Decision ID: d8325a98-42fd-4b6e-a257-8d10b083cdcc
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein irakischer Staatsangehöriger, ersuchte die
Schweiz am 3. Juli 2022 um Gewährung des vorübergehenden Schutzes.
Gemäss den Einträgen im irakischen Reisepass des Beschwerdeführers
hat er Kurdistan das letzte Mal am (...) oder (...) Mai 2022 verlassen und
ist am (...) Mai 2022 in die Ukraine eingereist. Am (...) Mai 2022 hat er das
Land wieder verlassen und habe gleichentags die ungarische Grenze pas-
siert.
A.b Am 12. Juli 2022 fand seine Befragung statt. Im Rahmen der Befra-
gung gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, er sei im Besitz einer unbe-
fristet gültigen Aufenthaltsgenehmigung für die Ukraine und habe seit dem
Jahr 2015 in der Ukraine gelebt. Er sei ungefähr einmal im Jahr in den Irak
zurückgekehrt. Bei Kriegsausbruch in der Ukraine habe er sich zwecks
Ausstellung eines Passes im Irak aufgehalten. Seine Eltern, sein Bruder
und seine verheiratete Schwester würden in B._, Kurdistan, leben.
Eine Rückkehr in den Irak sei für ihn zu gefährlich, zudem würde es ihm
dort Mühe bereiten, eine Arbeitsstelle zu finden respektive allgemein Fuss
zu fassen, da er längere Zeit in der Ukraine gelebt habe. Im Irak habe er
keine Probleme mit den Behörden, Drittpersonen oder Organisationen ge-
habt. In C._ habe er viele Kollegen und Freunde sowie eine Arbeits-
stelle gefunden. Seine Freundin, welche die ukrainische Staatsbürger-
schaft besitze, befinde sich aktuell in der Ukraine, kümmere sich um ihren
Vater und würde, sobald er, der Beschwerdeführer, in der Schweiz Fuss
gefasst habe, gerne nachkommen.
B.
Mit Verfügung vom 18. August 2022 lehnte das SEM das Gesuch um vo-
rübergehenden Schutz ab, verfügte die Wegweisung des Beschwerdefüh-
rers aus der Schweiz sowie dem Schengen-Raum, ordnete den Vollzug der
Wegweisung an und wies den Beschwerdeführer dem Kanton D._
zu.
C.
Mit Eingabe vom 15. September 2022 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und bean-
tragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und ihm sei «der
Schutzstatus zu gewähren», eventualiter sei aufgrund der Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Im Wei-
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teren beantragte er sinngemäss, es sei festzustellen, dass die Wegwei-
sung aus dem gesamten Schengen-Raum unzulässig sei. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Sistierung des Ver-
fahrens, bis über das Gesuch seiner Lebensgefährtin befunden worden
sei. Zudem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung und die amtliche Ver-
beiständung zu gewähren.
Der Beschwerdeführer legte seiner Beschwerde eine Kopie eines Auszugs
aus einem Reisepass bei.
D.
Mit Eingabe vom 20. September 2022 reichte der Beschwerdeführer eine
Bescheinigung der wirtschaftlichen Sozialhilfe nach und beantragte, von
einer Kostenvorschusserhebung sei abzusehen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 72 i.V.m. Art. 105
und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
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die Beschwerde ist – unter Vorbehalt der folgenden Erwägung – einzutre-
ten.
2.
Der Beschwerdeführer bringt in Ziffer 4 seiner Rechtsbegehren respektive
in Ziffer 5 in seiner Beschwerde vor, es sei nicht zulässig, ihn vorliegend
aus dem gesamten Schengen-Raum wegzuweisen, da die Schweiz die
Massenfluchtrichtlinie nicht als Besitzstand bei der Schengen-Assoziierung
übernommen habe.
