Decision ID: 27963614-6e0a-5e45-97a5-f7e7786f8acd
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin reiste am 28. Juli 2015 mit einem gültigen touris-
tischen Visum der Schweizer Vertretung in Abu Dhabi, Vereinigte Arabi-
sche Emirate, in die Schweiz ein, wo sie am 22. August 2015 beim Emp-
fangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl nachsuchte.
B.
Die Beschwerdeführerin wurde am 5. Oktober 2015 summarisch zu ihrer
Person, ihrem Reiseweg sowie zu ihren Gesuchsgründen befragt (Befra-
gung zur Person [BzP]). Am 6. März 2017 erfolgte die vertiefte Anhörung
zu ihren Asylgründen.
C.
Mit Verfügung vom 20. März 2017 verneinte die Vorinstanz die Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab, ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz an und verfügte deren Vollzug.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom
27. April 2017 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. In materieller
Hinsicht beantragte sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung des
SEM, die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks vollständiger
Abklärung des Sachverhalts, eventualiter die Feststellung der Flüchtlings-
eigenschaft und die Gewährung von Asyl sowie subeventualiter die Anord-
nung der vorläufigen Aufnahme infolge Unzulässigkeit respektive Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzuges. In prozessualer Hinsicht ersuchte
sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG sowie um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht.
Der Beschwerde lag – nebst einer Kopie der erstinstanzlichen Verfügung –
ein Bericht der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FiZ) vom
27. April 2017 bei.
E.
E.a Mit Zwischenverfügung vom 9. Mai 2017 stellte die Instruktionsrichte-
rin fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens ge-
stützt auf Art. 42 AsylG in der Schweiz abwarten. Weiter hiess sie das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut (Art. 65
Abs. 1 VwVG) und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
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(Art. 64 Abs. 4 VwVG). Sodann übermittelte sie die Akten an das SEM und
lud dieses zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
E.b In ihrer Vernehmlassung vom 19. Mai 2017 hielt die Vorinstanz im We-
sentlichen an ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der
Beschwerde.
E.c Am 22. Juni 2017 replizierte die Beschwerdeführerin innert erstreckter
Frist.
F.
Mit Urteil D-2501/2017 vom 7. Mai 2018 hiess das Bundesverwaltungsge-
richt die Beschwerde gegen die Verfügung des SEM vom 20. März 2017
gut, soweit darin deren Aufhebung beantragt wurde, hob die angefochtene
Verfügung auf und wies die Sache in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG
zur vollständigen und richtigen Sachverhaltsermittlung sowie zur Neubeur-
teilung an die Vorinstanz zurück.
G.
G.a Am 7. Mai 2018 wurde das Asylverfahren der Beschwerdeführerin von
der Vorinstanz wiederaufgenommen.
G.b Am 12. Juni 2018 fand eine weitere Anhörung der Beschwerdeführerin
statt.
G.c Anlässlich dieser Befragung machte die Beschwerdeführerin zur Be-
gründung ihres Asylgesuchs geltend, sie stamme aus C._, Äthio-
pien, und habe bis zu ihrem fünften Lebensjahr dort gelebt. Nach dem Tod
ihres Vaters sei ihre Mutter nicht mehr in der Lage gewesen, sie aufzuzie-
hen, weshalb diese sie zur Adoption frei gegeben habe. Sie sei in der Folge
bei einem eritreischen Mann namens D._ in E._, Äthiopien,
aufgewachsen. Sie habe seither keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter und
zu ihrem Bruder und wisse deshalb auch nicht, ob die beiden noch leben
würden. Ihr Pflegevater sei Alkoholiker gewesen und habe sie immer wie-
der geschlagen. Er habe sie während acht Jahren bei sich zu Hause ein-
gesperrt. Sie habe keine Schule besucht und nur im Haushalt mitgeholfen.
