Decision ID: 18586f64-4f0d-5e41-b49c-695fe7a5252f
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin hat ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge
am 25. November 2017 verlassen. Mit einem Schlepper und durch ihn or-
ganisierten Reisepapieren sei sie über Marokko nach Frankreich geflogen.
Nach einem zweitägigen Aufenthalt in Frankreich sei sie am 27. November
2017 in die Schweiz gefahren. Am 29. November 2017 stellte sie im dama-
ligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in B._ ein Asylge-
such. In Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der Verordnung über die Durchfüh-
rung von Testphasen zu den Beschleunigungsmassnahmen im Asylbereich
vom
4. September 2013 (TestV; SR 142.318.1) wurde sie dem damaligen Ver-
fahrenszentrum in Zürich zugewiesen.
B.
Am 5. Dezember 2017 fand eine Personalienaufnahme und am 8. Dezem-
ber 2017 ein Dublingespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr.
604/2013 statt, bei welchen sie summarisch zu ihrer Person, ihrem Reise-
weg und ihrem Gesundheitszustand befragt wurde.
C.
Die Rechtsvertretung reichte zwischen dem 3. Januar 2018 und 23. März
2018 diverse Formulare mit medizinischen Informationen des Ambulatori-
ums Kanonengasse, in welchem die Beschwerdeführerin zwischen dem
13. Dezember 2017 und dem 14. März 2018 elf Konsultationen hatte, ein.
Aus den Formularen geht im Wesentlichen hervor, dass die Beschwerde-
führerin an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach
mehrmaliger Vergewaltigung leide.
D.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs brachte die Beschwerdeführerin an-
lässlich der Erstbefragung nach Art. 16 Abs. 3 TestV vom 12. April 2018
und der Anhörung nach Art. 17 Abs. 2 Bst. b TestV vom 25. April 2018 im
Wesentlichen folgenden Sachverhalt vor:
Sie sei in C._ geboren und aufgewachsen und habe im Jahr (...)
das Gymnasium abgeschlossen. Danach habe sie an der Universität drei
Jahre lang (...) und (...) studiert und habe ein Diplom erlangt. Später habe
sie noch während einem weiteren Jahr (...) studiert und im Jahr (...) ein
weiteres Diplom erhalten. Anschliessend habe sie Mühe gehabt, eine
Stelle zu finden und habe im Jahr (...) begonnen, in einem Ort namens
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D._ Handel zu betreiben. Zunächst habe sie bei einer Freundin ge-
wohnt, habe dann aber einen Mann kennengelernt und von Februar bis
Dezember 2016 mit ihm zusammengelebt. Der Mann sei ein ehemaliger
Kämpfer, welche man Ninja-Kämpfer nenne, im Krieg von 1998 gewesen.
Im April 2016 hätten die Ninja Brazzaville angegriffen, weshalb es zu poli-
tischen Unruhen und vermehrter Militärpräsenz, insbesondere auch in
D._, gekommen sei. Im Dezember 2016 sei ihr Freund deswegen
in die Wälder geflohen. Nach seiner Flucht habe sie zunächst alleine in
seinem Haus gelebt und sie habe ihm regelmässig Lebensmittel in den
Wald gebracht. Nach einer Weile sei das Gerücht aufgekommen, Freun-
dinnen der Ninjas würden diesen Lebensmittel in den Wald bringen und
man solle sie verhaften, um die Ninjas im Wald aushungern zu lassen. Sie
habe Angst bekommen, alleine im Haus ihres Freundes zu bleiben, und sei
deswegen wieder zu ihrer Freundin gezogen. Am 1. Juli 2017 habe es früh
morgens an der Türe geklopft und Personen des Militärs hätten nach ihr
gesucht. Man habe sie auf ein Kommissariat gebracht und sie sei nach
ihrem Freund gefragt worden. Man habe sie daraufhin in einem Raum mit
anderen Frauen festgehalten. Am folgenden Tag seien sie zum Wald ge-
bracht worden und man habe sie aufgefordert anzugeben, wo im Wald sich
die Ninjas verstecken würden. Da sie die Frage nicht habe beantworten
können, sei sie vergewaltigt und mit dem Tode bedroht worden. Dies sei
während sechs Tagen, bis zum 6. Juli 2017, wiederholt worden, bis eine
Person vom Militär ihr gegen Bezahlung geholfen habe, zu fliehen. Er habe
sie zunächst zu ihrer Freundin gefahren, wo sie ihr Geld geholt habe und
sie dann an einem anderen Ort abgesetzt. Sie habe dort einen Mann ge-
troffen, welcher ihr über den Fluss in die Demokratische Republik Kongo
geholfen habe, und habe sich bis September 2017 bei seiner Familie in
E._ aufgehalten. Danach habe der Mann sie zu seiner Schwester
nach F._ gebracht und habe ihr geholfen, die Ausreise zu organi-
sieren.
Zum Nachweis ihrer Identität reichte sie ihre Identitätskarte von Kongo
Brazzaville zu den Akten.
E.
Mit Verfügung vom 2. Mai 2018 teilte das SEM der Beschwerdeführerin mit,
dass weitere Abklärungen nötig seien und ihr Asylgesuch gemäss Art. 19
TestV im erweiterten Verfahren behandelt werde. Gleichzeitig wurde sie
dem Kanton G._ zugewiesen.
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F.
Mit Verfügung vom 29. Juni 2018, eröffnet am 4. Juli 2018, verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob den Voll-
zug der Wegweisung infolge Unzumutbarkeit indessen auf und ordnete
eine vorläufige Aufnahme an.
Es begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, dass ihre Vorbrin-
gen, sie habe mit einem Ninja-Kämpfer eine Liebschaft gehabt und sei auf-
grund dessen im Juli 2017 vom Militär während einigen Tagen festgehalten
und dabei mehrfach vergewaltigt worden, nicht glaubhaft seien. Sie habe
sich widersprüchlich zu den angeblichen Hintergründen der Festnahme ge-
äussert. Sie habe einerseits zu Protokoll gegeben, sie sei von den Soldaten
aufgefordert worden, den Aufenthaltsort des Ninjas, mit welchem sie eine
Liebschaft gehabt habe, zu verraten. Demgegenüber habe sie gesagt, das
Ziel der Soldaten sei es nicht gewesen, den Ort des Verstecks der Ninjas
in Erfahrung zu bringen, sondern sie zu misshandeln und ihre Wut an ihr
auszulassen. Ausserdem habe sie zu zentralen Punkten lediglich unsub-
stantiierte Angaben gemacht. Zum Ablauf der Tage während der Inhaftie-
rung habe sie stereotype und pauschale Aussagen gemacht. Sie habe le-
diglich angegeben, man habe ihr ein Stück Brot und Ingwer sowie eine
Flasche Wasser gebracht und es sei in dem Raum erstickend gewesen.
