Decision ID: 35cc06fb-3e5f-5211-9a28-9324fb35e297
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer kam am 2. September 1993 in M._ als Sohn
einer schweizerisch-französischen Doppelbürgerin, die durch Heirat mit ei-
nem Schweizer Bürger von Gesetzes wegen das Schweizer Bürgerrecht
erworben hatte, und eines libanesischen Staatsangehörigen zur Welt. Er
wuchs in M._ auf ist dort heute noch wohnhaft.
Als er seinen Schweizer Pass im Jahr 2015 verlängern lassen wollte,
wurde gemäss Mitteilung der Einwohnerkontrolle der Stadt M._
vom 23. September 2015 festgestellt, dass der Beschwerdeführer nicht im
elektronischen Zivilstandsregister erfasst und von den Schweizer Behör-
den fälschlicherweise als Schweizer Bürger behandelt worden war.
B.
Am 13. Juli 2016 (Eingang bei der Vorinstanz) reichte der Beschwerdefüh-
rer durch seinen Rechtsvertreter ein Formulargesuch um erleichterte Ein-
bürgerung nach Art. 29 des bis 31. Dezember 2017 in Kraft gestandenen
Bürgerrechtsgesetzes vom 29. September 1952 (aBüG, AS 1952 1087)
(SEM-act. 20/48).
Aus einem Betreibungsregisterauszug vom 19. November 2015, der dem
Gesuchsformular beigelegt war, liess sich entnehmen, dass neben diver-
sen Betreibungen auch zahlreiche Verlustscheine gegen den Beschwerde-
führer vorlagen (SEM-act. 20/60).
C.
Mit Schreiben vom 20. Juli 2016 teilte die Vorinstanz dem Beschwerdefüh-
rer mit, dass er wegen seines getrübten finanziellen Leumundes nicht ein-
gebürgert werden könne, und empfahl ihm bei gleichzeitiger Einladung zur
Stellungnahme den Rückzug seines Gesuchs (SEM-act. 23/68).
D.
Am 29. September 2016 nahm der Rechtsvertreter kurz Stellung zur Sache
und ersuchte darum, das Einbürgerungsgesuch bis Ende Jahr 2016 pen-
dent zu halten, um dem Beschwerdeführer Gelegenheit zu geben, die Sa-
che zu bereinigen und die Verlustscheine zurückzukaufen (SEM-
act. 24/70).
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Seite 3
E.
Am 27. Januar 2017 teilte der Rechtsvertreter der Vorinstanz innert er-
streckter Frist mit, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei,
seine Altlasten zu sanieren. Dennoch werde am Einbürgerungsgesuch
festgehalten, weil es sich bei ihm um einen Ausnahmefall handle (SEM-
act. 28/75).
F.
Nachdem die Vorinstanz am 31. Januar 2017 einen Auszug aus dem Be-
treibungsregister eingeholt hatte, der per 1. Februar 2017 immer noch zahl-
reiche Verlustscheine aufwies (SEM-act. 31/78), teilte sie dem Beschwer-
deführer am 15. März 2017 aufs Neue mit, dass sie beabsichtige, das Ge-
such wegen des getrübten finanziellen Leumunds abzuweisen und setzte
ihm Frist zur Stellungnahme (SEM-act. 32/82).
G.
Am 20. April 2017 ersuchte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers um
Erlass einer anfechtbaren Verfügung (SEM-act. 33/84).
H.
Das Betreibungsamt M._ stellte der Vorinstanz am 24. Oktober
2017 auf deren Ersuchen hin einen aktualisierten Betreibungsregisteraus-
zug des Beschwerdeführers zu (SEM-act. 35/94).
I.
Mit Verfügung vom 6. Dezember 2017 lehnte die Vorinstanz das Gesuch
des Beschwerdeführers um erleichterte Einbürgerung ab (SEM-act. 37/98).
J.
Gegen die vorgenannte Verfügung erhob der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter am 25. Januar 2018 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht (Akten des BVGer [Rek-act.] 1). Diese sei aufzuheben und die
Vorinstanz sei anzuweisen ihn erleichtert einzubürgern. In verfahrensrecht-
licher Hinsicht sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Februar 2018 wies das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche
Rechtspflege ab (Rek-act. 3).
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Seite 4
L.
Die Vorinstanz beantragt mit Vernehmlassung vom 5. April 2018 die Abwei-
sung der Beschwerde (Rek-act. 8).
