Decision ID: c0cf984d-0577-462d-8a11-548a7f5a9fd9
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1996, meldete sich am 1
0.
März 2014 (
Anmel
dung für Minderjährige:
Urk.
6/2) unter Hinweis auf soziale Phobien, Ängste und Depressionen für Massnahmen
der
berufliche
n
Eingliederung bei der Invaliden
versicherung an.
Am 1
6.
September 2014 erfolg
t
e die Anmeldung zum Leistungs
bezug für Erwachsene (
Urk.
6/12).
Die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab und
erteilte
dem Versicherten
unter anderem
Kostengutsprache für
eine
erstmalige beruflich
e
Ausbildung als Kaufmann
EFZ
B-Profil bei
m
Y._
von
1.
August 2015 bis 3
1.
Juli 2018 (
Urk.
6/36). Die Lehre musste
jedoch
aus gesundheitlichen Gründen per 3
1.
August 2015 abgebrochen werden (
Urk.
6/42)
. Mit Mitteilung vom 2
5.
April 2016
(
Urk.
6/48)
wurde dem Versicherten eine regelmässig
e
psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung als Schadenmin
derungspflicht auferlegt. Nach erlassenem Vorbescheid vom 9. November 2016 (
Urk.
6/62) wurde
das Leistungsbegehren
mit Verfügung vom
4.
Januar 2017 (
Urk.
6/64) aufgrund fehlender Mitwirkung abgewiesen.
Der
Versicherte meldete sich am 1
0.
März
2017 erneut zum Lei
stungsbezug an (
Urk.
6/74
), woraufhin die IV-Stelle die medizinische und erwerbliche Situation
nochmals
prüfte. Es fand von 2
6.
Juni 2017 bis 3
1.
Dezember 2017 ein Arbeits
training
bei der
X._
statt (
Urk.
6/76
, 6/91
)
. Aufgrund gesund
heitlicher Probleme konnten die beruflichen Massnahmen nicht weitergeführt werden, weshalb
diese
per 31.
Dezember 2017 aufgehoben wurden
(
Urk.
6/96)
.
Am 2
3.
Juni 2020 wurde dem
Versicherte
n
v
o
m
6.
Juli 2020 bis 30.
September 2020
Kostengutsprache für
ein Belastbarkeitstraining bei der
Z._
GmbH in
A._
erteilt
(
Urk.
6/135) sowie
am
7.
Oktober 2020
für
ein
anschliessendes
Aufbautraining
bis 3
1.
März 2021
(
Urk.
6/143).
Am
7.
April 2021 teilte die IV-Stelle dem Versicherten den Abschluss der beruflichen Massnahmen
per 3
1.
M
ärz 2021
mit
, da die Ziele des Aufbautrainings und die Präsenzzeit nicht erreicht
worden seien
(
Urk.
6/148).
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (
Urk.
6/167;
Urk.
6/171) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
9.
Dezember 2021 einen Rentenanspruch (
Urk.
2).
2.
Der Versicherte erhob am 1
8.
Januar 2022 B
eschwerde
gegen die Verfügung vom
9.
Dezember 2021 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es seien ihm die IV-Leistungen
sowie die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren (
Urk.
1 S.
1).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
3.
Februar 2022 (
Urk.
5) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 2
4.
Februar 2022 zur Kenntnis gebracht. Gleichzeitig wurde ihm das Formu
lar zur prozessualen Bedürftigkeit zugestellt, welches am 3
1.
März dem Gericht eingereicht wurde (
Urk.
9-10).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (
ATSV
), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen Einspracheentscheids eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3 IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E.
3a
mit Hinweis).
Zeitlicher Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen Änderung bildet die letzte (der versicherten Person eröffnete) rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunkten für eine Änderung in den erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitszustands) beruht; vorbehalten bleibt die Rechtsprechung zur Wiedererwägung und zur prozessualen Revision (BGE 133 V 108 E. 5.4)
.
1.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1
des Gesetzes über das Sozi
alversicherungsgericht,
GSVGer).
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die Beschwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (im Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt über
haupt für gutachterlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativ
expertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betref
fende Beweiserhebung erfolgt alsdann vor der –
anschliessend
reformatorisch entscheidenden – Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. Eine Rückweisung an den Versicherungsträger bleibt hingegen mög
lich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig unge
klärten Frage begründet ist.
Ausserdem
bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurückzuweisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachter
lichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE 139 V 99 E. 1.1, 137 V 210
E. 4.4.1.4 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts
9C_354
/2020 vom 8. September 2020 E. 2.1)
.
