Decision ID: d01cce7c-9d40-51ee-9ce1-9fea4c508a85
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 17. Februar 2021 im Bundesasylzent-
rum in Basel ein Asylgesuch ein. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit
der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass er am 28. Oktober 2020 in Italien
aufgegriffen und gleichentags daktyloskopisch erfasst worden war (vgl. Ak-
ten der Vorinstanz [SEM act.] 9).
B.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer am 1. März 2021 im Beisein der zugewiesenen Rechtsvertretung
das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer allfälligen Rückkehr dorthin
sowie zum medizinischen Sachverhalt. Hierbei erklärte er, in Italien nicht
um Asyl nachgesucht zu haben, weil die Schweiz, wo ein Bruder, ein Onkel
sowie eine Tante lebten, von Anfang an sein Zielland gewesen sei. Er wolle
hier bei seinem Bruder bleiben, auf dessen Hilfe er angewiesen sei. Zum
medizinischen Sachverhalt gab der Beschwerdeführer an, nicht gesund zu
sein. Als Folge von Folterungen verspüre er am ganzen Körper Schmer-
zen. Im Ellbogen habe er eine Schiene und in Ellbogen und Kinn zudem
Metallgegenstände. Wegen Schmerzen in den Fingern könne er sodann
kaum Greifhandlungen ausführen. Hinzu kämen Angstzustände und
Schlafstörungen. Die Folterungen habe man ihm vor zirka sechs Jahren in
Sri Lanka zugefügt. In diesem Land wie auch in Indien und nun in der
Schweiz sei er bereits in ärztlicher Behandlung gewesen.
Am Ende der Befragung legte die zugewiesene Rechtsvertretung ein me-
dizinisches Datenblatt vom 23. Februar 2021 vor, worin die geschilderten
Beeinträchtigungen festgehalten waren. Sodann stellte sie den Antrag auf
psychologische Abklärungen (SEM act. 17 und 18).
C.
Aufgrund der «Eurodac»-Treffer ersuchte das SEM die italienischen Be-
hörden am 5. März 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss
Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO).
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Seite 3
D.
Ebenfalls am 5. März 2021 reichte die zugewiesene Rechtsvertretung ei-
nen medizinischen Bericht vom 4. März 2021 ein und wiederholte ihren
Antrag auf psychologische Abklärungen. Der Eingabe war ein Schreiben
des Bruders ihres Mandanten vom 26. Februar 2021 beigelegt, worin er
darlegte, weshalb der Beschwerdeführer auf dessen Unterstützung ange-
wiesen sei (SEM act. 22 – 24).
E.
Wegen der angegebenen physischen und psychischen Probleme unterzog
sich der Beschwerdeführer am 30. März 2021, 6. April 2021, 13. April 2021
und 27. April 2021 mehreren ärztlichen Konsultationen (SEM act. 28 und
30). Die Rechtsvertretung ihrerseits ersuchte mit Eingabe vom 29. März
2021 erneut um eine psychiatrische Begutachtung (SEM act. 26).
F.
Am 3. Mai 2021 stimmten die italienischen Behörden dem Übernahmeer-
suchen gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO zu (SEM act. 31).
G.
Am 8. Juni 2021, 15. Juni 2021 und 29. Juni 2021 wurde der Beschwerde-
führer weitere Male ärztlich untersucht (SEM act. 34 und 43). Die Rechts-
vertretung stellte mit Eingabe vom 25. Juni 2021 derweil nochmals den An-
trag, dass für ihren Mandanten eine psychiatrische Abklärung bzw. Be-
handlung zu veranlassen sei (SEM act. 35).
H.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2021 (eröffnet tags darauf) trat die Vorinstanz
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstellung nach
Italien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwer-
defrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kanton Solo-
thurn mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Beschwerdeführer
die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest,
dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschie-
bende Wirkung zukomme (SEM act. 45 und 47).
I.