M.
Auf den weiteren Inhalt der Akten wird, soweit erheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Mit dem am 1. Januar 2018 in Kraft getretenen Bürgerrechtsgesetz vom
20. Juni 2014 (BüG, SR 141.0) wurde der gleichnamige Erlass vom
29. September 1952 aufgehoben (vgl. Art. 49 BüG i.V.m. Ziff. I seines An-
hangs). Gesuche, die vor dem Inkrafttreten des neuen Rechts gestellt wur-
den, wie es vorliegend der Fall ist, werden gemäss der Übergangsbestim-
mung des Art. 50 Abs. 2 BüG nach den Bestimmungen des bisherigen
Rechts behandelt. Im Übrigen gilt, dass sich Erwerb und Verlust des
Schweizer Bürgerrecht nach dem Recht richten, das bei Eintritt des mass-
gebenden Tatbestandes in Kraft steht (Art. 50 Abs. 1 BüG).
2.
2.1 Verfügungen des SEM betreffend erleichterte Einbürgerungen unterlie-
gen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 51 Abs. 1
aBüG i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
2.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG, vgl. auch Art. 2 Abs. 4 VwVG).
2.3 Der Beschwerdeführer ist zur Erhebung des Rechtsmittels legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist daher einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG)
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3.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62
Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann
die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen
gutheissen oder abweisen (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
4.
4.1 Wie bereits erwähnt, kam der Beschwerdeführer im Jahr 1993 als Kind
einer schweizerisch-französischen Doppelbürgerin und eines libanesi-
schen Staatsangehörigen in M._ zur Welt. Allerdings erwarb seine
Mutter das Schweizer Bürgerrecht nicht durch Abstammung oder Einbür-
gerung, sondern von Gesetzes wegen infolge Heirat mit einem Schweizer.
Rechtsgrundlage für diese Art des Bürgerrechtserwerbs bildete Art. 3 aBüG
in der Fassung vom 29. September 1952 (AS 1952 1087,1088), der mit der
Teilrevision des aBüG vom 23. März 1990, in Kraft seit 1. Januar 1992,
zugunsten einer erleichterten Einbürgerung des ausländischen Ehegatten
eines Schweizer Bürgers nach Art. 27 und 28 aBüG ersatzlos aufgehoben
wurde (AS 1991 1034).
4.2 Die bürgerrechtliche Stellung von Kindern aus solchen Verbindungen
regelten die Übergangsbestimmungen des Art. 57a und 58b aBüG in der
Fassung vom 23. März 1990 (AS 1991 1034). Art. 57a aBüG bestimmte,
dass das Kind aus der Ehe eines Ausländers und einer Schweizerin, die
das Schweizer Bürgerrecht durch frühere Heirat mit einem Schweizer er-
langt hat, nur dann Schweizer Bürger wird, wenn es durch die Geburt keine
andere Staatsangehörigkeit erwerben kann oder vor seiner Mündigkeit
staatenlos wird. Für die übrigen Fälle sah Art. 58b aBüG die erleichterte
Einbürgerung vor, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt waren. Beide
Bestimmungen wurde im Zug einer weiteren Teilrevision des aBüG vom
3. Oktober 2003 (AS 2005 5233) ersatzlos aufgehoben.
4.3 Zum Zeitpunkt der Geburt des Beschwerdeführers standen die oben
zitierten Art. 57a und 58b aBüG noch in Kraft. Weder trifft es zu, dass der
Beschwerdeführer durch die Geburt keine andere Staatsangehörigkeit er-
werben konnte – als Kind einer Französin wurde er kraft Abstammung von
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Gesetzes wegen Franzose (vgl. Art. 18 des französischen Code civile) –
noch wurde er vor seiner Mündigkeit staatenlos. Der Beschwerdeführer
konnte daher das Schweizer Bürgerrecht nicht gestützt auf Art. 57a aBüG
erwerben. Hinzu tritt, dass mit der Aufhebung des Art. 58b aBüG im Zuge
der Teilrevision vom 3. Oktober 2003 die Möglichkeit einer erleichterten
Einbürgerung als Kind einer Schweizerin, die das Schweizer Bürgerrecht
durch frühere Ehe mit einem Schweizer erworben hat, weggefallen ist.