1.5
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben die Beweise frei, das
heisst
ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss
zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren
Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestat
ten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizi
nische These abstellt (BGE 125 V 351 E.
3a
).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Zudem muss der Arzt über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügen. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E.
3a
; Urteil des Bundesgerichts
8C_225
/2021 vom 1
0.
Juni 2021 E. 3.2, je mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin hielt in der angefochtenen Verfügung vom
9.
Dezember 2021 (
Urk.
2) fest, dass das Aufbautraining per
7.
Oktober 2020 habe aufgehoben werden müssen, da die Ziele nicht erreicht worden seien und zu viele Absenzen
vorgelegen hätten
. Daraufhin seien weitere medizinische
Unterlagen eingeholt worden (S.
1). Die Abklärungen hätten ergeben, dass keine Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vorlägen. Es liege keine langandauernde gesundhei
tliche Einschränkung vor (S. 2), weswegen das Leistungsbegehren
abgewiesen wurde
.
2.2
Der Beschwerdeführer machte demgegenüber geltend, bei der Vielzahl an Behandlern seien zahlreiche Diagnosen geprüft worden. Seine jetzige Psychia
terin lege nochmals den Fokus darauf,
herauszufinden,
weshalb er im Arbeitsall
tag trotz Unterstützung den Anforderungen nicht standhalten könne. Die
Akten
seien
einmalig
im Juni 2018 dem
r
egional
en
ärztlichen Dienst (RAD) vorgelegt worden, ansonsten sei die Beurteilung ausschliesslich durch die zuständige Person der IV-Stelle
erfolgt. Zum jetzigen Zeitpunkt sei er im Arbeitsprogramm der Sozialhilfe. Während vier Tage
n
pro Woche habe er vierstündige Einsätze. Im Dezember 2021 sei es zu Absenzen gekommen. Es werde nun eine Steigerung auf fünf Tage in diesem geschützten Arbeitsumfeld angestrebt. Die Verfügung der
Beschwerdegegnerin habe ihn nicht erreicht, diese sei ihm von der Sozialhilfe weitergeleitet worden (S. 2).
2.3
Streitig und zu prüfen ist somit, wie es sich mit dem Gesundheitszustand und der daraus resultierenden Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers im
entscheid
relevanten
Zeitraum verhält. Zu berücksichtigen ist dabei, dass bei der erstma
ligen rentenabweisenden Verfügung vom
4.
Januar 2017 (
Urk.
6/64) der Leis
tungsanspruch aufgrund fehlender Mitwirkung des Beschwerdeführers abge
wiesen wurde, da er seiner Schadenminderungspflicht nicht
nachgekommen war
. Es fand demnach keine materielle Prüfung des Rentenanspruchs statt. Deshalb sind die Bestimmungen betreffend die Rentenrevision (
Art.
17 ATSG, vgl. vorste
hend
e
E. 1.3) nicht anwendbar und der Leistungsanspruch ist ohne Bindung an die Verfügung vom
4.
Januar 2017 umfassend zu prüfen.
3.
3.1
Bis zur
Verfügung vom
4.
Januar 2017 (
Urk.
6/64)
präsentierte sich die medizi
nische Aktenlage wie folgt:
3.1.1
Dipl. Arzt
B._
, ärztlicher Leiter der
C._
,
D._
, stellte in seinem Bericht vom 1
8.
Dezember 2015
(
Urk.
6/47)
folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
(S. 1)
:
-
Rezidivierende depressive Störung mit schwerer depressiver Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F 33.2)
-
Kombinierte Persönlichkeitsstörung mit ängstlichem Vermeiden und abhängigen Persönlichkeitszügen (ICD-10:
F61
)
Der Beschwerdeführer befinde sich seit
9.
Dezember 2014 bei ihnen in
integrierter
psychiatrische
r
Behandlung. Im Juni
2015
habe
er einen
massiven Einbruch
erlitten
.
Er habe die in der Ausbildungsstätte
Y._
erwartete Leistungen nicht erfüllen können. Es
sei
zu einer Dekompensation und zu einem massiven sozialen Rückzug
gekommen
. Der Beschwerdeführer habe die Behandlung
komplett abge
brochen.
Dr.
B._
empfahl einen Klinikaufenthalt. Inwieweit dem Vorschlag gefolgt wurde, sei ihm nicht bekannt (S. 2)
.
3.1.2
Der Stellungnahme des RAD-Arztes
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie / Psychotherapie
,
vom 2
1.
April 2016 (
Urk.
