Decision ID: 6b446403-2d34-5211-be6f-c64df7c3f82b
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer behauptet eritreischer Staatsangehöriger zu sein;
als Kind habe er mit seiner Mutter im Jahr 2004 Eritrea verlassen und bis
zu seiner Flucht nach Europa in Äthiopien gelebt. Am 10. November 2015
habe er Äthiopien verlassen und sei durch den Sudan und Libyen zunächst
über das Mittelmeer nach Italien und am 22. Mai 2016 in die Schweiz ge-
reist. Im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ wurde er am
2. Juni 2016 im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) summarisch be-
fragt, am 8. September 2017 fand die einlässliche Anhörung statt. Der Be-
schwerdeführer reichte keine Identitätspapiere oder weitere Beweismittel
zu den Akten.
B.
Das vom SEM zunächst durchgeführte Dublin-Überstellungsverfahren
nach Italien wurde am 15. Juni 2016 für beendet erklärt.
C.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer vor,
nach dem Tod des Vaters im Jahr 2003 habe seine Mutter Eritrea verlas-
sen, weil es im Dorf Streitigkeiten um Land gegeben habe und man sie
bedroht habe. Aus Äthiopien sei er geflüchtet, weil er seine Freundin ge-
schwängert habe. Deren Eltern hätten die Verbindung ihrer Tochter mit ei-
nem mittellosen eritreischstämmigen Mann jedoch abgelehnt und hätten
Unbekannte beauftragt, ihn anzugreifen. Er sei mehrmals geschlagen wor-
den; überhaupt habe er in Äthiopien keine Rechte gehabt und sei dort ille-
gal gewesen. Seine Tochter sei am 1. Mai 2015 geboren worden, sie lebe
bei ihrer Mutter. Mit dieser habe er keinen Kontakt mehr.
D.
Am 9. Oktober 2018 ersuchte der Beschwerdeführer das SEM, gegenüber
dem Zivilstandsamt C._ eine Erklärung abzugeben, wonach er
keine Identitätsdokumente besitze und auch keine erhalten könne. Er lebe
seit 2016 in einer Beziehung mit einer äthiopischen Frau in der Schweiz,
der gemeinsame Sohn sei am (...) 2018 in C._ geboren worden.
Gleichentags wandte sich auch das Zivilstandsamt an das SEM und er-
suchte um Ermächtigung zur Einsicht in die Asylakten, zur Klärung der
Identität.
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E.
Am 29. Oktober 2018 gewährte das SEM dem Zivilstandsamt die ge-
wünschte Akteneinsicht.
F.
Mit Verfügung vom 19. März 2019 – eröffnet am 20. März 2019 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch vom 22. Mai 2016 ab, verfügte dessen Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung nach
Äthiopien an. Zudem registrierte es die Staatsangehörigkeit als «unbe-
kannt». Das SEM erachtete die vorgebrachten Asylgründe als unglaubhaft,
wie es überhaupt die geltend gemachte Herkunft aus Eritrea und die Anga-
ben zum familiären Hintergrund anzweifelte, weshalb es die Rückkehr nach
Äthiopien für zulässig, zumutbar und möglich hielt. Zur geltend gemachten
neuen Familienbeziehung in der Schweiz stellte es fest, die Partnerin und
der Sohn hätten kein gefestigtes Aufenthaltsrecht, sie verfügten nur über
eine Aufenthaltsbewilligung, zudem lebe der Beschwerdeführer nicht mit
dem Kind und seiner Mutter zusammen, die Beziehung könne auch von
Äthiopien aus gepflegt werden, oder das Paar könne gemeinsam mit dem
Kind als Familie dorthin zurückkehren.
G.