Im Alter von dreizehn Jahren habe er ihr – unter Angabe eines falschen
Alters – einen Reisepass organisiert und habe sie nach Dubai geschickt.
Dort habe sie bei einer Familie als (...) gearbeitet. Sie sei wie eine Sklavin
behandelt worden und habe ununterbrochen arbeiten müssen. Wenn ihre
Arbeitgeberin das Haus verlassen habe, habe deren Ehemann sie jeweils
vergewaltigt und geschlagen.
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Im Anschluss an die Anhörung wurde der Beschwerdeführerin das rechtli-
che Gehör wegen des Verdachts auf Identitätstäuschung gewährt. Sie er-
klärte daraufhin, die Wahrheit gesagt zu haben. Sie könne sich an gewisse
Details nicht mehr erinnern, da sie an Gedächtnislücken leide, welche von
ihrer Depression herrühren würden.
H.
Mit Verfügung vom 23. Oktober 2018 – eröffnet am 26. Oktober 2018 –
stellte das SEM erneut fest, die Beschwerdeführerin erfüllte die Flüchtlings-
eigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der
Wegweisung.
I.
Mit Eingabe vom 26. November 2018 (Datum Poststempel) erhob die Be-
schwerdeführerin – handelnd durch ihren neu mandatierten Rechtsvertre-
ter – gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
und beantragte in materieller Hinsicht die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung, die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks weiterer
Abklärungen, eventualiter die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und
die Gewährung von Asyl sowie subeventualiter die Anordnung einer vor-
läufigen Aufnahme infolge Unzulässigkeit respektive Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs beantragte. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG sowie um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht.
Der Beschwerde lagen eine Vollmacht vom 26. November 2018, eine Un-
terstützungsbestätigung der (...) vom 26. November 2018, ein Bericht der
Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FiZ) vom 27. April 2017 so-
wie eine Kopie der angefochtenen Verfügung vom 23. Oktober 2018 bei.
J.
Mit Schreiben vom 3. Dezember 2018 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Dezember 2018 stellte die Instruktions-
richterin fest, die Beschwerdeführerin könne den Ausgang des Verfahrens
gestützt auf Art. 42 AsylG in der Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut (Art. 65 Abs. 1 VwVG)
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses (Art. 64
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Abs. 4 VwVG). Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz ein, eine Vernehmlas-
sung einzureichen.
L.
L.a Mit Eingabe vom 14. Januar 2019 nahm die Vorinstanz Stellung und
hielt an ihren bisherigen Ausführungen festhielt.
L.b Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin am 16. Ja-
nuar 2019 zur Kenntnis übermittelt.
M.
M.a Mit Zwischenverfügung vom 24. August 2020 wurde der Beschwerde-
führerin Gelegenheit eingeräumt, innert angesetzter Frist allfällige Ergän-
zungen zum Sachverhalt und Beweismittel einzureichen.
M.b Mit Schreiben vom 4. September 2020 liess die Beschwerdeführerin
mitteilen, dass keine neuen Tatsachen oder Beweismittel vorliegen würden,
weshalb weder Ergänzungen zum Sachverhalt gemacht noch Beweismittel
eingereicht werden würden. Der Eingabe lag eine Kostennote bei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes in Kraft getreten
(AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezem-
ber 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer-
und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden
Gesetzesartikel sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
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det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül-
tig entscheidet.
1.4 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 AsylG).
1.5 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher als Verfügungsadressatin zur Einreichung der Be-
schwerde legitimiert, weshalb auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde einzutreten ist (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 37 VGG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde wurde eine Verletzung des rechtlichen Gehörs so-
wie des Untersuchungsgrundsatzes gerügt. Dabei handelt es sich um for-
melle Rügen, welche vorab zu beurteilen sind, da sie gegebenenfalls ge-
eignet sind, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; Entscheidungen und Mitteilungen der [vorma-
ligen] Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 38;
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes; 3. Aufl., Zürich 2013, Rz. 1043 ff., m.w.H.).
