Decision ID: cb6893a9-ed54-5c57-b9c6-f8bbe3294c29
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, afghanische Staatsangehörige und ethnische
Paschtunen aus J._ (Distrikt K._, Provinz Kabul), verliessen
Afghanistan eigenen Angaben zufolge im Februar 2016 und begaben sich
nach Pakistan, von wo sie via Iran, Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und
Österreich am 19. Juni 2016 in die Schweiz einreisten und gleichentags bei
der Grenzbehörde um Asyl nachsuchten.
B.
Am 6. Juli 2016 erhob das SEM die Personalien der Eltern und am 13. Juli
2016 der zwei ältesten Kinder und befragte sie zum Reiseweg und sum-
marisch zu den Gründen für das Verlassen des Heimatlandes (Befragung
zur Person, BzP). Am 22. und 23. Mai 2018 hörte die Vorinstanz die Eltern
und die drei ältesten Kinder einlässlich zu den Asylgründen an.
B.a Die Beschwerdeführenden führten zur Begründung ihres Asylgesu-
ches im Wesentlichen aus, der Beschwerdeführer (Vater) habe sich 1987
nach Pakistan begeben, wo er viele Jahre für das Internationale Komitee
des Roten Kreuzes (IKRK) gearbeitet und eine Familie gegründet habe. Im
Jahr 2013 seien die Beschwerdeführenden – zwei Söhne seien der Bildung
wegen in Pakistan geblieben – endgültig nach Afghanistan in das Heimat-
dorf zurückgekehrt. Der Beschwerdeführer habe zuvor während ungefähr
einem Jahr bereits in Afghanistan gearbeitet. Auf dem (...) (Provinz
L._), wo die Amerikaner für das afghanische Militär eine Basis ge-
baut hätten, habe er zuerst als (...) und später als (...) teilweise auch als
(...) gearbeitet. Da im Jahr 2011 zwei Söhne eines entfernten Verwandten
und dessen Neffe, welche den Taliban angehörten, anlässlich einer Razzia
in ihrem Dorf von den Amerikanern getötet worden seien, sei das Gerücht
verbreitet worden, dass er die Getöteten an die Amerikaner verraten habe.
Der entfernte Verwandte habe kurze Zeit nach ihrer Rückkehr aus Pakistan
die Taliban auf sie gehetzt. Diese hätten4 ihnen in der Folge monatelang
aufgelauert. Er sei nur noch selten nach Hause ins Dorf zurückgekehrt, wo
seine Familie und andere Angehörige des Familienclans gelebt hätten. Im
Mai 2013 seien die Taliban zu ihnen nach Hause gekommen und hätten
das Haus nach ihm durchsucht. Er sei zwar damals im Dorf gewesen, habe
sich aber besuchshalber bei einem Nachbarn aufgehalten. Er sei damals
von einem Cousin gewarnt worden, woraufhin der Nachbar ihn umgehend
nach Kabul gebracht habe. Im Januar 2016 habe er gar von einem Mitglied
seines Clans erfahren, dass die Taliban seine beiden ältesten Töchter zu
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entführen gedacht hätten. Auf Anraten seines Onkels habe er folglich ent-
schieden, Afghanistan mit seiner Familie zu verlassen. Innert kurzer Zeit
habe er die Ausreise organisiert und seine beiden Söhne, die in Pakistan
verblieben seien, aufgefordert, nach Kabul zu kommen. Am 9. Februar
2016 seien sie mit dem Bus von Kabul nach M._ gefahren und von
dort nach Pakistan ausgereist.
B.b Der Beschwerdeführer reichte seine Tazkera, eine Passkopie, Fotos
seiner Tätigkeit in Afghanistan, verschiedene Bestätigungen der amerika-
nischen Armee und des IKRK, mehrere Zeugnisse, Zertifikate und Dip-
lome, ein Empfehlungsschreiben sowie vier Fotos aus dem Bezirk
K._ ein.
C.
Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 21. November 2018 stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllen, und lehnte ihre Asylgesuche vom 19. Juni 2016 ab. Gleich-
zeitig verfügte es die Wegweisung der Beschwerdeführenden aus der
Schweiz, schob den Vollzug jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten ei-
ner vorläufigen Aufnahme auf.
D.
Mit Eingabe vom 21. Dezember 2018 liessen die Beschwerdeführenden
handelnd durch ihre Rechtsvertreterin gegen diesen Entscheid beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei die
angefochtene Verfügung in den Dispositivziffern 1-3 aufzuheben, die
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht liessen sie zudem beantragen, es sei auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ihnen die unentgelt-
liche Prozessführung und Rechtsverbeiständung zu gewähren.
Mit der Beschwerde reichten die Beschwerdeführenden eine Fürsorgebe-
stätigung vom 18. Dezember 2018 und eine Honorarnote ein.
E.
Mit Verfügung vom 9. Januar 2019 hiess der zuständige Instruktionsrichter
des Bundesverwaltungsgerichts die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete den Beschwerdefüh-
renden Frau lic. iur. Monika Böckle, N._, als Rechtsbeiständin bei.
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Gleichzeitig gab er dem SEM Gelegenheit, eine Vernehmlassung zur Be-
schwerde einzureichen.
F.
In seiner Vernehmlassung vom 22. Januar 2019 hielt das SEM vollumfäng-
lich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
G.
Am 13. Februar 2019 nahmen die Beschwerdeführenden zur Vernehmlas-
sung Stellung und reichten eine ergänzende Honorarnote ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31], Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde
ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Grün-
den ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Auf-
grund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Aner-
kennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden
kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Aus-
gangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol-
gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation
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im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns-
ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen
(vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4, WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi
Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
4.
4.1 Das SEM lehnte das Asylgesuch mit der Begründung ab, die Vorbrin-
gen der Beschwerdeführenden seien einerseits nicht asylrelevant und es
gebe auch gewisse Zweifel an den vorgebrachten Verfolgungsmassnah-
men.
Im Einzelnen führte es aus, der entfernte Verwandte habe sich für seine
Söhne und für seinen Neffen rächen wollen. Er habe dem Beschwerdefüh-
rer vorgeworfen, die drei Getöteten an die Amerikaner verraten zu haben,
da er für die Amerikaner gearbeitet habe. Dazu sei festzustellen, dass die-
sem Sachverhalt keine Hinweise auf eine asylbeachtliche Verfolgungsmo-
tivation zu entnehmen sei. Es würden Anhaltspunkte dafür fehlen, dass sie
aus einem der in Art. 3 AsylG abschliessend aufgezählten Gründe (Rasse,
Religion, Nationalität, politische Anschauungen, Zugehörigkeit zu einer be-
stimmten sozialen Gruppe) verfolgt worden seien. Die dargelegten Verfol-
gungsmassnahmen müssten in erster Linie als gewöhnliche Racheakte
des entfernten Verwandten bezeichnet werden. Den Akten sei denn auch
nicht zu entnehmen, dass der entfernte Verwandte hinter der Verfolgung
gestanden sei. Es sei festzuhalten, dass keine Anhaltspunkte auszu-
machen seien, wonach er von dem entfernten Verwandten aus einem der
in Art. 3 AsylG abschliessend aufgezählten Gründe verfolgt worden sei.
