Decision ID: 1573c97b-fbeb-4057-9109-5e339871ff5d
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1978, beendete im Juli 1999 eine
Anlehre
als Baupraktiker Hochbau (
Urk.
7/2/16) und absolvierte anschliessend Kurse als
Baggerführer und Staplerfahrer (
Urk.
7/2/12-13). Nach erstmaliger An
meldung bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
im August 2008
unter Hinweis auf
eine Sozial
phobie und Agoraphobie sowie eine
Persönlich
keits- und Verhaltens
stö
rung
(
Urk.
7/3) gewährte die Invalidenversicherung
berufliche Massnahmen
(
Belastbarkeits-, Aufbau-
und Arbeitstraining)
,
welche sie im Okto
ber 2011 abschloss,
da
X._
nach dem Arbeitstraining eine Fest
anstellung als Chauffeur bei der
Y._
AG an
tre
ten konnte
(
Urk.
7/7
2,
Urk.
7/76-77).
Ausgehend von einer 80%igen Arbeits
fähig
keit in einer behinderungs
an
ge
passten Tätigkeit verneinte die IV-Stelle bei einem Invaliditäts
grad von 4 % den Anspruch auf eine Invalidenrente (vgl. Ver
fügung vom 13. De
zember 2011,
Urk.
7/85).
1.2
X._
arbeitete bis Juli 2013 als Kurierfahrer und anschliessend, meist vermittelt über
Temporärfirmen
, in verschiedenen Tätigkeiten, zuletzt als Brand
schadenräumer im Stundenlohn
bis Ende 2017
(
Urk.
7/93,
Urk.
7/89/5).
Seit
Januar 2018 lebt er von der Sozialhilfe (
Urk.
7/101). Im Juli 2018 meldete er sich erneut bei der IV-Stelle an (
Urk.
7/89). Auf Aufforderung hin
(
Urk.
7/92)
liess er den Bericht der p
sychiatrischen
K
linik
Z._
, Zentrum für Soziale Psychiatrie, Ambulatorium
A._
, vom
9.
Januar 2019 (
Urk.
7/109), ein
schliess
lich der
Berichte über die
durch seinen
ihn
früher beh
andelnden Psychia
ter
Dr.
med.
B._
veranlassten verhaltensneurologisch-neuropsycho
logischen Abklärungen vom 2
1.
Juni und 2
4.
Septemb
er 2018 (
Urk.
7/109/7-14)
einreichen
. Die IV-Stelle trat daraufhin auf das Neu
anmeldungsgesuch ein (
Urk.
7/111)
, holte einen Auszug aus dem Individuellen Konto (IK-Auszug) des Versicherten ein (
Urk.
7/93)
und legte die Akten ihrem Regionalen Ärztlich
en Dienst (RAD) vor.
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, nahm am
7.
März 2019 Stellung (
Urk.
7/120/5-6). Gestützt hierauf auferlegte die IV-Stelle
X._
mit Verfügung vom 1
8.
März 2019
(
Urk.
7/112)
die Pflicht, sich einer qualifizierten stationären Entgiftung sowie einer Langzeit-Entwöhnungsbehandlung zu unter
ziehen
,
unter Überwachung mittels Urinproben
,
und anschliessend eine Abstinenz von jeglichen Suchtmitteln (Alkohol, Cannabis und Kokain) einzuhalten,
was
sechs Monate nach dem Entzug mittels Haaranalyse überprüft werde. Nach
Abschluss der Entzugsbehandlung würden si
e die Abklärungen wiederaufnehmen und entscheiden, ob eine bleibende oder zumindest längere Zeit dauernde Einschränkung der Erwerbs
fähigkeit vorliege. Sollte er sich diesen Massnahmen nicht unterziehen, werde auf das Leistungsgesuch nicht eingetreten oder
aufgrund der Akten entschieden und ein allfälliger Leistungsanspruch abgelehnt. Sie setzte dem Versicherten Frist bis zum 2
3.
April 2019, die Durchführungs
stelle(n) mitzuteilen.
Gleich
zeitig teilte sie dem Versicherten mit, dass aufgrund des Ge
sund
heitszustandes keine Eingliede
rungs
massnahmen angezeigt seien (vgl. Schrei
ben vom 1
8.
März 2019, Urk. 7/113).
Mit am 1
0.
April
2019 unter
schriebenem Formular zeigte der Ver
sich
erte an, sich ab 2
5.
April 2019 im
Zentrum
D._
behandeln zu lassen (
Urk.
7/114).
Die IV-Stelle ersuchte daraufhin um Zustellung des Behandlungs- und Therapieplanes (
Urk.
7/115).
Mit Schreiben vom 1
3.
Juni 2019
teilte
Dr.
med.
E._
, Oberarzt im
D._
,
mit (
Urk.
7/117), dass der Versicherte seit 2
5.
April
2019
zu ambulanten Gesprächen in i
hre Institution komme und sie davon ausgingen, dass er den Konsum von Cannabis reduziere. Eine Abstinenz würde aktuell eine Ver
schlechterung des Gesundheitszustandes bedeuten.
Die
IV-Stelle
beharrte mit Schreiben vom 2
0.
Juni 2019
auf
der vollständigen Durchführung der auferlegten Massnahmen (
Urk.
7/118), worauf
hin
Dr.
E._
am 2
7.
August 2019 telefonisch mitteilte, dass bei
X._
die Auflagen nicht durchgeführt würden und dieser nicht vollständige abstinent sei (
Urk.
7/119).
Daraufhin stellte die IV-Stelle m
it Vorbescheid vom 28. Au
gust
2019 die Abweisung des Leistungs
begehrens in Aussicht (
Urk.
7/121).
Dagegen erhob der Versicherte mit Schreiben vom 3
0.
September 2019 (Urk. 7/122) sowie ergänzend am 1
7.
und 2
8.
Oktober 2019 (
Urk.
7/129-130) Ein
wand. Nach Rücksprache mit der RAD-Ärztin (vgl.
Urk.
7/131) verneinte die IV-S
telle mit Verfügung vom 2
7.
November 2019 wie vorbeschieden einen Leistungs
anspruch (
Urk.
