Decision ID: d9d18153-c824-4b0a-9e47-322b3d809f3e
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
Der 1962 geborene
X._
bezog seit über 20 Jahren eine ganze Rente der
Invalidenversicherung, als die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV
Stelle, die
se Rente
im Rahmen eines wegen des Verdachts auf Sozialversiche
rungsbetrug eingeleiteten Revisionsverfahrens mit Vorbescheid vom 22. Dezem
ber 2017 vorsorglich per sofort sistierte. Mit Verfügung vom 20. Mai 2019 zog die IV-Stelle ihre
Mitteilung vom 27.
April 2016
, mit welcher sie den bisherigen Anspruch auf eine ganze Invalidenrente letztmals bestätigt hatte,
in prozessuale Revision und hob die Rente prozessual revisionsweise rückwirkend per Oktober 2005 auf.
Zudem forderte sie m
it Verfügung vom 5.
Juli 2019
die im Zeitraum vom 1. Oktober 2005 bis am 31.
Dezember 2017 ausgeric
hteten Leistungen der Invaliden
versi
cherung im Gesamtbetrag von Fr.
249'589.-- wegen unrechtmäs
sige
n Leistungsbezugs zurück
.
Gegen beide Verfügungen e
rhob der Versicherte Beschwerde
beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
(IV.2019.00449 und IV.2019.00553)
.
Mit Urteil IV.2019.00449 vom 2
4.
Juni 2021 wurde
das Ver
fahren IV.2019.00553 mit dem Verfahren IV.2019.00449
vereinigt
und das Ver
fahren IV.2019.00553 wurde als dadurch erledigt abgeschrieben. Die Beschwerde gegen die Verfügung
der IV-Stelle
vom 20. Mai 2019
wurde mit selbigem Urteil abgewiesen und
die Verfügung der IV-Stelle vom 5. Juli 2019 in teilweiser Gut
heissung der Beschwerde dahingehend ab
geändert
, als die Rückerstattungsfor
derung auf Fr. 180'282
.--
reduziert wurde (Urteil vom 24. Juni 2021 inklusive Vereinigungsbeschluss [Urk. 2]).
2.
Mit Eingabe vom 1. Juli 2021 stellte
X._
beim hiesigen Gericht ein Revi
sionsgesuch und beantragte, es sei Ziff. 1 des Urteils vom 24. Juni 2021 revisi
onsweise aufzuheben und die Rückforderung der IV-Stelle
abzulehnen
. Eventuell sei die Ziff. 1 des Urteils vom 24. Juni 2021 revisionsweise aufz
uheben und die Angelegenheit
zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzu
weisen (Urk. 1 S. 3). In prozessualer Hinsicht beantragte der
Gesuchsteller
, das Revi
si
onsverfahren sei bis zum Abschluss des strafrechtlichen Verfahrens zu sistieren (Urk. 1 S. 4).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 61
lit
. i des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialver
sicherungsrechts (ATSG) muss die Revision von Entscheiden wegen Ent
de
ckung
neuer Tatsachen oder Beweismittel oder wegen Einwirkung durch Ver
bre
chen oder Vergehen gewährleistet sein. Art. 61
lit
. i ATSG legt die für das kanto
nale Gerichtsverfahren massgebenden Revisionsgründe fest, überlässt aber die Ausge
staltung des Revisionsverfahrens im Übrigen dem kantonalen Recht (
Kieser
, ATSG-Kommentar, 4. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 61 N 250).
1.2
Gemäss § 29 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) kann gegen rechtskräftige Entscheide des hiesigen Gerichts von den am Verfahren Betei
ligten Revision verlangt werden, wenn sie neue erhebliche Tatsachen erfah
ren oder Beweismittel auffinden, die sie im früheren Verfahren nicht bei
bringen konnten (
lit
. a), wegen Einwirkung durch Verbrechen oder Vergehen (
lit
. b) oder wenn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte oder das Ministerkomitee des Europarates eine Individualbeschwerde wegen Verletzung der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) und deren Protokolle gutheisst und eine Wiedergut
machung nur durch eine Revision möglich ist (
lit
. c).
1.3
Der Begriff «
n
eue Tatsachen oder Beweismittel»
bei der Revision eines kantonalen
Gerichtsentscheides gemäss Art. 61
lit
.
i ATSG
ist
gleich auszulegen wie bei der (prozessualen) Revision eines V
erwaltungsentscheides nach Art.
53 Abs.
1 ATSG oder bei der Revision eines Bu
ndesgerichtsurteils gemäss Art. 123 Abs. 2
lit
.
a
des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (Bundesgerichtsgesetz,
BGG
;
vgl. SVR 2010 IV Nr. 55 S.
169
, Urteile des Bundesgerichts 9C_764/2009
vom 2
6.
März 2009
E.
3.1 mit Hinweisen
, 8C_422/2011 vom 5. Juni 2012 E.
4
und 8C_152/2012 vom 3. August 2012 E. 5.1
)
.
«Neue»
Tatsachen
sind
solche, die sich bis zum Zeitpunkt, da im Hauptverfahren noch tatsächliche Vorbringen prozessual zulässig waren, verwirklicht haben, jedoch dem Revisionsgesuchsteller trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt waren; es handelt sich somit um unechte
Noven
. Die Geltendmachung echter
Noven
, also von Tatsachen, die sich erst nach Ausfällung des Urteils, das revidiert werden soll, zugetragen haben, ist ausgeschlossen. Die neuen Tatsachen müssen ferner erheblich sein, d.h., sie müssen geeignet sein, die
tatbeständliche
Grund
lage des angefochtenen Urteils zu verändern und bei zutreffender rechtlicher Würdigung zu
einer andern Entscheidung
zu führen. Neue Beweismittel haben entweder dem Beweis der die Revision begründenden neuen erheblichen Tatsa
chen oder dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen, aber zum Nachteil des Gesuchstellers unbewiesen geblieben sind. Erheblich ist ein Beweismittel, wenn anzunehmen ist, es hätte zu einem anderen Urteil geführt, falls das Gericht im Hauptverfahren davon Kenntnis
gehabt hätte. Ausschlaggebend ist, dass das Beweismittel nicht bloss der Sach
verhaltswürdigung, sondern der Sachverhaltsermittlung dient
(Urteil des Bundes
gerichts
9F_3/2020
vom 11. März 2020 E. 1.2 mit weiteren Hinweisen).
1.4
Gemäss § 30
GSVGer
ist das Revisionsgesuch innert 90 Tagen, von der Ent
de
ckung des Revisionsgrundes
an gerechnet
, beim Gericht schriftlich einzu
rei
chen (Abs. 1). Nach Ablauf von zehn Jahren seit der Mitteilung des Entscheids ist ein Revisionsgesuch nur noch aus den in § 29
lit
. b und c
GSVGer
ge
nannten Grün
den zulässig (
Abs.
2).
2.
Der Rechtsvertreter von
X._
,
Rechtsanwalt
Stolkin
,
brachte im Revisions
gesuch vor, er habe am 1. Juli 2021
, zwei Tage nach Erhalt des Urteils des Sozi
alversicherungsgerichts
den Beschluss des Bezirksgerichts Zürich vom 11. Mai 2021 erhalten
. Darin werde dem
Y._
-Gutachten jeglicher Beweiswert abge
sprochen. Weder das Gutachten noch die Stellungnahme der
Y._
seien geeig
net, die von der IV-Stelle und dem Staatsanw
alt postulierte Verbesserung des
Gesund
heit
szustands des Gesuchstellers
zu belegen. Das Gutachten sei auch für den Nachweis eines Betrugs nicht beweiskräftig. Damit stehe das Urteil
(
gemeint wohl: die Beurteilung
)
des Bezirksgerichts im Gegensatz zum Urteil des Sozial
versicherungsgerichts vom 24. Juni 202
1.
Da
sich
bei einer Neubegutachtung die Urteile des Bezirksgerichts und des Sozialversicherungsgerichts widersprechen könnten, laufe letzteres Gefahr, der
«
ordentlichen Gerichtsbarkeit
»
zu widerspre
chen, was dem Prinzip der Rechtssicherheit und dem Rechtsstaatsprinzip zuwider
laufe. Um sich widersprechende Urteile zu verhindern, sei das Revisionsverfahren bis zum Abschluss des strafrechtlichen Verfahrens zu sistieren (Urk. 1).
3.
Rechtsanwalt
Stolkin
führt
e
als neues Beweismittel
den Beschluss
des Bezirks
gerichts Zürich, 8.
Abteilung,
Geschäfts-Nr. DG200218-L/UB
vom 11. Mai 2021 (Urk. 3/1) an.
Dieser Beschluss wurde ihm vom
amtlichen
Verteidiger des Gesuch
stellers auf dessen Veranlassung am 30. Juni 2021
, also einen Tag nach Erhalt des Urteils des hiesigen Gerichts vom 24. Juni 2021,
zugestellt
(Urk. 3/2
; vgl. auch IV.2019.00449 Urk. 34
).
Der
amtliche
Verteidiger des Gesuchstellers hatte den Beschluss vom 11. Mai 2021 gemäss Eingangsstempel
allerdings
bereits am 18. Mai 2021
und damit
mehr als einen Monat vor Erlass des Urteils des hiesigen Gerichts vom 24. Juni 2021
erhalten
.
Dass
er den
Gesuchsteller
hierüber
nicht zeit
nah
informiert
hätte
, wurde nicht vorgebracht. Entsprechend
ist
davon aus
zugehen
, dass
der Gesuchsteller
vor Erlass des Urteils des hiesigen Gerichts vom 24. Juni 2021
Kenntnis vom Beschluss des Bezirksgerichts Zürich vom 11. Mai
2021
hatte
. Ein
(
unechtes
)
Novum liegt
demzufolge
nicht vor.
Daran ändert
auch
nichts, dass
Rechtsanwalt
Stolkin
nicht
früher
über den Beschluss vom 11. Mai 2021
informiert wurde.
Abgesehen davon, dass sich der Gesuchsteller das Wissen seines amtlichen Vertreters im Strafverfahren ohnehin anrechnen lassen muss, durfte der Gesuchsteller nicht davon ausgehen, dass der Beschluss des Bezirks
gerichts Zürich vom 1
1.
Mai 2021 auch seinem Vertreter im sozialversicherungs
rechtlichen Verfahren zugestellt worden war. Gemäss Dispositiv
Ziff.
5 des Beschlus
ses erfolgte eine Zustellung lediglich an seinen amtlichen Verteidiger für sich und zuhanden des Gesuchstellers, an die Privatkläger und die Geschäfts
kontrolle der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich (
Urk.
3/1 S. 10).
Kommt hinzu, dass
dem hiesigen Gericht
aufgrund der telefonischen
Auskunft
von Bezirksrichterin
lic
.
iur
. E. Hauser
des Bezirksgerichts
Zürich vom 26.
Mai 202
1
bereits
vor Erlass des Urteils vom 24. Juni 2021
bekannt war, dass die Straf
sache des Gesuchstellers
an die Staatsanwaltschaft zurückgewiesen
worden war
(Urk. 2 E. 7.3.2, vgl. auch IV.2019.00449 Urk. 32),
weshalb eine Sistierung des Verfahrens bis zum Abschluss des strafrechtlichen Verfahrens im Lichte der gebotenen Beschleunigung als nach wie vor nicht ange
zeigt erachtet und das strafrechtliche Verhalten des Gesuchstellers vorfrage
weise beurteilt wurde. Wenn aber eine Behörde eine bestimmte Tatsache nicht übersah, sondern für unerheblich hielt, liegt kein Revisionsgrund vor, handelt es sich dabei doch um keine Tat-, sondern eine Rechtsfrage (Sabine Spross, in: Kommentar zum Gesetz über das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich,
2.
Aufl. 2009, N 7 zu
§
29)
.
Doch s
elbst
wenn dem Gericht
auch
die Erwägungen des Bezirksgerichts Zürich im Beschluss vom 11. Mai 2021 bekannt gewesen wären, hätte dies nicht zu einer anderen Entscheidung geführt, nahm das Bezirksgericht
Zürich
doch
noch
k
eine
abschlies
sende strafrechtliche Würdigung vor
.
4.
Nach dem Gesagten
ist
offensichtlich
kein Revisionsgrund ersichtlich, womit
das Revisionsgesuch ohne Einholung einer Stel
lungnahme der Gegenpartei (Art.
3
30 der Schweizerischen Zivilpro
zessor
dnung [ZPO] in Verbindung mit §
32
GSVGer
;
§
19
Abs.
2
GSVGer
) abzuweisen
ist
und
der Entscheid über eine
Sistierung des Verfahrens
hinfällig wird
.
5.
Die Kos
ten des Verfahrens sind auf Fr.
500.-- festzulegen und ausgangsgemäss vo
m Gesuchsteller zu tragen (Art. 69 Abs.
1
bis
des Bundesgesetzes über die Inva
lidenversicherung [IVG]).