Decision ID: b5c02e82-45da-425f-84cb-d70509800d75
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1964, Vater zweier Söhne, geboren 1996 und 2000,
meldete sich am
1
3.
November 2020 bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse,
zum Bezug einer
Hinterlassenenrente
an
.
Dies, nachdem seine Ehefrau
Z._
, geboren 1965, am
4.
November 2020 verstorben war.
Mit Verfü
gung vom
4.
Dezember 2020 verneinte die Ausgleichskasse einen Anspruch des Versicherten auf eine
Hinterlassenenrente
(
Urk.
7). Die dagegen vom Versicherten am
1
7.
Dezember 2020
(Eingangsdatum) erhobene Einsprache (
Urk.
8/5
) wies die Ausgleichskasse mit Entscheid vom 2
2.
Februar 2021 (
Urk.
2) ab.
2
.
Dagegen erhob der Versicherte am 2
3.
März 2021 Beschwerde und beantragte, es sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und ihm ab dem
1.
Dezember 2020 eine Witwerrente auszu
richten, obgleich seine Kinder
das 1
8.
Altersjahr
bereits
vollendet hätten (
Urk.
1 S. 2). Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwer
deantwort vom 2
7.
April 2021 die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), was dem Beschwerdeführer am 2
9.
April 2021 angezeigt wurde (
Urk.
9).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach
Art.
23
des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversiche
rung (
AHVG
)
haben Witwen oder Witwer
Anspruch auf eine Witwen- oder Witwerrente, sofern sie im Zeitpunkt der Verwitwung Kinder haben (
Abs.
1
). Der Anspruch entsteht am ersten Tag des dem Tod des Ehemannes oder der Ehefrau folgenden Monats (
Abs.
3
)
. Der Anspruch erlischt mit der Wiederverheiratung oder mit dem Tode der Witwe oder des Witwers (
Abs.
4).
Zusätzlich zu den in
Art.
23
Abs.
4 aufgezählten Beendigungsgründen er
lischt der Anspruch auf die Witwerrente, wenn das letzte Kind des Witwers das 18. Altersjahr vollendet hat (
Art.
24
Abs.
2 AHVG).
1.2
Die
dritte Kammer
des
Europäische
n
Gerichtshof
s
für Menschenre
chte (EGMR)
entschied
im Urteil
B.
gegen die Schweiz
vom 2
0.
Oktober 2020
(
Nr.
78630/12
)
den Fall eines
Versicherten
,
der
seit der Volljährigkeit seiner jüngsten Tochter keinen Anspruch
auf eine Witwerrente
mehr hat
te
.
Unter Berufung auf
Art.
14
(Diskriminierungsverbot)
in Verbindung mit
Art.
8
(Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens)
der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (
EMRK
)
hatte
der Versicherte
gerügt
, dass er im Vergleich zu verwitweten Müttern, die ihre Kinder all
ein betreuen
würden
und deren Wit
wenrente bei Volljährigkeit der Kinder nicht erlösche
, diskriminiert werde
. Hin
sichtlich der Zulässigkeit der Beschwerde stellte der Gerichtshof fest, d
ass
Art.
8 EMRK anwendbar sei
, da die Witwen- und Witwerrente dem überlebenden Ehe
gatten die Organisation seines Familienlebens ermöglichen soll
e
.
Ausserdem befand er, dass der Versicherte
im Alter von
57
Jahren,
als die Rente eingestellt worden sei
, und
59
Jahren, als das Bund
esgericht sein Urteil verkündet habe
, kaum einen Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt
habe
ins Auge
fassen können. Dies habe sich konkret darauf ausgewirkt
,
wie er sein Familienleben habe
orga
nisieren können. In der Sache erinnerte das Gericht daran, dass die EMRK
ein «lebendiges Instrument» sei
, das im Lichte der heutigen Lebensbed
ingungen aus
zulegen sei
, und befand, dass die Vermutung, wonach ein Ehemann für den finan
zie
llen Unterhalt seiner Frau sorge
, i
nsbesondere, wenn sie Kinder habe, nicht mehr gelte. Die Vermutung dürfe
nicht als Rechtfertigung für die unter
schiedliche Behandlung gelten, die der
Versicherte erfahren habe
. Der Gerichts
hof könne nicht zum Schluss
gelangen, dass in diesem Fall «
sehr
gewichtige Erwägungen» vorlägen
, welche
die vom
Versicherten
beanstandete Ungleich
be
handlung aufgrund des Geschlechts rechtfertigen könnten. Dementsprechend stellte er fest, dass die Regierung keine vernünftige Begründung für die Ungleich
behandlung des
Versicherten
geliefert habe. Eine
Verletzung von
Art.
14 in Ver
bindung mit
Art.
8 EMRK
sei zu bejahen.
In der Folge beantragte die Schweiz die B
ehandlung
der Streitsache
durch die G
rosse Kammer des EGMR.
Am 1
6.
Juni 2021 befasste sich
diese
mit dem
AHVG
(
https://www.echr.coe.int/Pages/home.aspx?p=hearings&w=7863012_16062021&language=lang
).
1.3
Innerhalb von drei Monaten nach dem Datum des Urteils der Kammer kann jede Partei in Ausnahmefällen die Verweisung der Rechtssache an die Grosse Kammer be
antragen
(
Art.
43
Abs.
1 EMRK).
Nimmt der Ausschuss den Antrag an, so ent
scheidet die Grosse Kammer die Sache durch Urteil
(
Art.
43
Abs.
3
EMRK
). Nach
Art.
44
Abs.
1 EMRK ist das Urteil der Grossen Kammer endgültig.
Nach
Art.
46
Abs.
1 EMRK verpflichten sich
die
Hohen Ve
rtragsparteien
, in allen Rechtssachen, in denen sie Partei sind, das endgültige Urteil des Gerichtshofs zu befolgen.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete den angefochtenen Entscheid damit, dass
das
Urteil
B.
gegen die Schweiz
vom 2
0.
Oktober 2020
nicht rechtskräftig sei.
Es könne
noch an die G
rosse Kammer weitergezogen werden. Das Urteil entfalte jedoch auch nach Rechtskraft keine direkte Wirkung für den Einzelfall.
Es wäre
dann an
der Schweiz, die gesetzlichen Grundlagen zu überarbeit
en. Bis zu einer Gesetzes- bzw.
Rechtsprechungsänderung sei an den geltenden Grundlagen fest
zuhalten, da noch unklar sei, wie die Gleichbehandlung der Witwen- und Witwer
renten zukünftig umgesetzt
werde.
Es sei beispielsweise
noch nicht klar, ob es eine
Übergangsfrist
geben
und
ob
die
Anpassung rückwirkend oder nur für die Zukunft
erfolgen werde. Möglicherweise würden
die
Witwenrenten an die W
itwerrenten
angepasst
(
Urk.
2).
2.2
Der Beschwerdeführer ma
chte demgegenüber geltend, dass er als Witwer mit zwei Söhnen in Ausbildung, welche
beide über 18-jährig seien, gemäss
Art.
24
Abs.
2 AHVG nicht mit einer Witwe in derselben Situation gleichgestellt sei. Als Vater habe er die gleichen Pflichten, welche eine Frau und Mutter in seiner Situation hätte, nämlich für eine Erstausbildung der K
inder,
deren Unterhalt und Wohl
ergehen zu sorgen
.
Der EGMR habe in diesem Zusammenhang eine Verletzung der EMRK festgestellt.
Es sei
nicht einzusehen, weshalb ihm keine
Hinterlassenen
rente
zugesprochen werde (
Urk.
1).
3.
Die
Grosse Kammer des EGMR
hat
in der Streitsache B.
gegen die Schweiz bislang noch kein Urteil gefällt.
Ein endgültiges bzw. rechtskräftiges Urteil des EGMR liegt daher noch nicht vor.
Sollte die Grosse Kammer des EGMR den Entscheid der dritten Kammer bestätigen, würde eine Anpassung der Gesetzes- und Ver
ordnungsbestimmungen erfolgen. Wie die neue Regelung aussehen würde, ist offensichtlich noch unklar.
Art.
24
Abs.
2 AHVG, wonach der Anspruch auf die Witwerrente erlischt, wenn das letzte Kind das 1
8.
Altersjahr vollendet hat, ist nach wie vor in K
raft.
Dass die Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Hinter
lassenenrente
zum jetzigen Zeitpunkt
verneint hat,
ist damit nicht zu bean
stan
den.
4.
Der angefochtene Entscheid erweist sich somit als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.