Decision ID: 8a7b6711-cf8c-5391-a42a-70ee7252dc28
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 23. Februar 2017 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 8. März 2017 fand die Befragung zur Person (BzP) statt und am
30. Januar 2018 und am 6. März 2018 wurde er vertieft zu seinen Asyl-
gründen befragt (Anhörung).
Dabei machte er im Wesentlichen Folgendes geltend: Er sei irakischer
Staatsangehöriger kurdischer Ethnie und aufgewachsen in der Stadt
B._, wo er die Schule besucht und bis zu seiner Ausreise mit seiner
Frau und den zwei gemeinsamen Kindern gelebt habe. In den Jahren zwi-
schen 2005 und 2011 habe er zwei (...) in der Stadt betrieben. Nach Auf-
gabe dieser Tätigkeit sei er ab (...) für den (...) der C._ tätig gewe-
sen. Seine Hauptaufgaben hätten in der (...) und (...) sowie im (...) bestan-
den. Ab Ende 2011 bis Anfang 2016 sei er auf Verlangen des (...) der
C._ für verschiedene (...) tätig und offiziell bei diesen Unternehmen
angestellt gewesen, nachdem er zuvor eine fünftägige Ausbildung absol-
viert und dabei das (...), Notfallhilfe oder die (...) erlernt habe. Diese Un-
ternehmen seien teilweise direkt mit (...) assoziiert gewesen und hätten
namentlich (...) für lokale (...) wahrgenommen. Während seinen Tätigkei-
ten für diese Unternehmen habe er bestimmte Informationen für
C._ sammeln und übermitteln müssen, namentlich zu Vereinbarun-
gen und Aufträgen in der (...). Der C._ habe ihm für seine Tätigkeit
auch einen (...) ausgehändigt, damit er problemlos (...) oder (...) habe pas-
sieren können. Selbst sei er kein Mitglied der D._ gewesen, doch
habe er sich zweimal für kurze Zeit freiwillig (...) beteiligt.
Ende Januar 2016 sei er von Polizisten zuhause aufgesucht und verhaftet
worden. Er sei verdächtigt worden, anfangs Januar 2016 mit seinem Bru-
der aus einem Auto heraus mit einer Waffe auf die Familienwohnung eines
(...) geschossen zu haben. Nach einer Nacht im Gefängnis sei er am
nächsten Tag dem Haftrichter vorgeführt worden, welcher den Vorwurf le-
diglich unter dem Tatbestand «Schiessen in der Nacht», das heisst ohne
Tötungsabsicht, geprüft und ihn in der Folge gegen Kaution freigelassen
habe. Nachdem seine damalige Arbeitgeberin, ein (...), rund drei Wochen
später von diesem Vorfall erfahren habe, sei er von dieser freigestellt wor-
den. Er sei bis zu seiner Ausreise aber weiterhin direkt für C._ tätig
geblieben und habe für diese (...) innerhalb des Iraks erledigt, (...). Im Ok-
tober 2016 sei er von seinem Vorgesetzten innerhalb C._, der ihm
gegenüber stets (...) aufgetreten sei, telefonisch kontaktiert worden. Er
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solle einen Dritten, unter (...) auftretenden Mann treffen für einen weiteren
Auftrag. An diesem Treffen sei ihm erklärt worden, dass der Auftrag darin
bestünde, am nächsten Tag (...) und er ihn, die (...), dabei unterstützen
solle. Die Vorbereitungen seien bereits getroffen worden. In der gleichen
Nacht sei er und (...) zum Zielort gefahren, um den Auftrag auszuführen.
