Decision ID: 53f4ec32-0c4a-5401-ac92-c1436fa5437c
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1966, zog sich am 22. Oktober 2011 im Rah
men einer tätlichen Auseinandersetzung (vgl. Urk.
8
/167) Verletzungen zu (Urk.
8
/1, Urk.
8
/5).
Die
Swica
Versicherungen AG (nachstehend:
Swica
) schloss den Fall mit Verfü
gung vom 24. Juli 2015 (Urk.
8
/256) und
Einspracheentscheid
vom 4. Juli 2016 (Urk.
8
/270) per 20. November 2012 ab. In teilweiser Gutheissung der dagegen am 1. September 2016 erhobenen Beschwerde entschied das hiesige Gericht mit Urteil vom 1
9.
September 2017 im Verfahren Nr. UV.2016.00168 (Urk.
8
/
280
), dass die Leistungspflicht betreffend Taggeld und Heilbehandlung per 3
1.
August 2014 ende
,
und wies die Sache unter anderem zur weiteren Anspruchsprüfung an die
Swica
zurück (S.
20
Ziff.
1).
1.2
Die
Swica
veranlasste in der Folge eine Aktenbegutachtung, die am 2
3.
April 2019 erstattet wurde (
Urk.
8
/286)
,
und sprach dem Versicherten mit Verfügung
vom
1
1.
Juni 2018 (
Urk.
8
/288 =
Urk.
3/2) eine Integritätsentschädigung entspre
chend einer Integritätseinbusse von 5
%
zu (S. 5 f.
Ziff.
3), während sie einen Rentenanspruch bei einem Invaliditätsgrad von 8
%
verneinte (S. 4 f.
Ziff.
2).
Dagegen erhob der Versicherte am 1
2.
Juli 2018 Einsprache (
Urk.
8
/289 = Urk. 3/3).
Die
Swica
erliess am 1
1.
April 2019 eine Verfügung (
Urk.
8
/291 =
Urk.
2), in
wel
cher sie ausführte, d
ie
se
ersetze die Verfügung vom 1
1.
Juni 2018, womit die Einsprache als gegenstandslos und das
Einspracheverfahren
als erledigt betrach
tet werden könn
t
e
n
(S. 1 Mitte). Ferner verneinte sie einen Anspruch auf Invali
denrente und sprach eine Integritätsentschädigung im gleichen Umfang wie in der Verfügung vom 1
1.
Juni 2018 zu (S. 5
Ziff.
3).
2.
Der Versicherte erhob am 2
7.
Mai 2019 Beschwerde gegen den Entscheid vom 1
1.
April 2019 (
Urk.
2), den er als
Einspracheentscheid
bezeichnete, und bean
tragte, dieser sei aufzuheben und es seien ihm die gesetzlichen Leistungen, ins
besondere Rente und Integritätsentschädigung, zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
I).
Die
Swica
beantragte mit Beschwerdeantwort vom
1.
Juli 2019 (
Urk.
7) die Ab
weisung der Beschwerde (S. 2
Ziff.
I) und führte unter anderem aus, aus näher genannten Gründen sei die Verfügung vom 1
1.
April 2019 als
Einspracheent
scheid
zu qualifizieren (S. 4 f.).
Mit Replik vom
5.
November 2019 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest (
Urk.
13). Die Beschwerdegegnerin verzichtete am
4.
Dezember 2019 auf Duplik (
Urk.
16), was dem Beschwerdeführer am
6.
Dezember 2019 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
17).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gegen Verfügungen kann, von hier nicht interessierenden Ausnahmen abgese
hen, gemäss
Art.
52
Abs.
1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
Einsprache erhoben werden, worauf innert an
gemessener Frist ein
Einspracheentscheid
zu erlassen ist (
Art.
52
Abs.
2 ATSG).
Gegen
Einspracheentscheid
e
kann Beschwerde erhoben werden (
Art.
56
Abs.
1 ATSG).
Der Versicherer kann einen
Einspracheentscheid
, gegen
welche
n Beschwerde er
hoben wurde, so lang wiedererwägen, bis er gegenüber der Beschwerdebehörde Stellung nimmt (
Art.
53
Abs.
