Decision ID: 071698a1-cc31-57f7-a2ba-4a5d0c5020b5
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 30. Dezember 2016 für sich und ihre
Tochter in der Schweiz um Asyl nach. Am 12. Januar 2017 wurde sie sum-
marisch befragt. Gleichzeitig wurde ihr das rechtliche Gehör zum Gesund-
heitszustand und zur Zuständigkeit Italiens sowie der Wegweisung dorthin
gewährt.
B.
Gemäss der Fingerabdruck-Datenbank Eurodac hat die Beschwerdeführe-
rin am 3. November 2017 in Italien um Asyl nachgesucht. Gestützt hierauf
ersuchte das SEM die italienischen Behörden am 15. Februar 2017 um
Übernahme. Diese hiessen das Gesuch am 1. März 2017 gut und stimmten
mit Schreiben vom 6. März 2017 der Überstellung der Beschwerdeführerin
und ihrer Tochter – beide namentlich und mit Geburtsdatum aufgeführt und
als „nucleo familiare“ bezeichnet – nach Italien (Flughafen Palermo) zu.
C.
Mit Verfügung vom 9. März 2017 (eröffnet am 22. März 2017) trat das SEM
auf die Asylgesuche nicht ein, wies die Beschwerdeführerin und ihre Toch-
ter aus der Schweiz nach Italien weg, forderte sie auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, und beauftragte den zustän-
digen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Sodann händigte sie der
Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeich-
nis aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen die Verfügung
komme keine aufschiebende Wirkung zu.
D.
Mit Poststempel vom 28. März 2017 gab die Rechtsvertreterin der Be-
schwerdeführerin eine Sendung zu Handen der schweizerischen Post auf.
Diese wurde am 29. März 2017 aufgrund einer fehlerhaften Adressierung
als nicht zustellbar retourniert und am 5. April 2017 bei der Poststelle ab-
geholt.
E.
Mit Eingabe vom 6. April 2017 (Datum Telefax und Poststempel) reichte die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin unter Beilage einer schriftlichen
Erklärung des Vaters der Beschwerdeführerin sowie Kopien zweier Aufent-
haltstitel beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte,
es sei die angefochtene Verfügung des SEM aufzuheben und zur erneuten
Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei
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die Verfügung des SEM aufzuheben und das SEM anzuweisen, auf das
Asylgesuch einzutreten. In prozessualer Hinsicht sei der Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden im Sinne ei-
ner vorsorglichen Massnahme anzuweisen, von Vollzugshandlungen – bis
zum Entscheid über das vorliegende Gesuch um Erteilung der aufschie-
benden Wirkung – abzusehen. Es sei die unentgeltliche Rechtspflege zu
gewähren und von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
F.
Mit Schreiben vom 6. April 2017 (Datum Telefax und Poststempel) ersuchte
die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin – unter Beilage eines Aus-
zugs der postalischen Sendungsverfolgung (Track & Trace) – das Bundes-
verwaltungsgericht, die Beschwerde sei als fristgerecht eingereicht zu be-
trachten und entgegenzunehmen. So sei die Beschwerde am 28. März
2017 fristgerecht bei der Post aufgegeben worden. Aufgrund hoher Arbeits-
belastung sei bei der Adresse ein Fehler unterlaufen, weshalb der einge-
schriebene Brief nicht zugestellt und retourniert worden sei. Zudem habe
der retournierte Brief – aufgrund einer krankheitsbedingten Abwesenheit –
nicht früher bei der Poststelle abgeholt werden können.
G.
