Decision ID: df843a12-9adf-5ee5-a1f8-468f4edd38b8
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine malische Staatsangehörige, muslimischen
Glaubens und ethnische Bambara, aus Bamako – verliess ihren Heimat-
staat eigenen Angaben zufolge am 29. Februar 2016 und reiste unter einer
falschen Identität über Italien am 2. März 2016 in die Schweiz und suchte
am 6. Juni 2016 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in B._
um Asyl nach. Per Zufallsprinzip wurde sie dem Testbetrieb im Verfahrens-
zentrum (VZ) C._ zugewiesen. Es wurde ihr im Rahmen des Test-
verfahrens eine Rechtsvertretung beigeordnet.
B.
Am 10. Juni 2016 wurde sie im Beisein ihrer Rechtsvertretung im EVZ des
VZ Zürich zu ihren Personalien befragt (MIDES Personalienaufnahme). Am
15. Juni 2016 folgte – ebenfalls im Beisein ihrer Rechtsvertreterin – ein be-
ratendes Vorgespräch (Zuständigkeit Dublin-Staat und medizinischer
Sachverhalt). Im Anschluss an dieses Gespräch merkte die damalige
Rechtsvertreterin an, es gebe klare Hinweise, dass die Beschwerdeführe-
rin Opfer von Menschenhandel geworden sei.
C.
Mit Schreiben vom 17. Juni 2016 führte die Rechtsvertreterin aus, es gebe
Hinweise auf Menschenhandel, weshalb diesbezügliche Abklärungen er-
forderlich seien. Vorliegend habe ein Mann namens D._ der Be-
schwerdeführerin gegen Bezahlung die Reise nach Europa organisiert, ihr
einen falschen Pass besorgt und sie von Bamako nach E._ beglei-
tet, wo er sie seiner angeblichen Schwester übergeben habe. Dort habe
sie den Haushalt führen und die Kinder hüten müssen. D._ habe ihr
erklärt, dass sie illegal hier sei und im Haus bleiben solle, sonst werde sie
verhaftet oder ausgeschafft. Davon habe man ihr in ihrer Heimat nichts ge-
sagt. Es sei nicht abgemacht gewesen, dass sie für ihn arbeiten müsse.
Sie habe auch nicht von der Möglichkeit gewusst, Asyl beantragen zu kön-
nen. Ihre Bewegungsfreiheit sei eingeschränkt worden. Sie habe keine ge-
regelten Arbeitszeiten oder Freizeit gehabt. Zudem sei sie nicht entlöhnt
und damit ihre Arbeitskraft ausgebeutet worden. Sie sei, angeblich um die
Haare einer Freundin der Familie in E._ zu frisieren, nach
F._ geschickt worden. Vermutlich sei dies ein Vorwand gewesen,
um sie an einem anderen Ort arbeiten zu lassen. Die Familie in E._
habe sie, nachdem sie von der Polizei aufgegriffen worden sei, nicht mehr
zurücknehmen wollen, was darauf hindeute, dass die Familie kein reines
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Gewissen habe. Aus diesen Gründen werde das SEM aufgefordert, Mass-
nahmen zur Identifizierung der Opfereigenschaft einzuleiten.
D.
Am 24. August 2016 folgte eine Anhörung nach Art. 16 Abs. 3 und Art. 17
Abs. 2 Bst. b der Testphasenverordnung vom 4. September 2013 (TestV,
SR 142.318.1) im Beisein ihrer Rechtsvertreterin.
E.
Das SEM gelangte in der Folge an das Fedpol und teilte mit, dass die Be-
schwerdeführerin keine Zustimmung zur Weiterleitung ihres Falls an Fed-
pol erteilt habe. Dies könnte sich bei einer Strafverfolgung als schwierig
erweisen, zumal die aktive Teilnahme der Beschwerdeführerin erforderlich
sei. Trotzdem wurde um eine Einschätzung ihres Falls ersucht. Die dies-
bezügliche Einschätzung des Fedpol ging beim SEM am 20. September
2016 ein. Darin wurde festgestellt, dass gestützt auf den Sachverhalt sowie
verschiedene Überprüfungen (Gesuch für Besuchervisum von 2012, Zug-
kontrolle am 8. Mai 2016) keine klaren Aussagen bezüglich des Vorliegens
von Menschenhandel gemacht werden könnten.
F.
Am 8. September 2016 wurde die Beschwerdeführerin dem erweiterten
Verfahren zugewiesen.
G.
Am 6. Dezember 2017 führte das SEM bei der Beschwerdeführerin im Bei-
sein ihrer Rechtsvertreterin eine Zweitanhörung (ergänzende Anhörung)
durch.
H.
Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, sie sei unehelich geboren worden. Ihre Mutter sei aus G._. Ih-
ren Vater kenne sie nicht. Sie habe seit ihrer Kindheit bis 2005 in Bamako
bei einer Cousine ihrer Mutter gelebt und dort die Schule besucht. In dieser
Zeit sei sie beschnitten worden, da die Cousine damit habe verhindern wol-
len, dass sie so werde wie ihre Mutter. Diese Aussage machte die Be-
schwerdeführerin, nachdem auf ihre Bitte anlässlich der Anhörung vom
6. Dezember 2017 zwei anwesende Personen (Hilfswerksvertretung und
protokollführende Person) den Raum für kurze Zeit verlassen hatten. Nach
Abschluss der 5. Klasse sei sie mit ihrer Mutter nach H._ gezogen,
wo sie 2010 das Gymnasium abgeschlossen habe. Sie sei nach Bamako
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zurückgekehrt, um an der Universität zu studieren. Sie habe im Studenten-
heim gewohnt und wegen der damaligen Unruhen den Unterricht nur spo-
radisch besucht. Sie habe ein Stipendium erhalten und auch als (...) gear-
beitet. Im Jahre 2012 sei sie kurzfristig nach H._ zurückgekehrt und
habe vergeblich nach ihrer Mutter gesucht. Ab 2015 sei ihr der Besuch der
Universität verboten worden, da sie zu unregelmässig am Unterricht teilge-
nommen habe und zu viele Fächer hätte wiederholen müssen. Weil sie für
sich in Mali keine Perspektive mehr gesehen habe und sie das Gerede
über ihre uneheliche Herkunft nicht mehr habe hören wollen, habe sie sich
entschlossen, Mali zu verlassen. Im Januar 2015 habe sie von einem Mann
Geld für das Studium erhalten; als Gegenleistung habe sie ihm verspro-
chen, seine Zweitfrau zu werden, obwohl sie dies nicht beabsichtigt habe.
Sie habe das Geld angenommen und sich damit ihre Ausreise finanziert.
Für die Organisation der Ausreise habe sie sich an einen Mann –
D._ – gewendet, der sie gegen Bezahlung nach Europa gebracht
habe. Da sie niemanden in der Schweiz gekannt habe, habe ihr D._
vorgeschlagen, vorerst bei seiner Schwester in E._ zu wohnen.
