Decision ID: 3394b630-05bc-4740-81f6-0ec9914d16cc
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_004
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
I. Sachverhalt:
1. C._ ist Alleineigentümer der Parzellen D._ (E._) und
F._ (G._) in der Gemeinde B._. Südlich der
Parzelle F._ liegt die Parzelle H._
(Gewerbehalle/Lager/Werkstatt und Bürogebäude). An der Ostgrenze von
Parzelle H._ liegt Parzelle I._ (im Eigentum der RhB), über die
ein im Generellen Erschliessungsplan 2009 (nachfolgend GEP 2009) als
Land- und Forstwirtschaftsweg klassifizierter, gemäss GEP 2014
aufzuhebender bzw. in der Zwischenzeit aufgehobener, von der
Kantonsstrasse bei km 12.94 zum ehemaligen Bahnübergang bei
km 28.318 der Strecke Chur-St. Moritz herkommender
Erschliessungsweg führt. Östlich all dieser Parzellen (F._, H._
und I._) führt die Bahnlinie der RhB vorbei. Zwischen den beiden
Parzellen F._ und H._ liegt ein Teil der Parzelle J._ (im
Eigentum der RhB). Rund 75 m weiter südlich zweigt eine als
Parzelle K._ (im Eigentum der Gemeinde B._) abparzellierte
Erschliessungsstrasse ostwärts von der Kantonsstrasse ab.
2. Mit Beschluss vom 5. Februar 2019 genehmigte die Regierung des
Kantons Graubünden das Strassenbauprojekt für den Ausbau der H13
Italienische Strasse, Abschnitt B._-Dorfeinfahrt Nord, zwischen
km 12.81 und km 12.98, und erteilte gleichzeitig das Enteignungsrecht für
die benötigten Grundstücksflächen. Geplant sind auf der nordwärts
führenden Strassenseite ein Linksabbieger mit Spuraufweitung, wofür
Land u.a. ab den Parzellen D._ und F._ beansprucht wird. Die
Einfahrt ab der Kantonsstrasse auf die Parzelle F._ bei km 12.94 und
der entsprechende Land- und Forstwirtschaftsweg wurden aufgehoben
und die Erschliessung der Parzelle F._ sollte neu über die
Parzellen K._ und H._ realisiert werden.
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3. Mit dem in Rechtskraft erwachsenen Urteil des Verwaltungsgerichts des
Kantons Graubünden R 19 18/19 vom 28. Mai 2020 wurde die gegen den
Beschluss vom 5. Februar 2019 erhobene Beschwerde abgewiesen.
4. Am 2. September 2021 wurde der Dienstbarkeitsvertrag vom 29. Januar
2019 zwischen dem Eigentümer der Parzelle H._ und der Politischen
Gemeinde B._ öffentlich beurkundet und im Grundbuch eingetragen.
5. Da mit dem Eigentümer der Parzellen D._ und F._ keine gütliche
Einigung für den Landerwerb erzielt werden konnte, reichte der Kanton
Graubünden im März 2022 bei der Enteignungskommission VII das
Gesuch um Durchführung eines Schätzungsverfahrens im Sinne des
Enteignungsgesetzes ein. Nach Einleitung dieses Verfahrens im April
2022 ersuchte der Kanton Graubünden zusätzlich um vorzeitige
Besitzeseinweisung in eine Abtretungsfläche von ca. 20 m2 der
Parzelle D._ sowie von ca. 125 m2 der Parzelle F._ und um eine
vorübergehende Beanspruchung von ca. 84 m2 auf Parzelle D._
sowie von ca. 190 m2 auf Parzelle F._. Er begründete das Gesuch
mit der Dringlichkeit der Bauarbeiten.
6. Mit Entscheid vom 9. Juni 2022 wies die Enteignungskommission VII den
Kanton Graubünden in Gutheissung des entsprechenden Gesuchs
[vorzeitig] in den Besitz von ca. 104 m2 ab Parzelle D._ und
ca. 315 m2 ab Parzelle F._ (Grundbuch der Gemeinde B._)
gemäss Landerwerbsplan ein. Der Eigentümer der Parzellen D._ und
F._ wurde angewiesen, weder rechtliche noch faktische
Massnahmen zu ergreifen, die den Besitzeseintritt erschwerten.
7. Am 13. Juni 2022 teilte die Gemeinde B._, namens und im Auftrag
des Kantons Graubünden, A._ mit, dass die entsprechenden Flächen
frühestens ab 20. Juni 2022 in Anspruch genommen würden. Im Juli 2022
nahm die Bauleitung mit A._, die auf diesem Grundstück einen
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Parkplatz betreiben, Kontakt auf, um insbesondere die Räumung der
betroffenen Flächen der Parzelle F._ zu organisieren. Sie wurden
darauf aufmerksam gemacht, dass die parkierten Fahrzeuge bis zum
27. Juli 2022 entfernt werden sollten oder dass der Bauleitung zumindest
die Angaben der jeweiligen Eigentümer mitgeteilt werden müssten, so
dass diese die Halter informieren und das Umstellen dieser Fahrzeuge
selbst organisieren könne. Dieser Aufforderung kamen A._ nicht
nach.
8. Gegen den Entscheid der Enteignungskommission VII vom 9. Juni 2022
betreffend die vorzeitige Besitzeseinweisung erhoben A._
(nachfolgend: Beschwerdeführer) am 20. Juni 2022 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Sie beantragten die
Aufhebung des angefochtenen Entscheids, eventualiter die Aufhebung
der "Gutheissung des Gesuchs um vorzeitige Besitzeseinweisung ab
Parzelle F._ im Entscheid der Enteignungskommission VII".
9. Mit Gesuch vom 29. Juli 2022 beantragte der Kanton Graubünden
(nachfolgend: Beschwerdegegner) beim Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden den Erlass (super-)provisorischer Massnahmen mit
folgenden Rechtbegehren:
" 1. Die Beschwerdeführer seien unter Strafandrohung gemäss Art. 292 StGB zu
verpflichten, die ca. 315 m2 ab Grundstück Nr. F._ im Grundbuch der Gemeinde
B._, welche gemäss Entscheid der Enteignungskommission VII vom 9. Juni
2022 in den Besitz des Kantons Graubünden eingewiesen wurden, innert 5 Tagen
zu räumen.
2. Eventualiter: Die Beschwerdeführer seien unter Strafandrohung gemäss Art. 292
StGB zu verpflichten, die Halterdaten der auf den ca. 315 m2 ab Grundstück Nr.
F._ im Grundbuch der Gemeinde B._, welche gemäss Entscheid der
Enteignungskommission VII vom 9. Juni 2022 in den Besitz des Kantons
Graubünden eingewiesen wurden, parkierten Fahrzeuge sofort bekannt zu geben.
3. Subeventualiter: Es sei dem Kanton Graubünden das Recht zu erteilen, die auf den
ca. 315 m2 ab Grundstück Nr. F._ im Grundbuch der Gemeinde B._,
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welche gemäss Entscheid der Enteignungskommission VII vom 9. Juni 2022 in den
Besitz des Kantons Graubünden eingewiesen wurden, partkierten Fahrzeuge auf
den Werkhof "L._", Grundstück Nr. M._ im Grundbuch der Gemeinde
B._ abzustellen.
4. Unter Kostenfolge gemäss Gesetz."
10. Mit Eingabe vom 2. August 2022 beantragten die Beschwerdeführer, ihrer
Beschwerde vom 20. Juni 2022 sei die aufschiebende Wirkung zu
gewähren.
11. Mit Schreiben vom 9. August 2022 teilte die Enteignungskommission VII
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) u.a. mit, auf die Einreichung einer
Stellungnahme zu den Gesuchen um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung und um Erlass von vorsorglichen Massnahmen zu verzichten.
12. Am 10. August 2022 reichte der Beschwerdegegner die Vernehmlassung
zur Beschwerde und zum Gesuch um Gewährung der aufschiebenden
Wirkung ein mit dem Antrag auf deren Abweisung.
13. Im Schreiben vom 10. August 2022 beantragten die Beschwerdeführer,
das Gesuch um Erlass vorsorglicher Massnahmen sei abzuweisen und
der Kanton sei aufzufordern, die der Gemeinde obliegende
Neuerschliessung der Parzelle F._ baulich, rechtlich inkl.
Kostenträger unverzüglich und vollumfänglich vorzulegen.
14. Am 23. August 2022 reichten die Beschwerdeführer ihre Replik mit
unveränderten Anträgen ein.
15. Mit Verfügung R 22 39a vom 23. August 2022 wies der Instruktionsrichter
das Gesuch um aufschiebende Wirkung ab und hiess die beantragten
vorsorglichen Massnahmen gut.
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16. Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführer am 25. August
2022 Prozessbeschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden.
17. Am 28. und 30. August 2022 sowie am 5. September 2022 reichten die
Beschwerdeführer dem Verwaltungsgericht weitere Schreiben und
Beilagen ein.
18. Am 5. September 2022 stellte der Beschwerdegegner dem
Verwaltungsgericht seine Duplik zu und hielt an seinen Rechtsbegehren
der Vernehmlassung fest.
19. Am 6. September 2022 nahm die Gemeinde B._ (nachfolgend:
Beigeladene) zur Erschliessungssituation Stellung.
20. Der Beschwerdegegner schloss in seiner Vernehmlassung vom 7.
September 2022 auf Abweisung der Prozessbeschwerde.
21. Mit Schreiben vom 14. September 2022 verzichtete der
Beschwerdegegner auf die Einreichung einer weiteren Stellungnahme.
22. Am 20. September 2022 reichten die Beschwerdeführer eine erneute
Eingabe ein. Mit Schreiben vom 30. September 2022 verzichtete der
Beschwerdegegner auf eine Äusserung dazu, wohingegen die
Beigeladene mit Schreiben vom 4. Oktober 2022 dazu Stellung nahm.
23. Mit Urteil R 22 64 vom 25. Oktober 2022 wies das Verwaltungsgericht die
von den Beschwerdeführern gegen die prozessleitende Verfügung R 22
39a vom 23. August 2022 erhobene Prozessbeschwerde ab.
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Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt ist der Entscheid der Beschwerdegegnerin vom 9. Juni
2022, wonach der Beschwerdegegner [vorzeitig, also vor Leistung der
Entschädigung] in den Besitz von ca. 104 m2 ab Parzelle D._ und ca.
315 m2 ab Parzelle F._ (beide im Eigentum des Beschwerdeführers)
gemäss Landerwerbsplan einwies. Der Entscheid gehört zwar zum
Schätzungsverfahren im engeren Sinn. Er ist aber selbständig anfechtbar,
da es sich dabei um einen Sachentscheid im Sinne von Art. 22 Abs. 1 des
Enteignungsgesetzes des Kantons Graubünden (KEntG; BR 803.100)
handelt (vgl. Urteil des Verwaltungsgerichts 572/92 u. 579/92 vom 17. Mai
1995 E.1 m.H.a. PVG 1979 Nr. 59). Die Legitimation des
Beschwerdeführers als Alleineigentümers der Parzelle F._ ist
gegeben. Ob auch die Beschwerdeführerin als Ehefrau des
Beschwerdeführers beschwerdeberechtigt ist, kann offengelassen
werden. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
demnach einzutreten.
2. Strittig ist, ob die vorzeitige Besitzeseinweisung zu Recht erteilt wurde.
3.1. Gemäss Art. 28 Abs. 1 KEntG kann der Enteigner nach Einleitung des
Schätzungsverfahrens durch den Kommissionspräsidenten nach
vorgenommenem Augenschein und nach Anhören der
Abtretungspflichtigen ermächtigt werden, das Grundstück schon vor der
Zahlung der Entschädigung in Anspruch zu nehmen, wenn für den
Enteigner aus einer Verzögerung bedeutende Nachteile entstehen
würden. Die vorzeitige Besitzeseinweisung ermöglicht es dem Enteigner,
die enteigneten Rechte schon vor Festsetzung und Leistung der
Entschädigung zu beanspruchen, wenn ein überwiegendes öffentliches
Interesse an der raschen Erstellung eines Werks besteht (Urteil des
Bundesgerichts 1C_137/2019 vom 5. Juli 2019 E.3.5 m.H.). Gemäss
kantonaler Praxis darf die vorzeitige Besitzeseinweisung die Festlegung
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der Enteignungsentschädigung nicht erschweren. Ausserdem soll die
Besitzeseinweisung im Sinne des Verhältnismässigkeitsprinzips nur
erfolgen, wenn sie aufgrund der Umstände notwendig erscheint, die einzig
geeignete Massnahme darstellt, um bedeutende Nachteile abzuwenden,
und darüber hinaus den Betroffenen nicht übermässig trifft.
3.2. Dass vorliegend eine Dringlichkeit gestützt auf die langjährige Planung der
Strassenbauarbeiten, der Witterungsverhältnisse, des schlechten
Strassenzustands und der Verkehrssicherheit besteht, wurde bereits mit
Urteil R 22 64 nach Auseinandersetzung mit den betreffenden Rügen der
Beschwerdeführer bestätigt (vgl. E.4.3.2 dieses Urteils). Angesichts der
finanziellen Nachteile, die ein Unterbruch der Bauarbeiten mit sich zöge,
ist die Voraussetzung des "bedeutenden Nachteils" bzw. des
"überwiegenden Interesses an einer raschen Erstellung des Werkes"
erfüllt. Eine verhältnismässigere Massnahme als die vorzeitige
Besitzeseinweisung ist nicht ersichtlich. Zudem erschwert die vorzeitige
Besitzeseinweisung die Festlegung der Enteignungsentschädigung nicht
und belastet auch nicht übermässig den Beschwerdeführer als betroffenen
Eigentümer. Damit sind die Voraussetzungen für die vorzeitige
Besitzeseinweisung erfüllt, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist. Die
Rügen der Beschwerdeführer zur Hinlänglichkeit der Neuerschliessung
der Parzelle F._ spielen in diesem Verfahren keine Rolle und bilden
allenfalls Thema der Enteignungsentschädigung.
4. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und der
angefochtene Entscheid zu bestätigen.
5. Entsprechend dem Verfahrensausgang sind die Gerichtskosten unter
solidarischer Haftbarkeit den Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 73
Abs. 1 VRG). Angemessen erscheint vorliegend eine Staatsgebühr von
CHF 2'000.00. Den Beschwerdegegnern und der Beigeladenen werden
keine Parteientschädigungen zugesprochen (vgl. Art. 78 Abs. 2 VRG).
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