Decision ID: 9eff0ef9-21c5-549c-9112-1119579725c2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden suchten am 8. November 2021 in der Schweiz
um Asyl nach. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der europäischen Fin-
gerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass sie am 13. Oktober 2021 in
Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist waren, wo
sie gleichentags daktyloskopisch erfasst wurden.
B.
Im Rahmen der Dublin-Gespräche vom 23. November 2021 führten die Be-
schwerdeführenden 1 und 2 aus, den Iran Ende August 2021den gemein-
samen Kindern verlassen zu haben und über die Türkei mit dem Boot nach
Italien gereist zu sein, wo sie am 13. Oktober 2021 angekommen seien.
Sie hätten in Italien kein Asylgesuch gestellt, die Schweiz sei immer ihr
Zielland gewesen. In Italien habe man ihnen zwangsweise die Fingerab-
drücke abgenommen. Sie würden auf keinen Fall nach Italien zurückkeh-
ren, da sie eine Meerreise unternehmen müssten und Angst hätten, ihre
Kinder würden ertrinken. Die Kinder hätten in Italien kein Leben mehr und
sie verfügten auch über keine Verwandten dort. Zudem gehe es den Be-
schwerdeführern 1 und 2 zwar körperlich gut, aber sie seien in einem sehr
schlechten psychischen Zustand. Ausserdem lebe der (...) der Beschwer-
deführerin 2 in der Schweiz, sie würden sich wöchentlich sehen und er sei
eine wichtige Stütze für die Familie.
C.
Mit Eingabe vom 6. Dezember 2021 reichten die Beschwerdeführenden im
Rahmen des rechtlichen Gehörs eine Ergänzung zu ihren Ausführungen in
den Dublin-Gesprächen ein. Sie machten im Wesentlichen geltend, sie hät-
ten eine traumatisierende Reise über das Meer nach Italien hinter sich.
Nach der Ankunft hätten sie für vierzehn Tage in Quarantäne in einem über-
füllten Blockhaus verbringen müssen. Die Beschwerdeführenden 1 und 2
seien in einem sehr schlechten psychischen Zustand, was auch die Kinder
negativ beeinflusse. Die Beschwerdeführerin 2 und ihr in der Schweiz
wohnhafter (...) würden zudem eine innige Beziehung pflegen, er sei eine
grosse Stütze für die ganze Familie und sie würden sich wöchentlich se-
hen, weshalb ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihm bestehe. Mit der Eingabe
reichten die Beschwerdeführenden ein medizinisches Datenblatt über ei-
nen Arztbesuch am 30. November 2021 ein, wonach die Beschwerdefüh-
renden 1 und 2 unter psychischen Problemen, namentlich Suizidgedanken,
Schlafstörungen und Antriebslosigkeit leiden würden. Sie beantragten in
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der Eingabe eine psychologische Abklärung sowie einen Selbsteintritt und
die Eröffnung des nationalen Verfahrens.
D.
Am 31. Januar 2022 hiessen die italienischen Behörden das Ersuchen des
SEM vom 24. November 2021 um Übernahme der Beschwerdeführenden
gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO gut.
E.
Mit Verfügung vom 2. Februar 2022 (eröffnet am 8. Februar 2022) trat das
SEM auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz nach Italien an, forderte sie auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen und beauftragte den
zuständigen Kanton mit dem Vollzug. Gleichzeitig verfügte es die Aushän-
digung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Mit Eingabe vom 15. Februar 2022 erhoben die Beschwerdeführenden ge-
gen diese Verfügung Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht. Sie
beantragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vo-
rinstanz sei anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutreten und in der Schweiz
ein materielles Asylverfahren durchzuführen. Eventualiter sei die angefoch-
tene Verfügung zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und Neube-
urteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der Beschwerde sei die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden anzuweisen,
von einer Überstellung abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über
die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Weiter er-
suchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, ein-
schliesslich Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
G.
