Decision ID: 820cc761-851f-542f-9395-c6862937eb53
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie,
verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge Ende September
2015. Über die Türkei, Griechenland sowie verschiedene weitere europäi-
sche Staaten erreichte er am 28. November 2015 die Schweiz, wo er zwei
Tage später um Asyl nachsuchte. Im Empfangs- und Verfahrenszentrum
B._ wurde er am 7. Dezember 2015 im Rahmen einer verkürzten
Befragung zur Person (BzP) zu seinen persönlichen Umständen, dem Rei-
seweg sowie summarisch zu seinen Gesuchsgründen befragt. Am 25. April
2018 hörte ihn das SEM einlässlich zu seinen Asylgründen an.
B.
B.a Dabei machte der Beschwerdeführer geltend, er sei in C._ in
der Umgebung von D._ aufgewachsen und habe dort die Schule
bis zur (...). Klasse besucht. Im Jahr 2012 sei einer seiner Brüder im Mili-
tärdienst getötet worden. In der Folge sei seine Familie in ihre Herkunfts-
region zurückgekehrt und habe in E._ (Provinz F._) gelebt.
Er habe die Schule dort nicht fortsetzen können, sei aber auch keiner Arbeit
nachgegangen. Im Januar 2015 sei er auf eine von der Militärpolizei über-
brachte Vorladung hin nach G._ gegangen, wo er medizinisch un-
tersucht worden sei. Eine Woche später habe er sein Militärbüchlein erhal-
ten und es sei ihm gesagt worden, er müsse sich umgehend melden, so-
bald er das nächste Aufgebot erhalte. Wenn er weiterhin in Syrien geblie-
ben wäre, hätte er in den Militärdienst einrücken müssen. Aus diesem
Grund sei er Ende September 2015 in die Türkei ausgereist. Als er sich
bereits in der Schweiz befunden habe, sei ihm an die Adresse seiner Eltern
ein Marschbefehl für den Militärdienst zugestellt worden.
B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer eine syrische Identi-
tätskarte (ausgestellt am [...]), einen Marschbefehl vom (...), ein Militär-
dienstbüchlein sowie einen Schülerausweis für die (...). Klasse (alle im Ori-
ginal) zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 14. Juni 2018 – eröffnet am 18. Juni 2018 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz.
Den Vollzug der Wegweisung schob es infolge Unzumutbarkeit zugunsten
einer vorläufigen Aufnahme auf.
D-4153/2018
Seite 3
D.
Mit Eingabe vom 17. Juli 2018 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid und beantragte,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihm Asyl zu gewäh-
ren. Eventualiter sei seine Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und er sei
als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er-
suchte er um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung. Als Beschwerdebeilagen
wurden – neben der angefochtenen Verfügung – ein NZZ-Artikel zur Rolle
der Dolmetscher im Asylverfahren, vier Auskünfte der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) betreffend Syrien sowie ein fremdsprachiger Bericht
der syrischen Nachrichtenagentur Sana vom 8. November 2017 einge-
reicht.
E.
Die damals zuständige Instruktionsrichterin wies mit Zwischenverfügung
vom 15. August 2018 die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung sowie Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ab
und forderte den Beschwerdeführer auf, einen Kostenvorschuss zu leisten.
F.
Der Kostenvorschuss wurde am 24. August 2018 einbezahlt.
G.
Mit Eingabe vom 30. Oktober 2018 wurden verschiedene Beweismittel
nachgereicht. Es handelt sich dabei um eine Bestätigung des Rekrutie-
rungsamtes F._ vom (...) 2018, gemäss welcher der Beschwerde-
führer den "Militärdienst-Marsch" versäumt habe. Zudem wurde das
Schreiben eines Anwalts eingereicht, in welchem dargelegt wird, auf wel-
chem Weg er diese Bestätigung erhalten habe. Weiter wurde eine "Märty-
rertumsurkunde" vom 16. Oktober 2012 zu den Akten gegeben, welche den
Tod des Bruders des Beschwerdeführers im Jahr 2012 bescheinigt.
