Decision ID: f2a24523-8f80-4376-968f-8be8c04d3cf2
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1967, war zuletzt von
2007 bis 2008
als
Eismann (
selb
stän
dig
er Franchisenehmer)
tätig
(Urk. 6/2 Ziff. 5.5
)
. Unter Hinweis auf
Knie-, Rücken-, Schulter-
und Lungenbeschwerden
meldete er sich am
5. November 2017
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 6/
2 Ziff. 6.1
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizi
nische und erwerbliche Situation ab
und teilte dem Versicherten am 14. Novem
ber 2017 (Urk. 6/7) mit, dass keine Eingliederungsmassnahmen möglich seien.
Mit Mitteilung vom 19. Juli 2018 auferlegte sie dem Versicherten eine
Mitwir
k
ungspflicht in Form der Durchführung einer sechsmonatigen Alkohol-Abstinenz (Urk. 6/22).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 6/61, Urk. 6/64) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 24. Juni 2020 einen Anspruch auf IV-Leistungen
aufgrund fehlender Mitwirkung
(Urk. 6/70 = Urk. 2)
.
2.
Der Versicherte erhob am 25. August 2020 Beschwerde gegen die Verfügung vom 24. Juni 2020 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihm spätestens ab 1. Mai 2018
eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Eventuell sei ein neutrales umfassendes polydisziplinäres Gerichtsgutachten unter Berücksich
ti
gung der Rechtsprechung gemäss BGE 141 V 281 in Auftrag zu geben (Urk. 1 S. 2 Ziff. 2-3). Die IV-Stelle verzichtete mit Beschwerdeantwort vom 16. Oktober 2020 (Urk. 5) ausdrücklich auf eine Stellungnahme, was dem Beschwerdeführer am 22. Oktober 2020 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 7).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.
3
Nach bisheriger und langjähriger höchstrichterlicher Rechtsprechung führten Suchterkrankungen als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Sie wurden im Rahmen der Invalidenversicherung erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt haben, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender, Gesundheitsschaden eingetre
ten war, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesund
heitsschadens waren, dem Krankheitswert zukam. Ein invalidisierender psychi
scher Gesundheitsschaden fehlte demgegenüber, wo in der Begutachtung im Wes
entlichen nur Befunde erhoben wurden, welche in der Sucht ihre hinreichende Erklärung fanden (Hinweise zur bisherigen Rechtsprechung in BGE 145 V 215 E. 4.1).
Diese bisherige Rechtsprechung änderte das Bundesgericht mit BGE 145 V 215 dahingehend, dass - fachärztlich einwandfrei diagnostizierten
–
Abhängig
keitssyndromen beziehungsweise Substanzkonsumstörungen nicht zum vornhe
rein jede invalidenversicherungsrechtliche Relevanz abgesprochen werden kann (E. 5.3.3), sondern diese vielmehr als invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psychische) Gesundheitsschäden in Betracht fallen (E. 6).
Gemäss BGE 143 V 418 E. 6 f. ist die Frage nach den Auswirkungen sämtlicher psychischer Erkrankungen auf das funktionelle Leistungsvermögen grundsätzlich unter Anwendung des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu
beantworten. Hierzu gehören nach dem oben Ausgeführten auch Abhängig
keits
syndrome (E. 6.2).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens kann und muss insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden. Diesem kommt nicht zuletzt deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängig
keitserkrankungen - wie auch bei anderen psychischen Störungen - oft eine Ge
mengelage aus krankheitswertiger Störung sowie psychosozialen und soziokul
turellen Faktoren vorliegt. Letztere sind selbstverständlich auch bei Abhängig
keits
erkrankungen auszuklammern, wenn sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen (vgl. bezüglich der Depressionen BGE 143 V 409 ff. E. 4.5.2). Eine krank
heitswertige Störung muss umso ausgeprägter vorhanden sein, je stärker psycho
soziale oder soziokulturelle Faktoren das Beschwerdebild mitprägen (E. 6.3).
1.
4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, durch eine Alkohol-Abstinenz könne eine wesentliche Verbesserung des Ge
sundheitszustands erreicht werden, weshalb dem Versicherten ein Alkoholent
zug auferlegt worden sei. Da er der Massnahme zur Verbesserung des Gesundheits
zustands nicht nachgekommen sei, könne aufgrund der fehlenden Mitwir
kungs
pflicht nicht beurteilt werden, ob ein Rentenanspruch bestehe. Eine Neuanmel
dung könne nach eingehaltener Suchttherapie von sechs Monaten eingereicht werden. Auch nach neuer Rechtsprechung könne weiterhin im Rahmen einer Scha
denminderungspflicht vom Versicherten verlangt werden, aktiv an zumut
baren medizinischen Behandlungen teilzunehmen. Durch eine Abstinenz von Alkohol oder nach erfolgter Suchttherapie bestünde aus medizinischer Sicht eine höhere Arbeitsfähigkeit. Weitere medizinische Abklärungen ode
r ein
struktu
riertes Beweisverfahren sei
en aktuell nicht geeignet. Ohne dass
er
den Mass
nahmen zur Verbesserung des Gesundheitszustands nachkomme, könne keine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erfolgen. Aufgrund fehlender Mitwirkung be
stehe aktuell kein Rentenanspruch (S. 1 f.).
2.2
Demgegenüber wandte der Beschwerdeführer im Wesentlichen ein (Urk. 1)
, sein Leistungsbegehren sei nachweislich allein aufgrund des Alkoholabusus verneint worden, was gemäss aktueller höchstrichterlicher Rechtsprechung nicht mehr zu
lässig sei (S.
