Decision ID: c7ae4674-1ff6-46c5-b5d7-93f505da1f5b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
Der damals minderjährige A._ (nachfolgend: der Beschwerdefüh-
rer) ersuchte am 16. Juni 2016 um Asyl in der Schweiz.
Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 27. Juli 2016 und der An-
hörung vom 13. September 2016 machte er im Wesentlichen geltend, er
sei äthiopischer Staatsangehöriger, gehöre der Ethnie der Somali sowie
dem Clan der (...) an. Er sei in B._ in der Provinz Dhagah Bur auf-
gewachsen, wo auch seine Familienangehörigen lebten. Er sei im Mai
2015 ausgereist, weil zuerst vier seiner Onkel väterlicherseits und danach
sein Vater von den äthiopischen Behörden festgenommen worden seien,
da diese der Ogaden National Liberation Front (ONLF) angehörten. Einige
Monate später sei er (der Beschwerdeführer) selber von der Liyuu-Polizei
verhaftet und geschlagen worden. Nach einigen Tagen habe er fliehen kön-
nen und sei aus Angst vor weiteren Repressalien ausgereist.
B.
Mit Verfügung vom 15. November 2016 stellte das SEM fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein
Asylgesuch ab. Der Vollzug der Wegweisung wurde wegen Unzumutbar-
keit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben. Die gegen die
vorinstanzliche Verfügung erhobene Beschwerde wurde mit Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts D-7871/2016 vom 10. April 2018 abgewiesen.
II.
C.
Von 28. Juli 2020 bis 19. August 2020 galt der Beschwerdeführer als ver-
schwunden. Als Begründung für sein Verschwinden gab er an, er habe sich
während dieser Zeitspanne bei Kollegen in C._ aufgehalten.
D.
Mit Strafbefehl vom 1. September 2020 wurde der Beschwerdeführer von
der Staatsanwaltschaft (...) wegen Hinderung einer Amtshandlung im
Sinne von Art. 286 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs vom 21. De-
zember 1937 (StGB, SR 311.0) zu einer Geldstrafe von zehn Tagessätzen
à je Fr. 30.–, unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren, sowie zu
einer Busse von Fr. 300.– verurteilt.
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E.
E.a Mit Schreiben vom 9. September 2020 gewährte die Vorinstanz dem
Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Aufhebung der
vorläufigen Aufnahme.
E.b Der Beschwerdeführer liess sich innert der ihm gesetzten Frist nicht
vernehmen.
F.
F.a Mit Eingabe vom 29. Oktober 2020 ersuchte der Beschwerdeführer –
handelnd durch seine damalige Rechtsvertretung – um Wiederherstellung
der Frist, welche ihm durch die Vorinstanz gewährt und bis zum 18. No-
vember 2020 erstreckt wurde.
F.b Mit Eingabe vom 18. November 2020 reichte der Beschwerdeführer
eine Stellungnahme zur beabsichtigten Aufhebung der vorläufigen Auf-
nahme ein.
F.c Am 12. Mai 2021 reichte der Beschwerdeführer eine ergänzende Stel-
lungnahme bei der Vorinstanz ein. Dem Schreiben wurde ein «ärztlicher
Bericht zu Händen des SEM» vom 12. Mai 2021 beigelegt.
G.
Mit Verfügung vom 17. Juni 2021 hob die Vorinstanz die am 15. November
2016 verfügte vorläufige Aufnahme auf und verpflichtete den Beschwerde-
führer, das Staatsgebiet der Schweiz sowie den Schengen-Raum innert
der angesetzten Ausreisefrist zu verlassen, ansonsten der Vollzug unter
Zwang vollzogen werden könne. Der Kanton D._ wurde mit dem
Vollzug der Wegweisung beauftragt.
H.
Der Beschwerdeführer erhob gegen die vorinstanzliche Verfügung vom
17. Juni 2021 mit Eingabe vom 22. Juli 2021 Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht und beantragte, die Verfügung sei aufzuheben, es sei
von der Aufhebung der vorläufigen Aufnahme abzusehen respektive der
Entscheid sei in Wiedererwägung zu ziehen und er sei erneut vorläufig auf-
zunehmen, es sei die Unzulässigkeit beziehungsweise die Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs festzustellen und dem Beschwerdeführer er-
neut die vorläufige Aufnahme zu erteilen. Als Eventualantrag sei die Verfü-
gung als nichtig aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Weiter wurde die aufschiebende Wirkung bean-
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tragt. Die Vollzugsbehörden seien im Sinne einer vorsorglichen Mass-
nahme anzuweisen, von Vollzugshandlungen abzusehen, bis über die auf-
schiebende Wirkung des Gesuchs entschieden werde. In verfahrensrecht-
licher Hinsicht wurden die unentgeltliche Prozessführung, der Verzicht auf
einen Kostenvorschuss sowie die Einsetzung der rubrizierten Rechtsver-
treterin als amtliche Rechtsbeiständin beantragt.
