Decision ID: 2fec5fb5-9707-5805-9ba4-534a731065ea
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden suchten am 11. November 2013 in der Schweiz
um Asyl nach.
Sie machten im Wesentlichen geltend, sie seien türkische Staatsangehö-
rige kurdischer Ethnie und alevitischen Glaubens und stammten aus der
Provinz E._. Seit (...) hätten sie in F._ gelebt und dort ein
(...) geführt. Der Beschwerdeführer sei 1992 und 1996 wegen der kurdi-
schen Zugehörigkeit von der Polizei geschlagen und (...) wegen des Vor-
wurfs, dass Angehörige der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê) bei der
Hochzeitsfeier anwesend gewesen seien, kurzzeitig verhaftet worden.
1994 sei das Haus der Beschwerdeführerin in ihrem Heimatdorf zerstört
worden. Der Beschwerdeführer sei Mitglied der kurdischen Partei BDP
(Barış ve Demokrasi Partisi), ohne eine spezielle Funktion zu haben. Im
Sommer 2013 habe er in F._ an den (...)-Protesten teilgenommen
und sei deshalb von der Polizei festgenommen und unter Drohungen und
Schlägen befragt worden. Ferner habe man ihm ein Angebot gemacht, als
Agent für die Behörden tätig zu sein. Wegen der Teilnahme an den Protes-
ten sei er zwischen Juni und August 2013 mehrere Male von Polizisten in
seinem (...) aufgesucht worden. Am Tag nach dem letzten Besuch vom
14. August 2013 sei an dem Geschäft ein "X" angebracht worden. Auch
eine Aussenwand ihrer Wohnung sei mit der Aufschrift "Tod den Aleviten"
versehen worden. Er vermute, dass die Polizei die Urheberin sei. Als er die
Polizei nach Entdeckung der Wandaufschriften gerufen habe, sei er von
dieser bedroht worden. Sie hätten die Türkei deshalb am 7. November
2013 verlassen und seien am 11. November 2013 in die Schweiz gelangt.
B.
Mit Verfügung vom 4. April 2014 stellte das vormalige Bundesamt für Mig-
ration (BFM; heute: SEM) fest, dass die Beschwerdeführenden die Flücht-
lingseigenschaft nicht erfüllten. Es lehnte die Asylgesuche ab und ordnete
die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
Zur Begründung führte es aus, der Beschwerdeführer habe bezüglich der
geltend gemachten Verhaftungen keine Beweismittel eingereicht, obwohl
die Ausstellung solcher Dokumente in der Türkei amtsnotorisch sei. Auch
wenn es sich bei der BDP um eine legale Partei handle, sei zwar nicht
auszuschliessen, dass er wegen der Mitgliedschaft und der Teilnahme an
den (...)-Protesten von der Polizei festgenommen, eingeschüchtert und ge-
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schlagen worden sei. Angesichts dessen, dass er keine exponierte Stel-
lung in der BDP innegehabt und sich bei den (...)-Protesten nicht auf be-
sondere Weise engagiert habe, sei aber ein weiteres Verfolgungsinteresse
des türkischen Staats und damit eine begründete Furcht vor künftiger Ver-
folgung zu verneinen. Die Ausführungen zu den Wandaufschriften und der
Bedrohung des Beschwerdeführers durch die Polizei nach entsprechender
Meldung seien in Zweifel zu ziehen. Das Verhalten des Beschwerdefüh-
rers, die Polizei zu benachrichtigen, obwohl er diese als Urheberin der
Wandaufschriften vermutet und als Bedrohung wahrgenommen habe, sei
nicht nachvollziehbar. Die Beweismittel seien zum Nachweis dieses Vor-
bringens nicht geeignet. Die Schikanierungen als Kurden seien mangels
Intensität und die Vorfälle in den 1990er-Jahren und im Jahr (...) mangels
sachlichem und zeitlichem Zusammenhang zur Ausreise im Jahr 2013 als
nicht asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG (SR 142.31) zu erachten. Der
Wegweisungsvollzug sei zulässig, zumutbar und möglich.
C.
Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 7. Mai 2014
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde.
Sie machten geltend, der Beschwerdeführer habe keine Haftbestätigung
erhalten. Die allgemeine Situation der alevitischen Kurden habe sich nicht
verbessert und auch einfache Mitglieder der BDP würden verhaftet. Auf-
grund der Parteimitgliedschaft und Teilnahme an den (...)-Protesten sei der
Beschwerdeführer ins Visier sowohl der Polizei als auch von Rechtsradi-
kalen geraten. Die Furcht vor künftiger Verfolgung sei begründet.
D.
Mit Urteil D-2456/2014 vom 12. November 2014 wies das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde ab.
Das Gericht führte an, die Vorinstanz habe die Vorbringen zu den Wand-
aufschriften und der Bedrohung des Beschwerdeführers durch die Polizei
nach Meldung des Vorfalls in nachvollziehbarer Weise in Zweifel gezogen.
Die erstmals auf Beschwerdeebene geltend gemachte Behelligung durch
Rechtsradikale sei nicht substanziiert worden. Auch wenn der Beschwer-
deführer wegen der Teilnahme an den (...)-Protesten von der Polizei fest-
genommen worden sein sollte, sei im heutigen Zeitpunkt ein Verfolgungs-
interesse des türkischen Staats und damit eine begründete Furcht vor künf-
tiger Verfolgung zu verneinen, nachdem der Beschwerdeführer eigenen
Angaben zufolge keine exponierte Stellung in der BDP innegehabt und sich
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bei den Demonstrationen nicht auf besondere Weise engagiert habe. Die
ethnische und religiöse Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden vermöge
für sich allein keine asylrelevante Verfolgungsfurcht zu begründen. Die Vor-
fälle in den 1990er-Jahren und im Jahr (...) seien mangels hinreichendem
Zusammenhang zur Ausreise im Jahr 2013 nicht asylrelevant. Der Weg-
weisungsvollzug sei als zulässig, zumutbar und möglich zu erachten.
E.
Mit als "Wiedererwägungsgesuch" bezeichneter Eingabe vom 12. Januar
2015 ersuchten die Beschwerdeführenden durch ihren damaligen Rechts-
vertreter beim SEM um Aufhebung der Verfügung vom 4. April 2014 und
um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie Gewährung des Asyls,
eventualiter um Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs und Gewährung der vorläufigen Aufnahme.
Sie wiederholten die Vorbringen aus dem Asylverfahren und machten im
Wesentlichen geltend, nach dem Beschwerdeführer werde wegen seiner
politischen Aktivitäten, insbesondere der Teilnahme an den (...)-Protesten,
gesucht. Ein Rechtsanwalt in der Türkei habe diesbezügliche Abklärungen
getätigt. Seit ihrer Ausreise habe sich die Polizei mindestens zwei Mal bei
ihren Nachbarn nach ihnen erkundigt. Zudem wären sie als Angehörige der
kurdisch-alevitischen Minderheit Diskriminierungen ausgesetzt. Zumindest
sei der Wegweisungsvollzug aufgrund des schlechten Gesundheitszu-
stands des Beschwerdeführers als unzumutbar zu erachten.
Sie reichten im Verlauf des Wiedererwägungsverfahrens folgende Doku-
mente ein: Festnahmebefehl vom (...) 2013, Anklageschrift aus dem Jahr
2013 und Ermittlungsprotokoll vom (...) 2013 (mit Übersetzung), Arztbe-
richt vom 29. Januar 2015 (Verdacht auf Posttraumatische Belastungsstö-
rung [PTBS] beim Beschwerdeführer), Verfügung vom (...) (fürsorgerische
Unterbringung des Beschwerdeführers), Zeitungsartikel vom (...) (...), Arzt-
schreiben vom 14. Februar 2017 (psychiatrische Therapie des Beschwer-
deführers), Arztbericht vom 6. April 2016 (recte: 2017).
F.
Mit Verfügung vom 23. Mai 2017 – eröffnet am 24. Mai 2017 – wies das
SEM das Wiedererwägungsgesuch ab. Es erklärte die Verfügung vom
4. April 2014 als rechtskräftig und vollstreckbar, erhob eine Gebühr von
Fr. 600.– und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschie-
bende Wirkung zukomme.
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Es führte aus, die Eingabe vom 12. Januar 2015 sei als einfaches Wieder-
erwägungsgesuch bezüglich der Frage der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs entgegengenommen worden. Die Beweismittel, die potenzi-
ell geeignet seien, Vorbringen in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft zu
untermauern (Festnahmebefehl, Anklageschrift und Ermittlungsprotokoll),
seien im Jahr 2013 und damit vor Erlass des Beschwerdeurteils vom
12. November 2014 entstanden. Sie würden daher in die Zuständigkeit des
Bundesverwaltungsgerichts fallen, weshalb sie grundsätzlich zur Behand-
lung als allfälliges Revisionsgesuch an das Gericht zu überweisen wären.
Eine vorfrageweise Prüfung der besagten Beweismittel habe jedoch erge-
ben, dass es sich bei diesen Dokumenten um Totalfälschungen handle.
Den Beschwerdeführenden sei dazu das rechtliche Gehör gewährt wor-
den. Soweit die Beschwerdeführenden geltend machen würden, der Weg-
weisungsvollzug würde sich nunmehr als unzumutbar erweisen, handle es
sich bei ihrer Eingabe vom 12. Januar 2015 um ein einfaches Wiedererwä-
gungsgesuch im Sinne von Art. 111b Abs. 1 AsylG. Die diesbezüglichen
Beweismittel (Arztberichte vom 29. Januar 2015, 14. Februar 2017 und
6. April 2017, fürsorgerische Unterbringung des Beschwerdeführers vom
[...] und Zeitungsartikel vom [...]) würden sich auf den Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers beziehen. Demzufolge sei bei ihm eine komplexe
PTBS und eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert worden, für
deren Behandlung laut aktuellstem Arztbericht vom 6. April 2017 eine psy-
chotherapeutische Behandlung, Antidepressive und die Gewährung von
Ruhe und Sicherheit am wirksamsten seien; bei einer Ausweisung sei mit
einer Verschlechterung des Gesundheitszustands bis zu einer suizidalen
Krise zu rechnen. Diesbezüglich sei festzustellen, dass aufgrund gesund-
heitlicher Probleme nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs geschlossen werden könne, wenn eine notwendige medizinische Be-
handlung im Heimatland nicht zur Verfügung stehe und die Rückkehr zu
einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesund-
heitszustands führe. In der Türkei sei die medizinische Grundversorgung
gewährleistet und insbesondere in den grösseren Städten würden ange-
messene psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten bestehen. Es
sei deshalb davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden und ins-
besondere der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die Türkei die er-
forderliche Behandlung erhältlich machen könnten. Allein der Umstand,
dass die dortigen Behandlungsmöglichkeiten nicht dem medizinischen
Standard in der Schweiz entsprechen würden, mache den Vollzug nicht
unzumutbar. In Bezug auf die am (...) angeordnete fürsorgerische Unter-
bringung des Beschwerdeführers und eine allfällige künftige Suizidgefahr
sei auf die Möglichkeiten stabilisierender Massnahmen bei der Rückkehr
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und medizinischer Rückkehrhilfe hinzuweisen. Im Rahmen der Zumutbar-
keitsprüfung sei zudem der Gesichtspunkt des Kindswohls zu berücksich-
tigen. Die Beschwerdeführenden hätten diesbezüglich keine Bedenken ge-
äussert. Der Wegweisungsvollzug sei denn auch unter Berücksichtigung
des Wohls der zwischenzeitlich (...) und (...) Jahre alten Kinder als zumut-
bar zu erachten. Die in der Schweiz geborene Tochter sei noch vorwiegend
durch den Familienkern und nicht durch soziale Bindungen ausserhalb ge-
prägt. Der Sohn befinde sich zwar im jugendlichen Alter, habe aber den
grössten Teil der prägenden Jugendjahre und einen wesentlichen Teil der
Schulzeit noch vor sich, und es könne davon ausgegangen werden, dass
er sich in der Türkei, wo er bereits zehn Jahre gelebt habe, wieder integ-
rieren könne. Die Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden zur kurdisch-
alevitischen Gemeinschaft sei bereits in der Verfügung vom 4. April 2014
und dem Beschwerdeurteil vom 12. November 2014 gewürdigt worden.
