Decision ID: ddd931a0-6ebb-49b3-92a7-9741077858ef
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Daniel Ehrenzeller, Engelgasse 214, 9053 Teufen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 29. Juli 2000 wegen Ekzemen an den Händen bei der IV-
Stelle des Kantons St. Gallen für eine Umschulung an (IV-act. 1). Er gab an, in Serbien
acht Jahre lang die Primarschule und während eines Jahres das Gymnasium besucht
zu haben. Die B._ AG berichtete am 8. September 2000, sie habe den Versicherten
vom 26. Oktober 1998 bis 31. August 2000 in der Abteilung Autobatterien beschäftigt
(Fragebogen für Arbeitgeber, IV-act. 3). Das Arbeitsverhältnis sei wegen einer
Nichteignungsverfügung der Suva gekündigt worden (vgl. act. G 4.2, Verfügung vom 3.
Juli 2000: Nichteignung für alle Arbeiten mit Kontakt zu glasfaserhaltigen
Isolationsmaterialien). Mit Verfügung vom 11. August 2000 wies die IV-Stelle das
Gesuch um berufliche Massnahmen mit der Begründung ab, dass der Versicherte
zwischenzeitlich eine Festanstellung bei der C._ AG erhalten habe (IV-act. 17).
A.b Am 19. April 2002 meldete sich der Versicherte bei der IV-Stelle erneut für eine
Umschulung an (IV-act. 18). Als Grund gab er Schulter- und Nackenschmerzen sowie
Kraftlosigkeit an. Der Hausarzt Dr. med. D._ berichtete am 3. Mai 2002, dass der
Versicherte an einem Zervikalsyndrom leide und seit dem 30. Januar 2002 bis auf
Weiteres zu 100 % arbeitsunfähig sei (IV-act. 23). In einer leichten körperlichen
Tätigkeit sei er zu 100 % arbeitsfähig. Die C._ AG gab am 7. Mai 2002 an, dass sie
den Versicherten vom 23. Oktober 2000 bis 30. Juni 2002 als Produktionsmitarbeiter
beschäftigt habe (Fragebogen für den Arbeitgeber, IV-act. 24). Mit Verfügung vom 17.
Juli 2002 (IV-act. 30) wies die IV-Stelle das Gesuch um berufliche Massnahmen ab, da
der Versicherte in sämtlichen Tätigkeiten ohne mechanisch-toxischen Kontakt zu 100
% arbeitsfähig sei.
A.c Am 1. Juni 2006 meldete sich der Versicherte zum dritten Mal bei der IV-Stelle zum
Bezug von IV-Leistungen an (Umschulung/Rente, IV-act. 37). Er gab an, vom 17. März
2004 bis 8. März 2006 als Diamantschleifer für die F._ AG gearbeitet zu haben. Seit
dem 25. November 2005 sei er wegen Kontaktekzemen der Hände und Juckreiz am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ganzen Körper bis auf Weiteres zu 100 % arbeitsunfähig. Der Hausarzt berichtete am
17. Juli 2006 (IV-act. 52), dass der Versicherte in seiner bisherigen Tätigkeit
wegeneines arbeitsabhängigen, toxisch-kumulativen Kontaktekzems ab 25. November
2005 zu 50 % arbeitsunfähig gewesen sei. Seit dem 10. Januar 2006 sei er bis auf
Weiteres zu 100 % arbeitsunfähig.
A.d Die F._ AG berichtete am 26. Juli 2006, dass sie den Versicherten vom 22. März
2004 bis 31. Mai 2006 als Mitarbeiter Schleiferei beschäftigt habe (Fragebogen für
den Arbeitgeber, IV-act. 62). Der Monatslohn habe zuletzt Fr. 4'430.-- (zzgl. 13.
Monatslohn) betragen. Die Kündigung sei wegen der Nichteignungsverfügung der Suva
vom 20. März 2006 (vgl. act. G 4.2) erfolgt (IV-act. 62 - 4: Keine Arbeiten mit Kontakt zu
Kühlschmieremulsion auf Mineralölbasis und synthetischer Art sowie zu Bioziden für
Kühlschmieremulsionen).
A.e Dr. med. G._, Spezialarzt für Hautkrankheiten FMH, berichtete am 5. August
2006 (IV-act. 63), dass der Versicherte seit dem Jahr 2000 bei ihm in Behandlung sei.
Er gab die folgenden Diagnosen an: Kumulativ-toxisches Kontaktekzem der Hände bei
Arbeiten in einer Diamantschleiferei (seit 1. Mai 2004), fragliche Sensibilisierung vom
Spättyp auf Metall vom Lötstift und Nitrobutylmorpholin/
Ethylnitrotrimethylendimorpholin, Status nach arbeitsabhängigem, mechanisch-
toxischem Kontaktekzem der Hände, wahrscheinlich Glasfaserdermatitis (etwa
November 1999 bis zur Nichteignungsverfügung), Status nach kumulativ-toxischem
Kontaktekzem der Hände bei Arbeit in der Metallindustrie (ab 23. Oktober 2000 bis ca.
Januar 2003) und Sensibilisierung vom Spättyp auf Methylisothiazolon. Der Versicherte
sei als Diamantschleifer ab 27. Januar 2006 zu 100 % und ab 6. März 2006 zu 50 %
arbeitsunfähig gewesen. Seit dem 8. März 2006 sei er bis auf Weiteres wieder zu 100
% arbeitsunfähig. Die bisherige Tätigkeit sei ihm wegen den wiederholten
Exzemschüben an den Händen nicht mehr zumutbar. Eine adaptierte Tätigkeit
(trockene manuelle Arbeit ohne grosse chemische und physikalische Belastung der
Hände oder nicht manuelle Tätigkeit) sei dem Versicherten zu 100 % zumutbar.
A.f Mit Vorbescheid vom 7. Dezember 2006 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit
(IV-act. 71), dass die Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei. Er sei in einer
leidensangepassten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.g Dr. med. H._, Oberarzt im Psychiatrie-Zentrum I._, berichtete am 1. April 2008
(IV-act. 99), der Versicherte sei wegen einer Anpassungsstörung, längere depressive
Reaktion (ICD-10: F43.21) vom 20. Februar bis 28. März 2007 (Behandlungszeitraum) in
seiner bisherigen Tätigkeit als angelernter Arbeiter wegen einer leicht gedrückten
Grundstimmung zu 20 % arbeitsunfähig gewesen. Der Versicherte habe angegeben,
sein Hauptproblem sei seine Gereiztheit. Die sozialen Folgen seines Hautproblems
würden ihn aggressiv machen. Früher sei er geduldig gewesen, heute werde er wegen
Kleinigkeiten aggressiv und schlage deshalb auch seine Kinder. Er habe
Schlafstörungen und sei tagsüber oft müde. Dr. H._ gab weiter an, anlässlich der
letzten Konsultation am 28. März 2007 habe der Versicherte erklärt, es gehe ihm gut.
Seither bestehe aus psychiatrischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
mehr. Falls der Versicherte jedoch längerfristig keine Stelle finden sollte, bestehe die
Wahrscheinlichkeit einer Verschlechterung des psychischen Zustandes. Die letzte
Untersuchung habe am 5. November 2007 stattgefunden.
