Decision ID: dd5be9a9-c7b2-413c-82fc-1cc92a7d059e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 5. Januar 2016 in der Schweiz ein Asyl-
gesuch. Am 7. Januar 2016 fand im damaligen Testphasen-Verfahrens-
zentrum B._ eine erste Befragung zur Erfassung seiner Persona-
lien statt. Am 2. Februar 2016 wurde das sogenannte beratende Vorge-
spräch im Beisein des amtlich zugewiesenen Rechtsbeistands durchge-
führt, wobei dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einer allfälli-
gen Überstellung nach Ungarn gewährt wurde; dabei wurde festgehalten,
dass er zuvor dort um Asyl nachgesucht habe, weshalb voraussichtlich die-
ses Land für die Behandlung seines Asylgesuchs zuständig sei.
B.
Mit Verfügung vom 17. März 2017 trat das SEM gestützt auf Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht
ein, und ordnete seine Überstellung nach Ungarn an.
C.
Diesen Nichteintretensentscheid liess der Beschwerdeführer mit Eingabe
seines damaligen zugewiesenen Rechtsbeistands vom 22. März 2016
beim Bundesverwaltungsgericht anfechten und in der Hauptsache die Auf-
hebung der angefochtenen Verfügung und die Feststellung der Zuständig-
keit der Schweiz für die materielle Behandlung seines Asylverfahrens be-
antragen.
D.
Mit Urteil E-1801/2016 vom 19. Juni 2017 hiess das Gericht die Beschwer-
de im vereinfachten Verfahren als offensichtlich begründet gut, soweit
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt worden war.
Die Verfügung des SEM vom 17. März 2016 wurde aufgehoben und
die Akten zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und zu neuer Ent-
scheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 11. Januar 2018 stellte das SEM fest, das
Dublin-Zuständigkeitsverfahren werde beendet und das Asylverfahren des
Beschwerdeführers werde in der Schweiz durchgeführt.
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F.
F.a Am 11. Oktober 2018 hörte das SEM den Beschwerdeführer einlässlich
zu seinen Asylgründen an. Er führte zur Begründung seines Asylgesuchs
im Wesentlichen aus, er sei ein Tamile aus dem Distrikt Jaffna (Nordpro-
vinz) und sei 1995 mit den Eltern nach C._ (Nordprovinz) umgezo-
gen. In der Folge sei er an den Geburtsort zurückgekehrt und kurz darauf
kriegsbedingt ins sogenannte Vanni-Gebiet weitergezogen, wo er bis 2009
gelebt habe. Bei Kriegsende habe er sich mit der Familie den sri-lankischen
Behörden gestellt; daraufhin seien sie in einem Camp für intern Vertriebene
in D._ und später im E._-Camp untergebracht worden.
Dieses hätten sie dank der Kontakte seines Vaters zur Eelam People's De-
mocratic Party (EPDP) frühzeitig verlassen können. Danach seien sie
– nach einem kurzen Aufenthalt im Heimatort des Vaters – in den Jaffna-
Distrikt zurückgegangen, wo er bis zu seiner Ausreise im August 2015 ge-
lebt habe und sich der Rest der Kernfamilie immer noch aufhalte. Seine
Eltern und eine Tante mütterlicherseits seien bei der "Bewegung" gewesen
und hätten diese im Jahr 2000 verlassen; der Vater habe sie danach gele-
gentlich noch unterstützt und etwa (...) für diese angefertigt. Im Jahr 2009
habe der Vater sich der EPDP angeschlossen. Nach Abschluss der Schul-
ausbildung und einer ersten Berufserfahrung in einem (...)geschäft habe
er (Beschwerdeführer) sich ein Fahrzeug gekauft und damit als Selbststän-
diger Transporte durchgeführt. Dabei habe er auch Aufträge der Partei Ta-
mil Thesiya Makkal Munnani angenommen, die den Liberation Tigers of
Tamil Eelam (LTTE) nahegestanden habe. Er habe die Partei auch mit an-
deren Tätigkeiten wie (...) oder (...) unterstützt. Einmal sei er beim Vertei-
len oder Aufkleben von Postern erwischt worden; er habe den früheren An-
führer der Tamil Thesiya Makkal Munnani informiert, der dann mit den Po-
lizisten Kontakt aufgenommen und so seine Freilassung ohne weitere Kon-
sequenzen erwirkt habe. Anfang 2015 sei er auf der Strasse einmal von
vier oder fünf Unbekannten auf Motorrädern überholt, angehalten und ein-
fach so zusammengeschlagen worden; er habe davonrennen können, wo-
rauf die Männer sein Motorrad mitgenommen hätten, das später aufgefun-
den worden sei. Später seien mehrmals Drohanrufe bei ihm eingegangen,
die er zunächst nicht ernst genommen habe. Eines Tages habe er einen
Transportauftrag nach F._ erhalten. Als er dort angekommen sei,
sei er plötzlich gepackt und gefesselt und mit verbundenen Augen an einen
unbekannten Ort gebracht worden. Dort sei ihm unter Schlägen vorgewor-
fen worden, für die Tamil Thesiya Makkal Munnani-Partei zu arbeiten. Er
habe einen seiner Befrager erkannt, den er zuvor an einem Armeekontroll-
posten gesehen habe; deshalb vermute er, dass das Criminal lnvestiga-
tion Department (C.I.D.) seine Entführung veranlasst habe. Nach einem
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Seite 4
Tag sei er zum Ort der Festnahme zurückgebracht worden, wo seine Mutter
ihn bereits erwartet habe. Sie habe ihn direkt nach D._ gebracht,
um seine umgehende Ausreise vorzubereiten. Dort habe er einen Schlep-
per getroffen, der ihn nach Colombo gebracht habe. Nach einigen Wochen
Aufenthalt in der Hauptstadt habe er den Heimatstaat am (...) August 2015
– mithilfe des Schleppers – auf dem Luftweg verlassen können.
F.b Der Beschwerdeführer reichte neben Identitätspapieren und seinem
Führerschein zum Beleg seiner Vorbringen Unterlagen im Zusammenhang
mit dem Aufenthalt der Familie im Vertriebenencamp, zwei Fotografien und
eine Visitenkarte seines Transportgeschäfts und ein Bestätigungsschrei-
ben zu den Akten.
G.
Mit Verfügung vom 20. Januar 2020 – eröffnet am Folgetag – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht
und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug.
H.
H.a Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 20. Februar 2020 erhob der
Beschwerdeführer gegen diesen Asylentscheid beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde. Er liess inhaltlich beantragen, die Verfügung der Vor-
instanz vom 20. Januar 2020 sei (wegen der Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör, eventualiter wegen der Verletzung der Begründungs-
pflicht, eventualiter zur Feststellung des vollständigen und richtigen rechts-
erheblichen Sachverhalts) aufzuheben und die Sache sei zur Neubeurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen; eventualiter sei seine Flüchtlings-
eigenschaft festzustellen und ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren, even-
tualiter sei die Verfügung betreffend die Dispositivziffern 3 und 4 aufzuhe-
ben und es sei die Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen. In prozessualer Hinsicht wurde unter
anderem beantragt, das Bundesverwaltungsgericht habe darzulegen, wel-
che Gerichtspersonen mit der Behandlung der vorliegenden Sache betraut
würden; gleichzeitig habe es bekanntzugeben, ob diese Personen zufällig
ausgewählt worden seien und andernfalls die konkreten objektiven Krite-
rien bekanntzugeben, nach denen sie ausgewählt worden seien.
E-990/2020
Seite 5
H.b Mit der Beschwerde wurden – neben mehreren Unterlagen zur länder-
spezifischen Praxis des SEM und deren Entwicklung sowie einem vom
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers verfassten 90-seitigen Lage-
bericht (samt CD-ROM mit Hunderten von Länderinformationsquellen) –
insbesondere die Kopie eines indischen Visums für den Bruder des Be-
schwerdeführers und mehrere Fotografien zu den Akten gereicht, die seine
Eltern abbilden sollen.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Februar 2020 stellte der Instruktionsrichter
unter anderem fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfah-
rens in der Schweiz abwarten dürfe und gab ihm bekannt, welches Spruch-
gremium – unter Vorbehalt allfälliger Wechsel insbesondere bei Abwesen-
heiten – für die Behandlung seiner Beschwerde zuständig sei.
J.
In der Folge wies der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers das Bundes-
verwaltungsgericht mit Eingabe vom 18. November 2021 auf negative
Entwicklungen im Heimatland seines Mandanten hin. Für den Fall, dass
das Gericht die vorliegende Beschwerde nicht unverzüglich gutheisse,
wurde der Antrag auf Durchführung einer mündlichen Parteiverhandlung
gestellt. Mit der Eingabe wurden unter anderem ein aktualisierter Lage-
bericht des Rechtsvertreters (mit mehreren Anhängen und den Zitaten von
mehr als zweihundert länderspezifischen Quellen) sowie eine Kostennote
zu den Akten gereicht.
K.
In seiner Vernehmlassung vom 6. Dezember 2021 beschränkte sich das
SEM auf die Feststellung, die Beschwerde enthalte keine neuen erhebli-
chen Tatsachen oder Beweismittel, die eine Änderung seines Standpunkts
rechtfertigen könnten. Im Übrigen werde auf die Erwägungen in der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen, an denen vollumfänglich festgehalten
werde.
L.
Diese Stellungnahme des SEM wurde dem Beschwerdeführer vom Gericht
am 9. Dezember 2021 zur Kenntnisnahme zugestellt.
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Seite 6
M.
Mit Eingabe vom 20. Dezember 2021 äusserte sich der Beschwerdeführer
unaufgefordert zur Aktenlage sowie zur Situation in seinem Heimatland
und liess einen aktualisierten Lagebericht seines Rechtsvertreters zu den
Akten reichen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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Seite 7
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Mit Instruktionsverfügung vom 27. Februar 2020 wurde dem Beschwer-
deführer antragsgemäss der Spruchkörper bekannt gegeben. Weil der
Zweitrichter und die Gerichtsschreiberin das Bundesverwaltungsgericht in
der Zwischenzeit verlassen haben, mussten diese beiden Personen im
Spruchkörper nachträglich ersetzt werden.
3.2 Zu den weiteren Anträgen des Beschwerdeführers in Bezug auf die
Spruchkörperbildung (vgl. Beschwerde S. 2 und 5 ff.) kann ergänzend
Folgendes festgehalten werden:
3.2.1 Die Richterinnen und Richter des am 27. Februar 2020 kommunizier-
ten Spruchkörpers wurden durch das EDV-basierte Zuteilungssystem des
Bundesverwaltungsgerichts automatisiert bestimmt. Angesichts der pro-
zessualen Vorgeschichte wurden dabei die hinterlegten Kriterien des Auto-
matismus in einem Punkt manuell ergänzt. Diese manuelle Anpassung
wurde aufgrund objektiver und im Voraus bestimmter Kriterien vorgenom-
men (vgl. Art. 31 Abs. 3 VGR). Als objektive Kriterien in diesem Sinn gelten
Amtssprache, Beschäftigungsgrad, Belastung durch die Mitarbeit in
Gerichtsgremien, Vorbefassung, Kammerzuständigkeit, Austritt, Erweite-
rung des Spruchkörpers, Ausstand, enger Sachzusammenhang, Abwesen-
heit sowie Ausgleich der Belastungssituation (vgl. zum Ganzen das Grund-
satzurteil D-3946/2020 vom 21. April 2022 E. 4.6, zur Publikation vorge-
sehen).
