Decision ID: 559d18d3-e869-5f85-9da7-86a40b3824a9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie
und alevitischen Glaubens, verliess seinen Heimatstaat am 9. April 2016,
gelangte auf dem Luftweg legal von B._ direkt nach C._ und
stellte am 18. April 2016 in der Schweiz ein Asylgesuch. In der Folge wurde
er dem Testbetrieb des Verfahrenszentrums Zürich zugewiesen, wo am
21. April 2016 eine Personalienaufnahme stattfand. Eine erste Anhörung
wurde am 13. Mai 2016 durchgeführt, eine weitere erfolgte am 22. Juni
2016. Mit Verfügung vom 5. Juli 2016 wies ihn das SEM dem erweiterten
Verfahren zu.
B.
B.a Der Beschwerdeführer machte geltend, er stamme aus der Provinz
D._ und habe im Jahr 1995 in der Stadt E._ gewohnt. Da-
mals habe er in einer (...) gearbeitet, deren Betreiber offenbar für die (...)
([...]) tätig gewesen seien. Obwohl er selbst weder für diese Organisation
noch anderweitig politisch aktiv gewesen sei, sei er wegen Mitgliedschaft
bei der (...) zu einer Haftstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt worden.
Während seines Gefängnisaufenthalts sei es zu einem Aufruhr gekommen,
woraufhin im Jahr 2001 gegen ihn sowie zahlreiche andere Personen ein
Verfahren wegen Sachbeschädigung und Widerstand gegen die Staatsge-
walt eingeleitet worden sei. Im gleichen Jahr sei er entlassen und umge-
hend in den Militärdienst eingezogen worden. Nach dessen Absolvierung
habe er wiederum in E._ gelebt. Als fichierte Person habe er aber
stets unter Beobachtung gestanden und die Behörden hätten auch seinen
Vater unter Druck gesetzt. Im Jahr 2005 sei er deshalb nach B._
gezogen, wo er zuletzt für (...) gearbeitet habe. In dem im Jahr 2001 ein-
geleiteten Verfahren sei etwa 2008 ein erstinstanzliches Urteil ergangen,
welches ihm aber nicht zugestellt worden sei. Da einige der Mitangeklagten
das Verfahren an den Kassationshof weitergezogen hätten, sei es – ge-
mäss einem Auszug aus dem türkischen Justizinformationssystem – noch
immer hängig. Im Jahr 2015 sei ein weiteres Verfahren aufgrund derselben
Vorwürfe eröffnet worden. In diesem Zusammenhang sei er einige Monate
vor der Ausreise in B._ von der Staatsanwaltschaft einvernommen
worden. Ende 2015 sei dieses Verfahren dann infolge Verjährung einge-
stellt worden. In den Jahren 2014/2015 habe er zudem mehrere Artikel auf
der Internetseite (...) veröffentlicht. Weiter sei er im Dezember 2015 sowie
im Februar 2016 in B._ zweimal von zivilen Polizisten angehalten
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worden. Diese hätten ihn namentlich auf eine Erklärung seiner Mutter ge-
genüber den Medien – sie habe sich über (...) beschwert – angesprochen
und ihn ironisch gefragt, ob er erneut ins Gefängnis möchte. Zudem hätten
sie ihn durchsucht, einige Fragen gestellt und ihn dann gehen lassen mit
der Bemerkung, er solle sich "artig" verhalten oder die Türkei verlassen. Er
habe befürchtet, dass er erneut verhaftet oder gar liquidiert werden könnte.
Da er in der Türkei nicht mehr sicher gewesen sei, habe er sich entschie-
den, das Land zu verlassen.
B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer folgende Unterlagen im
Original ein: seine türkische Identitätskarte und seinen Reisepass, einen
Auszug aus dem offiziellen Register des türkischen Justizministeriums,
Ausdrucke von sechs von ihm verfassten Internet-Artikeln, einen Zustell-
nachweis sowie zwei Gerichtsurteile des Strafgerichts F._ vom (...)
1996 respektive vom (...) 2015 (mit teilweiser Übersetzung). Zudem wurde
ein Schreiben eines türkischen Anwalts zu den Akten gegeben.
C.
Mit Verfügung vom 27. Juli 2018 – eröffnet am 31. Juli 2018 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 28. August 2018 erhob der Beschwerdeführer – handelnd
durch seine Rechtsvertreterin – beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde gegen diesen Entscheid. Darin beantragte er, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben, er sei als Flüchtling zu anerkennen und es sei
ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei festzustellen, dass der Vollzug der
Wegweisung nicht zulässig beziehungsweise nicht zumutbar sei und es sei
eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
Beiordnung der unterzeichnenden Anwältin als amtliche Rechtsbeiständin.
