Decision ID: 3e55d871-a467-4a1f-b9be-e6643e9a0450
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Mai 2020 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 16). Er gab an, er beziehe seit 15 Jahren Sozialhilfe.
Er habe die Schule im neunten Jahr abgebrochen und später zwei Jahre im
Strassenbau und drei Jahre als Tierpfleger in einem Zoo gearbeitet. Zeitweise sei er im
Gefängnis gewesen. Seit dem Jahr 2005 befinde er sich in einem „Methadon-
Programm“. Im Juli 2020 berichtete Dr. med. B._ von der medizinisch-sozialen
Hilfsstelle 2 (IV-act. 23–1 ff.), der Versicherte leide an einer Polytoxikomanie und
psychischen Veränderungen, an einer metabolisch-toxischen Fettlebererkrankung, an
Palpitationen bei einer inadäquaten Sinustachykardie sowie an einer
Hypercholesterinämie. Mit Unterbrüchen befinde er sich seit dem Jahr 2010 in einer
Substitutionsbehandlung. Im Vordergrund stehe insbesondere ein Alkoholüberkonsum;
er trinke etwa 5–10 Bier pro Tag. Die Prognose bezüglich einer Eingliederung oder
Erwerbstätigkeit sei eher schlecht. Der Versicherte stehe meistens unter Alkoholeinfluss
und er könne keine Verantwortung für sich oder andere übernehmen. Die Klinik für
Kardiologie des Kantonsspitals St. Gallen hatte in einem Bericht vom 19. Dezember
2019 zusätzlich einen regelmässigen Marihuanakonsum erwähnt (IV-act. 23–7 ff.). Eine
Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle notierte im Juli 2020, aufgrund der Schwere
der Polytoxikomanie, der schlechten Prognose und des Umstandes, dass der
Versicherte im Erwerbsleben nicht Fuss fassen könne, seien berufliche Massnahmen
nicht zielführend (IV-act. 24). Mit einer Mitteilung vom 23. Juli 2020 wies die IV-Stelle
das Begehren des Versicherten um berufliche Massnahmen ab (IV-act. 26).
A.a.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die SMAB AG am 9. April 2021 ein
bidisziplinäres internistisches und psychiatrisches Gutachten (IV-act. 60). Gegenüber
dem psychiatrischen Sachverständigen gab der Versicherte an, dass er seit längerem
sechs bis sieben Liter Bier pro Tag und manchmal zusätzlich Vodka trinke. Er
A.b.
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versuche, jeden Tag einen gewissen Pegel zu erreichen und zu halten. Am
Untersuchungstag habe er vor dem Beginn der Untersuchung um neun Uhr bereits
zwei Liter Bier getrunken. Die Sucht nach Alkohol sei sehr stark; er komme dagegen
nicht an. Bis vor fünf Jahren habe er regelmässig Cannabis konsumiert. Auch
diesbezüglich habe er an einem Abhängigkeitssyndrom gelitten. Im Alter von 14 Jahren
habe er begonnen, Kokain zu konsumieren. Er sei abhängig geworden, habe aber vor
vier, fünf Monaten den Konsum gestoppt, da ihm das Geld ausgegangen sei. Jetzt sei
seine finanzielle Situation wieder besser, er wolle aber nicht mehr mit dem Konsum
beginnen, um seinem Körper nicht noch mehr Schaden zuzufügen. Beim Kokain
gelinge es ihm nun, auf den Konsum zu verzichten; da sei der Drang, die Sucht nicht so
stark wie beim Alkohol. Mit 18 Jahren habe er begonnen, Heroin zu konsumieren. Vor
16 Jahren sei er ins Methadonprogramm gekommen. Zunächst habe er noch zusätzlich
weiter Heroin konsumiert. Seit zehn Jahren konsumiere er aber kein Heroin mehr.
Durch die regelmässige Methadongabe habe er dieses Problem in gewisser Weise im
Griff. LSD und Speed habe er nur gelegentlich konsumiert, aber das liege schon Jahre
zurück. Pro Tag rauche er etwa 25 Zigaretten. Im Rahmen der insgesamt 18
Haftstrafen in den letzten zehn Jahren habe er jeweils zwangsweise einen
Alkoholentzug durchgemacht, dessen Folgen mit Valium abgefangen worden seien. Die
längste Haftstrafe habe 15 Monate gedauert. Der psychiatrische Sachverständige hielt
fest, der Versicherte habe ausreichend gepflegt, aber vorgealtert gewirkt. Das
allgemeine Verhalten sei unauffällig gewesen. Im Gespräch habe rasch ein tragfähiger
Kontakt hergestellt werden können, der durchgehend aufrecht erhalten worden sei. Die
Auffassung sei nicht erschwert gewesen. Die Konzentration sei nicht gröber
beeinträchtigt gewesen. Hinweise auf intellektuelle Defizite hätten nicht vorgelegen. Die
höheren kognitiven Leistungen seien angemessen differenziert gewesen. Der
Versicherte sei bewusstseinsklar und vollständig orientiert gewesen. Er habe mit gut
modulierter Stimme gesprochen. Der formale Gedankengang sei geordnet gewesen.
Die Merkfähigkeit sowie das Kurzzeit- und das Langzeitgedächtnis hätten
unbeeinträchtigt gewirkt. Der Versicherte habe allerdings angegeben, dass die
Konzentration und die Merkfähigkeit im Tagesverlauf unter fortgesetztem
Alkoholkonsum abnähmen. Störungen des Ich-Bewusstseins, Wahngedanken,
Halluzinationen oder illusionäre Verkennungen seien nicht auszumachen gewesen. Die
Intelligenz habe sich klinisch im Normbereich liegend gezeigt. Die Willenskräfte seien
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ausreichend strukturiert und regelrecht gewesen. Der Antrieb sei nicht reduziert
gewesen. Die Stimmung und der Affekt seien psychomotorisch synthym unterstrichen
worden. Die Grundstimmung sei ausgeglichen gewesen. Der Versicherte habe nicht
unter einer Affektlabilität oder Affektinkontinenz gelitten. Zusammenfassend leide der
Versicherte an einer langjährig bestehenden Suchterkrankung. In Bezug auf Alkohol,
Opioide, Cannabis und Kokain seien sämtliche Diagnosekriterien eines
Abhängigkeitssyndroms erfüllt. Ihm könnten rein sachbezogene (keinen Kundenkontakt
erfordernde), kognitiv einfache, gleichmässige, gut vorstrukturierte, repetitive
Tätigkeiten ohne einen besonderen Zeitdruck und ohne erhöhte Anforderungen an die
emotionale Belastbarkeit zugemutet werden. In Frage kämen allerdings nur Tätigkeiten
bei Arbeitgebern, deren Firmenreglement den Alkoholkonsum während der Arbeit nicht
verbiete. Tätigkeiten mit einer Unfallgefahr seien nicht möglich. Bezüglich des Verzichts
auf Alkoholkonsum während der Arbeit bestehe eine vollständige Beeinträchtigung der
Widerstands- und Durchhaltefähigkeit. Eine in diesem Sinne adaptierte Tätigkeit sei
während 3,5 Stunden pro Tag zumutbar. Der Arbeitsfähigkeitsgrad betrage 35 Prozent.
Aus medizinischer Sicht sei eine Langzeitentwöhnung in einer spezialisierten
Suchtfachklinik zu empfehlen. Trotz der seit Jahrzehnten bestehenden psychischen
Störung und der schwierigen therapeutischen Zugänglichkeit sei eine Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit realistisch. Bezüglich der Suchterkrankung sei nämlich bereits eine
gewisse Besserung eingetreten. Der Versicherte konsumiere nur noch sehr selten
Cannabis. Kokain konsumiere er seit vier, fünf Monaten überhaupt nicht mehr. Er habe
diesen Schritt damit begründet, dass er seinen Körper nicht noch mehr schädigen
wolle. Hier biete sich ein sehr guter Ansatzpunkt für die Motivationsarbeit bezüglich
des Alkoholentzugs. Zwar erscheine es als eher wenig wahrscheinlich, dass der
Versicherte eine vollständige Abstinenz von sämtlichen Suchtmitteln erreichen werde,
aber eine Alkoholabstinenz erscheine als durchaus realistisch. Der internistische
Sachverständige führte aus, internistisch lägen ein Leberparenchymschaden bei einer
Steatosis hepatis, eine Pankreas-Lipomatose sowie eine paroxysmale
Sinustachykardie ohne Nachweis einer strukturellen Herzerkrankung vor. Diese
Diagnosen wirkten sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit aus. Aus internistischer Sicht sei
der Versicherte uneingeschränkt arbeitsfähig. Am 27. April 2021 notierte Dr. med. C._
vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD; IV-act. 61), das Gutachten der
SMAB AG sei überzeugend, was insbesondere auch für die Behandlungsempfehlungen
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gelte. Aus der Sicht des RAD empfehle sich die Weiterleitung einer Kopie des
Gutachtens an die behandelnden Ärzte.
Am 4. Juni 2021 forderte die IV-Stelle den Versicherten unter Hinweis auf dessen
Schadenminderungspflicht auf, sich für eine stationäre Langzeitentwöhnung in eine
spezialisierte Suchtfachklinik zu begeben (IV-act. 65). Der Versicherte machte am 24.
Juni 2021 geltend (IV-act. 66), er konsumiere seit knapp einem Jahr keine harten
Drogen mehr. Gerne gebe er Haar-, Urin- und Blutproben ab. Er trinke, seit er 14 Jahre
alt sei. Seit seinem 18. Lebensjahr habe er sich regelmässig in Haft befunden. Er habe
viele Entzüge durchgemacht. Man habe ihm jeweils Valium als Ersatz gegeben.
Allerdings sei er jedes Mal wieder rückfällig geworden. Der längste Entzug habe ein
Jahr gedauert. Die IV-Stelle bestand am 25. Juni 2021 auf der Erfüllung ihrer Auflagen
(IV-act. 67). Im August 2021 teilte eine Mitarbeiterin der medizinisch-sozialen Hilfsstelle
2 mit (IV-act. 69), man habe den Versicherten zur Langzeitentwöhnung ermutigt, aber
er habe sich auf den Standpunkt gestellt, er wolle die Behandlung erst zu einem
späteren Zeitpunkt durchführen. Am 9. August 2021 mahnte die IV-Stelle den
Versicherten unter Androhung der Einstellung des Verfahrens und der Verweigerung
von Rentenleistungen zur Erfüllung seiner Schadenminderungspflicht in der Form einer
Langzeitentwöhnung in einem stationären Rahmen (IV-act. 70). Am 15. November 2021
trat der Versicherte zur Langzeitentwöhnung in die Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie D._ ein. Die Klinik berichtete am 22. November 2021 (IV-act. 76), der
Versicherte habe die Behandlung bereits am 18. November 2021 wieder abgebrochen.
Beim Eintritt habe er geltend gemacht, er wolle „es mal probieren“. Sein Ziel sei es,
eine Rente der Invalidenversicherung zu beziehen. Aus medizinischer Sicht sei er als
rückfallgefährdet zu qualifizieren. Der RAD-Arzt Dr. C._ notierte im Dezember 2021,
aus medizinischer Sicht sei die Zumutbarkeit einer Langzeitentwöhnung nicht in Frage
gestellt (IV-act. 78).
A.c.
Mit einem Vorbescheid vom 3. Januar 2022 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit, dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens zufolge der Verletzung der
Schadenminderungspflicht vorsehe (IV-act. 80). Am 16. Februar 2022 verfügte sie die
Abweisung des Rentenbegehrens zufolge der Verletzung der
Schadenminderungspflicht (IV-act. 85).
A.d.
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B.
Am 17. März 2022 liess der von den Sozialen Diensten vertretene Versicherte
(nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 16.
Februar 2022 erheben (act. G 1). Seine Vertreterin beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Ausrichtung der dem Beschwerdeführer
zustehenden Leistungen. Zur Begründung führte sie aus, der Beschwerdeführer sei
durchaus gewillt, eine Abstinenz einzuhalten. In Bezug auf Kokain und Cannabis sei
ihm dies bereits gelungen. Zudem sei er seit Jahren gut in der medizinisch-sozialen
Hilfsstelle 2 integriert. Die einzige Sucht, die er nicht besiegen könne, sei der
Alkoholismus. Er trinke seit 24 Jahren. Im Rahmen von zahlreichen Haftaufenthalten
habe er mehrere Entzüge durchgeführt. Der längste Entzug habe ein Jahr gedauert,
aber auch nach diesem langen Entzug sei er wieder rückfällig geworden. Aus der im
Gutachten der SMAB AG wiedergegebenen Bemerkung, er wolle seinen Körper nicht
mehr schädigen, lasse sich ableiten, dass er den Alkoholkonsum eingestellt hätte,
wenn ihm dies möglich gewesen wäre. Offensichtlich sei eine Alkoholabstinenz
entgegen der Behauptung des psychiatrischen Sachverständigen der SMAB AG
unrealistisch.
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 23. Mai 2022
die Abweisung der Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie an, der
psychiatrische Sachverständige der SMAB AG habe überzeugend aufgezeigt, dass
dem Beschwerdeführer ein stationärer Alkoholentzug zumutbar sei. Der
Beschwerdeführer habe sich zwar in eine entsprechende Behandlung begeben, aber er
habe diese bereits nach wenigen Tagen wieder abgebrochen, ohne dass er durch
gesundheitliche Gründe dazu gezwungen gewesen wäre. Er habe damit die von der
Beschwerdegegnerin angedrohte Sanktion bewusst in Kauf genommen. Bei einem
längeren Klinikaufenthalt hätte überwiegend wahrscheinlich die Arbeitsfähigkeit erhöht
werden können.
B.b.
Dem Beschwerdeführer wurde am 31. Mai 2022 die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt (act. G 4).
B.c.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (act. G 6).B.d.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf
deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen. Dieses hat sich zunächst um die Frage nach
einem Rentenanspruch des Beschwerdeführers gedreht. Nachdem der psychiatrische
Sachverständige der SMAB AG geltend gemacht hatte, dass dem Beschwerdeführer
eine Langzeitentwöhnung in einem stationären Rahmen zumutbar sei und dass sich
dadurch die Arbeitsfähigkeit wesentlich verbessern lasse, hat sich das
Verwaltungsverfahren aber (einstweilen) auf die Frage nach der Erfüllung der
Schadenminderungspflicht des Beschwerdeführers in der Form einer
Langzeitentwöhnung in einem stationären Rahmen beschränkt. Mit der angefochtenen
Verfügung hat die Beschwerdegegnerin die Verletzung der von ihr als zumutbar
erachteten Schadenminderungspflicht „sanktioniert“. In diesem Beschwerdeverfahren
ist also ausschliesslich die Rechtmässigkeit dieser „Sanktion“ zu beurteilen.
2.
Entzieht oder widersetzt sich eine versicherte Person einer zumutbaren
Behandlung oder Eingliederung ins Erwerbsleben, die eine wesentliche Verbesserung
der Erwerbsfähigkeit oder eine neue Erwerbsmöglichkeit verspricht, oder trägt sie nicht
aus eigenem Antrieb das ihr Zumutbare dazu bei, so können ihr nach Art. 21 Abs. 4
ATSG die Leistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert werden.
Sie muss aber vorher schriftlich gemahnt und auf die Rechtsfolgen hingewiesen
werden; ihr ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen. Nicht zumutbar sind
Behandlung- oder Eingliederungsmassnahmen, die eine Gefahr für Leben und
Gesundheit darstellen. Gemäss dem Art. 7 Abs. 2 IVG muss die versicherte Person an
allen zumutbaren Massnahmen, die ihrer Eingliederung ins Erwerbsleben dienen, aktiv
teilnehmen, insbesondere an medizinischen Behandlungen nach Art. 25 KVG (lit. d). Als
zumutbar gilt nach Art. 7a IVG jede Massnahme, die der Eingliederung dient, mit
Ausnahme jener Massnahmen, die dem Gesundheitszustand nicht angemessen sind.
Laut dem Art. 7b Abs. 1 IVG können die Leistungen gekürzt oder verweigert werden,
wenn die versicherte Person ihren Pflichten nach Art. 7 IVG nicht nachgekommen ist.
2.1.
Gemäss dem überzeugenden psychiatrischen Teilgutachten der SMAB AG kann
der Beschwerdeführer selbst in einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit nur eine
Gesamtarbeitsleistung von 35 Prozent erbringen, weil er die Arbeit am Morgen bereits
2.2.
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alkoholisiert antreten, während des Tagesverlaufs ständig weiter Alkohol konsumieren
und dadurch im Verlauf des Arbeitstages zunehmend arbeitsunfähig werden wird. Nur
wenn ihm der Alkoholkonsum am Arbeitsplatz durch ein entsprechendes
Firmenreglement gestattet wäre, könnte er überhaupt 3,5 Stunden pro Tag
durchhalten. Selbst dann wird er aber nach 3,5 Stunden die Arbeit niederlegen
müssen. In diesen 3,5 Stunden wird seine Leistungsfähigkeit durch den bereits bei
Arbeitsantritt bestehenden Alkoholpegel eingeschränkt sein. Der psychiatrische
Sachverständige der SMAB AG hat überzeugend aufgezeigt, dass sich die
Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers durch einen Alkoholentzug wesentlich
verbessern liesse. Namentlich könnte dadurch der Leistungsabfall im Verlauf eines
Arbeitstages, der das zumutbare Pensum auf 3,5 Stunden pro Tag einschränkt,
vermieden oder zumindest vermindert werden, wodurch ein insgesamt höherer
Arbeitsfähigkeitsgrad des Beschwerdeführers resultieren würde. Der mit Blick auf einen
allfälligen Rentenanspruch gegenüber der Invalidenversicherung massgebende
„Schaden“ – der Verlust von Erwerbsmöglichkeiten auf dem allgemeinen und
ausgeglichenen Arbeitsmarkt – könnte folglich durch einen Alkoholentzug gemindert
werden. Damit stellt sich die Frage, ob es dem Beschwerdeführer zumutbar gewesen
ist, sich einer Langzeitentwöhnung in einem stationären Rahmen zu unterziehen. Der
Art. 21 Abs. 4 ATSG wie auch die Art. 7 ff. IVG bezeichnen nur solche Massnahmen
explizit als unzumutbar, die eine Gefahr für Leib und Leben darstellen. Daraus kann
aber nicht im Sinne eines Umkehrschlusses gefolgert werden, dass all jene
Massnahmen, die keine Gefahr für Leib und Leben darstellen, per se zumutbar seien.
Nach Art. 18 Abs. 2 MVG gilt eine medizinische Behandlung etwa nur dann als
zumutbar, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit eine erhebliche Besserung verspricht.
Bei der Zumutbarkeitsprüfung ist auch der Schwere des mit der Massnahme
verbundenen Eingriffs in die Versichertenpersönlichkeit Rechnung zu tragen (vgl. Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 21 N 136, mit Hinweisen). Zu beachten ist
schliesslich, das eine Leistungskürzung infolge der Verletzung einer
Schadenminderungspflicht nach Art. 32 lit. f des IAO-Übereinkommens Nr. 128 vom
29. Juni 1967 (SR 0.831.105) nur dann zulässig ist, wenn die Verletzung der
Schadenminderungspflicht ohne einen triftigen Grund erfolgt ist. Gemäss den
Ausführungen des psychiatrischen Sachverständigen der SMAB AG hätte ein
Alkoholentzug nur dann Aussicht auf Erfolg gehabt, wenn er im Rahmen einer
stationären Langzeitbehandlung durchgeführt worden wäre, was bedeutet, dass der
Beschwerdeführer sich stationär für mehrere Monate in eine spezialisierte Klinik hätte
begeben müssen. Damit wäre ein erheblicher Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte
verbunden gewesen, der allerdings vorliegend unter Berücksichtigung sämtlicher
Umstände zumutbar gewesen wäre. Besonders ins Gewicht fällt, dass eine „mildere“
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3.
Massnahme zum Vorneherein keine Erfolgsaussichten gehabt hätte. Zudem hat der
Beschwerdeführer zwar in der Vergangenheit mehrere Entzüge durchgemacht, aber
diese sind jeweils zwangsweise im Rahmen der Verbüssung einer Haftstrafe erfolgt.
Der Beschwerdeführer hat nie versucht, sich in einer spezialisierten Klinik einer
Entwöhnungsbehandlung zu unterziehen. Er hat zwar geltend gemacht, dass er in den
vergangenen Jahren mehrere Entzüge ohne einen bleibenden Erfolg durchgeführt
habe, aber solange er nicht einen Versuch unternommen hat, die vom psychiatrischen
Sachverständigen der SMAB AG empfohlene stationäre Langzeitentwöhnung
durchzuführen, können die konkreten Erfolgsaussichten nicht beurteilt werden,
weshalb die Beurteilung der Erfolgsaussichten bis dahin zwingend anhand der vom
psychiatrischen Sachverständigen der SMAB AG angeführten allgemeinen statistischen
Erfahrungen und Literaturangaben erfolgen muss, was zur Folge hat, dass die
Erfolgsaussichten als durchaus vorhanden bis gut zu qualifizieren sind. Der
Beschwerdeführer hat einen ersten Versuch einer solchen Langzeitentwöhnung bereits
nach wenigen Tagen abgebrochen, aber daraus kann selbstverständlich nicht gefolgert
werden, er sei nicht in der Lage, eine solche stationäre Langzeitentwöhnung
durchzustehen. Der Beschwerdeführer hat keinen nachvollziehbaren Grund für den
Abbruch angeführt, weshalb keine Veranlassung zur Annahme besteht, medizinische
oder andere zwingende Gründe hätten eine stationäre Langzeitentwöhnung
verunmöglicht. Zu berücksichtigen ist schliesslich der Umstand, dass der
Beschwerdeführer, wenn eine solche Langzeitentwöhnung nicht von ihm verlangt
worden wäre, für fast 30 Jahre – bis zum Erreichen des ordentlichen Rentenalters –
eine Rente erhalten würde, obwohl realistischerweise damit gerechnet werden kann,
dass eine stationäre Langzeitentwöhnung zu einer erheblichen Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit und damit zu einem entsprechend tieferen Invaliditätsgrad führen
würde, was zur Folge hätte, dass dem Beschwerdeführer nur eine wesentlich tiefere
oder gar keine Rente auszurichten wäre. Insgesamt muss die Langzeitentwöhnung in
einer spezialisierten Klinik folglich als zumutbar qualifiziert werden.
Die Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer mehrfach klar darauf
hingewiesen, wie er seine Schadenminderungspflicht in der Form einer
Langzeitentwöhnung zu erfüllen habe. Sie hat ihm eine ausreichend lange
Reaktionszeit gewährt und sie hat die Folgen einer (weiter andauernden) Verletzung der
Schadenminderungspflicht explizit angedroht. Damit hat sie den Anforderungen des
Art. 21 Abs. 4 ATSG an eine rechtmässige „Sanktionierung“ einer Verletzung der
Schadenminderungspflicht vollumfänglich Rechnung getragen, weshalb die
angefochtene Verfügung als rechtmässig zu qualifizieren ist.
2.3.
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Die Beschwerde ist abzuweisen. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten wären an sich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen
Prozessführung ist er von der Pflicht, die Gerichtskosten zu bezahlen, befreit. Sollten
es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird er zur Nachzahlung
verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 i.V.m. Art. 123 ZPO).