3 ATSG).
1.2
Mit der genannten gesetzlichen Regelung nicht vereinbar ist das von der Be
schwerdegegnerin gewählte Vorgehen, anstelle eines
Einspracheentscheids
(allenfalls nach vorangegangener Androhung einer
reformatio
in
peius
, da nun
mehr ein Rentenanspruch aus anderen Gründen verneint wurde) die
einsprache
weise
angefochtene Verfügung durch eine neue Verfügung zu ersetzen.
Nachdem die Beschwerdegegnerin nunmehr anerkannt hat, dass die «Verfügung» vom 1
1.
April 2019 (
Urk.
2) richtigerweise als
Einspracheentscheid
zu qualifizie
ren ist (
Urk.
7 S. 4 f.), steht einem Eintreten auf die dagegen erhobene Beschwerde (
Urk.
1) nichts im Wege.
2.
2.1
Am 1. Januar 2017 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen, die in Geltung standen, als sich der zu den
materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebro
chen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Über
gangsbestimmungen).
Der hier zu beurteilende Unfall hat sich am
2
2.
Oktober 2011
ereignet, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
2.2
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwi
schen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des na
türlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Ent
sprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzu
sammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Ver
waltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Be
weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Mög
lichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
an
spruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
2.3
UV170070
Kausalzusammenhang adäquat allgemein
08.2018
Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im Weiteren voraus, dass zwi
schen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausal
zusammenhang besteht. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adä
quate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge
und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Er
folg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2, 402 E. 2.2, 125 V 456 E. 5a).
UV170080
Kausalzusammenhang adäquat und Gesundheitsbeeinträchtigung organisch
01.2009
Bei objektiv ausgewiesenen organischen Unfallfolgen deckt sich die adäquate, das heisst rechtserhebliche Kausalität weitgehend mit der natürlichen Kausalität; die Adäquanz hat hier gegenüber dem natürlichen Kausalzusammenhang prak
tisch keine selbständige Bedeutung (BGE 134 V 109 E. 2.1).
2.4
Wird die versicherte Person infolge eines Unfalles zu mindestens 10 % invalid, so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente, sofern sich der Unfall vor Erreichen des ordentlichen Rentenalters ereignet hat (Art. 18 Abs. 1 UVG). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Er
werbsunfähigkeit. Zur Bestimmung des Invaliditätsgrades wird gemäss Art. 16
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der (un
fallbedingten) Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
).
2.5
UV170430
Integritätsentschädigung, Grundlagen
08.2018
Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebliche Schä
digung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie An
spruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung (Art. 24 Abs. 1 UVG). Die Integritätsentschädigung wird in Form einer Kapitalleistung gewährt. Sie darf den am Unfalltag geltenden Höchstbetrag des versicherten Jahresverdienstes nicht übersteigen und wird entsprechend der Schwere des Integritätsschadens abgestuft (Art. 25 Abs. 1 UVG).
Nach Art. 25 Abs. 2 UVG regelt der Bundesrat die Bemessung der Entschädigung. Von dieser Befugnis hat er in Art. 36 UVV Gebrauch gemacht. Abs. 1 bestimmt, dass ein Integritätsschaden als dauernd gilt, wenn er voraussichtlich während des ganzen Lebens mindestens in gleichem Umfang besteht; er ist erheblich, wenn die körperliche, geistige oder psychische Integrität, unabhängig von der Erwerbs
fähigkeit, augenfällig oder stark beeinträchtigt wird. Gemäss Abs. 2 gelten für die Bemessung der Integritätsentschädigung die Richtlinien des Anhangs
3.
Fallen mehrere körperliche,
geistige oder psychische Integritätsschäden aus einem oder mehreren Unfällen zusammen, so wird die Integritätsentschädigung nach der ge
samten Beeinträchtigung festgesetzt. Die Gesamtentschädigung darf den Höchst
betrag des versicherten Jahresverdienstes nicht übersteigen und bereits nach dem Gesetz bezogene Entschädigungen werden prozentual angerechnet (Abs. 3). Vo
raussehbare Verschlimmerungen des Integritätsschadens werden angemessen be
rücksichtigt. Revisionen sind nur im Ausnahmefall möglich, wenn die Verschlim
merung von grosser Tragweite ist und nicht voraussehbar war (Abs. 4).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen Entscheid (
Urk.