Als Beschwerdebeilagen wurden – neben der angefochtenen Verfügung,
einer Vollmacht sowie einer Fürsorgebestätigung – ein Auszug aus einem
Register der türkischen Justizbehörden, zwei (bereits im vorinstanzlichen
Verfahren vorgelegte) Urteile des Gerichts in F._, zwei Artikel von
Amnesty International vom 19. und 25. Juli 2016 sowie eine Schnellrecher-
che der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 12. August 2016 ein-
gereicht.
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E.
Der Beschwerdeführer liess durch seine Rechtsvertreterin mit Eingabe
vom 30. August 2018 als weiteres Beweismittel ein von der türkischen
Rechtsanwältin G._ erstelltes Schreiben vom 28. August 2018 (in
Kopie, inklusive deutscher Übersetzung) zu den Akten reichen.
F.
Die Instruktionsrichterin wies die Gesuche um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege sowie Beiordnung einer amtlichen Rechtsbeiständin mit
Zwischenverfügung vom 11. September 2018 ab und forderte den Be-
schwerdeführer auf, einen Kostenvorschuss zu leisten.
G.
Der Kostenvorschuss wurde am 19. September 2018 bezahlt.
H.
Der Beschwerdeführer reichte dem Gericht mit Eingabe vom 21. Septem-
ber 2018 das Original des Schreibens der türkischen Anwältin vom 28. Au-
gust 2018 nach. Zudem wurde ein von H._ erstelltes Schreiben vom
15. September 2018 zu den Akten gegeben, welchem mehrere ausge-
druckte Internetartikel beilagen.
I.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 5. Februar 2020 zur Beschwerde
vom 28. August 2018 vernehmen.
J.
Mit Eingabe vom 9. März 2020 liess der Beschwerdeführer eine Replik ein-
reichen.
K.
Mit Schreiben vom 2. November 2020 reichte der Beschwerdeführer einen
ärztlichen Bericht vom 28. August 2020 zu den Akten. Gleichzeitig setzte
die Rechtsvertreterin das Gericht darüber in Kenntnis, dass der Beschwer-
deführer Anfang Oktober 2020 einen Suizidversuch unternommen habe
und sich seither in einer psychiatrischen Klinik in I._ befinde.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Kostenvorschuss
wurde fristgerecht bezahlt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, dass der Be-
schwerdeführer zwar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden sei, diese
aber bereits im Jahr 2001 verbüsst habe. In der Folge habe er weiterhin in
der Türkei gelebt, den Militärdienst absolviert und sei einer Arbeitstätigkeit
bei (...) nachgegangen. Ein Kausalzusammenhang zwischen der früheren
Verurteilung und der Ausreise fünfzehn Jahre später bestehe offensichtlich
nicht. Weiter habe der Beschwerdeführer ausgeführt, dass im Jahr 2015
ein Verfahren gegen ihn eingeleitet worden sei, weil er während seiner
Haftzeit an einem Gefängnisaufstand teilgenommen haben soll. Dieses sei
jedoch wegen Verjährung eingestellt worden. Sodann habe er geltend ge-
macht, dass er aufgrund seiner Vergangenheit und seiner kurdischen Wur-
zeln immer wieder Schwierigkeiten mit den Behörden gehabt habe und von
diesen unter Druck gesetzt worden sei. Zudem sei er zweimal auf der
Strasse von der Polizei angehalten und befragt worden, nachdem seine
Mutter in den Medien aufgetreten sei. Es sei allgemein bekannt, dass An-
gehörige der kurdischen Bevölkerung in der Türkei verschiedenen Schika-
nen oder Benachteiligungen ausgesetzt sein könnten. Die vorliegend gel-
tend gemachten Schwierigkeiten wiesen jedoch nicht die erforderliche In-
tensität auf, um als ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes zu gel-
ten. Hinsichtlich des im Jahr 2001 gegen den Beschwerdeführer eingelei-
teten – und angeblich noch hängigen – Verfahrens sei festzuhalten, dass
er sich nicht wirklich dafür interessiert zu haben scheine. So habe er ledig-
lich gehört, dass im Jahr 2008 eine Verurteilung ergangen sei. Die Behör-
den seien in diesem Zusammenhang offenbar während 17 Jahren nicht an
ihn gelangt und er habe mehrmals problemlos legal aus der Türkei ausrei-
sen können. Es sei nicht davon auszugehen, dass er wegen dieses Ver-
fahrens noch etwas zu befürchten habe, zumal es sich möglicherweise um
dasselbe Verfahren handle, welches 2015 eingestellt worden sei. Schliess-
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lich sei nicht ersichtlich, inwiefern die Veröffentlichung der von ihm erwähn-
ten Internet-Artikel zu einer Gefährdung führen könnte, nachdem er in die-
sen nicht direkt den türkischen Staat angreife, sondern eher gesellschaftli-
che Fragen aufwerfe. Hinsichtlich des Medienauftritts seiner Mutter sei
festzustellen, dass sie selbst deswegen keine Probleme gehabt habe. Es