In der Beschwerde vom 18. April 2019 beantragte der Beschwerdeführer
mit Hilfe seines Rechtsvertreters die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung. Es sei auf die Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des
Vollzugs zu erkennen und eine vorläufige Aufnahme zu gewähren; eventu-
aliter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die unentgeltliche Prozess-
führung, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. Fer-
ner ersuchte er um die amtliche Beiordnung seines Rechtsvertreters. Auf
die Begründung ist im Rahmen der Erwägungen einzugehen.
H.
In ihrer Zwischenverfügung vom 8. Mai 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver-
zichtete auf einen Kostenvorschuss, ernannte den Rechtsvertreter zum
amtlichen Rechtsbeistand und lud das SEM zur Vernehmlassung ein.
I.
In der Vernehmlassung vom 17. Mai 2019 hielt das SEM an seinem Ent-
scheid fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
E-1882/2019
Seite 4
J.
Die Stellungnahme des SEM wurde dem Beschwerdeführer am 21. Mai
2018 zur Kenntnis übermittelt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich nach
dem VwVG und dem VGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt
(Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Obwohl der Beschwerdeführer in den Rechtsbegehren die vollumfäng-
liche Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung beantragt, geht aus den
folgenden Anträgen und der Begründung der Beschwerde hervor, dass
sich diese nur gegen den von der Vorinstanz verhängten Wegweisungs-
vollzug richtet. Die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft, die Verweige-
rung der Asylgewährung und die Anordnung der Wegweisung als solche
werden nicht angefochten; demnach ist die vorinstanzliche Verfügung in
diesen Punkten in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des Beschwerde-
verfahrens bildet einzig die Frage, ob die Wegweisung nach Äthiopien zu
vollziehen oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzu-
ordnen ist.
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Seite 5
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs: Im
Zusammenhang mit dem Grundsatz des Schutzes des Familienlebens
(Art. 8 EMRK) beziehungsweise der Familieneinheit (Art. 44 AsylG) habe
das SEM den Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt. In der angefochte-
nen Verfügung werde pauschal darauf hingewiesen, dass kein gefestigtes
Anwesenheitsrecht der Partnerin bestehe. Weder das gelebte Familienle-
ben noch die Dauer des Aufenthalts der Partnerin seien in die rechtliche
Würdigung miteingeflossen. Allein deshalb rechtfertige sich die Rückwei-
sung der Verfügung.
3.2 Diese formelle Rüge ist vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet
wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.3 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
3.4 Die Vorinstanz behandelte in ihrer Verfügung das Vorbringen des Be-
schwerdeführers, wonach er inzwischen familiäre Bindungen in der
Schweiz habe und mit einer aufenthaltsberechtigten Frau ein gemeinsa-
mes Kind habe, das er anerkennen und mit dem er zusammenleben wolle.
Das SEM erachtete diesen Aspekt nicht für beachtlich in Hinblick auf einen
Anspruch aus Art. 8 EMRK, da die Partnerin und das Kind seiner Auffas-
sung nach keinen dauerhaften Aufenthalt in der Schweiz begründet hätten
und der Beschwerdeführer auch nicht mit ihnen zusammenlebe; diese
Rechtsauffassung wird aus dem Entscheid klar ersichtlich. Das SEM hat
http://links.weblaw.ch/BGE-135-II-286 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BGE-136-I-87
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damit den Sachverhalt wohl erfasst, es folgte aber in der rechtlichen Wür-
digung einer anderen Auffassung, als sie der Beschwerdeführer vertritt.
Dieses Vorgehen verletzt den Anspruch auf rechtliches Gehör nicht.
Zu Art. 44 AsylG äusserte sich die Vorinstanz lediglich dahingehend, dass
der Beschwerdeführer nach der Ablehnung des Asylgesuchs zur Ausreise
verpflichtet sei; Erwägungen im Zusammenhang mit der Familieneinheit
hat die Vorinstanz nicht getroffen. Dies ist indessen nicht zu beanstanden.
