Decision ID: 7de5e072-1480-50ae-be03-7b2b6dbcd902
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin reiste am 13. November 2019 mit einem Vi-
sum in die Schweiz ein und suchte am 4. Dezember 2019 im Bundesasyl-
zentrum (BAZ) Region B._ um Asyl nach. Am 10. Dezember 2019
erfolgte die Personalienaufnahme, und am 21. Januar 2020 befragte das
SEM die Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen, wobei es ihr auch das
rechtliche Gehör zu allfälligen gesundheitlichen Beeinträchtigungen ge-
währte. Nach der am 24. Januar 2020 erfolgten Zuweisung ins erweiterte
Verfahren führte das SEM am 30. Juni 2020 eine ergänzende Anhörung
durch.
A.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen geltend, ihr Vater (C._, gleiche N-Nummer; Inhaber
einer Aufenthaltsbewilligung B) sei (...), ihre Mutter Ukrainerin. Sie selber
sei in (...) geboren worden und verfüge über beide Staatsangehörigkeiten.
Die ersten sieben Lebensjahre habe sie in (...) verbracht. Im Jahr 2009
habe sich ihre Mutter vom Vater getrennt, sei zusammen mit ihr und den
beiden jüngeren Schwestern in die Ukraine zurückgekehrt und habe dort
erneut geheiratet. Sie habe zusammen mit ihrer Mutter, ihren beiden
Schwestern, der Grossmutter sowie dem neuen Partner ihrer Mutter,
D._, in E._ gelebt. Die Beziehung zu ihrem Vater habe sie
fortan nur heimlich via die sozialen Netzwerke aufrechterhalten können, da
ihre Mutter und insbesondere auch ihre boshafte Grossmutter immerzu
schlecht über ihn gesprochen und ihr den Kontakt zu ihm verboten hätten.
Ihr Stiefvater D._ sei alkoholsüchtig und gewalttätig gewesen und
habe sowohl sie als auch die Mutter und die Schwestern geschlagen und
psychisch unter Druck gesetzt. Sie hätten alle Angst vor ihm gehabt. Er
habe sich an ihrer Anwesenheit gestört, habe sie und ihre Schwestern
schon früher in ein Waisenhaus abschieben wollen und ihr zuletzt mehr-
fach gedroht, er werde ihr etwas antun, wenn sie nicht verschwinde. Als sie
vierzehn Jahre alt gewesen sei, habe er sie vergewaltigt. Sie habe es ihrer
Mutter erzählt, diese habe ihr aber nicht glauben wollen. Zwei Jahre später,
im Winter 2018, habe D._ erneut versucht, sie zu vergewaltigen,
aber dieses Mal habe sie sich erfolgreich zur Wehr gesetzt. Ihre Mutter
habe ihr diesmal wohl geglaubt und mit D._ gesprochen. Wenn sie
D._ wegen der Vergewaltigung angezeigt hätte, wäre er vermutlich
festgenommen worden. Sie habe jedoch darauf verzichtet, weil sie das Ge-
rede der Leute gescheut habe. Zudem habe ihre Mutter sie angefleht, von
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einer Anzeige abzusehen. Die Polizei sei dennoch mehrfach bei ihnen vor-
beigekommen, weil die lauten Streitereien die Nachbarn gestört hätten. Die
Polizei habe jedoch nichts gegen D._ unternommen. Im Jahr 2018
habe sie einmal die Polizei gerufen, weil D._ sie heftig geschlagen
habe. In der Folge sei es zu einem Gerichtsverfahren gegen D._
gekommen, dessen Ausgang sie allerdings vergessen habe. Da der Stief-
vater und die Mutter behauptet hätten, sie sei geschlagen worden, weil sie
sich schlecht benommen habe, habe ihr die Polizei gedroht, sie in ein Re-
gister für renitente Jugendliche aufzunehmen. Aufgrund der belastenden
Situation zuhause habe sie in den letzten Jahren häufig auswärts – teil-
weise bei Freunden – gewohnt. Sie habe ihr Leben zeitweilig als sinnlos
empfunden und sogar an Suizid gedacht. Zwei Monate vor der Ausreise
habe sie schliesslich mit Zustimmung ihrer Mutter zusammen mit einer
Freundin eine Wohnung gemietet. Obwohl sie seit ihrem Auszug von zu-
hause keinen Nachstellungen seitens von D._ mehr ausgesetzt ge-
wesen sei, habe sie weiterhin unbedingt zu ihrem Vater in die Schweiz zie-
hen wollen; denn sie habe sich alleingelassen gefühlt und sich nach einer
richtigen Familie gesehnt. Ihre Mutter habe letztlich eingewilligt, sie gehen
zu lassen. Mit ihrem (...) Reisepass habe sie die Ukraine nicht legal ver-
lassen können, weshalb ihre Mutter ihr zusätzlich einen ukrainischen Pass
habe ausstellen lassen, mit welchem sie am (...) 2019 ausgereist sei. Sie
habe Angst, im Falle einer Rückkehr in die Ukraine erneut von D._
verfolgt und eventuell gar umgebracht zu werden. Die Angst vor ihrem
Stiefvater sei ihr ständiger Begleiter. Sie fürchte sich auch vor der Gross-
mutter, welche ihr psychische Gewalt angetan habe. Ihrem Vater habe sie
nichts von den sexuellen Übergriffen erzählt, sondern nur von der erlittenen
häuslichen Gewalt.
