Decision ID: 133b9b06-0bca-40bf-8509-4f59b725696c
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 1./8. Juni 2011 wegen seit November 2010 bestehender
Depressionen zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Eine
Ausbildung hat sie nach ihren Angaben nicht absolviert (vgl. IV-act. 8). - Gemäss dem
IK-Auszug (IV-act. 10) war sie zunächst (mit kurzen Ausnahmen anderer
Beschäftigungen) in Unternehmungen des Heimtierbedarfs tätig und arbeitslos
gewesen, bevor sie von 2002 bis 2008 bei der Stiftung [...] gearbeitet hatte.
A.b Das Psychiatrische Zentrum B._ ([...] Tagesklinik, Dr. med. C._, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie) gab dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der
Invalidenversicherung gemäss dem Gesprächsprotokoll am 15./28. Juni 2011 (IV-act. 6
und 9) an, die Versicherte habe in den letzten Jahren nur in einem Pensum von 50 %
gearbeitet. Unklar sei, ob dies aus psychischen Gründen der Fall gewesen sei. Bei ihr
seien eine rezidivierende depressive Störung, derzeit mittelgradige Episode, und eine
Persönlichkeitsstörung bzw. akzentuierte Züge (abhängig, unselbständig) zu
diagnostizieren. Die Leiden beeinträchtigten die Arbeitsfähigkeit seit mindestens
Februar 2009; die Versicherte sei damals schon einmal im Ambulatorium in Behandlung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen und vom Hausarzt bereits davor medikamentös antidepressiv behandelt
worden. Im November 2010 sei sie (ins Ambulatorium) zugewiesen worden. Nach der
Entlassung aus der Tagesklinik - voraussichtlich Ende Juli 2011 - werde die Versicherte
an vier Stunden pro Tag für alle einfachen körperlich leichten bis vorübergehend
mittelschweren Tätigkeiten arbeitsfähig sein. Als Bemerkung wurde auf dem
Gesprächsprotokoll festgehalten, es liege seit November 2010 eine volle
Arbeitsunfähigkeit vor.
A.c In einem Triage-Protokoll vom 7. Juli 2011 (vgl. IV-act. 12-2 f.) wurde festgehalten,
die Versicherte werde über das Sozialamt seit fünf Jahren im D._ mit einem Pensum
von 50 bis 60 % beschäftigt (IV-act. 12-3).
A.d Der Fachbereich Psychosomatik, Departement Innere Medizin, am Kantonsspital
St. Gallen (Dr. med. E._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH) gab im
IV-Arztbericht vom 14. Juli 2011 (IV-act. 19; aufgrund einer letzten Kontrolle vom 17.
März 2011) bekannt, es lägen ein Vd. a. Persönlichkeitsstörung mit schizoiden und
ängstlich-vermeidenden Zügen und eine rezidivierende depressive Störung, derzeit
mittelschwere bis schwere depressive Episode, vor. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit
als Verkäuferin sei die Versicherte seit dem 7. Dezember 2010 voll arbeitsunfähig. Nach
Wiedereingliederungsaktivitäten werde sie wahrscheinlich zu ca. 50 % arbeitsfähig
sein. Das Ausmass der Leistungsfähigkeit würde sich eventuell durch ein
Arbeitstraining oder eine berufliche Rehabilitation, eventuell einen BFK (wohl:
Berufsförderungskurs), in der Institution G._ zeigen. - Gemäss dem beigelegten
Bericht des Fachbereichs Psychosomatik vom 15. Dezember 2010 hatte die
Versicherte damals angegeben, zu 80 % [...] (offenbar bei D._) zu arbeiten und vom
Sozialamt Unterstützung zu bekommen, was aber insgesamt nicht ausreiche, um
selbständig leben zu können.
A.e Das Psychiatrische Zentrum gab im Austrittsbericht vom 20. September 2011 (IV-
act. 28, nach Behandlung vom 14. März bis 29. Juli 2011) an, es lägen eine
mittelgradige depressive Episode und eine "ängstliche Persönlichkeitsstörung" vor. Die
Versicherte nehme nun das Angebot des Tageszentrums in der Institution G._ wahr
und sei im geschützten Rahmen zu 50 % arbeitsfähig. Sie wünsche keine erneute
psychopharmakologische Medikation.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.f Im Assessmentprotokoll vom 28. Juli 2011 (IV-act. 35) war unter anderem
festgehalten worden, die Versicherte habe erklärt, eine Ausbildung zur Tierpflegerin
abgebrochen zu haben. Von Juli 2001 bis März 2011 sei sie über das Sozialamt im
D._ tätig gewesen, nie in einem Pensum von mehr als 50 %. Sie hätte die
Möglichkeit gehabt, dort zu 80 bis 100 % angestellt zu werden, aber mit einem kleinen
Lohn, mit welchem sie nicht leben könne. Ausserdem vermöchte sie das erhöhte
Pensum nicht zu verkraften. Der IV-Eingliederungsbeauftragte hatte dafürgehalten, eine
Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt scheine zurzeit kaum realistisch. - Am 5.
Dezember 2011 (IV-act. 34) wurde eine Eingliederungs-Zielvereinbarung getroffen,
wonach eine berufliche Abklärung in der Institution G._ für rund drei Monate
(Massnahmen der Frühintegration, Arbeitsvermittlung) stattfinden solle. Am 14.
Dezember 2011 (IV-act. 38) wurde festgehalten, es seien die Voraussetzungen eines
Anspruchs auf erstmalige berufliche Ausbildung zu prüfen (medizinische
Anforderungen, Nachweis des ehemaligen Lehrbeginns, Bereitschaft zum Mitwirken).
Die Versicherte gab am 16. Dezember 2011 (IV-act. 39) bekannt, es sei ihr nicht an der
Ausbildung, sondern an der beruflichen Integration gelegen. - Die
Sozialversicherungsanstalt/ IV-Stelle des Kantons St. Gallen sprach der Versicherten
mit Mitteilungen vom 16. Dezember 2011 (IV-act. 40) eine berufliche Abklärung für die
Zeit vom 9. Januar 2012 bis 6. April 2012 und Unterstützung in Form von
Arbeitsvermittlung (IV-act. 43) zu. - In einem Triage-Protokoll vom 28. Februar 2012 (IV-
act. 47) wurde festgehalten, seit dem 23. Februar 2012 erreiche sie ein Pensum von
knapp 60 %. Eine weitere Steigerung auf zumindest 70 % sollte erfolgen.
