Decision ID: d6870331-edbc-4a06-9caa-e38adee4b0f1
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
2005
, wurde durch seine Mutter am 2. April 2013 bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung unter Hinweis auf das
Ge
burtsgebrechen
Ziff. 404 des Anhangs der Vero
rdnung über Geburtsgebrechen (
GgV
-Anhang) zum Leistungsbezug
(
medizinische Massnahmen
)
angemeldet (Urk. 8/1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische Situation ab (vgl. Urk. 8/6-9) und stellte mit Vorbescheid vom 30. Juni 2014 (Urk. 8/10) die Abweisung des
Leistungsg
esuchs in Aussicht. Da
gegen erhob die Mutter des Versicherten Einwände (Urk. 8/11; vgl. auch Urk. 8/13-14). Nach Prüfung der Einwände und der neu eingereichten medizi
nischen Akten (vgl. Urk. 8/15) hielt die IV-Stelle mit Verfügung vom 6. Oktober 2014 (Urk. 2 = Urk. 8/17) an ihrem Vorbescheid fest und verneinte
d
en An
spruch auf Kostengutsprache für medizinische Massnahmen im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziff. 40
4.
Ebenfalls am 6. Oktober 2014 erteilte die IV-Stelle
hingegen
Kostengutsprache für eine ambulante Psychotherapie (Urk. 8/16).
2.
Gegen die Verfügung vom 6. Oktober 2014 (Urk. 2), mit welcher
Kostengutspra
che
für
medizinische
Massnahmen im Zusammenhang mit dem
Geburtsgebre
chen
Ziff. 404 abgelehnt wurde, erhob die Mutter des Versicherten am 20. Oktober 2014 Beschwerde und beantragte sinngemäss, es sei die angefoch
tene Verfügung aufzuheben und die IV-Stelle zur Übernahme der Kosten für die entsprechenden medizinischen Massnahmen zu verpflichten. Die IV-Stelle schloss in ihrer Beschwerdeantwort vom 24. November 2014 (Urk. 7) auf Ab
weisung der Beschwerde, worüber die Mutter des Versicherten am 26. November 2014 in Kenntnis gesetzt wurde (Urk. 8/11).
Auf die Ausführungen der Parteien ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforder
lich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Be
handlung von Geburtsgebrechen (Art. 3
Abs.
2
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG]
) notwendigen medizi
nischen Massnahmen (Art. 13
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenver
sicherung [IVG]
). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese
Massnahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (Art. 13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (Art. 3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit Art. 1
Abs.
1 Satz 1
der Ver
ordnung über Geburtsgebrechen [
GgV
]
). Die blosse Veranlagung zu einem Lei
den gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeitpunkt, in dem ein
Geburtsgebre
chen
als solches erkannt wird, ist unerheblich (Art. 1
Abs.
1
GgV
). Die
Geburts
gebrechen
sind in der Liste im Anhang aufgeführt. Das Eidgenössische Depar
tement des Innern kann die Liste jährlich anpassen, sofern die Mehrausgaben einer solchen Anpassung für die Versicherung insgesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht übersteigen (Art. 1
Abs.
2
GgV
). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtli
che Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2
Abs.
3
GgV
).
1.2
Nach konstanter Rechtsprechung des Bundesgerichts vermögen
Geburtsgebre
chen
, welche die nach der
GgV
geltenden Voraussetzungen nicht erfüllen und damit als geringfügig im Sinne von Art. 13
Abs.
2 IVG zu qualifizieren sind, keine Leistungspflicht der Invalidenversicherung nach Art. 12 IVG zu begrün
den, da solche Gebrechen nicht zu einer rechtserheblichen Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit im Sinne von Art. 12 IVG führen (
so bereits
ZAK 1984 S. 334 f. E. 2, 1972 S. 678; Urteile des Bundesgerichts I 433/00 vom
6.
August 2001 und I 62/03 vom 4. November 2003).
1.3
Als Geburtsgebrechen im Sinne von Ziff. 404
GgV
-Anhang
(ADS bzw. ADHS; vormals „psychoorganisches Syndrom“ [POS])
gelten Störungen des
Verhaltens bei Kindern mit normaler Intelligenz, im Sinne krankhafter Beeinträchtigung der Affektivität oder Kontaktfähigkeit, bei Störungen des Antriebes, des Erfas
sens, der perzeptiven Funktionen, der Wahrnehmung, der Konzentrationsfähig
keit sowie der Merkfähigkeit, sofern sie mit bereits gestellter Diagnose als solche vor der Vollendung des 9. Altersjahres auch behandelt worden sind
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_932/2010 vom 1
1.
