Decision ID: 640a0ef7-3927-495f-bcbf-c92a41ccb228
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
Die 1992 geborene
X._
war seit
1.
August 2017 teilzeitlich bei der Stiftung
Y._
als Verantwortliche Facility Management tätig (
Urk.
5/
40-41). Am 2
4.
März 2020 kündigte die Arbeitgeberin das Arbeitsver
hältnis per 3
0.
Juni 2020
, aufgrund einer Sperrfrist verlängerte sich dieses bis 3
0.
Sep
t
ember 2020
(
Urk.
5/
42). Die Versicherte meldete sich am 2
5.
November 2020 beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Zürich
(
Urk.
5
/41) und beantragte am 1
0.
Dezember 2020 die Ausrichtung von Arbeits
losenentschädi
gung ab
1.
Dezember 2020 (
Urk.
5
/40).
Mit Verfügung vom 2
2.
April 2021
wurde die Versicherte wegen ungenügender persönlicher Arbeitsbemühungen
in der Kontrollperiode
März 2021
für
vier
Tage ab
1.
April
2021 in der Anspruchsberechtigung eingestellt
(
Urk.
5/4)
. Die von ihr dagegen erhobene Einsprache vom 1
3.
Mai 2021 (
Urk.
5
/
5
)
hiess
das Amt für Wirtschaft und Arbeit mit Entscheid vom 2
2.
Juli 2021
in dem Sinne gut, als es die Dauer der Einstellung auf zwei Tage reduzierte
(
Urk.
2)
.
2.
Dagegen
erhob die Versicherte am
1
6.
A
ugust 2021
(Eingangsdatum)
Beschwerde (
Urk.
1) und beantragte sinngemäss die Aufhebung
des Einspracheentscheids
vom 2
2.
Jul
i 202
1.
Mit Beschwerdeantwort vom
3
0.
August
2021 (
Urk.
4
) beantragte der Beschwerdegegner die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwe
rde
führerin mit
Gerichtsv
erfügung vom
6.
September 2021 zur
Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
6
).
Der Einzelrichter

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Da der Streitwert Fr. 30’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1
des
Gesetz
es
über das So
zialversicherungsgericht,
GSVGer
).
1.2
Nach Art. 17 Abs. 1 des
Bundesgesetz
es
über die obligatorische Arbeitslosen
versicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG)
muss die versicherte Person, die Versicherungsleistungen beanspruchen will, mit Unterstützung des zuständigen Arbeitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen. Insbesondere ist sie verpflichtet, Arbeit zu suchen, nötigenfalls auch ausserhalb ihres bisherigen Berufes. Sie muss ihre Bemühungen nachweisen können. Gemäss Art. 30 Abs. 1
lit
. c AVIG ist die versicherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie sich persönlich nicht genü
gend um zumutbare Arbeit bemüht.
Gemäss Art. 26 Abs. 2 Satz 1
der Verordnung über die obligatorische Arbeits
losenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV)
muss die versicherte Person den Nachweis der Arbeitsbemühungen für jede Kontrollperiode spätestens am fünften Tag des folgenden Monats oder am ersten auf diesen Tag folgenden Werktag einreichen. Als Kontrollperiode gilt jeder Kalendermonat (Art. 27a AVIV). Die Arbeitsbemühungen werden nach Art. 26 Abs. 2 Satz 2 AVIV nicht mehr berücksichtigt, wenn die versicherte Person die Frist verstreichen lässt und keinen entschuldbaren Grund geltend macht. Die Einstel
lung erfolgt, ohne dass eine zusätzliche Frist gewährt werden müsste. Unerheblich ist, ob die Nachweise später erbracht werden, zum Beispiel in einem Einsprache
verfahren (Urteil des Bundesgerichts 8C_40/2016 vom 21. April 2016 E. 4.2 mit Hinweis auf BGE 139 V 164 E. 3.2 f.).
1.3
Bei der Beurteilung der Frage, ob sich eine versicherte Person genügend um zumutbare Arbeit bemüht hat, ist nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität ihrer Bewerbungen von Bedeutung (BGE 139 V 524 E. 2.1.4 mit Hinweis auf Urteil des Bundesgerichts 8C_583/2009 vom 22. Dezember 2009 E. 5.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_209/2018 vom 14. November 2018 E. 3.3).
Betreffend Quantität der persönlichen Arbeitsbemühungen können zwar keine eindeutigen Zahlenwerte angegeben werden, in der Regel müssen aber mindes
tens zehn bis zwölf geeignete Arbeitsbemühungen je Kontrollperiode nachge
wiesen werden (BGE 141 V 365 E. 4.1 mit Hinweis auf BGE 139 V 524 E. 2.1.4).
1.4
Die Dauer der Einstellung bemisst sich nach dem Grad des Verschuldens (Art. 30 Abs. 3 AVIG) und beträgt 1 bis 15 Tage bei leichtem, 16 bis 30
Tage bei mittel
schwerem und 31
bis 60 Tage bei schwerem Verschulden (Art. 45 Abs. 3 AVIV).
2.
2.1
Der
Beschwerde
gegner
erwog
(
Urk.
2)
, die Beschwerdeführerin habe mit E-Mail vom
6.
April 2021 für den Monat März 2021 acht Arbeitsbemühungen fristge
recht eingereicht. Gemäss Rücksprache mit dem RAV-Berater fehle
die zweite Seite des Nachweisformulars. Zudem sei die erste Seite des Nachweisformulars so eingescannt gewesen, dass die Bewerbungsdaten teilweise nicht lesbar gewesen seien. Acht Arbeitsbemühungen seien in quantitativer Hinsicht ungenügend. Es sei Sache der Beschwerdeführerin, die vollständigen Arbeitsbemühungen fristge
recht einzureichen. Das Fehlen der zweiten Seite des Nachweisformulars habe die Beschwerdeführerin daher zu verantworten
(S. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber
sinngemäss
geltend, sie habe
für den fraglichen Zeitraum
zehn Arbeitsbemühungen gemacht (Vorder- und Rück
seite). Ihr RAV-Berater habe ihr bestätigt, zehn Arbeitsbemühungen im System eingegeben zu haben. Sie treffe kein Verschulden, da sie die Arbeitsbemühungen wie gefordert geleistet habe. Sie beantragte sinngemäss die Streichung der Einstelltage und die
Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids (
Urk.
1).
3.
3.1
Aktenkundig ist, dass die Beschwerdeführerin gemäss Vorgaben des RAV zehn bis zwölf persönliche Arbeitsbemühungen pro Monat nachweisen muss (
Urk.
5/38
, Eintrag vom
7.
Dezember 2020
). Die
Beschwerdeführerin
reichte mit E-Mail vom
6.
April 2021 fristgerecht
die Vorderseite des Formulars
«
Nachweis der persönlichen Arbeitsbemühungen
»
für den Monat März 2021 ein, wo
rauf
aber
lediglich acht Bewerbungen aufgeführt
waren
(
Urk.
5/
2-
3
)
.
Die Rückseite des Formulars mit weiteren
zwei
Bewerbungen
(
Urk.
5/6)
wurde erst anlässlich der Einsprache gegen die Verfügung des Beschwerdegegners am
1
8.
Mai 2021 über
mittelt (
Urk.
5
/5
)
.
Insofern steht fest, dass die
Beschwerdeführerin
für die Kontrollperiode März 2021 lediglich acht Arbeitsbemühungen fristgerecht na
chwies.
Es bleibt zu prüfen, ob ein
entschuldbarer Grund für die verspätete Einreichung
der weiteren
zwei
Arbeitsbemühungen (Rückseite des Formulars) gemäss
Art.
26
Abs.
2 AVIV vorliegt und diese dennoch zu berücksichtigen
gewesen wären
.
3.2
Beim Formular für den am Ende jeder Kontrollperiode einzureichenden Nachweis der Arbeitssuchbemühungen (Art. 26 Abs. 2 AVIV) handelt es sich um ein Beweisstück zur Sachverhaltsfeststellung, um Ansprüche geltend zu machen. Dieses Formular muss deshalb, ausser bezüglich seines Inhalts, keine besondere Form aufweisen und seine Zustellung an die Behörde auf elektronischem Weg ist folglich zulässig. Angesichts der mangelnden Zuverlässigkeit des elektronischen Mailverkehrs im Allgemeinen und der Schwierigkeit, den Eingang einer E-Mail im Herrschaftsbereich des Empfängers nachzuweisen, im Besonderen, ist der Absender einer E-Mail gehalten, vom Empfänger eine Empfangsbestätigung (auch der Anhänge zur E-Mail) zu verlangen, und beim Ausbleiben einer solchen zu reagieren, indem er die Sendung in einem Briefumschlag der Post übergibt oder erneut eine E-Mail zuzustellen versucht (BGE 145 V 90 E. 6.2.2 [
Pra
8/2019 Nr. 93] mit Hinweisen; Urteile des Bundesgerichts 8C_756/2020 vom 3. August 2021 E. 3.1, 8C_741/2019 vom 8. Mai 2020 E. 6.3.1).
Vorliegend ist unbestritten und aktenkundig, dass das Formular «Nachweis der Arbeitsbemühungen» rechtzeitig mittels E-Mail vom
6.
April 2021
vom
Beschwerdegegner
empfangen
wurde, auch wenn die
zweite S
eite –
mit weiteren
zwei
Arbeitsbemühungen –
fehlte (
Urk.
5/2-3)
.
Insofern unterscheidet sich die oben erwähnte Rechtsprechung des Bundesgerichts
vom vorliegenden Sach
verhalt
dahingehend, dass in jenem Fall überhaupt kein Formular
fristgerecht eingegangen war
, wobei vorliegend die Beschwerdeführerin lediglich die zweite Seite des Formulars nicht mitschickte
.
Dementsprechend ist obenerwähnte Recht
sprechung
vorliegend
nicht
unbesehen anwendbar
.
Es
bleibt somit zu prüfen
, wie zu verfahren ist, wenn ein
unvollständiges
Formul
ar fristgerecht eingereicht
wird
.
3.
3
Überspitzter Formalismus ist eine besondere Form der Rechtsverweigerung. Eine solche liegt vor, wenn für ein Verfahren rigorose Formvorschriften aufgestellt werden, ohne dass die Strenge sachlich gerechtfertigt wäre, wenn die Behörde formelle Vorschriften mit übertriebener Schärfe handhabt oder an Rechtsschriften überspannte Anforderungen stellt und dem Bürger den Rechtsweg in unzulässiger Weise versperrt (BGE 120 V 413 E. 4b S. 417, 118 V 315 E. 4 mit Hinweis). Das aus
Art.
29
Abs.
1 der Bundesverfassung (BV; früher aus
Art.
4
aBV
) fliessende Verbot wendet sich gegen prozessuale Formenstrenge, die als exzessiv erscheint, durch kein schutzwürdiges Interesse gerechtfertigt ist, zum blossen Selbstzweck wird und die Verwirklichung des materiellen Rechts in unhaltbarer Weise erschwert oder gar verhindert (BGE 128 II 149 E. 2a, 127 I 34 E. 2a/
bb
, 125 I 170 E. 3a, je mit Hinweisen).
De
r
Beschwerdeführerin
ist vorliegend lediglich ein
einmaliges,
einfaches Verse
hen unterlaufen, in dem sie die zweite Seite des Formulars nicht mitgeschickt hat
und bei der eingereichten vorderen Seite die Daten der Bewerbungen
aufgrund der Qualität des Scans
teilweise nicht leserlich waren
(
Urk.
5/3)
.
Der
Beschwerde
gegner
wäre nach Treu und Glauben
angehalten
gewesen, die Beschwerdeführerin auf ihr Versehen aufmerksam zu machen und ihr eine Nachfrist zur Einreichung der zweiten Seite des Formulars, und gegebenenfalls die Verbesserung der ersten nicht gut lesbaren S
eite
, zu gewähren.
Dafür sprich
t
ebenfalls die Rechtsprechung des Bundesgerichts, wonach
im Zusammenhang mit dem Versäumen eines Bera
tungsgesprächs entschieden
wurde
, dass kein zu sanktionierendes Verhalten vorliegt, wenn ein
Versicherter diesen irrtümlich oder zufolge einer Unaufmerk
samkeit nicht eingehalten hat, durch sein
Übriges
Verhalten aber gezeigt hat, dass er seine Pflichten als Arbeitsloser und Leistungsbezüger ernst nimmt
(Urteil des Bundesgerichts 8C_761/2016
vom
6.
Juli 2017
E. 2.1)
.
Die
Beschwerdeführerin
hat aktenkundig quantitativ (insgesamt zehn) und qualitativ einwandfreie Arbeitsbemühungen für die fragliche Kontrollperiode
getätigt
(
Urk.
5/6). Auch in der Vergangenheit hat
sie
gemäss Aktenlage seit der Meldung beim RAV nie ein Fehlverhalten an den Tag gelegt und
wurde
bisher nie sanktioniert. Wie den Akten weiter zu entnehmen ist, hat die Beschwerdeführerin den Nachweis ihrer persönlichen Arbeitsbemühungen regelmässig dem RAV fristgerecht per E-Mail
übermittelt
(
Urk.
5/28;
Urk.
5/30;
Urk.
5/33).
Unter Berücksichtigung der gesamten Umstände erscheint somit d
ie Nichtberück
sichtigung der zweiten Seite des Nachweises der persönlichen Arbeitsbemü
hungen
für März 2021 s
omit
insgesamt
als
zu streng.
Wohl ist bei fehlendem Nachweis von Stellenbewerbungen innert Frist ohne Weiterungen eine Einstel
lung in der Anspruchsberechtigung zu verfügen. Bei offenkundigem einfachem Versehen und klar erkennbarem vergessenem Einscannen der zweiten Seite recht
fertigt sich dies nicht.
Ein schuldhaftes Fehlverhalten der Beschwerdeführerin liegt demnach nicht vor.
3.4
Nach dem
G
esagten
hat der
Beschwerdegegner
die
Beschwerdeführerin
zu Unrecht in der Anspruchsberechtigung eingestellt, da ihr
kein schuldhaftes Verhalten zur Last gelegt werden
kann
, welches eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung
gemäss
Art.
30
Abs.
1
lit
. c AVIG
rechtfertigen würde.
Die gegen den E
inspracheentscheid vom 2
2.
Juli 2021
(
Urk.
2)
erhoben Beschwerde ist damit gutzuheissen und dieser aufzuheben.