Decision ID: 9a3d6bd4-d78b-53ce-b15b-08e4d43ebc59
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ersuchte am 10. Februar 2020 in der Schweiz um
Asyl und wurde in der Folge dem Bundesasylzentrum (BAZ) (...) zugewie-
sen. Am 18. Februar 2020 fand die Personalienaufnahme statt. Ein am
14. Februar 2020 durchgeführter Abgleich mit der europäischen Fingerab-
druckdatenbank (Eurodac) ergab, dass sie bereits am (...) 2017 in Grie-
chenland ein Asylgesuch gestellt hatte und ihr dort am (...) 2018 Schutz
gewährt worden war. Am 17. Februar 2020 mandatierte sie die ihr zuge-
wiesene rubrizierte Rechtsvertretung zu ihrer Vertretung im Asylverfahren
im BAZ.
Anlässlich des persönlichen Dublin-Gesprächs vom 20. Februar 2020
machte sie geltend, mit dem Flugzeug von Griechenland in die Schweiz
gereist zu sein. Sie könne nicht nach Griechenland zurückkehren, das sei,
als würde sie in den Iran zurückkehren. In Griechenland sei sie sexuell
missbraucht worden. Sie habe in Griechenland auch kein Asylgesuch ein-
gereicht, die Fingerabdrücke seien obligatorisch abgenommen worden und
sie habe am ersten Tag gesagt, dass sie dort nicht bleiben würde. Zum
medizinischen Sachverhalt führte sie aus, dass sie mentale Probleme, Rü-
cken- und Kopfschmerzen habe. Die Rückenprobleme bestünden seit ihrer
Haft im Iran und seien in Griechenland wieder stärker geworden. Dort habe
man eine Magnetresonanztomographie (MRI) gemacht und ihr gesagt,
dass sie operiert werden müsse.
B.
Am 21. Februar 2020 ersuchte das SEM die griechischen Behörden ge-
stützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Dritt-
staatsangehöriger (sog. Rückführungs-Richtlinie) und auf das Abkommen
zwischen der Schweiz und Griechenland über die Rückübernahme von
Personen mit irregulärem Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR
0.142.113.729) um Rückübernahme der Beschwerdeführerin.
Die griechischen Behörden stimmten dem Ersuchen am (...) März 2020 zu
und machten gleichzeitig darauf aufmerksam, dass die Beschwerdeführe-
rin als Flüchtling anerkannt worden sei und über eine bis am (...) 2021
gültige Aufenthaltsbewilligung verfüge.
E-2169/2020
Seite 3
C.
Mit Schreiben vom 24. Februar 2020 orientierte das SEM die Beschwerde-
führerin über das Resultat der Eurodac-Abklärung. Gleichzeitig orientierte
es sie über die Absicht, auf das Asylgesuch in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31; Rückkehrmöglichkeit in einen sicheren
Drittstaat) nicht einzutreten und sie nach Griechenland wegzuweisen.
D.
Mit Stellungnahme vom 5. März 2020 nahm die Beschwerdeführerin das
ihr hierzu gewährte rechtliche Gehör in Anspruch.
Hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts führte sie aus, im Iran wegen
eines (...) behandelt worden zu sein. Es sei auch eine (...) festgestellt wor-
den und der iranische Arzt habe ihr mitgeteilt, dass sie nur noch zwei Mo-
nate zu leben habe. Nach zwei Jahren sei sie wegen Migräneanfällen er-
neut zum Arzt gegangen und es sei festgestellt worden, dass (...) ver-
schwunden sei. Gemäss mit der Stellungnahme eingereichtem ärztlichen
Bericht vom (...) Februar 2020 habe sie (...), eine (...) sowie ein (...). In
der kurzen Zeit seit Einreichung des Asylgesuchs hätten die medizinischen
Abklärungen noch nicht abgeschlossen werden können. Ein weiterer Arzt-
besuch sei für den (...) März 2020 vorgesehen, ausserdem sei sie zu ei-
nem (...) Termin aufgeboten worden. Ferner äusserte sie den Wunsch ei-
nen Psychiater aufsuchen zu können.
Weiter führte die Beschwerdeführerin aus, sie habe in Griechenland wäh-
rend einer Woche mit einer anderen Frau zusammengewohnt, die häufigen
Männerbesuch gehabt habe. Dies habe zu Streitigkeiten geführt. Letztlich
sei sie von zwei Männern sexuell missbraucht worden. Sie habe die Män-
ner angezeigt und es sei zu einem Gerichtsverfahren gekommen. Weiter
sei sie auch medizinisch untersucht worden. Trotz allem fürchte sie sich
vor Repressionen. Einer der Männer sei mittlerweile verstorben und die
Untersuchung sei eingestellt worden. Den anderen Mann habe sie danach
einmal zufällig auf der Strasse angetroffen. Im Nachgang der Vorfälle sei
sie von den griechischen Behörden in ein Hotel und nach zwei Tagen nach
B._ gebracht worden. Während zwei Monaten habe sie ihre Unter-
kunft nicht verlassen. Danach sei sie in eine andere Unterkunft gebracht
worden, wo sie insgesamt elf Monate lang geblieben sei. Man habe ihr
dann mitgeteilt, dass sie die Unterkunft nun wieder verlassen und eine Ar-
beit sowie eine Wohnung finden solle. Ferner sei sie in Griechenland auch
einen Monat im Spital gewesen.
E-2169/2020
Seite 4
Im Weiteren äusserte sie sich zur allgemeinen Lage in Griechenland für
international Schutzberechtigte. Aufgrund ihrer Verletzlichkeit und den
Mängeln im griechischen Aufnahmesystem sowie der aktuellen Zuspitzung
der allgemeinen Lage und Anfeindungen von Seiten der griechischen Be-
völkerung gegenüber Flüchtlingen sei zu befürchten, dass ihre Bedürfnisse
nach psychologischer Betreuung und einer geschützten und sicheren Um-
gebung von den griechischen Behörden nicht erfüllt würden.
E.
Am 15. April 2020 übermittelte das SEM der Beschwerdeführerin seinen
Entwurf des angekündigten Nichteintretensentscheids nach Art. 31a Abs. 1
Bst. a AsylG mit Wegweisung nach Griechenland zur Stellungnahme.
In Ihrer Stellungnahme vom 16. April 2020 hielt die Beschwerdeführerin
vollumfänglich an ihren in der Stellungnahme zum rechtlichen Gehör vom
5. März 2020 getätigten Aussagen fest. Ferner brachte sie nun vor, dass
sie in Griechenland von einem ihrer Peiniger aufgespürt worden sei. Weiter
sei ihr die finanzielle Unterstützung der Behörden nach einer gewissen Zeit
gestrichen worden. Aufgrund der ausserordentlichen Lage wegen des
Corona-Virus und ihrer Quarantäne hätten die geplanten medizinischen
Untersuchungen verschoben werden müssen. Der (medizinische) Sach-
verhalt sei ihres Erachtens somit unvollständig. Zudem deuteten Äusse-
rungen des griechischen Migrationsministers darauf hin, dass sich Grie-
chenland möglicherweise inskünftig in Widerspruch zu seinen völkerrecht-
lichen Verpflichtungen begeben könnte. Die Einhaltung der Qualifikations-
richtlinie sei daher gefährdet. Eine Wegweisung nach Griechenland stelle
überdies einen potentiellen Verstoss gegen Art. 14 der Antifolterkonvention
dar, da ihr dort möglicherweise die notwendige Behandlung der psychi-
schen Folgen der im Iran erlebten Folter verwehrt bliebe. Bei einer Weg-
weisung nach Griechenland werde sie daher wohl einer unmenschlichen
und erniedrigenden Behandlung nach Art. 3 EMRK ausgesetzt sein, wes-
halb der Wegweisungsvollzug als unzulässig zu erachten sei. Aufgrund der
gegenwärtigen Situation rund um das Corona-Virus habe sich das SEM
schliesslich vertieft mit der technischen Möglichkeit des Wegweisungsvoll-
zugs auseinanderzusetzen.
Für den Inhalt des (über weite Teile mit der angefochtenen Verfügung über-
einstimmenden) Verfügungsentwurfs und den weiteren Inhalt der Stellung-
nahme des Beschwerdeführers wird auf die Akten verwiesen.
E-2169/2020
Seite 5
F.
Mit Verfügung vom 17. April 2020 (eröffnet gleichentags) trat das SEM in
Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin nicht ein, unter gleichzeitiger Anordnung der Wegwei-
sung und des Wegweisungsvollzuges nach Griechenland. Der Beschwer-
deführerin wurde in Anwendung von Art. 45 Abs. 2bis AsylG in Verbindung
mit Art. 9 Abs. 3 COVID-19 Verordnung Asyl vom 1. April 2020 (SR
142.318) Frist bis 31. Mai 2020 gesetzt, die Schweiz zu verlassen. Weiter
wurden ihr die editionspflichtigen Akten ausgehändigt. Auf die Begründung
wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegan-
gen.
G.
Mit Beschwerde vom 23. April 2020 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte die Beschwerdeführerin die Aufhebung der angefochtenen Ver-
fügung im Wegweisungspunkt und die vorläufige Aufnahme in der Schweiz
aufgrund der Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit des
Wegweisungsvollzugs. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen Sach-
verhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen,
subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Garantien be-
treffend die adäquate Unterbringung und den benötigten Zugang zu fach-
ärztlicher Behandlung von den griechischen Behörden einzuholen. In pro-
zessualer Hinsicht beantragt sie die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege mit Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Auf
die Begründung wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Erwä-
gungen eingegangen.
Die Beschwerdeführerin reichte einen Arztbericht des Spitals C._
vom (...) April 2020 ins Recht.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 24. April 2020 stellte der Instruktionsrichter
fest, die Beschwerdeführerin könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten.
I.
Mit Schreiben vom 12. Mai 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen
Arztbericht vom (...) Mai 2020 zu den Akten.
E-2169/2020
Seite 6
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
24. April 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 und 4 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Bezüglich der Frage der Wegweisung und des
Wegweisungsvollzugs hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorge-
nommen, weshalb dem Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich volle
Kognition zukommt.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
E-2169/2020
Seite 7
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin rügt in formeller Hinsicht, die Vorinstanz habe
den Untersuchungsgrundsatz verletzt beziehungsweise den Sachverhalt
unrichtig oder unvollständig festgestellt, indem sie ihren Gesundheitszu-
stand unvollständig abgeklärt habe. Diese verfahrensrechtliche Rüge ist
vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vor-
instanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.1.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be-
hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10
E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem
Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zu-
sätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie auf-
grund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu AUER/BINDER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu Art. 12).
4.1.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung dargelegt, auf-
grund welcher Überlegungen sie zum Schluss gekommen ist, dass die Vo-
raussetzungen für einen Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1
Bst. a AsylG erfüllt sind und der Wegweisungsvollzug als zulässig, zumut-
bar und möglich zu erachten ist. Sie hat sich namentlich auch mit den gel-
tend gemachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen, insbesondere auch
den diversen in den Akten liegenden Arztberichten, den darin gestellten Di-
agnosen und Therapien (vgl. angefochtene Verfügung, S. 5 f. und S. 11 f.)
