Decision ID: ea286a97-6f51-42ab-b219-d77e12e8ab4e
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
betreffend fahrlässige Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom
30. April 2015 (GG140087)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 14. Septem-
ber 2014 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 18 ).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 40 S. 36 ff.)
1. Der Beschuldigte ist schuldig
- der fahrlässigen Tötung im Sinne von Art. 117 StGB; sowie - der fahrlässigen Gefährdung durch die Verletzung der Regeln der Bau-
kunde im Sinne von Art. 229 Abs. 2 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu
Fr. 40.– sowie mit einer Busse von Fr. 700.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 7 Tagen.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Fr. 10'000.– zuzüglich
5% Zins ab 27. Juli 2011 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird
das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger einen Schadenersatz in
der Höhe von Fr. 2'418.70 zuzüglich 5% Zins seit 27. Juli 2013 zu bezahlen.
7. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'200.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 2'000.– ; Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 195.– ; Kosten der Kantonspolizei
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
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Verlangt keine der Parteien eine schriftliche Begründung des Urteils,
ermässigt sich die Entscheidgebühr auf zwei Drittel.
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
9. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger für das gesamte Verfah-
ren eine Prozessentschädigung für anwaltliche Vertretung von Fr. 11'088.40
(inklusive Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
10. (Mitteilungen)
11. (Rechtsmittel)
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 42 S. 2; Prot. II S. 4; Urk. 68 S. 2)
1. Es seien die Ziffern 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9 des Urteils des Bezirks-
gerichtes Bülach vom 30.04.2015 aufzuheben und es sei die beschul-
digte Person vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freizusprechen.
2. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge für beide Instanzen zu
Lasten des Staates.
(keine Beweisanträge)
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 48 S. 1)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
(keine Beweisanträge)
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Considerations:
Erwägungen:
I. Verfahrensgang, Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Mit Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom 30. April 2015
(Urk. 37 = Urk. 40) wurde der Beschuldigte der fahrlässigen Tötung im Sinne von
Art. 117 StGB sowie der fahrlässigen Gefährdung durch Verletzung der Regeln
der Baukunde im Sinne von Art. 229 Abs. 2 StGB schuldig gesprochen (Disposi-
tivziffer 1) und hierfür mit einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu Fr. 40.– sowie
mit einer Busse von Fr. 700.– bestraft (Dispositivziffer 2). Der Vollzug der Geld-
strafe wurde aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt (Dispositiv-
ziffer 3). Für die zu bezahlende Busse wurde eine Ersatzfreiheitsstrafe von
7 Tagen festgesetzt (Dispositivziffer 4). Weiter wurde der Beschuldigte verpflich-
tet, dem Privatkläger Fr. 10'000.– zuzüglich 5% Zins ab 27. Juli 2011 als Genug-
tuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wurde das Genugtuungsbegehren des Privat-
klägers abgewiesen (Dispositivziffer 5). Der Beschuldigte wurde überdies ver-
pflichtet, dem Privatkläger Schadenersatz in der Höhe von Fr. 2'418.70 zuzüglich
5% Zins seit 27. Juli 2013 zu bezahlen (Dispositivziffer 6). Die Kosten der Unter-
suchung und des gerichtlichen Verfahrens (Dispositivziffer 7) wurden dem Be-
schuldigten auferlegt (Dispositivziffer 8) und der Beschuldigte wurde verpflichtet,
dem Privatkläger für das gesamte Verfahren eine Prozessentschädigung für an-
waltliche Vertretung von Fr. 11'088.40 (inklusive Mehrwertsteuer) zu bezahlen
(Dispositivziffer 9).
1.2. Gegen dieses Urteil, das dem Beschuldigten am 4. Mai 2015 mündlich im
Dispositiv (Urk. 32) eröffnet wurde (Prot. I S. 44-46; der Staatsanwaltschaft eben-
falls am 4. Mai 2015 schriftlich per Fax [Urk. 33]), liess der Beschuldigte mit Ein-
gabe vom 8. Mai 2015 fristgerecht Berufung anmelden (Art. 399 Abs. 1 StPO;
Urk. 34; Urk. 35; Prot. I S. 48). Am 23. Juni 2015 wurde dem Beschuldigten das
begründete Urteil (Urk. 37 = Urk. 40) zugestellt (Urk. 39). Die Berufungserklärung
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des Beschuldigten erfolgte mit Eingabe vom 13. Juli 2015 (Urk. 42) und damit in-
nert der zwanzigtägigen Frist von Art. 399 Abs. 3 StPO.
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 23. Juli 2015 wurde die Berufungserklärung
des Beschuldigten dem Privatkläger sowie der Staatsanwaltschaft zugestellt und
Frist angesetzt, um zu erklären, ob Anschlussberufung – in Beachtung von
Art. 399 Abs. 3 und 4 StPO – erhoben wird, oder um begründet ein Nichteintreten
auf die Berufung zu beantragen (Urk. 46). Mit Eingabe vom 28. Juli 2015 be-
antragte die Staatsanwaltschaft die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils, ver-
zichtete darauf, Beweisanträge zu stellen und ersuchte um Mitteilung des Termins
der Berufungsverhandlung (Urk. 48). Der Privatkläger liess sich innert Frist nicht
vernehmen. Mit Eingabe vom 6. August 2015 (Urk. 50) reichte der Beschuldigte
das Datenerfassungsblatt ins Recht (Urk. 52). Mit Eingabe vom 4. September
2015 kündigte die Rechtsvertretung der Privatklägerschaft ihre Teilnahme an der
Berufungsverhandlung (und diejenige des Privatklägers persönlich) an (Urk. 54).
1.4. Am 15. Oktober 2015 wurden die Parteien auf den 17. Dezember 2015 zur
Berufungsverhandlung vorgeladen (Urk. 60).
2. Umfang der Berufung
Die Berufung wurde vom Beschuldigten nicht beschränkt (Urk. 42). Das erstin-
stanzliche Urteil ist deshalb in keinem Punkt in Rechtskraft erwachsen und bildet
gesamthaft Gegenstand des Berufungsverfahrens.
II. Schuldpunkt
1. Anklagevorwurf und Standpunkt des Beschuldigten
1.1. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten zusammengefasst und
vereinfachend umschrieben vor, der Sturz des Geschädigten †B._ (nachfol-
gend Geschädigter) über eine ungesicherte Schalungskante auf einen rund 5.6
Meter darunter liegenden Betonboden, nach der Vornahme von Ver-
messungsarbeiten auf dem Baufeld einer Grossbaustelle, habe sich ereignet, weil
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die Absturzkante zufolge einer pflichtwidrigen Unvorsichtigkeit des Beschuldigten
– als Chefpolier auf der Baustelle und damit Verantwortlicher für die Einhaltung
der Sicherheitsvorschriften – vorschriftswidrig nicht gesichert gewesen sei (weder
eine Zonenabschrankung noch sonstige Sicherung). Er sei für die Erstellung der
Zonenabschrankung zum Schutz Dritter, d.h. nicht an den Schalungsarbeiten be-
teiligter Personen, verantwortlich gewesen. Ihm sei aufgrund seiner langjährigen
Berufserfahrung bekannt gewesen, dass eine Zonenabschrankung aus Sicher-
heitsgründen grundsätzlich hätte errichtet werden müssen. Anlässlich eines
Rundgangs mit der SUVA rund drei Monate vor dem Unfall, an dem der Beschul-
digte teilgenommen habe, sei die Notwendigkeit dieser Zonenabschrankung the-
matisiert worden. Dass die fehlende Zonenabschrankung eine Gefährdung für
den Geschädigten und seinen Gehilfen darstelle, sei für den Beschuldigten klar
und vorhersehbar gewesen, zumal er den Geschädigten zu den Vermessungsar-
beiten auf dem Schalungsboden aufgeboten habe. Auch sei für den Beschuldig-
ten klar und vorhersehbar gewesen, dass sich jemand im Falle eines Sturzes über
die nicht gesicherte Kante auf den 5.6 Meter tiefer liegenden Betonboden
schwerste, wenn nicht gar tödliche Verletzungen zuzuziehen könnte. Die Verwirk-
lichung der Gefahr – Verursachung des Todes des Geschädigten und Gefährdung
des Gehilfen – wäre durch die Errichtung der notwendigen Zonenabschrankung
vermeidbar gewesen. Selbst wenn der Geschädigte hinter der erforderlichen Zo-
nenabschrankung gleichermassen das Gleichgewicht verloren hätte resp. aus-
gerutscht wäre, wäre er nicht über die Absturzkante in die Tiefe gestürzt (Urk. 18
S. 3 f.).
1.2. Der in der Anklageschrift umschriebene (Urk. 18 S. 2 f.) äussere Sach-
verhalt resp. der Hergang des fraglichen Unfalls vom 26. Juli 2011 stützt sich we-
sentlich auf die Aussagen des Zeugen C._ (vgl. dazu Urk. 6/1-3), welcher als
Gehilfe des Geschädigten als Einziger beim Unfall anwesend war und auf den
Spurenbericht sowie die fotografische Tatbestandsaufnahme des forensischen In-
stituts (Urk. 8/1 und Urk. 8/3). Der Unfallhergang wird vom Beschuldigten nicht
bestritten (vgl. insb. Urk. 31 S. 7; Urk. 5/6 S. 15; Prot. II S. 6; Urk. 68 S. 3 f.). An-
gesichts dieser Beweislage und der Eingeständnisse des Beschuldigten ist der
äussere Sachverhalt – der Unfallhergang – erstellt. Die diesbezüglichen Er-
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wägungen der Vorinstanz erweisen sich als zutreffend, weshalb darauf verwiesen
werden kann (Urk. 40 S. 4 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO; vgl. zur Zulässigkeit der Ver-
weisung auf die Vorinstanz Urteil des Bundesgerichts 6B_1224/2014 vom 9. April
2015 E. 1.2.2. und 1.2.3. [zur Publikation vorgesehen]).
1.3. Der Beschuldigte war gemäss seinen eigenen Zugaben für die Sicherheit
auf der Bau- und Unfallstelle verantwortlich (Urk. 5/2 S. 2; Urk. 5/3 S. 4; Urk. 5/6
S. 3 f.; Prot. I S. 8 f.; Urk. 31 S. 7; Urk. 67 S. 5 ff.; Urk. 68 S. 6 und Prot. II S. 7).
Er bestreitet indes zusammengefasst, dass zum Zeitpunkt des Unfalles eine Zo-
nenabschrankung hätte angebracht werden müssen, weil die Etappe noch nicht
fertiggestellt und weil die gesamte Decke durch ein Fassadengerüst gesichert
gewesen sei. Und weiter stellt sich der Beschuldigte auf den Standpunkt, der Un-
fall sei auf das von niemandem zu erwartende Fehlverhalten des Geschädigten
zurückzuführen (Urk. 5/6 S. 15; Urk. 31 S. 7 f.; Prot. I S. 36-38; Urk. 67 S. 7 ff.
