Decision ID: cb504168-70ad-43b2-be24-7fa7d6360f15
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_004
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
I. Sachverhalt:
1. Mit Mandatsvertrag vom 8. Januar 1998 beauftragte A._
Rechtsanwalt B._ mit der Geschäftsführung der damals in
Gründung befindlichen C._ GmbH (2005 umbenannt in
D._ GmbH). In Ziffer 13 des Mandatsvertrages wurde
insbesondere vereinbart, dass der Auftraggeber für sämtliche Ansprüche
des Beauftragten gegenüber der Gesellschaft sowie für Forderungen
Dritter, welche aus Leistungen herrühren, die vom Beauftragten im
Rahmen seines Mandates bestellt wurden, haftet.
2. Mit Beschluss der Gesellschafterversammlung vom 20. März 2018 wurde
die D._ GmbH aufgelöst. Die D._ GmbH in Liquidation
sowie die D._ GmbH und Rechtsanwalt B._ vereinbarten
daraufhin am 20. Februar 2020, dass die Schuld der D._ GmbH
in Liquidation in Höhe von CHF 4'000.-- gegenüber B._ durch die
D._ GmbH übernommen wird. Die Parteien sahen eine
Bezahlung des Betrages in fünf monatlichen Raten bis zum 15. Juni 2020
vor.
3. Mit Gesuch vom 20. Mai 2021 wandte sich B._ an die
Aufsichtskommission über die Rechtsanwälte (nachfolgend
Aufsichtskommission) mit dem Begehren um Entbindung vom
Anwaltsgeheimnis gegenüber der inzwischen liquidierten D._
GmbH sowie deren alleinigem Gesellschafter A._. Zur
Begründung führte er aus, dass sein Guthaben von CHF 4'000.-- trotz
wiederholter Aufforderung nicht bezahlt worden sei.
4. Mit Stellungnahme vom 9. Oktober 2021 lehnte A._ die
Entbindung vom Anwaltsgeheimnis vollumfänglich ab. Das Gesuch sei
unzulässig. Es bestehe keine Forderung von B._ gegen ihn.
B._ sei seit der Gründung der D._ GmbH auch
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Geschäftsführer derselben gewesen. Die durch B._ gestellten
Honorarrechnungen seien zudem meistens in der Forderungshöhe
umstritten gewesen. Dieser habe es weiter versäumt, seine Leistungen
und die Höhe des Honorars abzustimmen, obwohl er dazu mehrmals
aufgefordert worden sei. B._ habe sodann die E._ AG
eigenmächtig beauftragt, ohne Leistungsumfang und Honorar mit ihm
abzustimmen.
5. Mit Beschluss vom 23. November 2021 hiess die Aufsichtskommission
das Gesuch vom B._ gut und entband diesen vom
Anwaltsgeheimnis gegenüber der D._ GmbH bzw. A._
zur Durchsetzung der geltend gemachten Forderung.
6. Gegen diesen Beschluss erhob A._ (nachfolgend
Beschwerdeführer) am 17. Dezember 2021 (Poststempel 24. Dezember
2021) Beschwerde bei der Aufsichtskommission. Diese Eingabe wurde am
28. Dezember 2021 an das Verwaltungsgericht zur
Beschwerdebehandlung weitergeleitet. Der Beschwerdeführer machte
geltend, für die Entbindung von B._ vom Anwaltsgeheimnis sei
keine Begründung ersichtlich. Dieser habe keine Honorarforderung
gegenüber ihm.
7. Mit Vernehmlassung vom 10. Januar 2022 beantragte der bezeichnete
Rechtsanwalt (nachfolgend Beschwerdegegner) die kostenfällige
Abweisung der Beschwerde, soweit auf diese überhaupt einzutreten sei.
