Decision ID: 6149cfb7-011c-581e-b628-e849de626198
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ bezog gestützt auf eine Verfügung vom 18. Januar 2001 ab dem 1. Januar
2001 eine Ergänzungsleistung zu einer ganzen Rente der Invalidenversicherung (EL-
act. 219). Im Februar 2005 notierte eine Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle
(EL-act. 187), das jüngste Kind des EL-Bezügers besuche nun die obligatorische
Schule. Der Ehefrau des EL-Bezügers (Jahrgang 19_) könne deshalb nun
grundsätzlich die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zugemutet werden. Für die
Ermittlung des Betrages eines allfälligen hypothetischen Erwerbseinkommens könne
vom statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne ausgegangen werden. Davon
seien aber zehn Prozent wegen des „Wohnsitzes“, zehn Prozent wegen des „Alters“
und 30 Prozent wegen „Ausbildung, lange Abwesenheit Arbeitsplatz und Haushalt“
abzuziehen. Am 23. Februar 2005 teilte die EL-Durchführungsstelle dem EL-Bezüger
mit (EL-act. 181), dass sie seiner Ehefrau ab September 2005 ein hypothetisches
Erwerbseinkommen von 21’533 Franken anrechnen werde, sofern diese nicht
nachweisen könne, dass sie unverschuldet arbeitslos sei. Mit einer Verfügung vom 11.
August 2005 setzte sie die Ergänzungsleistung per 1. September 2005 als Folge der
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau herab (EL-act.
178). Im Oktober 2005 teilte ein Mitarbeiter des regionalen Arbeitsvermittlungszentrums
(RAV) der EL-Durchführungsstelle mit (EL-act. 174), die Chancen der Ehefrau des EL-
Bezügers, eine Arbeitsstelle zu finden, seien äusserst gering. Sie habe sich um
verschiedene Stellen beworben, aber die Bemühungen seien bislang erfolglos
A.a.
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gewesen. Mit einer Verfügung vom 9. Januar 2006 erhöhte die EL-Durchführungsstelle
die Ergänzungsleistung rückwirkend per 1. September 2005, indem sie den Anspruch
nun wieder ohne die Berücksichtigung eines hypothetischen Erwerbseinkommens
berechnete (EL-act. 171).
Im Juni 2006 teilte der EL-Bezüger auf eine entsprechende Anfrage der EL-
Durchführungsstelle hin mit, dass seine Ehefrau trotz entsprechenden Bemühungen
noch immer keine Arbeitsstelle gefunden habe (EL-act. 158). Die EL-
Durchführungsstelle wies ihn darauf hin, dass sich seine Ehefrau um etwa zehn
Arbeitsstellen pro Monat bemühen müsse (EL-act. 157). Obwohl die Ehefrau des EL-
Bezügers im Oktober 2006 nur je drei Stellenbemühungen für die Monate Juli, August
und September 2006 nachweisen konnte (EL-act. 153–3), rechnete die EL-
Durchführungsstelle weiterhin kein hypothetisches Erwerbseinkommen an (EL-act.
152). Da sich die Ehefrau des EL-Bezügers auch in den nachfolgenden Monaten nur
um wenige Arbeitsstellen beworben hatte (EL-act. 149), drohte die EL-
Durchführungsstelle dem EL-Bezüger am 2. März 2007 erneut an, dass sie seiner
Ehefrau ein hypothetisches Erwerbseinkommen anrechnen werde (EL-act. 148).
Daraufhin teilte das RAV mit, dass die Ehefrau bis auf weiteres krankgeschrieben sei
(EL-act. 146). Der Hausarzt Dr. med. B._ berichtete im April 2007 (EL-act. 144–3), die
Ehefrau des EL-Bezügers leide an einem chronischen Cervicalsyndrom mit
Ausstrahlung in beide Arme und Dysästhesien. Dadurch fehle es an Kraft in den Armen,
was eine Erwerbstätigkeit verunmögliche. Der Rheumatologe Dr. med. C._ hatte
bereits im April 2005 mitgeteilt (EL-act. 139–3 ff.), dass die Ehefrau des EL-Bezügers
depressiv wirke und an Rückenbeschwerden leide. Letztere seien allerdings vor allem
haltungs- und muskulär bedingt. Im Mai 2007 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD; EL-act. 138), Dr. B._ habe telefonisch angegeben,
dass er die Ehefrau des EL-Bezügers nur einmal notfallmässig behandelt habe. Die
Behandlung bei Dr. C._ sei im Jahr 2005 abgeschlossen worden. Vor diesem
Hintergrund und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ein chronisches
Cervicalsyndrom in aller Regel bei einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit keine
Arbeitsunfähigkeit verursache, sei die Ehefrau des EL-Bezügers aus Sicht des RAD als
uneingeschränkt arbeitsfähig zu qualifizieren. Mit einer Verfügung vom 11. Oktober
2007 setzte die EL-Durchführungsstelle die laufende Ergänzungsleistung infolge der
A.b.
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Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau mit Wirkung per 1.
November 2007 herab (EL-act. 137). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in
formelle Rechtskraft.
Im Juni 2009 beantragte der EL-Bezüger unter Hinweis auf ein
Arbeitsunfähigkeitszeugnis des Hausarztes Dr. B._ die „Streichung“ des
hypothetischen Erwerbseinkommens (EL-act. 131). Die EL-Durchführungsstelle
forderte ihn in der Folge auf, seine Ehefrau zur Anmeldung für IV-Leistungen anzuhalten
(EL-act. 130). Das entsprechende Leistungsbegehren der Ehefrau wurde von der IV-
Stelle offenbar im Jahr 2010 abgewiesen (vgl. EL-act. 76).
A.c.
Am 20. November 2013 übermittelte die zuständige AHV-Zweigstelle der EL-
Durchführungsstelle eine Bestätigung von Dr. B._ vom gleichen Tag, laut der die
Ehefrau des EL-Bezügers seit längerer Zeit nicht schwer arbeiten konnte (EL-act. 79–4).
Am 18. Dezember 2013 wies die EL-Durchführungsstelle den EL-Bezüger darauf hin,
dass sich seine Ehefrau bei einer allfälligen Gesundheitsverschlechterung erneut zum
Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung anmelden oder aber mittels erfolgloser
Stellenbemühungen eine unverschuldete Arbeitslosigkeit nachweisen könne (EL-act.
76). Der EL-Bezüger antwortete am 13. Januar 2014 (EL-act. 73–1 f.), seine Ehefrau sei
nicht in der Lage, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Der neue Hausarzt Dr. med.
E._ kenne die Krankenakte noch nicht gut genug und habe deshalb in seinem Bericht
vom 8. Januar 2014 diverse Gesundheitsbeeinträchtigungen, insbesondere eine
erhebliche Schwerhörigkeit, unerwähnt gelassen. Im erwähnten Bericht hatte Dr. E._
festgehalten (EL-act. 73–3), die Ehefrau des EL-Bezügers leide an verschiedenen
symptomatischen Erkrankungen. Im Vordergrund stünden diffuse Gelenks- und
Wirbelsäulenschmerzen. Ein Diabetes mellitus sei diätetisch eingestellt; die Werte seien
gut. Eine Hypertonie werde medikamentös behandelt. Die Ehefrau fühle sich nicht in
der Lage, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Eine Sachbearbeiterin der EL-
Durchführungsstelle notierte, die Ehefrau sei schon im August 2009 schwerhörig
gewesen und trotzdem nicht als invalid qualifiziert worden (elektronische Notiz zu EL-
act. 73–1). Die EL-Durchführungsstelle rechnete bei der EL-Anspruchsberechnung
weiterhin ein hypothetisches Erwerbseinkommen der Ehefrau an, das heisst sie wies
das Revisionsbegehren ab.
A.d.
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Im Rahmen einer Einsprache gegen eine Anpassungsverfügung vom 5. November
2015 ersuchte der Beschwerdeführer am 4. Dezember 2015 sinngemäss erneut um
eine Revision der Ergänzungsleistung (EL-act. 55). Er machte geltend, seine Ehefrau sei
nicht in der Lage, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Ohne seine Hilfe wäre sie nicht
einmal „lebensfähig“. Die Anrechnung des hypothetischen Erwerbseinkommens sei
rechtswidrig. Der Einsprache lag ein ärztliches Zeugnis von Dr. B._ vom November
2015 bei, der darauf hingewiesen hatte, dass die Ehefrau des EL-Bezügers sich neu in
eine rheumatologische Behandlung bei Dr. med. F._ begeben habe (EL-act. 57–1).
Laut einem Bericht von Dr. F._ vom 3. Dezember 2015 litt die Ehefrau an einem
generalisierten Schmerzsyndrom psychogenen Ursprungs, an einem leichten Vitamin
D-Mangel und an einer Schwerhörigkeit (EL-act. 57–4 f.). Am 24. Februar 2016 und am
21. März 2016 berichtete Dr. med. G._ von den psychiatrischen Diensten H._ (EL-
act. 39–2 f. und 32), die Ehefrau des EL-Bezügers leide an einer mittelgradigen
depressiven Episode, an einer somatoformen Schmerzstörung, an einem Diabetes
mellitus, an einer arteriellen Hypertonie sowie an einer Schwerhörigkeit. Ihr falle es
schwer, die psychische Erkrankung zu akzeptieren. So habe sie unter anderem
angegeben, für sie habe die Schmerzmedikation einen grossen Stellenwert, während
ihr die psychischen Medikamente „weniger wichtig“ seien, da sie ja schliesslich nicht
„bekloppt“ sei. Aus psychiatrischer Sicht sei sie bis auf weiteres nicht arbeitsfähig. Im
April 2016 notierte ein RAD-Arzt (EL-act. 27), eine mittelgradige depressive Störung
habe in aller Regel keine vollständige Arbeitsunfähigkeit zur Folge. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht könne der Ehefrau des EL-Bezügers ein
Arbeitspensum von 50 Prozent zugemutet werden. Ein Sachbearbeiter der EL-
Durchführungsstelle hielt am 17. Juni 2016 fest (EL-act. 26), da bereits ein sehr tiefes
Erwerbseinkommen angerechnet werde, rechtfertige die vom RAD attestierte
Arbeitsunfähigkeit keine Reduktion des hypothetischen Erwerbseinkommens. Das
Revisionsgesuch sei abzuweisen. Mit einer Verfügung vom 21. Juni 2016 „hielt“ die EL-
Durchführungsstelle an der Anrechnung des hypothetischen Erwerbseinkommens
„fest“ (EL-act. 25). Eine dagegen erhobene Einsprache (vgl. EL-act. 19) wurde mit
einem Entscheid vom 20. Februar 2017 ebenso wie das Gesuch um eine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren abgewiesen (EL-act. 3).
A.e.
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Der EL-Bezüger liess am 23. März 2017 eine Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 20. Februar 2017 erheben. Das Versicherungsgericht hob die
Dispositivziffer 1 des Einspracheentscheides – die Abweisung des EL-
Revisionsbegehrens – mit einem Urteil vom 9. März 2018 auf (EL 2017/10; vgl. act. G
4.2.55). Es wies die Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung an die EL-
Durchführungsstelle zurück. Die Beschwerde gegen die Dispositivziffer 2 des
Einspracheentscheides – die Abweisung des Begehrens um eine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren – wies das Versicherungsgericht
ab. Die Rückweisung zur weiteren Abklärung begründete das Versicherungsgericht mit
einem in medizinischer Hinsicht ungenügend ermittelten Sachverhalt. Es erachtete
weder die Berichte der behandelnden Ärzte noch die Arbeitsfähigkeitsschätzung des
RAD als überzeugend. In seinem Urteil wies das Versicherungsgericht die EL-
Durchführungsstelle darauf hin, dass diese die IV-Stelle gestützt auf den Art. 57 Abs. 2
IVG in Verbindung mit dem Art. 41 Abs. 1 lit. k IVV anhalten könne, die Ehefrau des EL-
Bezügers bidisziplinär (rheumatologisch und psychiatrisch) vom RAD untersuchen oder
begutachten zu lassen. Allenfalls werde die Ehefrau des EL-Bezügers in der Folge
gemäss dem Art. 21 Abs. 4 ATSG zur Erfüllung ihrer Schadenminderungspflicht
angehalten werden müssen. Bezüglich der Höhe eines allfällig anzurechnenden
hypothetischen Erwerbseinkommens sei zu beachten, dass im Revisionsverfahren ein
früherer Fehler (zu tiefer Ansatz des Betrages des hypothetischen
Erwerbseinkommens) nicht korrigiert werden könne; das sei nur im Rahmen einer
Wiedererwägung der entsprechenden Verfügung vom 11. August 2005 möglich.
A.f.
Der RAD-Arzt Dr. med. I._ empfahl im August 2018 eine bidisziplinäre
psychiatrische und orthopädische Begutachtung durch die Dres. med. J._ und K._
(act. G 4.2.33). Das entsprechende Gutachten wurde am 15. Dezember 2018 erstattet
(act. G 4.2.25). Die Sachverständigen hielten fest, die Ehefrau des EL-Bezügers leide
an einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren, an
einer depressiven Störung mit einer gegenwärtig leichten Episode, an einem
generalisierten myofascialen Schmerzsyndrom sowie an einem Schwindel unklarer
Ätiologie. In orthopädischer Hinsicht stünden unter Bewegung und Belastung
zunehmende Schmerzen am Rücken, an den Schultern und in den Händen respektive
den Fingern im Vordergrund. Daneben bestünden Parästhesien vor allem in den oberen
A.g.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/13
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Extremitäten und ein genereller Kraftverlust. Die Art der Beschreibung der Schmerzen,
die fehlende therapeutische Beeinflussbarkeit, der positive Achsenstossschmerz, die
Ergebnisse bei der Vigorimeter-Prüfung bei einer fehlenden Muskelatrophie sowie die
positiven Fibromyalgie- und Kontrollpunkten wiesen auf eine Verdeutlichungstendenz
hin. Aus psychiatrischer Sicht schränke die Kombination aus der chronischen
Schmerzsymptomatik mit einem ausgeprägten Vermeidungs- und Schonverhalten und
aus einer chronifizierten verbittert-dysthymen und leicht depressiven Stimmung die
Arbeitsfähigkeit um 30 Prozent ein. Die anamnestischen Angaben im RAD-
Untersuchungsbericht aus dem Jahr 2010, insbesondere die geschilderten Erlebnisse
beim Kriegsausbruch im Jahr 1998, deckten sich nicht mit den aktuellen Angaben der
Ehefrau des EL-Bezügers. Auch die behandelnden Ärzte hätten keine
Traumatisierungen erwähnt, weshalb die aktuell geschilderten traumatischen
Erlebnisse in Frage gestellt werden müssten. Der RAD-Arzt Dr. I._ qualifizierte das
Gutachten als überzeugend und hielt fest, dass von einer Arbeitsfähigkeit von 70
Prozent für leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten mit wenig
Kundenkontakten und Stress auszugehen sei (act. G 4.2.23). Mit einer Verfügung vom
18. Februar 2019 „hielt“ die EL-Durchführungsstelle an der Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens von 21’533 Franken „fest“ (act. G 4.2.20).
Am 22. März 2019 liess der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung vom
18. Februar 2019 erheben (act. G 4.2.16). Sein Rechtsvertreter beantragte die
Durchführung einer rheumatologischen Begutachtung und die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren. Zur Begründung
führte er aus, das Versicherungsgericht habe die Sache für eine rheumatologische und
eine psychiatrische Begutachtung an die EL-Durchführungsstelle zurückgewiesen,
diese habe aber eine orthopädische und eine psychiatrische Begutachtung in Auftrag
gegeben. Die gerichtlich geforderte rheumatologische Begutachtung müsse nachgeholt
werden. Der RAD-Arzt (und Rheumatologe) Dr. I._ hielt am 16. Mai 2019 fest (act. G
4.2.14), die Verfügbarkeit von rheumatologisch-psychiatrischen Gutachten sei geringer
als jene von orthopädisch-psychiatrischen Gutachten. Da keine entzündlich-
rheumatologische Erkrankung vorliege, sei es irrelevant, ob die Ehefrau des EL-
Bezügers durch einen Orthopäden oder durch einen Rheumatologen begutachtet
worden sei. Im Übrigen sei der Orthopäde Dr. J._ sehr erfahren im Umgang mit
A.h.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/13
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B.
Schmerzpatienten. Ein rheumatologisch-psychiatrisches Gutachten hätte kein anderes
Resultat ergeben. Mit einem Entscheid vom 3. Oktober 2019 wies die EL-
Durchführungsstelle sowohl die Einsprache gegen die Verfügung vom 18. Februar 2019
als auch das Gesuch um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Einspracheverfahren ab (act. G 4.2.4).
Am 21. Oktober 2019 liess der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 3. Oktober 2019 erheben (act.
G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides, die Neuberechnung der Ergänzungsleistung ohne ein
hypothetisches Erwerbseinkommen, die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren und eventualiter die Rückweisung
der Sache an die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur
Einholung eines rheumatologischen Gutachtens. Zur Begründung führte er aus, das
Versicherungsgericht habe die Beschwerdegegnerin ausdrücklich zu einer
rheumatologischen und psychiatrischen Begutachtung der Ehefrau des
Beschwerdeführers angehalten. Die Beschwerdegegnerin habe sich über diese
Anordnung hinweggesetzt, als sie anstelle eines rheumatologischen Gutachtens ein
orthopädisches Gutachten in Auftrag gegeben habe, obwohl der Beschwerdeführer
mehrfach dagegen protestiert habe. Die verfahrensrechtliche Situation sei mittlerweile
derart komplex, dass der Beizug eines Rechtsbeistandes für das Einspracheverfahren
erforderlich gewesen sei. Angesichts des Umstandes, dass die Ehefrau des
Beschwerdeführers im April 2020 das sechzigste Altersjahr vollende, wäre der
Beschwerdeführer im Sinne eines Vergleichsvorschlags mit der Erledigung des
Beschwerdeverfahrens durch die Zusicherung der Beschwerdegegnerin einverstanden,
für die Zukunft kein hypothetisches Erwerbseinkommen mehr anzurechnen.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 13. November 2019 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 4).
B.b.
Der Beschwerdeführer liess am 3. Dezember 2019 an seinen Vergleichsvorschlag
erinnern (act. G 8). Die Beschwerdegegnerin nahm dazu keine Stellung (vgl. act. G 9 f.).
B.c.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Das Verwaltungsverfahren, das mit der Verfügung vom 18. Februar 2019
abgeschlossen worden ist und damit den Gegenstand des nachfolgenden, mit dem
angefochtenen Entscheid vom 3. Oktober 2019 abgeschlossenen
Einspracheverfahrens definiert hat, hat eine revisionsweise Anpassung der jährlichen
Ergänzungsleistung für die Zukunft im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG zum Gegenstand
gehabt. Inhaltlich ist der Gegenstand jenes Revisionsverfahrens auf die Frage
beschränkt gewesen, ob sich der für die Fiktion, die Ehefrau des Beschwerdeführers
erziele ein (sog. hypothetisches) Erwerbseinkommen, massgebende Sachverhalt in der
Zeit zwischen der letzten materiellen Prüfung derselben Frage im Januar/Februar 2014
und dem Abschluss des Revisionsverfahrens am 18. Februar 2019 massgebend
verändert hatte. Der materielle Gegenstand des Einspracheverfahrens hat diesem
Verwaltungsverfahrensgegenstand entsprochen. Zusätzlich ist die verfahrensleitende
Frage zu beantworten gewesen, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren habe. Das
vorliegende Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der Rechtmässigkeit des
angefochtenen Einspracheentscheides, weshalb der Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens zwingend auf jenen des Einspracheverfahrens beschränkt ist.
Zu prüfen ist also, ob die Beschwerdegegnerin das Revisionsbegehren des
Beschwerdeführers zu Recht abgewiesen hat und ob die Abweisung des Begehrens
um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren rechtmässig
gewesen ist. Da es sich dabei um zwei voneinander unabhängige Streitgegenstände
handelt, werden sie soweit möglich in den Erwägungen und im Dispositiv getrennt
behandelt.
2.
Nach der Rückweisung zur ergänzenden Abklärung des medizinischen
Sachverhaltes hat die Beschwerdegegnerin ein bidisziplinäres orthopädisches und
psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben. Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers hat grundsätzlich zu Recht gerügt, dass die Beschwerdegegnerin
vom Versicherungsgericht im Urteil EL 2017/10 zur rheumatologischen, nicht zur
orthopädischen Begutachtung des Gesundheitszustandes der Ehefrau des
Beschwerdeführers angehalten worden sei. Allerdings hat das Versicherungsgericht in
seinem Rückweisungsurteil die Wahl der Fachrichtung Rheumatologie nicht näher
2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/13
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begründet, was nur so interpretiert werden kann, dass es sich davon hat leiten lassen,
dass die Ehefrau des Beschwerdeführers damals von einem Rheumatologen behandelt
worden ist. Selbstverständlich hat sich das Versicherungsgericht nicht angemasst, die
letztlich nur medizinisch zu beantwortende Frage nach den geeigneten Fachrichtungen
verbindlich im Sinne des Art. 56 Abs. 2 VRP vorzuschreiben. Zu berücksichtigen ist
auch, dass es nach den Ausführungen des Versicherungsgerichtes auch ausgereicht
hätte, wenn der RAD die Ehefrau des Beschwerdeführers untersucht hätte. Nun hat in
der Folge tatsächlich ein Rheumatologe, nämlich der RAD-Arzt Dr. I._, die Akten
studiert und in Kenntnis der Aktenlage eine bidisziplinäre Begutachtung empfohlen.
Hätte er als Rheumatologe in den Akten einen Hinweis entdeckt, der aus
rheumatologischer Sicht zwingend eine rheumatologische Begutachtung erfordert
hätte, hätte er darauf hingewiesen und nicht eine orthopädische Begutachtung anstelle
einer rheumatologischen Begutachtung empfohlen. Auch nach der eingehenden
Würdigung des bidisziplinären Gutachtens hat der Rheumatologe Dr. I._ eine
rheumatologische Begutachtung nicht für erforderlich erachtet. Als Rheumatologe hat
er sogar entschieden den Standpunkt vertreten, dass ein rheumatologisch-
psychiatrisches Gutachten zu keinem anderen Ergebnis als das orthopädisch-
psychiatrische Gutachten geführt hätte. Mit dieser in ihrer Schlussfolgerung
eindeutigen Stellungnahme aus rheumatologischer Sicht muss die vom
Versicherungsgericht – bei sorgfältiger Interpretation – nicht im eigentlichen Sinne
geforderte ergänzende rheumatologische Abklärung als durchgeführt erachtet werden.
Entgegen der Ansicht des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers ist im Unterbleiben
einer rheumatologischen Begutachtung also kein Mangel der Sachverhaltsabklärung zu
erblicken, der zur Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides führen
müsste.
Die Sachverständigen Dres. med. K._ und J._ haben sämtliche medizinischen
Vorakten eingehend gewürdigt, sie haben die Ehefrau des Beschwerdeführers
ausführlich zu ihren Beschwerden befragt und sie haben sie umfassend untersucht. Vor
diesem Hintergrund besteht kein Grund zur Annahme, die Sachverständigen könnten
einen wesentlichen Aspekt der Gesundheitsbeeinträchtigung übersehen haben. Im
Gegensatz zu den behandelnden Ärzten haben sie klar zwischen den subjektiven
Angaben der Ehefrau des Beschwerdeführers und den objektiven (bildgebenden und
klinischen) Befunden unterschieden. Sie haben sowohl ihre Diagnosestellung als auch
ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugend anhand der objektiven Befunde
hergeleitet und begründet. Widersprüchlichkeiten sind im Gutachten nicht
auszumachen. Soweit die Sachverständigen zu anderen Ergebnissen als die früher mit
dem Fall befassten Ärzte gelangt sind, haben sie diese Abweichungen überzeugend
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/13
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3.
Anders als für ein Beschwerdeverfahren kann eine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für ein Verwaltungs- oder Einspracheverfahren gemäss dem Art.
37 Abs. 4 ATSG nur bewilligt werden, wenn die Verhältnisse eine solche erfordern, was
rechtsprechungsgemäss nur der Fall ist, wenn sich schwierige rechtliche oder
tatsächliche Fragen stellen. Gemäss der ständigen Praxis des Versicherungsgerichtes
begründet. Die Sachverständigen haben auch auf verschiedene Inkonsistenzen
hingewiesen und nachvollziehbar aufgezeigt, dass sie sich von der
Verdeutlichungstendenz (bei einem insgesamt weitgehend konsistenten Verhalten der
Ehefrau des Beschwerdeführers) nicht haben in die Irre führen lassen. Das
bidisziplinäre Gutachten der Dres. K._ und J._ erweist sich damit als in jeder
Hinsicht überzeugend, weshalb auf es abzustellen ist. Folglich steht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die
Ehefrau des Beschwerdeführers für leidensadaptierte Tätigkeiten zu 70 Prozent
arbeitsfähig gewesen ist.
Bleibt die Frage zu beantworten, seit wann die Ehefrau des Beschwerdeführers in
diesem Ausmass arbeitsunfähig gewesen ist. Die psychiatrische Sachverständige Dr.
K._ hat in ihrem Teilgutachten darauf hingewiesen, dass die chronische
Schmerzstörung retrospektiv bereits seit dem Jahr 2008 im aktuellen Ausmass
ausgeprägt sei, nachdem sich ab dem Jahr 2003 zunächst nur in der
Lendenwirbelsäule Schmerzen eingestellt hätten, die sich im Verlauf aber auf den
ganzen Körper ausgeweitet hätten. Die Symptomatik sei im Untersuchungszeitpunkt
(November 2018) bereits seit mehreren Jahren unverändert ausgeprägt gewesen. Der
verbitterte und dysphorische Affekt sei unter anderem die Folge von gravierenden
Eheproblemen im Jahr 2005 gewesen. Die Ehefrau des Beschwerdeführers habe die
täglichen Aktivitäten und Aufgaben in der Folge zunehmend eingeschränkt. Sie habe
eine resignativ-aggressiv-abwehrende Grundhaltung entwickelt, die die Behandlung
erschwert habe. Diese Ausführungen belegen mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit, dass der von Dr. K._ im November 2018
festgestellte Gesundheitszustand bereits seit Jahren unverändert bestanden hatte, was
bedeutet, dass überwiegend wahrscheinlich keine relevante Veränderung des
Gesundheitszustandes der Ehefrau des Beschwerdeführers seit der letzten Prüfung im
Januar/Februar 2014 eingetreten ist, die eine Revision der Ergänzungsleistung im Sinne
des Art. 17 Abs. 2 ATSG rechtfertigen könnte. Im Ergebnis erweist sich der
angefochtene Einspracheentscheid deshalb hinsichtlich der Abweisung des EL-
Revisionsbegehrens als rechtmässig.
2.3.
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des Kantons St. Gallen ist dies nicht der Fall, wenn sich ein Verfahren ausschliesslich
um die Frage dreht, ob ein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen sei (vgl.
den Entscheid EL 2016/17 vom 31. Januar 2017, E. 2.3, mit zahlreichen Hinweisen).
Diese Frage kann nämlich praktisch immer ohne eine anwaltliche Hilfe beantwortet
werden, da sie nur davon abhängt, ob eine in die Anspruchsberechnung einbezogene
Person arbeitsunfähig ist, ob allfällige Betreuungspflichten der Aufnahme einer
Erwerbstätigkeit entgegenstehen oder ob die Person unverschuldet arbeitslos ist.
Daran ändert auch der Umstand nichts, dass die Beschwerdegegnerin gerichtlich
verpflichtet worden war, zur Beantwortung dieser Frage ein medizinisches Gutachten
einzuholen, denn eine medizinische Begutachtung kann in einem EL-Verfahren
offenkundig keinen dringenderen Vertretungsbedarf als in einem IV-Verfahren
entstehen lassen. In IV-Verfahren rechtfertigt die Durchführung einer medizinischen
Begutachtung in aller Regel keine Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung (vgl. statt vieler den Entscheid IV 2018/379, IV 2019/21 des St.
Galler Versicherungsgerichtes vom 29. Januar 2021, E. 5, mit zahlreichen Hinweisen).
Die Abweisung des Begehrens um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Einspracheverfahren erweist sich damit als rechtmässig.
4.
Zusammenfassend ist die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen. Gerichtskosten sind
nach der gemäss dem Art. 83 ATSG massgebenden, bis zum 31. Dezember 2020
gültigen Fassung des Art. 61 lit. a ATSG nicht zu erheben. Der unterliegende
Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Zufolge der
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Beschwerdeverfahren
hat der Staat dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine Entschädigung
auszurichten, die 80 Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31
Abs. 3 AnwG). Der gesamte erforderliche Vertretungsaufwand im Beschwerdeverfahren
ist angesichts der Beschränkung des Verfahrens auf zwei isolierte Rechtsfragen
(Arbeitsfähigkeit der Ehefrau, Notwendigkeit einer anwaltlichen Verbeiständung im
Einspracheverfahren) als deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren, weshalb die
Gesamtentschädigung auf 80 Prozent von 2’000 Franken festzusetzen ist. Der Staat
hat den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers folglich mit 1’600 Franken zu
entschädigen. Davon entfallen drei Viertel auf den Haupt- und ein Viertel auf den
Nebenpunkt. Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der
Beschwerdeführer zur Rückerstattung dieser Entschädigung verpflichtet werden
können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).
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