Decision ID: d7b40683-ddac-5c28-98d9-28a27afa0fef
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine sri-lankische Staatsangehörige – stellte am
4. März 2020 in der Schweiz ein Asylgesuch. Ein Abgleich mit dem zentra-
len Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab, dass ihr von der sri-lanki-
schen Auslandsvertretung Deutschlands am 1. November 2019 ein Visum
Typ C (Tourismus) für die Aufenthaltsdauer von drei Monaten mit einer Gül-
tigkeit vom 6. November 2020 bis 12. Februar 2020 ausgestellt worden
war.
B.
Am 9. März 2020 fand die Personalienaufnahme statt. Gleichentags unter-
zeichnete die Beschwerdeführerin eine Vollmacht für die von Amtes wegen
zugewiesene Rechtsvertretung in ihrem Verfahren im Bundeszentrum. Sie
erklärte, verwitwet zu sein und einen Sohn in der Schweiz sowie eine Toch-
ter in Deutschland zu haben.
C.
Am 11. März 2020 wurde der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zu
einer allfälligen Prüfungszuständigkeit Deutschlands gestützt auf die Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) ge-
währt. Die Beschwerdeführerin gab an, dass die Tochter, welche sie in
Deutschland habe, zur Arbeit gehe und sich nicht immer um sie kümmern
könne. Sie sei aber eine alte Frau und benötige Unterstützung. Dies habe
zu Streit geführt. Auch ihr Schwiegersohn habe ihr gesagt, dass es besser
wäre, wenn sie in die Schweiz gehe, weil ihr in der Schweiz lebender Sohn
sich um sie kümmern könne. Die Beschwerdeführerin erklärte ausserdem,
sie habe im Heimatland grosse Probleme gehabt, nachdem ihr Sohn aus
Sri Lanka weggegangen sei.
Zu ihrem Gesundheitszustand gab sie an, sie sei in der Schweiz bereits
beim Arzt gewesen und leide an einer (...). Aus diesem Grund müsse sie
jeweils begleitet werden, wenn sie draussen unterwegs sei. Sie wolle des-
halb mit ihrem Sohn hier in der Schweiz bleiben.
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D.
Das SEM ersuchte am 12. März 2020 die deutschen Behörden um Über-
nahme der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO.
Die deutschen Behörden hiessen das Ersuchen am 3. April 2020 gut.
E.
In den Akten befinden sich Arztberichte des B._ vom 6. März 2020,
vom 25. März 2020 sowie vom 3. April 2020. Gemäss dem aktuellsten Arzt-
bericht des B._ vom 3. April 2020 leidet die Beschwerdeführerin an
(...). In sämtlichen Arztberichten ist eine Medikation vorgesehen.
F.
Mit Schreiben vom 7. April 2020 reichte die Rechtsvertretung einen «An-
trag auf eine Zuständigkeitsprüfung nach Art. 16 Abs. 1 der Dublin-III-VO»
ein. Mit eingereicht wurde eine Kopie einer Erklärung des Sohnes der Be-
schwerdeführerin vom 16. März 2020, in der dieser den Wunsch äusserte,
dass das Asylgesuch seiner Mutter in der Schweiz geprüft werde. Aufgrund
ihres Alters und ihrer zahlreichen gesundheitlichen Beschwerden sei sie
auf seine Unterstützung angewiesen. Auch verwies die Rechtsvertretung
noch einmal auf die medizinischen Diagnosen und das fortgeschrittene Al-
ter der Beschwerdeführerin und auf den Umstand, dass sie die notwendige
Unterstützung von ihrer Tochter in Deutschland nicht erhalten werde. Even-
tualiter beantragte die Rechtsvertretung eine vertiefte Prüfung des Abhän-
gigkeitsverhältnisses zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Sohn.
G.
