Decision ID: da21d713-edf2-4659-a128-a2a4bf26394a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die A._ (nachfolgend: Arbeitgeberin oder Beschwerdeführerin) be-
zweckt gemäss Handelsregistereintrag die Durchführung von Aushub- und
Abbrucharbeiten sowie Ausführung von Tiefbauarbeiten. Sie kann im In-
und Ausland Zweigniederlassungen und Tochtergesellschaften errichten,
sich an anderen Unternehmungen beteiligen und ist berechtigt, im In- und
Ausland Grundeigentum zu erwerben, zu belasten, zu veräussern und zu
verwalten. Im Übrigen kann sie alle Geschäfte tätigen, die geeignet sind,
die Entwicklung des Unternehmens und die Erreichung des Gesellschafts-
zweckes zu fördern [...], zuletzt abgerufen am 26.9.2022). Die Arbeitgebe-
rin ist bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend:
SUVA oder Vorinstanz) gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsun-
fällen versichert.
B.
B.a Bei einer Kontrolle am 11. Januar 2021 auf der Baustelle Zürich, (...)
stellte ein SUVA-Mitarbeiter fest, dass nicht alle zur Verhütung von Unfällen
und Berufskrankheiten erforderlichen Massnahmen umgesetzt seien. Mit
Schreiben vom 29. Januar 2021 sprach die SUVA eine Ermahnung Stufe 1
aus. Dabei machte sie folgende Feststellungen:
- Feststellung 1: Rückbauarbeiten
Es fehlen die erforderlichen Massnahmen, die verhindern, dass Mitarbeitende durch her-
umfliegendes, herunterfallendes und einstürzendes Material, namentlich durch das Fassa-
dengerüst, getroffen werden (Verordnung über die Sicherheit und den Gesundheitsschutz
der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei Bauarbeiten vom 29. Juni 2005 [Bauarbeiten-
verordnung, aBauAV; aufgehoben per 1. Januar 2022]; Art. 60 Abs. 2 d).
- Feststellung 2: Rückbauarbeiten
Die Sicherheits- und Gesundheitsrisiken wurden vor Beginn der Rückbauarbeiten nicht ab-
geklärt (aBauAV, Art. 60 Abs. 1).
- Feststellung 3: Planung von Bauarbeiten
Die Arbeiten wurden nicht so geplant, dass das Risiko von Berufsunfällen und Gesundheits-
schäden möglichst klein ist und die notwendigen Sicherheitsmassnahmen eingehalten wer-
den können, dies namentlich bei der Verwendung von Arbeitsmitteln (aBauAV, Art. 3
Abs.1).
Das Fotodossier zeigt das Bild eines am Boden liegenden Baugerüsts.
C-2450/2021
Seite 3
Folgende Massnahmen ordnete die SUVA zur Behebung an:
- Massnahme 1.1:
Die Rückbau- oder Abbrucharbeiten dürfen nur unter ständiger fachkundiger Aufsicht und
mit entsprechend instruiertem Personal ausgeführt werden.
- Massnahme 2.1:
Die Sicherheits- und Gesundheitsschutzrisiken für Rückbau- oder Abbrucharbeiten sind be-
reits in der Arbeitsvorbereitung abzuklären. Die daraus resultierenden Schutzmassnahmen
müssen geplant und umgesetzt werden. Die Suva stellt Ihnen dazu das Planungswerkzeug
«Rückbaukonzept» unter www.suva.ch/rueckbaukonzept zur Verfügung.
- Massnahme 3.1:
Die Risiken betreffend Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz müssen vor Beginn der
Bauarbeiten abgeklärt und die notwendigen Sicherheitsmassnahmen dazu definiert wer-
den.
- Massnahme 3.2:
Baustellenspezifische Massnahmen müssen in den Werkvertrag aufgenommen und in der
gleichen Form spezifiziert werden wie die übrigen Inhalte im Werkvertrag.
- Massnahme 3.3:
Arbeitsmittel dürfen nur gemäss den Vorgaben des Herstellers verwendet werden.
Für die Umsetzung der Massnahmen setzte die SUVA der Arbeitgeberin
eine Frist bis zum 6. Februar 2021. Zudem setzte sie eine Frist von 30 Ta-
gen zur Erhebung einer schriftlich begründeten Einsprache und entzog ei-
ner allfälligen Einsprache mit Blick auf das öffentliche Interesse zum
Schutz der Arbeitnehmenden die aufschiebende Wirkung (Akten der SUVA
gemäss Aktenverzeichnis vom 12. September 2022 [nachfolgend: Suva-
act.] 63).
B.b Mit gleichentags erfolgter Rückmeldung hielt die Arbeitgeberin fest, sie
habe ihre Arbeiten fachkundig ausgeführt und nichts an den Verankerun-
gen des Gerüsts verändert. Die Meldung zur korrekten Gerüstverankerung
sei mehrmals an die Bauleitung erfolgt und hätte im Anschluss an die De-
montage erfolgen sollen. Es tue ihr sehr leid, dass dadurch ein witterungs-
bedingter Vorfall mit Personenschaden entstanden sei, wobei sie sich kei-
ner Schuld bewusst sei. Es sei ihr oberstes Ziel, von ihren Mitarbeitenden
und anderen mögliche Gefahren abzuwenden. Die Mitarbeitenden würden
weiterhin auf das korrekte Verhalten geschult. Zu den einzelnen Feststel-
lungspunkten, die ohne Rücksprache mit dem Baustellenchef erfolgt seien,
C-2450/2021
Seite 4
wolle sie sich momentan nicht äussern und könne diese nicht geschlossen
akzeptieren. Eine eventuelle Einsprache innert der gesetzten Frist werde
noch geprüft (Suva-act. 64).
B.c Mit Eingabe vom 24. Februar 2021 erhob die durch Rechtsanwalt Mark
A. Glavas vertretene Arbeitgeberin Einsprache gegen die Ermahnung vom
29. Januar 2021. Im Wesentlichen beantragte sie, auf die Ermahnung sei
zu verzichten (Suva-act. 66).
