Decision ID: fc3b3d00-2b40-5c7e-bbe3-80c2407b80b2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
Der damals minderjährige Beschwerdeführer gelangte am (...) November
2016 in die Schweiz, wo er tags darauf um Asyl nachsuchte. Das SEM be-
fragte ihn am 1. Dezember 2016 summarisch zu seiner Person (BzP; Pro-
tokoll in den SEM-Akten A9/12) und hörte ihn am 19. Mai 2017 zu seinen
Asylgründen an (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten A31/22).
B.
Am 21. Februar 2017 ordnete die zuständige Kindes- und Erwachsenen-
schutzbehörde (KESB) für den Beschwerdeführer eine Vertretungsbei-
standschaft gemäss Art. 306 Abs. 2 ZGB an, nachdem dessen Altersan-
gabe durch eine entsprechende Abklärung vom 15. November 2016 bestä-
tigt worden war.
C.
Zu seinen Asyl- und Ausreisegründen brachte der Beschwerdeführer vor,
er sei guineischer Staatsangehöriger der Ethnie Peul/Fulbe und in
B._, Präfektur B._, Region Nzérékoré geboren. Seine Eltern
seien im Jahr 2000 während eines Rebellenangriffs ums Leben gekom-
men, weshalb er bei seinem Onkel väterlicherseits, C._, in
D._, Präfektur D._ aufgewachsen sei. Dort habe er (...)
Jahre lang die Schule besucht; nach der Schule habe er jeweils seinem
Onkel in dessen Laden geholfen, er habe Dinge wie (...) verkauft. Die Ehe-
frau seines Onkels namens E._ habe nicht gemocht, dass sein On-
kel sich um ihn kümmere; in dessen Abwesenheit habe sie ihn regelmässig
geschlagen, ihm auch Verbrennungen zugefügt. 2012 habe sie ihm auf
seine Frage, weshalb sie ihn schlecht behandle, gesagt, dass sie und sein
Onkel nicht seine leiblichen Eltern seien. Sein Onkel habe ihm auf Nach-
frage nicht sagen wollen, wer seine Eltern seien, ihm aber erzählt, diese
seien umgebracht worden. Er habe ihm auch erzählt, dass er noch einen
Onkel mütterlicherseits habe sowie einen Bruder und eine grosse Schwes-
ter, die bei diesem Onkel lebten; er habe aber gesagt, aufgrund von Prob-
lemen keinen Kontakt zu haben.
Im Jahr 2013, als sein Onkel wieder einmal unterwegs gewesen sei, habe
seine Tante eines Abends einen Stein nach ihm geworfen, der ihn am Auge
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getroffen habe, weshalb dieses angeschwollen sei. Als der Onkel zurück-
gekehrt sei, habe es deswegen zwischen ihm und der Tante Streit gege-
ben. Sein Onkel sei sehr wütend geworden, dann zusammengebrochen
und ins Spital gebracht worden. Dort habe er ihn besucht, er sei halbseitig
gelähmt gewesen und habe nicht gut sprechen können; trotzdem habe er
ihn erneut nach seinen Geschwistern und deren Aufenthaltsort gefragt, der
Onkel habe ihm aber nichts dazu sagen können. Später sei der Onkel im
Spital gestorben. Seine Tante habe ihm die Schuld daran gegeben und ihn
weggeschickt. Zunächst sei er jeweils für die Nacht zurückgekehrt und
habe auf der Terrasse geschlafen. Nach weniger als einem Monat nach
dem Tod des Onkels sei er dann nach F._ gereist; er habe gewusst,
dass sein Onkel manchmal dorthin gereist sei, und gehofft, dass er dort
Verwandte finden könnte. Dort habe er dann G._ kennengelernt,
mit dem er im (...) 2013 nach Algerien ausgereist sei. In H._ habe
er sich rund zwei Jahre lang aufgehalten, bevor er Anfang 2016 nach Li-
byen weitergereist sei. Nach mehreren Monaten in Haft sei er über Italien
in die Schweiz gelangt.
D.
D.a Mit Schreiben vom 14. September 2017 teilte das SEM dem Beschwer-
deführer mit, es arbeite mit der guineischen Nichtregierungsorganisation
(...) zusammen. Diese habe sich bereit erklärt, den Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr nach Guinea zu betreuen.
D.b Mit Eingabe vom 28. September 2017 nahm der Beschwerdeführer
dazu Stellung. Er machte geltend, er sei seit längerer Zeit in schlechter
psychischer Verfassung und deshalb auch in Behandlung. Dazu reichte er
drei Arztberichte der (...) vom 6. Dezember 2017, 12. März 2018 und
23. April 2018, ein durch die Psychiatrische Klinik (...) ausgefülltes Formu-
lar "rapport medical" vom 6. Februar 2018 sowie zwei Berichte des Spital-
zentrums I._ vom 18. Januar 2018 und 8. März 2018 ins Recht.
E.
Mit Verfügung vom 7. Mai 2018 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
ab, wies ihn aus der Schweiz weg und beauftragte den zuständigen Kanton
mit dem Vollzug der Wegweisung.
F.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 8. Juni 2018 Be-
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schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Im Rahmen des Schriften-
wechsels nahm das SEM das erstinstanzliche Verfahren mit Verfügung
vom 6. Juli 2018 wieder auf, weshalb das Bundesverwaltungsgericht das
Verfahren mit Entscheid E-3369/2018 vom 11. Juli 2018 als gegenstands-
los geworden von der Geschäftskontrolle abschrieb.
G.
Nachdem der Beschwerdeführer am (...) volljährig geworden war, hob die
zuständige KESB die am 26. Februar 2016 errichtete Beistandschaft mit
Verfügung vom 19. September 2018 auf.
II.
H.
