Decision ID: 6e8ea44c-42a7-4274-99d7-4192a4774948
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 19./26. Oktober 2016 bei der Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
(berufliche Integration/Rente) an. Sie habe keinen Beruf erlernt und sei 199_ in die
Schweiz gekommen. Eine Erwerbstätigkeit deklarierte sie nicht, sondern erklärte unter
der Rubrik "Nichterwerbstätige" auf die Frage nach der Art der Beschäftigung, sie sei
"Hausfrau (nur teilweise)". Sie leide seit 2014 an Rheuma, Herzproblemen und TBC.
Seit 1. Mai 2016 sei sie voll arbeitsunfähig. Ihr Ehemann sei (zu 100 %) IV-Rentner (IV-
act. 1). - Dr. med. B._, Fachärztin FMH Physikalische Medizin und Rehabilitation, gab
in ihrem IV-Arztbericht vom 1. Dezember 2016 (IV-act. 7) an, es bestünden (verkürzt
wiedergegeben) eine rheumatoide Arthritis, ED 2013, eine chronische Cephalea, eine
leichte Mitralstenose mit mässiger Mitralinsuffizienz, eine mässige Aorteninsuffizienz
bei trikuspidaler leicht degenerativ veränderter Aortenklappe, eine Abgangsstenose der
Arteria subclavia links, eine subklinische Hypothyreose und Adipositas. Die Versicherte
leide seit fünf Jahren an Gelenksschmerzen und seit zwei Jahren an zunehmender
Ermüdbarkeit und Druckgefühl im Brustkorb. Repetitive Handbewegungen mit
Kraftanwendung seien der Versicherten nicht möglich, ebenso wenig körperliche
Anstrengungen, die das Herz belasten würden. Leichte körperliche Arbeiten ohne
Kraftanstrengung und ohne Heben von schweren Gegenständen seien ihr zumutbar. -
Dr. med. C._, Fachärztin Kardiologie, hatte in einem Bericht vom 31. Oktober 2016
(IV-act. 7-7 ff.; verkürzt wiedergegeben) eine leichte bis mässige Aorteninsuffizienz,
eine mässige Mitralinsuffizienz und grenzwertig leichte Mitralstenose, ein
rezidivierendes thorakales Oppressionsgefühl im oberen Sternum mit einer Dauer von
wenigen Sekunden, eine Abgangsstenose der A. subclavia links und eine subklinische
Hypothyreose (Juni 2014) angegeben. - In einem Bericht vom 17. November 2016 (IV-
act. 7-5 f.) hatte die Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin am Kantonsspital
St. Gallen eine Ischämie, apikal bis nach anterior reichend, erwähnt. - Der Regionale
Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung hielt am 7. Dezember 2016 (IV-act. 9)
dafür, die valvuläre Kardiopathie sei für die Arbeitsfähigkeit irrelevant; die Versicherte
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei für eine angepasste Tätigkeit voll arbeitsfähig. - Bei einer Vorsprache der Eheleute
bei der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle vom 17. November 2016 (IV-act. 10-3) war
erklärt worden, die Versicherte wäre gern erwerbstätig, wenn sie gesundheitlich dazu in
der Lage wäre. Sie würden vom Sozialamt unterstützt. Am 25. November 2016 war bei
der Sozialversicherungsanstalt eine Erklärung vom 11. November 2016 (IV-act. 6)
eingegangen, wonach sie beim Sozialamt nicht gemeldet seien. - In einem IV-
Feststellungsblatt (IV-act. 11) wurde weiter festgehalten, die Versicherte sei bis anhin
hierzulande noch keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen, wäre aber gern erwerbstätig.
Es bestehe allerdings kein Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit. - Nach einem entsprechenden Vorbescheid (IV-act. 12, und Verzicht
auf einen Einwand durch ihren Rechtsvertreter, IV-act. 18) wies die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen das Gesuch mit Verfügung
vom 30. März 2017 (IV-act. 19) ab.
B.
Am 1. September 2017 ging bei der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des
Kantons St. Gallen eine neue Anmeldung ein (von der zuständigen AHV-Zweigstelle am
30. August 2017 kontrolliert, IV-act. 20-9; unterzeichnet mit der Datumsangabe
"27. Oktober 2017", vgl. IV-act. 20-8). Darin gab die Versicherte an, von 2003 bis 2012
in einer _unternehmung und danach bis Ende September 2015 bei [...] als
Hauswartin angestellt gewesen zu sein. Bis 2012 habe sie ca. Fr. 600.--, danach ca.
Fr. 120.-- pro Monat verdient. Es gebe eine neue Erkrankung und es habe eine
Operation stattgefunden. - Dr. B._ gab in einem auf Aufforderung (IV-act. 30) hin
eingereichten Arztbericht vom 6. Oktober 2017 (IV-act. 32) an, der Gesundheitszustand
der Versicherten habe sich kardial und pulmonal deutlich verschlechtert. Nach
Auftreten eines therapieresistenten Hustens ab Mai 2017 sei zunächst der Verdacht auf
ein Adenokarzinom aufgekommen, nach einer Operation sei jedoch eine abgekapselte
Pneumonie festgestellt worden. Die Versicherte leide an zunehmender Dyspnoe und
Enge in der Brust. Es habe sich eine koronare Ischämie gezeigt, die weiter invasiv
abgeklärt werde. - Dr. C._ hatte ihr gegenüber am 19. September 2017 (IV-act. 33)
den Verdacht auf eine koronare Herzkrankheit geäussert und ausserdem (u.a.) eine
mässige Aorteninsuffizienz, ein kombiniertes Mitralvitium mit leichter Mitralstenose und
leichter Mitralinsuffizienz angegeben. Dr. med. D._, Facharzt für Radiologie FMH,
hatte am 4. Juli 2017 (IV-act. 34) über ein CT Thorax vom betreffenden Tag berichtet.
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Es bestehe eine Teilatelektase des medialen Mittellappens mit dringendem Verdacht
auf einen einschmelzenden Prozess in der Peripherie gegen die Thoraxwand bzw. auf
ein peripheres Bronchialkarzinom, ausserdem liege eine leichte Bronchiolitis im
Mittellappen vor. In einem Austrittsbericht der Klinik für Chirurgie am Kantonsspital
E._ vom 11. August 2017 (IV-act. 36; Aufenthalt vom 31. Juli 2017 bis 11. August
2017) waren eine Raumforderung im Mittellappen rechts, eine rheumatoide Arthritis, ED
2013, ein St. n. Tuberkulose (anamestisch), eine valvuläre Herzkrankheit, eine
Abgangsstenose der A. subclavia links und Adipositas diagnostiziert worden. Am
2. August 2017 sei eine VATS-Lobektomie Mittellappen erfolgt. Es habe im Präparat
keine Malignität nachgewiesen werden können. Am 14. September 2017 (IV-act. 38)
hatte das Kantonsspital von einem erfreulichen Verlauf berichtet (Restbeschwerden
sollten im Verlauf der nächsten drei bis sechs Monate abklingen; keine Nachkontrolle
nötig). - Der RAD nahm am 30. Oktober 2017 eine relevante Veränderung (im Vergleich
zum 30. März 2017) an. Der Gesundheitszustand sei bei weiteren kardiologischen
Abklärungen noch instabil. Die Versicherte werde unter adäquater Therapie ihre
Tätigkeit als Hausfrau wieder voll aufnehmen können. - Am 31. Oktober 2017 (IV-
act. 45) teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der Versicherten mit, da sie als
Hausfrau tätig sei, seien keine beruflichen Massnahmen angezeigt.
Dr. C._ erklärte in einem IV-Arztbericht vom 12./19. Februar 2018 (IV-act. 48), es
lägen (gemäss einer Koronarangiographie am Kantonsspital E._ vom 9. November
2017) unauffällige Koronararterien sowie (gemäss einem CT Thorax 27. Mai 2014) eine
Abgangsstenose der A. subclavia links vor. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
seien die mässige Aorteninsuffizienz, das kombinierte Mitralvitium und die subklinische
Hypothyreose. Bei der Ergometrie sei die Versicherte zu 99 % des Solls belastbar
gewesen (sie habe eine Angina pectoris mit retrosternalem Druckgefühl und eine
leichte Anstrengungsdyspnoe NYHA II verspürt). Eine bisherige Tätigkeit sei nicht
bekannt. Aus kardialer Sicht sei die Versicherte für leichte bis grenzwertig
mittelschwere Arbeiten zu 100 % einsatzfähig.
B.b.
Der RAD hielt am 12. März 2018 (IV-act. 49) fest, es habe in der Zeit vom
2. August 2017 bis 9. November 2017 eine vorübergehende Einschränkung bestanden.
Es könne von einer vollen Arbeitsfähigkeit in einer leichten Tätigkeit im Erwerb und im
Haushalt ausgegangen werden.
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Vorbescheid vom 11. April 2018 (IV-act. 51) kündigte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der Versicherten (mit Einwandfrist bis 18. Mai
2018) eine Abweisung ihres Gesuchs vom 1. September 2017 an. - Mit Verfügung vom
29. Mai 2018 (IV-act. 52) entschied sie wie angekündigt. Die Versicherte sei
mehrheitlich als Hausfrau zu qualifizieren und nach einer vorübergehenden
Verschlechterung sei ihr ab Dezember 2017 die angestammte Tätigkeit als Hausfrau
wie eine andere leidensangepasste Tätigkeit zu 100 % zumutbar. - Am 29. Juni 2018
erhob ihr Rechtsvertreter für die Versicherte Beschwerde (IV 2018/229; IV-act. 58-2 ff.)
und beantragte, es sei ihr eine ihrem Invaliditätsgrad entsprechende Rente
auszurichten, eventualiter sei die Sache zur neuerlichen Entscheidung an die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle zurückzuweisen, unter Kostenfolge. Die
Versicherte sei bei Erlass des Vorbescheids mehrere Wochen im Ausland gewesen und
habe ihn deshalb nicht zugestellt erhalten bzw. erst nach der Rückkehr in der letzten
Maiwoche 2018 zur Kenntnis nehmen können. Es finde sich weder im Vorbescheid
noch in der Verfügung eine auch nur ansatzweise nachvollziehbare Begründung für die
Abweisung des Gesuchs. Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle habe zudem einzig
mit der Kardiologin Kontakt aufgenommen. Für die RAD-Einschätzungen einer vollen
Einsatzfähigkeit der Versicherten als Hausfrau fehle eine tiefergehende Begründung. Es
seien hierzu keine Abklärungen, insbesondere sei keine Haushaltabklärung
durchgeführt worden. Schon die Kardiologin habe festgehalten, dass die Versicherte
lediglich noch für sehr leichte bis maximal grenzwertig mittelschwere Tätigkeiten
eingesetzt werden könne. Als evident vorausgesetzt werden könne, dass im Rahmen
der Haushalttätigkeit nicht nur lediglich solche Tätigkeiten, sondern überwiegend
schwere körperliche Tätigkeiten anfielen. Die Abklärungen seien ungenügend. Die
Versicherte gehe von einer so massiven Einschränkung im Haushalt aus, dass
Anspruch auf eine ganze Rente bestehe. - Nach Stellungnahme des Rechtsdienstes
(IV-act. 66, vgl. IV-act. 71) widerrief die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle am
15. August 2018 (IV-act. 70) die Verfügung vom 29. Mai 2018 unter Ankündigung
weiterer Abklärungen, worauf das Beschwerdeverfahren am 4. Oktober 2018 (IV-
act. 83) abgeschrieben wurde.
B.d.
Auf die Aufforderung vom 15. August 2018 (IV-act. 73) hin, einen Fragebogen zur
Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt auszufüllen, ersuchte der
B.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsvertreter der Versicherten am 31. August 2018 (IV-act. 78) um Fristerstreckung,
weil er die Unterlagen bisher wegen urlaubsbedingter Abwesenheit der Versicherten
nicht habe organisieren können.
Dr. C._ erklärte in einem IV-Arztbericht vom 27. August 2018 (IV-act. 79), aus
kardialer Sicht bestünden aktuell keine Funktionseinschränkungen. Eine Tätigkeit sei an
acht Stunden pro Tag zumutbar.
B.f.
Dr. B._ teilte in ihrem IV-Arztbericht vom 30. August 2018 (IV-act. 80) mit, sie
behandle die Versicherte seit 1. Juli 2016. Frühere Kontrollen seien durch Dr. med.
D. D._, Fachärztin FMH für Rheumatologie, erfolgt. Die Versicherte sei seit 1. Mai
2017 voll arbeitsunfähig für alle Tätigkeiten ausser Haus. Als Diagnose mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit bestehe eine Gonarthrose links. Die übrigen Diagnosen
(rheumatoide Arthritis mit u.a. Basistherapie von 2013 bis 2016, chronische Cephalea,
leichte Mitralstenose, mässige Aorteninsuffizienz, Abgangsstenose der Arteria
subclavia links, Status nach Lobektomie Mittellappen, subklinische Hypothyreose und
Adipositas) hätten keine solche Auswirkung. Wegen der Kniebeschwerden liege eine
deutlich verminderte Beweglichkeit ausser Haus vor. Die Versicherte habe Angst davor,
sich operieren zu lassen. Sie arbeite schon viele Jahre nicht mehr, zuerst habe sie es
wegen rheumatischer Beschwerden nicht getan, die inzwischen medikamentös gut
eingestellt seien. In Anbetracht des Alters und der eingeschränkten Beweglichkeit sei
eine Reintegration illusorisch. Selber (Auto-) fahren könne die Versicherte nicht und die
Benützung öffentlicher Transportmittel sei wegen der Knieschmerzen nicht zumutbar.
Bei "Wohnung Pflege und Einkauf" sei die Versicherte deutlich eingeschränkt, der
Ehemann und die I._ würden ihr helfen. - Im beigelegten MRI-Befund des linken
Knies vom 10. Januar 2018 (IV-act. 80-14) war als Hauptbefund eine aktivierte Arthrose
medial mit reaktivem Knochenmarködem gefunden worden (daneben eine leichte
Subluxation des medialen Meniskus bei radiärem Einriss und deutlichem
Substanzdefekt nahe der Meniskuswurzel mit entsprechender Reizsymptomatik des
medialen Kapselbandapparates, eine mittelgrosse Bakerzyste und femoropatelläre
Knorpelläsionen Grad II).
B.g.
Im Fragebogen vom 2. Oktober 2018 (IV-act. 85) gab die Versicherte an, ihr letzter
Arbeitstag sei etwa im Oktober 2016 gewesen. Ohne gesundheitliche Beeinträchtigung
B.h.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wäre sie zu 100 % als Hauswartin und im _ tätig. Sie habe sich aus gesundheitlichen
Gründen nicht um Stellen beworben. Keine der einzelnen Tätigkeiten im Haushalt sei
ihr selbständig möglich. Der Ehemann und die Söhne würden beim Grosseinkauf
helfen. Der K._ und die J._ (gemeint wohl I._) würden für sie und den Ehemann
dreimal täglich warme Mahlzeiten zubereiten. Die Einschränkungen bestünden seit
Oktober 2016. Davor habe sie (die Versicherte) alle Haushalttätigkeiten erledigt und
ihren Ehemann gepflegt. - Am 15. Januar 2019 (IV-act. 94) reichte der Rechtsvertreter
der Versicherten ein von der Versicherten am 10. Januar 2019 ausgefülltes Formular
ein, worin diese u.a. erklärt hatte, monatlich ein Erwerbseinkommen von Fr. 800.--
(25 %) zu erzielen. Bei den Ausgaben schrieb sie unter dem Titel Wohnungsmiete/
Hypothek: Fr. 1'300.--, darunter: Fr. 1'000.-- + Fr. 150.-- Amortisation, bei den
Schulden: Fr. 500'000.--. - Am angekündigten Abklärungstag vom 13. Dezember 2018
(IV-act. 88) war die Versicherte nicht zuhause gewesen (IV-act. 90).
Bei der Abklärung vom 22. Januar 2019 (vgl. IV-act. 91) gab sie gemäss dem
Bericht vom 20. März 2019 (IV-act. 96) an, sie verspüre vor allem in den Knien, an
Ellenbogen, Schultern und wegen der Lunge im Brust- und Rückenbereich Schmerzen.
Es gehe ihr psychisch nicht gut. Seit ca. 15 Jahren nehme sie Antidepressiva ein; seit
einer Behandlung bei Dr. med. F._, Facharzt FMH für Psychiatrie, gehe es ihr etwas
besser; die Tabletten würden Wirkung zeigen. Sie und ihr Ehemann gingen täglich
spazieren, oft 20 bis 30 Minuten bis zu ihrem _ und zurück. An guten Tagen koche
sie das Mittagessen, am Nachmittag machten sie und ihr Mann gemeinsam den
Haushalt. Teilweise unterstütze sie auch die I._ - die (wie der K._ und die _
Kinder) im selben _ Haus wohne (vgl. IV-act. 96-12) - im Haushalt (vgl. IV-act. 96-2).
Die Versicherte habe erklärt, bis 2014 (aufgegeben wegen Schmerzen in den Knien und
Knochen) habe sie von Frühling bis Herbst bei einem _ _arbeit geleistet und damit
nach Angaben des Ehemannes zwischen Fr. 2'000.-- und Fr. 7'000.-- pro Jahr verdient
(vgl. IV-act. 96-4). Sie habe dabei den ganzen Tag über gearbeitet (vgl. IV-act. 96-13).
