Decision ID: d6eb142c-c52a-4cb4-82f0-ff5ffb29c462
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Die Klägerin ist über ihre Arbeitgeberin, die C. AG, bei der Beklagten kol-
lektiv krankentaggeldversichert.
2.
2.1.
Am 31. Dezember 2021 erhob die Klägerin beim Versicherungsgericht des
Kantons Aargau Klage mit folgenden Rechtsbegehren:
"1. Die Beklagte habe der Klägerin für die Zeit vom 1.6.2021 bis 31.12.2021 Taggelder im Umfang von CHF 42'714.40 zuzüglich 5% Zins seit Klageeinreichung auszurichten.
2. Die Beklagte habe der Klägerin ab 1.1.2022 Taggelder in Höhe von je
CHF 199.60 auszurichten.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beklagten."
2.2.
Mit Schreiben vom 14. Januar 2022 passte die Klägerin ihre Rechtsbegeh-
ren folgendermassen an:
"1. Die Beklagte habe der Klägerin für die Zeit vom 1.6.2021 bis 31.12.2021 Taggelder im Umfang von CHF 43'313.20 zuzüglich 5% Zins seit Klageeinreichung auszurichten.
2. Die Beklagte habe der Klägerin ab 1.1.2022 Taggelder in Höhe von je
CHF 399.20 auszurichten.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beklagten."
2.3.
Mit Klageantwort vom 22. Februar 2022 beantragte die Beklagte Folgen-
des:
"1: Die Klage sei vollumfänglich abzuweisen.
2: Wird bestritten
3: Es seien keine Kosten zu vergüten."
2.4.
Mit Schreiben vom 7. März und 14. April 2022 reichte die Klägerin weitere
Dokumente zu den Akten.
2.5.
Mit Replik vom 22. April 2022 und Duplik vom 24. Mai 2022 hielten die Par-
teien an ihren Rechtsbegehren fest.
- 3 -
2.6.
Mit Eingaben vom 20. Juni, 20. Juli und 3. August 2022 reichte die Klägerin
weitere Dokumente zu den Akten.
2.7.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 11. August 2022 wurden die
Parteien darüber informiert, dass eine Verhandlung zur Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts für nicht notwendig erachtet werde und sie
gebeten würden, mitzuteilen, ob sie auf die Durchführung einer Hauptver-
handlung verzichteten. Mit Eingaben vom 25. August und 8. September
2022 teilten die Parteien ihren Verzicht auf die Durchführung einer Haupt-
verhandlung mit.

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Die Klägerin fordert die Zahlung von Taggeldern für den Zeitraum vom
1. Juni bis 31. Dezember 2021 im Betrag von Fr. 43'313.20 sowie die Zah-
lung von Taggeldern ab 1. Januar 2022 in der Höhe von je Fr. 399.20.
2.
2.1.
Die Parteien gehen implizit übereinstimmend davon aus, dass die Klägerin
bei der Beklagten privatversicherungsrechtlich krankentaggeldversichert ist
(vgl. Klage, Ziff. 2; Klageantwort [KA], Ziff. 2).
2.2.
Kollektive Krankentaggeldversicherungen nach VVG werden in ständiger
bundesgerichtlicher Praxis unter den Begriff der Zusatzversicherung zur
sozialen Krankenversicherung subsumiert (Urteile des Bundesge-
richts 4A_445/2016 vom 16. Februar 2017 E. 1; 4A_680/2014 vom 29. Ap-
ril 2015 E. 2.1).
Streitigkeiten aus kollektiven Krankentaggeldversicherungen nach VVG
sind privatrechtlicher Natur. Das Verfahren richtet sich nach der ZPO
(vgl. Art. 243 Abs. 2 lit. f i.V.m. Art. 7 ZPO; BGE 138 III 558 E. 3.2
S. 560 f.).
3.
3.1.
In Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversiche-
rung nach Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO hat das Gericht den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen (Art. 247 Abs. 2 ZPO). Es handelt sich dabei
um die beschränkte bzw. soziale Untersuchungsmaxime. Nach dem Willen
- 4 -
des Gesetzgebers obliegt dem Gericht bei der sozialen Untersuchungsma-
xime einzig eine verstärkte Fragepflicht. Wie im Rahmen der Verhand-
lungsmaxime, die im ordentlichen Verfahren anwendbar ist, haben die Par-
teien dem Gericht den Sachverhalt zu unterbreiten. Das Gericht hilft ihnen
lediglich durch sachgemässe Fragen, damit die notwendigen Behauptun-
gen aufgestellt und die dazugehörigen Beweismittel bezeichnet werden. Es
stellt aber keine eigenen Ermittlungen an. Wenn die Parteien durch einen
Anwalt vertreten sind, darf und soll sich das Gericht, wie im ordentlichen
Verfahren, zurückhalten (BGE 141 III 569 E. 2.3.1 S. 575). Das Gericht ist
nicht verpflichtet, die Akten von sich aus zu durchforsten, um Beweismittel
zugunsten einer Partei zu suchen (BGE 141 III 569 E. 2.3.2 S. 5.7.6 mit
Hinweisen).
3.2.
Gemäss Art. 8 ZGB hat, wo es das Gesetz nicht anders bestimmt, derje-
nige das Vorhandensein einer behaupteten Tatsache zu beweisen, der aus
ihr Rechte ableitet. Demgemäss hat die Partei, die einen Anspruch geltend
macht, die rechtsbegründenden Tatsachen zu beweisen, während die Be-
weislast für die rechtsaufhebenden bzw. rechtsvernichtenden oder rechts-
hindernden Tatsachen bei der Partei liegt, die den Untergang des An-
spruchs behauptet oder dessen Entstehung oder Durchsetzbarkeit bestrei-
tet (BGE 141 III 241 E. 3.1 S. 242; 130 III 321 E. 3.1 S. 323).
Nach der erwähnten Grundregel hat der Anspruchsberechtigte – in der Re-
gel der Versicherungsnehmer, der versicherte Dritte oder der Begünstigte –
die Tatsachen zur "Begründung des Versicherungsanspruches" (Margina-
lie zu Art. 39 VVG) zu beweisen, also namentlich das Bestehen eines Ver-
sicherungsvertrags, den Eintritt des Versicherungsfalls und den Umfang
des Anspruchs. Den Versicherer trifft die Beweislast für Tatsachen, die ihn
zu einer Kürzung oder Verweigerung der vertraglichen Leistung berechti-
gen (z.B. wegen schuldhafter Herbeiführung des befürchteten Ereignisses:
Art. 14 VVG). Anspruchsberechtigter und Versicherer haben im Streit um
vertragliche Leistungen je ihr eigenes Beweisthema und hierfür je den
Hauptbeweis zu erbringen (BGE 130 III 321 E. 3.1 S. 323).
Selbst wenn die Versicherung zunächst Taggelder ausbezahlt, in der Folge
jedoch geltend macht, die Umstände hätten sich geändert oder die Leistun-
gen seien von vornherein zu Unrecht erbracht worden und die versicherte
Person sei (wieder) arbeitsfähig, hat die versicherte Person zu beweisen,
dass sie (weiterhin) arbeitsunfähig ist und daher Anspruch auf Taggelder
hat (BGE 141 III 241 E. 3.1 S. 243). Im Falle der Beweislosigkeit trägt mit-
hin nicht die Versicherung, sondern die versicherte Person die Beweislast
(Urteil des Bundesgerichts 4A_246/2015 vom 17. August 2015 E. 2.2).
- 5 -
3.3.
Bei Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen bedarf es, wie für Zivilverfah-
ren üblich, grundsätzlich des vollen Beweises. Nach dem Regelbeweis-
mass gilt ein Beweis als erbracht, wenn das Gericht nach objektiven Ge-
sichtspunkten von der Richtigkeit einer Sachbehauptung überzeugt ist und
ihm allfällige Zweifel als unerheblich erscheinen (BGE 132 III 715 E. 3.1
S. 719). Wenn ein strikter Beweis nach der Natur der Sache nicht möglich
oder nicht zumutbar ist, insbesondere, wenn die von der beweisbelasteten
Partei behaupteten Tatsachen nur mittelbar durch Indizien bewiesen wer-
den können, gelangt das Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlich-
keit zur Anwendung (BGE 130 III 321 E. 3.2 S. 324 f.). Im Zusammenhang
mit dem Eintritt des Versicherungsfalls geht die Rechtsprechung davon
aus, dass in der Regel eine Beweisnot gegeben ist, sodass das Beweis-
mass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit genügt (BGE 130 III 321
E. 3.2 S. 325). Ein Sachverhalt gilt dann als überwiegend wahrscheinlich,
wenn für die Richtigkeit der Sachbehauptung nach objektiven Gesichts-
punkten derart gewichtige Gründe sprechen, dass andere denkbare Mög-
lichkeiten vernünftigerweise nicht massgeblich in Betracht fallen (BGE 130
III 321 E. 3.3 S. 325; Urteil des Bundesgerichts 4A_458/2008 vom 21. Ja-
nuar 2009 E. 2.3).