Mit Verfügung vom 14. April 2020 (eröffnet am 15. April 2020) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführerin nicht ein und verfügte die Überstellung
nach Deutschland, das gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung ihres
Asylgesuchs zuständig sei. Gleichzeitig wurde die Beschwerdeführerin
aufgefordert, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwer-
defrist zu verlassen und festgestellt, dass einer allfälligen Beschwerde ge-
gen den Entscheid von Gesetzes wegen keine aufschiebende Wirkung zu-
komme. Es wurde die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis an die Beschwerdeführerin veranlasst und der Kanton
C._ mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt.
H.
Am 22. April 2020 gelangte die Beschwerdeführerin – handelnd durch die
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von ihr bevollmächtigte Rechtsvertreterin – an das Bundesverwaltungsge-
richt. Sie beantragte, die Verfügung des SEM vom 14. April 2020 sei auf-
zuheben und das SEM sei anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutreten.
Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache
zur vollständigen Feststellung des Sachverhaltes und zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Dispositivziffer
3 der angefochtenen Verfügung aufzuheben und der Beschwerdeführerin
eine angemessene Ausreisefrist anzusetzen. In prozessualer Hinsicht
wurde darum ersucht, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu
gewähren, im Sinne vorsorglicher Massnahmen seien die Vollzugsbehör-
den unverzüglich anzuweisen, bis zum Entscheid über das vorliegende
Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen und die unent-
geltliche Prozessführung zu gewähren, unter Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses.
Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin unter anderem eine Kopie
der Todesanzeige ihres jüngeren Bruders sowie ein Schreiben ihrer Tochter
vom 20. April 2020 zu den Akten. Im Weiteren stellte sie Belege für angeb-
liche Überweisungen des Sohnes an die Beschwerdeführerin in Sri Lanka
in Aussicht.
I.
Die vorinstanzlichen Akten liegen dem Bundesverwaltungsgericht seit dem
23. April 2020 in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 1 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weite-
rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1
und 2 AsylG). Auf einen Schriftenwechsel wurde verzichtet.
3.
3.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Die Beschwerde-
führerin rügt die unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts sowie des rechtlichen Gehörs.
3.2 Die Rüge, die Vorinstanz habe den Sachverhalt nicht genügend abge-
klärt, erweist sich als unbegründet: Sowohl die Rechtsvertreterin als auch
die Beschwerdeführerin selbst haben anlässlich des Dublin-Gesprächs ein
Abhängigkeitsverhältnis zum Sohn geltend gemacht und diesen Stand-
punkt mit Eingabe vom 7. April 2020 wiederholt. Mit diesem Vorbringen hat
sich die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung eingehend auseinan-
dergesetzt. Allein der Umstand, dass die Vorinstanz die Beweise anders
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gewürdigt hat, als die Beschwerdeführerin sich vorstellt, lässt nicht den
Schluss zu, die Vorinstanz habe den Sachverhalt nicht richtig abgeklärt. Es
wird denn in der Beschwerde auch nicht näher substanziiert, welche wei-
teren Abklärungen die Vorinstanz hätte vornehmen sollen. Die entspre-
chende Rüge in der Rechtsmitteleingabe ist demnach als Kritik an der Wür-
digung und mithin in der Sache selbst zu verstehen. Folglich wird die ab-
weichende Einschätzung der Vorinstanz im Rahmen der materiellen Prü-
fung vom Gericht zu berücksichtigen sein.