Ihre Schilderungen würden kein Bild ermitteln, wie ein durchschnittlicher
Tag während der Inhaftierung ausgesehen habe. Auch auf die Frage, ob
sie jeweils von der gleichen oder von verschiedenen Personen vergewaltigt
worden sei, habe sie ausweichend zur Antwort gegeben, es sei schwierig
dies zu beantworten, da es jeweils in der Nacht geschehen sei und sie nicht
gewagt habe, die Soldaten anzuschauen. Sie wisse nur noch, dass diese
bewaffnet und in Militärkleidung gewesen seien. Diese Antwort sei als
Schutzbehauptung zu qualifizieren, da man sich bei einem solchen Über-
griff nahe komme und erwartet werden könne, dass sie konkrete Angaben
hätte machen können. Des Weiteren habe sie auch keine Angaben zu den
Frauen, welche mit ihr während der mehrtätigen Haft im gleichen Raum
festgehalten worden seien, machen können. Sie habe weder deren Namen
noch die Hintergründe deren Inhaftierung gekannt. Sie habe diesbezüglich
angegeben, sie habe sich nie mit den Frauen unterhalten, da es sich nicht
gehöre, in einer solchen Situation Fragen zu stellen. Diese Aussagen seien
realitätsfremd und es wäre zu erwarten gewesen, dass sie sich mit den
anderen beiden Frauen, welche ihr Schicksal geteilt hätten, ausgetauscht
hätte. Schliesslich habe sie auch keine ungefähren Angaben zur Höhe der
Geldsumme, welche sie einem Soldaten für ihre Freilassung bezahlt habe,
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machen können. Nicht nachvollziehbar sei in diesem Zusammenhang ihre
Aussage, dass der sie freilassende Soldat mit ihr nicht über eine konkrete
Geldsumme als Gegenleistung für die Freilassung diskutiert oder verhan-
delt habe, zumal es für diesen von grundlegendem Interesse hätte sein
müssen zu wissen, für welche Summe er ihretwegen seine Anstellung und
auch allfällige strafrechtliche Konsequenzen und Sanktionen riskiert hätte.
Hinzukommend liessen ihre Schilderungen über die mehrtägige Haft und
die massiven Übergriffe auf ihre Integrität gänzlich die Wiedergabe von
Emotionen und inneren psychischen Vorgängen vermissen, was im Fall
von effektiven Erlebnissen der angeführten Art jedoch zwingend wäre. Auf-
grund dessen seien die mehrtägige Inhaftierung und die Vergewaltigungen
nicht glaubhaft.
Des Weiteren sei ihr Vorbringen, die allgemeine Situation in Kongo Braz-
zaville sei instabil und unsicher, nicht asylrelevant. Die schwierige Sicher-
heitslage in ihrem Heimatstaat sei die Folge der allgemeinen politischen
und sozialen Verhältnisse, wie sie sich für einen Grossteil der Bevölkerung
präsentiere, und stelle keine gezielte asylbeachtliche Verfolgung im Sinne
des Art. 3 AsylG dar.
Ihr Vorbringen würden insgesamt weder den Anforderungen an die Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch den Anforderungen an die Flüchtlings-
eigenschaft gemäss Art. 3 AsylG standhalten.
G.
Die Beschwerdeführerin liess diese Verfügung mit Beschwerde vom
31. Juli 2018 durch ihre Rechtsvertreterin anfechten und beantragte, die
angefochtene Verfügung sei in den Ziffern 1 bis 3 aufzuheben, es sei ihre
Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren, eventuali-
ter sei die Beschwerdeführerin als Flüchtling vorläufig aufzunehmen, sub-
eventualiter sei die Sache zur erneuten Feststellung des Sachverhalts und
zur erneuten Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und
die Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin zu bestellen.
Sie begründete die Rechtsmitteleingabe dahingehend, dass ihre Aussagen
trotz ihrer traumatischen Erlebnisse und der Tatsache, dass die erste An-
hörung nicht in einem Frauenteam durchgeführt worden sei, nachvollzieh-
bar und detailliert ausgefallen seien. Die Beschwerdeführerin habe mehr-
fach angegeben, dass sie den Soldaten alles, was sie über die Ninjas ge-
wusst habe, gesagt hätte, dennoch hätten diese nicht aufgehört, sie zu
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misshandeln. Sie sei deswegen davon ausgegangen, dass die Soldaten
sie quälen wollten und gar nicht an den Informationen interessiert gewesen
seien. Es handle sich dabei jedoch um eine Annahme ihrerseits, sie könne
nicht wissen, warum die Soldaten sie so lange festgehalten und misshan-
delt hätten und es sei in ihren Aussagen kein Widerspruch zu erkennen.
Ob sie noch weitere Informationen über die Ninjas gehabt habe, habe die
Soldaten anscheinend nicht interessiert. Der Soldat, welcher sie freigelas-
sen habe, habe ihr zudem gesagt, dass die Personen im Normalfall nicht
länger als eine Woche in Haft überleben würden.
In der Beschwerde wird weiter ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin
detaillierte Angaben zu ihrer Verhaftung, zum Polizeikommissariat und zum
Ablauf, wie sie in die Zelle gebracht worden sei, wie auch zum Aussehen
der Zelle gemacht habe. Sie habe auch erklärt, wie sie die Notdurft verrich-
tet habe, sich nicht habe waschen können und Stimmen gehört habe. Da-
neben habe sie auch die Abläufe der Vergewaltigungen und den Transport
sehr detailliert geschildert. Es würden sich in beiden Anhörungsprotokollen
keine pauschalen und stereotypen Aussagen befinden und sie habe auch
glaubhaft geschildert, wie sie sich in Haft gefühlt habe. Ausserdem sei an-
zumerken, dass die Ansicht der Vorinstanz, man komme sich bei einer Ver-
gewaltigung sehr nahe und müsse daher Eindrücke über die Umrisse, Sta-
tur, Körpergerüche und die individuelle Verhaltens- und Vorgehensweise
des Täters bekommen, eine sehr plakative und vereinfachte Vorstellung
einer Vergewaltigung darstelle und nicht der Realität entspreche.