H.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren zur Be-
handlung auf die Instruktionsrichterin Mia Fuchs übertragen.
D-4153/2018
Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Kostenvorschuss
wurde fristgerecht bezahlt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten
Richters entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt,
handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das Urteil nur summa-
risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
D-4153/2018
Seite 5
4.
Der Beschwerdeführer wirft dem SEM in seiner Rechtsmitteleingabe vor,
dass es seinen Entscheid auf Mutmassungen und Spekulationen stütze
und in diesem Zusammenhang seine Sorgfaltspflichten verletzt habe. Zu-
dem hätte es spezifische Sachverhaltsfeststellungen treffen müssen zur
Rückkehrsituation von syrischen Staatsangehörigen im wehrfähigen Alter
im Hinblick auf eine Rekrutierung durch das Militär, zu den Folgen einer
Weigerung sowie zu den individuellen Umständen des Beschwerdeführers.
Sinngemäss werden damit formelle Rügen erhoben, welche vorab zu be-
handeln sind, da deren Gutheissung allenfalls geeignet wäre, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Aus den allgemeinen
Ausführungen in der Beschwerdeschrift geht jedoch nicht hervor, inwiefern
die Vorinstanz den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvoll-
ständig festgestellt haben soll. Es wird weder präzisiert noch ist aus den
Akten ersichtlich, welche zusätzlichen Abklärungen vorliegend erforderlich
gewesen wären. Die in der Beschwerdeschrift geäusserte pauschale Kritik
an der Sachverhaltsfeststellung durch das SEM ist daher nicht geeignet,
zu einer Aufhebung der angefochtenen Verfügung und zur Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zu führen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
D-4153/2018
Seite 6
6.
6.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, es bestünden
erhebliche Zweifel an der Authentizität des vom Beschwerdeführer einge-
reichten Militärbüchleins. Dieses weise keinerlei fälschungssichere Merk-
male auf und in der für die Identitätskartennummer vorgesehenen Rubrik
sei das Datum (...) eingetragen. Dies lasse darauf schliessen, dass er
seine Identitätskarte nicht vorgewiesen habe, obwohl dies eine der Voraus-
setzungen für den Erhalt des Militärbüchleins sei. Eigenen Angaben zu-
folge habe er das Büchlein am (...) erhalten, was mit diesem Datum eben-
falls nicht übereinstimme. Des Weiteren sei auf dem Foto kein Stempelab-
druck zu erkennen – dieser befinde sich neben dem Foto – und es fehle
auf den Doppelseiten fast immer die Hälfte des Stempels. Es sei bekannt,
dass in Syrien praktisch jegliche Art von Dokumenten käuflich erworben
werden könne. Auf der Webseite des Verteidigungsministeriums lasse sich
auch eine Vorlage für ein militärisches Aufgebot abrufen. Entsprechend ge-
ring sei die Beweiskraft solcher Dokumente. Zudem sei es unwahrschein-
lich, dass die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte im Jahr 2015 noch
Rekrutierungsmassnahmen in der Heimatregion des Beschwerdeführers,
welche von den kurdischen Truppen kontrolliert worden sei, durchgeführt
hätten. Des Weiteren habe er bei der BzP weder ein Dienstbüchlein noch
eine Militärvorladung erwähnt, obwohl er ausdrücklich nach Dokumenten
in seinem Besitz gefragt worden sei. Er habe auch nicht plausibel erklären
können, weshalb er sich überhaupt für die Rekrutierung nach G._
begeben habe, obwohl er in einem von den kurdischen Kräften kontrollier-
ten Dorf gelebt habe, wo er von der Regierung gar nicht hätte belangt wer-
den können. Ausserdem habe er widersprüchliche Angaben zu seinen
Wohnorten in Syrien gemacht. Bei der BzP habe er vorgebracht, dass er
von der Geburt bis im August 2015 in C._ bei D._ gelebt und
lediglich den letzten Monat vor seiner Ausreise im Heimatdorf seines Vaters
(E._) verbracht habe. Anlässlich der Anhörung habe er hingegen
ausgeführt, dass er bereits im Jahr 2012 von C._ nach E._
gezogen sei und dort bis zur Ausreise im September 2015 gelebt habe. Es
gelinge dem Beschwerdeführer insgesamt nicht, glaubhaft zu machen,
dass er von der syrischen Armee in den Militärdienst einberufen worden
sei.
6.2 In seiner Beschwerdeeingabe machte der Beschwerdeführer geltend,
aus dem Asylentscheid gehe hervor, dass vorliegend "einiges" falsch über-
setzt worden sei und sich nicht ausschliessen lasse, dass es zu Missver-
ständnissen und Übersetzungsfehlern gekommen sei. Bei der BzP seien
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Seite 7
die Asylsuchenden oft verwirrt, weil sie unter Hinweis auf die spätere An-
hörung aufgefordert würden, nur kurze Ausführungen zu machen. Dies sei
auch bei ihm selbst der Fall gewesen, da er anlässlich der BzP mehrmals
unterbrochen sowie gebeten worden sei, sich kurz zu fassen. Er sei damals
noch sehr jung gewesen und dieses Vorgehen habe zu grossen Unsicher-
heiten und Hemmungen geführt. Ausserdem werde die BzP nicht wörtlich
protokolliert und es bleibe neben den Fragen zu Lebenslauf und Reiseweg
keine Zeit, die Asylgründe detailliert darzulegen. Bedauerlicherweise sei es
vorliegend zu Abweichungen beziehungswiese Missverständnissen ge-
kommen, welche aber nicht als erhebliche Widersprüche zu erachten
seien. Er sei zudem mit den angeblichen Widersprüchen nicht genügend
konfrontiert und es sei ihm sei kein rechtliches Gehör dazu gewährt wor-
den. Überdies seien die Bemerkungen der Vorinstanz zur Ausstellung des
Militärbüchleins unpräzise und unvollständig. Bei der Aushebung habe er
einen Auszug aus dem Personenstandsregister – welcher als offizielles
Identitätsdokument gelte und dessen Verwendung in Syrien weit verbreitet
sei – vorgewiesen und nicht seine Identitätskarte. Die Art und Weise der
vorhandenen Stempel im Dienstbüchlein sei auf die unsorgfältige Arbeit
der ausstellenden Person zurückzuführen. Weiter sei es eine pauschale
Behauptung der Vorinstanz, dass syrische Dokumente leicht käuflich seien
und einfach gefälscht werden könnten. Dies treffe aber nicht auf sämtliche
Militärdokumente zu.