Die vorinstanzlichen Akten gingen am 10. April 2017 beim Bundesverwal-
tungsgericht ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die
Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung
legitimiert (Art. 48 VwVG). Obschon die Rechtsmittelbelehrung der ange-
fochtenen Verfügung die korrekte sowie vollständige Adresse des Bundes-
verwaltungsgerichts beinhaltet, diese ferner der Rechtsberatungsstelle für
Asylsuchende bekannt sein sollte, kein Antrag auf Fristwiederherstellung
gestellt wurde, kein Beweis zum Beschwerdeinhalt erbracht wurde (ob die
gleiche Rechtsschrift wie bei der ersten Eingabe vorliegt, vgl. Urteil des
BGer 9C_564/2012 vom 12. September 2012 E. 2.2.2), die Nachlässig-
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keitserklärung (falsche Adresse aufgrund Arbeitsüberlastung und Verzöge-
rung der Postabholung aufgrund Krankheit) keine entschuldbaren Gründe
beinhaltet und ferner Art. 21 Abs. 2 VwVG nicht greift, kommt der ersten
Eingabe vom 28. März 2017 gemäss Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts – trotz des Adressfehlers – fristwahrende Wirkung zu (Urteil des
BVGer A-3184/2015 vom 29. November 2016 E. 2). Mithin ist auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten (Art. 108 Abs. 2
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht sowie die un-
richtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (BVGE 2011/9 E. 5).
2.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG wird in der Regel auf Asylgesuche
nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen kön-
nen, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens
staatsvertraglich zuständig ist. Zur Bestimmung des staatsvertraglich zu-
ständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien nach der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom
29. Juni 2013 (nachfolgend Dublin-III-VO). Führt diese Prüfung zur Fest-
stellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs
zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat einer
Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat – oder bei fingierter
Zustimmung – auf das Asylgesuch grundsätzlich nicht ein.
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4.
4.1 Auf Beschwerdeebene wird geltend gemacht, die Vorinstanz habe ig-
noriert, dass bei der Verarbeitung des Traumas der Vergewaltigung (die
Vergewaltigung sei ausdrücklich in der Befragung erwähnt worden) die Un-
terstützung der in der Schweiz lebenden Eltern eine entscheidende Rolle
spiele. Hierbei habe die Vorinstanz das rechtliche Gehör verletzt, die Er-
wägungen im Entscheid zur medizinischen Versorgung in Italien zu knapp
gehalten, den Sachverhalt unzureichend abgeklärt und ihr Ermessen un-
terschritten.
4.2 Die Schlussfolgerung der Vorinstanz ist indes weder in tatsächlicher
noch in rechtlicher Hinsicht zu beanstanden. Die knappen Beschwerdeaus-
führungen und pauschalen Rügen sind nicht geeignet aufzuzeigen, inwie-
fern die Vorinstanz Bundesrecht verletzt oder den Sachverhalt fehlerhaft
festgestellt haben soll. Solches ist auch nicht ersichtlich.
Die Vorinstanz hat anhand der Zentraleinheit Eurodac zu Recht die Zustän-
digkeit Italiens erkannt und die italienischen Behörden – gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO – um Übernahme ersucht. Das Gesuch wurde
am 1. März 2017 beziehungsweise 6. März 2017 explizit gutgeheissen. Ita-
lien ist somit verpflichtet, die Person wieder aufzunehmen und angemes-
sene Vorkehrungen für die Rückkehr zu treffen. Bei Überstellungsverfah-
ren von Familien nach Italien müssen zusätzlich individuelle Garantien in
schriftlicher Form vorliegen (vgl. BVGE 2015/4 E. 4.3). Diese liegen – wie
die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat – ebenfalls vor. Sie werden auf
Beschwerdeebene auch nicht beanstandet. So haben die italienischen Be-
hörden mit Schreiben vom 6. März 2017 die Personalien der Beschwerde-
führerin und ihrer Tochter detailliert festgehalten, diese eindeutig als Fami-
lienkern („nucleo familiare“) registriert sowie darüber informiert, dass die
Überstellung am Flughafen Palermo stattfinde. Die Ausführungen der Be-
schwerdeführerin sind nicht geeignet, eine Verletzung der Zuständigkeits-
bestimmungen darzutun.
