Decision ID: 0008cf0b-6569-42f0-9cee-9637cada9eaf
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1982
,
nimmt aufgrund seiner Opiatabhängig
keit an einem ärztlich kontrollierten Substitutionsprogramm teil (Urk. 9/21 S. 2). Die
in den Jahren 2000 und 2007 begonnenen Ausbildungen zum Psy
chiatrie
pfleger und zum
Mecha
praktiker
Metalltechnik
schloss er
nicht ab (vgl. Urk. 9/7 S. 5
, Urk. 9/3
).
Am
11.
November 2016 (Urk. 9/7)
meldete er sich
unter Hinweis auf eine Depression sowie
ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (
ADS
)
bei der Invalidenversicherung zum Bezug von Leistungen an. Die Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte Auskünfte über die erwerbliche und medizinische Situation ein und teilte dem Versicherten
am
29. August 2017 (Urk.
9/20) mit, dass keine Eingliederungsmassnahmen angezeigt
s
eien
.
Mit Vorbe
scheid vom 10.
Januar 2018 (Urk. 9/23) stellte sie dem Versicherten die Abwei
sung des Leistungsbegehrens in Aussicht. Nach erfolgten Einwänden vom 12. Februar 2018 (Urk. 9/24) und 15. März 2018 (Urk. 9/29) liess die IV-Stelle den Versicherten psychiatrisch begutachten (Expertise vom 28. Januar 2019;
Urk.
9/41).
Mit Schreiben vom 12. Februar 2019 (Urk. 9/42) gab die IV-Stelle dem Versicherten die Möglichkeit, sich zum Gutachten zu äussern, was dieser mit Stel
lungnahme vom 22. Februar 2019 (Urk. 9/43)
auch tat. Mit Verfügung vom 3.
Juni 2020 (Urk. 2) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren schliesslich ab.
2.
Dagegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 24. Juni 2020 (Urk. 1) Beschwerde und beantragte, die Verfügung vom 3. Juni 2020 sei aufzuheben und ihm sei eine Rente zuzusprechen
,
eventualiter seien weitere medizinische Mass
nahmen in die Wege zu leiten. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (S. 2).
Die IV-Stelle schloss am 8. Oktober 2020 (Urk. 8) auf Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerde
führer mit Verfügung vom 12. Oktober 2020 (Urk. 10) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
3
Nach bisheriger und langjähriger höchstrichterlicher Rechtsprechung führten Suchterkrankungen als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Sie wurden im Rahmen der Invalidenversicherung erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt haben, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender, Gesundheitsschaden einge
treten war, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesund
heitsschadens waren, dem Krankheitswert zukam. Ein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden fehlte demgegenüber, wo in der Begutachtung im Wesentlichen nur Befunde erhoben wurden, welche in der Sucht ihre hinrei
chende Erklärung fanden (Hinweise zur bisherigen Rechtsprechung
in BGE 145 V 215
E. 4.1).Diese bisherige Rechtsprechung änderte das Bundesgericht mit
BGE 145 V 215
vom 11. Juli 2019
dahingehend, dass - fachärztlich einwandfrei diag
nostizierten - Abhängigkeitssyndromen beziehungsweise Substanzkonsum
störungen nicht zum vornherein jede invalidenversicherungsrechtliche Releva
nz abgesprochen werden kann (E.
5.3.3), sondern diese vielmehr als invalidenver
sicherungsrechtlich beachtliche (psychische) Gesundheitsschäden in Betracht fal
len (E.
6).
Gemäss BGE 143 V 418 E. 6 f. ist die Frage nach den Auswirkungen sämtlicher psychischer Erkrankungen auf das funktionelle Leistungsvermögen grundsätzlich unter Anwendung des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu beantworten. Hierzu gehören nach dem oben Ausgeführten auch Abhängigkeits
syndrome (E. 6.2).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens kann und muss insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden. Diesem kommt nicht zuletzt deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängig
keitserkrankungen - wie auch bei anderen psychischen Störungen - oft eine Gemengelage aus krankheitswertiger Störung sowie psychosozialen und sozio
kulturellen Faktoren vorliegt. Letztere sind selbstverständlich auch bei Abhän
gigkeitserkrankungen auszuklammern, wenn sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen (vgl. bezüglich der Depressionen BGE 143 V 409 ff. E. 4.5.2). Eine krankheitswertige Störung muss umso ausgeprägter vorhanden sein, je stärker psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren das Beschwerdebild mitprägen (E. 6.3).
Aus Gründen der Verhältnismässigkeit kann immerhin dort von einem struktu
rierten Beweisverfahren abgesehen werden, wo es nicht nötig oder geeignet ist. Es bleibt daher etwa dann entbehrlich, wenn für eine - länger dauernde (Art. 28 Abs. 1
lit
. b IVG) - Arbeitsunfähigkeit nach bestehender Aktenlage keine Hin
weise bestehen oder eine solche im Rahmen beweiswertiger fachärztlicher Berichte in nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und allfälligen gegenteiligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann (E. 7).
1.
4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
IVG
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung vom 3. Juli 2020 (Urk. 2) damit, dass die Arbeitsfähigkeit nach wie vor auf den
Beikonsum
mehrerer psychotroper Substanzen zurückzuführen sei. Das erstellte psychiat
rische Gutachten vom 29. Januar 2019 sei zudem schlüssig und nachvollziehbar. Ebenso entspreche es den Vorgaben, weshalb darauf abgestützt werden könne. Das Sucht
leiden sei als primär zu werten und
ein eigenständiges psychisches Lei
den liege nicht vor. Die von der
Z._
dargelegten Befunde seien aufgrund des fortgesetzten Substanzkonsums mit
Beikonsum
diagnostisch nicht verwertbar (S. 2).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1), das Gutachten sei nicht beweiswertig. Es nehme keine Unterscheidung von Diagnosen mit und ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vor. Zudem ha
be
sich der Gut
achter zu wenig mit dem Bericht der
Z._
auseinandergesetzt.