Am 16. Februar 2022 ordnete der zuständige Instruktionsrichter den super-
provisorischen Vollzugsstopp an.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführenden sind
zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im
Beschwerdeverfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist ge-
mäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung der Begehren gebun-
den und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemach-
ten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die
Sachlage zum Zeitpunkt des Entscheids (BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE
2014/1 E. 2).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG
auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens ("take charge") sind die in Kapitel
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III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3 Wenn ein Antragsteller, aus einem Drittstaat kommend, die Land-, See-
oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, ist dieser
Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet ge-
mäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2020/45
E. 8.3).
3.4 Vorliegend ist unbestritten, dass die Beschwerdeführenden am 13. Ok-
tober 2021 in Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten einge-
reist sind. Nachdem die italienischen Behörden das vom SEM gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO gestellte Gesuch um Übernahme der Be-
schwerdeführenden am 31. Januar 2022 ausdrücklich gutgeheissen ha-
ben, ist die Zuständigkeit Italiens grundsätzlich erstellt.
3.5 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.6 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
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er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
4.
Die Beschwerdeführenden machen in der Beschwerde im Wesentlichen
das Folgende geltend: Die Vorinstanz habe den Sachverhalt im Hinblick
auf die Anwendung der Souveränitätsklausel nicht vollständig und rechts-
genüglich abgeklärt und damit den Untersuchungsgrundsatz verletzt. Na-
mentlich würden vorliegend keine hinreichend konkreten Garantien für eine
adäquate, familiengerechte Unterbringung in Italien bestehen, wobei die
Vorinstanz es unterlassen habe zu prüfen, ob aufgrund der konkreten Um-
stände tatsächlich auf einen Selbsteintritt zu verzichten sei. Die Lage für
Asylsuchende in Italien sei weiterhin problematisch. Namentlich könne
auch die Vorinstanz das für die Beschwerdeführenden vorgesehene Auf-
nahmezentrum nicht benennen und es sei fraglich, ob überhaupt ausrei-
chend Unterbringungsplätze, insbesondere für vulnerable Personen, be-
stünden. Ausserdem herrsche gemäss Angaben der italienischen ELENA-
Koordinatorin erneut ein Mangel an Plätzen im Erstaufnahmesystem. Die
Vorinstanz könne denn auch nicht hinreichend zusichern, dass die Unter-
bringung der Beschwerdeführenden als Familie gewährleistet sei. Weiter
handle es sich bei den Beschwerdeführenden um besonders verletzliche
Personen, welche auch aufgrund des psychischen Gesundheitszustands
auf Unterstützung angewiesen seien. Im Fall einer Überstellung nach Ita-
lien könne eine mit Art. 3 EMRK unvereinbare tatsächliche Gefahr (real
risk) mit Blick auf die gesundheitliche Verfassung nicht ausgeschlossen
werden. Gestützt auf einen aktuellen Bericht der Schweizerischen Flücht-
lingshilfe sei zudem nicht garantiert, dass die Beschwerdeführenden ohne
Probleme erneut in Italien um Asyl ersuchen können und die Wahrschein-
lichkeit, dass sie bei einer Überstellung ohne Unterkunft bleiben würden,
sei sehr hoch sowie der Zugang zu rechtlicher Unterstützung und medizi-
nischer Versorgung nicht genügend gewährleistet. Schliesslich habe die
Vorinstanz den medizinischen Sachverhalt in Bezug auf die Beschwerde-
führerin 2 nicht rechtsgenüglich abgeklärt. Obwohl sie anlässlich des Dub-
lin-Gesprächs und mit separater schriftlicher Eingabe eine psychologische
Abklärung beantragt habe, sei ihr die medizinische Versorgung verwehrt
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worden. Mit einer psychologischen Behandlung hätte womöglich auch das
Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem (...) belegt werden können. Auch in Be-
zug auf den Beschwerdeführer 1 sei die Untersuchungspflicht betreffend
den medizinischen Sachverhalt verletzt worden. Der Vorinstanz sei be-
kannt gewesen, dass er sich weiterhin in Behandlung befinde und sie habe
trotzdem keine aktuellen medizinischen Berichte eingeholt; vielmehr sei es
die Rechtsvertreterin gewesen, welche einen weiteren Bericht eingeholt
habe.
Insgesamt sei es aufgrund dieser besonderen Umstände angezeigt, einen
Selbsteintritt im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin III-VO vorzunehmen, um
die Situation der Beschwerdeführenden als besonders vulnerable Perso-
nen angemessen zu würdigen.
5.
