Decision ID: 1ded81f2-7304-459f-af1a-4916e5c094b8
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ wurde im Februar 2019 von der Krankentaggeldversicherung ihrer
Arbeitgeberin zur Früherfassung gemeldet (IV-act. 4). Dem Meldeformular lag ein
Bericht der Klinik für Rheumatologie des Kantonsspitals St. Gallen vom 5. Januar 2019
bei, laut dem die Versicherte an einem linksbetonten cervico-brachialen Syndrom bei
myofascialen Befunden in der schulterumgebenden Muskulatur sowie an einer SIG-
Dysfunktion rechts litt (IV-act. 5). Am 26. Februar 2019 fand ein
Früherfassungsgespräch mit einer Eingliederungsberaterin der IV-Stelle statt, die die
Versicherte in der Folge aufforderte, sich zum Leistungsbezug anzumelden (vgl. IV-act.
7). Im März 2019 meldete sich die Versicherte zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 9). Die Arbeitgeberin berichtete im März 2019 (IV-act.
16), die Versicherte arbeite seit April 1990 in der Optikfertigung. Der aktuelle Lohn
betrage 5’009 Franken pro Monat. Der Rheumatologe Dr. med. B._ teilte der IV-Stelle
am 6. April 2019 mit (IV-act. 27), die Versicherte leide an einem cervico-brachialen
Syndrom, an einer chronischen Niereninsuffizienz, an einer Autoimmunhepatitis sowie
an einer Osteopenie. Bei der Arbeit müsse sie den ganzen Tag mit einem Mikroskop
die Qualität von Linsen prüfen. Dafür müsse sie eine vornübergeneigte Haltung
einnehmen. Der Bewegungsspielraum sei minimal. Bei der jahrelangen Ausübung
dieser Tätigkeit sei es zu einer Fehlhaltung, zu einer muskulären Dekompensation und
zu einer massiven Schmerzexacerbation gekommen. Aktuell sei die Versicherte noch
halbtags arbeitsfähig. Begleitend absolviere sie eine Physiotherapie. Die Klinik für
Rheumatologie des Kantonsspitals St. Gallen berichtete am 15. April 2019 (IV-act. 32),
die Verhärtungen im Trapezius links hätten sich leicht gebessert. Ab Mai könne das
Pensum schrittweise alle zwei Wochen um zehn Prozent gesteigert werden, wenn sich
der Zustand bezüglich der Tonisierung weiterhin so verbessere.
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Mai 2019 unterzeichneten die Versicherte, eine Eingliederungsverantwortliche
der IV-Stelle und eine Vertreterin der Arbeitgeberin einen Eingliederungsplan zum Erhalt
des bestehenden Arbeitsplatzes, der eine schrittweise Steigerung des Arbeitspensums
auf ein Vollpensum bis spätestens September 2019 vorsah (IV-act. 37). Mit einer
Mitteilung vom 17. Mai 2019 erteilte die IV-Stelle eine entsprechende
Kostengutsprache (IV-act. 39). Mit einer weiteren Mitteilung vom 19. Juni 2019
vergütete sie die Kosten für eine ergonomische Arbeitsplatzanpassung im Sinne einer
Frühinterventionsmassnahme (IV-act. 48). Die Eingliederungsverantwortliche der IV-
Stelle notierte im Oktober 2019 (IV-act. 57), die Versicherte habe beim
Standortgespräch vom 29. August 2019 angegeben, dass sie dank der
Arbeitsplatzanpassung zu 60 Prozent arbeiten könne. Eine weitere Steigerung sei nicht
möglich. Die Arbeitgeberin habe festgehalten, dass sie mit der Arbeitsleistung sehr
zufrieden sei. Wenn die Versicherte da sei, erbringe sie eine uneingeschränkte, sehr
gute Leistung. Sie verfüge über ein hohes Fachwissen. Aus der Sicht des IV-internen
regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) sei die Versicherte für leidensadaptierte
Tätigkeiten, zu denen die angestammte Tätigkeit nach der Arbeitsplatzanpassung
gehöre, uneingeschränkt arbeitsfähig. Mit einem Vorbescheid vom 25. Oktober 2019
teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 70), dass sie die Abweisung des
Begehrens um berufliche Eingliederungsmassnahmen und um eine Rente vorsehe. Zur
Begründung führte sie an, nach der Arbeitsplatzanpassung gelte der aktuelle
Arbeitsplatz als ideal leidensadaptiert. Aus medizinischer Sicht sei die Versicherte
uneingeschränkt arbeitsfähig. Sie habe deshalb keinen Anspruch auf weitere berufliche
Massnahmen oder auf eine Rente. Dagegen liess die Versicherte am 2. Dezember 2019
einwenden (IV-act. 73), gemäss Dr. B._ sei sie nur zu 60 Prozent arbeitsfähig. Die
Stellungnahme des RAD überzeuge nicht. Mit einer Mitteilung vom 5. Dezember 2019
wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche Eingliederungsmassnahmen ab (IV-act.
