Decision ID: 3e9d8499-9c2e-5892-8e07-f1fe712d2f5d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess gemäss seinen Angaben den Heimat-
staat im Juni 2019 und gelangte von Frankreich herkommend am 20. Juni
2020 illegal in die Schweiz.
A.b Am Tag seiner Einreise stellte er in der Schweiz ein Asylgesuch. Dazu
fand am 1. Juli 2020 sowie am 8. Juli 2020 (Fortsetzung) im Bundesasyl-
zentrum Region B._ die Befragung zur Person (BzP) statt. Die ver-
tiefte Anhörung zu den Asylgründen wurde am 8. September 2020 durch-
geführt.
A.c Der Beschwerdeführer machte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen geltend, er sei Paschtune und stamme aus dem Dorf
C._ im Distrikt D._ / Provinz Laghman. Er habe nur ein paar
Jahre lang die Koranschule besucht. Vor seiner Ausreise habe er mit der
Familie bei einem Onkel mütterlicherseits im Dorf E._ im Distrikt
F._ (Provinz Laghman) gelebt. Der Vater habe für das Militär gear-
beitet, weshalb die Taliban das Haus der Familie niedergebrannt hätten.
Dies sei auch der Grund für den Umzug nach E._ zum Onkel ge-
wesen. Die Taliban hätten jedoch von ihrem neuen Aufenthalt erfahren. Als
sie dann gekommen seien, hätten alle ausser dem Sohn des Onkels das
Haus fluchtartig verlassen. Der Onkel habe den Beschwerdeführer mit den
Familienmitgliedern irgendwo in Sicherheit gebracht. Darauf habe der On-
kel erfahren, dass die Taliban seinen Sohn getötet hätten. Er habe sie ge-
beten, ihm die sterblichen Überreste des Sohnes zu übergeben, was diese
jedoch an die Auslieferung des Beschwerdeführers und dessen Familie,
namentlich an die Aushändigung des Vaters, geknüpft hätten. Aus diesem
Grund sei er (Beschwerdeführer) vom Onkel nach Kabul gebracht worden.
Vier Tage später hätten die Taliban dem Onkel den toten Sohn übergeben.
Er (Beschwerdeführer) sei daraufhin ausser Landes geschickt worden.
Zudem seien seine Angehörigen in Afghanistan in eine familiäre Feind-
schaft verwickelt gewesen. Diese gründe auf einem Streit wegen Acker-
lands zwischen dem Grossvater und dessen Cousins väterlicherseits. Bei
einer Auseinandersetzung sei sein Vater verletzt und ein Onkel väterlicher-
seits sei getötet worden. Er (Beschwerdeführer) sei zu jenem Zeitpunkt
aber noch sehr klein gewesen. Da nunmehr auch eine Person der anderen
Seite getötet worden sei, würden die Feinde Vergeltung suchen und nach
seinem Leben trachten.
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A.d Im Rahmen der Fortsetzung der Erstbefragung (8. Juli 2020) teilte das
SEM dem Beschwerdeführer mit, dass es an dem von ihm angegebenen
Alter erhebliche Zweifel hege und daher eine medizinische Altersabklärung
durchgeführt werde. Der Beschwerdeführer gab dazu (mit Einschränkun-
gen hinsichtlich der zu untersuchenden Körperteile) sein Einverständnis.
A.e Das Ergebnis der Altersbestimmung hielt das Institut für Rechtsmedi-
zin des Kantonsspitals St. Gallen in seinem Gutachten vom 21. Juli 2020
fest. Gemäss Gutachten hat der Beschwerdeführer das (...) Altersjahr mit
Sicherheit vollendet. Eine Vollendung des 18. Altersjahrs konnte zwar nicht
mit der notwendigen Sicherheit belegt werden. Das vom Beschwerdeführer
angegebene Geburtsdatum (chronologisches Lebensalter von [...] Jahren)
könne aber aufgrund der Ergebnisse der forensischen Altersschätzung
nicht zutreffen.
A.f Zu diesen Abklärungsergebnissen (sowie zur Feststellung des SEM,
dass er die zwei Länder nicht genannt habe, in denen er auf seiner Reise
in die Schweiz Asylgesuche gestellt hatte) gab das SEM dem Beschwer-
deführer mit Verfügung vom 28. Juli 2020 das rechtliche Gehör.
A.g Die Stellungnahme des Beschwerdeführers wurde – nach gewährter
Fristerstreckung – am 5. August 2020 zu den Akten des SEM gereicht.
