Decision ID: 52e51e7d-095c-4926-9652-5513ac0bba75
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ersuchte am 19. April 2022 zusammen mit ihren
Kindern in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der
europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass sie am
14. September 2018 und am 9. August 2021 in Frankreich um Asyl ersucht
hatte.
B.
Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin am 5. Mai 2022 das rechtliche
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit
der Überstellung nach Frankreich, dessen Zuständigkeit für die Behand-
lung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Die Beschwerdefüh-
rerin führte aus, aufgefordert worden zu sein, Frankreich zu verlassen. In
ihrer Unterkunft in Frankreich sei es feucht gewesen, weshalb ihre Kinder
immer wieder krank geworden seien und gehustet hätten. Auch habe es
Mäuse gehabt. In Frankreich habe sie keine Arbeit und ohne Papiere könne
sie keine Sozialhilfe erhalten. Für ihre Kinder wünsche sie sich eine gute
Ausbildung. Zum medizinischen Sachverhalt befragt, gab sie an, eine
grosse Brust und deswegen Rückenschmerzen zu haben. Ihre Tochter
B._ leide an einer (...), sei aber bisher nicht in Behandlung gewe-
sen.
C.
Die französischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 5. Mai
2022 um Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst.
d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren
zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem
Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten
Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-
VO) am 19. Mai 2022 gut.
D.
Mit Verfügung vom 20. Juni 2022 (eröffnet am selben Tag) trat das SEM
auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder nicht ein,
ordnete ihre Überstellung nach Frankreich an und forderte sie auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig verfügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte
fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine auf-
schiebende Wirkung zu.
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E.
Am 24. Juni 2022 (Poststempel) gelangte die Beschwerdeführerin an das
Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben, auf ihr Asylgesuch sei einzutreten und ein Asylverfahren
in der Schweiz durchzuführen (gemeint: die Vorinstanz sei anzuweisen, auf
ihr Asylgesuch einzutreten). Der Beschwerde sei die aufschiebende Wir-
kung zu erteilen und auf Vollzugshandlungen sei zu verzichten, bis das
Bundesverwaltungsgericht über dieses Begehren entschieden habe. Des
Weiteren ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Am 27. Juni 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 31 ff.
VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs.
1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offen-
sichtlich erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Nachdem die französischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-
III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zu-
gestimmt haben, ist die Zuständigkeit Frankreichs grundsätzlich gegeben.
3.3. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
4.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1
erster Satz Dublin-III-VO auszuüben ist.
4.1. Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, nicht in den Senegal
zurückkehren zu können, ist darauf nicht einzugehen, da eine allfällige
Wegweisung in den Senegal nicht Gegenstand des vorliegenden Verfah-
rens bildet.
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4.2. Die Beschwerdeführerin führt an, sie könne mit ihren Kindern nicht
nach Frankreich zurückkehren. Dort hätten sie unter unzumutbaren Ver-
hältnissen leben müssen. Ihre Wohnsituation, die medizinische Betreuung
und Unterstützung in Frankreich seien für sie unzureichend.
4.2.1. Die Beschwerdeführerin vermag in Bezug auf die Zustände in Frank-
reich nicht darzutun, dass die sie und ihre Töchter bei einer Rückführung
zu erwartenden Bedingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer Ver-
letzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta beziehungsweise Art. 3
EMRK führen könnten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschrän-
kung der ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen könnten sie sich im
Übrigen nötigenfalls an die französischen Behörden wenden und ihre
Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 der Richtlinie des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur
Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationa-
len Schutz beantragen [Aufnahmerichtlinie]).
4.2.2. Des Weiteren liegen keine konkreten Anhaltspunkte vor, wonach die
Gesundheit der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder bei einer Überstel-
lung nach Frankreich ernsthaft gefährdet würde. Die vor der Vorinstanz
geltend gemachten Rückenschmerzen der Beschwerdeführerin stellen
keine gravierende Erkrankung dar und können in Frankreich behandelt
werden. In Bezug auf die Tochter der Beschwerdeführerin gilt es festzuhal-
ten, dass die im erstinstanzlichen Verfahren geltend gemachte, aber nicht
dokumentierte (...) nicht akut zu sein scheint, da diese bisher nicht behan-
delt worden ist. Sollte die Beschwerdeführerin oder sollten ihre Kinder nach
der Rückkehr nach Frankreich eine medizinische Behandlung benötigen,
ist darauf hinzuweisen, dass die Mitgliedstaaten verpflichtet sind, den An-
tragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die
Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankhei-
ten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen
(Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie). Antragstellenden Personen mit beson-
deren Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe,
einschliesslich psychologischer Betreuung, zu gewähren (Art. 19 Abs. 2
Aufnahmerichtlinie).
4.3. Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin-III-
VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die
Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf die Asylgesuche einzutreten, noch
liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen wür-
den.
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5.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder nicht
eingetreten und hat die Wegweisung nach Frankreich angeordnet.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 27. Juni 2022 angeordnete Vollzugsstopp dahin. Das
Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos ge-
worden.
7.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65
Abs. 1 VwVG) ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorste-
henden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Ver-
fahrenskosten sind der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
8.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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