Decision ID: 582d7b7f-6759-5d15-92b5-33b372dbb595
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, gemäss eigenen Angaben ein afghanischer Staats-
angehöriger tadschikischer Ethnie und schiitischen Glaubens aus dem Dis-
trikt B._ (Provinz Herat) mit letztem Wohnsitz in Herat, verliess sei-
nen Heimatstaat am 6. September 2015. Er reiste via Pakistan, Iran, Tür-
kei, Griechenland und weitere Länder nach Österreich. Am 31. Oktober
2015 reiste er mit dem Zug in die Schweiz ein und suchte am selben Tag
um Asyl nach.
B.
Am 27. November 2015 erhob das SEM die Personalien des Beschwerde-
führers und befragte ihn zum Reiseweg und summarisch zu den Gründen
für das Verlassen des Heimatlandes. Am 22. August 2016 hörte ihn das
SEM einlässlich zu den Asylgründen an.
Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuches im
Wesentlichen vor, sein Vater sei (...) und besitze Land. Finanziell hätten
sie keine Probleme gehabt. Am 25. Januar 2015 sei er (der Beschwerde-
führer) von unbekannten Kriminellen entführt worden und 13 Tage lang in
einem Tierstall festgehalten und misshandelt worden. Sein Vater habe die
Entführung bei den afghanischen Behörden auf Distrikt- und Provinzebene
angezeigt. Er habe jedoch keine Hilfe erhalten, weshalb er zu den Dorfäl-
testen und zum Imam gegangen sei, welche ihm beim Vermitteln geholfen
hätten. Nachdem sein Vater ein Lösegeld von 15‘000 Dollar für ihn bezahlt
habe, sei er freigekommen. Nach seiner Freilassung habe er erfahren,
dass seine Mutter nach seiner Entführung einen Herzinfarkt erlitten habe
und gestorben sei, was ihn sehr belaste. Er sei nach seiner Freilassung
während zwei oder drei Wochen täglich am Grab seiner Mutter gewesen.
Danach habe ihn sein Vater immer mitgenommen, da es ihm in den folgen-
den sieben oder acht Monaten psychisch schlecht gegangen und er abwe-
send gewesen sei. Er habe immer in Angst gelebt. Die Polizei, die Richter
und die Staatsanwaltschaft hätten ihnen auch nicht geholfen, sondern nur
zugehört, aber nichts unternommen. Als der Beschwerdeführer im sechs-
ten Monat beim Gericht erschienen sei, sei der Richter nicht anwesend ge-
wesen. Sie hätten einen Anwalt engagiert. Es sei jedoch niemand verhaftet
worden und der Fall sei ohne Ergebnisse abgeschlossen worden. Einmal
sei ihr Auto von einem Geländewagen angefahren worden. Sein Vater sei
aber weitergefahren und habe aus Angst vor Problemen keine Meldung
machen wollen. Sein Vater sei telefonisch regelmässig bedroht worden und
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sehr gestresst gewesen. Der Vater habe ihm aber nichts Genaueres er-
zählt. Als eines Abends der Nachbar zu ihnen gekommen sei und ihnen
erzählt habe, dass sein Sohn von Unbekannten angehalten worden, ihm
das Motorrad abgenommen und er geschlagen worden sei, weil sie ihn mit
ihm (dem Beschwerdeführer) verwechselt hätten, habe ihm sein Vater ge-
sagt, er müsse ausreisen, weil er nicht mehr sicher sei. Wenn er zurück-
kehre, werde er nochmals entführt und es könne sein, dass sein Vater das
geforderte Geld nicht bereitstellen könne und er deswegen getötet werde.
Der Beschwerdeführer reichte seine Tazkira, ein Schulzeugnis, je eine An-
zeige bei der Provinzpolizei Herat und der Distriktpolizei B._ betref-
fend die Entführung und eine Bestätigung der Anzeige durch die Provinz-
polizei an die Distriktpolizei ein.
C.
Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 1. März 2017 stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und
lehnte sein Asylgesuch vom 31. Oktober 2015 ab. Gleichzeitig verfügte es
die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und ordnete den
Vollzug der Wegweisung an.
D.
Mit Eingabe vom 3. April 2017 liess der Beschwerdeführer mittels seines
Rechtsvertreters gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei in
den Dispositivziffern 3-5 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei er vorläufig aufzunehmen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht liess er zudem beantragen, es sei die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses zu verzichten und ihm in der Person des Unterzeichnenden
ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen.
Mit der Beschwerde wurden ein psychiatrischer Bericht von PD Dr. med.
C._ vom 16. März 2017, zwei Berichte von der Schweizerischen
Rückversicherungs-Gesellschaft (SwissRe), “Herat: a security risk analy-
sis“ und “Afghan security force corruption assessment“ vom März 2017,
eine Einschätzung von D._, Internationales Komitee vom Roten
Kreuz (IKRK) Pakistan vom 25. März 2017 und Anmerkungen vom Amt des
Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) zur Situ-
ation in Afghanistan auf Anfrage des deutschen Bundesministeriums des
Innern vom Dezember 2016 eingereicht.
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E.
Mit Verfügung vom 6. April 2017 stellte die Instruktionsrichterin fest, der
Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten und hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgebestä-
tigung sowie unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen Lage des
Beschwerdeführers gut.
F.
Der Beschwerdeführer reichte am 7. April 2017 eine Fürsorgebestätigung
ein.
G.