10 Ziff. 5.19). Er leide nachweislich nicht bloss unter einer Alko
holerkrankung, er sei polymorbid und deshalb z
u 100 % erwerbsunfähig. A
ktuell
sei er
in wöchentlicher psychiatrischer Behandlung. Sodann habe er ein schweres
Lungenleiden und eine schwere, schmerzhafte sensible Polyneuropathie mit Gang
störung, was zu häufigen Stürzen führe. Aufgrund dieser Leiden habe er An
spru
ch auf eine ganze Invalidenrente (S. 10 f. Ziff. 5.21). Anhand der vorhan
denen Akten
sei erstellt, dass er spätestens seit Dezember 2015 zu 100 % arbeits
unfähig sei (S.
11
Ziff. 6.4). Des Weiteren hätte die Beschwerdegegnerin aufgrund des komplexen Krankheitsbilds zwingend ein neutrales, umfassendes, polydisziplinäres Gutach
ten, welches die Kriterien von BGE 141 V 281 erfülle, in Auftrag geben müssen. Anschliessend hätte sie eine
Indikatoren- und Ressourcenprüfung durchführen müssen, was sie jedoch nicht getan habe. Die Leistungsverweigerung allein auf
grund der veralteten Rechtsprechung, wonach Alkoholismus, Medikamenten
miss
brauch und Drogensucht von vornherein keine Invalidität begründeten, die mit Urteil 9C_724/2018 vom 11. Juli 2019 fallengelassen worden sei, sei nicht rechtens. Auch die Verletzung der Schadenminderungspflicht führe nicht zur Befreiung der Abklärungspflicht, weshalb der medizinische Sachverhalt von der Beschwerdegegnerin mangelhaft festgestellt worden sei (S. 13 Ziff. 7.4).
2.3
Streitig und zu prüfen ist
, ob die Beschwerdegegnerin
zu Recht
gestützt auf die Verletzung der
Mitwirkungs
pflicht einen Anspruch auf eine Invalidenrente
des Beschwerdeführers
verneinte und ob der Sachverhalt rechtsgenüglich abgeklärt wurde.
3.
3.
1
Die Ärzte des Kantonsspitals
Y._
, Chirurgische Klinik und Poliklinik, berichteten am 21.
September 2000 über die am Vortag erfolgte Konsultation (Urk. 6/10/25) und nannten die folgende Diagnose:
-
Status nach hinterer Schulterluxation rechts am 29. Juni 2000
, mit:
-
SLAP-Läsion Grad II
-
medial gelegener inverser Hill-Sachs-Läsion
-
ansatznaher Teilruptur der Supraspinatussehne
Der Patient habe am 29. Juni 2000 einen Stromschlag mit 220 Volt erlitten. Dabei sei es zu einer Schulterluxation rechts gekommen, die noch gleichentags repo
niert worden sei. Weitere Abklärungen mittels
Arthro
-MRI hätten eine kleine
, an
satznahe
Ruptur der Supraspinatussehne sowie eine 1.5 cm im Durchmesser betragende
Humeruskopfimpaktion
antero
-medial mit
Bone
bruise
gezeigt. Zudem sei eine SLAP-Läsion Grad II bei
linealer
Signalstörung superior im Lab
rum vorgefunden worden. Im weiteren Verlauf habe sich eine deutliche Besse
rung der Schmerzsymptomatik sowie des Bewegungsausmasses der Schulter ge
zeigt. Seit dem 4. September 2000 sei er wieder zu 100 % als Taxichauffeur tätig. Aufgrund der Beschwerdefreiheit des Patienten und bei voller Beweglichkeit im Schultergelenk bestehe keine Indikation für eine operative Intervention.
3.
2
Die Fachpersonen der
Klinik
Z._
, Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, nannten in ihrem Austrittsbericht
vom 24. September 2012
über die Hospitalisation vom 23. bis 31.
Juli 2012 (Urk. 6/10/11-13) die folgenden psychiatrischen Diagnosen (S. 1 Ziff. 1):
-
Störungen durch Alkohol, Abhängigkeitssyndrom, mit gegenwärtigem Sub
stanzgebrauch (ICD-10 F10.24)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide, schädlicher Gebrauch (ICD-10 F12.1)
-
Störungen durch Tabak, Abhängigkeitssyndrom, mit gegenwärtigem Sub
stanzgebrauch (ICD-10 F17.24)
Der Patient sei freiwillig zur ersten stationären psychiatrischen Behandlung zum Alkoholentzug gekommen
. Er habe angegeben, seit seinem 13. Lebensjahr Alko
hol zu trinken. Seit 1997 sei es zu einer Zunahme des Konsums gekommen und seit er vor vier Jahren aufgehört habe zu arbeiten, sei es noch schlimmer ge
worden. Aktuell konsumiere er bis zu fünf Liter Bier täglich und unregelmässig auch härteren Alkohol. Ausserdem rauche er täglich seit seinem 17. Lebensjahr bis zu zwei Joints
(S. 1 Ziff. 2). Während des Aufenthalts habe er ein einge
schränktes Mass an Introspektions- sowie Reflexionsfähigkeit gezeigt und habe seine Erkrankung bei Austritt stark bagatellisiert. Am 31. Juli 2012 sei er vorzeitig und vor Abschluss der geplanten Therapie ausgetreten. Er habe keine stationäre Langzeittherapie organisieren wollen, wenn auch dies aus Sicht der behandelnden Fachpersonen sehr sinnvoll wäre (S. 3 Ziff. 5).
3.
3
Im Kurzaustrittsbericht vom 25. Oktober 2017 über die Hospitalisation vom 20.
September bis 25. Oktober 2017 im Kantonsspital
Y._
(Urk. 6/10/7-8) wurden die folgenden
, hier verkürzt wiedergegebenen
Diagnosen genannt (S. 1):
-
Pyo
-Pneumothorax rechts bei nekrotisierender Pneumonie mit
bron
cho
pleuraler
Fistelung
-
akute Niereninsuffizienz AKI II
-
Vitamin D Mangel
-
arterielle Hypertonie
-
chronischer Alkoholkonsum
-
rezidivierende depressive Episoden
-
erhebliche Energie- und Eiweissmangelernährung
3.