Beweismittel, die diesbezüglich zu einer anderen Einschätzung führen
könnten, seien nicht eingereicht worden. Das Wiedererwägungsgesuch sei
folglich abzuweisen.
G.
Mit Eingabe vom 22. Juni 2017 erhoben die Beschwerdeführenden durch
die rubrizierte Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde. Sie ersuchten um Aufhebung der Verfügung vom 23. Mai 2017
und um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie um Gewährung des
Asyls, eventualiter um Gewährung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzu-
lässigkeit und/oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs, subeven-
tualiter um Rückweisung der Sache an das SEM zur Neubeurteilung. Zu-
dem ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Zur Begründung brachten sie im Wesentlichen vor, das SEM hätte die ver-
änderte Situation in der Türkei von Amtes wegen erwägen müssen. Indem
es dies nicht getan habe, habe es die Begründungspflicht verletzt. Es habe
unbeachtet gelassen, dass sich die Lage in der Türkei seit der Verfügung
vom 4. April 2014 massgeblich verändert habe (Putschversuch 2016, Aus-
nahmezustand, verschärftes Vorgehen gegen Kurden und angebliche
PKK-Anhänger/-Sympathisanten). Es komme vermehrt zu Gewalt gegen
und Diskriminierung von Kurden. Angesichts der verstärkten Einfluss-
nahme der regierenden Partei und des Präsidenten auf den Justizapparat
sei die Unabhängigkeit der Justiz anzuzweifeln. Es sei nicht auszuschlies-
sen, dass eine Person allein aufgrund der kurdischen Ethnie verhaftet und
die Festnahme mit illegalen Aktivitäten begründet würde. Ein Verwandter
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sei bei einer Demonstration, auf die ein Anschlag verübt worden sei, ge-
storben, und im Heimatdorf des Beschwerdeführers hätten Militärpanzer
Gräber der PKK nahestehender Verstorbenen geschändet. Der Beschwer-
deführer engagiere sich zudem exilpolitisch. Er nehme hierzulande an De-
monstrationen gegen die türkische Regierung teil und äussere sich auf Fa-
cebook regierungskritisch. Dass er dies nicht früher erwähnt habe, könne
nicht ihm allein angelastet werden. Der frühere Rechtsvertreter habe ihn
nicht auf die mögliche Relevanz des exilpolitischen Engagements für die
Frage der Flüchtlingseigenschaft hingewiesen. Es sei unklar, weshalb das
SEM die revisionsrechtlich relevanten Eingaben nicht an das Bundesver-
waltungsgericht weitergeleitet oder mit dem Hinweis, eine Revision einzu-
leiten, an sie retourniert habe. Im heutigen Zeitpunkt wäre ein Revisions-
gesuch verfristet. Sie möchten aber festhalten, dass sie davon ausgegan-
gen seien, dass die Beweismittel, um deren Beschaffung sie ihre Verwand-
ten in der Türkei gebeten hätten, echt seien. Sie seien wütend, dass ihr
früherer Rechtsvertreter die Fälschungen nicht erkannt habe. Sie würden
das Gericht nun ersuchen zu prüfen, ob sie angesichts der aktuellen Ver-
hältnisse in der Türkei begründete Furcht vor künftigen Nachteilen im Sinne
von Art. 3 AsylG hätten und daher die Flüchtlingseigenschaft erfüllen wür-
den. Auch hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs habe es das SEM unter-
lassen, die aktuelle Situation in der Türkei, insbesondere in ihrer Her-
kunftsprovinz G._ (E._), zu analysieren. Seit einem An-
schlag in der Stadt Suruc im Jahr 2015 sei der Waffenstillstand zwischen
der PKK und dem Staat faktisch beendet. Seither sei es zu zahlreichen
Verhaftungen gekommen. Bezüglich einer innerstaatlichen Aufenthaltsal-
ternative sei die Situation nicht mehr so einfach wie vor ihrer Ausreise. Als
alevitische Kurden wären sie im nichtkurdischen Staatsgebiet der Gefahr
von Diskriminierung ausgesetzt. Zudem leide der Beschwerdeführer unter
erheblichen psychischen Störungen, die mit dem in der Türkei erlittenen
Leid und der Angst vor der Rückkehr dorthin zusammenhängen würden.
Die Vorstellung, in die Türkei zurückkehren zu müssen, löse bei ihm ext-
reme Angst und psychotische Zustände aus, wie (...) zeige, (...). Er rede
nicht mit seiner Frau über seine Ängste, was wiederum diese und die
ganze Familie belaste. Insbesondere der Sohn leide unter der Situation
und auch er sei – wie die Eltern – in psychiatrischer Behandlung. Er habe
gut Deutsch gelernt und seine Eingliederung ins Berufsleben stehe bevor.
