Decision ID: 79170139-4eaf-4735-9d56-e93dfd53b292
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 18. März 2019 in der Schweiz um
Asyl nach. Am 28. März 2019 fand die Befragung zur Person (BzP) und am
15. November 2019 die Anhörung statt, an welchen sie im Wesentlichen
ausführte, sie sei sri-lankische Staatsbürgerin tamilischer Ethnie, sei in
B._ geboren worden und habe bis zu ihrem (...). Lebensjahr in
C._, Kilinochchi gelebt. Sie habe von 201(...) bis zum (...) 2018 ein
Internat in Jaffna besucht, wo sie die Prüfungen für das O-Level bestanden
habe. Nach ihrem Schulabschluss sei sie nach Jaffna zurückgekehrt. Dort
hätten sie Agenten des CID (Criminal Investigation Departement) viermal
bei ihr zuhause aufgesucht, um sie über ihren Vater zu befragen. Anlässlich
der letzten Befragung sei sie durch die CID-Agenten sexuell missbraucht
worden. Ihre Mutter habe sie dann über Vavuniya und Colombo ins Ausland
geschickt.
A.b Im vorinstanzlichen Verfahren reichte die Beschwerdeführerin Kopien
von Schul- und Sportzeugnissen, einer Geburtsurkunde und einer Identi-
tätskarte ein. Im Weiteren reichte sie Kopien einer Bescheinigung ihres Va-
ters über seine Inhaftierung (Detention Attestation) und über seine Freilas-
sung (Release Certificate), eines Briefes von der Mutter an den Vater vom
(...) 2016 inklusive Übersetzung ins italienische sowie einer Schulbestäti-
gung der «D._» vom (...) 2019 ein.
B.
Mit (italienischsprachiger) Verfügung vom 17. April 2020 verneinte die Vor-
instanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin und lehnte ihr
Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte sie ihre Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 20. Mai 2020 (vorab eingereicht per Telefax) erhob die
Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie be-
antragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und für eine Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei ihr Asyl zu
gewähren oder jedenfalls die Flüchtlingseigenschaft festzustellen. Sube-
ventualiter sei die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzu-
stellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht beantragte sie, es sei auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses zu verzichten, es sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu
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Seite 3
gewähren und in der Person der Unterzeichnenden ein unentgeltlicher
Rechtsbeistand beizuordnen.
Im Weiteren stellte sie den Verfahrensantrag, es seien die Verfahrensakten
ihres Vaters E._ (N [...]) beizuziehen und sein Verfahren mit dem
vorliegenden zu koordinieren.
Mit der Beschwerde reichte die Beschwerdeführerin die Kopie der ange-
fochtenen Verfügung, eine Vollmacht im Original und einen Arztbericht vom
8. Mai 2020 ein.
D.
Am 26. Mai 2020 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Eingabe vom 16. Juni 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine Für-
sorgebestätigung sowie die Honorarnote ein.
F.
Mit Instruktionsverfügung vom 23. Juni 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver-
zichtete auf die Erhebung des Kostenvorschusses und hiess das Gesuch
um Einsetzung einer amtlichen Rechtsverbeiständung gut, wobei lic. iur.
Kathrin Stutz als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt wurde.
G.
Die Vorinstanz reichte am 7. Juli 2020 unaufgefordert eine Vernehmlas-
sung ein, welche am 21. Dezember 2020 der Beschwerdeführerin zur
Kenntnisnahme zugestellt wurde.
H.
Der Vorsitz des vorliegenden Verfahrens wurde aus organisatorischen
Gründen auf Richterin Gabriela Freihofer übertragen.
I.
Mit Schreiben vom 17. Dezember 2021 informierte die Rechtsvertreterin
das Gericht, dass sie ihre Arbeit als Juristin der Zürcher Beratungsstelle für
Asylsuchende (ZBA) per 31. Dezember 2021 beenden werde und sie sich
einverstanden erkläre, dass die Entschädigung für ihre unentgeltliche
Rechtsbeistandschaft bei der ZBA bleibe.
