Decision ID: d3b045ac-5c25-4a00-977e-3db7794be8c3
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm erliess gegen den Beschuldigten
am 16. Oktober 2020 den folgenden Strafbefehl:
"Sachverhalt:
- einfache Körperverletzung - Tätlichkeiten (mehrfach)
Am 09.12.2019, 14:00 - 14:10 Uhr, kam es an der [...] im Y. zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und B.. Während dieser Auseinandersetzung wurde der Beschuldigte mehrfach tätlich gegenüber B., indem er diesen wiederholt mit der Hand gegen den Kopf schlug und gegen den Oberkörper wegstiess. B. kam dabei mehrfach zu Fall. Weiter riss der Beschuldigte durch Umklammern von hinten um den Oberkörper von B. diesen zu Boden. B. erlitt eine Verletzung am rechten Knie und eine Schwellung im Gesicht.
Dieses Verhalten ist strafbar gemäss:
Art. 123 Ziff. 1 StGB, Art. 126 Abs. 1 StGB (mehrfache Begehung), Art. 49 Abs. 1 StGB
Der Beschuldigte wird verurteilt zu:
1. Einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je CHF 80.00, bedingt
aufgeschoben bei einer Probezeit von 2 Jahren.
2. Einer Busse von CHF 1'000.00
Bei schuldhafter Nichtbezahlung tritt an Stelle der Busse eine Ersatzfreiheitsstrafe von 13 Tagen.
3. Den Kosten
- Strafbefehlsgebühr CHF 800.00
Rechnungsbetrag CHF 1'800.00
Über Auslagen, die nach Erlass des vorliegenden Strafbefehls eingehen, wird separat verfügt.
4. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.
5. Das Urteil wird im Strafregister eingetragen.
6. Allfällige Zivilforderungen werden auf den Zivilweg verwiesen."
1.2.
Gegen diesen Strafbefehl erhob der Beschuldigte am 23. Oktober 2020
Einsprache. Die Staatsanwaltschaft hielt an ihrem Strafbefehl fest und
- 3 -
überwies die Akten mit Verfügung vom 12. Februar 2021 an das
Bezirksgericht Zofingen zur Durchführung des Hauptverfahrens.
2.
2.1.
Die Hauptverhandlung mit Befragung des Beschuldigten, des Privatklägers
und der Auskunftsperson C. fand am 14. Juni 2021 vor dem Präsidenten
des Bezirksgerichts Zofingen statt.
2.2.
Der Privatkläger stellte anlässlich der Hauptverhandlung die folgenden
Anträge:
"1. Der Beschuldigte sei wegen einfacher Körperverletzung sowie mehrfacher Tätlichkeit schuldig zu sprechen und angemessen zu bestrafen;
2. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, den Privatkläger wie folgt zu
entschädigen:
- Schadenersatz: CHF 16'872.60
- Anwaltskosten: CHF 8'000.00
- Genugtuung CHF 7'500.00
Total: CHF 32'372.60
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zzgl. 7.7 % MwSt. zulasten
des Beschuldigten."
2.3.
Der Beschuldigte stellte anlässlich der Hauptverhandlung sinngemäss den
Antrag, er sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen freizusprechen. Die
Zivilforderung des Privatklägers sei auf den Zivilweg zu verweisen.
2.4.
Der Präsident des Bezirksgerichts Zofingen erkannte gleichentags:
"1. Der Beschuldigte wird freigesprochen von der Anklage
- der mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB
2. Der Beschuldigte ist schuldig - der einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB - der mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB
3. Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 2 erwähnten Bestimmung von Art. 123 Ziff. 1 StGB und gestützt auf Art. 34 und Art. 47 StGB zu
- 4 -
50 Tagessätzen Geldstrafe verurteilt. Der Tagessatz wird auf Fr. 70.00 festgesetzt. Die Geldstrafe beläuft sich auf Fr. 3'500.00.
4. Dem Beschuldigten wird gestützt auf Art. 42 StGB für die Geldstrafe der bedingte Strafvollzug gewährt. Die Probezeit wird gestützt auf Art. 44 Abs. 1 StGB auf 2 Jahre festgesetzt.
5. Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 2 erwähnten Bestimmung von Art. 126 Abs. 1 StGB und gestützt auf Art. 106 StGB zu einer Busse von Fr. 700.00 verurteilt.
6. Wird die Busse schuldhaft nicht bezahlt, so wird eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen vollzogen.
7. 7.1. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Zivil- und Strafkläger Schadenersatz von Fr. 16'872.60 zu bezahlen.
7.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Zivil- und Strafkläger eine Genugtuung von Fr. 1'500.00 zu bezahlen.
7.3. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Zivil- und Strafkläger eine Parteientschädigung von Fr. 6'434.25 (inkl. Fr. 460.00 MwSt.) zu bezahlen.
8. 8.1. Die Anklagegebühr wird auf Fr. 800.00 festgesetzt und dem Beschuldigten auferlegt.
8.2. Die weiteren Verfahrenskosten bestehen aus:
a) der Gerichtsgebühr von Fr. 2'000.00 b) den Spesen von Fr. 48.00
Total Fr. 2'048.00
Dem Beschuldigten werden die Gerichtsgebühr sowie die Kosten gemäss lit. b im Gesamtbetrag von Fr. 2'048.00 auferlegt.
9. Der Beschuldigte trägt seine Kosten selber."
2.5.
Der Beschuldigte meldete am 5. Juli 2021 Berufung gegen das ihm am
25. Juni 2021 im Dispositiv zugestellte Urteil an. Das begründete Urteil
wurde ihm in der Folge am 27. August 2021 zugestellt.
- 5 -
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 16. September 2021 stellte der Beschuldigte
folgende Anträge:
"1. Der Berufungskläger sei in Aufhebung von Ziff. 2 des angefochtenen Urteils von der Anklage der einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB und von der Anlage der mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB vollumfänglich freizusprechen.
2. Die Schadenersatz- und die Genugtuungsforderung des Berufungs-
gegners in Höhe von CHF 16'872.60 bzw. CHF 1'500.00 seien in Aufhebung von Ziff. 7.1 bis 7.3 vollumfänglich abzuweisen.
3. Unter o/e-Kostenfolge (zuzüglich Mehrwertsteuer und Spesen) vor
allen Instanzen zu Lasten des Staates."
Der Beschuldigte stellte zudem die folgenden Beweisanträge:
"1. Es sei der Berufungsgegner anlässlich der Berufungsverhandlung nochmals zu befragen.
2. Weiter sei der Hausarzt des Berufungsgegners von Seiten des
angerufenen Gerichts um medizinische Auskunft hinsichtlich der Frage zu ersuchen, ob der zum Tatzeitpunkt bereits 61-jährige  bereits vorgängig zur körperlichen Auseinandersetzung vom 9. Dezember 2019 allenfalls infolge seiner langjährigen beruflichen Tätigkeit als Bodenleger, seines Alters und/oder der ärztlich diagnostizierten Adipositas an einer Vorschädigung des rechten Kniegelenks gelitten hat.
3. Es sei Herr C. anlässlich der Hauptverhandlung nochmals als
Auskunftsperson zu befragen.
4. Es sei der Berufungskläger anlässlich der Berufungsverhandlung
nochmals zu befragen.
5. Es sei der Aufsatz von Dr. med. Rolf F. Oetiker, Orthopädische
Chirurgie, zum Thema Meniskusriss (Beilage 2) zu den Verfahrensakten zu nehmen.
6. Es sei ein ärztliches Kurzgutachten hinsichtlich der Fragestellung zu
erstellen, ob das vom Berufungsgegner im Anschluss an den angeblich beim ersten Sturz eingetretenen Meniskusriss gezeigte Verhalten mit den im unmittelbaren Nachgang zu einem Meniskusriss erlittenen Schmerzen vereinbar ist.