Entgegen der von der Vorinstanz vertretenen Auffassung fänden in den
kurdischen Gebieten Syriens nach wie vor Rekrutierungen für die Armee
statt, zumal eine enge Zusammenarbeit zwischen den kurdischen Behör-
den und der syrischen Regierung bestehe. Er habe sich bei den Behörden
in G._ gemeldet, um dadurch etwas Zeit zu gewinnen. Später habe
er einen Marschbefehl erhalten und diesem keine Folge geleistet. Vielmehr
sei er durch seine Ausreise dem Militärdienst bewusst ferngeblieben, womit
er sich gemäss syrischem Militärgesetz strafbar gemacht habe. Er sei des-
halb zur Verhaftung ausgeschrieben worden und werde sich bemühen, ent-
sprechende Beweismittel zu beschaffen. Zudem lasse sich nicht bestreiten,
dass er früher oder später in den Militärdienst hätte einrücken müssen. Die
Vorinstanz wäre daher gehalten gewesen, sich in ihrem Entscheid mit einer
möglichen Bestrafung infolge Wehrdienstverweigerung zu befassen. Da
die syrischen Behörden Dienstverweigerern grundsätzlich eine regierungs-
feindliche Haltung unterstellten, würden diese bei einer Rückkehr sehr
streng bestraft, wobei sich die Strafmassnahmen durch ein hohes Mass an
Brutalität auszeichneten. Aus diesem Grund habe er begründete Furcht,
ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden,
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Seite 8
womit er die Flüchtlingseigenschaft erfülle. Das SEM habe dies in verschie-
denen Asylentscheiden ebenfalls festgehalten und die Betroffenen als
Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. Dabei habe es ausgeführt, dass die
Asylsuchenden allein aufgrund der illegalen Ausreise und des Verstosses
gegen behördliche Rekrutierungsmassnahmen begründete Furcht hätten,
bei einer Rückkehr ernsthafte Nachteile zu erleiden. Somit gebiete es auch
der Grundsatz der Rechtsgleichheit, dass er – nachdem seine persönlichen
Verhältnisse identisch seien – als Flüchtling aufgenommen werde.
Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass das syrische Parlament die Mas-
snahmen und Sanktionen gegen Dienstverweigerer im November 2017
verschärft habe.
7.
7.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG bedeutet – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen eines Be-
schwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht,
wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber
überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die
Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der
Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdi-
gung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung
sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise
abzustellen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1). Es ist auch zulässig, das Protokoll
der BzP zur Gegenüberstellung mit den Angaben in der ausführlichen An-
hörung beizuziehen. Zwar kommt den Aussagen im ersten Protokoll ange-
sichts des summarischen Charakters der BzP für die Beurteilung der
Glaubhaftigkeit der Asylgründe nur ein beschränkter Beweiswert zu. Aus-
sagewidersprüche dürfen und müssen bei dieser Prüfung jedoch mitbe-
rücksichtigt werden, wenn klare Aussagen in der BzP in wesentlichen
Punkten von den späteren Aussagen diametral abweichen (vgl. Urteil des
BVGer D-4320/2017 vom 26. Oktober 2017 E. 5.3 m.w.H.).
7.2 Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei von den syrischen Be-
hörden für den Militärdienst ausgehoben worden, habe ein Dienstbüchlein
erhalten und hätte in den Dienst einrücken müssen, wenn er das Land nicht
verlassen hätte. Das SEM hat in seiner Verfügung jedoch einlässlich und
überzeugend dargelegt, aus welchen Gründen es dieses Vorbringen nicht
als glaubhaft erachtete. Es kann daher auf die zutreffenden Erwägungen
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Seite 9
der Vorinstanz verwiesen werden (vgl. A22, Ziff. II/1. sowie vorstehend
E. 6.1), welchen auf Beschwerdeebene keine wesentlichen Einwände ent-
gegengehalten werden. Vielmehr erschöpft sich die Beschwerdeschrift
über weite Teile in allgemeinen Aussagen zur Lage in Syrien. Zwar brachte
der Beschwerdeführer in Bezug auf seine persönliche Situation vor, dass
die Nummer seiner Identitätskarte im Militärbüchlein fehle, weil er sich mit
einem Auszug aus dem Personenstandsregister ausgewiesen habe. Dies
widerspricht jedoch seinen Aussagen an der Anhörung, bei welcher er aus-
drücklich erklärte, dass er zur Aushebung seine Identitätskarte habe mit-
bringen müssen (vgl. A19, F103 und F135 ff.). Es ist auch nicht nachvoll-
ziehbar, weshalb der Beschwerdeführer bei der BzP angegeben hat, dass
er von Geburt an bis im August 2015 in C._ bei D._ gelebt
habe (vgl. A6, Ziff. 2.02), während er bei der Anhörung ausführte, die Fa-
milie sei bereits 2012 in die Heimatregion zurückgekehrt (vgl. A19, F21). In
den Akten finden sich keine Hinweise dafür, dass es anlässlich der BzP zu
Problemen bei der Übersetzung gekommen wäre, zumal der Beschwerde-
führer sowohl eingangs als auch am Ende der Befragung angab, er ver-
stehe den Dolmetscher gut (vgl. A6, S. 2 und 10). Ebenso wenig lässt sich
dem Protokoll der BzP entnehmen, dass er – wie in der Beschwerdeschrift
geltend gemacht – oft unterbrochen worden wäre und dies dazu geführt
hätte, dass er gehemmt und unsicher gewesen sei. Schliesslich erweist
sich der Vorwurf, dass dem Beschwerdeführer kein rechtliches Gehör zu
Ungereimtheiten in seinen Aussagen gewährt worden sei, als unberechtigt.
