versicherten durch Unfall oder Suizid herbeigeführt worden ist. Dass der Versicherte willentlich aus dem Leben geschieden ist, darf daher nur dann als nachgewiesen gelten, wenn gewichtige Indizien jede andere
,
den Um
ständen angemessene Deutung ausschliessen. Deshalb ist in solchen Fällen zu
nächst von der durch den Selbsterhaltungstrieb gegebenen Vermutung auszu
ge
hen, es liege keine Selbsttötung vor, und sodann zu fragen, ob derart über
zeu
gen
de Umstände vorliegen, dass diese Vermutung widerlegt wird. Eine solche Vermutung führt faktisch zu einer Umkehr der Beweislast (Urteile des Bundes
gerichts 8C_773/2016 vom 2
0.
März
2017 E.
3.3 und 8C_581/2016 vom 1
4.
Februar 2017 E. 3.3, je mit Hinweisen).
Damit ist im Falle einer Beweislosigkeit zur Frage, ob eine versicherte Person eine Selbsttötung beging oder ob sie unfreiwillig verstorben ist, von einem unfrei
willigen Tod auszugehen. Die Vermutung verbietet aber nicht, aus dem Umstand, dass aufgrund der Sachlage ein unfreiwilliger Tod als weniger wahrscheinlich als ein Suizid erscheint, auf das Vorliegen einer Selbsttötung zu schliessen.
Bei mehreren möglichen Varianten hat die Beurteilung, ob ein Suizid oder ein Unfall vorliegt, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu erfol
gen; es müssen nicht alle möglichen Varianten mit Sicherheit ausgeschlossen werden (Urteil des Bundesgerichts 8C_552/2019 Urteil vom 2
3.
Dezember 2019 E. 5.1).
1.5
Die Urteilsfähigkeit der versicherten Person ist in Bezug auf die in Frage stehende konkrete Handlung und unter Würdigung der bei ihrer Vornahme herrschenden objektiven und subjektiven Verhältnisse zu prüfen. Ob die Tat ohne Wissen und Willen erfolgte, ist nicht entscheidend; denn eine Absicht, und sei es auch nur in Form eines völlig unreflektierten, dumpfen Willensimpulses, ist stets festzu
stellen; sonst liegt keine Selbsttötung respektive kein Suizidversuch vor. Mass
geblich ist einzig, ob im entscheidenden Moment jenes Minimum an Besin
nungs
fähigkeit zur kritischen, bewussten Steuerung der
endothymen
(das heisst vor allem der triebhaften innerseelischen) Abläufe vorhanden war. Damit eine Leis
tungspflicht des Unfallversicherers entsteht, muss mit anderen Worten eine Geis
teskrankheit, Geistesschwäche oder eine schwere Störung des Bewusstseins nach
gewiesen sein, welche im Zeitpunkt der Tat, unter Würdigung der herrschenden objektiven und subjektiven Umstände sowie in Bezug auf die in Frage stehende Handlung, die Fähigkeit gänzlich aufgehoben hat, vernunftgemäss zu handeln.
Dazu müssten psychopathologische Symptome wie etwa Wahn, Sinnestäu
schun
gen
, depressiver Stupor (plötzlicher Erregungszustand mit Selbsttötungstendenz), Raptus (plötzlicher Erregungszustand als Symptom einer seelischen Störung) ausgewiesen sein. Das Motiv zum Suizid oder Suizidversuch muss sodann aus der geisteskranken Symptomatik stammen, mit anderen Worten muss die Tat
«
un
sinnig
»
sein. Eine blosse
«
Unverhältnismässigkeit
»
der Tat, indem der Suizident seine Lage in depressiv-verzweifelter Stimmung einseitig und voreilig einschätzt, genügt zur Annahme von Urteilsunfähigkeit nicht. Für deren Nachweis ist nicht bloss die zu beurteilende Suizidhandlung von Bedeutung und somit nicht allein entscheidend, ob diese als unvernünftig,
uneinfühlbar
oder abwegig erscheint. Vielmehr ist auf Grund der gesamten Umstände, wozu das Verhalten und die Lebenssituation der versicherten Person vor dem Selbsttötungsereignis insgesamt gehören, zu beurteilen, ob sie in der Lage gewesen wäre, den Suizid oder Suizid
versuch vernunftmässig zu vermeiden oder nicht. Der Umstand, dass die Suizid
handlung als solche sich nur durch einen krankhaften, die freie Willensbetätigung ausschliessenden Zustand erklären lässt, stellt nur ein Indiz für das Vorliegen von Urteilsunfähigkeit dar. An deren Nachweis sind keine strengen Anforderungen zu stellen; er gilt als geleistet, wenn eine durch übermächtige Triebe gesteuerte Suizidhandlung als wahrscheinlicher erscheint als ein noch in erheblichem Masse vernunftgemässes und willentliches Handeln (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_496/2008 vom 17. April 200
9 E. 2.3 mit weiteren Hinweisen
).
2.
2.1
Im angefochtenen
Einspracheentscheid
vom
1
8.
Dezember 2019 hielt die Be
schwerdegegnerin zusammengefasst fest,
der Versicherte habe sich gemäss Polizeirapport vom
5.
November 2017 mit einem Stoffgurt im Badezimmer der eigenen Wohnung erhängt. Ein Unfall könne daher ausgeschlossen werden
.
Im Weiteren sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erwiesen, dass der Ver
sicherte zum Zeitpunkt der Suizidhandlung nicht urteilsfähig gewesen sei. So habe er a
m Vortag des Suizids ein Gespräch mit
Dr.
B._
geführt, bei welchem es keine Hinweise auf eine akute Suizidalität gegeben habe.
Es sei naheliegend,
dass dem Bericht des behandelnden Psychiaters mehr Gewicht beigemessen w
erden müsse als demjenigen von
Dr.
C._
, da sich der Versicherte
während
mehrere
r
Jahre bei
Dr.
B._
in Behandlung befunden und gar am Vortag der Suizid
handlung mit ihm ein Gespräch geführt habe. Der Sachverhalt sei ausrei
chend erstellt, sodass
keine weiteren Abklärungen erforderlich
seien
(
Urk.
2 S. 4 f.).
2.2
Demgegenüber machte
die Mutter des Beschwerdeführers
mit
Beschwerdeschrift vom 3. Februar 2020 im Wesentlichen geltend,
das fachärztliche Gutachten von
Dr.
C._
beruhe auf allen verfügbaren Informationen. Es werde nachvollzieh
bar dargelegt, aus welchen Gründen bei
Z._
sel. die Fähigkeit, ver
nunftgemäss zu handeln, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit vollständig auf
gehoben gewesen sei. Die einzig auf punktuellen Kontakten beruhende und die Fremdanamnese auslassende Einschätzung von
Dr.
B._
sei auch nach mehrfacher Nachfrage nicht bestätigt worden. In pflichtgemässer Würdigung der vorliegenden fachärztlichen Einschätzungen könne
auf das
Gutachten von
Dr.
C._
abgestellt
werden, weshalb dem
Beschwerdeführer
die gesetzlichen
Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung zuzusprechen seien (
Urk.
1 S.
8)
.
Sollte dem Gutachten von
Dr.
C._
nicht gefolgt werden können, be
stehe jedenfalls weitergehender Abklärungsbedarf, namentlich in Form eines externen medizinischen Gutachtens. Dabei seien dem Gutachter diejenigen
Frau
gen
vorzulegen, welche die Beschwerdegegnerin an den behandelnden Arzt ge
richtet habe (
Urk.
1 S. 10).
3.
Es ist unbestritten und ergibt sich zweifelsfrei aus den Akten
, dass
sich der Ver
sicherte
am
4.
November 2017
in suizidaler Absicht
durch Erhängen da
s Leben nahm. Seitens der P
olizei konnten keine Anhaltspunkte für ein
Fremd
verschulden oder die Mithilfe Dritter gefunden werden (
Urk.
9/5/7).
Streitig und
zu prüfen
bleibt somit, ob der Versicherte im Zeitpunkt des Suizids gänzlich unfähig
war, vernunftgemäss zu handeln, da nur in diesem Fall
von den Be
stattungskosten abgesehen
Anspruch auf Versicherungsleistungen
besteht (Art. 37
Abs.
1 UVG in Verbindung mit
Art.
48 UVV; vgl. vorstehende E. 1.2).
4.
