Decision ID: 6bd861ba-94c1-4597-b166-f6eead633cc5
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
Der im Jahre
1989 geborene
X._
war seit dem 1. November 2019 bei der
Y
._
AG angestellt und
bei der
AXA
Versicherungen AG (AXA)
obli
gatorisch gegen die
Folgen von Unfällen versichert (Urk. 8/A1). Bei einer alpinen Bergtour zog sich der Versicherte am 8. März 2021
unter anderem
ein Erfrie
rungstrauma an der rechten Hand zu (Urk. 8/M25); die Unfallmeldung erfolgte am 10. März 2021 (Urk. 8/A1). Mit Schreiben vom 15. März 2021 verneinte die AXA ihre Leistungspflicht, da weder ein Unfall noch eine unfallähnliche Schädi
gung vorliege (Urk. 8/A2).
Am 1. Juni 2021 erfolgte die operative Versorgung an der rechten Hand (Amputation Fingernekrosen
Dig
II-V Hand und
Fingerkuppen
rekonstruktion
rechts; Urk. 8/M11).
1.2
Mit Verfügung vom 9. Juni 2021 hielt die AXA an der bereits mitgeteilten Ver
neinung der Leistungspflicht fest (Urk. 8/A14, Verfügung in französischer Sprache); die mit E-Mail vom 11. Juni 2021 angeforderte Verfügung in deutscher Sprache datiert ebenfalls vom 9. Juni 2021 (Urk. 8/A20 f.). Dagegen liess der Versicherte am 12. Juli 2021 Einsprache erheben (Urk. 8/A25); mit
Einsprache
entscheid
vom 30. November 2021 hielt die AXA an der Verfügung vom
9. Juni 2021 fest (Urk. 2).
2.
D
agegen erhob
die Vertreter
in
des Versicherten am 27. Dezember 2021 Be
schwerde und beantragte, es seien dem Beschwerdeführer die gesetzlichen Leistungen für das Ereignis vom 8. März 2021 in vollem Umfang zuzusprechen, even
tualiter sei ein Gutachten betreffend de
n
Eintritt von Erfrierungen an den Glied
massen in Auftrag zu geben,
subeventualiter
sei die Sache zu weiteren Abklärun
gen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin (Urk. 1 S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 7. Februar 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (Urk. 7), was dem Beschwerdeführer mit Verfü
gung vom 15. Februar 2022 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 9). Mit Replik vom 2. März 2022 (Urk. 10) und Duplik vom 2. Mai 2022 (Urk. 13) hielten die Parteien an den gestellten Anträgen fest
; die Wahrung des rechtlichen Gehörs erfolgte mit Verfügungen vom 15. März 2022 sowie 3. Mai 2022 (Urk. 11, Urk. 14).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Ein Unfall ist gemäss Art. 4
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des S
ozialversicherungsrechts (ATSG)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
1.2
Nach der Rechtsprechung bezieht sich
das
Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selbst. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er – nach einem objektiven Massstab – den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ausschlag
gebend ist also, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umwelteinwir
kungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkungen allein begründen keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 72 E. 4.1 und E. 4.3.1 mit Hinweis; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_368/2020 vom 17. September 2020 E. 4.2 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete den angefochtenen
Einspracheentscheid
damit, dass vorliegend ein Ausnahmefall, welcher Erfrierungen als ungewöhnli
che
n
äusser
en
Faktor zulassen würde, ausgeschlossen werden könne, da sich der Beschwerdeführer etwa kein Bein gebrochen habe, sondern die Route noch für etliche Stunden habe fortsetzen können. Der Bruch des Steigeisens habe dabei nicht die Erfrierungen verursacht, sondern allein die Kälte, welche im konkreten Fall nichts Aussergewöhnliches darstelle.
Dasselbe gelte für den Verlust des Aus
senhandschuhs.
