Decision ID: 928a40e1-7712-4106-860c-0be5749a66cb
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
I. Sachverhalt:
1. A._, Jahrgang 1986, war seit 16. Mai 2011 als Bauarbeiter bei der
B._ AG in C._ angestellt. Am 16. Juli 2015 erlitt er einen
Berufsunfall, als er sich bei der Arbeit mit einem Hammer auf das rechte
Knie schlug und sich das rechte Kniegelenk verdrehte, was zu einer
traumatischen Osteochondrosis dissecans am medialen Femurkondyl des
rechten Knies führte (Schadennummer Z.1._). Der Heilungsverlauf
war kompliziert und führte zu einer ärztlich attestierten vollen
Arbeitsunfähigkeit ab dem 21. Juli 2015 in der angestammten Tätigkeit als
Bauarbeiter. Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva)
erbrachte die gesetzlichen Leistungen.
2. Am 24. August 2018 war A._ als Lenker eines Personenwagens (PW)
in eine Frontalkollision mit einem anderen PW verwickelt, aufgrund dessen
er vom 24. August bis 5. September 2018 im Spital U._ behandelt
wurde (Schadennummer Z.2._). Dies nachdem er beim Unfall eine
Mehrfachverletzung erlitten hatte, d.h. eine HWS-Distorsion, undislozierte
Fraktur des Corpus sterni, Rippenserienfraktur rechts Costa 2-9 mit
minimal angrenzendem Pneumothorax, Lungenkontusion rechts mit
Verdacht auf apikalen Pneumothorax, minim keilförmig veränderte BWK
7-9 (DD Morbus Scheuermann), Prellung der linken Clavicula, Prellung
des rechten Oberbauchs, frische LWK 2 Vorderkantenfraktur, fragliche
Fraktur der Vorderkante LWK 3 (DD sklerosierte Apophyse) sowie
Kontusionen des rechten Beckens, des linken Vorderarms und des
rechten Knies. A._ wurde ab dem 24. August 2018 weiterhin eine
volle Arbeitsunfähigkeit attestiert. Die Suva erbrachte wiederum resp.
weiterhin die gesetzlichen Leistungen.
3. Vom 5. September bis am 16. Oktober 2018 befand sich A._ in
stationärer Rehabilitation im D._. Am 26. März 2019 erfolgte eine
orthopädische kreisärztliche Abschlussuntersuchung durch Dr. med.
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E._. Am 16. Mai 2019 nahm A._ eine psychiatrisch-
psychotherapeutische Behandlung bei Dr. med. F._ auf, welcher eine
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10:
F32.11) und eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1)
diagnostizierte. Am 6. Dezember 2019 erfolgte eine weitere
(orthopädische) kreisärztliche Untersuchung durch Dr. med. E._ und
am 30. Januar 2020 eine psychiatrische Exploration durch Dr. med.
G._ vom agenturärztlichen Dienst der Suva.
4. Mit Verfügung vom 23. Juli 2020 sprach die Suva A._ für die
verbliebenen Beeinträchtigungen aus den Unfällen vom 16. Juli 2015 und
24. August 2018 ab dem 1. September 2020 eine Invalidenrente der
Unfallversicherung im Betrag von CHF 762.05 pro Monat aufgrund einer
Erwerbsunfähigkeit von 20 % bei einer einem versicherten
Jahresverdienst von CHF 57'152.-- und eine Integritätsentschädigung von
CHF 18'900.-- basierend auf einer Integritätseinbusse von 15 % zu.
5. A._ erhob dagegen am 14. September 2020 Einsprache und
beantragte aber einzig in Bezug auf die zugesprochene Invalidenrente die
Aufhebung der Verfügung vom 23. Juli 2020. Zur Feststellung der
Erwerbsunfähigkeit seien auch seine psychischen Beschwerden als
unfallkausale Folgen in die Beurteilung miteinzubeziehen und ihm ab dem
1. September 2020 eine volle Invalidenrente zuzusprechen. Zur
Begründung wurde unter Bezugnahme auf die von Dr. med. G._ aus
psychiatrischer Sicht attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit im
allgemeinen Arbeitsmarkt im Wesentlichen vorgebracht, dass die Suva die
diagnostizierten psychischen Störungen bei richtiger Anwendung der
bundesgerichtlichen Praxis zur Adäquanzbeurteilung von psychischen
Fehlentwicklungen nach einem Unfall (Psycho-Praxis) zu Unrecht als nicht
(adäquat-)kausale Unfallfolgen beurteilt habe.
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6. Mit Einspracheentscheid vom 17. Dezember 2020 wies die Suva die
Einsprache vom 14. September 2020 ab und entzog einer allfälligen
Beschwerde die aufschiebende Wirkung. Dabei verneinte sie
insbesondere in Anwendung der Psycho-Praxis die Adäquanz der
psychischen Beschwerden zu den Unfällen vom 16. Juli 2015 und
24. August 2018. Sie bestätigte die zugesprochene Invalidenrente der
Unfallversicherung bei einem Erwerbsunfähigkeitsgrad von 20 % ab dem
1. September 2020 auf Basis eines Valideneinkommens von
CHF 69'818.-- und eines Invalideneinkommens von CHF 56'105.--.
7. Mit Beschwerde vom 29. Januar 2021 an das Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden beantragte A._ (nachfolgend
Beschwerdeführer) die Aufhebung des Einspracheentscheides vom
17. Dezember 2020 und es sei ihm ab dem 1. September 2020 eine volle
Invalidenrente über monatlich CHF 3'810.15 zuzusprechen. Eventualiter
sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und es sei die Sache zur
weiteren Sachverhaltsabklärung und zur Neubeurteilung im Sinne der
Erwägungen an die Suva zurückzuweisen. Dies unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zulasten der Suva. Zur Begründung brachte er im
Wesentlichen vor, dass die Suva die Psycho-Praxis falsch angewendet
habe. Zunächst, indem die Unfallschwere falsch qualifiziert worden sei.
Der vorliegende Verkehrsunfall sei gemäss bundesgerichtlicher Kasuistik
mindestens als mittelschwerer Unfall im Grenzbereich zu den schweren
Unfällen einzustufen. Weiter seien die Adäquanzkriterien falsch beurteilt
worden, weil er mindestens drei dieser Kriterien erfülle, nämlich die
dramatischen Begleitumstände resp. besondere Eindrücklichkeit des
Unfalls, die Dauerschmerzen sowie die Dauer und der Grad der
Arbeitsunfähigkeit. Schliesslich sei gemäss der fachärztlichen Beurteilung
von Dr. med. G._ auch der natürliche Kausalzusammenhang
zwischen der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und dem
Verkehrsunfall vom 24. August 2018 erstellt. In sachverhaltlicher Hinsicht
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wurde noch ausgeführt, dass nach dem Autounfall am 24. August 2018
die Ärzte im D._, eine PTBS festgestellt hätten. Nach einlässlichen
Abklärungen habe Dr. med. F._ in seinem psychiatrischen Bericht
vom 26. Juni 2019 eine mittelgradige depressive Episode mit
somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11) sowie eine posttraumatische
Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) diagnostiziert. Die daraufhin von der
Suva bei Kreisarzt Dr. med. G._ eingeholte psychiatrische
Untersuchung habe die Beurteilung folgender psychiatrischer Diagnosen
hervorgebracht: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ICD-10:
F43.1 (wegen Verkehrsunfalls am 5. September 2018 [recte: 24. August
2018]), schwere depressive Episode ICD-10: F32.2 (chronifizierender,
therapieresistenter Verlauf) und chronische Schmerzstörung ICD-10:
F45.41 (mit somatischen und psychischen Beschwerden). Überdies habe
er das Zumutbarkeitsprofil aus somatischer Sicht nicht bestätigt, sondern
gab an, dass aus versicherungspsychiatrischer Sicht bis auf weiteres eine
volle Arbeitsunfähigkeit im allgemeinen Arbeitsmarkt bestehe, unter
anderem wegen Beeinträchtigungen von Konzentrationsfähigkeit, Antrieb
und Durchhaltevermögen, emotionaler Belastbarkeit und
Anpassungsfähigkeit sowie aufgrund der (teilweise psychisch bedingten)
Schmerzen. Damit bestehe Anspruch auf eine volle Invalidenrente der
Unfallversicherung bei einem Erwerbsunfähigkeitsgrad von 100 % in der
Höhe von CHF 3'810.15 pro Monat.
8. Die Suva (nachfolgend Beschwerdegegnerin) beantragte in ihrer
Beschwerdeantwort vom 22. Februar 2021 die Abweisung der
Beschwerde und die Bestätigung des Einspracheentscheides vom
17. Dezember 2020. Bezüglich des rechtserheblichen Sachverhalts wurde
auf die ins Recht gelegten Akten der beiden Schadenfälle sowie auf den
angefochtenen Einspracheentscheid verwiesen. Bezüglich der
rechtserheblichen und vom Beschwerdeführer thematisierten
Gesichtspunkte wie namentlich die Qualifikation des Autounfalls als
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mittelschwerer Unfall im mittleren Bereich, die Verneinung der
Adäquanzkriterien gemäss Psycho-Praxis, die Zulässigkeit der
Offenlassung des natürlichen Kausalzusammenhanges zwischen den
psychischen Beschwerden und dem Unfall bei verneinter Adäquanz sowie
die Nichtberücksichtigung der (unfallfremden) psychischen Beschwerden
bei der Rentenbemessung bzw. deren Bemessung nur auf Basis des
(somatischen) Zumutbarkeitsprofils gemäss der kreisärztlichen
Untersuchung durch Dr. med. E._ hielt die Suva an ihrer Beurteilung
gemäss Einspracheentscheid fest.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien in den Rechtschriften, den
angefochtenen Einspracheentscheid vom 17. Dezember 2020 sowie die
weiteren Akten wird, sofern erforderlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen den Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin vom 17. Dezember 2020. Gemäss Art. 1 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) i.V.m.
Art. 56 Abs. 1 und Art. 58 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann
gegen einen Einspracheentscheid Beschwerde an das
Versicherungsgericht desjenigen Kantons erhoben werden, in welchem
die versicherte Person im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ihren
Wohnsitz hat. Der Beschwerdeführer wohnt im Kanton Graubünden,
womit die örtliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts des Kantons
Graubünden gegeben ist. Dessen sachliche Zuständigkeit ergibt sich aus
Art. 57 ATSG i.V.m. Art. 49 Abs. 2 lit. a des kantonalen Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100). Als im Einspracheverfahren
unterlegener, formeller und materieller Adressat des angefochtenen
Einspracheentscheids ist der Beschwerdeführer davon überdies berührt
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und er weist ein schutzwürdiges Interesse an dessen Überprüfung auf
(Art. 59 ATSG). Auf die – unter Berücksichtigung der Gerichtsferien
gemäss Art. 38 Abs. 4 lit. c ATSG – zudem frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 60 Abs. 1 und 2 ATSG, Art. 38 f. ATSG
sowie Art. 61 lit. b ATSG) ist somit einzutreten.
2. In Bezug auf das anwendbare Recht ist festzuhalten, dass seit dem
1. Januar 2017 die revidierten Bestimmungen des UVG und der
Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) in Kraft sind
(Änderung vom 25. September 2015). Gemäss Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 werden
Versicherungsleistungen namentlich für Unfälle, die sich vor dem
Inkrafttreten der Änderung vom 25. September 2015, mithin vor dem
1. Januar 2017, ereignet haben, nach bisherigem Recht gewährt. Der
erste Unfall ereignete sich am 16. Juli 2015. Der Autounfall vom
24. August 2018 ereignete sich demgegenüber unter der Geltung des per
1. Januar 2017 revidierten Rechts. Da sich die vorliegend massgebenden
Bestimmungen soweit ersichtlich jedoch nicht geändert haben, erübrigen
sich Weiterungen dazu.
3. Vorliegend ist zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin dem
Beschwerdeführer zu Recht (nur) eine Invalidenrente der
Unfallversicherung bei einem Erwerbsunfähigkeitsgrad von 20 % für die
beiden erlittenen Unfälle zugesprochen hat oder ob er nicht Anspruch auf
eine höhere Invalidenrente hätte. Die von der Beschwerdegegnerin
gewährte Integritätsentschädigung bei einer Integritätseinbusse von 15 %
wurde bereits einspracheweise nicht beanstandet und ist somit in
Teilrechtskraft erwachsen (vgl. BGE 144 V 354 E.4.3).
.
- 8 -
4.1. Die Zusprechung von Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung
setzt gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG grundsätzlich das Vorliegen eines
Berufsunfalles, eines Nichtberufsunfalles oder einer Berufskrankheit
voraus. Der Unfallversicherer haftet jedoch für einen Gesundheitsschaden
nur insoweit, als dieser nicht nur in einem natürlichen, sondern auch in
einem adäquaten Kausalzusammenhang zum versicherten Ereignis steht
(vgl. BGE 147 V 161 E.3.1 und 129 V 177 E.3; Urteile des Bundesgerichts
8C_499/2020 vom 19. November 2020 E.2.2.1 und 8C_620/2019 vom
5. Februar 2020 E.3.3). Dabei spielt die Adäquanz als rechtliche
Eingrenzung der sich aus dem natürlichen Kausalzusammenhang
ergebenden Haftung des Unfallversicherers im Bereich organisch objektiv
ausgewiesener Unfallfolgen praktisch keine Rolle, da sich hier die
adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (vgl. BGE 134
V 109 E.2 und 127 V 102 E.5b/bb; Urteile des Bundesgerichts
8C_499/2020 vom 19. November 2020 E.2.2.1 und 8C_620/2019 vom
5. Februar 2020 E.3.3). Objektivierbar sind Untersuchungsergebnisse, die
reproduzierbar sind und von der Person des Untersuchenden und den
Angaben des Patienten unabhängig sind. Von organisch objektiv
ausgewiesenen Unfallfolgen kann somit erst dann gesprochen werden,
wenn die erhobenen Befunde mit apparativen/bildgebenden Abklärungen
bestätigt wurden und die hierbei angewendeten Untersuchungsmethoden
wissenschaftlich anerkannt sind (vgl. BGE 138 V 248 E.5.1; Urteile des
Bundesgerichts 8C_698/2021 vom 3. August 2022 E.4.2, 8C_493/2021
vom 4. März 2022 E.3.3.2 und 8C_756/2021 vom 10. Februar 2022 E.4.3).
