Decision ID: 649a1fdc-8210-5ac8-b969-3bc3e182b171
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass die Beschwerdeführerin am 20. April 2021 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte,
dass sie gemäss den Angaben in der europäischen Fingerabdruck-Daten-
bank (Eurodac) am 17. November 2020 in Kroatien aufgegriffen und
daktyloskopisch erfasst wurde und sie am 11. März 2021 nebst erneuter
daktyloskopischer Erfassung in Kroatien um Asyl ersucht hatte (Akten der
Vorinstanz [SEM act.] 8/1),
dass die Vorinstanz mit der Beschwerdeführerin am 28. April 2021 das so-
genannte Dublin-Gespräch (persönliches Gespräch gemäss Art. 5 der Ver-
ordnung [EU] Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist [nachfolgend: Dublin-III-VO] führte
und ihr in diesem Rahmen das rechtliche Gehör zur möglichen asylverfah-
rensrechtlichen Zuständigkeit Kroatiens und der Überstellung dorthin
gewährte,
dass das SEM am 28. April 2021 die kroatischen Behörden in Anwendung
von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO um Wiederaufnahme der Beschwer-
deführerin ersuchte (SEM act. 14/5),
dass die kroatischen Behörden dieses Ersuchen am 3. Mai 2021 mit der
Begründung ablehnten, ihre Zuständigkeitsprüfung sei noch nicht abge-
schlossen (SEM act. 19/1),
dass das SEM am 4. Mai 2021 im Rahmen eines sogenannten Remon-
strationsverfahrens die kroatischen Behörden um Übernahme der Be-
schwerdeführerin gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO ersuchten (SEM
act. 22/2),
dass die kroatischen Behörden am 6. Mai 2021 ihre Zustimmung zur Über-
stellung in Anwendung von Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO erteilten, um das
Verfahren zur Ermittlung des zuständigen Mitgliedsstaates fortzuführen,
zumal die Beschwerdeführerin am 29. März 2021 in Kroatien ein Asyl-
gesuch gestellt habe und daraufhin am 2. April 2021 untergetaucht sei,
weshalb seitens Kroatiens zunächst der nunmehr für die Prüfung des Asyl-
gesuchs zuständige Mitgliedsstaat zu ermitteln sei (SEM act. 24/1),
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dass das SEM mit Verfügung vom 7. Mai 2021 – eröffnet am 11. Mai 2021
– auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eintrat und ihre Über-
stellung nach Kroatien anordnete unter Hinweis darauf, dass sie die
Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen
habe,
dass das SEM gleichzeitig den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der
Wegweisung beauftragte, die Aushändigung der editionspflichtigen Akten
gemäss Aktenverzeichnis verfügte und feststellte, einer allfälligen Be-
schwerde gegen diese Verfügung komme keine aufschiebende Wirkung
zu,
dass die Beschwerdeführerin – handelnd durch ihre zugewiesene Rechts-
vertretung (Art. 102h AsylG SR [142.31]) – mit Eingabe vom 19. Mai 2021
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erhob,
dass sie in der Hauptsache die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung
und die Anweisung an das SEM beantragte, auf das Asylgesuch sei einzu-
treten und das Asylverfahren sei in der Schweiz durchzuführen, eventuali-
ter sei die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen und subeventualiter
seien individuelle Zusicherungen bezüglich des Zugangs zum Asylverfah-
ren und zu adäquater medizinischer Versorgung sowie Unterbringung von
den kroatischen Behörden einzuholen,
dass die Beschwerdeführerin in verfahrensrechtlicher Hinsicht um Gewäh-
rung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde ersuchte und überdies
beantragte, die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen
von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Ent-
scheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlun-
gen abzusehen, und zudem sei die unentgeltliche Prozessführung zu ge-
währen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten,
dass der Instruktionsrichter gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der
Überstellung mit superprovisorischer Massnahme vom 21. Mai 2021 per
sofort aussetzte,
dass die Akten dem Bundesverwaltungsgericht gleichentags in elektroni-
scher Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG),
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und das Bundesverwaltungsgericht erwägt,
dass es auf dem Gebiet des Asylrechts – in der Regel und so auch vorlie-
gend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen des SEM ent-
scheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG und Art. 5 VwVG; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VGG, dem VwVG und dem AsylG rich-
tet (Art. 6 AsylG),
dass die Beschwerdeführerin am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung hat und daher zur Einrei-
chung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass die Beschwerde frist- und formgerecht eingereicht wurde (Art. 108
Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass sich die Beschwerde gegen einen Nichteintretensentscheid im Sinne
von Art. 31a Abs. 1 Bst b AsylG richtet und deshalb zu prüfen ist, ob die
Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE
2012/4 E. 2.2 m.H.),
dass die Beschwerde (in Bezug auf das Rückweisungsbegehren) offen-
sichtlich begründet ist, weshalb über sie in einzelrichterlicher Zuständigkeit
mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten
Richterin – und mit summarischer Begründung – zu entscheiden ist (vgl.
