Decision ID: cd64c3c4-d908-49f2-8dbf-f709dbbe6565
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
Am 22. März 2020 (Eingangsdatum) reichte
X._
als Inhaber der Einzel
firma
Y._
beim
Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA)
eine Voranmeldung für Kurzarbeitsentschädigung für die Dauer vom 17. März 2020 bis am 30. Juni 2020 ein (Urk. 8/8-10). Mit Verfügung vom 31. März 2020 erhob das AWA teilweise Einspruch und
bewilligte die Auszahlung von Kurzarbeitsentschädigung
vom 22. März bis 21. September 2020 u
nter dem Vorbehalt, dass die übrigen Anspruchsvoraussetzungen erfüllt seien
(Urk. 8/11). Am
27. August 2020
verfügte
die Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich (ALK)
,
für die
Y._
,
X._
,
bestehe für die Monate März bis Mai 2020
kein
Anspruch
auf Kurzarbeitsentschädigung, weshalb die für diese Zeit bereits entrichtete Entschädigung von
insgesamt
Fr. 8'472.60 netto zurückzuerstatten sei
(Urk. 8
/
7/13
). Mit Eingabe vom
25. September 2020
stellte
X._
ein Erlassg
esuch (Urk. 8/7
/
2 f.
), welches mit Verfügung vom 18. Dezember 2020 vom AWA abgewiesen wurde (Urk.
8/3
). Die dagegen erho
bene Einsprache vom
1. Februar 2021 (Urk. 8
/4) w
ies das AWA mit Entscheid vom 23
. April 2021 ab (Urk. 2 [= Urk.
8/6
]).
2.
Hiergegen erhob
X._
mit Eingabe vom 24.
Mai 2021 (zur Post gegeben am 25
. Mai 2021)
Beschwerde und beantragte die Aufhebu
ng des angefochtenen Entscheids sowie den
vollumfänglichen
Erlass der Rückerstattungspflicht (Urk. 1).
Da der Beschwerde der angefochtene Entscheid nicht
beigelegt worden war, wurde
dem Beschwerdeführer
mit Verfügung vom 31. Mai 2021 eine Frist
von zehn
Tagen zur Verbesserung der Beschwerde angesetzt (Urk. 3). Innert Frist legte diese
r
den
Einspracheentscheid
vom 23. April 2021 auf (Urk. 5).
Mit Beschwerdeantwort vom
6. Juli
2021
schloss der Beschwerdegegner auf
Abweisung der Beschwerde (Urk. 7
), was dem
Beschwerdeführer
mit Verfügung vom
15. Juli
2021
angezeigt wurde
(Urk. 9
).
Die Einzelrichterin

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Da der Streitwert Fr. 3
0’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Be
schwerde
in die einz
elrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
,
GSVGer
, in der ab 1.
Juni 2020 geltenden Fas
sung
).
1.2
1.2.1
Gemäss
Art.
95 Abs.
1 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeits
losen
versicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) richtet sich die Rückforde
rung
mit Ausnahme der Fälle von Art.
55
und 59c
bis
AVIG nach Art.
25 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrec
hts (ATSG). Gemäss Art. 25 Abs.
1 ATSG sind unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzu
erstatten.
Die Rückerstattung
unrechtmässig
gewährter Leistungen, die in gutem Glauben emp
fangen wurden, wird
gemäss
Art. 25 Abs.
1 ATSG in V
erbindung mit Art. 4 Abs.
1
der
Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialver
siche
rungsrechts (ATSV)
bei Vorliegen einer
grossen
Härte ganz oder teilweise erlass
en. Die Voraussetzungen des guten Glaubens und der
grossen
Härte müssen kumu
lativ erfüllt sein (Urteil des Bun
desgerichts 8C_100/2020 vom 15. April 2020 E.
2.1 mit Hinweis
auf BGE 122 V 221 E. 3
).
