Decision ID: 84f648e9-6ab1-4de0-8cfd-a0dfd3c45109
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) arbeitete seit dem 1. Januar 2020 als Vermittlerin
mit einem vertraglichen Beschäftigungsgrad von 30 % bei der Organisation B._ und
war infolgedessen bei der Branchen Versicherung Genossenschaft, Zürich
(nachfolgend: Versicherung), gegen die Folgen von Unfällen versichert, als am
3. Februar 2021 beim Tragen der Skier die Strecksehne im Endglied ihres Mittelfingers
rechts riss. Die Erstbehandlung fand gleichentags im Spital C._ statt (vgl.
Schadenmeldung UVG vom 16. Februar 2021, UV-act. K1).
A.a.
Im Kurzbericht vom 4. Februar 2021 über die ambulante Behandlung vom
3. Februar 2021 stellten die Ärzte der Chirurgie/Orthopädie des Spitals C._ die
Diagnose ligamentärer Mallet-Finger Dig. III Hand rechts. Sie berichteten über ein
kleines Hämatom und eine leichte Schwellung im DIP-Gelenk. Prellmarken oder eine
Luxation hatten sie nicht feststellen können. Eine Extension im DIP sei aktiv nicht mehr
möglich, die passive Beweglichkeit dagegen vollständig erhalten gewesen. Die
radiologische Untersuchung habe weder einen Anhalt für eine Fraktur noch für einen
knöchernen Ausriss gezeigt. Die periphere Durchblutung, Motorik und Sensibilität seien
intakt gewesen. Sie empfahlen die Ruhigstellung des betroffenen Fingers in einer
Stack-Schiene in der Extension des DIP für zehn Wochen und erachteten eine aktive
Mobilisation ab der elften Woche und den Kraftaufbau ab der zwölften Woche als
möglich (UV-act. M2). Am 17. Februar 2021 führte die Versicherte zum Ereignisablauf
vom 3. Februar 2021 aus, dass sie beim Tragen der Skier bemerkt habe, dass sie das
Endglied des rechten Mittelfingers nicht mehr habe strecken können. Etwas
Aussergewöhnliches sei nicht vorgefallen (UV-act. K3). Im Arztzeugnis vom 2. März
A.b.
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B.
2021 erklärte die Stationsärztin der Chirurgie/ Orthopädie des Spitals C._ gegenüber
der Versicherung, dass ausschliesslich Unfallfolgen vorliegen würden. Vom 3. bis 17.
Februar 2021 sei eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden. Ab dem 18.
Februar 2021 sei voraussichtlich mit einer Arbeitsaufnahme zu 100 % und in zwölf
Wochen mit dem Behandlungsabschluss zu rechnen (UV-act. M3).
Mit Verfügung vom 9. März 2021 eröffnete die Versicherung der Versicherten, dass
sie eine Leistungspflicht ablehne, da weder ein Unfall (fehlender ungewöhnlicher
äusserer Faktor) noch eine unfallähnliche Körperschädigung (keine Listenverletzung
nach Art. 6 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20])
vorlägen (UV-act. K4).
A.c.
Am 29. März 2021 nahm der Vertrauensarzt der Versicherung, Dr. med. D._,
Facharzt für Orthopädie und Traumatologie FMH, zu Fragen der Versicherung Stellung.
Der Arzt ging vom Vorliegen einer Listenverletzung nach Art. 6 Abs. 2 lit. f UVG
(Sehnenrisse) aus. Die Sehne sei jedoch vorwiegend und überwiegend wahrscheinlich
degenerativ bedingt eingerissen (UV-act. M4).
A.d.
Am 26. April 2021 erhob die Versicherte, vertreten durch den Rechtsdienst der
AXA-ARAG Rechtschutz AG, Winterthur, Einsprache gegen die Verfügung vom 9. März
2021. Gefordert wurde die Aufhebung der Verfügung, die Zustellung der vollständigen
Unfallakten und die Gewährung der gesetzlichen UVG-Leistungen infolge
unfallähnlicher Körperschädigung im Sinne von Art. 6 Abs. 2 UVG. Im Weiteren wurde
geltend gemacht, dass der Endzustand noch nicht erreicht sei. Die Beweglichkeit
müsse erst noch mit Ergotherapie wiederhergestellt werden (UV-act. K7). In der
Einspracheergänzung vom 31. Mai 2021 nahm der Rechtsdienst insbesondere zur
Einschätzung von Dr. D._ vom 29. März 2021 (vgl. UV-act. M4) Stellung. Ausgeführt
wurde, dass es an der Versicherung liege, eine degenerative Ursache für den
Sehnenriss nachzuweisen. Entsprechende Beweise seien jedoch nicht vorgebracht
worden. Insbesondere enthalte die Stellungnahme von Dr. D._ keine objektivierbaren
oder bildgebenden Belege für einen degenerativen Vorzustand (UV-act. K10). Zur
Widerlegung der Einschätzungen von Dr. D._ wurde eine Beurteilung von Dr. med.
B.a.
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C.
E._, Fachärztin für Chirurgie FMH, F._ AG, vom 29. Mai 2021 eingereicht (UV-act.
