Decision ID: 03a3b8f0-b2cd-4faf-9e6f-1d7ad3d48054
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Am 1. Mai 2022 suchte A._, afghanischer Staatsangehöriger, in der
Schweiz um Asyl nach. Er gab bei der Aufnahme seiner Personalien an, er
sei am 1. Januar 2006 in Afghanistan geboren. Für die weitere Behandlung
seines Verfahrens wurde er dem Bundesasylzentrum Altstätten zugewie-
sen.
B.
Am 31. Mai 2022 führte das Staatssekretariat für Migration SEM eine Erst-
befragung durch. Auch dabei führte A._ zu seinem Geburtsdatum
aus, er sei am 1. Januar 2006 geboren worden.
C.
Am 10. Juni 2022 erfolgte eine medizinische Altersabklärung, bei der
A._ einer körperlichen Untersuchung, einer Röntgenuntersuchung
der Hand und einer Erstellung einer Panoramaröntgenaufnahme der Kiefer
durch das Kantonsspital St. Gallen unterzogen wurde. Weiter erfolgte eine
zahnärztliche Altersschätzung durch das Universitäre Zentrum für Zahn-
medizin Basel. Das Gutachten vom 15. Juni 2022 (nachfolgend: Altersgut-
achten) ergab in Bezug auf die Zahnanalyse ein Durchschnittsalter von
22 Jahren und ein Mindestalter von 17 Jahren sowie in Bezug auf die Ske-
lettaltersanalyse ein mittleres Alter von 17 Jahren bei einem Mindestalter
von 15.6 Jahren. Zusammenfassend ergab das Altersgutachten im Zeit-
punkt der Untersuchung ein durchschnittliches Lebensalter von 18 bis 22
Jahren bei einem Mindestalter von 17 Jahren. Es kam somit zum Schluss,
dass das von ihm angegebene Geburtsdatum (chronologisches Lebensal-
ter von 16 Jahren und 5 Monaten) aufgrund der Ergebnisse nicht zutreffe.
D.
Mit Schreiben vom 23. Juni 2022 gewährte das SEM A._ das recht-
liche Gehör zum Alter, zur Dublin-Zuständigkeit sowie zur Umquartierung
in die Unterkunft für Erwachsene. Unter Gesamtwürdigung aller Anhalts-
punkte beabsichtigte das SEM, das Geburtsdatum im Zentralen Migrati-
onsinformationssystem (nachfolgend: ZEMIS) von Amtes wegen auf den
1. Januar 2004 anzupassen und den Eintrag mit einem Bestreitungsver-
merk gemäss Art. 25 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Datenschutz
vom 19. Juni 1992 (DSG, SR 235.1) zu versehen.
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Seite 3
E.
Am 29. Juni 2022 nahm A._ Stellung zur Änderung seines Geburts-
datums, zur Dublin-Zuständigkeit sowie zur Umquartierung in die Unter-
kunft für Erwachsene. Gleichzeitig verlangte er eine anfechtbare Verfügung
bezüglich der Anpassung des Geburtsdatums und stellte sinngemäss den
prozessualen Antrag um Verbleib in den Strukturen für unbegleitete min-
derjährige Asylbewerber (UMA).
F.
Gemäss Angaben des Rechtsvertreters stellte ihm das SEM per E-Mail
vom 30. Juni 2022 das Mutationsformular für Personendaten desselben
Tages zu.
G.
Am darauffolgenden Tag, 1. Juli 2022, bekam der Rechtsvertreter von
A._ ein Schreiben des SEM. Darin wurde festgehalten, er habe mit
Schreiben vom 30. Juni 2022 (Betreff: Personenmutation) Kenntnis davon
erhalten, dass das SEM das Geburtsdatum angepasst und einen Bestrei-
tungsvermerk im ZEMIS bei der hierfür zuständigen Fachstelle des SEM in
Auftrag gegeben habe. Bezüglich des Antrags auf Erlass einer anfechtba-
ren ZEMIS-Verfügung erhalte er zu gegebener Zeit eine entsprechende
Rückmeldung, je nach Verlauf des Verfahrens entweder im Rahmen des
Dublin-Entscheids mittels separater Dispositivziffer nach Datenschutzge-
setz, mit dem Entscheid im beschleunigten nationalen Verfahren, anläss-
lich der Zuweisung ins erweiterte Verfahren oder im Rahmen eines sepa-
raten ZEMIS-Berichtigungsverfahrens. Die Entscheidung, ob A._
trotz der nicht glaubhaft gemachten Minderjährigkeit in den UMA-Struktu-
ren der Unterkunft verbleiben könne, falle in die Verantwortung des SEM-
Fachbereichs "Partner & Administration". Der Antrag werde an die zustän-
dige Stelle weitergeleitet.