4
Dr. med.
A._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, führte in seinem Bericht vom 15. Dezember 2017 (Urk. 6/10/1-3) aus, dass er den Beschwerde
führer seit 15. Mai 2001 ambulant behandle (Ziff. 1.2), und nannte die folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.1):
-
Alkoholabhängigkeitssyndrom
-
sozialer Rückzug
-
depressives Zustandsbild
-
Verdacht auf beginnende Leberzirrhose
-
erhebliche Energie- und Eiweissmangelernährung
Die Prognose sei ungünstig (Ziff. 1.4). Es werde eine ambulante
Aethylent
zugs
behandlung
empfohlen (Ziff. 1.5). Seit 7. Dezember 2012 bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Ziff.
1.6). Der Patient sei abgemagert
,
wiege 57 kg und sei körperlich zu schwach
,
um eine regelmässige Tätigkeit durchführen zu können. Auch eine behinderungsangepasste Tätigkeit sei nicht möglich (Ziff. 1.7). Die Wiederaufnahme einer Arbeitstätigkeit erachte
te
Dr.
A._
als illusorisch, selbst wenn sich der Patient psychisch erhole
n würde
(Ziff. 1.11).
3.
5
Dr. med.
B._
, Fachärztin für Neurologie, nannte in ihrem Bericht vom 23. Januar 2018
(6/21/12-13)
die folgenden Diagnosen (S. 1):
-
akute/subakute rasch progrediente Gangstörung, mit/bei:
-
schmerzhafte sensomotorische gemischte (axonal/
demyelinisierend
) Polyneuropathie
-
ätiologisch unklar, Differenz
ialdiagnose (DD) Paraproteinanämie, DD paraneoplastisch
-
cerebelläre
Ataxie am ehesten äthyltoxisch
-
schädlicher Gebrauch von Alkohol, aktuell abstinent
-
arterielle Hypertonie
-
Status nach
Pyo
-Pneumothorax rechts bei nekrotisierender Pneumonie im September 2017
Der Patient
berichte
über eine seit Mitte Dezember aufgetretene Gangunsicherheit
und ein aufsteigendes Taubheitsgefühl an den Armen und Beinen
. Er habe seit Herbst
10 kg an Gewicht verloren (S. 1 unten).
Klinisch und messtechnisch
be
stehe der
Verdacht auf
das Vorliegen einer
rasch progrediente
n
schmerzhafte
n
Polyneuropathie.
Sie halte eine s
tationäre Abklärung im interdisziplinären Setting
für
indiziert
(S. 2 unten)
.
3.
6
Im Schlussbericht der Ärzte des Kantonsspitals
Y._
vom 26. März 2018 über die ambulante Betreuung vom 26. Januar bis 21. März 2018 (Urk. 6/21/4-7 = 6/46/5-8 = 6/48/2-5) wurden die folgenden, hier verkürzt wi
e
dergegebenen Diagnosen genannt (S. 1):
-
subakute rasch progrediente Gangstörung
-
diffuse Hepatopathie
-
chronischer Alkoholkonsum und Nikotinkonsum
-
Hyponatriämie
-
Vitamin D Mangel
-
arterielle Hypertonie
-
rezidivierende depressive Episoden
-
Pyo
-Pneumothorax rechts bei nekrotisierender Pneumonie mit
broncho
pleuraler
Fistelung
im September 2017
Die Ursache der sensiblen und schmerzhaften Polyneuropathie mit symmetrischer Verteilung an den Extremitäten sei am ehesten eine Nebenwirkung der Lang
zeittherapie mit Metronidazol.
Der Patient habe aufgrund einer nekrotisierenden Pneumonie mit einer
bronchopleuralen
Fistelung Metronidazol vom 11. Oktober bis 24. Dezember 2017 eingenommen
(S. 3 oben).
3.
7
Dr.
A._
(vorstehend E. 3.4
) nannte in seinem Verlaufsbericht vom 2. Juli 2018 (6/21/1-3) die folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.2):
-
subakute rasch progrediente Gangstörung, Erstdiagnose (ED) Januar 2018
-
schmerzhafte, sensible Polyneuropathie
-
ätiologisch wahrscheinlich durch Metronidazol kumulativ verursacht
-
Alkoholabhängigkeitssyndrom seit mindestens Juli 2002
-
sozialer Rückzug
-
depressives Zustandsbild
-
diffuse Hepatopathie mit
Fibroscan
10.6 kPa, entsprich F2-Fibrose
-
chronischer
Aethylkonsum
Seit Anfang Jahr sei es zu einer stark schmerzhaften, sensiblen Polyneuropathie bis an die Knie verbunden mit einer motorischen Gangstörung gekommen. Die Symptomatik sei weitgehend
regredient
, die generalisierte Schwäche des Patien
ten bestehe fort, die körperliche Leistungsmöglichkeit bleibe schwer einge
schrä
nkt (Ziff. 1.3). Die b
isherige Tätigkeit als Taxichauffeur könne definitiv
nicht mehr durchgeführt werden und
eine angepasste Tätigkeit sei zurzeit
nicht denkbar (Ziff.
2.1). Die Prognose sei nicht gut (Ziff. 3.3).
3.
8
Am 18. Juli 2018 nahm Dr. med.
C._
, Facharzt für Innere Medizin, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), Stellung zum medizinischen Sach
verhalt (Urk. 6/59 S. 4-5). Im Bericht des Kantonsspitals
Y._
vom 26. März 2018 (
vgl.
vorstehend E. 3.6
) werde ein Alkoholverzicht erneut
präferiert, da sich im Verlauf erfreulicherweise eine Abnahme der Polyneuropathie entwickelt habe. Eine vom Hausarzt postulierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sei grundsätz
lich durch eine Suchtbehandlung zu verbessern, zumal somatische Funktions
störungen noch kompensiert seien. Deshalb solle bei aktuell anzunehmendem in
stabilen Gesundheitszustand mit einem fortgesetzten Alkoholabusus eine Scha
den
minderungspflicht auferlegt werden
(S. 4)
. Im vorliegenden Fall sei mindes
tens eine sechsmonatige Abstinenz durch entsprechend negative Laborkontrollen nachzuweisen. Diese Behandlung sei medizinisch indiziert und zumutbar. Bei einem
nachgewiesenen
erfolgreichen Entzug sei eine erneute Prüfung des Ge
sundheitszustands mit aktualisiertem psychiatrischen und n
eurologischen Status möglich. E
ine er
neute Kontrolle
solle in 6-9 Monaten
erfolgen
(S. 5).
3.
9
Dr. med.
D._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und für Pneu
mologie, Kantonsspital
Y._
, berichtete am 24.
Oktober
2018 über die gleichentags erfolgte pneumologische Untersuchung (Urk. 6/35 =
6/57/7-10)
und stellte die folgenden, hier verkürzt wiedergegebenen Diagnosen (S. 1)
:
-
COPD GOLD Risikoklasse A, Obstruktionsgrad 2
-
Status nach
Pyopneumothorax
rechts mit persistierender Fistelung bei nekrotisierender Pneumonie im September 2017
-
schmerzhafte sensible Polyneuropathie der oberen und unteren Extremität
-
Status nach
Äthylabusus
bis August 2018
-
diffuse Hepatopathie
-
chronische Rückenschmerzen
-
rezidivierende depressive Episoden
Jährliche pneumologische Verlaufskontrollen seien indiziert. Der Patient habe bis
2005 als selbständiger Taxifahrer gearbeitet und sei dann zwischenzeitlich arbeits
los
,
mit kurzer Arbeitstätigkeit von 2007 bis 2008 als Eismann
,
gewesen. Seit 2008 sei er erneut arbeitslos.
Seit dem Ereignis der nekrotisierenden Pneumonie sei der Patient 100 %
arbeitsunfähig
geschrieben worden und sei dies auch noch bis auf Weiteres aufgrund der invalidisierenden Polyneuropathie
(S. 2)
.
3.
10
Dr.
A._
(vorstehend E. 3.4
)
stellte in seinem Verlaufsbericht vom 12. Juni 2019 (Urk. 6/46) die folgenden Diagnosen (Ziff. 1.2):
-
subakute rasch progrediente Gangstörung, Erstmanifestation im Januar 2018, bei:
-
schmerzhaft sensibler Polyneuropathie
-
möglicherweise durch Metronidazol kumulativ 42g, nur partiell rever
sibel
-
diffuse Hepatopathie
-
Fibroscan
10.6
kPA
, Entspricht F2-Fibrose, September 2017
-
mit fokalen
Minderverfettungen
-
bei persistierendem Alkoholkonsum
-
chronischer Äthyl- und Nikotinkonsum
-
rezidivierende depressive Episode
Seit seiner letzten Berichterstattung vom 15.
Dez
ember 2017 (vgl. vorstehend E.
3.4
) habe sich im Januar 2018 eine schwere, schmerzhafte sensible Polyneu
ropathie entwickelt. Diese könne im Zusammenhang mit der längerdauernden Metronidazol Gabe vom Herbst 2018 und kommutieren Risikofaktoren eines
Äthylabusus
und Vitaminmangels interpretiert werden. Die Symptomatik sei kaum
regredient
(Ziff. 1.3). Es gebe keine angepasste Tätigkeit, die der Patient noch ausführen könnte (Ziff. 2.1). Die Prognose sei unsicher (Ziff. 3.3).
Mit Schreiben vom 5. Juli 2019 (Urk. 6/48) beantwortete Dr.
A._
die von der Beschwerdegegnerin gestellten Zusatzfragen (vgl. Schreiben der IV-Stelle vom 14. Juni 2019, Urk. 6/47). Hinsichtlich der Ausprägung der Gangstörung führte er aus, es bestehe ein unsicherer kleinschrittiger, leicht breitbeiniger Gang (Ziff.
1
). Seit mindestens Dezember 2015 bestehe eine vollständige Arbeitsun
fähig
keit (Ziff. 2). Seit der Entlassung aus der ambulanten Behandlung im März 2018 hätten sich keine neuen neurologischen Veränderungen ergeben. Der Gang sowie die Polyneuropathien seien unverändert. Den Laborresultaten könne
ein fortgesetzter
Äthylabusus
entnommen werden
(Ziff. 3).
3.
11
Am 6. August 2019 nahm RAD-Arzt D
r.
C._
(vgl. vorstehend E. 3.8
) erneut Stellung zum medizinischen Sachverhalt (Urk. 6/59 S. 8-9). Bei fehlender Mit
wirkungspflicht könne der Gesundheitszustand nicht abschliessend beurteilt wer
den. Eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit seit 2015 sei nicht nachvollziehbar (S. 8). Bei den behandelnden Ärzten sei anzufragen, ob seit 2015 auch für eine gang
adaptierte Tätigkeit eine 100
% Arbeitsunfähigkeit bestehe sowie
ob eine lungen
adaptierte Tätigkeit noch zu 50-100 % möglich sei (S. 9).
3.
12
Dr. med.
E._
, Facharzt für Neurologie, führte im Bericht vom 22.
August 2019 (Urk. 6/50/2-5) aus, dass er den Beschwerdeführer am 23. Januar 2018 ambulant behandelt habe (Ziff. 1.1-1.2), und nannte als Diagnose eine Poly
neuropathie, wobei unklar sei, ob diese heute relevant für die Arbeitsfähigkeit sei (Ziff. 2.5). Die Prognose sei unklar, da seit Januar 2018 keine Verlaufskontrollen stattgefunden hätten (Ziff. 2.7). Eine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei nicht möglich, da der Patient sei Januar 2018 nicht mehr beurteilt worden sei (Ziff. 5).