K9).
Am 1. Juni 2021 nahm Dr. D._ erneut zu Fragen der Versicherung Stellung und
erklärte, dass der Sehnenzustand der Versicherten am rechten Mittelfinger dafür
verantwortlich sei, dass es zu einem schmerzfreien Abtrennen der Strecksehne unter
physiologischen Belastungen gekommen sei. Beim berichteten Vorgang – tragen der
Skier – sei es mit überwiegender Wahrscheinlichkeit unmöglich, die Extensorensehne
an der Endphalanx Dig. III rechts zur Durchtrennung zu bringen. Eine
Sehnendegeneration sei für die Listenverletzung vorwiegend und überwiegend
wahrscheinlich der verantwortliche und alleinige Faktor (UV-act. M5).
B.b.
Mit Einspracheentscheid vom 3. Juni 2021 wies die Versicherung die Einsprache
gegen die Verfügung vom 9. März 2021 ab. Erklärt wurde, dass in Abänderung der
Verfügung vom 9. März 2021 zwar eine unfallähnliche Körperschädigung gemäss Art. 6
Abs. 2 UVG vorliege, diese jedoch mit über 50%iger Wahrscheinlichkeit auf eine
Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sei, weshalb für die Beschwerden am
dritten Finger der Hand rechts keine Leistungen ausgerichtet würden (UV-act. K11).
B.c.
Gegen den Einspracheentscheid vom 3. Juni 2021 liess die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 5. Juli 2021 beim Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich Beschwerde erheben. Die Beschwerdeführerin stellte folgende
Anträge: 1. Es seien der Einspracheentscheid vom 3. Juni 2021 aufzuheben und die
gesetzlichen UVG-Leistungen zu gewähren. 2. Unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen (act. G1). Aufgrund des Wohnsitzes der Beschwerdeführerin
zum Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung im Kanton St. Gallen wurde die Beschwerde
zur Behandlung an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen überwiesen und
dies den Parteien mitgeteilt (vgl. Beschluss des Sozialversicherungsgerichts des
Kantons Zürich vom 14. Juli 2021, act. G0; act. G2 f.).
C.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 8. November 2021 beantragte die Versicherung
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin), vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Gilles
Benedick, Lugano, die Abweisung der Beschwerde vom 5. Juli 2021. Zur Begründung
C.b.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Die Zuständigkeit des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen ist aufgrund des
Wohnsitzes der Beschwerdeführerin im Kanton St. Gallen gegeben (vgl. Art. 58 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]).
2.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der Einspracheentscheid
vom 3. Juni 2021 (UV-act. K11). Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin
für das Ereignis vom 3. Februar 2021 bzw. für den Mittelfingerschaden an der rechten
Hand leistungspflichtig ist.
wurde ausgeführt, dass kein Unfall im Rechtssinne vorliege, da der geschilderte
Hergang des Ereignisses den gesetzlichen Unfallbegriff nicht erfülle. Eine
Leistungspflicht basierend auf einer unfallähnlichen Körperschädigung sei ebenfalls
nicht gegeben, da gemäss Dr. D._ der Sehnenriss überwiegend wahrscheinlich
degenerativ bedingt sei (act. G4).
In der Replik vom 28. Dezember 2021 (Postaufgabe) erklärte die
Beschwerdeführerin, dass ein sogenanntes "minor trauma" für die Schädigung am
rechten Mittelfinger verantwortlich sei. Das Tragen der Skier habe eine erhöhte
Kraftanstrengung und Beanspruchung der Finger bedingt. Dies habe zum Riss der
Strecksehne geführt. Bei der Aussage von Dr. D._, dass eine Texturstörung
nachweislich vorliege, handle es sich lediglich um eine Vermutung. Entsprechende
Abklärungen seien von der Beschwerdegegnerin auch nie getätigt worden (act. G6).
C.c.
In der Duplik vom 7. Februar 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin
unverändert die Abweisung der Beschwerde.
C.d.
Die Beschwerdeführerin liess in der Beschwerde vom 5. Juli 2021 (act. G1) zur
Begründung insbesondere ausführen, dass die Beschwerdegegnerin eine
unfallähnliche Körperschädigung im Sinne von Art. 6 Abs. 2 lit. f UVG im
Einspracheentscheid anerkannt, den Entlastungsbeweis zwecks Befreiung von der
2.1.
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Leistungspflicht jedoch nicht erbracht habe. So habe die Beschwerdegegnerin keine
objektiven oder klinischen Befunde vorgebracht, welche einen degenerativen
Vorzustand belegen würden. Mit Verweis auf die Ausführungen und Einschätzungen
von Dr. E._ im Bericht vom 30. Juni 2021 (act. G1.2) wurde erklärt, dass gemäss den
neuesten medizinischen Studien und Publikationen zum Mallet-Finger ein solcher nicht
nur durch ein "major trauma", sondern auch durch ein "minor trauma" verursacht
werden könne. Der Unfallmechanismus basiere auf einer forcierten Endglied-Flexion –
es brauche weder einen Schlag noch eine Distorsion. Auf die Einschätzungen und
Folgerungen von Dr. D._ könne dagegen nicht abgestellt werden, da diese lediglich
auf der allgemeinen Literatur zu Sehnenrissen und nicht auf derjenigen zum Mallet-
Finger basieren würden. In der Replik vom 28. Dezember 2021 (act. G6) führte die
Beschwerdeführerin ergänzend aus, dass sie den exakten Moment des Risses zwar
nicht beschreiben könne. Das Ereignis sei aber trotzdem klar eingegrenzt. Das Tragen
der Skier habe eine erhöhte Kraftanstrengung und Beanspruchung der Finger bedingt.
Hierin sei die von Dr. D._ erwähnte unphysiologische, da überbelastende Bewegung
zu sehen. Obwohl die Beschwerdegegnerin stark auf das initiale Ereignis abstelle, sei
sie nie gefragt worden, welche Strecke sie mit den Skiern zurückgelegt habe und wie
schwer die Skier und wie die Handstellung gewesen seien. Bei der Aussage von Dr.
D._, dass eine Texturstörung nachweislich vorliege, handle es sich lediglich um eine
Vermutung. Entsprechende Abklärungen seien nie getätigt worden. Trotz
ungenügender Abklärung des Sachverhalts und der medizinischen Situation sei
erwiesen, dass eine unfallähnliche Körperschädigung vorliege und keine degenerative
Ursache dafür verantwortlich sei.
Die Beschwerdegegnerin verneinte im Einspracheentscheid vom 3. Juni 2021 (act.
K11) eine Leistungspflicht ihrerseits. So liege kein Unfall im Sinne von Art. 6 Abs. 1
UVG in Verbindung mit Art. 4 ATSG vor. Eine unfallähnliche Körperschädigung gemäss
Art. 6 Abs. 2 UVG liege zwar vor, diese sei jedoch mit über 50%iger Wahrscheinlichkeit
auf eine Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen. Ihr Vertrauensarzt Dr. D._ habe
sinngemäss angegeben, dass der traumatische Riss von Sehnen grosse Kräfte
erfordern würde und die Sehne unphysiologischen Belastungen ausgesetzt gewesen
sein müsse. Im vorliegenden Fall stelle das Tragen der Skier jedoch eine planmässige
Willkürinnervation dar. Da äussere Störungen fehlen würden, habe es nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit zu einer unphysiologischen Belastung der Sehne
kommen können. Vorliegend sei der Sehnenzustand der Versicherten (Texturstörung/
Degeneration) am rechten Mittelfinger dafür verantwortlich, dass es zu einem
schmerzfreien Abtrennen der Strecksehne gekommen sei. In der Beschwerdeantwort
vom 8. November 2021 (act. G4) bezweifelte die Beschwerdegegnerin, ob – wie von Dr.
2.2.
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3.
E._ erhoben – ein "minor trauma" vorliege. Die Kraftanstrengung sei willentlich
erfolgt. Eine Überbelastung der Sehne habe nicht vorgelegen und die
Beschwerdeführerin habe über nichts Aussergewöhnliches beim Tragen der Skier
berichtet. Im Weiteren wurde ausgeführt, selbst wenn das Ereignis als "minor trauma"
zu qualifizieren wäre, müsste immer noch abgeklärt werden, ob die Sehnenverletzung
eben nicht doch überwiegend wahrscheinlich auf Abnützung oder Erkrankung
zurückzuführen sei. Es sei nämlich ärztlich zu beurteilen, welchen in Betracht fallenden
Ursachen mit jeweils welcher Wahrscheinlichkeit die Listenverletzung zuzuordnen sei.
Zu dieser Frage habe sich Dr. E._ nicht geäussert. Es sei deshalb auf die
Einschätzungen ihres Vertrauensarztes Dr. D._ abzustellen. In der Duplik vom 7.
Februar 2022 (act. G8) führte die Beschwerdegegnerin erneut aus, dass physiologisch
gewollte, motorisch koordinierte und kontrollierte Bewegungen nicht zu Zerreissungen
altersentsprechender Sehnen führen könnten, da diese Belastungen dem
bauplanmässigen Bewegungsmuster entsprechen würden. Bezüglich der Rüge des
unzureichend abgeklärten Vorzustandes wurde auf die Ausführungen von Dr. D._
verwiesen.
Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden Leistungen der Unfallversicherung bei
Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz
nichts anderes bestimmt. Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende
Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die
eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder
den Tod zur Folge hat (Art. 4 ATSG). Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er –
nach einem objektiven Massstab – nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den
jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist (BGE 142 V 221 E. 4.3.1, 134 V 76
E. 4.1). Nach der Rechtsprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der
Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen
selbst. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere
Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog (Entscheid des
Bundesgerichts vom 6. Mai 2019, 8C_842/2018, E. 3.3.1, und vom 27. August 2014,
8C_231/2014, E. 2.3 mit Hinweisen).
3.1.
Gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG erbringt die Versicherung ihre Leistungen auch bei
folgenden Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder
Erkrankung zurückzuführen sind: Knochenbrüche (lit. a), Verrenkungen von Gelenken
(lit. b), Meniskusrisse (lit. c), Muskelrisse (lit. d), Muskelzerrungen (lit. e), Sehnenrisse
(lit. f), Bandläsionen (lit. g) und Trommelfellverletzungen (lit. h). Für die Anwendung von
3.2.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=1.1.2018&to_date=28.06.2021&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=%22Art.+4+ATSG%22+ungew%F6hnlicher+%E4usserer+Faktor&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F142-V-219%3Ade&number_of_ranks=0#page219 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=1.1.2018&to_date=28.06.2021&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=%22Art.+4+ATSG%22+ungew%F6hnlicher+%E4usserer+Faktor&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-V-72%3Ade&number_of_ranks=0#page72
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Art. 6 Abs. 2 UVG ist kein äusserer Faktor und damit kein unfallähnliches sinnfälliges
Ereignis oder eine allgemein gesteigerte Gefahrenlage im Sinne der Rechtsprechung zu
aArt. 9 Abs. 2 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) mehr
vorausgesetzt. Insoweit führt grundsätzlich bereits die Tatsache, dass eine in Art. 6
Abs. 2 lit. a - h UVG genannte Körperschädigung vorliegt, zur Vermutung, es handle
sich hierbei um eine unfallähnliche Körperschädigung, die vom Unfallversicherer
übernommen werden muss. Indessen ergibt sich aus der in Art. 6 Abs. 2 UVG
vorgesehenen Möglichkeit des Gegenbeweises weiterhin die Notwendigkeit der
Abgrenzung der vom Unfallversicherer zu übernehmenden unfallähnlichen
Körperschädigung von der abnützungs- und erkrankungsbedingten Ursache einer
Listenverletzung und damit letztlich zur Leistungspflicht des Krankenversicherers.
Insoweit ist die Frage nach einem initialen erinnerlichen und benennbaren Ereignis –
nicht zuletzt auch aufgrund der Bedeutung eines zeitlichen Anknüpfungspunktes –
auch nach der UVG-Revision relevant. Lässt sich nach Eingang der Meldung im
Rahmen der Abklärungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) kein initiales Ereignis erheben
oder lediglich ein solches ganz untergeordneter resp. harmloser Art, so vereinfacht dies
in aller Regel den Entlastungsbeweis des Unfallversicherers. Die Nachweiserbringung,
dass die Verletzung vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist,
setzt voraus, dass der Unfallversicherer im Rahmen seiner Abklärungspflicht (vgl. Art.
43 Abs. 1 ATSG) nach Eingang der Meldung einer Listenverletzung die
Begleitumstände der Verletzung genau abklärt. Denn bei der in erster Linie von
medizinischen Fachpersonen zu beurteilenden Abgrenzungsfrage ist das gesamte
Ursachenspektrum der in Frage stehenden Körperschädigung zu berücksichtigen.
Nebst dem Vorzustand sind somit auch die Umstände des erstmaligen Auftretens der
Beschwerden näher zu beleuchten. Die verschiedenen Indizien, die für oder gegen
Abnützung oder Erkrankung sprechen, müssen aus medizinischer Sicht gewichtet
werden. Damit der Entlastungsbeweis gelingt, hat der Unfallversicherer gestützt auf
beweiskräftige ärztliche Einschätzungen – mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit – nachzuweisen, dass die fragliche Listenverletzung vorwiegend,
d.h. im gesamten Ursachenspektrum zu mehr als 50 %, auf Abnützung oder
Erkrankung zurückzuführen ist. Besteht das Ursachenspektrum einzig aus Elementen,
die für Abnützung oder Erkrankung sprechen, so folgt daraus unweigerlich, dass der
Entlastungsbeweis des Unfallversicherers erbracht ist und sich weitere Abklärungen
erübrigen (BGE 146 V 69 f. E. 8.6 und 9.1 mit weiteren Hinweisen; vgl. Entscheid des
Bundesgerichts vom 6. Januar 2022, 8C_593/2021, E. 2.3).
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4.
3.3.
Gemäss bundesrechtlicher Rechtsprechung sind Abs. 1 (Unfall) und Abs. 2
(Listenverletzung) von Art. 6 UVG unabhängig voneinander und ist grundsätzlich jeder
Tatbestand einzeln zu prüfen (BGE 146 V 69 E. 8.5).
3.3.1.
Nach Meldung einer Listenverletzung gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG hat der
Unfallversicherer die genauen Begleitumstände abzuklären. Ist die Listenverletzung auf
ein Unfallereignis im Sinne von Art. 4 ATSG zurückzuführen, so ist der Unfallversicherer
leistungspflichtig und bleibt dies solange, bis der Unfall nicht mehr die natürliche und
adäquate Ursache darstellt, der Gesundheitsschaden also nur noch und
ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Sind hingegen nicht sämtliche
Kriterien des Unfallbegriffs nach Art. 4 ATSG erfüllt, so wird der Unfallversicherer für
eine Listenverletzung nach Art. 6 Abs. 2 UVG in der seit 1. Januar 2017 geltenden
Fassung grundsätzlich leistungspflichtig, sofern er nicht den Nachweis dafür erbringt,
dass die Verletzung vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist
(vgl. BGE 146 V 70 E. 9.1).