7. Es seien die Akten des Verfahrens der Vorinstanz beizuziehen und dem
Unterzeichneten sämtliche Verfahrensakten inkl. dem Protokoll zur Hauptverhandlung und der Videoaufzeichnung (act. 21 der Akten der Vorinstanz) zur Einsicht zuzustellen.
3.2.
Mit Verfügung vom 20. September 2021 wies der Verfahrensleiter die
Beweisanträge des Beschuldigten einstweilen ab.
- 6 -
3.3.
Mit Eingabe vom 5. Oktober 2021 teilte die Staatsanwaltschaft Zofingen-
Kulm ihren Verzicht auf die Stellung eines Nichteintretensantrags sowie die
Erklärung der Anschlussberufung mit.
3.4.
Mit Verfügung vom 2. November 2021 ordnete der Verfahrensleiter im
Einverständnis der Parteien das schriftliche Berufungsverfahren an.
3.5.
Mit Berufungsbegründung vom 22. November 2021 hielt der Beschuldigte
an seinen Rechtsbegehren der Berufungserklärung vom 16. September
2021 fest. Er stellte hinsichtlich des schriftlich durchzuführenden
Berufungsverfahrens folgende Beweisanträge:
"1. Es sei der Hausarzt des Berufungsgegners von Seiten des angerufenen Gerichts um medizinische Auskunft hinsichtlich der Frage zu ersuchen, ob der zum Tatzeitpunkt bereits 61-jährige Berufungsgegner bereits vorgängig zur körperlichen  vom 9. Dezember 2019 allenfalls infolge seiner langjährigen beruflichen Tätigkeit als Bodenleger, seines Alter und/oder der ärztlich diagnostizierten Adipositas an einer Vorschädigung des rechten Kniegelenks gelitten hat.
2. Es sei der Aufsatz von Dr. med. Rolf F. Oetiker, Orthopädische
Chirurgie, zum Thema Meniskusriss (Beilage 3) zu den  zu nehmen.
3. Es sei ein ärztliches Kurzgutachten hinsichtlich der Fragestellung zu
erstellen, ob das vom Berufungsgegner im Anschluss an den angeblich beim ersten Sturz eingetretenen Meniskusriss gezeigte Verhalten mit den im unmittelbaren Nachgang zu einem Meniskusriss erlittenen Schmerzen vereinbar ist.
4. Es seien die Akten des Verfahrens vor der Vorinstanz beizuziehen.
5. Es sei dem Berufungsgegner nach Vorliegen der beantragten
Arztberichte bzw. ärztlichen Kurzgutachten gemäss den  Nr. 1 und 3 eine angemessene Frist zur schriftlichen  anzusetzen."
3.6.
Mit Berufungsantwort vom 9. Dezember 2021 stellte die Staatsanwaltschaft
Zofingen-Kulm den Antrag, die Berufung des Beschuldigten sei unter
Kostenfolge abzuweisen.

Considerations:
Das Obergericht zieht in Erwägung:
- 7 -
1.
Der Beschuldigte beantragt einen Freispruch von Schuld und Strafe
bezüglich des Vorwurfs der einfachen Körperverletzung (erster Schlag ins
Gesicht) und der mehrfachen Tätlichkeiten (zweiter und dritter Schlag ins
Gesicht, Umklammern und zu Boden Reissen) sowie die Abweisung der
Zivil- und Genugtuungsforderung, eventualiter den Verweis der Schaden-
ersatzforderung auf den Zivilweg. Unangefochten geblieben ist der
vorinstanzliche Freispruch des Beschuldigten vom Vorwurf der mehrfachen
Tätlichkeiten in Dispositiv-Ziffer 1 (zweimaliges Wegstossen). Das vorin-
stanzliche Urteil ist somit mit Ausnahme dieses Punktes vollumfänglich zu
überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
Der Beschuldigte rügt zunächst eine Verletzung des Anklageprinzips
hinsichtlich des Vorwurfs der einfachen Körperverletzung. Dazu macht er
im Wesentlichen geltend, im angeklagten Sachverhalt fehle eine
Umschreibung der Elemente, aus welchen sich die Kausalität zwischen den
angeklagten physischen Einwirkungen seitens des Beschuldigten auf B.
und dessen Verletzungen am Knie ableiten liessen. Insbesondere fehle es
jedoch an einer zureichenden Umschreibung, welche der angeklagten
Übergriffe die Verletzungen am rechten Knie verursacht hätten (vgl.
Berufungsbegründung S. 16 f.).
2.2.
2.2.1.
Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand
des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 9 StPO und Art. 325
StPO; Art. 29 Abs. 2 BV sowie Art. 32 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3
lit. a sowie lit. b EMRK). Das Gericht ist an den in der Anklage
wiedergegebenen Sachverhalt gebunden (Immutabilitätsprinzip), nicht
aber an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebehörde
(vgl. Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten Person zur Last
gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die
Vorwürfe in objektiver und subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert sind.
Das Anklageprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte
der beschuldigten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör
(Informationsfunktion; BGE 141 IV 132 E. 3.4.1; BGE 140 IV 188 E. 1.3;
BGE 133 IV 235 E. 6.2 f.; je mit Hinweisen). Entscheidend ist, dass die
beschuldigte Person genau weiss, was ihr konkret vorgeworfen wird, damit
sie ihre Verteidigungsrechte angemessen ausüben kann.
2.2.2.
Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift (Strafbefehl vom 16. Oktober
2020, vgl. Gerichtsakten [GA] act. 101) in tatsächlicher Hinsicht
vorgeworfen, er sei am 9. Dezember 2019 im Y. in Q. zwischen 14:00 Uhr
- 8 -
und 14:10 Uhr gegenüber B. mehrfach tätlich geworden, indem er diesen
zunächst wiederholt mit der Hand gegen den Kopf geschlagen und gegen
den Oberkörper weggestossen habe. B. sei dabei mehrfach zu Fall
gekommen. Weiter habe der Beschuldigte B. durch Umklammern von
hinten um den Oberkörper zu Boden gerissen. B. habe sich eine Verletzung
am Knie und eine Schwellung im Gesicht zugezogen (vgl. Anklage-
sachverhalt). Der dem Beschuldigten vorgeworfene Sachverhalt ist in
zeitlicher und örtlicher Hinsicht klar eingegrenzt. Die ihm zur Last gelegten
Handlungen zum Nachteil von B. (mehrfache Schläge ins Gesicht,
mehrmaliges Wegstossen, Umklammern und zu Boden Reissen) wie auch
die vom Beschuldigten mutmasslich verursachten Taterfolge
(Knieverletzung sowie Schwellung im Gesicht) sind im Sachverhalt
hinreichend umschrieben und werden von der Staatsanwaltschaft
Zofingen-Kulm unter die Tatbestände der einfachen Körperverletzung und
der mehrfachen Tätlichkeiten subsumiert. Der Beschuldigte geht zwar
richtig in der Annahme, dass die einzelnen Kausalitätselemente nicht
ausgeführt werden und der Anklagesachverhalt diesbezüglich knapp
ausfällt. Dies ändert jedoch nichts daran, dass er aufgrund der
Umschreibung des Tatablaufs und der Taterfolge wissen musste und
konnte, was ihm konkret vorgeworfen wird. Es ist nicht ersichtlich, dass es
dem Beschuldigten auf Grundlage des Anklagesachverhalts verwehrt
gewesen wäre, seine Verteidigungsrechte angemessen auszuüben. Die
Berufung des Beschuldigten erweist sich in diesem Punkt als unbegründet
und ist abzuweisen.
3.
3.1.
3.1.1.
Dem Beschuldigten wird von der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm
vorgeworfen, B. anlässlich einer Auseinandersetzung am 9. Dezember
2019 wiederholt mit der Hand gegen den Kopf geschlagen und gegen den
Oberkörper weggestossen zu haben, wobei dieser mehrfach zu Fall
gekommen sei. Ausserdem habe der Beschuldigte B. von hinten
umklammert und zu Boden gerissen. B. habe dabei eine Verletzung am
rechten Knie und eine Schwellung im Gesicht erlitten. Durch sein Verhalten
habe der Beschuldigte sich der einfachen Körperverletzung und der
mehrfachen Tätlichkeiten schuldig gemacht (vgl. Untersuchungsakten [UA]
act. 101).