Mit Verfügung vom 12. April 2017 hiess der zuständige Instruktionsrichter
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR
142.31), gut und ordnete den rubrizierten Rechtsvertreter als amtlicher
Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig gab er dem SEM Gelegenheit, eine Ver-
nehmlassung zur Beschwerde vom 3. April 2017 einzureichen.
H.
Mit Vernehmlassung vom 26. April 2017 hielt das SEM fest, die Beschwer-
deschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel,
die eine Änderung seines Entscheides rechtfertigen könnten.
I.
Mit der Replik vom 18. Mai 2017 wurden ein Arztbericht von Dr. med.
E._, (...) vom 10. April 2017, eine Zusammenstellung von E-Mail-
Auszügen von F._, Begleiter (...), ein Schreiben von G._
und H._ vom 14. Mai 2017 und eine Kopie eines Rezeptes und ei-
ner Medikamentenverpackung eingereicht.
J.
Mit Eingabe vom 12. September 2017 wurden dem Bundesverwaltungsge-
richt ein Zwischenbericht der (...) vom 21. August 2017, eine Pressemel-
dung von United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) und
focus.de zum Anschlag in Herat vom 1. August 2017, Spitalunterlagen zu
den Verletzungen des Bruders des Beschwerdeführers in Kopie, eine Be-
stätigung der Zugehörigkeit zur schiitischen Glaubensrichtung in Kopie und
die Honorarnote des Rechtsvertreters zugestellt.
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Seite 5
K.
Am 22. November 2017 reichte der Beschwerdeführer mittels seines
Rechtsvertreters die Bestätigung seiner Glaubensrichtung im Original in-
klusive Übersetzung, eine Bestätigung des Ortsvorstehers betreffend die
Verletzungen seines Bruders inklusive Übersetzung, die bereits in Kopie
eingereichten Spitalunterlagen im Original inklusive Übersetzung der rele-
vanten Passagen, der Versandumschlag und die Rechnung für die Kosten
der Übersetzungen ein.
L.
Am 25. Mai 2018 reichte der rubrizierte Rechtsvertreter eine Rechnung des
vormaligen Rechtsvertreters, Rechtsanwalt Babak Fargahi, vom 17. März
2017, eine Rechnung von PD Dr. med. C._ für die im Auftrag des
vorgenannten Rechtsanwalts erfolgte Erstellung eines psychiatrischen
Gutachtens den Beschwerdeführer betreffend, sowie einen Zahlungsbeleg
ein.
M.
Mit Eingabe vom 30. Dezember 2020 teilte der Beschwerdeführer mittels
seines Rechtsvertreters mit, dass sein Vater am (...) 2020 im Alter von rund
(...) Jahren verstorben sei. Eine offizielle Todesbestätigung existiere nicht,
lediglich ein Foto vom Grab habe er erhältlich machen können. Mit dem
Hinschied des Vaters halte sich nur noch sein Bruder in der Region auf,
welcher je nach Sicherheitslage zwischen Iran und Afghanistan hin und her
pendle. Er reichte eine Kopie eines Fotos vom Grab seines Vaters ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG, Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
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(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden.
1.4 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft und die Ablehnung des Asylge-
suches werden in der Beschwerde vom 3. April 2017 nicht angefochten.
Aufgrund der Beschwerde ist sodann davon auszugehen, dass sich diese
einzig gegen den angeordneten Vollzug der Wegweisung richtet. Zwar wird
formell auch die Aufhebung der Ziffer 3 des Dispositivs der angefochtenen
Verfügung beantragt, in welcher die Wegweisung des Beschwerdeführers
aus der Schweiz verfügt wird. Indessen wird nicht dargelegt, weshalb das
SEM die Wegweisung, welche als solche Regelfolge der Ablehnung eines
Asylgesuchs bildet (Art. 44 Abs. 1 AsylG), zu Unrecht verfügt haben soll.
Gegenstand des Beschwerdeverfahrens bildet somit einzig die Frage, ob
die Sache im Vollzugspunkt an das SEM zur Neubeurteilung zurückzuwei-
sen ist oder das SEM den Vollzug der Wegweisung zu Recht angeordnet
hat (vgl. Art. 44 AsylG) beziehungsweise, ob entsprechend den Rechtsbe-
gehren und der Beschwerdebegründung infolge Unzulässigkeit oder Unzu-
mutbarkeit an Stelle des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Auf-
nahme anzuordnen ist (Art. 44 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 AIG).
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Seite 7
4.