Der Beschwerde wurden nebst der angefochtenen Verfügung und einer
Vollmacht vom 29. Oktober 2020 folgende Beweismittel beigelegt:
- Vorlehrvertrag vom 6. Mai 2021 und 2. Juni 2021 der (...);
- Zwischenzeugnis vom 7. Juli 2021;
- Formular: «Wiederaufnahme des Aufenthalts vom 19. August 2020».
I.
Mit Verfügung vom 3. August 2021 trat die damalige Instruktionsrichterin
auf die Begehren um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und vorsorgli-
che Massnahmen nicht ein und stellte fest, der Beschwerdeführer dürfe
den Ausgang in der Schweiz abwarten. Die Gesuche um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung sowie der Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses wurden gutgeheissen und MLaw Géraldine Kronig als
amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz
zur Vernehmlassung eingeladen.
J.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren auf die
rubrizierte vorsitzende Richterin umgeteilt.
K.
Mit Eingabe vom 25. August 2021 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlas-
sung ein.
L.
Mit Eingaben vom 7. und 12. Oktober 2021 replizierte der Beschwerdefüh-
rer und legte folgenden Unterlagen bei:
- Referenzschreiben vom 22. September 2021;
- Bestätigung eines absolvierten Integrationskurses des Berufsbildungs-
zentrums des Kantons D._ vom 15. September 2021;
- Bestätigung des Fussballclubs E._ betreffend die Mitgliedschaft
und Spielberechtigung des Beschwerdeführers (undatiert);
- Zwischenzeugnis vom 7. Juli 2021 der (...);
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- Referenzschreiben des Lehrlingsverantwortlichen der (...) (undatiert);
- Referenzschreiben der (...) vom 21. September 2021.
M.
Am 8. Dezember 2021 reichte der Beschwerdeführer einen definitiven Aus-
trittsbericht der (...) vom 9. April 2019 sowie eine Kostennote zu den Akten.
N.
Mit Eingabe vom 17. Januar 2022 legte der Beschwerdeführer eine Kopie
seines Deutsch-Diploms des Niveaus B1 (Ausstellungsdatum: 5. Februar
2018) zu den Akten.
O.
Mit den Eingaben vom 9. Juni 2022 und 4. Juli 2022 reichte die Rechtsver-
treterin weitere Referenzschreiben ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32), beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet im Bereich der Aufhebung der vor-
läufigen Aufnahme endgültig (Art. 84 Abs. 2 Bundesgesetz vom 16. De-
zember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integra-
tion [AIG, SR 142.20]; Art. 83 Bst. c Ziff. 3 Bundesgesetz vom 17. Juni
2005 über das Bundesgericht [BGG, SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach den allgemeinen Bestimmungen der
Bundesrechtspflege (Art. 37 VGG und Art. 112 AIG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
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daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 112 Abs. 1 AIG
i.V.m. Art. 37 VGG, Art. 48, Art. 50 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Mit der Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts und die Unangemes-
senheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 49 VwVG, vgl. hierzu
auch BVGE 2014/26 E. 5).
3.
In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu be-
handeln wären, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Angesichts dessen, dass die ma-
terielle Prüfung zu Gunsten des Beschwerdeführers ausfällt und die ange-
fochtene Verfügung aufgehoben wird, kann auf die Prüfung der formellen
Rügen verzichtet werden.
4.
4.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht die vorläufige
Aufnahme des Beschwerdeführers aufgehoben hat.
4.2 Ist der Vollzug einer verfügten Aus- oder Wegweisung nicht möglich,
nicht zulässig oder nicht zumutbar, so verfügt das SEM die vorläufige Auf-
nahme (Art. 83 Abs. 1 AIG).
4.3 Das SEM überprüft periodisch, ob die Voraussetzungen für die vorläu-
fige Aufnahme noch gegeben sind und ordnet gegebenenfalls deren Voll-
zug an (Art. 84 Abs. 1 und 2 AIG). Dies ist der Fall, wenn der Vollzug der
rechtskräftig angeordneten Wegweisung (nunmehr) zulässig ist und es der
ausländischen Person zumutbar und möglich ist, sich in ihren Heimat-, den
Herkunfts- oder einen Drittstaat zu begeben (Art. 83 Abs. 2-4 AIG).
4.4 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernis-
sen gilt gemäss ständiger Praxis derselbe Beweisstandard wie bei der
Flüchtlingseigenschaft. Diese sind folglich zu beweisen, wenn der strikte
Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.
BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
4.5 In seinem Grundsatzentscheid E-3822/2019 vom 28. Oktober 2020
(publiziert als BVGE 2020 VI/9) stellte das Bundesverwaltungsgericht fest,
dass bei der Beurteilung einer Aufhebung einer vorläufigen Aufnahme im
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Sinne von Art. 84 Abs. 2 AIG das Verhältnismässigkeitsprinzip, welches ei-
nen allgemeinen Grundsatz staatlichen Handelns bildet, zu beachten ist
(vgl. Art. 5 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenos-
senschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101]; Art. 96 Abs. 1 AIG; vgl. a.a.O.
