Decision ID: 340dd7c3-bf7d-4758-96a2-d707593fbf40
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1969, meldete sich am 19. November 2009 bei der Inva
lidenversicherung zum Leistungsbezug (berufliche Massnahmen) an (Urk. 2/6/3 Ziff. 6.1-4). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte unter anderem ein psychiatrisches Gutachten ein, welches am 23. Dezember 2010 erstattet wurde (Urk. 2/6/19) und verneinte nach durchgeführtem
Vorbe
scheidverfahren
(Urk. 2/6/23, Urk. 2/6/37; Urk. 2/6/47,
Urk.
2/6/53) mit Verfü
gung vom 19. Januar 2012 (Urk. 2/2) einen Leistungsanspruch, was vom hiesi
gen Gericht mit Urteil vom 2
0.
September 2013 im Verfahren Nr. IV.2012.00244 bestätigt wurde (
Urk.
2/22).
2.
Das Bundesgericht hiess mit Urteil vom 2
7.
März 2014 (
Urk.
1) die gegen das kantonale Urteil erhobene Beschwerde teilweise gut (S. 10
Ziff.
1) und wies die Sache zur Einholung eines psychiatrischen (Ober-) Gutachtens an das hiesige Gericht zurück (S. 9 E. 5.4.3).
Das Gericht holte sodann das vom Bundesgericht angeordnete Gutachten ein, das - nach mehreren gescheiterten Auftragsvergaben (vgl.
Urk.
10,
Urk.
25,
Urk.
35)
und einer Klarstellung hinsichtlich der Kompetenz der in Aussicht genommenen Gutachter (
Urk.
45) - am
9.
März 2016 von
Dr.
med.
Y._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie, Oberärztin, und Prof.
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie, Leitender Arzt Versicherungsmedizin,
A._
, erstattet wurde (
Urk.
50).
Die Beschwerdegegnerin nahm am
4.
Mai 2016 zum Gerichtsgutachten Stellung und warf verschiedene Fragen auf (
Urk.
61). Die Beschwerdeführerin reichte am 2
7.
Juni 2016 eine Stellungnahme ihrer behandelnden Psychiaterin ein (
Urk.
67). Zu der ihnen vom Gericht unterbreiteten Ergänzungsfrage nahmen die Gutachterin und der Gutachter am 2
8.
Juli 2016 Stellung (
Urk.
71), was den Parteien am
9.
August 2016 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
72).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
Die massgebenden rechtlichen Grundlage sind bereits im Urteil vom 2
0.
Sep
tember 2013 dargelegt worden
(
Urk.
2/22 S. 3 ff. E. 1)
, worauf verwiesen wird.
2.
2.1
Dr.
med.
Y._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie, Oberärztin, und Prof.
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie, Leitender Arzt Versicherungsmedizin,
A._
, erstatteten ihr Gutachten im Auftrag des Gerichts am
9.
März 2016 (
Urk.
50).
Sie stützten sich
auf die ihnen überlassenen Akten (S. 2 ff.), die Angaben der Beschwerdeführerin (S. 45 ff.), die von ihnen am 1
5.
Dezember 2015 und
6.
Januar 2016 erhobenen Befunde (S. 58 ff.) sowie Test- und Laborergebnisse (S. 60 f.).
2.2
Die Gutachterin und der Gutachter stellten die folgenden psychiatrischen Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (S. 61 f.
lit
. a):
schwere depressive Episode,
chronifiziert
, derzeit der Kategorie F32.2 der ICD-10 Klassifikationen entsprechend
Zwangsstörung, Zwangsgedanken und -Handlungen gemischt (ICD-10 F42.2)
nicht näher bezeichnete Angststörung (ICD-10 F41.9)
Differentialdiagnose (DD)
psychosenaher
Prozess, z.B.
Schizophrenia
simplex
(ICD-10 F20.6)
DD psychische Symptomatik im Rahmen einer Systemerkrankung
Persönlichkeit mit ängstlichen, abhängigen und zwanghaften Zügen (ICD-10 73.1)
Zu den Diagnosekriterien führten sie aus (S. 62 ff.):
Im Vordergrund des klinischen Bildes findet sich ein seit Jahren bestehendes depressives
Syndrom ohne sichere Hinweise auf eine organische Verursachung bzw.
manische/hypomanische Episoden in der Anamnese. Die Erkrankung kann nicht auf den
Missbrauch psychotroper Substanzen zurückgeführt werden. Somit sind die allgemeinen
Kriterien einer depressiven Episode nach ICD-IO Klassifika
tion erfüllt (G
1
-G
3
).
Die Versicherte berichtet über die depressive Verstimmung mit wiederholtem Weinen
und verminderter Fähigkeit, emotional zu reagieren (auch in der Untersuchungssituation
deutlich emotional verflacht, minimale emotionale Reagibilität jedoch vorhanden),
Interessensverlust an früheren Akti
vitäten (Lesen, PC, Sport, Teilnahme an
Fol
kl
oregruppe, Ausgehen), Vernachlässi
gung der Körperpflege sowie eine ausgeprägte
Antriebsstörung mit gesteigerter Ermüdbarkeit und Morgentief (kann kaum vor
11
Uhr
aufstehen, muss nach kur
zer Zeit selbst leichte Hausarbeiten abbrechen und Pause
machen, Hausarbeit gelingt nur ein- bis zweimal pro Woche). Somit sehen wir die drei
diagnostischen Hauptkriterien einer depressiven Episode nach ICD-
10
(B
1
-3) als erfüllt.
Darüber hinaus finden sich sieben weitere Nebenkriterien (
C
1-7) wie Verlust des
Selbst
vertrauens (berichtet, sie habe Vertrauen in sich verloren), Schuldgefühle (über
legt
sich, was sie falsch gemacht habe und ob sie neben dem Studium nicht hätte arbeiten
sollen), Suizidgedanken (manchmal wolle sie „einfach weg sein“), Konzentrationsstörungen (kann keine Bücher mehr lesen, sei vergesslich), psychomotorische Hemmung (in der Untersuchungssituation deutlich objektivier
bar), Schlafstörungen (unruhiger Schlaf, Durchschlafstörungen, Alpträume, ver
längerte Schlafdauer bis 12 Stunden pro Tag), Appetitstörung („fades Gefühl im Mund", „keine Freude am Essen", „Essen schmeckt nicht"). Zusammengefasst (drei Hauptsymptome und sieben zusätzliche Symptome) ergibt sich die Gesamtzahl von 10 Symptomen, was einer schweren depressiven Episode nach ICD-10-Klassi
fikation entspricht.
Das klinische Gesamtbild wurde laut Akten zum Teil als sogenannte atypische Depression nach DSM-IV erfasst. Da die diagnostische Zuordnung im Vorfeld der Begutachtung eine strittige Frage darstellte, möchten wir an dieser Stelle das Konzept erwähnen. Die Definition der atypischen Depression nach DSM-IV erfor
dert, dass die affektive Schwingungsfähigkeit vorhanden ist, d.h. Stimmung hellt sich bei aktuellen oder möglichen positiven Ereignissen auf (
...
). Diese Fähigkeit, sich zu freuen, wird in der aktuellen Exploration als minimal vorhanden darge
stellt: Die Explorandin berichtet, sie habe Spass am Kaffeetrinken an guten Tagen, mehrheitlich wird die Stimmung jedoch als bedrückt beschrieben. In der Untersuchungssituation kam ein paar Mal ein schwaches Lächeln zum Vorschein, so dass formal eine gewisse minimale Reagibilität der Stimmung vorhanden war, und das Hauptkriterium (A) der atypischen Depression nach DSM-IV berücksich
tigt werden kann. Des Weiteren sollten mindestens zwei von vier Neben
k
riterien erfüllt sein: Deutliche Gewichtszunahme oder gesteigerter Appetit (
1
),
Hyper
somnie
(2), bleierne Schwere, v.a. in den Extremitäten (3),
Ü
berempfindlichkeit gegenüber der Zurückweisung (4) (Kriterium B). (...) In der Zusammenschau aller oben genannten Besonderheiten des klinischen Bildes erscheint das Vorliegen einer atypischen Depression nach DSM-IV sehr wahrscheinlich. U
nseres Erachtens
widerspricht es derzeit nicht der IC
D-10
Diagnose F32.2, da deren Kriterien sicher erfüllt sind.
Die Zwangssymptomatik erfüllt im Wesentlichen die ICD-
10
Kriterien für eine Zwangsstörung mit Zwangsgedanken und Zwangshandlungen (ICD-
10 F
42.2). (...) Da der gesamte Verlauf der Zwangsstörung sich konsistent darstellt und alle anderen Kriterien der Zwangsstörung nach ICD-
10
erfüllt sind, erlauben wir uns, diese Diagnose zu stellen.
Die Ängste, die von zahlreichen vegetativen Erscheinungen begleitet werden, beziehen sich auf den Inhalt der Zwangsgedanken, Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause, Aufenthalt in Menschenmengen, einen möglichen Verlust der Angehörigen und Vorstellung von Gewalttaten. Es werden auch Panikattacken beschrieben. Wir führen diese vielfältige Angstsymptomatik unter der Rubrik „nicht näher bezeichnete Angststörung" auf.
(...)
Im Längsschnitt finden sich Hinweise auf ängstliche, abhängige und zwanghafte Züge (...), das Funktionsniveau ist jedoch lange Jahre erhalten gewesen, so dass wir von einer Persönlichkeitsakzentuierung und nicht von einer
Persönlichkeits
störung
ausgehen.
2.3
In der Beurteilung führten sie unter anderem aus, beim geschilderten schweren Beschwerd
e
bild seien mehrere Defizite in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit festzu
stellen, die sich unter Bezugnahme auf das Mini-ICF-APP wie folgt darstellten (S. 71 f.):
Die Fähigkeit der Explorandin, sich an Regeln und Routinen anzupassen, sehen wir als reduziert. Sie ist zwar pünktlich zu beiden Untersuchungsterminen gekommen, wir gehen jedoch davon aus, dass es zwar sporadisch möglich, nicht jedoch bei einer regelmässigen Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu erwar
ten ist. Die Fähigkeit, die Aufgaben zu planen und zu strukturieren, sehen wir als hochgradig gestört. Der Explorandin gelingt es nicht, eine Tagesstruktur selb
ständig aufrecht zu erhalten, bzw. sich regelmässig zu pflegen. Es ist nicht davon auszugeben, dass sie bei dermassen reduziertem Antrieb eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt ausführen kann. Die Flexibilität und Umstellungsfähigkeit sehen wir im Rahmen der beschriebenen kognitiven Einschränkungen als redu
ziert. Auch die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit sind im Rahmen der erkenn
baren Depression beeinträchtigt. Die Durchhaltefähigkeit der Explorandin ist auf
grund der ausgeprägten Antriebsstörung mit erhöhter Schlafneigung im Rahmen der Grunderkrankung deutlich reduziert. Dies zeigte sich auch während der Exploration. Die Selbstbehauptungsfähigkeit ist bei der Explorandin reduziert, sie wird durch das Insuffizienzerleben im Rahmen der affektiven Erkrankung negativ
beeinflusst. In ihrer Kontaktfähigkeit zu Dritten und in der Gruppenfähigkeit sehen wir die Explorandin mit psychomotorischer Hemmung und verflachtem Affekt als relevant beeinträchtigt. Im Bereich der Spontanaktivitäten bestehen stark reduzierte Fähigkeiten. Die Versicherte hat mehrere zuvor ausgeführte Akti
vitäten wie Sport, Besuch von Gruppenaktivitäten, Ausgehen abgebrochen, es besteht ein zunehmender sozialer Rückzug. Die Fähigkeit zur Selbstpflege ist reduziert, die Explorandin berichtet, die Körperpflege falle ihr schwer, meistens müsse sie von den Eltern motiviert werden, sich zu duschen.
Ferner führten sie aus, das Krankheitsbild sei in der Vergangenheit diagnostisch unterschiedlich eingeschätzt worden. Es sei möglich, dass eine ungewöhnliche Symptomkombination einerseits und Schwankungen im Verlauf andererseits diese Unterschiede in der Beurteilung bedingt hätten. Im Wesentlichen stimmten
sie
mit der Einschätzung von PD
Dr.
B._
,
Dr.
C._
und Prof.
Dr.
D._
darin überein, dass eine schwere psychische Erkrankung mit im Vordergrund stehende
r
Depression, Zwang- und Angstsymptomatik vorliege (S. 72 unten). Mit der diagnostischen Einschätzung im Gutachten der
Dres
.
E._
stimmten sie nicht überein (S. 73 oben). Sie sähen das Krankheitsbild im Längsschnitt im Abgleich mit den aktuell durchgeführten Explorationen als konsistent an (S. 73 unten). Es handle sich um eine schwere psychische Erkrankung bei einer Versi
cherten, die in ihrem Leben durch den von aussen vorgegebenen Rahmen mehrfach schwer frustriert worden sei (doppelte Entwurzelung) und deren
Per
sönlichkeitsressourcen
bei vorbestehender akzentuierter Struktur nicht gereicht hätten, die damit entstandenen Aufgaben zu bewältigen (S. 73 f.). Weiter führ
ten sie aus (S. 74):
Als Zeichen der
Ü
berlastung hatten sich zunächst schleichend
somatoforme
Beschwerden entwickelt, bei Zunahme der Belastung (Erwerbstätigkeit neben dem Studium, Konfrontation mit schweren Verbrechen) kam es zu einer Dekom
pensation, die sich auf der
syndromalen
Ebene mit Angst, Zwang, Depression sowie teilweise auch mit psychotisch anmutenden Symptomen äusserte. Die therapeutische Hilfe wurde jahrelang in Anspruch genommen, mehrere Medika
mente wurden eingesetzt und eingenommen. Zu einer stabilen Remission ist es nicht gekommen. Ein Autonomie-Abhängigkeitskonflikt ist als einer der aufrecht
erhaltenden Faktoren im Krankheitsverlauf zu vermuten. Seit Jahren besteht ein erheblicher sozialer Rückzug mit einem regressiven, durch Vermeidung gekenn
zeichneten Verhalten. Die Art der Lebensführung ist hoch pathologisch, in der Lebensgestaltung zeigt sich ein erheblicher neurotischer Anteil. In der aktuellen Untersuchung zeigt die Explorandin trotz mehreren Kran
kh
eitssymptomen eine Aufmerksamkeit im Gespräch, sie wirkt zwar emotional unbeteiligt, jedoch von
der Aufmerksamkeit her präsent, kann sich auf die Fragen gut konzentrieren, sie gezielt beantworten, ihre Symptome und den Krankheitsverlauf präzise schildern. Es mag sein, dass diese ungewöhnliche Symptomkonstellation zu unterschiedli
chen Beurteilungen in der Vorgeschichte führte. Wir sehen trotz dieser Diskre
panzen das Vorliegen einer schweren psychischen Störung mit Krankheitswert als gegeben, wobei die Differentialdiagnostik nicht abschliessend zu beurteilen ist und weiter in der Behandlung evaluiert werden sollte.
2
.4
Zur Arbeitsfähigkeit führten die Gutachterin und der Gutachter aus,
in Anbe
tracht der Vorgeschichte, des Tagesablaufes und des aktuellen psychopatholo
gischen Befundes gingen sie davon aus, dass eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt derzeit aufgrund der Antriebs- und der Konzentrationsstörung sowie der schnellen Reizüberflutung nicht möglich sei. Eine Arbeitsfähigkeit im geschützten Rahmen von maximal zwei Stunden täglich (ca. 25
%
) erscheine möglich. Sollte diese Tätigkeit im oben genannten Zeitraum gelingen, könnte sie im geschützten Rahmen weiter ausgebaut werden (S. 72 Mitte).
Aus rein psychiatrischer Sicht bestehe derzeit keine Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Arbeitsfähigkeit an einem geschützten Arbeitsplatz, derzeit höchstens zwei Stunden täglich, sei möglich. Es sei nicht auszuschlies
sen, dass diese im weiteren Verlauf ausgebaut werden könne (S. 74 f.
Ziff.
1).
Die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ergebe sich aufgrund von einer starken Antriebsstörung, Ablenkung durch dysfunktionale Kognitionen,
Zwangsgedan
ken
und -Handlungen, Ängste, sowie durch die psychomotorische Hemmung und gestörte Durchhaltefähigkeit. Diese Beeinträchtigungen würden sich sowohl in der Tätigkeit als Dolmetscherin, als auch als Übersetzerin oder Kauffrau bemerkbar machen und diese verunmöglichen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass nach einem stabilen Training im geschützten Rahmen eine Restarbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt erreicht werden könne. Diese Prognose sei jedoch unsicher (S. 75
Ziff.
2).
Zum Verlauf führten sie aus, sie gingen davon aus, dass seit 2007, also auch zwischen Mai 2010 und Januar 2012, eine schwere
komorbide
depressive Erkrankung mit Depression, Zwang und Angst wechselnder Ausprägung bestanden habe. Differentialdiagnostisch komme eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis in Frage (S. 76
Ziff.
3).
2.5
Nach Eingang des Gutachtens wies der Arzt des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) unter anderem darauf hin, dass sich kein Spiegel zum Medikament
Temesta
finde. Einige der beschriebenen Befunde könnten durchaus auch der Wirkung von Benzodiazepinen entspringen. Solange dies nicht geklärt sei, könnten diese Symptome nicht als Beleg für eine schwere depressive Störung
herangezogen werden. Möglicherweise hätten die Gutachter hier ein medika
mentöses Artefakt beschrieben (
Urk.
62 S. 3
Ziff.
7).
Dazu nahmen die Gutachterin und der Gutachter wie folgt Stellung (
Urk.
71 S.
1):
Nach klinischer Erfahrung beider Gutachter entsprach der psychopathologische Befund nicht dem einer Benzodiazepin-Intoxikation. Auch die Laborbefunde sprachen gegen eine Intoxikation. Im Urin Screening auf suchterzeugende Sub
stanzen (...) ergab das Screening auf Benzodiazepine einen negativen Befund. Da es sich hier um eine zuverlässige Laboruntersuchung handelt (Sensitivität im genannten Test bei allen Substanzen zirka 97.4
%
laut Hersteller), wurde auf die Bestimmung des
Benzodiazepinspiegels
im Blut verzichtet. Da sich weder klinisch noch laborchemisch Hinweise auf Benzodiazepin-Intoxikation zeigten, erachten wir weitere Fragen bezüglich deren Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit als irrele
vant.
2.
6
Seitens des RAD-Arztes waren noch weitere Fragen aufgeworfen worden
, namentlich betreffend eine
Differenzierung von objektiven Beobachtungen und anamnestischen Angaben i
n
Verhaltensbeobachtung und psychopathologischem Befund; objektive Beobachtungen zum Händewaschen und eventuellen
Wasch
frauenhänden
; objektiv fehlende Symptome von Müdigkeit, erhöhter Ermüdbar
keit und Schwindel; fehlende objektive Beobachtungen zu Schmerz und Atem
beschwerden; differenzierte Angaben zu den Ängsten und deren
Überwindbar
keit
; differenzierte Darstellung des positiven Funktionsbildes und den auffallen
den Inkonsistenzen; Erörterung des sekundären Krankheitsgewinnes und der Anstrengungsbereitschaft (
Urk.
62 S. 4).
Das Gericht sah keine Veranlassung, diese weiteren Fragen der Gutachterin und dem Gutachter zu unterbreiten (
Urk.
64 S. 2 E. 2).
3.
3.1
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
3.2
Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abwei
chen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt.
Eine
a
bweichende Beurteilung kann ferner gerecht
fertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Richter als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des
Gerichts
gutachtens
in Frage zu stellen, sei es, dass er die Überprüfung durch einen Oberexperten für angezeigt hält, sei es, dass er ohne Oberexpertise vom Ergeb
nis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/
aa
).
3.3
Der
Versicherungsträger
ist nicht verpflichtet, einem Gutachter allfällige Ergän
zungsf
ragen
(
der versicherten
)
Person unbesehen ihrer Quantität und Qualität zur Beantwortung vorzulegen
; er darf sich vielmehr
darauf beschränken, ledig
lich die für den Einzelfall erheblichen Fragen weiterzuleiten. Verwaltung oder Gericht
können
von der Beantwortung
von
Ergänzungsfragen durch den Experten absehen, wenn davon keine neuen Erkenn
tnisse zu erwarten sind (Urteil des
Bundesgerichts 8C_386/2014 vom
6.
Oktober 2014 E.
4.3
).
4.
4.1
Das Gerichtsgutachten
(
Urk.
50)
basiert auf einer ausführlichen Darstellung der Aktenlage
(S. 2-45)
, zwei Explorationsgesprächen von einmal 3 Stunden und einmal 2 Stunden 40 Minuten Dauer
(S. 58 f.), verschiedenen Testverfahren (S.
