Decision ID: 466fbf92-8ddc-4f5a-b8c9-858a8b840df9
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: der Beschwerdeführer) – ein iranischer
Staatsangehöriger – reiste am 7. November 2019 in die Schweiz ein, wo
er gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b Mit Vollmacht vom 13. November 2019 mandatierte er die ihm im Bun-
desasylzentrum (BAZ) B._ zugewiesene Rechtsvertretung.
A.c Am 19. November 2019 wurde er – im Beisein seines Rechtsvertreters
– zu seiner Person, seinem Reiseweg und summarisch zu seinen Gesuch-
gründen befragt (Erstbefragung für unbegleitete minderjährige Asylsu-
chende [EB UMA]) und am 27. November 2019 fand die Anhörung zu den
Asylgründen statt.
A.d Mit Schreiben vom 29. November 2019 teilte das Staatssekretariat für
Migration (SEM) dem Beschwerdeführer mit, dass sein Asylgesuch ge-
stützt auf Art. 26d des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31)
fortan im erweiterten Verfahren behandelt und er dem Kanton C._
zugeteilt werde.
A.e Am 6. Dezember 2019 mandatierte der Beschwerdeführer seine bis-
herige Rechtsvertretung zur Vertretung im erweiterten Asylverfahren.
A.f Am 10. Januar 2020 wurde – im Beisein seines Rechtsvertreters sowie
seiner Vertrauensperson – eine ergänzende Anhörung durchgeführt.
A.g Zum Nachweis seiner Identität und zur Stützung seiner Vorbringen
reichte der Beschwerdeführer im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens
seinen Identitätsausweis (Shenasnameh) im Original, eine Bestätigung der
nationalen Identitätsnummer in Kopie, seine Geburtsurkunde in Kopie so-
wie eine Verbandsmaterialliste aus dem Spital (...) vom (...) 2018 für sei-
nen Vater im Original mitsamt Kopie eines Briefumschlages zu den Akten.
B.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 29. Januar 2020 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete deren Vollzug an. Des Weiteren wurden ihm die editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt.
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Seite 3
C.
C.a Mit Eingabe vom 28. Februar 2020 (Datum des Poststempels) erhob
der Beschwerdeführer – handelnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter –
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und
beantragte in materieller Hinsicht die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von
Asyl, eventualiter die Anerkennung als Flüchtling und die vorläufige Auf-
nahme, subeventualiter die vorläufige Aufnahme und subsubeventualiter
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sa-
che an die Vorinstanz zur vollständigen Abklärung des Sachverhalts. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und die Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung des SEM
vom 29. Januar 2020, eine Kopie der Empfangsbestätigung vom 29. Ja-
nuar 2020, eine Vollmacht vom 6. Dezember 2019, ein Schreiben betref-
fend den Grossvater des Beschwerdeführers mit deutscher Übersetzung
sowie eine Kopie eines Schreibens der Schule des Beschwerdeführers
vom (...) 2017 betreffend seinen Schulausschluss mit beglaubigter Über-
setzung bei.
C.b Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
2. März 2020 in elektronischer Form vor.
C.c Mit Schreiben vom 5. März 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
D.
Mit Verfügung vom 12. März 2020 stellte die damals zuständige Instrukti-
onsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens
in der Schweiz abwarten. Weiter hiess sie das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und setzte MLaw Bülent Zengin als amtlichen Rechts-
beistand ein. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen eine Vernehmlas-
sung einzureichen.
E.
Die Vorinstanz nahm mit Vernehmlassung vom 25. März 2020 zur Be-
schwerde Stellung.
D-1197/2020
Seite 4
F.
Mit Verfügung vom 1. April 2020 wurde dem Beschwerdeführer die Ver-
nehmlassung zugestellt und Gelegenheit eingeräumt, eine Replik sowie
entsprechende Beweismittel einzureichen.
G.
Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 16. April 2020.
Mit der Eingabe wurden eine Vorladung der moralischen Sicherheitspolizei
in D._ betreffend den Vater des Beschwerdeführers, einen Auszug
aus dem iranischen Strafregister des Vaters des Beschwerdeführers, eine
Anmeldebestätigung bezüglich des Strafregisterauszuges sowie eine Be-
stätigung der Abnahme der elektronischen Fingerabdrücke (allesamt in Ko-
pie und mit deutscher Übersetzung) ins Recht gelegt.
H.
H.a Mit Eingabe vom 5. März 2021 wurde eine Verfahrensstandsanfrage
gestellt und gleichzeitig ein schriftlicher Verlaufsbericht der Beiständin des
Beschwerdeführers vom 26. Februar 2021 zu den Akten gereicht.
H.b Mit Schreiben vom 10. März 2021 beantwortete die damals zuständige
Instruktionsrichterin die Verfahrensstandsanfrage.
I.
Das vorliegende Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die
gemäss Rubrum vorsitzende Richterin umgeteilt.
J.
Mit Schreiben vom 13. Mai 2022 ersuchte der Rechtsvertreter um Entlas-
sung aus dem Amt als unentgeltlicher Rechtsbeistand und um Einsetzung
von MLaw Thierry Büttiker als amtlicher Rechtsbeistand des Beschwerde-
führers.
K.