E. 7 bis 11; Urteil des BVGer D-3705/2020 vom 25. November 2021 E. 7.1).
5.
5.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte die Vorinstanz
aus, der Beschwerdeführer sei im Alter von fünfzehn Jahren in die Schweiz
eingereist und habe in der Folge eine vorläufige Aufnahme erhalten, weil
eine Rückkehr in seinen Heimatstaat Äthiopien unter Würdigung sämtlicher
Umstände sowie unter Berücksichtigung der Aktenlage zum damaligen
Zeitpunkt insbesondere wegen seiner Minderjährigkeit sowie der damit zu-
sammenhängenden fehlenden existentiellen Grundlage als unzumutbar
eingeschätzt worden sei. Mit dem Eintreten seiner Volljährigkeit sei nun der
ursprüngliche Grund für die Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegge-
fallen.
Da seinen Asylgründen nicht geglaubt worden und die Asylrelevanz nicht
geprüft worden sei, würden sich keine Anhaltspunkte ergeben, dass er im
Fall einer Rückkehr in seinen Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit einer verbotenen Behandlung im Sinne vom Art. 3 der Konvention vom
4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten
(EMRK, SR 0.101) ausgesetzt wäre. Diese Einschätzung habe das Bun-
desverwaltungsgericht in seinem Urteil D-7871/2016 vom 10. April 2018
bestätigt. Auch die in der Stellungnahme des Beschwerdeführers einge-
reichten Berichte zur konfliktgeladenen Situation in Äthiopien würden
nichts daran zu ändern vermögen, zumal sich die Berichte hauptsächlich
auf die Tigray-Region beziehen würden. In der Somali-Region, aus welcher
der Beschwerdeführer stamme, käme es zu humanitären Problemen wie
etwa Dürre und Heuschreckenplagen. Naturkatastrophen könnten jedoch
nicht unter Art. 3 EMRK subsumiert werden, da davon die gesamte Bevöl-
kerung betroffen sei. Seit dem Amtsantritt von Premierminister Abiy Ahmed
2018 habe sich die politische Lage sogar verbessert. Trotz des beunruhi-
genden Wiederauflebens von Spannungen in Äthiopien – insbesondere in
der Tigray-Region – sei deshalb jedoch noch keine Situation von Krieg oder
allgemeiner Gewalt ersichtlich.
Aus den Akten ergäben sich ausserdem keine Hinweise, dass ein Vollzug
der Wegweisung aus medizinischer Sicht unzumutbar sei.
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Bezüglich seiner Integration sei festzustellen, dass keine Anhaltspunkte
dafür vorliegen würden, dass der Beschwerdeführer in sprachlicher, sozia-
ler und wirtschaftlicher Hinsicht so überdurchschnittlich integriert sei, um
daraus eine enge Beziehung zur Schweiz herleiten zu können. Sprach-
kenntnisse gehörten zur grundlegenden Voraussetzung einer Integration
und dürften entsprechend vorausgesetzt werden. Obwohl es positiv zu
würdigen sei, dass er seit Mai 2021 einer Erwerbstätigkeit nachgehe, könn-
ten keine Prognosen darüber getätigt werden, ob ihm eine nachhaltige wirt-
schaftliche Integration in der Schweiz tatsächlich gelingen werde. Ferner
sei der Beschwerdeführer während rund drei Wochen als verschwunden
gemeldet und mit Strafbefehl vom 1. September 2020 wegen Hinderung
einer Amtshandlung zu zehn Tagessätzen und einer Busse verurteilt wor-
den. Schliesslich verfüge er über keine Familienangehörigen in der
Schweiz und habe seine prägenden Jahre und die Schulzeit in Äthiopien
verbracht. Angesichts dieser Faktoren sei nicht von einer tiefgreifenden
Verwurzelung des Beschwerdeführers in der Schweiz auszugehen. De-
mensprechend überwiege das öffentliche das private Interesse und die
Aufhebung der vorläufigen Aufnahme erweise sich als verhältnismässig.
5.2 In der Beschwerde wurde gerügt, ein Vollzug der Wegweisung sei an-
gesichts der aktuell äusserst volatilen Lage in Äthiopien unzulässig und
unzumutbar. Ein real risk im Sinne von Art. 3 EMRK könne nicht von vorn-
herein ausgeschlossen werden, zumal es sich zurzeit nicht abschliessend
beurteilen lasse, inwiefern sich die Situation in Äthiopien entwickeln werde.
