Decision ID: 02f2ffb6-7437-5a9f-be3f-3531060bbf35
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 20. Juli 2017 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 10. August 2017 wurde er im Rahmen der Befragung zur Person
(BzP) als (damals) unbegleiteter Minderjähriger zu seinen Personalien, zu
seinem Reiseweg und summarisch zu seinen Fluchtgründen befragt; das
bei der BzP erstellte Protokoll wurde dem Beschwerdeführer im Beisein
seiner Vertrauensperson am 25. August 2017 rückübersetzt. Für den Auf-
enthalt während der Dauer des Asylverfahrens wurde er dem Kanton
B._ zugewiesen. Am 7. Februar 2018, nach Beendigung des Dub-
lin-Verfahrens, wurde er im Beisein seiner Vertrauensperson in Bern-Wa-
bern von einem Mitarbeiter des SEM zu seinen Asylgründen vertieft ange-
hört.
A.b Anlässlich der BzP und der Anhörung gab er an, er sei afghanischer
Staatsangehöriger paschtunischer Ethnie und stamme aus C._
(...), wo er bis zu seiner Ausreise mit seiner aus (...) Personen bestehen-
den Grossfamilie gelebt und die Schule bis zur (...). Klasse besucht habe.
Seine Familie sei wohlhabend gewesen; sie habe einerseits von der Be-
wirtschaftung ihrer vielen Felder gelebt, andererseits seien mehrere männ-
liche Verwandte väterlicherseits für die afghanische Regierung oder für re-
gierungsnahe ausländische Organisationen in D._ (...), in der Pro-
vinz E._ und in F._ tätig gewesen. Sein Vater sei früher (...)
gewesen und habe danach bei der (...) gearbeitet. Er sei – wie auch die
anderen Männer der Familie – nur etwa alle sieben oder acht Monate im
Versteckten nach Hause zurückgekehrt.
Wegen der regierungsnahen beruflichen Tätigkeiten mehrerer seiner Fa-
milienmitglieder sei schliesslich die ganze Familie in den Fokus der Taliban
geraten. Im Jahr 2013/2014 beziehungsweise im Jahr 2015 seien Angehö-
rige der Taliban zum Haus der Familie gekommen und hätten verlangt,
dass sich alle, die für die Regierung tätig seien, nach Draussen begeben
müssten. Dieser Aufforderung sei niemand nachgekommen, weshalb die
Taliban nach rund einer Stunde (Warn-)Schüsse abgefeuert hätten. Sein
Cousin väterlicherseits und dessen Frau beziehungsweise seine Cousine
väterlicherseits seien getroffen und verletzt worden; die Frau seines Cous-
ins beziehungsweise seine Cousine sei den Schussverletzungen erlegen.
Ein bis zwei Jahre später sei ein anderer Cousin namens G._, der
in F._ studiert habe, von Taliban angegriffen und beschossen wor-
den. Rund vier Monate vor seiner Ausreise hätten Taliban-Angehörige ihn
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– den Beschwerdeführer – und seinen Bruder H._ auf dem Schul-
weg aufgefordert, sich ihnen zum "Jihad" anzuschliessen, und ihnen bei
Nichtbefolgung der Aufforderung mit dem Tod gedroht. Weiter sei nichts
passiert, und sie hätten weitergehen können. Ein bis zwei Monate vor sei-
ner Ausreise habe es einen weiteren Angriff auf den Bruder H._ und
auf seinen Onkel I._ gegeben, wobei H._ durch Messersti-
che tödlich verletzt worden sei. Nach dessen Beerdigung habe es auf An-
raten der Dorfältesten hin Verhandlungen mit den Taliban gegeben. Sein
Vater und dessen Brüder seien aber der Forderung der Taliban, unter-
schriftlich zu bestätigen, dass sie nicht mehr für die Regierung arbeiten
würden, innert der angesetzten Frist nicht nachgekommen. Als dann wenig
später drei weitere, in der Landwirtschaft tätige Onkel väterlicherseits von
den Taliban mitgenommen worden seien, habe seine Grossmutter väterli-
cherseits zunächst die Cousins K._ (...) und L._ (...) und
schliesslich auch ihn zu einem Onkel mütterlicherseits namens M._
nach D._ geschickt, wo er sich rund 25 Tage lang versteckt habe.
Aufgrund der auch dort bestehenden Taliban-Gefahr habe M._ ihm
aber geraten, Afghanistan in Richtung Europa zu verlassen, und ihm für die
Reise US$ 7'500 bis 8'000 gegeben. So sei er Ende Juni 2016 gemeinsam
mit einem weiteren Cousin, N._ (...), via Kabul in die Provinz Nimruz
gefahren und von dort aus zu Fuss über die Grenze nach Pakistan gelangt.
Unter Umgehung der Grenzkontrollen seien sie via Iran, Türkei, Bulgarien
und die Balkanroute nach Italien und schliesslich am 20. Juli 2017 in die
Schweiz gereist.