4.4 Den Akten kann indessen entnommen werden, dass die Einwohner-
kontrolle der Stadt M._, der die Geburt des Beschwerdeführers ge-
meldet worden war, irrtümlich annahm, der Beschwerdeführer sei Schwei-
zer und ihn als solchen in M._ anmeldete. Erst im Jahr 2015, also
23 Jahre später, wurde der Irrtum anlässlich eines Antrags auf Neuausstel-
lung des Schweizer Reisepasses erkannt. Der Beschwerdeführer behaup-
tet, dass er die ganze Zeit im guten Glauben angenommen habe, Schwei-
zer zu sein. Damit öffnet sich dem Beschwerdeführer die Möglichkeit einer
erleichterten Einbürgerung gestützt auf Art. 29 aBüG.
5.
5.1 Gemäss Art. 29 aBüG kann der Ausländer, der wenigstens fünf Jahre
im guten Glauben gelebt hat, er sei Schweizer Bürger, und der während
dieser Zeit von kantonalen oder Gemeindebehörden tatsächlich als solcher
behandelt worden ist, erleichtert eingebürgert werden (Abs. 1). Er erhält in
der Regel das Bürgerrecht des für den Irrtum verantwortlichen Kantons.
Dieser bestimmt, welches Gemeindebürgerrecht gleichzeitig erworben
wird (Abs. 2). Hat die gesuchstellende Person schon schweizerischen Mi-
litärdienst geleistet, so gilt keine Mindestfrist (Abs. 3).
5.2 Zusätzlich müssen die allgemeinen Voraussetzungen des Art. 26
Abs. 1 aBüG – bei Auslandwohnsitz in sinngemässer Weise – erfüllt sein.
Dieser setzt für alle in Art. 27–31b aBüG aufgeführten Tatbestände der er-
leichterten Einbürgerung voraus, dass die gesuchstellende Person in der
Schweiz integriert ist (Bst. a), die schweizerische Rechtsordnung beachtet
(Bst. b) und die innere oder äussere Sicherheit der Schweiz nicht gefährdet
(Bst. c). Sämtliche Voraussetzungen müssen sowohl im Zeitpunkt der Ge-
suchseinreichung als auch der Einbürgerungsverfügung erfüllt sein (so
BGE 135 II 161 E. 2 zu Art. 27 aBüG m.H.).
5.3 Vorliegend ist mit Blick auf die zahlreichen auf den Beschwerdeführer
lautenden Verlustscheine und gegen ihn hängigen Betreibungen strittig, ob
er die schweizerische Rechtsordnung beachtet (Art. 26 Abs. 1 Bst. b
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aBüG). Die Vorinstanz hält ihm eine mangelhafte Achtung der schweizeri-
schen Rechtsordnung vor, die sie mit seinem getrübten finanziellen Leu-
mund begründet. Der Beschwerdeführer ist dagegen der Auffassung, dass
die Vorinstanz hier einen angesichts der Besonderheiten seiner Situation
ungerechtfertigt strengen Massstab anlegt.
6.
6.1 Im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens liess der Beschwerdefüh-
rer in der Stellungnahme vom 29. September 2016 (SEM-act. 24/70) argu-
mentieren, es gehe nicht um einen gewöhnlichen Fall einer erleichterten
Einbürgerung. Es sei dem Umstand Rechnung zu tragen, dass er sich ein-
zig aufgrund behördlichen Verschuldens sein ganzes Leben lang als
Schweizer habe fühlen dürfen, ohne es bereits gewesen zu sein. Aus Grün-
den der Verhältnismässigkeit und des Prinzips von Treu und Glauben seien
daher reduzierte Anforderungen an die Voraussetzungen der Einbürgerung
zu stellen. Die Verlustscheine möchten zwar nicht auf unverschuldete Er-
eignisse zurückzuführen sein, aber doch auf Schwierigkeiten in seiner Ju-
gend, die er hinter sich gelassen haben. Mit Stellungnahme vom 27. Januar
2017 (SEM-act. 28/75), mit der er die Vorinstanz darüber informierte, dass
es ihm nicht gelungen sei, seine Altlasten zu sanieren, machte er geltend,
wenn er dennoch an seinem Gesuch festhalte, so deshalb, weil es sich bei
ihm um einen Ausnahmefall handle. Er müsse sich nicht für eine Einbürge-
rung bewähren, denn er sei stets zu Recht davon ausgegangen, Schweizer
zu sein. Es seien die Behörden gewesen, die sich geirrt hätten. Das be-
deute, dass er mit seiner arglosen Überschuldung in der Jugend nicht habe
seine Bewährung als Bürgerrechtskandidat aufs Spiel setzen können. Er
habe von seiner prekären Stellung nichts geahnt. Da es sich bei dieser
Frage alter Schulden und Verlustscheine nicht um den eigentlichen Kern
der Rechtsordnung drehe, also nicht Kriminalität vorliege, werde am Ein-
bürgerungsgesuch festgehalten. In der abschliessenden Stellungnahme
vom 20. April 2017 machte der Beschwerdeführer zusätzlich geltend, er
müssen auf seiner erleichterten «Wiedereinbürgerung» bestehen, weil er
durch behördliches Versehen in die aktuelle Lage der «Papier- und Staa-
tenlosigkeit» geraten sei (SEM-act. 33/84). Zum Beweis für seine bislang
vergeblichen Bemühungen um eine französische Staatsbürgerschaft
reichte er diverse Korrespondenzen mit französischen Amtsstellen zu den
Akten.