Die Vorinstanz habe sich überdies in keiner Weise mit der psychischen
Verfassung der Beschwerdeführerin und dem Aussageverhalten von Op-
fern von sexueller Gewalt im Allgemeinen auseinandergesetzt. Gemäss
dem Istanbul-Protokoll könnten Personen, welche an einer PTBS leiden,
unfähig sein, gewisse Details der Folterung in Erinnerung zu rufen und sie
würden sich nur noch an die wichtigsten Ereignisse dieses Erlebnisses er-
innern. Die Unfähigkeit der Beschwerdeführerin, sich an gewisse Details
erinnern zu können, bestärke somit vielmehr ihre Glaubhaftigkeit. Des Wei-
teren sei eine vom Bundesverwaltungsgericht anerkannte Theorie der wis-
senschaftlichen Traumaforschung zu berücksichtigen, welche besage,
dass traumatisierte Asylsuchende häufig nicht in der Lage seien, präzise,
vollständige und widerspruchsfreie Angaben zu erlittenen Misshandlungen
zu machen. Sie würden dazu neigen, Gedanken, Gefühle und Gespräche
die sich auf traumatische Ereignisse beziehen würden, zu vermeiden. Die
damalige Asylrekurskommission (ARK) habe im Urteil EMARK 2003 Nr. 17
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E.4b festgehalten, dass jenen Selbstschutz- und Verdrängungsmechanis-
men im Rahmen der Beurteilung von Aussagen potentieller Traumaopfer
hinreichend Rechnung zu tragen sei.
In Bezug auf die anderen beiden Frauen, welche mit der Beschwerdefüh-
rerin im selben Raum festgehalten worden seien, habe sie gesagt, die bei-
den Frauen seien bereits im Raum gewesen, als sie gekommen sei. So wie
sie sich verhalten hätten, habe jede auf ihre Weise Angst gehabt. Sie seien
jeweils zusammen abgeholt und wieder zurückgebracht worden. Es sei al-
les sehr beschämend gewesen und sie habe nicht sprechen können, da es
so schlimm gewesen sei. Sie hätten alle geweint und man habe nicht ein-
fach fragen können, was los sei, da man ja nicht wisse, was der anderen
Person passiert sei. Es wäre für sie etwas anderes gewesen, wenn die
Frauen sie zuerst angesprochen hätten, sie habe aber nicht von sich aus
Fragen stellen wollen. Es sei im Übrigen herabwürdigend, von solchen Er-
eignissen zu erzählen, auch wenn die andere Person dasselbe erlebt habe.
Es sei zudem anzumerken, dass sie nicht erst auf Nachfrage des SEM er-
wähnt habe, dass sie nicht mit den anderen beiden Frauen gesprochen
habe. Es sei nicht möglich anzugeben, welches Verhalten in einer solchen
Situation mit fremden Personen zu erwarten wäre, wenn man so etwas
nicht selber erlebt habe. Sie und die beiden anderen Frauen hätten sich
zutiefst dafür geschämt, was ihnen angetan worden sei, und es sei absolut
verständlich, dass sich die Frauen untereinander geschämt und nicht ge-
sprochen hätten.
Des Weiteren habe die Beschwerdeführerin ausführlich erklärt, weshalb
der Soldat nicht mit ihr über den Geldbetrag verhandelt habe und sie habe
in der Eile auch nicht nachgeschaut, wie viel sie ihm konkret gegeben
habe. Sie habe erklärt, die Soldaten würden bis zu ihrem 30. Lebensjahr
kein Gehalt erhalten, weshalb sie gewusst habe, dass er das Geld anneh-
men würde. Bereits mit kleinsten Beträgen könne man in ihrer Heimat je-
manden bestechen.
In der Beschwerde wird zudem moniert, dass die Argumentation des SEM,
ihre Aussagen hätten die Wiedergabe von Emotionen und inneren psychi-
schen Vorgängen vermissen lassen, in keiner Weise zutreffend sei. Sie
habe in der ersten Anhörung sehr ausführlich ihre Verhaftung und die ers-
ten Übergriffe geschildert und habe so fest weinen müssen, dass die Dol-
metscherin sie nicht mehr richtig habe verstehen können. Auch bei der
zweiten Anhörung habe sie geweint, als sie von der Vergewaltigung erzählt
habe und sie habe geschildert, wie sie sich aufgrund des Geschehenen
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fühle. Sie habe auch gesagt, dass sie keinerlei Bedürfnis mehr habe, mit
einem Mann zusammen zu sein, und sie nichts mehr empfinde. Es sei für
sie schwierig, immer wieder darüber sprechen zu müssen und sie könne
jeweils danach nicht schlafen, da es sie sehr bewege. In einer Anhörungs-
pause habe sie ausserdem einen heftigen Weinkrampf gehabt. Sie habe
auch mehrfach angegeben, dass sie sich vorgenommen habe, sich an der
Anhörung zu beherrschen. Die Argumentation des SEM sei nicht nachvoll-
ziehbar.
Insgesamt habe es die Vorinstanz unterlassen, eine Gesamtbetrachtung
der Aussagen vorzunehmen und keine Abwägung aller Elemente, welche
für oder gegen die Richtigkeit ihrer Aussagen sprechen würden, vorgenom-
men. Auch die zahlreichen Hinweise auf ihre gesundheitlichen Beeinträch-
tigungen seien nicht berücksichtigt worden. Die Vorinstanz habe dadurch
den Untersuchungsgrundsatz und das rechtliche Gehör verletzt, weshalb
die Sache eventualiter an die Vorinstanz zur erneuten Abklärung zurückzu-
weisen sei.
H.
Am 6. August 2018 reichte die Rechtsvertretung eine Vollmacht der Be-
schwerdeführerin im Original zu den Akten.
I.
Mit Instruktionsverfügung vom 9. August 2018 bestätigte die Instruktions-
richterin den Eingang der Beschwerde und hielt fest, die Beschwerdefüh-
rerin dürfe den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz abwarten, zumal
sie vorläufig in der Schweiz aufgenommen worden sei.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 14. August 2018 stufte die Instruktionsrichterin
die Beschwerde als aussichtslos ein, wies das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistands ab und forderte die Beschwerdeführerin auf, einen Kos-
tenvorschuss zu bezahlen.
K.
Am 29. August 2018 bezahlte die Beschwerdeführerin fristgerecht den ver-
langten Kostenvorschuss ein.
L.
Mit Eingabe vom 29. August 2018 wies die Beschwerdeführerin darauf hin,
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dass sie beabsichtige, in Kürze eine Beschwerdeergänzung einzureichen
und bat das Gericht mit dem Erlass eines Urteils zuzuwarten.
M.
Am 5. September 2018 teilte die Beschwerdeführerin mit, dass sie beim
Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des psychiatrischen Universitäts-
spitals G._ einen Termin mit einer spezialisierten Psychiaterin habe
und beabsichtige, einen detaillierten Arztbericht einzureichen, welcher je-
doch noch nicht fertig gestellt worden sei, weshalb sie erneut das Gericht
bat, mit dem Erlass des Urteils zuzuwarten.
