Decision ID: b7a65b81-56cc-47d8-987f-31bcda072966
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_006
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Verwaltungsgericht entnimmt den Akten:
A.
Die Beschwerdeführerin reiste am 11. April 2019 zur Vorbereitung der Hei-
rat in die Schweiz ein und heiratete gleichentags ihren heutigen Ehemann,
B., geb. tt.mm.jjjj., türkischer Staatsangehöriger mit Nie-
derlassungsberechtigung für die Schweiz (Akten des Amtes für Migration
und Integration [MI-act.] 38, 47 ff., 63). Die Beschwerdeführerin erhielt am
12. Juni 2019 eine Aufenthaltsbewilligung zwecks Verbleibs bei ihrem Ehe-
mann, welche nach mehrmaliger Verlängerung zuletzt bis zum 30. April
2022 gültig war (MI-act. 63, 75, 81).
Am 4. November 2021 trennte sich das Ehepaar nach einer Auseinander-
setzung und der Ehemann der Beschwerdeführerin zog aus der ehelichen
Wohnung aus (MI-act. 173). Am 12. November 2021 liess die Beschwer-
deführerin durch ihren Rechtsvertreter beim Bezirksgericht Y. ein Ehe-
schutzverfahren einleiten (act. 104, 106, 108 f., 113 f.).
Nachdem der Ehemann der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 9. No-
vember 2021 das Amt für Migration und Integration Kanton Aargau (MIKA)
über seinen Verdacht auf Scheinehe in Kenntnis gesetzt hatte, liess das
MIKA diesem am 16. November 2021 ein Schreiben mit einem Frage-
katalog zum Verdacht auf Scheinehe zukommen (MI-act. 85, 117 f.). Dieser
beantwortete die Fragen mit undatiertem Schreiben, eingegangen beim
MIKA am 25. November 2021, und bestätigte, von der Beschwerdeführerin
getrennt zu sein und nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung zu leben
(MI-act. 115 f.).
Mit Schreiben vom 26. November 2021 gewährte das MIKA der Beschwer-
deführerin das rechtliche Gehör betreffend Nichtverlängerung der Aufent-
haltsbewilligung und Wegweisung (MI-act. 127 f.), wovon diese keinen Ge-
brauch machte.
Am 28. Januar 2022 verfügte das MIKA die Nichtverlängerung der am
30. April 2022 ablaufenden Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin
und wies diese unter Ansetzung einer 60-tägigen Ausreisefrist aus der
Schweiz weg (MI-act. 141 ff.).
B.
Gegen die Verfügung des MIKA vom 28. Januar 2022 erhob die Beschwer-
deführerin mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 28. Februar 2022 beim
Rechtsdienst des MIKA (Vorinstanz) Beschwerde (richtig: Einsprache; MI-
act. 151 ff.).
Die Beschwerdeführerin machte in ihrer Einsprache geltend, sie habe die
Ehegemeinschaft mit ihrem Ehemann in der ehelichen Wohnung wieder
- 3 -
aufgenommen. Sie seien beide entschlossen, die Ehe weiterzuführen (MI-
act. 152). Am 15. März 2022 teilte die Einwohnerkontrolle X. dem MIKA mit,
dass das Ehepaar weiterhin an derselben Adresse gemeldet sei. Der
Ehemann habe demgegenüber noch im Januar 2022 am Schalter
geäussert, von seiner Ehefrau getrennt zu sein und in separaten Zimmern
zu schlafen (MI-act. 166).
Mit Verfügung vom 24. März 2022 stellte das MIKA der Beschwerdeführerin
unter anderem die Aktennotiz vom 15. März 2022 aus der Korrespondenz
mit der Einwohnerkontrolle X. zur Kenntnis und Stellungnahme zu (MI-
act. 164 f.). Diese nahm mit Schreiben ihres Rechtsvertreters am 30. März
2022 Stellung und verwies im Wesentlichen auf die mit der Einsprache vom
28. Februar 2022 eingereichten Aufnahmen, aus welchen zweifelsfrei
hervorgehe, dass die Beschwerdeführerin nach wie vor ein Ehe- und
Liebesverhältnis mit ihrem Ehemann unterhalte (MI-act. 180 f.).
Mit Schreiben vom 29. April 2022 erkundigte sich das MIKA beim Ehemann
der Beschwerdeführerin über die eheliche Situation (MI-act. 191 f.). Nach-
dem der Ehemann dem MIKA am 4. Mai 2022 bereits telefonisch die Tren-
nung von der Beschwerdeführerin bestätigt hatte, nahm er gleichentags
schriftlich Stellung und gab im Wesentlichen an, nicht als Ehepaar mit der
Beschwerdeführerin zusammenzuleben, sondern einzig aus gesundheit-
lichen Gründen wieder in die gemeinsame Wohnung eingezogen zu sein.
Man schlafe jedoch in separaten Zimmern (MI-act. 195 ff.).
Die Vorinstanz erliess am 2. Juni 2022 folgenden Einspracheentscheid
(act. 1 ff.):
1. Die Einsprache wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gebühren erhoben.
3. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.
Auf die Begründung wird, soweit erforderlich, in den folgenden Erwägungen
eingegangen.
C.
Mit Eingabe ihrer aktuellen Rechtsvertreterin vom 4. Juli 2022 erhob die
Beschwerdeführerin beim Verwaltungsgericht des Kantons Aargau (Ver-
waltungsgericht) Beschwerde und stellte folgende Anträge (act. 12 ff.):
- 4 -
1. Es sei der Einspracheentscheid des Amtes für Migration und Integration Aarau vom 20. Juni 2022 (richtig: 2. Juni 2022) betreffend  der Aufenthaltsbewilligung und Wegweisung aus der Schweiz .
2. Es sei der Beschwerdeführerin eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen.
3. Unter o/e Kostenfolge, wobei der Beschwerdeführerin die ungeteilte  Prozessführung mit der Unterzeichneten als Vertreterin zu  sei.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Vorinstanz.
Die Begründung ergibt sich, soweit erforderlich, aus den nachstehenden
Erwägungen.
Mit Instruktionsverfügung vom 7. Juli 2022 wurde das Gesuch der Be-
schwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege mangels nachgewie-
sener Bedürftigkeit abgelehnt (act. 118 ff.). Nach Eingang des Kostenvor-
schusses verzichtete die Vorinstanz auf eine Beschwerdeantwort, bean-
tragte die Abweisung der Beschwerde und reichte aufforderungsgemäss
die Akten ein (act. 126, 132).
Das Verwaltungsgericht hat am 31. August 2022 eine Verhandlung mit Par-
teibefragung durchgeführt und den Ehemann der Beschwerdeführerin, B.,
als Zeugen einvernommen (Protokoll der Verhandlung vom 31. August
2022 [Protokoll] S. 14, act. 165).
Da sich anlässlich der Parteibefragung gezeigt hatte, dass die Beschwer-
deführerin weder Deutsch verstand noch sprach, wurde sie mit Beschluss
vom 5. September 2022 aufgefordert zu ihrer sprachlichen Integration Stel-
lung zu nehmen (act. 194 f.). Dem kam die Beschwerdeführerin mit Ein-
gabe ihrer Rechtsvertreterin vom 13. September 2022 nach und reichte
zwei Bestätigungen zu Kursbesuchen und eine Bescheinigung über einen
digitalen Sprachtest ein, wonach sie sowohl schriftlich als auch mündlich
das Sprachniveau A1 erreicht habe (act. 196 ff.). Mit E-Mail vom 20. Sep-
tember 2022 reichte der Ehemann der Beschwerdeführerin den E-Mail-Ver-
kehr zwischen ihm und der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin samt
Beilagen ein (act. 209 ff.), worauf die Unterlagen den Parteien zur Kennt-
nisnahme zugestellt wurden (act. 220 f.).
Mit Eingabe vom 29. September 2022 reichte der Ehemann der Beschwer-
deführerin ein Schreiben mit einem Fragekatalog an die Rechtsvertreterin
der Beschwerdeführerin ein (act. 222a). Mit E-Mail vom 9. Oktober 2022
- 5 -
und Schreiben vom 11. Oktober 2022 machte der Ehemann der Beschwer-
deführerin weitere Angaben zur Situation mit der Beschwerdeführerin in der
gemeinsamen Wohnung (act. 227 ff., 235 ff.). Ebenfalls am 11. Oktober
2022 reichte der Ehemann der Beschwerdeführerin den weiteren E-Mail-
Verkehr mit der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin ein (act. 232 ff.).
Mit Schreiben vom 10. Oktober 2022 informierte die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin das Verwaltungsgericht über die neue Anstellung der
Beschwerdeführerin und reichte entsprechende Beilagen ein (act. 222b ff.).
Mit Eingabe vom 24. Oktober 2022 liess die Beschwerdeführerin durch ihre
Rechtsvertreterin weitere Angaben zur Situation in der gemeinsamen Woh-
nung mit ihrem Ehemann machen und entsprechende Beilagen einreichen
(act. 244 ff.).
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 31. Oktober 2022 wurden die
Eingaben des Ehemannes vom 9. und 11. Oktober 2022 der Rechtsvertre-
terin der Beschwerdeführerin zur Kenntnisnahme zugestellt. Mit derselben
instruktionsrichterlichen Verfügung vom 31. Oktober 2022 wurden die Ein-
gabe des Ehemannes vom 29. September 2022 sowie die Eingaben der
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin vom 10. und 24. Oktober 2022
der Vorinstanz zur Kenntnisnahme zugestellt (act. 256 f.).
