Decision ID: 49bd01d6-71f4-5698-a126-2387796e271e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein sri-lankischer Staatsbürger tamilischer Ethnie,
verliess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge am 13. März 2017 auf dem
Luftweg nach Dubai und flog eineinhalb Monate später mit einem von Malta
ausgestellten Touristenvisum gültig vom 30. April 2017 bis am 13. Juni
2017 in die Türkei. Dann reiste er weiter auf dem Landweg durch ihm un-
bekannte Länder und gelangte am 18. Juni 2017 in die Schweiz, wo er tags
darauf um Asyl nachsuchte.
B.
Am 28. Juni 2017 erhob das SEM im Empfangs- und Verfahrenszentrum
(EVZ) B._ die Personalien des Beschwerdeführers und befragte ihn
zum Reiseweg und summarisch zu den Gründen für die Ausreise (Befra-
gung zur Person [BzP]).
C.
Mit Verfügung vom 6. September 2017 trat das SEM auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers vom 19. Juni 2017 gestützt auf Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG (SR 142.31) nicht ein und verfügte seine Wegweisung nach
Malta. Bevor die Wegweisung des Beschwerdeführers vollzogen werden
konnte, verschwand er am 21. September 2019.
D.
Am 18. März 2019 wurde der Beschwerdeführer von der Polizei in
C._ aufgegriffen.
E.
Mit Schreiben vom 6. Juni 2019 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit,
dass die Frist zur Überstellung nach Malta abgelaufen und damit die Zu-
ständigkeit für die Behandlung seines Asylgesuches auf die Schweiz über-
gegangen sei. Die Verfügung vom 6. September 2017 sei demnach aufzu-
heben und das nationale Asylverfahren wiederaufzunehmen.
F.
Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 10. Januar 2020 einlässlich zu
seinen Asylgründen an.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen Folgen-
des geltend: Er habe als (...) in einer (...) gearbeitet. Eines Tages seien
Personen mit Flyer im Geschäft vorbeigekommen, um auf eine geplante
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Demonstration aufmerksam zu machen. Die Demonstration sei zugunsten
verschollener Personen und Gefangener «der Bewegung» veranstaltet
worden. Er habe beschlossen, daran teilzunehmen. Anlässlich der De-
monstration habe er vor allem Flyer verteilt. Auch Mitglieder der «Tamil Na-
tional Alliance» (TNA) hätten am Anlass teilgenommen und diesen mitor-
ganisiert. Ein namhaftes Parteimitglied der TNA – Mahalingam Kanaga-
lingam Shivajilingam – habe ihn nach der Demonstration gelobt und um
seine Kontaktdaten gebeten, damit er ihn über weitere Demonstrationen
informieren könne. Einige Tage später habe er deshalb an einer weiteren
Demonstration teilgenommen. Daraufhin hätten ihn Mitglieder des Criminal
lnvestigation Department (CID) eines Abends angehalten, befragt und ihm
die Teilnahme an weiteren Demonstrationen verboten. Weil er sich verbal
widersetzt habe, hätten sie ihm die Identitätskarte abgenommen und ihn
für den nächsten Tag ins Armeecamp vorgeladen. Gemeinsam mit seinem
Vater habe er das betreffende Armeecamp aufgesucht. Erneut habe man
ihm dort die Teilnahme an Demonstrationen verboten und ihm vorgewor-
fen, eine Revolution anzustreben. Abermals habe er widersprochen und
sei daraufhin geschlagen und getreten worden. Erst als sein Vater versi-
chert habe, dafür zu sorgen, dass er derartigen Veranstaltungen fernbleibe,
habe man von ihm abgelassen und ihm die Identitätskarte zurückgegeben.
Seine Arbeitsstelle habe er nach dem Vorfall verloren. Sein Chef sei sei-
netwegen ebenfalls befragt worden, weshalb dieser ihn entlassen habe.
Trotz all dem habe er am 4. Februar 2017 erneut an einer Demonstration
in E._ teilgenommen, weil Shivajilingam ihn dazu motiviert und be-
teuert habe, dass solche Einschüchterungen normal seien und er ihm eine
neue Arbeit organisieren könne. Am nächsten Tag seien seine Eltern vom
CID aufgesucht und gewarnt worden, sollte man ihn finden, würde er so-
gleich mitgenommen werden. Er habe sich deshalb fortan bei einem Onkel
in F._ versteckt. Sein Vater habe schliesslich Rat bei Shivajilingam
gesucht, welcher ihm geraten habe, sich an eine Menschenrechtsorgani-
sation zu wenden. Sein Vater habe jedoch Angst davor gehabt, weil ein
Freund von ihm einst verschwunden sei, nachdem er sich an eine entspre-
chende Stelle gewandt habe. So sei seinem Vater am Ende geraten wor-
den, ihn ins Ausland zu schicken. Er (der Beschwerdeführer) habe Sri
Lanka daraufhin am 13. März 2017 mit Hilfe eines Schleppers verlassen.
Er befürchte, bei einer Rückkehr nach Sri Lanka bis zu seinem Tod gequält
zu werden. Nach seiner Ausreise sei seine Familie beobachtet und kontrol-
liert worden – insbesondere seine Schwestern. Diese seien auf dem Schul-
weg angehalten, befragt und sexuell belästigt worden. Gegen ihn liege mitt-
lerweile ein Haftbefehl vor. In der Schweiz habe er ein einziges Mal an einer
Demonstration teilgenommen.
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Der Beschwerdeführer reichte seine Identitätskarte, je ein Schreiben des
Parlamentsmitglieds Sivagnanam Shritharan vom 13. Februar 2019, des
ehemaligen Parlamentsmitglieds Shivajilingam vom Juli 2019 und des
Priesters H._ vom 25. Juli 2017 sowie zwei Medienberichte betref-
fend einen verschwunden Bekannten seines Vaters ein.
G.
Mit Verfügung vom 16. Juni 2020 – eröffnet am 18. Juni 2020 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht
und lehnte sein Asylgesuch vom 19. Juni 2017 ab. Gleichzeitig verfügte es
die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und ordnete den
Vollzug der Wegweisung an.
H.
Mit Eingabe vom 20. Juli 2020 erhob der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertreterin gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allen-
falls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die
vorläufige Aufnahme zu gewähren. In prozessualer Hinsicht beantragte er
zudem, es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ihm die unterzeich-
nende Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin beizuordnen.
Mit der Beschwerde reichte er eine Fürsorgebestätigung vom 16. Juni
2020, eine Kostennote, drei Berichte zu Sri Lanka, zwei Fotos einer De-
monstration in I._, und einen Arztbericht vom Spital (...) vom
13. Juli 2020 ein.
I.
Mit Verfügung vom 18. August 2020 hiess der Instruktionsrichter des Bun-
desverwaltungsgerichts das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und ordnete dem Beschwerdeführer die rubrizierte Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig gab er dem SEM Gelegenheit,
zur Beschwerde Stellung zu nehmen.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 27. August 2020 hielt das SEM an seinen
Erwägungen fest.
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K.
Am 14. September 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Replik und di-
verse Berichte ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
3.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Auf-
grund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Aner-
kennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden
kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Aus-
gangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol-
gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation
im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns-
ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen
(vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4, WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi
Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
3.4 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im
Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen
zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch
gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob
sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen
werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
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glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/29 E. 5.1, 2009/28 E. 7.1 m.w.H.).
4.
4.1 Das SEM lehnte das Asylgesuch mit der Begründung ab, die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers seien einerseits nicht glaubhaft und würden
andererseits der Asylrelevanz entbehren.
Im Einzelnen führt das SEM aus, dass der Beschwerdeführer anlässlich
der Demonstrationen oder vorher hauptsächlich Flyer verteilt und Zivilisten
informiert habe. Weiter habe er während den Demonstrationen vorgege-
bene Slogans wiederholt. An den Demonstrationen hätten jeweils 100 bis
150 Personen teilgenommen. Somit habe er nicht geltend gemacht, im Zu-
sammenhang mit den Demonstrationen eine besondere Funktion gehabt
zu haben oder dabei namhaft in Erscheinung getreten zu sein. Persönlich
sei er auch kein Mitglied der TNA gewesen, welche die Veranstaltungen
unterstützt habe. Von seiner Familie habe sich zudem niemand politisch
betätigt. Gemäss seinen Angaben habe er somit nie ein ausgeprägtes po-
litisches Profil gehabt. Aus seinen Aussagen zum Ereignis im Armeecamp
gehe trotz Nachfrage nicht hervor, inwiefern er konkret befragt worden sei.
Es sei nicht nachvollziehbar, dass ihn die Behörden, ohne Interesse an
weiteren Informationen, derart angegangen hätten – zumal er selber ledig-
lich ein niederschwelliges politisches Profil aufweise. Dass ein derartiger
Aufwand betrieben worden sei – und auch künftig betrieben werde – um
ihn als Mitläufer zu massregeln, erscheine nicht glaubhaft. Gestützt auf
seine Aussagen seien ihm bei der Freilassung zudem auch keine Konse-
quenzen angedroht worden, sollte er sich nicht an die Abmachungen hal-
ten. Bereits vor diesem Hintergrund sei nicht glaubhaft, dass ihn asylbe-
achtliche Massnahmen seitens der Behörden zur Ausreise bewogen hät-
ten. Seine Aussagen zur angeblich zweistündigen Befragung seien zudem
äusserst knapp ausgefallen. Auch über den Ort der Befragung habe er le-
diglich wiederholt angegeben, dass es sich beim Camp um ein grosses
Gebäude gehandelt habe. Er sei dort in ein Zimmer gebracht worden und
es habe überall Fenster gehabt. Die betreffenden Schilderungen seien so-
mit weder nachvollziehbar noch substantiiert ausgefallen. Weiter habe er
anlässlich der Anhörung angegeben, dass er damals nach Feierabend ge-
gen 18 Uhr vom CID angehalten worden sei. Der Vorladung sei er am Tag
daraufgefolgt. Nachdem er drei Stunden im Camp gewartet habe und zwei
Stunden befragt worden sei, habe er dank seines Vaters wieder gehen dür-
fen. In der BzP habe er angegeben, dass man ihn die ganze Nacht im
Camp behalten und geschlagen habe. Nachdem ihm die Unstimmigkeiten
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in seinen Angaben aufgezeigt worden seien, habe er erklärt, dass er da-
mals in der Nacht vom CID angehalten worden sei. Am nächsten Tag habe
er sich zum Camp begeben. Vermutlich sei dies falsch verstanden worden.
Seine Erklärung überzeuge nicht, zumal ihm das BzP-Protokoll rücküber-
setzt worden sei. Dabei hätte es ihm auffallen müssen, wenn die Angabe
«die ganze Nacht festgehalten worden zu sein» fälschlicherweise protokol-
liert worden wäre. Eines der eingereichten Dokumente zu Entführungen
beziehe sich auf das Jahr 2015. Das Ereignis habe somit nichts mit seinen
Vorbringen aus dem Jahr 2017 zu tun. Kontakt zu Mitdemonstranten habe
er laut seinen Aussagen nie gehabt. Auch zu Shivajilingam habe er nach
eigenen Angaben keinen Kontakt mehr. Ebenso wenig zu einem weiteren
Parteimitglied, welches seine Ausreise ebenfalls empfohlen habe. Auch
diese Aussagen liessen seine Vorbringen konstruiert wirken. Es wäre zu
erwarten gewesen, dass der Verbleib weiterer Beteiligter für ihn von höhe-
rem Interesse gewesen wäre. Dass er in Sri Lanka wegen der Teilnahme
an drei Demonstrationen ernsthaft von Behörden bedroht worden sei, habe
er somit weder substantiiert noch widerspruchsfrei und logisch nachvoll-
ziehbar dargelegt. Das SEM glaube ihm deshalb nicht, dass er in seiner
Heimat in asylbeachtlicher Weise verfolgt worden sei. Somit sei auch nicht
glaubhaft, dass seine Familie von Behörden aufgesucht worden sei und
mittlerweile ein Haftbefehl gegen ihn vorliege. Weil die Schreiben eines
Parlamentsmitglieds und eines ehemaligen Parlamentsmitglieds einfach
zu fälschen seien und zudem reine Gefälligkeitsschreiben darstellen wür-
den, komme ihnen kein grosser Beweiswert zu. Vor dem Hintergrund sei-
ner unglaubhaften Angaben zu den Fluchtgründen messe das SEM den
vorliegenden Unterlagen keine massgebliche Bedeutung zu. Dasselbe
gelte für das eingereichte Schreiben eines Priesters. Auch die Artikel zum
genannten Entführungsfall vermöchten seine Vorbringen, wie erwähnt, we-
der zu belegen noch glaubhaft zu machen. Mit seinen Vorbringen habe er
nicht glaubhaft machen können, dass er zum Zeitpunkt der Ausreise in
asylbeachtlicher Weise bedroht gewesen sei. Er sei im März 2017 aus Sri
Lanka ausgereist. Bei der Ausreise habe es keine Probleme gegeben, al-
lerdings habe sein Schlepper alles organisiert. Dieser habe gewusst, dass
er nicht mit seinen Personalien werde ausreisen können. Diese Angaben
sprächen für sich allein jedoch nicht dafür, dass er bei einer Rückkehr in
einen besonderen Fokus der Behörden gelange. Weiter habe er angege-
ben, dass niemand aus seiner Familie politisch aktiv sei. In der Schweiz
habe er einmal gemeinsam mit bis zu 400 weiteren Personen in I._
demonstriert. Den Veranstalter der Demonstration habe er nicht gekannt.
Auch habe er im Nachgang keine Berichterstattungen darüber verfolgt. So-
mit lägen keine Hinweise dafür vor, dass er über ein massgebliches Profil
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verfüge, um bei einer Rückkehr in einen besonderen Fokus zu geraten.
Auch die am 16. November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl vermöge
diese Einschätzung nicht umzustossen. Voraussetzung für die Annahme
einer Verfolgungsgefahr aufgrund der Präsidentschaftswahlen sei ein per-
sönlicher Bezug der asylsuchenden Person zu eben diesem Ereignis res-
pektive dessen Folgen. Weder habe er die Präsidentschaftswahl respek-
tive deren Folgen als Gefährdungselement vorgebracht, noch seien den
Akten Hinweise auf eine Verschärfung seiner persönlichen Situation auf-
grund dieses Ereignisses zu entnehmen. Die Anforderungen an die An-
nahme einer begründeten Verfolgungsfurcht seien damit nicht gegeben.
4.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, es sei nicht legitim,
widersprüchliche Aussagen zwischen der BzP und der vertieften Anhörung
derart stark zu gewichten. Laut Rechtsprechung seien Widersprüche, die
sich gegenüber den Angaben in der BzP ergäben, nur dann relevant, wenn
klare Aussagen diametral voneinander abweichen oder zentrale Asyl-
gründe bei der BzP nicht einmal ansatzweise erwähnt würden. Auch der
Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) habe in seinem Ur-
teil M.A. gegen die Schweiz vom 18. November 2014 festgehalten, dass
der Fokus auf Widersprüche zwischen der BzP und der vertieften Anhörung
konventionswidrig und mit den Grundsätzen der Beweiswürdigung im Asyl-
verfahren unvereinbar sei. Der EGMR betone, den auftauchenden Wider-
sprüchen im Zweifel nicht zu viel Gewicht zuzumessen und nach Erklärun-
gen für die Widersprüche zu suchen beziehungsweise den Fokus auf die
Vereinbarkeit der beiden Aussagen zu richten. Der Beschwerdeführer sei
bei den Demonstrationen sehr wohl namhaft in Erscheinung getreten und
aktiv an der Mitgestaltung der Demonstrationen beteiligt gewesen. Er
müsse aufgefallen sein, da er sich als noch junger Mann plötzlich stark
engagiert habe. Ebenfalls müsse in Betracht gezogen werden, dass er
durch den direkten Kontakt mit Shivajilingam noch eher aufgefallen sei, der
schon öfters in den Fokus der Sicherheitsbehörden geraten sei (...). Es sei
davon auszugehen, dass Shivajilingam unter Beobachtung gestanden sei.
Der Beschwerdeführer habe offensichtlich in kurzer Zeit ein politisches Pro-
fil entwickelt, welches ihn interessant für das CID gemacht habe. Bei der
Vorladung im CID Office handle es sich offensichtlich nicht um eine Befra-
gung im eigentlichen Sinne. Das Ziel der Behörden sei gewesen, den Be-
schwerdeführer einzuschüchtern und ihn von weiteren Demonstrationen
fern zu halten. Demnach mache es Sinn, dass er mehr beschuldigt, als
befragt worden sei. Der Beschwerdeführer sei als jüngerer Teilnehmer ab
der ersten Demonstrationsteilnahme sehr engagiert gewesen und habe
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rasch einen engeren Kontakt mit Shivajilingam gepflegt. Die Behörden hät-
ten in ihm also das Potential gesehen, diese Bewegung am Leben zu er-
halten und so weiteren Druck auf die Regierung auszuüben, weshalb
glaubhaft sei, dass ihn die Behörden derart angegangen hätten. Die Be-
amten hätten ihm sehr wohl mit Konsequenzen gedroht und gesagt, dass
es schlimm für ihn enden könne. Sie hätten ihm mit Gefängnis und noch
mehr Gewalt gedroht, wenn er weiter an diesen Demonstrationen teil-
nehme. Es sei schwierig detailreich zu erzählen, da ein solches Gebäude
mit vielen Büros meistens nicht sehr schmuck eingerichtet sei. Weiter habe
die Vorinstanz mehrere Details, die er genannt habe, nicht berücksichtigt.
Er habe gesagt, dass vier andere Personen an der Vorladung teilgenom-
men hätten und wie diese im Raum aufgestellt gewesen seien (vgl. SEM-
act. A38/20 F53). Er habe auch weitere Details zum Vorgehen der Beamten
genannt (vgl. SEM-act. A38/20 F53). Er habe die Kleidung von den Beam-
ten beschrieben (vgl. SEM-act. A38/20 F84), wobei diese nicht sehr genau
ausfallen könne, weil bereits drei Jahre zwischen der Anhörung und dem
Ereignis lägen. Das SEM stütze sich weiter auf einen kleinen Wiederspruch
zwischen der BzP und der Anhörung. In der BzP habe er gesagt, er hätte
die ganze Nacht auf dem Posten verbracht. Bei diesem Wiederspruch
handle es sich um ein Missverständnis. Es sei den Aussagen in der BzP
bereits zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer den eigentlichen Ablauf
der Geschichte habe erzählen wollen. So habe er gesagt, dass er mit sei-
nem Vater zur Vorladung gegangen sei (vgl. SEM-act. A6/11 Ziff. 7.02). Es
sei eher unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer gemeint habe,
dass sein Vater die ganze Nacht alleine auf dem Posten auf ihn gewartet
habe. Es sei anzunehmen, dass der Wiederspruch der kurzen Redezeit
anlässlich der BzP geschuldet sei. Es sei gut möglich, dass er bei der Rück-
übersetzung gedacht habe, seine Aussage beziehe sich auf den Abend vor
der Vorladung, als er in der Nacht ebenfalls festgehalten und geschlagen
worden sei. Eine BzP stelle für einen Asylsuchenden eine enorme psychi-
sche Belastung dar, weshalb davon ausgegangen werden könne, dass es
unter diesen Stressverhältnissen zu diesem Missverständnis gekommen
sei. Wie dem beigelegten Arztbericht des Spitals (...) zu entnehmen sei,
leide er an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und einer
mittelgradig depressiven Episode, was es ihm erschwere, über die belas-
tenden Ereignisse aus seiner Vergangenheit zu sprechen. Die Entführung
des Kollegen des Vaters des Beschwerdeführers habe sich im Jahre 2015
ereignet. Er habe nie behauptet, dass dieser Kollege dieselben Demonst-
rationen wie er selbst besucht habe. Es diene als Beispiel, was mit De-
monstrationsteilnehmenden geschehen könne. Die Entführung habe allge-
mein zur Angst der Familie beigetragen, ihm könnte das gleiche Schicksal
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Seite 11
ereilen. Nach der Vorladung durch das CID sei er in grosser Angst gewe-
sen, welche sich nach dem Besuch des CID bei ihm zuhause noch ver-
stärkt habe. Deshalb sei es verständlich, dass der Beschwerdeführer den
Kontakt zu den beiden Parlamentariern der TNA abgebrochen habe, da er
dadurch nur noch mehr Repressionen befürchtet habe. Bereits an der An-
hörung habe er betont, dass er enttäuscht vom Verhalten von Shivajilingam
sei, da er eigentlich wegen ihm das Heimatland habe verlassen müssen.
Es gelte festzustellen, dass gleich mehrere Risikofaktoren erfüllt seien.
Durch seine Demonstrationsteilnahmen erachte der sri-lankische Staat
den Beschwerdeführer als eine Person, welche ein starkes Interesse am
Wiederaufleben der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) habe. In Sri
Lanka liege ein Haftbefehl gegen ihn vor. In der Schweiz habe er an pro
LTTE-Veranstaltungen teilgenommen. Im Fernsehen seien Bilder von ihm
zu sehen gewesen, wie er an vorderster Front umgeben von LTTE-Fahnen
stehe. Diese Tatsache sei insofern von Bedeutung, als dass die Überwa-
chung der Diaspora unter Gotabaya Rajapaksa erneut zugenommen habe.
Dies seien ausreichende Gründe, um davon auszugehen, dass ihm min-
destens künftig eine asylrelevante Verfolgung drohen werde. Diese An-
nahme sehe sich durch den Regierungswechsel und die damit einherge-
hende Zunahme an Repression bestätigt. Der Rajapaksa-Clan werde die
ethnische Polarisierung vorantreiben. Er habe wenig Interesse, daran die
Wunden des langjährigen Bürgerkriegs zu heilen. Am 25. November 2019
sei eine Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft in Colombo von einem weis-
sen Van irregulär verhaftet und zu sri-lankischen Spitzenpolitikern befragt
worden. Sie sei gezwungen worden, ihr Telefon zu entsperren und die da-
rauf gespeicherten Daten preiszugeben. Darunter hätten sich die Namen
derjenigen Personen befunden, die vor kurzem ein Asylgesuch auf der
Schweizer Botschaft gestellt hätten und die Namen derer, die ihnen bei
ihrer Flucht aus dem Land geholfen hätten. Erschwerend komme hinzu,
dass der Beschwerdeführer bereits vor seiner Ausreise inhaftiert gewesen
sei und demnach dem Staat bekannt sei und eine Vorladung für ihn vor-
liege. Demnach bestehe eine erhöhte Gefahr erneuter asylrelevanter Ver-
folgung. Schliesslich spiele der staatliche Überwachungsapparat eine
wichtige Rolle bei der Bekämpfung des Covid-Virus. Es werde eine grosse
Gefahr von Missbrauch der Staatsmacht mit dem Vorwand der Virusein-
dämmung befürchtet.
4.3 In der Vernehmlassung führt das SEM im Wesentlichen aus, dass die
Aussagen zwischen der Anhörung und der BzP sehr wohl diametral ausei-
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nanderfallen würden. Es gebe keine Hinweise dafür, dass ein Missver-
ständnis vorliege. Spätestens anlässlich der Rückübersetzung hätte er all-
fällige Missverständnisse beseitigen können. Dass er sich anlässlich der
Rückübersetzung möglicherweise gedacht habe, die eigene Schilderung
beziehe sich auf den Vorabend, sei rein spekulativ und nicht nachvollzieh-
bar. Weiter vermöge auch der pauschale Verweis auf eine PTBS den Wi-
derspruch nicht zu erklären. Inwiefern sich der Beschwerdeführer derart
aktiv an den Demonstrationen beteiligt habe, werde in der Beschwerde
nicht näher erläutert. In der Beschwerde werde pauschal der Standpunkt
vertreten, der Beschwerdeführer habe als junger und stark engagierter
Mann auffallen müssen, zudem könne er durch den Kontakt mit Shivaji-
lingam in den Fokus der Behörden geraten sein, da davon auszugehen sei,
dass Letzterer damals unter Beobachtung gestanden habe. Diese Anga-
ben würden sich indessen in Mutmassungen erschöpfen. Weiter entbehre
auch die Behauptung, Behörden hätten im jungen und dermassen aktiven
Beschwerdeführer das Potential gesehen, die Bewegung am Laufen zu
halten, jeglicher Substantiierung. Zudem habe er erklärt, lediglich Flyer ver-
teilt und Slogans wiederholt zu haben, was nicht das Bild eines besonderen
Engagements vermittle. Letztlich würden seinen Ausführungen zu den De-
monstrationen auch keine Angaben enthalten, welche nicht auch ohne per-
sönlichen Erlebnisbezug hätten gemacht werden können. Ob er je mit De-
monstranten in Kontakt gekommen sei oder gar einst demonstriert habe,
könne jedoch offenbleiben. Massgeblich erscheine, dass keine herausra-
gende Beteiligung glaubhaft habe gemacht werden können. Die Wahl von
Gotabaya Rajapaksa bedeute im vorliegenden Fall keine Verschärfung der
persönlichen Situation. Dass im Zusammenhang mit der Bekämpfung der
Covid-Pandemie ein Missbrauch der Staatsmacht befürchtet werde, än-
dere ebenfalls nichts daran, dass beim Beschwerdeführer keine Risikofak-
toren erkannt worden seien, welche ihn in einen besonderen Fokus hätten
rücken können. Eine einmalige Demonstration in I._ vermöge keine
Furcht vor asylbeachtlicher Verfolgung begründen. Auch die Rechtspre-
chung gehe davon aus, dass die sri-lankische Regierung blosse «Mitläu-
fer» als solche identifizieren könne. Ohne weitere Risikofaktoren sei somit
nicht von einer drohenden Verfolgung auszugehen – selbst dann nicht,
wenn das sri-lankische Fernsehen – über die Demonstration berichtet
habe.
4.4 In der Replik wird im Wesentlichen geltend gemacht, bei der diagnosti-
zierten PTBS handle es sich um eine handfeste Begründung, warum der
Beschwerdeführer die Erlebnisse nicht immer detailliert beschreiben
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könne. Es gehöre zum Krankheitsbild einer PTBS, dass die darunter lei-
dende Person nicht mit Stresssituationen umgehen könne. Die Vorinstanz
bemängle, dass die Tätigkeiten während der Demonstration inhaltsleer be-
schrieben worden seien. Mit der aktiven Teilnahme sei gemeint, dass er
nicht nur als passiver Mitläufer vor Ort gewesen sei, sondern dass er Flyer
verteilt, Slogans skandiert habe und mit Passanten in Kontakt getreten sei,
wodurch er Shivajilingam aufgefallen sei, was dafür, spreche, dass er aus
der Masse besonders herausgestochen sei. Die Annahme, dass Shivaji-
lingam und somit auch seine Kontaktpersonen überwacht worden seien,
sei keine Mutmassung, sondern fundiere auf Erfahrungen und Berichten
von betroffenen Personen vor Ort. Die sri-lankischen Behörden hätten
grosse Angst davor, dass die LTTE neuformiert werde, weshalb die Behör-
den darauf erpicht seien, junge Menschen, welche neuen Elan in die Be-
wegung brächten, eingeschüchtert würden. Seit der Wahl von Rajapaksa
habe die Überwachung und Einschüchterung von tamilischen Aktivsten
und Aktivistinnen erheblich zugenommen, was als weiterer Risikofaktor zu
bewerten sei. Da der Beschwerdeführer bereits in Sri Lanka an tamilischen
Demonstrationen teilgenommen habe und als Aktivist den Behörden be-
kannt sei, verfüge er tatsächlich über ein Risikoprofil. Auf den Fotos sei
ersichtlich, dass er nicht nur als Mitläufer teilgenommen habe, sondern er-
neut aktiv die Demonstration mitgestaltet habe. Auf dem Foto sei er in der
ersten Reihe mit einem Stapel Flyer zu erkennen. Er sei umgeben von
mehreren LTTE-Fahnen und Bildern des ehemaligen LTTE-Führers Velu-
pillai Prabhakaran. Diese Bilder würden sein Risikoprofil enorm erhöhen.
5.
5.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass das SEM die geltend gemachte Verfolgung durch die sri-
lankischen Behörden zu Recht nicht als glaubhaft und asylrelevant erach-
tet hat.
5.2 Bei der BzP wurde der Beschwerdeführer angehalten, seine Asyl-
gründe nur kurz zu schildern. Im Anschluss an seine freie Erzählung wurde
er ergänzend lediglich gefragt, ob er jemals in Haft gewesen sei (vgl. SEM-
act. A6/11 Ziff. 7.01 und 7.02). Seine Antwort, er sei zu einem Armeecamp
bestellt und befragt worden, sein Vater sei draussen geblieben und sie hät-
ten ihn die ganze Nacht dortbehalten und geschlagen (vgl. SEM-act. A6/11
Ziff. 7.02), weicht jedoch von seiner Aussage anlässlich der Anhörung ab,
wo er zu Protokoll gab, er sei mit seinem Vater zum Armeecamp gegangen
und habe dort drei Stunden warten müssen. Dann sei er ungefähr zwei
Stunden verhört worden. Als sein Vater zum Verhör gestossen sei und er
D-3669/2020
Seite 14
gesagt habe, dass er (der Beschwerdeführer) nicht mehr demonstrieren
werde, hätten sie gehen können (vgl. SEM-act. A38/20 F53 S. 7 und F115).
Die Angaben zur Dauer der Haft betreffen das Kerngeschehen seiner Vor-
bringen und der Beschwerdeführer war anlässlich der Anhörung nicht in
der Lage, seine diesbezüglich abweichenden Angaben zu erklären (vgl.
SEM-act. A38/20 F142). Selbst wenn man davon ausgeht, der Beschwer-
deführer sei durch die sri-lankischen Behörden im Zusammenhang mit sei-
ner Teilnahme an Demonstrationen einmal befragt worden, lässt sich – wie
vom SEM im Ergebnis zu Recht festgestellt – allein daraus nicht ableiten,
er sei in asylrechtlich relevanter Weise verfolgt worden oder habe begrün-
dete Furcht vor künftiger Verfolgung hegen müssen. Zutreffend führt das
SEM diesbezüglich aus, der Beschwerdeführer habe anlässlich der De-
monstrationen keine besondere Funktion innegehabt und er sei an diesen
auch sonst nicht namhaft in Erscheinung getreten. Er sei auch kein Mitglied
der TNA gewesen, welche diese Demonstrationen unterstützt habe. Vor
diesem Hintergrund und angesichts des Umstandes, dass sich gemäss sei-
nen Angaben von seiner Familie niemand politisch betätigte, ist das SEM
zu Recht davon ausgegangen, der Beschwerdeführer verfüge aus Sicht
der sri-lankischen Behörden über kein ausgeprägtes politisches Profil. Dies
wird den auch durch den Umstand bestätigt, dass dem Beschwerdeführer
seine Identitätskarte ausgehändigt wurde, als man ihn nach der Befragung
entlassen hat (vgl. SEM-act. A38/20 F86 und F122). Dass der Beschwer-
deführer – wie in der Beschwerde behauptet – eine enge persönliche Be-
ziehung zu Shivajilingam gehabt und er deshalb das Augenmerk der sri-
lankischen Behörden auf sich gezogen habe, ist schon deshalb nicht glaub-
haft, weil aufgrund des Inhalts des von Shivajilingam auf Ersuchen des Va-
ters des Beschwerdeführers verfasste Schreiben vom Juli 2019 nicht an-
satzweise darauf schliessen lässt, Shivajilingam berichte über den Be-
schwerdeführer als Person, zu der er in der Vergangenheit eine enge per-
sönliche Beziehung gepflegt hat (vgl. SEM-act. A38/20 F33). Bezeichnen-
derweise erklärte der Beschwerdeführer sodann auch, er stehe heute nicht
mehr in Kontakt mit Shivajilingam (vgl. SEM-act. A38/20 F72). Vor diesem
Hintergrund ist – wie das SEM ebenfalls zu Recht festgehalten hat – auch
nicht glaubhaft, dass die Familie des Beschwerdeführers nach seiner Aus-
reise regelmässig aufgesucht worden sein soll, dies letztmals im Februar
2019 mit einem auf ihn ausgestellten Haftbefehl. Ein solcher wurde denn
auch bis heute ebenso wenig eingereicht, wie andere Beweismittel, welche
die angebliche Suche nach dem Beschwerdeführer belegen würden. Es ist
mithin nicht glaubhaft, dass der Beschwerdeführer von den sri-lankischen
Behörden vor der Ausreise in asylrelevantem Ausmass verfolgt und er auch
nach der Ausreise gesucht worden ist. An dieser Einschätzung ändern
D-3669/2020
Seite 15
auch die weiter eingereichten Beweismittel nichts. Diesbezüglich kann auf
die zutreffenden Erwägungen des SEM in der angefochtenen Verfügung
verwiesen werden (vgl. II Ziff. 1 S. 5) verwiesen werden.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri Lanka vor-
genommen (vgl. dort E. 8) und festgestellt, dass aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Ri-
sikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es
sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktu-
ellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, Teilnahme an exilpoliti-
schen regimekritischen Handlungen, und Vorliegen früherer Verhaftungen
durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit
einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark
risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.1 - 8.4.3). Einem gesteiger-
ten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen ausserdem
Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka ein-
reisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt werden oder
die über die Internationale Organisation für Migration (IOM) nach Sri Lanka
zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben (sog. schwach
risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Es ist im Ein-
zelfall abzuwägen, ob die konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine
asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Da-
bei ist in Betracht zu ziehen, dass insbesondere jene Rückkehrer eine be-
gründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinn von Art. 3 AsylG haben,
denen seitens der sri-lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie
bestrebt sind, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen
(vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
6.2 Der Beschwerdeführer machte nicht geltend, er oder Angehörige seiner
Familie hätten in Sri Lanka Verbindungen zu den LTTE gehabt. Niemand
aus seiner Familie habe sich politisch betätigt (vgl. SEM-act. A38/22 F68).
Er war zum Zeitpunkt des Bürgerkriegsendes in Sri Lanka erst 14 Jahre alt,
weshalb er aus Sicht der sri-lankischen Behörden kaum verdächtigt wird,
er habe während des Bürgerkriegs mit den LTTE in Verbindung gestanden.
Wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt, ist nicht glaubhaft,
dass der Beschwerdeführer in Sri Lanka von den sri-lankischen Behörden
D-3669/2020
Seite 16
verfolgt worden ist, weil er an drei Demonstrationen teilgenommen hat und
man ihm unterstellte, mutmasslich ein Regimekritiker gewesen zu sein. Es
besteht deshalb kein Anlass zur Annahme, der Beschwerdeführer würde
im Falle der Rückkehr die Aufmerksamkeit der heimatlichen Behörden in
einem flüchtlingsrechtlich relevanten Mass auf sich ziehen. Auch der Um-
stand, dass der Beschwerdeführer in I._ an einer Demonstration
teilgenommen hat, führt nach konstanter Praxis für sich allein nicht zur An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft. Er trug zwar eine mannshohe Papp-
puppe von LTTE-Führers Velupillai Prabhakaran, womit er die Aufmerk-
samkeit auf sich gezogen haben könnte. Auf dem Bild, welches am sri-
lankischen Fernsehen ausgestrahlt worden sei, ist er jedoch kaum zu se-
hen. Bei dieser Sachlage ist übereinstimmend mit der Einschätzung des
SEM von einem niedrigschwelligen exilpolitischen Engagement des Be-
schwerdeführers auszugehen, welches nicht geeignet ist, auf ihm dro-
hende ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG im Falle der Rück-
kehr nach Sri Lanka zu schliessen.
6.3 Dies gilt auch unter Berücksichtigung der aktuellen politischen Lage in
Sri Lanka. Die Präsidentschaftswahlen von November 2019 und daran an-
knüpfende Ereignisse vermögen diese Einschätzung nicht in Frage zu stel-
len (vgl. dazu im Einzelnen: Urteil des BVGer E-1156/2020 vom 20. März
2020 E. 6.2). Es besteht zudem kein persönlicher Bezug des Beschwerde-
führers zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive de-
ren Folgen. Objektive Nachfluchtgründe, bei denen eine Gefährdung ent-
standen ist, aufgrund von äusseren, nach der Ausreise eingetretenen Um-
ständen, auf die der Betreffende keinen Einfluss nehmen konnte (vgl.
BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.), liegen demnach nicht vor. Es sind auch
sonst keine Anhaltspunkte ersichtlich, dass der Beschwerdeführer im aktu-
ellen politischen Kontext in Sri Lanka in den Fokus der sri-lankischen Be-
hörden geraten ist und mit asylrelevanter Verfolgung zu rechnen hat.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer keine asylrele-
vante Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden nachgewiesen oder
zumindest glaubhaft gemacht hat. Das SEM hat somit die Flüchtlingsei-
genschaft zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. An dieser
Feststellung vermögen auch die mit der Beschwerde eingereichten Be-
richte ("Gotabaya Rajapaksa’s Präsidentschaft – Menschenrechte unter
Beschuss", aktualisiert am 16. Januar 2020; SFH: "Sri Lanka: Aktuelle po-
litische Situation, Überwachung der Diaspora, Geldsammeln im Ausland
für Kriegsopfer", 10. April 2020) nichts zu ändern.
D-3669/2020
Seite 17
8.
8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
D-3669/2020
Seite 18
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri
Lanka ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des EGMR sowie jener des UN-Anti-Fol-
terausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real
risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihm unter Hinweis auf die Erwä-
gungen zum Asylpunkt nicht gelungen. Auch die allgemeine Menschen-
rechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung ist
demnach sowohl im Sinn der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 In Sri Lanka herrscht weder Krieg noch eine Situation allgemeiner
Gewalt. Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung
und den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Bereits mit Urteil
BVGE 2008/2 hat das Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass für sri-
lankische Asylsuchende tamilischer Ethnie, die aus dem Grossraum Co-
lombo oder dessen Umgebung stammen, von der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs in dieses Gebiet auszugehen sei. Mit dem Referenzurteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesverwaltungsgericht seine
D-3669/2020
Seite 19
bisherige Rechtsprechung (vgl. BVGE 2011/24) und die gegenwärtige Pra-
xis des SEM bestätigt, wonach der Wegweisungsvollzug in die Ost- und
Nordprovinz zumutbar ist. Im Weiteren hat das Bundesverwaltungsgericht
mit Urteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert)
festgestellt, dass der Wegweisungsvollzug ins Vanni-Gebiet ebenfalls zu-
mutbar ist. An dieser Einschätzung hat sich bis zum heutigen Zeitpunkt
nichts geändert.
Der Beschwerdeführer lebte hauptsächlich im Distrikt E._ (Nordpro-
vinz). Ein Vollzug in diese Provinz ist im Lichte der Rechtsprechung zumut-
bar. In vorliegendem Fall sprechen sodann keine individuellen Gründe ge-
gen einen Wegweisungsvollzug. Der Beschwerdeführer hat den O-Level
abgeschlossen und in einigen Fächern den A-Level. Er arbeitete nach Ab-
schluss der Schule als (...) in einer (...) (vgl. SEM-act. A6/11 Ziff. 1.17.04
f., A38/20 F8-13). Er verfügt mit seinen Eltern und drei jüngeren Schwes-
tern in J._ und einer grossen Verwandtschaft in der Umgebung über
ein Beziehungsnetz. Seine Familie besitzt ein eigenes Haus und ein
Grundstück (vgl. SEM-act. A6/11 Ziff. 3.01, A38/20 F18-25 und F96). Vor
diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer nach seiner Rückkehr nach Sri Lanka aus wirtschaftlichen Gründen in
eine existenzielle Notlage geraten wird.
9.3.3
9.3.3.1 Bei der BzP am 28. Juni 2017 erwähnte der Beschwerdeführer Rü-
ckenschmerzen (vgl. SEM-act. A6/11 Ziff. 8.02). Anlässlich der Anhörung
am 10. Januar 2020 gab er an, es gehe ihm gut (vgl. SEM-act. A38/20 F3).
Mit der Beschwerde reichte er sodann einen Arztbericht des Spitals (...)
vom 13. Juli 2020 ein, wonach er sich nach Zuweisung durch den Hausarzt
seit dem 16. Juni 2020 in integrierter psychiatrischer Behandlung im (...)
befinde. Nach drei Gesprächsterminen wurde eine PTBS (ICD-10: F43.1)
mit verzögertem Beginn (bei / mit: Betroffensein von Folterung und Inhaf-
tierung in Sri Lanka [Z65]) und einer mittelgradig, depressiven Episode
(ICD-10: F33.2) diagnostiziert. Eine Weiterführung der Therapie sei drin-
gend notwendig und bei einer Rückkehr bestehe die Gefahr einer Retrau-
matisierung. Es wurden keine Angaben zu einer Medikation gemacht.
9.3.3.2 Gründe ausschliesslich medizinischer Natur lassen den Wegwei-
sungsvollzug im Allgemeinen nicht als unzumutbar erscheinen, es sei
denn, die erforderliche Behandlung sei wesentlich und im Heimatland nicht
erhältlich. Entsprechen die Behandlungsmöglichkeiten im Herkunftsland
nicht dem medizinischen Standard in der Schweiz, bewirkt dies allein noch
D-3669/2020
Seite 20
nicht die Unzumutbarkeit des Vollzugs. Von einer solchen Unzumutbarkeit
ist erst dann auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiter-
behandlung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des
Gesundheitszustandes nach sich zieht (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/2
E. 9.3.2).
Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers lassen
nicht auf eine medizinische Notlage schliessen. Es gibt in Sri Lanka ver-
schiedene Möglichkeiten, psychische Erkrankungen in Spitälern oder am-
bulanten Einrichtungen behandeln zu lassen. Gemäss Erkenntnissen des
Gerichts bieten im Distrikt Jaffna verschiedene staatliche Institutionen so-
wie auch NGOs ambulante Therapien an (vgl. Urteil des BVGer
E-319/2019 vom 11. November 2020 m.w.H.). Bei einer weiterhin beste-
henden PTBS und einer depressiven Symptomatik oder im Falle einer Ver-
schlechterung derselben könnten seine psychischen Probleme somit auch
im Heimatstaat behandelt werden. Allfälligen spezifischen Bedürfnissen
des Beschwerdeführers könnte im Rahmen der medizinischen Rückkehr-
hilfe Rechnung getragen werden (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75
der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Er hat
die Möglichkeit, sich in nächster Zeit allenfalls mit Unterstützung der ihn
betreuenden Psychologin auf eine Rückkehr in den Heimatstaat vorzube-
reiten. Einer nicht auszuschliessenden vorübergehenden Verschlechte-
rung seines Gesundheitszustandes kann im Rahmen der Ausgestaltung
der Vollzugsmodalitäten Rechnung getragen werden, indem eine sorgfäl-
tige Vorbereitung erfolgt und geeignete medizinische Massnahmen getrof-
fen werden sowie eine adäquate Betreuung (beispielsweise durch medizi-
nisches Fachpersonal) sichergestellt wird. Es ist deshalb nicht anzuneh-
men, dass eine Rückkehr nach Sri Lanka zu einer raschen und lebensge-
fährdenden Beeinträchtigung seines Gesundheitszustandes führen würde.
Bezüglich der sich derzeit in zahlreichen Ländern ausbreitenden Corona-
Pandemie ist festzuhalten, dass in Sri Lanka gemäss öffentlich zugängli-
chen Quellen der erste Fall einer Covid-19-Erkrankung Ende Januar 2020
und somit rund einen Monat bevor in der Schweiz der erste Fall gemeldet
wurde, diagnostiziert wurde. Die Krankheit hat sich in Sri Lanka weit weni-
ger als in der Schweiz ausgebreitet, wobei unter Hinweis auf die Dunkel-
ziffer in beiden Ländern nicht alle Fälle bekannt sein dürften. Jedenfalls
führt die Tatsache, dass auch Sri Lanka von Covid-19-Erkrankungen be-
troffen ist, nicht zur Annahme der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs.
D-3669/2020
Seite 21
9.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch
das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh-
rung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Verfügung vom 18. August
2020 gutgeheissen wurde, sind keine Kosten aufzuerlegen.
11.2 Das Gesuch um Bestellung einer amtlichen Rechtsbeiständin wurde
mit Verfügung vom 18. August 2020 ebenfalls gutgeheissen und dem Be-
schwerdeführer Frau MLaw Cora Dubach als amtliche Rechtsbeiständin
beigeordnet. Die notwendigerweise erwachsenen Parteikosten sind des-
halb durch das Bundesverwaltungsgericht zu übernehmen (vgl. Art. 110a
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Seitens der Rechtsvertretung wurde mit der Be-
schwerde eine Kostennote eingereicht, worin der zeitliche Aufwand von
16 1⁄2 Stunden à Fr. 150.–, Übersetzungskosten von Fr. 120.– und Porto-
spesen von Fr. 4.20 aufgeführt sind. Der geltend gemachte zeitliche Auf-
wand sowohl für das Aktenstudium wie auch für das Verfassen der Be-
schwerde von insgesamt 15 Stunden erscheint indessen im Vergleich zu
ähnlich gelagerten Fällen als überhöht und ist auf neun Stunden zu kürzen.
D-3669/2020
Seite 22
Hingegen ist der noch nicht aufgeführte Aufwand für die Replik von einein-
halb Stunden, die Kosten für die Übersetzung und die geltend gemachten
Auslagen zu ersetzen. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemes-
sungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist der Rechtsbeiständin zu Lasten des
Bundesverwaltungsgerichts deshalb ein Honorar von insgesamt Fr. 1930.–
(inkl. Auslagen) zuzusprechen. Die Entschädigung umfasst keinen Mehr-
wertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
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