Decision ID: 5d67c0e0-6f6f-46d1-8bed-69ed7367e5b7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 6. November 2016 in der Schweiz um
Asyl nach. Am 14. November 2016 fand die Befragung zur Person (BzP)
statt. Sodann folgte am 28. November 2016 die vertiefte Anhörung zu den
Asylgründen durch das SEM.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs gab die Beschwerdeführerin an, sie sei
in B._, Türkei, geboren und gehöre der kurdischen Ethnie an. Als
sie (...) Jahre alt gewesen sei, sei ihre Mutter verstorben. Sie sei mit (...)
Geschwistern aufgewachsen. Ab dem (...) Lebensjahr sei sie in C._
und teilweise in D._ (beide Provinz Sirnak, Türkei) wohnhaft gewe-
sen. Sie habe (...) Jahre lang die Schule besucht. Im Alter von (...) Jahren
(2012 oder 2013) sei sie mit (...) Geschwistern nach E._ gereist,
wo sie gearbeitet hätten. Zudem habe sie in C._ gearbeitet und ihre
Geschwister seien später in F._ tätig gewesen. Rund ein Jahr vor
ihrer Ausreise sei sie aufgrund der Lage in C._ arbeitslos gewor-
den. Es sei zu Kämpfen gekommen und es habe eine Ausgangssperre ge-
herrscht (2015/2016). Sie und ihre Geschwister hätten die Stadt verlassen
und sich in ein nahegelegenes Dorf begeben. Das Haus in der Stadt, in
dem sie zur Miete gewohnt hätten, sei zerstört worden. Daraufhin seien sie
zu einem Onkel gezogen, der für sie gesorgt habe. Das schlimmste Ereig-
nis, welches sie erlebt habe, sei gewesen, als einem Mann in ihrer Nähe in
den Kopf geschossen worden sei respektive sie habe Personen im Kran-
kenhaus besucht, welche schlimme Sachen erlebt hätten, und an Beerdi-
gungsfeiern teilgenommen. Ihr selbst sei nichts zugestossen. Aufgrund der
unsicheren Lage habe sie, im Gegensatz zu ihren Geschwistern, nicht
mehr dort leben wollen. Sie habe weder in Ruhe schlafen noch arbeiten
können und nicht noch mehr tote Menschen sehen wollen. Sie habe ein
Visum für die Schweiz beantragt, welches abgelehnt worden sei. Daher
habe sie die Türkei (...) 2016 verlassen und sei über mehrere Länder illegal
in die Schweiz gereist. Persönlich habe sie weder mit dem Staat (Polizei,
Sicherheitsdienst etc.) noch mit Privatpersonen je Probleme gehabt. Sie
sei nicht politisch aktiv oder Mitglied einer politischen Gruppierung gewe-
sen. Falls sie in die Türkei zurückkehren müsste, würde sie wieder nach
C._ gehen.
Die Beschwerdeführerin gab ihre Identitätskarte zu den Akten.
E-1715/2020
Seite 3
B.
B.a Der Vater der Beschwerdeführerin (N [...]) suchte am (...) 2009 in der
Schweiz um Asyl nach und wurde hier wegen Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs vorläufig aufgenommen. Er lebte mit seiner (...) Ehefrau
und (...) Kindern (Halbgeschwister der Beschwerdeführerin) in der
Schweiz und ist (...) 2021 verstorben.
B.b Die Schwester Z. (N [...]) und der Bruder A. (N [...]) der Beschwerde-
führerin reisten am (...) 2017 in die Schweiz ein und suchten ebenfalls um
Asyl nach. Ihre Asylgesuche wurden von der Vorinstanz abgelehnt. Im Falle
der Schwester ist beim Bundesverwaltungsgericht ein Beschwerdeverfah-
ren hängig (E-4698/2020). Die vom Bruder erhobene Beschwerde wurde
seitens des Gerichts mit Urteil D-2892/2020 vom 10. August 2020 abge-
wiesen. Am 13. März 2021 hat der Bruder bei der Vorinstanz ein ausseror-
dentliches Verfahren angestrengt, welches mittlerweile ebenfalls am Bun-
desverwaltungsgericht hängig ist (E-1415/2022). Insbesondere aufgrund
der familiären Verbindung werden die drei beim Gericht hängigen Verfah-
ren zeitlich koordiniert und vom gleichen Spruchkörper behandelt.
C.
Mit Eingabe vom 4. September 2019 erkundigte sich die Beschwerdefüh-
rerin beim SEM nach dem Verfahrensstand und teilte mit, sie habe am (...)
2019 eine Lehrstelle antreten können, die sie im Juli 2021 abzuschliessen
gedenke.
D.
Mit Verfügung vom 26. Februar 2020 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab
und ordnete ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der
Wegweisung an.
Zur Begründung führte die Vorinstanz insbesondere aus, die Vorbringen
der Beschwerdeführerin seien nicht asylrelevant. Ferner sei der Wegwei-
sungsvollzug zumutbar, da sich die Beschwerdeführerin in einer anderen
Region ausserhalb von Sirnak niederlassen könne. Aufgrund ihrer türki-
schen Nationalität könne sie im ganzen Land Wohnsitz nehmen. Sie sei
alleinstehend, kinderlos und gesund. Sie beherrsche die türkische Spra-
che, verfüge über ein familiäres Netzwerk und habe Berufserfahrung in den
Bereichen (...). Dies würde ihr eine Wiedereingliederung erleichtern. Aus-
serdem sei eine Schwester in G._, Türkei, wohnhaft und die Be-
E-1715/2020
Seite 4
schwerdeführerin habe bereits aus beruflichen Gründen in E._ ge-
lebt. Ein Bruder und eine Schwester hätten sich zudem schon in F._
aufgehalten, um im (...) zu arbeiten. Die in der Schweiz wohnhaften Ge-
schwister könnten die Beschwerdeführerin ferner moralisch und finanziell
unterstützen.
E.
E.a Mit Eingabe vom 25. März 2020 erhob die Beschwerdeführerin durch
ihre Rechtsvertretung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und
beantragte, es seien die Ziffern 4 und 5 (des Dispositivs) der angefochte-
nen Verfügung des SEM aufzuheben, es sei die Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzuges festzustellen und das SEM anzuweisen, sie vorläufig
aufzunehmen. Eventualiter sei die Sache zur neuen Beurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Ferner sei ihr die unentgeltliche Prozessführung
zu gewähren, von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen und
die unterzeichnende Juristin als amtliche Rechtsbeiständin beizuordnen.
Der Beschwerde wurden ein Themenpapier zur Türkei der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 26. November 2015, ein Lehrvertrag vom
(...) 2019, eine Unterstützungsbestätigung vom 2. März 2020 sowie eine
Honorarnote der Rechtsvertretung vom 25. März 2020 beigelegt.
E.b Zur Begründung der Beschwerde (resp. der Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs) brachte die Beschwerdeführerin vor, von der Vorinstanz
sei ihre Herkunft aus der Provinz Sirnak nicht bestritten oder in Frage ge-
stellt worden. Der Vollzug der Wegweisung in diese Provinz werde als ge-
nerell unzumutbar qualifiziert. Es sei daher die Existenz einer zumutbaren
innerstaatlichen Aufenthaltsalternative zu prüfen. Massgeblich seien die Si-
cherung des wirtschaftlichen Existenzminimums sowie ein Bezug zum
möglichen Zufluchtsort (gemäss EMARK [Entscheide und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission] 1996 Nr. 2 E. 6 b). Entgegen der
Ansicht der Vorinstanz bestehe in ihrem Fall keine zumutbare Wohnsitzal-
ternative ausserhalb der Provinz Sirnak.
Einleitend sei festzuhalten, dass die letzte Anhörung am 28. November
2016 durchgeführt worden sei. Seither habe die Vorinstanz soweit ersicht-
lich keine weiteren Abklärungen vorgenommen. Fraglich sei daher, ob von
einer sorgfältigen Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhaltes gespro-
chen werden könne und ob die Vorinstanz der Untersuchungspflicht rechts-
genüglich nachgekommen sei.
E-1715/2020
Seite 5
Sodann sei darauf hinzuweisen, dass sich der türkische Arbeitsmarkt durch
eine eher niedrige Beschäftigungsrate auszeichne. Schlecht qualifizierte
und bezahlte Arbeitnehmende (vor allem Frauen) stünden unter Druck (mit
Verweis auf den Bericht der SFH S. 6 ff.). Sie habe in der Türkei (...) Jahre
lang die Schule besucht und in E._ während (...) Jahre und in
C._ während (...) Jahres gearbeitet. Sie beherrsche die türkische
Sprache, verfüge aber klarerweise über einen geringen Ausbildungsstand
und habe keine Berufsausbildung. Sie habe unqualifizierte Hilfsarbeiten als
Minderjährige verrichtet. Der jeweils ausbezahlte Lohn sei unzureichend
gewesen (vgl. SEM-Akte A7 F78–80). In der Schweiz habe sie im (...) 2019
eine Lehre zur (...) begonnen, diese Ausbildung bis anhin aber nicht ab-
schliessen können. Damit könne diese Berufserfahrung nicht als fundiert
bezeichnet werden und ihr bei einer Rückkehr nicht weiterhelfen. Weiter
halte sie sich schon über drei Jahre in der Schweiz auf und habe ihr Hei-
matland in jungen Jahren verlassen. Dies habe zu einer Lücke in ihrem
sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsprozess in der Türkei geführt.
Es sei zu erwarten, dass sie bei einer Rückkehr in die Türkei keine Arbeits-
stelle finden beziehungsweise kein Einkommen erzielen werde, um den
Lebensunterhalt selbstständig bestreiten zu können. Auch auf staatliche
Sozialhilfe dürfe sie nicht hoffen. Weiter spreche der Umstand, dass sie
alleinstehend und kinderlos sei, im Türkei-Kontext als erschwerender Fak-
tor gegen die Wegweisung. Das gesamte familiäre Beziehungsnetz lebe in
der Schweiz oder in der Provinz Sirnak. Nur eine Schwester sei in
G._ wohnhaft. Die angefochtene Verfügung lasse nur den Schluss
zu, dass sie ausserhalb von Sirnak und somit ohne Familie oder bei der
Schwester in G._ leben müsse. Es sei jedoch nicht berücksichtigt
worden, dass sie als kurdische alleinstehende Frau einen schweren Stand
habe. Menschen kurdischer Ethnie würden häufig Opfer von Diskriminie-
rungen und es sei nicht üblich, dass eine alleinstehende Frau selbstständig
den Lebensunterhalt verdiene und alleine lebe. Dass sie überhaupt eine
adäquate bezahlbare Unterkunft finden würde, sei zu bezweifeln. Es gebe
keine Anlaufstellen oder Unterstützungsmöglichkeiten für Rückkehrende.
Zudem würde ihre Familie in der Türkei nie tolerieren, dass sie alleine ohne
Ehemann oder männlichen Verwandten in einem Haushalt wohne. Auf die
Unterstützung ihrer Schwester in G._ könne sie nicht zählen, da
deren Ehemann in Haft sei und diese von der Schwiegerfamilie unterstützt
werde (SEM-Akte A4, S. 5). Daher sei sie faktisch gezwungen, sich wieder
in ihrem Heimatort in der Provinz Sirnak anzusiedeln. Weiter sei ihr Bezug
zu E._ quasi inexistent. Es habe sich bei der dortigen Anstellung
um eine saisonale Arbeitsstelle gehandelt. Zwischen den Jahren (...) habe
sie sich pro Jahr maximal (...) Monate am Stück in E._ aufgehalten
E-1715/2020
Seite 6
und sei anschliessend in C._ wohnhaft gewesen. Sie sei damals
(...) gewesen und sei ihren älteren Geschwistern gefolgt. Ihr Bruder A.
habe die Arbeitsstellen organisiert (SEM-Akte A7 F132). Sie hätten dort in
Wohnungen, welche vom Arbeitgeber organisiert worden seien, oder in ei-
nem Bereich der Fabrik gewohnt. Sie hätten in E._ über kein Be-
ziehungsnetz verfügt, welches ihnen hätte unter die Arme greifen können.
Beziehungen aus früheren Aufenthalten eines Betroffenen im Westen der
Türkei würden erst ab einer gewissen minimalen Dauer ernsthaft ins Ge-
wicht fallen (gem. EMARK 1996 Nr. 2 E. 6 b). Sie sei (...) Jahre in
E._ tätig gewesen und habe sich dort nicht vernetzen können. Ei-
nen Bezug zum Zufluchtsort E._ sei somit kaum vorhanden, zumal
mittlerweile auch mehrere Jahre seit ihrem dortigen Aufenthalt vergangen
seien.
Zum familiären Beziehungsnetz sei festzuhalten, dass ihr in der Schweiz
lebender Vater sie bei einer allfälligen Rückkehr nicht unterstützen könne,
da er pflegebedürftig sei. Die Geschwister A. und Z. würden sich im laufen-
den Asylverfahren in der Schweiz befinden und hätten keine Gewissheit
über ihren weiteren Verbleib. Inwiefern sie von diesen zwei Geschwistern
finanzielle und moralische Unterstützung beziehungsweise Beistand erhal-
ten könne, sei nicht ersichtlich. Ein weiterer Bruder M. sei nach wie vor in
der Türkei inhaftiert und scheide somit als Unterstützer ebenfalls aus. Der
Bruder Ab., die Schwestern S. und F. lebten mit ihren Familien in Sirnak
und hätten ein geringes Einkommen. Dass die Schwester H. als Unterstüt-
zung ausscheide, sei bereits thematisiert worden. Sodann habe sie ledig-
lich noch einen Onkel in Sirnak. Insgesamt werde sie daher bei einer Rück-
kehr in die Türkei kein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz vorfinden.
Inwiefern sie aus dem Umstand, dass sich ihre Geschwister für saisonale
Arbeitsstellen in F._ aufgehalten hätten, etwas für sich ableiten
könne, sei nicht nachvollziehbar. Dieses Argument der Vorinstanz ziele ins
Leere.
Abschliessend sei darauf hinzuweisen, dass sie als (...) Frau in die
Schweiz eingereist sei. Zwar sei sie nicht mehr minderjährig gewesen. Es
sei aber zu berücksichtigen, dass sie nun mehrere Jahre in einem anderen
kulturellen Umfeld verbracht habe. Sie habe sich gut integriert und spreche
fliessend Deutsch. Die prägenden Jugendjahre und der Start in ein selbst-
bestimmtes junges Erwachsenenleben habe sie in der Schweiz erlebt. Eine
Rückkehr in die Türkei würde bedeuten, sich der dortigen Lebensweise an-
E-1715/2020
Seite 7
zupassen. Sie müsste nach Sirnak zurückkehren, um bei einem männli-
chen Familienmitglied zu wohnen. In der Schweiz befinde sich demgegen-
über ein beträchtlicher Teil ihrer Kernfamilie, welcher sie unterstütze. Bei
einem Vollzug bestehe die Gefahr einer Entwurzelung aus dem Umfeld in
der Schweiz und die Problematik der Integration in die ihr weitgehend
fremd gewordene Kultur und Umgebung im Heimatland. Ein Wegweisungs-
vollzug sei daher als unzumutbar zu erachten.
F.
Mit Schreiben vom 27. März 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 1. April 2020 hiess die Instruktionsrichterin die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechts-
verbeiständung gut und verzichtete auf die Einforderung eines Kostenvor-
schusses. MLaw Rebekka Hafner wurde als amtliche Rechtsbeiständin
beigeordnet. Ferner wurde die Vorinstanz ersucht, eine Vernehmlassung
einzureichen.
H.
Mit Vernehmlassung vom 1. Mai 2020 führte die Vorinstanz aus, die nega-
tive Prognose über die (wirtschaftlichen) Verhältnisse der Beschwerdefüh-
rerin im Falle einer Rückkehr in die Türkei könne nicht geteilt werden. Das
zitierte Themenpapier sei allgemeiner Natur. Dass die junge kurdische Be-
schwerdeführerin, entgegen der Darstellung in der Beschwerdeschrift,
nicht ohne Kompetenz und Anpassungsfähigkeit sei, zeigten ihre unter-
nommenen Anstrengungen, um sich hier ein Leben aufzubauen. Nicht ent-
scheidend sei weiter, dass es in der Türkei Lohnunterschiede gebe oder
der Lebensstandard dort niedriger sei als in der Schweiz. Die Akten zeig-
ten, dass die Beschwerdeführerin familiäre Beziehungen und Berufserfah-
rung habe und bereits alleine in einer anderen Region der Türkei gearbeitet
und gelebt habe. Sie sei gesund, jung und kinderlos. Nicht verständlich sei
sodann, weshalb sie nicht bei ihrer Schwester in G._ leben könne,
zumal dies auch eine Gelegenheit wäre, der Schwester, deren Mann im
Gefängnis sei, zu helfen. Weiter sei die Unterstützungsbereitschaft der Fa-
miliengemeinschaft nicht zu unterschätzen. Die Frage des Integrationsgra-
des in der Schweiz sei sodann nicht im vorliegenden Verfahren zu behan-
deln. Die entsprechenden Ausführungen in der Beschwerde seien daher
nicht von Relevanz. Schliesslich werde empfohlen, die Verfahren der
E-1715/2020
Seite 8
Schwester und des Bruders der Beschwerdeführerin gegebenenfalls mit
dem vorliegenden Beschwerdeverfahren zu koordinieren.
I.
Mit Verfügung vom 5. Mai 2020 erhielt die Beschwerdeführerin Gelegen-
heit, innert Frist eine Replik und entsprechende Beweismittel einzureichen.
J.
Mit der Replik vom 26. Mai 2020 gab die Beschwerdeführerin an, sie habe
aufgezeigt, dass sie bei einer allfälligen Rückkehr in die Türkei keine Exis-
tenzgrundlage habe. Der Verweis der Vorinstanz, wonach der niedrige Le-
bensstandard nicht massgebend sei, ziele an der Thematik vorbei. Wie
ausgeführt, habe sie lediglich als ungelernte Hilfskraft gearbeitet und als
alleinstehende Frau ohne Beziehungsnetz keine Chancen auf eine exis-
tenzsichernde Anstellung. Das Themenpapier bekräftige ihre Aussagen.
Bei der Prüfung der zumutbaren innerstaatlichen Fluchtalternative sei das
Kriterium «der Sicherung des wirtschaftlichen Existenzminimums» ein
zentrales Element, welches bei ihr nicht erfüllt sei. Weiter gehe aus den
Akten hervor, dass sich nur eine Schwester nicht in der Provinz Sirnak be-
finde. Sie habe zudem nicht allein an anderen Orten in der Türkei gelebt,
sondern gemeinsam mit einem Teil ihrer Geschwister.
Die Rechtsvertreterin reichte eine aktualisierte Honorarnote vom 26. Mai
2020 zu den Akten.
K.
Mit Schreiben vom 14. Juli 2020 ersuchte die (damalige) Rechtsvertreterin
um Entlassung aus dem Mandat. Ein allfälliges ihr zustehendes Honorar
sei ihrer bisherigen Arbeitgeberin auszurichten. Weiter sei – falls die Sache
noch nicht spruchreif sei – ihre Kollegin MLaw Michèle Künzi als neue amt-
liche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführerin einzusetzen. Die Be-
schwerdeführerin habe dem Vertretungswechsel zugestimmt (unter Bei-
lage einer Vollmacht vom 6. Juli 2020).
L.
Mit Schreiben vom 25. Mai 2021 teilte die Rechtsvertretung mit, die Be-
schwerdeführerin sei aufgrund ihres schlechten psychischen Gesundheits-
zustandes aktuell in psychiatrischer Behandlung. Ein Arztbericht werde in
den nächsten Tagen nachgereicht.
M.
Mit Eingabe vom 15. Juni 2021 liess die Rechtsvertretung dem Gericht den
E-1715/2020
Seite 9
in Aussicht gestellten Arztbericht vom 17. Mai 2021 zukommen und führte
aus, bei der Beschwerdeführerin sei eine (...) sowie eine (...) diagnostiziert
worden. Anhand der Angaben im Arztbericht würden Hinweise darauf be-
stehen, dass die Beschwerdeführerin und deren Geschwister in der Türkei
politisch verfolgt worden seien und dabei auch (sexuelle) Gewalt hätten
erleiden müssen. Aufgrund der damit einhergehenden Traumatisierung
habe die Beschwerdeführerin bisher kaum über diese Ereignisse sprechen
können. Offene Fragen würden in einem weiteren Klientengespräch ge-
klärt. Eine ergänzende Stellungnahme werde nachgereicht.
N.
Mit Instruktionsverfügung vom 26. Juli 2021 wurde der Beschwerdeführerin
beziehungsweise der Rechtsvertretung Gelegenheit eingeräumt, innert
Frist die in Aussicht gestellte ergänzende Stellungnahme einzureichen.
O.
Mit als "Neue Sachverhaltselemente" betitelter Eingabe vom 28. Juli 2021
teilte die Rechtsvertretung mit, die Beschwerdeführerin habe mit ihr über
die erlebte Verfolgung (regelmässige Hausdurchsuchungen durch türki-
sche Streitkräfte wegen früherer politischer Aktivitäten des Vaters/Onkels)
gesprochen und bestätigt, dass sie dabei Opfer sexueller Gewalt geworden
sei. Weitergehenden Angaben habe sie wegen der Traumatisierung bis-
lang nicht machen können. Nach entsprechenden Ausführungen wurde
vorgebracht, es sei angezeigt, den Fall an die Vorinstanz zurückzuweisen,
um das Gefährdungsprofil der Beschwerdeführerin – insbesondere im Hin-
blick auf den Verdacht einer Reflexverfolgung – sachgemäss beurteilen zu
können. Ferner wurde erstmals erwähnt, die Beschwerdeführerin habe (in
der Heimat und in der Schweiz) an pro-kurdischen Demonstrationen teil-
genommen. Weiter weise ihr Verfahren mit demjenigen ihrer Schwester Z.
insbesondere aufgrund der familiären (Verfolgungs-)Situation einen inhalt-
lichen Konnex auf. Dementsprechend werde beantragt, die Akten der
Schwester Z. (N [...]) bei der Entscheidfindung beizuziehen. Ferner sei die
Sache zwecks vollständiger Sachverhaltsabklärung und neuer Beurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen (in Präzisierung des 3. Rechtsbegehren
der Beschwerdeschrift vom 25. März 2020).
P.
Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2021 wurde die bisherige Rechts-
vertretung von ihrem amtlichen Mandat entbunden und die neu vorgeschla-
gene Rechtsvertretung MLaw Michèle Künzi als amtliche Rechtsbeiständin
E-1715/2020
Seite 10
der Beschwerdeführerin beigeordnet. Ferner wurde die Vorinstanz um Ein-
reichung einer weiteren einer Stellungnahme ersucht.
Q.
Mit Stellungnahme vom 25. August 2021 gab die Vorinstanz im Wesentli-
chen an, in diesem Verfahrensstadium seien gänzlich neue, ungenau dar-
gelegte und nicht belegte Asylvorbringen vorgebracht worden, die nicht als
glaubhaft erachtet werden könnten. Ferner sei fraglich, weshalb die Be-
schwerdeführerin erst im Dezember 2020 mit einer psychiatrischen Be-
handlung, die sie aufgrund von Erlebnissen benötige, die sich angeblich
vor ihrer Ausreise im (...) 2016 zugetragen hätten, begonnen habe. Weiter
sei ein Wegweisungsvollzug auch unter Berücksichtigung der (nicht le-
bensbedrohlichen) gesundheitlichen Erkrankung der Beschwerdeführerin
als zumutbar zu erachten. Eine therapeutische und medikamentöse Be-
handlung könne auch in der Türkei erfolgen. Ferner könne sie ihr Thera-
peut angemessen auf eine Rückkehr vorbereiten und es bestehe die Mög-
lichkeit der (medizinischen) Rückkehrhilfe. Schliesslich sei im Hinblick auf
das soziale Netzwerk in der Türkei zu beachten, dass die Rückkehr der
Beschwerdeführerin gegebenenfalls mit derjenigen der Geschwister A. und
Z. koordiniert werden könne.
R.
Die Stellungnahme wurde der Rechtsvertretung mit Zwischenverfügung
vom 31. August 2021 übermittelt.
S.
Die Rechtsvertretung führte in einer weiteren Eingabe vom 30. September
2021 insbesondere aus, die Glaubhaftigkeit der neuen Vorbringen der Be-
schwerdeführerin könne nicht abschliessend beurteilt werden, ohne diese
dazu angehört zu haben. Es sei nachvollziehbar dargelegt worden, wes-
halb sich die Beschwerdeführerin an ihrer Anhörung hinsichtlich ihrer
Fluchtgründe auf die Sicherheitslage in der Heimatregion beschränkt und
damals nicht über die verdrängten Ereignisse gesprochen habe. Auch nach
mehrmonatiger Therapie könne sie noch nicht ausführlich darüber berich-
ten. Wie bereits erwähnt, bestehe bei ihr zudem der Verdacht einer Re-
flexverfolgung, da sie aus einer der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê) na-
hestehenden Familie stamme (mit weiteren Ausführungen hierzu). Der
rechtserhebliche Sachverhalt müsse in Bezug auf die neu vorgebrachte
Verfolgungssituation vollständig festgestellt werden. Ferner könnten bei ei-
ner Rückweisung der Sache an die Vorinstanz weitere Auskünfte des be-
E-1715/2020
Seite 11
handelnden Therapeuten eingeholt werden. Sodann sei zumindest die vor-
läufige Aufnahme anzuordnen, da sie keine zumutbare Wohnsitzalternative
ausserhalb von Sirnak habe und ihre wirtschaftliche Existenz ohne tragfä-
higes familiäres Beziehungsnetz nicht gesichert sei. Hinzu komme nun ihr
Gesundheitszustand. Sie benötige regelmässige Therapiegespräche. In
der Türkei gebe es keine geeigneten Therapiemöglichkeiten und es be-
stehe die Gefahr einer Retraumatisierung. Ferner sei sie auf ein tragfähi-
ges soziales Umfeld angewiesen, welches im Heimatland fehle.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel, so auch vorlie-
gend, endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die vorliegende Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den an-
geordneten Vollzug der Wegweisung beziehungsweise gegen die Feststel-
lung des SEM, dieser sei zumutbar (Dispositivziffern 4 und 5 der angefoch-
tenen Verfügung). Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet dem-
nach die Frage, ob das SEM den Vollzug der Wegweisung zu Recht ange-
ordnet hat, oder ob infolge Unzumutbarkeit desselben an Stelle des Voll-
zugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme anzuordnen ist (Art. 44
E-1715/2020
Seite 12
AsylG, Art. 83 Abs. 1 und 4 AIG [SR 142.20]). Im Übrigen ist die Verfügung
des SEM vom 26. Februar 2020 mangels Anfechtung mit Ablauf der
Rechtsmittelfrist in Rechtskraft erwachsen.
2.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl.
BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin erhebt formelle Rügen, welche vorab zu beur-
teilen sind. Sie stellt in der Beschwerdeschrift das Eventualbegehren, es
sei die Sache zur neuen Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Sie bringt diesbezüglich vor, ihre letzte Anhörung habe im November 2016
stattgefunden. Es sei daher fraglich, ob von einer sorgfältigen Ermittlung
des rechtserheblichen Sachverhaltes gesprochen werden könne und ob
die Vorinstanz ihrer Untersuchungspflicht rechtsgenüglich nachgekommen
sei. Mit der Eingabe vom 28. Juli 2021 ergänzt sie das Eventualbegehren
mit dem Antrag, es sei die Sache zwecks vollständiger Sachverhaltsabklä-
rung und neuer Beurteilung (der neu vorgebrachten Verfolgungssituation)
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Auch wies sie darauf hin, es sei auf-
grund ihrer neuen Vorbringen eine weitere Anhörung durchzuführen.
3.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Die Behörde ist nicht ver-
pflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen
anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind nur dann vorzunehmen, wenn
sie aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. BVGE 2009/50
E. 10.2.1). Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergibt sich das Recht
der Parteien auf vorgängige Äusserung und Anhörung, welches den Be-
troffenen Einfluss auf die Ermittlung des wesentlichen Sachverhalts sichert,
sowie die Pflicht der Behörde, die Vorbringen der Parteien sorgfältig und
ernsthaft zu prüfen sowie in der Entscheidfindung zu berücksichtigen. Un-
erlässliches Gegenstück dazu bildet die Pflicht der Parteien, an der Fest-
stellung des Sachverhalts mitzuwirken (Art. 8 AsylG, Art. 13 VwVG). Der
Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der
Asylsuchenden. Dazu gehört unter anderem, an der Feststellung des
Sachverhaltes mitzuwirken und in der Anhörung die Asylgründe darzule-
gen, allfällige Beweismittel vollständig zu bezeichnen und unverzüglich ein-
zureichen (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4).
E-1715/2020
Seite 13
3.3 Die Beschwerdeführerin zeigt zutreffend auf, dass zwischen der letzten
Anhörung und dem Asylentscheid über drei Jahre vergangen sind. Inwie-
fern dies aber zu einer unzureichenden Sachverhaltsfeststellung durch die
Vorinstanz geführt haben könnte, legt sie in der Beschwerde vom 25. März
2020 ebenso wenig substantiiert dar wie welche weiteren Abklärungen die
Vorinstanz hätte vornehmen sollen. Auch nannte sie der Vorinstanz wäh-
rend der Zeit zwischen Anhörung und Entscheid keine relevanten Sachver-
haltsveränderungen, die im vorinstanzlichen Entscheid unbeachtet geblie-
ben wären. Eine Verletzung der Untersuchungspflicht durch die Vorinstanz
aufgrund der längeren Verfahrensdauer ist nicht festzustellen.
Erst anlässlich der Eingaben vom 15. Juni und 28. Juli 2021 ergänzt die
Beschwerdeführerin ihre Fluchtgründe und ihr Gefährdungsprofil plötzlich
mit gänzlich neuen Vorbringen (Hausdurchsuchungen wegen ihres poli-
tisch aktiven Vaters/Onkels während mehrerer Jahre und sexuelle Über-
griffe durch die türkischen Behörden in C._ sowie ihre Teilnahme
an Demonstrationen) und weist auf ihren psychischen Gesundheitszustand
hin. Einzig an der BzP hat sie auf Nachfrage hin erwähnt, lange Zeit vor
den Unruhen in C._, aufgrund derer sie ausgereist sei, hätten die
Behörden ab und zu nach ihrem Vater und Onkel gefragt (SEM-Akte A4
S. 10). Weshalb sie sich in Kenntnis ihrer Mitwirkungspflicht im Asylverfah-
ren zur Aufarbeitung der angeblich erlebten Verfolgungssituation erst im
Dezember 2020 in ärztliche Behandlung begeben hat, bleibt unklar. Auch
weshalb die Beschwerdeführerin im bisherigen Verfahren (von November
2016 bis zur Replik vom 26. Mai 2020) nicht auf diese neu geltend gemach-
ten Vorbringen hingewiesen hat (sie hat eine persönliche Verfolgung, ei-
gene Probleme mit den Behörden oder politische Aktivitäten bisher aus-
drücklich verneint und erklärt, bei einer Rückkehr in die Türkei würde sie
sich wieder in C._ niederlassen; ferner sei sie während/nach ihrer
Arbeitseinsätze in E._ regelmässig freiwillig nach C._ zu-
rückgekehrt, vgl. u.a. SEM-Akten A4 S. 9 f., A7 F113, 116 ff., Beschwerde
S. 3), vermag sie nicht überzeugend darzulegen. Sie habe mit ihren Ge-
schwistern in C._ gelebt, wo ein Teil ihrer Familie nach wie vor
wohnhaft sei, während ihr Vater (mittlerweile verstorben) und ihr Onkel,
nach denen stets gefragt worden sei, sich seit vielen Jahren im Ausland
aufhalten würden. Trotz mehrerer ausführlicher Eingaben vermag sie eine
persönliche flüchtlingsrechtlich relevante (Reflex-)Verfolgung seitens der
türkischen Behörden nicht substantiiert aufzuzeigen und ihre Schilderun-
gen widersprechen den Angaben an den Befragungen teils. Es wäre an der
Beschwerdeführerin gewesen, von Beginn des Asylverfahrens an im Rah-
E-1715/2020
Seite 14
men ihrer Möglichkeiten an der vollständigen Sachverhaltserstellung mit-
zuwirken. Aufgrund der vorliegenden Umstände müssen die neu geltend
gemachten Vorbringen – wie von der Vorinstanz zutreffend festgestellt –
als nachgeschoben eingestuft werden. Nachdem mit der Beschwerde nur
der Wegweisungsvollzug angefochten worden ist, ist das Gericht ferner
nicht befugt, die neu angeführten, die Flüchtlingseigenschaft betreffenden
Vorbringen zu behandeln. Folglich besteht weder Anlass für die Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen Sachverhaltsabklärung
und neuen Beurteilung noch für eine weitere Anhörung. Der Sachverhalt
hinsichtlich der vorliegend zu behandelnde Frage der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs kann aufgrund der Ausführungen der Beschwerde-
führerin und des aussagekräftigen Arztberichts als hinreichend erstellt gel-
ten.
3.4 Die formellen Rügen erweisen sich somit als unbegründet. Es besteht
keine Veranlassung, die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Das Eventualbegehren (inkl. Ergänzung) ist abzuweisen.
4.
4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
4.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
4.2.1 In der Türkei herrscht keine landesweite Situation allgemeiner Ge-
walt. Ausgenommen sind die Provinzen Hakkari und Sirnak. Dorthin ist der
Vollzug der Wegweisung, wie von der Beschwerdeführerin zutreffend auf-
gezeigt, als generell nicht zumutbar zu qualifizieren (vgl. BVGE 2013/2
E-1715/2020
Seite 15
E. 9.6; Referenzurteil des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018
E. 7.3.1). Die Beschwerdeführerin hatte ihren letzten Wohnsitz gemäss ei-
genen Angaben in der Provinz Sirnak. Die Vorinstanz hat daher korrekter-
weise das Vorliegen einer innerstaatlichen Aufenthaltsalternative geprüft.
Eine solche ist grundsätzlich gegeben, es sei denn, die individuelle Prüfung
der entsprechenden persönlichen Kriterien ergebe die Unzumutbarkeit ei-
ner solchen Ausweichmöglichkeit. Hierbei sind die Kriterien der Sicherung
des wirtschaftlichen Existenzminimums, des Bezugs zum möglichen Zu-
fluchtsort und der Möglichkeit der dortigen sozialen Integration zu beachten
(vgl. EMARK 1996 Nr. 2 E. 6 b; u.a. Urteil des BVGer D-1704/2020 vom
18. November 2020 E. 8.3.3 m.w.H.).
4.2.2 Gemäss Angaben der Beschwerdeführerin hat sie zuletzt mit ihrer
Familie in C._ gelebt. Sie hat sich jedoch vor ihrer Ausreise aus der
Türkei auch mehrfach in der Stadt E._ aufgehalten und dort mit ei-
nem Teil ihrer Geschwister (...) Arbeitseinsätze gehabt (während rund [...]
Jahre). Diese seien jeweils von ihrem Bruder A. organisiert worden. Mithin
kommt dieser Ort als mögliche Aufenthaltsalternative in Frage. Aufgrund
der früheren Arbeitsstellen und Arbeitgeber sowie der wiederholten Aufent-
halte in E._ über einen gewissen Zeitraum besteht ein Bezug zu
diesem Ort, auch wenn die Beschwerdeführerin geltend macht, sie habe
sich dort kaum vernetzen können. Zu berücksichtigen ist weiter, dass es
sich bei der Beschwerdeführerin um eine volljährige kinderlose Frau im ar-
beitsfähigen Alter handelt, die die türkische und deutsche Sprache be-
herrscht. Sie hat eine (...) Schulbildung und verfügt über mehrjährige Be-
rufserfahrung (sie habe in der Heimat in (...) und in einem (...) gearbeitet
[SEM-Akte A7 F5 ff.]). Ferner ist es ihr, wie von der Vorinstanz angedeutet,
gelungen, sich in der Schweiz zu einem gewissen Grad zu integrieren, eine
Berufsausbildung als (...) zu absolvieren und danach eine Anstellung in
diesem Bereich zu finden (Ausbildung von (...) 2019 bis (...) 2021, Anstel-
lung seit (...) 2021, gemäss zentralem Migrationsinformationssystem). Von
dieser Ausbildung, der mehrjährigen Arbeitserfahrung und den Sprach-
kenntnissen wird sie auch im Heimatstaat profitieren können, unabhängig
vom dortigen Arbeitsmarkt. Sie wird mithin bessergestellt sein, als vor ihrer
Ausreise. Da es ihr bereits zuvor – ohne Ausbildung/Berufskenntnisse und
als Minderjährige – gelungen ist, eine Arbeit zu finden und einen Teil ihres
Lohnes zu sparen (SEM-Akten A4 S. 3, A7 F129 f.), ist davon auszugehen,
dass sie wieder in der Lage sein wird, für ihren Lebensunterhalt und eine
Existenzgrundlage zu sorgen. Es darf daher angenommen werden, dass
es ihr auch in einem anderen Teil der Türkei (wie in E._) möglich
sein wird, sich beruflich und sozial zu integrieren, zumal sie namentlich mit
E-1715/2020
Seite 16
der Sprache, Kultur und den Gewohnheiten dieses Landes aufgewachsen
und vertraut ist. Daran vermag die Landesabwesenheit und ihr Alter, ent-
gegen der Ansicht der Beschwerdeführerin, nichts zu ändern. Mehrere Fa-
milienangehörige (Geschwister, ein Onkel) leben zudem in der Türkei be-
ziehungsweise in der Schweiz (Stiefmutter und Halbgeschwister). Diese
können die Beschwerdeführerin im Bedarfsfall bei der Reintegration unter-
stützen. Hinzu kommt, dass sie mit ihrer Schwester Z. und ihrem Bruder
A., mit denen sie bereits in E._ gearbeitet habe und die auch in
anderen Städten in der Heimat tätig gewesen seien, in ihr Heimatland zu-
rückkehren kann und mit ihnen über ein tragfähiges familiäres Beziehungs-
netz verfügt. Sie wird nicht auf sich alleine gestellt sein und kann sich –
entgegen ihrer Befürchtung – mit einem Teil ihrer Kernfamilie (namentlich
einem männlichen Verwandten) ausserhalb der Provinz Sirnak (in
E._, bei der in G._ lebenden Schwester oder in einem an-
deren Teil der Türkei) niederlassen. Mithin ist vom Vorliegen einer inner-
staatlichen Aufenthaltsalternative auszugehen (vgl. hierzu u.a. Urteile des
BVGer D-4160/2020 vom 23. März 2022 E. 8.5, E-1150/2020 vom 2. Juni
2020 E. 7.3).
4.2.3 Weiter ist festzuhalten, dass auf Unzumutbarkeit aus medizinischen
Gründen nach Lehre und konstanter Praxis nur dann zu schliessen ist,
wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur
Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährden-
den Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person
führen würde (vgl. u.a. Urteil des BVGer D-2184/2021 vom 5. September
2022 E. 7.4.3 m.H. auf BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.2). Ge-
mäss Arztbericht vom 17. Mai 2021 ist die Beschwerdeführerin seit Dezem-
ber 2020 in psychiatrischer Behandlung. Sie leide an einer (...) und an ei-
ner (...), welche mit (...) Gesprächstherapie und Medikamenten behandelt
werde. Zu erstaunen vermögen der Hinweis im Arztbericht, die Beschwer-
deführerin habe ihr Leben grösstenteils in der türkischen Grossstadt
B._ verbracht, und die Tatsache, dass sich die Beschwerdeführerin,
die sich seit November 2016 in der Schweiz aufhält und deren Leiden ge-
mäss eigenen Angaben von den Erlebnissen in der Heimat herrühren, erst
im Dezember 2020 in ärztliche Behandlung begeben hat. Im bisherigen
Verfahren hat sie nie auf gesundheitliche Probleme hingewiesen und be-
stätigt, sie sei gesund (vgl. u.a. SEM-Akte A4 S. 11). Weiter ist vorliegend
nicht von einer medizinischen Notlage im Sinne der obgenannten Recht-
sprechung auszugehen. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist anzu-
nehmen, dass eine adäquate Behandlung der psychischen Erkrankung der
E-1715/2020
Seite 17
Beschwerdeführerin auch in der Türkei möglich ist und bei Bedarf fortge-
setzt werden kann. Es existieren, entgegen der Behauptung der Beschwer-
deführerin, landesweit psychiatrische Einrichtungen und es stehen auch
moderne Psychopharmaka zur Verfügung (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-
2184/2021 E. 7.4.3, D-4914/2018 vom 12. März 2021 E. 7.3.4, E-
6542/2017 vom 11. November 2019 E. 11.2.2). Da es der Beschwerdefüh-
rerin freisteht, sich mit ihren Geschwistern in einem anderen Teil der Türkei
(nicht in C._) niederzulassen, erweist sich auch die geltend ge-
machte Gefahr einer möglichen Retraumatisierung als unbegründet.
Schliesslich ist die Beschwerdeführerin trotz psychischer Beschwerden ar-
beitsfähig (vgl. oben). Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
steht der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs mithin ebenfalls nicht
entgegen.
4.2.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung als
zumutbar.
4.3 Sodann ist der Vollzug als möglich zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG),
zumal die Beschwerdeführerin über eine türkische Identitätskarte verfügt
und es ihr obliegt, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates
die für eine Rückkehr allenfalls notwendigen weiteren Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG; BVGE 2008/34 E. 12).
5.
Nach dem Gesagten ist der von der Vorinstanz verfügte Vollzug der Weg-
weisung zu bestätigen. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt so-
mit ausser Betracht.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG, Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihr mit Zwischenverfü-
gung vom 1. April 2020 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde,
ist von der Kostenerhebung abzusehen.
E-1715/2020
Seite 18
7.2 Mit derselben Verfügung wurde auch das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung gutgeheissen und MLaw Rebekka Hafner als amtli-
che Rechtsvertreterin eingesetzt. Im Laufe des Verfahrens ersuchte diese
um Entlassung aus dem Mandat. Sie wies in dem Gesuch darauf hin, dass
ein allfälliges ihr zustehendes Honorar der bisherigen Arbeitgeberin (Ber-
ner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not) auszurichten sei. Ferner
ersuchte sie um Beiordnung ihrer Kollegin MLaw Michèle Künzi von der-
selben Rechtsberatungsstelle als neue amtliche Rechtsbeiständin der Be-
schwerdeführerin. Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2021 entliess
das Gericht die bisherige Rechtsvertreterin aus ihrem Mandat und setzte
MLaw Michèle Künzi antragsgemäss als neue amtliche Rechtsbeiständin
ein.
7.3 MLaw Rebekka Hafner machte in ihrer letzten Kostennote vom 26. Mai
2020 einen Aufwand von elf Stunden à Fr. 150.– geltend. Der zeitliche Auf-
wand erscheint vorliegend angesichts der zwölfseitigen Beschwerdeschrift
und der eineinhalbseitigen Replik nicht angemessen und ist auf sieben
Stunden herabzusetzen. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemes-
sungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist das amtliche Honorar somit auf
Fr. 1’131.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen.
Dieses ist antragsgemäss der Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen
in Not zulasten der Gerichtskasse auszurichten.
7.4 Die weiteren Eingaben (ab Mai 2021) wurden nicht von der neu beige-
ordneten amtlichen Rechtsvertreterin unterzeichnet, sondern von anderen
Mitarbeiter/-innen der Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not.
Ein Honoraranspruch hat jedoch nur die im Rahmen der amtlichen Verbei-
ständung eingesetzte Person für den ihr notwendigerweise entstandenen
Aufwand. Entsprechend ist kein weiteres amtliches Honorar auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1715/2020
Seite 19