61 oben) und Laboruntersuchungen (S. 61
lit
. d). Gestützt auf die beiden Explorationen wurden die eigenen Angaben der Beschwerdeführerin referiert (aktuelle Beschwerden, eigene Beschreibung der Persönlichkeit,
Zukunftserwar
tungen
, Krankheitskonzept, eigene Einschätzung der Arbeitsfähigkeit, Vorge
schichte der aktuellen Beschwerden,
aktuelle Lebenssituation, Medikation, per
sönliche Anamnese) und die in der Untersuchung erhobenen Befunde dargelegt (S. 45-61).
Die gestellten Diagnosen wurden einlässlich begründet (vorstehend E. 2.2). Insbesondere wurde dargelegt, aufgrund welcher der erhobenen Befunde eine schwere depressive Episode diagnostiziert wurde, und warum auch eine soge
nannte atypische Depression gemäss DSM-IV diagnostiziert werden könnte. Ebenso wurde dargelegt, gestützt worauf eine Zwangsstörung (S. 64) und eine nicht näher bezeichnete Angststörung (S. 65 oben) diagnostiziert wurde
n
.
Schliesslich wurde darauf hingewiesen, dass ein
psychosenaher
Prozess wie beispielsweise eine
Schizophrenia
simplex
(S. 65)
wie auch eine organisch-neurologische Erkrankung (S. 66 oben) nicht
auszuschliessen sei
en
, was die entsprechende
n
Differentialdiagnose
n begründete.
In der Beurteilung (S. 66-72)
wurde einlässlich dargelegt, inwiefern von einem schweren Krankheitsbild mit psychiatrisch interagierenden
komorbiden
Störun
gen auszugehen sei (S. 71 unten)
,
und es wurden die sich daraus ergebenden Defizite in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit unter Bezugnahme auf die Kategorien des Mini-ICF-APP dargelegt. Sodann wurde die im Gutachten erfolgte Ein
schätzung im Vergleich zu früheren Beurteilungen diskutiert, wobei sich -
mit einer Ausnahme - eine Übereinstimmung mit den früheren Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit ergab (vorstehend E. 2.3).
Schliesslich wurde
ausgeführt, dass und warum die Arbeitsfähigkeit auf
maxi
mal zwei Stunden täglich im geschützten Rahmen
zu veranschlagen sei, dies seit 200
7.
Es sei nicht ausgeschlossen, dass nach einem stabilen Training im geschützten Arbeitsmarkt eine Restarbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu erreichen sei, diese Prognose sei jedoch unsicher
(vorstehend E.
2.4)
.
4.2
Der RAD-Arzt warf unter anderem die Frage auf, warum kein Blutspiegel des Medikamentes
Temesta
erhoben worden sei, dies verbunden mit der These, die Gutachterin und der Gutachter könnten die Erscheinungen einer Benzodiazepin-Intoxikation mit den Symptomen einer
depressiven Störung verwechselt haben. Diese erklärten dazu, auf die Bestimmung des
Benzodiazepinspiegels
im Blut sei verzichtet worden, da weder klinisch noch laborchemisch entsprechende Hin
weise vorgelegen hätten (vorstehend E. 2.4).
Die Erklärung der Gutachterin und des
Gutachter
s überzeugt vollumfänglich. Dass der RAD-Arzt die Frage aufgeworfen hat, lässt sich nachvollziehen. Die dafür angegebene Begründung hingegen muss als zumindest grenzwertig bezeichnet werden, wurde doch damit der
Gutachterin und de
m
Gutachter
unterstellt, sie seien dermassen inkompetent, dass sie die Symptome einer Depression und die Wirkungen eines Medikamentes nicht voneinander unter
scheiden könnten und eine entsprechende Verwechslung nicht einmal bemerken würden.
4.3
Die weiteren vom RAD-Arzt aufgeworfenen Fragen
(vorstehend E. 2.5)
hat das Gericht der Gutachterin und dem Gutachter nicht unterbreitet. Dies hat zwei Gründe. Wenn erstens rechtsprechungsgemäss keine absolute Verpflichtung besteht, von der versicherten Person gestellte Ergänzungsfragen unbesehen ihrer Qualität den Gutachterinnen und Gutachtern weiterzuleiten (vorstehend E.
3.3), so hat dies konsequenterweise auch für Fragen
zu gelten, die von den
Parteien nach Erstattung eines Gerichtsgutachtens eingebracht werden. Dies trifft - zweitens - für die von der Beschwerdegegnerin eingebrachten Fragen zu: Ant
worten auf diese Fragen ergeben sich bereits aus einer aufmerksamen Lektüre des Gutachtens; eine solche vorausgesetzt, würden sie sich gar nicht stellen. Von ihrer Beantwortung durch die Gutachterin und den Gutachter wären dementsprechend keine neuen Erkenntnisse zu erwarten gewesen.
Im Gutachten wurde
etwa
sehr wohl zwischen anamnestischen Angaben und objektiven Beobachtungen unterschieden; die
entsprechende
Frage unterstellt dem Gutachten einen Mangel, der
- träfe er zu -
unter
Kompetenzgesichts
punkten
gravierend wäre. Die Diagnose einer Zwangsstörung gründete keines
wegs - wie in der Frage der Beschwerdegegnerin insinuiert - ausschliesslich auf einem allfälligen Waschzwang
(vgl. S. 48); ob ein solcher in der je rund drei
stündigen Untersuchungssituation zu beobachten gewesen sei, ist deshalb irre
levant. Bei weiteren
von der Beschwerdegegnerin thematisierten Aspekten (
Symptome von Müdigkeit, erhöhter Ermüdbarkeit und Schwindel
,
Beobachtun
gen zu Schmerz und Atembeschwerden
,
Erörterung des sekundären
Krankheits
gewinnes
und der Anstrengungsbereitschaft
) sodann ist nicht ersichtlich, wel
chen Einfluss nähere Angaben dazu auf die Schlüssigkeit des Gutachtens haben sollten.
Schliesslich vermisste die Beschwerdegegnerin eine „
differenzierte Darstellung des positiven Funktionsbildes und den auffallenden Inkonsistenzen
“.
In Kennt
nis des Gutachtens fällt es nicht leicht, diese Mängelrüge zum Nennwert zu nehmen. Denn wenn die Beurteilung zum Schluss führt, dass lediglich die im Gutachten genannte
minimale
Restarbeitsfähigkeit besteht, ist nicht ersichtlich, worin ein positives Leistungsbild denn noch bestehen könnte. Und wenn im Rahmen der Begutachtung keine nennenswerten Inkonsistenzen zu erheben waren, ist nicht ersichtlich, inwiefern - nicht fest
ge
stellte - Inkonsistenzen dif
ferenzierter darzustellen
gewesen
wären.
4.4
Eine unbefangene
Würdigung des
Gerichtsgutachten
s (vorstehend E. 4.1) ergibt, dass dieses
alle praxisgemässen Kriterien (vorstehend E. 3.1) vollumfänglich
erfüllt
. Darüber hinaus si
nd die auf einer detailnahen Ebene angesiedelten und insgesamt doch eher kleinteiligen kritischen Anmerkungen der
Beschwerdegeg
nerin
nicht geeignet,
seine
Qualität und Schlüssigkeit
(vgl. vorstehend E. 3.2)
in Frage zu stellen.
Dementsprechend ist
auf das Gerichtsgutachten
abzustellen und von einer vollen Arbeitsunfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt seit 2007 auszugehen.
Damit beträgt der Invaliditätsgrad 100
%
und es besteht gemäss
Art.
28a
Abs.
2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) Anspruch auf eine ganze Rente.
4.5
Die Anmeldung der Beschwerdeführerin datiert vom 1
9.
November 2009 (
Urk.
2/6/3).
Nach Massgabe von
Art.
29 IVG entstand somit der Anspruch auf eine ganze Rente am
1.
Juni 2010.
Mit dieser Feststellung ist, in Gutheissung der Beschwerde, die angefochtene Verfügung aufzuheben.
6.
6.1
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf
Fr.
700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
6.2
Gemäss verbindlicher Feststellung des Bundesgerichts war der
entscheid
wesentliche
Sachverhalt ungenügend abgeklärt. Die Kosten von
Fr.
16‘737.-- für das Gerichtsgutachten
(
Urk.
57)
sind deshalb von der Beschwerdegegnerin der Gerichtskasse zurückzuerstatten.
6.3
Der obsiegenden und anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin steht eine
Pro
zessentschädigung
zu, die beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
220.-
- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ermessensweise und in Anlehnung an die vom Bun
desgericht zugesprochene Entschädigung auf
Fr.
2‘800.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.