6/61/3) ist zu entnehmen, dass auf
grund der Aktenlage ein psychiatrischer
Gesundheitsschaden
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gut möglich
ist
. Auch der Verlauf mit Abbruch der erstma
ligen beruflichen Ausbildung deute darauf hin. Es sei die medizinische Mass
nahme einer regelmässigen (d.h. mindestens zweiwöchentlichen, besser wöchent
lichen) psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung bei einem/einer
Thera
peutIn
mit möglichst guter Passung
aufzuerlegen
. Therapiefokus
sollte
einerseits die Persönlichkeitsstruktur, andererseits die Etablierung einer Tagesstruktur
sein
. Die Massnahme sei
für vier bis sechs
Monate durchzuführen, wobei ein relativ grosses Risiko bestehe, dass der Beschwerdeführer der Massnahme nicht nach
komme. In diesem Fall sei ein stationärer Aufenthalt in der
D._
(Mindestaufenthalt acht
Wochen) aufzuerlegen.
3.1.
3
Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
Dr.
med.
E._
, Oberärztin, und Psychologin
F._
vom
Psychiatriezentrum der
G._
stellten im Arztbericht vom 25. Oktober 2016 (
Urk.
6/60) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
-
Sonstige Störung sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit: mit Rückzug und Schüchternheit aufgrund von Defiziten in sozialen Kompe
tenzen (
F94.8
) anamnetisch bestehend seit der Kindheit
-
Probleme mit Bezug auf die Lebensführung: Pathologischer Internet
konsum,
Gamen
(
Z72.8
)
-
Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus – Psychogene Umkehr: Tag-Nacht-Rhythmus (
F51.2
), bestehend seit mindestens drei Jahren
Der Beschwerdeführer lebe seit nunmehr drei bis vier Jahren völlig zurückge
zogen. Er habe keine sozialen Kontakte ausser mit der Mutter. Vor drei Jahren habe ein stationärer Aufenthalt stattgefunden
für die Dauer von drei Monaten. Bei der Arbeitsintegration im
Y._
habe eine begleite
nd
e ambulante, a
nschlies
send keine ambulan
te Behandlung mehr statt
gefunden
(S. 3). Die vorliegende Behandlung sei von
2.
Juni 2016 bis 1
2.
Augu
st 2016 durchgeführt worden (S.
2). Der Beschwerdeführer sei anschliessend nicht mehr erschienen. Aufgrund der kurzen Behandlungssequenz könne keine Prognose gestellt werden. Der Beschwerdeführer brauche dringend Therapie, Unterstützung und Begleitun
g (S.
3). E
ine Arbeitsfähigkeit sei auf dem
ersten Arbeitsmarkt nicht gegeben (S. 4).
3.2
Im
vorliegende
n
Neuanmeld
e
verfahren
wurde die medizinische Aktenlage
im Wesentlichen
durch
die nachfolgenden medizinischen Berichte
ergänzt
:
3.2.1
Dem Arztbericht von
Dr.
E._
und Psychologin
F._
vom 2
4.
März 2017 (
Urk.
6/75) ist folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu entnehmen:
-
Sonstige Störung sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit: mit Rückzug und Schüchternheit aufgrund von Defiziten in sozialen Kompe
tenzen (
F94.8
) anamnetisch bestehend seit der Kindheit
Der Beschwerdeführer sei seit November 2016 regelmässig im zweiwöchentlichen Abstand in Konsultation
(S. 5)
.
Er habe starke Insuffizienzgefühle. Er könne sich schwierigen Situationen nicht stellen und seine Bedürfnisse ansprechen, sondern tendiere dazu, sich zurückzuziehen (S. 6). Es bestehe eine verminderte Leistungs
fähigkeit. Dies aufgrund des langjährigen sozialen Rückzugs und der wenig beanspruchten kognitiven Leistungen in einem normalen Arbeitsalltag. Die Massnahmen im medizinischen Bereich sei
e
n weitestgehend ausgeschöpft (S. 7)
3.2.2
Dr.
med.
H._
, Oberarzt
im
Psychiatriezentrum
I._
, führte
in seinem Bericht vom 1
6.
März 2018 (
Urk.
6/97)
anamnetisch
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aus:
-
Sonstige Störung sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit: mit Rückzug und Schüchternheit aufgrund von Defiziten in sozialen Kompe
tenzen (
F94.8
)
-
St. n. nichtorganische
r
Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus: Tag-Nacht-Umkehr (
F51.2
)
-
Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle, patholo
gisches
Gamen
(
F63
)
Bezüglich Symptomatik führte er aus,
es lägen eine
Schü
ch
ternheit respektive vermehrte Ängstlichkeit und damit verbunden Rückzug und Isolation,
ein
verminderter Antrieb
und
wenig Tagesstruktur bei Wunsch nach Unterstützung beim Zeitmanagement
vor
.