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungsgericht in stän-
diger Rechtsprechung davon ausgeht, dass das italienische Asylsystem –
trotz punktueller Schwachstellen – keine systemischen Mängel im Sinne
von Art. 2 zweiter Satz Dublin-III-VO aufweist (vgl. u.a. Referenzurteile
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3 sowie F-6330/2020 vom
18. Oktober 2021 E. 9 m.H. auf die Rechtsprechung des EGMR). Folglich
ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorinstanz den rechtserheblichen Sach-
verhalt im Hinblick auf allfällige gesundheitliche Beeinträchtigungen der
Beschwerdeführer 1 und 2 nicht rechtsgenüglich abgeklärt hat und das
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO hätte aus-
üben sollen.
6.1 Der EGMR setzte sich in seinem Urteil vom 23. März 2021 in Sachen
M.T. gegen die Niederlande, Nr. 46595/19, mit der Rechtmässigkeit der
Überstellung einer alleinstehenden Frau mit zwei minderjährigen Kindern
im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien auseinander, unter Berück-
sichtigung der neuen Gesetzeslage, insbesondere des Gesetzesdekrets
Nr. 130/2020. Er stellt fest, die neueste Reform des italienischen Asylwe-
sens habe zur Folge, dass Asylsuchende im Rahmen der verfügbaren
Plätze wieder Zugang zum Zweitaufnahmesystem SAI (Sistema di accog-
lienza e integrazione) hätten. Im neusten Referenzurteil F-6330/2020 vom
18. Oktober 2021 kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss,
dass die von den italienischen Behörden abgegebenen Garantien in Bezug
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auf die Wahrung der Familieneinheit sowie eine familiengerechte Unter-
kunft hinreichend konkret und individualisiert sind, insbesondere durch die
Übermittlung des Formulars "nucleo familiare" sowie aufgrund der italieni-
schen Rundschreiben vom 8. Februar 2021 und 23. März 2021, welche
den Zugang zu einer Zweitaufnahmestruktur des Systems SAI für Familien
bestätigen. Mit dem definitiven Inkrafttreten des obgenannten Gesetzes-
dekrets wurde das SAI wieder für alle Asylsuchenden zugänglich gemacht,
wobei Familien und vulnerable Personen bei der Überstellung in eine SAI-
Unterkunft Vorrang geniessen. Das Angebot der Dienstleistungen für die
Asylsuchenden wurde wieder ausgebaut und auch auf die Bedürfnisse
schutzbedürftiger Personen ausgerichtet. Des Weiteren ermöglicht das
Gesetzesdekret Nr. 130/2020 den Asylsuchenden wieder, sich im kommu-
nalen Einwohnerregister registrieren zu lassen (Art. 3). Mit der Registrie-
rung erhalten sie einen Ausländerausweis, der ihnen Zugang zu den regi-
onalen Dienstleistungen, wie beispielswiese der medizinischen Versor-
gung, erleichtert.
6.2 In diesem Licht sind auch die von den italienischen Behörden im vor-
liegenden Fall abgegebenen Zusicherungen zu werten. Diese haben der
Vorinstanz mit Datum vom 31. Januar 2022 das Formular «nucleo famili-
are» übermittelt und dabei die Beschwerdeführenden 1 und 2 und deren
Kinder mit Vor-und Nachnamen, Geburtsdaten und Nationalität aufgeführt.
Ferner gaben die italienischen Behörden die Zusicherung ab, die Be-
schwerdeführenden in Übereinstimmung mit dem Rundschreiben vom 8.
Februar 2021 angepasst auf das Alter der Kinder und als Familie in einem
Aufnahmezentrum unterzubringen. Somit liegt eine genügend konkrete
und individuelle Garantie der italienischen Behörden vor, dass sie nach der
Überstellung in einer kindergerechten und die Einheit der Familie wahren-
den Unterkunft des Zweitaufnahmesystems SAI untergebracht werden.
