Decision ID: b00f420b-037b-5b4c-b4da-bb10acbdf88f
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (Beschwerdeführerin), eine kosovarische Staatsangehörige al-
banischer Ethnie, gelangte am 3. April 2017 in die Schweiz, wo sie am glei-
chen Tag um Asyl ersuchte.
B.
Das Staatssekretariat für Migration (SEM, Vorinstanz) befragte sie am
19. April 2017 summarisch (Protokoll in SEM-Akte A9) und hörte sie am
1. Juni 2017 ausführlich zu ihren Asylgründen an (Protokoll in SEM-Akte
A15). Nachdem die Vorinstanz im Juni 2017 eine Botschaftsanfrage bei der
Schweizerischen Botschaft in Pristina durchgeführt hatte, gewährte sie der
Beschwerdeführerin am 24. April 2018 zum Ergebnis der Anfrage das
rechtliche Gehör (Protokoll in SEM-Akte A26). Am 26. Juni 2018 fand zu-
dem eine ergänzende Anhörung der Beschwerdeführerin statt (Protokoll in
SEM-Akte A32).
C.
Mit Verfügung vom 10. Juli 2018 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte ihr Asylge-
such ab. Zudem wies sie sie aus der Schweiz weg, setzte ihr Frist zur Aus-
reise an und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der
Wegweisung.
D.
Am 15. August 2018 reichte die Beschwerdeführerin beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde ein. Sie beantragt, die Verfügung der Vorinstanz
sei aufzuheben, ihre Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen, und es sei
ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei festzustellen, dass der Vollzug der
Wegweisung unzulässig und unzumutbar sei, und es sei die vorläufige Auf-
nahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Beiordnung ihres Rechtsvertreters
als amtlichen Rechtsbeistand. Die Beschwerdeführerin reichte mehrere
Beweismittel ein.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 21. August 2018 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und um unentgeltliche Rechtsvertretung gut und bestellte den im
Rubrum aufgeführten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand.
E-4677/2018
Seite 3
F.
Am 28. August 2018 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein, in
der sie implizit die Abweisung der Beschwerde beantragt.
G.
Am 13. September 2018 reichte die Beschwerdeführerin eine Replik mit
weiteren Beweismitteln ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS
2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG
[in der Fassung vom 1. Januar 2018], Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
E-4677/2018
Seite 4
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Soweit das Ausländerrecht anzuwenden
ist, kann zudem die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AIG
[SR 142.20] i.V.m. Art. 49 VwVG).
3.
Streitig und zu prüfen ist die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführe-
rin und gegebenenfalls die Asylgewährung. Falls kein Asyl zu gewähren ist,
sind im Weiteren die Wegweisung und der Wegweisungsvollzug zu prüfen.
4.
4.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils
m.w.H.). Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind
über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus
so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merk-
male, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers ver-
bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3).
Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichen-
den Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt
der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung auf andau-
ernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation zwischen
Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsu-
chenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2010/9
E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftma-
chung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweis-
E-4677/2018
Seite 5
mass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbrin-
gen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht
von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr
hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht es für
die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar
möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und
überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung
sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die
Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen,
die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüch-
lich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf ge-
fälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3
AsylG).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie sei zuhause von ihrem Va-
ter, einem Kriegsveteranen mit psychischen Problemen, regelmässig ge-
schlagen worden. Ihr Vater habe alle seine Kinder, insgesamt vier Töchter
und drei Brüder, und ihre Mutter, seine Ehefrau, geschlagen. Circa 2014
sei sie nach B._ gegangen um (...) zu studieren. Ihr Vater sei da-
gegen gewesen, (...) (SEM-Akte A15 F46). Ihre Schwester J._, die
verheiratet sei und in B._ lebe, habe sie finanziell unterstützt. Zu-
dem habe sie durch Auftritte als (...) Geld verdient, was ihrem Vater aber
ebenfalls nicht gefallen habe. Sie habe in dieser Zeit in verschiedenen
Wohngemeinschaften in B._ gelebt, sei am Wochenende jedoch oft
nach Hause gegangen. Wenn sie zuhause gewesen sei, habe der Vater
sie weiterhin regelmässig geschlagen.
2016 habe sie für (...) nach C._ gehen wollen. Ihr Vater habe das
aber verboten. Deshalb sei sie mit dem (...) nach D._ geflogen und
nach E._ gereist, um ihre dort wohnende Schwester zu besuchen.
Sie habe in E._ ein Asylgesuch eingereicht. Als ihr aber mitgeteilt
worden sei, C._ sei für ihr Asylgesuch zuständig, habe sie Angst
bekommen, dass ihr Vater sie dort finden könnte. Deshalb sei sie nach Ko-
sovo zurückgekehrt. Als sie Anfang April 2017 gehört habe, dass ihr Vater
sie mit einem älteren Mann verheiraten wolle, sei sie ausgereist. Ihr Vater
habe bereits eine ihrer Schwestern mit einem älteren Mann zwangsverhei-
ratet, deshalb habe sie gewusst, dass er es ernst meine. Auf ihrer Reise in
E-4677/2018
Seite 6
die Schweiz sei sie in C._ von einem Mann, den sie dort getroffen
habe, (...) worden.
Die Beschwerdeführerin reichte einen Arztbericht vom 15. Mai 2018 ein, in
dem bei ihr eine depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige depressive
Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11) und eine posttrauma-
tische Belastungsstörung (F23.1) diagnostiziert werden. In dem Bericht
wird ausgeführt, die Beschwerdeführerin sei in der Schweiz mehrmals in
stationärer Behandlung gewesen, und sie sei seit dem 30. April 2018 in
ambulanter, integrierter psychiatrischer Behandlung.
5.2 Die Vorinstanz führt in der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen
aus, bei den Übergriffen des Vaters der Beschwerdeführerin handle es sich
um Übergriffe Dritter, gegen die die zuständigen Behörden Kosovos in aller
Regel vorgehen würden. Die Beschwerdeführerin habe sich jedoch nie an
die Behörden gewandt. Der Bundesrat habe Kosovo als verfolgungssiche-
ren Staat bezeichnet und ihre Vorbringen seien nicht geeignet, diese Re-
gelvermutung umzustossen. Dem (...) in C._ komme keine Asylre-
levanz zu, da er sich in einem Drittstaat zugetragen habe. Die geltend ge-
machte bevorstehende Zwangsheirat sei nicht glaubhaft gemacht, ebenso
wenig der Umstand, dass die Beschwerdeführerin während ihres Studiums
regelmässig nach Hause zurückgekehrt und von ihrem Vater geschlagen
worden sei.
Bezüglich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führt die Vorinstanz
aus, der Bundesrat habe Kosovo als Staat bezeichnet, in den die Rückkehr
in der Regel zumutbar sei. Es gebe keine individuellen Gründe, die gegen
die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen würden. Der Be-
schwerdeführerin stehe in Kosovo ein familiäres und ein soziales Bezie-
hungsnetz zur Verfügung, auf das sie sich abstützen könne. Insbesondere
ihre Schwester J._ in B._ könne sie unterstützen, ebenso
ihre in F._ und E._ lebenden weiteren Geschwister. Auch
aus medizinischer Sicht stelle ihre Rückkehr keine konkrete Gefährdung
dar, da ihre gesundheitliche Versorgung in Kosovo gesichert sei. Es be-
stehe ein nahezu flächendeckendes psychiatrisches Behandlungssystem,
weshalb ihre depressive Störung und die posttraumatische Belastungsstö-
rung behandelt werden könnte.
E-4677/2018
Seite 7
6.
6.1 Es ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt ihrer Aus-
reise aus Kosovo respektive bei einer heutigen Rückkehr in ihr Heimatland
eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung droht.
6.2
6.2.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie fürchte bei einer Rück-
kehr nach Kosovo von ihrem Vater wieder geschlagen und gegen ihren
Willen verheiratet zu werden.
6.2.2 Es erscheint insgesamt glaubhaft, dass die Beschwerdeführerin wäh-
rend sie bei ihren Eltern in G._, Kosovo, lebte von ihrem Vater re-
gelmässig geschlagen wurde. Diesbezüglich stimmen die Ausführungen
der Beschwerdeführerin (vgl. z.B. SEM-Akte A15 F79 ff.), die Ergebnisse
der Botschaftsabklärung der Vorinstanz und die von der Beschwerdeführe-
rin im Beschwerdeverfahren eingereichte schriftliche Auskunft ihrer in
B._ lebenden Schwester J._ vom 5. September 2018 mitei-
nander überein. Alle deuten sie darauf hin, dass es sich beim Vater der
Beschwerdeführerin um einen zur Gewalt neigenden Mann handelt, der die
Angehörigen seiner Familie unter Kontrolle halten wollte und dabei regel-
mässig gewalttätig wurde. Sogar der Vater selber sagte gemäss der Bot-
schaftsabklärung der Vorinstanz aus, er habe seine Tochter schon geschla-
gen. An dieser Feststellung ändert deshalb auch der Umstand nichts, dass
die Ausführungen der Beschwerdeführerin zu einzelnen Vorfällen nicht
sehr detailliert ausgefallen sind. Ebenso erscheint glaubhaft, dass der Va-
ter der Beschwerdeführerin gegen die Aufnahme eines (...)studiums durch
die Beschwerdeführerin war und insbesondere keine Freude daran hatte,
dass die Beschwerdeführerin (...) auftrat.
