Decision ID: 071f0696-f65f-58ce-8323-4de19142b302
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ist Staatsangehöriger von Afghanistan, ethnischer
Hazara und stammt nach eigenen Angaben aus B._ im Bezirk
C._ in der Provinz Ghazni. Er ersuchte am 14. September 2015 um
Asyl in der Schweiz und wurde dem Testbetrieb in Zürich zugewiesen. Im
Testzentrum Zürich fand am 15. September 2015 eine summarische Be-
fragung und am 12. Oktober 2015 ein beratendes Vorgespräch statt.
B.
Am 27. Oktober 2015 reichte seine damalige Rechtsvertreterin beim SEM
einen USB-Datenträger mit einem Video ein, das von (...) heruntergeladen
worden sei (vgl. act. A19/1). Ein Landsmann aus dem Camp, namens
D._, der viel auf dem Natel surfe und sich auf (...) Videos über die
Taliban anschaue, habe den Beschwerdeführer auf das Video, auf dem er
zu sehen sei, aufmerksam gemacht (vgl. act. A22/19 F. 41).
C.
In der Anhörung am 9. November 2015 brachte der Beschwerdeführer zur
Begründung seines Gesuchs vor, er habe nach seiner Schulzeit einen klei-
nen Laden geführt, in dem er Lebensmittel, Haushaltswaren sowie Obst
aus dem Garten der Familie verkauft habe. Eine regierungstreue Arbaki-
Miliz habe in dieser Gegend zwei Posten gehabt, es seien «Jungs aus dem
Ort» gewesen. Sie hätten öfter Zigaretten bei ihm bestellt, er habe ungefähr
drei Monate lang für sie Waren auf dem Bazar in Ghazni besorgt und auch
Einkäufe für den lokalen Arbaki-Kommandanten E._ erledigt. Über
einen Mittelsmann namens F._ (der Sohn eines Bazarhändlers, der
für die afghanischen Behörden gearbeitet habe) habe er für den Komman-
danten dort auch heimlich Alkohol gekauft, den er in einem Benzin-Kanister
transportiert habe. Alkohol sei in Afghanistan verboten und der Komman-
dant habe nicht gewollt, dass bekannt werde, dass er Alkohol konsumiere.
Er habe ungefähr siebenmal Alkohol auf diese Weise gekauft. Die Taliban
hätten herausgefunden, dass er die Arbaki beliefere und eines Tages, als
er im Auto seines Bekannten G._ in der Gegend von H._
unterwegs gewesen sei, hätten Taliban das Auto angehalten und ihn ent-
führt. Die Taliban hätten ihn aus dem Auto gezerrt, ihm die Augen verbun-
den und ihn an einen unbekannten Ort gefahren. Dort sei er geschlagen
und beschimpft und während vier bis fünf Stunden festgehalten worden.
Sie hätten ihn beschuldigt, ein Spion der Regierung zu sein. G._
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sei inzwischen in ihr Dorf zurückgefahren und habe dort seinen Vater auf-
gesucht und ihm die Entführung berichtet. Der Vater habe sofort den Mullah
und die Ältesten der Moschee zusammengerufen und sei mit ihnen nach
H._ gefahren. Im Tausch gegen einen auf ihrem Gebiet festgehal-
tenen Taliban und zwei Kalaschnikows sei der Beschwerdeführer auf Inter-
vention des Mullahs und der Ältesten freigelassen worden. Dies alles habe
sich ungefähr im Mai 2015 ereignet. Er habe sich nach diesem Ereignis
zwei Wochen nur im Haus aufgehalten und danach wieder im Laden gear-
beitet. Seine Eltern hätten ihm aber nicht mehr erlaubt, Warenlieferungen
zu machen, daher habe G._ statt seiner in die Stadt fahren müssen,
um die Einkäufe zu erledigen; G._ habe noch ungefähr dreimal Al-
kohol für den Kommandanten besorgt. Kurze Zeit später hätten die Taliban
seinem jüngeren Bruder einen Drohbrief übergeben, datiert vom (umge-
rechnet) 29. Juli 2015, in dem er vorgeladen worden sei, sich wegen Spit-
zeltätigkeit mit dem Staat Afghanistan gegen das «Islamische Emirat Af-
ghanistan» und wegen des Verkaufs von Alkohol an die Bevölkerung zu
verantworten, oder andernfalls die von ihnen verhängte Strafe zu akzeptie-
ren (Hinrichtungsbefehl). Sein Vater habe daraufhin entschieden, dass er
das Land verlassen müsse. Nach der Flucht habe ihm sein Vater mitgeteilt,
dass der Laden angezündet worden sei und er die Brandstiftung bei den
lokalen Behörden am (umgerechnet) 7. August 2015 zur Anzeige gebracht
habe.
D.