sei daher auch nicht davon auszugehen, dass die Behörden diesbezüglich
den Beschwerdeführer belangen würden.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, dass es gemäss der
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zahlreiche Hinweise da-
für gebe, dass die Verfahren in der Türkei rechtsstaatlichen Anforderungen
nicht genügten. Zudem habe sich die Menschenrechtslage massiv ver-
schlechtert, wobei sich die Situation seit dem Putschversuch im Juli 2016
und dem in der Folge verhängten Ausnahmezustand weiter zugespitzt
habe. Kurdische Oppositionelle stünden oft pauschal im Verdacht, an an-
geblichen terroristischen Aktivitäten beteiligt zu sein. Gemäss Angaben von
Amnesty International gebe es glaubwürdige Berichte, wonach inhaftierte
Personen unmenschlich behandelt und gefoltert worden seien. Ferner sei
es einem Bericht der SFH zufolge nach dem Putschversuch im ganzen
Land zu Zusammenstössen zwischen Unterstützern von Erdogan und An-
gehörigen der alevitischen Gemeinschaft gekommen. Bei Letzteren handle
es sich – neben Frauen und Kurden – um die verletzlichste Gruppe im Zu-
sammenhang mit Übergriffen durch Anhänger der Regierungspartei AKP.
Der Beschwerdeführer sei in der Türkei von 1995 bis 2001 inhaftiert gewe-
sen und ein Verfahren wegen Sachbeschädigung und Widerstand gegen
Beamte sei noch immer offen. Es sei ihm nicht bekannt, ob über ihn auf-
grund dieser Umstände ein politisches Datenblatt geführt werde. Zwar
lasse sich das Verhalten der türkischen Behörden bei einer Rückkehr nicht
mit letzter Gewissheit voraussagen. Angesichts der verschärften politi-
schen Situation nach dem Putschversuch könne jedoch nicht ausgeschlos-
sen werden, dass er bei der Einreise in die Türkei inhaftiert und in Haft
gefoltert würde. Vor der Ausreise sei er als kurdisch-alevitischer Aktivist
und Blogger von den Sicherheitsbehörden stets überwacht, drangsaliert
und kontrolliert worden, weshalb er schliesslich gezwungen gewesen sei,
die Türkei zu verlassen. In Anbetracht seiner Vorstrafen, des hängigen
Strafverfahrens sowie seiner ethnisch-kulturellen Herkunft bestehe eine er-
hebliche Wahrscheinlichkeit, dass er zukünftig Verfolgungsmassnahmen
ausgesetzt sein werde. Er erfülle daher die Flüchtlingseigenschaft und es
sei ihm Asyl zu gewähren.
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Im Schreiben vom 28. August 2018 führte die türkische Rechtsanwältin
G._ aus, sie sei seit dem Jahr 2000 als Menschenrechtsanwältin in
Ankara tätig. Die vom Beschwerdeführer vorgebrachten Ereignisse wiesen
Ähnlichkeiten mit den Erlebnissen von zahlreichen politischen Personen in
der Türkei auf. Der nach dem Putschversuch ausgerufene Ausnahmezu-
stand habe die Unterdrückung und Gewalt gegen oppositionelle Personen
noch zunehmen lassen. Für Personen, die aus politischen Gründen bereits
verurteilt worden seien, sei es in der Türkei nicht mehr möglich, mit der
eigenen Religion und ethnischen Identität frei zu leben. Es drohten ihnen
stets neue Strafen unter beängstigenden Bedingungen. Die Angaben des
Beschwerdeführers würden überdies durch Berichterstattungen von Men-
schenrechtsvereinen gestützt.
Der in der Schweiz als Flüchtling anerkannte Jurist H._ führte in
einem Schreiben vom 15. September 2018 aus, er habe den Beschwerde-
führer im Gefängnis in F._ kennengelernt. Dieser sei mit (...) Jahren
der jüngste Gefangene gewesen und ständig gefoltert sowie schlecht be-
handelt worden. Als türkische Sicherheitskräfte das Gefängnis im (...) ge-
stürmt hätten, sei er verletzt worden und habe in der Folge mehrere Monate
allein in einer Gefängniszelle in Ankara verbringen müssen. Nach seiner
Entlassung habe er erschöpft und seelisch verletzt gewirkt. Durch anhal-
tende Behelligungen von Angehörigen der Sicherheitskräfte sei er aus sei-
nem Herkunftsdorf, in welches er nach der Haft zurückgekehrt sei, vertrie-
ben worden. Er habe in ständiger Angst vor polizeilicher Verfolgung gelebt
und stets befürchtet, die Polizei könnte bei ihm eine Razzia durchführen
und dadurch auch seinen Geschwistern Schaden zufügen. Nachdem er
2015 erneut und in noch grösserem Ausmass staatliche Unterdrückung er-
lebt habe, habe er die Türkei definitiv verlassen müssen. Es komme häufig
vor, dass ehemalige Gefangene, die wegen Mitgliedschaft bei der (...) ver-
urteilt worden seien, anhaltend massivem Druck von Seiten des Staates
ausgesetzt seien. Verschiedene Ereignisse wie Verhaftungen und Tötun-
gen von ehemaligen Gefangenen zeigten, dass die Angst des Beschwer-
deführers nicht übertrieben oder unbegründet sei.
