Decision ID: a13e83ee-6c4b-54ea-badf-c5caae68abe8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin reichte am 19. Januar 2016 in der Schweiz
ein Asylgesuch ein. Am 27. Januar 2016 fand die Befragung zur Person
(BzP) statt und am 19. Februar 2016 wurde sie vom SEM einlässlich zu
ihren Asylgründen angehört.
Dabei machte die kurdisch-stämmige Beschwerdeführerin im Wesentli-
chen geltend, sie habe abwechslungsweise in B._ bei ihrem Vater
und ihrer Stiefmutter oder in C._ bei ihrem (Nennung Verwandter)
gelebt. Ihre Eltern hätten sich vor (Nennung Zeitpunkt) scheiden lassen,
worauf ihre Mutter im Jahr (...) die Türkei verlassen habe und in die
Schweiz gekommen sei. (Nennung Häufigkeit) sei sie von ihrer Mutter in
der Türkei besucht worden. Sie habe insgesamt während neun Jahren die
Schulen besucht, zuletzt das Gymnasium, welches sie jedoch nicht abge-
schlossen habe. Sie habe nämlich (Nennung Sportbereich) werden wollen
und deshalb heimlich trainiert. Als ihr Vater bei einem Telefonat mit dem
Schuldirektor davon erfahren habe, habe er sie als Strafe nicht mehr aus
dem Haus respektive in die Schule gehen lassen, worauf sie wegen unre-
gelmässigen Schulbesuchs vom Gymnasium suspendiert worden sei. Zu-
dem habe ihr Vater sie deswegen psychisch unter Druck gesetzt und wie-
derholt gedemütigt. Ausserdem sei sie von ihm seit ihrer Kindheit (Nennung
Behelligungen). Auch ihre Geschwister hätten unter den gewalttätigen Aus-
brüchen des Vaters leiden müssen. Sie habe deswegen jedoch weder eine
Anzeige bei der Polizei gemacht noch einen Arzt aufgesucht. Im (Nennung
Zeitpunkt) habe sie begonnen, in einem (Nennung Geschäft) im Zentrum
von B._ zu arbeiten. Nach nur (Nennung Zeitpunkt) habe sie diesen
aber auf Anweisung ihres Vaters wieder verlassen müssen. Sodann sei der
Antrag ihrer Mutter, das Sorgerecht über sie zu erhalten, von einem Fami-
liengericht im Jahr (...) abgelehnt worden. Im gleichen Jahr hätten die
Schweizer Behörden zudem ihrem Visumsantrag nicht stattgegeben.
In der Türkei sei ihr Leben von ihrem Vater gesteuert und bestimmt worden,
sie habe sich von dieser Unterdrückung lösen wollen. Zudem habe ihr Va-
ter gedroht, sie irgendeinmal zu verheiraten. Dies auch deshalb, weil sie
von ihrer Stiefmutter nicht akzeptiert und schikaniert worden sei. Insbeson-
dere nach den Wahlen im (...) hätten sie wieder Streit gehabt und die Stief-
mutter haben ihrem Vater das Ultimatum gestellt, sich entweder für seine
Frau oder für seine Tochter zu entscheiden. Ihr Vater wäre seinen Aussa-
gen zufolge mit ihrer Heirat seine Sorgen losgeworden. Ferner habe sie
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einfach bei ihrer Mutter sein wollen und könne in der Schweiz ihr Leben
selber in die Hand nehmen.
Aus Angst vor einer Zwangsheirat habe sie sich nach E._ zu Ver-
wandten begeben und sei schliesslich von dort gegen (Nennung Zeitpunkt)
mit Hilfe eines Schleppers ausgereist. Mit den heimatlichen Behörden habe
sie keinerlei Probleme gehabt. Gelegentlich sei sie in das nahe gelegene
Vereinslokal der F._ gegangen oder habe an Beerdigungszeremo-
nien von (Nennung Personen) oder an Protestmärschen teilgenommen.
Diese Aktivitäten hätten keine behördlichen Konsequenzen nach sich ge-
zogen.
Zum Beleg ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin (Aufzählung
Beweismittel) zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 26. September 2018 verneinte die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab
und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 9. November 2018 erhob die Beschwerdeführerin dage-
gen beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragte, es sei
die Verfügung der Vorinstanz aufzuheben und es sei ihr Asyl zu gewähren.
Eventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihre vorläu-
fige Aufnahme als Flüchtling anzuordnen. Subeventualiter sei die Unzuläs-
sigkeit, eventuell die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustel-
len und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht er-
suchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung samt Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Beiordnung ihrer
Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin. Sodann ersuchte
sie um Sistierung des vorliegenden Verfahrens bis zum Erlass eines Asyl-
entscheids betreffend ihren (Nennung Verwandter) G._.
Der Beschwerde lagen (Aufzählung Beweismittel) bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 16. November 2018 hielt die Instruktionsrich-
terin fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten. Ferner wurde auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses verzichtet, der Antrag auf Sistierung des Beschwerdeverfahrens
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abgewiesen und die Beschwerdeführerin aufgefordert, die ihr geeignet er-
scheinenden Beweismittel (inkl. Übersetzungen) bis zum 26. November
2018 einzureichen, wobei bei ungenutzter Frist das Verfahren aufgrund der
Akten weitergeführt werde.
E.
Mit Eingabe vom 26. November 2018 reichte die Beschwerdeführerin wei-
tere Beweismittel (Nennung Beweismittel) zu den Akten.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 4. Dezember 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
der amtlichen Rechtsverbeiständung gut und ordnete der Beschwerdefüh-
rerin eine amtliche Rechtsbeiständin in der Person der rubrizierten Rechts-
vertreterin bei.
G.
Das SEM liess sich am 19. Dezember 2018 zur Beschwerde vernehmen.
H.
Die Beschwerdeführerin replizierte – nach einmalig gewährter Fristerstre-
ckung – mit Eingabe vom 1. Februar 2019.
I. .
Mit Schreiben vom 28. März 2019 liess die Rechtsvertreterin dem Bundes-
verwaltungsgericht ihre Kostennote zukommen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
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1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung der Pflicht zur vollständi-
gen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts. Diese
Rüge ist vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes;
3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O.,
Rz. 1043).