Sind die geklagten Beschwerden natürlich unfallkausal, nicht aber in
diesem Sinne objektiv ausgewiesen, so ist bei der Beurteilung der
Adäquanz vom augenfälligen Geschehensablauf auszugehen, und es sind
gegebenenfalls weitere unfallbezogene Kriterien einzubeziehen (siehe
BGE 140 V 356 E.3.2 und 134 V 109 E.2.1; Urteile des Bundesgerichts
8C_698/2021 vom 3. August 2022 E.3.4 und 8C_620/2019 vom
5. Februar 2020 E.3.3). Hat die versicherte Person einen Unfall erlitten,
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welcher die Anwendung der Schleudertrauma-Rechtsprechung
rechtfertigt, so sind hierbei die durch BGE 134 V 109 E.10 präzisierten
Kriterien massgebend. Ist diese Rechtsprechung nicht anwendbar, so sind
grundsätzlich die Adäquanzkriterien, welche für psychische
Fehlentwicklungen nach einem Unfall entwickelt wurden (dazu BGE 115
V 133 E.6c/aa), anzuwenden (vgl. BGE 138 V 248 E.4 und 134 V 109
E.2.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_698/2021 vom 3. August 2022
E.3.4, 8C_15/2021 vom 12. Mai 2021 E.7.1 und 8C_627/2019 vom
10. März 2020 E.3.2). Wird die Unfallkausalität bejaht, sind für die
Beurteilung der invalidisierenden Wirkung einer spezifischen HWS-
Verletzung ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle die in
BGE 130 V 352, später in BGE 141 V 281 entwickelten Kriterien analog
anzuwenden (siehe Urteil des Bundesgerichts 8C_261/2019 vom 8. Juli
2019 E.3 und 4.3.1 m.w.H. v.a. auf BGE 141 V 574; unter der alten
Rechtsprechung: BGE 136 V 279 E.3.2.3 i.V.m. 141 V 281 E.4.2; vgl. auch
Urteil des Bundesgerichts 8C_493/2021 vom 4. März 2022 E.3.3.5 sowie
BGE 143 V 418 E.7.1 betreffend dem Erfordernis eines strukturierten
Beweisverfahrens; vgl. auch betreffend den Aspekt der Zumutbarkeit und
Schnittstelle zwischen der Adäquanz- und Indikatorenrechtsprechung:
HACK-LEONI, Zumutbarkeit und Kausalität, in: KIESER [Hrsg.], Zumutbarkeit
– Novembertagung zum Sozialversicherungsrecht 2020, Zürich/St. Gallen
2021, S. 23 ff.).
4.2. Vorliegend ist unbestritten, dass die Beschwerdegegnerin grundsätzlich
leistungspflichtig ist für die (zumindest somatischen) Folgen des vom
Beschwerdeführer am 16. Juli 2015 erlittenen Arbeitsunfalls
(Hammerschlag aufs rechte Knie) und des am 24. August 2018 erlittenen
Autounfalls (Frontalkollision). Ebenfalls liegt ausser Streit, dass von einer
Fortsetzung der auf die körperlichen Unfallfolgen gerichteten ärztlichen
Behandlung über den 31. August 2020 hinaus keine namhafte Besserung
des Gesundheitszustandes mehr zu erwarten war und damit für die Zeit
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ab 1. September 2020 ein Rentenanspruch besteht, so dass die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer bereits eine Invalidenrente
unter Berücksichtigung allein der körperlichen Unfallfolgen aus beiden
Unfallereignissen bei einem Invaliditäts- bzw. Erwerbsunfähigkeitsgrad
von 20 % zugesprochen hat. Der Beschwerdeführer macht nun aber
geltend, entgegen der Einschätzung der Beschwerdegegnerin seien bei
der Rentenbemessung nicht nur die körperlichen, sondern auch die
psychischen Unfallfolgen miteinzubeziehen.
4.3.1. Zugetragen haben sich ein Arbeitsunfall am 16. Juli 2015 (Hammerschlag
auf das rechte Knie) und ein Autounfall am 24. August 2018
(Frontalkollision zwischen zwei Personenwagen [PW]) und der
entsprechende Beschwerde- und Behandlungsverlauf stellte sich im
Wesentlichen wie folgt dar:
4.3.2. Nach dem Arbeitsunfall am 16. Juli 2015, aus der eine Knieverletzung
rechts resultierte, erfolgte am 22. Juli 2015 im Spital H._ eine
Arthroskopie sowie eine mediale parapatelläre Arthrotomie am rechten
Knie mit offener Refixation des grossen osteochondrotischen Flakes
(siehe Akten der Beschwerdegegnerin zur Schadennummer Z.1._
[Bg-act. I] 9 f.). Nach zwei Nachkontrollen erfolgte am 24. November 2015
gleichenorts eine Kontrollarthroskopie mit Schraubenentfernung perkutan
und Glättung des Knorpels am medialen Femurkondyl (Bg-act. I 32 und
35). Am 15. März 2016 erfolgte eine weitere Kontrollarthroskopie mit
Knorpelglättung sowie Entfernung des dorsalen, nicht eingeheilten Anteils
der Osteochondrosis dissecans am medialen Femurkondyl (siehe Bg-
act. I 59 und 62). Am 23. August 2016 erfolgte im Spital U._ bei
grossem osteochondralem Defekt am medialen Fermurkondyl rechts eine
Mosaikplastik (offene OATS) und eine Tibiavalgisations Osteotomie (siehe
Bg-act. I 117 f.). Am 15. Februar 2017 erfolgte eine Arthro-CT, welche
gemäss Bericht vom 28. Februar 2017 des Spital U._ radiologisch ein
erfreuliches Bild mit fortgeschrittener Konsolidation der Osteotomie und
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volle Integration der OATS zeige. Die geklagten Schmerzen wurden auf
eine Reizsituation im Gelenk selbst zurückgeführt und eine intraartikuläre
Infiltration geplant und durchgeführt (siehe Bg-act. I 154 und 161). Am
2. März 2017 erfolgte eine kreisärztliche Untersuchung durch Dr. med.
I._, der in seiner Beurteilung festhielt, dass der Beschwerdeführer
trotz objektiv gutem Behandlungsresultat weiterhin erhebliche
Knieschmerzen beklage und in eine etwas ablehnende Grundhaltung
geraten sei. Zur Erreichung eines besseren Rehabilitationszustands
wurde eine stationäre Rehabilitation in der Reha-Klinik J._ als wichtig
erachtet. Diese erfolgte im Zeitraum vom 29. März bis zum 3. Mai 2017
(siehe Bg-act. I 177). Im Nachgang dazu erfolgten noch weitere
Konsultationen im Spital U._ in den Monaten Mai und August 2017
sowie für eine Zweitmeinung auch bei der Klinik K._ am 31. August,
14. September und 23. Oktober 2017 (siehe Bg-act. I 179,188, 199, 201,
203, und 213). Am 23. Oktober 2017 war in der Klinik K._ auch noch
eine Infiltration des rechten Kniegelenks erfolgt (siehe Bg-act. I 210). Im
Zeitraum vom 27. Oktober bis 31. Oktober 2017 war der
Beschwerdeführer bei einem Verdacht auf eine Infektion des Kniegelenks
stationär im Spital L._ hospitalisiert (siehe Bg-act. I 214). Eine weitere
Konsultation in der Klinik K._ erfolgte am 13. Dezember 2017. Dabei
wurde auch die schliesslich am 17. April 2018 erfolgte Kniearthroskopie
rechts mit Osteosynthesematerialentfernung und Auffüllung des
Osteotomiespaltes mit Spongiosa Chips vorgeschlagen (siehe Bg-act. I
222 und 239 f.).
4.3.3. Im Austrittsbericht der Rehaklinik J._ vom 4. Mai 2017, wo sich der
Beschwerdeführer – wie bereits erwähnt – vom 29. März bis 3. Mai 2017
aufgehalten hat, wird nebst der traumatischen Osteochondrosis dissekans
mediale Femurkondyle am rechten Knie als psychiatrische Diagnose eine
Dysthymia (ICD-10: F34.1) diagnostiziert (siehe Bg-act. I 177 S. 1 f. und
4). Im Rahmen der stationären Rehabilitation konnte medizinisch keine
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namhafte Verbesserung der Beschwerden erzielt werden. Psychologisch
waren nach dem Austritt keine spezifischen psychosomatischen
Massnahmen notwendig. Bei anhaltenden psychischen Beschwerden
könnte der Patient allenfalls von einer weiteren psychologischen
Betreuung in seiner Muttersprache profitieren (siehe Bg-act. I 177 S. 3).
Die Medikamentenliste bei Austritt umfasst keine Psychopharmaka (vgl.
Bg-act. I 177 S. 2 [Brufen, Condrosulf, Xarelto, Tramadol]). Die berufliche
Tätigkeit als Bauarbeiter wurde als unzumutbar erachtet, da die
Anforderungen zu hoch seien. Die Zumutbarkeit für andere berufliche
Tätigkeiten wurde zu diesem Zeitpunkt noch nicht festgelegt. Aus
psychiatrischer Sicht begründete die festgestellte psychische Störung
keine arbeitsrelevante Leistungsminderung. Dem Beschwerdeführer
wurde (weiterhin) eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert (siehe Bg-act. I
177 S. 3).
4.3.4. Am 24. August 2018 erlitt der Beschwerdeführer anlässlich einer
Frontalkollision gemäss Austrittsbericht vom 5. September 2018 des Spital
U._ im Bereich des Kopfes eine HWS-Distorsion, im Bereich des
Thorax eine undislozierte Fraktur des Corpus sterni, eine
Rippenserienfraktur rechts Costa 2-9 mit minimal angrenzendem
Pneumothorax, eine Lungenkontusion rechts mit Verdacht auf apikalen
Pneumothorax, minim keilförmig veränderte BWK 7-9 (DD Morbus
Scheuermann) und eine Prellung der linken Clavicula, im Bereich des
Abdomen eine Prellung des rechten Oberbauches, eine frische LWK 2
Vorderkantenfraktur und eine fragliche Fraktur der Vorderkante LWK 3
(DD sklerosierte Apophyse) sowie im Bereich des Beckens und der
Extremitäten Kontusionen des rechten Beckens, des linken Vorderarms
und des rechten Knies (siehe Akten der Beschwerdegegnerin zur
Schadennummer Z.2._ [Bg-act. II] 11). Vom 5. September bis am
16. Oktober 2018 war der Beschwerdeführer in stationärer
muskuloskelettaler Rehabilitation im D._ (siehe Bg-act. II 35). Im
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Verlaufsbericht des Spital U._ vom 25. Oktober 2018 wurde
festgehalten, dass bei radiologisch soweit zeitgerechtem Verlauf, aber
klinisch fortbestehenden Schmerzen ubiquitär und bei bekanntem
chronischem Schmerz im Bereich des rechten Knies betreffend die
aktuelle Problematik das Gefühl einer deutlichen Somatisierungstendenz
bestehe. Dies weil radiologisch nicht wirklich ein Korrelat zu den massiven
Schmerzen bestehe und die Rehabilitation soweit nichts gebracht habe
(siehe Bg-act. II 22). Dem Konsultationsbericht vom 3. Dezember 2018
der Klinik K._ lässt sich entnehmen, dass die Beschwerden im
Kniegelenk nicht besser geworden seien und der Beschwerdeführer
infolge der Immobilisation wieder etwas zurückgeworfen worden sei.
Nunmehr bestünden vor allem auch psychisch schwere Probleme. Als
Befund wurde eine dysthymer Patient mit an sich weiterhin reizlosem Knie
und Druckdolenz in der proximalen Tibia festgehalten. Der Varus/Valgus
habe kaum getestet werden können aufgrund der Schmerzen.
Intraartikulär sei das Kniegelenk schmerzfrei (siehe Bg-act. I 266). Im
Austrittsbericht vom 3. Dezember 2018 des D._ über die stationäre
muskuloskelettale Rehabilitation im Zeitraum vom 5. September bis
16. Oktober 2018 wurde nun zusätzlich die Diagnose eines Verdachts auf
eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gestellt und ab dem
9. Oktober 2018 eine Behandlung mit Cymbalta durchgeführt. Ausserdem
wurde eine weiterführende ambulante Psychotherapie als indiziert
betrachtet (siehe Bg-act. II 35 S. 2 f.). Im MRI der HWS konnte am
25. Januar 2019 Dr. med. M._ vom Spital U._ bis auf ein
geringes Bandscheiben-Bulging im Segment HWK 6/7 keine erkennbare
Pathologie der HWS feststellen, namentlich keine Hinweise auf
diskoligamentäre oder muskuläre Verletzungen (siehe Bg-act. II 46).
Dr. med. N._ diagnostizierte anlässlich der neurologischen
Untersuchung vom 30. Januar 2019 am Spital U._ ein chronisches
Cervicocephalsyndrom, wobei keine fokal-neurologischen Defizite
abgrenzbar seien und das MRI der HWS vom Januar 2019 keine Hinweise
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auf eine Neurokompression ergebe. Diese Beschwerden bestünden seit
dem Verkehrsunfall mit Frontalkollision und Mehrfachverletzungen vom
24. August 2018 (siehe Bg-act. II 48). Am 5. Februar 2019 erfolgte eine
Schmerzsprechstunde am Spital U._. Im entsprechenden Bericht
vom 11. Februar 2019 hielten die Dres. med. O._, P._ und
Q._, die Psychologin R._ und die Ergo- bzw.
Physiotherapeutinnen S._ und T._ folgende Diagnose(n) fest:
Persistierende Schmerzen LWS und thorakal rechts bei
Mehrfachverletzung nach Frontalkollision PKW mit 80 km/h vom
24. August 2018 (ISS 14) mit HWS-Distorsion mit/bei: chronischem
Cervicocephalsyndrom ED 24.08.2018 mit/bei keine fokal-neurologischen
Defizite abgrenzbar und gemäss MRI HWS 01/19: keine Hinweise auf eine
Neurokompression. Daneben wurden betreffend Thorax, Abdomen und
Becken/Extremitäten die weiteren, bereits im Austrittsbericht vom
5. September 2018 genannten Schädigungen aufgeführt (siehe Bg-act. II
11 sowie Bg-act. II 51 S. 1 = Bg-act. I 274 S. 1). Die Psychologin R._
hielt zum Psychostatus fest, dass der HADS-Wert im Angstscore
grenzwertige 10 Punkte ergebe und im Depressionsscore auffällige 12
Punkte resultierten. Sowohl dies wie der klinische Eindruck wiesen auf
eine depressive Verstimmung hin. Der Patient gebe Freudeverlust,
verminderten Antrieb und Schlafstörungen (Ein- und
Durchschlafstörungen aufgrund der Schmerzen, ohne Kreisgedanken) an.
Zudem würden Lebensunlust ohne Suizidgedanken angegeben (siehe Bg-
act. I 274 S. 6). Als Fazit und Empfehlung hielt sie fest, dass der
Beschwerdeführer deutliche Hinweise für eine depressive Verstimmung
zeige. Eine psychotherapeutische sowie medikamentöse Therapie wären
indiziert. Sinnvoll wäre auch der Aufbau einer Tagesstruktur mit positiven
Aktivitäten. Der Beschwerdeführer zeige sich jedoch skeptisch und
möchte vorerst keine Psychotherapie in Anspruch nehmen. In der
Gesamtbeurteilung und dem Prozedere wurde festgehalten, dass eine
Medikamentenumstellung sicherlich angezeigt sowie die Ergänzung mit
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einem Antidepressivum (Efexor oder Cymbalta) zur Schmerzmodulation
und Muskelentspannung sinnvoll sei. Er habe Angst- und
Depressionswerte und würde sicherlich von einer Behandlung profitieren,
allerdings sehe er im Moment keinen Vorteil davon. Orthopädisch seien
LWS und Knie abgeklärt und keine Operation indiziert. Wassertherapie
könnte sicherlich unterstützend genutzt werden (siehe Bg-act. I 274 S. 7).
4.3.5. In der kreisärztlichen Abschlussuntersuchung vom 26. März 2019 durch
Kreisarzt Dr. med. E._, Facharzt für Chirurgie, gab der
Beschwerdeführer an, neben der Schmerzmedikation insbesondere auch
das Antidepressivum Efexor 75 mg einzunehmen (siehe Bg-act. I 283 S. 4
= Bg-act. II 76 S. 4). Als Diagnosen hielt Dr. med. E._ eine
Mehrfachverletzung nach Frontalkollision mit PKW mit 80 km/h am
24.08.2018 (ISS 14) mit/bei Thoraxkontusion mit undislozierter Fraktur
des Corpus sterni, Rippenserienfrakturen rechts Costa 2 bis 9,
Lungenkontusion mit Verdacht auf apikalem Pneumothorax, V.a. BWK 7
bis 9 Fraktur (DD Morbus Scheuermann), LWK 2 Vorderkantenfraktur
(konservativ therapiert), fragliche Vorderkantenfraktur LWK 3 (DD
sklerosierte Apophyse) und Abdomen: Prellung rechter Oberbauch fest.
Weiter bestünden Restbeschwerden des rechten Kniegelenks mit/bei
Kniegelenk rechts mit grossem osteochondralem Defekt der rechten
Femurkondyle bei Zustand nach Kontusion durch Hammerschlag am
16. Juli 2015 mit traumatischer Osteochondrose dissecans der medialen
Femurkondyle rechts. Weiter wurden insbesondere die in der
vorstehenden Erwägung 4.3.2 angeführten Arthroskopien und Eingriffe
am Knie vom 22. Juli, 24. November 2015, 15. März und 23. August 2016
und 17. April 2018 aufgeführt. Der Verlauf des Kniegelenkstraumas wurde
in der Beurteilung als kompliziert beschrieben, wobei jetzt ca. 3 3⁄4 Jahre
nach dem Unfallzeitpunkt der Endzustand erreicht sei, da aktuell keine
weiteren Behandlungsmöglichkeiten mehr bestünden, welche den
Zustand verbessern könnten. Bezüglich der Verletzungen vom 24. August
- 16 -
2018 sollte in den nächsten Monaten – unter Weiterführung der Physio-
und Wassertherapie – noch ein Verbesserungspotenzial vorliegen.
Diesbezüglich seien keine gravierenden strukturellen Läsionen
nachweisbar, so dass keine Restfolgen des Unfallereignisses mit
dauernder und erheblicher Einschränkung vorlägen. Dauernde und
erhebliche Einschränkungen bestünden aber in Bezug auf die Restfolgen
des Unfalls vom 16. Juli 2015 mit der Kontusion des rechten Kniegelenks.
Die angestammte Tätigkeit als Bauhilfsarbeiter sich nicht mehr zumutbar.
Das mögliche Arbeitsprofil werde nach Erreichen des Endzustandes der
Rückenbeschwerden beurteilt (siehe Bg-act. I 283 S. 5 f.).
4.3.6. Am 16. Mai 2019 nahm der Beschwerdeführer eine psychiatrisch-
psychotherapeutische Behandlung bei Dr. med. F._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, auf (siehe Bericht vom 26. Juni 2019 [Bg-
act. II 91]). Der erhobene Psychostatus vom 25. Juni 2019 beschrieb
einen bewusstseinsklaren, allseits orientierten Patienten, der gestützt auf
Krücken zur Konsultation komme. Das formale Denken neige zur
Einengung auf Schmerzempfindung, Einschränkungen im Alltag,
Perspektivlosigkeit, depressive Gedanken. Nur zögernd lasse er sich im
Gespräch ablenken. Es mangle zeitweise an Konzentrationsvermögen
und an Aufmerksamkeit. Das Gedächtnis und die Auffassung seien intakt.
Kein Anhalt für Wahn oder Halluzinationen, wie auch nicht für Ich-
Störungen. Inhaltlich sei das Denken geprägt von Sorgen, Ängsten,
Aussichtslosigkeit. Im Affekt niedergeschlagen, wirke nachdenklich,
hoffnungslos. Die Schwingungsfähigkeit sei herabgesetzt. Mimik und
Gestik seien verhalten, der Antrieb reduziert. Psychomotorisch ruhig. Kein
Anhalt für Fremd- oder Selbstgefährdung. Bezüglich den funktionellen
Einschränkungen betreffend Arbeit, Familie, Freizeit und soziales Leben
sei der Patient aufgrund des jetzigen psychopathologischen Zustands
nicht in der Lage, sich an Regeln zu halten, sich in Organisationsabläufe
einzufügen. Die Fähigkeit, den Tag und/oder anstehende Aufgaben zu
- 17 -
planen und zu strukturieren sei schwer beeinträchtigt, ebenso die
Flexibilität und Umstellungsfähigkeit. Die Fähigkeit zur Anwendung
fachlicher Kompetenzen, Fach- und Lebenswissen gemäss
Rollenerwartungen an einem Arbeitsplatz umzusetzen sei schwer bis
vollständig beeinträchtigt. Die Durchhalte- und
Selbstbehauptungsfähigkeit sei schwer eingeschränkt. Die
Kontaktfähigkeit zu Dritten, wie auch die Gruppenfähigkeit sei schwer
beeinträchtigt. Dr. med. F._ diagnostizierte eine mittelgradige
depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11) sowie
eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1). Aus
psychiatrischer Sicht betrage die Arbeitsfähigkeit höchstens 50 %. Als
Procedere wurde eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung
mit kognitiv-stützenden Gesprächen und Medikation mit Venlafaxin ER
75 mg (Antidepressivum) sowie Saroten 25 mg (Antidepressivum,
neuropathische Schmerzen, Prophylaxe chronische
Spannungskopfschmerzen sowie Migräneprophylaxe) vorgesehen. Den
Bericht vom 26. Juni 2019 bestätigte Dr. med. F._ mit Bericht vom
23. Dezember 2019 gegenüber der Beschwerdegegnerin namentlich in
Bezug auf die Diagnosen und die Arbeitsfähigkeit und die vorgesehene
Behandlung, wobei bei der Medikation mit Venlafaxin ER eine
Dosiserhöhung ab dem 31. Oktober 2019 erfolgt war (siehe Bg-act. II 113).
4.3.7. Kreisarzt Dr. med. E._, führte im Bericht vom 13. Dezember 2019 zur
Untersuchung vom 6. Dezember 2019 aus, dass anamnestisch seit der
letzten kreisärztlichen Untersuchung vom 26. März 2019 sich keine
Besserung der Schmerzen im rechten Kniegelenk gezeigt habe, der
psychische Zustand sich jedoch deutlich verschlechtert habe. Im Verlauf
habe jedoch eine Besserung der Rücken-, Thorax- und
Schulterschmerzen beobachtet werden können. Im Befund wurde der
Beschwerdeführer als depressiv und mässig zugänglich beschrieben. In
der Beurteilung hielt Dr. med. E._ fest, der Verlauf betreffend Thorax-
- 18 -
/Schulter-/Rückentrauma sei günstig und es bestünden nur noch minimale
Restbeschwerden. Der Verlauf nach der Knieverletzung sei kompliziert
und der Endzustand sei erreicht. Die Folgen durch die
Kniegelenksverletzung/Verletzung infolge des Autounfalls würden mit
80 % zu 20 % gewertet. Betreffend die Unfallfolgen nach Autounfall mit
Thorax-, Schulter- und Rückenverletzung sei die angestammte Tätigkeit
nicht mehr vollständig zumutbar, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt könne
der Versicherte jedoch zeitlich uneingeschränkt mit mittelschwerer
Belastung eingesetzt werden. Betreffend die Kniegelenksverletzung
rechts sei die angestammte Tätigkeit nicht mehr zumutbar. Leichte und
vorwiegend sitzende, wechselbelastende Tätigkeiten seien auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt jedoch zumutbar. Die Schmerzen seien dauernd
vorhanden, zermürbend und therapieresistent. Entsprechend seien die
Schmerzmedikamente weiterhin indiziert. Die Verschlechterung des
Zustands und die Zunahme der Schmerzen im rechten Kniegelenk im
Vergleich zur Voruntersuchung im März 2019 seien jedoch medizinisch
nicht nachvollziehbar. Die Schmerzursache sei nicht zu eruieren,
insbesondere da durch die Infiltrationstherapien keine deutliche
Besserung der Schmerzen habe erreicht werden können. Sicherlich
bestehe eine Somatisierungstendenz bei deutlicher psychischer
Überlagerung (siehe Bg-act. I 332 S. 5 und 7 f. = Bg-act. II 111 S. 5 und 7
f.). In seiner ergänzenden Beurteilung vom 15. April 2020 präzisierte
Dr. med. E._, dem Versicherten könnten wegen der
Kniebeschwerden rechts regelmässige Pausen im Umfang von circa 10 %
der Soll-Arbeitszeit zugesprochen werden. Auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt seien für den Versicherten leichte, vor allem sitzende und
wechselbelastende Tätigkeiten zumutbar (siehe Bg-act. I 349). Daraus
schloss die Beschwerdegegnerin, dass damit eine Arbeitsfähigkeit in
angepasster Tätigkeit von 90 % ausgewiesen sei (siehe Bg-act. I 365 S. 3
Rz. 10).
- 19 -
4.3.8. Dr. med. G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
agenturärztlichen Dienst der Beschwerdegegnerin führte in seiner
Beurteilung vom 16. März 2020 über die Untersuchung vom 30. Januar
2020 unter den anamnestischen Angaben aus, der Beschwerdeführer sei
beim Verkehrsunfall im Auto eingeklemmt gewesen und habe alles
herumfliegen sehen. Er habe das Gefühl gehabt, dass die Zeit stehen
geblieben sei. Die ein bis zwei Minuten seien ihm vorgekommen wie eine
Ewigkeit, während welcher er unter Todesangst gelitten habe. Er sei nie
bewusstlos gewesen, und es sei nicht zu einer Amnesie gekommen.
Deshalb könne er sich an alle Einzelheiten des gesamten Ablaufs erinnern
(siehe Bg-act. I 342 S. 13 = Bg-act. II 115 S. 13). Gemäss psychiatrischem
Befund liegt eine insgesamt schwere posttraumatische psychische
Symptomatik vor. Albträume träten in der Regel mehrmals pro Nacht auf
und drehten sich um den Verkehrsunfall. Die anhaltende Nervosität gehe
einher mit Hyperarousal und erhöhter Schreckhaftigkeit in Bezug auf
spezifische, im Zusammenhang mit dem Verkehrsunfall stehenden
Triggern. Solche lösten jeweils intrusive Erinnerungen und Flashbacks
aus, wobei dies oft auch spontan geschehe (siehe Bg-act. I 342 S. 15).
Dr. med. G._ beurteilte die Zeit zwischen den beiden Unfällen als für
den Beschwerdeführer auch als in psychischer Hinsicht erheblich
belastend, mit vier (recte wohl fünf) Operationen, welche nicht zu einer
befriedigenden Situation betreffend das rechte Kniegelenk geführt hatten,
ganz erheblichen, anhaltenden Schmerzen und Einschränkungen (siehe
Bg-act. I 342 S. 18). Die zwei stattgehabten Unfallereignisse beurteilte er
wie folgt: "Ein Arbeitsunfall am 16.07.2015 führte zu einer Verletzung im
Bereich des rechten Kniegelenks und zu einem langen, somatisch
komplexen Verlauf (Z.1._). Durch einen Verkehrsunfall am
24.08.2018 kam es zu einer Mehrfachverletzung und zu einer
ausgeprägten psychischen Symptomatik (Z.2._)." (siehe Bg-act. I
342 S. 16). Zudem stellte Dr. med. G._ fest, der Beschwerdeführer
könne "sich an alle Einzelheiten des Unfallablaufs erinnern, was
- 20 -
wesentlich zur Entwicklung der PTBS beigetragen hat." (siehe Bg-act. I
342 S. 18). Dr. med. G._ hielt in seiner diagnostischen Beurteilung
explizit fest, dass die Forschungskriterien der ICD-10 für eine PTBS erfüllt
seien und sich die entsprechenden Symptome auf den Verkehrsunfall am
5. September 2018 (recte 24. August 2018) beziehen würden (siehe Bg-
act. I 342 S. 22). Dr. med. G._ beurteilte, dass die vom behandelnden
Psychiater Dr. med. F._ beschriebenen depressiven Symptome eher
einem schweren als einem mittelgradigen depressiven Zustand
entsprächen (siehe Bg-act. I 342 S. 19). Überdies hielt Dr. med. G._
unter Bezugnahme auf die (somatische) Beurteilung von Dr. med.
E._ vom 6./13. Dezember 2019 fest, dass der Verlauf der
Beschwerden des rechten Kniegelenks nicht (mehr) durch somatische
Ursachen erklärbar sei. Auch in Bezug auf die Beschwerden in den
anderen Körperregionen sei es überwiegend wahrscheinlich, dass diese
zu einem ganz erheblichen Teil auf psychischen Aspekten beruhten.
Insgesamt trügen die Schmerzen ganz erheblich zu Entwicklung und
Verlauf der psychiatrischen Störungen bei, und diese führten weiterhin zu
einem hohen Leidensdruck. Es bestünden vielfältige, ungünstige
Wechselwirkungen zwischen Schmerzen, depressiven und
posttraumatischen psychischen Symptomen. Die psychosoziale
Gesamtsituation (Stellenlosigkeit, soziale Isolation, Auflösung von
Verlobung) trage ganz erheblich zum ungünstigen Verlauf der
psychiatrischen Störungen bei und diese stellten recht weitgehend
ebenfalls Folgen der beiden Unfallereignisse dar (siehe Bg-act. I 342 S. 22
und 24). Aus diesen Gründen stellte der Dr. med. G._ die Diagnosen
einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ICD-10: F43.1
(Autounfall), einer schweren depressiven Episode ICD-10: F32.2
(chronifizierender, therapieresistenter Verlauf) und einer chronischen
Schmerzstörung ICD-10: F45.41 (mit somatischen und psychischen
Beschwerden) (siehe Bg-act. I 342 S. 22). Während die PTBS auf dem
Verkehrsunfall am 5. September 2018 (recte 24. August 2018) beruhe,
- 21 -
beruhe die chronische Schmerzstörung zu einem grösseren Teil auf der
Verletzung des rechten Kniegelenks am 16. Juli 2015 und zu einem
geringeren Teil auf Verletzungen infolge des Verkehrsunfalls am
24. August 2018 betreffend Rippen und Rücken (siehe Bg-act. I 342
S. 24). Dr. med. G._ bestätigte das somatische Zumutbarkeitsprofil
von Dr. med. E._ nicht. Aus versicherungspsychiatrischer Sicht
bestehe bis auf weiteres eine volle Arbeitsunfähigkeit im allgemeinen
Arbeitsmarkt, unter anderem wegen Beeinträchtigungen von
Konzentrationsfähigkeit, Antrieb und Durchhaltevermögen, emotionaler
Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit sowie aufgrund der (teilweise
psychisch bedingten) Schmerzen (siehe Bg-act. I 342 S. 23).
5.1. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle
Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als
eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur
gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser
Umschreibung ist für die (überwiegend wahrscheinliche) Bejahung (der
Tatfrage) des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass
ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher
Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit
anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der
versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht
weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene
gesundheitliche Störung entfiele. Die Leistungspflicht des obligatorischen
Unfallversicherers erstreckt sich auch auf mittelbare bzw. indirekte
Unfallfolgen (siehe BGE 147 V 161 E.3.2, 142 V 435 E.1, 129 V 177 E.3.1
und 119 V 335 E.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_698/2021 vom
3. August 2022 E.3.2 f., 8C_689/2019 vom 9. März 2020 E.5.3,
8C_623/2019 vom 21. Januar 2020 E.2.1.1 f. und 8C_813/2017 vom
6. Juni 2018 E.3.2).
- 22 -
5.2. Vorliegend ist die natürliche Kausalität bezüglich den somatischen
Beschwerden sowohl für den Arbeitsunfall im Juli 2015 (Hammerschlag)
wie auch für den Autounfall im August 2018 (Frontalkollision) erfüllt und
unbestritten. Die natürliche Kausalität bezüglich den psychischen
Beschwerden wird von der Beschwerdegegnerin offengelassen, da der
adäquate Kausalzusammenhang nicht erfüllt sei, welche – wenn der
adäquate Kausalzusammenhang tatsächlich verneint werden kann –
rechtsprechungsgemäss tatsächlich offengelassen werden kann (siehe
BGE 148 V 301 E.4.5.1, 148 V 138 E.5.1.2 [siehe dazu die Hinweise
betreffend das zur Publikation vorgesehene Urteil des Bundesgerichts
8C_421/2021 in: Die Praxis 4/2022 S. XXII ff.], 147 V 207 E.6.1 [übersetzt
in: Die Praxis 6/2021 Nr. 69] und 135 V 465 E.5.1; Urteile des
Bundesgerichts 8C_409/2021 vom 15. September 2021 E.6.2 und
8C_261/2019 vom 8. Juli 2019 E.4.1). Zu prüfen ist daher zunächst, ob
der adäquate Kausalzusammenhang zwischen den Unfallereignissen und
den psychischen Beschwerden tatsächlich zu verneinen ist, wobei dann
die natürliche Kausalität der psychischen Beschwerden tatsächlich
offengelassen werden könnte, oder ob er zu bejahen ist und es zur
Leistungspflicht der Unfallversicherung auch für die psychischen
Beschwerden kommt, weil bereits verlässliche medizinische
Entscheidungsgrundlagen über das Vorliegen psychischer Beschwerden,
deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit sowie den natürlichen
Kausalzusammenhang zum Unfallereignis (Tatfrage) existieren, oder ob
er nicht ausgeschlossen ist und über die Leistungspflicht der
Unfallversicherung noch nicht entschieden werden kann, weil bezüglich
dem Vorliegen psychischer Beschwerden, deren Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit sowie dem natürlichen Kausalzusammenhang zum
Unfallereignis (Tatfrage) noch keine hinreichend verlässlichen
medizinischen Entscheidungsgrundlagen vorliegen, so dass es zunächst
dieser Entscheidungsgrundlagen bedarf, welche mittels zusätzlicher
medizinischer Abklärungen einzuholen sind (siehe BGE 148 V 301
- 23 -
E.4.5.1, 148 V 138 E.5.1.2 [siehe dazu die Hinweise betreffend das zu
Publikation vorgesehene Urteil des Bundesgerichts 8C_421/2021 in: Die
Praxis 4/2022 S. XXII ff.] und 147 V 207 E.6.1 [übersetzt in: Die Praxis
6/2021 Nr. 69]; Urteil des Bundesgerichts 8C_409/2021 vom
15. September 2021 E.6.2).
5.3. Die Beschwerdegegnerin verneint die Leistungspflicht für "psychogene"
Beschwerden, da diese nicht in einem adäquatkausalen Zusammenhang
mit den beiden Unfällen stünden (siehe dazu insbesondere die Verfügung
vom 23. Juli 2020 [Bg-act. I 367 S. 3 und der angefochtene
Einspracheentscheid vom 17. Dezember 2020 [Bg-act. I 389 Ziff. 3c ff.
S. 7 ff.). Der Beschwerdeführer verlangt demgegenüber die
Mitberücksichtigung der psychischen Beschwerden bei der
unfallversicherungsrechtlichen Rentenfestsetzung bzw. er rügt die
Anwendung der Psycho-Praxis durch die Beschwerdegegnerin als
fehlerhaft.
5.3.1. Obschon vordergründig beide Verfahrensparteien mit der Anwendung der
Psycho-Praxis bezüglich beider Unfallereignisse einverstanden sind,
bedarf es angesichts des Vorbringens des Beschwerdeführers, wonach
auch die psychischen Beschwerden unfallkausal und somit bei der
Rentenfestsetzung seitens der Unfallversicherung zu berücksichtigen
sind, einer rechtlichen Klärung, ob die Psycho-Praxis oder die
Schleudertrauma-Praxis bei der Prüfung des adäquaten
Kausalzusammenhangs (als Rechtsfrage) zur Anwendung kommt. Tritt im
Anschluss an zwei oder mehrere Unfälle eine psychische Fehlentwicklung
ein, ist rechtsprechungsgemäss die Adäquanz des
Kausalzusammenhangs grundsätzlich für jeden Unfall gesondert gemäss
der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen zu beurteilen. Dies
gilt insbesondere dann, wenn die Unfälle verschiedene Körperteile
betreffen und zu unterschiedlichen Verletzungen führen (siehe Urteile des
Bundesgerichts 8C_359/2008 vom 18. Dezember 2008 E.4.2 und
- 24 -
8C_266/2008 vom 22. August 2008 E.4.1.2; vgl. aber auch Urteil des
Bundesgerichts 8C_108/2015 vom 4. August 2015 E.2.2 betreffend
mehrere Unfälle mit objektiv nicht nachweisbaren Folgen und deren
Adäquanzbeurteilung gemäss der Schleudertrauma-Praxis). Hat die
versicherte Person bei einem Unfall ein Schleudertrauma der HWS, eine
dem Schleudertrauma äquivalente Verletzung oder ein Schädel-Hirn-
Trauma erlitten, so ist die Schleudertrauma-Praxis gemäss BGE 117 V
359 E.6 und 134 V 109 E.10 anzuwenden und auf eine Differenzierung
zwischen physischen und psychischen Komponenten zu verzichten
(BGE 134 V 109 E.2.1; vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_100/2021 vom
7. April 2021 E.4.3, 8C_108/2015 vom 4. August 2015 E.4.1,
8C_325/2009 vom 23. September 2009 E.4.2). Ist die Schleudertrauma-
Praxis nicht anwendbar, so sind grundsätzlich die Adäquanzkriterien von
BGE 115 V 133 E.6c/aa anzuwenden, welche für psychische
Fehlentwicklungen nach einem Unfall entwickelt wurden. Nach der
Psycho-Praxis werden die Adäquanzkriterien unter Ausschluss
psychischer Aspekte geprüft (vgl. BGE 140 V 356 E.3.2 und 134 V 109
E.2.1 und 6.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_812/2021 vom 17. Februar
2022 E.6.2 und 8C_66/2021 vom 6. Juli 2021 E.5.3 f., je m.H.a. BGE 140
V 356 E.3.2 sowie auch bereits 8C_129/2007 vom 27. November 2007
E.1.2; vgl. auch Urteile des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden
[VGU] S 19 130 vom 23. Februar 2021 E.4.3.1 und S 18 56 vom
17. September 2019 E.7.1). Dies führt dazu, dass die in BGE 115 V 133
und 134 V 109 unterschiedlich umschriebenen Adäquanzkriterien bei
Folgen eines Schleudertraumas eher als bei einer nach einem Unfall
aufgetretenen psychischen Fehlentwicklung erfüllt sind. Deshalb muss die
Zuordnung der geklagten Beschwerden insoweit geklärt sein, bevor
entschieden werden kann, nach welcher Methode sich die
Adäquanzprüfung richtet. Dabei ist es grundsätzlich Aufgabe der
medizinischen Fachärzte, darüber Auskunft zu geben, ob eine bestehende
psychische Problematik als Teil des typischen, einer Differenzierung kaum
- 25 -
zugänglichen somatisch-psychischen Beschwerdebildes zu betrachten ist,
oder aber ein von diesem zu trennendes, eigenständiges psychisches
Leiden darstellt. Nur wenn in der Expertise überzeugend dargetan wird,
dass die psychische Störung nicht Symptom der Verletzung ist, kann dafür
eine andere Ursache gesehen werden (vgl. dazu BGE 134 V 109 E.9.5).
Für die Abgrenzung von Bedeutung sind insbesondere Art und
Pathogenese der Störung, das Vorliegen konkreter unfallfremder Faktoren
oder der Zeitablauf (vgl. dazu RKUV 2001 Nr. U 412 S. 79; vgl. zudem
BGE 123 V 98 E.2a sowie RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437). Ebenfalls nach
BGE 115 V 133 vorzugehen ist, wenn bei einer versicherten Person
bereits vor dem Unfall psychische Beschwerden vorlagen, die durch das
Unfallereignis verstärkt wurden (siehe dazu RKUV 2000 Nr. U 397 S. 327;
vgl. zum Ganzen Urteile des Bundesgerichts 8C_710/2011 vom 1. Juni
2012 E.2.2, 8C_964/2009 vom 19. Februar 2010 E.4.1, 8C_325/2009 vom
23. September 2009 E.4.2 und 8C_1040/2008 vom 8. Mai 2009 E.5.2).
5.3.2. Damit ist also zweifelsfrei die Psycho-Praxis auf den Arbeitsunfall
(Hammerschlag) anzuwenden. Was den Autounfall (Frontalkollision)
anbelangt, ist – auch angesichts der soweit ersichtlich nicht einheitlichen
Rechtsprechung – hingegen durchaus fraglich, ob die Psycho- oder die
Schleudertrauma-Praxis zur Anwendung kommt.
5.3.3. Im Austrittsbericht des Spital U._ vom 5. September 2018 über die
Hospitalisation vom 24. August bis 5. September 2018 wurde
unbestrittenermassen eine HWS-Distorsion diagnostiziert (siehe Bg-act. II
11 S. 1). Kreisarzt Dr. med. E._ führte diese Diagnose nicht in seinen
Berichten auf, ohne diese Unterlassung zu begründen (siehe etwa Bg-
act. I 283 S. 5 und Bg-act. I 332 S. 6 f.). Zwar wird in den Akten nicht
vollständig das typische Beschwerdebild wie etwa Kopf- und
Nackenschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen,
Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw. (vgl.
- 26 -
dazu BGE 134 V 109 E.6.2.1) festgehalten, aber es kann daraus, dass
dies im vorliegenden Einzelfall – bei nicht bestrittener HWS-Distorsions-
Diagnose – nicht (vollständig) beschrieben wird, nicht automatisch auf das
(weitgehende) Nichtvorhandensein entsprechender Symptome
geschlossen werden, war der Beschwerdeführer doch nach dem
Autounfall aufgrund der Mehrfachverletzung knapp zwei Wochen stationär
im Spital U._ und fokussierte die Behandlung – so ist anzunehmen –
auf die Schmerzsymptomatik bei stattgehabten Frakturen und
Kontusionen. Anschliessend wurde der Beschwerdeführer zur Reha ins
D._ überführt. Überdies stellte rund vier Monate später Dr. med.
N._ in der neurologischen Beurteilung vom 31. Januar 2019 die
Diagnose eines chronischen Cervicocephalsyndroms, wobei keine fokal-
neurologischen Defizite abgrenzbar waren und in einem MRI der HWS
vom Januar 2019 keine Hinweise auf eine Neurokompression bestanden.
Das chronische Cervicocephalsyndrom wurde ausserdem als seit dem
Verkehrsunfall mit Frontalkollision mit Mehrfachverletzungen am
24. August 2018 bestehend beschrieben. Dabei machte der
Beschwerdeführer – auf Nachfrage – neben den geklagten
Rückenschmerzen im Bereich der Brust-/Lendenwirbelsäule sowie
rechtsseitigen Knieschmerzen auch linksseitige Nackenschmerzen mit
Ausstrahlung in den Kopfbereich sowie Konzentrationsstörungen geltend.
Der Nackenschmerz wurde als chronisch anhaltender, im Charakter
primär drückender Schmerz beschrieben, der zeitweise helmartig in den
gesamten Kopf ausstrahle. Weiter berichtete der Beschwerdeführer
davon, dass er Mühe habe sich im Alltag auf mehrere Dinge gleichzeitig
zu konzentrieren (siehe Bg-act. II 48). Die Diagnosen einer HWS-
Distorsion mit/bei chronischem Cervicocephalsyndrom fand auch Eingang
in die Beurteilung vom 11. Februar 2019 im Rahmen der
Schmerzsprechstunde bei Dres. med. O._, P._ und Q._,
der Psychologin R._ und den Therapeutinnen S._ und T._
Schmerztherapie (siehe Bg-act. II 51 S. 1). Gemäss biomechanischer
- 27 -
Kurzbeurteilung der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik (AGU) vom 8. April
2019 zu Handen der Beschwerdegegnerin sind die beim
Beschwerdeführer im Anschluss an den Autounfall vom 24. August 2018
festgestellten und von der HWS ausgehenden Beschwerden durch die
Kollisionseinwirkung im Normalfall, wie vorliegend, erklärbar (siehe Bg-
act. II 75 S. 5). Der behandelnde Psychiater Dr. med. F._ hielt in
seinem Arztbericht vom 26. Juni 2019 fest, es mangle dem
Beschwerdeführer zeitweise an Konzentrationsvermögen und an
Aufmerksamkeit (siehe Bg-act. II 91 S. 1). Dies wurde auch am
11. Dezember 2019 noch identisch befundet (siehe Bg-act. II 113 S. 1).
5.3.4. Die Diagnose einer HWS-Distorsion nach Autounfall entspricht nach
gefestigter Rechtsprechung dem Schleudertrauma, welches die
Anwendbarkeit der Schleudertrauma-Praxis begründet (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 8C_756/2021 vom 10. Februar 2022 E.4.8 [Autounfall mit
HWS-Distorsion, nach Schleudertrauma-Praxis gemäss BGE 134 V 109
beurteilt], 8C_582/2021 vom 11. Januar 2022 E.10.1 [Autounfall mit HWS-
Distorsion, nach Schleudertrauma-Praxis gemäss BGE 134 V 109
beurteilt], 8C_344/2021 vom 7. Dezember 2021 E.7.1 [Velounfall/Kollision
mit Auto mit HWS-Distorsion und Commotio/Contusio cerebri, nach
Schleudertrauma-Praxis gemäss BGE 134 V 109 beurteilt]). Zwar wurde
im Urteil des Bundesgerichts 8C_102/2021 vom 26. März 2021 E.2 und
5.2 (Autounfall mit beinbetonter linksseitiger sensomotorischer
Ausfallsymptomatik und einer akuten Anpassungsstörung mit Angst- und
Panikepisoden und mit HWS-Distorsion), nach der Psycho-Praxis
beurteilt, weil – selbst wenn die zum typischen Beschwerdebild eines
HWS-Schleudertraumas gehörenden Leiden vorgelegen hätten –, sie im
Vergleich zur psychischen Problematik bereits unmittelbar nach dem
Unfall ganz in den Hintergrund getreten wären bzw. im Verlauf bis zum
Beurteilungszeitpunkt nur eine untergeordnete Rolle gespielt hätten.
Ähnlich, wenn auch nicht wegen eines Autounfalls, sondern einer
- 28 -
herabfallenden "Hollywood-Schaukel", das Urteil des Bundesgerichts
8C_957/2008 vom 1. Mai 2009, in welchem ebenfalls die Psycho-Praxis
angewandt wurde, weil das Vorliegen eines die übrigen – auf eine
mögliche schleudertraumaähnliche Verletzung zurückzuführenden –
Gesundheitsstörungen dominierenden psychischen Geschehens bejaht
wurde, d.h. die psychische Problematik bereits einige Monate nach dem
Unfall in einer sich kontinuierlich verstärkenden, eine regelmässige
antidepressive Behandlung erforderlich machenden Ausprägung
vorhanden war, während die – allfälligen Folgen einer dem
Schleudertrauma äquivalenten Verletzung zu wertenden – funktionellen
Beeinträchtigungen (Nacken- und Kopfschmerzen,
Konzentrationsschwierigkeiten etc.) dadurch zusehends in den
Hintergrund gerieten bzw. insofern in eine sekundäre Rolle gedrängt
wurden, als ihr Verlauf einzig vom jeweiligen psychischen Stimmungsbild
abhängig war. Gemäss Bundesgericht ginge es nicht an, dass psychische
Beschwerden, die im Anschluss an einen Unfall mit möglicherweise
schleudertraumaähnlichen Verletzungen auftraten, ungeachtet ihrer
Pathogenese stets nach den Kriterien gemäss BGE 134 V 109 auf ihre
Adäquanz hin zu überprüfen, weil die Gefahr bestünde, identische
natürliche kausale psychische Unfallfolgen adäquanzrechtlich allein
deshalb unterschiedlich zu beurteilen, je nachdem, ob beim Unfall
zusätzlich eine Distorsionsverletzung der HWS (oder ein äquivalenter
Verletzungsmechanismus) auftrat oder nicht (dortige E.4.2 m.H.a. Urteil
des Bundesgerichts U 277/04 vom 30. September 2005 E.4.2.2 in fine). In
casu verhält es sich jedenfalls so, dass sowohl im Austrittsbericht vom
5. September 2018 des Spital U._ als auch noch im Austrittsbericht
vom 3. Dezember 2018 des D._ eine HWS-Distorsion diagnostiziert
wurde (siehe Bg-act. II 11 und 35) sowie Dr. med. N._ vom Spital
U._ in seinem Bericht von 31. Januar 2019 anlässlich der
neurologischen Sprechstunde vom 30. Januar 2019 ein chronisches
Cervicocephalsyndrom diagnostizierte (siehe Bg-act. II 48; siehe auch
- 29 -
Bericht vom 11. Februar 2019 von Dr. med. O._ et alii betreffend die
Schmerzsprechstunde vom 5. Februar 2019 am Spital U._ [Bg-act. II
51 S. 1] und auch bereits die vorstehende Erwägung 5.3.3). Im
Austrittsbericht vom 3. Dezember 2018 des D._ wurde dann zunächst
der Verdacht einer PTBS geäussert, weshalb am 9. Oktober 2018 eine
Behandlung mit Cymbalta begonnen wurde (Bg-act. II 35 S. 2). Anlässlich
des stationären Aufenthalts vom 5. September bis 16. Oktober 2018
erfolgten drei psychotherapeutische Einzelgespräche, in denen sich der
Beschwerdeführer unter anderem mit negativen Gefühlen wie etwa
Revolte und Hoffnungslosigkeit im Zusammenhang mit den beiden
Unfällen sowie dem Lernen von Depressionscopingstrategien
beschäftigte. Eine weiterführende ambulante psychotherapeutische
Begleitung wurde für die Verarbeitung der Unfälle und Aktivierung seiner
Ressourcen als indiziert erachtet (Bg-act. II 35 S. 3). Der Beurteilung des
Psychostatus durch lic. psych. R._ anlässlich der
Schmerzsprechstunde vom 5. Februar 2019 lässt sich entnehmen, dass
bei geklagten Knie- und Rückschmerzen seit den Unfällen die HADS-
Werte im Angstscore grenzwertige Werte von 10 Punkten und beim
Depressionsscore einen auffälligen Wert von 12 Punkten zeigten und der
Beschwerdeführer angab, sich leicht depressiv zu fühlen, dies aber als
normal empfand und den Bedarf für eine Psychotherapie verneinte.
Gemäss Psychostatus gab der Beschwerdeführer auch Freudeverlust,
verminderten Antrieb und Schlafstörungen sowie Lebensunlust ohne
Suizidgedanken an, wobei lic. psych. R._ den klinischen Eindruck
einer depressiven Verstimmung festhielt. Lic. psych. R._ resümierte,
bei sehr geringen Ressourcen zeige der Beschwerdeführer deutliche
Hinweise für eine depressive Verstimmung und sei – trotz seiner
skeptischen Haltung dazu – eine psychotherapeutische und
medikamentöse Behandlung indiziert (siehe Bg-act. II 51 S. 6 f.). Etwa
drei Monate später begab sich der Beschwerdeführer dann schliesslich in
psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung bei Dr. med. F._,
- 30 -
welcher im Bericht vom 26. Juni 2019 die Diagnosen einer mittelgradig
depressiven Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F 32.11) und
eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD 10 F 43.1) stellte. Im
Psychostatus vom 25. Juni 2019 wurde namentlich beschrieben, dass der
Beschwerdeführer im Affekt niedergeschlagen sei und nachdenklich bzw.
hoffnungslos wirke. Mimik und Gestik seien verhalten und der Antrieb
reduziert. Das Denken sei geprägt von Sorgen, Ängsten und
Aussichtslosigkeit. Zeitweise mangle es an Konzentrationsvermögen und
Aufmerksamkeit. Weiter hielt Dr. med. F._ insbesondere fest, dass
der Beschwerdeführer über Schlafstörungen mit Albträumen (im
Zusammenhang mit dem zweiten Unfall) sowie Flashbacks mit
neurovegetativen Beschwerden wie z.B. Herzklopfern, Druck auf der
Brust, Atemnot beim Autofahren (als Beifahrer) berichte (siehe Bg-act. II
91). Dieselben Diagnosen stellte er in seinem Bericht zuhanden der
Beschwerdegegnerin vom 23. Dezember 2019. Im darin
wiedergegebenen psychopathologischen Befund vom 11. Dezember 2019
wurden wiederum ein Mangel an Konzentrationsvermögen und
Aufmerksamkeit sowie weiterhin gelegentliche Derealisations- und
Depersonalisationserlebnisse beschrieben. Weiter wurde eine gedrückte
Stimmung, eine (weiterhin) herabgesetzte Modulationsfähigkeit sowie ein
reduzierter Antrieb festgehalten (siehe Bg-act. II 113). Gemäss Dr. med.
G._ ist die Gesamtheit der psychischen Beschwerden auf beide
erlittene Unfälle zurückzuführen, wobei die PTBS (primär) auf den
Autounfall und die chronische Schmerzstörung zu einem grösseren Teil
auf den Arbeitsunfall vom 16. Juli 2015 und zu einem geringeren Teil auf
die anlässlich des Autounfalls erlittenen Verletzungen betreffend Rippen
und Rücken. Die depressiven Symptome interagierten dabei in intensiver
und ungünstiger Weise mit den Auswirkungen der PTBS und der
Schmerzstörung (siehe Bg-act. I 342 S. 22 und 24 sowie bereits die
vorstehende Erwägung 4.3.7). Im Gegensatz zu der vorstehend
erwähnten, vom Bundesgericht beurteilten Konstellation präsentiert sich
- 31 -
die Situation vorliegend aber nicht in einer Weise, in der im Hinblick auf
die Beurteilung der adäquaten Kausalität zum erlittenen Autounfall mit
HWS-Distorsion die psychischen Beschwerden kurz danach als klar
dominant bzw. das ärztlicherseits auf eine HWS-Distorsion (mit/bei
chronischem Cervicocephalsyndrom) zurückgeführte (organisch nicht
nachweisbare) Beschwerdebild als ganz in den Hintergrund tretend
beurteilt werden könnten (vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts U 88/06
vom 18. Juli 2007 E.5.1 m.H.a. BGE 123 V 98 E.2a). In den
bundesgerichtlichen Verfahren 8C_58/2022 und 8C_437/2021 kritisierten
die dortigen Beschwerdeführenden im Zusammenhang mit Blitzunfällen
zudem die Unterscheidungen bei Prüfung der Adäquanz nach der
Psycho-, Schleudertrauma- oder Schreckereignis-Praxis und verlangten
deren Aufgabe. Es sei stattdessen zuerst rein naturwissenschaftlich zu
prüfen, ob eine Unfallfolge vorliege. Falls dies bejaht werde, sei in einem
zweiten Schritt danach zu fragen, ob die Übernahme durch die
Sozialversicherung gerechtfertigt sei. In ersterem Verfahren wurde
alternativ auch noch vorgeschlagen, neu alle psychisch und organisch
nicht nachweisbaren Beschwerden nach der sogenannten
Schleudertrauma-Praxis gemäss BGE 134 V 109 zu prüfen. Angesichts
des Ausgangs dieser Verfahren, musste das Bundesgericht keine Stellung
zur verlangten Praxisänderung nehmen (siehe Urteil des Bundesgerichts
8C_58/2022 vom 23. Mai 2022 E.4.2 und 4.6, auszugsweise publiziert in:
BGE 148 V 301 sowie Urteil des Bundesgerichts 8C_437/2021 vom
25. November 2021 E.5 und 5.3). Wenn nun wie vorliegend (fortlaufend
und parallel) ärztliche Diagnosen zu geklagten gesundheitlichen
Beeinträchtigungen nach demselben Unfall vorliegen, welche sowohl
einen Bezug zur Schleudertrauma- als auch zur Psycho-Praxis eröffnen,
ist die Beantwortung der Frage, nach welchen Kriterien die adäquate
Kausalität hinsichtlich der gesundheitlichen Auswirkungen des Unfalls zu
beurteilen sind, nicht so klar, wie die Argumentationen der Parteien im
vorliegenden Verfahren vermuten liessen. Unabhängig von der Frage der
- 32 -
Anwendbarkeit der Psycho- oder Schleudertrauma-Praxis ist für die
(potenzielle) Ermittlung der Anzahl der zu erfüllenden
(Adäquanz-)Kriterien jedenfalls zunächst die Unfallschwere zu bestimmen
(vgl. BGE 134 V 109 E.10.1 m.H.a. 117 V 359 E.6 und 117 V 369 E.4b
und c sowie BGE 115 V 133 E.6a ff.).
5.4.1. Die Unfallschwere (vgl. dazu VGU S 20 70 vom 13. Juli 2021 E.7.4.2.1 ff.,
insbesondere auch mit Hinweisen auf die Kasuistik in E.7.4.2.4; vgl. z.B.
auch Urteile des Bundesgerichts 8C_897/2009 vom 29. Januar 2010 E.4.1
und 8C_80/2009 vom 5. Juni 2009 E.6.1) bestimmt sich für beide
vorliegenden Unfallereignisse und unabhängig davon, ob die Psycho- oder
die Schleudertrauma-Praxis zur Anwendung kommt, nach dem
augenfälligen Geschehensablauf mit den sich dabei entwickelnden
Kräften (vgl. BGE 148 V 301 E.4.3.1, 140 V 356 E.5.1 und 134 V 109
E.2.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_437/2021 vom 25. November 2021
E.5.1.1, 8C_66/2021 vom 6. Juli 2021 E.7.1, 8C_212/2019 vom
21. August 2019 E.3 und 8C_720/2017 vom 12. März 2018 E.4.3). Der
Arbeitsunfall vom Juli 2015 ist unbestrittenermassen den mittelschweren
Unfällen im Grenzbereich zu den leichten zugeordnet worden (vgl.
Einspracheentscheid vom 17. Dezember 2020 [Bg-act. I 389 Rz. 3d S. 7];
Beschwerdeantwort vom 22. Februar 2021 Rz. 6.3). Umstritten ist die
Zuordnung des Autounfalls vom August 2018. Der Beschwerdeführer geht
von einem mindestens mittelschweren Unfall im Grenzbereich zu den
schweren Unfällen aus, während die Beschwerdegegnerin den Autounfall
als mittelschweren Unfall im mittleren Bereich qualifiziert hat. Gemäss
Aussage des Beschwerdeführers im Verkehrsunfall-Rapport der
Kantonspolizei Graubünden vom 15. Oktober 2018 bzw. im polizeilichen
Einvernahme-Protokoll vom 15. September 2018 über den Unfallhergang
fuhr er mit ca. 75 km/h in Richtung Norden (siehe Bg-act. II 21 S. 7 und 22
[Antwort auf Frage 1]). Der unfallverursachende Lenker (Falschfahrer)
sagte in der polizeilichen Einvernahme vom 25. August 2018 aus, er sei
- 33 -
vor der Kollision geschätzt zwischen 40 bis 50 km/h gefahren (siehe Bg-
act. II 21 S. 18 [Antwort auf Frage 6]). Gemäss biomechanischer
Kurzbeurteilung der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik (AGU Zürich) vom
8. April 2019 erfuhr der Opel des Beschwerdeführers eine
Geschwindigkeitsänderung in Rückwärtsrichtung, welche oberhalb eines
Bereichs von 20 bis 30 km/h lag (siehe Bg-act. II 75 S. 4). Aus
biomechanischer Sicht ergibt sich, dass die anschliessend an das Ereignis
festgestellten von der HWS ausgehenden Beschwerden und Befunde
durch die Kollisionseinwirkung im Normalfall, wie im vorliegenden Fall,
erklärbar sind (siehe Bg-act. II 75 S. 5 f.). Praxisgemäss vermag eine
unfalltechnische oder biomechanische Analyse gegebenenfalls
gewichtige Anhaltspunkte zur mit Blick auf die Adäquanzprüfung
relevanten Schwere des Unfallereignisses zu liefern. Eine Beurteilung des
natürlichen Kausalzusammenhangs kann gestützt hierauf jedoch nicht
erfolgen (siehe Urteile des Bundesgerichts 8C_19/2021 vom 27. April
2021 E.7.3 und 8C_182/2020 vom 18. Mai 2020 E.5.3, je m.w.H.).
5.4.2. Dem Vorbringen des Beschwerdeführers unter Hinweis auf das Urteil des
Bundesgerichts 8C_633/2007 vom 7. Mai 2008, dass es sich vorliegend
um einen mindestens mittelschweren Unfall im Grenzbereich zu den
schweren Unfällen handelt, kann nicht gefolgt werden. Anders als im
vorerwähnten Urteil, dem ein Auffahrunfall mit mindestens drei beteiligten
Autos zugrunde lag, bei dem in der Nacht und auf einer Autobahn
zunächst ein Auto von hinten in das Auto der damaligen
Beschwerdeführerin prallte und dieses sodann in das vordere Auto schob,
so dass sowohl das Fahrzeugheck wie auch die Front vollständig
zertrümmert und deformiert sowie diese massiven Kräfte angesichts der
verbogenen Sitzlehnen auch auf die Fahrzeuginsassen übertragen
wurden (siehe Urteil des Bundesgerichts 8C_633/2007 vom 7. Mai 2008
E.6.2.2), handelt es sich vorliegend um eine Frontalkollision zwischen dem
Auto des Beschwerdeführers mit demjenigen des Unfallverursachers
- 34 -
(Falschfahrer), welche sich bei Tageslicht auf einer Autostrasse zutrug.
Gemäss Fahrzeugexpertise vom 18. September 2018 wurde beim vom
Beschwerdeführer gelenkten PW die gesamte Frontpartie aufgestaucht,
diverse Anbauteile beschädigt, die beiden vorderen Kotflügel und der
Längsträger vorne rechts verbogen sowie der Fahrer- und Beifahrerairbag
ausgelöst. Das Fahrzeug erlitt einen (wirtschaftlichen) Totalschaden
(siehe Bg-act. II 60 S. 4 ff.) Gemäss AGU-Kurzbeurteilung vom 8. April
2019 (siehe Bg-act. II 75) wurde der vom Beschwerdeführer gelenkte PW
im mittleren und rechten Frontbereich stark beschädigt. Die Frontpartie
wurde rechtsseitig bis ans Vorderrad gestaucht. Die
Stossstangenabdeckung, die Scheinwerfer und der Kühlergrill waren
mehrfach gebrochen. Der Aufpralldämpfer, das Frontblech, beide
Kotflügel, die Motorhaube, der Radkasten und Längsträger rechts, die
Kühler, die A-Säule und weitere Bauteile im Motorraum wurden stark
deformiert. Beim vom Unfallverursacher gelenkten PW wurde ebenfalls die
gesamte Frontpartie stark deformiert. Sämtliche Karosserie- und
Anbauteile der Front des vom Beschwerdeführer gelenkten PW waren
gestaucht oder beschädigt. Die Front- und Seitenscheibe vorne rechts
waren gebrochen und beide Frontairbags hatten ausgelöst.
Möglicherweise seien auch der Motor und die Radaufhängung vorne
rechts beschädigt worden. Die Gutachter hielten unter anderem auch
gestützt auf den Polizeirapport fest, dass das unfallverursachende
Fahrzeuge mit leichtem Versatz nach links, einer grossen Überdeckung
und weitgehend achsparallel frontal auf den PW des Beschwerdeführers
prallte. Trotzdem gelang es dem Beschwerdeführer gemäss
Verkehrsunfall-Rapport der Kantonspolizei Graubünden vom 15. Oktober
2018 (grundsätzlich) selbständig, allenfalls unter Mithilfe einer Drittperson,
aus dem Fahrzeug auszusteigen, was auf eine im Wesentlichen in Takt
gebliebene Fahrgastzelle und insbesondere der A-Säule bei der Fronttüre
der linken Fahrerseite hindeutet (siehe Bg-act. II 21 S. 8, 23 und Fotos
Nr. 5 f. sowie Bg-act. II 60 S. 11 ff.). Demgegenüber war im Urteil des
- 35 -
Bundesgerichts 8C_633/2007 vom 7. Mai 2008 davon die Rede, dass die
Wucht des Aufpralls des (durch den Heckanprall angeschobenen)
Fahrzeuges der dortigen Versicherten ausgereicht habe, um nicht nur auf
ein vorderes Fahrzeug aufzufahren, sondern dieses sich auch noch
quergedreht habe, Totalschaden erlitt und seinerseits in ein drittes
Fahrzeug geschoben wurde (siehe Urteil des Bundesgerichts
8C_633/2007 vom 7. Mai 2008 E.6.2.2). Gemäss AGU-Kurzbeurteilung
ergibt sich zudem bei einer frontalen Kollision in Bezug auf die HWS bei
angeschnallten PW-Insassen – wie es der Beschwerdeführer zweifellos
war (siehe Bg-act. II 11 S. 2 und Bg-act. II 21 S. 23) – ein günstigerer
Bewegungsablauf und eine prinzipiell geringere HWS-Belastung als bei
Heckkollisionen (siehe Bg-act. II 75 S. 4; siehe auch Urteil des
Bundesgerichts 8C_239/2007 vom 7. August 2008 E.6.3). Demnach wird
bei einem frontalen Anprall die vorwärts gerichtete Relativbewegung des
Insassen durch den Sicherheitsgurt aufgefangen. Diese Abstützung an
mehreren Punkten, die indirekte Krafteinleitung unterhalb der HWS über
den Thorax (vgl. auch die Aussage des Beschwerdeführers in der
polizeilichen Einvernahme vom 15. September 2018: "Ich lenkte so gut es
ging nach rechts und hielt mich ganz fest am Lenkrad fest." [Bg-act. II 21
S. 22]) und die leichte Körperrotation aus dem Schultergurt heraus ergibt
– bei sonst gleichen Fahrzeugbelastungen – einen Bewegungsablauf, der
mit einer geringeren Belastung der einzelnen HWS-Segmente als bei
Heckkollisionen verbunden ist. Zudem ist gemäss der AGU-
Kurzbeurteilung die hintere Halsmuskulatur wesentlich stärker ausgebildet
als die vordere. Sie kann daher den Kopf vor zu grosser
Vorwärtsbewegung schützen. Zudem wurde auch der Front-Airbag
ausgelöst, so dass nur ein Teil der sich entwickelnden Kräfte auf den
Körper des Versicherten einwirken konnte (vgl. dazu Urteil des
Bundesgerichts 8C_239/2007 vom 7. August 2008 E.6.3). Der Autounfall
(Frontalkollision) ist damit in nicht zu beanstandender Weise von der
Beschwerdegegnerin als mittelschwerer Unfall im engeren Sinn eingestuft
- 36 -
worden. So qualifizierte das Bundesgericht etwa auch eine Frontalkollision
eines Versicherten in seinem PW bei ca. 90 km/h mit einem entgegen der
Fahrtrichtung stehenden auf dem ersten Überholstreifen der Autobahn
stehenden PW als noch im engeren Sinne mittelschweren Unfall, wobei
gemäss biomechanischer Analyse eine kollisionsbedingte
Geschwindigkeitsänderung von 20 bis 30 km/h vorlag und dies bei
Frontalkollisionen noch als im Harmlosigkeitsbereich bewertet wurde
(siehe Urteil des Bundesgerichts 8C_786/2009 vom 4. Januar 2010
E.4.6.1). Als ein Beispiel für mittelschwere Unfälle im engeren Sinne
verwies das Bundesgericht im genannten Urteil auch auf 8C_80/2009 vom
5. Juni 2009, wo die dortige Versicherte als Beifahrerin in einem Renault 5
gemäss ihren eigenen Angaben mit einer Geschwindigkeit von 70 bis
80 km/h frontal mit einem Opel Omega Caravan kollidierte, wobei letzter
mit einer Geschwindigkeit von ca. 30 bis 40 km/h unterwegs gewesen war.
Gemäss Bundesgericht schied entgegen der Meinung der dortigen
Versicherten und mit Blick auf die durch die Rechtsprechung entwickelten
Massstäbe die Qualifikation als mittelschwerer Unfall im Grenzbereich zu
den schweren aus. Autounfälle mit vergleichbaren oder jedenfalls nicht
geringeren Krafteinwirkungen würden regelmässig dem mittleren Bereich
(der mittelschweren Unfälle) zugeordnete, womit die vorinstanzliche
Qualifikation nicht zu beanstanden war (siehe Urteile des Bundesgerichts
Urteil des Bundesgerichts 8C_786/2009 vom 4. Januar 2010 E.4.6.2
m.H.a. 8C_80/2009 vom 5. Juni 2009 E.6.1).
6. Nachfolgend sind die Adäquanzkriterien für die beiden Unfälle zu prüfen.
Dabei ist für den Arbeitsunfall vom 16. Juli 2015 unbestrittenermassen die
Psycho-Praxis anzuwenden. Für den Autounfall vom 24. August 2018
hingegen rechtfertigt sich – bei sofort nach dem Autounfall diagnostizierter
HWS-Distorsion – aufgrund der in der vorstehenden Erwägungen 5.3.3 f.
erwähnten Umstände und Rechtsprechung die Anwendung der
Schleudertrauma-Praxis gemäss BGE 134 V 109.
- 37 -
6.1. Das Kriterium der besonders dramatischen Begleitumstände oder
besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls, welches sowohl bei der Psycho-
als auch der Schleudertrauma-Praxis von Bedeutung ist, beurteilt sich
objektiv und nicht aufgrund des subjektiven Empfindens bzw. des
Angstgefühls der versicherten Person. Zudem ist jedem mindestens
mittelschweren Unfall eine gewisse Eindrücklichkeit inhärent, welche
somit noch nicht für die Bejahung dieses Kriteriums ausreichen kann. Im
Rahmen dieses Kriteriums wird nur das Unfallgeschehen an sich und nicht
allfällige dabei erlittene Verletzungen oder der nachfolgende
Heilungsprozess betrachtet (siehe BGE 148 V 301 E.4.4.3; Urteile des
Bundesgerichts 8C_476/2021 vom 2. März 2022 E.6.2.2, 8C_812/2021
vom 17. Februar 2022 E.9.2, 8C_66/2021 vom 6. Juli 2021 E.8.2,
8C_608/2020 vom 15. Dezember 2020 E.6.3 und 8C_114/2018 vom
22. August 2018 E.6.3). In Bezug auf den Arbeitsunfall behauptet der
Beschwerdeführer keine besonders dramatischen Begleitumstände oder
besondere Eindrücklichkeit des Unfalls, was objektiv betrachtet auch nicht
ersichtlich ist. In Bezug auf den Autounfall ist zwar nicht von der Hand zu
weisen, dass die Umstände des Verkehrsunfalls (Geisterfahrer kommt
dem Beschwerdeführer auf einer Autostrasse in einer Kurve bei ca. 75
km/h eigener Fahrgeschwindigkeit entgegen, keine Bewusstlosigkeit,
keine Amnesie, Erinnerung an alle Einzelheiten des Unfallhergangs) für
den Beschwerdeführer subjektiv belastend waren/sind. Das
Adäquanzkriterium ist objektiv und damit losgelöst vom subjektiven
Empfinden bzw. Angstgefühl und nur im Hinblick auf das Unfallgeschehen
an sich zu beurteilen. Vorliegend ereignete sich am 24. August 2018 eine
Frontalkollision ohne weitere erschwerende Umstände. Beide
Fahrzeuglenker und weitere Fahrzeuginsassen konnten nach dem
Unfallereignis ihre Fahrzeuge selbständig verlassen, wenn auch im Falle
des Beschwerdeführers gemäss seiner Aussage mit Hilfe eines
Gemeindearbeiters (siehe Bg-act. II 21 S. 23), weil er eingeklemmt
gewesen sei (siehe psychiatrische Beurteilung vom 16. März 2020 [Bg-
- 38 -
act. I 342 S. 13]). Zu keinem Zeitpunkt bestand eine Lebensgefahr. Weder
hatte sich der Beschwerdeführer lebensbedrohlich verletzt (vgl. Bg-act. II
21) noch befand sich das Fahrzeug – auch angesichts der
Witterungsverhältnisse und der Hilfeleistung durch nachfolgende
Fahrzeuglenker – nach der Kollision in einer gefährlichen Lage (vgl. dazu
Bg-act. II 21 S. 8 und die Fotografien in: Bg-act. II 21 S. 10 ff.). Bei
Autounfällen ist von besonders dramatischen Begleitumständen bzw.
einer besonderen Eindrücklichkeit etwa bei einem Auffahrunfall mit hoher
Geschwindigkeit und mehreren beteiligten Fahrzeugen am Stauende auf
einer Autobahn auszugehen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_623/2007
vom 22. August 2008 E.7 f.), bei einem Zusammenstoss zwischen einem
Personenwagen und einem Lastwagen in einem Autobahntunnel mit
mehreren sich anschliessenden Kollisionen mit der Tunnelwand als
objektiv dramatisches und unmittelbar lebensbedrohliches Ereignis, wobei
der dortige unangegurtete Versicherte mit dem Kopf gegen die
Windschutzscheibe prallte und diese barst (vgl. Urteil des Bundesgerichts
8C_257/2008 vom 4. September 2008 E.3.3.3), bei einem Zusammenprall
zwischen einem Sattelschlepper und einem PW, wobei der Fahrer des
Sattelschleppers die Kollision zunächst nicht bemerkte und den
Personenwagen der versicherten Person über eine längere Distanz vor
sich herschob und die Insassen dieses Fahrzeugs verzweifelt versuchten,
den Unfallverursacher auf sich aufmerksam zu machen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 8C_579/2011 vom 5. Dezember 2011 E.3.5 m.H.a.
8C_508/2008 vom 22. Oktober 2008 E.5.3), oder etwa wenn der im
gleichen Fahrzeug mitfahrende nahe Verwandte beim Unfall verstirbt (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 8C_365/2010 vom 23. August 2010 E.3.1).
Umstände dieser Art liegen hier nicht vor. Auch die dem Beschwerdeführer
zuvor diagnostizierte Dysthymie nach dem Unfall vom 16. Juli 2015, d.h.
seine subjektive Verfassung, ändert daran nichts (vgl. U 56/07 vom
25. Januar 2008 E.6.1). Es ist daher nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin besonders dramatische Begleitumstände oder eine
- 39 -
besondere Eindrücklichkeit der Unfälle vom 16. Juli 2015 und vom
24. August 2018 verneint hat.
6.2. Dass das Kriterium der Schwere oder besonderen Art der erlittenen
Verletzung erfüllt wäre bzw. im Hinblick auf die Psycho-Praxis die Art der
erlittenen Verletzung(en) erfahrungsgemäss besonders geeignet wäre,
psychische Fehlentwicklungen auszulösen, oder im Hinblick auf die
Schleudertrauma-Praxis die Unfallverletzungen in besonderer Weise
geeignet wären, eine intensive, dem typischen Beschwerdebild nach
BGE 134 V 109 E.6.2.1 entsprechende Symptomatik zu bewirken (siehe
zu letzterem Urteil des Bundesgerichts 8C_593/2012 vom 19. Dezember
2012 E.2.4.1), macht der Beschwerdeführer weder in Bezug auf den
Arbeitsunfall vom 16. Juli 2015 noch den Autounfall vom 24. August 2018
geltend. Gemäss der in BGE 140 V 356 E.5.5.1 erwähnten Kasuistik
namentlich betreffend die Psycho-Praxis, auf welche auch in aktuellen
Urteilen des Bundesgerichts verwiesen wird (siehe etwa Urteil des
Bundesgerichts 8C_620/2021 vom 14. Januar 2022 E.4.4), sowie
hinsichtlich der Schleudertrauma-Praxis (vgl. dazu etwa BGE 134 V 109
E.10.2.2 sowie Urteile des Bundesgerichts 8C_66/2021 vom 6. Juli 2021
E.5.3.1, 8C_573/2020 vom 6. Januar 2021 E.8.3, 8C_17/2017 vom 4. April
2017 E.6.2.2 und 8C_236/2016 vom 11. August 2016 E.6.2.2), ist nicht zu
beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin dieses Kriterium für beide
Unfälle verneint hat.
6.3. Hinsichtlich des Kriteriums einer ungewöhnlich langen Dauer einer
ärztlichen Behandlung im Sinne der Psycho-Praxis bzw. einer fortgesetzt
spezifischen, belastenden ärztlichen Behandlung im Sinne der
Schleudertrauma-Praxis ist festzuhalten, dass im Sinne der
Schleudertrauma-Praxis nach dem Unfall fortgesetzt eine spezifische, die
versicherte Person belastende ärztliche Behandlung bis zum
Fallabschluss notwendig gewesen sein muss. Das Kriterium ist objektiv zu
beurteilen und nicht aufgrund des subjektiven Empfindens der
- 40 -
versicherten Person (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_493/2018 vom
12. September 2018 E.5.3.2, 8C_438/2009 vom 3. September 2009 E.4.6
und 8C_80/2009 vom 5. Juni 2009 E.6.4). Blosse medizinische
Abklärungen, ärztliche Verlaufskontrollen sowie physiotherapeutische und
medikamentöse Behandlungen stellen keine ärztliche Behandlung im
Sinne dieses Kriteriums dar (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_608/2020
vom 15. Dezember 2020 E.6.3 und 8C_542/2020 vom 13. November 2020
E.6.3). Das Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der physisch
bedingten ärztlichen Behandlung im Sinne der Psycho-Praxis ist dabei
nicht allein nach einem zeitlichen Massstab zu beurteilen, sondern es sind
auch Art und Intensität der Behandlung von Bedeutung sowie der
Umstand, inwieweit noch eine Besserung des Gesundheitszustandes zu
erwarten ist. Es muss, gesamthaft betrachtet, eine kontinuierliche, mit
einer gewissen Planmässigkeit auf die Verbesserung des
Gesundheitszustandes gerichtete ärztliche Behandlung von ungewöhnlich
langer Dauer vorliegen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_627/2020 vom
10. Dezember 2020 E.4.1.2 m.H.a. 8C_137/2014 vom 5. Juni 2014 E.7.3).
In Bezug auf den Arbeitsunfall kann die Erfüllung dieses Kriteriums
jedenfalls nicht verneint werden, da sich der Beschwerdeführer fünf
Eingriffen am rechten Knie nach dem Arbeitsunfall vom Juli 2015 im
Zeitraum zwischen 22. Juli 2015 und 17. April 2018, d.h. in rund 2 3⁄4
Jahren bzw. 33 Monaten (siehe Bg-act. I 10, 35, 62, 118, 240, 332 S. 7)
unterziehen musste und rund vier Monate nach dem letzten Eingriff den
Autounfall im August 2018 erlitt. Dabei kam es zu einer
Mehrfachverletzung. Namentlich einer HWS-Distorsion, einer
undislozierten Fraktur des Corpus sterni, einer Rippenserienfraktur rechts
Costa 2-9 mit minimal angrenzendem Pneumothorax, einer
Lungenkontusion rechts mit Verdacht auf apikalen Pneumothorax, minim
keilförmig veränderte BWK 7-9 (DD Morbus Scheuermann), einer Prellung
der linken Clavicula, einer Prellung des rechten Oberbauchs, einer
frischen LWK 2 Vorderkantenfraktur, einer fraglichen Fraktur der
- 41 -
Vorderkante LWK 3 (DD sklerosierte Apophyse) sowie Kontusionen des
rechten Beckens, des linken Vorderarms und des rechten Knies, die
zunächst im Spital U._ vom 24. August (Tag des Autounfalls) bis am
5. September 2018 (siehe Bg-act. II 11) und anschliessend im D._
vom 5. September bis am 16. Oktober 2018 (siehe Bg-act. II 35) behandelt
wurden. Der Beschwerdeführer befand sich somit rund 3 1⁄4 Jahre bzw. 39
Monate lang in ärztlicher Behandlung aufgrund von körperlichen
Unfallfolgen und dies stets planmässig auf die Verbesserung seines
Gesundheitszustands ausgerichtet. Was zusätzlich den Autounfall vom
24. August 2018 und die angesichts der in den vorstehenden
Erwägungen 5.3.3 f. erwähnten Umständen darauf anwendbare
Schleudertrauma-Praxis anbelangt, welche keine Differenzierung
zwischen den physischen und psychischen Beschwerden vornimmt,
äusserte das D._ am 3. Dezember 2018 den Verdacht auf eine PTBS
(siehe Bg-act. II 35 S. 2) und die Untersuchung und Beurteilung der
Psychologin lic. psych. R._ im Rahmen der Schmerzsprechstunde im
Februar 2019 zeigte im Angstscore grenzwertige und im
Depressionsscore auffällige Werte sowie eine depressive Verstimmung
(siehe Bg-act. II 51 S. 6). Letztlich sah sich der Beschwerdeführer zur
Aufnahme einer psychiatrischen Behandlung ab Mai 2019 bei Psychiater
Dr. med. F._ veranlasst. Der Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie Dr. med. F._ hielt in seinem psychiatrischen Bericht
vom 26. Juni 2019 fest, das formale Denken neige zur Einengung auf
Schmerzempfindung, Einschränkungen im Alltag, Perspektivlosigkeit,
depressive Gedanken. Nur zögernd lasse sich der Beschwerdeführer im
Gespräch ablenken. Es mangle zeitweise an Konzentrationsvermögen
und an Aufmerksamkeit. Inhaltlich sei das Denken geprägt von Sorgen,
Ängsten, Aussichtslosigkeit. Im Affekt (sei der Beschwerdeführer)
niedergeschlagen, wirke nachdenklich und hoffnungslos. Die
Schwingungsfähigkeit sei herabgesetzt. Mimik und Gestik seien verhalten,
der Antrieb reduziert. Bezüglich den funktionellen Einschränkungen
- 42 -
betreffend Arbeit, Familie, Freizeit und soziales Leben sei der Patient
aufgrund des jetzigen psychopathologischen Zustands nicht in der Lage,
sich an Regeln zu halten oder sich in Organisationsabläufe einzufügen.
Die Fähigkeit, den Tag und/oder anstehende Aufgaben zu planen und zu
strukturieren sei schwer beeinträchtigt, ebenso die Flexibilität und
Umstellungsfähigkeit. Die Fähigkeit zur Anwendung fachlicher
Kompetenzen, Fach- und Lebenswissen gemäss Rollenerwartungen an
einem Arbeitsplatz umzusetzen sei schwer bis vollständig beeinträchtigt.
Die Durchhalte- und Selbstbehauptungsfähigkeit sei schwer
eingeschränkt. Die Kontaktfähigkeit zu Dritten, wie auch die
Gruppenfähigkeit sei schwer beeinträchtigt. Dr. med. F._
diagnostizierte eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem
Syndrom (ICD-10: F32.11) und eine PTBS (ICD-10: F43.1; siehe Bg-act. II
91). Die Arbeitsfähigkeit betrage höchstens 50 %. Als Medikation wurde
Venlafaxin ER 75 mg morgens und Saroten 25 mg abends festgehalten.
Im psychiatrischen Bericht vom 23. Dezember 2019 zu Handen der
Beschwerdegegnerin stellte Dr. med. F._ unveränderte Diagnosen
(mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom [ICD-10:
F32.11] und eine PTBS [ICD-10: F43.1]; siehe Bg-act. II 113). Auch der
Befund stimmte weitestgehend mit demjenigen vom 26. Juni 2019
überein. Zusätzlich beschrieben wurden noch gelegentliche
Derealisations- und Depersonalisationserlebnisse, z.B. als Beifahrer im
Auto oder verbunden mit Sorgen und Ängsten betreffend
Gesundheitszustand. Psychomotorisch angespannt, innerlich unruhig.
Aufgrund funktionellen Einschränkungen sowohl im kognitiven als auch
affektiven Bereich betrage die Arbeitsfähigkeit in körperlich angepasster
Tätigkeit höchstens 50 %. Als Medikation wurde nun Venlafaxin ER
150 mg (Dosiserhöhung ab 31. Oktober 2019) und Saroten 25 mg (1 bis
2) festgehalten. Auch bei Dr. med. F._ nahm der Beschwerdeführer
somit eine (ambulante) psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung
in Anspruch, welche auf eine Verbesserung seines Gesundheitszustands
- 43 -
ausgerichtet war. Dieses Adäquanzkriterium kann somit
rechtsprechungsgemäss zwar noch nicht abschliessend bejaht (vgl. dazu
BGE 148 V 301 E.4.5.1 und 147 V 207 E.6.1 [übersetzt in: Die Praxis
6/2021 Nr. 69]), aber dessen Bejahung auch nicht ausgeschlossen
werden.
6.4. Was das Kriterium der körperlichen Dauerschmerzen nach der Psycho-
Praxis anbetrifft, ist entscheidend, ob über den gesamten Zeitraum
andauernde Beschwerden vorlagen (vgl. Urteile des Bundesgerichts
8C_528/2021 vom 3. Mai 2022 E.7.3.2, 8C_620/2021 vom 14. Januar
2022 E.4.6 und 8C_803/2017 vom 14. Juni 2018 E.3.5.1). Psychische
Beschwerden sind hier nicht einzubeziehen, auch wenn sie körperlich
imponieren (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_528/2021 vom 3. Mai
2022 E.7.3.2, 8C_131/2021 vom 2. August 2021 E.6.4.1, 8C_39/2021 vom
6. Juli 2021 E.6.2.3, 8C_66/2021 vom 6. Juli 2021 E.8.3 und 8C_608/2020
vom 15. Dezember 2020 E.6.3). Das Kriterium der zwischen dem Unfall
und dem Fallabschluss ohne wesentlichen Unterbruch bestehenden
erheblichen Beschwerden im Sinne der Schleudertrauma-Praxis beurteilt
sich nach den glaubhaft gemachten Schmerzen und nach der
Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person im Lebensalltag erfährt
(vgl. BGE 134 V 109 E.10.2.4; Urteil des Bundesgerichts 8C_598/2020
vom 3. Dezember 2020 E.10.3). In Bezug auf den Arbeitsunfall vom Juli
2015, welcher zu fünf Eingriffen am rechten Knie, letztmals im April 2018
führte, sowie in Bezug auf den Autounfall vom August 2018, welcher zu
einer Mehrfachverletzung an Kopf, Thorax, Abdomen,
Becken/Extremitäten führte, ist aufgrund dieser beiden Unfallereignisse
von körperlichen Dauerschmerzen bzw. erheblichen Beschwerden von
Juli 2015 bis über den Aufenthalt im D._ vom 5. September 2018 bis
16. Oktober 2018 hinaus auszugehen. Im Austrittsbericht des D._
vom 3. Dezember 2018 wurde zum Verlauf festgehalten, dass der
Versicherte aufgrund starker Schmerzen einen verzögerten Einstieg in das
- 44 -
Therapieprogramm gehabt, sich jedoch motiviert und kooperativ gezeigt
und die Therapien immer regelmässig besucht habe. Das Hauptproblem
sei die schmerzhafte Einschränkung der Mobilität gewesen. Es bestünden
Schmerzen in den oberen Extremitäten beidseitig, im Rippenbereich
beidseitig, Lumbalgien und Knieschmerzen rechts. Im Verlauf persistierten
die Schmerzen und der Versicherte habe repetitive
Schmerzexacerbationen gehabt. Aufgrund der Schmerzfixierung hätten
die Ziele nur teilweise erreicht werden können (siehe Bg-act. II 35 S. 3).
Der Verlaufsbericht des Spital U._ vom 25. Oktober 2018 hielt im
Befund einen stark leidenden Patienten bei hinkendem Gangbild mit
einem Gehstock fest, bei Palpation im Bereich des Rückens massive
Schmerzangabe ubiquitär, eine wirkliche Schmerzlokalisation könne nicht
vorgenommen werden. Bewegungsprüfung der LWS sei aufgrund der
Schmerzen nicht durchführbar. Hypästhesien oder Schwäche im Bereich
der Beine würden verneint. Massive Mühe beim Hinlegen auf die Liege,
Patient benötige Hilfe beim Hinlegen und Aufsitzen. In der Beurteilung
hätten die Arztpersonen bei bekanntem chronischem Schmerz im Bereich
des rechten Knies das "Gefühl" einer deutlichen Somatisierungstendenz
(siehe Bg-act. II 22 S. 3). Die Klinik K._ beurteilte in der Konsultation
vom 3. Dezember 2018 die Situation mit schmerzhaft proximaler Tibia als
weiterhin sehr, sehr schwierig (siehe Bg-act. I 266 S. 1). Anlässlich der
kreisärztlichen Untersuchung rund ein Jahr später am 6. Dezember 2019
(Bericht vom 13. Dezember 2019) ging Kreisarzt Dr. med. E._ von
einem günstigen Verlauf betreffend Thorax-/Schulter-/Rückentrauma aus
und es bestünden nur noch Restbeschwerden. Der Verlauf der
Knieverletzung hingegen sei kompliziert und der Endzustand erreicht.
Dabei beschrieb der Beschwerdeführer im Vergleich zur letzten
kreisärztlichen Untersuchung vom 26. März 2019 keine Besserung im
rechten Knie. Bei Belastungen komme es weiterhin zu einer Schwellung
und Überwärmung des rechten Knies. Die freie Gehstrecke mit Krücken
betrage ca. 2 km. Auf- und Abwärtsgehen sowie Gehen in unebenem
- 45 -
Gelände sei praktisch nicht möglich. Treppensteigen alternierend mit
beiden Beinen nicht möglich. Zudem gab der Beschwerdeführer auch die
Nachtruhe störende Nachtschmerzen sowie Kälteintoleranz und
Wetterfühligkeit an (siehe Bg-act. I 332 S. 5). Die Folgen durch die
Kniegelenksverletzung/Verletzung infolge des Autounfalls wurden mit 80
% zu 20 % gewertet (siehe Bg-act. I 332 S. 7), was den Kreisarzt Dr. med.
E._ letztlich zum (somatischen) Zumutbarkeitsprofil von 90 %
Arbeitsfähigkeit in angepasster leichter Tätigkeit, vor allem sitzende und
wechselbelastende Tätigkeit führte (siehe Bg-act. I 332 S. 7 i.V.m. Bg-
act. I 349). Der von der Beschwerdegegnerin beigezogene Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie Dr. med. G._ betonte in seinem
Bericht vom 16. März 2020 zur Untersuchung vom 30. Januar 2020, dass
vielfältige, ungünstige Wechselwirkungen zwischen Schmerzen,
depressiven und posttraumatischen psychischen Symptomen bestünden
(siehe Bg-act. I 342 S. 22). Dieses Adäquanzkriterium kann somit
rechtsprechungsgemäss zwar noch nicht abschliessend bejaht (vgl. dazu
BGE 148 V 301 E.4.5.1 und 147 V 207 E.6.1 [übersetzt in: Die Praxis
6/2021 Nr. 69]), aber dessen Bejahung auch nicht ausgeschlossen
werden, wie die Beschwerdegegnerin es im angefochtenen
Einspracheentscheid vom 17. Dezember 2019 getan hat.
6.5. Das Vorliegen des sowohl für die Psycho- als auch für die
Schleudertrauma-Praxis geltenden Kriteriums einer ärztlichen
Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmerte, wird
vom Beschwerdeführer nicht (substanziiert) geltend gemacht und darauf
ergeben sich in den Akten auch keine konkreten Hinweise, womit dessen
Vorliegen von der Beschwerdegegnerin im Einspracheentscheid in nicht
zu beanstandender Weise verneint wurde.
6.6. Für die Bejahung des in der Psycho- als auch Schleudertrauma-Praxis zu
beachtenden Kriteriums des schwierigen Heilungsverlaufs oder
erheblicher Komplikationen bedarf es besonderer Umstände. Aus der
- 46 -
blossen Dauer der ärztlichen Behandlung und der geklagten Beschwerden
darf nicht schon auf einen schwierigen Heilungsverlauf geschlossen
werden (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_582/2021 vom 11. Januar
2022 E.12.4, 8C_424/2020 vom 24. September 2020 E.5.3 und
8C_525/2017 vom 30. August 2018 E.8.5). Es erfordert besondere
Umstände, wie etwa weitere, den Heilungsverlauf wesentlich
beeinträchtigende Krankheiten, welche die Genesung bis zum
Fallabschluss beeinträchtigt oder verzögert haben (siehe Urteile des
Bundesgerichts 8C_582/2021 vom 11. Januar 2022 E.12.4 und
8C_542/2020 vom 13. November 2020 E.6.2). Nach dem Arbeitsunfall im
Juli 2015 mit der Verletzung des rechten Knies hatte sich der
Beschwerdeführer im Zeitraum zwischen 22. Juli 2015 und 17. April 2018,
d.h. in rund 2 3⁄4 Jahren bzw. 33 Monaten, fünf Eingriffen zu unterziehen
(siehe Bg-act. I 332 S. 7). Im August 2018 erlitt er einen Autounfall mit der
Mehrfachverletzung an Kopf, Thorax, Abdomen, Becken/Extremitäten, bei
welcher auch das bereits unfallversehrte und noch immer schmerzhafte
rechte Knie erneut in Mitleidenschaft gezogen wurde (siehe die
diagnostizierte "Kontusion rechtes Knie" im Austrittsbericht des Spital
U._ vom 5. September 2018 [Bg-act. II 11 S. 1]). Damit kam es
überwiegend wahrscheinlich zu einem protrahierten Heilungsverlauf
infolge Mehrfachverletzung und infolge posttraumatischer
Belastungsstörung, wie sie von Dr. med. G._ fachärztlich als
unfallkausal und mit Krankheitswert diagnostiziert wurde (siehe Bg-act. I
342 S. 22 ff.). Dieses Adäquanzkriterium kann somit
rechtsprechungsgemäss zwar noch nicht abschliessend bejaht (vgl. dazu
BGE 148 V 301 E.4.5.1 und 147 V 207 E.6.1 [übersetzt in: Die Praxis
6/2021 Nr. 69]), aber dessen Bejahung auch nicht ausgeschlossen
werden, wie die Beschwerdegegnerin es im angefochtenen
Einspracheentscheid vom 17. Dezember 2020 getan hat.
- 47 -
6.7. Hinsichtlich des Grads und der Dauer der physisch bedingten
Arbeitsunfähigkeit im Rahmen der Psycho-Praxis bzw. die erhebliche
Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen im Rahmen der
Schleudertrauma-Praxis ist folgendes festzuhalten. Nach dem
Arbeitsunfall im Juli 2015 war der Beschwerdeführer zu 100 %
arbeitsunfähig und konnte seine Arbeit als Bauarbeiter nicht mehr
aufnehmen (siehe Bg-act. I 5, 50 S. 3, 177 S. 3 und 5, 192, 198, 224, 227
S. 2, 246, 257, 274 S. 6). Nach dem Autounfall im August 2018 dauerte
die Arbeitsunfähigkeit von 100 % fort, zumal er bis am 5. September 2018
im Spital U._ war und sich anschliessend in das D._ bis am
16. Oktober 2018 begab, aber weiterhin zu 100 % arbeitsunfähig blieb
(siehe Bg-act. II 11, 35 und Bg-act. I 287). Das Bundesgericht anerkannte,
dass eine volle Arbeitsunfähigkeit während fast drei Jahren dieses
Kriterium in Anwendung der Psycho-Praxis zu erfüllen vermag (siehe
Urteil des Bundesgerichts 8C_627/2019 vom 10. März 2020 E.5.4.5
m.H.a. 8C_116/2009 vom 26. Juni 2009 E.4.6). Somatisch zeigte sich
dann gemäss kreisärztlichem Zumutbarkeitsprofil vom 13. Dezember
2019 bzw. dessen Präzisierung vom 15. April 2020 von Dr. med. E._
hinsichtlich Thorax, Schulter und Rücken eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in
angepasster mittelschwerer Tätigkeit, aber hinsichtlich dem rechtem Knie
eine Arbeitsfähigkeit von 90 % in leichter, vor allem sitzender und
wechselbelastender Tätigkeit (siehe Bg-act. I 332 S. und Bg-act. I 349).
Dieses somatische Zumutbarkeitsprofil wurde vom Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie Dr. med. G._ aus
versicherungspsychiatrischer Sicht explizit nicht bestätigt, sondern
verschärft: Es bestehe bis auf weiteres eine volle Arbeitsunfähigkeit im
allgemeinen Arbeitsmarkt, unter anderem wegen Beeinträchtigungen von
Konzentrationsfähigkeit, Antrieb und Durchhaltevermögen, emotionaler
Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit sowie aufgrund der (teilweise
psychisch bedingten) Schmerzen (siehe Bg-act. I 342 S. 23). Dieses
Adäquanzkriterium kann somit rechtsprechungsgemäss zwar noch nicht
- 48 -
abschliessend bejaht (vgl. dazu BGE 148 V 301 E.4.5.1 und 147 V 207
E.6.1 [übersetzt in: Die Praxis 6/2021 Nr. 69]), aber dessen Bejahung auch
nicht ausgeschlossen werden.
6.8. Da es sich beim Arbeitsunfall (Hammerschlag) vom Juli 2015
unbestrittenermassen um einen mittelschweren Unfall im Grenzbereich zu
den leichten Unfällen handelt, sind diesbezüglich mindestens vier Kriterien
– oder eines in ausgeprägter Weise – zur Bejahung des adäquaten
Kausalzusammenhangs zu erfüllen (vgl. Urteile des Bundesgerichts
8C_582/2021 vom 11. Januar 2022 E.11.3, 8C_674/2019 vom
3. Dezember 2019 E.5.2, 8C_483/2019 vom 16. September 2019 E.5.3
und 8C_897/2009 vom 29. Januar 2010 E.4.5). Geht es wie beim
Autounfall vom August 2018 um einen mittelschweren Unfall im engeren
Sinn, so ist die Adäquanz zu bejahen, wenn mindestens drei der sieben
Adäquanzkriterien in einfacher Form erfüllt sind oder eines besonders
ausgeprägt (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_528/2021 vom 3. Mai
2022 E.7.3, 8C_476/2021 vom 2. März 2022 E.6.2 und 8C_632/2018 vom
10. Mai 2019 E.8.3). Obschon aufgrund der vorstehenden
Erwägungen 6.1 ff. – namentlich unter Berücksichtigung der
Schleudertrauma-Praxis – nicht auszuschliessen ist, dass die notwendige
Anzahl Kriterien erfüllt sind, ist eine abschliessende Beurteilung der
Adäquanz derzeit noch nicht vorzunehmen, fällt die Bejahung des
adäquaten Kausalzusammenhangs doch erst in Betracht, wie nachfolgend
verdeutlicht wird. Praxisgemäss kann die Frage, ob ein natürlicher
Kausalzusammenhang zwischen den medizinisch nicht hinreichend
nachweisbaren Beschwerden und dem Unfall besteht, bei Verneinung der
adäquaten Kausalität offengelassen werden (siehe BGE 148 V 301
E.4.5.1, 148 V 138 E.5.1.2 [siehe dazu die Hinweise betreffend das zu
Publikation vorgesehene Urteil des Bundesgerichts 8C_421/2021 in: Die
Praxis 4/2022 S. XXII ff.], 147 V 207 E.6.1 [übersetzt in: Die Praxis 6/2021
Nr. 69], 135 V 465 E.5.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_582/2021 vom
- 49 -
11. Januar 2022 E.9.4, 8C_409/2021 vom 15. September 2021 E.6.2 und
8C_438/2020 vom 22. Dezember 2020 E.4.1). Nicht zulässig ist nach der
Rechtsprechung hingegen, den adäquaten Kausalzusammenhang
zwischen allfälligen psychischen resp. organisch nicht hinreichend
nachweisbaren Beschwerden und einem Unfallereignis zu bejahen, bevor
die sich in tatsächlicher Hinsicht stellenden Fragen bezüglich der Natur
der gesundheitlichen Beeinträchtigungen und des natürlichen
Kausalzusammenhangs gutachterlich geklärt sind (BGE 148 V 301
E.4.5.1, 148 V 138 E.5.1.2 [siehe dazu die Hinweise betreffend das zu
Publikation vorgesehene Urteil des Bundesgerichts 8C_421/2021 in: Die
Praxis 4/2022 S. XXII ff.] und BGE 147 V 207 E. 6.1 [übersetzt in: Die
Praxis 6/2021 Nr. 69]; Urteile 8C_409/2021 vom 15. September 2021
E.6.2 und 8C_192/2018 vom 12. März 2019 E.6). Ein solches Vorgehen
wäre zunächst widersprüchlich, weil die Leistungspflicht eines
Unfallversicherers gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG voraussetzt, dass zwischen
dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein natürlicher
Kausalzusammenhang besteht. Ohne verlässliche medizinische
Entscheidungsgrundlagen, welche sich über das Vorliegen psychischer
Beschwerden, deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit sowie den
natürlichen Kausalzusammenhang zum Unfallereignis äussern, kann aus
rechtlicher Sicht nicht darauf geschlossen werden, einem Unfallereignis
komme für die Entstehung einer psychisch bedingten Arbeits- oder
Erwerbsunfähigkeit eine massgebende Bedeutung zu. Zudem wäre die
vorhergehende Anerkennung eines adäquaten Kausalzusammenhangs
allenfalls geeignet, den psychiatrischen Experten – ob bewusst oder
unbewusst – in seiner Einschätzung zu beeinflussen und dadurch das
Ergebnis einer im Nachhinein vorgenommenen medizinischen Beurteilung
zu verzerren (siehe BGE 148 V 301 E.4.5.1, 148 V 138 E.5.1.2 [siehe dazu
die Hinweise betreffend das zu Publikation vorgesehene Urteil des
Bundesgerichts 8C_421/2021 in: Die Praxis 4/2022 S. XXII ff.] und 147 V
207 E.6.1 [übersetzt in: Die Praxis 6/2021 Nr. 69]; Urteile des
- 50 -
Bundesgerichts 8C_409/2021 vom 15. Juli 2021 E.6.2 und 8C_192/2018
vom 12. März 2019 E.6).
6.9. Da – wie gezeigt – das Vorliegen des adäquaten Kausalzusammenhangs
nicht ausgeschlossen werden kann, durfte der natürliche
Kausalzusammenhang (Tatfrage) nicht offengelassen werden. Zwar
bejahte Dr. med. G._ (auch im Rahmen der Diagnosestellung der
PTBS) mit aller Deutlichkeit die (natürliche) Unfallkausalität der PTBS
(siehe Bg-act. I 342 S. 22 ff.). Was die (natürliche) Unfallkausalität der
diagnostizierten schweren depressiven Episode (chronifizierender,
therapieresistenter Verlauf; siehe Bg-act. I 342 S. 21 f.) und der
chronischen Schmerzstörung (mit somatischen und psychischen
Beschwerden; siehe Bg-act. I 342 S. 21 f.) anbelangt, hielt er sich bedeckt
bzw. machte er keine klare Aussage. Er betonte, dass vielfältige,
ungünstige Wechselwirkungen zwischen Schmerzen, depressiven und
posttraumatischen psychischen Symptomen bestünden. Die
psychosoziale Gesamtsituation (Stellenlosigkeit, soziale Isolation,
Auflösung von Verlobung) trage ganz erheblich zum ungünstigen Verlauf
der psychiatrischen Störungen bei und diese stellten recht weitgehend
ebenfalls Folgen der beiden Unfallereignisse dar (siehe Bg-act. I 342 S. 22
und S. 24). Es lasse sich nicht mit einem erforderlichen Ausmass an
Sicherheit beurteilen, ob es auch ohne den Verkehrsunfall am 24. August
2018 zur Entwicklung eines erheblichen depressiven Zustandes und einer
chronischen Schmerzstörung gekommen wäre; die Beantwortung dieser
Frage hätte einen stark spekulativen Charakter (siehe Bg-act. I 342 S. 24).
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist die Sache deshalb an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie die betreffenden Fragen
gutachterlich abklärt. Danach wird sie über den Anspruch des
Beschwerdeführers betreffend dessen organisch nicht hinreichend
nachweisbare Beschwerden neu zu befinden haben (siehe BGE 148 V
301 E.4.5.2 und 148 V 138 E.5.4 f.). In diesem Zusammenhang ist auch
- 51 -
darauf hinzuweisen, dass nach der Rechtsprechung bei psychischen
Leiden unabhängig deren diagnostischer Einordnung auf objektivierter
Beurteilungsgrundlage zu prüfen ist, ob eine rechtlich relevante Arbeits-
und Erwerbsunfähigkeit nachzuweisen ist (siehe dazu BGE 143 V 409
E.4.5.2 und 141 V 574 E. 5.2, wonach die im Hinblick auf einen
Rentenanspruch der Invalidenversicherung erfolgte
Rechtsprechungsänderung gemäss BGE 141 V 281 sinngemäss auch im
Bereich des UVG Anwendung finden soll, sofern zwischen dem Unfall und
den Beschwerden ein natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang
besteht; vgl. ferner BGE 148 V 301 E.4.5.2, 148 V 138 E.5.4 f. mit Hinweis
auf BGE 141 V 574 [E.5.2]; Urteil des Bundesgerichts 8C_437/2021 vom
25. November 2021 E.6).
7. Die Beschwerde ist im Eventualantrag gutzuheissen, der angefochtene
Einspracheentscheid ist aufzuheben und die Sache ist im Sinne der
Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie
mittels eines zumindest psychiatrischen Gutachtens die noch
ausstehenden spezifischen Abklärungen zur Frage des natürlichen
Kausalzusammenhangs der psychischen Beschwerden zum Arbeitsunfall
vom 16. Juli 2015 und zum Autounfall vom 24. August 2018 vornehme.
Gestützt auf die Ergebnisse der Abklärungen hat die Beschwerdegegnerin
über den Anspruch des Beschwerdeführers auf eine höhere Invalidenrente
der Unfallversicherung als die bislang zugesprochene neu zu entscheiden.
8. Gemäss Art. 61 lit. fbis ATSG sind Verfahren vor dem kantonalen
Versicherungsgericht bei Streitigkeiten über Leistungen kostenpflichtig,
wenn dies im jeweiligen Einzelgesetz vorgesehen ist. Die
Sonderbestimmungen zur Rechtspflege gemäss Art. 105 ff. UVG sehen
keine generelle Kostenpflicht vor. Damit sind
unfallversicherungsrechtliche Beschwerdeverfahren über Leistungen in
der Regel weiterhin kostenlos. Vorbehalten bleibt die Kostenauflage
infolge mutwilligen oder leichtsinnigen Verhaltens (Art. 1 Abs. 1 UVG
- 52 -
i.V.m. Art. 61 lit. fbis in fine ATSG). Für das vorliegende Verfahren sind
keine Kosten zu erheben.
9. Die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zu weiteren Abklärungen
und neuem Entscheid mit noch offenem Ausgang gilt als vollständiges
Obsiegen (vgl. BGE 141 V 281 E.11.1 und 137 V 210 E.7.1, 137 V 57
E.2.1 und 132 V 215 E.6.2; Urteile des Bundesgerichts 8C_604/2021 vom
25. Januar 2022 E.12, 8C_304/2018 vom 6. Juli 2018 E.4.3.1,
1C_621/2014 vom 31. März 2015 E.3.3 und 8C_124/2013 vom
4. Dezember 2013 E.4), weshalb der anwaltlich vertretene
Beschwerdeführer gestützt auf Art. 61 lit. g ATSG Anspruch auf eine
Parteientschädigung hat. Diese wird vom Versicherungsgericht
festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der
Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61
lit. g Satz 2 ATSG). Im Übrigen bestimmt sich die Bemessung der
Parteientschädigung gemäss Art. 61 Ingress ATSG nach dem kantonalen
Recht (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_5/2022 vom 3. August 2022
E.5.1.1, 9C_519/2020 vom 6. Mai 2021 E.2.2 und 9C_714/2018 vom
18. Dezember 2018 E.9.2, nicht publ. in BGE 144 V 380). Gemäss Art. 78
VRG i.V.m. Art. 2 der Verordnung über die Bemessung des Honorars der
Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (Honorarverordnung, HV;
BR 310.250) wird die Parteientschädigung nach Ermessen des Gerichts
festgesetzt, wobei es grundsätzlich von dem in der Honorarnote geltend
gemachten (und als angemessen zu betrachtenden) Aufwand sowie
(üblichen) Stundenansatz ausgeht. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin reichte trotz Aufforderung vom 24. Februar 2021
keine Honorarnote ein, womit der Parteikostenersatz ermessensweise
festzulegen ist. Angesichts des einfachen Schriftenwechsels und der
moderaten Schwierigkeit des Prozesses rechtfertigt sich eine Pauschale
(inkl. Spesen und MWST) von CHF 2'500.--.
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