Öffentliches Recht gilt grundsätzlich nur in dem Staat, der es erlässt. Es un-
tersteht somit dem Territorialprinzip. Ausserhalb seiner Grenzen kann es im
Sinne von Ausnahmen gelten, zum Beispiel wo dies durch Staatsvertrag ver-
einbart ist oder durch Völkergewohnheitsrecht (vgl. BGE 112 V 397 E. 1b;
KAUFMANN CHRISTINE, Staatsrecht, 2021, Rz. 37 ff.). Beim vorliegenden Ver-
fahren um Gewährung vorübergehenden Schutzes handelt es sich um ein na-
tionales Verfahren. Dem Beschwerdeführer ist zuzustimmen, dass der Vor-
instanz mangels staatsvertraglicher Regelung keine Kompetenz zur Wegwei-
sung aus dem Schengen-Raum zukommt. Aufgrund des Fehlens auch ande-
rer Ausnahmen zum Territorialitätsprinzip entfaltet die angefochtene Verfü-
gung, somit auch Dispositionsziffer 3, ihre Rechtswirkung mithin lediglich auf
Schweizerisches Staatsgebiet.
Es drängt sich damit die Frage auf, ob der Beschwerdeführer nach den
Legitimationsregeln von Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG diesbezüglich als be-
schwert zu gelten hat und ein schutzwürdiges Interesse an der Anfechtung
der Dispositionsziffer 3 (Wegweisung aus dem Schengen-Raum) der an-
gefochtenen Verfügung hat. Ein schutzwürdiges Interesse nach Art. 48
Abs. 1 Bst. c VwVG liegt vor, wenn die tatsächliche oder rechtliche Situa-
tion der beschwerdeführenden Partei durch den Ausgang des Verfahrens
beeinflusst werden kann. Das schutzwürdige Interesse besteht darin, dass
die Partei einen materiellen oder ideellen Nachteil vermeiden kann, den
der angefochtene Entscheid ansonsten mit sich bringen würde. Dabei ge-
nügt ein tatsächliches (faktisches), wirtschaftliches, ideelles oder auch an-
deres Interesse (RENÉ WIEDERKEHR, Öffentliches Verfahrensrecht, 2016,
Rz. 343).
Der Beschwerdeführer bringt in seiner Beschwerde vor, mit der Wegwei-
sung aus dem Schengen-Raum werde ihm die Möglichkeit genommen, in
einem anderen Schengen-Staat aufgrund günstiger nationaler Bestimmun-
gen unter Umständen einen vorübergehenden Schutzstatus zu erhalten.
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Dem ist nicht zuzustimmen. Wie oben ausgeführt entfaltet die angefoch-
tene Verfügung in anderen (Schengen-)Staaten keine Rechtswirkung, mit-
hin hat der Beschwerdeführer in solchen Staaten keine Nachteile aufgrund
der besagten Dispositionsziffer zu gewärtigen. Es fehlt dem Beschwerde-
führer somit betreffend die Anfechtung von Dispositionsziffer 3 (Wegwei-
sung aus dem Schengen-Raum) das schutzwürdige Interesse nach Art. 48
Abs. 1 Bst. c VwVG, weshalb auf dieses Rechtsbegehren nicht einzutreten
ist.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 72 i.V.m. Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachfolgend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil
nur summarisch zu begründen ist (Art. 72 i.V.m. Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 72 i.V.m. Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Gestützt auf Art. 4 AsylG kann die Schweiz Schutzbedürftigen für die
Dauer einer schweren allgemeinen Gefährdung, insbesondere während
eines Krieges oder Bürgerkrieges sowie in Situationen allgemeiner Gewalt,
vorübergehenden Schutz gewähren. Der Bundesrat entscheidet, ob und
nach welchen Kriterien Gruppen von Schutzbedürftigen vorübergehender
Schutz gewährt wird (Art. 66 Abs. 1 AsylG). Ehegatten von Schutzbedürf-
tigen und ihren minderjährigen Kindern wird gemäss Art. 71 Abs. 1 AsylG
vorübergehender Schutz gewährt, wenn sie gemeinsam um Schutz nach-
suchen und keine Ausschlussgründe nach Art. 73 AsylG vorliegen (Bst. a)
oder wenn die Familie durch Ereignisse nach Art. 4 AsylG getrennt wurde,
sich in der Schweiz vereinigen will und keine besonderen Gründe dagegen-
sprechen (Bst. b).
5.2 Am 11. März 2022 hat der Bundesrat gestützt auf Art. 66 Abs. 1 AsylG
eine Allgemeinverfügung zur Gewährung des vorübergehenden Schutzes
im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine erlassen (BBI 2022
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586). Gemäss Ziff. I der Allgemeinverfügung gilt der Schutzstatus S für fol-
gende Personenkategorien:
a) schutzsuchende ukrainische Staatsbürgerinnen und -bürger und
ihre Familienangehörige (Partnerinnen und Partner, minderjährige
Kinder und andere enge Verwandte, welche zum Zeitpunkt der
Flucht ganz oder teilweise unterstützt wurden), welche vor dem
24. Februar 2022 in der Ukraine wohnhaft waren;
b) schutzsuchenden Personen anderer Nationalitäten und Staatenlo-
sen gemäss Definition in Buchstabe a, welche vor dem 24. Feb-
ruar 2022 einen internationalen oder nationalen Schutzstatus in der
Ukraine hatten;
c) Schutzsuchenden anderer Nationalität und Staatenlosen sowie ih-
ren Familienangehörigen gemäss Definition in Buchstabe a, welche
mit einer gültigen Kurzaufenthalts- oder Aufenthaltsbewilligung be-
legen können, dass sie über eine gültige Aufenthaltsberechtigung in
der Ukraine verfügen und nicht in Sicherheit und dauerhaft in ihre
Heimatländer zurückkehren können.
6.
6.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung aus, der Be-
schwerdeführer gehöre nicht zu der vom Bundesrat definierten Gruppe der
schutzbedürftigen Personen, weil er einen irakischen Reisepass besitze
und die Befragung vom 12. Juli 2022 keine konkreten Hinweise hervorge-
bracht habe, wonach er nicht in Sicherheit und dauerhaft in den Irak zu-
rückkehren könne. So habe er bis zu seinem 18. Lebensjahr im Nordirak
gelebt und seine Eltern und Geschwister würden in B._ wohnen.
Auch reise er fast jährlich in den Irak, zuletzt im September 2021, wobei er
sich zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs in der Ukraine noch immer im Irak
aufgehalten habe. So stehe es ihm frei, in den Irak zurückzukehren res-
pektive sich dort aufzuhalten. Dass er in der Ukraine eine Freundin habe,
ändere an dieser Feststellung nichts.
6.2 Der Beschwerdeführer erwidert in der Beschwerde vom 15. September
2022, er habe in den letzten drei bis vier Jahren vor dem Kriegsausbruch
mit seiner Freundin zusammen in seiner Wohnung in Kiew gelebt und die
Absicht gehabt, zu heiraten. Aufgrund der schwierigen Situation habe sich
seine Freundin entschlossen, ebenfalls in die Schweiz zu kommen. Da sie
auch ohne eine rechtsgültige Ehe eine Lebensgemeinschaft bilden wür-
den, habe er auch einen Antrag auf Sistierung des vorliegenden Verfahrens
gestellt, bis der Antrag seiner Freundin geprüft worden sei. Es sei zwar
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zutreffend, dass er in den letzten Jahren auch in sein Heimatland zurück-
gekehrt sei, aber dies sei jeweils nur für kurze Zeit und zu Besuchszwecken
gewesen. Die Situation in Kurdistan sei noch immer instabil und gefährlich,
insbesondere seien die Behörden nicht schutzwillig. Aufgrund eines Kon-
fliktes seiner Familie mit einer anderen Familie und der Gefahr von Blutra-
che, welche auch ihn treffen könne, habe er bei seinen Besuchen jeweils
bei Freunden in E._ gelebt und es vermieden, seine Eltern in
B._ aufzusuchen.
Er verfüge über eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung für die Ukraine.
Seine Freundin und Lebenspartnerin sei ukrainische Staatsbürgerin und
werde nächste Woche in die Schweiz einreisen und um Schutz ersuchen.
Sie seien als Familieneinheit zu betrachten. Für seine Freundin wäre ein
Aufenthalt im Nordirak unzumutbar und unmöglich. Aufgrund des Gesag-
ten würde seine Freundin unter Buchstabe a der Allgemeinverfügung zur
Gewährung des vorübergehenden Schutzes im Zusammenhang mit der
Situation in der Ukraine (BBl 2022 586; nachfolgend: Allgemeinverfügung)
fallen, er selber sei als Lebenspartner und als engstes Familienmitglied zu
betrachten, weshalb ihm aus diesem Grund der Schutzstatus zu gewähren
sei. Aufgrund seiner Aufenthaltsbewilligung für die Ukraine falle er zusätz-
lich unter Buchstabe c der Allgemeinverfügung. Eine Rückkehr in den Irak
stelle für ihn eine nicht sichere und nicht dauerhafte «Wohnsitz Alternative»
dar.
7.
7.1 Zunächst ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nicht ukraini-
scher Staatsangehöriger ist und aufgrund der Akten davon auszugehen ist,
dass seine ukrainische Freundin kein Gesuch um Gewährung
vorübergehenden Schutzes gestellt hat, womit die Anwendung von Buch-
stabe a der Allgemeinverfügung bereits deshalb ausser Betracht fällt. Dass
der Beschwerdeführer eine baldige Einreise seiner Freundin in die Schweiz
in Aussicht stellt, ist vorliegend nicht erheblich. Sodann verfügt er nicht über
einen Schutzstatus in der Ukraine, was auch die Anwendung von Buch-
stabe b der Allgemeinverfügung ausschliesst. Eine Anwendung von Buch-
stabe c der Allgemeinverfügung setzt unter anderem voraus, dass der Be-
schwerdeführer nicht in Sicherheit und dauerhaft in den Irak zurückkehren
könnte.
7.2 Die Vorbringen des Beschwerdeführers hinsichtlich der individuellen
und allgemeinen Sicherheitslage im Nordirak vermögen die zutreffende
Einschätzung der Vorinstanz nicht zu erschüttern. Weder die allgemeine
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Sicherheitslage noch individuelle Gründe sprechen vorliegend gegen eine
in Sicherheit dauerhafte Rückkehr in den Nordirak (vgl. Urteil des BVGer
D-2510/2022 vom 17. August 2022 E. 9.5 m.w.H.).
7.3 Auch den Ausführungen des Beschwerdeführers anlässlich der Befra-
gung vom 12. Juli 2022 ist zu entnehmen, dass eine dauerhafte Rückkehr
in den Heimatstaat unter dem Aspekt der Sicherheit grundsätzlich möglich
wäre, zumal er eigenen Angaben zufolge regelmässig einmal jährlich un-
behelligt in den Irak einreisen und das Land ebenso unbehelligt wieder ver-
lassen konnte (vgl. Akten der Vorinstanz 1180346 [nachfolgend: SEM-act.]
A6/6 F7, F29 f.).
7.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer die
Voraussetzungen der Gewährung des vorübergehenden Schutzes offen-
sichtlich nicht erfüllt und das SEM das entsprechende Gesuch zu Recht
abgelehnt hat.
8.
8.1 Lehnt das SEM ein Gesuch um Gewährung des vorübergehenden
Schutzes ab, verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnet den Vollzug an (Art. 69 Abs. 4 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach vom SEM ebenfalls
zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
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Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
9.2.3 Der Beschwerdeführer hat in der Schweiz kein Asylgesuch gestellt.
Den Akten sind demnach keine Hinweise auf eine Verletzung des flücht-
lingsrechtlichen Refoulement-Verbots zu entnehmen.
9.2.4 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des
Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für
den Fall einer Ausschaffung in den Irak dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtsho-
fes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschus-
ses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Fol-
ter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.).