Zur Begründung brachte er vor, der Beschwerdeführer verkenne Inhalt
und Wesen des angefochtenen Entscheids. Die Vorinstanz habe nicht den
Bestand einer Honorarforderung gegenüber dem Beschwerdeführer
festgestellt, sondern diesen zur Durchsetzung seiner Honoraransprüche
vom Anwaltsgeheimnis befreit. Die Übernahme der Forderung durch die
D._ GmbH ändere nichts an der Tatsache, dass es sich um eine
Schuld der D._ GmbH gegenüber dem Beschwerdegegner
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handle. Für diese hafte der Beschwerdeführer gestützt auf die
Vereinbarung im Mandatsvertrag persönlich. Selbst wenn der
Beschwerdeführer nicht Schuldner der Honorarforderung wäre, müsste
sich der Beschwerdegegner vom Berufsgeheimnis entbinden lassen, um
seine Forderung gegenüber einem allfälligen Drittschuldner durchsetzen
zu können. Der Beschwerdegegner sei für den Beschwerdeführer tätig
gewesen.
8. Mit Vernehmlassung vom 24. Januar 2022 beantragte die Vorinstanz
(nachfolgend Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde unter
gesetzlicher Kostenfolge. Im angefochtenen Entscheid sei es nicht um
eine materielle Beurteilung einer allfälligen Forderung gegangen. Wenn
der Beschwerdeführer der Meinung sei, dem Beschwerdegegner nichts zu
schulden, sei dies im Zivilverfahren vorzubringen.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften sowie
im angefochtenen Beschluss vom 23. November 2021 wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 43 Abs. 3 lit. b des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100) entscheidet das
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden in einzelrichterlicher
Kompetenz, wenn ein Rechtsmittel offensichtlich unzulässig oder
offensichtlich begründet oder unbegründet ist. Die vorliegende
Beschwerde ist – wie nachfolgend (E.4) dargelegt wird – offensichtlich
unbegründet, weshalb deren Beurteilung in einzelrichterlicher Kompetenz
erfolgen kann.
2. Anfechtungsobjekt ist vorliegend der Beschluss der Beschwerdegegnerin
vom 23. November 2021 betreffend Entbindung vom Anwaltsgeheimnis.
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Da der Beschwerdegegner seinen Geschäftssitz unbestrittenermassen in
Chur hat, war die Aufsichtskommission des Kantons Graubünden ohne
weiteres zuständig (Art. 5 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 13 und Art. 14 des
Bundesgesetzes über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte
[BGFA; SR 935.61]). Gemäss Art. 7 Abs. 2 des kantonalen
Anwaltsgesetzes (AnwG; BR 310.100) können Entscheide der
Aufsichtskommission mit Beschwerde an das Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden weitergezogen werden. Dieses ist deshalb für die
Beurteilung der vorliegenden Streitigkeit sachlich zuständig (vgl. Art. 49
Abs. 1 lit. g VRG). In verfahrensrechtlicher Hinsicht gelten, soweit das
kantonale Anwaltsgesetz keine besonderen Bestimmungen enthält, die
Bestimmungen des Verwaltungsrechtspflegegesetzes sinngemäss (Art. 7
Abs. 1 AnwG). Der Beschwerdeführer ist als Adressat des angefochtenen
Beschlusses zur Beschwerde legitimiert (Art. 50 VRG). Auf die im Übrigen
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist deshalb einzutreten.
3. Streitig und nachfolgend zu prüfen ist einzig die Frage, ob die
Beschwerdegegnerin den Beschwerdegegner zu Recht vom
Anwaltsgeheimnis entbunden hat. Das Verwaltungsgericht hat indessen
die materielle Begründetheit der vom Beschwerdegegner geltend
gemachten Forderung nicht zu prüfen. Auf die entsprechenden Einwände
des Beschwerdeführers bezüglich Höhe und Begründetheit der
Honorarforderung (vgl. seine Stellungnahme an die Aufsichtskommission
vom 9. Oktober 2021 in den vorinstanzlichen Akten act. A.2) ist deshalb
nicht weiter einzugehen.
4.1. Anwältinnen und Anwälte unterstehen zeitlich unbegrenzt und gegenüber
jedermann dem Berufsgeheimnis über alles, was ihnen infolge ihres
Berufs von ihrer Klientschaft anvertraut worden ist (Art. 13 Abs. 1 BGFA;
vgl. auch Art. 321 Ziff. 1 StGB). Zu den Tatsachen, die unter den Schutz
des Anwaltsgeheimnisses fallen, gehört schon der Umstand des
Bestehens eines Mandats zwischen dem Rechtsanwalt und seinem
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Klienten. Die klageweise Geltendmachung einer Honorarforderung setzt
daher eine vorgängige Befreiung des Anwalts von seiner Schweigepflicht
voraus. Verweigert der Mandant die Entbindung vom Anwaltsgeheimnis,
so hat sich der Anwalt, der sein Honorar auf dem Rechtsweg einzutreiben
sucht, mit einem entsprechenden Begehren an die Aufsichtsbehörde zu
wenden (Vgl. Art. 13 Abs. 1 Satz 2 BGFA und Art. 321 Ziff. 2 StGB; Urteile
2C_439/2017 vom 16. Mai 2018 E.3.2; 2C_704/2016 vom 6. Januar 2016
E. 3.1; 2C_1127/2013 vom 7. April 2014 E. 3.1 mit Hinweisen).
4.2. Die Entbindung vom Anwaltsgeheimnis hat keinerlei materielle
Rechtswirkungen, sondern ermöglicht es dem gesuchstellenden Anwalt
bloss, ohne Verletzung des disziplinar- und strafrechtlich geschützten
Berufsgeheimnisses die behauptete Honorarforderung auf dem Klageweg
geltend zu machen. Sie präjudiziert einen späteren Zivilprozess über die
Honorarforderung in keiner Weise. Die einzige unmittelbare
Rechtswirkung, welche der Entbindungsentscheid für den betroffenen
(möglichen) Mandanten hat, liegt darin, dass dieser im Umfang, in dem es
für die Geltendmachung der Honorarforderung notwendig ist, des ihm
ansonsten zustehenden Schutzes durch das Anwaltsgeheimnis verlustig
geht (Urteile 2C_439/2017 vom 16. Mai 2018 E.3.3; 2C_1127/2013 vom
7. April 2014 E. 3.3.1; 2C_42/2010 vom 28. April 2010 E. 3.3).
4.3. Ob eine Entbindung vom Anwaltsgeheimnis vorzunehmen ist, beurteilt
sich auf Grund einer Abwägung sämtlicher auf dem Spiel stehender
Interessen, wobei angesichts der institutionellen und individualrechtlichen
Bedeutung des anwaltlichen Berufsgeheimnisses nur ein deutlich
überwiegendes öffentliches oder privates Interesse eine Entbindung als
angemessen erscheinen lassen kann (BGE 142 II 307 E. 4.3.3 S. 311;
Urteil 2C_439/2017 vom 16. Mai 2018 E.3.4; 2C_704/2016 vom 6. Januar
2017 E. 3.2). Während die Anwältin oder der Anwalt regelmässig über ein
schutzwürdiges Interesse an der Entbindung zwecks Honorarinkasso
verfügt, steht dem ein institutionell begründetes und grundsätzlich auch
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ein individuell-rechtliches Interesse des Klienten auf Geheimhaltung der
Mandatsbeziehung gegenüber. An die Substanziierung des
Geheimhaltungsinteresses dürfen im Verfahren auf Entbindung keine zu
hohen Anforderungen gestellt werden, weil der in Art. 321 Ziff. 1 StGB
verankerte Schutz des Berufsgeheimnisses andernfalls unterlaufen würde
(BGE 142 II 307 E. 4.3.3 S. 311 f.; Urteil 2C_439/2017 vom 16. Mai 2018
E.3.4; 2C_704/2016 vom 6. Januar 2017 E. 3.2 mit Hinweisen).
4.4. Die Vorinstanz hat im angefochtenen Beschluss vom 23. November 2021
(AKR 21 29) ausgeführt, dass nicht erkennbar sei, aus welchen Gründen
es dem Beschwerdegegner untersagt werden sollte, Art und Umfang
seiner Bemühungen für die D._ GmbH bzw. für den
Beschwerdeführer offen zu legen. Es stehe eine nicht unerhebliche
Honorarforderung im Raum. Zwar wehre sich die D._ GmbH bzw.
der Beschwerdeführer gegen deren Bezahlung. Ob diese Forderung
tatsächlich ganz oder zumindest teilweise ausgewiesen sei, könne für die
Frage der Entbindung vom Anwaltsgeheimnis indes dahingestellt bleiben.
Das Bestreben des Beschwerdegegners, das ausstehende Honorar mit
allen rechtlich zulässigen Mitteln durchsetzen zu können, sei höher zu
gewichten als ein allfälliges Geheimhaltungsinteresse der Auftraggeberin
bzw. des Auftraggebers. Über den Bestand der Forderung habe
grundsätzlich das ordentliche Gericht zu befinden. Der Beschwerdegegner
stellt sich auf den Standpunkt, dass der Beschwerdeführer gestützt auf die
Vereinbarung im Mandatsvertrag persönlich für die durch die D._
GmbH übernommene Forderung hafte. Zudem weist er darauf hin, dass
der Beschwerdegegner auch dann vom Anwaltsgeheimnis zu entbinden
wäre, wenn der Beschwerdeführer nicht Schuldner der Honorarforderung
wäre, um diese gegenüber einem allfälligen Drittschuldner durchsetzen zu
können. Der Beschwerdeführer führt dagegen aus, dass keine
Honorarforderung des Beschwerdegegners gegenüber ihm bestehen
würde.
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4.5. Der Auffassung der Vorinstanz ist beizupflichten, zumal der
Beschwerdeführer mit keinem Wort darzutun vermochte, weshalb sein
privates Schutzinteresse an der strikten Aufrechterhaltung des
Berufsgeheimnisses höher zu gewichten wäre als der Anspruch des von
ihm davor beauftragten Anwalts auf Entschädigung seiner
Arbeitsbemühungen. Der Beschwerdeführer bestreitet einzig, dass ihm
gegenüber eine Honorarforderung des Beschwerdegegners bestehen
würde. Nicht in Abrede gestellt wird hingegen, dass die geltend gemachte
Forderung im Zusammenhang mit dem Mandatsverhältnis zwischen dem
Beschwerdeführer und dem Beschwerdegegner steht. Wie der
Beschwerdegegner zutreffend festhält, wäre dieser damit auch dann vom
Anwaltsgeheimnis zu entbinden, wenn der Beschwerdeführer nicht
Schuldner der Honorarforderung wäre, um diese gegenüber einem
allfälligen Drittschuldner durchsetzen zu können. Ob die bezifferte
Honorarforderung tatsächlich und im Besonderen auch in ihrer Höhe
gerechtfertigt ist, ist eine Frage des materiellen Rechts, wofür allein der
ordentliche Richter (Zivilrichter) aus Privatrecht (Art. 394 ff. OR) zuständig
und spruchbefugt ist. Der vom Beschwerdegegner nachgesuchte
Entbindungsentscheid entfaltet hingegen keine materiellen
Rechtswirkungen; er ermöglicht diesem lediglich, ohne Verletzung des
disziplinar- und strafrechtlich geschützten Berufsgeheimnisses seine
behauptete Honorarforderung gerichtlich geltend zu machen. Über den
effektiven Bestand und die genaue Höhe der Geldforderung
(Rechtmässigkeit) wird aber weder im Verfahren vor der
Aufsichtskommission noch im Beschwerdeverfahren vor dem
Verwaltungsgericht rechtsverbindlich und demnach hoheitlich
durchsetzbar entschieden; dies ist allein Sache des Privatrechts und damit
Aufgabe des Zivilrichters. Der angefochtene Beschluss der Vorinstanz
erweist sich demzufolge in jeder Beziehung als rechtens.
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4.6. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten offensichtlich unbegründet und
damit abzuweisen.
5. Bei diesem Ausgang des Verfahrens gehen die Kosten in Höhe von
CHF 500.-- zulasten des Beschwerdeführers (Art. 73 Abs. 1 VRG). Der
Beschwerdegegner hat, da er als Anwalt in eigener Sache prozessiert,
keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI,
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.,
Zürich 2013, N 1661 mit Hinweis auf BGE 134 I 184 E.6.3). Da der
Aufwand des Beschwerdegegners mit seiner rund zweiseitigen
Stellungnahme vom 10. Januar 2022 gering war, ist ihm auch keine
Umtriebsentschädigung zuzusprechen.