Decision ID: abf5b4f7-d357-4e3c-9547-55f3b47901a5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 21. Oktober 2019 in der Schweiz um
Asyl nach. Sie machte im Wesentlichen geltend, sie sei nach einem Streit
mit ihrem Ex-Verlobten, welcher der sri-lankischen Armee angehört habe,
mehrfach von ihm und weiteren Soldaten misshandelt und vergewaltigt
worden.
B.
Mit Verfügung vom 6. April 2020 lehnte das SEM das Asylgesuch ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Gegen
diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht, welche mit Urteil D-2279/2020 vom 9. November 2020
abgewiesen wurde.
C.
Mit einer als Mehrfachgesuch bezeichneten Eingabe gelangte die Be-
schwerdeführerin am 4. März 2021 erneut ans SEM. Darin machte sie im
Wesentlichen geltend, dass sie im ersten Asylverfahren einen wesentli-
chen Teil ihrer Fluchtgründe verschwiegen habe. Die sexuellen Übergriffe
durch die Angehörigen des sri-lankischen Militärs hätten sich tatsächlich so
zugetragen, allerdings vor einem anderen Hintergrund. Sie sei langjähriges
Mitglied der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gewesen und habe als
Agentin des Geheimdienstes Beziehungen zu Militärpersonal aufgebaut,
was ihr schlussendlich zum Verhängnis geworden sei. Sie habe ihre LTTE-
Vergangenheit bisher verschwiegen, da sie sich vor einer Rückführung
nach Sri Lanka gefürchtet habe. Das Verschweigen sei ein Fehler gewe-
sen, den sie bereue.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte sie einen persönlichen Bericht, zwei
Fotografien, die sie angeblich in LTTE-Uniform in den Jahren 1995 und
1997 zeigen, zwei Vergleichsfotos und einen Kurzaustrittsbericht der (...)
vom (...) 2021 ein.
D.
Das SEM nahm die Eingabe als Wiedererwägungsgesuch nach Art. 111b
AsylG (SR 142.31) entgegen, trat mit Verfügung vom 22. April 2021 (Eröff-
nung am 23. April 2021) auf dieses nicht ein und erhob eine Gebühr von
Fr. 600.–.
D-2041/2021
Seite 3
E.
Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin mit Eingabe ihres Rechts-
vertreters vom 30. April 2021 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie be-
antragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung verbunden mit der
Anweisung an das SEM, auf das Asylgesuch einzutreten.
In prozessualer Hinsicht beantragte sie die Gewährung der aufschieben-
den Wirkung und die Anordnung eines vorsorglichen Vollzugsstopps. Fer-
ner sei die Beschwerde mit dem gleichzeitig anhängig gemachten Revisi-
onsgesuch (Verfahren D-2046/2021) koordiniert zu behandeln. Schliess-
lich sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung und
amtliche Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG zu ge-
währen.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Mai 2021 hiess das Bundesverwaltungs-
gericht das Gesuch um Aussetzung des Vollzugs gut. Die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und amtlichen Rechtsverbei-
ständung wurden ebenfalls gutgeheissen und die rubrizierte Rechtsvertre-
terin als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet.
G.
Das gleichzeitig angehobene Revisionsverfahren wurde mit Zwischenver-
fügung ebenfalls vom 21. Mai 2021 bis zum Entscheid über das vorlie-
gende Beschwerdeverfahren sistiert.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
D-2041/2021
Seite 4
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.3 Dieses Urteil ergeht in Anwendung von Art. 21 und Art. 24 VGG in Ver-
bindung mit Art. 32 Abs. 2 und 3 des Geschäftsreglements vom 17. April
2008 für das Bundesverwaltungsgericht (VGR, SR 173.320.1) in Beset-
zung mit fünf Richtern beziehungsweise Richterinnen. Folgende Aussage
bildete Gegenstand eines gesamtgerichtlichen Koordinationsverfahrens al-
ler Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts im Sinne von Art. 25
Abs. 2 und 3 VGG:
Liegt ein materielles Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vor, sind Tatsa-
chen, die von einer Partei im ordentlichen Verfahren verschwiegen worden
sind, im Rahmen eines Revisionsverfahrens nach Art. 45 VGG in Verbin-
dung mit Art. 121 ff. BGG geltend zu machen.
2.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Vorliegend ist die Beurteilungskompetenz des Gerichts auf die Frage be-
schränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf die Eingabe vom 4. März 2021
nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 m.w.H.).
5.