D._ habe ausser den Ausreisekosten, die sie ihm bezahlt habe,
keine weiteren Geldforderungen an sie gestellt. In E._ habe sie bei
seiner Schwester wohnen und essen können. Als Gegenleistung habe sie
die Kinder gehütet und im Haushalt gearbeitet. Man habe ihr erklärt, dass
sie nicht nach draussen gehen solle – ausser zum Begleiten der Kinder
zum Spielen in den Park. Als sie eines Tages mit dem Zug zu einer Be-
kannten der Familie im Kanton I._ gefahren sei, sei sie von der Po-
lizei angehalten und – weil sie sich nicht habe ausweisen können – wegen
illegalen Aufenthalts während einer Nacht festgehalten worden. Nach ihrer
Freilassung habe ihr die Schwester von D._ verboten, zu ihr zu-
rückzukehren. Sie habe eine ältere Frau kennengelernt, die sie [nach]
J._ begleitet habe, wo sie ein Asylgesuch eingereicht habe.
Die Beschwerdeführerin wurde zudem zu ihrem Aufenthalt bei der Schwes-
ter von D._ (Dauer, Umstände, Lohnzahlung, Kontaktdaten, Na-
men, etc.) befragt. Dabei wurde sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie
zur Klärung der Frage, ob sie Opfer von Menschenhandel geworden sei,
ihr Einverständnis geben müsse, um ihre Unterlagen an die polizeilichen
Behörden übermitteln zu können. Dieses verweigerte sie jedoch mit der
Begründung, der Frau und der Familie keine Probleme bereiten zu wollen.
Weiter wurde ihr das rechtliche Gehör zum Umstand gewährt, dass bei der
Schweizer Vertretung in K._ mit ihren Personalien ein Gesuch um
Erteilung eines Schengenvisums gestellt worden war, das am (...) 2012
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verweigert worden war. Sie verneinte jedoch, je einen Visumsantrag ge-
stellt zu haben und die im Kanton I._ wohnhafte einladende Person
L._ zu kennen.
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
I.
Am 20. Dezember 2017 führte eine sachverständige Person der Fachstelle
LINGUA im Auftrag der Vorinstanz ein Telefoninterview mit der Beschwer-
deführerin zu ihren landeskundlich-kulturellen und ihren Sprachkenntnis-
sen durch. Im entsprechenden Bericht vom 18. Januar 2018 gelangte die
sachverständige Person zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin ein-
deutig in Mali sozialisiert worden sei. Eine etwas stärkere Verbindung als
von ihr angegeben mit der M._-Region N._ sei möglich,
aber nicht belegt. Die Sprachform hingegen entspreche weitgehend dem
Bambara von Bamako. Der Beschwerdeführerin wurde dazu am 26. Ja-
nuar 2018 das rechtliche Gehör gewährt.
J.
Die Beschwerdeführerin hielt in ihrer Stellungnahme vom 8. Februar 2018
fest, sie habe keine Verbindung zur Region N._ und spreche den
Bambara-Dialekt der Region Bamako.
K.
Mit Verfügung vom 3. April 2018 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte ihr Asylgesuch ab.
Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den
Vollzug an. Es begründete seine Verfügung im Wesentlichen damit, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft nicht standhalten.
L.
Mit Eingabe vom 7. Mai 2018 erhob die Beschwerdeführerin beim Bundes-
verwaltungsgericht durch ihre Rechtsvertreterin dagegen Beschwerde und
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter die
Gewährung der vorläufigen Aufnahme infolge Unzumutbarkeit des Voll-
zugs der Wegweisung.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Einsicht in die Akten A28 und A45
und um Ansetzung einer angemessenen Frist zur Beschwerdeergänzung
sowie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, um Beiordnung
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der unterzeichnenden Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin und
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Gleichzeitig reichte sie einen Arztbericht von Dr. O._ vom 26. April
2018 und eine Schnellrecherche der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH) "Mali: Alleinstehende Frauen und geschlechtsspezifische Gewalt",
2. Mai 2018, als Beweismittel ein.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 16. Mai 2018 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses und setzte die unterzeichnende Rechtsvertreterin
Raffaella Massara als amtliche Rechtsbeiständin ein. Gleichzeitig lud sie
die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
N.
Das SEM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 31. Mai 2018 die Ab-
weisung der Beschwerde und nahm dazu und zum Akteneinsichtsgesuch
Stellung.
O.
Die Beschwerdeführerin reichte am 26. Juni 2018 eine Replik ein.
P.
Mit Eingabe vom 29. November 2019 beantragte die Rechtsbeiständin die
Entlassung aus ihrem Mandat und die Einsetzung von Daniela Candinas
als amtliche Rechtsbeiständin.
Q.
Mit Verfügung vom 4. Dezember 2019 entliess die Instruktionsrichterin Raf-
faella Massara aus ihrem Amt als amtliche Rechtsbeiständin der Be-
schwerdeführerin und setzte neu Daniela Candinas als amtliche Rechts-
beiständin ein.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden. Das Gericht verwendet nachfolgend die neue Gesetzesbe-
zeichnung.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
In der Beschwerdeschrift werden formelle Rügen erhoben, welche vorab
zu beurteilen sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Die Beschwerdeführerin rügt, ihr
Anspruch auf rechtliches Gehör sei verletzt worden, da ihr nicht vollständig
Akteneinsicht gewährt worden sei. Zudem habe die Vorinstanz den Sach-
verhalt nur unvollständig festgestellt.
3.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3
S. 17 f.; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Eine Verletzung des recht-
lichen Gehörs führt grundsätzlich – das heisst ungeachtet der materiellen
Auswirkungen – zur Aufhebung des daraufhin ergangenen Entscheides.
Die Heilung einer Gehörsverletzung aus prozessökonomischen Gründen
auf Beschwerdeebene ist jedoch möglich, sofern das Versäumte nachge-
holt wird, der Beschwerdeführer dazu Stellung nehmen kann und der Be-
schwerdeinstanz im streitigen Fall die freie Überprüfungsbefugnis in Bezug
auf Tatbestand und Rechtsanwendung zukommt, sowie die festgestellte
Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist und die fehlende Entscheid-
reife durch die Beschwerdeinstanz mit vertretbarem Aufwand hergestellt
werden kann.
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab-
gefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid gegebenenfalls sachge-
recht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegungen nen-
nen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen
Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vor-
bringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2 S. 70).
Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes we-
gen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufgelis-
teten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Ver-
waltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zü-
rich/Basel/Genf 2013, Rz. 1043).
3.2 Die Beschwerdeführerin macht eine Verletzung ihres Anspruchs auf
Akteneinsicht geltend, weil das SEM die Einsicht in die Akten A28 und A45
verweigert habe. Das SEM habe dies in ihrem Schreiben vom 25. April
2018 damit begründet, diese Akten würden keinem Einsichtsrecht unterlie-
gen. Es habe nach der Anhörung vom 6. Dezember 2017 Abklärungen ge-
troffen, um zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin Opfer von Menschenhan-
del geworden sei. Diese Abklärungen seien aus mehreren Gründen ent-
scheidrelevant. Die Beschwerdeführerin sei deshalb dem erweiterten Ver-
fahren zugewiesen worden. Die Vorinstanz gehe offenbar davon aus, dass
die Umstände ihrer Reise in die Schweiz und die Versprechungen, die man
ihr gemacht habe, irrelevant seien. Es sei jedoch davon auszugehen, dass
der Schlepper und die Frau in E._ die Hilflosigkeit der Beschwerde-
führerin bei ihrer Ankunft in der Schweiz ausgenutzt hätten, indem sie sie
gratis für sich hätten arbeiten lassen. Sie habe sich in einem fremden Land
ohne Aufenthaltsbewilligung in einer sehr schwierigen Situation befunden.