Was die Beschwerdeführenden dagegen einwenden, vermag nicht zu
überzeugen. Es bestehen keine Hinweise darauf, dass sie bei ihrer Ankunft
in Italien keinen Platz in einer Unterkunft des SAI erhalten würden oder
eine familiengerechte, dem Kindeswohl entsprechende Unterbringung
nicht gewährleistet wäre. Wie die Vorinstanz mit Verweis auf die Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts zurecht festhält, obliegt es den
italienischen Behörden, sie nach ihrer Ankunft auf italienischem Staatsge-
biet einer verfügbaren Aufnahmestruktur zuzuweisen (vgl. statt vieler Re-
ferenzurteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021). Demgemäss
ist die Vorinstanz auch nicht verpflichtet, die tatsächliche Belegung der für
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Familien zur Verfügung stehenden SAI-Strukturen pro futuro zu bestim-
men, soweit dies überhaupt möglich ist. Folglich gibt es keinen Grund zur
Annahme, eine Überstellung der Beschwerdeführer nach Italien würde zu
einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen oder eine Verletzung von Art. 3
Abs. 1 des Übereinkommens über die Recht des Kindes (KRK, SR 0.107)
darstellen. Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass es sich bei Italien um
einen funktionierenden Rechtsstaat handelt, auf dessen Zusicherungen die
Schweiz gemäss dem völkerrechtlichen Prinzip, wonach die Staaten einen
Vertrag, an den sie gebunden sind, nach Treu und Glauben zu erfüllen ha-
ben, grundsätzlich vertrauen darf und soll.
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem – nach wie vor gültigen –
Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 strengere Kriterien für
Dublin-Überstellungen von schwer erkrankten Asylsuchenden, die sofort
nach der Ankunft in Italien auf lückenlose medizinische Versorgung ange-
wiesen sind, beschlossen und das SEM verpflichtet, individuelle Zusiche-
rungen betreffend die Gewährleistungen der nötigen medizinischen Ver-
sorgung und Unterbringung bei den italienischen Behörden einzuholen
(vgl. E-962/2019 E. 7.4.3).
6.3.1 Der medizinische Sachverhalt der Beschwerdeführer 1 und 2 stellt
sich gestützt auf die Akten wie folgt dar:
- Der Beschwerdeführer 1 leidet an einer Posttraumatischen Belastungs-
störung (PTBS), welche sich im Wesentlichen durch Suizidgedanken,
Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Stimmungsschwankungen
manifestiert. Er hat bereits im Kindes- und im Erwachsenenalter di-
verse Behandlungen und Hospitalisationen erfahren, nachdem er im
Jahr 1987 Opfer eines Giftanschlags im Iran gewesen sei. Gemäss
dem psychiatrischen Bericht vom 18. Januar 2022 wurde eine medika-
mentöse Therapie sowie eine psychotherapeutische Behandlung im
Rahmen einer Gesprächstherapie angeordnet (vgl. Bericht der Psychi-
atrischen Dienste E._ vom (...), Medizinischer Abklärungsbe-
richt des SEM vom 9. Dezember 2021, Medizinisches Datenblatt ORS
vom 30. November 2021).
- Der Beschwerdeführerin 2 geht es psychisch nicht gut; sie leidet unter
Schlafstörungen, psychomotorischer Unruhe, einhergehend mit Alp-
träumen und Ängsten. Sie lehnte eine medikamentöse Behandlung
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ausdrücklich ab, wünschte jedoch eine psychotherapeutische Behand-
lung und ist zur medizinischen Abklärung dreimal beim Hausarzt gewe-
sen.
6.3.2 Gestützt auf die medizinischen Akten ist festzustellen, dass die ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführenden 1 und 2
nicht als derart schwere Erkrankungen zu qualifizieren sind, bei denen
Asylsuchende auf eine lückenlose medizinische Versorgung nach der An-
kunft in Italien angewiesen wären. Dies gilt auch unter Berücksichtigung
der beim Beschwerdeführer 1 diagnostizierten PTBS. Ferner ist die Rüge,
der Beschwerdeführerin 2 sei eine psychologische Behandlung verweigert
worden, nicht begründet. Aus den Akten ergibt sich, dass sie aufgrund ihrer
psychischen Verfassung dreimal einen Hausarzt konsultiert und in diesem
Rahmen eine medizinische Versorgung erhalten hat. Ausserdem sah der
zuständige Hausarzt, welcher Psychiater ist, von einer psychiatrischen Be-
handlung ab, da er eine solche als weder notwendig noch zielführend er-
achtete. Demgemäss kann nicht von einer (ungerechtfertigten) Verweige-
rung einer psychiatrischen Behandlung gesprochen werden. Indem die
Vorinstanz den medizinischen Sachverhalt in Bezug auf die Beschwerde-
führerin 2 nicht weiter abklärte, hat es seine Untersuchungspflicht nicht ver-
letzt, weshalb eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz nicht ange-
zeigt ist. Zwar wird vorliegend nicht verkannt, dass die aktuellen, schwieri-
gen Lebensumstände ihre psychische Verfassung negativ beeinflussen.