C.
Mit Einspracheentscheid vom 23. April 2021 wies die Suva die Einsprache
insbesondere mit der Begründung ab, dass die Arbeitgeberin sich ihrer Ver-
antwortung nicht entziehen könne, indem sie darauf hinweise, sie habe
sich einfach auf die Rückbauanweisung und die Zusicherungen des Bau-
leiters verlassen dürfen. Die Arbeitgeberin stehe tagtäglich selber und di-
rekt in der Pflicht, selber und direkt alle Anordnungen zu erteilen und alle
Schutzmassnahmen zu treffen, die den Vorschriften der Verordnung über
die Unfallverhütung vom 19. Dezember 1983 (VUV; SR 832.30), den für
ihren Betrieb geltenden Vorschriften über die Arbeitssicherheit sowie den
anerkannten sicherheitstechnischen und arbeitsmedizinischen Regeln ent-
sprächen. Sie müsse ihre (eigenen) Arbeiten so planen, dass das Risiko
von Berufsunfällen möglichst klein sei. Als Abbruchunternehmen benutze
die Arbeitgeberin in ihrer Tätigkeit wiederholt und laufend Baugerüste, wes-
halb ihr die elementaren Sicherheitsregeln betreffend Stabilität und Veran-
kerung von Gerüsten wohlbekannt seien – ja bekannt sein müssen. Vor
Abklärung der Sicherheits- und Gesundheitsrisiken hätte sie die Arbeiten
gar nicht erst beginnen dürfen – und zwar unabhängig von der Instruktion
des Bauleiters (Suva-act. 68).
D.
Mit der am 26. Mai 2021 eingegangenen Eingabe erhob die weiterhin durch
Rechtsanwalt Mark. A. Glavas vertretene Arbeitgeberin Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht mit dem Rechtsbegehren, der angefochtene
Einspracheentscheid vom 23. April 2021 sei aufzuheben und von einer Er-
mahnung sei abzusehen (Ziff. 1); unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
zuzüglich 7,7% Mehrwertsteuer zu Lasten der Beschwerdegegnerin
(Ziff. 2; Akten im Beschwerdeverfahren [BVGer-act.] 1).
Zur Begründung hielt die Beschwerdeführerin insbesondere fest, sie sei
ihren Pflichten zur Unfallverhütung einwandfrei nachgekommen und habe
den Auftrag sorgfältig sowie umfassend geplant, weshalb sie auch nicht zu
C-2450/2021
Seite 5
ermahnen sei. Die B._ AG habe sowohl den Auftrag an die Gerüst-
baufirma als auch derjenige an sie erteilt, weshalb sie selbst bloss Subun-
ternehmerin gewesen sei. Der Bauleiter der B._ AG sei ihr An-
sprechpartner gewesen und es sei selbsterklärend, dass dieser zwischen
den beauftragten (Sub-)Unternehmern koordinieren und für die Arbeitssi-
cherheit vor Ort sorgen müsse. Sie habe sich aufgrund dieser Konstellation
auf die Zusicherungen des Bauleiters verlassen dürfen. Erst die lange Un-
tätigkeit des Bauleiters habe dazu geführt, dass das Gerüst habe einstür-
zen können. Sie habe das Gerüst gar nicht benutzt, weshalb sie es auch
nicht auf Einsturz habe prüfen müssen. Sie sei keine Gerüstbaufirma und
habe, da keine offensichtlichen Mängel vorgelegen hätten, dies nicht be-
merken müssen. Das Gerüst sei anlässlich der ersten Arbeiten noch immer
an der Stahlkonstruktion montiert gewesen, weshalb noch keine Anpas-
sung notwendig gewesen sei. Die Baupolizei habe das Gerüst am 14. De-
zember 2020 kontrolliert und für sicher befunden, weshalb es für sie keinen
Anlass gegeben habe, die Bauleitung zu einem schnelleren Handeln "an-
zuhalten" beziehungsweise gar einen Baustopp vorzunehmen. Zudem sei
ihr unbekannt, ob zwischenzeitlich noch Manipulationen am Gerüst vorge-
nommen worden seien.
Der Beschwerde lagen nebst dem angefochtenen Einspracheentscheid
(BVGer-act. 1, Beilage 1), der Anwaltsvollmacht (BVGer-act. 1, Beilage 2)
und der Einsprache (BVGer-act. 1, Beilagen 3) auch die Rechnung der
Baukontrolle vom 15. Dezember 2020 (BVGer-act. 1, Beilage 4) bei.
E.
Der mit Zwischenverfügung vom 31. Mai 2021 eingeforderte Kostenvor-
schuss von Fr. 3'000.– ging fristgerecht beim Bundesverwaltungsgericht
ein (BVGer-act. 2-4).
F.
Mit Vernehmlassung vom 8. September 2021 schloss die Vorinstanz auf
Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 8). Im Wesentlichen hielt sie fest,
die Ermahnung Stufe 1 vom 29. Januar 2021 sei gerechtfertigt. Die Be-
schwerdeführerin sei sich beim Rückbau der Vordach-Stahlkonstruktion
am 11. Dezember 2020 bewusst gewesen, dass das Gerüst – welches ihre
Mitarbeiter wohlgemerkt bei jenen Rückbauarbeiten selber benutzen
mussten – nicht mehr gesichert, sprich stabil gewesen sei. Sie habe die
Vordach-Stahlkonstruktion einfach abgebaut und das Gerüst ohne zug-
und druckfeste Verankerung stehen lassen. Tragischerweise sei die feh-
lende Stabilität des Gerüsts letztlich auch durch den Umsturz vom (...)
C-2450/2021
Seite 6
2021 in tatsächlicher Hinsicht belegt worden. Einzig einem glücklichen Zu-
fall sei zu verdanken, dass dabei niemand verletzt worden sei. Es werde
mit aller Deutlichkeit bestritten, dass die Beschwerdeführerin die Baustelle
am 18. Dezember 2020 "ordnungsgemäss und korrekt" hinterlassen habe.
Sie hätte sich nicht einfach auf die Anweisungen und Zusicherungen des
Bauleiters verlassen dürfen. Im Ergebnis habe sie den Sorgfaltsmassstab
zur Verhütung von Unfällen sowohl in planerischer als auch in koordinativer
und technischer Hinsicht nicht erfüllt. Der Einsturz des Gerüsts vom (...)
2021 sei das Resultat mangelnder Koordination zwischen der Beschwer-
deführerin, dem Bauleiter und dem Gerüstbauunternehmen gewesen. Da-
bei trage sie als Arbeitgeberin eine direkte, persönliche Eigenverantwor-
tung für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, für Absprachen und Ko-
ordination der notwendigen Sicherheitsmassnahmen sowie ganz konkret
für ihre eigenen Handlungen und Unterlassungen. Ein Übergang der Ver-
antwortung auf eine allenfalls mandatierte Bauleitung sei nirgendwo vorge-
sehen. Bei der fehlenden zug- und druckfesten Verankerung des Bauge-
rüsts handle es sich um einen objektiven Sicherheitsmangel, der der Be-
schwerdeführerin als Abbruchunternehmen und somit regelmässige Benut-
zerin von Baugerüsten auf den ersten Blick hätte ersichtlich sein müssen.
Obwohl sie den Bauleiter stets über die "notwendigen Schritte" informiert
haben mag, habe sie währenddessen den Rückbau der Vordach-Stahlkon-
struktion offenbar unbeirrt fortgeführt. Zwar bestreite sie bis dato pauschal,
das Gerüst selber für ihre Rückbauarbeiten benützt zu haben. Bislang habe
sie jedoch in keiner Weise ausgeführt oder gar belegt, mit welchem ande-
ren Arbeitsmittel beziehungsweise mit welcher anderen Absturzsicherung
sie die Vordach-Stahlkonstruktion abgebaut habe. Der Mangel sei für sie
offensichtlich gewesen, da sie ihn mit dem Rückbau der Vordach-Stahlkon-
struktion selber herbeigeführt habe. Es wäre sehr wohl notwendig gewe-
sen, das Gerüst zwar nicht vor, jedoch während des Rückbaus anzupas-
sen. Wäre der Sicherheits-Charta Bau nachgelebt worden, hätte sie ihre
Arbeit spätestens beim Entfernen der Gerüstverankerung an der Vordach-
Stahlkonstruktion temporär stoppen und auf der Koordination der Siche-
rungsmassnahmen für das Gerüst beharren müssen. Der Einwand, die
Baupolizei habe das fragliche Gerüst kontrolliert und für sicher befunden,
sei unbehelflich.
G.
Mit Replik vom 15. November 2021 hielt die Beschwerdeführerin vollum-
fänglich an den Rechtsbegehren gemäss der Beschwerde und an den Aus-
führungen der Beschwerdeeingabe fest. Für den Fall, dass die Vorinstanz
an ihrer Ermahnung festhalte, sei eine Expertise zum Einsturz des Gerüsts
C-2450/2021
Seite 7
sowie dem allfälligen Sicherheitsmangel trotz baupolizeilicher Abnahme
unter Einbezug der Baupolizei in Auftrag zu geben (BVGer-act. 12).
H.
Mit Duplik vom 14. Januar 2022 hielt die Vorinstanz unverändert an ihrem
Abweisungsantrag fest. Den Beweisantrag der Beschwerdeführerin bestritt
sie hinsichtlich Relevanz und Praktikabilität. Das umstrittene Gerüst sei im
Übrigen längst abgebaut und die Beweislage insoweit vernichtet (BVGer-
act. 16).
I.
Mit verfahrensleitender Verfügung vom 19. Januar 2022 stellte der zustän-
dige Instruktionsrichter die Duplik der Vorinstanz zur Kenntnisnahme an die
Beschwerdeführerin zu und schloss den Schriftenwechsel unter Vorbehalt
weiterer Instruktionsmassnahmen ab (BVGer-act. 17).
J.
Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften der Parteien
ist – soweit erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden
Beschwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. e des Bundesgesetzes vom
17. Juni 2005 über das Bundesverwaltungsgericht [Verwaltungsgerichts-
gesetz, VGG, SR 173.32]), Art. 109 Bst. c des Bundesgesetzes vom
20. März 1981 über die Unfallversicherung [UVG, SR 832.20]). Bei der vor-
liegend strittigen Ermahnung gemäss Art. 62 VUV handelt es sich um eine
Anordnung zur Unfallverhütung, die gemäss Art. 109 Bst. c UVG im Be-
schwerdefall vom Bundesverwaltungsgericht zu überprüfen ist.
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
den Vorschriften des VGG und des Bundesgesetzes vom 20. Dezember
1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) [vgl. auch
Art. 37 VGG]). Gestützt auf Art. 3 Bst. dbis VwVG findet das VwVG keine
Anwendung für Verfahren in Sozialversicherungssachen, soweit das Bun-
desgesetz vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialver-
sicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) anwendbar ist. Die Bestimmungen
http://links.weblaw.ch/SR-832.20
C-2450/2021
Seite 8
des ATSG sind auf die Unfallversicherung anwendbar, soweit das UVG
keine ausdrückliche Abweichung vom ATSG vorsieht (Art. 1 Abs. 1 UVG).
1.3
1.3.1 Nach Art. 59 ATSG ist zur Beschwerde berechtigt, wer durch die an-
gefochtene Verfügung beziehungsweise – wie hier – durch den angefoch-
tenen Einspracheentscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse
an deren Aufhebung oder Änderung hat (vgl. auch Art. 48 Abs. 1 Bst. c
VwVG). Schutzwürdig ist das Interesse grundsätzlich nur dann, wenn es
nicht nur bei der Beschwerdeeinreichung, sondern auch im Zeitpunkt der
Urteilszeitfällung aktuell und praktisch ist (BGE 123 II 285 E. 4; Urteile des
Bundesgerichts [BGer] 2C_166/2009 vom 30. November 2009 E. 1.2.1,
8C_622/2009 vom 3. Dezember 2009 E. 1.1; zu den Ausnahmen vgl. etwa
BGE 135 I 79 E. 1.1). Das heisst, wenn durch den Ausgang des Verfahrens
die tatsächliche oder rechtliche Situation der beschwerdeführenden Per-
son noch beeinflusst werden kann. Demgegenüber fehlt es an einem aktu-
ellen praktischen Interesse, wenn der Nachteil auch bei Gutheissung der
Beschwerde nicht mehr behoben werden könnte (ISABELLE HÄNER, in:
AUER / MÜLLER / SCHINDLER [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über
das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2019, Art. 48 N. 22 m.H.;
BVGE 2009/31 E. 3.1 m.H.). Praxisgemäss wird das Interesse an einer Be-
schwerde als nicht mehr aktuell (und damit auch nicht mehr als praktisch)
beurteilt, wenn der angefochtene Akt im Urteilszeitpunkt keine Rechtswir-
kungen mehr entfaltet, weil er in der Zwischenzeit ausser Kraft getreten ist
oder das Ereignis, auf das er sich bezieht, bereits stattgefunden hat (VERA
MARANTELLI/SAID HUBER, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxis-
kommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 48 N. 15). Fällt das schutzwürdige In-
teresse im Laufe des Verfahrens dahin, wird die Sache als erledigt erklärt;
fehlte es schon bei der Beschwerdeeinreichung, ist auf die Eingabe nicht
einzutreten (Urteil des BGer 2C_1025/2014 vom 3. Dezember 2014 E. 2.2
m.H.a. BGE 137 I 23 E. 1.3 m.w.H.).
1.3.2 Die Vorinstanz hat im vorliegenden Fall eine Ermahnung gemäss
Art. 62 VUV ausgesprochen, womit sie nach Feststellung eines Verstosses
auf die Durchsetzung einer Verhaltensvorschrift pocht. Ein Arbeitgeber, der
die Einschätzung der Suva nicht teilt – etwa weil er der Meinung ist, seiner
gesetzlichen Schutzpflicht nachgekommen zu sein –, kann sich gegen eine
Ermahnung beziehungsweise eine Verfügung auf dem Rechtsweg zur
Wehr setzen. Dies gilt jedenfalls für diejenigen Fälle, in denen die Ermah-
nung eine notwendige Voraussetzung für eine spätere Sanktionierung in
C-2450/2021
Seite 9
Form einer Prämienerhöhung ist; dann weist die Ermahnung die Struktur-
merkmale einer Verfügung gemäss Art. 5 Abs. 1 VwVG auf und verschlech-
tert die Rechtslage des Betriebs (vgl. ROGER ANDRES, Arbeitssicherheit:
Die Sanktionierung fehlbarer Arbeitgeber und Arbeitnehmer, in: HAVE 2017
S. 357 [nachfolgend: ANDRES, HAVE] u.a. m.H.a. BVGE 2010/37 E. 2.2
und 2.4.3; Urteil des BVGer C-5426/2015 vom 1. Juni 2017 E. 1.5.2.3; vgl.
auch Urteil des BVGer C-6320/2017 E. 1.3.3). Das ist vorliegend der Fall.
Damit ist die Beschwerdeführerin durch die Ermahnung berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung. Das aktuelle und prakti-
sche Rechtsschutzinteresse ist daher gegeben.
1.4 Die Beschwerdeführerin hat am vorinstanzlichen Durchführungsverfah-
ren teilgenommen und ist als Adressatin des angefochtenen Einsprache-
entscheids zur Erhebung der Beschwerde legitimiert (Art. 59 ATSG; vgl.
auch Art. 48 Abs. 1 VwVG).
1.5 Nachdem der Kostenvorschuss fristgerecht geleistet wurde, ist auf die
frist- und formgerecht am 26. Mai 2021 eingereichte Beschwerde einzutre-
ten (Art. 38 Abs. 1 und 4 Bst. c ATSG; vgl. auch Art. 50 Abs. 1, 52 Abs. 1
und 63 Abs. 4 VwVG).
2.
Anfechtungsobjekt bildet der Einspracheentscheid der Vorinstanz vom
23. April 2021. Darin wies die Vorinstanz die Einsprache der Beschwerde-
führerin vom 24. Februar 2021 insbesondere mit der Begründung ab, diese
sei ihren Pflichten nach Art. 82 UVG, Art. 3 Abs.1 und 3, 4, 9 und 62 VUV
sowie Art. 3 Abs. 1, 41, 49, 60 Abs. 1 und 2 Bst. b der Verordnung vom
29. Juni 2005 über die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Arbeit-
nehmerinnen und Arbeitnehmer bei Bauarbeiten (Bauarbeitenverordnung
[aBauAV], SR 832.311.141, aufgehoben per 1. Januar 2022) nur ungenü-
gend nachgekommen.
3.
3.1 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen materiellen Rechts-
sätze massgebend, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden
Tatbestandes Geltung hatten (vgl. BGE 130 V 445 E. 1.2.1 f. m.H., 127 V
466 E. 1, 126 V. 134 E. 4b). Der angefochtene Einspracheentscheid datiert
vom 23. April 2021. Massgebend für die Beurteilung der Streitsache sind
somit diejenigen Normen, die zu diesem Zeitpunkt in Kraft standen. Soweit
nicht anders erwähnt, werden sie in dieser Fassung zitiert.
https://www.swisslex.ch/doc/unknown/f57b487d-b592-44db-8af5-a7f021f84fdb/citeddoc/1522cd5f-2082-417c-835b-a1bc1acff9c2/source/document-link https://www.swisslex.ch/doc/unknown/f57b487d-b592-44db-8af5-a7f021f84fdb/citeddoc/1522cd5f-2082-417c-835b-a1bc1acff9c2/source/document-link https://www.swisslex.ch/doc/unknown/e8f476aa-62e2-45dc-a44b-66e913e16042/citeddoc/54be8296-a70c-4049-a5a5-ea0196b6b9ca/source/document-link
C-2450/2021
Seite 10
3.2 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
3.3 Im Sozialversicherungsrecht gilt grundsätzlich der Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit. Dieser Grad übersteigt einerseits die
Annahme einer blossen Möglichkeit beziehungsweise einer Hypothese
und liegt andererseits unter demjenigen der strikten Annahme der zu be-
weisenden Tatsache. Die Wahrscheinlichkeit ist insoweit überwiegend, als
der begründeten Überzeugung keine konkreten Einwände entgegenstehen
(UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 43 N. 53 und 59 ff.).
Ausserdem gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach ist für
den Beweiswert grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels
noch dessen Kennzeichnung massgebend (KIESER, a.a.O., Art. 43 N. 61
ff.; BGE 125 V 351 E. 3a; 122 V 157 E. 1c). Das Sozialversicherungsge-
richt hat somit alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stam-
men, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren
Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung der streitigen Frage gestatten
(BGE 122 V 157 E. 1c; 125 V 351 E. 3a). Der Sachverhalt ist gestützt auf
den Untersuchungsgrundsatz von der Behörde soweit zu ermitteln, dass
über die infrage stehende Tatsache zumindest mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann (KIESER,
a.a.O., Art. 43 N. 20 m.H.). Beweislosigkeit wird angenommen, wenn der
Sachverhalt nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als erstellt be-
trachtet werden kann (KIESER, a.a.O., Art. 43 N. 68 ff. m.H.).
3.4 Der SUVA steht beim Erlass von Verfügungen betreffend Unfallverhü-
tung ein grosser Ermessensspielraum zu. Gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung hat auch die Rechtsmittelbehörde, der volle Kognition zu-
steht, in Ermessensfragen einen Entscheidungsspielraum der Vorinstanz
zu respektieren. Sie hat eine unangemessene Entscheidung zu korrigie-
ren, kann aber der Vorinstanz die Wahl unter mehreren angemessenen
Lösungen überlassen (BGE 133 II 35 E. 3 m.H.). Daher hat das Bundes-
verwaltungsgericht nur den Entscheid der unteren Instanzen zu überprüfen
und sich nicht an deren Stelle zu setzen (BGE 126 V 75 E. 6). Insbeson-
dere dann, wenn die Ermessensausübung, die Anwendung unbestimmter
Rechtsbegriffe oder die Sachverhaltswürdigung hochstehende, speziali-
sierte technische, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Kenntnisse erfor-
dert, ist eine Zurückhaltung des Gerichts bei der Überprüfung vorinstanzli-
cher Bewertungen angezeigt (vgl. BGE 135 II 296 E. 4.4.3, 133 II 35 E. 3).
C-2450/2021
Seite 11
Das Bundesverwaltungsgericht darf seine Prüfungsdichte zurücknehmen,
wenn die Rechtsanwendung technische Probleme, Fachfragen oder si-
cherheitsrelevante Einschätzungen betrifft, zu deren Beantwortung und
Gewichtung die verfügende Behörde aufgrund ihres Spezialwissens bes-
ser geeignet ist, oder wenn sich Auslegungsfragen stellen, welche die Ver-
waltungsbehörde aufgrund ihrer örtlichen, sachlichen oder persönlichen
Nähe sachgerechter zu beurteilen vermag als die Beschwerdeinstanz
(vgl. auch MOSER / BEUSCH / KNEUBÜHLER / KAYSER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 3. Aufl. 2022, S. 103 Rz. 2.154 m.H.).
3.5 Gemäss Art. 82 Abs. 1 UVG ist der Arbeitgeber verpflichtet, zur Verhü-
tung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten alle Massnahmen zu tref-
fen, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik an-
wendbar und den gegebenen Verhältnissen angemessen sind. Gestützt
auf Art. 83 Abs. 1 UVG hat der Bundesrat neben der VUV auch weitere
Verordnungen erlassen, in welchen die Anforderungen an die Arbeitssi-
cherheit für bestimmte Tätigkeiten konkretisiert werden. Dazu gehört na-
mentlich die aBauAV.
3.6 Art. 60-63 VUV regelt die Kontrolle durch die Durchführungsorgane.
Die Kontrolltätigkeit umfasst die Beratung (Art. 60 VUV), die Betriebsbesu-
che und Befragungen (Art. 61 VUV) sowie die Ermahnung (Art. 62 VUV)
des Arbeitgebers. Ausserdem müssen die Durchführungsorgane auf An-
zeige (Art. 63 VUV) hin tätig werden. Gemäss Art. 62 Abs. 1 VUV macht
das zuständige Durchführungsorgan den Arbeitgeber darauf aufmerksam
und setzt ihm eine angemessene Frist zur Einhaltung der Vorschrift, wenn
sich aufgrund eines Betriebsbesuches herausstellt, dass Vorschriften über
die Arbeitssicherheit verletzt worden sind. Diese Ermahnung ist dem Ar-
beitgeber schriftlich zu bestätigen. Sie markiert den Beginn des Durchfüh-
rungsverfahrens (ROGER ANDRES, Die Normen der Arbeitssicherheit,
Diss. 2016, N. 255 [nachfolgend: ANDRES, Diss.], N 753 und 791). Wird der
Ermahnung keine Folge geleistet, so ordnet das zuständige Durchfüh-
rungsorgan, nach Anhörung des Arbeitgebers und der unmittelbar betroffe-
nen Arbeitnehmer, die erforderlichen Massnahmen durch Verfügung an
und setzt dem Arbeitgeber eine angemessene Frist zum Vollzug der Mas-
snahmen (Art. 64 Abs. 1 VUV). In dringenden Fällen ist die Verfügung ohne
vorgängige Ermahnung zu erlassen (vgl. Art. 62 Abs. 2 VUV). Leistet der
Arbeitgeber einer vollstreckbaren Verfügung keine Folge oder handelt er
auf andere Weise Vorschriften über die Arbeitssicherheit zuwider, kann
sein Betrieb nach Art. 66 Abs. 1 VUV i.V.m. Art. 92 Abs. 3 UVG in eine hö-
here Stufe des Prämientarifs versetzt werden (Prämienerhöhung).
C-2450/2021
Seite 12
3.7 Gemäss Art. 3 Abs. 1 VUV muss der Arbeitgeber zur Wahrung und Ver-
besserung der Arbeitssicherheit alle Anordnungen erteilen und alle Schutz-
massnahmen treffen, die den Vorschriften des VUV und den für seinen Be-
trieb zusätzlich geltenden Vorschriften über die Arbeitssicherheit sowie im
Übrigen den anerkannten sicherheitstechnischen und arbeitsmedizini-
schen Regeln entsprechen. Werden Bauten, Gebäudeteile, Arbeitsmittel
(Maschinen, Apparate, Werkzeuge und Anlagen, die bei der Arbeit benutzt
werden) oder Arbeitsverfahren geändert oder werden im Betrieb neue
Stoffe verwendet, so muss der Arbeitgeber die Schutzmassnahmen und
Schutzeinrichtungen den neuen Verhältnissen anpassen (Art. 3 Abs. 3
VUV).
3.8 Nach Art. 4 VUV muss der Arbeitgeber – sofern die Sicherheit der Ar-
beitnehmer auf andere Weise nicht mehr gewährleistet ist – die Arbeit in
den betreffenden Gebäuden oder Räumen oder an den betreffenden Ar-
beitsstätten oder Betriebseinrichtungen bis zur Behebung des Schadens
oder des Mangels einstellen lassen, es sei denn, dass dadurch die Gefahr
erhöht würde.
3.9 Art. 9 Abs. 1 VUV sieht vor, dass wenn an einem Arbeitsplatz mehrere
Betriebe tätig sind, deren Arbeitgeber die zur Wahrung der Arbeitssicher-
heit erforderlichen Absprachen zu treffen und die notwendigen Massnah-
men anzuordnen haben. Sie haben sich gegenseitig und ihre jeweiligen
Arbeitnehmer über die Gefahren und die Massnahmen zu deren Behebung
zu informieren. Der Arbeitgeber muss gemäss Art. 9 Abs. 2 VUV einen Drit-
ten auf die Anforderungen der Arbeitssicherheit in seinem Betrieb aus-
drücklich aufmerksam machen, wenn er ihm den Auftrag erteilt, für seinen
Betrieb Arbeitsmittel sowie Gebäude und andere Konstruktionen zu pla-
nen, herzustellen, zu ändern oder in Stand zu halten (Bst. a), Arbeitsmittel
oder gesundheitsgefährdende Stoffe zu liefern (Bst. b) oder Arbeitsverfah-
ren zu planen oder zu gestalten (Bst. c).
3.10 Gemäss Art. 3 Abs. 1 aBauAV müssen Bauarbeiten so geplant wer-
den, dass das Risiko von Berufsunfällen, Berufskrankheiten oder Gesund-
heitsbeeinträchtigungen möglichst klein ist und die notwendigen Sicher-
heitsmassnahmen, namentlich bei der Verwendung von Arbeitsmitteln, ein-
gehalten werden können.
3.11 Nach Art. 41 aBauAV ist das Gerüst am Bauwerk zug- und druckfest
zu verankern oder anderweitig in geeigneter Weise, namentlich durch Ab-
stützen oder Abspannen, zu fixieren. Zudem ist das Gerüst durch jeden
C-2450/2021
Seite 13
Benützer und jede Benützerin täglich einer Sichtkontrolle zu unterziehen
und darf nicht benützt werden, sofern es Mängel aufweist (Art. 49 aBauAV).
3.12 Gemäss Art. 60 aBauAV müssen die Sicherheits- und Gesundheitsri-
siken abgeklärt werden, bevor mit den Arbeiten begonnen werden darf
(Abs. 1). Die erforderlichen Massnahmen müssen getroffen werden, um
insbesondere zu verhindern, dass Bauteile unbeabsichtigt abstürzen
(Abs. 2 Bst. b aBauAV).
4.
4.1 Zunächst ist abzuklären, ob die Vorinstanz den rechtserheblichen
Sachverhalt vollständig festgestellt hat.
4.2 Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor, die Baupolizei
habe das Gerüst nach dem Rückbau kontrolliert und als sicher befunden.
Das Gerüst sei auch nach der Demontage sicher gewesen. Deshalb seien
offensichtlich andere Gründe, als bloss die fehlende Anpassung, der Grund
für den Einsturz gewesen. Der tatsächliche Grund sei vielmehr unbekannt
(vgl. Replik vom 15. November 2021 [BVGer-act. 12 S. 2 f.]).
4.3 Die Vorinstanz hält diesem Vorbringen insbesondere entgegen, dass
der Rückbau der Vordach-Stahlkonstruktion zwingend mit der parallel dazu
verlaufenden Demontage des Gerüsts hätte einhergehen müssen, da das
Gerüst einzig noch an der Vordach-Stahlkonstruktion des fraglichen Ge-
bäudes fixiert gewesen sei und keine Funktion mehr gehabt habe. Die Be-
schwerdeführerin hätte spätestens beim Entfernen der Gerüstverankerung
an der Vordach-Stahlkonstruktion ihre Rückbauarbeiten temporär stoppen
und auf der Koordination der Sicherungsmassnahmen für das Gerüst be-
harren müssen. Es sei im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht näher
zu prüfen und insoweit irrelevant, auf welcher Basis (trotz gegebener
Rechtslage) und anhand welcher Prüfkriterien das Amt für Baubewilligun-
gen, als die Beschwerdeführerin die Verankerung des Gerüsts bereits ent-
fernt hatte, "keine Beanstandungen" am Gerüst vermeldete – was nota
bene nicht mit "das Gerüst ist sicher" gleichzusetzen sei.
4.4
4.4.1 Aufgrund der Akten beziehungsweise den Ausführungen der Be-
schwerdeführerin steht fest, dass die Beschwerdeführerin den Bauleiter
mehrmals – darunter bereits am 18. November 2020 und auch am 10. De-
zember 2020 vor Entfernung der Stahlkonstruktion sowie danach am
C-2450/2021
Seite 14
13. Dezember 2020 – darauf hingewiesen hatte, dass das Gerüst nicht
mehr gesichert sei und neu verankert werden müsse (vgl. Einsprache vom
24. Februar 2021 [Suva-act. 66 S. 2] und Beschwerde [BVGer-act. 1 S. 3).
Insofern war sie sich des Mangels und der Notwendigkeit von Massnah-
men bewusst. Daher geht ihre Argumentation, das Gerüst sei stabil gewe-
sen, fehl. Allfällige andere Gründe für den Einsturz wie etwa Manipulatio-
nen sind aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich, können aber angesichts
der aktenkundigen fehlenden Verankerung des Gerüsts offenbleiben. Sie
würden jedenfalls nichts an der Verpflichtung der Beschwerdeführerin än-
dern, die Arbeitssicherheitsvorschriften einzuhalten. In diesem Verfahren
ist auch nicht von Belang, dass die Baupolizei bei der Kontrolle vom
14. Dezember 2020 am Gerüst keine Beanstandungen machte, zumal die
Beschwerdeführerin aufgrund ihrer mehrmaligen Warnungen gegenüber
dem Bauleiter daraus gerade nicht zu ihren Gunsten ableiten kann, der
Mangel sei ihr nicht bekannt gewesen (vgl. Rechnung [BVGer-act. 1, Bei-
lage 4]; vgl. auch Richtlinie im Sinne von Art. 19, Abs. 1 der Gebührenord-
nung für das Baubewilligungsverfahren vom 4. Dezember 2002, Gebüh-
renansätze der Baukontrolle für Fassadengerüste, Notdächer und Bauauf-
züge an bestehenden Gebäuden, gültig ab 1. April 2010, wonach es sich
aufgrund der Gebührenhöhe um eine periodische Nachkontrolle ohne all-
fällige statische Überprüfungen handelte). Aufgrund der dreiwöchigen Un-
tätigkeit des Bauleiters bestand zudem kein Anlass, auf seine Zusicherung
zu vertrauen.
4.4.2 Damit ist der rechtserhebliche Sachverhalt mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit erstellt. Mit dem erforderlichen Beweismass steht vorliegend
fest, dass das Gerüst nicht mehr gesichert gewesen war und ohne neue
Verankerung stehengelassen wurde, nachdem die Beschwerdeführerin
den Rückbau am 11. Dezember 2020 vorgenommen hatte und die Bau-
stelle am 18. Dezember 2020 verliess.
4.4.3 Die Beweisofferte, die im Übrigen aufgrund des mittlerweile entfern-
ten Gerüsts ohnehin untauglich ist, lässt keine entscheidwesentlichen
neuen Erkenntnisse erwarten, weshalb darauf zu verzichten ist (antizipierte
Beweiswürdigung; BGE 146 V 240 E. 8.2; 136 I 229 E. 5.3).
5.
5.1 Zu prüfen ist weiter, ob die Vorinstanz zu Recht eine Ermahnung aus-
gesprochen hat.
C-2450/2021
Seite 15
5.2 Die Vorinstanz stellte anlässlich der Kontrolle vom 11. Januar 2021
fest, dass erforderliche Massnahmen fehlen, die verhindern, dass Mitarbei-
tende durch herumfliegendes, herunterfallendes und einstürzendes Mate-
rial, namentlich durch das Fassadengerüst getroffen werden (Feststel-
lung 1 Rückbauarbeiten). Zudem seien Sicherheits- und Gesundheitsrisi-
ken vor Beginn der Rückbauarbeiten nicht abgeklärt worden (Feststel-
lung 2 Rückbauarbeiten). Des Weiteren seien Arbeiten nicht so geplant
worden, dass das Risiko von Berufsunfällen und Gesundheitsschäden
möglichst klein sei und die notwendigen Sicherheitsmassnahmen einge-
halten werden könnten, dies namentlich bei der Verwendung von Arbeits-
mitteln (Feststellung 3 Planung von Bauarbeiten).
5.3 Die Beschwerdeführerin bestreitet zwar weder im vorinstanzlichen Ver-
fahren noch im Beschwerdeverfahren, dass das Gerüst nicht mehr gesi-
chert gewesen war und sie es ohne neue Verankerung stehen gelassen
hat. Doch geht aus ihren Vorbringen insbesondere hervor, dass die Verant-
wortung dafür nicht bei ihr als Subunternehmerin gelegen habe, sie selbst
nie am Gerüst Veränderungen vorgenommen habe und sie sich auf die
Zusicherung des (für die Arbeitssicherheit vor Ort) zuständigen Bauleiters
– er werde die notwendigen Schritte bei der Gerüstbaufirma umgehend
veranlassen – habe verlassen dürfen. Sie sei ihren umfänglichen Pflichten
nachgekommen und habe jegliche Tätigkeiten erst nach Aufforderung des
Bauleiters vorgenommen. Sie habe das Baugerüst gar nicht benützt, wes-
halb sie es auch nicht auf einen Einsturz habe prüfen müssen. Sie habe
die Baustelle am 18. Dezember 2020 "ordnungsgemäss und korrekt" hin-
terlassen. Erst die lange Untätigkeit des Bauleiters habe dazu geführt, dass
das Gerüst einstürzen konnte.
5.4 Aufgrund des rechtserheblichen Sachverhalts steht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit fest, dass die Feststellungen der Vorinstanz, die sie
nach der Kontrolle auf der Baustelle Zürich, (...) am 11. Januar 2021 ge-
macht hat, zutreffen. Art. 41 aBauAV schreibt eine zug- und druckfeste Ver-
ankerung des Gerüsts (oder eine anderweitige Fixierung, namentlich durch
Abstützen oder Abspannen) vor. Gemäss Art. 49 aBauAV hat eine tägliche
Sichtkontrolle zu erfolgen und das Gerüst darf bei Mängeln nicht benutzt
werden. Mit Blick auf diese Vorgaben hätte der Rückbau der Vordach-
Stahlkonstruktion daher parallel zur Anpassung beziehungsweise Demon-
tage des Gerüsts erfolgen müssen, um die Arbeitssicherheit jederzeit zu
gewährleisten. Da der Bauleiter trotz mehrmaligen Hinweisen der Be-
schwerdeführerin die Anpassungen des Gerüsts nicht durch die beauf-
tragte Gerüstbaufirma veranlasste, hätte die Beschwerdeführerin den
C-2450/2021
Seite 16
Rückbau nicht vornehmen dürfen und spätestens beim Entfernen der Ge-
rüstverankerung an der Vordach-Stahlkonstruktion ihre Rückbauarbeiten
temporär stoppen müssen, bis die Gerüstbaufirma die neue Verankerung
des Gerüsts (parallel) vorgenommen hätte (vgl. Art. 2 Bst. b aBauAV und
Art. 4 VUV). Weil mehrere Betriebe am Arbeitsplatz tätig waren, hätten die
zur Wahrung der Arbeitssicherheit erforderlichen Absprachen bereits im
Vorfeld getroffen, koordiniert und die notwendigen Massnahmen angeord-
net werden müssen (Art. 2 Bst. b, 3 Abs. 1 und 60 aBauAV sowie Art. 3
Abs. 1 und 3 und Art. 9 Abs. 1 VUV). Auch Dritte muss der Arbeitgeber auf
die Anforderungen der Arbeitssicherheit in seinem Betrieb ausdrücklich
aufmerksam machen (Art. 9 Abs. 2 VUV). Die von der Vorinstanz angeord-
neten Massnahmen (vgl. oben Sachverhalt B.a.) erscheinen angesichts
des Umsturzes des Gerüsts am (...) 2021 geeignet und verhältnismässig
(fachkundige Aufsicht und entsprechend instruiertes Personal [Mass-
nahme 1.1], Abklärung der Sicherheits- und Gesundheitsschutzrisiken für
Rückbau- und Abbrucharbeiten bereits in der Arbeitsvorbereitung sowie
Planung und Umsetzung der daraus resultierenden Schutzmassnahmen
[Massnahme 2.1], Abklärung der Risiken betreffend Arbeitssicherheit und
Gesundheitsschutz vor Beginn der Bauarbeiten sowie Definition der not-
wendigen Sicherheitsmassnahmen [Massnahme 3.1], Aufnahme und Spe-
zifikation baustellenspezifischer Massnahmen im Werkvertrag [Mass-
nahme 3.2] und Verwendung von Arbeitsmitteln gemäss den Vorgaben des
Herstellers [Massnahme 3.3]). Wie die Vorinstanz abschliessend zu Recht
festhält, hat die Beschwerdeführerin den erforderlichen Sorgfaltsmassstab
zur Verhütung von Unfällen sowohl in planerischer als auch in koordinativer
und technischer Hinsicht nicht erfüllt. Daher erscheint auch der Entzug der
aufschiebenden Wirkung einer allfälligen Beschwerde verhältnismässig
und es erübrigen sich Weiterungen hierzu, da sich die Beschwerde nicht
dagegen richtet.
5.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass der Verstoss gegen Art. 3
Abs. 1, Art. 4, Art. 9 Abs. 1 VUV sowie Art. 3 Abs. 1, Art. 41, Art. 49 und
Art. 60 aBauAV aufgrund der vorliegenden, vollständigen Akten erstellt ist.
Die Vorinstanz hat daher zu Recht eine Ermahnung Stufe 1 ausgespro-
chen.
6.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
C-2450/2021
Seite 17
6.1 Gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG sind die Verfahrenskosten der unterlie-
genden Partei aufzuerlegen, wobei der geleistete Kostenvorschuss zu be-
rücksichtigen ist. Die unterliegende Beschwerdeführerin hat die Verfah-
renskosten zu tragen. Diese bemessen sich nach Umfang und Schwierig-
keit der Streitsache, Art der Prozessführung und finanzieller Lage der Par-
teien (vgl. Art. 2 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Die Verfahrenskosten sind vorliegend auf Fr. 3'000.– fest-
zulegen und dem geleisteten Verfahrenskostenvorschuss in gleicher Höhe
zu entnehmen.
6.2 Der obsiegenden Partei kann von Amtes wegen oder auf Begehren
eine Entschädigung für ihr erwachsene notwendige und verhältnismässig
hohe Kosten zugesprochen werden (Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Vorinstanz
hat als mit einer öffentlichen Aufgabe betraute Organisation jedoch keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung (vgl. BGE 133 V 450 E. 13 sowie
Art. 7 Abs. 3 VGKE). Die unterliegende Beschwerdeführerin hat ebenfalls
keinen solchen Anspruch (vgl. BGE 128 V 124 E. 5b sowie Art. 7 Abs. 3
VGKE).
Für das Urteilsdispositiv wird auf die nächste Seite verwiesen.
C-2450/2021
Seite 18