Decision ID: dfdc9c51-45a5-41c5-be95-8f4d9f6efd74
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 11. April 2022 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck-
Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 5. März 2022 in Rumänien ein
Asylgesuch eingereicht hatte.
B.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs am 13. Mai 2022 führte der Beschwer-
deführer aus, seine Heimat am 24. Februar 2022 verlassen zu haben und
von dort über Istanbul und Serbien nach Rumänien gereist zu sein. Dort
sei er von der Polizei angehalten worden. Er habe in Rumänien nicht frei-
willig um Asyl ersucht. Eine Anhörung habe nicht stattgefunden. Nach zwei
Tagen habe er eine Schlepperorganisation angerufen. Mit deren Hilfe sei
er versteckt in einem LKW in die Schweiz gelangt. Auf der Reise von Ru-
mänien in die Schweiz habe er keinen Kontakt zu Behörden gehabt.
Das SEM gewährte ihm das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichtein-
tretensentscheid und der Möglichkeit der Überstellung nach Rumänien,
dessen Zuständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs grundsätzlich in
Frage komme. Der Beschwerdeführer machte geltend, in Rumänien
schlecht behandelt worden zu sein (schlechte Matratzen im Camp, weder
Nahrung noch Wasser erhalten zu haben, von der Polizei geschlagen und
bedroht worden zu sein). Eine ärztliche Behandlung habe er mangels Ver-
trauen nicht verlangt.
In Bezug auf seinen Gesundheitszustand gab der Beschwerdeführer an,
psychisch unter Druck zu sein, weil er seine Familie in der Türkei zurück-
gelassen habe. Er schlafe nachts schlecht und habe manchmal keinen Ap-
petit. Bei kaltem Wetter habe er Schmerzen im Intimbereich. Zeitweise
leide er auch an Migräne.
C.
Beim SEM gingen während der Dauer des vorinstanzlichen Verfahrens ein
medizinisches Datenblatt für interne Arztbesuche im Bundesasylzentrum
mit Einträgen vom 12. und 19. Mai 2022 sowie ein Bericht der Radiologie
des Kantonsspitals B._ vom 31. Mai 2022 zum Gesundheitszu-
stand des Beschwerdeführers ein.
F-2989/2022
Seite 3
D.
Am 31. Mai 2022 ersuchte das SEM die rumänischen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsange-
hörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf in-
ternationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
E.
Am 14. Juni 2022 hiessen die rumänischen Behörden das Übernahmeer-
suchen des SEM gut.
F.
Mit Verfügung vom 29. Juni 2022 (eröffnet am 30. Juni 2022) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
nach Rumänien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändi-
gung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
G.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 7. Juli 2022 (Postaufgabe) gelangte der Be-
schwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die
vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und auf das Asylgesuch sei ein-
zutreten. Eventualiter sei das Verfahren zwecks vollständiger Abklärung
des Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, von den rumänischen Be-
hörden individuelle Garantien betreffend Zugang zum Asylverfahren, adä-
quate Unterbringung und gegebenenfalls notwendige fachärztliche Be-
handlung einzuholen. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei die
aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde unverzüglich
anzuweisen, bis zum Entscheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeg-
lichen Vollzugshandlungen abzusehen. Ferner sei ihm die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren und insbesondere von der Erhebung eines Kos-
tenvorschusses abzusehen.
H.
Am 11. Juli 2022 ordnete der zuständige Instruktionsrichter einen super-
provisorischen Vollzugsstopp an.
F-2989/2022
Seite 4
I.
Mit Eingabe vom 11. Juli 2022 reichte der Beschwerdeführer ein aktuali-
siertes medizinisches Datenblatt für interne Arzttermine im Bundesasyl-
zentrum sowie ein Zuweisungsschreiben vom 6. Juli 2022 nach.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 13. Juli 2022 erteilte der Instruktionsrichter der
Beschwerde die aufschiebende Wirkung.
K.
Mit einer weiteren Eingabe vom 21. Juli 2022 reichte der Beschwerdeführer
einen ambulanten Bericht des Kantonsspitals B._ vom 15. Juli
2022, einen ärztlichen Kurzbericht der Urologie des Kantonsspitals
C._ vom 15. Juli 2022 und ein Zuweisungsschreiben des Medic-
Help vom 20. Juli 2022 nach.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist legiti-
miert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nicht anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
F-2989/2022
Seite 5
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m-w.H.).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaats wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in
Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-
führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl.
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im
Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-II-VO). Im Rahmen ei-
nes Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber
grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt
(vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, der seinen Antrag
während der Antragsprüfung zurückgezogen und in einem anderen Mit-
gliedstaat einen Antrag gestellt hat oder sich ohne Aufenthaltstitel im Ho-
heitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält, nach Massgabe der Arti-
kel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-
VO).
Die rumänischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 31. Mai
2022 um Übernahme des Beschwerdeführers am 14. Juni 2022 gestützt
auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO gut und haben damit zum Ausdruck
F-2989/2022
Seite 6
gebracht, dass das dortige Asylgesuch als zurückgezogen gilt (der Be-
schwerdeführer sei seit dem 8. März 2022 in Rumänien untergetaucht).
Damit ist die Zuständigkeit Rumäniens grundsätzlich gegeben.
4.4 Nachfolgend ist demnach im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Rumänien würden
systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch-
lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-
Grundrechtecharta mit sich bringen würden und, sollte dies verneint wer-
den, ob nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszu-
üben ist, welches durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert wird.
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet den Nichteintretensentscheid im Wesentli-
chen damit, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Asylsuchende in Rumänien keine Schwachstellen aufweisen, und setzt
sich dabei auch mit der dortigen Situation nach Ausbruch des Krieges in
der Ukraine und den zahlreichen, in Richtung Westen strömenden Kriegs-
flüchtenden auseinander. Danach seien gemäss den Zahlen des UNHCR
(Stand 20. Juni 2022) 82'733 Geflüchtete aus der Ukraine in Rumänien
erfasst. Insgesamt 40'714 Personen hätten bisher einen temporären
Schutzstatus in Rumänien erhalten. Das UNHCR weise für Rumänien
50'599 Unterbringungsplätze aus, wovon 8'813 belegt seien (Stand
29. Juni 2022). Zudem habe die Asylagentur der Europäischen Union
(EUAA) Ende März 2022 eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit mit dem
rumänischen Innenministerium abgeschlossen, welche die Entsendung
von 120 EUAA-Angestellten sowie Dolmetschenden nach Rumänien zur
Unterstützung bei der Registrierung und Bearbeitung von Gesuchen um
temporären Schutz sowie zur allgemeinen Unterstützung des rumänischen
Asyl- und Aufnahmesystems vorsehe. Im Gegensatz zu den Schutzsu-
chenden aus der Ukraine, die in vorübergehenden Unterbringungsstruktu-
ren, humanitären Zentren oder anderen durch die lokalen Behörden bereit-
gestellten Unterkünften untergebracht würden, hätten Asylsuchende das
Anrecht auf Unterbringung in einem der sechs Asylzentren des Landes.
Dabei hätten diese das gesetzlich verankerte Anrecht auf kostenlose me-
dizinische Grundversorgung und angemessene Behandlung, auf Notver-
sorgung in Krankenhäusern sowie auf unentgeltliche medizinische Versor-
gung und Behandlung bei akuten oder chronischen lebensbedrohlichen
Krankheiten.
F-2989/2022
Seite 7
5.2 Der Beschwerdeführer stellt in seiner Rechtsmitteleingabe die von der
Vorinstanz gestützt auf das UNHCR erhobenen Zahlen in Bezug auf die
Registrierung der Personen aus der Ukraine und die noch hängigen Gesu-
che um vorübergehenden Schutz in Rumänien grundsätzlich nicht in
Frage. Aufgrund der aktuellen Ströme der Geflüchteten aus und in die Uk-
raine zurück bleibe es jedoch schwierig, genaue Zahlen zu den Ankünften
pro Land zu haben. Diese seien stark abhängig vom aktuellen Kriegsge-
schehen und könnten insbesondere in den Grenzstaaten sehr schnell (wie-
der) zunehmen. Aufgrund der weiteren Bombardierung auch westukraini-
scher Ziele durch die russische Armee bereiteten sich die europäischen
Staaten auf den nächsten grossen Massenzustrom aus der Ukraine vor.
Bereits vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine seien erhebliche
Mängel im rumänischen Asylsystem beanstandet und dokumentiert wor-
den. Es sei angesichts der aktuellen Lage davon auszugehen, dass sich
diese Probleme weiter verschärft hätten (insbesondere die prekären Um-
stände in den Asylunterkünften), was auch er (der Beschwerdeführer) per-
sönlich erfahren habe. Ferner bestünden Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit
der Asylverfahren in Rumänien. Die Schutzquote der Asylsuchenden aus
der Türkei (im Jahre 2020) betrage 17 Prozent (zum gleichen Zeitpunkt in
der Schweiz: 79.1 Prozent). Mit dem anhaltenden Zustrom an Geflüchteten
aus der Ukraine habe sich der Druck auf Rumänien enorm erhöht, womit
ernsthaft zu befürchten sei, dass er (der Beschwerdeführer) im Falle einer
Rückweisung nach Rumänien mit noch prekäreren Bedingungen zu rech-
nen habe.
Schliesslich sei der medizinische Sachverhalt unzureichend erstellt. Zum
einen habe er einen Termin für eine urologische Untersuchung, wobei eine
Nachbehandlung in Form einer Operation erforderlich sein könnte. Ande-
rerseits gebe es Hinweise auf eine psychische Erkrankung. Obschon er
bereits mehrfach ärztlich untersucht worden sei, sei sein psychischer Zu-
stand noch nicht abgeklärt.
6.
6.1 Rumänien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
F-2989/2022
Seite 8
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
6.2 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bestehen
keine Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebe-
dingungen für Antragstellende in Rumänien würden systemische Schwach-
stellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen
(vgl. etwa die Urteile des BVGer F-1489/2022 vom 21. April 2022 E. 4.7.2
und E-1507/2022 vom 5. April 2022 E. 5.2 m.w.H.). Für eine Änderung die-
ser Rechtsprechung besteht – auch unter Berücksichtigung der Einwände
des Beschwerdeführers zur Art und Weise, wie er in Rumänien unterge-
bracht gewesen und behandelt worden sein soll – keine Veranlassung. Das
Bundesverwaltungsgericht anerkennt zwar, dass die Situation von (abge-
wiesenen) Asylsuchenden oder solchen, deren Asylgesuch – wie im vorlie-
genden Fall – als gegenstandslos geworden abgeschrieben wurde,
schwierig sein kann, jedoch gelingt es dem Beschwerdeführer mit seinen
Vorbringen sowie den blossen Verweisen auf Asylstatistiken aus dem
Jahre 2020 nicht, substanziiert darzulegen, dass ihm in Rumänien ein fai-
res Asylverfahren sowie die adäquate Unterstützung und Unterbringung
grundsätzlich verweigert worden wären, und dass er sich erfolgslos bemüht
hätte, diese gegebenenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern. Er hat sich
ja gemäss eigenen Angaben lediglich während zwei Tagen und Nächten in
den Unterbringungsstrukturen der rumänischen Behörden aufgehalten, da-
von mutmasslich nur einen Tag und eine Nacht in einem Asylzentrum. So-
dann liegen keine Hinweise dafür vor, dass die rumänischen Behörden das
Asylverfahren, welches infolge Untertauchens des Beschwerdeführers ab-
geschrieben wurde, nicht wieder aufnehmen werden. Den Akten sind fer-
ner auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Rumänien werde
in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn
zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden.
6.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt. Daran vermag auch die aktuelle, durch den Krieg
in der Ukraine bedingte Situation nichts zu ändern, zumal die Vorinstanz
F-2989/2022
Seite 9
gestützt auf die Angaben der Zahlen des UNHCR und gemäss der offiziel-
len Informationsplattform der rumänischen Behörden (vgl. E. 5.1 vorste-
hend) überzeugend dargelegt hat, dass die Asylzentren von den zahlreich
aus der Ukraine geflüchteten Personen kaum betroffen sind, zumal die le-
diglich um vorübergehenden Schutz ersuchenden Ukrainerinnen und Uk-
rainer grundsätzlich anderweitig untergebracht werden. Entgegen den Vor-
bringen des Beschwerdeführers hat sich die Situation in Rumänien in letz-
ter Zeit auch nicht verschärft. Gemäss den Zahlen des UNHCR bewegen
sich die Anzahl Einreisen von ukrainischen Geflüchteten nach Rumänien
sowie die Anzahl Ausreisen von ukrainischen Geflüchteten aus Rumänien
bereits seit längerer Zeit auf einem ähnlich hohen Niveau. Aktuell kann so-
mit kein massenhafter Zustrom von ukrainischen Geflüchteten nach Rumä-
nien festgestellt werden. Nachdem mehrere Anrainerstaaten, darunter Ru-
mänien, den Dublin-Mitgliedstaaten zu Beginn der Fluchtbewegungen aus
der Ukraine kommuniziert hatten, aufgrund des Krieges in der Ukraine bis
auf Weiteres keine Transfers im Rahmen des Dubliner-Assoziierungsab-
kommens (DAA) entgegen zu nehmen, teilten die rumänischen Behörden
den Dublin-Mitgliedstaaten am 2. Juni 2022 denn auch mit, dass Überstel-
lungen im Rahmen des DAA wieder möglich seien.
7.
7.1 Insbesondere aus medizinischen Gründen fordert der Beschwerdefüh-
rer weiter die Ausübung des Selbsteintrittsrechts nach Art. 17 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO.
7.2 Der gesundheitliche Zustand einer asylsuchenden Person kann der
Dublin-Überstellung in den zuständigen Mitgliedstaat entgegenstehen,
wenn diese eine Verletzung von Art. 3 EMRK zur Folge hätte. Das ist nur
ganz ausnahmsweise der Fall. Von einer Verletzung geht die Rechtspre-
chung etwa dann aus, wenn sich die asylsuchende Person in einem fort-
geschrittenen und terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe
befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen müsste
und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (Vgl. BVGE
2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäischen Ge-
richtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine weitere vom EGMR defi-
nierte Konstellation betrifft schwerkranke Personen, die durch die Abschie-
bung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat –
mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und
unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes aus-
gesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Ver-
F-2989/2022
Seite 10
kürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Papos-
hvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10 §§
180–193 m.w.H.).
7.3 Eine solche Situation liegt nicht vor. Aus den Akten geht hervor, dass
beim Beschwerdeführer ein Ohrenschmalzpropf festgestellt wurde, wel-
cher am 19. Mai 2022 mit einer Spülung entfernt wurde. Ebenfalls am
19. Mai 2022 hielt der behandelnde Arzt fest, dass er einen depressiven
Eindruck gemacht habe, zurzeit aber stabil sei. Eine diesbezügliche Be-
handlung und Abklärung solle bei Bedarf erfolgen. Gemäss Bericht des Ult-
raschalls vom 31. Mai 2022 wurden keine Hinweise auf eine Varikozele
(Krampfader) oder auf eine Inguinalhernie festgestellt. Aufgrund einer fest-
gestellten Flüssigkeitsansammlung mit Schwebestoffen wurde für den
15. Juli 2022 ein urologischer Termin für eine entsprechende Abklärung an-
gesetzt. Am 7. Juli 2022 stellte der behandelnde Arzt beim Beschwerde-
führer eine hohe psychische Belastung und eine depressive Entwicklung
fest, ohne sich jedoch zum allfälligen Bedarf einer entsprechenden Be-
handlung oder einer weiteren Abklärung zu äussern. Gemäss Arztbericht
des Kantonsspitals B._ vom 15. Juli 2022 sind derzeit keine weite-
ren urologischen Kontrollen geplant. Am 20. Juli 2022 wurde der Be-
schwerdeführer wegen akuter suizidaler Gedanken der Notfallpsychiatrie
in D._ zugewiesen.
Die aktenkundigen medizinischen Probleme und Bedürfnisse sind daher
nicht von einer derartigen Schwere, dass im Falle der Überstellung nach
Rumänien mit dem Risiko einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen
Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers ge-
rechnet werden müsste. In dieser Situation kann der Vorinstanz auch nicht
vorgehalten werden, dass sie den psychischen Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers nicht näher abklären liess – der Bedarf war ja vor der
am 20. Juli 2022 erfolgten Zuweisung auch gar nicht ausgewiesen – und
die bereits geplante urologische Abklärung nicht abwartete. Sie war dazu
mangels rechtlicher Relevanz des Sachverhalts nicht verpflichtet. Einer
Überstellung des Beschwerdeführers nach Rumänien steht Art. 3 EMRK
somit nicht entgegen. Daran ändern schliesslich auch die im Zuweisungs-
schreiben festgehaltenen suizidalen Tendenzen nichts, weil gemäss bun-
desgerichtlicher Rechtsprechung Suizidalität kein Vollzugshindernis dar-
stellt (vgl. Urteil des BGer 2C_856/2015 E. 3.2.1), was auch der Praxis des
Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. Urteil des BVGer F-3496/2020
vom 14. Juli 2020 E. 5.3.4 m.w.H.).
F-2989/2022
Seite 11
7.4 Im Übrigen geht das Bundesveraltungsgericht in ständiger Rechtspre-
chung davon aus, dass Rumänien über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur verfügt (vgl. etwa Urteile des BVGer E-1507/2022 vom 5. April
2022 E. 6.4.3, F-130/2022 vom 17. Januar 2022 E. 7.6, D-4730/2021 vom
3. November 2021 E. 8.3.1 oder F-3952/2021 vom 16. September 2021
E. 5.3). Es liegen keine substanziierten Hinweise zur Annahme der Gefahr
vor, dass dieser Dublin-Mitgliedstaat dem Beschwerdeführer im Falle der
Überstellung eine adäquate medizinische Behandlung – inkl. die im vorlie-
genden Fall als notwendig erachtete psychiatrische Abklärung samt allfäl-
liger Nachbehandlungen – verweigern würde. Die Vorinstanz war daher
auch nicht verpflichtet, vorgängig bei den rumänischen Behörden entspre-
chende individuelle Garantien einzuholen. Die Vorinstanz ist hingegen ge-
halten, die rumänischen Behörden vor der Überstellung des Beschwerde-
führers über dessen Gesundheitszustand und allfällige notwendige Be-
handlungen zu informieren (vgl. Art. 31 und 32 Dublin-III-VO).
7.5 Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Weder ist die Schweiz verpflichtet, auf das Asylgesuch einzu-
treten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt na-
helegen würden. Das SEM ist daher zu Recht auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers nicht eingetreten und hat die Überstellung nach Rumä-
nien angeordnet.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt die am 13. Juli 2022 erteilte aufschiebende Wirkung dahin.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen von der Bedürftig-
keit des Beschwerdeführers auszugehen ist und sich seine Rechtsbegeh-
ren nicht als zum Vornherein aussichtslos erwiesen haben, ist das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1
VwVG gutzuheissen. Demnach sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
F-2989/2022
Seite 12