3.3 Die Beschwerdeführerin rügt, der angefochtene Entscheid verletze die
Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts und dessen fehlerfreien Würdigung, so insbesondere durch
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die Nichtberücksichtigung ihrer persönlichen Umstände im Rahmen der
Prüfung einer innerstaatlichen Fluchtalternative (vgl. Beschwerdeschrift
S. 5 unten und S. 9 unten).
Hierzu ist festzuhalten, dass vorliegend keinerlei Anhaltspunkte vorliegen,
die an der Verwertbarkeit der beiden erstellten Protokolle im Rahmen der
BzP und der Anhörung Zweifel aufkommen liessen. Die Beschwerdeführe-
rin bestätigte jeweils am Ende der Befragung die Wahrheit und die Korrekt-
heit ihrer Aussagen – im Fall der Anhörung überdies auch die Vollständig-
keit – nach Rückübersetzung mit ihrer Unterschrift und machte dabei auch
keine Übersetzungsprobleme geltend. Die bei der Anhörung anwesende
Hilfswerkvertretung brachte ferner keine Einwände vor und regte auch
keine weiteren Abklärungen an (vgl. act. A7, Unterschriftenblatt Hilfswerk-
vertretung gemäss Art. 30 Abs. 4 AsylG). Nach dem jeweiligen freien Er-
zählbericht wurden der Beschwerdeführerin diverse Nachfragen – so ins-
besondere im Rahmen der Anhörung – gestellt, um die geschilderten Asyl-
vorbringen weiter zu erhellen (vgl. act. A3/11, S. 6 f.; A7, S. 13 ff.). Am Ende
der Anhörung hielt die Befragerin des SEM sodann fest, es seien aus ihrer
Sicht jetzt alle Fakten gesammelt, die für die Beurteilung des Asylgesuchs
der Beschwerdeführerin wesentlich seien (vgl. act. A7, S. 17 unten). Diese
Feststellung blieb von der Beschwerdeführerin unwidersprochen. Der an
die Vorinstanz gerichtete, jedoch nicht weiter konkretisierte Vorwurf, den
Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt zu haben, ist daher als nicht stich-
haltig zu qualifizieren. Sodann stellt alleine die Tatsache, dass das SEM
aus sachlichen Gründen zu einer anderen Würdigung der Vorbringen oder
der persönlichen Situation der Beschwerdeführerin gelangt, als von ihr ge-
fordert, keine unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung dar.
Diesbezüglich vermengt die Beschwerdeführerin die Frage der Feststel-
lung des Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen Würdigung der Sache.
Im Weiteren ist festzuhalten, dass das SEM für die Beurteilung der Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs Bezug zur Situation in der Türkei nahm,
namentlich auch zur Niederschlagung des Militärputsches vom 15/16. Juli
2016. Dabei führte es an, es herrsche trotzdem keine landesweite Situation
allgemeiner Gewalt in der Türkei. Es stellte sodann fest, das gemäss
BVGE 2013/2 ein Wegweisungsvollzug in die Provinzen Sirnak und Hak-
kâri unzumutbar sei. Zwar berücksichtigte es dabei das Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1948/2018 vom 12. Juni 2018, worin eine
aktualisierte Lageanalyse der südöstlichen Provinzen der Türkei vorge-
nommen wurde, nicht. Die Nichtberücksichtigung des Referenzurteils hat
jedoch keine negativen Konsequenzen für die Beschwerdeführerin, zumal
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in EMARK 1996 Nr. 2 festgestellt wurde, dass die Annahme einer inner-
staatlichen Aufenthaltsalternative für kurdische Gewaltflüchtlinge aus dem
Südosten in den Westen der Türkei grundsätzlich gegeben sei, es sei
denn, dass die individuelle Prüfung der entsprechenden persönlichen Kri-
terien die Unzumutbarkeit einer solchen Ausweichmöglichkeit für den be-
treffenden Asylbewerber ergebe. Das SEM hat vorliegend das Bestehen
einer individuell zumutbaren innerstaatlichen Aufenthaltsalternative im Fall
der Beschwerdeführerin geprüft und eine solche angesichts ihrer persönli-
chen Voraussetzungen und Fähigkeiten sowie des im Grossraum
E._ bestehenden Beziehungsnetzes bejaht (vgl. act. A13/7, S. 6).
Es hat demnach die individuellen Kriterien gemäss der Rechtsprechung
ausreichend geprüft. Dass es diese anders würdigt als die Beschwerdefüh-
rerin, stellt ebenfalls keine Verletzung der Untersuchungspflicht dar.
Zusammenfassend erweist sich die formelle Rüge als unbegründet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids aus,
die Beschwerdeführerin mache geltend, in erster Linie wegen familiären
Schwierigkeiten die Türkei verlassen zu haben. Die geschilderten Formen
der häuslichen Gewalt stellten auch in der Türkei grundsätzlich strafbare
Handlungen dar, die von den zuständigen Strafverfolgungsbehörden im
Rahmen ihrer Möglichkeiten verfolgt und geahndet würden. Der türkische
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Staat sei auch bei innerfamiliären Übergriffen grundsätzlich als schutzfähig
und schutzwillig zu bezeichnen. Es bestehe zudem auch die Möglichkeit,
sich direkt an die Staatsanwaltschaft zu wenden und dort den Antrag auf
Erlass eines sogenannten Schutzbefehls zu stellen. Es bestehe demnach
in der Türkei eine entsprechende Schutzinfrastruktur und ein rechtlicher
Rahmen, der die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Hand-
lungen ahnde. Aus den Akten seien jedoch keine Hinweise ersichtlich, dass
die Beschwerdeführerin mit den staatlichen Behörden diesbezüglich Kon-
takt aufgenommen oder eine Schutzverweigerung der türkischen Behör-
den stattgefunden habe. Die Beschwerdeführerin mache private Nachteile
geltend, die sich aus lokal oder regional beschränkten familiären Schwie-
rigkeiten ableiteten. Sie könne sich durch einen Wegzug in einen anderen
Teil ihres Heimatlandes – beispielsweise in den Grossraum E._, wo
Verwandte von ihr lebten – diesen Schwierigkeiten entziehen. Die Be-
schwerdeführerin sei daher nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen.