Bei der Anhörung wurde ihm die Gelegenheit eingeräumt, sich zu den von
ihm gemachten unterschiedlichen Angaben zu äussern. Er beschränkte
sich jedoch darauf, zu behaupten, dass er bereits bei der BzP erwähnt
habe, er sei 2012 ins Dorf zurückgekehrt (vgl. A19, F141 f.), was sich als
aktenwidrig erweist. Als er mit seiner Aussage von der BzP konfrontiert
wurde, wonach er sich nur von August bis September 2015 im Dorf aufge-
halten habe, erklärte der Beschwerdeführer, dass er nur in diesem Monat
vorwiegend im Dorf und ansonsten lediglich in der Region gewesen sei
(vgl. A19, F143). Diese Erklärung ist jedoch nicht überzeugend, da er bei
der BzP ausdrücklich angab, dass er bis im August 2015 in C._ –
welches nicht in der Heimatregion, sondern bei D._ liegt – gelebt
habe (vgl. A6, Ziff. 2.02). Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig wahr-
scheinlich, dass der Beschwerdeführer sich im Januar 2015 tatsächlich in
seiner Heimatregion aufgehalten hat und dort für die Aushebung nach
G._ vorgeladen worden ist. Insbesondere erstaunt, dass die syri-
sche Militärpolizei dem damals (...)-jährigen Beschwerdeführer eine Vorla-
dung für die Aushebung überbracht haben soll, obwohl diese Region be-
reits seit längerer Zeit von den kurdischen Truppen kontrolliert wurde (vgl.
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A19, F75 und F115 f.). Auch der Zeitablauf zwischen Aushebung mit medi-
zinischer Untersuchung im Januar 2015 und dem Marschbefehl im (...) er-
scheint ausserordentlich lang. Zudem ist schwer nachvollziehbar, weshalb
der Beschwerdeführer, der auf keinen Fall Militärdienst leisten wollte (vgl.
A6, Ziff. 7.02 und A19, F59 f.), sich nach der ersten Vorladung freiwillig für
die Aushebung nach G._ begeben haben will (vgl. A19, F95 ff.).
Zwar wäre es durchaus möglich, dass er mit diesem Vorgehen beabsich-
tigte, Zeit zu gewinnen für die Vorbereitung seiner Ausreise. Er hielt sich
jedoch in der Folge noch rund acht Monate im Heimatdorf auf, bevor er das
Land verliess, ohne dass es hierfür einen konkreten Anlass gegeben hätte
(vgl. A19, A145 f.). Ausserdem erscheint seine Erklärung, weshalb er sich
bei den Behörden gemeldet habe – das Regime sei in G._ bis heute
vertreten und man wisse nicht, wann man einmal nach G._ reise
(vgl. A19, F117 f.) – wenig überzeugend. Schliesslich ist festzuhalten, dass
die Aussage des Beschwerdeführers, dass die kurdische YPG und das Re-
gime identisch seien und es keinen Unterschied mache, welche dieser
Gruppierungen vorbeikomme (vgl. A19, F122), erstaunt. Diese Ausführun-
gen lassen nicht auf eine vertiefte Kenntnis der politischen und militäri-
schen Gegebenheiten in Nordsyrien schliessen und wecken erhebliche
Zweifel daran, dass sich der Beschwerdeführer tatsächlich bereits seit dem
Jahr 2012 – und nicht wie bei der BzP angegeben nur einen Monat vor der
Ausreise – in seiner Heimatregion aufhielt.
