Decision ID: 44ebf665-5f13-4cc4-a64b-5d676ff0f366
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1962 geborene Beschwerdeführer war als Maschinenwart angestellt
und in dieser Eigenschaft bei der Beschwerdegegnerin obligatorisch gegen
Unfallfolgen versichert. Am 11. November 2020 stürzte er beim Duschen in
der Badewanne und verletzte sich dabei. Die Beschwerdegegnerin aner-
kannte für diesen Nichtberufsunfall ihre Leistungspflicht und richtete
vorübergehende Leistungen aus. Mit Verfügung vom 20. August 2021
stellte sie ihre Leistungen per 16. Mai 2021 ein, da der status quo sine zu
diesem Zeitpunkt erreicht gewesen sei. Die dagegen erhobene Einsprache
wies sie mit Einspracheentscheid vom 4. Februar 2022 ab.
2.
2.1.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 7. März 2022 (Da-
tum Postaufgabe) bei der Beschwerdegegnerin Beschwerde, welche diese
am 10. März 2022 zuständigkeitshalber an das Versicherungsgericht über-
wies. Der Beschwerdeführer beantragte sinngemäss die Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheides sowie die Weiterausrichtung der
gesetzlichen Leistungen über den 16. Mai 2021 hinaus.
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 7. April 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Am 21. April 2022 (Posteingang) reichte der Beschwerdeführer weitere Un-
terlagen ein.

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin die Leistungen im
Zusammenhang mit dem Unfall vom 11. November 2020 mit Einsprache-
entscheid vom 4. Februar 2022 (Vernehmlassungsbeilage [VB] 76) zu
Recht per 16. Mai 2021 eingestellt hat.
2.
2.1.
Soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, werden die Versicherungs-
leistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten
gewährt (Art. 6 Abs. 1 UVG).
- 3 -
2.2.
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst
voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden
(Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht.
Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Um-
stände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als einge-
treten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit ein-
getreten gedacht werden kann (BGE 147 V 161 E. 3.2 S. 163 mit Hinwei-
sen).
2.3.
Ist die Unfallkausalität einmal mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen, entfällt die deswegen anerkannte Leistungspflicht des Un-
fallversicherers erst, wenn der Unfall nicht die natürliche und adäquate Ur-
sache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also Letzterer nur noch
und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Dies trifft dann zu,
wenn entweder der (krankhafte) Gesundheitszustand, wie er unmittelbar
vor dem Unfall bestanden hat (status quo ante) oder aber derjenige Zu-
stand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften
Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (status
quo sine), erreicht ist (Urteil des Bundesgerichts 8C_669/2019 vom
25. März 2020 E. 2.2). Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche
Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung
von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im So-
zialversicherungsrecht allgemein üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit nunmehr
gänzlich fehlender ursächlicher Auswirkungen des Unfalls genügt nicht. Da
es sich hierbei um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die
entsprechende Beweislast – anders als bei der Frage, ob ein leistungsbe-
gründender natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist – nicht beim
Versicherten, sondern beim Unfallversicherer (BGE 146 V 51 E. 5.1 S. 56
mit Hinweisen).
3.
3.1.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich im angefochtenen Einspracheent-
scheid in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen auf die Aktenbeurteilung
ihres Kreisarztes Dr. med. B., Praktischer Arzt, vom 13. August 2021. Die-
ser führte in seiner Beurteilung aus, die LWS-Beschwerden sowie die im
MRI vorgefundenen und operierten Befunde seien ausschliesslich degene-
rativer Natur und nicht Folge oder Teilfolge des geltend gemachten Ereig-
nisses vom 11. November 2020. Zur Begründung gab er an, anlässlich der
Erstuntersuchung seien eine Druckdolenz occipital, eine Schwellung am
Ellbogen rechts und eine Bewegungseinschränkung sowie eine Druckdo-
lenz über dem Beckenkamm (ohne Seitenangabe) festgestellt worden. Die
- 4 -
gestellte Diagnose einer Kontusion der LWS sei (bei fehlenden diesbezüg-
lichen Befunden) nicht nachvollziehbar. Im MRI, welches 13 Tage nach
dem geltend gemachten Ereignis erstellt worden sei, sei im Bereich der
gesamten abgebildeten knöchernen LWS und in den Teilen des Sacrums
kein Hinweis auf eine Traumatisierung der Wirbelsäule oder der Iliosakral-
gelenke ersichtlich. Einzig auf der Höhe der oberen LWS finde sich über
den Dornfortsätzen LWK1/2 ein subkutanes Ödem als möglicher Hinweis
auf eine dort erfolgte Kontusion. Im Bereich der unteren Segmente finde
sich kein Hinweis auf eine Traumatisierung. Als Ursache für die Beschwer-
den zeigten sich sowohl im MRI als auch intraoperativ Einengungen der
Intervertebralforamina infolge von Spondylarthrosen, welche ausschliess-
lich vorbestehend seien und nicht Folge oder Teilfolge des geltend ge-
machten Ereignisses sein könnten. Durch das geltend gemachte Ereignis
wären vorübergehende Beschwerden während bis zu vier Wochen anzu-
nehmen gewesen. Organisch strukturelle, unfallbedingte Läsionen seien
aufgrund der vorhandenen Dokumentation auszuschliessen (VB 55).
3.2.
Dr. med. B. nahm am 31. März 2022 sodann zu den vom Beschwerdeführer
geklagten Hüftbeschwerden Stellung. Zusammengefasst führte er aus,
echtzeitlich seien weder unfallbedingte Befunde noch Beschwerden von
Seiten beider Hüftgelenke dokumentiert. Im Röntgenbild von Anfang Feb-
ruar 2021 fänden sich eine Coxarthrose beidseits mit Mehrsklerosierung
am Pfannendach und "osteophytäre Ausziehungen rechts mehr als links".
Dieser Befund habe sich "im Röntgen" der Uniklinik Q. vom 3. August 2021
bestätigt. Es handle sich um einen ausschliesslich degenerativen Befund
einer leichten Coxarthrose beidseits. In der gesamten vorliegenden Doku-
mentation seien keine Hinweise auf eine Verletzung der Hüftgelenke vor-
handen (VB 89).
4.
4.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134 V
231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352; Urteil des Bundesgerichts
8C_53/2022 vom 5. Juli 2022 E. 2.3).
4.2.
Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner me-
dizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, kommt ihnen
praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder ei-
nem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag
- 5 -
gegebenen Gutachten zu (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f.; 125 V 351 E. 3a
S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c S. 160 ff.). Soll ein Versicherungsfall ohne Ein-
holung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Be-
weiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur ge-
ringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungs-
internen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzu-
nehmen (BGE 145 V 97 E. 8.5 S. 105 mit Hinweis; Urteil des Bundesge-
richts 8C_251/2022 vom 11. Juli 2022 E. 3.2.2).
5.
5.1.
Der Beschwerdeführer bringt sinngemäss vor, er leide seit dem Unfaller-
eignis insbesondere an Beschwerden in den Hüften und im unteren Teil
des Beckens. Ferner habe seine Wirbelsäule operiert werden müssen. Ge-
mäss den Aussagen seines behandelnden Arztes Dr. med. C. seien die
Beschwerden auf den Unfall vom 11. November 2020 zurückzuführen.
5.2.
Dr. med. C., Facharzt für Neurochirurgie, führte in seinem Bericht vom
14. Juni 2021 zusammengefasst aus, die unfallbedingten akuten Rücken-
schmerzen seien seit dem operativen Eingriff vom 26. November 2020 re-
gredient. Neu aufgetreten seien persistierende Beckenschmerzen. Eine
Beckenübersichtsaufnahme vom 1. Februar 2021 zeige eine mässige Ver-
schmälerung des Hüftgelenksspaltes beidseits sowie kranial eine leicht ver-
mehrte Pfannendachsklerosierung, vereinbar mit einer mässiggradigen
Coxarthrose (VB 53).
5.3.
Betreffend das sinngemässe Vorbringen des Beschwerdeführers, er leide
seit dem Unfallereignis an Beschwerden an Wirbelsäule, Hüfte und Be-
cken, ist zunächst darauf hinzuweisen, dass eine gesundheitliche Schädi-
gung rechtsprechungsgemäss nicht bereits als durch ein Ereignis verur-
sacht gilt, weil sie nach diesem aufgetreten ist (beweisrechtlich unzulässige
sogenannte "post hoc, ergo propter hoc"-Argumentation; BGE 142 V 325
E. 2.3.2.2 S. 330; 119 V 335 E. 2b/bb S. 341 f.). Die Begründung des Kreis-
arztes, weshalb die Hüftbeschwerden nicht unfallkausal seien, leuchtet
ohne Weiteres ein: In der Bildgebung seien keine Anhaltspunkte für eine
Traumatisierung der Wirbelsäule oder der Iliosakralgelenke erkennbar ge-
wesen. Ursächlich für die Beschwerden seien jedoch Einengungen der In-
tervertebralforamina infolge von Spondylarthrosen. Diese seien wiederum
ausschliesslich vorbestehend und somit nicht Folge oder Teilfolge des Un-
fallereignisses (Beurteilung vom 13. August 2021 [VB 55 S. 2]; vgl. auch
die nachträgliche kreisärztliche Stellungnahme vom 31. März 2022 [VB 89
S. 2]). In den übrigen Akten finden sich keine ärztlichen Berichte, die der
Beurteilung des Kreisarztes entgegenstehen würden. Entgegen der Auffas-
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sung des Beschwerdeführers gilt dies auch für die Berichte des behandeln-
den Arztes Dr. med. C.: Im Bericht vom 14. Juni 2021 führte dieser aus, die
"unfallbedingten akuten Rückenschmerzen" seien seit dem operativen Ein-
griff vom 26. November 2020 regredient. Zur Ursache der "neu aufgetrete-
nen Beckenschmerzen" machte er hingegen keine Angabe (VB 53 S. 2;
ebenso wenig im Bericht vom 4. März 2021 [VB 24 S. 2] oder im OP-Bericht
vom 26. November 2020 [VB 42]).
Auf die nachvollziehbare Beurteilung des Kreisarztes, wonach der status
quo sine (spätestens) vier Wochen nach dem Unfallereignis erreicht wor-
den sei und die darüber hinaus persistierenden Beschwerden nicht mehr in
einem natürlichen Kausalzusammenhang zum geltend gemachten Ereignis
stünden, kann somit vollumfänglich abgestellt werden.
Folglich ist die von der Beschwerdegegnerin mit Einspracheentscheid vom
4. Februar 2022 vorgenommene Leistungseinstellung per 16. Mai 2021
nicht zu beanstanden.
6.
6.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde ist abzuweisen.
6.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
6.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als So-
zialversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch
auf Parteientschädigung zu.