Decision ID: 68a517b8-706b-5295-a339-1dc0740f5de1
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 1. Oktober 2012 in der Schweiz um
Asyl nach. Mit Verfügung vom 4. Dezember 2013 stellte die Vorinstanz fest,
sie erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, ver-
fügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. Eine
gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde wies das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil D-79/2014 vom 30. April 2014 ab.
B.
B.a Am 22. Juni 2016 reichte die Beschwerdeführerin durch ihren Rechts-
vertreter beim SEM ein Wiedererwägungsgesuch ein und beantragte die
Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sowie die An-
ordnung einer vorläufigen Aufnahme. Zudem sei dem Gesuch die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen und das zuständige Migrationsamt sei anzuwei-
sen, von jeglichen Vollzugshandlungen Abstand zu nehmen. Weiter wurde
in verfahrensrechtlicher Hinsicht um Befreiung von der Bezahlung der Ver-
fahrenskosten und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses er-
sucht. Als Beweismittel gab die Beschwerdeführerin einen Bericht des (...)
vom 12. April 2016 und einen weiteren Bericht der (...) vom 15. Juni 2016
zu den Akten.
B.b Mit Eingabe vom 7. Dezember 2017 liess die Beschwerdeführerin dem
SEM erneut zwei Berichte der Institution (...) vom 27. November 2017 und
vom 25. Juli 2016 sowie ein ärztliches Zeugnis ihres Hausarztes
B._ vom 27. November 2017 zukommen.
C.
Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 22. Mai 2018 wies das SEM das
Wiedererwägungsgesuch ab, erklärte die Verfügung vom 4. Dezember
2013 für rechtskräftig und vollstreckbar und hielt fest, einer allfälligen Be-
schwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
D.
Der rubrizierte Rechtsvertreter erhob im Namen der Beschwerdeführerin
mit Eingabe vom 20. Juni 2018 beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde gegen diesen Entscheid. Darin wurde beantragt, die angefoch-
tene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben und es sei eine vorläufige
Aufnahme aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anzu-
ordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Erteilung der aufschie-
benden Wirkung, Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht
D-3579/2018
Seite 3
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie Beiordnung eines un-
entgeltlichen Rechtsbeistands in der Person des unterzeichnenden
Rechtsvertreters ersucht. Der Beschwerde lagen eine Vollmacht vom
10. Dezember 2013 und die angefochtene Verfügung bei.
E.
Am 21. Juni 2018 ging eine von der Beschwerdeführerin selbst unterzeich-
nete Eingabe (datiert auf den 14. Dezember 2017) beim Bundesverwal-
tungsgericht ein, in welcher sie Beschwerde gegen den Entscheid des
SEM vom 22. Mai 2018 erhob. Sie beantragte dabei die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die wiedererwägungsweise Feststellung,
dass der Vollzug der Wegweisung in ihrem Fall unzumutbar sei. Zudem
wurde darum ersucht, der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu er-
teilen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und die
unentgeltliche Prozessführung zu gewähren. Neben der angefochtenen
Verfügung lag der Eingabe ein unvollständiger Arztbericht von 12. Juni
2018 bei.
F.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 21. Juni 2018 setzte das Bun-
desverwaltungsgericht den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen
aus.
G.
Die Instruktionsrichterin erteilte der Beschwerde mit Zwischenverfügung
vom 2. Juli 2018 die aufschiebende Wirkung und hielt fest, die Beschwer-
deführerin könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung – unter der Voraussetzung des fristgerechten Nachreichens
einer Fürsorgebestätigung – gut und wies das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG ab. Die Beschwerde-
führerin wurde unter Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall
aufgefordert, eine Fürsorgebestätigung nachzureichen oder einen Kosten-
vorschuss zu bezahlen. Weiter wurde sie aufgefordert, ärztliche Berichte
hinsichtlich ihres physischen und psychischen Gesundheitszustands ein-
zureichen, welche sich zu den aktuellen und zukünftig erforderlichen Be-
handlungen äussern. Ferner wurde in der Zwischenverfügung festgehal-
ten, das Gericht gehe ohne gegenteilige Mitteilung davon aus, die Be-
schwerdeführerin habe die Vollmacht vom 10. Dezember 2013 nicht wider-
rufen und der rubrizierte Rechtsvertreter sei auch für das vorliegende Ver-
fahren zu ihrer Vertretung befugt.
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Seite 4
H.
Mit Eingabe vom 13. Juli 2018 liess die Beschwerdeführerin eine Fürsor-
gebestätigung vom 9. Juli 2018 nachreichen.
I.
Durch ihren Rechtsvertreter reichte die Beschwerdeführerin mit Eingabe
vom 2. August 2018 ein ärztliches Zeugnis von B._ vom 26. Juli
2018 und den vollständigen Bericht des (...) vom 12. Juni 2018 zu den
Akten. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Ärzte im Fall einer Rückfüh-
rung mit einer starken Zunahme der Symptomatik und einer akuten Suizi-
dalität rechnen würden. Die Beschwerdeführerin werde aufgrund ihrer
schweren Störung in Äthiopien nicht überlebens- und erwerbsfähig sein.
J.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 13. Februar 2019 zu den Eingaben
auf Beschwerdeebene vernehmen. Es hielt dabei an seinen Erwägungen
in der angefochtenen Verfügung fest und wies im Zusammenhang mit der
Verfügbarkeit eines (...)medikaments auf ein medizinisches Consulting zu
Äthiopien vom 2. April 2015 hin.
K.
Mit Schreiben vom 6. März 2019 liess die Beschwerdeführerin durch ihren
Rechtsvertreter mitteilen, es werde auf eine Replik verzichtet, da die Vor-
instanz in ihrer Vernehmlassung Nichts vorbringe, auf das nicht bereits in
der Beschwerdeschrift eingegangen worden sei. Zudem wurde ein ärztli-
cher Bericht des (...) vom 4. März 2019, eine Verordnung zur Ergotherapie
sowie ein gynäkologischer Bericht des Spitals C._ vom 25. Oktober
2016 eingereicht.
L.
Die Instruktionsrichterin forderte die Beschwerdeführerin mit Zwischenver-
fügung vom 8. September 2020 auf, einen aktuellen Bericht zu ihren ge-
sundheitlichen Beschwerden und den benötigten medizinischen Behand-
lungen einzureichen.
M.
Mit Eingabe vom 30. Oktober 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen
ärztlichen Bericht des (...) vom 27. Oktober 2020 zu den Akten, in welchem
die Entwicklung ihres Gesundheitszustands sowie die aktuelle psychiatri-
sche Medikation dargelegt wurde. Gleichzeitig gab der Rechtsvertreter
eine aktuelle Kostennote zu den Akten.
D-3579/2018
Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung einer Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrunds schriftlich
und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach
den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66-68 VwVG (aArt. 111b
Abs. 1 AsylG).
3.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
D-3579/2018
Seite 6
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Nach Art. 66 Abs. 2 VwVG liegen Revisi-
onsgründe unter anderem dann vor, wenn eine Partei neue erhebliche Tat-
sachen oder Beweismittel vorbringt (Bst. a). Neue Beweismittel im Sinne
von Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG müssen entweder den Beweis für neue er-
hebliche Tatsachen oder den Beweis für Tatsachen erbringen können, de-
ren Existenz oder Eigenschaften im Beschwerdeverfahren respektive im
Asylverfahren vor dem SEM zum Nachteil der Beschwerdeführerin unbe-
wiesen geblieben sind. Die Einleitung eines Wiedererwägungsverfahrens
ist dabei nicht beliebig zulässig. Dieses darf insbesondere nicht dazu die-
nen, die Rechtskraft von Verwaltungsentscheiden immer wieder infrage zu
stellen oder die Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu umgehen
(vgl. BGE 136 II 177 E. 2.1). Umstände, die bereits im Zeitpunkt des or-
dentlichen Beschwerdeverfahrens bestanden haben, können nicht als Wie-
dererwägungsgründe vorgebracht werden (Art. 66 Abs. 3 VwVG).
3.3 In casu hat das SEM den grundsätzlichen Anspruch der Beschwerde-
führerin auf Behandlung ihres Wiedererwägungsgesuchs vom 22. Juni
2016 nicht in Abrede gestellt. Im vorliegenden Beschwerdeverfahren ist zu
prüfen, ob das SEM zu Recht davon ausgegangen ist, dass keine Gründe
vorliegen, welche die Rechtskraft der Verfügung vom 4. Dezember 2013
zu beseitigen vermögen.
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin begründete ihr Wiedererwägungsgesuch in
erster Linie mit ihrem Gesundheitszustand. Sie leide aufgrund ihrer Ver-
gangenheit schon seit längerem an psychischen Problemen (rezidivie-
rende depressive Störung sowie posttraumatische Belastungsstörung
[PTBS]) und befinde sich deswegen in psychiatrischer Behandlung. Zudem
bestehe eine (...), was im Zusammenhang mit wiederholter sexueller Nöti-
gung stehe. Gemäss Prognose ihrer Ärzte könnte eine Rückkehr nach Äthi-
opien die PTBS ungünstig beeinflussen und eine Zuspitzung oder gar
Chronifizierung der Krankheitssymptome zur Folge haben. In ihrem Hei-
matstaat sei es äusserst fraglich, ob sie die dringend benötigten Medika-
mente und psychiatrische Behandlung erhältlich machen könnte. Nicht nur
fehle es an den tatsächlichen Behandlungsmöglichkeiten, die Kosten dafür
seien auch derart hoch, dass sie mangels finanzieller Mittel faktisch keinen
Zugang dazu habe. Ohne die Sicherstellung einer angemessenen medizi-
nischen Behandlung erweise sich der Vollzug der Wegweisung offensicht-
lich als unzumutbar. In Bezug auf die medizinische Rückkehrhilfe sei fest-
zuhalten, dass diese lediglich zur Überbrückung von kurzfristigen Notsitu-
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Seite 7
ationen diene und daher bei einer PTBS, die einer langfristigen Behand-
lung bedürfe, nicht ausreichend sei. Hinzu komme, dass sie in Äthiopien
kein tragfähiges familiäres Netz habe, welches sie bei einer Rückkehr un-
terstützen könnte. Sie habe nie einen Beruf erlernt und vor der Ausreise
als einfache (...) gearbeitet. Folglich geriete sie bei einer Rückkehr nach
Äthiopien in eine medizinische und persönliche Notlage.
4.2 Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung fest, dass die Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs bereits im ersten Asylverfahren geprüft
worden sei. Dabei sei der Schluss gezogen worden, dass es den Asylbe-
hörden nicht möglich sei, sich in voller Kenntnis der tatsächlichen persön-
lichen und familiären Verhältnisse zur Zulässigkeit und Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs der Beschwerdeführerin zu äussern, da diese un-
glaubhafte Angaben zu ihren persönlichen Umständen, ihrer Herkunft so-
wie zum Nicht-Besitzen äthiopischer Dokumente gemacht habe. Diese Auf-
fassung sei vom Bundesverwaltungsgericht vollumfänglich gestützt wor-
den. Die neu eingereichten Arztberichte vermöchten diese Einschätzung
nicht umzustossen. Medizinische Gründe stellten nur dann ein Wegwei-
sungsvollzugshindernis dar, wenn die Rückführung zu einer lebensbedroh-
lichen Verschlechterung des Gesundheitszustands führen würde. Dies sei
vorliegend nicht der Fall, da die Beschwerdeführerin an einer psychischen
Erkrankung leide, die medikamentös behandelt werden könne. In Äthiopien
seien Medikamente zur Behandlung von depressiven Episoden und PTBS
erhältlich und verschiedene Krankenhäuser, darunter das öffentliche
St. Amanuel Mental Hospital oder das St. Gabriel General Hospital in Addis
Abeba, verfügten über die notwendige Infrastruktur für psychiatrische Be-
handlungen. Hinsichtlich der Finanzierung bestehe die Möglichkeit, einen
Antrag auf medizinische Rückkehrhilfe zu stellen. Zudem sei erneut darauf
hinzuweisen, dass es nicht Aufgabe der Asylbehörden sei, bei Asylsuchen-
den, die ihrer Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht nicht nachkommen, nach
allfälligen Wegweisungshindernissen zu forschen. Schliesslich vermöge
der allein auf Anamnese beruhende, von Spezialärzten vermutete Zusam-
menhang zwischen der psychischen Störung und den behaupteten Ereig-
nissen die Letzteren nicht zu beweisen. Zwar könnten die ärztlichen Be-
richte darauf hindeuten, dass die Beschwerdeführerin im Lauf ihres Lebens
traumatische Erfahrungen gemacht habe. Einen konkreten oder glaubhaf-
ten Zusammenhang zum – während des ersten Asylverfahrens vorge-
brachten – sexuellen Missbrauch durch den Stiefvater liessen die Berichte
jedoch nicht zu. Die neu eingereichten Dokumente seien folglich nicht ge-
eignet, eine Neubeurteilung des Sachverhalts herbeizuführen. Es lägen
keine Gründe vor, welche die Rechtskraft der Verfügung vom 4. Dezember
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Seite 8
2013 beseitigen könnten, weshalb das Wiedererwägungsgesuch abzuwei-
sen sei.
4.3 In der Beschwerdeschrift wurde dem entgegengehalten, dass eine an-
gemessene psychiatrische Behandlung in Äthiopien entgegen der Auffas-
sung der Vorinstanz gerade nicht gewährleistet sei. Hinsichtlich der Mitwir-
kungspflicht der Beschwerdeführerin gelte es darauf hinzuweisen, dass
ihre Angaben zwar nicht immer konsistent seien und in den Details gewisse
Unstimmigkeiten aufwiesen. Sie habe in Bezug auf ihre Lebensumstände
aber in durchaus ausführlicher und nachvollziehbarer Weise Auskunft er-
teilt; eine Verletzung ihrer asylgesetzlichen Mitwirkungspflicht liege nicht
vor. Das Bundesverwaltungsgericht habe zudem in seinem Entscheid
E-2202/2016 vom 22. Februar 2018 ausdrücklich festgehalten, dass selbst
wenn eine Asylsuchende ihrer Mitwirkungspflicht in Bezug auf die Informa-
tionen zu ihren Lebensbedingungen in Addis Abeba nicht nachgekommen
sei, nicht der Schluss gezogen werden könne, dass begünstigende sozio-
ökonomische Faktoren vorlägen. Im Fall der Beschwerdeführerin hätte die
Vorinstanz aufgrund der individuellen Umstände – namentlich des gesund-
heitlichen Zustands, dass sie alleinstehend sei, kein tragfähiges Bezie-
hungsnetz habe sowie über keine massgebliche Schul- und Berufsbildung
verfüge – auf die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs schliessen
müssen. Sie habe es jedoch unterlassen, konkret zu prüfen, ob begünsti-
gende Faktoren vorlägen. Mit der simplen Begründung, die Mitwirkungs-
pflicht sei verletzt worden, habe sie auf eine entsprechende Prüfung ver-
zichtet und somit ihre Begründungspflicht, mithin den Anspruch auf rechtli-
ches Gehör, verletzt.
Weiter sei darauf hinzuweisen, dass das schlecht ausgebaute Gesund-
heitssystem in Äthiopien keine ausreichenden Behandlungsmöglichkeiten
für psychische Erkrankungen zur Verfügung stelle und die vorhandenen
Strukturen für die Beschwerdeführerin mangels finanzieller Mittel faktisch
nicht zugänglich seien. Eine allgemeine Gesundheitsversicherung gebe es
nicht, die medizinische Versorgung sei in Äthiopien selbst im afrikanischen
Vergleich ausserordentlich teuer und eine langfristige Psychotherapie für
Trauma-Patienten sei gar nicht erst verfügbar. Letztere sei im Fall der Be-
schwerdeführerin jedoch dringend indiziert. Zudem handle es sich bei ihr
um eine alleinstehende Frau ohne nennenswerte Berufs- oder Schulbil-
dung, womit sie gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts zu einer besonders vulnerablen Gruppe gehöre. Eine Rückführung
würde sie nicht nur in eine medizinische, sondern aufgrund ihrer sozioöko-
nomischen Situation auch in eine persönliche Notlage bringen. Zudem
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Seite 9
könnte sich ihre Erkrankung bei einer Rückkehr an den Ort, an dem ihr
Trauma ausgelöst worden sei, verschlimmern. Ferner sei bei der Beurtei-
lung der Zumutbarkeit zu beachten, dass psychisch kranke Menschen in
Äthiopien Stigmatisierungen und Diskriminierungen ausgesetzt seien. Die
Beschwerdeführerin wäre in der Heimat auf sich alleine gestellt und würde
Gefahr laufen, abermals Opfer von physischem und psychischen Miss-
brauch zu werden.
4.4 In seiner Vernehmlassung führte das SEM im Wesentlichen aus, die
Beschwerdeführerin könne aus dem in der Beschwerdeschrift zitierten Ur-
teil E-2202/2016 nichts zu ihren Gunsten ableiten, da der Grad der Ver-
schleierung nicht vergleichbar sei mit dem vorliegenden Fall. In jenem Ver-
fahren seien weder die Angaben zur Herkunft noch zum fehlenden Bezie-
hungsnetz angezweifelt worden. Es sei lediglich angenommen worden, die
(dortige) Beschwerdeführerin versuche ihre wahren Aufenthaltsorte und
Lebensumstände während ihres Aufenthalts in Addis Abeba zu verschlei-
ern. Vorliegend seien das Bundesverwaltungsgericht und das SEM jedoch
zum Schluss gekommen, dass die Beschwerdeführerin unglaubhafte An-
gaben zu ihren persönlichen Verhältnissen, zu ihrer Herkunft und zum
Nicht-Besitzen äthiopischer Dokumente gemacht habe, weshalb sogar in
Zweifel gezogen worden sei, ob es sich bei ihr überhaupt um eine allein-
stehende Frau handle. Ergänzend sei – im Hinblick auf die auf Beschwer-
deebene vorgelegte Medikamentenliste – anzumerken, dass in Äthiopien
auch (...) erhältlich seien.
4.5 Im jüngsten ärztlichen Bericht des (...) vom 27. Oktober 2020 wurde
festgehalten, dass die Beschwerdeführerin nach wie vor regelmässig psy-
chiatrische Therapietermine wahrnehme und einmal wöchentlich eine am-
bulante Ergotherapie besuche. Ihr Gesundheitszustand sei sehr instabil
und sie leide an depressiven und traumaspezifischen Symptomen. Die Ver-
änderungen der Beschäftigungs- respektive Tagesstruktur infolge der
Corona-Pandemie hätten die Depression deutlich verstärkt. Dies zeige, wie
sehr ihr Befinden von den äusseren Umständen abhängig sei. Neben psy-
chiatrischen Medikamenten nehme sie solche gegen körperliche Be-
schwerden wie (...).
5.
Auf Beschwerdeebene wird zunächst eine Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör gerügt. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass bereits im
Rahmen des ordentlichen Asylverfahrens geprüft wurde, ob der Vollzug der
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Wegweisung für die Beschwerdeführerin zumutbar ist. Das Bundesverwal-
tungsgericht wies im Urteil D-79/2014 vom 30. April 2014 ausdrücklich da-
rauf hin, dass Wegweisungshindernisse zwar von Amtes wegen zu prüfen
seien, die Untersuchungspflicht aber nach Treu und Glauben ihre Grenzen
in der Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin finde. Wie bereits die Vor-
instanz kam es zum Schluss, dass es vorliegend nicht möglich sei, sich in
voller Kenntnis ihrer tatsächlichen persönlichen und familiären Verhältnisse
zur Zulässigkeit und Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu äussern,
da sie gegenüber den Asylbehörden unglaubhafte Angaben gemacht habe
(vgl. a.a.O. E. 8.2). Bei der Beurteilung wurde auch die schwierige sozio-
ökonomische Situation von alleinstehenden Frauen in Äthiopien in Betracht
gezogen. Aufgrund der unglaubhaften Ausführungen der Beschwerdefüh-
rerin erachtete es das Gericht aber bereits als fraglich, ob es sich bei ihr
überhaupt um eine alleinstehende Person handle. Es ging davon aus, dass
sie im Heimatstaat über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfüge und dass
angesichts der Tatsache, dass sie vor ihrer Ausreise ein geregeltes Ein-
kommen als (...) erzielt habe, auch eine wirtschaftliche Reintegration mög-
lich sei. Folglich lägen die gemäss der Rechtsprechung erforderlichen be-
günstigen Faktoren vor (vgl. a.a.O. E. 8.8).
Das Wiedererwägungsgesuch wurde in erster Linie mit der Verschlechte-
rung des gesundheitlichen Zustands der Beschwerdeführerin begründet. In
Bezug auf die Glaubhaftigkeit ihrer Angaben im ersten Asylverfahren wur-
den keine neuen Beweismittel oder Vorbringen geltend gemacht. Die
blosse Behauptung, sie habe ihre Mitwirkungspflicht nicht verletzt und
durchaus gewisse (glaubhafte) Angaben zu ihren Lebensumständen in
Äthiopien gemacht, ist nicht geeignet, zu einer neuen oder gar anderen
Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu führen. Viel-
mehr wurden die betreffenden Aussagen bereits im ordentlichen Asylver-
fahren einlässlich geprüft. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern sich daraus
Wiedererwägungsgründe ergeben sollten. Die Rüge, das SEM habe es un-
terlassen zu prüfen, ob im Fall der Beschwerdeführerin begünstigende
Faktoren vorliegen, erweist sich daher als unbegründet. Es bestand keine
Veranlassung, diese bereits im ordentlichen Verfahren beurteilten Um-
stände einer erneuten Prüfung zu unterziehen. Eine Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör liegt nicht vor.
6.
6.1 Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
kann sich der Vollzug der Wegweisung wegen einer medizinischen Notlage
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Seite 11
als unzumutbar erweisen, wenn für die betroffene Person bei einer Rück-
kehr in die Heimat eine wesentliche medizinische Behandlung nicht erhält-
lich wäre. Allein der Umstand, dass die Spitalinfrastruktur oder das medizi-
nische Fachwissen im Heimatstaat nicht dasselbe Niveau aufweisen wie in
der Schweiz, reicht dabei nicht aus. Von der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ist erst dann auszugehen, wenn die ungenügende Möglich-
keit der Weiterbehandlung eine drastische und lebensbedrohende Ver-
schlechterung des Gesundheitszustandes nach sich ziehen würde (vgl.
BVGE 2009/2 E. 9.3.2 und 2011/50 E. 8.3).
6.2 Die Beschwerdeführerin hat im Rahmen des ordentlichen Asylverfah-
rens keine gesundheitlichen Beschwerden geltend gemacht. Den einge-
reichten medizinischen Berichten ist zu entnehmen, dass sie sich seit April
2016 in psychiatrischer Behandlung beim (...) befindet. Dabei wurden ne-
ben einer PTBS insbesondere eine rezidivierende depressive Störung di-
agnostiziert sowie nichtorganische Insomnie und Anorexie (vgl. BVGer act.
7 Beilage 2). Die letzteren beiden wurden in den jüngeren psychiatrischen
Berichten nicht mehr ausdrücklich erwähnt, es wurde aber weiterhin auf
bestehende Schlafstörungen und Untergewicht hingewiesen (vgl. BVGer
act. 11 und 16). Zudem leidet die Beschwerdeführerin einem Bericht des
Hausarztes vom 26. Juli 2018 zufolge an (...).
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich zur Behandelbarkeit von
schweren psychischen Krankheiten in Äthiopien bereits in verschiedenen
Entscheiden geäussert. Dabei wurde namentlich im Zusammenhang mit
den Diagnosen (schwere) PTBS und Depression festgestellt, dass sich
diese grundsätzlich auch in Äthiopien behandeln lassen (vgl. Urteil des
BVGer E-3090/2018 vom 4. Juni 2018 E. 6.4.1 mit Hinweisen etwa auf
E-1042/2016 vom 4. März 2016 E. 5.4 und D-4404/2014 vom 5. Februar
2015 E. 8.4.3; in jüngerer Zeit D-4436/2020 vom 16. Oktober 2020 E. 4.3
m.H.). Zu Recht wies das SEM in der angefochtenen Verfügung darauf hin,
dass in Äthiopien mehrere Medikamente zur Behandlung von depressiven
Episoden und PTBS erhältlich seien. Zudem gibt es in Addis Abeba diverse
Einrichtungen, welche psychiatrische Behandlungen anbieten. Auch wenn
das Amanuel Mental Hospital dort das einzige auf psychische Erkrankun-
gen spezialisierte öffentliche Krankenhaus ist, verfügen verschiedene wei-
tere Spitäler über psychiatrische Abteilungen und bieten ambulante Be-
handlungen an. Daneben gibt es private Kliniken, in welchen sich psychi-
sche Beschwerden behandeln lassen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe
[SFH], Éthiopie: accès à des soins psychiatriques et psycho-
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Seite 12
thérapeutiques, 29.05.2020). Zwar trifft es zu, dass das Gesundheitssys-
tem in Äthiopien – gerade im Bereich der psychiatrischen Versorgung –
Defizite aufweist. Dennoch ist darauf hinzuweisen, dass sich in den letzten
Jahren deutliche Verbesserungen gezeigt haben und die Basisleistungen
im Prinzip kostenlos sind und von der ganzen Bevölkerung in Anspruch
genommen werden können (vgl. Referenzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai
2019 E. 12.3.4).
6.4 Nach dem Gesagten ist entgegen der von der Beschwerdeführerin ver-
tretenen Auffassung davon auszugehen, dass sich ihre gesundheitlichen
Beschwerden in Äthiopien behandeln lassen. Namentlich in Addis Abeba,
wo sie vor ihrer Ausreise gelebt hat, bestehen verschiedene Möglichkeiten,
psychiatrische Behandlungen in Anspruch zu nehmen. Es ist auch zu be-
achten, dass bei der medizinischen Betreuung im Heimatstaat sprachliche
und kulturelle Barrieren wegfallen, was sich gerade bei der Behandlung
von psychischen Leiden begünstigend auswirken kann. Zudem kann die
Beschwerdeführerin medizinische Rückkehrhilfe beantragen, insbeson-
dere auch in Form von Medikamenten (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG;
Art. 75 AsylV 2 [SR 142.312]). Zwar handelt es sich dabei tatsächlich nur
um eine befristete Massnahme. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es
der Beschwerdeführerin möglich ist, bei einem anhaltenden Bedarf an Me-
dikamenten diese respektive entsprechende Ersatzmedikamente in Addis
Abeba erhältlich zu machen. Sodann wird in den ärztlichen Berichten aus-
geführt, die Traumatisierung der Beschwerdeführerin gehe auf ihre Erleb-
nisse im Heimatstaat zurück, wo sie namentlich durch ihren Stiefvater se-
xuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen sei. Entsprechend sei eine ange-
messene Behandlung, welche nur bei Vorliegen eines Gefühls von Sicher-
heit erfolgen könne, in Äthiopien nicht möglich (vgl. BVGer act. 7 Bei-
lage 2). Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführe-
rin erstmals im Jahr 2016 – mithin mehrere Jahre nach der Ausreise 2011
– eine psychiatrische Behandlung in Anspruch nahm. Dies geschah offen-
bar, nachdem sich ihr gesundheitlicher Zustand im Anschluss an einen
mehrtägigen Gefängnisaufenthalt und polizeiliche Kontrollen in der Asylun-
terkunft massiv verschlechtert hatte (vgl. B1, Beilage 2). Der von den be-
handelnden Ärzten sowie der Beschwerdeführerin hergestellte Zusam-
menhang zwischen den Erlebnissen im Heimatstaat und dem aktuellen
psychischen Befinden ist daher nicht vorbehaltlos zu bestätigen. Vielmehr
dürfte die drohende Ausschaffung ebenfalls einen grossen Einfluss auf ih-
ren psychischen Zustand gehabt haben respektive immer noch haben.
Dies gilt umso mehr, als sich den psychiatrischen Berichten trotz anhalten-
der Behandlung keine massgeblichen Fortschritte oder eine wesentliche
D-3579/2018
Seite 13
Stabilisierung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin entneh-
men lassen (vgl. BVGer act. 7 Beilage 2, act. 11 und act. 16). Entgegen
der Darlegung im ärztlichen Bericht vom 12. Juni 2018 ist zudem rechts-
kräftig festgestellt worden, dass die Beschwerdeführerin in ihrem Heimat-
staat gerade nicht an Leib und Leben bedroht ist. Vor diesem Hintergrund
sind die von den behandelnden Ärzten geäusserten Befürchtungen, eine
Rückführung könnte zu einer Dekompensation führen, zu relativieren. Es
wird zwar nicht in Abrede gestellt, dass die Abweisung eines Asylgesuchs
und ein bevorstehender Vollzug der Wegweisung sich negativ auf den psy-
chischen Gesundheitszustand eines Asylsuchenden auswirken können.
Praxisgemäss stellt dies für sich jedoch kein Wegweisungsvollzugshinder-
nis dar.
6.5 Nachdem das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerdeführerin mit
Zwischenverfügung vom 8. September 2020 aufgefordert hatte, medizini-
sche Berichte zu ihrem Gesundheitszustand sowie zu den aktuell benötig-
ten Therapien und Medikamenten einzureichen, wurde ausschliesslich ein
Bericht des (...) zu den Akten gegeben (vgl. BVGer act. 16). In diesem
wurde – ergänzend zu den Ausführungen betreffend den psychischen Zu-
stand – darauf hingewiesen, die Beschwerdeführerin nehme Medikamente
gegen (...). In Bezug auf die geltend gemachten physischen Beschwerden
ist festzuhalten, dass in Äthiopien grundsätzlich eine medizinische Grund-
versorgung besteht, welche für Armutsbetroffene kostenlos zur Verfügung
gestellt wird (vgl. Referenzurteil D-6630/2018 E. 12.3.4). Dabei verkennt
das Gericht nicht, dass das äthiopische Gesundheitssystem diverse Män-
gel aufweist, teilweise von fehlenden finanziellen sowie personellen Res-
sourcen geprägt ist und der Standard der medizinischen Leistungen nicht
mit jenem der Schweiz zu vergleichen ist. Allein der Umstand, dass sich
die in der Schweiz begonnenen Behandlungen und Kontrolluntersuchun-
gen im Heimatstaat allenfalls nicht in dieser Form fortsetzen lassen, führt
jedoch nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Vielmehr
müsste der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr – mangels Verfügbar-
keit einer notwendigen medizinischen Behandlung – eine rasche und le-
bensgefährdende Verschlechterung des Gesundheitszustands drohen.