75).
A.b.
Am 8. Februar 2020 stellte sich Dr. B._ auf den Standpunkt (IV-act. 85–1 ff.), er
persönlich halte es angesichts der gesamten Umstände für sinnvoll, die Versicherte mit
50 Prozent im Arbeitsprozess zu halten und eine Rente von 50 Prozent auszurichten.
Die Klinik C._ hatte am 20. Januar 2020 nach einer Erstuntersuchung der
Versicherten berichtet (IV-act. 85–5 ff.), vorläufig sei von einer mittelgradigen
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom sowie von einer psycho-
physischen Erschöpfung auszugehen. Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Ärztliches
Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH am 4. Januar 2021 ein interdisziplinäres Gutachten
(IV-act. 119). Die internistische Sachverständige hielt fest, aufgrund der Angaben in den
Akten sei ausgewiesen, dass die Versicherte an einer Autoimmunhepatitis, an einer
chronischen Niereninsuffizienz sowie an einer Osteopenie leide. Der klinische Befund
sei unauffällig gewesen. Die Versicherte habe keine Beschwerden im Zusammenhang
mit der Autoimmunhepatitis, der Niereninsuffizienz und der Osteopenie geschildert.
Aus internistischer Sicht sei sie uneingeschränkt arbeitsfähig. Der psychiatrische
Sachverständige führte aus, die Stimmung der Versicherten sei in der Untersuchung
herabgesetzt, aber nicht eigentlich depressiv gewesen. Die Versicherte habe eine sehr
lebhafte Psychomotorik präsentiert. Der Antrieb sei nicht vermindert, der affektive
Kontakt gut gewesen. Die Versicherte habe angegeben, dass sich die Suizidgedanken,
unter denen sie Ende 2019 gelitten habe, vollständig zurückgebildet hätten. Sie habe
einen wachen Eindruck gemacht und sie sei bewusstseinsklar gewesen. Sie habe keine
Zeichen einer Konzentrationsschwäche gezeigt. Die Merkfähigkeit und die
Gedächtnisleistungen seien intakt gewesen. Auch der übrige (im Gutachten detailliert
beschriebene) objektive klinische Befund sei unauffällig gewesen. Unter
Berücksichtigung der Angaben in den Akten seien ein Status nach einer mittelgradigen
depressiven Episode Ende 2019, Anfang 2020 sowie eine
Schmerzverarbeitungsstörung zu diagnostizieren. Retrospektiv sei für die Monate
Januar bis und mit März 2020 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit zu attestieren. Davor
und danach sei die Versicherte aus psychiatrischer Sicht uneingeschränkt arbeitsfähig
gewesen. Der rheumatologische Sachverständige hielt fest, bei der klinischen
Untersuchung habe sich keine hochgradige Pathologie am Bewegungsapparat
nachweisen lassen. Alle Spontanbewegungen seien durchwegs frei und unbehindert
erfolgt. An der supra-scapulären und an der paravertebralen
Halswirbelsäulenmuskulatur hätten sich beidseits mässiggradige Myogelosen
nachweisen lassen. Das schmerzhafte Hawkins-Zeichen links könne ein Hinweis auf ein
Impingement-Syndrom sein. Ansonsten seien mässige Spreizfüsse mit einem Hallux
valgus beidseits, eine geringe Wirbelsäulenfehlform und eine Wirbelsäulenfehlhaltung
mit aber einer durchwegs freien Beweglichkeit der Halswirbelsäule und nur
