Decision ID: 3b21a50a-421e-5c3b-9994-4162d4ab0130
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 3. Februar 2022 in der Schweiz um
Asyl nach. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem (CS-
VIS) ergab, dass ihr von Deutschland ein vom 12. November 2021 bis zum
11. Februar 2022 gültiges Visum ausgestellt worden war.
B.
Die Vorinstanz führte am 10. Februar 2022 mit der Beschwerdeführerin das
persönliche Gespräch nach Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO bzw. Dublin-Gespräch).
Die Beschwerdeführerin gab zu Protokoll wegen ihres hierzulande leben-
den Verlobten in die Schweiz gereist zu sein. Sie seien seit acht Jahren ein
Paar und erwarteten ein Kind. In der Türkei hätten sie während zweier
Jahre in einem gemeinsamen Haushalt gelebt. Die zivile Trauung sei ge-
plant gewesen, dazu sei es vor der Ausreise des Verlobten jedoch nicht
mehr gekommen. Aufgrund ihrer kranken Eltern habe die Beschwerdefüh-
rerin ihm auch nicht früher in die Schweiz folgen können. In den Jahren
2017 und 2018 sei sie zu Besuchen in die Schweiz gereist. Aufgrund der
Covid19-Pandemie sei dies in den Folgejahren jedoch nicht mehr möglich
gewesen. Ihr Versuch über die Schweizer Vertretung in der Türkei zu Hei-
ratszwecken eine Einreisebewilligung zu erhalten, sei erfolglos geblieben,
da die nötigen Unterlagen ihres Verlobten nicht hätten beschafft werden
können.
C.
Am 25. Februar 2022 gewährte ihr die Vorinstanz schriftlich das rechtliche
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und einer Überstellung
nach Deutschland.
Zu einer Überstellung nach Deutschland äusserte sie sich ablehnend. Sie
begründete dies damit, dass sie das ungeborene Kind gemeinsam mit ih-
rem Verlobten in der Schweiz aufziehen wolle. Er sei aufgrund des im Hei-
matland Erlebten verängstigt gewesen und habe sich aus Sicherheitsgrün-
den dafür entschieden, sie (die Beschwerdeführerin) in seinem Asylverfah-
ren nicht zu erwähnen. Die der Eingabe beigelegten Fotografien belegten
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die Beziehung der beiden vor und auch nach seiner Ausreise. Die notwen-
digen Dokumente für eine zivilrechtliche Eheschliessung in der Schweiz
lägen nun vor und sie erwarte den Termin der zivilen Trauung in Kürze.
D.
Gestützt auf das Ergebnis des CS-VIS-Abgleichs ersuchte das SEM am
11. Februar 2022 die deutschen Behörden um Aufnahme der Beschwerde-
führerin gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO. Diesem Gesuch wurde am
22. Februar 2022 entsprochen.
E.
Mit Verfügung vom 8. März 2022 (eröffnet am 14. März 2022) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte die Überstellung nach
Deutschland und forderte die Beschwerdeführerin auf, die Schweiz spätes-
tens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig
wies die Vorinstanz auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes we-
gen fehlende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton
B._ mit dem Vollzug der Wegweisung.
F.
Mit Eingabe vom 21. März 2022 erhob die Beschwerdeführerin durch ihren
Rechtsvertreter gegen die vorinstanzliche Verfügung Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragt, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutre-
ten. Eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sube-
ventualiter sei die Vollzugsbehörde anzuweisen, bis zur Eheschliessung
von einer Überstellung nach Deutschland abzusehen. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht wird um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung sowie um Erlass eines Vollzugsstopps im Sinne
einer vorsorglichen Massnahme ersucht. Zudem seien die Akten der Vo-
rinstanz beizuziehen.
Der Beschwerde beigelegt waren unter anderem diverse Fotografien, eine
Kopie des Reisepasses der Beschwerdeführerin, zwei Zugfahrkarten nach
B._ vom 13. Juli 2018, der Ausdruck eines Emailverlaufs in türki-
scher Sprache vom 21. April 2021 und ein handschriftliches Schreiben vom
3. Dezember 2021 in türkischer Sprache.
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G.
Die Akten der Vorinstanz lagen dem Gericht am 22. März 2022 in elektro-
nischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsge-
richt zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig
und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführerin ist zur Beschwer-
deführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess-
lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge-
rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG),
ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche ist in der Regel nicht einzutreten, wenn Asylsuchende
in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
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Abs. 1 Bst. b AsylG). Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylan-
trag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des
Kapitels III der Dublin-III-VO als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.2 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-
tuation im Zeitpunkt, in dem die antragstellende Person erstmals einen An-
trag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-
III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back)
findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung
nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1
m.w.H.).
4.3 Besitzt eine antragstellende Person ein gültiges Visum, so ist grund-
sätzlich der Mitgliedstaat, der das Visum erteilt hat, für die Prüfung des
Antrags auf internationalen Schutz zuständig (Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Erweist es sich als unmöglich, eine antragstellende Person in den ei-
gentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für sie in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen
aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Euro-
päischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit
sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Staat
als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mit-
gliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.5 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
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VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
5.
