Decision ID: 02f6e995-8fe4-4507-bcd2-77768e34fc93
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._, welcher aufgrund einer Anmeldung vom 12./15. April 2002 (IV-act. 1) zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung für Versicherte vor dem 20. Altersjahr
(bei der IV-Stelle des Kantons B._) wegen einer _fehlstellung medizinische
Massnahmen zugesprochen worden waren (IV-act. 6), meldete sich am 25./27. Februar
2017 (IV-act. 10) bei der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen
zum Bezug von Leistungen zur beruflichen Integration bzw. einer Rente an. Sie habe
zwei Jahre lang die Berufsschule besucht, sei Mutter von zwei Kindern (geboren 200_
und 200_) und ihr Ehemann sei im März 20_ in die Schweiz gekommen. Vom 1. Januar
2015 bis zum 28. Februar 2016 sei sie zu 20 % in einer Hauswartung angestellt
gewesen ([...], C._). Seit dem 2. Februar 2016 sei sie arbeitsunfähig. Sie leide seit fünf
Jahren an einer chronischen Knochenentzündung, seit zweieinhalb Jahren an
chronischem Schwindel mit Übelkeit und Angstzuständen, seit einem Jahr an
chronischen Organentzündungen, ausserdem an Nervenbahnentzündungen mit akuten
Anfällen von Muskelkrämpfen und UV-Empfindlichkeit. Die Ärzte sprächen von einer
nicht heilbaren Autoimmunsystemerkrankung.
A.a.
Dr. med. D._, Praktischer Arzt, gab in einem ärztlichen Bericht zur Eingliederung
vom 20. März 2017 (IV-act. 23) bekannt, es bestünden der V. a. einen
Autoimmunprozess bzw. eine rheumatologische Grunderkrankung und ausserdem ein
chronisches Schmerzsyndrom. Eine Arbeitsunfähigkeit sei nicht dokumentiert worden,
weil die Versicherte zurzeit nicht berufstätig sei. Es bestünden Schmerzen an
Wirbelsäule, Gelenken, Extremitäten und abdominell sowie Schwindelattacken. Nicht
belastende Tätigkeiten könnte sie, solange kein akuter Schub mit Schmerzen vorliege,
eventuell für zwei bis drei Stunden ausüben. Das Leiden werde fachärztlich abgeklärt. -
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
In der Beilage wurden diverse medizinische Berichte (u.a. über Hämophilieabklärung,
Gastroskopie, Koloskopie, Skelettszintigraphie) eingereicht. So hatte etwa die Klinik
und Poliklinik für Innere Medizin am Universitätsspital Zürich am 6. April 2016 (IV-
act. 23-23 ff.) berichtet, es bestünden (verkürzt wiedergegeben, erstens) ein schwerer
Vitamin D-Mangel, (zweitens) unklare Hämatome wechselnder Lokalisation (DD
Autoimmunerkrankung, Depression, Somatisierung, traumatisch), mit anamnestisch
chronischem ungerichtetem Schwindel, rezidivierenden Stürzen, Gelenksschwellungen
und intermittierendem Fieber, (drittens) Adipositas und (viertens) ein Eisenmangel ohne
Anämie. Angesichts fehlender Indikation für eine stationäre Abklärung bei der aktuell
symptomfreien Versicherten sei diese (aus der Hospitalisation) entlassen worden. Sie
habe bei der Schilderung ihrer Beschwerden stets gelächelt. Bei Hinweisen auf eine
psychosoziale Belastung als mögliche Ursache für den immobilisierenden Schwindel
sei eine ambulante psychosomatische Behandlung empfohlen worden. Ebenfalls sollte
an eine _ Ursache der wiederholten Hämatome/Schwellungen ([...]) gedacht werden.
Die Versicherte hatte unter anderem angegeben, mehr als drei Jahre lang einen
eigenen _-/_laden gehabt zu haben, den sie wegen gesundheitlicher Probleme der
jüngeren Tochter (wiederholte _) habe verkaufen müssen. Ein Jahr lang habe sie
dann in einer Unternehmung für Hauswartung, [...] gearbeitet. Seitdem bestehe ein
zunehmender sozialer Rückzug. Sie könne problemlos eine Stunde joggen und habe
dabei auch keinen Schwindel; dieser sei danach jedoch besonders ausgeprägt. -
Dr. med. E._, Facharzt für Rheumatologie FMH, hatte am 20. September 2016 (IV-
act. 23-3 ff.) erklärt, es bestünden aktuell ein thoracal betontes chronisches
panvertebrales Schmerzsyndrom, ein Os tibiale externum bds. und eine Vitamin D-
Hypovitaminose. Die Versicherte sei der festen Überzeugung, dass die Probleme nicht
psychischer Natur seien. Diverse Abklärungen hätten abgesehen von der als Drittes
genannten Diagnose keine Pathologien ergeben. In Erwägung zu ziehen sei ein
familiäres Mittelmeerfieber.
Die Arbeitgeberin (C._) teilte am 5. April 2017 (Eingang
Sozialversicherungsanstalt, IV-act. 25) mit, die Versicherte habe im Januar und Februar
2016 an vier bis fünf Stunden pro Tag gearbeitet.
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 13. April 2017 (IV-act. 28) teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der
Versicherten mit, Anspruch auf berufliche Massnahmen bestehe nicht, da sie
vorwiegend als Hausfrau tätig sei.
A.d.
In einem Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt
gab die Versicherte am 13. Mai 2017 (IV-act. 30) u.a. an, sie sei aus gesundheitlichen
Gründen nicht erwerbstätig und habe sich auch aus diesen Gründen nicht um Stellen
beworben. Vor der Erkrankung sei sie voll arbeitstätig und in Weiterbildung gewesen.
Ohne Beeinträchtigung wäre sie es zu 60 bis 80 % im Verkauf oder im sozialen
Bereich. Die Kinder seien selbständig.
A.e.
Dr. D._ gab im IV-Arztbericht vom 21. Mai 2017 (IV-act. 31) an, es lägen bei der
Versicherten ein unklares Schmerzsyndrom, der V. a. eine rheumatologische
Grunderkrankung (beides seit 2016), ein zervikothorakal betontes Schmerzsyndrom
(seit 2013) und eine Sensibilitätsstörung linke untere Extremität (seit 2017) vor. Er
behandle die Versicherte seit Juni 2010. Zuletzt habe sie über wiederkehrende
Schwellungen und Entzündungen wechselnder Lokalisation der grossen Gelenke,
Schmerzen abdominell und Fieberschübe geklagt. Die Beschwerden seien so stark,
dass sie sich häufig immobilisiert niederlegen müsse. Die fachärztlichen Abklärungen
hätten keine die Beschwerden erklärenden Erkrankungen ergeben. Die Versicherte sei
zurzeit nicht arbeitsfähig; sie gehe keiner Erwerbstätigkeit nach.
A.f.
Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrisches
Zentrum, gab in einem IV-Arztbericht vom 26. Juni 2017 (IV-act. 33) an, es lägen (mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit) eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, DD:
rheumatologische Grunderkrankung bzw. V. a. Autoimmunerkrankung, eine
Agoraphobie ohne Panikstörung, eine Angststörung, nicht näher bezeichnet, eine
Sensibilitätsstörung linke untere Extremität und ein cervikothorakal betontes
Schmerzsyndrom vor. Die Versicherte sei zu 100 % arbeitsunfähig; sie gehe schon
länger keiner Erwerbstätigkeit mehr nach und betätige sich ausschliesslich als
Hausfrau. Ob die bisherige Tätigkeit noch zumutbar sei, könne nicht beantwortet
werden. Die Leistungsfähigkeit sei mit hoher Wahrscheinlichkeit eingeschränkt, das
Ausmass werde nicht genauer eingeschätzt. Die Prognose zur Arbeitsfähigkeit hänge
wesentlich von der Entwicklung und Therapiemöglichkeit der somatischen
A.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerden ab. Die geschilderten Ängste schienen nicht das Ausmass einer daraus
ableitbaren Arbeitsunfähigkeit zu haben. Es bestehe psychisch allenfalls eine
leichtgradige Einschränkung und bei Behandlungsbeginn hätten Schlafstörungen
bestanden. Die Versicherte habe eine schwierige Kindheit gehabt mit einem offenbar
_kranken Vater und einer _ kranken Mutter. Sie habe früh Verantwortung
übernehmen und auf ihre jüngere _ achtgeben müssen. Sie sei [...] aufgewachsen;
die Eltern der Mutter stammten aus G._. Nach der Scheidung ihrer Eltern in ihrem
(Kindes-) Alter von _ Jahren sei sie in einer Pflegefamilie gewesen, die [...]. Nun [...].
Am 9. Oktober 2017 (IV-act. 38) erfolgte eine Abklärung an Ort und Stelle im
Haushalt. Die Versicherte habe erklärt, ohne gesundheitliche Beeinträchtigung hätte sie
ihr Arbeitspensum mit dem Älterwerden der Kinder in den letzten Jahren auf 60 bis
70 % ausgebaut; ein grösseres Pensum würde sie im Interesse der Kinder nicht
annehmen. Sie habe zwei Jahre lang eine Berufsschule (Pilotprojekt) in Richtung K._
(ähnlich [...]) besucht und keinen anerkannten Fachausweis erlangt. Von 2005 bis 2007
sei sie bei einer Stiftung (vgl. IV-act. 19: IK-Einkommen 2006 Fr. 23'_.--) und von
Oktober 2010 (gemäss IK-Auszug, IV-act. 19, Oktober 2009) bis November 2011 als
Selbständigerwerbende mit einem _geschäft tätig gewesen (aufgegeben aus
familiären und gesundheitlichen Gründen). Die Versicherte habe weiter angegeben, es
sei inzwischen erkannt worden, dass das Immunsystem die Entzündungen und
grippalen Symptome auslöse. Die Fieberattacken würden in immer kürzeren Abständen
auftreten und auf einem Niveau von 41° C über zwei Wochen andauern. Dann fühle sie
sich wie narkotisiert und sei kaum noch zur Selbstsorge in der Lage. Aus Angst vor
ungewissen Reaktionen (Organschwellungen mit grossem _umfang) esse sie nur
noch [...]. Gewisse Speisen und Bewegungen würden zu Reaktionen mit umgehender
starker Ausdehnung des _ führen. Dessen Umfang sei auch Folge der permanenten
Organschwellungen. Das verursache extreme _schmerzen und drücke auf die Lunge,
so dass sie kaum noch atmen könne. Nach ärztlicher Beurteilung seien die
Lungenflügel bereits geschädigt. Sie sei nur noch sporadisch in der Lage, die Wohnung
zu verlassen. Seit drei Jahren seien ihr gewisse (bezeichnete) sportliche Aktivitäten
nicht mehr möglich (IV-act. 38-1 f.). Auf die Möglichkeit der IV-Anmeldung sei sie durch
die Ärzte aufmerksam gemacht worden, auch mit Blick auf die Belastungssituation des
Ehemannes, der mit Überstunden versuche, das Familienbudget im Lot zu behalten,
A.h.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und sich dabei überanstrenge (vgl. IV-act. 38-11). - Im Bericht wurde festgehalten, eine
psychische Komponente könne offensichtlich ausgeräumt werden (vgl. IV-act. 38-11).
Im Haushaltteil, der 35 % ausmache, mache die Versicherte eine Einschränkung von
knapp zwei Dritteln (63.75 %) geltend, da sie inzwischen während der Hälfte der Zeit
überhaupt keine Leistung erbringen könne. Es sei - bei rechtsprechungsgemässer
Berücksichtigung einer gewissen Mithilfe der Familienmitglieder - eine Einschränkung
um 36.4 % erhoben worden, so dass ein (Teil-) Invaliditätsgrad von 12.7 % resultiere.
Die langdauernde Krankheit habe am 2. Februar 2016 begonnen (vgl. IV-act. 38-13 f.).
Am 10. November 2017 (IV-act. 40) gab Dr. D._ an, die Versicherte fühle sich
aufgrund der starken Schmerzen und der fehlenden Kraft nicht in der Lage, einer
regelmässigen Tätigkeit nachgehen zu können. Eventuell würden nach einer Abklärung
Immunsuppressiva eingesetzt. - Am 2. Januar 2018 (IV-act. 43) berichtete der Arzt, es
bestehe der hochgradige Verdacht auf ein familiäres Mittelmeerfieber. Ein breites
Spektrum der entsprechenden Symptome spreche auf die seit zwei Wochen
eingesetzte Behandlung mit Colchicine an, doch habe sich in den letzten Wochen eine
Hemisymptomatik rechts herausgebildet, die bei einer Kontrolle im Universitätsspital
Zürich nur angedeutet bestanden habe.
A.i.
Die Klinik für Immunologie am Universitätsspital Zürich (Dr. med. H._, Facharzt
für Allergologie und klinische Immunologie) teilte im IV-Arztbericht vom 25. Juli 2018
(IV-act. 53) mit, es bestünden intermittierende Fieberepisoden, chronische
Knochenschmerzen, eine ausgeprägte Fatigue, ein Taubheitsgefühl der gesamten
rechten Körperhälfte mit Schwindel und rezidivierenden Stürzen (EM ca. 2014, Ursache
unklar). Unter Colchicine habe sich anamnestisch eine Besserung der Symptome
ergeben (kein Fieber mehr) bei jedoch persistierend auftretendem neurologischem
Befund. Dieser sei mit den Neurologen evaluiert und am ehesten als funktionell
gewertet worden. Eine genetische Analyse zum Ausschluss eines Mittelmeerfiebers sei
unauffällig ausgefallen. Die Entzündungsparameter seien stets normwertig gewesen.
Serologisch habe es keinen Hinweis auf eine Kollagenose oder Vaskulitis gegeben. Da
kein Hinweis auf eine autoimmune/autoinflammatorische Krankheit bestehe, könne zur
IV-Berentung keine Stellung genommen werden.
A.j.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. D._ berichtete am 26. November 2018 (IV-act. 61), die Dysästhesien und
Hypoästhesien träten zunehmend und häufiger auf. Im MRI des Schädels seien keine
pathologischen Veränderungen sichtbar geworden. Die Gelenk-, Knochen- und
Muskelschmerzen, passageren Entzündungen (mit hämatösen Veränderungen und
ödematöser Gewebsveränderung), das _ Abdomen und die intermittierenden
abdominellen Schmerzen seien weiterhin vorhanden. In den letzten Wochen und
Monaten sei es vermehrt zu Schwindelattacken mit mehreren Stürzen gekommen.