A.h Ab 29. April 2009 absolvierte der Versicherte in der Firma J._ AG ein
Arbeitstraining (vgl. IV-act. 119). Am 9. Juni 2009 berichtete die J._ AG anlässlich
eines Standortgesprächs, dass der Versicherte bereits am zweiten Arbeitstag über
Schlafstörungen und Stress geklagt habe (Protokoll vom 14. September 2009, IV-
act. 129). Er habe Einsatz gezeigt, sich selber jedoch Druck aufgesetzt. Am 15. Mai
2009 habe er den Arbeitsplatz wegen starker Kopfschmerzen verlassen, woraufhin ihn
sein Hausarzt bis auf Weiteres zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben habe. Der
Hausarzt habe ihn in der Folge an das Psychiatrie-Zentrum I._ überwiesen. Der
Versicherte habe nach diesem "Knick" nur noch zu 25 % arbeiten wollen. Weil dies aus
betrieblichen Gründen nicht möglich gewesen sei, habe er zu 50 % gearbeitet. Er sei
jedoch motivationslos gewesen und habe nicht selbständig arbeiten und nur leichte
Tätigkeiten ausführen können. Bei körperlich anstrengenderen Arbeiten habe der
Versicherte zu schwitzen begonnen und Hautausschläge bekommen. Anlässlich des
Schlussgesprächs am 11. August 2009 erklärte die J._ AG, dass sich der Versicherte
nicht für den Logistikbereich eigne. Er brauche klar strukturierte Aufgaben und nur eine
Ansprechperson. Ein weiteres Handicap seien seine mangelhaften Deutschkenntnisse.
Während der Arbeit seien keine Handekzeme aufgetreten. Problematisch sei die
Psyche. Am 15. Juni 2009 hatte Dr. H._ über die Erstkonsultation am 4. Juni 2009
berichtet (IV-act. 126). Er hatte angegeben, dass der Versicherte an einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mittelgradigen depressiven Episode (F32.1) leide. Aktuell wolle der Versicherte zu 50 %
arbeiten; aufgrund des schlechten psychischen Zustandes könnte ihm aber auch eine
volle Arbeitsunfähigkeit attestiert werden.
A.i Das Psychiatrie-Zentrum I._ berichtete am 18. September 2009 (IV-act. 131), der
Versicherte leide seit Februar 2007 an einer Anpassungsstörung, längere depressive
Reaktion (F43.21). Er befinde sich seit dem 7. Juli 2009 in teilstationärer Behandlung
(Tagesklinik) bei Dr. H._. Der Versicherte leide unter einer depressiven Symptomatik
mit erhöhter Reizbarkeit und einer gewissen Beeinträchtigung im Umgang mit
Frustration und Konflikten. Der psychische Zustand sei eine Folge der Auswirkungen
der körperlichen Beeinträchtigung auf die Arbeitsfähigkeit mit Verlust des
Arbeitsplatzes und vielfachen negativen Bewerbungsversuchen. Aufgrund der längeren
Arbeitslosigkeit sei es zu einem sozialen Rückzug, einem Antriebsverlust,
Gedankenkreisen verbunden mit Durchschlafstörungen, einer vermehrten Labilität und
einer erhöhten Vulnerabilität gekommen. Wenn auf einmal viel Arbeit schnell zu
erledigen sei oder unvorhergesehene Prozesse im Arbeitsablauf auftauchten, fühle sich
der Versicherte schnell unter Druck gesetzt; er sei dann zeitweise blockiert. Im Rahmen
des Aufenthaltes in der Tagesklinik sei es zu einer sukzessiven Besserung und
Stabilisierung insbesondere der depressiven Symptomatik hinsichtlich der
niedergedrückten Stimmung und dem Antriebsdefizit gekommen. Aufgrund der
eingeschränkten Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit bestehe aktuell eine
Arbeitsunfähigkeit von 50 %. Prinzipiell sei die Arbeitsfähigkeit innerhalb weniger
Wochen auf 100 % steigerbar.
A.j Vom 1. Dezember 2009 bis 26. Februar 2010 absolvierte der Versicherte ein
Arbeitstraining im K._ (vgl. IV-act. 141). Das Arbeitstraining wurde bis 30. April 2010
verlängert, da der Versicherte Ende Januar 2010 bei einem Pensum von 80 % lediglich
eine Leistung von 30-40 % erbracht hatte und eine weitere Leistungssteigerung als
möglich erachtet wurde (IV-act. 144-146). Gemäss dem Arbeitstrainingsbericht
Verzahnungsprogramm des K._ vom 30. April 2010 (IV-act. 159) war die
Arbeitsfähigkeit kontinuierlich von 50 % auf 100 % gesteigert worden. Der Versicherte
hatte bei leichter Demontagearbeit und im Kreativbereich eine durchschnittliche
Leistungsfähigkeit von 30 % gezeigt. Bei der Arbeit im Recycling hatte er sich unter
Druck gesetzt, einerseits durch die Konzentration beim Lösen von Schrauben und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
andererseits sei er sich seiner eingeschränkten Leistungsfähigkeit bewusst geworden.
Dies habe zu Blockaden geführt. Nach etwa drei Wochen seien seine Finger
stellenweise leicht rot geworden und er habe ein Juckgefühl gespürt. Bei der Arbeit
im Kreativatelier, wo er Wandbilder gestaltet habe, habe er keine Probleme mit den
Händen gehabt. Als das Pensum ab 8. März 2010 auf 100 % erhöht worden sei, sei
es dem Versicherten merklich schlechter gegangen. Seither habe er mehr Phasen mit
Blockaden wegen innerem Druckgefühl gehabt, so dass er die Arbeit habe
unterbrechen müssen.
A.k Am 3. Mai 2010 startete der Versicherte ein zweimonatiges Arbeitstraining in der
freien Wirtschaft bei der L._ AG mit Aussicht auf eine Festanstellung (IV-act. 154). Die
L._ AG berichtete der Eingliederungsverantwortlichen am 5. Mai 2010 (IV-act. 156 S.
3), dass sie das Arbeitstraining bereits am zweiten Arbeitstag aus Sicherheitsgründen
habe abbrechen müssen. Der Versicherte habe abwesend, unter Druck und verkrampft
gewirkt. Er habe erklärt, er habe Angst, wegen der Verkrampftheit mit dem Stapler
irgendwo hineinzufahren. Am 12. Mai 2010 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
dass die Arbeitsvermittlung abgeschlossen sei (IV-act. 160).
A.l Die Klinik M._ berichtete am 20. Juli 2010 (IV-act. 166), der Versicherte sei
wegen der Verschlechterung der depressiven Störung sowie einer suizidalen Ein
engung vom 7. Mai bis am 18. Juni 2010 in der Klinik stationär behandelt worden. Er
leide an einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne
psychotische Symptome (F33.2). Sein Zustand habe sich während des Aufenthaltes
zwar deutlich verbessert. In seiner bisherigen Tätigkeit sei er wegen der depressiven
Symptomatik mit erhöhter Reizbarkeit, schwachem Selbstwert, Antriebs- und
Energielosigkeit, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen,
einer sozialen Phobie sowie einer verringerten Stresstoleranz eingeschränkt. Es sei mit
einer Arbeitsfähigkeit von 50 % ab Juli 2010 zu rechnen. Dr. H._ berichtete am 19.
Januar 2011 (IV-act. 176), dass die rezidivierende depressive Störung gegenwärtig
weitgehend remittiert sei (F33.4). Es bestehe jedoch seit vielen Jahren einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung mit abhängigen und ängstlichen Anteilen (F61).
Der Versicherte sei als angelernter Arbeiter seit dem 23. Juni 2010 bis auf Weiteres zu
70 % arbeitsunfähig (Leistungsfähigkeit von 30 % bei mind. 50 %-Pensum). Die
psychischen Einschränkungen bestünden in einem raschen Auftreten eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressiven Syndroms mit Antriebsstörung im Sinne einer Blockade, Angstgefühlen
und einer erheblichen Einschränkung der Auffassung und der Konzentrationsfähigkeit,
wenn das Arbeitspensum überschritten werde. Die Einschränkungen wirkten sich durch
mangelnde Belastbarkeit und Durchhaltefähigkeit aus. Mit einer Erhöhung der
Einsatzfähigkeit könne nicht gerechnet werden.