Mit Verfügung vom 14. Juni 2022 wurde das Gesuch um Entlassung aus
der amtlichen Vertretung gutgeheissen, MLaw Bülent Zenging aus seinem
Amt als amtlicher Rechtsbeistand entbunden und MLaw Thierry Büttiker
antragsgemäss als neuen amtlichen Rechtsbeistand beigeordnet. Gleich-
zeitig wurde dem Beschwerdeführer die Möglichkeit eingeräumt, allfällige
Ergänzungen und Beweismittel bezüglich seiner religiösen Betätigungen in
der Schweiz einzureichen.
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Seite 5
L.
Innert erstreckter Frist reichte der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
20. Juli 2022 ein undatiertes Schreiben von E._ sowie ein undatier-
tes Bestätigungsschreiben von F._ mit einer Kopie von dessen
Flüchtlingsausweis zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968 (VwVG;
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül-
tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG
und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht vom
17. Juni 2005 [BGG; SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungs-
gericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
In der Beschwerdeschrift wurden (teilweise sinngemäss) formelle Rügen
erhoben, welche vorab zu prüfen wären, da sie unter Umständen geeignet
sein könnten, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2). Angesichts dessen, dass die materielle Prü-
fung zu Gunsten des Beschwerdeführers ausfällt und die angefochtene
Verfügung aufgehoben wird, kann auf die Prüfung der formellen Rügen ver-
zichtet werden.
4.
4.1 Im vorliegend zu beurteilenden Fall ist umstritten, ob das SEM zu Recht
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asyl-
gesuch abgelehnt hat.
4.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.3 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3
m.w.H.).
4.4 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7
Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19
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Seite 7
das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dar-
gelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. beispielsweise BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.5 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht subjektive Nach-
fluchtgründe geltend (Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe begrün-
den zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen je-
doch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon,
ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdes-
sen werden Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.
5.1 Zur Begründung seines Asylgesuchs führte der Beschwerdeführer an-
lässlich der Befragungen aus, sowohl seine Familie als auch er würden der
Glaubensgemeinschaft der Bahai angehören. Aufgrund dessen seien sie
ins Visier der Sicherheitsbehörden geraten und zu Hause immer wieder
von der Sicherheitspolizei aufgesucht worden. Insbesondere die Fest-
nahme seines Vaters im (...) 2017, als er (...) Jahre alt gewesen sei, sei
ihm in Erinnerung geblieben. Dabei sei sein Vater am Morgen von Polizei-
beamten in Handschellen abgeführt und laut beschimpft worden, so dass
auch alle Nachbarn Kenntnis über die Religionszugehörigkeit seiner Fami-
lie erhalten hätten. Sein Vater sei erst zwei oder drei Tage später wieder
freigelassen worden. Ein weiterer Vorfall habe sich am (...) 2018 ereignet.
Während der Vorbereitungen, um den Geburtstag des Propheten
Bahāʾullāh zu feiern, sei die Sicherheitspolizei mit einem Haft- sowie einem
Durchsuchungsbefehl gekommen und hätte seinen Vater wegen Gottes-
lästerung erneut festgenommen. Als dieser eine Woche später nach Hause
zurückgekehrt sei, sei er körperlich derart stark angeschlagen gewesen,
dass er sich im Spital habe behandeln lassen müssen. In der Folge habe
sich seine Familie hauptsächlich zu Hause aufgehalten und an keinen reli-
giösen Zeremonien mehr teilgenommen. Er selbst sei in der Schule auf-
grund seiner Religionszugehörigkeit immer wieder beleidigt und schikaniert
worden. Er sei deshalb auch zwei Mal der Schule verwiesen worden. Da
sich seine Familie grosse Sorgen um ihn gemacht habe, hätten seine El-
tern schliesslich entschieden, ihn – noch bevor er ins militärpflichtige Alter
gekommen sei – ins Ausland zu schicken. Infolgedessen sei er am
(...) 2019 versteckt in einem Lastwagen illegal aus dem Iran geflüchtet und
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anschliessend auf dem Landweg via ihm unbekannte Länder in die
Schweiz gelangt.