3.4.
Nach Art. 168 Abs. 1 ZPO sind als Beweismittel zulässig: Zeugnis (lit. a),
Urkunde (lit. b), Augenschein (lit. c), Gutachten (lit. d), schriftliche Auskunft
(lit. e) sowie Parteibefragung und Beweisaussage (lit. f). Diese Aufzählung
ist abschliessend; im Zivilprozessrecht besteht insofern ein numerus clau-
sus der Beweismittel (BGE 141 III 433 E. 2.5.1 S. 436).
Ein Privatgutachten stellt kein Beweismittel, sondern eine blosse Parteibe-
hauptung dar (BGE 141 III 433 E. 2.6 S. 437 f.). Weiter stellen auch Arzt-
zeugnisse, fachärztliche Berichte und dergleichen beweisrechtlich betrach-
tet blosse Parteigutachten dar, welche als Bestandteil der Parteivorbringen
und nicht als eigentliche Beweismittel gelten (BGE 140 III 16 E. 2.5 S. 24;
BGE 140 III 24 E. 3.3.3 S. 29).
3.5.
Bewiesen werden müssen nur bestrittene Tatsachenbehauptungen
(Art. 150 Abs. 1 ZPO). Bestreitungen sind so konkret zu halten, dass sich
bestimmen lässt, welche einzelnen Behauptungen des Klägers damit be-
stritten werden. Die Bestreitung muss ihrem Zweck entsprechend so konk-
ret sein, dass die Gegenpartei weiss, welche einzelne Tatsachenbehaup-
tung sie beweisen muss. Der Grad der Substanziierung einer Behauptung
beeinflusst insofern den erforderlichen Grad an Substanziierung einer Be-
streitung. Je detaillierter einzelne Tatsachen eines gesamten Sachverhalts
behauptet werden, desto konkreter muss die Gegenpartei erklären, welche
- 6 -
dieser einzelnen Tatsachen sie bestreitet. Je detaillierter mithin ein Partei-
vortrag ist, desto höher sind die Anforderungen an eine substanziierte Be-
streitung. Diese sind zwar tiefer als die Anforderungen an die Substanziie-
rung einer Behauptung; pauschale Bestreitungen reichen indessen nicht
aus. Erforderlich ist eine klare Äusserung, dass der Wahrheitsgehalt einer
bestimmten und konkreten gegnerischen Behauptung infrage gestellt wird.
Parteibehauptungen, denen ein Privatgutachten zugrunde liegt, werden
meist besonders substanziiert sein. Entsprechend genügt eine pauschale
Bestreitung nicht. Die Gegenpartei ist vielmehr gehalten zu substanziieren,
welche einzelnen Tatsachen sie konkret bestreitet. Wird eine Tatsachen-
behauptung von der Gegenpartei substanziiert bestritten, so vermögen
Parteigutachten als reine Parteibehauptungen diese allein nicht zu bewei-
sen. Als Parteibehauptungen mögen sie allenfalls zusammen mit – durch
Beweismittel nachgewiesenen – Indizien den Beweis zu erbringen. Werden
sie aber nicht durch Indizien gestützt, so dürfen sie als bestrittene Behaup-
tungen nicht als erwiesen erachtet werden (vgl. zum Ganzen: BGE 141
III 433 E. 2.6 S. 437 mit Hinweisen).
4.
4.1.
Zwischen den Parteien ist unbestritten, dass die Klägerin ab dem 10. Au-
gust 2020 aus psychischen Gründen krankgeschrieben war und eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden ist (Klage, Ziff. 5; KA, Ziff. 5).
Ebenfalls unbestritten ist, dass die Beklagte die zunächst ausgerichteten
Leistungen per 31. Mai 2021 eingestellt hat (Klage, Ziff. 9, Ziff. 13; KA,
Ziff. 9, Ziff. 13).
4.2.