Daran ändere auch der Umstand nichts, dass sein Verfolger mit den Tali-
ban in Verbindung gestanden sei und der Verdacht letztlich auf ihn gefallen
sei, weil er für die Amerikaner gearbeitet habe. Diese Feststellungen wür-
den analog für ihre Furcht vor weiterer Verfolgung gelten. Aufgrund dessen
könne die Frage offengelassen werden, ob ihre Befürchtungen, weiteren
Verfolgungsmassnahmen seitens des entfernten Verwandten und seiner
Helfershelfer ausgesetzt zu werden, begründet seien. Es könne jedoch
festgehalten werden, dass den Aussagen des Beschwerdeführers zu ent-
nehmen sei, dass er nach der Ausreise vernommen habe, dass der ent-
fernte Verwandte das Dorf verlassen habe und sich verstecken müsse, da
seine Söhne zwei Personen aus dem Dorf geschlagen hätten, wobei eines
der Opfer verstorben sei. Auch die Beschwerdeführerin lege dar, der ent-
fernte Verwandte habe einen Neffen von O._ (einem Clanmitglied)
mit dem Messer erstochen; sie wisse nicht, wo er sich jetzt aufhalte, er
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werde von der Regierung gesucht. Der Vollständigkeit halber sei festzu-
stellen, dass gewisse Zweifel an den von ihnen vorgebrachten Verfol-
gungsmassnahmen bestünden, insbesondere an denjenigen in Bezug auf
die Verfolgungsintensität durch den entfernten Verwandten respektive die
Taliban. So lege die Beschwerdeführerin anlässlich der BzP dar, die Taliban
seien – abgesehen von der Hausdurchsuchung – mehrmals an die Türe
gekommen und hätten nach ihrem Ehemann gefragt, im letzten Monat vor
der Ausreise sogar drei Mal hintereinander. Auf die Frage, wie oft die Tali-
ban sonst noch bei ihm zuhause vorbeigekommen seien, habe sie anläss-
lich der Anhörung hingegen zu Protokoll gegeben, die Taliban seien nur
einmal zu ihnen nach Hause gekommen und hätten ansonsten ihrem Mann
aufgelauert. Erst auf Vorhalt hin, habe sie gesagt, sei seien ein- oder zwei-
mal dagewesen und hätten an die Türe geklopft, sie seien aber nicht ins
Haus gekommen, sondern hätten nur gefragt. Demgegenüber gehe aus
den Aussagen des Beschwerdeführers nicht hervor, dass seine Verfolger –
ausser dass sie einmal bei ihnen vorbeigekommen seien und ihm aufge-
lauert hätten – zuhause nach ihm gefragt hätten. Er habe anlässlich der
Anhörung dargelegt, die Taliban würden kommen und jemanden festneh-
men. Sie würden nicht fragen, wo jemand sei; seine Frau habe dies wohl
nicht so gemeint.
Für die Vorbringen der Kinder würden dieselben Feststellungen gelten. Die
eingereichten Beweismittel vermöchten an den Erwägungen des SEM
nichts zu ändern, zumal sie einen Sachverhalt untermauern würden, der
grundsätzlich nicht in Frage gestellt werde. Ihre Vorbringen würden den
Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht
standhalten.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Vorinstanz müsse wider-
sprochen werden, insoweit sie keine asylrelevante Verfolgung, sondern ei-
nen privaten Racheakt der Taliban annehme. Der Beschwerdeführer gelte
den örtlichen Taliban unbestritten als Ungläubiger, da er nachweislich für
westliche Akteure gearbeitet habe. Nur aus diesem Grund habe das Ge-
rücht, er habe Angehörige der Taliban verraten, verfangen und aus diesem
Grund werde er nun als Ungläubiger verfolgt. Für die Beurteilung des Ver-
folgungsmotivs sei dabei alleine die Perspektive der Verfolger relevant. Der
Angehörige der Getöteten, der sich tatsächlich habe rächen wollen, sei mit-
hin nicht der direkte Verfolger. Dass der Beschwerdeführer in Wahrheit mit
dem Tod der drei Taliban im Dorf nichts zu tun gehabt habe, zeige eben-
falls, dass es nicht auf das tatsächlich Vorgefallene, sondern nur auf das
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von den Taliban Unterstellte ankommen könne. Im Resultat werde der Be-
schwerdeführer von den Taliban verfolgt, weil geglaubt werde, er habe als
Ungläubiger den US-Amerikanern andere Taliban verraten. Diese Verfol-
gung geschehe damit aufgrund eines religiösen und deshalb asylrelevan-
ten Motivs. Es müsse zudem festgehalten werden, dass der Beschwerde-
führer aufgrund seiner Tätigkeiten für die westlichen Akteure über ein ein-
schlägiges Risikoprofil verfüge. Vorliegend sei erstellt, dass der Beschwer-
deführer zur von der Vorinstanz definierten Risikogruppe gehöre. Das Bun-
desverwaltungsgericht sei im Urteil E-3520/2014 vom 3. November 2015
zum Schluss gekommen, dass eine begründete Furcht der dortigen Be-
schwerdeführenden vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG durch die Ta-
liban im Zeitpunkt ihrer Ausreise bei objektiver Betrachtung zu bejahen sei,
obwohl die Beschwerdeführenden ihre jeweiligen Tätigkeiten für die inter-
nationalen Organisationen mit ihrer Flucht aufgegeben hätten. Angesichts
der unveränderten Sicherheits- und Verfolgungslage in Afghanistan sei da-
von auszugehen, dass die Beschwerdeführenden begründeterweise auch
künftige Verfolgung zu befürchten hätten. Da die Verfolgung auch im Fall
des zitierten Urteils nicht von staatlichen Akteuren, sondern wie vorliegend
von Dritten, nämlich den Taliban ausgehe, prüfe das Gericht die Schutzfä-
higkeit und –willigkeit des Staates und die Frage, ob eine innerstaatliche
Fluchtalternative bestehe. Jedoch selbst in Kabul, wo die afghanischen Si-
cherheitskräfte im Allgemeinen eine einigermassen stabile Lage hätten
schaffen können, sei für Angehörige einer Risikogruppe keine Schutzfähig-
keit gegeben. Damit sei dargelegt worden, dass der Beschwerdeführer in
die schutzbedürftige Risikogruppe falle. Er erfülle die Kriterien, welche die
genannte Risikogruppe definiere und habe deshalb aufgrund seiner Aktivi-
täten begründete Furcht vor einer asylrelevanten Verfolgung. Die für Per-
sonen der Risikogruppe mit erheblicher Wahrscheinlichkeit drohende Ver-
folgung durch die Taliban oder andere regimefeindliche Verbände stelle
eine Verfolgung im Sinne von Art 3 AsylG dar. Es sei davon auszugehen,
dass auch in naher Zukunft keine funktionierende und effiziente Schutzinf-
rastruktur zur Verfügung stehen werde. Demnach erfülle der Beschwerde-
führer die Flüchtlingseigenschaft und ihm sei Asyl zu gewähren. Das SEM
ziehe das Vorbringen der Beschwerdeführenden nicht grundsätzlich in
Zweifel beziehungsweise verzichte auf die Prüfung dessen Glaubhaftigkeit,
nicht ohne exemplarisch einen insgesamt als nebensächlich zu bezeich-
nenden Widerspruch zu rügen. Es sei festzustellen, dass die Beschwerde-
führenden, insbesondere das Elternpaar, sehr ausführlich, detailreich, ko-
härent und überwiegend einheitlich von ihren Erlebnissen berichtet hätten.
Es sei schlicht unmöglich, dass Aussagen zweier Personen, wiewohl sie
von den selben Ereignissen berichten würden, vollkommen identisch
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seien, der entsprechende Vorwurf des SEM daher nicht begründet sei. Die
Beschwerdeführerin lasse sich dazu auch dahingehend vernehmen, dass
sie ihrem Ehemann jeweils nicht unverzüglich alles Vorgefallene erzählt
habe, damit er sich möglichst wenig Sorgen mache – auch dadurch seien
Abweichungen entstanden. Die Hypothese, die Beschwerdeführenden
könnten unter den konkreten Befragungsbedingungen Aussagen mit sol-
cher Qualität ohne Erlebnisbezug erfunden haben, lasse sich nicht auf-
rechterhalten. Damit sei die Wahrscheinlichkeit, das Vorgebrachte habe
sich so zugetragen, höher als ihr Gegenteil. Die Asylgründe seien deshalb
rechtsgenüglich glaubhaft gemacht.
4.3 In der Vernehmlassung führt das SEM aus, es halte daran fest, dass
vorliegend in erster Linie von einem Racheakt seitens des entfernten Ver-
wandten ausgegangen werden müsse, weshalb kein Verfolgungsmotiv ge-
mäss Art. 3 Abs. 1 AsylG vorliege. Was das Risikoprofil des Beschwerde-
führers anbelange, sei zudem festzuhalten, dass der Beschwerdeführer mit
seiner Tätigkeit für die Amerikaner den Akten zufolge 2014 aufgehört habe;
ein allfälliges früheres Verfolgungsinteresse der Taliban dürfe aufgrund der
Tatsache, dass er die erwähnte Tätigkeit bereits seit längerem nicht mehr
ausübe, im heutigen Zeitpunkt ohnehin gering sein. Was die Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen anbelange, würden die im angefochtenen Entscheid
aufgeführten Widersprüche über die unterschiedliche Darstellung hinaus-
gehen, die sich ergäben, wenn sich zwei Personen zu ein und demselben
Sachverhalt äussern würden.
4.4 In der Replik wird geltend gemacht, die Vorinstanz wiederhole in ihrer
Stellungnahme ihre Einschätzung, die drohende Verfolgung durch die Tali-
ban sei ein Racheakt, welche eines asylrelevanten Motivs entbehre. Damit
blende die Vorinstanz den politisch-religiösen Kontext der Geschehnisse
aus. So sei bereits die – dem Beschwerdeführer zu Unrecht angelastete –
Anschuldigung, er habe die durch US-Streitkräfte getöteten Taliban-Mitglie-
der an die Täter verraten, allein durch seine Nähe zu den westlichen Akt-
euren entstanden. Auch wenn der geplante Racheakt durch die Taliban die
blosse Vergeltung eines Verrats darstelle, müsste dies ebenso als religiös-
politische Tat betrachtet werden, da ein religiös-politischer Verrat gerächt
würde. Es bleibe festzuhalten, dass zum Zeitpunkt der Verfolgungshand-
lungen gegenüber dem Beschwerdeführer in seinem Heimatdorf diese Pro-
filierung aktuell und klar gegeben gewesen sei. Habe er doch als Freund
des Westens und deshalb auch als der Verräter der dorfansässigen Taliban
gegolten. Immerhin habe er bis 2014 direkt für die US-Amerikaner gearbei-
tet und sei unmittelbar darauf zurück in sein Heimatdorf gezogen. Es sei
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wenig wahrscheinlich, dass die Taliban diese Vita in Zukunft einfach igno-
rieren würde. Es wäre falsch zu glauben, dass die Taliban-Herrschaft nur
aus Kämpfen bestehe, auch Verwaltungsstrukturen würden aufgebaut und
unterhalten. Ein entsprechendes Erinnern sei deshalb naheliegend.
Schliesslich erkläre die Vorinstanz pauschal, die Unterschiede in den je-
weiligen Darlegungen der Beschwerdeführenden würden über das Erwar-
tende hinausgehen. Dem sei zu entgegnen, dass vor allem die in mancher
Hinsicht besonders originelle, detaillierte und ausführliche Darstellung der
Geschehnisse allgemein für die Glaubhaftigkeit der Ausführungen spreche.
5.
5.1 Das SEM hat die Asylgründe der Beschwerdeführenden als nicht asyl-
relevant erachtet, weshalb es keine vertiefte Glaubhaftigkeitsprüfung vor-
genommen hat. Die Glaubhaftigkeit der Vorbringen hinsichtlich der Arbeits-
tätigkeiten des Beschwerdeführers für internationale Organisationen und
die Amerikaner in Afghanistan, welche mit Beweismitteln untermauert wor-
den sind, werden vom SEM nicht in Frage gestellt. Auch das Bundesveral-
tungsgericht sieht unter Berücksichtigung der eingereichten Beweismittel
keine Gründe, die Zweifel am Wahrheitsgehalt der geltend gemachten Tä-
tigkeiten des Beschwerdeführers begründen würden. Das SEM hat einzig
in Bezug auf die Verfolgungsintensität durch den entfernten Verwandten
respektive die Taliban einen Widerspruch in den Aussagen der Eltern fest-
gestellt. Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht
jedoch zum Schluss, dass die diesbezüglichen Erwägungen des SEM nicht
restlos zu überzeugen vermögen. So lassen sich die freien Ausführungen
des Beschwerdeführers anlässlich der BzP durchaus so verstehen, dass
die Taliban ihn mehrmals zuhause gesucht hätten (vgl. Akte A8/20 S. 15),
was in Einklang mit den Angaben seiner Frau stehen würde. Anlässlich der
Anhörung hat der Beschwerdeführer zwar erklärt, die Taliban hätten nie-
manden gefragt, wo er sei (vgl. Akte A20/23 F114 f.). Diese persönliche
Einschätzung muss aber nicht zwangsläufig richtig sein. Insgesamt ist kein
offenkundiger Wiederspruch in seinen eigenen Angaben respektive zu de-
nen seiner Ehefrau zu erkennen. Im Übrigen stimmen die Aussagen der
Eltern wie auch der drei ältesten Kinder überein. Zudem sind die Aussagen
der Eltern detailliert und substantiiert, was für die Glaubhaftigkeit der Asyl-
vorbringen spricht.
5.2 Das Asylgesuch der Beschwerdeführenden wird vom SEM hauptsäch-
lich abgelehnt, weil es davon ausgeht, bei der Verfolgung des Beschwer-
deführers handle es sich um einen Racheakt eines Dritten, wobei das asyl-
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rechtliche Motiv fehle. Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer wäh-
rend Jahren für internationale Organisationen und für die amerikanischen
Streitkräfte gearbeitet hat, was einerseits der Verwandtschaft des Be-
schwerdeführers, aber auch den Taliban bekannt gewesen ist, weil ein Teil
der Verwandten den Taliban angehören. Die Verfolgung des Beschwerde-
führers fand ihren Ursprung in der Tatsache, dass zwei Söhne und ein
Neffe eines entfernten Verwandten von den Amerikanern getötet worden
sind und das Gerücht verbreitet worden ist, der Beschwerdeführer habe sie
den Amerikanern verraten, weil er für diese arbeite. Es ist deshalb nicht
auszuschliessen, dass der entfernte Verwandte aus Rache die Taliban auf
den Beschwerdeführer gehetzt hat. Andererseits haben nicht die anderen
Söhne des Verwandten, welche nach der Ausreise des Beschwerdeführers
ihr Gewaltpotential an den Tag gelegt haben, den Beschwerdeführer ver-
folgt, sondern die Taliban, was gegen einen blossen Racheakt spricht. Aus
Sicht der Taliban ist der Beschwerdeführer aufgrund seiner Tätigkeiten bei
den internationalen Organisationen und den amerikanischen Streitkräften
ein Ungläubiger. So hat das Bundesverwaltungsgericht mehrfach festge-
stellt, dass gewisse Gruppen von Personen aufgrund ihrer Exponiertheit
einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt seien. Dazu gehören unter
anderem westlich orientierte oder der afghanischen Gesellschaftsordnung
aus anderen Gründen nicht entsprechende Personen, die mit den interna-
tionalen Truppen zusammenarbeiten. Einem besonders hohen Risiko sind
gemäss verschiedenen Quellen Personen ausgesetzt, die regelmässig bei
den Militärbasen gesehen werden und eng mit den Militärangehörigen zu-
sammenarbeiten. Diese sind besonders gefährdet, weil extremistisch oder
fanatisch eingestellte Gruppierungen – insbesondere die Taliban – Mus-
lime, welche für die ihrer Meinung nach ungläubigen Besetzer im Land ar-
beiten, als Verräter betrachten, die es hart zu bestrafen gelte (vgl. Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts Urteil E-2802/2014 vom 15. Januar 2015
E. 5.3.3, E-4907/2019 vom 26. März 2020 E. 5.3.2). Vor diesem Hinter-
grund ist bei der Verfolgung der Taliban, welche in Kenntnis der Tätigkeiten
des Beschwerdeführers bei den Amerikanern waren, von einer asylrecht-
lich motivierten Verfolgung auszugehen.
5.3 Hinsichtlich einer im Zeitpunkt der Ausreise begründeten Furcht hat
das SEM in seiner Vernehmlassung zutreffend festgestellt, dass das Ver-
folgungsinteresse der Taliban im Jahr 2016 nur noch gering gewesen sei.
Der Beschwerdeführer hat im Jahr 2014 aufgehört, für die Amerikaner zu
arbeiten, und sich in Kabul niedergelassen (vgl. Akte A20/23 F98). Bis zu
seiner Ausreise ist ihm nie etwas widerfahren, weshalb von einer lokalen,
auf sein Heimatdorf beschränkten Verfolgung auszugehen ist. Er verfügte
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Seite 12
in Kabul über ein Zimmer (vgl. Akte A20/23 F91, F117) und hat mit Ge-
schäftspartnern in Kabul eine Firma betrieben (vgl. Akte A20/23 F42-F52),
was darauf hindeutet, dass er sich nicht versteckt in Kabul aufgehalten hat.
Hätte sich der Beschwerdeführer noch vor einer Verfolgung der Taliban ge-
fürchtet, wären nicht seine Cousins täglich und sein Onkel ab und zu nach
Kabul gekommen, um ihn zu besuchen (vgl. Akte A20/23 F99), ansonsten
das Risiko bestanden hätte, dass den Taliban der Aufenthaltsort des Be-
schwerdeführers bekannt geworden wäre. Vor diesem Hintergrund ist da-
von auszugehen, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise
aus Afghanistan keine begründete Furcht (mehr) vor einer Verfolgung
durch die Taliban hegen musste.
5.4 Die geltend gemachte Gefahr einer Entführung der ältesten beiden
Töchter durch die Taliban beziehungsweise den entfernten Verwandten im
Ausreisezeitpunkt beruht einzig auf einem Hinweis eines Clanmitglieds
vom Januar 2016. Die beiden ältesten Töchter gaben ihrerseits anlässlich
ihrer Anhörung jeweils an, sie hätten nichts von der Gefahr einer Entfüh-
rung gewusst (vgl. Akte A22/11 F64 f. und A23/14 F62). Als Ausreisegrund
erwähnten beide die Verfolgung des Vaters durch die Taliban. Keine der
beiden gab an, dass sie kurz vor der Ausreise im besonderen Masse be-
schützt oder zum Vater nach Kabul gebracht worden wären. Bis zum Aus-
reisezeitpunkt ist denn auch nichts Konkretes vorgefallen, was auf eine ge-
plante Entführung der Töchter hingewiesen hätte. Es ist deshalb nicht von
einer hinreichend konkreten Verfolgungsgefahr der Töchter durch die Tali-
ban oder den entfernten Verwandten im Ausreisezeitpunkt auszugehen.
6.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführenden im Zeit-
punkt ihrer Ausreise aus Afghanistan im Jahr 2016 keine begründete
Furcht mehr vor den Taliban hatten. Den Beschwerdeführenden ist es mit-
hin nicht gelungen, Gründe nach Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft
zu machen. Das SEM hat demnach zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und ihre Asylgesuche abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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Seite 13
7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch das mit
der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung mit Verfügung vom 9. Januar 2019 gutgeheissen wurde, wer-
den keine Verfahrenskosten auferlegt.
9.2 Das Honorar der amtlichen Rechtsbeiständin ist bei diesem
Verfahrensausgang durch die Gerichtskasse zu vergüten. Mit der Replik
wurde eine aktualisierte Kostennote eingereicht, worin der zeitliche Auf-
wand von sieben Stunden, Dolmetscherkosten von Fr. 50.– und weitere
Auslagen von Fr. 20.– aufgeführt sind. Dies erscheint angemessen. Das
Gericht geht indessen praxisgemäss bei amtlicher Vertretung in der Regel
von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für die nicht-anwalt-
liche Vertretung aus. Der in der Kostennote verrechnete Stundenansatz
von Fr. 200.– ist entsprechend auf Fr. 150.– zu reduzieren. Gestützt auf die
in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist der
Rechtsbeiständin zu Lasten des Bundesverwaltungsgerichts ein Honorar
von insgesamt Fr. 1'120.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-7298/2018
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