3.2.2 Der Ersatz des ursprünglich designierten Zweitrichters (zufolge des-
sen zwischenzeitlicher Pensionierung) erfolgte wiederum durch das EDV-
basierte Zuteilungssystem, ohne dass eine Änderung am dergestalt auto-
matisch bestimmten Spruchkörper vorgenommen worden wäre.
4.
4.1 In der Beschwerdeschrift werden der Vorinstanz Verletzungen des
rechtlichen Gehörs und der Begründungspflicht sowie eine unvollständige
und unrichtige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts vorgewor-
fen. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen.
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Seite 8
4.2
4.2.1 Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör erblickt der Be-
schwerdeführer darin, dass das SEM ihn fast eineinhalb Jahre vor Erlass
der angefochtenen Verfügung angehört habe. In der Zwischenzeit hätten
sich zahlreiche rechtserhebliche Sachverhalte ergeben, etwa was die Län-
dersituation in Sri Lanka betreffe, zu welchen er sich mangels erneuter Be-
fragung nie habe äussern können. Der Asylentscheid sei dann auch nicht
von der gleichen Person verfasst worden, die ihn angehört und dadurch
einen persönlichen Eindruck von seiner Verfolgungssituation gewonnen
habe. Das SEM habe durch dieses Vorgehen zentrale Empfehlungen des
Asylrechtsexperten Walter Kälin missachtet.
4.2.2 Das SEM habe es in der angefochtenen Verfügung auch unterlassen,
die familiären Beziehungen des Beschwerdeführers zu ehemaligen LTTE-
Unterstützern sowie die Tatsache zu würdigen, dass seine Familie in der
Endphase des sri-lankischen Bürgerkriegs im damals LTTE-kontrollierten
Vanni-Gebiet gelebt habe. Dadurch habe die Vorinstanz ihre Begründungs-
pflicht verletzt. Auch die nachweislich falsche Einschätzung der aktuellen
Lage in Sri Lanka und die faktenwidrige Argumentation in der angefochte-
nen Verfügung seien als schwere Verletzung der Begründungspflicht zu
qualifizieren. Schliesslich sei dem SEM vorzuwerfen, dass es die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers unsorgfältig und unrichtig beurteilt und sich
bei dieser Prüfung auf seine falsche Lagebeurteilung abgestützt habe.
4.2.3 Soweit das SEM an seiner Unterstützung der Tamil Thesiya Mak-
kal Munnani-Partei zweifle, habe er eine vom Generalsekretär der Partei
unterschriebene Bestätigung zu den Akten gereicht. Die Vorinstanz hätte
diesen – im Rahmen einer Botschaftsabklärung oder über eine direkte Kon-
taktaufnahme – zu seinen Aktivitäten befragen müssen. Indem dies unter-
lassen worden sei, stütze sich die angefochtene Verfügung auf einen un-
vollständig erhobenen Sachverhalt ab.
4.2.4 Die länderspezifische Lageeinschätzung des SEM sei völlig mangel-
haft. Weil das SEM sich weigere, eine aktuelle und nachvollziehbare Lage-
einschätzung vorzunehmen, werde mit der Beschwerde ein Länderbericht
eingereicht, mit welchem der Beweis dafür angetreten werde, wie sich die
Situation in Sri Lanka seit der Wahl von Gotabaya Rajapaksa am im
November 2019 tatsächlich präsentiere. Auch die neue Ländersituation
in Sri Lanka mache eine Rückweisung der Sache an das SEM und eine
vollständige Neuprüfung der Sache zwingend notwendig.
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Seite 9
4.3
4.3.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen (vgl. BVGE
2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze
in der Mitwirkungspflicht der Partei (Art. 8 AsylG).
4.3.2 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien eines Verfahrens An-
spruch auf rechtliches Gehör. Dieser Grundsatz wird für das Verwaltungs-
verfahren in den Art. 29 ff. VwVG konkretisiert. Er dient einerseits der Auf-
klärung des Sachverhalts, andererseits stellt er ein persönlichkeitsbezoge-
nes Mitwirkungsrecht der Partei dar. Der Anspruch auf rechtliches Gehör
verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen tat-
sächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung be-
rücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder-
schlagen muss (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1 m.w.H.).
4.4
4.4.1 Zum chronologischen Ablauf des erstinstanzlichen Verfahrens ist
festzuhalten, dass es zweifellos wünschenswert ist, wenn zwischen der
Anhörung zu den Asylgründen und dem Entscheid ein relativ kurzer Zeit-
raum liegt und die anhörende Person in der Folge auch den Asylentscheid
verfasst. Es gibt aber keine zwingende, mit Rechtsfolgen versehene ge-
setzliche Verpflichtung des SEM, eine bestimmte Zeit zwischen Anhörung
und Entscheid nicht zu überschreiten und für diese beiden Verfahrens-
schritte immer die gleiche Person einzusetzen. Zu einer Verletzung des
Anspruchs auf rechtliches Gehör vermag dies jedenfalls nicht zu führen.
