Decision ID: 821682bf-cb3b-4fd6-8daf-3d0bfff6c357
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1963 geborene Beschwerdeführerin meldete sich am 6. Juli 2009 we-
gen Fibromyalgie und Arthrose bei der Beschwerdegegnerin zum Bezug
von Leistungen der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) an. Nach
Abklärungen in erwerblicher und medizinischer Hinsicht sowie Rückspra-
che mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) verneinte die Beschwer-
degegnerin einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin mit Verfügung
vom 17. Februar 2011.
1.2.
Am 6. Oktober 2015 meldete sich die zuvor als Gebäudereinigerin tätig ge-
wesene Beschwerdeführerin wegen Schulter- und Nackenbeschwerden als
Folgen eines Unfalls erneut zum Leistungsbezug an. Die Beschwerdegeg-
nerin tätigte Abklärungen in erwerblicher und medizinischer Hinsicht; unter
anderem wurde die Beschwerdeführerin bidisziplinär (rheumatolo-
gisch/psychiatrisch) begutachtet (Gutachten der Medizinische Gutachten
Zug [MGZ], vom 11. Dezember 2018; ergänzende Stellungnahmen vom
20. und 25. März 2019). Schliesslich wies die Beschwerdegegnerin das
Rentenbegehren der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 26. Juni 2019
ab. Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Versicherungsgericht mit
Urteil VBE.2019.566 vom 9. Juni 2020 teilweise gut, hob die angefochtene
Verfügung auf und wies die Sache zur weiteren Abklärung und anschlies-
senden Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurück.
1.3.
In der Folge aktualisierte die Beschwerdegegnerin die medizinischen Ak-
ten. Nach Rücksprache mit dem RAD liess sie die Beschwerdeführerin po-
lydisziplinär begutachten (Gutachten der Swiss Medical Assessment- and
Business-Center AG, Bern [SMAB], vom 24. März 2021). Nach durchge-
führtem Vorbescheidverfahren, Rücksprache mit dem RAD und Einholen
einer ergänzenden gutachterlichen Stellungnahme verneinte die Be-
schwerdegegnerin mit Verfügung vom 20. Juli 2021 einen Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Rente.
2.
2.1.
Gegen die Verfügung vom 20. Juli 2021 erhob die Beschwerdeführerin mit
Eingabe vom 14. September 2021 Beschwerde und stellte folgende
Rechtsbegehren:
" 1. Die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei der  mittels Gerichtsgutachtens abzuklären.
- 3 -
2. In Aufhebung der Verfügung und nach Abklärung gemäss Ziff. 1  sei über den Rentenanspruch neu zu entscheiden.
3. Der Beschwerdeführerin sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewäh-
ren.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegeg-
nerin."
2.2.
Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Vernehmlassung vom 23. Sep-
tember 2021 die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 1. Oktober 2021 wurde der Be-
schwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt und MLaw Mar-
kus Loher, Rechtsanwalt, Zürich, zu ihrem unentgeltlichen Vertreter er-
nannt.

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Rente mit Verfügung vom 20. Juli 2021 (Ver-
nehmlassungsbeilage [VB] 222) zu Recht verneint hat.
2.
Die angefochtene Verfügung vom 20. Juli 2021 basiert in medizinischer
Hinsicht insbesondere auf dem polydisziplinären SMAB-Gutachten vom
24. März 2021 (internistisch, orthopädisch, neurologisch, psychiatrisch,
pneumologisch). Die Gutachter stellten in ihrer interdisziplinären Gesamt-
beurteilung folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(VB 209.1/11):
" 1. Unfallbedingte Rotatorenmanschettenruptur rechts mit Tendinitis der Bizepssehne nach Treppensturz vom 09.09.2014 mit Z.n. offener Rotatorenmanschettenrekonstruktion rechtes Schultergelenk (05.02.2015) mit Tenodese der Bizepssehne vom 05.02.2015
2. Z.n. Schulterarthroskopie links mit Rotatorenmanschettenrekonstruk-
tion und Bizepstenotomie und AC-Gelenksresektion sowie  (13.02.2019) bei Rotatorenmanschettenruptur linke Schulter mit Tendopathie der langen Bizepssehne und AC-Gelenksarthrose
3. Dorsolumbalgien bei muskulärer Dysbalance des Rückens und dege-
nerative LWS-Veränderungen mit Osteochondrose L5/S1 und  L4/5
4. Coxarthrose beidseits mit Rotationseinschränkung
- 4 -
5. Femoropatellares Schmerzsyndrom rechts mit Beugeeinschränkung nach Kontusion beider Kniegelenke vom 06.06.2020, mit primärem Verdacht einer Patellalängsfraktur rechts, laut Aktenlage radiologisch nicht weiter diagnostiziert
6. Raucherassoziierte Interstitielle Pneumopathie whs. vom Typ RB-ILD
ED 07/2013 [...]".