Art. 111 Bst. e und Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asyl-
suchende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist
(Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO),
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dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden sind, und dabei von der Situ-
ation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen ist, in dem Asylsuchende erst-
mals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt haben (Art. 7 Abs. 2
Dublin-III-VO; vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2); im Rahmen eines Wiederauf-
nahme-verfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber grundsätzlich
keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. EuGH
[Grosse Kammer] vom 2. April 2019, H. und R., C-582/17 und C-583/17,
EU:C:2019:280, Rn. 61, 67, 80, 84; BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1
m.w.H.),
dass der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat verpflichtet ist,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO),
dass das SEM seinen Nichteintretensentscheid damit begründet, die kroa-
tischen Behörden hätten einer Übernahme nach Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-
VO zugestimmt, was einer Zustimmung nach Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO gleichkomme,
dass somit keine Anhaltspunkte ersichtlich seien, wonach der Beschwer-
deführerin, nachdem sie in Kroatien ein Asylgesuch eingereicht habe, die
ihr gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingun-
gen vorenthalten worden seien oder ihr künftig vorenthalten würden,
dass in Bezug auf den medizinischen Sachverhalt festzuhalten sei, dieser
erweise sich als ausreichend erstellt und der Zugang zu allfälligen weiteren
Abklärungen oder Behandlungen sei auch in Kroatien gewährleistet,
dass beschwerdeweise insbesondere geltend gemacht wird, die Be-
schwerdeführerin sei von den kroatischen Behörden nicht nur im Rahmen
von sogenannten "Push-Backs", sondern auch während ihres Aufenthalts
in einer Asylunterkunft schikaniert, drangsaliert und gedemütigt worden,
dass diese gewaltsame und demütigende Behandlung ihren bereits vorher
belasteten psychischen Gesundheitszustand weiter verschlechtert habe,
womit die Gefahr bestehe, dass eine Überstellung nach Kroatien mit einer
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Retraumatisierung einhergehe, deren Behandlung aufgrund systemischer
Mängel im verlässlichen Zugang zu entsprechenden Behandlungsmöglich-
keiten zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führe,
dass das Bundesverwaltungsgericht nach Durchsicht der Akten zum
Schluss kommt, dass der medizinische Sachverhalt nicht ausreichend er-
stellt ist,
dass die Beschwerdeführerin anlässlich des Dublin-Gesprächs vom
28. April 2021 ihre Gesundheitsbeschwerden geschildert und dabei insbe-
sondere auch psychische Probleme im Zusammenhang mit ihren Erlebnis-
sen in Kroatien erwähnt hat,
dass aus dem ärztlichen Kurzbericht der medizinisch-sozialen Ambulato-
rien (...) vom 18. Mai 2021 hervorgeht, dass die Beschwerdeführerin an
einen Psychiater überwiesen und betreffend psychiatrische Hilfe um priori-
täre Behandlung der Beschwerdeführerin ersucht wird,
dass sich aus den Akten die Notwendigkeit weiterer medizinischer Abklä-