Mit Verfügung vom 1. November 2018 – tags darauf eröffnet – stellte die
Vorinstanz erneut fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, wies ihn aus der Schweiz weg und
beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Zur
Begründung der Verneinung der Flüchtlingseigenschaft und der Ablehnung
des Asylgesuchs führte das SEM aus, die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers seien weder glaubhaft noch asylrelevant.
I.
Am 3. Dezember 2018 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die angefochtene Verfügung sei in
den Dispositivziffern 3, 4 und 5 (Wegweisung und Wegweisungsvollzug)
aufzuheben und er sei in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In prozessu-
aler Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und um Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin.
Als Beweismittel legte er ein von ihm persönlich verfasstes Schreiben vom
29. November 2018 – indem er seine Erinnerungen an die Ereignisse rund
um den Tod seines Onkels schildert –, eine Arbeitsbewilligung des Kantons
Bern vom 30. Juli 2018 sowie eine Bestätigung des (...) vom 8. August
2018 bei.
J.
Mit Instruktionsverfügung vom 10. Dezember 2018 bestätigte das Bundes-
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verwaltungsgericht den Eingang der Beschwerde und stellte fest, der Be-
schwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der
Schweiz abwarten.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Dezember 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter
Vorbehalt einer Veränderung der finanziellen Lage des Beschwerdeführers
gut und ordnete ihm die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechts-
beiständin bei. Des Weiteren grenzte sie den Verfahrensgegenstand auf
die Dispositivziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung (Anordnung des
Vollzugs der Wegweisung) ein.
L.
Mit Schreiben vom 17. September 2020 reichte der Beschwerdeführer den
Ausdruck seiner Zulassungsbestätigung für die Prüfungen der (...) Klasse
in D._ vom 9. September 2013 nach, die er mit Hilfe der Familie
eines Freundes habe erhältlich machen können. Diese belege seine Anga-
ben. Gleichzeitig wurde eine Kostennote eingereicht.
M.
M.a Am 24. September 2020 lud die Instruktionsrichterin die Vorinstanz
ein, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen. Dieser Aufforderung kam
die Vorinstanz mit Vernehmlassung vom 7. Oktober 2020 nach.
M.b Die dem Beschwerdeführer vom Bundesverwaltungsgericht mit Zwi-
schenverfügung vom 12. Oktober 2020 gewährte Gelegenheit zur Replik
nahm dieser am 17. November 2020 wahr. Zusammen mit der Replik legte
er eine aktuelle Honorarnote ein.
N.
N.a Mit Instruktionsverfügung vom 10. März 2021 forderte die Instruktions-
richterin den Beschwerdeführer dazu auf, sich detailliert und mit entspre-
chenden Beweismitteln belegt zu seiner persönlichen Situation in der
Schweiz, namentlich zu seiner Ausbildung und seinem persönlichen Um-
feld zu äussern.
N.b Dieser Aufforderung kam der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
25. März 2021 fristgerecht nach, wobei er dieser erneut ein persönliches
Schreiben vom 16. März 2021, eine Ausbildungsbestätigung des (...) vom
15. März 2021, ein Foto von ihm bei einem Fussballspiel im Jahr 2020 so-
wie eine angepasste Kostennote vom 25. März 2021 beilegte.
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Seite 6
O.
O.a Mit Überweisungsschreiben vom 20. Juli 2021 liess das zuständige Zi-
vilstandsamt den Asylbehörden mehrere Dokumente betreffend den Be-
schwerdeführer zukommen, darunter eine Identitätskarte, ausgestellt am
6. September 2020, eine Geburtsurkunde, ausgestellt am 29. Dezember
2020, eine Ledigkeitsbestätigung, ausgestellt am 28. Dezember 2020, alle
in J._ sowie einen Auszug aus dem Strafregister, ausgestellt am
24. Dezember 2020 in K._.
O.b Mit Zwischenverfügung vom 28. Juli 2021 forderte die Instruktionsrich-
terin den Beschwerdeführer dazu auf, zur Frage Stellung zu nehmen, wie
er in den Besitz dieses Identitätspapieres, das unter anderem einen Fin-
gerabdruck trägt, und der übrigen Dokumente gelangt sei. Gleichzeitig bot
sie ihm die Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen, dass sich Unstimmig-
keiten aus diesen Papieren einerseits und seinen Angaben im Rahmen des
Asylverfahrens andererseits ergäben, sowie mitzuteilen, um wen es sich
bei den auf dem "Jugement supplétitif tenant lieu d'acte de Naissance",
aufgeführten Zeugen "L._ und M._" handle. Schliesslich for-
derte sie ihn auf, mitzuteilen, über welchen Aufenthaltsstatus seine Freun-
din N._ in der Schweiz verfüge – da sich daraus unter Umständen
ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung ergeben könnte –
und, ob er gegebenenfalls bei der zuständigen kantonalen Migrationsbe-
hörde bereits ein Verfahren um Erteilung einer ausländerrechtlichen Bewil-
ligung eingeleitet habe und in welchem Stadium sich dieses Verfahren be-
finde.
O.c Mit Eingabe vom 9. September 2021 nahm der Beschwerdeführer Stel-
lung zu den in der Zwischenverfügung aufgeworfenen Fragen. Zusammen
mit der Eingabe reichte er eine aktuelle Honorarnote ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM ist eine Vor-
instanz des Bundesverwaltungsgerichts (Art. 33 d VGG) und eine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht
vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung
der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
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in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31];
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG,
Art. 6 AsylG, Art. 112 Abs. 1 Ausländergesetzt [vormals AuG, mit Teilrevi-
sion vom 1. Januar 2019 in Ausländer- und Integrationsgesetzt [AIG] um-
benannt). Hinsichtlich des AsylG kommt das alte Recht zur Anwendung
(Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde berechtigt (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht (Art. 108 Abs. 1 AsylG [in der
Fassung vom 1. Oktober 2016] und Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Wie bereits mit Zwischenverfügung vom 27. Dezember 2018 festgestellt,
beschränkt sich der Verfahrensgegenstand auf die Überprüfung der Ziffern
4 und 5 der angefochtenen Verfügung (Anordnung des Wegweisungsvoll-
zugs). Streitig und zu prüfen ist, ob das SEM zu Recht festgestellt hat, dem
Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers stünden keine Hinder-
nisse nach Art. 83 Abs. 1 AIG entgegen oder aber, ob er, wie in der Be-
schwerde geltend gemacht, aufgrund solcher Hindernisse vorläufig in der
Schweiz aufzunehmen ist. Demgegenüber sind die Verneinung der Flücht-
lingseigenschaft, die Ablehnung des Asylgesuches und die Anordnung der
Wegweisung mangels Anfechtung nicht Gegenstand des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens. Die Ziffern 1 bis 3 des Dispositivs der angefochtenen
Verfügung sind in Rechtskraft erwachsen.
