Decision ID: 07c2564c-ef91-556c-819d-58c65f6743fd
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Am 7. März 2020 suchte der Beschwerdeführer in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Er wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) Region Ostschweiz zugewiesen
und am 29. April 2020 zu den Asylgründen angehört. Am 18. August 2020
erfolgte die Zuweisung ins erweiterte Verfahren. Am 29. September 2020
fand eine ergänzende Anhörung des Beschwerdeführers statt.
C.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, dass er aus B._ stamme, wo er mit Unter-
brüchen bis zur Ausreise im Februar 2020 gelebt habe. Nach Abschluss
einer Berufslehre als Metallmechaniker und beruflicher Tätigkeit sei er auf
der Suche nach einer Anstellung in der Erdölindustrie nach C._ ge-
zogen, wo sich sein (geschiedener) Vater und andere Verwandten aufge-
halten hätten. Da Einheimische bevorzugt behandelt worden seien, habe
er bis zu seiner Rückkehr nach B._ im Februar 2020 notgedrungen
als Türen- und Fenstermonteur gearbeitet. Während seiner beruflich be-
dingten Abwesenheit habe ihm seine Tante telefonisch mitgeteilt, dass ge-
mäss den Aussagen eines Nachbarn sein Name auf einer schwarzen Liste
(Todesliste) stehe, und ihm zur Flucht geraten. In der Folge habe er seinen
Vater angerufen und zusammen hätten sie den betreffenden Nachbarn auf-
gesucht, der indessen bestritten habe, eine solche Aussage gemacht zu
haben. Am 15. Januar 2020 habe jemand ein von der Gruppierung
«Schwarze Adler» («Aguilas Negras») unterzeichnetes Flugblatt unter die
Eingangstüre der Wohnung des Beschwerdeführers geschoben, worauf
die «Drogensüchtigen, Diebe und Prostituierten» mit dem Tod bedroht wor-
den seien. Er habe dieser Drohung keine Beachtung geschenkt. In der
Folge sei er am 23. Januar 2020 auf dem Weg nach Hause von einem
Stein am Kopf getroffen worden und drei Männer hätten ihm mit dem Tod
gedroht, wenn er C._ nicht verlasse. Nach einem Aufenthalt im Spi-
tal sei er schliesslich nach B._ zurückgekehrt, wo er bei der Polizei
im Zusammenhang mit dem genannten Vorfall und den Drohungen durch
die «Schwarzen Adler» eine Strafanzeige erstattet habe. Er habe sich nicht
bei seiner Mutter, die in B._ mit seinem Bruder lebe, sondern bei
einem Freund aufgehalten. Als er erfahren habe, dass sein Freund aus
dem Wohnheim für Indigene auch von bewaffneten Gruppierungen bedroht
E-819/2021
Seite 3
worden sei, habe er sich zur Ausreise entschlossen. Ein weiterer Ausreise-
grund sei die allgemeine schwierige Sicherheitssituation in Kolumbien ge-
wesen (u.a. Raubüberfälle).
Neben dem geschilderten Vorfall in C._, welcher den Beschwerde-
führer zur Ausreise veranlasst habe, gab er an, im Jahre 2010 Schwierig-
keiten mit der Polizei gehabt zu haben. Er sei wegen angeblichem Besitz
von Marihuana durch einen Streifschuss leicht verletzt und in der Folge
verhaftet worden, wobei ihn ein Polizist während der Haft sexuell misshan-
delt habe. Er habe anschliessend zwei Monate in einer psychiatrischen Kli-
nik verbracht.
D.
Mit Entscheid vom 21. Januar 2021 (Eröffnung am 25. Januar 2021) wies
das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 7. März 2020 ab,
ordnete dessen Wegweisung an und erachtete den Vollzug der Wegwei-
sung als zulässig, zumutbar und möglich.
E.
Mit Eingabe vom 23. Februar 2021 erhob der Beschwerdeführer gegen
diesen Entscheid Beschwerde. Er beantragte die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung, die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die
Asylgewährung. Eventualiter sei festzustellen, dass der Wegweisungsvoll-
zug unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei und die vorläufige Auf-
nahme in der Schweiz anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde
die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf
das Erheben eines Kostenvorschusses und die Ernennung eines amtlichen
Rechtsbeistandes beantragt.
F.
Am 2. März 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
E-819/2021
Seite 4
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters entschieden (Art. 111
Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um
eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu be-
gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Auf die Durchführung eines Schriften-
wechsels wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
E-819/2021
Seite 5
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass die grundsätzlich
nicht in Zweifel gezogenen Vorbringen des Beschwerdeführers nicht asyl-
relevant seien.
5.2 Der Beschwerdeführer habe im Wesentlichen geltend gemacht, dass
er während seines Aufenthaltes in C._ von der Gruppierung
«Schwarze Adler» angegriffen und bedroht worden sei. Er sei deshalb nach
B._ zurückgekehrt. Als er erfahren habe, dass sein Freund aus dem
Wohnheim für Indigene auch von bewaffneten Gruppierungen bedroht wor-
den sei, habe er sich zur Ausreise entschlossen. Diese Behelligungen
seien nicht aus einem asylrelevanten Verfolgungsmotiv erfolgt. Es handle
sich um Übergriffe von Dritten, die unter dem Punkt der Zulässigkeit abzu-
handeln seien.
5.3 Im Weiteren habe der Beschwerdeführer angegeben, im Jahre 2010
von der Polizei angeschossen und wegen angeblichem Besitz sowie Kon-
sum von Marihuana verhaftet und während der Haft sexuell misshandelt
worden zu sein. Diese Vorbringen seien wegen fehlenden zeitlichen und
sachlichen Zusammenhangs nicht asylrelevant. Bei fehlender Asylrelevanz
könne auf die nähere Prüfung der eigereichten Beweismittel verzichtet wer-
den, da diese zur Stützung von Vorbringen dienen sollten, deren Glaubhaf-
tigkeit ohnehin nicht in Frage gestellt werde. Sie bewiesen jedoch, dass die
Behörden nach der Anzeige des Beschwerdeführers tätig geworden seien.
Es sei nachvollziehbar, dass die Behörden in B._ die Anzeige des
Beschwerdeführers nach C._ weitergeleitet hätten, wo der Vorfall
geschehen sei. Abgesehen von der genannten Strafanzeige, den Fotos,
welche die beim Vorfall mit der Polizei vor zehn Jahren und demjenigen mit
Anhängern der «Schwarzen Adler» erlittenen Verletzungen dokumentier-
ten, und den ärztlichen Berichten aus dem Jahre 2010 im Zusammenhang
mit der Behandlung in einer psychiatrischen Klinik handelten die übrigen
Beweismittel lediglich von der allgemeinen Situation in Kolumbien.
E-819/2021
Seite 6
5.4 Im Rahmen der Prüfung der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
stellte das SEM fest, dass vom Schutzwillen und der Schutzfähigkeit der
kolumbianischen Behörden ausgegangen werden könne. Der Beschwer-
deführer habe nach eigenen Angaben erst nach seiner Rückkehr aus
C._ in B._ eine Anzeige im Zusammenhang mit dem Vorfall
in C._ erstattet. Die dortige Polizei habe die Anzeige entgegenge-
nommen und weitergeleitet und mit diesem Vorgehen ihren Schutzwillen
gezeigt. Der Beschwerdeführer habe jedoch das Ergebnis des polizeilichen
Verfahrens gar nicht erst abgewartet und sei stattdessen ausgereist. Aus-
serdem sei festzuhalten, dass der geschilderte Übergriff und die Drohun-
gen Dritter gegen den Beschwerdeführer in C._ und damit sehr weit
weg vom eigentlichen Wohnort B._ geschehen seien. Durch seine
Rückkehr nach B._ habe sich der Beschwerdeführer diesen Dro-
hungen bereits entzogen. Er sei daher nicht auf den Schutz der Schweiz
angewiesen.
5.5 In der Beschwerde machte der Beschwerdeführer geltend, wegen sei-
nen Schwierigkeiten mit paramilitärischen Gruppierungen (vgl. Schnell-
recherche der Schweizerischen Flüchtlingshilfe-Länderanalyse«Kolum-
bien: Aguilas Negras» vom 2. Juni 2020) könne er nicht in seinen Heimat-
staat zurückkehren. Er gehöre als junger Mann zu einer Gruppe, welche
besonders gefährdet sei, von diesen verfolgt zu werden. Die Paramilitärs
seien überall. Der kolumbianische Staat könne und wolle ihn nicht beschüt-
zen. Es bestehe auch die Gefahr, dass er erneut verhaftet und sexuell
misshandelt werde.
6.
6.1 Das SEM hat die geltend gemachten Behelligungen durch die parami-
litärische Organisation «Schwarze Adler» nicht in Zweifel gezogen, indes-
sen im Ergebnis deren Asylrelevanz verneint.
6.2 Hierzu ist festzuhalten, dass einzelne Aussagen des Beschwerdefüh-
rers durchaus Anlass zu Zweifeln an der Glaubhaftigkeit der angeblich
fluchtauslösenden Vorbringen geben. So gab der Beschwerdeführer an-
lässlich der Anhörung vom 23. April 2020 zunächst an, ein Foto vom erhal-
tenen Drohbrief gemacht und der Polizei gezeigt zu haben (vgl. 1063519-
14/13 F84). Auf Nachfrage gestand er, nur ein Foto von einem ähnlichen
«Drohungs-Flugblatt» heruntergeladen und gezeigt zu haben (vgl.
1063519-14/13 F86). Im Weiteren vermochte der Beschwerdeführer auch
nicht konkret darzulegen, warum er derart bedroht worden sein sollte. Es
kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer aus
E-819/2021
Seite 7
anderen als den geltend gemachten Gründen, beispielsweise aufgrund der
allgemeinen schwierigen Sicherheitssituation in Kolumbien, ausgereist ist.
6.3 Die Frage der Glaubhaftigkeit kann indessen offenbleiben, da die ge-
nannten Vorbringen ohnehin nicht asylrelevant sind. Wie bereits erwähnt,
ist nicht ersichtlich, warum der Beschwerdeführer in den Fokus der
«Schwarzen Adler» geraten sein sollte, welche sich bereits im Jahre 2009
aufgelöst haben und seither bloss noch als «Marke» von unterschiedlichen
Akteuren genutzt werden (vgl. Schnellrecherche SFH, Ziff. 1). Die Schilde-
rungen des Beschwerdeführers lassen denn auch nicht auf eine besonders
seine Person betreffende Drohung schliessen. So gab der Beschwerdefüh-
rer an, auf dem Flugblatt, das er erhalten habe, sei gestanden, dass «alle
Leute, die sich auf der Strasse herumtrieben, Cannabis rauchten, faul
seien, und alle Diebe, Perversen und Prostituierte umgebracht würden»
(vgl. 1063519-14/13 F71). Auch die nachfolgende Aufforderung durch Un-
bekannte, C._ zu verlassen, scheint nicht Ausdruck eines beson-
ders zielgerichteten Handelns gegen den Beschwerdeführer zu sein, son-
dern sich vielmehr gegen ihn als Fremden in C._ zur richten. Daher
ist mit dem SEM davon auszugehen, dass sich der Beschwerdeführer mit
einer Rückkehr in die Millionenstadt B._ diesen Drohungen bereits
entzogen hat und daher mangels begründeter Furcht vor künftiger Verfol-
gung nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen ist. An dieser Einschät-
zung vermögen die nicht näher substantiierten Behauptungen des Be-
schwerdeführers in der Beschwerde, wonach er «als junger Mann zu einer
Gruppe gehöre, welche besonders gefährdet sei, wobei die Paramilitärs
überall seien», nichts zu ändern.
6.4 Bei dieser Sachlage bedarf die Frage der Schutzfähigkeit der kolumbi-
anischen Behörden, welche vom SEM nicht grundsätzlich verneint wurde,
nicht abschliessender Beurteilung. Daher ist auch die Tatsache, dass das
SEM aus nicht nachvollziehbaren Gründen die geltend gemachten Über-
griffe von Dritten (und die damit verbundene Frage der Schutzfähigkeit der
Behörden) nicht unter dem Aspekt der Flüchtlingseigenschaft, sondern erst
im Rahmen der Prüfung der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs geprüft
hat, nicht von erheblicher Tragweite. Wie bereits erwähnt, hat das SEM die
genannten Vorbringen des Beschwerdeführers im Ergebnis zu Recht als
nicht asylrelevant erachtet.
6.5 Schliesslich sind die weiteren Vorbringen des Beschwerdeführers, im
Jahre 2010 von der Polizei angeschossen und wegen angeblichem Besitz
sowie Konsum von Marihuana verhaftet und während der Haft sexuell
E-819/2021
Seite 8
misshandelt worden zu sein, wegen offensichtlich fehlenden zeitlichen und
sachlichen Zusammenhangs zur Ausreise nicht asylrelevant.
6.6 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und dessen Asyl-
gesuch abgewiesen hat.
7.
7.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es nicht darauf ein,
so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E.44; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die
Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration [AIG, SR 142.20]).
7.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn Verpflichtungen der Schweiz ei-
ner Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Her-
kunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3
BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der
Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
E-819/2021
Seite 9
Die Vorinstanz wies in der der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.).
7.3.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr-
dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläu-
fige Aufnahme zu gewähren.
Das SEM begründete die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs damit,
dass weder die allgemeine Lage im Heimatstaat noch individuelle Faktoren
gegen die Zumutbarkeit sprächen. Der Beschwerdeführer sei jung und
nach eigenen Angaben gesund. Er habe anlässlich der Anhörung angege-
ben, das Trauma der sexuellen Misshandlung durch einen Polizisten im
Jahre 2010 mit dem Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt nahezu
überwunden zu haben und deshalb seit fast zehn Jahren keine Medika-
mente mehr zu nehmen. Im Weiteren habe der Beschwerdeführer zu Pro-
tokoll gegeben, keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu haben. Die
eingereichten ärztlichen Zeugnisse von 2010 zeigten auf, dass sich der
Beschwerdeführer im Fall von gesundheitlichen Beschwerden im Heimat-
staat behandeln lassen könne. Seine Eltern und Geschwister lebten alle in
der Heimat (Mutter und Bruder in B._) und der Beschwerdeführer
verfüge über einen Berufsabschluss als Metallmechaniker und zahlreiche
E-819/2021
Seite 10
berufliche Erfahrungen. Aus den Akten und den Aussagen des Beschwer-
deführers ergäben sich keine konkreten Anhaltspunkte auf die Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs. Das Bundesverwaltungsgericht
schliesst sich dieser Einschätzung an. Somit ist der Vollzug der Wegwei-
sung auch zumutbar.
7.3.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls notwen-
digen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als von vornherein aus-
sichtslos zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Vo-
raussetzungen nicht gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist.
Aus demselben Grund kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechts-
verbeiständung nicht stattgegeben werden. Bei diesem Ausgang des Ver-
fahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2) somit dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit dem vorliegenden Urteil ist der
Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegen-
standslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
E-819/2021
Seite 11