2) davon aus, ob die geklagte Kopfschmerzen in adäquatem Kausalzusammenhang mit dem 2011 erlittenen Unfall stünden, sei anhand der bezüglich psychischer Beschwerden gel
tenden Praxis (BGE 115 V 133) zu prüfen (S. 4 oben) und die dementsprechend massgebenden Kriterien seien nicht erfüllt (S. 4 unten). Die
Integritätseinbusse betrage 5
%
(S.
2 f. und S.
5
Ziff.
3).
3.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den
Standpunkt
(
Urk.
1),
die Beschwerdegegnerin habe zu Unrecht eine
Hyposmie
(S. 5
Ziff.
12) und eine Fazialis-Mundastschwäche (S. 5
Ziff.
13) nicht als Unfallfolgen und den posttrau
matischen Kopfschmerz als psychisches Leiden (S. 5 f.
Ziff.
16) erachtet. Ausge
wiesen sei ein Invaliditätsgrad von 20
%
(S. 6
Ziff.
20) und ein Integritätsschaden von 27.5
%
(S. 7
Ziff.
21 ff.).
3.3
Strittig ist, ob und allenfalls in welchem Umfang die Arbeitsfähigkeit des Be
schwerdeführers aus unfallkausalen Gründen eingeschränkt ist,
mithin die Frage des Rentenanspruchs,
sowie die Höhe des Integritätsschadens.
4.
4.1
Dr. med. Y._
, Facharzt für Neurologie, erstattete am 4. September 2012 ein Gutachten im Auftrag der Beschwerdegegnerin (Urk.
8
/149). Er stützte sich auf die ihm überlassenen Akten (S. 3 ff.), die Angaben des Beschwerde
führers (S. 6 ff.) und die von ihm am 4. September 2012 (S. 3 Mitte) erhobenen Befunde (S. 9 ff.).
Er nannte die folgenden neurologischen Diagnosen (S. 13 Ziff. VI):
-
Status nach dislozierter Tripod-Fraktur links und dislozierter Nasenbein
fraktur nach stumpfem Gesichtstrauma vom 22. Oktober 2011; operativ versorgt
-
chronischer posttraumatischer Kopfschmerz
Zum Befund führte er aus, es hätten sich noch eine zweifellos unfallkausale Sen
sibilitätsstörung (Hypästhesie) im Versorgungsgebiet des 2. Trigeminusastes links und ein Druckschmerz über dem entsprechenden Nervenaustrittspunkt gefunden. Darüber hinaus bestehe noch eine leichte
infraorbitale
Schwellung bei ansonsten kosmetisch gut verheilten Narben (S. 13 Ziff. 3).
Der Unfall sei die einzige Ursache der festgestellten gesundheitlichen Störungen (S. 14 Ziff. 5.1).
Die Frage, ob noch mit einer namhaften Verbesserung der Gesundheits
schä
di
gung gerechnet werden könne, bejahte er und führte dazu aus, die not
wen
digen Therapiemassnahmen (Analgetika-Entzug und Einleitung einer Kopf
schmerzpro
phylaxe mit einem
trizyklischen
Antidepressivum unter flankieren
den psycho-
edukativen
Massnahmen/Schmerzpsychotherapie) seien inzwischen von der Kopfwehsprechstunde des
Z._
und unter Einbindung des Hausarztes eingeleitet worden. Prognostisch sei nunmehr mit einer weiteren Besserung der Kopfschmerzen zu rechnen. Die behandelnden Ärzte sollten ein Jahr nach dem Ereignis, demnach Ende Oktober 2012, um einen Bericht zum Status quo gebeten werden. Aus neurologischer Sicht wäre ein Jahr nach dem Ereignis mit einem Erreichen des Endzustandes zu rechnen (S. 15 Ziff. 6).
Zur Arbeitsfähigkeit führte er aus, aktuell sei noch von einer 100%igen Arbeits
unfähigkeit auszugehen. In Bezug auf den posttraumatischen Kopf
schmerz sei nach der erst
kürzlichen
Einleitung der notwendigen Therapie
massnahmen noch kein ausreichend stabiler Zustand erreicht, der eine Wieder
aufnahme einer wie auch immer gearteten beruflichen Tätigkeit erlauben würde. Der Versicherte leide derzeit noch unter permanent anhaltenden Kopfschmerzen hoher Intensität, die sowohl Schlafstörungen als auch Konzentrations
schwierig
keiten bedingten. Die Einschätzung einer derzeit noch 100%igen Arbeitsun
fähigkeit decke sich mit dem Eindruck der behandelnden Ärzte. Ein Jahr nach dem Ereignis vom 22. Oktober 2011 sollte der Zustand jedoch soweit gebessert sein, dass eine schrittweise be
rufliche Eingliederung begonnen werden könnte (S. 15 f. Ziff. 8.1).