Die Ausführungen der Beschwerdegegnerin
, dass sich
die
Rechtsprechung
sänderung zu den Suchtleiden nicht auswirke, sei zu beanstanden
. Das Gutachten sei noch vor Erlass der neuen Rechtsprechung verfasst worden. Auch der RAD nehme keine differenzierte Prüfung unter Berücksichtigung der neusten Rechtsprechung vor (S. 6 f.).
3.
3.1
Lic
. phil.
A._
, klinischer Psychologe und Neurobiologe
und
Dr. med.
B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, von de
n
Z._
und
C._
der
D._
hielten in ihrem Bericht vom 28. September 2017 (Urk. 9/21) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (S. 2):
-
Kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, vermeidend-selbst
unsicheren und zwanghaften Zügen (ICD-10: F61): bestätigt nach SKID-II
; mit sehr frühen Auffälligkeiten
(seit Kindheit/Jugend und
Persistierung
bis heute)
-
Sonstige hyperkinetische Störung (ICD-10: F90.8), nicht näher bezeich
nete Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung NNB (DSM-V: 314-01)
;
Erstdiagnose
E._
2005
-
Mit frühen Auffälligkeiten in der Kindheit bei Störung des Sozial
verhaltens in der Kindheit/Adoleszenz (ICD-10: F91.8) und Verdacht auf
Dyslalie
und
Dyslexie
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1)
;
seit Jugend/frühem Erwachsenenalter
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit führten sie die
f
olgen
den auf
(S. 2 f.)
:
-
Substanzstörungen als sekundäre Folgestörungen der Diagnosepunkte 1 bis 3
-
Sekundäre Opiatabhängigkeit, Teilnahme an einem ärztlich kontrol
lierten Substitutionsprogramm (ICD-10: F11.22)
-
Sekundäre Kokainabhängigkeit, sporadischer Konsum (ICD-10: F14.26), ausserhalb eines arbeitsfähigkeitstangierenden Ausmasses
-
Anämie
-
Rezidivierendes Ulcus cruris recht
s
, seit Dezember 2013
-
Status nach Abszess Unterarm links
Des Weiteren gaben sie an, aufgrund der medizinischen Abklärungen im Verlauf seien die Kriterien nach ICD-10 für eine kombinierte Persönlichkeitsstörung erfüllt und diese Störung führe zu einer starken Einschränkung der Arbeits
fähigkeit. Der Beschwerdeführer sei bei einer zusätzlich diagnostizierten rezidi
vierenden depressiven Störung instabil mit stark schwankendem psychischem Zustand und er leide stark unter innerer Unruhe und Ängsten und ziehe sich tagelang
in seiner Wohnung zurück. Er könne dabei nicht einmal leichteste Haus
haltsarbeiten verrichten. Es sei eine latente Aggression spürbar, die dann ausbreche, wenn er sich ungerecht behandelt fühle. Gesamthaft sei seine Persönlich
keit geprägt von starkem pathologischem Vermeidungsverhalten
. Nach
eigenen Angaben fürchte er die Konfrontation seiner gegenwärtigen Lebensumstände. Dies zeige sich daran, wenn er zum Beispiel die Post nicht öffne oder e
r
Termine bei wichtigen psychiatrischen Gesprächen oder somatischen Untersuchungen intern
meide
.
Was sein seelisches Befinden anbelange,
öffne
er
sich gegenüber dem Personal der
Z._
nicht oder nur wortkarg und ungern. Er schäme sich
,
über persönliche Dinge zu sprechen. Der Beschwerdeführer habe ausserdem starke Versagensängste bei der Arbeit.
Zusammenfassend umfasse
seine psychiatrische Grundstörung der kombinierten Persönlichkeitsstörung mit vermeidend-selbst
unsicheren, zwanghaften und dissozialen Anteilen tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeig
t
en und mit persönliche
m
Leiden und gestörter sozialer Funktions- und Leistungsfähigkeit einhergingen.
Dies habe zu einer Ent
gleisung seiner allgemeinen Lebenssituation geführt. Den Leistungsdruck und die daraus entstehenden Versagensängste bei beruflichen Anforderungen
– wie sich dies bei den zwei abgebrochenen Berufslehren gezeigt habe -
habe er sekundär mit psychotropen Substanzen im Sinne einer Selbstmedikation zu mildern ver
sucht, was ihn im Sinne einer Spirale immer weiter runtergezogen habe. Diese schweren Störungen/Einschränkungen würden sich negativ auf die Arbeits
fähigkeit auswirken. Aufgrund der Fehlentwicklung sei die Zumutbarkeit für Vor
gesetzte oder Mitarbeiter nicht gegeben. Der Beschwerdeführer sei nicht belastbar und nicht anpassungsfähig
. Er sei
nicht zuverlässig, vermeide oft Termine und habe starke emotionale Schwankungen mit tagelangem bis wochenlangem Rück
zug in seine Wohnung (S. 16 f.).