1.2
.2
Der gute Glaube als Erlassvoraussetzung ist nicht schon mit der Unkenntnis des Rechtsmangels gegeben. Der Leistungsempfänger darf sich vielmehr nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit schuldig gemacht haben. Der gute Glaube entfällt somit einerseits von vornherein, wenn die zu Unrecht erfolgte Leistungsausrichtung auf eine arglistige oder grobfahr
lässige Melde- oder Auskunftspflichtverletzung zurückzuführen ist. Andererseits kann sich die rückerstattungspflichtige Person auf den guten Glauben berufen, wenn ihr fehlerhaftes Verhalten nur leicht fahrlässig war. Wie in anderen Be
reichen beurteilt sich das
Mass
der erforderlichen Sorgfalt nach einem objek
tiven
Massstab
, wobei aber
das
den Betroffenen in ihrer Subjektivität Mögliche und Zumutbare (Urteilsfähigkeit, Gesundheitszustand, Bildungsgrad usw.) nicht aus
ge
blendet werden darf. Das Verhalten, das den guten Glauben
ausschliesst
, braucht
nicht in einer Melde- oder Anzeigepflichtverletzung zu bestehen. Auch ein ande
res Verhalten, beispielsweise die Unterlassung, sich bei der Verwaltung zu erkun
digen, fällt in Betracht (Urteil des Bu
ndesgerichts 8C_102/2020 vom 1.
Mai 2020 E.
4.1 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog im angefochtenen Entscheid im Wesentlichen,
X._
habe als Inhaber der Einzelfirma
Y._
und somit als selbständig Erwerbender keinen Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung. Aus dem Umstand, dass die Voranmeldung be
willigt worden sei – was nicht durch die Arbeitslosenkassen, sondern durch die kantonale Amtsstelle erfolgt sei – vermöge
X._
als Inhaber der Einzel
firma nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Eine
Einzelfirma sei nicht grund
sätzlich vom Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung ausgeschlossen; sie könne für ihre unselbständig angestellten Mitarbeiter Anspruch auf Kurzarbeits
ent
schä
digung geltend machen. In der Voranmeldung seien auch nur die Gesamtzahl der Mitarbeiter sowie die Zahl der von der Kurzarbeit betroffenen Mitarbeiter auf
zuführen, ohne dass die einzelnen Personen bereits schon deklariert werden müssten. Die Prüfung der Anspruchsberechtigung der einzelnen von Kurzarbeit betroffenen Personen erfolge erst im Rahmen d
er
Prüfung
des monatlich einzu
reichenden
Antrags
von Kurzarbeit
durch die Arbeitslosenkasse. Dass angesichts der Tausenden von Voranmeldungen und Abrechnungsanträge
n
seit März 2020 und dem bestehenden Druck zur raschen Bearbeitung des ausserordentlich hohen Arbeitsanfalls ein Fehler bei der Bearbeitung passier
e
und Kurzarbeitsent
schä
digung irrtümlich ausgerichtet werde, könne nicht ausgeschlossen werden. Der Umstand, dass der Arbeitslosenkasse grundsätzlich die Prüfung des Antrags ob
liege, genüge nicht für die Annahme, beim Empfänger liege Gutgläubigkeit vor. Entscheidend sei, ob der Mangel unter den gegebenen Umständen bei zumutbarer Aufmerksamkeit hätte erkannt werden müssen.
X._
hätte es als Inhaber der Einzelfirma, welche bereits seit dem 15. Januar 1999 im Handelsregister ein
getragen sei, bekannt sein sollen, dass er für die von einer Versicherung ver
sicherten Risiken nur dann abgedeckt sei, wenn er auch entsprechende Prämien oder Beiträge an die betreffende Versicherung geleistet habe. Es hätte ihm daher bewusst sein müssen, dass ihm als selbständig Erwerbender keine Leistungen der
Arbeitslosenversicherung, insbesondere keine Kurzarbeitsentschädigungen zukom
men
könnten. Der gute Glaube sei daher zu verneinen (Urk. 2).
2.2
Demgegenüber brachte der Beschwerdeführer vor, er sei davon ausgegangen, dass er als Inhaber einer im Handelsregister eingetragenen Einzelfirma, wie alle ande
ren Firmen, Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung habe. Mit Verfügung vom 31. März 2020 sei sein Gesuch um Auszahlung von Kurzarbeitsent
schädi
gung dann auch bewilligt worden, weshalb er in gutem Glauben davon ausgegangen sei, er habe auch einen entsprechenden Anspruch. Im Übrigen hätte er ohne die
Kurzarbeitsentschädigung die Monate März bis Juni 2020 nicht finanzieren können
und wäre auf Sozialhilfe angewiesen gewesen. Sodann hätten weder das AWA
noch die Arbeitslosenversicherung als rechtskundige Institutionen bei der Prüfung
der Voranmeldung oder bei den monatlichen Abrechnungen festgestellt, dass kein Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung bestehe. Es werde mit unterschiedlichen Ellen gemessen, wenn einem Laien Arglist oder Grobfahrlässigkeit unterstellt werde oder Rechtskenntnisse vorausgesetzt würden, welche die Arbeitslosenkasse
offensichtlich selbst nicht gehabt habe. Er berufe sich auf den Grundsatz des Ver
trauensschutzes sowie auf das Prinzip von Treu und Glauben. Er habe auf das ursprüngliche Verhalten der Arbeitslosenkasse vertraut und die ausbezahlten Gelder für den Lebensunterhalt verbraucht (Urk. 1).
3.
3.1
Ein Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung ist Arbeitnehmern vorbehalten (vgl. Art. 31 Abs. 1 AVIG). Neben der Verhinderung des Eintritts von
Ganzarbeits
losig
keit, d.h. Kündigungen und Entlassungen,
dient die Kurzarbeitsentschä
di
gung der Erhaltung von Arbeitsplätzen im Interesse sowohl der Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber, indem die Möglichkeit der Erhaltung eines intakten Produktions
appa
rates über die Zeit der Kurzarbeit hinweg geboten wird (
Kupfer Bucher, Rechtsprechung
des Bundesgerichts zum AVIG, 5.
Aufl
. 2019, Art. 31 S. 256).
Art. 31 Abs. 3 AVIG besagt sodann, dass
Personen, die in ihrer Eigenschaft als Gesellschafter, als finanziell am Betrieb Beteiligte oder als Mitglieder eines obersten betrieblichen Entscheidungsgremiums die Entscheidungen des Arbeitge
bers bestimmen oder massgeblich beeinflussen können, sowie ihre mitarbeitenden Ehegatten keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung
haben
.
3.2
Der Bundesrat
erliess
am 20. März 2020 gestützt auf Art. 185 Abs. 3 der Bun
des
verfassung (BV) die Verordnung über
Massnahmen
im Bereich der Arbeitslo
sen
versicherung im Zusammenhang mit dem
Coronavirus
(COVID-19; Covid-19-Ver
ordnung Arbeitslosenversicherung; AS 2020 877) und führte unter anderem Erleichterungen in Bezug auf die Kurzarbeit ein: In der Covid-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung, welche auf den 17. März 2020 in Kraft gesetzt wurde (Art. 9 Abs. 1)
–
mit einer Geltungsdauer (mit Ausnahme von Art. 8) von sechs Monaten ab Inkrafttreten (Art. 9 Abs. 2)
–
, wurde in Art. 2 vorgesehen, dass die in Art. 31 Abs. 3
lit
. c AVIG aufgeführten Personen in Abweichung zur gesetz
lichen Regelung Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung haben.
Die Geltungsdauer d
ieser
Massnahme
wurde am 9. April 2020 neu auf einen Zeitraum vom 1. März 2020 bis am 31. August 2020 festgesetzt (Verordnung des Bundesrates über ergänzende
Massnahmen
im Zusammenhang mit dem
Coro
na
virus
im Bereich der Arbeitslosenversicherung [AS 2020 1201]).
In der am 20. Mai 2020 vom Bundesrat erlassenen Verordnung über
Massnahmen
im Bereich der Arbeitslosenversicherung im Zusammenhang mit dem
Corona
virus
(AS 2020 1777) wurde Art. 2 der Covid-19-Verordnung Arbeitslosenver
si
cherung per 1. Juni 2020 wieder aufgehoben.
3.3
Bei
der
Y._
handelt es sich
um eine Einzel
firma
. Inhaber von Einzelfirmen gelten als selbständig Erwerbende; sie fallen nicht unter die in Art. 31 Abs. 3
lit
.
c AVIG
aufgezählte Personengruppe. In ihrer
Eigenschaft als selbständig Erwerbende haben Inhaber von Einzelfirmen von vor
n
herein keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung. Von diesem Grund
satz
wurde auch durch den Erlass der Covid-19-Verordnung Arbeitslosen
versi
cherung
, welche auf den 17.
M
ärz 2020 in Kraft gesetzt wurde (vgl. oben E.
3.
2)
,
keine Ausnahme vorgesehen.
3
.4
Die Unrechtmässigkeit der für die Monate März bis Juni 2020 bezo
genen Kurz
arbeitsentschädigungen
ist nach dem Gesagten fraglos gegeben und wurde auch nicht bestritten.
4.
4.1
Z
u prüfen bleibt, ob der Beschwerdegegner zu Recht die Voraussetzung des guten Glaubens verneinte.
Der Beschwerdeführer brachte
hierzu
im Wesentlichen
vor, er sei
in gutem Glauben davon ausgegangen
, er habe «wie alle anderen Firmen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung» (Urk. 1 S. 1).
4.2
Der Bundesrat informierte laufend über die aktuelle Entwicklung der Pandemie sowie die getroffenen und geplanten Massnahmen.
An der Medienkonferenz vom
20. März 2020 (
circa
Minute
22:30-23:30
,
https://www.srf.ch/play/tv
)
informierte der Bundesrat Guy
Parmelin
insbesondere über die mit der Covid-19
Verordnung
Arbeitslosenversicherung (vorübergehend) eingeführte Erleichterung in Bezug auf
die Kurzarbeit
und zählte auf, welche Personen davon betroffen seien (vgl. E. 3.2
)
.
Ebenso erfolgte in der
Medienmitteilung des
Seco
vom 20. März 2020
eine trans
parente Information bezüglich der
Massnahmen
betreffend die Kurzarbeit
(vgl.
www.seco.admin.ch
).
X._
ist seit dem 19. Juli 2007
(Firmenänderung des Einzelunternehmens «
Z._
,
X._
», welches am 15. Januar 1999 im Handels
register eingetragen wurde)
als alleiniger Inhaber
des Einzelunternehmens
Y._
mit Einzelunterschrift im Handelsregister eingetragen.
Damit musste er unter Beachtung der erforderlichen Sorgfalt
um seine Qualifikation als selbständig Erwerbender sowie um die Rechtsfolg
en, welche daran geknüpft sind, wissen
.
Auch muss
te
er wissen, dass er
nicht als
A
rbeitnehmer zu qualifizieren ist
.
Als
in
erwerblicher Hinsicht
potentiell Be
troffener der Corona-Pandemie durfte von ihm
erwartet werden, dass er sich aktiv über die jeweils geplanten Schritte des Bundesrates kundig machte. Dies war angesichts der breit angelegten Informationspolitik des Bundesrates und der zu Beginn der Pandemie noch gewährleisteten Übersicht über die einzelnen Mass
nahmen ohne weiteres möglich.
D
ass
X._
davon ausging, «wie alle anderen Firmen» Anspruch auf Kurz
arbeitsentschädigung zu haben,
kann daher nicht als bloss leichte Fahrläss
igkeit gewertet werden, zumal
der gute Glaube als Erlassvoraussetzung
nicht bereits
mit der Unkenntnis d
es Rechtsmangels gegeben
ist
(E. 1.2
.2).
A
ufgrund der medialen Mitteilungen
bestand
kein Anlass dazu
, davon auszugehen,
Inhaber einer Einzel
firma
hätten aufgrund der Covid-19-M
assnahmen –
in Abweichung der bishe
rigen Regelung
–
neu
Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung.
Im Übrigen kann auf die zutreffenden Erwägungen des Beschwerdegegners verwiesen werden.
4.3
Da
eine der beiden kumulativen Voraussetzungen für einen Erlass der Rücker
stattung (guter Glaube) fehlt,
ist die Beschwerde abzuweisen
.