So führte die 20-jährige Beschwerdeführerin anlässlich des rechtlichen Ge-
hörs vom 12. Januar 2017 aus, sie und ihr Kind seien gesund (SEM-Akten,
A5, S. 8, Ziff. 8.02); sie wolle nicht nach Italien zurück, weil ihre Eltern in
der Schweiz leben würden (SEM-Akten, A5, S. 8, Ziff. 8.01). Das gewährte
rechtliche Gehör ist nicht zu beanstanden. Die entsprechende Rüge geht
fehl. Was die Beschwerdeführerin hierbei vorgebracht hat, ist nicht geeig-
net, eine Zuständigkeit der Schweiz zu begründen. Das Migrationsamt des
Kantons Basel-Stadt gewährte ihr am 22. März 2017 erneut das rechtliche
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Gehör zum Gesundheitszustand. Hierbei bestätigte sie, keine gesundheit-
lichen Probleme zu haben („Es geht mir und meiner Tochter gut. Wir neh-
men beide keine Medikamente.“, SEM-Akten, Justiz- und Sicherheitsde-
partement des Kantons Basel-Stadt, Migrationsamt, Ausreisegespräch/Ab-
klärung über medizinische Angaben).
Vor diesem Hintergrund (mehrmalige Bestätigung intakter Gesundheit) er-
scheint das erst auf Beschwerdeebene vorgebrachte Gesundheitsproblem
(Trauma) weit hergeholt. Die dem Trauma zugrundeliegende angebliche
Vergewaltigung liegt über zwei Jahre zurück und hat ferner nicht in Italien
stattgefunden (sondern in Äthiopien). Ein Beweis für die geltend gemachte
Traumatisierung (z. B. Arztbericht) ist weder aktenkundig noch wurde ein
solcher auf Beschwerdeebene nachgereicht. Selbst wenn eine gewisse
Traumatisierung aufgrund einer über zwei Jahre zurück liegenden Verge-
waltigung belegt wäre, so wäre diese nicht geeignet, eine Hilfsbedürftigkeit
beziehungsweise ein Abhängigkeitsverhältnis im Sinne von Art. 16 Abs. 1
Dublin-III-VO zu begründen. Sollte die Beschwerdeführerin – trotz mehr-
mals angegebener einwandfreier Gesundheit – dennoch auf medizinische
Unterstützung angewiesen sein, ist eine solche auch in Italien gewährleis-
tet. Es ist der Vorinstanz ebenfalls darin beizupflichten, dass die Beschwer-
deführerin aus der Tatsache, dass ihre Eltern in der Schweiz leben, nichts
zu ihren Gunsten ableiten kann, zumal volljährige Kinder beziehungsweise
Eltern volljähriger Kinder nicht als Familienmitglieder im Sinne von Art. 2
Bst. g Dublin-III-VO gelten. Sodann kommt der Vorinstanz bei der Anwen-
dung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zwar Ermessen zu (vgl. BVGE 2015/9
E. 7 f.). Den Akten sind indes keine Hinweise auf eine gesetzeswidrige Er-
messensausübung (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG) durch die Vorinstanz
zu entnehmen, weshalb auch diese Rüge fehl geht. Schliesslich ist den
Akten auch kein anderer Ermessensfehler, keine Gehörsverletzung oder
eine unzureichende Sachverhaltsabklärung zu entnehmen. Die Vorinstanz
hat zu Recht ein Selbsteintrittsrecht ausgeschlossen (Art. 17 Dublin-III-VO,
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1) und ist auf die Asylgesuche folgerichtig nicht ein-
getreten. Allfällige Vollzugshindernisse sind nicht mehr zu prüfen, da das
Fehlen von Wegweisungsvollzugshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist
(BVGE 2010/45 E. 10).
5.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
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(Art. 106 AsylG und Art. 49 VwVG). Es besteht kein Anlass zur Rückwei-
sung an die Vorinstanz. Die Beschwerde ist abzuweisen.
Die Anträge betreffend aufschiebende Wirkung und entsprechende Anwei-
sung an die Vollzugsbehörden sind mit vorliegendem Urteil gegenstands-
los geworden.
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass ihr Begehren als aussichtslos zu gelten hat.
Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht gege-
ben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist.
6.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit dem vor-
liegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht der Erhebung eines Kostenvor-
schusses gegenstandslos geworden.
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