Differenziert zu beurteilen ist demgegenüber die Frage, ob der Vater für die
Beschwerdeführerin auch bei einer Rückkehr nach Kosovo eine Bedro-
hung darstellen würde. Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie sei auch
während der Zeit, als sie in B._ gewohnt und studiert habe, von
ihrem Vater regelmässig geschlagen worden. Sie macht dabei jedoch nicht
geltend, ihr Vater sei nach B._ gekommen, sondern, er habe sie
jeweils geschlagen, wenn sie nach Hause gekommen sei – die Beschwer-
deführerin ging nach eigenen Angaben jeweils über das Wochenende nach
Hause, insbesondere um ihre Mutter zu besuchen. Der Vater äusserte im
Rahmen der von der Vorinstanz durchgeführten Botschaftsabklärung zwar
die Drohung, er könne die Beschwerdeführerin auch Mitten in B._
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Seite 8
umbringen. Es ist jedoch festzustellen, dass keine Hinweise dafür vorlie-
gen, dass der Vater tatsächlich die Absicht oder die Möglichkeit hätte, der
Beschwerdeführerin auch in B._ gefährlich zu werden. So macht
die Beschwerdeführerin nicht geltend, ihr Vater sei während des Studiums
je ihretwegen nach B._ gekommen oder habe anderweitig versucht,
sie dort ausfindig zu machen. Es bestehen auch keine Hinweise darauf,
dass der Vater in B._ über ein persönliches, insbesondere familiä-
res, Netzwerk verfügen würde, mit dessen Hilfe er die Beschwerdeführerin
in B._ verfolgen könnte. Insgesamt ist damit nicht davon auszuge-
hen, dass die Beschwerdeführerin in B._ einer flüchtlingsrechtlich
relevanten Verfolgung durch ihren Vater ausgesetzt wäre. Unter diesen
Umständen sollte es der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Ko-
sovo möglich sein, sich der Autorität und der Gewalt ihres Vaters zu ent-
ziehen.
6.2.3 Auch dass der Vater der Beschwerdeführerin plante, sie mit einem ihr
unbekannten, älteren Mann zu verheiraten, erscheint aufgrund der gesam-
ten Umstände nicht per se unglaubhaft. So hat der Vater gemäss den dies-
bezüglich grundsätzlich glaubhaften Aussagen der Beschwerdeführerin
bereits eine ihrer Schwestern ohne deren Zustimmung verheiratet
(SEM-Akten A9 Ziff. 7.01 und A15 F58) und die Schwester J._
konnte sich – auch gemäss ihrer eigenen Aussage in ihrem Schreiben vom
5. September 2018 – einer Verheiratung durch ihren Vater nur mit Glück
entziehen (SEM-Akte A15 F78).
Weniger klar ist hingegen, wie weit fortgeschritten und wie konkret die
Pläne des Vaters zur Verheiratung der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt
ihrer Ausreise waren und im Weiteren heute sind. Die Beschwerdeführerin
macht zwar geltend, sie sei aus Kosovo ausgereist, nachdem sie erfahren
habe, dass ihr Vater sie mit einem ihr unbekannten Mann verheiraten
wollte. Sie sagt allerdings auch, sie habe dies erfahren, als sie ein Ge-
spräch zwischen ihrer Mutter und dem Vater belauscht habe. Um wen es
sich handle, wisse sie nicht (SEM-Akte A15 F61 ff.). Diese Ausführungen
lassen – selbst unter der Annahme ihrer Glaubhaftigkeit – eher nicht auf
konkrete Pläne des Vaters schliessen, insbesondere da der Vater die Be-
schwerdeführerin (noch) nicht über seine Entscheidung informiert hatte. Es
liegen zudem keine Hinweise dafür vor, dass der Vater seine Pläne zur
Verheiratung der Beschwerdeführerin seit deren Ausreise vorangetrieben
hätte. Die Beschwerdeführerin macht nicht geltend, seither sei diesbezüg-
lich irgendetwas geschehen.