N.
Am 10. September 2018 reichte die Beschwerdeführerin ein Schreiben der
Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik des Universitätsspitals
G._ ein, gemäss welchem sie am 13. September 2018 ein erstes
Gespräch in der Klinik habe.
O.
Mit Instruktionsverfügung vom 11. September 2018 wurde der Beschwer-
deführerin Gelegenheit geboten, innert Frist den in Aussicht gestellten de-
taillierten Arztbericht einzureichen.
P.
Am 8. Oktober 2018 reichte die Beschwerdeführerin fristgerecht einen Be-
richt des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer, datierend vom 3. Ok-
tober 2018, ein. Aus dem Bericht geht im Wesentlichen hervor, dass die
Beschwerdeführerin nach wiederholter Vergewaltigung Depersonalisati-
onssymptome und eine Bewusstseinseinengung, hinweisend auf eine
akute Belastungsreaktion mit peri-traumatischer Dissoziation (unwillkürli-
che Abspaltung des Bewusstseins und Verminderung der Aufmerksamkeit
gegenüber der Umwelt als Reaktion auf Stressüberflutung) beschreibe. Sie
habe nachfolgend eine PTBS entwickelt mit den Kernsymptomen in Form
von belastendem Wiedererleben, negativen Veränderungen von Stimmung
und Kognitionen, vegetativer Überregung und Vermeidungssymptomen. Im
Bericht wird ferner darauf hingewiesen, dass – ohne die beschriebenen
Erfahrungen hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts überprüfen zu können –
sich die subjektiven Angaben und objektiven Beobachtungen klinisch wi-
derspruchsfrei mit den geltend gemachten traumatischen Erfahrungen ver-
einbaren liessen. Des Weiteren wird festgehalten, dass sie sich als Folge
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einer Panikattacke im Rahmen der PTBS und der psychosozialen Belas-
tung durch Wohnortswechsel vom (...) 2018 bis (...) 2018 in einer statio-
nären Krisenintervention aufgehalten habe.
Im Begleitschreiben wies die Rechtvertreterin darauf hin, dass die Diag-
nose auch zu den Aussagen der Beschwerdeführerin während der Anhö-
rung passe. Sie habe beispielsweise gesagt, sie habe ihren ganzen Körper
nicht mehr gefühlt, sie habe die Kontrolle verloren und habe nicht mehr
gewusst, wer sie sei und was ihr passiere. Sie habe auch gesagt, sie sei
dort nicht mehr sich selbst gewesen und habe ihren Kopf nicht an der rich-
tigen Stelle gehabt. Die Diagnose erkläre das Aussageverhalten und die
teilweise vorhandenen Lücken in ihrer Erinnerung. Es sei zudem auch ein
Hinweis auf die Ursache, weshalb sie nicht mit den Mitinsassinnen gespro-
chen habe.
Q.
In seiner Vernehmlassung vom 15. November 2018 hielt das SEM fest, die
Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Be-
weismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könn-
ten. Das SEM halte an seiner Einschätzung fest, dass die geltend ge-
machte Verfolgung im Heimatstaat nicht glaubhaft geworden sei. Das SEM
verkenne dabei nicht, dass die Beschwerdeführerin offenkundig an psychi-
schen Problemen leide, rechne diese jedoch einem anderen Kontext zu. In
Bezug auf den eingereichten Arztbericht sei festzuhalten, dass das medi-
zinische Fachpersonal nicht verpflichtet sei, die Angaben eines Patienten
auf deren Glaubhaftigkeit zu prüfen. Ausserdem falle auf, dass in dem Arzt-
bericht vermerkt sei, die Beschwerdeführerin habe bis anhin keine Partner-
schaft gehabt, was ihren Angaben im Asylverfahren, sie habe eine Bezie-
hung mit einem Ninja-Kämpfer geführt, widerspreche.
R.
Mit Replik vom 3. Dezember 2018 monierte die Beschwerdeführerin, dass
das SEM den psychischen Zustand im Hinblick auf dessen Einfluss auf ihr
Aussageverhalten und bei der Glaubhaftigkeitsprüfung in seiner Verfügung
nicht berücksichtigt habe. Es lasse sich überdies nicht erklären, warum die
Vorinstanz zunächst in der Verfügung die sexuellen Übergriffe an sich für
unglaubhaft gehalten habe, in der Vernehmlassung dann nur den Kontext
der Übergriffe als nicht glaubwürdig eingestuft habe. Die im eingereichten
Arztbericht gestellte Diagnose erkläre die vermeintlichen Widersprüche in
den Aussagen beziehungsweise die Tatsache, dass sie sich an gewisse
Dinge nicht habe erinnern können. Im Weiteren sei es natürlich korrekt,
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dass das medizinische Personal nicht verpflichtet sei, die Angaben einer
Patientin auf ihre Glaubhaftigkeit hin zu überprüfen. Das Ambulatorium
habe aber festgehalten, dass sich die subjektiven Angaben der Beschwer-
deführerin und die objektiven Beobachtungen klinisch widerspruchsfrei mit
den geltend gemachten traumatischen Erfahrungen vereinbaren liessen.
Der eingereichte Arztbericht sei als Parteigutachten im Sinne von Art. 12
Bst. c VwVG zu betrachten. Zudem sei auf das Urteil BVGE 2015/11 zu
verweisen, in welchem das Bundesverwaltungsgericht festgehalten habe,
dass sich zwar aus der Diagnose einer PTBS nicht auf die Ursache einer
Traumatisierung schliessen lasse, aber gleichwohl die Einschätzung eines
Facharztes in Bezug auf die Plausibilität von Vorkommnissen oder Ereig-
nissen, welche als Ursache für die PTBS in Betracht kommen, ein Indiz
bilde, welches bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Verfolgungsvor-
bringen zu berücksichtigen sei. Abschliessend sei darauf hinzuweisen,
dass eine Partnerschaft umgangssprachlich mehr als nur eine Liebesbe-
ziehung sei und auf eine lange und gefestigte Beziehung hinweise. Bei der
kurzen Beziehung mit dem Ninja-Kämpfer habe es sich nicht um eine Part-
nerschaft gehandelt, weshalb hier kein Widerspruch auszumachen sei.
S.
Mit Instruktionsverfügung vom 28. Mai 2020 informierte die Instruktions-
richterin die Beschwerdeführerin, dass das Gericht beabsichtige, das vor-
liegende Verfahren in Kürze abzuschliessen und bot der Beschwerdefüh-
rerin Gelegenheit, allfällige letzte ergänzende Ausführungen einzureichen.
Gleichzeitig wurde sie aufgefordert, einen aktuellen ärztlichen Bericht zu
den Akten zu reichen.
T.
Am 22. Juni 2020 wurde ein ärztlicher Bericht, datiert auf den 18. Juni
2020, sowie eine Erklärung betreffend Entbindung von der ärztlichen
Schweigepflicht zu den Akten gereicht. Aus dem Bericht der behandelnden
Therapeutin Dr. phil. H._ geht hervor, dass die Beschwerdeführerin
nach wie vor an einer PTBS leide. Sie habe sogenannte flash backs,
Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten und leide an häufigen
Kopfschmerzen. Die Psychotherapie werde in Abständen von drei bis vier
Wochen weitergeführt.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftma-
chung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweis-
mass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den
Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das
Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend
für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht
es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen,
die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüch-
lich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf ge-
fälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3
AsylG).
3.3 Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im
Rahmen eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Real-
kennzeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Dif-
ferenzierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive ver-
fälschten Aussagen. Je mehr Realkennzeichen eine Aussage enthält,
desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage auf eigenem
Erleben beruht. Dabei sind immer die Fähigkeiten der aussagenden Per-
son und die Komplexität des vorgebrachten Geschehens zu berücksichti-
gen. Zu den Realkennzeichen gehören insbesondere die logische Konsis-
tenz, die ungeordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige Darstellung, der
quantitative Detailreichtum, raum-zeitliche Verknüpfungen, die Wieder-
gabe von Gesprächen, ausgefallene Einzelheiten, spontane Verbesserun-
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gen der eigenen Aussagen, das Eingeständnis von Erinnerungslücken so-
wie die Schilderung von Interaktionen, Komplikationen, Nebensächlichkei-
ten, unverstandenen Handlungselementen und eigenen psychischen Vor-
gängen (vgl. ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge, Wie glaubhaft
sind ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und S. 139 ff.; REVITAL
LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie können aussagepsychologi-
sche Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, in:
AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5 sowie BVGE 2015/3
E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils m.w.H.).
4.
In Beachtung dieser Grundsätze und nach Durchsicht der Akten kommt
das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass es sich den vorinstanz-
lichen Erwägungen in Bezug auf die Glaubhaftigkeit der Vorbringen aus
folgenden Überlegungen nicht anschliessen kann:
4.1 Das SEM führt in seiner Verfügung zunächst aus, die Beschwerdefüh-
rerin habe sich zu den angeblichen Hintergründen ihrer Verhaftung durch
die Soldaten widersprüchlich geäussert. Sie habe einerseits angegeben,
die Soldaten hätten von ihr den Aufenthaltsort der Ninjas wissen wollen.
Andererseits habe sie gesagt, dass Ziel der Soldaten sei es nicht gewesen,
den Aufenthaltsort der Ninjas zu erfahren, zumal sie diesbezüglich bereits
alle Informationen gehabt hätten, sondern sie hätten sie misshandeln und
die Wut an ihr auslassen wollen (Verfügung vom 29. Juni 2018 E.II.1.).
In Anbetracht der an beiden Befragungen übereinstimmenden umfangrei-
chen Ausführungen der Beschwerdeführerin fällt dieser vom SEM hervor-
gehobene Widerspruch einerseits nicht derart ins Gewicht, dass man dar-
aus die Unglaubhaftigkeit der Inhaftierung ableiten könnte. Andererseits
fällt nach Durchsicht der Protokolle auf, dass es sich dabei nicht um einen
erheblichen Widerspruch handelt. Die Beschwerdeführerin hat an beiden
Befragungen angegeben, die Soldaten hätten den Aufenthaltsort der Nin-
jas wissen wollen und sie hätten die inhaftierten Frauen der Ninjas zerstö-
ren wollen (SEM Akten A28, F80; A31, F21, F41). Sie hat auch an beiden
Befragungen übereinstimmend ausgeführt, dass sie zugegeben habe,
dass ein Ninja ihr Freund gewesen sei und sie ihm Essen in den Wald ge-
bracht habe (SEM Akten A28, F80; A31, F21). Die übereinstimmenden
Aussagen hat das SEM in seiner Glaubhaftigkeitsprüfung nicht erwähnt,
sondern lediglich hervorgehoben, dass die Beschwerdeführerin zu einem
späteren Zeitpunkt angegeben habe, das Ziel sei es nicht gewesen, den
Ort zu erfahren, sondern sie zu misshandeln (SEM Akte A31, F110). Die
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Beschwerdeführerin hat sich bei dieser Aussage darauf bezogen, dass sie
bereit gewesen wäre, den Soldaten anzugeben, wo sie die Nahurngsmittel
für die Ninjas jeweils deponiert habe, dieser Ort habe die Soldaten indes
nicht interessiert (a.a.O.). Darin einen entscheidenden Widerspruch zu se-
hen, erscheint zu überspitzt. Vielmehr lassen ihre Aussagen darauf schlies-
sen, dass die Soldaten die Frauen der Ninjas festgenommen haben, um
einerseits den Aufenthaltsort der Männer zu erfahren, aber andererseits
auch, um sie zu misshandeln und einzuschüchtern. Die Beschwerdeführe-
rin führte aus, man habe ihr gesagt, man werde die Frauen der Ninjas tö-
ten. Man bleibe nur eine Woche dort (in Haft), danach werde man getötet
(SEM Akten A28, F80; A31, F75). Da die Soldaten die Ninjas nicht hätten
finden können, hätten sie es an den Frauen ausgelassen (SEM Akte A31,
F44). Der vom SEM ausgemachte Widerspruch vermag somit insgesamt
nicht zu überzeugen.
4.2 Des Weiteren führt die Vorinstanz aus, die Beschwerdeführerin habe
zu den zentralen Punkten der Vorbringen durchwegs stereotype und pau-
schale Aussagen gemacht, insbesondere zum Ablauf der Tage während
der Inhaftierung und zu den Personen, welche sie vergewaltigt hätten. In
Bezug auf den Tagesablauf der Inhaftierung hat die Beschwerdeführerin
tatsächlich eher knappe Aussagen gemacht, sie wurde jedoch zum Tages-
ablauf auch nicht ausführlich befragt (SEM Akte A31, F36). Immerhin be-
schrieb sie jedoch den Raum, in welchem sie festgehalten worden sei, und
hat angegeben, es sei erstickend gewesen. Sie habe jeweils nur Brot und
Ingwer und manchmal auch nur eine Flasche Wasser für den gesamten
Tag erhalten (SEM Akte A31, F29ff.). Inwiefern es sich dabei um stereotype
Aussagen handeln sollte, erschliesst sich nicht.