Der Vorwurf der Vorinstanz, dass sie sich früher aus diesem Abhängigkeits-
verhältnis hätte lösen und ein Asylgesuch stellen sollen, sei falsch. Es sei
weiter zu berücksichtigen, dass die Frau, für die sie gearbeitet habe, die
Schwester des Schleppers gewesen sei, welcher die Reise für sie organi-
siert und sie begleitet habe. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass
sie bei einer Rückkehr nach Mali mit D._ beziehungsweise seinem
Vermittlungsbüro Probleme bekommen könnte. Für D._ wäre ein
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Strafverfahren wegen Menschenschmuggel/-handel existenzbedrohend.
Daher seien die Akten A28 und A45 von Relevanz.
3.3 Was die verweigerte Offenlegung der Akte A28 betrifft, hat die
Vorinstanz dieses Dokument in ihrer Vernehmlassung zu Recht als interne
Akte bezeichnet, handelt es sich dabei doch um eine interne Zuteilung des
Verfahrens, welche für eine interne Entscheidfindung, nicht jedoch für die
Beurteilung des Asylgesuchs massgebend war. Mit der Verweigerung der
Edition wurde das rechtliche Gehör daher nicht verletzt, weshalb das dies-
bezügliche Akteneinsichtsgesuch von der Vorinstanz zu Recht abgewiesen
worden ist. Hinsichtlich der Akte A45, bei der es sich um einen Austausch
zwischen dem SEM und dem Fedpol betreffend allfälligen Menschenhan-
del handelt, hat die Vorinstanz diese Akte auf Vernehmlassungsstufe in
anonymisierter Form ediert. Die Beschwerdeführerin erhielt in ihrer Replik
Gelegenheit, sich dazu zu äussern, wovon sie Gebrauch gemacht hat. Da-
bei stellte sie die in diesem Zusammenhang von der Vorinstanz erwähnten
Aussagen zu D._ nicht in Abrede und verzichtete diesbezüglich auf
eine nähere Auseinandersetzung mit den Erwägungen der Vorinstanz. Es
handelt sich bei der unterlassenen Offenlegung dieser Akte um eine allen-
falls geringfügige Verletzung des Akteneinsichtsrechts, welche mit der Edi-
tion auf Vernehmlassungsstufe und der Möglichkeit zur Stellungnahme
durch die Beschwerdeführerin als geheilt betrachtet werden kann.
3.4 Weiter wird auf Beschwerdeebene moniert, die Vorinstanz habe die
frauenspezifischen Fluchtgründe – den Umstand, dass die Beschwerde-
führerin als Kind beschnitten worden sei und vor ihrer Ausreise Geld eines
Mannes angenommen habe, dessen Zweitfrau sie gezwungenermassen
hätte werden sollen – nicht berücksichtigt.
Zur im Kindesalter durchgeführten Beschneidung der Beschwerdeführerin
ist festzustellen, dass die Vorinstanz diese, welche anlässlich der Anhö-
rung vorgetragen wurde (Akte A37 F64 ff.), im Sachverhalt der angefoch-
tenen Verfügung tatsächlich nicht aufgenommen und gewürdigt hat. Indes
kam sie im Rahmen der Vernehmlassung zum Schluss, dass dieser mas-
sive Eingriff bereits viele Jahre zurückgelegen habe und damit kein Kau-
salzusammenhang zu der erst viel später erfolgten Ausreise ersichtlich sei.
Da die Beschwerdeführerin nicht angab, aus diesem Grund ausgereist zu
sein oder, dass dies ein Wegweisungsvollzugshindernis darstellen würde,
hatte sich das SEM mit diesem Sachverhalt nicht weiter auseinanderzuset-
zen, weshalb keine Verletzung des rechtlichen Gehörs vorliegt.
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Ferner lässt sich aus dem Umstand, dass das SEM nicht erwähnt hat, dass
die Beschwerdeführerin geltend gemacht hatte, sie befürchte, von ihrer
Cousine gegen ihren Willen verheiratet zu werden, und habe Geld vom
Mann, der sie zur Zweitfrau habe nehmen wollen, angenommen, keine Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs ableiten. So hat es in seiner Vernehmlas-
sung zu Recht ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin auf mehrfache
Nachfrage, weshalb sie Mali verlassen habe und was sie bei einer Rück-
kehr nach Mali befürchte, die Angst vor einer Zwangsheirat – und im Übri-
gen auch nicht vor etwaigen Behelligungen durch diesen Mann wegen ihrer
Schuld ihm gegenüber – nicht erwähnt habe. Es war daher auch nicht er-
forderlich, dass sich die Vorinstanz damit auseinandersetzt. Nichtsdestot-
rotz hat die Vorinstanz auf Vernehmlassungsstufe dazu ausgeführt, dass
die Beschwerdeführerin bezüglich der Befürchtung vor einer Zwangsheirat
widersprüchliche Angaben gemacht habe. Ausserdem zeigt die vorlie-
gende Beschwerde und die Replik, dass eine sachgerechte Anfechtung
problemlos möglich war. Die diesbezügliche Rüge ist somit unbegründet.
3.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Anträge der Beschwer-
deführerin, die angefochtene Verfügung sei aus formellen Gründen aufzu-
heben, abzuweisen sind.
4.
4.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, die Beschwerdefüh-
rerin habe weder mit den malischen Behörden je Probleme noch mit Dritt-
personen – bis auf das Gerede über ihre uneheliche Herkunft – je gravie-
rende Probleme gehabt. Auch auf Nachfrage hin habe sie keine weiteren
asylrelevanten Fakten genannt, die zu ihrer Ausreise geführt hätten.
Schliesslich habe sie sich vor ihrer Ausreise über lange Zeit in Bamako
aufgehalten, ohne dass ihr seitens Dritter etwas zugestossen wäre. Weiter
weise auch ihr Verhalten, indem sie erst nach mehrmonatigem Aufenthalt
in der Schweiz ein Asylgesuch eingereicht habe – nachdem sie von der
Polizei aufgegriffen und infolge illegalen Aufenthaltes zur Ausreise aufge-
fordert worden sei – darauf hin, dass sie keinen Schutz vor asylrelevanter
Verfolgung benötigt habe. Im Weiteren bezeichnete die Vorinstanz die An-
gaben der Beschwerdeführerin zu ihren familiären Bezugspersonen als un-
substanziiert und hielt dazu fest, es dürfe vermutet werden, dass sie we-
sentliche Tatsachen verschweigen würden und über mehr Bezugsperso-
nen, als einzig eine ungeliebte entfernte Verwandte und eine verschollene
Mutter verfüge. Es sei erstaunlich, dass sie nicht wisse, wo sich das Spital
in H._, wo sie ihre Mutter gesucht haben wolle, befinde. Anderer-
seits verfüge sie über kulturelle Kenntnisse, die auf einen näheren Bezug
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zur Herkunftsregion ihres Vaters hindeuten würden. Aufgrund ihres weit
überdurchschnittlichen Bildungsstandards dürfe vermutet werden, dass
ihre Familie über Ressourcen verfüge, die sich nur schwer mit denjenigen
einer alleinerziehenden, eingewanderten Frau ohne familiäres Bezie-
hungsnetz, in Einklang bringen liessen.
4.2 Die Beschwerdeführerin führt in ihrer Rechtsmitteleingabe aus, weil sie
im Kindesalter einer Beschneidung unterzogen worden sei und die Cou-
sine ihrer Mutter immer wieder schlecht über sie und ihre Mutter gespro-
chen habe, sei sie im Jahre 2005 mit ihrer Mutter nach H._ umge-
zogen. Die Beschneidung, die die Cousine ihrer Mutter organisiert habe,
habe bei ihr physische und psychische Spuren hinterlassen. Es bestünden
entgegen der vorinstanzlichen Erwägungen keine Zweifel an den zerrütte-
ten familiären Verhältnissen mit der Cousine der Mutter beziehungsweise
am Tod ihrer Mutter. Sie verfüge in Bamako über kein intaktes, tragfähiges
familiäres Netz; insbesondere habe sie keinen Schutz durch einen männli-
chen Vormund. Ausserdem habe sich die Sicherheitslage in Mali ver-
schlechtert. Die Vorinstanz habe in einer Medienmitteilung vom 23. August
2016 darüber informiert, dass der Vollzug der Wegweisung von Personen
aus Nord- und Zentralmali unzumutbar sei, sofern keine innerstaatliche
Aufenthaltsalternative im Süden des Landes bestehe. Gemäss einer Re-
cherche des SFH vom 2. Mai 2018 zur Situation alleinstehender Frauen
und geschlechtsspezifischer Gewalt in Mali seien Frauen ohne Schutz ei-
nes männlichen Vormundes in ihren Rechten stark eingeschränkt. Unver-
heiratete, arbeitslose Frauen seien von Sozialhilfeleistungen ausgeschlos-
sen, Genitalverstümmelung sei stark verbreitet. Es müsse davon ausge-
gangen werden, dass die Beschwerdeführerin als besonders verletzliche
Person im Falle einer Rückkehr nach Mali in eine existenzielle Notlage ge-
raten würde. Weiter wird auf Beschwerdeebene moniert, die Vorinstanz
habe dem Abhängigkeitsverhältnis der Beschwerdeführerin gegenüber
D._ und dessen Schwester, für die sie gratis habe arbeiten müssen,
keine Bedeutung beigemessen und ihr damit zu Unrecht vorgeworfen, erst
nach mehrmonatigem Aufenthalt in der Schweiz ein Asylgesuch einge-
reicht zu haben. Es sei zudem relevant, ob die Frau aus E._ oder
allenfalls D._ strafrechtlich belangt worden seien, da die Beschwer-
deführerin bei einer Rückkehr nach Mali damit rechnen müsse, mit
D._ beziehungsweise dessen Vermittlerbüro Probleme zu bekom-
men, zumal ein Strafverfahren wegen Menschenhandel für diese existenz-
bedrohend wäre. Zudem sei der Umstand, dass sie den Mann, den sie
nicht geehelicht habe, nachdem sie von ihm Geld erhalten habe, relevant.
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Seite 13
4.3 Die Vorinstanz hält in ihrer Vernehmlassung an ihrem Standpunkt fest.
Insbesondere führt sie aus, bezüglich der im Kindesalter erfolgten Be-
schneidung der Beschwerdeführerin fehle es an einem Kausalzusammen-
hang zur Ausreise. Zudem habe sich die Beschwerdeführerin hinsichtlich
der Zwangsheirat widersprüchlich geäussert. Einerseits habe sie angege-
ben, von einem Mann Geld erhalten zu haben. Dieser habe ihr gesagt,
dass sie ihn heiraten müsse, weil die Cousine dies vorgeschlagen habe.
Andererseits habe sie vorgebracht, diesen Mann nie persönlich getroffen
zu haben. Weiter habe sie auf mehrfache Nachfrage hin weder die Angst
vor einer Zwangsheirat noch andere Schwierigkeiten mit einer Privatper-
son erwähnt. Überdies weise ihr Verhalten darauf hin, dass sie den Spiel-
raum und die Möglichkeit gehabt habe, selbständig Entscheidungen über
ihr Leben (Wohnort nach Rückkehr nach Bamako) zu treffen. Wie die Cou-
sine, bei der sie letztmals im Jahre 2005 gelebt habe, ihre Zwangsverhei-
ratung hätte durchsetzen sollen, bleibe offen. Im Übrigen habe sie nach
Ablehnung des Antrags des Mannes noch über ein Jahr in Bamako gelebt,
ohne je vom angeblich Heiratswilligen behelligt worden zu sein. Für diesen
wäre es einfach gewesen, mit ihr in Kontakt zu treten. Im Weiteren liege
aufgrund der Unkenntnis der Beschwerdeführerin über die Lage des Spi-
tals in H._ und ihrer unsubstanziierten Angaben zu ihrer angebli-
chen Suche nach ihrer Mutter in H._ der Schluss nahe, dass eine
solche Suche nicht stattgefunden habe und die Beschwerdeführerin in Mali
weiterhin über diese Bezugsperson verfüge. Dass sie ihren wahren famili-
ären Hintergrund verschleiere, werde auch dadurch deutlich, dass sie wi-
dersprüchliche und nicht schlüssige Angaben zur Dauer des Zusammenle-
bens mit Mutter und zu deren Herkunft, zu ihren familiären Beziehungen
und zum Zusammenleben mit der Cousine gemacht habe. Zudem sei of-
fen, wie ihre Mutter – eine eingewanderte, alleinstehende Frau ohne Be-
ziehungsnetz – in H._, wo eine solche Konstellation gemäss dem
Bericht der SFH vom Mai 2018 kaum möglich sei, es geschafft haben soll,
ihre Tochter über Jahre den Besuch einer weiterführenden Schule zu er-
möglichen. Dieser Umstand würde für ein normales Leben auf solidem Ni-
veau auch ohne männliche Bezugsperson im patriarchal geprägten
H._ sprechen. Weiter habe die Beschwerdeführerin erstaunlich we-
nige Angaben zu ihrer eigenen Staatsangehörigkeit und derjenigen ihrer
Mutter machen können.
4.4 Die Beschwerdeführerin führt in ihrer Replik demgegenüber aus, es sei
der im Kindesalter erfolgten Beschneidung als frauenspezifischer Grund
respektive als geschlechtsspezifische Gewalt Rechnung zu tragen, wobei
E-2631/2018
Seite 14
sie auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1425/2014 vom 6. Au-
gust 2014 hinweist. Dort sei festgestellt worden, dass in Somalia intern ver-
triebene Frauen, die alleinstehend seien und einem Minderheitenclan an-
gehören würden, einem ungleich höheren und konkreten Verfolgungsrisiko
ausgesetzt seien, als der Rest der Bevölkerung. (Auch) in Mali seien
Frauen neben der Genitalverstümmelung besonders vielen Risikoaspekten
ausgesetzt. Zumindest müssten diese bei der Prüfung der Zumutbarkeit
des Vollzugs der Wegweisung berücksichtigt werden. Weiter habe die Be-
schwerdeführerin gegenüber der Rechtsvertreterin ausgesagt, dass sie vor
Beginn ihres Studiums für kurze Zeit bei der Cousine ihrer Mutter gelebt
habe. Dort sei sie dem Mann, den sie hätte heiraten sollen, persönlich be-
gegnet. Sie habe dann den Kontakt zur Cousine abgebrochen. Später, als
es ihr nach erfolgloser Suche nach ihrer Mutter schlecht gegangen sei und
sie ihr Studium nicht mehr habe absolvieren können, habe sie diesen Mann
kontaktiert, da sie Geld für die private Universität benötigt habe. In Wirk-
lichkeit habe sie das Geld zur Finanzierung ihrer Ausreise gebraucht. Als
Gegenleistung habe sie seinem Wunsch, seine Zweitfrau zu werden, zu-
gestimmt. Sie hätten sich damals persönlich getroffen. Der Mann habe be-
reits vor der Heirat eine romantische Beziehung gewollt. Nachdem sie das
Geld erhalten habe, habe sie den Kontakt zu ihm jedoch abgebrochen. Sie
schulde diesem Mann nun Geld und würde im Falle einer Rückkehr nach
Mali Probleme mit ihm bekommen. Zudem würde sie in eine existenzielle
Notlage geraten und wäre frauenspezifischer Verfolgung ausgesetzt. Fer-
ner weist sie erneut auf das zwischen ihr und dem Schlepper beziehungs-
weise dessen Schwester bestehende Abhängigkeitsverhältnis hin.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
E-2631/2018
Seite 15
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch der Beschwerdeführerin zu
Recht abgelehnt hat. Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen in der ange-
fochtenen Verfügung zur zutreffenden Erkenntnis gelangt, dass die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin den Anforderungen an die Asylrelevanz
im Sinne von Art. 3 AsylG nicht genügen. Zudem hat sie in ihrer Vernehm-
lassung zu Recht teilweise deren Glaubhaftigkeit abgesprochen. Auf die
Erwägungen der vorinstanzlichen Verfügung sowie der Vernehmlassung
und auf deren Wiedergabe unter E. 7.1 und E. 7.3 kann zur Vermeidung
von Wiederholungen verwiesen werden.
6.2 Insbesondere ist zur vorgebrachten Beschneidung der Beschwerde-
führerin im Kindesalter festzuhalten, dass gemäss konstanter schweizeri-
scher Asylpraxis der Begriff der Flüchtlingseigenschaft einen in zeitlicher
und sachlicher Hinsicht genügend engen Kausalzusammenhang zwischen
Verfolgung und Flucht voraussetzt. Wie von der Vorinstanz in ihrer Ver-
nehmlassung zutreffend festgestellt worden ist, stellt die weibliche Be-
schneidung zwar einen massiven Eingriff in die Integrität der Frau dar. In-
dessen liegt diese Tat vorliegend viele Jahre zurück, weshalb kein Kausal-
zusammenhang zwischen dieser Tat sowie der Ausreise der Beschwerde-
führerin aus Mali hergestellt werden kann. Die Beschwerdeführerin hat
auch nicht geltend gemacht, dass sie befürchtet, in diesem Zusammen-
hang in Zukunft erneuten körperlichen Übergriffen ausgesetzt zu werden.
6.3 Weiter hat die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung die Angaben der Be-
schwerdeführerin zur geltend gemachten Zwangsheirat zu Recht als wider-
sprüchlich und damit unglaubhaft bezeichnet. So machte sie anlässlich der
Anhörung vom 6. Dezember 2017 geltend, ein Mann habe ihr Geld für die
Universität gegeben und ihr gesagt, dass sie ihn heiraten müsse, weil die
Cousine dies so vorgeschlagen habe (vgl. A37 F 34). Später machte sie
indes geltend, sie habe mit diesem Mann, den die Cousine kenne, keinen
Kontakt gehabt. Auf eine entsprechende Frage antwortete sie, sie habe
den Mann nie persönlich getroffen (vgl. A37 F 79). Schliesslich führte sie
in der Replik dazu aus, sie habe im Gespräch mit der Rechtsvertreterin
E-2631/2018
Seite 16
ausgesagt, zu Beginn ihres Studiums bei der Cousine ihrer Mutter gelebt
zu haben. In dieser Zeit sei sie dem Mann persönlich begegnet. Die Cou-
sine habe ihr erklärt, dass sie ihn heiraten müsse. Später, als sie im Stu-
dentenheim gelebt habe und dem Studium nicht weiter habe folgen kön-
nen, habe sie den Mann kontaktiert und ihn – unter dem Vorwand, weiter
studieren zu können – um Geld gebeten, obwohl sie beabsichtigt habe,
damit ihre Ausreise zu finanzieren. Als Gegenleistung habe sie eingewilligt,
ihn als seine Zweitfrau zu heiraten. Die erstmals auf Beschwerdeebene
gemachte Darstellung widerspricht in mehrfacher Hinsicht den zuvor bei
den Anhörungen gemachten Aussagen. So gab die Beschwerdeführerin
anlässlich der Anhörung vom 24. August 2016 auf die Frage, wann sie zu-
letzt bei der Cousine gelebt habe, an, dies sei bis zur fünften Klasse gewe-
sen. Sie habe in Bamako im Internat gelebt (A27 F 82 ff.). Ihre Aussage in
der Rechtsmitteleingabe, wonach sie trotzdem "freiwillig" eine Zeitlang bei
ihr gewohnt habe, bevor sie ins Studentenheim gezogen sei, widerspricht
damit ihren früheren Aussagen. Zudem ist nicht ersichtlich, weshalb sie an-
lässlich der Anhörungen trotz mehrfacher Möglichkeiten und Nachfragen
nie geltend gemacht hat, den Mann sogar von sich aus kontaktiert und um
Geld gebeten zu haben. Aufgrund dieses Nachschiebens auf Beschwerde-
ebene kann nicht geglaubt werden, dass sie unter den genannten Umstän-
den Geld von diesem Mann erhalten und als Gegenleistung gegen ihren
Willen einer Heirat zugestimmt habe. Dies widerspricht auch ihren Anga-
ben anlässlich der Anhörung vom 24. August 2016, gemäss denen sie das
Heiratsangebot nicht akzeptiert habe (A27 F101 f). Überdies will sie das
Geld von diesem Mann bereits im Januar 2015 erhalten haben. Hätte sie
danach tatsächlich den Kontakt mit dem Mann abgebrochen, wäre zu er-
warten gewesen, dass sich dieser bei ihr meldet, zumal sie danach bis zu
ihrer Ausreise Ende Februar 2016 und damit noch ein Jahr lang im Studen-
tenheim gewohnt haben will. Im Weiteren hat die Vorinstanz in diesem Zu-
sammenhang zu Recht darauf hingewiesen, dass die Beschwerdeführerin
aufgrund ihrer Schilderungen zu ihren Lebensumständen in Bamako offen-
bar die Möglichkeit gehabt hat, ihr Leben selber zu bestimmen und eigene
Entscheidungen zu treffen. Aufgrund der erwähnten Ungereimtheiten kann
nicht geglaubt werden, dass sie zu einer Heirat gezwungen worden war
oder befürchten muss, im Falle einer Rückkehr nach Mali zwangsverheira-
tet zu werden respektive Probleme mit dem Mann zu bekommen, der ihr
angeblich Geld als Gegenleistung für die Heirat gegeben habe. Der in die-
sem Zusammenhang vorgebrachte Vergleich zu in Somalia vertriebenen
alleinstehenden Frauen und dem Risiko, einem im Vergleich zur übrigen
Bevölkerung grösseren Verfolgungsrisiko ausgesetzt zu sein, geht fehl, zu-
mal es sich bei der Beschwerdeführerin im Gegensatz zu der im Urteil
E-2631/2018
Seite 17
E-1425/2014 erwähnten Konstellation, um eine selbständige, gut gebildete
Frau handelt, die bereits seit mehreren Jahren in Bamako studiert und ihr
Leben eigenständig organisiert hat.
6.4 Im Weiteren ist die Beschwerdeführerin ihren Angaben zufolge bereits
am 2. März 2016 in die Schweiz eingereist. Indes hat sie ihr Asylgesuch
erst, nachdem sie von der Polizei angehalten worden war, am 6. Juni 2016,
eingereicht. Ein solches Verhalten entspricht nicht demjenigen einer Per-
son, die ernsthafte Nachteile zu gewärtigen hat. Auch hat sich nach Abklä-
rungen des SEM der Verdacht des betreffend Menschenhandels vorlie-
gend nicht erhärtet. Überdies hat die Beschwerdeführerin in diesem Zu-
sammenhang kein Einverständnis für eine Strafverfolgung (gegen die be-
troffenen Personen) erteilt.
6.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin
keine Verfolgung oder begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konnte und
deshalb nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. Das SEM hat ihr Asyl-
gesuch somit zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-2631/2018
Seite 18
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
8.2.3 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.4 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
8.2.5 Liegen Hinweise für das Vorliegen von Menschenhandel vor, sind
diese im Rahmen der Wegweisungsvollzugshindernisse nach Art. 83 Abs.
3 AuG (im Sinne eines Unzulässigkeitskriteriums nach Art. 3 oder 4 EMRK)
zu prüfen.
8.2.5.1 Im vorinstanzlichen Verfahren wurde von der damaligen Rechtsver-
treterin auf das Vorliegen eines möglichen Menschenhandels hingewiesen,
worauf das SEM diesbezügliche Abklärungen vornehmen liess. Aus diesen
haben sich gemäss der Vorinstanz keine klaren Aussagen ergeben. Im Fol-
genden ist daher zu prüfen, ob aus den Akten Hinweise dafür entnommen
werden können, die Beschwerdeführerin sei Opfer von Menschenhandel
geworden.
E-2631/2018
Seite 19
8.2.5.2 Art. 10 Abs. 1 des Übereinkommens zur Bekämpfung des Men-
schenhandels vom 16. Mai 2005 (SR 0.311.543; nachfolgend: Europarats-
Übereinkommen) ergibt sich für die Schweizer Behörden die Pflicht, Opfer
von Menschenhandel zu identifizieren. Das Verfahren zur Identifizierung
beginnt ab dem Moment, in dem konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen,
dass die Person ein Opfer von Menschenhandel sein könnte (Art. 10 Abs.
2 Europarats-Übereinkommen).
8.2.5.3 Im Zusammenhang mit der Problematik des Menschenhandels ist
auf das Urteil BVGE 2016/27 des Bundesverwaltungsgerichts vom 18. Juli
2016 hinzuweisen. Darin werden die völkerrechtlichen Verpflichtungen der
Asylbehörden bei Verdacht auf Menschenhandel im nationalen Asyl- und
Wegweisungsverfahren dargelegt, welche das SEM zu berücksichtigen hat
(vgl. BVGE 2016/27 E. 5 ff.). So hat sich die Schweiz als Vertragspartei des
Europarats-Übereinkommen dazu verpflichtet, Massnahmen zur Identifi-
zierung von Opfern von Menschenhandel zu ergreifen und sicherzustellen,
dass eine Person nicht aus ihrem Hoheitsgebiet entfernt wird, wenn die
zuständigen Behörden konkrete Anhaltspunkte dafür haben, dass sie Op-
fer von Menschenhandel ist, bis die Massnahmen zur Identifizierung der
Person als Opfer einer Straftat abgeschlossen sind (Art.10 Abs. 2 Europa-
rats-Übereinkommen). Die Asylbehörden sind verpflichtet, Hinweisen
nachzugehen, die darauf hindeuten, Personen könnten Opfer von Men-
schenhandel sein, selbst wenn diese nicht ausdrücklich vorbringen, Opfer
zu sein oder wenn ihre Vorbringen in einigen Punkten unglaubhaft wirken.
Beschleunigte Verfahren und Dublin-Verfahren erschweren die Erkennung
und Identifizierung von Menschenhandelsopfern. Auch im Asylverfahren
machen nur wenige Betroffene von sich aus auf ihre Situation aufmerksam
oder geben sich gar als Opfer von Menschenhandel zu erkennen (vgl. NULA
FREI, Menschenhandel und Asyl, Die Umsetzung der völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen zum Opferschutz im schweizerischen Asylverfahren, Baden-
Baden 2018, S. 157 f., 353 f.).
8.2.5.4 Die Beschwerdeführerin macht geltend, der Schlepper –
D._ – und dessen Schwester in E._, hätten ihre Hilflosigkeit
ausgenutzt, indem sie sie gratis hätten arbeiten lassen. Es habe ein Ab-
hängigkeitsverhältnis bestanden. Ferner sei nicht auszuschliessen, dass
sie im Falle einer Rückkehr nach Mali mit D._ Probleme haben
würde, sollte er oder seine Schwester wegen Beihilfe zum illegalen Grenz-
übertritt in die Schweiz strafrechtlich belangt werden, zumal ein Strafver-
fahren wegen Menschenschmuggel oder Menschenhandel für D._
existenzbedrohend wäre.
E-2631/2018
Seite 20
Die Vorinstanz weist in ihrer Vernehmlassung in diesem Zusammenhang
darauf hin, die Beschwerdeführerin habe in den Anhörungen nie erwähnt,
sich in irgendeiner Weise vor D._ oder dessen angeblichen
Schwester gefürchtet zu haben. Vielmehr habe sie explizit vorgebracht,
dass D._ seinen Auftrag mit ihrer Überführung in die Schweiz als
beendet betrachtet und von ihr keine weitere Leistung erwartet habe. Fer-
ner sei sie im Hinblick auf Abklärungen bezüglich Menschenhandel zu kei-
nen weitergehenden Angaben bereit gewesen und habe bisher offensicht-
lich keine Strafanzeige in dieser Sache eingereicht.
In ihrer Replik stellt die Beschwerdeführerin die von der Vorinstanz erwähn-
ten Aussagen zu D._ nicht in Abrede und weist auf das Bestehen
eines Abhängigkeitsverhältnisses zwischen ihr und dem Schlepper sowie
dessen Schwester hin.
8.2.5.5 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten
zum Schluss, dass vorliegend nicht der Schluss gezogen werden kann, die
Beschwerdeführerin wäre Opfer von Menschenhandel geworden. Die Vor-
instanz hat die Beschwerdeführerin gestützt auf die Ausführungen ihrer da-
maligen Rechtsvertreterin in der Eingabe vom 17. Juni 2016 betreffend
Menschenhandel (vgl. Sachverhalt Bst. C) ins erweiterte Verfahren aufge-
nommen. Anlässlich ihrer Anhörung vom 24. August 2016 wurde sie unter
anderem zum Tatbestand des Menschenhandels angehört und dazu auf-
gefordert, nähere Angaben zu den Vorgängen seit ihrer Einreise in die
Schweiz zu machen (vgl. A27 F186 ff.). Sie wurde zudem um ihr Einver-
ständnis zu näheren Abklärungen betreffend allfälligem Menschenhandel
gebeten, da diese für allfällige strafrechtliche Schritte von Bedeutung
seien. Dieses verweigerte sie jedoch mit der Begründung, sie wolle nicht,
dass die Schwester von D._ und deren Familie in Schwierigkeiten
geraten würden. Ein solches Einverständnis hat sie auch bis heute nicht
erteilt, obwohl sie von ihrer damaligen Rechtsvertreterin bis zur Beschwer-
deerhebung und Replik vertreten war (A24 F193 ff.). Ferner wurde im
Laufe des Beschwerdeverfahrens nie geltend gemacht, dass diesbezüglich
beispielsweise eine Opferidentifikation durch die Fachstelle für Frauenhan-
del und Frauenmigration (FIZ) und allenfalls ein Gesprächstermin bei der
FIZ eingeleitet worden wären. Zwar kann den Aussagen der Beschwerde-
führerin entnommen werden, dass der Schlepper D._ für ihre Aus-
reise eine grössere Summe Geld von ihr verlangt, gefälschte Ausweispa-
piere organisiert und sie auf der Reise begleitet hat. Dies entspricht dem
klassischen Vorgehen von Schleppern, welche ihre Arbeit mit der Einreise
im Zufluchtsland als erledigt ansehen. Sie machte denn auch geltend, in
E-2631/2018
Seite 21
Mali aktiv eine Person gesucht zu haben, die sie gegen Entgelt nach Eu-
ropa bringen würde. Dafür habe sie vorgängig gespart, ohne Empfehlung
und Druck von aussen (A24 F156 ff.). Entsprechend lautete auch ihre Aus-
sage, wonach ihr D._ erklärt habe, dass seine Arbeit mit der Ein-
reise in die Schweiz zu Ende sei (vgl. Akte A27 F162). Sie machte weder
im vorinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene geltend, nach
der Einreise in die Schweiz in seiner Schuld gestanden zu haben, respek-
tive dass sie ihm gegenüber weitere Leistungen hätte erbringen müssen.
Deshalb kann nicht von einem Abhängigkeitsverhältnis ihm gegenüber
ausgegangen werden. Ein solches kann auch gegenüber der Schwester
von D._, welche ihr – nachdem ihr D._ mangels Alternative
der Beschwerdeführerin vorgeschlagen habe, bei dieser zu wohnen (vgl.
Akte A27 F142) – vorübergehend Kost und Logis gegen Arbeit angeboten
hat, ausgeschlossen werden. Die Beschwerdeführerin hat denn auch nie
nach einem Lohn gefragt oder dies thematisiert. Wenn auch die Schwester
von D._ ihre Situation als illegal Anwesende ausgenutzt haben
dürfte und sie unentgeltlich für sich arbeiten liess, kann den Aussagen der
Beschwerdeführerin nicht entnommen werden, dass sie gegen ihren Willen
hat arbeiten müssen. Auch der Umstand, dass sie in ihrer Heimat nicht
darüber informiert worden sei, dass sie in der Schweiz illegal sein werde
und ein Asylgesuch stellen könne, lässt nicht den Schluss zu, dass sie sich
in einer derartigen Situation befunden hätte, die einer Ausbeutung ihrer Ar-
beitskraft gleichkäme. Weiter kann ihren Aussagen nicht entnommen wer-
den, dass sie in ihrer Freiheit massiv eingeschränkt oder überwacht wor-
den wäre. D._ und dessen Schwester sollen ihr wegen ihrer illega-
len Anwesenheit lediglich geraten haben, zu Hause zu bleiben, was sie –
ausser wenn sie mit den Kindern zum Spielen in den Park gegangen sei –
befolgt habe. Sie hat in dieser Zeit offenbar nicht versucht, sich an jeman-
den sonst zu wenden. Ihre guten französischen Sprachkenntnisse hätten
ihr dies (in E._) immerhin ermöglicht. Ferner reiste sie alleine nach
F._, ohne dass sie von ihren "Arbeitgebern" überwacht worden
wäre. Der Grund, weshalb sie nach der polizeilichen Festhaltung nicht
mehr zurück nach E._ gehen durfte, stand offenbar im Zusammen-
hang mit der Befürchtung der Schwester von D._, sich wegen
"Schwarzarbeit" verantworten zu müssen. Die Beschwerdeführerin verwei-
gerte diesbezüglich ihr Einverständnis zu strafrechtlichen Abklärungen. Im
Weiteren machte sie keine gesundheitlichen Probleme geltend, die auf ei-
nen derart grossen Druck hinweisen würden.
An dieser Stelle ist im Übrigen festzuhalten, dass die von der Beschwerde-
führerin geäusserte Furcht, bei einer Rückkehr nach Mali seitens
E-2631/2018
Seite 22
D._ in Schwierigkeiten zu geraten, weil dieser (wegen Schlepper-
tätigkeit) und dessen Schwester (wegen Schwarzarbeit) in Strafverfahren
verwickelt werden könnten, auf keiner Grundlage basiert, wurden diese
doch, nachdem sie (die Beschwerdeführerin) diesbezüglich ihr Einver-
ständnis für weitere Abklärungen einer Strafverfolgung verweigert hatte, of-
fenbar nicht zur Rechenschaft gezogen.
8.2.6 Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt –
wie nachstehend darzulegen ist – den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Aus-
länderinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818).
8.3.2 Vorliegend kann in Mali – mit Ausnahme der nördlichen und zentralen
Provinzen – auch unter Berücksichtigung des Militärputschs vom August
2020, in deren Folge der Präsident Ibrahim Boubacar Keita zum Rücktritt
gezwungen worden ist, nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt ge-
sprochen werden, die zu einer generellen Unzumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung nach Mali führen würde (vgl. Deutsche Gesellschaft für Inter-
nationale Zusammenarbeit [GIZ] - Das Länderinformationsportal [LIPortal]
– Mali: Geschichte & Staat; Friedrich-Ebert-Stiftung [FES], After the Coup
d'état – Hopes and Challenges in Mali, Oktober 2020). An dieser Beurtei-
lung vermögen die Hinweise in der Beschwerdeschrift auf eine Medienmit-
teilung des SEM vom 23. August 2016 nichts zu ändern, zumal sich die
dort erwähnten sporadischen Zusammenstösse und Unruhen auf die nörd-
lichen und zentralen Provinzen beschränken. Ein Vollzug dorthin werde nur
dann als unzumutbar erachtet, wenn keine innerstaatliche Aufenthaltsalter-
native im Süden des Landes bestehe. Die Sicherheitslage in der Haupt-
stadt Bamako, welches im Süden Malis liegt, ist – abgesehen von den in
den vergangenen Jahren vorwiegend von Islamisten begangenen An-
schläge auf Einrichtungen in oder in der Nähe von Bamako – vergleichs-
weise ruhig (https://reliefweb.int/report/mali/situation-mali-report-secre-
tary-general-s2021299, abgerufen am 30. Juni 2021).
E-2631/2018
Seite 23
8.3.3 Was die Situation für Frauen in Mali und insbesondere diejenige in
Bamako betrifft, kann dem von der Beschwerdeführerin zitierten Bericht der
SFH zur Situation alleinstehender Frauen entnommen werden, dass das
tägliche Leben malischer Frauen sowohl in der Stadt als auch auf dem
Land von patriarchalischen Strukturen und von Armut geprägt ist. In der
malischen Gesellschaft existiert ein System der gemeinsamen familiären
Unterstützung. Für Frauen ohne familiäres Netzwerk ist es nicht einfach,
eine Unterkunft oder Arbeitsstelle zu finden und unabhängig zu leben. Ge-
nerell werden Frauen vom Vater, Bruder oder von weiteren Familienange-
hörigen unterstützt. Insbesondere Frauen, die keinen Schutz eines männ-
lichen Vormundes geniessen, sind in gewissen Rechten stark einge-
schränkt. Gemäss dem Institute for Security Studies (ISS) ist Gewalt gegen
Frauen in Mali weit verbreitet, wobei sich die in dieser Studie genannten
Daten meist auf konfliktbezogene Gebiete in zentralen und nördlichen Ge-
bieten Malis beziehen. Sie kommt aber auch ausserhalb der Konfliktge-
biete vor und findet meist innerhalb der Familie statt. Zudem betrifft sie die
gesamte Gesellschaft und wird wegen tiefsitzenden sozialen und religiösen
Normen oft verschwiegen (https://issafrica.org/iss-today/time-to-tackle-vio-
lence-against-women-in-mali, abgerufen am 30. Juni 2021). Von der Ar-
beitslosigkeit sind Frauen überdurchschnittlich betroffen. Sie verrichten vor
allem Haushaltsarbeiten und andere nicht entlohnte Arbeiten (vgl.
https://afrobarometer.org/fr/publications/ad414-au-mali-le-chomage-est-
un-phenomene-urbain-visage-jeune-et-eduque, abgerufen am 30. Juni
2021). Die meisten wirtschaftlich aktiven Frauen sind im informellen Sektor
tätig (https://www.ifc.org/wps/wcm/connect/news_ext_content/ifc_exter-
nal_corporate_site/news+and+events/news/mali-beef, abgerufen am
30. Juni 2021).
Die knapp (...)jährige und – soweit aus den Akten ersichtlich – gesunde
Beschwerdeführerin stammt aus Bamako, welches wie hiervor erwähnt,
vergleichsweise ruhig ist (https://www.gov.uk/foreign-travel-advice/mali,
abgerufen am 30. Juni 2021). Es bestehen vorliegend auch keine konkre-
ten Anhaltspunkte dafür, dass sie bei einer Rückkehr einer Gefährdungssi-
tuation ausgesetzt wäre oder aus individuellen Gründen wirtschaftlicher,
sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedrohende Situation
geraten würde. Diesbezüglich ist vorab auf die zu bestätigenden Ausfüh-
rungen in den vorinstanzlichen Erwägungen zu verweisen. Die Beschwer-
deführerin verfügt über einen für malische Verhältnisse überdurchschnittli-
chen Bildungsstand (Maturität und ein angefangenes Studium) sowie Be-
rufserfahrungen als (...) bei verschiedenen (...). Selbst wenn sie – ausser
E-2631/2018
Seite 24
einer ungeliebten Verwandten – tatsächlich über kein familiäres Bezie-
hungsnetz verfügen sollte, ist davon auszugehen, dass sie in Bamako, wo
sie von Geburt bis 2004 und ab 2010 bis zu ihrer Ausreise im Jahre 2016
gelebt hat – nebst ihrer Freundin, bei der sie ihre Papiere zurückgelassen
habe (Vgl. Akten A27 F12 ff. und A37 F3, F39, F44, F86) – über ein soziales
Netz verfügt, auf das sie im Falle einer Rückkehr nach Mali beim Aufbau
einer neuen Existenzgrundlagebei bei Bedarf zurückgreifen kann.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Diesbezüglich ist ergänzend festzuhal-
ten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pan-
demie (COVID-19) grundsätzlich nicht geeignet ist, die Durchführbarkeit
des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Die Anordnung einer vorläu-
figen Aufnahme setzt voraus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorüber-
gehender Natur ist, sondern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der
Regel mindestens zwölf Monate – bestehen bleibt. Andernfalls ist dem tem-
porären Hindernis im Rahmen der Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tra-
gen. Soweit derzeit feststellbar, handelt es sich bei der Coronavirus-Pan-
demie allenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den
kantonalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeit-
punkts des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen (vgl.
statt vieler: Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das
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Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit verfah-
rensleitender Verfügung vom 16. Mai 2018 gutgeheissen wurde und auf-
grund der Akten nicht von einer Veränderung der finanziellen Verhältnisse
der Beschwerdeführerin auszugehen ist, sind keine Verfahrenskosten auf-
zuerlegen.
10.2 Mit derselben Verfügung wurde das Gesuch um amtliche Verbeistän-
dung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und der Beschwerdeführerin
Raffaella Massara von der Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not als
amtliche Rechtsbeiständin bestellt. Mit Schreiben vom 29. November 2019
ersuchte diese um Entlassung aus dem amtlichen Mandat sowie um Ein-
setzung von Daniela Candinas von der Rechtsberatungsstelle für Men-
schen in Not als neue Rechtsbeiständin und übertrug ihren Honoraran-
spruch an die Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not. Die damalige
Rechtsvertreterin wies in ihrer Honorarnote vom 26. Juni 2018 einen Auf-
wand von 18.5 Stunden bei einem Stundenansatz von Fr. 220.– sowie Aus-
lagen von Fr. 310.– (Rechnung SFH und Spesenpauschale) aus. Dieser
Betrag ist indes nicht vollumfänglich angemessen. Unter Berücksichtigung
der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 9 ff. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und der Praxis in Vergleichsfäl-
len sind der zu entschädigende zeitliche Aufwand auf acht Stunden zu re-
duzieren. Die aktuell mandatierte Rechtsbeiständin wurde im vorliegenden
Verfahren nicht aktiv, weshalb unter Berücksichtigung der Zwischenverfü-
gung vom 16. Mai 2018 vorliegend von einem Stundenansatz von Fr. 220.–
auszugehen ist. Weiter ist auf Auslagen keine Mehrwertsteuer geschuldet.
Der Rechtsbeiständin ist demnach durch das Bundesverwaltungsgericht
ein Honorar von Fr. 2'206.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzu-
schlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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