A.c Im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerde-
führer nebst seiner Tazkira Dokumente betreffend die Berufstätigkeit sei-
nes Vaters und verschiedener weiterer Verwandter väterlicherseits (...) in
Kopie zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 21. Februar 2018 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab
und ordnete die Wegweisung an. Gleichzeitig erachtete es den Vollzug der
Wegweisung zurzeit als nicht zumutbar und verfügte die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers in der Schweiz.
C.
Der Beschwerdeführer erhob durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe
vom 23. März 2018 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er be-
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antragte die Aufhebung der SEM-Verfügung vom 21. Februar 2018 im Asyl-
punkt und die Gewährung des Asyls. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiord-
nung des Unterzeichnenden als unentgeltlichen Rechtsbeistand sowie um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
Zur Untermauerung der Anträge – auf deren Begründung, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen
wird – wurden Kopien der Asylentscheide der Cousins K._ (SEM-
Verfahren N [...]), L._ (SEM-Verfahren N [...]) und N._
(SEM-Verfahren N [...]) zu den Akten gegeben.
D.
D.a Die Instruktionsrichterin stellte mit Zwischenverfügung vom 28. März
2018 fest, der Beschwerdeführer dürfe – ungeachtet der von der Vorinstanz
verfügten vorläufigen Aufnahme – den Abschluss des Verfahrens gestützt
auf Art. 42 AsylG (SR 142.31) in der Schweiz abwarten. Sodann wurde der
Beschwerdeführer aufgefordert, bis zum 12. April 2018 eine Fürsorgeab-
hängigkeitsbestätigung nachzureichen oder einen Kostenvorschuss in der
Höhe von Fr. 750.– einzuzahlen (Art. 63 Abs. 4 VwVG), ansonsten auf die
Beschwerde nicht eingetreten werde. Das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) wurde unter Vorbehalt
der rechtzeitigen Nachreichung einer Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung
gutgeheissen. Des Weiteren wurde festgehalten, über das Gesuch um Bei-
ordnung von lic. iur. Dominik Löhrer als unentgeltlichen Rechtsbeistand
(Art. 110a Abs. 1 und 3 AsylG) werde nach Ablauf der Frist zur Nachrei-
chung einer Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung beziehungsweise zur Be-
zahlung des Kostenvorschusses entschieden.
D.b Am 28. März 2018 liess der Beschwerdeführer dem Bundesverwal-
tungsgericht die Begründungen zu den positiven Asylentscheiden seiner
beiden Cousins K._ und L._ zukommen, und am 4. April
2018 reichte er eine Fürsorgebestätigung ein.
D.c Mit Verfügung vom 6. April 2018 ordnete die Instruktionsrichterin dem
Beschwerdeführer in der Person von lic. iur. Dominik Löhrer für das vorlie-
gende Verfahren einen amtlichen Rechtsbeistand bei.
E.
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Seite 5
E.a Das Bundesverwaltungsgericht übermittelte die Akten am 27. Dezem-
ber 2019 an das SEM und lud dieses zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung ein.
E.b Mit Vernehmlassung vom 24. Januar 2020 beantragte das SEM sinn-
gemäss die Abweisung der Beschwerde.
E.c Das Bundesverwaltungsgericht liess dem Beschwerdeführer am
29. Januar 2020 das Doppel der Vernehmlassung zukommen und gab ihm
gleichzeitig Gelegenheit, eine Replik sowie entsprechende Beweismittel
einzureichen.
E.d Der Beschwerdeführer, welcher bereits am 6. Januar 2020 eine Hono-
rarnote zu den Akten geben liess, nahm durch seinen Rechtsvertreter mit
Replik vom 5. Februar 2020 zu den Ausführungen in der Vernehmlassung
vom 24. Januar 2020 Stellung.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Akten der sich in der Schweiz auf-
haltenden Cousins beigezogen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VwVG und Art. 6 AsylG).
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1.4 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert, weshalb auf
die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten ist (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangte in ihrer angefochtenen Verfügung zum
Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anfor-
derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG stand.