4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, dass die Beschwerde-
schrift im Wesentlichen lediglich den bekannten Sachverhalt wiederhole
und die Situation in der Türkei beschreibe. Es sei jedoch nicht nachvoll-
ziehbar, weshalb der Beschwerdeführer aufgrund der Auswirkungen des
Putschversuchs – einzig aufgrund seiner politischen, religiösen und kultu-
rellen Zugehörigkeit – verfolgt werden sollte. Konkrete Hinweise auf eine
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zukünftige Verfolgung durch den türkischen Staat seien den Akten nicht zu
entnehmen.
4.4 Im Rahmen der Replik wurde geltend gemacht, dass sich die Türkei in
der chaotischsten Situation der letzten 20 Jahre befinde. Der Krieg in Sy-
rien habe mehrere Todesopfer unter den türkischen Soldaten gefordert,
was innenpolitisch dazu geführt habe, dass gegen Linke, Oppositionelle
und Angehörige von Minderheiten eine regelrechte Hetze betrieben werde.
Das Bundesverwaltungsgericht habe in diversen Urteilen festgehalten,
dass sich die Situation in der Türkei zugespitzt sowie die Menschenrechts-
lage verschlechtert habe. Der Beschwerdeführer habe bereits kurz nach
der Einreise in die Schweiz den Kontakt zu seinen Familienangehörigen in
der Türkei abgebrochen, um diese nicht weiter zu gefährden. Er sei folglich
über deren Situation nicht im Bild. Es sei ihm auch nicht bekannt, was ihn
als Person, welche massive Vorverfolgung erlitten habe, bei der Wieder-
einreise erwarten würde. Aufgrund seiner früheren Erfahrungen befürchte
er aber, direkt in Polizeigewahrsam genommen zu werden. Namentlich vor
dem Hintergrund seines politischen Profils, seiner Vorstrafen, des hängi-
gen Strafverfahrens sowie seiner ethnisch-kulturellen Herkunft bestehe
eine beachtliche Wahrscheinlichkeit von zukünftigen Verfolgungsmassnah-
men.
4.5 Gemäss dem ärztlichen Bericht vom 28. August 2020 besucht der Be-
schwerdeführer seit Mai 2020 alle zwei Wochen eine Psychotherapie. Es
wurde bei ihm eine (...) und eine ([...]) diagnostiziert. Er fühle sich anhal-
tend unsicher und leide unter der Ungewissheit seiner Zukunft aufgrund
des hängigen Asylprozesses in der Schweiz. Der Fokus der Behandlung
liege auf der Psychoedukation sowie dem Erarbeiten von Techniken und
Massnahmen zur eigenen Stabilisierung. Eine wirksame Behandlung sei
bei traumatisierten Personen erst möglich, wenn sich der Patient an einem
sicheren Ort befinde. Der aktuelle Zustand des Asylverfahrens beeinflusse
sowohl die Gesundheit als auch den Therapieverlauf ungünstig. Nach Ein-
schätzung des behandelnden Psychologen sei die Gesundheitsversorgung
im Herkunftsland qualitativ für die Bedürfnisse des Patienten nicht ausrei-
chend. Es werde mehrheitlich nur medikamentös behandelt und das Ver-
trauen von Personen mit kurdisch-alevitischer Abstammung gegenüber
dem türkischen System sei – aufgrund von erlittenen Folterungen und
Misshandlungen – nicht vorhanden, worunter die Arzt-Patienten-Bezie-
hung leiden könnte. Weiter wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer werde
in seinem aktuellen Gesundheitszustand als nicht reisefähig erachtet. Er
sei auch latent suizidgefährdet und es sei für eine Stabilisierung seines
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Seite 10
Gesundheitszustands sehr wichtig, dass er seine Behandlung in der
Schweiz fortsetzen könne.
5.
5.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von be-
stimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1). Eine begründete Furcht vor
Verfolgung im Sinne dieser Bestimmung liegt vor, wenn ein konkreter An-
lass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher
Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit
hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein,
die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und
damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beur-
teilung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE
2010/57 E. 2.5).
5.2 Das SEM hat in seinem Entscheid mit überzeugender Begründung dar-
gelegt, aus welchen Gründen die Vorbringen des Beschwerdeführers den
Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht
standhalten. Es kann daher vorab auf die betreffenden Erwägungen in der
angefochtenen Verfügung verwiesen werden.
5.3 Der Beschwerdeführer wurde im Jahr 1996 wegen Mitgliedschaft bei
der (...) zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem er diese im
Jahr 2001 verbüsst hatte, wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Danach
lebte er noch rund fünfzehn Jahre lang weiterhin in der Türkei, absolvierte
den Militärdienst und ging einer Arbeitstätigkeit nach. Der zeitliche Kausal-
zusammenhang zwischen der damaligen Verurteilung und der Ausreise im
Jahr 2016 ist offensichtlich unterbrochen, womit sich dieses Vorbringen als
nicht asylrelevant erweist. Es ist auch darauf hinzuweisen, dass der Be-
schwerdeführer vor der definitiven Ausreise mehrere touristische Reisen
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ins Ausland unternahm und jeweils wieder in die Türkei zurückkehrte (vgl.
A20, F97).
5.4 Weiter erwähnte der Beschwerdeführer zwei weitere Strafverfahren,
welche gegen ihn geführt worden seien. Beide gingen auf einen Gefäng-
nisaufstand während seiner Haftzeit zurück, wobei ihm Sachbeschädigung
sowie Widerstand gegen die Staatsgewalt vorgeworfen werde. Dabei sei
ein im Jahr 2001 eingeleitetes Verfahren nach wie vor offen. Zwar soll ein
erstinstanzliches Urteil ergangen sein, welches von einzelnen Mitange-
klagten an den Kassationshof weitergezogen worden sei (vgl. A20, F45 ff.).
Der Beschwerdeführer will aber nie ein Urteil erhalten haben und konnte
keine genaueren Angaben dazu machen, zu welcher Strafe er verurteilt
worden sei (vgl. A24, F33 ff.). Offenbar hatte er hinsichtlich dieses Verfah-
rens keinen Kontakt mehr mit den Behörden und wurde weder erneut ver-
haftet noch formell angeklagt. Erst im Rahmen eines anderen, im Jahr
2015 eingeleiteten Verfahrens sei er schliesslich von der Staatsanwalt-
schaft in B._ einmal einvernommen worden (vgl. A20, F55 ff.). Ge-
mäss den vom Beschwerdeführer eingereichten Unterlagen wurde dieses
Verfahren – betreffend das Delikt "Widerstand gegen Beamte", begangen
im Jahr 2000 im Gefängnis in F._ – wegen Verjährung eingestellt
(vgl. Urteil des Gerichts von F._ vom [...] 2015). Es ist zumindest
fraglich, ob daneben noch ein weiteres Verfahren offen ist. Der Beschwer-
deführer hat in dieser Hinsicht, abgesehen von einem Auszug aus dem Re-
gister des türkischen Justizministeriums, keinerlei Unterlagen vorgelegt
und namentlich weder eine Anklageschrift noch andere Gerichtsdoku-
mente eingereicht. Seine Angaben dazu, ob respektive welches Verfahren
zum heutigen Zeitpunkt noch offen sei, sind teilweise auch sehr vage (vgl.
A24, F53). Der Umstand, dass er keine näheren Kenntnisse zu diesem
Verfahren aufweist, lässt daran zweifeln, ob er sich tatsächlich für dieses
interessierte und deswegen noch Nachteile von Seiten der Behörden be-
fürchtete. Vielmehr ist zu erkennen, dass er zwischen den Jahren 2001 und
2015 weder einvernommen noch angeklagt oder verhaftet worden ist.
Ebenso wenig ist belegt, dass er in einem erstinstanzlichen Urteil – das er
weder erhalten noch angefochten habe – zu einer Strafe verurteilt worden
sein soll. Insgesamt ist vor diesem Hintergrund nicht davon auszugehen,
dass dem Beschwerdeführer zum heutigen Zeitpunkt, fast 20 Jahre nach
den Ereignissen in Haft, auf welche das Verfahren zurückgehen soll, noch
eine weitergehende strafrechtliche Verfolgung droht.