Die Bestimmung von Art. 44 AsylG, wonach bei der Anordnung der Weg-
weisung und des Wegweisungsvollzugs der Grundsatz der Einheit der Fa-
milie zu berücksichtigen ist, bezieht sich darauf, dass die vorläufige Auf-
nahme des einen Familienmitglieds in der Regel zur vorläufigen Aufnahme
der ganzen Familie führt (vgl., zum damals geltenden aArt. 17 Abs. 1
AsylG, Entscheide und Publikationen der Asylrekurskommission [EMARK]
1995 Nr. 24, E. 10 und 11; ebenso EMARK 2004 Nr. 12 E. 7.b; vgl. ferner
auch Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-6528/2014 vom 10. März
2015 E. 4.4); hingegen bezieht sich Art. 44 AsylG gerade nicht auf Fragen
der Familieneinheit für Personen mit einem fremdenpolizeilich geregelten
Aufenthalt; diesbezüglich sind vielmehr die Regelungen des Fremdenpoli-
zeirechts, mithin heute des AIG, einschlägig (vgl. auch dazu bereits
EMARK 1995 Nr. 24 E. 11.b S. 232). Eine Prüfung der im AsylG vorgese-
henen Berücksichtigung der Einheit der Familie gemäss Art. 44 AsylG ge-
bot sich daher vorliegend nicht, weil die Partnerin und das Kind des Be-
schwerdeführers nicht vorläufig aufgenommen sind, sondern über eine
fremdenpolizeiliche Aufenthaltsbewilligung (Härtefallbewilligung) verfügen.
Der Sachverhalt ist demnach genügend ermittelt worden, um einen begrün-
deten Entscheid zu treffen, eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist nicht
zu erkennen.
3.5 Die formelle Rüge erweist sich angesichts dieser Sachlage als unbe-
gründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aufzuheben und
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbezügliche Rechtsbegehren ist
abzuweisen.
4.
4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
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Seite 7
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
4.2 Die Vorinstanz begründet in der angefochtenen Verfügung ausführlich
ihre Einschätzung, dass der Beschwerdeführer seine behauptete eritrei-
sche Herkunft und Staatsangehörigkeit nicht glaubhaft gemacht habe. Of-
fenbar versuche er, seine wahre Herkunft und Nationalität zu verschleiern,
und die tatsächliche Staatsangehörigkeit stehe nicht fest. Mit hoher Wahr-
scheinlichkeit sei er Staatsangehöriger von Äthiopien, weshalb die Zuläs-
sigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs in diesen
Staat geprüft werde. Soweit allenfalls auch die Herkunft aus einem ande-
ren Staat nicht gänzlich ausgeschlossen werden könne, sei es praxisge-
mäss aber nicht Aufgabe der Asylbehörden, bei verletzter Mitwirkungs-
pflicht des Beschwerdeführers nach allfälligen Wegweisungshindernissen
in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen.
Diese Erwägungen – mit denen sich der Beschwerdeführer in der Be-
schwerde nicht auseinandersetzt – sind vollumfänglich zu bestätigen.
4.3 Die Vorinstanz hält den Wegweisungsvollzug für zulässig und zumut-
bar. Es ergäben sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür, dass dem
Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Äthiopien mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behand-
lung drohe. In Äthiopien herrsche heute weder Krieg noch Bürgerkrieg
noch eine Situation der allgemeinen Gewalt im Sinne von Artikel 83 Abs. 4
AIG, noch sei für den Beschwerdeführer im Fall der Rückkehr eine kon-
krete Gefährdung ersichtlich. Aus den Akten ergäben sich im Übrigen auch
keine individuellen Gründe, welche den Wegweisungsvollzug nach Äthio-
pien als unzumutbar erscheinen liessen. Die geltend gemachte Familien-
beziehung in der Schweiz lässt das SEM als Vollzugshindernis nicht gelten,
da Art. 8 EMRK erstens ein gefestigtes Aufenthaltsrecht des Familienmit-
glieds in der Schweiz voraussetze und zweitens die Beziehung tatsächlich
gelebt und gefestigt sein müsse. Die Partnerin und der Sohn des Be-
schwerdeführers hätten jedoch kein gefestigtes Aufenthaltsrecht, da sie
nur im Besitz einer jährlich zu erneuernden Aufenthaltsbewilligung seien.
Zudem lebe der Beschwerdeführer nicht mit seiner Partnerin zusammen
und er könnte die Beziehung auch vom Ausland aus pflegen. Alternativ
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Seite 8
stehe es ihm und seiner Partnerin frei, gemeinsam mit dem Sohn nach
Äthiopien zurückzukehren.
4.4 In der Beschwerde wird dieser Einschätzung entgegengehalten, dass
die Partnerin des Beschwerdeführers seit über zehn Jahren in der Schweiz
lebe und ihre damalige vorläufige Aufnahme nach einem Härtefallgesuch
in eine Aufenthaltsbewilligung umgewandelt worden sei. Die höchstrichter-
liche Rechtsprechung gehe bei langer Aufenthaltsdauer von einem fakti-
schen Anwesenheitsrecht aus, wofür entsprechende Urteile zitiert werden.
Der Beschwerdeführer lebe seine Beziehung zu seinem Sohn und zu sei-
ner Partnerin; der Umstand, dass die Familie nicht zusammenlebe, resul-
tiere einzig aus der Verpflichtung des Beschwerdeführers, sich in der Asyl-
unterkunft aufzuhalten. Er verbringe jedoch jedes Wochenende mit seiner
Partnerin und seinem Sohn und pflege mit ihnen so oft wie möglich das
Zusammensein; er kümmere sich liebevoll um das Kind. Der Vollzug der
Wegweisung sei daher unzumutbar und würde den Grundsatz der Famili-
eneinheit und die Kinderrechtskonvention (vgl. BVGE 2014/13 E. 8.1) ver-
letzen. Zum Beleg des Vorbringens reichte der Beschwerdeführer einen
Auszug aus dem Geburtsregister vom 8. April 2019, eine Erklärung über
die gemeinsame elterliche Sorge sowie Familienfotos ein, welche ihn mit
der Partnerin und dem Kind zeigen.
4.5 Zu klären ist vorliegend, ob der Beschwerdeführer einen Aufenthalts-
anspruch gestützt auf Art. 8 Abs. 1 EMRK geltend machen kann.
4.5.1 Art. 8 EMRK gewährt den Schutz des Privat- und Familienlebens.
Das Recht auf Achtung des Familienlebens gemäss Art. 8 EMRK schützt
bestehende Familien. Der Begriff Familienleben umfasst unter anderem die
Beziehungen zwischen Partnern, ob ehelich oder nicht, also auch die Be-
ziehungen zwischen Personen, die eine De-facto-Familie bilden, die zu-
sammenleben und bei denen also eine enge persönliche Beziehung be-
steht (vgl. JENS MEYER-LADEWIG/MARTIN NETTESHEIM/STEFAN VON RAUMER
[Hrsg.], EMRK, Europäische Menschenrechtskonvention, Handkommen-
tar, 4. Aufl., Baden-Baden 2017, Art. 8 Rz. 77).