A.g Im IV-Arztbericht vom 29. März 2012 (IV-act. 49) teilte der Fachbereich
Psychosomatik am Kantonsspital St. Gallen mit, von Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
sei die mittelgradige depressive Episode, die "ängstliche Persönlichkeitsstörung"
hingegen nicht. Als Verkäuferin sei die Versicherte seit Jahren und bis auf
voraussichtlich unbestimmte Zeit zu 80 % arbeitsunfähig. Eine
behinderungsangepasste Tätigkeit sei an einer geschützten Arbeitsstelle mit
Arbeitstraining im Umfang von 50 bis 60 % (an vier bis fünf Stunden pro Tag)
zumutbar.
A.h Am 17. April 2012 (IV-act. 53) wurde die berufliche Abklärung bis zum 6. Juli 2012
verlängert. - Über ein Standortgespräch vom 3. Mai 2012 wurde berichtet (IV-act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
54-6), die Versicherte habe angegeben, ihr Problem seien die zwischenmenschlichen
Konflikte. Die Arbeit gehe gut, sie müsse aber allein arbeiten können. Eine Erhöhung
des Pensums auf mehr als 60 % sei ihr nicht möglich. Es wurde vorgesehen, die
Abklärung weiterzuführen und die Eingliederung bei Ablauf abzuschliessen.
A.i Hausarzt Dr. med. H._, FMH Allgemeine Medizin, gab am 25. Juni 2012 an, er
könne keine aktuellen Angaben machen. Er habe die Versicherte am 3. Dezember 2010
an den Fachbereich Psychosomatik am Kantonsspital St. Gallen überwiesen. Es
bestünden (sc. nach seiner eigenen Beurteilung) keine psychiatrischen Gründe für
etwaige Leistungen der Sozialversicherungsanstalt.
A.j In einem Verlaufsbericht vom 29. Juni 2012 (IV-act. 57) gab der Fachbereich
Psychosomatik am Kantonsspital St. Gallen an, seit dem letzten Bericht habe sich
(medizinisch) nichts geändert. Die Versicherte sei seit dem 25. Juni 2012 in einem
Arbeitstraining und Arbeitsversuch an geschütztem Arbeitsplatz in einem I._.
A.k Am 17. Juli 2012 (IV-act. 58) erstattete die Institution G._ den Schlussbericht
über die Abklärung. Die zuverlässige Versicherte sei psychisch nur wenig belastbar und
habe mit terminlichem Druck und schwierigem Umfeld kaum umgehen können. Der
Aufbau von Vertrauen habe sehr langsam und sorgfältig erfolgen müssen. Während des
Volontariats vom 25. Juni bis 6. Juli 2012 im I._ habe sie ein volles Pensum (von acht
Stunden) geleistet. Sie sei hierzu hoch motiviert und könne dort ab 6. August 2012 ein
Praktikum beginnen. Es sei ein Leistungsgrad von 50 % erreichbar. Die
Rahmenbedingungen sollten den Druck auf sie reduzieren.
A.l Mit Mitteilung vom 7. September 2012 (IV-act. 62) schloss die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle die beruflichen Massnahmen ab.
A.m Die Institution G._ gab am 8. November 2012 (IV-act. 66) auf Anfrage hin
bekannt, das Praktikum sei am 5. November 2012 abgebrochen worden. Zunächst
habe die Versicherte zu 100 % gearbeitet, nach kurzer Zeit noch zu 70 % und dann
noch zu 50 %. Sie habe sich anderen Personen gegenüber nicht abgrenzen können
und habe Probleme anderer Mitarbeiter zu eigenen gemacht. Da die Zusammenarbeit
auf der kommunikativen Ebene und wegen des emotionalen Verhaltens sehr schwierig
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen sei, sei die Versicherte zu Routinearbeiten eingeteilt worden. Sie habe sich
dadurch schlecht behandelt gefühlt und habe so zu einem schlechten Betriebsklima
beigetragen, weshalb die anderen Mitarbeiter sich von ihr ferngehalten hätten. Dadurch
habe sie sich wiederum ausgegrenzt gefühlt. Sie habe nicht zuverlässig gearbeitet und
für Fehler nicht geradegestanden, sondern alles in langen Diskussionen gerechtfertigt.
Die Vorgesetzte habe die Leistung wegen des hohen erforderlichen
Betreuungsaufwands auf höchstens 20 % eingeschätzt. Bei einem Arbeitspensum von
50 % würde sie ihr unter diesen Umständen nur Fr. 200.-- Lohn zahlen. Eine Anstellung
komme aber nicht in Frage. Bei der Begleitung im Job-Coaching habe sich ebenfalls
gezeigt, dass die Versicherte emotional sehr instabil sei, alles auf sich beziehe und ihr
Verhalten nicht reflektieren könne. Es bestehe der Eindruck, sie leide unter einer
tiefgreifenden psychischen Störung. Zu empfehlen sei ein geschützter Arbeitsplatz.
A.n Der Fachbereich Psychosomatik am Kantonsspital St. Gallen erklärte am 14.
November 2012 (IV-act. 67), die Versicherte habe mit einer erneuten depressiven
Verstimmung reagiert. Sie sei grundsätzlich arbeitswillig, aber in ihrer
Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit hochgradig eingeschränkt. Der
Wiedereingliederungsarbeitsplatz sei den Qualitätsansprüchen zur Förderung und
Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Behinderungen nicht gewachsen
gewesen.
A.o Dr. med. J._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und für Neurologie,
gab in einem daraufhin veranlassten psychiatrischen Gutachten vom 8. April 2013 (IV-
act. 71) unter anderem an, bei der Versicherten liege eine passiv-aggressive
(negativistische) Persönlichkeitsstörung vor. Als ungelernte Arbeiterin in einer
Zoohandlung oder in einer ähnlichen Tätigkeit sei sie seit Anfang 2012 zu 40 %
arbeitsunfähig, in einer dem Leiden ideal angepassten Tätigkeit voll arbeitsfähig. Ideal
angepasst sei eine Tätigkeit, in der sie ein sehr hohes Mass an Autonomie darüber
habe, wann sie welche Arbeiten wie ausführe, so etwa eine Tätigkeit im geschützten
Bereich.
A.p Der RAD hielt am 16. April 2013 (IV-act. 72) fest, in geschütztem Rahmen sei die
Versicherte zu 100 % arbeitsfähig, in der freien Wirtschaft (sofort) zu 60 %. - Am 24.