3.
13
Die Ärzte des Kantonsspitals
Y._
, Departement Chirurgie, nannten im Bericht vom 31. Oktober 2019 über die Konsultation vom 23.
Oktober
2019 (Urk.
6/57/5-6) die folgenden Diagnosen (S. 1):
-
Humeruskopffraktur
links
-
am ehesten im Rahmen eines unklaren Sturzereignisses im Rahmen eines epileptischen Anfalls am
16. April 2019 mit Verdacht auf
Status
nach Schulterluxation mit Reverse-Hill-Sachs-Läsion
-
anamnestisch Status nach
posteriorer
Schulterluxation rechts im Jahr 2000, mit:
-
Status nach erneutem Sturz im August 2019 mit Zerrung der
Rotato
renmanschette
(sonographische Diagnose)
Anlässlich der klinisch-radiologischen Verlaufskontrolle 6 Monate nach Zuzug der Fraktur im Bereich der linken Schulter berichte der Patient, er sei hinsichtlich der linken Schulter beschwerdefrei. Die Funktion sei zwar weiterhin einge
schränkt, er komme mit der verbliebenen Restfunktion im Alltag jedoch gut zu
recht. Bei konsolidierten Frakturverhältnissen und funktionell für den Patienten zufriedenstellendem Ergebnis werde die Therapie hiermit abgeschlossen (S. 2).
3.
14
Am 12. März 2020 (Urk. 6/57/1-4) beric
htete Dr.
A._
(vorstehend E. 3.4
), dass der Patient gegenwärtig nur sporadisch in Behandlung sei. Er habe ihn letztmals vor über einem halben Jahr gesehen (Ziff. 1.1-1.2). Seit 7. Dezember 2015 sei ihm eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden (Ziff. 1.3). Er gehe davon aus, dass die Situation unverändert sei (Ziff. 2.2). Die Prognose zur Arbeitsfähigkeit sei schlecht (Ziff. 2.7). Längeres Gehen sei wegen der brennenden Sensation in den Füssen und Unterschenkeln nicht möglich, schwere Arbeiten seien aufgrund der COPD mit Diffusionsstörung nicht möglich und Sitzen bereite ihm nach einer Stunde Rückenschmerzen (Ziff. 3.4). Die bishe
rige Tätigkeit sei ihm
nicht zu
mutbar, eine leichte Tätigkeit in sitzender Position, wie von der IV-Stelle
postu
liert
worden sei, sei für zwei bis drei Stunden pro Tag wohl zumutbar (Ziff. 4.1-4.2)
. Die Prognose für die Eingliederung sei schlecht
, die Motivation des Patienten stehe der Eingliederung im Wege (Ziff. 4.3-4.4). Eine neurologische Verlaufs
kon
sultation sei nicht geplant. Eine leidensangepasste Tätigkeit erachte er als äussert schwierig (Ziff. 5).
3.
15
Am 21. April 2020 nahm Dr. med.
F._
, Facharzt für Chirurgie, Regio
naler Ärztlicher Dienst, Stellung zum medizinischen Sachverhalt (Urk. 6/59 S. 10)
.
Der derzeitige insgesamt miserable Gesundheitszustand der noch relativ jungen versicherten Person werde aus versicherungsmedizinischer Sicht dem Alkohol- und Nikotinabusus geschuldet. Bei Abstinenz zumindest von Alkohol wäre mit einer deutlichen Besserung des Gesundheitszustands zu rechnen. Eine Schaden
minderungspflicht mit diesem Ziel sei schon auferlegt und nachweislich nicht erfüllt
worden. Somit bestehe aus versicherungsmedizinischer Sicht bei fehlender Zusammenarbeit kein Anspruch auf Versicherungsleistungen der IV. Daher habe sich die Frage nach einer Arbeitsfähigkeit in einer angepassten und überwiegend sitzenden Tätigkeit sowieso schon erledigt. Nach eingehaltener Abstinenz über mindestens 6-12 Monate könne gerne um eine erneute RAD-Stellungnahme gebeten werden, alles andere sei sinnlos.
4.
4.1
Die versicherte Person muss gemäss Art. 7 IVG alles ihr Zumutbare unternehmen, um die Dauer und das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit (Art. 6 ATSG) zu ver
ringern und den Eintritt einer Invalidität (Art. 8 ATSG) zu verhindern (Abs. 1). Die versicherte Person muss
gemäss Art. 7 Abs. 2 IVG
an allen zumutbaren Mass
nahmen, die zur Erhaltung des bestehenden Arbeitsplatzes oder zu ihrer Einglie
de
rung ins Erwerbsleben oder in einen dem Erwerbsleben gleichgestellten Auf
gabenbereich (Aufgabenbereich) dienen, aktiv teilnehmen. Dies sind insbeson
dere:
a.
Massnahmen der Frühintervention (Art. 7d);
b.
Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf
die berufliche
Eingliede
rung
(Art. 14a);
c.
Massnahmen beruflicher Art (Art. 15–18 und 18b);
d.
medizinische Behandlungen nach Artikel 25 KVG;
e.
Massnahmen zur Wiedereingliederung von Rentenbezügerinnen und Rent
enbezügern nach Art. 8a Abs. 2.
Kommen die versicherte Person oder andere Personen, die Leistungen bean
spru
chen, den Auskunfts- oder Mitwirkungspflichten in unentschuldbarer Weise nicht nach, so kann der Versicherungsträger auf Grund der Akten verfügen oder die Erhebungen einstellen und Nichteintreten beschliessen. Er muss diese Personen vorher schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hinweisen; ihnen ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen (Art. 43 Abs. 3 ATSG).
Die Leistungen können gemäss Art. 7b IVG nach Art. 21 Abs. 4 ATSG gekürzt oder verweigert werden, wenn die versicherte Person den Pflichten nach Art. 7 dieses Gesetzes oder nach Art. 43 Absatz 2 ATSG nicht nachgekommen ist (Abs.
