Decision ID: a8b9fc7c-5a5a-5fce-8c5b-9791cb5eca1d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 14. März 2020 in der Schweiz um
Asyl nach. In der Folge stellte sich heraus, dass er bereits in Griechenland
ein Asylgesuch eingereicht hatte und ihm dort am (...) Juli 2019 Schutz
gewährt worden war.
Bei seiner Personalienaufnahme vom 18. März 2020 erklärte der Be-
schwerdeführer, er habe Afghanistan als Kleinkind verlassen und sich
danach in Pakistan aufgehalten. Im Jahre 2018 sei er nach Griechenland
gelangt und nun in die Schweiz weitergereist.
Anlässlich des sogenannten Dublin-Gesprächs vom 8. April 2020 gewährte
das SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem möglichen
Nichteintretensentscheid des SEM mit Wegweisung in den Drittstaat Grie-
chenland aufgrund der dortigen Schutzgewährung und Aufenthaltsbewilli-
gung. Dabei führte der Beschwerdeführer insbesondere aus, er möchte
nicht nach Griechenland zurückkehren, weil es dort keine Sicherheit und
keinen Schutz vor Kriminellen im und um das Camp B._ gebe, in
diesem Staat die Lebensbedingungen, die medizinische Versorgung und
die hygienischen Zustände schlecht seien und er vor der Weiterreise in die
Schweiz in Athen zwei Nächte in einem Park habe schlafen müssen.
Auf allfällige gesundheitliche Probleme angesprochen, nannte er Probleme
mit den Augen, ferner Knie-, Rücken und Gliederschmerzen sowie Schlaf-
störungen und Albträume.
A.b Am 9. April 2020 ersuchte das SEM die griechischen Behörden ge-
stützt auf die Rückführungsrichtlinie 2008/115/EG und auf das anwendbare
bilaterale Rückführungsabkommen zwischen der Schweiz und Griechen-
land um Rückübernahme des Beschwerdeführers. Die griechischen Behör-
den stimmten dem Ersuchen am 10. April 2020 zu und bestätigten gleich-
zeitig, dass der Beschwerdeführer am (...) Juli 2019 subsidiären Schutz
und, darauf basierend, eine bis (...) 2022 gültige Aufenthaltsbewilligung er-
halten habe.
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A.c
Mit Eingaben vom 8. April, 11. Mai und 2. Juni 2020 gab der Beschwerde-
führer mehrere medizinische Dokumente zu den Akten. Aus diesen ging
insbesondere eine Hyperlaxität der Gelenke, eine leichte Eosinophilie, ein
Riss in der Iris des rechten Auges und die Diagnose einer Posttraumati-
schen Belastungsstörung (PTBS) hervor.
A.d Am 9. Juni 2020 äusserte sich die zugewiesene Rechtsvertretung des
Beschwerdeführers zum Entwurf des negativen Asylentscheids des SEM
mit einer Wegweisung nach Griechenland und führte aus, eine Rückfüh-
rung dorthin wäre völkerrechtswidrig und demnach unzulässig.
A.e Mit Verfügung vom 10. Juni 2020 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht ein, dies
unter gleichzeitiger Anordnung der Wegweisung und des Wegweisungs-
vollzuges nach Griechenland. Dem Beschwerdeführer wurde eine Ausrei-
sefrist bis zum 31. Juli 2020 gesetzt.
A.f Mit Beschwerde vom 16. Juni 2020 liess der Beschwerdeführer diesen
Nichteintretensentscheid beim Bundesverwaltungsgericht anfechten. Er
beantragte die Aufhebung der Verfügung, das Eintreten auf sein Asyl-
gesuch in der Schweiz und eventualiter die Anordnung der vorläufigen Auf-
nahme unter Feststellung der Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs.
A.g Das Bundesverwaltungsgericht wies die Beschwerde mit Urteil
E-3110/2020 vom 24. Juni 2020 im vereinfachten Verfahren als offensicht-
lich unbegründet ab.
A.g.a Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, Griechenland
sei ein sicherer Drittstaat gemäss Art. 6a AsylG und die rechtlichen Voraus-
setzungen für die Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG seien offen-
sichtlich gegeben, weshalb das SEM zu Recht auf das Asylgesuch nicht
eingetreten sei.
A.g.b Bei sicheren Drittstaaten bestehe die gesetzliche Vermutung, dass
diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen einhalten würden. Zudem sei
im schweizerischen Recht die Vermutung verankert, dass eine Wegwei-
sung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar sei. Der Bundes-
rat sei – auch in Anbetracht der gegenwärtigen Asylpolitik dieses Landes –
auf seine Einschätzung Griechenlands als sicherer Drittstaat bisher nicht
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zurückgekommen. Es gelinge dem Beschwerdeführer nicht, die beiden er-
wähnten Legalvermutungen umzustossen. Das Bundesverwaltungsgericht
anerkenne in seiner konstanten Praxis, dass die Lebensbedingungen in
Griechenland für Asylsuchende und für ausländische Personen mit einem
Schutzstatus schwierig seien; es sei aber diesbezüglich nicht von einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinn von Art. 3 EMRK
respektive einer existenziellen Notlage der Betroffenen auszugehen. Per-
sonen mit Schutzstatus seien griechischen Bürgerinnen und Bürgern
gleichgestellt in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu Gerichten und den
öffentlichen Schulunterricht respektive gleichgestellt mit anderen Auslän-
dern und Ausländerinnen beispielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit
oder Gewährung einer Unterkunft. Unterstützungsleistungen und weitere
Rechte können direkt bei den zuständigen Behörden eingefordert werden,
falls notwendig auf dem Rechtsweg. Weiter können Schutzberechtigte sich
auf die Garantien in der EU-Qualifikationsrichtlinie berufen und auch diese
notfalls auf dem Rechtsweg geltend und erhältlich machen. Bei einer allfäl-
ligen Verletzung der Garantien der EMRK stehe letztlich auch der Rechts-
weg an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) offen.
Der Beschwerdeführer sei gesundheitlich unbestrittenermassen beein-
trächtigt; es handele sich bei ihm unter Berücksichtigung der medizinischen
Aktenlage aber offensichtlich nicht um eine schwerkranke Person, bei der
die ernsthafte Gefahr bestehe, dass sie bei einer Rückschaffung nach Grie-
chenland einer schwerwiegenden, rapiden und irreversiblen Verschlechte-
rung ihres Gesundheitszustandes, verbunden mit übermässigem Leiden
oder einer bedeutenden Verkürzung der Lebenserwartung ausgesetzt
wäre. Gemäss Akten sei er im Übrigen auch nicht suizidal. Schliesslich sei
festzuhalten, dass Griechenland ein Rechtsstaat sei, der über einen funk-
tionierenden Polizei- und Justizapparat verfüge, weshalb der Beschwerde-
führer sich bei allfälligen Problemen mit Drittpersonen an die griechischen
Behörden wenden könne. Es bestünden keine Hinweise darauf, dass Grie-
chenland ihm dauerhaft die ihm gemäss der Richtlinie zustehenden mini-
malen Lebensbedingungen vorenthalten und ihn einer existenziellen Not-
lage aussetzen würde.
A.g.c Der Vollzug der Wegweisung sei schliesslich auch möglich, weil die
griechischen Behörden einer Rückübernahme des Beschwerdeführers
ausdrücklich zugestimmt hätten, dieser dort über eine gültige Aufenthalts-
bewilligung verfüge, und den Akten keine Hinweise auf eine Reiseunfähig-
keit zu entnehmen seien. Das SEM habe zudem der besonderen Lage im
Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sachgerecht Rechnung getra-
gen.
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Seite 5
II.
B.
B.a Mit Eingabe vom 31. Juli 2020 richtete der Beschwerdeführer ein Wie-
dererwägungsgesuch an das SEM. Darin beantragte er erneut, es sei auf
sein Asylgesuch einzutreten, eventuell sei wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs nach Griechenland eine vorläufige Aufnahme anzu-
ordnen.
B.b Das SEM überwies diese Eingabe in der Folge an das Bundesverwal-
tungsgericht, weil die Beurteilung des Gesuchs nicht in seine Zuständigkeit
falle.
B.c Am 11. August 2020 liess der Beschwerdeführer beim SEM einen Be-
richt seines Psychiaters vom 5. August 2020 nachreichen.
B.d Mit Urteil E-4048/2020 vom 19. August 2020 trat das Bundesverwal-
tungsgericht auf die Eingabe des Beschwerdeführers nicht ein und wies sie
mit der Anweisung an das SEM zurück, sie als Wiedererwägungsgesuch
zu behandeln.
III.
C.
Das Gesuch vom 31. Juli 2020 wurde mit der Entwicklung der gesundheit-
lichen Situation sowie der Lage in Griechenland begründet.
D.
Mit Verfügung vom 1. September 2020 – eröffnet am 3. September 2020 –
wies das SEM das Wiedererwägungsgesuch ab und erklärte die Verfügung
vom 10. Juni 2020 als rechtskräftig und vollstreckbar, erhob eine Gebühr
von Fr. 600.– und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen die Ver-
fügung komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Mit Beschwerde vom 8. September 2020 gelangte der Beschwerdeführer
erneut an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte inhaltlich sinnge-
mäss die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Anweisung an
die Vorinstanz, das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen, eventuell
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die Feststellung der Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs unter Anordnung einer vorläufigen Aufnahme und eventuell
die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur korrekten Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts und zum neuen Entscheid. In pro-
zessualer Hinsicht wurden die Herstellung der aufschiebenden Wirkung
und die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung beantragt.
Mit der Beschwerde wurden ein Bericht von Ärzte ohne Grenzen vom
9. Juli 2020 und ein Artikel von Vice News vom 21. August 2020 zu den
Akten gereicht.
F.
Am 10. September 2020 setzte der Instruktionsrichter den Vollzug der
Wegweisung mit einer superprovisorischen Massnahme aus (provisori-
scher Vollzugsstopp).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem Wiedererwägungsentscheide ge-
mäss Lehre und Praxis grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung auf
dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist das
Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt
(vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert
30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrunds schriftlich und
begründet einzureichen (Art. 111b Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum soge-
nannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" vgl. BVGE 2013/22
E. 5.4 m.w.H.).
5.
5.1 In seinem Gesuch vom 31. Juli 2020 führte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen aus, im vorangegangenen ordentlichen Asylverfahren sei
seitens der schweizerischen Behörden nicht davon ausgegangen worden,
dass er eine besonders vulnerable Person sei. Nun habe sich aber sein
Gesundheitszustand verschlechtert, und er könne seine besondere Vulne-
rabilität durch Vorlage eines Berichts der C._ vom 24. Juli 2020 be-
legen. Ausserdem habe sich die Situation in Griechenland, insbesondere
in den Lagern auf Lesbos, massiv verschlimmert, wie in den mit dem Ge-
such eingereichten Berichten bestätigt werde. Auf sein Asylgesuch in der
Schweiz sei einzutreten; jedenfalls sei der Vollzug der Wegweisung nach
Griechenland heute nicht mehr zumutbar respektive unzulässig.
5.2 Die Vorinstanz hat die Rechtzeitigkeit des Wiedererwägungsgesuchs
nicht in Abrede gestellt und ist darauf eingetreten. Das Bundesverwal-
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tungsgericht hat demnach zu prüfen, ob sie in zutreffender Weise das Be-
stehen der geltend gemachten Wiedererwägungsgründe verneint und zu
Recht an der ursprünglichen Verfügung festgehalten hat. Dabei ist praxis-
gemäss der sich präsentierende Sachverhalt im Urteilszeitpunkt massge-
bend (vgl. statt vieler das Urteil des BVGer D-4909/2016 vom 5. Septem-
ber 2016 E. 4.3).
6.
6.1 Seinen Rückweisungsantrag begründet der Beschwerdeführer mit ei-
ner Verletzung seines rechtlichen Gehörs, einer Verletzung der Begrün-
dungspflicht der Vorinstanz und der unvollständigen Sachverhaltsfeststel-
lung durch das SEM. Dieses sei auf seine konkrete medizinische Situation
inhaltlich ebenso wenig eingegangen wie auf die im Gesuch und den damit
eingereichten Berichten beschriebenen Verhältnisse in Griechenland.
6.2 Diese Rügen erweisen sich als unbegründet:
6.2.1 Das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung auf den Stand-
punkt gestellt, weder die gesundheitliche Situation noch die Verhältnisse in
Griechenland hätten sich – in der kurzen Zeit zwischen Abschluss des
ordentlichen Asylverfahrens (mit Urteil des BVGer vom 24. Juni 2020) und
der Einreichung des Wiedererwägungsgesuchs (vom 31. Juli 2020) – in
relevanter Weise verändert und den Vorbringen des Beschwerdeführers
sei die wiedererwägungsrechtliche Erheblichkeit abzusprechen. Wie nach-
folgend dargelegt wird, schliesst sich das Bundesverwaltungsgericht dieser
Einschätzung an.
6.2.2 Entgegen der vom Beschwerdeführer vertretenen Auffassung liegt
weder eine Verletzung der Begründungspflicht (vgl. BVGE 2016/9 E. 5.1)
noch eine unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung vor
(vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3). Das SEM hat in seiner Verfügung den sich auf-
grund des Wiedererwägungsgesuchs ergebenden Sachverhalt richtig und
vollständig festgestellt und in der Folge mit hinreichender Begründung dar-
gelegt, wieso das Wiedererwägungsgesuch abgewiesen werde und insbe-
sondere der Wegweisungsvollzug weiterhin als zulässig, zumutbar und
möglich zu qualifizieren sei. Eine Verletzung der Begründungspflicht ist
auch nicht darin zu sehen, dass die Vorinstanz bei der Begründung ihrer
Verfügung auf die Ausführungen der ersten und zweiten Instanz im or-
dentlichen, rechtskräftig abgeschlossenen Asylverfahren verwiesen hat.
Insgesamt hat sie ihren Entscheid so begründet, dass der Beschwerdefüh-
rer sich über die Tragweite ihrer Verfügung ein Bild machen und diesen
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sachgerecht anfechten konnte. Dass ihm dies ohne Weiteres möglich war,
ergibt sich im Übrigen bereits bei Durchsicht der Beschwerdeschrift. Soweit
der Beschwerdeführer eine angeblich falsche Würdigung der Vorbringen
im Wiedererwägungsentscheid kritisiert, beschlägt dies nicht die formelle
Frage der rechtsgenüglichen Begründung, sondern ist eine Rüge materiell-
rechtlicher Natur (die nachfolgend zu behandeln sein wird). Insgesamt ist
im Kontext der korrekten Rechtsanwendung des SEM somit auch keine
Verletzung des rechtlichen Gehörs auszumachen.
6.3 Der Antrag auf Rückweisung der Sache an das SEM ist abzuweisen.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den ge-
setzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter
Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG unzumut-
bar sein, wenn der Ausländer oder die Ausländerin im Heimat- oder Her-
kunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner
Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet ist. Der Vollzug ist
nach Art. 83 Abs. 2 AIG nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Aus-
länder weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Dritt-
staat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann.
8.
8.1 Im Bericht der C._ vom 24. Juli 2020 wird bestätigt, dass der
Beschwerdeführer sich seit dem 24. Juni 2020 in stationärer Behandlung
befinde. Es werden für ihn die Diagnosen einer PTBS, einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung (infolge der PTBS) und der Verdacht auf
andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung gestellt. Der
Patient benötige ein stabiles Wohnumfeld, um Rückzugsmöglichkeiten (bei
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Anspannung) zu garantieren; andernfalls sei mit einer psychischen Desta-
bilisierung mit selbstverletzenden Handlungen zu rechnen. Die Reisefähig-
keit sei bei den aktuell auftretenden und akut-stationär behandlungsbedürf-
tigen Anspannungszuständen nicht gegeben. Bei instabilen Wohnverhält-
nissen – wie nach einer Abschiebung nach Griechenland, die möglicher-
weise mit Obdachlosigkeit verbunden wäre – sei mit einer starken Überfor-
derung zu rechnen, weil der Patient in seiner alltäglichen Handlungs- und
Entscheidungsfähigkeit limitiert sei. Die Folgen können zusätzliche psychi-
sche Anspannung, Verwahrlosung und psychische Destabilisierung mit
selbstverletzendem Verhalten sein. Die Konsequenzen einer ausbleiben-
den Traumatherapie wären die Fortsetzung der Anspannungszustände und
die damit verbundene zunehmende Hoffnungslosigkeit. Mit selbstverlet-
zenden Handlungen des Patienten sei erneut zu rechnen. Auf lange Sicht
würden zudem suizidale Handlungen wahrscheinlicher werden.
8.2 Im Bericht des Psychiaters des Beschwerdeführers vom 5. August
2020 wird dargelegt, der Patient sei von der C._ seiner Praxis zur
ambulanten Fortsetzung der Behandlung zugewiesen worden. Es werden
die Diagnosen einer PTBS, einer depressiven Episode ohne psychotische
Symptome, eines Status nach Unterarm-Verletzung bei Anspannung und
einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gestellt. Im psychopathologischen
Befund wird einerseits festgestellt, beim Patienten seien Suizidgedanken,
aber keine konkreten Pläne oder Absichten vorhanden; von akuter Suizi-
dalität sei er gut und klar distanziert. Abschliessend hält der Arzt fest, der
Patient sei wegen des instabilen psychischen Zustands aktuell nicht aus-
reisefähig. Die Ausschaffung nach Griechenland oder jede zusätzliche psy-
chische Belastung könne die Vulnerabilität und die emotionale Instabilität
verstärken und somit das Risiko einer Selbstgefährdung erhöhen. Es wür-
den weitere regelmässige Konsultationen mit Aufbaugesprächen und der
Kontrolle der Pharmakotherapie so wie Distanzierung durch mündliche
Vereinbarung von akuter Suizidalität empfohlen. Ohne Pharmakotherapie
und Psychotherapie in der Muttersprache sei die Wahrscheinlichkeit einer
erneuten Selbstgefährdung durch den unkontrollierten Affekt in einer psy-
chisch belastenden Situation als hoch einzuschätzen. Der Patient bedürfe
der engmaschigen medikamentösen Einstellung, einer Kontrolle der Ein-
nahme der Medikation und regelmässiger Psychotherapie.
8.3 Gemäss diesen medizinischen Berichten hat sich der Gesundheitszu-
stand des Beschwerdeführers in der kurzen Zeit seit Abschluss des or-
dentlichen Asylverfahrens verschlechtert. Das Bundesverwaltungsgericht
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Seite 11
schliesst sich jedoch der Auffassung der Vorinstanz an, wonach weiterhin
kein Vollzugshindernis aus medizinischen Gründen vorliege:
8.3.1 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Der bedauerliche aktu-
elle Gesundheitszustand des Beschwerdeführers vermag die Annahme der
Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne dieser restriktiven
Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen.
8.3.2 Gemäss konstanter Praxis der schweizerischen Asylbehörden ist aus
medizinischen Gründen dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs zu schliessen, wenn eine notwendige medizinische Behandlung im
Zielstaat nicht zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und
lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur In-
validität oder gar zum Tod der betroffenen Person führen würde. Dabei wird
als wesentlich die allgemeine und dringende medizinische Behandlung er-
achtet, welche zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz ab-
solut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls noch nicht vor, wenn im
Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht dem schweizerischen Standard ent-
sprechende medizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2011/50
E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2).
Griechenland verfügt als EU-Staat über eine hinreichende medizinische
Infrastruktur für die vorliegend ausgewiesenen Gesundheitsbeschwerden.
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Seite 12
Das Land hat sich, wie im Urteil E-3110/2020 des BVGer ausführlich dar-
gelegt worden ist (auf welche Erwägungen an dieser Stelle verwiesen wer-
den kann [vgl. a.a.O. E. 7.4 S. 13 f.]), völkerrechtlich verpflichtet, Asylsu-
chenden und ausländischen Personen mit einem Schutzstatus die erfor-
derlichen medizinischen Behandlungen zur Verfügung zu stellen. Der Be-
schwerdeführer ist gehalten, diese ihm zustehenden Rechte einzufordern
und nötigenfalls auf dem Rechtsweg durchzusetzen.
8.3.3 Die mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragten schweizerischen
Behörden werden die griechischen Behörden vor der Durchführung der
Wegweisung über die besonderen medizinischen Bedürfnisse des Be-
schwerdeführers zu informieren und diesen Umständen bei der Bestim-
mung geeigneter Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen haben. Der
Beschwerdeführer ist seinerseits gehalten, bei der Vorbereitung seiner
Rückkehr mit den Vollzugsbehörden zu kooperieren, was seine geordnete
und gut vorbereitete Rückkehr erleichtern würde. Es steht ihm auch frei,
von den Möglichkeiten der Rückkehrhilfe Gebrauch zu machen (vgl. Art. 93
Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999
[AsylV 2, SR 142.312]).
8.4 Ohne die psychischen Leiden des Beschwerdeführers und seine per-
sönlichen Schwierigkeiten bei einer Rückkehr zu verkennen, ist aufgrund
der Aktenlage nicht davon auszugehen, er gerate bei einer Rückkehr nach
Griechenland zwangsläufig in eine seine Existenz gefährdende Situation,
die als konkrete Gefährdung im Sinn von Art. 3 EMRK oder Art. 83 Abs. 4
AIG zu werten wäre.
9.
9.1 Was die im Wiedererwägungsgesuch und in der vorliegend zu beurtei-
lenden Beschwerde thematisierten allgemeinen Lebensverhältnisse für
Personen mit Schutzstatus in Griechenland anbelangt (demnach insbeson-
dere betreffend Zugang zu Wohnraum, zum Arbeitsmarkt zum griechischen
Sozialwesen), kann zwecks Vermeidung unnötiger Wiederholungen voll-
umfänglich auf die Ausführungen im Urteil E-3110/2020 vom 24. Juni 2020
verwiesen werden (vgl. dort E. 7.4 S. 13).
9.2 An diesen Erwägungen vermögen weder die eingereichten Berichte,
noch die Tatsache etwas zu ändern, dass Anfang September 2020 ein
grosses Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos durch einen Grossbrand
weitgehend zerstört worden ist. Im Übrigen wäre der Beschwerdeführer
– angesichts des Abschlusses seines Asylverfahrens und dem ihm zuer-
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Seite 13
kannten Schutzstatus – ohnehin kaum in das Lager B._ zurückge-
kehrt, das von der (EU) bisher als Registrierungs- und Aufnahmezentrum
zur
Erstregistrierung von Geflüchteten und zur Durchführung der Asylverfah-
ren vorgesehen war.
10.
10.1 Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs ist gemäss konstanter Pra-
xis festzustellen, wenn sich voraussichtlich sowohl die freiwillige Ausreise
als auch der zwangsweise Vollzug für die Dauer von mindestens einem
Jahr als undurchführbar erweisen würden (vgl. bereits Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [ARK] 1995
Nr. 14). Das Bundesverwaltungsgericht hat diese Praxis der ARK über-
nommen und führt sie weiter (vgl. statt vieler etwa das Urteil des BVGer
D-4153/2020 vom 4. September 2020 S. 9 f.).
10.2 Den vorgelegten medizinischen Unterlagen ist nicht zu entnehmen,
dass die Reisefähigkeit des Beschwerdeführers – mithin die Frage, ob er
aus medizinischer Sicht in der Lage ist, von der Schweiz nach Griechen-
land zu gelangen –, für die Dauer eines Jahres auszuschliessen wäre.
10.3 Auch die aktuelle Ausbreitung des SARS-CoV-2 Virus und insbeson-
dere die daraus resultierenden Restriktionen im Reiseverkehr erfüllen die
genannten strengen Anforderungen hinsichtlich der Annahme der Unmög-
lichkeit des Wegweisungsvollzuges praxisgemäss nicht (vgl. auch hierzu
das Urteil des BVGer D-4153/2020, a.a.O.).
10.4 Der Vollständigkeit halber ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen,
dass der zuständige Kanton dem SEM die Anordnung einer vorläufigen
Aufnahme beantragen würde, falls sich der Vollzug wider Erwarten doch
als längerfristig technisch undurchführbar erweisen würde (Art. 46 Abs. 2
AsylG).
11.
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer weiterhin
in einen sicheren Drittstaat zurückkehren kann und der Vollzug der Weg-
weisung dorthin zulässig, zumutbar und möglich ist. Das SEM hat zu Recht
das Vorliegen einer wiedererwägungsrechtlich relevanten Veränderung der
Aktenlage verneint. Die angefochtene Verfügung verletzt Bundesrecht
nicht, stellt den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig fest
(Art. 106 Abs. 1 AsylG) und ist – soweit diesbezüglich überprüfbar – ange-
messen. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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Seite 14
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem seine Rechtsbegeh-
ren nicht aussichtlos im Sinn von Art. 65 Abs. 1 VwVG waren und gemäss
Akten von seiner Mittellosigkeit ausgegangen werden kann, ist in Gutheis-
sung des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
von einer Kostenauflage abzusehen.
13.
Die Gesuche um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht und um (defi-
nitive) Herstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde werden
mit dem vorliegenden Direktentscheid gegenstandslos. Der provisorische
Vollzugsstopp fällt mit dem Urteil ebenfalls dahin.
(Dispositiv nächste Seite)
E-4461/2020
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