Decision ID: c2896aea-f70a-5dd9-8e11-10862178a0f9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-
staat im (...) und suchte am (...) Mai 2021 in der Schweiz um Asyl nach.
Abklärungen des SEM ergaben, dass er am (...) April 2021 in Österreich
ein Asylgesuch eingereicht hatte, in diesem Zusammenhang daktylosko-
pisch erfasst und mit dem Geburtsdatum (...) registriert worden war. Auf
dem Personalienblatt in der Schweiz wurde ebenfalls das Geburtsdatum
(...) eingetragen, weshalb er in der Folge als unbegleiteter minderjähriger
Asylsuchender (UMA) registriert und eine Erstbefragung UMA veranlasst
wurde.
B.
Anlässlich der Erstbefragung UMA vom 31. Mai 2021 reichte er eine Kopie
seiner Tazkira zu den Akten, gemäss welcher er am (...) Tag des (...) Mo-
nats (...) nach afghanischem Kalender (nach gregorianischem Kalender:
[...]) zwölf Jahre alt gewesen sei. Gleichzeitig wurde dem
Beschwerdeführer mitgeteilt, dass aufgrund seines äusseren Erschei-
nungsbilds sowie seiner unsubstantiierten Angaben insbesondere zum Al-
ter seiner Familienangehörigen Zweifel an seiner Minderjährigkeit beste-
hen würden. Ihm wurde das rechtliche Gehör zur Durchführung einer me-
dizinischen Altersabklärung gewährt. Er gab zu Protokoll, dass dies kein
Problem für ihn darstelle.
C.
Ein vom SEM am 2. Juni 2021 in Auftrag gegebenes rechtsmedizinisches
Gutachten des (...) vom 9. Juni 2021 ergab, dass sich beim Beschwerde-
führer ein durchschnittliches Lebensalter von 18 bis 29 Jahren ergeben
habe. In Zusammenschau aller Untersuchungsbefunde habe er das
21. Lebensjahr sicher vollendet. Das vom Beschwerdeführer angegebene
Alter von 16 Jahren und (...) Monaten sei mit den erhobenen Befunden
nicht zu vereinbaren.
D.
Mit Schreiben vom 14. Juni 2021 wurde dem Beschwerdeführer das recht-
liche Gehör zum Altersgutachten, zur beabsichtigen Anpassung seiner Da-
ten im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) sowie zu einem
allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung
nach Österreich gewährt, welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
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für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung
seines Asylgesuchs zuständig sei. Gleichentags legte der Beschwerdefüh-
rer seinen Impfausweis sowie eine Bestätigung des Versands seiner
Tazkira im Original zu den Akten.
E.
Mit Stellungnahme vom 23. Juni 2021 (nach gewährter Fristerstreckung)
machte der Beschwerdeführer geltend, das Altersgutachten vom 9. Juni
2021 sei unter rechtswidrigen Umständen zustande gekommen und sei
deshalb nicht verwertbar. Die Vorinstanz habe während der Erstbefragung
UMA nicht begründen können, welche Hinweise gemäss Art. 17 Abs. 3bis
AsylG sie dazu veranlasst hätten, ein Altersgutachten in Auftrag zu geben.
Bei der Rechtsvertretung sei der Eindruck entstanden, dass lediglich die
subjektive Einschätzung aufgrund des äusseren Erscheinungsbilds als Kri-
terium herangezogen worden sei. Das Erscheinungsbild stelle jedoch kei-
nen hinreichend begründeten Hinweis dar, der einen Grundrechtseingriff
wie eine medizinische Alterseinschätzung rechtfertigen würde. Diesbezüg-
lich sei auch darauf hinzuweisen, dass gemäss dem Altersgutachten die
Körpergrösse und das Gewicht des Beschwerdeführers einem Jugendli-
chen von 13 bis 14 Jahren beziehungsweise 15 bis 16 Jahren entspreche.
In Österreich habe er lediglich sein Alter angegeben, nicht sein Geburtsda-
tum. Sodann sei das Vorgehen beim Ausfüllen des Personalienblatts nicht
nachvollziehbar dokumentiert. Gemäss den Angaben des Beschwerdefüh-
rers sei dies nicht von ihm selbst, sondern von einer anderen Person aus-
gefüllt und nicht rückübersetzt worden. Es sei nicht statthaft, die Tazkira
pauschal als gefälscht zu deklarieren. Sie stelle vielmehr ein Indiz für seine
Minderjährigkeit dar. Das medizinische Altersgutachten stelle sodann –
selbst wenn es verwertbar wäre – nur ein schwaches Indiz für die Volljäh-
rigkeit dar. Das (...) ziehe für die Bestimmung des Mindestalters immer das
höchste Mindestalter – in casu 21 Jahre – heran. Diese Methode sei um-
stritten und stosse auch auf Unverständnis in der medizinischen Fachwelt.
Ausserdem gebe es keine Vergleichsstudie für junge afghanische Männer
und es sei nirgends erwähnt, mit welcher Bevölkerungsgruppe der Be-
schwerdeführer verglichen worden sei. Sodann stütze sich das Gutachten
auf veraltete Literatur, weshalb das Alter des Beschwerdeführers basierend
auf eine teilweise über 60 Jahre alte Sachlage eingeschätzt worden sei.
F.
Am 30. Juni 2021 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden um
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(...)übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dub-
lin-III-VO. Diesem Gesuch wurde am 6. Juli 2021 entsprochen.
G.
Mit Eingabe vom 12. Juli 2021 beantragte der Beschwerdeführer erneut die
Zustellung einer Verfügung betreffend die Anpassung seiner Daten im
ZEMIS.
H.
Am 13. Juli 2021 trafen beim SEM die Originale der Tazkira sowie des Impf-
ausweises des Beschwerdeführers ein, welche durch die Eidgenössische
Zollverwaltung sichergestellt worden waren.
I.
Mit Verfügung vom 13. September 2021 (eröffnet am 15. September 2021)
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen
Wegweisung aus der Schweiz nach Österreich an und forderte ihn auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig stellte es fest, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS auf (...) laute und
einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende
Wirkung zukomme.
In Bezug auf die geltend gemachte Minderjährigkeit des Beschwerdefüh-
rers hielt es zusammengefasst fest, dass das vorliegende Altersgutachten
ein starkes Indiz für die Volljährigkeit darstelle. Sowohl der ins Recht ge-
legten Tazkira als auch dem eingereichten Impfausweis komme nur eine
geringe Beweiskraft zu, zumal Letzterer weder eine Fotografie noch ein
Ausstellungsdatum enthalte und auch nicht als rechtsgenüglicher Identi-
tätsnachweis gelten könne. Ferner sei nicht nachvollziehbar, warum in der
Tazkira erwähnt sei, dass sein Alter aufgrund seines Aussehens auf zwölf
Jahre bestimmt worden sei, obwohl sein Vater seinen Angaben zufolge
sein exaktes Geburtsjahr gekannt habe. Im Impfausweis sei zudem ein ge-
naues Geburtsdatum eingetragen, welches der Beschwerdeführer aber nie
angegeben habe. Mithin sei von seiner Volljährigkeit auszugehen. Weiter-
gehend (insb. auch betreffend die Erwägungen des SEM zur Zuständigkeit
Österreichs und einer Überstellung dorthin) wird auf die angefochtene Ver-
fügung verwiesen.
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J.
Mit Beschwerde vom 22. September 2021 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 13. September
2021 sei aufzuheben und die Sache sei zur vollständigen und richtigen
Sachverhaltsfeststellung sowie zur rechtsgenüglichen Begründung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die vorinstanzliche Verfügung
aufzuheben und das SEM anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten
und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen. In pro-
zessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der aufschiebenden Wir-
kung sowie der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses. Im Sinne einer superprovisorischen vor-
sorglichen Massnahme seien die Vollzugsbehörden anzuweisen, von einer
Überstellung des Beschwerdeführers nach Österreich abzusehen, bis das
Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung
entschieden habe.
Der Beschwerde legte er die Stellungnahme zum rechtlichen Gehör vom
23. Juni 2021 inklusive Beilage (Artikel aus dem Tagesspiegel "Das kaum
geprüfte Orakel um das Alter" vom 5. Januar 2018), das Antwortschreiben
des SEM zur Stellungnahme vom 25. Juni 2021, den Antrag der Rechtver-
tretung vom 12. Juli 2021, das Schreiben der Rechtsvertretung vom
14. Juni 2021, den Antrag der Rechtsvertretung vom 23. Juli 2021 inklusive
Beilage (Schreiben der Eidgenössischen Zollverwaltung vom 7. Juli 2021),
das Schreiben des SEM vom 30. Juli 2021, einen Arztbericht vom 15. Sep-
tember 2021, Verlaufsblätter der Pflege sowie eine E-Mail der Rechtsver-
tretung an das Pflegeteam vom 22. September 2021 bei.
K.
Am 23. September 2021 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der
Überstellung per sofort einstweilen aus. Gleichentags lagen dem Bundes-
verwaltungsgericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor
(vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
L.
Mit Eingabe vom 29. September 2021 reichte der Beschwerdeführer er-
neut die E-Mail der Rechtsvertretung an das Pflegeteam vom 22. Septem-
ber 2021, dessen gleichentags erfolgte Antwort sowie ein Medikationsplan
vom 22. September 2021 zu den Akten. Er erwähnte, dass die Information
der Rechtsvertretung über die gesundheitlichen Beschwerden nicht an den
behandelnden Arzt weitergeleitet worden seien und beim Termin kein Dol-
metscher anwesend gewesen sei. Aufgrund der Verständigungsprobleme
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habe der medizinische Sachverhalt bezüglich des psychischen Gesund-
heitszustands nicht ausreichend und korrekt abgeklärt werden können. Es
beständen konkrete Hinweise darauf, dass er ernsthafte psychologische
Leiden habe, die eine enge Behandlung und Betreuung benötigten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
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2.3 Die vorliegende Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichtein-
tretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG betreffend das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers (Ziffer 1 des Dispositivs der angefochte-
nen Verfügung) als auch gegen die ZEMIS-Eintragung betreffend dessen
Geburtsdatum (Ziffer 6 des Verfügungsdispositivs). Über das Begehren auf
Änderung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums ist nicht im vorliegen-
den Dublin-Verfahren zu entscheiden, weshalb im Nachgang ein separates
Verfahren unter der Geschäfts-Nr. E-4280/2021 bezüglich der beantragten
Datenänderung zu führen ist (vgl. auch Urteil des BVGer D-3041/2021 vom
7. Juli 2021 E. 2). Eine Koordination erfolgt insofern, als in beiden Verfah-
ren derselbe Spruchkörper eingesetzt ist.
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO).
3.4 Gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO ist im Falle eines unbegleiteten
Minderjährigen ohne familiäre Anknüpfungspunkte (zu einem anderen
Mitgliedstaat) der Staat zuständig, in welchem er seinen Antrag gestellt hat.
Diese Bestimmung würde eine vorrangige Zuständigkeit der Schweiz be-
gründen (Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO), da nach der genannten Bestimmung
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Seite 8
von Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO unbegleitete Minderjährige von Wiederauf-
nahmeverfahren ausgenommen sind (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskom-
mentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018, N. 33 zu
Artikel 8).
3.5 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am (...) April 2021 in Österreich ein
Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die österreichi-
schen Behörden am 30. Juni 2021 um Wiederaufnahme des Beschwerde-
führers. Die österreichischen Behörden stimmten diesem Gesuch am
6. Juli 2021 zu.
4.
Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Österreich ein Asylgesuch einge-
reicht zu haben, auch wenn er dies nicht beabsichtigt habe. Er macht aber
geltend, aufgrund der von ihm glaubhaft gemachten Minderjährigkeit sei
gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO von der Zuständigkeit der schwei-
zerischen Asylbehörden für sein Asylgesuch auszugehen. Konkret bemän-
gelt der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang, die Vorinstanz habe
den Sachverhalt unvollständig und unrichtig festgestellt sowie seinen An-
spruch auf rechtliches Gehör verletzt. Mit Verweis auf seine im vorinstanz-
lichen Verfahren eingereichte Stellungnahme vom 23. Juli 2021 rügt er, die
Einschätzung des Alters sei nicht rechtskonform erfolgt. Das erstellte Al-
tersgutachten stelle nur ein schwaches Indiz für seine Volljährigkeit dar, da
medizinische Alterseinschätzungen keine vollständig zuverlässigen Resul-
tate des chronologischen Alters der untersuchten Person ergäben. Die ein-
gereichte Tazkira und der Impfausweis seien hingegen Indizien dafür, dass
das von ihm angegebene Geburtsjahr richtig sei. Auch seine Aussagen an-
lässlich der Erstbefragung UMA sprächen für seine Minderjährigkeit.
4.1 Die Beweislast für die behauptete Minderjährigkeit trägt grundsätzlich
die asylsuchende Person (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3 und E. 4.2.3). Im Rah-
men einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte,
die für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben spre-
chen, vorzunehmen. Wesentlich sind dabei für echt befundene Identitäts-
papiere oder eigene Angaben der betroffenen Person (vgl. Urteil des
BVGer E-4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1, mit Hinweis auf Ent-
scheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Asylrekurskommission
[EMARK] 2004 Nr. 30). Bei Fehlen rechtsgenüglicher Identitätsausweise
kann im Rahmen der Feststellung des Sachverhalts mit Unterstützung wis-
senschaftlicher Methoden – beispielsweise Knochenaltersanalysen
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Seite 9
(Art. 17 Abs. 3bis AsylG) – abgeklärt werden, ob die Altersangabe der asyl-
suchenden Person dem tatsächlichen Alter entspricht (Art. 7 Abs. 1
AsylV 1). Das Resultat des Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der
Beurteilung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Min-
derjährigkeit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.).
4.2 Das Gericht wertet sämtliche Beweise frei, darunter auch das Alters-
gutachten, das unter anderem für den Entscheid der Vorinstanz wesentlich
war (Grundsatz der freien Beweiswürdigung; vgl. Art. 40 des Bundesgeset-
zes über den Bundeszivilprozess vom 4. Dezember 1947 [BZP, SR 273]
i.V.m. Art. 19 VwVG; Urteil des BGer 1C_264/2018 vom 5. Oktober 2018
E. 3.3). Nach der Rechtsprechung überprüft das Gericht ärztliche Berichte
und Gutachten mit Blick auf ihren Beweiswert dahingehend, ob sie als
schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet, lückenfrei sowie in sich
widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen die Zuverlässigkeit der be-
gutachtenden Person bestehen (einlässlich dazu: BGE 125 V 351
E. 3b/aa; siehe ferner ANJA MARTINA BINDER, Expertenwissen und Verfah-
rensgarantien, 2016, S. 69 ff., S. 199 ff., insb. S. 200 m.w.H.). Dies gilt es
im Folgenden näher zu prüfen.
Vorliegend nahm (...), welches nach den Vorgaben der Schweizerische Ak-
kreditierungsstelle (SAS) im Bereich der forensischen Medizin zertifiziert
ist, die medizinischen Altersabklärungen vor. Die Gutachter und Gutachte-
rinnen sind auch von der Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiag-
nostik der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (AGFAD) zertifiziert.
Es liegen somit keine Anzeichen vor, die Anlass zu Zweifeln an der Fach-
kompetenz der Gutachter und Gutachterinnen geben. Wie im Nachfolgen-
den aufgezeigt wird, ist das Gutachten sodann nachvollziehbar begründet,
lückenfrei und in sich schlüssig (vgl. E. 4.3 f.).
4.3 Laut Gutachten entspricht der radiologische Befund der Hand nach
THIEMANN, NITZ und SCHMELING einem mittleren skelettalen Alter von 18
Jahren und nach GREULICH und PYLE einem mittleren skelettalen Alter von
19 Jahren. Die Wachstumsfugen der inneren Schlüsselbeinanteile entsprä-
chen einem durchschnittlichen Alter von 29 Jahren (zwischen 24.6 und
34.8 Jahren) sowie einem Mindestalter von 21.6 Jahren. Bei den Zähnen
konnte ein vollständiger Abschluss des Wurzelwachstums festgestellt wer-
den, was einem Durchschnittsalter von 22 Jahren (zwischen 20.6 und 24.6
Jahren) entspreche. Betreffend Weisheitszähne konnte das Mineralisati-
onsstadium „H“ festgestellt werden, was auf ein Mindestalter von – je nach
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Geschlecht und Herkunft – 17 bis 17.4 Jahren schliessen lasse. Zusam-
menfassend kommen die Gutachter zum Schluss, dass es aus rechtsme-
dizinischer Sicht keine Hinweise auf eine relevante Entwicklungsstörung
gebe und anhand der erhobenen Befunde der Beschwerdeführer im Zeit-
punkt der Untersuchung am 3. Juni 2021 das 21. Lebensjahr sicher vollen-
det habe. Das von ihm angegebene Geburtsdatum von 16 Jahren und (...)
Monaten könne somit aufgrund der Ergebnisse nicht zutreffen (vgl. SEM-
Akten [...]-18/8).
4.4 Gemäss BVGE 2018 VI/3 sind von den in der Schweiz angewandten
Methoden der medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein- res-
pektive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht je-
doch die Handknochenaltersanalyse und die ärztliche körperliche Untersu-
chung) zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Per-
son geeignet. Relevant für die Beurteilung sind mithin die Ergebnisse be-
treffend das festgestellte Mindestalter der Schlüsselbeinanalyse sowie der
zahnärztlichen Untersuchung. Medizinische Altersabklärungen stellen – je
nach Ergebnis – unterschiedlich zu gewichtende Indizien für das Vorliegen
der Minder- respektive Volljährigkeit einer Person dar. Ein starkes Indiz für
die Volljährigkeit liegt vor, wenn das Mindestalter bei der Schlüsselbein-
respektive Skelettaltersanalyse oder der zahnärztlichen Untersuchung
über 18 Jahren liegt und die sich anhand der beiden Analysen ergebenden
Altersspannen überlappen (vgl. a.a.O. E. 4.2.2; bestätigt in den Urteilen
des BVGer E-741/2021 und E-777/2021 vom 19. Juli 2021 E. 6.3.1).
Nach dem rechtsmedizinischen Gutachten vom 9. Juni 2021 liegt das Min-
destalter des Beschwerdeführers bei der zahnärztlichen Untersuchung un-
ter 18 Jahren (17 bis 17.4 Jahre) und bei der Schlüsselbeinanalyse deutlich
über 18 Jahren (21.6 Jahre). Vorliegend überlappen sich die Alterspannen
der beiden Analysen (Schlüsselbeinanalyse: 24.6 und 34.8 Jahre; zahn-
ärztliche Untersuchung 20.6 bis 24.6 Jahre), was nach dem Gesagten ein
starkes Indiz für die Volljährigkeit darstellt. Da bei der Mineralisation der
Weisheitszähne lediglich ein Mindestalter festgestellt werden konnte, ist in
den obengenannten Resultaten kein Widerspruch zu erkennen.
4.5 Den vom Beschwerdeführer zum Beleg seines Alters eingereichten Do-
kumenten (Tazkira sowie Impfausweis, jeweils im Original) kann praxisge-
mäss nur ein geringer Beweiswert beigemessen werden. Die Tazkira ent-
hält keine Sicherheitsmerkmale und kann deshalb einfach gefälscht wer-
den. Selbst bei Annahme der Echtheit einer Tazkira besteht nach der
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts die Möglichkeit, dass die
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darin enthaltenen zeitlichen Angaben über das Geburtsdatum nicht dem
wirklichen Alter entsprechen. Die Geburtsdaten werden je nach Ausstel-
lungsort unterschiedlich eingetragen und oft basiert die Angabe auf einer
Einschätzung des Alters aufgrund des Aussehens der Person im Zeitpunkt
der Ausstellung (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.2, bestätigt u.a. im Urteil des
BVGer D-60/2020 vom 8. Februar 2021 E. 4.3.2). Der geringe Beweiswert
der Tazkira wird vorliegend weiter dadurch geschmälert, dass – wie von der
Vorinstanz zutreffend festgestellt – aufgrund der schlechten Qualität des
darauf angebrachten Fotos nicht festgestellt werden kann, ob es sich bei
der abgebildeten Person tatsächlich um den Beschwerdeführer handelt.
Der Impfausweis enthält sodann gar keine Fotografie, weshalb er gemäss
Art. 1a Bst. c der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR
142.311) auch nicht als Identitätsausweis herangezogen werden kann.
4.6 Entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung vermag
auch das Aussageverhalten des Beschwerdeführers das Gericht nicht von
seiner Minderjährigkeit zu überzeugen. Im Rahmen der Erstbefragung
blieb er auffallend vage, was sein familiäres Umfeld betrifft. So konnte er
das Alter seiner Geschwister nicht einmal ungefähr angeben (vgl. SEM-
Akten [...]-14/12 [nachfolgend A14/12] Ziffer 3.01 und 2.02). Demgegen-
über fiel seine Beschreibung des Reisewegs und auch die Schilderung der
Gesuchsgründe relativ detailliert und substantiiert aus (vgl. A14/12 Ziffer
5.01 f. und 7.01). Dies zeigt auf, dass er durchaus in der Lage ist, Sach-
verhalte im Detail und nachvollziehbar darzulegen. Auch sein beschriebe-
nes Verhalten vor der Ausreise, er habe seiner Mutter gesagt, dass er –
aufgrund der von seinen Onkeln ausgehenden Gefahr – gehen müsse und
sei dann alleine ausgereist, spricht für eine gewisse Reife (vgl. a.a.O.).
Seine Erklärung, er habe sein Alter nicht gekannt, weil sein Vater kaum zu
Hause gewesen sei, ist sodann nicht nachvollziehbar. Es ist davon auszu-
gehen, dass seine Mutter ihn darüber hätte informieren können, zumal sie
ihn auch unterrichtet habe (vgl. A14/12 Ziffer 1.17.04). Ebenfalls nicht
nachvollziehbar ist – wie vom SEM zutreffend ausgeführt – der Umstand,
dass der Beschwerdeführer sich in Österreich als 17-Jähriger und nicht als
16-Jähriger registrieren lassen hat, obwohl er zu diesem Zeitpunkt sein ge-
naues Geburtsdatum bereits gekannt habe.
Weitere Ungereimtheiten betreffend sein Alter beziehungsweise Geburts-
datum ergeben sich auch aus einem Vergleich der Aussagen des Be-
schwerdeführers im Rahmen der Erstbefragung mit den Informationen auf
dem eingereichten Impfausweis. Während er in der Befragung zu Protokoll
gab, im (...) Monat des Jahres (...) (nach gregorianischem Kalender: [...])
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17 Jahre alt zu werden und somit im (...) geboren zu sein, ist auf dem
Impfausweis als Geburtsdatum der (...) Tag des (...) Monats (...) (nach
gregorianischem Kalender: [...]) notiert (vgl. A14/12 Ziffer 8.01). Ausser-
dem datieren die ersten dort eingetragenen Impftermine auf den (...) Tag
des (...) Monats (...) (nach gregorianischem Kalender: [...]), was weder mit
dem Geburtsdatum vom (...) noch mit demjenigen vom (...) zu vereinbaren
ist. Allerdings ist das auf dem Impfausweis aufgeführte Geburtsdatum un-
leserlich und es könnte sich dabei auch um den (...) Tag (...) – nicht des
(...) – Monats (...) (nach gregorianischem Kalender: [...]) handeln. Dies
würde bedeuten, dass ein drittes mögliches Geburtsdatum in Frage kommt.
Ohnehin sind die Angaben zu seinem Geburtsdatum widersprüchlich, vage
und somit nicht geeignet, die Resultate aus dem Altersgutachten, welches
ein starkes Indiz für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers darstellt, um-
zustossen.
4.7 Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz die eingereichten Beweismittel
sowie die Aussagen des Beschwerdeführers in einer Gesamtwürdigung
der Elemente, welche für und gegen die Glaubhaftigkeit der Minderjährig-
keit sprechen, miteinbezogen. Die Rügen des Beschwerdeführers, die Vor-
instanz habe in diesem Zusammenhang sein rechtliches Gehör verletzt
und den Sachverhalt nicht richtig festgestellt, erweisen sich demnach als
unbegründet. Der Hauptantrag auf Rückweisung der Sache zur Neubeur-
teilung ist demzufolge abzuweisen.
4.8 Zusammenfassend lassen weder die sich in den Akten befindenden
Beweismittel noch die vagen Aussagen des Beschwerdeführers stichhal-
tige Rückschlüsse auf sein wahres Alter und insbesondere auf die Frage
seiner Minder- oder Volljährigkeit im Zeitpunkt der Einreichung seines Asyl-
gesuchs in der Schweiz zu. Demgegenüber stellt das Altersgutachten vor-
liegend ein starkes Indiz für seine Volljährigkeit dar.
Demnach gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum
Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die von ihm
geltend gemachte Minderjährigkeit zum Zeitpunkt seiner Gesuchseinrei-
chung in der Schweiz glaubhaft zu machen. Es erübrigt sich, auf die wei-
teren diesbezüglichen Argumente in der angefochtenen Verfügung und die
entsprechenden Entgegnungen in der Beschwerdeschrift einzugehen, da
sie nicht geeignet sind, eine Änderung dieser Einschätzung zu bewirken.
Das SEM ist somit mit einem ordnungsgemässen Wiederaufnahmeersu-
chen an die österreichischen Behörden gelangt.
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5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass es keine wesent-
lichen Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für asylsuchende Personen in Österreich wiesen systemi-
sche Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf, die eine
Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne
des Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen
würden. Dem hält der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde nichts ent-
gegen. Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO vorliegend nicht gerechtfertigt.
5.2 Der Beschwerdeführer fordert mit Bezugnahme auf seine gesundheit-
lichen Beschwerden (...) die Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17
Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landes-
recht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, ge-
mäss welcher das SEM das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch
dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre.
5.2.1. Der Beschwerdeführer macht geltend, sein Gesundheitszustand sei
von der Vorinstanz nicht richtig abgeklärt worden, womit sie ihre Untersu-
chungs- und Begründungspflicht verletzt habe. Gemäss medizinischem
Bericht vom 15. September 2021 ist der Beschwerdeführer psychisch
belastet und leidet an (...)schmerzen. Ihm wurden unter anderem
verschiedene Schmerzmittel und ein psychotherapeutisches Gespräch
verordnet. In der Beschwerde führt er sodann aus, das SEM hätte sich
eingehend mit dem mit dem aktuellen gesundheitlichen Zustand des
Beschwerdeführers auseinandersetzen müssen, da ansonsten nicht
zuverlässig beurteilt werden könne, ob bei einer zwangsweisen Rück-
weisung des Beschwerdeführers nach Österreich eine Verletzung des
Art. 3 EMRK drohe.
5.2.2. Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
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die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Der Beschwerdeführer
konnte nicht nachweisen, dass er nicht reisefähig sei oder eine Überstel-
lung seine Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Sein Gesundheitszu-
stand vermag eine Unzulässigkeit im Sinne dieser restriktiven Rechtspre-
chung nicht zu rechtfertigen. Die gesundheitlichen Probleme sind auch
nicht von einer derartigen Schwere, dass aus humanitären Gründen von
einer Überstellung abgesehen werden müsste.
5.2.3. Auch eine Verletzung der Untersuchungs- und Begründungspflicht
ist in diesem Zusammenhang zu verneinen. Das SEM hat sich mit den ge-
sundheitlichen Beschwerden des Beschwerdeführers, welche gemäss sei-
nen Aussagen auf einen Motorradunfall beziehungsweise auf den Tod sei-
nes Vaters sowie seines Bruders zurückzuführen seien ([...]) eingehend
auseinandergesetzt und auch seinen psychischen Gesundheitszustand er-
wähnt. Es hat diesbezüglich zutreffend festgehalten, dass die nötigen me-
dizinischen Abklärungen ([...]) erfolgt sind und der Sachverhalt in medizi-
nischer Sicht rechtsgenüglich festgestellt worden ist (vgl. Konsultationsbe-
richt vom 15. Juli 2021, Bericht des (...) vom 19. Juli 2021 sowie zahnärzt-
licher Kurzbericht vom 22. Juli 2021). Vor diesem Hintergrund war das
SEM auch nicht gezwungen, die weiteren Arzttermine abzuwarten. Der auf
Beschwerdeebene eingereichte Arztbericht vom 15. September 2021 so-
wie der Medikationsplan vom 22. September 2021 führt zu keiner anderen
Einschätzung. Die sowohl in der Beschwerdeschrift als auch in der Eingabe
vom 29. September 2021 erwähnten Verständigungsprobleme führen
ebenfalls zu keinem anderen Ergebnis, zumal anlässlich des Arzttermins
vom 15. September 2021 ein Dolmetscher anwesend war und der Be-
schwerdeführer sich daher in seiner Muttersprache ausdrücken konnte.
Die in der Beschwerde sowie in der Eingabe vom 29. September 2021 er-
wähnten Bedenken in Bezug auf ein allfälliges hohes Risiko einer erneuten
Traumatisierung finden in den Akten keinen Niederschlag. Der Beschwer-
deführer machte nämlich während des ganzen Verfahrens nicht geltend, in
Österreich ein Trauma erlebt zu haben. Demnach ist eine Rückweisung an
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die Vorinstanz nicht angezeigt und der entsprechende Beschwerdeantrag
ist abzuweisen.
5.2.4. Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass Österreich über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind ver-
pflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die
zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung
von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugäng-
lich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit
besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige
Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Be-
treuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine
Hinweise vor, wonach Österreich dem Beschwerdeführer eine adäquate
medizinische Behandlung verweigern würde. Die schweizerischen Behör-
den, die mit dem Vollzug der angefochten Verfügung beauftragt sind, wer-
den den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Mo-
dalitäten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und
die österreichischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die
spezifischen medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-
VO).
5.3 Andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben könnten, von ihrem
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Dublin-III-VO Gebrauch zu machen, wer-
den weder geltend gemacht noch sind solche ersichtlich. Der Vollständig-
keit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden
kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.4 Somit bleibt Österreich der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Öster-
reich ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 Dub-
lin-III-VO (...)aufzunehmen.
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Österreich in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
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7.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist. Der am 23. September 2021 angeordnete Vollzugs-
stopp fällt mit vorliegendem Urteil dahin.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da sich die Rechtsbegehren
vorliegend nicht als aussichtslos erwiesen haben und aufgrund der Akten
von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers auszugehen ist, ist das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art 65 Abs. 1
VwVG) gutzuheissen. Es sind demnach keine Verfahrenskosten aufzuer-
legen.
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