A.h Der Beschwerdeführer reichte im erstinstanzlichen Verfahren seine
Tazkira (Original), den Ausweis einer Asylunterkunft in Serbien (Original),
seine Impfkarte (Kopie), die Tazkira und den Dienstausweis des Vaters (je
in Kopie) sowie einen YouTube-Link betreffend die Tätigkeit seines Vaters
zu den Akten.
A.i Die entscheidrelevanten Akten wurden der Rechtsvertretung zugestellt
und am 14. September 2020 wurde ihr der Entscheidentwurf zur Stellung-
nahme unterbreitet. Die entsprechende Eingabe der Rechtsvertretung da-
tiert vom 15. September 2020.
B.
Mit (gleichentags eröffneter) Verfügung vom 16. September 2020 lehnte
das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und verfügte seine
Wegweisung aus der Schweiz. Zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs ordnete das SEM jedoch die vorläufige Aufnahme in der Schweiz
an. Mit der Verfügung wurden dem Beschwerdeführer die editionspflichti-
gen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt.
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Seite 4
C.
C.a Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer am 15. Oktober
2020 beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde ein. Er beantragte
die Aufhebung der Verfügung vom 16. September 2020 in den Dispositiv-
ziffern 1 bis 3. Die Vorinstanz sei zudem anzuweisen, das Geburtsdatum
des Beschwerdeführers auf dem 22. Juni 2004 zu belassen respektive im
Registratursystem auf dieses Datum zurückzuändern. In Anbetracht der
Minderjährigkeit des Beschwerdeführers sei die Sache zur rechtsgenügli-
chen Sachverhaltserstellung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen.
C.b In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses ersucht.
D.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
16. Oktober 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 4 AsylG).
E.
Am 16. Oktober 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde vom Vortag.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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Seite 5
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz sah sich im Rahmen der Erstbefragung veranlasst, eine
medizinische Altersbestimmung in Auftrag zu geben. Das resultierende
Gutachten vom 21. Juli 2020 kommt dabei zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer im Beurteilungszeitpunkt mit Sicherheit das (...) Lebens-
jahr vollendet habe und das angegebene Alter von (...) Jahren aufgrund
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Seite 6
der forensischen Abklärungsergebnisse nicht zutreffen könne. Ob der Be-
schwerdeführer das 18. Lebensjahr vollendet habe, könne hingegen nicht
mit der notwendigen Sicherheit belegt werden.
5.2 In ihrer Verfügung vom 16. September 2020 führte die Vorinstanz aus,
der Beschwerdeführer habe bei der Erstbefragung nur vage Angaben zum
Alter, zur schulischen Laufbahn und zum Besuch der Koranschule ge-
macht. Auch das Alter seiner Geschwister habe er nicht spezifizieren kön-
nen. Es erstaune zudem, dass er bei seinem Asylgesuch in der Schweiz
das (genaue) Geburtsdatum, (...), angegeben habe, in Serbien demgegen-
über der 1. Januar (...) registriert worden sei. Die eingereichte Tazkira im
Original sowie ein Impfausweis in Kopie sollten die Richtigkeit des Geburts-
datums vom (...) belegen. Demgegenüber stehe das Altersgutachten vom
21. Juli 2020, das festhalte, dass das angegebene Alter nicht stimmen
könne und der Beschwerdeführer sicher das (...) Lebensjahr vollendet
habe. Der Tazkira komme nur ein verminderter Beweiswert zu, da diese
nicht fälschungssicher sei; dasselbe treffe auf die Kopie der Impfkarte zu.
Hingegen sei die wissenschaftliche Methode zur Altersschätzung aner-
kanntermassen ein starkes Indiz zur Altersbestimmung.
Die eingereichten Dokumente seien daher nicht geeignet, die Minderjäh-
rigkeit glaubhaft zu machen. Weitere Angaben des Beschwerdeführers
seien vage geblieben, dies sowohl betreffend die Dauer seines Aufenthal-
tes in E._ als auch mit Bezug auf die zeitlichen Angaben zu den
beiden zentralen Punkten der Begründung des Asylgesuchs (Hausbrand
und Tötung des Cousins). In Abwägung all dieser Elemente habe der
Beschwerdeführer seine Minderjährigkeit daher nicht glaubhaft machen
können.