A.k.
Die Klinik für Immunologie am Universitätsspital Zürich gab mit dem IV-
Verlaufsbericht vom 31. Januar 2019 und Bericht vom 9. Januar 2019 (IV-act. 64)
bekannt, da die Versicherte nach einem empirischen Therapieversuch mit Colchicine
von einer deutlichen Abnahme der Fieberschübe und der abdominalen Beschwerden
berichtet habe, sei eine genetische Analyse erfolgt. Dabei sei eine Variante unklarer
Signifikanz gefunden worden. Eine weitere solche Analyse sei noch ausstehend; bei
allenfalls zusätzlich nachweisbarer Mutation könne Relevanz bestehen. Als Diagnosen
wurden benannt: (erstens) intermittierend febrile Temperaturen unklarer Ursache (EM
2011), (zweitens) ein chronischer ungerichteter Schwindel mit Sehstörungen
(Verschwommensehen, Farben nicht ganz klar), (drittens) rezidivierende
Gelenkschwellungen, v.a. Hand-, Knie-/Fussgelenke, (viertens) ein St. n. chronischem
panvertebralem Schmerzsyndrom, (fünftens) ein St. n. Hämatomen wechselnder
Lokalisation, (sechstens) ein St. n. Hypermenorrhoe 09/15 und (siebtens) ein St. n.
Vitamin D-Mangel. An der Klinik habe sich die Versicherte stets fieberfrei präsentiert mit
wiederholt negativen Entzündungsparametern. - In einem Bericht vom 25. März 2019
(IV-act. 68) gab die Klinik weiter an, in der neuen Sequenzanalyse hätten keine
Varianten nachgewiesen werden können, die nach aktuellem Wissensstand eine
pathogene Signifikanz hätten. Nach Sistieren der Colchicinetherapie im Oktober 2018
sei es zu vor allem abendlich erhöhter Körpertemperatur bis knapp 39° C und zu einer
Zunahme der unspezifischen Myalgien mit nächtlichem Maximum in beiden Schulter
und dem rechten Oberschenkel gekommen; die Behandlung sei wieder aufgenommen
worden.
A.l.
Am 5. September 2019 erstattete die MEDAS Interlaken Unterseen GmbH ein
Gutachten vom 28. August 2019 (IV-act. 81; Abklärungen vom 18. Juni 2019 bis
8. August 2019). Als Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit liege bei der
A.m.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten eine Somatisierungsstörung vor. Ohne Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit seien ein generalisiertes Weichteil-Schmerzsyndrom, eineallgemeine
Bandlaxität, ein Verdacht auf eine hypomorphe Form eines familiären
Mittelmeerfiebers, eine subjektive intermittierende Schwäche des rechten Hemikörpers
und Hypoästhesie am ganzen rechten Hemikörper mit Aussparung der rechten
temporalen, frontalen und parietalen Region, ohne neurologisches Korrelat, und ein
Schwindel in zwei Arten, einerseits Drehschwindel, anderseits Schwindel mit
horizontalen Oszillationen, ohne neurologisches Korrelat. Aus internistischer,
neurologischer und rheumatologischer Sicht sei der Versicherten die bisherige und jede
angepasste Tätigkeit zu 100 % zumutbar. Psychiatrisch gesehen sei die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit als Hauswartin seit der Antragstellung nicht mehr zumutbar.
Strukturierte Tätigkeiten ohne besondere Konzentrationsanforderungen, besondere (sc.
Anforderungen an die) Stresstoleranz, ohne Lärmbelastung, störende Lichtverhältnisse,
Verantwortung und Nacht- oder Wechselschicht sowie mit erhöhten Pausen und wenig
Publikumsverkehr seien psychiatrisch an etwa fünfeinhalb Stunden pro Tag ohne
weitere Leistungseinschränkungen möglich. Die Arbeitsfähigkeit betrage 66 %. Bei
konsequenter, motivierter Nutzung der therapeutischen Optionen könne innert zwölf
Monaten eine Arbeitsfähigkeit von 80 bis 100 % durchaus erwartet werden. Eine
krankheitsbedingte Unfähigkeit zur Therapieadhärenz und Kooperation bei - sinnvollen
und zumutbaren - Eingliederungsmassnahmen liege nur in Teilen vor. Die im Haushalt
geltend gemachten Funktionsstörungen seien plausibel. - Der Regionale Ärztliche
Dienst (RAD) der Invalidenversicherung hielt am 27. September 2019 (IV-act. 82) dafür,
das Gutachten sei konsistent und nachvollziehbar.
Mit Vorbescheid vom 2. Oktober 2019 (IV-act. 85) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen der Versicherten die
Abweisung des Leistungsgesuchs in Aussicht. Im Erwerb bestehe eine Einbusse von
34 % (Valideneinkommen Fr. 54'576.--, Invalideneinkommen Fr. 36'020.--), im Haushalt
eine solche von 36 %. Insgesamt mache der Invaliditätsgrad 35 % aus (22 % aus dem
Erwerbsbereich, 13 % aus dem Haushalt). Die medizinischen Massnahmen
(psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung) seien zu intensivieren. - Die
Versicherte ersuchte am 6. November 2019 (IV-act. 94) unter Beilage eines Schreibens
von Dr. med. I._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom Tag davor
A.n.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsagent Roger Fehr für die Betroffene
am 13. Dezember 2019 erhobene Beschwerde (act. G 1). Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die
Sache zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Die Ursachen der geltend gemachten körperlichen
Beschwerden hätten nicht abschliessend festgestellt werden und die Behandlungen
hätten keine merkliche Besserung erzielen können. Sowohl die gutachterliche wie die
Einschätzung der bisher involvierten behandelnden Fachärzte sprächen klar für eine
somatische Schmerzproblematik, für die keine eindeutige körperliche Ursache vorliege.
Vor der im Oktober 2019 aufgenommenen Behandlung durch Dr. I._ sei es der
Beschwerdeführerin schwergefallen, sich einzugestehen, dass bei ihr eine psychische
Problematik vorliege. Mittlerweile sei sie bereit, psychiatrische bzw.
psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Sie wolle auch alles
daran setzen, sich mittel- und langfristig wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Die
bisherigen Eingliederungsversuche seien missglückt. Das sei ausser Acht gelassen
worden. Dr. I._ habe eine larvierte depressive Phase bei rezidivierenden depressiven
Phasen, eine Persönlichkeit mit emotional instabilen Anteilen, anamnestisch eine
schwierige Kindheit mit traumatischen Erlebnissen, differentialdiagnostisch eine
posttraumatische Belastungsstörung, eine Somatisierungsstörung, eine hypomorphe
Form eines familiären Mittelmeerfiebers und weitere gesundheitliche Einschränkungen
diagnostiziert. Er habe sich auch mit dem Gutachten und den Vorberichten
auseinandergesetzt und festgehalten, die psychiatrische Seite sei nicht genauer
analysiert worden. Die Beschwerdeführerin versuche als Schutzreaktion, eine Fassade
aufrecht zu erhalten, und ihr Verhalten deute auf eine starke Verdrängungsreaktion hin.