Eine Rückkehr in die Türkei würde für ihn einen massiven Einschnitt be-
deuten. Es sei zudem ungewiss, wo sie unterkommen und wie sie sich so-
zial und wirtschaftlich reintegrieren könnten. Die psychiatrische Versor-
gung wäre nicht sichergestellt. Wie eine Recherche der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) vom 18. August 2016 zeige, bestehe in der Türkei
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ein Mangel an psychiatrischen Behandlungsmöglichkeiten und Fachperso-
nen. In Anbetracht der genannten Faktoren sei der Wegweisungsvollzug
als unzumutbar zu erachten. Eventualiter sei die Sache wegen Verletzung
der Begründungspflicht und unvollständiger Sachverhaltsabklärung zu-
rückzuweisen. Das SEM habe, wie gesagt, die politischen Entwicklungen
(Parlamentswahlen 2015, Wiederaufflammen des Kurdenkonflikts, Militär-
putsch, Ausnahmezustand, Repressionen) nicht angesprochen und damit
auch die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die Fragen der Flüchtlingsei-
genschaft und des Wegweisungsvollzugs nicht geprüft. Auch zum exilpoli-
tischen Engagement des Beschwerdeführers habe es nichts gesagt.
Der Beschwerde lagen folgende Dokumente bei: Zeitungsartikel vom (...)
(...), SFH-Bericht vom 19. Mai 2017 (zur allgemeinen Lage in der Türkei),
Fotos geschändeter Gräber, Zeitungsartikel zum Anschlag auf eine De-
monstration, Schreiben des H._ vom 20. Juni 2017, zwei Fotos (zur
Teilnahme des Beschwerdeführers an einer Demonstration).
H.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 23. Juni 2017 den Eingang
der Beschwerde.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Juli 2017 stellte die Instruktionsrichterin
fest, dass die Bedürftigkeit der Beschwerdeführenden bisher nicht belegt
sei. Über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses einstweilen verzichtet. Gleichzeitig lud sie Vorinstanz
zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein. Mit Eingabe vom 10. Juli 2017
reichten die Beschwerdeführenden eine Fürsorgeabhängigkeitsbestäti-
gung nach.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 18. Juli 2017 führte das SEM an, der SFH-
Bericht, die Fotos geschändeter Gräber und der Artikel über einen An-
schlag bei einer Demonstration, bei dem ein Verwandter ums Leben ge-
kommen sei, würden die allgemeine Lage in der Türkei betreffen und hät-
ten keinen persönlichen Bezug zu den Beschwerdeführenden und ihren
Vorbringen. Das Schreiben des (...) habe lediglich den Charakter eines
Gefälligkeitsschreibens. Die Fotos zu politischen Aktivitäten des Beschwer-
deführers in der Schweiz seien weder datiert noch mit Ort oder Art der Ver-
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anstaltung gekennzeichnet. Zum exilpolitischen Engagement könnten da-
her keine abschliessenden Bemerkungen gemacht werden. Es falle aber
auf, dass dieses bisher nie erwähnt worden sei. Es seien daher Zweifel an
diesen Tätigkeiten anzubringen. In Bezug auf eine Verfristung der Revisi-
onsgründe sei festzuhalten, dass das SEM als sachlich eigentlich unzu-
ständige Stelle die betreffenden Beweismittel einer Prüfung unterzogen
und den Beschwerdeführenden zum Ergebnis (Fälschung) das rechtliche
Gehör gewährt habe. Dieser Formfehler sollte nicht den Beschwerdefüh-
renden zulasten gelegt werden. Wie bereits im Asylentscheid vom 4. April
2014 und im Beschwerdeurteil vom 12. November 2014 ausgeführt, handle
es sich beim Beschwerdeführer um keine politisch exponierte Person, die
in der Grossstadt F._ ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 AsylG
ausgesetzt wäre. Umso weniger als die exilpolitischen Tätigkeiten und die
polizeiliche Suche als unglaubhaft zu erachten seien. An dieser Einschät-
zung vermöge die aktuelle Situation in der Türkei nichts zu ändern. Bei der
Bestimmung von Wegweisungsvollzugshindernissen sei der Integrations-
grad in der Schweiz nicht entscheidend.
K.
In der Replik vom 4. August 2017 entgegneten die Beschwerdeführenden
im Wesentlichen, der Beschwerdeführer habe die exilpolitischen Tätigkei-
ten nicht erwähnt, weil er diese als Privatsache angesehen und die Wich-
tigkeit, darüber zu informieren, verkannt habe. Der frühere Rechtsvertreter
habe ihn nicht über die Relevanz informiert. Die fehlenden Angaben auf
den Fotos habe er nun ergänzt. Zudem sei er auf zwei weiteren Fotos an
Veranstaltungen des (...) im Jahr 2015 zu sehen. Er habe organisatorische
Aufgaben erledigt und sei auch heute noch an solchen Veranstaltungen
engagiert. Auch auf den sozialen Netzwerken sei er politisch aktiv. Er poste
auf Facebook PKK-freundliche und regierungskritische Beiträge und werde
deshalb immer wieder beschimpft und bedroht, wie die beiliegenden
Screenshots zeigen würden. Nach Unterzeichnung einer Online-Unter-
schriftensammlung einer ihm unbekannten Userin habe er von der Face-
book-Administration eine Meldung bekommen, dass auf seinen Account
zugriffen worden sei. Er vermute dahinter den türkischen Geheimdienst.
Die politische Lage in der Türkei sei besorgniserregend. Es könne nicht
ausgeschlossen werden, dass selbst wenig exponierte Personen Verfol-
gungsmassnahmen ausgesetzt sein könnten. Sie würden auch nochmals
auf die Situation ihrer hierzulande gut integrierten Kinder hinweisen, die
kein Türkisch sprechen würden.
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L.
Mit Eingabe vom 16. März 2018 reichten die Beschwerdeführenden wei-
tere Beweismittel ein (Facebook-Auszüge). Diese würden belegen, dass
der Beschwerdeführer auf den sozialen Medien aktiv sei und sich kritisch
zu politischen und gesellschaftlichen Themen in der Türkei äussere.
M.
