Decision ID: 75fcbd19-90f5-4e08-89ff-5d433b5f701b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am (...) Oktober 2020 in der Schweiz um
Asyl. Da er im August 2020 in Italien daktyloskopisch erfasst worden war,
trat das SEM mit Verfügung vom 12. Januar 2021 auf das Asylgesuch nicht
ein und verfügte die Wegweisung nach Italien. Die dagegen erhobene Be-
schwerde hiess das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil F-280/2021 vom
22. Juli 2021 gut, hob die Verfügung des SEM vom 12. Januar 2021 auf
und wies die Vorinstanz an, sich für das Asylverfahren des Beschwerde-
führers zuständig zu erklären und das Asylgesuch zu behandeln. Das Ge-
richt begründete seinen Entscheid mit der gesundheitlichen Verfassung so-
wie dem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Beschwer-
deführer und seinen in der Schweiz lebenden Geschwistern.
B.
Am 11. Januar 2022 wurde der Beschwerdeführer zu seinen Asylgründen
angehört (Protokoll in SEM-Akten 1077084-68/24, nachfolgend A68), wo-
bei er im Wesentlichen Folgendes geltend machte:
Es sei afghanischer Staatsangehöriger usbekischer Ethnie, in B._
geboren und in Kabul aufgewachsen. Er habe die Schule bis zur (...)
Klasse besucht und sei danach ausgereist.
Sein Vater habe (...) bis (...) Jahre als (...) im (...) gearbeitet und sei des-
halb immer wieder bedroht und mehrmals angegriffen worden. Er habe im-
mer eine Waffe bei sich getragen und eine Leibwache dabeigehabt. Mitt-
lerweile hätten seine Eltern in die Türkei fliehen können. Er (der Beschwer-
deführer) selbst sei ungefähr ein Jahr vor seiner Ausreise mehrmals ange-
rufen worden, habe das Telefon jedoch nur einmal abgenommen. Es habe
sich dabei um einen Drohanruf der Taliban gehandelt. Er habe daraufhin
die SIM-Karte gewechselt, wonach er nicht mehr kontaktiert worden sei.
Dennoch wäre er bei einer Rückkehr nach Afghanistan in Gefahr.
Ferner habe er eine aussereheliche Beziehung mit der Tochter des Onkels
der Ehefrau seines Bruders beziehungsweise der Cousine seiner Schwä-
gerin, C._, geführt. Ihr Vater, D._, sei eine bekannte Person
in B._ und Leiter des dortigen Gefängnisses gewesen. Er (der Be-
schwerdeführer) habe um C._s Hand angehalten. Dies sei aber
vergeblich gewesen, da C._ bereits als Kind einem anderen Mann
versprochen worden sei. Nach der Heirat von C._ mit diesem an-
deren Mann hätten sie wieder Kontakt aufgenommen und sich getroffen.
E-3908/2022
Seite 3
Die Schwester von C._ habe von dieser heimlichen Liebesbezie-
hung gewusst und ihnen ermöglicht, einander zu sehen. Der Ehemann
habe von der Beziehung erfahren und C._ geschlagen. Ihre
Schwester habe ihr daraufhin zur Flucht verhelfen wollen, ihr Bruder habe
sie aber aufgespürt und beide getötet. C._s Vater habe daraufhin
die Familie des Beschwerdeführers bedroht und Anzeige gegen den Be-
schwerdeführer erstattet. Deshalb habe er fliehen müssen. Bei einer Rück-
kehr nach Afghanistan würden ihn die Taliban aufgrund der aussereheli-
chen Beziehung steinigen.
Ausserdem gebe es in Kabul sicherheitspolitische und wirtschaftliche Prob-
leme.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Tazkara (im Original),
diverse Unterlagen und Fotos zu den Tätigkeiten seines Vaters beim Militär
(inkl. Gesuche seines Bruders und seines Vaters an das Eidgenössische
Departement für auswärtige Angelegenheiten [EDA] um Erteilung eines hu-
manitären Visums für die in Afghanistan verbliebene Familie), diverse Zei-
tungsberichte und Fotos betreffend D._ und die Tötung seiner bei-
den Töchter sowie einen Arztbericht vom Juli 2022 zu den Akten.
C.
Am 12. Januar 2022 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, dass sein
Asylgesuch gestützt auf Art. 26d AsylG (SR 142.31) fortan im erweiterten
Verfahren behandelt werde.
D.
Mit Verfügung vom 3. August 2022 – eröffnet am 8. August 2022 – ver-
neinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung. Gleichzeitig ord-
nete sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs seine vorläu-
fige Aufnahme an und händigte dem Beschwerdeführer die editionspflich-
tigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
E.
Gegen den Entscheid der Vorinstanz erhob der Beschwerdeführer am
7. September 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und be-
antragt die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung in den Ziffern 1 bis
3. Seine Flüchtlingseigenschaft sei festzustellen und ihm sei Asyl zu ge-
währen.
E-3908/2022
Seite 4
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um unentgeltliche Prozessführung un-
ter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiord-
nung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
F.
Am 9. September 2022 bestätigte die Instruktionsrichterin den Eingang des
Rechtsmittels.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
E-3908/2022
Seite 5
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheides führte die Vor-
instanz aus, die vom Beschwerdeführer dargelegten Massnahmen zielten
nicht auf seine Identität und Persönlichkeit ab, sondern auf sein Handeln.
Dies auch wenn die gesellschaftlichen und rechtlichen Normen, gegen die
er verstossen habe, zumindest teilweise religiös begründet seien. Solche
Nachteile seien nur dann bedeutsam, wenn die hinter einer Handlungs-
weise steckende Eigenart und Gesinnung getroffen werden soll. Den vor-
gebrachten Vergeltungsmassnahmen seitens der Familie von C._
oder seiner Befürchtung einer möglichen Bestrafung durch die afghani-
schen Behörden oder die Taliban liege somit kein asylrelevantes Motiv im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG zugrunde. Diese gründeten hauptsächlich in
gesellschaftlichen und kulturellen Auffassungen und würden nicht seine Ei-
genart oder Gesinnung treffen. Zudem sei in der allfälligen politischen, re-
ligiösen, religiös-fundamentalistischen oder ethnischen Motivation des
Staates, gewisse Handlungen gesetzlich als Straftaten zu definieren, keine
Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn zu verstehen, wenn dadurch nicht
gezielt eine gewisse Gruppe der Gesellschaft getroffen werden soll. Auch
der Umstand, dass ausserehelicher Geschlechtsverkehr in Afghanistan
E-3908/2022
Seite 6
teilweise hart bestraft werde, könne nicht zur Anerkennung der Flüchtlings-
eigenschaft führen.
In Bezug auf die Tätigkeit des Vaters für die Regierung führte das SEM
aus, es sei kein systematisches Vorgehen der Taliban gegen Familienan-
gehörige von missliebigen Personen erkennbar. Nach eigenen Angaben
sei der Umstand, dass sein Vater für das Militär tätig gewesen sei, nicht der
Grund für seine Ausreise gewesen. Es sei zwar nachvollziehbar, dass der
Beschwerdeführer befürchte, wegen seines Vaters Opfer von Reflexverfol-
gungsmassnahmen zu werden. Die zur Begründung der Flüchtlingseigen-
schaft notwendige objektive Furcht in Bezug auf eine in der Zukunft lie-
gende flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung sei jedoch nicht begründet.
An dieser Einschätzung vermöchten auch die eingereichten Beweismittel
zu den Tätigkeiten seines Vaters im Militär, die Ausführungen in den Ein-
reiseanträgen ans EDA seiner Familie und die Akten der Asylverfahren sei-
ner Geschwister nichts zu ändern. Es lägen keine besonderen Umstände
vor, die ein konkretes Verfolgungsinteresse der Taliban an der Person des
Beschwerdeführers zu begründen vermöchten.
Die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Probleme seien auf die all-
gemeine Situation und die Sicherheitslage im Heimatstaat des Beschwer-
deführers zurückzuführen und stellten somit Nachteile dar, welche Aus-
druck des Krieges und der allgemeinen Lage seien. Sie stellten keine Ver-
folgung im Sinne des Gesetzes dar.
5.2 Dem entgegnet der Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeschrift,
das Argument, wonach die Taliban nicht beziehungsweise nicht systema-
tisch genug gegen Familienangehörige von missliebigen Personen vorgin-
gen, könne in dieser Form nicht zutreffen. Dem zitierten Bericht der Vor-
instanz könne sogar das Gegenteil entnommen werden, nämlich, dass die
Taliban vielfältige Methoden anwenden würden, um Personen mit einem
Risikoprofil zu identifizieren, und die Familienangehörigen massiven Re-
pressalien ausgesetzt seien, wenn nicht gar den Tod zu befürchten hätten.
Der Bericht halte ausdrücklich fest, dass mehreren Berichten zufolge die
Taliban-Kämpfer Listen von gesuchten Personen erstellten, welche sie un-
ter anderem dazu nutzten, um Angehörige unter Druck zu setzen. Diese
Gefahr bestehe objektiv betrachtet auch bei ihm. Es bestehe folglich eine
objektiv begründete Furcht, dass er bei einer Rückkehr in absehbarer Zu-
kunft mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit verfolgt würde.
E-3908/2022
Seite 7
6.
6.1 Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, aufgrund der Tätigkeit seines
Vaters als Angestellter der früheren Regierung gefährdet zu sein, macht er
eine Reflexverfolgung geltend.
6.1.1 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auch auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Re-
flexverfolgung vor (zum Begriff der Reflexverfolgung vgl. BVGE 2007/19
E. 3.3 m.w.H.). Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie gute – das heisst von Dritten
nachvollziehbare – Gründe (objektives Element) für ihre Furcht (subjekti-
ves Element) vorweist, mit gewisser Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft das Opfer von Verfolgung zu werden (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1;
2011/50 E. 3.1.1; 2011/51 E. 6, je m.w.H.). Die erlittene Verfolgung bezie-
hungsweise die begründete Furcht vor zukünftiger (Reflex-)Verfolgung
muss ferner sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylent-
scheids noch aktuell sein. Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlings-
eigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlittene
Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht
vor Verfolgung – im Sinne einer Regelvermutung – auf eine andauernde
Gefährdung hinweist. Veränderungen der Situation zwischen Ausreise und
Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person
zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2009/51 E. 4.2.5; 2007/31
E. 5.2 f., je m.w.H.).
6.1.2 Gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kann
die familiäre Zugehörigkeit zu einer Person, welche in Afghanistan einem
erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt ist, zu einer Reflexverfolgung füh-
ren. Dies gilt insbesondere in Bezug auf (ehemalige) Angehörige der Poli-
zei und der Sicherheitskräfte, Regierungsbeamte oder der Regierung na-
hestehende Personen (vgl. Urteil des BVGer E-5120/2021 vom 21. Juli
2022 E. 6.3.4 m.w.H.). Eine Einschätzung hat im jeweiligen Einzelfall zu
erfolgen.
Zwar ist nicht auszuschliessen, dass der Vater des Beschwerdeführers we-
gen seiner Tätigkeit für die frühere Regierung zu jenen Personen gehört,
die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko im
Sinne von Art. 3 AsylG durch die Taliban ausgesetzt sein könnten. Das
Risikoprofil des Vaters vermag aber per se noch keine Reflexverfolgung für
E-3908/2022
Seite 8
die näheren Angehörigen, namentlich auch für den Beschwerdeführer zu
begründen. Um eine begründete Furcht vor einer Reflexverfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG zu bejahen, muss ein begründeter Anlass zur An-
nahme bestehen, eine solche Verfolgung werde sich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft auch in Bezug auf die An-
gehörigen verwirklichen. Es müssen konkrete Indizien dargelegt werden,
die die Furcht vor einer real drohenden Verfolgung nachvollziehbar er-
scheinen lassen (vgl. Urteil des BVGer E-4140/2014 vom 13. Oktober 2014
E. 5.4; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 1994 Nr. 5).
6.1.3 Die Vorinstanz ist zu Recht zur Einschätzung gelangt, dass die Vor-
bringen des Beschwerdeführers keine solche Asylrelevanz entfalten. Mit
den nachfolgenden Ergänzungen kann daher auf die Ausführungen der
Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden.
Den Schilderungen des Beschwerdeführers sind keine konkreten Indizien
zu entnehmen, aus denen aus objektiven Gründen auf eine nachvollzieh-
bar erscheinende Furcht vor Reflexverfolgung in Bezug auf seine Person
geschlossen werden kann. Aus seinen Darlegungen geht nicht hervor,
dass nebst seinem Vater auch die übrigen Familienmitglieder und nament-
lich er selbst durch die Taliban gefährdet gewesen wären. Wohl führt der
Beschwerdeführer aus, man habe ihn mehrmals angerufen, aber er habe
nur einmal das Telefon abgenommen und einen Drohanruf entgegenge-
nommen (vgl. A68 F83 f.). Nachdem er aber seine SIM-Karte gewechselt
habe, sei er nie mehr kontaktiert worden (vgl. A68 F88 f. und F99). Dies
lässt nicht auf ein ausgeprägtes Interesse der Taliban an seiner Person
schliessen. Ausserdem geht aus der wörtlichen Wiedergabe des Drohan-
rufs hervor, dass nicht der Beschwerdeführer im Fokus der Taliban stand,
sondern die Drohung in erster Linie seinem Vater galt («Wir werden deinen
Vater sowieso vernichten», vgl. A68 F84).
Darüber hinaus räumte der Beschwerdeführer selbst ein, die Drohungen
nicht wirklich ernst genommen zu haben (vgl. A68 F85). Zudem hat er sich
von den Taliban eine Taskara ausstellen lassen (vgl. Protokoll der Perso-
nalienaufnahme vom 8. Oktober 2020, 1077084-14/10, Ziff. 4.03). Beides
lässt nicht auf eine starke subjektive Verfolgungsfurcht wegen des über
dreissig Jahre andauernden Engagements des Vaters für die afghanische
Regierung schliessen.
E-3908/2022
Seite 9
Letztlich besteht zwischen den dargelegten Ereignissen und der Ausreise
des Beschwerdeführers auch kein zeitlicher und sachlicher Kausalzusam-
menhang, da der Drohanruf ein Jahr vor der Ausreise erfolgte und der Be-
schwerdeführer ausdrücklich angab, nicht aufgrund dieser Drohung aus-
gereist zu sein (vgl. A68 F87).
Damit ist nicht ersichtlich, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der
Ausreise aufgrund der Tätigkeit seines Vaters im Fokus der Taliban gestan-
den hätte. Davon ist auch im heutigen Zeitpunkt nicht auszugehen, zumal
der Vater des Beschwerdeführers zwischenzeitlich selbst aus Afghanistan
ausgereist ist. Dass die Taliban bei der im Land verbliebenen Familie nach
ihm gesucht oder die Familie unter Druck gesetzt hätten, wird nicht geltend
gemacht.
Nach dem Gesagten liegen auch unter Berücksichtigung der aktuellen Si-
tuation in Afghanistan keine genügend konkreten Hinweise dafür vor, dass
dem Beschwerdeführer bei einer allfälligen Rückkehr in den Heimatstaat
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine relevante Reflexverfolgung auf-
grund der früheren Tätigkeit seines Vaters für die afghanische Regierung
drohen würde. Der Beschwerdeführer selbst weist in seiner Person kein
Risikoprofil auf. Die pauschalen Ausführungen auf Beschwerdeebene sind
nicht geeignet, diese Einschätzung in Frage zu stellen.
6.2 Der Beschwerdeführer äussert sich auf Beschwerdeebene nicht mehr
zur geltend gemachten Verfolgung wegen seiner ausserehelichen Bezie-
hung mit C._, weshalb nicht weiter auf diesen Punkt einzugehen
ist. Der Vollständigkeit halber ist festzustellen, dass die diesbezüglichen
Ausführungen des SEM nicht zu beanstanden sind.
6.3 Soweit der Beschwerdeführer auf die allgemeine Lage in Afghanistan,
die Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 und die damit ver-
bundene Verschlechterung der Sicherheitslage und wirtschaftlichen Situa-
tion verweist, ist festzustellen, dass diese Nachteile keine gezielten, indivi-
duellen Verfolgungshandlungen darstellen und daher grundsätzlich nicht
asylrelevant sind; der allgemeinen Gefährdungssituation wurde bereits mit
der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen.
6.4 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Die Vorinstanz
hat daher sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
E-3908/2022
Seite 10
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aufgrund der vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers erübrigen sich
praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglich-
keit des Wegweisungsvollzugs.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
10.1 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung so-
wie der amtlichen Rechtsverbeiständung sind unbesehen der finanziellen
Verhältnisse des Beschwerdeführers abzuweisen, da die Beschwerde –
gemäss den vorstehenden Erwägungen – als aussichtslos zu bezeichnen
ist und es daher an einer gesetzlichen Grundlage zu deren Gewährung
fehlt. Mit dem vorliegenden Direktentscheid ist das Gesuch um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-3908/2022
Seite 11