3.1.2.
Die Vorinstanz hat es als erstellt erachtet, dass der Beschuldigte B. zu
Beginn der Auseinandersetzung am 9. Dezember 2019 im Y. in Q.
unvermittelt ins Gesicht geschlagen habe, wodurch dieser rückwärts vom
Stuhl zu Boden gefallen sei und sich einen Meniskusriss am rechten Knie
zugezogen habe. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung habe der
Beschuldigte B. zudem zwei Mal weggestossen und ihm zwei Mal ins
- 9 -
Gesicht geschlagen, bevor er ihn umklammert und zu Boden gerissen habe
(vgl. Urteil E. 3.1.2 ff.).
Der Beschuldigte wurde von der Vorinstanz hinsichtlich des ersten Schlags
ins Gesicht der einfachen Körperverletzung schuldig gesprochen. In Bezug
auf die nachfolgenden zwei Schläge ins Gesicht sowie das Umklammern
und zu Boden Reissen von B. wurde er zudem der mehrfachen
Tätlichkeiten schuldig gesprochen. Hinsichtlich des zweimaligen Weg-
stossens von B. sprach die Vorinstanz den Beschuldigten vom Vorwurf der
mehrfachen Tätlichkeiten frei, nachdem er sich in beiden Fällen in einer
Notwehrlage befunden habe und diese Handlungen deshalb gerechtfertigt
gewesen seien (vgl. Urteil E. 3.2.3).
3.1.3.
Der Beschuldigte bestreitet, sich der einfachen Körperverletzung und der
mehrfachen Tätlichkeiten schuldig gemacht zu haben. Es sei entgegen der
Vorinstanz nicht rechtsgenüglich erstellt, dass der Meniskusriss, sofern
dieser überhaupt durch die Auseinandersetzung vom 9. Dezember 2019
hervorgerufen und nicht anderweitig verursacht worden sei, auf den ersten
Schlag des Beschuldigten und nicht auf eine durch Notwehr gedeckte
Abwehrhandlung desselben zurückzuführen sei. Die Vorinstanz habe
zudem ohnehin verkannt, dass auch anlässlich dieses ersten Schlags ins
Gesicht von B. eine rechtfertigende Notwehrsituation vorgelegen habe.
Aufgrund der Umstände habe der Beschuldigte jedenfalls von einer solchen
ausgehen dürfen (vgl. Berufungsbegründung S. 8 ff.).
4.
4.1.
Der Sachverhalt wird vom Beschuldigten im Wesentlichen anerkannt.
Insbesondere bestreitet er nicht, mehrfach physisch auf B. eingewirkt zu
haben (vgl. Berufungsbegründung S. 2 ff.). Es ist insgesamt erstellt, dass
er sich zusammen mit seinem Geschäftspartner C. im Namen seines
Inkassounternehmens Z. am 9. Dezember 2019 im Y. in Q. mit B. traf, um
ein gegen ihn laufendes Inkassoverfahren zu besprechen (vgl. UA act. 58,
GA act. 44). Ebenfalls erstellt ist, dass es während des Gesprächs zu einer
physischen Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und B. kam,
anlässlich welcher der Beschuldigte B. insgesamt dreimal ins Gesicht
schlug, ihn zweimal wegstiess und ihn schliesslich von hinten umklammerte
und rückwärts zu Boden riss (vgl. Berufungsbegründung S. 5).
Strittig ist, ob der Beschuldigte die Knieverletzung von B. schuldhaft und
durch den ersten Schlag in dessen Gesicht verursacht hat. Ebenfalls strittig
ist, ob sich der Beschuldigte ausserdem durch die zwei weiteren Schläge
ins Gesicht und das Umklammern und zu Boden Reissen von B. der
mehrfachen Tätlichkeiten schuldig gemacht hat. Dies ist im Folgenden zu
prüfen.
- 10 -
4.2.
Als Beweismittel liegen einerseits die Aussagen des Beschuldigten sowie
jene von B. und C. vor. Ausserdem wurde die Auseinandersetzung vom 9.
Dezember 2019 durch das Videosystem im Y. in Q. aufgezeichnet. Die
tonlose Aufzeichnung wurde von der Kantonspolizei Aargau am 11.
Dezember 2019 sichergestellt (vgl. UA act. 7, UA act. 21). Wie bereits die
Vorinstanz festgestellt hat, ist sie als objektives Beweismittel ohne weiteres
verwertbar, zumal im Tatzeitpunkt vom 9. Dezember 2019 am Eingang des
Y. ein Hinweis auf Videoüberwachung angebracht war (vgl. GA act. 12 ff.).
Hinsichtlich der von B. erlittenen Verletzungen liegen zudem diverse
Arztberichte und -zeugnisse vor (vgl. Beilagen von B. zur
Hauptverhandlung vom 14. Juni 2021 [Beilagen HV]). Die Vorinstanz hat
sowohl die Aussagen der vorgenannten Beteiligten als auch den Inhalt der
Videoaufzeichnung und der Arztunterlagen ausführlich und korrekt
dargelegt (vgl. Urteil E. 2.3.3 und E. 2.4 f.). Zwecks Vermeidung von
Wiederholungen kann unter Vorbehalt von notwendigen Ergänzungen
vollumfänglich auf diese Ausführungen verwiesen werden.
5.
5.1.
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung zunächst einen Freispruch von
Schuld und Strafe hinsichtlich des Vorwurfs der einfachen Körper-
verletzung zum Nachteil von B.. Er führt hierzu aus, es sei keinesfalls klar,
dass er die Knieverletzung von B. überhaupt durch den Schlag ins Gesicht
und darüber hinaus schuldhaft verursacht habe (vgl. Berufungsbegründung
S. 7 ff.).
5.2.
Wer vorsätzlich einen Menschen in anderer Weise an Körper oder
Gesundheit schädigt, macht sich der einfachen Körperverletzung nach Art.
123 Ziff. 1 StGB strafbar. Art. 123 Ziff. 1 StGB erfasst alle Körper-
verletzungen, welche noch nicht als schwer i.S.v. Art. 122 StGB, aber auch
nicht mehr als blosse Tätlichkeiten i.S.v. Art. 126 StGB zu werten sind. Die
körperliche Integrität ist dann i. S. einer Körperverletzung beeinträchtigt,
wenn innere oder äussere Verletzungen oder Schädigungen zugefügt
werden, die mindestens eine gewisse Behandlung und Heilungszeit
erfordern, also etwa Knochenbrüche, auch wenn sie unkompliziert sind und
verhältnismässig rasch und problemlos ausheilen, aber auch bereits
Hirnerschütterungen, Quetschungen mit Blutergüssen und Schürfungen,
sofern sie um einiges über blosse Kratzer hinausgehen. Die
Strafverfolgung erfordert mithin einen gültig gestellten Strafantrag (vgl.
ROTH/BERKEMEIER, in: Basler Kommentar, Strafrecht, Strafrecht II, Art. 137
– 392 StGB, 4. Aufl. 2019, N. 2 f. zu Art. 123 StGB; vgl. auch BGE 119 IV
2 E. 2.a).
- 11 -
5.3.
Wie die Vorinstanz korrekt festgehalten hat, hat B. am 3. Februar 2020
einen gültigen Strafantrag gestellt und sich im Strafverfahren als
Privatkläger konstituiert (vgl. Urteil E. 3.1.1, UA act. 24).
5.4.
Vorliegend ist unbestritten, dass B. eine Knieverletzung in Form eines
Meniskusrisses erlitten hat, welcher operativ behandelt werden musste und
mit einer mehrmonatigen Arbeitsunfähigkeit verbunden war (vgl. UA act. 28
ff.). Die Voraussetzungen des tatbestandsmässigen Erfolgs einer
einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB sind damit ohne
weiteres erfüllt.