Da noch kein Endzustand erreicht sei, könne ein allfälliger Integritätsschaden noch nicht bestimmt werden (S. 17 Ziff. 9).
4.2
Am 10. Dezember 2012 erstattete Dr.
Y._
einen Verlaufsbericht (Urk.
8
/200) nach erneuter Untersuchung des Versicherten am 20. November 2012 (S. 1 u
nten).
Als neurologischen Lokalbefund nannte der Gutachter eine leichte Schwellung unterhalb des linken Augenlides, verbunden mit einer leichten lividen bis rötli
chen Verfärbung der Haut und einer inkompletten Hypästhesie für Berüh
rung oberhalb des linken Jochbogens, eine Hyperalgesie und
Thermhypästhesie
im sel
ben Gebiet (etwas inkonstant angegeben), eine
Berührungsallodynie
oberhalb des linken Auges sowie eine diskrete
Fazialismundastschwäche
links (S. 3 Ziff. III).
Der Beschwerdeführer beklage weiterhin einen chronischen posttraumatischen Kopfschmerz. Problematisch sei weiterhin der mit 6-8 Tabletten täglich ange
ge
bene hohe
Analagetikakonsum
(S. 4 oben).
Die aktuell bestimmten Medikamentenspiegel hätten allerdings wider Erwarten für alle als täglich und regelmässig eingenommenen Medikamente unterhalb der Nachweisgrenze gelegen, diese seien also gar nicht im Blut nachweisbar gewesen, so dass nunmehr doch begründete Zweifel an der regelmässigen Ein
nahme und damit auch an der Konsistenz der weiterhin geklagten Beschwerden geäussert werden müssten (S. 4 Mitte).
Entsprechend versah der Gutachter die von ihm wiederum gestellte Diagnose eines chronischen posttraumatischen Kopfschmerzes mit dem Zusatz „derzeit fraglicher Authentizität bzw. Konsistenz“ (S. 5
Ziff
VI).
Zu Behandlungsverlauf und Prognose führte er aus, wenn sich der Versicherte nicht konsequent an die ärztlichen Verordnungen halte, wie aktuell aufgrund der negativen Medikamentenspiegel vermutet werden müsse, sei auch keine relevante Besserung zu erwarten beziehungsweise es bestünden Zweifel an der Authentizi
tät der Beschwerden (S. 5 Ziff. 5).
Die Frage, ob noch mit einer namhaften Verbesserung der Gesundheits
schä
di
gung gerechnet werden könne, bejahte der Gutachter abermals und führte unter anderem aus, er würde nunmehr doch einen stationären Aufenthalt in einer Schmerzklinik vorschlagen (S. 6 Ziff. 6).
Ob der Unfall die einzige Ursache der festgestellten gesundheitlichen Störung sei, sei aufgrund derzeitiger Inkonsistenzen aktuell nicht sicher beurteilbar (S. 6 Ziff. 7.1).
Aufgrund von aktuellen Zweifeln an der Konsistenz der weiterhin vorgetra
genen Beschwerden könne auch keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit atte
stiert werden (S. 7 Ziff. 8.1) und keine Zumutbarkeitsbeurteilung erfolgen (S. 7 Ziff. 8.2 f.).
4.3
Am 15. September 2014 erstatteten Dr. med.
A._
, Facharzt für Neuro
lo
gie, Oberarzt, und Prof. Dr. med.
B._
, Facharzt für Neurologie sowie für
Physikalische Medizin und Rehabilitation
, Chefarzt,
C._
, ein Gut
achten im Auftrag der Invalidenversicherung (Urk.
8
/249 = Urk.
8
/254 Beilage).
Sie stützten sich auf die ihnen überlassenen und zusätzlich eingeholte Akten (S. 2
ff.), die Angaben des Exploranden (S. 27 ff.) und die am 3. September 2014 (S. 1 unten) erhobenen Befunde (S. 33 ff.).
Sie nannten folgende Diagnose (S. 37 Ziff. 8.1):
-
Zustand nach Gesichtstrauma links vom 22.10.2011 mit
-
dislozierter Tripod-Fraktur
-
dislozierter Nasenbeinfraktur
-
Quetschungstrauma des
Nervus
infraorbitalis
links
-
Fraktur Zahn 11, 1. Grades
-
posttraumatischer Kopfschmerz
-
Verdacht auf Läsion des
Nervus
frontalis
links
-
posttraumatische Beinverkürzung rechts nach Unfall 1978
Sodann nannten sie folgende Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeits
fähig
keit (S. 37 Ziff. 8.1):
-
chronischer posttraumatischer Kopfschmerz
Hinsichtlich der Beurteilung wurde ausgeführt, aufgrund der Angaben des Pati
en
ten wäre von einem
schwergradigen
Schmerzsyndrom, aufgrund der
klin
i
schen Erscheinung und der anamnestischen Angaben hinsichtlich der Einschränkungen von einer leicht- bis mittelgradigen Schwere auszugehen. Aus den Akten erschie
nen die Angaben des Patienten über die Zeit konsistent. D
ie
Gutachter g
ingen
insgesamt von einer mittelschweren Ausprägung aus. Die Schmerzverarbeitung des Patienten erscheine adäquat. Hinweise für eine Simulation oder Aggravation hätten in der Untersuchung nicht bestanden. Die geschilderten Beschwerden seien mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als posttraumatisch einzustufen. Die anam
nestischen Angaben seien mit einem posttraumatischen Kopfschmerz in Übereinstimmung zu bringen. Aufgrund des klinischen Befundes wäre auch eine umschriebene Neuropathie des
Nervus
frontalis
möglich, eventuell auch eine kombinierte Symptomgenese (S. 38 Ziff. 8.3).
In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit wie auch in solchen in einem Grossteil des Gastronomiegewerbes bestehe eine fortgesetzte Arbeitsunfähigkeit von 100 % (S.
39 oben). Für eine leidensangepasste Tätigkeit sei im ersten Jahr im Rahmen der Konsolidierung von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Zu
min
dest ab Beginn des Jahres 2013 sei eine eingeschränkt gegebene und lang
sam steigende Arbeitsfähigkeit zwischen 20 und 60 % anzunehmen (S. 39). Prog
nos
tisch positiv sei anzumerken, dass sich der Beschwerdeführer selber in einer ge
eigneten Position als voll arbeitsfähig einschätze (S. 40 unten). Für eine Tätigkeit mit normaler Büroarbeit oder Kundenkontakt mit Gelegenheit von kurzen, selbst
gesteuerten Pausen sei von einer zeitlichen Arbeitsfähigkeit von 100 % bei min
destens 80%iger Leistungsfähigkeit auszugehen, eine vollständige Kompensation der Beschwerden sei bei passender Arbeitsstelle vorstellbar (S. 41 oben).
4.4
Dr.
Y._
(vorstehend E. 4.1) erstattete am
2
3.
April 2018
anhand der ihm über
lassenen Akten eine
versicherungs
neurolog
ische
Verlaufsbe
urteilung
im Auftrag der Beschwerdegegnerin
(
Urk.
8
/286)
.
Er führte unter anderem aus, die in seiner
letzten Beurteilung vom 1
0.
Dezember 2012 (vgl. vorstehend E. 4.2) aufgezeigten gravierenden Inkonsistenzen
(wider
sprüchliche Angaben zur Medikation mit negativen
Analgetikaspiegel
für alle als
regelmässig eingenommen angegebenen Medikamente) seien auch im Gutachten der
C._
vom 1
5.
September 2014 (vgl. vorstehend E. 4.3) nicht aus
geräumt worden, und es sei rein auf die subjektiven Angaben des Versicherten abgestellt worden. Eine neuerliche Medikamentenspiegelkontrolle sei nicht durchgeführt worden. Der Beschwerdeführer habe auch weiterhin ein
e
tägliche
Analgetikaeinnahme
von 6-8 Tabletten
Novalgin
angegeben, die von den Gut
achtern nicht kritisch hinterfragt worden sei. Aufgrund der weiterhin nicht kon
sistenten Kopfschmerzen könne aus aktueller Sicht auch diesbezüglich kein
In
tegritätsschaden abgeleitet werden (S. 3 Mitte).
Bei
s
einer neurologischen Untersuchung am
4.
September
2012
habe der Be
schwerdeführer
explizit keine
Geruchsstö
r
ung an
gegeben. Auch in früheren, dem Unfallzeitpunkt
näheren Berichten einsch
li
esslich dezidierten
neurologischen Un
tersuchun
gen
sei
keine
H
y
posmie
dokumentiert
worden
. Insoweit
könne
die erst
im Gutachten vom
1
5.
September
2014 erwähnte
Hyposmie
auch nicht als u
nfall
bedingt
anerkannt w
erden (S. 3).
Die im
G
utachten gena
nn
te
Fa
zialis-Mundastschwäche links
habe
weder bei
s
ei
ner
Voruntersuchung
bestanden
noch
sei
sie
in früheren
neurologisc
hen Berich
ten
festgestellt worden. Auch
diesbezüglich
könne
daher k
e
in
unfallk
ausaler In
tegritätsschaden gesehen werden
(S. 3 unten)
.
Rein aufgrund der im Gutachten dokumentierten inkompletten Sensibilitätsstö
rungen im Trigeminusgebiet links, die als überwiegend wahrscheinlich unfallkau
sal anzuerkennen seien, könne in Anlehnung an Tabelle
17 der Suva ein Integri
tätsschaden von 5
%
beurteilt werden (S. 4 oben).
5.
5.1
Zwar bezeichnete
Dr.
Y._
seine Stellungnahme vom 2
3.
April 2018 (vorstehend E. 4.4) als Verlaufsbeurteilung. Allerdings lagen ihm keinerlei neueren Berichte vor. Inhaltlich erschöpft sich seine Stellungnahme in der Feststellung, das 2014 erstellte Gutachten sei nicht geeignet, seine 2012 erstattete Beurteilung in Frage zu stellen,
so
dass er im Ergebnis diese bestätigend wiederholte.
5.2
Sowohl die von
Dr.
Y._
2012 erstattete Beurteilung wie auch das 2014 erstattete Gutachten lagen im Zeitpunkt des Urteils des hiesigen Gerichts vom 1
9.
Septem
ber 2017 (
Urk.
8/280) bereits vor. Das Gericht wies damals daraufhin, dass die Beschwerdegegnerin ihrerseits die Beurteilung durch
Dr.
Y._
von 2012 als nicht hinreichend und eine Begutachtung als erforderlich erachtet hatte, und dass es nicht angehe, dass sie in der Folge dann doch auf die genannte Beurteilung ab
gestellt habe (S. 16
f.
E. 4.6).
5.3
Im heutigen Zeitpunkt ist die Aktenlage nicht besser
, nämlich bestehend aus dem Gutachten von 2014 und d
er
diesem widersprechende
n
Stellungnahme
von
Dr.
Y._
.
Dies ist offensichtlich keine hinreichende Grundlage, um dem Auftrag im Urteil von 2017, einen allfälligen Anspruch auf Rente und Integritätsentschädigung zu prüfen, nachzukommen.
Di
e Beschwerde ist
deshalb in dem Sinne gutzuheissen, dass
der angefochtene Entscheid aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
ist
, damit
d
ie
se die
Arbeitsfähigkeit und
die
allfällige Integritätseinbusse ab dem Zeitpunkt der Taggeldeinstellung (Ende August 2014) medizinisch
(neurologisch)
durch einen bislang nicht am Verfahren beteiligten Experten ausführlich und
nachvollziehbar beurteilen lasse und sodann
erneut
verfüge.
5.4
Bei diesem Ausgang ist (noch) nicht darauf einzugehen, dass das Bundesgericht bisher ausdrücklich offengelassen hat, ob es sich bei persistierenden Kopfschmer
zen um ein
mit etablierten Methoden objektivierbares Krankheitsbild handelt (BGE 140 V 290 E. 3.3.1), was die Parteien je ohne nähere Begründung bejaht beziehungsweise verneint haben. Ebenso fällt nicht ins Gewicht, dass sich die Parteien zu den möglicherweise zu prüfenden Adäquanzkriterien beide nicht nä
her geäussert haben.
6.
Dem obsiegenden und anwaltlich
vertreten
en Beschwerdeführer steht eine Prozessentschädigung zu, die beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
220.
(zuzüglich Mehrwertsteuer) ermessensweise auf
Fr.
2'700.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin auf
zuerlegen ist.