Decision ID: d682f421-5a0b-5ef2-8ec8-60be58c30ed3
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer
Ethnie aus Herat, verliess Afghanistan gemäss eigenen Angaben im Jahr
2008 und gelangte in den Iran, wo er sich bis zur Ausreise Ende 2015 auf-
gehalten habe. Am 4. Januar 2016 reiste er in die Schweiz ein und am
9. Januar 2016 suchte er um Asyl nach. Am 20. Januar 2016 fand die Be-
fragung zur Person (BzP) statt. Die Vorinstanz hörte den Beschwerdefüh-
rer am 21. Juni 2017 zu seinen Asylgründen an.
Dabei er an, er habe mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in Herat im
eigenen Haus gelebt; die Schule habe er nicht besucht. Er sei schiitischen
Glaubens. Sein Vater sei Schiit, seine Mutter Sunnitin. Im Quartier, wo
seine Familie gewohnt habe, seien sie die einzigen Schiiten gewesen. Der
Vater sei in einer Moschee tätig gewesen. Als Kleinkind sei er mit seiner
Familie aufgrund des Vormarschs der Taliban nach B._, Iran, gezo-
gen. Dort habe er ab dem Alter von 13 Jahren in der (...) seines Onkels
mütterlicherseits (...) hergestellt. Nach dem Sturz der Taliban sei er im Jahr
2005 mit der Familie nach Herat zurückgekehrt.
Zu seinen Asylgründen führte er aus, 2006 oder 2007 sei die Lage zwi-
schen den Schiiten und den Sunniten anlässlich einer Trauerprozession
eskaliert. Die Moschee, in welcher sein Vater tätig gewesen sei, sei von
Sunniten überfallen worden. Sein Vater sei verprügelt worden. Zwei
Freunde seines Vaters seien erschossen worden. In der Folge seien die
Familienmitglieder von Sunniten diskriminiert, tätlich angegangen und mit
dem Tod bedroht worden. Aufgrund der ständigen Bedrohungen sei er mit
seinem Bruder C._ wieder in den Iran gereist. Einige Zeit später
seien ihnen die Eltern mit den vier jüngeren Geschwistern gefolgt. Dann
habe die iranische Regierung begonnen, Truppen nach Syrien in den Krieg
zu schicken. Sein Vater sei mehrmals aufgefordert worden, seine Söhne
nach Syrien zu schicken. Aus Sorge um ihre Sicherheit habe der Vater
noch am selben Abend ihre Ausreise organisiert. Weiter gab der Beschwer-
deführer an, in Afghanistan sei es verboten gewesen, Musik zu machen,
auch im Iran habe er – mit den Eltern – deswegen Probleme bekommen.
Er habe Iran dann mit seinen drei Brüdern in Richtung Europa verlassen.
Sein Bruder D._ (in der Folge R.; [...]; vgl. Urteil E-5123/2021 vom
selben Datum) befinde sich ebenfalls in der Schweiz. Die beiden anderen
Brüder seien von der Türkei nach Afghanistan ausgeschafft worden. Einer
sei nun wieder bei den Eltern und den zwei Schwestern im Iran; der andere
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sei nach Syrien in den Krieg geschickt worden. In gesundheitlicher Hinsicht
gab der Beschwerdeführer an, an (...) zu leiden.
Als Beweismittel gab er seine Tazkira in Kopie und einen USB-Stick mit
Konzertaufnahmen zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 23. August 2017 verneinte die Vorinstanz die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte das Asylgesuch ab, ver-
fügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Den
zuständigen Kanton beauftragte sie mit dem Vollzug der Wegweisung.
C.
C.a Mit Eingabe vom 11. September 2017 erhob der Beschwerdeführer
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, die ange-
fochtene Verfügung sei in den Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben. Die
Sache sei für eine Neubeurteilung der aktuellen Sicherheitslage in Herat
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Unzumutbarkeit des
Vollzugs der Wegweisung festzustellen und als Folge davon die vorläufige
Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht sei ihm die unentgeltliche
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, und die amtliche Verbeiständung zu gewähren.
C.b Gleichentags reichte er mit separater Eingabe eine Fürsorgebestäti-
gung vom 4. September 2017 ein.
D.
Am 14. September 2017 stellte die Instruktionsrichterin fest, der Beschwer-
deführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2017 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie
amtlichen Verbeiständung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung
ein.
F.
F.a In der Vernehmlassung vom 16. Oktober 2017 hielt die Vorinstanz an
ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
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Seite 4
F.b Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 19. Oktober
2017 zur Kenntnisnahme zugestellt.
G.
Mit Eingabe vom 13. November 2017 (Poststempel) reichte der Beschwer-
deführer eine Kopie seines Ausweises für Asylsuchende, eine Bestätigung
der Persisch Christlichen Kirche Schweiz vom 8. November 2011 (recte
wohl: 2017) und ein Taufbekenntnis vom 3. September 2017 ein.
H.
H.a Am 9. Januar 2018 ersuchte der Beschwerdeführer das Gericht um
Einholen einer Vernehmlassung unter Berücksichtigung des Urteils des
Bundesverwaltungsgerichts (BVGer) D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017
und um Akteneinsicht.
H.b Mit Zwischenverfügung vom 18. Januar 2018 forderte die Instruktions-
richterin den Beschwerdeführer auf, innert sieben Tagen ab Erhalt der Ver-
fügung sein Akteneinsichtsgesuch zu spezifizieren respektive ein Gesuch
um Einsicht in die N-Akten direkt an das SEM zu richten.
H.c Am 15. Februar 2018 händigte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer
die editionspflichten Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
I.
I.a Mit Zwischenverfügung vom 29. Juni 2021 lud die Instruktionsrichterin
die Vorinstanz zur ergänzenden Vernehmlassung unter Berücksichtigung
des Urteils des BVGer D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 ein.
I.b In der ergänzenden Vernehmlassung vom 12. Juli 2021 hielt das SEM
an ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
I.c Am 28. Juli 2021 replizierte der Beschwerdeführer.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005
(AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integ-
rationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Gesetzes-
artikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen
worden.
3.
Wie bereits in der Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2017 festgehalten,
bildet Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens einzig die
Frage des Vollzugs der Wegweisung. Die Ziffern 1 (Verneinung der Flücht-
lingseigenschaft), 2 (Ablehnung des Asylgesuchs) und 3 (Wegweisung)
sind daher mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen.
4.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG
(vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen
an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand.
5.1.1 Der Beschwerdeführer habe erstmals an der Anhörung erwähnt, dass
er Schiite und deshalb aus seinen Heimatstaat geflüchtet sei, vorher habe
er angegeben, er sei sunnitischen Glaubens. Die Vorbringen zur Religions-
zugehörigkeit seien demnach widersprüchlich und nachgeschoben. Seine
Erklärungsversuche, er sei schlecht beraten worden, habe nicht gewusst,
dass in der Schweiz Religionsfreiheit herrsche und er sei in der BzP ange-
halten worden, sich kurz zu fassen und nur zur allgemeinen Lage befragt
worden, vermöchten nicht zu überzeugen. Er habe hier Schutz beantragt
und sei mehrmals auf seine Wahrheits- und Mitwirkungspflicht hingewiesen
worden. Ferner habe er die erlittenen Übergriffe äusserst schematisch und
ohne persönliche Betroffenheit dargelegt. Seine Ausführungen seien wi-
dersprüchlich, vage und ausweichend ausgefallen. Nebenbei sei festzuhal-
ten, dass auch die Iran betreffenden Aussagen unglaubhaft seien, weil
vage und ausweichen. Selbst wenn seine Vorbringen als glaubhaft erachtet
würden, seien sie nicht asylrelevant, da es sich nicht um eine gegen ihn
gerichtete staatliche Verfolgung handle. In der BzP habe er denn auch als
Ausreisegründe die schwierige wirtschaftliche Situation und die allgemeine
Sicherheitslage genannt. Anlässlich der Anhörung habe er sodann ver-
neint, je Probleme mit den Behörden gehabt zu haben. Schliesslich bestün-
den keine Anhaltspunkte, dass er aufgrund seiner Leidenschaft für die Mu-
sik je einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen sei.
5.1.2 Zum Vollzug der Wegweisung erwog die Vorinstanz, es lägen keine
entsprechenden Hindernisse vor.
5.1.2.1 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle,
könne auch der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5
Abs. 1 AsyIG nicht angewandt werden. Ferner ergäben sich aus den Akten
keine Anhaltspunkte dafür, dass ihm im Falle einer Rückkehr in den Hei-
matstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK ver-
botene Strafe oder Behandlung drohe. Der Vollzug der Wegweisung sei
demnach zulässig.
5.1.2.2 Zur Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung führte die Vor-
instanz aus, im Grundsatzurteil vom 16. Juni 2011 sei das BVGer zum
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Schluss gelangt, die Sicherheitslage und die humanitäre Situation in Af-
ghanistan hätten sich derart verschlechtert, dass von einer existenzbedro-
henden Situation im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen sei. Mit
Grundsatzurteil vom 28. Oktober 2011 habe sich das BVGer konkret zur
Situation in Herat geäussert und die dortige Situation vergleichbar mit jener
in Kabul erachtet. Seit dem kontinuierlichen Abzug der International
Security Assistance Force (ISAF) im Jahr 2014 könne eine Zunahme von
Sicherheitsvorfällen beobachtet werden. Trotzdem könne nicht auf eine Si-
tuation allgemeiner Gewalt geschlossen werden, weshalb an der bisheri-
gen Rechtsprechung festzuhalten sei. Eine Rückkehr nach Herat sei dem-
nach nicht generell unzumutbar, sondern könne unter begünstigenden Um-
ständen als zumutbar erachtet werden. Der aus der Stadt Herat stam-
mende Beschwerdeführer sei jung und gesund. Es bestünden erhebliche
Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen; dies betreffe auch seine Bi-
ographie. Er habe versucht, die Schweizer Behörden in verschiedener Hin-
sicht zu täuschen. Entgegen seinen Aussagen könne aufgrund seines Auf-
tretens und seiner Erscheinung davon ausgegangen werden, dass er eine
Schulbildung genossen habe. Zudem verfüge er über mehrjährige Berufs-
erfahrung und es sei davon auszugehen, dass er ein soziales Netz in Af-
ghanistan habe. Ferner werde er zusammen mit seinem Bruder weggewie-
sen, so dass sie einander bei der Wiedereingliederung helfen könnten.
Schliesslich sei davon auszugehen, dass er aus einer finanziell sehr gut
gestellten Familie stamme, zumal er und seine drei Brüder sich die teure
Reise nach Europa hätten leisten können und die Familie ein Haus in Herat
besitze, welches sie vermiete. Es seien somit keine individuellen Gründe
ersichtlich, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nach
Herat sprechen würden.
5.1.2.3 Schliesslich sei der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und
praktisch durchführbar.
5.2 In der Rechtsmitteleingabe bringt der Beschwerdeführer vor, die Vor-
instanz stütze sich für die Einschätzung der Sicherheitslage in Herat nach
wie vor auf Grundsatzurteile des BVGer aus dem Jahr 2011 ab. Diese ent-
sprächen indessen nicht mehr dem aktuellen Stand. Die Einschätzung der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) zur Lage in Herat weiche erheblich
von jener der Vorinstanz ab. Ferner habe die Vorinstanz ausser Acht ge-
lassen, dass er Afghanistan bereits 2008 im Alter von 17 Jahren in Rich-
tung Iran verlassen und sich somit seit neun Jahren nicht mehr in Herat
aufgehalten habe. Wie er bei einer Rückkehr seine Existenz sichern könne,
bleibe unklar. Die Vorinstanz unterstelle ihm, die Mitwirkungspflicht verletzt
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zu haben, und gehe davon aus, er sei gebildet und habe in Herat reiche
Familienangehörige. Sie habe weder die aktuelle Sicherheitslage in Herat
noch seine persönlichen Verhältnisse berücksichtigt, womit sie das rechtli-
che Gehör verletze.
5.3 In der ergänzenden Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, auch
nach Vorliegen des Urteils D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 könne vollum-
fänglich auf die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen
werden. Eine abschliessende Beurteilung besonders begünstigender Um-
stände betreffend Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges werde auf-
grund der offensichtlichen Verletzung der Wahrheits- und Mitwirkungs-
pflicht durch den Beschwerdeführer verunmöglicht und es sei nicht Sache
der Behörde, nach allfälligen Wegweisungshindernissen zu forschen.
5.4 In der Replik bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, das
SEM verweigere sich mit ihrem Verweis auf die Erwägungen in der ange-
fochtenen Verfügung der Tatsache, dass das BVGer die Lage in Herat
heute deutlich schlechter einschätze als noch zum Zeitpunkt des Asylent-
scheids.
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
6.2 Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Wegwei-
sungsvollzug (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind al-
ternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der Vollzug
als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit der be-
troffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die vorläu-
fige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4.).
6.3 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts gilt bezüg-
lich der Wegweisungsvollzugshindernisse der gleiche Beweisstandard wie
bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, Wegweisungsvoll-
zugshindernisse sind zu beweisen, soweit der strikte Beweis möglich ist,
und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (Art. 7 AsylG;
vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein redu-
ziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und
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Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge-
macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie
aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind.
Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der
Inhalt der Aussagen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As-
pekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte
Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Ge-
samtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhalts-
darstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objekti-
vierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
6.4
6.4.1 Vorab ist festzustellen, dass dem Beschwerdeführer keine Verletzung
der Mitwirkungspflicht vorgehalten werden kann. Er hat sich durchaus be-
müht, Angaben zu seiner Herkunft, seinem Lebenslauf und den Ausreise-
gründen zu machen, auch wenn seine Schilderungen im Vergleich zu jenen
von R. durchaus oberflächlicher ausgefallen sind. In ihrer Gesamtheit er-
geben sie aber durchaus ein stimmiges Bild (vgl. SEM-Akten A18/16 F23
ff., F60, F65 ff. und F95) und sind in den wesentlichen Teilen mit den An-
gaben von R. vereinbar. Das SEM hat insofern eine einseitige Gewichtung
vorgenommen, als es jene Elemente, die für die Glaubhaftigkeit der Schil-
derungen des Beschwerdeführers sprechen, nicht in die Gesamtwürdigung
einbezogen oder etwa auch nicht berücksichtig hat, dass sich wesentliche
Teile der Schilderungen auch auf Zeiträume beziehen, als der Beschwer-
deführer noch ein Kind oder jedenfalls sehr jung war. Eine Mitwirkungs-
pflichtsverletzung oder gar Täuschung liegt jedenfalls nicht vor.
6.4.2 Zwar trifft zu, dass insbesondere die zeitlichen Gegebenheiten aus
den Aussagen des Beschwerdeführers nicht immer klar werden. Dies be-
trifft etwa die Angaben, in welchem Jahr er erstmals in den Iran gereist sei.
Allerdings lässt sich der ungefähre Zeitpunkt durchaus eruieren (vgl. SEM-
Akten A18/16 F60 f.). Nicht zu verkennen sind durchaus auch Widersprü-
che. So etwa wenn er einerseits angibt, er habe ungefähr ein Jahr oder
etwas länger (...) (vgl. ebd. F22) und andererseits kurz später, er sei meh-
rere Jahre dieser Arbeitstätigkeit nachgegangen (vgl. ebd. F26). Gewisse
Zweifel sind auch berechtigt an seiner Aussage, er habe gar keine Schul-
bildung, zumal er das Personalienblatt selbständig ausgefüllt hat (vgl.
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SEM-Akten A1/2). Demgegenüber ergeben sich gewisse Relativierungen
der Unstimmigkeiten auch aus den Akten. So bezog er etwa seine Angabe,
er habe während ungefähr einem Jahr (...), auf Afghanistan (vgl. SEM-Ak-
ten A18/16 F22), während sich seine spätere Angabe in F26 f. ausdrücklich
auf B._ (Iran) bezieht. Hinsichtlich der fehlenden Schulbildung ist
immerhin festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer offenbar nicht im-
mer leicht fiel, den Fragen zu folgen (vgl. ebd. F15). Auch ist festzustellen,
dass aus den übersetzten Daten des Dschalali-Kalenders (persischer Ka-
lender) nur schwierig genauere zeitliche Rückschlüsse gezogen werden
können. Dass der Beschwerdeführer keine oder kaum mehr Erinnerungen
an die Zeit in Afghanistan bis zur ersten Ausreise in den Iran hat, ergibt sich
ohne Weiteres aus seinem damaligen Alter. Festzuhalten ist zwar, dass die
eigentlichen Asylgründe nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens
sind. Das SEM hat rechtskräftig festgestellt, dass keine solchen vorliegen.
Soweit aber die persönliche Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers in
Frage steht – diese wiederum ist auch für die Sachverhaltsfeststellung hin-
sichtlich des Wegweisungsvollzugs relevant – ist immerhin festzustellen,
dass das vorinstanzliche Argument, er habe sich widersprüchlich zu seiner
Religionszugehörigkeit geäussert, nicht restlos überzeugt, auch wenn es
zutrifft, dass er in der BzP angab, er sei Sunnite (vgl. SEM-Akten A8/10 S.
3 Ziff. 1.13) und an der Anhörung ausführte, er sei schiitischen Glaubens
(vgl. SEM-Akten A17/16 F60). Zu berücksichtigen sind in diesem Zusam-
menhang auch – was das SEM nicht getan hat – seine durchaus plausiblen
und nachvollziehbaren Schilderungen zu seiner Herkunft aus einer ge-
mischt-religiösen Familie und deren Übereinstimmung mit den tatsächli-
chen Gegebenheiten in Herat aber auch innerhalb seiner Ethnie.
Insgesamt schildert der Beschwerdeführer zentrale Elemente seines Le-
benslaufs (Geburt und Kindsjahre in Afghanistan, Übersiedlung in den Iran
aufgrund des Vormarschs der Taliban, Arbeit als (...) bei einem Onkel müt-
terlicherseits, Rückkehr nach Afghanistan, erneute Ausreise in den Iran,
Ausreise aus dem Iran in Richtung Europa mit seinen drei Brüdern, weil die
iranischen Behörden begonnen hätten, afghanische Flüchtlinge nach Sy-
rien zu schicken) an verschiedenen Stellen anschaulich und gleichlautend
(vgl. SEM-Akten A18/16 F23 ff., F46 ff., F65 f., F95). Schliesslich bestreitet
auch das SEM die Herkunft des Beschwerdeführers aus Afghanistan nicht.
Selbst wenn nicht sämtliche Zweifel an seinen Vorbringen beseitigt sind,
sind in Berücksichtigung aller wesentlichen Umstände die vorliegend ent-
scheidenden Teile seiner Sachdarstellung, insbesondere seine Herkunft
aus Herat, als glaubhaft zu erachten.
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Seite 11
6.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass dem Beschwerdeführer keine Ver-
letzung der Mitwirkungspflicht vorgeworfen werden kann und die für die
Beurteilung der massgeblichen Frage zentralen Elemente seines Lebens-
laufes als glaubhaft gemacht zu erachten sind.
6.6
6.6.1 Mit Urteil D-4705/2016 vom 14. Juni 2021, welches zur Publikation
als Referenzurteil bestimmt ist, hat das Bundesverwaltungsgericht seine
zuletzt im Urteil BVGE 2011/38 festgehaltene Lageeinschätzung zur Situ-
ation in Herat aktualisiert (vgl. ebenda, E. 10). Nach den Erkenntnissen des
Gerichts hat sich sowohl die Sicherheitslage wie auch die sozio-ökonomi-
sche Situation in der Stadt Herat in den letzten Jahren deutlich verschlech-
tert. Rückkehrende geraten vor diesem Hintergrund rasch in eine existenz-
bedrohende Situation. Der Vollzug der Wegweisung ist daher als grund-
sätzlich unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Nur
ausnahmsweise kann von der Zumutbarkeit ausgegangen werden, und
zwar dann, wenn davon auszugehen ist, die Person fände in Herat beson-
ders begünstigende Umstände vor. Ob im Einzelfall vom Vorliegen beson-
ders begünstigender Faktoren ausgegangen werden kann, ist anhand der
in BVGE 2011/7 niedergelegten Grundsätze sowie der Praxis zu Kabul (vgl.
Referenzurteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4) zu
ermitteln.
6.6.2 Im Falle des Beschwerdeführers sind die strengen Voraussetzungen
für die ausnahmsweise Annahme der Zumutbarkeit eines Wegweisungs-
vollzugs in die Stadt Herat nicht erfüllt, da keine besonders begünstigen-
den Umstände im Sinne der vorstehenden Erwägung vorliegen. Zwar ist
glaubhaft, dass der Beschwerdeführer Afghanistan erstmals im Kindesalter
in Richtung Iran verlassen hat. Als Jugendlicher ist er mit seiner Familie
nach Herat zurückgekehrt, bevor er später mit einem Bruder zusammen
erneut in den Iran ausreiste; später folgten auch die übrigen Familienmit-
glieder. Im heutigen Zeitpunkt liegt die letzte Ausreise des Beschwerdefüh-
rers aus dem Heimatstaat über zehn Jahre zurück. Glaubhaft ist auch, dass
seine Familie ebenfalls seit vielen Jahren im Iran lebt. Auch wenn er grund-
sätzlich mit seinem Bruder R. nach Herat zurückkehren könnte sind insge-
samt die strengen Bedingungen, die gemäss dem obengenannten Urteil
erfüllt sein müssen, um ausnahmsweise für den Vollzug der Wegweisung
nach Herat nicht von einer konkreten Gefährdung auszugehen, nicht erfüllt.
Dass die Familie in Herat ein Haus besitze, ändert an dieser Schlussfolge-
rung nichts. Somit liegen keine besonders begünstigenden Faktoren im
Sinne der Rechtsprechung vor, aufgrund derer ausnahmsweise von der
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Seite 12
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden könnte.
Nach dem Gesagten erübrigt sich eine weitere Beurteilung der aktuellen
Sicherheitslage in Herat vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse.
6.7 Zusammenfassend folgt, dass sich der Vollzug der Wegweisung des
Beschwerdeführers nach Afghanistan als unzumutbar erweist. Ein Grund
für einen Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme nach Art. 83
Abs. 7 AIG liegt nicht vor.
7.
Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Ziffern 4 und 5 der Verfügung vom
23. August 2017 sind aufzuheben und die Vorinstanz ist anzuweisen, den
Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung
vorläufig aufzunehmen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom 2. Ok-
tober 2017 gewährte unentgeltliche Prozessführung gegenstandslos.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Zu berücksichtigen ist, dass die Eingaben in wesentlichen Teilen
identisch ausfallen wie im Verfahren von R. (Urteil vom heutigen Datum i.S.
E-5123/2017). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfak-
toren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz
eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 700.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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