Daneben hat das SEM nicht erwähnt, dass sich in den übrigen Aussagen
der Beschwerdeführerin mehrere Realkennzeichen und insbesondere ein
quantitativer Detailreichtum befinden. In der Beschwerde wurde zu Recht
darauf hingewiesen, dass die Beschwerdeführerin zum Ablauf der Inhaftie-
rung an beiden Befragungen detaillierte Angaben gemacht hat. Sie gab an,
dass der Mann der Freundin, bei welcher sie zu jener Zeit wieder gewohnt
habe, die Tür geöffnet habe und sie selbst sich im Wohnzimmer befunden
habe, da sie dort geschlafen habe (SEM Akten A28, F80; A31, F21-F26).
Sie erwähnte auch weitere Nebensächlichkeiten, wie, dass sie bei der Ver-
haftung lediglich ihr Telefon mitgenommen habe (SEM Akte A31, F21).
Später bezog sie sich nochmals darauf und gab an, dass sie bei der An-
kunft im Kommissariat einer Leibesvisitation unterzogen worden sei und
man ihr dabei das Telefon abgenommen habe (a.a.O., F27, F40). Bereits
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an der Erstbefragung gab sie an, dass man ihr das Telefon abgenommen
habe (SEM Akte A28, F80). Sie beschrieb auch an einigen Stellen ihre Ge-
fühle und gab an, sie sei während der Autofahrt ins Kommissariat nicht in
der Lage gewesen, mit den Soldaten zu sprechen, da sie am ganzen Kör-
per gezittert und Angst gehabt habe. Sie habe sich zum ersten Mal in einem
Polizeiauto befunden (SEM Akte A31, F25). Das Gericht teilt die Einschät-
zung nicht, dass sie durchwegs stereotype und pauschale Aussagen ge-
macht hat, auch wenn einzelne Abläufe vage geblieben sein mögen.
4.3 Das SEM hält der Beschwerdeführerin ferner vor, dass sie nicht habe
angeben können, ob sie immer von derselben Person oder von verschie-
denen Personen vergewaltigt worden sei. Sie habe ausweichende und
pauschale Antworten gegeben und es wäre zu erwarten gewesen, dass sie
konkrete Angaben zu den Vergewaltigungen hätte machen können. Die
Beschwerdeführerin moniert zu Recht, dass sich das SEM diesbezüglich
nicht mit ihrem psychischen Zustand und der bereits aus den Berichten des
Ambulatoriums feststellbaren PTBS auseinandergesetzt hat. Aus den dem
SEM zu Beginn des Asylverfahrens vorgelegen Berichten geht hervor, dass
die Beschwerdeführerin beim Erzählen der traumatischen Ereignisse (ge-
genüber dem Arzt) eine deutliche affektive Beteiligung, Intrusionen und
eine Tendenz zur Dissoziation zeige (SEM Akte A19). Die Ausführungen
des SEM, es wäre zu erwarten gewesen, dass die Beschwerdeführerin im
Zusammenhang mit den Vergewaltigungen Angaben zu Umrissen der Sta-
tur, zu Körpergerüchen und der individuellen Verhaltens- und Vorgehens-
weise des Täters hätte machen können, da man sich bei solchen Übergrif-
fen sehr nahe komme, sind vor diesem Hintergrund umso mehr unange-
messen.
Bei der Prüfung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen ist der von fachlich qua-
lifizierter Seite festgestellten Traumatisierung angemessen Rechnung zu
tragen. Aus dem auf Beschwerdestufe eingereichten Bericht des Ambula-
toriums für Folter- und Kriegsopfer vom 3. Oktober 2018 geht hervor, dass
die Beschwerdeführerin an einer PTBS (ICD-10: F43.1) leide und ihr ein
Antidepressivum verschrieben worden sei. Sie leide an einem Trauma
nach wiederholter Vergewaltigung. Des Weiteren wird in dem Bericht fest-
gehalten, dass sie Depersonalisationssymptome und eine Bewusstseinsei-
nengung, hinweisend auf eine akute Belastungsreaktion mit peritraumati-
scher Dissoziation (unwillkürliche Abspaltung des Bewusstseins und Ver-
minderung der Aufmerksamkeit gegenüber der Umwelt als Reaktion auf
Stressüberflutung) beschreibe. Im Bericht wird ferner darauf hingewiesen,
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dass ohne die beschriebenen Erfahrungen hinsichtlich ihres Wahrheitsge-
halts überprüfen zu können, sich die subjektiven Angaben und objektiven
Beobachtungen klinisch widerspruchsfrei mit den geltend gemachten trau-
matischen Erfahrungen vereinbaren liessen. Gegenüber den Ärzten hat die
Beschwerdeführerin die Hintergründe der traumatischen Erlebnisse bezie-
hungsweise der Vergewaltigungen ausführlich und mit den Angaben im
Asylverfahren übereinstimmend beschrieben, was ein gewichtiges Ele-
ment für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen darstellt. Der Bericht des Am-
bulatoriums für Folter- und Kriegsopfer wurde basierend auf fünf Gesprä-
chen mit der Beschwerdeführerin verfasst. Mit dem SEM ist zwar festzu-
halten, dass ärztliches Personal von seinem Auftrag her nicht verpflichtet
ist, Aussagen auf seine Glaubhaftigkeit zu prüfen. Ein Arztbericht gibt le-
diglich über einen Befund Auskunft, kann jedoch keinen Beweis für das
geltend gemachte traumatisierende Ereignis bilden (vgl. BVGE 2015/11
E. 7.2.1 und 7.2.2). Die ärztlichen Unterlagen und die Aussagen gegenüber
einem Arzt können jedoch als Indiz für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen
beigezogen werden. In dem Bericht wird einerseits festgehalten, dass sich
die subjektiven Angaben und objektiven Beobachtungen mit den geltend
gemachten traumatischen Ereignissen aus klinischer Sicht vereinbaren
lassen. Andererseits wird beschrieben, dass die Beschwerdeführerin eine
peritraumatische Dissoziation aufweist, was vorliegend die vom SEM vor-
gehaltenen unkonkreten Angaben zu den Vergewaltigungen erklären kann.
