Decision ID: 98a8e9a8-af1a-474a-90a3-4c1057c81b33
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
Bei
X._
, geboren am 9. April 2009, wurde
am 28. Januar 2011 erst
mals die Diagnose Talus
obliquus
beidseits gestellt (Urk. 5/9/5), weshalb
ihn
seine
Eltern am 31. Januar 2011 bei der Invalidenversicherung anmeldeten und medizinische Massnahmen beantragten (Urk. 5/7).
Die Sozialversicherungsan
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte einen Arztbericht ein (Urk. 5/9/5-6). Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 5/14, Urk. 5/22) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 6. März 2012 ab (Urk. 5/28 = Urk. 2).
2.
Gegen die Verfügung vom 6. März 2012 (Urk. 2) erhoben die Eltern des Versi
cherten Beschwerde und beantragten sinngemäss, die Verfügung sei aufzuheben und die angeborene Fussproblematik sei als Geburtsgebrechen anzuerkennen, weshalb entsprechend die Behandlungskosten zu übernehmen seien (Urk. 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 8. Mai 2012 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde
(
Urk.
4)
, was den Eltern des
Beschwerdeführers
am 15. Mai 2012 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 6).
Der Einzelrichter

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (
§
11
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
1.2
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Be
handlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
) notwendigen medizini
schen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversi
cherung, IVG
). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Mass
nahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebre
chen von geringfügiger Bedeu
tung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
Verord
nung über
Geburtsgebrechen,
GgV
). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeitpunkt, in dem ein Geburtsgebrechen als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1
GgV
). Die Geburtsgebrechen sind in der Liste im Anhang aufgeführt. Das Eidgenössische Departement des Innern kann die Liste jährlich anpassen, sofern die Mehrausgaben einer solchen Anpassung für die Versicherung insgesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht übersteigen (
Art.
1
Abs.
2
GgV
). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vor
kehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft ange
zeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (
Art.
2
Abs.
3
GgV
).
1.
3
Für die Annahme einer Leistungspflicht der Invalidenversicherung aufgrund von
Art.
13 IVG genügt nach konstanter Rechtsprechung des Bundesgerichts in beweisrechtlicher Hinsicht, dass es ein Facharzt oder eine Fachärztin zumindest für wahrscheinlich hält, es liege ein im Anhang der
GgV
enthaltenes Gebrechen vor (BGE 100 V 104 E. 2 in
fine
).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung davon aus, die Voraussetzungen für die Anerkennung
seines Leidens (Knick-Senk-Fuss)
als Ge
burtsgebrechen Ziffer 177 seien beim
Beschwerdeführer nicht erfüllt, da es sich
um keine knöcherne Missbildung handle. Aus demselben Grund könne die Kos
tenübernahme auch nicht gestützt auf Art. 12 IVG erfolgen
(Urk. 2 S. 1 f.)
.
2.2
Demgegenüber stellten sich die Eltern des
Beschwerdeführers
auf den Stand
punkt, der Antrag auf Kostenübernahme sei erneut zu prüfen, da es sich klar um ein Geburtsgebrechen handle (Urk. 1).
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob es sich bei der
Fussproblematik des
Beschwerdefüh
rers
um ein Geburtsgebrechen im Sinne des Anhanges zur
GgV
handelt.
Sofern dies zu verneinen ist, ist weiter zu prüfen, ob eine Kostenüber
nahme gestützt auf Art. 12 Abs. 1 IVG
in Frage kommt
.
3.
3.1
Aufgrund der Akten steht fest, dass beim
Beschwerdeführer
eine Fussdeformität besteht, welche erstmals am 28. Januar 2011 als Talus
obliquus
beidseits be
schrieben
wurde (Urk. 5/9/5
lit
. A f.). In den Akten wurde die Fussproblematik auch als massive Knick-Senkfüsse im Rahmen einer
Hyperlaxizität
und Hypoto
nie (vgl. Urk. 5/16) sowie als überdurchschnittliche, schwere
Plattfüssigkeit
(vgl. Urk. 5/22) bezeichnet.
Der behandelnde Arzt,
Dr.
med.
A._
, Facharzt FMH für Kinderorthopädie, ging jeweils von einem Geburtsgebrechen Ziffer 177 aus
(
Urk.
5/9/5
lit
. B)
.
3
.2
Dr.
med.
B._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD)
,
ging in ihrer Stellungnahme vom 2. März 2012 davon aus, es seien zwei Bedingungen für die Übernahme des Geburtsgebrechens 177 nicht erfüllt:
Einerseits handle e
s sich vorliegend nicht um eine knöcherne Missbildung, sondern um ein Problem, das aus
Bandlaxizität
und muskulärer Hypertonie entstanden sei.
Andererseits sei derzeit weder eine Operation noch eine Apparateversorgung notwendig (
Urk. 5/27/2).
4.
4
.
1
Ziffer 177 ist im Kapitel II
.
(Skelett), Abschnitt B (Regionale Skelettmissbildun
gen),
lit
. d (Extremitäten) des Anhanges zur
GgV
eingeordnet. Ziffer 177 des Anhanges zur
GgV
umfasst nur knöcherne Defekte, nicht aber Weichteilaffekti
onen.
Gestützt auf die medizinischen Akten ist davon
aus
zugehen, dass vorlie
gend keine knöcherne
Missbildung
sondern eine Fehlstellung wegen einer aus
geprägten
Bandlaxizität
und muskuläre
n
Hypertonie
besteht
.
4.2
Für angeborene Fussdeformitäten wie
den
Plattfuss sah der Anhang zur
GgV
in der bis 3
1.
Dezember 1989 gültig gewesenen Fassung keine Ziffer vor. Um diese Lücke zu schliessen, wurde per
1.
Januar 1990 im Kapitel III
.
(Gelenke, Muskeln und Sehnen) die Ziffer 193 ("Angeborener Plattfuss") angefügt (vgl. ZAK 1989 Seiten 5
80 und 581). Diese wurde per 1.
Januar 1994 mit d
em Passus „
sofern Operation oder Gipsverband notwendig sind" ergänzt (vgl. Ziff
er 13 des IV-Rundschreibens Nr.
1 des BSV vom 1
3.
Oktober 1993).
Falls
die Fussproblematik des Beschwerdeführers überhaupt unter Ziffer 193 zu subsumieren wäre,
hätte
die Diagnose für die Anerkennung als Geburtsgebre
chen innerhalb des ersten Lebensjahres gestellt
werden müssen
(vgl.
Kreis
schreiben über die medizinischen Eingliederungsmassn
ahmen der Invalidenver
sicherung, KSME, gültig ab 1. Januar 2010,
Rz
. 193)
.
Eine Diagnose (Talus
obli
quus
)
wurde jedoch erstmals rund 20 Monate nach der Geburt
gestellt
, womit
die Voraussetzungen zur Anerkennung als Geburtsgebrechen Ziffer 193 eben
falls nicht erfüllt
sind
.
4.3
Schliesslich ist auch
ein Anspruch auf
Kostenübernahme gestützt auf Art. 12 Abs. 1 IVG zu verneinen.
Erforderlich
wäre dafür
ein
e abgeschlossene Krank
heitsbehandlung mit einem
zumindest relativ stabil
e
n
Defektzustand (
KSME
Rz
. 38 f.; vgl. auch
Ulrich Meyer, Rechtsprechung zum IVG,
2.
Auflage, Zürich 2010, S. 132 ff.)
. Gemäss KSME sind stabile Defekte am Bewegungsapparat nur im Bereich des knöchernen Skeletts anzunehmen, nicht aber an Sehnen, Band
scheiben, Bändern oder dem Knorpel. Nur die Korrektur von stabilen Defekten des knöchernen Skeletts kann als Massnahme nach Art. 12 IVG anerkannt wer
den, nicht aber alle Massnahmen, die den pathologischen Bewegungsablauf in ein
em Gelenk korrigieren (KSME
Rz
.
731-738/931-938.1).
Vorliegend fehlt es
bereits
an der Voraussetzung einer abges
chlossenen Krank
heitsbehandlung: G
emäss
Dr.
A._
ist allenfalls noch eine Operation (Verlän
gerung der
Achillessehne
) mit nachfolgender Gipsb
ehandlung notwendig (Urk. 5/22
; vgl. auch Urk. 1
), weshalb die Kostenübernahme gestützt auf Art. 12 IVG ohnehin nicht in Frage kommt.
4.4
Zusammenfassend ist die Beschwerde nach dem Gesagten abzuweisen.