Die Abklärungen stünden erst am Beginn. Die Annahmen zu Therapiemöglichkeiten
und Erfolgsaussichten seien zu wenig differenziert und deutlich zu optimistisch. Die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin betrage höchstens 30 %. Sollten hieran
um eine Fristverlängerung für den möglichen Einwand. Sie habe sich für eine Therapie
angemeldet und man werde in drei Monaten sehen können, ob sich ihr Zustand
verbessert habe.
Mit Verfügung vom 14. November 2019 (IV-act. 97) wies die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen das Gesuch ab. Schon bei
der ohne die indizierten Therapiemassnahmen bestehenden Arbeitsfähigkeit werde kein
Rentenanspruch begründet.
A.o.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zweifel bestehen, sei die effektive Leistungsfähigkeit in einem Integrations- oder
Arbeitsprogramm in geschütztem Rahmen zu überprüfen. Eine abschliessende
Beurteilung sei noch gar nicht möglich. Dass die Beschwerdegegnerin trotz des
Ersuchens um einen Aufschub bereits verfügt habe, sei nicht begreiflich, hätte sie
andernfalls doch keinen Nachteil gehabt. Je nach weiterem Verlauf seien die
beruflichen Massnahmen erneut zu prüfen. Denn selbst bei genügend verwertbaren
Ressourcen sei eine Selbsteingliederung der Beschwerdeführerin unwahrscheinlich
und werde mit zunehmender Dauer der Untätigkeit unrealistischer.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 28. Januar 2020 (act. G 4) beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Die Gesuchsabweisung sei
ausgehend von der gutachterlich festgestellten Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin von 66 % erfolgt. Es sei nicht ersichtlich, weshalb eine Zeit der
Therapie abgewartet werden müsse. Ob die prognostizierte Arbeitsfähigkeit von 80 bis
100 % erreicht werden könne, wäre später zu prüfen. Der RAD sei zum Schluss
gekommen, dass auch angesichts des Arztberichts von Dr. I._ weiterhin auf das
Gutachten abgestellt werden könne. Von gescheiterten Eingliederungsversuchen könne
nicht auf eine Arbeitsunfähigkeit geschlossen werden, denn diese seien von
subjektiven Faktoren wie der Motivation und dem Willen einer versicherten Person
abhängig. Weitere Abklärungen seien nicht nötig. Die beruflichen Massnahmen bildeten
nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. Hierzu sei ein schriftlicher Antrag
einzureichen, damit eine Prüfung erfolgen könne. - Der RAD hatte am 16. Januar 2020
(act. G 4.1) festgehalten, der Argumentation, wonach die bisherigen gescheiterten
Selbsteingliederungsversuche der Beschwerdeführerin die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung widerlegten, könne nicht gefolgt werden. Denn gleichzeitig
werde korrekt berichtet, ihre Einsicht in eine psychische Erkrankung habe erst jüngst
und plötzlich eingesetzt. Zuvor habe inadäquat und dysfunktional lediglich
Selbstschonung stattgefunden, was schliesslich bedauernswerterweise zum Rückzug
aus den Lebensaktivitäten geführt habe. Des Weiteren sei nicht auf die prospektive
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit abzustellen. Es seien auch keine weiteren
Abklärungen erforderlich und abzuwarten gewesen. Der behandelnde Psychiater
schätze lediglich denselben Sachverhalt anders ein als der Gutachter. Seine geltend
gemachten Diagnosen und Verdachtsdiagnosen hielten einer Prüfung nicht stand; sie
seien nicht durch Befunde nachvollziehbar gemacht worden.
D.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Replik vom 24. Februar 2020 bringt der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
vor, die Tatsache, dass erst im Verlauf der Zeit eine (vorher krankheitsbedingt fehlende)
Krankheitseinsicht gereift sei, spiele für die Beurteilung des Gesundheitszustands keine
Rolle. Soweit sie Rückschlüsse auf die bei Abschluss des Verwaltungsverfahrens
vorliegende Situation erlaubten, seien selbst allfällige spätere Arztberichte noch in die
Beurteilung einzubeziehen. Der entscheidwesentliche Sachverhalt sei noch nicht
abschliessend eruiert worden. Es lägen klare Anhaltspunkte dafür vor, dass die
gesundheitliche Beeinträchtigung der Beschwerdeführerin bisher deutlich unterschätzt
worden sei. Weder der RAD noch die Beschwerdegegnerin hätten sich die erforderliche
Mühe gemacht, sich mit den Ausführungen von Dr. I._ im Detail adäquat
auseinanderzusetzen. Auch beim Verlauf und dem Ausgang von Therapien handle es
sich ausserdem um wichtige Schweregradindikatoren. Mit der rechtsgenüglichen
Anmeldung wahre eine versicherte Person sämtliche Leistungsansprüche, die mit dem
entsprechenden Risikoeintritt in Zusammenhang stünden. Zwischen den Abklärungen
zum Rentenanspruch und dem Anspruch auf berufliche Massnahmen bestehe ein
enger sachlicher Zusammenhang. Den entsprechenden Fragen sei von Amtes wegen
nachzugehen. Die Versicherungsträger seien auch für die Beratung über die Rechte
und Pflichten der versicherten Personen zuständig. Aufgrund der Darlegungen im
Gutachten würden sich Abklärungen zu den beruflichen Massnahmen aufdrängen. Es
sei stossend und überspitzt formalistisch, wenn die Beschwerdegegnerin das Gesuch
um Unterstützung bei der beruflichen Wiedereingliederung ignoriere und erst tätig
werden wolle, wenn die Beschwerdeführerin einen schriftlichen Antrag stelle.
E.
Die Beschwerdegegnerin hat am 11. Mai 2020 auf die Erstattung einer Duplik
verzichtet.

Considerations:
Erwägungen
1.
Im Streit liegt die angefochtene Verfügung vom 14. November 2019, mit welcher die
Beschwerdegegnerin das Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin vom
25./27. Februar 2017 hinsichtlich einer Rente abgewiesen hat. - Nach der
Rechtsprechung wahrt die versicherte Person mit der Anmeldung grundsätzlich alle
ihre zu diesem Zeitpunkt gegenüber der Versicherung bestehenden
Leistungsansprüche (auch wenn sie diese im Anmeldeformular nicht ausdrücklich oder
im Einzelnen angibt; vgl. Bundesgerichtsurteil vom 31. März 2011, 9C_1033/2010
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E. 2.3; vgl. EVGE 1962 S. 342, EVGE 1964 S. 189). Dieser Grundsatz findet aber nicht
Anwendung auf Leistungen, die in keinem Zusammenhang mit den sich aus den
Angaben der versicherten Person ausdrücklich oder sinngemäss ergebenden Begehren
stehen und bezüglich derer auch keinerlei aktenmässige Anhaltspunkte die Annahme
erlauben, sie könnten ebenfalls in Betracht fallen (vgl. BGE 101 V 111; BGE 111 V 264
E. 3b; BGE 121 V 196 f E. 2). - Der Beschwerdeführerin berufliche Massnahmen
zuzusprechen, hatte die Beschwerdegegnerin vorliegend am 13. April 2017 abgelehnt.
In der Folge wurden lange Zeit keine Massnahmen beantragt, so dass insofern von
formeller Rechtskraft auszugehen ist. - Sollte sich aber zeigen, dass ohne
Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage kommt, so gehörte zum
Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die Beschwerdegegnerin den
Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht der
Beschwerdeführerin zu Massnahmen ausreichend in Anspruch genommen habe.
2.
Nach Art. 28 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20)
besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu
60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf
eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf
eine Viertelsrente.
2.1.
Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen versicherten Personen ist
gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG Art. 16 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) anwendbar. Danach wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen; sog. allgemeine Methode der Invaliditätsbemessung). - Gemäss
Art. 28a IVG wird bei nicht erwerbstätigen versicherten Personen, die im
Aufgabenbereich tätig sind und denen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht
zugemutet werden kann, für die Bemessung der Invalidität in Abweichung von Art. 16
ATSG darauf abgestellt, in welchem Mass sie unfähig sind, sich im Aufgabenbereich zu
betätigen (Abs. 2; spezifische Methode; vgl. auch Art. 5 Abs. 1 IVG und Art. 8 Abs. 3
ATSG). - Bei versicherten Personen, die nur zum Teil erwerbstätig sind (oder
unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten mitarbeiten), wird die Invalidität gemäss Art. 28a
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Unbestrittenermassen (und angesichts der vorgebrachten Begründung mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit) ist davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin im vorliegend relevanten Zeitraum im hypothetischen
Gesundheitsfall zu 65 % erwerbstätig (und dementsprechend zu 35 % im Haushalt
tätig) wäre, weshalb nicht zu beanstanden ist, dass ihre Invalidität von der
Beschwerdegegnerin nach der gemischten Methode mit einer entsprechenden
Aufteilung in einen Erwerbsteil von 65 % und einen Haushaltteil von 35 % bemessen
worden ist. Die Aussage der ersten Stunde liesse allerdings auf eine Aufteilung in 70 %
und 30 % schliessen, was indessen nicht entscheidrelevant ist (vgl. unten E. 5.2).
Abs. 3 IVG für diesen Teil nach Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im
Aufgabenbereich tätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach Abs. 2 festgelegt.
In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im
Aufgabenbereich festzulegen und ist der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu
bemessen (gemischte Methode).
Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine
Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG, vgl. schon BGE 102 V 165). - Sämtliche
psychischen Erkrankungen sind nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl.
BGE 143 V 418 E. 7.1 f.) grundsätzlich (bei Ausnahmen nach dem jeweiligen
Beweisbedarf) einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu
unterziehen. Die funktionellen Folgen der Gesundheitsschädigung sind danach
qualitativ zu erfassen und quantitativ einzuschätzen. Für die Beurteilung des
funktionellen Leistungsvermögens sind in der Regel diverse Standardindikatoren
beachtlich, die in zwei Kategorien systematisiert werden, nämlich einerseits in der
Kategorie des funktionellen Schweregrads und anderseits in jener der Konsistenz.
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Hinsichtlich des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin ist eine polydisziplinäre Begutachtung erfolgt. Es wurden dabei die
Vorakten zur Kenntnis genommen und die Anamnese und die geklagten Beschwerden
erfragt.
4.1.
Was die internistische Begutachtung im Einzelnen betrifft, gab die
Beschwerdeführerin dabei an, als Vierjährige sei sie einmal ins Koma gefallen und habe
anschliessend _. Mit zwölf Jahren habe sie eine Beinlähmung gehabt und [...]. Sie
habe nach staatlich nicht anerkannter Ausbildung als K._ acht Jahre lang als solche
gearbeitet (gemäss IK-Auszug teilweise, innerhalb der Jahre zwischen 2002 und 2007).
Diese Arbeit sei ihr körperlich zu anstrengend. Mit 28 Jahren habe sie Beschwerden an
der Wirbelsäule bekommen. Manchmal habe sie nicht gehen können. Sie habe auch
immer wieder Fieber (bis 41° C) gehabt (etwa an 18 Tagen pro Monat) und früher
Blutergüsse oder Hautveränderungen, für die es keine Ursache gegeben habe. Das
Gewicht schwanke sehr stark; vor zwei Wochen habe sie noch 66 kg gehabt, nun
zwischen 73 und 75 kg. Hunger verspüre sie erst nach vier bis fünf Tagen; manchmal
esse sie drei Tage lang nichts. Sie würde gern in den Bereich Beratung (Erziehungs-
oder _beratung) gehen, allenfalls nach einer Umschulung. Sie habe sich schon sehr
mit dem Thema _ befasst und besitze Kenntnisse; die Invalidenversicherung habe
aber wegen ihres schlechten Gesundheitszustands zunächst von einer Umschulung
abgesehen (vgl. IV-act. 81-29 f.). - Die Gutachterin der Allgemeinen Inneren Medizin
erhob den Befund und nannte einzig die Arbeitsfähigkeit nicht beeinflussende
Diagnosen (Verdacht auf eine hypomorphe Form eines familiären Mittelmeerfiebers und
Übergewicht). Eine Arbeitsunfähigkeit aus internistischer Sicht liege nicht vor. Eine
Anpassung der Tätigkeit sei nicht erforderlich. Die im Abklärungsbericht geltend
gemachten Funktionsstörungen seien medizinisch nicht nachvollziehbar (vgl. IV-
act. 81-35 f.).
4.1.1.
Auch anlässlich der neurologischen Begutachtung wurde die
Beschwerdeführerin befragt. Sie erklärte dabei, sie sei zu 80 % arbeitsunfähig. Der
Gutachter der Neurologie erhob den Befund und benannte ebenfalls keine die
Arbeitsfähigkeit tangierende Erkrankung. Die drei geklagten Beschwerden
(Hypoästhesie und Schwäche am rechten Hemikörper sowie Schwindel) seien weder
plausibel noch konsistent. Die Haltung der Beschwerdeführerin könne als Simulation
beurteilt werden (vgl. IV-act. 81-69 ff.). Die im Abklärungsbericht geltend gemachten
Funktionsstörungen seien medizinisch nicht plausibel (vgl. IV-act. 81-72).
4.1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei der rheumatologischen Begutachtung erklärte die Beschwerdeführerin,
keiner geregelten ausserhäuslichen Tätigkeit nachgehen zu können. Im Haushalt könne
sie die anfallenden Arbeiten an einzelnen Tagen erledigen, sofern sie keine falsche
Bewegung mache. Andernfalls sei sie nicht mehr in der Lage, die Tätigkeiten zu Ende
zu führen. Der Gutachter der Rheumatologie hielt nach Befunderhebung fest, die
Beschwerden am Bewegungsapparat seien Ausdruck eines generalisierten Weichteil-
Schmerzsyndroms, am besten erklärbar durch eine Somatisierungsstörung. Ein 3-
Phasen-Skelett-Szintigramm vom Oktober 2016 habe keine Hinweise auf eine
entzündliche Gelenksmitbeteiligung nachweisen können. Die Kriterien für ein
Hypermotilitätssyndrom seien nicht erfüllt (vgl. IV-act. 81-113). Für Arbeitstätigkeiten
mit leichter bis knapp mittelschwerer mechanischer Belastung liege rheumatologisch
gesehen eine uneingeschränkte Zumutbarkeit (100 %) vor (vgl. IV-act. 81-114 f.).