A.c Die Beschwerdeführerin reichte im Rahmen des vorinstanzlichen Ver-
fahrens folgende Unterlagen zu den Akten: ihren (...) Reisepass, eine Ge-
burtsurkunde, eine Einwilligungserklärung der Mutter betreffend Wohnsitz-
nahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz (inkl. teilweiser Überset-
zung), eine Kopie des Ausländerausweises des Vaters sowie Kopien von
zwei Kreditkarten und ihrem SwissPass.
B.
Das SEM hielt mit Verfügung vom 22. Juli 2020 fest, die Asylvorbringen
seien nicht asylrelevant, zudem enthielten die Aussagen der Beschwerde-
führerin gewisse Ungereimtheiten. Daher verneinte es ihre Flüchtlingsei-
genschaft, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug.
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C.
Die Beschwerdeführerin focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom
21. August 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie beantragte die
Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventuell sei die Sache
zwecks vollständiger Abklärung des Sachverhalts an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen, subeventuell sei das SEM anzuweisen, die vorläufige Auf-
nahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses sowie um Beiordnung ihres Rechtsvertreters als
unentgeltlicher Rechtsbeistand.
Der Beschwerde lagen eine Vollmacht sowie eine Substitutionsvollmacht
vom 7. August 2020, eine Kopie der angefochtenen Verfügung sowie Un-
terlagen betreffend die finanziellen Verhältnisse des Vaters bei.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 24. August 2020 den Ein-
gang der Beschwerde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls,
und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtenen Verfügungen besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
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und aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist demnach einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde im vorliegenden Fall auf die
Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentli-
chen aus, die Beschwerdeführerin habe eigenen Angaben zufolge die letz-
ten zwei Monate vor der Ausreise zusammen mit einer Freundin in einer
Mietwohnung gelebt. Dort sei sie in Sicherheit vor dem Stiefvater gewesen,
und es sei nichts vorgefallen. Die Phase der Misshandlungen im Familien-
haushalt sei demnach im Zeitpunkt der Ausreise bereits vorbei gewesen.
Es könne somit nicht von einer aktuellen Verfolgung beziehungsweise der
Gefahr einer künftigen Verfolgung ausgegangen werden. Bereits aus die-
sem Grund seien die Asylgründe nicht relevant. Die Asylrelevanz wäre
auch dann zu verneinen, wenn die Verfolgungssituation noch aktuell wäre
respektive nach einer Rückkehr erneut eine Verfolgung drohen würde;
denn der ukrainische Staat sei als schutzfähig und –willig zu erachten. Es
liege im Ermessen der Beschwerdeführerin, Anzeige gegen den Stiefvater
zu erheben. Immerhin sei dieser in der Vergangenheit offenbar schon ein-
mal mittels eines Gerichtsverfahrens zur Rechenschaft gezogen worden.
Im Übrigen sei festzustellen, dass sich die rechtliche Lage in der Ukraine
in Bezug auf häusliche Gewalt in jüngster Zeit deutlich verbessert habe. Es
sei von einer funktionierenden und zugänglichen staatlichen Schutz-Infra-
struktur auszugehen. Demnach sei die Flüchtlingseigenschaft zu vernei-
nen und das Asylgesuch abzulehnen. Es bleibe anzufügen, dass in Bezug
auf die biographischen Angaben einige frappante Unterschiede zwischen
den Aussagen der Beschwerdeführerin und denjenigen ihres Vaters be-
stünden.
Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin in die Ukraine sei
zulässig, zumutbar und möglich. Hinsichtlich der Frage der individuellen
Zumutbarkeit des Vollzugs verwies das SEM insbesondere auf die Schul-
bildung und Arbeitserfahrung der Beschwerdeführerin, den Umstand, dass
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sie vor der Ausreise in einer eigenen Wohnung gelebt und sporadisch vom
Vater finanziell unterstützt worden sei sowie ihre sozialen Kontakte am Her-
kunftsort. Es fügte an, die Beschwerdeführerin könnte sich, falls sie Unter-
stützung benötige, an die kostenlose nationale Hotline wenden.
4.2 In der Beschwerde wird entgegnet, die Vorbringen der Beschwerdefüh-
rerin seien insgesamt als glaubhaft zu erachten. In Bezug auf die Frage
der Asylrelevanz sei zu bezweifeln, dass der ukrainische Staat in Fällen
von häuslicher Gewalt schutzfähig und schutzwillig sei. Dem Consulting
des SEM vom 2. März 2020 (vgl. A29) sei zu entnehmen, dass der entspre-
chende Straftatbestand erst seit Januar 2019 existiere. Viele Frauen wür-
den sich dennoch nicht an die Behörden werden, weil sie ihnen misstrau-
ten, und weil den Opfern von häuslicher Gewalt oftmals nicht geglaubt oder
ihnen die Schuld zugewiesen werde. Auch die Beschwerdeführerin habe
ausgesagt, sie sei von ihrer Mutter der Lüge bezichtigt worden. Die Ansicht
des SEM, es liege im Ermessen der Beschwerdeführerin, die Übergriffe
anzuzeigen, müsse unter diesen Umständen als realitätsfremd bezeichnet
werden. Die erfolgte gerichtliche Verurteilung des Stiefvaters belege so-
dann keineswegs den Schutzwillen und die Schutzfähigkeit des ukraini-
schen Staats; denn Gerichtsurteile würden die Gewaltsituation meistens
gar nicht verbessern. Die Beschwerdeführerin habe dies durch ihre Aus-
sage, es seien ihr weitere Schläge angedroht worden, bestätigt. Die poli-
zeiliche Sonderabteilung für häusliche Gewalt (POLINA) sei zwar ein
Schritt in die richtige Richtung, jedoch verfüge POLINA nicht über genü-
gend Kapazitäten. Unter Verweis auf mehrere Berichte internationaler Or-
ganisationen sowie der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) wird so-
dann ausgeführt, häusliche Gewalt sei in der Ukraine geradezu syste-
misch, und staatliche Akteure böten in der Praxis nur unzureichend Schutz
davor. Die vom SEM in seiner Verfügung erwähnte Schutzinfrastruktur so-
wie die unentgeltliche Rechtsberatung von Gewaltopfern seien nur in der
Theorie vorhanden. Es könne somit nicht von einer eigentlichen Schutzfä-
higkeit oder einem Schutzwillen des ukrainischen Staats gesprochen wer-
den. An der individuellen Verfolgungssituation in der Ukraine habe sich zwi-
schenzeitlich nichts geändert: Die Mutter lebe nach wie vor mit D._
zusammen, und D._ habe der Beschwerdeführerin bekanntlich ge-
droht, er werde ihr ernsthafte Nachteile (bis hin zur Ermordung) zufügen,
wenn sie die Ukraine nicht verlasse. Die Verfolgungssituation sei daher
weiterhin aktuell und die Vorbringen asylrelevant. Die Beschwerdeführerin
würde bei einer Rückkehr in eine Situation unerträglichen psychischen
Drucks geraten; denn sie müsste an den Ort (E._) zurückkehren,
wo auch ihr Verfolger lebe, wäre daher ständig mit den traumatisierenden
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Erlebnissen konfrontiert und hätte Angst vor erneuten Übergriffen seitens
ihres Stiefvaters. Diese Angst, das Gefühl der Hilflosigkeit sowie Selbstver-
letzungsgedanken verfolgten sie auch in der Schweiz, und sie beabsich-
tige, sich deswegen medizinische Hilfe zu holen. Es wäre aber eigentlich
Sache der Vorinstanz gewesen, den relevanten Sachverhalt umfassend
abzuklären; dies habe sie in Bezug auf die Frage einer (Re-)Traumatisie-
rung der Beschwerdeführerin im Falle ihrer Rückkehr indessen gänzlich
unterlassen. Da die Beschwerdeführerin durch das Erlebte offensichtlich
traumatisiert sei, hätte die Vorinstanz eine psychologisch/psychiatrische
Begutachtung veranlassen müssen (Verweis auf BVGE 2007/31 sowie das
Urteil des BVGer D-7080/2017 vom 5. März 2018, E. 5.3.6). Demnach sei
der Sachverhalt ungenügend abgeklärt worden, was eine Verletzung der
Untersuchungspflicht darstelle. Hinsichtlich der Frage der Asylrelevanz sei
ferner zu berücksichtigen, dass frauenspezifischen Fluchtgründen Rech-
nung zu tragen und die Beschwerdeführerin der bestimmten sozialen
Gruppe «Opfer häuslicher Gewalt» zuzuordnen sei. Eine innerstaatliche
Fluchtalternative existiere nicht. Somit sei die Flüchtlingseigenschaft der
Beschwerdeführerin zu bejahen und Asyl zu gewähren. Eventuell sei die
Sache infolge ungenügender Abklärung des rechtserheblichen medizini-
schen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventuell sei
die Beschwerdeführerin infolge Unzulässigkeit und/oder Unzumutbarkeit
des Vollzugs der Wegweisung vorläufig aufzunehmen. Bei der Beurteilung
der Frage der Zumutbarkeit sei insbesondere zu berücksichtigen, dass die
Beschwerdeführerin durch das Erlebte traumatisiert sei und bei einer Rück-
schaffung in die Ukraine retraumatisiert würde. Zudem könne sie nicht zu
ihrer Mutter und D._ zurückkehren. Anderweitige Bezugspersonen,
welche sie unterstützen könnten, habe sie nicht. Die Situation in der Ukra-
ine sei für alleinstehende Frauen besonders schwierig. Dazu komme, dass
die Beschwerdeführerin die Schule nicht abgeschlossen und keine Berufs-
ausbildung absolviert habe.
5.
Hinsichtlich der Rüge, der rechtserhebliche Sachverhalt sei unvollständig
festgestellt worden, ist Folgendes zu bemerken: Es trifft nicht zu, dass die
Vorinstanz keinerlei Abklärungen hinsichtlich des Gesundheitszustandes
der Beschwerdeführerin getroffen hat; vielmehr wurden der Beschwerde-
führerin zu diesem Aspekt sowohl in der Anhörung vom 21. Januar 2020
als auch in der ergänzenden Anhörung vom 30. Juni 2020 (beide Male im
Beisein ihrer damaligen Rechtsvertretung) mehrere Fragen gestellt. Die
Beschwerdeführerin sagte dabei zunächst aus, sie habe keine Beschwer-
den, würde aber gerne psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Sie leide
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unter Ängsten und breche oft grundlos in Tränen aus. In der ergänzenden
Anhörung erklärte sie, sie habe sich bisher nicht um psychologische Un-
terstützung bemüht, weil sie von ihrem Vater die benötigte Hilfe erhalte.
Dieser wisse zwar nach wie vor nichts von den sexuellen Übergriffen, aber
es gehe ihr beim Vater gut (vgl. dazu A16 F105 ff. sowie A44 F10 f. und
F64 f.). Angesichts dessen, dass die Beschwerdeführerin seit dem 9. De-
zember 2019 rechtlich vertreten war, kann davon ausgegangen werden,
dass die Rechtsvertretung ihr bei Bedarf behilflich gewesen wäre, einen
Termin bei einer geeigneten Fachperson zu finden. Offenbar erachtete die
Beschwerdeführerin ihre psychischen Probleme jedoch nicht als unbedingt
behandlungsbedürftig. Obwohl sie den Akten zufolge im Juni 2020 auf-
grund einer Erkältung bei ihrer Hausärztin war (vgl. A38 und A45), verzich-
tete sie auch bei dieser Gelegenheit darauf, um Behandlung ihrer psychi-
schen Probleme zu ersuchen. Zwar ist es keineswegs ausgeschlossen,
dass die Beschwerdeführerin durch die dargelegte häusliche respektive
sexuelle Gewalt zu einem gewissen Grad traumatisiert ist; jedoch bestand
für das SEM bei der dargelegten Sachlage keine Veranlassung, einen Arzt-
bericht anzufordern oder weitere medizinische Abklärungen zu treffen, zu-
mal es die Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Verfolgung durch
D._ nicht bezweifelte. Bezeichnenderweise hat die Beschwerdefüh-
rerin auch auf Beschwerdeebene bisher keinen Arztbericht eingereicht,
sondern lediglich unverbindlich erklärt, sie werde sich um einen Termin bei
einer Psychologin/Psychiaterin bemühen (vgl. S. 14 der Beschwerde). Wie
auch die nachfolgenden Erwägungen zeigen, erweist sich der rechtserheb-
liche Sachverhalt sowohl in Bezug auf die Frage der Flüchtlingseigenschaft
und des Asyls als auch hinsichtlich der Durchführbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs als hinreichend erstellt. Der Kassationsantrag ist daher ab-
zuweisen, und es besteht auch keine Veranlassung, der Beschwerdefüh-
rerin im Zusammenhang mit der in Aussicht gestellten Terminvereinbarung
bei einer Fachärztin eine Frist zur Einreichung eines Arztberichtes anzu-
setzen beziehungsweise einen ärztlichen Bericht abzuwarten.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politi-
schen Anschauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder
begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
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ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
7.
7.1 Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Verfolgungshand-
lungen (Vergewaltigung/sexuelle Belästigung, Schläge und Beschimpfun-
gen durch ihren Stiefvater) ereigneten sich ihren Angaben zufolge insbe-
sondere zwischen den Jahren 2016 und 2018. Bereits ungefähr ab Anfang
2019 lebte die Beschwerdeführerin den Akten zufolge nur noch temporär
zuhause (vgl. A44 F39). Dementsprechend war sie ab diesem Zeitpunkt
offenbar auch keinen weiteren, ernsthaften Verfolgungsmassnahmen
durch D._ mehr ausgesetzt. Zwei Monate vor ihrer Ausreise bezog
die Beschwerdeführerin zusammen mit einer Freundin eine Mietwohnung.
Auf entsprechende Frage hin erklärte sie ausdrücklich, sie habe während
ihres Aufenthalts in dieser Mietwohnung keinerlei Schwierigkeiten mit
D._ mehr gehabt (vgl. A44 F48 f.). Aus ihren Aussagen ist zu
schliessen, dass sie letztlich ausreiste, weil sie mit ihrem selbständigen
Leben überfordert war, sich nach einer richtigen Familie sehnte und daher
zu ihrem Vater in die Schweiz ziehen wollte (vgl. A44 F49). Bei dieser Sach-
lage ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ihrer Aus-
reise aus dem Heimatland keiner akuten oder unmittelbar drohenden Ver-
folgung ausgesetzt war.
7.2 Die Beschwerdeführerin macht ferner geltend, sie müsse im Falle einer
Rückkehr an den Herkunftsort eine erneute Verfolgung durch D._
befürchten. Da sie jedoch schon vor der Ausreise – nach ihrem Auszug aus
der Familienwohnung – keinen konkreten Übergriffen durch D._
mehr ausgesetzt war, erscheint es wenig wahrscheinlich, dass D._
sie bei einer Rückkehr in die Ukraine aktiv suchen und verfolgen würde.
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Offenbar störte sich D._ an ihrer Anwesenheit und wollte sie los-
werden (A44 F84), was ihm letztlich gelungen ist. Sofern ihm die Be-
schwerdeführerin zukünftig aus dem Weg geht und namentlich nicht in
seine Wohnung zurückkehrt, ist daher nicht damit zu rechnen, dass er sie
erneut misshandeln wird. Sollte D._ in Zukunft dennoch erneut Ge-
walt gegen die Beschwerdeführerin anwenden, so hätte sie die Möglich-
keit, strafrechtlich gegen ihn vorzugehen. Zwar trifft es zu, dass die straf-
rechtliche Verfolgung und Ahndung von häuslicher und sexueller Gewalt in
der Ukraine teilweise ineffizient ist. Die gesetzlichen Grundlagen sind je-
doch vorhanden, und es wäre der inzwischen volljährigen und besser in-
formierten Beschwerdeführerin durchaus zuzumuten, gegebenenfalls die
vorhandene staatliche Schutzinfrastruktur in Anspruch zu nehmen, allen-
falls auch unter Beizug des ukrainischen Anwalts ihres Vaters (vgl. A16
F47). Konkrete Hinweise dafür, dass ihr bei einem solchen Vorgehen der
staatliche Schutz verweigert würde, sind den Akten nicht zu entnehmen.
Das Vorliegen einer begründeten Furcht vor (frauenspezifischer) asylbe-
achtlicher Verfolgung im Falle einer Rückkehr ins Heimatland ist aus diesen
Gründen insgesamt zu verneinen.
7.3 Sodann kann auch der in der Beschwerde (vgl. S. 14) sinngemäss ge-
äusserten Auffassung, es bestünden im vorliegenden Fall «zwingende
Gründe» (im Sinne von Art. 3 AsylG i.V.m. Art. 1 C Ziff. 5 des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK,
SR 0.142.30]; vgl. dazu BVGE 2007/31 E.5.4, m.w.H.), welche einer Rück-
kehr der Beschwerdeführerin in die Ukraine entgegenstünden und zur Ge-
währung von Asyl führen müssten, nicht gefolgt werden, zumal die geltend
gemachte Verfolgung nicht vom ukrainischen Staat ausgegangen ist, son-
dern von einer Privatperson. Überdies war – wie vorstehend dargelegt –
die Verfolgungsgefahr im Ausreisezeitpunkt bereits weggefallen. Schliess-
lich dürften die von der Beschwerdeführerin erlittenen Übergriffe – ohne
diese zu bagatellisieren – bezüglich ihrer Intensität nicht gleichzusetzen
sein mit den im Rahmen der ethnischen Vertreibungen im ehemaligen Ju-
goslawien begangenen Kriegsverbrechen, welche der Rechtsprechung zu
den «zwingenden Gründen» zugrunde liegt.
7.4 Unter Berücksichtigung der gesamten Umstände ist zusammenfas-
send festzustellen, dass die geltend gemachten Asylgründe nicht geeignet
sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung bezie-
hungsweise eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu begründen. Es ist
der Beschwerdeführerin somit nicht gelungen, Gründe nach Art. 3 AsylG
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Seite 11
nachzuweisen oder glaubhaft zu machen Die Vorinstanz hat daher zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
Abs. 1 AsylG; BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
In Bezug auf die Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
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9.2.2 Das flüchtlingsrechtliche Refoulement-Verbot schützt nur Personen,
welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Beschwerdeführerin
nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich erhebliche Gefährdung nachzu-
weisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte
Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine An-
wendung finden. Eine Rückkehr in den Heimatstaat ist demnach unter dem
Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer
Ausschaffung in die Ukraine dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Die allgemeine Menschenrechtssituation in der Ukraine lässt
den Wegweisungsvollzug im heutigen Zeitpunkt ebenfalls nicht als unzu-
lässig erscheinen.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.1 Die Beschwerdeführerin verfügt eigenen Angaben zufolge sowohl
über die (...) als auch über die ukrainische Staatsangehörigkeit. Aufgrund
der Aktenlage ist davon auszugehen, dass ein Vollzug der Wegweisung
nach (...) nicht zumutbar ist. Zu prüfen bleibt demnach die Frage der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Ukraine.
9.3.2 Der Vollzug der Wegweisung in die Ukraine ist praxisgemäss als ge-
nerell zumutbar zu erachten. Zwar dauert der im Jahr 2014 ausgebro-
chene, bewaffnete Konflikt zwischen Regierungstruppen und Separatisten
in der Region Donbas (Ostukraine) weiterhin an. Die allgemeine Lage in
der Ukraine ist indessen nicht landesweit durch Krieg oder eine Situation
allgemeiner Gewalt gekennzeichnet, aufgrund derer die Zivilbevölkerung
als generell gefährdet bezeichnet werden müsste (vgl. dazu beispielsweise
die Urteile des BVGer E-1250/2018 vom 20. August 2019 E. 7.3.1 und
D-7729/2015 vom 6. März 2018 E. 9.4.1).
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9.3.3 Es ist ferner auch nicht davon auszugehen, dass die zwischenzeitlich
volljährige Beschwerdeführerin im Falle ihrer Rückkehr an den Herkunfts-
ort aus individuellen Gründen in eine existenzbedrohende Situation gera-
ten könnte. Aufgrund der Aktenlage kann zwar nicht ausgeschlossen wer-
den, dass sie infolge der erlittenen Vergewaltigung im Kindesalter sowie
der weiteren Übergriffe durch ihren Stiefvater unter psychischen Proble-
men leidet. Die Beschwerdeführerin erachtete es aber offenbar bisher nicht
als notwendig, diese in der Schweiz behandeln zu lassen, und erklärte in
der letzten Anhörung vom 30. Juni 2020 vielmehr, es gehe ihr jetzt gut (vgl.
A44 F4 und F65). Sollte sie nach ihrer Rückkehr in die Ukraine eine psy-
chologische oder psychiatrische Behandlung benötigen, so könnte sie
diese - wie ihre Mutter (vgl. A16 F73; A44 F62) – dort in Anspruch nehmen,
zumal die medizinische und psychiatrische Grundversorgung in der Ukra-
ine gewährleistet ist. Insbesondere könnte sie sich diesfalls beispielsweise
auch an das in E._ ansässige Krisenzentrum für Opfer häuslicher
und geschlechtsbezogener Gewalt wenden, welches psychologische, me-
dizinische und soziale Unterstützung anbietet (vgl. <https://ukraine.un-
fpa.org/en/news/center-assistance-women-affected-domestic-violence-o-
pened-(...)>; abgerufen am 10. September 2020). Es ist demnach nicht da-
von auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr ins Hei-
matland in eine medizinische Notlage geraten würde. Ferner ist festzustel-
len, dass die Beschwerdeführerin über eine durchschnittliche Schulbildung
verfügt, vor der Ausreise als Kellnerin gearbeitet und zusammen mit einer
Freundin in einer selbstfinanzierten Mietwohnung gelebt hat. Neben ihrer
Mutter, der Grossmutter und den beiden jüngeren Schwestern (von wel-
chen sie vermutlich keine Unterstützung erwarten kann) verfügt die Be-
schwerdeführerin insbesondere über zwei gute Freundinnen in E._
(vgl. A44 F43 und F52), welche ihr bei der Reintegration behilflich sein und
ihr zumindest vorübergehend Unterschlupf gewähren könnten. Es ist der
Beschwerdeführerin sodann zuzumuten, bei einer Rückkehr erneut einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen, um so ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Überdies ist davon auszugehen, dass sie durch ihren in der Schweiz wohn-
hafter Vater – wie schon in der Vergangenheit – finanziell unterstützt würde.
Es ist ihr schliesslich unbenommen, sich um finanzielle Rückkehrhilfe (vgl.
Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 73 ff. der Asylverordnung 2 vom
11. August 1999 (AsylV 2, SR 142.312) zu bemühen. Insgesamt ist der
Vollzug der Wegweisung daher auch in individueller Hinsicht als zumutbar
zu erachten.
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9.4 Der Vollzug der Wegweisung ist im Weiteren auch als möglich zu be-
zeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG), zumal die Beschwerdeführerin eigenen An-
gaben zufolge grundsätzlich über einen (nicht aktenkundigen) ukrainischen
Reisepass verfügt. Sollte es ihr nicht gelingen, sich ihren Reisepass, wel-
cher sich offenbar bei ihrer Mutter in der Ukraine befindet, rechtzeitig zu-
senden zu lassen, so obliegt es ihr, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12
S. 513–515).
Die aktuelle Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug ebenfalls
nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus,
dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern
voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Mo-
nate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hin-
dernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-Pandemie handelt es
sich – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, wel-
chem somit im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Be-
hörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der
Situation im Heimatland angepasst wird.
9.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt damit ausser Betracht.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
11.
11.1 Angesichts des vorliegenden direkten Entscheids in der Hauptsache
ist das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
gegenstandslos geworden.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch
die Beschwerdebegehren nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet
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werden konnten und aufgrund der Aktenlage von der prozessualen Bedürf-
tigkeit der Beschwerdeführerin auszugehen ist, ist das in der Beschwerde
gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut-
zuheissen. Somit sind der Beschwerdeführerin keine Verfahrenskosten
aufzuerlegen.
11.3 Das Gesuch um amtliche Verbeiständung ist aufgrund der vorstehen-
den Erwägungen ebenfalls gutzuheissen, und der Beschwerdeführerin ist
antragsgemäss Bernhard Jüsi als amtlicher Rechtsbeistand beizuordnen.
Die Festsetzung des amtlichen Honorars erfolgt in Anwendung der Art. 8-11
sowie Art. 12 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2). In Ermangelung einer Kostennote sind die notwendigen
Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE) und auf pauschal Fr. 1'000.– (inklusive Auslagen und Mehrwert-
steuer) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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