5.3 Im Rahmen seiner Stellungnahmen vom 5. August und 15. September
2020 sowie auf Beschwerdeebene hält der Beschwerdeführer in ausführli-
cher Begründung am Geburtsdatum vom (...) fest. Insbesondere habe die
Vorinstanz unzulässigerweise der Tazkira ohne Ansatz einer Beweiswürdi-
gung den Beweiswert abgesprochen.
6.
6.1 Nach Lehre und Praxis ist es grundsätzlich zulässig, dass die Vor-
instanz vorfrageweise über die Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend ge-
machten Minderjährigkeit befindet, wenn Zweifel an den Altersangaben der
asylsuchenden Person bestehen, und das Verfahren, bei entsprechendem
Ergebnis dieser Vorprüfung, ohne Einhaltung der speziellen Verfahrens-
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vorschriften zugunsten unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender durch-
führt (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30).
Mit Bezug auf das Beweismass, dem Altersangaben zu genügen haben,
ist von der allgemeinen Regel von Art. 7 AsylG auszugehen, das heisst, die
behauptete Minderjährigkeit muss zumindest glaubhaft erscheinen. Das
Glaubhaftmachen des behaupteten minderjährigen Alters ist im Rahmen
einer Gesamtwürdigung in einer Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte vor-
zunehmen, welche für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Alters-
angaben sprechen; dabei gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung
(vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 5.3.3 f. S. 209 f., mit weiteren Hinweisen), zu-
mal amtliche Dokumente ausländischer Staaten, die zum Zweck des Iden-
titätsnachweises dienen sollen, nicht als öffentliche Urkunden im Sinn von
Art. 9 des Zivilgesetzbuches (ZGB, SR 210) gelten (vgl. etwa das Urteil
BVGer A-181/2013 vom 5. November 2013 E. 5.3 m.w.H.). Einfluss auf die
vorzunehmende Glaubhaftigkeitsprüfung haben auch die Aussagen zum
Alter und zu den persönlichen Lebensumständen durch den Asylsuchen-
den selber (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.4.1 ff. S. 211 ff.).
6.2
6.2.1 Der Beschwerdeführer gab an der BzP als Geburtsdatum den (...)
an. Er führte aus, gemäss Tazkira sei er am (...) Tag des (...) Monats ge-
boren worden, als Jahr stehe (...), damals sei vermutlich die Tazkira aus-
gestellt worden (vgl. BzP F/A 1.06).
6.2.2 Auf der – offenbar vom Beschwerdeführer selbst ausgefüllten – ers-
ten Seite des Personalienblatts ist als Geburtsdatum der "(...)" aufgeführt
(was dem (...) gemäss hiesigem Kalender entspricht). Auf der Überset-
zungs-Rückseite, die den Vermerk "nicht selbstständig ausgefüllt" trägt,
steht in der Geburtsdatums-Rubrik der Eintrag "(...)" (vgl. Aktenstück 1/2).
6.2.3 Die Tazkira weist als Ausstelldatum den "(...)" (= [...]) auf und hält
fest, im Jahr (...) sei der Beschwerdeführer (...)jährig gewesen; demnach
wäre der Beschwerdeführer im Jahr (...) (= [...]) geboren. Soweit er aus-
drücklich erklärt, er sei gemäss Tazkira am (...) Tag des (...) Monats gebo-
ren worden, entspricht dies – ausgehend vom Geburtsjahr (...) ([...] minus
[...] Jahre) – dem Geburtsdatum (...).
6.2.4 Auf dem Impfausweis (Kopie) ist das Geburtsdatum mit Monat [...]
des Jahres [...] eingefügt (= [...]).
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Seite 8
6.2.5 Im eingereichten Ausweis der Asylunterkunft in Serbien ist sein Ge-
burtsdatum mit "1.1.(...)" vermerkt.
6.3 Insgesamt hat der Beschwerdeführer damit unterschiedliche Angaben
zu seinem Geburtsdatum aktenkundig gemacht.
6.4 Hinsichtlich der Tazkira – diese hat das SEM entgegen der Auffassung
des Beschwerdeführers bereits im Rahmen des rechtlichen Gehörs vom
28. Juli 2020 und auch in der angefochtenen Verfügung gewürdigt – ist mit
der Vorinstanz und der gefestigten Rechtsprechung festzuhalten, dass die-
ses Dokument nicht fälschungssicher ist und ihm nur reduzierter Beweis-
wert zukommt.
6.5 Das überzeugend begründete medizinische Altersgutachten kommt am
21. Juli 2020 zum Schluss, dass die Altersangabe des Beschwerdeführers
– der gemäss seinen Angaben damals (...) Jahre und (...) Monat alt war –
nicht zutreffen kann und der Beschwerdeführer sicher das (...) Lebensjahr
vollendet hat.
6.6 Aus Sicht des Gerichts steht bei dieser Aktenlage fest, dass der Be-
schwerdeführer die schweizerischen Asylbehörden über sein Alter und da-
mit über seine Identität (vgl. Art. 1a Bst. a der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]) getäuscht hat.
6.7 Angesichts dieser Verletzung der Mitwirkungspflicht (Art. 8 Abs. 1
Bst. a AsylG) und der vagen und teilweise widersprüchlichen Angaben des
Beschwerdeführers über seine Lebensumstände (vgl. angefochtene Verfü-
gung S. 4 mit Hinweisen auf die entsprechenden Protokollstellen) ist auch
die vorinstanzliche Feststellung der Unglaubhaftigkeit der Minderjährigkeit
nachvollziehbar und nicht zu beanstanden.
6.8 Soweit der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang eine Ände-
rung des Geburtsdatums im Zentralen Migrationssystem (ZEMIS) bean-
tragt, ist festzustellen, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung und
im Verfügungsdispositiv den ZEMIS-Eintrag nicht thematisiert, sondern die
Frage der behaupteten Minderjährigkeit im Kontext der Glaubhaftigkeit vor-
frageweise geprüft hat. Das Rechtsbegehren des Beschwerdeführers stellt
damit eine unzulässige Erweiterung des Anfechtungsgegenstands dar, auf
die nicht einzutreten ist.
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Seite 9
7.
7.1 Hinsichtlich der Asylvorbringen kam die Vorinstanz zum Schluss, die
geltend gemachte familiäre Fehde wegen Landstreitigkeiten stelle keine
Verfolgungssituation im asylrechtlichen Sinn dar. Dieses Vorbringen sei
nicht asylrelevant und halte den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft nicht stand.
Soweit der Beschwerdeführer Probleme mit den Taliban angeführt habe,
welche die Auslieferung seiner Person und seines Vaters respektive seiner
Familie verlangt habe, seien diese Ausführungen unsubstanziiert ausgefal-
len, würden eine gedankliche und emotionale Auseinandersetzung mit dem
angeblich Erlebten vermissen lassen und seien kaum nachvollziehbar. Zu-
dem seien den Schilderungen verschiedene Widersprüche und Ungereimt-
heiten zu entnehmen, die den Schluss der Unglaubhaftigkeit stützen wür-
den. Diese Vorbringen würden daher den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht genügen, weshalb deren Asylrelevanz
nicht geprüft werden müsse.
7.2
7.2.1 In der Beschwerde wird festgehalten, das autobiografische Gedächt-
nis sei bei Minderjährigen nicht voll ausgereift, ein Kind oder Jugendlicher
könne sich viel schlechter an zeitliche und örtliche Umstände erinnern und
emotionale Faktoren könnten die Aussagen eines Minderjährigen beein-
flussen. Die Anhörung sei nicht kindgerecht ausgefallen und die Minderjäh-
rigkeit sei bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Aussagen nicht beur-
teilt worden.
7.2.2 Das SEM habe zudem den Sachverhalt nicht richtig abgeklärt und
keine Fragen zu Stellung und genauen Tätigkeiten des Vaters gestellt.
Auch weise es die diesbezüglich eingereichten Beweismittel ohne Würdi-
gung wegen angeblicher Fälschbarkeit ab.
7.2.3 Weiter nenne das SEM nur zwei angebliche Widersprüche und prüfe
auch nicht, ob der Beschwerdeführer unter eine Risikogruppe falle und be-
reits hieraus eine begründete Furcht vor Verfolgung habe.
7.2.4 Der Beschwerdeführer sei von den Taliban verfolgt worden, weil der
Vater Angehöriger der nationalen Sicherheitskräfte sei. Er habe dies wider-
spruchsfrei vorgetragen und dazu Beweismittel eingereicht. Zeitliche Un-
genauigkeiten habe er erklären können, habe er doch immer gesagt, es
handle sich um ungefähre Zeitangaben. Er habe beispielsweise die fünf
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Seite 10
Jahre präzisiert, dies sei vom Zeitpunkt der Befragung zurückgerechnet
gemeint. Es sei hier nicht auszuschliessen, dass es Übersetzungsfehler
gegeben habe. Letztlich sei dieser vermeintliche Widerspruch neben den
Erklärungen seitens des Beschwerdeführers vernachlässigbar. Angesichts
des Alters und der sehr kurzen Schulbildung in einer Koranschule könnten
keine allzu hohen Anforderungen an Glaubhaftigkeit und Aussagefähigkeit
gestellt werden.
7.2.5 Selbst wenn die Volljährigkeit kurz bevorstehen würde, sei die Fest-
stellung der Minderjährigkeit im Zeitpunkt von Anhörung und Verfügungs-
erlasse massgebend. Vorliegend sei die Anhörung des minderjährigen Be-
schwerdeführers nicht altersgerecht durchgeführt und der Sachverhalt
nicht richtig erstellt worden. Die Verfügung sei daher aufzuheben und der
Vorinstanz zur erneuten und kindgerechten Sachverhaltsabklärung zurück-
zuweisen. Das SEM sei anzuweisen, eine erneute Anhörung mit dem min-
derjährigen Beschwerdeführer durchzuführen.
8.
8.1 Zur geschilderten Familienfehde im Zusammenhang mit Landstreitig-
keiten hat die Vorinstanz zutreffend festgehalten, dass daraus sich erge-
bende Probleme offensichtlich nicht unter Art. 3 AsylG subsumiert werden
können.
8.2
8.2.1 Soweit der Beschwerdeführer die vom SEM erwähnten Unglaubhaf-
tigkeitsindizien mit seiner Minderjährigkeit – respektive einer dieser nicht
angepassten Durchführung des erstinstanzlichen Verfahrens – zu erklären
versucht, kann dies nach den Ausführungen in der vorstehenden Erwä-
gung 6 nicht überzeugen.
8.2.2 Der Beschwerdeführer führte in der BzP vom Juli 2020 aus, er sei in
C._ geboren. Es habe Probleme mit den Taliban gegeben. Diese
hätten das Haus der Familie niedergebrannt. Deshalb habe er mit der Fa-
milie zum Onkel umziehen müssen. Er habe (unter anderem) mit seinen
Eltern und Geschwistern etwa zwei Jahre in E._ beim Onkel gelebt.
Dann sei der Cousin von den Taliban getötet worden, dies sei im Winter
des letzten Jahres, im afghanischen Monat (...) geschehen (vgl. BzP F/A
2.01, 7.01). Der Onkel habe ihn daher nach Kabul gebracht und dort seine
Ausreise organisiert. Er sei "letztes Jahr" etwa (...) Tage nach Ramadan
ausgereist.
In der zwei Monate später durchgeführten Anhörung erklärte er, er wisse
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Seite 11
nicht, in welchem Monat der Cousin getötet worden sei, es sei Ende Winter,
Anfang Sommer gewesen (vgl. Anhörung F/A 37). Er sei nach diesem Vor-
fall und vor Beginn des Monats Ramadan ausgereist (vgl. a.a.O. F/A 85).
Zum Hausbrand in C._ führte er in der BzP aus, die Familie sei
deswegen nach E._ zum Onkel gezogen, dort habe er bis zur Aus-
reise etwa zwei Jahre lang gelebt (vgl. BzP F/A 7.01, 2.01) In der Anhörung
führte er im Kontext aus, zwischen dem Hausbrand und der Tötung des
Cousins seien etwa fünf Jahre vergangen. Damit wäre der Aufenthalt in
E._ indessen bedeutend länger ausgefallen. Weiter führte er in der
freien Erzählung zunächst aus, der Onkel habe ihn nach der Tötung des
Cousins zusammen mit einem jüngeren Onkel nach Kabul gebracht, um
später darzulegen, er sei allein mit dem Onkel nach Kabul gefahren (vgl.
a.a.O. F/A 27 und 60 f.).
8.2.3 Diese Angaben weisen verschiedene zeitliche Unstimmigkeiten auf,
die Zweifel am Wahrheitsgehalt des Geschilderten aufkommen lassen. Be-
sonders augenfällig ist, dass der Beschwerdeführer in der BzP von sich
aus den Zeitpunkt des Todes des Cousins mit dem Monat (...) angeben
konnte, nur zwei Monate später dazu nicht mehr in der Lage war und auf
Nachfrage hin eine fehlerhafte Niederschrift und Übersetzung für diese Un-
gereimtheit verantwortlich machte (vgl. Anhörung F/A 85). Dieser Einwand
überzeugt bereits deswegen nicht, weil er beide Protokolle nach ihrer
Rückübersetzung als zutreffend und seinen freien Äusserungen entspre-
chend unterschriftlich bestätigt hat; bei der Anhörung geschah dies im Bei-
sein der Rechtsvertretung und der Hilfswerkvertretung, und Kritik oder Be-
streitungsvermerke wurden von diesen Seiten nicht angebracht.
8.2.4 Augenfällig ist auch die unterschiedliche zeitliche Schilderung der
Ausreise. Eine Ausreise vor Ramadan (wie in der Anhörung gesagt) wäre
auf eine Zeitspanne vor Mai 2019 gefallen, während gemäss den Angaben
in der BzP (letztes Jahr, 10 Tage nach Ramadan) die Ausreise gegen Mitte
Juni 2019 erfolgt wäre (Beginn des Ramadan 2019 war der 5. Mai, mit
Dauer bis 3. Juni 2019). Diese unterschiedlichen Angaben betreffen dabei
nicht exakte Daten und Zahlen, sondern eine längere Zeitspanne, mithin
wäre eine übereinstimmende Antwort durch den Beschwerdeführer zu er-
warten gewesen.
8.2.5 Die bestehenden Zweifel werden durch weitere nicht nachvollzieh-
bare Aussagen erhärtet. Der Beschwerdeführer hat erklärt, die Taliban hät-
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Seite 12
ten es besonders auf den Vater abgesehen gehabt; allerdings seien na-
mentlich er und der ältere Bruder auch in deren Fokus geraten. An den
jüngeren Brüdern habe kein Interesse bestanden, wobei die Taliban, wären
sie dieser habhaft geworden, auch diese getötet hätten (vgl. Protokoll An-
hörung F/A 27, 46 f.). In diesem Kontext ist nicht nachvollziehbar, dass ein-
zig der Beschwerdeführer das Land verlassen musste respektive hat,
indessen der in erster Linie gefährdete Vater sowie auch die weiteren Fa-
milienangehörigen weiterhin in Afghanistan leben und der Vater offenbar
nach wie vor Dienst in der Nationalarmee leistet (vgl. a.a.O. F/A 12 ff.).
8.2.6 Schliesslich ist auch zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer
bei der Schilderung des Reisewegs zunächst verschwiegen hat, dass er in
Bulgarien und in Deutschland als Asylsuchender erfasst worden war. Auch
in Berücksichtigung der Aussage, er wisse nicht, ob er ein Asylgesuch in
anderen Ländern eingereicht habe, er sei einfach unterwegs gewesen (vgl.
BzP F/A 2.06), wäre von ihm zu erwarten gewesen, dass er von sich aus
wahrheitsgemäss diese Angaben gemacht hätte. Indessen gab er erst auf
entsprechenden Vorhalt diese – zuvor nicht aufgeführten – Reiseländer so-
wie sogar neu an, er habe in Deutschland die Anhörung unterbrochen und
gesagt, er wolle nicht dort, sondern in Frankreich einen Asylantrag stellen
(vgl. a.a.O. 5.03 / Ergänzungsfragen). Es stellt sich hier die Frage, weshalb
er dies nicht von sich aus geschildert hat und es entsteht der Eindruck, der
Beschwerdeführer habe seine Aussagen den jeweiligen Erkenntnissen der
Vorinstanz angepasst.
8.3 Gesamtwürdigend gelingt es dem Beschwerdeführer nach dem Gesag-
ten nicht, eine begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung im (ange-
sichts der vorläufigen Aufnahme hypothetischen) Fall einer Rückkehr nach
Afghanistan nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Das SEM hat den
rechtserheblichen Sachverhalt korrekt und vollständig festgestellt zu Recht
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asyl-
gesuch abgelehnt.
9.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, verfügt es
in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an;
es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
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Seite 13
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 16. September 2020 die Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festgestellt und die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers angeordnet hat, erübrigen sich praxisge-
mäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegwei-
sungsvollzugs.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Für eine Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz besteht keine Veranlassung, namentlich
wurde das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers vom SEM nicht ver-
letzt.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
12.
12.1 Nach diesen Ausführungen erweisen sich die Rechtsbegehren des
Beschwerdeführers als aussichtslos. Das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung im Sinn von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist daher
abzuweisen. Der Antrag auf Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird
mit dem Entscheid in der Sache gegenstandslos.
12.2 Die Kosten des Verfahrens sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 14