5.1 Ein Abgleich mit dem Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab, dass
der Beschwerdeführerin von Deutschland ein vom 12. November 2021 bis
zum 11. Februar 2022 gültiges Visum ausgestellt worden war (vgl. A11/3).
Das SEM ersuchte die deutschen Behörden deshalb am 11. Februar 2022
um Übernahme der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 12 Abs. 2 Dublin-
III-VO (vgl. A14/7). Dem Ersuchen wurde am 22. Februar 2022 entspro-
chen (vgl. A16/2), weshalb Deutschland grundsätzlich für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig ist.
5.2 Die Beschwerdeführerin bestreitet denn nicht, vorgenanntes Visum er-
halten zu haben; indessen brachte sie vor, es sei nur Mittel zum Zweck und
die Schweiz immer ihr Zielland gewesen. Ihrem Verlobten sei in der
Schweiz Asyl gewährt worden und sie hätten hierzulande ein Ehevorberei-
tungsverfahren eingeleitet. Zudem erwarteten sie ein gemeinsames Kind.
Aus dieser Beziehung ergebe sich eine Zuständigkeit der Schweiz für ihr
Asylverfahren gestützt auf Art. 9 Dublin-III-VO, da sie angesichts ihrer als
dauerhaft zu bezeichnenden Beziehung als Familienangehörige ihres Ver-
lobten im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO zu qualifizieren sei.
5.3 Unbestrittenermassen ist das Paar im vorliegenden Fall nicht (zivil-
rechtlich) verheiratet. Den Akten sind denn auch keine Hinweise auf das
Führen einer eheähnlichen dauerhaften Beziehung im Sinne von Art. 2
Bst. g Dublin-III-VO zu entnehmen. Die wiederholten Erklärungsversuche,
der Verlobte habe die Beschwerdeführerin in seinem Asylverfahren aus Si-
cherheitsgründen unerwähnt gelassen, sind als reine Schutzbehauptung
zu werten. Es ist davon auszugehen, hätte er tatsächlich in einer dauerhaf-
ten Beziehung mit Heiratsabsichten zur Beschwerdeführerin gestanden
und wäre dementsprechend um ihre Sicherheit besorgt gewesen, er nach
seiner Ausreise schnellstmöglich ein Verfahren um Familiennachzug ein-
geleitet hätte. Der Verweis auf das mittlerweile hierzulande eingeleitete
Ehevorbereitungsverfahren (vgl. Beschwerdebeilage 11) vermag daran
ebenso wenig etwas zu ändern, sowie die im erstinstanzlichen Verfahren
und auf Beschwerdeebene eingereichten Fotografien, welche mehrheitlich
undatiert sind respektive aus dem Jahr 2016 stammen. Zwar ist anhand
der auf Beschwerdeebene eingereichten Passkopien und Zugfahrkarten
davon auszugehen, dass sich die Beschwerdeführerin im Sommer 2017
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und 2018 für wenige Wochen in der Schweiz aufhielt, doch geht daraus
keineswegs hervor, dass sie in dieser Zeit Kontakt zu ihrem Verlobten ge-
habt respektive ihn persönlich getroffen hätte. Einen Beleg – beispiels-
weise mittels schriftlicher Nachrichten – für den geltend gemachten engen
Kontakt bleibt die Beschwerdeführerin denn auch schuldig. Folglich ver-
mag die Beschwerdeführerin aus Art. 9 i.V.m. Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO
nichts zu ihren Gunsten abzuleiten.
5.4 Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts weist
das Asylverfahren in Deutschland denn auch keine systemischen
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf (vgl. anstelle
vieler Urteil des BVGer F-464/2021 vom 8. Februar 2021 E. 5.1 m.H.). Es
gibt somit keinen Grund für die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO.
Die Beschwerdeführerin macht solches zu Recht auch nicht geltend.
5.5 Deutschland ist nach dem Gesagten zur Prüfung des Asylgesuchs
staatsvertraglich zuständig.
6.
6.1 Weiter fordert die Beschwerdeführerin in Anwendung der Ermessens-
klauseln von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 ei-
nen Selbsteintritt der Schweiz und macht in diesem Zusammenhang eine
Verletzung von Art. 8 EMRK geltend.
6.2
6.2.1. Zum geschützten Familienkreis von Art. 8 EMRK gehört in erster Li-
nie die Kernfamilie, das heisst die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren
minderjährigen Kindern (BGE 144 II 1 E. 6.1; 135 I 143 E. 1.3.2). Gemäss
der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sind Konkubinats-
partner den Ehegatten gleichgestellt und können sich somit ebenfalls auf
Art. 8 EMRK berufen (vgl. BGE 129 II 11 E. 2; BVGE 2008/47 E. 4.1.1;
2013/49 E. 8), doch setzt die Inanspruchnahme der Garantie gemäss der
Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) ein
tatsächlich bestehendes Familienleben voraus (vgl. das Urteil des EGMR
i.S. K. und T. gegen Finnland vom 12. Juli 2001, Grosse Kammer,
Nr. 25702/94, § 150; vgl. dazu auch das Urteil des BVGer
D-4736/2021 vom 4. November 2021). Wesentliche Faktoren einer tat-
sächlich gelebten Beziehung sind dabei das gemeinsame Wohnen respek-
tive der gemeinsame Haushalt, die finanzielle Verflochtenheit, die Dauer
und Stabilität der Beziehung sowie das Interesse und die Bindung der Part-
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ner aneinander (vgl. CHRISTOPH GRABENWARTER/KATHARINA PABEL, Euro-
päische Menschenrechtskonvention, 6. Aufl., München 2016, S. 288 § 22
Rz. 16; MARK E. VILLIGER, Handbuch der Europäischen Menschenrechts-
konvention, 2. Aufl., 1999, S. 365).