A.m Der RAD-Arzt Dr. med. N._ erklärte am 3. Februar 2011 auf interne Anfrage hin
(IV-act. 177), dass die von Dr. H._ diagnostizierte Persönlichkeitsstörung während
der intensiven Behandlungen in der Klinik M._ und der Tagesklinik des Psychiatrie-
Zentrums I._ bei täglichen Kontakten mit dem Versicherten hätte auffallen müssen.
Dr. H._ habe die Arbeitsunfähigkeit von 70 % mit der Persönlichkeitsstörung
begründet. Eine in diesem Fall zu unterstellende schwere Persönlichkeitsstörung mit
erheblichem Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätte sich jedoch schon in der Biographie
und den fachärztlichen Beurteilungen seit 2007 zeigen müssen. Die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung sei daher fachlich nicht nachvollziehbar.
A.n Die ABI GmbH untersuchte den Versicherten am 10. Mai 2011 (psychiatrische und
dermatologische Untersuchung; Gutachten vom 10. August 2011, IV-act. 183). Die
Sachverständigen gaben folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit an: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode
(F32.0; gemeint wohl: F33.0), chronisch rezidivierendes Ekzem der Hände (L24) bei
Status nach kumulativ-toxischem Kontaktekzem der Hände bei Arbeiten in der
Diamantschleiferei, Status nach kumulativ-toxischem Kontaktekzem der Hände bei
Arbeiten in der Metallindustrie, Status nach arbeitsabhängigen, mechanisch-toxischem
Kontaktekzem der Hände, wahrscheinlich sog. Glasfaserdermatitis (persistierender,
möglicherweise chronisch-eigengesetzlicher Ekzemverlauf), Typ IV Sensibilisierung
vom Spättyp auf Methylisothiazolon, fragliche Typ IV Sensibilisierung auf Metall von
Lötstift und Nitrobutylmorpholin/Ethylnitrotrimethylendimorpholin und Keratosis pilaris
am Rumpf und an den Oberarmen. Keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit hätten
die abhängigen Persönlichkeitszüge (Z73.0), die Adipositas, die arterielle Hypertonie,
der chronische Nikotinabusus und anamnestisch der Status nach rezidivierendem
Zervikalsyndrom. Dr. med. O._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, gab an, dass
die Schwierigkeiten in der Arbeitswelt, das Scheitern der Arbeitsbemühungen und die
zunehmenden psychosozialen Belastungen aufgrund der angespannten finanziellen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Situation den Versicherten belasteten. Er leide vor allem unter morgendlichen
Antriebsstörungen, einem sozialen Rückzug, Freudlosigkeit und latenter Suizidalität. Er
zeige auch eine ausgesprochene Passivität, sei bezüglich einer Wiederaufnahme der
beruflichen Tätigkeit resigniert und habe wenig Hoffnung auf Besserung. Es bestünden
Spannungen mit seiner Ehefrau, die Schwierigkeiten habe, mit seiner Passivität
umzugehen. Seine Schwester habe sich deswegen von ihm zurückgezogen. Der
Versicherte gehe sehr passiv mit seinen Beschwerden um, habe auch die Erwartung,
dass die Umgebung ihm helfe, aus seiner Situation heraus zu finden. Neben der
depressiven Symptomatik bestünden auch abhängige Persönlichkeitszüge. Es falle auf,
dass der Versicherte seine Arbeitsstellen nicht nur wegen eines Handekzems, sondern
auch wegen Nacken-, Schulter- und Magenbeschwerden und Kraftlosigkeit
aufgegeben habe. Er habe Mühe, sich in die Berufswelt zu integrieren. Auch jetzt fühle
er sich von der Situation überfordert, flüchte in die Passivität. In der psychiatrischen
Klinik, d.h. in einer strukturierten Umgebung, sei er jedoch aufgeblüht. Aufgrund der
depressiven Störung bestehe eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 20 %. Dem
Versicherten sei ein ganztätiges Arbeitspensum zumutbar, wobei die Leistungsfähigkeit
um 20 % vermindert sei. Die abhängigen und passiven Persönlichkeitszüge schränkten
die Arbeitsfähigkeit nicht ein: Trotz dieser Persönlichkeitszüge sei der Versicherte
während Jahren in der Lage gewesen, berufliche Leistungen zu erzielen. Eine
eigentliche Persönlichkeitsstörung könne nicht diagnostiziert werden, da er während
Jahren in seiner Arbeitsfähigkeit nicht beeinträchtigt gewesen sei und auch in seinen
sozialen Beziehungen keine Schwierigkeiten gehabt habe. Es bestünden keine
Hinweise darauf, dass der Versicherte während längerer Zeit an einer mittelgradigen
oder schweren depressiven Störung gelitten hätte. Auch retrospektiv könne daher aus
psychiatrischer Sicht keine höhere Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Der Versicherte
selbst fühle sich kaum arbeitsfähig. Er leide nicht unter Schlafstörungen: Die
Einschlafschwierigkeiten rührten daher, dass er meistens bis zehn Uhr schlafe. Es
bestehe eine leichte morgendliche Antriebsstörung. Der Versicherte habe die Tendenz,
den Kopf in den Sand zu stecken, sich zurück zu ziehen und sich nicht aktiv mit seinen
Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Dies hänge mit den passiven, abhängigen
Persönlichkeitszügen zusammen und sei nicht Ausdruck der depressiven Störung. Er
beklage gelegentlich Suizidphantasien, eine ausgeprägte Suizidalität bestehe aber
nicht. Dr. med. P._, FMH Dermatologie, gab an, insbesondere aufgrund der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Chronizität der bestehenden Hauterscheinungen mit Rhagaden, Lichenifizierung und
wiederholt nässenden Superinfekten müsse von einem schweren Handekzem
ausgegangen werden, auch wenn aktuell die Hauterscheinungen als mild zu
bezeichnen seien. Die Ursache des dyshidrosiformen Ekzems sei unklar; es könnte sich
beispielsweise um eine atopische Diathese handeln. Die Erwerbsfähigkeit sei um 20 %
vermindert. Da schon geringste mechanische Belastungen zu einer Schubauslösung
führten, kämen nur Tätigkeiten mit geringsten respektive fehlenden chemischen oder
physikalischenIrritationen in Frage. Saubere, trockene Arbeiten im manuellen oder nicht
manuellenBereich seien zumutbar. Aufgrund der starken Hautempfindlichkeit sei
jedoch eine Arbeit im ausser-manuellen Bereich anzustreben. Zudem seien die
Nichteignungsverfügungen zu beachten. In der Gesamtbeurteilung kamen die
Sachverständigen zum Schluss, dass die psychische Symptomatik im Vordergrund
stehe. In der somatischen Untersuchung habe sich eine frei bewegliche Wirbelsäule in
sämtlichen Abschnitten wie auch eine freie Beweglichkeit an der oberen und unteren
Extremität bei guter Kraftentwicklung gezeigt. Aus allgemein-internistischer Sicht
bestehe aufgrund der körperlichen Konstitution eine Arbeitsunfähigkeit für körperlich
schwere Tätigkeiten. Aus polydisziplinärer Sicht sei der Versicherte für körperlich
leichte bis mittelschwere, dermatologisch adaptierte Tätigkeiten zu 80 % arbeitsfähig.
Das Pensum könne vollschichtig umgesetzt werden mit einem Pausenbedarf bis 10
Minuten pro Stunde und einem leicht reduzierten Rendement. Die geringen
Leistungseinbussen aus somatischer und psychiatrischer Sicht wirkten sich nicht
additiv aus. Der Beginn der Arbeitsunfähigkeit sei retrospektiv somatisch auf das Jahr
2006 und psychiatrisch auf das Jahr 2007 festzulegen. Dr. N._ vom RAD erklärte am
20. September 2011 (IV-act. 184), dass das ABI-Gutachten in sich widerspruchsfrei sei
und dass die medizinischen Schlussfolgerungen versicherungsmedizinisch plausibel
nachzuvollziehen seien.
B.
B.a Mit Vorbescheid vom 28. September 2011 (IV-act. 187) teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass die Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei. Zur
Begründung führte sie an, dass der Versicherte in dermatologisch adaptierten
Tätigkeiten zu 80 % arbeitsfähig sei. Die leichtgradig ausgeprägte depressive Störung
begründe hingegen keine Arbeitsunfähigkeit. Für die Bemessung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Valideneinkommens zog sie das Einkommen des Versicherten des Jahres 2006 (Fr.
57'590.--) heran und passte es der Nominallohnentwicklung bis 2009 an (Fr. 58'716.--).
Grundlage des Invalideneinkommens bildete der durchschnittliche Lohn eines
Hilfsarbeiters im Jahr 2009 (Fr. 59'979.--; LSE, privater Sektor, Stufe 4, Männer). Das
Invalideneinkommen betrug Fr. 47'983.--. Hieraus resultierte ein IV-Grad von 18 %.
B.b Dagegen liess der Versicherte am 2. November 2011 einen Einwand erheben (IV-
act. 188). Sein Rechtsvertreter machte zusammengefasst geltend, dass das ABI-
Gutachten diverse fachliche Mängel aufweise. Zudem sei die psychiatrische
Exploration eine Katastrophe gewesen. Es habe ein aggressiver Befragungsstil
vorgeherrscht, was beim Versicherten eine entsprechende Reaktion ausgelöst habe.
Nicht einmal eine Pause sei ihm zugestanden worden. Bezeichnend sei auch die
Reaktion des internistischen/allgemeinmedizinischen Fallführers gewesen, welcher
erklärt habe, er wisse, dass er von Dr. O._ überfordert worden sei. Das
Belastungsprofil während den Arbeitstrainings habe gezeigt, dass der Versicherte aus
psychiatrischer Sicht nur zu 30 % arbeitsfähig sei. Dr. G._ habe die Arbeitsfähigkeit
aus dermatologischer Sicht auf 50 % festgelegt. Dem Versicherten stehe daher
mindestens eine halbe IV-Rente zu. Am 4. November 2011 reichte der Rechtsvertreter
einen Bericht von Dr. H._ ein (IV-act. 189 - 1). Dieser hatte am 3. November 2011
berichtet (IV-act. 190), dass der Versicherte an einer sonstigen andauernden
Persönlichkeitsänderung (F62.8) leide. Das depressive Syndrom habe sich in den
letzten Wochen stark verschlechtert. Der Versicherte leide vor allem unter starken Ein-
und Durchschlafstörungen, Grübelzwang, Hoffnungslosigkeit, dysphorischer
Gereiztheit, Antriebslosigkeit und Erschöpfbarkeit. Er habe erstmals von
Suizidphantasien im Sinne eines erweiterten Suizids gesprochen. Die Einschätzung
eines sich ständig verschlechternden psychischen Zustandes ergebe sich jedoch
weniger aus dem depressiven Syndrom, sondern aus den Schilderungen eines
zunehmenden Mangels an Affektkontrolle. So habe der Versicherte erstmals nach
einem Konflikt mit der Ehefrau diese körperlich angegriffen und bei einer anderen
Gelegenheit aus nichtigem Anlass eines der Kinder geschlagen und in die Wange
gebissen. An den letztgenannten Kontrollverlust könne er sich nicht mehr voll erinnern.
Dieses zunehmend bedrohliche Verhalten erscheine dem Versicherten wie auch seiner
Ehefrau als wesensfremd und als Kontrast zu seiner früher ausgeglichenen,
freundlichen und beliebten Persönlichkeit. Diagnostisch sei deshalb aufgrund der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
langen Dauer der Entwicklung von einer anhaltenden Persönlichkeitsänderung
auszugehen. Für diese Diagnose werde das Kriterium eines ursächlichen oder
zeitlichen Zusammenhangs mit Extrembelastung, anhaltender Belastung, Anspannung
oder mit psychiatrischen Erkrankungen gefordert. Beim Versicherten finde sich in der
Anamnese nur der zeitliche Zusammenhang mit der Entwicklung einer auffallend
starken Kontaktallergie bei der Berufstätigkeit mit psychischer Belastung durch die
dadurch bedingten psychosozialen Folgewirkungen. Die Gründe für die verursachten
Defizite seien völlig unklar. Insbesondere gebe es keine Hinweise dafür, dass der
Versicherte vor Ausbruch der Erkrankung Energie habe aufwenden müssen, um eine
Dekompensation abzuwenden. Die krisenhafte Verschlechterung im Zusammenhang
mit der ABI-Begutachtung habe die enorme Abhängigkeit des Versicherten von einem
stabilen, wohlwollenden und strukturierten Umfeld gezeigt. Aufgrund der in den letzten
Jahren durchgehend vorhandenen Blockierung und schnellen Überforderung bestehe
auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit eine volle Arbeitsunfähigkeit. Am 7.
November 2011 reichte der Rechtsvertreter einen Bericht von Dr. G._ ein (IV-act.
191). Dieser hatte am 3. November 2011 berichtet (IV-act. 192), er könne nicht
nachvollziehen, weshalb Dr. P._ trotz der Diagnose eines schweren Handekzems die
Arbeitsunfähigkeit auf nur 20 % geschätzt habe. Ein schweres Handekzem führe zu
Beschwerden, die den Gebrauch der Hände massiv erschwerten oder
verunmöglichten. Das Ekzem habe sich bei allen bisherigen handwerklichen Tätigkeiten
verschlechtert, sei ohne Arbeit aber relativ wenig ausgeprägt. Die Sachverständige
habe die adaptierten Tätigkeiten sehr gut umschrieben. Ideal wäre eine Tätigkeit im
nicht manuellen Bereich; dies sei aufgrund der übrigen Fähigkeiten des Versicherten
jedoch illusorisch.
B.c Med. pract. Q._, Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie,
versicherungspsychiatrischer Dienst der Suva Z._, untersuchte den Versicherten am
21. November 2011 (act. G 4.2). Anlass war die Einschätzung eines allfälligen
Integritätsschadens. Er berichtete, der Versicherte habe angegeben, dass er sich ‒
jedoch nicht sofort ‒ zu 50 % arbeitsfähig fühle. Die Mimik und Gestik des Versicherten
hätten oft übertrieben und z.T. theatralisch gewirkt. Konzentrationsblockaden und eine
Niedergeschlagenheit im Sinne einer depressiven Stimmung habe er nicht feststellen
können. Es sei schwierig, das vorhandene Beschwerdebild klassifikatorisch
einzuordnen. Die Beschwerden und das Verhalten erinnerten einerseits, vor allem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wegen des auffälligen, z.T. theatralischen Verhaltens mit dissoziativähnlicher partieller
Amnesie, Blockaden bei übermässigem eigenen Leistungsdruck sowie einer gewissen
Ich-Bezogenheit mit Unverständnis auf die Reaktionen der Umgebung auf das
Verhalten, zum Teil an ein neurotisches Störungsbild. Zudem könne, obwohl nicht im
Vordergrund eruierbar, eine ausgeprägte Ängstlichkeit nicht ganz ausgeschlossen
werden. Andererseits erinnerten ein Teil der psychischen Beschwerden an die negative
Symptomatik schizophrener Krankheitsbilder, gegebenenfalls einer schizoaffektiven
Störung. Das Beschwerdebild reiche gesamthaft betrachtet jedoch nicht aus, um eine
dieser Diagnosen ohne Zweifel festzulegen. Med. pract. Q._ empfahl eine
internistische bzw. hirnneurologische Abklärung. Hinweise auf eine
entwicklungsbedingte Persönlichkeitsstörung fehlten. Die Persönlichkeitsveränderung
könnte auf die seit vier Jahren dauernden psychosozialen Belastungen zurückgeführt
werden. Es sei eher unwahrscheinlich, dass die psychischen Beschwerden eine direkte
Folge der dermatologischen Erkrankung seien. Als Alternative zu einer
Persönlichkeitsveränderung könnte eine langdauernde Anpassungsstörung
diagnostiziert werden, welche sich anfänglich eher durch depressive Beschwerden,
mittlerweile vor allem aber in Form von Störungen des Sozialverhaltens, ausdrücke.
Solche Anpassungsstörungen nach langdauernden Belastungen seien nicht atypisch
und zum Teil kulturell bedingt. Dafür sprächen die Stabilisierung während der
stationären Behandlung, das Wiedererlangen von Fertigkeiten während einem wohl
tuenden Arbeitstraining und der Wechsel der affektiven Lage bei Behandlungs- und
Untersuchungssituationen. Unter Beachtung der weiterbestehenden Belastungen sei
es nachvollziehbar, dass der Versicherte, der sich womöglich massgeblich durch die
Arbeit definiert habe, hilflos in eine Passivität gerutscht sein könnte. Die kaum
vorhandene Möglichkeit, eine neue, auf seine dermatologische Erkrankung sowie auf
seinen Bildungsgrad adaptierte Tätigkeit zu finden, sei ein zusätzlicher ungünstiger
Faktor. Es sei daher vorerst davon auszugehen, dass beim Versicherten ein Status
nach einer depressiven Störung, zuletzt leichte depressive Episode, sowie eine
andauernde Persönlichkeitsveränderung (DD: langdauernde Anpassungsstörung)
bestehe.
B.d Die ABI GmbH nahm am 4. Januar 2012 Stellung zu den medizinischen
Einwänden (IV-act. 199): Wie ihrem Gutachten zu entnehmen sei (vgl. IV-act. 183 - 22),
habe der Versicherte nach einer halben Stunde das Ansinnen geäussert, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrische Untersuchung zu unterbrechen. Als dies abgelehnt worden sei, habe er
während drei Minuten eine Pause gemacht und kurz geweint. Anschliessend habe die
Untersuchung ohne Schwierigkeiten fortgesetzt werden können. Die Atmosphäre
während der Untersuchung sei, abgesehen von dieser kurzen Phase, ruhig und
entspannt gewesen. Die Konfrontation mit zahlreichen Fragen sei Teil einer
psychiatrischen Untersuchung. Der Vorwurf, die psychiatrische Untersuchung sei in
einer aggressiven Art und Weise durchgeführt worden, werde zurückgewiesen. Des
Weiteren habe Dr. H._ die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung fallen gelassen und
nun eine andauernde Persönlichkeitsänderung diagnostiziert. Diese Diagnose könne
jedoch nicht gestellt werden, da keine Extrembelastungen vorlägen. Dass der
Versicherte aufgrund der schwierigen psychosozialen Situation und wegen der
Ablehnung des Rentengesuchs mit depressiven Verstimmungen, Gereiztheit und einer
vorübergehenden Impulskontrollstörung reagiert habe, sei auf die belastenden
Lebensumstände zurückzuführen und nicht auf eine psychiatrische Störung.
B.e Dr. N._ vom RAD erklärte am 24. Januar 2012 (IV-act. 200), dass weiterhin auf
das ABI-Gutachten abgestellt werden könne. Med. pract. Q._ sei sich bezüglich der
Diagnosen nicht sicher gewesen und er habe keine Arbeitsfähigkeitsschätzung
abgegeben. Zudem sei nicht klar, ob es sich bei der neurotisch anmutenden
Verhaltensauffälligkeit um eine soziokulturelle Reaktion auf eine (IV-fremde) sozial
angespannte Situation handle oder ob eine psychiatrisch klassifizierbare Anpassungs
störung vorliege.
B.f Dr. med. R._, Facharzt für Arbeitsmedizin und Dermatologie FMH, Suva,
untersuchte den Versicherten am 29. Mai 2012 (act. G 4.2). Dr. R._ erklärte, Dr. P._
habe zur Schätzung der Arbeitsfähigkeit wohl das "Bamberger Merkblatt", ein
berufsdermatologisches Grundlagenwerk, hinzugezogen. Dieses habe bei der
Bezifferung der Arbeitsfähigkeit jedoch keinen Stellenwert. Faktisch sei der Versicherte
aufgrund der Wiedereingliederungserfahrungen in allen Tätigkeiten mit mechanischer
Belastung, Feuchtarbeit, stärkerer Hautverschmutzung sowie in allen Tätigkeiten, die
das permanente Tragen von Schutzhandschuhen erforderten, zu 50 % eingeschränkt.
Aus dermatologischer Sicht wäre eine Tätigkeit als Taxifahrer oder als Kurier zumutbar,
wobei wegen der Handarbeit nicht ohne Weiteres von einer vollen Arbeitsfähigkeit
ausgegangen werden könne. Reine Überwachungstätigkeiten seien in der freien
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wirtschaft kaum zu finden und für administrative Tätigkeiten sei der Versicherte nicht
qualifiziert.
B.g Am 9. Februar 2012 äusserte sich der Rechtsvertreter im Rahmen einer zweiten
Anhörung (IV-act. 201) zu den Stellungnahmen des RAD und der ABI GmbH (IV-
act. 203): Der Versicherte sei in den letzten vier Jahren sehr wohl Extrembelastungen
ausgesetzt gewesen. Nach einer noch durchzuführenden neurologischen Abklärung
zum Ausschluss einer hirnneurologischen Störung seien berufliche Massnahmen
einzuleiten. Am 14. August 2012 teilte der Rechtsvertreter mit (IV-act. 205), die Suva
habe dem Versicherten im Rahmen eines Einspracheverfahrens eine 50 %-Rente
offeriert (Vergleich vom 26. Juni resp. 19. Juli 2012, act. G 4.2). Zudem habe Dr. R._
eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % aus dermatologischer Sicht bestätigt. Zurzeit arbeite
der Versicherte mit grossem Willen zu 30-40 % im Rahmen eines S._-Projektes. Er
setzte dort Kunststoffteile zusammen. Es komme jedoch immer wieder zu längeren
gesundheitlich bedingten Ausfällen wegen der Ekzeme.
B.h Am 28. September 2012 nahm Dr. N._ vom RAD Stellung zur zweiten Anhörung
(IV-act. 210). Er erklärte, dass es dem Rechtsanwender überlassen sei, ob er auf die
60 %ige Arbeitsunfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit (50 %ige Arbeitsunfähigkeit
aus somatischer Sicht und 20 %ige Arbeitsunfähigkeit aus psychischer Sicht) abstelle
oder eine zusätzliche polydisziplinäre Begutachtung in Auftrag gebe. Am 28.
September 2012 (IV-act. 211-213) teilte der Rechtsvertreter mit, dass der
Arbeitsversuch in der S._ AG wegen des wieder ausgebrochenen Ekzems und einer
psychischen Verschlechterung per 30. September 2012 abgebrochen worden sei.
B.i Mit Verfügung vom 25. Oktober 2012 wies die IV-Stelle das Rentengesuch aus den
im Vorbescheid angegeben Gründen ab (IV-act. 214). Zum Einwand des
Rechtsvertreters nahm sie wie folgt Stellung: Die Invalidenversicherung sei nicht an den
Vergleich der Suva gebunden. An die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und
Verdienstaussichten würden rechtsprechungsgemäss keine übermässigen
Anforderungen gestellt. Als Beispiele könnten vorliegend einfache Überwachungs-,
Prüf- und Kontrolltätigkeiten und die Arbeit als Museumswärter oder Parkplatzwächter
genannt werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.j Mit Schreiben vom 2. November 2012 erklärte Dr. G._ (IV-act. 217), dass die
Verfügung aus medizinischer Sicht unhaltbar und falsch sei. Ein schweres, chronisches
Handekzem führe zu einer mindestens 50 %igen, andauernden Invalidität. Zwar gebe
es theoretisch Tätigkeiten, die der Versicherte zu 100 % ausüben könnte. Diese fielen
aber wegen seiner minimalen Schulbildung und seines Migrationshintergrundes ausser
Betracht. Dr. P._ habe ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung weder begründet noch mit
Literaturangaben abgestützt. Deshalb sei diese Schätzung willkürlich.