6.2 In der angefochtenen Verfügung führt die Vorinstanz aus, der Gesetz-
geber habe den Anforderungen von Treu und Glauben bereits dadurch
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Rechnung getragen, dass er betroffenen Personen den Weg der erleich-
terten Einbürgerung geöffnet habe, der die formellen und materiellen Hür-
den einer Einbürgerung gegenüber dem ordentlichen Verfahren herab-
setze. Aus der Gesetzessystematik ergebe sich klar, dass jede Person, die
um eine erleichterte Einbürgerung nachsuche, die materiellen Vorausset-
zungen des Art. 26 aBüG erfüllen müsse. Entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers gebe es keinen Grund, in seinem Fall die Anforderun-
gen gegenüber anderen Formen der erleichterten Einbürgerung herabzu-
setzen. Weder dem Gesetz noch den Materialien noch der Rechtspre-
chung liessen sich entsprechende Anhaltspunkte entnehmen. Der Be-
schwerdeführer müsse daher die Einbürgerungsvoraussetzungen gemäss
Art. 26 aBüG einschliesslich der dazugehörenden Praxis erfüllen, um nach
Art. 29 aBüG erleichtert eingebürgert zu werden.
In der Sache führt die Vorinstanz weiter aus, zum Erfordernis der Beach-
tung der schweizerischen Rechtsordnung gehöre nebst einem guten straf-
rechtlichen auch ein einwandfreier finanzieller Leumund. Das bedeute,
dass ein Gesuchsteller seinen finanziellen Verpflichtungen gegenüber sei-
nen Gläubigern regelmässig und vollständig nachkomme müsse. Praxis-
gemäss dürfe darum bei hängigen Betreibungsverfahren und Lohnpfän-
dungen oder ungelöschten Verlustscheinen, die vor weniger als fünf Jah-
ren ausgestellt worden seien, eine erleichterte Einbürgerung nicht verfügt
werden. Relevante Verlustscheine müssten vollständig zurückgekauft sein,
wobei eine Zahlungsvereinbarung zum Rückkauf nicht genüge. Dabei
werde nach konstanter Praxis unabhängig von der Herkunft der Forderung
auf das Datum der hängigen Betreibung respektive auf das Ausstellungs-
datum des Verlustscheines abgestellt. In Ausnahmefällen könne indessen
von der vorerwähnten Regelung abgewichen werden. Solche Ausnahme-
fälle würden insbesondere durch spezielle Notsituationen oder Unverschul-
den begründet. Der Beschwerdeführer weise jedoch Verlustscheine und
laufende Betreibungen in beachtlicher Höhe auf, ohne dass eine Ausnah-
mesituation ersichtlich wäre. Eine erleichterte Einbürgerung sei daher zum
gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich.
6.3 Auf Rechtsmittelebene macht der Beschwerdeführer geltend, dass in
Art. 29 aBüG die genauen Voraussetzungen der erleichterten Einbürge-
rung eines «vermeintlichen Schweizers» nicht genannt würden. Klar sei,
dass die Behörde zur erleichterten Einbürgerung zwar nicht verpflichtet sei,
die Einbürgerung jedoch erfolgen solle, wenn sie als gerechtfertigt er-
scheine, und dass dies in einem vereinfachten und raschen Verfahren,
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eben erleichtert geschehen solle. Aus dem Sinn und Zweck der Norm er-
gebe sich demnach, berücksichtige man die Materialien, dass eine beson-
dere und eben besonders erleichtere Einbürgerung gemeint sein müsse.