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Seite 4
J.
Der ebenfalls gehörig bevollmächtigte Rechtsvertreter lic. iur. Dominik Löh-
rer stellte mit Eingabe vom 7. Juni 2022 eine Verfahrensstandanfrage, wel-
che die Instruktionsrichterin mit Schreiben vom 17. Juni 2022 beantwor-
tete.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die angefochtene Verfügung wurde in italienischer Sprache begründet,
das Verfügungsdispositiv wurde zweisprachig, in italienischer und deut-
scher Sprache, verfasst. Begründet wurde dies in Ziffer I der Verfügung mit
personellen Engpässen beim SEM aufgrund der vielen hängigen Asylge-
suche, welche vor dem 1. März 2019 eingereicht wurden.
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Seite 5
2.2 Gemäss Art. 16 Abs. 2 AsylG werden Verfügungen des SEM grund-
sätzlich in der Sprache eröffnet, die am Wohnort der Asylsuchenden Amts-
sprache ist. Die Beschwerdeführerin wurde dem Kanton F._ zuge-
wiesen, dessen Amtssprache Deutsch ist (vgl. [...]). Demnach wäre der
Asylentscheid grundsätzlich in deutscher Sprache zu eröffnen gewesen.
2.3 Von dem in Art. 16 Abs. 2 AsylG statuierten Grundsatz kann das SEM
gestützt auf Art. 16 Abs. 3 AsylG abweichen, wenn die asylsuchende Per-
son oder deren Rechtsvertretung einer anderen Amtssprache mächtig ist
(Bst. a), dies unter Berücksichtigung der Gesuchseingänge oder der Per-
sonalsituation vorübergehend für eine effiziente und fristgerechte Ge-
suchserledigung erforderlich ist (Bst. b) oder die asylsuchende Person von
einem Zentrum des Bundes einem Kanton mit einer anderen Amtssprache
zugewiesen wird (Bst. c). Diese Ausnahmen werden indessen gemäss
Rechtsprechung begrenzt durch das Recht auf eine wirksame Beschwerde
und einen fairen Prozess (Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 13 EMRK). Wenn
davon ausgegangen werden muss, dass die Partei den in einer anderen
Amtssprache verfassten Entscheid nicht ausreichend verstanden hat, ist
die angefochtene Verfügung grundsätzlich zu kassieren, sofern die be-
schwerdeführende Person über keine professionelle Rechtsvertretung ver-
fügt (vgl. dazu beispielsweise das Urteil des BVGer D-1651/2020 vom 1.
Juni 2022 E. 4.2 oder D-1361/2020 vom 3. November 2020 E. 6.3, mit Hin-
weis auf Entscheide und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskom-
mission [EMARK] 2004 Nr. 29).
2.4 Die Vorinstanz beruft sich auf die Ausnahme im Sinne von aArt. 16 Abs.
3 Bst. b AsylG (recte: Art. 16 Abs. 3 Bst. b AsylG), verweist auf ihre Perso-
nalressourcen und erklärt, es handle sich um eine temporäre Massnahme
im Interesse des effizienten Abbaus von Altfällen. Diese Begründung er-
scheint grundsätzlich geeignet, um die Anwendung der erwähnten Ausnah-
meklausel zu rechtfertigen. Ausserdem wird die Beschwerdeführerin durch
eine professionelle Rechtsvertreterin vertreten. Schliesslich geht aus der
Beschwerdebegründung deutlich hervor, dass die Rechtsvertreterin den In-
halt der Verfügung verstanden hat. Der Beschwerdeführerin war es somit
mit deren Hilfe ohne weiteres möglich, eine in jeder Hinsicht rechtsgenüg-
liche Beschwerde einzureichen. Anderes wird auf Beschwerdeebene auch
nicht behauptet. Im Ergebnis erweist sich die Abweichung vom Grundsatz
von Art. 16 Abs. 2 AsylG als zulässig.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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Seite 6
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Das vorliegende Verfahren wird mit dem Verfahren E-2602/2020
(E._, N [...]) zeitlich koordiniert und es werden die entsprechenden
Akten beigezogen.
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin macht formelle Rügen geltend, welche vorab
zu prüfen sind, da deren Gutheissung geeignet wäre, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BGE 142 II 218 E. 2.8.1).
5.2 Diesbezüglich führt sie im Wesentlichen aus, es sei aus der angefoch-
tenen Verfügung nicht ersichtlich, ob die Verfolgung vom SEM als insge-
samt nicht glaubhaft oder nicht asylrelevant qualifiziert worden sei. Das
SEM vermittle mit der angefochtenen Verfügung den Eindruck, man er-
achte die Verfolgung als nicht glaubhaft, ohne auf die Asylrelevanz einzu-
gehen. Ferner gehe aus der angefochtenen Verfügung nicht hervor, ob ihr
die Vergewaltigung geglaubt werde. Zudem gehe das SEM auf das Asyl-
verfahren des Vaters nicht näher ein und stelle ihre Vorbringen nicht in die-
sen Zusammenhang.
5.3 Das Gericht stellt fest, dass sich die Vorinstanz in Ziffer III der ange-
fochtenen Verfügung mit der materiellen Prüfung der Vorbringen der Be-
schwerdeführerin auseinandersetzt. Hinsichtlich der geltend gemachten
Vorfluchtgründe stellt sie fest, dass die Beschwerdeführerin diese nicht
glaubhaft zu machen vermochte. So führte die Vorinstanz in Ziffer 1 aus,
die drei ersten geltend gemachten Besuche durch die CID-Agenten habe
die Beschwerdeführerin nicht glaubhaft zu machen vermocht, da sie die
Ereignisse zu unsubstantiiert geschildert und auch auf Nachfrage nicht de-
tailreicher vorgebracht habe. Zur geltend gemachten Vergewaltigung führte
die Vorinstanz aus, aus den Ausführungen der Beschwerdeführerin gehe
nicht hervor, dass sie ihrer Mutter von dieser erzählt habe. Zudem habe sie
auch auf Nachfrage hin lediglich undetaillierte Antworten gegeben. Zwar ist
der Beschwerdeführerin zuzustimmen, dass hinsichtlich der geltend ge-
machten Vergewaltigung die Vorinstanz nicht ausdrücklich erwähnt hat,
dass sie diese als unglaubhaft qualifizierte. Aus der Systematik der ange-
fochtenen Verfügung geht aber klar hervor, dass sich die Ziffern 1 bis 3 von
Seite 8 auf die Vorfluchtgründe beziehen und diese durch die Vorinstanz
allesamt als unglaubhaft qualifiziert wurden. Die Asylrelevanz hingegen
E-2603/2020
Seite 7
wird lediglich hinsichtlich der Nachfluchtgründe (ab Ziffer 1 auf Seite 8) ge-
prüft. Im Übrigen ist festzuhalten, dass die Vorinstanz nach dem Gesagten
nicht gehalten war, die Vorfluchtgründe auf die Asylrelevanz hin zu prüfen.
Die Vorinstanz hat die angefochtene Verfügung rechtsgenüglich begrün-
det.
Inwieweit der Untersuchungsgrundsatz verletzt sein soll, wird nicht darge-
legt und ist auch aus den Akten nicht ersichtlich.
5.4 Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz rechtfertigt sich nach
dem Gesagten nicht, das entsprechende Begehren ist abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Eine Reflexverfolgung liegt vor, wenn sich Verfolgungsmassnahmen
abgesehen von der primär betroffenen Person auch auf Familienangehö-
rige und Verwandte erstrecken. Diese kann im Sinne von Art. 3 AsylG
flüchtlingsrechtlich relevant sein, allerdings hängen die Wahrscheinlichkeit
einer Reflexverfolgung und deren Intensität stark von den konkreten Um-
ständen des Einzelfalls ab. Die Annahme einer Reflexverfolgung erfordert
eine sorgfältige Prüfung im Einzelfall. Es muss aufgrund der Umstände des
Einzelfalls ermittelt werden, ob die Furcht vor Verfolgung begründet ist. Die
erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete Furcht vor zukünfti-
ger (Reflex-)Verfolgung muss ferner sachlich und zeitlich kausal für die
Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im
Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. Dieser Nachweis muss
durch die entsprechende Partei erbracht werden (vgl. Urteile des BVGer
E-4250/2021 vom 25. Februar 2022 E. 4.2; E-4779/2018 vom 16. Novem-
ber 2020 E. 4.2; E-1943/2020 vom 28. Mai 2020 E. 6.3; E-6470/2017 vom
6. Juni 2019 E. 5.2).
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Seite 8
6.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
7.
7.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung aus, dass es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen sei, ihre geltend gemachten Vorflucht-
gründe glaubhaft zu machen. So habe sie die vier Besuche von CID-Agen-
ten und den sexuelle Missbrauch beim vierten Besuch undetailliert und
vage vorgebracht. Auch habe sie nicht plausibel erklären können, weshalb
ihre Mutter ihre Schwester und nicht sie selber aus Sicherheitsgründen ins
Internat geschickt habe. Ferner sei nicht glaubhaft, dass sich die Be-
schwerdeführerin die Namen derjenigen Personen nicht gemerkt habe,
welche sie bei ihren Aufenthalten in G._ und Colombo beherbergt
hätten. Im Widerspruch dazu habe sie sich hinsichtlich des dritten Besu-
ches der CID-Agenten geäussert. Diesbezüglich seien ihre Vorbringen zum
Ort ihres Versteckens, zum Zeitpunkt der Mitteilung ihrer Mutter betreffend
Ausreise sowie Beziehung zu ihren Verwandten unterschiedlich ausgefal-
len. Unlogisch seien die Vorbringen, die Beschwerdeführerin sei anlässlich
des zweiten Besuches der CID-Agenten zu diesen hingegangen, da sie
gedacht habe, diese würden ihr keine Probleme bereiten, obwohl sie zu
diesem Zeitpunkt geglaubt habe, dass diese Leute ihre Mutter einmal ge-
schlagen hätten.
Auch bei einer Rückkehr nach Sri Lanka würden der Beschwerdeführerin
keine ernsthaften Nachteile aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur tamilischen
Ethnie drohen. So würden im konkreten Fall weder eine kurze Befragung
am Flughafen noch die Präsidentschaftswahlen vom 16. November 2019
zu einer Bejahung von Nachfluchtgründen führen.
7.2 Die Beschwerdeführerin erwidert, vorliegend handle es sich um eine
Reflexverfolgung. Zudem sei der Zusammenhang zwischen der Suche
nach ihrem Vater durch die Behörden und den Übergriffen auf sie nachvoll-
ziehbar und im länderspezifischen Kontext wahrscheinlich.
Die Argumentation der Vorinstanz in Bezug auf die sexuellen Übergriffe er-
achte sie als nicht überzeugend, unangebracht und deplatziert. Sie habe
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Seite 9
beim Erzählen oft Tränen in den Augen gehabt und habe an denjenigen
Stellen geweint, welche die Übergriffe durch die CID-Angehörige themati-
siert hätten.
Dass ihr Vater und ihre Mutter von CID-Angehörigen verfolgt worden seien,
ergebe sich aus den Akten ihres Vaters.
8.
8.1 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungsgericht
bei der Beurteilung der Asylgründe nicht an die Begründung der Vorinstanz
gebunden ist (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus
anderen Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen (sog. Motivsub-
stitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kom-
mentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2019,
N. 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, S. 398, Rz. 1136).
8.2 Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde geltend, sie werde
in Sri Lanka aufgrund der Tätigkeiten ihres Vaters für die Liberation Tigers
of Tamil Eelam (LTTE) und die Tamils Rehabilitation Organisation (TRO)
verfolgt. Die von ihrem Vater vorgebrachten Vorfluchtgründe wurden vom
Gericht jedoch als nicht glaubhaft qualifiziert, die Beschwerde mit heutigem
Urteil des BVGer E-2602/2020 abgewiesen. Eine Reflexverfolgung ist so-
mit zu verneinen.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob der behaupteten Vergewaltigung ein flücht-
lingsrechtlich relevantes Motiv gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG (wegen ihrer
Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauung) zugrunde liegt. Zwar
beruft sich die Beschwerdeführerin darauf, mit der erlittenen Vergewalti-
gung bestehe ein frauenspezifischer Fluchtgrund im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG. Sie verkennt jedoch, dass auch einem solch schwerwiegen-
den Nachteil wie dem Erleiden einer Vergewaltigung nur bei Vorliegen ei-
ner flüchtlingsrechtlich relevanten (Gesamt-)Motivation flüchtlingsrechtli-
che Relevanz zukommen kann (vgl. EMARK 2006 Nr. 32, insbesondere
E. 8.7.3; Urteil des BVGer E-1819/2018 vom 28. Mai 2018 E. 7.2). Selbst
bei Wahrunterstellung der behaupteten Vergewaltigung der Beschwerde-
führerin ist aber ein flüchtlingsrechtlich relevantes Verfolgungsmotiv nicht
zu erkennen, nachdem die Beschwerdeführerin den sexuellen Übergriff mit
einer politischen Verfolgung ihres Vaters in Zusammenhang bringt, welche
indes – wie oben festgestellt – verneint wurde. Auch aus den Akten lassen
E-2603/2020
Seite 10
sich keine Hinweise entnehmen, dass die Vergewaltigung auf einem flücht-
lingsrechtlich relevanten Motiv beruht hätte, zumal die Beschwerdeführerin
selbst auch keinen oppositionspolitischen Hintergrund geltend macht. Aus
welchen Gründen die Vergewaltigung stattgefunden hat, kann in casu of-
fengelassen werden.
Ferner setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund der
Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatstaat keinen adäquaten Schutz finden
kann, weil dort keine Infrastruktur besteht, welche ihr Schutz bieten könnte
(vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E. 11.2 S. 204 f.), oder weil der Staat ihr keinen
Schutz gewährt, obwohl er dazu in der Lage wäre (vgl. BVGE 2011/51
E. 7.1 und 7.4 S. 1017 f. m. w. H.). Die Beschwerdeführerin macht anläss-
lich ihrer Anhörung geltend, die Vergewaltigung – welche durch drei CID-
Angehörige erfolgt sei (vgl. SEM-Akten «Anhörungsprotokoll» F117 ff.) –
sei von den Behörden selber verübt worden. Da diese zusammenarbeiten
würden, würde sie auch keinen Schutz von der Polizei erwarten können
(vgl. SEM-Akten «Anhörungsprotokoll» F149). Dem ist entgegenzuhalten,
dass gemäss Erkenntnissen des Gerichts der sri-lankische Staat grund-
sätzlich sowohl schutzfähig als auch schutzwillig ist (vgl. etwa Urteile des
BVGer D-4714/2019 vom 28. März 2022 E. 11.4; E-1631/2020 vom 30. Ap-
ril 2020 E. 6.1; E-3166/2019 vom 17. Juli 2019 E. 6.2). Die Beschwerde-
führerin gab aber zu Protokoll, die Behörden nicht um Schutz ersucht zu
haben (vgl. SEM-Akten «Anhörungsprotokoll» F149). Somit hatten die sri-
lankischen Behörden in Unkenntnis des Vorfalls von vornherein gar keine
Möglichkeit, der Beschwerdeführerin Hilfe und Schutz zu bieten. Somit ge-
lingt ihr nicht, darzulegen, dass der sri-lankische Staat in ihrem Fall nicht
schutzfähig und schutzwillig wäre.
9.
9.1 Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka ernsthafte Nachteile drohen würden.
9.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Zur Beurtei-
lung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form
von Verhaftung und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren
identifiziert. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene
Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der „Stop List“ und die Teilnahme
E-2603/2020
Seite 11
an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobe-
gründende Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten
Umständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begrün-
deten Furcht führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentli-
cher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine
gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegrün-
dende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden
Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der srilankischen Behörden bestrebt
sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen und so den
srilankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Risiko-
faktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen in
der am Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" vermerkt seien und
der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Straf-
registereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten
Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für srilankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten
(vgl. a.a.O. E. 8). Im Zusammenhang mit der aktuellen politischen Lage in
Sri Lanka ist festzuhalten, dass sich das Bundesverwaltungsgericht der
jüngeren Veränderungen – insbesondere im Zusammenhang mit dem
Machtwechsel nach den Präsidentschaftswahlen im November 2019 – be-
wusst ist. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
sie bei der Entscheidfindung. Zum heutigen Zeitpunkt gibt es keinen Grund
zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölke-
rungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter
diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug
der asylsuchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November
2019 respektive deren Folgen besteht (vgl. [statt vieler]: Urteil des BVGer
D-4668/2021 vom 9. November 2021 E. 8.5 sowie Referenzurteil des Bun-
desverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016; Human Rights
Watch [HRW], Sri Lanka: Families of "Disappeard" Threatened,
16.02.2020). Die Wahl am 20. Juli 2022 von Ranil Wickremesinghe zum
Nachfolger des abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen Staatspräsi-
denten ändert vorerst nichts an der bisherigen Lageeinschätzung, ist die-
ser doch Teil der alten politischen Elite.
9.3 Die einzige Verbindung der Beschwerdeführerin zu Personen mit einer
LTTE-Vergangenheit ist diejenige zu ihrem Vater. Dieser hat aber lediglich
Transporte von Personen und Nahrungsmitteln getätigt; gemäss seinen
Ausführungen bekleidete er keine Kaderfunktion und war auch nicht in
E-2603/2020
Seite 12
Kampfhandlungen involviert (vgl. heutiges Urteil des BVGer E-2602/2022
E. 8.3). Die Beschwerdeführerin hat sich weder in Sri Lanka noch im Aus-
land politisch betätigt. Als schwach risikobegründende Faktoren sind das
(angebliche) Fehlen von Reisepapieren und der mehrjährige Aufenthalt in
der Schweiz zu berücksichtigen.
9.4 In Würdigung sämtlicher Umstände ist somit anzunehmen, dass die
Beschwerdeführerin von der sri-lankischen Regierung nicht zu jener klei-
nen Gruppe gezählt wird, die bestrebt ist, den tamilischen Separatismus
wieder aufleben zu lassen, und so eine Gefahr für den sri-lankischen Ein-
heitsstaat darstellt. Es ist – auch unter Berücksichtigung der neusten Ent-
wicklungen in Sri Lanka – nicht davon auszugehen, dass ihr persönlich im
Falle einer Rückkehr ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen
würden.
10.
Zusammenfassend ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen, die
Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die Vor-
instanz hat ihr Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
11.
11.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
11.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
12.
12.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-2603/2020
Seite 13
12.2
12.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
12.2.2 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (nachfolgend: Folter Üb., SR 0.105)
und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschli-
cher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
12.2.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
12.2.4 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der
Beschwerdeführerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für
den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 Folter Üb. verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäi-
schen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-
Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Ge-
fahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde
(vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kam-
mer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Zudem ergeben sich auch keine kon-
kreten Hinweise darauf, dass sie bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit
E-2603/2020
Seite 14
beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die
über einen sogenannten "Background Check" (Befragung und Überprü-
fung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass
sie persönlich gefährdet wäre.
12.2.5 Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den
Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts nicht unzulässig er-
scheinen (vgl. Urteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2).
Auch der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst
(vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, a.a.O.; T.N. gegen
Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. ge-
gen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08;
Rechtsprechung zuletzt bestätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom
11. Juli 2017, Beschwerde Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichts-
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehren-
den Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Daran vermögen
auch die neuesten Entwicklungen in Sri Lanka nichts zu ändern (vgl. E. 9.2)
12.2.6 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinn der flüchtlings- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zuläs-
sig.
12.3
12.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
12.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen und es herrscht weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1). Ge-
mäss Rechtsprechung ist der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ost-
provinz zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien bejaht werden kann (vgl. Referenzurteile des BVGer E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 E. 13.2; D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5).
Daran vermag auch die zur Zeit in weiten Teilen Sri Lankas herrschende
E-2603/2020
Seite 15
angespannte Lage beziehungsweise die heftigen Proteste gegen stei-
gende Preise für Verbrauchsgüter und gegen Engpässe vorab bei der Ver-
sorgung mit Treibstoffen sowie die eingetretene Zahlungsunfähigkeit Sri
Lankas grundsätzlich nichts zu ändern, zumal die aktuelle Wirtschaftskrise
– wie auch der am 2. April 2022 von Präsident Gotabaya Rajapaksa aus-
gerufene und nach fünf Tagen wieder aufgehobene Notstand sowie die zwi-
schenzeitlich erneute Akzentuierung – die ganze sri-lankische Bevölkerung
betrifft. Die Wahl am 20. Juli 2022 von Ranil Wickremesinghe zum Nach-
folger des abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen Staatspräsidenten
ändert vorerst nichts an der bisherigen Lageeinschätzung, ist dieser doch
Teil der alten politischen Elite.
Die Beschwerdeführerin stammt aus B._, Distrikt Mullaitivu, Nord-
provinz (vgl. SEM-Akten C11 Ziffer 1.07). Bis zu ihrem (...). Lebensjahr
lebte sie in C._, Kilinochchi, Nordprovinz (vgl. SEM-Akten C11 Ziffer
2.01). Von 201(...) bis zum (...) 2018 besuchte sie das H._ in
Jaffna, Nordprovinz, wo sie die O-Level-Prüfungen erfolgreich absolvierte,
womit sie auf eine solide schulische Grundausbildung zurückgreifen kann
und worauf sie beruflich aufbauen kann. Die Beschwerde gegen den ab-
lehnenden Asylentscheid ihres Vaters ist mit heutigem Urteil des BVGer
E-2602/2020 abgewiesen und damit der Vollzug der Wegweisung ange-
ordnet worden. Des Weiteren hat sie drei Geschwister, welche in Sri Lanka
wohnen. Zudem hält sich ihre Mutter in I._, Distrikt Mullaitivu, Nord-
provinz auf. Es ist daher insgesamt auch von einem tragfähigen familiären
Netzwerk auszugehen, welches der Beschwerdeführerin bei einer Rück-
kehr zur Verfügung stehen wird.
In gesundheitlicher Hinsicht führte sie anlässlich der BzP aus, ausser einer
Erkältung gehe es ihr gut (vgl. SEM-Akten C11 Ziffer 8.02). An der Anhö-
rung Antwortete sie auf die Frage, wie es ich gesundheitlich gehe, mit
«Okay. Gut.» (vgl. SEM-Akten «Anhörungsprotokoll» F6). Auf Beschwer-
deebene wurde ein ärztlicher Bericht vom (...) vom J._ eingereicht,
in welchem die Diagnosen (...). Weitere Arztberichte wurden keine einge-
reicht. Diesbezüglich ist auf das funktionierende Gesundheitssystem be-
ziehungsweise auf die in Sri Lanka vorhandenen 23 Krankenhäuser mit
psychiatrischen Abteilungen für die stationäre Behandlung und auf die
mehr als 300 Ambulanzen für die ambulante Behandlung von Patienten mit
psychischen Erkrankungen hinzuweisen (vgl. Urteile des BVGer
E-7137/2018 vom 23. Januar 2019 E. 12.3; D-3210/2018 vom 5. Juli 2019
E. 8.3). Zu Recht erkannte die Vorinstanz zufolge ihrer gesundheitlichen
Probleme keine Vollzugshindernisse. Zudem wurde seit dem Jahr 2020
E-2603/2020
Seite 16
keine massgebliche Veränderung ihrer gesundheitlichen Probleme geltend
gemacht. Der Vollzug erweist sich aufgrund dieser Ausführungen und in
Berücksichtigung der obengenannten Referenzurteile auch in individueller
Hinsicht als zumutbar. Die diesbezüglichen Vorbringen der Beschwerde-
führerin vermögen daran nichts ändern.
12.4 Es obliegt der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständigen Vertre-
tung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. BVGE 2008/34 E. 12), wes-
halb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG). Allfällig im Zusammenhang mit dem Coronavirus ver-
fügte Einreiseverbote und ähnliche Massnahmen durch die sri-lankischen
Behörden stehen dem Wegweisungsvollzug – angesichts ihres vorüberge-
henden Charakters – nicht entgegen (vgl. Urteile des BVGer D-968/2020
vom 31. März 2020; E-1575/2020 vom 19. Mai 2020 E. 9.4.3).
12.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
13.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
14.
14.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihr jedoch mit Instrukti-
onsverfügung vom 23. Juni 2020 die unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und keine massgeblichen Ver-
änderungen der finanziellen Verhältnisse ersichtlich sind, sind keine Ver-
fahrenskosten zu erheben.
14.2 Mit Instruktionsverfügung vom 23. Juni 2020 wurde lic. iur. Kathrin
Stutz als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet, weshalb dieser ein ent-
sprechendes Honorar auszurichten ist. Am 16. Juni 2020 wurde eine Kos-
tennote eingereicht. Hierin wurde ein Vertretungsaufwand von insgesamt
Fr. 2'790.– geltend gemacht, ausgehend von einem zeitlichen Aufwand von
E-2603/2020
Seite 17
11 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 250.–. Der geltend gemachte
zeitliche Aufwand für die Redaktion der Beschwerde erscheint indessen im
Vergleich zu ähnlich gelagerten Fällen als überhöht und ist auf 6 Stunden
zu kürzen. Der geltend gemachte Stundenansatz von Fr. 250.– für nicht-
anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter ist ebenfalls zu hoch ausgewiesen
und wird praxisgemäss auf Fr. 150.– festgesetzt (vgl. Instruktionsverfü-
gung vom 23. Juni 2020). Die Kosten für die ausgewiesenen Auslagen sind
zu ersetzen. Da die amtliche Rechtsbeiständin mit «Einverständniserklä-
rung» vom 17. Dezember 2021 das ihr zustehende Honorar der Zürcher
Beratungsstelle für Asylsuchende zedierte, wird dieser zu Lasten der Ge-
richtskasse ein amtliches Honorar von Fr. 940.– (inkl. Auslagen) ausgerich-
tet.
Lic. iur Kathrin Stutz teilte dem Gericht mit Schreiben vom 17. Dezember
2021 mit, sie beende ihre Arbeit als Juristin und Leiterin der Zürcher Bera-
tungsstelle für Asylsuchende per 31. Dezember 2021 (vgl. Bst. I.). Da zu
diesem Zeitpunkt das Beweisverfahren abgeschlossen war und Entscheid-
reife vorlag, wurde ausnahmsweise auf die Entlassung von lic. iur. Kathrin
Stutz und auf die Einsetzung einer neuen Rechtsvertretung als amtliche
Rechtsbeistandschaft verzichtet.
(Dispositiv nächste Seite)
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