Die Beschwerdeführerin hat diesbezüglich zu Recht darauf hingewiesen,
dass das SEM die psychischen Probleme in seiner Verfügung nicht gewür-
digt beziehungsweise bei der Prüfung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
nicht berücksichtigt hat. Gemäss dem aktuellen Arztbericht vom 18. Juni
2020 leide die Beschwerdeführerin auch heute noch an den Folgen des
traumatischen Erlebnisses und an einer PTBS und sie ist nach wie vor in
psychotherapeutischer Behandlung. Es kann anhand der Aktenlage somit
durchaus angenommen werden, dass die Traumatisierung der Beschwer-
deführerin Einfluss auf ihr Aussageverhalten gehabt hat. Es ist bekannt,
dass Opfer von sexueller Gewalt in der Regel Mühe haben, umfassend
über das Erlebte zu sprechen. Der Grund dafür liegt im oft vorkommenden
Vermeidungsverhalten hinsichtlich Gedanken, Gefühlen und Gesprächen
mit Bezug auf die traumatischen Erlebnisse. Dies kann dazu führen, dass
man sich an wesentliche Aspekte nicht zu erinnern vermag (vgl. EMARK
2003 Nr. 17, E. 4b). Aus den Befragungsprotokollen geht an diversen Stel-
len hervor, dass es für die Beschwerdeführerin schwierig war, über das
Erlebte zu sprechen (bspw. SEM Akten A31, Anmerkung der Rechtsver-
tretung auf S. 4 und F77f., 81; A28, F10, F81, F97f.). Nach dem Gesagten
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lassen sich aus den Äusserungen der Beschwerdeführerin zu dem sexuel-
len Missbrauch keine Unglaubhaftigkeitselemente ableiten.
4.4 Andererseits ergeben sich aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
auch einige Ungereimtheiten. So überrascht die Angabe, dass sie sich in
Haft nicht mit den anderen Frauen ausgetauscht habe (SEM Akte A31,
F46f., F72-F74). Das SEM hat diesbezüglich in der Verfügung zu Recht
aufgeführt, dass zu erwarten gewesen wäre, dass sich die inhaftierten
Frauen, welche dasselbe Schicksal geteilt haben, ausgetauscht hätten. Es
erstaunt, dass die drei Frauen während den sechs Tagen in Haft zu keinem
Zeitpunkt miteinander gesprochen haben sollen und sich beispielsweise
Trost zugesprochen oder die Hintergründe der jeweils anderen Frauen zu
erfahren versucht hätten. Die Ausführungen in der Beschwerde, dass es
eine schambehaftete Situation gewesen sei und die Beschwerdeführerin
nicht von sich aus die anderen beiden Frauen habe ansprechen wollen,
kann als mögliche Erklärung dienen, auch wenn sie nicht restlos überzeugt.
4.5
4.5.1 Des Weiteren erscheint es tatsächlich seltsam, dass – wie vom SEM
in der angefochtenen Verfügung ausgeführt – die Beschwerdeführerin
keine ungefähre Angabe der Geldsumme, welche sie dem Soldaten gege-
ben habe, der ihr zur Flucht verholfen habe, hat machen können (SEM Akte
A31, F59ff.). Die Begründung der Beschwerdeführerin, dass die Soldaten
nicht von Beginn an einen Sold erhalten würden und sie darum gewusst
habe, dass er das Geld annehmen werde, leuchtet nicht gänzlich ein. Es
wäre nichtsdestotrotz zu erwarten gewesen, dass der Soldat zumindest
eine ungefähre Angabe der in Aussicht gestellten Geldsumme hätte haben
wollen angesichts der Risiken, welche er mit der Freilassung einer Gefan-
genen auf sich genommen hat.
4.5.2 Ihre übrigen Aussagen zur Flucht lassen ihre Darstellung indes nicht
gesamthaft unglaubhaft erscheinen. In den Ausführungen der Beschwer-
deführerin sind zahlreiche Realkennzeichen ersichtlich. Beispielsweise hat
sie wiederholt angegeben, sie habe den Soldaten gebeten, sie zum Markt
zu fahren, da sie sich dort habe orientieren und das Haus der Freundin
finden könne (SEM Akte A31, F48, F53). Daneben berichtet sie auch wei-
tere Nebensächlichkeiten, wie, dass sie den Soldaten an den Kleidern ge-
zogen habe (SEM Akten A31, F48; A28, F80). Daneben gab sie wiederholt
an, sie habe sich an jenem Tag schmutzig gefühlt und habe schlecht gero-
chen (SEM Akten A31, F48; A28, F80). Auch in ihren darauffolgenden Er-
zählungen bezieht sie sich darauf, dass sie gestunken habe (SEM Akte
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Seite 19
A28, F80, A31, F61) und gibt an, wann sie sich das erste Mal wieder habe
waschen können (SEM Akte A31, F62).
4.5.3 Die darauffolgende Flucht von Kongo Brazzaville über den Fluss
nach Kongo Kinshasa konnte die Beschwerdeführerin äusserst detailliert
und erlebnisgeprägt wiedergeben. Dabei gab sie ausgefallene Einzelheiten
an, wie, dass sie bei der Überfahrt über den Fluss Blutungen gehabt habe
und die Frau des Fluchthelfers ihr traditionelle Bäder gemacht habe (SEM
Akte A31, F62f.). Bereits an der Erstbefragung führte sie aus, die Frau des
Mannes, welcher sie über den Fluss gebracht und zu sich nach Hause ge-
nommen habe, habe eine traditionelle Behandlung für sie gemacht mit tra-
ditionellen Massagen. Die Frau habe Bananenpflanzen erwärmt und sie
damit eingerieben, danach habe diese ihren Körper damit abgeklopft. Sie
habe ihr auch Kräuter-Tees gemacht und habe versucht, sie mit Singen
und anderen Dingen abzulenken. Sie habe dabei jedoch immer Tränen in
den Augen gehabt, da sie die Stimme ihrer Mutter gehört habe (SEM Akte
A28, F80). Insgesamt ergibt sich aus ihren Erzählungen ein erlebnisge-
prägtes Bild ihrer Flucht.
4.5.4 Einzig die Aussage der Beschwerdeführerin, sie habe ihre Schwester
nicht mehr kontaktieren können, leuchtet nicht ein. Zunächst gab sie an,
sie habe – als sie sich in F._ bei der Schwester des Fluchthelfers
befunden habe – ihre Schwester kontaktiert (SEM Akte A31, F91). Später
führte sie hingegen aus, sie habe nach ihrer Ankunft in Europa ihre
Schwester nicht kontaktieren können, da sie keine Telefonnummer der
Schwester gehabt habe (a.a.O., F93, F100ff.). Demgegenüber gab sie je-
doch auch Einzelheiten in Bezug auf die Kontaktaufnahme mit der Schwes-
ter an, welche wiederum für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen sprechen.
Sie erklärte bereits an der Erstbefragung, dass sie mehrmals die Nummer
der Schwester habe wählen müssen, bis sie die richtige Nummer eingege-
ben habe (SEM Akte A28, F80). Sie habe eigentlich die Nummer der
Schwester gekannt, aber angesichts des Erlebten habe sie mehrere Ver-
suche benötigt, bis sie die richtige Nummer eingetippt habe (a.a.O., F104).
In der Anhörung wiederholte sie diesen Sachverhalt (SEM Akte A31, F91).