Mit Schreiben vom 31. Oktober 2022 setzte die Rechtsvertreterin der Be-
schwerdeführerin das Verwaltungsgericht über einen (noch nicht einge-
reichten) Sozialhilfeantrag des Ehemannes in Kenntnis und teilte mit, dass
die Beschwerdeführerin weiterhin in der ehelichen Wohnung lebe
(act. 258 f.). Zudem reichte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
mit gleicher Eingabe ein Schreiben vom 31. Oktober 2022 an die Gemeinde
X. betreffend Antrag auf Sozialhilfe des Ehemannes ein (act. 260 f.).
Im Anschluss an die Verhandlung vom 31. August 2022 hat das Verwal-
tungsgericht den Fall erstmals beraten und in der Folge auf dem Zirkular-
weg entschieden (vgl. § 7 des Gerichtsorganisationsgesetzes vom 6. De-
zember 2011 [GOG; SAR 155.200]).

Considerations:
Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung:
I.
1.
Einspracheentscheide des MIKA können innert 30 Tagen seit Zustellung
mit Beschwerde an das Verwaltungsgericht weitergezogen werden (§ 9
Abs. 1 des Einführungsgesetzes zum Ausländerrecht vom 25. November
2008 [EGAR; SAR 122.600]). Beschwerden sind schriftlich einzureichen
und müssen einen Antrag sowie eine Begründung enthalten; der angefoch-
tene Entscheid ist anzugeben, allfällige Beweismittel sind zu bezeichnen
- 6 -
und soweit möglich beizufügen (§ 2 Abs. 1 EGAR i.V.m. § 43 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege vom 4. Dezember 2007 [Verwaltungs-
rechtspflegegesetz, VRPG; SAR 271.200]).
Die Beschwerdeführerin beantragt mit ihrer Beschwerde unter anderem, es
sei ihr eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen. Das Verwaltungsgericht
kann jedoch keine Aufenthaltsbewilligungen erteilen oder verlängern. Der
Antrag ist daher so zu verstehen, dass das MIKA anzuweisen sei, die ab-
gelaufene Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin zu verlängern
bzw. ihr eine neue Aufenthaltsbewilligung zu erteilen.
Nachdem sich die Beschwerde gegen den Einspracheentscheid der
Vorinstanz vom 2. Juni 2022 richtet, ist die Zuständigkeit des Verwaltungs-
gerichts gegeben und auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist, unter Beachtung der vorstehenden Präzisierung, einzutreten.
2.
Unter Vorbehalt abweichender bundesrechtlicher Vorschriften oder Best-
immungen des EGAR können mit der Beschwerde an das Verwaltungsge-
richt einzig Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung oder Miss-
brauch des Ermessens, und unrichtige oder unvollständige Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhaltes gerügt werden. Die Ermessensüber-
prüfung steht dem Gericht jedoch grundsätzlich nicht zu (§ 9 Abs. 2 EGAR;
vgl. auch § 55 Abs. 1 VRPG). Schranke der Ermessensausübung bildet
das Verhältnismässigkeitsprinzip (vgl. BENJAMIN SCHINDLER, in: MARTINA
CARONI/THOMAS GÄCHTER/DANIELA THURNHERR [Hrsg.], Stämpflis Hand-
kommentar zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer
[AuG], Bern 2010, N. 7 zu Art. 96 mit Hinweisen). In diesem Zusammen-
hang hat das Verwaltungsgericht gemäss bundesgerichtlicher Recht-
sprechung insbesondere zu klären, ob die Vorinstanz die gemäss Art. 96
des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die
Integration vom 16. Dezember 2005 (Ausländer- und Integrationsgesetz,
AIG; SR 142.20) relevanten Kriterien (öffentliche Interessen, persönliche
Verhältnisse, Integration) berücksichtigt hat und ob diese rechtsfehlerfrei
gewichtet wurden (vgl. BENJAMIN SCHINDLER, a.a.O., N. 9 zu Art. 96).
Schliesslich ist im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zu entscheiden, ob
die getroffene Massnahme durch ein überwiegendes öffentliches Interesse
gerechtfertigt erscheint (sog. Verhältnismässigkeit im engeren Sinn).
II.
1.
1.1.
Die Vorinstanz hält im angefochtenen Entscheid fest, die Beschwerdefüh-
rerin und ihr niederlassungsberechtigter Ehemann hätten sich am 4. No-
vember 2021 getrennt. Der Wiedereinzug in die gemeinsame Wohnung
durch den Ehemann sei aus gesundheitlichen Gründen erfolgt und hätte
- 7 -
nicht zur Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft geführt. Es gebe
keine Indizien dafür, dass die Ehegemeinschaft demnächst wieder aufge-
nommen würde. Folglich habe die Beschwerdeführerin keinen Anspruch
auf Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 43 AIG. Da
die eheliche Gemeinschaft weniger als drei Jahre bestanden habe, könne
sie auch aus Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG keinen Anspruch auf Verlängerung
ihrer Aufenthaltsbewilligung ableiten. Ein Anspruch gestützt auf Art. 50
Abs. 1 lit. b AIG sei ebenfalls zu verneinen. Zur Begründung führt die
Vorinstanz im Wesentlichen aus, dass die Beschwerdeführerin zwar am
4. November 2021 Opfer ehelicher Gewalt geworden sei, die geschilderten
Vorfälle jedoch nicht die Intensität und den Umfang im Sinne der Recht-
sprechung erreichen würden. Auch ein schwerwiegender persönlicher Här-
tefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG sei zu verneinen. Die Nichtver-
längerung der Aufenthaltsbewilligung und die Wegweisung der Beschwer-
deführerin seien zudem mit Art. 8 der Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK;
SR 0.101) sowie Art. 13 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweize-
rischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) vereinbar.
1.2.
Die Beschwerdeführerin stellt sich in ihrer Beschwerde demgegenüber
sinngemäss auf den Standpunkt, sie habe gestützt auf Art. 43 Abs. 1 AIG,
Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG sowie Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AIG
einen Anspruch auf Verlängerung ihrer Aufenthaltsbewilligung. Zunächst
lebe der Ehemann der Beschwerdeführerin wieder mit ihr in der gemeinsa-
men Wohnung und sie führe mit diesem eine eheliche Beziehung. Damit
seien alle Voraussetzungen von Art. 43 Abs. 1 AIG erfüllt, insbesondere
das Erfordernis des Zusammenlebens. Auch aus Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG
lasse sich ein Anspruch auf Verlängerung ihrer Aufenthaltsbewilligung ab-
leiten. Sie lebe seit April 2019 und – abgesehen von einem Unterbruch vom
4. November 2021 bis 27. Dezember 2021 – bis auf weiteres mit ihrem
Ehemann zusammen und erfülle somit die Voraussetzung des dreijährigen
Zusammenlebens. Zudem lägen wichtige persönliche Gründe gemäss
Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AIG vor, da sie Opfer ehelicher Ge-
walt geworden sei. Ihr Ehemann habe sie verprügelt und beleidigt. Sie habe
ihn nur einmal angezeigt, sei jedoch mehrmals von ihm beleidigt worden.
2.
2.1.
Aufenthaltsbewilligungen sind befristet und erlöschen mit Ablauf ihrer Gül-
tigkeitsdauer (Art. 33 Abs. 3 i.V.m. Art. 61 Abs. 1 lit. c AIG). Spricht jedoch
nichts gegen eine Bewilligungsverlängerung, wird diese praxisgemäss ver-
fügt. Das AIG enthält keine Bestimmungen, welche die Kriterien für die
Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbewilligung festlegen. Art. 33 Abs. 3
AIG normiert lediglich, dass eine Aufenthaltsbewilligung verlängert werden
kann, wenn keine Widerrufsgründe nach Art. 62 Abs. 1 AIG vorliegen. Wie
- 8 -
mit Entscheid des Verwaltungsgerichts WBE.2021.346 vom 28. März 2022,
Erw. II/2.1 festgehalten, setzt die Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbe-
willigung einen Nichtverlängerungsgrund voraus. Dieser kann entweder in
einem Widerrufsgrund nach Art. 62 Abs. 1 AIG bestehen oder sich aus
einer ständigen, rechtsgleich gehandhabten Praxis des MIKA ergeben.
2.2.
Wird die Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbewilligung damit begründet,
dass der Aufenthaltszweck dahingefallen sei, besteht der Nichtverlänge-
rungsgrund darin, dass die betroffene Person eine mit der Bewilligungs-
erteilung verbundene Bedingung nicht mehr erfüllt, womit der Widerrufs-
bzw. Nichtverlängerungsgrund von Art. 62 Abs. 1 lit. d AIG erfüllt ist (Ent-
scheid des Verwaltungsgerichts WBE.2022.67 vom 1. Juni 2022,
Erw. II/2.2, eingehend WBE.2021.346 vom 28. März 2022, Erw. II/2.2).
2.3.
Wie jede behördliche Massnahme müssen auch die Nichtverlängerung
einer Aufenthaltsbewilligung und die gemäss Art. 64 Abs. 1 lit. c AIG damit
verbundene Wegweisung verhältnismässig sein (Art. 5 Abs. 2 BV und
Art. 96 Abs. 1 AIG; vgl. BGE 135 II 377, Erw. 4.3) und verlangen folglich
nach einer Interessenabwägung unter den Gesichtspunkten von Art. 96
Abs. 1 AIG.
