Decision ID: 64b73965-3ad4-54ab-b343-4db1db752c1c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
Mit Eingabe vom 30. November 2007 an die Schweizer Botschaft in Co-
lombo (im Nachfolgenden: AmbaCH) reichte der Vater des Beschwerde-
führers, B._, ein Asylgesuch aus dem Ausland ein. Dieses Asylver-
fahren aus dem Ausland wurde unter der Verfahrensnummer N (...) ge-
führt.
B._ ergänzte sein Asylgesuch aus dem Ausland mit einer Eingabe
vom 8. Januar 2008 sowie einem weiteren, undatierten Schreiben (Ein-
gangsstempel der AmbaCH: 6. Juni 2013).
Für seine Vorbringen wird auf die Akten N (...) verwiesen.
Zur Stützung der Vorbringen wurden folgende Beweismittel in Kopie einge-
reicht:
 Beweismittel 1: Schreiben «Sri Lanka Police Nr. (...)», datiert
25.09.2007 und unterzeichnet vom «Registrar» des «(...) Court,
C._»;
In diesem Schreiben werden unter dem Titel «25-09-2007» die Na-
men von acht Personen («Surrendees») – darunter der Vater des
Beschwerdeführers – aufgeführt. Diese Personen, die sich am
9 Oktober 2007 ergeben hätten, seien in Untersuchungshaft zu be-
halten («Keep on remand all those who surrendered on 09-10-
2007»).
Unter dem Titel «14-11-2007» und «28-09-07» wird festgehalten,
die acht «Surrendees» hätten in Untersuchungshaft zu verbleiben.
Anwalt «Mr. D._» habe eine Eingabe beim Gericht einge-
reicht im Zusammenhang mit der Kaution («bail») von B._.
Unter dem Titel «19-11-2007» werden dieselben acht Personen als
«Surrendees» aufgeführt und dazu festgehalten, die Polizei habe
keine Einwände gegen die Freilassung der Genannten unter Leis-
tung einer Kaution von Rs 25'000;
E-2276/2020
Seite 3
Unter dem Titel «14-12-2007» wird seitens des Registrars bestätigt,
dass das vorliegende Dokument eine echte Kopie («true copy») des
«Information Report and Journal Entries from 25-09-2007 to 19-11-
2007» darstelle.
 Beweismittel 2: Dokument «Affidavit», ausgestellt am 9. Januar
2008:
In diesem Dokument bestätigt der Friedensrichter («Justice of the
Peace») E._, dass B._ unter Vorlage von sri-lanki-
schen Identitätsausweisen vorgesprochen und zu Protokoll gege-
ben habe, dass er sich zur Wahrung seiner eigenen Sicherheit beim
(...) Court in C._ im Verfahren Nr. (...) ergeben habe;
 Beweismittel 3: Dokument «Family Notification» des ICRC (Interna-
tional Commitee of the Red Cross), Comite International, Genève,
Nr. (...), ausgestellt am 8. August 1996, mit englisch- und tamilisch-
sprachlichen Textteilen, beglaubigt von E._, Friedensrichter
und Notar;
 Beweismittel 4: Karte der Human Rights Commission (HRC) of Sri
Lanka in C._, Klage-Nummer («Complaint No.») HRC/(...),
ausgestellt am (...) September 2007, beglaubigt von E._,
Friedensrichter und Notar ).
B.
Mit Verfügung des damals zuständigen Bundesamts für Migration (BFM)
vom 6. August 2010 wurde die Einreise des Vaters verweigert und dessen
Asylgesuch abgelehnt.
Für die Begründung wird auf die Akten N (...) verwiesen.
Diese Verfügung der Vorinstanz wurde B._ von der AmbaCH in Co-
lombo an die der Botschaft damals mitgeteilte Adresse gesandt und von
der sri-lankischen Post am 1. September 2010 an die Botschaft retourniert.
Die Verfügung konnte dem Vater nicht eröffnet werden.
II.
C.
Am 20. April 2016 gelangte der Beschwerdeführer über den Flughafen Zü-
rich in die Schweiz und ersuchte am Folgetag in der Schweiz um Asyl. Am
E-2276/2020
Seite 4
23. April 2016 wurde er im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) durch
das SEM summarisch zu den Ausreise- und Asylgründen befragt.
D.
Mit E-Mail vom 25. April 2016 reichte der Beschwerdeführer die Beweis-
mittel 1-4 (in schlecht lesbarer Kopie), die sein Vater im Rahmen des Aus-
landsverfahrens bereits eingereicht hatte (vgl. Sachverhalt oben, Ziffer I.,
Bst. A.) zu den Akten.
Im Weiteren wurden ein undatiertes, von F._, «Retired District
Judge;
Attorney At Law, Notary Public and Commissionner for Oaths» (Bezirks-
richter in Ruhestand, Anwalt und Notar, Beurkundungsbeamter) stammen-
des Schreiben, die zweite Seite der undatierten Eingabe des Vaters an die
AmbaCH (Eingangsstempel der AmbaCH: 6. Juni 2013), ein Geburts-
schein sowie ein Auszug aus dem Reisepass des Beschwerdeführers, alle
in Kopie, eingereicht.
In seinem Schreiben hält F._ fest, er kenne B._h (den Vater
des Beschwerdeführers) persönlich. Der Vater sei von bewaffneten sri-lan-
kischen Streitkräften am 25. Juli 1996 illegal festgenommen und bis zum
8. August 1996 festgehalten worden. Während seiner Festhaltung sei der
Vater gefoltert worden. Anschliessend sei der Vater sechs Monate lang im
«Army detention camp» in G._ inhaftiert worden, wo er vom ICRC
besucht worden sei. Er sei mit schwerwiegenden Warnungen («with severe
warning») aus der Haft entlassen worden. Nachdem er am 15. Januar 1997
geheiratet und vier Kinder bekommen habe, sei der Vater des Beschwer-
deführers am 20. September 2007 bei einem «rounding up» der sri-lanki-
schen Sicherheitskräfte abgeführt und misshandelt worden. Anschliessend
sei er einer täglichen Meldepflicht unterstellt worden. Zudem sei er eines
Tages von Unbekannten auf Motorrädern aufgesucht worden. Als der Vater
von diesen Unbekannten geflohen sei, hätten diese auf ihn geschossen.
Unterdessen hätten die Unbekannten die Ehefrau und die Kinder angegrif-
fen. Am 24. September 2007 habe sich der Vater bei der HRC in C._
gemeldet respektive ergeben («surrendered») und habe dort eine Anzeige
(«complaint») eingereicht. Anschliessend sei der Vater vom Verantwortli-
chen der HRC zur Polizeistation in C._ geführt worden. Dort habe
der Vater eine weitere Anzeige eingereicht. Am 25. September 2007 sei der
Vater von den Polizeibehörden zum (...) Court in C._ geführt wor-
den. Nach Anhörung des Vaters habe der Gerichtsverantwortliche ihn unter
den Gewahrsam der Justizbehörden («under the judicial custody») gestellt.
E-2276/2020
Seite 5
Nachdem der Vater von seiner Ehefrau im Untersuchungsgefängnis be-
sucht worden sei, sei die Ehefrau von Unbekannten verfolgt und mit dem
Leben bedroht worden. In der Folge habe auch sie eine Klage bei der HRC
in C._ eingereicht. Nachdem sich der Anwalt eingeschaltet habe,
sei der Vater vom Gericht aus dem Gewahrsam der Justiz entlassen wor-
den. Auf Anraten des Anwalts habe sich der Vater mit der gesamten Familie
zum Schutz seines Lebens nach Colombo begeben, um von dort ins Aus-
land zu reisen.
E.
Nachdem dem Beschwerdeführer am 21. April 2016 die Einreise in die
Schweiz vorläufig verweigert und ihm der Transitbereich als Aufenthaltsort
zugewiesen worden war, bewilligte das SEM am 2. Mai 2016 seine Einreise
in die Schweiz und wies ihn für die Dauer des Verfahrens dem Kanton
H._ zu.
F.
Aus einem Bericht des Spitals I._ vom 4. Mai 2016 an die ärztliche
Leitung des Airport Medical Center in Zürich geht hervor, dass der Be-
schwerdeführer vom 27. April bis zum 30. April 2016 hat hospitalisiert wer-
den müssen.
Aus diesem Spitalbericht geht weiter vor, dass beim Beschwerdeführer ein
Diabetes mellitus Typ II diagnostiziert wurde. Als Prozedere wurde festge-
halten, dass regelmässige Blutzuckerkontrollen und gegebenenfalls die
Anpassung der Insulintherapie vorgesehen seien. Nach erfolgter kantona-
ler Platzierung solle der Beschwerdeführer an eine Ernährungs- und Dia-
betesberatung angebunden werden. Regelmässige augenärztliche Kon-
trollen bezüglich diabetischer (...) seien empfohlen. Als Austrittsmedikation
wurde «Levemir s.c. nach Schema» sowie «Novorapid s.c. nach Schema»
festgehalten.