C.
C.a Gegen die Verfügung vom 25. Oktober 2012 liess der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) am 26. November 2012 Beschwerde erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der Verfügung und die Zusprache
mindestens einer halben IV-Rente spätestens ab 1. November 2010; eventualiter sei
eine neue polydisziplinäre Begutachtung durchzuführen. Der Rechtsvertreter brachte
zusammengefasst vor, dass es sich bei den von der IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) aufgezählten adaptierten Tätigkeiten wie Parkplatzwächter nicht
um realistische Tätigkeiten handle. Überwachungs-, Prüf- und Kontrolltätigkeiten
würden schon am beeinträchtigten Konzentrationsvermögen und der starken
Medikation scheitern. Die Begutachtung durch die ABI GmbH sei unhaltbar. Einem der
Beschwerde beigelegten Bericht von Dr. H._ vom 21. November 2012 war zu
entnehmen (act. G 1.2), dass es beim Arbeitstraining in der S._ AG nach Steigerung
des Pensums von 30 % auf 40 % rasch zu einer deutlichen Überforderung mit
abnormer Erschöpfung, Müdigkeit und Reizbarkeit gekommen sei. Da der
Beschwerdeführer im Haushalt und bei der Kinderbetreuung nur noch reduziert habe
mithelfen können, sei es zu belastenden Konflikten gekommen, die seine emotionale
Instabilität weiter verstärkt hätten. Das Arbeitstraining sei abgebrochen worden, weil
keine Arbeitsleistung von 50 % habe erreicht werden können. Es habe sich bestätigt,
dass die Hautprobleme deutlich vom Stressniveau abhingen. Die Arbeitsfähigkeit in
einer adaptierten Tätigkeit müsse aufgrund des letzten Arbeitsversuchs auf 20 %
reduziert werden.
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 22. Januar 2013 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Das ABI-Gutachten erfülle die von der Rechtsprechung aufge
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stellten formellen und materiellen Voraussetzungen an ein lege artis abgefasstes
beweiskräftiges Gutachten. Die Argumentation von Dr. R._, dass es aufgrund der
Erfahrungen im Zusammenhang mit den Wiedereingliederungsversuchen nicht
realistisch sei, von einer höheren Arbeitsfähigkeit als 50 % auszugehen, sei nicht
stichhaltig, da für den Misserfolg der beruflichen Eingliederungsmassnahmen in erster
Linie die psychische Symptomatik verantwortlich gewesen sei. Auch bedinge die
Qualifikation eines Leidens als schwerwiegend nicht ohne Weiteres die Annahme einer
höhergradigen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, zumal davon auszugehen sei, dass
sich bei einer Vermeidung von Kontakten mit ungeeigneten Stoffen und Materialien das
bei der Begutachtung festgestellte leichtgradige Erscheinungsbild des Handekzems
nicht verschlimmere. Die von der ABI GmbH geschätzte Arbeitsunfähigkeit von 20 %
aus somatischer Sicht sei somit plausibel und nachvollziehbar. Weiter gebe es keinerlei
Anhaltspunkte dafür, dass der psychiatrische Sachverständige bei der Untersuchung
nicht sachgerecht vorgegangen wäre. Wäre der Beschwerdeführer tatsächlich unter
starken Druck gesetzt worden, hätte er unmittelbar nach der Begutachtung Kritik
geäussert. Der psychiatrische Sachverständige habe sich mit der abweichenden
Diagnosestellung von Dr. H._ auseinandergesetzt. Auch der RAD-Arzt habe Kritik an
der Diagnose von Dr. H._ geäussert. Dr. H._ habe nicht begründet, inwiefern der
Beschwerdeführer eine tiefgreifende, existenzielle extreme Erfahrung gemacht haben
solle, die zu einer andauernden Persönlichkeitsänderung geführt hätte. Plausibler
erscheine die Auffassung des psychiatrischen Sachverständigen, dass die depressiven
Verstimmungen, die Gereiztheit und die vorübergehende Impulskontrollstörung auf
belastende Lebensumstände und nicht auf eine psychische Störung zurückzuführen
seien. Daher sei auf die Diagnosen des psychiatrischen Sachverständigen der ABI
GmbH abzustellen. Dagegen überzeuge dessen Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht: Denn
rechtsprechungsgemäss seien leichtgradige depressive Störungen in der Bevölkerung
ubiquitär verbreitet und begründeten keine Invalidität. Weiter sei davon auszugehen,
dass es auf dem Arbeitsmarkt genügend realistische Betätigungsmöglichkeiten gebe,
auch wenn das Spektrum der zumutbaren Hilfstätigkeiten aufgrund des Handekzems
eingeschränkt sei. Und schliesslich sei beim Einkommensvergleich kein
Tabellenlohnabzug vorzunehmen, da die gesundheitlichen Beschwerden in der
Arbeitsfähigkeitsschätzung bereits abschliessend berücksichtigt worden seien.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.c In seiner Replik vom 22. Mai 2013 (act. G 12) machte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers geltend, dass die Arbeitsfähigkeit in somatischer Hinsicht durch die
Reaktion der Hände während der Wiedereingliederungsversuche objektiv habe
festgestellt werden können. Lediglich der Arbeitsversuch in der L._ AG sei wegen der
psychischen Probleme gescheitert. Der Versicherte sei aus dermatologischer Sicht zu
mindestens 50 % arbeitsunfähig. Für eine Persönlichkeitsänderung genüge ein
ursächlicher oder zeitlicher Zusammenhang mit anhaltender Belastung oder
Anspannung. Die psychosozialen Probleme seien eine Folge der starken
Kontaktallergie und der Ekzeme sowie der daraus resultierenden depressiven Störung.
Im Übrigen sei die Erfahrung, dass der Beschwerdeführer mit seinen Händen fast
nichts mehr berühren könne, ohne dass das Ekzem wieder ausbreche, genug
traumatisch, um als Extrembelastung eingestuft zu werden. Die Ekzeme würden ja
nicht nur an den Händen, sondern zum Teil auch an den Armen und am Oberkörper
auftreten. Letztes Jahr habe er auch in beiden Gehörgängen Ekzeme gehabt. Weiter sei
es sehr wohl wichtig, die Ursache der chronischen Ekzeme zu kennen. Daher sei eine
serologische Untersuchung durchzuführen. Sodann sei das Invalideneinkommen zu
hoch bemessen worden und es müsse ein Tabellenlohnabzug wegen Teilzeitarbeit
vorgenommen werden. In einem der Replik beigelegten Schreiben vom 3. Mai 2013
hatte Dr. H._ berichtet (act. G 12.2), dass der für eine Persönlichkeitsänderung
geforderte ätiologische Faktor in Form einer tiefgreifenden, existenziell extremen
Erfahrung durchaus auch einen beträchtlichen Anteil subjektiven Erlebens des
Betroffenen beinhalte. Der Verlust des Rollenbildes und alle anderen Folgen durch eine
unkontrollierbare, chronische Erkrankung könnten bei entsprechender Disposition auch
zu einer solchen Erfahrung werden.
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 14).
C.e Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers reichte am 19. September 2013
weitere medizinische Unterlagen ein (act. G 16). Dr G._ hatte am 31. August 2013
berichtet (act. G 16.5), dass der Beschwerdeführer während eines Arbeitsversuchs
relativ viele Putzarbeiten mit Gummihandschuhen habe ausführen müssen, weshalb es
zu einem Schub des Ekzems gekommen sei. Am 19. Mai 2014 reichte der
Rechtsvertreter erneut medizinische Berichte ein (act. G 18). Dr. med. T._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Suva Z._, hatte am 25. März 2014 berichtet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(act. G 18.2), der Beschwerdeführer leide unter einer rezidivierenden depressiven
Erkrankung, gegenwärtig leichtgradige Ausprägung (F32.0; gemeint wohl: F33.0) und
einer sonstigen andauernden Persönlichkeitsänderung (F62.8). Als Differentialdiagnose
gab er einen Verdacht auf eine abhängige und passive Persönlichkeit (F60.7) an. Seit
2011 sei eine leichte, partielle Besserung des psychischen Zustandsbildes mit
Symptomschwankungen zu verzeichnen. Die rezidivierenden depressiven Symptome
mit krisenhaften Zuspitzungen und Schwankungen hätten bis heute keine nachhaltige
und dauerhafte Besserung und Stabilisierung erfahren. Aus den vorliegenden
Unterlagen sei eine abschliessende Diagnosezuordnung der psychischen Symptomatik
noch nicht möglich. Der weitere Behandlungsverlauf (drei bis neun Monate) sollte
abgewartet werden. Des Weiteren sollte die empfohlene organische/hirnorganische
Abklärung durchgeführt werden, um eine organische Ursache für die psychisch-
psychiatrische Symptomatik auszuschliessen. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf
eine Stellungnahme zu den neu eingereichten Unterlagen (act. G 19).

Considerations:
Erwägungen:
1.
1.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit andauernde ganze
oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1). Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Gemäss Art.
28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) hat
eine versicherte Person Anspruch auf eine Viertelsrente, wenn sie mindestens 40 %
invalid ist, auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens 50 % invalid ist, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist und auf eine ganze Rente, wenn
sie mindestens 70 % invalid ist. Für die Ermittlung des Invaliditätsgrads wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität durch eine
ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht
invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.2 Die Feststellung des Gesundheitsschadens, das heisst die Befunderhebung und
die sich darauf stützende Diagnose, aber auch die Prognose und die Ätiologie, die
durch den festgestellten Gesundheitsschaden verursachte Arbeitsunfähigkeit sowie
das noch vorhandene funktionelle Leistungsvermögen oder das Vorhandensein und die
Verfügbarkeit von Ressourcen sind Tatfragen (BGE 132 V 398 E. 3.2), deren
Beantwortung entsprechendes Fachwissen voraussetzt. Im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes (Art. 43 Abs. 1 ATSG) hat die IV-Stelle daher in aller Regel
ärztliche Sachverständige zur Beantwortung dieser Fragen beizuziehen (vgl. Art. 43
Abs. 2 ATSG und Art. 69 Abs. 2 IVV), so etwa jene des IV-internen regionalen Ärztlichen
Dienstes (RAD; vgl. Art. 49 Abs. 1 IVV) oder solche einer MEDAS. Aufgabe der IV-Stelle
und des Versicherungsgerichts ist es, diese Tatsachen rechtlich zu würdigen, das
heisst zu beurteilen, ob die ärztlichen Aussagen und Schätzungen die zuverlässige
Beurteilung des Leistungsanspruchs erlauben und, falls dies der Fall ist, den
Invaliditätsgrad zu bemessen (vgl. BGE 132 V 398 f. E 3.2 f.).
1.3 Unter den dermatologischen Fachpersonen ist unbestritten, dass der
Beschwerdeführer an einem chronisch rezidivierenden Ekzem der Hände leidet,
weshalb er in seiner früheren Tätigkeit als Diamantschleifer zu 100 % arbeitsunfähig ist.
Die teilweise an anderen Körperstellen (Gehörgang etc.) auftretenden Hautausschläge
haben gemäss den Angaben der Fachärzten keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit.
Einigkeit besteht auch darüber, dass dem Beschwerdeführer nur noch saubere und
trockene Arbeiten mit geringsten respektive fehlenden chemischen oder physikalischen
Irritationen im manuellen oder nicht manuellen Bereich zumutbar sind und dass eine
Tätigkeit im ausser-manuellen Bereich optimal wäre. Auffallend ist, dass die
Handekzeme nur während den Arbeitstrainings im manuellen Bereich aufgetreten sind:
Während der Beschwerdeführer im Arbeitstraining als Logistiker in der J._ AG sowie
bei der Arbeit im Kreativatelier im K._ beschwerdefrei gewesen ist, sind bei der
Tätigkeit im Recycling im K._ (Demontieren von Elektro- und Informatikgeräten,
sortenreines Trennen der gewonnenen Materialien; IV-act. 159 - 3) und bei der Arbeit in
der S._ AG (Zusammensetzen von Kunststoffteilen) Handekzeme aufgetreten. Bei
manuellen Tätigkeiten handelt es sich um Handarbeiten, die mit geringen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kraftanstrengungen und erhöhter Häufigkeit/Dauer in gleicher Art und Weise, wie z.B.
bei der Feinmontage, ständig wiederholt werden. Ein Handgriff pro Sekunde ist eine
übliche Häufigkeit (Portal Gefährdungsbeurteilung, http://
www.gefaehrdungsbeurteilung.de/ de/gefaehrdungsfaktoren/physische_belastung/
manuelle_arbeit, besucht am 21. November 2014). Bei manuellen Tätigkeiten werden
die Hände also weit mehr beansprucht als bei nicht-manuellen Arbeiten. Daher ist es
nachvollziehbar, dass das Handekzem jeweils bei manuellen Tätigkeiten, nicht aber bei
nicht-manuellen Tätigkeiten ausgebrochen ist. Als (optimal) adaptierte Tätigkeit kommt
somit aus dermatologischer Sicht nur eine nicht-manuelle Tätigkeit in Betracht.
Entgegen der Ansicht des Rechtsvertreters gibt es auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt sehr wohl entsprechende Hilfsarbeitertätigkeiten, die der
Beschwerdeführer ausüben könnte. Wie die Beschwerdegegnerin richtig dargelegt hat,
könnte es sich hierbei um Überwachungs-, Prüf- und Kontrolltätigkeiten handeln.
Bezüglich der Arbeitsfähigkeitsschätzungen ist folgendes festzuhalten: Dr. G._ und
Dr. R._ haben die Arbeitsfähigkeit auf 50 % geschätzt. Beide Fachärzte haben sich
bei ihrer Einschätzung jedoch auf nicht voll-adaptierte, d.h. auf manuelle Tätigkeiten
bezogen und sie haben IV-fremde Faktoren (Qualifikation, Migrationshintergrund)
mitberücksichtigt; ihre Einschätzungen überzeugen deshalb nicht. Da der dem
Vergleich mit der Suva zugrunde liegende Erwerbsunfähigkeitsgrad von 50 %
hauptsächlich auf der Einschätzung von Dr. R._ (und damit auf dem
Arbeitsfähigkeitsgrad in einer nicht vollständig behinderungsadaptierten
Erwerbstätigkeit) basiert, kann er nicht übernommen werden. Dr. P._ hat angegeben,
der Beschwerdeführer sei bei einem Vollpensum zu 20 % vermindert leistungsfähig. Sie
hat allerdings nicht begründet, weshalb der Beschwerdeführer in einer adaptierten
Tätigkeit, bei der kein Hautekzem auftreten würde, vermehrte Pausen benötigen würde.
Auch ihre Einschätzung ist deshalb nicht überzeugend. Dr. G._ und Dr. P._ haben
erklärt, dass das Handekzem in den Zeiten, in denen der Beschwerdeführer keiner
Arbeitstätigkeit nachgegangen sei, relativ wenig ausgeprägt gewesen sei. Deshalb ist
fraglich, ob der Beschwerdeführer in einer voll-adaptierten Tätigkeit aus
dermatologischer Sicht überhaupt in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt wäre. Eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in einer optimal adaptierten Tätigkeit fiele wohl
einzig dann in Betracht, wenn ein Zusammenhang zwischen der psychischen
Verfassung des Beschwerdeführers und dem Handekzem bestünde. Dr. H._ hat im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anschluss an die Tätigkeit in der S._ AG erklärt, dass die Hautprobleme deutlich vom
Stressniveau abhingen. Diese Aussage wird zwar dadurch relativiert, dass es sich bei
der Tätigkeit in der S._ AG um eine nicht-optimal adaptierte Tätigkeit gehandelt hat.