leichtgradigen Einschränkungen der Bewegungen der Lendenwirbelsäule aufgefallen.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinweise für eine entzündliche Arthropathie oder Anhaltspunkte für eine neurologische
Komplikation hätten nicht festgestellt werden können. Auch die aktuellen
Röntgenbilder hätten keine relevante Pathologie der Hals- oder der Lendenwirbelsäule
gezeigt. Insgesamt sei unter Berücksichtigung der Beschwerdeschilderung, der
Befunde aus den früheren Untersuchungen, der Belastungsabhängigkeit der
Beschwerden und der klaren Schmerzregredienz nach der Aufgabe der beruflichen
Tätigkeit von einer mechanisch-überlastungsbedingten Schmerzsymptomatik
auszugehen. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sei der Versicherten wegen eines erhöhten
Bedarfs an Ruhe- und Erholungspausen nur noch zu 60 Prozent zumutbar. Eine
körperlich leichte bis höchstens intermittierend mittelschwere Tätigkeit ohne monoton-
repetitive Haltungen oder Bewegungen, mit der Möglichkeit zu Wechselpositionen und
ohne gehäufte Überkopftätigkeiten sei zu 90 Prozent zumutbar. Die Einschränkung von
zehn Prozent ergebe sich aus einem leicht erhöhten Bedarf an Ruhe- und
Erholungspausen. Die nephrologische Sachverständige führte aus, die Versicherte leide
an einer chronischen, stabilen, leichten Niereninsuffizienz, die sich aber nicht auf die
Arbeitsfähigkeit auswirke. Die von der Versicherten angegebene erhöhte Ermüdbarkeit
und Leistungsintoleranz könne aus nephrologischer Sicht nicht nachvollzogen werden.
Der gastroenterologische Sachverständige hielt fest, die Versicherte leide an einer
Autoimmunhepatitis, die sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirke. Die
Autoimmunhepatitis sei im Jahr 2014 „mehr akzidentell“ entdeckt worden. Der Verlauf
sei komplikationslos gewesen. Die Leberwerte seien bis dato stabil. Unter
Berücksichtigung der Anamnese könne keine relevante Leistungseinbusse erkannt
werden. Als weiterer Krankheitsfaktor habe sich in den vergangenen zwei Jahren eine
wohl durch eine Gewichtszunahme bedingte Steatose hepatis eingestellt. Diese wirke
sich aber ebenfalls nicht auf die Arbeitsfähigkeit aus. Aus gastroenterologischer Sicht
sei die Versicherte uneingeschränkt arbeitsfähig. Nach der Konsensbesprechung
hielten die Sachverständigen der ABI GmbH fest, die Versicherte leide an einem
polytopen mechanisch-überlastungsbedingten Schmerzsyndrom des
Bewegungsapparates sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einer
chronischen Niereninsuffizienz, an einer Autoimmunhepatitis, an einer Osteopenie und
an einem Übergewicht. Die angestammte Tätigkeit sei ihr zu 60 Prozent, eine
leidensadaptierte Tätigkeit zu 90 Prozent zumutbar. Der RAD-Arzt Dr. med. D._
qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 120).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle verglich das zuletzt erzielte Einkommen von
65’808 Franken mit 90 Prozent des statistischen Zentralwertes der
Hilfsarbeiterinnenlöhne, was einen Invaliditätsgrad von 25,36 Prozent ergab (IV-act.