Januar 2011 E. 2.2 mit Hin
wei
sen).
1.4
Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) hat im Kreisschreiben über die
medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (KSME, gültig
ab
1.
März 2012) die Voraussetzungen der Leistungspflicht für solche
Ge
burtsgebrechen
näher umschrieben. So muss die Störung zwingend vor dem voll
endeten 9. Lebensjahr als solche diagnostiziert, dokumentiert und auch behan
delt
worden sein. Erwor
bene Störungen müssen sicher ausgeschlossen sein (
Rz
404.2
KSME). Nach
Rz
404.5 KSME müssen die Symptome (vorstehend E. 1.3) kumu
la
tiv nachgewie
sen, jedoch nicht unbedingt gleichzeitig vorhanden sein, sondern
können unter Umständen sukzessive auftreten. Wenn bis zum 9. Geburtstag nur einzelne der erwähnten Symptome ärztlich festgestellt werden, sind die Voraus
setzungen für ein Geburtsgebrechen nach Ziff. 404
GgV
-Anhang nicht erfüllt. Die Regionalen Ärztlichen Dienste (RAD) haben kritisch und streng zu über
prü
fen, ob die gefor
derten Kriterien effektiv erfüllt und nachvollziehbar belegt sind.
Allenfalls sind externe Experten beizuziehen (Ziff. 2.1 des Anhangs 7 zum KSME,
[Geburtsgebrechen Ziff. 404
GgV
medizinischer Leitfaden]).
Bei der Beurteilung eines Antrages um Kostengutsprache für medizinische Mass
nahmen geht es um die Zuordnung des Leistungsträgers und nicht um die Beur
teilung der Therapiebedürftigkeit eines Kindes. Die Ablehnung eines Antra
ges durch die IV-Stelle ist nicht ein Entscheid gegen das Kind oder eine Vernei
nung
seiner Behandlungsbedürftigkeit, sondern ein versicherungsrechtlicher Entscheid
bezüglich der Zuordnung des Leistungsträgers (Einleitung des An
hangs 7 zum KSME)
.
1.5
Bei einem Kreisschreiben handelt es sich um eine von der Aufsichtsbehörde für richtig befundene Auslegung von Gesetz und Verordnung. Die Weisung ist ihrer Natur nach keine Rechtsnorm, sondern eine im Interesse der gleichmässigen
Ge
setzesanwendung
abgegebene Meinungsäusserung der sachlich zuständigen Auf
sichtsbehörde. Solche Verwaltungsweisungen sind wohl für die
Durchführungs
organe
, nicht aber für die Gerichtsinstanzen verbindlich (BGE 118 V 206 E.
4c,
vgl. auch 123 II 16 E. 7, 119 V 255 E. 3a mit Hinweisen). Das Gericht soll sie bei
seiner Entscheidung mitberücksichtigen, sofern sie eine dem Einzelfall ange
passte
und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen zulassen. Es weicht anderseits insoweit von den Weisungen ab, als sie mit den anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen nicht vereinbar sind (BGE 123 V 70 E. 4a mit Hinweisen).
Das Bundesgericht hat gestützt auf die ständige Rechtsprechung zu den früher gültigen Verordnungsbestimmungen und Verwaltungsweisungen einerseits die
Ge
setzmässigkeit der
Ziff.
404
GgV
-Anhang und anderseits die
Verordnungs
kon
formität
der seit
1.
Juni 1986 im Wesentlichen unveränderten
Verwaltungs
wei
sungen
(
Rz
404.5 KSME) bestätigt (
Urteil des Bundesgerichts 9C_932/2010 vom 1
1.
Januar 2011 E. 2.2
).
