Decision ID: 965f0438-9af1-452e-ad95-765a5483cecb
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 2. August 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Am gleichen Tag wurden durch das SEM seine Personalien aufge-
nommen und ein entsprechendes Protokoll erstellt. Zum Beweis seiner
Identität reichte er beim SEM eine Identitätskarte ein.
B.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck-
Datenbank (Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 4. November
2021 in Deutschland um Asyl ersucht hatte.
C.
Der Beschwerdeführer reichte beim SEM ein Schreiben vom 12. Juli 2022
aus seinem deutschen Asylverfahren (Vollzug des deutschen Aufenthalts-
gesetzes betreffend die Ablehnung des Antrags des Beschwerdeführers
auf Asylanerkennung/Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft) zu den Ak-
ten.
D.
Am 8. August 2022 wurde dem Beschwerdeführer eine Rechtsvertretung
gemäss Art. 102f ff. AsyIG (SR 142.31) beigeordnet.
E.
Am 17. August 2022 wurde mit dem Beschwerdeführer das sogenannte
Dublin-Gespräch geführt und ihm das rechtliche Gehör zu einer allfälligen
Zuständigkeit Deutschlands für die Prüfung seines Asylgesuchs gewährt.
Im Rahmen dieses Gesprächs gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, er
habe in Deutschland ein Asylgesuch stellen müssen. Das Gesuch sei ab-
gelehnt worden und er sei aufgefordert worden, Deutschland zu verlassen,
deshalb sei er in die Schweiz gereist. Nach Deutschland wolle er nicht zu-
rückkehren, da die Schweiz von Anfang an sein Zielland gewesen sei. Die
deutschen Behörden hätten ihn nicht gerecht behandelt, insbesondere die
Behörden des Sozialamtes. Ausserdem sei er seit zehn Jahren psychisch
angeschlagen.
F.
Am 22. August 2022 richtete das SEM an die deutschen Behörden ein Ge-
such um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18
Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
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Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO). Diesem entsprachen die deutschen Behörden am
25. August 2022.
G.
Mit Verfügung vom 12. September 2022 – eröffnet am gleichen Tag – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung nach
Deutschland, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines
Asylgesuches zuständig sei. Gleichzeitig beauftragte es den zuständigen
Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu. Dem Beschwerdeführer wurden die editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis ausgehändigt.
H.
Am 13. September 2022 erklärte die mandatierte Rechtsvertretung die Nie-
derlegung des Mandats.
I.
Der Beschwerdeführer erhob gegen den Entscheid des SEM beim Bun-
desverwaltungsgericht mit Eingabe vom 19. September 2022 Beschwerde
und beantragte, auf sein Asylgesuch sei einzutreten und dieses durch die
Schweiz zu prüfen.
J.
Die Vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
20. September 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden ge-
gen Verfügungen des SEM (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG und
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die Sa-
churteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind erfüllt.
1.4. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet. Sie wird
deshalb im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung ei-
nes zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111
Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summa-
rischer Begründung behandelt (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines – wie vorliegend – Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dub-
lin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach
Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E.
6.2 und 8.2.1).
3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
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Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
4.
4.1. Der Beschwerdeführer hat in Deutschland ein Asylgesuch eingereicht,
das die deutschen Behörden abgelehnt haben. Nachdem die deutschen
Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem
Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zugestimmt haben, ist die Zustän-
digkeit Deutschlands grundsätzlich gegeben.
4.2.
4.2.1. Der Beschwerdeführer macht zu Recht nicht geltend, das Asylver-
fahren und die Aufnahmebedingungen in Deutschland würden systemische
Schwachstellen aufweisen. Die Vorbringen des Beschwerdeführers sind
sodann nicht geeignet, an der Zuständigkeit Deutschlands etwas zu än-
dern. Sie begründen aus den nachfolgenden Gründen keinen Anlass zur
Ausübung des Selbsteintrittsrechts der Schweiz.
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4.2.2. Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach.
4.2.3. Aufgrund der vom Beschwerdeführer eingereichten deutschen Asyl-
unterlagen ist nicht davon auszugehen, dass dem ablehnenden Entscheid
hinsichtlich Flüchtlingseigenschaft und Abschiebung nicht ein rechtsstaat-
liches Verfahren zu Grunde gelegen hat. Es gibt keinen Hinweis darauf,
Deutschland würde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement
(Art. 33 FK) missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in wel-
chem ihm eine asylrelevante Verfolgung nach Art. 3 Abs. 1 AsylG oder die
Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde.
4.2.4. Der Beschwerdeführer hat dem SEM gegenüber geltend gemacht,
seit Jahren unter psychischen Problemen zu leiden. Diese liess er jedoch
bei der zuständigen Pflege in der Asylunterkunft unerwähnt, sondern liess
lediglich eine Narbe sowie seine Zähne behandeln. Auch machte er nicht
geltend, dass er in Deutschland wegen psychischer Probleme behandelt
worden wäre. Selbst wenn eine solche Behandlung nötig wäre, sei in die-
sem Zusammenhang auf die vorhandene medizinische Infrastruktur in
Deutschland hingewiesen, die er bei Bedarf in Anspruch nehmen könnte.
Es droht ihm somit auch in dieser Hinsicht keine Verletzung von Art. 3
EMRK, weshalb auch diesbezüglich kein Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO in Betracht fällt.
4.2.5. Deutschland ist sodann ein Rechtsstaat mit einem funktionierenden
Justizsystem. Wenn der Beschwerdeführer als abgewiesener Asylsuchen-
der seine Unterkunftssituation in Deutschland als nicht zufriedenstellend
empfindet, so kann er sich bei Bedarf zur Durchsetzung der ihm mit diesem
Status zustehenden Minimalstrukturen an die zuständigen Behörden wen-
den.
4.3. Dem SEM kommt bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Er-
messen zu (BVGE 2015/9 E. 7 f.) und den Akten sind keine Hinweise auf
eine rechtswidrige Ermessensausübung durch die Vorinstanz zu entneh-
men (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG).
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5.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat die Überstellung nach Deutschland angeordnet. Die Beschwerde ist
abzuweisen.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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