5.5.
5.5.1.
Hinsichtlich der Frage der Zurechenbarkeit bringt der Beschuldigte
zunächst vor, es sei nicht ohne weiteres anzunehmen, dass der von B.
erlittene Meniskusriss überhaupt auf die Auseinandersetzung vom 9.
Dezember 2019 zurückzuführen sei. Es sei unter Berücksichtigung des
fortgeschrittenen Alters, der langjährigen beruflichen Tätigkeit als Boden-
leger und des Übergewichts von B. wahrscheinlich, dass bereits eine
degenerative Vorschädigung des Kniegelenks bestanden habe, sodass der
Meniskusriss zu jedem Zeitpunkt vor, während oder gar nach der
Auseinandersetzung hätte entstanden sein können (vgl. Berufungs-
begründung S. 9 f.). Eine solche Vorschädigung ist den relevanten
Arztberichten indessen nicht zu entnehmen. Es wurde lediglich
festgehalten, B. leide berufsbedingt unter einer asymptomatischen
chronischen Bursitis, d.h. einer Schleimbeutelentzündung, welche ihm
vorgängig keine Beschwerden gemacht hatte (vgl. UA act. 28, UA act. 30,
UA act. 37 f.). Demgegenüber wurde bereits am 9. Dezember 2019, rund
zwei Stunden nach der Auseinandersetzung mit dem Beschuldigten, eine
Distorsion des rechten Knies mit Erguss diagnostiziert. B. habe sich zudem
mit einem leicht hinkenden Gang präsentiert (vgl. UA act. 38). Aufgrund
persistierender starker Schmerzen und wiederkehrender Schwellungen
wurde B. in der Folge am 16. Dezember 2019 und am 8. Januar 2020
erneut untersucht, wobei bei letzterer Konsultation ein MRI-Untersuch
angeordnet wurde (vgl. UA act. 37). Anlässlich dieses Untersuchs vom 29.
Januar 2020 wurde der Radiärriss im posteromedialen Meniskus
diagnostiziert und ein operativer Eingriff angesetzt (vgl. UA act. 28).
Gemäss den eigenreichten Arztzeugnissen war B. aufgrund anhaltender
Beschwerden bereits ab dem 9. Dezember 2019 und somit dem Tag der
Auseinandersetzung vollumfänglich arbeitsunfähig. Die Arbeitsunfähigkeit
dauerte bis zum 22. April 2020 an (vgl. UA act. 31 ff.). B. dürfte während
dieser Zeit keine belastenden Aktivitäten ausgeführt haben, weshalb auch
die Möglichkeit einer nachträglichen Verletzung ausgeschlossen werden
kann.
- 12 -
Aufgrund des beschriebenen Krankheits- und Beschwerdeverlaufs
bestehen mit der Vorinstanz keine vernünftigen Zweifel daran, dass der
Meniskusriss von B. anlässlich der Auseinandersetzung mit dem
Beschuldigten am 9. Dezember 2019 hervorgerufen wurde. Entsprechend
sind die Beweisanträge des Beschuldigten hinsichtlich des Einholens einer
medizinischen Auskunft beim Hausarzt von B. (Beweisantrag Nr. 1) bzw.
eines ärztlichen Kurzgutachtens (Beweisantrag Nr. 3) abzuweisen.
5.5.2.
Der Beschuldigte bringt hinsichtlich der Zurechenbarkeit weiter vor, es sei
auf Grundlage der Videoaufzeichnung und der Aussagen von B. nicht
rechtsgenüglich erstellt, dass dessen Meniskusriss überhaupt auf den
ersten Schlag ins Gesicht bzw. den damit zusammenhängenden Fall vom
Stuhl und nicht etwa auf das zweimalige Wegstossen, welches die
Vorinstanz als durch Notwehr gerechtfertigt taxierte, zurückzuführen sei.
Schliesslich sei B. während der Auseinandersetzung mehrmals zu Boden
gefallen und auch ins Straucheln gekommen. Ausserdem habe er sich
unterschiedlich darüber geäussert, durch welche Einwirkung die
Verletzung entstanden sei (vgl. Berufungsbegründung S. 9 f.).
In Bezug auf den Meniskusriss gab B. anlässlich der ersten und damit
tatnächsten Einvernahme vor der Kantonspolizei Aargau am 3. Februar
2020 an, sich diesen nach dem ersten Sturz zugezogen zu haben (vgl. UA
act. 51). Auf der Videoaufzeichnung ist diesbezüglich erkennbar, dass B.
nach dem ersten Schlag ins Gesicht rückwärts vom Stuhl fällt (13:55:20).
Dies führt dazu, dass er sich auf dem Rücken abrollt und sich sein
Körpergewicht mit Wucht auf sein rechtes Bein bzw. Knie verlagert,
welches sich verdreht. B. kommt in der Folge auf dem Bauch zu liegen
(13:55:21 – 13:55:25). Entgegen der Auffassung des Beschuldigten richtet
sich B. in der Folge nicht sofort wieder auf, sondern bleibt ein paar
Sekunden liegen, bevor er auf die Knie geht und dann aufsteht (13:55:25 –
13:55:30). Der beschriebene Bewegungsablauf, insbesondere die
Verdrehung des rechten Beins bzw. Knies unter der Wucht des Falls und
des Körpergewichts, ist ohne weiteres dazu geeignet, eine Knieverletzung
der eingetretenen Art hervorzurufen. Demgegenüber erscheint abwegig,
dass B. diesen Sturz folgenlos überstand und sich erst nachträglich am
Knie verletzte, zumal auf der Videoaufzeichnung nachfolgend keine
vergleichbare Verdrehung des rechten Beins im Sinne einer Distorsion
ersichtlich ist. Wenn es auch wahrscheinlich ist, dass sich die
Knieverletzung im Laufe der Auseinandersetzung verschlimmerte, ist
aufgrund der Umstände davon auszugehen, dass sie durch die erste
indirekte Gewalteinwirkung auf das Bein bzw. das Knie hervorgerufen
wurde und letztlich auf den ersten Schlag ins Gesicht von B.
zurückzuführen ist. Entgegen den Ausführungen des Beschuldigten
vermag daran nichts zu ändern, dass sich B. anlässlich der
- 13 -
Hauptverhandlung vor der Vorinstanz nicht mehr dazu äussern konnte,
wann die Verletzung entstanden sei, zumal er sie in der tatnächsten
Ersteinvernahme klar dem Sturz vom Stuhl und somit dem ersten Schlag
zugeordnet hatte (vgl. UA act. 51).
5.5.3.
Zusammengefasst bestehen keine vernünftigen Zweifel daran, dass der
von B. erlittene Meniskusriss auf die Auseinandersetzung vom 9.
Dezember 2019 mit dem Beschuldigten zurückzuführen ist. Ebenfalls
bestehen keine vernünftigen Zweifel daran, dass dieser bereits durch den
ersten Schlag ins Gesicht bzw. den damit zusammenhängenden Fall vom
Stuhl hervorgerufen wurde. Der Meniskusriss ist deshalb dem
Beschuldigten zuzurechnen.
5.6.
Zusammenfassend hat der Beschuldigte durch den ersten Schlag ins
Gesicht von B. dessen Fall vom Stuhl und den Meniskusriss verursacht.
Der objektive Tatbestand der einfachen Körperverletzung ist somit zu
bejahen.
5.7.
In subjektiver Hinsicht ist mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass der
Beschuldigte im Wissen darum handelte, dass der unvermittelte Schlag ins
Gesicht von B. dazu führen könnte, dass dieser vom Stuhl fällt und sich
dadurch eine Verletzung am Knie zuziehen könnte. Ebenfalls ist davon
auszugehen, dass der Beschuldigte eine solche Verletzung zumindest
billigend in Kauf nahm (vgl. Urteil E. 3.2.1). Der Beschuldigte handelte
damit eventualvorsätzlich und der subjektive Tatbestand ist ebenfalls zu
bejahen.