5.5 Gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers war der Grund für
seine Ausreise, dass sich der behördliche Druck erhöht habe, nachdem
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Seite 12
sich seine Mutter gegenüber den Medien über (...) beschwert habe. Er sei
in diesem Zusammenhang zweimal in B._ von Polizeibeamten be-
fragt und bedroht worden. Die beiden Vorfälle beschrieb er dahingehend,
dass er einem Polizeifahrzeug habe folgen und in einer Seitenstrasse an-
halten müssen. Während etwa 15-20 Minuten hätten ihn die Beamten ver-
hört und ihm dabei die Aktivitäten seiner Mutter vorgeworfen (vgl. A20, F66
ff. und A24, F80). Zudem hätten sie ihm gesagt, er solle sich "brav" verhal-
ten und sie würden ihn beobachten (vgl. A24, F87 und F99). Diesbezüglich
ist festzustellen, dass die Mutter des Beschwerdeführers im (...) 2015 vor
die Medien getreten sein soll. Die beiden polizeilichen Anhaltungen fanden
im Dezember 2015 sowie Februar 2016 statt und beschränkten sich darauf,
dass der Beschwerdeführer während etwa zwanzig Minuten auf der
Strasse befragt worden sei. Es ist daher nicht ersichtlich, woraus er die
Befürchtung, er könnte "das nächste Mal" mitgenommen oder gar liquidiert
werden, konkret ableitet (vgl. A20, F42 und A24, F100). Die beiden Vorfälle
weisen – wie das SEM zu Recht festgestellt hat – keine genügende Inten-
sität auf, um als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG und damit
als flüchtlingsrechtlich relevant eingestuft zu werden.
5.6 Sodann machte der Beschwerdeführer zwar geltend, dass er stets Re-
pressionen erlitten habe und von den staatlichen Behörden unter Druck
gesetzt worden sei. Auf konkrete Nachfrage konnte er diese jedoch nicht
weiter präzisieren. Seine Ausführungen erschöpften sich in den pauscha-
len und vagen Angaben, dass er nicht in Ruhe habe leben können, sich
bedroht gefühlt sowie Angst gehabt habe, seine Arbeitsstelle zu verlieren
(vgl. A20, F76, F100 ff.). Zudem habe er nach seiner Rückkehr aus dem
Militärdienst in E._ ständig unter Beobachtung gestanden und sein
Vater sei seinetwegen unter Druck gesetzt worden, indem er jeweils nach
seinem Aufenthaltsort gefragt worden sei. Einmal sei er auch von zivilen
Beamten angehalten worden (vgl. A20, F109 ff. und A24, F111 f.). Weiter-
gehende Probleme mit den Behörden erwähnte der Beschwerdeführer
nicht (vgl. A20, F54 f.). Seine insgesamt wenig konkreten Ausführungen
lassen nicht auf eine massgebliche Verfolgungssituation schliessen. Ange-
sichts der Tatsache, dass er nach seinem Umzug nach B._ jahre-
lang unbehelligt in der Türkei leben konnte, einer Arbeitstätigkeit nachging
und weder Probleme bei der Passausstellung noch bei den Ausreisen zu
touristischen Zwecken respektive den Wiedereinreisen hatte (vgl. A20,
F104 ff.), ist nicht davon auszugehen, dass er im Zeitpunkt seiner Flucht
im Visier der staatlichen Behörden stand.
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5.7 Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen auf die allgemein ver-
schlechterte Situation in der Türkei verwiesen und ausgeführt, der Be-
schwerdeführer habe angesichts seiner Vorgeschichte sowie seiner eth-
nisch-kulturellen Herkunft als Kurde und Alevite zu befürchten, bei einer
Rückkehr umgehend festgenommen zu werden. Es wird jedoch nicht dar-
gelegt, auf welche konkreten Anhaltspunkte diese Vermutung abgestützt
wird. Die von ihm erwähnte Vorverfolgung – ein mehrjähriger Gefängnis-
aufenthalt – ereignete sich rund fünfzehn Jahre vor der Ausreise und es ist
nicht ersichtlich, inwiefern ihm deswegen zum heutigen Zeitpunkt eine Ver-
folgung drohen könnte. Zwar wurde in der Beschwerdeschrift zu Recht da-
rauf hingewiesen, dass die türkischen Behörden nach dem gescheiterten
Putschversuch im Juli 2016 rigoros gegen tatsächliche und vermeintliche
Regimekritiker vorgingen und zahlreiche Personen verhaftet wurden (vgl.
etwa Urteil des BVGer E-2168/2018 vom 7. Dezember 2020 E. 6). Inwie-
fern sich aus diesen Ereignissen eine konkrete Gefährdung des Beschwer-
deführers ergeben sollte, wird jedoch nicht dargelegt und ist nicht ersicht-
lich. Er war gerade nicht politisch tätig (vgl. A20, F82) und die von ihm ver-
fassten und im Internet veröffentlichten Artikel betrafen mehrheitlich gesell-
schaftliche Themen, wobei lediglich indirekt das System in der Türkei kriti-
siert wird (vgl. summarische Übersetzung der Artikel im Beweismittelcou-
vert [A17 Beweismittel 3] sowie A20, F98). Zudem war der Beschwerde-
führer vor seiner Ausreise keinen massgeblichen behördlichen Behelligun-
gen ausgesetzt und es ist nicht nachvollziehbar, aus welchen Gründen er
davon ausgeht, dass dies nach seiner Rückkehr nun der Fall sein sollte.