Zusätzlich bestünden ein v
ermindertes Selbstbewusst
sein, Fehlen von Bestätigung
und eine e
rhöhte Ablenkbarkeit
. Eine
ADHS-Symptomatik sei bisher gemäss Beschwerdeführer noch nicht abgeklärt worden (S. 4). Als weiteres Vorgehen sei
en
Psychotherapie und eventuell Pharmako
therapie zur Regulierung von Antrieb und Schlaf erwähnt sowie eventuell ADHS-Diagnostik und gegebenenfalls Therapie (S. 5).
3.2.3
Im
Bericht
von
Dr.
med.
J._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
,
leitende Ärztin
in
der
K._
,
und
Psychotherapeutin
lic. phil.
L._
vom 2
9.
Juli 2019
(
Urk.
6/124)
wurden folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit gestellt
(S. 4-5)
:
-
Sonstige Störung sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit: mit Rückzug und Schüchternheit aufgrund von Defiziten in sozialen Kompe
tenzen (
F94.8
) anamnetisch bestehend seit der Kindheit
-
Schizoide Persönlichkeitszüge (ICD-10
Z73
) / DD: Asperger-Syndrom (
F84.5
)
-
DD: Aktivität
s
- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10
F90.0
)
-
Probleme mit Bezug auf die Lebensführung: Pathologischer Internet
konsum,
Gamen
(
Z72.8
) seit dem Ende der Schulzeit, jeweils in Zeiten fehlender Tagesstruktur
-
Nichtorganische Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus: Tag-Nacht-Umkehr (
F51.2
)
Der Beschwerdeführer befinde sich
seit 1
1.
Januar 2019
alle drei bis vier Wochen in Behandlung (S. 3)
.
Er beschreibe seine psychische Verfassung als heiter und ausgeglichen, es bestehe kein Leidensdruck. Dabei sei jedoch zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer sich aktuell wenigen bis keinen Pflichten oder Herausforderung zu stellen habe (S. 4)
Aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Sicht sei der Beschwerdeführer
über längere Sicht voll arbeitsfähig, es werde aber ein schrittweise
r
Aufbau der Arbeitszeit und
der
Anforderung
en
empfohlen, um die Gefahr eines Abbruchs aus Überforderung zu minimieren (S. 5)
.
3.2.4
Dr.
med
.
M._
, Oberarzt Fusschirurgie
an
der
N._
,
diagnos
t
izierte im Arztbericht vom
3.
Januar 2020
(
Urk.
6/128/4-5
, mit Verweis auf
Urk.
6/128/6)
:
-
Fuss rechts: St. n. medialer
Malleolus
-Osteotomie, Mobilisation des
Disse
kats
bei
Osteochondrosis
dissecans
mediale
Talusschulter
und Anfrischen des Mausbetts mit
Refixation
des
Dissekats
mittels
Polypin
(1,5 mm) vom 21.06.2019, bei
-
Osteochondrosis
dissecans
mediale
Talusschulter
(Grad III nach Berndt +
Harty
)
-
St. n. Infiltration des oberen Sprunggelenks mit
Diprophos
und
Bupivacain
vom 31.07.2017
-
Nebendiagnosen: Depression, Adipositas
, Nikotinabusus
Eine angepasste Tätigkeit sei uneingeschränkt möglich (
Urk.
6/128/
4). Eine
Rest
symptomatik
bleibe wahrscheinlich. Es solle auf längeres Gehen, Stehen oder Tragen schwerer Lasten
verzichtet
sowie Arbeiten in kauernder Position oder auf unebenem Boden
vermieden werden. Das postoperative endgültige Ergebnis bleibe abzuwarten und es sei gut ein Jahr postoperativ zu erwarten (S. 5).
3.2.
5
Oberärztin
O._
und O
b
erärztin
P._
,
Q._
, führten im Ar
ztbericht vom
8.
September 2021
(
Urk.
6/163)
als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aus
(S. 2)
:
-
Z55
Kontaktanlässe mit Bezug auf die Ausbildung: nicht geglückter Einstieg ins Berufsleben, aktenanamnestisch
-
F94.8
sonstige Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit: mit Rückzug und Schü
ch
ternheit aufgrund von Defiziten in sozialen Kompetenzen
Die ambulante Behandlung erfolge seit
5.
August 2020 in dreiwöchentliche
m
Rhythmus. Im Erstgespräch habe der Beschwerdeführer
angegeben,
bei Zunahme
von beruflichen Belastungen mit
Fehleranfälligkeiten
, Verschlaf
en, Konzentrati
onsstörung
en und Motivationsverlust zu reagieren. Er zeige dann Rückzugs
verhalten und impulsives Abbrechen der beruflichen Tätigkeit. Er zeige weiterhin eine Antriebsarmut, Störung der Vitalgefühle, sowie ein Unwohlsein in Menschenmassen. Es bestehe keine psychopharmakologische Medikation.
Befun
det
wurde
n
Aufmerksamkeits- und Auffassungsstörungen,
Gedächtnisstörungen
(v.a. episodisches Gedächtnis), Unwohlsein in Menschenmassen und Zwänge.
Weiter bestehe eine
Störun
g der Vitalgefühle,
der Beschwerdeführer sei
antriebs
arm und
antriebsgehemmt (S. 2). In
der
Planung und Strukturierung von Aufga
ben, Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, Anwendung fachlicher
Kompetenz, Durchhaltefähigkeit,
Selbstbehauptungsfähigkeit, Kontaktfähigkeit zu Dritten, Gruppenfähigkeit und Spontanaktivität sei der Beschwerdeführer eingeschränkt (S. 3-4). In einer leidensangepassten Tätigkeit sei von einer günstigen Prognose auszugehen. Der Beschwerdeführer wünsche sich eine Ausbildung. Aufgrund der Ausprägung der Symptomatik, welche sich nicht eindeutig einer anderen ICD-Codierung zuordnen
lasse
, empfählen sie eine IV-gestützte Ausbildung (S. 5).
4.
4.
1
Die Beschwerdegegnerin verneinte das Vorliegen
von Diagnosen mit Auswir
kungen auf die Arbeitsfähigkeit, respektive einer
langandauernden gesundheit
lichen Einschränkung.
V
orab ist festzuhalten, dass sich die angefochtene Verfü
gung
bezüglich dieser Schlussfolgerung
e
inzig auf die Feststellungen der
Kundenberater
in
der Beschwerdegegnerin stützt
(vgl. etwa
Urk.
6/166/8)
. Das Dossier wurde dem RAD einmalig am
2
1.
Juni 2018 vorgelegt,
mithin
drei Jahre vor Erlass der Verfügung. Damals führte RAD
-Arzt
Dr.
C._
aus, dass bei insta
bilem somatische
m
Gesundheitszustand zuerst der Verlauf der somatischen Prob
lematik abgewartet werden müsse
, eine rein auf die psy
c
hiatrische
Problematik limit
i
erte RAD-Stellungnahme
, wie
sie
von der Kundenberaterin der Beschwerde
gegnerin gewünscht war,
mache keinen Sinn
. Nach durchgeführter Operation könne ein neuer Arztbericht einge
holt werden und dieser könne
ihm nach Eingang zur Stellungnahme zugestellt werden (
Urk.
6/166/4).
Eine
weitere Vorlage der medizinischen Unterlagen an den RAD
fand in der Folge nicht
statt
.
4.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V
396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische
Krank
heit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E.
4c
; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
4.3
Im Sozialversicherungsverfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz. Danach haben der Versicherungsträger oder das Durchführungsorgan und im Beschwerdefall das kantonale Versicherungsgericht von sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (Art. 43 Abs. 1 und Abs.
1
bis
sowie Art. 61 lit. c in Verbindung mit Art. 2 ATSG). Der Untersuchungs
grundsatz wird durch die Mitwirkungspflicht der Versicherten respektive der Parteien beschränkt (Art. 28 und Art. 43 Abs. 2 ATSG), vor allem in Bezug auf Tatsachen, die sie besser kennen als die (Verwaltungs- oder Gerichts-) Behörde und welche diese sonst gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erheben könnte (BGE 122 V 157 E.
1a
; Urteil des Bundesgerichts
9C_341
/2020 vom 4. September 2020 E. 2.2 mit Hinweis auf BGE 138 V 86 E. 5.2.3 und 125 V 193 E. 2; vgl. BGE 130 I 180 E. 3.2).
Der Untersuchungsgrundsatz
schliesst
die Beweislast im Sinne einer Beweis
führungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweis
losigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbe
wiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Unter
suchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (Urteil des Bundesgerichts
8C_765
/2020 vom 4. März 2021 E. 3.2.2 mit Hinweis auf BGE 144 V 427 E. 3.2). Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an der Vollständigkeit und/oder Richtigkeit der bisher getroffenen Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermitteln, soweit von zusätzlichen
Abklärungsmass
nahmen
noch neue wesentliche Erkenntnisse zu erwarten sind (Urteil des Bundesgerichts
8C_257
/2018 vom 24. August 2018 E. 3.3.2 mit Hinweis).
4
.4
Die in der Verfügung aufgeführt
e
B
egründung, es
lägen
keine Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vor (
Urk.
2 S. 2),
wurde somit von medi
zinischen Laien
– ohne
Beurteilung durch den
RAD –
abgegeben
.
Was die
Stellungnahme
der Kundenberaterin
zum Fallabschluss vom
21.
September 2021
(
Urk.
6/166 S. 8)
, wonach im Arztbe
richt von
Dr.
O._
vom 14.
September 2021
(Eingangsdatum,
Urk.
6/163)
keine Diagnose mit ICD-Codierung genannt und somit
davon
ausgegangen werde, es liege kein langdauernder Gesundheits
schaden vor,
anbelangt, gilt es zunächst zu berücksichtigen, dass es sich bei den Oberärztinnen
O._
und
P._
um keine Fachärztinnen in Psychiatrie und Psychother
apie handelt, weshalb ein alleiniges Abstellen auf deren (psychi
atrische) Diagnostik und Beurteilung
ohnehin nicht angezeigt ist
.
4.4.1
Im
besagte
n
Arztbericht
(
Urk.
6/163)
sind
sodann
mehrere Diagnosen nach ICD
-10 aufgeführt, darunter
auch diejenige gemäss
«
F94.8
sonstige Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit: mit Rückzug und Schüchternheit aufgrund von Defiziten in sozialen Kompetenzen
» (
S.
3)
, welche sich insoweit mit der Diagnostik in den psychiatrischen Vorakten deckt (E. 3.1.3, 3.2.1, 3.2.2, 3.2.3)
. Bei den Störungen dieser Kategorie handelt es sich um
psychische
Störung
en
mit
Auffälligkeiten
in den sozialen Funktionen und mit Beginn während des Entwicklungsalters. Die
Existenz
dieser Gruppe der Störungen ist unzweifelhaft, jedoch herrscht Unsicherheit über die konstituierenden diagnostischen Kriterien und Uneinigkeit über die optimale Unterteilung und Klassifikation (
Dilling
/
Mombour
/Schmidt (Hrsg.),
Internationale
Klassifikation psychischer Störungen
, ICD-10 Kapitel V [F], klinisch-diagnostische Leitlinien, 10., über
arbeitete Auflage, B
ern
2015, S
. 378
).
Wohl vor diesem Hintergrund führten
Dr.
O._
und
Dr.
P._
aus, dass sich die Ausprägung der Sympto
matik
«
nicht eindeutig einer
anderen
ICD-Codierung
»
zuordnen lassen würde
n
(
Urk.
6
/163/5). Das bedeutet aber nicht, dass es sich bei der am besten
passenden
codierten
Diagnose
F94.8
nicht um eine ICD-Codierung hande
lt
, wie das von der Beschwerdegegnerin fälschlicherweise angenommen wurde.
Ohnehin resultiert u
nabhängig
von der
klassifikatorischen
Einordnung ei
ner Krankheit aus einer Diagnose - mit oder ohne diagnoseinhärenten
Bezug zum Schweregrad -
allein keine verlässliche Aussage über das Ausmass der mit dem Gesundheitsschaden korrelierenden funktionellen Leistungseinbusse bei psychischen Störungen
(BGE 143 V 418 E. 6)
.
In diesem Zusammenhang ist auch die Rechtsprechung des Bundesgerichts zu
erwähnen
, wonach grundsätzlich sämtliche psychischen
Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (BGE 143 V 418 E. 6 und 7).
4.4.2
Darüber hinaus wurden die in der Vergangenheit gestellten psychi
atri
schen Diagnosen von der Beschwerdegegnerin nicht gewürdigt
respektive nicht abschliessend geklärt, an welchen
psychischen Störungen
der Beschwerdeführer
tatsächlich
litt/leidet
. So fanden sich im Arztbericht vom 2
9.
Juli 2019
(
Urk.
6/
124/
4-5)
neben der Diagnose gemäss ICD
-
10
F94.8
die
Diagnosen
schi
zoide Persönlichkeitszüge (ICD-10
Z73
) und differentialdiagnostisch
ein
Asper
ger-Syndrom (
F84.5
) sowie eine
Aktivitäts
- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10
F90.0
).
W
eiter wurden im Arztbericht vom 1
6.
März 2018 (
Urk.
6/97) ADHS-Züge festgestellt (S. 4-5).
Ursprünglich waren
im Arztbericht von
Dr.
B._
gar die Diagnosen einer
rezidivierenden depressiven Störung (
F33.2
) und einer kombinierten Persönlichkeitsstörung (
F61
) enthalten (
Urk.
6/41/1).
Nachdem den Berichten der behandelnden Fachpersonen weder begründete Herleitungen der Diagnosen noch Auseinandersetzungen mit abweichenden ärztlichen Beurtei
lungen
respektive der Relevanz weiterer (differentialdiagnostisch) in den Raum gestellter Diagnosen
zu entnehmen sind, lässt sich der psychische Gesundheits
zustand des Beschwerdeführers gestützt auf die momentane Aktenlage nicht abschliessend beurteilen.
Betreffend
den
somatischen
Gesundheitszustand
wurde von der Beschwerde
gegne
rin nach dem Arztbericht vom 3.
Januar 2020 (
Urk.
6/128) kein weiterer Verlaufsbericht eingeholt, obwohl damals betreffend Arbeitsfähigkeit ausgeführt wurde, dass
das
post
operative e
ndgültige Ergebnis abzuwarten bleibe und eine Restsymptomatik wahrscheinlich sei (S. 5).
Ob und wie sich die psychischen
Gesundheitsstörungen
mit den somatischen Erkrankungen gegenseitig beein
flussen respektive wie die Arbeitsfähigkeit in der Gesamtschau zu beurteilen ist, wurde von der Beschwerdegegnerin
ebenfalls nicht
geprüft.
4.5
Was die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers im
entscheidrelevanten
Zeitraum
anbelangt,
gilt es
Folgendes zu berücksichtigen:
4.5.
1
In Bezug auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ist aktenkundig, dass
sich
der Beschwerdeführer seit Jahren in psychotherapeutischer Behandlung befindet, mit teilweisen Unterbrüchen. Vergleicht man die Diagnosen, Befunde und Symptome
in den
verschiedenen Arztberichte
n
,
so fällt auf, dass
sich
diese über Jahre nahezu gleichbleibend
präsentieren
. Es werden im Wesentlichen eine verminderte Leis
tungsfähigkeit,
ein
verminderter Antrieb und ein sozialer Rückzug beschrieben, insbesondere bei schwierigen Situatio
nen isoliere
sich der Beschwerdeführer (vgl. etwa
Urk.
6/47;
Urk.
6/75
;
Urk.
6/97;
Urk.
6/163).
Dabei gingen
die verschie
denen psychiatrischen Behandler seit Jahren von einer günstigen Prognose hinsichtlich Arbeitsfähigkeit bzw. Eingliederung aus
, dies aber nur im Rahmen einer IV-gestützten Ausbildung respektive Integration oder im Rahmen eines schrittweisen Aufbaus
, mithin ohne
die
Leistungsfähigkeit
abschliessend zu beurteilen
(
Urk.
6/75/5;
Urk.
6/124/5;
Urk.
6/163/4)
.
Dem
Beschwerdeführer
ist es
seit seiner ersten Anmeldung zum Leistungsbezug im Jahr 2014
trotz diverser
beruflicher E
ingliederungsmassnahmen
nicht gelungen, in der Arbeitswelt Fuss zu fassen.
4.
5.2
In dieser
Konstellation
dürfen auch
die Ergebnisse der Eingliederung nicht igno
riert werden. Denn mit Blick auf die rechtsprechungsgemäss enge, sich gegen
seitig ergänzende Zusammenarbeit zwischen der Ärzteschaft und der Berufsbe
ratung ist einer konkret leistungsorientierten beruflichen Abklärung nicht jegli
che Aussagekraft für die Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit abzusprechen. Steht eine medizinische Einschätzung der Leistungsfähigkeit in offensichtlicher und erheblicher Diskrepanz zu einer Leistung, wie sie während einer ausführlichen beruflichen Abklärung bei einwandfreiem Arbeitsverhalten/-einsatz der versi
cherten Person effektiv realisiert wurde und gemäss Einschätzung der Berufsfach
leute objektiv realisierbar ist, vermag dies ernsthafte Zweifel an den ärztlichen Annahmen zu begründen und ist das Einholen einer klärenden medizinischen Stellungnahme grundsätzlich unabdingbar (Urteil des Bundesgerichts
8C_329
/2021 vom 27. Oktober 2021 E. 6.2.1 mit Hinweis
).
Trotz Unterstützung der Beschwerdegegnerin ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine erste berufliche Ausbildung abzuschliessen
(
Urk.
6/40)
. Ein anschliessendes
Arbeitstraining
,
ein Belastbarkeitstraining
(
Urk.
6/96)
und ein Aufbautraining
(
Urk.
6/147)
mussten abgebrochen werden. Dem Verlaufsproto
koll der Berufsberatung vom
7.
April 2021 (
Urk.
6/149) ist zu entnehmen, dass keine Leistungsfähigkeit bezogen auf den ersten Arbeitsmarkt besteh
t
. Es sei bereits der dritte Versuch mit beruflichen Massnahmen gewesen, den Beschwer
deführer in die Arbeitswelt zu integrieren. Aus
berufsberaterischer
Sicht müsse nochmals mit aller Deutlichkeit gesagt werden, dass das nicht möglich sei. Auf
grund der langen Listen von psychischen
,
psychosomatischen und somatischen Beschwerden könne der Beschwerdeführer
nach Ansicht des Eingliederungs
beraters
weder ausgebildet noch in den ersten Arb
eitsmarkt integriert werden (S.
11).
4.5.3
Nach dem Gesagten greift somit die Auffassung der Beschwerdegegnerin, es liege keine langdauernde gesundheitliche Einschränkung vor, zu kurz respektive
ist
aufgrund der vorliegenden Akten nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
erstellt
.
4.
5.4
D
ie sich in den Akten befindlichen medizinische Berichte
lassen
nach dem oben Gesagten
keine abschliessende Beurteilung
des Gesundheitszustandes und
der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers für den
entscheidrelevanten
Zeitraum
zu
.
Abgesehen von der nicht abschliessend geklärten Diagnostik
und der ebenfalls nicht abschliessend beurteil
baren
medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit
erfüllen die fraglichen Berichte
die rechtsprechungsgemässen Anforderungen an den Beweiswert von Gutachten
ohnehin
nicht. So müssen psychiatrische Gutach
ten dem Rechtsanwender nachvollziehbar darlegen, ob und inwiefern eine funk
tionelle Leistungseinschränkung besteht. Gefordert sind vorab Angaben zur Schwere des Leidens und zu dessen Folgen für die Leistungsfähigkeit, die nach Massgabe der in BGE 141 V 281 definierten Standardindikatoren (vgl. vorste
hende
E.
4.4.1
) abzuhandeln beziehungsweise dementsprechend auch formal zu strukturieren sind (Urteil des Bundesgerichts
8C_681
/2020 vom 2
3.
Juli 2021 E.
5.2.2
). Auch diesen Anforderungen genügen die Berichte der behandelnden
Ärzte
nicht, da keine Stellung zu den Standardindikatoren genommen wird und auch Angaben zu Ressourcen fehlen, womit das funktionelle Leistungsvermögen des Beschwerdeführers nicht abschliessend nachvollziehbar ist.
An welchen gesundheitlichen Störungen der Beschwerdeführer
leidet
und ob und inwieweit diese die Arbeitsfähigkeit beeinträchtig
en
, lässt sich
somit
aufgrund der Aktenlage derzeit nicht
abschliessend
beurteilen
.
4.
6
Zusammenfassend ist festz
u
halten, dass d
er medizinische Sachverhalt
insbe
sondere
in psychischer Hinsicht nicht genügend abgeklärt
ist
, weshalb
die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, damit diese
in Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes
(vgl. Art. 43 Abs. 1 ATSG)
den Gesundheitszustand und die funk
tionelle Leistungsfähigkeit des
Beschwerdeführer
s
im Sinne der obigen Erwägung
im Rahmen einer psychiatrischen Begutachtung
ergänzend
abklär
t
und hernach über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers neu verfüg
t
.
Zudem wird die Beschwerdegegnerin zu prüfen haben, ob in somatischer Hinsicht, namentlich in Bezug auf die Fussbeschwerden, weiterer Abklärungs
bedarf besteh
t
.
Je nach Ergebnis der ergänzten medizinischen Aktenlage drängen sich gegebenenfalls weitere beruflic
he Eingliederungsmassnahmen auf.
Die Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen.
5.
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kanto
nalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs.
1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr. 700.
--
anzusetzen.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 210 E. 7.1, 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen
sind.
Damit erweist sich
das Gesuch des Beschwerdeführer
s
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (
Urk.
1) als gegenstandslos.