Decision ID: 322343f7-b4fb-542e-bd07-6eff1e680e18
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 2. September 2014 beziehungsweise vom 10. Septem-
ber 2014 stellte das SEM fest, der Bruder des Beschwerdeführers
B._ erfülle die Flüchtlingseigenschaft und gewährte ihm Asyl.
B.
Der damals unbegleitete minderjährige Beschwerdeführer suchte am
11. September 2016 in der Schweiz um Asyl nach. Am 26. September 2016
fand die Befragung zur Person und am 25. April 2018 die Anhörung statt.
Hierbei machte er geltend, er sei Syrer kurdischer Ethnie und habe – mit
einem Unterbruch (...) im Irak – bis zu seiner Ausreise bei seinen Eltern in
deren Haus gelebt, wo er auch gemeldet gewesen sei. Er sei illegal aus-
gereist, weil er insbesondere von der YPG (Yekîneyên Parastina Gel) we-
gen des Militärdienstes gesucht worden sei, nachdem er bereits für einige
Tage eine Ausbildung begonnen habe. Zudem müsse man mit 18 Jahren
in den obligatorischen Militärdienst gehen, was er aufgrund seiner vorzei-
tigen illegalen Ausreise nicht getan habe.
C.
Mit Verfügungen vom 6. Oktober 2016 stellte das SEM fest, die Schwestern
des Beschwerdeführers C._ und D._ erfüllten die Flücht-
lingseigenschaft und gewährte ihnen Asyl.
D.
Mit Verfügung vom 18. April 2018 stellte das SEM fest, der Bruder des Be-
schwerdeführers E._ und dessen Familie erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft und gewährte ihnen Asyl.
E.
Mit Verfügung vom 25. Juli 2018 stellte das SEM fest, der Beschwerdefüh-
rer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, ver-
fügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete aufgrund der Unzu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an.
F.
Mit Eingabe vom 27. August 2018 reichte der Beschwerdeführer unter Bei-
lage verschiedener Schweizer Aufenthaltsbewilligungen seiner Geschwis-
ter sowie Internetartikel (alle in Kopie) beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde ein und beantragte, es sei die angefochtene Verfügung des SEM
vom 25. Juli 2018 aufzuheben und die Sache dem SEM zur vollständigen
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und richtigen Abklärung, zur Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts sowie zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei die Ver-
fügung des SEM aufzuheben und die Flüchtlingseigenschaft festzustellen
sowie Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Verfügung des SEM aufzu-
heben und er sei als Flüchtling anzuerkennen. In prozessualer Hinsicht sei
auf die Erhebung von Verfahrenskosten und eines Kostenvorschusses zu
verzichten.
G.
Mit Schreiben vom 3. September 2018 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
H.
Mit Verfügung vom 15. Juli 2020 stellte das SEM fest, die Eltern und die
Schwester F._ des Beschwerdeführers erfüllten die Flüchtlingsei-
genschaft und gewährte ihnen Asyl.
I.
Mit Eingabe vom 24. September 2020 reichte der Beschwerdeführer Ko-
pien der Aufenthaltsbewilligungen des Vaters, der Mutter sowie der
Schwester F._ nach und führte aus, diese Personen seien inzwi-
schen ebenfalls als Flüchtlinge anerkannt und es sei ihnen Asyl gewährt
worden, weshalb auch aus diesem Grund die angefochtene Verfügung un-
ter Berücksichtigung der Reflexverfolgung zur Neubeurteilung an das SEM
zurückzuweisen sei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende
Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer
ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
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VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.2 Der Wegweisungsvollzug bildet nicht mehr Gegenstand der Be-
schwerde, nachdem die Vorinstanz die vorläufige Aufnahme angeordnet
hat.
3.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weite-
rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a
AsylG).
4.
Auf Beschwerdeebene wird in formeller Hinsicht insbesondere gerügt, die
Vorinstanz habe sowohl das rechtliche Gehör als auch die Pflicht zur voll-
ständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes
verletzt. Die Vorinstanz habe mit keinem Wort erwähnt, dass sich zahlrei-
che Geschwister des Beschwerdeführers in der Schweiz befänden, denen
allen Asyl gewährt worden sei. Diese habe er bereits in der Erstbefragung
erwähnt, womit die Vorinstanz die entsprechenden Geschwister identifiziert
habe und die entsprechenden Akten zwingend hätte beiziehen müssen.
Aus der angefochtenen Verfügung gehe indessen hervor, dass die
Vorinstanz weder die Geschwister erwähnt noch deren Status beziehungs-
weise Gefährdungsprofil gewürdigt habe, was auch nicht in Einklang mit
der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts stehe. Die Sache sei
zudem zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, weil diese
den drohenden obligatorischen Militärdienst beziehungsweise ein Verfah-
ren wegen Landesverrat weder erwähnt noch gewürdigt habe. Die
Vorinstanz habe sich auch nicht mit der aktuellen Praxis zur illegalen Aus-
reise auseinandergesetzt, obwohl der Beschwerdeführer diese ausführlich
geschildert habe. Die Vorinstanz wäre aufgrund der damaligen Minderjäh-
rigkeit des Beschwerdeführers im Übrigen gehalten gewesen, das Asylge-
such prioritär zu behandeln, was nicht geschehen sei. Diese formellen Rü-
gen sind vorab zu prüfen, da sie zu einer Kassation der angefochtenen
Verfügung führen können.
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5.
5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die
Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheid-
findung angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristge-
rechten Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkre-
ten Streitfrage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass die Betroffenen den Entscheid gegebenenfalls
sachgerecht anfechten können. Sie muss kurz die wesentlichen Überle-
gungen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die
sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung
mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes ein-
zelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
5.2 Der Beizug konnexer Akten sowie deren Prüfung und Resultate müs-
sen aktenkundig sein und im Asylentscheid Niederschlag finden
(statt vieler Urteil des BVGer E-4122/2016 vom 16. August 2016 E. 6.2.4).
Weder aus den vorinstanzlichen Akten noch aus der angefochtenen Verfü-
gung geht hervor, ob die Vorinstanz für den vorliegenden Asylentscheid die
Asylverfahrensakten der Verwandten des Beschwerdeführers tatsächlich
beigezogen hat. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund unzureichend,
dass die übrigen sich in der Schweiz befindenden Familienangehörigen
des Beschwerdeführers ohne Ausnahme als Flüchtlinge anerkannt worden
sind und er diese explizit in den Befragungen erwähnt hat. Zudem wurden
die vier Geschwister – insbesondere der Bruder B._ und die
Schwestern D._ und C._ – lange vor Erlass der angefoch-
tenen Verfügung als Flüchtlinge anerkannt. Im Übrigen wurden die Eltern
und eine weitere Schwester des Beschwerdeführers inzwischen ebenfalls
als Flüchtlinge anerkannt. Die entsprechenden Rügen sind folglich begrün-
det und das rechtliche Gehör verletzt.
6.
6.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel (Ur-
kunden, Auskünfte der Parteien, Auskünfte oder Zeugnis von Drittperso-
nen, Augenschein und Gutachten von Sachverständigen). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind. Die Sachverhaltsfeststellung ist demgegenüber unvollständig,
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wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände be-
rücksichtigt werden (KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 630).
6.2 Indem die Vorinstanz keine weiteren Abklärungen zu den vier Ge-
schwistern getroffen hat und diese mit keinem Wort in der angefochtenen
Verfügung erwähnt hat, hat sie zudem den Sachverhalt unvollständig fest-
gestellt. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer
nicht – wie in der angefochtenen Verfügung dargelegt – am 13. September
2015, sondern am 11. September 2016 in der Schweiz um Asyl nachsuchte
(angefochtene Verfügung S. 1).
7.
Nach dem Gesagten liegen eine mangelhafte Sachverhaltsfeststellung und
eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör in Form eines nicht
nachvollziehbaren Aktenbeizuges vor, der angesichts des Profils der Fami-
lie des Beschwerdeführers von zentraler Bedeutung ist. Auf die übrigen
Rügen ist somit nicht weiter einzugehen.
8.
8.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (vgl. PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, Praxiskommentar
Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16 S.1264).
Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2015/10 E. 7.1).
8.2 Im vorliegenden Fall ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen,
zumal die Erstellung des Sachverhalts weiterer Abklärungen bedarf.
9.
Die Beschwerde ist gutzuheissen und die vorinstanzliche Verfügung vom
25. Juli 2018 in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständi-
gen und richtigen Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung im Sinne der
Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. Hiermit werden die übri-
gen Beschwerdeanträge gegenstandslos.
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10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und der Antrag auf Verzicht der Erhebung eines Kos-
tenvorschusses werden mit dem vorliegenden Urteil gegenstandslos.
10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde
keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten auf-
grund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE)
ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädi-
gung von insgesamt Fr. 3’000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzu-
schlag) zuzusprechen.
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