Mit Eingabe vom 22. Mai 2018 ersuchten die Beschwerdeführenden in ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht um Gewährung der aufschiebenden Wirkung
der Beschwerde. Mit Zwischenverfügung vom 28. Mai 2018 erteilte die In-
struktionsrichterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und stellte
fest, dass die Beschwerdeführenden den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten dürfen.
N.
Mit Eingabe vom 11. Juni 2019 reichten die Beschwerdeführenden weitere
Beweismittel zu den Akten. Diese würden belegen, dass die türkischen Be-
hörden wegen der (exil-)politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers im
(...) einen Haftbefehl gegen ihn erlassen hätten, dessen Gültigkeit (...) be-
stätigt worden sei. Weitere Belege würden seine anhaltenden Aktivitäten
auf den sozialen Medien aufzeigen.
O.
Im (...) 2020 wurde dem Sohn I._ von den kantonalen Behörden im
Rahmen einer Härtefallbeurteilung eine Aufenthaltsbewilligung erteilt.
P.
Mit Zwischenverfügung 7. Mai 2020 forderte die Instruktionsrichterin die
Vorinstanz mit Blick auf die seit der Vernehmlassung vom 18. Juli 2017
eingegangenen Beschwerdeergänzungen und die veränderte Aufenthalts-
situation des Sohnes zu einer weiteren Vernehmlassung auf.
Q.
Das SEM liess sich am 3. Juli 2020 vernehmen. Es führte aus, die Beweis-
mittel zu exilpolitischen Aktivitäten des Beschwerdeführers würden die Prü-
fung der Flüchtlingseigenschaft betreffen und könnten nicht Gegenstand
des vorliegenden Beschwerdeverfahrens sein, das gegen den Entscheid
des SEM betreffend das (einfache) Wiedererwägungsgesuch der Be-
schwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ge-
führt werde. Es schlage vor, dass die Beschwerdeführenden die Be-
schwerde gegen die Verfügung vom 23. Mai 2017 zurückziehen würden
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Seite 11
und das Bundesverwaltungsgericht das Beschwerdeverfahren anschlies-
send abschreiben würde. In der Folge würde das SEM die neuen Beweis-
mittel im Rahmen eines Mehrfachgesuchs prüfen. In diesem Verfahren
wäre dann auch über die Wegweisung und den Vollzug, unter Berücksich-
tigung der Härtefallbewilligung des Sohns, zu befinden.
R.
Die Instruktionsrichterin liess den Beschwerdeführenden die Vernehmlas-
sung am 8. Juli 2020 zukommen und räumte ihnen Gelegenheit ein, sich
dazu bis zum 23. Juli 2020 zu äussern.
S.
In ihrer Stellungnahme vom 21. Juli 2020 führten die Beschwerdeführen-
den an, laut dem Urteil D-626/217 des Bundesverwaltungsgerichts vom
18. Dezember 2018 könne die Prüfung der Frage, ob jemand die Flücht-
lingseigenschaft erfülle, auch dann Gegenstand des Beschwerdeverfah-
rens sein, wenn in der Beschwerde die Gewährung von Asyl nicht bean-
tragt worden sei. Gleichermassen sollte ihrer Ansicht nach die Ermittlung
der Flüchtlingseigenschaft (und Prüfung diesbezüglicher Beweismittel)
auch dann Gegenstand eines Beschwerdeverfahrens sein können, wenn
ursprünglich nur die Unzumutbarkeit, nicht aber die Unzulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs geltend gemacht worden sei. Vorliegend sollte dies
wiederum auch möglich sein, auch wenn es sich um eine Beschwerde ge-
gen einen Wiedererwägungsentscheid handle.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
D-3555/2017
Seite 12
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist – im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen (vgl.
E. 3) – einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
3.1 Für die Bestimmung des Streitgegenstands des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens ist das Anfechtungsobjekt – die Verfügung des SEM
vom 23. Mai 2017 – massgeblich.
3.2 Das SEM hat in der Verfügung vom 23. Mai 2017 nur über die Frage
befunden, ob der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden ge-
genüber der im Jahr 2014 erfolgten Beurteilung unzumutbar geworden sei.
Auf den entsprechenden Antrag der Beschwerdeführenden vom 12. Ja-
nuar 2015 auf wiedererwägungsweise Feststellung der Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs und Gewährung der vorläufigen Aufnahme we-
gen gesundheitlicher Probleme des Beschwerdeführers ist das SEM ein-
getreten. Es hat die entsprechenden Noven und Beweismittel in seiner Ver-
fügung vom 23. Mai 2017 materiell geprüft und ist zum Ergebnis gelangt,
dass der Wegweisungsvollzug weiterhin zumutbar sei. Diese Feststellung
haben die Beschwerdeführenden in ihrer Beschwerde vom 22. Juni 2017
angefochten und auf den entsprechenden Beschwerdeantrag auf Feststel-
lung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und um Gewährung
der vorläufigen Aufnahme ist vorliegend einzutreten.
D-3555/2017
Seite 13
3.3 Auf den unter Verweis auf die Fluchtvorbringen im Asylverfahren und
diesbezügliche, im Jahr 2013 entstandene Beweismittel gestellten Antrag
der Beschwerdeführenden vom 12. Januar 2015 auf Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und Gewährung des Asyls ist das SEM in der Ver-
fügung vom 23. Mai 2017 hingegen (implizit) nicht eingetreten. Dies wurde
von den Beschwerdeführenden nicht angefochten; sie machten in ihrer Be-
schwerde vom 22. Juni 2017 nicht geltend, das SEM hätte auf den besag-
ten Antrag auf Asylgewährung eintreten müssen. Sie bemängelten ledig-
lich, dass das SEM die Vorbringen nicht von sich aus an das Bundesver-
waltungsgericht weitergeleitet, oder sie auf die Möglichkeit eines Revisi-
onsgesuchs hingewiesen habe. Einen Eventualantrag auf Weiterleitung an
das Bundesverwaltungsgericht hatten sie in ihrem an das SEM gerichteten
Gesuch vom 12. Januar 2015 indes nicht gestellt, und auch nach Eröffnung
der Verfügung vom 23. Mai 2017 und damit Kenntnis des Nichteintretens
des SEM haben die – juristisch vertretenen – Beschwerdeführenden kein
Revisionsgesuch gestellt; im vorliegenden Beschwerdeverfahren äusser-
ten sie vielmehr ihr Bedauern über die Einreichung gefälschter Dokumente.