Optimal angepasst wäre eine Tätigkeit mit Vermeiden wiederholten Bückens und
Aufrichtens, repetitiven Anhebens und Tragens von Gewichten über 10 kg, chronischer
Vorneigehaltung des Rumpfes, kniender oder kauernder Positionen, rein statischer
Belastungen des Achsenskeletts im Sitzen und Stehen ohne Möglichkeit zu
Wechselpositionen und von hoher Stressbelastung bzw. Zeitdrucks (vgl. IV-
act. 81-115). Die im Abklärungsbericht geltend gemachten Funktionsstörungen seien
weitestgehend plausibel (vgl. IV-act. 81-116).
4.1.3.
Bei der psychiatrischen Begutachtung gab die Beschwerdeführerin an, die
Mutter habe [...]. Sie seien [...] gewesen und irgendwie fremd in der Umgebung (vgl. IV-
act. 81-81). Sie würde gern eine Art _ machen. Andere würden sagen, sie sei eine
starke Persönlichkeit und habe eine starke Psyche. Sie könne sehr gut mit Problemen
umgehen (vgl. IV-act. 81-80). - Der Gutachter der Psychiatrie erhob den Befund nach
AMDP. Dabei wurden keine Störungen beschrieben, namentlich auch keine Parathymie
(vgl. IV-act. 81-84 f.). Ausserdem wurde die Persönlichkeit der Beschwerdeführerin
klassisch in fünf Dimensionen beschrieben. Es seien unter diesem Aspekt keine Gründe
vorhanden, die der Beschwerdeführerin eine Arbeitstätigkeit verwehren bzw. mit einer
reduzierten Arbeitsfähigkeit einhergehen würden (vgl. IV-act. 85 f.). Als
Fremdbeurteilungsinstrument sei eine testpsychologische Zusatzuntersuchung anhand
der Hamilton Depressionsskala (HAMD) erfolgt. Diese sei vor allem für die Messung
von Veränderungen im Verlauf geeignet. Das Ergebnis habe dem klinischen Eindruck
entsprochen, dass nämlich keine depressive Störung vorliege (vgl. IV-act. 81-86). Es
seien bei der Beschwerdeführerin aus zwei Bereichen (der ICD-Klassifikation) Faktoren
vorgefunden worden, nämlich einerseits (aus dem Kapitel F4) eine typisch
somatoforme innere Dynamik, entsprechende Kognition und Interaktionen. Anderseits
4.1.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seien aus dem Bereich F5 zahlreiche Phänomene vorhanden, die allerdings bereits in
der Diagnose der Somatisierungsstörung enthalten seien (wie etwa die
Selbstlimitierung). Krankheitsbilder aus den übrigen Bereichen (somit F1 bis F3 und F6
bis F9) lägen nicht vor.
Der Gutachter der Psychiatrie hat sich auch mit den Standardindikatoren
auseinandergesetzt. Dabei wurde festgehalten, von der diagnostischen Einschätzung
(einer Somatisierungsstörung) würden sich diverse Funktionseinschränkungen nach
Mini ICF-APP Rating ableiten lassen (vgl. IV-act. 81-95). In Bezug auf die
Durchhaltefähigkeit wurde dabei eine leicht- bis mittelgradige Einschränkung erwähnt,
unter allen anderen zwölf Aspekten wurden aber lediglich leichte (bzw. wenig) oder gar
keine Einschränkungen bezeichnet (vgl. IV-act. 81-95). Zum Schweregrad bzw. der
Prognose wurde festgehalten, der Leidensdruck scheine teilweise relativ. Die
Beschwerdeführerin sei biographisch belastet. Eine Komorbidität mit Depression oder
Angst lasse sich nicht ausmachen. Die Persönlichkeit scheine nicht grundsätzlich
beeinträchtigt. Eine multiple somatoforme Symptomatik sei allgemein ein
diagnostischer Hinweis für das Vorliegen einer somatoformen Störung von höherem
Schweregrad und gewöhnlich mit mehr affektiver Komorbidität und
Funktionseinschränkungen verbunden; bei der Beschwerdeführerin jedoch nicht (vgl.
IV-act. 81-91). - Der Gutachter hielt fest, die Kooperation der Beschwerdeführerin bei
gescheiterten Selbsteingliederungsbemühungen sei als ausreichend zu bezeichnen, da
sie nach dem Scheitern mit dem _laden einen neuen Versuch in der Hauswartung
unternommen habe (vgl. IV-act. 81-93). Ausserdem erklärte der Gutachter, betreffend
das aktuelle Persönlichkeitsbild, die biografische Persönlichkeitsentwicklung und
persönliche Ressourcen würden sich keine erwerbsrelevanten Defizite objektivieren
lassen (vgl. IV-act. 81-92). Es würden nicht nur Defizite ermittelt, sondern die
Beschwerdeführerin sei auch als durchaus ressourcenstarke Person erkannt worden,
die sich im Übrigen auch selber so einschätze (vgl. IV-act. 81-95 f.). Intellektuelle
Ressourcen und Persönlichkeit (-sressourcen) seien klar sichtbar, auch im Sinn von
Motivation, zielgerichtetem Handeln, Ehrgeiz und Ausdauer. Die Beschwerdeführerin
sei aus schwierigen Verhältnissen in eine stabile Ehesituation und eine stabile _
Situation gekommen, habe sich eine Familie und eine Existenz aufgebaut, was als
Anpassungsleistung zu werten sei. Sie habe ausserdem auch mit Engagement und
Kreativität zum Erwerb und Unterhalt der Familie beigetragen (vgl. IV-act. 81-96). Die
Beschwerdeführerin verfüge über Ressourcen (für eine Eingliederung). Auch zum
sozialen Kontext wurde dargelegt, dieser erscheine nicht in erwerbsrelevantem
Ausmass gestört (vgl. IV-act. 81-92). Ein vollständiger sozialer Rückzug liege sicherlich
4.1.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht vor. Der soziale Hintergrund scheine in vielen Teilen intakt (stabile Ehe, Beziehung
zu Geschwistern; vgl. IV-act. 81-93). Es habe sich eine kognitive Flexibilität
vorgefunden, soziale Unterstützung scheine vorhanden zu sein. Positive Emotionen
seien ebenfalls vorhanden. Die Beschwerdeführerin verfüge über eine gewisse
"Hardiness", sie sehe einen Sinn im Leben, sei _, habe ein Selbstwertgefühl und
verfüge über Spiritualität (IV-act. 81-97). Sie habe auch einen Freundeskreis, auch
wenn es krankheitsbedingt zum Rückzug gekommen sei (vgl. IV-act. 81-82).
Psychosoziale Faktoren stünden nicht sichtbar im Vordergrund (vgl. IV-act. 81-92) bzw.
psychosoziale Belastungen stünden möglicherweise auch im Vordergrund, hätten
jedoch nicht in ihrer Klarheit herausgearbeitet werden können (IV-act. 81-96). Die
Krankheitsverarbeitung sei unklar. Eine Veränderungsmotivation sei jedoch durchaus
erkennbar. Eine Leistungsmotivation sei grundsätzlich vorhanden. Der Leidensdruck sei
gering, was jedoch bei somatoformen Störungen nicht selten sei (vgl. IV-act. 81-93).
Die Konsistenzparameter seien weitgehend negativ (vgl. IV-act. 81-93 f.).
Entscheidende Diskrepanzen hätten sich nicht ergeben (vgl. IV-act. 81-94).
Invaliditätsfremde Faktoren seien nicht in relevantem Ausmass vorhanden (IV-
act. 81-97). - Der Gutachter schloss, im Rahmen der Somatisierungsstörung würden
die geklagten Funktionsbeeinträchtigungen erklärt und sie seien nur teilweise willentlich
überwindbar, erst recht bei Einbezug des Umstands bisher nicht erfolgter Therapie (vgl.
IV-act. 81-94).
Polydisziplinär wurde festgehalten, es liege ein sehr komplexes Krankheitsbild
vor. Umfangreiche Abklärungen hätten keine verwertbaren Befunde ergeben. Selbst bei
Vorliegen des Mittelmeerfiebers bestünde keine wesentliche Einschränkung der
Leistungsfähigkeit auf Dauer. Im Psychostatus hätten sich keine Auffälligkeiten gezeigt.
Die Beschwerdeführerin habe eine mehr als lange und komplizierte
Patientengeschichte hinter sich mit unzähligen negativen Untersuchungsergebnissen,
dazu auch Zufallsbefunden und Ergebnissen mit Hinweisen auf mögliche Störungen.
Die Symptome bezögen sich auf zahlreiche Körperteile und zeigten einen chronischen
und fluktuierenden Verlauf, letztlich auch eine Störung in den sozialen, interpersonalen
und familiären Verhältnissen. Im Rahmen der zahlreichen Untersuchungen werde die
Beschwerdeführerin in der Annahme einer körperlichen Genese bestätigt. Der
Somatisierungsstörung würden zahlreiche Phänomene wie Selbstlimitierung,
Dekonditionierung, Schonverhalten, Verharren in der Krankenrolle, subjektive
Leistungsinsuffizienz und hypochondrische Tendenzen zugeordnet (vgl. IV-act. 81-6 f.).
Eine Somatisierungsstörung könne hohen Leidensdruck erzeugen (vgl. IV-act. 81-7).
Bei den körperlichen Untersuchungen der Beschwerdeführerin hätten sich
4.1.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Inkonsistenzen finden lassen, die sich aber unter Einbezug der Diagnose der
Somatisierungsstörung auflösen liessen (vgl. IV-act. 81-8).
Die Begutachtung erscheint insoweit vollständig und umfassend.4.2.
Die Beschwerdeführerin beanstandet jedoch deren Ergebnis. Dr. I._ erhebt in
seinem psychiatrischen Bericht vom 11. Dezember 2019 diverse Einwände.
4.3.
So ist er etwa der Auffassung, das Mittelmeerfieber, die chronischen Schmerzen
und Gefühlsstörungen sowie der Schwindel würden schon aus somatischer Sicht eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um mindestens 70 % bewirken. Auch körperlich
kämen für die Beschwerdeführerin nur sehr einfache und leichte Tätigkeiten in Frage. -
Dazu ist festzuhalten, dass die Begutachtung eine somatische Untersuchung in
mehreren möglicherweise betroffenen Disziplinen umfasste, an deren Ergebnis die
Einschätzung des Psychiaters Dr. I._ keine relevanten Zweifel zu begründen vermag.
Somatisch gesehen sind im Übrigen schon davor zahlreiche fachärztliche
Untersuchungen vorgenommen worden, ohne dass ein Substrat für die Beschwerden
gefunden worden wäre.
4.3.1.
Dr. I._ hält weiter dafür, psychiatrisch seien falsche Schlussfolgerungen
gezogen worden. Wenn die Beschwerdeführerin lächelnd über ihre Beschwerden oder
über erlebte Traumata berichte, seien das klare Anzeichen dafür, dass sie traumatische
Erlebnisse abspalte, verleugne oder rationalisiere. Der parathyme Affekt werde noch
offensichtlicher in Zusammenhang mit der schwierigen Kindheit (_ kranke Eltern,
deren Scheidung, Pflegeltern). Auch die auffällige Verleugnung psychischer
Beeinträchtigung deute auf eine starke Verdrängungsreaktion hin. Die Schmerzen
könnten auch als Form einer larvierten Depression betrachtet werden. Die
gutachterliche Beurteilung mit einer Somatisierungsstörung halte einer Überprüfung bei
dem Gesamtbild der Befunde nicht stand. Die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
in angepasster Arbeit sei gutachterlich viel zu optimistisch eingeschätzt worden. Ihre
Erschöpfung sei grösser, als dass sie fünfeinhalb Stunden pro Tag arbeiten könnte. Sie
habe auch grosse emotionale und psychische Schwankungen. Diese müssten an
einem Arbeitsplatz aufgefangen werden können. Die Sache mit den psychiatrischen
Massnahmen sei nicht so einfach, wie der Gutachter annehme. Man könne die
Beschwerdeführerin medikamentös unterstützen, doch habe sie bereits einige
antidepressive Medikationen gehabt, ohne dass die gewünschte Besserung
eingetreten wäre. Psychotherapeutisch könne man eine Aufarbeitung der
Vergangenheit mit den erlebten Traumata in Angriff nehmen, doch das könne Jahre
dauern, und es sei zu befürchten, dass die Beschwerdeführerin dabei erst recht in eine
4.3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schwere Depression stürzen würde. Sie habe im Übrigen bereits ein eigenes Geschäft
geführt. Diese Arbeit habe der Beschreibung einer angepassten Tätigkeit sehr
entsprochen. Dennoch habe sie diese Arbeit nicht auf Dauer weiterführen können. -
Diesbezüglich ist festzuhalten, dass das Gutachten in seinem psychiatrischen Teil alle
vorgebrachten wesentlichen Aspekte berücksichtigt, sie aber anders gewertet hat
(nach gutachterlicher Beurteilung liegt wie erwähnt namentlich keine Parathymie vor).
Es ist davon auszugehen, dass im Gutachten eine andere diagnostische Einordnung
(als durch Dr. I._) erfolgt ist, was nicht von ausschlaggebender Bedeutung ist, und
dass eine andere Arbeitsfähigkeitsschätzung erfolgt ist.
Zu Letzterem ist festzuhalten, dass die im Gutachten angenommene
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit, wonach die Beschwerdeführerin lediglich eine
Arbeitszeit von täglich fünfeinhalb Stunden zu leisten vermöge, bei anzunehmender
Stichhaltigkeit der gutachterlich umschriebenen Sachlage angesichts der oben
erwähnten wenigen psychiatrischen Befunde eher knapp genügend begründet
erscheint. Wenn dargelegt wurde, die geltend gemachte Arbeitsunfähigkeit bilde sich
für die Gutachter nicht ganz klar einschätzbar, aber grundsätzlich wohl auch in den
vergleichbaren Lebensbereichen (Beruf/Erwerb, Haushalt, Freizeit und soziale
Aktivitäten) gleichförmig ab, so deutet das darauf hin, dass teilweise auch die
subjektive Darstellung der Beschwerdeführerin übernommen wurde, wobei allerdings
einzuräumen ist, dass eine diesbezügliche Objektivierung ohne Fremdanamnese
grundsätzlich schwierig ist. Ähnlich verhält es sich mit der gutachterlichen Annahme
einer vorhandenen Leistungsmotivation der Beschwerdeführerin (vgl. IV-act. 81-93).