4.1
In s
einem undatierten
, laut Aktenverzeichnis am 2
9.
Juni 2018 bei der Be
schwer
degegnerin eingegangenen
Bericht
stellte
Dr.
B._
in Bezug auf den Ver
sicherten folgende Diagnosen (
Urk.
9/19/2):
-
bipolare affektive Störung mit gegenwärtig schwerer depressiver Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F31.4)
-
Bipolar-
II
-Störung (ICD-10 F31.8).
Zu den seitens der Beschwerdegegnerin
am 1
5.
Februar 2018
unterbreiteten Fragen (
Urk.
9/11) hielt
Dr.
B._
im
Weiteren fest, dass sich der Versicherte
vom 1
5.
Ju
ni 2015 bis zu seinem Tod am 4.
November 2017 episodisch bei ihm in
ambulanter psychiatrischer Behandlung befunden
habe
. Soweit bekannt, sei
d
er
Versicherte
nie in stationärer psychiatrischer Behandlung gewesen;
er habe
zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt
, den Versicherten psychiatrisch zu hospitali
sieren
.
Anfang November 2017 habe eine schwere depressive Episode vorgelegen. Der Versicherte sei wach und zu allen Qualitäten orientiert gewesen. Die Stim
mungslage
habe sich
zwar gedrückt, aber stets
als
aufhellbar
dargestellt
.
Stark reduziert und subjektiv gehemmt sei das Antriebsniveau gewesen. Es hätten aus
geprägte Ängste bestanden, insbesondere in Bezug auf die berufliche und private Zukunft, jedoch auch immer Hoffnung auf baldige Besserung. Die Gedanken seien bei inhaltlicher Einengung immer um die gleichen Themen gekreist. Ferner hätten eine ausgeprägte
Grübelneigung
sowie ein sozialer Rückzug vorgelegen. Subjek
tiv sei von Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen berichtet worden. Es
hätten weder Wahrnehmungs- noch inhaltliche Denkstörungen bestanden, nament
lich keine Halluzinationen oder Wahn. Zum Zeitpunkt der letzten Untersuchung habe sich der Versicherte klar und deutlich von akuter Suizidalität distanziert. Dieses Zustandsbild habe während der letzten depressiven Episode, welche am 2
3.
Oktober 2017 begonnen habe, durchgehend und unverändert vor
gelegen. Während der Behandlung habe der Versicherte nie an psychotischen
Symptomen im engeren psychopathologischen Sinne gelitten. Insbesondere hätten
zu keinem Zeitpunkt Halluzinationen, ein Wahn oder ein depressiver oder
kata
toner
Stupor eruiert werden können (
Urk.
9/19).
4.2
Auf der Grundlage der von
Y._
insbesondere im Rahmen eines
persönlichen Gesprächs erhaltenen Informationen gelangte
Dr.
C._
in seinem
psychiatrischen Gutachten vom 2
2.
Dezember 2018
zur Auffassung
, dass die Beschreibung des
beobachtbaren Verhaltens und des
vom Versicherten
vor seinem Tod
geäusserten Erleben
s
gut mit dem Vorliegen einer Bipolar-II-Störung (ICD-10 F31.8) übereinstimme, wie dies durch
Dr.
B._
im Bericht festgehalten worden sei (Urk. 9/28/19).
Aufgrund der
detaillierten Angaben der Lebens
partnerin sei von einer erheblichen psychischen Instabilität des Versicherten zum Zeitpunkt der suizidalen Handlung auszugehen, welche im Rahmen der gestellten Diagnose einzig den Schluss zulasse, dass er sich vor seinem Tod entweder (I) inmitten eines Phasenwechsels von depressiver (ICD-10 F31.4) zu hypomanischer Störung (ICD-10 F31.0) und möglicherweise am Todestag erneut zu depressiver Störung befunden oder (II) an einer gemischten Episode (ICD-10 F31.6) gelitten haben müsse. Beide Möglichkeiten seien mit einem erheblichen Suizidrisiko verbunden (
Urk.
9/28/20).
Dr.
C._
bejahte im Weiteren die Frage, ob der Versicherte im Zeitpunkt des Suizids mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gänzlich unfähig gewesen sei, vernunftgemäss zu handeln (
Urk.
9/28/22).
Der Suizidversuch mit letalem Aus
gang sei als impulsiv-krankheitsbedingtes Geschehen zu deuten und erfülle die Kriterien einer bedachten, abgewogenen und abgesprochenen Handlung nicht, wie sie beispielsweise im Rahmen eines assistierten Suizids eines urteilsfähigen und autonom handelnden Menschen vorlägen. Wie die Befragung der Lebens
partnerin deutlich mache, habe der Versicherte nicht bloss an einer schweren manisch-depressiven Erkrankung (ICD-10 F31), sondern auch an einer damit ein
hergehenden, weitgehend fehlenden Krankheits- und Behandlungseinsicht gelitte
n. Beide Merkmale seien als Ausdruck der Krankheit zu werten und seien damit nicht steuerungsfähig. Demnach sei der Versicherte zum Zeitpunkt des Suizids nicht in der Lage gewesen,
den medizinischen Sachverhalt der eigenen Erkran
kung zu verstehen und angemessene Schlüsse daraus herzuleiten, wie beispiels
weise die Notwendigkeit einer störungsspezifischen (stationären) Behandlung (fehlende Fähigkeit zur Verarbeitung von Informationen). Der Versicherte sei zudem nicht in der Lage gewesen, die Bedeutung der Suizidalität im Rahmen der eigenen Erkrankung zu bewerten und angemessene Schlüsse daraus zu ziehen, wie beispielsweise
die Inanspruchnahme
von Hilfsangeboten
bei einer sich ent
wickelnden suizidalen Krise (fehlende Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Äusserung). Das Ausmass der krankheitsbedingt eingebüssten Urteilsfähigkeit werde durch den Beruf des Versicherten besonders deutlich. Es sei davon auszugehen, dass er als Arzt sowohl vertiefte Kenntnisse zur manisch-depressiven Erkrankung als auch zum damit einhergehenden Risiko der Suizidalität gehabt haben müsse, am
4.
November 2017 aber gänzlich unfähig gewesen sei, einen rationalen und damit das Überleben sichernden Zugang zu diesen Kenntnissen herzustellen (
Urk.
9/28/23).
Zusammenfassend sei der Suizid des Versicherten als impulsiv-krankheits
be
dingtes Geschehen im Rahmen einer schweren manisch-depressiven Erkrankung (ICD-10 F31) zu beurteilen, wobei der Versicherte am
4.
November 2017 zwar noch zu zielgerichteten Suizidhandlungen fähig gewesen sei, diese aber in der Bedeutung und Konsequenz nicht mehr habe verstehen können (Verlust der Urteilsfähigkeit;
Urk.
9/28/23).
4.3
4.3.1
Von fachärztlicher Seite besteht dahingehend Einigkeit, dass der Versicherte vor seinem Tod an einer schweren manisch-depressiven beziehungsweise bipolaren affektiven Störung
(ICD-10 F31)
litt
.
Dabei handelt es sich um eine psychische Erkrankung, die durch wiederholte (also mindestens zwei) Episoden charakteri
siert ist, in denen Stimmung und Aktivitätsniveau der betreffenden Person deut
lich gestört sind. Es treten einmal eine gehobene Stimmung, vermehrter Antrieb und erhöhte Aktivität (Manie oder Hypomanie) auf, dann wieder eine Stim
mungs
senkung, verminderter Antrieb und verminderte Aktivität (Depression
;
Dilling
/
Mombour
/Schmidt [Hrsg.], ICD-10,
Internationale
Klassifikation psychischer Stö
rungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch-diagnostische Leitlinien, 1
0.
Auflage, S.
164)
.
Sowohl im depressiven als auch im manischen Zustand können psycho
tische Zustände auftreten (vgl. ICD-10 F31.2 und F31.5).
Der behandelnde Psychiater
Dr.
B._
konnte anlässlich des letzten therapeutischen Gesprächs mit dem Versicherten am Vortag dessen Suizids (vgl. Urk. 9/28/6, 9/28/15)
weder Wahrnehmungs- noch inhaltliche Denkstörungen feststellen, namentlich keine Halluzinationen und keinen Wahn. Er
führte des Weiteren aus,
dass
der Versicherte im Zeitraum der bei ihm ab dem 1
5.