G.
Am 6. Juni 2018 wurde der Beschwerdeführer einlässlich zu seinen Asyl-
gründen angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuches trug er in der BzP und der Anhörung
vom 6. Juni 2018 im Wesentlichen vor, er sei in C._ geboren und
habe von Geburt bis Mitte 2006 in J._, Provinz Jaffna gelebt. Er
habe dort bis zur fünften Klasse die Schule besucht. In Sri Lanka habe er
keine persönlichen Probleme gehabt und sei dort nie bedroht oder verfolgt
E-2276/2020
Seite 6
worden. Er habe mit den LTTE nichts zu tun gehabt. Wegen den Problemen
seines Vaters habe er mit seiner Familie Sri Lanka verlassen. Sein Vater
sei Mitglied und Kämpfer der LTTE gewesen; er sei von den sri-lankischen
Behörden identifiziert und im Jahr 2006 festgenommen worden. In der
Folge habe sich sein Vater an die Menschenrechtskommission im Heimat-
land gewandt. Die Behörden hätten öfters zu Hause nach dem Vater ge-
fragt und die Mutter für Befragungen mitgenommen. Wegen dieser Behel-
ligungen sei die ganze Familie nach Colombo gezogen, wo sie weiterhin
Probleme gehabt habe. Sein Vater sei dort entführt worden. Wegen der
Behelligungen im Zusammenhang mit seinem Vater sei seine ganze Fami-
lie am 2. März 2008, als der Beschwerdeführer selbst (...)jährig gewesen
sei, auf legalem Weg, mit eigenen Reisepässen und indischem Visum,
nach Indien ausgereist. In Indien seien der Beschwerdeführer, seine Mutter
und seine Geschwister registriert gewesen; nur sein Vater habe keine Auf-
enthaltsbewilligung besessen. In K._, Indien, habe die Familie an
verschiedenen Orten legal gelebt. Der Beschwerdeführer habe die dortige
Schule besucht und im (...) mit Abschluss die zehnte Klasse absolviert.
Danach habe er gearbeitet und Essen ausgeliefert. Bis im Jahr 2014 habe
die Familie keine Probleme in Indien gehabt. Sein Vater sei als ehemaliges
LTTE-Mitglied verraten und in der Folge von den indischen Sicherheitskräf-
ten respektive vom Geheimdienst (Q-Branch) gesucht worden. Weil sein
Vater nicht zu Hause angetroffen worden sei, sei der Beschwerdeführer
vom indischen Geheimdienst im Februar oder März 2016 mitgenommen,
zum Vater verhört und dabei misshandelt worden. Auf Anraten des Anwalts
seiner Mutter habe der Beschwerdeführer am 18. April 2016 Indien verlas-
sen.
Zur gesundheitlichen Situation trug der Beschwerdeführer weiter vor, er
leide an Diabetes und sei diesbezüglich bereits in Indien behandelt worden.
H.
Mit Verfügung vom 31. März 2020 – am 2. April 2020 eröffnet – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers mangels Glaubhaftigkeit und
Asylrelevanz ab, ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz an und
verfügte den Wegweisungsvollzug.
Zur Begründung führte das SEM aus, der Beschwerdeführer habe selbst
angegeben, mit den heimatlichen Behörden keine Probleme gehabt zu ha-
ben. Es sei unglaubhaft, dass sein Vater im vorgetragenen Ausmass Ver-
E-2276/2020
Seite 7
bindungen zu den LTTE unterhalten habe, ins Visier der sri-lankischen Be-
hörden geraten sei und in der Folge die gesamte Familie im Jahr 2008
habe nach Indien ausreisen müssen.
Der Beschwerdeführer habe in zeitlicher Hinsicht unstimmige Angaben zur
LTTE-Mitgliedschaft seines Vaters gemacht. Durch die Angaben seines Va-
ters bei dessen Asylgesuchstellung aus dem Ausland (Sri Lanka und In-
dien) würden den Vorbringen des Beschwerdeführers vollständig die
Grundlage und die Glaubhaftigkeit entzogen. So habe sein Vater in seinen
Schreiben und Angaben zu seinen eigenen Asylgründen mit keinem Wort
erwähnt oder auch nur angedeutet, dass er während Jahren ein Kämpfer
der LTTE gewesen sein solle. Er habe im Gegenteil, in seiner Eingabe an
die AmbaCH aus dem Jahr 2013, ausgeführt, dass er weder einer Organi-
sation angehört noch eine solche unterstützt habe und dass es sich bei den
Beschuldigungen durch die sri-lankischen Behörden um falsche Vorwürfe
gehandelt habe. Hätte der Vater tatsächlich eine Verbindung zu den und
Aktivitäten für die LTTE gehabt, hätte er diese anlässlich seiner Asylge-
suchstellung mit Sicherheit dargelegt. Im Weiteren habe der Beschwerde-
führer von den – vom Vater in dessen Asylgesuch aus dem Ausland geltend
gemachten – Problemen aus den Jahren 1996/1997 im eigenen Asylver-
fahren nichts erwähnt.
Die vom Beschwerdeführer geschilderte Identifizierung seines Vaters
durch einen Knopfnicker sei sehr zweifelhaft. Es sei nicht nachvollziehbar,
dass ein Knopfnicker den Vater zwar als eine mit den LTTE in Verbindung
stehende Person identifiziert habe und die Behörden ihn mit einem gepan-
zerten Fahrzeug hätten mitnehmen wollen, dies dann aber unterlassen hät-
ten, einzig weil der Beschwerdeführer respektive seine Familienangehöri-
gen geweint hätten.
Auch die geschilderte Reise des Vaters des Beschwerdeführers nach Co-
lombo und dessen dortige Mitnahme seien fragwürdig. Es sei einerseits
wenig nachvollziehbar, wie es seinem Vater nach den angeblichen Proble-
men in Jaffna möglich gewesen sein solle, mit einem Passierschein bezie-
hungsweise einer «Clearance» der Polizei von Jaffna legal auf dem Luft-
weg nach Colombo zu gelangen. Hätten die sri-lankischen Sicherheitsbe-
hörden tatsächlich eine Verfolgungsabsicht gehegt, wäre es dem Vater
kaum gelungen, legal nach Colombo zu reisen. Anderseits mute es son-
derbar an, dass die Behörden anlässlich der Hausdurchsuchung in Co-
lombo die wichtigen Dokumente für die Asylgesuchstellung bei der Am-
baCH in der Wohnung nicht gefunden haben sollen. Auch die geschilderte
E-2276/2020
Seite 8
Freilassung des Vaters nur wenige Stunden nach dessen Festnahme, an-
geblich weil die Familienangehörigen bei den Behörden vorgesprochen
und dabei die Fahrzeugnummer des weissen Vans deponiert hätten, er-
scheine absolut unrealistisch. Der Umstand, dass diese Freilassung unter
der Auflage erfolgt sein solle, dass der Vater sich nach zehn Tagen bei den
Behörden wieder melde und ein Mitglied der LTTE verrate, erscheine eben-
falls konstruiert und stelle zudem ein klares Indiz dafür dar, dass die Be-
hörden am Vater kein tatsächliches Interesse gehabt hätten.
Der weitere Umstand, dass die gesamte Familie des Beschwerdeführers
kurz nach der angeblichen Festnahme des Vaters in Colombo Sri Lanka
auf legale Weise, mit eigenen Reisepässen und mit einem indischen Vi-
sum, über den Flughafen Colombo verlassen habe, spreche ebenfalls da-
gegen, dass der Vater und in der Folge auch der Beschwerdeführer in der
Heimat einer konkreten Gefährdung ausgesetzt gewesen seien.
An dieser Gesamteinschätzung würden auch die eingereichten Beweismit-
tel nichts ändern. Einerseits seien diese in Kopieform eingereicht worden,
weshalb ihnen angesichts der fehlenden Sicherheitsmerkmale und der
leichten Erhältlichkeit nur verminderte Beweiskraft zukomme. Zudem
handle es sich bei der ICRC-Benachrichtigung um ein Dokument aus dem
Jahr 1996. Dem zugrundeliegenden Vorfall fehle der zeitliche wie auch der
sachliche Kausalzusammenhang zu der im Jahr 2008 erfolgten Ausreise
des Beschwerdeführers.
Die Vorbringen im Zusammenhang mit dem Aufenthalt der Familie in Indien
seien teilweise widersprüchlich ausgefallen. Zudem fehle es den vorgetra-
genen Problemen in Indien an Asylrelevanz, nachdem eine asylrechtliche
Gefährdung im Land des letzten Aufenthalts nur bei staatenlosen Asylge-
suchstellern zu prüfen sei.
Die vom Beschwerdeführer vorgetragenen Teilnahmen an Demonstratio-
nen in L._ und an Märtyrer-Feierlichkeiten vermöchten für sich al-
leine kein exilpolitisches Profil dazulegen, welches bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka zu einer begründeten Furcht vor Verfolgung führen würde. Mit-
läufertätigkeiten von untergeordneter Bedeutung, wie das Tragen von Flag-
gen oder niederschwellige Arbeiten an Demonstrationen, wie dies beim Be-
schwerdeführer der Fall sei, würden für die Zuerkennung der Flüchtlings-
eigenschaft nicht ausreichen.
E-2276/2020
Seite 9
Auch die am 16. November 2019 erfolgte Präsidentenwahl in Sri Lanka
vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Es gebe aktuell keinen
Anlass zur Annahme, dass ganze Volksgruppen unter Präsident Gotabaya
Rajapaksa kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt seien. Da der Be-
schwerdeführer individuelle Verfolgungsvorbringen nicht habe glaubhaft
machen können, sei auch nicht ersichtlich, aus welchen Gründen er auf-
grund der aktuellen Lage in der Heimat gefährdet wäre.
Schliesslich sei der Wegweisungsvollzug zulässig, zumutbar und möglich.
Aufgrund der unglaubhaften Asylvorbringen und den fehlenden Originalen
seiner Ausweise bestünden Zweifel, dass seine biographischen Angaben
stimmen würden. Der Beschwerdeführer stamme angeblich aus dem Ge-
biet Jaffna, Nordprovinz. In diesem Gebiet würden noch heute verschie-
dene seiner Verwandten (Grossmutter und Tante mütterlicherseits sowie
Grossmutter, zwei Onkel und drei Tanten väterlicherseits) leben. Zu diesen
Verwandten pflege der Beschwerdeführer mehr oder weniger starken Kon-
takt. Seine Mutter und drei Geschwister würden mit Aufenthaltsbewilligun-
gen in Indien leben. Auch wenn der Beschwerdeführer vor vielen Jahren
Sri Lanka verlassen und seither in Indien gelebt habe, wäre ihm eine Rück-
kehr nach Sri Lanka zuzumuten. Während seines Aufenthalts in Indien
habe er sich im Bundesstaat Tamil Nadu aufgehalten. Sein Leben dort
habe sich bezüglich Sprache, Kultur und Gesellschaft nur wenig von einem
Aufenthalt in Sri Lanka unterschieden. Es könne davon ausgegangen wer-
den, dass er sich rasch und problemlos im Alltag seines Heimatlandes wie-
der werde integrieren können. Nachdem seine Verwandtschaft bereits
seine Ausreise nach Europa organisiert und finanziert habe, sei davon aus-
zugehen, dass diese den Beschwerdeführer bei einem allfälligen finanziel-
len Engpass auch weiterhin unterstützen werde. Das soziale Umfeld, sein
Lebensunterhalt und seine Wohnsituation im Heimatstaat könne daher als
gesichert angesehen werden. Es bestünden keine Anhaltspunkte dafür,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in eine existenzielle Notlage
geraten werde. Die bestehende Diabeteserkrankung könne auch in Sri
Lanka behandelt werden, wie dies auch in Indien möglich gewesen sei.
Sollte der Beschwerdeführer allenfalls eine gültige Aufenthaltsbewilligung
für Indien besitzen und eine Rückkehr zur Familie in Indien in Betracht zie-
hen, könne er eine entsprechende Rückreise in Zusammenarbeit mit den
indischen Botschaftsbehörden in der Schweiz, mit Unterstützung der
Schweizer Vollzugsbehörden und der internationalen Organisation für Mig-
ration (IOM), organisieren.
E-2276/2020
Seite 10
I.
Mit Eingabe seiner damaligen Rechtsvertreterin vom 29. April 2020 liess
der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhe-
ben und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben; die Sa-
che sei zur vollständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei der
Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu ge-
währen, subeventualiter die vorläufige Aufnahme als Flüchtling anzuord-
nen. Sub-subeventualiter sei der Beschwerdeführer vorläufig aufzuneh-
men.
In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, es sei dem Beschwerdeführer
vollständige Akteneinsicht in das Asyldossier seines Vaters (Asylgesuch
aus dem Ausland) zu gewähren. Im Weiteren sei die die unentgeltliche Pro-
zessführung zu gewähren und die damalige mandatierte Rechtsvertreterin
als amtliche Beiständin beizuordnen.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, der Vater des Be-
schwerdeführers habe eine LTTE-Vergangenheit; es dürfe aber dem Be-
schwerdeführer nicht angelastet werden, dass sein Vater diese LTTE-Ver-
bindung in seinem Auslandsverfahren nicht offengelegt habe. Der Be-
schwerdeführer habe sich nicht widersprüchlich zu den LTTE-Verbindun-
gen seines Vaters geäussert. Zum Umstand, dass sein Vater in seinem
Asylverfahren aus dem Ausland seine LTTE-Zugehörigkeit verneint habe,
sei dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör nicht gewährt worden. Zu-
dem habe der Vater diesbezüglich bewusst Falschangaben gemacht, weil
er sich im damaligen Zeitpunkt immer noch in Sri Lanka befunden habe.
Es sei letztlich für die Beurteilung der Gefährdungslage für den Vater – und
somit auch für die Reflexverfolgung des Beschwerdeführers – auch uner-
heblich, ob der Vater tatsächlich ein LTTE-Mitglied gewesen sei. Zentral sei
vielmehr, ob die heimatlichen Sicherheitskräfte von einer LTTE-Zugehörig-
keit ausgegangen seien oder nicht.
Sein Vater sei im Juli 1996 unrechtmässig verhaftet und schwer misshan-
delt worden. Zudem habe er eine sechsmonatige Haft in einem Gefängnis
für Terrorverdächtige in G._ erlitten. Anschliessend sei er bei den
LTTE ausgetreten und habe diese nur noch logistisch unterstützt. Im Jahr
2006 sei er von einem Informanten als LTTE-Mitglied denunziert und einer
täglichen Meldepflicht unterstellt worden. Am 24. September 2007 sei der
Vater mit dem Büro der HRC in C._ in Kontakt getreten und habe
dort eine Klage eingereicht. Die Zuständigen bei der HRC hätten dem Vater
E-2276/2020
Seite 11
empfohlen, sich den Behörden zu stellen und hätten ihn auf die Polizeista-
tion in C._ begleitet. Der Vater sei am 25. September 2007 dem
Richter am (...) Court in C._ vorgeführt und anschliessend in Si-
cherheitshaft versetzt worden. Am 19. November 2007 sei auf Antrag des
Anwalts F._ die Freilassung des Vaters aus der Sicherheitshaft be-
willigt worden, worauf die gesamte Familie am Folgetag auf dem Luftweg
nach Colombo gereist sei. Am 30. November 2007 habe der Vater das Asyl-
gesuch aus Colombo eingereicht. Mitte Februar 2008 hätten bewaffnete
Soldaten eine Hausdurchsuchung in Colombo vorgenommen und den Va-
ter mitgenommen. Nachdem die Familie eine Anzeige erstattet habe, sei
der Vater noch am gleichen Abend mit der Auflage, innerhalb von zehn Ta-
gen Namen von LTTE-Mitgliedern zu liefern, freigelassen worden. Die El-
tern hätten dann Kontakt mit einem lokalen Reisebüro aufgenommen und
die gesamte Familie sei am 2. März 2008 legal nach Indien geflogen.
Der Umstand, dass der Vater nach der Strassenkontrolle im Jahr 2006 al-
lein aufgrund der Intervention seiner Familie nicht verhaftet worden sei, sei
damit zu erklären, dass die sri-lankischen Behörden offensichtlich Zeugen
hätten vermeiden wollen.
Die legale Ausreise über den Flughafen Colombo spreche nicht per se ge-
gen die geltend gemachte Verfolgungsgefahr. Die Verfolgungshandlungen
seien primär vom militärischen Arm der Sicherheitskräfte ausgegangen. Es
sei somit nicht davon auszugehen, dass der Vater im Ausreisezeitpunkt
bereits auf einer Stopp-Liste aufgeführt worden sei. Auch der Umstand,
dass der Reisepass des Beschwerdeführers am (...) 2008 ausgestellt wor-
den sei, spreche nicht gegen die damalige Verfolgungsgefahr. Gemäss den
Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts im Urteil E-5274/2008 vom
31. Oktober 2012 könne aufgrund der Ausstellung eines sri-lankischen Rei-
sepasses durch die zuständige Passbehörde nicht generell der Schluss
gezogen werden, dass die heimatlichen Behörden kein flüchtlingsrelevan-
tes Verfolgungsinteresse am betreffenden Reisepassinhaber hätten. Ins-
besondere lasse das «24-Stundenverfahren» des Passamtes eine nur li-
mitierte sicherheitsrelevante Überprüfung der Person zulasse.
Die Suche der Geheimdienstbehörde von Tamil Nadu (Indien) nach dem
Vater könne die Verfolgungsgefahr des Beschwerdeführers noch ver-
schärft haben. Es sei bekannt, dass die indischen und sri-lankischen Si-
cherheitsbehörden im Kampf gegen die LTTE zusammenarbeiten würden.
Diese Kooperation habe sich seit den Anschlägen von April 2019 in Sri
Lanka noch intensiviert. Der Umstand, dass sich der Vater nach wie vor in
E-2276/2020
Seite 12
Indien nicht habe registrieren lassen, erhöhe den Verdacht, dass er weiter-
hin der LTTE angehöre oder einen Wiederaufbau dieser Organisation un-
terstützen könnte.
Im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Sri Lanka anfangs März 2008 sei der da-
mals (...)jährige Beschwerdeführer keiner Reflexverfolgung ausgesetzt ge-
wesen. Die aktuelle Verfolgungsgefahr müsse jedoch anhand von Risiko-
faktoren eingeschätzt werden. Er sei mittlerweile volljährig und der älteste
Sohn eines ehemaligen LTTE-Kämpfers, der durch die Militärbehörden
identifiziert worden sei. Aufgrund der veränderten politischen Landschaft in
Sri Lanka infolge des Wahlsiegs von Gotabaya Rajapaksa im November
2019 müsse ernsthaft damit gerechnet werden, dass der Beschwerdefüh-
rer aufgrund des Risikoprofils seines Vaters in den Fokus der sri-lankischen
Sicherheitsbehörden gerate. Obwohl sein Vater kein Führungsmitglied der
LTTE gewesen sei, habe er sich durch die Klageeinreichung beim HRC im
Herbst 2007 eine gewisse Öffentlichkeit verschafft, die von seinen Verfol-
gern sicherlich registriert worden sei. Die Militärbehörden würden versu-
chen, den Beschwerdeführer unter Druck zu setzen, um den Aufenthalt sei-
nes Vaters in Erfahrung zu bringen. Der Beschwerdeführer würde auch bei
einer Rückkehr nach einer über zwölfjährigen Landesabwesenheit Ver-
dacht erwecken. Spätestens bei einer Rückkehr in sein Heimatdorf werde
er einem vertieften Screening unterzogen. Zudem habe er in der Schweiz
an exilpolitischen Tätigkeiten teilgenommen, indem er am jährlichen Mär-
tyrergedenktag für verstorbene LTTE-Kämpfer und an einer Demonstration
in L._ gegen Menschenrechtsverletzungen in Sri Lanka mitgemacht
habe.
Der Wegweisungsvollzug sei als unzumutbar einzuschätzen. Der Be-
schwerdeführer sei als (...)jähriger vor über zwölf Jahren aus seinem Hei-
matland ausgereist. Er sei mit den kulturellen und politischen Begebenhei-
ten seiner Heimat nicht mehr vertraut. Auch wenn er wichtige Jahre seiner
Adoleszenz im indischen Bundesstaat Tamil Nadu verbracht habe, sei ihm
die gesellschaftliche und politische Ordnung in seinem Heimatland fremd
geworden. In Indien habe er in einer offenen, demokratischen und sicheren
Gesellschaft gelebt und sei von dieser entscheidend geprägt worden. Sein
Auftreten sei selbstbewusst, was ihm im Norden von Sri Lanka Probleme
bereiten könne. Zudem sei er seit vier Jahren in der Schweiz und habe sich
dadurch weiter von seiner Herkunftskultur entfernt. Er habe zu Sri Lanka
schon lange keinen Bezugspunkt mehr. Seine nahen Verwandten würden
alle in Indien leben. In Sri Lanka habe er lediglich vier Tanten, zwei Onkel
und zwei Grossmütter; nur zur Grossmutter und Tante mütterlicherseits
E-2276/2020
Seite 13
habe er einen persönlichen Bezug. Ob die in Sri Lanka verbliebenen Ver-
wandten gewillt und in der Lage seien, ihn bei der sozialen und beruflichen
Reintegration zu unterstützen, sei fraglich. Eine Rückkehr nach Indien sei
unzumutbar und auch nicht möglich. Seine ehemalige Registrierung bei
der indischen Polizei dürfte abgelaufen sei; er habe keinen Flüchtlingssta-
tus oder eine Aufenthaltsbewilligung in Indien.
Der Beschwerdeeingabe wurden ein Schulabschlusszertifikat vom (...), ein
englisch-sprachiges Dokument «Srilankan Registration Particulars of T4
M._ Police Station, K._/Indien», ausgestellt am 15. Oktober
2008, drei Farbfotos, eine Fürsorgebestätigung der (...) vom 21. April 2020
sowie die Kostennote der Rechtsvertreterin beigelegt.
J.
Mit Instruktionsverfügung vom 1. Mai 2020 hielt das Bundesverwaltungs-
gericht fest, der Beschwerdeführer könne den Asylentscheid einstweilen in
der Schweiz abwarten.
K.
Mit Eingabe vom 29. Mai 2020 teilte die vormalige Rechtsvertreterin dem
Gericht mit, sie verlasse per Ende Mai 2020 die Berner Rechtsberatungs-
stelle für Menschen in Not. Unter Einreichung einer entsprechenden Voll-
macht wurde beantragt, die heutige Vertreterin des Beschwerdeführers als
unentgeltliche Rechtsbeiständin einzusetzen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
E-2276/2020
Seite 14
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.5 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schrif-
tenwechsel verzichtet.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu be-
urteilen sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vor-
instanzlichen Verfügung zu bewirken.
In der Rechtsmitteleingabe wird unter Ziffer 4 (Formelle Mängel) eine Ver-
letzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör gerügt und dazu geltend ge-
macht, eine inhaltliche Würdigung der eingereichten Beweismittel sei nicht
vorgenommen worden (Ziffer 4.2). Zudem wird angezweifelt, dass dem Be-
schwerdeführer korrekt Akteneinsicht gewährt worden sei und weiter in
Frage gestellt, ob dem Beschwerdeführer alle Beweismittel vorliegen wür-
den, die sein Vater im Rahmen seines Auslandsverfahrens im Jahr 2007
eingereicht habe (vgl. Ziffern 4.1 und 4.2). Es wird diesbezüglich auch voll-
ständige Akteneinsicht in die Verfahrensakten des Vaters (Asylgesuch aus
dem Ausland) verlangt (Beschwerdebegehren 2).
Zu diesen formellen Rügen ist das Folgende festzuhalten:
3.1 Die vom Beschwerdeführer vorgetragene Rüge, die von ihm einge-
reichten Beweismittel seien inhaltlich nicht gewürdigt worden, trifft in dieser
pauschalen Form nicht zu. In Ziffer II1, /Bst. a, Seite 6, setzte sich das SEM
inhaltlich mit der eingereichten ICRC-Bestätigung vom 8. August 1996 kon-
kret auseinander und hielt dazu fest, dieses Beweismittel belege ein Ereig-
nis aus dem Jahr 1996, welches zu der zwölf Jahre später, im Jahr 2008,
E-2276/2020
Seite 15
erfolgten Ausreise des Beschwerdeführers keinen zeitlichen oder sachli-
chen Kausalzusammenhang aufweise. Der Vorwurf, das SEM habe keine
Würdigung der eingereichten Beweismittel vorgenommen, ist somit bereits
aus diesem Grund aktenwidrig.
3.2 Im Weiteren ist festzuhalten, dass der Vater des Beschwerdeführers in
seinem damaligen Asylgesuch aus dem Ausland insgesamt drei Eingaben
bei der AmbaCH einreichte. Mit der ersten Eingabe vom 30. November
2007 wurde das Auslandsverfahren des Vaters eingeleitet. Die zweite Ein-
gabe vom 9. Januar 2008 reichte der Vater aus N._, Colombo und
die dritte, undatierte Eingabe (mit Eingangsstempel der AmbaCH vom
6. Juni 2013) reichte dieser aus K._, Indien ein. Zur Stützung die-
ses Auslandsverfahrens wurden insgesamt vier Beweismittel, alle in Kopie,
eingereicht (vgl. Sachverhalt oben, Bst. A).
Dieselben vier Beweismittel hat der Beschwerdeführer mit E-Mail vom
25. April 2016 zu den Akten seines eigenen, vorliegend zu beurteilenden,
Asylverfahrens gereicht, in – teilweise kaum lesbarer – Kopieform (vgl.
Sachverhalt oben, Bst. D). Die diesbezüglichen Original-Beweismittel hat
der Beschwerdeführer nicht eingereicht und sie liegen dem Gericht auch
nicht im Verfahren des Vaters vor.
Das Gericht hat die vom Vater eingereichten, gut lesbaren, Beweismittel-
kopien für die Beurteilung des Asylbeschwerdeverfahrens des Beschwer-
deführers herangezogen. Alle Beweismittel liegen nur als Kopien vor. Die
Kopien der Beweismittel Nr. 1 und 2 wurden mit einem Vermerk von
E._ als «Justice of the Peace» respektive als «Notary Public» ver-
sehen; darin bestätigt E._, dass er persönlich das Original dieser
Dokumente gesehen habe («Original Seen; Photo Copy Certified»); die
zwei Dokumente tragen die Unterschrift des Friedensrichters respektive
Amtsnotars im Original. Bei den Beweismitteln Nr. 3 und 4 handelt es sich
um die beiden Dokumente des ICRC beziehungsweise der HRC (vgl. Be-
weismittel Nr. 3 und 4; Sachverhalt oben, Bst. A); auch diese Beweismittel
tragen den von E._ unterzeichneten Vermerk "Original Seen; Photo
Copy Certified".
Weitere Dokumente oder Eingaben wurden im Rahmen des Auslandsver-
fahrens des Vaters nicht eingereicht. Es wurden auch seitens des AmbaCH
keine weitergehenden Untersuchungen oder Abklärungen getätigt, wie
dies in der Rechtsmitteleingabe des Beschwerdeführers (vgl. 4.1) sugge-
riert wird. Der Beschwerdeführer ist im Besitz aller Beweismittel, die von
E-2276/2020
Seite 16
seinem Vater im Rahmen dessen damaligen Auslandsverfahrens in Kopie
eingereicht worden waren.
Das damals zuständige BFM hat mit Verfügung vom 6. August 2010 das
Asylgesuch des Vaters aus dem Ausland abgewiesen. Diese Verfügung
wurde mit Zustellschreiben der AmbaCH vom 18. August 2010 an die der
Botschaft bekannte Adresse von B._ (des Vaters) zugestellt. Diese
Sendung wurde am 1. September 2010 von der sri-lankischen Post der
AmbaCH retourniert, nachdem der Vater es unterlassen hatte, der Am-
baCH in Colombo seinen aktuellen Aufenthaltsort bekannt zu geben. In der
Folge konnte die abweisende Verfügung des BFM (betreffend Verweige-
rung der Einreise des Vaters in die Schweiz und Ablehnung dessen Asyl-
gesuchs) nicht eröffnet werden.
Die damalige Vorgehensweise der AmbaCH in Colombo ist nicht zu bean-
standen, nachdem sie die Verfügung des BFM an den der Botschaft zuletzt
bekannten Wohnort des Vaters zugestellt hatte. Die BFM-Verfügung ist in
der Folge unangefochten in Rechtskraft erwachsen, auch wenn sie dem
Vater nicht hat persönlich eröffnet werden können.
3.3 Nachdem der Beschwerdeführer im Besitz aller Beweismittel aus dem
Auslandsverfahren seines Vaters ist und diese auch zuhanden des vorlie-
genden Asylverfahrens zu den Akten gereicht hat, trifft die Rüge der unvoll-
ständigen Gewährung von Akteneinsicht durch das SEM nicht zu. Für das
Bundesverwaltungsgericht besteht auch keine Veranlassung, im vorliegen-
den Beschwerdeverfahren ergänzend Akteneinsicht zu gewähren und
diesbezüglich eine Frist zur ergänzenden Stellungnahme anzusetzen, da
es keinerlei Beweismittel aus dem Auslandsverfahren des Vaters gibt, in
deren Besitz der Beschwerdeführer nicht bereits ist und zu welchen er sich
im bisherigen Verfahren nicht hat einlässlich äussern können. Das Gesuch
um ergänzende Akteneinsicht ist nach dem Gesagten gegenstandslos,
weshalb darauf nicht weiter einzugehen ist.
3.4 Das Gesuch um vollständige Einsicht in das Asyldossier des Vaters,
das heisst die Offenlegung der drei Eingaben des Vaters und die übrigen
Korrespondenzen zwischen der AmbaCH und dem Vater, ist abzuweisen.
Der Beschwerdeführer hat keine persönliche Einwilligungserklärung seines
Vaters eingereicht, die es dem Gericht erlauben würde, ihm vollständige
Akteneinsicht in die Verfahrensakten von dessen Auslandverfahren zu ge-
währen. Im Asylbeschwerdeverfahren gewährt das Bundesverwaltungsge-
E-2276/2020
Seite 17
richt ohne Einwilligung des Betroffenen keine Einsicht in die Verfahrensak-
ten von weiteren Asylgesuchstellern, auch wenn es sich dabei um Ver-
wandte respektive um Familienangehörige handelt.
3.5 Der Beschwerdeführer hat selbst vorgetragen, sein Vater sei Mitglied
und Kämpfer der LTTE gewesen. Beweismittel, die diese Vorbringen stüt-
zen würden, hat er – mit Ausnahme des Anwaltsschreibens in Kopie – nicht
eingereicht. Das SEM hat in seinem ablehnenden Asylentscheid vom
31. März 2020 zwar insofern auf die Verfahrensakten des Vaters verwie-
sen, als es erwog, der Vater habe selbst keine LTTE-Zugehörigkeit geltend
gemacht und vielmehr explizit vorgetragen, nie eine Organisation unter-
stützt zu haben. Aus der vom Beschwerdeführer eingereichten, zweiten
Seite der undatierten Eingabe des Vaters an die AmbaCH (Eingang bei der
AmbaCH: 6. Juni 2013) geht hervor, dass der Vater in seinem Asylgesuch
aus dem Ausland ausdrücklich angab, in Sri Lanka nie einer Gruppe oder
Organisation angehört zu haben und «in Wahrheit» nie jemanden unter-
stützt zu haben. Das SEM hat nach dem Gesagten nicht auf Verfahrensak-
ten des Vaters verwiesen, die dem Beschwerdeführer nicht bekannt waren.
Dieses Vorgehen ist ebenfalls nicht zu beanstanden. In diesem Zusam-
menhang kann deshalb nicht von einer Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör die Rede sein.
3.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die formellen Rügen als
unbehelflich erweisen. Der Sachverhalt ist als hinreichend erstellt und ge-
klärt einzustufen, weshalb keine Veranlassung besteht, die
vorinstanzliche Verfügung aufzuheben und die Sache zur neuen Entschei-
dung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
3.7 Im Folgenden ist zu prüfen, ob das SEM zu Recht die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers verneint, ihm die Asylgewährung verweigert
und seine Wegweisung inklusive -vollzug angeordnet hat.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
E-2276/2020
Seite 18
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Nach
Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von be-
stimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Im Weiteren braucht es einen sogenannten zeitlichen und
sachlichen Kausalzusammenhang zwischen den letzten flüchtlingsrecht-
lich relevanten nachteiligen Erlebnissen und der Ausreise, ausser es be-
stehe aus anderen Gründen eine begründete Furcht vor künftiger Verfol-
gung (BVGE 2010/57 E. 2.4 und 3.2).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Glaubhaft gemacht
ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2). Unglaubhaft
sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig be-
gründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen
oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt
werden (Abs. 3).
Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit wird eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen die gesuchstellende Person sprechen, vor-
genommen. Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet
‒ im Gegensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und
lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen
der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die
Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit eines Verfol-
gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanti-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
dargelegten Vorkommnisse. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erleb-
nissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
E-2276/2020
Seite 19
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst oder zusätzlich geschaffen
worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von
Art. 54 AsylG geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE
2009/28 E. 7.1).
5.
Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung ausführlich und mit zutref-
fender Begründung dargelegt, weshalb die Asylvorbringen des Beschwer-
deführers betreffend die LTTE-Zugehörigkeit seines Vaters und die damit
hergehende behördliche Verfolgung sowie eine daraus für ihn – den Be-
schwerdeführer – resultierende Reflexverfolgung den Anforderungen an
die Glaubhaftmachung und an die Asylrelevanz nicht genügen.
5.1 Vorweg ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer gemäss eigenen
Angaben nie in irgendeiner Form selbst für die LTTE tätig gewesen ist. Er
wurde in Sri Lanka auch nie an Leib und Leben bedroht oder verfolgt. Er
hatte nie persönliche Probleme mit den sri-lankischen Behörden. Er gab
auch explizit zu Protokoll, nie inhaftiert oder angeklagt worden zu sein.
Seine politische Tätigkeit beschränkte sich im Zeitpunkt der BzP auf die
Teilnahme an einem Hungerstreik in Indien (vgl. hierzu: Akte A7, Ziffer 7.2,
Seiten 17 und 18).
5.2 Der Beschwerdeführer leitet eine eigene, flüchtlingsrelevante Reflex-
gefährdung von der angeblichen Verfolgungssituation seines Vaters ab.
5.2.1 Der Vater des Beschwerdeführers hat im Jahr 2007 selbst ein Asyl-
gesuch aus dem Ausland gestellt (vgl. Sachverhalt oben, Ziff. I). Im Rah-
men der drei in diesem Verfahren eingereichten Eingaben hat der Vater nie
geltend gemacht, LTTE-Mitglied oder gar -Kämpfer gewesen zu sein. Wie
bereits festgehalten, geht aus der – vom Beschwerdeführer selbst einge-
reichten – zweiten Seite der undatierten Eingabe des Vaters an die Am-
baCH (Eingang AmbaCH: 6. Juni 2013) hervor, dass der Vater in seinem
Asylgesuch aus dem Ausland explizit vortrug, nie einer Gruppe oder Orga-
nisation angehört zu haben und «in Wahrheit» nie jemanden unterstützt zu
E-2276/2020
Seite 20
haben («I don’t support any groups or organization» [...] «but in the truth I
do not help any one”) , sondern vielmehr mit seiner Ehefrau und den Kin-
dern zusammengelebt zu haben. Deshalb findet die vom Beschwerdefüh-
rer behauptete Zugehörigkeit seines Vaters zu den LTTE in dessen Verfah-
rensakten keinerlei Stütze. Wie bereits festgehalten war das SEM auch
nicht gehalten, vor Fällung seines Asylentscheids den Beschwerdeführer
mit dem Umstand zu konfrontieren, dass sein Vater in seinem Auslands-
verfahren eine LTTE-Zugehörigkeit verneint hatte, wie dies in der Be-
schwerde (vgl. Ziffer 5.3 Bst. d, S. 10 unten) behauptet wird, nachdem die-
ser Umstand vielmehr aus den vom Beschwerdeführer selbst eingereich-
ten Dokumenten hervorging und ihm diese Sachlage somit bekannt war.
5.2.2 Auch im eigenen Asylverfahren hat der Beschwerdeführer keine Be-
weismittel eingereicht, die die LTTE-Zugehörigkeit seines Vaters belegen
oder überwiegend wahrscheinlich machen würden. Die Ausführungen in
der eingereichten Kopie eines undatierten Anwaltsschreibens vermögen
für sich alleine keine diesbezügliche Gefährdung darzulegen, nachdem sie
sich im Wesentlichen auf die Aufreihung der vom Beschwerdeführer gel-
tend gemachten Ereignisse beschränken und dadurch einen konstruierten
Eindruck hinterlassen. Zudem liegt dieses Schreiben in blosser Kopieform
vor, weshalb angesichts der Manipulierbarkeit nicht ohne Weiteres auf de-
ren Inhalt abgestellt werden kann.
5.2.3 Gemäss den eigenen Angaben des Beschwerdeführers ist seine ge-
samte Familie im November 2007 mit einer «Clearance-Bestätigung» des
Vaters respektive mit Passierscheinen auf dem Luftweg von Jaffna nach
Colombo geflogen (vgl. A29, Antwort 45, S. 7). Dieses Sachverhaltsele-
ment wird auch in der Beschwerde nicht bestritten (vgl. Ziffer 5.3, S. 9).
Bereits der Umstand, dass der Vater für diesen Inlandflug im Jahr 2007
eine «Clearance» erhalten haben soll, spricht gegen dessen behördliche
Verfolgung als angeblicher ehemaliger LTTE-Kämpfer. Aber auch die Vor-
gehensweise der Familie, einen Inlandflug von Jaffna nach Colombo vor-
zunehmen, lässt darauf schliessen, dass der Vater nicht in dem vom Be-
schwerdeführer behaupteten Ausmass wegen angeblicher LTTE-Tätigkei-
ten ins Visier der sri-lankischen Behörden geriet. Zudem ist dieses Verhal-
ten mit dem Umstand nicht vereinbar, dass sich die Familie wegen der an-
geblichen LTTE-Vergangenheit des Vaters als Kämpfer dieser Gruppierung
als behördlich gesucht erachtet haben soll.
5.2.4 Hinzu kommt, dass es der Familie auch gelungen sein soll, auf lega-
lem Weg und mit eigenen Reisepapieren über den Flughafen von Colombo
E-2276/2020
Seite 21
Sri Lanka Richtung Indien verlassen zu haben (vgl. A7, Ziffer 7.2, S. 18
sowie A29, Antwort 45, S. 8). Auch dieses Verhalten der Familie kann kaum
mit dem Umstand vereinbart werden, dass sie sich angeblich wegen der
LTTE-Vergangenheit des Vaters als von den heimatlichen Behörden ver-
folgt erachtet hat. Hieran ändert auch der Umstand nichts, dass die Familie
ein lokales Reisebüro mit der Organisation der Ausreise von Sri Lanka
nach Indien betraut haben soll (vgl. Beschwerdeeingabe, S. 9).
In der Beschwerde wird hierzu vorgetragen, die legale Ausreise über den
Flughafen Colombo spreche nicht per se gegen die geltend gemachte Ver-
folgungsgefahr des Vaters; es wird auf den Entscheid des Bundesverwal-
tungsgerichts E-5274/2008 vom 31. Oktober 2012 verwiesen.
Ob der Umstand der Ausstellung von Reisepässen durch die sri-lankischen
Behörden für sich alleine bereits genügen würde, um ein Verfolgungsinte-
resse der heimatlichen Behörden ausschliessen zu können, muss vorlie-
gend nicht abschliessend beurteilt werden. Der Umstand, dass die Aus-
reise der Familie des Beschwerdeführers auf legalem Weg, unter Verwen-
dung von echten Reisepässen und über den Flughafen von Colombo er-
folgt sein soll, lässt jedenfalls darauf schliessen, dass sich die Familie des
Beschwerdeführers nicht im behaupteten Ausmass als politisch verfolgt er-
achtet hat. Wenn der Vater des Beschwerdeführers im damaligen Zeitpunkt
tatsächlich aufgrund seiner LTTE-Zugehörigkeit eine behördliche Verfol-
gung befürchtet hätte, ist kaum davon auszugehen, dass er die Dienste
eines privaten Reisebüros beansprucht hätte, um eine ordentliche, legale
Ausreise für sich und seine Familie aus Sri Lanka zu organisieren.
5.2.5 Es ist auch nicht plausibel, dass der Vater im Jahr 2006 von einem
Kopfnicker als LTTE-Angehöriger identifiziert und angeblich von den Be-
hörden mit einem gepanzerten Fahrzeug abgeholt werden sollte, dass
dann aber auf eine Festnahme verzichtet worden sei, bloss weil die Fami-
lienmitglieder geweint hätten (vgl. A29, Antwort 45, S. 6). Wenn der Vater
des Beschwerdeführers wegen angeblicher Teilnahme an LTTE-Kämpfen
gegen die sri-lankischen Sicherheitskräfte ins Visier der heimatlichen Be-
hörden geraten wäre, hätten diese mit an Sicherheit grenzender Wahr-
scheinlichkeit nicht alleine aufgrund des Verhaltens seiner Familie von ei-
ner Festnahme abgesehen. Die diesbezüglichen Ausführungen in der Be-
schwerde, wonach sich das Verhalten der sri-lankischen Sicherheitsbehör-
den dadurch erkläre, dass diese offensichtlich Zeugen hätten vermeiden
wollen, vermögen nicht zu überzeugen. Angesichts des bekannten rigoro-
E-2276/2020
Seite 22
sen Vorgehens der sri-lankischen Behörden beim Vorliegen eines konkre-
ten LTTE-Verdachts muss angenommen werden, dass die Behörden nicht
von weiteren Verfolgungsmassnahmen gegen den Vater abgelassen, son-
dern vielmehr ein entsprechendes Strafverfahren gegen diesen eingeleitet
hätten.
5.2.6 Ferner ist es auch nicht nachvollziehbar, dass der Vater nach seiner
angeblichen Festnahme in Colombo nach wenigen Stunden freigelassen
worden sein soll, nachdem seine Familie und der Onkel des Beschwerde-
führers sich für eine Freilassung eingesetzt hätten. Die Begründung des
Beschwerdeführers in der Anhörung, sein Vater sei freigekommen, weil der
Onkel den Behörden die Fahrzeugnummer des Vans habe angeben kön-
nen, ist nicht plausibel oder realistisch. Hierzu kann vollumfänglich auf die
vorinstanzlichen Erwägungen (Ziffer II/a, S. 5 unten) verwiesen werden.
In diesem Zusammenhang widerspricht es auch der Logik des Handelns,
dass die sri-lankischen Behörden den Vater als angeblichen LTTE-Kämpfer
freigelassen hätten unter der Auflage, dass er sich innert zehn Tagen mel-
den müsse, um ein LTTE-Mitglied zu verraten (vgl. A29, Antwort 45, Seite
7 unten). Dieses vom Beschwerdeführer beschriebene Verhalten der hei-
matlichen Behörden macht keinerlei Sinn; die entsprechenden Vorbringen
müssen deshalb als unglaubhaft eingestuft werden.
