Decision ID: c79797a5-649b-4c92-a315-d5472b6cb42b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 22. Februar 2017 im Rahmen eines Re-
location-Programms (unter anderem aufgrund der in der Schweiz wohnhaf-
ten Schwester [N {...}]) in die Schweiz ein und reichte gleichentags ein
Asylgesuch ein.
B.
Am 28. Februar 2017 fand die Befragung zur Person (BzP) und am 5. April
2018 die Anhörung zu den Asylgründen statt.
Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, dass er die
Schule im achten Schuljahr (im achten Monat 2007) als Vierzehnjähriger
abgebrochen habe, weil er für den Militärdienst rekrutiert worden sei. Es
habe damals eine Razzia gegeben und er sei nach B._ und später
nach C._ gebracht worden, wo er sich bis zu seiner Flucht während
drei Monaten in einer Ausbildungskaserne befunden habe. Nach seiner
Flucht habe er sich während zehn Monaten versteckt, bevor er am 14. Au-
gust 2008 Eritrea illegal Richtung Äthiopien verlassen habe. In der Folge
habe er sich im Sudan und in Israel aufgehalten und sei schliesslich nach
Europa gelangt, wo er sich in Italien sechs Monate aufgehalten habe.
Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer einen Tauf-
schein, eine Geburtsurkunde sowie Kopien der Identitätskarten der Eltern
ein.
C.
Gemäss Strafbefehl vom 29. März 2019 der Staatsanwaltschaft des Kan-
tons D._ wurde der Beschwerdeführer wegen Angriffs und einfa-
cher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je
Fr. 30.– bedingt (aufgeschoben bei einer Probezeit von 2 Jahren) verurteilt
und mit einer Busse von Fr. 900.– belegt. Aus dem Strafbefehl geht im
Weiteren hervor, dass gegen den Beschwerdeführer bereits am 21. März
2018 ein Strafbefehl wegen Urkundenfälschung und eines geringfügigen
Vermögensdelikts (Erschleichen einer Dienstleistung) erlassen worden war
(Bedingte Geldstrafe von 10 Tagesansätzen zu je Fr. 30.–).
D.
Mit Verfügung vom 9. Juli 2019 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer
erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ord-
nete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
E-4001/2019
Seite 3
E.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 8. August 2019 erhob der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er bean-
tragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung, eventualiter die vorläufige
Aufnahme. Subeventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumut-
barkeit des Vollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme zu gewäh-
ren. Subsubeventualiter sei die Sache zur hinreichenden Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In pro-
zessualer Hinsicht wurde unter Verzicht auf das Erheben eines Kostenvor-
schusses um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und die Bei-
ordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes ersucht.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 14. August 2019 wurden die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Rechtsver-
beiständigung gutgeheissen und MLaw Géraldine Kronig als amtliche
Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers eingesetzt. Die Vorinstanz
wurde zur Vernehmlassung eingeladen.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 2. September 2019 beantragte das SEM
die Abweisung der Beschwerde. Diese wurde der Rechtsvertretung am
4. September 2019 zur Kenntnis gebracht.
H.
Mit Eingabe vom 3. Oktober 2019 teilte die Rechtsvertretung mit, künftige
Korrespondenz weiterhin an die bisherige Adresse zuzustellen.
I.
Mit Schreiben vom 23. Februar 2021 wurde die Frage der Rechtsvertretung
nach dem Verfahrensstand beantwortet und mitgeteilt, dass aus organisa-
torischen Gründen die Verfahrensleitung seit dem letzten Schriftenwechsel
auf den Unterzeichnenden als neuen Instruktionsrichter übergegangen sei.
J.
Mit Eingabe vom 16. März 2021 wurde ein ärztlicher Bericht des E._
vom 3. März 2021 eingereicht, worin erstmalig vorgebracht wird, der Be-
schwerdeführer sei homosexuell und leide unter Angstzuständen.
K.
Mit Eingaben vom 14. Dezember 2021 und vom 31. Mai 2022 erkundigte
E-4001/2019
Seite 4
sich die Rechtsvertretung mit dem Hinweis auf die Integrationsbemühun-
gen des Beschwerdeführers erneut nach dem Stand des Beschwerdever-
fahrens. Diese Eingaben wurden mit Schreiben vom 20. Dezember 2021
und vom 2. Juni 2022 beantwortet.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bis-
herige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
E-4001/2019
Seite 5
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (BVGE 2015/3
E. 6.5.1 und 2012/5 E.2.2).
5.
5.1 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung den geltend gemachten
Militärdienst und die weiteren Vorbringen, aus dem Militärdienst desertiert
zu sein, als nicht glaubhaft erachtet.