und S. 12; Prot. II S. 6 ff.; Urk. 68 S. 4 ff.).
1.4. Da bei Fahrlässigkeitsdelikten – wie sie hier zur Diskussion stehen – Tat-
und Rechtsfragen sehr eng miteinander verbunden sind und der äussere Ablauf
des Unfallhergangs an sich unbestritten und somit erstellt ist, sind die weiteren
Vorbringen der Parteien, auch soweit sie den Sachverhalt betreffen, nachfolgend
im Rahmen der rechtlichen Würdigung zu prüfen.
2. Fahrlässige Tötung durch Unterlassen (Art. 117 i.V.m. Art. 11 StGB)
2.1. Die Staatsanwaltschaft wie auch die Vorinstanz würdigen das Verhalten
des Beschuldigten als fahrlässige Tötung nach Art. 117 StGB.
2.2. Nach Art. 117 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geld-
strafe bestraft, wer fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht. Gemäss
Art. 12 Abs. 3 StGB handelt fahrlässig, wer die Folge seines Verhaltens aus
pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rücksicht nimmt
(Satz 1). Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht
beachtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Verhält-
nissen verpflichtet ist (Satz 2).
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2.3. Die Vorinstanz hat sich eingehend und zutreffend zu den Voraussetzungen
einer Strafbarkeit wegen fahrlässiger Tötung nach Art. 117 StGB durch Unterlas-
sen (Art. 11 StGB) auseinandergesetzt (Urk. 40 S. 7 ff.). Die rechtliche Würdigung
durch die Vorinstanz erweist sich bis auf einen Aspekt als korrekt und ist folglich
nicht zu beanstanden. Auf diese zutreffenden Ausführungen kann verwiesen wer-
den (Art. 82 Abs. 4 StPO). Einzig in Bezug auf das Tatbestandselement der so-
genannten "Vorhersehbarkeit/Adäquanz" drängt sich eine abweichende rechtliche
Würdigung auf, worauf sogleich einzugehen sein wird.
2.4. In Ergänzung zu den korrekten Ausführungen der Vorinstanz zur eigentli-
chen Sorgfaltspflichtverletzung (in der Gestalt des Nichtanbringens der erforderli-
chen Zonenabschrankung an der Absturzkante), ist auf Folgendes hinzuweisen:
2.4.1. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, er habe die Absturz-
kante nicht wie gesetzlich von der BauAV und präzisierend von der SUVA vor-
geschrieben mit einer maximal zwei Meter vor dieser Kante angebrachten Zonen-
abschrankung gesichert und auch für keinerlei andere Sicherungen im Bereiche
der "Absturzkante" gesorgt (Urk. 18 S. 3 f.; Urk. 28 S. 2 f.).
2.4.2. Die Verteidigung verweist auf das Factsheet Nr. 33033 der SUVA "Decken-
schalungen bei grossen Raumhöhen" (Urk. 9/5). Darin sei festgehalten, dass bei
einer Absturzhöhe von 3.00 m und mehr die Schalung von unten zu erfolgen ha-
be. Auch diese SUVA-Vorschrift sei auf der Baustelle eingehalten worden. Am
Unfalltage sei es ja gerade so gewesen, dass die fragliche Decke von unten ge-
schalt worden sei. Im Factsheet sei hierzu festgehalten: "Ab einer Absturzhöhe
von 2.00 m ist ein Seitenschutz zu erstellen oder eine gleichwertige Schutzmass-
nahme zu treffen." Dabei werde im SUVA Factsheet explizit das "oder gleichwer-
tige Schutzmassnahme" fett gedruckt. Somit genüge ein Seitenschutz (Urk. 31
S. 8). Aus der Abbildung 5 sei ersichtlich, dass die Absturzkante frei bleiben dürfe,
wenn sie dreiteilig durch einen umfassenden Seitenschutz geschützt sei (Prot. I
S. 37). Dies mache Sinn. Wenn um eine Schalungsebene rundherum ein – wie
hier – umfassender Seitenschutz bestehe, dann sei der Schutz gewährleistet.
Man könne dann nicht an die Absturzkante gelangen. Dann brauche es keine Zo-
nenabschrankung. Nur wenn der Seitenschutz fehle, sei eine Zonenabschrankung
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erforderlich, weil man dann an die Absturzkante gelangen könne (Prot. I S. 36 f.;
ähnlich auch anlässlich der Berufungsverhandlung Urk. 68 S. 6 ff.).