Allerdings ist allgemein bekannt, dass die Psyche Auswirkungen auf Hauterkrankungen
haben kann. Die Sache ist deshalb gestützt auf Art. 43 Abs. 1 ATSG zur Abklärung, ob
es einen Zusammenhang zwischen dem Handekzem und dem psychischen
Gesundheitszustand gibt, an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
1.4 Als Nächstes ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aus psychischen Gründen in
seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt ist. Die im Recht liegenden psychiatrischen
Einschätzungen weisen grosse Differenzen auf. Als mögliche Diagnosen sind eine
rezidivierende depressive Störung, eine Persönlichkeitsänderung, eine langandauernde
Anpassungsstörung und ein Verdacht auf eine abhängige und passive Persönlichkeit
genannt worden. Zudem hat med. pract. Q._ erklärt, dass ihn ein Teil der
psychischen Beschwerden und des Verhaltens des Beschwerdeführers an ein
neurotisches Störungsbild und ein anderer Teil an die negative Symptomatik
schizophrener Krankheitsbilder, gegebenenfalls eine schizoaffektive Störung, erinnert
hätten. Auf das psychiatrische Teilgutachten der ABI GmbH kann aus den folgenden
Gründen nicht abgestellt werden: Erstens stehen der Einschätzung des ABI, dass keine
Persönlichkeitsänderung vorliege, die Einschätzungen von drei psychiatrischen
Fachärzten gegenüber. Zweitens ist fraglich, ob die zahlreichen beschriebenen
Beschwerden tatsächlich nur auf die schwierige psychosoziale Situation zurückgeführt
werden können. So hat der im Verfügungszeitpunkt erst _-jährige Beschwerdeführer in
den letzten Jahren eine Adipositas, eine Gereiztheit und Aggressivität sowie eine
ausgesprochene Passivität entwickelt und bei den beruflichen Abklärungen eine sehr
tiefe Leistungsfähigkeit, eine stark verminderte Belastbarkeit und
Konzentrationsfähigkeit sowie eine starke Anspannung gezeigt. Drittens ist der
Beschwerdeführer entgegen der Aussage von Dr. O._ nicht während Jahren
unbeeinträchtigt einer Arbeitstätigkeit nachgegangen: Von 1998 bis 2000 hat er für die
B._ AG gearbeitet. Nachdem ihm diese gekündigt hatte, hat er sich erstmals bei der
Invalidenversicherung angemeldet. Von 2000 bis 2002 hat er für die C._ AG
gearbeitet. Als ihm diese Stelle gekündigt wurde, hat er sich erneut bei der
Invalidenversicherung angemeldet. In der Folge hat er von 2004 bis 2006 bei der F._
AG gearbeitet. Auch diese Stelle ist ihm gekündigt worden, woraufhin sich der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer zum dritten Mal bei der Invalidenversicherung angemeldet hat. Zwar
sind die Kündigungen und die IV-Anmeldungen (vordergründig) aus somatischen
Gründen erfolgt. Dr. O._ hat jedoch selbst erklärt, dass der Beschwerdeführer seine
Arbeitsstellen nicht nur wegen des Handekzems, sondern auch wegen der Nacken-
und Schulterbeschwerden, der Magenbeschwerden und der Kraftlosigkeit aufgegeben
habe und dass er Mühe gehabt habe, sich in die Berufswelt zu integrieren. Und
schliesslich ist auch die Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht nachvollziehbar: So hat Dr.
O._ nicht angegeben, aufgrund welcher Symptome der Beschwerdeführer in seiner
Leistungsfähigkeit zu 20 % eingeschränkt sein soll. Festzuhalten bleibt jedoch, dass
auch das Verhalten und die Aussagen des Beschwerdeführers teilweise
widersprüchlich bzw. schwierig zu erklären sind: So hat Dr. H._ am 3. November
2011 berichtet, dass der Beschwerdeführer erstmals nach einem Konflikt mit der
Ehefrau diese körperlich angegriffen und bei einer anderen Gelegenheit aus nichtigem
Anlass eines der Kinder geschlagen und in die Wange gebissen habe. Aus dem Bericht
von Dr. H._ vom 1. April 2008 geht jedoch hervor, dass der Beschwerdeführer seine
Kinder bereits im Jahr 2007 "wegen Kleinigkeiten" geschlagen habe. Weiter hat der
Beschwerdeführer gegenüber Dr. H._ angegeben, sich an den Vorfall, als er eines
seiner Kinder gebissen und geschlagen habe, nicht mehr voll erinnern zu können. Med.
pract. Q._ hat diesen Erinnerungsverlust als dissoziativähnliche partielle Amnesie
qualifiziert. In den Akten sind jedoch keine weiteren Erinnerungsverluste verzeichnet.
Es stellt sich daher die Frage, ob der Beschwerdeführer den Erinnerungsverlust nicht
einfach vorgibt, weil er sich an diesen Vorfall nicht erinnern bzw. nicht darüber
sprechen will. Weiter haben weder Dr. O._ noch med. pract. Q._ die während den
beruflichen Abklärungen ausgeprägt vorhandenen Konzentrationsstörungen bzw.
Blockaden feststellen können. Und schliesslich hat der Beschwerdeführer während
eines Wiedereingliederungsversuchs (scheinbar problemlos) die Staplerprüfung
abgelegt, dann jedoch das Arbeitstraining als Staplerfahrer bei der L._ AG am
zweiten Tag aus Angst, irgendwo hineinzufahren, abbrechen müssen. Med.
pract. Q._ hat angegeben, dass es sehr schwierig sei, das Beschwerdebild
klassifikatorisch einzuordnen. Und Dr. T._ hat im März 2014, d.h. eineinhalb Jahre
nach Verfügungserlass, erklärt, dass aus den vorliegenden Akten keine abschliessende
Diagnosezuordnung der psychischen Symptomatik möglich sei und deshalb der
weitere Behandlungsverlauf abzuwarten sei. Beide Suva-Ärzte haben zudem eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hirnorganische/hirnneurologische Abklärung empfohlen. Aufgrund der Unsicherheiten
der Fachärzte und der divergierenden Diagnosen muss davon ausgegangen werden,
dass die Krankheitsentwicklung im Verfügungszeitpunkt noch nicht soweit
fortgeschritten gewesen ist, dass eine zuverlässige Diagnose gestellt werden kann. Die
Sache ist deshalb gestützt auf Art. 43 Abs. 1 ATSG zur Durchführung einer
hirnorganische/hirnneurologische Abklärung und zur anschliessenden psychiatrischen
Neubegutachtung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
1.5 Demnach ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die Sache ist wegen
der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes nach Art. 43 Abs. 1 ATSG an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Beschwerdegegnerin wird zum einen
abklären müssen, ob die psychische Verfassung einen Einfluss auf das Handekzem
hat. Zum anderen wird sie nach Durchführung einer hirnneurologischen/
hirnorganischen Untersuchung eine neue psychiatrische Begutachtung in Auftrag
geben müssen. Allerdings wird die psychiatrische Begutachtung erst erfolgen dürfen,
wenn der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers sich soweit entwickelt hat, dass
eine (zuverlässige) Diagnosestellung möglich ist.
2.
2.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird dem
Beschwerdeführer zurückerstattet.
2.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. In einem
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fall mit mittlerem Aufwand und Schwierigkeitsgrad wird praxisgemäss eine
Pauschalentschädigung von Fr. 3'500.-- ausgerichtet. Die Beschwerdegegnerin hat
den Beschwerdeführer entsprechend mit Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP