Decision ID: 0c170be0-84a9-5066-823c-007872b62e8e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein srilankischer Staatsangehöriger und ethnischer
Tamile, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 14. Sep-
tember 2015 und suchte am 16. August 2016 in der Schweiz um Asyl nach.
Ein Abgleich mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass der Beschwerdefüh-
rer bereits am 13. Juni 2016 ein Asylgesuch in B._, C._, ein-
gereicht hatte.
B.
Am 29. August 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Der Be-
schwerdeführer führte dabei im Wesentlichen aus, dass er die Schule 13
Jahre lang bis zum A-Level besucht, jedoch keinen Abschluss gemacht
habe. Über einen erlernten Beruf verfüge er nicht. Er habe aber vom
23. Februar 2009 bis Ende November 2011 als (...) für D._
(D._) in E._ – seinem letzten Wohnort im Heimatland – ge-
arbeitet. Zuletzt sei er als (...) im eigenen Geschäft in E._ tätig ge-
wesen.
Während seiner Arbeit für D._ sei einer seiner Patienten nach eini-
gen Tagen aus dem Bürgerspital E._ verschwunden. Er, der Be-
schwerdeführer, habe an diesem Tag erfahren, dass der verschwundene
Patient ein Spion der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gewesen sei.
Deshalb sei er noch am selben Tag vom Criminal Investigation Department
(CID) befragt worden. Dabei habe das CID wissen wollen, weshalb er sich
so für den verschwundenen Patienten interessiert habe. Am Abend dessel-
ben Tages hätten sie ihn zu Hause abgeholt und im CID-Büro nochmals
befragt. Das CID habe ihn anlässlich dieser Befragung beschuldigt, dem
Patienten beim Verschwinden geholfen zu haben, obwohl er ihnen erklärt
habe, dass dies nicht der Fall gewesen sei. Sie hätten ihn dann gehen las-
sen und gesagt, bei Bedarf würden sie ihn nochmals vorladen. Zwei Tage
später, am (...), sei er von einem Mitarbeiter des CID mitgenommen und
befragt worden. Er sei drei Tage lang festgehalten und nur freigelassen
worden, weil seine Schwester ihn mittels Hilfe eines Parlamentariers habe
herausholen können. Ihm sei daraufhin gesagt worden, dass er bei Bedarf
festgenommen werden würde. Danach habe er zwar keine Probleme mehr
gehabt, er sei aber immer beobachtet worden, insbesondere bei seiner Ar-
beit als (...), welche er ab dem Jahr 2010 ausgeführt habe. Vor den Wahlen
am 8. Januar 2015 habe das Militär ein Verbot erlassen, wonach es nicht
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erlaubt sei, Videos oder Ansagen gegen den damaligen Präsidenten Ma-
hinda Rajapakse auszustrahlen. Ihm sei von einer Person ausdrücklich ge-
sagt worden, nur Propaganda für Rajapakse zu machen. Kandidaten an-
derer Parteien hätten zwar auch gewollt, dass er zu deren Gunsten Propa-
ganda betreibe, aus Angst habe er aber ausschliesslich für Rajapakse ge-
worben.
Da Rajapakse die Wahl verloren habe, habe er anschliessend Probleme
mit der neuen Regierung gehabt. Am (...). Februar 2015 sei das CID in sein
Geschäft gekommen, habe – ohne das Vorgehen zu begründen – seine
ganze Infrastruktur mitgenommen und ihn für den nächsten Tag vorgela-
den. Anlässlich der Befragung sei ihm vorgeworfen worden, dass er die
LTTE unterstützt habe und sein Bruder bereits bei den LTTE gewesen sei,
weshalb auch er Sympathien für die LTTE habe. Das CID habe ihn psy-
chisch unter Druck gesetzt und während dreier Monate immer wieder zu
Befragungen vorgeladen. Die Befrager seien aggressiv gewesen, hätten
manchmal so getan, als würden sie ihn schlagen und ihn dann auch wirk-
lich geschlagen, was jedoch nicht so schlimm gewesen sei. Er habe es
nicht mehr ausgehalten, sein Geschäft seinem Schwager übergeben und
sei für einen Monat nach F._ gereist, bevor er eine Woche vor sei-
ner Ausreise nach E._ zu seiner Schwerster zurückgekehrt sei, und
dann seine Heimat verlassen habe.
Auf seine gesundheitliche Situation angesprochen, gab der Beschwerde-
führer zu Protokoll, dass er gesund sei.
C.
Mit Schreiben vom 23. September 2016 teilte das SEM dem Beschwerde-
führer die Beendigung des Dublin-Verfahrens sowie die Prüfung seines
Asylgesuchs im nationalen Asyl- und Wegweisungsverfahren mit.
D.
D.a Am 14. Dezember 2018 fand die Anhörung des Beschwerdeführers zu
seinen Asylgründen statt. Bezüglich der Ereignisse im Juli 2010 führte der
Beschwerdeführer aus, er sei am Tag des Verschwindens des Patienten
sowohl von der Polizei als auch von Armeeangehörigen befragt worden.
Am späteren Nachmittag desselben Tages sei er vom CID mitgenommen
und nochmals zum Vorfall befragt worden. Das CID habe ihn vier Tage lang
am Ort der Befragung festgehalten, ihn immer wieder befragt und den Ver-
dacht geäussert, dass er dem LTTE-Mitglied bei der Flucht geholfen habe.
Nach fünf Tagen habe ihn seine Familie mit Hilfe der Unterstützung eines
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Member of Parliament abholen dürfen. Zu seinen Problemen infolge der
Präsidentschaftswahl 2015 führte der Beschwerdeführer aus, er sei auf-
grund der über sein (...) ausgestrahlten Werbung – zu welcher er von Ver-
tretern der damaligen Regierungspartei gezwungen worden sei – im Vor-
feld der Wahl für Rajapakse nach dessen Niederlage von der neuen Re-
gierung festgenommen worden. Sein Geschäft sei geschlossen worden,
da die Gewinner der Wahl es so dargestellt hätten, dass er keine Berech-
tigung gehabt habe, um die Wahlkampagne beziehungsweise die Werbung
zu publizieren, und er sich somit illegal verhalten habe. Hinzugekommen
sei, dass ihm auch die neue Regierung die Vorkommnisse aus dem Jahr
2010 angelastet und ihn der Unterstützung der LTTE beschuldigt habe. Er
sei deswegen während dreier Monate alle drei bis vier Tage von der Terro-
rism Investigation Division (TID) in deren Büro in E._ befragt wor-
den. Ein Gerichtsverfahren habe es nicht gegeben. Im letzten Monat vor
seiner Ausreise sei er psychisch und körperlich am Ende gewesen, insbe-
sondere deshalb, weil er körperlich missbraucht worden sei. Den Miss-
brauch habe er bei der letzten Befragung nicht schildern können, weil
Frauen anwesend gewesen seien. Er würde lieber von einem reinen Män-
nerteam dazu befragt werden.
D.b Am 7. Februar 2019 anlässlich der geplanten Fortführung der Anhö-
rung vom 14. Dezember 2018 teilte der Beschwerdeführer mit, dass er sich
vor dem Dolmetscher, welcher bereits bei der ersten Anhörung dabei ge-
wesen sei, fürchte. Er habe aufgrund der Gestik und der Mimik des Dol-
metschers bereits bei der letzten Anhörung Angst bekommen, und als er
ihn jetzt wiedergesehen habe, habe er erneut Angst empfunden.
D.c Am 12. Juni 2019 fand die Fortführung der Anhörung vom 14. Dezem-
ber 2018 in einem reinen Männerteam und mit neuem Dolmetscher statt.
Der Beschwerdeführer gab zu Protokoll, dass die Partei von Rajapakse
sein (...)geschäft zur Verbreitung der Propaganda ausgesucht habe, weil
er in E._ der einzige (...) gewesen sei und die Partei nur so die
tamilische Bevölkerung E._ habe erreichen können. Die Partei von
Sirisena habe ihn ebenfalls zwingen wollen, Werbung für sie zu machen.
Er habe lediglich deshalb Werbung für Rajapakse betrieben, weil dieser zu
jenem Zeitpunkt an der Macht gewesen sei. Nachdem nach den Wahlen
die Partei von Sirisena an die Macht gekommen sei, habe man sich an ihm
(dem Beschwerdeführer) rächen wollen. Ihm sei vorgeworfen worden, für
sein Geschäft keine Bewilligung zu haben und zu versuchen, die LTTE wie-
deraufzubauen, was wohl dem Umstand geschuldet gewesen sei, dass
zwei seiner älteren Brüder der LTTE angehört hätten. In der Folge sei er
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während dreier Monate immer wieder zu Befragungen durch das CID vor-
geladen worden. Bei der letzten Befragung vor seiner Ausreise seien (...)
Personen mit ihm im Raum gewesen, die er noch nie zuvor gesehen habe.
Lediglich eine Person habe Tamilisch gesprochen. Er sei von dieser Person
mit lauter Stimme befragt und von allen beschimpft worden. Er habe Angst
bekommen, sei aber auch wütend geworden und habe laut geschrien, dass
er nichts mit den LTTE zu tun habe. Daraufhin hätten sie ihm gesagt, er
solle sie nicht anschreien, und ihn aufgefordert, sich auszuziehen. Sie hät-
ten ihn überall angefasst, am ganzen Körper gestreichelt und gekniffen. Er
habe sich geschämt und ihnen gesagt, dass sie ihm weh tun würden, und
versucht, sie abzuschütteln und wegzustossen. Zwei hätten jedoch seine
Arme festgehalten und seinen Kopf auf den Tisch gedrückt. Schliesslich
sei er sowohl oral als auch anal missbraucht worden. Er habe auch heute
noch Schmerzen deswegen. Seine Peiniger hätten ihm anschliessend ge-
droht, niemandem davon zu erzählen, und ihn angewiesen, sich draussen
zu waschen. Er habe nicht mehr laufen können und sei erst am nächsten
Morgen von seiner Schwester und seinem Schwager nach Hause gebracht
worden. Gleichentags habe er – mit der Absicht sein Leben zu beenden –
einen Sari an der Decke festgebunden und dabei laut geschrien, woraufhin
seine Schwester und sein Schwager ins Zimmer gekommen seien. Darauf-
hin habe er den beiden, ohne Details zu nennen, erzählt, dass er schwer
gepeinigt worden sei. Nach diesen Geschehnissen habe er sich vier Mo-
nate bei seiner Tante in F._ versteckt, bevor er mit dem Flugzeug
nach G._, H._, ausgereist sei. Während er bei seiner Tante
gewesen sei, habe man bei seiner Schwester nach ihm gefragt, welche
gesagt habe, er sei nach Indien gegangen. Vor einem Jahr habe man von
seiner Schwester wissen wollen, ob er mittlerweile zurückgekommen sei.
D.d Am 7. Januar 2020 fand die ergänzende Anhörung durch das SEM
statt. Auf die dortigen Ausführungen wird, soweit erforderlich, in den Erwä-
gungen eingegangen.
E.
Mit Verfügung vom 24. Februar 2020 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
suche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den
Wegweisungsvollzug an.
F.
Am 26. März 2020 liess der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertre-
ter Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erheben und beantragte,
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die Verfügung des SEM vom 24. Februar 2020 sei aufzuheben und das
SEM sei anzuweisen, ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren, eventualiter
sei die Verfügung des SEM aufzuheben und die Angelegenheit zur Neube-
urteilung an das SEM zurückzuweisen, subeventualiter seien die Ziffern 4
und 5 der angefochtenen Verfügung aufzuheben und das SEM anzuwei-
sen, ihn in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
In prozessualer Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und die Beiordnung des Unterzeichnenden als unentgeltlicher Rechtsbei-
stand beantragt.
G.
Am 30. März 2020 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den Be-
schwerdeeingang und hielt dabei fest, der Beschwerdeführer könne den
Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 9. April 2020 hiess die Instruktionsrichterin die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um
amtliche Rechtsverbeiständung durch MLaw Johannes Mosimann gut und
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Des Weiteren
wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen.
I.
Am 23. April 2020 reichte die Vorinstanz ihre Vernehmlassung ein.
J.
Am 24. April 2020 wurde dem Beschwerdeführer die Gelegenheit einge-
räumt eine Replik sowie entsprechende Beweismittel einzureichen.
K.
Am 3. Juni 2020 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers seine
Replik ein.
L.
Mit Schreiben vom 10. September 2020 liess der Beschwerdeführer einen
Arztbericht (...), vom 9. September 2020 zu den Akten reichen.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG und denjenigen an die Flüchtlingsei-
genschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten.
4.1.1 Das SEM führte aus, dass sich der Beschwerdeführer während des
Verfahrens zu den entscheidenden Punkten unterschiedlich geäussert
habe.
Betreffend den Vorfall im Jahr 2010 mit dem verschwundenen Patienten
führte das SEM aus, anlässlich der BZP habe der Beschwerdeführer aus-
gesagt, er sei zwei Tage nach dem ersten Verhör inhaftiert worden, wäh-
rend er bei der letzten Anhörung ausgesagt habe, er sei bereits am Tag des
ersten Verhörs verhaftet und mehrere Tage inhaftiert worden. Ebenso wi-
derspreche er sich bei der Dauer seiner Inhaftierung, welche je nach Be-
fragung zwischen drei und sechs Tagen betrage. Des Weiteren seien seine
Aussagen diesbezüglich auch unsubstanziiert. Es gelinge ihm nicht, seine
angeblichen Probleme mit dem CID substanziiert und mit einem konkreten
Ablauf zu schildern. Obwohl der Tag, an dem der LTTE-Verdächtige ver-
schwunden sei, für ihn ein zentrales Ereignis darstelle, sei er nicht in der
Lage, den Verlauf dieses Tages zu schildern oder auch nur eine konkrete
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Uhrzeit zu benennen. Er führe diesbezüglich lediglich aus, dass die Beam-
ten ihn immer wieder dasselbe gefragt hätten und er Angst gehabt habe.
Nicht logisch nachvollziehbar sei zudem, dass er bereits früh morgens über
das Verschwinden des Patienten informiert worden sei, er jedoch erst am
Abend davon erfahren haben wolle. Auch nicht nachvollziehbar sei in die-
sem Zusammenhang, dass er am selben Tag freigelassen und dann gleich
wieder verhaftet worden sei. Nicht nachvollziehbar habe er sodann schil-
dern können, woran er gemerkt haben wolle, dass er nach seiner Verhaf-
tung beschattet worden sei.
Zu den geltend gemachten Ereignissen des Jahres 2015 führte das SEM
aus, der Beschwerdeführer sei weder in der Lage, die zeitlichen Abstände
der angeblichen Befragungen zu benennen, und schwanke jeweils pau-
schal zwischen zwei und sieben Tagen, noch schildere er den Verlauf die-
ser Befragungen konkret und differenziert. Er führe lediglich aus, die Be-
fragungen seien immer gleich verlaufen und hätten denselben Inhalt be-
troffen. Die einzige Befragung, die er konkret zu schildern vermöge, sei die
letzte vor seiner Ausreise gewesen. Auch wenn die letzte Befragung auf-
grund des sexuellen Missbrauchs besonders belastend gewesen wäre,
hätte er zu den zahlreichen anderen Befragungen spontan mehr erzählen
können, wenn er diese tatsächlich erlebt hätte. Bezeichnenderweise könne
er nicht genau sagen, ob er vom CID oder vom TID befragt worden sei.
Darüber hinaus sei insgesamt nicht plausibel, dass er immer wieder vorge-
laden und verhört worden sei, ohne dass diesbezüglich seitens der Behör-
den eine sinnvolle Vorgehensweise erkennbar sei.
Betreffend die Einschüchterung durch den Dolmetscher bei der abgebro-
chenen Anhörung vom 7. Februar 2019 hielt das SEM fest, dem Protokoll
der Anhörung vom 14. Dezember 2018 lasse sich kein Hinweis darauf ent-
nehmen, dass der Beschwerdeführer sich in Anwesenheit des Dolmet-
schers nicht gut gefühlt hätte und seine Aussagen dadurch beeinflusst wor-
den wären. Der Dolmetscher sei als fähig zu betrachten und dessen Ver-
halten habe zu keinerlei Beanstandungen Anlass gegeben. Die Ungereimt-
heiten in den Aussagen des Beschwerdeführers würden sich somit nicht
mit dem Verhalten des Dolmetschers erklären lassen. Sodann könne er
sich betreffend die mangelnde Konsistenz, Substanz und Logik nicht auf
die angebliche psychische Belastung berufen, da sich ein solches Trauma
nicht in erster Linie in den genannten Glaubhaftigkeitskriterien äussere und
er durchaus in der Lage sei, seine beruflichen Tätigkeiten substanziiert zu
schildern. Lediglich die Aussagen betreffend seine angebliche Verfolgung
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würden unglaubhaft ausfallen. Das (angebliche) Bestätigungsschreiben ei-
nes Arbeitskollegen zu den Geschehnissen im Jahr 2010 sei aufgrund sei-
ner unglaubhaften Aussagen als Gefälligkeitsschreiben ohne Beweiswert
zu qualifizieren.
4.1.2 Das SEM führte (unter Verweis auf das Referenzurteil des BVGer
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E 8, 9.1) weiter aus, die Tatsache allein,
dass der Beschwerdeführer tamilischer Ethnie, jung sowie der Bruder von
zwei ehemaligen LTTE-Kämpfern (der eine tot und der andere im Ausland)
sei, indiziere zum heutigen Zeitpunkt keine begründete Furcht vor asylre-
levanten Verfolgungsmassnahmen. Ebenso wenig begründe seine angeb-
liche Arbeit bei D._ eine solche Gefahr, weshalb er kein Risikoprofil
im Sinne der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung erfülle.
Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei, glaubhaft zu machen,
dass er jemals asylrelevanter Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewe-
sen und er insbesondere auch noch nach Kriegsende jahrelang (bis 2015)
in Sri Lanka wohnhaft gewesen sei, sei nicht ersichtlich, weshalb er bei
einer Rückkehr nunmehr in den Fokus der Behörden geraten solle. Auch
der erneute Regierungswechsel aufgrund der Wahl vom 16. November
2019 und die damit einhergehende Präsidentschaft von Gotabaya Rajapa-
ksa habe nicht dazu geführt, dass die tamilische Bevölkerung kollektiv ei-
ner Verfolgungsgefahr ausgesetzt sei. Im Übrigen sei es dem Beschwer-
deführer nicht gelungen aufzuzeigen, inwiefern er selbst direkt durch die-
sen erneuten Regierungswechsel betroffen sein sollte. Somit würden seine
Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht stand-
halten.
