Decision ID: 6cfd7894-9dd3-587f-aacb-23325c1dddf7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ist eine (...) geborene serbische Staatsangehö-
rige. Sie heiratete am (...) 2017 einen in der Schweiz aufenthaltsberechtig-
ten deutschen Staatsangehörigen (geb. [....]) und erhielt eine Aufenthalts-
bewilligung EU/EFTA zum Verbleib bei ihrem Ehemann.
B.
Nachdem das Migrationsamt des Kantons B._ (nachfolgend: Mig-
rationsamt) im Jahr 2018 Abklärungen im Hinblick auf eine allfällige Schein-
ehe vorgenommen hatte, widerrief es am 29. August 2019 die Aufenthalts-
bewilligung der Beschwerdeführerin und wies sie auf den 30. November
2019 aus der Schweiz weg. Die dagegen erhobene Beschwerde wies das
Verwaltungsgericht des Kantons B._ (nachfolgend: Verwaltungsge-
richt) am 28. November 2019 ab. Es ordnete an, die Beschwerdeführerin
habe die Schweiz innerhalb von acht Wochen ab Rechtskraft des Urteils
zu verlassen.
C.
Am 13. Februar 2020 wies das Bundesgericht die gegen das Urteil des
Verwaltungsgerichts geführt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angele-
genheiten ab und trat auf eine subsidiäre Verfassungsbeschwerde nicht ein
(Urteil des BGer 2C_127/2020).
D.
Mit Verfügung vom 29. September 2020 stellte das SEM fest, dass die Ver-
fügung des Migrationsamts vom 29. August 2019 mit dem Urteil des Bun-
desgerichts vom 13. Februar 2020 rechtskräftig geworden sei. Die Be-
schwerdeführerin sei daraufhin ihrer Ausreisepflicht nicht nachgekommen.
Gestützt auf Art. 67 Abs. 1 Bst. b AIG (SR 142.20) ordnete die Vorinstanz
deshalb ein vom 1. November 2020 bis 30. Oktober 2022 gültiges Einrei-
severbot und die Ausschreibung der Massnahme im Schengener Informa-
tionssystem (SIS II) an. Gleichzeitig entzog sie einer allfälligen Be-
schwerde vorsorglich die aufschiebende Wirkung.
E.
Am 28. Oktober 2020 gelangte die Beschwerdeführerin mit Beschwerde an
das Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragte, die angefochtene Verfü-
gung vom 29. September 2020 sowie das Einreiseverbot seien aufzuhe-
ben. Eventualiter sei das Einreiseverbot räumlich auf die Schweiz zu be-
schränken.
F-5342/2020
Seite 3
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 27. November 2020 hielt die Vorinstanz voll-
umfänglich an der angefochtenen Verfügung fest und beantragte die Ab-
weisung der Beschwerde. Die Beschwerdeführerin verzichtete mit Eingabe
vom 25. Januar 2021 darauf, zu replizieren und hielt an den Ausführungen
in der Beschwerdeschrift fest.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM, die ein Einreiseverbot im Sinne von Art. 67 AIG
zum Gegenstand haben, unterliegen der Beschwerde an das Bundesver-
waltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung des Rechtsmittels legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und Art. 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begrün-
dung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheides (vgl. BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
Die Beschwerdeführerin ist soweit ersichtlich nach wie vor mit einem deut-
schen Staatsangehörigen verheiratet. Das Bundesgericht hat mit Urteil
vom 13. Februar 2020 jedoch die Auffassung des Migrationsamts und des
Verwaltungsgerichts geschützt, dass es sich dabei um eine lediglich formell
F-5342/2020
Seite 4
bestehende Ehe ohne wirklichen Ehewillen handelt (Akten der Vorinstanz
[SEM-act.] 4). Das Bundesverwaltungsgericht ist an das höchstrichterliche
Urteil gebunden. Auf das Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Ge-
meinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit
(FZA, SR 0.142.112.681) kann sich die Beschwerdeführerin aufgrund des
festgestellten Rechtsmissbrauchs deshalb nicht berufen (vgl. BGE 139 II
393 E. 2.1 m.w.H.).
4.
4.1 Das SEM verfügt Einreiseverbote gegenüber weggewiesenen auslän-
dischen Personen, wenn die Wegweisung nach Art. 64d Abs. 2 Buchsta-
ben a-c sofort vollstreckt wird (Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG) oder die betroffene
Person der Ausreiseverpflichtung nicht innert Frist nachgekommen ist
(Art. 67 Abs. 1 Bst. b AIG). Es kann sodann gestützt auf Art. 67 Abs. 2 AIG
Einreiseverbote gegen ausländische Personen erlassen, die gegen die öf-
fentliche Sicherheit und Ordnung verstossen haben oder diese gefährden
(Bst. a), Sozialhilfekosten verursacht haben (Bst. b), oder die in Vorberei-
tungs-, Ausschaffungs- oder Durchsetzungshaft genommen worden sind
(Bst. c). Das Einreiseverbot wird grundsätzlich für eine Dauer von höchs-
tens fünf Jahren verhängt. Es kann für eine längere Dauer verfügt werden,
wenn der Betroffene eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Si-
cherheit und Ordnung darstellt (Art. 67 Abs. 3 AIG). Die Behörde kann aus
wichtigen Gründen von der Verhängung eines Einreiseverbots absehen
oder ein Einreiseverbot vollständig oder vorübergehend aufheben (Art. 67
Abs. 5 AIG).
4.2 Das Einreiseverbot ist keine Sanktion für vergangenes Fehlverhalten,
sondern eine Massnahme zur Abwendung einer künftigen Störung der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung (siehe Botschaft zum Bundesgesetz
über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002 [im Folgenden:
Botschaft], BBl 2002 3813). Die öffentliche Sicherheit und Ordnung im
Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG bildet den Oberbegriff für die Gesamt-
heit der polizeilichen Schutzgüter. Sie umfasst unter anderem die Unver-
letzlichkeit der objektiven Rechtsordnung und der Rechtsgüter Einzelner
(vgl. Botschaft, a.a.O., S. 3809). In diesem Sinne liegt ein Verstoss gegen
die öffentliche Sicherheit und Ordnung unter anderem dann vor, wenn ge-
setzliche Vorschriften oder behördliche Verfügungen missachtet werden
(vgl. Art. 77a Abs. 1 Bst. a der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zu-
lassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE, SR 142.201]). Demge-
F-5342/2020
Seite 5
genüber müssen bei Annahme einer Gefährdung der öffentlichen Sicher-
heit und Ordnung konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass der Aufent-
halt der betroffenen Person in der Schweiz mit erheblicher Wahrscheinlich-
keit zu einem Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung füh-
ren wird (Art. 77a Abs. 2 VZAE). Ob eine Gefährdung der öffentlichen Si-
cherheit und Ordnung vorliegt, ist gestützt auf sämtliche Umstände des
Einzelfalles im Sinne einer Prognose zu beurteilen. Dabei ist primär das
vergangene Verhalten der betroffenen Person zu berücksichtigen.
4.3 Einen Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne
von Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG begeht auch, wer Normen des Ausländer-
rechts zuwiderhandelt. Dabei genügt es, wenn der ausländischen Person
eine Sorgfaltspflichtverletzung zugerechnet werden kann. Unkenntnis oder
Fehlinterpretation der Einreise- und Aufenthaltsvorschriften stellen norma-
lerweise keinen hinreichenden Grund dar, um von einer Fernhaltemass-
nahme abzusehen. Jeder ausländischen Person obliegt es, sich über be-
stehende Rechte und Pflichten im Zusammenhang mit den ausländerrecht-
lichen Vorschriften ins Bild zu setzen und sich im Falle von Unklarheiten
bei der zuständigen Behörde zu informieren (vgl. statt vieler Urteil des
BVGer F-6632/2019 vom 8. Oktober 2020 E. 4.3).
4.4 Wird gegen eine Person, die nicht die Staatsangehörigkeit eines Mit-
gliedstaats der Europäischen Union oder der Europäischen Freihandelsas-
soziation besitzt, ein Einreiseverbot verhängt, so wird sie nach Massgabe
der Bedeutung des Falles im Schengener Informationssystem (SIS) zur
Einreiseverweigerung ausgeschrieben (vgl. Art. 21 und Art. 24 der Verord-
nung [EG] Nr. 1987/2006 vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung,
den Betrieb und die Nutzung des Schengener Informationssystems der
zweiten Generation [SIS-II], Abl. L 381/4 vom 28.12.2006 [nachfolgend:
SIS-II-VO]; Art. 21 der N-SIS-Verordnung vom 8. März 2013 [SR 362.0]).
5.
Es steht fest, dass die Voraussetzungen des Art. 67 AIG vorliegend in
mehrfacher Hinsicht erfüllt sind. Die Beschwerdeführerin hat einen Fern-
haltegrund gemäss Art. 67 Abs. 1 Bst. b AIG gesetzt, indem sie nach dem
Widerruf ihrer Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA und der Wegweisung aus
der Schweiz innerhalb der vom Verwaltungsgericht auf acht Wochen ab
Rechtskraft seines Urteils angesetzten Frist (SEM-act. 3 S. 26) nicht aus-
gereist ist. Die entsprechende Anordnung wurde mit der Ausfällung des
bundesgerichtlichen Urteils am 13. Februar 2020 (SEM-act. 4) rechtskräf-
F-5342/2020
Seite 6
tig (Art. 61 BGG). Die von ihr auf Beschwerdeebene geltend gemachte Un-
kenntnis der Ausreisepflicht (Akten des Bundesverwaltungsgerichts
[BVGer-act.] 1 S. 4) hilft ihr dabei nicht. Bei Unklarheiten hätte sie sich an
die zuständigen Behörden wenden müssen (vgl. E. 4.3), was sie pflichtwid-
rig nicht getan hat. Als weiterer Fernhaltegrund treten Verstösse gegen die
öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG
hinzu: Die Beschwerdeführerin hat gegenüber der kantonalen Bewilli-
gungsbehörde eine intakte eheliche Beziehung vorgetäuscht, womit sie
eine nach Art. 118 Abs. 1 AIG grundsätzlich strafbare Behördentäuschung
begangen und gegen die ihr gemäss Art. 90 Abs. 1 Bst. a AIG obliegende
Wahrheits- und Offenbarungspflicht verstossen hat (vgl. Urteile des BVGer
F-3533/2016 vom 31. Mai 2017 E. 4.3; F-4369/2015 vom 18. Oktober 2016
E. 4.4; je m.H.). Das Eingehen einer Scheinehe wird praxisgemäss als
schwerwiegender Verstoss gegen die öffentliche Ordnung angesehen
(vgl. Urteil des BVGer F-4177/2019 vom 27. April 2021 E. 4.4 m.w.H.).
Schliesslich ist ein weiterer Verstoss gegen die Ausländergesetzgebung
der Schweiz aus dem Jahr 2014 aktenkundig (SEM-act. 1 S. 12 f.).
6.
6.1 Zu prüfen bleibt, ob das angefochtene Einreiseverbot als solches und
in seiner Dauer in pflichtgemässer Ermessensausübung angeordnet wurde
und vor dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit standhält. Erforderlich ist
eine einzelfallbezogene Interessenabwägung unter Berücksichtigung
sämtlicher wesentlicher Umstände. Ausgangspunkt der Überlegungen bil-
den die Stellung der verletzten oder gefährdeten Rechtsgüter, die Beson-
derheiten des ordnungswidrigen Verhaltens, die persönlichen Verhältnisse
der Beschwerdeführerin und das von ihr ausgehende, zukünftige Gefähr-
dungspotenzial (Art. 5 Abs. 2 BV, Art. 96 AIG; BGE 139 II 121 E. 6.5.1;
BVGE 2017 VII/2 E. 4.5).
6.2 Die Beschwerdeführerin hat durch das Eingehen und Aufrechterhalten
einer Scheinehe die Migrationsbehörden über Jahre hinweg getäuscht und
sich dadurch erhebliche aufenthaltsrechtliche Vorteile verschafft. Ein sol-
ches Fehlverhalten wiegt objektiv schwer. Daraus ist auf eine Gefährdung
der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu schliessen. Das Einreiseverbot
hat deshalb spezialpräventiven Charakter, um weiteren illegalen Handlun-
gen entgegenzuwirken. Zu berücksichtigen ist weiter, dass den ausländer-
rechtlichen Normen im Interesse einer funktionierenden Rechtsordnung
eine hohe Bedeutung zukommt (BVGE 2014/20 E. 8.2; Urteil des BVGer
F-5785/2019 vom 30. April 2020 E. 7.2). Das generalpräventiv motivierte
Interesse, die ausländerrechtliche Ordnung durch eine konsequente
F-5342/2020
Seite 7
Massnahmenpraxis zu schützen, ist als gewichtig zu betrachten. Es be-
steht vorliegend gesamthaft somit ein erhebliches öffentliches Interesse an
der Fernhaltung der Beschwerdeführerin.
6.3 Private Interessen, die eine Aufhebung oder eine Reduktion des Ein-
reiseverbots rechtfertigen würden, macht die Beschwerdeführerin weder
geltend, noch sind solche aus den Akten ersichtlich.
6.4 Im Ergebnis ist daher festzuhalten, dass das angefochtene Einreise-
verbot sowohl im Grundsatz als auch hinsichtlich der Dauer von zwei Jah-
ren eine verhältnismässige und angemessene Massnahme zum Schutz
der öffentlichen Sicherheit und Ordnung darstellt. Sie bewegt sich im Rah-
men der bundesverwaltungsgerichtlichen Praxis in vergleichbaren Fällen
(vgl. etwa Urteil des BVGer F-4025/2017 vom 1. Oktober 2018 E. 6).
7.
Die Ausschreibung des Einreiseverbots im Schengener Informationssys-
tem (vgl. Art. 21 i.V.m. Art. 24 Ziff. 3 SIS-II-Verordnung) erweist sich unter
den vorliegenden Umständen schliesslich als verhältnismässig und zur
Wahrung der Interessen der Gesamtheit aller Schengen-Staaten als not-
wendig. Sie ist nicht zu beanstanden, geht es doch in Konstellationen wie
der hier gegebenen um zentrale Bestimmungen der migrationsrechtlichen
Ordnung. Sofern sich die Beschwerdeführerin der Ausschreibung mit Ver-
weis auf die ihrer Ansicht nach unter dem Schutz von Art. 8 EMRK ste-
hende Ehe mit einem deutschen Staatsangehörigen entgegenstellt
(BVGer-act. 1 S. 5), ist erneut die rechtskräftig festgestellte Rechtsmiss-
bräuchlichkeit dieser Beziehung hervorzustreichen (vgl. E. 3). Die Be-
schwerdeführerin kann aus selbiger nichts zu ihren Gunsten ableiten.
8.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Be-
schwerde ist demzufolge abzuweisen.
9.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten in der Höhe
von Fr. 1’000.– der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Sie sind durch den in gleicher Höhe geleisteten Kosten-
vorschuss gedeckt.
F-5342/2020
Seite 8