5.2 Es führte aus, dass der Beschwerdeführer abweichend von der Aus-
sage im Rahmen der BzP, wonach er die achte Klasse abgebrochen habe
(vgl. A3 F1.17.04), anlässlich der Anhörung angegeben habe, die achte
Schulklasse abgeschlossen beziehungsweise das Schuljahr 2007 beendet
zu haben (vgl. A11 F63, F70). Ausserdem habe er anlässlich der Anhörung
geltend gemacht, die achte Schulklasse wegen der Krankheit seiner
Schwester nicht begonnen zu haben (vgl. A11 F66), nachdem er noch an
der BzP angegeben habe, wegen erfolgter Zwangsrekrutierung die achte
Klasse abgebrochen zu haben (vgl. A3 1.17.04).
5.3 Die Schilderungen der zentralen Vorbringen entbehrten der Substanti-
ierung. So habe der Beschwerdeführer nicht genau sagen können, wie
lange in er in C._ gewesen und wann er in C._ eingetroffen
sei (vgl. A11 F121, F122). Zudem seien seine Angaben zur Ausbildung an
der Waffe nicht nachvollziehbar. So habe der Beschwerdeführer anlässlich
der Anhörung zunächst ausgesagt, dass er auch militärisch ausgebildet
worden sei und zwar an einer Kalaschnikow (vgl. A11 F126). Allerdings
habe er in der Folge nicht angeben können, wie viele Patronen in einem
Magazin Platz hätten (vgl. A11 F130) und in der Folge abweichend von der
vorherigen Aussage, zwei Tage lang Schiessübungen mit der Kalaschni-
kow gemacht zu haben, behauptet, nur zwei Schiessübungen absolviert zu
haben (vgl. A11 F 130). In der Folge habe er gar behauptet, nur einen ein-
zigen Schuss abgegeben zu haben (vgl. A11 F131). Schliesslich habe der
Beschwerdeführer die nicht nachvollziehbare Aussage gemacht, dass er
das Gewehr nicht habe reinigen müssen. Es mute geradezu absurd an,
dass die Ausbildner die Waffen gereinigt hätten (vgl. A11 F134). Ebenso-
wenig nachvollziehbar sei, dass nach der Schiessübung den Soldaten die
E-4001/2019
Seite 6
richtigen Waffen weggenommen worden seien und diese an selbstgebas-
telten Holzattrappen weiter geübt hätten (vgl. vgl. A11 F128). Somit könne
nicht geglaubt werden, dass der Beschwerdeführer jemals in den Militär-
dienst einberufen und dort ausgebildet worden sei. Ausserdem sei es sehr
unwahrscheinlich, dass man ihn bereits mit 14 oder 15 Jahren in den Mili-
tärdienst eingezogen habe. In der Regel seien Personen mit Erreichen der
Volljährigkeit, also mit 18 Jahren, dienstpflichtig. In gewissen Fällen könne
ein früherer Einzug nach Absolvierung der 11. Klasse denkbar sein.
5.4 Auch die geltend gemachte Desertion selbst könne nicht geglaubt wer-
den. So habe der Beschwerdeführer das Entfernen von der Truppe weitge-
hend ohne Details beschrieben. Namentlich habe er lediglich angegeben,
er habe eine gute Gelegenheit abgewartet, um zu fliehen, ohne genau zu
sagen, wie sich diese gute Gelegenheit ergeben habe (vgl. A11 F143). Zu-
dem habe er bloss ausgesagt, er habe sich von der Truppe entfernt, ohne
genauer zu schildern, wie er das bewerkstelligt habe (vgl. A11 F137). Da-
rauf angesprochen, wie er die Flucht vorbereitet und durchgeführt habe,
habe er mit bloss wenigen Sätzen in ausweichender Weise geantwortet.
So habe er erklärt, er habe die Flucht schon lange geplant gehabt und auf
das Zeichen seines Kollegen gewartet (vgl. A11 F143), er habe sonst gar
nichts vorbereitet gehabt (vgl. A11 F144). Zudem habe er das neunmona-
tige Untertauchen vor der Ausreise substanzlos geschildert. Er habe ledig-
lich angegeben, sich am Herkunftsort seiner Mutter, mal am Wohnort in
Dekemhare aufgehalten zu haben, wohin er zurückgekehrt sei, wenn die
Lage dort «einigermassen okay gewesen sei» (vgl. A11 F151). Auch die
Schilderung der Ausreise sei substanzlos ausgefallen. So sei er beispiels-
weise nicht in der Lage gewesen, zu beschreiben, wie er schliesslich zur
Grenze gelangt sei (vgl. A11 F161). Ferner fehle die emotionale Anteil-
nahme während der Schilderungen weitgehend. Es entstehe in keinem
Moment der Erzählung der Eindruck von selbsterlebten Ereignissen. Es sei
deshalb davon auszugehen, dass es sich bei den geltend gemachten Vor-
bringen (Militärdienst, Desertion, illegale Ausreise) um ein frei erfundenes
Konstrukt handle.
5.5 Die geltend gemachte illegale Ausreise sei unabhängig von der Frage
der Glaubhaftigkeit ohnehin nicht asylrelevant, da nach der Praxis des Bun-
desverwaltungsgerichts eritreische Staatsangehörige aufgrund ihrer illega-
len Ausreise nicht mit Sanktionen rechnen müssten, die bezüglich ihrer In-
tensität ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellten. Andere
Gründe, welche den Beschwerdeführer in den Augen des eritreischen Re-
gimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, seien aufgrund
E-4001/2019
Seite 7
der Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Desertion ebenfalls nicht er-
sichtlich.