Die Klägerin macht für die Zeit ab 1. Juni 2021 einen Anspruch auf Taggel-
der geltend. Die Beklagte habe gestützt auf das nicht schlüssige Gutachten
von Dr. med. D., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der nicht
über die vollständigen Akten verfügt habe, die Leistungen zu Unrecht per
31. Mai 2021 eingestellt (Klage, Ziff. 8 bis 10; Replik, Ziff. 14). Die Klägerin
behauptet, sie habe über den 31. Mai 2021 hinaus an psychischen Be-
schwerden gelitten, welche die Arbeitsfähigkeit in einem leistungsrelevan-
ten Ausmass einschränken würden (Klage, Ziff. 20). Dr. med. E., Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, habe in seinen Berichten vom 1. Juni
und 23 November 2021 psychische Beschwerden diagnostiziert, die im
Einklang mit denjenigen stünden, welche bereits in den Jahren 2011 und
2018 gestellt worden seien (Klage, Ziff. 21). Mit Bericht vom 1. Juni 2021
habe Dr. med. E. eine volle Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätig-
keit als kaufmännische Führungsperson attestiert. In einer angepassten
Tätigkeit werde die Arbeitsfähigkeit ab Juni 2021 mit 50 % beziffert. Mit ver-
schiedenen Arbeitsunfähigkeitszeugnissen werde an dieser Beurteilung bis
zum 30. November 2021 festgehalten (Klage, Ziff. 22). Ab 1. Dezember
2021 sei eine gesundheitliche Verschlechterung eingetreten und eine
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100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden (Schreiben der Klägerin vom
14. Januar 2022).
4.3.
Die Beklagte erwidert, Dr. med. D. habe sich in seinem Gutachten vom
2. März 2021 auf die aktuellen Akten der Beklagten (2020 bis 2021) sowie
auf seine eigene Befunderhebung (Psychostatus und testpsychologische
Befunde) gestützt. Er habe sich mit den Aussagen der behandelnden Ärzte
auseinandergesetzt. Auch habe er geprüft, ob die subjektiven Angaben der
Klägerin mit seinen objektiven Feststellungen übereinstimmten. In der Ge-
samtschau habe er glaubhaft nur leichte Einschränkungen bzw. eine ge-
ringe Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit der Klägerin feststellen können
(KA, Ziff. 8). Die Beurteilung von Dr. med. D. stimme mit den Untersuchun-
gen und Aussagen der Klägerin überein, was zur Folge habe, dass eine
Arbeitsunfähigkeit der Klägerin nach dem 31. Mai 2021 mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit bezweifelt werden müsse (KA, Ziff. 16). Die Beklagte
bestritt ausdrücklich, dass die Klägerin über den 31. Mai 2021 hinaus an
psychischen Beschwerden leide, welche die Arbeitsfähigkeit in einem leis-
tungsrelevanten Ausmass einschränken (KA Ziff. 20). Sie behauptet weiter,
es sei medizinisch nicht ersichtlich, warum die Klägerin als kaufmännische
Angestellte auch mit Führungsfunktion nicht in einer anderen Firma als bei
ihrem bisherigen Arbeitgeber zu 100 % arbeiten könne, da ursprünglich ein
Arbeitsplatzkonflikt an ihrem bisherigen Arbeitsplatz ihre Beschwerden
ausgelöst habe (KA, Ziff. 21).
5.
5.1.
Beweisthema ist vorliegend die Arbeitsunfähigkeit der Klägerin in der Zeit
ab 1. Juni 2021. Auch wenn die Beklagte unbestrittenermassen zunächst
bis am 31. Mai 2021 Taggelder ausbezahlte (vgl. E. 4.1. hiervor), hat die
Klägerin – entgegen deren Ansicht (vgl. Replik, Ziff. 15) – zu beweisen,
dass sie (weiterhin) arbeitsunfähig ist und daher ab 1. Juni 2021 bis zum
Genussablauf Anspruch auf weitere Taggelder hat (vgl. E. 3.2.).
5.2.
Die Behauptungslast folgt der Beweislast (BGE 132 III 186 E. 4 S. 191).
Welche Tatsachen zu behaupten sind, ergibt sich aus dem Tatbestand der
materiellrechtlichen Anspruchsgrundlage (BGE 127 III 365 E. 2b S. 368;
123 III 183 E. 3e S. 188; Urteil des Bundesgerichts 4A_210/2009 vom
7. April 2010 E. 3.3). Der Behauptungslast ist Genüge getan, wenn die Par-
teien in ihrem Tatsachenvortrag in allgemeiner Weise sämtliche Tatsachen
benennen, die unter die massgeblichen Normen zu subsumieren sind. Ein
solchermassen vollständiger Tatsachenvortrag wird als schlüssig bezeich-
net. Denn bei Unterstellung, er sei wahr, lässt er den Schluss auf die ver-
langte Rechtsfolge zu. Bestreitet der Prozessgegner den schlüssigen Tat-
- 8 -
sachenvortrag der behauptungsbelasteten Partei, greift eine über die Be-
hauptungslast hinausgehende Substanziierungslast. Diesfalls sind die Vor-
bringen nicht nur in ihren Grundzügen, sondern in Einzeltatsachen zerglie-
dert so umfassend und klar darzulegen, dass darüber Beweis abgenom-
men oder dagegen der Gegenbeweis angetreten werden kann (BGE 127
III 365 E. 2b S. 368; Urteile des Bundesgerichts 4A_113/2017 vom 6. Sep-
tember 2017 E. 6.1.1; 4A_210/2009 vom 7. April 2010 E. 3.2 je mit Hinwei-
sen; zum Ganzen: Urteil des Bundesgerichts 5A_749/2016 vom 11. Mai
2017 E. 4).
5.3.
Versichert ist mit der Krankentaggeldversicherung die krankheitsbedingte
Arbeitsunfähigkeit (BGE 142 III 671 E. 3.9 S. 682). Nachdem die Beklagte
gestützt auf das Gutachten von Dr. med. D. eine über den 31. Mai 2021
hinaus bestehende Arbeitsunfähigkeit bestritten hat, greift für die Klägerin
eine über die Behauptungslast hinausgehende Substanziierungslast (vgl.
E. 3.2.). Weder in der Klage noch in der Replik hat die Klägerin jedoch dar-
gelegt, inwiefern sie durch ihre gesundheitliche Situation in ihrer Arbeit
funktionell eingeschränkt gewesen ist und deshalb ganz oder teilweise aus-
serstande war, ihren Beruf auszuüben. Sie machte weder Ausführungen zu
ihren gesundheitlichen Beschwerden noch zu deren Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit. Die Klägerin hat einzig pauschal auf die Berichte von
Dr. med. E. vom 1. Juni und 23. November 2021 (Klagebeilagen 13 und 19)
verwiesen, ohne Ausführungen zum Inhalt dieser Berichte in Bezug auf ihre
Arbeitsunfähigkeit zu machen. Die Parteien müssen ihrer Behauptungs-
und Substanziierungslast jedoch grundsätzlich in den Rechtsschriften
selbst nachkommen; ein pauschaler Verweis auf Beilagen genügt nicht (Ur-
teile des Bundesgerichts 4A_443/2017 vom 30. April 2017 E. 2.2.1;
4A_281/2017 vom 22. Januar 2018 E. 5). Ein Verweis auf ein medizini-
sches Gutachten oder einen ärztlichen Bericht in einer Rechtsschrift be-
wirkt für sich allein somit grundsätzlich nicht, dass die Ausführungen im
Gutachten oder Bericht als (substanziierte) Parteibehauptungen gelten
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 4A_216/2017 vom 30. Oktober 2017
E. 4.4). Über die Frage des Vorliegens psychischer Beschwerden sowie
deren allfällige Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit im Sinne der von der
Klägerin geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit kann daher mangels Sub-
stanziierung kein Beweis abgenommen werden. Die Klage ist deshalb we-
gen fehlender Substanziierung abzuweisen.
6.
6.1.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 114 lit. e ZPO).
- 9 -
6.2.
Grundsätzlich werden die Prozesskosten, zu welchen die Parteientschädi-
gung gehört (Art. 95 Abs. 1 lit. b ZPO), ausgangsgemäss der unterliegen-
den Partei auferlegt (vgl. Art. 106 Abs. 1 ZPO). Eine Parteientschädigung
wird jedoch im Geltungsbereich der ZPO vor kantonalen Gerichten nicht
von Amtes wegen, sondern nur auf Antrag festgesetzt (BGE 139 III 334
S. 344 E. 4.3.). Auch eine Umtriebsentschädigung setzt einen Antrag vo-
raus (vgl. VIKTOR RÜEGG/MICHAEL RÜEGG, in: Basler Kommentar, Schwei-
zerische Zivilprozessordnung, 3. Aufl., Basel 2017, N 21 zu Art. 95 ZPO).
Da die obsiegende Beklagte keinen Antrag auf eine Entschädigung stellt,
sondern vielmehr explizit beantragt, es seien "keine Kosten zu vergüten"
(KA, Rechtsbegehren 3), ist vorliegend mangels Antrags keine Partei- oder
Umtriebsentschädigung zuzusprechen.