Die Vorinstanz qualifizierte die Eingabe vom 4. März 2021 als Wiedererwä-
gungsgesuch im Sinne von Art. 111b AsylG und trat auf dieses hinsichtlich
der neu vorgebrachten Fluchtgründe mangels funktionaler Zuständigkeit
und hinsichtlich der gesundheitlichen Gründe mangels hinreichender Be-
gründung nicht ein.
D-2041/2021
Seite 5
Nachfolgend wird zunächst auf die Fragen der rechtlichen Qualifikation und
funktionalen Zuständigkeit bezüglich der neu vorgebrachten Fluchtgründe
eingegangen (vgl. E. 6-9) und im Anschluss auf die Frage der hinreichen-
den Begründung der gesundheitlichen Gründe (vgl. E. 10).
6.
6.1 Die Vorinstanz begründete ihre Unzuständigkeit damit, dass es sich bei
den Ausführungen zur LTTE-Vergangenheit um eine Tatsache handle, die
sich vor dem materiellen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-2279/2020 vom 9. November 2020 ereignet habe und daher im Rahmen
eines Revisionsgesuchs nach Art. 45 VGG in Verbindung mit Art. 121 ff.
BGG beim Bundesverwaltungsgericht einzubringen wäre. Denn dieses
Vorbringen ziele auf eine Neubeurteilung eines Sachverhalts ab, mit dem
sich das Bundesverwaltungsgericht bereits materiell auseinandergesetzt
habe. Aus den revisionsrechtlichen Regelungen ergebe sich, dass nur das
Gericht selbst Sachverhalte einer Neubeurteilung unterziehen dürfe, die
durch ein materielles Urteil in Rechtskraft erwachsen seien.
6.2 Die Beschwerdeführerin hielt dieser Argumentation entgegen, das
SEM hätte das Gesuch als Mehrfachgesuch entgegennehmen und beur-
teilen müssen. Bei den neu geltend gemachten Tatsachen würde es sich
um Asylgründe handeln, die im Erstverfahren nicht geltend gemacht wor-
den seien. Sie bezögen sich auf die Flüchtlingseigenschaft sowie das Non-
Refoulement-Gebot, mithin auf zwingendes Völkerrecht. In Konstellationen
wie der vorliegenden, in welcher unverschuldet nachträglich neue asylre-
levante Tatsachen vorgetragen würden, müsse das SEM diese im Rahmen
eines Mehrfachgesuchs prüfen. Ansonsten werde der Instanzenzug unter-
wandert. In diesem Punkt unterscheide sich die Konstellation auch von der-
jenigen in den Entscheiden und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre-
kurskommission (EMARK) 1995 Nr. 9, in welcher im Falle einer verschul-
deten nachträglichen Geltendmachung ein Verweis auf den Revisionsweg
erfolgt sei. Der Anspruch auf materielle Behandlung durch das SEM ergebe
sich daraus, dass es nicht nur um die Frage der Asylrelevanz, sondern um
die Wahrung des Refoulement-Verbots, mithin zwingendes Völkerrecht
gehe. Zudem gebiete auch die Verfahrensökonomie eine Behandlung
durch das SEM, da allfällige weitere Beweiserhebungen von der Vorinstanz
vorgenommen werden sollten, die in erster Linie für die Sachverhaltsabklä-
rung zuständig sei.
D-2041/2021
Seite 6
7.
7.1 Nachfolgend ist damit zunächst auf die Frage der Abgrenzung zwi-
schen Wiedererwägungsgesuch und Mehrfachgesuch im Sinne der
Art. 111b und 111c AsylG einzugehen.
7.2 Ein Mehrfachgesuch stellt im Asylrecht eine spezielle Form eines klas-
sischen Wiedererwägungsgesuchs dar. Bei einem klassischen Wiederer-
wägungsgesuch wie auch bei einem Mehrfachgesuch wird eine Anpassung
einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an einen erst nachträglich einge-
tretenen Sachverhalt verlangt. Betrifft dieser Sachverhalt ausschliesslich
den Wegweisungsvollzug, liegt ein Wiedererwägungsgesuch vor. Beschla-
gen die neu eingetretenen Ereignisse aber auch die Flüchtlingseigen-
schaft, sind diese als Mehrfachgesuch zu prüfen (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5
f. m.w.H.). Im Rahmen eines Mehrfachgesuchs können folglich aus-
schliesslich Sachverhalte geltend gemacht werden, die sich nach Ab-
schluss des ordentlichen Asylverfahrens verwirklicht haben.
Mit der LTTE-Vergangenheit werden keine Tatsachen angerufen, die erst
nach Abschluss des ersten Asylverfahrens eingetretenen sind, sondern
vielmehr solche, die sich bereits zuvor ereignet haben, von der Beschwer-
deführerin aber bisher verschwiegen worden sind. Ein Mehrfachgesuch
scheidet somit von vornherein aus.
7.3 Weshalb das zwingende Völkerrecht bei unverschuldet erst verspätet
vorgebrachten Tatsachen zu einer ausnahmsweisen Prüfung als Mehrfach-
gesuch durch das SEM führen müsste, ist nicht ersichtlich. Das zwingende
Völkerrecht gebietet einzig, dass landesrechtliche Prozessbestimmungen
völkerrechtskonform auszulegen und anzuwenden sind, damit sie die
Durchsetzung der staatsvertraglichen Garantien von zwingenden Bestim-
mungen des Völkerrechts wie der Refoulement-Verbote gemäss Art. 3
EMRK, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter
und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung
oder Strafe (FoK, SR 0.105) und Art. 33 des Abkommens vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) nicht vereiteln.
Tatsachen und Beweismittel, die eine entsprechende Verletzung schlüssig
darzulegen vermögen, dürfen deshalb nicht einzig aufgrund von Überle-
gungen der Rechtssicherheit und Rechtskraft eines einmal gefällten Ent-
scheids unberücksichtigt bleiben (vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 und E. 9.3.2).
Eine zwingende Zuständigkeit des SEM zur Behandlung als Mehrfachge-
such gemäss Art. 111c AsylG wird dadurch aber nicht begründet.
D-2041/2021
Seite 7
7.4 Auch die prozessökonomischen Argumente und der Hinweis auf den
Instanzenzug vermögen zu keiner Durchbrechung der erwähnten Abgren-
zungskriterien zu führen. Beide Argumente betreffen ohnehin weniger die
Abgrenzung zwischen Mehrfach- und Wiedererwägungsgesuch, sondern
könnten bestenfalls in Bezug auf die Frage der funktionalen Zuständigkeit
eine Rolle spielen (vgl. E. 9.4.2).
Das SEM hat die Eingabe vom 4. März 2021 zu Recht nicht als Mehrfach-
gesuch entgegengenommen.
8.
8.1 Die funktionale Zuständigkeit beschlägt die Frage, welche Instanz (ver-
fügende Behörde, Beschwerdebehörde etc.) für die Behandlung einer Sa-
che zuständig ist (vgl. THOMAS FLÜCKIGER, in: Waldmann/Weissenberger
[Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, N 14 ff. zu Art. 7 VwVG).
Zu klären ist folglich, ob die Zuständigkeit zur Prüfung der neuen, im or-
dentlichen Verfahren noch verschwiegenen Tatsachen beim Bundesver-
waltungsgericht – im Rahmen eines Revisionsverfahrens nach Art. 45 VGG
in Verbindung mit Art. 121 bis 123 BGG – oder beim SEM – im Rahmen
eines qualifizierten Wiedererwägungsverfahrens nach Art. 111b Abs. 1
AsylG in Verbindung mit Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG analog – liegt. Dabei
ist der Grundsatz beachtlich, wonach das Institut der «Wiedererwägung»
durch die Vorinstanz subsidiär zur «Revision» durch die Beschwer-
deinstanz steht (vgl. EMARK 1995 Nr. 21 E. 1c S. 204 sowie BGE 107 V
84 E.1). Eine funktionale Zuständigkeit der Beschwerdeinstanz zur Prüfung
von Vorbringen unter dem Titel der Revision schliesst damit die Zuständig-
keit der Vorinstanz aus. Umgekehrt ist praxisgemäss eine Prüfung durch
die Vorinstanz im Asylbereich zwingend, sollte die Zuständigkeit der Be-
schwerdeinstanz verneint werden. Gestützt auf eine mit zwingendem Völ-
kerrecht konforme Auslegung der anwendbaren Verfahrensbestimmungen
müssen erstmals vorgebrachte Tatsachen, sollten sie nicht im Rahmen ei-
nes Revisionsverfahrens geprüft werden können, zu einer von der Vorin-
stanz vorzunehmenden Prüfung unter dem Aspekt der Wiedererwägung
führen (vgl. BVGE 2013/22 E. 11 m.w.H.).