122). Mit einem Vorbescheid vom 19. Januar 2021 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit, dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden
Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 123). Dagegen liess die Versicherte am 26. März
2021 einwenden (IV-act. 131–1 ff.), die Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI GmbH sei
nicht nachvollziehbar. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades müsse der maximale
Tabellenlohnabzug von 25 Prozent berücksichtigt werden. Die Versicherte habe sich
vom 20. Januar 2021 bis zum 18. Februar 2021 in einer stationären psychiatrischen
Behandlung befunden. Sie leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer
gegenwärtig mittelgradigen Episode. Ein neues MRI habe eine Verschlechterung des
Gesundheitszustandes der linken Schulter und der Halswirbelsäule gezeigt. Der
Eingabe lagen Fotografien der Hände der Versicherten, ein Austrittsbericht des
Kriseninterventionszentrums E._ (IV-act. 131–10 ff.), ein MRI-Bericht betreffend die
linke Schulter (IV-act. 131–14 f.), ein MRI-Bericht betreffend die Halswirbelsäule (IV-act.
131–16) sowie ein Bericht der Klinik für Gastroenterologie des Kantonsspitals St. Gallen
betreffend eine Verlaufskontrolle bei (IV-act. 131–19 ff.). Am 14. April 2021 liess die
Versicherte eine Bestätigung der Klinik C._ einreichen, dass sie weiterhin unter einer
depressiven Symptomatik leide und aus psychiatrischer Sicht zu 40 Prozent
arbeitsunfähig sei (IV-act. 133–8). Der RAD-Arzt Dr. D._ notierte am 28. April 2021,
dass man wohl die ABI GmbH zu einer Stellungnahme zu den neu eingereichten
Berichten werde auffordern müssen (IV-act. 134–1 ff.). Der RAD-Arzt med. pract. F._
notierte am 3. Mai 2021 (IV-act. 134–3 ff.), aus dem Bericht des
Kriseninterventionszentrums ergebe sich eine kurzzeitige und vorübergehende
Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes der Versicherten aufgrund
von psychosozialen Belastungsfaktoren. Das zeigten die beiden im Bericht erwähnten
„Z-Diagnosen“ (ICD-10 Z 56 und Z 63). Die Kurzbestätigung der Klinik C._ sei nicht
aussagekräftig. Aus psychiatrischer Sicht könne weiterhin auf das Gutachten der ABI
GmbH abgestellt werden.
A.d.
Die IV-Stelle ersuchte die ABI GmbH am 19. Mai 2021 um eine Stellungnahme zu
den neu eingereichten Berichten (IV-act. 139). Am 14. Juni 2021 antworteten die
A.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverständigen der ABI GmbH (IV-act. 140), die psychiatrischen Berichte belegten
keine anhaltende Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes der
Versicherten. Die depressiven Symptome hätten sich im Verlauf der vierwöchigen
Behandlung vollständig zurückgebildet. Aus psychiatrischer Sicht bestehe kein Anlass,
die Beurteilung im Gutachten zu revidieren. Die beiden MRI der Halswirbelsäule und
der linken Schulter bestätigten die im Gutachten gestellten Diagnosen. Das MRI der
Halswirbelsäule belege einen stationären Verlauf, jenes der Schulter zeige eine leichte
Progredienz, die sich mit den Erfahrungswerten bezüglich des natürlichen Verlaufs von
degenerativen Veränderungen decke. Insgesamt bestehe kein Grund, der für ein
Abweichen von der Beurteilung im Gutachten sprechen würde. Der RAD-Arzt Dr. D._
qualifizierte diese Ausführungen als überzeugend (IV-act. 141). Am 22. Juni 2021
räumte die IV-Stelle der Versicherten die Gelegenheit zur Stellungnahme ein (IV-act.
142). Am 13. Juli 2021 liess die Versicherte geltend machen (IV-act. 145), die IV-Stelle
habe ihre Untersuchungspflicht verletzt, indem sie die Klinik C._ nicht um eine
ausführlichere Stellungnahme ersucht habe. Der Invaliditätsgrad der Versicherten
betrage mehr als 50 Prozent, weshalb sie mindestens einen Anspruch auf eine halbe
Rente habe. Am 28. Juli 2021 nahm die Klinik C._ Stellung (IV-act. 148). Sie hielt fest,
die depressive Symptomatik der Versicherten habe sich seit Dezember 2019 nie
vollständig zurückgebildet. Es handle sich deshalb um eine eigenständige und
selbsterhaltende rezidivierende depressive Störung. Die Besserung nach dem Austritt
aus der stationären Behandlung habe nur kurz angehalten. Der RAD-Arzt F._ notierte
am 25. August 2021 (IV-act. 149), der Bericht der Klinik C._ enthalte keine Hinweise
auf relevante funktionelle Einschränkungen, die die attestierte Arbeitsunfähigkeit von 40
Prozent begründen könnten. Der Vollständigkeit halber sei die ABI GmbH um eine
Stellungnahme zum Bericht zu ersuchen. Auf eine entsprechende Rückfrage der IV-
Stelle hin hielt die ABI GmbH am 4. Oktober 2021 fest (IV-act. 153), die im Bericht der
Klinik C._ genannten Befunde rechtfertigten höchstens die Diagnose einer
leichtgradigen depressiven Störung. An der Arbeitsfähigkeitsschätzung gemäss dem
Gutachten könne weiterhin festgehalten werden. Der RAD-Arzt F._ qualifizierte die
Ausführungen als überzeugend (IV-act. 154).
Am 9. November 2021 räumte die IV-Stelle der Versicherten wieder die
Gelegenheit zur Stellungnahme ein (IV-act. 156). Diese liess am 24. November 2021
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.

Considerations:
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
vom 15. Dezember 2021 auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des am 15. Dezember 2021 abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen
muss. Dieses hat nach der Abweisung des Begehrens um berufliche
geltend machen (IV-act. 159), die Stellungnahme der ABI GmbH überzeuge nicht. Der
Bericht der Klinik C._ belege ganz klar eine Verschlechterung des psychischen
Gesundheitszustandes. Mit einer Verfügung vom 15. Dezember 2021 wies die IV-Stelle
das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act. 161).
Am 31. Januar 2022 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 15. Dezember 2021 erheben (act. G 1). Ihre
Rechtsvertreterin beantragte die Zusprache mindestens einer halben Rente spätestens
ab September 2019 und eventualiter die Durchführung von weiteren medizinischen
Abklärungen. Zur Begründung führte sie aus, das Gutachten der ABI GmbH überzeuge
nicht. Nach der Begutachtung seien wesentliche Verschlechterungen des
Gesundheitszustandes nachgewiesen worden. Das Gutachten sei deshalb auch nicht
mehr aktuell. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades hätte ein Tabellenlohnabzug
berücksichtigt werden müssen. Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin)
habe eine Anpassung des Arbeitsplatzes finanziert, sodass dieser in der Folge vom
RAD als ideal leidensadaptiert qualifiziert worden sei. Obwohl die Beschwerdeführerin
alles daran gesetzt habe, ihren Arbeitsplatz zu halten und ihr Arbeitspensum wieder zu
steigern, sei sie nicht in der Lage gewesen, ein Pensum von 90 Prozent auszuüben.
Das zeige, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI GmbH unzutreffend sei.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 9. März 2022 unter Hinweis auf die
Stellungnahmen des RAD und der ABI GmbH die Abweisung der Beschwerde (act. G
4).
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess am 25. April 2022 an ihren Anträgen festhalten (act.
G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsmassnahmen mit der Mitteilung vom 5. Dezember 2019 die Prüfung
eines Rentenanspruchs für die Zeit nach der Anmeldung zum Leistungsbezug im März
2019 respektive für die Zeit ab dem 1. September 2019 (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG) zum
Gegenstand gehabt, weshalb sich auch das Beschwerdeverfahren auf die Frage
beschränken muss, ob die Beschwerdeführerin ab dem 1. September 2019 einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung gehabt hat.
2.
Gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre
Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen,
erhalten oder verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die
nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch
auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
2.1.
Die Beschwerdeführerin hat keine Berufsausbildung absolviert, aber sie hat rund
30 Jahre lang dieselbe Tätigkeit für dieselbe Arbeitgeberin ausgeführt, wodurch sie sich
nach den Angaben ihrer ehemaligen Arbeitgeberin ein hohes – allerdings auf den
konkreten Arbeitsplatz beschränktes – Fachwissen angeeignet hat. Für diese
spezifische Tätigkeit hat sie also über eine Qualifikation verfügt, die jene einer
durchschnittlichen Hilfsarbeiterin übertroffen hat. Das erklärt, weshalb sie zuletzt einen
über dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne liegenden Lohn erzielt
hat. Ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung hätte die Beschwerdeführerin diese
Tätigkeit weiterhin ausgeübt. Das rechtfertigt es, den zuletzt erzielten Lohn als
Valideneinkommen zu berücksichtigen. Dieser hat sich gemäss den Angaben der
ehemaligen Arbeitgeberin auf 5’009 Franken pro Monat respektive auf 13 × 5’009 =
65’117 Franken pro Jahr belaufen. Der Auszug aus dem individuellen Beitragskonto hat
für das Jahr 2017 einen Betrag von 65’808 Franken ausgewiesen (IV-act. 15–1). Unter
Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung 2017–2019 von 106,2 auf 108,1 Punkte
(Basis 2010, Frauen, Branchen 10–33) ergibt sich ein Valideneinkommen von 66’985
Franken.
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Für die Bemessung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
ausschlaggebend, welche Tätigkeiten in welchem Umfang der Beschwerdeführerin
trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung aus medizinischer Sicht noch zugemutet
werden können. Die Beschwerdegegnerin hat zur Beantwortung dieser Frage die ABI
GmbH mit der Erstellung eines polydisziplinären Gutachtens beauftragt. Die
Sachverständigen der ABI GmbH haben die Beschwerdeführerin umfassend untersucht
und die medizinischen Vorakten eingehend gewürdigt. In ihrem Gutachten haben sie
sowohl die Angaben der Beschwerdeführerin als auch die von ihnen erhobenen
objektiven bildgebenden und klinischen Befunde wiedergegeben. Nichts deutet darauf
hin, dass sie einen wesentlichen Aspekt übersehen oder ignoriert hätten. Die
internistische Sachverständige, der gastroenterologische Sachverständige und die
nephrologische Sachverständige haben überzeugend aufgezeigt, dass die
Beschwerdeführerin nicht an internistischen, gastroenterologischen oder
nephrologischen Beschwerden gelitten hat, die ihre Arbeitsfähigkeit eingeschränkt
hätten. Der rheumatologische Sachverständige hat die von ihm objektiv klinisch und
bildgebend erhobenen Befunde ausführlich beschrieben und anschaulich aufgezeigt,
dass sich nur mässiggradige Myogelosen an der supra-scapulären und an der
paravertebralen Halswirbelsäulenmuskulatur, ein schmerzhaftes Hawkins-Zeichen links
als Hinweis auf ein Impingement-Syndrom, mässige Spreizfüsse mit einem Hallux
valgus, eine geringe Wirbelsäulenfehlform und eine Wirbelsäulenfehlhaltung mit aber