Vorliegend sei allein die Folge, die Erfrierung, aussergewöhnlich und nicht der äussere Faktor selbst (Urk. 2 S. 3). Weiter sei auch das Merkmal der Plötzlichkeit nicht gegeben (S. 4).
2.2
Demgegenüber machte die Vertreterin des Beschwerdeführers in materieller Hin
sicht im Wesentlichen geltend, dass
der unbeabsichtigte Bruch des Steigeisens, der überraschende Witterungswechsel mit einhergehender erschwerte
r
Orientie
rung zu einer unausweichlichen Verlangsamung der Kletterroute und den Erfrie
rungserscheinungen geführt habe. Aufgrund der Geländesituation habe zudem keine Rettung mit der
Rega
vorgenommen werden können. Der unbeabsichtigte Bruch des Steigeisens und die ausweglose Situation im
Entscheiddilemma
zwischen Temporeduktion und Sicherheitsbedenken sei al
s
ungewöhnlicher und nicht alltäglicher Vorfall im jeweiligen Lebensbereich zu bewerten
(Urk. 1 S. 9)
.
Hinsichtlich des Unfallkriteriums der Plötzlichkeit sei gestützt auf die Ausfüh
rungen von Dr. med.
Z._
vom 28. Juni 2021 von einer abrupten und schnellen Schädigung der Mikrozirkulation auszugehen, was schliesslich zu den diagnosti
zierten Erfrierungen geführt habe (S. 10
; vgl. auch Urk. 10).
2.3
Im Rahmen der Beschwerdeantwort führte die Beschwerdegegnerin ergänzend aus, dass eine hochalpine Bergtour, wie es die
Lauperroute
sei, immer länger dau
ern könne als vorgesehen, zudem könne eine Verschlechterung des Wetter
s jederzeit eintreten. Es sei davon auszugehen, dass die Gruppe aufgrund des Wet
ters bereits vor dem Bruch des Steigeisens und des Verlustes des Handschuhs verlangsamt vorwärtsgekommen sei. Der genannte Verlust könne dabei nicht als ungewöhnlich betrachtet werden, zudem liege kein Materialversagen vor.
Weiter
habe weder der Verlust des Handschuhs noch der Bruch des Steigeisens die Erfrierungen verursacht (Urk. 7 S. 5 f.)
, diese seien zudem
über längere Zeit und nicht plötzlich eingetreten (S. 7
; vgl. auch Urk. 13).
3
.
3
.1
Streitig und zu prüfen ist vorliegend, ob
das
Ereignis vom 8. März 2021, bei welchem sich der Beschwerdeführer insbesondere Erfrierungen an der rechten Hand zugezogen hat, als Unfall im Rechtssinn zu qualifizieren ist. Nach Auffas
sung der Beschwerdegegnerin ist dabei von der ersten Schilderung des Ablaufs der Geschehnisse auszugehen, welche wie folgt lautet
e
(vgl. Urk. 3/5, Urk. 7 S. 3)
:
«Nach einer N
acht auf der
Guggihütte
sind wir
am Morgen des
7.
März
2021 zum Gipfel des Mönchs im Berner Oberland über die Nord
seite ge
startet. Auf Grund der kalten Wetterbedingungen waren wir langsamer als erwartet, dennoch entschieden wir uns,
weiterzuklettern
, weil wir den Abstieg über die Südseite als schneller e
rachteten. Auf dem Aufstieg wur
de das Steigeis
en meines linken Fusses beschäd
igt, zudem verlor ich den Aussenhandschuh meiner rechten Hand. Ungefähr um Mitternacht erreichten wird den Gipfel. Zu der Verschlechterung des Wetters und der damit einhergehenden erschwerten Orientierung
und Müdigkeit führten diese Umstände dazu, dass wir noch langsamer vorwärtskamen. Ungefähr um acht Uhr fand uns ein Pistenfahrzeug auf und brachte uns auf das J
ungfrau J
och, von wo aus wir die
Rega
alarmier
t
en und diese mich nach Visp
brachte.»