8.2 Vorauszuschicken ist, dass nach den einschlägigen Bestimmungen so-
wohl des Bundesgerichtsgesetzes (Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG) als auch
des Verwaltungsverfahrensgesetzes (Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG) lediglich
Tatsachen Gegenstand eines Revisionsverfahrens bilden können, die be-
reits zum Zeitpunkt des Abschlusses des ordentlichen Verfahrens bestan-
D-2041/2021
Seite 8
den haben (sog. unechte Noven), während Tatsachen, die sich erst nach-
träglich verwirklicht haben (sog. echte Noven), ausscheiden (vgl. ELISA-
BETH ESCHER, in: Niggli/Uebersax/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar
zum Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2011, N 5 zu Art. 123 und KARIN
SCHERRER REBER, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], a.a.O., N 26 zu
Art. 66 VwVG).
Praxisgemäss sind hinsichtlich der funktionalen Zuständigkeit zur Beurtei-
lung neuer erheblicher Tatsachen grundsätzlich zwei Konstellationen zu
unterscheiden. Dabei ist ausschlaggebend, wer rechtskräftig über das or-
dentliche Asylgesuch befunden hat. Liegt ein materielles Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts vor, ist das Gericht gemäss Art. 45 VGG in Verbin-
dung mit Art. 121 ff. BGG zuständig. Handelt es sich demgegenüber um
eine Verfügung des SEM, die entweder unangefochten geblieben oder de-
ren Beschwerdeverfahren mit einem formellen Prozessurteil abgeschlos-
sen worden ist, sind die neuen erheblichen Tatsachen als sogenanntes
«qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch» beim SEM nach Art. 111b Abs. 1
AsylG in Verbindung mit Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG analog einzubringen
(vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.).
8.3 Allerdings ist die Rechtsprechung der Asylabteilungen zur funktionalen
Zuständigkeit für die Beurteilung vorbestandener Tatsachen, die im or-
dentlichen Verfahren noch verschwiegen worden sind, nicht einheitlich.
So wurden entsprechende Eingaben bisweilen dem in Erwägung 8.2 skiz-
zierten Grundsatz folgend als Revisionsgesuche entgegengenommen (vgl.
etwa Urteil des BVGer D-214/2016 vom 19. September 2017) oder Verfü-
gungen des SEM, in denen dieses auf ein Wiedererwägungsgesuch, in
welchem bisher verschwiegene Tatsachen geltend gemacht wurden, man-
gels Zuständigkeit nicht eingetreten ist, mit der Begründung bestätigt, nicht
das SEM, sondern das Bundesverwaltungsgericht sei zuständig, im or-
dentlichen Verfahren verschwiegene und erst nachträglich geltend ge-
machte Tatsachen im Rahmen eines Revisionsverfahrens zu prüfen (vgl.
etwa Urteil des BVGer E-6715/2017 vom 13. Dezember 2017).
In anderen Verfahren hat das Bundesverwaltungsgericht hingegen seine
Zuständigkeit verneint und festgehalten, bei im ordentlichen Verfahren ver-
schwiegenen Tatsachen könne es sich nicht um nachträglich erfahrene Tat-
sachen im Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG handeln, die zur Revision
eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts Anlass geben könnten. Es
obliege deshalb dem SEM, im Rahmen eines Wiedererwägungsverfahrens
D-2041/2021
Seite 9
zu prüfen, ob die verschwiegenen Tatsachen zur Wiedererwägung des ur-
sprünglichen Asylentscheides führen könnten (vgl. etwa Urteile
D-2245/2018 vom 24. April 2018; D-1099/2015 vom 7. November 2017
E. 5.3 und E-2152/2015 vom 27. August 2015 E. 5).
8.4 Angesichts dieser divergierenden Rechtspraxis zumindest in den Ab-
teilungen IV und V des Bundesverwaltungsgerichts ist nachfolgend die
Frage der funktionalen Zuständigkeit bei der Geltendmachung von im or-
dentlichen Verfahren noch verschwiegenen Tatsachen grundsätzlich zu
klären.
9.
9.1 Ziel der Auslegung ist die Ermittlung des wahren Sinngehaltes einer
gesetzlichen Regelung. Dabei muss eine Gesetzesbestimmung in erster
Linie aus sich selbst heraus, das heisst nach Wortlaut, Sinn und Zweck und
den ihr zugrundeliegenden Wertungen auf der Basis einer teleologischen
Verständnismethode ausgelegt werden. Auszurichten ist die Auslegung auf
die «ratio legis», die zu ermitteln dem Gericht allerdings nicht nach seinen
eigenen, subjektiven Wertvorstellungen, sondern nach den Vorgaben des
Gesetzgebers aufgegeben ist. Die Auslegung des Gesetzes hat zwar nicht
entscheidend historisch zu erfolgen, ist im Grundsatz aber dennoch auf die
Regelungsabsicht des Gesetzgebers und die damit erkennbar getroffenen
Wertentscheidungen auszurichten, da sich die Zweckbezogenheit des
rechtsstaatlichen Normverständnisses nicht aus sich selbst begründen
lässt, sondern aus den Absichten des Gesetzgebers abzuleiten ist. Die Ge-
setzesauslegung hat sich vom Gedanken leiten zu lassen, dass nicht
schon der Wortlaut die Rechtsnorm darstellt, sondern erst das an Sachver-
halten verstandene und konkretisierte Gesetz. Das Bundesverwaltungsge-
richt folgt bei der Auslegung ‒ wie das Bundesgericht – einem pragmati-
schen Methodenpluralismus (vgl. BVGE 2013/22 E. 4.1 m.w.H.).
9.2 Der Wortlaut von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG, der bei Revisionsgesu-
chen aufgrund des Verweises in Art. 45 VGG durch das Bundesverwal-
tungsgericht sinngemäss anzuwenden ist, lautet folgendermassen:
„Die Revision kann [zudem] verlangt werden: a. in Zivilsachen und öffentlich-recht-
lichen Angelegenheiten, wenn die ersuchende Partei nachträglich erhebliche Tat-
sachen erfährt oder entscheidende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Ver-
fahren nicht beibringen konnte, unter Ausschluss der Tatsachen und Beweismittel,
die erst nach dem Entscheid entstanden sind (französischer Text: «si le requérant
D-2041/2021
Seite 10
découvre après coup des faits pertinents...»; respektive italienischer Text: «viene
a conoscenza di fatti rilevanti...»).
Der gewöhnliche Sprachgebrauch legt bei der Wortwahl «nachträglich er-
fahrenen Tatsachen» den Schluss nahe, dass eine Tatsache nur dann
«nachträglich erfahren» werden kann, wenn sie vorher nicht bekannt ge-
wesen ist, was bei einer verschwiegenen Tatsache stets zu verneinen ist.
In diesem Punkt unterscheidet sich der Wortlaut auch massgeblich von
demjenigen von Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG, wonach die Beschwer-
deinstanz den Entscheid in Revision zieht, wenn "die Partei neue erhebli-
che Tatsachen oder Beweismittel vorbringt".
9.3 Der Blick in die Materialien zeigt jedoch, dass ein derart striktes, rein
grammatikalisches Verständnis nicht der Regelungsabsicht des Gesetzge-
bers entspricht.
9.3.1 Dabei sind zunächst die Gesetzesmaterialien der per 1. Januar 2007
in Kraft getretenen Bundesjustizreform, aus der das VGG wie auch das
BGG hervorgegangen sind, heranzuziehen. Die Botschaft zur Totalrevision
der Bundesrechtspflege vom 28. Februar 2001 (BBl 2001 4202 ff.) hält fest,
dass das VwVG zurücktritt, soweit das VGG selber Verfahrensbestimmun-
gen aufstellt. Das VGG verweist sodann bezüglich des Revisionsverfah-
rens ausdrücklich auf das BGG und erklärt, dass die Art. 121-128 BGG
sinngemäss gelten (vgl. Art. 45 VGG). Derselben Botschaft ist hinsichtlich
der Revisionsbestimmungen des BGG zu entnehmen, dass der Gesetzge-
ber die "bewährten Regeln des geltenden Rechts über die Revision
(Art. 136 ff. des Bundesrechtspflegegesetzes vom 16. Dezember 1943
[OG, AS 1991 288; im Folgenden: OG]) ohne grosse Änderungen" über-
nehmen wollte. Abgesehen vom neuen Revisionsgrund der Verletzung der
Europäischen Menschenrechtskonvention, wie sie heute in Art. 122 BGG
geregelt ist, handle es sich bei den vorgenommenen Änderungen um "re-
daktionelle und systematische Modifikationen" (vgl. Botschaft, a.a.O.,
S. 4352). Aus diesen Erwägungen muss einerseits geschlossen werden,
dass der Gesetzgeber zum Institut der Revision grundsätzlich die Einheit-
lichkeit der Rechtspraxis von Bundesgericht und Bundesverwaltungsge-
richt angestrebt hat und andererseits die bisherige Praxis des Bundesge-
richts zur Anwendung der bisherigen Revisionsbestimmungen gemäss OG
überführen wollte (vgl. auch BVGE 2013/22 E. 6.2 f.).
9.3.2 Nachdem der Botschaft zur Bundesrechtspflegereform zu entneh-
men ist, dass der Gesetzgeber die "bewährten Regeln des geltenden
D-2041/2021
Seite 11
Rechts über die Revision (Art. 136 ff. OG; vgl. oben E. 9.3.1) ohne grosse
Änderungen" übernehmen wollte, wird im Folgenden kurz auf diese Be-
stimmung und die entsprechende Praxis eingegangen. Der hier interessie-
rende Gesetzestext von Art. 137 OG, welcher seit 1. Oktober 1969 in Kraft
war und nie abgeändert wurde (AS 1969 767 und 788; BBl 1965 II 1265),
lautete:
„Die Revision eines bundesgerichtlichen Entscheides ist (ferner) zulässig: [a.: Ein-
wirkung durch eine Straftat] b. wenn der Gesuchsteller nachträglich neue erhebli-
che Tatsachen erfährt oder entscheidende Beweismittel auffindet, die er im frühe-
ren Verfahren nicht beibringen konnte.“
Damit entspricht der damalige Wortlaut im hier interessierenden Kontext
genau demjenigen der anzuwendenden Revisionsbestimmung des BGG.
Aus der zu den Bestimmungen des OG entwickelten, langjährigen bundes-
gerichtlichen Rechtsprechung ergibt sich sodann, dass eben auch bisher
verschwiegene Tatsachen als «neu erfahren» qualifiziert werden können
und damit im Rahmen eines Revisionsverfahrens zu prüfen sind. So wurde
eine entschuldbare verspätete Geltendmachung in einem Fall angenom-
men, in welchem die revisionsweise angerufene Tatsache zwar schon be-
kannt war, die gesuchstellende Person aber keine Möglichkeit gehabt hat,
diese vorzubringen, da kein Schriftenwechsel durchgeführt worden ist (vgl.
BGE 121 IV 317 E. 2 m.w.H.). Hier handelte es sich – wie auch im Falle
des Verschweigens – um eine bereits bekannte Tatsache und nicht um eine
nachträglich erfahrene, welche aber aus entschuldbaren Gründen nicht ins
ordentliche Verfahren eingebracht worden ist.
9.3.3 Den oben erwähnten Erwägungen gemäss war es die Absicht des
Gesetzgebers, die entsprechende Rechtspraxis zum OG mit der Einfüh-
rung des BGG zu übernehmen beziehungsweise weiterzuführen. Dies wird
denn auch vom Bundesgericht so bestätigt (vgl. statt vieler BGE 134 III 45
E. 2). So erwog das Bundesgericht hinsichtlich der vorgetragenen Tatsa-
che, dass eine Scheinehe aus einer echten Notsituation eingegangen wor-
den sei, dass dieser Umstand bereits vorher bekannt gewesen und nicht
ersichtlich sei, inwiefern es der Gesuchstellerin verwehrt gewesen wäre,
die angeblich fehlende Rechtsmissbräuchlichkeit der Scheinehe bereits im
ordentlichen Verfahren vorzubringen (vgl. Urteil des BGer 2F_23/2017 vom
9. Januar 2018 E. 3.2; siehe auch Urteil des BGer 2F_5/2015 vom 18. März
2015 E. 3.2.2, hinsichtlich einer Berufung auf eine italienische Staatsange-
hörigkeit; siehe auch NIKLAUS OBERHOLZER, in: Seiler/Werdt/Oberholzer,
Handkommentar Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2015, N 9 zu Art. 123;
D-2041/2021
Seite 12
YVES DONZALLAZ, Loi sur le Tribunal fédéral, Commentaire, 2008, N 4702
zu Art. 123).
9.3.4 Gemäss dem Willen des Gesetzgebers beziehungsweise der bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung umfasst Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG wie
bereits Art. 137 OG somit nicht nur «nachträglich erfahrene» Tatsachen,
sondern auch bereits bekannte (aber verschwiegene) Tatsachen. Ver-
schwiegene Tatsachen bilden demgemäss potentielle Revisionsgründe,
was die funktionale Zuständigkeit der Revisionsinstanz für die Behandlung
der Sache nach sich zieht. Für die Frage der Zuständigkeit ist damit einzig
entscheidend, dass es sich um eine vorbestandene Tatsache, das heisst
ein unechtes Novum handelt, während es unerheblich bleibt, ob die Tatsa-
che der Partei im ordentlichen Verfahren bereits bekannt war. Erst im Rah-
men der Prüfung der vorgebrachten Revisionsgründe durch die für das Re-
visionsverfahren zuständige Instanz, stellen sich in der Folge die Fragen
nach der Einhaltung der prozessualen Sorgfaltspflicht beziehungsweise
nach der Entschuldbarkeit des Verschweigens und gegebenenfalls der Er-
heblichkeit.
9.3.5 Eine von der Praxis des Bundesgerichts abweichende Auslegung
durch das Bundesverwaltungsgericht ist vorliegend schon deshalb nicht
angezeigt, weil der Gesetzgeber offenbar ganz bewusst das Revisionsver-
fahren vor dem Bundesgericht und vor dem Bundesverwaltungsgericht
identisch geregelt hat. Eine Abweichung unter Berufung auf den Spielraum,
welcher sich aus dem Verweis in Art. 45 VGG auf die sinngemässe Anwen-
dung der Revisionsbestimmungen der Art. 121‒128 BGG ergibt, ist – wenn
überhaupt – nur bei triftigen, in der Natur des bundesverwaltungsgerichtli-
chen (im Gegensatz zum bundesgerichtlichen) Verfahrens liegenden Grün-
den angezeigt. Solche Gründe sind vorliegend nicht ersichtlich.
9.3.6 Im Sinne dieses Auslegungsergebnisses wird auch in der Lehre hin-
sichtlich des Revisionsverfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht un-
ter Hinweis auf die Rechtsprechung der Schweizerischen Asylrekurskom-
mission in EMARK 1995 Nr. 9 ausgeführt, dass auch bereits bekannte Tat-
sachen zur Revision berechtigen würden, wenn es der gesuchstellenden
Person im ordentlichen Verfahren subjektiv unmöglich gewesen sei, sich
darauf zu berufen (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor
dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 5.47).
9.4 Die entsprechende Auslegung lässt sich denn auch rechtssystematisch
ohne weiteres einbetten.
D-2041/2021
Seite 13
9.4.1 So wird erstens die Praxis bestätigt, dass Tatsachen, welche sich vor
dem Abschluss des ordentlichen Verfahrens zugetragen haben (unechte
Noven), als Revisionsgründe geltend zu machen sind, während solche, die
erst nach Abschluss entstanden sind (echte Noven), keine Revisions-
gründe darstellen, allenfalls aber zu einer neuen Verfügung des SEM im
Rahmen eines Wiedererwägungsverfahrens führen können (vgl. KARIN
SCHERRER REBER, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], a.a.O., N 27 zu
Art. 66 VwVG).
Zweitens gilt in der Regel, dass Revisionsgründe durch diejenige Instanz
zu prüfen sind, welche das ordentliche Verfahren rechtskräftig abgeschlos-
sen hat (vgl. BVGE 2007/21 E. 2.1 m.w.H.). Die dargelegte Auslegung ent-
spricht auch diesem Grundsatz.
9.4.2 Zu keiner anderen Beurteilung vermögen auch die Argumente auf
Beschwerdeebene bezüglich der Sachverhaltsermittlung oder der Ein-
schränkung des Instanzenzugs zu führen. Diese Argumentation vermag
schon deshalb nicht zu überzeugen, da die Sachverhaltsermittlung auch
dann Aufgabe der Revisionsinstanz ist, wenn Revisionsgründe tatsächlich
nachträglich erfahren wurden. Ebenso bleibt dann der Instanzenzug einge-
schränkt. Eine entsprechende Besserstellung bei bewusstem Verschwei-
gen von Tatsachen gegenüber denjenigen, die Revisionsgründe nachträg-
lich erfahren, kann offensichtlich nicht im Sinne des Gesetzgebers liegen.
9.4.3 Schliesslich spricht auch die Einheit der Rechtsordnung für diese
Auslegung, zumal in Bezug auf die im Wortlaut identischen Bestimmung in
Art. 328 Abs. 1 Bst. a ZPO gilt, dass die Unmöglichkeit der Beibringung im
ordentlichen Verfahren sowohl in einer damaligen Unkenntnis der Existenz
als auch in einer entschuldbaren Unterlassung der gerichtlichen Beibrin-
gung liegen könne (vgl. FREIBURGHAUS/AFHELDT, in: Sutter-Somm/Hasen-
böhler/Leuenberger, Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessord-
nung, 3. Aufl. 2016, N 18 zu Art. 328). Auch hier sind somit bereits bekannte
Tatsachen nicht zum vornherein als Revisionsgrund ausgeschlossen. Ent-
scheidend ist vielmehr, ob die Unmöglichkeit der Beibringung entschuldbar
war (vgl. FREIBURGHAUS/AFHELDT, a.a.O. N 18 f. zu Art. 328.).
9.5 Zusammengefasst können dieser Auslegung zufolge auch verschwie-
gene Tatsachen unter den Begriff «nachträglich erfahrene Tatsachen» sub-
sumiert werden und damit einen potentiellen Revisionsgrund nach Art. 123
Abs. 2 Bst. a BGG darstellen, was die Zuständigkeit der Revisionsinstanz
D-2041/2021
Seite 14
nach sich zieht. Vorliegend ist somit das Bundesverwaltungsgericht funkti-
onal zuständig und hat im Rahmen des bereits anhängig gemachten Revi-
sionsverfahrens D-2046/2021 – dessen Sistierung mit dem vorliegenden
Entscheid aufzuheben ist – über die Einhaltung der prozessualen Sorg-
faltspflicht und gegebenenfalls über die Erheblichkeit der neuen Tatsachen
zu befinden. Das SEM ist daher aufgrund der Subsidiarität des Wiederer-
wägungsverfahrens zu Recht auf die in der Eingabe vom 4. März 2021
vorgebrachten neuen Fluchtgründe nicht eingetreten.
10.
Die angefochtene Verfügung erweist sich auch hinsichtlich des Nichteintre-
tens auf den Arztbericht mangels hinreichender Begründung als rechtmäs-
sig (vgl. zum Nichteintretensgrund der mangelhaften Begründung BVGE
2014/39 E. 7). Im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2279/2020 vom
9. November 2020 ist hinsichtlich der damals diagnostizierten posttrauma-
tischen Belastungsstörung (PTBS; ICD-10 F43.1) und der mittelschweren
depressiven Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F31.11) festge-
halten worden, dass diese dem Wegweisungsvollzug nicht entgegenste-
hen würden. Inwiefern die im Austrittsbericht vom (...) 2021 diagnostizier-
ten PTBS und chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychi-
schen Faktoren (ICD-10 F45.41) diese Feststellung umzustossen vermö-
gen, wurde in der Eingabe vom 4. März 2021 nicht dargelegt. Auf Be-
schwerdeebene wurden gegenüber dem Nichteintreten auf diesen Punkt
denn auch keine Einwände formuliert, sondern einzig darauf hingewiesen,
dass die im Austrittsbericht diagnostizierten Leiden die verspätete Geltend-
machung der LTTE-Vergangenheit erklären könnten.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr jedoch mit
Zwischenverfügung vom 21. Mai 2021 die unentgeltliche Prozessführung
gewährt wurde, sind ihr keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
D-2041/2021
Seite 15
12.2 Der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin ist ein amtliches Hono-
rar zu entrichten. Die Kostennote vom 1. Juni 2021 weist sowohl den Auf-
wand für das vorliegende Beschwerdeverfahren sowie denjenigen für das
Revisionsverfahren D-2046/2021 aus. Der Aufwand für die Revisionsein-
gabe ist daher nicht zu berücksichtigen und derjenige, der auf beide Ver-
fahren angefallen ist, ist nur hälftig anzurechnen (Kenntnisnahme vom
23.04.2021; Telefon vom 28.04.2021; Kopien und Porto vom 30.04.2021;
Kenntnisnahme und Porto vom 04.05.2021; Telefon vom 19.05.2021;
Kenntnisnahme, Porto und Telefon vom 25.05.2021). Der sich daraus er-
gebende Zeitaufwand von 4.3 Stunden ist angemessen. Der Stundenan-
satz ist unter Hinweis auf die Zwischenverfügung vom 21. Mai 2021 auf
Fr. 150.– (Aufwendungen von MLaw David Hongler) respektive Fr. 220.–
(Aufwendungen von Rechtsanwältin Aileen Rose Kreyden) festzulegen.
Folglich beläuft sich das Honorar inklusive Mehrwertsteuerzuschlag im
Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE auf Fr. 900.– (300 [2x150] plus 506
[2.3x220] plus 29.15 [Auslagen] plus 64.30 [MWSt]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-2041/2021
Seite 16