Decision ID: fe6760c9-ff47-4c4f-9b67-505f4c0dace1
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden reisten am 18. August 2022 in die Schweiz ein
und stellten gleichentags ein Asylgesuch.
B.
Am 24. August 2022 fanden die Personalienaufnahmen (PA) im Bundes-
asylzentrum (BAZ) Region Ostschweiz statt.
C.
Mit Eingabe vom 30. August 2022 reichten die Beschwerdeführenden eine
Heiratsurkunde im Original nach.
D.
Am 5. September 2022 wurde ein Arztbericht der C._ AG,
D._, betreffend die Beschwerdeführerin zu den Akten gereicht. Aus
diesem geht hervor, dass sie an Schmerzen beim Wasserlösen, Juckreiz
und Rückenschmerzen leidet. Zudem wurde eine (...) ([...]entzündung) so-
wie der Verdacht auf eine beginnende Diabetes mellitus diagnostiziert. Die
Beschwerdeführerin werde medikamentös behandelt.
E.
Betreffend den Beschwerdeführer wurde ein Arztbericht der C._
AG, D._, vom 26. September 2022 zu den Akten gereicht, aus wel-
chem hervorgeht, dass er an Myogelosen (Muskelverhärtungen) leidet und
medikamentös behandelt wird.
F.
Am 30. September 2022 wurden die Beschwerdeführenden in Anwesen-
heit ihrer Rechtsvertreterin einlässlich zu den Asylgründen angehört.
F.a Dabei trug der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er habe Geor-
gien wegen seiner Gesundheitsprobleme verlassen. Er habe im Heimat-
land bereits an mehreren gesundheitlichen Beschwerden gelitten, die zu-
genommen hätten. Namentlich sein psychischer Zustand (Nervosität) und
seine (...) ([...]) hätten sich in den vergangenen zwei Jahren sehr ver-
schlechtert. Er und seine Frau würden auch unter ihrer Kinderlosigkeit lei-
den. Er sei wegen seiner gesundheitlichen Beschwerden bereits seit sie-
ben Jahren in Georgien in Behandlung gewesen. In der betreffenden Klinik
E._ in F._ und in der G._ Clinic habe man ihm aber
E-4701/2022
Seite 3
nicht nachhaltig helfen können. Er und seine Frau hätten dabei für die me-
dizinischen Behandlungen selbst aufkommen müssen. Er habe nicht mehr
arbeiten können und nur noch im familieneigenen Garten Arbeiten verrich-
ten können.
Er habe mit seiner Ehefrau in seinem Heimatdorf H._ an der Ver-
waltungsgrenze zu Russland gelebt. Dort sei er elf Jahre lang zur Schule
gegangen. Ihr Wohnhaus dort gehöre seiner Familie. Seit Kurzem hätten
die Russen immer mehr Gebiet eingenommen; es sei eine «langsame Ok-
kupation» durchgeführt worden, die sich auf die Einkommenssituation sei-
ner Familie ausgewirkt habe. Auch was zurzeit in der Ukraine geschehe,
wirke sich auf seine Situation in Georgien aus.
Er sei nie politisch aktiv gewesen und habe nie mit den heimatlichen Be-
hörden oder Privatpersonen Schwierigkeiten gehabt. Er sei seit Sommer
2021 offiziell mit seiner Ehefrau verheiratet; sie würden aber schon seit
2012 zusammenleben.
F.b Die Beschwerdeführerin trug ihrerseits vor, sie und ihr Ehemann hätten
Georgien wegen ihrer Gesundheitsbeschwerden verlassen. Auch sie leide
an einigen gesundheitliche Schwierigkeiten. Ihr Hauptproblem sei ihr uner-
füllter Kinderwunsch. Sie habe kein Vertrauen in die georgische Medizin.
Eine falsche Behandlung habe bei ihr (...)probleme, Schmerzen an den
(...), eine starke Gewichtszunahme und Haarwuchs am ganzen Körper ver-
ursacht. Sie sei in Georgien bereits mehrfach in ärztlicher Behandlung ge-
wesen, unter anderem bei einem Kardiologen, welcher Röntgenbilder ge-
macht habe. Man habe ihr mitgeteilt, dass sie eine (...) respektive (...) be-
nötige. Sie und ihr Mann hätten ihr ganzes Einkommen für medizinische
Behandlungen aufgebraucht. Sie wolle in der Schweiz nicht als anerkann-
ter Flüchtling bleiben, sondern nur so lange, bis sie wieder gesund sei. Sie
erhalte zurzeit Medikamente zur Beruhigung gegen ihre Angstattacken.
Sie sei nie politisch aktiv gewesen und habe nie Probleme mit den georgi-
schen Behörden oder Privatpersonen gehabt.
Sie sei neun Jahre lang zur Schule gegangen; sie habe die Schule verlas-
sen müssen, weil die Russen alles mitgenommen hätten. Zuhause sei es
gefährlich; es werde ständig geschossen. In der Stadt Tiflis zu leben wäre
für sie zu teuer.
E-4701/2022
Seite 4
F.c Zur Stützung der Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden meh-
rere Ausweise und Unterlagen (Reisepässe, Identitätsausweise und Hei-
ratsurkunde im Original, die Kopie eines Führerscheins sowie vier Arztbe-
richte aus Georgien [betreffend den Beschwerdeführer: zwei «Medical
Card (...), «Notice (...)» und «Notice (...)» vom (...) 2007, ausgestellt durch
die die «E._ Clinic» in F._ sowie ein «Medical Dokumenta-
tion Form, Notice (...)» vom (...) 2008, ausgestellt durch die «G._
Clinik» respektive betreffend die Beschwerdeführerin: eine «Medical Card
54486.13; Medical Documentation Form, Notice (...)» vom (...) 2007, aus-
gestellt durch die «E._ Clinic» in F._»]) zu den Akten.
G.
Die Vorinstanz gab der zugewiesenen Rechtsvertretung der Beschwerde-
führenden am 11. Oktober 2022 Gelegenheit, zum Entscheidentwurf Stel-
lung zu nehmen.
H.
Mit Eingabe vom 10. Oktober 2022 nahmen die Beschwerdeführenden
zum Entwurf Stellung. Dabei wurde insbesondere beantragt, das vorlie-
gende Verfahren in das erweiterte Verfahren zu verweisen, da weitere ärzt-
liche Berichte und Untersuchungen ausstehend seien.
I.
Mit Verfügung vom 11. Oktober 2022 – eröffnet am gleichen Tag – lehnte
das SEM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden ab und ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz und den Wegweisungsvollzug an.
J.
Gegen die Verfügung des SEM erhoben die Beschwerdeführenden mit Ein-
gabe vom 17. Oktober 2022 (Poststempel) Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht und beantragten die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Anerkennung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewäh-
rung. Im Weiteren sei festzustellen, dass der Wegweisungsvollzug unzu-
lässig, unzumutbar und unmöglich sei, und die vorläufige Aufnahme anzu-
ordnen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurden die Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtpflege und die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung
der Beschwerde beantragt.
E-4701/2022
Seite 5
K.
Am 18. Oktober 2022 teilte die zuständige Instruktionsrichterin des Bun-
desverwaltungsgerichts den Beschwerdeführenden mit, dass sie den Aus-
gang des Verfahrens in der Schweiz einstweilen abwarten dürfen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
E-4701/2022
Seite 6
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Der vorliegenden Beschwerde kommt von Gesetzes wegen aufschiebende
Wirkung zu (Art. 105 AsylG; Art. 6 AsylG i.V.m Art. 55 Abs. 1 VwVG), wes-
halb sich der diesbezügliche Antrag in der Rechtsmitteleingabe als gegen-
standslos erweist.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen. (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich
kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grund-
sätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
5.3 Der Bundesrat hat Georgien am 28. August 2019 in die Liste der ver-
folgungssicheren Staaten aufgenommen, womit Georgien ab dem 1. Okto-
ber 2019 als sicherer Heimatstaat (Safe Country) im Sinn von Art. 6a Abs. 2
Bst. a AsylG zu bezeichnen ist. Bei solchen Staaten gilt grundsätzlich die
E-4701/2022
Seite 7
Regelvermutung, dass eine flüchtlingsrechtlich bedeutsame staatliche Ver-
folgung nicht stattfindet, wobei es der betroffenen Person obliegt, diese
Legalvermutung umzustossen.
5.4 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids gab das SEM an, es
handle sich bei Georgien um einen verfolgungssicheren Heimatstaat,
womit die gesetzliche Regelvermutung bestehe, es finde keine asylrele-
vante staatliche Verfolgung statt und der Schutz vor nichtstaatlicher Verfol-
gung sei gewährleistet. Diese Regelvermutung könne im Einzelfall auf-
grund konkreter und substanziierter Hinweise umgestossen werden.
Die Vorbringen der Beschwerdeführenden seien flüchtlingsrechtlich nicht
relevant. Sie hätten vorgebracht, dass die Russen ihr Dorf, das an der Ver-
waltungsgrenze zu Russland gelegen sei, als «langsame Okkupation» ein-
nehmen würden, was zur Folge habe, dass man nicht frei sei und finanzi-
elle Auswirkungen erleide. Konkrete und gezielte Verfolgungsmassnah-
men hätten beide Beschwerdeführerenden nicht geltend gemacht. Selbst
wenn ihr Dorf dereinst zur international nicht anerkannten de-facto-Repub-
lik Südossetien gehören würde, vermöchte dieses hypothetische Szenario
die Regelvermutung der relativen Verfolgungssicherheit in Georgien nicht
umzustossen. Für georgische Staatsangehörige bestehe grundsätzlich die
Möglichkeit, sich dieser möglichen Veränderung durch Verlegung des
Wohnsitzes in das durch die Regierung in Tiflis kontrollierte Gebiet (Kern-
georgien) zu entziehen.
Die vorgetragenen gesundheitlichen Einschränkungen und die hohen Kos-
ten für medizinische Behandlungen in Georgien stellten keine asylbeacht-
lichen Nachteile dar. Soweit in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf
vorgetragen worden sei, dass ein Umzug nach Kerngeorgien angesichts
der gesundheitlichen Probleme unzumutbar sei, seien in Bezug auf die all-
gemeine Lage in der Grenzregion zu Südossetien keine neuen Tatsachen
oder Beweismittel vorgelegt worden, welche eine Änderung des
vorinstanzlichen Standpunktes rechtfertigen könnten.
Der Wegweisungsvollzug sei durchführbar. Die medizinische wie psychiat-
rische Gesundheitsversorgung in Georgien sei grundsätzlich gewährleistet
und das dortige Gesundheitswesen habe in den vergangenen Jahren
grosse Fortschritte gemacht. Mittlerweile habe jede Stadt mindestens ein
Krankenhaus und ein Zentrum für ambulante Behandlungen. In Georgien
seien praktisch alle Krankheiten behandelbar und die meisten üblichen Me-
E-4701/2022
Seite 8
dikamente erhältlich. Auch die Bevölkerung der de-facto-Republik Südos-
setien habe grundsätzlich Zugang zum georgischen Gesundheitswesen. In
der Schweiz seien keine operativen Eingriffe geplant. Dem Antrag der
Rechtsvertretung, das Verfahren in das erweiterte Verfahren zu verweisen,
werde abgewiesen, nachdem aufgrund der Aktenlage in antizipierter Be-
weiswürdigung auf weitere Abklärungen verzichtet werden könne, weil
diese nicht geeignet wären, den Ausgang des Verfahrens zu ändern. Der
rechtserhebliche Sachverhalt werde als hinreichend erstellt erachtet. Zu-
dem seien bei den Beschwerdeführenden gemäss eingeholter Auskunft bei
(...) keine ärztlichen Berichte ausstehend und lediglich Physiotherapien
respektive weitere Arzttermine geplant, bei welchen es nicht um lebensbe-
drohende Leiden gehe.
Es sei verständlich, dass die Beschwerdeführenden an ihrer Kinderlosig-
keit und den anderen medizinischen Einschränkungen leiden würden. Die
Kinderlosigkeit sei gemäss eigenen Angaben in Georgien diagnostiziert
und behandelt worden. Bei den vorgetragenen gesundheitlichen Be-
schwerden handle es sich nicht um lebensbedrohende oder bei einer Rück-
kehr rasch lebensgefährdende Krankheiten, die nicht in ihrem Heimatland
behandelt werden könnten. Es sei vielmehr davon auszugehen, dass diese
weiterhin in Georgien behandelt werden könnten und die Behandlungen
faktisch zugänglich seien. Die Beschwerdeführenden hätten über Zugang
zu spezialisierten Einrichtungen und Arztpersonen in der Hauptstadt Tiflis
verfügt und die notwendigen Medikamente seien erhältlich gewesen; sie
hätten sich lediglich einmal an die staatliche Krankenversicherung ge-
wandt.
Unter Verweis auf das familiäre Beziehungsnetz und die Wohnsituation der
Familie in Georgien sei der Wegweisungsvollzug insgesamt zulässig, zu-
mutbar und möglich.
5.5 In ihrer Beschwerdeschrift wendeten die Beschwerdeführenden ein,
eine Rückkehr nach Georgien stelle für sie eine konkrete Gefahr an Leib
und Leben dar. Die Behandlungsmöglichkeiten für Personen mit psychi-
schen Beeinträchtigungen seien sehr limitiert; Angst- und Zwangsstörun-
gen würden nicht ambulant behandelt. Auch die angespannte Lage an der
Grenze zur Republik Südossetien müsse mitberücksichtigt werden. Die
«Verlängerung des Asylverfahrens» werde beantragt, um die Lage der psy-
chisch Kranken und der psychiatrischen Kliniken in Georgien zu untersu-
chen. Weiter werde beantragt, die (...)operation der Beschwerdeführerin
sowie weitere psychologische Untersuchungen des Beschwerdeführers in
E-4701/2022
Seite 9
der Schweiz durchzuführen. Im Falle einer Rückkehr nach Georgien sei die
Begleitung durch die IOM (International Organization for Migration) erfor-
derlich, um sicherzustellen, dass die notwendigen Medikamente und die
Rehabilitation in Georgien gewährleistet seien.
Der Rechtsmitteleingabe wurden die vier bereits im vorinstanzlichen Ver-
fahren eingereichten Arztberichte aus Georgien aus den Jahren 2007 und
2008 (vgl. Sachverhalt oben, Bst. F.c) beigelegt.
6.
Nach Durchsicht der Verfahrensakten kommt das Gericht zum Schluss,
dass die Vorinstanz zu Recht festgestellt hat, dass die Vorbringen der Be-
schwerdeführenden nicht asylrelevant sind. Ihre Schilderungen vermögen
die Regelvermutung der relativen Verfolgungssicherheit in Georgien nicht
umzustossen. Sie haben insgesamt keine konkreten, gezielt gegen ihre
Person gerichteten Verfolgungsmassnahmen geltend gemacht. Zudem
steht ihnen die Möglichkeit offen, ihren Wohnsitz in ein durch die Regierung
in Tiflis kontrolliertes Gebiet (Kerngeorgien) zu verlegen, sollten sie eine
Rückkehr in ihre Heimatgegend nicht in Betracht ziehen.
6.1 Was ihre gesundheitlichen Einschränkungen anbelangt, steht anhand
der eingereichten vier Arztberichte aus Georgien fest, dass beide Be-
schwerdeführenden in den Jahren 2007 und 2008 im Heimatland in Spezi-
alkliniken mehrfach behandelt worden sind. Dass ihnen entsprechende
Therapien oder deren Fortführung aus asylbeachtlichen Motiven verwehrt
worden wären, wird weder von ihnen geltend gemacht, noch gehen ent-
sprechende Hinweise aus den Akten hervor. Nach dem Gesagten ist davon
auszugehen, dass den Beschwerdeführenden bei Bedarf entsprechende
Therapien und Medikamente in Georgen zugänglich wären.
6.2 Das SEM hat zutreffend ausgeführt, dass in Georgien fast alle Krank-
heiten behandelbar und entsprechende Medikamente faktisch erhältlich
sind, und hat dazu auf mehrere öffentlich zugängliche Quellen verwiesen.
Zudem hat es darauf hingewiesen, dass aktuell keine konkreten Arztbe-
richte ausstehend sind. Bei dieser Sachlage besteht keine Veranlassung,
eine weitere Frist zur Nachreichung zusätzlicher Arztberichte anzusetzen
oder von Amtes wegen die Situation der psychisch Kranken respektive die
Lage der psychiatrischen Kliniken in Georgien zu untersuchen. Die diesbe-
züglich sinngemäss gestellten en Anträge, auch lautend auf «Verlängerung
des Asylverfahrens», werden deshalb abgewiesen.
E-4701/2022
Seite 10
6.3 In der Rechtsmitteleingabe wird nichts Schlüssiges vorgetragen, was
an der Einschätzung des SEM etwas zu ändern vermag. Die Vorbringen in
der Beschwerde beschränken sich auf Ausführungen zu den gesundheitli-
chen Schwierigkeiten der Beschwerdeführenden, ohne dass Hinweise auf
neue oder verschlechterte Krankheitsbilder vorgebracht werden. Sie legen
nicht konkret dar, weshalb ihnen bei Bedarf die Fortsetzung ihrer bereits
2007 und 2008 erfolgten medizinischen Behandlungen in Spezialkliniken
im Heimatland nicht faktisch möglich sein sollte oder dass ihnen eine wei-
tere Behandlung aus einem flüchtlingsrelevanten Grund verweigert würde.
Der Umstand, dass die Beschwerdeführenden ihr Vertrauen in die georgi-
schen Gesundheitsinstitutionen verloren haben und sie entsprechende Be-
handlungen in der Schweiz bevorzugen, stellen keine Asylgründe dar.
6.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigen-
schaft der Beschwerdeführenden verneint und ihre Asylgesuche abge-
lehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts-
oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
7.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer Verfügung zutreffend darauf hin, dass das
Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt,
E-4701/2022
Seite 11
die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Beschwerdeführenden
nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen
oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz
der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung fin-
den. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden in den Heimatstaat ist dem-
nach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG und Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) rechtmässig.
7.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerde-
führenden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Euro-
päischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-
Anti-Folterausschusses müsste eine konkrete Gefahr ("real risk") nachge-
wiesen oder glaubhaft gemacht werden, dass ihnen im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihnen, wie oben dargelegt, nicht
gelungen.
Sollten die Beschwerdeführenden weitere medizinische Behandlungen in
Anspruch nehmen müssen, könnten sie sich an die georgischen Gesund-
heitsinstitutionen in ihrer Heimatgegend oder in Tiflis wenden, nötigenfalls
mit Beanspruchung einer finanziellen Unterstützung durch ihre georgische
Krankenversicherung.
7.2.3 Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er-
scheinen.
7.2.4 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich sowohl im Sinn der asyl-
als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
E-4701/2022
Seite 12
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.1 Die Aufnahme Georgiens in die Liste der verfolgungssicheren
Staaten hat auch die gesetzliche Regelvermutung zur Folge, dass eine
Rückkehr abgewiesener Asylsuchender in dieses Land in der Regel zumut-
bar ist (Art. 83 Abs. 5 AIG). Es obliegt der betroffenen Person, diese Legal-
vermutung gegebenenfalls mit substanziierten Gegenargumenten um-
zustossen.
7.3.2 Wie bereits festgehalten, sind die Feststellungen in der vorinstanzli-
chen Verfügung zur relativen Verfolgungssicherheit in Georgien zu schüt-
zen. Die Beschwerdeführenden haben in ihrer Rechtsmitteleingabe keine
neuen individuellen Gründe geltend gemacht, welche die erwähnte Regel-
vermutung zu erschüttern vermöchten. Sie können nach Georgien zurück-
kehren, wo sie ihre Verwandten, die in einem familieneigenen Haus leben
(vgl. Akte 29, Antworten 57 und 60), gegebenenfalls bei ihrer Reintegration
werden unterstützen können.
7.3.3 Georgien verfügt über ein funktionierendes Gesundheitssystem, das
vor allem in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht hat (vgl. hierzu
etwa das Urteil BVGer E-282/2022 vom 26. Januar 2022 E. 8.3.3 m.w.H.).
Die Beschwerdeführenden konnten ihre gesundheitlichen Probleme ge-
mäss den eingereichten vier Arztberichten aus Georgien denn auch bereits
im Heimatstaat mehrfach behandeln lassen. Es ist auch in dieser Hinsicht
nicht anzunehmen, dass sie nach einer Rückkehr in eine existenzielle Not-
lage geraten könnten (zur Relevanz medizinischer Vorbringen bei der Be-
urteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs, vgl. BVGE 2011/50
E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je mit weiteren Hinweisen).
7.3.4 Es besteht bei dieser Sachlage kein Anspruch auf Durchführung ei-
ner (...)operation der Beschwerdeführerin und psychologischer Untersu-
chungen des Beschwerdeführers in der Schweiz und auch kein Anspruch
auf ihre Begleitung durch die IOM nach Georgien, weshalb auch diese An-
träge abgewiesen werden.
7.3.5 Der Wegweisungsvollzug erweist sich damit als zumutbar.
7.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-4637/2019 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/50
E-4701/2022
Seite 13
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist
Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Die Beschwerdeführenden beantragen die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich,
dass ihre Begehren aussichtlos waren, womit eine der kumulativ zu erfül-
lenden Voraussetzungen gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht gegeben ist,
weshalb das Gesuch abzuweisen ist. Der Antrag auf Befreiung von der
Kostenvorschusspflicht erweist sich mit dem vorliegenden Entscheid in der
Sache als gegenstandslos.
9.2 Die Verfahrenskosten sind den Beschwerdeführenden aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-4701/2022
Seite 14