Decision ID: b473bd0d-4653-4a8a-9c3b-87adc4e529e0
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (Staatsangehöriger von Eritrea, geb. 1982) er-
suchte in der Schweiz um Asyl. Mit Entscheid vom 17. Mai 2019 aner-
kannte die Vorinstanz seine Flüchtlingseigenschaft und gewährte ihm Asyl.
B.
Mit Verfügung vom 25. Juli 2019 bewilligte die Vorinstanz der Ehefrau des
Beschwerdeführers (geb. 1986) und den drei gemeinsamen Kindern (geb.
2007, 2011 und 2014) die Einreise in die Schweiz.
C.
Am 2. Oktober 2019 ersuchte der Beschwerdeführer die Vorinstanz erst-
mals um Übernahme der Einreisekosten für seine Familienangehörigen.
D.
Am 15. August 2020 reisten die Familienangehörigen in die Schweiz ein.
Zur Finanzierung der Einreise hatte der Beschwerdeführer ein Darlehen
von Fr. 1'840.- aufgenommen.
E.
Mit Verfügung vom 7. Dezember 2020 wies die Vorinstanz das Gesuch um
nachträgliche Übernahme der Einreisekosten ab.
F.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 7. Januar 2021 gelangte der Beschwerdefüh-
rer ans Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der
vorinstanzlichen Verfügung und die Übernahme der Einreiskosten von
Fr. 1'840.-. Ferner ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege samt Einsetzung eines amtlichen Rechtsbeistandes nach seiner
Wahl.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Januar 2021 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege in Bezug auf
die Verfahrenskosten gut, lehnte jedoch das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung (Einsetzung eines amtlichen
Rechtsbeistandes) ab.
F-80/2021
Seite 3
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 3. Februar 2021 beantragte die Vorinstanz
die Abweisung der Beschwerde.
I.
Am 27. Juli 2022 gab die zuständige Instruktionsrichterin dem Beschwer-
deführer Gelegenheit, den Sachverhalt zu aktualisieren (aktuelle finanzielle
Situation, Möglichkeit in Bezug auf ratenweise Rückzahlung des Darle-
hens) und abschliessende Bemerkungen anzubringen. Davon machte er
mit Eingabe vom 25. August 2022 Gebrauch und reichte entsprechende
Belege ein (u.a. einen Arbeitsvertrag vom 1. April 2022, eine Lohnabrech-
nung vom Juli 2022 und einen Auszug seines Privatkontos vom Juli 2022).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG [SR 142.31],
Art. 31 und 33 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in
der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
ist einzutreten (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet
das Bundesrecht von Amtes wegen an und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen
(Art. 62 Abs. 4 VwVG).
F-80/2021
Seite 4
3.
3.1 Art. 92 Abs. 1 AsylG sieht vor, dass der Bund die Kosten der Ein- und
Ausreise von Flüchtlingen und Schutzbedürftigen übernehmen kann. Ge-
mäss Art. 92 Abs. 4 AsylG regelt der Bundesrat die Voraussetzungen und
das Verfahren zur Ausrichtung und Abrechnung der Beiträge. Der Bundes-
rat hat von der ihm übertragenen Rechtssetzungsbefugnis Gebrauch ge-
macht, indem er in Art. 53 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999
(AsylV 2, SR 142.312) den Kreis der Personen, für welche Einreisekosten
übernommen werden können, festgelegt hat. Dazu gehören gemäss
Art. 53 Bst. d AsylV 2 Personen, denen die Einreise im Rahmen der Fami-
lienzusammenführung mit anerkannten Flüchtlingen nach Art. 51 Abs. 4
AsylG oder nach Art. 85 Abs. 7 des Ausländer- und Integrationsgesetzes
(AIG, SR 142.20) bewilligt wird.
3.2 Die Übernahme von Einreisekosten soll verhindern, dass sich durch die
Verzögerung der Ausreise aus dem Herkunftsland eine Gefahr für die
schutzbedürftige Person ergibt. Praxisgemäss ist die Übernahme der Ein-
reisekosten jedoch restriktiv zu handhaben und kommt nur dann in Frage,
wenn die Person keine andere Möglichkeit zur Finanzierung hat (Prinzip
der Subsidiarität [vgl. Urteil des BVGer F-7064/2018 S. 5 f. m.H.]).
3.3 Ist die betreffende Person bereits in die Schweiz eingereist, so werden
die Kosten grundsätzlich nicht übernommen, da die notwendigen finanziel-
len Mittel offensichtlich aufgebracht werden konnten. Lediglich in Ausnah-
mefällen sind solche Kosten dennoch zu berücksichtigen, wobei es hierbei
die Art der Finanzierung der Reisekosten und die Frage, ob sich die Person
im Ausland in akuter Gefahr befunden hat, zu berücksichtigen gilt. So kann
in Fällen, bei denen sich die Person wegen fehlender finanzieller Mittel
durch Aufnahme eines Darlehens bei einem Kreditinstitut verschulden
musste, beziehungsweise wenn die finanziellen Mittel von dritter Seite vor-
gestreckt werden mussten, um einer akut gefährdeten Person die Ausreise
zu ermöglichen, eine Kostenübernahme durch den Bund nicht von vornhe-
rein ausgeschlossen werden (vgl. Urteile des BVGer F-1392/2021 vom
17 März 2022 E. 3.3, F-1429/2020 vom 26. November 2020 E. 3.3,
F-1534/2019 vom 11. September 2020 E. 4.2 je m.w.H.).
4.
4.1 Zur Begründung der Abweisung der Übernahme der Einreisekosten
führt die Vorinstanz aus, dem Beschwerdeführer sei es gelungen, die Ein-
reise seiner Familienangehörigen mittels Aufnahme eines Darlehens zu or-
ganisieren. Weil er dieses Darlehen innerhalb eines Jahres zurückzahlen
F-80/2021
Seite 5
könne, sei es für ihn zumutbar, selbständig für die Einreisekosten aufzu-
kommen. Zwar befinde er sich in einer angespannten finanziellen Situation.
Diese Phase sei jedoch vorübergehender Natur und könne durch eine
kluge, vorausschauende Budgetplanung abgemildert werden. Zudem wür-
den der Beschwerdeführer und seine Ehefrau über Verwandte in der
Schweiz verfügen, die sie allenfalls unterstützen könnten.
4.2 Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe geltend, er
habe seine finanzielle Situation umfassend und ausführlich in mehreren
Schreiben dokumentiert und dargelegt, wieso es nicht möglich sei, die Kos-
ten für die Einreise zu begleichen, letztmals am 20. Juli 2020 auch in Bezug
auf die finanzielle Situation seiner Schwester. In jenem Schreiben habe er
auch darauf hingewiesen, dass die Lebensbedingungen seiner Familie in
Khartum aufgrund der Covid-19-Pandemie prekär geworden seien. Nach-
dem der Flughafen in Khartum wieder für den internationalen Flugverkehr
offen gewesen sei, hätten sie die Selbstinitiative ergriffen und die Reise in
die Schweiz gebucht. Aus diesem Grund habe er ein Darlehen aufgenom-
men, da er den Entscheid des SEM nicht mehr habe abwarten können,
zumal sie Angst vor einer erneuten Schliessung des Flughafens gehabt
hätten. Entgegen der Auffassung des SEM sei es für ihn und seine Familie
sehr schwierig, das Darlehen zurückzuzahlen. Bis jetzt habe er auch keine
Rückzahlungen tätigen können. Der monatlich zurückzuzahlende Betrag
von Fr. 153.30 stelle über 6 Prozent des Haushaltsbudgets dar, was für
seine Familie unzumutbar sei. Es sei ferner nicht nachvollziehbar, dass
Geschwister zur Unterstützung bzw. Begleichung ihrer Einreisekosten her-
angezogen würden. Einerseits seien gemäss Art. 323 ZGB nur Verwandte
in auf- und absteigender Linie, welche in günstigen Verhältnissen lebten,
dazu verpflichtet. Andererseits seien sie gar nicht in der Lage, die Kosten
zu übernehmen.
4.3 In seiner ergänzenden Eingabe vom 25. August 2022 bringt der Be-
schwerdeführer vor, dass er seit einigen Monaten getrennt von seiner Ehe-
frau lebe und in eine eigene Wohnung umgezogen sei. Zudem habe er per
1. April 2022 sein Arbeitspensum erhöhen können, erziele nun einen Brut-
tolohn von monatlich Fr. 4'500.- und beziehe keine Sozialhilfe mehr. Die
Kinder- und Ausbildungszulagen gingen direkt an die Sozialhilfe (zuhanden
seiner Frau und seiner Kinder). Unterhaltsbeiträge für die Kinder seien
noch keine vereinbart worden. Es sei nicht sicher, ob er solche leisten
müsse. Das Darlehen, welches er habe aufnehmen müssen, habe er auf-
grund seiner nach wie vor knappen finanziellen Verhältnisse noch nicht
F-80/2021
Seite 6
vollständig zurückzahlen können. Es sei immer noch ein Betrag von
Fr. 1'140.- ausstehend. Auch verfüge er über keine Vermögenswerte.
5.
Die Vorinstanz ging in der angefochtenen Verfügung zu Recht von einer
vorübergehenden, angespannten finanziellen Situation des Beschwerde-
führers aus. Zwar ist es ihm nicht gelungen, das Darlehen innerhalb eines
Jahres zurückzuzahlen. Seit er aber sein Arbeitspensum ab April 2022 er-
höhen konnte und einen Bruttolohn von monatlich Fr. 4'500.- (zuzüglich
Kinder- und Ausbildungszulagen von Fr. 825.-) erzielt, ist es ihm gelungen,
einen grossen Teil des Darlehens (Fr. 700.-) zurückzuzahlen. Er selber be-
zieht auch keine Sozialhilfe mehr. Gemäss dem von ihm eingereichten Aus-
zug seines Privatkontos vom Juli 2022 gelingt es ihm sogar, Reserven zu
bilden. So betrug der Kontostand am 30. Juni 2022 Fr. 1'175.51 und am
31. Juli 2022 Fr. 2'361.96. Die vollständige Rückzahlung des Darlehens
dürfte ihm somit in kürzester Zeit möglich sein. Schon aufgrund des oben
erwähnten Subsidiaritätsprinzips (vgl. E. 3.2) können in einem solchen Fall
die Einreisekosten nicht vom Bund übernommen werden.
Bei dieser Sachlage braucht nicht näher geprüft zu werden, ob sich die
Familienangehörigen des Beschwerdeführers bei der Ausreise in akuter
Gefahr befunden haben. Auch kann die Frage, ob Geschwister eines Ge-
suchstellers zur Unterstützung bzw. Begleichung von Einreisekosten her-
angezogen werden können, offen gelassen werden.
6.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung im Er-
gebnis nicht zu beanstanden ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist daher
abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der mit
Zwischenverfügung vom 27. Januar 2021 gewährten unentgeltlichen
Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist jedoch auf die Erhebung von Ver-
fahrenskosten zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
F-80/2021
Seite 7