Am 10. November 2015 reichte die damalige Rechtsvertreterin beim SEM
die Kopie der Tazkara des Beschwerdeführers ein, eine Kopie des Droh-
briefes der Taliban sowie eine Kopie der Anzeige des Vaters des Beschwer-
deführers betreffend den Brand im Lebensmittelladen. Nach Aktenlage
legte der Beschwerdeführer am 12. November 2015 die drei Dokumente
im Original vor (vgl. act. A25/1), am 16. November 2015 reichte er entspre-
chende Übersetzungen des Drohbriefes und der Anzeige ein.
E.
Mit Verfügung vom 16. November 2015 entschied die Vorinstanz, das Ge-
such im erweiterten Verfahren zu behandeln, da es weiterer Abklärungen
bedürfe. Der Beschwerdeführer wurde dem Kanton I._ zugewiesen.
Gleichentags legte die Rechtsvertretung aus dem Testbetrieb das Mandat
nieder.
F.
Mit Entscheid vom 10. Februar 2017 lehnte das SEM das Asylgesuch ab
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und verfügte die Wegweisung; das SEM hielt die Vorbringen nicht für
glaubhaft, da die Schilderungen vage und detailarm ausgefallen seien. Die
geltend gemachte Entführung des Beschwerdeführers durch die Taliban
und das «Freikaufen» durch seinen Vater erachtete es für unplausibel,
ebenso wie auch den Sachverhalt betreffend den Drohbrief der Taliban.
Das SEM setzte den Vollzug jedoch zu Gunsten einer vorläufigen Auf-
nahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus, da es seine
Herkunft aus C._ in der Provinz Ghazni als erstellt erachtete.
Der Entscheid wurde am 14. Februar 2017 eröffnet.
G.
Am 16. März 2017 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde und bean-
tragte, ihm sei nach Aufhebung der Verfügung vom 10. Februar 2017 als
Flüchtling Asyl zu gewähren, eventualiter sei der Vollzug seiner Wegwei-
sung als unzulässig zu bezeichnen, subeventualiter sei die Sache an die
Vorinstanz zur neuen Entscheidung zurückzuweisen. In prozessualer Hin-
sicht beantragte er die unentgeltliche Prozessführung sowie die amtliche
Verbeiständung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses. Auf die Begründung der Rechtsbegehren, soweit für den Entscheid
wesentlich, wird in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 24. März 2017 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, verschob den Ent-
scheid über die amtliche Verbeiständung jedoch auf einen späteren Zeit-
punkt und forderte den Beschwerdeführer auf, innert Frist eine Rechtsver-
tretung zu benennen, welche die Qualifikationen des Art. 110a Abs. 3 AsylG
erfülle.
I.
Am 7. April 2017 beantragte eine vom Beschwerdeführer mandatierte
Rechtsvertreterin die amtliche Beiordnung. Die Instruktionsrichterin hiess
diesen Antrag mit Verfügung vom 11. April 2017 gut.
J.
Am 30. Oktober 2018 erkundigte sich die Rechtsvertreterin nach dem Ver-
fahrensstand. Am 1. November 2018 beantwortete die Instruktionsrichterin
diese Anfrage.
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K.
Am 29. Mai 2019 lud das Bundesverwaltungsgericht das SEM zu einer Ver-
nehmlassung ein.
L.
In der Stellungnahme vom 6. Juni 2019 hielt das SEM an seinem Entscheid
fest. Es verwies erneut auf Widersprüche und Ungereimtheiten, welche der
Beschwerdeführer nicht habe auflösen können.
M.
In der Replik vom 21. Juni 2019 erklärte die Rechtsvertreterin, entgegen
der Auffassung der Vorinstanz seien die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers schlüssig und nachvollziehbar.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM stellte bezüglich des Vorliegens der Flüchtlingseigenschaft
fest, der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft darlegen können, von den
Taliban wegen seiner Alkoholtransporte entführt und misshandelt worden,
jedoch noch gleichentags durch eine Intervention seines Vaters mit Unter-
stützung der lokalen Geistlichkeit und der Dorfältesten im Wege eines Ge-
fangenenaustauschs freigekommen zu sein und das Land später verlassen
zu haben, nachdem er einen Drohbrief der Taliban erhalten habe. Die Schil-
derung seiner Asylgründe sei vage, unkonkret und weise keine Realkenn-
zeichen auf, als ob er das Geschehene gar nicht selbst erlebt habe. Zudem
seien wichtige Aspekte nicht plausibel, insbesondere die Umstände, wie
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der Beschwerdeführer durch die Intervention seines Vaters und der Ältes-
ten so schnell wieder habe freikommen können. Schliesslich habe der Be-
schwerdeführer gravierende Widersprüche nicht auflösen können. Die ein-
gereichten Beweismittel seien nicht geeignet, die drohende Verfolgung zu
belegen, da diese leicht fälschbar seien und zudem auf Bestellung käuflich
erworben werden könnten.