9.2.5 Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Irak lässt den Weg-
weisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
9.2.6 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
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festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Entsprechend der ständigen Praxis stellt sich sowohl die Sicherheits-
als auch die Menschenrechtslage in den kurdischen Provinzen des Nord-
iraks (Dohuk, Erbil und Suleimania) im Verhältnis zum restlichen Irak relativ
gut dar. Ein Wegweisungsvollzug in die kurdischen Provinzen ist demnach
dann zumutbar, wenn die betreffende Person ursprünglich aus der Region
stammt, oder eine längere Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz
(Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder aber über Beziehun-
gen zu den herrschenden Parteien verfügt (vgl. Urteile des BVGer
E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 E. 7.4.5 [als Referenzurteil publi-
ziert]; D-2633/2022 vom 9. September 2022 E. 8.3.3 m.w.H; E-3244/2022
vom 29. August 2022). Den begünstigenden individuellen Faktoren – ins-
besondere denjenigen eines tragfähigen familiären Beziehungsnetzes – ist
angesichts der Belastung der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak
intern Vertriebene (Internally Displaced Persons [IDPs]) gleichwohl ein be-
sonderes Gewicht beizumessen (vgl. aktuell etwa das Urteil des BVGer
D-2510/2022 vom 17. August 2022 E. 9.5.1).
9.3.3 Der Beschwerdeführer ist Kurde und stammt aus dem Nordirak. Sein
Vater, welcher «eine Art (...)» bei der Peschmerga sei, seine Mutter, sein
Bruder und seine verheiratete Schwester lebten in B._ im Nordirak.
Es ist daher insgesamt von einem tragfähigen familiären Netzwerk auszu-
gehen, welches dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr zur Verfügung
stehen wird. Aufgrund seines in der Ukraine absolvierten Studiums und sei-
nen Erfahrungen in der (...) (vgl. SEM-act. A6/6 F9 f.) ist auch eine Grund-
lage für eine berufliche Integration im Nordirak geschaffen.
9.3.4 Bezüglich des medizinischen Sachverhalts gab der Beschwerdefüh-
rer an, Probleme mit (...), verursacht durch den Krieg in der Ukraine, zu
haben (vgl. SEM-act. A6/6 F35 f.). Weder aus den weiteren Akten noch aus
der Beschwerdeschrift geht hervor, dass er sich aktuell in einer medizini-
schen Behandlung befindet oder auf spezielle Medikamente angewiesen
wäre. Eine medizinische Notlage liegt deshalb nicht vor.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
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9.4 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates für eine Rückkehr allenfalls notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Der Beschwerdeführer beantragt, das vorliegende Verfahren sei solange
zu sistieren, bis über das Gesuch seiner Lebensgefährtin entschieden wor-
den sei. Diesbezüglich reicht er eine Kopie von Auszügen ihres Reisepas-
ses ein. Es ist festzustellen, dass sich seine Lebensgefährtin gemäss vor-
liegender Akten nicht in der Schweiz befindet und der Beschwerdeführer in
seiner Beschwerde lediglich behauptet, diese reise (voraussichtlich)
nächste Woche (Anmerkung des Gerichts: 19. bis 25. September 2022) in
die Schweiz ein und stelle ein Gesuch um vorübergehenden Schutz res-
pektive sie würde gerne in die Schweiz nachkommen, sobald er Fuss ge-
fasst, beispielsweise eine Arbeit gefunden habe (vgl. SEM-act. A6/6 F24).
Eine Sistierung des Verfahrens ist somit nicht angezeigt. Der entspre-
chende Antrag ist abzuweisen.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist somit abzuweisen, so-
weit darauf einzutreten ist.
12.
12.1 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
(Art. 65 Abs. 1 VwVG) und um amtliche Verbeiständung (Art. 102m Abs. 1
Bst. a AsylG) sind ungeachtet der geltend gemachten prozessualen Be-
dürftigkeit abzuweisen, da sich die Beschwerdebegehren entsprechend
den vorstehenden Erwägungen von vornherein als aussichtslos erwiesen
haben. Das nachträglich gestellte Gesuch um Erlass des Kostenvorschus-
ses ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
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12.2
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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