Decision ID: 1d78281b-2d87-44cc-b2e0-00e13c5a20df
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 30. September 2022 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit EURODAC) ergab, dass er am 3. September 2022 in Italien illegal in
das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist war.
C.
Am 3. Oktober 2022 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
D.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Ge-
sprächs vom 26. Oktober 2022 das rechtliche Gehör zur mutmasslichen
Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asylverfahrens, zu einer
allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt.
Der Beschwerdeführer erklärte im Wesentlichen, er habe in Italien nicht um
Asyl ersucht. Die Bedingungen in den italienischen Aufnahmezentren seien
schlecht, so seien sowohl die Unterkünfte als auch die Verpflegung man-
gelhaft. Es sei ihm dort nicht gut ergangen und er habe an (...) gelitten. Er
habe nach einem Arzt verlangt, aber man habe ihm erklärt, dass er warten
müsse. Bei einer Rückkehr würde er keinen Zugang zu den Aufnahmezen-
tren haben, ein Leben in Italien wäre unerträglich. Nach zehn Tagen habe
er Italien verlassen, um in der Schweiz Asyl zu beantragen.
Zu seinem Gesundheitszustand gab er ferner an, seit Verlassen seines
Heimatlandes an psychischen Problemen zu leiden. Weiter machte er
Schmerzen im unteren (...) geltend. In der Schweiz habe er im Rahmen
einer ärztlichen Konsultation (Covid-Test) um einen Termin bei einem (...)
gebeten, jedoch noch keinen Termin erhalten.
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E.
Am 22. November 2022 hiessen die italienischen Behörden das Gesuch
um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-
III-VO gut.
F.
Mit Verfügung vom 29. November 2022 – eröffnet am 30. November
2022 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
(SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
die Wegweisung aus der Schweiz nach Italien an und forderte ihn auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig verfügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte
fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine auf-
schiebende Wirkung zu.
G.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 7. Dezember 2022
beantragte der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei aufzu-
heben, es sei die Zuständigkeit der Schweiz festzustellen und sein Asylge-
such materiell zu prüfen; eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Der Beschwerde sei die aufschiebende
Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, bis zum
Entscheid über dieselbe von Vollzugshandlungen abzusehen. Sodann sei
er unter Gewährung der teilweisen unentgeltlichen Rechtspflege von der
Bezahlung von Verfahrenskosten zu befreien, und von der Erhebung eines
Kostenvorschusses sei abzusehen.
Gleichzeitig reichte er einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH; "Zusammenstellung Infos Italien", Stand: 6. Mai 2022) ein.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
8. Dezember 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
I.
Mit Eingabe vom 9. Dezember 2022 (Eingang Bundesverwaltungsgericht:
12. Dezember 2022) machte der Beschwerdeführer weiterführende Anga-
ben zu seinem aktuellen Gesundheitszustand.
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Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichter-
licher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt
auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel verzichtet.
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des zuständigen Staats prüft das
SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prü-
fung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des
Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mit-
gliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung explizit oder implizit
zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
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3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 - 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge-
stellt hat, nach Massgabe der Artikel 21, 22 und 29 aufzunehmen (Art. 18
Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
4.
4.1 Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank ergab,
dass der Beschwerdeführer am 3. September 2022 in Italien illegal in das
Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist war, was unbestritten blieb.
Das SEM ersuchte deshalb die italienischen Behörden um Übernahme des
Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO.
4.2 Die italienischen Behörden haben dem Übernahmeersuchen des SEM
vom 3. Oktober 2022 bezüglich des Beschwerdeführers am 22. November
2022 zugestimmt (vgl. Bst. C und E), womit sie die Zuständigkeit Italiens
für die Prüfung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens explizit anerkannten
(Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist somit gegeben, was vom Beschwer-
deführer denn auch nicht bestritten wird. Der Wunsch des Beschwerdefüh-
rers um Verbleib in der Schweiz vermag daran nichts zu ändern, zumal die
Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag
prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/40 E. 8.3).
5.
Der Beschwerdeführer bringt in seiner Beschwerde im Wesentlichen vor,
die Aufnahmebedingungen in Italien seien unzureichend und die Situation
habe sich durch die Ankunft zahlreicher Personen aus der Ukraine weiter
massiv verschärft. Der Zugang zum Asylverfahren sei erschwert, teils
müsse man Monate warten, um ein Asylgesuch stellen zu können. Bei ei-
ner Rückkehr nach Italien wären weder angemessene Unterkunft und Nah-
rung noch eine hinreichende medizinische Versorgung sichergestellt. Das
SEM habe es unterlassen, den medizinischen Sachverhalt umfassend ab-
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Seite 6
zuklären und sicherzustellen, dass der Beschwerdeführer Zugang zu me-
dizinischer Versorgung, gesicherter Unterbringung sowie zum Asylverfah-
ren habe.
6.
6.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit-
gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest-
zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund
der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten
Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so
wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied-
staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung
davon aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwach-
stellen – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz
Dublin-III-VO aufweist (vgl. statt vieler die Referenzurteile des BVGer
D-4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10, F-6330/2020 vom 18. Oktober
2021 E. 9 und E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). An dieser
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Rechtsprechung ist – entgegen der Einschätzung des Beschwerdeführers
und der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (vgl. den mit der Beschwerde ein-
gereichten Bericht vom 6. Mai 2022 und die diesbezüglichen Beschwerde-
vorbringen) – festzuhalten. Eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO erweist sich demnach als nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die
Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Be-
stimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch
dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zu-
ständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder-
nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Soweit
der Beschwerdeführer die Anwendung von Art. 17 Abs. 1 Dublin-
III-VO respektive Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 fordert, ist Folgendes festzuhal-
ten:
7.2 Soweit der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang eine Verlet-
zung der Begründungspflicht sowie die unvollständige Feststellung des
Sachverhalts rügt, erweist sich dies als unbegründet. Die Vorinstanz hat
seine Einwände betreffend eine Überstellung nach Italien (unzureichende
Unterbringungsmöglichkeiten und mangelhafter Zugang zu medizinischer
Versorgung) in der angefochtenen Verfügung ausreichend wiedergegeben
und es ergibt sich mit genügender Klarheit, auf welche Überlegungen sich
das SEM bei seiner Begründung stützte. Insbesondere war es dem Be-
schwerdeführer möglich, die vorinstanzliche Verfügung sachgerecht anzu-
fechten. Der Umstand, dass er eine inhaltlich andere Auffassung vertritt als
die Vorinstanz, vermag nicht zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung
aus formellen Gründen zu führen.
7.3
7.3.1 Der Beschwerdeführer stellt den Zugang zum Asylverfahren und zu
einer adäquaten Unterbringung in Frage. Diesbezüglich ist festzuhalten,
dass er kein konkretes und ernsthaftes Risiko darzutun vermag, die italie-
nischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen und einen An-
trag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfah-
rensrichtlinie zu prüfen. Im vorliegenden Fall hat Italien seine Zuständigkeit
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für die Prüfung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens explizit anerkannt
(Zustimmungserklärung der italienischen Behörden vom 22. November
2022; vgl. E. 4). Voraussetzung ist, dass er seine Bedürfnisse gegenüber
den dortigen Behörden ausweist und er sich diesen auch zur Verfügung
hält. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entneh-
men, Italien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement
missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib,
sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG
gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein sol-
ches Land gezwungen zu werden. Zudem hat der Beschwerdeführer – trotz
der eingereichten Fotos – nicht dargetan, dass die ihn bei einer Rückfüh-
rung erwartenden Bedingungen in Italien derart schlecht seien, dass sie zu
einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder
Art. 3 FoK führen könnten. Die Vermutung, Italien halte seine völkerrecht-
lichen Verpflichtungen ein, kann im Einzelfall zwar widerlegt werden. Hier-
für bedarf es aber konkreter und ernsthafter Hinweise. Anlässlich des Dub-
lin-Gesprächs erklärte der Beschwerdeführer, in Italien keinen Asylantrag
gestellt zu haben. Auch machte er zu keinem Zeitpunkt geltend, den Zu-
gang und die Integration ins italienische Asylsystem überhaupt gesucht zu
haben, weshalb seiner Kritik am italienischen Asylsystem zum Vornherein
die Grundlage entzogen ist und es ihm deshalb nicht gelingt, besagte Ver-
mutung zu widerlegen.
7.3.2 Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung der ihm zu-
stehenden Aufnahmebedingungen könnte er sich im Übrigen an die Behör-
den wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26
Aufnahmerichtlinie).
7.4
7.4.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen.
Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
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Seite 9
7.4.2 Gemäss Akten durchlief der Beschwerdeführer in der Schweiz wäh-
rend des vorinstanzlichen Verfahrens folgende medizinische Untersuchun-
gen und Behandlungen: (...) (12. Oktober 2022), medizinische Behandlung
aufgrund Verdachts auf (...) (19. Oktober 2022) und eines diagnostizierten
(...) (28. Oktober 2022). In der Eingabe vom 9. Dezember 2022 brachte er
vor, er sei am Mittwoch (gemeint wohl am 7. Dezember 2022) zu einem
Spezialisten (Psychiatrie) gebracht worden. Dazu lägen noch keine Unter-
lagen vor, diese würden umgehend nach Erhalt nachgereicht. Bei der Fahrt
zum Arzt sei es zu einem Verkehrsunfall gekommen, soweit heute ersicht-
lich habe er dabei glücklicherweise keine körperliche Schäden erlitten.
Seine psychische Verfassung habe sich jedoch insbesondere durch die
nach dem Unfall erfolgte ausführliche Befragung nochmals verschlechtert.
7.4.3 Die medizinischen Probleme des Beschwerdeführers sind insgesamt
nicht von einer derartigen Schwere, dass eine Überstellung nach Italien
einen Verstoss gegen internationale Verpflichtungen der Schweiz bedeu-
ten würde. Namentlich ergibt sich aus den Akten kein Hinweis auf eine
drohende Verletzung von Art. 3 EMRK. Konkrete Anhaltspunkte für die
Annahme, dass die Gesundheit des Beschwerdeführers bei einer Überstel-
lung nach Italien ernsthaft gefährdet würde, liegen nicht vor. Italien
verfügt grundsätzlich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur
(vgl. Urteile des BVGer F-1584/2022 vom 12. April 2022 E. 6 und
F-1479/2021 vom 13. April 2021 E. 8.5), weshalb die diagnostizierten Be-
schwerden des Beschwerdeführers, sollten diese weiterhin bestehen,
einer Behandlung dort zugänglich sein dürften. Auch eine adäquate
Behandlung psychischer Leiden ist in Italien möglich (vgl. Referenzurteil
des BVGer D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.2.1 sowie BVGer-Urteile
F-2876/2022 vom 7. Juli 2022 E. 6.5, E-730/2022 vom 23. Februar 2022
E. 6.3.2, Urteil des EGMR 39350/13 A.S. gegen Schweiz vom 30. Septem-
ber 2015 Rz. 35 ff.). Der Zugang für asylsuchende Personen zum italieni-
schen Gesundheitssystem über die Notversorgung hinaus ist derzeit
grundsätzlich gewährleistet, auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Ver-
zögerungen kommen kann (vgl. Urteil des BVGer E-962/2019 vom 17. De-
zember 2019 E. 6.2.7). Hinweise darauf, dass dem Beschwerdeführer in
Italien eine allenfalls nötige, adäquate Behandlung verweigert würde, lie-
gen nicht vor.
7.4.4 Die Rüge des Beschwerdeführers, wonach der medizinische Sach-
verhalt ungenügend festgestellt worden sei, findet in den Akten keine
Stütze. Gemäss Akten wurde der Beschwerdeführer auf eigenen Wunsch
(...), da er bis dato noch keine (...) erhalten habe (ärztlicher Bericht vom
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12. Oktober 2022), es erfolgte eine medizinische Behandlung wegen Ver-
dachts auf (...) (ärztlicher Bericht vom 19. Oktober 2022) und die diagnos-
tizierte (...) wurde medikamentös behandelt (ärztlicher Bericht vom 28. Ok-
tober 2022). Aus letzterem Bericht ist abzuleiten, dass sich der behan-
delnde Arzt nicht zu weiteren psychologischen Abklärungen veranlasst
sah. Das Bundesverwaltungsgericht geht im vorliegenden Fall übereinstim-
mend mit dem SEM davon aus, dass sich aufgrund des bislang erstellten
medizinischen Sachverhalts eine Beurteilung der sich diesbezüglich stel-
lenden Rechtsfragen vornehmen lässt. Ein Abwarten beziehungsweise ein
Einfordern weiterer fachärztlicher Berichte erweist sich – entgegen der ab-
weichenden Einschätzung auf Beschwerdeebene – in der vorliegenden
Konstellation als nicht notwendig, insbesondere die Vollzugsbehörden be-
auftragt sind, den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der kon-
kreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung zu
tragen und die italienischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über
die spezifischen medizinischen Umstände informieren werden (vgl.
Art. 31 f. Dublin-III-VO). Dies hat das SEM in der angefochtenen Verfügung
auch entsprechend angekündigt (S. 7).
7.5 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, dass seine Überstellung nach Italien die Verlet-
zung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge haben wird.
7.6
7.6.1 Bezüglich des Vorliegens von «humanitären Gründen» ist Folgendes
festzuhalten: Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das
SEM bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit
der Kognitionsbeschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar
2014 (Streichung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungs-
gerichts gemäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den
vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht
mehr auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
nunmehr im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
7.6.2 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden. Der Sachverhalt ist, wie erwähnt, hinreichend erstellt, und den
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Seite 11
Akten sind keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über-
respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen.
7.6.3 Das Gericht enthält sich unter diesen Umständen weiterer Äusserun-
gen zur Frage eines Selbsteintritts aus humanitären Gründen.
7.7 Nach dem Gesagten bestand kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. An dieser Stelle bleibt noch-
mals festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein
Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
8.
Die Vorinstanz ist angesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht
nicht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers eingetreten und hat
seine Überstellung nach Italien verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und
Art. 44 AsylG).
9.
Die Beschwerde ist aufgrund des Gesagten abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
10.
10.1 Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen.
Die Anträge auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung und Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses erweisen sich als gegenstandslos.
10.2 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren des Beschwer-
deführers – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als
aussichtlos zu bezeichnen waren, weshalb die Voraussetzungen von
Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind.
10.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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