Dabei sollte er, der Beschwerdeführer, im Auto warten, während (...) und
ihn dann wieder zurückfahren. Er habe sich von Anfang an nicht an diesem
Auftrag beteiligen wollen und sei nicht damit einverstanden gewesen, da
er (...) und auch zuvor nie einen solchen Auftrag erhalten habe. Als sie am
Zielort angekommen und (...) aus dem Auto ausgestiegen sei, habe er
nach zirka zehn Minuten den Motor gestartet und sei geflohen. Danach sei
er zu seinem Cousin gefahren und habe ihm die Situation erklärt und um
Hilfe gebeten. Mithilfe seines Cousins sei er anschliessend nach Zakho
gefahren und von dort am nächsten Tag mithilfe eines Schleppers in die
Türkei gelangt.
B.
Mit Verfügung vom 21. Januar 2019 – eröffnet am 24. Januar 2019 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft,
lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Den Vollzug
der Wegweisung erachtete es jedoch als nicht zulässig, weshalb es die
vorläufige Aufnahme anordnete und den zuständigen Kanton mit der Um-
setzung beauftragte.
C.
Mit Eingabe vom 25. Februar 2019 erhob der Beschwerdeführer gegen
diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er bean-
tragt vollumfängliche Einsicht und eventualiter das rechtliche Gehör betref-
fend die Akten A4/2, A7/1, A8/1 und A11/1, verbunden mit einer angemes-
senen Frist zur Beschwerdeergänzung. Weiter sei die Rechtskraft von Dis-
positiv-Ziffer 1 der angefochtenen Verfügung betreffend die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft festzustellen. Im Übrigen sei die angefochtene
Verfügung aufzuheben und dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren;
eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und zwecks voll-
ständiger und richtiger Sachverhaltsabklärung an das SEM zurückzuwei-
sen.
D.
Am 2. April 2019 bestätigte der Instruktionsrichter den Eingang der Be-
schwerde.
E-971/2019
Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101, SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer ist als Verfü-
gungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108
Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
2.
Nachdem die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdefüh-
rers mit der angefochtenen Verfügung anerkannt und ihn wegen Unzuläs-
sigkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen
hat, beschränkt sich der Verfahrensgegenstand auf die Frage, ob die Vo-
rinstanz zu Recht den Asylausschlussgrund der Asylunwürdigkeit gemäss
Art. 53 Bst. a AsylG bejaht hat.
3.
3.1 Gestützt auf Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen
grundsätzlich Asyl. Davon ausgenommen sind jedoch nach Art. 53 AsylG
namentlich Flüchtlinge, die wegen verwerflichen Handlungen der Asylge-
währung unwürdig sind (Bst. a) oder die innere oder die äussere Sicherheit
der Schweiz verletzt haben oder gefährden (Bst. b) oder gegen sie eine
Landesverweisung nach Art. 66a oder 66abis oder Art. 49a oder 49abis
MStG ausgesprochen wurde (Bst. c).
3.2 Unter den Begriff der verwerflichen Handlungen im Sinne von Art. 53
Bst. a AsylG fallen grundsätzlich Delikte, die dem abstrakten Verbrechens-
begriff von Art. 10 Abs. 2 StGB entsprechen, also Straftaten, die mit einer
Höchststrafe von mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe bedroht sind
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(vgl. BVGE 2018 VI/5 E. 2.2.1 m.w.H. sowie hierzu und zum Folgenden
BVGE 2011/29 E. 9.2.2, 2011/10 E. 6 und 2010/44 E. 6.1). Nach der asyl-
rechtlichen Rechtsprechung ist es irrelevant, ob die verwerfliche Handlung
einen ausschliesslich gemeinrechtlichen Charakter hat oder als politisches
Delikt aufzufassen ist (vgl. BVGE 2011/29 E. 9.2.2, 2011/10 E. 6 [2. Ab-