Da sich die Prüfung der Verhältnismässigkeit der Nichtverlängerung und
Wegweisung erübrigt, wenn die betroffene Person einen Anspruch auf Er-
teilung einer Bewilligung hat oder ihr ermessensweise eine Bewilligung zu
erteilen ist, ist die Verhältnismässigkeitsprüfung zunächst zurückzustellen
und es ist vorab zu klären, ob der betroffenen Person gestützt auf eine An-
spruchs- oder Ermessensbestimmung eine Bewilligung zusteht (Entscheid
des Verwaltungsgerichts WBE.2022.67 vom 1. Juni 2022, Erw. II/2.3, ein-
gehend zum Ganzen WBE.2021.346 vom 28. März 2022, Erw. II/2.3 f.).
3.
In einem ersten Schritt ist zu prüfen, ob ein Nichtverlängerungsgrund vor-
liegt (siehe vorne Erw. 2.1).
Die Beschwerdeführerin verfügte aufgrund ihres Aufenthalts als Ehegattin
eines Niederlassungsberechtigten ab dem 12. Juni 2019 über eine abge-
leitete Aufenthaltsbewilligung. Zulassungsgrund war die Eheschliessung
und das Zusammenleben in ehelicher Gemeinschaft war Aufenthaltszweck
und gleichsam Bedingung für die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung.
Aufgrund der Aussagen der Ehegatten anlässlich der Partei- und Zeugen-
befragung vom 31. August 2022 und der im Nachgang zur Verhandlung
eingegangenen Korrespondenz ist erstellt, dass die Ehegatten getrennt
leben (siehe auch hinten Erw. 5.2). Damit wird der Aufenthaltszweck bzw.
- 9 -
die mit der Bewilligungserteilung verbundene Bedingung nicht mehr einge-
halten, womit der Widerrufsgrund von Art. 62 Abs. 1 lit. d AIG erfüllt ist.
Nach dem Gesagten steht fest, dass ein Nichtverlängerungsgrund vorliegt.
Vor der Prüfung der Verhältnismässigkeit der Nichtverlängerung der Auf-
enthaltsbewilligung ist zu klären, ob ein Rechtsanspruch auf Erteilung oder
Verlängerung einer Aufenthaltsbewilligung besteht, oder ob die ermes-
sensweise Verlängerung der bisherigen oder Erteilung einer neuen Aufent-
haltsbewilligung zur Diskussion steht (siehe vorne Erw. 2.3).
4.
Da die Beschwerdeführerin (siehe hinten Erw. 5.2) nicht mehr mit ihrem
niederlassungsberechtigten Ehemann in ehelicher Gemeinschaft zusam-
menlebt und keine Aussicht auf Wiedervereinigung besteht, hat sie im heu-
tigen Zeitpunkt auch keinen auf Art. 43 Abs. 1 AIG gestützten Anspruch
mehr auf Verlängerung ihrer Aufenthaltsbewilligung.
5.
5.1.
Verfügen Ehegatten gestützt auf Art. 43 AIG über eine abgeleitete Aufent-
haltsbewilligung, haben sie gemäss Art. 50 Abs. 1 AIG nach Auflösung der
Ehegemeinschaft Anspruch auf Erteilung einer neuen Aufenthaltsbewilli-
gung und deren Verlängerung, wenn die Ehegemeinschaft mindestens drei
Jahre bestanden hat und die Integrationskriterien nach Art. 58a AIG erfüllt
sind (lit. a) oder wichtige persönliche Gründe einen weiteren Aufenthalt in
der Schweiz erforderlich machen (lit. b).
5.2.
5.2.1.
Die in Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG über eine Dauer von drei Jahren geforderte
Ehegemeinschaft besteht nach ständiger bundesgerichtlicher Rechtspre-
chung grundsätzlich solange, als die Eheleute in der Schweiz in ehelicher
Gemeinschaft, d.h. mit dem beidseitigen Willen, eine Ehe zu führen, zu-
sammenleben (BGE 136 II 113, Erw. 3.3; 140 II 289, Erw. 3.5.1; Urteil des
Bundesgerichts 2C_436/2020 vom 2. Juli 2020, Erw. 3.2; vgl. MARC
SPESCHA, in: MARC SPESCHA/ANDREAS ZÜND/PETER BOLZLI/CONSTANTIN
HRUSCHKA/FANNY DE WECK [Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 5. Aufl.,
Zürich 2019, N. 4 zu Art. 50 AIG).
Die Dreijahresfrist ist absoluter Natur. Fehlen auch nur wenige Tage, fällt
ein Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung gestützt auf
Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG ausser Betracht (Urteil des Bundesgerichts
2C_654/2020 vom 18. Februar 2021, Erw. 3.1 mit weiteren Hinweisen). Sie
beginnt nach der Eheschliessung mit der Aufnahme des tatsächlichen Zu-
sammenlebens der Ehegatten in der Schweiz zu laufen (vgl.
BGE 140 II 345, Erw. 4.1).
- 10 -
Grundsätzlich ist für die Bestimmung der Erfüllung der Dreijahresfrist auf
die nach aussen wahrnehmbare eheliche Wohngemeinschaft abzustellen
(vgl. zum Ganzen BGE 137 II 345, Erw. 3.1.2; Urteil des Bundesgerichts
2C_708/2021 vom 15. November 2021, Erw. 3.1). Leben die Ehegatten ge-
trennt und besteht die Ehegemeinschaft weiter, ist die Zeit des Getrennt-
lebens dann an die Dreijahresfrist anzurechnen, wenn wichtige Gründe für
das Getrenntleben vorliegen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_544/2010
vom 23. Dezember 2010, Erw. 2.3.1). Wichtige Gründe für ein zulässiges
Getrenntleben können gemäss Art. 76 der Verordnung über Zulassung,
Aufenthalt und Erwerbstätigkeit vom 24. Oktober 2007 (VZAE;
SR 142.201) insbesondere in beruflichen Verpflichtungen oder erheblichen
aber vorübergehenden familiären Problemen liegen.
Steht fest, dass kein beidseitiger Wille zur Fortführung der Ehegemein-
schaft mehr besteht, ist das weitere Zusammenleben nicht an die Dreijah-
resfrist anrechenbar. Dies gilt insbesondere, wenn sich die Ehegatten in
rechtsmissbräuchlicher Weise einzig deshalb auf ihre Ehe berufen, um die
Vorschriften über die Zulassung und den weiteren Aufenthalt zu umgehen
(Art. 51 Abs. 1 lit. a und Abs. 2 lit. a AIG; vgl. THOMAS HUGI YAR, Von Tren-
nungen, Härtefällen und Delikten – Ausländerrechtliches rund um die Ehe-
und Familiengemeinschaft, in: ALBERTO ACHERMANN/CESLA
AMARELLE/MARTINA CARONI/ASTRID EPINEY/WALTER KÄLIN/PETER
UEBERSAX [Hrsg.], Jahrbuch für Migrationsrecht 2012/2013, Bern 2013,
S. 57 ff., 69 f. mit weiteren Hinweisen).
Ob der gemeinsame Wille zur Fortführung der Ehegemeinschaft weiter-
besteht, ist aufgrund sämtlicher Umstände des Einzelfalles zu ermitteln
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_377/2020 vom 23. Juli 2020, Erw. 3.4
mit weiteren Hinweisen). Gleiches muss für die Prüfung der Frage gelten,
ob die Voraussetzungen von Art. 49 AIG erfüllt sind.
5.2.2.
Vorliegend begann die Dreijahresfrist mit der Heirat der Beschwerdeführe-
rin und ihrem Ehemann am 11. April 2019 zu laufen und endete am
10. April 2022. Mit Urteil vom 20. Dezember 2021 stellte das Bezirksgericht
Y. fest, dass die Ehegatten zum Getrenntleben auf unbestimmte Zeit
berechtigt sind und seit dem 4. November 2021 getrennt leben (MI-
act. 173). Umstritten ist, ob die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann nach
dem 4. November 2021 die Ehegemeinschaft im Sinne von Art. 50 Abs. 1
lit. a AIG wieder aufgenommen haben. Diesbezüglich gehen die Vorbringen
der Beschwerdeführerin und ihres Ehemannes, die im Rahmen ihrer Ein-
gaben und ihrer Aussagen anlässlich der Partei- und Zeugenbefragung
vom 31. August 2022 gemacht wurden, auseinander.
