Decision ID: c3fd6c43-5261-594a-81ff-ca2d9bf83a5a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein ethnischer Araber aus B._ – stellte am
1. Mai 2013 in der Schweiz ein erstes Asylgesuch. Dieses begründete er
im Wesentlichen mit einer in Zusammenhang mit einer Aufbietung zum mi-
litärischen Reservedienst und seiner politischen Betätigung (insb. De-
monstrationsteilnahmen) stehenden Verfolgungslage.
Mit Verfügung vom 25. Februar 2014 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein Asylgesuch ab. Es be-
gründete den ablehnenden Asylentscheid im Wesentlichen damit, dass
dessen Vorbringen den Anforderungen von Art. 7 AsylG (SR 142.31) an die
Glaubhaftigkeit nicht genügten. Gleichzeitig ordnete das SEM seine Weg-
weisung aus der Schweiz an, gewährte ihm jedoch zufolge Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzuges die vorläufige Aufnahme.
Eine dagegen erhobene Beschwerde vom 31. März 2014 wies das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil E-1701/2014 vom 30. Juni 2016 vollum-
fänglich ab. In den Erwägungen bestätigte das Gericht die Unglaubhaftig-
keitserkenntnisse des SEM und hielt ergänzend fest, dass der Status des
über kein einzelfallspezifisches Risikoprofil verfügenden Beschwerdefüh-
rers als Reservist der syrischen Armee und eine allfällige darauf basie-
rende militärische Einberufung oder eine Furcht davor praxisgemäss keine
flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit im Sinne von Art. 3 AsylG entfalteten.
B.
Mit Eingabe vom 10. Februar 2020 richteten der Beschwerdeführer und
dessen Ehefrau durch den rubrizierten Rechtsvertreter ein «Wiedererwä-
gungsgesuch» (Titel der Rechtsschrift) beziehungsweise ein «Mehrfachge-
such» (vgl. Ziff. II/3 der Begründung) an das SEM. Darin beantragten sie
nebst einem Gesuch um Kantonszuweisung die teilweise wiedererwä-
gungsweise Aufhebung ihrer Verfügungen vom 25. Februar 2014 (betr. den
Beschwerdeführer) beziehungsweise vom 1. Juli 2014 (betr. seine Ehe-
frau), die Erteilung von Asyl unter Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft
und eventualiter die blosse Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft.
In der Begründung machte der Beschwerdeführer eine Veränderung der
Sachlage dergestalt geltend, dass er nun in Syrien als Oppositioneller gelte
und bei einer Rückkehr mit schärfsten Verfolgungsmassnahmen zu rech-
nen hätte. Mit einer Haftentlassungsanzeige vom (...) 2014 betreffend sei-
E-3923/2020
Seite 3
nen Bruder C._ könne er ein nach Abschluss des ersten Asylver-
fahrens entstandenes Beweismittel vorlegen, welches die damals vorbe-
standene, ihm aber nicht geglaubte erhebliche Tatsache beweise, dass
C._ im Jahre 2014 inhaftiert worden sei; C._ sei zudem im
März 2018 erneut verhaftet worden. Damit und unter Mitberücksichtigung
der unbestrittenen Tatsache, dass sein weiterer Bruder D._ vor Jah-
ren in E._ Asyl erhalten habe, sei nun nachgewiesen, dass seine
Familie bereits den Argwohn der syrischen Behörden erweckt habe. So-
dann sei seiner Familie am (...) Januar 2020 durch einen Militärbeamten
ein ihn (Beschwerdeführer) betreffendes Militäraufgebot als Reservist der
syrischen Armee übergeben worden. Das Dokument könne er als Fotogra-
fie vorlegen; ein weiteres Foto zeige seine Familienangehörigen mit die-
sem Aufgebot, welches ihm sein Bruder via soziale Medien nun übermittelt
habe. Das Aufgebot erbringe zum einen den Beweis der ihm im ersten
Asylverfahren nicht geglaubten Aufbietung zum Reservedienst und zum
andern stelle die Tatsache seiner jetzigen erneuten Aufbietung einen ob-
jektiven Nachfluchtgrund dar. Gemäss Praxis der deutschen Asylgerichte
führten das System der allgemeinen Wehrpflicht in Syrien sowie die Um-
stände, denen sich Militärdienstleistende und Reservisten gegenüberse-
hen, dazu, dass Asylbewerber, die sich durch die illegale Ausreise dem
Wehrdienst entzogen haben, bei einer Rückkehr nicht nur mit einer Bestra-
fung wegen Wehrdienstentziehung zu rechnen hätten, sondern als ver-
meintliche Oppositionelle betrachtet würden und politische Verfolgung zu
erwarten hätten. Im Rahmen der strengen Einreisekontrollen durch die Si-
cherheitskräfte würden sie als fahnenflüchtig identifiziert und hätten mit
schwersten Strafen bis hin zur Todesstrafe, aber auch Folter zu rechnen.