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Seite 9
Es erscheint damit zwar insgesamt möglich, dass der Vater die Beschwer-
deführerin ohne ihre Zustimmung mit einem Mann seiner Wahl verheiraten
wollte, es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass die Verheiratung der
Beschwerdeführerin bei ihrer Ausreise unmittelbar bevorstand respektive
bei einer Rückkehr unmittelbar bevorstehen würde. Unter diesen Umstän-
den sollte es der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in den Kosovo
möglich sein, sich auch bezüglich einer Heirat der Autorität des Vaters zu
entziehen. Sie ist mittlerweile (...) Jahre alt und kann auf die Unterstützung
ihrer Schwester J._ in B._ zählen. Wiederum ist auch unter
diesem Aspekt darauf hinzuweisen, dass keine Hinweise dafür vorliegen,
dass der Vater der Beschwerdeführerin die konkrete Absicht oder die Mög-
lichkeit hat, ihr in B._ gefährlich zu werden, zumal sie auf die Un-
terstützung zumindest eines Teils ihrer Familie zählen kann.
6.3 Die Beschwerdeführerin macht schliesslich geltend, sie sei bei einer
Rückkehr nach Kosovo aufgrund der in (...) gesellschaftlich stigmatisiert
und deshalb einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung ausgesetzt.
Zwar ist nicht von der Hand zu weisen, dass die kosovarische Gesellschaft
auch heute noch stark patriarchal geprägt ist. (...) auf weibliche Familien-
mitglieder werden teilweise als Beschmutzung der Ehre der männlichen
Familienangehörigen angesehen und deren Opfer sind potentiell sozialer
Isolation und Verstossung durch ihre Familie ausgesetzt. Vorliegend ist je-
doch festzuhalten, dass die (...) nicht in Kosovo geschah und gemäss Aus-
sagen der Beschwerdeführerin ihren Familienmitgliedern und insbeson-
dere dem Vater nicht bekannt ist (SEM-Akte A15 F132). Da die Beschwer-
deführerin zudem grundsätzlich das Vertrauen ihrer Mutter und ihrer
Schwester J._ besitzt, ist sogar davon auszugehen, dass sie, selbst
wenn sie ihnen von der (...) erzählen würde, diese vor dem Vater geheim
halten könnte. Zudem ist wiederum darauf hinzuweisen, dass die Be-
schwerdeführerin sich in B._ der Autorität ihres Vaters entziehen
kann. Unter diesen Umständen muss nicht angenommen werden, dass die
Beschwerdeführerin aufgrund der in C._ erlittenen (...) bei einer
Rückkehr nach Kosovo eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung zu
befürchten hätte.
6.4 Insgesamt ist damit davon auszugehen ist, dass die Beschwerdeführe-
rin sich innerhalb ihres Heimatlandes der Gewalt und der Autorität ihres
Vaters entziehen kann, insbesondere indem sie sich nach ihrer Rückkehr
in B._ niederlässt. Entsprechend muss nicht geprüft werden, ob die
vom Bundesrat aufgestellte Regelvermutung, dass im Kosovo Sicherheit
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Seite 10
vor Verfolgung besteht (Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG i.V.m. Anhang 2 Asyl-
verordnung 1 über Verfahrensfragen vom 11. August 1999, SR 142.311
AsylV 1) im vorliegenden Einzelfall aufrechterhalten werden kann. Da der
Beschwerdeführerin damit entgegengehalten wird, sie könne sich in ihrem
Heimatland an einem anderen Ort aufhalten, an dem sie keine flüchtlings-
rechtlich relevante Gefährdung zu befürchten hat, ist zu prüfen, ob es ihr
auch zumutbar ist, sich dort niederzulassen (vgl. Urteil des BVGer
E-8222/2010 vom 20. August 2012 E. 5.6).
6.5
6.5.1 Die Beschwerdeführerin ist heute (...) Jahre alt. Sie lebte bereits zwi-
schen (...) während eineinhalb Jahren in B._, wo sie (...) studierte.
Sie wohnte in dieser Zeit in verschiedenen Wohngemeinschaften und ver-
diente sich ihren Unterhalt durch Auftritte (...) (SEM-Akte A15 F38). In
B._ wohnt auch ihre Schwester J._, die sie während ihres
Studiums – unter anderem finanziell – unterstützte und zu der sie nach wie
vor eine enge Beziehung hat (SEM-Akte A15 F29).
Es ist aufgrund der genannten Umstände davon auszugehen, dass es der
Beschwerdeführerin grundsätzlich zumutbar ist, sich nach ihrer Rückkehr
nach Kosovo (wieder) in B._ niederzulassen. Dies insbesondere
deshalb, weil davon auszugehen ist, dass ihre Schwester J._ sie
unterstützen kann und wird. A. hat sich offensichtlich von ihrem Vater
emanzipiert und hat ein enges Verhältnis zu ihrer Schwester. Sie kann die
Beschwerdeführerin, soweit notwendig, finanziell und bei der Suche einer
Wohnung und nach Arbeit unterstützen. Sollte es nötig sein, ist auch davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin zumindest eine Zeitlang bei A.
wohnen könnte. Da es der Beschwerdeführerin bereits früher möglich war,
ihren Unterhalt selber zu verdienen, sollte ihr dies auch bei einer Rückkehr
zumindest mittelfristig wieder möglich sein, zumal sie nicht nur die obliga-
torische Primarschule, sondern auch eine vierjährige Mittelschule abge-
schlossen hat und ein Studium zumindest aufgenommen hatte. Zudem hat
die Beschwerdeführerin (...) Geschwister mit geregeltem Aufenthalt in
F._, E._ und H._ (SEM-Akte A9 Ziff. 3.03), die sie fi-
nanziell, soweit notwendig, ebenfalls unterstützen können.
6.5.2 Zu prüfen bleibt, ob die gesundheitliche Situation der Beschwerde-
führerin ihre Rückkehr nach Kosovo und ihre Niederlassung in B._
unzumutbar erscheinen lässt.
E-4677/2018
Seite 11
Aus medizinischen Gründen kann nur dann auf Unzumutbarkeit geschlos-
sen werden, wenn eine notwendige Behandlung im Heimatland nicht zur
Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährden-
den Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person
führen würde. Dabei wird diejenige allgemeine und dringende medizinische
Behandlung als relevant erachtet, die zur Gewährleistung einer menschen-
würdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls
nicht bereits dann vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat nicht eine dem
hohen schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behand-
lung möglich ist (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2).
Im neusten von der Beschwerdeführerin eingereichten Arztbericht der be-
handelnden Psychiaterin vom 15. Mai 2018 diagnostiziert diese bei der Be-
schwerdeführerin eine depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige de-
pressive Episode mit somatischem Syndrom (F32.11) sowie eine posttrau-
matische Belastungsstörung (F43.1). Im Bericht führt die Psychiaterin aus,
die Beschwerdeführerin sei seit ihrer Einreise in die Schweiz mehrmals in
stationärer Behandlung gewesen. Seit Ende April 2018 sei sie in integrier-
ter psychiatrischer Behandlung mit wöchentlichen psychotherapeutischen
Gesprächen und Psychoedukation, Erlernen von Copingstrategien im Um-
gang mit Stress und Bewegungstherapie. Diese Behandlung sei bis auf
weiteres notwendig und angemessen; bei Bedarf sei im Falle einer Krise
mit Selbstgefährdung eine stationäre Behandlung notwendig. Ohne Fort-
führung dieser Behandlung könne es zu einer Dekompensation des labilen
psychischen Gesundheitszustandes kommen; mit dieser Behandlung
könne die Prognose als günstig eingeschätzt werden, wenn die Behand-
lung in dem bisherigen geschaffenen und beschützenden Umfeld fortge-
führt werden könne. Gegen eine psychiatrische Behandlung im Herkunfts-
land spreche eine mögliche Reaktivierung der traumatischen Erlebnisse
und soziale Isolation. Einem weiteren Arztbericht vom 20. April 2017 ist zu-
dem zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin vom (...) aufgrund einer
akuten Belastungsreaktion (F43.0) mit suizidaler Dekompensation mit To-
deswünschen und selbstverletzendem (parasuizidalem) Verhalten in der
Psychiatrischen Klinik I._ hospitalisiert war. Im Bericht wird ausge-
führt, während der Krisenintervention habe sich die Beschwerdeführerin
zunehmend von akuter Suizidalität distanzieren können.
Obwohl das kosovarische Gesundheitssystem nicht denselben Standard
wie dasjenige der Schweiz aufweist, ist die medizinische Grundversorgung
in Kosovo grundsätzlich gewährleistet. Es ist in drei Ebenen organisiert:
E-4677/2018
Seite 12
Die grundlegende Primärversorgung wird von sogenannten Familien-Ge-
sundheitszentren in mehr als 30 Städten in ganz Kosovo durchgeführt, die
sekundäre Gesundheitsversorgung wird von sechs regionalen Kranken-
häusern in den wichtigsten Städten angeboten und die tertiäre Gesund-
heitsversorgung wird von der Universitätsklinik in Pristina sichergestellt.
Bestimmte Personengruppen (unter anderem Kinder bis 15 Jahre, Schüler
und Studentinnen sowie Personen über 65 Jahre) erhalten eine kostenlose
Gesundheitsversorgung, eine staatliche Krankenversicherung gibt es hin-
gegen nicht (vgl. Urteil des BVGer D-2958/2018 vom 12. November 2018
E. 8.4.2 m.w.H.). Auch die psychiatrische Versorgung ist dreistufig organi-
siert: Die Primärversorgung der Familien-Gesundheitszentren umfasst
auch eine gewisse psychiatrische Versorgung. Die psychiatrische Sekun-
därversorgung besteht insbesondere aus den regionalen Krankenhäusern.
Hinzu kommen sieben sogenannte «Mental Health Centers», die ebenfalls
eine niederschwellige psychiatrische Versorgung anbieten. Die Tertiärver-
sorgung wird schliesslich wiederum durch die Universitätsklinik in Pristina
sichergestellt. Das Hauptproblem der psychiatrischen Versorgung ist der
Mangel an ausgebildeten Spezialisten, insbesondere Psychiatern und
Psychologen, eigentliche Psychotherapien finden deshalb nur sehr einge-
schränkt statt (Kosovo Women’s Network, Acceess to Healthcare in Ko-
sovo, 2016, S. 18, <https://womensnetwork.org/wp-content/uplo-
ads/2018/10/20170206150329798.pdf> und Staatssekretariat für Migra-
tion SEM, Focus Kosovo, Behandlungsangebote bei psychischen Erkran-
kungen, 25. Oktober 2016, S. 16 ff., <https://www.sem.ad-
min.ch/dam/data/sem/internationales/herkunftslaender/europa-
gus/kos/KOS-behandlung-psych-d.pdf>, beide abgerufen am 27.05.2020).
Da die Beschwerdeführerin im Beschwerdeverfahren keine neueren Arzt-
berichte eingereicht hat, darf davon ausgegangen werden, dass sich ihre
psychische Situation seit dem Datum des letzten vorliegenden Arztberich-
tes (vom 15. Mai 2018) zumindest nicht verschlechtert hat. Es ist entspre-
chend davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin unter einer de-
pressiven Störung und einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.
Es ist dem Bericht jedoch nicht zu entnehmen, dass die Beschwerdeführe-
rin in ihrem Verhalten stark beeinträchtigt oder nicht in der Lage wäre, sich
im Alltag zurechtzufinden. Eine Suizidalität scheint gemäss dem letzten
Arztbericht vom 15. Mai 2018 nicht (mehr) vorzuliegen, selbst die Prognose
ohne Behandlung der behandelnden Psychiaterin geht nicht von einer Su-
izidgefahr aus. Zudem scheint die Beschwerdeführerin seither nicht mehr
stationär behandelt worden zu sein.
E-4677/2018
Seite 13
Damit ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in B._
zumindest Zugang zu einer elementaren psychiatrischen Versorgung – so-
weit sie nach drei Jahren in der Schweiz weiterhin auf eine solche ange-
wiesen ist – haben wird und in der Universitätsklinik im Falle einer akuten
Krise auch ein stationärer Aufenthalt möglich wäre, zumal die Beschwer-
deführerin gemäss ihren eigenen Aussagen bereits einmal bei einem «An-
fall» in eine psychiatrische Klinik eingeliefert und anschliessend ambulant
versorgt wurde und Medikamente bekam (SEM-Akte A15 F118 ff.). Auf-
grund der möglichen finanziellen Unterstützung durch ihre Schwester
J._ und ihre Geschwister in F._, E._ und H._
sollte ihr auch aus finanzieller Sicht der Zugang zu einer angemessenen
psychiatrischen Versorgung möglich sein. Damit muss die Beschwerdefüh-
rerin bei einer Rückkehr in ihr Heimatland angesichts der dort bestehenden
medizinischen Strukturen keine drastische und lebensbedrohende Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustandes befürchten.
6.5.3 Nach dem Gesagten ist es der Beschwerdeführerin zumutbar, sich
im Sinne einer internen Fluchtalternative bei einer Rückkehr nach Kosovo
in B._ niederzulassen.
6.6 Auf die weiteren, von der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
vorgebrachten Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschwer-
deführerin muss damit nicht weiter eingegangen werden. Der rechtserheb-
liche Sachverhalt ist insofern richtig und vollständig festgestellt.
6.7 Entsprechend erfüllt die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigen-
schaft nicht und ihre Beschwerde ist bezüglich Flüchtlingseigenschaft und
Asylgewährung abzuweisen.
7.
Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie darauf nicht ein, so
verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; sie berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie.
Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Auf-
enthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen.
Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, jeweils m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach
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den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der
Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind al-
ternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in
der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu
regeln (BVGE 2009/51 E. 5.4).
8.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft: Sie sind zu beweisen, wenn
der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu ma-
chen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.4 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein
Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr
läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (flüchtlings-
rechtliches Refoulementverbot; Art. 33 Abs. 1 FK und Art. 5 Abs. 1 AsylG).
Zudem darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden (menschenrechtliches Refou-
lementverbot; Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 EMRK und Art. 3 des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]).
Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschen-
rechte (EGMR) und des UN-Anti-Folterausschusses liegt eine Verletzung
des menschenrechtlichen Refoulementverbots vor, wenn die Beschwerde-
führenden eine konkrete Gefahr ("real risk") dafür nachweisen oder glaub-
haft machen können, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter oder
unmenschliche Behandlung droht (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Ita-
lien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.).
Der Beschwerdeführerin ist es nicht gelungen, eine flüchtlingsrechtlich re-
levante Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, weshalb
das flüchtlingsrechtliche Refoulementverbot vorliegend keine Anwendung
findet. Da sich die Beschwerdeführerin zudem nach einer Rückkehr in ihr
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Heimatland der Autorität und der Gewalt ihres Vaters nötigenfalls durch
eine Niederlassung in B._ entziehen kann, ist sie dort auch nicht
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt. Auch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Kosovo lässt den Wegweisungsvollzug zum heuti-
gen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Entsprechend ist der Voll-
zug der Wegweisung sowohl im Sinne der flüchtlingsrechtlichen als auch
der menschenrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.5 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
In Kosovo besteht keine Situation allgemeiner Gewalt, die sich über das
ganze Staatsgebiet oder weite Teile davon erstrecken würde, und nament-
lich keine gänzlich unsichere, von bewaffneten Konflikten oder permanent
drohenden Unruhen dominierte Lage, aufgrund derer die Beschwerdefüh-
rerin bei einer Rückkehr unvermeidlich einer konkreten Gefährdung aus-
gesetzt wäre. Nach dem oben Ausgeführten (E. 6.5) ist nicht anzunehmen,
die Beschwerdeführerin gerate nach ihrer Rückkehr nach Kosovo und der
Niederlassung in B._ aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, so-
zialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedrohende Situation,
die den Vollzug der Wegweisung als unzumutbar erscheinen liesse.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.6 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Die Verfahrenskosten sind in der Regel der unterliegenden Partei auf-
zuerlegen. Da der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung ge-
währt worden ist, sind keine Kosten zu erheben (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
10.2 Dem vom Gericht bestellten unentgeltlichen Rechtsbeistand der Be-
schwerdeführerin ist eine Entschädigung zu Lasten des Gerichts auszu-
richten (Art. 65 Abs. 5 VwVG und Art. 12 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2] i.V.m. Art. 8 ff VGKE). Der Rechtsbeistand
reichte am 13. September 2018 eine Kostennote in der Höhe von
Fr. 2'131.45 (10,35 Stunden à Fr. 200.–, Fr. 61.45 Auslagen) ein. Dies er-
scheint angemessen. Das amtliche Honorar ist deshalb auf Fr. 2'131.45
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen. Die Parteient-
schädigung umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9
Abs. 1 Bst. c VGKE.
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