schnitt] je m.w.H.). Aus der Anbindung des Asylausschlussgrundes der
«verwerflichen Handlung» im Sinne von Art. 53 Bst. a AsylG an den Ver-
brechensbegriff von Art. 10 Abs. 2 StGB ergibt sich zwingend, dass in Be-
zug auf die in Frage stehenden Handlungen der betreffenden Person eine
strafrechtliche Verantwortlichkeit gegeben sein muss (vgl. Urteil des BVGer
D-5243/2010 vom 26. August 2011 E. 6.3.4). Das anzusetzende Beweis-
mass wurde in der Botschaft zur Totalrevision des Asylgesetzes sowie zur
Änderung des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der
Ausländer vom 4. Dezember 1995 (BBl 1996 II 73) für Art. 1 F des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) und Art. 53 Bst. a AsylG übereinstimmend umschrieben, was
sich in der Folge in der Rechtsprechung niederschlug. Demnach ist bei
Straftaten, die im Ausland begangen wurden, kein strikter Nachweis erfor-
derlich. Es genügt die aus schwerwiegenden Gründen gerechtfertigte An-
nahme, dass sich die betreffende Person einer Straftat im Sinne der ge-
nannten Bestimmungen schuldig gemacht hat. Es ist von einer pauschalen
Betrachtungsweise Abstand zu nehmen und der individuelle Tatbeitrag zu
ermitteln (vgl. BVGE 2011/10 E. 6.1); zu diesem sind die Schwere der Tat
und der persönliche Anteil am Tatentscheid wie auch das Motiv der Täterin
beziehungsweise des Täters und allfällige Rechtfertigungs- oder Schuld-
minderungsgründe zu zählen (vgl. BVGE 2011/29 E. 9.2.3 und 9.2.4
m.w.H.). Ein entsprechender Tatbeitrag, der zum Ausschluss von der Asyl-
gewährung führt, kann zum einen in unmittelbarer Täterschaft erfolgt sein.
Zum anderen ist auch nach einer Tatbeteiligung und einer mittelbaren Tä-
terschaft zu fragen, die sich aus einer Verantwortung für Handlungen Drit-
ter aufgrund einer entsprechenden Befehlsgewalt ergeben kann (vgl.
hierzu das Urteil des BVGer E-3971/2016 vom 22. November 2018
E. 5.1 m.w.H.).
3.3 Liegt eine entsprechende Delinquenz vor, ist ausserdem zu prüfen, ob
die Rechtsfolge des Asylausschlusses auch eine verhältnismässige Mass-
nahme darstellt. Dabei ist vorab in Betracht zu ziehen, wie lange die Tat
bereits zurückliegt, wobei auf die Verjährungsbestimmungen des Straf-
rechts verwiesen wird. Ebenso haben das Alter im Zeitpunkt der Tatbege-
hung sowie eine allfällige Veränderung der Lebensverhältnisse nach der
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Seite 6
Tat Einfluss auf die diesbezügliche Entscheidfindung (vgl. BVGE 2011/10
E. 6 und BVGE 2011/29 E. 9.2.4 m.w.H.).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründet die Bejahung der Asylunwürdigkeit damit,
dass die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner Tätigkeit für
C._ zur Annahme berechtigen würden, er sei in verwerfliche Hand-
lungen involviert gewesen. Er habe sich mit den Zielen und Ideologie der
(...) identifiziert, welche zur Erreichung dieser Ziele auch verbrecherische
und gewaltsame Handlungen anwende. Dies zeige auch der geschilderte
Vorfall, bei dem der konkrete Plan getroffen worden sei, (...). Der Be-
schwerdeführer habe dies zwar nicht selber ausführen wollen, jedoch habe
er dies mit seiner Tätigkeit für (...) bewusst in Kauf genommen. Es dränge
sich die Annahme auf, er sei zumindest mit den verbrecherischen und ge-
waltsamen Handlungen der C._ einverstanden gewesen bezie-
hungsweise habe diese gefördert. Aus seinen Aussagen gehe hervor, dass
sich die C._ den Delikten der Tötung, Erpressung und Korruption
schuldig gemacht habe. Indem er für C._ tätig gewesen sei, sei mit
hinreichender Sicherheit davon auszugehen, dass er sich dieser Tatbe-
stände strafbar gemacht habe und somit verwerfliche Handlungen im Sinne
von Art. 53 AsylG vorliegen.
4.2 Hinsichtlich des individuellen Tatbeitrags des Beschwerdeführers führt
die Vorinstanz aus, aufgrund der geschilderten Tätigkeiten sei davon aus-
zugehen, dass er über eine gewisse Eigenverantwortung verfügt habe und
nicht bloss ein (...) gewesen sei. Seine Tätigkeiten hätten der gewaltsamen
Zweckverfolgung der C._ gedient, wobei er um das Ausmass seiner
Tätigkeit und deren widerrechtliche Folgen gewusst habe. Sein Tatbeitrag
sei daher nicht unwesentlich. Durch seine mehrjährige Angehörigkeit und
Tätigkeit in einer bestimmten Rolle habe er sich schliesslich funktional in
C._ und (...) eingegliedert und aktiv an der Zweckverfolgung betei-
ligt.
4.3 Weiter sei der Asylausschluss aufgrund verwerflicher Handlungen auch
verhältnismässig. Zwar habe er sich mit der geplanten Tötung einer Person
nicht einverstanden erklärt, jedoch komme dies nicht einer Distanzierung
zur (...) und gegenüber den Zielen und Zwecken des (...) gleich. Er sei
freiwillig für C._ tätig gewesen und habe damit deren verwerfliche
Handlungen in Kauf genommen. Es liege keine schuldmindernde Reue
oder eine kritische Betrachtung der Vorgehensweise des (...) seinerseits
vor.
E-971/2019
Seite 7
5.
5.1 Dem hält der Beschwerdeführer im Wesentlichen das Folgende entge-
gen: Beim von der Vorinstanz angeführten Tatbestand der Korruption ge-
mäss Art. 322octies StGB handle es sich um kein Verbrechen im Sinne von
Art. 10 StGB, da dieses Delikt mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft
werde. Damit könne dieser Tatbestand nicht zur Annahme einer verwerfli-
chen Handlung herangezogen werden. Weiter argumentiere die Vorinstanz
mit pauschalen Behauptungen und Annahmen. Es würden offensichtlich
keine schwerwiegenden Gründe vorliegen für die Annahme, der Beschwer-
deführer habe sich der Delikte der Tötung, Erpressung und Korruption
strafbar gemacht. Ausserdem handle es sich bei C._ um eine (...)
im Nordirak. Der Beschwerdeführer sei für (...) tätig gewesen und habe
sich geweigert, eine konkret von ihm verlangte verwerfliche Handlung vor-
zunehmen. Die C._ und (...) seien weder eine kriminelle Organisa-
tion noch würde die Tätigkeit für diese per se verwerfliche Handlungen dar-
stellen. Die Vorinstanz halte denn auch selber fest, dass die alleinige An-
gehörigkeit zur (...) und die Tätigkeit für (...) nicht für die Asylunwürdigkeit
genüge und C._ nicht als kriminelle Organisation im Sinne von
Art. 260ter StGB betrachtet werden könne.
5.2 Die Vorinstanz nehme auch ausschliesslich auf C._ Bezug und
führe aus, diese habe sich der Delikte der Tötung, Erpressung und Korrup-
tion schuldig gemacht. Sie erwähne mit keinem Wort eine konkrete Tat-
handlung des Beschwerdeführers, welche eine strafbare Beteiligung an
diesen Tatbeständen bedeuten könnte. Betreffend den geplanten Mordauf-
trag habe der Beschwerdeführer glaubhaft geschildert, dass er bis dahin
nie mit einer solchen Situation konfrontiert gewesen sei und sich bei die-
sem ersten und einzigen Mal geweigert habe, diesen Auftrag zu erfüllen.
Er habe stets erklärt, dass seine Motivation zur Tätigkeit für (...) in der Un-
terstützung seines Volkes und der Bekämpfung von Terroristen und Krimi-
nalität gelegen habe. Sodann habe er geschildert, dass der (...) über (...)
verfüge, er keinen konkreten Einblick in die verschiedenen Tätigkeiten und
nur zu einer anonymen Person innerhalb (...) Kontakt habe, mithin keine
besondere Funktion innegehabt habe. Die Vorinstanz konstruiere in akten-
widriger Weise eine herausragende Funktion des Beschwerdeführers. Er
habe detailliert geschildert, dass seine Aufgaben in (...) und somit (...) be-
standen habe, welche auch von (...) wahrgenommen würden, woran nichts
Verwerfliches auszumachen sei.
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5.3 Schliesslich habe die Vorinstanz im Rahmen der Verhältnismässig-
keitsprüfung die familiäre Situation des Beschwerdeführers nicht berück-
sichtigt. Als vorläufig aufgenommener Flüchtling bestehe ein gewichtiger
Unterschied gegenüber der Asylgewährung. Durch die Flucht sei er von
seiner Frau und den beiden Kindern im Irak getrennt worden. Mit einer vor-
läufigen Aufnahme bleibe er während mindestens drei Jahren von seiner
Familie getrennt, da ein Anspruch auf Familiennachzug erst nach dieser
Zeit bestehe und es auch dann keine Garantie hierfür gebe. Ausserdem sei
es nicht möglich, bei der Prüfung der Verhältnismässigkeit weitere Fakto-
ren, wie namentlich den Zeitpunkt der Tat, zu prüfen, da von der Vorinstanz
wie gesehen gar kein individueller Tatbeitrag oder individuelle Tat aufge-
zeigt worden sei.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht verschiedene formelle Rügen (Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs, unvollständige und unrichtige Feststellung
des Sachverhalts) geltend und beantragt Akteneinsicht in bestimmte Akten.
Wie nachfolgend aufgezeigt, erweist sich die Beschwerde in materieller
Hinsicht als begründet, weshalb es angezeigt erscheint, die Beurteilung
dieser formellrechtlichen Aspekte hier offen zu lassen.
6.2 Der Asylausschlussgrund der verwerflichen Handlung setzt triftige
Gründe für die Annahme voraus, dass sich die betroffene Person einer sol-
chen Handlung schuldig gemacht hat. Dabei ist von einer pauschalen Be-
trachtungsweise Abstand zu nehmen und der individuelle Tatbeitrag, zu
welchem die Schwere der Tat und der persönliche Anteil am Tatentscheid
wie auch das Motiv des Täters und allfällige Rechtfertigungs- oder Schuld-
minderungsgründe zu zählen sind, zu ermitteln. Diesbezüglich ist zunächst
eine verwerfliche Tat zu konkretisieren (zum Ganzen oben E. 3.2). Die dies-
bezügliche Beweislast liegt nach den allgemeinen Regeln des Verwal-
tungsrechts bei den asylrechtlichen Behörden, da diese aus den zu bewei-
senden Tatsachen Rechtsfolgen – hier eine Asylunwürdigkeit – ableiten
wollen.
6.3 Die C._ ist neben E._ eine der (...) in der nordirakischen
Region Kurdistan. Aus Sicht der Schweizer Behörden stellt C._
keine kriminelle Organisation im Sinne von Art. 260ter StGB dar. Der
schweizerische Gesetzgeber hat bisher ausschliesslich die Gruppierungen
«Al-Qaïda» und «Islamischer Staat» sowie verwandte Organisationen aus-
drücklich als terroristisch eingestuft (vgl. Bundesgesetz über das Verbot
der Gruppierungen «Al-Qaïda» und «Islamischer Staat» sowie verwandter
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Organisationen vom 12. Dezember 2014 [SR 122]). Die alleinige Zugehö-
rigkeit zur C._ beziehungsweise der Verweis auf Art. 260ter StGB
genügt somit nicht für die Annahme einer verwerflichen Handlung im Sinne
von Art. 53 Bst. a AsylG, wie auch die Vorinstanz richtigerweise feststellt.
Vielmehr ist für die Prüfung der Asylunwürdigkeit vorliegend entscheidend,
ob dem Beschwerdeführer eine verwerfliche Handlung vorzuwerfen ist. Mit
anderen Worten ist danach zu fragen, ob und inwieweit dem Beschwerde-
führer ein individueller Tatbeitrag zu einem Verbrechen im Sinne von
Art. 10 Abs. 2 StGB nachgewiesen werden kann.
6.4 Gemäss Art. 10 Abs. 2 StGB sind Verbrechen Taten, die mit Freiheits-
strafe von mehr als drei Jahren bedroht sind. Die Vorinstanz wirft dem Be-
schwerdeführer vor, sich der Delikte der vorsätzlichen Tötung (Art. 111
StGB), der Erpressung (Art. 156 StGB) und der Bestechung (Art. 322octies
StGB) strafbar gemacht zu haben. Der Beschwerdeführer wendet zu Recht
ein, dass der Tatbestand der Bestechung gemäss Art. 322octies StGB als
Strafandrohung eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe
vorsieht und damit nicht als Verbrechen im Sinne von Art. 10 Abs. 2 StGB
zu qualifizieren ist. Demgemäss kann der Tatbestand der Bestechung von
vornherein nicht als Grundlage für die Annahme einer verwerflichen Hand-
lung nach Art. 53 Bst. a AsylG herangezogen werden.
6.5 Es ist somit zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer ein individueller Tat-
beitrag zu den Delikten der vorsätzlichen Tötung und der Erpressung vor-
zuwerfen ist. Dabei muss stets eine individuelle Verantwortlichkeit nach
den allgemeinen strafrechtlichen Kriterien gegeben sein (vgl. Urteil des
BVGer D-2023/2014). Die Begründung der Vorinstanz zum individuellen
Tatbeitrag beschränkt sich im Wesentlichen auf Ausführungen zum Einsatz
widerrechtlicher Mittel durch C._ beziehungsweise von (...). Die Vo-
rinstanz argumentiert zusammengefasst, die Tätigkeiten des Beschwerde-
führers dienten der Zweckverfolgung der C._, wozu auch Gewalt-
anwendungsakte zählten und ihm seien das Ausmass und die widerrecht-
lichen Folgen seines Handelns bewusst gewesen. Er sei mit der wider-
rechtlichen Zweckverfolgung einverstanden gewesen und habe sich aktiv
daran beteiligt. Dieser Begründung sind weder explizite Ereignisse zu ent-
nehmen, welche auf die Erfüllung der Tatbestände der Tötung oder Erpres-
sung schliessen lassen, noch werden konkrete Tathandlungen genannt,
welche eine individuelle Verantwortlichkeit des Beschwerdeführers zu die-
sen Delikten begründen würden. Die Argumentationslinie der Vorinstanz
läuft letztlich darauf hinaus, dem Beschwerdeführer alleine aufgrund seiner
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Zugehörigkeit zum C._ und seiner Tätigkeit, konkret der als ver-
werflich eingeschätzten (...), einen individuellen und massgeblichen Tat-
beitrag zu einer verwerflichen Handlung im Sinne von Art. 10 Abs. 2 StGB
anzurechnen. Die Zugehörigkeit zu einer Organisation, auch wenn diese
verwerfliche Handlungen begangen hat, genügt – wie bereits dargelegt –
nicht, um der betroffenen Person eine konkrete Handlung anzulasten. Im
Lichte von Art. 53 Bst. a AsylG kann an der fehlenden Verwerflichkeit der
(...) als solcher auch die Tatsache, ob sich das Mitglied mit der Organisa-
tion und deren Vorgehensweise identifiziert, den verfolgten Zweck mitträgt
oder funktionell in die Organisation eingegliedert ist, nichts ändern (vgl.
hierzu die entsprechende Rechtsprechung zur PKK-Mitgliedschaft: statt
vieler Urteil des BVGer D-5696/2016 vom 5. Mai 2017, E. 4.2 m.w.H.). Ent-
gegen der von der Vor-instanz vertretenen Auffassung genügt es für die
Bejahung einer individuellen, strafrechtlichen Verantwortlichkeit auch nicht,
wenn die betroffene Person als Mitglied von allfälligen verwerflichen Hand-
lungen «seiner» Organisation Kenntnis hat und ihm bewusst ist, dass seine
Handlungen mittelbar der Begehung von verwerflichen Handlungen durch
die Organisation dienen könnten.
Im Sinne eines systematisch korrekten Vorgehens hätte die Vorinstanz in
einem ersten Schritt ein Ereignis beziehungsweise das Vorliegen einer ver-
werflichen Tat im Sinne von Art. 10 Abs. 2 StGB konkret bezeichnen müs-
sen, um in einem zweiten Schritt zu prüfen, ob eine solche Handlung dem
Beschwerdeführer individuell zurechenbar ist, sei es als Allein-, als Mittäter
oder in mittelbarer Täterschaft. Dies hat sie jedoch, wie gesehen, nicht ge-
tan.
6.6 Im Übrigen kann auch aus den Aussagen des Beschwerdeführers
keine individuelle Verantwortlichkeit für eine verwerfliche Handlung abge-
leitet werden. Er gibt nicht an, jemals Delikte wie eine Erpressung, Tötung
oder anderer verwerfliche Handlungen begangen oder sich an solchen
Handlungen beteiligt zu haben. Vielmehr führt er aus, dass seine haupt-
sächlichen Tätigkeiten für den C._ in der (...) bestanden haben
(vgl. SEM-Akten, A24/21, F26 und F27). Hinsichtlich der geplanten (...)
sagt er denn auch ausdrücklich, er sei mit solchen Methoden nicht einver-
standen gewesen und habe dies der zuständigen Kontaktperson auch mit-
geteilt (vgl. SEM-Akten, A24/21, F33). Auch habe er sich einer Beteiligung
an dem geplanten (...) durch seine Flucht entzogen und er wisse bis heute
nicht, ob die geplante (...) nach seiner Flucht vollzogen worden sei (vgl.
SEM-Akten, A24/21, F35 und F43). Schliesslich sei er auch während seiner
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gesamten Zeit beim (...) zuvor nie angefragt worden, eine (...) oder dabei
mitzumachen (vgl. SEM-Akten, A24/21, F39).
6.7 Insgesamt ist somit festzuhalten, dass für den von der Vorinstanz er-
wogenen Asylausschluss wegen verwerflicher Handlungen gemäss Art. 53
Bst. a AsylG nicht genügend Anhaltspunkte vorliegen. Der Vorinstanz ist es
nicht gelungen, in rechtsgenüglicher Weise verwerfliche Handlungen sowie
eine individuelle Verantwortlichkeit des Beschwerdeführers aufzuzeigen.
7.
Die Beschwerde erweist sich demgemäss als begründet und ist gutzuheis-
sen. Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer Asyl zu ge-
währen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Dem Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwen-
dung von Art. 64 VwVG und Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise
erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechtsvertreter hat keine
Kostennote zu den Akten gereicht. Auf eine Nachforderung einer solchen
ist indessen zu verzichten, da der Vertretungsaufwand im vorliegenden
Verfahren zuverlässig abgeschätzt werden kann. Die notwendigen Partei-
kosten sind demgemäss aufgrund der Akten zu bestimmen (Art. 14 Abs. 2
in fine VGKE). In Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfakto-
ren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist der Gesamtaufwand pauschal auf Fr. 4'600.–
festzusetzen. Dieser Betrag ist dem Beschwerdeführer durch das SEM zu
entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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