3.3 Die Rüge, man habe vorliegend materiell eine Würdigung des Abhän-
gigkeitsverhältnisses vorgenommen, ohne der Beschwerdeführerin vor-
gängig die Gelegenheit zu geben, sich dazu zu äussern, widerspricht den
Akten. Für den in diesem Zusammenhang ausserdem geltend gemachten
Vorwurf der Verletzung des rechtlichen Gehörs (Beschwerde S. 11), der
nicht näher konkretisiert wird, finden sich ebenfalls keine konkreten An-
haltspunkte. Der Eventualantrag auf Rückweisung der Sache zur vollstän-
digen Sachverhaltsabklärung ist daher abzuweisen.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat oder die Zustellfiktion greift, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE
2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Im Fall eines – wie vorliegend der Fall – sogenannten Aufnahmever-
fahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO)
genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierar-
chie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwen-
den, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller
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erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen
(Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht). Sowohl der Mitgliedstaat, in dem ein Antrag auf internationalen
Schutz gestellt worden ist und der das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates durchführt, als auch der zuständige Mitgliedstaat
kann vor der Erstentscheidung in der Sache jederzeit einen anderen Mit-
gliedstaat ersuchen, den Antragsteller aus humanitären Gründen oder zum
Zweck der Zusammenführung verwandter Personen aufzunehmen, wobei
die betroffenen Personen diesem Vorgehen schriftlich zustimmen müssen
(Art. 17 Abs. 2 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. humanitäre Klausel).
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5.
5.1 Gemäss dem von der Vorinstanz veranlassten Abgleich der Fingerab-
drücke mit dem CS-VIS ist davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rerin von der Auslandsvertretung Deutschlands am 1. November 2019 ein
Visum Typ C (Tourismus), gültig vom 6. November 2020 bis 12. Dezember
2020 erteilt worden ist. Das SEM ersuchte die deutschen Behörden daher
zu Recht um Übernahme (engl.: "take charge") der Beschwerdeführerin
gestützt auf Art. 12 Abs. 2 Satz 1 Dublin-III-VO.
5.2 Die deutschen Behörden hiessen das Ersuchen am 3. April 2020 gut.
5.3 Die grundsätzliche Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist somit gegeben.
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin beruft sich darauf, dass in Ausnahme von der
eigentlich nach Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO begründeten Zuständigkeit
Deutschlands, die Schweiz nach Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-Dublin-III-VO für
die Prüfung des Asylgesuches zuständig sei, da aufgrund ihres Alters und
ihrer Gesundheitssituation ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem in der
Schweiz lebenden Sohn bestehe.
6.2 Die Vorinstanz verneint eine solche Zuständigkeit der Schweiz nach
Art. 16 Abs. 1 Dublin-VO im Wesentlichen damit, dass der Sohn der Be-
schwerdeführerin sich seit 2008 in der Schweiz aufhalte, die Beschwerde-
führerin selbst habe hingegen erst am 4. März 2020 in der Schweiz ein
Asylgesuch eingereicht. Des Weiteren habe die Beschwerdeführerin zuvor
mehr als zwei Monate bei ihrer Tochter in Deutschland verbracht. Auch sei
ihre Tochter als Kontaktperson für das von Deutschland ausgestellte Visum
registriert worden. Es sei daher anzunehmen, dass die Beschwerdeführe-
rin zu ihrer in Deutschland lebenden Tochter eine engere Beziehung habe,
als zu ihrem in der Schweiz lebenden Sohn und dass ihre Tochter ihr eine
gewisse Unterstützung geben könne. Dies auch wenn sie sich zwischen-
zeitlich mit ihr zerstritten habe. In Bezug auf den Sohn der Beschwerdefüh-
rerin sei festzuhalten, dass sie in den vergangenen zwölf Jahren getrennt
von ihm gelebt habe. Das geltend gemachte Abhängigkeitsverhältnis sei
somit erst mit ihrer Einreise in die Schweiz geschaffen worden. Es würde
sich vorliegend nicht um einen gravierenden Ausnahmefall im Sinne von
Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO handeln, zumal ein Abhängigkeitsverhältnis in
den vergangenen zwölf Jahren auch nicht gegeben gewesen sei. Der Sohn
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könne die Beschwerdeführerin auch in Deutschland besuchen und sie so-
weit wie möglich auch von der Schweiz aus unterstützen.
6.3 In der Rechtsmitteleingabe wird demgegenüber vorgebracht, dass vor-
liegend entgegen der Ansicht der Vorinstanz von einem Abhängigkeitsver-
hältnis auszugehen sei. In Sri Lanka seien es traditionell "die Söhne", wel-
che die Aufgabe hätten, die Eltern zu unterstützen und sich um sie zu küm-
mern. So sei es auch vorliegend gewesen: Der Sohn der Beschwerdefüh-
rerin habe sich in den letzten Jahren gewissenhaft um sie gekümmert. Bis
er (...) alt gewesen sei, habe er noch zuhause bei ihr und ihrem Ehemann
gelebt. Nach seiner Hochzeit im Jahr 2001 habe er seine Verantwortung
für seine Eltern weiterhin wahrgenommen und sie unterstützt. Als er im
Jahr 2008 gezwungen worden sei, aus der Heimat zu fliehen, seien die
Beschwerdeführerin und ihr Ehemann zu seiner Ehefrau gezogen, welche
sich fortan um sie gekümmert habe. Im Jahr 2014 sei der Ehemann der
Beschwerdeführerin verstorben. Nachdem im Jahr 2015 die Ehefrau des
Sohnes der Beschwerdeführerin in die Schweiz gereist sei, habe dieser
den Bruder der Beschwerdeführerin gebeten, sie zu unterstützen. Dieser
Bruder habe zwar regelmässig nach ihr geschaut, es sei ihm aber nicht
möglich gewesen, sie täglich zu unterstützen. Daher habe ihr Sohn von der
Schweiz aus eine Frau bezahlt, welche bei der Beschwerdeführerin ge-
wohnt und sie im Alltag unterstützt und gepflegt habe. Auch habe er der
Beschwerdeführerin Geld für ihren Lebensunterhalt geschickt. Er selbst
habe von der Schweiz aus in regelmässigem Kontakt mit der Beschwerde-
führerin gestanden. Um diesen zu ermöglichen, habe er ihr eigens ein Te-
lefon organisiert.
Sowohl der Sohn als auch die Tochter, welche seit etwa (...) Jahren in
Deutschland lebe, hätten die Beschwerdeführerin nach dieser langen Zeit
des Getrenntseins und gerade auch in Anbetracht ihres hohen Alters wie-
der einmal sehen wollen. Ihr Sohn habe indes kein Visum für die Beschwer-
deführerin besorgen können, da er die geforderten finanziellen Mittel für
ein Besuchervisum durch sein Einkommen nicht habe garantieren können.
Die Tochter hingegen habe die geforderten Voraussetzungen für ein deut-
sches Visum erfüllt, weshalb sie das Visum für die Beschwerdeführerin or-
ganisiert habe. Während des Aufenthalts der Beschwerdeführerin bei ihrer
Tochter in Deutschland sei es täglich zu Problemen, Missverständnissen
und Streit gekommen. Vor allem der Ehemann der Tochter, welcher seine
Schwiegermutter kaum gekannt habe, habe sich schwer getan mit ihrer
Anwesenheit. Am 6. Februar 2020, als die Beschwerdeführerin noch bei
ihrer Tochter in Deutschland geweilt habe, sei ihr jüngerer Bruder in Sri
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Lanka verstorben (Todesanzeige in Beilage). Da dieser die einzig verblie-
bene Bezugsperson der Beschwerdeführerin in der Heimat gewesen sei
und sie seit der Ausreise ihres Sohnes immer wieder Schwierigkeiten mit
bestimmten Personen gehabt habe, wolle und könne sie nun nicht mehr
nach Sri Lanka zurückkehren. Die Tochter habe die Beschwerdeführerin
jedoch zur Rückkehr gedrängt, da sie sich nicht in der Lage gesehen habe,
die Mutter langfristig zu unterstützen. Dies habe sie auf Anfrage der
Rechtsvertretung mit Schreiben vom 20. April 2020 auch schriftlich erklärt.
Der Sohn der Beschwerdeführerin sei der Ansicht, dass sie unter diesen
Umständen nicht mehr nach Sri Lanka zurückkehren könnte und habe aus
diesem Grund die illegale Einreise der Beschwerdeführerin in die Schweiz
organisiert. Der Sohn der Beschwerdeführerin sei schon immer die haupt-
sächliche familiäre Bezugsperson der Beschwerdeführerin gewesen.
Diese Bindung habe bereits im Heimatland bestanden und sei während der
ganzen Zeit der Trennung durch telefonische Kontakte, finanzielle Unter-
stützung und bis 2015 auch durch die Anwesenheit seiner Ehefrau in der
Heimat aufrecht erhalten geblieben.
Es werde vorliegend ein Abhängigkeitsverhältnis aufgrund des hohen Al-
ters und zusätzlicher (...) geltend gemacht. Die Beschwerdeführerin sei
über (...) Jahre alt. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Sri Lanka
würde 76.65 Jahre betragen (Stand 2017). Aus den eingereichten ärztli-
chen Berichten würde zudem hervorgehen, dass die Beschwerdeführerin
gleichzeitig an mehreren (chronischen) Krankheiten leide. Es läge mithin
eine sogenannte Multimorbidität vor, wie sie gegen Ende des Lebens häu-
fig auftrete. Als weitere typische Alterssymptome träten zudem eine ge-
wisse Immobilität beziehungsweise Instabilität bei der Fortbewegung zu-
tage. Diese Symptome seien zwar nicht explizit in den Arztberichten er-
wähnt worden, sie seien jedoch im Umgang mit der Beschwerdeführerin
ohne weiteres erkennbar. Am meisten leide die Beschwerdeführerin darun-
ter, dass ihre (...). Insgesamt werde sie durch ihre verschiedenen Gebre-
chen und insbesondere die Einschränkung der (...), dass sie für die meis-
ten alltäglichen Verrichtungen auf Hilfe angewiesen sei.
Der Sohn der Beschwerdeführerin habe zudem ausgeführt, dass die Be-
schwerdeführerin in den Tagen vor Einreichung des Asylgesuchs in der
Schweiz bei ihm gelebt habe. Die Beschwerdeführerin benötige Hilfe bei
der Essenszubereitung und der Medikamenteneinnahme. Auch sei sie auf-
grund ihrer (...) nicht in der Lage, selbständig einzukaufen
oder Termine wahrzunehmen. Sie könne sich nicht selber das Essen zu-
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bereiten und habe Unterstützung gebraucht bei der Einnahme ihrer diver-
sen Medikamente. Aufgrund ihrer (...) und ihren Einschränkungen sei sie
in der Fortbewegung eingeschränkt und nicht in der Lage, selbständig ein-
zukaufen oder Termine wahrzunehmen.
6.4 Zu Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ist vorab festzuhalten, dass es sich bei
dieser Bestimmung nicht um das sogenannte Selbsteintrittsrecht der
Schweiz handelt; jenes ist in Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO geregelt. Bei
Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO handelt es sich um eine Bestimmung, in der
die wesentlichen Lebenssachverhalte genannt werden, die eine Person in
einer solchen Weise verletzlich machen können, dass eine Zusammenfüh-
rung mit bestimmten Bezugspersonen zur humanitären Pflicht wird. Der
Ermessensspielraum der entscheidenden Behörde wird für die darin be-
zeichneten Umstände mithin derart verengt, dass es für sie bei einer sol-
chen Konstellation nur noch eine rechtmässige Lösung (nämlich: die Zu-
ständigkeitserklärung) gibt. Die Nichterklärung der Zuständigkeit gestützt
auf Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO bei Vorhandensein aller Ermessensdeter-
minanten und gemeinsamem Aufenthalt der betroffenen Personen in ei-
nem Mitgliedstaat kann sich im Einzelfall als menschenrechtswidrig und
allgemein als Ermessensmissbrauch darstellen (FILZWIESER/SPRUNG, Dub-
lin III-Verordnung. Das Europäische Asylzuständigkeitssystem, Wien/Graz
2014, K1-4 zu Art. 16, K2-4 zu Art. 17; vgl. dazu und zum Nachfolgenden
auch Urteil des BVGer E-474/2014 vom 21. Oktober 2014 E. 6.2; D-
3794/2014 vom 17. April 2015 E. 6.1; D-1416/2016 vom 19. Juli 2016
E. 6.1).
Aufgrund von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO müsste sich die Schweiz unter
anderem dann als für die Prüfung des Asylgesuchs der Beschwerdeführe-
rin zuständig erklären, wenn die Beschwerdeführerin aufgrund schwerer
Krankheit von ihrem sich in der Schweiz rechtmässig aufhaltenden Sohn
abhängig wäre; erforderlich wäre zudem, dass die familiäre Bindung be-
reits im Herkunftsland bestanden hätte, dass der Sohn in der Lage wäre,
die Beschwerdeführerin zu unterstützen, und dass die Beschwerdeführerin
und ihr Sohn ihren Wunsch schriftlich kundgetan hätten (vgl. Urteil des
BVGer E-7488/2014 vom 8. Januar 2015 E. 6.2.1).
7.
7.1 Aufgrund der Akten ist vorliegend davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin und ihr Sohn schriftlich kundgetan haben, dass die Be-
schwerdeführerin bei ihrem Sohn verbleiben könne und wolle. Wie die Vo-
rinstanz zutreffend erwogen hat, besteht zwischen der Beschwerdeführerin
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Seite 12
und ihrem Sohn trotz der ausgewiesenen medizinischen Beschwerden der
Beschwerdeführerin jedoch kein Abhängigkeitsverhältnis im vorstehend
(vgl. E. 6.3) dargelegten Sinne. Der Sohn wohnt bereits seit mehr als zehn
Jahren getrennt von der Beschwerdeführerin in der Schweiz. In der Be-
schwerde wird nicht aufgezeigt, dass sich an ihrem gesundheitlichen Zu-
stand der Beschwerdeführerin in den letzten Wochen und Monaten we-
sentliche negative Veränderungen ergeben hätten. Allein schon deshalb
kann vorliegend nicht davon ausgegangen werden, dass ein rechtswesent-
liches Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und ih-
rem Sohn besteht. Auch die von der Beschwerdeführerin in Aussicht ge-
stellten Belege für Geldüberweisungen des Sohnes zu ihren Gunsten ver-
möchten am fehlenden Abhängigkeitsverhältnis nichts zu ändern. Die Un-
terstützungshandlungen, auf welche die Beschwerdeführerin in verschie-
denen Bereichen (Essenszubereitung, Medikamenteneinnahme, Einkau-
fen, Begleitung von Terminen) unbestrittenermassen angewiesen ist, kön-
nen – wie die letzten, ausschliesslich in Sri Lanka verlebten Jahre zeigen
– ohne Weiteres von Drittpersonen vorgenommen werden. Dass der Bru-
der der Beschwerdeführerin zwischenzeitlich verstorben ist, ändert hieran
nichts, zumal schon vorher eine Hilfskraft beschäftigt worden ist. Selbst
wenn die Beschwerdeführerin im Übrigen in der Schweiz verbleiben würde,
wäre davon auszugehen, dass solche Dienstleistungen von Drittpersonen
in Anspruch genommen werden müssten, zumal der Sohn der Beschwer-
deführerin ausführt, in den letzten Jahren immer arbeitstätig gewesen zu
sein und auch in naher Zukunft wieder einer Erwerbstätigkeit nachgehen
zu wollen (vgl. Beschwerde, S. 9). Vor diesem Hintergrund – und auch weil
er zudem für minderjährige Kinder sorgen muss – ist nicht ersichtlich, dass
er sich selbständig und ohne Drittunterstützung um seine Mutter kümmern
könnte.
Bei einer Gesamtwürdigung der Umstände ist dem SEM daher beizupflich-
ten, dass kein Abhängigkeitsverhältnis zum Sohn vorliegt, welches eine
Zusammenführung der Beschwerdeführerin mit ihrem Sohn in der Schweiz
als humanitäre Pflicht erscheinen liesse.
7.2 Nicht ausser Acht gelassen werden darf bei der Würdigung des vorlie-
genden Falls, dass die Beschwerdeführerin in Deutschland, dem zuständi-
gen Dublin-Staat, über eine Tochter verfügt. Diese Tochter hat im Rahmen
des angestrengten Visumsverfahrens für die Beschwerdeführerin gebürgt
und sie nach ihrer Einreise nach Deutschland mehrere Wochen bei sich
wohnen lassen. Dies relativiert den Einwand der Beschwerdeführerin, ihre
Tochter und der Schwiegersohn würden beide arbeiten und könnten sich
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nicht adäquat um sie kümmern. Hervorzuheben ist in diesem Zusammen-
hang auch, dass die Beschwerdeführerin ihr Visum für die Einreise nach
Deutschland unter der Bedingung erhalten hat, innert angesetzter Frist
wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Davon, dass ihr Gesundheitszu-
stand eine dauernde Anwesenheit bei ihren Kindern voraussetzen würde,
kann im Zusammenhang mit dem Visumsantrag kaum die Rede gewesen
sein. Dafür hätte vielmehr ein Gesuch um Familienzusammenführung ge-
stellt werden müssen. Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin auch
von den für die Prüfung ihres Asylgesuchs zuständigen deutschen Behör-
den eine ihrem persönlichen Gesundheitszustand entsprechende Unter-
bringung und medizinische Versorgung erwarten darf. Insofern verhält sich
die Beschwerdeführerin widersprüchlich, wenn sie die Dublin-Zuständig-
keit Deutschlands nun – nur wenige Monate später – mit dem Argument
auszuhebeln versucht, aus medizinischen Gründen komme nur eine An-
wesenheit bei ihrem Sohn in der Schweiz in Frage.
7.3 Für sich genommen vermag der Gesundheitszustand der Beschwerde-
führerin die Zuständigkeit der Schweiz auch nicht zu begründen. Deutsch-
land ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30)
sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301)
und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen
nach. Es darf auch davon ausgegangen werden, Deutschland anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Asylsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
Zwar kann eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheit-
lichen Problemen ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar-
stellen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn sich die betroffene Person in
einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in
Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rech-
nen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl.
BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäi-
schen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Gemäss neuerer Praxis
des EGMR kann ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK zudem vorliegen, wenn
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eine schwer kranke Person durch die Abschiebung – mangels angemes-
sener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko
konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu
intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar-
tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. De-
zember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
Diese Schwelle ist im Falle der Beschwerdeführerin jedoch nicht erreicht:
Die Beschwerdeführerin leidet unter den bereits in Bst. E aufgeführten Be-
schwerden. Durch die – auch in Deutschland ohne Weiteres zugängliche –
medikamentöse Behandlung können diese Beschwerden zu einem gewis-
sen Grade gelindert werden. Es ist nicht ersichtlich und wird in der Be-
schwerde auch nicht geltend gemacht, dass sich die Beschwerdeführerin
in einem terminalen Krankheitsstadium beziehungsweise in Todesnähe be-
finde. Die medizinische Behandlung steht einem Vollzug der Wegweisung
der Beschwerdeführerin mithin nicht entgegen. Entsprechende medizini-
sche Massnahmen können in Deutschland durchgeführt werden. Es ist all-
gemein bekannt, dass Deutschland über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur verfügt. Für einen Selbsteintritt der Schweiz nach Art. 17
Abs. 1 Dublin-III-VO besteht demnach keine Veranlassung.
7.4 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den
vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht
mehr auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
nunmehr im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu bean-
standen; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen.
Die Vorinstanz hat sich in ihrer Verfügung mit der Frage des Selbsteintritts
aus humanitären Gründen ausreichend befasst. Das Gericht enthält sich
deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
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7.4.1 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
7.4.2 Die Vorinstanz ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein-
getreten. Da die Beschwerdeführerin nicht im Besitz einer gültigen Aufent-
halts- oder Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach
Deutschland in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeord-
net (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
7.4.3 Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung
des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist,
erübrigt es sich nachfolgend, allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83
Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.). Zu prüfen bleibt einzig der Subeventualantrag der Beschwerde-
führerin um Ansetzung einer neuen, längeren Ausreisefrist.
7.5 Mit der Wegweisungsverfügung ist eine angemessene Ausreisefrist
zwischen sieben und dreissig Tagen anzusetzen, wobei gesundheitliche
Probleme eine längere Ausreisefrist erforderlich machen können (Art. 64d
Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Eine Wegweisung gestützt auf die Dublin-Asso-
ziierungsabkommen ist indes sofort vollstreckbar oder die Vorinstanz kann
eine Ausreisefrist von weniger als sieben Tagen ansetzen (Art. 64d Abs. 2
Bst. f AIG und Art. 45 Abs. 3 AsylG; Art. 9 Abs. 2 und Abs. 3 der Verordnung
vom 1. April 2020 über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang
mit dem Coronavirus [COVID-19-Verordnung Asyl; SR 142.318]). Es wurde
bereits dargelegt, dass die gesundheitlichen Probleme der Beschwerde-
führerin auch in Deutschland behandelt werden können. Anspruch auf me-
dizinische Behandlung in der Schweiz hat sie nicht. Die Ansetzung einer
(längeren) Ausreisefrist aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigun-
gen rechtfertigt sich daher nicht (vgl. auch BVGE 2011/28 E. 6.5).
7.6 Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die aktuell herrschende Situ-
ation im Zusammenhang mit der Ausbreitung der COVID-19-Pandemie le-
diglich ein temporäres Vollzugshindernis bilden kann (Urteile des BVGer F-
1622/2020 vom 26. März 2020 E. 2.2; D-1282/2020 vom 25. März 2020 E.
5.5). Eine Überstellung im Rahmen der Dublin-III-VO hat grundsätzlich in-
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nerhalb von sechs Monaten nach Annahme des Übernahmegesuchs, res-
pektive nach Beschwerdeentscheid über die Überstellungsanordnung zu
erfolgen (Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO; Art. 42 Dublin-III-VO). Sollte dies
nicht möglich sein, wäre in der Schweiz das nationale Verfahren durchzu-
führen (Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO; Art. 9 Abs. 2 COVID-19-Verordnung
Asyl; BVGE 2015/19 E. 5 f.). Mit der Frage, wann genau der Vollzug auf-
grund der COVID-19-Pandemie oder gesundheitlich bedingten Verzöge-
rungen bei Dublin-Überstellungen erfolgen kann, befasst sich das Bundes-
verwaltungsgericht nicht. Bei der Festsetzung des Ausreisezeitpunkts han-
delt es sich um eine blosse Vollzugsmodalität, die praxisgemäss nicht Ver-
fahrensgegenstand bildet (vgl. Urteile des BVGer F-1930/2020 vom 20. Ap-
ril 2020 E. 5.2 m.w.H.).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem
Urteil abgeschlossen, weshalb sich der Antrag auf Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung als gegenstandslos erweist.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerdefüh-
rerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Der Antrag auf unentgeltliche Prozessführung ist angesichts
der Aussichtslosigkeit der Beschwerdebegehren abzuweisen.
(Dispositiv nächste Seite)
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