3.3.2.
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten oder der Expertin begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert
eines ärztlichen Gutachtens ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels
noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als
Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
Insofern kann rechtsprechungsgemäss auch Berichten und Gutachten, welche die
Versicherungen während des Administrativverfahrens von ihren eigenen Ärzten und
Ärztinnen oder von ihren Vertrauensärztinnen und -ärzten einholen, Beweiswert
beigemessen werden, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet
sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit
bestehen (BGE 135 V 467 ff. E. 4, 125 V 353 f. E. 3b/ee, je mit Hinweisen). Bestehen
auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen oder vertrauensärztlichen Feststellungen, ist eine
versicherungsexterne Begutachtung anzuordnen (BGE 135 V 471E. 4.7, 139 V 229
E. 5.2 mit Hinweis).
3.4.
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Ausgehend vom Beschrieb des Ereignisses vom 3. Februar 2021 ist gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. Erwägung 3.3 hiervor) zu prüfen, ob das
Ereignis als Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG zu qualifizieren ist und in diesem
Zusammenhang insbesondere, ob das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors
gegeben ist (vgl. Erwägung 3.1 hiervor).
5.
Zu prüfen bleibt damit, ob eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin gestützt auf
Art. 6 Abs. 2 UVG besteht (vgl. dazu Erwägungen 3.2 und 3.3 hiervor).
Aufgrund der Akten steht in tatsächlicher Hinsicht fest, dass am 3. Februar 2021
beim Tragen von Skiern bei der Versicherten die Strecksehne am Endglied des
Mittelfingers an der rechten Hand riss (vgl. die Ereignisbeschriebe in der
Schadenmeldung UVG vom 16. Februar 2021 [UV-act. K1] und im von der
Beschwerdeführerin am 17. Februar 2021 ausgefüllten Formular [UV-act. K3] sowie den
Kurzbericht des Spitals C._ vom 4. Februar 2021, in welchem ein ligamentärer
Mallet-Finger Dig. III Hand rechts diagnostiziert wurde [UV-act. M2]). Allein der
Umstand, dass sich die Beschwerdeführerin einen Riss der Strecksehne im Endglied
des Mittelfingers zugezogen hat, vermag den Unfallbegriff nicht zu erfüllen, denn nach
der Rechtsprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit, wie
bereits erwähnt, nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen
selber (vgl. Erwägung 3.1 hiervor). Im Fragebogen vom 17. Februar 2021 verneinte die
Beschwerdeführerin einen aussergewöhnlichen Vorfall beim Ereignis vom 3. Februar
2021 (vgl. UV-act. K3). Auch in den weiteren Akten gibt es keine Hinweise, dass der
Bewegungsablauf durch einen äusseren Faktor programmwidrig gestört wurde oder
ausserhalb der Spannweite des Üblichen abgelaufen wäre. Insbesondere ist die
Beschwerdeführerin weder gestürzt noch sind ihr die Skier aus den Händen geglitten.
Eine direkte Gewalteinwirkung ist ebenso nicht ersichtlich.
4.1.
Mangels eines ungewöhnlichen äusseren Faktors ist der Unfallbegriff nach
Legaldefinition von Art. 4 ATSG vorliegend nicht erfüllt. Es besteht daher – was
zwischen den Parteien letzten Endes unbestritten blieb – keine Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin für das Ereignis vom 3. Februar 2021 gestützt auf Art. 6 Abs. 1
UVG.
4.2.
Mit dem diagnostizierten ligamentären Mallet-Finger Dig. III Hand rechts durch
Abriss der Strecksehne am Endglied des Mittelfingers (UV-act. M2, M4f.) ist zweifellos
eine Listendiagnose im Sinne von Art. 6 Abs. 2 lit. f UVG ausgewiesen. Das Vorliegen
5.1.
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einer Listendiagnose wurde von der Beschwerdegegnerin – wenn auch erst im
Einspracheentscheid – basierend auf den Beurteilungen ihres Vertrauensarztes Dr.
D._ vom 29. März und 1. Juni 2021 (UV-act. M4 f.) anerkannt (vgl. UV-act. K4, K11).
Das Ereignis vom 3. Februar 2021, als beim Tragen der Skier die Strecksehne riss,
vermag sodann – wie die Beschwerdeführerin zu Recht geltend gemacht (vgl. act. G6)
– die Anforderungen an ein initiales erinnerliches und benennbares Ereignis zu erfüllen
(vgl. Erwägung 3.2 hiervor). Damit ergibt sich eine grundsätzliche Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin.
Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdegegnerin der Nachweis gelingt, dass die
Strecksehnenruptur vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen war
(vgl. Erwägung 3.2 hiervor).
5.2.
Zum Nachweis legte die Beschwerdegegnerin die aktenbasierten
Stellungnahmen ihres Vertrauensarztes Dr. D._ vom 29. März 2021 (UV-act. M4) und
1. Juni 2021 (UV-act. M5) ins Recht. In der Stellungnahme vom 29. März 2021 führte
der Arzt aus: "Die Strecksehnenruptur ohne erinnerlichen Mechanismus (beim Tragen
der Skier reisst keine Strecksehne ohne sofortige schmerzhafte Symptomatik und
Erinnerung an die Ausgangssituation) ist traumatisch überwiegend und vorwiegend
nicht möglich. Ohne einen klar erinnerbaren und medizinisch traumatischen
Mechanismus reisst keine Extensorenstrecksehne an den Fingern. Vorwiegend und
überwiegend wahrscheinlich ist hier die Sehne bei einer Greifbewegung (Ski tragen)
degenerativ eingerissen.". In der Stellungnahme vom 1. Juni 2021 erklärte der Arzt mit
Verweis auf die medizinische Literatur, dass traumatische Risse von Sehnen grosse
Kräfte erfordern würden. Sehnenrisse würden sich dann traumatisch ereignen, wenn
die Sehne unphysiologischen Belastungen ausgesetzt gewesen sei. Dies beinhalte zum
Beispiel die plötzliche passive Bewegung eines muskulär festgestellten Gelenks,
welche eine andere anatomische Voraussetzung aufweise als die willentliche
Kraftanstrengung. Die Sehne sei hier einer Spitzenbelastung unterworfen und nur so in
der Lage, bei extraanatomischen beziehungsweise unphysiologischen Bewegungen
einzureissen. Lägen hingegen Texturstörungen vor, so habe die Sehne eine
entsprechende relevante Schwächung erfahren und sei in der Lage, bereits bei
Alltagsbewegungen und sogar spontan einzureissen. Texturstörungen von Sehnen
seien vielfältig und würden ab dem 40. Lebensjahr eine bekannte, zunehmende und
bemerkenswerte Inzidenz aufweisen. Die Tatsache, dass es zu einem spontanen
Sehnenriss ohne Schmerzen und einer besonderen Bewegung der Strecksehne des
rechten Mittelfingers beim Tragen der Skier gekommen sei, stelle eine planmässige
Willkürintervention von Handsehnen ohne Störung des Bewegungsablaufs dar, so dass
5.2.1.
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es nicht zu einer unphysiologischen Belastung der Sehne mit eindeutiger
überwiegender Wahrscheinlichkeit habe kommen können. Vielmehr sei der
Sehnenzustand der Versicherten am rechten Mittelfinger dafür verantwortlich, dass es
zu einem schmerzfreien Abtrennen der Strecksehne unter physiologischen Belastungen
gekommen sei. Aus medizinischer Sicht sei hierfür typisch die schmerzfreie
Durchtrennung ohne Hämatom oder ossären Ausriss sowie das zufällige Bemerken der
fehlenden Streckung als Funktionsverlust. Beim berichteten Vorgang – tragen der Skier
– sei es mit überwiegender Wahrscheinlichkeit unmöglich, die Extensorensehne an der
Endphalanx Dig. III rechts zur Durchtrennung zu bringen. Eine Sehnendegeneration sei
für die Listendiagnose vorwiegend und überwiegend wahrscheinlich der
verantwortliche und alleinige Faktor. Im Weiteren führte der Arzt aus, dass es unnötig
sei, bildgebende Beweise für degenerative Sehnenläsionen zu erbringen, denn der
Rissbildung von Sehnen unter physiologischen Bedingungen würde ausser bei
Tumoren oder Entzündungen der Sehne (hier sei beides gemäss den medizinischen
Berichten nicht der Fall) stets deren degenerative Schwächung als ätiologische
Ursache überwiegend wahrscheinlich zugrunde liegen.
Im Auftrag der Beschwerdeführerin setzte sich Dr. E._ mit den Ausführungen
und Einschätzungen von Dr. D._ in seinen beiden Stellungnahmen auseinander. In
der Beurteilung vom 29. Mai 2021 (UV-act. K9) erklärte die Ärztin, dass es sich beim
Mallet-Finger um eine akute, geschlossene Strecksehnenläsion an der Basis des
Fingerendgliedes handle. Die Strecksehne reisse vom Knochen ab und das
schmerzlos. Beispielhaft erwähnt sie, dass sich typischerweise diese Läsion ereigne
beim Bettenmachen oder eben, wenn der Finger sich einhänge in Endgliedbeugung,
wie dies auch beim Tragen der Skier geschehen könne. Diese traumatische Läsion
könne in jedem chirurgischen Lehrbuch nachgeschlagen werden, wie bspw. in Rudigier
J., Kurzgefasste Handchirurgie, Klinik und Praxis, Hippokrates Verlag Stuttgart 1990. In
der Beurteilung vom 30. Juni 2021 (act. G1.2) erklärte die Ärztin mit Bezugnahme auf
die spezifische medizinische Fachliteratur zum Mallet-Finger, dass ein solcher
Sehnenriss am Endglied eines Fingers entweder durch ein "major trauma" (meistens
Sportverletzung) und eben auch durch ein sogenanntes "minor trauma" (wie hier
vorliegend) verursacht werden könne. Der Unfallmechanismus basiere auf einer
forcierten Endglied-Flexion – es brauche keinen Schlag und auch keine Distorsion.
Exakt dies habe sich im vorliegenden Fall ereignet. Zusammenfassend hielt sie fest,
dass die vorliegende Strecksehnenläsion bzw. Listenverletzung gemäss Art. 6 Abs. 2
lit f. UVG nicht vorwiegend auf Degeneration zurückzuführen sei.
5.2.2.
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Zu den aktenbasierten Stellungnahmen von Dr. D._ ist festzustellen, dass der
Arzt die Frage, ob die diagnostizierte Körperschädigung vorwiegend auf Abnützung
oder Erkrankung zurückzuführen sei, nicht anhand von radiologisch objektivierten
Befunden, sondern lediglich gestützt auf Aussagen in der Fachliteratur zu
Sehnenrupturen im Allgemeinen beantwortete. Den Ausführungen und Folgerungen
von Dr. D._ ist entgegenzuhalten, dass es zwar sein mag, dass
Strecksehnenrupturen vermehrt aufgrund degenerativ geschwächter Sehnen (Vorliegen
von Texturstörungen) auftreten. Der Entlastungsbeweis des Unfallversicherers ist
indessen ohnehin nicht bereits mit dem Nachweis von vorbestehenden degenerativen
Veränderungen geleistet, zumal bei Eintritt der Listenverletzung praktisch immer
krankheits- und/oder degenerative (Teil-)Ursachen im Spiel sind (vgl. BGE 146 V 51 E.
8.4). Damit der Entlastungsbeweis gelingt, hat der Unfallversicherer, wie bereits
erwähnt, gestützt auf beweiskräftige ärztliche Einschätzungen – mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit – nachzuweisen, dass die fragliche
Listenverletzung vorwiegend, d.h. im gesamten Ursachenspektrum zu mehr als 50 %,
auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist (vgl. E. 3.2 hiervor). Im vorliegend
zu beurteilenden Fall ist jedoch überhaupt nicht erstellt, dass die gerissene
Strecksehne im Zeitpunkt des Ereignisses vom 3. Februar 2021 bereits
Texturstörungen resp. degenerative Veränderungen aufwies. Das mag zwar der
Tatsache geschuldet sein, dass vorliegend auf ereignisnahe bildgebende oder
histologische Untersuchungen verzichtet wurde. Dieser Umstand darf sich – wie das
Bundesgericht unlängst ausführte – aber nicht zu Ungunsten der Beschwerdeführerin
auswirken, trägt doch die Beschwerdegegnerin die Beweislast für den Nachweis einer
vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführenden Listenverletzung. In
diesem Sinne wäre sie auch verpflichtet gewesen, die für die Beurteilung des Falles
erforderlichen Abklärungen rechtzeitig anzuordnen (vgl. BGE 146 V 51 E. 8.6;
Entscheide des Bundesgerichts vom 6. September 2021, 8C_13/2021, E. 3.4, und vom
6. Januar 2022, 8C_593/2021, E. 5.2.1). Die Einschätzung, dass es sich um eine
Sehnenruptur handeln soll, die wegen des Vorzustandes jederzeit hätte auftreten
können, überzeugt nicht. Dass ein derart labiler, prekärer Vorzustand, aufgrund dessen
jederzeit mit einem Eintritt der Schädigung (Strecksehnenruptur) zu rechnen gewesen
wäre, vorlag, ist in Bezug auf die gerissene Strecksehne im Endglied des Mittelfingers
der Beschwerdeführerin nämlich keineswegs erstellt. Anzufügen ist, dass die Aussage
von Dr. D._, dass die Akten Berichte anderer Ärzte enthielten, welche seine
Einschätzungen bestätigen würden, nicht stimmt (vgl. UV-act. M4).
5.2.3.
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Die Stellungnahmen von Dr. E._ vom 29. Mai und 30. Juni 2021 (UV-act. K9
und act. G1.2) vermögen sodann Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
Thesen von Dr. D._, dass traumatische Risse von Sehnen grosse Kräfte benötigten
und beim Tragen der Skier keine Strecksehne ohne sofortige schmerzhafte
Symptomatik und Erinnerung an die Ausgangssituation reissen würde (UV-act. M4 f.),
zu begründen. So legte Dr. E._ in ihren Stellungnahmen überzeugend dar, dass der
Mallet-Finger entweder durch ein "major trauma" (meistens Sportverletzung), aber
eben auch typischerweise durch ein sogenanntes "minor trauma" (wie vorliegend)
verursacht werden könne. (vgl. Erwägung 5.2.2, act. G1.2). Dass, wie von Dr. D._
geltend gemacht, beim Tragen von Skiern keine unphysiologischen Belastungen in
Bezug auf die Endgliedstrecksehne des Mittelfingers auftreten würden, ist nicht
erwiesen, zumal weder die Beschwerdegegnerin noch Dr. D._ genauere Abklärungen
zum Ereignishergang (wie hinsichtlich der Tragweise der Skier) tätigten. Auch in
weiteren – insbesondere im Internet publizierten – medizinischen Berichten wird zur
Entstehung einer Strecksehnenruptur am Fingerendgelenk ausgeführt, dass diese
Sehnen häufig von Abrissen betroffen seien, denn bereits harmlose Bagatell-
Verletzungen würden dafür genügen. Meist passiere dies z.B. beim Bettenmachen oder
bei Ballsportarten. Durch den altersbedingten Verschleiss der Sehnen würden diese
geschwächt. Dadurch senke sich ihre mechanische Belastungsschwelle. In solchen
Fällen würden bereits verhältnismässig geringe Kräfte für einen Abriss von
Fingerstrecksehnen ausreichen (vgl. bspw. www.handchirurgie-hofbeck.de/
strecksehnen-risse-geschlossene-sehnen-rupturen/, www. thieme-connect.com/
products/ejournals/pdf/10.1055/s-0041-108111.pdf [Seite 153], www. sapura-
health.de/abriss-der-fingerstrecksehne/#:; zuletzt abgerufen am 28. Juli 2022). Ein
"minor trauma" erscheint beim Skitragen – entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin – nach dem Gesagten durchaus vorstellbar.