Die im Schreiben der SUVA vom 10. Mai 2011 sowie die in der Massnahmen-
übersicht erwähnte Sofortmassnahme "Zonenabschrankungen" (Urk. 9/3) betreffe
einen anderen Fall. Bei dieser Forderung nach Zonenabschrankungen sei es um
eine Deckenabschrankung gegangen, die (im Gegensatz zur Unfallbaustelle) kei-
nen umfassenden dreiteiligen Seitenschutz gehabt habe, sondern eine offene De-
ckenschalung, auf die man habe gelangen können. Dort sei eine Zonenabschran-
kung anzubringen (Prot. I S. 36; Urk. 68 S. 8).
Auch spezifisch für die Arbeiten des Geometers, für die Vermessungen, habe kei-
ne Zonenabschrankung erstellt werden müssen, da die Deckenschalung zu die-
sem Zeitpunkt nicht generell, sondern nur für die Vermessungsarbeiten freigege-
ben gewesen sei (Prot. I S. 37; so auch Urk. 68 S. 5-8). Der Geometer habe für
diese Arbeiten nur etwa die Hälfte der Fläche der Deckenschalung benötigt
(Urk. 68 S. 5), weshalb der Beschuldigte nicht damit habe rechnen müssen, dass
sich der Geschädigte und sein Mitarbeiter bis zur Absturzkante begeben und dort
auch noch durch die Absperrung klettern würden, um auf die Treppe zu gelangen
(Urk. 31 S. 10).
2.4.3. Die Vorinstanz setzt sich zutreffend mit dem Einwand der Verteidigung
auseinander, wonach durch das Fassadengerüst vorliegend eine ausreichende
Absicherung an drei Seiten geboten hätte und eine Zonenabschrankung gar nicht
erforderlich gewesen wäre (Urk. 40 S. 12 f.). Zurecht weist die Vorinstanz darauf
hin, dass das vorliegende Fassadengerüst, welches die Schalungsebene zu drei
Seiten hin – aber nicht zur Absturzkante selber – schützt, nicht dem im Factsheet
(Urk. 9/5, S. 4 des Factsheets) angesprochenen umlaufenden dreiteiligen Seiten-
schutz entspricht. "Dreiteilig" ist ein Seitenschutz insofern, als er aus drei Elemen-
ten besteht, die in Art. 16 Abs. 1 BauAV genannt sind (Geländerholm, Zwischen-
holm, Bordbrett). Mit "umlaufend" kann nur gemeint sein, dass sämtliche frei zu-
gängliche Absturzkanten gesichert werden.
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2.4.4. Klar ist auch, dass die hier zur Diskussion stehende Kante an der Scha-
lungsdecke frei zugänglich war. Es ist unbestritten und ergibt sich aus der Foto-
dokumentation (Urk. 8/5), dass man über einen Treppenaufgang im Gerüst auf
die Schalungsdecke gelangen konnte. So ist denn offenbar auch der Geschädigte
auf die Schalungsdecke gelangt (vgl. die Aussage des Vermessungsgehilfen
C._, Urk. 6/3 S. 8). Einmal auf der Decke angekommen, konnte man ohne
weitere Hindernisse resp. Abschrankungen an die Absturzkante gelangen. Der
Geschädigte und sein Vermessungsgehilfe C._ befanden sich befugt auf der
Schalungsdecke, wurden sie doch vom Beschuldigten für Achsenvermessungen
aufgeboten (vgl. nur Prot. I S. 9; Urk. 68 S. 3). Für direkt an der Schalungskante
arbeitende Personen kann eine Zonenabschrankung keinen Absturzschutz bieten.
Die Pflicht zur Errichtung einer derartigen Absperrung besteht somit zum Schutz
aller weiteren Personen, welche sich zu anderen Zwecken (als für Schalungs-
arbeiten) befugt auf der Decke aufhalten. Deshalb kann der Beschuldigte auch
daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten, es habe keine Zonenabschrankung
gebraucht, weil die Deckenschalung zu diesem Zeitpunkt nicht generell, sondern
nur für die Vermessungsarbeiten freigegeben gewesen sei (Prot. I S. 37; so auch
Urk. 68 S. 5-8). Die Decke war nicht generell freigegeben, weil sie sich im Bau be-
fand und das befugte Betreten bspw. durch einen Geometer deshalb Gefahren in
sich barg. Genau aus diesem Grund hätte es – entgegen der Verteidigung – eine
Zonenabschrankung gebraucht. Dies gilt umso mehr, wenn der Beschuldigte
selbst einen Arbeiter – den Geometer – auf eine mit Gefahren behaftete Scha-
lungsdecke bestellt.
2.5. Eine Sorgfaltspflichtverletzung ist nur anzunehmen, wenn der Täter eine
Gefährdung oder – wie vorliegend – Verletzung der Rechtsgüter von Dritten hätte
voraussehen können und müssen. Die zum Erfolg führenden Geschehensabläufe
müssen für den konkreten Täter mindestens in ihren wesentlichen Zügen voraus-
sehbar sein. Für die Beantwortung dieser Frage gilt der Massstab der Adäquanz.
Danach muss das Verhalten geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der
Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen her-
beizuführen oder mindestens zu begünstigen. Die Vorhersehbarkeit der zu be-
urteilenden Ursache für den Erfolg ist nur zu verneinen, wenn ganz ausser-
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gewöhnliche Umstände, wie das Mitverschulden eines Dritten oder Material- oder
Konstruktionsfehler, als Mitursache hinzutreten, mit denen schlechthin nicht ge-
rechnet werden musste und die derart schwer wiegen, dass sie als wahrschein-
lichste Ursache des Erfolgs erscheinen und so alle anderen mitverursachenden
Faktoren in den Hintergrund drängen (BGE 135 IV 56 E. 2.1; Urteil des Bundes-
gerichts 1B_221/2011 vom 19. August 2011 E. 3.2; zum Ganzen auch Urteil des
Bundesgerichts 6B_342/2012 vom 8. Januar 2013 E. 2.4; vgl. jüngst auch Urteile
des Bundesgerichts 6B_360/2015 vom 23. Dezember 2015 E. 2.3.2 sowie
6B_435/2015 16. Dezember 2015 E. 3.1).
2.5.1. Der Beschuldigte macht geltend, der Unfall sei auf das von niemandem zu
erwartende Fehlverhalten des Geschädigten zurückzuführen (Urk. 5/6 S. 15;
Urk. 31 S. 7 f.; Prot. I S. 36-38; Urk. 68 S. 8 ff.). Der Geometer habe für diese Ar-
beiten nur etwa die Hälfte der Fläche der Deckenschalung benötigt, weshalb der
Beschuldigte nicht damit habe rechnen müssen, dass sich der Geschädigte und
sein Mitarbeiter bis zur Absturzkante begeben würden und dort auch noch durch
die Absperrung klettern würden, um auf die Treppe zu gelangen (Urk. 31 S. 10;
Urk. 68 S. 9 f.). Der Geschädigte habe zum Verlassen der Baustelle den absolut
gefährlichsten Punkt gewählt (Urk. 5/2 S. 3). Die Verteidigung beruft sich damit
auf ein die Adäquanz ausschliessendes Verhalten des Geschädigten.
2.5.2. Die Vorinstanz hat erwogen, dem Beschuldigten seien die Gefahren von
ungesicherten Absturzkanten insbesondere auch aufgrund von Interventionen der
SUVA (Baustellenkontrollen, Rügen; vgl. Urk. 9/3) und einer an ihn vor dem Unfall
ausgesprochenen Verwarnung seines Arbeitgebers vom 9. Juni 2011 (Urk. 5/6
Anhang), worin fehlende Absturzsicherungsmassnahmen kritisiert wurden und auf
die damit verbundenen Gefahren aufmerksam gemacht wurde, deutlich vor Augen
geführt worden. Auch sei dem Beschuldigten bewusst gewesen, dass sich der
Geschädigte und sein Gehilfe im Rahmen der Vermessungsarbeiten nahe an der
ungesicherten Absturzkante bewegen würden. Der Umstand, dass der Geschä-
digte genau neben der Absturzkante die Schalungsdecke verlassen habe, sei
zwar als ungewöhnlich zu bezeichnen, falle jedoch nicht derart aus dem Rahmen
des Möglichen, dass damit schlechthin nicht zu rechnen gewesen sei (Urk. 40
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S. 14 ff.). Der Umstand, dass sich der Geschädigte mit der Wahl des Abgangsorts
von der Schalungsdecke unsorgfältig verhalten habe, schliesse die Vorherseh-
barkeit des Erfolgseintritts nicht aus, zumal sich der Beschuldigte selbst eine
Sorgfaltswidrigkeit anzulasten habe. Das Verhalten des Geschädigten selbst mö-
ge zwar unvorsichtig gewesen sein, sei jedoch nicht als derart aussergewöhnlich
zu werten, dass es das Verhalten beziehungsweise die Unterlassung des Be-
schuldigten in den Hintergrund zu drängen vermöchte. Insgesamt hätte der Be-
schuldigte durchaus damit rechnen müssen, dass sich aufgrund der fehlenden
Abschrankung Personen nahe an die Absturzkante begeben würden und dort
aufgrund eines unvorsichtigen Verhaltens, beispielsweise durch Überklettern des
Gerüstes, in die Tiefe stürzen könnten, indem sie hängen bleiben oder aus-
rutschen würden. Damit sei die Voraussehbarkeit zu bejahen.
2.5.3. Diesem Schluss kann nicht gefolgt werden, und zwar aus folgenden Grün-
den:
2.5.3.1. Zwar weist die Vorinstanz mit Recht darauf hin, dass der Beschuldigten
einzig mit dem Hinweis auf die unsorgfältige Verhaltensweise des Geschädigten
allein nichts zu seinen Gunsten ableiten kann, zumal sich der Beschuldigte selbst
sorgfaltswidrig verhalten hat, in dem er die Absturzkante nicht gesichert hatte.
Denn auf den damit angesprochenen Vertrauensgrundsatz kann sich nicht be-
rufen, wer sich selbst unsorgfältig verhält (STRATENWERTH, Schweizerisches Straf-
recht, Allgemeiner Teil I: Die Straftat, 4. Aufl., Bern 2011, § 16 Rz 42). Damit
alleine kann die Vorhersehbarkeit des Erfolgseintritts indes noch nicht begründet
werden. Andernfalls würde bereits die Sorgfaltswidrigkeit die Vorhersehbarkeit in-
dizieren. Letztere ist indes als neben der Sorgfaltspflichtverletzung bestehende,
weitere strafbarkeitslimitierende Voraussetzung zu begreifen.
2.5.3.2. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass der Sturz nicht im Zuge der eigent-
lichen Vermessungsarbeiten erfolgt ist, sondern als der Geschädigte und dessen
Gehilfe die Plattform direkt an der Absturzkante über das Gerüst an einem nicht
zum Aus- resp. Abstieg vorgesehenen Ort verlassen wollten. Deshalb ist es von
untergeordneter Bedeutung, ob der Beschuldigte überhaupt damit rechnen muss-
te, dass sich der Geschädigte für die eigentliche Vermessung nahe an die Ab-
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sturzkante begeben musste (was freilich strittig ist). Fraglich ist vielmehr, ob für
den Beschuldigten dieser konkret zum Absturz und folglich zum Tod führende
Geschehensablauf – das Unterklettern der Abschrankung direkt an der Absturz-
kante – in seinen wesentlichen Zügen voraussehbar war.
2.5.3.3. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung vermag das Verhalten des
Geschädigten im Normalfall den adäquaten Kausalzusammenhang zwischen tat-
bestandsmässigem Erfolg und Verhalten des Schädigers nicht zu beseitigen,
selbst wenn das Verschulden des Geschädigten dasjenige des Schädigers über-
steigt. Die Adäquanz ist nur zu verneinen, wenn ganz aussergewöhnliche Um-
stände, wie beispielsweise das Mitverschulden des Opfers, als Mitursache hinzu-
treten, mit denen schlechthin nicht gerechnet werden musste und die derart
schwer wiegen, dass sie als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des
Erfolgs erscheinen und so alle anderen mitverursachenden Faktoren – namentlich
das Verhalten der beschuldigten Person – in den Hintergrund drängen (BGE 135
IV 56 E. 2.1; jüngst auch Urteil des Bundesgerichts 6B_360/2015 vom 23. De-
zember 2015 E. 2.3.2). Auch wenn neben die erste Ursache andere treten und die
Erstursache in den Hintergrund drängen, bleibt sie adäquat kausal, solange sie im
Rahmen des Geschehens noch als erheblich zu betrachten ist, solange nicht eine
Zusatzursache derart ausserhalb des normalen Geschehens liegt, derart unsinnig
ist, dass damit nicht zu rechnen war. Entscheidend ist die Intensität der beiden
Kausalzusammenhänge. Erscheint der eine bei wertender Betrachtung als derart
intensiv, dass er den andern gleichsam verdrängt und als unbedeutend erschei-
nen lässt, wird eine sogenannte Unterbrechung des andern angenommen (jüngst
Urteil des Bundesgerichts 6B_360/2015 vom 23. Dezember 2015 E. 2.3.2 m.H.;
Urteil des Bundesgerichts 6B_601/2009 vom 24. November 2009 E. 1.5.2 m.H.;
hierzu auch Urteil des Bundesgerichts 1B_221/2011 vom 19. August 2011 E. 3.2
m.H.a. BGE 115 IV 100 ["völlig aussergewöhnliches, unsinniges und daher
schlechthin nicht voraussehbares Verhalten"]).
2.5.3.4. Der Geschädigte hat die Schalungsdecke nicht einfach nur durch "blos-
ses" Unterklettern der Fassadengerüstabschrankung verlassen wollen. Vielmehr
hat er die Decke unmittelbar an der Absturzkante verlassen, obwohl es – selbst
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nebst dem regulären Ausstiegspunkt – meterweise absturzsichere Positionen ge-
geben hätte. Das Motiv hierfür bleibt nicht restlos geklärt. Der Vermessungs-
gehilfen des Geschädigten gab an, man habe jeweils einfach den kürzesten Weg
von der Schalungsdecke nach unten gewählt (Urk. 6/3 S. 5 und S. 8). Der Vater
des Geschädigten gab anlässlich der Berufungsverhandlung gar an, sein Sohn
sei ein Draufgänger gewesen (Prot. II S. 9). Jedenfalls erscheint die Verhaltens-
weise des Geschädigten umso unverständlicher, wenn man sich vor Augen führt,
dass ihm die Absturzgefahren an der Kante durchaus bewusst waren. Einerseits
sind Absturzgefahren generell Vermessungsarbeiten auf noch nicht fertig gestell-
ten Schalungsdecken immanent. Andererseits war dem Geschädigten die konkret
auf der fraglichen Schalungsdecke aufgrund der ungesicherten Absturzkante vor-
handenen Gefahren bewusst, hat er doch seinen Gehilfen zur Vorsicht ermahnt
(Urk. 6/3 S. 7). Nebst der Wahl des Abgangsorts für sein – sorgfaltswidriges – Un-
terklettern des Gerüsts am absolut gefährlichsten Punkt, sind weitere Verhaltens-
weisen des Geschädigten bemerkenswert und schlicht nicht nachvollziehbar. So
hat er das für die Vermessungen benötigte Messstativ beim Unterklettern der Ab-
schrankung mit einem Riemen über der Schulter getragen und blieb mit dem obe-
ren Teil des Dreibeinstativs am Handlauf des Gerüsts hängen, als er sich unter
dem Handlauf hindurch bücken wollte. Doch auch diesen ersten gescheiterten
Versuch des Unterkletterns hielt den Geschädigten nicht davon, einen zweiten
Anlauf zu nehmen und erneut zu versuchen, sich unter dem Handlauf hindurch-
zuzwängen, wobei das Stativ wiederum hängen blieb und der Geschädigte
dadurch schliesslich das Gleichgewicht verlor und zu Tode stürzte. Dass der Ge-
schädigte bei alledem offenbar beide Hände voll hatte – die eine am Stativ, in der
anderen Hand Pläne oder einen Ordner –, macht dieses "Unterkletter-Manöver"
noch viel weniger nachvollziehbar (vgl. zum Ganzen den Spurenbericht des Fo-
rensischen Instituts Zürich; Urk. 8/1 S. 2 f. und Tatortfotos Urk. 8/3 Foto-Nr. 5-9
sowie die Aussagen des Vermessungsgehilfen C._; Urk. 6/1 S. 2; Urk. 6/3
S. 4 ff., insb. S. 9 und 11).
2.5.4. Das Verhalten des Geschädigten erscheint unter all den genannten Um-
ständen als widersinnig, unvernünftig und schlicht nicht nachvollziehbar. Dieses
Selbstverschulden erweist sich als derart gravierend, dass die Sorgfaltspflicht-
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verletzung des Beschuldigten dadurch in den Hintergrund gedrängt wird und als
nicht unfallkausal zu qualifizieren ist. Der tödliche Absturz, wie er sich vorliegend
aufgrund der Verkettung all dieser, vom Geschädigten selbst gesetzten Umstände
ereignet hat, ist für den Beschuldigten schlicht nicht vorhersehbar gewesen. Es
fehlt mithin an einem rechtserheblichen Zusammenhang zwischen der sorgfalts-
widrigen Unterlassung des Beschuldigten und dem Tod des Geschädigten.
2.6. Die Voraussetzungen einer Strafbarkeit wegen fahrlässiger Tötung durch
Unterlassen sind vorliegend nicht erfüllt. Der Beschuldigte ist von diesem Vorwurf
freizusprechen.
3. Fahrlässige Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde (Art. 229 StGB)
3.1. Gemäss Art. 229 Abs. 1 StGB wird bestraft, wer vorsätzlich bei der Leitung
oder Ausführung eines Bauwerkes oder eines Abbruches die anerkannten Regeln
der Baukunde ausser Acht lässt und dadurch wissentlich Leib und Leben von
Mitmenschen gefährdet. Nach Abs. 2 wird der Täter bestraft, wenn er die aner-
kannten Regeln der Baukunde fahrlässig ausser Acht lässt. Die Tathandlung ge-
mäss Art. 229 StGB besteht in der Nichtbeachtung von anerkannten Regeln der
Baukunde bei der Leitung oder Ausführung eines Bauwerkes. Der Tatbestand
kann sowohl durch aktives unsachgemässes Handeln als auch durch Unterlassen
gebotener Schutzmassnahmen erfüllt werden. Art. 229 StGB ist als Erfolgsdelikt
konzipiert. Vorausgesetzt ist damit insbesondere, dass durch das Nichteinhalten
der Regeln der Baukunde Dritte einer konkreten Gemeingefahr ausgesetzt wer-
den (BGE 109 IV 125 E. 2; vgl. auch BSK StGB I-ROELLI/FLEISCHHANDERL,
Art. 229 N 41). Auch für eine Fahrlässigkeitsstrafbarkeit nach Art. 229 StGB ist er-
forderlich, dass der Gefährdungserfolg für den Beschuldigten voraussehbar war,
was sich wiederum nach den obgenannten Grundsätzen bestimmt.
3.2. In Bezug auf den Geschädigten selbst kann auf das zuvor Ausgeführte
verwiesen werden. Zwar hat der Beschuldigte durch die vorgeschriebenen, aber
unterlassenen Absturzsicherungsmassnahmen allenfalls eine abstrakte Gefahr
geschaffen. Die konkrete Absturzgefahr und damit der Gefährdungserfolg nach
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Art. 229 StGB manifestierte sich indes wiederum erst durch das gravierende,
krass sorgfaltswidrige und unvorhersehbare Verhalten des Geschädigten unmit-
telbar an der Absturzkante selbst. Der beim Geschädigten eingetretene Gefähr-
dungserfolg (der hernach in die Tötung umgeschlagen ist), war für den Beschul-
digten wiederum nicht vorhersehbar.
3.3. In Bezug auf den Vermessungsgehilfen ist zunächst fraglich, ob sich über-
haupt eine konkrete Gefahr realisiert hat, zumal der Vermessungsgehilfe die
Schalungsdecke nicht derart nahe an der Absturzkante verlassen hat. Selbst
wenn man den Eintritt des Gefährdungserfolgs noch bejahen wollte, wäre dieser
für den Beschuldigten ebenso wenig vorhersehbar. Hier ist insbesondere zu be-
denken, dass der Vermessungsgehilfen die Schalungsdecke nur deshalb auf die-
se Weise verlassen hat, weil er "einfach neben [seinem Vorgesetzten, dem Ge-
schädigten] hergelaufen" ist (Urk. 6/3 S. 8). Wiederum erscheint auch hier die
vom Geschädigten gesetzte Ursache (Wahl bzw. Bestimmung des Abstiegsorts)
als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des – allfällig eingetretenen –
Gefährdungserfolgs beim Vermessungsgehilfen, mit dem der Beschuldigte
schlechthin nicht rechnen musste und namentlich seine Sorgfaltswidrigkeit in den
Hintergrund drängt.
3.4. Demgemäss ist der Beschuldigte auch vom Vorwurf der Gefährdung durch
Verletzung der Regeln der Baukunde freizusprechen.
III. Zivilforderung
Die Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren des Privatklägers D._ sind
ausgangsgemäss auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
IV. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kostenfolgen
Ausgangsgemäss – der Beschuldigte wird freigesprochen und obsiegt im Beru-
fungsverfahren – sind die Kosten der Untersuchung und beider gerichtlichen Ver-
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fahren auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 426 Abs. 1 und 2 StPO; Art. 428
Abs. 1 StPO).
2. Entschädigung
2.1. Wird die beschuldigte Person freigesprochen, so hat sie Anspruch auf Ent-
schädigung ihrer Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer Ver-
fahrensrechte, vorab für eine Entschädigung der wirtschaftlichen Einbussen, die
aus ihrer notwendigen Beteiligung am Strafverfahren entstanden sind und Genug-
tuung für besonders schwere Verletzungen ihrer persönlichen Verhältnisse, ins-
besondere bei Freiheitsentzug (Art. 429 Abs. 1 lit. a-c StPO). Zu den Entschädi-
gungen für Aufwendungen zur Wahrung der Verfahrensrechte (Art. 429 Abs. 1
lit. a StPO) gehören primär die Kosten der frei gewählten Verteidigung, wenn die
Verbeiständung angesichts der tatsächlichen oder rechtlichen Komplexität des
Falls geboten war (SCHMID, Handbuch StPO, 2. Aufl. 2013, N 1810).
2.2. Vorliegend war der Beizug einer anwaltlichen Verteidigung gerechtfertigt.
Der Verteidiger reichte zur Bezifferung des Entschädigungsanspruchs zwei Ho-
norarnoten ein, eine über Fr. 11'220.65 (Urk. 65) sowie eine weitere über
Fr. 7'315.05 (Urk. 66).
2.3. Die Höhe der Entschädigung für die anwaltliche Verteidigung richtet sich
nach der Verordnung über die Anwaltsgebühren vom 8. September 2010 (An-
waltsgebührenverordnung, LS 215.3, nachstehend: AnwGebV). Diese setzt sich
aus einer Gebühr sowie den notwendigen Auslagen zusammen (§ 1 Abs. 2 Anw-
GebV).
2.4. Die Gebühr für die Führung eines Strafprozesses (einschliesslich Vorberei-
tung des Parteivortrages und Teilnahme an der Hauptverhandlung) beträgt im Be-
reich der Zuständigkeit des Einzelgerichts – auch im Berufungsverfahren – in der
Regel Fr. 600.– bis Fr. 8'000.–, wobei auch zu berücksichtigen ist, ob das vor-
instanzliche Urteil ganz oder nur teilweise angefochten wurde (§ 18 Abs. 1 i.V.m.
§ 17 Abs. 1 lit. a AnwGebV). Innerhalb dieses Rahmens wird die Grundgebühr
nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemü-
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hungen und Schwierigkeiten des Falles, bemessen (vgl. § 2 AnwGebV). Im Vor-
verfahren bemisst sich die Gebühr nach dem notwendigen Zeitaufwand (§ 16
Abs. 1 AnwGebV). Notwendige Auslagen sind namentlich bezahlte Gerichts-
kosten, Reisespesen, Porti, Kosten für Telekommunikation und Fotokopien (§ 22
Abs. 1 AnwGebV).
2.5. Im Vorverfahren hat die Verteidigung an Einvernahmen von einer Gesamt-
dauer von ca. 10 Stunden teilgenommen Für getätigte Korrespondenzen/
Eingaben ist eine weitere Stunde zu veranschlagen. Der von der Verteidigung gel-
tend gemachte Stundenansatz von Fr. 300.– ist angemessen und bewegt sich im
Rahmen von § 3 AnwGebV. Daraus resultiert ein Entschädigungsanspruch für
das Vorverfahren von Fr. 3'300.–. Für das Haupt- und das Berufungsverfahren
erweist sich eine pauschale Entschädigung von je Fr. 5'000.– unter Berücksichti-
gung der konkreten Bedeutung und Schwierigkeit des Falles als angemessen
(§ 18 Abs. 1 i.V.m. § 17 Abs. 1 lit. a und § 1 Abs. 2 AnwGebV). Entsprechend ist
dem Beschuldigten für das gesamte Verfahren, unter Einbezug der Haupt- und
Berufungsverhandlungen, eine Entschädigung für anwaltliche Verteidigung von
insgesamt Fr. 14'500.– (einschliesslich MwSt.) aus der Gerichtskasse zuzuspre-
chen.