Betreffend die Auswirkungen der gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf
die Arbeitsfähigkeit hielten die Gutachter sinngemäss fest, in der bisherigen
Tätigkeit als Gebäudereinigerin sei die Beschwerdeführerin seit dem Unfall
vom 9. September 2014 nicht mehr arbeitsfähig. In einer angepassten Tä-
tigkeit (leicht, vorwiegend sitzend mit der Möglichkeit von Positionswech-
seln und gelegentlichem Stehen oder Gehen; ohne häufiges Rotieren des
Kopfes, Überkopfarbeiten, Knien, Bücken, Hocken oder häufiges Bestei-
gen von Treppen und Leitern; kein kräftiger Gebrauch beider Hände und
Arme, keine kniebelastenden oder Arbeiten in Zwangshaltungen oder mit
Exposition zu Inhalationsnoxen [VB 209.1/14]) bestehe mit Ausnahme
einer Zeitdauer von jeweils drei Monaten nach dem Unfallereignis vom
9. September 2014 und den Operationen vom 5. Februar 2015 und
13. Februar 2019 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (vgl. VB 209.1/16 f.).
An dieser Beurteilung hielten die Gutachter in der ergänzenden Stellung-
nahme vom 12. Juli 2021 fest (VB 221).
3.
3.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134
V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
3.2.
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Be-
richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergeb-
nissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken-
nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper-
tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).
Den Gutachten kommt somit bei Abklärungen im Leistungsbereich der So-
zialversicherung überragende Bedeutung zu (UELI KIESER, Kommentar
zum ATSG, 4. Aufl. 2020, N. 13 zu Art. 44 ATSG; vgl. auch BGE 132 V 93
E. 5.2.8 S. 105).
- 5 -
3.3.
Die Beschwerdeführerin wurde zur Erstellung des SMAB-Gutachtens vom
24. März 2021 in den beteiligten Disziplinen fachärztlich umfassend unter-
sucht (VB 209.3/6; 209.4/6 ff.; 209.5/5; 209.6/6 f.; 209.7/6 f.). Dabei beur-
teilten die Gutachter die medizinischen Zusammenhänge sowie die medi-
zinische Situation in Kenntnis der Vorakten (VB 209.2) und unter Berück-
sichtigung der geklagten Beschwerden (VB 209.3/2 ff.; 209.4/2 ff.;
209.5/2 ff.; 209.6/2 f.; 209.7/3 ff.) einleuchtend und gelangten zu einer
nachvollziehbar begründeten Schlussfolgerung. Das SMAB-Gutachten ist
damit grundsätzlich geeignet, den Beweis für den anspruchserheblichen
medizinischen Sachverhalt zu erbringen (vgl. E. 3.1.).
4.
4.1.
4.1.1.
Die Beschwerdeführerin macht zunächst geltend, die Beschwerdegegnerin
habe ihren Anspruch auf rechtliches Gehör mehrfach verletzt, indem sie
den Gutachtern die eingereichten Ergänzungsfragen nicht unterbreitet
habe, die von der Beschwerdegegnerin selbst gestellten Ergänzungsfragen
der Beschwerdeführerin vorgängig nicht habe zukommen lassen und die-
ser keine Gelegenheit zur Äusserung zur ergänzenden Stellungnahme der
Gutachter gegeben habe. Daher könne auf das SMAB-Gutachten nicht ab-
gestellt werden (Beschwerde S. 4, Ziff. 11, und S. 16 f., Ziff. 59-61).
4.1.2.
Der Anspruch auf Gewährung des rechtlichen Gehörs ist formeller Natur.
Eine Verletzung des Gehörsanspruchs würde nicht per se den Beweiswert
des SMAB-Gutachtens schmälern. Ob die Beschwerdegegnerin den An-
spruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt hat, kann
letztlich offenbleiben, da sich die Beschwerdeführerin vor Versicherungs-
gericht umfassend äussern konnte und daher von einer Heilung auszuge-
hen wäre (statt vieler: BGE 132 V 387 E. 5.1 S. 390 mit Hinweisen). Immer-
hin ist zuhanden der Beschwerdegegnerin anzumerken, dass es angezeigt
gewesen wäre, der Beschwerdeführerin vor Erlass der angefochtenen Ver-
fügung die Stellungnahme der SMAB-Gutachter vom 12. Juli 2021 zur
Kenntnis zu bringen.