Dennoch erreichen diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht einen
solchen Schweregrad, dass er gegen eine Überstellung nach Italien spre-
chen würde. Schliesslich verfügt Italien grundsätzlich über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur, die imstande ist, die in casu allfällig not-
wendigen psychologischen Behandlungen und Untersuchungen durchzu-
führen. Mit der nun von den italienischen Behörden abgegebenen Zusiche-
rung vom 31. Januar 2022 und der damit verbundenen Möglichkeit, sich
registrieren zu lassen, haben die Beschwerdeführenden Zugang zu medi-
zinischer Versorgung (vgl. E. 6.1 vorstehend).
6.3.3 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden
nicht zur Gruppe der besonders vulnerablen Personen im Sinne des Refe-
renzurteils E-962/2019 gehören.
6.4 Die Beschwerdeführenden bringen ferner ein Abhängigkeitsverhältnis
zwischen der Beschwerdeführerin 2 und ihrem in der Schweiz lebenden
(...) im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vor und leiten daraus eine
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Zuständigkeit der Schweiz ab. Dieses Vorbringen ist nachfolgend zu prü-
fen.
6.4.1 Ist gemäss dieser Bestimmung ein Antragssteller unter anderem we-
gen schwerer Krankheit oder ernsthafter Behinderung auf die Unterstüt-
zung durch einen nahen Angehörigen, der sich rechtmässig in einem Mit-
gliedstaat aufhält, angewiesen, oder ist eines seiner Geschwister, das sich
rechtmässig in einem Mitgliedstaat aufhält, auf die Unterstützung des An-
tragstellers angewiesen, so entscheiden die Mitgliedstaaten in der Regel,
die Beteiligten nicht zu trennen bzw. sie zusammenzuführen, sofern die
familiäre Bindung bereits im Herkunftsland bestanden hat, der nahe Ange-
hörige in der Lage ist, die abhängige Person zu unterstützen und die Be-
troffenen diesen Wunsch schriftlich kundgetan haben. Die Nichtanwen-
dung der Zuständigkeitsbestimmung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO kann
im Einzelfall menschenrechtswidrig sein und einen Ermessensmissbrauch
darstellen. Sind die Voraussetzungen von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ge-
geben und halten sich die betroffenen Personen in demselben Mitglied-
staat auf, hat sich die entscheidende Behörde für zuständig zu erklären
(vgl. Urteile des BVGer E-2142/2020 vom 28. April 2020 E. 6.4;
F-445/2019 vom 14. Februar 2019 E. 5.1; E-3970/2018 vom 20. Juli 2018
E. 4.3 m.H.).
6.4.2 Zur Beurteilung, ob ein rechtlich relevantes Abhängigkeitsverhältnis
besteht, ist auf eine Gesamtwürdigung des konkreten Einzelfalls unter Ein-
bezug der individuellen und soziokulturellen Lebenssituation der betroffe-
nen Personen abzustellen (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum
Europäischen Asylzuständigkeitssystem, 2018, Art. 16 N. 8; CHRISTIAN
FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin III-Verordnung, 2014, K3 zu Art. 16;
Urteil F-445/2019 E. 5.5).