3.
Gemäss Art. 112 Abs. 1 AIG in Verbindung mit Art. 49 VwVG umfasst die
Kognition und die zulässigen Rügen die Verletzung des Bundesrechts, die
unrichtige und unvollständige Feststellung des Sachverhalts sowie die Un-
angemessenheit.
Der vorliegend anzuwendende Artikel (Art. 83 Abs. 1–4 AIG) ist unverän-
dert vom AuG ins AIG übernommen worden.
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4.
4.1 Die Vorinstanz begründet ihre Verfügung hinsichtlich der Zulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs damit, dass der Beschwerdeführer die Flücht-
lingseigenschaft nicht erfülle, weshalb das entsprechende Refoulement-
Verbot nicht zur Anwendung gelange. Aus den Akten würden sich auch
keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass dem Beschwerdeführer im Falle
einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe.
Zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führt sie aus, dass vereinzelte
gewaltsame Zusammenstösse zwar nicht ausgeschlossen werden könn-
ten, aber in Guinea keine Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner
Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG herrsche. Allfällige individuelle
Wegweisungsvollzugshindernisse seien nicht gegeben. Der Beschwerde-
führer sei inzwischen volljährig, weshalb es sich erübrige, auf Aspekte der
Rückkehr als unbegleiteter Minderjähriger einzugehen. Sodann seien zwar
Wegweisungsvollzugshindernisse grundsätzlich von Amtes wegen zu prü-
fen, Asylsuchende seien aber im Rahmen ihrer Mitwirkungspflicht verpflich-
tet, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken. Er habe keinerlei
Identitätspapiere oder Beweismittel zu den Akten gereicht. Seine Asylvor-
bringen seien auch nicht glaubhaft gemacht. Dazu verwies es auf seine
Erwägungen unter dem Asylpunkt (ebd. II Ziff. 1), wonach seine Schilde-
rungen unsubstantiiert ausgefallen seien und kaum Realkennzeichen ent-
halten würden. Sowohl zur Fahrt ins Spital, zur Ankunft und dem Empfang
dort, der ersten Versorgung, dem Übernachten und auch zur Beerdigung
seines Onkels habe er nur oberflächliche, stereotype und detailarme An-
gaben machen können. Es könne ihm daher nicht geglaubt werden, dass
sein Onkel unter diesen Umständen und zu diesem Zeitpunkt verstorben
sei. Somit sei auch seinem Vorbringen, nach dem Tod seines Onkels mit
dessen Ehefrau Probleme gehabt zu haben, von vornherein die Grundlage
entzogen. Ergänzend sei festzuhalten, dass der geltend gemachte Tod des
Onkels überhaupt unglaubhaft sei. Ebenso wenig habe er überzeugend
darzulegen vermocht, dass er über keine Verwandten in Guinea verfüge.
Er habe nicht erklären können, weshalb sein Onkel ihm nichts über die
Eltern habe erzählen wollen. Auch dass dieser ihm die Namen der Ge-
schwister nicht mitgeteilt habe, sei nicht nachvollziehbar. Es könne nicht
Sache der Asylbehörden sein, nach allfälligen Wegweisungsvollzugshin-
dernissen zu forschen, wenn ein Gesuchsteller keine rechtsgenüglichen
Identitätspapiere abgebe sowie seine Mitwirkungspflicht verletze und
dadurch eine vernünftige Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs verhindere. Schliesslich sei anzumerken, dass er (...) Jahre lang die
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Schule besucht habe und mittlerweile volljährig sei. Es bestehe für ihn
demzufolge die Möglichkeit, nach seiner Rückkehr in Guinea eine wirt-
schaftliche Lebensgrundlage aufzubauen. Er habe zwar diverse gesund-
heitliche Probleme geltend gemacht, dem letzten Arztbericht zufolge sei er
aber in einem stabilen Gesundheitszustand, die medikamentöse Behand-
lung habe abgesetzt werden können und seine psychischen Probleme
könne er nun ambulant behandeln lassen. Somit handle es sich hierbei
nicht um eine andauernde schwerwiegende Gesundheitsstörung, die ohne
Behandlung in eine medizinische Notlage führen würde. Allfällige suizidale
Tendenzen könnten medikamentös gedämpft werden, weshalb diese kein
völkerrechtliches Wegweisungshindernis bilden würden.
4.2 Der Beschwerdeführer wendet in der Beschwerdeschrift ein, seine Aus-
sagen bezüglich des Todes seines Onkels seien durchaus glaubhaft aus-
gefallen. Er habe sich nicht widersprochen, weder zwischen der BzP und
der Anhörung noch in der Anhörung selbst. Mit beispielhaften Hinweisen
auf einzelne Protokollstellen macht er geltend, seine Schilderungen ergä-
ben ein konsistentes Bild von der Zeit vor seiner Ausreise aus Guinea. Er
habe präzise auf die Fragen geantwortet, Aussagen in direkter Rede wie-
dergegeben und Zusammenhänge hergestellt. Bei Episoden, die ihm be-
sonders wichtig gewesen seien, habe er stets ausführlich geantwortet. Er
habe auch immer gesagt, wenn er etwas nicht gewusst habe, und nichts
erfunden.