1). Die Leistungen können in Abweichung von Art. 21 Abs. 4 ATSG ohne Mahn- und
Bedenkzeitverfahren
gekürzt oder verweigert werden, wenn die ver
sicherte Person:
a.
trotz Aufforderung der IV-Stelle nach Art. 3c Abs. 6 nicht unverzüglich eine Anmeldung vorgenommen hat und sich dies nachteilig auf die Dauer oder das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit oder der Invalidität auswirkt;
b.
der Meldepflicht nach Art. 31 Abs. 1 ATSG nicht nachgekommen ist;
c.
Leistungen der Invalidenversicherung zu Unrecht erwirkt oder zu erwirken versucht hat;
d.
der IV-Stelle die Auskünfte nicht erteilt, welche diese zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgabe benötigt (Abs. 2).
Beim Entscheid über die Kürzung oder Verweigerung von Leistungen sind alle Umstände des einzelnen Falles, insbesondere das Ausmass des Verschuldens der versicherten Person, zu berücksichtigen (Abs.
3).
In Abweichung von Art. 21 Abs.
1 ATSG werden Hilflosenentschädigungen wede
r verweigert noch gekürzt (Abs.
4).
4.2
Die dem Beschwerdeführer im Juli 2018 auferlegte Durchführung einer Mass
nahme zur Verbesserung des Gesundheitszustands (Urk. 6/22) begründete die Be
schwerdegegnerin damit, dass zurzeit nicht abschliessend beurteilt werden könne, ob die Einschränkung in der Erwerbsfähigkeit bleibend oder zumindest längere Zeit andauere. Gemäss der medizinischen Einschätzung könne sein Gesund
heits
zustand mit einer sechsmonatigen Alkohol-Abstinenz
jedoch
wesentlich ver
besser
t werden.
Dabei wurde auf die gesetzlichen Grundlagen zur Mitwir
kungs
pflicht verwiesen (S. 2). Wenngleich das beigelegte Formular den Titel «Schaden
minde
rungspflicht» trägt (Urk. 6/22/4), ist von einer Mitwirkungsmassnahme aus
zu
gehen. Dementsprechend wurde auch im Vorbescheid (Urk. 6/61/2) die fehlende Mitwirkung als Grund für die Leistungsabweisung genannt.
Da
der Beschwerdeführer
der auferlegten Massnahme
in der Folge
nicht nach
gekommen war
,
hielt
d
ie Beschwerdegegnerin
in der angefochtenen Verfügung vom 24. Juni 2020 (Urk. 2)
fest
,
dass
aufgrund fehlender Mitwirkung aktuell kein Rentenanspruch bestehe. N
ach eingehaltener
6-monatiger
Suchttherapie
könne der Beschwerdeführer eine Neuanmeldung einreichen.
4.
3
Mit BGE 145 V 215 änderte das Bundesgericht seine bisherige Rechtsprechung zu den Suchterkrankungen. Bis dahin wurde einem Suchtgeschehen an sich die inva
lidenversicherungsrechtliche Relevanz abgesprochen, das heisst ein invalidi
sie
render psychischer Gesundheitsschaden wurde verneint, wo in der Begutach
tung im Wesentlichen nur Befunde erhoben werden konnten, welche in der Sucht ihre hinreichende Erklärung fanden (primäre Suchterkrankung). Suchterkran
kungen wurden erst dann im Rahmen der Invalidenversicherung relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkten, in deren Folge ein körperlicher oder
geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden ein
getre
ten war, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Ge
sund
heitsschadens waren, dem Krankheitswert zukam (sekundäre Suchter
kran
kung). Gemäss geänderter Rechtsprechung kommt inskünftig auch eine primäre Abhän
gig
keit von psychotropen Substanzen als invalidisierender Gesundheits
scha
den in Frage. Dessen Auswirkungen sind nach dem strukturierten Beweis
verfahren gemäss BGE 141 V 281 zu beurteilen
(
vgl. vorstehend E. 1.3)
.
4.
4
Die bisherige Rechtsprechung zu den primären Suchterkrankungen bejahte grundsätzlich die Möglichkeit der Anordnung einer Entzugsbehandlung unter dem Titel der Abklärungsmassnahme, wo es darum ging, die erwerblichen Aus
wirkungen einer - invaliditätsfremden - primären Abhängigkeit von denjenigen eines invalidisierenden Gesundheitsschadens abzugrenzen. Hingegen kam eine solche Massnahme bei - invalidenversicherungsrechtlich beachtlicher
–
sekun
därer Abhängigkeit unter dem Titel der Schadenminderungspflicht in Frage (vgl. Urteil 9C_370/2013
vom 22. November 2013 E.
4.2
). Nach geänderter Recht
sprechung sind
jedoch
auch primäre Abhängigkeiten von psychotropen Sub
stanzen als potenziell invalidisierende Gesundheitsschäden abzuklären. Wie bei den sekundären Suchtgeschehen ist demnach neu auch bei primären Abhän
gig
keitssyndromen die Anordnung einer Entzugsbehandlung im Vorfeld einer Be
gut
achtung unter dem Titel der Mitwirkungspflicht im Abklärungsverfahren nicht statthaft, würde damit doch die Qualifikation des Suchtgeschehens und seiner erwerblichen Auswirkungen als zum vornherein invalidenversicherungsrechtlich irrelevant und deshalb auszuscheiden vorweggenommen. Wie es sich damit ver
hält, ist indes nach dem Gesagten im Abklärungsverfahren erst zu unter
suchen. Demgegenüber darf eine Entzugsbehandlung als Behandlungsmass
nahme (zur Qualifikation als Leidensbehandlung
(
vgl. Urteil 9C_218/2007 vom 19. November 2007 E. 2.4) - sofern im konkreten Fall zumutbar - selbstredend (unverändert) jederzeit zur Schadenminderung angeordnet werden (BGE 145 V 215 E.
