Decision ID: 0abf28f0-2ab2-5859-aae4-9f06777f1583
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Eigenen Angaben zufolge ist der Beschwerdeführer ein ethnischer Tibeter
mit Wurzeln in B._ (Kreis und Bezirk C._, Provinz
D._) und verliess die Volksrepublik China am (...) 2015 in Richtung
Nepal. Am 29. Dezember 2015 gelangte er in die Schweiz, wo er gleichen-
tags um Asyl nachsuchte. Am 5. Januar 2016 wurde der Beschwerdeführer
summarisch zu seiner Person und dem Reiseweg befragt (BzP). Eine aus-
führliche Anhörung fand am 22. Juni 2017 statt.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er habe am (...) anlässlich des (...) Geburtstags des
Dalai Lama in seinem Heimatort eine Tenshuk Zeremonie (Zeremonie für
ein langes Leben) durchgeführt. Noch am selben Tag sei seine Mutter vom
Sohn des Dorfvorstehers ("Dadui Zhang") telefonisch darüber in Kenntnis
gesetzt worden, dass die chinesischen Sicherheitsbehörden von der
Durchführung der Zeremonie erfahren und den "Dadui Zhang" für Befra-
gungen mitgenommen hätten. Seine Mutter sei angesichts dieses Anrufes
ohnmächtig geworden, sein Vater habe ihn sofort zur Flucht aufgefordert.
Bevor die Sicherheitsbehörden zu seinem Haus gekommen und eine
Hausdurchsuchung durchgeführt hätten, sei er geflüchtet. Zunächst sei er
während rund drei Wochen bei Verwandten in der Ortschaft E._ un-
tergekommen; während dieser Zeit habe ihn ein Onkel väterlicherseits dar-
über informiert, dass sein Vater von den Behörden inhaftiert worden sei,
und dass er nicht in sein Heimatdorf zurückkehren könne. Mit Hilfe dieses
Onkels sei ihm sodann über die Ortschaften F._, G._,
H._ und I._ die Ausreise nach Nepal gelungen.
Zur Stützung dieser Vorbringen reichte der Beschwerdeführer im vo-
rinstanzlichen Verfahren die folgenden Beweismittel zu den Akten: Ein "Hu-
kou" (Familienbüchlein), Kopien von Ausweispapieren seines Vaters, einen
aus China stammenden Briefumschlag sowie verschiedene Fotos, auf de-
nen der Beschwerdeführer mit seinem Vater abgebildet sein soll.
B.
Am 5. Oktober 2018 wurde zum Zwecke der Herkunfts- und Sprachabklä-
rung ein telefonisches Interview mit dem Beschwerdeführer durchgeführt.
Auf der Grundlage der Aufzeichnung dieses Interviews analysierte ein Ex-
perte der Fachstelle LINGUA im Auftrag des SEM die landeskundlich-kul-
turellen Kenntnisse und das linguistische Profil des Beschwerdeführers.
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Seite 3
Der Experte kam aufgrund dieser Analyse zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer zwar sehr wahrscheinlich im Kreis C._ teilsoziali-
siert worden sei, dass seine Ausreise jedoch früher als angegeben stattge-
funden habe.
C.
Daraufhin gewährte das SEM dem Beschwerdeführer am 30. November
2019 (recte: 2018) das rechtliche Gehör zu den wesentlichen Erkenntnis-
sen aus dieser Analyse.
D.
Am 20. Dezember 2018 zeigte Nora Maria Riss, Beratungsstelle für Asyl-
und Ausländerrecht, ihre Mandatierung an.
E.
Nachdem der Beschwerdeführer sich die Aufzeichnung des Telefoninter-
views angehört hatte, reichte er – handelnd durch die Rechtsvertreterin –
am 31. Januar 2018 (recte: 2019) seine schriftliche Stellungnahme dazu
ein. Sodann wurden weitere Beweismittel eingereicht, namentlich, Fotos,
welche den Beschwerdeführer mit seinem Vater im Jahr 2014 in der chine-
sischen Stadt J._ zeigen sollen, eine Fototasche, die Kopie der
Identitätskarte des Vaters, die Kopie des Hukou.
F.
Das SEM legte diese Stellungnahme des Beschwerdeführers dem mit der
LINGUA-Analyse befassten Gutachter und einem weiteren Tibet-Experten
am 22. März 2019 zur Prüfung vor. Beide Experten kamen zusammenge-
fasst zum Ergebnis, dass die Bemerkungen des Beschwerdeführers an
den Schlüssen der LINGUA-Analyse nichts Wesentliches zu ändern ver-
möchten.
G.
Mit Verfügung vom 23. Mai 2019 verneinte das SEM die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers und wies sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig
ordnete es die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Weg-
weisung an, wobei ein Wegweisungsvollzug in die Volksrepublik China
ausdrücklich ausgeschlossen wurde.
H.
Am 8. Juni 2019 wurde die Mandatsübernahme durch den rubrizierten
Rechtsvertreter angezeigt und eine entsprechende Vollmacht eingereicht.
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Seite 4
Der Rechtsvertreter ersuchte um Akteneinsicht. Das Akteneinsichtsgesuch
blieb seitens des SEM unbeantwortet.
I.
Die Verfügung vom 23. Mai 2019 focht der Beschwerdeführer – handelnd
durch seinen Rechtsvertreter – mit Eingabe vom 27. Juni 2019 beim Bun-
desverwaltungsgericht an. Materiell beantragte er die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung, die Anerkennung seiner Flüchtlingseigenschaft
und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei er als Flüchtling vorläufig
aufzunehmen. Subeventualiter sei die Sache zu neuer Prüfung an das
SEM zurückzuweisen. Unter anderem wurde neben verschiedenen Akten-
stücken des vorinstanzlichen Verfahrens und Kopien der bisher bereits ein-
gereichten Beweismittel eine Fürsorgebestätigung sowie eine Wohnsitzbe-
stätigung der Schweizerischen Wohngemeinde eingereicht.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der aufschiebenden
Wirkung, Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Im Weiteren ersuchte er da-
rum, das Urteil bei der Veröffentlichung – und insbesondere auch den Na-
men des Rechtsvertreters – zu anonymisieren.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Juli 2019 bestätigte das Bundesverwal-
tungsgericht den Eingang der Beschwerde und stellte fest, der Beschwer-
deführer könne den Ausgang des vorliegenden Verfahrens in der Schweiz
abwarten.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Juli 2019 hiess die zuständige Instruktions-
richterin das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud das SEM dazu ein, sich
zur Beschwerde vom 27. Juni 2019 vernehmen zu lassen.
L.
Nachdem das SEM am 22. Juli 2019 eine Vernehmlassung eingereicht
hatte, wurde dem Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom 12. Au-
gust 2019 die Möglichkeit zur Replik gewährt.