Diese Praxis gehe aus einem beiliegenden Urteil des Verwaltungsgerichts
F._ vom 12. November 2018 hervor und sei durch das Bundesver-
waltungsgericht auch in seinem Fall zu berücksichtigen. Sie verleihe ihm
Anspruch auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und auf Gewährung
des Asyls. Betreffend das Gesuch um Kantonszuteilung und die hierfür vor-
gelegten Beweismittel wird auf die Akten verwiesen.
C.
Mit (unangefochten gebliebener) Zwischenverfügung vom 10. März 2020
entschied das SEM, dass die Eingabe vom 10. Februar 2020 ausschliess-
lich in Bezug auf den Beschwerdeführer anhand genommen werde. Betref-
fend die Ehefrau wurde diese auf das für den Erwerb der Flüchtlingseigen-
schaft zwingende Erfordernis der Einleitung eines ordentlichen Asylverfah-
E-3923/2020
Seite 4
rens aufmerksam gemacht. Den Entscheid über das Kantonszuweisungs-
gesuch stellte das SEM auf einen Zeitpunkt nach Abschluss des mit Ein-
gabe vom 10. Februar 2020 anhängig gemachten Verfahrens in Aussicht.
D.
Mit (nicht selbständig anfechtbarer) Zwischenverfügung vom 10. Juni 2020
qualifizierte das SEM die Eingabe vom 10. Februar 2020 als Mehrfachasyl-
gesuch und verwies hierzu auf die darin geltend gemachten objektiven
Nachfluchtgründe. Unter begründetem Hinweis auf die Aussichtslosigkeit
des Gesuchs und Abstützung auf Art. 111d AsylG erhob es vom Beschwer-
deführer einen Gebührenvorschuss von Fr. 600.–. Dieser wurde vom Be-
schwerdeführer in der Folge fristwahrend geleistet.
E.
Mit Verfügung vom 2. Juli 2020 – eröffnet am 6. Juli 2020 – bestätigte das
SEM die Anhandnahme der Eingabe vom 10. Februar 2020 als Mehrfach-
asylgesuch. Es stellte fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht und lehnte dessen zweites Asylgesuch ab. Gleichzeitig ver-
fügte es die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und
stellte den Fortbestand der bereits am 25. Februar 2014 angeordneten vor-
läufigen Aufnahme fest. Zudem erhob es unter Verweigerung der unent-
geltlichen Verfahrensführung eine Gebühr von Fr. 600.–, welchen Betrag
es durch die erfolgte Vorschusszahlung als gedeckt betrachtete.
F.
Mit Eingabe vom 5. August 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen diese
Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Darin beantragt
er die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Gewährung von Asyl
unter (zumindest eventualiter) Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft
und die Anweisung an das SEM zur Rückerstattung des geleisteten Kos-
tenvorschusses.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 12. August 2020 erhob die zuständige Instruk-
tionsrichterin des Bundesverwaltungsgerichts einen Kostenvorschuss in
der Höhe von Fr. 1'500.–, zahlbar bis zum 27. August 2020.
Der Beschwerdeführer leistete den Kostenvorschuss am 26. August 2020
vollumfänglich.