2).
2.
Hiergegen erhob der Versicherte am 1
3.
Januar 2020 Beschwerde (
Urk.
1) und be
antragte, die Verfügung sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu ver
pflichten, ihm ab Januar 2019 eine ganze Rente der Invalidenversicherung zu
zusprechen. Eventualiter sei ein Gerichtsgutachten anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 1
4.
Februar 2020 (
Urk.
6) auf Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerdeführer mit Ver
fü
gung vom 1
9.
Februar 2020 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1
.1
In der angefochtenen Verfügung vom 2
7.
November 2019 (
Urk.
2) hielt die Beschwerdegegnerin fest,
die medizinischen Abklärungen hätten ergeben, dass nicht abschliessend beurteilt werden könne, ob die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bleibend s
ei
oder zumindest längere Zeit andauere. Die
Arbeits
fähigkeit respektive Integrationsfähigkeit lasse sich mit diversen medizinischen Mass
nahmen verbessern. Es könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht geklärt werden, inwiefern eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der psychiatrischen Problematik oder aufgrund der Abhängigkeitsproblematik ausgewiesen sei. Auf
grund dessen hätten sie dem Beschwerdeführer verschiedene Massnahmen auf
erlegt, welcher dieser gemäss Besprechung mit
Dr.
E._
vom 2
7.
August 2019 nicht vollständig umsetze. Es erfolgten keine Urinproben und keine Ab
stinenz der geforderten Suchtmittel, sondern lediglich eine Reduktion des Kon
sums. Damit verletze
der Beschwerdeführer
seine Mitwirkungsp
f
licht, weshalb
er keinen Anspruch auf Leistu
ngen der Invalidenversicherung
habe
.
Der
Einwand, dass eine Abstinenz zu einer Verschlechterung des Gesundheits
zustandes führen würde, sei aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar.
1
.2
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde vom 1
3.
Januar 2020 (
Urk.
1) zusammengefasst geltend,
er sei krankheitsbedingt nicht in der Lage, der Schadenminderungspflicht nach
zukommen. Sein Gesund
heits
zu
stand würde sich durch eine Abstinenz ver
schlechtern. Aufgrund der vor
be
stehen
den psychiatrischen Erkrankung sei aus
serdem davon auszugehen, dass ein Entzug die Arbeitsfähigkeit nicht ver
bessern würde. Die Voraussetzungen für die Auferlegung einer Schaden
min
de
rungs
pflicht seien deshalb nicht ge
geben, wes
halb diese unzulässig sei.
Schliesslich ergebe sich aus den medizinischen Akten, dass
die neuropsychologischen Einschränkungen
im Rahmen einer frühkindlich erworbenen zerebralen Entwicklungsstörung
zu interpretieren seien. Ebenso würde auch die psychiatrische Erkrankung ihre Ursache in der Kindheit finden.
1.3
Strittig und zu prüfen ist demnach
,
ob
die Beschwerdegegnerin gestützt auf
die von ihr festgestellte
Verletzung der Schadenminderungspflicht durch den
Be
schwerdeführer
Leistungen der Invalidenversicherung, konkret
den Anspruch
auf eine Rente sowie auf Eingliederungsmassahmen insbesondere in Form eines Belastungstrainings, zu Recht verweigerte.
2.
2.1
2.1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundes
gesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbs
möglich
keiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück
sichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.
1.
2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausge
wiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.
1.
3
In Änderung seiner bisherigen
Rechtsprechung (
vgl.
Hinweise zur bisherigen Rechtsprechung
in BGE 145 V 215
E. 4.1)
änderte das Bundesgericht mit
BGE 145 V 215
eine langjährige Praxis
dahingehend, dass - fachärztlich einwandfrei diagnostizierten - Abhängigkeitssyndromen beziehungsweise Substanzkonsum
störungen nicht zum vornherein jede invalidenversicherungsrechtliche Releva
nz abgesprochen werden kann (E.
5.3.3), sondern diese vielmehr als invaliden
versicherungsrechtlich beachtliche (psychische) Gesundheitsschäden in Betracht fallen (E.
6).
Gemäss BGE 143 V 418 E. 6 f. ist die Frage nach den Auswirkungen sämtlicher psychischer Erkrankungen auf das funktionelle Leistungsvermögen grundsätzlich unter Anwendung des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE
141 V 281 zu beantworten. Hierzu gehören nach dem oben Ausgeführten auch Abhängigkeitssyndrome (E. 6.2).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens kann und muss insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden. Diesem kommt nicht zuletzt deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängig
keitserkrankungen - wie auch bei anderen psychischen Störungen - oft eine Gemengelage aus krankheitswertiger Störung sowie psychosozialen und sozio
kulturellen Faktoren vorliegt. Letztere sind selbstverständlich auch bei Abhängig
keitserkrankungen auszuklammern, wenn sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen (vgl. bezüglich der Depressionen BGE 143 V 409 ff. E. 4.5.2). Eine
krankheits
wertige Störung muss umso ausgeprägter vorhanden sein, je stärker psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren das Beschwerdebild mitprägen (E. 6.3).
Aus Gründen der Verhältnismässigkeit kann immerhin dort von einem strukturierten Beweisverfahren abgesehen werden, wo es nicht nötig oder geeignet ist. Es bleibt daher etwa dann entbehrlich, wenn für eine - länger dauernde (Art. 28 Abs. 1
lit
. b IVG) - Arbeitsunfähigkeit nach bestehender Aktenlage keine Hinweise bestehen oder eine solche im Rahmen beweiswertiger fachärztlicher Berichte in nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und allfälligen gegenteiligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann (E. 7).
2.1.4
Eine neue Rechtsprechung ist im Grundsatz sofort und überall anwendbar und gilt nicht nur für künftige, sondern für alle im Zeitpunkt der Änderung hängigen Fälle (Urteil des Bundesberichts 9C_309/2019 vom
7.
November 2019 E. 4.1).