Ausserdem habe sie in einem Pensum von ca. 25 % eine Tätigkeit als Hauswartin
ausgeübt, der sie ebenfalls nicht mehr nachgehen könne (vgl. IV-act. 96-4). - Die
Abklärungsperson wiederholte hierzu die Angaben der Versicherten in der Anmeldung
vom 1. September 2017 (zwei Anstellungen: eine von 2003 bis 2012, die andere von
2012 bis Ende September 2015 bei ihrem Ehemann; vgl. IV-act. 96-4). Die Versicherte
B.i.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe weiter angegeben, ohne gesundheitliche Einschränkung würde sie ganztags
arbeiten. In welchem Umfang und in welcher Tätigkeit (beispielsweise als
Reinigungshilfe, in einer Fabrik usw.) habe sie nicht klar erläutern können (vgl. IV-
act. 96-5). Auf die Frage, weshalb sie nicht schon vor der Erkrankung vollzeitlich
gearbeitet habe, da die Kinder doch bereits erwachsen gewesen seien, habe ihr
Ehemann erklärt, dass sie vor der Erkrankung für die ganze Familie (_ Familien
einschliesslich Kinder) gekocht und die _ Enkelkinder mitaufgezogen habe
(Unterstützung am Mittag und Abend, vgl. IV-act. 96-13). Als Gründe für die Ausübung
einer Erwerbstätigkeit habe sie Freude am Arbeiten und finanzielle Gründe genannt (IV-
act. 96-5). Sie habe erklärt, sie erziele monatlich ein Einkommen von Fr. 800.-- aus der
Hauswarttätigkeit, welche ab Februar 2019 die J._ übernehmen werde. Der Ehemann
beziehe eine IV-Invalidenrente und eine Hilflosenentschädigung. Als Ausgaben gebe es
nebst der Wohnungsmiete von Fr. 1'300.-- u.a. solche für "Hypothek und Amortisation"
von Fr. 1'150.--. Es bestünden Schulden von Fr. 500'000.-- (vgl. IV-act. 96-5). Des
Weiteren wurden bei der Abklärung die Betätigungen in den einzelnen Verrichtungen
des Haushalts erfragt und beschrieben; geltend gemacht worden sei eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im Haushalt von 32 % (vgl. IV-act. 96-7 f. und -15).
Die Abklärungsperson erhob eine Einschränkung von 25 % (vgl. IV-act. 96-14 f.). Sie
erklärte, sie habe dabei pro Tag 23 Minuten Mithilfe des Ehemannes bei der
Wohnungs- und Hauspflege und 7 Minuten Mithilfe bei der Wäsche und Kleiderpflege
berücksichtigt. Ohne Berücksichtigung einer Schadenminderungspflicht bestünde eine
Einschränkung von 32 %. Es sei eine Qualifikation mit einer Aufteilung in 70 %
Erwerbs- und 30 % Haushalttätigkeit vorzunehmen (vgl. IV-act. 96-17).
Dr. F._ gab in einem IV-Arztbericht vom 29. Juli 2019 (IV-act. 102) an, die
Versicherte leide an einer Dysthymia (nebst Problemen in Verbindung mit der sozialen
Umgebung, spezifisch mit der kulturellen Eingewöhnung). Die Tätigkeit als Hausfrau sei
der Versicherten ganztags mit reduzierter Leistung zumutbar. Wesentliche
Einschränkungen sollten im Haushalt nicht vorliegen. Eine Eingliederung sei
unrealistisch infolge fehlender Sprachkompetenz, fehlender Ausbildung und des Alters.
B.j.
Der RAD hielt am 27. August 2019 (IV-act. 103) fest, die geklagten
Einschränkungen seien nicht vollumfänglich nachvollziehbar.
B.k.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. B._ reichte am 5. September 2019 (IV-act. 106) diverse Arztberichte ein. So
hatte Dr. C._ ihr am 6. März 2019 (IV-act. 107) berichtet, die Befunde sprächen
insgesamt für einen guten kardialen Verlauf. Dr. med. G._, Facharzt für
Ophthalmologie, hatte gemäss Bericht vom 13. November 2018 (IV-act. 108) einen
unauffälligen altersentsprechenden ophthalmologischen Befund vorgefunden. Dr. med.
H._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, hatte am 13. März 2018 (IV-act. 110) erklärt, er sei als
behandelnder Arzt des Ehemanns mit dem Gesundheitszustand der Versicherten
konfrontiert. In der 2-Phasen-Skelettszintigraphie (beigelegter Bericht IV-act. 111) seien
rein degenerative Veränderungen dokumentiert worden (bzw. es war festgestellt
worden, der Befund spreche eher für degenerative Veränderungen beider AC-Gelenke,
beider Kniegelenke, beider Ellenbogengelenke und der gesamten Wirbelsäule als für
eine Erkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis). Dr. H._ hatte weiter
angegeben, gemäss einer Kontrolle wegen vermehrter Beschwerden in Knien, Hüfte
und Ellenbogen liege eine deutliche Tendinopathie am Patella-Ober- und -Unterrand
vor und hätten am lateralen Bandapparat des OSG Tendinopathie-Zeichen bestanden.
Ausserdem liege beidseits eine ECR (wohl: extensor carpi radialis)- und diffuse
Handgelenkssymptomatologie mit beginnender Rhizarthrose vor. Die Röntgenbilder
zeigten eine zentrale Coxarthrose bds., eine L4/5-Degeneration, eine Spondylarthrose
L5/S1 mit V.a. Neuroforamenenge und eine C5/6-Chondrose. Des Weiteren kam der
Bericht der Kardiologie am Kantonsspital E._ vom 9. November 2017 (IV-act. 105) zu
den Akten, wonach sich angiographisch absolut unauffällige Koronararterien gezeigt
hätten und auch der linke Ventrikel normal dargestellt worden sei. Damit könne eine
koronare Herzkrankheit ausgeschlossen werden. Das Resultat der MPS (wohl:
myokardiale Perfusionsszintigraphie) und der Stressechokardiographie müsse als
falsch-positiv angesehen werden.
B.l.
In einem interdisziplinären medizinischen Gutachten vom 23. März 2020 (IV-
act. 128; Untersuchungen im Februar 2020) gab das Zentrum für Medizinische
Begutachtung (ZMB) bekannt, bei der Versicherten bestünden als Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (erstens) eine primäre Polyarthrose mit Befall von
HWS, LWS, Knien, Schultern mit AC-Gelenken und leichtem Befall der Hände (im
Vordergrund linksbetont symptomatische mässiggradige v.a. mediale Gonarthrosen),
B.m.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(zweitens) eine rheumatoide Arthritis nach Aktenlage, ED 2013 (aktuell inaktiv), (drittens)
eine ausgeprägte Dekonditionierung und (viertens) eine schwere Dysthymie. Ohne
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit seien ein V.a. Karpaltunnelsyndrom bds., ein
Entrapment (wohl: Engpasssyndrom) des Nervus cutaneus femoralis lateralis rechts,
eine Hyperlaxitätstendenz v.a. der peripheren Gelenke, Adipositas, intermittierend
Schmerzen und Druck im unteren Sternumbereich (ohne Hinweis für koronare
Herzkrankheit), eine leichte Aorteninsuffizienz/leichte Mitralstenose und
Mitralinsuffizienz (St. nach VATS-Lobektomie Mittellappen 08/2017 bei chronisch
organisierter Pneumonie im Mittellappen) und eine psychosoziale Belastungssituation. -
Eine Arbeitsfähigkeit in der Tätigkeit als Hauswartin sei abhängig vom
Arbeitsplatzprofil. - Körperlich schwere oder auch andauernd mittelschwere Tätigkeiten
seien der Versicherten sicherlich nicht mehr zuzumuten. Ausserdem sei in einer
solchen Tätigkeit auch aus psychiatrischer Sicht ein vermindertes Rendement
gegeben, weil unter so belastender Tätigkeit eine auch psychisch überlagerte Zunahme
des Schmerzerlebens zu erwarten sei. - In einer adaptierten Tätigkeit bestehe seit der
Diagnose der rheumatoiden Arthritis 2013 eine maximale Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit von 30 %. - In der Tätigkeit als Hausfrau mit Führen eines kleinen 1.5-
Zimmer-Haushalts sei die Versicherte (wesentlich psychiatrisch begründet) zu maximal
20 % eingeschränkt, und zwar mindestens seit Aufnahme der psychiatrischen
Behandlung bei Dr. F._ im Februar 2018. - Wäre die Versicherte gleichzeitig
erwerbstätig und als Hausfrau tätig, wäre gesamtmedizinisch eine Einschränkung von
maximal 30 % in einer dem somatischen Leiden adaptierten Tätigkeit anzunehmen.
Mit Vorbescheid vom 1. April 2020 (IV-act. 132) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem Rechtsvertreter der Versicherten die
Abweisung deren Gesuchs bei einem nach der gemischten Methode mit einer
Aufteilung in 70 % Erwerbstätigkeit (Valideneinkommen Fr. 54'576.--,
Invalideneinkommen Fr. 38'203.--; Einschränkung 30 %) und 30 % Haushalttätigkeit
(Einschränkung 25 %) bemessenen Invaliditätsgrad von 28.5 % in Aussicht.
B.n.
Der Rechtsvertreter der Versicherten erklärte mit Einwand vom 28. Juli 2020 (IV-
act. 144), diese sei nicht einverstanden. Sie befinde sich bereits im 62. Lebensjahr und
weise daher eine massiv eingeschränkte Leistungsfähigkeit auf. Sie leide an einem
multiplen Beschwerdebild. Daher erstaune, dass keine EFL (Evaluation der
B.o.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt mag. iur. Antonius Falkner für
die Betroffene am 22. September 2020 erhobene Beschwerde (act. G 1). Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beantragt, die Beschwerdegegnerin sei zu
verpflichten, der Beschwerdeführerin eine ihrem Invaliditätsgrad entsprechende
Invalidenrente auszurichten, eventualiter sei die Sache zur neuerlichen Entscheidung an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, unter Kostenfolge. Die Beschwerdegegnerin
habe einerseits den Sachverhalt nur sehr mangelhaft abgeklärt, anderseits sei die
Verfügung mit rechtlichen Fehlern behaftet, bei deren Korrektur selbst ausgehend vom
mangelhaft abgeklärten Sachverhalt zumindest ein Teilrentenanspruch resultiere. Eine
funktionellen Leistungsfähigkeit) stattgefunden habe, wie sie unabdingbar gewesen
wäre. Es sei der Versicherten von den Gutachtern ständig ihre Adipositas vorgeworfen
worden, obwohl diese durch die Einnahme verschiedenster Medikamente verursacht
sei. Die Gutachter hätten konkret darzulegen, welche Ursprünge das massive
Übergewicht habe. Sollte sich bestätigten, dass es aus dem sonstigen
Krankheitsgeschehen resultiere, sei das Übergewicht als zusätzliche
leistungseinschränkende Diagnose zu berücksichtigen. Zu bemängeln sei ferner, dass
keine Haushaltabklärung stattgefunden habe. Auch in einer Verweistätigkeit sei die
Versicherte des Weiteren nur unter Beachtung verschiedenster medizinischer
Einschränkungen theoretisch arbeitsfähig. Ausserdem seien die ausländische Herkunft
und das sehr hohe Alter zu berücksichtigen. Insgesamt sei ein Leidensabzug von
mindestens 20 % zu machen. Es werde jedenfalls ein Invaliditätsgrad von mehr als
50 % erreicht, weshalb Anspruch auf eine halbe Rente bestehe. Die Versicherte sei
weitaus mehr arbeitsunfähig, als dies im Gutachten unterstellt werde.
Der RAD hielt am 30. Juli 2020 (IV-act. 145) u.a. dafür, auffallend sei bei der
Begutachtung gewesen, dass die angegebenen massiven Einschränkungen nicht mit
den objektivierbaren Befunden und Funktionseinschränkungen im Einklang gestanden
hätten. Zudem liege bezüglich der Medikamenteneinnahme eine mangelnde
Compliance vor.
B.p.
Mit Verfügung vom 19. August 2020 (IV-act. 146) wies die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen das Gesuch der
Versicherten vom 1. September 2017 ab.
B.q.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lediglich theoretische Einschätzung des Leistungsvermögens sei bei der nunmehr
bereits im 62. Lebensjahr stehenden Beschwerdeführerin mit multiplem
Beschwerdebild nicht tunlich. Es habe eine EFL zur Erhebung des tatsächlichen
Leistungsvermögens stattzufinden. Im Gutachten werde mehrfach betont, eine
Wiedereingliederung könne nur auf Basis eines strukturierten
Wiedereingliederungsprogramms unter Begleitung der Beschwerdeführerin erreicht
werden. Daraus sei im Umkehrschluss zu folgern, dass sie die medizinisch theoretische
Leistungsfähigkeit derzeit nicht erreichen könne. Die letzte Haushaltabklärung habe im
November 2018 stattgefunden und gebe wegen der ständigen Verschlechterung
infolge Alters und multiplen Beschwerdebilds nicht mehr die aktuellen Gegebenheiten
wieder. Weiter sei insbesondere auch das eingeholte Gutachten mangelhaft. Stossend
sei der wiederholte Hinweis, die Beschwerdeführerin werde die Leistungsfähigkeit
aufgrund von IV-fremden Faktoren nicht ausschöpfen können, ohne darzulegen, worin
diese Faktoren lägen. Ob solche Einflüsse auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit als
IV-fremd zu beurteilen seien, sei eine Rechtsfrage. Es sei offensichtlich, dass die
Leistungsfähigkeit über die im Gutachten attestierte Einschränkung von 30 % in einer
adaptierten Tätigkeit hinaus aufgrund von solchen IV-fremden Faktoren eingeschränkt
sei, weshalb diese im Rahmen der Begutachtung nicht näher dargestellt worden seien.
Es sei zu verlangen, dass die Sachverständigen konkret darlegten, welche
Einschränkungen der Leistungsfähigkeit insgesamt vorlägen. Die Beschwerdegegnerin
habe dann zu beurteilen, welche der leistungsmindernden Faktoren zu berücksichtigen
seien und welche nicht. Der Gutachterstelle dagegen sei nicht erlaubt, von sich aus IV-
fremde Faktoren anzunehmen und sie bereits zu berücksichtigen. Die Gutachterstelle
habe somit konkret darzulegen, welche IV-fremden Faktoren in je welchem Ausmass
Einfluss auf die Leistungsfähigkeit hätten. Unabhängig davon sei die Verfügung auch
unrichtig, weil im erwerblichen Bereich kein Leidensabzug gewährt worden sei. Die
nach dem Ergebnis des Gutachtens erforderlichen Einschränkungen rechtfertigten
einen Abzug von mindestens 15 % wie rechtsprechungsgemäss in Fällen, da eine
vormals ausgeübte schwere Tätigkeit nicht mehr möglich sei. Zu berücksichtigen seien
medizinische Beeinträchtigungen mit Auswirkungen auf den Invalidenlohn, ausserdem
Faktoren wie fortgeschrittenes Alter, Migrationshintergrund, welcher der
Beschwerdeführerin auch zurzeit der aktiven Berufslaufbahn nur ein eingeschränktes
und unterdurchschnittliches Einkommen ermöglicht habe, und Sonstiges. Der Abzug
sei auf 20 % festzulegen. Die Beschwerdegegnerin sei zudem ohne nähere
Begründung von der Anwendbarkeit der gemischten Methode ausgegangen, obwohl
die Beschwerdeführerin stets betont habe, bei voller Gesundheit voll erwerbstätig zu
sein. Dass sie bis zur Einstellung ihrer beruflichen Tätigkeit stets nur eine
Teilzeitbeschäftigung ausgeübt habe, sei dem Umstand geschuldet, dass sie bereits
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seit vielen Jahren an multiplen Beschwerden leide. Es sei auch nicht zu erkennen,
weshalb sie im Gesundheitsfall in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren keine
Vollzeittätigkeit hätte ausüben sollen, bestehe doch keine Betreuungsaufgabe für
Kinder oder etwas Sonstiges. Es ergebe sich zumindest Anspruch auf eine Teilrente
(bzw. Rente bei einem Teilinvaliditätsgrad).
D.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 4. Dezember 2020 (act. G 4) beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Das Gutachten sei
beweiskräftig. Der Hinweis, dass eine Wiedereingliederung - falls effektiv stattfindend -
mit einem sukzessiven Belastungsaufbau erfolgen solle, bedeute keine volle
Arbeitsunfähigkeit. Die vorübergehende tiefere Einschätzung der Arbeitsfähigkeit im
Sinn einer Schonung zu Beginn der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit sei nicht relevant,
da die Arbeitsfähigkeit ausschliesslich medizinisch-theoretisch festzulegen sei. Es sei
ohnehin festgehalten worden, berufliche Massnahmen seien illusorisch, weil die
Beschwerdeführerin die Restarbeitsfähigkeit aus IV-fremden Gründen nicht verwerte.
Es würden im Gutachten diverse IV-fremde Faktoren aufgeführt und es sei
nachvollziehbar, dass das ZMB sie bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung ausgeklammert
habe, denn das Beschwerdebild mitprägende psychosoziale und soziokulturelle
Belastungsfaktoren seien als nicht invalidisierende und nicht versicherte Faktoren
auszuscheiden, soweit sie unmittelbar (direkt) die Symptomatik beeinflussten. Das
ZMB habe ausgeführt, dass die Dysthymie - normalerweise eine Diagnose ohne
wesentliche Verminderung der Arbeitsfähigkeit - bei der Beschwerdeführerin durch die
lange Dauer des Krankheitsgeschehens und die somatisch begründbare
Schmerzhaftigkeit so ausgeprägt sei, dass sie Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
habe. Die Beschwerdeführerin sei bei Dr. B._ nur alle drei und bei Dr. F._ nur alle
zwei Monate in Behandlung, was nicht auf einen erheblichen Leidensdruck hinweise.
Der Gutachter der Psychiatrie habe festgehalten, die Beschwerdeführerin habe
keinerlei Anstrengungen unternommen, ihr Leiden auch anderweitig zu vermindern,
etwa durch konditionierende Massnahmen. Es deute zudem auf einige Ressourcen hin,
dass die Beschwerdeführerin im August 2019 mit dem _ und im Sommer 2018 mit
dem _ in ihr Heimatland gereist sei. Bei einer zuverlässigen ärztlichen Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit, wie sie vorliege, bestehe in der Regel keine Notwendigkeit, die
Rechtsfrage der Erwerbsunfähigkeit durch eine EFL zu überprüfen. Eine solche sei
ausnahmsweise erforderlich, wenn mehrere involvierte Ärzte sie befürworteten. Eine
nochmalige Vorlage an eine Abklärungsperson (für den Haushalt) sei nicht erforderlich,
weil der ärztlichen Stellungnahme mehr Gewicht beizumessen sei und keine
Anhaltspunkte für eine Veränderung des Gesundheitszustands bestünden. Auch vor
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Krankheit habe die Beschwerdeführerin nie zu 100 % gearbeitet, weil sie für die
ganze Familie gekocht und die _ Enkelkinder mitaufgezogen habe. Bei der
Begutachtung habe sie erklärt, zuletzt bis vor sieben bis acht Jahren als Hauswartin
gearbeitet zu haben und sich danach um die Enkelkinder gekümmert zu haben. Sie
habe auch keine Anstellung mehr gesucht, weil sie zu alt gewesen sei. Auch die
Tatsache, dass sie ihren Ehemann pflege und unterstütze, spreche gegen einen
Vollerwerb. Die Qualifikation mit einem Anteil von 70 % Erwerbstätigkeit erweise sich
bereits als grosszügig. Als Aussage der ersten Stunde habe die Beschwerdeführerin
bei der ersten Anmeldung angegeben, teilweise Hausfrau zu sein. Bei einem
leidensbedingten Abzug könnten nur Umstände berücksichtigt werden, die auf einem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt als ausserordentlich zu bezeichnen seien. Die
Beschwerdeführerin sei in einer leidensadaptierten Tätigkeit zu 70 % arbeitsfähig. Ein
leidensbedingter Abzug sei nicht vorzunehmen. Auch das Alter wirke sich bei
Hilfsarbeiten nicht zwingend lohnsenkend aus. Die ausländische Herkunft bzw.
Nationalität rechtfertige ebenfalls keinen Abzug, denn Frauen mit
Niederlassungsbewilligung C ohne Kaderfunktion verdienten zwar weniger als
Schweizerinnen, aber mehr als das für die Invaliditätsbemessung herangezogene
Durchschnittseinkommen. Bis zum Erreichen des ordentlichen Pensionsalters habe die
Beschwerdeführerin bei der Begutachtung noch drei Jahre vor sich gehabt, weshalb
noch nicht von Unverwertbarkeit der verbliebenen Arbeitsfähigkeit auszugehen sei.
Auch die Arbeitsfähigkeit von 70 % spreche nicht gegen eine Verwertbarkeit. Es sei
davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt noch eine Anstellung finde.
E.
Von der ihm mit Schreiben vom 8. Dezember 2020 (act. G 5) eingeräumten Möglichkeit,
zur Beschwerdeantwort Stellung zu nehmen, hat der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin keinen Gebrauch gemacht.

Considerations:
Erwägungen
1.
Im Streit liegt die Verfügung vom 19. August 2020, mit welcher die
Beschwerdegegnerin das Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin um eine Rente
vom 1. September 2017 (recte: vom 30. August 2017, vgl. IV-act. 20-9) abgewiesen
hat. Es handelte sich um eine Neuanmeldung, nachdem ein erster Antrag vom Oktober
2016 am 30. März 2017 formell rechtskräftig abgewiesen worden war. Die
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin lässt mit der Beschwerde im Hauptstandpunkt (einzig)
Rentenleistungen beantragen. Berufliche Massnahmen hatte die Beschwerdegegnerin
am 31. Oktober 2017 abgelehnt, weil die Beschwerdeführerin als Hausfrau tätig sei.
2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG, SR
831.20) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch
auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch
auf eine Viertelsrente.
2.1.
Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine
Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1, vgl. schon BGE 102 V 165). - Sämtliche
psychischen Erkrankungen sind nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl.
BGE 143 V 418 E. 7.1 f.) grundsätzlich (bei Ausnahmen nach dem jeweiligen
Beweisbedarf) einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu
unterziehen. Die funktionellen Folgen der Gesundheitsschädigung sind danach
qualitativ zu erfassen und quantitativ einzuschätzen. Für die Beurteilung des
funktionellen Leistungsvermögens sind in der Regel diverse Standardindikatoren
beachtlich, die in zwei Kategorien systematisiert werden, nämlich einerseits in der
Kategorie des funktionellen Schweregrads und anderseits in jener der Konsistenz.
2.2.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG ist für die Bemessung der Invalidität von
erwerbstätigen versicherten Personen Art. 16 ATSG anwendbar. Danach wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen; sog. allgemeine Methode der Invaliditätsbemessung). - Gemäss
Art. 28a Abs. 2 IVG wird bei nicht erwerbstätigen versicherten Personen, die im
Aufgabenbereich tätig sind und denen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht
zugemutet werden kann, für die Bemessung der Invalidität in Abweichung von Art. 16
ATSG darauf abgestellt, in welchem Mass sie unfähig sind, sich im Aufgabenbereich zu
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
betätigen (spezifische Methode; vgl. auch Art. 5 Abs. 1 IVG und Art. 8 Abs. 3 ATSG). -
Bei versicherten Personen, die nur zum Teil erwerbstätig sind (oder unentgeltlich im
Betrieb des Ehegatten mitarbeiten), wird die Invalidität gemäss Art. 28a Abs. 3 IVG für
diesen Teil nach Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich
tätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach Abs. 2 festgelegt. In diesem Fall
sind der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich
festzulegen und ist der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu bemessen (gemischte
Methode).
Die für die Methodenwahl entscheidende Statusfrage, nämlich ob eine versicherte
Person als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als nichterwerbstätig
einzustufen ist, beurteilt sich danach, was diese bei im Übrigen unveränderten
Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde.
Entscheidend ist somit nicht, welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicherten
Person im Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum sie
hypothetisch erwerbstätig wäre. Bei im Haushalt tätigen Versicherten im Besonderen
sind die persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen Verhältnisse ebenso wie
allfällige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die
beruflichen Fähigkeiten und die Ausbildung sowie die persönlichen Neigungen und
Begabungen zu berücksichtigen. Die Beantwortung der Statusfrage erfordert
zwangsläufig eine hypothetische Beurteilung, die auch hypothetische
Willensentscheidungen der versicherten Person zu berücksichtigen hat. Die Statusfrage
ist einer direkten Beweisführung wesensgemäss nicht zugänglich und muss in aller
Regel aus äusseren Indizien erschlossen werden (vgl. Bundesgerichtsurteil vom
21. Januar 2021, 9C_581/2020 E. 4.2).
2.4.
Vorliegend ist die Beschwerdegegnerin, was die Statusfrage betrifft, in der
angefochtenen Verfügung aufgrund der Annahmen nach der Abklärung an Ort und
Stelle von einer Teilerwerbstätigkeit der Beschwerdeführerin im Umfang von 70 %
ausgegangen. - Die Beschwerdeführerin ihrerseits machte erstmals im vorliegend zu
beurteilenden IV-Verfahren am 2. Oktober 2018 (Fragebogen) geltend, ohne
gesundheitliche Beeinträchtigung zu 100 % als Hauswartin und im _ (sc. erwerbs-)
tätig zu sein. Zuvor hat sie im ersten IV-Verfahren im November 2016 einmal erklärt, sie
wäre ohne Gesundheitsschaden gern erwerbstätig, es war aber auch (im ersten
Beschwerdeverfahren gegen die Verfügung vom 29. Mai 2018 mit der Feststellung, die
Beschwerdeführerin sei mehrheitlich als Hausfrau zu qualifizieren, IV-act. 52-1) noch
eine Haushaltabklärung beantragt worden, da die Beschwerdeführerin davon ausgehe,
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch im Bereich Haushalt so massiv eingeschränkt zu sein, dass sie Anspruch auf eine
ganze Rente habe (vgl. IV-act. 58).
Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass eine wesentliche gesundheitliche
Beeinträchtigung der Beschwerdeführerin nach der Aktenlage - trotz naturgemäss
progredienter Arthrose (vgl. IV-act. 128-44) - mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
jedenfalls nicht vor 2013 anzunehmen ist (im Gutachten wurde eine
Teilarbeitsunfähigkeit ab diesem Zeitpunkt attestiert, vgl. IV-act. 128-10, medizinische
Berichte aus der Zeit um 2013 sind allerdings - soweit ersichtlich - nicht aktenkundig
geworden). Bei der IV-Anmeldung vom Oktober 2016 hat die Beschwerdeführerin
angegeben, die (volle) Arbeitsunfähigkeit sei am 1. Mai 2016 eingetreten (vgl. IV-
act. 1-4), die gesundheitliche Beeinträchtigung 2014 (IV-act. 1-6). Den letzteren
Zeitpunkt des Auftretens 2014 bestätigte sie auch anlässlich der Abklärung an Ort und
Stelle (IV-act. 96-1). Dr. B._, bei welcher die Beschwerdeführerin seit 1. Juli 2016 in
Behandlung stand, erklärte am 1. Dezember 2016, sie (die Ärztin) habe keine Zeugnisse
betreffend die Arbeitsfähigkeit ausstellen müssen, da die Beschwerdeführerin nicht
ausser Haus arbeite (IV-act. 7-3). Später attestierte sie ihr eine Arbeitsunfähigkeit von
100 % ab 1. Mai 2017 (IV-act. 80-9). Im Fragebogen vom 2. Oktober 2018 gab die
Beschwerdeführerin an, die Einschränkungen bestünden seit Oktober 2016. Ein
Anspruch der Beschwerdeführerin auf IV-Leistungen ist im Übrigen noch mit Verfügung
vom März 2017 bei Annahme voller Arbeitsfähigkeit abgelehnt worden.
3.2.
Zum Zeitpunkt der IV-Neuanmeldung 2017 war die Beschwerdeführerin _ 59-
jährig und hatte gemäss IK-Auszug (IV-act. 22) bereits seit Juni 2012 kein
Erwerbseinkommen mehr erzielt. Auch davor hatte sie ab 2003 dem Einkommen (mit
einer Ausnahme höchstens lediglich noch knapp Fr. 2'700.-- pro Jahr; wohl als
Hauswartin) nach zu schliessen keine für die Statusfrage zu massgeblicher Zeit
ausschlaggebende Erwerbstätigkeit ausgeübt, und zwar, obwohl ihre Kinder bis dahin
alle schon seit mehr als zehn Jahren erwachsen waren. Bei der Begutachtung gab sie
zudem an, früher an ca. zehn Stunden pro Woche (somit in einem Pensum von knapp
25 %) als Raumpflegerin gearbeitet zu haben (vgl. IV-act. 128-28). Gemäss dem IK-
Auszug hatte ehemals ein Arbeitsverhältnis der Beschwerdeführerin von August 1999
bis März 2003 mit einem Einkommensmaximum im Jahr von Fr. 6'960.-- bestanden;
weitere Einträge datieren noch aus der Zeit von April 2006 bis Oktober 2006 und von
Januar 2010 bis März 2010. Wie im Gutachten erwähnt wurde, stand die
Lebensführung der Beschwerdeführerin zeitlebens im Rahmen des traditionellen
Familienbildes (vgl. IV-act. 128-9). Sie hat dabei gemäss dem Abklärungsbericht für die
erweiterte Familie mit mehreren (Enkel-) Kindern gesorgt (vgl. IV-act. 96-13). Im
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Gutachten wurde zwar ein Wegfallen von (entsprechenden) Betreuungsfunktionen
erwähnt (vgl. IV-act. 128-61), die Beschwerdeführerin berichtete aber auch bei der
Begutachtung noch von Enkelbetreuung (vgl. IV-act. 128-50). Sie gab auch an, sie sei,
als die Enkel grösser geworden seien, zu alt gewesen, um eine Anstellung zu suchen
(vgl. IV-act. 128-53). Als Gründe für einen im IV-Verfahren geltend gemachten Wechsel
zum Status als Vollerwerbstätige brachte die Beschwerdeführerin bei der Abklärung
Freude an der Arbeit und die finanzielle Lage vor. Die wirtschaftliche Lage ist für einen
Wechsel vorliegend nicht als bestimmend zu betrachten (die Ausgabenposition
"Hypothek und Amortisation" im Abklärungsbericht, IV-act. 96-5 [vgl. IV-act. 94-2]
könnte darauf hinweisen, dass Grundeigentum besteht, vgl. auch IV-act. 128-27).
Angesichts der trotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung verbliebenen
weitreichenden Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin (vgl. unten E. 4.2.4) erscheint
insgesamt nicht überwiegend wahrscheinlich, dass das Ausbleiben von Bewerbungen
allein gesundheitliche Gründe hatte. Wie rechtsprechungsgemäss im Zusammenhang
mit dem Valideneinkommen anzunehmen (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 6. Oktober
2020, 9C_316/2020 E. 3.1), entspricht es ferner einer Erfahrung, dass die bisherige
Tätigkeit - somit auch die Haushalttätigkeit - ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt
worden wäre. Vorliegend gibt es bei den erwähnten Gegebenheiten keine
überwiegende Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Beschwerdeführerin ohne
gesundheitliche Beeinträchtigung in eine Erwerbstätigkeit gewechselt hätte. Vielmehr
ist davon auszugehen, dass sie auch diesfalls weiterhin als Hausfrau tätig geblieben
wäre. Ihre Invalidität ist daher nach dem reinen Betätigungsvergleich zu bemessen.
Für die Invaliditätsbemessung sind die medizinischen Vorbedingungen von
Bedeutung. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beschreiben und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4, vgl.
BGE 141 V 281 E. 5.2.1).
4.1.
Zum Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin und ihrer medizinisch
zumutbaren Arbeitsleistung wurde ein polydisziplinäres (ZMB-) Gutachten erstattet.
4.2.
Bei der internistischen Exploration erklärte die Beschwerdeführerin, ihr
Hauptproblem (nebst Rückenschmerzen, vor allem lumbal, vorübergehenden
Hustenattacken und Herzbeschwerden) sei der psychische Zustand. Sie fühle sich
4.2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressiv und dauernd müde. Ihr Ehemann sage immer, sie müsse wegen des Geldes
arbeiten gehen, das verursache bei ihr einen extremen Druck (vgl. IV-act. 128-27). Der
Gutachter der Allgemeinen Inneren Medizin erklärte, internmedizinisch begründete
Funktionsstörungen bestünden nicht (vgl. IV-act. 128-31). Als Raumpflegerin bestehe
diesbezüglich keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (vgl. IV-act. 128-32).
Anlässlich der rheumatologischen Begutachtung beklagte die
Beschwerdeführerin Schmerzen in den Ellenbogen, Knien, Knöcheln, im Nacken und
am Rücken, im ganzen Körper, vor allem in den Knochen, am schlimmsten in den
Knien. Einmal seien die Schmerzen eher rechts, dann wieder mehr links vorhanden, bei
Wetterwechsel am ganzen Körper. Die Schmerzen hätten vor acht Jahren (demnach
2012) begonnen und seien seither relativ stabil gewesen mit schubweiser
Verschlechterung vor allem von Herbst bis Frühling (vgl. IV-act. 128-34). Im Haushalt
sei sie in schlechten Phasen eingeschränkt, dann lege oder setze sie sich hin. Wenn es
ihr gut gehe, könne sie ihre kleine Wohnung in einer Stunde putzen (vgl. IV-
act. 128-35). Manchmal - z.B. beim Tragen der Enkel - habe sie Brustkorbschmerzen
mit Druckempfindlichkeit des Gewebes, das sei vor allem nach der Lungenoperation
(demnach 2017) aufgetreten. - Die Gutachterin der Rheumatologie hielt nach der
eingehenden klinischen Befundaufnahme (mit Kenntnisnahme der Ergebnisse diverser
bildgebender Untersuchungen aus der Zeit vom 22. August 2016 bis 22. Juli 2018 und
aktueller Röntgenaufnahme der Knie beidseits) fest, es liege eine primäre Polyarthrose
mit Befall von Knien (mit Genua vara, progredienter, aktuell mässiggradiger medialer
Gonarthrose und leichtgradiger Femoropatellararthrose beidseits), HWS und LWS (mit
chronischem Cerviko- und Lumbovertebralsyndrom sowie statischen Veränderungen
mit Hohl-Rundrücken), Schultern (mit AC-Gelenken, Impingementsyndrom,
Supraspinatustendinosen beidseits und Subscapularistendinose links) und Händen
(diskret) vor. Ausserdem bestünden ein Verdacht auf ein Carpaltunnelsyndrom
beidseits (trotz negativer Phalen- und Tinel-Tests), zudem ein Entrapment des Nervus
cutaneus femoralis lateralis rechts, eine Hyperlaxitätstendenz und eine
Dekonditionierung (vgl. IV-act. 128-41). Die vorhandenen Einschränkungen am
Bewegungsapparat seien als leicht bis höchstens mässiggradig - letzteres vor allem an
den Knien - zu beurteilen (vgl. IV-act. 128-44). In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als
Hausfrau bestünden keine relevanten Einschränkungen; diese seien von der
Invalidenversicherung mit 25 % eingeschätzt worden. Die Beschwerdeführerin
bekomme vor allem von der I._ Unterstützung (vgl. IV-act. 128-45). Sie habe
angegeben, im Haushalt an besseren Tagen nicht relevant eingeschränkt zu sein (vgl.
IV-act. 128-44). In einer nach ihren Angaben ab und zu ausgeübten Tätigkeit als
4.2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Raumpflegerin oder Hauswartin sei die Einschränkung abgängig vom Arbeitsplatzprofil
und den notwendigen Arbeitsstunden (vgl. IV-act. 128-45). In einer an diverse genannte
Anforderungen (vgl. unten E. 4.6) adaptierten Tätigkeit betrage die Leistungsminderung
höchstens 20 % (vgl. IV-act. 128-45).
Bei der psychiatrischen Untersuchung gab die Beschwerdeführerin an, sie habe
keine Kraft zum Arbeiten und frage sich, wer jemanden wie sie noch einstellen würde.
Sie sei psychisch schwach, habe viele Operationen gehabt, nehme Tabletten und habe
Rheuma. Sie leide unter Angst und Depressionen (vgl. IV-act. 128-48). Sie werde dann
nervös, wenn sie etwas tun wolle, es aber nicht gehe (vgl. IV-act. 128-50). Wenn es ihr
nicht gut gehe, ertrage sie auch ihre Enkel nicht (vgl. IV-act. 128-49). Wenn diese
kämen, spiele sie mit ihnen, dann kämen die Sorgen und sie schicke sie wieder nach
Hause (vgl. IV-act. 128-50). Sie habe auch schon gelegentlich _ gehabt; das sei seit
sieben bis acht Jahren so (vgl. IV-act. 128-49). Die finanziellen Sorgen seien das
Wichtigste (vgl. IV-act. 128-49, -50). Seit drei Monaten nehme sie Cipralex (täglich
20 mg). - Der Gutachter der Psychiatrie erklärte, wesentliches psychopathologisches
Merkmal sei eine deutlich verminderte affektive Grundstimmung mit verminderter
Schwingungsfähigkeit. Etwas im Gegensatz zu geklagter Freudlosigkeit, Insuffizienz,
Schuldgefühlen usw. stehe der klare, nicht verlangsamte sprachliche Duktus (vgl. IV-
act. 128-54). Es hätten sich während der Untersuchung keine Schmerzäusserungen
gezeigt (vgl. IV-act. 128-55). Die Stimmungslage entspreche eher einer effektiven,
durchaus ausgeprägten Dysthymie denn einer eigentlichen schweren Depressivität (vgl.
IV-act. 128-54). Es bestehe eine chronisch depressive Verstimmung (vgl. IV-
act. 128-59). Im Verlauf (der Dysthymie) seien möglicherweise auch die Kriterien für
eine leichte oder gar mittelgradige Depressivität erfüllt gewesen, was jedoch
retrospektiv nicht sicher gesagt werden könne. Die Beschwerdeführerin habe bei der
Begutachtung angegeben, gelegentlich [...] zu erleiden. Ihre Schilderungen der
Überforderung, Insuffizienz, Antriebslosigkeit usw. seien durchaus eindrücklich
gewesen und könnten einer solchen depressiven Episode entsprechen (vgl. IV-
act. 128-59). Diese Diagnose sei jedoch aus verschiedenen Gründen (die
Beschwerdeführerin habe zwar deprimiert, aber nicht eigentlich ausgeprägt depressiv
gewirkt; keine relevanten kognitiven Störungen usw.) nicht gestellt worden. Es bestehe
aber kein Zweifel am Vorliegen einer ausgeprägten Dysthymie, im Schweregrad über
demjenigen einer leichten depressiven Episode liegend, da es sich um eine anhaltende
Einschränkung mit auch sozialen Folgen - einer Verminderung der Teilhabe am
täglichen Leben - handle (vgl. IV-act. 128-59 f.). Bei der Einordnung des Leidens
müssten auch kulturelle Faktoren berücksichtigt werden. Die Beschwerdeführerin habe
4.2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zeitlebens ein in ihrem Rollenverständnis normales Leben geführt; es sei nicht ohne
weiteres nachvollziehbar, weshalb sie für sich keine neue Anstellung gesucht habe,
nachdem die Enkel keine Betreuung mehr benötigt hätten (vgl. IV-act. 128-60).
Zweifellos habe das Erleben körperlicher Krankheiten, insbesondere der rheumatoiden
Arthritis mit durchaus relevanter Behandlung und der durchgemachten Lobektomie,
auch eine Rolle gespielt. Insgesamt liege ein leichtes bis mässig ausgeprägtes
psychisches Leiden vor, das eine Auswirkung insbesondere auf die Durchhaltefähigkeit
der Beschwerdeführerin haben werde (vgl. IV-act. 128-60). Soweit ersichtlich habe sie
keinerlei Anstrengungen unternommen, ihr Leiden auch anderweitig (wohl nebst der
Einnahme von Cipralex) zu vermindern (etwa durch konditionierende Massnahmen).
Der diesbezügliche Leidensdruck erscheine also nicht schwer; psychosoziale/kulturelle
(IV-fremde) Momente spielten offensichtlich ebenso wie die Chronifizierung eine Rolle
(vgl. IV-act. 128-60 f.). Der behandelnde Psychiater habe die Tätigkeit als Hausfrau
ebenfalls als - mit reduzierter Leistung - zumutbar betrachtet. Bei Annahme auch
verschiedener Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit und der
Einschätzung, eine Eingliederung sei unrealistisch, habe er auf eine volle
Arbeitsunfähigkeit geschlossen, ohne allerdings zwischen IV-fremden und IV-
relevanten Faktoren zu unterscheiden (vgl. IV-act. 128-61). Der Gutachter schloss, es
habe sich ein eigenständiges psychisches Leiden im Sinn einer Dysthymie entwickelt,
das die Beschwerdeführerin nicht einfach so von sich aus überwinden könne (vgl. IV-
act. 128-61). In der Tätigkeit als Hausfrau eines kleinen Haushalts könne aus
psychiatrischer Sicht höchstens eine Einschränkung von 10 bis 20 % attestiert werden,
in einer Erwerbstätigkeit eine höhere Einschränkung von ca. 30 % (vgl. IV-act. 128-62).
Interdisziplinär wurde festgehalten, in der Tätigkeit als Hausfrau mit Führen eines
kleinen 1.5-Zimmer-Haushalts sei die Beschwerdeführerin - wesentlich psychiatrisch
begründet - zu maximal 20 % eingeschränkt. Eine Arbeitsfähigkeit in der Tätigkeit als
Hauswartin sei abhängig vom Arbeitsplatzprofil. Körperlich schwere oder auch
andauernd mittelschwere Tätigkeiten seien sicherlich nicht mehr zumutbar und in einer
solchen Tätigkeit sei auch aus psychiatrischer Sicht ein vermindertes Rendement
gegeben. In einer adaptierten Tätigkeit sei das Rendement um maximal 30 %
eingeschränkt.
4.2.4.
Das Gutachten ist in Kenntnis der Vorakten und nach den jeweiligen
Befunderhebungen ergangen.
4.3.
Unter dem Gesichtspunkt der Objektivierung innerhalb des medizinischen
Gutachtens ist darauf hinzuweisen, dass die Arbeitsunfähigkeit gutachterlich
(rheumatologisch und psychiatrisch) durch eine Dysthymie, eine verminderte
4.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 22/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Durchhaltefähigkeit und ein Schmerzerleben der Beschwerdeführerin begründet wurde
(vgl. IV-act. 128-10). - Die funktionellen Auswirkungen der Befunde und die
Persönlichkeitsaspekte (keine Aspekte mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit; im
Vordergrund psychosoziale Belastungsfaktoren und chronifizierte Dysthymie-
Entwicklung) sind beschrieben (vgl. IV-act. 128-8) und demnach bei der
Schlussfolgerung berücksichtigt worden. - Des Weiteren wurde ausgeführt, die
Beschwerdeführerin habe seit Jahren keine wesentlichen Anstrengungen zur
Überwindung der ausgeprägten Dekonditionierung unternommen, so dass die
beklagten Beschwerden mittlerweile auch somatisch mindestens teilweise zu
begründen seien (vgl. IV-act. 128-9). - Bei der Konsistenzprüfung wurde interdisziplinär
angegeben, die beklagten Beschwerden seien in sich konsistent gewesen und auch
befundlich begründbar. Die massiven (beklagten) Einschränkungen dagegen seien
nicht begründbar (vgl. IV-act. 128-9). - Im rheumatologischen Teilgutachten wurden die
Einschränkungen als solche als "grösstenteils nachvollziehbar" und die geklagten
Symptome als "relativ konsistent" bezeichnet. Hinweise für eine
Schmerzverdeutlichung fehlten (vgl. IV-act. 128-44). Die Gutachterin der
Rheumatologie erklärte zudem, die Beschwerdeführerin habe angegeben, regelmässig
die Basismedikamente einzunehmen, doch sei der Methotrexatspiegel bei der
Begutachtung negativ gewesen (vgl. IV-act. 128-44, vgl. IV-act. 128-65; vgl. zum
selbständigen Sistieren auch IV-act. 128-33 und IV-act. 36-3; es waren allerdings auch
keine entzündlich-rheumatischen Veränderungen vorhanden). Wenn sie weiter darlegt,
auffällig sei die Einnahme von viermal 1 g Dafalgan (Wirkstoff Paracetamol) sowie von
10 bis 20 mg Cipralex (vgl. IV-act. 128-44; Wirkstoff Escitalopram; IV-act. 128-29: 3 g
pro Tag), so ist darauf hinzuweisen, dass dem Laborblatt (IV-act. 128-65) nach zu
schliessen zwar der Spiegel von Escitalopram im Referenzbereich, jener von
Paracetamol mit <5 aber ebenfalls unter der als Referenzbereich angegebenen
Spannweite von 10 bis 20 mg/l gelegen hat. - Psychiatrisch gesehen wurde insgesamt
auf ein leichtes bis mässig ausgeprägtes psychisches Leiden geschlossen (vgl. IV-
act. 128-60). Der Gutachter der Psychiatrie hielt fest, der Leidensdruck der
Beschwerdeführerin scheine angesichts ausbleibender Anstrengungen, ihr Leiden zu
vermindern, nicht schwer (vgl. IV-act. 128-60 f.). Interdisziplinär wurde darauf
hingewiesen, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen soziokultureller Gegebenheiten
belastet sei (bezüglich des Lebens im Rahmen des traditionellen Familienbildes sei sie
unselbständig und auf Unterstützung angewiesen; IV-act. 128-9). Was die
psychosozialen Faktoren betrifft, sind die funktionellen Folgen von
Gesundheitsschädigungen nach der Rechtsprechung bei der Prüfung der
Standardindikatoren auch mit Blick auf solche Faktoren abzuschätzen, welche den
Wirkungsgrad der Folgen einer Gesundheitsschädigung beeinflussen. Soweit diese
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Belastungsfaktoren direkt negative funktionelle Folgen zeitigen, bleiben sie ausser
Acht. Hingegen können sie mittelbar zur Invalidität beitragen, wenn und soweit sie zu
einer ausgewiesenen Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit als solcher - mit
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit - geführt haben, wenn sie also einen
verselbständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner
- unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden - Folgen
verschlimmern (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 20. Januar 2020, 8C_559/2019 E. 3.2;
vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2; BGE 141 V 281 E. 4.3.3). Der Gutachter der Psychiatrie
legte zu solchen Faktoren - die Beschwerdeführerin erwähnte finanzielle Sorgen als
Hauptproblem (vgl. IV-act. 128-50) - einerseits dar, das Leiden der Beschwerdeführerin
sei nicht einfach reaktiv auf die finanziellen Probleme der Familie, sondern habe auch
mit dem Rollenverständnis der Beschwerdeführerin und dem Wegfallen von
Betreuungsfunktionen zu tun (vgl. IV-act. 128-61). Es habe sich ein eigenständiges
psychisches Leiden im Sinn der Dysthymie entwickelt, das die Beschwerdeführerin von
sich aus nicht einfach so überwinden könne (vgl. IV-act. 128-61). Im Zusammenhang
mit den Persönlichkeitsaspekten wurde interdisziplinär im Gutachten anderseits die
Bedeutung der psychosozialen Belastungsfaktoren (nebst der chronifizierten
Dysthymie-Entwicklung) hervorgehoben (vgl. IV-act. 128-8). - Die Gutachter haben ihre
Schlussfolgerung somit jedenfalls in Berücksichtigung der Standardindikatoren
abgegeben. Ein Mangel ist diesbezüglich nicht ersichtlich.
Namentlich ist, was die Befundebene betrifft, nochmals darauf hinzuweisen, dass
psychiatrisch gesehen (nebst der Möglichkeit, dass im Verlauf die Kriterien einer
leichten oder gar mittelgradigen Depression erfüllt gewesen seien) der Umstand
erwähnt wurde, dass die Beschwerdeführerin nicht eigentlich ausgeprägt depressiv
gewirkt und keine relevanten kognitiven Störungen aufgewiesen habe (klarer, nicht
verlangsamter sprachlicher Duktus).
4.5.
Was die Begründung der Einschränkungen in der Arbeitsfähigkeit in den einzelnen
Bereichen betrifft, wurde in der interdisziplinären gutachterlichen Beurteilung - zum
somatischen Teil - ergänzt, körperlich schwere und andauernd mittelschwere
Tätigkeiten seien der Beschwerdeführerin sicherlich nicht mehr zuzumuten. Eine
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in der Tätigkeit als Hauswartin sei abhängig
vom Arbeitsplatzprofil und von den notwendigen Arbeitsstunden (vgl. IV-act. 128-9).
Gemäss der rheumatologischen Begutachtung liegt für eine adaptierte Tätigkeit wie
erwähnt eine Leistungsminderung von - höchstens - 20 % vor (vgl. IV-act. 128-45). Es
bestünden Einschränkungen bei repetitiven Halte- oder Überkopfarbeiten, repetitiven
Bückbewegungen oder Zwangshaltungen der LWS, bei Tätigkeiten im Knien oder
4.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 24/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kauern, bei repetitiv notwendigem Treppensteigen, Besteigen von Leitern oder
Gerüsten und bei Gehstrecken von mehr als 1 km (vgl. IV-act. 128-45, -8). Diese
Einschränkungen erscheinen nachvollziehbar, sind doch gemäss dem Gutachten
mehrere Gelenke vom Leiden der Beschwerdeführerin betroffen. Was die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin im Haushalt im Besonderen betrifft, dürften
dort zudem nicht einzig rheumatologisch adaptierte Tätigkeiten anfallen. Indessen ist
auch zu berücksichtigen, dass die vorhandenen Einschränkungen am
Bewegungsapparat gemäss dem Gutachten wie erwähnt als leicht bis höchstens (an
den Knien) mässiggradig bezeichnet wurden (vgl. IV-act. 128-44) und insgesamt keine
relevanten Einschränkungen der zumutbaren Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin als Hausfrau angenommen wurden (vgl. IV-act. 128-45; diese
seien von der IV mit 25 % eingeschätzt worden). - Dass die Beschwerdeführerin in der
Haushalttätigkeit rheumatologisch betrachtet - teilweise - eingeschränkt ist, erscheint
daher nachvollziehbar. - Umgekehrt erscheint auch erklärlich, dass die gutachterlich
attestierte psychiatrisch bedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der
Haushalttätigkeit (mit höchstens 10 bis 20 %) geringer bewertet wurde als jene in einer
auswärtigen Arbeitstätigkeit (mit ca. 30 %). Auch psychiatrisch gesehen wurde
insgesamt auf ein leichtes bis mässig ausgeprägtes psychisches Leiden geschlossen.
Dass insgesamt eine rentenrelevante gesundheitlich bedingte Arbeitsunfähigkeit im
Haushalt vorliegt, kann mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch deshalb
ausgeschlossen werden, weil bei der Abklärung an Ort und Stelle anhand der Angaben
der Beschwerdeführerin ebenfalls lediglich eine nicht in den Rentenbereich fallende
Einschränkung von 32 % (selbst in der Variante ohne Berücksichtigung einer allfälligen
Schadenminderungspflicht) festgestellt wurde. Die Beschwerdeführerin hat, was ihre
Leistungsfähigkeit in ihrem Aufgabenbereich als Hausfrau betrifft, im Fragebogen vom
2. Oktober 2018 zwar eine volle Arbeitsunfähigkeit geltend gemacht. Im
Abklärungsbericht wurde dann jedoch festgehalten, es habe sich bei der Abklärung an
Ort und Stelle ergeben, dass sie viele Haushalttätigkeiten selbständig oder mit
Unterstützung des Ehemannes erledigen könne. Teilweise werde sie durch die I._
unterstützt. Namentlich ist darauf hinzuweisen, dass sie die Pflege und Unterstützung
ihres Ehemannes (mit einem Anteil von knapp 40 % am gesamten
Haushaltstätigkeitsbereich, IV-act. 96-15) nach ihren Angaben selbständig (vgl. IV-
act. 96-8) leistet (vgl. IV-act. 96-8, -15). Des Weiteren kann, da eine Tätigkeit im
Haushalt einen grösseren Spielraum in der Arbeitseinteilung (vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 7. Juni 2007, IV 2006/111 E. 5g)
bietet als eine ausserhäusliche berufliche Betätigung in einem Anstellungsverhältnis,
4.7.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 25/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
6.
angenommen werden, dass nicht andauernd mittelschwere Tätigkeiten ausgeübt
werden müssen.
Damit rechtfertigt sich im Ergebnis insgesamt jedenfalls, eine Arbeitsunfähigkeit
der Beschwerdeführerin im Haushalt von mehr als 32 % mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit auszuschliessen. Eine rentenbegründende Höhe wird daher nicht
erreicht.
4.8.
In einer angepassten Erwerbstätigkeit besteht gemäss dem Gutachten im Übrigen
wie erwähnt ebenfalls eine Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin von maximal
30 %, womit eine rentenbegründende Invalidität auch bei Annahme einer teilzeitlichen
oder gar einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit nicht begründet würde.
4.9.
Retrospektiv ist nach der Aktenlage intermittierend im Jahr 2017 (Mai/Juli 2017
[bzw. August 2017, IV-act. 49-3] bis November 2017) infolge einer Pneumonie, bei
deren Abklärung zunächst der Verdacht auf ein Bronchialkarzinom geäussert worden
und die am 2. August 2017 mittels einer VATS-Lobektomie operativ angegangen
worden ist, eine höhere Arbeitsunfähigkeit anzunehmen. Diese erfüllte indessen nicht
die Voraussetzungen (gemäss Art. 28 IVG), einen Rentenanspruch auszulösen.
5.1.
Anhaltspunkte für eine allfällige bedeutsame Verschlechterung des
Gesundheitszustands in der Zeit zwischen der medizinischen Begutachtung vom
Februar 2020 und dem Erlass der angefochtenen Verfügung vom 19. August 2020
liegen nicht vor, so dass von einer weiteren Haushaltabklärung abgesehen werden
konnte.
5.2.
Die angefochtene Verfügung erweist sich demnach im Ergebnis als rechtmässig.5.3.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.6.1.
Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt. Als
unterliegende Partei hat die Beschwerdeführerin die Gerichtskosten zu bezahlen (vgl.
Art. 95 Abs. 1 VRP). Diese sind ermessensweise auf Fr. 600.-- zu veranschlagen. Mit
6.2. bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 26/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte