Decision ID: 16ba4529-ee33-546f-8f89-ec011791988e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger von Sri Lanka tamili-
scher Ethnie – am 14. November 2016 um die Gewährung von Asyl in der
Schweiz nachsuchte,
dass das SEM mit Verfügung vom 29. Oktober 2019 feststelle, der Be-
schwerdeführer erfülle angesichts der Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen
die Flüchtlingseigenschaft nicht, und sein Asylgesuch ablehnte, verbunden
mit der Anordnung der Wegweisung aus der Schweiz und des Wegwei-
sungsvollzuges,
dass eine dagegen erhobene Beschwerde vom Bundesverwaltungsgericht
mit Urteil D-6295/2019 vom 17. August 2020 abgewiesen wurde,
dass dabei vom Gericht die vorinstanzlichen Feststellungen und Schlüsse
betreffend die Unglaubhaftigkeit der vorgebrachten Gefährdungslage be-
stätigt wurden und im Übrigen festgestellt wurde, der Beschwerdeführer
lasse auch unter keinem anderen Gesichtspunkt ein Gefährdungsprofil er-
kennen, zumal er weder in seiner Heimat noch in der Schweiz (exil-)poli-
tisch tätig gewesen sei (vgl. a.a.O., E. 8.2),
dass dem Beschwerdeführer am 28. August 2020 vom SEM eine neue Aus-
reisefrist angesetzt wurde,
dass diese Frist vom SEM auf Ersuchen des Beschwerdeführers viermal
verlängert wurde, bis das SEM am 11. Mai 2021 ein fünftes Ersuchen um
Verlängerung ablehnte (vgl. dazu die Akten),
dass der Beschwerdeführer am 26. Mai 2021 – handelnd durch seine da-
malige Rechtsvertreterin – mit einer Eingabe unter dem Titel "Wiedererwä-
gungsgesuch" ans SEM gelangte,
dass er in dieser Eingabe zur Hauptsache um Gewährung einer vorläufigen
Aufnahme in der Schweiz ersuchte, weil sich die politische Situation in sei-
ner Heimat derart verschlechtert habe, dass für ihn daraus eine zusätzliche
konkrete Gefährdung entstanden sei, insbesondere weil er in der Schweiz
politisch aktiv geworden sei,
dass er nach Demonstrationsteilnahmen vom September 2020 sowie vom
Januar und Februar 2021 auch am 1. März 2021 an einer Demonstration
gegen die Regierung von Sri Lanka teilgenommen habe, was von den hei-
matlichen Behörden registriert worden sein dürfte,
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dass er aus diesem Grund, mithin aufgrund seiner politischen Aktivitäten
seit Abschluss des ordentlichen Verfahrens, konkret einer asylrechtlich re-
levanten Gefährdung beziehungsweise staatlicher Verfolgung ausgesetzt
sein dürfte,
dass er zur Stützung dieses Vorbringens ein Foto von seiner Demonstrati-
onsteilnahme einreichte,
dass das SEM diese Eingabe mit Schreiben vom 31. Mai 2021 und der
Bezeichnung des Beschwerdeführers folgend als Wiedererwägungsge-
such im Sinne von Art. 111b AsylG (SR 142.31) entgegennahm,
dass das SEM das Wiedererwägungsgesuch mit Verfügung vom 17. Juni
2021 (eröffnet am 23. Juni 2021) ablehnte, wobei es die Rechtskraft und
Vollstreckbarkeit des Asyl- und Wegweisungsentscheides vom 29. Oktober
2019 feststellte und festhielt, einer allfälligen Beschwerde komme keine
aufschiebende Wirkung zu,
dass für die vorinstanzliche Entscheidbegründung – soweit nicht nachfol-
gend darauf eingegangen wird – auf die Akten verwiesen werden kann,
dass der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid am 19. Juli 2021
– handelnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter – beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde erhoben hat,
dass er in seiner Eingabe zur Hauptsache die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung beantragt,
dass er weiter beantragt, es sei im Sinne eines reformatorischen Entschei-
des seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren,
eventualiter sei eine vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen,
dass er in prozessualer Hinsicht um Erteilung der aufschiebenden Wirkung
der Beschwerde sowie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
und um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht ersucht,
dass vor dem Hintergrund der nachfolgenden Erwägungen für die Be-
schwerdevorbringen und die mit der Beschwerde vorgelegten Beweismittel
auf die Akten verwiesen werden kann,
dass nach Eingang der Beschwerde der Wegweisungsvollzug gestützt auf
Art. 56 VwVG per sofort einstweilen ausgesetzt worden ist (vgl. Vollzugs-
stopp vom 20. Juli 2021),
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Considerations:
und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen des SEM entscheidet (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG und
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass der Beschwerdeführer legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und sich
seine Eingabe als frist- und formgerecht erweist (Art. 108 Abs. 6 AsylG;
Art. 52 Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerde einzutreten ist,
dass sich die Beschwerde sodann – wie nachfolgend aufgezeigt – als of-
fensichtlich begründet erweist, soweit die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung beantragt wird,
dass daher über die Beschwerde in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit
Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin zu ent-
scheiden ist (Art. 111 Bst. e AsylG),
dass gleichzeitig auf einen Schriftenwechsel zu verzichten und der Ent-
scheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG),
dass das SEM die Gesuchseingabe vom 26. Mai 2021 – der Bezeichnung
der damaligen Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers folgend – aus-
schliesslich als Wiedererwägungsgesuch im Sinne der Bestimmung von
Art.111b AsylG behandelt hat, was allerdings aufgrund der Aktenlage nicht
zu überzeugen vermag,
dass das Wiedererwägungsgesuch in seiner praktisch relevantesten Form
die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträg-
lich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage bezweckt (vgl.
dazu Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 21 E. 1 S. 202 ff.),
dass in Abgrenzung zum Mehrfachgesuch das Wiedererwägungsverfahren
nur dann zur Anwendung gelangt, wenn die Veränderung des Sachverhalts
Wegweisungsvollzugshindernisse betreffen,
dass jedoch ein Gesuch um erneute Prüfung der Flüchtlingseigenschaft, in
dem keine Revisionsgründe geltend gemacht werden, zwingend unter dem
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Aspekt des Mehrfachgesuchs im Sinne von Art. 111c AsylG zu prüfen ist
(vgl. EMAKR 2006/20 bestätigt in BVGE 2014/39 E.4.6 m.w.H.),
dass demnach jene Gesuchsvorbringen, mit welchen der Beschwerdefüh-
rer neu entstandene Asylgründe eingebracht hat, nicht im Rahmen eines
Wiedererwägungsgesuches geprüft werden können,
dass es sich dabei um die Vorbringen handelt, mit welchen er sich unter
Vorlage eines Fotos auf ein seinen Angaben zufolge rechtserhebliches exil-
politisches Engagement beruft, welches er nach Erlass des Urteils vom
17. August 2020 aufgenommen habe,
dass sich das SEM in der angefochtenen Verfügung zwar relativ ausführ-
lich mit den diesbezüglichen Vorbringen des Beschwerdeführers auseinan-
dergesetzt hat (vgl. a.a.O., Ziff. IV.5 [S. 4 Mitte]),
dass es diese Vorbringen jedoch unter dem Titel des Mehrfachgesuches
nach Massgabe der Bestimmung von Art. 111c AsylG hätte behandeln
müssen, da es sich dabei um neue – im Sinne von erst nach Abschluss
des Vorverfahrens entstandene – Asylgesuchsgründe handelt,
dass daran auch die Bezeichnung der Eingabe als «Wiedererwägungsge-
such» und – entgegen den Erwägungen des SEM in der angefochtenen
Verfügung – auch der Umstand nichts zu ändern vermag, dass im Gesuch
allein «eine vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit und nicht gleich-
zeitig die Flüchtlingseigenschaft» beantragt wurde (vgl. Verfügung Ziff. III),
dass zwar die formellen Anforderungen im Rahmen des ausserordentli-
chen Verfahrens erhöht sind und dies umso mehr zu gelten hat, wenn der
Gesuchsteller – wie vorliegend – professionell vertreten ist,
dass die Behörden jedoch auch diesfalls praxisgemäss die rechtliche Ein-
ordnung von Gesuchen von Amtes wegen vorzunehmen haben,
dass in diesem Zusammenhang auch darauf hinzuweisen ist, dass die Er-
füllung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund exilpolitischer Aktivitäten nicht
zu Asyl zu führen vermag und damit insbesondere unter dem Aspekt des
Wegweisungsvollzugs zum Tragen kommt (vgl. Art. 54 AsylG),
dass der Gesuchsteller in seinem Gesuch sodann ausdrücklich auf eine
«asylrechtlich relevante Gefährdung» aufgrund seiner exilpolitischen Tä-
tigkeiten schloss, womit das SEM praxisgemäss gehalten war, die Flücht-
lingseigenschaft zu prüfen (vgl. EMARK 2006/20),
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dass es unter den gegebenen Umständen als überspitzt formalistisch an-
mutet, wenn die Vorinstanz ausführt, der Beschwerdeführer habe nicht ex-
plizit die Flüchtlingseigenschaft beantragt und dieses Vorgehen auch nicht
der geltenden Praxis entspricht,
dass die unzutreffende Behandlung der Sache ausschliesslich unter dem
Titel der Wiedererwägung einen nicht heilbaren Rechtsfehler darstellt,
dass der Rechtsfehler zunächst deshalb nicht heilbar ist, weil das Wieder-
erwägungsverfahren in wesentlichen Punkten anderen Regeln folgt, als
das Asylverfahren (vgl. dazu u.a. Art. 111b Abs. 3 AsylG),
dass ein reformatorischer Entscheid deshalb ausgeschlossen bleibt, weil
sich dadurch allenfalls die Begründung der angefochtenen Verfügung, je-
doch nicht deren Dispositiv berichtigen liesse,
dass nach dem Gesagten die Beschwerde gutzuheissen, die angefochtene
Verfügung aufzuheben und die Sache zur Wiederaufnahme und ordnungs-
gemässen Durchführung des erstinstanzlichen Verfahrens respektive zur
Ausfällung eines neuen Entscheides unter Beachtung der gesetzessyste-
matischen Vorgaben ans SEM zurückzuweisen ist,
dass bei dieser Sachlage auf eine Auseinandersetzung mit den Beschwer-
devorbringen und den auf Beschwerdeebene vorgelegten Beweismitteln
verzichtet werden kann, zumal diese nach erfolgter Rückweisung der Sa-
che vorab vom SEM zu prüfen sein werden,
das mit vorliegendem Entscheid in der Hauptsache die Gesuche um Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde (nach Art. 111b Abs. 3
AsylG) und um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht (gemäss Art. 63
Abs. 4 VwVG) gegenstandslos geworden sind,
dass dem Beschwerdeführer bei diesem Ausgang des Verfahren keine
Kosten aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 und 3 VwVG), womit sich auch
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG) als gegenstandslos erweist,
dass dem Beschwerdeführer sodann eine Parteientschädigung zuzuspre-
chen ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]),
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dass vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers keine Kostennote ein-
gereicht worden ist, auf die Nachforderung einer solchen jedoch verzichtet
werden kann (Art. 14 Abs. 2 VGKE), da sich der sachlich notwendige Auf-
wand für die Beschwerdeführung abschätzen lässt,
dass die Parteientschädigung, die dem Beschwerdeführer vom SEM zu
entrichten ist, aufgrund der Aktenlage und der massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren (Art. 8-13 VGKE) auf Fr. 600.– festzusetzen ist.
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