Wie die weiteren Ausführungen zeigen, kann offenbleiben, ob von der genannten Darstellung der Ereignisse auszugehen ist oder die nachträglich eingereichten, etwas detailreicheren Darstellungen des Ablaufs (vgl. Urk. 8/A5, Urk. 8/A9) eben
falls zu berücksichtigen wären.
3
.2
Sogenannte thermische Schädigungen wie Sonnenstich, Sonnenbrand, Hitze
schlag oder Erfrierungen entstehen nicht durch Einwirkung eines ungewöhnli
chen äusseren Faktors und erfüllen daher den Unfallbegriff in der R
egel nicht.
Anders verhält es sich, wenn sich die Schädigung im Gefolge ausserordentlicher Vorgänge (z.
B.
infolge eines Unfalls)
einstellt,
beispielsweise
wenn sich eine Person infolge Beinbruchs nicht fortbewegen kann und deswegen der Sonnenbe
strahlung ausgesetzt bleibt (
Hofer, in:
Basler Kommentar UVG,
Rz
. 46 zu Art. 6).
Die Rechtsprechung
hielt dementsprechend fest, dass das Erfrieren der Finger ausnahmsweise einen ungewöhnlichen äusseren Faktor im Sinne von
a
Art
. 9 Abs. 1
der Verordnung üb
er die Unfallversicherung (UVV)
darstelle, sofern dies auf unvorhersehbare Umstände zurückzuführen sei, die sich ausserhalb des vernünf
tigerweise alltäglichen oder üblich zu bezeichnenden Rahmens bewegen würden. Das Reissen spezieller, für diese Aktivität konzipierter Kletterhandschuhe müsse als ungewöhnlicher Faktor bezeichnet werden. Ebenso müsse die Kälteeinwirkung als plötzlich gelten, wenn das Auftreten des aussergewöhnlichen Umstands den gesundheitsschädigenden hypothermischen Prozess abrupt und schnell ausgelöst habe
(RKUV 2001 U 437 S. 342). Demgegenüber ist bei Erfrierungen der Finger bei grosser Kälte auf einer Höhe von 3'500 – 3'600 Meter
n
über Meer ohne weitere besondere Umstände nicht von einem Unfallereignis auszugehen, da die grosse Kälte allein auf dieser Höhe nicht als aussergewöhnlich bezeichnet werden kann (RKUV 1987 U 25 S. 373 ff.).
3
.3
Aus der Rechtsprechung zu den thermischen Schädigungen ist ersichtlich, dass im Bereich der Erfrierungen eine gewisse Loslösung vom Unfallbegriff, insbeson
dere in den Bereichen «ungewöhnlicher äusserer Faktor» sowie «Plötzlichkeit», vollzogen worden ist. So ist in diesen Bereichen stets massgebend, ob die Schä
digung infolge ausserordentlicher unvorhersehbarer Umstände eingetreten ist. Dabei müssen diese Umstände nicht unfallbedingt sein, wie dies beispielsweise bei einem Beinbruch typischerweise der Fall wäre. Vielmehr sind auch andere Konstellationen denkbar, wie das erwähnte Reissen von Kletterhandschuhen oder Verbrühungen in der Badewanne unter Alkoholeinfluss (
Hofer, a.a.O.
,
Rz
. 46 zu Art. 6). Weiter wirken sich diese Umstände nicht direkt auf den menschlichen Körper aus; vor diesem Hintergrund geht die Argumentation der Beschwerdegeg
nerin, dass das Trauma nicht durch den Bruch des Steigeisens sowie den Verlust des Ha
ndschuhs eingetreten sei, fehl.
Unbestritten ist dabei, dass die verschiedenen Umstände (Wetter, Bruch des Steigeisens, Verlust des Handschuhs) unweigerlich dazu
führten
, dass die Route länger dauerte als vorgesehen. Damit
stieg
aufgrund der Temperaturverhältnisse auf dieser Höhe und zu dieser Jahreszeit auch das Risiko, Erfrierungen zu erleiden (Urk. 13 S. 2). Ein in der Funktion eingeschränktes Steigeisen führt in diesem Gelände
nachvollziehbar
zu einer deutlich verminderten Trittsicherheit, was sich in Anbetracht der Wetterverschlechterung ohne Zweifel auf die Klettergeschwin
digkeit ausgewirkt haben dürfte. In einer Gesamtschau sind die eingetretenen Umstände ohne weiteres als ausserordentlich und zumindest teilweise (Steigeisen, Handschuh) unvorhersehbar zu bezeichnen. Damit liegt entsprechend der ein
schlägigen Rechtsprechung ein Ausnahmefall vor, welcher es
gebietet
, die erlit
tene
n
Erfrierung
en
als Unfallfolge
n
zu qualifizieren
.
Hinsichtlich der «Plötzlichkeit» ist der vorliegende Fall
im Übrigen
ähnlich gelagert wie das erwähnte Urteil mit dem gerissenen H
andschuh. Bei einem gerissenen Handschuh tritt die Erfrierung auch nicht
zwingend
zeitnah ein, wie dies bei Unfällen typischerweise der Fall ist. Vielmehr ist von einer über längere Zeit erfolgte
n
Auskühlung der Strukturen auszugehen, welche dann zur Erfrie
rung führ
t
. Entsprechend dem Bericht von Dr. med.
Z._
, Assistenzarzt Hand
chirurgie am Universitätsspital
A._
(Urk. 8/M25)
, ist dabei von einer raschen Eiskristallformation der extrazellulären Flüssigkeit auszugehen, was entspre
chend den Ausführungen zum Handschuhriss einem
abrupt
en
und schnell
en Vorgang entspricht
(
vgl.
RKUV 2001 U 437 S. 342).
3
.4
Zusammenfassend sind die Unfallvoraussetzungen im Sinne von Art. 4 ATSG erfüllt. Die Beschwerdegegnerin ist damit in Gutheissung der Beschwerde zu ver
pflichten, dem Beschwerdeführer die gesetzlichen Leistungen für das Ereignis vom 8. März 2021 zu erbringen.
Bei diesem Ausgang kann offenbleiben, ob es im Zusammenhang mit der zunächst in französischer Sprache ergangenen Verfügung zu einer Verkürzung der Beschwerdefrist und einer Verletzung des rechtlichen Gehörs gekommen ist (Urk. 1 S. 4).
4
.
4
.1
Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerde
führer eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwen
dung von Art. 61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses festzusetzen ist.
Die
beschwerdeführende
Partei beantragte, es sei die Beschwerdegegnerin zu ver
pflichten, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung in der Höhe von
Fr. 6'000.-- zuzüglich Mehrwertsteuer zu bezahlen (Urk. 1 S. 14); eine detaillierte Honorarnote wurde nicht eingereicht.
4
.2
Der
geforderte Pauschalbetrag von Fr. 6'000.--
ist der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses nicht angemessen, insbesondere aufgrund der Tatsache, dass
die Vertreterin den
Beschwerdeführer
schon im
Einsprache
ver
fahren
vertrat und die Akten somit bekannt waren. Sodann entspricht die Beschwerdeschrift in
weiten Teilen der
Einsprache
vom
12. Juli 2021
(Urk.
8/A25
)
.
Angesichts der zu
rekapitulierenden
, meist bekannten
Ak
tenstücke
, der
14
- und
9
-
seitigen Rechtsschriften
sowie der in ähnlichen Fällen zugesprochenen Beträge ist die
Prozessentschädigung
auf
Fr.
2'4
00.--
(inklusive Barauslagen und Mehr
wertsteuer) festzusetzen.