und dem in der Stellungnahme vom 16. April 2020 geäusserten Ersuchen,
es sei mit dem Entscheid doch zuzuwarten, bis alle medizinischen Unter-
suchungen vollständig abgeschlossen seien, hinreichend auseinanderge-
setzt. Diesbezüglich führte das SEM an, dass Einschränkungen für medi-
zinische und psychiatrische Behandlungen aufgrund von COVID-19 erst
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/10
E-2169/2020
Seite 8
am 13. März 2020 in Kraft getreten seien. Aus den eingegangenen Arztbe-
richten sei nicht ersichtlich, dass bei ihr eine psychiatrische Abklärung ge-
plant gewesen wäre, welche aufgrund der Einschränkungen dann nicht
hätte stattfinden können. Es sei auch davon auszugehen, dass eine allfällig
benötigte psychiatrische Abklärung und Behandlung auch in Griechenland
möglich sei. Aufgrund der erstellten Diagnosen und Beschreibungen zu
den weiterführenden Behandlungen erachte das SEM den medizinischen
Sachverhalt als rechtsgenügend erstellt um die Zulässigkeit und Zumutbar-
keit der Wegweisung beurteilen zu können. Es bestehe kein Grund zu der
Annahme, dass bei allfälligen Kontrollterminen sowie einem MRI bezüglich
ihrer (...) noch unerwarteter Weise eine derart schwerwiegende Diagnose
ergehen könnte, die zu einer Änderung der Einschätzung des SEM führen
könnte. Diese Einschätzung ist vorliegend nicht zu beanstanden, zumal
sich bereits in den in den Akten befindlichen Arztberichten eine ärztliche
Diagnose eines möglichen (...) findet und diesbezüglich bereits eine Be-
handlung mit Schmerzmitteln und einer Physiotherapie vorgesehen war
(vgl. vorinstanzliche Akten (...)-25/4 (nachfolgend: Akte 25]; Akte 26; Akte
27 und Akte 30). Daher war aus der geplanten MRI-Untersuchung in der
Tat als Ergebnis keine (erheblich) veränderte Diagnose mehr zu erwarten.
Diese (zutreffende) Einschätzung wurde nunmehr auch nachträglich mit
dem auf Beschwerdeebene eingereichten Arztbericht der (...) des Spitals
C._ vom (...) April 2020 bestätigt. Die entsprechenden Abklärungen
haben zu keiner wesentlichen Änderung der bereits vorbekannten Diag-
nose geführt. Weiter ist anzuführen, dass die Beschwerdeführerin –
obschon sie in ihrer Stellungnahme vom 5. März 2020 den Wunsch äus-
serte, einen Psychiater aufsuchen zu wollen – sich in der Folge scheinbar
nicht einmal um einen Termin bemühte. Das Vorgehen der Vorinstanz ist
insgesamt nicht zu beanstanden. Es ist keine unrichtige oder unvollstän-
dige Feststellung des Sachverhalts zu erkennen.
4.2 Zusammenfassend erweist sich die formelle Rüge als unbegründet,
weshalb dem Rückweisungsantrag zwecks vollständiger Abklärung und
Neubeurteilung nicht stattzugeben ist.
5.
5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG tritt das SEM in der Regel auf ein
Asylgesuch nicht ein, wenn die Asylsuchende in einen sicheren Drittstaat
nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG zurückkehren kann, in welchem sie sich
vorher aufgehalten hat.
E-2169/2020
Seite 9
5.2 Griechenland wurde durch den Bundesrat am 14. Dezember 2007 als
sicherer Drittstaat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet. Die
Beschwerdeführerin hat sich vor der Einreise in die Schweiz unbestritte-
nermassen in Griechenland aufgehalten und dort ein Asylverfahren durch-
laufen, es wurde ihr der Flüchtlingsstatus zuerkannt und sie hat auch eine
entsprechende Aufenthaltsbewilligung erhalten. Die griechischen Behör-
den haben ihrer Rückkehr zugestimmt (vgl. Bst. B).
5.3 Griechenland ist unter anderem Signatarstaat des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonven-
tion, FK; SR 0.142.30) und bietet grundsätzlich Gewähr für die korrekte
Durchführung von Asylverfahren. So hat denn auch die Beschwerdeführe-
rin nicht behauptet, ihr Asylverfahren in Griechenland sei fehlerhaft gewe-
sen beziehungsweise es würde ihr dort die Rückschiebung in ihren Hei-
matstaat unter Verletzung des Refoulement-Verbots drohen. Ferner enthält
die Beschwerde keine diesbezüglichen Einwände, so dass das SEM in An-
wendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG zu Recht auf das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist (vgl. auch das Urteil des BVGer
E-2617/2016 vom 28. März 2017 E. 3).
6.
6.1 Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berück-
sichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Dies wird in der
Beschwerde nicht bestritten.