Im Rahmen der Vernehmlassung erklärte das SEM, der Beschwerdeführer
habe vorgebracht, dass der Fahrer den Ort gewusst habe, wo mit den Ta-
liban verhandelt werden könne. Dies könne jedoch gar nicht sein, da er
selbst ausgesagt habe, er sei nach der Entführung in einer ungefähr halb-
stündigen Autofahrt an einen anderen Ort verbracht worden. Zudem habe
er aus Sicht des SEM nicht zu erklären vermocht, wie die Taliban ihn über-
haupt hätten identifizieren können.
4.2 Der Beschwerdeführer kann die Einschätzung des SEM nicht nachvoll-
ziehen. Richtig sei, dass er im Rahmen seiner Anhörung das Geschehen
ausführlich und genau geschildert habe. Das SEM verkenne mit seinen
Annahmen die Realitäten in Afghanistan; regelmässig würden die Taliban
Personen festnehmen und durch die Entführungen Gegenleistungen er-
pressen. Entscheidend nach einer Entführung sei eine schnelle Kontakt-
aufnahme, da die Geiseln sonst getötet würden. Da sein Entführungsort
bekannt gewesen sei, sei es dem Vater gelungen, mit den Taliban schnell
in Verhandlungen zu kommen; es sei in der Gegend bekannt, wo diese sich
aufhielten. Was genau in diesen Verhandlungen gesprochen worden sei,
habe er nicht wissen können. Es könne ferner auch nicht seine Aufgabe
sein, das Verhalten der Taliban zu erklären, er habe jedoch seine eigenen
Umstände detailliert dargelegt. Das SEM dagegen habe sein Vorbringen
pauschal als unglaubhaft abgetan und auch die vorgelegten Beweismittel
nicht einmal gewürdigt oder auf ihre Echtheit hin überprüft, obwohl es dazu
verpflichtet gewesen wäre.
In der Replik erklärte der Beschwerdeführer, er habe bereits in der Anhö-
rung zu Protokoll gegeben, dass die Gegend von H._ von den Tali-
ban kontrolliert werde. Den Einheimischen seien die Machtverhältnisse
und die jeweiligen Stützpunkte bekannt; sie hätten deshalb gewusst, wo
sie hätten hingehen müssen. Seinem Vater und den Ältesten seines Dorfes
sei daher klar gewesen, wohin sie gehen müssten, wenn sie die Taliban
treffen wollten. Zur Fahrtdauer sei festzuhalten, dass man in bergigem, un-
wegsamen Gelände in 30 Minuten keine grosse Entfernung zurücklegen
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könne; er sei in Wahrheit gar nicht so weit entfernt gewesen, wie das SEM
vermutet habe.
5.
5.1 Das SEM erachtete die Schilderungen Beschwerdeführer als unsub-
stantiiert; sie wiesen insbesondere keine Realkennzeichen auf.
Dieser Einschätzung vermag sich das Bundesverwaltungsgericht nicht an-
zuschliessen. Vielmehr hält es die Vorbringen aus den folgenden Erwägun-
gen für überwiegend wahrscheinlich, womit den Anforderungen an die
Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 Abs. 2 AsylG Genüge getan ist.
5.2 Die Ausführungen des Beschwerdeführers im Rahmen der freien Schil-
derung (vgl. act. A22/19 F46, 63, 73) sind auf gleichbleibendem Niveau
recht ausführlich ausgefallen; er nannte Details und soweit bekannt auch
die Namen der Beteiligten (vgl. seine Erläuterungen in act. A22/19 F46 zum
Ablauf der Besorgungen für den lokalen Arbaki-Kommandanten, sowie die
Aussagen zu den Umständen der Anhaltung durch die Taliban und die Be-
fragung, F63 und F73). Er beantwortete die Fragen des SEM schlüssig und
detailliert (vgl. ebenda F74 – 79 zur Befragung durch die Taliban, F107 –
114 zum Gefangenentausch und zu seiner Freilassung) und konnte auf
Nachfrage den Sachverhalt stimmig ergänzen und vertiefen (zum Beispiel
F74, 75), ohne dass dabei Widersprüche und Unsicherheiten auftauchten
(vgl. F92 – 105 zum Verhör und den Misshandlungen durch die Taliban).
Auch seine Erläuterungen im Rahmen der Beschwerde und der Replik wa-
ren geeignet, allfällige Widersprüche aufzulösen, so zum Beispiel seine
Präzisierungen in der Replik zur Dauer der Entführungsfahrt (vgl. E. 4.2).
Die Schilderungen des Beschwerdeführers enthalten auch Realkennzei-
chen, welche eine Differenzierung zwischen erlebnisbasierten und erfun-
denen respektive verfälschten Aussagen ermöglichen. Je mehr Realkenn-
zeichen eine Aussage enthält, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit,
dass die Aussage auf eigenem Erleben beruht. Dabei sind immer die Fä-
higkeiten der aussagenden Person und die Komplexität des vorgebrachten
Geschehens zu berücksichtigen. Zu den Realkennzeichen gehören insbe-
sondere die logische Konsistenz, die ungeordnete, aber inhaltlich letztlich
stimmige Darstellung, der quantitative Detailreichtum, raum-zeitliche Ver-
knüpfungen, die Wiedergabe von Gesprächen, ausgefallene Einzelheiten,
spontane Verbesserungen der eigenen Aussagen, das Eingeständnis von
Erinnerungslücken sowie die Schilderung von Interaktionen, Komplikatio-
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nen, Nebensächlichkeiten, unverstandenen Handlungselementen und ei-
genen psychischen Vorgängen (vgl. ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte
Flüchtlinge, Wie glaubhaft sind ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff.
und S. 139 ff.; REVITAL LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie kön-
nen aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und
Anwälten helfen?, in: AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5
sowie BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils
m.w.H.). Der Beschwerdeführer schilderte ausführlich, was er während der
Festhaltung durch die Taliban erlebte, welche Fragen sie stellten, welche
Antworten er gab und auch, welche Fragen er nicht beantworten konnte
(vgl. act. A22/19 F72–95); schliesslich berichtete er nachvollziehbar auch
über seine Angst, von den Taliban ermordet zu werden, während er nach
dem Verhör warten musste (vgl. ebenda F95). Des Weiteren ist festzustel-
len, dass die von ihm geschilderten Misshandlungen (Schläge auf den Rü-
cken, ebenda, F105) mit den Diagnosen im vorgelegten Arztzeugnis vom
27. Oktober 2015 übereinstimmen (vgl. act. A20/2).
5.3 Des Weiteren hielt das SEM es für wenig wahrscheinlich, dass die Ta-
liban von den Geschäften des Beschwerdeführers mit der Miliz erfahren
und sie ihn auf der Strasse hätten identifizieren können. Dieses Argument
vermag aus den folgenden Gründen nicht zu überzeugen. Die Arbaki Mili-
zen sind ein Sicherheitssystem auf Gemeindeebene («A community-based
security system», siehe European Asylum Support Office [EASO], Afgha-
nistan: Security Situation – Update, Mai 2018, S. 8, www.refworld.org/-
docid-/5b3be4ad4.html, besucht am 21.02.2020). Dies hat auch der Be-
schwerdeführer so geschildert (vgl. act. A22/19 F.46, «die meisten Arbaki
sind Jungs aus der Gegend selbst»). Das Europäische Unterstützungsbüro
für Asylfragen (EASO) erläutert in seinem Bericht vom September 2016,
dass Milizgruppen, die oftmals auf Seite der Regierung gegen Aufständi-
sche kämpfen würden, als Arbakai (Plural: Arbaki) bezeichnet würden. Ur-
sprünglich beruhte das Konzept Arbakai auf dem Stammesrecht der
Paschtunen, dem Paschtunwali. Arbaki würden die Rolle der Polizei inner-
halb des Stammes, des Sub-Stammes oder in Gemeindegebieten über-
nehmen. Arbakai sei ein System zur Kontrolle der Gemeinschaft basierend
auf dem Stamm, das auf freiwilligen Basisinitiativen beruhe. Arbaki würden
sich von Milizmitgliedern oder Angestellten von privaten Sicherheitsfirmen
unterscheiden. Sie hätten grössere Unterstützung und seien in die Ge-
meinde eingebettet. EASO verweist insbesondere auf die Aussagen von
Mohammed Osman Tariq, der in seinem Bericht zum Konzept Arbakai ei-
nen Stammesältesten zitiert. Nach dessen Auskunft handle es sich bei den
Arbakai um eine Gruppe von freiwilligen Erwachsenen, die mittels eines
http://www.refworld.org/-docid-/5b3be4ad4.html http://www.refworld.org/-docid-/5b3be4ad4.html
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besonderen Verfahrens ausgewählt würden und die Verantwortung für die
Umsetzung der Entscheidungen der Dschirga (Stammesversammlung)
hätten. Sie sicherten das Territorium des Stammes oder der Gemeinde und
würden Massnahmen gegen jene ergreifen, die illegale Handlungen bege-
hen wollten. Die zeitgenössische Verwendung des Begriffs Arbakai leite
sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung ab. Heute werde das Wort für alle
Arten der semi-offiziellen oder nicht-offiziellen Milizgruppen insbesondere
im Norden Afghanistans verwendet (vgl. EASO, Afghanistan; Recruitment
by armed groups, September 2016, S. 33, www.easo.europa.eu/si-
tes/default/files/publications/-Afghanistan_recruitment.pdf, besucht am
21.02.2020). In Hinblick auf den vorliegend zu beurteilenden Sachverhalt
bedeutet eine derart lokal basierte Kommandostruktur, die in der Ge-
meinde fest verankert ist, dass es durchaus vorstellbar ist, dass in einem
kleinen Dorf bekannt werden kann, welche Geschäfte der Beschwerdefüh-
rer für den lokalen Arbaki-Kommandant tätigte, auch wenn er selbst er-
klärte, dass nur ganz wenige Personen Bescheid gewusst hätten (vgl. act.