rungen und Behandlungen ergibt (vgl. ärztlicher Kurzbericht vom 18. Mai
2021 S. 3 ["Voraussichtlich wird eine Behandlung mit mehreren Terminen
bei dem/der zuständigen Spezialisten/Spezialistin aufgegleist {Zutreffen-
des ankreuzen} wurde mit "ja" beantwortet])
dass sich auf der heutigen Aktengrundlage keine verlässlichen Aussagen
zum psychischen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin machen
und die Richtigkeit der vorinstanzlichen Ausführungen zur Behandelbarkeit
allfälliger psychischer Probleme der Beschwerdeführerin in Kroatien sich
nicht beurteilen lassen,
dass sich im Übrigen der medizinische Sachverhalt bereits im Zeitpunkt
der vorinstanzlichen Verfügung als kaum ausreichend erstellt präsentierte,
zumal auch aufgrund des ersten ärztlichen Kurzberichts vom 29. April 2021
eine zuverlässige Einschätzung des gesundheitlichen Zustands der Be-
schwerdeführerin nicht möglich war, da insbesondere die Ergebnisse zu
den Laboruntersuchungen noch nicht vorlagen (vgl. SEM-act. 21/3),
dass der Zugang der Beschwerdeführerin insbesondere zu medizinischer
Versorgung und anderen Ansprüchen aus der EU-Aufnahmerichtlinie kaum
genügend gesichert erscheint, zumal die kroatischen Behörden eine Über-
stellung zunächst verweigerten und später nur unter explizitem Verweis auf
eine laufende Zuständigkeitsprüfung zustimmten,
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dass sich in diesem Zusammenhang der Hinweis rechtfertigt, dass das
Bundesverwaltungsgericht in letzter Zeit mehrfach beanstandet hat, das
SEM habe sich nicht hinreichend damit auseinandergesetzt, ob es Anhalts-
punkte für systembedingte Schwachstellen im kroatischen Asylsystem
gebe, und habe insbesondere die umfangreiche Berichterstattung über die
"Push-Back-Problematik" an den kroatischen Aussengrenzen nicht berück-
sichtigt (vgl. Urteile BVGer E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 [publiziert als
Referenzurteil] E. 5.7, E-4211/2019 vom 9. Dezember 2019 E. 3.3 und 3.4
und F-48/2021 vom 8. Januar 2021),
dass das SEM den rechtserheblichen Sachverhalt in mehrfacher Hinsicht
unvollständig festgestellt hat (vgl. Art. 49 Bst. b VwVG),
dass die Beschwerde daher im Hinblick auf den Eventualantrag gutzuheis-
sen, die angefochtene Verfügung vom 7. Mai 2021 aufzuheben und die
Sache in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG zwecks Vornahme der
erforderlichen Abklärungen und anschliessender Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen ist,
dass die Berechtigung der übrigen materiellen Rechtsbegehren bei diesem
Verfahrensausgang offenbleiben kann,
dass die Anträge auf Herstellung der aufschiebenden Wirkung und um Be-
freiung von der Kostenvorschusspflicht mit dem vorliegenden Entscheid in
der Sache gegenstandslos werden,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Kosten zu erheben sind
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG) und demnach auch das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gegenstandslos wird,
dass die Beschwerdeführerin auf Rechtsmittelebene durch ihre zugewie-
sene Rechtsvertretung (im Sinne von Art. 102f Abs. 1 i.V.m. Art. 102h
Abs. 3 AsylG) vertreten war, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe
von Art. 102k AsylG entschädigt werden, weshalb keine Parteientschädi-
gung zuzusprechen ist.
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Considerations: