Decision ID: 54de6783-91a1-56ce-afef-fc42ff81c905
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 23. September 2015 erstmals ein Asyl-
gesuch in der Schweiz ein.
Mit Verfügung vom 10. August 2018 lehnte das SEM sein Asylgesuch ab
und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug derselben aus der
Schweiz an. Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil D-5157/2018 vom 4. April 2019 ab.
B.
Auf ein am 20. Juni 2019 eingereichtes Mehrfachgesuch trat das SEM mit
Verfügung vom 24. Juli 2019 nicht ein und ordnete die Wegweisung und
den Vollzug derselben an. Eine entsprechende Beschwerde wurde mit Ur-
teil D-4024/2019 vom 5. September 2019 abgewiesen.
C.
Mit einer als «neues Asylgesuch» bezeichneten Eingabe vom 7. Okto-
ber 2019 machte er im Wesentlichen neu geltend, der amtierende Präsi-
dent Sirisena habe innert kürzester Zeit eine gravierende Veränderung der
Gefährdungslage für Minderheiten in Sri Lanka, insbesondere Tamilen, ge-
schaffen. Am 19. August 2019 habe er den berüchtigten Kriegsverbrecher
Shavendra Silva zum neuen Armeechef ernannt. Ferner machte der Be-
schwerdeführer neue Tätigkeiten für die Liberation Tigers of Tamil Eelam
(LTTE) geltend, welche er im Rahmen des ersten Asylverfahrens nicht er-
wähnt hatte. Schliesslich habe er sich nach dem letzten Urteil exilpolitisch
betätigt. Ferner wurde darauf hingewiesen, dass sich ein ehemaliger LTTE-
Kamerad des Beschwerdeführers (B._, N [...]) in der Schweiz auf-
halte und dessen LTTE-Tätigkeit bezeugen könne. Es wurde sodann um
Einsicht in die entsprechenden Akten ersucht.
D.
Mit Verfügung vom 17. Oktober 2019 – eröffnet am 25. Oktober 2019 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 111c Abs. 2 AsylG (SR 142.31) auf das
erneute Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zudem wies es die
Anträge zur Durchführung einer Anhörung, zur Sistierung des Verfahrens
sowie um Einsicht in die Verfahrensakten N [...] ab und erhob eine Gebühr
in der Höhe von Fr. 600.–.
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Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentlichen
aus, die Ernennung von Shavendra Silva und die behauptete erweiterte
Machtkompetenz des Militärs und der Sicherheitsbehörden würden in kei-
nem Zusammenhang zur Person des Beschwerdeführers stehen. Betref-
fend den eingereichten Erfahrungsbericht und die damit geltend gemach-
ten neu offengelegten LTTE-Tätigkeiten wurde festgehalten, dabei handle
es sich um vorbestehende Tatsachen, welche revisionsrechtlich geltend zu
machen seien. Auf die entsprechenden Vorbringen werde mangels funkti-
onaler Zuständigkeit nicht eingetreten. Das Akteneinsichtsgesuch sei ab-
zuweisen, da das entsprechende Asylverfahren nach wie vor hängig sei.
Was die exilpolitischen Tätigkeiten betreffe, so sei zunächst festzustellen,
dass die eingereichten Fotos nicht datiert seien und sich somit keinem be-
stimmten Anlass zuordnen liessen. Ferner sei die Teilnahme an Demonst-
rationen als Mitläufertätigkeit einzuordnen und reiche für die Zuerkennung
der Flüchtlingseigenschaft nicht aus. Angesichts der Prozessgeschichte
entstehe der Eindruck, der Beschwerdeführer habe seine Eingabe allein
aufgrund eines erhofften Verzögerungserfolgs und einer Verhinderung des
Wegweisungsvollzugs eingereicht. Eine Anhörung erweise sich somit als
nicht angezeigt; auch sei nicht ersichtlich, weshalb das Verfahren sistiert
werden sollte.
E.
Mit Eingabe vom 1. November 2019 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und
beantragte dabei, die Verfügung des SEM sei aufzuheben und die Sache
zur Behandlung als neues Asylgesuch an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Es sei die Sistierung des Verfahrens anzuordnen, bis die Akten, in welche
Einsicht beantragt worden sei, dem unterzeichneten Anwalt unter Anset-
zung einer angemessenen Frist zur Einreichung einer Stellungnahme of-
fengelegt worden seien. Eventualiter sei die Verfügung wegen der Verlet-
zung des Willkürverbotes, des rechtlichen Gehörs, der Begründungspflicht
oder der unvollständigen und unrichtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhaltes aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sub-
eventualiter sei die Unzulässigkeit oder die Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzuges festzustellen.
Der Beschwerde lag nebst der angefochtenen Verfügung ein Urteil des
EGMR, Case X vs. Switzerland, vom 26. Januar 2017 bei.
Zur Begründung der Beschwerde wurde im Wesentlichen ausgeführt, beim
Beschwerdeführer handle es sich um ein kampferprobtes Mitglied der
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LTTE. Er habe von 2007 bis 2009 gedient und sei mehrmals an der Front
gewesen, wo er sich Kriegsnarben zugezogen habe. Auch habe er meh-
rere Familienangehörige, die Verbindungen zu den LTTE hätten. Aufgrund
seiner LTTE-Verbindungen sei er Opfer von Gewalt und Folterung gewor-
den und ins Visier des Criminal Investigation Departement (CID) geraten.
Er sei telefonisch überwacht und wiederholt zuhause aufgesucht worden.
Auch sei er mehrmals zum Verhör vorgeladen und dabei Opfer von physi-
scher und psychischer Gewalt geworden. Er habe zeitweise einer Melde-
pflicht unterstanden, sei dieser aber kurz vor seiner Ausreise nicht mehr
nachgekommen. Ausserdem sei er in der Schweiz exilpolitisch tätig. Diese
Ausführungen zur Flüchtlingseigenschaft seien im Kontext der aktuellen
politischen Lage in Sri Lanka besonders schwer zu gewichten, zumal die
behördliche Repression gegen tamilische Personen massiv zugenommen
habe. Aufgrund seines Profils gehöre der Beschwerdeführer gleich mehre-
ren Risikogruppen an. Mit dem neuen Asylgesuch habe er nun einen
selbstverfassten Bericht, welcher nach dem letzten Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts entstanden sei, eingereicht. Mit diesem werde teilweise
ein neuer Sachverhalt geltend gemacht, da Aktivitäten vorgebracht wür-
den, welche er bisher aus Gründen einer nachvollziehbaren psychischen
Blockade verschwiegen habe. Schliesslich werde erneut darauf hingewie-
sen, dass B._ die LTTE-Tätigkeit des Beschwerdeführers bestäti-
gen könne. Entsprechende Akteneinsichtsgesuche seien bisher abgewie-
sen worden. Vor diesem Hintergrund sei nicht nachvollziehbar, weshalb
ohne Konsultation der Akten beziehungsweise Offenlegung derselben ein
Nichteintretensentscheid gefällt worden sei, wäre doch ein Beweis für sei-
nen LTTE-Hintergrund möglich gewesen. Der Entscheid sei deshalb auf-
zuheben und die Sache zur Behandlung als Asylgesuch an das SEM zu-
rückzuweisen. Ferner wurde in der Beschwerde über mehrere Seiten die
Lage in Sri Lanka erläutert.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 7. November 2019 forderte die Instruktions-
richterin den Beschwerdeführer auf, bis zum 22. November 2019 entweder
einen Kostenvorschuss von Fr. 1'500.– zugunsten der Gerichtskasse ein-
zuzahlen oder gegebenenfalls ein begründetes Gesuch um Erlass der Ver-
fahrenskosten zu stellen.
G.
Mit Eingabe vom 22. November 2019 ersuchte der Beschwerdeführer um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und reichte eine Fürsor-
gebestätigung vom 20. November 2019 zu den Akten. Des Weiteren wurde
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auf die aktuelle Lage in Sri Lanka im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl
vom 16. November 2019 hingewiesen und es wurden entsprechende Be-
weismittel eingereicht.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 27. November 2019 wies die Instruktionsrich-
terin dieses Gesuch zunächst ab und setzte eine Nachfrist zur Bezahlung
des Kostenvorschusses. Am 5. Dezember 2019 kam sie von Amtes wegen
auf diese Verfügung zurück und hiess das Gesuch um Erlass der Verfah-
renskosten wiedererwägungsweise gut.