6.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
E-2169/2020
Seite 10
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.
7.1 Zur Begründung seines Nichteintretensentscheids hielt das SEM fest,
der Bundesrat habe Griechenland als sicheren Drittstaat im Sinne von
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet. Gemäss Abklärungen sei die Be-
schwerdeführerin dort als Flüchtling anerkannt. Das Land habe am
(...) März 2020 einer Rücknahme der Beschwerdeführerin zugestimmt.
Griechenland habe die Richtlinie 2011/95/EU (nachfolgend Qualifikations-
richtlinie) umgesetzt, womit ihr notfalls auch einklagbare Ansprüche in Be-
zug auf Sozialleistungen, Wohnraum, Ausbildung und medizinische Ver-
sorgung zustünden. Es sei der Beschwerdeführerin bereits in der Vergan-
genheit möglich gewesen, sich an die griechischen Behörden zu wenden.
Es dürfe deshalb folgerichtig angenommen werden, dass sie auch inskünf-
tig allfällige Ansprüche bei den griechischen Behörden geltend machen
und einfordern könne. Im Übrigen habe sie ihren Aussagen und den einge-
reichten Dokumenten aus Griechenland zufolge dort auch Zugang zu zwei
Unterstützungsprogrammen gehabt. Dies lasse klar darauf schliessen,
dass Griechenland seine völkerrechtlichen Verpflichtungen sehr wohl ein-
halte und eine adäquate Unterbringung zur Verfügung stelle. Die in Grie-
chenland im Allgemeinen schwierigen ökonomischen Lebensbedingungen
sowie die herrschende Wohnungsnot träfen die ganze Bevölkerung und
würden die Zumutbarkeit und Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs nach
Griechenland nicht zu widerlegen vermögen. Betreffend die Vergewaltigun-
E-2169/2020
Seite 11
gen gehe aus ihren Aussagen und den eingereichten Dokumenten klar her-
vor, dass die griechischen Behörden die notwendigen Schritte unternom-
men hätten, um den von ihr benötigten Opferschutz zu gewährleisten. Grie-
chenland verfüge nicht nur über funktionierende Justiz- und Polizeibehör-
den, sondern es gebe auch klare Anzeichen dafür, dass das Land über
funktionierende Schutzmechanismen und –strukturen verfüge, um auch
verletzliche Menschen mit geeigneten Massnahmen schützen zu können.
Ferner habe Griechenland die Qualifikationsrichtlinie umgesetzt und es sei
davon auszugehen, dass die medizinische Grundversorgung sichergestellt
sei. Gemäss ihren eigenen Aussagen habe sie in Griechenland bereits Zu-
gang zu medizinischer Versorgung gehabt. Weiter führten die aktuellen
Entwicklungen rund um das Coronavirus nicht zur generellen Unzulässig-
keit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Den von ihr mit ihrer
Stellungnahme zitierten Quellen fehle es aufgrund ihres allgemeinen Cha-
rakters am kausalen Zusammenhang zu ihrer persönlichen Situation und
seien nicht geeignet, die Zulässigkeit und Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs nach Griechenland in Frage zu stellen.
7.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe machte die Beschwerdeführerin geltend,
dass die Regelvermutung, wonach Griechenland seinen völkerrechtlichen
Verpflichtungen nachkomme, nicht aufrechterhalten werden könne und die
Wegweisung unzulässig erscheine. Anerkannte Schutzberechtigte hätten
– auch angesichts der Wirtschaftskrise in Griechenland – keinen Zugang
zu Arbeit oder Sozialleistungen und erhielten keine Unterstützung bei der
Wohnungssuche. Sie seien oft mit unzulänglichen Lebensumständen und
humanitären Standards sowie einer äusserst prekären sozioökonomischen
Situation konfrontiert. Der tatsächliche Zugang zu Gesundheitsdienstleis-
tungen sei durch einen erheblichen Ressourcen- und Kapazitätsmangel
eingeschränkt. Bei ihr bestehe die Gefahr, dass ihre Rehabilitation gefähr-
det sei und ihr die notwendige Behandlung der psychischen Folgen der im
Iran erlebten Folter in Griechenland möglicherweise verwehrt bleibe. Dies
würde ein Verstoss gegen Art. 14 FoK darstellen. Weiter sei auf die jüngste
Verschlechterung der Lage für Asylsuchende und Flüchtlinge in Griechen-
land durch das seit dem 1. Januar 2020 verschärfte Asylgesetz und die
angekündigte Schliessung mehrerer Asylunterkünfte hinzuweisen. Der
griechische Migrationsminister habe erwähnt, dass finanzielle Unterstüt-
zungen für Flüchtlinge eingestellt werden könnten. Die Argumentation des
SEM – dass sich daraus nicht schliessen lasse, Griechenland werde sich
in einen Widerspruch zu seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen begeben
– könne sie nicht nachvollziehen.
E-2169/2020
Seite 12
Weder in der Schweiz noch in Griechenland sei zudem abzusehen, welche
Auswirkungen die Corona-Pandemie auf das nationale Gesundheitswesen
und auf die wirtschaftliche Situation der Länder haben werde. Bereits auf-
grund dieser ausserordentlichen Lage sei seine Wegweisung zum jetzigen
Zeitpunkt nicht vertretbar. Die Überforderung zeige sich bei der Versorgung
der Asylsuchenden auf den griechischen Inseln. Die derzeitige Zuspitzung
an der griechisch-türkischen Grenze führe zu einer weiteren Destabilisie-
rung. Aufgrund der angespannten und wechselhaften Situation sei aktuell
von Überstellungen nach Griechenland abzusehen und die entsprechende
Praxis und Rechtsprechung sei anzupassen.
Im Weiteren werde die Vermutung der Zumutbarkeit einer Wegweisung in
einen EU/EFTA-Staat dadurch umgestossen, dass die wirtschaftlichen Fol-
gen der aktuellen Corona-Pandemie noch nicht vollends abzusehen seien
und im wirtschaftlich bereits angeschlagenen Griechenland eine Finanz-
krise drohe. Das Einhalten der Qualifikationsrichtlinie werde dadurch in
Frage gestellt und Schutzberechtigte ohne soziales Beziehungsnetz in
Griechenland würden als erste unter den Auswirkungen fehlender Arbeit
und eingestellter Sozialleistungen zu leiden haben. Es bestünden mithin
Hinweise darauf, dass Betroffene möglicherweise in eine existenzielle Not-
lage geraten werden und eine Verletzung der grundlegenden Rechte aus
Art. 3 EMRK wahrscheinlich sei.
In Anbetracht der allgemeinen Lage in Griechenland und ihrer individuellen
Situation könne vorliegend somit nicht von seiner genügenden lebensnot-
wendigen Versorgung ausgegangen werden, sondern es bestünden bei ihr
individuelle Vollzugshindernisse sozialer, wirtschaftlicher und gesundheitli-
cher Art, aufgrund derer eine Wegweisung unzumutbar sei.
Sollte das Gericht die Auffassung, dass ihre Überstellung nach Griechen-
land ein „real risk" im Sinne von Art. 3 EMRK begründet und individuelle
Vollzugshindernisse bestehen, wider Erwarten nicht teilen, sei die Vo-
rinstanz entsprechend dem Subeventualbegehren zumindest anzuweisen,
von den griechischen Behörden individuelle Zusicherungen bezüglich adä-
quater medizinischer Behandlung und adäquater Unterbringung einzuho-
len.
8.
8.1 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten die Ver-
mutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen einhalten. Ge-
E-2169/2020
Seite 13
stützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Weg-
weisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist. Es obliegt
der betroffenen Person, diese beiden Legalvermutungen umzustossen.
Dass dies gelingen könnte, hätte sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzu-
bringen, dass die Behörden des in Frage stehenden Staates im konkreten
Einzelfall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz ge-
währen oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen aussetzen wür-
den respektive dass sie im in Frage stehenden Staat aufgrund von indivi-
duellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in
eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. statt vieler das Urteil des
BVGer E-2617/2016 vom 28. März 2017 E. 4). Das Vorliegen eines Voll-
zugshindernisses unter dem Aspekt der Zulässigkeit bei Personen, denen
von den griechischen Behörden ein Schutzstatus verliehen wurde, wird
vom Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss nur unter sehr strengen Vo-
raussetzungen bejaht. Das Gericht geht grundsätzlich davon aus, dass
Griechenland als Signatarstaat der EMRK, der FoK und der FK sowie des
Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) seinen ent-
sprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Zwar aner-
kennt das Gericht – auch aufgrund der von der Beschwerdeführerin zitier-
ten Berichte –, dass die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig
sind. Dennoch ist gemäss Rechtsprechung diesbezüglich nicht von einer
unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von
Art. 3 EMRK respektive einer existenziellen Notlage auszugehen (vgl. Ur-
teile des BVGer D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 8.2 m.w.H. [als Re-
ferenzurteil publiziert]; E-4866/2019 vom 2. Oktober 2019 E. 10.1; E-
2360/2019 vom 22. Mai 2019 E. 8.3.1 f.; D-5016/2017 vom 12. März 2018
E. 6.4 m.w.H.). Personen mit Schutzstatus sind griechischen Bürgerinnen
und Bürgern gleichgestellt in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu Gerich-
ten und den öffentlichen Schulunterricht respektive gleichgestellt mit ande-
ren Ausländern und Ausländerinnen beispielsweise in Bezug auf Erwerbs-
tätigkeit oder die Gewährung einer Unterkunft (vgl. Art. 16-24 FK). Unter-
stützungsleistungen und weitere Rechte können direkt bei den zuständigen
Behörden eingefordert werden, falls notwendig auf dem Rechtsweg. Nicht
zuletzt können Schutzberechtigte sich auch auf die Garantien in der Qua-
lifikationsrichtlinie berufen, insbesondere die Regeln betreffend den Zu-
gang von Personen mit Schutzstatus zu Beschäftigung (Art. 26), zu Bildung
(Art. 27), zu Sozialhilfeleistungen (Art. 29), zu Wohnraum (Art. 32) und zu
medizinischer Versorgung (Art. 30). Im Falle einer Verletzung der Garan-
tien der EMRK steht gestützt auf Art. 34 EMRK letztlich der Rechtsweg an
den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) offen (vgl. Ur-
teil D-559/2020 a.a.O.).
E-2169/2020
Seite 14
8.2 Aufgrund der Akten liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die Be-
schwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Griechenland dort einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wäre. Hinsichtlich der gesundheitlichen Aspekte ist auf die zutreffen-
den Ausführungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung (dort
E. I Ziff. 5) zu verweisen. Es handelt sich bei ihr gerade nicht um eine
schwerkranke Person, bei der die ernsthafte Gefahr besteht, dass sie bei
einer Rückschaffung nach Griechenland einer schwerwiegenden, rapiden
und irreversiblen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, verbun-
den mit übermässigem Leiden oder einer bedeutenden Verkürzung der Le-
benserwartung, ausgesetzt wäre. Die medizinische Versorgung in Grie-
chenland (inkl. allfälliger psychologischer resp. psychiatrischer Behand-
lungsmöglichkeiten) ist gewährleistet. Diesbezüglich ist auch zu erwähnen,
dass die Beschwerdeführerin denn auch selber angegeben hat, in Grie-
chenland bereits einen ganzen Monat lang im Spital verbracht zu haben
(vgl. Akte 20). Sie hat daher sehr wohl Zugang zu medizinischer Versor-
gung erhalten. Weiter lassen weder ihre Vorbringen noch die im vorinstanz-
lichen- und Beschwerdeverfahren eingereichten Arztberichte darauf
schliessen, dass die geltend gemachten gesundheitlichen Probleme so
gravierend wären, als dass eine adäquate Behandelbarkeit im EU-Staat
Griechenland nicht gegeben wäre.
8.3 Schliesslich ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass Griechenland ein
Rechtsstaat ist, der über einen funktionierenden Polizei- und Justizapparat
verfügt (vgl. Urteil D-559/2020 E. 9.2 m.w.H.; Urteil des BVGer
E-4234/2018 vom 30. Juli 2018 E. 6.3.3, m.w.H.). Bei Unterstützungsbe-
darf oder allfälligen Problemen mit Drittpersonen kann sich die Beschwer-
deführerin an die griechischen Behörden wenden und die erforderliche
Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Urteil D-559/2020
E. 8.2 und 9.1). Aus den Akten geht diesbezüglich denn auch hervor, dass
die griechischen Behörden im Fall der Beschwerdeführerin tätig geworden
sind. So wurden einerseits Opferschutzmassnahmen ergriffen, wie auch
andererseits strafrechtliche Untersuchung eingeleitet und es wurde ihre
Unterbringung sichergestellt (vgl. Akte 20, S. 3).
Im Weiteren bestehen keine Hinweise darauf, Griechenland würde ihr dau-
erhaft die ihr gemäss der Richtlinie zustehenden minimalen Lebensbedin-
gungen vorenthalten und sie einer existenziellen Notlage aussetzen. Ge-
mäss ihren Angaben unter Bezug auf die von ihr eingereichten Beweismit-
tel sei ihr von den Behörden mitgeteilt worden, dass das Unterstützungs-
programm ESTIA nach sechs Monaten auslaufe und nun von einem neuen
E-2169/2020
Seite 15
Unterstützungsprogramm namens HELIOS, deren Kriterien sie persönlich
erfülle, abgelöst werde (vgl. Akte 20, S. 2 ff. und Akte 6). Sie erhielt also
sehr wohl von den Behörden Unterstützungsleistungen. Es darf inskünftig
von ihr erwartet werden, sich bei Unterstützungsbedarf an die griechischen
Behörden zu wenden und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem
Rechtsweg einzufordern. Daran vermag auch ihre weder in zeitlicher noch
sachlicher Hinsicht konkretisierte Aussage, sie habe letztlich teilweise auf
der Strasse übernachtet, nichts zu ändern. So muss sie sich den Umstand,
dass sie einfach unkontrolliert aus Griechenland ausgereist ist, anstelle
sich (erneut) an die zuständigen Institutionen zu wenden, entgegenhalten
lassen; dies ist nicht den griechischen Behörden anzulasten.
8.4 Nach dem Ausgeführten erweist sich der Wegweisungsvollzug als zu-
lässig und zumutbar. Es besteht kein Anlass zur Einholung individueller
Garantien betreffend adäquater Unterbringung und medizinischer Betreu-
ung (vgl. Urteil D-559/2020, a.a.O.).
8.5
8.5.1 Der Vollzug der Wegweisung ist schliesslich nach Art. 83 Abs. 2 AIG
möglich, da die griechischen Behörden einer Rückübernahme der Be-
schwerdeführerin ausdrücklich zugestimmt haben, sie dort über eine Auf-
enthaltsbewilligung verfügt und den Akten keine Hinweise auf eine Reise-
unfähigkeit zu entnehmen sind. Ihrer gesundheitlichen Situation kann bei
der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten – wie vom SEM im angefoch-
tenen Entscheid bereits in Aussicht gestellt – angemessen Rechnung ge-
tragen werden.
8.5.2 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungs-
vollzug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt
voraus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist,
sondern voraussichtlich eine gewisse Dauer bestehen bleibt. Ist dies nicht
der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten
Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss
temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst
wird.
E-2169/2020
Seite 16
9.
Zusammenfassend hat das SEM den Vollzug der Wegweisung nach Grie-
chenland zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine
Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt ausser Betracht.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Angesichts der aus den vorstehenden Erwägungen hervorgehenden Aus-
sichtslosigkeit der Beschwerde ist das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1 VwVG abzuweisen. Jenes um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit dem vorliegend
instruktionslos ergehenden, verfahrensabschliessenden Urteil in der Sa-
che hinfällig.
(Dispositiv nächste Seite)
E-2169/2020
Seite 17