Obwohl eine Somatisierungsstörung nach interdisziplinärer Feststellung einen hohen
Leidensdruck erzeugen kann (vgl. IV-act. 81-7), wurde zudem derjenige der
Beschwerdeführerin psychiatrisch als teilweise relativ bzw. als gering betrachtet, was
allerdings auch als bei solchen Störungen nicht selten bezeichnet wurde (vgl. IV-
act. 81-93, vgl. auch IV-act. 81-91). Des Weiteren erscheint die Umschreibung der
verschiedenen einschränkenden Voraussetzungen für eine adaptierte Tätigkeit im
Vergleich zu den beschriebenen Befunden mit nur wenigen erhobenen
Beeinträchtigungen und bei Würdigung der Standardindikatoren als weitreichend.
Entsprechend ist nicht ohne Weiteres erklärlich, aus welchem Grund die bisherige
Tätigkeit als Hauswartin inzwischen nicht mehr als zumutbar betrachtet wird (vgl. IV-
act. 81-99). Es rechtfertigt sich aber vorliegend, dem Ergebnis des Gutachtens als
solchem einer medizinisch gutachterlichen Beurteilung, die von einem polydisziplinären
Gremium in voller Aktenkenntnis und nach einer umfassenden Abklärung abgegeben
wurde, den Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit beizumessen. Die
4.3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Frage kann allerdings letztlich offen bleiben, wie sich aus dem Folgenden ergibt. Denn
von einer höheren (als der gutachterlich festgelegten) Arbeitsunfähigkeit, wie sie
Dr. I._ bei anderer diagnostischer Beurteilung, aber ohne Darlegung eines
objektivierten weitreichenderen Befundes annimmt (vgl. hierzu auch act. G 4.1), ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht auszugehen.
Auszugehen ist demnach von einer Arbeitsunfähigkeit von 34 % im Erwerb. Was
die Tätigkeit im Haushalt betrifft, wurde im Gutachten festgehalten, die dort "geltend
gemachten Funktionsstörungen" seien psychiatrisch gesehen plausibel (IV-act. 81-9).
Ob sich diese Feststellung auf die von der Beschwerdeführerin vorgebrachte
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von knapp zwei Dritteln oder auf die bei der
Haushaltabklärung von der Beschwerdegegnerin festgehaltene Einschränkung um
36.4 % bezog, wurde nicht ausdrücklich erwähnt. Die Formulierung mag auf Ersteres
hindeuten, doch dies wäre nach dem oben Dargelegten nicht nachvollziehbar, zumal
die Beschwerdeführerin körperlich nicht beeinträchtigt ist und davon ausgegangen
werden kann, dass sich die psychischen Beeinträchtigungen bei der Betätigung im
eigenen Haushalt tendenziell weniger auswirken als in einem ausserhäuslichen
Erwerbsfeld (wo 34 % Arbeitsunfähigkeit besteht).
4.4.
Was den Erwerbsteil betrifft, ist keine Erwerbstätigkeit ersichtlich, von der mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, das dabei erzielte
Einkommen tauge im Hinblick auf die Festsetzung des Valideneinkommens der
Beschwerdeführerin. Daher ist diesbezüglich auf die Tabellenlöhne der
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik (vgl.
Anhang 2 der Textausgabe Invalidenversicherung, Allgemeiner Teil des
Sozialversicherungsrechts, Gesetze und Verordnungen, 2019, herausgegeben von der
Informationsstelle AHV/IV, S. 228) abzustellen. Die Beschwerdeführerin hat gemäss IK-
Auszug auch keine in diesem Vergleich überdurchschnittlichen Einkommen erzielt. - Sie
hat nach der Aktenlage seit März 2016 keine Erwerbstätigkeit mehr ausgeübt, so dass
auch für die Bestimmung des Invalideneinkommens die (gleichen) Tabellenlöhne
herangezogen werden können. Von einer Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin auf einem als ausgeglichen fingierten Arbeitsmarkt muss nicht
ausgegangen werden, da dieser eine Vielzahl unterschiedlichster Arbeitsmöglichkeiten
- und selbst Nischenarbeitsplätze - umfasst (vgl. Bundesgerichtsentscheide vom 5.
November 2018, 9C_304/2018 E. 5.1.1, und vom 10. April 2019, 8C_811/2018 E. 4.4.1,
vom 18. Dezember 2019, 9C_693/2019 E. 5.1.3, und vom 28. November 2014,
9C_485/2014). - Für das Valideneinkommen und als Ausgangswert für die Bestimmung
5.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Invalideneinkommens ist somit derselbe Einkommensbetrag zu wählen. Der
Invaliditätsgrad entspricht unter solchen Verhältnissen dem Grad der Arbeitsunfähigkeit
unter Berücksichtigung eines allfälligen Abzugs (zur Ermittlung des
Invalideneinkommens) gemäss BGE 126 V 75 (vgl. Bundesgerichtsentscheide vom
9. Mai 2016, 8C_934/2015 E. 2.1, und vom 20. April 2010, 9C_215/2010 E. 5.2).
Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte Person ihre
gesundheitlich zumutbare verbleibende (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist
ein Abzug von den Tabellenlöhnen zu machen. Bei der Bestimmung der Höhe des
Abzuges ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das
Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu
schätzen und insgesamt auf höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen (vgl.
BGE 134 V 322 E. 5.2 und BGE 126 V 75). Die gesundheitlich bedingten
Einschränkungen der Beschwerdeführerin einerseits haben bereits in der medizinisch
begründeten Arbeitsunfähigkeitsschätzung ihren Niederschlag gefunden. Auch ein
Teilzeitabzug ist anderseits nicht erforderlich (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 19. Juli
2017, 9C_72/2017 E. 4.3). Daher bleibt es bei einer anhand der Arbeitsunfähigkeit
festzustellenden invaliditätsbedingten Einbusse von 34 %. Bezogen auf den Anteil von
65 % ergibt sich ein Teilinvaliditätsgrad von rund 22 %.
Auch im Haushaltsbereich sind die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihren
weitreichenden Einschränkungen an der medizinischen Zumutbarkeit einer
Arbeitsleistung zu messen. Die gutachterlich beschriebene Selbstlimitierung, das
Schonverhalten und die subjektive Leistungsinsuffizienz der Beschwerdeführerin sind
im Erwerbsbereich im Rahmen einer Arbeitsunfähigkeit von 34 % wegen einer
Somatisierungsstörung als erklärt betrachtet worden. Eine höhere Arbeitsunfähigkeit
als die bei der Abklärung erhobene erscheint im Haushalt demnach wie erwähnt nicht
nachvollziehbar und nicht überwiegend wahrscheinlich. Aus diesem 35 %
ausmachenden Tätigkeitsbereich kommt somit ein Teilinvaliditätsgrad von rund 12 %
hinzu (insgesamt 34 %, 22 % und 12 %). Bei einer Aufteilung in 70 % und 30 % würde
sich der Invaliditätsgrad von 34 % bei diesen Gegebenheiten nicht erhöhen (34 %,
rund 24 % und 10 %).
5.2.
Damit ergibt sich zusammenfassend, dass die angefochtene Verfügung angesichts
des nicht rentenbegründenden Gesamtinvaliditätsgrads der Beschwerdeführerin nicht
zu beanstanden ist. Die Beschwerdegegnerin war demnach nicht verpflichtet, von sich
aus berufliche Massnahmen anzuordnen. Im Übrigen hat die Beschwerdeführerin bei
der Begutachtung zwar Interesse an Ausbildung bzw. an Tätigkeitsbereichen bekundet,
5.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.