Es handelt sich bei ihm weder um einen Regimekritiker noch um einen po-
litischen Aktivisten. Allein seine ethnisch-kulturelle Herkunft, eine weit zu-
rückliegende und abgesessene Haftstrafe sowie der einmalige Medienauf-
tritt seiner Mutter lassen nicht darauf schliessen, dass er von den Behörden
als oppositionelle Person eingestuft würde. Die von ihm geäusserte sub-
jektive Furcht vor einer Verhaftung bei der Wiedereinreise erweist sich als
objektiv nicht nachvollziehbar.
5.8 An dieser Einschätzung vermögen auch die als Beweismittel einge-
reichten Schreiben der türkischen Rechtsanwältin G._ sowie des
mit dem Beschwerdeführer befreundeten H._ nichts zu ändern. Im
Ersteren wird lediglich auf die allgemeine Lage in der Türkei verwiesen und
nicht auf die spezifische Situation des Beschwerdeführers Bezug genom-
men. Entsprechend ist dieses Schreiben nicht geeignet, eine konkrete Ge-
fahr für den Beschwerdeführer zu belegen. Dasselbe gilt für das Unterstüt-
zungsschreiben von H._, der aus seiner Sicht berichtet, was der
Beschwerdeführer im Gefängnis und nach der Entlassung erlebt habe und
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welchen Problemen mit den Behörden er ausgesetzt gewesen sei. Na-
mentlich wird dargelegt, dass er in den Jahren 2008 bis 2015 ständig Angst
vor einer polizeilichen Verfolgung gehabt und die staatliche Unterdrückung
in der Türkei nicht mehr ertragen habe. Es wird jedoch nicht präzisiert, wo-
rin genau diese Unterdrückung bestanden haben soll und inwiefern diese
von einer ausreichenden Intensität gewesen wäre, um als ernsthafte Nach-
teile im Sinne von Art. 3 AsylG qualifiziert zu werden. Aus dem Schreiben
geht ebenfalls nicht hervor, aufgrund welcher konkreter Anhaltspunkte der
Beschwerdeführer in den Jahren vor der Ausreise befürchtete, erneut ver-
haftet zu werden. Die verschärfte politische Lage in der Türkei reicht für
sich allein genommen jedoch nicht aus, um eine begründete Furcht vor
einer zukünftigen Verfolgung zu bejahen.
5.9 Zusammenfassend ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerde-
führer im Zeitpunkt der Ausreise von einer Vorverfolgung betroffen war. Er
verfügte weder damals noch heute über ein massgebliches politisches Pro-
fil, zumal er sich nicht für eine Partei engagierte und auch keinen ander-
weitigen politischen Aktivitäten nachging. Die von ihm veröffentlichten Arti-
kel weisen eher einen gesellschaftskritischen und sozialwissenschaftlichen
Inhalt auf und sind daher nicht geeignet, sein Profil zu schärfen. Es gibt
keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass er vor seiner Ausreise eine un-
mittelbare Verfolgung zu befürchten hatte oder bei einer Rückkehr ins Vi-
sier der türkischen Behörden geraten und – wie von ihm befürchtet – erneut
verhaftet werden könnte. Das SEM hat daher zu Recht seine Flüchtlings-
eigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs-
vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
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der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen-
schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24
E. 10.2 m.w.H.).
7.2
7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der
Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
7.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
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127 m.w.H.). Wie oben ausgeführt wurde (vgl. E. 5), gelang es dem Be-
schwerdeführer vorliegend nicht, eine ihm konkret drohende Gefährdung
darzulegen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in der Türkei
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.2 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi-
schen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in ver-
schiedenen Provinzen im Südosten des Landes sowie der Entwicklungen
nach dem Militärputschversuch im Juli 2016 ist gemäss konstanter Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts nicht von einer Situation allgemeiner Ge-
walt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch nicht
für Angehörige der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. statt vieler Urteile
des BVGer E-1716/2020 vom 22. April 2020 E. 7.4.1 und E-2182/2020 vom
17. Dezember 2020 E. 12.4.1 je m. H.). Zwar verzeichnet D._, die
Herkunftsprovinz des Beschwerdeführers, nach Hakkari und Sirnak – bei
denen das Bundesverwaltungsgericht seit längerer Zeit von der generellen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgeht (vgl. BVGE 2013/2
E. 9.6) – ebenfalls eine grosse Anzahl an bewaffneten Auseinandersetzun-
gen mit Todesopfern (vgl. https://www.crisisgroup.org/content/turkeys-pkk-
conflict-visual-explainer, zuletzt abgerufen am 03.03.2021), weshalb eine
Rückkehr dorthin problematisch erschiene. Da der Beschwerdeführer aber
seit dem Jahr 2005 in B._ gelebt und gearbeitet hat, ist davon aus-
zugehen, dass diese Stadt für ihn eine zumutbare Aufenthaltsalternative
darstellt.