4.2 Der Beschwerdeführer machte in seiner Beschwerdeschrift geltend,
das SEM habe Bundesrecht verletzt, indem es seine Vorbringen zu Un-
recht als unglaubhaft und nicht asylrelevant erachtet habe.
4.2.1 Zur Begründung der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen führte er aus,
geringe zeitliche Abweichungen im Handlungsverlauf seien nicht überra-
schend, wenn zwischen den Befragungen Jahre lägen. So habe der Um-
stand, dass er die Dauer seiner Inhaftierung einmal auf drei und ein ande-
res Mal auf sechs Tage schätze, ein Jahrzehnt später keine Aussagekraft
mehr; solche Detailwidersprüche seien vielmehr Kennzeichen eines erleb-
nisbasierten Erzählens. Sodann seien seine Schilderungen in den Befra-
gungen «relativ» ausführlich. Hinzukomme, dass ein Asylsuchender notge-
drungen den Schwerpunkt auf für ihn einschneidende Erlebnisse legen
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müsse, da ausschweifende Erzählungen in der Regel unterbrochen wer-
den würden und in der tamilischen Kultur auch nicht üblich seien. Damit sei
völlig nachvollziehbar, dass er die letzte Befragung, bei der er missbraucht
worden sei, am ausführlichsten schildere. Die offenbar einschüchternde
Wirkung des Dolmetschers bei der Befragung vom 14. Dezember 2018
dürfe nicht ausser Acht gelassen werden. Dass er bei der folgenden Befra-
gung vom 7. Februar 2019 gleich zu Beginn um einen neuen Dolmetscher
gebeten habe, zeige, dass er den Dolmetscher in der vorherigen Befragung
als einschüchternd erlebt habe und sich deshalb nicht adäquat habe äus-
sern können. Deshalb sei davon auszugehen, dass es in der Befragung
vom 14. Dezember 2018 zu Dissonanzen gekommen sei, die ihn durchei-
nandergebracht und eingeschüchtert hätten. Dadurch seien auch seine
Aussagen beeinflusst worden.
Insbesondere ausschlaggebend für die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen
seien die Schilderungen betreffend den erlittenen Missbrauch durch vier
Sicherheitsbeamte. Er habe diesen trotz seines soziokulturellen Hinter-
grundes – in der tamilischen Kultur werde die Sexualität hochgradig tabui-
siert, vor allem in Gesprächen mit gemischten Geschlechterverhältnissen
– glaubhaft geschildert und bereits in der geschlechtergemischten Befra-
gung vom 14. Dezember 2018 angedeutet. In den anschliessenden, in ei-
nem reinen Männerteam stattfindenden, Anhörungen habe er den Miss-
brauch ausführlich geschildert. So würden seine Schilderungen zahlreiche
Realkennzeichen enthalten, insbesondere die eindrückliche und kaum si-
mulierbare nonverbale Kommunikation, die sich aus dem Protokoll ergebe,
spreche sehr für einen erlebnisbasierten Hintergrund. Er habe detailliert
über das Geschehen sowie über seine eigenen Empfindungen und Gedan-
ken berichtet und auch Erinnerungs- oder Wissenslücken eingestanden.
Es erscheine somit insgesamt als ausgeschlossen, dass er den erlittenen
Missbrauch in dieser Weise hätte schildern können, ohne ihn tatsächlich
erlebt zu haben.
4.2.2 Zur Asylrelevanz seiner Vorbringen führte der Beschwerdeführer aus,
sein erlittener Missbrauch erfülle zweifellos die von Art. 3 AsylG geforderte
Intensität und sei dem sirlankischen Staat zuzurechnen. Da der Miss-
brauch auch aufgrund unterstellter LTTE-Verbindungen erfolgt sei, gehöre
er einer Risikogruppe an und habe somit begründete Furcht vor weiterer
asylrelevanter Verfolgung (unter Verweis auf das Urteil E-1866/2015
E. 8.5.3). Da der Missbrauch vom CID ausgegangen sei, bei dem es sich
um einen Staat im Staat handle, und bekannt sei, dass das CID bestrebt
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Seite 12
sei, Zeugen seiner Verbrechen zu beseitigen, sei er als Opfer einer schwe-
ren Menschenrechtsverletzung durch das CID besonders gefährdet. Die
neue Regierung um Rajapaksa schütze ihn nicht, sei er doch Tamile mit
unterstellten LTTE-Verbindungen und somit im Fokus der Rajapaksa-Ad-
ministration. Im Übrigen sei das CID ohnehin frei darin, unabhängig von
der jeweiligen Regierung Repressionen und Menschenrechtsverletzungen
zu begehen. Seine persönliche Gefährdungssituation würde durch eine
Rückkehr aus der Schweiz noch zusätzlich verstärkt werden, da die
Schweiz mit ihrer grossen tamilischen Diaspora von den srilankischen Re-
gierungskreisen als Finanzierungszentrum des tamilischen Separatismus
betrachtet werde. Aus den genannten Gründen erfülle er die Flüchtlingsei-
genschaft und ihm sei daher in der Schweiz Asyl zu gewähren.
4.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, der Beschwerdeführer
habe seine angeblichen Probleme mit den srilankischen Behörden seit
2010 nicht glaubhaft schildern können. Dies würde erhebliche Zweifel an
der Glaubhaftigkeit des angeblichen Missbrauchs des Beschwerdeführers
wecken, weil er behauptet habe, der Missbrauch sei eine Folge seiner da-
maligen behördlichen Probleme. Unsubstanziiert seien denn auch seine
Schilderungen der Verhöre vor seinem (angeblichen) Missbrauch. Zudem
würden massive zeitliche Widersprüche bei der Schilderung der Aufent-
haltsorte vor seiner Ausreise bestehen. Es gelte denn auch nochmals fest-
zuhalten, dass der Beschwerdeführer durchaus in der Lage sei, wirklich
erlebtes glaubhaft zu schildern, wie seine Ausführungen zu seiner Tätigkeit
für den (...) belegen würden. Der Unterschied zur Schilderung der (angeb-
lichen) Verfolgungsereignisse sei auffällig, deshalb werde in der Beschwer-
deschrift wohl auch kaum auf diese Ungereimtheiten eingegangen, son-
dern der Fokus einzig auf den angeblich glaubhaften Missbrauch gelegt.
Betreffend den geschilderten Missbrauch hielt das SEM abermals explizit
fest, dass dieser gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers Folge sei-
ner früheren Probleme gewesen sei, weshalb die Glaubhaftigkeit des Miss-
brauchs nicht für sich alleine geprüft werden könne. Aufgrund der unglaub-
haft geschilderten Vorgeschichte würden erhebliche Zweifel an der Glaub-
haftigkeit dieses Vorbringen angebracht werden müssen. Weiter führte das
SEM diesbezüglich aus, dass der Missbrauch auch in sich nicht glaubhaft
geschildert worden sei. Wesentlich für die Glaubhaftigkeit bei solchen
Schilderungen sei nicht, dass eine Person ausführlich über das Ereignis
berichte oder dabei Emotionen verschiedener Art zeige, sondern die Sub-
stanz der Schilderung und deren Differenziertheit. Der Beschwerdeführer
schildere lediglich, dass die beteiligten Personen böse gewesen seien, er
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Seite 13
habe weinen müssen, sich geekelt und dass die Täter erbarmungslos und
betrunken gewesen seien, womit es an der geforderten Differenziertheit
fehle. Erfahrungsgemäss würden denn auch Personen, die Schweres er-
lebt hätten, diese Ereignisse nicht undifferenziert nur als schlimm bezeich-
nen, sondern stets auch vermeintlich unbedeutende Details beispielsweise
zu den Beteiligten oder zur Umgebung erwähnen. Solches fehle beim Be-
schwerdeführer komplett. Die Art seiner Schilderungen weise vielmehr auf
einen konstruierten Sachverhalt hin.
4.4 Der Beschwerdeführer hielt in seiner Replik an der insgesamten Glaub-
haftigkeit seiner Schilderungen fest und bekräftige im Übrigen seine vorhe-
rigen Ausführungen und Entgegnungen.
5.
5.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Der Beschwerdeführer rügt eine
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts sowie eine Verletzung der Begründungspflicht (respektive allgemein
des Anspruchs auf rechtliches Gehör).
5.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest. Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29
Abs. 2 BV, Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), welches alle Befugnisse um-
fasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirk-
sam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35
E. 6.4.1). Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur
Sache zu äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erhebli-
chen Beweisanträgen gehört zu werden. Mit dem Gehörsanspruch korre-
liert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft
zu prüfen und in ihrer Entscheidung angemessen zu berücksichtigen. Die
Begründung muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person den Ent-
scheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (vgl. BGE 136 I 184
E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
5.3
5.3.1 Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei bei der Befragung vom
14. Dezember 2018 durch den Dolmetscher eingeschüchtert worden, wes-
halb er sich nicht adäquat habe äussern können. Damit rügte er implizit
eine unrichtige/unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
E-1756/2020
Seite 14
verhalts. Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Prüfung des besag-
ten Anhörungsprotokolls (SEM-Akte A15/12) zum Schluss, dass sich dieser
Vorhalt nicht bekräftigen lässt. Dem Protokoll sind keine Hinweise darauf
zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer nicht frei habe äussern
können. Das Protokoll der Anhörung vom 14. Dezember 2018 darf dem-
entsprechend vollumfänglich zur Entscheidfindung herangezogen werden
und der Sachverhalt ist als vollständig und gehörig erstellt zu betrachten.
5.3.2 Der Beschwerdeführer rügte weiter, die Vorinstanz beschränke sich
darauf, seine Vorbringen pauschal als logisch nicht nachvollziehbar abzu-
tun. Die Begründungspflicht sei daher als verletzt zu betrachten. Die Rüge
ist unbegründet. Die Vorinstanz hat die Überlegungen, von denen sie sich
hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt, in der angefochte-
nen Verfügung nachvollziehbar und hinreichend differenziert aufgezeigt
(vgl. Verfügung des SEM vom 24. Februar 2020, Ziff. II 1). Eine sachge-
rechte Anfechtung war denn auch möglich, wie die vorliegende Be-
schwerde zeigt. Eine Verletzung der Begründungspflicht ist demnach zu
verneinen.
5.3.3 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Das entsprechende Eventualbegehren ist abzu-
weisen.
6.
In der Beschwerde wird sodann in materieller Hinsicht gerügt, das SEM
habe Bundesrecht verletzt, indem es die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers zu Unrecht als unglaubhaft und nicht asylrelevant erachtet habe.
6.1 Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs
vor, er habe Sri Lanka verlassen, weil das CID die gegen ihn erhobenen
Vorwürfe aus dem Jahr 2010 betreffend Verbindungen zu den LTTE im Jahr
2015 erneuert habe. Er sei deswegen andauernd zu Befragungen vorgela-
den und bei der letzten von vier Männern sexuell missbraucht worden.
6.2 Die Vorinstanz ging zu Recht davon aus, dass der Beschwerdeführer
seine angeblichen Probleme mit dem CID (bzw. TID) in den Jahren 2010
und 2015 aufgrund angeblicher LTTE-Verbindungen unglaubhaft geschil-
dert habe, weshalb diesbezüglich – unter Einbezug der nachfolgenden Er-
wägungen – vollumfänglich auf die Ausführungen in der angefochtenen
E-1756/2020
Seite 15
Verfügung zu verweisen ist (vgl. Verfügung des SEM vom 24. Februar 2020
Punkt II 1).
Der Beschwerdeführer brachte vor, einer seiner Brüder (SEM-Akte A6/12
S. 7 und 8; A15/12 F80) beziehungsweise zwei seiner Brüder (SEM-Akte
A15/12 F82; A25/16 F75) hätten die LTTE unterstützt. Der eine sei im Jahr
2005 verschollen (SEM-Akte A15/12 F81) – nicht wie beschwerdeweise
geltend gemacht «tot» – und der andere habe Sri Lanka im Jahr 2006
(SEM-Akte A15/12 F83) verlassen. Aufgrund dieser Tatsache sei er nach
dem Verschwinden eines angeblichen LTTE Mitgliedes aus dem Kranken-
haus im Jahr 2010 erstmals vom CID befragt worden. Wenn aber das CID
ein solches Interesse an seiner Familie gehabt hätte, wie dies der Be-
schwerdeführer während des Verfahrens behauptete, ist nicht nachvoll-
ziehbar, weshalb er bis zum Jahr 2010 nie und auch danach erst wieder im
Jahr 2015 in Kontakt mit dem CID respektive dem TID gekommen sein will
(SEM-Akte A6/12 S. 7; A15/12 F40, F67 f.; A21/22 F31, F55 f.), bezie-
hungsweise weshalb auch die übrigen noch in Sri Lanka lebenden Famili-
enmitglieder offenbar keine nennenswerten Probleme mit den Behörden
gehabt haben (SEM-Akte A6/12 S. 5; A21/22 F140; A25/16 F95). Sodann
handelt es sich bei den Aussagen des Beschwerdeführers, wonach er zwi-
schen den Jahren 2010 und 2015 beobachtet worden sei, um blosse, durch
nichts gestützte Vermutungen (SEM-Akte A6/12 S. 7; A21/22 F31, F58,
F59; A25/16 F9).
6.2.1 Den Vorfall aus dem Jahr 2010 schilderte der Beschwerdeführer so-
dann widersprüchlich und unsubstanziiert. Er machte unterschiedliche An-
gaben zu Anzahl und Zeitpunkt der einzelnen Befragungen sowie deren
zeitlichen Abständen (SEM-Akte A6/12 S. 7; A15/12 F40; A21/22 F47;
A25/16 F9, F13, F24 – 30); auch war er nicht im Stande, den Ablauf der
Befragungen kongruent zu schildern (SEM-Akte A6/12 S. 7; A21/22 F45;
A25/16 F10) beziehungsweise auszuführen, was für Fragen ihm konkret
gestellt worden sind (SEM-Akte A21/22 F51; A25/16 F10, F16). Bezeich-
nend ist denn auch, dass er selbst nicht zu wissen scheint, von wem er im
Jahr 2010 genau befragt worden ist, nennt er doch selbst das CID, die Po-
lizei sowie Armeeangehörige als seine Befrager (SEM Akte A6/12 S. 7;
A15/12 F40). Diese Ungenauigkeiten lassen sich nicht mit dem beschwer-
deweise vorgebrachten Hinweis rechtfertigen, es habe keine Aussagekraft,
dass er sich nach einem Jahrzehnt nicht mehr genau an die Anzahl der
Hafttage erinnern könne, zumal damit nicht erklärt wird, weshalb auch
sämtliche übrigen Umstände nicht konzise geschildert werden konnten.
E-1756/2020
Seite 16
Sodann seien die Befragungen sowie die anschliessende (einzige) Inhaf-
tierung durch das CID im Jahr 2010 gemäss Beschwerdeführer seine erste
Begegnung mit dem CID gewesen, alleine deshalb wäre davon auszuge-
hen, dass er diese einschneidenden Ereignisse genauer in Erinnerung be-
halten hätte.
6.2.2 Zu den vorgebrachten Vorfällen im Jahr 2015 ist (unter Ausschluss
der Schilderungen zum geltend gemachten sexuellen Missbrauch, dazu
nachfolgend E. 6.2.3) folgendes festzuhalten: Abermals fällt auf, dass der
Beschwerdeführer nicht im Stande war, widerspruchsfreie und substanzi-
ierte Aussagen betreffend Anzahl und Zeitpunkt der einzelnen Befragun-
gen sowie zu deren zeitlichen Abständen zu machen sowie den Ablauf der
Befragungen kongruent zu schildern beziehungsweise auszuführen, was
für Fragen ihm dabei konkret gestellt worden sind (SEM-Akte A6/12 S. 8;
A15/12 F69, F71; A21/22 F66, F78; A25/16 F54). Sodann machte er dieses
Mal grundsätzlich geltend, er sei vom CID und dem TID befragt worden
(SEM-Akte A15/12 F67, F68), wobei er in der BzP sowie den weiteren Be-
fragungen nur vom CID spricht (SEM-Akte A6/12 S. 7 und 8; A21/22 F71;
A25/16 F56), was ebenfalls nicht zur Glaubhaftigkeit seiner Aussagen bei-
trägt. Ferner führte er aus, er habe sich nach dem letzten Verhör bei seiner
Tante in F._ versteckt (SEM-Akte A21/22 F136; A25/16 F82). An-
lässlich der Anhörung vom 14. Dezember 2018 gab er explizit zu Protokoll,
er verfüge väterlicher- und mütterlicherseits lediglich über folgende Ver-
wandte: eine Tante in I._, fünf Tanten in J._ und einen Onkel
in K._ (SEM-Akte A15/12 F18-20). Von einer Tante in F._
war nie die Rede (SEM-Akte A6/12 S. 3, 7 und 8; A15/12 F18-20). Hinzu-
kommt, dass er angab, mit dem Zug zu seiner Tante gefahren zu sein
(SEM-Akte A25/16 F87), was angesichts seiner Aussagen, wonach er per-
manent unter Beobachtung des CID gestanden habe, erstaunt. Wäre doch
davon auszugehen, dass das CID ihn nicht einfach hätte abreisen lassen
beziehungsweise von seinem Versteck gewusst haben müsste. Auch ver-
mochte er sich nicht daran zu erinnern, wie lange er sich in F._ ver-
steckt gehalten haben will (SEM-Akte A6/12 S. 7 A21/22 F135, F157). Des
Weiteren führte er aus, er habe sich vor seiner effektiven Ausreise noch
einen Monat zu Hause bei seiner Schwester aufgehalten (SEM-Akte A6/12
S. 8), wohingegen er in der Anhörung vom 7. Januar 2020 aussagte, er sei
lediglich einige Stunden bei seiner Schwester gewesen (SEM-Akte A25/16
F93). Es ist davon auszugehen, dass er im Stande sein dürfte, genau an-
zugeben, wann und für wie lange er seine Schwester zum letzten Mal ge-
sehen habe, da diese aussagegemäss wie eine Mutter für ihn sei (SEM-
Akte A25/16 F90).
E-1756/2020
Seite 17
6.2.3 Der Beschwerdeführer beruft sich beschwerdeweise vorwiegend auf
seine Schilderungen betreffend den sexuellen Missbrauch und ist der An-
sicht, dass diese glaubhaft und mit Realkennzeichen gespickt seien, womit
ausgeschlossen sei, dass er den Missbrauch nicht auch wirklich selbst er-
lebt habe. Zur Untermauerung des geltend gemachten sexuellen Miss-
brauchs reichte er einen Arztbericht (...), ein (act. 9). Darin wird ihm eine
L._ (L._) diagnostiziert.
Ein sexueller Missbrauch ist eine schwerwiegende Verletzung der Persön-
lichkeit. Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass sexuelle Gewalt in der Ver-
gangenheit durch Militärs oder Polizisten auch gezielt als Folterinstrument
bei Verdacht auf Verbindungen zu den LTTE eingesetzt worden ist (vgl.
dazu Urteil des BVGer E-6530/2014 vom 29. September 2017 E. 7.3.1
m.w.H.). Das BVGer gelangt nach Durchsicht der Akten zum Schluss, dass
aufgrund der den sexuellen Missbrauch betreffenden Schilderungen des
Beschwerdeführers nicht ausgeschlossen werden kann, dass dieser in der
Vergangenheit nie sexuell missbraucht wurde. Seine diesbezüglichen
Schilderungen erscheinen insgesamt als detailliert, war er doch beispiels-
weise im Stande, Merkmale seiner Peiniger sowie deren Vorgehen genau
zu beschreiben (SEM-Akte A21/22 F107, F130 f.). Er schilderte den Ablauf
des Missbrauchs stringent und berichtete von sich aus über seine eigenen
während des Missbrauchs erlebten Gefühle (SEM-Akte A21/22 F106 -
F108, F111). Dem Protokoll lässt sich sodann entnehmen, dass er während
der Anhörung weinte, wütend wurde, sich zunehmend unwohler fühlte und
abwesend wirkte (SEM-Akte A21/22 F100 – F112). Nichtsdestotrotz ändert
dies nichts daran, dass der von ihm geltend gemachte Kontext, wonach
der sexuelle Missbrauch in Zusammenhang mit den Befragungen durch
das CID beziehungsweise wegen seiner Verbindungen zu den LTTE statt-
gefunden habe, aufgrund der vorstehenden Erwägungen nicht geglaubt
werden kann. Dementsprechend kann ein erlittener sexueller Missbrauch
nicht als asylrelevante Verfolgungsmassnahme qualifiziert werden.
6.2.4 Demnach ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen glaubhaft zu
machen, dass ihm im Zeitpunkt seiner Ausreise aus dem Heimatland eine
asylbeachtliche Verfolgung gedroht hat.
6.3 Es bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer im Falle seiner Rückkehr
nach Sri Lanka aus anderen Gründen flüchtlingsrechtlich relevante Verfol-
gungsmassnahmen zu befürchten hätte.
E-1756/2020
Seite 18
6.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Ge-
fahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Zur Be-
urteilung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in
Form von Verhaftung und Folter zu werden, wurden verschiedene Risiko-
faktoren identifiziert. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder
vergangene Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der „Stop List“ und die
Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden als
stark risikobegründende Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid
dargelegten Umständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung
einer begründeten Furcht führen könnten. Demgegenüber stellen das Feh-
len ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben
und eine gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach ri-
sikobegründende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weit-
reichenden Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe
tatsächlich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen
Behörden bestrebt sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu
lassen und so den sri-lankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die
dargelegten Risikofaktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet,
deren Namen in der am Flughafen in F._ abrufbaren "Stop-List"
vermerkt seien und der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung bezie-
hungsweise einen Strafregistereintrag im Zusammenhang mit einer tat-
sächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE enthalte. Entspre-
chendes gelte für sri-lankische Staatsangehörige, die sich im Ausland re-
gimekritisch betätigt hätten (vgl. a.a.O. E. 8). Im Zusammenhang mit der
aktuellen politischen Lage in Sri Lanka ist festzuhalten, dass sich das Bun-
desverwaltungsgericht der jüngeren Veränderungen – insbesondere im
Zusammenhang mit dem Machtwechsel nach den Präsidentschaftswahlen
im November 2019 – bewusst ist. Es beobachtet die Entwicklungen auf-
merksam und berücksichtigt sie bei der Entscheidfindung. Zum heutigen
Zeitpunkt gibt es keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel
in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr
ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob
ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsidentschafts-
wahl vom 16. November 2019 respektive deren Folgen besteht (vgl. [statt
vieler]: Urteil des BVGer D-4668/2021 vom 9. November 2021 E. 8.5 sowie
Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli
2016; Human Rights Watch [HRW], Sri Lanka: Families of "Disappeard"
Threatened, 16.02.2020).
E-1756/2020
Seite 19
6.3.2 Der Beschwerdeführer hat keine Verfolgungsgründe glaubhaft ma-
chen können. Er weist kein eigenes Profil auf, welches ihn als LTTE nah
qualifizieren könnte (zumal er sich 2015 für Rajapakse eingesetzt haben
will). Dass zwei Brüder ehemals LTTE-Mitglieder waren, reicht nicht, da
diesbezüglich keine Probleme bestanden haben. Dass der Beschwerde-
führer auf einer „Stop List“ aufgeführt sein könnte, ist aufgrund des Gesag-
ten unwahrscheinlich. Sodann lässt sich den Akten nicht entnehmen, dass
er sich jemals exilpolitisch betätigt hätte, was er denn auch selbst zu Pro-
tokoll gab (SEM-Akte A21/22 F154). Im Übrigen ist diesbezüglich auf die
korrekten Ausführungen des SEM zu verweisen (vgl. Verfügung des SEM
vom 24. Februar 2020, Ziff. II 2). Unter Würdigung sämtlicher Umstände ist
somit anzunehmen, dass der Beschwerdeführer von der sri-lankischen Re-
gierung nicht zu jener kleinen Gruppe gezählt wird, die bestrebt ist, den
tamilischen Separatismus wieder aufleben zu lassen, und so eine Gefahr
für den sri-lankischen Einheitsstaat darstellt. Es ist – auch unter Berück-
sichtigung der neusten Entwicklungen in Sri Lanka – nicht davon auszuge-
hen, dass ihm persönlich im Falle einer Rückkehr ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
6.4 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asylgesuch zu Recht abge-
lehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
E-1756/2020
Seite 20
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz eine Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Vorliegend kommt dem Beschwerdeführer keine Flüchtlings-
eigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von
Art. 33 Abs. 1 FK und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwendbar. Die Zulässig-
keit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfas-
sungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK,
SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst (vgl.
EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011,
Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar
2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien, Urteil vom
17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07). Dabei unterstreicht der Gerichts-
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehren-
den Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müssten im
Rahmen der Beurteilung, ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für
die Befürchtung habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Be-
fragung ein Interesse, verschiedene Aspekte – welche im Wesentlichen
durch die in Erwägung 9.1 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind
(vgl. EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94) – in Betracht gezogen
werden, wobei dem Umstand gebührend Beachtung zu schenken sei, dass
diese einzelnen Aspekte, auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglich-
erweise kein "real risk" darstellten, diese Schwelle bei einer kumulativen
Würdigung erreichen könnten.
Nachdem der Beschwerdeführer – wie in Erwägung 6 ausgeführt – nicht
darlegen konnte, dass er befürchten müsse, bei einer Rückkehr ins Hei-
E-1756/2020
Seite 21
matland die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Behörden in einem flücht-
lingsrechtlich relevanten Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine
Anhaltspunkte dafür, ihm würde aus demselben Grund eine menschen-
rechtswidrige Behandlung in Sri Lanka drohen.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren. In Sri Lanka herrscht weder Krieg, Bürgerkrieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Der bewaffnete Konflikt zwischen
der sri-lankischen Regierung und den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende ge-
gangen. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist der
Wegweisungsvollzug in die Ost- und Nordprovinz (auch in das „Vanni-Ge-
biet“) zumutbar, wenn das Vorliegen individueller Zumutbarkeitskriterien
(insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzurteile des BVGer E-
1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.3.3 sowie D-3619/2016 vom 16. Okto-
ber 2017 insb. E. 9.5.9.).
Vor seinem geltend gemachten Aufenthalt in F._ und der Ausreise
aus Sri Lanka lebte der Beschwerdeführer in E._, Nordprovinz. Er
hat die Schule im A-Level bis 2009 besucht. Anschliessend arbeitete er
mehrere Jahre bei einem Hilfswerk als Betreuer, wo er eine Ausbildung im
Bereich Physiotherapie erhielt, bevor er dann mit seinen eigenen Mitteln
ein eigenes Geschäft für (...) aufbaute und dieses während mehreren Jah-
ren erfolgreich führte. Es ist anzunehmen, dass er nach seiner Rückkehr
aufgrund seiner Arbeitserfahrungen im Stande sein wird, eine neue Exis-
tenz aufzubauen. Zudem verfügt er mit seiner Schwester und seinem Bru-
der in E._ sowie den Verwandten im westlichen Ausland über ein
tragfähiges familiäres Beziehungsnetz, das in der Lage sein sollte, ihn bei
der Wiedereingliederung – finanziell – zu unterstützen.
Gemäss dem eingereichten Arztbericht vom 9. September 2020 (act. 9) lei-
det der Beschwerdeführer an einer L._. Aktuellere Arztberichte wur-
den vom Beschwerdeführer nicht zu den Akten gereicht, weshalb auf den
vorgenannten abzustellen ist. In Bezug auf die dokumentierte L._
ist darauf hinzuweisen, dass gemäss konstanter Praxis aus gesundheitli-
chen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs im
E-1756/2020
Seite 22
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden kann, wenn eine absolut
notwendige medizinische Behandlung im Heimatland schlicht nicht zur Ver-
fügung steht und die fehlende Möglichkeit der (Weiter-) Behandlung bei
einer Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchti-
gung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder gar zum Tod der be-
troffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls nicht vorliegt,
wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Standard entspre-
chende Behandlung grundsätzlich möglich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3,
2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2). Von
einer solchen medizinischen Notlage ist vorliegend nicht auszugehen. Fer-
ner hat Sri Lanka hinsichtlich der medizinischen Versorgung grosse Fort-
schritte gemacht; in den letzten Jahren wurde zunehmend in das Gesund-
heitswesen investiert. Staatliche Krankenhäuser sind in jeder grösseren
Stadt angesiedelt, verfügen über modernes Gerät und bieten viele Behand-
lungsmethoden an (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-4963/2019 vom
9. April 2021 E. 8.3.3, m.w.H.). So sind denn auch psychische Probleme in
Sri Lanka gemäss ständiger Rechtsprechung adäquat behandelbar (vgl.
bspw. Urteil des BVGer D-640/2019 vom 14. Juli 2021 E. 7.3.2, m.w.H.).
Der Vollzug erweist sich deshalb auch in individueller Hinsicht als zumut-
bar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3
E-1756/2020
Seite 23
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Auf die
Erhebung von Kosten ist indessen angesichts der mit Verfügung vom
9. April 2020 gewährten unentgeltlichen Prozessführung sowie seiner nach
wie vor sich aus den Akten ergebenden bestehenden Bedürftigkeit zu ver-
zichten.
10.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde dem Beschwerdeführer
Advokat Johannes Mosimann als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet.
Dieser hat eine Kostennote zwar in Aussicht gestellt, aber nie eingereicht.
Auf die Nachforderung einer Kostennote kann indes verzichtet werden, da
der Aufwand für das vorliegende Beschwerdeverfahren zuverlässig abge-
schätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In Anwendung der ge-
nannten Bestimmung, der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl.
Art. 8 ff. VGKE) ist dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ein amtli-
ches Honorar in der Höhe von Fr. 1’100.– (inkl. Auslagen und Mehrwert-
steuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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