Zu berücksichtigen sei überdies, dass er zur Zeit dieser Ereignisse erst (...)
Jahre alt gewesen sei und es sich bei der Person, die zusammengebro-
chen und später gestorben sei, um seine einzige und engste familiäre Be-
zugsperson gehandelt habe. Dass er sich nicht mehr an alle Einzelheiten
erinnern könne, sei nachvollziehbar. Hinzu komme, dass seit dem Ereignis
bereits mehrere Jahre vergangen seien, was die Erinnerung ebenfalls be-
einträchtigen dürfte. Seine Aussagen seien aber auch in zeitlich und räum-
licher Hinsicht kongruent. Er habe mehrmals an verschiedenen Stellen
ausgeführt, dass er nicht wisse, weshalb sein Onkel ihm nichts über seine
Eltern habe erzählen wollen; es sei auch nicht dessen Absicht gewesen,
ihn überhaupt über die Tatsache aufzuklären, dass er und seine Ehefrau
nicht seine Eltern seien. Sodann sei darauf hinzuweisen, dass seine Aus-
sagen zum Tod seiner Eltern mit den Ereignissen in Guinea im Jahr (...)
übereinstimmten. Er habe aber stets offengelegt, dass es sich bei seinen
Ausreisegründen um solche familiärer, existenzieller Natur gehandelt
habe, und nicht versucht, sich als Verfolgten darzustellen.
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Es wird sodann geltend gemacht, von einer Verletzung der Mitwirkungs-
pflicht könne nicht ausgegangen werden. Er sei bei seiner Ausreise aus
dem Heimatstaat nur in Besitz seiner Geburtsurkunde und eines Schüler-
ausweises gewesen, welche man ihm während der Haft in Libyen wegge-
nommen habe. Eine Identitätskarte oder einen Pass habe er gar nie be-
sessen. In Guinea habe er keine weiteren Familienangehörigen, zu denen
er den Kontakt hätte aufrechterhalten können, und auch zu seinen Schul-
kameraden habe er keine Verbindung. Er habe seinen Heimatstaat noch
als Kind verlassen und wichtige Jahre der Entwicklung gerade nicht dort
verbracht. Er wäre bei einer Rückkehr auf ein familiäres und soziales Netz
angewiesen; ein solches habe er aber gerade nicht. Demgegenüber habe
er inzwischen in der Schweiz sowohl stabile menschliche Beziehungen als
auch eine Ausbildungsstelle als (...), die er im August 2018 habe beginnen
können. Hier habe er zum ersten Mal im Leben ein ihn unterstützendes
soziales Netz, psychotherapeutische Betreuung und gute wirtschaftliche
Aussichten. Es wäre auch aus entwicklungspsychologischer Sicht fatal, ihn
in seinem Alter aus diesem Neuanfang herauszureissen, unabhängig da-
von, ob er das 18. Lebensjahr überschritten habe oder nicht. Schliesslich
sei zu berücksichtigen, dass er seit August 2017 in psychotherapeutischer
Behandlung stehe und an (...) und an einer Posttraumatischen Belastungs-
störung (PTBS) leide. Er habe immer wieder Suizidgedanken und bei ei-
nem Vollzug der Wegweisung bestehe eine akute Suizidgefahr. Er sei so-
gar in die Psychiatrie eingewiesen worden. Die bis im August 2018 durch-
geführte Therapie habe ihn etwas stabilisiert, auch der Beginn der Lehre
habe dazu beigetragen. Eine PTBS verschwinde jedoch nicht einfach so
nach ein paar Monaten. Die Stabilisierung sei der Behandlung in der
Schweiz, der Unterstützung, die er hier erfahren habe, und dem einigerma-
ssen stabilen Umfeld anzurechnen. Würde er aus diesen Strukturen her-
ausgerissen, wäre mit einer Verschlechterung des Zustandes zu rechnen.
In Guinea stünden kaum psychiatrisch geschulte Ärztinnen oder Psycholo-
gen zur Verfügung und die Behandlungskosten könnte er ohnehin nicht
tragen.
4.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz mit Ergänzungen an ihren
Erwägungen fest. Das eingereichte Beweismittel – die Zulassungsbestäti-
gung für die Prüfungen der (...) Klasse in D._ – liege lediglich in
Kopie vor und sei ohne Beweiswert. Auch das persönliche Schreiben des
Beschwerdeführers sei ohne Belang. Ihre Einschätzung hinsichtlich des
Vollzugs der Wegweisung werde dadurch gestützt, dass keine neuen Arzt-
berichte eingereicht worden seien. Der Beschwerdeführer sei demnach in
den letzten zwei Jahren nicht auf medizinische Versorgung angewiesen
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gewesen. Ausserdem komme ihm bei der Wiedereingliederung in Guinea
seine Arbeitserfahrung zugute.
4.4 Darauf replizierte der Beschwerdeführer, der Zulassungsbestätigung
könne nicht jeglicher Beweiswert abgesprochen werden, nur weil es sich
lediglich um eine Kopie handle. Er habe nachvollziehbar erklärt, weshalb
er nicht das Original habe einreichen können. Er lebe nun seit über (...)
Jahren nicht mehr in Guinea und habe dort niemanden, der ihn bei der
Wiedereingliederung unterstützen könnte. Er habe sein Heimatland als
Kind verlassen und wisse nicht, wie er sich dort allein zurechtfinden könnte.
Aus diesem Grund sei er nach wie vor als vulnerable Person zu bezeich-
nen, auch wenn er nicht mehr minderjährig sei. Er habe eine schwierige
Kindheit gehabt und die prägenden Teenagerjahre auf der Flucht verbracht.