4.4.2 Im Sinn einer Gesamtwürdigung hat die Vorinstanz hinreichend be-
gründet, weshalb sie die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
bei der aktuellen Lage verneint hat. Sie durfte bei der gegebenen Akten-
lage auch auf weitere Sachverhaltsabklärungen vor Ort verzichten. Allein
der Umstand, dass das SEM in seiner Länderpraxis zu Sri Lanka einer an-
deren Linie folgt als derjenigen des Beschwerdeführers und seines Rechts-
vertreters und es aus sachlichen Gründen zu einer anderen Würdigung der
Vorbringen (inklusive Glaubhaftigkeit und Risikoanalyse) gelangt, spricht
weder für eine Verletzung der Begründungspflicht noch für eine ungenü-
gende Sachverhaltsfeststellung. Vielmehr handelt es sich dabei um Fragen
E-990/2020
Seite 10
der materiellen Beurteilung, welche nachfolgend zu beurteilen sein wer-
den. Dass dem Beschwerdeführer eine sachgerechte Anfechtung seines
Asylentscheids problemlos möglich war, ergibt sich im Übrigen bereits aus
der ausserordentlich umfangreichen Beschwerde.
4.5 Die formellen Rügen erweisen sich insgesamt als unbegründet, wes-
halb keine Veranlassung besteht, die Verfügung aus formellen Gründen
aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.6
4.6.1 Nachdem der rechtserhebliche Sachverhalt vom SEM hinreichend
festgestellt worden ist, sind keine weiteren Abklärungen vor Ort vorzuneh-
men, und der Beschwerdeführer ist nicht erneut anzuhören. Eine mündli-
chen Parteiverhandlung (vgl. Eingabe vom 18. November 2021 S. 7 f.) er-
weist sich ebenfalls nicht als notwendig, und es ist auch nicht erforderlich,
"beim SEM die zur Anhörung intern angelegten Akten [beizuziehen], aus
welchen sich ergeben müsste, was die für die Anhörung verantwortliche
Person für einen persönlichen Eindruck zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen
des Beschwerdeführers gehabt [habe]" (vgl. Beschwerde S. 14 und 31; zu
diesem Antrag etwa auch das Urteil BVGer D-2976/2020 vom 17. März
2022 E. 3.4.1 S. 12). Von der Gewährung einer Frist zur Nachreichung
weiterer Unterlagen betreffend die angebliche LTTE-Mitgliedschaft der
Eltern des Beschwerdeführers und der Flucht seiner Verwandtschaft ins
Ausland (vgl. a.a.O. S. 31) konnte und kann abgesehen werden – die
Pflicht zur unaufgeforderten Mitwirkung bei der Feststellung des rechtser-
heblichen Sachverhalts (Art. 8 Abs. 1 Bst. d AsylG) ist dem Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers bekannt (vgl. statt vieler die Urteile BVGer
E-2122/2018 vom 9. Dezember 2020 E. 6.2 oder E-1445/2020 vom 30. Juli
2020 E. 4.2).
4.6.2 Soweit vom Beschwerdeführer beantragt wird, es sei abzuklären, ob
sich seine Personendaten auf dem Mobiltelefon einer in Sri Lanka entführ-
ten Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft befunden hätten, wurde sein
Rechtsvertreter bereits mehrmals darauf hingewiesen, dass sich auf dem
beschlagnahmten Telefongerät gemäss Auskunft der Botschaft keine
Daten über sich in der Schweiz aufhaltende, asylsuchende Personen aus
Sri Lanka befanden und auch anderweitig keine Informationen in Bezug
auf die erwähnten Personen an Dritte gelangten (vgl. in letzter Zeit etwa
Urteile BVGer E-5959/2019 vom 19. April 2022 E. 4.7, D-1229/2020 vom
24. Februar 2022 E. 5.6 oder D-1305/2020 vom 20. Januar 2022 E. 7.2).
E-990/2020
Seite 11
4.6.3 Die in der Beschwerde gestellten Beweisanträge sind abzuweisen.
Es bestand auch keine Veranlassung, das SEM beim Einholen der Ver-
nehmlassung auf die Möglichkeit hinzuweisen, die angefochtene Verfü-
gung wiedererwägungsweise aufzuheben (vgl. Beschwerde S. 8).
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Das SEM begründete die angefochtene Verfügung im Asylpunkt im We-
sentlichen wie folgt:
6.1.1 Die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinen zentralen Asylvor-
bringen würden einen ausweichenden, oberflächlichen und stereotypen
Eindruck hinterlassen. Er sei nicht in der Lage gewesen, die Ziele oder das
Programm der Tamil Thesiya Makkal Munnani-Partei differenziert zu erläu-
tern. Seine Beschreibung dieser Organisation habe sich spontan auf die
Angabe beschränkt, sie sei eine Sympathisantin der LTTE und habe des-
halb viele Probleme mit der Regierung. Auf Nachfrage hin habe er zwar
noch ergänzt, die Partei habe die Selbstbestimmung der Zivilisten zum Ziel
gehabt; er haben aber keine substanziierte Angaben zu den Zielen der
Partei machen können. Er habe auch nicht mit Sicherheit gewusst, wie sie
bei den Wahlen abschlossen habe, und lediglich gesagt, vermutlich habe
die Partei gewonnen, er wisse es aber nicht genau. Die Schilderung der
angeblichen Aktivitäten zugunsten dieser Partei seien oberflächlich und
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Seite 12
unsubstanziiert. Auf den Inhalt der von ihm angeblich verteilten Plakate
angesprochen, habe er zu Protokoll gegeben, es seien anonyme Poster
gewesen, auf denen andere Parteien negativ dargestellt worden seien;
er habe die Plakate nicht jedes Mal gelesen.
6.1.2 Die Schilderungen der angeblich erhaltenen Drohanrufe seien
ebenso oberflächlich ausgefallen. Er sei nicht in der Lage gewesen, diffe-
renzierte Angaben zum Inhalt der behaupteten Drohungen zu machen.
6.1.3 Bei der Beschreibung seiner angeblichen Entführung habe er in ers-
ter Linie in stereotyper Weise den chronologischen Ablauf beschrieben;
es fehle den Schilderungen indessen an Realkennzeichen. Im Übrigen
erstaune, dass seine Mutter während der kurzen Entführung bereits seine
Ausreise habe organisieren können. Die Begegnung mit der Mutter nach
der Freilassung sei ebenfalls unsubstanziiert geschildert worden.
6.1.4 Angesichts der ausweichenden, detailarmen und stereotypen Aus-
führungen sei es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine Verfolgung
im Zeitpunkt der Ausreise aus Sri Lanka glaubhaft zu machen. An diesen
Feststellungen vermöchten auch die von ihm eingereichten Beweismittel
nichts zu ändern. Das Bestätigungsschreiben der Tamil National People's
Front sei als Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren und erlange dadurch
keine Beweiskraft. Die Unterlagen im Zusammenhang mit dem Aufenthalt
der Familie des Beschwerdeführers in einem Camp vermöchten besten-
falls den Aufenthalt im Vanni-Gebiet während der letzten Kriegsjahre zu
belegen, würden aber – gleich, wie die Beweismittel im Zusammenhang
mit der beruflichen Tätigkeiten in Sri Lanka – keinen Hinweis auf die gel-
tend gemachte Verfolgungssituation darstellen.
6.2
6.2.1 In der Beschwerde wird zunächst daran erinnert, dass nicht diejenige
Person die Glaubhaftigkeit der Schilderungen des Beschwerdeführers be-
urteilt habe, welche ihn angehört habe; entsprechend hätten zahlreiche
nonverbale Faktoren (Mimik, Gestik, Emotionalität, Redefluss etc.), welche
als sogenannte Realkennzeichen dienen und auf die Aussagequalität
schliessen lassen würden, gar nicht registriert werden können. Der
Beschwerdeführer habe seine politischen Aktivitäten mit einer entspre-
chenden Bestätigung bewiesen und zudem klar eingestanden, dass er sich
in der Politik nicht besonders gut auskenne und er die besagten Unterstüt-
zungstätigkeiten eigentlich vor allem wegen der guten Bezahlung vorge-
nommen habe; zudem sei ihm die soziale Anerkennung der Dorfbewohner
wegen seines Engagements wichtig gewesen.
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Seite 13
6.2.2 Die Aussagen des Beschwerdeführers zu den Parteiaktivitäten seien
im Übrigen durch seine niederschwelligen Tätigkeiten für diese Organisa-
tion und sein beschränktes politisches Interesse zu erklären. Es werde aus
der Argumentation des SEM im Übrigen nicht ersichtlich, welche zusätzli-
chen Informationen sich das SEM vom Beschwerdeführer erhofft hätte. Es
sei stossend, dass die verantwortliche Sachbearbeiterin, die den Be-
schwerdeführer nicht nochmals angehört habe, ihn mit solchen haltlosen
Vorwürfen konfrontiere.
6.2.3 Seine Entführung habe der Beschwerdeführer entgegen der Behaup-
tungen des SEM unter Nennung zahlreicher lebensnaher Informationen
substanziiert geschildert, und dem Protokoll sei auch seine emotionale Be-
troffenheit zu entnehmen. Dass ihm das SEM vorwerfe, er habe seine Ent-
führung stereotyp wiedergegeben, weil er Fesseln, verbundene Augen,
Schläge und eine Pistole erwähnt habe, sei zynisch. Einer entführten und
misshandelten Person dürfe nicht vorgeworfen werden, wie die Missetäter
vorgegangen seien. Menschenrechtsverletzungen würden zudem erfah-
rungsgemäss häufig nicht besonders raffiniert begangen und in ihrer
Primitivität oft geradezu stereotyp anmuten. Es bleibe auch hier offen, wel-
che Erwartungshaltung die verantwortliche Sachbearbeiterin an eine
glaubhaft geschilderte Entführung gehabt hätte. Das Verhalten seiner
Mutter bei der Planung seiner Ausreise und deren Erlebnisse nach seiner
Ausreise dürften dem Beschwerdeführer nicht vorgeworfen werden, zumal
es sich dabei um Informationen handle, die er von einer Drittperson erfah-
ren habe; daraus könne selbstverständlich nicht auf die fehlende Glaub-
haftigkeit des Beschwerdeführers geschlossen werden.
6.2.4 Zusammenfassend sei festzuhalten, dass die Begründung des SEM
in Bezug auf angebliche die Unglaubhaftigkeit verschiedener Sachverhalt-
selemente nicht nachvollziehbar und teilweise schlicht falsch sei. Sämtli-
che Sachverhaltselemente seien entweder mittels objektiver Beweismittel
belegt oder zumindest glaubhaft gemacht worden.
6.2.5 Ergänzend sei festzuhalten, dass der Vater des Beschwerdeführers
sich im Jahr 1987 den LTTE angeschlossen und im sogenannten
G._ in H._ ein LTTE-Training absolviert habe. Anschlies-
send sei er als Leibwächter eines bekannten LTTE-Kaders in der Provinz
I._ eingesetzt worden. Später sei er während eines Kriegseinsatzes
(...) verletzt worden. Danach habe man ihn wiederum als Leibwächter ei-
nes LTTE-Kommandanten eingesetzt. Der Vater sei bis ins Jahr 2003
LTTE-Mitglied gewesen. Er habe den Kampfnamen J._ getragen
und die LTTE-Nummer (...) gehabt.
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Seite 14
Die Mutter des Beschwerdeführers sei den LTTE im Jahr 1989 beigetreten
und sei im Trainingscamp (...) ausgebildet worden. Auch sie sei bis ins Jahr
2003 LTTE-Kämpferin gewesen. Sie sei in K._ als Mitglied der
Gruppe L._ eingesetzt worden und habe die Tigers in Folge einer
Verletzung verlassen. Mit der Beschwerde würden mehrere Fotografien
der Eltern eingereicht, darunter zwei Bilder, die den Vater in LTTE-Uniform
zeigen würden.
Ebenfalls eingereicht werde ein Visum, das belege, dass sein Bruder we-
gen der anhaltenden Behelligungen der Familie durch die Behörden in der
Zwischenzeit nach Indien habe fliehen müssen. Zudem hätten mittlerweile
hätten zahlreiche Familienangehörige in die Schweiz und nach Kanada
fliehen geflohen (in der Schweiz: zwei Grossonkel, eine Grosstante, ein
Onkel und eine Tante; in Kanada: Grosseltern, zwei Onkel und eine Tante).
7.
7.1 Nach Durchsicht der Akten schliesst sich das Bundesverwaltungs-
gericht der überzeugenden Unglaubhaftigkeitsargumentation des SEM
vollumfänglich an. Auf die entsprechenden Erwägungen in der angefoch-
tenen Verfügung kann vorab verwiesen werden. Ergänzend kann Folgen-
des festgehalten werden:
7.1.1 Das Beschwerdevorbringen, der Beschwerdeführer entstamme einer
Familie mit prominentem LTTE-Hintergrund und beide Eltern seien Kämp-
fer der tamilischen Guerilla gewesen (wobei der Vater als Leibwächter von
LTTE-Kadern eingesetzt worden sei), lässt sich kaum mit den protokollier-
ten Aussagen des Beschwerdeführers in Einklang bringen. Dieser hatte zu-
nächst bloss ausgesagt, sein Vater habe "für die Bewegung (...) gemacht"
(vgl. Protokoll A45 ad F19); danach gab er an, beide Elternteile seien bei
der "Bewegung" gewesen, wo sie sich kennengelernt hätten, und seien im
Jahr 2000 wieder ausgetreten (vgl. a.a.O. ad F20 ff.). Die Mutter habe da-
nach nichts mehr mit den Tigers zu tun gehabt, während der Vater auch
danach "ab und zu (...) für sie gebaut oder auch gebracht" habe (vgl. a.a.O.
ad F24). Die Frage nach den Aufgaben und Rollen seiner Eltern bei den
LTTE beantwortete er mit: "[...] ich weiss es nicht und sie haben mir auch
nie davon erzählt" (vgl. a.a.O. ad F23). In seinem Rechtsmittel konnte der
Beschwerdeführer demgegenüber überraschenderweise nicht nur die de-
taillierten LTTE-Lebensläufe seiner Eltern angeben – wobei
allerdings im Widerspruch zu seinen protokollierten Aussagen für beide
das Jahr 2003 als Austrittsjahr angegeben wurde; vgl. Beschwerde S. 15)
–, sondern auch Fotografien einreichen, die seinen Vater in LTTE-Uniform
zeigen sollen.
E-990/2020
Seite 15
7.1.2 Das Vorbringen, sein Vater habe sich "so nach 2009" der EPDP
angeschlossen (vgl. Protokoll A45 ad F44), die als regimeunterstützende
Partei gilt, erscheint angesichts der angeblich grossen vorherigen Nähe zu
den LTTE bereits ungewöhnlich. Noch erstaunlicher wirkt, dass der Vater
dank seiner guten Beziehungen zu der EPDP die Freilassung der Familie
aus dem Vertriebenenlager habe organisieren können (vgl. a.a.O. ad F31).
Bei Durchsicht der in diesem Zusammenhang eingereichten Beweismittel
sticht ins Auge, dass sich mehrere hochrangige Politiker – die Minister für
(...), für (...) und für (...) – in persönlichen Schreiben vom (...) August
2009, (...) Juli 2009 und vom (...) Juni 2009 ("l know this family very well.
There is no involvement in any terrorist activities") für die Freilassung der
Familie des Beschwerdeführers aus dem Camp eingesetzt haben sollen.
Im zweitgenannten Unterstützungsschreiben von M._ (bei dem es
sich offenbar um [...] handelt) wurde ausgeführt, zwei Onkel des Be-
schwerdeführers väterlicherseits seien von den LTTE in den Jahren 1989
respektive 1997 erschossen worden und die Kernfamilie des Beschwerde-
führers sei im Jahr 2006 von den Tigers festgenommen worden ("[...] were
detained by the tigers in 2006 when they went for a wedding at
N._"); solches hatte dieser jedoch selber nie geltend gemacht.
7.1.3 Ebenso wirr und ungereimt erscheint die Beschreibung der Um-
stände, unter denen der Beschwerdeführer begonnen habe, eine mit den
LTTE sympathisierende Partei zu unterstützen. Als Grund für dieses an-
gebliche Engagement gab er zunächst an, er habe dies aus Wut auf den
Vater getan, weil sich dieser einer regierungstreuen Partei angeschlossen
habe (vgl. Protokoll Anhörung ad F42: "[...] sozusagen aus Rache habe ich
diese Partei unterstützt"). Gleich darauf gab er zu Protokoll, er habe die
Tamil Thesiya Makkal Munnani-Partei auch unterstützt, weil diese seine
Transportleistungen überdurchschnittlich gut bezahlt habe (vgl. a.a.O. ad
F48: "Ich ging dorthin: einerseits wegen dem Hass und es war auch gut
bezahlt"). Nachdem sich gezeigt hatte, dass der Beschwerdeführer nicht in
der Lage war, Fragen nach dem Programm, der Organisation und der Rolle
der Partei einigermassen substanziiert zu beantworten (vgl. a.a.O. ad
F50 ff.) gab er schliesslich an, er sei ja "nur dorthin zum Arbeiten, weil ich
mehr verdienen konnte" und zudem sei man im Dorf teilweise auch
geschätzt worden, wenn man für diese Partei gearbeitet habe (vgl. a.a.O.
ad F61). Alle drei genannten Motive für das politische Engagement bei ei-
ner mit den LTTE sympathisierenden Partei – Wut auf den Vater, gute
Bezahlung, soziale Anerkennung – reichen objektiv kaum als nachvollzieh-
bare Erklärung für die Bereitschaft des Beschwerdeführers aus, das mit
dem Engagement verbundene Verfolgungsrisiko auf sich zu nehmen (vgl.
E-990/2020
Seite 16
a.a.O. ad F57: "[...] Hätte uns die Polizei erwischt, hätten wir dann auch
Probleme bekommen [...])."
7.1.4 In diesem Zusammenhang fällt einerseits die gänzlich unplausible
Schilderung des Beschwerdeführers auf, er habe die von ihm verteilten
oder aufgeklebten Plakate nicht jedes Mal angeschaut (und könne deshalb
nicht berichten, welche anderen Parteien darauf "schlechtgemacht" wor-
den seien; vgl. a.a.O. ad F59).
Andererseits hat er geltend gemacht, er sei einmal beim Aufkleben von
Postern erwischt worden, worauf er den früheren Anführer der Tamil The-
siya Makkal Munnani kontaktiert habe, der bei den Polizisten seine Frei-
lassung erwirkt habe (vgl. a.a.O. ad F60 und F129). Die Vorstellung er-
scheint abwegig, ein Kaderangehöriger einer LTTE-nahen Partei könnte
sri-lankische Polizisten ohne Weiteres dazu bewegen, einen auf frischer
Tat beim illegalen Plakatieren ertappten Unterstützer dieser Partei laufen
zu lassen.
7.2
7.2.1 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die protokollierten Kernvor-
bringen des Beschwerdeführers in der Tat von einem auffälligen Mangel an
sogenannten Realitätskennzeichen geprägt sind.
7.2.2 Von den mit der Beschwerde eingereichten Fotografien kann der Be-
schwerdeführer bei dieser Aktenlage nichts zu seinen Gunsten ableiten.
Beim Vorbringen, die darauf abgebildeten Personen seien seine Eltern,
handelt es sich um eine unbelegte und nicht verifizierbare Behauptung.
Es kann sich bei den Fotografierten um irgendwelche Landsleute des Be-
schwerdeführers handeln.
7.2.3 Das (in Form eines Scans / einer Fotografie) zu den Akten gereichte
angebliche indische Visum des Bruders des Beschwerdeführers belegt
nicht mehr als den Umstand, dass dieser offenbar ein multiples Touristen-
visum für die Dauer eines Jahres bei den indischen Behörden beantragt
hatte und dieses mit Wirkung ab November 2019 erteilt wurde.
E-990/2020
Seite 17
7.2.4 Aus der Tatsache, dass ein Onkel seit längerer Zeit in der Schweiz
lebt (vgl. Beschwerde), kann der Beschwerdeführer für sein Asylverfahren
nichts zu seinen Gunsten ableiten. Der Beizug und die Durchsicht der
Akten N (...) ergibt, dass dieser im Jahr 1989 – mithin lange vor der Geburt
des Beschwerdeführers – in die Schweiz eingereist war und sein Asylge-
such im Dezember 1994 vom damaligen Bundesamt für Flüchtlinge (BFF;
heute: SEM) abgewiesen worden war. Der Beschwerdeführer hat denn
auch in seiner Anhörung die Frage, ob der in der Schweiz lebende Onkel
etwas mit seinem Asylgesuch zu tun habe, unmissverständlich verneint
(vgl. a.a.O. ad F35).
7.2.5 Das SEM hat nach dem Gesagten zu Recht die Kernvorbringen des
Beschwerdeführers als unglaubhaft qualifiziert.
7.2.6 Die Glaubhaftigkeit eines vom Beschwerdeführers behaupteten Vor-
falls von Anfang 2015, als er auf der Strasse einmal von vier oder fünf
Unbekannten auf Motorrädern überholt, angehalten und geschlagen wor-
den sei, kann offenbleiben (vgl. Protokoll Anhörung ad F123 ff.): Das
Ereignis wurde vom Beschwerdeführer in der Anhörung nicht in einen poli-
tischen Zusammenhang gebracht (vgl. a.a.O. ad F123: "[...] ob es einen
Zusammenhang gibt, weiss ich nicht [...]"). Er gab zudem an, er habe den
Vorfall sofort bei der Polizei angezeigt – was ebenfalls kaum für einen
solchen Hintergrund sprechen würde – und später habe es dann glaublich
einmal ein Gerichtsverfahren wegen der Sache gegeben (vgl. Protokoll
Anhörung ad F126). Die Schilderung des Beschwerdeführers, er habe un-
mittelbar vor dem Angriff, als die Motoradfahrer ihn überholt hätten, seine
Lichthupe betätigt (vgl. a.a.O. ad F125), lässt eher auf einen eskalierenden
Strassenverkehrsstreit schliessen.
7.3 Nach dem Gesagten erfüllte der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner
Ausreise die Flüchtlingseigenschaft nicht.
7.4 Es bleibt zu prüfen, ob er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka dennoch
aufgrund eines massgeblichen Risikoprofils mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3 AsylG zu befürchten hat.
7.4.1 Im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesver-
waltungsgericht eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
E-990/2020
Seite 18
(vgl. E-1866/2015 E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung
des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Ver-
haftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei
handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeint-
lichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen und um Vorliegen
früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im
Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu
den LTTE (sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. E-1866/2015
E. 8.4.1–8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu
werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen
Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach
Sri Lanka zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisa-
tion für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit
gut sichtbaren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl.
E-1866/2015 E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die
konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante
Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht,
dass insbesondere jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaf-
ten Nachteilen im Sinn von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lan-
kischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den tamili-
schen Separatismus wieder aufleben zu lassen (vgl. E-1866/2015
E. 8.5.1).
An dieser Einschätzung vermag die aktuelle Lage in Sri Lanka nichts zu
ändern. Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der Veränderungen in Sri
Lanka bewusst, beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berück-
sichtigt diese bei seiner Entscheidfindung. Es gibt zum heutigen Zeitpunkt
keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka im
Jahr 2019 ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr
ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob
ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsidentschafts-
wahl respektive deren Folgen besteht.
7.4.2 Vorliegend ist nach den vorstehenden Ausführungen nicht davon
auszugehen, dass die Behörden dem Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr eine enge Verbindung zu den LTTE im Sinn der oben erwähnten
Rechtsprechung unterstellen würden. Dass er in der Schweiz exilpolitisch
tätig sei, verneinte er ausdrücklich (vgl. Protokoll Anhörung ad F112). Allein
der Umstand, dass sich der Beschwerdeführer seit mehreren Jahren in der
Schweiz aufhält und nicht über gültige Reisepapiere verfüge (vgl. Be-
schwerde S. 42) lässt nicht darauf schliessen, dass er bei einer Rückkehr
E-990/2020
Seite 19
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit flüchtlingsrechtlich relevanter Verfol-
gung ausgesetzt wäre. Auch die politischen Veränderungen seit November
2019 führen im vorliegenden Verfahren zu keiner anderen Beurteilung, zu-
mal der Beschwerdeführer keinen persönlichen Bezug zu diesen Ereignis-
sen hat. Dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungs-
gruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären, lässt sich, wie
oben erwähnt, nicht bestätigen.
7.4.3 Eine Gesamtwürdigung aller Umstände lässt es vorliegend nicht
überwiegend wahrscheinlich erscheinen, dass der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausge-
setzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu be-
fürchten hätte. Das SEM hat demnach auch diesbezüglich zutreffend fest-
gestellt, dass er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt (vgl. angefochtene
Verfügung S. 6 f.).
7.5 Nach dem Gesagten hat das SEM das Asylgesuch des Beschwerde-
führers zu Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-990/2020
Seite 20
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
lassen weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch die allgemeine
Menschenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungsvollzug als unzu-
lässig erscheinen (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
E-990/2020
Seite 21
E. 12.2 f.). An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der
seither ergangenen politischen Entwicklungen in Sri Lanka festzuhalten
(vgl. statt vieler das Urteil BVGer D-3946/2020 vom 21. April 2022 E. 11.2
m.w.H.).
9.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinn
der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies gilt auch unter
Berücksichtigung der aktuellen dortigen Ereignisse und Entwicklungen.
Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri
Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass
der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ostprovinz zumutbar ist, wenn
das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Exis-
tenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie
Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht
werden kann (vgl. das Referenzurteil E-1866/2015 E. 13.3.3 f.). Diese Ein-
schätzung hat weiterhin Gültigkeit (vgl. wiederum D-3946/2020, a.a.O.,
E. 11.3.2).
9.3.2 Das SEM führte zur Frage der Zumutbarkeit des Vollzugs aus, der
Beschwerdeführer verfüge über ein familiäres Beziehungsnetz und eine
gesicherte Wohnsituation in seiner Heimatregion. Seine Familie führe Hüh-
nerfarm und er selber verfüge über Berufserfahrung im Transportgeschäft.
Es ist deshalb davon auszugehen, dass er in Sri Lanka selbstständig eine
finanzielle Lebensgrundlage aufbauen könne. Im Übrigen seien keine ge-
sundheitlichen Probleme aktenkundig.
9.3.3 In der Beschwerde wurde neben Ausführungen zur allgemeinen Lage
in Sri Lanka noch einmal auf die Gefährdung des Beschwerdeführers bei
einer Rückkehr wegen seinen familiären Verbindungen zu den LTTE,
seines oppositionspolitischen Engagements und der deswegen bereits
E-990/2020
Seite 22
erlittenen Verfolgung hingewiesen. Nach den vorstehenden Ausführungen
zum Asylpunkt vermag er die zutreffenden und praxiskonformen Feststel-
lungen des SEM damit nicht in Frage zu stellen.
9.3.4 Das Bundesverwaltungsgericht qualifiziert den Vollzug deshalb eben-
falls als zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der sehr umfangrei-
chen Eingaben auf Beschwerdeebene mit zahlreichen Beilagen ohne indi-
viduellen Bezug zum Beschwerdeführer sind die Kosten praxisgemäss auf
insgesamt Fr. 1500.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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