Soweit die Beschwerdeführerin bemängelt, ihre "Ergänzungs- und Erläute-
rungsfragen" an die Gutachter seien nicht zugelassen worden (Be-
schwerde S. 4 Ziff. 11), ist Folgendes festzuhalten: Aus dem Recht zur
Stellung von Zusatz- und Ergänzungsfragen kann nicht abgeleitet werden,
der Versicherungsträger oder das Gericht hätten allfällige Fragen der ver-
sicherten Person unbesehen ihrer Quantität und Qualität den Gutachtern
zur Beantwortung vorzulegen. Vielmehr können sich Verwaltung oder Ge-
richt auf die Weiterleitung der für den Einzelfall erheblichen Fragen be-
schränken bzw. von der Weiterleitung absehen, wenn davon keine neuen
- 6 -
Erkenntnisse zu erwarten sind (Urteil des Bundesgerichts 9C_614/2015
vom 21. Juni 2016 E. 5.5 mit Hinweisen).
Zur Frage der Notwendigkeit, die von der Beschwerdeführerin gestellten
Ergänzungsfragen den Gutachtern vorzulegen, lässt sich den Akten ent-
nehmen, dass RAD-Arzt Dr. med. B., Facharzt für Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie des Bewegungsapparates, in seiner Stellungnahme
vom 27. Mai 2021 zu den Einwänden der Beschwerdeführerin ausführte,
das SMAB-Gutachten sei "trotz der Komplexität auch für Aussenstehende
sowohl im Einzelnen gleichermassen verständlich wie im Ergebnis derart
evident", dass sich die Unterbreitung der formulierten Ergänzungsfragen
erübrige und auch seitens des RAD keine Rückfragen zu formulieren seien.
Demgegenüber wurden die im Einwandverfahren eingereichten
Arztberichte den Gutachtern zur Stellungnahme unterbreitet, da der "Kurz
Arztbericht" der behandelnden Psychiaterin vom 29. Januar 2021 (vgl.
VB 214/10) den Gutachtern noch nicht bekannt gewesen war (VB 218/2).
Ob das Gutachten ohne die Beantwortung der von der Beschwerdeführerin
eingereichten Ergänzungsfragen eine ausreichende Grundlage zur
Feststellung des rechtserheblichen medizinischen Sachverhalts bildet, wird
nachfolgend erörtert.
4.2.
4.2.1.
Die Beschwerdeführerin bemängelt bezüglich des orthopädischen Teilgut-
achtens, der Gutachter habe es unterlassen aufzuzeigen, weshalb die Be-
schwerdeführerin einer vollschichtigen leichten Tätigkeit solle nachgehen
können. Er habe zudem nicht geprüft, ob ein von ihm empfohlener "aktive-
rer Lebensstil" überhaupt möglich wäre. Ferner seien die angeblich festge-
stellten Inkonsistenzen nicht als solche zu werten (Beschwerde S. 5 f.,
Ziff. 16 ff.).
4.2.2.
Die versicherte Person ist grundsätzlich als gesund anzusehen, sodass sie
einer Erwerbstätigkeit nachgehen kann (BGE 144 V 50 E. 4.3 S. 54).
Grundsätzlich wäre demnach die quantitative Einschränkung der Arbeitsfä-
higkeit (in einer angepassten Tätigkeit) zu begründen und nicht deren Be-
stehen. Es erscheint ferner nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin
aufgrund ihrer – durchaus anerkannten – Einschränkungen im Bereich der
Schultern, der Wirbelsäule, beider Hüftgelenke und des rechten Kniege-
lenks in der Verrichtung einer Tätigkeit auf die Einhaltung des gutachterlich
formulierten Belastungsprofils (VB 209.4/12) angewiesen ist. Inwiefern je-
doch in einer diesem Belastungsprofil gerecht werdenden Tätigkeit eine
quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestehen sollte, wird nicht
dargetan und ist auch nicht ersichtlich. In diesem Zusammenhang gilt es
auch den gutachterlich festgestellten Inkonsistenzen Rechnung zu tragen:
So hätten sich Differenzen zwischen der klinischen Untersuchung und der
- 7 -
Beobachtung des Spontanverhaltens ergeben (z.B. Aufheben einer Socke
mit 100°-Anteversion der Schulter, wohingegen bei der klinischen Untersu-
chung bei 80° ein heftiger Schmerz angegeben worden sei), was für eine
Verdeutlichung spreche. Ebenso spreche eine symmetrisch ausgeprägte
Muskulatur an Ober- und Unterarmen gegen die von der Beschwerdefüh-
rerin geschilderten ausgeprägten Beschwerden. Zudem sei eine nicht
nachvollziehbare "Differenz zwischen Langfingerzehenabstand und Fin-
gerbodenabstand" demonstriert worden. Die angegebene Unfähigkeit,
einer Tätigkeit jeglicher Art nachzugehen, könne aufgrund der körperlichen
Untersuchung nicht nachvollzogen werden (VB 209.4/10 f.). Soweit der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin dazu eine eigene medizinische
Würdigung vornimmt (Beschwerde S. 5 f., Ziff. 18), ist diese von Vornhe-
rein unbeachtlich (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_409/2020 vom
5. Oktober 2020 E. 4.2.1; 8C_794/2017 vom 27. März 2018 E. 4.2.2 mit
Hinweisen). Zudem würdigte der Gutachter nicht – wie vom Rechtsvertreter
angenommen – die symmetrische Muskulatur im Bereich der Arme als In-
konsistenz, sondern deren Ausprägung an sich in Relation zu der geschil-
derten Unfähigkeit, die Hausarbeit verrichten und auch nur leichte Ge-
wichte tragen oder ziehen zu können (VB 209.4/4). Nachdem der psychiat-
rische Gutachter Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit in der
angestammten oder einer hinsichtlich der emotionalen Anforderungen da-
mit vergleichbaren angepassten Tätigkeit verneint hatte, erübrigte sich so-
dann eine Prüfung, ob der Beschwerdeführerin "ein aktiverer Lebensstil"
zumutbar sei.
