Decision ID: 2ab14c74-dfe9-5259-94db-96b3d27850c2
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden gelangten am 26. Januar 2015 in die Schweiz,
wo sie gleichentags um Asyl ersuchten.
B.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) wurde am 2. März 2015 zu
ihrer Person, dem Reiseweg sowie summarisch zu den Asylgründen be-
fragt (Befragung zur Person [BzP]). Am 1. April 2015 wurde eine erweiterte
BzP durchgeführt und am 2. Dezember 2015 wurde sie eingehend zu den
Gründen der Flucht angehört.
Die Beschwerdeführerin machte im Wesentlichen geltend, dass sie unter
falschen Versprechen nach Europa gebracht worden sei, wo sie in
D._ zur Prostitution gezwungen worden sei.
Die Beschwerdeführerin reichte eine Kopie ihres Geburtsscheins zu den
Akten.
C.
Mit Verfügung vom 5. August 2019 (Eröffnung am 6. August 2019) stellte
das SEM fest, dass die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllen, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Diese Verfügung fochten die Beschwerdeführenden mit Eingabe ihrer
Rechtsvertreterin vom 4. September 2019 beim Bundesverwaltungsgericht
an. Sie beantragten die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz. Den Beschwerdeführenden sei
Einsicht in die vom SEM vorgenommene Botschaftsabklärung zu gewäh-
ren und Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Eventualiter seien die
Beschwerdeführenden als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen Asyl zu ge-
währen. Eventualiter seien sie wegen Unzumutbarkeit oder Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die
Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen bezüglich des Zu-
gangs zu einem Schutzprogramm für Opfer von Menschenhandel von den
nigerianischen Behörden einzuholen.
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In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG in Verbindung mit aArt. 110a AsylG (SR 142.31) ersucht.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 17. September 2019 wurden die Gesuche um
unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsverbeiständung gutge-
heissen und die rubrizierte Rechtsvertreterin beigeordnet.
F.
Mit Eingabe vom 17. September 2019 reichten die Beschwerdeführenden
Kopien der Todesbescheinigung der Mutter der Beschwerdeführerin sowie
einer Beglaubigung dieser Todesbescheinigung ein.
G.
Am 15. Oktober 2019 gaben die Beschwerdeführenden einen Bericht der
Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration sowie Berichte über die
schulischen Leistungen der Kinder zu den Akten.
H.
Im Rahmen des Schriftenwechsels zog das SEM die angefochtene Verfü-
gung teilweise in Wiedererwägung, hob die Dispositivziffern vier und fünf
auf, stellte die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs fest und ordnete
eine vorläufige Aufnahme an.
I.
Am 18. Oktober 2019 wurden die Beschwerdeführenden angefragt, ob sie
an der Beschwerde festhalten. Mit Schreiben vom 21. Oktober 2019 teilten
sie dem Gericht mit, dass sie an der Beschwerde betreffend die Flücht-
lingseigenschaft und Asylgewährung festhalten würden.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
4.
Hinsichtlich die Dispositivziffern vier und fünf der angefochtenen Verfügung
(Wegweisungsvollzug) ist der Anfechtungsgegenstand aufgrund der Wie-
dererwägung des SEM vom 16. Oktober 2019 weggefallen, weshalb die
Beschwerde in diesem Punkt als gegenstandslos geworden abzuschreiben
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ist (vgl. Art. 58 VwVG). Im Sinne einer Klarstellung ist darauf hinzuweisen,
dass das SEM in Ziffer eins der Wiedererwägung vom 16. Oktober 2019
fälschlicherweise auch die Ziffer drei der Verfügung vom 5. August 2019
(Wegweisung) aufhob. Aus der Begründung der Wiedererwägungsverfü-
gung wird jedoch klar, dass lediglich die Aufhebung des Wegweisungsvoll-
zugs (d.h. der Dispositivziffern vier und fünf), nicht aber der Wegweisung
beabsichtigt war.
5.
5.1 Die Beschwerdeführenden rügen eine Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs, da ihnen keine Einsicht in die Botschaftsabklärung gewährt worden
sei. Das rechtliche Gehör, welches in Art. 29 Abs. 2 BV verankert und in
den Art. 29 ff. VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert wird, dient
einerseits der Aufklärung des Sachverhalts, andererseits stellt es ein per-
sönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der Parteien dar. Gemäss Art. 30
Abs. 1 VwVG hört die Behörde die Parteien an, bevor sie verfügt. Der An-
spruch auf vorgängige Anhörung beinhaltet insbesondere, dass die Be-
hörde sich beim Erlass ihrer Verfügung nicht auf Tatsachen abstützen darf,
zu denen sich die von der Verfügung betroffene Person nicht vorgängig
äussern und diesbezüglich Beweis führen konnte.
Eng mit dem Äusserungsrecht ist der verfahrensrechtliche Anspruch auf
Akteneinsicht (Art. 26 VwVG) verbunden. In jedem Verfahren können sich
die Betroffenen nur dann wirksam zur Sache äussern und geeignet Be-
weise führen beziehungsweise Beweismittel bezeichnen, wenn ihnen die
Möglichkeit eingeräumt wird, die Unterlagen einzusehen, auf welche sich
die Behörde stützt. Vom Akteneinsichtsrecht ausgeschlossen sind verwal-
tungsinterne Unterlagen. Gilt es den Umfang des Akteneinsichtsrechts zu
bestimmen, kommt es jedoch auf die im konkreten Fall objektive Bedeu-
tung eines Aktenstückes für die Sachverhaltsfeststellung an und nicht auf
die Einstufung des Beweismittels durch die Behörden als internes oder gar
geheimes Papier. Der Anspruch auf rechtliches Gehör beinhaltet auch,
dass die Behörden alles in den Akten festzuhalten haben, was zur Sache
gehört und entscheidwesentlich sein kann. Daraus resultiert die Pflicht, Ab-
klärungen, Befragungen, Zeugeneinvernahmen und Verhandlungen zu
protokollieren, diese zu den Akten zu nehmen und aufzubewahren.
Das Recht auf Akteneinsicht kann aber eingeschränkt werden, wenn ein
überwiegendes Interesse an deren Geheimhaltung vorhanden ist (vgl.
Art. 27 VwVG). Dies muss indes aufgrund einer konkreten, sorgfältigen und
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umfassenden Abwägung der entgegenstehenden Interessen beurteilt wer-
den, wobei der Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu beachten ist. Je
stärker das Verfahrensergebnis von der Stellungnahme der Betroffenen
zum konkreten Dokument abhängt und je stärker auf ein Dokument bei der
Entscheidfindung (zum Nachteil der Betroffenen) abgestellt wird, desto in-
tensiver ist dem Akteneinsichtsrecht Rechnung zu tragen (vgl. zum Ganzen
BVGE 2011/37 E. 5.4.1 m.w.H.).
5.2 Das SEM veranlasste am 4. Februar 2016 eine Botschaftsabklärung
(vgl. Botschaftsanafrage [act. A26]), welche dem SEM am 10. August 2016
übermittelt wurde (act. A32). Das SEM qualifiziert sowohl die Botschafts-
anfrage als auch das Antwortschreiben der Botschaft als interne Akten,
weshalb sie den Beschwerdeführenden nicht offengelegt wurden. Diese
Qualifizierung ist unzutreffend. Interne Akten sind Dokumente, denen für
die Behandlung eines Falles kein Beweischarakter zukommt. Vielmehr die-
nen sie ausschliesslich der verwaltungsinternen Meinungsbildung, wes-
halb sie nur für den verwaltungsinternen Gebrauch bestimmt sind, wie etwa
Entwürfe, Anträge, Notizen oder Mitberichte. In solche Dokumente ist keine
Einsicht zu gewähren, um zu verhindern, dass die interne Meinungsbildung
der Verwaltung über die entscheidenden Aktenstücke und die erlassenen
begründeten Verfügungen hinaus vollständig vor der Öffentlichkeit ausge-
breitet wird (vgl. BGE 115 V 303 E. 2g/aa). Bei Botschaftsanfragen und
Botschaftsabklärungen handelt es sich nicht um interne Akten, weshalb sie
grundsätzlich der Akteneinsicht unterliegen (vgl. EMARK 1994 Nr. 1 E. 3c).
Dies bedeutet zwar nicht, dass in diese stets vollständige Einsicht zu ge-
währen ist. Vielmehr können entgegenstehende Geheimhaltungsinteres-
sen unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismässigkeit die
Einsicht einschränken und etwa sensible Passagen abgedeckt oder ledig-
lich zusammengefasst offengelegt werden. Das SEM hat es aber unterlas-
sen, unter Abwägung der gegenläufigen Interessen (eingeschränkt) Akten-
einsicht zu gewähren. Die Vorinstanz liess dadurch die Beschwerdeführen-
den gänzlich im Unklaren über die von ihr getätigten Abklärungen und er-
öffnete ihnen zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, zu den gewonnenen In-
formationen Stellung zu nehmen. Dadurch verletzt die Vorinstanz den An-
spruch auf rechtliches Gehör in schwerwiegender Weise.
5.3 Der Anspruch auf rechtliches Gehör besteht unabhängig davon, ob
dessen Achtung den Ausgang eines konkreten Verfahrens zu beeinflussen
vermag; es handelt sich um einen Anspruch formeller Natur. Die Heilung
von Gehörsverletzungen aus prozessökonomischen Gründen ist auf Be-
schwerdeebene nur möglich, sofern das Versäumte nachgeholt wird, die
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Beschwerdeführenden dazu Stellung nehmen können, die festgestellte
Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist, die fehlende Entscheidreife
durch die Beschwerdeinstanz mit vertretbarem Aufwand hergestellt werden
kann und der Beschwerdeinstanz im streitigen Fall die freie Überprüfungs-
befugnis zukommt (vgl. BVGE 2014/22 E. 5.3 m.w.H.). Vorliegend handelt
es sich um eine schwerwiegende Verletzung des Anspruchs auf rechtliches
Gehör, weshalb eine Heilung ausscheidet.
5.4 Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, soweit die Aufhebung der Dis-
positivziffern eins bis drei (Flüchtlingseigenschaft, Asyl und Wegweisung)
der angefochtenen Verfügung beantragt wurde. Die vorinstanzliche Verfü-
gung vom 5. August 2019 ist in diesen Punkten aufzuheben und die Sache
in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur Gewährung des rechtli-
chen Gehörs und Neubeurteilung ans SEM zurückzuweisen. Das SEM hat
den Beschwerdeführenden unter Berücksichtigung etwaiger der Einsicht
entgegenstehender Interessen die Botschaftsanfrage sowie die -abklärung
offenzulegen und ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme zu bieten.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG sowie Art. 5 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG sowie Art. 7 Abs. 1 VGKE eine Entschädi-
gung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen.
Der in der Kostennote ausgewiesene Zeitaufwand von zehn Stunden er-
scheint den Verfahrensumständen als angemessen und ist aufgrund der
weiteren Beschwerdeeingaben auf insgesamt elf Stunden zu erhöhen. Die
von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist demnach auf
insgesamt Fr. 1'777.– (Fr. 1'650.– [11x150] plus Fr. 127.05 [Mehrwert-
steuer]) festzusetzen (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im
Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE). Die Rechtsvertreterin der Beschwer-
deführenden ist bezüglich ihrer Kostennote darauf hinzuweisen, dass die
Mehrwertsteuer seit 1. Januar 2018 nicht mehr 8 Prozent, sondern 7,7 Pro-
zent beträgt.
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