Decision ID: aeff3bbd-d8bd-52f3-95a4-7ce95dc24675
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer Eth-
nie, reiste am 10. Juli 2018 in die Schweiz ein und suchte gleichentags im
Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl nach. Am
19. Juli 2018 wurde er zu seiner Person, dem Reiseweg und summarisch
zu seinen Fluchtgründen befragt (BzP) und am 7. November 2018 fand die
Anhörung zu den Asylgründen statt.
Dabei machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er stamme
aus C._, und habe dort seit seiner Geburt bis zu seiner Ausreise
mit seiner Familie (Mutter und sechs Geschwister) gelebt. Seine Familie
besitze Land und halte Vieh. Er habe die Schule bis zur achten Klasse
besucht, in der achten aber aufgrund der Vorfälle und seiner Ausreise ab-
gebrochen. Neben der Schule habe er auf den Feldern der Familie gear-
beitet. Sein Vater sei Soldat in D._ gewesen, allerdings sei er de-
sertiert, indem er eines Tages aus dem einmonatigen jährlichen Urlaub
nicht mehr dorthin zurückgekehrt sei. Er habe sich dann auf den Lände-
reien und beim Vieh versteckt gehalten und der Beschwerdeführer habe
ihn oft begleitet. Der Vater habe sich während ungefähr drei Monaten be-
ziehungsweise vier Jahren von seiner Einheit ferngehalten. Während die-
ser Zeit habe er nie zu Hause übernachtet und er sei kontinuierlich gesucht
worden, es seien regelmässig Behördenvertreter zu ihnen nach Hause ge-
kommen. Im Oktober 2015 hätten Soldaten das Versteck des Vaters ge-
funden, der Beschwerdeführer sei bei ihm gewesen. Um vier Uhr morgens
seien sie von drei Soldaten entdeckt worden. Sein Vater habe entkommen
können, aber er sei festgenommen worden. Man habe ihn nach dem Auf-
enthaltsort seines Vaters gefragt, worauf er geantwortet habe, er kenne
diesen nicht. In der Folge sei er nach E._ gebracht und während
zwei Wochen im Gefängnis festgehalten worden. Nach zwei Wochen habe
sich sein Vater bei seiner Einheit zurückgemeldet und der Beschwerdefüh-
rer sei freigelassen worden. Er habe dann die Schule wieder besuchen
wollen, dort sei er aber nicht wiederaufgenommen, sondern aufgefordert
worden, zusammen mit seinen Eltern vorzusprechen. Nach diesen Vorfäl-
len habe er sich spontan zur Ausreise entschlossen. Am 19. Oktober 2015
habe er sein Dorf zusammen mit vier Freunden in Richtung Äthiopien ver-
lassen. Er wisse nicht, wie lange sein Vater in der Folge inhaftiert worden
sei, aktuell sei er wieder in D._ im Dienst. Während des Aufenthalts
des Beschwerdeführers in Italien (Juni 2017 bis Juli 2018) habe er von sei-
ner Mutter erfahren, dass der Vater zum ersten Mal wieder in den Urlaub
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nach Hause habe gehen dürfen. Als der Beschwerdeführer in Karthum ge-
wesen sei (Februar 2016 bis März 2017) habe er zum ersten Mal mit seiner
Mutter telefoniert und erfahren, dass drei seiner Geschwister ebenfalls ei-
nen Fluchtversuch unternommen hätten, aber unterwegs aufgegriffen wor-
den seien. Die zwei jüngeren seien aufgrund ihrer Minderjährigkeit (14 und
12 Jahre) freigelassen worden, der 16-jährige Bruder sei während sieben
Monaten in F._ festgehalten, danach ebenfalls freigelassen wor-
den.
B.
Mit Verfügung vom 21. November 2018 – eröffnet 24. November 2018 –
stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
und deren Vollzug an.
C.
Mit Beschwerde vom 19. Dezember 2018 focht der Beschwerdeführer
diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragte er,
die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, ihm sei die Flüchtlingsei-
genschaft zuzuerkennen und er sei vorläufig aufzunehmen, eventualiter sei
die Unzumutbarkeit und Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzu-
stellen. In prozessualer Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege und Beiordnung seiner Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
D.
