Decision ID: 6962a255-27c8-5a83-8122-a3486ce30281
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 13. Mai 2021 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte,
dass ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 21. Januar 2019
in Frankreich, am 9. November 2020 in Belgien und am 12. Februar 2021
in Deutschland daktyloskopisch erfasst wurde und in diesen Ländern Asyl-
gesuche eingereicht hat,
dass der Beschwerdeführer am 19. Mai 2021 die ihm zugewiesene
Rechtsvertretung bevollmächtigte,
dass der Beschwerdeführer anlässlich der Personalienaufnahme (PA) vom
13. Mai 2021 angab, er habe sein Heimatland am 9. Mai 2018 auf dem
Flugweg verlassen und sei gleichentags (illegal) in Frankreich eingereist,
dass ihm die Vorinstanz am 26. Mai 2021 das rechtliche Gehör zur mut-
masslichen Zuständigkeit Frankreichs, Belgiens oder Deutschlands für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gewährte,
dass er zu Protokoll gab, in Belgien seien die Unterkunftszustände schlecht
und in Deutschland habe er trotz einer ärztlichen Untersuchung keine me-
dizinische Behandlung erhalten; mit einer Rückkehr nach Frankreich sei er
einverstanden, obwohl er dort keine Übernachtungsmöglichkeit habe,
dass der Beschwerdeführer zahlreiche Arztberichte von französischen, bel-
gischen, deutschen und Schweizer Ärzten zu den Akten gab,
dass die Vorinstanz die deutschen Behörden am 26. Mai 2021 um Über-
nahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatan-
gehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf
internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) ersuchte,
dass die deutschen Behörden am 31. Mai 2021 die Übernahme mit Hin-
weis auf die Zuständigkeit Frankreichs verweigerten,
E-3419/2021
Seite 3
dass die Vorinstanz am 31. Mai 2021 die französischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dub-
lin-III-VO ersuchte und diese dem Ersuchen der Schweiz am 4. Juni 2021
ausdrücklich zustimmten,
dass die Vorinstanz mit Verfügung vom 15. Juli 2021 – eröffnet am
20. Juli 2021 – in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach
Frankreich anordnete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz
spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen,
dass sie gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den
Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den
Beschwerdeführer verfügte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 27. Juli 2021 gegen diesen
Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob und dabei
beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die
Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten; eventualiter
sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und zur erneuten Sachver-
haltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuweisen,
dass er in prozessualer Hinsicht die superprovisorische Aussetzung des
Vollzugs, die Erteilung der aufschiebenden Wirkung sowie die Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege einschliesslich Verzicht auf Erhebung
des Kostenvorschusses beantragte,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
28. Juli 2021 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG),
dass der Beschwerdeführer dem Bundesverwaltungsgericht mit Eingabe
vom 2. August 2021 unaufgefordert einen weiteren medizinischen Bericht
des (...) B._ vom 26. Juli 2021 nachgereicht hat,
E-3419/2021
Seite 4

Considerations:
und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass diesbezüglich die Dublin-III-VO zur Anwendung kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO),
E-3419/2021
Seite 5
dass ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der
Eurodac-Datenbank ergab, dass dieser am 21. Januar 2019 in Frankreich
daktyloskopisch erfasst wurde,
dass die Vorinstanz die französischen Behörden am 31. Mai 2021 um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d
Dublin-III-VO ersuchte,
dass die französischen Behörden dem Übernahmeersuchen am
4. Juni 2021 ausdrücklich zustimmten,
dass der Beschwerdeführer nicht bestreitet, sich vor seiner Einreise in die
Schweiz in Deutschland, Belgien und Frankreich aufgehalten zu haben und
in Frankreich daktyloskopisch erfasst worden zu sein (vgl. Art. 13
Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass die grundsätzliche Zuständigkeit Frankreichs somit gegeben ist,
dass der Beschwerdeführer in formeller Hinsicht rügt, die Vorinstanz habe
den Untersuchungsgrundsatz verletzt, indem sie vor Erlass eines Ent-
scheids keinen detaillierten medizinischen Untersuchungsbericht angeord-
net und damit den medizinischen Sachverhalt nicht hinreichend festgestellt
habe,
dass festzustellen ist, dass die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
die aktenkundigen Krankheiten und die ärztlich indizierten Behandlungen
aufgeführt hat und zurecht zum Schluss gekommen ist, dass seine Krank-
heiten und die noch ausstehenden, gemäss Akten nicht dringend notwen-
digen, Behandlungen auch in Frankreich vorgenommen werden können,
sowie richtigerweise darauf hingewiesen hat, dass für die Beurteilung der
Reisefähigkeit der Zeitpunkt der Überstellung ausschlaggebend ist,
dass die Einholung eines weiteren medizinischen Arztberichts sich vor dem
Hintergrund der bereits zahlreichen dokumentierten Arztberichte – entge-
gen der Ansicht des Beschwerdeführers – nicht rechtfertigt,
dass die Vorinstanz den Sachverhalt im Ergebnis korrekt und vollständig
erhoben und diesen in ihren Erwägungen hinlänglich gewürdigt hat,
dass die formelle Rüge demnach nicht begründet ist,
E-3419/2021
Seite 6
dass jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
schliessen kann, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch
wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die
Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO),
dass dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht im Landesrecht durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
konkretisiert wird und das SEM das Asylgesuch gemäss dieser Bestim-
mung "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür
gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre,
dass der Beschwerdeführer mit seinen Vorbringen in der Beschwerde, wo-
nach er in Frankreich ohne Unterkunftsmöglichkeit in schwierigen Verhält-
nissen auf der Strasse leben musste und bei einer Rückkehr – auch ange-
sichts seines prekären Gesundheitszustands – mit grösster Wahrschein-
lichkeit dem Risiko einer Art. 3 EMRK verletzenden Behandlung ausge-
setzt sein wird, die Anwendung von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO respektive
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 fordert,
dass es keine Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Antragsteller in Frankreich wiesen ganz generell
systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dub-
lin-III-VO auf oder bringe die Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi-
genden Behandlung im Sinne des Art. 4 der EU-Grundrechtecharta mit
sich,
dass Frankreich Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nachkommt,
dass auch davon ausgegangen werden darf, Frankreich anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
E-3419/2021
Seite 7
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (Aufnahmerichtlinie) ergeben,
dass der Beschwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes Risiko darge-
tan hat, die französischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder auf-
zunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der erwähnten Richtlinien zu prüfen,
dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK
darstellen kann,
dass dies insbesondere der Fall ist, wenn die betroffene Person sich in
einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in
Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rech-
nen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl.
BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des EGMR),
dass ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK gemäss Praxis des EGMR aber auch
vorliegen kann, wenn eine schwer kranke Person durch die Abschiebung –
mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei-
nem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwie-
derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt
zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung
der Lebenserwartung führen würde (vgl. EGMR: Urteil Paposhvili gegen
Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193
m.w.H.),
dass beim Beschwerdeführer gemäss den zahlreichen in den Akten liegen-
den Arztberichten verschiedene Krankheiten diagnostiziert wurden, unter
anderem Hämorrhoiden, Tuberkulose, Schlafstörungen und eine Hepatitis-
C-Infektion,
dass sich den verschiedenen Arztberichten entnehmen lässt, dass der Be-
schwerdeführer für die Behandlung seiner diversen Krankheiten geeignete
Medikamente verschrieben erhalten hat,
dass sich aus dem eingereichten Bericht des (...) B._ vom
16. Juli 2021 ergibt, dass zwecks Behandlung der Hepatitis-C-Infektion
eine antivirale Therapie indiziert ist,
E-3419/2021
Seite 8
dass der Beschwerdeführer die erforderliche medizinische Unterstützung,
welche namentlich die ärztlich angeordneten Medikamente und die ange-
zeigte antivirale Therapie umfasst, auch in Frankreich beantragen kann,
zumal keine Anzeichen dafür bestehen, dass die zuständigen Behörden
ihm eine entsprechende Betreuung verweigern würden, wurden gemäss
den eingereichten Akten in den Jahren 2019 und 2020 in Frankreich doch
medizinische Abklärungen vorgenommen,
dass nach dem Gesagten Art. 3 EMRK einer Überstellung des Beschwer-
deführers nach Frankreich nicht entgegensteht,
dass dem SEM bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Ermessen
zukommt (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.) und den Akten keine Hinweise auf eine
gesetzeswidrige Ermessensausübung (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG)
durch die Vorinstanz zu entnehmen sind,
dass das Bundesverwaltungsgericht sich unter diesen Umständen weiterer
Ausführungen zur Frage eines Selbsteintritts enthält,
dass das SEM demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist und
– weil der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts-
oder Niederlassungsbewilligung ist – in Anwendung von Art. 44 AsylG die
Überstellung nach Frankreich angeordnet hat (Art. 32 Bst. a AsylV 1),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen ist,
dass das SEM die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers bei
der Überstellung nach Frankreich zu berücksichtigen hat und im Sinne der
bereits im Entscheid zugesicherten Massnahmen zur Sicherung der ge-
sundheitlichen Versorgung die französischen Behörden rechtzeitig und
umfassend über den aktuellen Gesundheitszustand und die notwendigen
medizinischen Behandlungen zu informieren hat,
dass die Anträge auf Anordnung superprovisorischer Massnahmen und
Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde mit dem vorlie-
genden Urteil ebenso gegenstandslos geworden sind wie der Antrag auf
Kostenvorschussverzicht,
dass das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus
E-3419/2021
Seite 9
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt
sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-3419/2021
Seite 10