Decision ID: 4220b9ee-7bb1-5045-acf0-5602d1cc50e3
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.- Am 27. August 2019 beschloss das Stadtparlament St. Gallen den Erlass eines
Reglements für den Fonds Wasser-Rappen (SRS 512.51, abgekürzt: FWR). Das
Reglement unterstand dem fakultativen Referendum. Nach unbenütztem Ablauf der
Referendumsfrist beschloss der Stadtrat St. Gallen am 11. Oktober 2019 den Vollzug
des Reglements, welches am 1. Januar 2020 in Kraft trat. Das Reglement sieht vor,
durch einen Zuschlag auf den Arbeitspreis der Wasserversorgung in Höhe von 2 Rp./
m einen Fonds zu finanzieren, der Beiträge an Wasserversorgungsprojekte in Ländern
mit unzureichender Wasserversorgungsstruktur leistet.
B.- X wohnt in St. Gallen. Mit Abrechnung der St. Galler Stadtwerke vom 23.
September 2020 wurden ihm für den Verbrauch von Strom und Wasser sowie für das
Schmutzwasser und die Entsorgung von Siedlungsabfällen im Zeitraum vom 1.
September 2019 bis 31. August 2020 insgesamt Fr. 000.– in Rechnung gestellt
(Rechnungs-Nr. 000). Mit Schreiben seines Rechtsvertreters vom 6. Oktober 2020
ersuchte er die St. Galler Stadtwerke um den Erlass einer anfechtbaren Verfügung
hinsichtlich der Rechnung vom 23. September 2020. Er führte aus, dass die in der
Gebühr von Fr. 2.44 bzw. Fr. 2.66 je Kubikmeter Wasser inkludierten beiden
Wasserrappen keine Gebühr, sondern eine Steuer darstellen würden, und es der Stadt
St. Gallen zum einen an einer erforderlichen gesetzlichen Grundlage und zum anderen
an der notwendigen Kompetenz zur Erhebung des sogenannten Wasserrappens fehle.
Mit Schreiben vom 19. Oktober 2020 gab die Stadt St. Gallen, vertreten durch die
Direktion Technische Betriebe, X Gelegenheit zur Begründung, warum es sich bei dem
erhobenen Zuschlag auf den Arbeitspreis der Wasserversorgung nicht um eine Gebühr,
sondern um eine Steuer handeln soll. Dem kam X mit Eingabe seines Rechtsvertreters
vom 20. Oktober 2020 nach. Am 4. November 2020 erliessen die St. Galler Stadtwerke
eine anfechtbare Verfügung betreffend die Rechnung vom 23. September 2020 und
verpflichteten X zur Bezahlung von Gebühren von insgesamt Fr. 000.– mit der
3
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begründung, dass es sich beim Wasserrappen um eine zulässige Kausalabgabe handle
und die Veranlagung der Gebühren für den Bezug von Wasser somit korrekt erfolgt sei.
C.- Gegen die Verfügung der St. Galler Stadtwerke vom 4. November 2020 erhob X mit
Eingabe seines Rechtsvertreters Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des
Kantons St. Gallen (VRK). Er beantragte, die angefochtene Verfügung einschliesslich
der Rechnung sei aufzuheben, es sei festzustellen, dass die mit angefochtener
Verfügung verfügten Wasserrappen widerrechtlich seien, es seien neue Gebühren ohne
Wasserrappen zu verfügen, eventualiter sei die Angelegenheit zu neuer Beurteilung an
die St. Galler Stadtwerke zurückzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
Mit Vernehmlassung vom 11. Dezember 2020 beantragten die St. Galler Stadtwerke,
vertreten durch die Stadt St. Gallen, Direktion Technische Betriebe, die Abweisung des
Rekurses. Dazu nahm der Rechtsvertreter von X mit Eingabe vom 21. Januar 2021
Stellung, wozu sich die St. Galler Stadtwerke am 17. März 2021 nochmals äusserten.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge wird,
soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Selbständige
Verfügungen und Entscheide der obersten Verwaltungsbehörde einer öffentlich-
rechtlichen Körperschaft oder einer selbständigen öffentlich-rechtlichen Anstalt über
Gebühren, Taxen, Beiträge und andere öffentlich-rechtliche Geldleistungen Privater
sowie über öffentlich-rechtliche Sicherheitsleistungen und Rückerstattungen Privater
können mit Rekurs bei der VRK angefochten werden (Art. 41 lit. h Ziff. 5 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Angefochten ist eine
Verfügung der St. Galler Stadtwerke. Art. 40 Abs. 1 VRP sieht vor, dass Verfügungen
unterer Instanzen einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft oder einer selbständigen
öffentlich-rechtlichen Anstalt mit Rekurs an die oberste Verwaltungsbehörde einer
Körperschaft oder einer Anstalt weitergezogen werden können. Indessen macht das
städtische Recht von der in Art. 40 Abs. 2 VRP vorgesehenen Möglichkeit Gebrauch
und bestimmt, dass Verfügungen und Entscheide städtischer Instanzen unmittelbar an
die kantonale Rekursinstanz weitergezogen werden können (Art. 1 Abs. 1 des
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Reglements über den Weiterzug von Verfügungen und Entscheiden unterer Instanzen,
SRS 930.2, i.V.m. Art. 26 des Geschäftsreglements des Stadtrats, SRS 173.1). Die VRK
ist deshalb zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist
gegeben. Der Rekurs vom 19. November 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er
erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 45, 47
und 48 VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Angefochten ist die Verfügung der St. Galler Stadtwerke vom 4. November 2020,
mit welcher sie den Rekurrenten zur Zahlung von Fr. 000.– gemäss Rechnung vom 23.
September 2020 für den Verbrauch von Strom und Wasser sowie für das
Schmutzwasser und die Entsorgung von Siedlungsabfällen im Zeitraum vom 1.
September 2019 bis 31. August 2020 verpflichtete. Im Betrag von Fr. 2.66 bzw. Fr. 2.44
je m Wasser sind 2 Rp. für den Fonds Wasser-Rappen enthalten. Dagegen richtet sich
der Rekurs.
a) Die St. Galler Stadtwerke, vertreten durch den Rechtsdienst der Direktion
Technische Betriebe, hielten fest, dass es sich beim gestützt auf Art. 2 FWR erhobenen
Zuschlag auf den Arbeitspreis der Wasserversorgung in Höhe von 2 Rp./m weder um
eine Steuer noch um eine Gemengsteuer handle, sondern um eine Kausalabgabe. Die
gesetzliche Grundlage für den Arbeitspreis der Wasserversorgung finde sich in Art. 5
Abs. 1, Art. 6 und Art. 39 lit. b des Stadtwerkereglements (SRS 511.1, abgekürzt:
SWR). Die Höhe des Arbeitspreises werde in Art. 2 des Gebührentarifs der
Wasserversorgung (SRS 512.5, abgekürzt: SWGW) festgelegt, und zwar als gesamte
Summe inkl. dem Zuschlag für den Fonds Wasser-Rappen. Deshalb handle es sich
beim Zuschlag um einen Anteil der als "Arbeitspreis Wasserversorgung" bezeichneten
Gebühr, und nicht um eine eigenständige Abgabe. Der gesamte Zuschlag fliesse in
einen Fonds, und kein einziger Rappen verbleibe in der Kasse der Stadt St. Gallen.
Daher könne weder eine Steuer noch eine Gemengsteuer vorliegen. Zudem seien die
grundlegenden Prinzipien des Abgaberechts (Kostendeckungs- und Äquivalenzprinzip)
eingehalten, weshalb es sich auch deshalb nicht um eine Gemengsteuer handeln
könne. Der Rekurrent könne zwar als Gegenleistung für den Wasserrappen keine
staatliche Leistung beziehen, es sei jedoch nicht selten, dass mindestens einem Teil
einer Kausalabgabe keine direkte staatliche Leistung gegenüberstehe. Gebühren seien
oft schematisiert und pauschaliert. Nicht jeder Teil einer Gebühr müsse direkt mit einer
3
3
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
individuell zuweisbaren Leistung des Gemeinwesens zusammenhängen. Vorliegend
gehe es um einen Anteil von 0,82 % am Arbeitspreis der Wasserversorgung. Mit einem
derart geringen Anteil dürfe auch etwas anderes finanziert werden als der eigene
Wasserbezug.
b) Der Rekurrent macht demgegenüber geltend, es sei die rechtliche Einordnung des
Wasserrappens zu prüfen und nicht des Wasserrappens in Verbindung mit den
ordentlichen Wassergebühren. Ansonsten könne ein Gemeinwesen eine Abgabe
einführen, die eigentlich eine Steuer darstelle, in Verknüpfung mit einer bereits
bestehenden Gebühr aber zu einer Gebühr umgestaltet werde. Der Fonds diene der
Unterstützung Dritter, jedoch nicht den Bürgerinnen und Bürgern, welche die
Wasserrappen entrichten würden. Die beiden Wasserrappen würden damit kein Entgelt
für den Bezug einer staatlichen Leistung darstellen. Der Wasserrappen komme nicht
dem Rekurrenten zugute. Es liege kein Austauschverhältnis zwischen finanzieller
Verpflichtung und staatlicher Leistung vor. Folglich greife auch das Äquivalenzprinzip
nicht. Deshalb sei die Abgabe der beiden Wasserrappen nicht als Kausalabgabe,
sondern als Steuer einzustufen. Es handle sich um ein Entgelt, welches geschuldet sei,
ohne dass ihm eine spezifische staatliche Leistung gegenüberstehe. Der Wasserrappen
diene der Entlastung des Haushaltsbudgets und verfolge damit eindeutig fiskalische
Zwecke. Es liege auch keine gruppenäquivalente Abgabe vor, bei der ein besonderer
Zusammenhang zwischen dem Kreis der Abgabepflichtigen und dem Kreis der
Personen bestehe, denen die Abgabe zugutekomme (sog.
Kostenanlastungskausalabgaben), denn zwischen dem Kreis der Belasteten und den
Unterstützungsprojekten im Ausland bestehe schlichtweg kein Zusammenhang. Die
Stadt St. Gallen müsse die Kompetenz haben, die entsprechende Steuer einzuführen.
Entweder die Kantonsverfassung oder hinreichend bestimmte kantonale Gesetze
müssten den Gemeinden das Recht einräumen, Steuern zu beziehen bzw. eine solche
einzuführen. Im Kanton St. Gallen gebe es weder in der Verfassungsordnung noch im
Steuergesetz oder allfälligen Spezialgesetzen eine rechtliche Grundlage, welche die
Gemeinden dazu ermächtige, eine Steuer zur Finanzierung von Entwicklungsprojekten
bzw. Wasserversorgungsprojekten im Ausland einzuführen. Der Stadt St. Gallen fehle
es an der Hoheit zur Einführung einer Steuer, wie sie mit dem FWR vorgesehen worden
sei. Die mit Verfügung vom 4. November 2020 erhobenen 500 Wasserrappen würden
somit auf einer unzureichenden gesetzlichen Grundlage beruhen. Mangels Kompetenz
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hätte das FWR nie erlassen werden dürfen. An dieser Situation würde sich auch nichts
ändern, wenn die Wasserrappen im Zusammenhang mit dem eigentlichen Wassertarif
zu sehen wären. Diesfalls wäre die Abgabe eine Gemengsteuer, wobei auch dann die
Stadt St. Gallen einer entsprechenden Kompetenz zur Besteuerung bedürfte, welche
sie aber nicht habe.
3.- a) Geldleistungen, welche natürliche oder juristische Personen des Privatrechts kraft
öffentlichen Rechts dem Staat schulden, sind öffentliche Abgaben. Diese werden
unterteilt in Kausalabgaben und Steuern. Bei der Beurteilung, ob eine öffentliche
Abgabe eine Steuer oder eine Kausalabgabe darstellt, muss zuerst abgeklärt werden,
ob die Abgabe eine Kausalabgabe ist. Sofern die Abgabe nicht einer Kausalabgabe
zugeordnet werden kann, stellt sie definitionsgemäss eine Steuer dar (Häfelin/Müller/
Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, N 2753 ff.; Tschannen/
Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 57 N 1 ff.; Höhn/
Waldburger, Steuerrecht, Band I, 9. Aufl. 2001, § 1 N 7).
Kausalabgaben sind Geldleistungen, die als Entgelt für staatliche Leistungen oder
Vorteile zu entrichten sind. Sie setzen eine individuell zurechenbare besondere
Leistung oder die Einräumung besonderer Vorteile voraus. Zwischen der Kausalabgabe
und der damit finanzierten Tätigkeit besteht ein direktes Austauschverhältnis. Leistung
und Gegenleistung haben sich zu entsprechen. Die Höhe der Abgabe ist durch den
Wert der den Abgabepflichtigen individuell zukommenden Leistung begrenzt. Eine
Abgabe ist nur in dem Umfang eine Kausalabgabe, in welchem sie ein angemessenes
Entgelt für die öffentliche Leistung ist, soweit sie darüber hinausgeht, stellt sie eine
Steuer dar. Der Nutzen der staatlichen Leistungen muss dem Abgabepflichtigen
individuell zuzurechnen sein. Sind die Leistungen des Staates nicht individuell
zurechenbar, kann das Gemeinwesen diese nur mittels Steuern finanzieren (R.
Wiederkehr, Kausalabgaben, Bern 2015, S. 8 f.; P. Karlen, Schweizerisches
Verwaltungsrecht, Zürich/Basel/Genf 2018, S. 429; Höhn/Waldburger, a.a.O., § 1 N 8).
Eine Steuer wird im Gegensatz zu einer Kausalabgabe gegenleistungslos geschuldet.
Sie wird losgelöst von der Erfüllung einer konkreten öffentlichen Aufgabe und ohne
besonderen Grund – insbesondere ohne Anknüpfung an eine bestimmte staatliche
Leistung – allein aufgrund der Gebietshoheit des Gemeinwesens erhoben (P. Karlen,
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
a.a.O., S. 424). Neu anfallende Steuern fallen in den Kompetenzbereich der Kantone.
Gemeinden können je nach Kantonsverfassung und kantonaler Steuergesetzgebung
üblicherweise keine Abgaben mit Steuercharakter festlegen. Jedoch sind sie
regelmässig befugt, Kausalabgaben zu erheben, wenn ihnen im betreffenden Bereich
Autonomie zukommt (R. Wiederkehr, a.a.O., S. 6).
b) Gemäss Art. 1 FWR besteht unter dem Namen "Fonds Wasser-Rappen" ein Fonds,
der Beiträge an Wasserversorgungsprojekte in Ländern mit unzureichender
Wasserversorgungsstruktur leistet. Der Fonds wird durch einen Zuschlag auf den
Arbeitspreis der Wasserversorgung in Höhe von 2 Rp./m finanziert (Art. 2 FWR). Mit
der Abgabe für den Bezug von Wasser wird somit nicht nur die bezogene Menge an
Wasser abgegolten, sondern im Umfang von 2 Rp./m zusätzlich der Fonds Wasser-
Rappen gespeist. Das Entgelt für den Bezug von Wasser übersteigt damit den Wert der
Wasserversorgung. Leistung und Gegenleistung entsprechen sich im Umfang 2 Rp./m
Wasser nicht. In diesem Umfang stellt die Abgabe daher keine Kausalabgabe, sondern
eine Steuer dar. Zudem werden mit den erhobenen Wasserrappen
Wasserversorgungsprojekte im Ausland finanziert. Der Abgabe im Umfang von 2 Rp./
m Wasser steht damit keine staatliche Leistung gegenüber; der Nutzen der staatlichen
Leistung kann den Abgabepflichtigen nicht individuell zugerechnet werden. Eine solche
Abgabe kann nur mit einer Steuer und nicht mit einer Kausalabgabe erhoben werden.
Der Rekurrent machte dementsprechend zu Recht geltend, der auf den Arbeitspreis
der Wasserversorgung erhobene Zuschlag (Wasserrappen) stelle eine Steuer dar.
Daran ändert nichts, dass die Höhe des Arbeitspreises in Art. 2 SWGW als gesamte
Summe inkl. dem Zuschlag für den Fonds Wasser-Rappen festgelegt wird. Der
Arbeitspreis der Wasserversorgung und die gemäss Art. 2 FWR erhobenen 2 Rp./m für
den Fonds Wasser-Rappen lassen sich klar auseinanderhalten und werden für
unterschiedliche Zwecke erhoben. Der Wasserrappen ist daher als eigenständige
Abgabe zu betrachten. Da dem Wasserrappen keine staatliche Leistung
gegenübersteht, kann entgegen der Ansicht der St. Galler Stadtwerke auch das
Äquivalenzprinzip nicht eingehalten sein, welches besagt, dass die Höhe einer Gebühr
in einem vernünftigen Verhältnis zum Wert, den die staatliche Leistung für die
Abgabepflichtigen hat, stehen muss (Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., N 2786).
Übersteigt die Höhe der Abgabe den Wert der staatlichen Leistung, liegt eine
3
3
3
3
3
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gemengsteuer vor. Es gibt keine nicht äquivalenten Kausalabgaben. Auch eine
Gemengsteuer kann nur erhoben werden, wenn dieselben Anforderungen wie bei den
Steuern erfüllt sind (R. Wiederkehr, a.a.O., S. 9 und 31). Dass der gesamte Zuschlag für
den Wasserrappen in einen Fonds fliesst und nicht in der Kasse der St. Galler
Stadtwerke verbleibt, spricht gerade für das Vorliegen einer Steuer und nicht einer
Kausalabgabe, da die Kausalabgabe an eine staatliche Leistung gebunden ist, und die
Steuer demgegenüber gegenleistungslos geschuldet ist. Den St. Galler Stadtwerken ist
zwar insofern zuzustimmen, als die Höhe einer Abgabe nicht genau dem Wert der
staatlichen Leistung zu entsprechen hat, nicht zwingend eine strenge Proportionalität
zwischen Leistung und Gegenleistung bestehen muss und schematische
Bewertungsmassstäbe angewendet werden dürfen. Dies gilt vor allem dann, wenn der
Wert der staatlichen Leistung schwer zu beziffern ist (R. Wiederkehr, a.a.O., S. 10), was
vorliegend nicht der Fall ist. Der Arbeitspreis der Wasserversorgung ist genau beziffert,
und die 2 Rp./m werden nicht wegen Ungenauigkeit des Werts der staatlichen
Leistung hinzugeschlagen. Dementsprechend ist auch unerheblich, dass es sich bei
den 2 Rp./m lediglich um einen geringen Anteil am Arbeitspreis der Wasserversorgung
handelt.
Bei der umstrittenen Abgabe des Wasserrappens handelt es sich auch nicht um eine
Sonderabgabe, die nicht den Steuern, sondern den Kausalabgaben zuzurechnen wäre.
Bei solchen Sonderabgaben erreicht der Konnex zwischen dem Kreis der
Abgabepflichtigen und dem Verwendungszweck der Abgabe zwar nicht den Grad einer
Individualäquivalenz. Es besteht aber ein besonderer Zurechnungszusammenhang
zwischen der Abgabeverwendung und dem Kreis der Abgabepflichtigen im Sinne einer
qualifizierten Gruppenäquivalenz (R. Wiederkehr, a.a.O., S. 18). Eine solche
Gruppenäquivalenz liegt beim Wasserrappen nicht vor, nachdem dieser für
Wasserversorgungsprojekte im Ausland verwendet wird und der Zweck damit keinen
Zusammenhang zu den Abgabepflichtigen aufweist. Aus demselben Grund kann der
Wasserrappen auch nicht mit den von den St. Galler Stadtwerken genannten
fondsähnlichen Instrumenten (kostendeckende Einspeisevergütung, Abgabe gemäss
der Verordnung über die Sanierung von Altlasten, Energiefonds der Stadt St. Gallen)
verglichen werden, denn bei denen besteht im Unterschied zum Wasserrappen ein
Konnex zwischen Abgabepflichtigen und der Abgabeverwendung (die kostendeckende
Einspeisevergütung wird durch eine Abgabe, die alle Stromkonsumenten bezahlen,
3
3
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
finanziert und kommt denjenigen zugute, die Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz
einspeisen, der Altlasten-Fonds wird über Gebühren auf der Ablagerung von Abfällen
gespeist und die Mittel werden für die Untersuchung, Überwachung und Sanierung von
belasteten Standorten verwendet, beim Energiefonds der Stadt St. Gallen handelt es
sich um eine Abgabe auf den Stromkonsum zur finanziellen Förderung von
energetischen Massnahmen zur Vermeidung von CO2-Emissionen).
4.- a) Die Kantone können aufgrund ihrer Souveränität gemäss Art. 3 BV jede Steuer
erheben, die nicht verfassungsrechtlich allein dem Bund vorbehalten ist. Sie sind auch
befugt, neue Steuern einzuführen. Die Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen
Kantonen und Gemeinden ist Sache der Kantone. Den Gemeinden müssen ihre
Steuererhebungskompetenzen vom kantonalen Recht eingeräumt werden. Die
Steuererhebungskompetenzen sind auf Verfassungs- oder Gesetzesstufe verankert.
Die Einführung neuer Steuern durch die Gemeinden ist unzulässig (Zigerlig/Oertli/
Hofmann, Das st. gallische Steuerrecht, 7. Aufl. 2014, I. Teil N 6; M. Reich, Steuerrecht,
3. Aufl. 2020, § 4 N 8 ff.).
b) Gemäss Art. 84 Abs. 1 der Verfassung des Kantons St. Gallen (sGS 111.1,
abgekürzt: KV) bestimmt das Gesetz die Gemeindesteuern. Die st. gallischen Steuern
sind demgemäss nur auf Gesetzesebene geregelt. Die Gemeinden haben folglich keine
eigene, sondern nur eine abgeleitete Steuerhoheit. Diese steht ihnen nicht kraft ihrer
Autonomie, sondern kraft gesetzlicher Ermächtigung zu (Zigerlig/Oertli/Hofmann,
a.a.O., I. Teil, N 16; BGE 114 Ia 168 E. 3c). Die Gemeinden im Kanton St. Gallen
erheben gestützt auf Art. 2 Abs. 1 des St. Galler Steuergesetzes (sGS 811.1, abgekürzt:
StG) Einkommens- und Vermögenssteuern von natürlichen Personen (lit. a),
Grundsteuern von natürlichen und juristischen Personen (lit. b) und
Handänderungssteuern von natürlichen und juristischen Personen, gestützt auf Art.
24-26 des Hundegesetzes (sGS 456.1) eine Hundesteuer sowie gestützt auf Art. 16-19
des Tourismusgesetzes (sGS 575.1) fakultativ eine Tourismusabgabe (Zigerlig/Oertli/
Hofmann, a.a.O., I. Teil N 17 ff.).
Im Kanton St. Gallen gibt es kein Gesetz, das den Gemeinden die Kompetenz
einräumt, eine Steuer auf den Bezug von Wasser zur Finanzierung von
Wasserversorgungsprojekten in Ländern mit unzureichender
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wasserversorgungsstruktur zu erheben. Die Stadt St. Gallen hat somit keine
Kompetenz zur Erhebung des Wasserrappens; eine kantonale Ermächtigungsnorm
dafür fehlt. Sie war damit nicht befugt, mittels Erlass des Reglements für den Fonds
Wasser-Rappen die Abgabe eines Wasserrappens einzuführen. Die Erhebung des
Wasserrappens erweist sich damit aufgrund fehlender Rechtsgrundlage als
rechtswidrig.
5.- Dementsprechend erweist sich der Rekurs als begründet und ist gutzuheissen. Die
Verfügung der St. Galler Stadtwerke vom 4. November 2020 sowie die ihr
zugrundeliegende Rechnung Nr. 000 vom 23. September 2020 sind aufzuheben. Die
Angelegenheit ist zu neuer Ausstellung einer Rechnung an den Rekurrenten für den
Verbrauch von Strom und Wasser sowie für das Schmutzwasser und die Entsorgung
von Siedlungsabfällen im Zeitraum vom 1. September 2019 bis 31. August 2020 ohne
des Zuschlags auf den Arbeitspreis der Wasserversorgung an die St. Galler Stadtwerke
zurückzuweisen.
6.- a) Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die amtlichen Kosten der
Politischen Gemeinde St. Gallen aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 600.– ist angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Auf die Erhebung der Gebühr ist nicht zu
verzichten, da die Politische Gemeinde St. Gallen überwiegend finanzielle Interessen
verfolgt (Art. 95 Abs. 3 VRP). Überwiegend finanzielle Interessen werden in
Rechtsstreitigkeiten um geldwerte Ansprüche und Verpflichtungen verfolgt, vorab unter
anderem in Abgabestreitigkeiten wie im vorliegenden Fall (PK VRP/SG-von Rappard-
Hirt, Zürich/St. Gallen 2020, Art. 95 N 13). Der Kostenvorschuss von Fr. 600.– ist dem
Rekurrenten zurückzuerstatten.
b) Zufolge Obsiegens hat der Rekurrent Anspruch auf eine volle Entschädigung der
ausseramtlichen Kosten (Art. 98 und Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der
Rechts- oder Sachlage als notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2
VRP). Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistands geboten. Der
Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht, weshalb das Honorar
ermessensweise festzulegen ist. Im Verfahren vor der VRK wird das Honorar als
Pauschale ausgerichtet; der Rahmen liegt zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– (Art.
bis ter
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung [sGS 963.75, abgekürzt: HonO]). Innerhalb dieses
Rahmens wird das Honorar nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art
und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen
Verhältnissen der Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO). Angesichts der sich stellenden
rechtlichen Fragen sowie des getätigten Aufwands im hier zu beurteilenden Fall
erscheint ein Honorar von Fr. 1'800.– (inkl. Barauslagen, Art. 28 HonO) zuzüglich
Mehrwertsteuer von Fr. 138.60 (7,7 % von Fr. 1'800.–, Art. 29 HonO) angemessen. Die
ausseramtlichen Kosten belaufen sich somit auf Fr. 1'938.60; entschädigungspflichtig
ist die Politische Gemeinde St. Gallen.