Decision ID: 6a8cfd64-82a2-5884-94a4-1352385d2343
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
B.
A._ meldete sich am 14. Juli 2021 zum Bezug von Ergänzungsleistungen an (EL-
act. 11–1). Der Anmeldung lag eine Verfügung der Ausgleichskasse vom 30. Juni 2021
bei, mit der diese der EL-Ansprecherin per 1. Juli 2021 eine Altersrente zugesprochen
hatte (EL-act. 11–2 ff.). Die EL-Ansprecherin wies darauf hin, dass die zuständige
Sozialversicherungseinrichtung in ihrem Herkunftsland prüfe, ob sie ebenfalls eine
Altersrente auszurichten habe. Diese Prüfung könne bis zu einem Jahr dauern. Die EL-
Ansprecherin werde sich aber sofort bei der EL-Durchführungsstelle melden, falls sie
eine ausländische Altersrente erhalten sollte.
A.a.
Mit einer Verfügung vom 3. September 2021 sistierte die EL-Durchführungsstelle
das Verwaltungsverfahren bis zum Vorliegen einer rechtskräftigen Verfügung betreffend
einen allfälligen Anspruch auf eine ausländische Altersrente (EL-act. 5).
A.b.
Am 16. September 2021 erhob die EL-Ansprecherin (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Sistierungsverfügung vom 3.
September 2021 (act. G 1). Sie beantragte, dass das Verfahren wieder aufgenommen
werde, weil ihr die Wartezeit nicht zugemutet werden könne, da ihr jeden Monat etwa
1’000 Franken zur Bestreitung ihres Lebensbedarfs fehlten. Der Betrag der
ausländischen Rente werde sicherlich tief ausfallen. Die Beschwerdeführerin werde die
EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) sofort informieren,
sobald sie einen Rentenbescheid erhalten habe.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 8. Oktober 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie an, solange nicht bekannt sei, ob
und allenfalls in welchem Betrag die Beschwerdeführerin eine ausländische Rente
erhalten werde, stehe der massgebende Sachverhalt nicht fest, was die
Rechtsanwendung verunmögliche. Selbst eine „vorläufige“ Leistungszusprache könne
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/6
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Considerations:
Erwägungen
1.
Die angefochtene Verfügung hat das Verwaltungsverfahren betreffend einen allfälligen
Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Ergänzungsleistung nicht abgeschlossen,
weshalb sie als eine verfahrensleitende Verfügung („Zwischenverfügung“) zu
qualifizieren ist. Gegen verfahrensleitende Verfügungen kann gemäss dem Art. 52 Abs.
1 ATSG keine Einsprache erhoben werden, weshalb gegen solche Verfügungen nach
Art. 56 Abs. 1 ATSG direkt eine Beschwerde erhoben werden muss. Weder das VRP
noch der Art. 61 ATSG sehen besondere Eintretensvoraussetzungen bezüglich einer
Beschwerde gegen eine verfahrensleitende Verfügung vor. Allerdings ist die
selbständige Anfechtung einer verfahrensleitenden Verfügung kantonalrechtlich auf
wenige Fälle beschränkt (vgl. Urs Peter Cavelti/Thomas Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 564 f.). Diese
Regelung wird vom Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen und vom Schrifttum als
unbefriedigend qualifiziert, weshalb lückenfüllend eine selbständige Anfechtung von
verfahrensleitenden Verfügungen in analoger Anwendung der Art. 45 f. VwVG bejaht
wird (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 566, mit Hinweisen). Auch das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen tritt gemäss seiner ständigen Praxis unter
den analog anzuwendenden Voraussetzungen der Art. 45 f. VwVG auf Beschwerden
gegen verfahrensleitende Verfügungen ein (vgl. etwa den Entscheid IV 2015/356 des
St. Galler Versicherungsgerichtes vom 8. Dezember 2017, E. 1). Die hier angefochtene
verfahrensleitende Sistierungsverfügung vom 3. September 2021 ist geeignet, einen
nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne des Art. 46 Abs. 1 lit. a VwVG zu
bewirken. Die Beschwerdeführerin wird nämlich jedenfalls so lange keine
Ergänzungsleistungen erhalten, bis die Beschwerdegegnerin über ihre Anmeldung
entschieden haben wird. Als Folge davon könnte eine Sozialhilfeabhängigkeit der
Beschwerdeführerin entstehen oder sogar schon entstanden sein. Darin ist ein Nachteil
zu erblicken, der selbst durch eine spätere rückwirkende Leistungszusprache nicht
wieder gutgemacht werden kann. Die Beschwerdeführerin ist nämlich gezwungen, sich
für die Zeit bis zum Abschluss des EL-Verwaltungsverfahrens mit dem
sozialhilferechtlichen statt mit dem in der Regel höheren
ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzminimum zu begnügen. Auch wenn sie später
eine entsprechende Nachzahlung erhalten sollte, die diesen Nachteil rein
nicht in Frage kommen, da eine entsprechende, bewusst falsche Verfügung später
nicht mehr korrigierbar wäre.
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buchhalterisch ausgleichen würde, würde dies nichts am Umstand ändern, dass sie
sich bis dahin finanziell stark hätte einschränken müssen. Die Situation der
Beschwerdeführerin stellt sich also ähnlich dar wie bei einem Entzug der
aufschiebenden Wirkung einer Beschwerde gegen eine leistungsherabsetzende oder
leistungsaufhebende Verfügung, weil sie gezwungen ist, für die Dauer des
Beschwerdeverfahrens ohne Ergänzungsleistungen auszukommen. Bei der Beurteilung
von Gesuchen um die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung einer
Beschwerde ist die Vermeidung einer auch nur vorübergehenden
Sozialhilfeabhängigkeit gemäss der konstanten bundesgerichtlichen Auffassung als ein
schützenswertes Interesse anerkannt (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichtes
8C_267/2007 vom 20. November 2007, E. 3, mit zahlreichen Hinweisen). Dies
rechtfertigt es, im Risiko einer allenfalls auch nur vorübergehenden
Sozialhilfeabhängigkeit einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil zu erblicken (vgl.
zum Ganzen auch etwa den Entscheid EL 2020/38 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 10. November 2020, E. 1.1). Folglich ist auf die
Beschwerde gegen die (zu Recht förmlich verfügte) Sistierung des
Verwaltungsverfahrens einzutreten.
2.
Grundsätzlich beruht die EL-Anspruchsberechnung auf den tatsächlichen (vom Art. 10
ELG anerkannten) Ausgaben und den tatsächlichen Einnahmen. Solange die
Beschwerdeführerin keine ausländische Rente erhält, wäre die EL-
Anspruchsberechnung folglich ohne die Anrechnung einer solchen Rente
vorzunehmen. Sollte die Beschwerdeführerin später tatsächlich eine ausländische
Rente erhalten und sollte ihr diese Rente rückwirkend zugesprochen werden, könnte
eine Revision der Ergänzungsleistung nach Art. 17 Abs. 2 ATSG vorgenommen werden:
Die Rente wäre für die Zukunft als Einnahmenposition zu berücksichtigen; die
Nachzahlung wäre als ein Vermögenszuwachs zu behandeln. Nach der
bundesgerichtlichen Auffassung darf sich die EL-Anspruchsberechnung in einem
solchen Fall aber nicht am realen Sachverhalt orientieren; vielmehr muss fingiert
werden, dass die Rente sofort mit der Entstehung des Rentenanspruchs ausbezahlt
worden ist. Sollte also die ausländische Sozialversicherung der Beschwerdeführerin
beispielsweise im nächsten Jahr rückwirkend ab Juli 2021 eine Altersrente zusprechen,
müsste fingiert werden, dass die Beschwerdeführerin bereits ab Juli 2021 monatlich die
entsprechenden Rentenzahlungen erhalten habe. Solange nicht feststeht, ob und
allenfalls ab wann und in welchem Betrag die Beschwerdeführerin eine ausländische
Rente erhalten wird, kann das für die EL-Anspruchsberechnung ab Juli 2021
erforderliche Einnahmentotal nicht ermittelt werden, weil nicht feststeht, ob eine
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Rentenzahlung aus dem Ausland erfolgen wird, die rückwirkend als eine fiktive
Einnahme anzurechnen ist. Bis zum Rentenentscheid steht folglich der massgebende
Sachverhalt nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest. Ein rechtsgestaltender Entscheid – die Abweisung des
Leistungsbegehrens der Beschwerdeführerin oder die Zusprache einer
Ergänzungsleistung – könnte in dieser Situation nicht anders als in Verletzung der
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ergehen, weshalb er in jedem Fall als
rechtswidrig zu qualifizieren wäre und vom Versicherungsgericht aufgehoben werden
müsste. Die Beschwerdegegnerin hat also keine Möglichkeit, über das
Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin rechtsgestaltend zu entscheiden, solange
die Frage nach einer ausländischen Rente nicht rechtskräftig beantwortet worden ist.
Auch die „vorsorgliche“ Zusprache einer Ergänzungsleistung ist in dieser Situation
nicht möglich gewesen, da die Voraussetzungen des Art. 19 Abs. 4 ATSG offenkundig
nicht erfüllt gewesen sind, weil nicht einmal ansatzweise hat abgeschätzt werden
können, wie hoch die allfällige ausländische Rente ausfallen könnte (vgl. EL-act. 1), und
weil folglich der Leistungsanspruch nicht im Sinne des Art. 19 Abs. 4 ATSG
ausgewiesen gewesen ist. Das ELG kennt keine über den Art. 19 Abs. 4 ATSG
hinausgehende Regelung, die die Ausrichtung von „Vorschussleistungen“ erlauben
würde. Dem massgebenden Ergänzungsleistungsrecht ist auch jede Form einer
„Kulanz“ fremd, die es bei einer „prekären Notlage“ erlauben würde, praeter oder sogar
contra legem Ergänzungsleistungen „vorzuschiessen“, denn solche „Kulanzleistungen“
liessen sich augenscheinlich weder mit dem Legalitätsprinzip noch mit dem
Gleichbehandlungsgebot in Übereinstimmung bringen. Selbst wenn solche
„Kulanzleistungen“ grundsätzlich ausgerichtet werden könnten, wäre dies vorliegend
nicht zulässig, denn damit würde die Beschwerdegegnerin vorsätzlich eine von Beginn
weg falsche Leistungszusprache in Kauf nehmen, die sie später nicht mehr korrigieren
könnte, weil die im ATSG geregelten Instrumente zur Korrektur einer formell
rechtskräftigen Verfügung die Korrektur eines bei der ursprünglichen
Leistungszusprache vorsätzlich in Kauf genommenen Fehlers nicht zulassen: Die
Revision nach Art. 17 Abs. 2 ATSG kann gar keine bei der ursprünglichen
Leistungszusprache begangenen Fehler korrigieren, die sogenannt prozessuale
Revision nach Art. 53 Abs. 1 ATSG setzt voraus, dass die von Beginn weg bestehende
Fehlerhaftigkeit einer formell rechtskräftigen Verfügung auf eine Tatsache
zurückzuführen ist, die bei der ursprünglichen Leistungszusprache noch nicht hat
bekannt sein können, und die Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG erfordert eine
bereits bei der ursprünglichen Leistungszusprache bestehende, auf einen Irrtum der
verfügenden Behörde über die damalige Sach- und/oder Rechtslage zurückzuführende
zweifellose Unrichtigkeit die nicht vorliegen kann, wenn die Behörde die Unrichtigkeit
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bewusst in Kauf genommen hat. Der Beschwerdegegnerin bleibt also nichts anderes
übrig, als den Abschluss des ausländischen Rentenverfahrens abzuwarten (vgl. zum
Ganzen auch den Entscheid EL 2020/38 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 10.
November 2020, E. 2). Die angefochtene Sistierungsverfügung vom 3. September 2021
erweist sich damit als rechtmässig.
3.
Die Beschwerde ist abzuweisen. Gerichtskosten sind nicht zu erheben (Art. 61 lit. f
ATSG).