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4.1.1 Das SEM stellte zur Begründung vorab fest, das geschilderte Verhal-
ten des Vaters und der Onkel väterlicherseits als auch weiterer Familien-
angehöriger im Heimatdorf sowie insbesondere dasjenige des Beschwer-
deführers selber widerspreche in Anbetracht der angeblichen Todesgefahr
durch die Taliban der allgemeinen Erfahrung zum Verhalten einer an Leib
und Leben bedrohten Person. So sei nicht nachvollziehbar, wieso der Be-
schwerdeführer und seine Familienangehörigen, welche von den Taliban
angeblich bedroht oder verfolgt beziehungsweise angegriffen worden
seien, die vorhandenen innerstaatlichen Fluchtalternativen nicht wahrge-
nommen hätten. So seien seine Onkel väterlicherseits unter anderem in
F._ und D._ und sein Vater zuletzt in der Provinz E._
beruflich tätig gewesen, und sein Onkel mütterlicherseits habe in
D._ gewohnt; zu letzterem sei er vor seiner Ausreise auch gegan-
gen. Ausserdem sei nicht nachzuvollziehen, wieso der Beschwerdeführer
und seine Familienangehörigen das vorhandene grosse Vermögen und Ar-
beitseinkommen nicht dazu genutzt hätten, um der grossen Gefahr inner-
halb Afghanistans, zum Beispiel zum Onkel O._ nach F._,
zu entfliehen. Umgekehrt sei es auch nicht logisch, dass der Vater und die
Onkel väterlicherseits den Beschwerdeführer und die anderen Familienan-
gehörigen angesichts der angeblich grossen Gefahr durch die Taliban nicht
zu sich in andere Provinzen geholt hätten. Zudem sei es unrealistisch, dass
sein Vater und die Onkel, welche für die Regierung tätig gewesen seien
und damit im Fokus der Taliban gestanden wären, offenbar selber keine
konkreten Probleme mit den Taliban gehabt hätten, letztere es jedoch auf
den Beschwerdeführer als Minderjährigen abgesehen gehabt hätten.
Ebenfalls nicht logisch sei die Aussage des Beschwerdeführers, die Taliban
hätten versucht, ihn durch Androhung von Gewalt oder sogar einer Ermor-
dung zu rekrutieren, ihn dann aber unbehelligt nach Hause beziehungs-
weise weiter gehen lassen.
Sodann habe der Beschwerdeführer im Verlauf des Verfahrens zu wesent-
lichen Punkten unterschiedliche Angaben gemacht. Während er in der BzP
angegeben habe, sein Vater sei von den Taliban persönlich kontaktiert und
aufgefordert worden sei, seine Söhne zu den Taliban zu schicken, habe er
in der Anhörung gesagt, sein Vater habe nie Kontakt mit den Taliban ge-
habt, dann aber – darauf angesprochen – erzählt, diese Aufforderung sei
innerhalb der Verhandlungen der Dorfältesten mit den Taliban geschehen.
Ausserdem habe er in der BzP festgehalten, der Überfall der Taliban, bei
dem seine Cousine beziehungsweise die Frau seines Cousins getötet wor-
den sei, habe sich im Jahr 2015 ereignet; die Frau sei ein bis zwei Tage
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danach im Krankenhaus an den Folgen der Schussverletzungen gestor-
ben. Demgegenüber habe er in der Anhörung geschildert, die Cousine sei
vier oder fünf Jahre vor der BzP, somit im Jahr 2013 oder 2014, bei diesem
Vorfall mit den Taliban angeschossen worden und ihr Tod sei eine halbe bis
eine Stunde später zu Hause eingetreten.
4.1.2 Des Weiteren erachtete das SEM die Vorbringen des Beschwerde-
führers, ungeachtet der Frage ihrer Glaubhaftigkeit, auch nicht als asylre-
levant. So habe der Beschwerdeführer selber bestätigt, mehrere inner-
staatliche Fluchtalternativen (zum Beispiel bei seinem Onkel in F._)
sowie die dafür nötigen finanziellen Mittel gehabt zu haben, um der angeb-
lichen Reflexverfolgung durch die Taliban zu entgehen. Zudem würden die
angeblichen Drohungen und Anwerbungsversuche der Taliban gegenüber
dem Beschwerdeführer keine asylrelevante Intensität im Sinne von Art. 3
AsylG beinhalten, da ihm selber nichts passiert sei. Schliesslich wäre auch
die Aktualität der Taliban-Verfolgung gegenüber ihm und seiner Familie in
Frage gestellt, da seine Familie trotz der geschilderten Bedrohungslage
nach wie vor im Heimatdorf wohnhaft sei und sein Vater sowie seine Onkel
väterlicherseits weiterhin ihrer Arbeit für die Regierung nachgingen.
4.2 In der Beschwerdeschrift (vgl. S. 3 f.) wird vorab darauf hingewiesen,
der Beschwerdeführer sei etwa zeitgleich mit drei Cousins, welche im sel-
ben Haus aufgewachsen seien und ähnliche Fluchtgründe geltend ge-
macht hätten, aus Afghanistan geflüchtet. Zwei der Cousins, deren Gesu-
che von einer anderen Fachspezialistin des SEM (mit dem Kurzzeichen
[...]) behandelt worden seien, sei am 3. März 2018 in der Schweiz Asyl
gewährt worden, wohingegen das – wiederum von einer anderen Fachspe-
zialistin (Kurzzeichen [...]) – behandelte Gesuch des dritten Cousins be-
reits am 31. Oktober 2017 mit der Begründung der fehlenden Asylrelevanz
abgewiesen worden sei. Im Übrigen könne das Nichtwahrnehmen einer
mutmasslichen innerstaatlichen Fluchtalternative eine Fluchtgeschichte
nicht per se unglaubhaft machen (vgl. Beschwerde S. 4 f.). Dadurch, dass
das SEM F._, D._ und E._ als innerstaatliche Flucht-
alternativen bezeichne, habe es den Beschwerdeführer implizit als an sei-
nem Herkunftsort asylrelevant verfolgt erachtet. Die Tatsache, dass es ihn
aber in der Schweiz vorläufig aufgenommen habe, lasse wiederum darauf
schliessen, dass eben jene genannten Orte in Afghanistan zumindest keine
innerstaatliche Wohnsitzalternative darstellten. Mit der Argumentation, es
gebe im Herkunftsland eine innerstaatliche Fluchtalternative, welche aber
als Wohnsitzalternative nicht in Frage komme, ein Asylgesuch abzulehnen,
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sei indessen nicht überzeugend, weil so jedes Asylgesuch abgelehnt wer-
den könnte.
