Decision ID: 85ca1f07-cfd3-5acf-a9ad-38abd7a231c7
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 25. Mai 2019 in der Schweiz um Asyl
nach. Auf dem Eintrittsblatt der Loge des Bundesasylzentrums des SEM in
B._ befindet sich der Vermerk «stumm und taub».
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) vom 28. Mai 2019 ergab, dass der Beschwerdeführer bereits
am 10. Juli 2014 in Italien, am 9. Juni 2015 in Deutschland und am
19. März 2018 erneut in Italien um Asyl ersucht hatte.
C.
Am 5. Juni 2019 mandatierte der Beschwerdeführer die Mitarbeitenden der
«HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren (...)» mit seiner Rechtsvertre-
tung.
D.
Am 6. Juni 2019 fand die Personalienaufnahme statt, wobei der Beschwer-
deführer die ihm vorgelegten Fragen hauptsächlich schriftlich beantwortete
und die Antworten anschliessend durch die anwesende dolmetschende
Person ins Deutsche übersetzt wurden.
E.
Am 21. Juni 2019 erfolgte das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
wobei der Beschwerdeführer wiederum die ihm vorgelegten Fragen haupt-
sächlich schriftlich beantwortete und die Antworten anschliessend durch
die anwesende dolmetschende Person ins Deutsche übersetzt wurden.
Dabei wurde ihm das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Zuständigkeit
Italiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens ge-
währt. Dagegen brachte er vor, mit einer Rückkehr nach Italien nicht ein-
verstanden zu sein. Er habe in Italien keine Unterkunft, kein oder wenig
Essen und keine Arbeit gehabt. Unter diesen Bedingungen habe er gelitten
und betteln müssen. Darüber hinaus habe in Italien niemand die Gebär-
densprache verstanden. Auch auf ein Hörgerät habe er vergebens gewar-
tet, obwohl ihm dies im italienischen Alltag eine grosse Hilfe gewesen wäre.
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Zugleich wurde er nach seinem Gesundheitszustand befragt. Hierzu führte
er aus, dass er seit seiner Geburt taubstumm sei. Zudem leide er seit der
Kindheit an Schwindelgefühlen und an Übelkeit. Er sei deshalb bereits zu
Boden gefallen. In C._ und D._ habe er sich untersuchen
lassen und Medikamente erhalten.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer einen Ge-
burtsschein, eine gerichtlich beglaubigte Alterserklärung durch seinen (...)
vom 31. April 2018, zwei Schreiben der nigerianischen Botschaft in
D._ betreffend die Beantragung eines Passes vom 10. Mai 2018
und 4. Juni 2018 (jeweils in Kopie), eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung
aus Italien (im Original; abgelaufen seit 6. Mai 2019), eine italienische Iden-
titätskarte für Ausländer (im Original; gültig bis 9. Juli 2029), eine italieni-
sche Gesundheitskarte (in Kopie; abgelaufen seit 1. Juni 2015) sowie di-
verse medizinische Unterlagen aus Italien (datiert vom 16./17. Mai 2017,
6. Juni 2017, 12./17. Juli 2017, 7./9./23. November 2017 und 13. August
2018) – alle lautend auf E._, geboren am (...) – zu den Akten.
F.
Am 21. Juni 2019 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um Rück-
übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-
III-VO. Diesem Gesuch wurde am 4. Juli 2019 – gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO – entsprochen.
G.
G.a Mit Verfügung vom 12. Juli 2019 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegweisung in den für ihn zustän-
digen Dublin-Mitgliedstaat Italien und ordnete den Vollzug an.
G.b Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe sei-
ner Rechtsvertreterin vom 22. Juli 2019 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht. Im Laufe des Beschwerdeverfahrens reichte er betreffend
seine Gehörlosigkeit weitere medizinische Unterlagen (ein Schreiben der
Hörmittelzentrale [...] AG in F._ vom 23. Juli 2019 sowie einen Arzt-
bericht vom 19. August 2019 [von Dr. med. G._; Facharzt für
Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten; Praxis (...) in B._]) ins Recht.
G.c Mit Urteil D-3735/2019 vom 30. September 2019 hiess das Bundes-
verwaltungsgericht die Beschwerde insofern gut, als es die angefochtene
Verfügung aufhob und die Sache zur Behebung der festgestellten Mängel
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(Verletzung des rechtlichen Gehörs und des Untersuchungsgrundsatzes)
sowie zur Neubeurteilung an das SEM zurückwies. Im Wesentlichen wurde
darauf erkannt, dass sich Verständigungsschwierigkeiten anlässlich der
Personalienaufnahme und des Dublin-Gesprächs gezeigt hätten und man-
gels Handnotizen der Gesprächsteilnehmer nicht aktenkundig sei, ob und
wie die schriftliche Verständigung mit dem Beschwerdeführer erfolgt sein
solle. Das SEM sei deshalb im Rahmen des wiederaufzunehmenden erst-
instanzlichen Verfahrens gehalten, die Personalienaufnahme sowie das
Dublin-Gespräch unter Mitwirkung eines oder einer die amerikanische Ge-
bärdensprache beherrschenden Dolmetschers oder Dolmetscherin zu wie-
derholen und den Sachverhalt rechtsgenüglich abzuklären.
H.
Am 25. November 2019 führte das SEM – unter Mitwirkung zweier Gebär-
dendolmetscherinnen und einer die englische beziehungsweise die ameri-
kanische Gebärdensprache beherrschenden Kulturvermittlerin – eine Be-
fragung zur Person (recte: Personalienaufnahme und Dublin-Gespräch)
durch und gewährte dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur mut-
masslichen Zuständigkeit Italiens zur Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens und zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid. Dabei
machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, dass die Gehör-
losen in Italien keine Akzeptanz finden würden, habe er doch keinerlei Un-
terstützung erfahren, auf der Strasse gelebt und Hunger gelitten. Der ein-
zige Weg, an Geld zu kommen, sei das Betteln gewesen. Nur aus Mitleid
hätten ihm die Leute Geld gegeben. Das Vertrauen in das italienische Sys-
tem habe er deshalb verloren. Zugleich wurde er zu seinem Gesundheits-
zustand befragt. Hierzu gab er an, er leide an Herzproblemen, Asthma und
vor allem bei Hungergefühlen zeitweise an Schwindelanfällen, die zur Ohn-
macht führten. Darüber hinaus habe er einen Fleck auf der Zunge und zeit-
weise einen blutigen Auswurf aus Nase und Mund. In der Schweiz fühle er
sich zwar besser als in Italien, seine Beschwerden seien aber nicht ver-
schwunden.
Gleichzeitig reichte er eine Kopie eines Geburtsscheins – lautend auf
A._, geboren am (...) – zu den Akten.
I.
Am 25. November 2019 ersuchte das SEM die deutschen Behörden ge-
stützt auf Art. 34 Dublin-III-VO um Informationen betreffend das Asylge-
such des Beschwerdeführers in Deutschland vom 9. Juni 2015.
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J.
Mit Eingabe vom 3. Dezember 2019 setzte die Rechtsvertreterin des Be-
schwerdeführers das SEM darüber in Kenntnis, dass er betreffend seine
Herzprobleme am 21. November 2019 und 29. November 2019 bei
Dr. med. H._ (Facharzt für allgemeine Innere Medizin; ...) in Be-
handlung gewesen sei. Gleichzeitig stellte sie dem SEM Arztberichte aus
Deutschland in Aussicht.
K.
Am 5. Dezember 2019 liess der Beschwerdeführer einen auf der nigeriani-
schen Botschaft in I._ ausgestellten Pass – lautend auf A._,
geboren am (...) – ins Recht legen.
L.
Mit Schreiben vom 12. Dezember 2019 kamen die deutschen Behörden
dem Informationsgesuch vom 25. November 2019 nach und informierten
das SEM darüber, dass das in Deutschland gestellte Asylgesuch des Be-
schwerdeführers mit Entscheid vom 5. Juli 2016 abgewiesen worden sei
und dieser Entscheid am 11. Februar 2017 Rechtskraft erlangt habe. Dem
Schreiben beigelegt waren ein Foto des Beschwerdeführers, drei Verfah-
rensprotokolle vom 29. Januar 2016 und der Asylentscheid des deutschen
Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 5. Juli 2016 (jeweils lau-
tend auf J._, geboren am [...]).
M.
Mit Eingabe vom 20. Dezember 2019 reichte die Rechtsvertreterin des Be-
schwerdeführers die medizinischen Unterlagen aus Deutschland (einen
Arztbericht vom 9. September 2016 [von Dr. K._; internistisch-
kardiologische Gemeinschaftspraxis in L._], einen Arztbericht vom
19. September 2016 [von Prof. Dr. med. M._; Chefarzt der Klinik für
Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Kliniken (...) in N._] sowie
einen Arztbericht vom 23. September 2016 [von Prof. Dr. med. O._;
Chefarzt am Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie am
(...) Klinikum in L._]) ins Recht.
N.
N.a Mit Schreiben vom 4. Februar 2020 wandte sich das SEM – unter Bei-
lage einer Einwilligungserklärung des Beschwerdeführers betreffend Ein-
sicht in medizinische Akten sowie der medizinischen Unterlagen aus
Deutschland – an Dr. med. H._ und erinnerte diesen daran, dass
der Beschwerdeführer gemäss Information seiner Rechtsvertreterin am
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21. November 2019 und 29. November 2019 bei ihm in Behandlung gewe-
sen sei. Gleichzeitig bat es ihn um Zusendung der in diesem Zusammen-
hang erstellten ärztlichen Berichte, gegebenenfalls um einen aktuellen
ärztlichen Bericht.
N.b Am 19. Februar 2020 leitete Frau P._ (Leiterin des Zentrums
für Asylsuchende in Q._) dem SEM den angeforderten Arztbericht
von Dr. med. H._ vom 15. Februar 2020 weiter. Gleichzeitig infor-
mierte sie das SEM darüber, dass laut diesem Arztbericht eine kardiale Un-
tersuchung bei einem Facharzt sinnvoll sei, weshalb er demnächst bei ei-
nem solchen angemeldet werde.
N.c Am 11. Mai 2020 erklärte Frau P._ auf entsprechende Nach-
frage des SEM, dass Dr. med. H._ den Beschwerdeführer für eine
kardiale Untersuchung bei Dr. med. R._ (Facharzt für Kardiologie;
Praxis für Herz- und Gefässkrankheiten in S._) angemeldet habe,
der vereinbarte Termin vom 2. April 2020 aber aufgrund der Corona-Pan-
demie von der Arztpraxis abgesagt worden sei und demnächst ein neuer
Termin vereinbart werde.
O.
Das SEM händigte der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers am
13. Mai 2020 den Arztbericht von Dr. med. H._ vom 15. Februar
2020 sowie die beiden Mitteilungen von Frau P._ vom 19. Februar
2020 und 11. Mai 2020 aus.
P.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2020 – eröffnet am 25. Mai 2020 – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers erneut nicht ein, verfügte die Wegweisung in den für
ihn zuständigen Dublin-Mitgliedstaat Italien und ordnete den Vollzug an.
Weiter verfügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde komme
keine aufschiebende Wirkung zu.
Q.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 2. Juni 2020 (Datum des Post-
stempels) erhob der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf sein
Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen
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Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und – im
Fliesstext der Beschwerde – um Erteilung der aufschiebenden Wirkung so-
wie um Erlass eines superprovisorischen Vollzugsstopps ersucht.
Der Beschwerde beigelegt waren Kopien der angefochtenen Verfügung
und der bereits aktenkundigen Vollmacht vom 5. Juni 2019.
R.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 9. Juni 2020 setzte der Instrukti-
onsrichter den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Gemäss einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom
21. Dezember 2017 können sich Asylsuchende in Beschwerdeverfahren
gegen Überstellungsentscheidungen auch in der Schweiz auf die richtige
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Anwendung sämtlicher objektiver Zuständigkeitskriterien der Dublin-III-VO
berufen, insbesondere auf Bestimmungen, die einen Zuständigkeitsüber-
gang infolge Fristablaufs vorsehen (vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5 [insb.
E. 5.3.2] m.w.H.).
2.4 In Anwendung von Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
3.
3.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
Italien sei gestützt auf die einschlägigen staatsvertraglichen Bestimmun-
gen für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig
und es gebe keine wesentlichen Gründe für die Annahme, dass das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien sys-
temische Schwachstellen aufwiesen, die eine Gefahr einer unmenschli-
chen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden. Diesbezüglich sei
auf das Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 zu verweisen. Sodann lägen keine konkreten Anhalts-
punkte dafür vor, dass sich Italien nicht an seine völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen halte und das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt
durchführen würde. Es sei somit nicht davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Überstellung nach Italien gravierenden Men-
schenrechtsverletzungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und
Art. 3 EMRK ausgesetzt würde, in eine existenzielle Notlage geriete oder
ohne Prüfung seines Asylgesuchs und unter Verletzung des Non-Refoule-
ment-Gebots in seinen Heimat- respektive Herkunftsstaat überstellt würde.
Ferner lägen auch keine Gründe vor, welche die Schweiz gemäss Art. 16
Abs. 1 Dublin-III-VO zur Prüfung des Asylgesuchs verpflichten würden. Für
einen Selbsteintritt gestützt auf Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO aus völker-
rechtlichen oder aus humanitären Gründen – in Verbindung mit Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
– gebe es ebenfalls keine Anhaltspunkte. Der Beschwerdeführer könne
sich in Italien an die zuständigen Behörden wenden, um eine Unterkunft
und sozialstaatliche Unterstützung zu erhalten oder falls er Hilfe bei der
Arbeitssuche in Anspruch nehmen möchte. Es sei jedoch darauf hingewie-
sen, dass in keinem Staat eine Garantie auf eine bezahlte Erwerbstätigkeit
bestehe. Die von ihm eingereichten Unterlagen zeigten sodann, dass die
italienischen Behörden willens seien, ihm Hand zu bieten für die Erledigung
der administrativen Angelegenheiten hinsichtlich seines Aufenthaltes in Ita-
lien. Was seine Gehörlosigkeit betreffe, sei zunächst festzuhalten, dass
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diese gemäss den beigebrachten Arztberichten seit der Geburt bestehe
und eine Hörverbesserung weder durch eine Hörgeräteversorgung noch
durch eine operative Massnahme erzielt werden könnte. Den medizini-
schen Unterlagen aus Italien sei sodann zu entnehmen, dass sein beidsei-
tiger Hörverlust als «invalidità civile» ermittelt und der Beschwerdeführer
beim italienischen Nationalinstitut für soziale Fürsorge angemeldet worden
sei (vgl. Unterlagen aus Italien vom 16./17. Mai 2017). Ferner könne der
Beschwerdeführer bei der Erledigung wichtiger Angelegenheiten des All-
tags auf die Unterstützung der in Italien zahlreich vorhandenen karitativen
Organisationen zählen. Schliesslich kenne Italien eine aktive und reiche
Gehörlosengemeinschaft und auch Gebärdendolmetschende seien vor-
handen. Hinsichtlich der aktenkundigen gesundheitlichen Beeinträchtigun-
gen beim Beschwerdeführer sei festzustellen, dass ihm die Arztberichte
aus Deutschland einen guten Allgemeinzustand bescheinigten. Der echo-
kardiographische Befund sei unauffällig gewesen und eine kardiologische
Spezialuntersuchung habe keinen Hinweis auf eine akute oder stattgege-
bene Herzmuskelentzündung gegeben (vgl. Arztberichte aus Deutschland
vom 9./23. September 2016). Die in der Schweiz unternommenen medizi-
nischen Abklärungen hätten zu keinem anderen Schluss geführt. Der Arzt-
bericht vom 15. Februar 2020 halte fest, dass der Beschwerdeführer nicht
mehr akut gefährdend herzkrank sei und auch keine Medikamente einneh-
men müsse. Eine kardiale Untersuchung werde jedoch als notwendig er-
achtet, falls Beschwerden auftreten würden oder bei geplanten sportlichen
Belastungen. Ebenfalls empfohlen werde eine gelegentliche Untersuchung
der Nierenwerte im Blut und im Urin. Eine zweimalige Untersuchung der
Nierenfunktion habe allerdings nichts Auffälliges ergeben. Für die anderen
geltend gemachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen würden dem
SEM keine Arztberichte vorliegen. Zusammenfassend könne festgestellt
werden, dass der Beschwerdeführer nicht an einer schweren oder chroni-
schen Krankheit im Sinne des bereits zitierten Referenzurteils leide, die
eine sofortige medizinische Betreuung nach seiner Ankunft in Italien gebie-
ten würde. Somit würden bei ihm keine gesundheitlichen Beeinträchtigun-
gen vorliegen, die einer Überstellung nach Italien entgegenstünden. Im Üb-
rigen verfüge Italien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur und
es lägen keine Hinweise vor, wonach Italien dem Beschwerdeführer eine
medizinische Behandlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern
würde. Wie den zahlreichen medizinischen Unterlagen zu entnehmen sei,
habe er in der Vergangenheit in Italien vertiefte medizinische Untersuchun-
gen und Analysen in Anspruch nehmen können. Zu beachten sei schliess-
lich, dass die für das Dublin-Verfahren einzig ausschlaggebende Reisefä-
higkeit erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt und der zuständige
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Dublin-Staat vom SEM vorgängig über besondere Schutzbedürfnisse und
notwendige medizinische Behandlungen informiert werde. Dazu gehöre im
vorliegenden Fall auch der Hinweis auf das fehlende Hörvermögen.
3.2 Der Beschwerdeführer wendet dagegen in der Rechtsmittelschrift zu-
nächst ein, die Vorinstanz habe zwingende Fristen der Dublin-III-VO – na-
mentlich Art. 24 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO – ver-
letzt, weshalb die Zuständigkeit zur Prüfung seines Asylgesuches auf die
Schweiz übergegangen sei. Die Vorinstanz habe am 21. Juni 2019 ein
Übernahmegesuch bei den italienischen Behörden gestellt, obwohl das
rechtliche Gehör zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht habe gewahrt werden
können, wie das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-3735/2019 vom
30. September 2019 schliesslich erkannt habe. Aus einem früheren Urteil
des Bundesverwaltungsgericht (E-4172/2014 vom 18. August 2014) gehe
unter anderem hervor, dass die Verletzung des rechtlichen Gehörs nicht
auf Beschwerdeebene geheilt werden könne, da das rechtliche Gehör be-
reits vor Stellung des Gesuchs an den Dublin-Staat gewährt werden
müsse. Mit dem zweiten Dublin-Gespräch vom 25. November 2019 habe
die Vorinstanz die Gehörsverletzung des ersten Dublin-Gesprächs zwar zu
heilen versucht, zu diesem Zeitpunkt sei die zweimonatige Frist für die Stel-
lung eines Übernahmegesuchs gemäss Art. 24 Abs. 2 Dublin-III-VO aber
bereits abgelaufen gewesen. Darüber hinaus müsse ein Übernahmege-
such mitunter sachdienliche Informationen beinhalten (vgl. Art. 24 Abs. 5
Dublin-III-VO), wozu auch relevante Angaben über die betreffende Person
gehörten. Bei ihm handle es sich um eine taubstumme Person, die auf-
grund ihrer Behinderung umfassend betreut und unterstützt werden
müsse. Diese Information fehle im Übernahmegesuch vom 21. Juni 2019
gänzlich, womit die Vorinstanz auch ihre Informationspflicht verletzt habe.
Ungeachtet dessen habe die Vorinstanz auch die sechsmonatige Überstel-
lungsfrist gemäss Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO verletzt, welche spätestens
mit dem Rückweisungsentscheid vom 30. September 2019 zu laufen be-
gonnen habe. Demnach hätte die Überstellung bis spätestens Anfang April
2020 erfolgen müssen.
Sollte wider Erwarten Italien als für die Durchführung des Asylverfahrens
zuständig erachtet werden, so müsse sich dennoch die Schweiz im Sinne
des Selbsteintrittsrechts nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO aus mehreren
Gründen für zuständig erklären und auf sein Asylgesuch eintreten. Zu-
nächst sei auf das Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 zu verweisen, wonach die Schweizer
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Behörden für schwer erkrankte Asylsuchende, die nach der Ankunft in Ita-
lien auf medizinische Versorgung angewiesen seien, individuelle Zusiche-
rungen einholen müssten betreffend die Gewährung der nötigen medizini-
schen Versorgung und Unterbringung. Aus den medizinischen Akten gehe
unbestritten hervor, dass es sich bei ihm um eine vulnerable Person
handle, welche dringend auf eine umfassende Betreuung und Unterstüt-
zung angewiesen sei. Bezüglich des fehlenden Zugangs zur Gesundheits-
versorgung werde ferner auf den neusten Bericht der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe «Aufnahmebedingungen in Italien: Aktualisierter Bericht
zur Lage von Asylsuchenden und Personen mit Schutzstatus, insbeson-
dere Dublin-Rückkehrende» vom 21. Januar 2020 verwiesen. Schliesslich
müsse festgestellt werden, dass sich die Vorinstanz nur oberflächlich mit
der Möglichkeit eines allfälligen Selbsteintritts auseinandergesetzt habe.
Es sei nicht angemessen berücksichtigt worden, dass er sich aufgrund sei-
ner Taubheit kaum genügend verständigen könne, um sich im «schwer
durchschaubaren italienischen System» durchsetzen zu können. Zusam-
menfassend müsse somit festgestellt werden, dass die Vorinstanz sowohl
den Untersuchungsgrundsatz als auch das rechtliche Gehör verletzt habe.
4.
4.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG wird auf Asylgesuche in der Regel
nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen kön-
nen, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens
staatsvertraglich zuständig ist. Zur Bestimmung des staatsvertraglich zu-
ständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dub-
lin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitglied-
staat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nach-
dem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstel-
lung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5
E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
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Seite 12
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
5.
5.1 Den vorinstanzlichen Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerde-
führer am 10. Juli 2014 und 19. März 2018 in Italien um Asyl nachgesucht
hatte und die italienischen Behörden dem Gesuch um Wiederaufnahme
am 4. Juli 2019 ausdrücklich zugestimmt haben (vgl. SEM-Akten A8/2,
A15/4 und A18/1). Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens für die Durch-
führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist somit gegeben. Zu prü-
fen ist, ob – wie vom Beschwerdeführer geltend gemacht – objektive Zu-
ständigkeitskriterien der Dublin-III-VO verletzt wurden und ein Zuständig-
keitsübergang auf die Schweiz infolge Fristablaufs stattgefunden hat.
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Seite 13
5.2 Zunächst ist festzustellen, dass in der Beschwerde zwar Art. 24 Dublin-
III-VO (Überschrift: Wiederaufnahmegesuch, wenn im ersuchenden Mit-
gliedstaat kein neuer Antrag gestellt wurde) angerufen wird, vorliegend je-
doch Art. 23 Dublin-III-VO (Überschrift: Wiederaufnahmegesuch bei erneu-
ter Antragstellung im ersuchenden Mitgliedstaat) einschlägig ist.
5.2.1 Ein Wiederaufnahmegesuch gestützt auf Art. 23 Dublin-III-VO ist so
bald wie möglich, auf jeden Fall aber innerhalb von zwei Monaten nach der
Eurodac-Treffermeldung im Sinne von Art. 9 Abs. 5 der Verordnung (EU)
Nr. 603/2013 zu stellen (Art. 23 Abs. 2 Unterabs. 1 Dublin-III-VO). Erfolgt
das Wiederaufnahmegesuch nicht innerhalb der in Abs. 2 festgesetzten
Frist, so ist der Mitgliedstaat für die Prüfung des Antrags auf internationalen
Schutz zuständig, in dem der neue Antrag gestellt wurde (Art. 23 Abs. 3
Dublin-III-VO). Für ein Wiederaufnahmegesuch ist ein Standardformblatt
zu verwenden, das Beweismittel oder Indizien im Sinne der beiden Ver-
zeichnisse nach Art. 22 Abs. 3 und/oder sachdienliche Angaben aus der
Erklärung der betroffenen Person enthalten muss, anhand derer die Be-
hörden des ersuchten Mitgliedstaats prüfen können, ob ihr Staat auf
Grundlage der in der Dublin-III-VO festgelegten Kriterien zuständig ist
(Art. 23 Abs. 4 Dublin-III-VO).