Des Weiteren gab sie auch an beiden Befragungen übereinstimmend an,
dass sie zum Zeitpunkt des Anrufs sehr emotional gewesen sei und ge-
weint habe, weshalb sie sich nicht in der Lage gesehen habe, mit ihrer
Schwester persönlich zu sprechen und ihr das Erlebte zu schildern (SEM
Akten A28, F80; A31, F99f.)
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Seite 20
4.6 Nach den obigen Erwägungen kann festgestellt werden, dass die Aus-
sagen der Beschwerdeführerin mehrheitlich substantiiert ausgefallen sind,
einige ihrer Aussagen jedoch unplausibel erscheinen. Bei einer Gesamtbe-
trachtung des Aussageverhaltens der Beschwerdeführerin fällt gleichwohl
grundsätzlich auf, dass kein Bruch in ihrem Erzählstil erfolgte. Beispiels-
weise berichtet sie über ihr anfängliches Leben in D._ und über die
dortigen Unruhen ab April 2016 in einer ähnlichen Erzähldichte wie über
die Inhaftierung und die Flucht nach Kongo Kinshasa (SEM Akte A28, F80).
Der Strukturvergleich kann somit als ein weiteres Element, welches für die
Glaubhaftigkeit der Vorbringen spricht, herangezogen werden.
4.7 Hinzukommend erscheinen die Aussagen der Beschwerdeführerin
auch im länderspezifischen Kontext nachvollziehbar. Im Zuge der Präsi-
dentschaftswahlen vom März 2016 ist es in der Pool-Region ab April 2016
zu Konflikten zwischen dem Staat und den sogenannten Ninja-Rebellen
gekommen. Es habe militärische Operationen in der Region gegeben, da
die Ninja-Rebellen sich in den Wäldern von Pool versteckt hätten. Es wird
auch von Gewalt gegen Frauen und durch die UNO dokumentierte Verge-
waltigungen im Zeitraum zwischen April und September 2017 berichtet
(The new humanitarian, Updated: Congo-Brazzaville’s hidden war, 18. Juni
2018, https://www.thenewhumanitarian.org/special-report/2018/06/18/up-
dated-congo-brazzaville-s-hidden-war, abgerufen am 8. Juli 2020). Die
Vorbringen der Beschwerdeführerin betten sich somit in die damalige Kon-
fliktsituation in D._ plausibel ein.
4.8 Insgesamt ist festzustellen, dass die Vorinstanz in ihrer Beurteilung der
Glaubhaftigkeit keine sorgfältige Abwägung aller Elemente, welche für oder
gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin spre-
chen, vorgenommen hat. Das Gericht kommt nach den obigen Erwägun-
gen zum Schluss, dass – insbesondere auch unter Berücksichtigung des
Arztberichtes des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer – insgesamt
die positiven Elemente überwiegen, auch wenn einige der Aussagen mit
Zweifeln behaftet bleiben und wenig nachvollziehbar erscheinen. Im Rah-
men einer Gesamtwürdigung ist jedoch mit überwiegender Wahrscheinlich-
keit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin von kongolesischen
Soldaten inhaftiert und vergewaltigt worden ist und sie in der Folge Kongo
Brazzaville verlassen hat.
5.
Im Folgenden bleibt zu prüfen, ob die als überwiegend glaubhaft befunde-
nen Vorbringen, namentlich die sexuellen Übergriffe durch die Soldaten
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Seite 21
und die Inhaftierung, flüchtlingsrechtlich relevant im Sinne des Asylgeset-
zes sind.
5.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37).
Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol-
gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation
im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zu-
gunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berück-
sichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6.1, 2011/50 E. 3.1.1 und
3.1.2, jeweils m.w.H.).
5.2 Die Beschwerdeführerin hat glaubhaft gemacht, dass sie vom Militär
ihres Heimatstaates inhaftiert und mehrfach von Soldaten vergewaltigt
worden ist, bevor ihr die Flucht gelang; danach habe sie das Heimatland
unmittelbar verlassen. Ihr wurden somit von staatlichen Organen erhebli-
che Nachteile im Sinne des Art. 3 AsylG zugefügt. Ein sachlicher und zeit-
licher Kausalzusammenhang zwischen der erlittenen Verfolgung und der
Flucht ist gegeben. Die erlittenen Benachteiligungen weisen ausserdem
ein asylrelevantes Motiv auf. Die Übergriffe waren politisch motiviert und
hatten im Sinne einer Reflexverfolgung zum Zweck, Informationen über die
Ninja-Kämpfer zu erhalten beziehungsweise diese zu einer Rückkehr aus
dem Wald durch Nahrungsentzug zu zwingen. Schliesslich bestand ange-
sichts der Tatsache, dass die Beschwerdeführerin Verfolgung seitens staat-
licher Kräfte erlebt hat, auch keine innerstaatliche Fluchtalternative. Dem-
nach ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ih-
rer Ausreise einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt war.
5.3 Praxisgemäss besteht die Regelvermutung, dass von erlittener, mit der
Ausreise in Kausalzusammenhang stehender Vorverfolgung ohne weiteres
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auf das Bestehen einer begründeten Furcht vor weiterer, zukünftiger Ver-
folgung zu schliessen ist (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.). Vorliegend
besteht kein Grund, von dieser Regelvermutung abzuweichen, zumal sich
die Situation im Heimatland der Beschwerdeführerin seit ihrer Ausreise
nicht in einem entscheidrelevanten Ausmass verändert respektive verbes-
sert hat.
5.4 Zusammenfassend erfüllt die Beschwerdeführerin die Voraussetzun-
gen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG. Aus den Akten ergeben
sich keine Anhaltspunkte für eine Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53
AsylG. Der Beschwerdeführerin ist somit Asyl zu gewähren.
6.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und die angefochtene Verfü-
gung vom 29. Juni 2018 ist aufzuheben. Die Beschwerdeführerin ist ge-
stützt auf Art. 3 AsylG als Flüchtling anzuerkennen und das SEM ist anzu-
weisen, ihr Asyl zu gewähren.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der am 29. August 2018 geleistet Kostenvor-
schuss in der Höhe von Fr. 750. – ist der Beschwerdeführerin zurückzuer-
statten.
7.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Es wurde keine Kostennote eingereicht. Der notwendige Vertretungsauf-
wand lässt sich aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen, weshalb
auf die Einholung einer Honorarnote verzichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2
in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfak-
toren sowie der Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen (Art. 9–13
VGKE) ist der Beschwerdeführerin zulasten der Vorinstanz eine Parteient-
schädigung von insgesamt Fr. 1900.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen. Das
SEM ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin diesen Betrag zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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