4.1 Das SEM führt betreffend den Wegweisungsvollzug aus, dass der
Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG nicht ange-
wandt werde, da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
fülle. Ferner ergäben sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür, dass
ihm im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung
drohe. Das Bundesverwaltungsgericht halte in BVGE 2011/7 fest, dass sich
die Sicherheitslage und die humanitäre Situation in Afghanistan derart ver-
schlechtert habe, dass – ausser allenfalls in den Grossstädten – von einer
existenzbedrohenden Situation im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszuge-
hen sei. In BVGE 2011/38 habe es sich konkret zur Situation in Herat ge-
äussert und erachte die Sicherheitslage in Herat vergleichbar mit derjeni-
gen in Kabul. Seit dem kontinuierlichen Abzug der International Security
Assistance Force (ISAF) im Jahr 2014 könne eine Zunahme von Sicher-
heitsvorfällen beobachtet werden. Trotzdem könne nicht auf eine Situation
allgemeiner Gewalt geschlossen werden, weshalb an der bisherigen
Rechtsprechung festzuhalten sei. Eine Rückkehr nach Herat sei somit nicht
generell unzumutbar, sondern könne unter begünstigenden Umständen als
zumutbar erkannt werden. Der Beschwerdeführer stamme aus Herat. In
Anbetracht der obigen Ausführungen erachte das SEM den Vollzug der
Wegweisung in den Heimatstaat generell als zumutbar. Er sei ein junger,
gesunder Mann. Er sei in Herat aufgewachsen und habe gemäss seinen
Angaben bis zur elften Klasse die Schule besucht. Danach habe er im fa-
milieneigenen (...) gearbeitet. Er sollte sich deshalb mit den örtlichen Ge-
gebenheiten gut zurechtfinden. Sein Vater sowie sein Bruder würden wei-
terhin in Herat in einem Haus leben, das seiner Familie gehöre. Er stamme
zudem aus einer vergleichsweise wohlhabenden Familie und stehe in re-
gelmässigem Kontakt mit seinem Vater. Es müsse daher davon ausgegan-
gen werden, dass er über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz ver-
füge, das ihm bei der Wiederaufnahme und Wiedereingliederung in die Ge-
sellschaft Unterstützung bieten könne. Aus den Akten ergäben sich letztlich
keine Hinweise, die dagegensprächen, dass er sich aufgrund seines Alters,
seiner Verfassung und seines Beziehungsnetzes rasch wieder in seinem
Heimatland integrieren und ein Auskommen finden könne. Demzufolge er-
weise sich der Vollzug der Wegweisung in den Heimatstaat als zumutbar.
4.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, dass die
Vorinstanz die geltend gemachte psychische Erkrankung des Beschwer-
deführers unberücksichtigt gelassen habe. So habe der Beschwerdeführer
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seinen psychischen Zustand anlässlich der Anhörung wie folgt umschrie-
ben: „[...] Aber ich hatte keinen normalen psychischen Zustand. Ich war
fast immer in Abwesenheit ich habe hier immer noch Probleme. Ich habe
Angst vor lauten Stimmen. Ich habe Angst vor Hupen. Und wenn jemand
schnell direkt auf mich zukommt, habe ich auch Angst. [...]“ (A13/20 F74).
Dieser Aussage sei klarerweise die Existenz eines psychischen Leidens zu
entnehmen und die Vorinstanz wäre im Sinne der Untersuchungsmaxime
gehalten gewesen, weitere diesbezügliche Abklärungen zu tätigen. Dem
ausführlichen fachärztlichen Bericht von PD Dr. med. C._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, sei zu entnehmen, dass der Beschwer-
deführer seit seiner Entführung an einer posttraumatischen Belastungsstö-
rung (PTBS) leide. Gemäss dem Psychiater dürfe die Symptomatik (er-
höhte Erregbarkeit, Schlaflosigkeit, Albträume, Flashbacks, psychosomati-
sche Beschwerden wie hartnäckige Kopfschmerzen) bei einer Wegwei-
sung in sein Heimatland akut verstärkt werden und bedrohliche Ausmasse
annehmen, weil er dort weiterhin den Verfolgungsmassnahmen durch die
kriminellen Banden ausgesetzt wäre. Aus psychiatrischer Sicht wäre des-
halb eine Wegweisung nicht gerechtfertigt, da diese mit einer bedrohlichen
Verschlechterung seines Gesundheitszustandes verbunden wäre.
Dadurch, dass die Vorinstanz in Missachtung des Untersuchungsprinzips
den rechtserheblichen Sachverhalt nicht umfassend festgestellt hat, ver-
letze sie das rechtliche Gehör, was eine Rückweisung der Sache zur Neu-
beurteilung erforderlich mache.
Des Weiteren sei es dem Beschwerdeführer gelungen, die Verfolgung
durch die kriminelle Bande glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz äussere
zu Recht keine Zweifel an den Vorbringen. Auch wenn diese Verfolgung
nicht auf einem asylbeachtlichen Motiv beruhe, sei sie dennoch im Rahmen
des Wegweisungsvollzugs zu berücksichtigen, was die Vorinstanz unter-
lassen habe.
Das Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil E-688/2017 vom 6. März
2017 zur Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs aufgrund von Art. 3
EMRK festgehalten, dass die beim Wegweisungsvollzug drohende un-
menschliche Behandlung einen minimalen Schweregrad erreichen müsse,
damit der Geltungsbereich von Art. 3 EMRK eröffnet sei und der Beschwer-
deführer müsse eine konkrete Gefahr (real risk) nachweisen oder glaubhaft
machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche
Behandlung drohen würden. Art. 3 EMRK könne dem Wegweisungsvollzug
auch dann entgegenstehen, wenn die zu befürchtende Misshandlung von
Privaten drohe, sofern ausgeschlossen scheine, dass die Behörden einen
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wirksamen Schutz gewährleisten könnten. Die Sicherheitslage in Afghanis-
tan und insbesondere auch in Herat habe sich in den letzten Jahren ge-
mäss mehreren Länderberichten verschlechtert. Berichte der UNAMA, des
UNHCR, des European Asylum Office (EASO) und der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) würden auf das Problem von Entführungen von ver-
mögenden Personen oder deren Familienmitglieder zwecks Erpressung
von Lösegeld hinweisen. Fraglich sei mithin, ob die Sicherheitsbehörden
Herats in der Lage seien, der Zivilbevölkerung effizienten Schutz vor sol-
chen Entführungen zu bieten. Gemäss dem Bericht der SFH behaupte der
neue Polizeichef Abdul Majid Rozi, dass die Entführungen seit seinem
Amtsantritt im Februar 2015 um 90 Prozent abgenommen hätten. Zuvor
habe es in Herat zehn Entführungen pro Woche gegeben. Saher Khatibi,
der Leiter der Handelskammer in Herat, widerspreche dieser Aussage; er
meine, dass die Anzahl Entführungen leicht abgenommen hätten. Rafiq
Shahir, ein lokaler Parlamentarier, berichte im Juli 2015, dass er von fünf
bis sechs Entführungen in der letzten Woche gehört habe. Nach der Ent-
führung von drei Frauen im Juli 2015 im Distrikt B._ in Herat kriti-
siere der Vorsitzende des Provinzrates Kamran Alizai die Haltung der Re-
gierung. Sie gehe inkonsistent und zu nachsichtig gegen die Entführer vor.