I.
Gleichentags ersuchte der Beschwerdeführer um Wiedererwägung der
Zwischenverfügung vom 27. November 2019. Ferner beantragte er abzu-
klären, ob im Rahmen der Entführung einer Mitarbeiterin der Schweizer
Botschaft Daten erpresst worden seien, unter denen auch sein Name zu
finden sei. Gleichzeitig wurden weitere Nachrichtenartikel als Beweismittel
zu den Akten gereicht.
J.
Mit Eingabe vom 27. September 2021 wurde um Sistierung des Verfahrens
ersucht, da dieses eine Fragestellung betreffe, welche aktuell vom Gericht
im Rahmen eines Koordinationsverfahrens abgeklärt werde.
K.
Mit Schreiben vom 7. Oktober 2021 (in Kopie an den Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers) überwies die Vorinstanz eine als «neues Asylgesuch»
betitelte Eingabe des Beschwerdeführers vom 27. September 2021 an das
Bundesverwaltungsgericht. Mit dieser Eingabe ist der Beschwerdeführer
an die Vorinstanz gelangt und hat auf eine Verschlechterung der Sicher-
heits- und Menschenrechtslage in Sri Lanka aufmerksam gemacht, welche
für ihn relevant sei. Als Beweismittel lag ein Länderbericht des unterzeich-
neten Anwalts vom 16. August 2021 bei.
L.
Am 27. Oktober 2021 wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehm-
lassung eingeladen. Mit Vernehmlassung vom 4. November 2021 – welche
dem Beschwerdeführer zusammen mit diesem Entscheid zugestellt wird –
legte die Vorinstanz dar, das Verfahren von B._ sei in der Zwischen-
zeit abgeschlossen worden. Unter Vorlage einer Vollmacht könne Einsicht
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Seite 6
in die edierbaren Akten gewährt werden. Ferner wurde – ohne weitere Aus-
führungen – vollumfänglich an der Verfügung festgehalten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Der Beschwerdeführer ersucht – wie schon zuvor bei der Vorinstanz – auch
mit der Beschwerde um Einsicht in die vorinstanzlichen Akten N 639 877.
Die Vorinstanz hat dieses Gesuch abgewiesen, da das entsprechende Ver-
fahren zum damaligen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war. Dieser
Entscheid ist nicht zu beanstanden. Im Rahmen des Schriftenwechsels
wurde die Vorinstanz aufgefordert, sich zum Akteneinsichtsgesuch zu äus-
sern. Mit Vernehmlassung vom 4. November 2021 führte sie aus, das Ak-
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Seite 7
teneinsichtsgesuch bei Einreichung einer aktuellen Vollmacht gutzuheis-
sen. Da es sich bei den einzusehenden Akten um solche der Vorinstanz
handelt, ist der Beschwerdeführer diesbezüglich an diese zu verweisen.
Der Beschwerdeführer legte in diesem Zusammenhang zwar dar,
B._ könne seine LTTE-Mitgliedschaft und -Tätigkeiten bezeugen.
Nachdem dieses Beweisangebot (und damit auch der Grund für das Ak-
teneinsichtsgesuch) somit aber gerade jene Vorbringen betrifft, welche re-
visionsrechtlich zu behandeln wären (vgl. nachfolgend E. 6.5), erweist sich
die Akteneinsicht für das vorliegende Verfahren als nicht relevant. Das Ak-
teneinsichtsgesuch und das entsprechende Sistierungsgesuch sind abzu-
weisen.
4.
Gemäss Art. 111c Abs. 1 AsylG hat die Eingabe von (neuen) Asylgesuchen,
die innert fünf Jahren nach Eintritt der Rechtskraft des Asyl- und Wegwei-
sungsentscheides eingereicht werden, schriftlich und begründet zu erfol-
gen. Der Beschwerdeführer hat – wie oben aufgeführt – bereits am
23. September 2015 das erste Mal in der Schweiz um Asyl nachgesucht.
Mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-5157/2018 vom 4. April 2019
wurde rechtskräftig über dieses Asylgesuch entschieden. Die erneute Asyl-
gesuchstellung vom 7. Oktober 2019 wurde vom SEM deshalb korrekter-
weise als Mehrfachgesuch entgegengenommen.
5.
Prüfungsgegenstand ist vorliegend die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das neue Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist. Das
Bundesverwaltungsgericht als Beschwerdeinstanz enthält sich – sofern es
den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstän-
digen materiellen Prüfung; es hebt die angefochtene Verfügung auf und
weist die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl.
BVGE 2007/8 E. 2.1 m.w.H.). Die Wegweisung und der Vollzug sind von
dieser jedoch materiell geprüft worden, weshalb dem Bundesverwaltungs-
gericht diesbezüglich volle Kognition zukommt.
6.
6.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben. Diese sind vorab
zu beurteilen.
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Seite 8
6.2 Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe mit dem Nichteintre-
tensentscheid das Willkürverbot sowie das Rechtsgleichheitsgebot ver-
letzt. Ferner habe sie die Begründungspflicht verletzt und den Sachverhalt
unvollständig und unrichtig abgeklärt.
6.3 Die Vorinstanz hat in ihrer Verfügung substanziiert dargelegt, weshalb
der angefochtene Entscheid als Nichteintretensentscheid ergehe. Sie ver-
trat dabei die Auffassung, Voraussetzung für die Annahme einer Verfol-
gungsgefahr aufgrund der veränderten Situation in Sri Lanka sei ein per-
sönlicher Bezug der asylsuchenden Person zu eben diesen Ereignissen
respektive dessen Folgen. Aus der Eingabe des Beschwerdeführers gehe
nicht hervor, aus welchen Gründen gerade er infolge der veränderten Lage
in Sri Lanka bei einer Rückkehr verfolgt würde. Damit fehle es an einer
gehörigen Begründung im Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG. Ihre Einschät-
zung begründete die Vorinstanz sodann auch nachvollziehbar. Im Gesetz
ist ein Nichteintreten auf ein unbegründetes Mehrfachgesuch ausdrücklich
vorgesehen und wird durch die Rechtsprechung geschützt: Sofern eine
asylsuchende Person ihrer Begründungspflicht nicht nachkommt, hat die
Behörde gemäss Art. 111c Abs. 1 AsylG in Verbindung mit Art. 13 Abs. 2
VwVG neben der formlosen Abschreibung die Option, auf das Gesuch
nicht einzutreten (vgl. BVGE 2014/39 E. 7). Das Vorgehen der Vorinstanz
ist somit nicht zu beanstanden und eine Verletzung des Willkürverbots und
des Rechtsgleichheitsgebots nicht ersichtlich.
6.4 Weiter ist auch keine Verletzung des rechtlichen Gehörs beziehungs-
weise der Begründungspflicht (vgl. BVGE 2016/9 E. 5.1) und keine unrich-
tige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung (vgl. BVGE 2016/2
E. 4.3) ersichtlich. Die Vorinstanz legte in ihrem Entscheid nachvollziehbar
dar, warum sie das Gesuch als ungenügend begründet erachte. Dem Be-
schwerdeführer war es überdies offensichtlich möglich, den vorinstanzli-
chen Entscheid in sachgerechter Weise anzufechten. Die Verfügung ent-
hält auch – im angemessenen Rahmen eines Nichteintretensentscheides,
in welchem gerade keine materielle Prüfung stattfinden soll – eine genü-
gende Darstellung des Sachverhalts beziehungsweise genügende Ausei-
nandersetzung mit dem Sachverhalt, um nachvollziehen zu können, wes-
halb das SEM die als "neu" bezeichneten Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers als nicht genügend auf seinen Einzelfall individualisiert erachte, als
dass es auf das Gesuch hätte eintreten müssen.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2016/9 http://links.weblaw.ch/BVGE-2016/2
D-5751/2019
Seite 9
6.5
6.5.1 Schliesslich sind auch die Ausführungen der Vorinstanz zu ihrer funk-
tionalen Unzuständigkeit zutreffend. Ein Mehrfachgesuch stellt im Asyl-
recht eine spezielle Form eines klassischen Wiedererwägungsgesuchs
dar. Bei einem klassischen Wiedererwägungsgesuch wie auch bei einem
Mehrfachgesuch wird eine Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Ver-
fügung an einen erst nachträglich eingetretenen Sachverhalt verlangt. Be-
trifft dieser Sachverhalt ausschliesslich den Wegweisungsvollzug, liegt ein
Wiedererwägungsgesuch vor. Beschlagen die neu eingetretenen Ereig-
nisse aber auch die Flüchtlingseigenschaft, sind diese als Mehrfachgesuch
zu prüfen (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 f. m.w.H.). Im Rahmen eines Mehr-
fachgesuchs können folglich ausschliesslich Sachverhalte geltend ge-
macht werden, die sich nach Abschluss des ordentlichen Asylverfahrens
verwirklicht haben. In Abgrenzung dazu ermöglicht die Revision die Kor-
rektur eines bereits ursprünglich fehlerhaften Entscheids aufgrund neuer
erheblicher Tatsachen oder Beweise (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5; 2013/22
E. 5.4 m.H.). Solche Tatsachen können auch dann einen Revisionsgrund
im Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG bilden, wenn sie in früheren Ver-
fahren nicht beigebracht werden konnten, weil es der gesuchstellenden
Person aus entschuldbaren Gründen nicht möglich war, diese geltend zu
machen (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bun-
desverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 5.47).
6.5.2 Das SEM legte diesbezüglich dar, da es sich bei den neu offengeleg-
ten LTTE-Tätigkeiten um vorbestehende Tatsachen handle, seien diese re-
visionsrechtlich geltend zu machen. An dieser Feststellung ändere offen-
sichtlich auch der Umstand nichts, dass der vom Beschwerdeführer ver-
fasste Erfahrungsbericht erst nach dem Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts verfasst worden sei. Diesen Ausführungen ist zuzustimmen. Für die
Vorbringen im Zusammenhang mit LTTE-Tätigkeiten, die vor der ersten
Asylgesuchstellung datieren, ist funktional das Bundesverwaltungsgericht
zuständig. Der Beschwerdeführer hat diese – und damit auch die damit im
Zusammenhang stehenden Beweismittel – im Rahmen eines Revisionsge-
suchs vorzutragen, wobei es zum revisionsrechtlichen Erfordernis auch ge-
hört, zu begründen, warum die vorbestandenen Tatsachen nicht zu einem
früheren Zeitpunkt geltend gemacht werden konnten und als erheblich zu
gelten haben. Er ist von einem auf Asylrecht spezialisierten Anwalt vertre-
ten, welcher bis anhin auf die Einreichung eines Revisionsgesuchs verzich-
tet hat. Auf die erwähnten Tatsachen und Beweismittel ist daher im vorlie-
genden Verfahren nicht weiter einzugehen. Der Vollständigkeit halber ist
an dieser Stelle festzuhalten, dass dies der Praxis des Gerichts entspricht.
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Seite 10
Es ist daher nicht notwendig, das vom Rechtsvertreter erwähnte Koordina-
tionsurteil abzuwarten. Das Sistierungsgesuch vom 27. September 2021
ist entsprechend abzuweisen.
6.6 Der in der Eingabe vom 5. Dezember 2019 vorgebrachte Antrag, es sei
abzuklären, ob bei der Entführung einer schweizerischen Botschaftsmitar-
beiterin am 25. November 2019 Daten des Beschwerdeführers respektive
welche Daten im Allgemeinen erpresst worden seien, ist abzuweisen, zu-
mal eine Verbindung des Beschwerdeführers zu dieser Botschaftsmitarbei-
terin nicht substanziiert dargelegt wird.
6.7 Nach dem Gesagten erweisen sich die formellen Rügen und Verfah-
rensanträge als unbegründet. Dem entsprechenden Rückweisungsantrag
ist nicht stattzugeben.
7.