6.4.3 Die Beschwerdeführenden machen im Wesentlich geltend, zwischen
der Beschwerdeführerin 2 und ihrem (...) bestehe eine enge Beziehung,
welche ein Abhängigkeitsverhältnis begründet. Beiden gehe es in psychi-
scher Hinsicht nicht gut und sie würden sich gegenseitig die nötige Kraft
geben, die sie in den letzten Jahren nicht gehabt hätten. Der (...) äusserte
sich in einem Brief an die Vorinstanz ebenfalls zum Verhältnis zu seiner
Schwester, der Beschwerdeführerin 2. Er führt darin aus, es wäre sehr von
Vorteil, wenn seine Schwester und ihre Familie in seiner Nähe unterge-
bracht würden, da es seiner Schwester psychisch nicht gut gehe und die
allgemeine Situation schwierig sei. Er sei seit 2012 in der Schweiz und
kenne sich mit den hiesigen Normen, Traditionen und der Integration aus
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und könne die Beschwerdeführenden unterstützen, hier Fuss zu fassen
und sich zu integrieren. Zudem tue die familiäre Nähe gut und erleichtere
das Leben.
Im Sinne einer Gesamtwürdigung ist in Übereinstimmung mit der Vor-
instanz vorliegend nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
2 zwingend auf die persönliche Hilfe ihres in der Schweiz ansässigen (...)
angewiesen ist beziehungsweise sie zur Bewältigung des alltäglichen Le-
bens, namentlich in gesundheitlicher, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht,
in gewichtigem Masse von dessen Betreuung abhängt. Es ist aus lebens-
naher Sicht zwar nachvollziehbar, dass der (...) der Beschwerdeführerin 2
sich nach Ankunft der Familie in der Schweiz sehr schnell zur engsten Be-
zugsperson und emotionalen Stütze der Familie entwickelte und diese so-
weit als möglich unterstützt. Dies alleine vermag jedoch noch kein rechtlich
relevantes Abhängigkeitsverhältnis zu begründen. Eine über den emotio-
nalen Aspekt hinausgehende Unterstützung beziehungsweise zwingende
Abhängigkeit lässt sich weder aus den Akten noch aus den Aussagen der
Beschwerdeführenden oder des (...)s entnehmen. Sie machen etwa weder
geltend und es ist nicht ersichtlich, dass der (...) beabsichtigt die Familie
bei sich zuhause aufnehmen oder finanziell zu unterstützen. Sie sehen sich
gemäss eigenen Angaben denn auch nur einmal in der Woche im Rahmen
eines Familienbesuchs. Ausserdem bestehen auch keine Anhaltspunkte
und wird nicht geltend gemacht, die Überstellung nach Italien respektive
die Trennung der Geschwister könnte zu einer bedeutenden, lebensbe-
drohlichen Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustands der
Beschwerdeführerin 2 führen, womit eine Trennung aus medizinischer
Sicht zu vermeiden wäre. Schliesslich ist der Sachverhalt in dem in der
Beschwerde zitierten Urteil F-280/2021 des Bundesverwaltungsgerichts
vom 22. Juli 2021 im Grundsatz vergleichbar, jedoch hinsichtlich der Ein-
zelheiten zur geschwisterlichen Beziehung und Abhängigkeit anders gela-
gert und nicht mit dem vorliegenden Fall vergleichbar, weshalb die Be-
schwerdeführenden daraus nichts zu ihren Gunsten abzuleiten vermögen.
Ein Abhängigkeitsverhältnis gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ist dem-
gemäss zu verneinen.
6.5 Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3
AsylV1 vor. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf die Asyl-
gesuche einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen
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Selbsteintritt nahelegen würden. Das SEM ist daher zu Recht auf die Asyl-
gesuche der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und hat die Überstel-
lung nach Italien angeordnet.
6.6 Im Weiteren werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Voll-
zug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, die italienischen Behör-
den – sofern notwendig – vorgängig in geeigneter Weise über allfällige spe-
zifische medizinische Umstände der Beschwerdeführenden und deren Kin-
der informieren. (Art. 31 f. Dublin-III-VO).
7.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Mit Blick auf die jüngste Rechtsprechung des EGMR und des Bundesver-
waltungsgerichts (zitiert in E. 6.1) und die Art der gesundheitlichen Prob-
leme der Beschwerdeführenden (vgl. E. 6.3.1) waren dem Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung zwar nur geringe Erfolgsaus-
sichten beschieden. Die Begehren sind indessen nicht als geradezu aus-
sichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch gestützt auf Art. 65 Abs. 1
VwVG zu bewilligen ist mit der Folge, dass die Beschwerdeführenden von
der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit werden. Das Gesuch um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird mit dem vorliegen-
den Entscheid in der Hauptsache gegenstandslos.
9.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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