Hier in der Schweiz habe er ein unterstützendes Umfeld, sei gut integriert
und lebe in einer festen Beziehung. Er besuche derzeit zwar keine regel-
mässige therapeutische Behandlung mehr, melde sich aber bei seiner The-
rapeutin, wenn er Einbrüche in seinem psychischen Zustand habe. In einer
Gesamtwürdigung der Umstände sei der Vollzug der Wegweisung unzu-
mutbar.
4.5 In seiner Eingabe vom 25. März 2021 führt der Beschwerdeführer hin-
sichtlich seiner Integrationsbemühungen und seiner persönlichen Situation
in der Schweiz aus, er befinde sich mittlerweile im letzten Lehrjahr und
spiele jeden Sonntag Fussball mit seiner Mannschaft. Die Ausbildung habe
ihm ermöglicht, seine Sorgen zu vergessen. Seit Ende Dezember 2020
wohne er zudem mit seiner Freundin zusammen und sie beabsichtigten zu
heiraten. Das Ehevorbereitungsverfahren sei bereits eingeleitet, aufgrund
fehlender Dokumente werde dieses aber wohl noch andauern.
4.6 In seiner Eingabe vom 9. September 2021 legte der Beschwerdeführer
dar, dass er inzwischen in der Schweiz mehrere Landsleute kennengelernt
habe. Zusammen mit seiner Freundin hätten sie sich um den Erhalt von
Dokumenten gekümmert, damit sie heiraten könnten. Da Guinea keine Bot-
schaft in der Schweiz habe, habe er einen Landsmann – den er im letzten
Jahr kennengelernt habe und der Kontakte zu Guinea pflege – beauftragt,
für ihn eine Identitätskarte, eine Geburtsurkunde, einen Strafregisteraus-
zug sowie eine Ledigkeitsbescheinigung zu beantragen. Dass auf den Do-
kumenten K._ als sein Geburtsort aufgeführt sei, erkläre er sich da-
mit, dass er in B._ bestimmt nicht registriert worden sei und deshalb
die Hauptstadt als Geburtsort gelte. Der Fingerabdruck auf der Identitäts-
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karte sei nicht sein eigener, sondern die Bestätigung des den Ausweis aus-
stellenden Beamten, neben den Stempeln und der Unterschrift der Be-
hörde. Er wisse nicht, um wen es sich bei den im Gerichtsurteil aufgeführ-
ten Zeugen handle und kenne die Verwaltungsabläufe in Guinea nicht.
Auch seine Rechtsvertreterin könne dazu nichts sagen, da auch sie mit den
Verfahren in Guinea nicht vertraut sei. Jedenfalls verfüge er nun über eine
Identitätskarte und weitere behördliche Dokumente. Seine Verlobte
N._ sei anerkannter Flüchtling und verfüge über eine Aufenthalts-
bewilligung in der Schweiz. Das Ehevorbereitungsverfahren sei noch
immer pendent, da das Zivilstandsamt die Überprüfung der guineischen
Identitätsdokumente durch die Schweizerische Botschaft in Abidjan /
Côte d'Ivoire abwarte. Die Aufenthaltsbewilligung könne er danach bean-
tragen. Des Weiteren habe er zwischenzeitlich seine Lehre abgeschlossen
und schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben, der von der kantonalen Ar-
beitsmarktbehörde noch bestätigt werden müsse.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
5.2 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur – ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E.8).
5.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). In der folgenden
Erwägung ist zunächst der relevante Sachverhalt festzustellen und dazu
ist zu prüfen, ob das SEM zu Recht festgestellt hat, der Beschwerdeführer
habe seine Mitwirkungspflicht verletzt und die geltend gemachten Lebens-
verhältnisse in Guinea nicht glaubhaft gemacht.
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Seite 13
6.
6.1 Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein re-
duziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände
und Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft
gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist,
sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind.
Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der
Inhalt der Aussagen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As-
pekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte
Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Ge-
samtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhalts-
darstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objekti-
vierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
6.2
6.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt in Übereinstimmung mit den
Ausführungen auf Beschwerdestufe sowie nach Überprüfung aller übrigen
Akten zunächst zum Schluss, dass dem Beschwerdeführer keine Verlet-
zung der Mitwirkungspflicht vorgehalten werden kann. Vielmehr geht aus
den Protokollen in ihrer Gesamtheit hervor, dass er sich nach Möglichkeit
bemüht hat, Angaben zu seiner Herkunft, seinem Lebenslauf und den Aus-
reisegründen zu machen. Es sind keine wesentlichen Unstimmigkeiten er-
kennbar und die Erklärungen zu den Papieren, über die er verfügt habe
(Geburtsurkunde und Schülerausweis), sind übereinstimmend ausgefallen,
obwohl sie jeweils in unterschiedlichem Kontext zur Sprache kamen. Be-
reits zu Beginn der BzP hatte der Beschwerdeführer angegeben, er habe
bis Libyen eine Geburtsurkunde bei sich gehabt, sein Geburtsdatum sei
darauf vermerkt gewesen (A9 Ziff. 1.06). Zu möglichen Dokumenten ge-
fragt, gab er später an, nebst der Geburtsurkunde auch einen Schüleraus-
weis besessen zu haben, auch dieser sei ihm in Libyen, im Gefängnis, ab-
genommen worden (ebd. Ziff. 4.04). In der Anhörung berichtet er wieder
von diesen Dokumenten und macht ergänzende Angaben (A31 F11 ff.).
Später, in anderem Zusammenhang, schildert er, wie er vor seiner Abreise
nach F._ noch diese beiden Dokumente an sich genommen habe.
Auch diese Antwort wirkt authentisch, insbesondere, weil sie als unnötige
Ergänzung auf die Frage folgt, wann er sich entschieden habe, nach
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F._ zu reisen (vgl. ebd. F167). Die Ausführungen des Beschwerde-
führers zu den vom zuständigen Zivilstandsamt überwiesenen Papieren
scheinen vor dem entsprechenden Länderhintergrund plausibel. So könn-
ten nicht alle Zivilstandsbeamten in Guinea lesen oder schreiben, was den
Fingerabdruck auf der Identitätskarte erklären könnte. Die zuständigen Be-
amten würden Ersatzdokumente ohne jegliche Prüfung der personellen
Daten und Hintergründe unterschreiben. Es müssten lediglich zwei Identi-
tätskarten vorgelegt werden. Dies könnte auch die abweichenden Angaben
zum Geburtsort und der ursprünglichen Adresse des Beschwerdeführers
sowie die Namen der Zeugen, welche dem Beschwerdeführer nicht be-
kannt seien, erklären. Auch der übereinstimmende Familienname vermag
daran nichts zu ändern, zumal dieser in Guinea sehr verbreitet ist (vgl. zu
den Länderinformationen: Office français de protection des réfugiés et
apatrides (OFPRA), Rapport de mission en Guinée du 7 au 18 novembre
2017, Februar 2018, S. 77 ff., https://www.ofpra.gouv.fr/sites/default/fi-
les/atoms/files/didr_rapport_de_mission_en_guinee_final.pdf, abgerufen
am 15. September 2021). Letztlich vermögen die inzwischen vorliegenden
Papiere aus Guinea dem Beschwerdeführer weder zum Vorteil, insbeson-
dere aber auch nicht zum Nachteil zu gereichen.
6.2.2 Das Gericht teilt sodann die vorinstanzliche Auffassung, wonach die
Ausführungen des Beschwerdeführers stereotyp und konstruiert wirkten,
nicht. Vielmehr hat er seine Erlebnisse authentisch und nachvollziehbar, in
sich stimmig und überzeugend dargelegt. Dies gilt für seine ganze Lebens-
geschichte, angefangen bei der Umgebung und den Umständen, in denen
er in Guinea gelebt hat, bis zu seiner Ausreise über F._, seinem
Aufenthalt in Algerien, seiner Weiterreise nach Libyen und schliesslich in
die Schweiz. Wenn seine Beschreibungen auch teilweise kurz ausgefallen
sind – etwa was die Beschreibung der Umgebung, wo er gelebt habe, an-
belangt (vgl. etwa A31 F27 – 66) – so ist dies in einer Gesamtbetrachtung
eher auf seine Erzählweise als auf eine fehlende Mitwirkung oder gar ein
Verschweigen zurückzuführen. Er berichtet durch die ganze BzP und auch
Anhörung hindurch in gleicher und authentisch wirkender Art und Weise,
entsprechend auch seinem Alter und geltend gemachten Hintergrund.
Seine Schilderungen wirken echt und gerade nicht konstruiert. Der Be-
schwerdeführer macht insgesamt einen persönlich glaubwürdigen Ein-
druck. Auch enthalten seine Angaben durchaus zahlreiche Details. Sie wei-
sen auch Interaktionen, inhaltliche Besonderheiten und unwichtige Neben-
sächlichkeiten auf (vgl. ebd. F77, F80, F112, F122 ff., F128, F130, F137,
F139, F149, F180, F184 ff., F191). Der Beschwerdeführer gibt mehrfach
Gespräche in direkter Rede und durchlebte Emotionen glaubhaft wieder
https://www.ofpra.gouv.fr/sites/default/files/atoms/files/didr_rapport_de_mission_en_guinee_final.pdf https://www.ofpra.gouv.fr/sites/default/files/atoms/files/didr_rapport_de_mission_en_guinee_final.pdf
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(vgl. ebd. F112, F117, F119, F121). Auch aus verschiedenen Blickwinkeln
und nicht chronologisch erzählt, vermochte der Beschwerdeführer die Er-
eignisse stimmig zu schildern und einzuordnen, ohne dass sich dabei Feh-
ler oder Unstimmigkeiten ergeben hätten (vgl. ebd. F151 und F164, oder
A9 Ziff. 7.01 in fine sowie A31 F143 f. F167). Übertreibungen lassen sich
ebenfalls keine erkennen (vgl. ebd. F80, F112 und F171). Allfällige Wis-
sens- oder Erinnerungslücken hat er frei eingestanden (vgl. ebd. F42, F68,
F98, F157 f. und F181). Die Erklärung, weshalb er die Namen seiner Eltern
nicht kenne, ist – entgegen der Auffassung der Vorinstanz – durchaus
nachvollziehbar (vgl. A9 Ziff. 1.16.04 und Ziff. 3.01 sowie A31 F14 ff. und
F83 ff.). Tatsächlich kam es im Zeitraum nach der Geburt des Beschwer-
deführers sodann in seinem Herkunftsgebiet zu zahlreichen Gewaltausbrü-
chen, vorab im Zusammenhang mit den kriegerischen Auseinandersetzun-
gen in den Nachbarsländern Liberia und Sierra Leone (vgl. u.a. UNHCR,
The Global Report 2000, 30. Juni 2001, Guinea, S. 188, www.un-
hcr.org/3e23eb550.html; abgerufen, wie alle folgenden Links, am 26. Juli
2021). Dass der Onkel ihm von der Adoption erzählt, aber keine Details
genannt hat, ist ebenfalls plausibel (vgl. ebd. F85 und F112). Ausserdem
verschweigt der Beschwerdeführer auch nicht, dass er noch einen Onkel,
(...) habe, und erklärt nachvollziehbar, weshalb er nicht wisse, wo sie sich
aufhielten, oder ob sie überhaupt noch lebten (vgl. A9 Ziff. 3.01 sowie A31
F92 ff. und F112). Er habe vor seiner Ausreise erfolglos versucht, noch
Verwandte zu finden; er beschreibt auch, weshalb er gerade nach
F._ gereist sei (vgl. ebd. F112).
6.2.3 Zu Recht wird auf Beschwerdestufe sodann vorgebracht, das SEM
habe weder das junge Alter des Beschwerdeführers noch die lange Zeit-
spanne seit der Ausreise aus dem Heimatstaat in die Glaubhaftigkeitsprü-
fung mit einbezogen. Nicht berücksichtigt hat es auch die Erlebnisse des
sehr jungen Beschwerdeführers während seiner Reise in die Schweiz. Zur
Vermeidung von Wiederholungen kann hier auf die zutreffende Darlegung
des Beschwerdeführers verweisen werden (vgl. Beschwerdeschrift sowie
Zusammenfassung unter E. 4.2). Richtig ist zwar, dass Dokumenten in Ko-
pie grundsätzlich kaum Beweiswert zukommt. Dennoch ist der Einwand in
der Replik im vorliegenden Fall gerechtfertigt, zumal der Beschwerdeführer
noch ausführlich beschreibt, wie er dazu gelangt sei und sie sich inhaltlich
mit seinen glaubhaft gemachten Aussagen deckt.
6.3 Zusammenfassend hat es das SEM versäumt, eine Gesamtwürdigung
aller wesentlichen Elemente vorzunehmen, es hat einseitig nur die zu Un-
http://www.unhcr.org/3e23eb550.html http://www.unhcr.org/3e23eb550.html
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gunsten des Beschwerdeführers sprechenden Elemente gewürdigt, ob-
wohl es zahlreiche Hinweise gibt, die für die Glaubhaftigkeit seiner Schil-
derungen und grundsätzlich für seine persönliche Glaubwürdigkeit spre-
chen. Diese überwiegen in einer Gesamtwürdigung. Es ist der folgenden
Würdigung demnach der unter Buchstabe C sowie den Erwägungen 4.2,
4.4 und 4.5 festgehaltene Sachverhalt zu Grunde zu legen.
7.
7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Eine konkrete Gefährdung
kann sich auch aufgrund einer desolaten humanitären Lage im Heimat- o-
der Herkunftsstaat ergeben, wenn der betroffenen Person deswegen die
materiellen Lebensgrundlagen entzogen sind (vgl. BVGE 2014/26 E. 7.5
m.w.H.). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt
von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
Am 7. November 2010 wurde nach 30 Jahren der Militärdiktatur zum ersten
Mal in der Geschichte Guineas ein Präsident vom Volk gewählt: Alpha
Condé, der sein Amt am 3. Dezember 2010 antrat. Im Vorfeld seiner 2015
erfolgten Wiederwahl prägten gewaltsame Ausschreitungen den guinei-
schen Alltag. Hintergrund der politischen Spannungen bildete die Tatsache,
dass die Fulbe/Peul – obwohl sie eine der grössten ethnischen Gruppen in
Guinea bilden – bisher nie den Präsidenten des Landes stellten, weshalb
sich viele Angehörige dieser Ethnie marginalisiert fühlen. Es kam dabei im-
mer wieder zu Demonstrationen, an denen sich viele Fulbe/Peul als syste-
matisch verfolgt durch die Staatsmacht sahen, auf der anderen Seite wurde
ihnen unterstellt, sie missbrauchten Demonstrationen, um gewalttätige
Ausschreitungen zu provozieren. Gemäss dem Immigration and Refugee
Board of Canada machten die Peul/Fulbe den grössten Teil der Opfer und
Inhaftierten bei Demonstrationsveranstaltungen aus (vgl. Landinfo, «Gui-
nea: Forhold for den etniske gruppen fulani [peul]», 12. März 2013,
https://landinfo.no/asset/2324/1/2324_1.pd sowie Immigration and Refu-
gee Board of Canada, «Guinea: Ethnic composition of police and military
forces; treatment of Peul by authorities, including police and military, and
in cases where a Peul individual requires state protection; information on
Camp Makambo, including location and purpose [2009 – May 2014]»,
7. Mai 2014, www.refworld.org/docid/537db96b4.html). Auch seit April
2019 kam es immer wieder zu Massenprotesten und gewaltsamen Ausei-
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nandersetzungen mit zahlreichen Todesopfern in Zusammenhang mit ei-
nem umstrittenen Verfassungsreferendum, welches Alpha Condé eine
dritte Amtszeit ermöglichen sollte.
Trotz der von ethnischen Spannungen geprägten Sicherheitslage und po-
litischen Entwicklungen ist nicht davon auszugehen, dass alle guineischen
Staatsangehörigen, insbesondere auch nicht jene der Ethnie der
Fulbe/Peul, in ihrem Heimatland im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG konkret
gefährdet sind. Das Bundesverwaltungsgericht hat auch in neueren Ent-
scheiden bestätigt, dass in Guinea keine Situation von Krieg, Bürgerkrieg
oder allgemeiner Gewalt herrscht (vgl. Urteile des BVGer E-73/2021 vom
26. Januar 2021; E-1705/2018 vom 16. Oktober 2020 E. 10.2; E-158/2020
vom 13. Juli 2020 E. 8.5.2.1). Der Wegweisungsvollzug nach Guinea er-
weist sich unter dem Aspekt der allgemeinen Sicherheitslage grundsätzlich
als zumutbar.
7.2 Es gilt nun weiter zu prüfen, ob in den individuellen Lebensumständen
des Beschwerdeführers eine konkrete Gefährdung zu sehen ist.
Der Beschwerdeführer hat seine Eltern bereits im Alter von wenigen Mo-
naten verloren. Sein Onkel hat ihn aufgenommen und aus seinen Schilde-
rungen geht hervor, dass dieser gut für ihn gesorgt hat. Nicht so dessen
Ehefrau, bei der der Beschwerdeführer unerwünscht war, die ihn auch ge-
schlagen und misshandelt hat. Nach dem Tod des Onkels hat sie ihn aus
dem Haus gejagt. Im Alter von nur (...) Jahren hat der Beschwerdeführer
seinen Heimatstaat verlassen. Auch wenn er in Algerien gemäss seinen
Angaben unter einem gewissen Schutz seines Begleiters stand, ist nahe-
liegend, dass die zwei Jahre dort als noch sehr junger Jugendlicher nicht
einfach gewesen sein dürften. Dies lässt sich etwa auch dem Bericht der
Psychiatrischen Klinik (...), wo der Beschwerdeführer im Januar 2018 sta-
tionär aufgenommen worden war, entnehmen (vgl. A42). In Libyen kam er
dann in Haft, als er unterwegs war, um Arbeit zu suchen; dort verblieb er
als knapp (...)zehnjähriger. Kurz nachdem der Beschwerdeführer in die
Schweiz eingereist war, beging er am (...) 2017 einen Suizidversuch. Im
Bericht der (...) vom 12. März 2018 (vgl. A44) wird dem Beschwerdeführer
eine PTBS (ICD 10 F43.1), (...) sowie eine (...) diagnostiziert. Im bereits
erwähnten Bericht der Psychiatrischen Klinik (...), wo der Beschwerdefüh-
rer im Januar 2018 stationär aufgenommen worden war, bevor er in die
ambulante Behandlung der (...) übertrat, wird von erheblichen (...) berich-
tet. Die Entwicklung verlaufe nicht stabil, teilweise spreche der Beschwer-
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deführer auf die Therapie an, nach wie vor bestünden unter anderem sui-
zidale Ideen. Im Bericht der (...) wird festgehalten, der Beschwerdeführer
habe in seiner Kindheit in Guinea und dann auf seiner Reise bis in die
Schweiz mehrere Traumata erlebt.
Trotz dieser schwierigen Zeit nach seiner Einreise in die Schweiz gelang
es dem Beschwerdeführer auf der anderen Seite überdurchschnittlich gut,
sich hier zu integrieren. Er hat inzwischen seine Lehre als (...) absolviert
und einen Arbeitsvertrag abgeschlossen (vgl. Eingabe vom 9. September
2021), lebt in einer stabilen Beziehung und nimmt in seiner Freizeit am
sozialen Leben teil. Dass sich dies gemäss seinem persönlichen Schreiben
vom 16. März 2021 (vgl. obenerwähnte Eingabe) aufgrund der Pandemie
sowie seiner Vorbereitungen auf die Lehrabschlussprüfung auf Fussball
am Sonntag beschränke, ändert nichts daran, dass in seinem Fall von einer
überdurchschnittlich guten Integration in der Schweiz innerhalb der vierein-
halbjährigen Anwesenheit auszugehen ist. Die Anstrengungen des Be-
schwerdeführers widerspiegeln sich in der positiven gesundheitlichen Ent-
wicklung. Es kann festgestellt werden, dass er einen entscheidenden Teil
in seiner Entwicklung hin zu einer beruflichen und persönlichen Zukunft im
Umfeld und in der Kultur der Schweiz erlebt hat, auch wenn er sich erst seit
fünf Jahren hier aufhält. Den Akten kann nicht entnommen werden, dass
der Beschwerdeführer eine mit den hiesigen Bindungen vergleichbare Be-
ziehung zu in Guinea lebenden Personen hat. Es ist im Gegenteil anzu-
nehmen, dass er dort neben der Tante, die ihn misshandelt hat, keine Ver-
wandten mehr hat. Er würde heute aus einer Lebensstruktur, die er inzwi-
schen hier gefunden hat und die nun seinen Alltag prägt, herausgerissen,
was angesichts des von ihm in seiner Kinder- und Jungendzeit Erlebten mit
einer erheblichen Wahrscheinlichkeit zu einer Entwurzelung führen würde.
Nach Praxis der schweizerischen Asylbehörden kann die Verwurzelung ei-
ner asylsuchenden Person in der Schweiz eine reziproke Wirkung auf die
Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine
starke Assimilierung in der Schweiz eine Entwurzelung im Heimatstaat zur
Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr dorthin als un-
zumutbar erscheinen lässt; eine solche Überlagerung der früheren Sozia-
lisierung durch die aktuelle Einbettung in die schweizerische Gesellschaft
ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten und spielt
regelmässig im Rahmen der Berücksichtigung des Kindeswohls eine ge-
wichtige Rolle (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.6 m.w.H, BVGE 2009/28 E. 9.3.2,
je m.w.H.) Nicht von der Hand zu weisen ist die Gefahr einer Retraumati-
sierung des Beschwerdeführers mit schwerwiegenden Folgen. In Berück-
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sichtigung aller Umstände des vorliegenden Einzelfalles vermag der Um-
stand, dass der Beschwerdeführer inzwischen volljährig geworden ist und
über eine Ausbildung verfügt nicht entscheidend zu seinen Ungunsten ins
Gewicht zu fallen. Das öffentliche Interesse am Vollzug der Wegweisung
ist schliesslich insofern relativiert, als der Beschwerdeführer für seinen Le-
bensunterhalt in der Schweiz selbst aufkommt.
In einer Gesamtwürdigung aller entscheidenden Umstände des vorliegen-
den Einzelfalles erweist sich der Vollzug der Wegweisung heute unzumut-
bar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und die Dispositiv-
ziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung des SEM vom 1. November
2018 sind aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer
wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig
aufzunehmen (Art. 83 Abs. 8 AIG), zumal den Akten keine Hinweise auf
Ausschlussgründe gemäss Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen sind.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2 Dem obsiegenden und vertretenen Beschwerdeführer ist zulasten der
Vorinstanz eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendi-
gen und verhältnismässig hohen Kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs.1
VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Die aktualisierte Kostennote vom 9. September 2021 weist ei-
nen Gesamtaufwand von Fr. 3'001.30 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer-
zuschlag) aus. Der für die Bemühungen ausgewiesene Aufwand von 10.83
Stunden erscheint gerechtfertigt. Auch der Stundenansatz von Fr. 250.–
liegt innerhalb der in Art. 10 Abs. 2 VGKE definierten Spannbreite. Der ge-
forderte Betrag erweist sich folglich als angemessen und ist dem Be-
schwerdeführer von der Vorinstanz als Parteientschädigung auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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