Nachdem die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Zuläs-
sigkeit des Wegweisungsvollzugs nicht Gegenstand der vorinstanzlichen
Verfügung vom 23. Mai 2017 waren, sind sie auch nicht Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens. Auf die diesbezüglichen Ausführungen der Be-
schwerdeführenden in den Rechtsmitteleingaben ist daher nicht einzuge-
hen und auf die entsprechenden Beschwerdebegehren nicht einzutreten.
Nachfolgend ist somit einzig zu beurteilen, ob das SEM zu Recht zum
Schluss gelangt ist, dass die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung
der Beschwerdeführenden nach wie vor zu bejahen sei.
3.4 Die in den Rechtsmitteleingaben neu geltend gemachten Vorbringen
und Beweismittel, welche die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls
und der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs beschlagen, sind aus-
nahmsweise angesichts der vorliegenden speziellen Fallkonstellation und
in Anbetracht der Ausführungen des SEM in seiner Vernehmlassung vom
3. Juli 2020 nach Abschluss des Beschwerdeverfahrens betreffend Wie-
dererwägung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zur Prüfung an
das SEM zu überweisen.
4.
4.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrunds schriftlich
D-3555/2017
Seite 14
und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach
den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66-68 VWVG (Art. 111b
Abs. 1 AsylG).
4.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (vgl. zum so-
genannten „qualifizierten Wiedererwägungsgesuch“ BVGE 2013/22 E. 5.4
m.w.H.). Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Tatsachen
und Beweismittel abstützen, die erst nach Abschluss eines Beschwerde-
verfahrens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei
der Vorinstanz einzubringen (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a
[letzter Satz] BGG; BVGE 2013/22). Nach Art. 66 Abs. 2 VwVG liegen Re-
visionsgründe unter anderem dann vor, wenn eine Partei neue erhebliche
Tatsachen oder Beweismittel vorbringt (Bst. a). Neue Beweismittel im
Sinne von Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG müssen entweder den Beweis für
neue erhebliche Tatsachen oder den Beweis für Tatsachen erbringen kön-
nen, deren Existenz oder Eigenschaften im Beschwerdeverfahren respek-
tive im Asylverfahren vor dem SEM zum Nachteil der beschwerdeführen-
den Person unbewiesen geblieben sind.
4.3 Das SEM hat den Anspruch der Beschwerdeführenden auf Behandlung
ihres Wiedererwägungsgesuchs vom 12. Januar 2015, mit dem sie unter
Verweis auf nach Abschluss des Beschwerdeverfahrens D-2456/2014 ent-
standene Dokumente zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
um wiedererwägungsweise Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ersuchten, nicht in Abrede gestellt, und die entsprechenden
Noven und Beweismittel materiell geprüft. Im vorliegenden Beschwerde-
verfahren ist somit (wie unter E. 3.2-3.3. dargelegt) zu prüfen, ob das SEM
zu Recht davon ausgegangen ist, dass die neuen Vorbringen und Beweis-
mittel die Sachlage nicht derart verändern, als dass sie den Vollzug der
Wegweisung unzumutbar machen würden. Für die Beurteilung ist praxis-
gemäss der sich im Urteilszeitpunkt präsentierende Sachverhalt massge-
bend.
5.
D-3555/2017
Seite 15
Vorab ist festzuhalten, dass keine Veranlassung besteht, die vorinstanzli-
che Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an das
SEM zurückzuweisen. Das entsprechende Rückweisungsbegehren der
Beschwerdeführenden ist abzuweisen. Ihre Rüge, das SEM habe die Be-
gründungspflicht verletzt, indem es in seiner Verfügung nichts zum exilpo-
litischen Engagement des Beschwerdeführers gesagt habe, geht von vorn-
herein fehl, wurden die entsprechenden Aktivitäten des Beschwerdeführers
doch erstmals auf Beschwerdeebene vorgebracht. Auch der Einwand, das
SEM hätte bei der Beurteilung der Frage, ob der Wegweisungsvollzug wei-
terhin zumutbar sei, von sich aus die aktuelle, allgemeine Lage in der Tür-
kei thematisieren müssen, vermag keine Kassation des vorinstanzlichen
Entscheids zu bewirken. Die Beschwerdeführenden, welche im Wiederer-
wägungsverfahren die Substanziierungslast tragen, haben im vorinstanzli-
chen Verfahren keine auf allgemeinen Veränderungen beruhende Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorgebracht, und das SEM hat in
seinem Entscheid in genügender Weise dargelegt, weshalb es den Vollzug
der Wegweisung der Beschwerdeführenden weiterhin als zumutbar erach-
tet. Ob dessen Einschätzung zuzustimmen ist, ist nunmehr Gegenstand
des vorliegenden Beschwerdeverfahrens.
6.
6.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob für die Beschwerdeführenden (Eltern)
und ihre Tochter der Vollzug der Wegweisung in die Türkei weiterhin zu-
mutbar ist. Den Sohn I._ betreffend stellt sich diese Frage nicht
mehr, nachdem ihm in der Schweiz im (...) 2020 eine Aufenthaltsbewilli-
gung erteilt wurde. Auf den Sohn I._ betreffende Ausführungen in
den Rechtsmitteleingaben, insbesondere zu seiner Integration in der
Schweiz, ist daher vorliegend nicht näher einzugehen.
