Decision ID: e3d2ce0f-ade7-4d8e-8d2f-0d330e286683
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 18. Mai 2021 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Am 25. Mai 2021 wurde er vom SEM zu seinen Personalien befragt. Am
2. Juli 2021 fand eine ausführliche Anhörung statt. Im Wesentlichen
machte er geltend, dass er in der Türkei wegen Terrorismus verurteilt
worden sei. In der Folge reichte der Beschwerdeführer diverse Beweismit-
tel betreffend die anhängigen Gerichtsverfahren in der Türkei ein.
C.
Am 9. Juli 2021 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, dass sein
Asylgesuch im erweiterten Verfahren behandelt werde. Namentlich bedürfe
es weiterer Abklärungen in Bezug auf den Fortgang seines gerichtlichen
Verfahrens in der Türkei.
D.
Am 15. Juli 2021 reichte die zugewiesene Rechtsvertreterin (weitere)
Beweismittel zu den Akten und beendete gleichzeitig das Mandatsverhält-
nis.
E.
Mit Eingabe vom 10. April 2022 (Datum Poststempel) teilte die rubrizierte
Rechtsvertreterin dem SEM unter Beilage einer entsprechenden Vollmacht
mit, dass sie vom Beschwerdeführer zu dessen Rechtsvertretung
mandatiert worden sei und ersuchte um Auskunft über den
Verfahrensstand. Zudem wurde ein Beweismittel (Schreiben des heimatli-
chen Anwalts) eingereicht und um Übersetzung von Amtes wegen ersucht.
F.
Mit Eingabe vom 23. August 2022 (Datum Poststempel) ersuchte der
Beschwerdeführer – handelnd durch die rubrizierte Rechtsvertreterin –
unter Verweis auf die bisherige Verfahrensdauer von sechzehn Monaten
um einen raschen Asylentschied oder um Nennung der Gründe für die
Verzögerung. Ausserdem stellte er die Einreichung einer
Rechtsverzögerungsbeschwerde in Aussicht, sollte die Vorinstanz seiner
Aufforderung bis zum 7. September 2022 nicht nachkommen.
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G.
Mit einer als Rechtsverweigerungs-/Rechtsverzögerungsbeschwerde
bezeichneten Eingabe vom 12. September 2022 gelangte der
Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte, das
SEM sei anzuweisen, das Asylverfahren abzuschliessen und dieses ohne
weitere Verzögerung einer Verfügung zuzuführen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unter Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses beantragt.
H.
Der Eingang der Rechtsverzögerungsbeschwerde wurde am
14. September 2022 bestätigt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur
Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG
zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch
vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer
anfechtbaren Verfügung kann bei der Beschwerdeinstanz, die für die
Behandlung einer Beschwerde gegen eine ordnungsgemäss ergangene
Verfügung zuständig wäre, Beschwerde geführt werden (Art. 46a VwVG;
vgl. dazu auch MARKUS MÜLLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.],
Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG],
2. Aufl. 2018, Rz. 3 zu Art. 46a). Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zur Beurteilung der vorliegenden Rechtsverzögerungsbeschwerde
zuständig.
1.3 Rechtsverzögerungsbeschwerden richten sich gegen den Nichterlass
einer anfechtbaren Verfügung. Die Beschwerdelegitimation setzt voraus,
dass bei der zuständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer
Verfügung gestellt wurde und Anspruch darauf besteht. Ein Anspruch ist
anzunehmen, wenn die Behörde verpflichtet ist, in Verfügungsform zu
handeln und der ansprechenden Person nach Art. 6 in Verbindung mit
E-3973/2022
Seite 4
Art. 48 Abs. 1 VwVG Parteistellung zukommt (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.2
m.w.H.).
Der Beschwerdeführer suchte am 18. Mai 2021 in der Schweiz um Asyl
nach. Über dieses Gesuch hat das SEM in Form einer anfechtbaren
Verfügung zu befinden. Eine solche ist bis anhin nicht ergangen. Der
Beschwerdeführer ist daher zur Beschwerdeführung legitimiert.
1.4 Gegen das unrechtmässige Verzögern einer Verfügung kann grund-
sätzlich jederzeit Beschwerde geführt werden (Art. 50 Abs. 2 VwVG).
Dennoch steht der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung nicht völlig im
Belieben der beschwerdeführenden Person. Der Grundsatz von Treu und
Glauben bildet hier eine Grenze.
1.5
1.5.1 Die beschwerdeführende Person muss darlegen, dass sie zur Zeit
der Beschwerdeerhebung ein schutzwürdiges – mithin aktuelles und
praktisches – Interesse an der Vornahme der verzögerten Amtshandlung
respektive der Feststellung einer entsprechenden Rechtsverzögerung hat
(vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem
Bundesverwaltungsgericht, 3. Aufl. 2022, Rz. 5.23).
1.5.2 Das schutzwürdige Interesse des Beschwerdeführers an der
Vornahme der allenfalls verzögerten Amtshandlung manifestiert sich
vorliegend einerseits in den respektive der bei den Akten liegenden
Eingabe(n), mit denen er um beförderliche Verfahrenserledigung gebeten
hat; andererseits ergibt es sich aus der Tatsache, dass das SEM bis anhin
noch nicht in der Sache entschieden hat.
1.6 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist auf die formgerecht
eingereichte (Art. 52 Abs. 1 VwVG) Rechtsverzögerungsbeschwerde
einzutreten.
1.7 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
2.
Da sich die vorliegende Beschwerde, wie nachfolgend dargelegt, als zum
Vornherein unbegründet erweist, wurde gestützt auf Art. 57 Abs. 1 VwVG
(e contrario) auf die Anordnung eines Schriftenwechsels verzichtet.
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Seite 5
3.
3.1 Die Prüfungsbefugnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich
vorliegend auf die Frage, ob die Vorinstanz das Rechtsverzögerungsverbot
verletzt hat. Im Falle einer Gutheissung der Beschwerde weist es die
Sache mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück (Art. 61
Abs. 1 VwVG). Hingegen ist das Gericht nicht dazu befugt, sich dazu zu
äussern, wie gegebenenfalls ein unrechtmässig verzögerter Entscheid
inhaltlich hätte ausfallen sollen, da es – Spezialkonstellationen vorbehal-
ten – nicht anstelle der untätig gebliebenen Behörde entscheiden darf,
andernfalls der Instanzenzug verkürzt und möglicherweise Rechte der
Verfahrensbeteiligten verletzt würden (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.1.2
m.w.H.).
4.
4.1 Das Verbot der Rechtsverzögerung ergibt sich als Teilgehalt aus der
allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 BV. Danach hat jede
Person Anspruch auf eine Beurteilung ihrer Sache innert angemessener
Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Diese Verfassungsgarantie gilt für alle
Sachbereiche und alle Akte der Rechtsanwendung (vgl. BGE 130 I 174
E. 2.2 m.w.H.).
4.2 Von einer Rechtsverzögerung im Sinne des Gesetzes ist nach Lehre
und Praxis auszugehen, wenn behördliches Handeln zwar nicht (wie bei
einer formellen Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage steht, aber die
Behörde nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur der Sache
objektiv noch als angemessen erscheint. Die Angemessenheit der Dauer
eines Verfahrens ist im Einzelfall unter Berücksichtigung der gesamten
Umstände zu beurteilen. In Betracht zu ziehen sind dabei namentlich die
Komplexität der Sache, das Verhalten der betroffenen Beteiligten und der
Behörden, die Bedeutung des Verfahrens für die betroffene Partei sowie
einzelfallspezifische Entscheidungsabläufe (vgl. zum Ganzen
BGE 130 I 312 E. 5.1 und 5.2 m.w.H.). Ein Verschulden der Behörde an
der Verzögerung wird nicht vorausgesetzt (vgl. BGE 138 II 513 E. 6.4;
107 Ib 160 E. 3c; 103 V 190 E. 5c). Spezialgesetzliche Behandlungsfristen
sind bei der Beurteilung der Angemessenheit der Verfahrensdauer zu be-
rücksichtigen (vgl. zum Ganzen etwa das Urteil des BVGer E-1438/2018
vom 5. April 2018 E. 3.2 m.w.H.).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer verweist zur Begründung seiner Beschwerde
darauf, dass er trotz mehrmaliger Verfahrensstandanfragen und der
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Seite 6
Androhung einer Rechtsverzögerungsbeschwerde keine Antwort zum
Verfahrensstand und über die Gründe für die Verzögerung des SEM
bekommen habe. Die Vorinstanz habe lediglich am 23. Mai 2022 kurz
mitgeteilt, dass das Verfahren im erweiterten Verfahren geführt werde. Dies
sei ihm bereits bekannt gewesen. Das Verfahren dauere nun gut sechzehn
Monate. Aufgrund aller Dokumente, die er – der Beschwerdeführer – dem
SEM eingereicht habe und aufgrund der im Heimatstaat gegen ihn
eröffneten Strafverfahren könne nicht ernsthaft bezweifelt werden, dass er
in der Türkei an Leib und Leben gefährdet sei. Es sei am SEM, endlich
einen Entscheid zu fällen. Es liege eine ungerechtfertigte
Rechtsverzögerung vor.
5.2 Nach Prüfung der Akten erweist sich die Rechtsverzögerungs-
beschwerde aus den nachfolgenden Gründen als unbegründet:
5.3 Zunächst ist zu konstatieren, dass die Rechtsvertretung am 10. April
2022 ihre Bevollmächtigung angezeigt und in diesem Zusammenhang um
Mitteilung zum Verfahrensstand ersucht hat. Am 17. Mai 2022 soll eine
Anfrage zum Verfahrensstand per Mail erfolgt sein. Das SEM hat gemäss
den Angaben des Beschwerdeführers am 23. Mai 2022 auf die
Verfahrensstandanfrage «kurz mitgeteilt, dass das Verfahren im erweiter-
ten Verfahren sei». Eine entsprechende Mitteilung findet sich in den
vorinstanzlichen Akten nicht und wurde auch der vorliegenden
Beschwerdeeingabe nicht beigelegt. Auch die vom Beschwerdeführer –
respektive seiner Rechtsvertretung in der vorliegenden Eingabe erwähnten
Verfahrensstandanfragen, welche per Mail am 17. Mai 2022 sowie
nochmals am 30. Juni 2022 erfolgt sein sollen, sind nicht in den
vorinstanzlichen Akten; sie wurden auch auf Beschwerdeebene zur
Untermauerung der Beschwerde nicht eingereicht. Ob mithin am 23. Mai
2022 eine Antwort seitens der Vorinstanz erfolgte respektive, ob die
Rechtsvertreterin tatsächlich am 17. Mai und 30. Juni 2022 um Auskunft
zum Verfahrensstand ersucht hat, lässt sich nicht eruieren. Es liegen
jedoch keine Hinweise dafür vor, dass die Vorinstanz ihrer
Aktenführungspflicht nicht nachgekommen ist. Letztlich kann eine
weitergehende Auseinandersetzung aber unterbleiben. Festzustellen ist
nämlich, dass es ohnehin nicht angeht, per Mail und in einem solch kurzen
Rhythmus Verfahrensstandanfragen zu versenden, die der Vorinstanz
kaum eine angemessene Frist für eine entsprechende Reaktion lassen und
im Übrigen zu einem Mehraufwand bei der Vorinstanz führen, welcher der
Bewältigung der Geschäftslast nicht zuträglich ist.
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5.4 In der Sache selbst kann die bisherige Verfahrensdauer von rund 16
Monaten im Übrigen nicht als überlang im Sinne einer Rechtsverzögerung
bezeichnet werden. Zu beachten ist hier, dass das SEM die ausführliche
Anhörung nach Eingang des Asylgesuchs in einem vernünftigen
Zeitrahmen durchgeführt hat und sodann ausdrücklich erklärt hat, vor
einem Entscheid in der Sache gelte es Abklärungen zum Strafverfahren in
der Türkei abzuwarten. Zudem wurde mit der Eingabe vom 10. April 2022
ein weiteres Beweismittel in türkischer Sprache (Schreiben des
heimatlichen Anwalts) bei der Vorinstanz eingereicht, mit dem Antrag,
dieses amtlich zu übersetzen (vgl. SEM act. [...]-26/6 Beilage 2).
Angesichts dessen und der Komplexität des Falls, die zutreffend zur
Zuteilung in das erweiterte Verfahren geführt hat, liegt unter dem Blickwin-
kel von Art. 29 Abs. 1 BV keine Rechtsverzögerung vor.
6.
Aufgrund des Gesagten erweist sich die Rüge der Rechtsverweigerung
beziehungsweise Rechtsverzögerung im Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung am 12. September 2022 als unbegründet, weshalb
die Beschwerde abzuweisen ist.
7.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen,
weshalb sich der Antrag auf Befreiung von der Kostenvorschusspflicht als
gegenstandslos erweist.
8.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden
Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen waren.
9.
Die Kosten des Verfahrens sind demnach dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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