Decision ID: 1129db70-2af2-496b-b90d-977a83e1acc3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 23. Oktober 2022 in der Schweiz um
Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank
(Zentraleinheit-Eurodac) ergab, dass er bereits am 18. Oktober 2022 in
Kroatien um Asyl ersucht hatte.
B.
Am 8. November 2022 beauftragte der Beschwerdeführer die Mitarbeiten-
den des Rechtsschutzes für Asylsuchende Bundesasylzentrum B._
mit der Wahrung seiner Rechte.
C.
Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer am 17. November 2022
das rechtliche Gehör (Dublin-Gespräch) zu einem allfälligen Nichteintre-
tensentscheid und einer Überstellung nach Kroatien.
Dabei machte er geltend, er habe in Kroatien kein Asylgesuch eingereicht,
weil er dort schlecht behandelt worden sei. Man habe ihn geschlagen und
Hunde benützt. Die Polizei habe ihn zur Abgabe von Fingerabdrücken ge-
zwungen, ihm Fusstritte gegeben und ihn unter Zwang in ein Auto ge-
bracht. Seine Sprache sei nicht verstanden worden. Nach der Abnahme
der Fingerabdrücke sei er weitergereist.
Es gehe ihm gesundheitlich gut. Nur habe er so etwas wie eine (...) und
müsste sich deshalb oft (...). Auch verspüre er beim Stehen und Sitzen
Schmerzen im (...).
D.
Am 17. November 2022 ersuchte die Vorinstanz die kroatischen Behörden
um Rückübernahme des Beschwerdeführers. Die kroatischen Behörden
hiessen das Ersuchen am 1. Dezember 2022 gut.
E.
Mit Verfügung vom 2. Dezember 2022 – eröffnet am 6. Dezember 2022 –
trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein,
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz nach Kroatien an, forderte den
Beschwerdeführer auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen, und beauftragte den Kanton B._ mit
dem Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig stellte sie fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
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zu, und verfügte die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis.
F.
Mit Eingabe vom 7. Dezember 2022 informierte die zugewiesene Rechts-
vertretung die Vorinstanz über die Niederlegung des Mandats.
G.
Mit Eingabe vom 7. Dezember 2022 erhob der Beschwerdeführer gegen
die Verfügung der Vorinstanz vom 2. Dezember 2022 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt, es sei der Entscheid der Vo-
rinstanz aufzuheben und sein Asylgesuch sei in der Schweiz zu prüfen. In
prozessualer Hinsicht ersucht er um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung, um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
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Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei-
ten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah-
men des in den Art. 23–25 Dublin-III-VO geregelten sogenannten Wieder-
aufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätzlich keine (erneute)
Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt. Die Zuständigkeit beziehungs-
weise die Verpflichtung des Mitgliedstaates zur Wiederaufnahme ergibt
sich direkt aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d beziehungsweise Art. 20 Abs. 5 Dub-
lin-III-VO (vgl. Urteil des EuGH [Grosse Kammer] vom 2. April 2019, H. und
R., C 582/17 und C-583/17, EU:C:2019:280, Rn. 47–50; BVGE 2019 VI/7
E. 4-6, 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
4.3 Ein Abgleich des Fingerabdrucks des Beschwerdeführers mit der Fin-
gerabdruck-Datenbank ergab, dass dieser am 18. Oktober 2022 in Kroa-
tien ein Asylgesuch eingereicht hat. Die Vorinstanz ersuchte deshalb die
kroatischen Behörden am 17. November 2022 um Wiederaufnahme des
Beschwerdeführers. Nachdem die kroatischen Behörden dem Gesuch um
Rückübernahme innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist
zugestimmt und gleichzeitig darauf hingewiesen haben, dass das Verfah-
ren des Beschwerdeführers noch hängig sei, ist die Zuständigkeit Kroati-
ens grundsätzlich gegeben.
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4.4 Daran vermögen die Einwände des Beschwerdeführers nichts zu än-
dern. Namentlich unbehelflich ist sein Vorbringen, wonach er in Kroatien
zur Abgabe seiner Fingerabdrücke gezwungen worden sei, zumal bereits
seine Einreise in das Hoheitsgebiet des Dublin-Staates die Zuständigkeit
Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens be-
gründet hat (Art. 13 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO). Im Übrigen räumt die Dub-
lin-III-Verordnung den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag
prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.
5.1 Nachfolgend ist im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu prüfen, ob
es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
5.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wie-
deraufnahmeverfahren liegen zum heutigen Zeitpunkt keine konkreten
Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für Antragstellende in Kroatien würden systemische Schwachstel-
len im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO auf-
weisen (vgl. bspw. Urteile des BVGer F-4542/2022 vom 11. November
2022 E. 6.2 m.w.H und D-4160/2022 vom 28. September 2022 E. 7.3). Für
eine Änderung der Rechtsprechung besteht auch in Würdigung der vom
Beschwerdeführer gemachten Äusserungen zu seiner erlebten Behand-
lung in Kroatien keine Veranlassung. Der Beschwerdeführer hat insbeson-
dere selbst keine gewaltsamen Übergriffe der kroatischen Behörden sub-
stanziiert vorgetragen. Die Vorinstanz hat auf Grundlage seiner Aussagen
eine Einzelfallprüfung vorgenommen und ist unter Verweis auf Abklärun-
gen durch die Schweizer Botschaft in Kroatien zu Recht zum Schluss ge-
kommen, dass Personen, welche im Rahmen eines Dublin-Verfahrens
nach Kroatien zurückgeführt werden, nicht von der problematischen Push-
back-Praxis betroffen sind (vgl. Urteil des BVGer D-4160/2022 vom 28.
September 2022 E. 7.3.1). Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
6.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
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er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
6.2 Der Beschwerdeführer vermag nicht darzutun, dass die ihn bei einer
Rückführung nach Kroatien zu erwartenden Bedingungen derart schlecht
sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen könnten. Bei
einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung der ihm zustehenden
Aufnahmebedingungen könnte er sich im Übrigen nötigenfalls an die kroa-
tischen Behörden wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfor-
dern (vgl. Art. 26 der Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen [Aufnahme-
richtlinie]). Dies gilt auch in Bezug auf die geltend gemachte, aber nicht
näher substantiierte Gewalt seitens der kroatischen Behörden. Im Übrigen
steht dem Beschwerdeführer die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen kari-
tativen Organisationen zu kontaktieren.
6.3 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so ist nicht ersichtlich,
dass eine zwangsweise Rückführung des Beschwerdeführers einen
Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen könnte. Er gab an, es gehe ihm –
abgesehen von einer möglichen (...) und (...) – gesundheitlich gut. Dass
er auf mögliche Medikamente oder eine medizinische Behandlung ange-
wiesen ist, macht er nicht geltend und ist aus den Akten auch nicht ersicht-
lich. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass Kroatien grundsätzlich
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. Urteil des
BVGer D-735/2022 vom 28. Februar 2022 E. 6.7.3). Der aktuelle Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers führt somit für den Fall einer Über-
stellung nach Kroatien nicht zur Annahme einer drohenden Verletzung von
Art. 3 EMRK. Der Beschwerdeführer kann insgesamt kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, dass seine Überstellung nach Kroatien die Ver-
letzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
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6.4 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vorinstanz
bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessens-
spielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter
diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten
keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive
Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich
deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
6.5 Es liegen weder völkerrechtliche Vollzugshindernisse vor, die die
Schweiz zum Selbsteintritt verpflichten würden, noch Rechtsfehler bei der
Ermessensbetätigung. Es liegt folglich kein Grund für einen Selbsteintritt
der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 in Verbindung mit Art. 17
Dublin-III-VO vor. Kroatien bleibt somit zuständiger Mitgliedstaat gemäss
Dublin-III-VO und ist verpflichtet, den Beschwerdeführer wiederaufzuneh-
men.
7.
Die Vorinstanz ist demgemäss zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat die Wegweisung nach Kroatien angeordnet. Die Beschwerde ist abzu-
weisen.
8.
8.1 Mit dem vorliegenden Direktentscheid sind die Gesuche um Erteilung
der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses gegenstandslos geworden.
8.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen waren, weshalb die Voraus-
setzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind.
8.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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