Verschiedenen Berichten zufolge berge der Tigray-Konflikt die Gefahr ei-
nes grossflächigen regionalen Konflikts, und gemäss der Organisation der
Vereinigten Nationen (UNO) bestehe ein hohes Risiko von ethnischen Säu-
berungen oder Völkermord in Äthiopien. Auch die Somali-Region, aus wel-
cher der Beschwerdeführer stamme, drohe in den Krieg hereingezogen zu
werden. Insbesondere habe die Somali-Region in Äthiopien mit humanitä-
ren und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, wobei sich Schätzungen
zufolge die in absoluter Armut lebenden Personen aufgrund der Covid-19-
Pandemie verdoppelt habe. Der Ansicht der Vorinstanz, wonach die Kon-
flikte in der Tigray-Region sowie in der Somali-Region beendet seien und
es sich bei den Konflikten lediglich um Spannungen handle, sei zu wider-
sprechen.
Bezüglich der individuellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei
festzustellen, dass die Argumentation der Vorinstanz, wonach einerseits
die Identität des Beschwerdeführers ungeklärt sei, anderseits seinen Aus-
sagen nicht geglaubt werden könne, sich als widersprüchlich erweise. Es
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Seite 9
sei darauf hinzuweisen, dass anlässlich seines Asylverfahrens nur an sei-
ner Verfolgung, jedoch nicht an seiner Identität und Herkunft gezweifelt
worden sei. Auch gelte es zu beachten, dass der Beschwerdeführer wäh-
rend der Anhörung erst fünfzehnjährig gewesen sei und deshalb nicht der
gleiche Massstab an die Glaubhaftigkeit gesetzt werden dürfe wie bei er-
wachsenen Asylsuchenden. Zudem falle auf, dass seine Lebensumstände
und diejenigen seiner Familie, unter welchen er in seinem Heimaltland ge-
lebt habe, nicht detailliert abgeklärt worden seien. Diesbezüglich sei fest-
zuhalten, dass er aus sehr ärmlichen Verhältnissen stamme. Ein intaktes
familiäres Beziehungsnetz, welches ihm Unterstützung bieten könne,
würde fehlen. So sei beispielweise unbeachtet geblieben, dass sein Vater
zwei Ehefrauen respektive Familien habe und drogenabhängig sei, wes-
halb von ihm keine finanzielle Unterstützung zu erwarten sei. Zwar bestehe
Kontakt zu seiner Mutter, nicht jedoch zu seinen Onkeln. Aufgrund seines
kurzen Besuchs (von drei Monaten) einer Koranschule in Äthiopien, seiner
fehlenden Berufserfahrung und eingeschränkter Sprachkenntnisse (er
spreche die Amtssprache Amharisch nicht) erscheine es äusserst fragwür-
dig, dass er in der Lage sein würde, sich im Heimatland eine Existenz auf-
zubauen.
Das persönliche Interesse des Beschwerdeführers am Verbleib in der
Schweiz sei aufgrund seiner fortgeschrittenen Integration als hoch zu ge-
wichten. Ausserdem habe er seine prägenden Jahre – nämlich seine Ado-
leszenz – in der Schweiz verbracht. Auch sein fünfjähriger Aufenthalt in der
Schweiz lasse auf eine Verwurzelung schliessen. Er verfüge seit 2018 über
ein Diplom in deutscher Sprache auf dem Referenzniveau B1, wobei darauf
hinzuweisen sei, dass etwa der Kanton D._ von einer sprachlich
hervorragenden Integration bereits bei einem Sprachdiplom mit dem Refe-
renzniveau A2 ausgehe. Weiter habe er einen vom Kanton bewilligten
Lehrvertrag erhalten, eine Tatsache, welche von einer gelungenen sowie
nachhaltigen Integration zeuge. Sodann habe er einen Hip-Hop-Kurs be-
sucht und in einem Fussballclub gespielt. Es könne nicht im öffentlichen
Interesse der Schweiz sein, einen jungen Mann wie den Beschwerdefüh-
rer, welcher sich integriert habe und eine Ausbildung absolviere, wegzu-
weisen.
Zu seinem dreiwöchigen Verschwinden im Sommer 2020 sei zu erklären,
dass er gerade zu diesem Zeitpunkt aufgrund seiner Volljährigkeit aus den
engen Strukturen für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) ent-
lassen worden sei und in der Folge anfänglich Probleme gehabt habe, sich
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Seite 10
an die Umstände des Durchgangzentrums F._ zu gewöhnen. Des-
halb habe er diese drei Wochen bei Freunden in C._ verbracht.
Dass er sich während dieser Zeit in der Schweiz aufgehalten habe, könne
er auch anhand des eingereichten Arztberichts vom 12. Mai 2021 belegen,
wonach er nachweislich im Sommer 2020 in medizinischer Behandlung ge-
wesen sei. Schliesslich sei die Verurteilung zu einer Geldstrafe von zehn
Tagessätzen wegen Hinderung einer Amtshandlung als geringfügiges Ver-
gehen ohne Gewaltanwendung zu betrachten. Unter dem Blickwinkel des
einmaligen Verübens eines geringfügigen Delikts erweise sich die Aufhe-
bung der vorläufigen Aufnahme als unverhältnismässig.
5.3 In der Vernehmlassung wurde bezüglich des Einwands, eine Rückkehr
sei nicht zumutbar, weil der Beschwerdeführer aufgrund seiner fehlenden
Sprachkenntnisse der amharischen Amtssprache keine Arbeit finden
könne, festgehalten, dass die äthiopischen Behörden seit 2020 verschie-
dene Sprachen – unter anderem auch Somali – als Amtssprachen aner-
kannt hätten. Sodann sei anzumerken, dass es ihm freistehe, bei den kan-
tonalen zuständigen Behörden ein Gesuch um Erteilung einer Aufenthalts-
bewilligung einzureichen. Überdies habe er seine vorgebrachten Integrati-
onsbemühungen nicht belegen können. Auch das Argument, es werde ihm
bei der Aufhebung der vorläufigen Aufnahme nicht mehr möglich sein,
seine begonnenen Vorlehren abzuschliessen, könne nicht bestätigt wer-
den, zumal der Vorlehrvertrag bis Juli 2022 laufe. Gemäss Weisungen des
SEM könne die Dauer der Verlängerung der Ausreisefrist bei laufender be-
ruflicher Grundausbildung je nach Einzelfallprüfung für bis zu zwölf Monate
beantragt werden.
5.4 In der Replik wurde in Bezug auf die Möglichkeit einer Einreichung ei-
nes Gesuchs um eine kantonale Aufenthaltsbewilligung darauf hingewie-
sen, dass der Erhalt einer solchen Bewilligung von äusserst strikten und
kantonal unterschiedlichen Voraussetzungen abhängig sei. Praxisgemäss
verlange das Migrationsamt des Kantons D._ unter anderem 24
Lohnabrechnungen sowie eine Sozialhilfeunabhängigkeit. Da der Be-
schwerdeführer eine Vorlehre absolviere, falle die Möglichkeit eines sol-
chen Gesuchs weg. Sodann seien die Beurteilung der Voraussetzungen
der Erteilung einer humanitären Aufenthaltsbewilligung und die Aufhebung
der vorläufigen Aufnahme unterschiedlich, wobei die vorläufige Aufnahme
unter Umständen einen stärkeren Schutz als eine Aufenthaltsbewilligung
darstellen könne. Aus dem eingereichten Referenzschreiben eines lang-
jährigen Freundes des Beschwerdeführers gehe die soziale und sprachli-
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Seite 11
che Integration deutlich hervor. Des Weiteren sei auf den einjährigen Integ-
rationskurs und seine aktuelle Vorlehre hinzuweisen. Ferner sei zu beach-
ten, dass aufgrund gesundheitlicher Beschwerden seine Integration mass-
geblich verzögert worden sei, zwischen 28. November 2018 bis 5. März
2019 sei er in einer Rehaklinik gewesen.
Sodann sei der Hinweis auf eine mögliche Verlängerung der Ausreisefrist
um maximal zwölf Monate für den Beschwerdeführer ungeeignet, da er im
Anschluss an die Vorlehre eine Lehre mit wesentlich längerer Dauer absol-
vieren wolle. Aus dem Zwischenzeugnis seines Vorgesetzten gehe hervor,
dass der Beschwerdeführer eine interessierte und aufgeschlossene Per-
son sei und sich stets korrekt verhalte. Angesichts dessen, dass eine Lehr-
ausbildung für den Lehrbetrieb eine Investition sei, sei auch im Sinne des
öffentlichen Interesses für die Schweiz von einer Aufhebung der vorläufi-
gen Aufnahme abzusehen. Es bestehe die Möglichkeit, eine mildere Mass-
nahme als eine Aufhebung der vorläufigen Aufnahme anzustreben, etwa
mittels Integrationsvereinbarung, mit welcher er sich verpflichten würde,
die Lehre erfolgreich abzuschliessen. Schliesslich sei festzuhalten, dass er
durch seine Jugend seine prägenden Jahre in der Schweiz verbracht habe
und es ihm trotz seiner längeren Krankheitsgeschichte gelungen sei, einen
Ausbildungsplatz zu finden. Eine Wegweisung würde die Integrationsbe-
mühungen zunichtemachen.
6.
6.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
D-3347/2021
Seite 12
6.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich er-
hebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, ist vorlie-
gend das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 FK
und Art. 5 AsylG nicht anwendbar.
Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach
unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
6.3 Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge-
meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3
BV; Art. 3 FoK; Art. 3 EMRK). Gemäss Praxis des Europäischen Gerichts-
hofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folteraus-
schusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr (real risk)
nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer,
37201/06, §§ 124-127 m.w.H.). Solches wird vom Beschwerdeführer in-
dessen weder vorgebracht noch ergeben sich entsprechende konkrete An-
haltspunkte aus den Akten. Schliesslich lässt auch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Äthiopien den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Mithin ist der Vollzug der Weg-
weisung des Beschwerdeführers zulässig.
6.4
6.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht ging bis vor kurzem in konstanter
Praxis von der grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
nach Äthiopien aus. Trotz der weiterhin herrschenden ethnischen Span-
nungen und Protestbewegungen in Äthiopien sei die allgemeine Lage – mit
Ausnahme der nördlichen Konfliktregion Tigray – nicht generell durch
Krieg, Bürgerkrieg oder durch eine Situation allgemeiner Gewalt gekenn-
zeichnet, aufgrund derer die Zivilbevölkerung allgemein als konkret gefähr-
det zu bezeichnen wäre (vgl. Urteile des BVGer E-7261/2018 vom 18. Ok-
tober 2021 E. 12.6.2; E-2496/2021 vom 7. Juli 2021 E. 9.3; E-568/2020
D-3347/2021
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vom 7. Juli 2021 E. 8.3; E-3425/2021 vom 14. Januar 2022 E. 7.4.1). In-
wiefern sich diese Einschätzung der politischen Lage nach der Eskalation
des Tigraykonfliktes im Laufe des vergangenen Jahres auf weitere Regio-
nen des Landes – insbesondere die Somali-Region, welche rund 1'500 Ki-
lometer von der Konfliktregion Tigray entfernt liegt – entscheidend aus-
wirkt, kann vorliegend im Hinblick auf die nachfolgenden Erwägungen of-
fengelassen werden (vgl. Urteil des BVGer E-3425/2021 vom 14. Januar
2022 E. 7.4.1).
6.5
6.5.1 Gemäss Praxis des Gerichts sind zur Erlangung einer sicheren Exis-
tenzgrundlage in Äthiopien begünstigende Faktoren wie finanzielle Mittel,
berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz erforderlich (vgl.
BVGE 2011/25 E. 8.4 f.). Die Vorinstanz bejahte die Zumutbarkeit des Voll-
zugs der Wegweisung und führte aus, der Beschwerdeführer sei ein junger,
gesunder Mann im erwerbsfähigen Alter. Auch seine (...)erkrankung sei zu-
friedenstellend ausgeheilt. Dem Vorhalt, er gehöre im Zusammenhang mit
der Covid-19-Pandemie nach seiner Erkrankung zu einer Risikogruppe,
könne nicht gefolgt werden. Insgesamt sei es ihm möglich, in Äthiopien
eine eigene wirtschaftliche Existenzgrundlage aufzubauen. Die im Mai
2021 in der Schweiz aufgenommene Erwerbstätigkeit bestärke die wirt-
schaftliche Integrationsmöglichkeit in seinem Heimatland. Eine drohende
existentielle Notlage habe er hingegen nicht näher begründen können. Zu-
dem sei davon auszugehen, dass er über ein familiäres Netz im Heimat-
land verfüge und seine Mutter, seine vier jüngeren Geschwister oder sein
Onkel ihm auch eine Wohnmöglichkeit bieten könnten, zumal er angege-
ben habe, sporadisch in Kontakt mit seiner Mutter zu stehen. Auch im Zu-
sammenhang mit den Unruhen im Heimatland erscheine ein Vollzug der
Wegweisung als zumutbar.
6.5.2 Der Einschätzung der Vorinstanz ist vorliegend grundsätzlich zuzu-
stimmen. Ergänzend ist dabei darauf hinzuweisen, dass die Vorinstanz in
ihrer Verfügung 15. November 2016 auf die Prüfung von Vollzugshinder-
nissen verzichtete und dem Beschwerdeführer «in Würdigung sämtlicher
Umstände und unter Berücksichtigung der Aktenlage im gegenwärtigen
Zeitpunkt» wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläu-
fige Aufnahme gewährte.
6.5.3 Der Beschwerdeführer gab denn zusammenfassend in seiner Anhö-
rung an, dass seine Mutter und die vier jüngeren Geschwister in seinem
http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/25
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Heimatdorf B._ lebten. Auch weitere Verwandte, insbesondere On-
kel des Beschwerdeführers, würden in derselben Region leben. Er selber
habe in Äthiopien keine Schule besucht (vgl. SEM-Akte A20/20, F8, F12-
14, F22-27, F29-30; A9/12, F1.17.04, F3.01, F7.02). In den Beschwerde-
akten befinden sich keine Hinweise darauf, dass sich die familiäre Situation
massgeblich geändert hat. Angesichts dieser Umstände ist davon auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer auf ein zumindest teilweise funktionie-
rendes familiäres Netzwerk im Heimatland zurückgreifen kann, welches
ihm bei einer Reintegration hilfreich zur Seite stehen wird. Ferner ist davon
auszugehen, dass er bei seiner Mutter wohnen kann, womit auch die
Wohnsituation geregelt scheint. Aufgrund seiner in der Schweiz gesammel-
ten Berufserfahrungen wird es ihm möglich sein, auch nach mehrjähriger
Landesabwesenheit und trotz fehlender Kenntnis, die Amtssprache Amha-
risch zu sprechen, in Äthiopien eine Arbeit zu finden. Insgesamt ist vorlie-
gend davon auszugehen, dass begünstigende Faktoren zum Erlangen ei-
ner sicheren Existenzgrundlage vorhanden sind.
6.5.4 Unter Berücksichtigung aller Umstände kommt auch das Bundesver-
waltungsgericht zum Schluss, dass sich ein Vollzug der Wegweisung im
aktuellen Zeitpunkt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG als zumutbar erweist.
6.6 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.
7.1 Es bleibt schliesslich zu prüfen, ob sich die Aufhebung der vorläufigen
Aufnahme als verhältnismässig erweist.
7.2 Gemäss Art. 96 AIG sind die privaten Interessen der vorläufig aufge-
nommenen Person an einem Verbleib in der Schweiz und das Interesse
des Staates an der Aufhebung der vorläufigen Aufnahme sowie des Voll-
zugs der Wegweisung gegeneinander abzuwägen (vgl. BVGE 2007/32).
Dabei ist keine schematische Betrachtungsweise vorzunehmen, sondern
es ist auf die gesamten Umstände des Einzelfalles abzustellen. Zu berück-
sichtigen sind insbesondere Faktoren wie die Dauer der Anwesenheit in
der Schweiz, der Grad der Integration, die familiäre Situation, die noch zum
Heimatstaat bestehenden Verbindungen, sowie bei Straffälligkeit die
Schwere begangener Delikte respektive die Art der verletzten Rechtsgüter,
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das Verschulden des Betroffenen und das Verhalten der ausländischen
Person während dieser Periode (vgl. BVGE 2020 VI/9 E. 10.4; Urteil des
BVGer D-3705/2020 vom 25. November 2021 E. 7.2).
7.3
7.3.1 Eigenen Aussagen zufolge verliess der Beschwerdeführer Äthiopien
im Mai 2015, im Alter von ungefähr 14 Jahren und vier Monaten. Zum da-
maligen Zeitpunkt verfügte er weder über eine angemessene Schulbildung
noch über nennenswerte Arbeitserfahrung. Zwischenzeitlich lebt er seit
sechs Jahren in der Schweiz. Er verbrachte somit die für die Sozialisation
relevanten Jahre als Jugendlicher beziehungsweise junger Erwachsener
in der Schweiz.
Seine sprachliche Integration ist fortgeschritten. So hat der Beschwerde-
führer bereits im Januar 2018 – nach eineinhalb Jahren Aufenthalt in der
Schweiz – eine Prüfung in deutscher Sprache bestanden und das Telc (The
European Language Certificates) mit dem Referenzniveau B1 erworben.
Angesichts seiner Vorlehre dürfte er zwischenzeitlich seine Sprachkennt-
nisse noch weiter verbessert haben. So verstehe und spreche der Be-
schwerdeführer gemäss Referenzschreiben vom 13. Juni 2022 zwischen-
zeitlich nicht nur Hochdeutsch, sondern auch Mundart.
Nachdem er drei Monate als (...) geschnuppert hatte, konnte er im selben
Betrieb einen vom Kanton D._ genehmigten Vorlehrvertrag als (...)
mit Eidgenössischem Berufsattest (EBA) vom 1. August 2021 bis 31. Juli
2022 unterzeichnen. Aus den Zwischenzeugnissen seines Lehrmeisters
vom 7. Juli und vom 21. September 2021 geht hervor, dass der Beschwer-
deführer mit grossem Einsatz, äusserst zufriedenstellend, mit grossem In-
teresse und Ausdauer seiner Arbeit nachgehe. Er zeige grossen Einsatz,
sich in sprachlicher und wirtschaftlicher Hinsicht in der Schweiz zu integ-
rieren und verhalte sich gegenüber Vorgesetzten und Kollegen tadellos.
Aus dem Referenzschreiben seines Lehrlingsverantwortlichen,
G._, erhellt ferner, dass die Absicht bestehe, den Beschwerdefüh-
rer nach der Vorlehre weiterhin als Lehrling zu beschäftigen. Zuvor absol-
vierte er von 1. August 2019 bis 21. Juli 2020 einen vollzeitlichen Integra-
tionskurs à 45 Wochenlektionen beim Berufsbildungszentrum des Kantons
D._.
Weiteren Referenzschreiben lässt sich entnehmen, dass der Beschwerde-
führer im Fussballclub E._ spielberechtigt gewesen sei und bei den
B-Junioren die Rückrunde 2017/2018 mitgespielt habe. Zudem pflege er
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zu seiner Schweizer Freundin und deren Familienangehörigen eine gute
Beziehung. Schliesslich sei der Beschwerdeführer gemäss Referenz-
schreiben von H._ vom 13. Juni 2022 stets sehr hilfsbereit und
habe diesem während mehreren Jahren bei Garten- und anderen Arbeiten
geholfen.
7.3.2 Zur Straffälligkeit des Beschwerdeführers ist festzuhalten, dass er ge-
mäss den gegen ihn ausgestellten Strafbefehl vom 1. September 2020 zu
einer Geldstrafe von zehn Tagessätzen von je Fr. 30.– sowie zu einer
Busse von Fr. 300.– verurteilt worden war. Ohne eine strafbare Handlung
verharmlosen zu wollen, ist darauf hinzuweisen, dass gemäss Strafbefehl
seine Verfehlung in der Hinderung einer Amtshandlung lag, wobei er ge-
mäss Sachverhalt vor zwei Polizisten, welche ihn zur Ausweiskontrolle an-
halten wollten, weggerannt ist. Positiv zu werten ist sodann, dass ihm we-
der zuvor noch seither andere Delikte zur Last gelegt wurden. Eine Rück-
fallgefahr oder gar eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung ist nicht an-
zunehmen.
7.3.3 Schliesslich stellt auch sein einmaliges dreiwöchiges Verschwinden
im Sommer 2020 keinen hinreichenden Grund dar, die vorläufige Auf-
nahme aufzuheben. Die Erklärung, dass er zu diesem Zeitpunkt aufgrund
seiner Volljährigkeit aus den engen Strukturen für UMA entlassen worden
sei und in der Folge Probleme gehabt habe, sich an die Umstände des
Durchgangzentrums zu gewöhnen und die drei Wochen bei Freunden ver-
bracht habe, erscheint durchaus nachvollziehbar.
7.4 Aus dem Gesagten ist zu folgern, dass es dem Beschwerdeführer ge-
lungen ist, sich sprachlich und gesellschaftlich zu integrieren und er auch
in der Arbeitswelt Fuss fassen konnte. Ausgehend von seinen kontinuierli-
chen und dauerhaften Integrationsbemühungen seit seiner Einreise in die
Schweiz kann ihm in Hinblick auf seine bevorstehende Ausbildung eine
gute Prognose gestellt werden, dass er in absehbarer Zeit neben seiner
bereits sprachlich und kulturell fortgeschrittenen Integration auch die wirt-
schaftliche Unabhängigkeit erlangen wird. Er scheint auf gutem Weg zu
sein, ein selbständiges und geregeltes Leben in der Schweiz aufzubauen,
und es kann auf eine gewisse Bindung an die Schweiz geschlossen wer-
den. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass eine Aufhebung
der vorläufigen Aufnahme nicht nur eine nicht unwesentliche Entwurzelung
zur Folge hätte, sondern auch seine bisherigen Integrationsbemühungen
zunichtemachen würde.
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7.5 Das Gericht kommt folglich zum Schluss, dass unter Abwägung sämt-
licher Umstände des Einzelfalles die privaten Interessen des Beschwerde-
führers an einem Verbleib in der Schweiz die öffentlichen Interessen am
Vollzug der Wegweisung zum heutigen Zeitpunkt überwiegen. Eine Aufhe-
bung der vorläufigen Aufnahme erweist sich demzufolge als unverhältnis-
mässig.
8.
Nach den vorangehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen.
Die vorinstanzliche Verfügung vom 17. Juni 2021 ist aufzuheben und der
Beschwerdeführer bleibt weiterhin vorläufig aufgenommen. Der Eventu-
alantrag auf Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung ist dadurch ge-
genstandslos geworden.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Instruktionsverfügung vom
18. August 2020 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich ge-
genstandslos und es erübrigt sich eine Prüfung der aktuellen finanziellen
Verhältnisse des Beschwerdeführers.
9.2 Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die
ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten
(Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin des Beschwerdefüh-
rers reichte mit Eingabe vom 8. Dezember 2021 eine Kostennote zu den
Akten, ausgehend von einem zeitlichen Aufwand von 24 Stunden für das
Verfassen der Beschwerdeschrift und der Replik, inklusive Aktenstudium
und Besprechung mit der Klientin (recte: dem Klienten), und Auslagen für
Kopien und Porti in der Höhe von Fr. 79.90. Den Verfahrensumständen
entsprechend erscheint der geltend gemachte Aufwand überhöht und ist
demnach auf 15 Stunden zu kürzen. Für die seit dem 8. Dezember 2021
erfolgten Eingaben sind weitere 2 Stunden sowie Auslagen in der Höhe
von Fr. 20.-- zu berücksichtigen. Dem Beschwerdeführer ist somit eine Par-
teientschädigung zu Lasten der Vorinstanz in der Höhe von Fr. 3’500.-- (in-
klusive Auslagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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