Staatliche Massnahmen stellen einen Eingriff in Art. 8 EMRK dar, wenn Be-
troffene im Aufenthaltsstaat persönliche oder Familienbindungen haben,
die ausreichend stark sind und durch eine Abschiebung beeinträchtigt wür-
den (MEYER-LADEWIG/NETTESHEIM/VON RAUMER, a.a.O., Art. 8 Rz. 65). Ge-
mäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung ergibt sich indessen
lediglich dann ein Aufenthaltsanspruch, wenn nahe Familienangehörige
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Seite 9
über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz (das heisst die
Schweizer Staatsangehörigkeit, eine Niederlassungsbewilligung oder eine
Aufenthaltsbewilligung mit Anspruch auf Verlängerung) verfügen (vgl. statt
vieler BGE 130 II 281 E. 3 m.w.H.). Das Bundesverwaltungsgericht hat sich
dieser Praxis angeschlossen (vgl. BVGE 2013/49 E. 8.4.1, BVGE 2012/4
E. 4.3, BVGE 2013/24 E. 5.2).
4.5.2 Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts können sich allerdings
unter Umständen auch solche Personen auf Art. 8 EMRK berufen, die kein
gefestigtes Aufenthaltsrecht haben, deren Anwesenheit in der Schweiz je-
doch faktisch als Realität hingenommen wird, beziehungsweise aus objek-
tiven Gründen hingenommen werden muss (vgl. BVGE 2017 VII/4 E. 6.2,
mit Hinweisen auf die Urteile des Bundesgerichts [BGer 2C_360/2016 vom
31. Januar 2017 E. 5.2 ff. und 2C_639/2012 E. 4.4 ff. m.H.] sowie des Eu-
ropäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR [Grosse Kammer]
Urteile Jeunesse gegen Niederlande vom 3. Oktober 2014, Nr. 12738/10,
§ 103 ff.; Agraw gegen Schweiz vom 29. Juli 2010, Nr. 3295/06, § 44 ff. und
Mengesha Kimfe gegen Schweiz vom 29. Juli 2010, Nr. 24404/05, § 61 ff.).
Auch in diesen Fällen kann der Vollzug einer Wegweisung als unverhält-
nismässiger Eingriff in ein schützenswertes Familienleben gelten. Genau
auf diese Praxis beruft sich der Beschwerdeführer, indem er ausführt, dass
seine Partnerin sich bereits seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz auf-
halte, ihre Aufenthaltsbewilligung jeweils verlängert wurde und daher von
ihrem verfestigten Aufenthalt ausgegangen werden müsse.
4.5.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht, unter Hinweis auf die Praxis
des EGMR, allerdings davon aus, dass das Fehlen eines gefestigten Auf-
enthaltsrechts nicht als alleiniges entscheidendes Kriterium zu erachten ist
(vgl. BVGE 2012/4 E. 4.4).
In Verfahren, wo sich – wie vorliegend – Immigrationsregelungen und Ein-
griffe ins Familienleben gegenüberstehen, ist eine Interessenabwägung
vorzunehmen. Aus Art. 8 EMRK ergibt sich nicht die generelle Pflicht, in
Immigrationsangelegenheiten immer das Familienleben zu gewährleisten;
ob Eingriffe ins Familienleben durch aufenthaltsbeendende Massnahmen
gerechtfertigt sind, beurteilt sich aufgrund einer Interessenabwägung (vgl.
BVGE 2012/4 E. 4.4; BVGE 2017 VII/4 E. 6.3; vgl. auch Entscheid
E-4581/2013 vom 9. Juli 2014 E. 5.3.2). Die spezielle Situation der Be-
troffenen ist gegenüber den öffentlichen Interessen abzuwägen; zu berück-
sichtigen ist unter anderem der Grad der konkreten Beeinträchtigung des
http://links.weblaw.ch/BGE-130-II-281 http://links.weblaw.ch/BVGE-2012/4 http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/24 http://links.weblaw.ch/2C_360/2016 http://links.weblaw.ch/2C_639/2012
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Seite 10
Familienlebens ebenso wie der Umstand, ob und wieweit dieses in zumut-
barer Weise im Heimatstaat oder allenfalls in einem Drittstaat gelebt wer-
den kann.
Ebenfalls als Faktor in Betracht zu ziehen ist namentlich, ob der Betref-
fende bei der Begründung des Familienlebens wissen musste, dass sein
Aufenthaltsstatus nicht gesichert ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 4.4 unter Hin-
weis auf den Entscheid des EGMR Nunez gegen Norwegen, Nr. 55597/09,
vom 28. Juni 2011, §§ 68 und 70, sowie Rodrigues Da Silva und Hoogka-
mer gegen Niederlande, Nr. 50435/99, vom 31. Januar 2006, § 39). Ge-
mäss Rechtsprechung des EGMR ist unter anderem der Zeitpunkt mass-
geblich, in welchem die unter Art. 8 EMRK fallende Beziehung begründet
wurde. Wurde das Familienleben zu einem Zeitpunkt aufgenommen, in
welchem der Aufenthaltsstatus einer der beteiligten Personen prekär war,
ist eine Verletzung von Art. 8 EMRK durch eine ausländerrechtliche Weg-
weisungsmassnahme nur in Ausnahmefällen anzunehmen (vgl. EGMR Ur-
teil Jeunesse gegen Niederlande, a.a.O., § 108 ff. mit zahlreichen Hinwei-
sen auf die Rechtsprechung).
Auch im Urteil des EGMR vom 27. Oktober 2016, Jihana Ali und andere
gegen Schweiz und Italien, Nr. 30474/14, § 39 anerkannte der Gerichtshof
unter Hinweis auf das Urteil Jeunesse gegen Niederlande, dass eine Per-
son im Rahmen ihres Aufenthalts im Staatsgebiet während eines Verfah-
rens um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung oder während eines laufen-
den ausländerrechtlichen Beschwerdeverfahrens am gesellschaftlichen
Leben teilnehme, Beziehungen knüpfe und auch eine Familie zu gründen
vermöge. Allerdings könne aus diesem Umstand für die Behörden des Auf-
enthaltsstaats keine Verpflichtung erwachsen, der Person gestützt auf
Art. 8 EMRK die Niederlassung gewähren zu müssen. Gleiches müsse gel-
ten, wenn eine Person den zuständigen Behörden im Sinne eines «fait ac-
compli» ein neu begründetes Familienleben präsentiere, welches unter
Art. 8 Abs. 1 EMRK als schützenswert zu erachten sei. Bereits im Urteil
Jeunesse entschied die Grosse Kammer des EGMR, dass Personen, die,
nachdem sie entsprechende Tatsachen geschaffen haben, sich damit auf
Art. 8 EMRK berufen, nicht damit rechnen könnten, dass ihnen ein Aufent-
haltsrecht gewährt werde (vgl. EGMR Urteil Jeunesse gegen die Nieder-
lande, a.a.O., § 103). Der Gerichtshof stellt fest, dass diese Grundsätze
auch für Asylsuchende gelten, deren Anwesenheit im Staatsgebiet wäh-
rend ihres laufenden Asylverfahrens von den zuständigen Behörden auf
der Grundlage der nationalen oder völkerrechtlichen Verpflichtungen tole-
riert werde (vgl. Urteil Jihana Ali u.a. gegen Schweiz, a.a.O., § 40; ebenso
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Seite 11
auch EGMR Urteil vom 30. Juni 2015, A.S. gegen Schweiz, Nr. 39350/13,
§ 44). Der Aufenthalt im Rahmen eines Asylverfahrens ist demnach zwar
rechtmässig im Sinne des Art. 42 AsylG, dennoch ist er als «prekär» im
Hinblick auf die Gewährung von Rechten aus Art. 8 EMRK zu bezeichnen.
4.6 Dieser Aspekt ist vorliegend entscheidend. Der Beschwerdeführer be-
gründete die neue Familien-Verbindung im Wissen, dass er als Asylsu-
chender über kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht verfügte und sein Verbleib
in der Schweiz unsicher war. Der Umstand, dass seine Partnerin schon
längerfristig in der Schweiz lebt, muss bei dieser Ausgangslage in den Hin-
tergrund treten und die Frage, ob ihr Aufenthalt als gefestigt erachtet wer-
den kann, kann daher offenbleiben.
Im Rahmen der Interessenabwägung kommt das Bundesverwaltungsge-
richt vorliegend zum Ergebnis, dass sich der Beschwerdeführer nicht auf
Art. 8 EMRK zu berufen vermag; auch diesbezüglich ist die vorinstanzliche
Verfügung zu bestätigen. Der Beschwerdeführer hat sein Familienleben zu
einem Zeitpunkt aufgenommen, in dem er kein gesichertes Aufenthalts-
recht hatte, was ihm und seiner Partnerin durchaus bewusst gewesen sein
muss. Das SEM, als zuständige Behörde, war nicht verpflichtet, diesen
«fait accompli» im Rahmen der Asylgesuchsprüfung zu berücksichtigen
oder aufenthaltsrechtlich zu regeln. Auch die Ausführungen betreffend das
Kindeswohl lassen keinen anderen Schluss zu. Tatsächlich wäre es dem
Paar möglich, das Familienleben auch in Äthiopien zu leben, dem vermut-
lichen Herkunftsstaat des Beschwerdeführers, aus dem ganz sicher seine
Partnerin stammt. Da das Bundesverwaltungsgericht in seinem als Refe-
renzurteil publizierten Urteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 ausdrücklich
eine Verbesserung der Lage in Äthiopien festgestellt hat, wäre eine Rück-
kehr für die Familie auch zumutbar (vgl. a.a.O. E. 7, zur Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs E. 12; vgl. ferner die Entscheide E-3054/2020 vom
8. Juli 2020 E. 6.1, D-1842/2020 vom 2. Juli 2020 E. 6.1).
Im Ergebnis ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer sich in Bezug auf
die geltend gemachte Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs nicht auf
Art. 8 EMRK berufen kann. Es steht ihm jedoch frei, mit seiner Partnerin
gegebenenfalls ein Gesuch an die kantonalen Migrationsbehörden zu rich-
ten und die ausländerrechtliche Regelung des Aufenthalts zu beantragen.
Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Äthiopien lässt den Weg-
weisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
E-1882/2019
Seite 12
4.7 Das Bundesverwaltungsgericht geht von der grundsätzlichen Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen Äthiopiens aus (vgl. Re-
ferenzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2; E-3054/2020 vom
8. Juli 2020 E. 6.1, D-1842/2020 vom 2. Juli 2020 E. 6.1). Der Beschwer-
deführer ist nach Aktenlage jung und gesund. Er hat einige Jahre die
Schule besucht. Es ist der Vorinstanz beizupflichten, dass seine vagen und
ausweichenden Angaben betreffend seine Herkunft und seine Familienver-
hältnisse nicht zu überzeugen vermögen. Es ist daher davon auszugehen,
dass er in Äthiopien nach wie vor über ein tragfähiges familiäres Bezie-
hungsnetz verfügt, das ihn nach der Rückkehr bei der Wiedereingliederung
unterstützen wird. Zudem gilt das unter E. 4.6 Gesagte betreffend die
Rückkehr als Familie. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch
in individueller Hinsicht als zumutbar.
4.8 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
4.9 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
5.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens müsste der Beschwerdeführer die
Kosten tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da mit Zwischenverfügung vom
8. Mai 2019 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde, werden ihm
trotz Unterliegens keine Verfahrenskosten auferlegt.
6.2 Das Honorar des mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2019 eingesetz-
ten amtlichen Rechtsbeistands ist bei diesem Verfahrensausgang durch
die Gerichtskasse zu vergüten. Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote
eingereicht. Der Aufwand lässt sich allerdings aufgrund der Akten zuver-
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-6630/2018
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lässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Anwendung der massgebli-
chen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8-11 VGKE) sowie der
mit besagter Zwischenverfügung mitgeteilten Stundenansätze ist dem
Rechtsbeistand zu Lasten des Gerichts ein amtliches Honorar von
Fr. 700.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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