3.2
3.2.1 Im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsverfahren – gilt der
Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Danach hat
die entscheidende Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollstän-
dige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das
Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten
Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen
(vgl. hierzu auch Art. 30–33 VwVG). Der Amtsgrundsatz zur Feststellung
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des Sachverhalts findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsu-
chenden Person (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewür-
digt worden sind; unvollständig ist die Sachverhaltsdarstellung, wenn nicht
alle für die Entscheidung rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt
wurden (vgl. dazu KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043).
3.2.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert
die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu
prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Aus
dem Anspruch auf rechtliches Gehör erwächst der Behörde somit die
Pflicht, die Vorbringen einer gesuchstellenden Person einerseits nicht nur
entgegenzunehmen, sondern diese auch wirklich zu hören, sorgfältig zu
prüfen und in der Entscheidfindung zu berücksichtigen – was gewisser-
massen das Kernstück des rechtlichen Gehörs ausmacht (vgl. WALD-
MANN/BICKEL, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 32 Rz. 18;
BGE 123 I 31 E. 2c) – und andererseits der gesuchstellenden Person ge-
genüber im Rahmen einer Verfügung mitzuteilen, wieso der Entscheid so
und nicht anders ausgefallen ist beziehungsweise warum ihren Anträgen
nicht stattgegeben wird. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung
mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes ein-
zelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
3.2.3 Im Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht dürfen
im Rahmen des Streitgegenstandes bisher noch nicht gewürdigte, be-
kannte wie auch bis anhin unbekannte neue Sachverhaltsumstände, die
sich zeitlich vor (sog. unechte Noven) oder erst im Laufe des Rechtsmittel-
verfahrens (sog. echte Noven) zugetragen haben, vorgebracht werden.
Gleiches gilt für neue Beweismittel. Die Behörde muss mithin jederzeit Vor-
bringen zum Sachverhalt entgegennehmen und berücksichtigen, falls sie
diese für rechtserheblich hält (vgl. Art. 32 Abs. 2 VwVG). Dem Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts ist derjenige Sachverhalt zugrunde zu legen,
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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wie er sich aufgrund der Aktenlage im Zeitpunkt der Entscheidung präsen-
tiert. Die angefochtene Verfügung des SEM hat sich mithin auch gegenüber
den im Verlauf des Beschwerdeverfahrens dazugekommenen Tatsachen
und Beweismitteln zu bewähren (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1).
3.3
3.3.1 Die Beschwerdeführerin rügte zunächst eine Verletzung des rechtli-
chen Gehörs, da sich die Vorinstanz in ihrer Verfügung nicht mit dem Be-
richt der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FiZ) vom
27. April 2017, welcher die Anforderungen an ein Parteigutachten gemäss
Art. 12 Bst. c VwVG erfülle, auseinandergesetzt habe.
3.3.2 Die Beschwerdeführerin reichte bereits im ersten Rechtsmittelverfah-
ren mit Beschwerdeeingabe vom 27. April 2017 einen Bericht der FiZ zu
den Akten, worin diese gestützt auf drei Abklärungsgespräche zur Ein-
schätzung gelangte, dass die Beschwerdeführerin Opfer von Menschen-
handel im Sinne der Sklaverei geworden sei. In ihrer Vernehmlassung vom
19. Mai 2017 nahm die Vorinstanz zwar zu den darin enthaltenen Einschät-
zungen der FiZ Stellung und hielt fest, dass diese nicht geeignet seien, ihre
Erwägungen umzustossen. Demgegenüber ging das SEM in seinem zwei-
ten Asylentscheid vom 23. Oktober 2018 – wie von der Beschwerdeführe-
rin richtigerweise festgestellt wurde – nicht auf den eingereichten Bericht
der FiZ ein und äusserte sich auch mit keinem Wort zur darin vertretenen
Ansicht, wonach die Beschwerdeführerin Opfer von Menschenhandel und
Sklaverei geworden sei und bei einer allfälligen Rückkehr in ihr Heimatland
erhöhte Gefahr bestehe, ein Opfer von Re-Trafficking zu werden. Obwohl
sich die Vorinstanz – wie vorstehend erwähnt (vgl. hierzu E. 3.2.2 ) – ge-
stützt auf die gehörsrechtlichen Begründungsanforderungen nicht mit allen
Vorbringen eines Asylsuchenden einlässlich auseinandersetzen und auch
nicht sämtliche Beweismittel einzeln würdigen muss, ist vorliegend festzu-
stellen, dass sie es nicht nur unterlassen hat, den Bericht des FiZ in den
Sachverhaltsdarstellungen aufzuführen, sondern auch eine ernsthafte
Auseinandersetzung mit diesem Dokument und den darin gemachten Aus-
führungen im Rahmen der Entscheidbegründung gänzlich unterblieb. Es
hätte sich jedoch aufgedrängt, dass das SEM sämtliche Verfahrensakten
des Bundesverwaltungsgerichts einer näheren Prüfung unterzieht und die
entsprechenden Erkenntnisse nach der Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und unter Beachtung der Vorbehalte zur Glaubhaftigkeitsprü-
fung in die Gesamtbeurteilung der Vorbringen der Beschwerdeführerin ein-
fliessen lässt. Indem die Vorinstanz die von der Beschwerdeführerin zu den
Akten gelegte Parteieingabe sowohl in ihrer Verfügung als auch im Verlauf
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des zweiten erstinstanzlichen Verfahrens unberücksichtigt liess, verletzte
sie deren Anspruch auf rechtliches Gehör. Die Beschwerdeführerin konnte
sich hierbei überhaupt nur durch das erneute Ergreifen des Rechtsmittels
Gehör verschaffen. Dieses Versäumnis holte die Vorinstanz dann auch im
Rahmen der auf Beschwerdeebene eingeleiteten Vernehmlassung nicht
nach. So hielt sie in ihrer Eingabe vom 14. Januar 2019 – wiederum ohne
die Abklärungen der FiZ zu würdigen – vollumfänglich an ihren Erwägun-
gen fest. Infolgedessen ist der Beschwerdeführerin aus der unterbliebenen
Berücksichtigung des eingereichten Beweismittels sowie der daraus fol-
genden unzureichenden Begründung der vorinstanzlichen Verfügung ein
Rechtsnachteil erwachsen.
3.3.3 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungs-
gericht in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindli-
chen Weisungen an die Vorinstanz zurück.
Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör führt grundsätzlich
– angesichts des formellen Charakters des Gehörsanspruchs unabhängig
davon, ob die angefochten Verfügung bei korrekter Verfahrensführung im
Ergebnis anders ausgefallen wäre und damit ungeachtet der materiellen
Auswirkungen – zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz. Eine Heilung aus prozessökonomi-
schen Gründen ist auf Beschwerdeebene nur möglich, sofern das Ver-
säumte nachgeholt wird, die beschwerdeführende Person dazu Stellung
nehmen kann, die festgestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur
ist, die fehlende Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz mit vertret-
barem Aufwand hergestellt werden kann und der Beschwerdeinstanz im
streitigen Fall die freie Überprüfungsbefugnis in Bezug auf Tatbestand und
Rechtsanwendung zukommt (vgl. zu allem BVGE 2014/22 E. 5.3, m.w.H.).
Darüber hinaus ist – im Sinne einer Heilung des Mangels – selbst bei einer
schwerwiegenden Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör von ei-
ner Rückweisung der Sache an die Vorinstanz abzusehen, wenn und so-
weit die Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu un-
nötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem Interesse der betroffe-
nen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu verein-
baren wären (vgl. dazu BGE 137 I 195 E. 2.3.2 und auch BVGE 2008/47
E. 3.3.4, je m.w.H.).
3.3.4 Im vorliegenden Fall kann offengelassen werden, ob es sich bei der
fehlenden Beachtung des Berichts der FiZ vom 27. April 2017 um einen
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schweren Mangel handelt, da die Vorinstanz – nachdem die Beschwerde-
führerin in ihrer Beschwerde explizit eine unzureichende Auseinanderset-
zung mit den im Bericht der FiZ vertretenen Ansichten gerügt hatte – auch
in ihrer Vernehmlassung auf diese Vorbringen in keiner Weise einging. Die
Verletzung des rechtlichen Gehörs konnte dementsprechend auf Be-
schwerdeebene nicht durch eine nachträgliche Gehörsgewährung geheilt
werden. Obwohl die Beschwerde grundsätzlich reformatorisch ausgestaltet
ist (vgl. Art. 61 Abs. 1 VwVG), erscheint es angezeigt, die angefochtene
Verfügung aufzuheben und die Sache zur formell korrekten Durchführung
des Verfahrens an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sodann bleibt durch
eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz der Instanzenzug gewahrt,
was umso wichtiger erscheint, als im Asylverfahren das Bundesverwal-
tungsgericht letztinstanzlich entscheidet (vgl. dazu BVGE 2009/53 E. 7.3;
2008/47 E. 3.3.4; 2008/14 E. 4.1).
3.4 Zusammenfassend erweist sich die Rüge der Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör als begründet. Die Vorinstanz hat den An-
spruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt, weshalb
eine (erneute) Kassation an die Vorinstanz angezeigt ist.
Unter diesen Umständen braucht auf die weitere formelle Rüge (das SEM
habe zu Unrecht kein eigenes [Partei-] Gutachten erstellen lassen) nicht
weiter eingegangen zu werden.
4.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung wegen Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz beantragt wird. Die
angefochtene Verfügung vom 23. Oktober 2018 ist aus formellen Gründen
aufzuheben und die Sache in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VWVG zur er-
neuten Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Dabei ist sie im Rahmen des wiederaufzunehmenden erstinstanz-
lichen Verfahrens insbesondere gehalten, den von der Beschwerdeführerin
eingereichte Bericht der FiZ angemessen zu berücksichtigen und ausrei-
chend zu würdigen.
Vor diesem Hintergrund erübrigt es sich, auf die weiteren Begehren und
Ausführungen in der Beschwerdeschrift einzugehen, weil sie ebenfalls Ge-
genstand des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahren sein
werden und die Vorinstanz sich damit zu befassen haben wird.
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Seite 11
5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit ist die mit Zwischenverfügung vom
10. Dezember 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung (im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG) gegenstandslos geworden.
5.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann der ganz oder
teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine
Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig
hohen Kosten zugesprochen werden (vgl. für die Grundsätze der Bemes-
sung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]).
Im vorliegenden Verfahren wurde mit Eingabe vom 4. September 2020
eine Kostennote eingereicht. Der darin vom Rechtsvertreter geltend ge-
machte Arbeitsaufwand von 5.5 Stunden erscheint angemessen und der
ausgewiesene Stundenansatz von Fr. 200.– steht im Einklang mit den ge-
setzlichen Bestimmungen (Art. 9–134 VGKE). Da Spesen gemäss Art. 11
Abs. 1 VGKE aufgrund der tatsächlichen Kosten und nicht als unbelegte
Pauschale auszuzahlen sind, ist die geltend gemachte Spesenpauschale
von Fr. 15.– somit nicht zu vergüten, zumal keine besonderen Verhältnisse
vorliegen, welche eine Auszahlung eines Pauschalbetrags rechtfertigen
würden (vgl. Art. 11 Abs. 3 VGKE). Die von der Vorinstanz zu entrichtende
Parteientschädigung ist somit in Berücksichtigung der in Betracht zu zie-
henden Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 7 ff. VGKE) auf Fr. 1'100.–
(inkl. Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE)
festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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