M.
Am 30. September 2019 replizierte der Beschwerdeführer auf die Ver-
nehmlassung der Vorinstanz.
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Seite 5
N.
Am 25. Oktober 2019 reichte der Rechtsvertreter eine Kostennote zu den
Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
AsylG i.V.m. Art. 112b Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Dem prozessualen Antrag des Beschwerdeführers auf Anonymisierung der
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Seite 6
Publikationsfassung des vorliegenden Urteils ist im Rahmen der üblichen
Praxis nachzukommen. Nicht zu anonymisieren ist im Lichte dieser Praxis
der Name des mandatierten Rechtsvertreters, zumal in der Beschwerde
keine Gründe aufzeigt werden, welche die Anonymisierung seines Namens
rechtfertigen würden.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügt in seiner Rechtsmitteleingabe zunächst
verschiedene Verletzungen des formellen Rechts durch die Vorinstanz.
Diese verfahrensrechtlichen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie zu einer
Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz führen könnten.
4.2 Einleitend zu prüfen ist angesichts der formellen Natur des verfas-
sungsmässigen Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV;
vgl. BGE 141 V 557 E. 3 S. 563 f.) die Rüge des Beschwerdeführers, das
SEM habe sein Akteneinsichtsrecht verletzt.
4.2.1 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien Anspruch auf rechtli-
ches Gehör. Der Gehörsanspruch dient einerseits der Sachaufklärung, an-
derseits stellt er ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Er-
lass eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen
eingreift. Als Teilgehalt umfasst er namentlich das Recht auf Akteneinsicht
(vgl. BGE 144 II 427 E. 3.1 S. 434).
4.2.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, sein Akteneinsichtsrecht sei in
schwerwiegender Weise verletzt worden, weil das SEM ein Gesuch seines
Rechtsvertreters vom 8. Juni 2019 um Gewährung der Akteneinsicht unbe-
antwortet gelassen habe (vgl. Beschwerde, S. 3 ff). Das SEM hält dem in
seiner Vernehmlassung entgegen, es treffe zwar zu, dass das Aktenein-
sichtsgesuch vom 8. Juni 2019 nicht beantwortet worden sei, jedoch seien
der vormaligen Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers mit Eröffnung
der angefochtenen Verfügung sämtliche editionspflichtigen Akten zuge-
stellt worden (einschliesslich eines Aktenverzeichnisses). Das SEM sei im
Zusammenhang mit dem Gesuch vom 8. Juni 2019 nicht darüber orientiert
worden, dass das Vertretungsverhältnis zur früheren Rechtsvertreterin
nicht mehr bestehe. Nachträgliche Abklärungen bei der früheren Rechts-
vertreterin und beim jetzigen Rechtsvertreter hätten sodann ergeben, dass
der jetzige Rechtsvertreter zum Zeitpunkt der Abfassung der Beschwerde
an das Bundesverwaltungsgericht über die Akten verfügt habe.
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Dem Beschwerdeführer ist zuzugestehen, dass es in der Tat befremdlich
erscheint, wenn das SEM ein Akteneinsichtsgesuch während laufender
Rechtsmittelfrist unbeantwortet lässt und erst in einem Zeitpunkt tätig wird,
in welchem die Rechtsmittelfrist bereits abgelaufen ist. Daran nichts zu än-
dern vermag der Umstand, dass dem SEM die beendete Mandatsbezie-
hung zwischen dem Beschwerdeführer und seiner vormaligen Rechtsver-
treterin nicht explizit angezeigt worden ist. Allein aus dem Umstand, dass
ein neuer Rechtsvertreter unter Vorlage einer Vollmacht seine Mandatie-
rung anzeigte, musste das SEM nämlich schliessen, dass ein neues Man-
datsverhältnis besteht und hätte auf das explizite Akteneinsichtsgesuch re-
agieren müssen. Jedenfalls hätte bei diesbezüglichen Zweifeln mit Blick
auf Treu und Glauben (Art. 5 Abs. 3 BV) die Pflicht bestanden, beim Be-
schwerdeführer beziehungsweise seinem neuen Rechtsvertreter nachzu-
fragen – was das SEM durch seine telefonischen Nachfragen vom 28. Juni
2019 mit Verspätung und nach Ablauf der Rechtsmittelfrist denn auch ge-
tan hat. Es liegt mithin eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor. Diese
führt vorliegend jedoch nicht zur Rückweisung an die Vorinstanz, zumal
dem neu mandatierten Rechtsvertreter unbestritten durch einen Hand-
wechsel die Akten von der vormaligen Rechtsvertreterin zugestellt wurden
und eine einlässliche Beschwerdeerhebung möglich war. Der entspre-
chende Antrag des Beschwerdeführers auf Rückweisung ist abzuweisen.
4.3 Der Beschwerdeführer rügt sodann mehrfach, die Vorinstanz habe ih-
rem Entscheid einen unrichtigen Sachverhalt zugrunde gelegt (vgl. Be-
schwerde, S. 4, 5, 7, 15, 19). Insbesondere mit Blick auf das von der Vo-
rinstanz bei der Beweiswürdigung stark gewichtete LINGUA-Gutachten er-
hebt er verschiedene prozessuale Rügen. Namentlich bringt er vor, die Vo-
rinstanz sei bei der Beweiswürdigung in Willkür verfallen (Art. 9 BV) und
habe in mehrfacher Hinsicht den Anspruch auf ein faires Verfahren nach
Art. 29 Abs. 2 BV und von Art. 6 Ziff. 1 EMRK verletzt. Zudem sei sie ihrer
"Beweisabnahmepflicht" nicht nachgekommen.
4.3.1 Die in der Beschwerde im Zusammenhang mit der vorinstanzlichen
Beweiswürdigung gerügte Verletzung von Art. 6 Ziff. 1 EMRK fällt schon
deshalb ausser Betracht, weil diese Garantie nur auf Verfahren Anwen-
dung findet, die zivilrechtliche Ansprüche ("civil rights") betreffen; auslän-
derrechtliche Verfahren – einschliesslich des Asylverfahrens – fallen nicht
darunter (vgl. EGMR, Urteil vom 5. Dezember 2013, Sharifi gegen Öster-
reich, Nr. 60104/08, § 41; vgl. ferner BGE 137 I 128 E. 4.4.2 S. 133). Die
Rüge, der Anspruch auf ein faires Verfahren sei verletzt worden (vgl. Art.
29 Abs. 1 BV) erweist sich aber auch sonst als unbegründet: Allein der
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Umstand, dass die Vorinstanz die Beweise anders würdigte, als der Be-
schwerdeführer sich vorstellte, lässt nicht den Schluss zu, das gesamte
Verfahren sei unfair verlaufen. Die entsprechende Rüge in der Rechtsmit-
teleingabe ist demnach als Kritik an der Würdigung und mithin in der Sache
selbst zu verstehen. Folglich wird die abweichende Einschätzung der Vo-
rinstanz im Rahmen der materiellen Prüfung vom Gericht zu berücksichti-
gen sein. Die formelle Rüge geht somit fehl.
4.3.2 Auch die wiederholt vorgebrachte Rüge, die Vorinstanz habe ihre
"Beweisabnahmepflicht" verletzt und damit eine Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes (Art. 12 VwVG) moniert, verfängt nicht: Die
Vorinstanz hat im angefochtenen Entscheid sämtliche Akten und
aktenkundigen Beweismittel – namentlich die Anhörungsprotokolle, die
vom Beschwerdeführer eingereichten Dokumente, das LINGUA-Gutachten
und die Stellungnahme hierzu berücksichtigt (vgl. angefochtene Verfügung
Ziff. II, zu den eingereichten Unterlagen im besonderen Ziffer II S. 9). Ob
sie gestützt auf diese Aktenlage die richtigen Schlüsse gezogen hat, ist
eine Frage der materiellen Würdigung, die mit dem Untersuchungsgrund-
satz nicht direkt zusammenhängt. Inwiefern weitere Beweiserhebungen
angezeigt gewesen wären, ergibt sich sodann aus der Beschwerde nicht
und ist auch nicht ersichtlich.
4.3.3 Für ein willkürliches Vorgehen der Vorinstanz finden sich sodann vor-
liegend, auch vor dem Hintergrund des bereits Festgestellten, keine An-
haltspunkte.
4.4 Die formellen Rügen erweisen sich insgesamt als unbegründet, wes-
halb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzu-
heben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der ent-
sprechende Beschwerdeantrag ist somit abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 9
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
6.
6.1 Das SEM kam im angefochtenen Entscheid zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten. Zudem sei es ihm
nicht gelungen, glaubhaft zu machen, im angegeben Zeitraum als Tibeter
in der von ihm angegebenen Provinz in der Volksrepublik China
hauptsozialiisiert und bis im September 2015 dort wohnhaft gewesen zu
sein.
Zunächst verwies es im Detail auf die Ergebnisse der LINGUA-Analyse.
Diese habe ergeben, dass der Beschwerdeführer viele landeskundlich-kul-
turelle Kenntnisse zur angegebenen Heimatregion besitze. So habe er bei-
spielsweise (...) gewusst. Auch habe er (...) angeben können, (...). Er habe
(...) gekannt, die in seinem angeblichen Heimatkreis, aber auch in vielen
anderen Gebieten inner- und ausserhalb Tibets (...) würden. Seine Anga-
ben zur (...) sei realistisch gewesen. Die Angaben zum (...) seien gröss-
tenteils zutreffend gewesen, ebenso die Angaben zu den (...). Dieses Wis-
sen könne in Tibet selbst oder auch ausserhalb Tibets erworben worden
sein. Neben diesen zutreffenden Angaben hätten sich aber auch einige be-
trächtliche Lücken und Unstimmigkeiten in den Ausführungen des Be-
schwerdeführers gefunden, die vor dem Hintergrund der von ihm behaup-
teten Biographie nicht erklärbar seien. Unerwartet für eine Person, die (...)
Jahre in Tibet gelebt haben wolle, sei, dass er (...). Auch habe er die chi-
nesischen Begriffe (...) verwechselt. Schliesslich habe er tatsachenwidrig
erwähnt, dass (...). Es entstehe der Eindruck, dass der Beschwerdeführer
tatsächlich in der angegebenen Heimatregion gelebt habe, aber deutlich
früher als angegeben ausgereist sei. Dieser Eindruck bestätige sich bei der
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Prüfung des linguistischen Profils: Vor dem Hintergrund der vom Be-
schwerdeführers angegebenen Profils sei zu erwarten gewesen, dass er
neben Kenntnissen der chinesischen Sprache den im Kreis C._
vorherrschenden tibetischen Dialekt spreche, der sich von dem von Exil-
Tibetern regelmässig gesprochenen "(...)" stark unterscheide. Die Analyse
des Telefoninterviews habe diese Erwartung nur teilweise bestätigt: Auf
Ebene der Phonetik/Phonologie und des Lexikons sei die Sozialisierung im
Kreis C._ glaubhaft; auch die Chinesisch-Kenntnisse des Be-
schwerdeführers entsprächen den Erwartungen. Auf der Ebene der (stabi-
leren) Morphologie/Morphosyntax sei beim Beschwerdeführer jedoch (...)
festzustellen gewesen, das sich mit der angegebenen Biografie nur bedingt
vereinbaren lasse. Auf einen längeren Aufenthalt ausserhalb Tibets lasse
überdies schliessen, dass er (...); zudem hätten sich (...) gefunden.
In seiner Stellungnahme zum Ergebnis der Lingua-Abklärung habe der Be-
schwerdeführer erklärt, es sei ihm nicht klar gewesen, was mit dem Begriff
"(...)" gemeint gewesen sei, da die (...) in China beziehungsweise Tibet
nicht denjenigen der Schweiz entsprechen würden. Es gäbe in Tibet mehr
(...) als in der Schweiz und es gäbe für einzelne Einheiten häufig sowohl
einen tibetischen als auch einen chinesischen Begriff. Er habe sodann wei-
tere Ausführungen zu den einzelnen (...) gemacht. Die Schilderungen
könnten jedoch nichts daran ändern, dass (...). Der Beschwerdeführer
habe weiter vorgebracht, die Verwechslung der chinesischen Begriffe für
"(...)" und "(...)" sei darauf zurückzuführen, dass die interviewführende
Person einen anderen chinesisch-Dialekt gesprochen habe. Der LINGUA-
Experte halte jedoch fest, dass die entsprechenden Sprachsilben im Hoch-
chinesischen wie auch im Sichuan-Dialekt unterschieden würden. Ein
Missverständnis sei nicht plausibel. In Bezug auf die Nachbarkreise des
Bezirks C._ habe der Beschwerdeführer vorgebracht, sich im Inter-
view verhaspelt zu haben. Er habe nun seine Aussage in der Stellung-
nahme dahingehend korrigiert, ein "(...)" sei ein "(...)" und kein "(...)". Auch
diese neue Angabe sei gemäss dem LINGUA-Experten aber veraltet. Wei-
ter habe der Beschwerdeführer in der Stellungnahme geschildert, er habe
im Interview erwähnt, den Personalausweis nicht bezahlt haben zu müs-
sen, weil er die Person im Amt gekannt habe. Im Zusammenhang mit den
Identitätsdokumenten bringe er ausserdem vor, dass er im Interview Un-
terschiede zwischen dem ersten und zweiten Ausweis genannt habe. Die
entsprechenden Interviewpassagen seien von zwei verschiedenen LIN-
GUA-Experten überprüft worden. Keiner der beiden könne dieses Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers bestätigen. Der Beschwerdeführer bringe so-
dann hinsichtlich Dialekt und Sprachkenntnissen vor, die sachverständige
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Person habe ihn am Telefon oftmals nicht verstanden. Er habe teilweise
auf Zentraltibetisch ausweichen müssen, um sich mit der das Interview füh-
renden Person zu verständigen. In diesem Zusammenhang habe er ein-
zelne Interviewpassagen vorgebracht, in welchen es seiner Meinung nach
zu Verständigungsproblemen gekommen sei. Es sei dem Beschwerdefüh-
rer zuzugestehen, dass es zwischenzeitlich zu Verständigungsproblemen
gekommen sei. Nach der Überprüfung der angegebenen Stellen sei jedoch
festzuhalten, dass es möglich gewesen sei, alle Verständigungsprobleme
durch Nachfragen oder Ausweichen auf Chinesisch oder Deutsch zu klä-
ren. Stellen, in welchen sich der Beschwerdeführer offensichtlich der Spra-
che der Interviewerin angepasst habe, um Verständigungsprobleme zu er-
klären, seien in der Analyse nicht berücksichtigt worden. Zudem sei anzu-
merken, dass die LINGUA-Analyse von einer anderen Person vorgenom-
men worden sei als das Interview. Die erwähnten Verständigungsschwie-
rigkeiten hätten demnach keinen Einfluss auf die Beurteilung der landes-
kundlich-kulturellen Kenntnisse. In der Stellungnahme habe der Beschwer-
deführer sodann auf die komplexe Dialekt-Kartographie Tibets hingewie-
sen; Schlussfolgerungen hierzu seien insbesondere bei grösseren Distan-
zen erschwert. Ausserdem sei bei den tibetischen Dialekten ebenfalls ein
sehr komplexes Isoglossennetz zu verzeichnen. Es sei demnach nicht
möglich, saubere Ausbreitungskreise der einzelnen Dialektgruppen zu
zeichnen oder einen geographisch-kladistischen Ansatz zu verwenden, um
tibetische Dialekte zu vergleichen. Es sei richtig, dass es in Tibet viele Di-
alekte gebe, die nur zum Teil hinreichend beschrieben worden seien. Aus
diesen Gründen könne es vorkommen, dass sich die Linguistik Refe-
renzvarietäten bediene, was allerdings keine ungewöhnliche linguistische
Methodik darstelle. Ausserdem habe bei der vorliegenden LINGUA-Ana-
lyse kein "geographisch-kladistischer" Ansatz Verwendung gefunden. So-
fern seitens des Beschwerdeführers angemerkt werde, es sei wichtig zu
wissen, ob sich die sachverständige Person bei der Analyse Daten anderer
Kham-Dialekte bedient habe, werde auf die Angaben in A21 (rechtliches
Gehör) verwiesen. Neben dem Derge-Dialekt, der in diesem Schreiben ge-
nannt werde, habe der Experte auch vereinzelt Daten der Dialekte der
Bathang, Lithang, Chamdo und Gertse berücksichtigt, die ebenfalls dem
Kham-Dialekt zuzurechnen seien. Sodann merke der Beschwerdeführer
an, dass er es für unwahrscheinlich halte, dass irgendein noch so versierter
Experte beurteilen könne, wann genau eine Person aus dem Tibet ausge-
reist sei. Auch aus der Sicht des SEM sei es linguistisch nicht möglich, ei-
nen genauen Ausreisezeitpunkt festzulegen. Hingegen sei es möglich,
festzustellen, ob eine gewisse Sprachform zur Biographie einer Person
passe oder nicht. Wie dem Beschwerdeführer bereits durch die Ergebnisse
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Seite 12
der LINGUA-Analyse aufgezeigt worden sei, seien in der Sprachanalyse
unerwartete Spracheinflüsse sowie Unstimmigkeiten und Lücken im lan-
deskundlich-kulturellen Bereich festgestellt worden. Diese Resultate seien
im Lichte einer Gesamtwürdigung des Asylgesuchs zu betrachten. Wie auf-
gezeigt worden sei, seien auch die Asylvorbringen mit erheblichen Glaub-
haftigkeitszweifeln belastet. Es entstünden schon damit erhebliche Zweifel
an der geltend gemachten Herkunft. Die veralteten Regionalkenntnisse so-
wie die Sprache, in welcher sich ein Dialektgemisch finden lasse, würden
nahelegen, dass der Beschwerdeführer zwar in der von ihm angegebenen
Region teilsozialisiert worden sei, aber deutlich früher als angegeben aus-
gereist sei.
Das SEM stellte sodann im angefochtenen Entscheid fest, der Beschwer-
deführer habe keine rechtsgenüglichen Identitätsdokumente vorgelegt.
Seine Identität stehe deshalb nicht abschliessend fest. Das eingereichte
Familienbüchlein könne nicht zweifelsfrei seiner Person zugeordnet wer-
den. Es sei zudem nicht geeignet, zu belegen, dass er von Geburt bis zum
behaupteten Ausreisezeitpunkt in China (Tibet) gelebt habe. Dass der Be-
schwerdeführer keine Identitätsdokumente vorlegen könne, wecke auch
deshalb Zweifel, weil seine Schilderungen zum Verlust der Identitätskarte
widersprüchlich seien: Zum einen habe der Beschwerdeführer inkonsis-
tente Angaben dazu gemacht, zu welchem Zeitpunkt die chinesischen Be-
hörden die Hausdurchsuchung durchgeführt hätten, anlässlich welcher
auch die Identitätskarte beschlagnahmt worden sei. Zum anderen habe er
vorgebracht, bei seiner Flucht von B._ nach E._ in eine Kon-
trolle geraten zu sein. Im Lichte der Behauptung, dass er damals schon
grossflächig gesucht worden sei, sei nicht nachvollziehbar, dass er diese
Kontrolle habe passieren können, ohne die Identitätskarte vorzuweisen.
Nicht nachvollziehbar sei weiter auch die Schilderung der Umstände, wie
der Beschwerdeführer von den Nachforschungen der chinesischen Behör-
den erfahren haben wolle. Einerseits bringe er vor, seine Mutter habe einen
entsprechenden Telefonanruf vom Sohn des Dorfvorstehers entgegenge-
nommen; sie habe ihn daraufhin angeschrien und sei in Ohnmacht gefal-
len. Andererseits erzähle er aber in indirekter Rede davon, was der Sohn
des Dorfvorstehers zu ihm gesagt habe. Auch zum Zeitpunkt des Telefon-
anrufs habe der Beschwerdeführer widersprüchliche Angaben gemacht. In-
konsistent seien weiter auch die Angaben zur Reise in die Schweiz; na-
mentlich zu den verwendeten Reisedokumenten. Und auch wenn die Er-
zählung über die angeblich verfolgungsauslösende "Tenshuk"-Zeremonie
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ausführlich ausgefallen sei, blieben die diesbezüglichen Schilderungen ins-
gesamt stereotyp und schemenhaft. Insbesondere die chronologische Vor-
tragsweise und die immer wieder vorkommenden Wiederholungen wirkten
einstudiert.
6.2 In der Rechtsmitteleingabe hält der Beschwerdeführer an der Glaub-
haftigkeit seiner Aussagen fest. Er macht im Wesentlichen geltend, die Vo-
rinstanz sei zu Unrecht davon ausgegangen, dass er früher als von ihm
angegeben aus der Volksrepublik China ausgereist sei. Er macht sinnge-
mäss geltend, die Vorinstanz habe bei der Prüfung seiner Aussagen den
Massstab der Glaubhaftigkeit (Art. 7 AsylG) verkannt und überhöhte Anfor-
derungen an das Beweismass gestellt. Auf die Begründung der Be-
schwerde wird, soweit entscheidwesentlich, in den nachfolgenden Erwä-
gungen eingegangen.
7.
7.1 Im unter BVGE 2014/12 publizierten Urteil vom 20. Mai 2014 präzisierte
das Bundesverwaltungsgericht seine Praxis gemäss EMARK 2005 Nr. 1
dahingehend, dass bei Personen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Her-
kunft verschleiern oder verheimlichen, vermutungsweise davon auszuge-
hen ist, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe ge-
gen eine Rückkehr an ihren bisherigen Aufenthaltsort bestehen; denn die
Abklärungspflicht der Asylbehörden findet ihre Grenze an der Mitwirkungs-
pflicht der asylsuchenden Person. Für asylsuchende Personen tibetischer
Ethnie, welche unglaubhafte Angaben über ihren angeblichen Sozialisie-
rungsraum in China machen und vermutungsweise im Exil, vorab in Indien
oder Nepal, gelebt haben, bestehen grundsätzlich folgende mögliche
Konstellationen bezüglich der Staatsangehörigkeit:
a. Besitz der chinesischen Staatsangehörigkeit ohne Aufenthaltsbewilli-
gung in Nepal oder Indien (blosse Duldung im betreffenden Drittstaat);
b. Besitz der chinesischen Staatsangehörigkeit mit entsprechender Auf-
enthaltsbewilligung im Drittstaat Nepal oder Indien;
c. Besitz der Staatsangehörigkeit von Nepal oder Indien (mit dem damit
einhergehenden Verlust der chinesischen Staatsangehörigkeit).
7.2 Daraus ergibt sich folgendes Prüfschema: Besitzt die betreffende Per-
son die chinesische Staatsangehörigkeit und verfügt sie gleichzeitig über
eine Aufenthaltsberechtigung im Drittstaat Nepal oder Indien (Konstella-
tion b) oder wird die Person im betreffenden Drittstaat zumindest gelduldet
(Konstellation a), wäre eine Prüfung der Drittstaatenregelung im Sinne von
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Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG durch die Asylbehörden möglich, vorausge-
setzt die asylsuchende Person legt den schweizerischen Behörden alle
Fakten im Verfahren dar. Bei der Konstellation b dürften im Regelfall die
Voraussetzungen der Drittstaatenregelung gegeben sein. Hat die asylsu-
chende Person die Staatsangehörigkeit von Nepal oder Indien erlangt
(Konstellation c), besitzt sie die chinesische Staatsangehörigkeit nicht, res-
pektive nicht mehr, da sie gemäss chinesischer Rechtslage durch den Er-
werb einer anderen Staatsbürgerschaft die chinesische Nationalität ver-
liert. Diesfalls wäre die Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf Nepal bezie-
hungsweise Indien zu prüfen. Vermutungsweise gilt, dass die asylsu-
chende Person im Land ihrer (neu erlangten) Staatsangehörigkeit keine
asylrelevante Gefährdung zu befürchten hat, wenn sie keine entsprechen-
den Vorbringen glaubhaft vorträgt (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.8). Zusammen-
fassend wurde demnach festgestellt, dass für Angehörige der tibetischen
Ethnie sowohl in Nepal als auch in Indien die Möglichkeit besteht, unter
gewissen Bedingungen eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten bezie-
hungsweise dass es unter engen Voraussetzungen auch möglich ist, die
entsprechende Staatsangehörigkeit zu erwerben, womit infolge Erwerbs
einer neuen die chinesische Staatsangehörigkeit untergeht. Allerdings
muss davon ausgegangen werden, dass die in Nepal und Indien lebenden
Exil-Tibeterinnen und -Tibeter grösstenteils keine neue Staatsangehörig-
keit erworben haben und nach wie vor chinesische Staatsangehörige sind.
7.3 Verunmöglicht eine tibetische asylsuchende Person durch die Verlet-
zung ihrer Mitwirkungspflicht allerdings die Abklärung, welchen effektiven
Status sie in Nepal respektive in Indien innehat, kann keine Drittstaatenab-
klärung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden. Im Übrigen
wird durch die Verheimlichung und Verschleierung der wahren Herkunft
auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Person in
Bezug auf ihr effektives Heimatland verunmöglicht (vgl. BVGE 2014/12
E. 5.9 f.).
8.
8.1 Die Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzlichen Erwägungen zu
bestätigen sind. Es wird diesbezüglich vorab auf die zutreffende Begrün-
dung der Vorinstanz verwiesen.
Aufgrund der vorliegenden Aktenlage besteht Grund zur Annahme, dass
der Beschwerdeführer wahrscheinlich in der von ihm angegebenen Hei-
matregion gelebt hat, aber deutlich früher als angegeben aus dem Heimat-
staat ausgereist ist.
E-3281/2019
Seite 15
8.2 Der vorliegend angefochtenen Verfügung liegt ein LINGUA-Gutachten
zugrunde. Was die Einwendungen des Beschwerdeführers zu dieser LIN-
GUA-Analyse angeht, ist einleitend festzuhalten, dass das Bundesverwal-
tungsgericht keinen Anlass sieht, das LINGUA-Gutachten im Rahmen der
Beweiswürdigung – wie vom Beschwerdeführer gefordert – gänzlich aus-
ser Acht zu lassen: Zwar stellt eine LINGUA-Analyse kein Sachverständi-
gengutachten dar (Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57 ff. des Bundesgesetzes
vom 4. Dezember 1947 über den Bundeszivilprozess [BZP, SR 273] i.V.m.
Art. 19 VwVG), sondern vielmehr eine schriftliche Auskunft einer Drittper-
son (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG). Sofern be-
stimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und
Neutralität des Experten wie auch an die inhaltliche Schlüssigkeit und
Nachvollziehbarkeit der Analyse erfüllt sind, ist ihr gemäss der konstanten
Rechtsprechung jedoch dennoch erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl.
BVGE 2014/12 E. 4.2.1 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 14 E. 7 und E-
MARK 1998 Nr. 34).
8.3 Zwar unternimmt der Rechtsvertreter im vorliegenden Verfahren – wie
schon in anderen Verfahren – den Versuch, die Fachkenntnis und die Un-
voreingenommenheit des/der mit der LINGUA-Analyse befassten Exper-
ten/Expertin (...) in Frage zu stellen Beschwerde S. 8 f.). Seine diesbezüg-
lichen Aussagen erschöpfen sich jedoch in nicht weiter substanziierten Vor-
würfen, die darauf abzielen, den betreffenden Experten zu diskreditieren
und ihm ausländerfeindliche Motive zu unterstellen (vgl. zum Inhalt dieser
Vorwürfe auch Urteil E-8031/2016 vom 6. Februar 2019 E. 4.2; zu deren
Unbegründetheit ebenda, E. 6.2).
8.3.1 Auch die Kritik des Beschwerdeführers am Inhalt der LINGUA-Ana-
lyse ist unbegründet: Entgegen seiner Darstellung hat die begutachtende
Person keinesfalls nur die gegen den Beschwerdeführer sprechenden In-
dizien betont, sondern auch Aspekte hervorgehoben, die für die von ihm
behauptete Biografie sprechen könnten; das LINGUA-Gutachten ist inso-
fern als ausgewogen zu qualifizieren. Sodann ist die Expertise fundiert und
das daraus resultierende Gutachten nachvollziehbar und schlüssig begrün-
det. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die entsprechenden
Ausführungen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden. Im vorlie-
genden Beschwerdeverfahren wiederholt der Beschwerdeführer nun die
bereits im vorinstanzlichen Verfahren geäusserten Bedenken, die er ge-
genüber den Ergebnissen der LINGUA-Analyse schon in seiner Stellung-
nahme zur Analyse im vorinstanzlichen Verfahren schriftlich vorgetragen
E-3281/2019
Seite 16
hat. Diese Einwendungen sind vom SEM jedoch in der angefochtenen Ver-
fügung (notabene nach Beizug nicht nur des Gutachters, sondern auch
noch eines zusätzlichen Experten), entkräftet worden.
8.3.2 In diesem Zusammenhang ist zu konstatieren, dass die vom Be-
schwerdeführer eingereichten Beweismittel nicht nachzuweisen vermögen,
dass er sich tatsächlich – wie von ihm behauptet – bis im (...) 2015 in der
Volksrepublik China aufgehalten hat. Zwar stimmt das eingereichte "Hu-
kou" mit der vom Beschwerdeführer behaupteten Identität überein. Jedoch
kann weder eruiert werden, ob es sich bei diesem "Hukou" um ein authen-
tisches Dokument handelt; noch, ob die vom Beschwerdeführer behaup-
tete Identität zutrifft, weil der Beschwerdeführer keine fälschungssicheren
Identitätspapiere zu den Akten gereicht hat. Wie die Vorinstanz in diesem
Zusammenhang zutreffend festhielt, vermochte der Beschwerdeführer
überdies nicht plausibel zu erklären, warum er nicht im Besitze zumindest
einer Identitätskarte ist. Dass die Identitätskarte bei der kurz nach seiner
angeblichen Flucht durchgeführten Hausdurchsuchung beschlagnahmt
worden sei (vgl. SEM-act. A6, F5.02) und er bei einer einige Wochen später
durchgeführten Kontrolle trotz Fehlens eines Ausweises unbehelligt geblie-
ben sein soll (vgl. SEM-act. A13, F55), ist mit der Aussage, dass die chine-
sischen Behörden zu diesem Zeitpunkt im Bezirk C._ schon gross-
flächig nach ihm gesucht haben sollen (vgl. SEM-act. A13, F55), in der Tat
nur schwer zu vereinbaren. Festzustellen ist sodann, dass "Hukou" nach
Erkenntnissen des Gerichts nicht fälschungssicher sind und gefälscht er-
worben werden können (vgl. z.B. Canada: Immigration and Refugee Board
of Canada, China: Fraudulent documents, including the manufacturing,
procurement, distribution and use of passports, hukou, and resident iden-
tity cards RIC], particularly in Guangdong and Fujian; instances of officials
issuing fraudulent RICs to citizens and selling authentic RICs on the black
market [2010-September 2013], 21 October 2013, CHN104579.,
https://www.refworld.org/docid/527a3ade4.html [abgerufen am 3. April
2020]). Dem eingereichten "Original" fehlt denn auch an der für dieses "Hu-
kou" üblichen Hülle. In diesem Zusammenhang mutet es auch seltsam an,
dass der Beschwerdeführer durch seinen Onkel eine Tasche für die Flucht
erhalten haben will, in welcher er das "Hukou" gefunden habe. Sofern er
im Verfahren sodann die Kopien eines auf den 1. September 2015 datie-
renden neuen "Hukou" einreicht, welches seine Eltern bei den Behörden
erhältlich gemacht haben wollen, mutet zum einen seltsam an, dass die
staatlichen Behörden zum genannten Zeitpunkt ein solches "Hukou" aus-
gestellt haben, wurde der Beschwerdeführer doch angeblich landesweit
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Seite 17
gesucht und war sein Vater seinetwegen in Haft. Überdies wurde der Be-
schwerdeführer weiterhin im Büchlein aufgeführt, obwohl er sich seit Juli
2015 nicht mehr am Wohnort aufgehalten hat, was ebenfalls nicht stimmig
scheint. Insgesamt sind die eingereichten Beweismittel von der Vorinstanz
zutreffend als nicht beweiserheblich qualifiziert worden.
8.4 Aufgrund der vorangegangene Schlussfolgerungen ist auch den Vor-
fluchtvorbringen bereits die Grundlage entzogen. Im Übrigen sind diese
auch unglaubhaft ausgefallen.
8.4.1 Der Beschwerdeführer hat in der freien Begründung seines Asylge-
suchs ausführliche Schilderungen zu Protokoll gegeben. Die Vorinstanz
hat aber zutreffend festgestellt, dass diese insgesamt stereotyp und sche-
menhaft ausgefallen seien. Von Bedeutung ist, dass der Beschwerdeführer
nicht überzeugend darzulegen vermochte, unter welchen Umständen er
den Entschluss zu einem solchen Verhalten getroffen hat. So führte er aus,
er habe die Chinesen nicht gemocht und sich viele Gedanken gemacht,
wie er ihnen schaden könne. Sein Freund K._ habe ihn darüber
informiert, dass der Dalai Lama (...) Jahre alt werde und es wichtig sei,
dass dieser noch lange lebe. Dann sei ihm beim Nachdenken in den Sinn
gekommen, eine Tenshuk-Zeremonie zu veranstalten (vgl. SEM-act. A13,
F55, 57 ff., F67). Bei einer Tenshuk Zeremonie handelt es sich um eine
tibetisch-buddhistische Tradition. Die tibetische Gemeinschaft drückt mit
der Zeremonie den Wunsch aus, der Dalai Lama möge lang und gesund
leben (Langlebenszeremonie). Diese Zeremonie ist eine religiöse Darbrin-
gung, mit der man den geistlichen Lehrer um ein besonders langes Leben
zum Wohle aller fühlenden Wesen bittet. Vor diesem Hintergrund scheint
bereits nicht plausibel, dass der Beschwerdeführer als bis dato völlig un-
politische Person und auch keine religiöse Funktion innehabend eine sol-
che Zeremonie zum (...) Geburtstag des Dalai Lama durchgeführt haben
soll, zumal er eigenen Angaben gemäss erst durch seinen Freund auf die-
ses Jubiläum aufmerksam gemacht worden sein soll. Nicht nachvollziehbar
ist auch das Vorbringen, wonach der Beschwerdeführer vorgängig den
"Dadui Zhang" um Unterstützung angefragt haben will, dieser eine solche
wegen der Gefährlichkeit jedoch verweigert habe und den Beschwerdefüh-
rer ein Schreiben habe unterzeichnen lassen, in welcher er die Schuld auf
sich nehme (vgl. SEM-act. A13 F55, F81). Dieses Vorbringen wirkt konstru-
iert. Es steht überdies letztlich im Widerspruch zur angeblichen Verhaftung
des "Dadui Zhang" (vgl. SEM-act. A13 F74), die noch am gleichen Tag er-
folgt sein soll. Der Beschwerdeführer will eigenen Angaben gemäss so-
dann auch den Lama L._ vorgängig in seine Pläne eingeweiht und
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Seite 18
ihn um Unterstützung angegangen haben. Der Lama habe entsprechend
Mönche entsandt. Auf die Frage, ob dies nicht gefährlich für das Kloster
und die Mönche gewesen sei, entgegnete er, es werde unterschieden, wer
Hauptinitiator sei und wer nicht (vgl. SEM-act. A13 F84), was im landeskul-
turellen Kontext und angesichts der Brisanz einer solchen Veranstaltung,
nicht überzeugt. In diesem Zusammenhang fällt sodann auf, dass der Be-
schwerdeführer auch auf die Frage ausweichend antwortete, ob die Teil-
nahme anderer Buddhisten an einer solchen Zeremonie für diese nicht ge-
fährlich gewesen sei (vgl. SEM-act. A13 F87 ff.). Soweit er diesbezüglich
ausführt, diese sei nicht schon im Voraus angekündigt gewesen, erst nach
und nach hätten die anwesenden Leute davon erfahren, dass es sich um
eine Tenshuk handelt (vgl. SEM-act. A13 F92), ist dies nicht schlüssig. Der
Beschwerdeführer vermochte sodann auch seinen Beitrag während der
Zeremonie nicht dezidiert darzulegen, auch nicht auf gezielte Fragestel-
lung hin (vgl. SEM-act. A13 F93-F105).
8.4.2 Sodann sind Widersprüche in den Ausführungen des Beschwerde-
führers zu den Ereignissen im Nachgang an die Zeremonie festzustellen.
Diese betreffen den angeblichen Telefonanruf des Sohnes des Dorfvorste-
hers "Dadui Zhang": Einerseits trug der Beschwerdeführer vor, seine Mut-
ter habe den Anruf entgegengenommen, dann zu schreien begonnen, um
nur kurz später in Ohnmacht zu fallen (vgl. SEM-act. A13, F72-73). Ander-
seits gab er an anderer Stelle das Gespräch genau und in der wörtlichen
Rede wieder. So äusserte er sich unter anderem, der Sohn des "Dadui
Zhang" habe ihn mit der Bezeichnung "älterer Bruder" angesprochen (vgl.
SEM-act. A13, F75). Letzteres ist mit der Darstellung, dass die Mutter den
Anruf entgegengenommen und dann hysterisch reagiert habe, kaum zu
vereinbaren. Festzustellen ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich
die Angaben des Beschwerdeführers zum Zeitpunkt dieses Anrufs unter-
scheiden: Zum einen sprach er davon, der Anruf sei spätabends eingegan-
gen (vgl. SEM-act. A13, F55), zum anderen legte er dar, es sei vier bis fünf
Uhr, und jedenfalls vor Sonnenuntergang um sechs Uhr gewesen (vgl.
SEM-act. A13, F77). Dass hier – wie vom Beschwerdeführer behauptet –
ein Fehler in der Übersetzung vorliege, erscheint angesichts des Um-
stands, dass ihm das Protokoll rückübersetzt wurde, als unwahrscheinlich.
Kaum zusätzliches Gewicht ist vor diesem Hintergrund dem von der Vo-
rinstanz festgestellten Umstand beizumessen, dass die Sonne im Bezirk
C._ am (...) 2015 erst um (...) Uhr untergegangen sei. Auch die
Plötzlichkeit, in welcher seine Flucht erfolgt sein soll, indem sein Vater ihn
unmittelbar im Anschluss an das Telefonat am Arm gepackt und sofort zu
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Seite 19
einem verfügbaren Taxi gebracht habe, mit welchem er dann sofort ge-
flüchtet sei (vgl. SEM-act. A13 F55 S. 11), mutet konstruiert an.
8.4.3 Als vage qualifiziert werden müssen weiter die Schilderungen des
Beschwerdeführers zum Grenzübertritt aus der Volksrepublik China nach
Nepal. Obschon es sich dabei um ein einschneidendes Erlebnis gehandelt
haben muss, bei welchem der Beschwerdeführer unter grossem Druck ge-
standen haben müsste, finden sich in seinem Vorbringen kaum Realkenn-
zeichen, die darauf hindeuten würden, dass er das Geschilderte selbst er-
lebt hätte (vgl. SEM-act. A13, F56, F126-127). Unsubstanziiert sind
schliesslich seine Angaben dazu, wer die Flucht in die Schweiz finanziert
habe (vgl. SEM-act. A13, F146). Widersprüchlich sind auch seine Angaben
dazu, was für Ausweispapiere er auf der Flugreise nach Europa benutzte
(vgl. SEM-act. A6, F4.02: nepalesischer Pass; vgl. SEM-act. A15, F136:
taiwanesischer Pass).
8.4.4 Die vagen, unplausiblen und teils widersprüchlichen Aussagen des
Beschwerdeführers lassen sich entgegen der in der Beschwerde vertrete-
nen Auffassung auch nicht mit seiner geringen Schulbildung erklären. Zu-
dem ist nicht ersichtlich, inwiefern der Umstand, dass der Beschwerdefüh-
rer im Zusammenhang mit dem Asylverfahren einer grossen emotionalen
Belastung ausgesetzt war, die festgestellten Widersprüche und die feh-
lende Substanziierung zu relativeren vermöchte.
9.
9.1 Nach dem Gesagten ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer vor seiner Ankunft in der Schweiz
nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exil-tibetischen Diaspora
gelebt hat. Namhafte exil-tibetische Gemeinschaften gibt es – nebst der
Schweiz und Nordamerika – lediglich in Indien und Nepal. Es ist somit im
Sinne einer Vermutung anzunehmen, dass der Beschwerdeführer in den
vergangenen Jahren in Indien oder Nepal gelebt hat. Folglich wäre grund-
sätzlich zu prüfen, ob er über die chinesische Staatsangehörigkeit verfügt,
was eine Prüfung der Drittstaatenregelung im Sinne von Art. 31a Abs. 1
AsylG mit sich bringen würde, oder ob er die indische oder nepalesische
Staatsangehörigkeit erworben hat, was zur Folge hätte, dass das Vorliegen
einer asylrelevanten Gefährdung hinsichtlich eines jener Staaten zu prüfen
wäre. Das Gericht ist indes wie das SEM der Auffassung, dass der Be-
schwerdeführer seine Mitwirkungspflicht in nicht entschuldbarer Weise ver-
letzt hat und dadurch den Behörden nähere Abklärungen – die Abklärungs-
pflicht der Asylbehörden findet, wie bereits festgehalten, ihre Grenze bei
E-3281/2019
Seite 20
der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person – sowie eine Rückschaf-
fung in seinen tatsächlichen Heimatstaat verunmöglicht. Der Beschwerde-
führer hat die Folgen dieses Verhaltens zu tragen (vgl. BVGE 2014/12
E. 5.10).
9.2 Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass zwar davon auszu-
gehen ist, dass der Beschwerdeführer tibetischer Ethnie ist. Jedoch ent-
behren seine geltend gemachten Vorbringen hinsichtlich des Ortes seiner
hauptsächlichen Sozialisation und seine Asylvorbringen insgesamt der
Glaubhaftigkeit. Folglich ist es ihm nicht gelungen, für den Zeitpunkt seiner
Ausreise eine asylrechtlich relevante Verfolgung, die er in seiner Heimat
erlitten hat oder in begründeter Weise zukünftig befürchten müsste, aufzu-
zeigen oder glaubhaft zu machen. Der Beschwerdeführer vermag weder
die Flüchtlingseigenschaft im Zeitpunkt seiner Ausreise noch subjektive
Nachfluchtgründe (illegale Ausreise aus dem Heimatstaat) nachzuweisen
oder zumindest glaubhaft zu machen. Das SEM hat somit zu Recht seine
Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
9.3 Zu einer anderen Beurteilung führt auch das erstmalige Vorbringen des
Beschwerdeführers im Beschwerdeverfahren nicht. Dort macht der Be-
schwerdeführer geltend, er sei in der Schweiz exilpolitisch tätig, indem er
regelmässig an Demonstrationen gegen China teilgenommen habe und Ti-
bet-Parolen skandiert habe, so zuletzt auch beim Besuch des Chinesi-
schen Präsidenten (vgl. Beschwerde S. 18). Die Vorbringen waren bis da-
hin nicht aktenkundig und wurden in der Beschwerde weder näher sub-
stanziiert noch belegt. Diese Vorbringen sind von vornherein nicht geeig-
net, subjektive Nachfluchtgründe zu begründen. Dies insbesondere auch
deshalb nicht, weil – wie bereits dargelegt – die Staatsangehörigkeit des
Beschwerdeführers nicht feststeht. Im Übrigen ist an dieser Stelle auch auf
die nachfolgende Erwägung 11.2 zu verweisen.
10.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylge-
such ablehnt oder darauf nicht eintritt. Der Beschwerdeführer verfügt we-
der über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen
Anspruch auf Erteilung einer solchen. Auch die Wegweisung wurde dem-
nach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je
m.w.H.).
E-3281/2019
Seite 21
11.
11.1 In Bezug auf den Vollzug der Wegweisung hält die Vorinstanz vorab
fest, der Beschwerdeführer habe die geltend gemachte Hauptsozialisie-
rung nicht glaubhaft gemacht. Das Gericht folgt der Vorinstanz sowohl in
diesem Punkt als auch hinsichtlich der weiteren diesbezüglichen Erwägun-
gen. Die Herkunft und Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers gelten
deshalb als unbekannt.
Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvollzugs
sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersuchungspflicht findet
aber, wie bereits vorstehend ausgeführt, ihre Grenzen an der Mitwirkungs-
pflicht des Beschwerdeführers. Es ist nicht Sache der Behörden, bei feh-
lenden Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in hy-
pothetischen Herkunftsländern zu forschen. Der Beschwerdeführer hat die
Folgen seiner fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der
Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts ge-
gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort, da dieser den Behör-
den unbekannt ist und der Beschwerdeführer damit keine konkreten,
glaubhaften Hinweise geliefert hat, die gegen eine Rückkehr dorthin spre-
chen würden.
11.2 In Übereinstimmung mit der Dispositivziffer 5 der angefochtenen Ver-
fügung ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen
und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach China im Sinne von Art. 45
Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen wird, da ihnen dort gegebenenfalls
Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn beziehungsweise eine men-
schenunwürdige Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht (vgl. BVGE
2014/12 E. 5.11).
11.3 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich die für eine Rückkehr allen-
falls benötigten Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl.
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen Auf-
nahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
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Seite 22
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG
aber mit Zwischenverfügung vom 5. Juli 2019 gutgeheissen worden ist und
den Akten keine Hinweise auf eine relevante Veränderung der finanziellen
Verhältnisse des Beschwerdeführers zu entnehmen sind, ist von einer Kos-
tenauflage abzusehen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
Eine Parteientschädigung ist im Zusammenhang mit der festgestellten Ver-
letzung des Akteneinsichtsrechts nicht zuzusprechen, da der Rechtsvertre-
ter zum Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung in Kenntnis der Vorakten war
und daher diese bei der Chancenprüfung der Beschwerde heranziehen
konnte.
(Dispositiv nächste Seite)
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