einer durchwegs freien Beweglichkeit der Halswirbelsäule und nur leichtgradigen
Einschränkungen der Bewegungen der Lendenwirbelsäule aufgefallen seien, während
der übrige objektive klinische Befund völlig unauffällig gewesen sei. Anhand dieses
weitestgehend unauffälligen Befundes und der Anamnese (insbesondere
Belastungsabhängigkeit der Beschwerden und klare Schmerzregredienz nach der
Aufgabe der beruflichen Tätigkeiten) hat er den überzeugenden Schluss gezogen, dass
von einer mechanisch-überlastungsbedingten Schmerzsymptomatik auszugehen sei,
die zwar die Arbeitsfähigkeit für die angestammte Tätigkeit wesentlich (zu 40 Prozent),
für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit dagegen nur unwesentlich, nämlich zu zehn
Prozent, einschränke. Die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um zehn Prozent für ideal
leidensadaptierte Tätigkeiten hat er überzeugend mit einem leicht erhöhten Bedarf an
Ruhe- und Erholungspausen begründet. Die von der Beschwerdeführerin nachträglich
eingereichten Berichte haben weder einen wesentlichen Zweifel an der
Überzeugungskraft des rheumatologischen Teilgutachtens begründet noch eine
(angebliche) Verschlechterung des Gesundheitszustandes nach der Begutachtung
belegt, wie die Sachverständigen der ABI GmbH in ihren Stellungnahmen zu jenen
Berichten aufgezeigt haben. Auch der psychiatrische Sachverständige der ABI GmbH
hat den von ihm erhobenen objektiven klinischen Befund eingehend wiedergegeben. Er
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hat nur eine herabgesetzte, aber nicht eigentlich depressive Stimmung bei einem
ansonsten völlig unauffälligen Befund feststellen können. Daraus hat er den
überzeugenden Schluss gezogen, dass die Beschwerdeführerin nicht an einer
relevanten psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten hat. Ebenso
überzeugend ist seine Schlussfolgerung, aufgrund der Vorakten dürfte die
Beschwerdeführerin Ende 2019, Anfang 2020 an einer mittelgradigen depressiven
Episode gelitten haben, die ihre Arbeitsfähigkeit vorübergehend eingeschränkt habe.
Die von der Beschwerdeführerin nachträglich eingereichten Berichte des
Kriseninterventionszentrums E._ und der Klinik C._ haben gemäss den
überzeugend begründeten Stellungnahmen der ABI GmbH und des RAD-Arztes F._
keinen wesentlichen Zweifel an der Arbeitsfähigkeitsschätzung des psychiatrischen
Sachverständigen der ABI GmbH geweckt. Der Bericht des
Kriseninterventionszentrums E._ hat nämlich gemäss den Ausführungen des RAD-
Arztes F._ lediglich eine vorübergehende, rasch abgeklungene Verschlechterung der
psychischen Befindlichkeit aufgrund psychosozialer Belastungsfaktoren belegt. Im
Bericht der Klinik C._ sind gemäss den Ausführungen des psychiatrischen
Sachverständigen der ABI GmbH lediglich objektive Befunde erwähnt worden, die
höchstens die Diagnose einer leichtgradigen depressiven Episode ohne eine relevante
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit haben begründen können. Auch der RAD-Arzt
F._ hat überzeugend aufgezeigt, dass die wenigen objektiven Auffälligkeiten, die im
Bericht der Klinik C._ erwähnt gewesen sind, keineswegs einen
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 40 Prozent hätten begründen können. Zusammenfassend
besteht kein Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens der ABI GmbH,
weshalb gestützt auf dieses Gutachten mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, dass die Beschwerdeführerin im hier
massgebenden Zeitraum – abgesehen von einer kurzen, vorübergehenden und
invalidenversicherungsrechtlich irrelevanten Phase – für ideal leidensadaptierte
Tätigkeiten durchgehend zu 90 Prozent arbeitsfähig gewesen ist.
Mangels einer beruflichen Ausbildung haben der Beschwerdeführerin auf dem
massgebenden allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt nur ideal
leidensadaptierte Hilfsarbeiten offen gestanden. Die Invalidenkarriere besteht folglich in
der Verrichtung einer ideal leidensadaptierten Hilfsarbeit, was bedeutet, dass der
Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens dem
statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne entspricht. Dieser hat sich im Jahr
2019 auf 55’222 Franken belaufen (vgl. Textausgabe IVG der Informationsstelle AHV/IV,
11. Aufl. 2022, Anh. 2). Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdeführerin ihre
Arbeitsfähigkeit mit demselben ökonomischen Erfolg verwerten kann wie eine gesunde,
2.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
in einem Pensum von 90 Prozent erwerbstätige Person. Sollte dies nicht der Fall sein,
müsste nämlich ein sogenannter Tabellenlohnabzug von maximal 25 Prozent
berücksichtigt werden. Die diesbezüglich per 1. Januar 2022 neu in Kraft getretenen
Bestimmungen (Art. 26 Abs. 3 IVV) sind hier nicht anwendbar, weil die in diesem
Beschwerdeverfahren auf ihre Rechtmässigkeit zu prüfende Verfügung vor dem 1.
Januar 2022 ergangen ist, nämlich am 15. Dezember 2021. Von einem
unterdurchschnittlichen ökonomischen Erfolg ist auszugehen, wenn anzunehmen ist,
dass ein strikt ökonomisch-betriebswirtschaftlich denkender, also keinen Soziallohn
ausrichtender Arbeitgeber der versicherten Person keinen durchschnittlichen, sondern
nur einen unterdurchschnittlichen Lohn ausbezahlen wird, um seinen aus der
Anstellung der versicherten Person resultierenden „Arbeitsmehrwert“ – die Differenz
zwischen dem ökonomischen Wert der Arbeitsleistung und den direkten und indirekten
Lohn- und Lohnnebenkosten – auf einen durchschnittlichen Betrag zu erhöhen. Kann
eine versicherte Person nur einen unterdurchschnittlichen ökonomischen Mehrwert
generieren oder sind die indirekten Lohnkosten oder die Lohnnebenkosten
überdurchschnittlich hoch, resultiert für den Arbeitgeber nämlich nur ein
unterdurchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“. Ein strikt betriebswirtschaftlich
operierender, also ganz bewusst keinen Soziallohn ausrichtender Arbeitgeber wird das
nicht hinnehmen, sondern diese „Einbusse“ auf den Arbeitnehmer überwälzen, indem
er diesem nur einen unterdurchschnittlichen Lohn bezahlt, sodass für den Arbeitgeber
ein durchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“ resultiert. Ein potentieller Arbeitgeber müsste
bei einer Beschäftigung der Beschwerdeführerin dem Umstand Rechnung tragen, dass
diese weder bezüglich der zuzuweisenden Tätigkeiten noch in zeitlicher Hinsicht gleich
flexibel eingesetzt werden kann wie eine gesunde Arbeitnehmerin. Sie kann sich
nämlich lediglich ideal leidensadaptierte Tätigkeiten ausführen und sie kann auch keine
Überstunden leisten, da der attestierte Arbeitsfähigkeitsgrad von 90 Prozent das
maximal zumutbare Pensum darstellt. Diese Einschränkungen rechtfertigen einen
Tabellenlohnabzug von maximal zehn Prozent. Das zumutbarerweise erzielbare
Invalideneinkommen beträgt folglich mindestens 55’222 Franken × 90% × 90% =
44’730 Franken. Verglichen mit dem Valideneinkommen von 66’985 Franken resultiert
ein Invaliditätsgrad von maximal 33,22 Prozent. Da ein Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung einen Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent voraussetzt,
erweist sich die angefochtene Verfügung, mit der die Beschwerdegegnerin das
Rentenbegehren der Beschwerdeführerin abgewiesen hat, im Ergebnis als
rechtmässig.
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerde ist abzuweisen. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind der
unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Sie sind durch den von ihr
geleisteten Kostenvorschuss von 600 Franken gedeckt. Die unterliegende
Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.