5.2.4.
Da keine Hinweise auf eine relevante Erkrankung, Allergien oder eine
regelmässige Medikamenteneinnahme vorliegen (vgl. UV-act. M2) und die
Beschwerdeführerin auch noch nie wegen Fingerbeschwerden ärztlich behandelt
werden musste (vgl. UV-act. K3-2 Ziff. 7), fehlen denn auch Befunde, die zur
Abwägung der Genese der Ruptur dienen könnten (vgl. dazu Entscheid des
Bundesgerichts vom 15. April 2021, 8C_672/2020, E. 4.1.3). Aufgrund der seit dem
Ereignis vom 3. Februar 2021 vergangenen Zeit dürfte es schwierig, wenn nicht gar
unmöglich sein, nachträglich mit bildgebenden Untersuchungen – wie einer
diagnostischen Magnetresonanztomographie-Untersuchung – Aufschlüsse bzw.
Erkenntnisse über den Zustand der gerissenen Strecksehne zum Ereigniszeitpunkt
5.2.5.
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6.
gewinnen zu können. Zur Beurteilung des Ursachenspektrums bzw. des
Entlastungsbeweises der Unfallversicherung steht damit einzig der von der
Beschwerdeführerin knapp beschriebene Ereignishergang zur Verfügung. Dies allein
vermag im hier zu beurteilenden Fall, in dem die Sehne beim Tragen der Skier und
damit unter Belastung riss und kein vorwiegend degenerativer oder krankhafter
Zustand evident ist, für den Entlastungsbeweis nicht zu genügen. Denn wie bereits
zuvor ausgeführt, ist es in keiner Art und Weise erstellt, dass die Sehne bereits
Texturstörungen bzw. Degenerationen aufwies (vgl. vorangehende Erwägung 5.2.3).
Im Weiteren hat die Beschwerdegegnerin auf die Einreichung einer
Stellungnahme von Dr. D._ oder eines anderen Facharztes/einer Fachärztin zu den
Ausführungen und Einschätzungen von Dr. E._ im Bericht vom 30. Juni 2021
verzichtet, obwohl der Entastungsbeweis vom Unfallversicherer gestützt auf
beweiskräftige ärztliche Einschätzungen zu erbringen ist.
5.2.6.
Angesichts des Gesagten bestehen begründete Zweifel an der Zuverlässigkeit und
Schlüssigkeit der von der Beschwerdegegnerin eingeholten und als massgeblich
erachteten Beurteilungen von Dr. D._ vom 29. März 2021 (UV-act. M4) und 1. Juni
2021 (UV-act. M5). Bei diesem Beweisergebnis kann auf die Beurteilungen von Dr.
D._ nicht abgestellt werden. Von nachträglichen Untersuchungen sind infolge der
verstrichenen Zeit keine relevanten Erkenntnisse hinsichtlich des Zustands des
geschädigten Fingers zum Ereigniszeitpunkt vom 3. Februar 2021 zu erwarten. Die
Beschwerdegegnerin hat den Entlastungsbeweis, dass der Strecksehnenriss
vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist, nicht erbracht und ist
damit gestützt auf Art. 6 Abs. 2 UVG für den Strecksehnenriss im Endglied des rechten
Mittelfingers leistungspflichtig.
5.3.
Demzufolge ist der angefochtene Einspracheentscheid vom 3. Juni 2021 in
Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die Beschwerdegegnerin zu
verpflichten, für die Folgen des Ereignisses vom 3. Februar 2021 die gesetzlichen
Leistungen zu erbringen.
6.1.
Gerichtskosten sind mangels gesetzlicher Grundlage im UVG keine zu erheben
(vgl. dazu Art. 61 lit. f ATSG).
6.2. bis
Auf die beantragte Zusprache einer Parteientschädigung an die im
Beschwerdeverfahren nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin ist zu verzichten.
So übersteigen die Bemühungen der Beschwerdeführerin jedenfalls nicht das von einer
6.3.
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