Mai (recte wohl: April) 2013 (IV-act. 73) gab der RAD auf ergänzende Anfrage hin an, er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe soeben am 24. April 2013 nochmals mit dem Gutachter telefoniert. Die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bzw. Arbeitsunfähigkeit sei so, wie sie in der RAD-
Stellungnahme vom 16. April 2013 dargelegt worden sei. Das Problem sei, dass
aufgrund der Persönlichkeitsstruktur eine passiv-aggressive Leistungsabwehr bestehe,
die dem tatsächlichen Leistungsvermögen nicht entspreche. Es bestehe eine
erhebliche voluntativ-motivationale Komponente, was einerseits objektiv möglich sei
und was anderseits subjektiv gewollt oder nicht gewollt werde. Die angegebene
Arbeitsfähigkeit für die angestammte Tätigkeit beziehe sich auf die Arbeitsfähigkeit in
einer der letzten Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt, die der versicherten Person
besonders gut gelegen hätten. Es sei durchaus möglich, dass die beschriebene
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit in den Bedingungen des ersten
Arbeitsmarktes an einem Nischenplatz realisiert werden könne, vorausgesetzt, die
versicherte Person sei entsprechend willens. Der ihren Idealvorstellungen
entsprechende Arbeitsplatz wäre im geschützten Bereich. Für eine Tätigkeit in einer
Zoohandlung oder einem Tierheim (angestammte Tätigkeiten) bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von 60 %, in einer adaptierten - d.h. der Beschreibung entsprechenden
- Tätigkeit eine solche von 100 %, und zwar auch auf dem ersten Arbeitsmarkt.
A.q In der Folge wurde am 24. Mai 2013 eine weitere Unterstützung der Versicherten
bei der beruflichen Wiedereingliederung vorgesehen (IV-act. 75).
A.r In Berichten vom 13. Dezember 2013 (IV-act. 80) gab die IV-Eingliederungsverant-
wortliche an, die Institution G._ habe sich um eine Weiterbeschäftigung der
Versicherten gekümmert und diese habe vom 4. bis 15. Februar 2013 in einem anderen
I._ [IVSE-Einrichtung] eine Schnupperzeit machen können. Seither sei sie mit einem
Pensum von 100 % dort angestellt. Im ersten Arbeitsmarkt sei ein Arbeitsplatz, der die
gesetzten Anforderungen (viel Freiraum; praktisch keine Anweisungen; keine Kritik;
keine Vorgesetzten, welche die Versicherte nicht akzeptieren könne; kein Druck;
möglichst kein Kontakt mit Menschen; keine zeitlichen Vorgaben) erfülle, nicht zu
finden. Selbst im geschützten Rahmen seien Probleme am Arbeitsplatz entstanden. Die
Versicherte wünsche keine Unterstützung bei der Stellensuche. Sie habe gewünscht,
im I._ bleiben zu können; da gehe es ihr zum ersten Mal im Leben (wohl: an einem
Arbeitsplatz) gut (IV-act. 80). - Das Amt für Soziales hatte für die Zeit ab 1. Februar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2013 eine Kostenübernahmegarantie IVSE für die geschützte Arbeit abgegeben (IV-act.
77).
A.s Am 20. Januar 2014 (IV-act. 83) wurde der Versicherten mitgeteilt, es bestehe kein
Anspruch auf berufliche Massnahmen (mehr). Solche seien aufgrund des
Gesundheitszustands zurzeit nicht möglich. - Der RAD hielt am 13. Februar 2014 (IV-
act. 86) dafür, weitere medizinische Abklärungen seien nicht angezeigt.
A.t Mit Vorbescheid vom 28. März 2014 (IV-act. 88 f.) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der Versicherten eine Abweisung des
Leistungsgesuchs um eine Rente in Aussicht. Ein Invaliditätsgrad bestehe nicht
(Validen- und Invalideneinkommen gleich Fr. 53'255.--). - Mit Einwand vom 13. Mai
2014 (IV-act. 93) liess die Versicherte die Ausrichtung mindestens einer Viertelsrente
beantragen. Dass ihr nicht einmal eine solche Rente zugesprochen worden sei, könne
nicht nachvollzogen werden. Sie arbeite aus gesundheitlichen Gründen - und nicht
freiwillig - am geschützten Arbeitsplatz. In der freien Wirtschaft sei sie nach dem
Gutachten zu 40 % arbeitsunfähig und im geschützten Rahmen gemäss
nachvollziehbarer gutachterlicher Beschreibung in einem höheren Mass arbeitsfähig,
höchstens (d.h. bis) zu 100 %. Während der elfmonatigen beruflichen Abklärung habe
keine 50 % übersteigende Arbeitsfähigkeit erreicht werden können.
A.u Mit Verfügung vom 2. Juni 2014 (IV-act. 95) wies die Sozialversicherungsanstalt/
IV-Stelle des Kantons St. Gallen einen Rentenanspruch der Versicherten ab. Die von ihr
gestellten hohen Anforderungen gründeten nicht in einem Krankheitswert. Die Tätigkeit
im geschützten Bereich entspreche vielmehr dem Wunsch der Versicherten. Es werde
im Gutachten nicht erwähnt, die Arbeitsfähigkeit von 100 % könne ausschliesslich im
geschützten Bereich umgesetzt werden.
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Advokat lic. iur. M. Boltshauser, Procap
Schweiz, für die Betroffene am 2. Juli 2014 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und
der Beschwerdeführerin sei eine Invalidenrente zuzusprechen, eventualiter sei die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sache zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Ausserdem sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung und
Rechtsverbeiständung zu gewähren. Abzustellen sei auf eine Arbeitsfähigkeit von 60 %
im ersten Arbeitsmarkt und von 100 % im geschützten Bereich. Es treffe zu, dass im
Gutachten nicht ausgeführt worden sei, die Arbeitsfähigkeit von 100 % könne
ausschliesslich im geschützten Rahmen umgesetzt werden. Dabei handle es sich
allerdings auch nicht um eine medizinische Frage. Im Gutachten seien jedoch die
Voraussetzungen an eine adaptierte Tätigkeit umschrieben worden. Sowohl der
Gutachter wie der RAD und die Fachfrau für Eingliederung seien davon ausgegangen,
dass es im freien Markt wohl keine adaptierte Stelle geben werde. Die berufliche
Eingliederung habe keine entsprechende Stelle ausfindig machen können. Die
Behauptung, es gebe solche Stellen, irritiere. Die Begründung der Verfügung sei
angesichts der Akten, insbesondere der RAD-Stellungnahme vom 24. Mai 2013 und
des Abschlussberichts der Eingliederungsberatung vom 13. Dezember 2014, nicht
nachvollziehbar. Es sei mindestens eine Viertelsrente zuzusprechen. Im Übrigen
scheine aufgrund der langjährigen Problematik ein Leidensabzug von 15 %
gerechtfertigt.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 22. September 2014 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Der Gutachter und der RAD
würden prinzipiell von einer Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt
ausgehen, wenn die Beschwerdeführerin den nötigen Willen mitbringe, eine Arbeit zu
leisten. Die Eingliederungsberatung habe auf Anfrage hin (am 18. September 2014)
erklärt, für ungelernte Personen gebe es Arbeitsstellen, die eine gewisse Autonomie
zulassen würden, etwa Reinigungsarbeiten (Haushalt), Hauswartaufgaben,
Zeitungsvertrage-Tätigkeit oder Betreuung von Tieren, sei es vor Ort (Haustiere) oder in
entsprechenden Einrichtungen (I._). Der ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasse auch
Nischenarbeitsplätze, also Stellen, bei welchen Behinderte mit einem sozialen
Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen könnten. Wenn sie es wollte,
stünden der Beschwerdeführerin auf einem solchen Arbeitsmarkt Stellen offen. Wie
dem Gutachten zu entnehmen sei, gehöre es indessen zu ihrer Strategie, sich nicht
kooperativ zu verhalten, wenn andere Forderungen stellten. Sie denke, Anstrengungen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die sie nicht aufzubringen gewillt sei, seien ihr nicht zumutbar. Es sei jedoch nicht
durch Krankheitssymptome oder -defizite begründet, dass sie all das nicht zu leisten
vermöge, was sie nicht tun wolle. Die unangenehmen Gefühle, die sie bei ihr nicht
entsprechenden Anforderungen erlebe, seien für sie auch nicht schädlich oder das
Krankheitsbild verschlimmernd. Zu einer Fixierung des passiv-aggressiven
Verhaltensmusters und Verschlimmerung der Persönlichkeitsstörung würde
wahrscheinlich vielmehr führen, alle Anforderungen von ihr fernzuhalten und auf ihre
Bedürfnisse nach Autonomie und (eigener) Zweckbestimmung vollständig einzugehen.
Durch die Zusprache einer Rente würden das asoziale Verhalten und die nicht
gesellschaftskompatible Verhaltensstrategie bestärkt. Die Beschwerdeführerin habe
stattdessen zu lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und ihre
Denkweise zu ändern. Sie müsse selber den Willen zur Arbeitsaufnahme aufbringen;
ihn könne ihr die Beschwerdegegnerin nicht vorschreiben.
D.
Am 24. September 2014 hat die Gerichtsleitung dem Gesuch um Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) entsprochen.
E.
Mit Replik vom 21. Oktober 2014 entgegnet der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin, die von der Beschwerdegegnerin aufgezählten Tätigkeiten
könnten nur stundenweise ausgeübt werden. Heutzutage werde gerade für
Tierbetreuungstätigkeiten zudem stark auf eine vorhandene Ausbildung geachtet. Die
Tätigkeit im I._ sei nicht ausführbar; die Beschwerdeführerin habe diese Arbeit
zwischenzeitlich krankheitsbedingt unterbrechen müssen. Hauswarte würden ferner
ebenfalls eine Ausbildung besitzen. Was die Beschwerdegegnerin unter
Hauswartsaufgaben verstehe, sei ausserdem unklar. Das Verhalten der
Beschwerdeführerin - namentlich nicht kooperativ zu sein, wenn andere Forderungen
stellten - sei Teil der Krankheit. Es treffe nicht zu, dass die Unfähigkeit nicht
medizinisch begründet werden könne. Das Krankheitsbild sei zudem bereits so
ausgeprägt, dass die Einschränkung auch ohne weitere Verschlimmerung vorliege. Ob
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Tätigkeit schädlich sei oder nicht, könne die Beschwerdeführerin in ihrem Zustand
gar nicht mehr abstrahieren. Aus der Begründung der Beschwerdeantwort werde
ersichtlich, dass die Beschwerdegegnerin das asoziale Verhalten und die nicht
gesellschaftskompatible Verhaltensstrategie bzw. das entsprechende Verhalten der
Beschwerdeführerin, verursacht durch eine Persönlichkeitsstörung, anerkenne. Über
den Krankheitswert der Persönlichkeitsstörung schweige sie sich wohlweislich aus.
F.
Die Beschwerdegegnerin hat auf die Erstattung einer Duplik verzichtet.

Considerations:
Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 2. Juni 2014 hat die Beschwerdegegnerin das
Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin vom Juni 2011, namentlich einen
Rentenanspruch, abgelehnt. Die Beschwerdeführerin lässt im Hauptstandpunkt die
Zusprache einer Rente, eventualiter ergänzende Abklärungen, beantragen.
Streitgegenstand bildet daher der allfällige Rentenanspruch. Ergäbe sich allerdings,
dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein solcher Anspruch in Frage stünde, so
gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die Verwaltung
den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht der
Beschwerdeführerin zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe.
2.
2.1 Nach Art. 28 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Nach Art. 8 Abs. 1 IVG haben Invalide oder von einer Invalidität bedrohte
versicherte Personen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit.
a), und soweit die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen
erfüllt sind (lit. b). Die Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in
Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (Art. 8 Abs.
3 lit. abis IVG) und in den Massnahmen beruflicher Art selber (Berufsberatung,
erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe; Art. 8
Abs. 3 lit. b IVG).
2.3 Anspruch auf Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche
Eingliederung (gezielte, auf die berufliche Eingliederung gerichtete Massnahmen zur
sozialberuflichen Rehabilitation und Beschäftigungsmassnahmen) haben Versicherte,
die seit mindestens sechs Monaten zu mindestens 50 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG)
sind, nach Art. 14a IVG unter anderem, sofern dadurch die Voraussetzungen für die
Durchführung von Massnahmen beruflicher Art geschaffen werden können. -
Massnahmen der sozialberuflichen Rehabilitation sind Gewöhnung an den
Arbeitsprozess, Förderung der Arbeitsmotivation, Stabilisierung der Persönlichkeit,
Einüben sozialer Grundfähigkeiten (vgl. Art. 14a Abs. 2 lit. a IVG; Art. 4quinquies IVV).
3.
3.1 Art. 8 Abs. 1 ATSG umschreibt Invalidität als die voraussichtlich bleibende oder
längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist
der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
(als Folge unter anderem von Krankheit, vgl. Art. 4 Abs. 1 IVG) verursachte und nach
zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Eine
Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann entsprechend nur relevant sein, wenn sie
Folge einer fachärztlich einwandfrei diagnostizierten Gesundheitsbeeinträchtigung ist
(vgl. Bundesgerichtsentscheid 9C_125/2015 E. 5.3, BGE 130 V 396). Eine (so bedingte)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit muss in jedem Einzelfall unabhängig von der
Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem
Ausmass bestimmt sein (vgl. BGE 127 V 294, BGE 99 V 28). Beeinträchtigungen der
Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens,
Arbeit in ausreichendem Masse zu verrichten, zu vermeiden in der Lage wäre, sind
nach der Rechtsprechung nicht als Auswirkungen einer krankhaften (dort: seelischen)
Verfassung zu betrachten (vgl. BGE 102 V 165).
3.2 Zunächst ist somit entscheidend, ob bei der Beschwerdeführerin ein
Gesundheitsschaden mit Krankheitswert vorliegt.
3.2.1 Im psychiatrischen Gutachten wurde die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung bekannt gegeben, und zwar einer solchen mit passiv-
aggressiver (negativistischer) Persönlichkeit. Zu dieser fachärztlich-gutachterlichen
Diagnosestellung gibt es in den Akten insofern eine Abweichung, als es nach
Auffassung von Dr. H._ vom 25. Juni 2012 keine psychiatrischen Gründe für einen
Anspruch der Beschwerdeführerin gegen die Beschwerdegegnerin gibt. Es handelt sich
dabei um die Beurteilung des Hausarztes der Beschwerdeführerin (IV-act. 1-5), die in
Kenntnis des Berichts des Fachbereichs Psychosomatik vom 15. Dezember 2010
(namentlich über Diagnosen, Befunde, Beurteilung; IV-act. 19-11) abgegeben worden
ist. Aktuelle Angaben konnte der Arzt allerdings nicht machen. In den Arztberichten der
psychiatrisch behandelnden beiden Stellen ist das Vorliegen einer
Persönlichkeitsstörung (im Sinn des Oberbegriffs) jedoch in Erwägung gezogen oder
(grundsätzlich wie im Gutachten) ebenfalls angenommen worden: Das Psychiatrische
Zentrum hat am 15./28. Juni 2011 erwähnt, es liege eine solche Störung "bzw." es
lägen (lediglich) akzentuierte Persönlichkeitszüge vor, und zwar solche mit abhängiger
Persönlichkeit. Im Austrittsbericht vom 20. September 2011 hat das Zentrum dann eine
Persönlichkeitsstörung mit (neu) ängstlicher Persönlichkeit beschrieben. Der
Fachbereich Psychosomatik am Kantonsspital St. Gallen hat am 14. Juli 2011
einstweilen eine Verdachtsdiagnose geäussert, und zwar auf eine
Persönlichkeitsstörung bei Persönlichkeit mit schizoiden und ängstlich-vermeidenden
Zügen. Gemäss Bericht vom 29. März 2012 ist in der Folge dort eine
Persönlichkeitsstörung (ängstliche Persönlichkeit) bestätigt worden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2.2 Im Weiteren haben sowohl der Fachbereich Psychosomatik als auch das
Psychiatrische Zentrum im Unterschied zum Gutachten rezidivierende depressive
Störungen diagnostiziert.
3.2.3 Der Gutachter setzte sich mit den genannten - betreffend die verschiedenen
Typen der Persönlichkeitsstörung und betreffend das Vorhandensein einer
rezidivierenden depressiven Störung - abweichenden Diagnosen der psychiatrisch
behandelnden Stellen auseinander und begründete einleuchtend, weshalb er diese
verwarf. Namentlich wurde zum Zeitpunkt der Begutachtung keine depressive
Stimmung gefunden, es bestand nach fachärztlich-gutachterlicher Beurteilung kein
depressives Syndrom. Der Gutachter legte dar, es seien keine entsprechende mehrere
abgrenzbare Episoden ausreichend langer Dauer aufgetreten und die Symptome
würden eher Krisen im Rahmen der Persönlichkeitsstörung bedeuten. Das erscheint
plausibel. Die Auffassung von Dr. H._ erwähnte der Gutachter nicht; sie ist allerdings
auch nicht näher erläutert worden und es handelt sich nicht um eine fachärztliche
Beurteilung.
3.2.4 Da ihre Basis vollständig und die (als einzige zu stellende) Diagnose begründet
erscheint, kann der Beurteilung durch den Gutachter diesbezüglich (was die Diagnose
betrifft) gefolgt werden. Es ist daher vom Vorliegen einer passiv-aggressiven
(negativistischen) Persönlichkeitsstörung auszugehen.
4.
4.1 Für die Invaliditätsbemessung massgeblich sind die durch den
Gesundheitsschaden bewirkten Beeinträchtigungen. - Der Arzt sagt, inwiefern die
versicherte Person in ihren körperlichen bzw. geistigen Funktionen durch das Leiden
eingeschränkt ist (vgl. BGE 107 V 17 = ZAK 1982 S. 34). Die ärztlichen Auskünfte sind
eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der
versicherten Person noch zugemutet werden können (vgl. BGE 132 V 99 f. E. 4, BGE
141 V 281 E. 5.2.1).
4.2 Was die medizinisch zumutbare Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin betrifft,
erachtete das Psychiatrische Zentrum sie aufgrund der von ihm diagnostizierten Leiden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seit mindestens Februar 2009 als - in nicht benanntem Ausmass - arbeitsunfähig und
erwartete ab Juli 2011 eine Arbeitsfähigkeit für alle einfachen körperlich leichten bis
vorübergehend mittelschweren Tätigkeiten von 50 %. Später benannte sie eine solche
Arbeitsfähigkeit für die Tätigkeit im geschütztem Rahmen. Der Fachbereich
Psychosomatik beurteilte die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin als Verkäuferin
als seit Jahren zu 80 % eingeschränkt, attestierte ihr ab dem 7. Dezember 2010 eine
volle Arbeitsunfähigkeit und hielt am 14. Juli 2011 dafür, die Leistungsfähigkeit sei
anhand von Massnahmen noch zu bestimmen, sie werde wahrscheinlich 50 %
betragen. Am 29. März 2012 wurde vom Fachbereich festgehalten, eine Arbeit im
Umfang von 50 bis 60 % sei im geschützten Bereich mit Arbeitstraining zumutbar.
4.3 Auch nach der gutachterlichen Beurteilung ist die zu diagnostizierende
Persönlichkeitsstörung (passiv-aggressiv) eine solche von Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin. Deren Verhaltensmuster seien, dass sie
Arbeiten aufschiebe, mürrisch reagiere, wenn ihr etwas abverlangt werde, langsam
arbeite, wenn sie eine Arbeit nicht tun wolle, sich ohne Grund beschwere, behaupte,
Aufgaben vergessen zu haben, Anregungen zur Verbesserung ablehne, und dass sie
Autoritätspersonen nicht die gebührende Achtung entgegenbringen könne.
4.4 Zur Frage, inwiefern sich bei objektivierter Zumutbarkeitsbeurteilung aus den
funktionellen Ausfällen eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ergibt, kann dem
Gutachten im Einzelnen Folgendes entnommen werden: Es lasse sich nicht
medizinisch mit Krankheitssymptomen oder krankheitsbedingten Defiziten begründen,
dass die Beschwerdeführerin all das nicht zu leisten vermöge, was sie nicht tun wolle.
Die unangenehmen Gefühle, die sie bei ihrem Wunsch nicht entsprechenden
Anforderungen erlebe, seien für sie auch nicht schädlich oder das Krankheitsbild
verschlimmernd. Vielmehr würde wahrscheinlich, alle Anforderungen von ihr
fernzuhalten und auf ihre Bedürfnisse nach Autonomie und (eigener)
Zweckbestimmung vollständig einzugehen, zu einer Fixierung des passiv-aggressiven
Verhaltensmusters und einer Verschlimmerung der Persönlichkeitsstörung führen.
Bezogen auf die Arbeit sei wesentliches Merkmal von Personen mit der
diagnostizierten Persönlichkeitsstörung (passiv-aggressiv), dass sie sich den dortigen
Anforderungen widersetzten. Aus dem Widersetzen könne medizinisch aber keinesfalls
direkt geschlossen werden, dass, wogegen Widerstände bestünden, aus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesundheitlichen Gründen nicht möglich sei (IV-act. 71-26 Punkt 4.2.4). Der Gutachter
führt in seiner Beurteilung weiter aus, die Beschwerdeführerin selber halte sich für nur
an einem geschützten Arbeitsplatz leistungsfähig. Das sei bei ihren Denk-, Erlebens-
und Verhaltensmustern verständlich. Das von ihr angenommene Ausmass der
Beeinträchtigungen entspreche aber nicht dem medizinisch Begründbaren (IV-act.
71-27 Punkt 4.4).
4.5 Als Schlussfolgerung bescheinigt der Gutachter der Psychiatrie der
Beschwerdeführerin für die Zeit ab Anfang 2012 eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % in
der angestammten Tätigkeit als ungelernte Angestellte in einer Zoohandlung oder in
einer ähnlichen Tätigkeit. Nach gutachterlicher Auffassung ist es ihr - entgegen ihrer
Annahme - zumutbar, sich in einen Betrieb ein- und entsprechend unterzuordnen,
allerdings nur in beschränktem Umfang. Für Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt mit einer
Arbeitsautonomie, wie sie für die frühere Arbeit als ungelernte Angestellte in einer
Zoohandlung oder eine ähnliche Tätigkeit anzunehmen ist, ist sie gemäss dem
überzeugenden Ergebnis des Gutachtens zumutbarerweise lediglich zu 60 %
arbeitsfähig.
4.6 Im Weiteren wird im Gutachten dargelegt, für eine ideal leidensangepasste
Tätigkeit sei die Beschwerdeführerin voll arbeitsfähig. Eine (ideal) adaptierte Tätigkeit
umschreibt der Gutachter als eine solche, in welcher die Beschwerdeführerin ein sehr
hohes Mass an Autonomie darüber habe, wann sie welche Arbeiten wie ausführe. Eine
solche Arbeit wäre "z.B." eine Tätigkeit im geschützten Bereich (IV-act. 71-27 Punkt
4.3.3). Sie zeichne sich durch ein so hohes Mass an Autonomie aus, wie sie "nur" an
einem geschützten Arbeitsplatz gewährleistet wäre (IV-act. 71-27 Punkt 4.3.5). Es ist
jedenfalls davon auszugehen, dass der Gutachter eine adaptierte Tätigkeit nur unter
äusserst restriktiven Bedingungen annimmt.
4.7 Der RAD-Arzt hielt am 24. April 2013 (IV-act. 73) Rücksprache mit dem Gutachter
und hielt daraufhin fest, in der angestammten Tätigkeit in einer zoologischen Handlung
oder einer vergleichbaren Tätigkeit (wie einer Arbeit in einem Tierheim) betrage die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin 60 %, in einer adaptierten Tätigkeit, die der
(gutachterlichen) Beschreibung entspreche, betrage sie 100 %.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.8 Auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung des Gutachters ist angesichts des
beweiskräftigen Gutachtens abzustellen. Den Beurteilungen der die
Beschwerdeführerin behandelnden ärztlichen Stellen kann dagegen insofern nicht
gefolgt werden, als sie von dessen Ergebnis abweichen. Das gilt namentlich für die
hauptsächlich im Ausmass der attestierten Arbeitsunfähigkeit vom Gutachten
abweichende Beurteilung des Fachbereichs Psychosomatik am Kantonsspital St.
Gallen vom 29. März 2012, in welcher dafürgehalten worden war, als Verkäuferin sei
die Beschwerdeführerin seit Jahren und bis auf voraussichtlich unbestimmte Zeit zu 20
% arbeitsfähig und in einer behinderungsangepassten Tätigkeit an einer geschützten
Arbeitsstelle mit Arbeitstraining zu 40 bis 50 %. Dass eine höhere Arbeitsfähigkeit unter
ideal adaptierten Voraussetzungen besteht als unter den Bedingungen des
Arbeitsmarktes, und dass dort lediglich eine Teilarbeitsfähigkeit erreichbar ist, erscheint
nachvollziehbar, weil aufgrund des Gutachtens anzunehmen ist, dass auch bei
Aufbringen des ihr als zumutbar erachteten Willens eine reduzierte Arbeitsfähigkeit, ein
vermindertes Durchhaltevermögen, der Beschwerdeführerin vorliegt.
5.
Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist rechtsprechungsgemäss entscheidend,
was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich
verdienen würde (vgl. etwa Bundesgerichtsentscheid 9C_422/2015 vom 7. Dezember
2015). Angesichts ihrer gemäss dem IK-Auszug wechselnden Beschäftigungen kann
eine konkrete Anstellung der Beschwerdeführerin, in welcher der Verdienst für das
Valideneinkommen repräsentativ wäre, nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erhoben werden. Indessen ist danach davon auszugehen, dass sie in einer Arbeit im
Bereich der Beschäftigung mit Tieren tätig wäre. Nach ihren Angaben hat sie ehemals
eine Ausbildung zur Tierpflegerin (IV-act. 35-2) bzw. eine Ausbildung in einer
Zoohandlung (IV-act. 71-6) begonnen. Nach der Aktenlage ist allerdings nicht davon
auszugehen, dass eine Ausbildung invaliditätsbedingt abgebrochen worden wäre. Es
ist daher mit überwiegender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, die Beschwerdeführerin
hätte als Gesunde einen statistischen Durchschnittslohn in entsprechenden
Hilfstätigkeiten erzielt. Eine Festsetzung des als Gesunde erreichbaren
Valideneinkommens in absoluten Zahlen erübrigt sich allerdings, weil bei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bemessung des Invalideneinkommens vom selben Wert auszugehen ist (vgl. unten E.
6.6).
6.
6.1 Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Da
die Beschwerdeführerin im massgeblichen Zeitraum keine Erwerbstätigkeit ausgeübt
hat, welche zur Bemessung des Invalideneinkommens aus einer zumutbaren
Erwerbstätigkeit taugen würde, sind grundsätzlich auch diesbezüglich statistische
Werte (Tabellenlöhne) beizuziehen.
6.2 Der grundsätzlichen Zumutbarkeit einer Arbeitstätigkeit der Beschwerdeführerin
(für sie und einen potenziellen Arbeitgeber) auf dem (ersten) Arbeitsmarkt - als
Voraussetzung für die Anrechnung eines solchen statistischen Einkommens - steht
nach der Aktenlage medizinisch nichts entgegen.
6.3 Was die Frage der Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit aus erwerblicher Sicht
betrifft, wird bei der Invaliditätsbemessung von einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage
ausgegangen (vgl. Art. 16 ATSG). Der ausgeglichene Arbeitsmarkt ist ein theoretischer
und abstrakter Begriff (vgl. BGE 134 V 64, BGE 129 V 480 E. 4.2.2). Er hat rein
hypothetischen Charakter und dient dazu, die Risiken Arbeitslosigkeit und Invalidität
voneinander abzugrenzen (vgl. Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
i/S C. vom 16. Juli 2003, I 758/02; BGE 110 V 276 E. 4b). Es ist darauf abzustellen, ob
eine invalide Person und in welchem Rahmen sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch
wirtschaftlich nutzen könnte, wenn die verfügbaren Arbeitsplätze dem Angebot an
Arbeitskräften entsprächen (AHI 1998 S. 291 E. 3b). Ein ausgeglichener Arbeitsmarkt
beinhaltet von seiner Struktur her sowohl bezüglich der beruflichen und intellektuellen
Voraussetzungen als auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes einen Fächer
verschiedenartiger Stellen (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 8. März 2010,
8C_791/2009). Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts umfasst er auch
sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen
Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen
können (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 8. Oktober 2015, 8C_582/2015, vom 28.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
November 2014, 9C_485/2014, und vom 29. August 2013, 8C_514/2013). Allerdings
dürfen keine realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten berücksichtigt werden.
Insbesondere kann von einer zumutbaren Tätigkeit im Sinn von Art. 16 ATSG dort nicht
gesprochen werden, wo sie nur in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der
allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder dass sie nur unter nicht
realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre
und das Finden einer entsprechenden Stelle deshalb von vornherein als
ausgeschlossen erscheint (vgl. Bundesgerichtsurteile 8C_582/2015, und vom 28. April
2010, 8C_1050/2009; ZAK 1991 S. 318 E. 3b).
6.4 Im IV-Schlussbericht der Institution G._ vom 17. Juli 2012 wurden zunächst
Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Integration der Beschwerdeführerin in den
Arbeitsmarkt umschrieben, nämlich ein unterstützendes Umfeld und Bezugspersonen,
zu denen sie Vertrauen finden könne, und es wurde festgehalten, das grösste Potenzial
für eine Umsetzung der Leistung im (freien) Arbeitsmarkt sei bei einer Arbeit mit Tieren
zu erkennen (vgl. IV-act. 58-5). Am 13. Dezember 2013 dann wurde dafürgehalten,
Arbeitsplätze, welche den Anforderungen der Beschwerdeführerin entsprächen, seien
im Arbeitsmarkt nicht zu finden. Gemäss der am 18. September 2014 geäusserten
Auffassung der IV-Eingliederungsberatung schliesslich lassen verschiedene Tätigkeiten
im Arbeitsmarkt eine gewisse Autonomie zu, etwa Reinigungsarbeiten (in einem
Haushalt), Hauswartaufgaben oder Arbeiten in der Tierbetreuung (unter anderem in
einem I._).
6.5 Berücksichtigt werden können, wie sich aus den medizinischen Grundlagen ergibt,
(nur, aber immerhin) die Anforderungen an einen Arbeitsplatz bzw. einen potenziellen
Arbeitgeber, welche die Beschwerdeführerin unter der Voraussetzung stellen muss,
dass sie die Arbeit in einem Ausmass und in einer Weise leistet, wie sie ihr medizinisch
gesehen zumutbar ist. Es handelt sich um das Erfordernis einer möglichst hohen
Autonomie bei Ausübung der Erwerbstätigkeit (vgl. dazu etwa die - aus anderem
gesundheitlichem Grund - erforderlichen ähnlichen Voraussetzungen der versicherten
Person im Sachverhalt gemäss Bundesgerichtsentscheid 8C_582/2015). Es rechtfertigt
sich nach der Aktenlage die Annahme, dass es auf einem als ausgeglichen fingierten
Arbeitsmarkt gewisse Arbeitsmöglichkeiten - namentlich in der Tierbetreuung - gibt, an
welchen sie diesfalls ihre Restarbeitsfähigkeit von 60 % verwerten könnte.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.6 Mit Stellen, an welchen die Beschwerdeführerin eine volle Arbeitsfähigkeit
erreichen könnte, ist dagegen selbst auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht in
genügender Zahl zu rechnen. Die Anforderungen hierfür sind vom Gutachter als zu
einschränkend beschrieben worden (sehr hohes Mass an Autonomie), als dass davon
auszugehen wäre, sie würden ausserhalb eines geschützten Rahmens geboten werden
können. - Da wie erwähnt ein ausreichender Arbeitsmarkt anzunehmen ist für
Tätigkeiten, in denen die Beschwerdeführerin bei Aufwendung der zumutbaren
Anstrengung eine Arbeitsfähigkeit von 60 % erreicht, nämlich in Tätigkeiten, die eine
gewisse Autonomie der Arbeitnehmer zulassen, und da es sich um den Bereich der
Tätigkeiten handelt, welche die Beschwerdeführerin bereits gewählt hatte, rechtfertigt
es sich, für das Invalideneinkommen auf einen statistischen Durchschnitt der Löhne für
solche Tätigkeiten abzustellen.
6.7 Sind somit sowohl Validen- wie Invalideneinkommen ausgehend vom selben
Tabellenlohn zu bestimmen, so entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der
Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung eines allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn
gemäss BGE 126 V 75 (vgl. Bundesgerichtsentscheide vom 9. Mai 2016, 8C_934/2015,
und vom 20. April 2010, 9C_215/2010 E. 5.2).
6.8 Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte Person ihre
gesundheitlich bedingte (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur
mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist ein Abzug von den
Tabellenlöhnen zu machen. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzuges ist der Einfluss
aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalideneinkommen unter Würdigung der
Umstände im Einzelfall gesamthaft zu schätzen und insgesamt auf höchstens 25 %
des Tabellenlohnes zu begrenzen (vgl. BGE 134 V 322 E. 5.2 und BGE 126 V 75). Die
gesundheitlich bedingten Einschränkungen der Beschwerdeführerin sind in der
Arbeitsfähigkeitsschätzung vollumfänglich zum Ausdruck gekommen. Ein Abzug vom
Tabellenlohn erscheint nicht gerechtfertigt. Für das Validen- und das
Invalideneinkommen vom selben Lohn auszugehen, ist den Verhältnissen angemessen
(und ausreichend, vgl. zur Frage von Parallelisierung und Abzug den
Bundesgerichtsentscheid vom 8. Mai 2009, 8C_652/2008). Es ergibt sich daher ein
Invaliditätsgrad von 40 %. Selbst wenn wegen der längeren Abwesenheit der
Beschwerdeführerin vom Arbeitsmarkt oder eingeschränkter Auswahl an Stellen ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abzug von 10 % vorzunehmen wäre, was als Maximum zu betrachten ist, ergäbe sich
hinsichtlich des Rentenanspruchs kein anderes Ergebnis, beliefe sich der
Invaliditätsgrad diesfalls doch auf 46 % (1- [0.6 x 0.9]).
7.
7.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die (nebst den
Anforderungen nach lit. a) während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind (lit. b)
und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. c).
Die einjährige Wartezeit gilt als eröffnet, sobald eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens
20 % vorliegt (AHI 1998 S. 124 E. 3c). Ein wesentlicher Unterbruch der Arbeitsfähigkeit
liegt vor, wenn die versicherte Person an mindestens 30 aufeinanderfolgenden Tagen
voll arbeitsfähig war (Art. 29ter IVV; Entscheid des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts i/S K. vom 26. März 2004, I 19/04). - Der Gutachter setzt den
Beginn der attestierten Arbeitsunfähigkeit auf Anfang 2012, ohne dass dies allerdings
näher begründet worden wäre. Nach der Aktenlage (vgl. E. 4.2) wurde eine gewisse (im
Ausmass nicht bezeichnete) Arbeitsunfähigkeit allerdings bereits ab Februar 2009
angegeben, vom Fachbereich Psychosomatik wurde eine (volle) Arbeitsunfähigkeit ab
dem (dortigen Behandlungsbeginn vom) 7. Dezember 2010 attestiert. Ein Wartejahr ist
daher spätestens im Dezember 2011 abgelaufen.
7.2 Im Juli 2011 hatte die IV-Eingliederungsberatung eine Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin auf dem (ersten) Arbeitsmarkt als kaum realistisch betrachtet. In
der Folge wurde am 16. Dezember 2011 (IV-act. 40) eine berufliche Abklärung für die
Zeit ab 9. Januar 2012 vorgesehen. Es kann daher angenommen werden, dass die
Beschwerdeführerin im Dezember 2011 noch nicht eingliederungsfähig war, weshalb
die Voraussetzungen für den Versicherungsfall Rente auch unter diesem Gesichtspunkt
erfüllt waren.
7.3 Nach dem oben erwähnten Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch
frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des
Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG, das heisst vorliegend bei Anmeldung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
am 1./8. Juni 2011 frühestens im Dezember 2011. Die Beschwerdeführerin hat
demnach Anspruch auf eine Viertelsrente frühestens ab 1. Dezember 2011.
8.
Da eine ambulante Psychotherapie, die auf die Besonderheiten der passiv-aggressiven
Verhaltensmuster Bezug zu nehmen und auf möglicherweise auftretende, zurzeit noch
nicht stark fixierte antisoziale Muster zu reagieren habe, nach gutachterlicher
Beurteilung die Arbeits- und Leistungsfähigkeit langfristig begünstigen und durch
Vorbeugen von Verschlechterungen und Krisen zu deren Erhaltung beitragen kann, ist
angezeigt, dass die Beschwerdeführerin im Hinblick auf eine (durch Ausdehnung der
medizinischen Arbeitsfähigkeit für eine Tätigkeit - auch - auf dem Arbeitsmarkt) künftig
möglicherweise zu erreichende Senkung des Invaliditätsgrads (mit entsprechender
Anpassung bzw. Aufhebung des Rentenanspruchs) eine zumutbare, zielführende
entsprechende Therapie durchführen wird. Die Beschwerdeführerin wird auch
diesbezüglich das ihr Zumutbare zu einer geeigneten Eingliederung beizutragen haben
(vgl. Art. 21 Abs. 4 ATSG, Art. 7 IVG), ansonsten die Beschwerdegegnerin ein Mahn-
und Bedenkzeitverfahren durchführen kann.
9.
9.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 2. Juni 2014 gutzuheissen und der Beschwerdeführerin
ab 1. Dezember 2011 eine Viertelsrente zuzusprechen.
9.2 Angesichts des vollen Obsiegens der Beschwerdeführerin, weswegen sie die
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege vom 24. September 20014 nicht in
Anspruch zu nehmen braucht, rechtfertigt es sich, der Beschwerdegegnerin die
Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert
festgelegt werden (Art. 69 Abs. 1bis IVG), gesamthaft aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1
VRP/SG). Eine Entscheidgebühr von Fr. 600.-- erscheint angemessen.
9.3 Die Beschwerdeführerin hat bei vollem Obsiegen Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung
der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Bedeutung der Streitsache
und dem Aufwand angemessen erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).