7.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorbringen des Be-
schwerdeführers nicht als überwiegend wahr eingestuft werden können. Es
gelingt ihm nicht, glaubhaft zu machen, dass er im Alter von (...) Jahren
nach einer medizinischen Untersuchung ein Militärbüchlein erhielt und ihm
respektive seiner Familie im (...) ein Marschbefehl zugestellt wurde. An
dieser Einschätzung vermag auch die auf Beschwerdeebene eingereichte
Bestätigung des Rekrutierungsamtes H._ vom (...) 2018 nichts zu
ändern, wonach der Beschwerdeführer den Militärdienst-Marsch versäumt
habe. Sein Anwalt soll das Dokument auf entsprechenden Wunsch erhal-
ten haben, nachdem er zwecks Ausstellung eines Passes für seinen Man-
danten das Rekrutierungsamt kontaktiert habe. Das SEM wies jedoch zu
Recht darauf hin, dass Dokumente jeglicher Art in Syrien käuflich erworben
werden könnten und einfach fälschbar seien, insbesondere wenn diese –
was auch auf die Bestätigung des Rekrutierungsbüros zutrifft – keine Si-
cherheitsmerkmale aufweisen. Angesichts der Ungereimtheiten in den
Ausführungen des Beschwerdeführers erscheinen die vorgelegten Beweis-
mittel nicht geeignet, die von ihm geltend gemachte Einberufung in den
D-4153/2018
Seite 11
Militärdienst ausreichend zu belegen respektive diese glaubhaft zu ma-
chen.
7.4 Ergänzend ist anzumerken, dass sich das Bundesverwaltungsgericht
in BVGE 2015/3 einlässlich mit der Frage auseinandergesetzt hat, welche
asylrechtliche Relevanz der Entziehung von der Dienstpflicht in der staatli-
chen syrischen Armee zukommt. Es hielt dabei fest, dass eine Wehrdienst-
verweigerung oder Desertion für sich allein die Flüchtlingseigenschaft nicht
zu begründen vermöge. Nur wenn die betroffene Person deswegen eine
Behandlung zu gewärtigen habe, welche ernsthaften Nachteilen im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkomme, erfülle sie die Flüchtlingseigenschaft.
Eine asylrechtlich relevante Verfolgung liege insbesondere dann vor, wenn
eine Person aufgrund ihrer Dienstverweigerung als politischer Gegner qua-
lifiziert und als solcher unverhältnismässig schwer bestraft würde (BVGE
2015/3 E. 6.7.3). Vorliegend lassen sich den Akten keine Gründe entneh-
men, welche das Profil des Beschwerdeführers massgeblich verschärfen
und dazu führen könnten, dass er als Regimegegner angesehen würde.
Eigenen Angaben zufolge trat er erst im September 2015, mithin unmittel-
bar vor seiner Ausreise, einer Partei bei (vgl. A6, Ziff. 7.02 und A19,
F124 f.). Zudem will er hin und wieder in E._an Demonstrationen
teilgenommen haben, wobei ihm aber nichts geschehen sei (vgl. A19, F42
und F146). Angesichts dieser äusserst niederschwelligen politischen Akti-
vitäten ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer von den
heimatlichen Behörden als Regierungsgegner wahrgenommen wird.
Selbst wenn es als glaubhaft erachtet würde, dass er für den Militärdienst
aufgeboten worden war, wäre somit nicht davon auszugehen, dass ihm
wegen Nichtleistung des Militärdienstes eine politisch motivierte Bestra-
fung und eine Behandlung drohen würde, welche einer flüchtlingsrechtlich
relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkäme.
7.5 Sodann führt praxisgemäss weder eine illegale Ausreise aus Syrien
noch das Stellen eines Asylgesuchs im Ausland zu einer begründeten
Furcht, bei einer (hypothetischen) Rückkehr ins Heimatland mit beachtli-
cher Wahrscheinlichkeit einer menschenrechtswidrigen Behandlung aus-
gesetzt zu werden. Angesichts der Tatsache, dass der Beschwerdeführer
im Zeitpunkt der Ausreise keiner Verfolgung ausgesetzt war und er sich
politisch weder in besonderem Masse engagiert noch dabei exponiert hat,
ist das Vorliegen konkreter Indizien für die Annahme einer begründeten
Furcht vor künftiger Verfolgung im Sinne der Rechtsprechung (vgl. BVGE
2011/51 E. 6.2 sowie BVGE 2011/50 E. 3.1.1) zu verneinen.
D-4153/2018
Seite 12
7.6
7.6.1 Schliesslich brachte der Beschwerdeführer vor, die Vorinstanz habe
in anderen Fällen bereits Syrer im dienstpflichtigen Alter als Flüchtlinge
aufgenommen. Er verwies dabei auf einen Asylentscheid des SEM vom
(...) (N [...]) sowie diverse weitere Fälle von syrischen Asylsuchenden und
rügt eine Verletzung des Grundsatzes der Rechtsgleichheit.
7.6.2 Gemäss Art. 8 BV sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Das
Rechtsgleichheitsgebot ist insbesondere verletzt, wenn hinsichtlich einer
entscheidwesentlichen Tatsache rechtliche Unterscheidungen getroffen
werden, für die kein vernünftiger Grund in den zu regelnden Verhältnissen
besteht, oder wenn Unterscheidungen unterlassen werden, die aufgrund
der Verhältnisse hätten getroffen werden müssen (BGE 136 V 231 E. 6.1,
mit weiteren Hinweisen).
7.6.3 Dem Rechtsgleichheitsgebot ist nicht zu entnehmen – und aus Grün-
den des Persönlichkeits- sowie des Datenschutzes ist es auch unzuläs-
sig –, dass die Vorinstanz sich in ihren Entscheiden mit anderen Verfahren
auseinandersetzt und Unterschiede in Sachverhalt und rechtlicher Würdi-
gung darlegt. Vielmehr hat sie jeden Einzelfall auf der Grundlage der dar-
gelegten Vorbringen gebührend auf seine Asylrelevanz zu beurteilen. Al-
leine der Umstand, dass in Fällen mit ähnlich erscheinenden Eckdaten un-
terschiedliche Entscheide getroffen wurden, lässt jedenfalls noch nicht auf
eine unbegründete Ungleichbehandlung schliessen. Im vorliegenden Fall
wurden die gemäss dem Beschwerdeführer vergleichbaren tatsächlichen
Verhältnisse in den aufgeführten Vergleichsfällen nicht näher spezifiziert.
Im Übrigen bestehen auch keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass die
Vorinstanz ohne vernünftigen Grund neue rechtliche Unterscheidungen
eingeführt oder vernünftige rechtliche Unterscheidungen unterlassen hätte.
Die Rüge der Verletzung des Rechtsgleichheitsgebots erweist sich daher
als unbegründet.
7.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nichts
vorgebracht hat, das geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzu-
weisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asyl-
gesuch zu Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine
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Seite 13
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9,
je m.w.H.).
8.2 Die Vorinstanz verfügte in ihrem Entscheid vom 14. Juni 2018 infolge
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme des
Beschwerdeführers in der Schweiz. Demnach erübrigen sich praxisge-
mäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit
des Vollzugs der Wegweisung.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist da-
her abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Der am 24. August 2018 einbezahlte Kostenvorschuss in glei-
cher Höhe ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
D-4153/2018
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