Decision ID: 4c257cb5-14c3-4faa-b90b-1014a1551ebf
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Der Vizepräsident entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau führte gegen A. eine Strafuntersu-
chung, weil sie ihren ehemaligen Partner B. tätlich angegangen haben soll.
1.2.
Mit Strafbefehl vom 15. November 2021 wurde A. wegen mehrfacher Tät-
lichkeiten (Art. 126 Abs. 1 und 2 lit. c StGB) zu einer Busse von Fr. 600.00,
Ersatzfreiheitsstrafe 6 Tage, sowie den Kosten von Fr. 520.00 verurteilt.
1.3.
Gegen den Strafbefehl vom 15. November 2021 erhob A. am 23. November
2021 Einsprache, worauf die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau mit
Schreiben vom 29. November 2021 ankündigte, die Akten zur Beurteilung
dem zuständigen Gericht zu überweisen. Am 4. Februar 2022 wurde A. als
beschuldigte Person einvernommen.
2.
Am 22. Februar 2022 erliess die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau fol-
gende Einstellungsverfügung:
" 1.
Das Strafverfahren gegen die Beschuldigte wegen Tätlichkeiten (hetero- oder  Lebenspartner) gem. Art. 126 Abs. 1 i.V.m. Abs. 2 lit. c StGB wird  (Art. 319 Abs. 1 lit. a und c StPO).
2. Die Verfahrenskosten von CHF 20.00 trägt der Kanton (Art. 423 Abs. 1 StPO).
3. Der Beschuldigten wird keine Entschädigung und Genugtuung ausgerichtet (Art. 430 Abs. 1 StPO)."
Die Einstellungsverfügung wurde am 25. Februar 2022 durch die Ober-
staatsanwaltschaft des Kantons Aargau genehmigt.
3.
3.1.
Gegen die Einstellungsverfügung erhob A. (fortan: Beschwerdeführerin)
mit Eingabe vom 10. März 2022 bei der Beschwerdekammer in Strafsachen
des Obergerichts des Kantons Aargau Beschwerde mit folgenden Anträ-
gen:
" 1. Es sei Ziff. 3 der Einstellungsverfügung vom 22.02.2022 (STA1 ST.2021.6256 rb / SSD3) aufzuheben und es sei wie folgt neu zu entscheiden:
"3. Dem Verteidiger der beschuldigten Person, Herrn Rechtsanwalt Markus Härdi werden die Anwaltskosten über CHF 1'155.95 ausgerichtet."
- 3 -
2. Es sei festzustellen, dass die Beschwerdegegnerin die Akten der  - trotz Gesuch - nicht herausgegeben hat (was einer Rechtsverweigerung evt. Rechtsverzögerung gleichkommt) und sie sei richterlich anzuweisen, der  die Akten zur Einsichtnahme auszuhändigen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Staatskasse.
4. Es sei die Kostennote des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin zu ."
3.2.
Mit Beschwerdeantwort vom 6. April 2022 beantragte die Staatsanwalt-
schaft Lenzburg-Aarau die Abweisung der Beschwerde unter Kostenfol-
gen.

Considerations:
Der Vizepräsident zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdeführerin macht mit Beschwerde eine Rechtsverweigerung,
evt. Rechtsverzögerung geltend, da ihr die Verfahrensakten trotz Gesuch
vom 2. März 2022 und telefonischer Nachfrage vom 4. März 2022 durch
die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau nicht zugestellt worden seien.
Nebst dem Umstand, dass die angebliche Verweigerung der Akteneinsicht
nicht Prozessthema des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ist, kann auf
den Antrag auch mangels Rechtsschutzinteresse nicht eingetreten werden.
Der Beschwerdeführerin wurden am 11. Februar 2022 die Akten S. 1-49
zugestellt (vgl. act. 52). Bis zum Akteneinsichtsgesuch vom 2. März 2022
sind mit Ausnahme der Eingabe der Beschwerdeführerin selber sowie der
hier angefochtenen Einstellungsverfügung keine weiteren Aktenstücke hin-
zugekommen. Mit anderen Worten verfügte die Beschwerdeführerin bei
Einreichung des Akteneinsichtsgesuchs am 2. März 2022 und auch beim
Verfassen der Beschwerdeschrift bereits über die vollständigen Akten.
Schliesslich wurden der Beschwerdeführerin die Akten am 1. April 2022
durch die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau zugestellt. Somit ist der Be-
schwerdeführerin - auch im Hinblick auf das Verfassen der Beschwerde -
kein Rechtsnachteil erwachsen, womit sie kein aktuelles Rechtsschutz- und
Feststellungsinteresse aufweist. Auf diesen Antrag der Beschwerde ist fol-
gerichtig nicht einzutreten.
2.
2.1.
Verfügungen der Staatsanwaltschaft betreffend die Einstellung eines Straf-
verfahrens sind gemäss Art. 322 Abs. 2 i.V.m. Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO
- 4 -
mit Beschwerde anfechtbar. Vorliegend bestehen keine Beschwerdeaus-
schlussgründe gemäss Art. 394 StPO. Damit ist die Beschwerde zulässig.
Die Eintretensvoraussetzungen sind (mit Ausnahme von Rechtsbegehren
2) erfüllt und geben zu keinen Bemerkungen Anlass, so dass auf die frist-
und formgerechte Beschwerde einzutreten ist.
2.2.
Ist die Beschwerdeinstanz ein Kollegialgericht, was im Kanton Aargau ge-
mäss § 65 Abs. 2 GOG i.V.m. § 9 f. und Anhang 1 Ziff. 2 Abs. 5 der Ge-
schäftsordnung des Obergerichts des Kantons Aargau vom 21. November
2012 (GKA 155.200.3.101) der Fall ist, so beurteilt deren Verfahrensleitung
die Beschwerde gemäss Art. 395 lit. b StPO allein, wenn diese ausschliess-
lich die wirtschaftlichen Nebenfolgen eines Entscheids bei einem strittigen
Betrag von nicht mehr als Fr. 5'000.00 zum Gegenstand hat. Zu den wirt-
schaftlichen Nebenfolgen sind insbesondere die Verfahrenskosten
(Art. 422 ff. StPO) sowie die Entschädigung und Genugtuung (Art. 429 ff.
StPO) zu zählen (PATRICK GUIDON, in: Basler Kommentar, Schweizerische
Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 5 zu Art. 395 StPO).
3.
3.1.
Die angefochtene Einstellungsverfügung beruht zusammengefasst auf fol-
genden Erwägungen:
Der ursprünglich vorhandene Anfangsverdacht habe nicht erhärtet werden
können. Im Verlauf der Ermittlungen habe sich herausgestellt, dass der Be-
schwerdeführerin keine strafbaren Handlungen haben nachgewiesen wer-
den können resp. dass für potentiell strafbare Handlungen klarerweise der
Rechtfertigungsgrund der Notwehr gem. Art. 15 StGB gegeben sei. Der ob-
jektive Tatbestand der wiederholten Tätlichkeiten lasse sich nicht nachwei-
sen.
Die Anwaltskosten seien nur zu ersetzen, wenn die Beschwerdeführerin
aufgrund der Schwere des Tatvorwurfs und nach dem Grad der Komplexi-
tät des Sachverhalts sowie nach den persönlichen Verhältnissen objektiv
begründeten Anlass gehabt habe, einen Anwalt beizuziehen. Im vorliegen-
den Fall scheine die Einschaltung eines Anwalts sachlich nicht geboten.
Der Beizug eines Rechtsbeistands sei angesichts der tatsächlichen und
rechtlichen Komplexität nicht notwendig gewesen.
3.2.
Die Beschwerdeführerin macht mit Beschwerde zusammenfassend gel-
tend, dass sie weder durch die zuständige Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau noch durch die Polizei zur Sache befragt worden sei. Sie sei bereits
mehrfach Opfer häuslicher Gewalt geworden und durch die Vorfälle psy-
chisch erheblich belastet und nervlich am Ende. Sie sei eigentlich Opfer
- 5 -
und trotzdem ohne Anhörung und ohne nähere Abklärung des Sachver-
halts als Täterin verurteilt worden. Sie sei am Rande der Verzweiflung ge-
standen und es habe ihr die Kraft wie auch das Wissen gefehlt, um gegen
den Strafbefehl Einsprache zu erheben. Nachdem der Rechtsvertreter Ein-
sprache erhoben und Akteneinsicht erhalten habe, habe die Staatsanwalt-
schaft Lenzburg-Aarau ohne weitere Einvernahmen das Festhalten am
Strafbefehl und die Überweisung an das zuständige Gericht in Aussicht ge-
stellt. Nachdem der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau das Festhalten an
der Einsprache mitgeteilt worden sei, habe diese mit Schreiben vom 19. Ja-
nuar 2022 zu einer Einvernahme geladen. Die Beschwerdeführerin habe
beim Bezirksgericht ferner eine Klage wegen Persönlichkeitsverletzung
und Stalking i.S.v. Art. 28b ZGB sowie ein Antrag auf ein superprovisori-
sches Kontaktverbot gegen B. eingereicht, wobei diesen Rechtsbegehren
weitgehend entsprochen worden sei. Da B. trotz Kontaktverbot die Be-
schwerdeführerin weiterhin kontaktiert und ihr nachgestellt habe, sei es sei-
tens der Beschwerdeführerin zu einer Strafanzeige gegen B. gekommen.
Das Verfahren sei eröffnet und demnächst werde B. als Beschuldigter be-
fragt.
4.
4.1.
Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird
das Verfahren gegen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf Entschädi-
gung ihrer Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer Verfah-
rensrechte (Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO).
Unter die hier ins Auge gefasste Entschädigung fallen insbesondere die der
beschuldigten Person für einen Verteidiger ihrer Wahl angefallenen Ausla-
gen. Der Entschädigungsanspruch setzt voraus, dass sowohl der Beizug
eines Anwalts als auch der von diesem betriebene Aufwand angemessen
ist. Der vom Anwalt betriebene Aufwand hat sich in juristisch einfachen Fäl-
len auf ein Minimum zu beschränken; allenfalls muss es bei einer einfachen
Konsultation sein Bewenden haben. Nur in Ausnahmefällen jedoch wird bei
Verbrechen und Vergehen schon die Beiziehung eines Anwalts an sich als
nicht angemessene Ausübung der Verfahrensrechte bezeichnet werden
können. Das materielle Strafrecht und das Strafprozessrecht sind komplex
und stellen insbesondere für Personen, die das Prozessieren nicht gewohnt
sind, eine Belastung und grosse Herausforderung dar. Wer sich selbst ver-
teidigt, dürfte deshalb prinzipiell schlechter gestellt sein. Beim Entscheid
über die Angemessenheit des Beizugs eines Anwalts ist neben der
Schwere des Tatvorwurfs und der tatsächlichen und rechtlichen Komplexi-
tät des Falls insbesondere auch die Dauer des Verfahrens und dessen Aus-
wirkungen auf die persönlichen und beruflichen Verhältnisse der beschul-
digten Person zu berücksichtigen. Ob der Beizug eines Anwalts angemes-
sen war, hängt folglich von den konkreten Umständen des einzelnen Falles
- 6 -
ab, wobei an das Kriterium der Angemessenheit keine hohen Anforderun-
gen zu stellen sind (Urteil des Bundesgerichts 6B_188/2018 vom 23. Juli
2018 E. 2.3 mit Hinweisen; vgl. auch: BGE 138 IV 197 E. 2; Urteile des
Bundesgerichts 6B_800/2015 vom 6. April 2016 E. 2; 1B_536/2012 vom
9. Januar 2013 E. 2; 6B_209/2014 vom 17. Juli 2014 E. 2).
4.2.
4.2.1.
Die Beschwerdeführerin war im gegen sie geführten Strafverfahren anwalt-
lich vertreten und beantragte bei der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau
eine Entschädigung für ihre Anwaltskosten in der Höhe von Fr. 1'155.95.
Folglich kann nicht mehr von einer Geringfügigkeit i.S.v. Art. 430 Abs. 1
lit. c StPO ausgegangen werden, was durch die Staatsanwaltschaft Lenz-
burg-Aarau in der angefochtenen Verfügung im Übrigen auch nicht geltend
gemacht wird. Demnach ist in einem nächsten Schritt zu prüfen, ob der
Beizug des Verteidigers angemessen war.
4.2.2.
Die Beschwerdeführerin mandatierte ihren Rechtsvertreter erst nach Erlass
des Strafbefehls (vgl. act. 31), in welchem sie wegen mehrfacher Tätlich-
keiten gemäss Art. 126 Abs. 1 und 2 lit. c StGB zu einer Busse von
Fr. 600.00 bei einer Ersatzfreiheitsstrafe von 6 Tagen, sowie den Verfah-
renskosten in der Höhe von Fr. 520.00 verurteilt wurde. Beim vorgeworfe-
nen Delikt handelt es sich um eine Übertretung (Art. 126 Abs. 1 und 2 lit. c
i.V.m. Art. 103 StGB), womit es sich vorliegend sowohl im Hinblick auf den
Straftatbestand wie auch auf die Sanktion grundsätzlich um ein Bagatell-
delikt handelt, woran auch der Umstand nichts zu ändern vermag, dass es
sich um ein Offizialdelikt handelt. Der Tatvorwurf erscheint aufgrund der
mehrfachen Begehung zwar etwas schwerwiegender als bei einer einfa-
chen Begehung, erreicht aber keine Schwere, welche die Qualifikation als
Bagatelldelikt in Frage stellen würde, zumal das Delikt nicht im Strafregister
eingetragen wird.
4.2.3.
Hintergrund des Strafverfahrens war primär ein Vorfall, welcher sich am
6. Juni 2021 zugetragen hatte. Die Beschwerdeführerin alarmierte die Po-
lizei, nachdem sie von B. geschlagen worden sein soll (vgl. act. 5). B. gab
vor Ort zu Protokoll, dass die Beschwerdeführerin möglicherweise getrof-
fen worden sein könnte, als sie in die tätliche Auseinandersetzung zwi-
schen ihm und C. geraten sei. B. gab weiter zu Protokoll, dass er am 6.
Juni 2021 zur Beschwerdeführerin und C. gefahren sei, diese zusammen
im Bett gesehen habe und dann auf C. losgegangen sei. Die Beschwerde-
führerin habe ihn dann gestossen und ins Gesicht geschlagen. In der Ver-
gangenheit hätten sie viel Streit gehabt, bei welchen die Beschwerdeführe-
rin ihn auch geschlagen habe (vgl. act. 16). C. bestätigte, dass die Be-
schwerdeführerin durch B. gestossen und ins Gesicht geschlagen worden
- 7 -
sei, als sie habe dazwischen gehen wollen (vgl. act. 6). Die Beschwerde-
führerin erlitt beim Vorfall leichte Prellungen im Gesicht (vgl. act. 10) sowie
am Bein (vgl. act. 11).
Ohne dass die Beschwerdeführerin je mit den von B. gemachten Vorwürfen
konfrontiert worden ist, erliess die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau am
15. November 2021 einen Strafbefehl wegen mehrfacher Tätlichkeiten. Die
Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau schien dabei ausschliesslich auf die
Aussagen von B. abzustellen und erhob diese unbesehen zum Sachver-
halt. Dass es die Beschwerdeführerin selber war, welche am 6. Juni 2021
die Polizei alarmierte und auch ausschliesslich ihre Verletzungen doku-
mentiert sind, fand bei der Sachverhaltswürdigung durch die Staatsanwalt-
schaft Lenzburg-Aarau offenbar keine Berücksichtigung. Auch die Aussa-
gen von C., welche die Tätlichkeit von B. zum Nachteil der Beschwerdefüh-
rerin bestätigten, schienen keinen Eingang in die tatsächliche und rechtli-
che Würdigung zu finden (act. 5), was die Strafbarkeit der Beschwerdefüh-
rerin betrifft. Dies erscheint umso fraglicher, als B. sogar selber eingestand,
mit C. eine Auseinandersetzung gehabt zu haben und anlässlich dieser
Auseinandersetzung auch die Beschwerdeführerin getroffen zu haben (vgl.
act. 16). Dass gegen B. ebenfalls ein Strafbefehl ergangen ist, vermag am
Gesagten nichts zu ändern. In tatsächlicher Hinsicht boten sich insofern
Schwierigkeiten, als dass die Sachverhaltsfeststellung durch die Staatsan-
waltschaft Lenzburg-Aarau in willkürlicher Weise erfolgte und die Be-
schwerdeführerin vor Erlass des Strafbefehls gar nie die Möglichkeit hatte,
sich zu den Vorwürfen zu äussern, obwohl sich ihre Verurteilung einzig auf
die Aussagen von B. stützte. Dies erscheint insbesondere vor dem Hinter-
grund problematisch, als dass ein Strafbefehl erst dann zu erlassen gewe-
sen wäre, wenn der Sachverhalt durch die beschuldigte Person eingestan-
den oder anderweitig ausreichend geklärt ist (vgl. Art. 352 Abs. 1 StPO).
Groteskerweise wurde im Polizeirapport diesbezüglich sogar festgehalten,
dass B. bei seinen Aussagen (am 6. Juni 2021) sehr vage geblieben sei
und auf Konkretisierungen verzichtet habe (act. 6). Dass dann einzig auf-
grund dieser "sehr vagen" Aussagen, notabene ohne Anhörung der Be-
schwerdeführerin, ein Strafbefehl erging, ist schlichtweg nicht nachvollzieh-
bar.
In rechtlicher Hinsicht entsteht im Zusammenhang mit dem Tätlichkeitsvor-
wurf vom 6. Juni 2021 aufgrund der Schilderungen aller drei involvierten
Personen der Eindruck, dass sich die Beschwerdeführerin in einer Not-
wehrlage befunden haben könnte, was die Staatsanwaltschaft Lenzburg-
Aarau nun im Übrigen auch in der Einstellungsverfügung anführt. Weiter ist
den Akten zu entnehmen, dass B. gegen die Beschwerdeführerin - entge-
gen den Ausführungen der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau in der an-
gefochtenen Verfügung - keinen Strafantrag gestellt hatte (act. 23). Er
sagte gar aus, an einer Strafverfolgung nicht interessiert zu sein (act. 6).
Ein Strafbefehl gegen die Beschwerdeführerin konnte daher nur ergehen,
- 8 -
weil die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau von einem Offizialdelikt ge-
mäss Art. 126 Abs. 2 lit. c StGB ausgegangen war. Dass die gemäss Art.
126 Abs. 2 StGB vorausgesetzten wiederholten Tätlichkeiten in keiner
Weise erstellt sind, wurde bereits gesagt. Aus den Akten ergibt sich, dass
die Beschwerdeführerin während einiger Monate zwar meistens bei B.
wohnte, jedoch nie an seiner Adresse gemeldet war. Ob tatsächlich eine
Lebensgemeinschaft im Sinne des Gesetzes gegeben war und somit ein
Offizialdelikt vorlag, ist ebenso fraglich, kann aber schlussendlich offenblei-
ben.
Erst nachdem die Beschwerdeführerin einen Strafbefehl erhalten hatte,
mandatierte sie einen Rechtsvertreter. Dieser erhob schliesslich Einspra-
che und beantragte Akteneinsicht (act. 31). Nachdem der Rechtsvertreter
der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau mit Schreiben vom 16. Dezember
2021 schliesslich mitteilte, dass an der Einsprache festgehalten werde
(act. 40), kam es zur Einvernahme der Beschwerdeführerin, anlässlich wel-
cher sie erstmalig Stellung nehmen konnte. Aufgrund dieser Aussagen der
Beschwerdeführerin erfolgte schliesslich umgehend die Einstellung des
Verfahrens, u.a. da der ursprünglich vorhandene Anfangsverdacht nicht
habe erhärtet werden können, was insofern seltsam anmutet, als dass zu-
vor bereits ein Strafbefehl gegen die Beschwerdeführerin ergangen war.
Nach dem Gesagten hatte die Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt der Man-
datierung ihres Verteidigers aufgrund der konkreten Umstände durchaus
Anlass, einen Rechtsvertreter beizuziehen, womit eine Verteidigung rück-
blickend als sachlich geboten erscheint. Dies rechtfertigt sich auch im Hin-
blick darauf, dass die Beschwerdeführerin ihren Rechtsvertreter als ultima
ratio erst dann beauftragt hatte, als bereits ein Strafbefehl gegen sie ergan-
gen war, was schliesslich auch hinsichtlich der Waffengleichheit ange-
bracht erscheint.
4.3.
4.3.1.
Die Beschwerdeführerin beantragt eine Entschädigung von Fr. 1'155.95.
Die Höhe der Entschädigung war jedoch nicht Gegenstand der vorinstanz-
lichen Verfügung, weshalb sie im obergerichtlichen Verfahren grundsätz-
lich nicht zu behandeln ist. Aufgrund des Beschleunigungsgebots und aus
prozessökonomischen Gründen ist die Höhe der angemessenen Entschä-
digung dennoch im Beschwerdeverfahren festzulegen, zumal sowohl die
Kostennote wie auch die Untersuchungsakten der Staatsanwaltschaft
Lenzburg-Aarau vorhanden sind.
4.3.2.
Mit Kostennote vom 17. Februar 2022 (act. 53) machte der Verteidiger der
Beschwerdeführerin einen Aufwand von 5,13 Stunden bei einem Stunden-
ansatz von Fr. 200.00, Auslagen in der Höhe von Fr. 47.30 sowie 7.7%
Mehrwertsteuer, total Fr. 1'155.95, geltend. Der Zeitaufwand von 5.13
- 9 -
Stunden erscheint gerade noch angemessen, zumal über 2 Stunden davon
bereits für die Einvernahme angefallen sind und der Verteidiger - zu Recht
- den Stundenansatz für einen unkomplizierten Fall geltend macht. Die Aus-
lagen sind nicht zu beanstanden.
5.
Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit darauf eingetreten werden kann.
Der Beschwerdeführerin ist für die angemessene Ausübung ihrer Verteidi-
gungsrechte der anwaltlich geltend gemachte Betrag von Fr. 1'155.95 zu
ersetzen.
6.
Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die Kosten des Rechts-
mittelverfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Die
Beschwerde ist im Hauptantrag gutzuheissen, wobei auf den Antrag betref-
fend die Rechtsverweigerung, evt. Rechtsverzögerung, nicht einzutreten
ist. Die Beschwerdeführerin obsiegt somit überwiegend, womit ihr lediglich
1⁄4 der Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. Im Umfang von 3⁄4 sind die Kos-
ten des Beschwerdeverfahrens demnach auf die Staatskasse zu nehmen.
7.
Für das obergerichtliche Verfahren reicht der Verteidiger der Beschwerde-
führerin eine Kostennote über Fr. 1'211.95 ein, wobei er für das Verfassen
der Beschwerde einen Aufwand von 4,4 Stunden geltend macht, was zu
hoch erscheint. Die Beschwerde umfasst 14 Seiten, wovon 5,5 Seiten eine
substantielle Begründung enthalten (Rn. 20 ff. der Beschwerde). Ein weite-
rer Schriftenwechsel hat nicht stattgefunden. Nach dem Gesagten er-
scheint ein Aufwand von 3 Stunden für das Verfassen der Beschwerde als
angemessen, womit sein Gesamtaufwand auf 3.66 Stunden festzusetzen
ist. Da die vorliegenden Punkte für einen erfahrenen Anwalt relativ einfach
zu beanstanden waren, erscheint auch der geltend gemachte Stundenan-
satz von Fr. 200.00 angebracht. Gesamthaft ergibt sich folglich eine Ent-
schädigung von Fr. 910.40 (3,66 Stunden à Fr. 200.00, zzgl. Auslagen von
Fr. 113.30 und 7.7% MWST), wovon der Beschwerdeführerin 3⁄4, somit
Fr. 682.80, auszurichten ist (vgl. E. 6 hiervor).
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