8.2 S.
230; 9C_370/2013 E. 4.2.1; sowie Urteil 9C_914/2010 vom 2. Dezember 2010 E. 3). Eine Verletzung von Schadenminderungspflichten berechtigt die Verwal
tung indes nicht zum Nichteintreten auf das Leistungsersuchen, sondern allenfalls zur Kürzung oder Verweigerung von Leistungen (Art. 7 Abs. 1 sowie Abs. 2
lit
. d IVG
i.V.m
. Art. 21 Abs. 4 ATSG;
Urteil des Bundesgerichts 9C_309/2019 vom 7.
November 2019 E. 4.2.2
mit weiteren Hinweisen).
4.
5
Nach dem Gesagten vermag die von der
Beschwerdegegnerin
als Vorausse
tzung für
eine nähere Prüfung des
Rentenanspruchs auferlegte
Abklärungsmassnahme
der geltenden Rech
tsprechung
nicht
zu genügen
, denn
Dr.
F._
(vgl. vorste
hend E.
3.15) ging davon aus, dass der Gesundheitszustand des Beschwerde
führers auf
den Alkohol- und Nikotinabusus
zurückgehe
, und bejahte damit eine primäre Sucht.
In einem solchen Fall ist
die Anordnung einer Entzugsbehandlung unter dem Titel der Mitwirkungspflicht im Abklärungsverfahren nicht
mehr
zu
lässig
.
Dies gilt
nicht nur bei Anordnungen von Entzugsmassnahmen im Vor
feld einer Begutachtung (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_309/2019 vom 7. Novem
ber 2019 E. 4.2.2), sondern in allgemeiner Weise hinsichtlich sämtlicher Entzugs
behandlungen, welche der Beurteil
ung des Abhängigkeitssyndroms
und nicht der Behan
dlung der Sucht als solchen
dienen
.
Würde andernfalls doch
die Qualifi
kation des Suchtgeschehens und seiner erwerblichen Auswirkungen als zum vorn
herein invalidenversicherungsrechtlich irrelevant und deshalb auszuschei
den vorweggenommen
(vgl. vorstehend E. 4.
4
)
.
Entsprechend hätte die Beschwerde
geg
nerin gestützt auf den Umstand, dass sich der Beschwerdeführer der aufer
legten Massnahme nicht unterzogen hat,
seinen Leistungsanspruch nicht vernei
nen
dürfen.
Demgegenüber bleibt es der Beschwerdegegnerin a
uch nach
geltender
Rechtspre
chung
unbenommen, eine
Entzugsbehandlung als Behandlung
smassnahme zur Schadenminderung
anzuordnen
, sofern sich diese im konkreten Fall als zumutbar erweist.
Die Verletzung einer solchen
berechtigt die Verwaltung allenfalls zur Kürzung oder Verweigerung von Leistungen (Art. 7 Abs. 1 sowie Abs. 2
lit
. d IVG
i.V.m
. Art. 21 Abs. 4 ATSG
).
Dabei
ist
dem Umstand Rechnung zu tragen, dass ein Suchtmittelentzug nach medizinischem Kenntnisstand keineswegs in jedem Fall als zumutbar oder ergebnisorientiert als beste Lösung im Sinne der Scha
denminderung anzusehen ist, und etwaige Funktionseinbussen, Therapiemöglich
keiten und -ergebnisse individuell in hohem Masse unterschiedlich sind (BGE 145 V 215 E. 4.3).
Dies wäre insbesondere
beim
vorliegend
53-jährigen Beschwerde
führer zu berücksichtigen,
bei welchem
gemäss
medizinischer
Aktenlage seit
mindestens Juli 2002 ein
Alkoholabhängigkeitssyndrom
- mit zweitweisen Kon
sum von bis zu 5 Litern Bier pro Tag -
besteht (vgl. vorstehend E.
3.2 und
3.7).
Die
medizinische
Zumutbarkeit der Auferlegung einer Schadenminderungspflicht wird abzuklären sein (vgl. dazu nachfolgend E. 4.6).
4.
6
Hinsichtlich des
von den
b
ehandelnden Ärzten
respektive den RA
D-Ärzten
diagnostizierten
Abhängigkeitssyndroms
(v
gl. vorstehend E. 3.2-3.12, 3.14-3.15
)
ist ein strukturiertes Beweisverfahren durchzuführen
(vgl. vorstehend E. 1.3-1.5
).
E
ntgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin
kann aus dem
Umstand, dass der Beschwerdeführer die sechsmonatige Alkoholabstinenz nicht eingehalten hat, nicht
unbesehen
auf eine fehlende Geeignetheit des strukturierten Beweisver
fahrens
geschlossen werden
.
Für
die Beurteilung der vorhandenen funktionellen Einschränkungen und ihrer Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
sind i
m
Rah
men
der
I
ndikatorenprüfung
gerade
auch Verlauf und Ausgang von Therapien sowie noch offene Behandlungsoptionen
als
wichtige Schweregradindikatoren
zu würdigen
(
vgl.
BGE 141 V 281
E. 4.3.1.2)
.
D
en
vorliegenden medizinischen Be
richte
n
der behandelnden Ärzte
sowie der RAD-Ärzte
Dr.
C._
und Dr.
F._
sind
indes
keine konkreten Angaben zu den
massgeblichen Indikatoren
zu ent
nehmen.
Eine
schlüssige Beurteilung
anhand des vom Bundesgericht vorgese
henen s
trukturierten Beweisverfahrens
ist gestützt auf die vorhandenen medizi
nischen Akten somit nicht möglich,
weshalb sich diesbezüglich weitere Abklä
rungen als notwendig erweisen.
4.
7
B
eim Beschwerdeführer
wurden
neben dem Abhängigkeitssyndrom
ferner
diverse somatische Erkrankungen diagnostiziert
(
vgl. vorstehend E. 3.1, 3.3-3.15
)
.
RAD-Arzt Dr.
F._
(vorstehend E.
3.15
) äusserte sich dahingehend,
dass
der der
zeitige insgesamt miserable Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
dem Alkohol-
und Nikotinabusus geschuldet sei, wobei bei
Abstinenz zumindest von Alkohol mit einer deutlichen Besserung des Gesundheitszustands zu rechnen wäre. Da
der Beschwerdeführer der
auferlegte
n
Schadenminderungspflicht mit diesem Ziel nicht
nachgekommen
sei, habe sich
aus seiner Sicht
die Frage nach einer Arbeitsfähigkeit in einer angepassten
Tätigkeit
sowieso schon erledigt.
W
ie bereits dargelegt (
vgl. vorstehend E. 4.4
)
vermag dies der geltenden Recht
spre
chung, wonach
a
uch
bei
eine
r
allfällige
n
Verletzung der
Mitwirk
ungspflicht
eine rechtsgenügliche
Abklärung des Sachverhalts und Prüfung des Leistungsan
spruchs
zu erfolgen hat, nicht zu genügen.
E
inzig gestützt auf die Berichte der behandelnden Ärzte
lassen sich die soma
tischen Beschwerden und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit indes
nicht abschliessend
beurteilen.
So ist insbesondere aus den Berichten von Dr.
A._
, welcher den Beschwerdeführer zuletzt über ein halbes Jahr vor seiner Beurteilu
ng im März 2020 (vorstehend E. 3.14
) gesehen hatte,
sowie der Berichte
der Ärzte des Kantonsspi
tals
Y._
(vorstehend E. 3.6, 3.9
) nicht hinreichend ersichtlich,
inwiefern
und in welchem Ausmass die ausgewiesenen somatischen Befunde
zu Funktionseinschränkungen in einer dem Leiden
optimal angepassten Tätigkeit führen.
I
n Bezug auf Berichte von Hausärztinnen und Hausärzten wie überhaupt von behandelnden Arztpersonen beziehungsweise Therapiekräften
ist sodann
auf die Er
fahrungstatsache hinzuweisen
, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc).
Nach dem Gesagten
sind auch hinsichtlich der somatischen Beschwerden und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit weitere Abklärungen erforderlich.
4.
8
Zusammenfassend erweist sich die
vollständige Leistungsverweigerung einzig ge
stützt auf eine Missachtung der auferlegten
Mitwirk
ungspflicht
als
nicht rechtens.
Die vorliegende medizinische Akten
lage lässt eine Beurteilung
des Gesundheits
zustands des Beschwerdeführers
in psychiatrischer und somatischer Hinsicht
und dessen Auswirkungen auf seine Arbeitsfähigkeit
nicht zu, womit sich weitere Abklärungen als erforderlich erweisen.
Insbesondere
hat
hinsichtlich des diagnos
tizierten Abhängigkeitssyndroms
eine rechtsgenügliche Auseinandersetzung mit den massgeblichen Standardindikatoren
bis anhin nicht stattgefunden
.
Damit fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid.
5.
5.1
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheid
rele
vante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die Be
schwer
deinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (im Ver
waltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt über
haupt für gutachtlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativ
expertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betref
fende Be
weiserhebung erfolgt alsdann vor der – anschliessend reformatorisch entschei
denden – Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwal
tung. Eine Rückweisung an den Versicherungsträger bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist. Ausserdem bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem
Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurück
zuweisen, wenn
lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachtlichen Aus
führungen erforderlich ist (B
GE 137 V 210
E. 4.4.1.4 mit Hin
weisen; Urteil des Bundesgerichts 8C_815/2012 vom 21. Oktober 2013 E. 3.4, publiziert in SVR 1/2014 UV Nr. 2 S. 3)
.
5.2
Nach dem Gesagten ist ein abschliessender materieller Entscheid gestützt auf die vorhandenen medizinischen Akten nicht möglich. Da es die IV-Stelle unterlassen hat, den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit in
somatischer und
psy
chiatrischer Hinsicht und insbesondere bezüglich der systematisierten Indikatoren gemäss BGE 141 V 281 E. 4.1.3 rechtsgenüglich abzuklären, hat eine Rückwei
sung
zu erfolgen.
Es ist deshalb angezeigt,
die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie ein den praxisgemässen Anforderungen entsprechen
des
polydisziplinäres
Gutachten
einhole und hernac
h über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers
erneut entscheide.
Ergibt die medizinische Beweislage, dass mit gewisser Wahrscheinlichkeit unter subjektiv zumutbaren Massnahmen
eine im Verhältnis des Eingriffs wesentliche Verbesserung zu erwarten wäre, bleibt
ihr die Auferlegung einer entsprechenden
Schadenminderungspflicht unbenom
men
.
Zu erinnern ist weiter daran
, dass ein Rentenanspruch entstehen kann, wenn
die versicherte Person nach Ablauf der einjährigen Wartezeit (Art. 28 Abs. 1
lit
. c
IVG) nicht oder noch nicht eingliederungsfähig ist (vgl. Urteil 8C_787/2014 vom 5. Februar 2015 E. 3.2 mit zahlreichen Hinweisen; dazu, dass insbesondere die grundsätzliche Behandelbarkeit einer Gesundheitsbeeinträchtigung in der Invali
den
versicherung einen Anspruch nicht per se ausschliesst vgl. BGE 143 V 409 E.
4.4 S. 414 f. sowie grundlegend
BGE 127 V 294 E. 4 S. 294 ff.
)
.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzu
heben.
6.
6.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfah
rens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art.
69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 8
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
der
vertretene Beschwerdeführer Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Diese
wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen
(§ 34 Abs. 3
GSVGer
)
und ist beim praxisgemässen
Stundenansatz von Fr. 220
.-- (ohne
M
WSt
) ermessensweise auf Fr.
2’000
.-- (inkl.
MWSt
und Auslagenersatz) festzusetzen.