Sodann komme den anlässlich der Summarbefragung gemachten Aussa-
gen nur ein beschränkter Beweiswert zu, weshalb sie nur mit Zurückhal-
tung zum Vergleich herangezogen werden könnten. Der Beschwerdeführer
habe weder diametral voneinander abweichende Aussagen gemacht noch
in der Anhörung Ereignisse genannt, welche er in der BzP nicht schon als
zentrale Fluchtgründe erwähnt habe. Der im Zusammenhang mit dem To-
deszeitpunkt der Cousine festgestellte Widerspruch erscheine konstruiert,
und es stimme auch nicht, dass der Beschwerdeführer mehrere innerstaat-
liche Fluchtalternativen erwähnt und bestätigt habe; mit der Aussage, sein
Cousin sei an der Uni F._ angegriffen worden, habe er sogar indi-
rekt in Abrede gestellt, in F._ sicher leben zu können. Die Akten
vermittelten vom Beschwerdeführer den Eindruck einer glaubwürdigen
Person, enthielten doch die darin enthaltenen Vorbringen viele Realkenn-
zeichen und seien die Aussagen logisch konsistent. Es dürfe auch nicht
vergessen werden, dass seinen Cousins dieselbe Fluchtgeschichte ge-
glaubt worden sei (vgl. Beschwerde S. 5 f.). Schliesslich wurde darauf hin-
gewiesen, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan in letzter Zeit dras-
tisch verschlechtert habe. Die afghanischen Behörden seien nicht in der
Lage, die Situation unter Kontrolle zu behalten, weshalb auch nicht davon
ausgegangen werden könne, dass sie in Bezug auf Behelligungen durch
die Taliban schutzwillig oder schutzfähig wären.
4.3 Mit Beschwerdeergänzung vom 28. März 2018 wird – unter Hinweis auf
die gleichzeitig eingereichten Entscheidbegründungen – ausgeführt, die
Asylgesuche der beiden Cousins K._ und L._ seien mit
wortwörtlich gleicher Begründung gutgeheissen worden. Damit sei dem
Umstand Rechnung getragen worden, dass die Gesuchsteller verwandt
und zusammen aufgewachsen seien und im Kern die gleiche Fluchtge-
schichte erzählt hätten. Auffällig sei, dass das SEM in jenen Entscheiden
nicht die individuelle Verfolgung der Gesuchsteller, sondern die Grossfami-
lie als Ganzes und die Position einzelner Verwandter in den Vordergrund
gerückt habe. Alle Elemente, welche bei seinen Cousins zur Asylgewäh-
rung geführt hätten, lägen unbestrittenermassen auch beim Beschwerde-
führer vor.
4.4 In seiner Vernehmlassung hält das SEM daran fest, in den Aussagen
des Beschwerdeführers gebe es – verglichen mit denjenigen seiner Cous-
ins – Unglaubhaftigkeitselemente. Es bekräftigt dabei insbesondere den in
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der angefochtenen Verfügung festgestellten Widerspruch betreffend einer
– via den Vater erfolgten – persönlichen Aufforderung der Taliban an den
Beschwerdeführer, sich ihnen anzuschliessen. Daher könne dem Be-
schwerdeführer keine gegen seine Person gerichtete Reflexverfolgung
durch die Taliban geglaubt werden. Ausserdem sei das Asylgesuch eines
weiteren Verwandten und Fluchtgefährten (des weiteren Cousins
N._; SEM-Verfahren N [...]) ebenfalls abgelehnt worden (und unan-
gefochten in Rechtskraft erwachsen), was zeige, dass nicht alle Angehöri-
gen dieser Grossfamilie eine Vorverfolgung hätten glaubhaft machen kön-
nen beziehungsweise individuell aus Gründen gemäss Art. 3 AsylG von
den Taliban verfolgt worden seien.
4.5 In der Replik werden im Wesentlichen die bereits in der Beschwerde
enthaltenen Ausführungen wiederholt. Insbesondere wird erneut geltend
gemacht, die beiden Cousins, denen Asyl gewährt worden sei, hätten ihre
individuelle Verfolgung beziehungsweise die Gefahr einer Zwangsrekrutie-
rung durch die Taliban offenbar gar nicht direkt belegen müssen. Im Wei-
teren wird gerügt, im Protokoll der BzP sei nirgends zu finden, dass der
Beschwerdeführer gesagt habe, sein Vater sei persönlich von den Taliban
kontaktiert worden. Auch habe die Vorinstanz die in der Beschwerdeschrift
enthaltenen Ausführungen zur Glaubhaftigkeit unkommentiert gelassen.
Schliesslich mute es auch objektiv sehr seltsam an, dass das SEM die
Asylgesuche von zwei Cousins gutgeheissen und die Gesuche von zwei
weiteren Cousins abgelehnt habe, wobei die Verfügungen völlig unter-
schiedlich begründet worden seien, obwohl alle aus derselben Grossfami-
lie stammten und im Wesentlichen dieselbe Fluchtgeschichte erzählt hät-
ten. Da die drei Entscheide von drei verschiedenen Personen zu unter-
schiedlichen Zeitpunkten gefällt worden seien, müsse davon ausgegangen
werden, dass es an der nötigen Koordination gefehlt habe.
5.
5.1 Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung der vorliegenden Akten und ins-
besondere auch der Entgegnungen in der Beschwerdeschrift und in der
Replik gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Aus-
sagen des Beschwerdeführers, wie nachfolgend aufgezeigt wird, nicht in
einem Mass ungereimt beziehungsweise der allgemeinen Erfahrung oder
der Logik des Handelns widersprechend ausgefallen sind, dass grundsätz-
liche Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen, welche ihn zum Ver-
lassen seiner Heimat veranlasst haben sollen, anzubringen wären.
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5.1.1 Vorab ist festzuhalten, dass das SEM weder die Identität des Be-
schwerdeführers (und insbesondere auch nicht seine Minderjährigkeit zum
Zeitpunkt der Stellung des Asylgesuchs) und dessen Herkunft aus dem
Distrikt P._ noch dessen wohlhabendes familiäres Umfeld und die
mit zahlreichen Unterlagen untermauerten Tätigkeiten mehrerer männli-
cher Familienangehöriger für afghanische Behörden und regierungsnahe
ausländische Organisationen in Frage stellte. Es bezweifelte indessen,
dass der Beschwerdeführer und seine Angehörigen den von ihm geschil-
derten Verfolgungsmassnahmen durch die Taliban ausgesetzt gewesen
sein sollen.
5.1.2 Die Provinz Q._ galt lange Zeit als Hochburg des afghani-
schen Zweigs des Islamischen Staates, wobei aber weite Gebiete des Dis-
trikts P._ unter der Kontrolle der Taliban standen beziehungsweise
immer noch stehen (vgl. etwa EASO, Afghanistan, Anti-Government Ele-
ments (AGEs), August 2020, S. 29; https://coi.easo.europa.eu/administra-
tion/easo/PLib/2020_08_EASO_COI_Report_Afghanistan_Anti_Governe-
ment_Elements_AGEs.pdf; abgerufen am 28. September 2020). Das SEM
hat denn auch in Bezug auf die beiden Cousins K._ und L._
sowohl die Präsenz der Taliban in dieser Gegend als auch die Drohungen
und Übergriffe auf die Grossfamilie A._ zu Recht als unbestritten
erachtet. Im Weiteren hat es auch nicht in Frage gestellt, dass die Taliban
anlässlich einer Versammlung mit verschiedenen Familien des Dorfes die
für die Behörden tätigen Familienmitglieder aufgefordert hätten, ihre Be-
schäftigungen aufzugeben, und überdies verlangt hätten, jede Familie
müsse den Taliban eine Person für den Kampfeinsatz zur Verfügung stel-
len.
5.1.3 Es ist zwar nicht von der Hand zu weisen, dass in den anlässlich der
BzP und der Anhörung erstellten Protokollen auf den ersten Blick gewisse
Ungereimtheiten in den Aussagen des Beschwerdeführers erkennbar sind.
Diese Ungereimtheiten lassen sich indes bei näherer Betrachtung ohne
Weiteres auflösen oder zumindest erklären. So ist davon auszugehen,
dass die von den Taliban an den Vater gerichtete Aufforderung, einen sei-
ner Söhne zu ihnen zu schicken (vgl. Vorakten A9 Ziff. 7.01 und A36 zu
F125) im Rahmen einer Versammlung ausgesprochen wurde, wie dies
auch von den Cousins K._ und L._ vorgebracht und vom
SEM in jenen Asylverfahren als glaubhaft erachtet wurde; ausserdem
wurde dem Beschwerdeführer die Frage nach allfälligen Kontakten des Va-
ters mit den Taliban zunächst nur im Kontext mit dessen Berufstätigkeit
gestellt (vgl. A26 zu F123), was erklärt, wieso er diese Frage verneint hatte.
https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/2020_08_EASO_COI_Report_Afghanistan_Anti_Governement_Elements_AGEs.pdf https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/2020_08_EASO_COI_Report_Afghanistan_Anti_Governement_Elements_AGEs.pdf https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/2020_08_EASO_COI_Report_Afghanistan_Anti_Governement_Elements_AGEs.pdf
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Was die festgestellten Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit dem Tod
der Frau des Cousins beziehungsweise der Cousine (vgl. A9 Ziff. 7.01 so-
wie A36 zu F117 und F159–161) betrifft, so ist darauf hinzuweisen, dass
der Beschwerdeführer damals erst 13 oder 14 Jahre alt war und sich den
Akten keine Hinweise entnehmen lassen, dass er persönlich Zeuge des
schrecklichen Ereignisses gewesen wäre.
5.1.4 Sodann ist festzuhalten, dass bei der Beurteilung der Plausibilität ei-
nes Verhaltens von einem kulturell- und persönlichkeitsabhängigen Kon-
zept auszugehen ist. So kann ein Vorbringen für eine Person im hiesigen
Umfeld absolut plausibel erscheinen, wohingegen dasselbe Vorbringen für
eine Person in einem anderen kulturellen und sozio-ökonomischen Kontext
völlig unplausibel erscheinen kann. Somit existiert das Risiko, dass die Be-
urteilung der Plausibilität von Vorbringen lediglich auf dem subjektiven Ge-
fühl des Entscheidungsträgers basiert und somit von Annahmen, Vorurtei-
len, Vermutungen und vorgefassten Stereotypen ausgegangen wird, an-
statt sich auf objektivierbare Kriterien abzustützen. Beim Einbezug der
Plausibilität in die Glaubhaftigkeitsprüfung ist folglich grosse Vorsicht an-
gezeigt. So sollten grundsätzlich lediglich naturwissenschaftliche, respek-
tive physikalische und biologische Tatsachen unter dem Aspekt der Plausi-
bilität bewertet werden oder zumindest Unplausibilität mit Country of Origin
Information oder anderen vom Beschwerdeführer eingereichten Beweis-
mitteln abgeglichen werden (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts
D-2124/2014 und D-4194/2015 vom 15. Januar 2016 E. 7.3). Vor diesem
Hintergrund erachtet es das Bundesverwaltungsgericht nicht als überzeu-
gend, wenn das SEM ausführte, es erstaune, dass der Beschwerdeführer
die durch den Aufenthalt von Verwandten in Kabul, D._ und in der
Provinz E._ bestehenden innerstaatlichen Fluchtalternativen nicht
wahrgenommen habe beziehungsweise die in anderen Provinzen leben-
den Onkel und sein Vater ihn nicht zu sich geholt hätten. Für eine solche
Annahme fehlen Abklärungen zu den jeweiligen konkreten Lebensverhält-
nissen der Verwandten, umso mehr, als es sich beim Beschwerdeführer
zum damaligen Zeitpunkt um einen Minderjährigen handelte. Dass sodann
die Umsiedlung einer an einem Ort verwurzelten Grossfamilie mit erhebli-
chem Grundbesitz nicht ganz einfach sein dürfte, liegt auf der Hand.
Schliesslich bleibt anzumerken, dass das SEM in den beiden mit der Ge-
währung des Asyls am 2. März 2018 (mithin nur gut eine Woche später)
abgeschlossen Verfahren der Cousins K._ und L._ das-
selbe Verhalten offenbar sehr wohl nachvollziehen konnte. Es bestehen
diesbezüglich tatsächlich – wie in der Beschwerde und in der Replik zu
Recht bemerkt wurde – Zweifel an der rechtsgleichen Behandlung.
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Seite 13
5.1.5 Nach den vorstehenden Ausführungen und unter Berücksichtigung
auch der für die Glaubhaftigkeit sprechenden Element wie etwa die Sub-
stanziiertheit sowie die Übereinstimmung mit der Darstellung der Cousins
erscheinen die Vorbringen des Beschwerdeführers insgesamt glaubhaft.
Der Vollständigkeit halber ist in an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass
der Beschwerdeführer nach dem gewaltsamen Tod seines Bruders
H._ der älteste Sohn seines Vaters war und daher gemäss den Er-
kenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts auch besonderer Gefahr aus-
gesetzt war, von den Taliban – falls nötig, mit Gewalt – rekrutiert zu werden.
5.2 Im Folgenden bleibt zu prüfen, ob die als überwiegend glaubhaft be-
fundenen Vorbringen des Beschwerdeführers flüchtlingsrechtlich relevant
im Sinne des Asylgesetzes sind.
5.2.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen
(vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Begründete Furcht vor Verfolgung im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur An-
nahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise
– mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht
oder werde sich – aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit
in absehbarer Zukunft verwirklichen (BVGE 2010/57 E. 2.5). Aufgrund der
Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person
in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE
2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutztheo-
rie ist somit die flüchtlingsrechtliche Relevanz einer nichtstaatlichen Verfol-
gung vom Vorhandensein eines adäquaten Schutzes durch den Heimat-
staat abhängig. Dieser Schutz ist als hinreichend zu qualifizieren, wenn die
betroffene Person effektiven Zugang zu einer funktionierenden und effi-
zienten Schutzinfrastruktur hat und ihr die Inanspruchnahme eines solchen
innerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar ist (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.3).
5.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat zuletzt mit Urteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert) eine Lagebeurteilung
D-1788/2018
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zu Afghanistan vorgenommen. Zu verzeichnen war und ist eine deutliche
Verschlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des
Bundesverwaltungsgerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug
der International Security Assistance Force (ISAF) über alle Regionen hin-
weg. Seit dem Übergang der Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die
Afghan National Security Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr
den Charakter eines Bürgerkrieges angenommen, wobei grosse Teile des
Staatsgebiets direkt von Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen
terroristische Anschläge in den von offenen Gefechten weitgehend ausge-
nommenen urbanen Zentren. Im Visier stehen vor allem Grossstädte wie
Kabul. An dieser Einschätzung ist angesichts der nach wie vor sehr volati-
len Sicherheitslage, welche sich im Jahr 2018 im Verhältnis zum Jahr 2017
nochmals verschlechtert hat, nach wie vor festzuhalten (vgl. etwa Urteil des
BVGer D-5407/2017 vom 24. Februar 2020 E. 6.3 m.w.H.). Bei der Beur-
teilung der Sicherheitslage lassen sich Gruppen von Personen definieren,
die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausge-
setzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, welche der afghani-
schen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft inklusive den in-
ternationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer derselben
wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der afghanischen
Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entsprechende Perso-
nen. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Mitarbeiter der afghanischen Re-
gierung oder internationaler Organisationen gezielten Angriffen oder einem
anderen Gewaltakt – insbesondere durch die Hände der Taliban – ausge-
setzt zu werden (vgl. Urteil des BVGer E-1551/2019 vom 5. Dezember
2019 E. 7.3).
5.2.3 Der Beschwerdeführer war zum Zeitpunkt seiner Ausreise zwar noch
minderjährig und hat sich auch gemäss seinen Angaben nicht durch eigene
Tätigkeiten exponiert. Indessen ist erstellt, dass zahlreiche nahe Angehö-
rige, insbesondere auch sein zunächst als Staatsanwalt und später bei der
Polizei tätiger Vater, zu den oben unter E. 5.2.2 aufgeführten Risikogrup-
pen gehören und somit ein Profil aufweisen, welches insgesamt zu einer
objektiv begründeten Furcht vor Verfolgung durch die Taliban führt. Aus
dieser familiären Zugehörigkeit ergibt sich ein erhöhtes Interesse der Tali-
ban an der Familie des Beschwerdeführers im Allgemeinen und auch an
der Rekrutierung des Beschwerdeführers für ihre Zwecke im Besonderen.
Der Beschwerdeführer hat zudem in subjektiver Hinsicht glaubhaft machen
können, im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Afghanistan Mitte des Jahres
2016 begründete Furcht vor Verfolgung durch die Taliban im Sinne von
D-1788/2018
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Art. 3 AsylG gehabt zu haben. Nachdem sich die Sicherheitslage in Afgha-
nistan seit 2016 weiter deutlich verschlechtert hat und es zu vermehrten
Anschlägen durch die Taliban und andere islamistische Gruppierungen in
allen Landesteilen, auch in Kabul, gekommen ist, ist anzunehmen, dass er
im Falle einer Rückkehr begründeterweise auch zum heutigen Zeitpunkt
künftige Angriffe insbesondere seitens der Taliban zu befürchten hat.
5.2.4 Nachdem die festgestellte Verfolgungsgefahr nicht von staatlichen
Organen, sondern von Dritten ausgeht, allerdings am Herkunftsort in der
Provinz Q._ die Schutzfähigkeit des Staates offensichtlich zu ver-
neinen ist, bleibt die Frage zu prüfen, ob für den Beschwerdeführer eine
innerstaatliche Flucht- beziehungsweise Schutzalternative besteht. Ge-
mäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bedingt die An-
nahme einer innerstaatlichen Schutzalternative im Lichte der Schutztheo-
rie, dass am Zufluchtsort eine funktionierende und effiziente Schutzinfra-
struktur besteht und der Staat gewillt ist, der in einem anderen Landesteil
von Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren.
Praxisgemäss sind an die Effektivität des Schutzes am Zufluchtsort hohe
Anforderungen zu stellen. Namentlich genügt es nicht, dass der Verfolger
am Zufluchtsort nicht präsent ist, sondern es muss auch die Möglichkeit
ausgeschlossen werden können, dass er seinen Einfluss auf diesen Ort
ausdehnen kann (vgl. BVGE 2013/5 E. 5.4.3, BVGE 2011/51 E. 8.5.1 und
8.6). Schliesslich muss es dem Betreffenden individuell zuzumuten sein,
den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig in Anspruch nehmen
zu können. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse am Zufluchtsort und
die persönlichen Umstände der betroffenen Person zu beachten und es ist
unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes im Rahmen ei-
ner individuellen Einzelfallprüfung zu beurteilen, ob ihr angesichts der sich
konkret abzeichnenden Lebenssituation am Zufluchtsort realistischerweise
zugemutet werden kann, sich dort niederzulassen und sich eine neue Exis-
tenz aufzubauen. Für die Frage der Zumutbarkeit kommt der Zumutbar-
keitsbegriff gemäss Art. 83 AIG zur Anwendung (vgl. BVGE 2011/51 E. 8).
Vorliegend ist zu berücksichtigen, dass die Taliban landesweit aktiv sind
und in den vergangenen Jahren eine Entwicklung hin zu einer gut organi-
sierten Bewegung durchlaufen haben, wodurch sie in verschiedenen Pro-
vinzen an Einfluss, Macht und Stärke gewonnen haben. Sie verübten auch
mehrere komplexe Angriffe in Kabul. Die afghanischen Sicherheitskräfte
können die feindlich gesinnten Konfliktparteien kaum in genügender Weise
zurückdrängen oder kontrollieren (vgl. Referenzurteil D-5800/2016,
D-1788/2018
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E. 7.3.1 und 7.3.2). Die kürzlich erfolgte Aufnahme von Friedensgesprä-
chen zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban vermag daran
nichts zu ändern, zumal diese Gespräche bereits wieder ins Stocken gera-
ten sind (vgl. https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan-doha-frie-
densverhandlung-taliban-101.html; zuletzt abgerufen am 25. September
2020).
Daraus folgt, dass die afghanischen Sicherheitskräfte für den Beschwer-
deführer – insbesondere auch in Anbetracht dessen, dass sein Vater und
mehrere weitere nahe Verwandte ein besonders hohes Risikoprofil aufwei-
sen – auch in Kabul keine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruk-
tur zur Verfügung stellen können (vgl. etwa Urteile des BVGer D-5923/2018
vom 17. August 2020 E. 8.3 sowie D-2879/2018 vom 7. Mai 2020 E. 7.6,
jeweils mit weiteren Hinweisen). Eine Schutzalternative im Sinne der
Rechtsprechung besteht offensichtlich auch in anderen Teilen Afghanis-
tans nicht, zumal die Taliban ihre Aktivitäten in allen Landesteilen entfalten
und die Schutzinfrastruktur gegenüber derjenigen von Kabul auch in ande-
ren grossen Städten nicht effizienter ist. Es erübrigt sich daher auch, zur
Bemerkung, die Familie des Beschwerdeführers sei trotz der geschilderten
Bedrohungslage noch im Heimatdorf wohnhaft und sein Vater sowie seine
Onkel gingen weiterhin ihrer Arbeit für die Regierung nach (vgl. angefoch-
tene Verfügung S. 5 unten) Stellung zu nehmen. Schliesslich bleibt anzu-
merken, dass der Beschwerdeführer zutreffend darauf hinweist, dass die
Vorinstanz angesichts der verfügten vorläufigen Aufnahme ihrerseits Kabul
als Aufenthaltsort ausschloss.
5.2.5 Indem der Beschwerdeführer von den Taliban – über seinen Vater –
aufgefordert wurde, sich ihnen anzuschliessen, betrafen die Verfolgungs-
massnahmen auch ihn persönlich. Ausserdem erfolgte die Ausreise des
Beschwerdeführers zeitnah zu diesen Verfolgungsmassnahmen, weshalb
auch die Aktualität derselben als gegeben zu erachten ist.
6.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerdefüh-
rer die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Anhalts-
punkte für das Vorliegen von Asylausschlussgründen im Sinne von
Art. 53 AsylG gehen aus den Akten nicht hervor, weshalb ihm Asyl zu ge-
währen ist (Art. 49 AsylG). Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die
angefochtene Verfügung vom 21. Februar 2018 ist aufzuheben und das
SEM anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan-doha-friedensverhandlung-taliban-101.html https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan-doha-friedensverhandlung-taliban-101.html
D-1788/2018
Seite 17
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Der Rechtsvertreter hat mit Eingabe vom 6. Januar 2020 eine Kostennote
zu den Akten gereicht, die einen zeitlichen Vertretungsaufwand von
6.5 Stunden bei einem Ansatz von Fr. 200.– pro Stunde sowie Auslagen im
Betrag von Fr. 40.– ausweist, was angemessen erscheint. Für die danach
eingereichte Replik ist von Amtes wegen ein weiterer zeitlicher Aufwand
von 1.5 Stunden zu veranschlagen. Die Parteientschädigung – welche von
der Vorinstanz zu leisten ist – ist demnach auf Fr. 1'640.– (inkl. Auslagen)
festzusetzen und das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer diesen
Betrag zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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