A22/19 F46). Der Beschwerdeführer hat ausgesagt, die Arbaki-Milizionäre
seien oft vor seinem Laden gesessen (vgl. act. A22/19, F70). Zudem ist
nicht auszuschliessen, dass es im Dorf Spitzel der Taliban gegeben hat,
die den Taliban Bericht erstatteten, wer beim Kommandanten ein- und aus-
gegangen ist. Der Beschwerdeführer hat darauf hingewiesen, dass die In-
formationswege der Taliban stark seien (vgl. act. A22/19 F69-71). Denkbar
ist ferner, dass der Laden des Vaters von F._, der selbst für den
Staat tätig gewesen sei (wo der Beschwerdeführer den Alkohol gekauft
habe), unter Beobachtung gestanden haben könnte (vgl. act. A22/19 F73).
Es ist aus diesen Erwägungen durchaus nicht abwegig, dass die Geschäfte
des Beschwerdeführers aufgefallen sind und er möglicherweise durch eine
lokale Person an die Taliban verraten wurde.
Im Übrigen ist festzustellen, dass verschiedene Quellen über die Entfüh-
rung von Zivilpersonen durch die Taliban in der Region C._ –
Ghazni im Jahr 2015 berichteten. So schildert das Afghanistan Analysts
Network (AAN) in einem Beitrag vom April 2015 verschiedene Entführungs-
fälle und wies darauf hin, dass im März 2015 Zivilisten auf dem Weg von
Jaghori kommend angehalten und nach kurzer Festhaltung und Befragung
wieder auf freien Fuss gesetzt worden seien. In der Gegend von
C._ komme es häufig zu Entführungen, da die Afghanische Armee
nur geringe Präsenz zeige. Durch entsprechende Entführungen und Fest-
haltungen versuchten die Taliban, Soldaten, Regierungstreue sowie
Staatsbedienstete ausfindig zu machen; gleichzeitig dienten die Entführun-
http://www.easo.europa.eu/sites/default/files/publications/-Afghanistan_recruitment.pdf http://www.easo.europa.eu/sites/default/files/publications/-Afghanistan_recruitment.pdf
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gen als Machtdemonstration und zur Einschüchterung der lokalen Bevöl-
kerung (vgl. Afghanistan Analysts Network [AAN], Hazaras in the Cross-
hairs? A scrutiny of recent incidents, 24.04.2015, www.afghanistan-ana-
lysts.org/en/reports/war-and-peace/-hazaras-in-the-crosshairs-ascrutiny-
of-recent-incidents/, abgerufen am 11.03.2020). Auch Landinfo beschreibt
in einem Bericht vom November 2015 die Entführungen in der Provinz
Ghazni und berichtet ebenfalls über den Vorfall, dass Reisende auf der
Strasse zwischen der Stadt Ghazni und dem Bezirk Jaghori entführt wor-
den seien. Neun der Geiseln seien nach wenigen Stunden freigelassen
worden, während eine Person vermisst blieb, die angeblich für die Behör-
den gearbeitet haben solle (vgl. Landinfo, Afghanistan: Generell sikkerhet
og veisikkerhet, 20.11.2015, https://landinfo.no/wpcontent/uplo-
ads/2018/03/Afghanistan-Generell-sikkerhet-og-veisikkerhet-
20112015.pdf, abgerufen am 11.03.2020). Insofern erscheinen die Schil-
derungen des Beschwerdeführers angesichts der Quellenlage zum ent-
sprechenden Berichtszeitraum nachvollziehbar. Es scheint denn auch
plausibel, wenn der Beschwerdeführer erklärte, dass die Taliban ein star-
kes Informationsnetzwerk hätten und allenfalls ihre Macht gegenüber den
lokalen Arbaki-Milizen hätten demonstrieren wollen.
Das SEM hielt es des Weiteren für unglaubhaft, dass der Beschwerdefüh-
rer so schnell habe befreit und ausgetauscht werden können. Entgegen
dieser Einschätzung erachtet das Gericht die Schilderungen betreffend
seine Freilassung jedoch als nachvollziehbar und genügend substantiiert.
Die Umstände, unter welchen sein Vater und die Dorfältesten ihn nach der
Entführung relativ schnell hätten auffinden können, vermochte er in der Be-
schwerde einigermassen überzeugend darzulegen. Auch die protokollierte
Aussage, er sei von seinem Vater nicht über alle Umstände des Gefange-
nentauschs aufgeklärt worden, weil sich das nicht gehöre (vgl. F107, 110,
113) und weil Junge ohnehin mit den Taliban nie verhandeln würden, das
sei Sache der Alten (vgl. F112), ist nachvollziehbar und erscheint im Kon-
text der familiären und dörflichen Hierarchie plausibel. Gemäss Landinfo
erklärte eine gut informierte internationale Organisation bei einem Treffen
mit Landinfo im September 2015, dass die Taliban Entführungen von
Hazaras benutzten, um die Älteren dazu zu bringen, den Rebellen die
Durchreise durch die von Hazaras kontrollierten Gebiete zu gewähren (vgl.
Landinfo, Afghanistan, a.a.O., S. 20). Gemäss EASO-Bericht zur Sicher-
heitslage im Jahr 2015 sei im August 2015 eine Gruppe von Hazaras in
C._ an einer illegalen Strassensperre angehalten worden. Die Per-
sonen seien nach fünf Tagen wieder freigelassen worden, nachdem die
örtlichen Ältesten den Fall verhandelt und vermittelt hatten (vgl. EASO,
https://landinfo.no/wpcontent/uploads/2018/03/Afghanistan-Generell-sikkerhet-og-veisikkerhet-20112015.pdf https://landinfo.no/wpcontent/uploads/2018/03/Afghanistan-Generell-sikkerhet-og-veisikkerhet-20112015.pdf https://landinfo.no/wpcontent/uploads/2018/03/Afghanistan-Generell-sikkerhet-og-veisikkerhet-20112015.pdf
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Afghanistan Security Situation, 01.2016, S. 92, https://coi.easo.eu-
ropa.eu/administration/easo/-PLib/EASO-COI-Afghanistan_Security_Situ-
ation-BZ0416001-ENN_FV1.-pdf, abgerufen am 11.03.2020). Tatsächlich
scheint die Praxis der Entführung zum Austausch von Gefangenen gängig
zu sein. Die Vorinstanz muss sich in Bezug auf die Erhellung dieses Sach-
verhaltsaspekts entgegenhalten lassen, dass wenig nachfragt wurde, um
die Umstände des Gefangenenaustauschs abzuklären; nach der freien
Schilderung im Rahmen der Anhörung (vgl. act. A22/19 F46) stellte die
Fachspezialistin keine weiteren Fragen zu den Umständen der Freilas-
sung. Auch wenn gewisse Details offengeblieben sind, so sind die Ausfüh-
rungen des Beschwerdeführers in diesem Punkt als überwiegend glaubhaft
zu bezeichnen.
5.4 Das SEM hat im Zusammenhang mit dem Erhalt des Drohbriefs
vorgebracht, es sei nicht nachvollziehbar, dass die Taliban diesen Brief
dem Bruder des Beschwerdeführers abgegeben hätten – anstatt den
Beschwerdeführer direkt mitzunehmen. Ein Widerspruch sei auch, dass
der Beschwerdeführer die Taliban einerseits als mächtig bezeichnet habe,
für die es ein Leichtes sei, jemanden ausfindig zu machen, und
andererseits erklärt habe, die Taliban hätten nicht einfach in sein Dorf
kommen können (vgl. act. A39/7 Ziff. II Nr. 1, S. 4). Der Beschwerdeführer
hat – nach Ansicht des Gerichts – jedoch plausibel dargelegt, dass sein
Dorf von den Arbaki geschützt werde, weshalb nachvollziehbar ist, dass
die Taliban sich nicht einfach in das Dorf hätten begeben können (vgl. act.
A22/19 F120). Ausserdem hatte er an anderer Stelle bereits erklärt, dass
sich die Arbaki-Milizionäre häufig vor seinem Laden aufgehalten hätten
(vgl. ebenda F70). Auch die Aussage, dass die Taliban allenfalls im Dorf
über Spitzel verfügen könnten, die ihnen Informationen über das
Dorfgeschehen zutragen könnten, fügt sich ins Bild ein. Die Vorbringen
sind in diesem Punkt als stimmig und plausibel zu bezeichnen.
5.5 Betreffend den Inhalt des als Beweismittel vom Beschwerdeführer vor-
gelegten Drohbriefes der Taliban, erachtete die Vorinstanz es als wider-
sprüchlich, dass im Brief geschrieben stehe, der Beschwerdeführer habe
Alkohol verkauft, er selbst jedoch vorgebracht habe, die Taliban hätten dies
nicht gewusst, sonst hätten sie ihn auf der Stelle getötet (vgl. act. A22/19
F59).
5.5.1 Dazu ist folgendes festzuhalten. Tatsächlich liegt ein Widerspruch
vor, allerdings datiert der Brief vom 29. Juli 2015, der Beschwerdeführer
erhielt ihn somit erst zwei Monate nach der Entführung und Festhaltung,
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welche sich im Mai 2015 ereignet haben soll (vgl. A22/19 F48); entspre-
chende Information könnten die Taliban auch erst später erhalten haben.
Der Drohbrief enthält weiterhin den Vorwurf der Spionage für staatliche
Kräfte; dieser Vorwurf ist nachvollziehbar angesichts des Umstandes, dass
der Beschwerdeführer vorgebracht hatte, für E._, den lokalen
Arbaki-Kommandeur Besorgungen gemacht zu haben und dazu mit
F._, einem Freund des Kommandanten, der in Staatsdiensten
stehe, Kontakt gehabt zu haben (vgl. act. A22/19 F46 und 73); genau um
die Details dieser Verbindung drehte sich auch das Verhör im Rahmen der
Entführung, F73 – 78).
5.5.2 Zwar ist zutreffend, dass Dokumente wie der vorgelegte Drohbrief der
Taliban, ebenso wie die Anzeige des Vaters betreffend die Brandstiftung
am Laden des Beschwerdeführers, nicht fälschungssicher sind und ihnen
daher – wie von der die Vorinstanz richtig festgestellt – nur geringer Be-
weiswert zukommt (vgl. statt vieler das Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-5479/2016 vom 7. Juni 2019 E. 5.5). Sie können deshalb für sich
allein genommen nicht als Beleg für die Glaubhaftigkeit eines Vorbringens
dienen. Vorliegend sind sie jedoch im Kontext mit den überwiegend als
glaubhaft gemacht zu erachtenden Vorbringen des Beschwerdeführers zu
würdigen. In diesem Zusammenhang ist auch von Bedeutung, dass die
Vorinstanz die vom Beschwerdeführer eingereichte Tazkara als echt erach-
tete und seine Herkunft aus der Provinz Ghazni nicht in Frage stellte (vgl.
act. A39/7 Ziff. III Nr. 1, S. 4). Der Umstand, dass Drohbriefe auch gefälscht
werden und auf «Bestellung» fabriziert werden können, ändert nichts an
der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers.
5.6 Die vom Beschwerdeführer im Rahmen der Anhörung vorgelegte
Videoaufzeichnung, die angeblich zeigen soll, wie er von den Taliban ge-
schlagen wurde (vgl. act. A22/19 F32-42), hat die Vorinstanz in ihrem Ent-
scheid nicht gewürdigt. Zwar kann die Urheberschaft des Videos nicht er-
mittelt werden und es ist auch nicht klar, wann und von wem das Video auf
das Social-Media-Portal (...) hochgeladen wurde. Zu Gunsten des Be-
schwerdeführers ist festzuhalten, dass nach Auffassung des Gerichts nicht
ausgeschlossen werden kann, dass es sich bei der im Video gezeigten
misshandelten Person um ihn handelt. Auch die Rahmenbedingungen, die
im Video gezeigt werden, entsprechen den Schilderungen des Beschwer-
deführers, der davon sprach, dass ihn die Taliban auf einer «Art Baustelle,
in einem unfertigen Haus», festgehalten hätten (vgl. act. A22/19 F82). Das
SEM wäre gehalten gewesen, das Video einer näheren Prüfung zu unter-
ziehen.
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5.7 Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein
reduziertes Beweismass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zwei-
fel an den Vorbringen eines Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt be-
reits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völ-
lig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle
Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber
nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdi-
gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge-
gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist
im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der
Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2011/13 E. 5.1 m. H.).
5.8 In Würdigung aller Umstände hält es das Bundesverwaltungsgericht für
überwiegend glaubhaft gemacht, dass der Beschwerdeführer aufgrund sei-
ner Geschäfte für den lokalen Arbaki-Kommandanten in den Fokus der Ta-
liban geraten ist: Er wurde von ihnen entführt und misshandelt und konnte
nur im Rahmen von Verhandlungen der Dorfältesten mit den Taliban und
dem Austausch eines Reisenden aus der Region C._, der von den
Arbaki festgehalten worden war, weil man ihn verdächtigt hatte, ein Taliban
zu sein, wieder freikommen. Nachdem der Beschwerdeführer einen Droh-
brief der Taliban erhalten hatte, verliess er aus Furcht vor weiteren Behel-
ligungen das Land. Nach seiner Flucht wurde das Geschäft, das er betrie-
ben hatte, in Brand gesteckt.
5.9 Nicht jede Drohung durch die Taliban ist asylrelevant im Sinne des
Art. 3 AsylG. Einerseits müssen die Drohungen eine asylrelevante Intensi-
tät aufweisen, andererseits ist zu prüfen, inwiefern sich eine Person diesen
Drohungen, beispielsweise durch die Aufgabe der Arbeitsstelle oder durch
einen Umzug, entziehen könnte.
5.9.1 Vorliegend ist festzustellen, dass die Bedrohung durch die Taliban als
gezielt und auf einem relevanten Motiv beruhend bezeichnet werden muss,
da der Beschwerdeführer aufgrund seiner Geschäftsbeziehungen mit dem
lokalen Arbaki-Milizführer und einem weiteren Staatsbediensteten in
Ghazni in deren Fokus geraten war und der Spionage verdächtigt wurde.
