Decision ID: 4911a2ad-cb08-4380-b1a3-0bdb82dc4a9a
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Die Beschwerdekammer entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erliess am 10. Juni 2021 einen
Strafbefehl gegen A. (nachfolgend Beschwerdeführerin) wegen rechtswid-
rigen Aufenthalts in der Schweiz und Arbeitsaufnahme ohne Bewilligung
sowie einen Strafbefehl gegen B. (nachfolgend Beschwerdeführer) wegen
Förderung des rechtswidrigen Aufenthalts in der Schweiz. Beide Beschwer-
deführer erhoben Einsprache gegen den jeweiligen Strafbefehl.
1.2.
Am 22. Juli 2020 überwies die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau die bei-
den Strafbefehle zur Durchführung des Hauptverfahrens an das Bezirksge-
richt Aarau.
1.3.
Mit Verfügung vom 2. September 2021 trat die Präsidentin des Bezirksge-
richts Aarau im Verfahren gegen die Beschwerdeführerin nicht auf deren
Einsprache ein und stellte die Rechtskraft des Strafbefehls fest.
Mit Entscheid vom 30. November 2021 hiess die Beschwerdekammer in
Strafsachen des Obergerichts die von der Beschwerdeführerin gegen diese
Verfügung erhobene Beschwerde gut und wies die Sache zur Durchfüh-
rung des Einspracheverfahrens an die Präsidentin Bezirksgerichts Aarau
zurück.
2.
Am 4. März 2022 verfügte die Präsidentin des Bezirksgerichts Aarau im
Verfahren gegen die Beschwerdeführerin und im Verfahren gegen den Be-
schwerdeführer die Nichtzulassung des sowohl von der Beschwerdeführe-
rin als auch vom Beschwerdeführer mandatierten Verteidigers wegen Inte-
ressenkollision.
3.
3.1.
Mit Eingaben vom 21. März 2022 erhoben die Beschwerdeführerin und der
Beschwerdeführer je Beschwerde gegen diese ihnen am 9. März 2022 zu-
gestellten Verfügungen und beantragten deren Aufhebung und die Zulas-
sung des Verteidigers. Weiter sei den Beschwerden die aufschiebende Wir-
kung zu erteilen.
3.2.
Mit Verfügungen vom 22. März 2022 und 28. März 2022 wies der Verfah-
rensleiter die Gesuche der Beschwerdeführerin und des Beschwerdefüh-
rers um aufschiebende Wirkung ab.
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3.3.
Mit Eingaben vom 23. März 2022 bzw. 30. März 2022 verzichtete die
Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau auf die Einreichung einer Beschwer-
deantwort.
3.4.
Mit Eingaben vom 23. März 2022 bzw. 30. März 2022 verzichtete die Prä-
sidentin des Bezirksgerichts Aarau auf die Erstattung einer Stellungnahme.

Considerations:
Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Die Beschwerdeführerin und der Beschwerdeführer sprechen sich in den
Beschwerdebegründungen (S. 4) für die Vereinigung der beiden Beschwer-
deverfahren SBK.2022.100 und SBK.2022.107 aus.
Die beiden angefochtenen Verfügungen vom 4. März 2022 sind im Wesent-
lichen identisch. Die dagegen erhobenen Beschwerden der Beschwerde-
führerin und des Beschwerdeführers erfolgten zwar separat, weisen jedoch
dieselben Anträge und Begründungen auf. Es erscheint damit vorliegend
angezeigt, die beiden Beschwerdeverfahren zu vereinigen.
1.2.
Gegen die Verfügungen und Beschlüsse sowie die Verfahrenshandlungen
der erstinstanzlichen Gerichte, ausgenommen verfahrensleitende Ent-
scheide, ist gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO die Beschwerde zulässig.
Es bestehen vorliegend keine Beschwerdeausschlussgründe gemäss
Art. 394 StPO. Auf die frist- und formgerecht erhobenen Beschwerden ist
damit einzutreten.
2.
2.1.
Die beschuldigte Person kann im Strafverfahren zur Wahrung ihrer Interes-
sen grundsätzlich einen Rechtsbeistand ihrer freien Wahl bestellen
(Art. 127 Abs. 1 StPO). Vorbehalten bleiben die strafprozessualen und be-
rufsrechtlichen Vorschriften und Zulassungsvoraussetzungen (Urteil des
Bundesgerichts 1B_528/2021 vom 21. Dezember 2021 E. 2.2 m.w.H.).
Nach Art. 127 Abs. 3 StPO kann eine Rechtsbeiständin bzw. ein Rechts-
beistand in den Schranken von Gesetz und Standesregeln im gleichen Ver-
fahren die Interessen mehrerer Verfahrensbeteiligter wahren. In diesem
Zusammenhang ist insbesondere Art. 12 lit. c BGFA zu beachten, wonach
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Anwältinnen und Anwälte jeden Konflikt zwischen den Interessen ihrer Kli-
entschaft und den Personen, mit denen sie geschäftlich oder privat in Be-
ziehung stehen, zu meiden haben. Daraus ergibt sich insbesondere das
Verbot der Doppelvertretung: Ein Anwalt bzw. eine Anwältin darf nicht in
ein und derselben Streitsache Parteien mit gegenläufigen Interessen ver-
treten, weil er oder sie sich diesfalls weder für die eine noch für die andere
Partei voll einsetzen könnte. Eine bloss theoretische oder abstrakte Mög-
lichkeit des Auftretens gegensätzlicher Interessenlagen reicht nicht aus, um
auf eine unzulässige Vertretung zu schliessen; verlangt wird vielmehr ein
sich aus den gesamten Umständen ergebendes konkretes Risiko eines In-
teressenkonfliktes. Umgekehrt ist aber nicht erforderlich, dass sich dieser
bereits realisiert hat und die Rechtsvertretung ihr Mandat schlecht oder
zum Nachteil der Klientschaft ausgeführt hat. Diese Grundsätze sind im
Strafverfahren umso wichtiger, wenn es um die Verteidigung beschuldigter
Personen geht. Es kann nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass im
Falle einer Mehrfachvertretung im Verlaufe des Verfahrens eine der be-
schuldigten Personen versucht, ihre eigene Schuld zu minimieren oder auf
die anderen Beschuldigten abzuwälzen. Diese Gefahr besteht selbst dann,
wenn der Anwalt oder die Anwältin beabsichtigt, eine gemeinsame Strate-
gie zu verfolgen und im Namen aller Vertretenen auf Freispruch zu plädie-
ren. Eine Mehrfachverteidigung von verschiedenen beschuldigten Perso-
nen in einem Verfahren könnte allenfalls (im Interesse der Verfahrenseffi-
zienz) ausnahmsweise erlaubt sein, sofern die mitbeschuldigten Personen
durchwegs identische und widerspruchsfreie Sachverhaltsdarstellungen
geben und ihre Prozessinteressen nach den konkreten Umständen nicht
divergieren. Bei ihrem Entscheid über die Nichtzulassung bzw. Abberufung
von Anwältinnen und Anwälten hat die Verfahrensleitung entsprechenden
Interessenkonflikten in jedem Verfahrensstadium vorausschauend Rech-
nung zu tragen (Urteil des Bundesgerichts 1B_457/2021 vom 28. Oktober
2021 E. 2.1 m.w.H.).
2.2.
Vorliegend sind die Strafverfahren gegen die beiden Beschwerdeführer vor
der Präsidentin des Bezirksgerichts Aarau hängig. Anlässlich der Haupt-
verhandlung werden Befragungen durchzuführen und allenfalls weitere Be-
weise zu erheben sein. Der Ausgang der beiden Strafverfahren ist damit im
heutigen Zeitpunkt gänzlich offen. Daran vermag auch ein allfälliges Aus-
sageverweigerungsrecht der Beschwerdeführer nichts zu ändern (Be-
schwerden S. 3), zumal derzeit nicht feststeht, ob von diesem tatsächlich
Gebrauch gemacht würde.
Den Beschwerdeführern werden mit dem Vorwurf des rechtswidrigen Auf-
enthalts bzw. der Förderung des rechtswidrigen Aufenthalts zwar zusam-
menhängende Taten vorgeworfen, was jedoch nicht zwingend mit einem
identischen Ausgang der Verfahren einhergeht. Hinzu kommt, dass gegen-
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über der Beschwerdeführerin zusätzlich der Tatvorwurf der Arbeitsauf-
nahme ohne Bewilligung erhoben wird. Auch wenn derzeit beide Beschwer-
deführer von einem Freispruch und damit von gleichgelagerten Interessen
auszugehen scheinen, kann es im Verlaufe des Verfahrens ohne Weiteres
zu Änderungen des Aussageverhaltens und der Verteidigungsstrategie des
Beschwerdeführers oder der Beschwerdeführerin kommen. Dies etwa,
wenn der Beschwerdeführer im weiteren Gang des Verfahrens einen
Schuldspruch der Beschwerdeführerin befürchten würde. Es besteht ein
konkretes Risiko, dass es zu gegenseitigen Belastungen zur eigenen Ent-
lastung kommen könnte, womit eine wirksame Verteidigung durch densel-
ben Rechtsvertreter nicht gewährleistet wäre. Daran vermag auch der Um-
stand, dass die beiden Beschwerdeführer ein Paar sind und nach eigenen
Angaben zu heiraten gedenken, nichts zu ändern. Die Mehrfachverteidi-
gung erweist sich damit (trotz Einwilligung der beiden Beschwerdeführer;
Urteil des Bundesgerichts 1B_528/2021 vom 21. Dezember 2021 E. 2.4
m.w.H) als nicht zulässig.
2.3.
Ist ein Interessenkonflikt bereits bei der ersten Kontaktnahme mit dem
Rechtsanwalt absehbar, muss dieser eine Wahl zwischen den Klienten tref-
fen. Tritt der Interessenkonflikt erst nach der Mandatierung des Rechtsan-
walts zutage, hat dieser beide Mandate niederzulegen (Urteil des Bundes-
gerichts 1B_120/2018, 1B_121/2018 vom 29. Mai 2018 E. 5.3 mit Hinweis
auf BGE 134 II 108 E. 4.2.1).
Vorliegend vertritt der Verteidiger den Beschwerdeführer bereits seit Erhe-
bung der Einsprache gegen den Strafbefehl (act. 147 ff.). Die Beschwerde-
führerin ist seit dem Beschwerdeverfahren betreffend Nichteintreten auf die
Einsprache / Rechtskraft des Strafbefehls durch den Verteidiger vertreten.
Unter diesen Umständen kann weder die Beschwerdeführerin noch der Be-
schwerdeführer weiterhin vom Verteidiger verteidigt werden.
2.4.
Zusammenfassend sind die angefochtenen Verfügungen der Präsidentin
des Bezirksgerichts Aarau vom 4. März 2022 nicht zu beanstanden und die
Beschwerden der Beschwerdeführer abzuweisen.
3.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten des Beschwerdever-
fahrens den unterliegenden Beschwerdeführern in solidarischer Haftbarkeit
aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 i.V.m. Art. 418 Abs. 2 StPO). Es sind keine
Entschädigungen auszurichten.
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