2.2
Im Gebiet der Invalidenversicherung gilt ganz allgemein der Grundsatz, dass die invalide Person, bevor sie Leistungen verlangt, alles ihr Zumutbare selber vorzu
kehren hat, um die Folgen ihrer Invalidität bestmöglich zu mildern (BGE 113 V 22 E. 4a mit Hinweisen). Dieses Gebot der Selbsteingliederung ist Ausdruck des in der ganzen Sozialversicherung geltenden Grundsatzes der Schaden
minde
rungs
pflicht (vgl. BGE 120 V 368 E. 6b, 117 V 275 E. 2b), wobei jedoch von der versicherten Person nur Vorkehren verlangt werden können, die unter Berück
sich
tigung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzel
falles zumutbar sind (BGE 113 V 22 E. 4a mit Hinweisen auf Lehre und Recht
sprechung; ZAK 1989 S. 214 E. 1c). Als Ausdruck der allgemeinen Schaden
minderungspflicht geht die Pflicht, die notwendigen Schritte zur Selbst
ein
glie
de
rung zu unternehmen, nicht nur dem Renten-, sondern auch dem gesetzlichen Eingliederungsanspruch vor (Urteil des Bundesgerichts 9C_356/2014 vom
1
4.
No
vember 2014 E. 3.1 mit Hinweisen auf Urteile I 116/03 vom 1
0.
November 2003 E. 3.1 und I 145/01 vom 1
2.
September 2001 E. 2b).
2.3
2.3.1
Nach
Art.
21
Abs.
4 ATSG können Leistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert werden, wenn sich eine versicherte Person einer zumut
baren Behandlung oder Eingliederung ins Erwerbsleben entzieht oder widersetzt, die eine wesentliche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit oder eine neue Erwerbs
möglichkeit verspricht, oder wenn sie nicht aus eigenem Antrieb das ihr Zumut
bare dazu beiträgt. Sie muss vorher schriftlich gemahnt und auf die Rechts
folgen hingewiesen werden; ihr ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen.
Behand
lungs
- und Eingliederungsmassnahmen, die eine Gefahr für Leben und Gesund
heit darstellen, sind nicht zumutbar. Diese Bestimmung ist im Bereich der Invali
den
versicherung anwendbar (
Art.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 IVG). Zusätzlich verpflichtet
Art.
7
Abs.
1 IVG die anspruchsberechtigten Personen unter Hinweis auf die Rechtsfolgen gemäss
Art.
21
Abs.
4 ATSG, die Durch
führung aller Massnahmen, die zur Eingliederung ins Erwerbsleben getroffen werden, zu erleichtern
(Urteil des Bundesgerichts I 824/06 vom 1
3.
März
2007 E.
2.2)
.
Gemäss
Art.
7a IVG gilt jede Massnahme als zumutbar, die der Ein
gliederung der versicherten Person dient; ausgenommen sind Massnahmen, die ihrem Gesundheitszustand nicht angemessen sind.
2.3.2
Eine vorübergehende oder dauernde Kürzung oder Verweigerung der Leistung wegen Verletzung der Schadenminderungspflicht setzt einerseits die Zumutbar
keit der (unterbliebenen) medizinischen Behandlung oder erwerblichen Ein
gliederung voraus. Zum andern muss diese Vorkehr, der sich die versicherte Person widersetzt oder entzogen hat, geeignet sein, eine wesentliche Steigerung der Erwerbsfähigkeit zu bewirken. Hierfür
be
darf es keines strikten Beweises, sondern es genügt eine - je nach den Umständen zu konkretisierende - gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Vorkehr erfolgreich gewesen wäre.
Der erforderliche Grad an Wahrscheinlichkeit ist unter Berücksichtigung der Schwere des mit der Massnahme verbundenen Eingriffs in Persönlichkeitsrechte zu beurteilen. Bei
thera
peutischen Massnahmen, welche mit einem nur geringen Eingriff verbunden sind, dürfen an die Wahrscheinlichkeit der zu erwartenden Besserung keine hohen Anforderungen gestellt werden (Urteil des Bundesgerichts 9C_671/2016 vom 2
0.
März 2017 E. 4.4.1 mit Hinweisen auf Beispiele).
Ab
welchem Zeitpunkt eine entsprechende Annahme getroffen werden darf, ist von der richtigen Durch
führung des Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens
abhängig
(Urteil des Bundes
gerichts 8C_865/2017 vom 1
9.
Oktober 2018 E. 3.3)
. Schliesslich muss die
Sanktion in ihrer konkreten Gestalt verhältnismässig sein, indem das Kürzungs
mass und die voraussichtliche günstige Wirkung der zumutbaren Massnahme auf den Erwerbsschaden einander entsprechen
(Urteil des Bundesgerichts I
824/06 vom 1
3.
März 2007 E. 3
)
. Beim Entscheid über die Kürzung oder Verweigerung
von Leistungen
sind
nach
Art.
7b
Abs.
3 IVG
alle Umstände des einzelnen Falles, insbesondere das Ausmass des Verschuldens der versicherten Person zu berück
sichtigen.
Für die der Kürzung oder Verweigerung der Versicherungsleistungen unter
liegen
den Tatsachen trägt die Versicherung die Beweislast (BGE 111 V 186 E. 3b und 197 E. 6b).
2.4
Kommen die versicherte Person oder andere Personen, die Leistungen bean
spruchen, den Auskunfts- oder Mitwirkungspflichten in unentschuldbarer Weise nicht nach, so kann der Versicherungsträger auf Grund der Akten verfügen oder die Erhebungen einstellen und Nichteintreten beschliessen. Er muss diese Per
sonen vorher schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hinweisen; ihnen ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen (
Art.
43
Abs.
3 ATSG).
3
.
3
.1
Seit Februar 2007 war der Beschwerdeführer bei
Dr.
med.
F._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
in Behandlung (1-2 Mal pro Monat). Dr.
F._
konstatierte
in seinem Arztbericht vom 2
1.
September 2009 (Urk. 7/27)
, der Beschwerdeführer sei im Gespräch oft beschleunigt, entsprechend der teils in
ne
ren Unruhe und
Angetriebenheit
.
Die Grundstimmung sei grund
sätzlich gut. An
haltende und schwere depressive Phasen
würde
es in letzter Zeit keine zu ver
zeichnen
geben
. Der Beschwerde
führer selber beklage eine man
gelnde Disziplin und innere Struktur, insbesondere auch aufgrund der fehlenden äus
se
ren Struktur (durch Arbeit). Auf si
ch gestellt würde es ihm schwer
fallen, kon
kre
te Ziele zu for
mu
lieren und diese gezielt zu verfolgen.
Dr.
F._
führte aus, beim Be
schwer
deführer würden sozialbedingt grosse Bildungsdefizite und aus
ge
prägte In
suffizienzgefühle bestehen. Er habe eine geringe Stress- und Frus
tra
tions
toleranz und sozialphobische Symptome. Aufgrund dessen würde sich der Be
schwer
deführer sozial zurückziehen und teilweise bei der Arbeit nicht erschei
nen. Er habe Schwierigkeiten sich an Struk
turen anzupassen und zeige teils dys
funk
tionale Konfliktbewältigungsstra
tegien.
Dr.
F._
diagnosti
zier
te eine dis
so
zia
le Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.20), eine soziale Phobie (ICD-10: F40.10) sowie eine depressive Episode (ICD-
10: F33.0) und attestierte ihm eine voll
ständige Arbeitsunfähigkeit.
In Bezug auf die Prognose hielt er fest, diese sei gut
und es sei zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer eine hohe Grund
motivation zu arbeiten habe. Nach schulischer und beruflicher Weiterbildung könne mit einer Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit im Umfang
von 50
% gerechnet werden.
3
.2
Im Rahmen einer neuropsychologischen Standortbestimmung bei der Frage nach einer A
ufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
(ADHS) und/oder Intelli
genz
minderung sowie der Frage nach der Arbeitsfähigkeit wurde der Beschwer
deführer am 2
1.
Juni 2018 verhaltensneurologisch-neuro
psycho
logisch unter
sucht (vgl.
Urk.
7/109/10-18).
Gestützt auf verschiedene Tests hielten die unter
suchen
den
Fachpersonen
fest, die Untersuchung zeige schwere mnestische De
fizite mit schwerer verbaler Lernstörung und schwerer nicht-sprachlicher Abruf
störung. Hin
zu
k
ämen
leichte bis mittelgradige Einschränkungen in
exekutiv-attentiona
len
Teilfunktionen (Konzepterkennung und Konzept
umstellung, geteil
te Auf
merk
samkeit) mit auch auf Verhaltensebene leichten Aufmerksam
keits
schwan
kungen und deutlichen konstruktiv-planerischen Schwierigkeiten. Auch die ein
fache Reaktionsgeschwindigkeit zeige sich mittel
gradig verlangsamt. Spon
tan
sprach
lich würden zeitweise falsch verwendete Wörter und insbesondere zu Be
ginn der Untersuchung ein leichtes Stottern auf
fallen, wobei letzteres auch nervo
si
tätsbedingt sein könne. In erster Linie würden sich im Rahmen der ana
mnestisch vorbekannten Legasthenie aber deutliche Ein
schränkungen in sprach
assoziierten Funktionen (
Dyslexie
,
Dysgraphie
) zeigen. Die übrigen ge
prüften ko
gni
tiven Funk
tionen seien intakt. Insbesondere seien weitere basale, aber auch höhe
re exekutiv-
attentionale
Teilfunktionen als alters
gerecht zu werten (verbale bei über
durchschnittlicher figuraler Ideenproduktion, Interfe
renz
kontrolle, ko
gni
tive Flexibilität). Auch würden sich keine Hinweise auf ein
geschränkte
visuo
-per
zeptive oder visuell-räumliche Fähigkeiten ergeben.
Ferner würden sich
,
ab
ge
se
hen von einem diskreten Haltetremor beidseits (physiologisch)
,
auch auf mo
to
ri
scher Ebene keine Defizite und Auffälligkeiten zeigen. Die kognitiven Befunde sowie die Befunde auf Verhaltensebene würden einer mitte
l
g
radigen neuro
psy
cho
logischen Störung entsprechen. Trotz fehlender Hin
wei
se zu mög
li
chen prä-,
peri
- oder postnatalen Komplikationen seien diese unter Be
rück
sich
ti
gung der anamnestischen Angaben
am ehesten im Rahmen einer früh
kindlich erworbenen zerebralen Entwicklungsstörung mit Legasthenie und mög
licher
weise einer Lern
behinderung zu sehen
. In den entsprechenden Fragebögen, anamnes
tisch sowie auf Verhaltensebene
,
würden sich ausserdem Hinweise auf eine ADHS-Sympto
matik ergeben, wobei diese auch im Rahmen der Ent
wick
lungs
störung erklärbar seien.
Zwecks Bestimmung des Intelligenz-Quotienten (IQ) wurden am 2
4.
Septem
ber
2018
im Zen
trum
G._
weitere Test durch
geführt (vgl.
Urk.
7/109/7-9). Die
untersuchenden
Fachpersonen
konsta
tier
ten, der Be
schwerdeführer verfüge über
ein unterdurchschnittliches kognitives Leistungs
vermögen (Gesamt-IQ 76), was einer Lernbehinderung (IQ 70-84) ent
spreche. In allen getesteten kognitiven Funktionen seien durchschnitt
liche bis weit unter
durchschnittliche Ergebnisse erzielt worden. Diese Befunde seien Aus
druck einer früh
kindlichen zerebralen Entwicklungsstörung, welche sich in multiplen Teil
leis
tungs
schwächen (Legasthenie, Lernbehinderung, ADHS) mani
fes
tieren wür
den.
In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit
hielten
die
Berichterstatter
fest
, auf
grund der Befunde sei von einer deutlich eingeschränkten Arbeitsfähigkeit und Ver
mit
tel
barkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt auszugehen. Eine leichte und möglichst repetitive kognitive Tätigkeit in einem gut strukturierten und wohl
wollenden Um
feld mit ausreichend Zeit beim Erlernen neuer Inhalte und ohne spezielle kogni
tive Ansprüche sei
zumutbar und bei dem jungen Alter auch empfehlenswert.
3
.3
Vor dem Hintergrund einer zunehmenden depressiven Entwicklung sowie einer seit Jahren bestehenden Angststörung mit starkem Vermeidungsverhalten begab sich der Beschwerdeführer im Juni 2018 in
das Ambulatorium
A._
der
Z._
in ambulante psychiatrische Behandlung.
In ihrem Bericht vom
9.
Januar 2019 (
Urk.
7/109/1-6)
diagnostizierten d
ie Ärzte der
Z._
eine rezidivierende depressive Erkrankung, aktuell mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1)
,
eine
Agoraphobie und Sozial
phobie
n
(ICD-10: F40.1, F40.0)
sowie eine einfache Aktivitäts- und Auf
merksamkeitsstörung (ICD-10: F90.0)
. Zudem sei im Rahmen
einer neuro
psycho
logischen Ver
haltensabklärung eine mittelgradige neuro
psychologische Störung bei frühkind
licher zerebrale
r
Entwicklungs- und Lern
störung mit unter
durch
schnittli
chem IQ von 76 nachgewiesen worden (ICD-10: F81
.9), was sich in multiplen Teilleistungs
schwächen wie Legasthenie, Lernb
ehinderung und ADHS manifestie
re. Des Weiteren gebe es Hinweise auf eine Posttraumatisc
he Be
lastungs
störung (PTBS; ICD-10: F43.1) aufgrund diverser gewalttätig
er Konflikt
erfahrungen seit frü
her Kindheit, welche zu einem ausgeprägt
en Vermeidungs
verhalten,
Hyperarou
sal
, Albträume, Ein- und Durchschla
f
störungen sowie Kon
zen
trationsstörungen ge
führt hätten.
Schliesslich notierten die Behandler als Diagnosen Psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain: Schädlicher Ge
brauch (ICD-10: F14.1), durch
Cannabinoide
:
Abhängkeits
syndrom
(ICD
-10: F12.2), durch Alkohol: Schädlicher Gebrauch (ICD-10: F10.1), differenzial
diagnostisch ein Alkoholabhängigkeitssyndrom (ICD-10: F10.2). Weiter vermerk
ten sie verschiedene
a
ktenanamnestische Diagnosen (
Enuresis
1981-1992, Ex
pres
sive Sprachstörung, Störung der sozialen Funktionen mit Beginn in der frühen Kindheit, gemeinsames Stehlen, anhaltende Störung der Impulskontrolle, Dissoziale Persönlichkeitsstörung).
Der Beschwerdeführer berichte von seit mindestens zwei Jahre
n
deutlich verschlechtertem psychischen Zustandsbild und verminderter Kompensations
möglichkeit. Aufgrund seiner ausgeprägten Ängste habe er viele Jahre keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benützt, sei beispielsweise mit dem privaten Personenwagen zur Arbeit gefahren. Nachdem man ihm aber den Führerausweis entzogen habe, sei es ihm zunehmend nicht mehr möglich gewesen, zu seiner Arbeitsstelle zu gelangen. In öffentlichen Verkehrsmitteln werde er nervös und fange stark an zu schwitzen, was seine Ängste noch weiter verstärken würde, so dass er aussteigen müsse. 2018 habe er aufgrund der massiven Verschlechterung seines psychischen Zustandsbildes seinen letzten Arbeitsplatz verloren. Dadurch
sei es zum gänz
lichen Verlust der Tagesstruktur
, vermehrter depressiver Sympto
matik und vermehrtem Konsumverhalten gekommen.
D
ie Ärzte der
Z._
befanden
den Beschwerdeführer wach und zu allen Qualitäten vollständig orientiert. Er wirke sehr angespannt, nervös, unsicher, motorisch unruhig und schwitze stark. Formalgedanklich wirke er logisch, kohärent,
strukturierbar
. Er erzähle weitschweifig und rede gelegentlich vorbei. Einen Anhalt für inhaltliche Denkstörungen gebe es keine. Ebenso wenig gebe es Hin
weise für eine psychotische Sym
ptomatik im Sinne von Halluzina
tionen, Wahn oder Ich-Störungen. Der Beschwerdeführer habe Ängste beschrieben, insbe
sondere in ö
ffentlichen Ver
kehrsmittel
n
oder bei Ansammlungen vieler Men
sch
en. Dies führe zu einem Vermei
dungsverhalten. Der Beschwerdeführer fahre n
icht mit öffentlichen Verkehrs
mittel
n
und gehe nur aus dem Haus, wenn er
müsse. Im Affekt sei er nieder
gestimmt, bei nach aussen initial
fassadärem
Ver
halten. So versuche er Situationen zu überspielen, lache laut und mache
Scherze. Dahinter zeige sich je
doch eine deutliche Hilf- und Pers
pektivenlosigkeit sowie ein aus
geprägtes In
suffi
zienzgefühl. Die emotionale Schwingungsfähigk
eit und Auslenkbarkeit seien er
halten, der Antrieb und die Psychomoto
rik leicht be
schleu
nigt, die Belastbarkeit ver
mindert. Der Beschwerdeführer
klage
über anhaltende Schla
f
störungen mit Albträumen, weshalb er täglich THC (drei Joints am Abend) konsumiere. Gegenüber den Ärzten des Zentrums
G._
gab der Beschwerdeführer ausserdem an, jeden zweiten Tag ein Glas Wodka und vier bis fünf Bier sowie unregelmässig Kokain zu konsumieren (vgl.
Urk.
7/109/11).
Zu Beginn ihrer Behandlung sei es dem Beschwerdeführer nicht möglich gewesen, alleine und pünktlich zu den Terminen zu erscheinen. Er habe sich jeweils stark nervös, motorisch unruhig, stark schwitzend gezeigt und sei dadurch spür- und sichtbar noch mehr belastet gewesen. Im Verlauf sei der Aufbau einer therapeutischen Beziehung und die Motivation zur regelmässigen Einnahmen von Psychopharmaka gelungen. Unter
Fluoxetin
(40mg/d) und regelmässigen
supportiven
Gesprächen habe sich eine Teilremission der depressiven
Symptomatik gezeigt und sei der Aufbau einer Tages-/Wochenstruktur sowie eine deutliche Reduktion seines Konsumverhaltens, insbesondere des Alkohol- und Kokainkonsums, gelungen.