E-3923/2020
Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.3 In der angefochtenen Verfügung (dort Ziff. III) erklärt das SEM zunächst
die Anhandnahme der Eingabe vom 10. Februar 2020 als Mehrfachasylge-
such. Dabei hält es fest, dass die Eingabe zwar ebenfalls wiedererwä-
gungsrechtliche Aspekte aufweise (Militärvorladung als neues Beweismit-
tel für die im ersten Asylverfahren geltend gemachte, damals aber nicht
geglaubte Verfolgung aufgrund der Einberufung zum Reservedienst). Da
mit demselben neu entstandenen Beweismittel aber gleichzeitig auch das
Vorliegen von objektiven Nachfluchtgründen geltend gemacht werde, sei
die Eingabe insgesamt als Mehrfachgesuch zu behandeln und aus pro-
zessökonomischen Gründen auf die Durchführung eines separaten Wie-
dererwägungsverfahrens zu verzichten.
Die Anhandnahme als Mehrfachasylgesuch wird in der Beschwerde nicht
bestritten und das Bundesverwaltungsgericht sieht sich ebenso wenig von
Amtes wegen zu einer Beanstandung des Vorgehens und der hierfür vor-
gelegten Begründung veranlasst. Dabei ist zum einen festzuhalten, dass
ordentliche Verfahren grundsätzlich ausserordentlichen Parallelverfahren
über die gleiche Prozessmaterie vorgehen. Zum andern ist festzuhalten,
E-3923/2020
Seite 6
dass das SEM zwar auf die Durchführung eines formellen Wiedererwä-
gungsverfahrens verzichtet, die in der Eingabe enthaltenen Wiedererwä-
gungsaspekte in der angefochtenen Verfügung aber durchaus erfasst, ge-
würdigt und mithin einer substanziellen Anfechtbarkeit zugänglich gemacht
hat. Unter diesem Gesichtspunkt ist keine Verletzung von Verfahrensrech-
ten festzustellen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Keine
Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder De-
sertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht ha-
ben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder
zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
E-3923/2020
Seite 7
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen
in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.)
Bei Asylgesuchen, die innert fünf Jahren nach Eintritt der Rechtskraft des
Asyl- und Wegweisungsentscheides eingereicht werden, hat die Eingabe
schriftlich und begründet zu erfolgen (Art. 111c Abs. 1 AsylG).
4.2 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Entscheids betreffend das Mehr-
fachasylgesuch führte das SEM aus, die geltend gemachten Verfolgungs-
vorbringen würden den Anforderungen der Art. 3 und 7 AsylG nicht genü-
gen. Das Militäraufgebot sei nicht geeignet, die Einschätzungen des SEM
und des Bundesverwaltungsgerichts im ersten Asylverfahren umzustos-
sen. Zunächst liege das Dokument lediglich als Fotografie vor, weshalb ihm
keinerlei Beweiswert zukomme. Schon auf Beschwerdestufe des ersten
Asylverfahrens habe der Beschwerdeführer sein Militärbüchlein lediglich in
Kopieform eingereicht. Die Frage der Echtheit könne vorliegend aber oh-
nehin offenbleiben, denn es sei notorisch, dass in Syrien aufgrund der
grassierenden Korruption auch amtliche Dokumente (formell echte oder
Fälschungen unterschiedlichster Qualität) und Dienstleistungen jeglicher
Art käuflich erworben werden könnten. Einem formell echten amtlichen Do-
kument sei zudem praxisgemäss nur dann eine relevante Beweiskraft bei-
zumessen, wenn dieses im Kontext eines hinreichend schlüssigen Sach-
verhaltsvortrages eingereicht werde. Der Beschwerdeführer vermöge aber
nicht plausibel zu erklären, weshalb er im Januar 2020 – sieben Jahre nach
seiner Ausreise aus Syrien – plötzlich zum Reservedienst aufgeboten wer-
den sollte. Ein Zusammenhang zwischen der sich im Januar 2020 präsen-
tierenden militärischen Lage in Syrien beziehungsweise an seinem Her-
kunftsort und dem Militäraufgebot sei nicht erkennbar. Aus der Eingabe
E-3923/2020
Seite 8
vom 10. Februar 2020 seien aber auch keine individuellen Gründe ersicht-
lich, die die plötzliche Vorladung erklären oder gar ein spezifisches Risi-
koprofil begründen würden beziehungsweise die als unglaubhaft erachte-
ten Vorfluchtgründe nachträglich in ein anderes Licht rücken könnten. Die
Inhaftierung von C._ im Jahr 2014 und die Asylgewährung an
D._ in E._ seien bereits im ersten Asylverfahren (insb. im
Urteil des BVGer) zur Sprache gekommen, weshalb darauf nicht weiter
einzugehen sei. Bei der angeblich erneuten Inhaftierung von C._ im
Jahr 2018 handle es sich zunächst um eine reine und unbelegte Parteien-
behauptung. Ungeachtet dessen erkläre er auch nicht, worin der Zusam-
menhang zwischen diesem Ereignis im Jahr 2018 und dem Militäraufgebot
vom Januar 2020 bestehe. Der pauschale Hinweis, dass seine Familie den
Argwohn der syrischen Behörden geweckt habe, reiche hierzu nicht. Ange-
sichts der behaupteten behördlichen Fokussierung auf seine Familie er-
staune ohnehin, dass das Augenmerk der syrischen Militärbehörden zwei
Jahre nach der angeblichen Inhaftierung von C._ nun plötzlich auf
ihn, einem seit sieben Jahren Landesabwesenden, gerichtet sein soll, und
nicht auf den in Syrien verbliebenen jüngsten Bruder. Das Militäraufgebot
ändere mithin angesichts seines geringen Beweiswerts nichts an der frühe-
ren Erkenntnis, wonach er kein einzelfallspezifisches Risikoprofil erfülle
und somit keine begründete Furcht vor einer asylrelevanten Verfolgung
habe. Das Bestehen objektiver Nachfluchtgründe sei daher zu verneinen.
Im Übrigen könne allein der Umstand, dass er Syrien im Status eines Re-
servisten verlassen habe, nicht als Dienstverweigerung oder Desertion er-
achtet werden. Auch diesbezüglich sei auf das Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts vom 30. Juni 2016 zu verweisen. Schliesslich lasse sich aus
den übrigen Beweismitteln, insbesondere dem Urteil des Verwaltungsge-
richts F._ oder der Haftentlassungsbestätigung von C._ aus
dem Jahr 2014, keine individuelle Verfolgungssituation ableiten, da diese
Dokumente keinen persönlichen Bezug zu ihm aufwiesen. Demzufolge er-
fülle er die Flüchtlingseigenschaft nicht. Die gesetzliche Regelfolge der Ab-
lehnung des Asylgesuchs sei die Wegweisung aus der Schweiz. Die Ge-
bührenauferlegung stützte das SEM auf Art. 111d AsylG.
5.2 In seiner Rechtsmitteleingabe wiederholt und bekräftigt der Beschwer-
deführer seine Ausführungen gemäss seinem zweiten Asylgesuch. Die dort
erwähnte und für die Erlangung der Flüchtlingseigenschaft für militärdienst-
pflichtige Syrer tiefere Anforderungen stellende deutsche Gerichtspraxis
sei der im Urteil E-2188/2019 vom 30. Juni 2020 wiedergegebenen Praxis
des Bundesverwaltungsgerichtsgerichts vorzuziehen, wonach abgesehen
E-3923/2020
Seite 9
von der Dienstverweigerung zusätzlich exponierende Faktoren für die An-
nahme einer regierungskritischen Haltung gegeben sein müssten. Diese
deutsche Praxis liege auch der Praxis des UNHCR näher und das Bundes-
verwaltungsgericht verkenne in seiner nicht stringenten Praxis, dass die
syrischen Behörden bei der Verfolgung von Militärdienstverweigerern ei-
nem extralegalen Ansatz folgten.
Weiter kritisiert der Beschwerdeführer die vorinstanzliche Beweismittelwür-
digung und Glaubhaftigkeitsbeurteilung betreffend die vorgelegte Militär-
vorladung. Seine Angaben über den Erhalt des Dokuments deckten sich
mit der allgemeinen Quellenlage und für einen käuflichen Erwerb oder ein
«Familienkomplott» gebe es keine Hinweise. Dass die Vorladung nicht im
Original vorlegbar sei, liege allein an den fehlenden Postverbindungen. Die
vom SEM als unglaubhaft erkannten Verfolgungshandlungen der syrischen
Militärbehörden (insb. Aufbietung sieben Jahre nach Ausreise; Nichtaufbie-
tung des jüngsten Bruders) seien im Weiteren grundsätzlich unerheblich,
denn über das Verhalten des syrischen Militärs könnten nur Mutmassun-
gen aufgestellt werden. Zudem sei die syrische Aufgebotspraxis von Will-
kür geprägt. Betreffend die ebenfalls vorgelegte Haftentlassungsanzeige
von C._ vom Jahre 2014 verkenne das SEM weiter, dass damit nun
der Beweis für die ihm im ersten Asylverfahren nicht geglaubte Inhaftierung
dieses Bruders gelungen sei; der Verweis auf die bereits im damaligen Ver-
fahren erfolgte Berücksichtigung dieses Sachverhaltsvorbringens sei da-
her unbehelflich. Auch gehe es nicht an, die erneute Verhaftung von
C._ im Jahr 2018 als reine Parteibehauptung abzutun, zumal man-
gels Ausstellung einer entsprechenden Bestätigung durch die syrischen
Behörden ein Beweisnotstand vorliege. Diese zweite Inhaftierung sei aber
durchaus glaubhaft gemacht und C._ werde ihm hierzu noch eine
detaillierte Beschreibung zukommen lassen. Dem Einwand des SEM, wo-
nach kein Zusammenhang zwischen den Inhaftierungen von C._
und der erhaltenen Vorladung bestehe, sei entgegenzuhalten, dass ge-
mäss allgemeinen Quellen (UNHCR, SFH), die Verfolgung von Familien-
angehörigen eine alte Strategie der syrischen Regierung darstelle. Die sy-
rischen Behörden hätten anstelle der beiden nicht auffindbaren Brüder (Be-
schwerdeführer und D._) nun eben Familienangehörige inhaftiert.
Die Familie stehe offensichtlich im Fokus der Behörden. Der Umstand je-
doch, dass sein jüngster Bruder bislang nicht Opfer von Verfolgungshand-
lungen geworden sei, unterstreiche gerade die bereits erwähnte Willkür der
syrischen Behörden in ihrem Vorgehen. Der Sachverhaltsvortrag sei somit
schlüssig und glaubhaft. Er habe als Oppositioneller und Refraktär An-
spruch auf Erteilung des Asyls, zumal davon auszugehen sei, dass er in
E-3923/2020
Seite 10
seiner Abwesenheit bereits von einem Militärgericht wegen Nichtbefolgen
des Aufgebots verurteilt worden sei oder eine Verurteilung unmittelbar be-
vorstehe, wodurch ihn eine Haftstrafe und damit verbunden eine un-
menschliche Behandlung erwarteten.
6.
