Decision ID: 31464f95-c635-445c-8a47-9c7100ff701f
Year: 2022
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ ist Alleineigentümer der Parzelle Frutigen Gbbl. Nr. 1_. Am 22. Oktober 2013 erteilte die Einwohnergemeinde (EG) Frutigen ihm eine nachträgliche Baubewilligung für den Umbau zweier Zimmer der Wohnung im Erdgeschoss seiner Liegenschaft in ein Studio. Mit Verfügung vom 6. November 2020 auferlegte sie ihm für den Einbau von Sanitäranlagen (insgesamt 11 Belastungswerte [BW] in Studio und Wohnung) Kanalisationsanschlussgebühren von Fr. 4'318.60 (inkl. MWSt und Bearbeitungskosten).
B.
Dagegen führte A._ am 29. November 2020 Beschwerde beim  (RSA) Frutigen-Niedersimmental. Die  kam zum Schluss, dass die Nachgebühren für die  im Studio verjährt seien, hiess die Beschwerde mit Entscheid vom 23. August 2021 insoweit teilweise gut und reduzierte die  entsprechend um Fr. 2'608.20 (für 7 BW à Fr. 345.-- plus MWSt von Fr. 193.20) auf Fr. 1'710.40.
C.
Gegen diesen Entscheid hat die EG Frutigen am 23. September 2021  erhoben. Sie beantragt, der Entscheid vom 23. August 2021 sei aufzuheben und A._ sei zur Bezahlung der  Forderung von Fr. 4'318.60 zuzüglich Zinsen ab dem 7. Januar 2021 sowie die vorinstanzlichen Verfahrenskosten zu verpflichten.
A._ hat sich nicht vernehmen lassen. Die Regierungsstatthalterin hat am 11. Oktober 2021 unter Verweis auf ihren Entscheid auf eine Vernehmlassung verzichtet.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 28.11.2022, Nr. 100.2021.283U, Seite 3

Considerations:
Erwägungen:
1.
1.1 Das Verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Beschwerde als letzte kantonale Instanz gemäss Art. 74 Abs. 1 i.V.m. Art. 76 und 77 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) zuständig. Die Gemeinde hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen, ist durch den angefochtenen Entscheid grundsätzlich besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung (Art. 79 Abs. 1 VRPG). Die Bestimmungen über Form und Frist sind  (Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 VRPG). Auf die Beschwerde ist, unter Vorbehalt von E. 1.2 hiernach, einzutreten.
1.2 Die Gemeinde beantragt die (vollumfängliche) Aufhebung des  Entscheids. Im Umfang, in dem die Vorinstanz das Rechtsmittel des Beschwerdegegners abgewiesen und die Gemeinde obsiegt hat, ist diese durch den angefochtenen Entscheid nicht (formell) beschwert (vgl. dazu Michael Pflüger, in Herzog/Daum [Hrsg.], Kommentar zum bernischen VRPG, 2. Aufl. 2020, Art. 79 N. 4 i.V.m. Art. 65 N. 9). Auf ihre Beschwerde ist insoweit nicht einzutreten.
1.3 Da der Streitwert unter Fr. 20'000.-- liegt, ist die Einzelrichterin zur Beurteilung der Beschwerde zuständig (Art. 57 Abs. 1 des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der  [GSOG; BSG 161.1]). Sie überprüft den angefochtenen  auf Rechtsverletzungen hin (Art. 80 Bst. a und b VRPG).
2.
Die Vorinstanz ist davon ausgegangen, dass der Vater des  zwei Zimmer der Wohnung im Erdgeschoss bereits 1991 in ein  Studio umbaute und eine Küche, ein WC mit Lavabo und eine Dusche (insgesamt 7 BW) installierte. Sie ist damit den Angaben des  gefolgt, wonach er diese Sanitäranlagen im Jahr 2011 lediglich  habe. Die Gemeinde widerspricht dieser Sachverhaltsfeststellung nicht
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(vgl. insb. «Prüfung Baugesuch» der Bauverwaltung vom 14.8.2013,  der Kommission Hochbau/Raumplanung vom 17.10.2013, beides in unpag. act. 4D). Dass er 2011 ein neues Doppellavabo und eine neue Dusche (insgesamt 4 BW) in der Dreizimmerwohnung neben dem Studio einbaute, hat der Beschwerdegegner hingegen anerkannt; er hat den  Entscheid, der die Anschlussgebühren für diese Anlagen , denn auch nicht angefochten. Weiter ist unbestritten, dass beim Einbau der Sanitäranlagen im Jahr 1991 weder eine Baubewilligung ausgestellt wurde noch eine Meldung an die Gemeinde erfolgte. Diese hat den Einbau des Studios offenbar erst aufgrund der amtlichen Bewertung im Jahr 2012 zur Kenntnis genommen (unpag. act. 4D Unterlagen der Steuerverwaltung; vgl. auch dort gelbes Post-it vom 6.6.2013). Am 22. Oktober 2013 erteilte sie dafür eine nachträgliche Baubewilligung (unpag. act. 4D) und am 16.  2018 stellte sie die hier umstrittenen  in Rechnung (act. 4A pag. 7). Gemäss der daraufhin erlassenen  vom 6. November 2020 (act. 4A pag. 2 f.) hatte die Gemeinde davor letztmals am 22. April 1993, mithin nach Installation der fraglichen Anlagen, Kanalisations- und Anschlussgebühren erhoben. Der Beschwerdegegner hat zwar nicht geltend gemacht, er habe die hier umstrittenen Gebühren  damals bezahlt. Er hat sich aber auf den Standpunkt gestellt, die  für die Sanitäranlagen im Studio sei verjährt. Die  ist dieser Ansicht gefolgt und hat die Beschwerde insoweit teilweise gutgeheissen (angefochtener Entscheid E. 8.3).
3.
3.1 Die Verfahrensbeteiligten gehen übereinstimmend davon aus, dass die fraglichen Sanitäranlagen im Studio im Jahr 1991 eingebaut und im Jahr 2011 ersetzt wurden, weshalb von diesem Sachverhalt auszugehen ist (vgl. aber hinten E. 4). Das Abwasserentsorgungsreglement der EG Frutigen vom 21. Oktober 2004 (AWR) ist am 1. Januar 2005 in Kraft getreten. Bis Ende 2004 galt das Abwasserreglement vom 21. Juni/25. Oktober 1974 (AWR 74). Weder nach altem noch nach neuem Recht war bzw. ist der blosse Ersatz von sanitären Anlagen gebührenpflichtig.  ist daher die Erstinstallation im Jahr 1991 massgebend. Die Vorinstanz
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hat nach neuem Recht geprüft, ob die Forderung besteht, fällig und verjährt ist. Sie hat sich dabei auf die Übergangsbestimmung in Art. 39 AWR gestützt (angefochtener Entscheid E. 7.2, E. 8.1 und E. 8.3.2). Diese lautet wie folgt:
Vor Inkrafttreten dieses Reglements bereits fällige einmalige Gebühren werden nach bisherigem Recht (Bemessungsgrundlage und ) erhoben. Im Übrigen gelten die gebührenrechtlichen  des vorliegenden Reglements ohne Einschränkungen.
Die Übergangsbestimmung sieht vor, dass bereits fällige Gebühren noch nach bisherigem Recht bemessen werden.
3.2 Nach Art. 50 Abs. 1 AWR 74 war für jeden direkten oder indirekten Anschluss eine einmalige Gebühr zu bezahlen, die vom amtlichen Wert der angeschlossenen Liegenschaften berechnet wurde. Die einmalige  wurde auf den Zeitpunkt des  fällig (Art. 54 Abs. 1 AWR 74). Bei Erhöhung des amtlichen Werts infolge Neu- oder Umbauten hatte eine Nachzahlung zu erfolgen, sofern der  Fr. 10'000.-- überstieg (Art. 52 Abs. 3 AWR 74). Für den Einbau  sanitärer Anlagen an sich, d.h. ohne massgebliche Wertsteigerung, bestand keine Nachzahlungspflicht (vgl. auch BVR 1991 S. 308 E. 2c und 3d). Auslöser für eine Nachzahlung war folglich eine Erhöhung des amtlichen Werts, der auch als Bemessungsgrundlage diente. Knüpft eine Gebühr an den amtlichen Wert der Liegenschaft an, setzt deren Bestimmung eine  Bewertung voraus. Entsprechend war nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts in solchen Fällen grundsätzlich auch für die Fälligkeit der Forderung der Zeitpunkt massgebend, in dem das amtliche  vorlag. Denn die Möglichkeit, Leistung zu verlangen, setzt  voraus, dass diese aufgrund der massgebenden  bestimmt – d.h. bei Geldforderungen berechnet – werden kann (BVR 1991 S. 308 E. 5a; zum Ganzen VGE 21769 vom 16.7.2004 E. 7.2; JTA 1176 vom 19.4.2006 E. 3.6).
3.3 Den Akten lässt sich entnehmen, dass am 12. Januar 1993 aufgrund des Anbaus eines Zimmers und Balkons eine amtliche Bewertung stattfand (unpag. act. 4D Unterlagen der Steuerverwaltung) und die Gemeinde am 22. April 1993 Kanalisations- und ARA-Anschlussgebühren in Rechnung stellte (Verfügung vom 6.11.2020, act. 4A pag. 3). Nach dem Gesagten musste es sich dabei um eine Nachzahlung aufgrund der bei der amtlichen
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Neubewertung festgestellten Wertsteigerung gehandelt haben. Damit wäre auch der Einbau der sanitären Anlagen im Studio berücksichtigt, wenn diese vor dem 12. Januar 1993 installiert wurden. Gestützt auf den Sachverhalt, von dem alle Verfahrensbeteiligten ausgehen, wäre die Beschwerde schon aus diesem Grund abzuweisen. Allerdings betraf das Bauvorhaben im Jahr 1992 nicht den Einbau eines Studios, sondern den Anbau eines Zimmers an die bestehende Wohnung sowie eine neue Pergola. Weiter geht aus dem Protokoll der amtlichen Schatzung vom 12. Januar 1993 hervor, dass sich im Erdgeschoss der Liegenschaft eine Wohnung mit einer Küche und einem Bad/WC befand. Von einem Studio und einer zweiten Küche sowie  WC und Lavabo ist nicht die Rede. Es scheint deshalb nicht , dass die zusätzlichen Sanitäranlagen erst später eingebaut , wobei für den genauen Installationszeitpunkt keine Anhaltspunkte . Mit Blick auf die nachfolgenden Erwägungen kann dies offenbleiben, denn unabhängig davon, ob die Anlagen nach der Neubewertung im Jahr 1993, aber noch vor Inkrafttreten des neuen Rechts oder erst später  wurden, erweist sich die Beschwerde als unbegründet.
4.
4.1 Sollte das Studio mit den zusätzlichen Sanitäranlagen zwischen  1993 und Dezember 2004 eingebaut worden sein, hätte dies eine  nur ausgelöst, wenn der amtliche Wert der Liegenschaft um mindestens Fr. 10'000.-- gestiegen wäre. Zudem fand nach 1993 erst am 9. August 2012 wieder eine amtliche Bewertung statt. Da die Fälligkeit nach altem Recht eine amtliche Bewertung voraussetzte (vorne E. 3.2), wäre eine allfällige Nachzahlungsforderung unter Geltung des AWR 74 nicht fällig . Nach der Übergangsbestimmung in Art. 39 AWR wäre die  folglich nach neuem Recht zu erheben. Das Gleiche gilt, sofern die  Anlagen erst nach Inkrafttreten des AWR, d.h. nach dem 1. Januar 2005, erstmals installiert worden wären.
4.2 Nach geltendem Recht ist für jeden zusätzlichen BW eine  geschuldet (Art. 30 Abs. 4 AWR), die mit der Installation fällig wird (Art. 33 Abs. 2 AWR). Nach Art. 34 Abs. 3 AWR verjähren Anschlussgebüh-
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ren 10 Jahre nach der Fälligkeit. Zwar wird die Verjährung einer Nachgebühr nicht ausdrücklich geregelt. Art. 34 Abs. 3 AWR unterscheidet aber immerhin zwischen einmaligen und wiederkehrenden Gebühren, weshalb naheliegt, dass auch die Nachgebühren 10 Jahre nach Fälligkeit verjähren. Denn das Institut der Verjährung im öffentlichen Recht gilt als allgemeiner  auch dann, wenn eine ausdrückliche Bestimmung darüber fehlt; diesfalls sind die gesetzlichen Fristenregelungen für verwandte Ansprüche heranzuziehen (zum Ganzen BVR 2001 S. 341 E. 3a; BGE 140 II 384 E. 4.2; VGE 2018/460 vom 20.6.2019 E. 4.1). Daraus folgt, dass die Gebühren unter neuem Recht jedenfalls dann verjährt sind, wenn die umstrittenen BW vor November 2008, d.h. mehr als zehn Jahre vor Rechnungstellung,  worden sind. Davon ist gestützt auf die Akten auszugehen, da die  im Studio unbestrittenermassen im Jahr 2011 ersetzt wurden und zu diesem Zeitpunkt bereits älteren Datums waren (vgl. Fotos in Vorakten 4A pag. 38).
4.3 Die Gemeinde macht geltend, die Verjährung sei nicht eingetreten, da weder der Beschwerdegegner noch sein Vater die Installationen  gemeldet hätten. Sie habe davon keine Kenntnis gehabt und folglich keine Rechnung stellen können (Beschwerde S. 2 f. Bst. a). – Art. 33 Abs. 2 AWR stellt für die Fälligkeit auf die Installation der BW ab, nicht auf die  der Behörde. Auch nach der Rechtsprechung und Doktrin zu Art. 130 Abs. 1 OR tritt die Fälligkeit unabhängig davon ein, ob der Gläubiger oder die Gläubigerin von Forderung und Fälligkeit Kenntnis hat oder haben kann (BGE 136 V 73 E. 4.1 mit zahlreichen Hinweisen). Zwar kann der  der Fälligkeit ausnahmsweise vom Wissen der Gläubigerin oder des Gläubigers um die Grundlagen der Forderung abhängen, wenn die  oder der Schuldner deren vorläufige Unkenntnis zu verantworten hat; vorausgesetzt ist jedoch eine qualifizierte Meldepflichtverletzung (BGE 136 V 73 E. 4.2). Ob diese bundesgerichtliche Rechtsprechung auf  übertragbar ist, muss nicht vertieft geprüft werden, denn das Bundesgericht hat weiter erwogen, es wäre mit der  insgesamt nicht vereinbar, wenn «die Durchsetzbarkeit der  Beitragsforderungen gegenüber dem Schuldner unbegrenzt möglich wäre», verjährten doch (sekundäre) Ansprüche aus Vertragsverletzungen (Art. 127 OR) oder Deliktsansprüche (Art. 60 Abs. 1 OR) jedenfalls nach
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zehn Jahren. Es ergänzte deshalb die von der Kenntnis abhängige  von fünf Jahren auf dem Weg der Lückenfüllung um eine absolute Verjährungsfrist von zehn Jahren (BGE 136 V 73 E. 4.3). Entgegen der  ist nicht einzusehen, weshalb Gebührenforderungen anders als  nie (absolut) verjähren sollten. Soweit die Gebühren nicht schon bezahlt wurden (vorne E. 3.3), wären sie folglich vor  im November 2018 verjährt, obwohl die Gemeinde keine Meldung über den Anschluss der zusätzlichen BW erhielt.
5.
Die Beschwerde erweist sich als unbegründet und ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird die  kostenpflichtig; weil sie in ihren Vermögensinteressen betroffen ist, hat sie die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 und 2 i.V.m. Art. 2 Abs. 1 Bst. b VRPG; Ruth Herzog, in Herzog/Daum [Hrsg.], Kommentar zum bernischen VRPG, 2. Aufl. 2020, Art. 108 N. 32 i.V.m. Art. 104 N. 19).  sind keine zu sprechen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).