Denn anders als bei einer erleichterten Einbürgerung etwa des Ehegatten-
eines Schweizer Bürgers seien hier nicht die genauen Voraussetzungen
genannt und sei die Grundlage ja ein Zustand, der seine Ursache in einem
verhängnisvollen behördlichen Fehler habe. Der daraus resultierende gute
Glaube habe Folgen gehabt. Hätte er nämlich gewusst, kein Schweizer zu
sein, hätte er sich mutmasslich anders verhalten, als er dies getan habe.
Jedenfalls hätte er die Chance gehabt, die ausländerrechtlichen Konse-
quenzen seines Verhaltens zu bedenken. So habe er in seiner Jugend
durchaus unangepasste Jahre hinter sich, aus denen heute noch Verlust-
scheine herrührten. Heute sei er in der Lage den Lebensunterhalt zu be-
streiten und seinen Verpflichtungen nachzukommen, nicht aber, seine
Schulden zurückzuzahlen. Er verhalte sich bereits seit längerer Zeit – und
das nicht nur, seit er wisse, kein Schweizer zu sein – sehr viel reifer und
integrierter. Den Vorwurf, er beachte die schweizerische Rechtsordnung
nicht, könne ihm nicht mehr gemacht werden.
Es sei gerade die von der Vorinstanz vorgenommene retrospektive Be-
trachtungsweise, die nicht mit seinem von den Behörden zu verantworten-
den guten Glauben vereinbar und willkürlich sei. Insgesamt sei die Einbür-
gerung nachzuholen, um einem de facto längst bestehenden Umstand
Rechnung zu tragen: Ein Mensch, der wie er seit seiner Geburt glaube,
Schweizer zu sein, und von den Behörden immer so behandelt worden sei,
sei vom gesamten Verhalten und der Prägung her ein «Schweizer». Er sei
mit anderen Worten genauso integriert, wie es Art. 26 aBüG verlange.
Wenn die Vorinstanz als Hindernis einzig die Verlustscheine anführe, so
verkenne sie, dass sie nach der selbst zitierten Praxis in Ausnahmefällen
vom vollständigen Rückkauf bestehender Verlustscheine absehen könne.
Mit Blick auf die Umstände des Falles – behördliche Verantwortung für den
Irrtum und guter Glaube bei ihm selbst – wäre die Anwendung einer sol-
chen Ausnahme in seinem Fall zwingend geboten gewesen.
Schliesslich argumentiert der Beschwerdeführer, dass das Übereinkom-
men vom 13. September 1973 zur Verhinderung von Staatenlosigkeit (SR
0.141.0) die Schweiz verpflichte, Fälle von Staatenlosigkeit zu verhindern.
Er verfüge – zumindest «de jure» – derzeit nicht über die französische
Staatsangehörigkeit, wenn auch vieles darauf hindeute, dass er dies sein
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dürfte. Nach der Feststellung, er sei nicht Schweizer, sei er in einen Zu-
stand der Ungewissheit gefallen. Das Verhalten der Schweizer Behörden
habe ihn zum «de facto und de jure» Staatenlosen gemacht.
7.
7.1 Eingangs ist festzuhalten, dass die in Art. 26 Abs. 1 aBüG enthaltenen
allgemeinen Einbürgerungsvoraussetzungen, welche die persönliche Eig-
nung des Bewerbers betreffen, für alle Formen der erleichterten Einbürge-
rung (Inlandverfahren) gelten. Das ergibt sich klar aus dem Wortlaut und
der Systematik des Gesetzes (vgl. BBl 2002 1911, 1957, 1987 III 293, 310).
Auch ein Bewerber, der die spezifischen Voraussetzungen einer erleichter-
ten Einbürgerung nach Art. 20 aBüG erfüllt, muss daher die in Art. 26 Abs. 1
aBüG aufgeführten Voraussetzungen erfüllen. Unter anderem muss der
Bewerber die schweizerische Rechtsordnung beachten, wie es Art. 26
Abs. 1 Bst. c aBüG verlangt. Dazu gehört nach dem Willen des Gesetzge-
bers auch ein einwandfreier finanzieller bzw. betreibungsrechtlicher Leu-
mund (vgl. BGE 140 II 65 E. 3.3.1; Urteil des BGer 1C_651/2015 vom
15. Februar 2017 E. 4.3; je m.H.; vgl. ferner die Botschaft vom 26. August
1987 zur Änderung des Bürgerrechtsgesetzes, in BBl 1987 III 305, 309).
Verlangt wird, dass der Bewerber seinen öffentlich- und privatrechtlichen
Zahlungsverpflichtungen nachkommt. Hängige Betreibungsverfahren,
Lohnpfändungen und nicht gelöschte Verlustscheine, die in den letzten fünf
Jahren ausgestellt wurden, stehen daher einer erleichterten Einbürgerung
praxisgemäss entgegen, es sei denn, die Schulden sind aus existentieller
Not in einer Situation entstanden, die der Betroffene nicht selbst verschul-
det hat (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall; vgl. dazu Urteil des BGer
1C_299/2018 vom 28. März 2019 E. 3; ferner Urteil des BVGer
F-6366/2016 vom 17. Mai 2018; C-2949/2014 vom 30. Oktober 2015
E. 6.3; je m.H.; Handbuch Bürgerrecht für Gesuche bis 31.12.2017, Kapitel
4, Ziffer 4.7.3.2, < www.sem.admin.ch > Publikationen & Service > Weisun-
gen und Kreisschreiben > V. Bürgerrecht, abgerufen am 26.10.2020).
7.2 Die tatbeständliche Grundlage der negativen Beurteilung des finanziel-
len Leumunds durch die Vorinstanz ist unbestritten. Sie besteht aus drei
Betreibungsregisterauszügen des Betreibungsamts M._. Der erste
Betreibungsregisterauszug vom 19. November 2015 (SEM-act. 20/61)
wurde vom Beschwerdeführer selbst als Beilage des Einbürgerungsge-
suchs eingereicht und weist für die vorausgegangenen fünf Jahre insge-
samt 21 Verlustscheine aus, datiert vom 21. Februar 2011 bis 1. Juni 2015,
im Betrag von rund Fr. 22'000.-, ferner drei laufende Betreibungen über
http://links.weblaw.ch/BBl-1987-III-305
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gesamthaft Fr. 1’230.-. Der zweite, von der Vorinstanz eingeholte Betrei-
bungsregisterauszug vom 1. Februar 2017 (SEM-act. 31/78) enthält 23
Verlustscheine, datierend vom 12. März 2012 bis 7. Juli 2016, im Betrag
von rund 22'000.- und eine laufende Betreibung über rund Fr. 1'180.-. Der
dritte Betreibungsregisterauszug vom 24. Oktober 2017 (SEM-act. 35/94),
ebenfalls von der Vorinstanz eingeholt, enthält immer noch 17 Verlust-
scheine, der letzte mit Datum vom 7. Juli 2016, sowie eine durch Pfandver-
wertung abgeschlossene und drei laufende Betreibungen im Betrag von
rund Fr. 2’940.-. Soweit erkennbar handelt es sich um Schulden aller Art,
unter anderem gegenüber Kanton und Gemeinde, diversen Versicherun-
gen, Verkehrsbetrieben, Immobilienverwaltungen und Privatpersonen. Von
Interesse ist, dass der Beschwerdeführer trotz der ihm am 10. Oktober
2016 auf Gesuch hin gewährten Gelegenheit, seine finanzielle Situation zu
bereinigen (vgl. dazu oben Prozessgeschichte E und F), nicht nur keine
Verlustscheine zurückkaufen konnte – die geringere Anzahl von Verlust-
scheinen im letzten Betreibungsregisterauszug ist allein seiner Begren-
zung auf die letzten fünf Jahre geschuldet (Art. 8a Abs. 3 SchKG, SR
281.1) –, sondern dass gegen ihn im Zeitraum von November 2016 bis
September 2017 vier neue Betreibungen eingeleitet wurden.
7.3 Damit genügt der Beschwerdeführer ganz offensichtlich nicht den wei-
ter oben skizzierten Anforderungen des Art. 26 Abs. 1 Bst. b aBüG. Entge-
gen seiner Auffassung muss er sich uneingeschränkt am Erfordernis der
Achtung der schweizerischen Rechtsordnung unter Einschluss der Erfül-
lung seiner finanziellen Verpflichtungen messen lassen. Dass er während
seines ganzen bisherigen Leben davon ausging, er sei Schweizer und da-
rin durch das Verhalten der Behörden bestärkt wurde, vermag daran grund-
sätzlich nichts zu ändern, namentlich nicht unter dem Gesichtspunkt von
Treu und Glauben, auf den sich der Beschwerdeführer schwergewichtig
beruft. Zur Begründung kann auf die zutreffenden Ausführungen der
Vorinstanz verwiesen werden: Den Anforderungen von Treu und Glauben
trägt der Gesetzgeber durch die Möglichkeit einer erleichterten Einbürge-
rung Rechnung. Für eine darüber hinausgehende, «besonders erleich-
terte» Einbürgerung, wie sie der Beschwerdeführer für sich in Anspruch
nehmen will, besteht keine rechtliche Grundlage. Die Voraussetzungen der
erleichterten Einbürgerung sind in Art. 26 aBüG kumulativ umschrieben,
sodass eine besonders qualifizierte Erfüllung der einen Voraussetzung De-
fizite bei der anderen nicht ausgleicht. Soweit der Beschwerdeführer impli-
zit den Vertrauensschutz anruft (vgl. dazu BGE 137 I 69 E. 2.5.1), ist ihm
entgegenzuhalten, dass die Achtung der Rechtsordnung allgemein erwar-
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Seite 12
tet wird. Demzufolge kann der Beschwerdeführer sein nicht rechtskonfor-
mes Verhalten in finanziellen Angelegenheiten nicht als Disposition anru-
fen, in der er durch Herabsetzung der spezifischen Anforderungen an die
Achtung der Rechtsordnung zu schützen sei, weil er sie in seinem von den
Behörden genährten Vertrauen auf sein «Schweizersein» getroffen habe.
Da sich der Beschwerdeführer explizit nicht auf unverschuldete Umstände
und existentielle Not beruft und berufen kann, bleibt festzustellen, dass
sein schlechter finanzieller und betreibungsrechtlicher Leumund unter dem
Gesichtspunkt von Art. 26 Abs. 1 Bst. b aBüG einer erleichterten Einbürge-
rung entgegensteht.
7.4 Die Berufung des Beschwerdeführers auf eine angebliche Staatenlo-
sigkeit, sei sie nur de jure oder de facto, ist schliesslich unbegründet. Es
wurde bereits erwähnt, dass der Beschwerdeführer als Kind einer franzö-
sischen Staatsangehörigen durch Abstammung Franzose ist. Gerade des-
wegen war es ihm nach Massgabe von Art. 57a aBüG nicht möglich, bei
seiner Geburt das Schweizer Bürgerrecht zu erwerben, was von ihm zu
Recht nicht bestritten wird. Darauf wurde bereits weiter oben eingegangen.
Da er offenbar zuvor nie einen Bedarf an einer anderen Staatsangehörig-
keit hatte als der schweizerischen, stellt sich nur die Frage der deklaratori-
schen Anerkennung seines französischen Staatsbürgerrechts durch die
zuständigen französischen Behörden, wie der Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers in seinem Begleitschreiben vom 13. Juli 2016 zum For-
mulargesuch um erleichterte Einbürgerung zu Recht festhält (SEM-act.
20/50). Es ist nun aber kein Grund ersichtlich, weshalb der Beschwerde-
führer von den französischen Behörden nicht als französischer Staatsan-
gehöriger anerkannt werden sollte. Die im Rahmen des erstinstanzlichen
Verfahrens zusammen mit der Stellungnahme vom 20. April 2017 einge-
reichte Dokumentation eines sich angeblich hinziehenden Anerkennungs-
verfahrens überzeugt schon deshalb nicht, weil die Dokumente lediglich
den Zeitraum August 2016 bis März 2017 abdecken und keine Anhalt-
punkte für irgendwelche Schwierigkeiten enthalten. Sie dokumentieren le-
diglich die erfolgreichen Bemühungen der Mutter des Beschwerdeführers,
einen Todesschein ihres Vaters erhältlich zu machen (3 Dokumente), sowie
die Orientierung des Beschwerdeführers durch die zuständige französi-
sche Behörde über Unterlagen, die er seinem Gesuch um Ausstellung ei-
nes «certificat de nationalité française» beizulegen habe (1 Dokument), fer-
ner Kopien zweier Seiten aus dem entsprechenden, handschriftlich ausge-
füllten, jedoch weder datierten noch unterzeichneten Formulargesuch. Die
im Rahmen der Beschwerde erhobenen Einwände bleiben gar unbelegt.
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8.
Aus vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfü-
gung im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Be-
schwerde ist daher abzuweisen.
9.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 14