5.2.7 Schliesslich bleibt unrealistisch, dass die Behörden bei der angeblich
in Colombo vorgenommenen Hausdurchsuchung ausgerechnet die Doku-
mente betreffend das vom Vater eingereichte Asylverfahren aus dem Aus-
land nicht gefunden haben sollen, obwohl die Mutter des Beschwerdefüh-
rers die entsprechenden Akten bloss «auf den Schrank gelegt» haben soll
(vgl. A29, Antwort 45 Mitte).
5.2.8 Die im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Beweismittel sind
ebenfalls nicht geeignet, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdefüh-
rers im Zusammenhang mit einer Reflexverfolgungssituation als überwie-
gend wahrscheinlich darzutun.
5.2.8.1 Einerseits beziehen sich die vom Beschwerdeführer eingereichten
Beweismittel ausnahmslos auf den Vater. Zudem soll die Family Notifica-
tion des ICRC Vorfälle belegen, die sich im Jahr 1996 zugetragen haben.
Diesen Vorfällen mangelt es sowohl in zeitlicher als auch sachlicher Hin-
sicht am erforderlichen Kausalzusammenhang mit der im Jahr 2008 erfolg-
ten Ausreise des Beschwerdeführers aus Sri Lanka.
E-2276/2020
Seite 23
5.2.8.2 Die Beweismittel, die angeblich vom (...) Court in C._ aus-
gestellt worden sein sollen, betreffen Ereignisse, die sich vor Beendigung
des sri-lankischen Bürgerkriegs zugetragen hätten. Aus diesen Dokumen-
ten geht nicht hervor, aus welchen Gründen der Vater sich «zur eigenen
Sicherheit» bei der HRC in C._ gemeldet und anschliessend den
Behörden gestellt haben soll. Sie sind inhaltlich nicht geeignet, einen flücht-
lingsrelevanten Hintergrund der Kontakte mit der HRC oder den Justizbe-
hörden in Sri Lanka plausibel zu machen. Dasselbe gilt auch für die Karte
der HRC in C._, die zwar die Einreichung einer Klage («complaint»)
festhält, jedoch keine weiteren Spezifizierungen oder Angaben zu deren
Hintergrund enthält.
5.2.9 Die auf Beschwerdeebene eingereichten Dokumente betreffend
Schulabschlusszertifikat sowie die Registrierung bei einer indischen Poli-
zeistation vom 15. Oktober 2008 vermögen zwar Hinweise auf einen Auf-
enthalt des Beschwerdeführers in Indien im Zeitraum 2008 respektive 2014
zu liefern. Sie sind jedoch nicht geeignet, die vom Beschwerdeführer gel-
tend gemachte Verfolgungssituation in seinem Heimatland Sri Lanka zu
untermauern.
5.2.10 Dem Beschwerdeführer ist es nach dem Gesagten nicht gelungen,
eine Reflexverfolgung wegen eines angeblichen LTTE-Engagement seines
Vaters als überwiegend wahrscheinlich darzutun.
5.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer kein
eigenes, konkretes, ihn im länderspezifischen Kontext gefährdendes Risi-
koprofil aufweist. Wie bereits festgehalten, hat er ausdrücklich zu Protokoll
gegeben, nie persönlich mit den LTTE zu tun und Schwierigkeiten mit den
heimatlichen Behörden gehabt zu haben. Es ist ihm auch nicht gelungen,
eine Reflexverfolgungssituation im Zusammenhang mit LTTE-Tätigkeiten
seines Vaters glaubhaft darzutun.
Es bestehen insgesamt keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine be-
gründete Furcht vor asylbeachtlichen Nachteilen im Sinne von Vorflucht-
gründen.
5.4 Auch die angeblich in der Schweiz entfaltete politische Tätigkeit, die
Teilnahme an Märtyer-Gedenkfeiern und Demonstrationen, vermag keine
exponierte exilpolitische Tätigkeit dazuzulegen.
E-2276/2020
Seite 24
5.4.1 Wie das SEM zutreffend festhielt, sind die vom Beschwerdeführer
geltend gemachten Teilnahmen an Kundgebungen in der Schweiz nicht ge-
eignet, ein exilpolitisches Profil zu bezeugen oder nahezulegen. Die Betei-
ligung des Beschwerdeführers an diesen Kundgebungen erschöpft sich in
der Wahrnehmung untergeordneter Funktionen als Mitläufer bei Massen-
veranstaltungen. Er hat nicht geltend gemacht, im Rahmen dieser Anlässe
eine ausserordentliche Funktion ausgeübt oder eine exponierte Stellung
wahrgenommen zu haben.
5.4.2 Aus den auf Beschwerdeebene eingereichten Standbildaufnahmen
ist ersichtlich, dass es sich bei den hier interessierenden Kundgebungen
um Massenkundgebungen gehandelt haben dürfte. Auf den Aufnahmen ist
der Beschwerdeführer mit weiteren Personen zwar mit einem LTTE-Banner
abgebildet. Es ist jedoch insgesamt nicht davon auszugehen, dass die sri-
lankischen Behörden von der entsprechenden Teilnahme des Beschwer-
deführers an politischen Kundgebungen konkrete Kenntnisse erlangt ha-
ben und ihn anhand der aufgenommenen Aufnahmen als besonders expo-
nierten Oppositionellen oder als eine aus der Massenkundgebung beson-
ders hervorgehobene Person haben erkennen und identifizieren können.
Auch wenn bekannt ist, dass die sri-lankischen Behörden im Ausland aktiv
sind und Informationen über oppositionell gesinnte Personen zu erlangen
versuchen, genügt die vom Beschwerdeführer entfaltete exilpolitische Tä-
tigkeit vom Ausmass her nicht, um im Falle einer Rückkehr eine begründete
Verfolgungsfurcht zu begründen. Es bestehen keine hinreichenden konkre-
ten Anhaltspunkte dafür, dass er wegen exilpolitischer Tätigkeiten in der
Schweiz seitens der sri-lankischen Behörden als Gefahr bezüglich des
Wiederaufflammens des tamilischen Separatismus wahrgenommen wer-
den könnte.
5.5 Das SEM hat im Weiteren korrekt und in Übereinstimmung mit den Er-
wägungen des Referenzurteils des Bundesverwaltungsgerichts
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 geprüft, ob dem Beschwerdeführer bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka eine flüchtlingsrelevante Gefahr droht, und
hat zutreffend eine diesbezügliche Gefahr verneint.
Beim derzeitigen Kenntnisstand kann zwar nach der Präsidentschaftswahl
von November 2019 durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Ge-
fährdungslage ausgegangen werden, der Personen mit einem bestimmten
Risikoprofil ausgesetzt sind beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt
waren (vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015
E-2276/2020
Seite 25
vom 15. Juli 2016, Human Rights Watch, Sri Lanka: Families of "Disap-
peared" Threatened, 16.02.2020). Im heutigen Zeitpunkt besteht jedoch
kein Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze
Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären.
Das Gericht prüft in jedem Einzelfall, ob ein persönlicher Bezug der asyl-
suchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019
respektive deren Folgen besteht. Ein solch direkter Bezug oder Hinweise
auf ein Gefährdungspotential sind vorliegend nicht ersichtlich.
5.6 Andere Asylvorbringen hat der Beschwerdeführer nicht vorgetragen.
Zusammenfassend ergibt sich, dass es ihm nicht gelungen ist, darzulegen,
dass er mit überwiegender Wahrscheinlichkeit asylrelevanten Nachteilen
ausgesetzt worden ist oder solche künftig befürchten müsste. Das SEM hat
sein Asylgesuch zu Recht und mit zutreffender Begründung abgewiesen.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
E-2276/2020
Seite 26
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im
Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht
als unzulässig erscheinen; dies gilt auch im Lichte des Regierungswech-
sels vom November 2019 sowie der aktuellen Situation in Sri Lanka (vgl.
statt vieler: Urteil des BVGer E-2669/2017 vom 8. Mai 2020 E. 9.2). Nach
dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl-
als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
E-2276/2020
Seite 27
7.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.4.1 Die allgemeine Situation im Heimatstaat des Beschwerdeführers ist
nicht von einer landesweiten Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allge-
meiner Gewalt geprägt (vgl. Referenzurteil E-1866/2015, a.a.O., E. 13). An
dieser Einschätzung vermögen – wie vom SEM zutreffend festgestellt –
auch die im November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl mit dem Sieg
von Gotabaya Rajapaksa oder die am Ostersonntag 2019 erfolgten An-
schläge auf Kirchen und Luxushotels nichts zu ändern.
7.4.2 Auch in individueller Hinsicht sind keine Gründe ersichtlich, welche
eine Wegweisung als unzumutbar erscheinen liessen.
7.4.2.1 So verfügt der Beschwerdeführer über eine 10-jährige Schulbil-
dung. Diese Schulbildung hat er zunächst im Heimatland (erste bis fünfte
Klasse) begonnen und in Indien (fünfte bis zehnte Klasse) mit Abschluss in
Indien absolviert (vgl. A7, Ziffer 1.17.4). Zwar lebt seine Kernfamilie (Eltern
und Geschwister) seit 2008 in Indien und hält sich nach wie vor dort auf.
Wie da SEM diesbezüglich zutreffend festhielt, lebte der Beschwerdeführer
von 2008 bis zur Ausreise aus Indien in seinem tamilischen Familienver-
bund hinsichtlich Sprache, Kultur und Gesellschaft in einem ähnlichen Um-
feld, wie dies den Gegebenheiten in Sri Lanka entspricht. Es kann davon
ausgegangen werden, dass er sich im sri-lankischen Alltag wird wieder in-
tegrieren können. Das Gericht verkennt nicht, dass der Wiederaufbau des
Alltags in Sri Lanka mit gewissen Anpassungsschwierigkeiten verbunden
sein kann. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer – wie in der Rechts-
mitteleingabe behauptet wird (vgl. Ziffer 7) – in Indien in einer offeneren,
demokratischeren und sicheren Gesellschaft gelebt habe und entspre-
chend geprägt worden sei, vermag für sich alleine nicht gegen die Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzuges ins Heimatland zu sprechen. Der Be-
schwerdeführer verfügt in seinem Heimatland über mehrere Verwandte, zu
denen er engeren Kontakt pflegt (vgl. A29, Antworten 23 und 24 sowie Be-
schwerde, Ziffer 7b, S. 17). Die Familie des Beschwerdeführers wurde be-
reits während ihres mehrjährigen Aufenthalts in Indien mit monatlichen Un-
terhaltsbeiträgen von Verwandten im Ausland finanziell unterstützt (vgl. vgl.
A7, Ziffer 1.17.4 sowie A29, Antworten 21), weshalb davon ausgegangen
E-2276/2020
Seite 28
werden kann, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka auch dort mit Unterstützungsmassnahmen seiner Verwandten wei-
terhin rechnen kann. Es ist deshalb davon auszugehen, dass er trotz län-
gerer Landesabwesenheit mit Unterstützung seiner Verwandten in ein so-
ziales Umfeld zurückkehren kann, und dass er nicht in eine existentielle
Notlage geraten wird.
7.4.2.2 Praxisgemäss ist bei einer Rückweisung von Personen mit gesund-
heitlichen Problemen nur dann von einer medizinisch bedingten Unzumut-
barkeit auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit einer Weiterbe-
handlung eine drastische und lebensbedrohliche Verschlechterung des
Gesundheitszustands nach sich zöge. Diese Schwelle ist vorliegend nicht
erreicht. Der Beschwerdeführer leidet gemäss eingereichtem Spitalbericht
vom 4. Mai 2016 an Diabetes mellitus Typ II und sollte regelmässige Blut-
zuckerkontrollen durchführen und die Insulintherapie anpassen. Das SEM
hat in der angefochtenen Verfügung auf die grundsätzliche Behandelbar-
keit des Krankheitsbildes des Beschwerdeführers in Sri Lanka verwiesen.
In der Beschwerdeeingabe werden hierzu keinerlei Ausführungen ge-
macht, die die vorinstanzliche Einschätzung in einem anderen Licht er-
scheinen liessen.
Gemäss den Erkenntnissen des Gerichts ist Diabetes Mellitus in der Her-
kunftsregion (Jaffna) des Beschwerdeführers weit verbreitet. 16.4 Prozent
der Erwachsenen im Distrikt Jaffna weisen dieses Krankheitsbild auf. Ge-
mäss einer Studie der WHO (World Health Organization) vom Oktober
2019 sind Medikamente für nichtübertragbare Krankheiten wie Diabetes
nicht durchgehend, aber grösstenteils in den Apotheken vorhanden (vgl.
WHO, Status, determinants and interventions on cardiovascular disease &
diabetes in Sri Lanka: desk review of research 2000-2018, 10.2019,
https://apps.who.int/iris/handle/10665/329430, abgerufen am 02.06.2020).
Auch das staatliche Teaching Hospital in Jaffna verfügt über eine Diabetes-
Abteilung. Im angegliederten Jaffna Diabetic Center sind seit der Eröffnung
im April 2018 über 12'000 Patienten behandelt worden. Im Jahr 2017 sind
über 3'000 Behandlungen dazugekommen. Die betroffenen Patienten wer-
den regelmässig kontrolliert. Sie erhalten jährlich medizinische Check-ups,
Gesundheitsberatungen und bildgebende Verfahren werden angewandt
(vgl. hierzu: Teaching Hospital Jaffna, Diabetes Unit, undatiert,
https://thjaffna.lk/services/diabetes-endocrinology-unit/ sowie: Jaffna Dia-
betic Center, About us, undatiert, http://www.jaffnadiabetic-
centre.org/about-us, beide abgerufen am 02.06.2020).
E-2276/2020
Seite 29
Bei dieser Sachlage ist davon auszugehen, dass eine weitere Behandlung
des diagnostizierten Krankheitsbilds des Beschwerdeführers in seiner Hei-
matprovinz gewährleistet ist. In diesem Zusammenhang ist zudem auf die
Möglichkeit einer medizinischen Rückkehrhilfe (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d
AsylG) hinzuweisen, so dass auch die erforderliche Medikamentation für
die Anfangsphase nach der Rückkehr nach Sri Lanka sichergestellt werden
kann. Den Angaben des Beschwerdeführers sind keine stichhaltigen Hin-
weise zu entnehmen, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zuges sprechen würden.
7.4.3 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer zumutbar, in die
Heimatgegend seiner Familie in Sri Lanka zurückzukehren. Der Vollzug der
Wegweisung ist somit insgesamt zumutbar.
7.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
In der Rechtsmitteleingabe wird die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung inklusive Rechtsverbeiständung beantragt.
Vorliegend haben sich die Beschwerdebegehren nicht als aussichtslos er-
wiesen. Aufgrund der eingereichten Fürsorgebestätigung der (...) vom 21.
April 2020 ist von der prozessualen Bedürftigkeit des Beschwerdeführers
auszugehen, weshalb die Voraussetzungen für die Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG erfüllt sind.
E-2276/2020
Seite 30
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist gutzu-
heissen. Auf die der Auferlegung der Verfahrenskosten ist deshalb zu ver-
zichten.
9.2 Damit ist gestützt auf aArt. 110a Abs. 1 AsylG auch das Gesuch um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung gutzuheissen.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch wurde vom Gericht bisher noch
nicht instruktionsweise behandelt; es ist mit dem vorliegenden Urteil gutzu-
heissen. Die damalige Rechtsvertreterin, lic. iur. Fabienne Zannol, Berner
Rechtsberatung für Menschen in Not, wäre als amtliche Rechtsbeiständin
einzusetzen gewesen, nachdem sie die entsprechenden persönlichen Vor-
aussetzungen gemäss aArt. 110a Abs. 3 AsylG erfüllte. Auch die heutige
Rechtsvertreterin, MLaw Michèle Künzi, erfüllt die persönlichen Vorausset-
zungen und kann als amtliche Rechtsbeiständin ernannt werden.
Der von der früheren Vertreterin geleistete Vertretungsaufwand ist mithin
unter dem Titel des amtlichen Honorars zu entschädigen und der Berner
Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not zu überweisen; die heutige
Rechtsvertreterin arbeitet bei derselben Rechtsberatungsstelle; sie hat ih-
rerseits im vorliegenden Verfahren keinen zusätzlichen Aufwand erbracht.
Sowohl die frühere als auch die heutige Vertreterin kennen die Entschädi-
gungskonditionen des Bundesverwaltungsgerichts für das Honorar von
amtlich bestellten Rechtsbeiständen (für Rechtsanwältinnen und Rechts-
anwälte ein Stundenansatz von Fr. 200.- bis 220.- und für nichtanwaltliche
Rechtsvertretungen ein Stundenansatz von Fr. 100.- bis 150.-) und haben
sich in anderweitigen Asylbeschwerdeverfahren vor dem Gericht mit die-
sen Konditionen einverstanden erklärt.
In der Kostennote vom 29. April 2020 wird ein Arbeitsaufwand von 13 Stun-
den für die Ausarbeitung der 19-seitigen Beschwerdeschrift ausgewiesen.
Dieser Aufwand erscheint dem Verfahren, das sich als nicht überdurch-
schnittlich komplex darstellt, nicht vollumfänglich angemessen und ist auf
11 Stunden zu kürzen. Der Stundenansatz ist auf Fr. 150.- festzusetzen.
Zudem werden praxisgemäss keine Aufwandpauschalen vergütet. Nach
dem Gesagten und gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungs-
faktoren (Art. 9–13 VGKE) ist das amtliche Honorar zulasten der Gerichts-
kasse auf insgesamt Fr. 1‘780.- (inkl. Mehrwertsteueranteil) festzusetzen
und der Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not auszurichten.
E-2276/2020
Seite 31
(Dispositiv nächste Seite)
E-2276/2020
Seite 32