5.8.
5.8.1.
Der Beschuldigte macht geltend, es habe anlässlich des vorgenannten
ersten Schlags ins Gesicht von B. eine Notwehrsituation vorgelegen,
weshalb dieser gerechtfertigt gewesen sei. Eventualiter liege ein Fall der
sog. Putativnotwehr vor (vgl. Berufungsbegründung S. 14 ff.).
5.8.2.
Wird jemand ohne Recht angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff
bedroht, so ist der Angegriffene und jeder andere berechtigt, den Angriff in
einer den Umständen angemessenen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB).
Sind lediglich die subjektiven, nicht aber die objektiven Rechtfertigungs-
voraussetzungen erfüllt, spricht man von einer Putativnotwehr, konkret von
der irrigen Annahme der faktischen Voraussetzungen eines gesetzlich
anerkannten Rechtfertigungsgrundes. Dies ist beispielsweise dann der
Fall, wenn jemand fälschlicherweise annimmt, angegriffen zu werden (vgl.
- 14 -
PETER ALBRECHT, Strafprozessuale Dimensionen im Notwehrrecht,
ZStrR 138/2020, S. 4 f.).
5.8.3.
Sowohl der Beschuldigte als auch C. sagten vor der Polizei aus, B. habe
bereits zu Beginn des Gesprächs aggressiv gewirkt. Vor dem fraglichen
Schlag ins Gesicht sei er verbal ausfällig geworden, habe sich zu C.
herangebeugt und seine Hand schnell gehoben. Dadurch hätten sie sich
bedroht gefühlt (vgl. UA act. 41 ff., UA act. 58, UA act. 72). Diese Aussagen
wiederholten beide im Wesentlichen anlässlich der Hauptverhandlung vor
der Vorinstanz (vgl. GA act. 33, GA act. 45). Der Beschuldigte beschrieb
die Handbewegung als "Zucken", wobei man schon sagen könne, dass es
ein wenig mehr als nur ein Zucken gewesen sei. Er sei wegen dieser
Bewegung dazwischen gegangen und habe B. einen "Wischer" gegeben
(vgl. UA act. 59). Durch die ganze Konstellation und das aggressive
Verhalten von B. habe er gedacht, jetzt "lange er rüber". Das sei ein Reflex
gewesen (vgl. GA act. 46). Wie bereits die Vorinstanz zutreffend ausführte,
wird das Vorliegen einer Notwehrsituation im Sinne eines unmittelbar
drohenden Angriffs seitens B. durch die Videoaufzeichnung widerlegt. Zwar
ist ersichtlich, dass B. kurz vor dem Schlag ins Gesicht mit der linken Hand
gestikuliert. Eine Bewegung im Sinne eines "Zuckens" oder eines
Ausholens, welche objektiv als drohender Angriff zu werten wäre, ist jedoch
nicht zu sehen. B. bewegte sich vor dem ersten Schlag nicht anders, als er
dies während des restlichen Gesprächs tat. Dies schien den Beschuldigten
auch nicht weiter zu beunruhigen, zumal er wenige Sekunden vor dem
Schlag ins Gesicht noch gemächlich einen Schluck aus seiner Kaffeetasse
trank. Der Beschuldigte war weder unmittelbar durch einen Angriff bedroht,
noch durfte er aufgrund der Umstände von einem solchen ausgehen.
Zusammengefasst lag somit weder eine Notwehrsituation vor, noch war die
Annahme einer solchen unter den gegebenen Umständen gerechtfertigt.
Andere Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe sind nicht
ersichtlich.
5.9.
Der Beschuldigte hat sich hinsichtlich des ersten Schlags ins Gesicht von
B. der einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB schuldig
gemacht und seine Berufung ist in diesem Punkt abzuweisen.
6.
6.1.
Der Beschuldigte beantragt weiter einen Freispruch vom Vorwurf der
mehrfachen Tätlichkeiten in Bezug auf die zwei weiteren Schläge ins
Gesicht und das Umklammern und zu Boden Reissen von B..
- 15 -
6.2.
Wer gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des
Körpers oder der Gesundheit zur Folge haben, wird, auf Antrag, mit Busse
bestraft (Art. 126 Abs. 1 StGB). Gemäss bundesgerichtlicher Recht-
sprechung ist eine Tätlichkeit anzunehmen, wenn das allgemein übliche
und gesellschaftlich geduldete Mass einer Einwirkung auf den Körper eines
andern überschritten wird, die keine Schädigung des Körpers oder der
Gesundheit zur Folge hat (BGE 134 IV 189 E. 1.2; BGE 117 IV E. 2a). Auf
Tätlichkeit ist demnach zu erkennen, wenn Schürfungen, Kratzwunden,
Quetschungen oder bloss blaue Flecken offensichtlich so harmlos sind,
dass sie in kürzester Zeit vorbeigehen und ausheilen (ROTH/BERKEMEIER,
a.a.O., N. 4 zu Art. 123 StGB). In subjektiver Hinsicht ist Vorsatz bezüglich
der Tathandlung und des Taterfolgs vorausgesetzt, wobei Eventualvorsatz
genügt (vgl. ROTH/KESHELAVA, a.a.O., N. 13 zu Art. 126 StGB).
6.3.
Wie die Vorinstanz korrekt festgehalten hat, liegt auch bezüglich des
Vorwurfs der mehrfachen Tätlichkeiten ein gültiger Strafantrag von B. vor
(vgl. Urteil E. 3.2.1, UA act. 24).
6.4.
Gemäss erstelltem Sachverhalt (vgl. Ziff. 4) schlug der Beschuldigte B.
nach seinem Fall vom Stuhl ein zweites (13:57:26) und drittes Mal
(13:57:44) ins Gesicht. Anschliessend packte der Beschuldigte B. seitlich,
umklammerte ihn sodann von hinten und riss ihn rückwärts zu Boden
(13:57:47 – 13:57:49). Dem Arztbericht vom Tag der Auseinandersetzung
am 9. Dezember 2019 ist zu entnehmen, dass B. neben dem Meniskusriss
eine Kontusion der Lippe und der linken Schläfe erlitt (vgl. UA act. 38). Wie
die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, übersteigen die Einwirkungen des
Beschuldigten auf B. und dessen körperliche Integrität das gesellschaftlich
geduldete Mass (vgl. Urteil E. 3.2.2). Der objektive Tatbestand der
Tätlichkeiten ist damit erfüllt. Da der Beschuldigte B. zudem gezielt schlug
und zu Boden riss und auch wusste, dass dies zu einer gesundheitlichen
Beeinträchtigung desselben führen könnte, ist der subjektive Tatbestand
ebenfalls zu bejahen.
6.5.
Wenn sich der Beschuldigte in seiner Berufungsbegründung auch nicht
mehr auf das Vorliegen einer Notwehrsituation beruft, ist gleichwohl mit der
Vorinstanz festzuhalten, dass eine solche weder anlässlich des zweiten
und dritten Schlags noch des zu Boden Reissens ersichtlich ist. Beim
zweiten Schlag hält B. seine Hände hinter dem Rücken und es geht keine
unmittelbare Gefahr von ihm aus, welche durch den Beschuldigten hätte
abgewendet werden müssen (13:57:25). Selbiges gilt für den dritten
Schlag, vor welchem der Beschuldigte und B. sich zwar näher
gegenüberstehen, sich allerdings ein Tisch zwischen ihnen befindet und B.
- 16 -
die Arme vor seiner Brust verschränkt hat bzw. keine Angriffshaltung zeigt
(13:57:43). Unmittelbar danach wird B. vom Beschuldigten seitlich ein paar
Schritte zur Seite geschoben, von hinten gepackt und zu Boden gerissen
(13:57:51). Auch an dieser Stelle ist keinerlei Gefahr ersichtlich, welche der
Beschuldigte hätte abwenden müssen. Eine rechtfertigende
Notwehrsituation lag anlässlich keiner der drei physischen Einwirkungen
durch den Beschuldigten vor. Andere Rechtfertigungs- oder
Schuldausschlussgründe sind nicht ersichtlich.
6.6.
Der Beschuldigte hat sich hinsichtlich des zweiten und dritten Schlags ins
Gesicht und des Umklammerns und zu Boden Reissens von B. der
mehrfachen Tätlichkeiten schuldig gemacht und seine Berufung ist in
diesem Punkt abzuweisen.
6.7.
Der Beschuldigte hat gegenüber B. mehrfache Tätlichkeiten verübt. Das
vorinstanzliche Urteil führt im Dispositiv indessen nicht aus, hinsichtlich
welcher dieser Tätlichkeitshandlungen der vorliegend unangefochten
gebliebene und damit in Rechtskraft erwachsene Freispruch (zweimaliges
Wegstossen) bzw. der vorliegend zu bestätigende Schuldspruch (zweiter
und dritter Schlag ins Gesicht) im Einzelnen ergeht. Sowohl die Dispositiv-
Ziffer 1 als auch die Dispositiv-Ziffer 2 des vorinstanzlichen Urteils werden
deshalb von Amtes wegen um die einzelnen Tätlichkeitshandlungen
ergänzt (vgl. STOHNER in: Basler Kommentar,
Strafprozessordnung/Jugendstrafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 7 zu
Art. 83 StPO).
7.
7.1.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (vgl. BGE 144 IV 313 E. 1.2; BGE 141 IV 61
E. 6.1.1; je mit Hinweisen). Darauf kann vorab verwiesen werden.
7.2.
Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen
für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der
Strafe der schwersten Straftat und erhöht sie angemessen. Das
Höchstmass der angedrohten Strafe darf jedoch nicht um mehr als die
Hälfte erhöht werden und das Gericht ist an das gesetzliche Höchstmass
der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB). Bei ungleichartigen Strafarten
ist die Bildung einer Gesamtstrafe ausgeschlossen und die Strafen müssen
nebeneinander ausgefällt werden. Entsprechend sind für Übertretungen
Bussen auszusprechen, selbst wenn zugleich eine Verurteilung wegen
eines Vergehens mit Freiheits- und/oder Geldstrafe erfolgt (vgl.
- 17 -
ACKERMANN in: Basler Kommentar, Strafrecht I, Art. 1-136 StGB,
4. Aufl. 2019, N. 94 zu Art. 49 StGB).
7.3.
Der Beschuldigte hat sich der einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123
Ziff. 1 StGB und der mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB
schuldig gemacht und ist hierfür angemessen zu bestrafen. Der
Strafrahmen der einfachen Körperverletzung erstreckt sich dabei von einer
Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe, während Tätlichkeiten mit
Busse bestraft werden. Es liegen folglich ungleichartige Strafarten vor,
welche nebeneinander auszusprechen sind.
7.4.
7.4.1.
Für die begangene einfache Körperverletzung kann eine Freiheitsstrafe
oder eine Geldstrafe ausgesprochen werden (Art. 123 Ziff. 1 StGB). Der
Beschuldigte ist nicht vorbestraft und es liegen keine Anhaltspunkte dafür
vor, dass eine Geldstrafe aus präventiven Überlegungen nicht zweck-
mässig wäre. In Bezug auf die einfache Körperverletzung hat die
Vorinstanz deshalb zu Recht eine Geldstrafe als Sanktion ausgesprochen,
was vorliegend zu bestätigen ist (vgl. Urteil E. 4.3).
7.4.2.
Hinsichtlich der Tatkomponente ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass
der Beschuldigte B. während des Gesprächs unvermittelt ins Gesicht
schlug, worauf dieser vom Stuhl zu Boden fiel und sich einen Meniskusriss
zuzog, welcher eine Operation und eine mehrmonatige Arbeitsunfähigkeit
nach sich zog. Sofern sich der Beschuldigte tatsächlich von B. verunglimpft
fühlte oder eine Eskalation der Situation zum Nachteil von C. oder sich
selbst befürchtete, wäre es ihm ohne weiteres möglich gewesen, sich vom
Tisch, aus dem Raum zu entfernen. Für den Schlag ins Gesicht von B. gab
es im gegebenen Zeitpunkt jedenfalls keinerlei Anlass oder Rechtfertigung.
Wenn unter den vorliegenden Umständen auch nicht ohne Zweifel gesagt
werden kann, dass der Beschuldigte die Verletzung von B. direkt
beabsichtigte, nahm er eine solche durch den unprovozierten Schlag in
dessen Gesicht dennoch in Kauf. Das Verschulden des Beschuldigten ist
unter diesen Umständen mit der Vorinstanz als noch leicht zu erachten (vgl.
Urteil E. 4.5.1). Die von der Vorinstanz auf 50 Tagessätze angesetzte
Geldstrafe ist zu bestätigen.
7.4.3.
Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft, lebt in geordneten Verhältnissen und
versucht trotz seiner Krebserkrankung (vgl. GA act. 49 f.) einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Die Täterkomponente wirkt sich vorliegend
neutral aus und es bleibt somit bei einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen.
- 18 -
7.4.4.
Die Höhe des Tagessatzes ist gemäss Art. 34 Abs. 2 StGB nach den
persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters im Zeitpunkt
des Urteils zu bemessen, insbesondere nach dem Einkommen und
Vermögen, dem Lebensaufwand, allfälligen Familien- und Unterstützungs-
pflichten sowie dem Existenzminimum. Ausgangspunkt ist das Netto-
einkommen, welches der Täter im Zeitpunkt des Urteils durchschnittlich
erzielt bzw. alle geldwerten Leistungen, die ihm zufliessen. Der Tagessatz
für Verurteilte, die nahe oder unter dem Existenzminimum leben, ist in dem
Masse herabzusetzen, dass einerseits die Ernsthaftigkeit der Sanktion
spürbar ist und andererseits der Eingriff nach den persönlichen und
wirtschaftlichen Verhältnissen als zumutbar erscheint. Als Richtwert lässt
sich festhalten, dass eine Herabsetzung des Nettoeinkommens um
mindestens 50% geboten ist (BGE 134 IV 60 E. 6.1, E. 6.5.2).
Der Beschuldigte hat ein monatliches Nettoeinkommen von Fr. 2'900.00
(vgl. GA act. 28) und lebt damit nahe am Existenzminimum. Nach der
gebotenen Herabsetzung dieses Nettoeinkommens um 50% ergibt sich
eine Tagessatzhöhe von Fr. 50.00. Es resultiert somit eine Geldstrafe von
gesamthaft Fr. 2'500.00 (Fr. 50.00 x 50 TS).
7.4.5.
Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe
von höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe
nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer
Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). Von einem
Strafaufschub darf grundsätzlich nur bei ungünstiger Prognose abgesehen
werden (vgl. BGE 134 IV 1 E. 4.2.2 mit weiteren Hinweisen).
Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft und es liegen keine Anhaltspunkte für
eine Schlechtprognose vor, weshalb die Geldstrafe mit der Vorinstanz
aufzuschieben ist. Die Probezeit ist auf die minimale Dauer von zwei
Jahren festzulegen (Art. 44 Abs. 1 StGB).
7.5.
7.5.1.
Für die begangenen Übertretungen (mehrfache Tätlichkeiten gemäss
Art. 126 Abs. 1 StGB) ist gemäss Art. 106 Abs. 1 StGB eine Busse bis zu
Fr. 10'000.00 auszufällen. Die Busse ist nach den Verhältnissen des Täters
so zu bemessen, dass dieser die Strafe erleidet, die seinem Verschulden
angemessen ist (Art. 106 Abs. 3 i.V.m. Art. 47 StGB).
7.5.2.
Gemäss erstelltem Sachverhalt (vgl. Ziff. 4) wurde der Beschuldigte nach
dem ersten Schlag ins Gesicht mehrfach tätlich gegenüber B., indem er ihm
zwei weitere Schläge ins Gesicht zufügte und ihn sodann von hinten
- 19 -
umklammerte und rückwärts zu Boden riss. B. erlitt dabei eine Kontusion
der Lippe und der linken Schläfe. Mit der Vorinstanz, auf deren
Ausführungen verwiesen werden kann (vgl. Urteil E. 4.6.2), ist die Busse
unter Berücksichtigung der noch leichten Tatfolgen, der Vorstrafenlosigkeit
des Beschuldigten und dessen Einkommensverhältnissen (vgl. oben, Ziff.
7.4.2 f.) auf Fr. 700.00 anzusetzen.
7.5.3.
Für den Fall, dass die Busse schuldhaft nicht bezahlt wird, ist gemäss
Art. 106 Abs. 2 StGB und ausgehend von der für die Geldstrafe
festgesetzten Tagessatzhöhe von Fr. 50.00 als Umwandlungssatz
(BGE 134 IV 60 E. 7.3.3) eine Ersatzfreiheitsstrafe von 14 Tagen
festzusetzen.
8.
8.1.
Gemäss Art. 126 Abs. 1 StPO entscheidet das Gericht über die anhängig
gemachte Zivilklage, wenn es die beschuldigte Person schuldig oder
freispricht und der Sachverhalt spruchreif ist. Die Zivilklage wird auf den
Zivilweg verwiesen, wenn die Privatklägerschaft ihre Klage nicht
hinreichend begründet oder beziffert hat (Art. 126 Abs. 2 lit. d StPO).
8.2.
Die Vorinstanz hat die Schadenersatzforderung vollumfänglich
gutgeheissen und den Beschuldigten verpflichtet, B. Schadenersatz in der
Höhe von Fr. 16'872.60 auszurichten (vgl. Urteil E. 5.1.2). Der Beschuldigte
beantragt mit Berufung die vollumfängliche Abweisung, eventualiter den
Verweis auf den Zivilweg der Schadenersatzforderung (vgl.
Berufungsbegründung S. 17 f.).
8.3.
B. macht neben Arztkosten von Fr. 1'443.10 ein aufgrund
Arbeitsunfähigkeit entgangenes Einkommen bzw. einen entgangenen
Gewinn von Fr. 15'429.50 geltend (vgl. GA act. 67 ff.). Aktenkundig sind
diesbezüglich ein Auszug aus dem Handelsregisteramt des Kantons
Aargau, in welchem E. als Gesellschafter der X. eingetragen ist, ein
Bestätigungsschreiben desselben datiert vom 10. Juni 2021 sowie neun
Rechnungsbelege des Zeitraums zwischen dem 15. Dezember 2019 und
dem 23. März 2020 bei den Akten (vgl. Beilagen 20-30 HV). Auf Grundlage
dieser Belege ist B.s Stellung als Selbständigerwerbender ohne
Versicherungsdeckung nicht rechtsgenüglich nachgewiesen, womit auch
nicht zweifelsfrei erstellt ist, welcher Gewinn ihm während seiner
Arbeitsunfähigkeit tatsächlich entgangen ist. Die Schadenersatzforderung
ist damit mangels hinreichender Begründung bzw. Bezifferung auf den
Zivilweg zu verweisen (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO) und die Berufung des
Beschuldigten ist in diesem Punkt gutzuheissen.
- 20 -
8.4.
8.4.1.
Die Vorinstanz hat B. aufgrund der erlittenen seelischen Unbill eine
Genugtuung in der Höhe von Fr. 1'500.00 zugesprochen (vgl. Urteil
E. 5.2.2). Der Beschuldigte beantragt die Abweisung der Genugtuungs-
forderung (vgl. Berufungsbegründung S. 11).
8.4.2.
Gemäss Art. 47 OR kann das Gericht unter Berücksichtigung besonderer
Umstände dem Opfer einer Körperverletzung eine angemessene
Entschädigung als Genugtuung zusprechen. Die in der Norm erwähnten
besonderen Umstände bestehen in der Persönlichkeitsverletzung des
Geschädigten, wobei der Art. 47 OR ein Anwendungsfall von Art. 49 OR
ist. Die Körperverletzung umfasst sowohl physische als auch psychische
Beeinträchtigungen und muss grundsätzlich mit erheblichen körperlichen
oder seelischen Schmerzen verbunden sein oder eine dauerhafte
Gesundheitsschädigung verursacht haben (vgl. BGE 141 III 97 E. 11.2).
Die Entschädigung angemessen sein und sämtliche Umstände
berücksichtigen. Für die einzelfallweise Festlegung der Genugtuungs-
summe sind insbesondere die Art und Schwere der Verletzung, die
Intensität und Dauer der Auswirkungen auf die Persönlichkeit des
Geschädigten, der Grad des Verschuldens des Täters, allfälliges
Selbstverschulden und die Aussicht auf Linderung des Schmerzes durch
die Zahlung eines Geldbetrags heranzuziehen (vgl. HÜTTE/LANDOLT in:
Genugtuungsrecht, Bd. 2 2013, N. 341 und N. 359 ff.).
8.4.3.
B. fand sich am 9. Dezember 2019 im Y. in Q. ein, um mit dem
Beschuldigten und C. als Vertreter der Z. eine Inkassoangelegenheit zu
besprechen. Während dieses Gesprächs wurde er vom Beschuldigten
unvermittelt ins Gesicht geschlagen, wodurch er sich einen Meniskusriss
zuzog, sich einer Operation unterziehen musste und mehr als vier Monate
lang arbeitsunfähig war (9. Dezember 2019 bis 22. April 2020; vgl. Beilage
19 HV). Nach diesem ersten Schlag wurde er zudem ohne Anlass zwei
weitere Male ins Gesicht geschlagen und anschliessend von hinten zu
Boden gerissen. B. wurde durch die physischen Einwirkungen des
Beschuldigten in seiner körperlichen Integrität verletzt, erlitt über mehrere
Monate hinweg Schmerzen und Schwellungen am Knie und musste sich
deshalb wiederholt in ärztliche Untersuchung begeben. Zu berücksichtigen
ist jedoch insbesondere, dass gerade die ungewisse Heilungsdauer und
der ungewisse Verlauf des operationsbedürftigen Meniskusrisses für den
über 60-jährigen selbständigen Platten- und Bodenleger zu einer
erheblichen psychischen Belastung und damit einhergehenden Zukunfts-
ängsten geführt haben dürfte. Angesichts dieser Tatsache ist B. vom
Beschuldigten angemessen für die von ihm verschuldete seelische Unbill
- 21 -
zu entschädigen. Unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände der
Auseinandersetzung, der Art und Schwere der Verletzung, der mehr-
monatigen Arbeitsunfähigkeit sowie des Verschuldens des Beschuldigten,
erscheint die von der Vorinstanz ausgesprochene Genugtuung von
Fr. 1'500.00 angemessen und ist zu bestätigen (vgl. Urteil E. 5.2.2). Die
Berufung des Beschuldigten ist somit hinsichtlich dieses Punktes
abzuweisen.
9.
9.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei
im Berufungsverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon
ab, in welchem Ausmass ihre vor Obergericht gestellten Anträge gutge-
heissen wurden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_330/2016 vom
10. November 2017 E. 4.3).
9.2.
Im Berufungsverfahren unterliegt der Beschuldigte mit seinem Antrag auf
Freispruch vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung und der
mehrfachen Tätlichkeiten. Er obsiegt lediglich hinsichtlich der Herab-
setzung des Tagessatzes von Fr. 80.00 auf Fr. 50.00 und seines
Eventualantrags auf Verweis der Zivilforderung auf den Zivilweg.
Ausgangsgemäss sind die obergerichtlichen Verfahrenskosten dem
Beschuldigten zu 4/5 aufzuerlegen. Die restlichen obergerichtlichen
Verfahrenskosten (1/5) gehen zu Lasten der Staatskasse.
9.3.
Nachdem dem Beschuldigten die Kosten des Berufungsverfahrens zu 4/5
auferlegt werden, hat er seine eigenen Parteikosten ebenfalls zu 4/5 zu
tragen. Die restlichen Parteikosten im Berufungsverfahren (1/5) sind dem
Beschuldigten aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 436 StPO i.V.m.
Art. 429 Abs. 1 StPO). Entschädigungspflichtig sind jene Bemühungen, die
in einem kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der Rechte im
Strafverfahren stehen und die notwendig und verhältnismässig sind
(BGE 141 I 124 E. 3.1).
Mit am 20. Juni 2022 eingereichter Honorarnote macht der Verteidiger im
Berufungsverfahren Christian Stöbi, Advokat in [...], einen Aufwand von 17
Stunden und 45 Minuten à Fr. 250.00 und 3 Stunden und 39 Minuten à
Fr. 350.00 sowie die gesetzliche Mehrwertsteuer von 7.7%, insgesamt
somit Fr. 6'161.35 geltend. Dieser Aufwand erweist sich angesichts der
Bedeutung und Komplexität des vorliegenden Strafverfahrens, dem ein
Strafbefehl zugrunde liegt, als überhöht und ist zu kürzen.
- 22 -
Der Verteidiger weist für die Korrespondenz mit dem Verteidiger im
vorinstanzlichen Verfahren nach Mandatsübernahme sowie für das
allgemeine Aktenstudium einen Aufwand von 3 Stunden und 15 Minuten
aus. Nicht eingerechnet sind dabei Aufwände für das Aktenstudium, welche
zusammen mit anderen Posten als Gesamtaufwand ausgewiesen werden
(vgl. Aufwand vom 29.10.2021 für "Akten- und Videostudium, E-Mail an
Klient, Tel. mit Klient, [...]"). Auszugehen ist deshalb von einem
Gesamtaufwand für das Aktenstudium von rund 3 Stunden und 45 Minuten.
Für die Ausarbeitung der Berufungserklärung und die damit zusammen-
hängenden Korrespondenzen (vgl. Aufwände vom 15.09.2021 bzw.
16.09.2021 für "Ausarbeiten der Berufungserklärung, E-Mail an Klient,
Besprechung mit SF" sowie "Telefonat mit Klient, Finalisieren der
Berufungserklärung, AS E-Mail an RA Reiser, E-Mail an RA Reiser") weist
er einen Aufwand von 4 Stunden und 10 Minuten aus, wobei der Aufwand
für die Berufungsbegründung mit 7 Stunden und 20 Minuten veranschlagt
wird. Zusammen mit dem Aufwand für das Aktenstudium resultiert somit
ein geltend gemachter Aufwand von rund 15 Stunden und 15 Minuten. Die
12-seitige Berufungserklärung enthält eine rund 5-seitige summarische
Begründung, deren Ausführungen der Verteidiger in der Berufungsbe-
gründung weitgehend übernehmen konnte. Obschon der Verteidiger das
Mandat erst im Berufungsverfahren erhalten hat, ist anzumerken, dass er
die bereits vor der Vorinstanz geltend gemachten Argumentationslinien
aufgegriffen und in seiner Berufungsbegründung keine andere Verteidi-
gungsstrategie verfolgt hat. Der geltend gemachte Aufwand von
gesamthaft 15 Stunden und 15 Minuten für die Korrespondenz mit dem
Verteidiger des vorinstanzlichen Verfahrens, für das Aktenstudium und das
Ausarbeiten der Berufungserklärung bzw. -begründung erweist sich
deshalb als deutlich überhöht. Angemessen erscheint hierfür ein Aufwand
von 6 Stunden.
Für weitere Korrespondenzen in Form von E-Mails und Telefonaten bzw.
einer Besprechung mit dem Beschuldigten macht der Verteidiger im
weiteren einen Aufwand von mindestens 1 Stunde und 55 Minuten geltend.
Nicht eingerechnet sind dabei diverse Korrespondenzen mit dem
Beschuldigten, welche wiederum zusammen mit anderen Posten als
Gesamtaufwand ausgewiesen werden (vgl. Aufwand vom 29.10.2021 für
"Akten- und Videostudium, E-Mail an Klient, Tel. mit Klient, Bespr. mit SF
betr. weiteres Vorgehen, Eingabe ans Gericht, E-Mail an Klient").
Auszugehen ist deshalb von einem Aufwand für Korrespondenzen mit dem
Beschuldigten von rund 2 Stunden und 20 Minuten. Angesichts der
Bedeutung des vorliegenden Strafverfahrens ist diese auf die ange-
messene Dauer von 1 Stunde zu kürzen. Dasselbe hat für diverse E-Mails
und Telefonate mit dem Obergericht zu gelten, welche der Verteidiger mit
einem Aufwand von 70 Minuten ausweist. Angemessen erscheinen hierfür
im vorliegenden Berufungsverfahren 20 Minuten.
- 23 -
Insgesamt ist der Verteidiger für das Berufungsverfahren gemäss der um
11 Stunden und 25 Minuten gekürzten Honorarnote für einen Aufwand von
gerundet 10 Stunden zu entschädigen. Die vom Verteidiger geltend
gemachten Stundenansätze von Fr. 250.00 bzw. Fr. 350.00 sind zudem auf
den Regelstundenansatz von Fr. 220.00 (§ 9 Abs. 2bis AnwT) zu kürzen.
Unter Berücksichtigung der Auslagenpauschale (§ 13 AnwT) von praxis-
gemäss 3% und der gesetzlichen Mehrwertsteuer von 7.7% resultiert eine
Entschädigung von gerundet Fr. 2'440.50. Davon ist dem Beschuldigten
unter Vorbehalt der Verrechnung (Art. 442 Abs. 4 StPO) 1/5, d.h.
Fr. 488.10, auszurichten.
10.
10.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selbst einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO).
10.2.
Das vorinstanzliche Urteil wird hinsichtlich des Schuldpunktes bestätigt,
hingegen wird die Zivilforderung auf den Zivilweg verwiesen. Ausgangs-
gemäss sind die vorinstanzlichen Verfahrenskosten dem Beschuldigten zu
4/5 aufzuerlegen. Die restlichen vorinstanzlichen Verfahrenskosten (1/5)
werden auf die Staatskasse genommen.
10.3.
Nach diesem Ausgang des Verfahrens trägt der Beschuldigte seine
Parteikosten im erstinstanzlichen Verfahren zu 4/5. Die restlichen
Parteikosten (1/5) sind dem Beschuldigten aus der Staatskasse zu
ersetzen (Art. 429 Abs. 1 StGB).
Der Verteidiger des Beschuldigten im erstinstanzlichen Verfahren, Markus
Reiser, Anwalt in [...], hat keine Honorarnote eingereicht. Angemessen
erscheint unter Berücksichtigung der Bedeutung der vorliegenden
Strafsache und der Komplexität der sich stellenden Rechtsfragen ein
Aufwand von 15 Stunden, welcher mit dem Regelstundenansatz von
Fr. 220.00 (§ 9 Abs. 2bis AnwT) zu entschädigen ist. Es resultiert zuzüglich
der Auslagenpauschale (§ 13 AnwT) von praxisgemäss 3% und der
gesetzlichen Mehrwertsteuer von 7.7% eine Entschädigung von
gesamthaft Fr. 3'660.70. Davon ist dem Beschuldigten unter Vorbehalt der
Verrechnung (Art. 442 Abs. 4 StPO) 1/5, d.h. Fr. 732.15, auszurichten.
10.4.
Der Privatkläger machte für das vorinstanzliche Verfahren Parteikosten im
Umfang von Fr. 6'434.25 geltend. In Bezug auf die Höhe dieser Kosten ist
das Urteil der Vorinstanz unangefochten geblieben. Ausgangsgemäss sind
diese Kosten dem Beschuldigten zu 4/5, d.h. Fr. 5'147.40 aufzuerlegen. Im
- 24 -
Übrigen trägt der Privatkläger seine Kosten im vorinstanzlichen Verfahren
selber.
11.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).