4.3.
4.3.1.
Die Beschwerdeführerin wendet gegen das psychiatrische Teilgutachten
im Wesentlichen ein, der Gutachter habe die funktionellen psychischen Ein-
schränkungen und damit das Belastbarkeitsprofil unzureichend hergeleitet.
Er habe unzutreffende Feststellungen zum Aktivitätsniveau und dem sozi-
alen Umfeld getroffen und sich nicht zureichend mit den Ausführungen der
behandelnden Ärzte auseinandergesetzt. Die "Herleitung einer vollständi-
gen Arbeitsfähigkeit" anhand der Standardindikatoren werfe Fragen auf
(Beschwerde S. 7 ff., Ziff. 26 ff.).
4.3.2.
Der psychiatrische Gutachter führte betreffend die Herleitung der Diagno-
sen aus, es sei unter Berücksichtigung der biographischen Prägung und
einer Vielzahl an psychosozialen Belastungsfaktoren einschliesslich mas-
siver Kränkungserlebnisse in partnerschaftlichen Beziehungen von einer
rezidivierenden depressiven Störung auszugehen, die zu einer anhalten-
den Beeinträchtigung der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit der Be-
schwerdeführerin geführt habe. Die depressive Störung beeinflusse deren
affektive Belastbarkeit bis "heute", so dass unter Berücksichtigung des psy-
chopathologischen Befundes im Gesamtkontext von einer rezidivierenden
- 8 -
depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige depressiven Episode, aus-
zugehen sei. Darüber hinaus werde angesichts einer Vielzahl unbewältigter
Konfliktkonstellationen die Schmerzwahrnehmung beeinflusst, was Grund-
lage zur Diagnosestellung einer somatoformen Schmerzstörung sei. Die
von der Beschwerdeführerin vorgetragenen inneren Stimmen seien von der
Art ihrer Darstellung her nicht Ausdruck von Halluzinationen, sondern könn-
ten als "Pseudohalluzinationen" interpretiert werden. Insofern bestehe
keine klinische Symptomatik, die für eine Erkrankung aus dem schizophre-
nen Formenkreis spreche. Im Übrigen sei die Darstellung der vorgetrage-
nen Stimmen sehr akzentuiert erfolgt und habe einen gewissen appellati-
ven Aspekt beinhaltet. Zusammenfassend sei demnach bei der Beschwer-
deführerin von einer seit einigen Jahren bestehenden verminderten emo-
tionalen Belastbarkeit unterschiedlicher Ausprägung auszugehen, die sich
einschränkend auf ihre Leistungsfähigkeit im Berufsleben auswirke
(VB 209.6/8 f.).
In seiner medizinischen und versicherungsmedizinischen Beurteilung
führte der psychiatrische Gutachter sodann (unter anderem) aus, was folgt:
Aus der zur Verfügung stehenden Aktenlage ergäben sich deutliche Hin-
weise für eine konfliktbeladene biographische Prägung, nachdem die Be-
schwerdeführerin keinen Kontakt zu ihren leiblichen Eltern habe aufbauen
können und eine tragfähige emotionale und selbstwertstabilisierende Be-
zugsperson während der Adoleszenz gefehlt habe. Bis "heute" bestehe al-
lerdings ein enger Kontakt zu ihren beiden Söhnen aus einer unehelichen
Beziehung, in deren Rahmen eine stabile Bindungs- und Beziehungsfähig-
keit ersichtlich werde. Als Folge einer Verschlechterung der körperlichen
Belastbarkeit der Beschwerdeführerin aufgrund degenerativer Veränderun-
gen des Bewegungsapparates werde seit September 2014 eine durchgän-
gige Arbeitsunfähigkeit attestiert, die sich aus rein psychiatrischer Sicht
nicht begründen lasse. So verfüge die Beschwerdeführerin über ausrei-
chende Ressourcen, auf einem "zumindest ausreichend belastbaren" Akti-
vitätsniveau, ihr alltägliches Leben überwiegend autonom zu gestalten,
selbst wenn über eine gelegentliche Unterstützung durch ihren Sohn und
dessen Freundin berichtet werde. In diesem Kontext spielten auch unbe-
wusste Versorgungswünsche eine symptomverstärkende Rolle, die letzt-
lich im Hinblick auf die Bewertung der psychophysischen Belastbarkeit un-
berücksichtigt bleiben müssten. Insofern sei bei der Beschwerdeführerin
zusammenfassend eine ausreichend emotionale Belastbarkeit gegeben, in
deren Rahmen die Wahrnehmung von Freude und die Entwicklung einfa-
cher Interessenneigungen möglich sei. Eine durchgängige Anhedonie (Ver-
lust von Lebensfreude) liege nicht vor (VB 209.6/10).
Unter dem Gesichtspunkt der Längsschnittbetrachtung der erfolgten Be-
handlungen sei bei der Beschwerdeführerin von einer langjährigen chroni-
fizierten rezidivierenden Depression auszugehen, wobei ihre Motivations-
- 9 -
haltung, "mit eigener Willensanspannung eine relevante Besserung insbe-
sondere hinsichtlich ihrer Gestaltungsfähigkeit zu erzielen", aufgrund unbe-
wusster Versorgungswünsche begrenzt bleibe. Insofern ergäben sich keine
zusätzlichen Behandlungsoptionen, wobei unter Berücksichtigung der
Restressourcen die Aufhebung ihrer Arbeitsfähigkeit für einfache Tätigkei-
ten unter Berücksichtigung eines differenzierten Belastungsprofils nicht be-
gründbar sei (VB 209.6/10). Bezüglich der Konsistenz und Plausibilität hielt
der Gutachter fest, die von der Beschwerdeführerin vorgetragene redu-
zierte emotionale Belastbarkeit sei vor dem Hintergrund der zurücklie-
genden langjährigen Krankengeschichte nachvollziehbar, wenngleich in
der subjektiven Bewertung eine deutlich höhere Einschränkung vor-
getragen werde, als sie sich unter Berücksichtigung der objektiven
Parameter begründen lasse. So verfüge sie gerade im Hinblick auf ihr
unmittelbares soziales Umfeld über stabile Bindungs- und Beziehungs-
muster, vermöge einfachen Interessenneigungen nachzugehen und be-
sitze die primärpersönlichen Fähigkeiten, der in den letzten Jahren sich
abzeichnenden Regression mit einer zumutbaren Willensanspannung
entgegenzutreten (VB 209.6/11). Der nachgewiesene Medikamentenspie-
gel von Quetiapin liege sodann unterhalb des therapeutischen Bereichs,
was angesichts der verordneten Dosis für eine unzureichende Adhärenz
spreche (VB 209.6/8). Die Beschwerdeführerin sei zusammenfassend
– aus psychiatrischer Sicht – daher in der Lage, einfache Tätigkeiten ohne
besonderen Anspruch an die gedankliche Flexibilität, ohne besonderen
Verantwortungsbereich mit klar vorgegebenen Handlungsrichtlinien, gege-
benenfalls auch in Teamarbeit, ohne besonderen Zeitdruck unter Tages-
schichtbedingungen zu bewältigen; insofern entspreche die letzte Tätigkeit
als Reinigungskraft einer optimal angepassten Tätigkeit (VB 209.6/12).
Der psychiatrische Gutachter begründete damit nachvollziehbar, schlüssig
und unter Bezugnahme auf die geschilderten Beschwerden und bestehen-
den funktionellen Einschränkungen das Belastungsprofil und das Vorhan-
densein einer Arbeitsfähigkeit in einer diesem gerecht werdenden Tätigkeit.
4.3.3.
Auch wenn die umfassende Behandlung von behandelnden Ärzten einen
längeren Zeitraum abdeckt und durchaus wertvolle Erkenntnisse erbringen
kann, lässt es die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des
therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und Begutachtungsauftrags
des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten andererseits nicht zu,
ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum
Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu
anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in
denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behan-
delnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver Interpretation ent-
springende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung uner-
- 10 -
kannt oder ungewürdigt geblieben sind (vgl. statt vieler: Urteil des Bundes-
gerichts 8C_60/2020 vom 8. April 2020 E. 3.2 mit Hinweisen). Dies ist
vorliegend nicht der Fall. Die Berichte der behandelnden Ärzte lagen dem
psychiatrischen Gutachter vor (VB 209.6/2; VB 219 f.) und gelten daher
grundsätzlich als von diesem berücksichtigt (Urteil des Bundesge-
richts 8C_616/2017 vom 14. Dezember 2017 E. 6.2.2). Entscheidend ist,
dass die Gutachter über das vollständige medizinische Dossier verfügen
und ihre Beurteilung in Kenntnis der Unterlagen abgegeben haben (vgl.
Urteile des Bundesgerichts 9C_651/2017 vom 19. Juni 2018 E. 4.4;
9C_212/2015 vom 9. Juni 2015 E. 4), was vorliegend zutrifft. Zudem setzte
sich der psychiatrische Gutachter sowohl mit den Einschätzungen gemäss
dem psychiatrischen Vorgutachten der MGZ als auch denjenigen der be-
handelnden Ärzte auseinander und begründete schlüssig und nachvoll-
ziehbar, weshalb er die dort geäusserten Auffassungen teilte bzw. weshalb
er davon abwich (VB 209.6/11 ff.; VB 221/2). In diesem Zusammenhang
gilt es zudem der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, wonach be-
handelnde Ärzte auch als spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen
im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen
mitunter eher zugunsten ihrer Patienten aussagen (vgl. statt vieler: Urteil
des Bundesgerichts 8C_295/2017 vom 27. September 2017 E. 6.4.2 mit
Hinweisen).
Betreffend die Unterschiede in der Diagnosestellung und Würdigung ein-
zelner Aspekte im Vergleich zum psychiatrischen Vorgutachten der MGZ
(keine affektive Störung, dafür spezifische Phobien [vgl. VB 121.2/32]) ist
festzuhalten, dass eine psychiatrische Exploration von der Natur der Sache
her nicht ermessensfrei erfolgen kann und dem begutachtenden Psychiater
praktisch immer einen Spielraum für verschiedene medizinisch-psychiatri-
sche Interpretationen eröffnet, was zulässig und zu respektieren ist, sofern
der Experte lege artis vorgegangen ist (Urteil des Bundesge-
richts 8C_720/2020 vom 8. Januar 2021 E. 4.2 mit Hinweisen). Dass dem
vorliegend nicht so wäre, macht die Beschwerdeführerin nicht geltend. Im
Übrigen stimmen die Beurteilungen beider Gutachter zumindest dahin-
gehend überein, dass die Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht
nicht (quantitativ) in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist (vgl.
VB 121.1/3). Ferner ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Beschwerde-
führerin im Verfahren VBE.2019.566 noch eine Befangenheit des
damaligen psychiatrischen MGZ-Gutachters und eine gänzliche Unver-
wertbarkeit von dessen Einschätzungen geltend machte (vgl. damalige
Beschwerde S. 4 ff. in VB 157/5 ff.), im vorliegenden Verfahren indes
– soweit für sie von Nutzen – diese Einschätzungen partiell und isoliert he-
ranzieht, um das SMAB-Gutachten in Zweifel zu ziehen. Schliesslich weist
die Beschwerdeführerin vergeblich darauf hin, dass der psychiatrische
SMAB-Gutachter die durch ihren "ehemalige[n] Psychiater" bescheinigte
Arbeitsunfähigkeit ab dem 13. Januar 2017 nicht berücksichtigt habe
(Beschwerde S. 14 Ziff. 52), denn beim von ihr erwähnten Arzt handelt es
- 11 -
sich nicht um einen Facharzt für Psychiatrie (vgl. Eintrag im Medizinal-
beruferegister [www.medregom.admin.ch]; vgl. zur Relevanz eines Fach-
arzttitels: Urteil des Bundesgerichts 9C_458/2021 vom 15. November 2021
E. 3.3 mit Hinweisen).
4.3.4.
Der Zweck des strukturierten Beweisverfahrens ist es, anhand der Stan-
dardindikatoren zu überprüfen, ob und in welchem Umfang die ärztlichen
Feststellungen anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf eine Arbeits-
unfähigkeit schliessen lassen, wie sie vom medizinisch-psychiatrischen Ex-
perten abschliessend eingeschätzt worden ist. Es ist zu fragen, ob die funk-
tionellen Auswirkungen medizinisch im Lichte der normativen Vorgaben wi-
derspruchsfrei und schlüssig mit (zumindest) überwiegender Wahrschein-
lichkeit nachgewiesen sind. Der Beweis für eine lang andauernde und er-
hebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit ist nur dann erbracht,
wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer um-
fassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild für eine Einschränkung
in allen Lebensbereichen (Konsistenz) zeigt. Fehlt es daran, ist der Beweis
nicht geleistet und nicht zu erbringen (vgl. BGE 145 V 361 E. 3.2.2 S. 364).
Vorliegend wurde vom psychiatrischen SMAB-Gutachter nach eingehender
Erörterung der Sachlage und sorgfältiger Herleitung der Diagnosen keine
Arbeitsunfähigkeit in der angestammten oder einer anderen angepassten
Tätigkeit attestiert, weshalb sich die Durchführung eines strukturierten Be-
weisverfahrens erübrigt (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.3 S. 417). Zudem ha-
ben sowohl der MGZ-Gutachter als auch bereits der Konsiliarpsychiater der
Unfallversicherung (VB 69.16/17 f.) das Verhalten der Beschwerdeführerin
als inkonsistent gewertet bzw. sogar explizit eine Aggravation angenom-
men (VB 121.2/34). Vor diesem Hintergrund brauchte der psychiatrische
SMAB-Gutachter auch nicht mehr vertieft auf die "Versorgungswünsche"
der Beschwerdeführerin einzugehen (Beschwerde S. 13, Ziff. 44); die ver-
sicherungspsychiatrische Aktenlage erweist sich als durchgehend kon-
sistent.
4.4.
Gegen das pneumologische und das internistische Teilgutachten bringt die
rechtskundig vertretene Beschwerdeführerin keine Einwände vor, wobei für
solche ausweislich der Akten auch kein Anlass besteht. Das neurologische
Teilgutachten wird hinsichtlich der Feststellungen betreffend die Arbeitsfä-
higkeit ebenfalls nicht beanstandet. Vielmehr führt die Beschwerdeführerin
selbst aus, es sei aus neurologischer Sicht nie eine Arbeitsunfähigkeit at-
testiert worden (Beschwerde S. 7, Ziff. 22).
- 12 -
4.5.
4.5.1.
Weiter beanstandet die Beschwerdeführerin, das interdisziplinäre Gutach-
ten bestehe ausschliesslich aus einer Zusammentragung der Ergebnisse
der Teilgutachten, sodass eine Diskussion allfälliger Wechselwirkungen
der "erhobenen Erkrankungen" und damit eine integrative versicherungs-
medizinische Würdigung fehle. Zudem sei die Konsensbesprechung per
E-Mail erfolgt; der Beschwerdeführerin sei der Zugang zu diesen
Unterlagen nicht gewährt worden (Beschwerde S. 4 f., Ziff. 13-15).
4.5.2.
Die beteiligten Gutachter führten eine Konsensbesprechung (per E-Mail)
durch und erklärten sich mit der vorliegenden interdisziplinären Gesamt-
beurteilung einverstanden (VB 209.1/17 ff.). Eine (längerdauernde) Ar-
beitsunfähigkeit in einer den gesundheitlichen Beschwerden angepassten
Tätigkeit besteht gemäss den gutachterlichen Einschätzungen in keiner der
beteiligten Fachdisziplinen (VB 209.3/10; 209.4/13; 209.5/8; 209.6/13;
209.7/11). In der angestammten Tätigkeit als Reinigungskraft besteht seit
dem Unfall vom 9. September 2014 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit auf
orthopädischem (VB 209.4/13; VB 209.1/16) und eine um 40 % ein-
geschränkte Arbeitsfähigkeit auf pneumologischem Fachgebiet
(VB 209.7/10). Vor diesem Hintergrund erschliesst sich nicht, inwiefern
eine vertiefte Auseinandersetzung der beteiligten Fachgutachter mit mögli-
chen Wechselwirkungen hätte erfolgen bzw. insbesondere niedergeschrie-
ben werden sollen. Bei den Unterlagen zur Konsensbesprechung handelt
es sich schliesslich um interne Akten, die für die Meinungsbildung bestimmt
sind und denen kein Beweischarakter zukommt. Sie sind somit vom Recht
auf Akteneinsicht nicht erfasst (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 8C_466/2017 vom 9. November 2017 E. 4.1.2 mit Hinweisen), wes-
halb kein Anspruch auf entsprechende Einsichtnahme besteht.
4.6.
Der rechtserhebliche medizinische Sachverhalt erweist sich zusammenfas-
send als rechtsgenüglich abgeklärt, weshalb auf weitere Abklärungen (Ge-
richtsgutachten [Rechtsbegehren Ziff. 1], Unterbreitung der im Vorbe-
scheidverfahren eingereichten Ergänzungsfragen) zu verzichten ist
(BGE 144 V 361 E. 6.5 S. 368 f.).
5.
5.1.
Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist
Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG; vgl. auch Art. 25 und
26 IVV).
- 13 -
Die Beschwerdegegnerin stellte in ihrer Verfügung vom 20. Juli 2021 auf
den Einkommensvergleich der Suva gemäss Verfügung vom 22. Dezem-
ber 2020 (vgl. VB 203/3 f.) ab. Dabei ging die Beschwerdegegnerin per
9. September 2015 von einem Valideneinkommen von Fr. 56'911.00 und
einem Invalideneinkommen von Fr. 53'096.00 aus und errechnete einen In-
validitätsgrad von 7 % (VB 222/2). Dieser wird von der rechtskundig vertre-
tenen Beschwerdeführerin nicht beanstandet und es sind den Akten – ab-
gesehen von nachfolgender Ausnahme – keine relevanten Anhaltspunkte
zu entnehmen, wonach dieser jedenfalls im Ergebnis nicht korrekt wäre.
5.2.
5.2.1.
Wenn für die bisherige Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von erheblicher
Dauer und Ausprägung besteht, während mit der verbliebenen Arbeits-
fähigkeit in angepassten Tätigkeiten zunächst ein rentenausschliessendes
Einkommen erzielt werden kann resp. könnte, so entsteht – unter Vorbehalt
anderer Voraussetzungen (vgl. insbesondere Art. 29 Abs. 1 IVG) – bei
Verschlechterung des Gesundheitszustandes ein Rentenanspruch, sobald
die Invalidität mindestens 40 % beträgt (Urteil des Bundesge-
richts 9C_878/2017 vom 19. Februar 2018 E. 5.3 unter anderem mit Hin-
weis auf BGE 121 V 264 E. 5b S. 270 und E. 6b/bb S. 273). In einer solchen
Konstellation gelangt denn auch die Wartezeit gemäss Art. 88a Abs. 2 IVV
nicht zur Anwendung, da im Zeitpunkt der massgeblichen Verschlech-
terung des Gesundheitszustands eine revidierbare Rente fehlt (a.a.O.
sowie Urteil des Bundesgerichts 8C_777/2014 vom 28. Januar 2015
E. 4.2).
5.2.2.
Angesichts der am 6. Oktober 2015 erfolgten Neuanmeldung (VB 19), des
Ablaufs des Wartejahrs am 8. September 2015 und der 100%igen Arbeits-
unfähigkeit in der angestammten Tätigkeit (seit dem 9. September 2014)
besteht aufgrund der im Zusammenhang mit der Operation vom 13. Feb-
ruar 2019 attestierten Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit während drei
Monaten ein Anspruch auf eine ganze Rente ab dem 1. Februar 2019. Die
Rente ist in Anwendung von Art. 88a Abs. 2 IVV bis zum 31. August 2019
zu befristen. Auf die Durchführung von Eingliederungsmassnahmen vor
Befristung der Rente durfte vorliegend aufgrund der fehlenden subjektiven
Eingliederungsfähigkeit der Beschwerdeführerin verzichtet werden, da
diese wiederholt kundgetan hatte, sich aufgrund ihrer Schmerzen keinerlei
Erwerbstätigkeit mehr vorzustellen zu können (vgl. etwa VB 207/4; 209.4/4,
6; 209.5/4; 209.6/5, 12), was anhand der feststellbaren Befunde, Inkon-
sistenzen und "Versorgungswünsche" nicht von Belang sein kann.
5.3.
Nach dem Dargelegten ist die angefochtene Verfügung in teilweiser Gut-
heissung der Beschwerde aufzuheben und der Beschwerdeführerin für den
- 14 -
Zeitraum vom 1. Februar 2019 bis zum 31. August 2019 eine ganze Rente
zuzusprechen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
6.
6.1.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensausgang und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdeführerin als grösstenteils unterliegender Partei aufzu-
erlegen. Da dieser die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt wurde, sind die
Kosten einstweilen lediglich vorzumerken.
6.2.
Der Beschwerdeführerin steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) keine Parteient-
schädigung zu. Dem unentgeltlichen Rechtsvertreter wird das angemes-
sene Honorar nach Eintritt der Rechtskraft des versicherungsgerichtlichen
Urteils aus der Obergerichtskasse zu vergüten sein (§ 34 Abs. 3 VRPG
i.V.m. Art. 122 Abs. 1 lit. a ZPO).
6.3.
Es wird ausdrücklich auf Art. 123 ZPO verwiesen, wonach eine Partei, der
die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung der vor-
gemerkten Gerichtskosten sowie der dem Rechtsvertreter ausgerichteten
Entschädigung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist.