Decision ID: 8e56ca37-25ae-4f3d-a62b-1060b83e42d1
Year: 2006
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_004
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Mai 2006 die Sachverhaltsdarstellung der Rekurrenten. Sie habe den
Einsprechern aber zu Recht keine Entschädigung zugesprochen, da es nach
dem klaren Wortlaut im Gesetz dafür keine Grundlage gebe. Zwischen den
Kosten, welche der Gemeinde anfielen, und den ausseramtlichen
Entschädigungen an die Gesuchstellenden werde in Art. 96 Abs. 2 KRG klar
unterschieden. Auch habe im Gesetzgebungsprozess nie die Absicht
bestanden, die Einsprecher zu entschädigen. Eine Differenzierung bei der
ausseramtlichen Entschädigung zwischen dem Bauherrn und dem
Einsprecher sei gerechtfertigt, weil eine Vielzahl von Einsprachen erhoben
werden könnten. Diesfalls würden die ausseramtlichen Entschädigungen für
anwaltlich vertretene Nachbarn jeden Rahmen sprengen, jedenfalls
unkalkulierbar sein. Das rechtliche Gehör bleibe gewahrt; so sei es nichts
Aussergewöhnliches, dass die Verfechtung eines Rechtsstandpunkts mit
Kosten verbunden sei. Ein Rückgriff auf die Zivilprozessordnung sei
abzulehnen, weil die Tragung der Verfahrenskosten im KRG abschliessend
geregelt sei. Selbst wenn Art. 96 Abs. 2 KRG auf den Bauherrn anzuwenden
wäre, handle es sich dabei um eine Kann-Vorschrift und es liege im Ermessen
der Behörde, eine ausseramtliche Entschädigung zuzusprechen. Wenn
schon, sei höchstens eine Entschädigung in der Grössenordnung von Fr.
500.-- gerechtfertigt.
7. Auch der Bauherr verlangte in seinen Vernehmlassungen die Abweisung
beider Rekurse hauptsächlich unter Verweis auf die nämlichen Argumente wie
die Gemeinde. Auf jeden Fall sei die beantragte Entschädigung zu hoch.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in ihren Rechtsschriften wird,
soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt der vorliegenden Rekurse ist die Abschreibungsverfügung
des Gemeindevorstandes ... vom 21./24. März. Gemäss Art. 32 Abs. 2 des
Gesetzes über die Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton Graubünden (VGG;
BR 370.100) können verschiedene Verfahren zusammengelegt werden, wenn
mehrere Begehren den gleichen Sachverhalt betreffen und dieselben
Rechtsfragen aufwerfen, sofern den einzelnen Beteiligten dadurch keine
bedeutenden Nachteile erwachsen. Ein solcher Nachteil wäre insbesondere
in einer unzumutbaren Verfahrensverzögerung zu erblicken (vgl.
Kölz/Bosshart/Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des
Kantons Zürich, 2. Aufl. Zürich 1999, Vorbemerkungen zu § 4-31 Rz 33). Im
vorliegenden Fall wird von den Parteien dieselbe Abschreibungsverfügung
angefochten und in beiden Rekursen wird die Verweigerung einer
ausseramtlichen Entschädigung mit Bezug auf denselben Rechtsgrund
gerügt. Da keinerlei Nachteile für die Parteien ersichtlich sind, werden die
beiden Verfahren zusammengelegt und mit einem Urteil erledigt.
2. a) Vorliegend ist die Rechtsfrage zu beurteilen, ob die Gemeinde ... den Einsprechern gestützt auf Art. 96 Abs. 2 KRG zu Recht eine ausseramtliche
Entschädigung verweigert hat. Die Rekurrenten machen geltend, nach der
genannten Bestimmung sei derjenige kostenpflichtig, der den Aufwand der
Gesuche verursacht habe, also der Bauherr. Für die Rekursgegner steht
demgegenüber fest, dass nach dem klaren Wortlaut des Gesetzes keine
Grundlage für eine ausseramtliche Entschädigung zugunsten des
Einsprechers bestehe. Ist der Gesetzeswortlaut nicht klar oder bestehen
Zweifel, ob ein scheinbar klarer Wortlaut den wahren Sinn einer Norm
wiedergebe, bedarf es einer Gesetzesauslegung. Nach Lehre und
Rechtsprechung ist die richtige Auslegung einer Norm durch einen
abwägenden Methodenpluralismus zu finden. Der Sinngehalt ist kumulativ in
grammatikalischer, systematischer, historischer und teleologischer Hinsicht
zu ermitteln (Häfelin/Müller, Grundriss des allgemeinen Verwaltungsrechts, 2.
Aufl., Zürich 1993, N 173 ff.). Dabei ist jeweils vom Wortlaut auszugehen, falls
dieser zu einem vernünftigen Ergebnis führt.
b) Die streitigen Absätze dieses Artikels lauten wie folgt:
1 Die Gemeinden erheben für ihren Aufwand im Baubewilligungsverfahren
und in weiteren baupolizeilichen Verfahren Gebühren. Auslagen für
Leistungen Dritter wie Fachgutachten, Beratungen sowie Grundbuchkosten
sind der Gemeinde zusätzlich zu vergüten.
2 Kostenpflichtig ist, wer den Aufwand durch Gesuche aller Art oder durch sein
Verhalten verursacht hat. Die sich aus der Behandlung von Einsprachen
ergebenden Kosten sind den Einsprechenden zu überbinden, wenn die
Einsprache abgewiesen oder darauf nicht eingetreten wird. Diesfalls können
die Einsprechenden ausserdem zur Leistung einer angemessenen
ausseramtlichen Entschädigung an die Gesuchstellenden verpflichtet werden.
Zunächst lässt sich feststellen, dass ausseramtliche Entschädigungen
zugunsten des Gesuchstellers namentlich genannt sind. Entschädigungen
zugunsten des Einsprechers sind hingegen nicht erwähnt. Eine solche
Entschädigungspflicht liesse sich dann herleiten, wenn der erste Satz des
zweiten Abschnitts in Bezug auf Kosten im Bewilligungsverfahren ein
allgemeines Verursacherprinzip stipulierte. Diesfalls würde diese Bestimmung
auch für die Entschädigung der Einsprecher zur Anwendung gelangen. Für
diese Ansicht spricht, dass dieser Satz am Anfang eines neuen Absatzes
steht, was auf einen neuen Sinngehalt hindeutet. Dies vermag jedoch in
grammatikalischer Hinsicht nicht zu überzeugen. Die Verwendung des
bestimmten Artikels („den Aufwand“) macht deutlich, dass auf etwas
Bekanntes Bezug genommen wird; im vorliegenden Fall also auf den Aufwand
der Gemeinden des ersten Absatzes. Im zweiten Absatz wird deshalb kein
allgemeines Verursacherprinzip festgelegt sondern lediglich festgehalten, wer
den bei den Gemeinden verursachten Aufwand zu entschädigen hat. Aus dem
Wortlaut der Norm lässt sich deshalb keine Anspruchsberechtigung des
Einsprechers ableiten, wenn das Baugesuch abgeschrieben wird.
c) Auch mit Blick auf die Entstehungsgeschichte lässt es sich eine solche
Auslegung nicht rechtfertigen. Bereits aus der Botschaft der Regierung an den
Grossen Rat (Heft Nr. 3/2004-2005, S. 371) an das Parlament ging klar
hervor, dass nur ausseramtliche Entschädigungen für den Bauherrn zu Lasten
der Einsprechenden vorgesehen waren: „Abs. 2 bestimmt die
Kostenpflichtigen und enthält gleichzeitig eine gesetzliche Grundlage, um die
Kosten von Einspracheentscheiden sowie weitere durch die Einsprache
verursachte Kosten (z.B. Auslagen des Bauherrn für den Beizug eines
Rechtsvertreters) dem Einsprechenden überbinden zu können, sofern sich
um eine offensichtlich unbegründete oder trölerische Eingabe handelt.“ Der
Zweck der Norm, nämlich den Bauherrn vor offensichtlich unbegründeten
oder trölerischen Einsprachen zu schützen und damit die Investitionsfreude
zu fördern, geht sodann auch aus der Debatte des Grossen Rats hervor
(Grossratsprotokoll 2 2004/2005, S. 393 f.). Der Schutz der Nachbarschaft vor
vorschnell eingereichten Baugesuchen wurde nicht diskutiert. Historische und
teleologische Argumente vermögen deswegen ebenfalls keine
Entschädigungspflicht des Gesuchstellers zu begründen.
3. a) Die Rekurrenten machen geltend, es könne nicht dem Willen des
Gesetzgebers entsprechen, eine ausseramtliche Entschädigung zugunsten
des Einsprechers unabhängig vom Erfolg zu versagen. Auch habe der
Einsprecher keinen Einfluss auf den Entscheid des Bauherrn, das Bauprojekt
zurückzuziehen. Da gemäss den bisherigen Ausführungen nach der klaren
Absicht des Gesetzgebers die Zusprechung ausseramtlicher
Entschädigungen an Einsprecher nicht bezweckt war, lassen sich diese
Argumente nur dahingehend verstehen, dass der streitige Artikel auf die sich
stellenden Fragen keine zufrieden stellende Antwort liefert. Dies hätte zur
Folge, dass man von einer Lücke im Gesetz ausgehen müsste, was von den
Rekurrenten allerdings bestritten wird. Dennoch bleibt zu prüfen, ob eine
Lücke im Gesetz besteht. Gibt ein Gesetz auf eine Frage, die sich bei der
Anwendung unvermeidlicherweise stellt, keine Antwort, so steht die
rechtsanwendende Verwaltungs- oder Gerichtsbehörde vor der Frage, ob sie
berechtigt ist, diese Lücke zu schliessen (siehe dazu: Häfelin/Müller,
Schweizerisches Bundesstaatsrecht, 5. Aufl., Zürich 2001, S. 42 ff.). Nach
herkömmlicher Lehre wird zwischen echten und unechten Lücken
unterschieden. Eine echte Lücke liegt vor, wenn das Gesetz auf eine Frage,
ohne deren Beantwortung die Rechtsanwendung nicht möglich ist, keine
Regelung enthält. Eine unechte Lücke besteht dagegen, wenn das Gesetz
zwar auf sich bei der Rechtsanwendung stellenden Fragen eine Antwort gibt,
diese Regelung aber als lückenhaft empfunden wird, weil sie in einem
bestimmten Anwendungsfall zu einem sachlich unbefriedigendem Resultat
führt und eine sachgerechte Normierung vermissen lässt. Gemäss dieser
Lehre dürfen unechte Lücken nicht durch den Richter gefüllt werden, sondern
müssen durch den Gesetzgeber korrigiert werden.