Vor diesem Hintergrund stellten die geltend gemachten Ereignisse keine
asylrechtlich relevante Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG dar. Die vor-
gebrachte gelegentliche Teilnahme an pro-kurdischen Veranstaltungen ge-
nüge nicht, um eine begründete Furcht vor einer zukünftigen asylrelevan-
ten Verfolgung anzunehmen. Die Beschwerdeführerin sei nicht parteipoli-
tisch tätig gewesen und mit den Behörden nie in Konflikt geraten. Sie sei
kein Mitglied einer pro-kurdischen Partei gewesen und habe auch keine
Beweismittel zu ihren diesbezüglichen Vorbringen eingereicht. Die gene-
rellen Angaben zu ihren pro-kurdischen Aktivitäten seien nicht geeignet,
individuell-konkrete Verfolgungselemente zu begründen. Es bestehe daher
keine beachtliche Wahrscheinlichkeit, dass sich ihre Befürchtungen ver-
wirklichen würden. Sodann führe die allgemeine Situation, in der sich die
kurdisch-alevitische Bevölkerung in der Türkei befinde, gemäss gefestigter
Praxis für sich allein nicht zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Zu-
dem habe sich im Zuge der verschiedenen Reformen in der Türkei seit dem
Jahr 2001 die Situation der Kurden verbessert. Das Vorbringen der Be-
schwerdeführerin, als Angehörige der kurdisch-alevitischen Bevölkerung in
der Türkei generell unterdrückt zu werden, sei daher als asylirrelevant zu
qualifizieren.
Im Weiteren sei darauf hinzuweisen, dass generelle Zweifel an den Vor-
bringen der Beschwerdeführerin bestehen würden. Sie habe weder einen
Reisepass noch originale Unterlagen zu ihrer Identität eingereicht, so dass
ihre Aussagen zum Reiseweg und Aufenthalt in der Schweiz unklar seien.
Die Aussagen zu den Ausreisemodalitäten seien pauschal und vage aus-
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gefallen. Auch sei sie nicht in der Lage gewesen, substanziierte und kon-
krete Angaben zur geltend gemachten Zwangsheirat zu machen. Vielmehr
habe sie angegeben, es sei nur bei Bemerkungen ihres Vaters geblieben,
und es habe keinerlei Kontakte zum allfälligen Ehekandidaten gegeben.
5.2 Die Beschwerdeführerin entgegnete in ihrer Beschwerdeschrift, die
Vorinstanz habe lediglich in pauschaler Art und Weise und ohne Berück-
sichtigung der zahlreichen positiven Glaubhaftigkeitselemente die Glaub-
haftigkeit ihrer Aussagen bezweifelt. Es sei angesichts des Umstandes,
dass ihre Mutter für sie einen Visumsantrag gestellt habe, davon auszuge-
hen, dass sich in den Akten des ausländerrechtlichen Verfahrens genü-
gend Dokumente fänden, welche ihre Identität beweisen würden und vom
SEM hätten berücksichtigt werden müssen. Es sei sodann unzutreffend,
dass ihre Aussagen pauschal und äusserst vage ausgefallen seien. Sie sei
zum Zeitpunkt der Ausreise verwirrt gewesen und habe sich während der-
selben in einem Lastwagen befunden, den sie nicht verlassen habe. Es sei
daher nachvollziehbar, dass sie die durchquerten Länder nicht benennen
könne. Zudem habe sie in der Anhörung plausibel erklärt, weshalb sie sich
nach ihrer Einreise nicht direkt in ein Empfangszentrum begeben habe.
Ihre Aussagen betreffend den Reiseweg und den Aufenthalt würden dem-
nach keine Widersprüche enthalten, seien lebensnah und so detailliert wie
möglich ausgefallen. Im Weiteren habe sie keine genauen Angaben zu ih-
rem künftigen Ehemann machen können, weil sie ihn nicht persönlich ge-
sehen und sich sofort nach E._ begeben habe, nachdem sie durch
ihren Vater über die beabsichtigte Zwangsheirat informiert worden sei. Im-
merhin habe sie sagen können, dass ihr künftiger Ehemann in H._
wohnhaft sei und sich ihr Vater mit ihrem (Nennung Verwandter) telefonisch
darüber unterhalten habe. Zudem dürften ihre diesbezüglichen Aussagen
nicht isoliert von den anderen Aussagen zur erlebten Gewalt betrachtet
werden, welche äusserst detailliert, lebensnah und in sich stimmig ausge-
fallen seien. Auch würden ihre Aussagen auch mit der – den Behörden be-
kannten – Situation der Frauen im Südosten der Türkei und der vor Ort
herrschenden archaischen Sitten und Bräuchen übereinstimmen. Zudem
sei sie vor der Ausreise minderjährig gewesen, man habe ihre (Nennung
Verwandte) allesamt zwangsverheiratet und sie stamme aus einer patriar-
chalischen Familie im Südosten des Landes. Ihre Ausführungen würden
überdies von ihrer (Nennung Verwandte) im beigelegten Schreiben bestä-
tigt. Ihre Angaben seien daher insgesamt als glaubhaft zu erachten.
Bei den erlittenen Misshandlungen und der drohenden Zwangsheirat
handle es sich um frauenspezifische Fluchtgründe. Sodann müsse sie
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schlimmstenfalls mit einem Ehrenmord rechnen, weil sie durch ihre Flucht
gegen die kulturellen und familiären Wertvorstellungen verstossen und sich
ihrem Vater widersetzt habe. Die Situation der Frauen in der Türkei sei trotz
gewissen Fortschritten noch immer prekär und Zwangsheiraten sowie Eh-
renmorde würden häufig vorkommen. Die Gewalt gegen Frauen stelle nach
wie vor ein grosses Problem dar und die staatlichen Massnahmen zum
Schutz der Frauen seien als unzureichend zu erachten. Unter dem Diktat
des türkischen Staatspräsidenten, welcher eine konservative Familienpoli-
tik verfolge, wandle sich die Türkei je länger je mehr von einem demokra-
tisch verfassten, laizistischen in einen konservativ-islamischen Staat. Es
könne in naher Zukunft nicht mit einer Besserung der Lage der Frauen in
ihrer Heimat gerechnet werden. Der türkische Staat sei in diesem Zusam-
menhang weder als schutzwillig noch als schutzfähig zu bezeichnen. Fer-
ner bestehe für sie keine innerstaatliche Fluchtalternative, deren Inan-
spruchnahme für sie zumutbar wäre. Es gebe gegen die Bedrohungen sei-
tens ihres Vaters keine absolut sicheren Ausweichmöglichkeiten innerhalb
der Türkei. Es sei davon auszugehen, dass sie auch in einem anderen
Landesteil schnell von ihrem Vater ausfindig gemacht würde. Zudem
handle es sich bei ihr um eine junge, alleinstehende Frau, die in der Türkei
über kein tragfähiges soziales Netzwerk verfüge. Zumindest sei davon aus-
zugehen, dass die Familienangehörigen sie vor einer Zwangsverheiratung
und weiterer körperlicher Gewalt vor dem Vater nicht beschützen würden.
Trotz der ihren Verwandten bekannten Situation habe ihr letztlich niemand
geholfen. Ihre Mutter und ihr (Nennung Verwandter) G._ würden
sich beide in der Schweiz aufhalten. Von der Mutter könne sie keine finan-
zielle Hilfe erwarten, da deren finanzielle Situation schlecht sei. Sie habe
deshalb kein soziales Beziehungsnetz, das ihr beim Aufbau einer men-
schenwürdigen Existenz in einem anderen Landesteil der Türkei behilflich
sein könne. Für alleinstehende kurdische Frauen ohne familiäre Unterstüt-
zung sei dies jedoch im Westen des Landes sehr schwierig. Zwar habe sie
eine Schulausbildung, aber keine nennenswerte Arbeitserfahrung. Ins Ge-
wicht würden zudem ihre angeschlagene Psyche und die derzeit herr-
schenden Unruhen in der Türkei fallen. Weiter sei darauf hinzuweisen,
dass ihr (Nennung Verwandter) G._, der in der Türkei Mitglied der
I._ gewesen sei, in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt habe. Auf-
grund seiner politischen Tätigkeit bestehe für sie die Gefahr einer künftigen
Reflexverfolgung. Ferner sei sie in der Schweiz exilpolitisch aktiv und
nehme regelmässig an Kundgebungen teil.
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Seite 11
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass sich die Ausführungen in der angefochtenen Verfügung als
zutreffend erweisen. Die Vorbringen in der Beschwerdeschrift und die zu
deren Stützung eingereichten Dokumente sind insgesamt nicht geeignet,
zu einer anderen Beurteilung als die Vorinstanz zu gelangen.
6.2
6.2.1 Unbesehen der vom SEM angeführten Vorbehalte gegen die Glaub-
haftigkeit der geltend gemachten Identität und der Aussagen zur beabsich-
tigten Zwangsheirat wie auch der Ausreisemodalitäten, ist Folgendes fest-
zuhalten: Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes
setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft unter anderem voraus,
dass die betroffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden
Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4
E. 5.2). Gemäss der Schutztheorie ist somit die flüchtlingsrechtliche Rele-
vanz einer nichtstaatlichen Verfolgung vom Vorhandensein eines adäqua-
ten Schutzes durch den Heimatstaat abhängig. Dieser Schutz ist als hin-
reichend zu qualifizieren, wenn die betroffene Person effektiven Zugang zu
einer funktionierenden und effizienten Schutzinfrastruktur hat und ihr die
Inanspruchnahme eines solchen innerstaatlichen Schutzsystems individu-
ell zumutbar ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3). Dabei kann – wie die Be-
schwerdeführerin in ihrer Beschwerdeschrift zu verkennen scheint – nicht
eine faktische Garantie für langfristigen individuellen Schutz der von nicht-
staatlicher Verfolgung bedrohten Person verlangt werden, weil es keinem
Staat gelingen kann, die absolute Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bür-
ger jederzeit und überall zu garantieren.
6.2.2 Soweit die Beschwerdeführerin gewalttätige Übergriffe ihres Vaters
und eine beabsichtigte Zwangsheirat anführt, sind diese Vorbringen als
nicht asylrelevant zu qualifizieren. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich
in den letzten Jahren mehrfach zur Schutzfähigkeit und zum Schutzwillen
der türkischen Behörden hinsichtlich des Umgangs mit Opfern von häusli-
cher Gewalt und Zwangsheirat geäussert (vgl. insbesondere das Referenz-
urteil des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018, E. 5.2 ff., m.w.H., bestä-
tigt in E-1175/2020 vom 16. März 2020 E. 7.2.2 sowie in E-4377/2019 vom
8. November 2019 E. 6.1). Dabei wurde zusammenfassend Folgendes
festgestellt:
Die Türkei hat in den vergangenen Jahren kontinuierliche Schritte zur Ver-
besserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation der Frauen und
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Seite 12
im Besonderen zu deren Schutz vor Übergriffen mit soziokulturellem Hin-
tergrund (bis hin zum Ehrenmord) unternommen. Das Gesetz Nr. 6284
zum Schutz der Familie und zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen vom
Jahr 2012 zielt auf den Opferschutz und die Anordnung von verschiedenen
Sicherheits- und Unterstützungsmassnahmen ab, wobei alle Frauen, ein-
schliesslich die Unverheirateten, vom Schutz umfasst sind. Bei der Revi-
sion des Türkischen Strafgesetzbuchs im Jahre 2004 sind der Strafrahmen
für Strafen bei Taten gegen Frauen erhöht und die Strafmilderungsgründe
bei Fällen von Ehrenmord und Vergewaltigung aufgehoben worden. Be-
reits im Jahr 1990 wurden Frauenhäuser in der Türkei eröffnet, um Hilfe für
Opfer von häuslicher Gewalt zu bieten. Auch wenn in der Türkei unbestrit-
tenermassen nach wie vor Ehrenmorde und häusliche Gewalt zu registrie-
ren sind, bedeutet dies nicht, dass die bedrohten Frauen innerfamiliären
Übergriffen völlig schutzlos ausgeliefert wären. Die türkischen Behörden
sind entschlossen, gegen das Phänomen effektiv vorzugehen und grund-
sätzlich auch in der Lage, Schutz zu gewähren. Die Schutzinfrastruktur ist
in den städtischen Gebieten der Türkei jedoch dichter als in ruralen Gegen-
den insbesondere Zentral- und Ostanatoliens (vgl. E-1948/2018 E. 5.2.2).
Es bestehen indessen Anzeichen dafür, dass die Türkei den oben beschrie-
benen Reformkurs seit einiger Zeit nicht mehr gleich kraftvoll weiterverfolgt.
Der türkische Staatspräsident Erdogan war in den letzten Jahren wieder-
holt mit umstrittenen Äusserungen zur Rolle der Frau in der türkischen Ge-
sellschaft in den J._ien zitiert worden. Im November 2016 brachte
seine Regierungspartei AKP überraschend den Entwurf eines Amnestiege-
setzes ins Parlament ein, der Sexualtäter in Einzelfällen vor Strafe schüt-
zen wollte, wenn sie ihr minderjähriges Opfer heiraten; nach heftigen Pro-
testen der Opposition und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen
(Unicef) wurde der Vorstoss zurückgezogen (vgl. E-1948/2018 E. 5.2.3).
Auch wird seit dem gescheiterten Putsch von Mitte Juli 2016 in der Türkei
von einer Zunahme der Gewalt gegen Frauen berichtet (vgl. E-1948/2018
E. 5.2.4). Solche Feststellungen vermögen die gefestigte Praxis des Ge-
richts zur Schutzfähigkeit und Schutzbereitschaft der türkischen Behörden
im heutigen Zeitpunkt nicht entscheidend zu verändern. Bei künftigen er-
heblichen Veränderungen bei dieser Thematik, so beispielsweise in der tür-
kischen Gesetzgebung oder in der Gesellschaft, wäre die Frage der
Schutzbereitschaft jedoch einer neuen Evaluation zu unterziehen (vgl. E-
1948/2018 E. 5.2.5).
Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
allfälligen innerfamiliären Übergriffen nicht schutzlos ausgeliefert wäre. Bei
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Bedarf wäre der in B._ wohnhaften Beschwerdeführerin die Inan-
spruchnahme der staatlichen Schutzeinrichtungen und rechtlichen Anlauf-
stellen zuzumuten. Die Beschwerdeführerin gab in diesem Zusammen-
hang an, sie habe nie eine Anzeige gegen ihren Vater erstattet, weil sich
ein Vater alles erlauben dürfe beziehungsweise das Oberhaupt der Familie
sei und das Sagen habe (vgl. act. A7, S. 6 und S. 14). Dadurch verunmög-
lichte es die Beschwerdeführerin, die im Zeitpunkt der angedrohten
Zwangsheirat immerhin bereits (...) Jahre alt war, den heimatlichen Behör-
den, sich für ihre Belange einzusetzen respektive Vorkehrungen zu ihrem
Schutz zu treffen. Diese Untätigkeit hat die Beschwerdeführerin selber zu
verantworten, sie kann nicht der Vorinstanz angelastet werden. Sodann
stünde ihr selbst im Fall einer allenfalls von der Polizei nicht entgegenge-
nommenen Anzeige die Möglichkeit offen – nötigenfalls mit Hilfe eines An-
walts – sich an eine andere oder übergeordnete Stelle zu wenden, um sich
Gehör zu verschaffen. Die geltend gemachten familiären Schwierigkeiten
und Übergriffe vermögen deshalb keine Asylrelevanz zu entfalten.
6.2.3 Da sich die Frage, ob eine innerstaatliche Fluchtalternative bestehe,
nur dann stellt, wenn zuvor eine bestehende oder drohende Verfolgung aus
einem Grund nach Art. 3 AsylG festgestellt worden ist, die Beschwerdefüh-
rerin jedoch vorliegend eine derartige Verfolgung nicht begründet befürch-
ten muss, erfüllt sie die Flüchtlingseigenschaft bereits aus diesem Grund
nicht, und das Bestehen einer Fluchtalternative ist nicht zu prüfen (vgl.
BVGE 2011/51 E. 8). Die diesbezüglichen Ausführungen in der Beschwer-
deschrift (S. 10), welche vielmehr die Zumutbarkeit der Inanspruchnahme
einer Aufenthaltsalternative betreffen, sind somit nicht bei der Prüfung der
Flüchtlingseigenschaft, sondern bei derjenigen des Vollzugs der Wegwei-
sung zu berücksichtigen.
6.2.4 Die Beschwerdeführerin führt weiter an, sie und alle Angehörigen der
kurdischen Minderheit würden in ihrer Heimat von den türkischen Behör-
den unterdrückt (vgl. act. A7, S. 15, F162). Alleine die Volkszugehörigkeit
zu den Kurden stellt jedoch keine asylrechtlich relevante Gefährdung für
die Angehörigen dieser Volksgruppe dar. Es sind keine konkreten Anhalts-
punkte dafür ersichtlich, inwiefern die Beschwerdeführerin deswegen ge-
zielten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen sein soll. Von den
allgemeinen Beeinträchtigungen sind in der Türkei eine Vielzahl von Per-
sonen betroffen, so dass aus der blossen Zugehörigkeit zur erwähnten Mi-
norität keine individuelle Gefährdung hergeleitet werden kann.
D-6401/2018
Seite 14
6.2.5 Hinsichtlich der geltend gemachten gelegentlichen Teilnahmen der
Beschwerdeführerin an pro-kurdischen Veranstaltungen in ihrer Heimat
kann, in Ermangelung entsprechender Entgegnungen in der Beschwerde-
schrift, auf die zu bestätigenden Erörterungen der Vorinstanz verwiesen
werden (vgl. act. A13/7, S. 4, 5. Abschnitt). Insbesondere ist festzuhalten,
dass die heimatlichen Behörden von diesen Aktivitäten offenbar keinerlei
Kenntnis hatten, zumal die Beschwerdeführerin jegliche Kontakte oder
Probleme mit denselben verneinte (vgl. act. A7, S. 15, F155 ff.).
6.3 Asylsuchende sind auch dann als Flüchtlinge anzuerkennen, wenn sie
erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise im Falle einer Rückkehr
in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat in flüchtlingsrechtlich relevanter
Weise verfolgt würden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen objektiven und
subjektiven Nachfluchtgründen. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor,
wenn äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Ein-
fluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von einer Ver-
folgung bedrohten Person ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft
zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Subjektive Nachfluchtgründe liegen
vor, wenn eine asylsuchende Person erst durch die unerlaubte Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach
der Ausreise eine Verfolgung zu befürchten hat; in diesen Fällen wird kein
Asyl gewährt (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
6.3.1 Hinsichtlich des Vorbringens, es bestehe das Risiko einer Reflexver-
folgung, da ihr in der Türkei politisch aktiver (Nennung Verwandter)
G._ in der Schweiz ein Asylgesuch eingereicht habe, welches der-
zeit noch hängig sei, mithin ein objektiver Nachfluchtgrund vorliege, ist Fol-
gendes zu erwägen:
Unter Reflexverfolgung sind behördliche Belästigungen oder Behelligun-
gen von Angehörigen aufgrund des Umstandes zu verstehen, dass die Be-
hörden einer gesuchten, politisch unbequemen Person nicht habhaft wer-
den oder schlechthin von deren politischer Exponiertheit auf eine solche
auch bei Angehörigen schliessen. Der Zweck einer solchen Reflexverfol-
gung kann insbesondere darin liegen, Informationen über effektiv gesuchte
Personen zu erlangen, beziehungsweise Geständnisse von Inhaftierten zu
erzwingen. Aufgrund der Akten besteht vorliegend kein Anlass zur An-
nahme, die Einreise des (Nennung Verwandter) G._ in die Schweiz
und dessen Asylgesuch hierzulande seien geeignet, die Beschwerdeführe-
rin zu gefährden. Mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-7303/2018
vom 16. Oktober 2019 wurde das Asylgesuch von G._ rechtskräftig
D-6401/2018
Seite 15
abgewiesen. Dabei wurde ein politisches Profil von G._ aufgrund
seines untergeordneten Engagements als unwahrscheinlich erachtet, wes-
halb er den heimatlichen Behörden nicht als missliebige Person bekannt
sein dürfte. Sodann wurde die Wahrscheinlichkeit einer asylrelevanten
künftigen Verfolgung aufgrund seiner Ethnie oder eines minimen prokurdi-
schen Engagements verneint. Ausserdem machte G._ keine weite-
ren Behelligungen seiner im Heimatland verbliebenen (Nennung Ver-
wandte) und des Vaters geltend (D-7303/2018 E. 5). Zwar mag der Um-
stand, dass ihr (Nennung Verwandter) G._ in die Schweiz flüchtete
und hier (erfolglos) ein Asylverfahren durchlief, für die Beschwerdeführerin
eine subjektive Furcht vor künftiger Verfolgung als nachvollziehbar erschei-
nen lassen. Aus objektiver Sicht sind aber aufgrund der unterbliebenen
Massnahmen der türkischen Sicherheitskräfte gegenüber der Beschwer-
deführerin keine Hinweise auf das allfällige Bestehen einer Reflexverfol-
gung zu erkennen. So sind sowohl sie als auch G._ aus eigenen
Gründen aus der Türkei geflüchtet. Dass es nach der Flucht der Beschwer-
deführerin in ihrer Heimat zu irgendwelchen Behelligungen des – erst nach
ihr aus der Türkei ausgereisten – (Nennung Verwandter) G._ oder
anderer Familienangehörigen gekommen sei, ist weder aktenkundig noch
wird solches geltend gemacht. Zudem sind gemäss dem oben erwähnten
Urteil auch nach der Flucht von G._ offenbar keine behördlichen
Massnahmen gegen die Familie ergriffen worden. Ausserdem liegen der-
zeit keine Hinweise vor, welche auf eine künftige Furcht vor einer Re-
flexverfolgung schliessen lassen. Eine solche Befürchtung hat die Be-
schwerdeführerin denn auch im Rahmen der durchgeführten BzP oder der
Anhörung zu keinem Zeitpunkt geäussert. Zu bemerken ist ferner, dass die
Tatsache allein, dass sich G._ in der Schweiz als Asylbewerber auf-
hielt, für die Annahme einer Reflexverfolgung nicht ausreicht. Zusammen-
fassend gilt festzustellen, dass sich die Beschwerdeführerin nicht auf ob-
jektive Nachfluchtgründe berufen kann.
6.3.2 Sodann ist hinsichtlich der exilpolitischen Tätigkeiten der Beschwer-
deführerin das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe gemäss Art. 54
AsylG zu prüfen.
Wer sich darauf beruft, dass durch ein Verhalten nach der Ausreise aus
dem Heimat- oder Herkunftsland eine Gefährdungssituation geschaffen
worden sei, macht – wie bereits erwähnt – subjektive Nachfluchtgründe
geltend (Art. 54 AsylG). Diese begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft
im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Aus-
schluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht
D-6401/2018
Seite 16
missbräuchlich gesetzt wurden (BVGE 2009/28 E. 7.1 m.w.H.). Massgeb-
lich ist, ob die heimatlichen Behörden das Verhalten der asylsuchenden
Person als staatsfeindlich einstufen und dieser deswegen bei der Rückkehr
in den Heimatstaat eine Verfolgung von Art. 3 AsylG befürchten muss. Es
bleiben damit die Anforderungen an den Nachweis einer begründeten
Furcht massgeblich (Art. 3 und Art. 7 AsylG).
6.3.3 Es ist davon auszugehen, dass die Aktivitäten kurdischer Exilorgani-
sationen oder einzelner Exponentinnen eines gewissen Formats seitens
der Türkei beobachtet werden. Dieser Umstand reicht indessen für sich al-
lein genommen nicht aus, um eine tatsächliche Gefährdung im Falle der
Rückkehr in die Türkei als hinreichend wahrscheinlich erscheinen zu las-
sen. Vielmehr müssten konkrete Anhaltspunkte – nicht nur die abstrakte
oder rein theoretische Möglichkeit – dafür vorliegen, dass die Beschwerde-
führerin tatsächlich das Interesse der heimatlichen Behörden auf sich ge-
zogen hätte. Massgebend ist dabei nicht primär das Hervortreten im Sinne
einer optischen Erkennbarkeit und Individualisierbarkeit, sondern eine öf-
fentliche Exponierung, die aufgrund der Persönlichkeit der asylsuchenden
Person, der Form des Auftritts und des Inhalts der in der Öffentlichkeit ab-
gegebenen Erklärungen den Eindruck erweckt, dass der Asylsuchende zu
einer Gefahr für den Bestand des türkischen Regimes wird (vgl. z.B. Urteil
des BVGer D-5125/2015 vom 30. Mai 2018 E. 9.3 m.w.H.). Um eine tat-
sächliche Gefährdung im Falle der Rückkehr in die Türkei als wahrschein-
lich erscheinen zu lassen, müssen konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen,
dass exilpolitisch aktive Staatsangehörige der Türkei tatsächlich das Inte-
resse der heimatlichen Behörden auf sich gezogen haben respektive als
regimefeindliche Personen namentlich identifiziert und registriert wurden
(vgl. z.B. Urteil des BVGer D-705/2018 vom 18. Februar 2019 E. 6.1.1
m.w.H.).
6.3.4 Auf Beschwerdeebene macht die Beschwerdeführerin hinsichtlich ei-
nes exilpolitischen Engagements geltend, sie nehme regelmässig an De-
monstrationen gegen das türkische Regime teil. Aus den beigelegten Fotos
sei ersichtlich, dass sie anlässlich einer Kundgebung am (...) in (...) eine
Leuchtweste getragen habe, da sie damals für den Ordnungsdienst zu-
ständig gewesen und dadurch individuell aus der protestierenden Masse
hervorgestochen sei. Ferner habe sie unter anderem (Nennung weitere
Kundgebungsteilnahmen). Sie engagiere sich auch im Verein J._,
dessen Mitglied sie seit dem (...) sei. Während (Nennung Dauer) bezie-
hungsweise bis am (...) sei sie (Nennung Funktion) gewesen. Dabei habe
D-6401/2018
Seite 17
sie unter anderem am (...) mit (Nennung Personen) öffentlich zu einer Kon-
ferenz beziehungsweise zur Kampagne (...) aufgerufen, die am (...) statt-
gefunden habe. Davon sei durch einen Kollegen am (...) ein Video auf Fa-
cebook gepostet worden, auf welchem sie zu sehen sei. Daraus folge, dass
sie sich politisch besonders exponiert habe und sie wohl von den türki-
schen Behörden als Regimegegnerin identifiziert worden sei.
6.3.5 Auf den eingereichten Fotos der Kundgebung vom (...) ist die Be-
schwerdeführerin – soweit sie überhaupt identifizierbar ist – als einfache
Kundgebungsteilnehmerin mit einer gelben Leuchtweste zu erkennen.
Dass sie sich dadurch besonders und über das Mass der gewöhnlichen
Teilnehmer hinaus exponiert oder gar eine herausragende Funktion innge-
habt hätte, ist nicht ersichtlich, auch wenn sie angeblich für den Ordnungs-
dienst zuständig gewesen ist und dafür eine Leuchtweste trug. Auch ihre
Tätigkeit (Nennung Tätigkeit innerhalb des Vereins) oder auch die wieder-
holte Teilnahme an Kundgebungen lassen kein exponiertes exilpolitisches
Engagement erkennen. Ebenso vermag der angebliche öffentliche Aufruf
zu einer Konferenz beziehungsweise zur Kampagne (...) zusammen mit
zwei (Nennung Personen), der dem eingereichten Foto und der Überset-
zung des Videos zufolge in den Räumlichkeiten des Vereins aufgenommen
und anschliessend auf Facebook gestellt worden sein soll, keine Schärfung
ihres Profils zu bewirken, zumal sie namentlich nirgends erwähnt und das
Video auf dem Profil respektive unter dem Namen des Kollegen veröffent-
licht wurde. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass seitens des türkischen
Regimes ein besonderes Interesse an ihr bestehen könnte, da es sich bei
ihr nicht um eine Persönlichkeit handelt, die mit Blick auf Art und Umfang
ihrer exilpolitischen Tätigkeiten als ausserordentlich engagierte und expo-
nierte Regimegegnerin aufgefallen sein könnte. Dies umso mehr, als die
Beschwerdeführerin vor ihrer Ausreise aufgrund ihres niederschwelligen
politischen Engagements keinerlei behördliche Schwierigkeiten bekundete
und demzufolge nicht im Visier der heimatlichen Behörden gestanden ha-
ben kann. Das exilpolitische Engagement der Beschwerdeführerin über-
steigt die Schwelle der massentypischen Erscheinungsformen exilpoliti-
scher Proteste türkischer Staatsangehöriger nicht.
6.4 Zusammenfassend ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen, eine
relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 respektive Art. 54 AsylG
darzutun. Die Vorinstanz hat demnach die Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführerin zu Recht verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
D-6401/2018
Seite 18
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs-
vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen-
schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24
E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be-
schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich erhebliche
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG und Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) verankerte Grundsatz
der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung fin-
den. Eine Rückschaffung der Beschwerdeführerin in die Türkei ist dem-
nach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass ihr im Fall einer Ausschaf-
fung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Folter oder eine
unmenschliche Behandlung im Sinne von Art. 25 Abs. 3 BV, von Art. 3 des
D-6401/2018
Seite 19
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK drohen würde. Insbesondere
vermag die Beschwerdeführerin kein „real risk“ im Sinne der massgebli-
chen Rechtsprechung darzutun, zumal die blosse Möglichkeit einer men-
schenrechtswidrigen Behandlung nicht ausreicht (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124 ff. m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in der
Türkei lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un-
zulässig erscheinen.
8.2.2 Was die dargelegten psychischen Beschwerden betrifft, so kann ge-
mäss der Praxis des EGMR der Vollzug der Wegweisung eines abgewie-
senen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen im Einzelfall einen
Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Hierfür sind jedoch ganz ausser-
gewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili
gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10,
§ 183), Solche Umstände liegen nicht nur in Fällen vor, in denen sich die
von einer Ausschaffung betroffene Person in unmittelbarer Gefahr befindet,
zu sterben, sondern auch dann, wenn Personen darunter fallen, die ange-
sichts fehlender Behandlungsmöglichkeiten im Zielstaat der Ausschaffung
einem realen Risiko einer schwerwiegenden, raschen und irreversiblen
Verschlechterung des Gesundheitszustands ausgesetzt werden, die zu
heftigen Leiden oder einer erheblichen Reduktion der Lebenserwartung
führen. Solche aussergewöhnlichen Umstände können aber hier hinläng-
lich ausgeschlossen werden (vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1 S. 117 f., BVGE
2009/2 E. 9.1.3).
8.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Die Beschwerdeführerin stammt aus der Provinz B._. Ge-
mäss konstanter Praxis und auch unter Berücksichtigung der Entwicklun-
D-6401/2018
Seite 20
gen im Nachgang des Putschversuchs vom Juli 2016 ist nicht davon aus-
zugehen, dass in der Türkei eine landesweite Situation allgemeiner Gewalt
herrscht. Auch in den vorwiegend von Kurden besiedelten Provinzen im
Osten und Südosten des Landes ist nicht von einer flächendeckenden Si-
tuation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen aus-
zugehen (vgl. Urteil des BVGer E-3042/2017 vom 28. Juli 2017 E. 6.2.2
sowie das Referenzurteil E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3). Ausge-
nommen sind die Provinzen Hakkari und Sirnak; den Wegweisungsvollzug
dorthin erachtet das Bundesverwaltungsgericht aufgrund einer anhalten-
den Situation allgemeiner Gewalt als unzumutbar (vgl. BVGE 2013/2
E. 9.6). Demnach ist der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin
in die Provinz B._ als generell zumutbar zu erachten.
8.3.2 Aus den Akten ergeben sich auch keine Hinweise darauf, dass die
Beschwerdeführerin im Falle ihrer Rückkehr in die Türkei aus individuellen
Gründen in eine existenzbedrohende Situation geraten könnte. Die im Ver-
laufe des Asylverfahrens volljährig gewordene Beschwerdeführerin verfügt
sowohl in der Stadt als auch in der Provinz B._ über diverse Ver-
wandte (Nennung Verwandte), welche sie nach ihrer Rückkehr unterstüt-
zen können, weshalb sie nicht zwangsläufig auf die Hilfe der ebenfalls in
B._ wohnhaften Familie ihres Vaters angewiesen ist (vgl. act. A7,
S. 3 f. und S. 10). Angesichts ihrer Schulbildung, ihrer Sprachkenntnisse
und der – wenn auch geringen – Arbeitserfahrung sollte es der Beschwer-
deführerin möglich sein, dort ein wirtschaftliches Auskommen zu finden.
Dabei hat sie die Möglichkeit, auf die Hilfe einzelner Familienangehöriger
zurückzugreifen. Zudem verfügt die Beschwerdeführerin über Verwandte
in (...) und in (...), die ihr jedenfalls finanzielle Hilfe bieten können (vgl. act.
A3/11, S. 5, Ziff. 3.02 f.). Überdies verfügt die Beschwerdeführerin mit ih-
rem in E._ wohnhaften (Nennung Verwandter), bei welchem sie vor
ihrer Ausreise wohnen konnte und der sich gegenüber ihrem Vater für sie
einsetzte und ihr schliesslich bei der Ausreise aus der Türkei behilflich war
(vgl. act. A3/11, S. 7), zweifellos über einen Bezug zu dieser Stadt, weshalb
auch die Möglichkeit der dortigen sozialen Integration als gegeben zu er-
achten wäre. In Berücksichtigung ihrer Fähigkeiten wäre davon auszuge-
hen, dass die Beschwerdeführerin auch dort nicht aus individuellen Grün-
den wirtschaftlicher oder sozialer Natur in eine existenzbedrohende Situa-
tion geraten würde. Schliesslich genügen blosse soziale und wirtschaftli-
che Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölkerung im Allgemei-
nen betroffen ist, nicht, um eine konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG darzustellen (vgl. BVGE 2008/34 E. 11.2.2).
D-6401/2018
Seite 21
8.3.3 Hinsichtlich der gesundheitlichen Situation liegt bei der Beschwerde-
führerin gemäss dem in den Akten liegenden (Nennung Beweismittel) eine
(Nennung Diagnose) vor. Die Beschwerdeführerin stehe (Nennung Thera-
pie). Die Dauer der hiesigen Behandlung sei ungewiss. Die Behandlung
werde bis zur sicheren Stabilisierung des Gesundheitszustandes durchge-
führt, was bei traumatisierten Patienten mit Migrationshintergrund unter an-
derem von einer sicheren Aufenthaltssituation abhänge. Dies treffe bei der
Beschwerdeführerin ebenfalls zu. Bei Wegfall der aktuellen Belastungen
psychosozialer Art sei die Prognose günstig. Hingegen sei bei Weiterbe-
stehen oder Zunahme der Belastungen eine Eigengefährdung nicht auszu-
schliessen.
8.3.4 Dazu ist zunächst festzustellen, dass die Behandlung psychischer
Probleme, wie sie im vorliegenden ärztlichen Bericht aufgeführt werden, in
der Türkei sowohl stationär als auch ambulant möglich ist. Es existieren
landesweit psychiatrische Einrichtungen und es stehen moderne Psycho-
pharmaka zur Verfügung. Namentlich in türkischen Gross- und Provinz-
hauptstädten ist der Zugang zu Gesundheitsdiensten, Beratungsstellen
und Behandlungseinrichtungen für psychische Leiden gewährleistet (vgl.
hierzu etwa Urteil BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3.5.3
m.w.H.).
Dass die behandelnden Therapeutinnen (laut dem [Nennung Beweismit-
tel]) in diesem Zusammenhang die von der Beschwerdeführerin benötigte
Behandlungsmöglichkeit (...) in der Türkei in Frage stellen, vermag na-
mentlich vor dem Hintergrund der genannten Behandlungsmöglichkeiten
für psychische Erkrankungen letztlich nicht zur Unzumutbarkeit des Voll-
zugs zu führen. Es ist angesichts des sowohl in der Herkunftsprovinz als
auch in E._ bestehenden Beziehungsnetzes für die Beschwerde-
führerin als möglich und zumutbar zu erachten, eine entsprechende Be-
handlung weiterzuführen. Sodann kann einer allfälligen Eigengefährdung
der Beschwerdeführerin als Reaktion auf den negativen Beschwerdeent-
scheid und der Aussicht auf eine bevorstehende Rückkehr in ihre Heimat
im Rahmen des Vollzugs der Wegweisung angemessen Rechnung getra-
gen werden. Abschliessend ist auf die Möglichkeit, dem SEM bei Bedarf
einen Antrag auf Gewährung medizinischer Rückkehrhilfe zu stellen (vgl.
Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG), hinzuweisen.
8.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
D-6401/2018
Seite 22
8.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit In-
struktionsverfügung vom 4. Dezember 2018 das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen, womit auf die Erhebung
von Verfahrenskosten zu verzichten ist.
10.2 Mit derselben Verfügung wurde ausserdem das Gesuch um amtliche
Verbeiständung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und der Beschwer-
deführerin ihre Rechtsvertreterin als Rechtsbeiständin bestellt. Demnach
ist dieser ein amtliches Honorar für ihre notwendigen Aufwendungen im
Beschwerdeverfahren auszurichten. Mit Eingabe vom 28. März 2019
wurde eine Kostennote ins Recht gelegt, wonach sich die Bemühungen der
Rechtsvertretung auf 14 Stunden bei einem Stundenansatz von Fr. 220.–
bei amtlicher Vertretung belaufen. Zusätzlich werden Auslagen in der Höhe
von Fr. 103.50 aufgeführt. Der Gesamtbetrag beläuft sich auf Fr. 3183.50
(ohne Mehrwertsteuerzuschlag). Dieser Betrag ist indes – so hinsichtlich
der überaus einlässlichen Ausführungen zur Prozessgeschichte und der –
von der Vorinstanz lediglich in zweiter Linie bezweifelten Glaubhaftigkeit
der Aussagen zum Reiseweg und dem Aufenthalt in der Schweiz – nicht
vollumfänglich angemessen. Ausserdem ist der Aufwand für die Erstellung
und Einreichung der Honorarnote im Stundenansatz bereits enthalten, weil
es sich um eine Sekretariatsarbeit handelt. Unter Berücksichtigung der
massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 9 ff. des Reglements vom
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21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und der Praxis in Vergleichsfäl-
len sind die zu entschädigenden Stunden auf elf (11) zu reduzieren. Damit
ist das Honorar aufgerundet auf insgesamt Fr. 2718.– (inkl. Mehrwertsteu-
erzuschlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 24