Mit Rechtsmitteleingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 3. August
2021 beantragt der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei
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aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutre-
ten. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklä-
rung an das SEM zurückzuweisen und dieses anzuweisen, den Beschwer-
deführer beim Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer anzumelden und
von den italienischen Behörden zumindest individuelle Garantien bezüglich
adäquater Unterbringung, medizinischer Behandlung und Rehabilitation
einzuholen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht er um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung, Erlass vorsorglicher Massnahmen, Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
Das Rechtsmittel war u.a. mit einer Terminkarte für einen Arztbesuch vom
30. Juli 2021, Anfragen der zugewiesenen Rechtsvertretung vom 28. Juli
2021 an einen Arzt des Ärztezentrums X._, dessen Antwortschrei-
ben vom 30. Juli 2021 sowie einer Einladung für eine auf den 18. August
2021 angesetzte orthopädische Sprechstunde ergänzt (BVGer act. 1).
J.
Am 4. August 2021 setzt die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG
den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2).
K.
Mit Zwischenverfügung vom 9. August 2021 erteilte das Bundesverwal-
tungsgericht der Beschwerde die aufschiebende Wirkung, und hiess das
Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG
gut (BVGer act. 3).
L.
Zwecks Klärung der Frage, ob es sich beim Beschwerdeführer um ein Fol-
teropfer handle, forderte das SEM ihn im Rahmen des Vernehmlassungs-
verfahrens am 23. August 2021 auf, alle vorhandenen Unterlagen und Be-
weismittel einzureichen, die in direktem oder indirektem Zusammenhang
zu den geltend gemachten, sechs Jahre zurückliegenden Vorkommnissen
stünden und Aufschluss über die körperlichen Beeinträchtigungen am lin-
ken Arm vermittelten (BVGer act. 4).
M.
Mit Schreiben vom 13. September 2021 kritisierte die zugewiesene Rechts-
vertretung gegenüber der Vorinstanz deren Vorgehen hinsichtlich der Fest-
stellung der Vulnerabilität des Beschwerdeführers als Folteropfer und ver-
wies auf die bisherigen medizinischen Unterlagen (SEM act. 58).
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Seite 5
N.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 16. September 2021
auf Abweisung der Beschwerde (BVGer act. 7).
O.
Replikweise hielt der Beschwerdeführer am 25. Oktober 2021 am einge-
reichten Rechtsmittel, den Rechtsbegehren und deren Begründung fest.
Der Replik lagen ein Sprechstundenbericht vom 18. August 2021, die An-
meldung für einen Arztbesuch vom 19. Oktober 2021 sowie ein Aufgebot
für den 5. November 2021 zur neurologischen Abklärung bei (BVGer
act. 9).
P.
Am 26. November 2021 ergänzte der Beschwerdeführer das Rechtsmittel
mit einem am 16. November 2021 verfassten neurologischen Sprechstun-
den- und Elektrophysiologiebericht zur Untersuchung vom 5. November
2021 sowie einer Einladung zu einem auf den 29. November 2021 ange-
setzten Gespräch im Psychiatrischen Ambulatorium in Y._ (BVGer
act. 11).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwür-
diges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist da-
her zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
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Seite 6
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.H.).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die
Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur
Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylge-
suchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat
einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylge-
such nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung dieses
Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan-
trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten
Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dub-
lin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip
der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO)
anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem die betref-
fende Person erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat,
auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnah-
meverfahrens («take back») findet demgegenüber grundsätzlich keine (er-
neute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE
2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
3.3 Wenn eine antragstellende Person, aus einem Drittstaat kommend, die
Land-, See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat,
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Seite 7
ist dieser Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung
des Antrags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet
gemäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45
E. 8.3).
4.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Euro-
dac»-Datenbank ergab, dass er am 28. Oktober 2020 in Italien aufgegriffen
und gleichentags daktyloskopisch erfasst worden war (SEM act. 9). Das
SEM ersuchte die italienischen Behörden deshalb am 5. März 2021 um
Übernahme des Beschwerdeführers (SEM act. 19). Diese stimmten dem
Übernahmeersuchen am 3. Mai 2021 zu. Die Zustimmung stützte sich auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO (SEM act. 31). Die grundsätzliche Zuständig-
keit Italiens ist somit gegeben. Dies wird auf Beschwerdeebene nicht be-
stritten.
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung seines Nichteintretensentscheids im
Wesentlichen aus, die italienischen Behörden hätten das Übernahmeersu-
chen gutgeheissen, womit Italien für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens des Beschwerdeführers zuständig sei. Dass die
Schweiz sein Zielland gewesen sei, habe keinen Einfluss auf die Zustän-
digkeit Italiens, da Asylsuchende den zuständigen Staat nicht selber wäh-
len könnten. Italien sei sowohl Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) als auch
der EMRK. Es lägen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass sich
dieser Staat nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halte und das
Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführe. Es sei auch
nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Überstel-
lung nach Italien im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK
gravierenden Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt wäre, in eine exis-
tenzielle Notlage geraten oder ohne Prüfung seines Asylgesuches und un-
ter Verletzung des Non-Refoulement-Gebots in seinen Herkunftsstaat
überstellt würde. Da den herangezogenen Akten nichts entnommen wer-
den könne, was auf ein aktuelles oder vergangenes Abhängigkeitsverhält-
nis zwischen ihm und dem Bruder hindeuten würde, bestünden des Weite-
ren keine Gründe im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO, welche die
Schweiz zur Prüfung seines Asylgesuches verpflichtete. Ferner erwog die
Vorinstanz, dass keine Gründe vorlägen, die Souveränitätsklausel gemäss
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Seite 8
Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV1, SR
142.311) i.V.m. Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO anzuwenden. Mit dem Geset-
zesdekret Nr. 130/2020 habe Italien inzwischen Massnahmen ergriffen,
welche darauf abzielten, das Aufnahmesystem für Asylsuchende und die
bereits vorhandene gute Gesundheitsversorgung, nicht zuletzt für vul-
nerable Personen, substanziell zu verbessern. Der Europäische Gerichts-
hof für Menschenrechte (EGMR) habe dies im Urteil M.T. gegen die Nie-
derlande vom 23. März 2021, Nr. 46595/19 bestätigt. In Anbetracht dessen
vertrete sie die Ansicht, dass mit den durch das neue Gesetzesdekret ein-
geführten praktischen und rechtlichen Änderungen sowohl die medizini-
sche Versorgung in den italienischen Erstaufnahmestrukturen als auch die
Identifikation allfälliger Vulnerabilitätsmerkmale und die Behandlung von
physischen und psychischen Krankheiten gewährleistet seien. Beim Be-
schwerdeführer lägen keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen vor, wel-
che einer Überstellung dorthin entgegenstünden.
Mit Blick auf die geltend gemachten Misshandlungen führte das Staatssek-
retariat in der Vernehmlassung zusätzlich aus, diese Vorfälle lägen schon
Jahre zurück. Abgesehen davon habe der Beschwerdeführer keine Nach-
weise eingereicht, die belegten, dass er als Folteropfer zu betrachten sei.
5.2 Der Beschwerdeführer hielt in der Rechtsmitteleingabe vom 3. August
2021 dagegen, dass das SEM es unterlassen habe, die geltend gemachten
gesundheitlichen Probleme rechtsgenüglich abzuklären. Insbesondere sei
ihm eine Untersuchung seines psychischen Zustandes verweigert und sei-
ner besonderen Vulnerabilität als Folteropfer während des gesamten Ver-
fahrens keine Beachtung geschenkt worden. Dadurch habe die Vorinstanz
sowohl den Untersuchungsgrundsatz als auch das Recht auf Rehabilitation
von Folteropfern verletzt. Zudem bestehe zwischen ihm und seinem Bruder
eine grosse Abhängigkeit. Physisch und psychisch angeschlagen, würde
ihn eine Überstellung nach Italien aus seinem einzigen sozialen Umfeld
reissen. Die Vorinstanz werde der tatsächlichen Situation mit ihren Erläu-
terungen zur Möglichkeit eines allfälligen Selbsteintritts nicht gerecht, wes-
halb auf das Asylgesuch einzutreten und die Sache zur Sachverhaltsfest-
stellung und Neubeurteilung des Selbsteintrittsrechts an die verfügende
Behörde zurückzuweisen sei. Des Weiteren verwies der Beschwerdeführer
auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom Januar
2020 und einen Update-Bericht vom Juni 2021 zu den Aufnahmebedingun-
gen in Italien und führte in diesem Zusammenhang aus, da er auf medizi-
nische Behandlung angewiesen sei und die diesbezüglichen Abklärungen
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Seite 9
sich noch im Gange befänden, würde er in Italien nicht die benötigte medi-
zinische Betreuung und Medikation erhalten. Eine Überstellung in dieses
Land könnte höchstens dann erfolgen, wenn die
Vorinstanz angewiesen würde, von den italienischen Behörden individuelle
Garantien hinsichtlich adäquater Unterbringung und ärztlicher Behandlung
einzuholen. Die im Referenzurteil E-962/2019 festgelegten Anforderungen
betreffend zusätzlicher Garantien seien durch die neuen rechtlichen Ent-
wicklungen nicht obsolet geworden. Vielmehr erscheine die Umsetzung
des Gesetzesdekrets Nr. 130/2020 nicht klar. Zudem gelte es das vom
SEM zitierte EGMR-Urteil, zu welchem sich das Bundesverwaltungsgericht
bislang nicht geäussert habe, in verschiedener Hinsicht zu kritisieren.
Überdies sei die pandemiebedingte Verschlechterung der Lage zu berück-
sichtigen. Alles in allem werde verletzlichen Personen und Folteropfern wie
ihm in Italien der Zugang zu Unterbringung und Versorgung nach wie vor
nur mangelhaft gewährt.
Replikweise kritisierte der Beschwerdeführer am 25. Oktober 2021, dass
die Vorinstanz die geltend gemachten Folterungen erst im Rechtsmittelver-
fahren thematisiert habe und verwies ergänzend darauf, dass er nach einer
hausärztlichen Konsultation vom 19. Oktober 2021 zur psychiatrischen Ab-
klärung angemeldet worden und am 5. November 2021 eine neurologische
Untersuchung vorgesehen sei.
6.
6.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Staat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Staat zum zu-
ständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.2 Vorab ist darauf hinzuweisen, dass Italien Signatarstaat der EMRK, des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom
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Seite 10
31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist und seinen entsprechenden völker-
rechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf davon ausgegangen wer-
den, dass dieser Staat die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den
Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt.
6.3 Weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Europäische Gerichts-
hof für Menschenrechte (EGMR) oder der Europäische Gerichtshof
(EuGH) haben bislang systemische Schwachstellen im italienischen Asyl-
system erkannt. Zwar stehen die Unterstützung und die Einrichtungen für
Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus in Italien in der Kritik, ge-
mäss den bisherigen Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts ist in-
des davon auszugehen, dass Italien die Verfahrens- und Aufnahmerichtli-
nien einhält (siehe etwa Referenzurteil des BVGer E-962/2019 vom 17. De-
zember 2019 E. 6.3; Urteil des BVGer E-685/2021 vom 23. Februar 2021
E. 6). Am 20. Dezember 2020 ist das Umwandlungsgesetz Nr. 173/2020
zum Gesetzesdekret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2020 in Kraft getreten.
Das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 sieht eine umfassende Reform des Auf-
nahmesystems für Asylsuchende in Italien vor, indem zentrale Bestimmun-
gen des sog. Salvini-Dekrets geändert wurden und ein engverflochtenes
Aufnahme- und Integrationssystem implementiert wurde. Das neue Auf-
nahmesystem ist vergleichbar mit jenem, das vor Erlass des Salvini-
Dekrets bestanden hat. Nach dem Anmeldeverfahren werden die Asylsu-
chenden in das Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accog-
lienza e integrazione) überführt, welches nunmehr wieder allen Asylsu-
chenden – also auch den im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien
überstellten Personen – offensteht. Schutzbedürftige Personen, die einer
besonderen Form der Unterstützung bedürfen, geniessen bei der Überstel-
lung von einem Erstaufnahmezentrum in das SAI Priorität (zum Ganzen
vgl. Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021
E. 10.5). Der EGMR ist im Urteil M.T. gegen die Niederlande vom 23. März
2021, Nr. 46595/19 zur selben Einschätzung gelangt. Das Bundesverwal-
tungsgericht hat sich hierzu im eben zitierten Referenzurteil explizit geäus-
sert (siehe dortige E. 10.6). Nachdem der Beschwerdeführer im Dublin-
Gespräch angegeben hat, in Italien gar nie ein Asylgesuch gestellt zu ha-
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Seite 11
ben, da die Schweiz von Anfang an sein Ziel gewesen sei, ist seiner allge-
meinen Kritik am Gesetzesdekret Nr. 130 aber ohnehin die Grundlage ent-
zogen.
6.4 Dem Beschwerdeführer steht es nach erfolgter Überstellung nach Ita-
lien offen, dort um Asyl nachzusuchen und damit Zugang zu den eben be-
schriebenen asylrechtlichen Aufnahmestrukturen, einschliesslich notwen-
diger medizinischer Behandlung (siehe hierzu eingehender E. 8.1 – 8.5
hiernach), zu erhalten. Er hat in diesem Zusammenhang kein konkretes
und ernsthaftes Risiko dargetan, die italienischen Behörden würden sich
weigern, ihn aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz
unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten
sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, das Land
werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und
ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder
seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder
in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen ein, kann im Einzelfall zwar widerlegt werden. Wie eben er-
wähnt, bedarf es hierfür aber konkreter und ernsthafter Hinweise. Dies ge-
lingt dem Beschwerdeführer, der in diesem Land gar nicht erst um Asyl
nachgesucht hat, mit den in der Beschwerde zitierten Quellen jedoch nicht.
Folglich ist nicht davon auszugehen, dass eine Überstellung des alleinste-
henden, noch jungen Beschwerdeführers im Rahmen des Dublin-Verfah-
rens nach Italien eine Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta
oder Art. 3 EMRK nach sich ziehen würde. Ebenso wenig bedurfte es nach
dem Gesagten individueller Garantien hinsichtlich einer bedarfsgerechten
Unterbringung.
6.5 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist unter den genannten
Umständen nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Zu prüfen ist sodann, ob die Anwesenheit des Bruders in der Schweiz
einer Überstellung des Beschwerdeführers im Rahmen des vorliegenden
Dublin-Verfahrens entgegensteht. Beim Bruder handelt es sich um
B._ (geb. (...), [...), welcher hierzulande im Besitze einer Aufent-
haltsbewilligung ist (vgl. Eintrag im Zentralen Migrationssystem [ZEMIS]).
Geschwister gelten nicht als Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g
Dublin-III-VO, weshalb eine Berufung auf die erwähnte Bestimmung ent-
fällt. Auch eine Anwendung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO kommt nicht in
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Seite 12
Betracht, da die in dieser Bestimmung erwähnten Ermessensdeterminan-
ten (Schwangerschaft, neugeborenes Kind, schwere Krankheit, ernsthafte
Behinderung, hohes Alter), welche eine Unterstützung durch den Bruder
erfordern würden, nicht erfüllt sind. Ferner muss vorliegend eine enge fa-
miliäre Bindung – selbst wenn eine solche einst im Herkunftsland bestan-
den haben sollte – verneint werden, zumal der Beschwerdeführer erst am
17. Februar 2021 in die Schweiz einreiste, während sein Bruder gemäss
Eintrag im ZEMIS bereits am 7. August 2007 als Asylsuchender hierher
gelangt war.
7.2 Auch die Voraussetzungen von Art. 8 EMRK sind nicht erfüllt. Der Fa-
milienbegriff gemäss Art. 8 EMRK erfasst zwar über die Kernfamilie hin-
ausgehend auch die Beziehungen zwischen nahen Verwandten, die in der
Familie eine wesentliche Rolle spielen können. Allerdings setzt im Verhält-
nis zwischen diesen Verwandten ausserhalb der Kernfamilie die Berufung
auf den Grundsatz der Familieneinheit gemäss der Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts – nebst einer nahen, echten und tatsächlich
gelebten Beziehung – grundsätzlich ein besonderes Abhängigkeitsverhält-
nis voraus (BVGE 2008/47 E. 4.1.1 S. 677 f.). Vorliegend fehlt es indessen
schon an einer gelebten Beziehung im Sinne der Rechtsprechung, weil
sich B._ – wie erwähnt – seit etlichen Jahren hierzulande aufhält,
während der Beschwerdeführer erst am 17. Februar 2021 in die Schweiz
einreiste. Dass die beiden inzwischen eine innige Beziehung pflegen und
sich B._ um das Wohlergehen der nachgereisten Person sorgt, än-
dert im Kontext der mindestens 14-jährigen Trennung nichts daran, dass
hier weder von einem vergangenen noch aktuellen Abhängigkeitsverhältnis
im Sinne der Rechtsprechung ausgegangen werden kann. Anderweitige
Kontakte zwischen den Betroffenen sind für die fragliche Periode akten-
mässig nicht erstellt, weshalb eine Wegweisung nach Italien weder eine
Verletzung von Art. 16 Dublin-III-VO noch eine solche von Art. 8 EMRK
darstellt.
7.3 Mit Blick auf die geltend gemachte Vulnerabilität des Beschwerdefüh-
rers als Folteropfer sagte der Betroffene anlässlich des Dublin-Gesprächs
aus, in Sri Lanka gefoltert worden zu sein und seither überall Schmerzen
zu verspüren, insbesondere an Ellbogen, Fingern und Kinn. Aufgrund der
Folterungen, welche zirka vor sechs Jahren stattgefunden hätten, leide er
zudem an Schlafproblemen und Angstzuständen (SEM act. 17). In einem
Schreiben der Rechtsvertretung vom 29. März 2021 ist ferner davon die
Rede, dass ihr Mandant damals mehrere Monate inhaftiert gewesen sei
und man ihn immer wieder mit Metallstangen geschlagen habe, bis die
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Seite 13
Knochen gebrochen seien. Danach hätten ihn seine Peiniger verarztet, um
ihn sogleich wieder zu quälen (SEM act. 26). Wegen seiner gesundheitli-
chen Beeinträchtigungen hat sich der Beschwerdeführer eigener Darstel-
lung zufolge in Sri Lanka und Indien in ärztliche Behandlung begeben.
Ende Oktober 2020 ist er schliesslich auf dem Luftweg via die Türkei nach
Italien gelangt. Vor diesem Hintergrund forderte die Vorinstanz ihn am 23.
August 2021 im Rahmen der Vernehmlassung auf, alle vorhandenen Un-
terlagen und Beweismittel einzureichen, welche einen direkten oder indi-
rekten Zusammenhang zu den behaupteten, rund sechs Jahre zurücklie-
genden Vorkommnissen hätten und sie zu belegen vermöchten (BVGer
act. 4). Dieser Aufforderung kam der Beschwerdeführer innert Frist bei der
Vorinstanz nicht nach (ebenso nicht in der nachfolgenden Replik), stattdes-
sen verwies er auf die bereits vorhandenen medizinischen Unterlagen
(BVGer act. 6) sowie anstehende ärztliche Untersuchungen (Replik
[BVGer act. 9]). Die angesprochenen Arztberichte stützen sich, soweit da-
rin auf Folterungen Bezug genommen wird, allerdings einzig auf eigene
Schilderungen und eignen sich deshalb nicht für den Nachweis, dass es
sich bei ihm um ein Folteropfer handeln könnte. Der Vorinstanz ist in die-
sem Zusammenhang beizupflichten, dass sich die diagnostizierten physi-
schen und psychischen Leiden auf unterschiedlichste Ursachen zurückfüh-
ren lassen (siehe dazu Vernehmlassung [BVGer act. 7]. Nichts anderes
ergibt sich aus dem Schreiben des Bruders vom 26. Februar 2021, worin
dieser offen lässt, woher die betreffenden körperlichen Verletzungen und
die damit einhergehende psychische Beeinträchtigung herrühren (SEM
act. 24). Auch die in der Beschwerdeschrift angesprochene Fok und der
Antifolterausschuss (CAT) halten Folteropfer im Übrigen dazu an, dem Ver-
tragsstaat bzw. dem Folterausschuss alle Informationen zur Verfügung zu
stellen, die auf begangene Folterhandlungen hindeuten könnten, was vor-
liegend bislang nicht geschah. Anzumerken wäre an dieser Stelle, dass es
dem Beschwerdeführer in Kenntnis der genannten Erfordernisse offen-
steht, allfällige Beweismittel später bei den nunmehr für sein Asyl- und
Wegweisungsverfahren zuständigen italienischen Behörden einzureichen
und entsprechende Verfolgungsgründe dort geltend zu machen (vgl. etwa
Urteil des BVGer F-1619/2021 vom 10. Mai 2021 S. 7/8). Aufgrund dessen
bestand seitens des SEM kein Anlass, den Beschwerdeführer beim Ambu-
latorium für Folter- und Kriegsopfer anzumelden oder bei den italienischen
Behörden Garantien bezüglich Rehabilitation einzuholen.
8.
Nachfolgend bleibt zu prüfen, ob das SEM den rechtserheblichen Sachver-
halt im Hinblick auf allfällige gravierende gesundheitliche Probleme des
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Seite 14
Beschwerdeführers hinreichend abgeklärt hat und das Selbsteintrittsrecht
nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO aus diesem Grunde auszu-
üben wäre.
8.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine zwangs-
weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur
ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine
vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR
Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
8.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Referenzurteil
E-962/2019 strengere Kriterien für Dublin-Überstellungen von schwer er-
krankten Asylsuchenden, die sofort nach der Ankunft in Italien auf lücken-
lose medizinische Versorgung angewiesen sind, beschlossen und das
SEM verpflichtet, diesfalls individuelle Zusicherungen betreffend die Ge-
währleistung der nötigen medizinischen Versorgung und Unterbringung bei
den italienischen Behörden einzuholen (vgl. E-962/2019 E. 7.4.3). Eine sol-
che Situation liegt hier nicht vor.
8.3 Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers sind
nicht so gravierend, dass sie einer Überstellung nach Italien entgegenste-
hen würden. Aus den eingereichten medizinischen Unterlagen (vier medi-
zinische Datenblätter, drei Arztberichte) geht hervor, dass in der Zeit-
spanne vom 23. Februar bis 29. Juni 2021 zehn ärztliche Konsultationen
stattfanden. Festgestellt wurden hierbei ein Streckdefizit am Ellbogen, eine
Muskelatrophie am Unterarm, deutliche Bewegungseinschränkungen im
Handgelenk, Unmöglichkeit des Fingerspreizens sowie eine einge-
schränkte Streckung der Finger II-V (alles an den oberen linken Extremitä-
ten). Ferner liess sich der Beschwerdeführer wegen Blasenentleerungs-
problemen, von denen er inzwischen genesen ist, urologisch behandeln.
In drei medizinischen Datenblättern werden zudem psychische Probleme
in Form von Schlafstörungen und depressiven Verstimmungen erwähnt.
Hierfür erhielt er ein Antidepressivum, dessen Einnahme er zum Teil ver-
weigerte (zum Ganzen siehe SEM act.18, 23, 28, 30, 34 und 43). Aus den
aktenkundigen Diagnosen ergibt sich mithin, dass er sich nicht zwingend
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in der Schweiz aufhalten muss, sondern eine adäquate Behandlung der
beschriebenen Leiden in Italien ebenfalls möglich ist. Dies gilt auch mit
Blick auf die nach Erlass der angefochtenen Verfügung hinzugekommenen
ärztlichen Einschätzungen. Bezogen auf den psychischen Zustand wird im
einen Arztbericht vom 30. Juli 2021 ergänzt, dass längerfristig «eine fach-
ärztliche psychiatrische Behandlung ein Thema werden» und eine post-
traumatische Belastungsstörung vorliegen könnte (Beschwerdebeilage 5).
Dementsprechend gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, nachzuweisen,
dass er nicht reisefähig sei oder eine Überstellung nach Italien seine Ge-
sundheit ernsthaft gefährden würde. Sein Gesundheitszustand vermag
eine Unzulässigkeit im Sinne der restriktiven Rechtsprechung nicht zu
rechtfertigen.
8.4 Der Beschwerdeführer wurde in der Schweiz medizinisch versorgt und
unterzog sich verschiedener ärztlicher Untersuchungen, welche dreimal
psychische Aspekte mitbeinhalteten. Dem SEM waren seine gesundheitli-
chen Probleme bekannt. In Bezug auf das Vorliegen einer schwerwiegen-
den Erkrankung wären von zusätzlichen medizinischen Abklärungen keine
neuen Erkenntnisse zu erwarten gewesen (zur antizipierten Beweiswürdi-
gung vgl. BGE 141 I 60 E. 3.3 oder BGE 136 1 229 E. 5.3). Die nach Erlass
der angefochtenen Verfügung eingegangenen medizinischen Unterlagen,
einschliesslich der neurologischen Untersuchung vom 5. November 2021
(siehe BVGer act. 11), bestätigen dies. Entgegen der Auffassung der Par-
teivertreterin ist deshalb nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz dies-
bezüglich keine weiteren Abklärungen vorgenommen hat. Ebenso wenig
abzuwarten sind aufgrund des unter E. 8.3 Gesagten die Ergebnisse der
hausärztlichen Konsultation vom 19. Oktober 2021 (die vom Betroffenen
inzwischen hätten nachgereicht werden können und müssen) und des psy-
chologischen Gesprächs vom 29. November 2021. Die auf Beschwerde-
ebene erhobene Rüge der nicht rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung
erweist sich folglich als nicht stichhaltig. Aufgrund seines Gesundheitszu-
standes ist der Beschwerdeführer nicht zur Gruppe besonders verletzlicher
Personen zu zählen, womit es keiner individuellen Zusicherungen der itali-
enischen Behörden bezüglich medizinischer Versorgung bedarf.
8.5 Ferner gilt es darauf hinzuweisen, dass Italien grundsätzlich über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Es liegen keine Hinweise
vor, dass dem Beschwerdeführer dort eine adäquate medizinische Be-
handlung verweigert würde. Der Zugang für asylsuchende Personen zum
italienischen Gesundheitssystem über die Notversorgung hinaus erscheint
vielmehr gewährleistet (vgl. statt vieler Urteil E-962/2019 E. 6.2.7 oder seit
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Seite 16
Inkrafttreten des Dekrets Nr. 130 ebenfalls Urteil F-6330/2020 E. 10.5 und
11.1). Im Übrigen trägt die Vorinstanz dem aktuellen Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers bei der Organisation der Überstellung nach Italien
Rechnung, indem sie die italienischen Behörden vor der Überstellung über
seinen Zustand und eine allfällig notwendige medizinische Behandlung in-
formiert. Dies ist vorliegend geschehen, sind die entsprechenden Diagno-
sen, soweit fortbestehend (depressive Verstimmung, Behinderungen an
den oberen linken Extremitäten), in den Überstellungsmodalitäten doch
aufgelistet (SEM act. 46). Eine frühere Information der italienischen Behör-
den war unter den konkreten Begebenheiten nicht angezeigt.
8.6 Mit Blick auf die vom Beschwerdeführer angesprochene Covid-19-Pan-
demie ist der Vollständigkeit halber zu ergänzen, dass die Vorinstanz die
pandemische Lage und deren Auswirkungen auf die Gesundheitsversor-
gung im Destinationsland im Rahmen des Vollzugs berücksichtigt. Allfällige
Verzögerungen wegen des Corona-Virus stellen lediglich temporäre Voll-
zugshindernisse dar und vermögen am Ausgang des vorliegenden Verfah-
rens nichts zu ändern (vgl. etwa Urteile des BVGer F-4786/2021 vom
5. November 2021 E. 8.6 oder F-868/2021 vom 5. März 2021 E. 6.9, je
m.H).
9.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum
(vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem
Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hin-
weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unter-
schreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb
in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
10.
Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Italien der für die Be-
handlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers zuständige Mitglied-
staat gemäss Dublin-III-VO.
11.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da er
nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung
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ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwendung von Art. 44 AsylG
ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
12.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens würde der Beschwerdeführer kosten-
pflichtig (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung vom 9. August 2021
hat das Bundesverwaltungsgericht dem Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG stattgegeben.
Demzufolge ist der Beschwerdeführer von der Bezahlung der Verfahrens-
kosten befreit. Da er auf Beschwerdeebene durch die ihm zugewiesene
Parteivertretung vertreten ist, erwachsen ihm darüber hinaus keine Kosten.
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