Mit Instruktionsverfügung vom 10. Januar 2019 stellte die Instruktionsrich-
terin den legalen Aufenthalt des Beschwerdeführers während des Verfah-
rens fest, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung inklusive Befreiung von der Kostenvorschusspflicht und um amtli-
che Rechtsverbeiständung gut und ordnete ihm Frau lic. iur. Isabelle A.
Müller als amtliche Rechtsbeiständin bei.
E.
Mit Vernehmlassung vom 15. Januar 2019 beantragte die Vorinstanz die
Abweisung der Beschwerde. Mit Eingabe vom 30. Januar 2019 machte der
Beschwerdeführer von seinem Replikrecht Gebrauch.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (vgl. BVGE 2007/19 E. 3.3). Dabei kommen in einem sol-
chen Kontext bei der Prüfung einer begründeten Furcht vor Verfolgung be-
weiserleichternde Grundsätze zur Anwendung (vgl. dazu insbesondere
EMARK 1993 Nr. 6, E. 4, S. 38 mit weiteren Verweisen; Weiterführung die-
ser Praxis durch die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, bei-
spielsweise im Urteil des BVGer E-2734/2015 vom 16. April 2018, E. 4.3,
mit weiterem Verweis auf Urteil E-3738/2006 vom 5. Februar 2009
E. 5.3.1).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, auf-
grund der Desertion des Vaters sowie der zweiwöchigen Haft des Be-
schwerdeführers, aus welcher er entlassen worden sei, könne – sofern sie
denn überhaupt geglaubt werden könnte – nicht von einer asylrelevanten
Verfolgung ausgegangen werden. So sei der Vater gemäss Aussagen des
Beschwerdeführers inzwischen wieder im Militärdienst und würde sogar
Urlaub erhalten, um seine Familie zu besuchen. Betreffend die Furcht vor
einer Rekrutierung in den Militärdienst sei festzuhalten, dass es nicht ge-
nüge, diese lediglich mit Vermutungen zu begründen. Vielmehr müssten
hinreichende Anhaltspunkte vorhanden sein, dass sich die erwartete Be-
drohung konkret realisieren werde und somit die Furcht davor realistisch
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und nachvollziehbar erscheine. Gemäss eigenen Angaben habe kein be-
hördlicher Kontakt bestanden, aus dem erkennbar geworden wäre, dass er
als damals Minderjähriger rekrutiert werden sollte. Daran ändere auch die
Vermutung nichts, dass er wegen der Inhaftierung von der Schule verwie-
sen worden wäre oder dass er wegen seiner Verantwortung in der Land-
wirtschaft nicht mehr zur Schule hätte gehen können und daher für den
Militärdienst aufgeboten worden wäre. Es könne daher nicht automatisch
darauf geschlossen werden, dass der Beschwerdeführer in Eritrea mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit flüchtlingsrelevant verfolgt worden
wäre. Für die Annahme einer begründeten Furcht vor einer Rekrutierung
reiche es nicht aus, dass eine Person zukünftig im dienstfähigen Alter sei
und befürchte, irgendwann ausgehoben zu werden. Zudem hätten die erit-
reischen Behörden bis zu seiner Ausreise keine konkreten Schritte betref-
fend eine verfrühte Rekrutierung unternommen, so dass er sich bis anhin
keiner staatlichen Weisung widersetzt habe. Es bestehe somit kein Grund
zur Annahme, dass er mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehba-
rer Zeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten habe.
Schliesslich mache er geltend, Eritrea illegal verlassen zu haben. Gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts sei nicht mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit davon auszugehen, dass sich eritreische Staatsangehörige
aufgrund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates kon-
frontiert sehen, die bezüglich Intensität und politische Motivation des Staa-
tes ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen würden. An-
dere Anknüpfungspunkte, welche ihn in den Augen des eritreischen Re-
gimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, seien ebenfalls
nicht ersichtlich. Der Beschwerdeführer habe weder den Nationaldienst
verweigert noch sei er aus diesem desertiert, sondern habe aufgrund sei-
ner Minderjährigkeit zum Zeitpunkt der Ausreise gar nie eine Aufforderung
dafür erhalten. Da den Akten auch sonst nichts zu entnehmen sei, wonach
er bei einer Rückkehr nach Eritrea ernsthafte Nachteile zu gewärtigen
habe, seien die Anforderungen an die Feststellung einer begründeten
Furcht vor zukünftiger Verfolgung nicht erfüllt. Die Vorbringen bezüglich il-
legale Ausreise aus Eritrea seien somit asylrechtlich unbeachtlich.
4.2 Dem wurde in der Beschwerde im Wesentlichen entgegnet, die Vo-
rinstanz prüfe die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers
nicht, stelle aber dennoch fest, es seien aufgrund bestehender Widersprü-
che erhebliche Zweifel anzubringen. Der Verfügung könne somit nicht ent-
nommen werden, von welchen Widersprüchen die Vorinstanz ausgehe. Es
werde deshalb festgehalten, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers
bei einer Gesamtwürdigung überwiegend den Anforderungen gemäss
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Art. 7 AsylG genügen würden. Diese Einschätzung habe auch die bei der
vertieften Anhörung anwesende Hilfswerksvertreterin geäussert. Weiter
spreche für die Glaubhaftigkeit, dass er seine wesentlichen Asylgründe im
Rahmen der BzP und der Anhörung übereinstimmend vorgebracht habe,
namentlich die Desertion des Vaters aus dem Militärdienst, die behördliche
Suche nach dem Vater, die Festnahme des Beschwerdeführers und die
zweiwöchige Inhaftierung in E._, seine Freilassung, nachdem der
Vater zu dessen Einheit zurückgekehrt sei, sowie die erstmalige Weigerung
der Schule, den Beschwerdeführer wieder in den Unterricht aufzunehmen.
Auch die illegale Ausreise sei übereinstimmend dargelegt worden. Ausser-
dem sei anzumerken, dass er den Fragen nie ausgewichen sei und diese
sofern möglich detailliert und substantiiert beantwortet habe. Auch seien
seine Aussagen im eritreischen Kontext als realistisch zu bezeichnen. Ein-
zig der vermeintliche Widerspruch bezüglich des Zeitpunktes der Desertion
des Vaters habe nicht restlos geklärt werden können. Der Beschwerdefüh-
rer habe anlässlich der vertieften Anhörung sichtlich irritiert reagiert, da er
sich seine vermeintliche Aussage bei der BzP beziehungsweise die ent-
sprechende Protokollierung nicht habe erklären können. Er habe ein Miss-
verständnis infolge der Stresssituation vermutet. Der Befrager habe ihm
sodann versichert, dies könne passieren. Neben der illegalen Ausreise
würden beim Beschwerdeführer sodann zusätzliche Anknüpfungspunkte
vorliegen. So sei dieser bereits einmal – im Rahmen einer Reflexverfolgung
– inhaftiert gewesen. Damals sei er noch minderjährig gewesen, was ein
höchst zweifelhaftes Vorgehen der eritreischen Behörde aufzeige. Dass
Reflexverfolgung von Familienangehörigen von illegal ausgereisten Perso-
nen und Wehrdienstflüchtigen in Eritrea nach wie vor stattfinde, gehe aus
verschiedenen seriösen Quellen hervor. Aufgrund seiner Inhaftierung
könne als erstellt gelten, dass er bei den eritreischen Behörden registriert
sei. Durch seine illegale Ausreise habe er sich zudem dem Einzug in den
Militärdienst entzogen. Aufgrund des Verhaltens des Vaters dürften die Be-
hörden auch dem Beschwerdeführer als dessen Sohn kritischer gegen-
überstehen. Als weiterer Anknüpfungspunkt sei zu berücksichtigen, dass
drei jüngere Geschwister des Beschwerdeführers ebenfalls versucht hät-
ten, Eritrea illegal zu verlassen. Beim Versuch, die Grenze zu überqueren,
seien sie verhaftet worden. Zwei der drei hätten kürzlich einen weiteren
Ausreiseversuch gestartet, welcher geglückt sei. Sie würden sich derzeit in
Äthiopien im Flüchtlingscamp G._ aufhalten. Diesem Umstand sei
ebenfalls Rechnung zu tragen. Es würden somit zusätzliche Anknüpfungs-
punkte vorliegen, welche gemäss Praxis des Gerichts zur Zuerkennung der
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Flüchtlingseigenschaft führen müssten. Der Beschwerdeführer sei auf-
grund seines persönlichen Gefährdungsprofils in Verbindung mit der illega-
len Ausreise als Flüchtling vorläufig in der Schweiz aufzunehmen.
