Decision ID: 3ed8cff8-2471-43ef-8a9c-e6d904fc6e8a
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
Die 1965
geborene
X._
war zuletzt
vom
4.
Juli 2005
bis 31. Dezember 2013
in einem 50
%
-Pensum als Raumpflegerin im
Y._
sowie
vom
6.
April 2009
bis 31. Dezember 2012
in einem
Pensum von rund
15
%
(6.5 Stunden pro
Woche)
als Haushalthilfe
für die
Z._
tätig
(Urk.
6/12/2
f. und
Urk.
6/16/1
f.). Am 2
0.
September 2011 meldete sie sich unter Hinweis auf eine Entzündung des Vestibularnervs bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 6/2). Die
Sozialversi
cherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische und er
werbliche Abklärungen
und sprach der Versicherten Integrationsmassnahmen zu (Job-Coaching und Support am Arbeitsplatz; Urk. 6/32 und Urk. 6/35), welche sie mit Mitteilungen vom 24. Juni 2013 wegen einer Verschlechte
rung des Gesundheitszustandes abschloss (Urk. 6/66 und Urk. 6/67). Darauf
hin liess die IV-Stelle
die Versicherte
polydisziplinär begutachten (Expertise vom 1
9.
Januar 2015
; Urk.
6/111) und
veranlasste
eine Abklärung im Haus
halt (Urk. 6/113). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Urk. 6/115) wies sie das Rentenbegehren mit Verfügung vom
3.
November 2015 (Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob die Versicherte am
8. Dezember 2015
Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, die Verfügung vom
3. November 2015
sei aufzuheben und
die Vorinstanz sei zu verpflichten, ihr ab Mai 2012 eine Invalidenrente aus
zurichten.
Zudem sei ihr die unentgeltliche Prozessführung unter Bestellung einer unentgeltlichen Rechtsvertretung zu bewilligen. Am
5. Januar 2016
(Urk.
5
) beantragte die IV-Stelle Abweisung der Beschwerde, was der Be
schwerdeführerin mit Verfügung vom
20. Januar 2016
zur Kenntnis gebracht wurde (Urk.
10
).

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG).
Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgeset
zes über die Invalidenversicherung, IVG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verblei
bende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Be
tracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreivier
telsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu
chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medi
zinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa
tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene leistungsabweisende Verfügung vom 3. November 2015 (Urk. 2) damit, dass der Beschwerdefüh
rerin die angestammte Tätigkeit seit 1. April 2012 wieder vollumfänglich zumutbar sei. Das einjährige Wartejahr habe sie somit nicht erfüllt. Die Kritik am psychiatrischen Teilgutachten stelle im Wesentlichen eine andere Beur
teilung desselben Sachverhalts dar.
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt
(Urk. 1), das psychiatrische Teilgutachten habe - aus näher dargelegten Gründen - keinen rechtsgenügenden Beweiswert (S. 4-7). Nach dem Erstellen des Gutachtens bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung sei zudem über ein Jahr vergangen. Eine solch lange Zeitspanne verbiete es, das Gutachten als Grundlage für die Beurteilung des Rentenanspruchs heranzuziehen (S. 5). Gemäss behandelndem Psychiater sei sie zu 50 % arbeitsunfähig. Zudem sei im Rahmen der Invaliditätsbemessung ein mindestens 10%iger Leidensabzug zu berücksichtigen. Es resultiere daraus ein mindestens 60%iger Invaliditäts
grad mit entsprechendem Rentenanspruch (S. 7).
3.
3.1
Die Beschwerdeführerin war vom 14. bis 27. Mai 2011 aufgrund eines plötz
lich aufgetretenen Drehschwindels bei der Diagnose einer Neuritis vestibula
ris sowie einer Somatisierungsstörung im Y._ hospitalisiert. An
schliessend weilte sie vom 1. bis 28. Juni 2011 in der A._ (Urk. 6/14/12).
3.2
Im Austrittsbericht der
B._
vom 3
0.
Oktober 2012 (
Urk.
6/60/3-7),
wo
die Beschwerdeführerin vom
6.
August bis 1
5.
September 2012 in stationärer Behandlung war, wurde ausgeführt, dass
s
ie aufgrund ihrer körperlichen Er
krankung zunächst eine Anpassungsstörung entwickelt habe, die sich durch die Ausweitung der Symptome zu einer mittelgradigen depressiven Episode entwickelt habe. Zusätzlich habe sich aufgrund der Schwindelsymptomatik eine Panikstörung entwickelt, die zu einem ausgeprägten Vermeidungsver
halten geführt habe. Zwischenzeitlich habe sich eine Besserung der Sympto
matik ergeben, die zu einem Arbeitsversuch geführt habe. Aufgrund einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes habe dieser wiederum abgebro
chen werden müssen. Die depressive Symptomatik habe sich leicht gebessert
,
bei einer momentan leichten depressiven Episode. Die Angstsymptomatik persistiere und stehe im Vordergrund des psychischen Geschehens (S. 3).
3.
3
In ihrem Bericht vom 3. Juni 2013 (Urk. 6/65/1-8) hielten die behandelnden Fachpersonen Dr. med. C._, FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, und Dipl. Psych. D._ folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (S. 1):
-
Rezidivierende depressive Störung (seit 2011), zur Zeit schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome, seit Mai 2013 (ICD-10 F33.2)
-
Sekundärer somatoformer Schwindel infolge einer Neuritis N. vestibularis links (2011) bei zugrunde liegender
Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst; ICD-10 F41.0; seit 2011)
mit/bei einer
-
Persönlichkeitsstörung mit selbstunsicheren, depressiven und ängstlich-ver
meidenden Zügen (ICD-10 F61.0; seit frühem Erwachsenenalter)
Der ebenfalls diagnostizierten Migräne komme keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu. Die Beschwerdeführerin sei seit dem 27. Oktober 2012 bei ihnen in Behandlung; zuvor sei sie seit 17. November 2011 im E._ der F._ ebenfalls durch Dipl. Psych. D._ behandelt worden. Seit Mai 2011 sei sie zu 100 % arbeitsunfähig. Zu Beginn der Behandlung sei sie mit
telgradig depressiv gewesen. Nach einem teilstationären Aufenthalt in der E._ der F._ habe sich das Befinden gebessert, sei jedoch sehr schwankend. Ende April 2012 habe sich das Befinden wiederum verschlech
tert, und es sei zu einer mindestens mittelgradigen depressiven Episode ge
kommen. Nach einem stationären Aufenthalt in der B._ habe sich das allgemeine Befinden deutlich gebessert, woraufhin mit einem Belastungstrai
ning am Arbeitsplatz begonnen worden sei. Anfang April 2013 habe sich der Zustand schleichend verschlechtert. Mitte Mai 2013 habe die Beschwerde
führerin erneut die Symptomatik einer mittelgradigen depressiven Episode gezeigt. Ihr sei es dann nicht mehr möglich gewesen, weiterhin zur Arbeit zu gehen. Trotz Behandlung mit einem Antidepressivum habe sich das Befinden weiter verschlechtert (S. 1-3). Gegenwärtig werde die Beschwerdeführerin mit wöchentlichen psychotherapeutischen Einzelgesprächen sowie mit Antide
pressiva behandelt. Sie sei seit dem 17. Oktober 2012 zu 100 % arbeitsunfä
hig. Auch auf längere Sicht werde von einer reduzierten Leistungsfähigkeit in jeglicher Tätigkeit ausgegangen (S. 4 f.).
3.4
Dr. med. F._, Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie, stellte in seinem von der BVK Personalvorsorge des Kantons Zürich in Auftrag gege
benen Gutachten vom 7. Dezember 2013 (Urk. 6/85) folgende Diagnosen (S. 17):
-
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom, mit beginnen
der Chronifizierung und ausgeprägter Somatisierungstendenz (ICD-10 F32.11) auf dem Boden einer
-
akzentuierten Persönlichkeit mit ängstlich-vermeidenden und hypochon- dri
schen Zügen (ICD-10 Z73.1)
Die Beschwerdeführerin befinde sich in adäquater (medikamentöser und psy
chotherapeutischer) Behandlung. Ihre Arbeitsfähigkeit sei deutlich reduziert; sie sei in ihrer angestammten 50%igen und auch in einer angepassten (50%igen) Tätigkeit zu 60 % arbeitsunfähig (S. 20; Präzisierung vom 28. Januar 2014, Urk. 6/89/2). Invaliditätsfremde Faktoren (sekundärer Krankheitsgewinn; finanzielle Schwierigkeiten; Probleme, eine neue Woh
nung zu finden) seien vorhanden, in der Beurteilung der medizinisch-theore
tischen Arbeits(un)fähigkeit aber bereits mitberücksichtigt (S. 22).
3.5
3.5.1
PD Dr. med. G._, FMH Neurologie, Dr. med. H._, FMH Allgemeine In
nere Medizin und FMH Rheumatologie, Dr. med. I._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. med. J._, FMH Allgemeine Innere Medi
zin und FMH Rheumatologie, und Dr. med. K._, FMH Allgemeine Innere Medizin, von der L._ führten in ihrem Gutachten vom 19. Januar 2015 (Urk. 6/111/8-71) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit auf (S. 13):
-
Residualzustand bei Status nach Neuritis vestibularis links, zentral partiell kompensiert (ICD-10 H81.2)
-
Migräne ohne Aura (ICD-10 G43.0)
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode mit somati
schem Syndrom (ICD-10 F33.01)
-
Somatisierungsstörung (sonstige Organsysteme: Schwindel, ICD-10 F45.38)
Zudem stellten sie - ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – die Diagno
sen eines zervikospondylogenen Schmerzsyndroms (ICD-10 M53.1) linksbe
tont,
ohne sensomotorische Ausfälle der oberen Extremitäten
, von lum
bovertebralen Schmerzen (ICD-10 M54.5), eines klinischen Verdachts auf CTS beidseits (ICD-10 G56.0), einer akzentuierten Persönlichkeit mit ängstlichen und hypochondrischen Anteilen (ICD-10 Z73.1) sowie einer Adipositas (ICD-10 E66.9).
3.5.2
Die von der
Beschwerdeführerin
beklagten Schwindelbeschwerden
seien
Folge einer durchgemachten Neuritis vestibularis links. Aufgrund der Akten
befunde und der anamnestischen Angaben
bestehe
aus neurologischer Sicht an dieser Diagnose wenig Zweifel
.
Die Symptomatik, die Ausprägung des Schwindels, der Zeitverlauf, der normale MRI-Befund und der Umstand, dass von rheumatologischer Seite
her
ein ce
rv
icogener Schwindel nicht
habe
nachgewiesen werden
können, seien
Indizien dafür. In der aktuellen neurolo
gischen Untersuchung finde man eine partiell zentral kompensierte Unter
funktion des linken Vestibularissystems. Ein Spontan- oder Blickrichtungs
nystagmus
könne
nicht mehr nachgewiesen werden. Im Halmagy-Test (Kopfimpuls
t
est) finde man jedoch bei schneller Kopfdrehbewegung nach
links eine Einstellsakkade. Dam
it
könne
gezeigt werden, dass bei normalen Kopfbewegungen, die das vestibuläre System nicht an die Leistungsgrenze
brächten
, kein Schwindel entsteh
e
, es aber bei schnellen Kopfb
e
wegungen zu einem kurzzeitigen Dreh- oder Schwankschwindel kommen
könne
. Damit könn
t
en die von der
Beschwerdeführerin
angegebenen Schwindelbeschwer
den bei raschen Kopfbewegungen erklärt werden, nicht jedoch der beklagte durchgehende, tageszeitlich akzentuierte Schwindel. Da es dabei zu keinem Spontan- und Blickwinkelnystagmus komm
e
,
könne
er nicht der Neuritis vestibularis zugeordnet werden und bleib
e im Ergebnis unklar.
Ebenso fehl
e
eine Erklärung für die bei der klinisch-neurologischen Untersu
chung festgestellten diskrepanten Befunde. So
habe
die
Beschwerdeführerin
auf einer gedachten Linie mit offenen Augen kaum gehen
können
, was mit geschlossenen Augen ohne grössere Schwierigkeiten möglich
gewesen sei
. Auffallend
sei
auch die ungerichtete Fallneigung
gewesen. B
ei einer einseiti
gen Vestibularisunterfunktion
werde
eine Fallneigung in eine bestimmte Richtung
erwartet.
Für die von der
Beschwerdeführerin
beklagte, ab Mai 2012 verstärkt aufgetretene, ausgeprägte Müdigkeit verbunden mit vermehr
ter Schwinde
l
symptomatik
lasse
sich ebenso keine Ursache finden. Auch
lasse
sich weder aktenanamnestisch noch aufgrund der Angaben der
Be
schwerdeführerin
ein Neuritisrezidiv verifizieren. Eine Verschlechterung der Symptomatik
sei
im Übrigen sehr unwahrscheinlich, da es bei einer Neuritis vestibularis gemäss verschiedenen Studien innerhalb von sechs bis zwölf Monaten auch ohne Kortison-Behandlung zu einer kompletten Restitution komm
e
.
Auf
g
rund der internationalen Klassifikation für Kopfschmerzerkran
kungen lieg
e
bei der
Beschwerdeführerin
eine Migräne ohne Aura vor
.
Hier
für besteh
e
zusätzlich eine familiäre Belastung. Die Beschwerden tr
ä
ten seit Mai 2011 relativ häufig, zweimal pro Woche auf und
würden
drei bis vier
Stunden
dauern
. Sie
seien
jedoch mit Medikamenten gut kontrollierbar und
hätten
deswegen nur einen geringen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Von Seiten des Karpaltunnelsyndroms
bestünden
lediglich nächtlich betonte Ge
fühlsstörungen in den Händen, die keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
hätten (S. 14 f.).
Dasselbe
gelte
für die rheumatologischen Beschwerden
in Form von leichtgra
digen cer
vikovertebralen sowie lumbovertebralen Schmerzen, die bei der Untersuchung eher von untergeordneter Bedeutung
gewesen seien
. Es hand
l
e sich dabei um rein myofasziale Beschwerden, die zu keinen senso
motorischen Ausfällen in den Extremitäten führen
würden
. Hinweise für ent
zündliche Erkrankungen oder eine Systemerkrankung im Sinne einer Kol
lagenose
würden fehlen.
Die Adipositas
sei
mit einem BMI von 27 nur leicht
gradig und
habe
ebenfalls keinen Ei
nfluss auf die Arbeitsfähigkeit (S. 15).
3.5.3
Aus psychiatrischer Sicht
werde
eine leichte Depression diagno
stiziert, was mit der Hamilton-
Depressions-Skala-Testung, wo die
Beschwerdeführerin
18 Punkte erreich
e
, bestätigt
werde
. Der Test weis
e
auf eine dysthyme Grund
haltung
in
Richtung leichter depressiver Patho
l
ogie hin. Da bereits im Herbst 2012 eine leichte depressive Störung und im
Dezember 2013 eine mittelgra
di
ge Depression diagnostiziert
worden seien, handle
es sich bei der jetzigen Erkrankung um eine rezidivierende depressive Störung. Eine Persönlichkeits
störung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit, die sich nach der Neuritis ves
tibularis entwickelt ha
be
,
sei
nicht zu diagnostizieren. Die
Beschwerdeführe
rin
habe
bereits vor der jetzigen Erkrankung ängstliche Persönlichkeitsmerk
male auf
gewiesen
,
die sich im weiteren Lebensver
lauf zu einer Persönlich
keitsakzentuierung mit ängstlich-hypochondrischen Ausprägungen entwi
ckelt
hätten
,
die
aktuell je
doch nicht sehr stark erscheine
. Für etwaige Traumafolgen nach dem Erdbeben von 1980
würden
entsprechende Symp
tome
fehlen
. Geg
enüber früheren Gutachten finde
man auf
g
rund der durch
gehenden somatoformen Ausprägung der Symptome neu eine somatoforme Störung als eigenständige
Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Die somatoforme Störung sei wohl durch die Neuritis vestibularis, die ein starkes Gefühl der Unsicherheit hervorgerufen habe, ausgelöst worden und nach Ab
heilung der
Ne
rv
enentzündung als somatoformes Symptombild weiter beste
hen
geblieben
. Ihr Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
werde
als graduell
und nicht als vollständig beurteilt (S. 15 f.).
Aus psychiatrischer Sicht
sei
die
Be
schwerdeführerin
austherapiert und es
würden
keine weiteren medizi
ni
schen Massnahmen, auch keine medikamentösen, empfohlen
(S. 18).
3.5.4
Aus gesamtmedizinischer Sicht
stünden
die neurologischen Diagnosen mit einem Zustand nach Neuritis vestibularis, die zentral partiell kompensiert
sei
, und bei raschen Kopfbewegungen weiterhin zu Schwindelattacken führ
e
, so
wie die Migräne, die relativ häufig
auftrete
, jedoch medikamentös beein
flussbar
sei
, zusammen mit den psychiatrischen Diagnosen im Vordergrund. Die rezidivierende depressive Störung, die gegenwärtig nur leichtgradig
sei
,
sich
jedoch bei Auftreten von zusätzlichen psychosozialen Umständen erneut verschlechtern
könne
,
sowie
die Somatisierungsstörung
hätten
Ausw
irkungen auf die Arbeitsfähigkeit (S. 16).
Aus neurologischer wie auch aus rheumatologischer und psychiatrischer Sicht
bestünden
keine I
nkonsistenzen oder Diskrepanzen (S. 16).
Die Arbeitsfähigkeit
sei
durch die Neuritis vestibularis vo
n
Mai 2011 bis maxi
mal März 2012 eingeschränkt
gewesen
. Ab Mai 2012 besteh
e
aus neu
rologischer Sicht von Seiten der Schwindelbeschwerden keine begründbare Arbeitsunfähigkeit mehr. Die Migränebeschwerden
hätten
ebenfalls ab Mai 2011 Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit, der Einfluss
sei
jedoch sehr unter
schiedlich ausgeprägt und nur von kurzer Dauer
.
Aus psychiatrischer Sicht besteh
e
eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 20
%
. Aus somatischer Sicht
betrage
die Arbeitsunfähigkeit wegen der Migräneanfälle weniger als 10
%
. Da die
Beschwerdeführerin
bisher lediglich in einem 50
%
-Pensum gearbeitet
habe
,
hätten
diese Einschränkung
en
keine Auswirkung auf die bisherige Tätigkeit. Die bisherige Tätigkeit
sei
zu 50
%
ausgeübt
worden
, was der
Beschwerdeführerin
auch weiterhin zumutbar
sei
. Eine stärkere Arbeitsbelastung
habe
über Jahre nicht
bestanden
, so dass von einer allgemeinen Dekonditionierung auszugehen
sei
, sollte die
Beschwerde
führerin
eine Vollbeschäftigung anstreben. Aus psychiatrischer Sicht
seien
der
Beschwerdeführerin
deshalb vermehrte Pausenmöglichkeiten
einzuräu
men,
was etwa einer Reduk
t
ion um 20
%
bei
einer
Vollbeschäftigung
ent
spreche
(S. 17 f.).
Der
Beschwerdeführerin
sei
jede Tätigkeit entsprechend ihrem Bildungsni
veau zum
utbar (80%ige Ar
beitsfähi
g
keit). Aus psychiatrischer Sicht
sei
eine Umstellung auf einen neuen Beruf
jedoch
kaum realisierbar, womit eine an
passte Tätigkeit ausscheide
(S. 18).
Wenn man den Abschlussbericht des Jobcoachings studiere, sei die durchge
hende Somatisierung der Beschwerden ersichtlich. Bei der Wiedereingliede
rung habe man noch auf das Ansprechen der Antidepressiva gesetzt, dann aber doch das Aufbautraining abbrechen müssen (S. 64).
3.6
Der Psychiater Dr. C._ hielt in seiner Stellungnahme vom 16. März 2015 zum psychiatrischen Teilgutachten der L._ (Urk. 6/125) fest, aus sei
ner Sicht bestünden keine Zweifel daran, dass unabhängig von der diagnos
tischen Zuordnung krankheitswertige persönlichkeitsstrukturelle Aspekte, affektive Beeinträchtigungen und als Ausdruck einer eingeschränkten refle
xiven Verarbeitungsfähigkeit eine dysfunktionale Schmerzverarbeitung die funktionelle Leistungsfähigkeit beeinträchtigen würden. Hinzu kämen sicher auch IV-fremde Aspekte wie eine gewisse Selbstlimitierung und finanzielle Sorgen. Berücksichtige man ausschliesslich die medizinisch begründbaren Einflussfaktoren - hiezu zählten auch die eingeschränkte emotionale Belast
barkeit und die erhöhte Erschöpfbarkeit - sei im Längsschnitt eine Arbeits
unfähigkeit von 50 % in jedwelcher Tätigkeit zu postulieren (S. 4).
4.
4.1
Aus den zitierten medizinischen Akten ergibt sich, dass die Beschwerdeführe
rin nach durchgemachter Neuritis vestibularis namentlich eine psychische Problematik entwickelt hat, weswegen sie seit November 2011 in psychiatri
scher Behandlung steht. Dies ist unter den Parteien grundsätzlich unbestrit
ten. Strittig ist hingegen insbesondere die Frage nach den Auswirkungen auf die Arbeits- beziehungsweise Leistungsfähigkeit. Währenddem die Beschwer
degegnerin
der Ansicht ist,
es bestehe kein
invalidisierende
r
Gesundheits
schaden, erachtet sich die
Beschwerdeführerin
lediglich als zu 50
% arbeits
fähig (
Urk.
1 S. 7). In diesem Zusammenhang ist
vorab
zu prüfen, ob die vorliegenden medizinischen Akten eine diesbezügliche
Einschätzung
gestat
ten.
4.2
Gemäss den
medizinischen
Experten der
L._
(Gutachten vom 1
9.
Januar 2015) besteht aus neurologischer Sicht eine 10%ige Einschrän
kung der Arbeitsfähigkeit seit Mai 2011
; ab Mai 2012 liegt seitens der Schwindelbeschwerden keine Arbeitsunfähigkeit mehr vor, und die migräne
bedingte Einschränkung beträgt weniger als 10 %
. Aufgrund der psychischen Beschwerden
wird
(bezogen auf eine Voll
zeit
beschäftigung) eine Arbeitsun
fähigkeit von 20
%
attestiert
(vgl. E. 3.5
.4
hievor). Der begutachtende Psy
chiater
Dr. I._
hielt jedoch ausdrücklich fest, dass seine Aussage bezüg
lich der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aufgrund des depressiven Zu
standsbildes erst ab dem Begutachtungszeitpunkt, mithin
erst
ab August 2014, gelte
;
m
it Bezug auf den Verlauf der psychischen Beschwerden führte er lediglich aus, dass das depressive Zustandsbild Schwankungen unterliege (
Urk.
6/111/69).
Entsprechend
setzte er sich
weder
mit dem Gutachten des Psychiaters Dr.
F._
auseinander, welcher im November 2013
zuhanden der beruflichen Vorsorge
eine 60%ige Arbeitsunfähigkeit bei 50%iger Ar
beitstätigkeit festgestellt hatte, noch mit dem Bericht der behandelnden Fachpersonen Dr.
C._
und Dipl. Psych.
D._
, welche von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit ab 17. Oktober 2012 ausgegangen waren. Ob seit April 2012
ab
keinem Zeitpunkt längerfristig eine
relevante
Arbeits
unfähigkeit bestand, kann damit nicht schlüssig beurteilt werden.
Auch trifft
nicht zu, dass über Jahre keine stärkere Arbeitsbelastung als 50 % bestand, wie dies
Dr. I._
ausführte (
Urk.
6/111/70)
;
die Beschwerdeführerin
war
ab April 2009 zusätzlich im Nebenerwerb als Haushalthilfe tätig (
Urk.
6/12/3).
Im
gesamten
hier
zu beurteilenden Zeitraum
waren
mehrfach mittelgradige depressive Episoden (vgl. Austrittsbericht der
B._
vom 3
0.
Oktober 2012 [E. 3.2 hievor], Gutachten
des
Dr. F._
zuhanden der BVK Personal
vorsorge des Kantons Zürich vom
7.
Dezember 2013 [E. 3.4 hievor],
Aus
trittsbericht der
B._
vom 2
8.
April 2014 [
Urk.
6/103/3-8], Abschluss
bericht der
E._
der
F._
vom
5.
Juni 2014 [Urk. 6/102]) be
ziehungsweise ab Mai 2013 eine schwere depressive Episode diagnostiziert
worden (Bericht von Dr. C._
und Dipl. Psych.
D._
vom 3. Juni 2013 [E. 3.3 hievor])
, und
d
ie Beschwerdeführerin
stand
seit November 2011 bei zunächst zwei-, spätestens ab Juni 2013 bis mindestens November 2013 bei wöchentlichen Sitzungen
in psychiatrischer Behandlung
(vgl. Urk. 6/65/4 und Urk. 6/85/12).
Eine nähere Auseinandersetzung damit findet sich im psychiatrischen Teilgutachten der L._ nicht.
Zum Aufenthalt in der
M._
, auf welchen durch
Dr. C._
(Urk. 6/125 S. 2) sowie im Austrittsbericht der
B._
vom 2
8.
April 2014 (Urk. 6/103/7) hingewiesen wird, ist den Akten nichts zu entnehmen.
4.3
A
uf die
Einschätzung
von RAD-Arzt
Dr. N._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Neurologie,
der o
hne weitere Begründung
und
im Unterschied zu den
L._
-Gutachtern
von einer 100%igen Ar
beitsfähigkeit in der bisherigen sowie in sämtlichen angepassten Tätigkeiten ab April 2012 aus
ging, kann nach dem Gesagten ebenfalls nicht abgestellt werden
(
Urk.
6/114 S. 8).
4.4
4.4.1
Weiter
ist festzuhalten, dass bei Berichten von Hausärzten und behandelnden Ärzten der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen ist, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 351 E. 3b/cc). Das al
leinige Abstellen auf Berichte von
behandelnden Ärzten ist nur zulässig, wenn diese ein stimmiges und vollständiges Bild des Gesundheitszustandes abgeben (vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts I 828/06 vom 5. September 2007 E. 4.3 mit Hinweisen), was hier nicht der Fall ist.
4.4.2
Gemäss
Dr.
C._
und Dipl. Psych.
D._
ist die Beschwerdeführe
rin unter anderem aufgrund einer seit
dem
frühe
n
Erwachsenenalter beste
henden Persönlichkeitsstörung seit
Oktober 2012 zu 100 % arbeitsunfähig
.
Persönlichkeitsstörungen im Sinne von ICD-10 F60-F62 unterscheiden sich von Persönlichkeitsänderungen durch den Zeitpunkt und die Art und Weise ihres Auftretens. Sie beginnen in der Kindheit oder Adoleszenz und dauern bis ins Erwachsenenalter an. Persönlichkeitsänderungen dagegen werden im Erwachsenenalter erworben (
Dilling/Mambour/Schmidt, Internationale Klas
sifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V(F): Klinisch diagnostische Leitlinien, 10. Aufl. 2015, S. 274 f.
;
zum Ganzen
etwa Urteil des Bundesge
richts 9C_519/2014 vom 1
4.
Oktober 2015 E. 5.3).
Aus dem Lebenslauf der Beschwerdeführerin ergibt sich, dass sie seit 1985 stets erwerbstätig war (
Urk.
6/21/1); so arbeitete sie unter anderem von
Ok
tober 1998 bis Juli 2005 bei der
O._
, welche ihr ein gutes Arbeits
zeugnis ausstellte (
Urk.
6/21/3). Die
betreffende
Stelle wurde aus wirtschaftli
chen Gründen aufgehoben. Auch ihre Berufsausbildung als Schneiderin musste die Beschwerdeführerin nicht aus gesundheitlichen Gründen aufge
ben, sondern wegen eines schweren Erdbebens in ihrer damaligen Heimat (Urk. 6/111/59). In Anbetracht ihrer Erwerbsbiographie ist nicht nachvoll
ziehbar,
weshalb
sie
heute aufgrund einer seit dem frühen Erwachsenenalter bestehenden Persönlichkeitsstörung in ihrer Arbeits
-
fähigkeit eingeschränkt sein soll, bis Mai 2011 jedoch uneingeschränkt einer Erwerbstätigkeit nach
gehen konnte
;
v
on einem von
den
behandelnden Fachpersonen abgegebenen
stimmigen Bild des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin kann
in
soweit
nicht gesprochen werden.
4.4.3
Zudem bestehen deutliche Hinweise auf psychosoziale Belastungsfaktoren (Scheidung, Stress am damaligen Arbeitsplatz, finanzielle Probleme, Kündi
gung, schwierige Wohnungssuche, Konflikte mit dem Partner; Urk. 6/10/8,
Urk.
6/85/11 und
Urk.
6/103/4). Inwiefern Dr.
C._
und Dipl. Psych.
D._
solche Faktoren
bei ihrer Einschätzung der Arbeitsfähigkeit berück
sichtigten, ist aus dem Bericht vom
3.
Juni 2013 nicht ersichtlich.
In seiner Stellungnahme vom 1
6.
März 2015
räumte
Dr. C._
zwar
das Vorliegen invaliditätsfremder
psychosoziale
r
Belastungsfaktoren
ein
, doch begründete er nicht weiter, weshalb er im Längsschnitt von einer 50%igen Arbeitsunfä
higkeit in jedweder Tätigkeit ausging.
4.5
Die Begutachtung durch den Psychiater
Dr. F._
(vgl. E. 3.4 hievor) fand drei Jahre vor Verfügungserlass statt.
Ausserdem blieb, wie
RAD-Arzt
Dr. N._
zu Recht festhielt (
Urk.
6/114 S. 7),
im
Gutachten
auch
offen, ob beziehungsweise in welchem Ausmass die diagnostizierte depressive Symp
tomatik im Zusammenhang mit einer Somatisierungstendenz zu sehen ist. Auf die von
Dr. F._
festgehaltene 60%ige Arbeitsunfähigkeit in einem 50
%
-Pensum kann nicht abgestellt werden.
4.6
Was die Abschluss- beziehungsweise Austrittsberichte der
B._
sowie der
E._
der
F._
(E. 3.2 hievor,
Urk.
6/65/13-15,
Urk.
6/103/3-8 und
Urk.
6/102) angeht,
äusserten
sich die betreffenden Ärzte nicht beziehungsweise nur
hinsichtlich
eines kurzen Zeitraums zur Arbeitsfä
higkeit.
4.7
Nach dem Gesagten drängen sich ergänzende Abklärungen auf, zu welchem Zweck die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, da nament
lich
die Arbeitsfähigkeit aufgrund der vorliegenden medizinischen Akten nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlich
keit festgestellt werden kann
. Der Beweiswert des
L._
-Gutachtens
vom 19. Januar 2015 war
bereits im Vorbescheidverfahren nicht unfundiert in Frage gestellt
worden
(vgl. die Kritik des
Dr. C._
vom 1
6.
März 2015 an der teilweise fehlenden
gutachterlichen
Auseinandersetzung mit diversen Arztberichten sowie mit den im Rahmen von IV-Integrationsmassnahmen gemachten Erfahrungen; Urk. 6/125).
5.
5.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Die Kosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind er
messensweise auf Fr.
8
00.-- festzusetzen und entsprechend dem
Ausgang des Verfahrens der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Der Beschwerdeführerin steht ausgangsgemäss eine Prozessentschädigung zu
. Diese ist – nach Einsicht in die Kostennote vom 29. Mai 2017 (Urk. 11) – auf Fr. 1‘109.55 (inkl. Barauslagen und MWSt) festzusetzen.
5.3
Das Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung unter Bestellung einer unent
geltlichen Rechtsvertretung
erweist sich damit als gegenstandslos.