7.1 Die Vorinstanz qualifizierte die Eingabe vom 7. Oktober 2019 als Mehr-
fachgesuch und trat darauf in Ermangelung einer gehörigen Begründung
im Sinne von Art. 111c AsylG i.V.m. Art. 13 Abs. 2 VwVG nicht ein.
7.2 Das Gericht stellt zunächst fest, dass das vom Beschwerdeführer ein-
gereichte Gesuch vom 7. Oktober 2019 die formellen Anforderungen zu
seiner Entgegennahme erfüllt. Es wurde in schriftlicher Form eingereicht
und war soweit begründet, als es das SEM in die Lage versetzte, darüber
zu entscheiden, ohne den Beschwerdeführer vorab anzuhören. Das SEM
verzichtete daher zu Recht auf die Durchführung von Instruktionsmassnah-
men.
7.3 Die Vorbringen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit seinen
LTTE-Tätigkeiten wurden vom SEM, wie gesehen, korrekterweise nicht be-
handelt, da es sich dabei um revisionsrechtlich vorzubringende Gründe
handelt, die in den Zuständigkeitsbereich des Bundesverwaltungsgerichts
fallen (vgl. E. 6.5). Betreffend die geltend gemachten exilpolitischen Aktivi-
täten ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz festzuhalten, dass das En-
gagement des Beschwerdeführers als niederschwellig zu bezeichnen ist
und deshalb nicht davon auszugehen ist, dass dieses das Verfolgungsin-
teresse des sri-lankischen Staats auszulösen vermag. Im Weiteren wird in
der Beschwerde – sowie in den Eingaben vom 22. November 2019, 5. De-
zember 2019 sowie vom 27. September 2021 (bei der Vorinstanz) – auf die
aktuelle Lage in Sri Lanka verwiesen. Diese Ausführungen enthalten aller-
dings keinen persönlichen Fallbezug zum Beschwerdeführer. Demnach hat
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Seite 11
das SEM zu Recht das Erfordernis einer ausreichenden Begründung im
Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG als nicht erfüllt erachtet und ist folgerichtig
in Anwendung von Art. 13 Abs. 2 VwVG auf das Gesuch nicht eingetreten
(vgl. zum Nichteintretensgrund der mangelhaften Begründung BVGE
2014/39 E. 7).
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
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Seite 12
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz ist zu Recht nicht von einer asylrechtlich erheblichen
Gefährdung ausgegangen; den Akten sind keine Hinweise auf eine Verlet-
zung des in Art. 5 AsylG verankerten Prinzips des flüchtlingsrechtlichen
Non-Refoulement zu entnehmen.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er-
scheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Die Vorinstanz hat die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs mit
Verweis auf die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts D-5157/2018 vom
4. April 2019 sowie D-4024/2019 vom 5. September 2019, in welchen sich
das Gericht mit der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
auseinandersetzte, mit zutreffender Begründung bejaht. Ausserdem hat
die Vorinstanz zu Recht darauf verwiesen, dass trotz der jüngsten politi-
schen Geschehnisse keine gänzlich unsichere, von bewaffneten Konflikten
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Seite 13
oder anderen unberechenbaren Unruhen dominierte Lage herrscht, auf-
grund derer Rückkehrer unabhängig von ihrem individuellen Hintergrund
konkret gefährdet wären. An dieser Einschätzung vermögen auch die Prä-
sidentschaftswahlen vom 16. November 2019 und der damit einherge-
hende Machtwechsel nichts zu ändern. Andere Gründe, welche gegen die
Zumutbarkeit sprechen würden, wurden weder substanziiert geltend ge-
macht noch sind sie aus den Akten ersichtlich. Den Aussagen der Vo-
rinstanz kann sich das Gericht vollumfänglich anschliessen. Der Vollzug
der Wegweisung erweist sich somit als zumutbar.
9.4 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Sri Lanka
ist schliesslich möglich, da keine Vollzugshindernisse bestehen (Art. 83
Abs. 2 AIG), und es dem Beschwerdeführer obliegt, bei der Beschaffung
gültiger Reisepapiere mitzuwirken (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem dessen Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung
vom 5. Dezember 2019 gutgeheissen wurde, sind indes keine Verfahrens-
kosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5751/2019
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