Aus den vorgelegten Arztberichten geht dies jedoch nicht hervor. Zudem
war es ihr offenbar auch vor der Ausreise möglich, mit ihrer damaligen Tä-
tigkeit als (...) ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften, um benö-
tigte – offenbar teure – Behandlungen in einer Privatklinik in Anspruch neh-
men zu können (vgl. A19, F184 ff.). Es ist davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin nach der zu erwartenden wirtschaftlichen Wiederein-
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gliederung erneut in der Lage sein wird, für möglicherweise anfallende Kos-
ten von medizinischen Behandlungen aufzukommen. Zur Überbrückung ei-
ner Übergangsphase nach der Rückkehr ist erneut auf die Möglichkeit hin-
zuweisen, medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen. Abschliessend ist
festzuhalten, dass einer allenfalls auftretenden akuten Suizidalität der Be-
schwerdeführerin mit geeigneten Massnahmen im Rahmen der Vollzugs-
modalitäten Rechnung zu tragen ist (vgl. dazu Urteile des BVGer E-
3090/2018 E. 6.4.3 und E-5848/2014 vom 23. Februar 2016 E. 4.8.2).
6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass vorliegend keine medizini-
sche Notlage besteht, welche dem Vollzug der Wegweisung entgegenste-
hen würde. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Beschwerde-
führerin – gegebenenfalls unter Inanspruchnahme von medizinischer
Rückkehrhilfe – notwendige Behandlungen auch in ihrem Heimatstaat er-
hältlich machen kann und eine Rückkehr nach Äthiopien nicht mit einer
lebensbedrohlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands verbun-
den wäre.
6.7 Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, sie sei eine alleinstehende
Frau und verfüge in Äthiopien nicht über ein soziales Netzwerk, welches
sie unterstützen könne, ist darauf hinzuweisen, dass diese Umstände be-
reits im Rahmen des ersten Asylverfahrens gewürdigt wurden. Aufgrund
ihrer unglaubhaften Angaben zog das Bundesverwaltungsgericht im Urteil
D-79/2014 in Zweifel, ob es sich bei ihr überhaupt um eine alleinstehende
Frau handle. Ferner ging es davon aus, dass sie in ihrer Heimat über ein
tragfähiges Beziehungsnetz verfüge und aufgrund ihrer Arbeitserfahrun-
gen – nachdem sie vor der Ausreise ein geregeltes Einkommen erzielt
habe – in der Lage sein werde, sich auch wirtschaftlich zu reintegrieren
(vgl. a.a.O., E. 8.8). Diesbezüglich wird keine nachträgliche Veränderung
des Sachverhalts beziehungsweise ein nachträglich entstandenes Voll-
zugshindernis geltend gemacht. Das Bundesverwaltungsgericht verkennt
die herrschenden Lebensbedingungen in Äthiopien, insbesondere auch für
(alleinstehende und zurückkehrende) Frauen, nicht (vgl. BVGE 2011/25
E. 8.4 f.). Das Wiedererwägungsverfahren dient jedoch nicht dazu, eine
neue Würdigung von bereits bei der ordentlichen Beurteilung des Asylge-
suchs bekannten Tatsachen zu erreichen. Sodann wies das SEM in der
Vernehmlassung zu Recht darauf hin, dass sich das vorliegende Verfahren
nicht mit dem Sachverhalt vergleichen lässt, welcher dem Urteil
E-2202/2016 vom 22. Februar 2018 zugrunde lag. Insbesondere wurde in
jenem Verfahren nicht in Zweifel gezogen, dass die Eltern der Beschwer-
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deführerin verstorben sind, sie am Herkunftsort über keine Bezugsperso-
nen mehr verfügt und nicht weiss, wo sich ihr Bruder aufhält. Hinzu kam
auf gesundheitlicher Ebene eine einseitige Taubheit als erhebliches Er-
schwernis für die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit (vgl. a.a.O.
E. 6.4.2 f.). Damit unterscheidet sich der betreffende Fall grundlegend von
der vorliegenden Konstellation. In casu ist davon auszugehen, die Be-
schwerdeführerin verfüge im Heimatstaat über ein familiäres oder soziales
Netzwerk, welches sie sowohl im Hinblick auf die allgemeine als auch die
wirtschaftliche Reintegration unterstützen kann. Zudem verfügt sie über
massgebliche Berufserfahrung als (...) und diese Tätigkeit hat ihr auch be-
reits vor der Ausreise ermöglicht, ein ausreichendes Einkommen zu erwirt-
schaften. Im Rahmen des Wiedererwägungsverfahrens wurde nichts vor-
gebracht, was an den entsprechenden Feststellungen im ordentlichen
Asylverfahren etwas zu ändern vermöchte.
6.8 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das SEM das Vorliegen ei-
ner wiedererwägungsrechtlich relevanten Veränderung der Sachlage zu
Recht verneint hat und sich der Vollzug der Wegweisung als zumutbar er-
weist.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Die Be-
schwerde ist daher abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf die Auferlegung von Kos-
ten ist indessen zu verzichten, nachdem das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 2. Juli 2018
gutgeheissen wurde.
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