5.2 In ihrer abweisenden Verfügung kam die Vorinstanz zum Schluss, es
sei dem Beschwerdeführer nicht gelungen seine Zugehörigkeit zur Religion
der Bahai glaubhaft darzulegen, da aus seinen Aussagen seine innere
Überzeugung und persönliche Verbundenheit nicht erkennbar sei. Obwohl
er ausführlich zu seinem Glauben und zu seiner persönlichen Motivation
befragt worden sei, habe er sich stets nur in allgemeine Hinweise und Er-
klärungen geflüchtet. Trotz wiederholter Aufforderungen habe er seine per-
sönlichen Eindrücke des Rituals, an welchem er nach Erreichen des Ge-
betsalters mit 15 Jahren erstmals habe teilnehmen dürfen, nicht beschrei-
ben können und nur oberflächliche Ausführungen dazu gemacht. Gleiches
gelte für das Fest am 12. Tag von Eyde Razawan. Zwar habe er allgemeine
Angaben zum Bahaitum machen können, mit diesem Wissen habe er seine
persönliche Verbundenheit zur Religion jedoch nicht überzeugend darge-
legt, zumal dieses auswendig gelernt werden könne und nicht zwingend
auf eigenen Erfahrungen basieren müsse. Des Weiteren spreche auch der
Umstand, dass er die daraus abgeleitete Verfolgung seines Vaters nicht
plausibel darzulegen vermochte, gegen die geltend gemachte Religionszu-
gehörigkeit. Obwohl die zweite Festnahme seines Vaters im (...) 2018 für
ihn prägend und letztlich ausschlaggebend für seine Ausreise gewesen
sein soll, sei er nicht in der Lage gewesen, seine Emotionen und sein sub-
jektives Empfinden während dessen Haft zu schildern. Darüber hinaus
scheine es nicht plausibel, dass nach der Freilassung seines Vaters bis zu
seiner Ausreise und damit mithin während eines Jahres nichts mehr pas-
siert sein soll. Wäre seinem Vater tatsächlich Gotteslästerung vorgeworfen
worden, wäre zu erwarten gewesen, dass die iranischen Behörden weiter-
hin gegen ihn vorgegangen wären. Sodann sei nicht nachvollziehbar, wes-
halb sein Vater nicht vor ihm aus dem Iran geflüchtet sei, insbesondere da
dieser aktuell gefährdet gewesen sei, wohingegen der Beschwerdeführer
noch keine Probleme mit den Behörden gehabt und auch erst ab seiner
Volljährigkeit mit Massnahmen gerechnet habe. Weiter sei nicht glaubhaft,
dass sein Vater nach den geltend gemachten Erlebnissen ohne Vorkeh-
rungen für seine eigene Sicherheit weiterhin an der den Behörden bekann-
ten Adresse wohnhaft geblieben sei und sich darüber hinaus mit der illega-
len Ausreise seines Sohnes weiter exponiert habe. Die als Beweismittel
eingereichte Verbandsmaterialliste vermöge diese Einschätzung nicht um-
zustossen, da sie keine Angaben zum Grund für den Bezug von medizini-
schem Material enthalte. Angesichts dessen, dass dem Beschwerdeführer
die geltend gemachte Religionszugehörigkeit nicht geglaubt werden
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könne, falle auch der Grund für die vorgebrachten Schikanen in der Schule
weg. Selbst wenn er mehrmals von der Schule verwiesen worden sein
sollte, bestünden keine Hinweise dafür, dass ihm der Schulbesuch verwei-
gert worden sei. Schliesslich seien die angeführten Beleidigungen von Sei-
ten seiner Mitschüler und einiger Lehrer, welche ohnehin unglaubhaft
seien, mangels Intensität als nicht asylrelevant zu qualifizieren.
5.3 In seiner Rechtsmittelschrift wendete der Beschwerdeführer zunächst
ein, er habe – entgegen der Einschätzung der Vorinstanz – erlebnisorien-
tiert, detailliert und substantiiert erzählt, was seine Religion für ihn ausma-
che und wie er diese praktiziere. Dabei habe er nicht nur sein allgemeines
Wissen zum Bahaitum, sondern auch seine persönlichen Erfahrungen bei
unterschiedlichen Zeremonien und Ritualen wiedergegeben. Er habe ins-
besondere über seine Gefühle beim Ritual, an welchem er nach Erreichen
des Gebetsalters mit 15 Jahren erstmals teilgenommen habe, berichtet.
Zwar könne der Vorhalt des SEM, wonach er die Informationen zum
Bahaitum auswendig gelernt haben könnte, naturgemäss nicht widerlegen,
allerdings erscheine dies aufgrund seiner gesamten Aussagen als sehr un-
wahrscheinlich. Insgesamt habe er seine Verbundenheit mit der Religion
deutlich machen können. Sodann lasse die Vorinstanz ausser Acht, dass
das Bahaitum eine "de facto" verbotene Religion im Iran sei, weshalb die
Zeremonien und Rituale zurückhaltend und einfach gestaltet und logischer-
weise nicht öffentlich gefeiert werden würden. Darüber hinaus handle es
sich um eine Religion, welche den Gläubigen nicht starre und strenge Re-
geln zur Vornahme von "Aktivitäten" vorschreibe und schliesslich müsse
berücksichtigt werden, dass er bis zu seinem 15. Lebensjahr an keiner re-
ligiösen Zeremonie habe teilnehmen dürfen. Weiter habe er auch die Ver-
folgung seines Vaters konsistent dargelegt. Seine Antworten auf die Fra-
gen bezüglich der beiden Vorfälle, bei denen sein Vater von der Sicher-
heitspolizei verhaftet worden sei, seien ausführlich, detailliert und mit zahl-
reichen Realkennzeichen versehen ausgefallen. Er habe auch detailliert
erzählt, wie die Woche verlaufen sei, als sein Vater im (...) 2018 inhaftiert
gewesen sei. Dass er nicht mehr habe erzählen können, habe damit zu
tun, dass seine Eltern ihn verständlicherweise nicht mit Details zu den Haft-
umständen hätten belasten wollen. Soweit die Vorinstanz das Vorgehen
der iranischen Behörden als unplausibel qualifiziere, weil sie seinen Vater
während eines ganzen Jahres nicht weiter behelligt hätten, sei entgegen-
zuhalten, dass die Plausibilität als kulturell- und persönlichkeitsabhängiges
Konzept verstanden werden müsse, weshalb sich die Beurteilung der Vor-
bringen auf objektivierbaren Kriterien abstützen sollte, anstatt auf dem sub-
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Seite 10
jektiven Gefühl des Entscheidungsträgers. Bei den Gründen für die ausge-
bliebene Verfolgung handle es sich um eine innere Tatsache des Verfol-
gers, wozu er keine Angaben machen könne. Für seine Glaubhaftigkeit
spreche, dass er sich weder Wissen angemasst noch im Ausmass oder der
Intensität der Verfolgung Übertreibungen vorgenommen habe. Des Weite-
ren habe er auch nachvollziehbar erklärt, weshalb sich seine Familie dazu
entschieden habe, ihn zuerst ins Ausland zu schicken. Schliesslich habe er
erlebnisgeprägte Schilderungen zu den Schikanen in der Schule gemacht
und eine Bestätigung der Schulbehörden zu den Akten gereicht. Zusam-
menfassend habe die Vorinstanz eine rechtsfehlerhafte Glaubhaftigkeits-
prüfung vorgenommen, wobei Elemente, welche für die Glaubhaftigkeit
sprechen würden, völlig ausser Acht gelassen worden seien. Seine Vor-
bringen, mithin seine Religionszugehörigkeit, seien als glaubhaft gemacht
zu qualifizieren.
5.4 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz zum auf Beschwerde-
ebene eingereichten Schreiben der ehemaligen Schule des Beschwerde-
führers vom (...) 2017 aus, aufgrund der nicht gesicherten Herkunft sei
dessen Beweiswert vermindert. Ausserdem werde darin kein Bezug auf die
Religionszugehörigkeit des Beschwerdeführers genommen, weshalb dar-
aus geschlossen werde, dass allfällige Schikanen in der Schule in keinem
Zusammenhang mit der geltend gemachten Zugehörigkeit zum Bahaitum
gestanden hätten. Im Übrigen hielt sie daran fest, dass die geltend ge-
machten Schikanen mangels Intensität nicht als asylrelevant einzustufen
seien und er keine Gründe geltend gemacht habe, welche zur Annahme
geführt hätten, dass ihm der Schulabschluss vollständig verweigert worden
wäre. Hinsichtlich des ebenfalls mit der Beschwerde zu den Akten gereich-
ten Dokuments betreffend den Grossvater des Beschwerdeführers machte
die Vorinstanz geltend, dass darin zwar von Verstössen gegen die Religion
die Rede sei, jedoch würde der Beschwerdeführer damit keine ihn betref-
fenden Verfolgungsmassnahmen zu belegen vermögen.
5.5 In der Replik wurde festgehalten, dass es – entgegen der Ansicht des
SEM – logisch erscheine, dass seitens der Schulbehörden die Religions-
zugehörigkeit im Schreiben vom (...) 2017 nicht explizit als Grund für den
Schulausschluss angegeben worden sei, da sie ihn ansonsten öffentlich
diskriminieren würden. Des Weiteren komme dem Dokument ein hoher Be-
weiswert zu, da es im Original und mit einer durch das iranische Aussen-
ministerium beglaubigten Übersetzung eingereicht worden sei. Das den
Grossvater betreffende Beweismittel sei ein Indiz dafür, dass die Familie
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Seite 11
des Beschwerdeführers bereits seit langem im Fokus der iranischen Be-
hörden stehe. Alsdann sei die Tatsache, dass die Familie den Beschwer-
deführer vermisse und nach Möglichkeit den Kontakt zu diesem aufrecht-
erhalten möchte, als selbstverständlich und nicht als Indiz für die Zumut-
barkeit der Wegweisung zu erachten. Ferner wurden mit der Eingabe unter
anderem eine Vorladung der moralischen Sicherheitspolizei vom (...) 2019
sowie ein Auszug aus dem iranischen Strafregister als Beweismittel zu den
Akten gereicht, welche die glaubhaften Aussagen des Beschwerdeführers
in Bezug auf die geltend gemachte Verfolgung seines Vaters untermauern
sollen.
6.
6.1 Im vorliegend zu beurteilenden Verfahren ist die Frage der Zugehörig-
keit des Beschwerdeführers zum Bahaitum von entscheidwesentlicher Be-
deutung (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.2.2 m.H. auf WALTER KÄLIN, Grundriss
des Asylverfahrens, 1990, S. 78). In einem ersten Schritt ist deshalb zu
prüfen, ob sich das Bundesverwaltungsgericht den vorinstanzlichen Erwä-
gungen zur fehlenden Glaubhaftigkeit der vom Beschwerdeführer geltend
gemachten Zugehörigkeit zum Bahaitum anschliessen kann.
6.1.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im
Gegensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
Beschwerdeführerenden. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Rich-
tigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Bei
der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurtei-
lung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sach-
verhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche
Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Beschwerdeführer spre-
chen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Ele-
mente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht
aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der
gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vor-
gebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. hierzu BVGE 2015/3
E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.2 und 2.3; ANNE
KNEER/LINUS SONDEREGGER Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfah-
ren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts, in: ASYL 2/2015 S. 4 ff.). Ferner sind von den Behörden auch bei der
Würdigung des Sachverhalts beziehungsweise der Glaubhaftigkeitsprü-
fung die Besonderheiten zu beachten, die sich aus der Minderjährigkeit der
asylsuchenden Person ergeben (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der
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Seite 12
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 4.4; vgl.
hierzu auch Urteil des BVGer E-4538/2021 vom 21. Juni 2022 E. 5.2
m.w.H.).
6.1.2 Das Bekenntnis zu einem religiösen Glauben stellt eine innere Tatsa-
che dar, die keinem direkten Beweis zugänglich ist, sondern nur anhand
einer Verbindung verschiedener Indizien ermittelt werden kann. Indizien
sind Hilfstatsachen, die, wenn selber bewiesen, auf eine andere, unmittel-
bar rechtserhebliche Tatsache schliessen lassen. Der erfolgreiche Indizien-
beweis begründet eine der Lebenserfahrung entsprechende Vermutung,
dass die nicht bewiesene Tatsache gegeben ist. Für sich selbst betrachtet
deuten Indizien jeweils nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine
bestimmte Tatsache hin. Gemeinsam – einander ergänzend und verstär-
kend – können Indizien zum Schluss führen, dass die rechtserhebliche Tat-
sache nach der allgemeinen Lebenserfahrung gegeben sein muss. Der In-
dizienbeweis ist dem direkten Beweis gleichgestellt (vgl. BGE 144 IV 345
E. 2.2.3.4 m.w.H.).
Die religiöse Zugehörigkeit kann praktisch nur anhand der Aussagen der
betroffenen Person und gegebenenfalls ihrer konkreten Handlungen (Be-
suche von Gottesdiensten, Dauer und Intensität des religiösen Engage-
ments zum Beispiel in einer Kirchgemeinde, religiöse Bildung, Aussagen
Dritter usw.) beurteilt werden. Sie ist dann als bewiesen anzusehen, wenn
die gesamthafte Betrachtung und Beurteilung solcher Indizien für den reli-
giösen Glauben der betroffenen Person zum Schluss führt, dass die religi-
öse Zugehörigkeit nach der allgemeinen Lebenserfahrung ernsthaft ist.
Eine lediglich formelle Religionszugehörigkeit, wie auch eine formelle Kon-
version, beispielsweise durch eine Taufe, ohne Hinweise auf eine innere
Überzeugung reicht dafür in der Regel nicht aus (vgl. Urteil des BVGer
D-4952/2014 vom 23. August 2017 [als Referenzurteil publiziert] E. 6.2 so-
wie Urteil des BVGer E-3033/2016 vom 19. Dezember 2019 E. 5.7).
6.2
6.2.1 Vorweg ist festzuhalten, dass die Ausführungen des Beschwerdefüh-
rers ausführlich, detailliert und anschaulich ausgefallen sind und den Ein-
druck von Selbsterlebtem vermitteln. Er stellte seine Asylvorbringen nicht
übertrieben dar und sagte jeweils klar, wenn er etwas nicht (mehr) wusste
(vgl. SEM-Akten 19/12, F25 und F40, sowie 27/21, F75, F89, F114 und
F117) und wirkt als Person insgesamt glaubwürdig.
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Seite 13
6.2.2 Bei der Durchsicht der Akten fällt zunächst auf, dass der Beschwer-
deführer seit Beginn seines Asylverfahrens geltend machte, Bahai zu sein.
Bereits im Personalienblatt gab er an, der Religion der Bahai anzugehören
(vgl. SEM-Akte [...]-1/2). Auch anlässlich der EB UMA erklärte er, der Kon-
fession der Bahai anzugehören und führte zur Begründung seiner Asyl-
gründe aus, "das Ganze" habe mit seiner Religion zu tun, denn er und
seine Familienangehörigen seien wegen ihrer Zugehörigkeit zum Bahaitum
immer wieder benachteiligt worden (vgl. SEM-Akte [...]-11/10 [nachfol-
gend: SEM-Akte 11/10], Ziff. 1.13, Ziff. 7.01 und 7.02). Diese bereits zu Be-
ginn seines Asylverfahrens gemachten Angaben zum Glauben sind als In-
diz zu werten, welches für deren Glaubhaftigkeit spricht. Sodann finden
sich – entgegen der Ansicht der Vorinstanz – in seinen Aussagen zahlrei-
che Hinweise auf seine innere Überzeugung am Bahaitum. Anlässlich der
ersten Anhörung erklärte er beispielsweise auf die entsprechende Frage,
was für ihn die Religion der Bahai ausmache und das Wichtigste sei, dass
für ihn die Einheit und Gleichstellung der Menschen ein zentrales Prinzip
sei (vgl. SEM-Akte 19/12, F42 und F44). In der ergänzenden Anhörung
führte er weiter aus, für ihn seien ferner das Prinzip der Gewaltlosigkeit
sowie das Gebot, niemandem etwas Schlechtes anzutun wichtige Be-
standteile des Bahai-Glaubens (vgl. SEM-Akte 27/21, F99). In seiner Ant-
wort auf die Frage, was er über seine muslimischen Mitschüler dachte,
nahm er Bezug auf einen Grundsatz seines Glaubens und führte aus, "Wir
Bahais denken, dass jede Religion gut ist und wir müssen jede Religion
respektieren und jeder darf seine Religion ausleben. Der Bahaismus ist
entstanden, damit alle Menschen gleichstellt werden." (vgl. SEM-
Akte 19/12, F57). Damit veranschaulichte er, dass er sich eingehend mit
dem Bahaitum befasst und auseinandergesetzt hat und die Glaubensin-
halte auch verinnerlicht hat. Ferner zeigte er auch mit seinem Wissen über
die Religion sein ernsthaftes Interesse. Zwar könnten – wie von der
Vorinstanz vorgebracht – durchaus einzelne Angaben auch auswendig ge-
lernt sein, doch ist einerseits fraglich, wie er sonst an solche Informationen
gelangt sein könnte, zumal die religiöse Minderheit der Bahai im Iran ver-
folgt wird (vgl. E. 6.3.1 hiernach). Andererseits sind seinen Aussagen keine
Hinweise zu entnehmen, wonach er nicht infolge persönlich Erlebtem über
die entsprechenden Kenntnisse verfüge. So machte er zunächst allge-
meine Ausführungen zu den verschiedenen Gebetsarten (vgl. SEM-
Akte 19/12, F45) und erläuterte anschliessend detailliert, wie er selber be-
tete (vgl. SEM-Akte 19/12, F46–49). Auf die Frage, wie er seine Religion –
abgesehen von Gebeten – praktiziert habe, antwortete er lebensnah und
ohne seine persönliche Glaubensausübung gewichtiger darzustellen als
sie es war, er habe manchmal das Buch Aqdas durchgeblättert, da er die
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auf Farsi verfassten Bücher des Propheten Bahāʾullāh fast nicht verstan-
den habe (vgl. SEM-Akte 19/12, F50). Ausserdem habe er schon vor Errei-
chen des fünfzehnten Lebensalters von sich aus mit seinem Vater über den
Bahaismus gesprochen und dieser habe ihm Bücher vorgelesen sowie Ge-
schichten von Bahāʾullāh erzählt (vgl. SEM-Akte 19/12, F55). Soweit er
vorbrachte, sein Vater habe gewollt, dass er sich selber über die Religion
informiere und nicht einfach einen Glauben annehme, ist anzumerken,
dass diese Einstellung mit dem ethischen Grundsatz der selbständigen
Wahrheitsfindung im Einklang steht. Des Weiteren vermochte er trotz sei-
nes im damaligen Zeitpunkt jugendlichen Alters und obwohl er erst als 15-
Jähriger aktiv an Zeremonien teilgenommen habe, verschiedene Feste,
wie die Geburtstage von Bab und Bahāʾullāh, das Neujahrsfest Naw-Rúz
am 21. März oder das Riḍván-Fest, welches an die Verkündung
Bahāʾullāhs erinnert, aufzuzählen (vgl. SEM-Akte 19/12, F51 f.). Zwar
schilderte er das Ritual, an welchem er nach Erreichen des Gebetsalters
von 15 Jahren erstmals teilgenommen habe, anlässlich der ersten Anhö-
rung nicht besonders ausführlich, aber dennoch erlebnisgeprägt und mit
Realkennzeichen versehen. So führte er aus, besonders gefallen habe ihm
die sehr schöne Musik und dass alle zusammen gebetet und gesungen
hätten. Weiter räumte er ein, nicht alle Wörter auf Farsi verstanden zu ha-
ben. Auf entsprechende Ergänzungsfrage seines Rechtsvertreters be-
schrieb er den groben Ablauf des Abends und zählte auch die anwesenden
Personen auf (vgl. SEM-Akte 19/12, F53 und F59). Die Fragen, ob es eine
Verpflichtung gebe, welche ihm schwer falle zu erfüllen und weshalb, be-
antwortete er ebenfalls authentisch, es sei ihm schwer gefallen 19 Tage
lang zu fasten und auch das Lesen aus dem heiligen Buch sei anfangs
nicht leicht gewesen, da vieles für ihn nicht verständlich gewesen sei (vgl.
SEM-Akte 27/21, F102 und F110 f.).
6.2.3 Sodann lassen sich auch die auf Beschwerdeebene vorgelegten Be-
weismittel – welchen zwar als solchen nur ein beschränkter Beweiswert
zukommt, da sie verspätet und teilweise lediglich als Kopien zu den Akten
gereicht wurden –, stimmig in das Gesamtbild der Vorbringen des Be-
schwerdeführers einfügen. So ist dem Schreiben betreffend seinen Gross-
vater zu entnehmen, dass dieser "der Beleidigung der islamischen Ge-
setze", "des Verbreitens von unmoralischem religiösem Benehmen", "des
Nichtbeachtens der religiösen Linie" und "des Verbreitens von Lügen ge-
gen die Religion" bezichtigt wurde (vgl. BVGer-Akte 1, Beilage 4). Weiter
wurde sein Vater offenbar mit Schreiben vom (...) 2019 von der morali-
schen Sicherheitspolizei vorgeladen (vgl. BVGer-Akte 6, Beilage 1) und
gemäss Strafbefehl vom (...) 2020 wegen "der Verleugnung des Propheten
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Islam und der Ablehnung dieser heiligen Religion" angeschuldigt und ver-
haftet (vgl. BVGer-Akte 6, Beilage 2). Es ist demnach davon auszugehen,
dass die Familie des Beschwerdeführers wegen ihrer Zugehörigkeit zur
Glaubensgemeinschaft der Bahai den heimatlichen Behörden bekannt sein
dürfte. Schliesslich erscheint durchaus naheliegend, dass der Beschwer-
deführer ebenfalls aufgrund seiner Religion bereits Diskriminierungen aus-
gesetzt war, denn gemäss dem im Original eingereichten Schreiben seiner
ehemaligen Schule vom (...) 2017 mit beglaubigter Übersetzung des irani-
schen Aussenministeriums wurde er im Schuljahr (...) wegen mangelnder
Moral und fehlendem religiösem Pflichtbewusstsein von der Schule verwie-
sen ("was expelled from the educational unit due to lack of moral and reli-
gious observance"; vgl. BVGer-Akte 1, Beilage 5).
6.2.4 Nach Abwägung sämtlicher Umstände des Einzelfalles kommt das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass – unter Berücksichtigung ei-
nes infolge der unbestrittenen Minderjährigkeit des Beschwerdeführers re-
duzierten Beweismassstabs (vgl. E. 6.1.1 hiervor) – die Indizien, welche für
die Glaubhaftigkeit der Zugehörigkeit zum Bahaitum des Beschwerdefüh-
rers und seine innere Zuwendung zu dieser Religionsgemeinschaft gegen-
über jenen überwiegen, die dagegensprechen. Auch kann aufgrund seiner
Ausführungen und der ins Recht gelegten Beweismitteln nicht ausge-
schlossen werden, dass er aus einer Familie stammt, die als Bahai den
Behörden bekannt ist. Mit anderen Worten überwiegen bei einer Gesamt-
beurteilung aller massgeblichen Aspekte die für die Richtigkeit der Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers sprechenden Elemente gegenüber den Un-
glaubhaftigkeitsindizien (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2).
6.3
6.3.1 In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob die als glaubhaft befun-
dene Zugehörigkeit des Beschwerdeführers zur Bahai-Religion und seine
innere Zuwendung zu diesem Glauben die Voraussetzungen für die Aner-
kennung als Flüchtling gemäss Art. 3 AsylG zu erfüllen vermag, ihm mithin
Asyl zu gewähren ist.
6.3.1.1 Eine Kollektivverfolgung liegt gemäss der Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts vor, wenn eine relativ grosse Anzahl Personen
eines bestimmten Kollektivs einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt
ist. Die flüchtlingsrechtlich zu beurteilenden Massnahmen müssen dabei in
gezielter Art und Weise auf das Kollektiv gerichtet sein und eine gewisse
Intensität aufweisen. Aus der Verfolgung einzelner, zum Kollektiv gehören-
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der Personen kann dabei nicht ohne Weiteres auf die Verfolgung des Kol-
lektivs geschlossen werden. Die gezielten und intensiven Nachteile müs-
sen vielmehr zum Ziel haben, möglichst alle Mitglieder des Kollektivs zu
treffen, und sie müssen in Relation zur Grösse des Kollektivs eine be-
stimmte Dichte aufweisen, so dass der Einzelne aus der erheblichen Wahr-
scheinlichkeit heraus, selbst verfolgt zu werden, objektiv begründete
Furcht hat (vgl. zuletzt Urteil des BVGer D-4038/2020 vom 24. Juni 2021
E. 5.1; vgl. ferner BVGE 2014/32 E. 7.2; 2013/21 E. 9.1; 2013/12 E. 6;
2013/11 E. 5.4.2; 2011/16 E. 5, jeweils m.w.H.).
6.3.1.2 Zur allgemeinen Situation der Bahai im Iran ist Folgendes auszu-
führen: Die Verfolgung der Bahai setzte bereits vor der islamischen Revo-
lution 1979 ein (vgl. hierzu MARTIN DOUGLAS, The Persecution of the
Bahá'ís of Iran 1844-1984, 1984, <https://bahai-library.com/pdf/m/martin_
persecution_bahais_iran.pdf>, zuletzt abgerufen am 25. Oktober 2022)
und hält seither an (vgl. Encyclopedia Iranica, Bahaism iv. The Bahai Com-
munities, <https://www.iranicaonline.org/articles/bahaism-iv> und Iran Hu-
man Rights Documentation Center [IRDC], Blocked from Progress; Perse-
cution of Iran's Bahá'í Community since 1979, 31. Mai 2022, <https://iran-
hrdc.org/blocked-from-progress-persecution-of-irans-bahai-community-sin
ce-1979>, beide zuletzt abgerufen am 25. Oktober 2022; vgl. ferner
MOOJAN MOMEN, The Bahá'í community of Iran – Cultural genocide and
resilience, in: Jeffrey Bachman [Hrsg.], Cultural Genocide, Law, Politics
and Global Manifestations, 2019, S. 304). Für die iranische Regierung sind
die Bahai Apostaten (als vom muslimischen Glauben Abgefallene) und die
Religionsgemeinschaft wird in offiziellen Dokumenten als "Unreine",
"Sekte", "Feinde" und Spione für das "zionistische Regime" bezeichnet
(vgl. Washington Institute, Iran's increased Persecution of the Bahai,
21. Januar 2022, <https://www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/iran
s-increased-persecution-bahai>, zuletzt abgerufen am 25. Oktober 2022).
Im Gegensatz zu anderen religiösen Minderheiten wie Muslime, Juden,
Christen oder Zoroastrier, erkennt die Verfassung der islamischen Repub-
lik Irans das Bahaitum nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft an
(vgl. Neue Züricher Zeitung [NZZ], Neue Welle der Repression gegen die
Bahai-Gemeinschaft in Iran, 29. August 2022, <https://www.nzz.ch/interna
tional/iran-neue-welle-der-repression-gegen-die-bahai-ld.1699853?reduc
ed=true>, zuletzt abgerufen am 25. Oktober 2022). Gemäss der schweize-
rischen Asylpraxis unterliegen die Bahai im Iran einer Kollektivverfolgung
(vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.2.2 m.H. auf WALTER KÄLIN, Grundriss des Asyl-
verfahrens, 1990, S. 78; zuletzt bestätigt in den Urteilen des BVGer
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D-5099/2019 vom 19. März 2021 E. 6.5.1, E-3326/2019 vom 8. Ja-
nuar 2020 E. 6.2 und E-3790/2019 vom 20. September 2019 E. 5.3).
Auch im heutigen Zeitpunkt besteht kein Anlass, von dieser Rechtspre-
chung abzuweichen. Die Situation der Bahai im Iran ist weiterhin vom Sta-
tus als nicht offiziell anerkannte Religion geprägt, wodurch ihre Religions-
angehörigen offiziell und gesellschaftlich diskriminiert sowie systematisch
verfolgt werden (vgl. Freedom House, Freedom in the World 2022 – Iran,
24. Februar 2022, <https://freedomhouse.org/country/iran/freedom-world/
2022>; Amnesty International, The State of the World's Human Rights; Iran
2021, 29. März 2022, <https://www.amnesty.org/en/location/middle-east-
and-north-africa/iran/report-iran/>, alle zuletzt abgerufen am 25. Oktober
2022). Sie dürfen ihren Glauben nicht frei ausüben (vgl. United States
[U.S.] Department of State, 2021 Report on International Religious Free-
dom: Iran, 2. Juni 2022 [nachfolgend: 2021 Report], <https://www.state.
gov/reports/2021-report-on-international-religious-freedom/iran/>; Ministe-
rie van Buitenlandse Zaken, Algeemen ambtsbericht Iran, 31. Mai 2022,
<https://www.rijksoverheid.nl/binaries/rijksoverheid/documenten/ambtsbe-
richten/2022/05/31/algemeen-ambtsbericht-iran-van-mei-2022/Algemeen
+ambtsbericht+Iran+2022-05.pdf>, beide zuletzt abgerufen am 25. Okto-
ber 2022), werden vom Zugang zu Universitäten, Hochschulen und weiter-
führenden Schulen ausgeschlossen (vgl. U.S. Department of State, a.a.O.;
United Nations Office of the High Commissioner for Human Rights [OH-
CHR], 22. August 2022, <https://www.ohchr.org/en/press-releases/2022/
08/iran-un-experts-alarmed-escalating-religious-persecution>, beide zu-
letzt abgerufen am 25. Oktober 2022), erhalten keine Stellen in der Ver-
waltung oder solche mit Einfluss (vgl. MOOJAN MOMEN, a.a.O., S. 306 f. zu-
letzt abgerufen am 25. Oktober 2022), werden rechtlich benachteiligt (vgl.
U.S. Department of State, a.a.O., zuletzt abgerufen am 25. Oktober 2022)
und sind verschiedenen staatlichen Repressionsmassnahmen (wie bei-
spielweise willkürliche Verhaftung, gewaltsames Verschwinden, Haus-
durchsuchungen und Zerstörung oder Beschlagnahmung von Eigentum)
ausgesetzt (vgl. hierzu OHCHR, a.a.O., zuletzt abgerufen am 25. Oktober
2022). Vor diesem Hintergrund ist weiterhin davon auszugehen, dass An-
gehörige des Bahaitum im Iran eine objektiv begründete Furcht vor Verfol-
gung haben, womit nach wie vor von einer Kollektivverfolgung auszugehen
ist.
6.3.2 Wie in E. 6.2 hiervor dargelegt wurde, vermochte der Beschwerde-
führer seine Zugehörigkeit und seine innere Zuwendung zu den Bahai
glaubhaft darlegen. Aufgrund seines Glaubens hat er in seinem Heimatland
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– wie jede Person, welche dem Bahaitum angehört – eine objektiv begrün-
dete und weiterhin anhaltende Furcht vor asylrechtlich relevanten Verfol-
gungshandlungen. Eine innerstaatliche Fluchtalternative ist nicht gegeben
(vgl. dazu auch BVGE 2011/51 E. 8.5.1 und E. 8.6). Vor diesem Hinter-
grund erübrigt es sich zu prüfen, ob er infolge der Schikanen, welchen er
während seiner Schulzeit ausgesetzt gewesen sein soll, auch eine ge-
zielte, ernsthafte und individuelle Verfolgung aus religiösen Motiven im
Sinne von Art. 3 AsylG erlebt hat oder ob ihm aufgrund der Religionsaus-
übung seines Grossvaters und seines Vaters eine Reflexverfolgung droht.
Ebenso kann die Frage, ob infolge seiner Religionsausübung in der
Schweiz subjektive Nachfluchtgründe bestehen, offengelassen werden.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die asylrechtlich relevanten Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft sind und
er die Voraussetzungen für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft
nach Art. 3 AsylG erfüllt. Den Akten sind zudem keine Anhaltspunkte für ein
Vorliegen von Ausschlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG zu entneh-
men. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die angefochtene Verfü-
gung vom 29. Januar 2020 aufzuheben und das SEM anzuweisen, den Be-
schwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren.
Angesichts der Gutheissung des Hauptantrags werden die Rechtsbegeh-
ren 3 und 4 der Beschwerde gegenstandslos.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu
erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG eine Entschä-
digung für die ihm erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen
Kosten zulasten der Vorinstanz zuzusprechen (vgl. für die Grundsätze der
Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem
Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Seitens der Rechtsvertretung wurde keine Kostennote zu den Akten ge-
reicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann indes verzichtet werden,
da der Aufwand für das vorliegende Beschwerdeverfahren zuverlässig ab-
geschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Dem Beschwerde-
führer ist aufgrund der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 8–
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Seite 19
13 VGKE) eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1'940.– (inklusive
Auslagen; die Parteientschädigung umfasst keinen Mehrwertsteuerzu-
schlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zuzusprechen und das
SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer diesen Betrag als Parteient-
schädigung auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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