b) Neuerer Ansicht nach wird auf die Unterscheidung von echten und unechten
Lücken verzichtet, da heute auch die Schliessung von unechten Lücken als
zulässig erachtet wird. Nach dieser Auffassung wird die Gesetzeslücke als
eine planwidrige Unvollständigkeit des Gesetzes verstanden, die vom Richter
behoben werden darf (siehe Häfelin/Haller, Schweizerisches
Bundesstaatsrecht, 5. Aufl., N 141 ff.). Für das Vorliegen einer ausfüllbaren
Lücke wird darauf abgestellt, ob die gesetzliche Regelung „nach den dem
Gesetze zugrunde liegenden Wertungen und Zielsetzungen als unvollständig
und daher ergänzungsbedürftig erachtet werden müsse“ (BGE 102 Ib 224).
Dies steht im Gegensatz zu einem qualifizierten Schweigen des Gesetzes,
wonach keine Lücke vorliegt, wenn der Gesetzgeber bewusst darauf
verzichtet hat, ein bestimmtes Problem zu regeln. Ob von einer Lücke oder
von einem qualifizierten Schweigen auszugehen sei, ist durch Auslegung zu
ermitteln. Nach dem bisher Gesagten, insbesondere den Hinweisen auf die
Materialien, wird deutlich, dass der Gesetzgeber den Schutz des Bauherrn
vor ungerechtfertigten Einsprachen beabsichtigte, um die Investitionsfreude
zu fördern. Ein Schutz der Einsprecher vor „offensichtlich unbegründeten oder
trölerischen“ Baugesuchen ist für diesen Zweck nicht erforderlich. Vorliegend
ist aus diesen Gründen von einem qualifiziertes Schweigen auszugehen und
dem Richter ist es verwehrt, eine von ihm zu schliessende Lücke
anzunehmen. Eine analoge Anwendung der zivilprozessualen Bestimmungen
ist somit ausgeschlossen.
4. Bezüglich der ausseramtlichen Entschädigung bestehen durchaus sachliche
Gründe für die Unterscheidung zwischen Einsprechern und den Bauherren.
Wie die Rekursgegner bereits ausgeführt haben, ist es für den Bauherrn nicht
voraussehbar, wie viele Einsprachen eingereicht werden und damit kann das
Risiko der ausseramtlichen Entschädigungen unkalkulierbar werden. Dies hat
wiederum einen hemmenden Effekt auf Investitionen. Ferner ist das Risiko,
dass sich Bauherren trölerisch verhalten, als geringer einzustufen, weil es in
der Regel im eigenen Interesse der Bauherren liegt, möglichst früh zu bauen.
Ausserdem sind Baugesuche zugleich mit Kosten verbunden. Auch wenn eine
andere gesetzliche Regelung möglich gewesen wäre, lässt sich die vom
Gesetzgeber gewählte durchaus mit sachlichen Gründen rechtfertigen. Ein
Verstoss gegen das Willkürverbot oder gegen das Gleichbehandlungsgebot
liegt deshalb nicht vor.
In dieser Regelung kann auch keine unzumutbare Rechtswegbarriere
gesehen werden. So ist es nichts Aussergewöhnliches, dass die Verfechtung
eines Rechtsstandpunktes mit Kosten verbunden ist. Ausserdem zeigt ein
Vergleich mit dem früheren Recht auf, dass bisher überhaupt keine
Entschädigungen geschuldet waren. Indem nun für den Bauherrn eine solche
Entschädigung eingeführt wurde, hat dies nicht gleichzeitig die Schaffung
einer unzumutbaren Rechtswegbarriere für den Einsprecher zur Folge.
5. Art. 96 Abs. 2 KRG stellt aus diesen Gründen keine Grundlage für die
Zusprechung einer ausseramtlichen Entschädigung des Einsprechers dar,
wenn das Baugesuch aufgrund eines Rückzugs des Bauherrn hin
abgeschrieben wird. Die Gemeinde ... hat eine ausseramtliche
Entschädigung zu Gunsten der Rekurrenten deshalb zu Recht verweigert. Bei
diesem Verfahrensausgang gehen die Verfahrenskosten zu Lasten der
Rekurrenten.