Im vorliegenden Fall ist die Eurodac-Treffermeldung am 28. Mai 2019 bei
der Vorinstanz eingegangen (vgl. SEM-Akten A8/2). Demzufolge war ein
den Anforderungen von Art. 23 Abs. 4 Dublin-III-VO genügendes Wieder-
aufnahmegesuch in Berücksichtigung der in Art. 23 Abs. 2 Unterabs. 1
Dublin-III-VO festgelegten zweimonatigen Frist spätestens bis am 18. Juli
2019 an die italienischen Behörden zu richten. Dem Beschwerdeführer ist
zwar darin Recht zu geben, dass mit dem Rückweisungsentscheid
D-3735/2019 vom 30. September 2019 die Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 21. Juni 2019 festgestellt wor-
den ist. Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht führt dieser
Umstand allerdings nicht per se zur Ungültigkeit des fristgerechten Wieder-
aufnahmegesuchs an die italienischen Behörden vom 21. Juni 2019. Et-
was anderes ergibt sich im Übrigen auch nicht aus dem in der Beschwerde
angerufenen früheren Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts, zumal
es sich um einen anders gelagerten Fall handelte, bei welchem das Bun-
desamt für Migration (BFM; heute SEM) das Übernahmeersuchen an den
zuständigen Dublin-Staat auf Informationen (das Resultat einer Botschafts-
abklärung) stützte, welche strittig waren. Sodann enthält das Wiederauf-
nahmegesuch an die italienischen Behörden vom 21. Juni 2019 die sach-
dienlichen Beweismittel im Sinne von Art. 22 Abs. 3 Dublin-III-VO, anhand
D-2846/2020
Seite 14
derer die italienischen Behörden ihre Zuständigkeit gemäss der in der Dub-
lin-III-VO festgelegten Kriterien prüfen konnten (vgl. SEM-Akten A16/5; und
dort insbesondere Ziff. 14 [eingereichte Dokumente des Beschwerdefüh-
rers]), womit auch die Informationspflicht gemäss Art. 22 Dublin-III-VO –
entgegen der Beschwerde – nicht verletzt und das Wiederaufnahmege-
such genügend war. Vor diesem Hintergrund wurde die in Art. 23 Abs. 2
Unterabs. 1 Dublin-III-VO festgesetzte zweimonatige Frist eingehalten.
5.3 Was die geltend gemachte Verletzung der Überstellungsfrist gemäss
Art. 29 Dublin-III-VO betrifft, ist das Folge festzuhalten:
5.3.1 Die Überstellung von Antragstellern und anderen Personen (Art. 18
Abs. 1 Bst. c und d Dublin-III-VO) erfolgt gemäss den innerstaatlichen
Rechtsvorschriften des ersuchenden Mitgliedstaats nach Abstimmung der
beteiligten Mitgliedstaaten, sobald dies praktisch möglich ist und spätes-
tens innerhalb einer Frist von sechs Monaten nach der Annahme des Auf-
nahme- oder Wiederaufnahmegesuchs durch einen anderen Mitgliedstaat
oder der endgültigen Entscheidung über einen Rechtsbehelf oder einer
Überprüfung, wenn diese gemäss Art. 27 Abs. 3 aufschiebende Wirkung
hat (Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO).
5.3.2 Der Rechtsbehelf gegen eine Überstellungsentscheidung ist unter
schweizerischen Recht die Beschwerde in «Verfahren gemäss Dublin».
Aufgrund der spezialgesetzlichen Bestimmung von Art. 107a AsylG hat die
Beschwerde von Gesetzes wegen keine aufschiebende Wirkung. Dem-
nach kommt es nur dann zu einer Unterbrechung der Überstellungsfrist im
Sinne von Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO, wenn der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung gerichtlich zuerkannt worden ist oder eine vorläufige Voll-
zugsaussetzung in einer Zwischenverfügung nicht aufgehoben worden ist.
Wird das entsprechende Beschwerdeverfahren mit einem Rückweisungs-
entscheid abgeschlossen, liegt zwar ein Endentscheid im Sinne von Art. 61
VwVG vor, der das Verfahren vor der Beschwerdeinstanz abschliesst, doch
liegt gerade keine endgültige Entscheidung über die Zuständigkeitsfrage
vor. Die Dauer des Rückweisungsverfahrens ist deshalb der Beschwerde
als Rechtsbehelf mit aufschiebender Wirkung zuzurechnen mit der Folge,
dass die Frist zur Überstellung erst ab der neuerlichen endgültigen Ent-
scheidung neu zu laufen beginnt. Entweder handelt es sich dabei um die
zweite Verfügung der Vorinstanz mit einer neuen negativen Zuständigkeits-
entscheidung oder um das Gerichtsurteil, mit dem die zweite Beschwerde
gegen den Zuständigkeitsentscheid mit Überstellung endgültig abgewie-
sen wird (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/19 E. 5.4 m.w.H.).
D-2846/2020
Seite 15
5.3.3 Im vorangehenden Verfahren D-3735/2019 wurde der Beschwerde
mit Zwischenverfügung vom 31. Juli 2019 aufschiebende Wirkung zuer-
kannt, womit die Sechsmonatsfrist unterbrochen wurde und durch den
Rückweisungsentscheid des Bundesverwaltungsgericht vom 30. Septem-
ber 2019 – entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht – noch
nicht neu zu laufen begonnen hat. Vielmehr hat die Sechsmonatsfrist mit
der Verfügung des SEM vom 20. Mai 2020 neu zu laufen begonnen, wobei
sie durch die vollzugshemmenden Massnahmen im vorliegenden Verfah-
ren (vgl. Prozessgeschichte, Bst. R.) erneut unterbrochen wurde. Dem-
nach ist die Überstellungsfrist nach Italien nicht abgelaufen. Die Vorinstanz
hat die italienischen Behörden im Rahmen des vorangehenden Verfahrens
bereits am 14. August 2019 entsprechend informiert, dass die Überstellung
aufgrund einer hängigen Beschwerde womöglich nicht innerhalb der
Sechsmonatsfrist erfolgen könne (vgl. SEM-Akten 1042379-29/1). In die-
sem Zusammenhang ist festzuhalten, dass eine Zustimmung der italieni-
schen Behörden zur Fristverlängerung des SEM nicht erforderlich ist. Es
handelt sich bei der Fristverlängerung um eine blosse Informationspflicht,
die keiner Rückmeldung seitens der italienischen Behörden bedarf (vgl. Ur-
teil des BVGer D-163/2018 vom 20. Februar 2018 E. 6.3).
5.4 Zusammenfassend hat kein Zuständigkeitsübergang auf die Schweiz
infolge Fristablaufs stattgefunden und die grundsätzliche Zuständigkeit Ita-
liens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens bleibt
bestehen.
6.
6.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist sodann zu prüfen, ob es
wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende in Italien würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
6.1.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
D-2846/2020
Seite 16
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl.
L 180/96 vom 29. Juni 2013) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur
Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationa-
len Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29.
Juni 2013) ergeben.
6.1.2 Weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Europäische Ge-
richtshof für Menschenrechte (EGMR) oder der Europäische Gerichtshof
(EuGH) haben bislang systemische Schwachstellen im italienischen Asyl-
system erkannt. Zwar steht das italienische Fürsorgesystem für Asylsu-
chende und Personen mit Schutzstatus in der Kritik. Gemäss den bisheri-
gen Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts ist jedoch auch nach
dem Inkrafttreten des Gesetzesdekrets Nr. 113 vom 4. Oktober 2018 über
dringende Massnahmen auf dem Gebiet des internationalen Schutzes, der
Einwanderung und der öffentlichen Sicherheit (sog. Salvini-Dekret) davon
auszugehen, dass Italien die Verfahrens- und Aufnahmerichtlinien einhält
(vgl. das als Referenzurteil publizierte Urteil des BVGer E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 E. 6).
6.1.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
6.2 Weiter ist der Frage nachzugehen, ob – wie vom Beschwerdeführer
geltend gemacht – völkerrechtliche Vollzugshindernisse nach Art. 3 EMRK
bestehen, woraus sich zwingende Gründe für einen Selbsteintritt nach
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ergeben würden.
6.2.1 Es trifft zu, dass das Bundesverwaltungsgericht in seinem Referenz-
urteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 strengere Kriterien für Dublin-
Überstellungen von schwer erkrankten Asylsuchenden, die sofort nach der
Ankunft in Italien auf lückenlose medizinische Versorgung angewiesen
sind, beschlossen und das SEM verpflichtet hat, individuelle Zusicherun-
gen betreffend die Gewährleistung der nötigen medizinischen Versorgung
und Unterbringung bei den italienischen Behörden einzuholen (vgl. Refe-
renzurteil E-962/2019 E. 7.4.3). In Übereinstimmung mit der Vorinstanz fällt
der Beschwerdeführer aber nicht in diese Kategorie. Fest steht, dass eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen
D-2846/2020
Seite 17
kann (zu den Anforderungen vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die
damalige Praxis des europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
[EGMR] sowie zur neueren Praxis des EGMR das Urteil Paposhvili gegen
Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193
m.w.H.). Von einem derart gravierenden Krankheitsbild kann beim Be-
schwerdeführer nicht ausgegangen werden. Zwar ist er gemäss dem aktu-
ellsten Arztbericht von Dr. med. H._ vom 15. Februar 2020 auf eine
gelegentliche Kontrolle der Nierenwerte und allfällig benötigte kardiale Un-
tersuchungen angewiesen (vgl. SEM-Akten A68/2), was aber kein schwe-
res medizinisches Leiden darstellt, das nach der Ankunft in Italien eine so-
fortige und lückenlose medizinische Versorgung im Sinne der Rechtspre-
chung erfordern würde. An dieser Einschätzung vermag auch die ausste-
hende kardiale Untersuchung bei Dr. med. R._ (vgl. Prozessge-
schichte, Bst. N.c) nichts zu ändern. Dies gilt umso mehr für die anderen
geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden (Asthma; Schwindel-
anfälle; Fleck auf der Zunge; zeitweise blutiger Auswurf aus Nase und
Mund), zumal diese unbelegt geblieben sind. In Anbetracht der gegebenen
Umstände war die Vorinstanz entgegen den Beschwerdevorbringen auch
nicht gehalten, bei den italienischen Behörden konkrete Garantien für eine
gebührende Aufnahme einzuholen (vgl. Urteil E-962/2019 E. 7.4.3).
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Italien grundsätzlich über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. statt vieler: Urteile
des BVGer E-6298/2019 vom 5. Dezember 2019; F-4617/2019 vom
14. Oktober 2019 E. 5.3). Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser
Dublin-Mitgliedstaat die Rechte aus der Aufnahmerichtlinie anerkennt und
schützt. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz liegen keine Hinweise da-
für vor, wonach Italien dem Beschwerdeführer eine adäquate medizinische
Behandlung verweigern würde, zumal er diverse medizinische Unterlagen
aus Italien zu den Akten gereicht hat (vgl. Prozessgeschichte, Bst. E.). Der
Zugang für asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheitssystem
über die Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich gewährleistet,
auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann
(vgl. Urteil E-962/2019 E. 6.2.7). Der Beschwerdeführer könnte sich nöti-
genfalls an die italienischen Behörden wenden und die ihm zustehenden
Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Auf-
nahmerichtlinie).
6.2.2 Dem Beschwerdeführer ist sodann Recht zu geben, dass er aufgrund
seiner Gehörlosigkeit eine vulnerable Person darstellt. Entgegen der Be-
schwerde hat sich die Vorinstanz aber ausführlich mit diesem Umstand
D-2846/2020
Seite 18
auseinandergesetzt und seine Situation gründlich geprüft. So wurde in der
angefochtenen Verfügung unter anderem festgehalten, dass diesbezüglich
bereits eine Anmeldung beim italienischen Nationalinstitut für soziale Für-
sorge stattgefunden habe (vgl. auch SEM-Akten A17/18) und der Be-
schwerdeführer bei der Erledigung wichtiger Angelegenheiten des Alltags
auf die Unterstützung der in Italien zahlreich vorhandenen karitativen Or-
ganisationen zählen könne. Zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen
kann im Übrigen auf die betreffenden Erwägungen in der angefochtenen
Verfügung verwiesen werden (vgl. die Zusammenfassung der entspre-
chenden Erwägungen in E. 3.1 des vorliegenden Urteils). Somit liegen
keine Anhaltspunkte dafür vor, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner
Gehörlosigkeit bei der Rückkehr nach Italien einer menschenunwürdigen
oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK ausgesetzt
wäre.
6.2.3 Festzuhalten ist darüber hinaus, dass die schweizerischen Behör-
den, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind,
den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modali-
täten der Überstellung Rechnung tragen und die italienischen Behörden
vorgängig in geeigneter Weise über allenfalls bestehende medizinische
Besonderheiten informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Dies ist vorlie-
gend geschehen, figuriert in den Informationen betreffend die Vollzugsmo-
dalitäten doch der Hinweis, dass der Beschwerdeführer an möglichen
Herzrhythmusstörungen leidet und gehörlos ist (vgl. SEM-Akten A74/1).
Über die Gehörlosigkeit wurden die italienischen Behörden sodann bereits
am 21. Juni 2019 orientiert (vgl. SEM-Akten A15/14).
6.2.4 Nach dem Gesagten ist die Überstellung nach Italien unter Beach-
tung der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig zu
erkennen, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers in Anwendung der Ermessensklausel
gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ersichtlich sind.
6.3 Der Beschwerdeführer fordert schliesslich die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbst-
eintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311),
gemäss welcher das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen»
auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer
Staat zuständig wäre.
D-2846/2020
Seite 19
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen
Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitionsbe-
schränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Streichung
der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts gemäss
aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanzlichen
Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Ange-
messenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung nunmehr im We-
sentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und
vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getragen
und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a
und b AsylG).
Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel – entgegen der
Beschwerde – nicht zu beanstanden; insbesondere erweist sich der Sach-
verhalt vorliegend als hinreichend abgeklärt und den Akten sind keine Hin-
weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unter-
schreiten des Ermessens zu entnehmen, zumal die Vorinstanz die indivi-
duellen Vorbringen ausdrücklich gewürdigt hat. Das Gericht enthält sich
deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
6.4 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
6.5 Somit bleibt Italien der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Italien
ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-
VO wiederaufzunehmen. Zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
besteht kein Anlass.
7.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
D-2846/2020
Seite 20
8.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
9.
Nach vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Der am
9. Juni 2020 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil
dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegen-
standslos geworden.
10.
Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Die Bedürftigkeit des Beschwer-
deführers geht aus den Akten hervor. Sodann sind die Begehren als nicht
aussichtslos im Sinne des Gesetzes zu bewerten. Damit sind beide der
kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen gegeben. Dem Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung ist stattzugeben. Es sind
demnach keine Verfahrenskosten zu erheben. Der Antrag auf Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses erweist sich damit als gegen-
standslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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