6.1
6.1.1 Vorab ist festzuhalten, dass das vorliegende Militäraufgebot grund-
sätzlich tauglich ist, eine Aufbietung des Beschwerdeführers zum Reserve-
dienst zu beweisen; dies wird von keiner Seite bestritten. Ebenso ist fest-
zuhalten, dass die blosse Kopie- beziehungsweise Fotografieform dieses
Dokument nicht jeglichen Beweiswerts beraubt, sondern diesen nur, aber
immerhin erheblich einschränkt. Die zunächst allzu kategorische Beweis-
wertzumessung des Militäraufgebots in der angefochtenen Verfügung wird
indessen im weiteren Verlauf der Würdigung zutreffend wieder relativiert,
indem der Beweiswert vom SEM als «gering» eingestuft wird. Zugunsten
des Beschwerdeführers ist sodann festzustellen, dass die nun vorgelegte
Haftentlassungsbestätigung von C._ aus dem Jahre 2014 insoweit
durchaus einen persönlichen Bezug zum Beschwerdeführer aufweist, als
letzterer mit diesem Beweismittel behauptungsgemäss eine vorbestan-
dene, ihm aber im ersten Asylverfahren nicht geglaubte Tatsache (Inhaftie-
rung von C._ im Jahre 2014) belegen könne. Das ändert indessen
nichts daran, dass diese angebliche Tatsache weder neu noch erheblich
ist, da sie und der Zusammenhang zum Beschwerdeführer zum einen be-
reits im ersten Asylverfahren bekannt waren, zum andern C._ – wie
im Übrigen auch die weiteren Geschwister – nicht Partei des vorliegenden
Asylverfahrens sind und schliesslich nicht erkennbar ist, weshalb es dem
Beschwerdeführer in Anbetracht der ihm obliegenden Mitwirkungspflicht
nicht hätte möglich sein sollen, sich im ersten Asylverfahren um das Be-
weismittel zu bemühen.
Die genannten Beanstandungen betreffend die vorinstanzlichen Erwägun-
gen sind indessen marginaler Art und die erwähnten Beweismittel vermö-
gen am Ausgang des vorliegenden Verfahrens auch aus nachfolgenden
Gründen offensichtlich keine Änderung zu bewirken.
6.1.2 Das SEM ist in seinen Erwägungen nach rechtsgenüglicher Sachver-
haltsabklärung und -feststellung mit einlässlicher und überzeugender Be-
gründung sowie korrekter Praxisabstützung zur zutreffenden Erkenntnis
gelangt, die im zweiten Asylgesuch geltend gemachten Verfolgungsvor-
bringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen von Art. 7
E-3923/2020
Seite 11
AsylG an die Glaubhaftmachung eines asylbegründenden Sachverhalts
respektive jenen von Art. 3 AsylG an die flüchtlingsrechtliche Bedeutsam-
keit nicht genügen, weshalb er keinen Anspruch auf Anerkennung als
Flüchtling und auf Gewährung des Asyls habe. Diese Erwägungen und die
darin enthaltene Beweismittelwürdigung sind, abgesehen von den oben
(E. 6.1.1) erwähnten marginalen Einschränkungen, nicht zu beanstanden
und es kann insoweit zur Vermeidung von Wiederholungen auf den Inhalt
der angefochtenen Verfügung (vgl. dort E. IV) sowie auf die zusammenfas-
sende Wiedergabe oben (E. 5.1) verwiesen werden.
Die Beschwerde führt zu keiner anderen Betrachtungsweise. Soweit sie
sich nicht in blossen Wiederholungen, Bekräftigungen und Gegenbehaup-
tungen erschöpft, ist im Einzelnen Folgendes in Erwägung zu ziehen: Das
als Foto eingereichte Militäraufgebot zum Reservedienst mag bestenfalls
– wenngleich vorliegend erfolglos – dem Beweis der behaupteten aktuellen
Einberufung zum Reservedienst dienen, belegt aber offensichtlich nicht die
im ersten Asylverfahren geltend gemachte Einberufung. Ferner lässt sich
das Bundesverwaltungsgericht in seinen Asylentscheidungen nicht nur von
der eigenen Praxis, sondern insbesondere auch von jener des Bundesge-
richts, des EGMR sowie teilweise des Gerichtshofs der Europäischen
Union und des UNO-Ausschusses gegen Folter (CAT) leiten. Daneben be-
rücksichtigt es regelmässig auch Leitlinien und Positionen insbesondere
des UNHCR, der SFH und von Menschenrechtsorganisationen sowie ver-
schiedene weitere Quellen. Ebenso stellt es mitunter auch landesübergrei-
fende Rechtsvergleichungen an. Seine auf Art. 3 (insb. Abs. 3) AsylG ab-
gestützte Praxis betreffend Dienstverweigerung als solche und im Länder-
kontext mit Syrien im Besonderen ist seit Jahren und insbesondere seit
dem in BVGE 2015/3 publizierten Urteil gefestigt (vgl. auch das Referenz-
urteil E-2188/2019 vom 30. Juni 2020 E. 5 [zur Publikation vorgesehen]).
Das Bundesverwaltungsgericht sieht sich weder im Grundsatz noch im vor-
liegenden Fall in irgendeiner Weise veranlasst, auf die vom Beschwerde-
führer propagierte, in einem Urteil eines deutschen Verwaltungsgerichts
aus dem Jahre 2018 gezeichnete Praxis umzuschwenken und enthält sich
auch eines Kommentars zum besagten ausländischen Urteil. Es ergibt sich
damit, dass – entsprechend dem Gesetzeswortlaut – eine blosse Dienst-
verweigerung oder Desertion auch im syrischen Kontext noch nicht zur An-
erkennung als Flüchtling und zur Gewährung von Asyl führen kann, son-
dern damit eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs.1 AsylG verbunden sein
muss; bedeutsam ist dabei insbesondere, ob der Betroffene in der Vergan-
genheit bereits als Regimegegner aufgefallen ist oder anderweitig ein be-
sonderes Profil aufweist. Damit rückt vorliegend auch die Diskussion um
E-3923/2020
Seite 12
die Glaubhaftigkeit des neu geltend gemachten Aufgebots zum militäri-
schen Reservedienst in den Hintergrund. Dennoch sind die Glaubhaftig-
keitserkenntnisse gemäss angefochtener Verfügung vollumfänglich zu
stützen. Den diesbezüglich in der Beschwerde erwähnten Gegenargumen-
ten (insb. verbreitete Willkür in der syrischen Aufbietungspraxis, Beweis-
notstand mangels funktionierender Post, staatliche Verfolgung von Fami-
lienangehörigen als alte Strategie der syrischen Regierung) ermangelt es
in der vorgelegten Form, Kumulation und Pauschalität an Überzeugungs-
kraft und Stichhaltigkeit. Angesichts dessen besteht für das Gericht auch
kein Anlass, die detaillierte Haftbeschreibung von C._ abzuwarten,
da sie im Sinne einer antizipierten Beweiswürdigung kein anderes Ergeb-
nis erwarten lässt. Unbesehen dessen ist nicht einzusehen, weshalb sich
der Beschwerdeführer nicht deutlich früher – im erstinstanzlichen Verfah-
ren und gar vor Einleitung des zweiten Asylverfahrens – um das Erhältlich-
machen dieser Haftbeschreibung von C._ hätte bemühen können.
Bislang wurde nicht einmal dargelegt, was der Grund für dessen Inhaftie-
rung gewesen sei.
Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass ein Mehrfachasylgesuch (wie
auch ein Wiedererwägungsgesuch oder eine Revision) nicht beliebig zu-
lässig ist und namentlich nicht dazu dienen darf, blosse Entscheidkritik zu
üben, die Rechtskraft von Verwaltungs- und Gerichtsentscheiden immer
wieder infrage zu stellen, Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu
umgehen oder prozessuale Versäumnisse nachzuholen.
6.1.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer –
wie vom SEM zutreffend erkannt – aus den im zweiten Asylgesuch geltend
gemachten Gründen weder einen Anspruch auf Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft noch einen solchen auf Asylgewährung ableiten kann.
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Dies wird in der
Beschwerde auch nicht bestritten.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
(mitsamt der dortigen Gebührenerhebung) Bundesrecht nicht verletzt und
den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Es erübrigt sich, auf den Inhalt der Beschwerde
E-3923/2020
Seite 13
und die vorgelegten Beweismittel näher einzugehen, da sie am Ergebnis
nichts zu ändern vermögen. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 1'500.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Sie sind durch den am 26. August 2020 geleisteten Kos-
tenvorschuss in gleicher Höhe gedeckt.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3923/2020
Seite 14