Juni 2015 episodisch wahrgenommenen ambulanten psychiatrischen Behandlung nie an psychotischen Symptomen im engeren psychopathologischen Sinn
wie Halluzi
nationen, Wahn oder depressivem
respektive
katatonem
Stupor
gelitten habe (
Urk.
9/19).
Anhaltspunkte für psychotische Erlebensweisen ergeben sich auch nicht aus dem im
Einspracheverfahren
eingereichten Gutachten von
Dr.
C._
, der das Beschwerdebild denn auch nicht mit der Codierung ICD-10 F31.5 fasste, welche für eine bipolare affektive Psychose, gegenwärtig schwere depressive Epi
sode mit psychotischen
Symptomen
steht
.
Die Lebenspartnerin äusserte sich zwar dahingehend, dass
sich
der Versicherte Anfang November 2017 in einer sichtlich schlechten psychischen Verfassung
befunden habe
.
Hinweise darauf, dass er den Bezug zur Realität krankheitsbedingt teilweise oder
vollständig
verloren hätte
,
sind ihren Schilderungen allerdings nicht zu entnehmen
; vielmehr
zeigte er
noch am Vortag zum Ereign
i
s gewisse Aktivitäten wie die Reifen am Auto wechseln lassen und Pizza backen und essen mit dem Sohn
(vgl. Urk.
9/28/16).
Am
4.
November 2017
nahm sich der Versicherte zwischen 13:20 Uhr und 19:20 Uhr das Leben (
Urk.
9/5/6). Zuvor habe er sich
gemäss Lebenspartnerin
nicht in der Lage gefühlt,
zu einem bereits seit Längerem
um 14:00 Uhr
geplanten Treffen mit einem befreundeten Paar nach Basel mitzureisen, worauf sie
allein
mit dem Sohn
dorthin gefahren sei. Nach der Verabschiedung habe er ihr per SMS die benötigte Adresse gesendet und zudem mitgeteilt, dass es ihm sehr schlecht gehe. Nach
entsprechender Rückfrage habe er
es jedoch nicht für notwendig erachtet
,
dass sie
einen Arzt herbeirufe (U
rk.
9/28/17).
Anhaltspun
kte für das Vorliegen einer psychotischen Symptomatik sind angesichts dieser Schilderungen auch für den Todestag nicht auszumachen.
4.3.2
Zu berücksichtigen ist
des Weiteren
in Achtung
all der innewohnenden Tragik
die
von beiden Fachärzten nicht in ihre Beurteilung einbezogene
Handlungsweise des Versicherten im Rahmen der Selbsttötung
.
Laut Polizei
rap
port
vom
5.
November 2017 führte das Erhängen mit einem schwarzen Stoffgurt zu einem durch Sauerstoffmangel bedingten Hirntod (
Urk.
9/5/6 f.).
Die Lebens
partnerin äusserte sich gegenüber
Dr.
C._
dahingehend, dass
sich der Ver
sicherte mit einem Gürtel an einem Leitungsrohr im Badezimmer erhängt habe. Hierzu habe er hochsteigen müsse
n
, wobei sie vermute, dass
er sich bei einem ersten, misslungenen Suizidversuch auf das Thermostatgehäuse der Heizung ab
gestützt habe.
Dieses habe sie Tage nach dem Suizid in einer Schublade gefunden, in welcher der Versicherte Gürtel aufbewahrt habe. Ferner seien am Boden Plastiksplitter des Gehäuses gelegen.
Überdies gehe sie davon aus, dass sich der Versicherte beim ersten Suizidversuch eingenässt habe, da
er sich in Unterwäsche
erhängt und
eine nasse Jeans
in einem Wäschehaufen gelegen
habe
(
Urk.
9/28/18).
In Anbetracht d
ies
er gezielten
und planmässigen
Vorgehensweise des Versicher
ten
erweist sich
ein noch in gewissem Masse vernunftgemässes (wenn auch un
verhältnismässiges) und willentlich
es Handeln wahrscheinlicher
als eine gänzlich durch übermächtige Triebe gesteuerte
Suizidhandlung.
4.3.3
Gesamthaft
mag zwar im Sinne der Ausführungen von
Dr.
C._
durchaus
zutreffen, dass der Suizid des Versicherten als impulsiv-krankheitsbedingtes Ge
schehen im Rahmen einer schweren manisch-depressiven Erkrankung zu inter
pretieren ist (
Urk.
9/28/23).
Entgegen seiner Be
urteilung
lag damit jedoch nicht
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine schwerwiegende psychopatholo
g
ische Symptomatik vor, welche im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. E. 1.5 vorstehend) geeignet gewesen wäre, die Urteilsfähigkeit zum Zeitpunkt der Suizidhandlung gänzlich aufzuheben. Weder
bestehen Indizien für eine psy
chotische Symptomatik, noch lässt
die
konkrete Ausführung
des Suizids darauf schliessen, dass im
entscheidenden Moment
nicht ein
Minimum an Besinnungs
fähigkeit zur kritischen, bewussten Steuerung der
endothymen
Abläufe vor
han
den
gewesen wäre
.
Anhaltspunkte darauf, dass der Versicherte in psychotischer Verkennung der Realität
gehandelt
beziehungsweise jegliche vernünftige Einsicht über die tatsächliche Lage verloren hätte (vgl. BGE 113 V 63 E. 3)
,
sind nicht ersichtlich.
Die schwere psychische Erkrankung des Versicherten war zwar
mit
deutlicher
Sicherheit
ursächlich für die Bereitschaft zum Suizid; er handelte jedoch mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in psychotischer Verkennung der Rea
lität
(
vgl.
auch
die Beispiele bei
Marelli
, Was heisst «Unfähigkeit», vernunftgemäss zu handeln, in:
Kieser
/
Landolt
[Hrsg.], Unfall? Novembertagung 2015 zum Sozialversicherungsrecht, Zürich/St. Gallen 2016, S. 62 f.).
Abschliessend
ist mit Blick auf die beschwerdeweise gestellten Eventualanträge
(
Urk.
1 S. 2 und 8 ff.)
betreffend weitere medizinische Abklärungen festzuhalten,
dass von solchen keine anderen
entscheidrelevanten
Erkenntnisse zu erwarten sind, weshalb davon abzusehen ist (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 124 V 90 E. 4b, 122 V 157 E. 1d, 136 I 229 E. 5.3).
Es ist nicht ersichtlich, inwiefern die entscheidende Frage, in welcher psychischen Verfassung sich der Versicherte wenige Augenblicke vor dem Suizid befunden hatte, retrospektiv noch eingehen
der abgeklärt werden könnte. Einerseits liegt bereits der Bericht von Dr.
B._
mit
ausgesprochen
zeitnah erhobenen Befunden
vor, welcher noch am Vortag ein persönliches Gespräch mit dem
Versicherte
n
geführt
hatte.
Der Bericht nimmt
ausserdem
Bezug auf die
Krankheitsentwicklung während der
Behandlungsdauer von
mehr als
zwei Jahren.
Sein Bericht erweist sich als aussagekräftig und über
zeugend, weshalb auch nicht zu beanstanden ist, dass die Beschwerdegegnerin
letztlich
nicht auf
der
Beantwortung der im
Einspracheverfahren
gestellten Rück
fragen (
Urk.
9/36, 9/38)
bestanden hat.
Andererseits
sind die detaillierten
fremdanamnestischen Auskünfte
der Lebens
partnerin des Versicherten im Gutachten von
Dr.
C._
enthalten und bereits in die Beurteilung eingeflossen.
Bei diesen Gegebenheiten
besteht auch in Anbe
tracht des geltenden Untersuchungsgrundsatzes (
Art.
43
Abs.
1 ATSG) kein wei
terer Abklärungsbedarf.
5.
Nach dem Gesagten hat die Beschwerdegegnerin den Leistungsanspruch des Be
schwerdeführers
ausgenommen die Bestattungskosten
im angefochtenen
Ein
spracheentscheid
vom 1
8.
Dezember 2019 (
Urk.
2) zu Recht verneint,
da die Fähig
keit des Versicherten, vernunftgemäss zu handeln, im Zeitpunkt der Suizid
handlung nicht überwiegend wahrscheinlich zur Gänze aufgehoben war. Dies führt zur
Abweisung der
Beschwerde.