Decision ID: ef47ae98-13e8-5eb7-bec5-41caec56d20d
Year: 2019
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1979 geborene A._ meldete sich am 21. März 2017 wegen
beidseitig schwerer Hörempfindlichkeit (schmerzhaft) und Tinnitus bei der IV-Stelle des
Kantons Appenzell Ausserrhoden an und beanspruchte Leistungen der
Invalidenversicherung (IV-act. 1). Die IV-Stelle klärte in der Folge den erwerblichen und
medizinischen Sachverhalt ab. Mit Mitteilung vom 4. Juli 2017 sprach die IV-Stelle
A._ eine Frühinterventionsmassnahme in Form von Arbeitsvermittlung zu,
welche per 26. September 2018 beendet wurde (IV-act. 25; IV-act. 27; IV-act. 37 und IV-
act. 38). Mit Vorbescheid vom 11. April 2019 kündigte die IV-Stelle A._ die
Abweisung des Leistungsbegehrens an (IV-act. 57). Dagegen erhob A._ am
24. April 2019 Einwand (IV-act. 60). In der Verfügung vom 12. Juni 2019 hielt die IV-Stelle
an ihrem Vorbescheid fest und wies das Leistungsbegehren von A._ ab (IV-
act. 61).
B. Gegen die Verfügung vom 12. Juni 2019 erhob A._ am 1. Juli 2019 mit dem
eingangs erwähnten Antrag Beschwerde beim Obergericht des Kantons Appenzell
Ausserrhoden (act. 1). Die IV-Stelle beantragte mit Vernehmlassung vom 12. August 2019
die Abweisung der Beschwerde (act. 8).
C. Am 20. August 2019 reichte A._ die Replik ein (act. 11). Die Duplik der IV-
Stelle ging am 30. August 2019 ein (act. 13). Mit Schreiben vom 4. September 2019
reichte A._ eine weitere Stellungnahme ein (act. 16).
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Considerations:
Erwägungen
1. Formelles
1.1
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht als kantonales Ver-
sicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die örtliche
Zuständigkeit ist nach Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) gegeben.
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und
Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002
über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)).
1.2
Da die Verfügung vom Beschwerdeführer insgesamt angefochten wird, sind vorliegend
Anfechtungsgegenstand und Streitgegenstand identisch (BGE 125 V 413 E. 1b). Zwar
wurde vom Beschwerdeführer die Verletzung der Begründungspflicht durch die IV-Stelle
nicht ausdrücklich gerügt. Indirekt ergibt sich jedoch eine entsprechende Rüge aus dem
Umstand, dass der Beschwerdeführer zur sachgerechten Anfechtung der Verfügung nicht
auf diese Bezug nehmen konnte, sondern auf die Berichte des Regionalen Ärztlichen
Dienstes (RAD) abstellen musste (act. 1 und act. 2; BGE 125 V 413 E. 2c mit Hinweisen).
Nach Art. 49 Abs. 3 Satz 2 ATSG sind Verfügungen zu begründen, wenn sie den Begehren
der Parteien nicht voll entsprechen. Aus einer mangelhaften Eröffnung einer Verfügung darf
der betroffenen Person kein Nachteil erwachsen. Die Begründungspflicht ist wesentlicher
Bestandteil des Anspruchs auf rechtliches Gehör im Sinne von Art. 29 Abs. 2 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR
101; BERNHARD WALDMANN, in: Basler Kommentar, Bundesverfassung, 2015, N. 57 zu
Art. 29 BV).
Die Begründung eines Entscheides muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person ihn
gegebenenfalls anfechten kann. Dies ist nur dann möglich, wenn sowohl sie als auch die
Rechtsmittelinstanz sich über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen können. In
diesem Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich
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der Versicherungsträger leiten liess und auf welche sich der Entscheid stützt. Dies bedeutet
indessen nicht, dass sich die Verwaltung ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen
Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen muss; vielmehr kann sie
sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken. Der Mangel
eines nicht oder nur ungenügend begründeten Entscheides kann gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung im Rechtsmittelverfahren geheilt werden, sofern die
fehlende Begründung in der Vernehmlassung der entscheidenden Behörde zum
Rechtsmittel enthalten ist oder den beschwerdeführenden Parteien auf andere Weise zur
Kenntnis gebracht wird, diese dazu Stellung nehmen können und der Rechtsmittelinstanz
volle Kognition zukommt (Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich
IV.2018.00229 vom 9. Juli 2019 E. 3.2 mit Hinweisen).
Die angefochtene Verfügung vom 12. Juni 2019, die weitgehend identisch ist mit dem
Vorbescheid, lautet wie folgt: „Mit Mitteilung vom 2. Oktober 2018 mussten die beruflichen
Eingliederungsmassnahmen abgelehnt werden, da Sie sich subjektiv nicht für arbeitsfähig
erachten. Die weiteren Abklärungen haben ergeben, dass keine Invalidität im Sinne des
Gesetzes vorliegt. Damit begründen sie keinen Anspruch auf Rentenleistungen. Wir haben
Ihren Einwand vom 12. April 2019 beziehungsweise 24. April 2019 geprüft und nehmen
dazu wie folgt Stellung: Mit dem Einwand werden keine neuen, bis anhin nicht
berücksichtigten Tatsachen geltend gemacht. Auf die bisherige Beurteilung wird weiterhin
abgestellt. Wir halten damit an unserem Entscheid fest.“ (act. 4).
Aus dem Wortlaut dieser Verfügung geht nicht einmal ansatzweise hervor, auf welche
(medizinische) Beurteilung die IV-Stelle abstellte beziehungsweise welchen Sachverhalt die
IV-Stelle als relevant erachtete und ihren rechtlichen Erwägungen zugrunde legte. Dem
Beschwerdeführer war es somit nicht möglich, die Verfügung nachzuvollziehen und seinen
Entscheid, ob er diese anfechten will, in Kenntnis der Begründung der Vorinstanz zu
treffen. Somit liegt eine schwere Verletzung des rechtlichen Gehörs vor.
Zu prüfen bleibt, ob ausnahmsweise von einer Heilung der Gehörsverletzung ausgegangen
werden kann. Die Vernehmlassung der Vorinstanz vom 12. August 2019 enthält die
fehlende Begründung, da in dieser Bezug auf die medizinischen Berichte genommen und
erläutert wird, weshalb ihrer Ansicht nach auf die Beurteilung des RAD-Arztes abzustellen
sei (act. 8). Festzustellen ist sodann, dass der Beschwerdeführer in der Lage war, gestützt
auf die IV-Akten und dort insbesondere die RAD-Berichte adäquat Beschwerde zu erheben
und keinen Antrag auf Rückweisung der Sache stellte (act. 1 und act. 2). Gestützt auf diese
Feststellung rechtfertigt es sich ausnahmsweise, den Mangel als geheilt zu betrachten, da
eine Rückweisung zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die dem Interesse des
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Beschwerdeführers an einer beförderlichen Beurteilung der Sache entgegenstände (Urteil
des Bundesgerichts 9C_595/2018 vom 26. November 2018 E. 4.1; BGE 132 V 387 E. 6.1).
Das Gericht behält sich allerdings vor, in einem nächsten gleichgelagerten Fall, in welchem
die Begründungspflicht vergleichbar verletzt wird, die Verfügung der IV-Stelle aus formellen
Gründen aufzuheben.
1.3
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Materielles
2.1
Die IV-Stelle stellt sich auf den Standpunkt, die Aktenlage weise keine derartige
Beweisdichte auf, dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer vollen
Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden müsse. Ihre Verfügung stütze sich in
medizinischer Hinsicht auf die Beurteilung des RAD Arztes Dr. B. _. Facharzt
Arbeitsmedizin, zertifizierter medizinischer Gutachter SIM, MAS Versicherungsmedizin,
welcher einen objektivierten Gesundheitsschaden verneine. Der Attest von Dr. C. _,
Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie, welcher im 2017 dem Beschwerdeführer
rückwirkend ab April 2014 eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiere, lasse jede
Substantiiertheit vergessen und erfülle die Anforderungen an einen Arztbericht nicht,
weshalb er nicht anerkannt werden könne. Der Beschwerdeführer sei zum
Verfügungszeitpunkt seit fast 1 1⁄2 Jahren nicht mehr in (psychiatrischer) Behandlung
gewesen, was aufgrund der Aussagen des Vaters des Beschwerdeführers schwer
nachvollziehbar sei. Die Diagnose sei grundsätzlich bekannt. Der Bericht von Dr. D.
_, Facharzt Oto-Rhino-Laryngologie, weise darauf hin, dass die Einschränkungen
eher psychologischer Natur seien.
Der Beschwerdeführer hält dagegen, dass mit technischen Geräten objektiv kein
Gesundheitsschaden erkennbar sei. Subjektiv sei jedoch eine sehr grosse gesundheitliche
Einschränkung vorhanden verbunden mit sehr starken Schmerzen, so dass er keine
Arbeitsstelle mehr annehmen könne. Dr. C. _ , welcher medizinisch und psychiatrisch
qualifiziert sei, kenne seinen Gesundheitsschaden am besten.
2.2
Nach Art. 43 Abs. 1 Satz 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren, nimmt die
notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein.
Seite 6
Der Untersuchungsgrundsatz besagt, dass die verfügende Instanz den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen, aus eigener Initiative und ohne Bindung an die Vorbringen
oder Beweisanträge der Parteien, abklären und feststellen muss. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden zusätzliche
Abklärungen stets vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a mit Hinweis).
Was notwendig ist, ergibt sich zum einen daraus, in welchem Umfang Abklärungen
vorzunehmen sind, und zum anderen daraus, in welcher Tiefe dies der Fall ist. Zunächst
hat der Versicherungsträger abzugrenzen, welche Bereiche für die zu entscheidende Frage
massgebend sind. In der Folge hat der Versicherungsträger im Rahmen des so begrenzten
Bereiches den Sachverhalt bis zur zweifelsfreien Eruierung abzuklären. Wann dies der Fall
ist, bestimmt sich mit Blick auf den je massgebenden Beweisgrad. Im Rahmen der
Verfahrensleitung kommt dem Versicherungsträger ein grosser Ermessensspielraum
bezüglich Notwendigkeit, Umfang und Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu.
Was es zu beweisen gilt, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den
Untersuchungsgrundsatz ist der Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den
Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
entschieden werden kann (UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, N. 18f zu Art. 43
ATSG mit Hinweisen).
2.3
Aus den vorhandenen Akten geht im Wesentlichen der folgende Sachverhalt hervor:
2.3.1
Im Untersuchungsbericht der Hals- Nasen- Ohrenklinik des Kantonsspitals St. Gallen vom
24. November 2015 wurde die Diagnose einer Hyperakusis und hochfrequenter Tinnitus
beidseits gestellt. Im April 2014 habe der Beschwerdeführer bei der Arbeit im Studio einen
sehr lauten, hochfrequenten Ton auf den Kopfhörern gehört. Er habe darauf einen
beidseitigen hochfrequenten Tinnitus bemerkt, der in seiner Intensität im Verlauf leiser
geworden sei. Jedoch habe sich eine Hyperakusis für hochfrequente Töne entwickelt. In
der Vergangenheit sei der Beschwerdeführer zweimal in psychotherapeutischer
Behandlung gewesen. Die begonnene Therapie mit Zyprexa habe auch über längere Zeit
keine Verbesserung der Symptomatik erbracht, weshalb das Medikament – ebenfalls ohne
Veränderung der Symptomatik – vor ca. drei Wochen abgesetzt worden sei. Klinisch und
audiometrisch hätten sich keine organischen Ursachen der Hyperakusis und des Tinnitus
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sowie der herabgesetzten Unbehaglichkeitsschwelle ergeben. Es werde eine gezielte
psychologische Begleitung des Beschwerdeführers empfohlen (IV-act. 20-4f/5). Die
ambulante Behandlung dauerte vom 21. Oktober 2015 bis 1. Juli 2016 (IV-act. 20-2/5).
2.3.2
Dr. E. _, Fachärztin Oto-Rhino-Laryngologie, stellte im Arztbericht vom 25. April 2017
die Diagnose Verdacht auf Depression mit Hyperreaktivität des zentralen Hörsystems mit
beginnender Hyperakusis Grad 3 (ICD-10: F33.1). Sie habe den Beschwerdeführer vom 23.
April 2014 bis 15. Mai 2014 ambulant behandelt. Seit April 2014 bemerke er ein Flimmern
in beiden Ohren, das sehr hochfrequent sei. Es habe begonnen, nachdem er mehrere Tage
lang unter Kopfhörern hochfrequente Musik gemischt habe. Ursache für die damalige
Hyperreaktivität sei wahrscheinlich eine gleichzeitig bestehende Depression gewesen, die
nach Angaben des Beschwerdeführers seit Oktober 2013 bestand (IV-act. 18-1f/5).
2.3.3
Im Arztbericht vom 22. Juni 2017 diagnostizierte Dr. F. _, Facharzt Oto-Rhino-
Laryngologie sowie Allergologie und klinische Immunologie, Tinnitus aurium, Hyperakusis
sowie Angst und depressive Störung gemischt (ICD-10: F41.2) seit April 2014. Gemäss
Befund habe eine leichtgradige Betroffenheit durch den Tinnitus, mittelgradige Hyperakusis,
leichtgradige Angststörung und leichtgradige Depression bestanden. Die Prognose sei bei
adäquater Psychotherapie gut. Eine Arbeitsunfähigkeit habe er nicht bescheinigt (IV-act.
22).
2.3.4
Im RAD Bericht vom 3. Juli 2017 führte Dr. B. _ aus, dass der Beschwerdeführer vor
allem psychisch beeinträchtigt sei, was sich psychosomatisch an den Ohren darstelle. Eine
rententangierende Invalidität liege sicher nicht vor und es bestehe in der angestammten
Tätigkeit eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 24).
2.3.5
Dr. G. _, erklärte im Juli 2017, er habe mit dem Beschwerdeführer 2015 zwei
Sitzungen gehabt und könne keine Aussagen zum Gesundheitszustand machen (IV-act.
26).
Seite 8
2.3.6
Gemäss dem Bericht des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden vom
20. November 2018 befand sich der Beschwerdeführer vom 15. September 2017 bis
1. März 2018 in ambulanter Behandlung, wobei es effektiv zu zwei Terminen kam. Im
Erstgespräch resultierte als vorläufige Beurteilung anhaltende Schmerzstörung (ICD-10:
F45.4) mit ausgeprägter psychosozialer Funktionseinschränkung (IV-act. 48).
2.3.7
Dr. C. _ diagnostizierte im Arztbericht vom 20. November 2018 eine Hyperakusie. Er
habe den Beschwerdeführer vom 4. August 2017 bis 7. September 2017 insgesamt 6-mal
ambulant behandelt. Er sei seit April 2014 bis auf weiteres 100% arbeitsunfähig. Der
Beschwerdeführer sei 2017 extrem fixiert auf die Hyperakusie gewesen, von aussen
betrachtet im Sinn einer überwertigen Idee. Man habe mit ihm nicht darüber diskutieren
oder gar verhandeln können (IV-act. 49).
2.3.8
Dr. H. _, Klinik I._, stellte im Bericht vom 21. November 2018 unter anderem
die Diagnosen Hyperakusis dolorosa, Nebennierenschwäche sowie hormonelle
Dysregulation. Es habe bei ihnen im Jahr 2016 zwei Konsultationen gegeben (IV-act. 51).
2.3.9
Im RAD-Bericht vom 21. Februar 2019 legte Dr. B. _ dar, es liege kein objektivierter
Gesundheitsschaden vor, welche die für eine IV-Dauerleistung notwendige Beweisdichte
aufweise. Die von Dr. C. _ attestierte 3 Jahre zurücklaufende Krankschreibung
beziehungsweise die weitere Attestierung einer Arbeitsunfähigkeit nach Therapieende sei
nicht plausibel und brauche bei dieser zweifelhaften Formalie nicht ernsthaft vom RAD
geprüft zu werden. Eine Begutachtung sei für den RAD bei der vorgelegten „dünnen“
medizinischen Dokumentation nicht indiziert (IV-act. 55).
2.4
Entgegen der Auffassung der IV-Stelle ist die Aktenlage in Bezug auf den medizinischen
Sachverhalt nicht klar. Zwar ist die IV-Stelle ihrer Abklärungspflicht insoweit
nachgekommen, als sie bei allen ihr bekannt gewordenen Ärzten und Stellen einen Bericht
angefordert hat. Aufgrund dieser Berichte aber ohne weitere Abklärungen einen
invalidisierenden Gesundheitsschaden auszuschliessen, ist nicht angebracht. Es ist schwer
nachzuvollziehen, weshalb die IV-Stelle nicht weitere Abklärungen in Bezug auf ein
psychisches Leiden des Beschwerdeführers unternahm, obwohl sie selber
beziehungsweise der RAD Arzt Dr. B. _ von einer psychischen Beeinträchtigung des
Seite 9
Beschwerdeführers ausging (IV-act. 24). In den Akten finden sich zudem zahlreiche
Hinweise auf eine psychische Erkrankung des Beschwerdeführers, unter anderem von Dr.
E. _ (IV-act. 18-1f/5), von Dr. F. _ (IV-act. 22), vom Psychiatrischen Zentrum
Appenzell Ausserrhoden (IV-act. 48) und von Dr. C. _ (IV-act. 49). Diese Hinweise
und fachärztlich gestellten Diagnosen zu übergehen allein mit dem Verweis auf eine seit
längerem fehlende (psychiatrische) Behandlung des Beschwerdeführers, vermag die IV-
Stelle nicht von ihrer Pflicht zur sorgfältigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
zu befreien. Ebensowenig wie eine Begutachtung mit dem Argument der „dünnen“
medizinischen Dokumentation gar nicht erst in Betracht zu ziehen. Sodann ist auch die
Kritik der IV-Stelle am Arztbericht von Dr. C. _ nicht angemessen, da die IV-Stelle im
Rahmen der Abklärungen den Ärzten diese spezifische Berichtsform samt vorgegebenem
Fragenkatalog vorgibt. Zwischen den Parteien scheint unbestritten, dass der
Beschwerdeführer unter einer Hyperakusis und einem Tinnitus leidet. Nicht strittig scheint
ferner, dass keine organische Ursache der Hyperakusis und des Tinnitus besteht (act. 1/2
und IV-act. 20-4f/5). Der Tinnitus ist somit – insoweit übereinstimmend mit dem RAD –
aufgrund der somatisch unauffälligen Verhältnisse als organisch nicht objektiv
ausgewiesenes Beschwerdebild zu betrachten. Die versicherungsrechtliche Prüfung hat
damit nach der entsprechend ergangenen Rechtsprechung zu erfolgen, wobei eine
Indikatorenprüfung im Sinne von BGE 141 V 281 vorzunehmen ist (BGE 138 V 248 E. 5.7ff;
Urteil des Bundesgerichts 8C_175/2018 vom 27. September 2018 E. 6 mit Hinweis auf
Urteil des Bundesgerichts 9C_433/2017 vom 13. März 2018 E. 4.9).
2.5
Zusammenfassend ist die IV-Stelle ihrer Abklärungspflicht gemäss Art. 43 Abs. 1 ATSG
nicht in genügendem Mass nachgekommen. Die angefochtene Verfügung vom 12. Juni
2019 ist daher aufzuheben und die Sache zur entsprechenden Vervollständigung an die IV-
Stelle zurückzuweisen.
3. Kosten und Entschädigung
3.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Die Vorin-
stanz unterliegt im vorliegenden Verfahren da die Rückweisung der Sache zu weiterer
Abklärung und neuer Verfügung für die Frage der Auferlegung der Gerichtskosten wie auch
der Parteientschädigung praxisgemäss als volles Obsiegen der beschwerdeführenden
Partei gilt (BGE 132 V 215 E. 6.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_350/2017 vom
30. November 2017; UELI KIESER, a.a.O., N. 205 zu Art. 61 ATSG). Da der Vorinstanz
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gemäss Art. 22 Abs. 1 VRPG keine Verfahrenskosten auferlegt werden können, werden die
Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 800.-- auf die Staatskasse genommen. Die
Gerichtskasse wird daher angewiesen, dem Beschwerdeführer den von ihm geleisteten
Kostenvorschuss von Fr. 800.-- zurückzuerstatten.
3.2
Gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerde-
führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungs-
gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit-
sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. Vorliegend wird die Be-
schwerde an die IV-Stelle zurückgewiesen, womit der Beschwerdeführer obsiegt.
Im Übrigen ist die Bemessung der Parteientschädigung eine Angelegenheit des kantonalen
Rechts, wobei bei kantonal festgesetzten Kriterien beachtet werden muss, dass sie nicht
den bundesrechtlich massgebenden Bemessungselementen zuwiderlaufen dürfen (Urteil
des Bundesgerichts 8C_11/2016 vom 22. Februar 2016 E. 3.1; UELI KIESER, a.a.O., N. 212
zu Art. 61 ATSG).
Der Beschwerdeführer hat mit seinem Antrag obsiegt, macht jedoch keine konkreten
Kosten geltend, die ihm zu entschädigen wären. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung werden sonstige Kosten der nicht vertretenen Partei nur ausnahmsweise
übernommen, wenn es sich um eine komplizierte Sache mit einem hohen Streitwert han-
delt, wobei der – in einem vernünftigen Rahmen betriebene – Aufwand denjenigen Rahmen
überschreitet, der von der Partei auf sich zu nehmen ist (UELI KIESER, a.a.O., N. 198 zu
Art. 61 ATSG). Dies trifft vorliegend nicht zu, weshalb dem Beschwerdeführer keine
Entschädigung zuzusprechen ist.
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