Des Weiteren führten sie aus, mehrere Psychotherapie-Settings seien ebenso gescheitert wie mehrere Arbeits-Integrationsversuche. Wenn die Belastung zu gross
ge
w
orden sei
,
habe der Beschwerdeführer wieder angefangen
, vermehrt psychotrope Substanzen zu nehmen. Seine Medikation werde laufend angepasst, verbessere seine Arbeitsfähigkeit jedoch nicht. Momentan sei dem Exploranden eine Ausbildung beziehungsweise eine Arbeit im ersten Arbeitsmarkt nicht mög
lich. Eine Arbeitsfähigkeit habe wohl noch nie bestanden. Es werde versucht
,
ihn in einem geschützten Rahmen arbeiten zu lassen und ihm so eine Tagesstruktur zu ermöglichen. Die Prognose sei ungünstig
(S. 21).
3.2
Dr. med.
F._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, hielt in seinem Gutachten vom 28. Januar 2019 (Urk. 9/41)
folgende Diagnosen fest (S.
34):
-
Abhängigkeitssyndrome multipler Substanzen (ICD-10: F19.2):
Diaphin
(F11.22), Kokain (F14.26), Benzodiazepine (F13.22), Cannabis (F12.26) und Tabak (F17.25)
-
Verdacht auf iatrogene
Methylphenidat
-induzierte Hyper- und
Dyskinesie
(ICD-10: T88.8)
-
Anamnestisch Nickelallergie
Gemäss Dr.
F._
liess
sich zum Zeitpunkt der Begutachtung keine Persön
lichkeitsstörung gemäss ICD-10 diagnostizieren. Weder die aktenkundige hohe Impulsivität noch die aktenkundigen Beziehungs- und andere Verhaltens
auffälligkeiten würden sich unter dem stetigen Einfluss psychotroper Substanzen
als Persönlichkeitsmerkmale interpretieren lassen. Der verlässliche Ausschluss oder die verlässliche Bestätigung der aktenkundigen Komorbiditäten erfordere eine Sistierung des
Beikonsums
, insbesondere von Kokain und Cannabis und eine lege
artis
Pharmakotherapie mit Sistierung der Gabe von
Methylphenidat
und einer leitliniengerechten Entwöhnung von Benzodiazepinen und Z-Substanzen.
Insbesondere liessen sich die aktenkundige kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, zwanghaften und vermeidend-selbstunsicheren Zügen, die aktenkundige hyperkinetische Störung beziehungsweise die aktenkundig nicht näher bezeichnete Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung und die akten
kundige Störung des Sozialverhaltens in der Kindheit nicht bestätigen. Auch die rezidivierende depressive Störung habe sich nicht bestätigen lassen. Gegen eine Persönlichkeitsstörung spreche die Biographie des Beschwerdeführers bis zum Erwachsenenalter. Beim Beschwerdeführer
lag und liege
vor Beginn des gesund
heitlich beeinträchtigenden Substanzkonsums keine tiefgreifende und schwer korrigierbare Verhalt
en
s- und Erlebensrigidität in den meisten Lebenslagen mit zeitlich überdauernder Beeinträchtigung der sozialen Funktions- und Leistungs
fähigkeit
vor
(S. 35).
Zum Untersuchungszeitpunkt habe kein anderes relevantes Leiden als Ursache der Suchtentwicklung definiert werden können und gegen
wärtig würden keine irreversiblen Suchtfolgeschäden vorliegen (S. 39).
Dr.
F._
f
ührte sodann aus, die zur
Diaphi
n
-Substitution zusätzliche Phar
makotherapie (Benzodiazepine, Z-Substanzen, hoch dosiertes retardiertes
Methyl
phenidat
) stelle sich nicht lege
artis
dar und es sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass durch eine solche zusätzliche Pharmako
therapie unüberschaubare Interaktionen zwischen stimulierenden und sedieren
den Effekten
entständen
, welche sowohl die Affekte wie auch die Kognition nach
teilig beeinfluss
t
en und dadurch die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers signifikant beeinträchtig
t
en. Begleitend zur Etablierung einer Tagesstruktur sei daher eine Anpassung der Pharmakotherapie zwingend, mit Entwöhnung von Ben
zodiazepinen und Z
Substanzen und einem Sistieren von
Methylphenidat
sowie mit einem Sistieren des
Beikonsums
(THC, Kokain) und einem aussagekräftigen Monitoring des dabei erzielten therapeutischen Effekts (Haar- und Urinproben).
Aufgrund des jungen Alte
r
s des Beschwerdeführers lasse sich durch eine Benzodiazepin-Entzugsbehandlung eine Verbesserung der kogni
tiven Leistung, beispielsweise der Ausdauer sowie der affektiven Stabilität erwar
ten. Eine solche Entzugsbehandlung sei lege
artis
mittel- bis langfristig anzu
setzen um akute und protrahierte Benzodiazepin-Entzugssymptome zu vermeide
n
oder gering zu halten (S. 42).
Eine Fortführung der Opiatsubstitution sei in jedem Fall zu
empfehlen, wobei die Resultate der Untersuchungen des
Beikonsums
definierten, welche Art der Substitutionsbehandlung sich am zweckmässigsten erweise (S. 42).
Zur Arbeitsfähigkeit gab Dr.
F._
an, eine Fortsetzung der früher begonnenen Ausbildungen in den Bereichen Psychiatriepflege und Mechanik
sei aufgrund der Vorgaben des kantonalen Bildungsamtes nicht mehr möglich. Grundsätzlich stelle sich daher die Frage, ob der Beschwerdeführer auch eine ungelernte Tätig
keit
(im Sinne eines fehlenden Berufsabschlusses)
in den Bereichen Pflege oder
Mechanikpraktik
zu leisten im Stande sei. Der Pflegeberuf sei aufgrund des derzeit aktiven Suchtgeschehens auszuschliessen. Anders stelle sich die Sachlage im handwerklichen Bereich dar, wobei hier nicht explizit ein aktive
s
Sucht
geschehen, sondern die allgemeine Arbeitssi
cherheit im Umgang mit Werkstoff
en und bedienbaren Maschinen im Vordergrund stehe. Dies könne den Suchtbereich aber mitbetreffen. Der Umgang mit Werkstoffen bei stabil eingestellter Opiat
substitution und bei Einhalten einer Abstinenz des
Beikonsums
könne bedenken
los empfohlen werden. Solange die Sicherheit am Arbeitsplatz durch akute Intoxikationen unterschiedlichster Substanzen nicht kompromittiert sei, würden sich für Menschen mit Opiatsubstitution kei
ne Einschränkungen ergeben. Dr.
F._
gelangte zur Beurteilung, dass gegenwärtig weder eine der genannten angestammten noch eine Hilfstätigkeit im freien Arbeitsmarkt unter Wahrung der erwähnten Sicherheitsaspekte medizinisch zumutbar sei. Es bestehe derzeit eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit, begründet durch eine die Sicherheit und Leistungs
fähigkeit erheblich kompromittierende Pharmakotherapie
und
aggraviert
durch einen
Beikonsum
mehrerer psychotroper Substanzen.
Eine verlässliche Quantifi
zierung dieser Leistungsminderung lasse sich nicht vornehmen, da sich der Effekt psychotroper Substanzen in hohem Masse dynamisch darstelle.
Zum Zeitpunkt der Begutachtung hätten sich relevante, substanzbedingte und soziale Faktoren erkennen lassen, welche einer derzeitigen Reintegration in den ersten Arbeits
markt im Weg ständen. Die genannten Faktoren würden aber keine nicht-steuer
baren Krankheitsfaktoren darstellen und liessen sich somit durch geeignete sozial-therapeutische Interventionen vollständig beseitigen.
Eine der Beschwer
den angepasste Tätigkeit sei als Hilfstätigkeit im handwerklichen Bereich, mit Vorteil im Bereich
Mechanikpraktik
,
zu definieren. Andere handwerkliche Tätig
keiten unter Ausschluss des Führens oder Bedienens von Maschinen seien ebenso möglich (beispielsweise Arbeiten im Bereich des Gebäudeunterhaltes
). Dem Beschwerdeführer sei dabei eine strukturiert-ausführende Tätigkeit zuzuweisen, welche nach initialer Instruktion in Eigenverantwortung ausgeführt werden könne. Eine adäquate Supervision stelle eine notwendige Rahmenbedingung dar (
S. 47 f.).
Nach erfolgreicher Entwöhnung der leistungsmindernden Substanzen und einer therapeutisch motivierten Etablierung einer Tagesstruktur in beschützendem Rah
men sei nach längsten
s
3⁄4 Jahren eine 100%ige Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt ausgewiesen. Das derzeit limitierende Behandlungssetting mit drei
maliger, ortsgebundener, direkt supervi
s
ierter Verabreichung von intravenösem
Diaphin
stelle längerfristig keine Limitation dar, da bei fehlendem
Beikonsum
die zweite
Diaphin
-Injektion zur Mittagszeit auch durch
Mitgabe
von
Diaphin
Tab
letten ersetzt werden könne
(S. 49).
3.3
Facharzt für Psychiatrie- u
nd Psychotherapie
G._
vom R
egionalen ärzt
lichen Dienst
(RAD)
der IV-Stelle führte am 7. Februar 2019 aus,
das Gutachten
von Dr.
F._
weise eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit, welche durch eine die Sicherheit und die Leistungsfähigkeit erheblich kompromittierende Pharmako
therapie begründet und durch einen
Beikonsum
mehrerer psychotroper Substan
zen
aggraviert
sei, aus. Aus versicherungsmedizinischer Sicht liege kein dauerhaft die Arbeitsfähigkeit einschränkender Gesundheitsschaden vor,
denn
die Arbeits
fähigkeit sei durch die Sucht verursacht. Aus diesem Grund (Fehlen eines ver
sicherungsmedizinischen Gesundheitsschadens) seien die medizinischen Mass
nahmen
zur Erreichung einer Arbeitsfähigkeit
nic
ht aufzuerlegen (Urk. 9/44 S. 5
f.).
4.
4.1
Nach
Lage der Akten steht
fest
und
ist
unbestritten, dass der Beschwerdeführer an keinen somatischen Beschwerden leidet, die eine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zur Folge hätten.
4.2
Bezüglich
der psychischen Symptomatik stützte die Beschwerdegegnerin ihre leistungsabweisende Verfügung in erster Linie auf das
psychiatrisch
e
Gutachten
von Dr.
F._
, welches sie
zu Recht
als beweiskräftig erachtete (Urk. 9/44/5).
So beruht da
s
Gutachten von Dr.
F._
(Urk. 9/41)
auf einer einlässlichen psychiatrischen Untersuchung, ist für die streitigen Belange umfassend und wurde in Kenntnis der und in Auseinandersetzung mit den fallrelevanten Vorak
ten erstellt. Der Experte legte die medizinischen Zusammenhänge einleuchtend dar, beurteilte die medizinische Situation überzeugend und setzte sich mit den geklagten Beschwerden und dem Verhalten des Beschwerdeführers auseinander.
Soweit
der Beschwerdeführer
vorbringt
, Dr.
F._
habe in seinem Gutachten keine Unterscheidung von Diagnosen mit und ohne Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit vorgenommen
, ist festzuhalten, dass
sich aus dem Gutachten zweifels
frei ergibt, welche Leiden diagnostiziert werden und inwieweit diese Auswir
kungen auf die Arbeitsfähigkeit zeitigen (S. 34, S. 47 ff.). Dass nicht «formal» zwischen Diagnosen mit und ohne Auswirkung unterschieden wird, vermag den Beweiswert des Gutachtens somit nicht zu schmälern.
Die
Fachpersonen
der
Z._
und
C._
gingen
im Bericht vom 28. September 2017
davon aus, beim Beschwerdeführer lägen neben der Sucht
erkrankung weitere erhebliche psychische Leiden vor
(
E.
3.1
)
. D
er Umstand, dass Dr.
F._
im Gutachten vom 28. Januar 2019
zu einem anderen Schluss gelangt
e
, vermag seine gutachterliche Einschätzung nicht in Frage zu stellen.
D
enn d
ie
psychiatrische Exploration
kann
von der Natur der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen. Daher bleibt dem begutachtenden Psychiater praktisch immer ein gewisser Spielraum, innerhalb dessen verschiedene medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind, sofern der Experte lege
artis
vorgegangen ist (Urteil des Bundesgerichts 8C_629/2017 vom 29. Dezember 2017 E. 4.3). D
ies trifft vorliegend zu, leitete d
er Gutachter die von ihm gestellte Diagnose
des Abhängigkeitssyndroms multipler Substanzen
unter eingehender und detaillierter Würdigung der Aktenlage und nach eigener Erhebung des Status des Versicherten unter anderem mittels AMDP, das ein Instrument zur standardisierten Erfassung des psychopathologischen Befundes
und
körperlicher Symptome
bereit hält
, her (Urk.
9/41
S.
33
ff.). Er wies insbe
sondere darauf hin, dass
und weshalb er
beim Beschwerdeführer
keine Persön
lichkeitsstörung
sowie keine Verhaltens- und emotionale Störung mit Beginn in der Kindheit und Jugend
diagnostizieren konnte
.
Dabei
legte er einleuchtend dar,
dass
unter dem stetigen Einfluss psychotroper Substanzen
weder die in den Akten beschriebene hohe Impulsivität noch die Beziehungs- und andere
n
Verhaltens
auffälligkeiten
als Persönlichkeitsmerkmale interpretiert werden könnten.
Der Gutachter wies insbesondere auf das angemessene Funktionsniveau hin, welches der Beschwerdeführer im Rahmen seiner zwei Ausbildungen gezeigt habe, wobei die Beeinträchtigungen zu einem späteren Zeitpunkt eng mit dem problemati
schen Substanzkonsum korreliert hätten. Damit ist auch die Schlussfolgerung, dass
vor Beginn de
s
gesundheitlich beeinträchtigenden Substanzkonsums keine tiefgreifende und schwer korrigierbare Verhaltens- und Erlebensrigidität in den meisten Lebenslagen mit zeitlich überdauernder Beeinträchtigung der sozialen Funktions- und Leistungsfähigkeit
vorgelegen hat, nachvollziehbar
(
Urk. 9/41 S.
35; vgl. auch S. 21, S. 40 und S. 45 f.)
.
Auch die
von den
Fachpersonen
der
Z._
und
C._
diagnostizierte
rezidivierende depressive Störung
lässt
sich gemäss Dr.
F._
weder aus dem dargelegten Befund noch aus der Anamnese mit fehlender Schilderung symptomarmer oder symptomfreier Intervalle im
Zeitverlauf
nachvollziehen
.
Sodann hielt Dr.
F._
fest, dass
d
epressive Items im Kontext einer Substitutionsbehandlung mit Opioiden und Benzodiazepinen und insbesondere im Kontext eines dokumentierten
Beikonsums
von Kokain und Cannabis vorrangig der Abhängigkeitsstörung zuzuordnen
seien
(S. 46).
Damit ist der Einwand, dem Gutachten von Dr.
F._
mangle es an einer genügenden Auseinandersetzung mit dem Bericht der
Fachpersonen
der
Z._
und
C._
vom 28. September 2017
(E. 3.1)
,
unbegründet
.
Soda
nn ist darauf hinzuweisen, dass auch
RAD-Arzt
G._
die im genannten Bericht diagnostizierten suchtfremden Leiden
am 18. Dezember 2017
nicht hatte nachvollziehen können (vgl. Urk. 9/22 S. 3)
.
Zusammengefasst ist
daher
auf das beweiskräftige psychiatrische Gutachten ab
zustellen (vgl. E. 1.5 hiervor) und von weiteren Abklärungen ist abzusehen.
4.3
4.3.1
Nach d
er Beurteilung von Dr.
F._
ist
d
er
Beschwerdeführer
auf eine Fort
setzung
der
Opiatsubstitution angewiesen
(vgl. Urk. 9/41 S.
42 und S.
43)
. Bei substituiertem Opiatkonsum
ist die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers inso
weit eingeschränkt
,
als Hilfstätigkeiten in der Pflege und Tätigkeiten an Maschi
nen mit Gefährdung Dritter ausgeschlossen sind
(S. 47 f.)
. Eine leidensangepasste Tätigkeit
wäre
dagegen
– bei «ausschliesslicher» Opiatsubstitution -
zu 100
% zumutbar
(S. 48 oben
, S. 50
).
Dagegen ergibt sich zusätzlich aus der ärztlich ver
ordneten Pharmakotherapie (Benzodiazepine,
Z-Substanzen,
Methylphenidat
) sowie aus dem
Beikonsum
psychotroper Substanzen
(THC, Kokain)
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit auch leidensangepasst
(S. 48)
. Hinsichtlich der Pharmako
therapie und des
Beikonsums
ist dem Beschwerdeführer eine Sistierung und ein Entzug zumutbar und ein
e
Wiederherstellung einer 100%igen Arbeitsfähigkeit
ist innert festgesetzter Frist
von einem 3⁄4 Jahr
zu erwarten
(S. 49
).
4.3.2
Die Beschwerdegegnerin ging
nach einer Rücksprache mit dem RAD
angesichts der
Behandelbarkeit
des Suchtleidens
innert unterjähriger Frist
von keiner dauerhaften Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus (
vgl. «Feststellungsblatt Ein
wand»,
Urk.
9/44 S. 8
) beziehungsweise begründete die Abweisung des Leistungs
begehrens mit dem Umstand, dass ein primäres Suchtgeschehen vorliege (Urk. 2).
Die
Behandelbarkeit einer psychischen Störung für sich allein betrachtet,
sagt
nichts über deren invalidisierenden Charakter
aus
(Urteil des Bundesgerichts 9C_309/2019 vo
m 7. November 2019 E. 4.3.1)
. Für die Entstehung des Anspruchs auf eine Invalidenrente im Besonderen ist immer und einzig vorausgesetzt, dass während eines Jahres (ohne wesentlichen Unterbruch) eine mindestens 40%ige Arbeitsunfäh
igkeit nach Art. 29 Abs. 1
lit
.
b IVG bestanden hat und eine
anspruchsbegründende Erwerbsunfähigkeit weiterhin besteht
(
vorne E. 1.4; vgl.
BGE 127 V 294 E. 4c).
Damit erweisen sich die
S
chlussfolgerung
en der Beschwer
degegnerin
, wonach
beim Beschwerdeführer
die funktionellen Einschränkungen
aufgrund deren Behandelbarkeit
keine
relevante
Einschränkung der Arbeits
fähigkeit begründen
,
als nicht
gerechtfertigt.
Hinzu kommt, dass einer Suchterkrankung, welche gemäss Dr.
F._
im Vor
dergrund steht, in Nach
achtung der geänderten bundesgerichtlichen Praxis nicht mehr per se jede invalidenversicherungsrechtliche Relevanz abgesprochen wer
den kann (BGE 145 V 215). Vielmehr ist – wie grundsätzlich bei sämtlichen psy
chischen Leiden – in Anwendung des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 festzustel
len, ob und inwiefern sich das Abhängigkeitssyndrom auf das funktionelle Leistungsvermögen auswirkt (vgl. E. 1.3
)
.
Vorliegend deuten nicht nur die ärztlich attestierten Arbeitsunfähigkeiten, sondern namentlich auch die
erstmals im Jahr 2004 erfolgte und
seit April 2010
durchgängige
Substitu
tionsbehandlung und der stetig vorhandene Konsum, die lange Behandlungs
dauer und die abgebrochenen Berufsausbildungen auf einen
relevanten
Schweregrad der psychischen Gesundheitsschädigung hin, sodass von einem strukturierten Beweisverfahren nicht abgesehen werden kann
.
4.4
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 7.4).
4.5
4.5.1
Was den K
omplex
«Gesundheitsschädigung» respektive den Indikator
der «Aus
prägung der diagnoserelevanten Befunde» angeht, ist festzuhalten, dass
nur dort, wo bereits in den Diagnosekriterien ein Bezug zum Schweregrad gefordert wird, ein solcher nicht erreichter Schweregrad gegebenenfalls bereits den Ausschluss einer krankheitswertigen Störung erlauben würde. Verallgemeinert auf sämtliche psychiatrischen Diagnosen angewendet, greift diese Auffassung jedoch zu kurz. Fehlt in der Diagnose die Schweregradbezogenheit, zeigt sich die Schwere der Störung in ihrer rechtlichen Relevanz erst bei deren funktionellen Auswirkungen (
vorgenannter BGE 143 V 418
E. 5.2.2).
Bei Abhängigkeitserkrankungen ist ins
besondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung zu tragen (vgl. BGE 145 V 215 E. 6.3; vgl. auch E. 5.2.1 und 5.2.2).
Der Beschwerdeführer leidet an
einem
Abhängigkeitssyndrom multipler Substan
zen (ICD-10: F19.2) und befindet sich seit
2004 beziehungsweise seit
2010
in einem überwachten Heroinprogramm.
Ein schädlicher Konsum von Cannabis lässt sich mit Beginn in der frühen Jugend festhalten und ein Beginn eines schäd
lichen Gebrauchs von Kokain in der Spätadoleszenz. Der Erstkonsum von Heroin erfolgte im frühen Erwachsenenalter (
Urk. 9/41
S. 21).
Trotz frühen Drogen
programmteilnahmen
gelang es
dem Beschwerdeführer
nicht, den harten, geschweige denn den weichen Drogen gänzlich zu entsagen.
Die 2007 begonnene Ausbildung zum
Mechapraktiker
war vorerst erfolgreich
und
wurde
dennoch -
wegen erneuten Drogenkonsums
trotz Substitution
–
offenbar
noch
vor der prak
tischen Endprüfung abgebrochen (
Urk. 9/21 S. 19, 9/41 S. 24
).
Die bereits seit 2010
bestehende
Teilnahme an der Behandlung bei de
n
Z._
und
C._
kann
nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Suchtproblematik sowohl eine erhebliche Schwere aufweist als auch
chronifiziert
ist, was sich aus der Biographie des Beschwerdeführers fraglos ergibt.
Die Sistierung der
Opiat
substitution
und ein Entzug
sind
denn nach gutachterlicher Einschätzung auch nicht zumutbar (
Urk. 9/41
S. 43
). Obwohl D
r.
F._
in seinem Gutachten
keine abschliessende
n
Feststellung
en
zur Schwere der
Abhängigkeit
macht (Urk. 9/41 S. 36 f.),
leuchtet
es
dennoch
ein, dass
er
angesichts der ebenfalls gegebenen Opiat
abhängigkeit und
unter Einbezug einer kompromittierenden Pharmako
therapie
und
aggraviert
durch einen
Beikonsum
mehrerer psychotroper Substanzen von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit
des Beschwerdeführers
ausging.
In Bezug auf den funktionellen Schweregrad erweist sich der Indikator der diag
noserelevanten Befunde als schwer ausgeprägt.
4.5.2
Bezüglich des Indikators
«Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
»
ist festzuhalten, dass gemäss Gutachten
die Sistierung der Opiat
substitution nicht
zumutbar ist und insoweit von einer ausgewiesenen Kooperationsbereitschaft des Beschwerdeführers auszugehen ist
(Urk. 9/41 S. 43, S. 41)
.
Dagegen ist di
e aktuelle zusätzliche Pharmakotherapie (Benzodiazepine, Z-Sub
stanzen,
Methylphenidat
)
, welche ärztlich verordnet ist,
nicht lege
artis
und min
dert die Leistung des Beschwerdeführers bei gleichzeitig nicht erkennbaren positiven gesundheitlichen Effekten. Die aus Sicht von Dr.
F._
nicht empfohlene Pharmakotherapie ist dem Beschwerdeführer aber nicht als fehlende Mitwirkung anzulasten (Urk. 9/41 S. 45).
Durch eine entsprechende Sistierung und Entwöh
nung kann eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit erwartet werden.
Nach gutachterlicher Einschätzung sind die weiteren Kooperationsprobleme des Versicherten
ressourcenbedingt, besitzen keinen Krankheitswert und sind zudem das Resultat eine
r
langjährigen
Dekonditionierung
mit fehlender Tagesstruktur (
Urk. 9/41
S. 41).
Insgesamt ergibt sich daraus, dass der Beschwerdeführer
grund
sätzlich verlässlich am Substitutionsprogramm teilnimmt und
sich damit bemüht
, seinen Gesundheitszustand
zu stabilisieren
, jedoch die Behandlungsmöglich
keiten nicht vollständig aus
ge
schöpft respektive angepasst sind.
4.5.3
Störungen fallen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich be
deutsame Komorbiditäten in Betracht, wenn ihnen im konkreten Fall ressourcen
hemmende Wirkung beizumessen ist (vorgenannter BGE 143 V 418 E. 8.1). Der Beschwerdeführer leidet
neben
den
Abhängigkeits
yndromen
an einer Nick
el
allergie und es besteht der Verdacht auf iatrogene
Methylphenidat
-induzierte Hyper- und
Dyskinesie
(ICD-10: T88.8)
.
Gemäss
Gutachten liegt keine weitere F
Störung vor und es ist nicht von einer Dualdiagnose auszugehen (
Urk. 9/41
S.
34,
S. 46 f.).
Relevante Komorbiditäten
liegen
neben den
möglichen
Folgen der Fehl
medikation mit
Methylphenidat
damit nicht vor.
4.5.4
Bei den Komplexen «Persönlichkeit» und «sozialer Kontext» ergibt sich Folgendes:
Der Beschwerdeführer zeigte bis zum Übergang ins dritte Lebensjahrzehnt keine die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigenden körperlichen oder psychischen Leiden und war zudem fähig,
ab 2007
einer
Ausbildung
zum
Mechapraktiker
während drei
er
Jahre nachzugehen
(
vgl.
Urk. 9/41
S. 40)
.
Der Beschwerdeführer lebt in einem Zimmer mit Kochnische, wobei es sich um ein begleitetes Wohnen der
H._
handelt. Das Bad und WC steht ihm auf der Etage zur Mitbenützung zur Verfügung. Im Rahmen des Wohnens wird dem Beschwerdeführer eine Dop
pelbetreuung zuteil, da jeweils dienstags und freitags jemand vorbeikomme. Der Beschwerdeführer hat kein aktives Sozialleben, jedoch auch keine nennenswerten Schwierigkeiten. Er hat zudem Schulden in Höhe von Fr. 30'000.
-- und lebt
ansonsten von Fürsorgegeldern (
Urk. 9/41
S. 25 f.)
.
Grundsätzlich ist
damit mit
Dr.
F._
von gewissen
Ressourcen auszugehen
, wobei er
aber auch darauf hinwies, dass diese letztlich aktuell nur
ungenügend erfass
t werden könnt
en, was eine zusätzliche Empfehlung zur Etablierung eine
r
therapeutisch motivierten Tagesstruktur in beschützendem Rahmen und einer Entwöhnung beziehungs
weise Sistierung der Einnahme oder des
Be
ikonsums
von Benzodiazepinen, Z
Substanzen,
Methylphenidat
,
Cannabinoiden
und Kokain
begründe
(S. 40)
.
4.5.5
In der
Kategorie «Konsistenz» (bezüglich Abgrenzung und gegenseitigen Bezügen zu den Komplexen «Persönlichkeit» und «sozialer Kontext» eingehend Michael E. Meier, Ein Jahr neue Schmerzrechtsprechung, in:
Jusletter
vom 11. Juli 2016, S. 28 ff. [nachfolgend: Ein Jahr Schmerzrechtsprechung], vgl. auch Michael
E. Meier, Zwei Jahre neue Schmerzrechtsprechung, in: Riemer-Kafka/
Hürzeler
[Hrsg.], Das
indikatorenorientierte
Abklärungsverfahren, 2017, S. 105-148, S. 136 ff.
[nachfolgend: Zwei Jahre Schmerzrechtsprechung]) zielt
der Indikator «
gleichmässige
Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen» auf die Frage ab, ob die diskutierte Einschränkung in Beruf und Erwerb (bzw. bei Nichterwerbstätigen im Aufgabenbereich) einerseits und in den sonstigen Lebensbereichen (beispielsweise Freizeitgestaltung) anderseits gleich ausgeprägt ist, wobei das Aktivitätsniveau der versicherten Person stets im Ver
hältnis zur geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit zu sehen ist (BGE 141 V 281 E. 4.4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.1).
Der Tagesablauf des Beschwerdeführers gestaltet sich so, dass er um 07.00 Uhr aufsteht und sich zur
Z._
begibt
, wo er sich 200mg
Diaphin
parenteral verabreicht und andere Medikamente erhält. Zu Hause verbringt er den Vormittag im Internet,
liest
eine Tageszeitung, spielt Computerspiele oder bewegt sich in Chatforen. Zur Mittagszeit macht er sich erneut auf zur
Z._
. Die Nachmittage verbringt er ähnlich wie seine Vormittage und geht am Abend ein drittes Mal zu
Z._
(
Urk. 9/41
S. 26 f.).
Nach nachvollziehbarer Einschätzung von
Dr.
F._
haben die aktuell
erkennbaren
sowie früheren Einschränkungen des Aktivitätsniveaus sich nach
Massgabe
eines schädlichen und leistungsmindernden Substanzkonsums entwickelt mit
gleichmässiger
Beei
n
trächtigung aller
vergleichbaren Lebensbereiche (
Urk. 9/41
S. 45).
4.5.6
Im Rahmen des Indikators «behandlungs- und eingliederungsanamnestisch aus
gewiesener Leidensdruck» (zur Abgrenzung vom Indikator «Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz» vgl. Michael E. Meier, Ein Jahr Schmerz
rechtsprechung, S. 25
Rz
60 und Michael E. Meier, Zwei Jahre Schmerzrecht
spre
chung, S. 129) weist d
ie
Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen, das
heisst
das
Ausmass
, in welchem Behandlungen wahrgenommen oder eben ver
nachlässigt werden (ergänzend zum Gesichtspunkt Behandlungs- und Eingliede
rungserfolg oder -resistenz unter dem Komplex «Gesundheitsschädigung») auf
den tatsächlichen Leidensdruck hin. In ähnlicher Weise zu berücksichtigen ist das Verhalten der versicherten Person im Rahmen der beruflichen (Selbst-) Einglie
de
rung. Inkonsistentes Verhalten ist auch hier ein Indiz dafür, die geltend gemacht
e Einschränkung sei anders begründet als durch eine ver
sicherte Gesundheitsbe
ein
trächtigung (BGE 141 V 281 E. 4.4.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.2).
Zum Aspekt des Leidensdruckes ergibt sich, dass sich der Beschwerdeführer bei
der
Z._
unter anderem
in hochfrequenter Substitutions
behandlung befindet
, wobei
die Psychopharmaka-Therapie von Dr.
F._
als nicht lege
artis
eingeschätzt wird. Subjektiv traut sich der Beschwerdeführer auf
grund seiner derzeitigen psychosozialen Situation gänzlich keine Tätigkeit mehr zu und macht eine erhebliche Leistungseinschränkung geltend
. Die Leistungs
einschränkung wird nach der gutachterlichen Einschätzung durch den Beschwer
deführer überbewertet
(
Urk. 9/41
S. 45)
.
4.5.7
Zusammenfassend
kann
bei gesamthafter Betrachtung über die massgeblichen Indikatoren
und in Anbetracht der
Ausprägung des psychischen Gesundheits
schadens
die gutachterlich angegebene Einschätzung der Arbeitsfähigkeit von
aktuell
100 %
(
mit der ausgewiesenen Möglichkeit zur Verbesserung;
vgl. E. 4.3.1)
auch mit Blick auf die Standardindikatoren nachvollzogen werden
.
5.
5.1
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 3. Juni 2020 aufzu
heben. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer – in Beachtung der sechsmonatigen Karenzfrist (Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG) – ab dem 1. Mai 2017 eine ganze Rente der Invalidenversicherung auszurichten.
5.2
Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer bis anhin
weder eine
Schadenminderungspflicht nach Art. 21 Abs. 4 ATSG auferlegt
noch ein
Mahn-und
Bedenkzeitverfahren
durchgeführt (vgl. E. 3.
1)
beziehungsweise
ihn
nicht
auf seine Mitwirkungspflicht hingewiesen (vgl. BGE 145 V 215 Sachverhalt A). Sollten die dem Beschwerdeführer
zumutbaren
Massnahmen zwischenzeitlich noch nicht durchgeführt worden sein
,
wird dies die Beschwerdegegnerin gege
benenfalls noch nachzuholen haben.
6.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts
kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert fest
zulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG
) und auf Fr. 800.-- anzusetzen und der unter
liegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Damit erweist sich das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Prozess
führung (Urk. 1 S. 2) als gegenstandslos.