Es scheine, als ob die Sicherheitsbehörden in Herat Schwierigkeiten beim
effizienten Verfolgen von Straftaten hätten. Noch aktuellere und konkretere
Informationen über die Sicherheitslage in Herat und die Schutzmöglichkei-
ten der dortigen Behörden gingen aus den beiden beiliegenden Einschät-
zungen von Swiss Re und Herrn D._, einem leitenden Mitarbeiter
vom IKRK in Pakistan, der mehrere Jahre in Afghanistan als (...) tätig ge-
wesen sei, hervor. Der Risikoanalyse von Swiss Re zufolge sei die Entfüh-
rungsrate in Herat derart gross, dass die Provinz den Ruf des Entführungs-
hauptortes Afghanistans übernommen habe. So seien insbesondere reiche
Zivilpersonen stark gefährdet, entführt zu werden. Die Korruption der Si-
cherheitsbehörden müsse als eines der grössten Probleme des Landes
qualifiziert werden. Gemäss verschiedenen Studien sei das Vertrauen der
Bevölkerung in die Polizei und Justiz tief. Die Korruption habe zur Folge,
dass die Sicherheitsbehörden nicht mehr in der Lage seien, Recht und Ord-
nung aufrechtzuerhalten. D._ berichte von Sicherheitsvorfällen, die
er selbst in West-Afghanistan während seinen dortigen Einsätzen erlebt
habe. So seien im Jahr 2011 zwei IKRK-Mitarbeiter im selben Distrikt
B._ wie der Beschwerdeführer entführt worden, um anschliessend
für deren Befreiung Lösegeld zu fordern. Obwohl die Polizei Herats damals
immer noch Unterstützung durch internationale Streitkräfte gehabt habe,
habe sie trotzdem Schwierigkeiten gehabt, sogar einfachste polizeiliche
Dienste in der Stadt Herat, geschweige denn in ländlichen Gebieten wie
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B._, auszuführen. Hinzu sei gekommen, dass die Gruppe, welche
die IKRK-Mitarbeitenden entführt habe, stark durch ein Seniorenmitglied
des Justizministeriums unterstützt worden sei. Des Weiteren weise
D._ im Schreiben darauf hin, dass kriminelle Banden im westlichen
Teil Afghanistans auf den Schutz oder die Unterstützung der örtlichen Si-
cherheitsbehörden angewiesen seien und zuweilen auch erhielten. Es sei
zu bezweifeln, dass die dortigen Sicherheitsbehörden in der Lage seien,
dem Beschwerdeführer adäquaten Schutz vor Verfolgung zu bieten. Eine
strikte Trennung zwischen den kriminellen Gruppierungen und den staatli-
chen Strukturen, welche solche Gruppierungen zu bekämpfen hätten,
könne also nicht vorgenommen werden. Die Korruption der Sicherheitsbe-
hörden Herats sei demnach ein grosses Problem der Provinz und verhin-
dere effiziente Einsätze und Strafverfolgungen der Polizei und Justiz. Diese
sowohl allgemeinen als auch konkreten Informationen würden sich auch
mit den Aussagen des Beschwerdeführers anlässlich der Anhörung de-
cken. So habe die Polizei zwar die Anzeige wegen Entführung entgegen-
genommen, aber nicht wirklich weiterverfolgt, weil sie nicht in der Lage
dazu gewesen sei (vgl. Akte A13/20 F75) und in den ländlichen Gebieten
ohnehin kaum Straftaten verfolge, insbesondere wenn es sich nicht um re-
gierungsnahe Opfer handle (vgl. Akte A13/20 F83). Da sich die Sicherheits-
lage in Herat seither verschlechtert habe, sei davon auszugehen, dass die
Polizei auch bei einer erneuten Entführung kaum in der Lage oder aufgrund
eigener Interessen gar nicht willens wäre, den Beschwerdeführer zu schüt-
zen. Die vom Beschwerdeführer eindrücklich beschriebenen 13 Tage Haft,
in denen er auf übelste Weise gefoltert worden sei, erreiche klarerweise
einen ausreichenden Schweregrad. Ein "real risk" vor weiterer Verfolgung
sei vor allem deshalb als gegeben zu erachten, weil auch nach der Freilas-
sung des Beschwerdeführers weitere Versuche von den Kriminellen unter-
nommen worden seien, dem Beschwerdeführer nachzustellen, um erneut
Lösegeld von seinem weiterhin wohlhabenden Vater zu erpressen. Im vom
SEM erwähnten Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts E-688/2017
vom 6. März 2017 sei es um einen Afghanen gegangen, der nach einem
Streit mit einem Talibanjungen während eineinhalb Jahren bis zur Ausreise
keine konkreten Probleme mehr mit den Taliban gehabt habe, weshalb die
Existenz eines "real risk" verneint worden sei. Der vorliegende Fall unter-
scheide sich von diesem Fall insbesondere darin, dass der Beschwerde-
führer auch nach seiner Freilassung weiterhin verfolgt worden sei. Folglich
sei bei ihm die Existenz einer konkreten Gefährdung gegeben. Zusammen-
fassend müsse demnach davon ausgegangen werden, dass er bei einer
Rückweisung nach Afghanistan mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut ent-
führt und gefoltert werde und dagegen keinen adäquaten Schutz von den
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Seite 11
afghanischen Behörden erhalten könnte. Somit werde der Beschwerdefüh-
rer in ein Land zurückgewiesen, indem ihm unmenschliche Behandlung
drohe. Der Wegweisungsvollzug verstosse deshalb gegen Art. 3 EMRK
und sei damit unzulässig.
Beim Beschwerdeführer seien aufgrund seiner schweren psychischen Be-
lastung keine begünstigenden Umstände im Sinne der aktuellen Recht-
sprechung ersichtlich, die den Wegweisungsvollzug nach Herat als zumut-
bar erscheinen liessen. Dazu komme, dass er sich in der Schweiz in Anbe-
tracht seiner noch nicht langen Anwesenheit schon erstaunlich gut habe
integrieren können. Der Wegweisungsvollzug sei folglich auch unzumut-
bar.
4.3 Das SEM hält dem in seiner Vernehmlassung entgegen, dass der Be-
schwerdeführer im Rahmen der Anhörung zwar erwähnt habe, dass er
nach seiner Entführung psychische Probleme gehabt habe und sich auch
heute noch vor lauten Geräuschen fürchte. Dies sei eine nachvollziehbare
Reaktion eines Entführungsopfers. Zum Zeitpunkt des Entscheides seien
aber den Akten und den weiteren Aussagen des Beschwerdeführers keine
Hinweise zu entnehmen, wonach dieser aufgrund eines psychischen Lei-
dens in der Schweiz in medizinischer Behandlung gewesen wäre oder eine
medizinische Notlage vorliegen würde. Zum nachgereichten Arztbericht
vom 16. März 2017 sei festzuhalten, dass zunächst erstaune, dass der Be-
schwerdeführer erst nach dem negativen Asylentscheid des SEM zum ers-
ten Mal einen Psychiater in der Schweiz aufgesucht habe. Daher sei frag-
lich, inwieweit tatsächlich ein derart schwerer persönlicher Leidensdruck
und eine akute Behandlungsbedürftigkeit aufgrund der PTBS bestanden
hätten und weiterhin bestünden. Dem Arztbericht sei des Weiteren nicht zu
entnehmen, welche Behandlung oder Medikation im vorliegenden Fall an-
gezeigt wäre und weshalb eine solche in Afghanistan nicht gewährt werden
könne. Ungeachtet dessen, könne nicht ausgeschlossen werden, dass
sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers bei einer Rückkehr
nach Afghanistan verschlechtern könnte. Hierzu sei aber erwähnt, dass
medizinische Abklärungen des SEM im Juni 2015 in einem ähnlich gela-
gerten Fall einer PTBS ergeben habe, dass psychiatrische-psychothera-
peutische Behandlungsmöglichkeiten in der öffentlichen Mental Health Cli-
nic in Herat bestünden und entsprechende Medikamente (Psychophar-
maka sowie Schlaf- und Beruhigungsmedikamente) in der erwähnten Klinik
sowie Apotheken in Herat verfügbar seien. Daher bestehe für das SEM
aufgrund des eingereichten Arztberichtes derzeit kein Anlass, von der An-
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Seite 12
ordnung des Wegweisungsvollzugs abzusehen. Im Falle einer akuten Ver-
schlechterung des Gesundheitszustands bleibe es dem Beschwerdeführer
jedoch weiterhin möglich, einen ausführlichen Arztbericht nachzureichen.
4.4 In der Replik wird geltend gemacht, der Vorinstanz sei insofern Recht
zu geben, als im fraglichen Zeitpunkt noch keine Diagnose von einer Fach-
person vorgelegen habe und somit das psychische Leiden des Beschwer-
deführers noch nicht klar und fachkundig erfasst worden sei. Dass jedoch
mehrere Hinweise auf eine psychische Beeinträchtigung bereits damals
vorgelegen seien und sich auch aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers ableiten liessen, könne nicht bestritten werden. Auch vom Umfeld des
Beschwerdeführers sei jedenfalls schon Monate vor dem Entscheid be-
merkt worden, dass es ihm gesundheitlich nicht gut gehe. Aus den E-Mail-
Auszügen von Herrn F._ gingen verschiedene Meldungen unter an-
derem auch ans Sozialamt hinsichtlich des Gesundheitszustands des Be-
schwerdeführers hervor. Bereits seit Januar 2017 hätten sich I._
und H._ bei der (...) um eine psychiatrische Abklärung des Be-
schwerdeführers bemüht, wo nach längerer Wartezeit am 6. April 2017 ein
Vorgespräch habe stattfinden können. Aktuell sei der Beschwerdeführer
auf der Warteliste sowohl für das ambulante Projekt „(...)“ als auch für eine
stationäre Behandlung. Es hätten sich längere Zeit medizinische Laien mit
den gesundheitlichen Problemen des Beschwerdeführers auseinanderge-
setzt. Gleichzeitig habe man sich bereits vor dem Entscheid der Vorinstanz
um einen Termin bei einem Facharzt für eine professionelle Abklärung und
Behandlung bemüht. Bevor ein solcher Termin habe vereinbart werden
können, sei der Entscheid vom SEM ergangen, weshalb aus Zeitgründen
PD Dr. med. C._ um eine “einmalige“ psychiatrische Begutachtung
gebeten worden sei. Wie aus den beiliegenden Fotos vom Rezept hervor-
gehe, habe er dem Beschwerdeführer ein Schlafmittel (Dermadorm) ver-
schrieben. Welche Medikation ob der PTBS künftig nötig sein werde, sei
noch offen und dürfe dereinst von der (...) festgelegt werden. Dem Verweis
der Vorinstanz auf die Behandlungsmöglichkeiten in Herat sei die nach wie
vor geltende Rechtsprechung entgegenzuhalten. Beispielsweise im Urteil
E-7578/2016 [recte: E-7578/2014] vom 5. September 2016 sei bekräftigt
worden, dass die Zumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs nach Kabul
nur mit grösster Zurückhaltung anzunehmen sei. Gestützt auf die Recht-
sprechung in BVGE 2011/38 zu Herat gälten hier die gleichen Massstäbe.
Die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs setze denn auch voraus, dass
die betroffene Person keine schwerwiegenden gesundheitlichen Beein-
trächtigungen habe. Nachdem beim Beschwerdeführer eine PTBS diag-
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Seite 13
nostiziert worden sei und selbst eine stationäre Behandlung im Ambulato-
rium für Traumafolgestörungen vom (...) angezeigt erscheine, lägen beim
Beschwerdeführer zweifelsohne schwerwiegende gesundheitliche Beein-
trächtigungen vor, die dem Wegweisungsvollzug entgegenstünden.
5.
5.1 in der Beschwerde wird geltend gemacht, der angefochtene Entscheid
der Vorinstanz habe die Abklärungspflicht verletzt, stelle den Sachverhalt
nicht vollständig fest und sei nicht rechtsgenüglich begründet worden.
5.2 Im Asylverfahren – wie im Übrigen Verwaltungsverfahren – gilt der Un-
tersuchungsgrundsatz. Die Asylbehörde hat den rechtserheblichen Sach-
verhalt vor ihrem Entscheid von Amtes wegen vollständig und richtig abzu-
klären (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG, Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Sie
hat die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunterlagen zu be-
schaffen und die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und darüber
ordnungsgemäss Beweis zu führen. Gestützt auf Art. 8 AsylG hat die asyl-
suchende Person demgegenüber die Pflicht und unter dem Blickwinkel des
rechtlichen Gehörs im Sinne von Art. 29 ff. VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV
das Recht, an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken.
Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 VwVG,
Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt zudem, dass die verfügende Behörde die
Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft
und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der
Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG).
Ferner soll die Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermöglichen,
den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur der Fall
ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über
die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können, wobei sich die
verfügende Behörde allerdings nicht ausdrücklich mit jeder tatbeständli-
chen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen
muss, sondern sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken
kann. Die Begründungsdichte richtet sich dabei nachdem Verfügungsge-
genstand, den Verfahrensumständen und den Interessen des Betroffenen,
wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interes-
sen des Betroffenen – und um solche geht es bei der Frage der Gewährung
des Asyls – eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2008/47
E. 3.2 S. 674 f.).
D-1979/2017
Seite 14
5.3
5.3.1 Festzuhalten ist zunächst, dass das SEM die vom Beschwerdeführer
erstmals anlässlich der BzP und später anlässlich der Anhörung geltend
gemachten gesundheitlichen Probleme (vgl. Akten A6/12 Ziff. 8.02, 9.01,
A13/20 F52 f., F72, F74) in der angefochtenen Verfügung weder im Sach-
verhalt noch in der Begründung erwähnt hat. Das SEM stellte in der ange-
fochtenen Verfügung sogar fest, beim Beschwerdeführer handle es sich
um einen jungen gesunden Mann. Angesichts dessen, dass der Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers zumindest hinsichtlich der Frage der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs von Bedeutung sein kann, hat das
SEM vorliegend den Sachverhalt nicht vollständig und nicht richtig festge-
stellt und die Begründungspflicht im Zusammenhang mit dem Wegwei-
sungsvollzug verletzt.
5.3.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur. Eine Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs führt deshalb grundsätzlich, das heisst unge-
achtet der materiellen Auswirkungen, zur Aufhebung des daraufhin ergan-
genen Entscheides (vgl. BVGE 2014/22 E. 5.3, 2012/24 E. 3.4; 2009/53
E. 7.3; 2008/47 E. 3.3.4; 2008/14 E. 4.1; 2007/30 E. 8.2; 2007/27 E. 10.1).
Die Heilung von Gehörsverletzungen aus prozessökonomischen Gründen
ist auf Beschwerdeebene nur möglich, sofern das Versäumte nachgeholt
wird, die Beschwerdeführenden dazu Stellung nehmen können, die festge-
stellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist, die fehlende Entscheid-
reife durch die Beschwerdeinstanz mit vertretbarem Aufwand hergestellt
werden kann und der Beschwerdeinstanz im streitigen Fall die freie Über-
prüfungsbefugnis zukommt (vgl. BVGE 2014/22 E. 5.3, 2012/24 E. 3.4;
2009/53 E. 7.3).
5.3.3 Mit Verfügung vom 12. April 2017 gab der Instruktionsrichter dem
SEM die Gelegenheit, zur Beschwerde und damit auch zum psychiatri-
schen Gutachten von PD Dr. med. C._ vom 16. März 2017 Stellung
zu nehmen. In der Vernehmlassung vom 26. April 2017 äusserte sich das
SEM zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und den mögli-
chen Behandlungsmöglichkeiten in Herat. Der Beschwerdeführer hatte da-
raufhin die Möglichkeit zu replizieren. Damit wurde der vorinstanzliche Ver-
fahrensmangel auf Beschwerdeebene bereits geheilt.
5.4 Ferner wird in der Beschwerde geltend gemacht, das SEM habe es
unterlassen, die geltend gemachte Verfolgung seitens Dritter im Zusam-
menhang mit der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs zu begründen.
D-1979/2017
Seite 15
Diesbezüglich ist festhalten, dass es das SEM bei der Begründung der Zu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzugs in der angefochtenen Verfügung in
der Tat mit der Feststellung bewenden liess, aus den Akten würden sich
keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass dem Beschwerdeführer im Falle
einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Aller-
dings hat es zuvor bei der Begründung der Verneinung der Flüchtlingsei-
genschaft ausgeführt, dass Verfolgungsmassnahmen durch nichtstaatliche
Akteure flüchtlingsrechtlich nicht relevant seien, wenn es der betroffenen
Person möglich sei, im Heimatstaat adäquaten Schutz zu finden. Mit Ver-
weis auf Urteile des Bundesverwaltungsgerichts hat das SEM dargelegt,
dass die Sicherheitslage in Herat verhältnismässig gut und die Schutzfä-
higkeit und Schutzwilligkeit der Behörden in Herat grundsätzlich gegeben
sei. Zudem führte es aus, dass der Beschwerdeführer erklärt habe, dass
er nie persönliche Probleme mit den Behörden, vor seiner Entführung auch
nicht mit Dritten oder irgendwelchen Organisationen in Afghanistan gehabt
habe. Er habe nach dem Vorfall von Februar bis September 2015 weiter in
Afghanistan gelebt, ohne unmittelbar persönlich bedroht worden zu sein.
Vorliegend sei daher davon auszugehen, dass adäquater Schutz von Sei-
ten Dritter bestehe und es ihm zuzumuten sei, diesen in Anspruch zu neh-
men. Die von ihm eingereichten Beweismittel vermöchten an dieser Ein-
schätzung nichts zu ändern. Sie würden vielmehr die Einschätzung der
Schutzfähigkeit und -willigkeit der Behörden in Herat insgesamt und auf
seinen Fall bezogen bestätigen, auch wenn die Untersuchungen zur Ent-
führung zu keinem Erfolg geführt hätten. Damit hat das SEM in der ange-
fochtenen Verfügung hinreichend dargelegt, warum der Beschwerdeführer
bei den Behörden in Herat um Schutz vor einer nicht asylrelevanten Ver-
folgung Dritter ersuchen kann und begründet, weshalb keine Anhalts-
punkte dafür vorliegen, dass dem Beschwerdeführer im Falle einer Rück-
kehr nach Afghanistan eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Be-
handlung droht. Eine Verletzung der Begründungspflicht liegt diesbezüg-
lich nicht vor.
5.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das rechtliche Gehör des Be-
schwerdeführers nicht verletzt beziehungsweise auf Beschwerdeebene
geheilt worden ist, weshalb der Hauptantrag auf Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz abzuweisen ist.
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
D-1979/2017
Seite 16
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG). Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Voll-
zug der Wegweisung beziehungsweise für die Anordnung der vorläufigen
Aufnahme (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit; Art. 83
Abs. 1–4 AIG) sind alternativer Natur. Sobald eine davon erfüllt ist, ist die
vorläufige Aufnahme anzuordnen (vgl. das Referenzurteil des BVGer
D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 8.4.1).
6.2 Bei der Geltendmachung von Vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der
Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn
der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu ma-
chen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.3
6.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in dem zur Publikation als Refe-
renzurteil vorgesehenen Urteil D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 festgestellt,
dass sich sowohl die Sicherheitslage wie auch die sozioökonomische Situ-
ation in der Stadt Herat in den letzten Jahren deutlich verschlechtert habe.
Rückkehrende würden vor diesem Hintergrund rasch in eine existenz-
bedrohende Situation geraten. Der Vollzug der Wegweisung sei daher als
unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Anders ver-
halte es sich im Einzelfall für Personen, wenn besonders begünstigende
Umstände vorlägen, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit
des Vollzugs der Wegweisung ausgegangen werden könne. Dies sei – ent-
sprechend der Praxis zu Kabul (vgl. Referenzurteil des BVGer
D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4) – insbesondere dann der Fall,
wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handle,
der vor Ort auf ein soziales Netz zurückgreifen könne, das sich im Hinblick
auf die Aufnahme und Wiedereingliederung als tragfähig erweise. Dieses
müsse dem Rückkehrenden insbesondere eine angemessene Unterkunft,
Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegra-
tion bieten können.
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6.3.3 Im Falle des Beschwerdeführers sind die strengen Voraussetzungen
für die Annahme der Zumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs in die Stadt
Herat nicht erfüllt, da keine besonders begünstigenden Umstände im Sinne
der obigen Erwägung vorliegen, aufgrund derer hinlänglich ausgeschlos-
sen werden könnte, dass er dort im Falle der Rückkehr in eine existenz-
bedrohende Situation gerät. Er ist zwar mit (...) Jahren noch jung und hat
den grössten Teil seines Lebens in der Stadt Herat verbracht, wo er nicht
nur elf Jahre lang die Schule besuchte, sondern auch ab und zu bei seinem
Vater im (...) Berufsluft schnuppern konnte. Allerdings hat er weder das
Gymnasium abgeschlossen noch einen Beruf erlernt (vgl. Akte A6/12
Ziff. 1.17.04, A13/20 F33 ff., F54). Sein Vater war einigermassen wohlha-
bend (vgl. Akte A6/12 Ziff. 7.02). Seine Mutter starb während seiner Ent-
führung und auch sein Vater verstarb inzwischen gemäss der Eingabe vom
30. Dezember 2020 mit (...) Jahren. Sein Bruder, welcher einen Anschlag
am 1. August 2017 auf eine Moschee in Herat verletzt überlebt hat, verhei-
ratet ist und ein Kind hat, pendelt je nach Sicherheitslage zwischen dem
Iran und Afghanistan. Selbst wenn dieser ihm ein Dach über dem Kopf bie-
ten könnte, ist aufgrund der unterschiedlichen Aufenthaltsorte seines Bru-
ders fraglich, ob dieser in der Lage wäre, den Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr nach Herat bei der Arbeitssuche zu unterstützen. Der Beschwer-
deführer verfügt sodann über eine alleinstehende Tante mit drei Kindern,
welche ebenfalls nicht in der Lage sein dürfte, ihn zu unterstützen (vgl. Akte
A6/12 Ziff. 3.01). Ferner gab der Beschwerdeführer anlässlich der Anhö-
rung im Zusammenhang mit einer Frage nach den strafrechtlichen Ermitt-
lungen in seinem Entführungsfall an, er stamme nicht aus einer grossen
Familie, die in Herat über Macht verfüge. Er habe auch nicht viele Cousins
und andere Verwandte (vgl. Akte A13/20 F83). Zudem befindet sich der
Beschwerdeführer seit sechs Jahren in der Schweiz, weshalb nicht davon
ausgegangen werden kann, er könnte auf ein anderweitiges soziales Netz-
werk von früher zurückgreifen, sofern solche Beziehungen den strengen
Anforderungen an besonders begünstigende Umstände im Rahmen der
Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Stadt Herat
ausnahmsweise überhaupt zu genügen vermöchten. Es kann deshalb
nicht davon ausgegangen werden, der Beschwerdeführer verfüge in der
Stadt Herat über ein soziales Netz, das ihn vor Ort aufnehmen würde und
bei der Wiedereingliederung unterstützen könnte. Erschwerend kommt
hinzu, dass der Beschwerdeführer nicht gesund ist. Er leidet gemäss dem
Arztbericht der (...) vom 10. April 2017 an einer posttraumatischen Belas-
tungsstörung (F43.1) und einer mittelgradigen depressiven Episode
(F32.1). Dem Beschwerdeführer wurden Venlafxin, Trittico, Truxal,
Dafalgan, Irfen und Saroten verschrieben und er wurde zur ambulanten
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Seite 18
Traumatherapie zugewiesen, welche eine begrenzte Anzahl Therapiestun-
den vorsah. Selbst wenn der Beschwerdeführer inzwischen gelernt hätte,
wie er mit seinen psychischen Problemen umgehen könnte, stellte
PD Dr. med. C._ im psychiatrischen Bericht vom 16. März 2017
fest, dass sich die Symptomatik bei einer Rückkehr nach Afghanistan akut
verstärken werde, was angesichts der erlittenen Misshandlungen im Zu-
sammenhang mit der Entführung nachvollziehbar ist. Da der Beschwerde-
führer im Falle einer medizinischen Behandlungsbedürftigkeit bei einer all-
fälligen Rückkehr nach Herat auf kein tragfähiges ihn unterstützendes so-
ziales Netzwerk zurückgreifen kann, dürfte es ihm besonders schwerfallen,
in Herat Fuss zu fassen und eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen.
6.3.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass keine besonders begünstigen-
den Umstände vorliegen, welche dem Beschwerdeführer die Rückkehr in
die Stadt Herat ermöglichen würden. Ein Vollzug der Wegweisung nach
Kabul oder Mazar-i-Sharif fällt im Falle des Beschwerdeführers zudem
nicht in Betracht, da er dort über keine hinreichenden Bezugspunkte im
Sinne der Rechtsprechung verfügt (vgl. Akte A13/20 F32, Referenzurteile
des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 7.6, D-4287/2017 vom
8. Februar 2019 E. 6.2.3.5). Der Vollzug der Wegweisung nach Afghanis-
tan erweist sich mithin als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG.
7.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen, soweit beantragt
wird, es sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen
und die vorläufige Aufnahme anzuordnen, zumal aus den Akten nichts her-
vorgeht, das eine Anwendung von Art. 83 Abs. 7 AIG nahelegen würde.
Demnach sind die Ziffern 4 und 5 der vorinstanzlichen Verfügung vom
1. März 2017 aufzuheben und das SEM ist anzuweisen, den Beschwerde-
führer infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz
vorläufig aufzunehmen (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 und 4 AIG).
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG).
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Der Rechtsvertreter reichte eine Honorarnote vom 12. September
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2017 ein. Er beziffert darin den Zeitaufwand auf 11 Stunden und 12 Minu-
ten à Fr. 300.– und Auslagen von Fr. 49.70, total Fr. 3682.50. Der geltend
gemachte Aufwand erscheint angemessen. Hinzu kommt der in der besag-
ten Honorarnote nicht ausgewiesene Aufwand für die weiteren Eingaben
und Auslagen für Übersetzungen von Fr. 400.–, für ein psychiatrisches
Gutachten von Fr. 650.– und die Aufwendung des Rechtsanwaltes, der das
Gutachten anforderte von Fr. 270.–. Gestützt auf die in Betracht zu ziehen-
den Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer
eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 5200.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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