Im Verlaufe habe der Beschwerdeführer seine Termine alleine wahrnehmen können, er benütze aber weiterhin keine öffentlichen Verkehrsmittel ohne Begleitung. Dieses Ver
mei
dungs
verhalten habe bisher den Ausbau der therapeutischen Massnahmen (Tages
klinik b
zw. Arbeitstherapie) verhindert, wobei festgehalten werden müsse, dass es keinen Hinweis auf fehlende Therapiemotivation gebe.
Es zeigten sich auch Symptome einer PTBS (Erinnerungen an disziplinäre Massnahmen in Heimen und Einzelhaft), welche das Vermeidungsverhalten zusätzlich ver
stärkten.
Die beschriebenen psychischen Erkrankungen würden einen für den Beschwerde
führer nicht vollständig überwindbaren Gesundheitsschaden darstellen. Er sei trotz bisher erreichter Teilremission, insbesondere der depres
si
ven Erkrankung, aufgrund dieses Gesundheitsschadens auf dem allgemeinen A
r
beitsmarkt nur sehr eingeschränkt arbeitsfähig. Die Ärzte der
Z._
attestierten dem Beschwerdeführer eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Prognos
tisch sei je
doch von einer mindes
tens 50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Sie empfahlen erneute Integrations
ma
ssnahmen mit Jobcoaching sowie eine Teilrentenabklärung.
3.4
Dr.
H._
, Assistenzärztin an der
Z._
, teilte der Beschwerdegegnerin am
1
6.
Januar 2019 ergänzend telefonisch mit, es sei eine Belastbarkeit von zwei
Stunden pro Tag an fünf Tagen die Woche gegeben. Das Problem sei
jedoch
der Weg, weshalb fü
r Eingliederungsmassnahmen eine
Institution/Durch
führungs
stelle nahe des Wohnortes zu suchen sei. Die
Benützung der öffentlichen Ver
kehrs
mittel gehe gar nicht. Der Beschwerdeführer benötige dringend Tages
struktur und sie sei der Meinung, dass ein Belastbarkeits
training das Richtige sei. Eine Arbeitstherapie hätten sie nicht in
A._
durch
führen können, weil der Beschwerdeführer nicht in der Lage sei, die öffentlichen Verkehrsmittel zu be
nutzen (
Urk.
7/110).
3
.5
In ihrer Stellungnahme vom
7.
März 2019 (vgl. Feststellungsblatt,
Urk.
7/120 S. 5f.) beurteilte RAD-Ärztin
Dr.
C._
die von den Ärzten in der
Z._
auf
grund biographischer Anhaltspunkte gestellte Verdachtsdiagnose einer PTBS bei fehlender entsprechender Sympto
matik als nicht nachvollziehbar. Ebenso wenig sei die Diagnose ADHS nachvollziehbar.
Im Rahmen der Untersuchung des Zentrums für Verhaltensneurologie hätten sich quantitativ und qualitativ alters
gerechte Leistungen in der fokussierten Aufmerksamkeit und altersgerechte Reaktions
zeiten bei der geteilten Aufmerksamkeit gezeigt, weshalb der Diagnose
ADHS nicht gefolgt werden könne. In Bezug auf den durchgeführten Intelligenz
test bemerkte
Dr.
C._
, es sei nicht auszuschliessen, dass die Testung unter Drogeneinfluss stattgefunden habe. Aus diesem Grund könne die Diagnose einer mittelgradigen neuropsychologischen Störung nicht sicher nachvollzogen werden.
Im Vordergrund stünden schwere mnestische Defizite. Eine Therapie bestün
de zunächst in einer konsequenten und anhaltenden Abstinenz, vorbereitet durch eine stationäre Entgiftung und Langzeitentwöhnungsbehandlung (Alkohol, Koka
in, Cannabis). Erst nach anschliessender sechsmonatiger kontrollierter Ab
stinenz (Haaranalyse) lasse sich abschätzen, ob und inwiefern eine Ver
besserung der Be
einträchtigungen möglich sei.
3.6
Dr.
E._
äusserte in seiner Stellungnahme vom 1
3.
Juni 2019 (
Urk.
7/117),
der Beschwerdeführer komme seit 2
5.
April 2019 regelmässig zu einem ambu
lan
ten Gespräch ins
D._
. Ziel der fachbezogenen Begleittherapie sei die Reduk
tion des Cannabis
konsums sowie die Stabilisierung. Eine Abstinenz würde aktuell je
doch eine Ver
schlechterung des Gesundheitszustandes bedeuten.
Telefonisch teilte
Dr.
E._
am 2
7.
August 2019 ergänzend mit, das eigent
liche Hauptproblem sei die Agoraphobie mit den Panikattacken.
Der
(Drogen)
konsum
habe fast die Funktion
einer Selbstmedikation (
Urk.
7/119).
In seiner Stellungnahme vom 1
7.
Oktober 2019 (
Urk.
7/129) verwies
Dr.
E._
auf die neuropsychologische Standortbestimmung, im Rahmen derer die Diagno
se einer frühkindlichen zerebralen Entwicklungs- und Lernstörung mit unter
durch
schnittlichem Gesamt-IQ gestellt und Hinweise auf eine PTBS genannt wor
den seien.
Dr.
E._
ko
nstatierte, aus diesem Grund wei
se der Beschwerde
führer wahrscheinlich ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten aus, was sich in Panikstörungen äussere. Sekundär habe sich vermutlich aufgrund dieser Diagno
se eine ausgeprägte Substanzabhängigkeit von Cannabis sowie ein schädlicher Gebrauch von Alkohol und Kokain im Sinne einer Selbstregulation entwickelt. Er konsumiere in diesem Zusammenhang seit Jahrzehnten Sub
stanzen, sodass es schwierig sei, eine Abstinenz zu erwarten. Das Abstinenzziel stehe nicht im Mit
tel
punkt der Intervention. Es werde im Rahmen schadensminimierender und therapeutischer Massnahmen versucht, eine Besserung der Konsum- und Ab
häng
ig
keitsproblematik zu ermöglichen. Ziel der gegenwärtigen Behandlung sei
,
die Veränderungsmotivation zu stärken sowie Ziele zu festigen, um den Sub
stanz
konsum zu reduzieren. Die angestrebte Reduktion des Gesamtkonsums er
mög
liche es, die soziale Lage des Beschwerdeführers zu stabilisieren und den Ge
sund
heitszustand zu verbessern und trage zugleich zu einem
Rückgang der Be
schaffungskriminalität bei. Ausserdem würden sich dadurch auch die Kosten für eine stationäre Entzugsbehandlung einsparen lassen. Eine Abstinenz würde somit
zurzeit eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes bedeuten, weil ex- und nicht intrinsisch behandelt werden würde.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin forderte de
n Beschwerdeführer mit Schreiben vom 1
8.
März 2019 (
Urk.
7/112) zur - näher umschriebenen - Entzugsbehandlung auf, wobei gestützt auf die Stellungnahme von RAD-Ärztin
Dr.
C._
in der Begründung einerseits darauf hingewiesen wurde, dass ohne Behandlung nicht geklärt werden könne, ob die Einschränkung der Erwerbsfähigkeit bleibend sei oder zumindest längere Zeit andauere, andererseits dass dadurch die Integrations
fähigkeit in den ersten Arbeitsmarkt wesentlich verbessert werden könne.
In der Verfügung vom 2
7.
November 2019 (
Urk.
2) werden als Gründe für die Ab
weisung des Leistungsbegehrens daher die Verletzung der Mitwirkungs
pflichten genannt und dass die Arbeitsfähigkeit respektive Integrationsfähigkeit mit diversen medizinischen Massnahmen verbessert werden könne
und zum jetzigen Zeitpunkt nicht geklärt werden könne, inwiefern eine Einschränkung der Arbeits
fähigkeit aufgrund der psychiatrischen Problematik oder aufgrund der
Abhängig
keitsproblematik ausgewiesen sei.
4.2
Die bisherige Rechtsprechung zu den primären Suchterkrankungen bejahte grund
sätzlich die Möglichkeit der Anordnung einer Entzugsbehandlung unter dem Titel der Abklärungsmassnahme, wo es darum ging, die erwerblichen Aus
wirkungen einer - invaliditätsfremden - primären Abhängigkeit von denjenigen eines invalidisierenden Gesundheitsschadens abzugrenzen (vgl. Urteil
des Bun
des
gerichts
9C_370/2013 vom 2
2.
November 2013 E. 4.2). Nach geänderter Recht
sprechung sind auch primäre Abhängigkeiten von psychotropen Sub
stanzen als - potenziell - invalidisierende Gesundheitsschäden abzuklären (vgl. E. 2.1.3). Wie bei den sekundären Suchtgeschehen ist demnach neu auch bei primären Abhängigkeitssyndromen die Anordnung einer Entzugsbehandlung im
Vorfeld einer Begutachtung unter dem Titel der Mitwirkungspflicht im Abklärungsverfahren nicht statthaft, würde damit doch die Qualifikation des Suchtgeschehens und seiner erwerblichen Auswirkungen als zum vornherein invalidenversicherungsrechtlich irrelevant und deshalb auszuscheiden
vorweg
genommen.
Demgegenüber darf eine Entzugsbehandlung als Behandlungs
mass
nahme - sofern im konkreten Fall zumutbar -
unverändert
jederzeit zur Schaden
minderung
(vgl. E. 2.2 und E. 2.3)
angeordnet
werden (BGE 145 V 215 E. 8.2 S.
230; Urteil
des Bundesgerichts 9C_309/2019 vom
7.
November 2019 E. 4.2.2 mit Hinweisen)
.
4.3
Gemäss Bericht der
Z._
vom
9.
Januar 2019 (E. 3.3) liegen die psychiatrischen Störungen einer rezidivierenden depressiven Störung, der Agoraphobie bzw. den sozialen Phobien sowie die mittelgradige neuropsychologische Störung mit multiplen Teilleistungsschwächen und sich manifestierender ADHS im Vorder
grund. Hinsichtlich Kokain und Alkohol vermerkten
die behandelnden Ärzte
einen schädlichen Gebrauch; ein
Abhängigkeitssyndrom erachteten sie
aus
schliesslich be
i
Cannabinoide
für gegeben an, differenzialdiagnostisch auch bei Alkohol. Auch
die
RAD-Ärztin erachtete die schweren mnestischen Defizite als im Vordergrund stehend (E. 3.5), wobei ihr darin beizupflichten ist, dass die verhaltensneurologischen und neuropsychologischen
Fachpersonen
sich nicht mit dem möglichen Einfluss allenfalls eingenommener Substanzen während der Testverfahren auseinandersetzten, obwohl der Beschwerdeführer ihnen gegen
über von regelmässigem Alkohol- und Cannabiskonsum berichtet hatte (
Urk.
7/109/11), weshalb die entsprechenden Erkenntnisse
, jedenfalls hinsichtlich des unterdurchschnittlichen Gesamtintelligenzquotienten,
mit Zweifel behaftet sind. Tatsache ist jedoch,
dass die Neuropsychologin von keinen relevanten
Kon
zentrations
- und Aufmerksamkeitsfluktuationen bei intakter Impulskontrolle berichtete und
der Beschwerdeführer
von Lernschwierigkeiten bereits während der Schulzeit
erzählte
(vgl.
Urk.
7/109/11
,
Urk.
7/109/2
), weshalb ein allfälliger Drogeneinfluss während
den Abklärungen nicht einzige Ursache der fest
gestellten Defizite sein kann.
Dass die grossen Bildungsdefizite ausschliesslich sozialbedingt
(kindliche Verwahrlosung/Heim- und Anstaltskarriere etc.)
wären - wie
Dr.
F._
2007 anzudeuten scheint (E. 3.1) - wird durch die anamnestisch 1984 erhobene expressive Sprachstörung sowie 1986 erhobene Entwicklungsstörung schulischer Fähigkeiten (vgl.
Urk.
7/27/1) nicht erhärtet.
Ob ein fortgesetzter Konsum von Cannabis, allenfalls auch Alkohol oder Kokain, einen wesentlichen Einfluss auf die Leistungsbeeinträchtigungen des Beschwerdeführers hat
,
ist daher aufgrund der medizinischen Aktenlage nicht beurteilbar. Nicht nach
gewiesen ist
damit
aber
auch, dass
mit gewisser Wahrscheinlichkeit
durch einen vollständigen Entzug eine wesentliche Verbesserung der Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit zu erwarten wäre. Dagegen spricht
,
-
nebst den Äusserungen von
Drs
.
H._
und
E._
, wonach
vorab
die Angststörung eine berufliche Ein
gliederung behindere (E. 3.4 und E. 3.6) - dass der Beschwerdeführer
bis Ende 2017
in der Lage war, einer Erwerbstätigkeit im ersten Arbeitsmarkt nachzugehen
trotz laufendem Drogenkonsum (vgl.
Urk.
7/120/6)
. Wesentlich für die
Erwerbs
losigkeit und Entwicklung einer zunehmenden depressiven Episode
scheint nach Angaben gegenüber den
A
rztpersonen der
Z._
der Verlust des Führerausweise
s
gewesen zu sein, was
eine
Vermeidung des öffentlichen Verkehrs verunmöglichte
(
Urk.
7/109/
2), verbunden mit dem Verlust der Arbeitsstelle,
damit
der Tages
struktur und
daraus folgend
einem vermehrten
Konsumverhalten
. Die Umstände sowie Dauer des Führerausweise
ntzugs und die Voraussetzungen einer Wieder
erlangung der Bewilligung gehen aus den Akten nicht hervor.
Dr.
F._
wies bereits in seinem Bericht vom 2
1.
September 2009 auf die Notwendigkeit eines strukturierten (und strukturierenden) Arbeitsplatzes
hin
(
Urk.
7/27/2). Nach
An
gaben der aktuell behandelnden Är
zte scheint die Agoraphobie
mit Panik
attacken
die Benützung des öffentlichen Verkehrs und damit verbunden die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
ausserhalb der
G
ehdistanz zum Wohnort zu verun
mög
lichen. Ein Einfluss des
zwar nach eigenen Angaben reduzierten, aber
fortge
setzten Drogenkonsums auf die Angsterkrankung wird weder von diesen noch von der RAD-Ärztin post
u
liert. Es ist daher
auch
nicht ausgewiesen, dass der Konsum von (überwiegend)
Cannabi
n
oiden
die Agoraphobie beeinflusst, ver
stärkt oder gar hervorruft. Gegenteils argumentierten die behandelnden Ärzte der
Z._
und
Dr.
E._
, dass der Konsum eine
Art Selbstmedikation (vor allem gegen die innere Unruhe und Schlafstörungen)
darstelle. Dem widerspricht auch
Dr.
C._
nicht.
Dass eine vollst
ändige Abstinenz notwendig wäre
um abzu
schätzen
,
ob und inwieweit eine Verbesserung der Beeinträchtigungen möglich ist (
vgl.
Urk.
7/
120/6)
, ergibt sich aus den Akten der behandelnden Ärzte jeden
falls nicht.
Nach dem Gesagten ist
daher
der mit einer gewissen Wahrschein
lichkeit notwendige Nachweis, dass der vollständige Entzug zu einer wesentlichen Verbesserung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit betragen wird, nicht gelungen, weshalb eine der Voraussetzungen für eine ganze oder teilweise Leistungsver
weigerung fehlt. Daran ändert nichts, dass die angeordnete Entzugs
behandlung einschliesslich Überwachungstests einen vergleichsweise geringen Eingriff in die Persönlichkeit darstellt, weshalb
auch
geringe Anforderungen an die pro
gnostische Verbesserung zu stellen sind
und eine Zumutbarkeit eher zu bejahen wäre
(vgl. E. 2.3.2
)
. Diesbezüglich stehen ausserdem die Aussagen des behan
deln
den
Dr.
E._
(E. 3.6) der Ei
nschätzung von
Dr.
C._
(E. 3.5) gegenüber, wobei ohne nähere Begründung keine Ansicht schlüssiger erscheint und daher ohne weitere Abklärungen
weder der einen noch der anderen
medizinischen Stellungnahme zur Zumutbarkeit gefolgt werden könnte.
Dazu ist ausserdem zu vermerken, dass das schuldhafte Verhalten des Beschwerdeführers - welches in gewisser Korrelation zur
Massnahme sein muss (
Art.
7b
Abs.
3 IVG
)
-
angesichts der wiederholt geäusserten Ansicht seines behandelnden Arztes, ein vollständiger Entzug sei schädlich und eine entsprechende Behandlung unzumutbar, relativiert werden müsste.
Unter diesen Umständen braucht
jedoch
ni
cht geprüft zu werden, ob die auferlegte medizinische Massnahme zumutbar wäre.
4.4
Nach dem Gesagten war eine vollständige Leistungsverweigerung
einzig
gestützt auf eine Missachtung der
auferlegten
Schadenminderungspflicht nicht rechtens. Die vorliegende medizinische Aktenlage lässt eine Beurteilung der materiellen Anspruchsvoraussetzungen nicht zu, weshalb die Sache an die Beschwerde
gegnerin zurückzuweisen ist, damit sie den medizinischen und allenfalls erwerb
lichen Sachverhalt
rechtsgenüglich
abkläre. Ergibt die medizinische Beweislage, dass mit gewisser Wahrscheinlichkeit unter
subjektiv
zumutbaren Massnahmen eine im Verhältnis des Eingriffs wesentliche Verbesserung zu erwarten wäre, bleibt ihr die Auferlegung einer entsprechenden Schaden
minderungspflicht unbe
nom
men.
5.
Diese Erwägungen führen zur Gutheissung der Beschwerde in dem Sinne, als die Sache unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 2
7.
November 2019 zu weiteren Abklärungen im Sinne der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
6.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1bis IVG) und auf
Fr.
7
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens
sind sie der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen.
Damit erweist sich das Gesuch um unentgeltlich Prozessführung als gegenstandslos.