7.3.3 In individueller Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
in der Türkei die Schule besucht hat und jahrelang erwerbstätig war (vgl.
A20, F8 und F22 ff.). Verschiedene nahe Angehörige leben nach wie vor in
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seinem Heimatstaat (vgl. A11, Ziff. 3.01) und es ist anzunehmen, dass er
über ein intaktes familiäres und soziales Beziehungsnetz verfügt, welches
ihn bei der Wiederintegration unterstützen kann. Der vom Beschwerdefüh-
rer behauptete Kontaktabbruch zu seinen Familienangehörigen vermag
daran nichts zu ändern.
7.3.4 Dem ärztlichen Bericht vom 28. August 2020 lässt sich entnehmen,
dass der Beschwerdeführer an einer (...) leidet. Er nehme keine Medika-
mente ein und besuche alle zwei Wochen eine psychotherapeutische Be-
handlung. Zudem führte die Rechtsvertreterin in ihrer Eingabe vom 2. No-
vember 2020 aus, dass er im Oktober 2020 einen Suizidversuch unternom-
men habe und im Anschluss in die psychiatrische Klinik in I._ ein-
gewiesen worden sei. Die Nachreichung eines entsprechenden Berichts
wurde in Aussicht gestellt. Der vertretene Beschwerdeführer hat aber –
trotz der ihm obliegenden Mitwirkungspflicht – bis zum heutigen Zeitpunkt
kein aktuelles ärztliches Zeugnis zu seinem momentanen psychischen Ge-
sundheitszustand eingereicht. Diesbezüglich ist jedoch ohnehin festzuhal-
ten, dass die Behandlung psychischer Probleme, wie sie im vorliegenden
Fall geltend gemacht werden, in der Türkei sowohl stationär als auch am-
bulant möglich ist. Es existieren landesweit psychiatrische Einrichtungen
und es stehen im Bedarfsfall auch moderne Psychopharmaka zur Verfü-
gung. Insbesondere in türkischen Grossstädten – darunter B._, wo
der Beschwerdeführer vor der Ausreise gelebt hat – ist der Zugang zu Ge-
sundheitsdiensten, Beratungsstellen und Behandlungseinrichtungen für
psychische Erkrankungen gewährleistet (vgl. Referenzurteil E-1948/2018
vom 12. Juni 2018 E. 7.3.5.3 m.H.). Es kann somit davon ausgegangen
werden, dass der Beschwerdeführer eine allfällige weiterhin notwendige
medizinische Behandlung – insbesondere auch ein möglicher stationärer
Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung – im Heimatstaat ebenfalls
erhältlich machen könnte. Hinsichtlich der geltend gemachten Suizidalität
des Beschwerdeführers ist festzuhalten, dass eine solche gemäss ständi-
ger Praxis dem Wegweisungsvollzug nicht entgegensteht, solange dieser
bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung getragen wird und konkrete Mass-
nahmen zur Verhütung der Umsetzung der Suiziddrohung getroffen wer-
den können (vgl. Urteile des BVGer E-5848/2014 vom 23. Februar 2016 E.
4.8.2 und E-3090/2018 vom 4. Januar 2018 E. 6.4.3). Vorliegend ist dies
durch eine geeignete psychiatrische und medizinische Betreuung im Zeit-
raum der Rückschaffung möglich. Weiter vermag der Umstand, dass der
behandelnde Therapeut die vom Beschwerdeführer benötigte Behand-
lungsmöglichkeit (Psychotherapie) in der Türkei in Frage stellt, vor dem
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Hintergrund der genannten Behandlungsmöglichkeiten für psychische Er-
krankungen nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu füh-
ren. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die Frage der Reisefähigkeit,
die im Bericht vom 28. August 2020 als nicht gegeben erachtet wurde, erst
kurz vor dem effektiven Vollzug der Wegweisung definitiv zu beurteilen ist.
Eine allenfalls fehlende Reisefähigkeit stellt dabei lediglich ein temporäres
Vollzugshindernis dar.
7.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer – der über einen gülti-
gen türkischen Reisepass verfügt – sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls notwendigen Reisedo-
kumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf Fr. 750.– festzusetzen
(Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE; SR
173.320.2]). Der am 19. September 2018 einbezahlte Kostenvorschuss in
gleicher Höhe ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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