- 11 -
Die Beschwerdeführerin stellt sich grundsätzlich auf den Standpunkt, wei-
terhin in ehelicher Gemeinschaft mit ihrem Ehemann zu leben (Protokoll
S. 8, act. 159; act. 12 ff., 19 f.). Es sei vom 4. November 2021 bis zum
27. Dezember 2021 wegen ehelicher Probleme zu einer Unterbrechung
des Zusammenlebens gekommen, wobei die Ehegatten nach dieser Unter-
brechung das eheliche Zusammenleben wiederaufgenommen hätten
(act. 17). So hätten die Ehegatten im Februar 2022 ihre Ferien gemeinsam
in Spanien bei der Tochter der Beschwerdeführerin verbracht (Protokoll
S. 8, 24, act. 159, 175; act. 18, 89). Sie und ihr Ehemann würden zudem
gemeinsam Freizeitaktivitäten nachgehen (vgl. Protokoll S. 8, 29, act. 159,
180) und er kümmere sich um ihre administrativen Angelegenheiten, wie
den Abschluss einer Touring Club Suisse Mitgliedschaft oder der Vorberei-
tung von Dokumenten für die Versicherung (Protokoll S. 31, act. 182;
act. 17 ff., 87 f., 105 ff.). Als Nachweis reichte die Beschwerdeführerin
(unter anderem) zahlreiche Fotoaufnahmen von Januar bis Juli 2022 ein,
auf welchen sie und ihr Ehemann gemeinsam zu sehen sind sowie nament-
lich solche, welche intime Szenen zwischen der Beschwerdeführerin und
ihrem Ehemann zeigen (act. 78 ff., 89 ff.; MI-act. 182 ff.).
Demgegenüber gab der Ehemann der Beschwerdeführerin an, dass die
Ehe aus seiner Sicht im Oktober/November 2021 gescheitert sei (Protokoll
S. 15, 26, act. 166, 177) und er keine Chance auf Wiedervereinigung sehe
(Protokoll S. 27, act. 178). Seine Ehefrau habe ihn mit vielen Männern be-
trogen und sei seither für ihn gestorben (Protokoll S. 26 f., act. 177 f.). Er
sei zwar wieder in seine frühere Wohnung gezogen, in welcher seine Ehe-
frau weiterhin gelebt habe und noch lebe. Dies jedoch nur aus gesundheit-
lichen Gründen, da er wegen eingeschränkter Mobilität keine Treppen habe
steigen können und deshalb darauf angewiesen gewesen sei, wieder in der
bisherigen Wohnung leben zu können (Protokoll S. 21, act. 172). Auf den
Vorhalt, es existierten Fotos, welche auf eine sexuelle Beziehung hindeu-
ten würden, gab der Ehemann anlässlich der mündlichen Befragung zu
Protokoll, er habe zwar weiterhin eine sexuelle Beziehung zu seiner Ehe-
frau gehabt, mehr jedoch nicht. Es gebe von seiner Seite aus keine Bezie-
hung mehr, es sei vorbei und er wolle nur noch, dass sie nicht mehr in
seiner Wohnung wohne und er allein leben könne. Er wolle sie nicht mehr
(Protokoll S. 21 f., 24, 26, act. 171 f., 175, 177). Nach Spanien in die Ferien
sei er nur deshalb geflogen, weil ihm die Kosten für den Flug nicht zurück-
erstattet worden wären (Protokoll S. 24, act. 175). Sinngemäss brachte er
weiter vor, er habe seiner Ehefrau einzig aus Gutmütigkeit bei administra-
tiven Angelegenheiten geholfen (Protokoll S. 31 f., act. 182 f.).
Die Beschwerdeführerin räumte schliesslich anlässlich ihrer Befragung
vom 31. August 2022 ein, dass ihr Ehemann nach seinem Wiedereinzug
ihr gegenüber geäussert habe, lediglich mit ihr zusammenzuwohnen, je-
doch getrennt zu sein (Protokoll S. 9, act. 160). Er habe sich geweigert, die
- 12 -
Rückzugs- und Einverständniserklärung vom 14. Januar 2022 zu unter-
zeichnen, mit welcher das Eheschutzverfahren hätte zurückgezogen wer-
den sollen und mit welcher festgehalten worden wäre, dass die ehelichen
Meinungsverschiedenheiten beigelegt worden seien (Protokoll S. 9,
act. 160; MI-act. 155).
Nach dem Gesagten steht fest, dass die Ehegatten sich am 4. November
2021 getrennt und in der Folge nicht mehr in ehelicher Gemeinschaft im
Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG zusammengelebt haben. Auch wenn der
Ehemann am 27. Dezember 2021 wieder in die gemeinsame Wohnung ge-
zogen ist, lässt dies nicht darauf schliessen, dass die Ehegemeinschaft
wieder aufgenommen wurde, da die Wiederaufnahme einer Ehegemein-
schaft den Willen beider Ehegatten zur Führung einer ehelichen Real-
beziehung, d.h. einer Paarbeziehung von einer gewissen Festigkeit, Inten-
sität und Lebensdurchdringung (SEBASTIAN KEMPE, Die Scheinehe – im
ausländer- und im zivilstandsrechtlichen Verwaltungsverfahren,
Zürich/Basel/Genf 2020, Rz. 66, 69 ff.), voraussetzt. Ein solcher Wille war
beim Ehemann der Beschwerdeführerin gemäss eigenen Aussagen seit
der Trennung im November 2021 nicht mehr vorhanden. Objektiv erkenn-
bar ist der fehlende Wille zur Führung einer Ehegemeinschaft mit seiner
Aussage gegenüber der Einwohnerkontrolle X. anlässlich seiner
Schaltervorsprache im Januar 2022 – das heisst bereits wenige Tage nach
seinem Wiedereinzug in die gemeinsame Wohnung – geworden. Dabei
brachte er vor, er lebe zwar in der gleichen Wohnung wie seine Ehefrau,
jedoch getrennt von ihr und schlafe in einem anderen Zimmer (MI-act. 166).
An diesem Standpunkt hielt der Ehemann der Beschwerdeführerin in seiner
Eingabe an das MIKA vom 4. Mai 2022 (MI-act. 195) und anlässlich der
Partei- und Zeugenbefragung am 31. August 2022 (act. 152 – 188 passim)
fest. Dass ihr Ehemann die Ehegemeinschaft trotz Wiedereinzug in die
Wohnung und trotz erneuter sexueller Kontakte nicht wieder aufnehmen
wollte, war der Beschwerdeführerin offenbar bereits Mitte Januar 2022
bewusst (Protokoll S. 9, act. 160) und lässt die Behauptungen des
Ehemanns als plausibel erscheinen. Die Beschwerdeführerin vermag denn
auch nicht glaubhaft darzulegen, weshalb sie davon ausgehen durfte, dass
sie und ihr Ehemann weiterhin in ehelicher Gemeinschaft lebten. Auch dass
die Ehegatten weiterhin eine sexuelle Beziehung miteinander führten,
ändert daran nichts. Die sexuelle Beziehung stellt vorliegend kein Indiz für
einen bestehenden Ehewillen des Ehemannes dar, zumal dieser eigenen
sexuellen Beziehungen mit Drittpersonen keine Bedeutung beimisst. So
bringt er vor, Sex und Gefühle zu trennen und gibt an, dass es für ihn
normal sei, auch mit einer anderen Frau zu schlafen (Protokoll S. 21, 27,
act. 172, 178).
Vor diesem Hintergrund erweist sich die Behauptung der Beschwerdefüh-
rerin, wonach die eheliche Gemeinschaft mit dem Wiedereinzug ihres Ehe-
- 13 -
mannes in die gemeinsame Wohnung im Dezember 2021 wieder aufge-
nommen worden sei, als unzutreffend. Nicht entscheidrelevant für die Be-
urteilung der Frage, ob die Ehegemeinschaft wieder aufgenommen wurde,
ist zudem der Standpunkt der Beschwerdeführerin, sie halte weiterhin an
ihrer Ehe fest (Protokoll S. 35, act. 186). Massgebend ist der gemeinsame
Ehewille beider Ehegatten, welcher bei ihrem Ehemann offensichtlich fehlt.
Damit ist die Vorinstanz zu Recht davon ausgegangen, dass die Ehege-
meinschaft mit der Trennung am 4. November 2021 endete und nicht wie-
der aufgenommen worden ist. Die eheliche Gemeinschaft dauerte somit
keine drei Jahre.
5.2.3.
Damit ist bei der Beschwerdeführerin die Anspruchsvoraussetzung der
dreijährigen Ehegemeinschaft gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG nicht erfüllt.
Ein Anspruch auf Erteilung einer neuen Aufenthaltsbewilligung und deren
Verlängerung gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG kommt folglich nicht in
Betracht.
5.3.
5.3.1.
Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. b
i.V.m. Abs. 2 AIG einen Anspruch auf Verbleib in der Schweiz hat, weil
wichtige persönliche Gründe einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz er-
forderlich machen.
5.3.2.
5.3.2.1.
Die Anspruchsregelung von Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG kommt zum Tragen,
wenn die anrechenbare eheliche Gemeinschaft weniger als drei Jahre ge-
dauert hat und/oder die Integrationskriterien nach Art. 58a AIG nicht erfüllt
sind (womit ein Anspruch gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG ausser Be-
tracht fällt), jedoch aufgrund der gesamten Umstände ein nachehelicher
Härtefall vorliegt. Dies ist dann der Fall, wenn es für den nachgezogenen
Ehegatten aufgrund der Umstände eine unzumutbare Härte darstellen
würde, müsste er die Schweiz nach Auflösung der Ehegemeinschaft wieder
verlassen. Der Härtefall muss sich aus der Lebenssituation der betroffenen
Person nach der Auflösung der Ehe und dem Dahinfallen der gestützt auf
die Ehe erteilten Anwesenheitsberechtigung ergeben. Gemäss Art. 50
Abs. 2 AIG können wichtige persönliche Gründe, die einen weiteren Auf-
enthalt in der Schweiz erforderlich machen – d.h. einen nachehelichen Här-
tefall im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG begründen – namentlich dann
vorliegen, wenn der nachgezogene Ehegatte Opfer ehelicher Gewalt ge-
worden ist oder dieser die Ehe nicht aus freiem Willen geschlossen hat oder
die soziale Wiedereingliederung im Herkunftsland stark gefährdet er-
scheint. Rechtsprechungsgemäss kann darüber hinaus insbesondere auch
- 14 -
der Tod des nachziehenden Ehegatten oder die Beziehung zu einem an-
wesenheitsberechtigten gemeinsamen Kind dazu führen, dass dem nach-
gezogenen Ehegatten ein nachehelicher Härtefall zu attestieren ist (ein-
gehend zum Ganzen Entscheid des Verwaltungsgerichts WBE.2020.401
vom 27. Juni 2022, Erw. II/5.3.2.1 unter Verweis auf das Urteil des Bundes-
gerichts 2C_830/2010 vom 10. Juni 2011, Erw. 3.1).
5.3.2.2.
Bei der Beurteilung, ob wichtige Gründe im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b
AIG vorliegen, sind insbesondere die Konkretisierungen in Art. 31 VZAE zu
beachten. Diese Bestimmung umschreibt in allgemeiner Form, dass bei
Vorliegen eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalls eine Aufent-
haltsbewilligung erteilt werden kann. Sie bezieht sich gemäss Klammerver-
weis im Titel sowohl auf Art. 14 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998
(AsylG; SR 142.31) als auch auf den Anwendungsbereich des AIG (Art. 30
Abs. 1 lit. b, Art. 50 Abs. 1 lit. b und Art. 84 Abs. 5 AIG). In Art. 31 Abs. 1
VZAE werden folgende zu berücksichtigende Kriterien aufgelistet:
- die Integration anhand der Kriterien von Art. 58a Abs. 1 AIG (Beach-
tung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, Respektierung der Werte
der Bundesverfassung, Sprachkompetenzen und Teilnahme am Wirt-
schaftsleben oder am Erwerb von Bildung; Art. 31 Abs. 1 lit. a VZAE),
- die familiären Verhältnisse unter besonderer Beachtung des Zeitpunkts
der Einschulung und der Dauer des Schulbesuchs der Kinder (lit. c),
- die finanziellen Verhältnisse (lit. d),
- die Dauer der Anwesenheit in der Schweiz (lit. e),
- der Gesundheitszustand (lit. f) und
- die Möglichkeiten der Wiedereingliederung im Herkunftsstaat (lit. g).
Die Kriterien gemäss Art. 31 Abs. 1 VZAE beziehen sich einerseits auf här-
tefallbegründende Umstände und andererseits auf Aspekte des öffent-
lichen Interesses, die der Erteilung einer Härtefallbewilligung entgegen-
stehen können. Mit Blick auf Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG sind nur die härtefall-
begründenden bzw. privaten Interessen massgebend, da es lediglich um
die Frage geht, ob wichtige persönliche Gründe vorliegen, die einen weite-
ren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen und somit einen An-
spruch auf Erteilung einer neuen Aufenthaltsbewilligung und deren Ver-
längerung begründen. Besteht ein Anspruch im Sinne von Art. 50 Abs. 1
lit. b AIG und liegen keine Erlöschensgründe im Sinne von Art. 51 Abs. 2
AIG vor, ist die Aufenthaltsbewilligung grundsätzlich zu erteilen bzw. zu
verlängern (Entscheid des Verwaltungsgerichts WBE.2016.545 vom 8. Mai
2018, Erw. II/3.1.2).
5.3.3.
Nach dem Gesagten ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführerin aufgrund der
gesamten Umstände des Einzelfalls ein Anspruch auf Erteilung einer neuen
- 15 -
Aufenthaltsbewilligung und deren Verlängerung zukommt, weil wichtige
persönliche Gründe im Sinne der vorgenannten Bestimmungen vorliegen,
die ihren weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen, bzw. ob
ihr durch ihre Ausreiseverpflichtung eine besondere Härte widerfährt. Die
zu berücksichtigenden wichtigen Gründe müssen einen Bezug zur geschei-
terten Ehe aufweisen.
5.3.4.
5.3.4.1.
Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde und anlässlich der Ver-
handlung vom 31. August 2022 geltend, sie sei Opfer ehelicher Gewalt im
Sinne von Art. 50 Abs. 2 AIG geworden. Konkret bringt sie dazu in ihrer
Beschwerde sowie anlässlich ihrer Befragung vom 31. August 2022 Fol-
gendes vor: Sie sei von ihrem Ehemann verprügelt und beleidigt worden.
Ihr Ehemann habe sie am 4. November 2022 nach einem Streit angegriffen
(Protokoll S. 4, act. 155), indem er sie an einem Bein vom Bett gezerrt und
sie sich mit ihrem Hals am Bett angestossen habe (Protokoll S. 4, act. 155;
MI-act. 82 ff.). Der Streit sei im Wesentlichen ausgebrochen, weil ihr Ehe-
mann ihr vorgeschrieben habe, was sie zu tun habe und er stets habe recht
behalten wollen und sie sich dem widersetzt habe (Protokoll S. 4, act. 155).
Einmal habe er sie Idiotin genannt und sie habe ihn dann ebenfalls Idiot
genannt (Protokoll S. 4, act. 155). Er sei bereits früher ihr gegenüber tätlich
geworden; sie habe aber nichts unternommen (Protokoll S. 4, act. 155;
act. 23). Nach dem Angriff durch ihren Ehemann habe sie ziemlich Schmer-
zen am Rücken gehabt (Protokoll S. 5, act. 156). Er habe die Autoschlüssel
an sich genommen und ihr nicht übergeben wollen, weshalb sie mit dem
Bus ins Spital habe fahren müssen (Protokoll S. 5, act. 156). Danach sei
sie selbständig zur Polizei gegangen (Protokoll S. 5, act. 156). Nach
diesem Ereignis vom 4. November 2021 sei es zu keinen Tätlichkeiten
mehr gekommen (Protokoll S. 12, act. 163).
Demgegenüber bestreitet ihr Ehemann anlässlich der Verhandlung vom
31. August 2022 kategorisch, dass er am 4. November 2021 gegenüber
seiner Frau handgreiflich geworden sei und macht geltend, dass seine Ehe-
frau alles erfunden habe (Protokoll S. 17, 19 act. 168, 170). Er habe ihr nur
gesagt, sie solle die Wohnung verlassen (Protokoll S. 18, act. 169). Seine
Ehefrau habe ihn viel mehr versucht zu provozieren, damit er handgreiflich
werde, indem sie ihm eine Nachricht ihrer Tochter gesendet habe, woraus
hervorgegangen sei, dass die Beschwerdeführerin sich mit ihrem früheren
Ehemann treffe (Protokoll S. 18, act. 169). Auf Vorhalt einer Aufnahme vom
5. November 2021, welche im Spital aufgenommen wurde und welche die
Beschwerdeführerin mit einer Halskrause zeigt, behauptete der Ehemann,
seine Ehefrau hätte alles vorgespielt (act. 35; Protokoll S. 18 f., act. 169 f.).
Mit Eingabe vom 24. Oktober 2022 bringt die Beschwerdeführerin zusätz-
lich vor, ihr Ehemann habe sie nach der Verhandlung vom 31. August 2022
- 16 -
tätlich angegriffen (act. 244 ff.). Da sich die geschilderten Vorgänge nach
Trennung der Ehegatten und somit nach Auflösung der ehelichen Gemein-
schaft abgespielt haben sollen, bleiben sie im Rahmen der Prüfung des
nachehelichen Härtefalls unberücksichtigt.
5.3.4.2.
Unter den Begriff der häuslichen Gewalt im Sinne von Art. 3 lit. b des Über-
einkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt
gegen Frauen und häuslicher Gewalt vom 11. Mai 2011 (Istanbul-Konven-
tion; SR 0.311.35) fallen sämtliche Handlungen körperlicher, sexueller,
psychischer oder wirtschaftlicher Gewalt, welche innerhalb der Familie oder
des Haushalts oder zwischen früheren oder derzeitigen Eheleuten oder
Partnerinnen bzw. Partnern vorkommen – unabhängig davon, ob der Täter
bzw. die Täterin und das Opfer den gleichen Wohnsitz hatten oder haben
(dazu eingehend Entscheid des Verwaltungsgerichts WBE.2021.109 vom
28. März 2022, Erw. II/5.3.4.2).
Auch wenn jegliche Form von Gewalt in der Ehe zu verurteilen ist, stellt
nicht jede Gewaltanwendung unter Ehegatten bzw. im ehelichen Haushalt
einen wichtigen Grund im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Abs. 2 AIG
dar (vgl. Entscheid des Verwaltungsgerichts WBE.2013.314 vom 12. De-
zember 2013, Erw. II/3.2.2; Entscheid des Rekursgerichts im Ausländer-
recht 1-BE.2010.28 vom 9. Juni 2011, Erw. II/3.2.2; in diesem Sinne auch
Urteil des Bundesgerichts 2C_922/2019 vom 26. Februar 2020, Erw. 3.1
unter Berücksichtigung von Art. 3 lit. b Istanbul-Konvention). Die eheliche
Gewalt muss derart intensiv sein, dass die physische oder psychische In-
tegrität des Opfers im Fall der Aufrechterhaltung der ehelichen Gemein-
schaft schwer beeinträchtigt würde. Mit anderen Worten muss feststehen,
dass die im Familiennachzug zugelassene Person durch das Zusammen-
leben in ihrer Persönlichkeit ernstlich gefährdet ist und ihr eine Fortführung
der ehelichen Beziehung nicht länger zugemutet werden kann
(BGE 136 II 1, Erw. 5.1).
Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann nicht nur physische Ge-
walt, sondern auch psychische bzw. sozioökonomische Druckausübung
wie dauerndes Beschimpfen, Erniedrigen, Drohen und Einsperren einen für
die Annahme eines nachehelichen Härtefalls relevanten Grad an häusli-
cher Unterdrückung (Oppression) erreichen. Dabei ist nicht jede unglückli-
che, belastende und nicht den eigenen Vorstellungen entsprechende Ent-
wicklung einer Beziehung geeignet, einen nachehelichen Härtefall und ein
weiteres Anwesenheitsrecht in der Schweiz zu begründen. Häusliche Un-
terdrückung bedeutet systematische Misshandlung mit dem Ziel, Macht
und Kontrolle auszuüben, und ist dann als eheliche Gewalt im Sinne von
Art. 50 Abs. 2 AIG zu qualifizieren, wenn grundlegende, verfassungs- und
menschenrechtlich relevante Positionen des im Familiennachzug zugelas-
- 17 -
senen Ehegatten in schwerwiegender Weise andauernd beeinträchtigt wer-
den. Die psychische Zwangsausübung und deren Auswirkungen müssen
somit von einer gewissen Konstanz bzw. Intensität sein (zum Ganzen
BGE 138 II 229, Erw. 3.2.1 f. mit Hinweisen).
Erreichen die erlittenen Nachteile die erforderliche Intensität, um als ehe-
liche Gewalt im Sinne von Art. 50 Abs. 2 AIG berücksichtigt zu werden, liegt
nicht in jedem Fall bereits ein wichtiger persönlicher Grund im Sinne von
Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG vor. Zwar ist den von ehelicher Gewalt betroffenen
Personen nicht zumutbar, in der ehelichen Gemeinschaft zu verharren.
Eine Aufenthaltsbewilligung ist gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG aber nur
dann zu erteilen und zu verlängern, wenn der Verbleib der betroffenen Per-
son in der Schweiz aufgrund der gesamten Umstände des Einzelfalls erfor-
derlich ist. Mit anderen Worten besteht keine Veranlassung, betroffenen
Personen nach erlittener ehelicher Gewalt einen besonderen Schutz durch
Erteilung einer eigenständigen Aufenthaltsberechtigung zukommen zu las-
sen, wenn es für sie bei objektiver Betrachtung ohne weiteres möglich ist,
in ihr Heimatland zurückzukehren. Davon ist etwa dann auszugehen, wenn
die Rückkehr nicht mit nennenswerten Nachteilen verbunden ist und nicht
dazu führt, dass in der Schweiz geknüpfte, wichtige Beziehungen verloren
gehen oder eine im Vergleich zum Heimatland markant bessere wirtschaft-
liche Position wieder aufgegeben werden müsste.
Dem gesetzlich statuierten besonderen Schutz von Opfern ehelicher Ge-
walt ist dadurch Rechnung zu tragen, dass an die weiteren Aspekte, die für
einen Verbleib in der Schweiz sprechen, weniger strenge Anforderungen
zu stellen sind (vgl. auch Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
C-7294/2008 vom 23. November 2011, Erw. 6.2: "Die Anzeichen für häus-
liche Gewalt [...] rechtfertigen – selbst wenn für sich allein keine eigene
Anspruchsgrundlage begründend – einen milderen Massstab bei der Beur-
teilung der Härtefallsituation"). Mit anderen Worten bedarf es bei Vorliegen
ehelicher Gewalt, welche die erforderliche Intensität erreicht, um als eheli-
che Gewalt im Sinne von Art. 50 Abs. 2 AIG berücksichtigt zu werden, nur
noch weniger zusätzlicher privater Interessen, damit insgesamt der weitere
Aufenthalt in der Schweiz aufgrund wichtiger persönlicher Gründe im Sinne
von Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG erforderlich ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts
2C_915/2019 vom 13. März 2020, Erw. 5.2 mit Verweis auf Art. 1, 5 und 12
Istanbul-Konvention; vgl. auch Art. 59 Istanbul-Konvention). Sofern die
durch das Bundesgericht in Bezug auf die eheliche Gewalt geforderte
Schwelle überschritten wird, kann es grundsätzlich nicht mehr auf das kon-
krete Ausmass der erlittenen Gewalt ankommen. Dies auch wenn die ge-
forderte Schwelle nur knapp überschritten wird. Nur so kann dem durch den
Gesetzgeber statuierten besonderen Schutz gewaltbetroffener Ehegatten
gebührend Rechnung getragen werden (Aargauische Gerichts- und Ver-
waltungsentscheide [AGVE] 2011, S. 354, Erw. 3.2.2).
- 18 -
Selbst wenn das Vorliegen eines wichtigen persönlichen Grunds einzig mit
erlittener ehelicher Gewalt begründet wird, sind an deren Intensität – ent-
gegen der früheren Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts (z.B. Ent-
scheid des Verwaltungsgerichts WBE.2020.170 vom 23. November 2020,
Erw. II/4.3.4.2) – keine besonders hohen Anforderungen mehr zu stellen,
da gemäss neuerer bundesgerichtlicher Rechtsprechung für die Anwesen-
heitsberechtigung von Personen, die eheliche Gewalt erlitten haben, gene-
rell keine zu hohen Anforderungen gestellt werden dürfen (Entscheid des
Verwaltungsgerichts WBE.2020.273 vom 19. März 2021, Erw. II/4.3.4.2;
vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_915/2019 vom 13. März 2020, Erw. 5.2).
Bei Geltendmachung ehelicher Gewalt können die zuständigen Behörden
entsprechende Nachweise verlangen (Art. 77 Abs. 5 und 6 VZAE) bzw. trifft
die ausländische Person bei der Feststellung des entsprechenden Sach-
verhalts eine weitreichende Mitwirkungspflicht. Gemäss Art. 77 Abs. 6
VZAE gelten als Hinweise auf eheliche Gewalt insbesondere Arztzeug-
nisse, Polizeirapporte, Strafanzeigen, Massnahmen des Persönlichkeits-
schutzes nach Art. 28b des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs vom 10. De-
zember 1907 (ZGB; SR 210) oder Strafurteile. Darüber hinaus kann der
Nachweis ehelicher Gewalt auch durch Zeugenaussagen oder Berichte
eines Frauenhauses oder einer Opferhilfestelle erbracht werden (MARC
SPESCHA, a.a.O., N. 27 zu Art. 50 AIG). Allgemein gehaltene Behaup-
tungen oder Hinweise auf punktuelle Spannungen genügen aber nicht.
Wird eheliche Gewalt in Form psychischer Oppression behauptet, muss
insbesondere die Systematik der Misshandlung bzw. deren zeitliches An-
dauern und die daraus entstehende subjektive Belastung objektiv nachvoll-
ziehbar konkretisiert und – soweit möglich – belegt werden (BGE 138 II
229, Erw. 3.2.3). Sollte sie nicht belegt werden können, ist die behauptete
eheliche Gewalt zumindest glaubhaft zu machen. Bei Anwendbarkeit des
Beweismasses der Glaubhaftmachung ist ausreichend, dass die Wahr-
scheinlichkeit eines Zutreffens der behaupteten Tatsachen höher einge-
schätzt wird als die des Gegenteils (Urteil des Bundesgerichts
2C_165/2018 vom 19. September 2018, Erw. 2.2.2).
5.3.4.3.
5.3.4.3.1.
Hinsichtlich möglicher Gewaltdelikte sind die Aussagen des angeblichen
Opfers und des angeblichen Täters von entscheidender Bedeutung. Diese
sind auf ihre personenbezogene Glaubwürdigkeit und ihre aussagebezo-
gene Glaubhaftigkeit hin zu untersuchen. Die Glaubwürdigkeit einer Person
lässt sich an ihrer Persönlichkeit, ihren möglichen Motiven und der Aus-
sagesituation abschätzen. Im Vordergrund steht jedoch immer die Glaub-
haftigkeit einer konkreten Aussage, die sich nach ihrem Inhalt bestimmt
(BGE 129 I 49, Erw. 5; 128 I 81, Erw. 2). Kennzeichen für eine glaubhafte
Aussage sind die innere Geschlossenheit der Darstellung des
Geschehensablaufs, die Konstanz der Aussagen im Zuge verschiedener
- 19 -
Befragungen, die raumzeitliche Verknüpfung, der Detailreichtum und die
Selbstbelastung oder unvorteilhafte Darstellung der eigenen Rolle (VOLKER
DITTMANN, Zur Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen, in: Plädoyer 2/1997,
S. 33 f.).
Vorliegend sind die Aussagen der Beschwerdeführerin und ihres Eheman-
nes zu den Vorgängen vom 4. November 2021 zu beachten. Während die
Beschwerdeführerin schildert, wie ihr Ehemann sie an jenem Tag tätlich
angegriffen habe, bestreitet ihr Ehemann, dass es überhaupt zu diesem
Vorgang gekommen sei und wirft der Beschwerdeführerin sinngemäss vor,
die Situation inszeniert zu haben (Protokoll S. 19, act. 170). Grundsätzlich
haben beide gleichermassen ein nachvollziehbares Motiv, bezüglich der in
Frage stehenden gewaltsamen Übergriffe die Unwahrheit zu sagen: die Be-
schwerdeführerin, um sich durch Behauptung ehelicher Gewalt im Sinne
von Art. 50 Abs. 2 AIG ein eigenständiges Aufenthaltsrecht in der Schweiz
zu sichern; der Ehemann, um sich der Strafverfolgung zu entziehen. Wäh-
rend die Beschwerdeführerin gegenüber dem Bezirksgerichts Y. im
Rahmen des Eheschutzverfahrens die eheliche Gewalt insgesamt gravie-
render darstellte und vorbrachte, ihr Ehemann habe bereits öfters massive
körperliche Gewalt gegen sie ausgeübt sowie Todesdrohungen ausgespro-
chen (MI-act. 102), geht sie im vorliegenden migrationsrechtlichen Verfah-
ren mit keinem Wort auf diese früheren angeblichen Gewalteinwirkungen
und Todesdrohungen ein. Dies, obschon sie explizit zur ehelichen Gewalt
insgesamt, mithin zu Vorfällen vor und nach den Geschehnissen vom
4. November 2021 befragt wurde (Protokoll S. 4, 12, act. 155, 163). Nichts-
destotrotz stimmen die Schilderungen der Beschwerdeführerin zum Vorfall
vom 4. November 2021 gegenüber der Polizei mit denjenigen in diesem
Verfahren im Grundsatz überein. Ihre Schilderungen zu diesem Vorfall sind
deshalb als glaubhaft zu qualifizieren, zumal sie diese durch die in den
Akten liegenden Beweismittel, insbesondere der Aufnahmen ihrer Ver-
letzungen, rechtsgenüglich glaubhaft gemacht oder zumindest gestützt hat
(siehe vorne Erw. 5.3.4.1). Ihr Ehemann demgegenüber bestreitet zwar,
dass sich die Vorgänge vom 4. November 2021 so zugetragen haben, geht
in der Folge jedoch nicht darauf ein, wie sich die Geschehnisse aus seiner
Sicht abgespielt haben sollen.
Nach dem Gesagten erscheint bei Betrachtung der gesamten Aktenlage
grundsätzlich glaubhaft, dass sich der Vorfall vom 4. November 2021 so
zugetragen hat, wie dies die Beschwerdeführerin im vorliegenden migra-
tionsrechtlichen Verfahren geschildert hat. Wie es sich mit den Gewaltein-
wirkungen vor dem 4. November 2021 verhält, wurde durch die Beschwer-
deführerin jedoch nicht rechtsgenüglich substanziiert dargetan. Pauschale
Behauptungen, dass es zu Gewalthandlungen oder Beschimpfungen ge-
kommen sei, ohne jedoch genauer auf spezifische Situationen einzugehen,
vermögen eine frühere Gewaltausübung nicht zu belegen.
- 20 -
5.3.4.3.2.
Nachdem die Beschwerdeführerin allfällige Gewalteinwirkungen vor dem
4. November 2021 nicht ausreichend substanziiert geltend gemacht hat, ist
lediglich der Vorfall vom 4. November 2021 zu beurteilen. Aufgrund der vor-
liegenden Beweise ist davon auszugehen, dass es zwischen dem Ehe-
mann der Beschwerdeführerin und der Beschwerdeführerin zu Handgreif-
lichkeiten gekommen ist. Die beiden mit der Beschwerde eingereichten
offenbar im Spital aufgenommen Fotos, welche die Beschwerdeführerin mit
einer Halskrause zeigen, erwecken auf den ersten Blick den Eindruck einer
gravierenden Verletzung (act. 35 f.). Konsultiert man jedoch den Bericht
des Spitals Z. vom 5. November 2021 (act. 38) fällt auf, dass die
Beschwerdeführerin erst am Tag nach dem Vorfall beim Spital vorstellig
wurde, nachdem sie sich anwaltlich hatte beraten lassen. Zudem geht aus
dem Bericht hervor, dass sie am Tag nach dem Vorfall normal gearbeitet
hatte, bevor sie im Spital vorstellig wurde. Dem Polizeibericht über den Vor-
fall vom 4. November 2021 ist sodann zum Vorfall lediglich Folgendes zu
entnehmen (MI-act. 84): "Anlässlich Disput das auf dem Bett sitzende
Opfer an den Füssen gepackt und vom Bett gezerrt, dabei stiess Sie ihren
Kopf am Bett an. Anschliessend habe er sie getreten, nicht stark. Dann
habe er sie am Arm gepackt. Als sie zu weinen begann habe er von ihr
abgelassen. Er habe ihr gesagt, dass er sie aus dem Fenster werfe, das
sage er öfters und sie nehme das nicht ernst." Angaben zur gesundheit-
lichen Situation der Beschwerdeführerin wurden keine notiert und die Poli-
zei sah sich auch nicht veranlasst, eine Gefährdungsmeldung zu machen.
Aufgrund der vorliegenden Beweise ist unter diesen Umständen nicht
davon auszugehen, dass die durch den Ehemann gegenüber der Be-
schwerdeführerin im Rahmen eines eskalierenden Streits am 4. November
2021 ausgeübte Gewalt die erforderliche Intensität und/oder Konstanz er-
reichte, um als eheliche Gewalt im Sinne von Art. 51 Abs. 1 lit. a i.V.m.
Abs. 2 AIG qualifiziert zu werden, aufgrund derer es der Beschwerdeführe-
rin unzumutbar gewesen wäre, in der ehelichen Beziehung zu verharren
(vgl. vorne Erw. 5.3.4.2).
Daran ändert auch nichts, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin nach
dem Vorfall vom 4. November 2021 polizeilich aus der Wohnung weg-
gewiesen und anschliessend durch das Bezirksgericht Y. im Rahmen des
Eheschutzverfahrens superprovisorisch mit einem Rayon-, Kontakt- und
Annäherungsverbot belegt wurde. Zwar ist der Einschätzung der mit den
tatsächlichen Verhältnissen vertrauten Polizei und des Bezirksgerichts Y.
ein gewisses Gewicht einzuräumen. Sie führt jedoch nicht dazu, dass von
einer unzumutbaren Situation ehelicher Gewalt im Sinne von Art. 50 Abs. 2
AIG auszugehen wäre, solange die anzunehmenden effektiven
Geschehnisse dies aus migrationsrechtlicher Sicht nicht rechtfertigen.
Andernfalls läge der ausländerrechtliche Entscheid über das Vorliegen
eines anspruchsbegründenden nachehelichen Härtefalls faktisch in den
Händen anderer Behörden, was selbstredend nicht angeht. Hinzu kommt,
- 21 -
dass die Beschwerdeführerin die Nacht nach besagtem Ereignis offenbar
ohne durch ihren Ehemann dazu gezwungen worden zu sein, in der ge-
meinsamen Wohnung verbrachte, später wieder mit ihrem Ehemann in der
gemeinsamen Wohnung gelebt und bis zur mündlichen Verhandlung vom
31. August 2022 ihren Ehewillen wiederholt kundgetan hat. Es ist deshalb
nicht davon auszugehen, dass die geltend gemachte Gewalt ein Ausmass
angenommen hätte, welches es der Beschwerdeführerin unzumutbar ge-
macht hätte, in der gemeinsamen Wohnung zu verharren.
5.3.4.4.
Nach dem Gesagten ist aufgrund der Akten, der Vorbringen in der Be-
schwerde sowie den Aussagen anlässlich der Verhandlung vom 31. August
2022 nicht erstellt, dass die Beschwerdeführerin Opfer ehelicher Gewalt im
Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Abs. 2 AIG geworden ist. Unter diesen
Umständen ist der Beschwerdeführerin kein nachehelicher Härtefall zu-
folge erlittener ehelicher Gewalt zuzugestehen. Dies umso weniger, als die
Beschwerdeführerin noch anlässlich der Verhandlung vom 31. August
2022, d.h. knapp zehn Monate nach dem Vorfall vom 4. November 2021,
an der Ehe festhielt und die Ehegemeinschaft heute einzig deshalb nicht
mehr besteht, weil der Ehemann der Beschwerdeführerin diese nicht mehr
fortführen will.
5.3.5.
Wie die Vorinstanz ebenfalls richtig ausgeführt hat, ist sodann auch ein
nachehelicher Härtefall aufgrund einer fortgeschrittenen Integration der Be-
schwerdeführerin in der Schweiz oder aufgrund einer starken Gefährdung
ihrer sozialen Wiedereingliederung in Kolumbien zu verneinen (act. 5 f.).
Die Beschwerdeführerin hält sich mittlerweile seit rund dreieinhalb Jahren
in der Schweiz auf (siehe vorne lit. A). Gemäss eigener Aussage und wie
auch aus den Akten hervorgeht, ist sie als Reinigungskraft im Teilzeit-
pensum von 20 – 40% angestellt (Protokoll S. 5, act. 156; MI-act. 96) und
arbeitet seit dem 1. Oktober 2022 zusätzlich als Serviceangestellte auf
Stundenlohnbasis (act. 224 f.). Die Beschwerdeführerin gab auf Befragung
anlässlich der Verhandlung vom 31. August 2022 an, vor vier Monaten
einen Kredit in Höhe von Fr. 29'000.00 aufgenommen zu haben, wobei sie
bereits begonnen habe, diesen abzubezahlen (Protokoll S. 11, act. 162).
Jedenfalls finden sich in den Akten keine Hinweise, wonach sie Sozialhilfe
bezogen hätte. In sprachlicher Hinsicht kann die Beschwerdeführerin das
Referenzniveau A1 nachweisen (act. 199, 201; MI-act. 74) und hat sich be-
reits für einen neuen Sprachkurs auf der Stufe A2 im November 2022 an-
gemeldet (act. 202), was gemessen an ihrer Aufenthaltsdauer von rund
dreieinhalb Jahren als ausreichend zu bezeichnen ist. Abgesehen von
einer Verurteilung wegen einer Tätlichkeit gegenüber ihrer Tochter (MI-
act. 160 f.) lässt sich kein strafrechtlich relevantes Verhalten aus den Akten
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entnehmen. Was die familiären Verhältnisse der Beschwerdeführerin an-
geht, ist mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass aufgrund der Verur-
teilung der Beschwerdeführerin wegen einer Tätlichkeit gegenüber ihrer
Tochter das Verhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter
nicht als besonders eng anzusehen ist (act. 9). Über die familiäre Be-
ziehung zu ihrer Tochter – die im Übrigen erwachsen und aus einer vor-
ehelichen Beziehung hervorgegangen ist – hinaus sind schliesslich keine
konkreten Anhaltspunkte für besonders enge soziale Beziehungen der Be-
schwerdeführerin zu Personen in der Schweiz ersichtlich oder werden in
der Beschwerde vorgebracht. Auch eine besondere kulturelle Einbindung
in der Schweiz ist nicht erkennbar. Nach dem Gesagten ist nicht davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der Dauer ihres Auf-
enthalts in der Schweiz und der dabei erfolgten Integration derart stark in
der Schweiz verwurzelt wäre, dass infolgedessen ein weiterer Verbleib an-
gezeigt erschiene.
Ebenso wenig ist davon auszugehen, dass die soziale Wiedereingliede-
rung der Beschwerdeführerin – die soweit aus den Akten ersichtlich, in
Kolumbien aufwuchs und sozialisiert wurde – bei einer Rückkehr in ihr Her-
kunftsland ernsthaft gefährdet wäre. Sie bringt in ihrer Beschwerde denn
auch nichts Derartiges vor.
5.3.6.
Weitere Anhaltspunkte, welche für die Annahme wichtiger persönlicher
Gründe im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 AIG i.V.m. Art. 31
Abs. 1 VZAE sprechen könnten, sind nicht ersichtlich und werden auch
nicht geltend gemacht.
5.3.7.
Damit steht fest, dass bei der Beschwerdeführerin keine wichtigen persön-
lichen Gründe im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 AIG vorliegen,
die einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen würden.
Folglich hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf Erteilung einer
neuen Aufenthaltsbewilligung und deren Verlängerung gestützt auf Art. 50
Abs. 1 lit. b AIG.
6.
Unter den dargelegten Umständen ist sodann nicht zu beanstanden, wenn
die Vorinstanz die Erteilung einer Härtefallbewilligung im Sinne von Art. 30
Abs. 1 lit. b AIG verneint (act. 9). Liegen keine wichtigen persönlichen
Gründe nach Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Abs. 2 AIG vor und werden bei der
Prüfung dieser Frage die Kriterien gemäss Art. 31 VZAE berücksichtigt,
liegt regelmässig auch kein schwerwiegender persönlicher Härtefall im
Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG vor. Es sind denn auch keine Umstände
ersichtlich oder werden vorgebracht, die unabhängig von der Ehe bzw. der
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geltend gemachten ehelichen Gewalt auf das Bestehen einer solchen Här-
tefallsituation hindeuten würden.
7.
Erweist sich unter Berücksichtigung der Kriterien von Art. 31 VZAE, dass
bei einer ausländischen Person nach Wegfall ihres abgeleiteten Bewilli-
gungsanspruchs zwecks Verbleibs beim (früheren) Ehegatten weder ein
nachehelicher Härtefall im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG noch ein
schwerwiegender persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b
AIG vorliegt, ist damit gleichsam erstellt, dass das private Interesse der be-
troffenen Person an einem weiteren Verbleib in der Schweiz das öffentliche
Interesse an der Beendigung ihres Aufenthalts nach Auflösung der anwe-
senheitsberechtigenden Ehegemeinschaft nicht aufzuwiegen vermag. Dies
gilt auch in jenen Fällen, in denen sich das öffentliche Interesse in migra-
tionsregulatorischen Überlegungen erschöpft (vgl. zum Ganzen Art. 31
Abs. 1 VZAE mit Art. 96 Abs. 1 AIG; Entscheid des Verwaltungsgerichts
WBE.2021.84 vom 12. August 2021, Erw. II/5).
Im Rahmen der vorstehenden Erwägungen wurde unter Berücksichtigung
der Kriterien von Art. 31 VZAE festgestellt, dass bei der Beschwerdefüh-
rerin, die ihren abgeleiteten Bewilligungsanspruch zwecks Verbleibs bei
ihrem Ehemann verloren hat (siehe vorne Erw. 4), weder ein nachehelicher
Härtefall (Erw. 5) noch ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliegt
(Erw. 6). Damit steht nach dem Gesagten fest, dass die Nichtverlängerung
der bisherigen sowie die Verweigerung einer neuen Aufenthaltsbewilligung
und die Wegweisung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz auch vor
dem Gebot der Verhältnismässigkeit standhalten. Auf eine erneute Darle-
gung und detaillierte Bemessung der zu berücksichtigenden Interessen
kann unter diesen Umständen verzichtet werden.
8.
Zu prüfen ist weiter, ob die Verweigerung des weiteren Aufenthalts der Be-
schwerdeführerin in der Schweiz und die damit verbundene Wegweisung
vor Art. 8 EMRK standhalten.
Art. 8 Ziff. 1 EMRK und der – soweit hier von Interesse – inhaltlich im We-
sentlichen übereinstimmende Art. 13 Abs. 1 BV gewährleisten das Recht
auf Achtung des Familien- und Privatlebens. Diese Garantien können na-
mentlich dann verletzt sein, wenn einer ausländischen Person, deren Fa-
milienangehörige in der Schweiz leben, die (weitere) Anwesenheit unter-
sagt und dadurch das gemeinsame Familienleben vereitelt wird, bzw. wenn
eine ausländische Person die Schweiz verlassen muss, nachdem sie sich
lange hier aufgehalten und entsprechend integriert hat.
Wie vorstehend dargelegt, besteht zwischen der Beschwerdeführerin und
ihrer in der Schweiz lebenden Tochter keine besonders enge Beziehung
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(Erw. 5.3.5.) und es ist auch kein besonderes Abhängigkeitsverhältnis er-
sichtlich. Sodann gingen aus der Ehe zu ihrem Ehemann keine Kinder her-
vor. Entsprechend tangiert die Beendigung ihres Aufenthalts in der Schweiz
das durch Art. 8 Ziff. 1 EMRK geschützte Familienleben der Beschwerde-
führerin nicht. Sodann hält sich die Beschwerdeführerin seit rund dreiein-
halb Jahren in der Schweiz auf und ist ihre währenddessen erfolgte Integra-
tion insgesamt als eher knapp erreicht zu qualifizieren (siehe vorne
Erw. 5.3.5). Der Vorinstanz ist daher zuzustimmen, dass die aufenthalts-
beendenden Massnahmen auch ihr geschütztes Privatleben im Sinne von
Art. 8 Ziff. 1 EMRK nicht tangieren (act. 9). Läge entgegen dem Gesagten
ein Eingriff ins geschützte Familien- und/oder Privatleben der Beschwerde-
führerin vor, wäre dies durch ein überwiegendes öffentliches Interesse ge-
rechtfertigt (Art. 8 Ziff. 2 EMRK; siehe vorne Erw. 7). Ein Verstoss gegen
Art. 8 EMRK liegt demzufolge nicht vor.
9.
Schliesslich ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass keine Hinweise er-
sichtlich sind, wonach der Vollzug der Wegweisung im Sinne von Art. 83
AIG unzulässig, unmöglich oder unzumutbar sein könnte (act. 10). Die Be-
schwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde denn auch keine Vollzugshin-
dernisse geltend.
10.
Zusammenfassend steht fest, dass die Nichtverlängerung der bisherigen
sowie die Verweigerung einer neuen Aufenthaltsbewilligung und die Weg-
weisung der Beschwerdeführerin gemäss nationalem Recht nicht zu bean-
standen sind und vor Art. 8 EMRK standhalten. Nachdem auch dem Voll-
zug der Wegweisung keine Hindernisse entgegenstehen, ist der Entscheid
der Vorinstanz nicht zu beanstanden und die Beschwerde ist abzuweisen.
III.
Im Beschwerdeverfahren werden die Verfahrenskosten nach Massgabe
des Obsiegens und Unterliegens auf die Parteien verlegt (§ 31 Abs. 2
VRPG). Nachdem die Beschwerdeführerin unterliegt, gehen die Kosten des
verwaltungsgerichtlichen Verfahrens zu ihren Lasten. Ein Parteikostener-
satz fällt ausser Betracht (§ 32 Abs. 2 VRPG).