Sie war auch genügend intensiv, es ist zu befürchten, dass der Beschwer-
deführer im Fall einer Rückkehr weiteren asylbeachtlichen Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt sein könnte. Die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers sind daher als beachtlich im Sinne des Art. 3 AsylG zu bezeichnen, sie
sind – wie dargelegt – glaubhaft gemacht im Sinne des Art. 7 AsylG. Im Fall
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der Rückkehr hat er eine auch objektiv begründete Furcht vor Verfolgungs-
handlungen durch die lokalen Taliban; von einer staatlichen Schutzwillig-
keit und Schutzfähigkeit in der Heimatregion Ghazni kann nicht ausgegan-
gen werden.
5.9.2 Es bleibt zu prüfen, ob für den Beschwerdeführer eine innerstaatliche
Flucht- beziehungsweise Schutzalternative besteht. Gemäss Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts bedingt die Annahme einer inner-
staatlichen Schutzalternative unter anderem, dass am Zufluchtsort eine
funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur besteht und der Staat ge-
willt ist, der in einem anderen Landesteil von Verfolgung betroffenen Per-
son am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Schliesslich muss es ihr indivi-
duell zuzumuten sein, den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig
in Anspruch nehmen zu können. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse
am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände der betroffenen Person zu
beachten und es ist unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kon-
textes im Rahmen einer individuellen Einzelfallprüfung zu beurteilen, ob ihr
angesichts der sich konkret abzeichnenden Lebenssituation am Zufluchts-
ort realistischerweise zugemutet werden kann, sich dort niederzulassen
und sich eine neue Existenz aufzubauen. Für die Frage der Zumutbarkeit
kommt der Zumutbarkeitsbegriff gemäss Art. 83 AIG (SR 142.20) zur An-
wendung (vgl. BVGE 2011/51 E. 8).
Die genannten Voraussetzungen sind vorliegend nicht erfüllt. Weder die
Städte Kabul, Herat noch Mazar-i-Sharif kommen als potenzielle Schutzal-
ternativen in Frage, da mangels persönlicher Bezugspunkte des Be-
schwerdeführers zu diesen Städten die von der Rechtsprechung verlang-
ten, besonders begünstigenden Umstände nicht gegeben sind (vgl. die Re-
ferenzurteile des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 zu Kabul,
D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 zu Mazar-i-Sharif sowie BVGE 2011/49
E.7.3 zu Herat).
6.
6.1 Zusammenfassend erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Gründe für den Ausschluss aus der
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 1 Bst. F FK sind nicht ersichtlich.
6.2 Es ergeben sich aus den Akten auch keine Anhaltspunkte, wonach der
Beschwerdeführer als asylunwürdig im Sinne des Art. 53 Bst. a AsylG gel-
ten müsste. Zwar geht aus den Vorakten hervor, dass gegen ihn verschie-
dene Strafuntersuchungen eingeleitet wurden (vgl. act. A34/5, A35/38,
http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/51 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-5800/2016 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/38 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/38 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/49 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/38
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A36/9) sowie am 30. Januar 2017 eine ausländerrechtliche Eingrenzung
auf das Gebiet des Kantons I._ angeordnet wurde (vgl. act. A37/5).
Alle Ermittlungen und Massnahmen datieren jedoch – mit Ausnahme des
Urteils des Bezirksgerichts J._ vom 23. Januar 2019 (act. A48/8),
mit dem der Beschwerdeführer freigesprochen wurde –, vor dem Datum
des Erlasses des Asylentscheids am 10. Februar 2017, mit welchem der
Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vor-
läufig aufgenommen wurde. Soweit das deliktische Verhalten des Be-
schwerdeführers nicht dazu führte, dass das SEM ihm die vorläufige Auf-
nahme verweigerte (vgl. Art. 83 Abs. 7 AIG), kann das Bundesverwaltungs-
gericht auch keine Anhaltspunkte für eine Asylunwürdigkeit erkennen; auf
weitere Abklärungen kann verzichtet werden, zumal Urteile oder Einstel-
lungen der Strafuntersuchungen nicht vorliegen. Dem Beschwerdeführer
ist daher das Asyl zu gewähren.
7.
Das SEM hat demnach zu Unrecht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und ihm das Asyl verweigert. Die Beschwerde ist
gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung ist aufzuheben und das SEM
ist anzuweisen, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers festzu-
stellen und ihm Asyl zu gewähren.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung wird somit nachträglich obsolet.
9.
Dem obsiegenden Beschwerdeführer ist vom SEM eine Parteientschädi-
gung für die ihm erwachsenen notwendigen Kosten auszurichten (Art. 64
Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 und 4 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Eine Kostennote liegt nicht vor; der Aufwand sei-
ner Rechtsvertreterin (für die Eingaben vom 30. Oktober 2018 und vom
21. Juni 2019) ist daher aufgrund der Aktenlage einzuschätzen (vgl. Art. 14
Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemes-
sungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der
Vorinstanz eine Parteientschädigung von Fr. 450.– (inklusive Auslagen) zu-
zusprechen.
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