H.
Mit E-Mail vom 6. Juli 2022 teilte das SEM dem Rechtsvertreter mit, dass
A._ in den Erwachsenentrakt verlegt worden sei.
I.
Mit Schreiben vom 14. Juli 2022 ersuchte A._ die Vorinstanz, eine
Zwischenverfügung über die Anpassung des Geburtsdatums im ZEMIS bis
zum 20. Juli 2022 zu erlassen.
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Seite 4
J.
Mit Eingabe vom 22. Juli 2022 erhob A._ (nachfolgend: Beschwer-
deführer) Rechtsverzögerungsbeschwerde gegen das SEM (nachfolgend:
Vorinstanz) beim Bundesverwaltungsgericht.
Er verlangt, es sei festzustellen, dass betreffend Änderung der Personen-
daten im ZEMIS eine Rechtsverzögerung vorliege und die Vorinstanz sei
anzuweisen, eine beschwerdefähige Verfügung betreffend Änderung der
Personendaten im ZEMIS unter Beilage des Formulars des Diensts Daten-
management Asyl und Rückkehr DDAR zur Anpassung der Geburtsdaten
im ZEMIS zu erlassen.
Zudem stellt er die prozessualen Anträge, er sei im Rahmen einer super-
provisorischen Massnahme bis zum rechtskräftigen Entscheid bzw. Urteil
in den UMA-Strukturen zu belassen bzw. wieder einzugliedern; eventualiter
seien bis zum rechtskräftigen Entscheid/Urteil die für UMA geltenden Ver-
fahrensregeln im Asylverfahren (namentlich Beistand durch Vertrauensper-
son und Anhörung durch UMA-Team) auf ihn anzuwenden (Ziff. 2 und 3 der
Beschwerdeanträge). Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu
verzichten und es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 28. Juli 2022 wurde dem Beschwerdeführer
die unentgeltliche Prozessführung (unter Vorbehalt eines Bedürftigkeits-
nachweises) bewilligt und dementsprechend auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses verzichtet. Das Gesuch des Beschwerdeführers um super-
provisorische Anordnung von vorsorglichen Massnahmen entsprechend
seinen prozessualen Beschwerdeanträgen Ziff. 2 und Ziff. 3 wurde abge-
wiesen.
L.
Am 2. August 2022 reichte der Beschwerdeführer den Nachweis der Be-
dürftigkeit ein.
M.
Mit Vernehmlassung vom 12. August 2022 beantragt die Vorinstanz die Ab-
weisung der Beschwerde und nimmt Stellung zu den Beschwerdevorbrin-
gen.
A-3184/2022
Seite 5
N.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die sich bei den Akten be-
findlichen Schriftstücke wird – soweit entscheidrelevant – in den Erwägun-
gen eingegangen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gemäss Art. 31 des Verwal-
tungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom
20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021), sofern eine Vorinstanz im Sinne
von Art. 33 VGG entschieden hat und keine Ausnahme nach Art. 32 VGG
gegeben ist. Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer
anfechtbaren Verfügung kann ebenfalls Beschwerde geführt werden
(Art. 46a VwVG). Für deren Behandlung ist die Beschwerdeinstanz und
damit das Bundesverwaltungsgericht zuständig.
Das SEM ist eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts im Sinne von
Art. 33 Bst. d VGG. Da die vorliegende Streitsache nicht in einen nach
Art. 32 VGG ausgeschlossenen Sachbereich fällt, ist das Bundesverwal-
tungsgericht für die Beurteilung der Beschwerde zuständig. Das Verfahren
richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt
(Art. 37 VGG).
1.2 Rechtsverzögerungs- oder Rechtsverweigerungsbeschwerden richten
sich gegen den Nichterlass einer anfechtbaren Verfügung (Art. 46a
VwVG). Sie können jederzeit geführt werden (Art. 50 Abs. 2 VwVG). Den-
noch steht der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung nicht völlig im Belieben
der beschwerdeführenden Person. Der Grundsatz von Treu und Glauben
bildet hier eine Grenze. Die beschwerdeführende Person muss zudem dar-
legen, dass sie zur Zeit der Beschwerdeerhebung ein schutzwürdiges –
mithin aktuelles und praktisches – Interesse an der Vornahme der verzö-
gerten Amtshandlung respektive der Feststellung einer entsprechenden
Rechtsverzögerung hat (vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ
KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl.
2013, Rz. 5.23). Die Beschwerdelegitimation setzt voraus, dass bei der zu-
ständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer Verfügung gestellt
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wurde und Anspruch darauf besteht. Der Bestand eines Anspruchs ist an-
zunehmen, wenn die Behörde verpflichtet ist, in Verfügungsform zu han-
deln, und der ansprechenden Person nach Art. 6 i.V.m. Art. 48 Abs. 1
VwVG Parteistellung zukommt (BGE 135 II 60 E. 3.1.2; BVGE 2010/29
E. 1.2.2).
1.3 Der Beschwerdeführer beruft sich auf Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25 Abs. 3
Bst. a DSG, der einen Berichtigungsanspruch bezüglich unrichtiger Perso-
nendaten vorsieht, und er forderte die Vorinstanz insbesondere mit Schrei-
ben vom 14. Juli 2022 u.a. auf, bis zum 20. Juli 2022 eine anfechtbare Ver-
fügung zu erlassen. Der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ist vorliegend
nicht zu beanstanden und das schutzwürdige Interesse des Beschwerde-
führers an der Vornahme der Amtshandlung ergibt sich aus der Tatsache,
dass die Vorinstanz bis anhin in der Sache keine anfechtbare Verfügung
erlassen hat. Entsprechend ist seine Beschwerdelegitimation gegeben.
1.4 Soweit die Vorinstanz die bei ihr eingereichte Vollmacht des Rechtsver-
treters für unzulänglich erachtet, steht es ihr frei, eine entsprechende Voll-
macht allenfalls nachzuverlangen oder aus dem Beschwerdeverfahren bei-
zuziehen. Für das Beschwerdeverfahren liegt jedenfalls eine entspre-
chende Vollmacht vom 7. Juli 2022 vor, welche auch das erstinstanzliche
Verwaltungsverfahren umfasst (vgl. Beschwerdebeilage 3).
1.5 Auf die formgerecht (Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde
ist einzutreten.
2.
Die Prüfungsbefugnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich auf
die Frage, ob das Gebot des Rechtsschutzes in angemessener Zeit im
konkreten Fall verletzt worden ist oder nicht. Im Falle einer Gutheissung
der Beschwerde weist es die Sache mit verbindlichen Weisungen an die
Vorinstanz zurück (Art. 61 Abs. 1 VwVG). Hingegen ist das Gericht nicht
dazu befugt, sich dazu zu äussern, wie ein unrechtmässig verzögerter Ent-
scheid inhaltlich hätte ausfallen sollen, da es – Spezialkonstellationen vor-
behalten – nicht anstelle der untätig gebliebenen Behörde entscheiden
darf, andernfalls insbesondere der Instanzenzug verkürzt und möglicher-
weise Rechte der Verfahrensbeteiligten verletzt würden (vgl.
BVGE 2008/15 E. 3.1.2 m.w.H.).
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Seite 7
3.
3.1 Das Verbot der Rechtsverweigerung ergibt sich als Teilgehalt aus der
allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 der Bundesverfassung
der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101).
Danach hat jede Person vor Gerichts- und Verfahrensinstanzen Anspruch
auf gleiche und gerechte Behandlung sowie auf Beurteilung innert ange-
messener Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Eine Rechtsverweigerung
liegt vor, wenn eine Behörde sich weigert, eine Verfügung zu erlassen, ob-
wohl sie dazu aufgrund der einschlägigen Rechtsnormen verpflichtet wäre
(vgl. BGE 144 II 184 E. 3.1). Von einer Rechtsverzögerung im Sinne des
Gesetzes ist nach Lehre und Praxis auszugehen, wenn behördliches Han-
deln zwar nicht (wie bei einer Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage
steht, aber die Behörde nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur
der Sache objektiv noch als angemessen erscheint (vgl. BGE 130 I 312
E. 5.1 f. m.w.H.).
3.2 Vorliegend richtet sich die Rechtsverzögerungsbeschwerde im We-
sentlichen gegen den Nichterlass einer anfechtbaren separaten Verfügung
oder einer Dispositivziffer in einem Asylentscheid bezüglich der Datenbe-
richtigung im ZEMIS. Am 1. Juli 2022 stellte die Vorinstanz eine Verfügung
über die Altersanpassung im ZEMIS – je nach Verlauf des Verfahrens ent-
weder im Rahmen des Dublin-Entscheids mittels separater Dispositivziffer
nach Datenschutzgesetz, anlässlich der Zuweisung ins erweiterte Verfah-
ren, mit dem Entscheid im beschleunigten nationalen Verfahren oder im
Rahmen eines separaten ZEMIS-Berichtigungsverfahrens – in Aussicht.
Allerdings mutierte sie das Geburtsdatum im ZEMIS bereits mit Mutations-
formularen vom 30. Juni 2022 bzw. vom 6. Juli 2022 bevor sie die ange-
kündigte Verfügung erliess. Damit verweigerte sie nicht ausdrücklich, aber
implizit den Erlass einer anfechtbaren Verfügung. Zudem erliess sie bis
heute (jedenfalls wurde von den Parteien nichts dergleichen zur Kenntnis
gebracht) keine Verfügung oder eine entsprechende Dispositivziffer in ei-
nem Asylentscheid. Daher ist die Eingabe des Beschwerdeführers vom
22. Juli 2022 unter dem Aspekt der Rechtsverweigerung zu prüfen.
3.3 Im Übrigen kommt der Abgrenzung keine ausschlaggebende Bedeu-
tung zu, da die Rechtssuchenden dasselbe Ziel verfolgen, den Erlass einer
anfechtbaren Verfügung innert angemessener Frist. Der Unterschied be-
steht einzig darin, dass bei der Rechtsverweigerungsbeschwerde überprüft
werden muss, ob sich die Vorinstanz zu Recht weigert, die Angelegenheit
zu behandeln, während bei der Rüge der Rechtsverzögerung nur zu prüfen
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Seite 8
ist, ob das Verfahren allzu lange dauert (vgl. MARKUS MÜLLER/PETER BIERI,
in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Fn. 44 zu Art. 46a).
4.
4.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (ZEMIS-Verord-
nung, SR 142.513) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord-
nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus-
kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa-
tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten,
nach dem DSG und dem VwVG.
4.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein
absoluter und uneingeschränkter Anspruch (vgl. Urteil des BVGer
A-394/2021 vom 27. April 2021 E. 3.2 m.H). Die ZEMIS-Verordnung sieht
im Übrigen in Art. 19 Abs. 3 ausdrücklich vor, dass unrichtige Daten von
Amtes wegen zu berichtigen sind.
4.3 Der Beschwerdeführer bringt bezüglich der geltend gemachten Rechts-
verzögerung im Wesentlichen vor, dass der vorliegende Fall nicht
komplexer Natur sei, was der Angemessenheit der Dauer des Verfahrens
einen engen Rahmen setze. Namentlich habe durch die Behörde keine
grosse Menge an Beweismitteln übersetzt werden müssen. Auch habe er
das Verfahren durch sein Verhalten in keinster Weise behindert oder in die
Länge gezogen. Es könne deshalb erwartet werden, dass ein materieller
Entscheid in der Sache zu seinem Alter innert kurzer Zeit – also wenigen
Tagen – ergehen könne. Seine Rechtsvertretung habe im Hinblick auf die
Tragweite des mit der Altersanpassung einhergehenden Grundrechtsein-
griffs ursprünglich eine Frist von sechs Arbeitstagen anvisiert. Vor dem Hin-
tergrund des Grundsatzes der Waffengleichheit und den sehr kurzen Fris-
ten, denen die Rechtsvertretung im beschleunigten Verfahren unterworfen
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Seite 9
sei, erscheine diese Bearbeitungsfrist daher als angemessen. Mit der Än-
derung der Personendaten, insbesondere der Altersanpassung im ZEMIS,
werde er demnächst aus den UMA-Strukturen ausziehen müssen. Dabei
habe er erklärt, dass er nicht akzeptieren könne, dass er aufgrund seiner
Altersanpassung aus den UMA-Strukturen ausquartiert werde. Er sei nicht
volljährig, sondern 16 Jahre alt. Für ihn sei es daher von grosser Wichtig-
keit, dass er die Altersanpassung der Vorinstanz baldmöglichst einer ge-
richtlichen Prüfung unterziehen könne.
4.4 Die Vorinstanz nimmt zur Rechtsverzögerung dahingehend Stellung,
dass keine gesetzlichen Grundlagen existieren würden, innert der von der
Rechtsvertretung geforderten siebentägigen Frist eine ZEMIS-Datenbe-
richtigungsverfügung zu erlassen sei. Es sei möglich, im Rahmen eines
möglichen Nichteintretensentscheids die Unglaubhaftigkeit der Minderjäh-
rigkeit und somit der Altersfeststellung im ZEMIS anzufechten, selbst wenn
keine separate Dispositivziffer verfügt werden sollte. Des Weiteren beab-
sichtige sie, eine (zusätzliche) Dispositivziffer im "Endentscheid" zu erlas-
sen. Systematisch habe die Rechtsvertretung unmittelbar nach dem recht-
lichen Gehör zur Unglaubhaftigkeit der Minderjährigkeit einen Antrag auf
Erlass einer ZEMIS-Verfügung gestellt. Sie nehme im Asylverfahren Rück-
griff auf datenschutzrechtliche Bestimmungen, um den Eintrag im ZEMIS
zu ändern. Juristisch sei dies grundsätzlich nicht zu beanstanden und der
Anspruch könne nicht in Abrede gestellt werden. Es gelte, ihn mit der not-
wendigen Sorgfalt zu behandeln und nach Abschluss der Untersuchungs-
massnahmen zu entscheiden. Sie richte sich aber nach dem Vorrang des
asylrechtlichen Verfahrens. Korrekterweise müsse der asylrechtliche Ver-
fahrensvorrang – insbesondere nach der Neustrukturierung des Asylver-
fahrens im Jahre 2019 und dessen Beschleunigung – absolute Priorität ha-
ben. Andernfalls würde bei einer Priorisierung des datenschutzrechtlichen
Verfahrens, mithin der Forderung auf Erlass einer ZEMIS-Verfügung in Be-
zug auf das Alter in einem laufenden Asylverfahren innert sieben Tagen,
nicht nur eine Jahrzehnte lange Praxis dahinfallen, sondern das Asylgesetz
und insbesondere das beschleunigte Asylverfahren ausgehebelt. Somit
käme es zu Verzögerungen in der Behandlung der Asylgesuche. Auch
wenn das ZEMIS-Berichtigungsverfahren inhaltlich einen engen Bezug zur
asylrechtlichen Altersbestimmung aufweise, so handle es sich doch formell
um ein separates Verfahren. Beide Verfahren würden unterschiedliche Be-
weisobjekte und Beweislastverteilungen sowie Beschwerdefristen aufwei-
sen.
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Seite 10
Weiter weist die Vorinstanz darauf hin, dass bei einem aktuellen Bestand
von rund 100 Personen mit geltend gemachter Minderjährigkeit in der Asyl-
region Ostschweiz – wobei schweizweit markant höhere Eintritte von Per-
sonen mit geltend gemachter Minderjährigkeit als jüngst üblich zu vermel-
den seien – durch die aktuell fast systematischen und mannigfaltigen An-
träge sowie Rechtsmitteleingaben massiv Ressourcen gebunden würden,
welche wiederum der Dauer des ordentlichen Verfahrens generell, im Be-
sonderen aber der Bearbeitung von Asylgesuchen unbegleiteter Minder-
jähriger, abträglich seien, wobei natürlich trotzdem im Rahmen der Mög-
lichkeiten entsprechend priorisiert werde.
4.5 Die Vorinstanz änderte das Geburtsdatum mit Mutationsformularen
vom 30. Juni 2022 bzw. vom 6. Juli 2022 von Amtes wegen auf den 1. Ja-
nuar 2004 (mit Bestreitungsvermerk) ohne eine (anfechtbare) Verfügung
zu erlassen. Mit Schreiben vom 14. Juli 2022 ersuchte dann der Beschwer-
deführer u.a. um eine anfechtbare Verfügung. Offenbleiben kann, ob das
Datenberichtigungsverfahren allzu lange dauerte, wie es der Beschwerde-
führer in seiner Eingabe vom 22. Juli 2022 geltend macht. Darauf kommt
es nicht an, da die Beschwerde unter dem Aspekt der Rechtsverweigerung
zu prüfen ist (vgl. E. 3.2 hiervor). Es entspricht jedenfalls der ständigen und
damit der Vorinstanz bekannten Praxis des Bundesverwaltungsgerichts,
dass Asylsuchende Anspruch auf Erlass einer ZEMIS-Verfügung über die
Altersanpassung oder aber einer entsprechenden separaten Dispositivzif-
fer im Asylentscheid haben (vgl. statt vieler Urteile des BVGer D-2844/2022
vom 5. Juli 2022 E. 4.3, E-1725/2022 vom 9. Juni 2022 E. 4.3 und
D-1170/2021 vom 28. Mai 2021 E. 3.5). Im Übrigen hält die Vorinstanz in
ihrer eigenen Weisung fest, dass bei Änderung der Hauptidentität im Rah-
men des erstinstanzlichen Asyl- und Wegweisungsentscheides die Daten-
änderung im Asylentscheid zu begründen und zwingend im Dispositiv auf-
zuführen ist (Weisung des SEM zur Erfassung und Änderung von Perso-
nendaten im ZEMIS vom 1. Juli 2020, Ziff. 4.3). Aufgrund der bereits von
Amtes wegen erfolgten Änderung des Geburtsdatums im ZEMIS (mit Be-
streitungsvermerk) mittels Mutationsformularen und des expliziten Antrags
des Beschwerdeführers um Erlass einer beschwerdefähigen Verfügung
betreffend Änderung seines Geburtsdatums im ZEMIS wäre die Vorinstanz
somit verpflichtet gewesen, gestützt auf die Datenschutzgesetzgebung
(bzw. die einschlägigen Bestimmungen des BGIAA, der ZEMIS-Verord-
nung, des DSG und des VwVG) eine diesbezügliche separate Verfügung
oder eine Dispositivziffer in einem Asylentscheid zu erlassen, bevor sie den
ZEMIS-Eintrag mutiert. Dadurch, dass die Vorinstanz dies (bis heute) nicht
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Seite 11
getan hat, erweist sich die Rechtsverweigerungsbeschwerde als begründet
(vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer A-2939/2022 vom 10. August 2022).
Daran vermag auch nichts zu ändern, dass die Vorinstanz weiterhin in Aus-
sicht stellt, eine Verfügung oder einen Asylentscheid mit separater Dispo-
sitivziffer bezüglich der Anpassung im ZEMIS zu gegebener Zeit zu erlas-
sen. Effektiver Rechtsschutz bedingt, dass ZEMIS-Einträge von Amtes we-
gen erst geändert werden, wenn eine separate (anfechtbare) Verfügung
oder eine Dispositivziffer im Asylentscheid vorliegt, zumal einer Be-
schwerde gegen eine ZEMIS-Verfügung die aufschiebende Wirkung zu-
kommt (vgl. Art. 55 Abs. 1 VwVG). Daraus folgt, dass die Vorinstanz aus
der mit Schreiben vom 1. Juli 2022 in Aussicht gestellten Verfügung bzw.
separaten Dispositivziffer in einem Asylentscheid nichts zu ihren Gunsten
ableiten kann. Die weiteren Ausführungen der Vorinstanz sind ebensowe-
nig geeignet, zu einer anderen Einschätzung zu gelangen. Insbesondere
ist nicht ersichtlich, inwiefern die darin vertretene Ansicht, wonach der da-
tenschutzrechtliche Anspruch im Asylverfahren keine Vorrangfunktion er-
langen dürfe, dem Erlass einer eigenen diesbezüglichen Dispositivziffer im
Asylentscheid entgegensteht (vgl. Urteil des BVGer D-1170/2021 vom
28. Mai 2021 E. 3.5), zumal es sich dabei in der Regel nicht um besonders
komplexe Verfahren handelt (vgl. JOËL OLIVIER MÜLLER, "Nichts Genaues"
weiss man nicht: Altersbestimmung im schweizerischen Asylverfahren,
Jusletter vom 20. März 2017, Fn. 236). Auch die Ausführungen der
Vorinstanz zur Beweislastverteilung vermögen am Ergebnis nichts zu än-
dern. Dass im Asyl- bzw. ZEMIS-Datenberichtigungsverfahren unter-
schiedliche Beweislastregeln gelten (vgl. JOËL OLIVIER MÜLLER, a.a.O.,
Rz. 109), liegt in der Natur der Sache.
5.
Nach dem Gesagten ist die Rechtsverweigerungsbeschwerde gutzuheis-
sen. Die Vorinstanz ist anzuweisen, unverzüglich eine anfechtbare Verfü-
gung betreffend die Änderung der Personendaten des Beschwerdeführers
im ZEMIS zu erlassen.
6.
Vorliegend erscheint ein direkter Entscheid in der Hauptsache möglich, zu-
mal bereits ein Schriftenwechsel in der Hauptsache stattgefunden hat.
Deshalb ist es nicht erforderlich, zuerst gesondert über den (sinngemäs-
sen) Antrag auf Anordnung von vorsorglichen Massnahmen zu entschei-
den (vgl. Ziff. 2 und 3 der Beschwerdebegehren). Diese würden (sofern
deren Anordnung überhaupt statthaft wäre) mit einer Zwischenverfügung
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Seite 12
angeordnet, die mit dem Entscheid in der Hauptsache ohnehin dahinfallen
(vgl. BGE 136 V 131 E. 1.1.2). Vielmehr kann das Verfahren bereits jetzt
mit einem Endurteil abgeschlossen werden, weshalb auf das sinngemässe
Gesuch des Beschwerdeführers um Anordnung von vorsorglichen Mass-
nahmen – soweit darauf einzutreten wäre – nicht näher einzugehen ist.
Anzumerken bleibt, dass der Streitgegenstand des vorliegenden Verfah-
rens keinerlei asylrechtliche Fragestellungen umfasst.
7.
Es bleibt über die Kosten- und Entschädigungsfolgen zu befinden.
7.1 Die Verfahrenskosten hat in der Regel die unterliegende Partei zu tra-
gen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Vorinstanz ist als unterliegend zu betrach-
ten. Vorinstanzen werden jedoch keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63
Abs. 2 VwVG). Dem Verfahrensausgang entsprechend sind deshalb keine
Verfahrenskosten zu erheben.
7.2 Ganz oder teilweise obsiegende Parteien haben für ihnen erwachsene
notwendige und verhältnismässig hohe Kosten Anspruch auf eine Partei-
entschädigung (Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Entschädigung umfasst die not-
wendigen Kosten der Vertretung sowie allfällige weitere Auslagen der Par-
tei (vgl. Art. 8 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). In seiner Kostennote vom 22. Juli 2022 weist der Rechts-
vertreter ein Honorar von insgesamt Fr. 1'000.– bei einem Stundenansatz
von Fr. 200.– aus. Der Stundenansatz liegt in der zulässigen Band-
breite bei einer nichtanwaltlichen Vertretung (vgl. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Die
geltend gemachte Parteientschädigung ist somit im Grundsatz nicht zu be-
anstanden. Allerdings werden Spesen – entgegen der Kostennote – auf-
grund der tatsächlichen Kosten ausbezahlt (Art. 11 Abs. 1 VGKE); es sei
denn, es liegen besondere Verhältnisse vor (vgl. Art. 11 Abs. 3 VGKE). Be-
sondere Verhältnisse werden weder geltend gemacht noch sind solche er-
sichtlich, weshalb kein Anspruch auf die geltend gemachte Kleinspesen-
pauschale in der Höhe von Fr. 20.– (Porti, Telefon und Fax) besteht. Dage-
gen sind die Kopien (70 Seiten à 50 Rappen) sowie die Dolmetscherkosten
(eine halbe Stunde) konkretisiert und damit mit Fr. 35.– respektive mit
Fr. 45.– zu entschädigen (vgl. Art. 9 Abs. 1 Bst. b VGKE). Somit hat der
Beschwerdeführer im Ergebnis Anspruch auf eine leicht reduzierte Partei-
entschädigung in der Höhe von Fr. 1'080.–.
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Seite 13
7.3 Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Da-
tenschutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) be-
kanntzugeben.
(Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.)
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