6.2 Im Beschwerdeurteil vom 12. November 2014 hat das Bundesverwal-
tungsgericht festgestellt, dass der Vollzug in die Türkei, mit Ausnahme der
Provinzen Hakkari und Sirnak, als generell zumutbar erachtet werde, und
keine individuellen Gründe der Beschwerdeführenden, die seit vielen Jah-
ren in F._ gelebt und den Lebensunterhalt mit der Führung eines
(...) bestritten hätten, gegen die Zumutbarkeit des Vollzugs sprechen wür-
den. Vorliegend machten die Beschwerdeführenden nun geltend, der Voll-
zug sei aufgrund einer Veränderung der allgemeinen Lage in der Türkei
und des gesundheitlichen Zustands des Beschwerdeführers sowie in An-
betracht des Kindswohls unzumutbar geworden.
D-3555/2017
Seite 16
6.2.1 Hinsichtlich der allgemeinen Situation in der Türkei ist festzustellen,
dass die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der PKK und staat-
lichen Sicherheitskräften im Südosten des Landes seit Juli 2015 wieder
aufgeflammt sind. Betroffen waren von Juli 2015 bis Ende 2016 neben den
Provinzen Hakkari und Sirnak, bei denen das Bundesverwaltungsgericht
seit längerer Zeit von der generellen Unzumutbarkeit des Vollzugs von
Wegweisungen ausgeht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6), weitere Gebiete im
Südosten der Türkei. Seit Ende 2016 hat sich der Brennpunkt des türkisch-
kurdischen Konflikts in die ländlichen Gebiete der Südosttürkei verlagert;
in den dortigen Städten hat sich die Lage seither beruhigt (vgl. hierzu das
Urteil des BVGer E-6993/2017 vom 21. April 2020 E. 9.3.2 m.w.H.). Ge-
mäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist auch unter Be-
rücksichtigung der Entwicklungen im Nachgang des Putschversuchs vom
Juli 2016 nicht davon auszugehen, dass in der Türkei eine landesweite Si-
tuation allgemeiner Gewalt herrscht. Auch in den vorwiegend von Kurden
besiedelten Provinzen im Osten und Südosten des Landes ist – mit Aus-
nahme der genannten Provinzen Hakkari und Sirnak – nicht von einer flä-
chendeckenden Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen
Verhältnissen auszugehen (vgl. das Referenzurteil E-1948/2018 vom
12. Juni 2018 E. 7.3 sowie etwa die Urteile des BVGer D-5957/2018 vom
21. Juli 2020 E. 8.4.1 und D-6401/2018 vom 22. Juni 2020 E. 8.3.1). Der
Vollzug der Wegweisung der aus der Provinz E._ stammenden und
vor der Ausreise aus der Türkei jahrelang in F._ wohnhaften Be-
schwerdeführenden ist daher weiterhin als generell zumutbar zu bezeich-
nen.
6.2.2 Hinsichtlich der wiedererwägungsweise geltend gemachten psychi-
schen Erkrankung des Beschwerdeführers ist darauf hinzuweisen, dass
aus gesundheitlichen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG (SR 142.20) geschlossen
werden kann, wenn eine absolut notwendige medizinische Behandlung im
Heimatland schlicht nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit
der (Weiter-)Behandlung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebens-
gefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität
oder gar zum Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit je-
denfalls nicht vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizeri-
schen Standard entsprechende medizinische Behandlung grundsätzlich
möglich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5,
2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2). Von einer solchen, den Wegweisungs-
vollzug unzumutbar machenden existenziellen medizinischen Notlage ist
vorliegend aufgrund der Aktenlage nicht auszugehen. Am (...) wurde die
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fürsorgerische Unterbringung des Beschwerdeführers angeordnet, nach-
dem er (...). Bei ihm wurden eine komplexe PTBS und eine mittelgradige
depressive Episode diagnostiziert. Gemäss ärztlichen Berichten vom
14. Februar 2017 und 6. April 2017 befand sich der Beschwerdeführer da-
mals in psychiatrischer Behandlung. Er wurde somit fachärztlich betreut
und therapeutisch sowie medikamentös behandelt. Dass es seither zu ei-
ner Verschlechterung der gesundheitlichen Situation respektive zu einer
(erneuten) Akzentuierung der Symptomatik gekommen wäre, wurde von
den Beschwerdeführenden, denen die entsprechende Substanziierungs-
last zukommt, im Beschwerdeverfahren nicht geltend gemacht. Hinsichtlich
des Einwands, die Behandlung der PTBS müsse weiterhin in der Schweiz
erfolgen, ist darauf hinzuweisen, dass die Beurteilung der Durchführbarkeit
des Wegweisungsvollzugs eine Rechtsfrage ist, deren Beantwortung Auf-
gabe der entscheidenden Behörde ist. Der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte (EGMR) anerkennt grundsätzlich keinen Anspruch auf
Verbleib in einem Konventionsstaat, um weiterhin in den Genuss medizini-
scher Unterstützung zu kommen (vgl. Urteil vom 2. Mai 1997 i.S. D. gegen
Vereinigtes Königreich). Die Behandlung psychischer Probleme, wie sie
laut den vorliegenden ärztlichen Berichten beim Beschwerdeführer beste-
hen, ist in der Türkei sowohl stationär als auch ambulant möglich. Es exis-
tieren landesweit psychiatrische Einrichtungen und es stehen moderne
Psychopharmaka zur Verfügung. Namentlich in türkischen Gross- und Pro-
vinzhauptstädten ist der Zugang zu Gesundheitsdiensten, Beratungsstel-
len und Behandlungseinrichtungen für psychische Leiden gewährleistet
(vgl. hierzu etwa die Urteile des BVGer D-5957/2018 vom 21. Juli 2020
E. 8.4.2.1, D-6401/2018 vom 22. Juni 2020 E. 8.3.4 und E-1948/2018 vom
12. Juni 2018 E. 7.3.5.3 m.w.H.). Es ist mithin davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer, sollte er weiterhin psychiatrische Hilfe in Anspruch neh-
men müssen, auch in der Türkei eine adäquate Behandlung erhalten
würde, wobei eine allfällige Einbusse des Betreuungsstandards im Ver-
gleich zur Schweiz nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu
führen vermöchte. Gleiches gilt für die Beschwerdeführerin und die Tochter,
sollten sie gesundheitliche Beschwerden aufweisen, wofür keine Belege
eingereicht wurden. Es kann somit vorliegend nicht geschlossen werden,
dass der Beschwerdeführer – und seine Familienangehörigen – bei einer
Rückkehr in die Türkei mangels einer notwendigen medizinischen (Weiter-
)Behandlung einer akuten Lebensgefahr ausgesetzt wären. Bezüglich des
Einwands fehlender Mittel zur Finanzierung entsprechender Medikamente
und Therapien ist auf die Möglichkeit spezifischer medizinischer Rückkehr-
hilfe hinzuweisen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG). Diese kann durch Mitgabe
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benötigter Medikamente oder auch in Form von Beiträgen zur Durchfüh-
rung einer Behandlung oder der Ausrichtung einer Pauschale für medizini-
sche Leistungen gewährt werden. Schliesslich ist dem Gesundheitszu-
stand der Beschwerdeführenden bei der Vollzugsorganisation mit einer an-
gemessenen Vorbereitung Rechnung zu tragen. Es ist zwar nachvollzieh-
bar, dass der negative Ausgang des Asylverfahrens und die damit verbun-
dene Zukunftsangst eine grosse Belastung für die Beschwerdeführenden
darstellen, aber aus der bestehenden Aktenlage lassen sich keine medizi-
nischen Gründe ableiten, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs sprechen würden.
6.2.3 Sind Kinder von einem Wegweisungsvollzug betroffen, bildet das
Kindswohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung einen zu beachtenden
Gesichtspunkt. Dies ergibt sich insbesondere aus einer völkerrechtskon-
formen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Licht von Art. 3 Abs. 1 des
Übereinkommens über die Rechte des Kindes vom 20. November 1989
(KRK, SR 0 107). Unter dem Aspekt des Kindswohls sind sämtliche Um-
stände zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich er-
scheinen, namentlich das Alter des Kindes, dessen Reife und Abhängig-
keit, die Art der Beziehung zu Bezugspersonen, Stand und Prognose be-
züglich der Entwicklung und Ausbildung des Kindes sowie der Grad der
erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz (BVGE
2009/51 E. 5.6; 2009/28 E. 9.3.2 je m.w.H.).
Die hierzulande geborene Tochter der Beschwerdeführenden ist mittler-
weile (...) Jahre alt. Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass sie sich an die
ihr bisher nicht vertraute Umgebung in der Türkei wird gewöhnen müssen.
Sie ist jedoch noch in einem Alter, in dem die Eltern die primären Bezugs-
personen sind und nicht davon auszugehen ist, dass bei ihr in der Schweiz
derart starke soziale Beziehungen entstanden sind, deren Bruch eine In-
tegration in der Türkei massgeblich erschweren würde. Das Kindswohl ver-
mag damit nicht entscheidend gegen die Zumutbarkeit der Rückkehr der
Eltern mit ihrer Tochter in die Türkei zu sprechen.
6.3 Schliesslich vermögen die aus der Provinz E._ stammenden
Beschwerdeführenden, die vor der Ausreise aus der Türkei viele Jahre in
F._ gelebt haben und über mehrjährige Erfahrung im Betrieb eines
(...) verfügen, auch mit den auf Beschwerdeebene geäusserten weiteren
Bedenken, wonach es ungewiss sei, wo sie in der Türkei unterkommen und
wie sie sich sozial und wirtschaftlich reintegrieren könnten, kein Wegwei-
sungshindernis zu begründen.
D-3555/2017
Seite 19
6.4 Ohne die Schwierigkeiten bei einer Rückkehr zu verkennen, ist somit
weiterhin nicht davon auszugehen, die Beschwerdeführenden – die Eltern
mit ihrer Tochter – würden bei einer Rückkehr in ihr Heimatland aus indivi-
duellen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in
eine ihre Existenz gefährdende Situation geraten, die als konkrete Gefähr-
dung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu werten wäre.
6.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die von den Beschwerdefüh-
renden im Wiedererwägungs- und vorliegenden Beschwerdeverfahren vor-
gelegten Dokumente und ihre diesbezüglichen Vorbringen keine verän-
derte Sachlage zu begründen vermögen, die eine von der bisherigen Be-
urteilung abweichende Würdigung der Frage der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs zulassen würde. Sie sind nicht geeignet, zu einer Anpas-
sung der Verfügung vom 4. April 2014 zu führen. Das SEM hat das Wie-
dererwägungsgesuch vom 12. Januar 2015 zu Recht abgewiesen. Die Be-
schwerde ist somit abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die Be-
schwerde aber nicht aussichtslos war und die Beschwerdeführenden ihre
Bedürftigkeit belegt haben, ist ihnen antragsgemäss die unentgeltliche Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren und von der Kos-
tenerhebung abzusehen, zumal nicht ersichtlich ist, dass sie im heutigen
Zeitpunkt nicht mehr bedürftig wären.
8.
Wie in E. 3.4 festgehalten, sind die Beschwerdeakten zur Prüfung der von
den Beschwerdeführenden in den Rechtsmitteleingaben neu geltend ge-
machten Vorbringen und Beweismittel zu den Fragen der Flüchtlingseigen-
schaft und des Asyls respektive der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
an das SEM zu überweisen.
(Dispositiv nächste Seite)
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