4.3 Anlässlich der Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, der Be-
schwerdeführer mache geltend, drei seiner Geschwister seien bei einem
Ausreiseversuch verhaftet worden. Alle drei seien jedoch wieder freigelas-
sen worden, zweien sei inzwischen die illegale Ausreise gelungen. Darüber
hinaus habe er keinerlei Ereignisse geltend gemacht, die auf eine Re-
flexverfolgung seiner Familienmitglieder aufgrund der Desertion des Vaters
schliessen lassen würden. Die Verhaftung der Geschwister vermöge somit
nichts daran zu ändern, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers in Er-
mangelung einer objektiv begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung
die Anforderungen an die Asylrelevanz insgesamt nicht erfüllen würden.
4.4 In seiner Replik legte der Beschwerdeführer dar, den Ausführungen der
Vorinstanz, wonach neben der illegalen Ausreise keine zusätzliche An-
knüpfungspunkte bestehen würden, könne mit Hinweis auf die Ausführun-
gen in der Beschwerdeschrift nicht gefolgt werden. Ferner habe es das
SEM erneut unterlassen, sich explizit zur Glaubhaftigkeit zu äussern. Der
Beschwerdeführer sei im Zusammenhang mit der Suche nach seinem de-
sertierten Vater festgenommen und während zwei Wochen inhaftiert wor-
den. Er sei demnach bei den Behörden registriert. Aufgrund der Tatsache,
dass er das Land im militärdienstpflichtigen Alter verlassen habe, sowie
dem familiären Hintergrund sei demnach seine subjektive Furcht vor künf-
tiger Verfolgung auch objektiv begründet.
5.
Vorab ist festzuhalten, dass die Schilderungen des Beschwerdeführers –
entgegen den im Entscheid der Vorinstanz gemachten Andeutungen – den
Voraussetzungen an das Glaubhaftmachen zu genügen vermögen. So hat
dieser sämtliche Fragen sorgfältig und nach bestem Wissen beantwortet.
Seine Aussagen enthalten zahlreiche Realkennzeichen, wie beispiels-
weise die Schilderung, wo sich das Gefängnis E._ befindet, oder
die Beschreibung der Zeit im Gefängnis (vgl. vorinstanzliche Akten act. A13
F39f.). So gibt er auch spontan an, gewisse Dinge nicht zu wissen, bei-
spielsweise das Verhalten der Behörden nicht erklären zu können (vgl. act.
A13 F53). Ferner ist zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer zum
Zeitpunkt seiner Einreise sowie der BzP und der Anhörung erst 18 Jahre
alt war und seine Ausreise und somit auch die Vorfälle, die zu seiner Aus-
reise führten, bereits drei Jahre zurücklagen, er sein Heimatland mit 15
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Jahren und somit als Minderjähriger verlassen hat. Seine Aussagen sind in
einer altersgerechten Substanziiertheit und Ausführlichkeit ausgefallen. Er
hat die Kernelemente seiner Vorbringen – die Desertion seines Vaters und
die behördliche Suche nach diesem sowie die Festnahme und Inhaftierung
des Beschwerdeführers, bis sich der Vater gestellt habe – übereinstim-
mend dargelegt. Einzig betreffend Zeitpunkt der Desertion des Vaters wi-
derspricht er sich während der Anhörung, was ihn jedoch sichtlich beschäf-
tigte. Dieser Widerspruch wird zwar nicht aufgeklärt durch den Beschwer-
deführer, jedoch wird das Thema auch nicht weiter besprochen, sondern
der Befrager erklärt, dies sei kein Problem, so etwas könne passieren, und
geht zur nächsten Frage über (vgl. act. A13 F51). Schliesslich gab er auch
spontan und bereitwillig Auskunft über Dinge, die die Familie ihm seit sei-
ner Ausreise berichtet habe, beispielsweise darüber, dass sein Vater inzwi-
schen wieder zu Hause Urlaub machen könne. Dass er nicht versucht, die
Lage seiner Familie schlechter darzustellen, als sie ist, spricht für seine
Glaubwürdigkeit. Ferner ist festzuhalten, dass sich die Vorbringen des Be-
schwerdeführers ohne Weiteres in den eritreischen Länderkontext einord-
nen lassen. Nach Auffassung des Gerichts vermag der eine Widerspruch
nicht die Glaubhaftigkeit der Vorbringen insgesamt in Frage zu stellen. Ent-
sprechend wird von der Glaubhaftigkeit der Kernvorbringen des Beschwer-
deführers ausgegangen. Es ist demnach zu prüfen, ob die Vorinstanz zu
Recht deren Relevanz für die Flüchtlingseigenschaft verneint hat.
6.
6.1 Vorab ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine Vorflucht-
gründe geltend macht. Mit der Beschwerde wird denn auch lediglich die
Nichtzuerkennung der Flüchtlingseigenschaft angefochten, nicht aber die
Abweisung des Asylgesuchs. Es sind somit lediglich die geltend gemach-
ten subjektiven Nachfluchtgründe zu prüfen.
6.2 Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss
Art. 54 AsylG kein Asyl, werden aber als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten insbesondere das illegale
Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht), das Einreichen eines
Asylgesuchs im Ausland oder exilpolitische Betätigungen, wenn sie die Ge-
fahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Durch Republikflucht zum
Flüchtling wird, wer wegen illegaler Ausreise Sanktionen des Heimatstaa-
tes befürchten muss, die bezüglich ihrer Intensität ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG darstellen (BVGE 2009/29).
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6.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe Eritrea illegal verlassen
und sei deswegen im Falle einer Rückkehr dorthin an Leib und Leben so-
wie in seiner Freiheit gefährdet.
Gemäss langjähriger bisheriger Praxis der schweizerischen Asylbehörden
begründete bereits eine (glaubhaft gemachte) illegale Ausreise aus Eritrea
ohne weiteres die Flüchtlingseigenschaft. Das SEM verschärfte diese Pra-
xis im Sommer 2016.
Das Bundesverwaltungsgericht befasste sich im Rahmen des Urteils
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil publiziert) mit der
Frage, ob Eritreerinnen und Eritreer, die ihr Land illegal verlassen haben,
allein deswegen bei einer Rückkehr Verfolgung zu befürchten haben. Das
Gericht kam dabei zum Schluss, dass sich die bisherige Praxis nicht mehr
aufrechterhalten lasse und vom SEM zu Recht angepasst worden sei. Für
die Entscheidfindung des Gerichts war auch die Tatsache von Bedeutung,
dass seit einiger Zeit Personen aus der eritreischen Diaspora für kurze Auf-
enthalte in ihren Heimatstaat zurückkehren und sich unter ihnen auch Per-
sonen befinden, die Eritrea zuvor illegal verlassen hatten. Es sei mithin
nicht mehr davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer un-
erlaubten Ausreise aus Eritrea eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfol-
gung droht. Von der begründeten Furcht vor intensiven und flüchtlings-
rechtlich begründeten Nachteilen sei nur dann auszugehen, wenn zur ille-
galen Ausreise weitere Faktoren hinzukommen, welche die asylsuchende
Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person er-
scheinen lassen (a.a.O., E. 5).
6.4 Derartige zusätzliche Anknüpfungspunkte sind vorliegend nach Auffas-
sung des Gerichts vorhanden. Der Umstand, dass die Behörden den Be-
schwerdeführer kurz vor seiner Ausreise für zwei Wochen inhaftiert hatten,
in der Absicht, seinen Vater dazu zu bewegen, sich zu stellen, lässt auch
den Beschwerdeführer in einem kritischen Licht erscheinen. Es ist davon
auszugehen, dass er in den Augen der eritreischen Behörden als eine Per-
son gilt, der eine regimekritische Haltung zumindest unterstellt wird, wes-
halb auch seine Ausreise als regimekritischer Akt erachtet werden dürfte.
Dazu kommt, dass nach der Ausreise des Beschwerdeführers auch drei
seiner Geschwister einen Ausreiseversuch unternommen haben und dabei
erwischt worden sind. Zwar wurden alle drei in der Folge wieder freigelas-
sen, jedoch ist davon auszugehen, dass der Umstand, dass sie nicht härter
bestraft wurden, auf das junge Alter der Geschwister zurückzuführen ist.
Zwei Geschwistern ist sodann die Ausreise zu einem späteren Zeitpunkt
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gelungen. Auch dies wird den Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in den
Augen der eritreischen Behörden in ein kritisches Licht rücken und stellt
einen weiteren Anknüpfungspunkt im Sinne der Rechtsprechung dar.
Die (frühere) Desertion des Vaters, die Inhaftierung, ein allfälliger Schul-
ausschluss und auch die inzwischen erfolgte Ausreise von zwei seiner Ge-
schwister und vorübergehende Festnahme von drei seiner Geschwister
genügen zwar den Anforderungen an eine asylbeachtliche Vorverfolgung
noch nicht; im Fall der Rückkehr liefern sie aber genau die zusätzlichen
Anknüpfungspunkte – neben der illegalen Ausreise –, um eine auch objek-
tiv begründete Furcht des Beschwerdeführers vor zukünftiger flüchtlingsre-
levanter Verfolgung bejahen zu können. In vergleichbaren Konstellationen
anerkannte das Bundesverwaltungsgericht bereits das Vorliegen zusätzli-
cher Anknüpfungspunkte für den Fall einer als Reflexverfolgung zu be-
zeichnenden Inhaftierung wegen der Desertion eines nahen Angehörigen
(vgl. die Ausführungen zum zusätzlichen Anknüpfungspunkt im Urteil des
BVGer E-1177/2017 vom 20. September 2017, E. 6.7). Im Fall der Rück-
kehr dürfte der Beschwerdeführer von den eritreischen Behörden als
ebenso missliebig wie sein Vater und seine illegale Ausreise deshalb als
politisch begründet erachtet werden, weshalb er aufgrund seines ihm min-
destens unterstellten geschärften politischen Profils bei der Rückkehr
Nachteile zu befürchten hätte.
6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass neben der glaubhaft gemach-
ten illegalen Ausreise zusätzliche Gefährdungselemente bestehen, wes-
halb von einer relevanten Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 respektive
Art. 54 AsylG auszugehen ist.
7.
Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers demnach
zu Unrecht verneint. Die Beschwerde ist bezüglich des Antrags auf Aner-
kennung der Flüchtlingseigenschaft gutzuheissen. Nachdem keine asylre-
levanten Vorfluchtgründe bestehen (und auch nicht geltend gemacht wur-
den), ergibt sich die Flüchtlingseigenschaft aus Nachfluchtgründen, die
eine Asylgewährung ausschliessen. Ziffer 1 sowie 4 und 5 der angefochte-
nen Verfügung sind aufzuheben und das SEM ist anzuweisen, die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen und ihn als Flücht-
ling wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzuneh-
men.
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8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm not-
wendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Mit der Beschwerde wurde eine Kostennote eingereicht, wobei ein Auf-
wand von 390 Minuten (6.5 Stunden) angegeben war, dies bei einem Stun-
denhonorar von Fr. 193.85. Zusätzlich wurde eine einmalige Pauschale
von Fr. 53.85 als Auslagenersatz angegeben. Nach der Beschwerde wurde
schliesslich noch eine Replikeingabe sowie zwei Anfragen zum Verfah-
rensstand eingereicht. Die Kostennote erscheint als angemessen, wobei
aufgrund des nach der Beschwerdeeinreichung erfolgten Aufwandes ins-
gesamt von 7.5 Stunden auszugehen, jedoch der Auslagenersatz zu kür-
zen ist, da das Gericht keine Pauschalen vergütet. Die von der Vorinstanz
auszurichtende Parteientschädigung ist somit auf insgesamt Fr. 1'500.–
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1
Bst. c VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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