6.
6.1
In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Vorinstanz verkenne, dass
der Beschwerdeführer nicht nur bei der BzP, sondern auch bei der Anhö-
rung ausgesagt habe, die Schule im Jahr 2007 abgebrochen zu haben (vgl.
A11 F62). Mit der Aussage des Beschwerdeführers, wonach er die Schule
in diesem Jahr im Juni abgeschlossen, das Schuljahr 2007 beendet habe
(vgl. A11 F63), lasse sich nicht ausschliessen, dass er die Schule beendet
haben könnte, indem er diese abgebrochen habe. Im Weiteren bestehe der
vom SEM festgestellte Widerspruch, wonach der Beschwerdeführer ange-
geben habe, die Schule wegen der Zwangsrekrutierung beziehungsweise
wegen seiner kranken Schwester abgebrochen zu haben, nicht. Es er-
scheine nämlich nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer aus einem
bestimmten Grund vor der Zwangsrekrutierung die Schule abgebrochen
haben könnte, da er ja bei der Razzia bereits keinen gültigen Schüleraus-
weis mehr gehabt habe (vgl. A11 F92, F105, F106).
6.2 Hinsichtlich des angeblich substanzlosen Aussageverhaltens sei da-
rauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ereignisse
erst vierzehn Jahre alt gewesen sei. Im Weiteren habe er zwar nicht exakte
Angaben, aber durchaus Zeitspannen zwischen den einzelnen Ereignissen
angeben können. Zudem habe die Vorinstanz die vom Beschwerdeführer
geschilderte militärische Ausbildung als realitätsfremd erachtet, ohne zu
begründen, wie eine entsprechende militärische Ausbildung auszusehen
habe, womit sie ihrer Begründungspflicht nicht nachgekommen sei. Entge-
gen der Auffassung der Vorinstanz komme es im Weiteren nach Länderbe-
richten in Eritrea durchaus vor, dass auch Kinder ab 14-15 Jahren rekrutiert
würden. Schliesslich habe der Beschwerdeführer die geltend gemachte
Desertion detailliert beschrieben (Landschaft, Distanz zwischen den Orten,
Begleitpersonen). Zum geltend gemachten Untertauchen während neun
Monaten sei er nicht näher befragt worden. Das SEM habe es unterlassen,
den Beschwerdeführer dazu aufzufordern, die Ereignisse detaillierter zu
schildern. Schliesslich könne aufgrund der angeblich emotionslos vorge-
tragenen Ereignisse nicht zwingend auf die Ungaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen geschlossen werden.
6.3 Dem Beschwerdeführer drohe wegen erfolgter Desertion eine unver-
hältnismässige Strafe und der Militärdienst stelle in Eritrea eine Verletzung
E-4001/2019
Seite 8
von Art. 3 EMRK dar. Aufgrund der illegalen Ausreise im Zusammenhang
mit der erfolgten Desertion müsse der Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr mit asylrelevanten Nachteilen rechnen.
6.4 Mit Eingabe vom 16. März 2021 machte die Rechtsvertretung (erst-
mals) geltend, dass der Beschwerdeführer homosexuell sei und sich we-
gen Angstzuständen in medizinischer Behandlung befinde (vgl. ärztlicher
Bericht des E._ vom 3. März 2021). Er habe bisher nicht den Mut
gehabt, sich zu outen. In Eritrea habe er mit seinem familiären Umfeld nie
über seine Homosexualität gesprochen, jedoch habe er im Verborgenen
ein Jahr lang eine Beziehung mit einem befreundeten Homosexuellen ge-
habt, den er schon aus der Kindheit gekannt habe. In Eritrea sei Homose-
xualität strafbar. Anlässlich des Asylverfahrens habe er sich aus Angst und
Scham, insbesondere vor dem Dolmetscher, nicht über seine sexuelle Aus-
richtung äussern können. Er habe befürchtet, wenn der Dolmetscher davon
erfahre, würde seine Homosexualität überall bekannt werden, auch wenn
er im Vorfeld der Befragungen auf dessen Verschwiegenheitspflicht auf-
merksam gemacht worden sei. Er habe die Erfahrung gemacht, dass auch
in der eritreischen Diaspora das Thema rund um LGBTQI auf Ablehnung
stosse.
7.
7.1 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs-
sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige-
rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei-
nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt
ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den
Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person
rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen
droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung
unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regel-
mässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird
von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit auf-
gefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht haben, einer
solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinne von
Art. 1A Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen
(vgl. zum Ganzen Entscheidungen und Mitteilungen der ehemaligen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3; beispielsweise bestätigt in Urteil
des BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1).
E-4001/2019
Seite 9
7.2 Die Vorinstanz hat zu Recht die geltend gemachte Desertion (und be-
reits die Einberufung in den Militärdienst) und die nachfolgende illegale
Ausreise als nicht glaubhaft erachtet. Der Beschwerdeführer war nicht in
der Lage, diese Vorbringen widerspruchsfrei und substantiiert darzulegen.
7.2.1 Mit der Vorinstanz ist zunächst festzuhalten, dass der Beschwerde-
führer abweichend von der Aussage im Rahmen der BzP, wonach er die
achte Klasse abgebrochen habe (vgl. A3 F1.17.04), anlässlich der Anhö-
rung angab, die achte Schulklasse im Juni 2007 beendet beziehungsweise
abgeschlossen zu haben (vgl. A11 F63, F70). Mit der spekulativen Erklä-
rung in der Beschwerde, wonach sich mit der Aussage des Beschwerde-
führers, dass er das Schuljahr 2007 beendet habe (vgl. A11 F63), zumin-
dest nicht ausschliessen lasse, dass er die Schule beendet haben könnte,
indem er diese abgebrochen habe, vermag dieser Widerspruch nicht be-
seitigt zu werden. Neben den zeitlichen Umständen kommt weiter hinzu,
dass der Beschwerdeführer in der BzP und der Anhörung offenkundig an-
dere Gründe für das nicht Weiterführen der Schule angegeben hat. So hat
der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung konkret angegeben, die
neue Schulklasse wegen der Krankheit seiner Schwester nicht begonnen
zu haben (vgl. A11 F66). Demgegenüber hat er an der BzP noch angege-
ben hatte, wegen einer Zwangsrekrutierung die achte Klasse abgebrochen
zu haben (vgl. A3 1.17.04). Die genannten Gründe weichen somit ganz
offenkundig voneinander ab. Der in der Beschwerde vorgenommene Er-
klärungsversuch ist nicht geeignet diese Widersprüche aufzulösen. So wird
in der Beschwerde geltend gemacht, die Aussagen seien so zu interpretie-
ren, dass der Beschwerdeführer aus einem bestimmten Grund vor der
Zwangsrekrutierung die Schule abgebrochen habe, da er ja bei der Razzia
bereits keinen gültigen Schülerausweis mehr gehabt habe (vgl. A11 F92,
F105, F106). Doch auch dieser Erklärungsversuch lässt sich nicht mit sei-
nen übrigen Aussagen in Einklang bringen. Hierzu ist festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer angab, bei der Razzia aufgrund des Schulendes
(und somit nicht aufgrund eines Schulabbruchs) keinen gültigen Schüler-
ausweis mehr gehabt zu haben (vgl. A11 F106). Der vom SEM festgestellte
Widerspruch bleibt somit bestehen. Im Weiteren konnte der Beschwerde-
führer, wie vom SEM zutreffend festgehalten, nicht angeben, wann er in
C._ eingetroffen und wie lange er dort gewesen sei (vgl. A11 F120).
Im Weiteren erachtete es das SEM als sehr unwahrscheinlich, dass man
den Beschwerdeführer bereits mit 14 oder 15 Jahren in den Militärdienst
eingezogen habe. In der Regel seien Personen mit Erreichen der Volljäh-
rigkeit, also mit 18 Jahren, dienstpflichtig. In gewissen Fällen könne ein
E-4001/2019
Seite 10
früherer Einzug nach Absolvierung der 11. Klasse denkbar sein. Dieser Auf-
fassung wurde in der Beschwerde entgegengehalten, dass es nach Län-
derberichten in Eritrea vorkomme, dass auch Kinder ab 14-15 Jahren re-
krutiert würden. Dies hat das SEM nicht bestritten, sondern festgehalten,
dass eine Rekrutierung in diesem Alter sehr unwahrscheinlich erscheine.
Dieser Einschätzung der Vorinstanz schliesst sich das Gericht an.
7.2.2 Neben den widersprüchlichen und unbestimmten Aussagen zur
Zwangsrekrutierung ist die Schilderung des Militärdienstes, insbesondere
der Waffengebrauch, realitätsfremd und widersprüchlich ausgefallen.
Bereits die Schilderungen des Beschwerdeführers zu den genauen Um-
ständen seiner angeblichen Ankunft in C._ erscheinen wenig le-
bensnah. So brachte er beispielsweise vor, die erste Aufgabe habe darin
bestanden, dass die neu eingetroffene Gruppe an einem gute zwei Stun-
den Fussmarsch entfernten Ort, Steine und Holz geholt hätten, um damit
ein kleines Häuschen zu errichten (vgl. A11 F 111, 113). Wenig später be-
hauptete der Beschwerdeführer, dieses kleine Häuschen habe 500 bzw.
1000 Personen Unterkunft bieten können und habe rund zwanzig Zimmer
umfasst (vgl. A11 F 113, 115). Der Sinn dieser Baute habe bloss darin be-
standen, dass einige Personen während des Tages sich darin hätten auf-
halten können; dies weil so die Vorgesetzen ihnen dort besser Befehle hät-
ten erteilen können als im Freien (vgl. A11 F 117, 118). Während der Nacht
hätten er und die anderen aber bei Regen, Wind und Wetter im Freien ver-
bringen müssen (vgl. A11 F 119), dies obwohl in C._ zusätzlich be-
reits zwei grosse Mannschaftsunterkünfte bestanden hätten (vgl. A11 F
114). Die geschilderten Umstände hinsichtlich der Beschaffung des Bau-
materials, der Grösse und des Zwecks der Baute und die übrigen Begleit-
umstände wirken kaum realitätsnah und erwecken nicht den Eindruck ei-
nes realen Geschehens.
Auch die Angaben hinsichtlich der angeblichen militärischen Ausbildung
sind nicht nur substanzlos, sondern geradezu realitätsfern. So hat der Be-
schwerdeführer anlässlich der Anhörung ausdrücklich bestätigt, dass er mi-
litärisch an einem normalen Gewehr wie an einer Kalaschnikow ausgebil-
det worden sei (vgl. A11 F, 126 F128). Auf konkrete Nachfrage hin offen-
barte er indes ein augenscheinlich fehlendes Wissen hinsichtlich dieser
Waffen, welches mit seiner Behauptung, entsprechend ausgebildet worden
zu sein, nicht in Einklang zu bringen ist. So konnte er beispielsweise nicht
angeben, wie viele Patronen in einem Magazin Platz haben (vgl. A11
F130). Ferner hatte er auch keinerlei Kenntnisse über die Handhabung der
E-4001/2019
Seite 11
Waffe oder wie das Gewehr zerlegt oder gereinigt werden muss (vgl. A11
F130-133). Entsprechendes gehört jedoch zum elementaren Basiswissen
jeglicher Waffenausbildung, ohne diese eine fachgerechte Handhabung
und Wartung der Waffe im Ernstfall gar nicht möglich wäre. Dass der Be-
schwerdeführer eine militärische Ausbildung durchlaufen haben will,
gleichzeitig aber nicht einmal über elementares Basiswissen an der Waffe
verfügt, ist ein nicht zu erklärender Widerspruch. Die hierzu vorgebrachten
Erklärungsversuche des Beschwerdeführers sind als unbeholfen einzustu-
fen. So behauptete er, er habe nur wenige Male geschossen und ohnehin
hätten stets die Ausbildner die Waffe für ihn gereinigt (vgl. A11 F 134). Er
selber habe sich in der Folge einfach aus Holz eine Waffe gebastelt und
habe damit Übungen gemacht (vgl. A11 F 128). Diese Behauptungen er-
weisen sich als realitätsfern.
In der Beschwerde wird dem SEM vorgehalten, es habe nicht begründet,
wie eine entsprechende militärische Ausbildung auszusehen habe, womit
es seiner Begründungspflicht nicht nachgekommen sei. Diese Rüge er-
weist sich als unzutreffend. So ist offenkundig, dass die genannten Schil-
derungen des Beschwerdeführers der allgemein bekannten militärischen
Vorgehensweise, Rekruten an der Waffe auszubilden, klar widerspricht.
Sinn und Zweck einer solchen militärischen Grundausbildung besteht in
der Vermittlung elementarer militärischer Grundkenntnisse, der Handha-
bung der Waffe, dessen Wartung und Verwendung. Der Beschwerdeführer
wies hierzu keinerlei Kenntnisse auf, die auch nur annährend darauf
schliessen lassen, dieser habe jemals eine militärische Ausbildung durch-
laufen. Die vorinstanzlichen Erwägungen sind daher genügend begründet.
7.2.3 Auch die geltend gemachte Desertion (insbesondere das Entfernen
von der Truppe) hat der Beschwerdeführer substanzlos geschildert. Wie
das SEM zutreffend festgehalten hat, hat der Beschwerdeführer diesbe-
züglich bloss angegeben, er habe eine gute Gelegenheit abgewartet, um
zu fliehen, ohne genau zu sagen, wie sich diese gute Gelegenheit ergeben
hat (vgl. A11 F143). Zudem hat der Beschwerdeführer lediglich ausgesagt,
er habe sich von der Truppe entfernt, ohne genauer zu schildern, wie ihm
das gelungen sei (vgl. A11 F137). In offenem Widerspruch hierzu steht
auch seine Aussage, er habe die Flucht schon «sehr lange geplant», um
sogleich in der nächsten Antwort zu Protokoll zu geben, er und sein Kollege
hätten eigentlich gar nichts vorbereitet gehabt (vgl. A11 F144). Wer eige-
nen Angaben zufolge eine Flucht «sehr lange» vorbereitet hat, hat sich ge-
naue Überlegungen gemacht, an welchem Ort, unter welchen Umständen
und Möglichkeiten die Flucht ausgeführt werden könnte beziehungsweise
E-4001/2019
Seite 12
auf welche Art die Stunden und Tage nach der Flucht genutzt werden soll-
ten und welche Möglichkeiten hierzu bestehen. Nichts hiervon liegt in casu
vor. Die Behauptung einer von langer Hand geplanten Flucht kollidiert so-
wohl mit der Behauptung, keinerlei konkrete Planungen vorgenommen zu
haben, wie auch mit seiner Unfähigkeit, die Flucht anschaulich zu schil-
dern. Auch diese Beschreibungen des Beschwerdeführers sind mit den
Schilderungen einer Person nicht zu vereinbaren, die eine entsprechende
Situation effektiv selber erlebt hat.
Ebenso substanzlos sind letztlich die Angaben zu seinem Untertauchen
während zehn Monaten sowie zu seiner darauffolgenden Ausreise ausge-
fallen. Die Erklärung, er sei in der Folge an einen Ort gegangen, wo seine
Mutter hergekommen sei, und habe sich dort irgendwo versteckt gehalten,
zeugt kaum von der Widergabe eigenerlebter Umstände (vgl. A11 F 151-
152). Auch die Behauptung, dass während dieser Zeit trotz seiner angebli-
chen Desertion überhaupt nichts passiert sei, erscheint im eritreischen
Länderkontext als wenig lebensnah. Die Entgegnungen in der Be-
schwerde, wonach der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ereignisse noch
jung gewesen sei und im Weiteren zwar nicht exakte Angaben, aber zu-
mindest Zeitspannen zwischen den einzelnen Ereignissen habe angeben
können, vermögen das ausweichende Aussageverhalten des Beschwerde-
führers nicht plausibel zu erklären.
7.3 Im Lichte der voranstehenden Erwägungen hat die Vorinstanz die Vor-
bringen des Beschwerdeführers somit zu Recht als unglaubhaft eingestuft.
7.3.1 Die vom Beschwerdeführer geschilderten Gründe für seine Ausreise
müssen somit als nicht glaubhaft eingestuft werden.
Ergänzend ist festzuhalten, dass vorliegend Hinweise auf eine legale Aus-
reise des Beschwerdeführers bestehen. So gab er in der Anhörung unmiss-
verständlich an, sein Vater betreibe einen grenzüberschreitenden Waren-
handel und könne für die Beschaffung der Waren problemlos legal ins Aus-
land reisen (vgl. A11 F23, 24). Vor diesem Hintergrund besteht Grund zu
der Annahme, diese Möglichkeiten könnte allenfalls auch für den Be-
schwerdeführer beständen haben. Die Frage, ob er legal oder illegal aus-
gereist ist, kann indes offen gelassen werden, da dies in casu im Resultat
ohne Belang ist (vgl. E. 7.4.).
7.4 Im Zusammenhang mit der Frage der Asylrelevanz einer (allfälligen)
illegalen Ausreise ist im Sinne einer Klarstellung festzuhalten, dass das
E-4001/2019
Seite 13
Bundesverwaltungsgericht bis im Januar 2017 davon ausging, dass eine
illegale Ausreise aus Eritrea als subjektiver Nachfluchtgrund anzusehen
war, weil illegal Ausgereiste bei einer Rückkehr nach Eritrea mit erhebli-
chen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG rechnen mussten (vgl. Urteil des
BVGer D-3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.3). Diese Rechtsprechung ist
in der Folge jedoch aufgegeben worden. Im Referenzurteil D-7898/2015
vom 30. Januar 2017 kam das Bundesverwaltungsgericht nach einer ein-
gehenden quellengestützten Lageanalyse (E. 4.6–4.11) zum Schluss, dass
die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlings-
eigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden könne (E. 5.1). Es
sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass
einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asyl-
relevante Verfolgung drohe (a.a.O.). Nicht asylrelevant sei auch die Mög-
lichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen
werde; ob eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blick-
winkel von Art. 3 und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage
der Zulässigkeit bzw. Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (a.a.O.). Für
die Begründung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext bedürfe
es neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche
zu einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich
relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten (E. 5.2). Der Beschwerde-
führer konnte vorliegend nicht glaubhaft machen, dass er aus dem Militär-
dienst desertiert ist. Zudem bestehen keine konkreten Hinweise darauf,
dass in seinem Fall – neben der geltend gemachten illegalen Ausreise –
zusätzliche Anknüpfungspunkte vorliegen, welche ihn in den Augen der
eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen würden.
Folglich ist nicht davon auszugehen, dass er aus diesem Grund eine flücht-
lingsrechtlich relevante Verfolgung zu befürchten hätte. Von einer drohen-
den flüchtlingsrechtlich beachtlichen Verfolgung bei einer Rückkehr auf-
grund subjektiver Nachfluchtgründe ist nicht auszugehen.
7.5 Auf Beschwerdeebene machte der Beschwerdeführer erstmals gel-
tend, dass er homosexuell sei und sich wegen Angstzuständen in medizi-
nischer Behandlung befinde (vgl. ärztlicher Bericht des E._ vom
3. März 2021).
Hierzu festzuhalten, dass es sich hierbei um eine blosse Behauptung des
Beschwerdeführers handelt. Die angegebenen Gründe, welche ihn bisher
davon abgehalten hätten, den Asylbehörden seine Homosexualität zu of-
fenbaren (Angst und Scham vor dem Dolmetscher, psychisch schlechter
E-4001/2019
Seite 14
Zustand), überzeugen nicht, zumal er auch in der Beschwerde seine sexu-
elle Ausrichtung unerwähnt liess. So wäre zu erwarten gewesen, dass er
sich zumindest gegenüber seiner (weiblichen) Rechtsvertretung hätte of-
fenbaren können und spätestens im Rahmen der Beschwerde entspre-
chende Vorbringen getätigt worden wären. Ferner erscheint die nun nach-
träglich geltend gemachte Homosexualität auch im Lichte der übrigen zu
Protokoll gegebenen Aussagen als zumindest zweifelhaft. Insbesondere in
Zusammenhang mit dem mehrmonatigen (angeblichen) Aufenthalt in
C._, den beengten dortigen Verhältnissen unter lauter jungen Män-
nern sowie den dortigen rudimentären Möglichkeiten, sich in aller Öffent-
lichkeit im Fluss nackt waschen und duschen zu müssen, wäre zu erwarten
gewesen, der Beschwerdeführer hätte (zumindest andeutungsweise) ent-
sprechende Äusserungen, Gefühle oder Ängste vorgebracht. Im nun nach-
träglich eingereichten ärztlichen Bericht seines Hausarztes wird denn auch
bloss ohne weitere konkrete Ausführungen festgehalten, dass der «Patient
schwul sei und Ausgrenzung im Heimatstaat befürchte.». Auch im weiteren
Verlauf erfolgte keinerlei Substanzierung der behaupteten Homosexualität.
Bei dieser Sachlage ist dies als nachgeschoben und damit als unglaubhaft
zu erachten; wobei dies im Lichte der nachfolgenden Ausführungen im Re-
sultat offen gelassen werden kann. Aufgrund der Aktenlage ist der blosse
Umstand, dass der Beschwerdeführer gegenüber seinem Hausarzt be-
hauptet, er sei homosexuell, ungeeignet, um hieraus bereits eine asylrele-
vante Verfolgung ableiten zu können (vgl. nachfolgende Ausführungen).
In allgemeiner Hinsicht ist festzustellen, dass Homosexualität in Eritrea ver-
boten ist und mit bis zu mehreren Jahren Gefängnis bestraft werden kann
(vgl. bspw. Politisches Asyl für Homosexuelle: "Ein Leben im Schatten des
Rechts", www.taz.de › Politik › Nahost, abgerufen am 16.05.2019); die
Rechtspraxis ist indessen unklar. Tatsache ist indessen ebenso, dass bis-
lang vom Bundesverwaltungsgericht keine Kollektivverfolgung der Gruppe
der Homosexuellen in Eritrea festgestellt wurde und hierzu angesichts der
schwer zugänglichen Informations- und Quellenlage auch kein zureichen-
der Anlass besteht. Die erforderlichen Voraussetzungen (vgl. BVGE
2011/16: gezielte und intensive gegen das Kollektiv gerichtete Verfolgungs-
massnahmen, die eine genügende Dichte aufweisen und über das hinaus-
gehen, was andere Teile der Bevölkerung hinzunehmen haben) sind daher
nicht erfüllt. Es genügt somit zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft
nicht, die blosse Zugehörigkeit zur Gruppe der Homosexuellen in Eritrea
zu beweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Vielmehr ist eine indi-
viduelle, konkrete, subjektiv und objektiv begründete Furcht vor flüchtlings-
rechtlich bedeutsamen Benachteiligungen glaubhaft zu machen oder zu
http://www.taz.de/
E-4001/2019
Seite 15
beweisen (vgl. zum Ganzen: Urteil BVGer D-6758/2017 vom 5. Juli 2019,
E. 5.2.4.). Entsprechende Umstände liegen – selbst bei Glaubhaftigkeit der
geltend gemachten Homosexualität – in casu nicht vor. Auf die entspre-
chenden Ausführungen und Ersuchen des Beschwerdeführers um erneute
Befragung beziehungsweise Rückweisung der Sache zur hinreichenden
Abklärung ist daher nicht weiter einzugehen.
7.6 Aus den genannten Gründen erfüllt der Beschwerdeführer die Flücht-
lingseigenschaft nicht. Das SEM hat sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz fällt nicht in Betracht.
8.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration [AIG, SR 142.20]).
9.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völkerrecht-
liche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder
des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen-
stehen. Vorliegend kommt dem Beschwerdeführer keine Flüchtlingseigen-
schaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33
Abs. 1 FK und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des
Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und
völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Überein-
kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR
0.105]; Art. 3 EMRK).
Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei anstehender Ein-
ziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bundesverwaltungsge-
richt in einem Grundsatzurteil geklärt worden (vgl. BVGE 2018/4). Das Ge-
richt hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im genannten Urteil
E-4001/2019
Seite 16
sowohl unter dem Gesichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2
EMRK) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der unmenschli-
chen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK) geprüft und bejaht
(vgl. a.a.O., E. 6.1.5.2). Es kann auf die Ausführungen im genannten Urteil
verwiesen werden. Daher vermag selbst eine glaubhaft gemachte dro-
hende Einberufung in den Militärdienst, wovon aufgrund der unglaubhaften
Angaben des Beschwerdeführers zur geltend gemachten Desertion und
der illegalen Ausreise nicht auszugehen ist, der Zulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs nach Eritrea nicht entgegenzustehen.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Aus-
länderinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818).
Die drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst führt mangels
einer hinreichend konkreten Gefährdung nicht generell zur Feststellung der
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG (vgl.
Urteil E-5022/2017 E. 6.2).
Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise ei-
ner generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen
werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in einigen Be-
reichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwie-
rig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zu-
gang zu Wasser und zur Bildung haben sich jedoch stabilisiert. Der Krieg
ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte
sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die um-
fangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Be-
völkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Lan-
des muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung
ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als
noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle
Faktoren indessen nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer
D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
E-4001/2019
Seite 17
9.4 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen Mann mit
zahlreichen verwandtschaftlichen Beziehungen. Es ist davon auszugehen,
dass er bei einer Rückkehr mit Unterstützung seiner Familie eine gesi-
cherte Wohnsituation und Möglichkeiten zur Wiedereingliederung vorfin-
den wird. Hierzu ist mit aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, dass seine
Familie anscheinend wirtschaftlich überdurchschnittlich gut situiert ist. So
unterhält der Vater des Beschwerdeführers einerseits einen grenzüber-
schreitend tätigen Warenhandel. Ein Umstand, der für eritreische Verhält-
nisse durchaus bemerkenswert erscheint. Andererseits brachte der Be-
schwerdeführer selber vor, seine Familie habe Dienstmädchen im Haus
beschäftigt (vgl. A 11 F 155). Auch dieser Umstand lässt auf verhältnismäs-
sig grossen Wohlstand der Familie schliessen. Auf Beschwerdeebene
wurde ein ärztlicher Bericht des E._ vom 3. März 2021 eingereicht,
in dem festgehalten wird, dass der Beschwerdeführer unter Angstzustän-
den leide. Angaben zur allfälligen Behandlung der Angstzustände wurden
nicht gemacht. Weitere ärztliche Berichte wurden, obwohl der Beschwer-
deführer hierfür im Rahmen seiner obliegenden Mitwirkungspflicht genü-
gend Gelegenheit gehabt hätte, nicht eingereicht. Vor diesem Hintergrund
liegen keine Anhaltspunkte vor, welche die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs aus gesundheitlichen Gründen in Frage stellen könnten. Er-
gänzend ist darauf hinzuweisen, dass die geltend gemachten Ängste oh-
nehin in direkten Zusammenhang mit einer Rückkehr in das Heimatland
gebracht wurden. Diese dürften also, sobald der Beschwerdeführer zurück-
gekehrt ist, wieder abklingen.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.5 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit
des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG entgegen. Es
obliegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammengefasst hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
E-4001/2019
Seite 18
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde das
mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom
14. August 2019 gutgeheissen. Somit sind keine Verfahrenskosten zu er-
heben.
11.2 Mit Zwischenverfügung vom 14. August 2019 wurde im Weiteren das
Gesuch um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und MLaw Géraldine
Kronig dem Beschwerdeführer als Rechtsbeistand beigeordnet. Dieser ist
ein amtliches Honorar für die notwendigen Aufwendungen im Beschwerde-
verfahren auszurichten.
Die Rechtsvertretung reichte eine auf den 27. Februar 2020 datierte Kos-
tennote ein, in der sie einen zeitlichen Aufwand von insgesamt 15.5 Stun-
den ausweist. Dies erweist sich indes als zu hoch. Insbesondere der aus-
gewiesene zeitliche Aufwand für die Ausarbeitung der Beschwerde ist (vor
dem Hintergrund der besonders im zweiten Teil der Beschwerde stark text-
bausteinartigen Erwägungen) als zu hoch einzustufen und ist angemessen
zu reduzieren. Insgesamt ist daher für das vorliegende Verfahren von ei-
nem zeitlichen Aufwand von 10 Stunden auszugehen. Der Stundenansatz
für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter ist, wie bereits in anderen
Urteilen mit Hinweis auf ein allfälliges Unterliegen festgehalten, praxisge-
mäss Fr. 150.– und ist entsprechend anzupassen (vgl. hierzu statt vielen:
Urteil BVGer D-1497/2021 vom 3. März 2022, E. 12.2.). Unter Berücksich-
tigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist der
amtlichen Rechtsvertretung somit ein Honorar von gerundet Fr. 1’600.–
(inkl. Auslagen) aus der Gerichtskasse zu entrichten (vgl. Art. 12 und
Art. 14 Abs. 2 VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
E-4001/2019
Seite 19