1.6
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung vom 6. Oktober 2014 (Urk. 2) aus, das Geburtsgebrechen Ziff. 404
GgV
-Anhang
werde anerkannt, wenn vor dem 9. Geburtstag mindestens Störungen des Ver
haltens im Sinne krankhafter Beeinträchtigungen der Affektivität oder der Kon
zentrationsfähigkeit, des Antriebs, des Erfassens (perzeptive oder
Wahrneh
mungsstörung
), der Konzentrationsfähigkeit sowie der Merkfähigkeit ausgewie
sen seien. Diese Symptome müssten kumulativ nachgewiesen, jedoch
nicht
un
bedingt gleichzeitig vorhanden sein, sondern könnten unter Umständen sukzes
sive auftreten. Die medizinischen Abklärungen und insbesondere die
testpsy
chologischen
Untersuchungen (soweit diese mit standardisierten Untersu
chungsverfahren erfolgt seien) hätten keine nachvollziehbaren Hinweise für Störungen der Merkfähigkeit ergeben. Störungen der visuellen Wahrnehmung seien ebenfalls nicht ausgewiesen
worden
. Aus versicherungsmedizinischer Sicht bestehe somit keine Grundlage für die
Zusprache
von Leistungen nach
dem
Geburtsgebrechen Ziff. 40
4.
Da an der Notwendigkeit einer ambulanten Psychotherapie angesichts der bestehenden Verhalt
en
sstörung und der unzu
reichenden Impulskontrolle kein Zweifel bestehe, erste Effekte der Behandlung sichtbar seien und konkrete Ziele formuliert worden seien, könne hingegen die ambulante
Psychotherapie
ab dem zweiten Behandlungsjahr für zwei Jahre zu
gesprochen werden (mit separater Mitteilung).
2.2
Demgegenüber stellte sich die Mutter des Versicherten im Wesentlichen auf den Standpunkt, dass sich ihr Sohn bereits in frühkindlichem Alter auffällig verhal
ten habe. Deshalb seien Abklärungen
vorgenommen
worden. Er habe
ein
ADHS. Es sei ein individuell zugeschnittener Therapieplan entworfen worden, und zwar
in Form
eine
r
Kombination von Psychotherapie und medikamentöser Behand
lung. Schliesslich sei es zu
einer
positiven Entwicklung gekommen. Der behan
delnde Kinderarzt habe ihren Sohn bei der Invalidenversicherung angemeldet. Der Kinderarzt sei vom negativen Entscheid der Beschwerdegegnerin sehr
überrascht gewesen
bzw.
diesen nicht nachvollziehen können. Besonders die Tatsache, dass die Beschwerdegegnerin zwar die Kosten der psychotherapeuti
schen Massnahmen übernehme, nicht jedoch diejenigen der medikamentösen
Behandlung
und der damit verbundenen jährlichen Kontrollen, irritiere sie sehr.
Anscheinend
anerkenne die Beschwerdegegnerin die Notwendigkeit einer Un
terstützung,
ansonsten
s
i
e auch die Übernahme der Kosten für die psychologi
schen Sitzungen abgelehnt
hätte
. Ihr Sohn benötige sowohl medikamentöse als auch psychologische Unterstützung (Urk. 1).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob beim Versicherten die Voraussetzungen für die Anerkennung eines Geburtsgebrechens nach Ziff. 404
GgV
-Anhang erfüllt sind.
3.
3.1
Z
wecks
Abklärung eines allfälligen Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms erfolgten Untersuchungen des Versicherten dur
ch die Kinderärzte am Z._
. Im Abklärungsbericht Kognition & exekutive Funktionen (ADS/ADHS/POS) vom 1. April/24. Juli 2013 (Urk. 8/4-24) führten
Dr.
med.
A._
, Kinderarzt FMH, und
lic
. phil.
B._
, Fachpsychologin für Kinder- und
Jugendpsychologie
FSP, aus,
dass
das Intelligenz- und Leistungspotential des Versicherten gemessen mit dem HAWIK-IV in der Altersnorm liege und inhomogen sei. Aufgrund der kurzen Konzentrationsspanne und der motorischen Unruhe sei er auf viele Pausen und eine enge Führung angewiesen gewesen. Es
zeichne
sich ein heterogenes Profil ab. Dies könne im schulischen Alltag hin und wieder frustrieren, da der Versi
cherte beispielsweise signifikant besser logisch denken als speichern könne. Die Schwankungen innerhalb der Skalen wiederspiegelten sicherlich auch die in
konstante Konzentrationsfähigkeit,
die
Ablenkbarkeit und motivationale
n
Schwankungen. Im Untersuch habe man ein schnelles Instruktionsverständnis und ein deutlich impulsives, vorschnelles Reaktionsmuster beobachtet. Der Ver
sicherte habe die erste Regelklasse gut gemeistert, seine schulischen Leistungen entsprächen aber nicht annähernd seinem Potential. Bei den Hausaufgaben und in der Schule habe er einen hohen Überwachungsbedarf. Auch soziale Schwie
rigkeiten seien immer wieder ein Thema. Die Diskrepanzen zwischen dem Po
tential des Versicherten und den Leistungen in der Schule, im Untersuch und im Alltag entstünden aufgrund von Wahrnehmungsstörungen, welche ausgeprägt im auditiven Bereich vorlägen. Dies führe zu Merkfähigkeitsstörungen in den betroffenen Wahrnehmungsbereichen. Es könne von einer dysfunktionalen
Er
fassungsspanne
im Alltag gesprochen werden (S. 18). Die Konzentration in den
Tests (
KiTap
, HAWIK-IV, TOL), in der Schule und im Alltag sei
situationsüber
greifend
ungenügend. Die Aufmerksamkeit sei auf unterdurchschnittlichem Ni
veau und schwankend. Die Aufmerksamkeitsfähigkeit sei nicht alterskonform und stehe dem schulischen Erfolg und der sozialen Entwicklung im Weg. Der Versicherte beginne dies bereits vermehrt zu realisieren; er zeige einen
Leidens
druck
. Sein Arbeitstempo sei in den verschiedenen Untersuchungen sehr varia
bel, meist jedoch vorschnell und impulsiv, weshalb es immer wieder zu Flüch
tigkeitsfehlern komme. Dies störe den Versicherten im Nachhinein jeweils sehr, da er grundsätzlich bemüht und ehrgeizig sei. Im sozialen Bereich komme es immer wieder zu schwierigen Situation
en
, weshalb ihm die
Kontaktaufrechter
haltung
noch nicht leicht falle. Er verfüge im
soz
io
emotionalen
Bereich über gute Basiskompetenzen, es bestehe jedoch ein Unterstützungsbedarf durch
Be
treuungspersonen
. Er sei neben klaren Strukturen auf einen wohlwollenden Umgang und auf Lob und Ermutigung angewiesen. Grobmotorisch lägen gute Leistungen vor.
Graphomotorisch
habe der Versicherte noch Mühe. Die geplan
ten Therapien dürften zu einer besseren Aufnahme-, Kompensations- und
Be
wältigungsfähigkeit
führen. Zu diagnostizieren sei ein klinisch-psychiatrisches Syndrom, eine einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung. Das
Intelli
genzniveau
(mehrfach testpsychologisch gemessen) sei durchschnittlich. Es be
stehe eine leichte
soziale
Beeinträchtigung (S. 19).
3.2
Prof.
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, und
Dr.
med.
D._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der Beschwerdegegnerin äusserten sich am 14. Januar 2014 zum Bericht von
Dr.
A._
und
lic
. phil.
B._
vom 1. April/24. Juli 2013 folgender
massen (
Urk.
8/9/1-2): Die
vorgelegten
Diagramme der Conner-Skala seien nicht nachvollziehbar, weil insbesondere deutliche Diskrepanzen zwischen den Ergebnissen im häuslichen und schulischen Bereich angegeben würden. Dem
nach würden eine erhebliche emotionale Labilität und
ein
erhebliches oppositi
onelles Verhalten nur in der Schule, aber nicht zu Hause auffallen. Im
Mottier
-Test würden elf Silbenfolgen richtig nachgesprochen. Dies werde
unzutreffen
derweise
als sehr stark reduzierte auditive Differenzierungs- und Merkfähigkeit interpretiert. Für siebenjährige Kinder in der Schweiz gelte jedoch ein Wert zwischen sieben und vierzehn als durchschnittlich. Aus
versicherungsmedizini
scher
Sicht könne derzeit ein Geburtsgebrechen Ziff. 404 nicht bestätigt werden, da nicht alle Kriterien erfüllt seien. Insbesondere sei bisher keine
Wahrneh
mungsstörung
dokumentiert worden; die hierzu vorgelegten Angaben seien
wi
dersprüchlich
. Die visuelle und akustische Wahrnehmung s
ei
sehr gut: Der Ver
sicherte habe - laut Bericht - ein fotographische
s
Gedächtnis; er
höre viel und
beschäftige sich damit. Die vorgelegten Diagramme der Conner-Skala enthielten entweder Tippfehler oder seien aufgrund sehr
deutlicher
Abweichungen im El
tern-Lehrer-Vergleich nicht schlüssig. Der
Mottier
-Test sei offensichtlich nicht nach den aktuellen
,
für Schweizer Kinder geltenden Normwerten (Bern 2012) ausgewertet worden.
3.3
3.3.1
Mit Schreiben vom 20. Januar 2014 (Urk. 8/7) brachte die Beschwerdegegnerin
Dr.
A._
die vom RAD vorgebrachte Kritik an seiner Beurteilung zur Kenntnis und ersuchte ihn um Stellungnahme: Auditive und visuelle Wahrnehmungs
störungen könnten trotz der vorgelegten Testbefunde nicht schlüssig
nachvoll
zogen
werden, da er von einem fotographischen Gedächtnis berichte und da
von, dass der Versicherte viel höre und sich damit beschäftige. Auch der
Mot
tier-Test
liege im durchschnittlichen Bereich. Zudem zeigten die vorgelegten Conner-Diagramme in den Merkmalen Emotion und Opposition deutlich diffe
rente Ergebnisse zwischen den Angaben der Eltern und der Lehrer.
3.3.2
Dr.
A._
und
lic
.
phil
B._
äusserten sich in ihrem Bericht vom 14. Februar 2014 (Urk. 8/8/1-2) dahingehend, dass der Versicherte deutliche Störungen in der auditiven Wahrnehmung habe. Dies zeige sich insbesondere bei der Erfas
sung sprachlich-inhaltlicher Informationen, welche über einzelne Silben wie im
Mottier
-Test hinausgingen. Er sei infolge von Reizüberflutung immer wieder erschöpft und
quengelig
. Es gelinge ihm schlecht, Störgeräusche auszublenden und unwichtige Informationen auszufiltern. Häufig nehme er mündliche Infor
mationen oder Anweisungen nur unvollständig und fragmentiert wahr. In der Therapie s
ei
der Versicherte im auditiven und im visuellen Bereich auf eine enge Führung und Strukturierung angewiesen. Auch bei schriftlichen Arbeiten verliere er immer wieder die Orientierung und müsse Strategien lernen, wie er sich einen Überblick verschaffen und systematisch vorgehen könne. Diese Fak
ten bezüglich Wahrnehmung seien kongruent zu Hause, in der Schule und in der
Psychotherapie
vorhanden. In den Skalen des Conners zeige sich, dass die Eltern wie auch die Lehrpersonen kongruent oppositionelles Verhalten und un
ruhig-impulsives Verhalten im klinisch auffälligen Bereich beurteilten. Die Lehrpersonen beurteilten zudem die emotionale Labilität des Versicherten im klinisch auffälligen Bereich, die Eltern hingegen nicht. Es sei bekannt, dass sich Eigenschaften
kontexabhängig
unterschiedlich zeigen könnten. Er denke, dass sich in der Schule die Schwierigkeiten in der emotionalen Stabilität im
V
er
gleich zu anderen deutlicher auffielen als zu Hause, wo die Anforderungen an
ders seien und flexibler auf ihn eingegangen werden könne. Er sehe grosse
Her
ausforderungen
in der Emotionsregulation. Nach DSM-V sei zudem die Beur
teilung im familiäre
n Kontext zugunsten der Schulbe
urteilung deutlich abge
wertet worden, was zu beachten sei.
3.4
Hierzu nahmen Prof.
Dr.
C._
und
Dr.
D._
am 3. März 2014
Stellung
(Urk. 8/9/3): Eine Störung des Erfassens mit ausgewiesenen Defiziten der visu
ellen und auditiven Wahrnehmung sei bisher nicht nachgewiesen worden.
Es werde vielmehr ein fotographisches Gedächtnis seit dem Kleinkindesalter ange
geben. Der Versicherte würde viel von dem wahrnehmen, was er gehört habe und sich damit beschäftigen. Die Sprachwahrnehmung sei gewährleistet. Visu
elle Wahrnehmungsstörungen würden nicht ausgewiesen.
Auch
eine Störung der Merkfähigkeit sei nicht belegt. In der testpsychologischen Untersuchung seien
das Arbeitsgedächtnis und die
V
erarbeitungsgeschwin
-
digkeit
normal. Der
Mottier
-Test sei
normal. Aus versicherungs
-
medizinischer Sicht könnten Leis
tun
gen gemäss Ziff. 404
GgV
auf der Grundlage der bisher vorgelegten Befunde und Berichte nicht zugesprochen werden. Begründung: „1) Da eine auditive und visuelle Wahrnehmungsstörung bisher nicht zweifelsfrei und nachvollziehbar ausgewiesen worden ist, da testpsychologische Untersuchungen
diesbzgl
. durchschnittliche bzw. überdurchschnittliche Werte ergeben haben, können Leistungen nach Ziffer 404
GgV
gemäss
Rz
. 404.5 KSME sowie gemäss Anhang 7 KSME/Kap. 1.2/Absatz 2 nicht zugesprochen werden. 2) Eine Merkstörung wurde bisher ebenfalls nicht ausgewiesen, so dass auch
diesbzgl
. auf
Rz
. 404.5 KSME und Anhang 7 KSME/Kap. 1.2/Absatz 2 hingewiesen werden muss. Ge
mäss
Rz
. 404.6 KSME sind
‚erstmalige Abklärungen nicht von der IV anzuord
nen oder vorzunehmen, da die adäquate Behandlung eine bereits korrekt ge
stellte Diagnose voraussetzt’.“
3.5
Dr.
A._
führte in seinem Bericht vom 31. Juli 2014 (Urk. 8/13) aus, die Untersu
chung nach Ruf
Bächtiger
habe ergeben, dass der Versicherte auditiv schwache Leistungen (Stand Alter 5-6 Jahre) gezeigt habe. Die visuellen Leis
tungen seien ebenfalls ungenügend (Stand Alter 6-7 Jahre). Mithin liege eine Verzögerung von 2-3 Jahren vor. Die
taktilkinästhetisch
-propriozeptiven Defi
zite des Versicherten zeigten sich in einer nur genügenden Fein- und
Grafomo
torikleistung
bei ungenügenden
Grobmotorikresultaten
. Die visuellen, auditiven und
taktilkinästhetisch
-propriozeptiven Wahrnehmungskapazitäten seien alle
samt ungenügend, was sich konsekutiv in gleichgelagerten
Merkfähigkeitdefi
ziten
niederschlage. Defizite bestünden auch bei der Konzentration und dem Antrieb. Alle Voraussetzungen (speziell Wahrnehmungs- und
Merkfähigkeits
probleme
) zur Übernahme von medizinischen Massnahmen und der Psychothe
rapie im Rahmen des POS
GgV
Ziff.
404 seien erfüllt.
3.6
Prof.
Dr.
C._
hielt in seiner Stellungnahme vom 12. September 2014 (Urk. 8/15/2-3) auch nach Vorliegen der Ergebnisse der Untersuchung nach Ruf
Bächtiger
daran fest, dass aus versicherungsmedizinischer Sicht keine Grund
lage für die
Zusprache
von Leistungen nach Ziff. 404
GgV
bestehe. In der Skala „visuelle Defizite“ würden fünf Merkmale als „korrekt erfüllt“ eingeschätzt. Sechs weitere Merkmale dieser Untersuchung seien von feinmotorischen Leis
tungen oder durch die angegebene Müdigkeit nicht ausreichend für Aussagen über die visuelle Wahrnehmung geeignet, weil Überlagerungen mit der
Fein
motorik
vorlägen und weil bei Ermüdung keine aussagefähigen Ergebnisse er
zielt werden könnten. In der Literatur werde darauf hingewiesen, dass die Durchführung von Zeichentests nicht durch feinmotorische oder
Gedächtnis
leistungen
konfundiert werden solle. Es verstehe sich, dass Testverfahren nach den anerkannten Grundsätzen der Testpsychologie standardisiert und genormt sein sollten. Die Angaben in den Akten und die testpsychologischen Untersu
chungen, soweit diese mit standardisierten Untersuchungsverfahren erfolgt seien, hätten keine nachvollziehbaren Hinweise für Störungen der Merkfähigkeit ergeben. Störungen der visuellen Wahrnehmung seien ebenfalls nicht ausge
wiesen.
4.
4.1
Aus den Akten ergibt sich und ist zudem unbestritten, dass bei altersgemäss ent
wi
ckelter Intelligenz des Versicherten die Diagnose
“
POS
“
rechtzeitig vor Vollen
dung des 9. Altersjahres gestellt wurde.