6.2.2. Die Vorinstanz geht vorliegend zu Recht nicht von einer gelebten
Beziehung aus; denn mangelt es bereits an deren Stabilität (vgl. auch E 5.2
hiervor) und einem gemeinsamen Haushalt als wesentliche Kriterien. Al-
leine die nicht weiter belegte Behauptung, ab 2015 hätten die Beschwer-
deführerin und ihr Verlobter gemeinsam in der Türkei die Wohnung seiner
Eltern bewohnt (vgl. A18/20 S.2), lässt nicht auf ein im vorstehend darge-
legten Sinne tatsächlich gelebtes Familienleben schliessen, ist doch unbe-
stritten, dass solches (spätestens) ab dem (...) – der Einreise des Verlob-
ten in die Schweiz – nicht mehr der Fall war (vgl. A1/2). Auch bestehen
Zweifel an seiner Absicht einer Bindung zu ihr, finden sich doch in den Ak-
ten keinerlei Hinweise darauf, er hätte sich je in irgendeiner Weise um das
Zusammenleben mit der Beschwerdeführerin bemüht (vgl. auch E. 5.2 hier-
vor). Ebenso wenig lassen sich den Akten Bemühungen des Verlobten ent-
nehmen, das ungeborene Kind der Beschwerdeführerin als seines anzuer-
kennen, obgleich die Kindsanerkennung gemäss Art. 11 Abs. 2 der Zivil-
standsverordnung vom 28. April 2004 (ZStV, SR 211.112.2) bereits vor der
Geburt erfolgen kann. Bezüglich des mittlerweile eingeleiteten Ehevorbe-
reitungsverfahrens ist es der Beschwerdeführerin denn auch zuzumuten,
dieses im Ausland abzuwarten, zumal es ihr unbenommen ist, zu gegebe-
ner Zeit für die Eheschliessung einen Antrag auf eine entsprechende Kurz-
aufenthaltsbewilligung und anschliessend ein Gesuch um Familiennach-
zug zu stellen. Das von der Beschwerdeführerin eingeleitete Asylverfahren
ist hierfür nicht das vorgesehene rechtliche Instrument, verfolgt es doch
primär nicht den Zweck einer Familienzusammenführung, sondern dient
der Klärung der Frage, ob die antragsstellende Person internationalen
Schutzes bedarf.
6.3 Im Übrigen lassen sich den Akten keine Hinweise entnehmen, wonach
die Beschwerdeführerin an gesundheitlichen Beschwerden leidet, die einer
Überstellung nach Deutschland entgegenstünden. Die im Dublin-Gespräch
vorgebrachte Übelkeit (vgl. A12/3) stand im Zusammenhang mit der
Schwangerschaft. Hinweise darauf, diese könnte komplikationsreich sein,
finden sich in den Akten nicht und werden auf Beschwerdeebene auch
nicht geltend gemacht. Ohnehin verfügt Deutschland über eine mit der
Schweiz in allen Bereichen vergleichbare medizinische Infrastruktur (statt
vieler: Urteil des BVGer F-3990/2020 vom 14. August 2020 E.4.3.3). Es ist
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somit davon auszugehen, dass die nötigen Vorsorgeleistungen und im Be-
darfsfall eine adäquate medizinische Behandlung gewährleistet sind.
6.4 Nach dem Gesagten sind keine völkerrechtlichen Überstellungshinder-
nisse ersichtlich, weshalb die Schweiz nicht zum Selbsteintritt verpflichtet
ist.
6.5 Bezüglich des Vorliegens von «humanitären Gründen» ist Folgendes
festzuhalten: Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das
SEM bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Es be-
schränkt seine Beurteilung im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sach-
verhalt diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen
Umständen Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt
hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Die angefochtene Verfügung
ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den
Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- res-
pektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen.
7.
Von einer Rückweisung der Sache aufgrund einer Gehörsverletzung ist ab-
zusehen, zumal die Beschwerdeführerin ihren Rückweisungsantrag nicht
begründet hat. Im Übrigen ergeben sich auch aus den Akten keinerlei Hin-
weise auf eine Verletzung des rechtlichen Gehörs. Nach dem Gesagten
besteht kein Anlass für die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz. Der
entsprechende Eventualantrag ist somit abzuweisen.
8.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten und
hat zu Recht die Überstellung nach Deutschland angeordnet. Nach dem
Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Die Gesuche um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sind mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache gegen-
standslos geworden.
9.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
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Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerdefüh-
rerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
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