Aus den Akten ist weiter ersicht
lich, dass der Versicherte seit dem 2. April 2013
– also vor Vollendung des 9. Altersjahres - psychotherapeutisch behandelt wird (vgl. etwa Urk. 8/13/4). Ab 2. April 2014 bis 30. April 2016 übernimmt die Beschwerdegegnerin dafür die Kosten (Mitteilung vom 6. Oktober 2014 [Urk. 8/16]). Somit ist auch die ent
sprechende Behandlung rechtzeitig erfolgt. Strittig ist hingegen, ob sämtliche von der Rechtsprechung geforderten Merkmale (vorstehend E. 1.3-1.5) vorlie
gen.
4.2
Aus den oben in E. 3 wiedergegebenen Arztberichten und Stellungnahmen ist ersichtlich, dass die involvierten Fachärzte und weiteren Fachpersonen den vor
liegenden Fall kontrovers beurteilten. Zwar stimmten alle medizinischen
Fach
personen
darin überein, dass beim Versicherten
behandlungsbedürftige
Gesund
heitsbeeinträchtigungen
vorliegen. Das wurde auch von der
Beschwerdegegne
rin
im Grundsatz anerkannt,
übernimmt sie doch
wie ausgeführt
die Kosten der ambulanten Psychotherapie.
Während aber
Dr.
A._
und
lic
. phil
.
B._
insbesondere das Vorliegen von Wahrnehmungs- und Merkfähigkeitsstörungen bejahten und zum Schluss ka
men, dass sämtliche Merkmale des Geburtsgebrechens gemäss
Ziff.
404
GgV
-Anhang
erfüllt seien, verneinten dies Prof.
Dr.
C._
und
Dr.
D._
. Sie wa
ren vielmehr der Ansicht, dass Störungen der Merkfähigkeit und der Wahrneh
mung nicht ausgewiesen seien. In seiner Stellungnahme vom 12. September 2014 (Urk. 8/15/2-3; oben E. 3.6) vertrat Prof.
Dr.
C._
implizit gar die Auf
fassung, dass die von
Dr.
A._
durchgeführte Testung nach Ruf
Bächtiger
bezie
hungsweise die Art und Weise der Durchführung dieses Tests durch
Dr.
A._
nicht mit anerkannten testpsychologischen Standards vereinbar sei (etwa Nicht
beachtung der Ermüdung und der mangelnden Feinmotorik [vgl. E. 3.6]).
Dr.
A._
wurde mit diesem Vorwurf (soweit ersichtlich) nicht konfrontiert.
Die Akten ergeben - wie ausgeführt - kein schlüssiges Bild. Es liegt vielmehr ein eigentlicher Expertenstreit vor
.
Sowohl
Dr.
A._
als auch Prof.
Dr.
C._
hielten im Verlauf der vorprozessualen Abklärung
ohne Konzessionen
an ihren Auf
fassungen fest
.
Aus formeller Sicht ist zwar zu beachten, dass es sich bei
Dr.
A._
um den behandelnden Arzt des Versicherten handelt; die Berichte von
Dr.
A._
hinterlassen jedoch
, soweit beurteilbar,
einen unvoreingenommenen und objektiven Eindruck. Er kennt den Versicherten aus zahlreichen persönlich durchgeführten Untersuchungen. Prof.
Dr.
C._
hingegen
hat
den
Versicherten
beispielsweise
nie persönlich untersucht oder getestet. Das bedeutet zwar nicht, dass seinen Meinungsäusserungen die Beweiskraft abzusprechen ist, zumal es vorliegend hauptsächlich um die Interpretation von in schriftlicher Form vorlie
gende
r
Testergebnisse geht,
doch
es
vermag
deren Beweiswert doch bis zu ei
nem gewissen Grad
zu relativieren
.
Aus dem Gesagten folgt, dass die streitentscheidende Frage, ob beim Versicher
ten durch die durchgeführten Testungen und weiteren Untersuchungen
Wahr
nehmungs
- und Merkfähigkeitsstörungen ausgewiesen sind oder nicht, ange
sichts des fruchtlos ausgetragenen Expertenstreits nicht ent
schieden werden kann.
Die angefochtene Verfügung vom 6. Oktober 2014 (Urk. 2) ist demzufolge aufzu
heben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie ein verwaltungsunabhängiges Gutachten einhole und hernach über den Anspruch auf medizinische Massnahmen neu verfüge.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 600.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang
des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.