Decision ID: c1c51b1a-ba8f-526a-952f-209ad07d1b02
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend Beschwerdeführerin), eine syrische Staatsange-
hörige kurdischer Ethnie, verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge etwa im Oktober 2018 in Richtung Türkei. Mithilfe eines Schleppers
reiste sie am (...) 2018 auf dem Luftweg von C._ nach Zürich. Am
Folgetag stellte sie ein Asylgesuch, woraufhin das SEM die Einreise in die
Schweiz vorläufig verweigerte und ihr den Transitbereich des Flughafens
Zürich als Aufenthaltsort zuwies. Am 21. November 2018 wurde sie im Rah-
men einer Befragung zur Person (BzP) zu ihren persönlichen Umständen,
dem Reiseweg sowie summarisch zu ihren Asylgründen befragt. Das SEM
bewilligte am 29. November 2018 die Einreise in die Schweiz und wies die
Beschwerdeführerin dem Kanton D._ zu. Am 4. November 2019
wurde sie einlässlich zu ihren Asylgründen angehört.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie stamme aus dem Dorf
E._, habe dort mit ihrer Familie gelebt und sieben Jahre die Schule
besucht. Als der Islamische Staat (IS) gekommen sei, seien sie nach
F._ gegangen. Ungefähr im Jahr 2010 habe sie an einer Hochzeit
ihren heutigen Ehemann G._ kennengelernt. Sie seien in Kontakt
geblieben und er habe mehrmals um ihre Hand angehalten. Ihre Familie
habe dies aber abgelehnt, weil sie mit einem Cousin hätte verheiratet wer-
den sollen. Im Jahr 2015 sei G._ ausgereist und habe sie gefragt,
ob sie mitkommen wolle. Aus Angst sei sie jedoch nicht mitgegangen, wo-
raufhin der Kontakt für eine Weile abgebrochen sei. Später hätten sie aber
wieder regelmässig telefoniert. Bereits in ihrer Kindheit habe ihre Familie
festgelegt, dass sie und ihr Cousin füreinander bestimmt seien. Da sie den
Cousin nicht gemocht habe, habe sie diesen aber nicht heiraten wollen. Ihr
Vater habe sie jeweils mit einem Stock geschlagen, wenn sie gegenüber
der Familie ihre Ablehnung zum Ausdruck gebracht habe. Insgesamt sei
sie deswegen etwa dreimal geschlagen worden. Als sie mitbekommen
habe, dass ihre Familie mit jener des Cousins über konkrete Heiratspläne
gesprochen habe, habe sie es nicht mehr ausgehalten. Sie habe mit ihrem
heutigen Ehemann telefoniert und sie hätten vereinbart, dass sie zu ihm
komme. Sie habe befürchtet, dass ihre Familie sie töten würde, wenn sie
sich weiterhin geweigert hätte, ihren Cousin zu heiraten. Auf Aufforderung
von G._ sei sie in Syrien zu einem Amt respektive Gericht gegan-
gen. Dort habe sie ihren Ehemann geheiratet – dieser habe sich durch ei-
nen Anwalt vertreten lassen – und es seien eine Heiratsurkunde sowie ein
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Familienbüchlein ausgestellt worden. Schliesslich sei sie, als sich ihre El-
tern gerade vorübergehend im Dorf aufgehalten hätten, in die Türkei aus-
gereist.
B.b Als Beweismittel legte die Beschwerdeführerin dem SEM eine Heirats-
urkunde (Kopie) und ein Familienbüchlein (Original) vor. Zudem befinden
sich Fotoaufnahmen von der Beschwerdeführerin in der Türkei sowie Aus-
weisdokumente, die sie vom Schlepper erhalten habe, bei den Akten.
B.c Am (...) brachte die Beschwerdeführerin in der Schweiz ihre Tochter
B._ zur Welt.
C.
Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 16. Januar 2020 stellte das SEM
fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
ihr Asylgesuch ab und wies sie sowie ihre Tochter aus der Schweiz weg.
Gleichzeitig schob es den Vollzug der Wegweisung zufolge Unzumutbar-
keit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
D.
Im Namen der Beschwerdeführerin liess ihr Rechtsvertreter dem Bundes-
verwaltungsgericht mit Schreiben vom 17. Februar 2020 eine als "Be-
schwerde" bezeichnete Eingabe zukommen. Darin wurde beantragt, die
vorliegende Rechtsschrift sei als Beschwerdeeingang zu betrachten, es sei
auf die Beschwerde einzutreten und eine zehntätige Nachfrist für die Ver-
besserung der Beschwerde einzuräumen. Zur Begründung wurde ausge-
führt, dass sich die Beschwerdeführerin am 17. Februar 2020 telefonisch
beim Rechtsvertreter gemeldet und mitgeteilt habe, sie habe Interesse an
einer Beschwerdeerhebung. Gleichzeitig habe sie ihn darüber in Kenntnis
gesetzt, dass heute der letzte Tag der Beschwerdefrist sei, sie die Akten
des SEM im Zug vergessen habe und er eine provisorische Beschwerde
machen solle. Aus diesem Grund habe keine Möglichkeit bestanden, eine
detaillierte Beschwerde zu verfassen, weshalb um Ansetzung einer Frist
zur Beschwerdeverbesserung sowie zur Nachreichung der fehlenden Do-
kumente ersucht werde.
E.
Die Instruktionsrichterin forderte die Beschwerdeführerinnen mit Zwischen-
verfügung vom 21. Februar 2020 auf, ihre Beschwerde zu verbessern, in-
dem sie Rechtsbegehren formulieren und diese begründen. Zudem wurde
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der Rechtsvertreter aufgefordert, sich durch eine schriftliche Vollmacht
auszuweisen.
F.
Mit Eingabe vom 28. Februar 2020 reichten die Beschwerdeführerinnen
durch ihren Rechtsvertreter eine Beschwerdeverbesserung ein. Darin be-
antragten sie, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei ihre
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren. Weiter
sei der rechtserhebliche Sachverhalt festzustellen. Eventualiter wurde be-
antragt, die Beschwerdeführerinnen seien "als vorläufige Flüchtlinge" ge-
mäss Art. 54 AsylG (SR 142.31) aufzunehmen. Zudem ersuchten sie um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. Als Be-
schwerdebeilagen wurden die angefochtene Verfügung, eine Vollmacht so-
wie eine Sozialhilfebestätigung der Gemeinde H._ vom 26. Februar
2020, welche G._ betrifft, zu den Akten gereicht.
G.
Das SEM teilte der Beschwerdeführerin und ihrem Ehemann mit Schreiben
vom 25. Mai 2020 mit, dass der Familienname ihrer Tochter im ZEMIS an-
gepasst werde und neu I._ (vorher: J._) laute.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Nach Einreichung der Beschwerdeverbesserung erweist sich die Be-
schwerde als frist- und formgerecht. Die Beschwerdeführerinnen haben am
Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene
Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie sind daher zur Einrei-
chung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden entscheidet das Bundes-
verwaltungsgericht in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung ei-
nes zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111
Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um
eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu be-
gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 sowie BVGE 2012/5 E. 2.2).
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, dass die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin den Anforderungen an das Glaubhaftma-
chen nicht genügen würden. Erste Zweifel an ihren Angaben kämen bereits
auf, weil sie angeblich schon seit Kindstagen ihrem Cousin versprochen
gewesen sein soll, aber bis zu ihrer Ausreise im Alter von (...) Jahren keine
Vermählung stattgefunden habe. Wäre von ihrer Familie tatsächlich Zwang
ausgeübt worden, so wäre zu erwarten gewesen, dass die Heirat bereits
zu einem erheblich früheren Zeitpunkt erfolgt wäre. Es wäre auch anzu-
nehmen gewesen, dass der Cousin – wenn er an einer Heirat mit ihr inte-
ressiert gewesen wäre – schon deutlich früher auf deren Durchführung be-
harrt hätte. Angesichts des kulturellen Hintergrunds scheine es erstaunlich,
dass die Beschwerdeführerin ihre beiden Familien mit der Bitte, noch zu
warten, über zehn Jahre nach Erreichen des Heiratsalters hätte hinhalten
können. Dies lasse erheblich an der geltend gemachten Zwangssituation
zweifeln. Auch die vorgebrachten Schläge durch ihren Vater und ihren Bru-
der würden an dieser Einschätzung nichts ändern. Selbst wenn es zu die-
sen gekommen sein sollte, wären diese Übergriffe – sie sei bei drei Gele-
genheiten mit einem Stock am Arm geschlagen worden – nicht als genü-
gend intensiv einzustufen. Auch die ihr offenbar gewährte Bewegungs- und
Handlungsfreiheit spreche gegen die dargelegte Zwangssituation. Sie sei
in der Lage gewesen, regelmässig telefonischen Kontakt zu ihrem heutigen
Ehemann in der Schweiz zu pflegen, einen Rechtsanwalt zu beauftragen
und eine standesamtliche Trauung durchzuführen. Ebenso habe sie selb-
ständig die Ausreise antreten können. Ihr eigenständiges Handeln lasse
ihre Angabe bei der BzP, wonach ihre Familie sie nicht aus dem Haus ge-
lassen habe, unglaubhaft erscheinen. Schliesslich würde die mangelhafte
Substanz ihrer Aussagen die Zweifel an diesen erhärten. Ihre Schilderun-
gen seien oberflächlich und sie wiederhole oft Sätze mit identischem Wort-
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laut, weshalb ihre Ausführungen nicht erlebnisgeprägt erschienen. Insge-
samt sei die drohende Zwangsheirat nicht glaubhaft, ebenso wenig wie die
angeblich intensive Unterdrucksetzung oder eine zukünftige Verfolgung
von Seiten ihrer Familie. Eine Prüfung der Asylrelevanz erübrige sich da-
her. Es sei aber dennoch zu erwähnen, dass weder das Kriterium der In-
tensität noch jenes der begründeten Furcht erfüllt sein dürften.
5.2 In der Beschwerdeschrift wurde darauf hingewiesen, dass die Erleb-
nisse in Syrien für die Beschwerdeführerin traumatisierend gewesen seien
und die massive häusliche Gewalt sie sehr belastet habe. Sie sei deshalb
seit Oktober 2018 sehr angeschlagen und benötige gemäss ihrem Haus-
arzt eine psychologische Behandlung. Die Vorinstanz habe die von ihrem
Vater ausgeübte Gewalt und die anhaltenden Heiratsversuche zu Unrecht
als nicht hinreichend begründet beurteilt. Den Schilderungen der Be-
schwerdeführerin liessen sich deutlich Verzweiflung, Zorn und Widerstand
sowie ihr Leiden und ihre Ohnmacht entnehmen. Zudem habe sie in ver-
schiedener Hinsicht frauenspezifische Verfolgungen erlitten. Sie habe ein-
gesperrt zu Hause bleiben müssen und der Zugang zur Schule sei ihr ver-
wehrt worden. Vor allem aber habe der Vater sie ständig geschlagen und
ihr gesamtes Leben habe sie massive häusliche Gewalt erlitten. Dies sei
bereits asylrelevant, da es in Syrien keinen Schutz davor gebe und sie
auch in Zukunft solche Nachteile zu befürchten hätte. Es sei der Beschwer-
deführerin auch nicht möglich gewesen, zu einem früheren Zeitpunkt zu
fliehen, da das Verlassen der Familienstruktur ein sehr schwieriger Ent-
scheid sei und oft längere Zeit brauche sowie eine extreme Aussichtslosig-
keit voraussetze. Das SEM habe sodann seine Begründungspflicht verletzt
und nicht berücksichtigt, dass eine mögliche Reflexverfolgung vorliege,
weil die Gefahr bestehe, dass Familienangehörige der Beschwerdeführerin
aufgrund ihrer humanitären Aktivitäten in der Schweiz als Flüchtlinge Asyl
erhalten könnten. Zwar habe sie das Risiko einer Reflexverfolgung in ihrer
Anhörung nicht speziell thematisiert, sondern ihre Asylvorbringen auf ge-
schlechtsspezifische Aspekte fokussiert. Trotzdem sei bei der Beurteilung
ihrer Beschwerde das Risiko in Betracht zu ziehen, dass sie bei einer Rück-
kehr nach Syrien Behelligungen wegen ihrer Geschwister zu gewärtigen
hätte. Ausserdem habe ihr Ehemann aus Angst davor, dass er von ihren
Familienangehörigen getötet werden könnte, mehrmals seinen Wohnort
gewechselt.
Die Vorinstanz habe zudem vorhandene Quellen zur spezifischen Verfol-
gung von Frauen in Syrien nicht in ihre Überlegungen miteinbezogen und
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somit nicht den gesamten relevanten Sachverhalt gewürdigt. Die Be-
schwerdeführerin sei einem unerträglichen psychischen Druck ausgesetzt
gewesen angesichts der jahrelangen Misshandlung durch den Vater und
den Bruder sowie ihrer traumatisierenden Erlebnisse. Sie sei deswegen in
einer labilen psychischen Verfassung, was auch durch Arztzeugnisse do-
kumentiert werden könne. Ein entsprechendes Zeugnis werde beim Haus-
arzt eingefordert und dem Gericht nachgereicht. Dieser Umstand sei bei
der Beurteilung ihrer Vorbringen zu berücksichtigen. Ihre Schilderungen
zur häuslichen Gewalt und den wiederholten Versuchen, sie zwangsweise
zu verheiraten, seien glaubhaft und von Realkennzeichen geprägt. Dies
zeigten ihre emotionalen Reaktionen anlässlich der Anhörung, bei welcher
sie wiederholt in Tränen ausgebrochen sei. Ihre Aussagen seien in den we-
sentlichen Teilen übereinstimmend und sie schildere die Übergriffe durch
den Vater lebensecht und eindrücklich. Die Argumentation des SEM, es sei
nicht plausibel, dass es ihr so lange gelungen sei, sich der Zwangsheirat
zu entziehen, sei nicht nachvollziehbar. Sie habe sich zunächst dagegen
gewehrt, was zu einer Verzögerung geführt habe. Der Druck durch den Va-
ter sei jedoch immer stärker geworden und sie habe gesehen, dass er
seine Drohungen wahrmachen werde. Bei einer Würdigung der gesamten
Aktenlage würden die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar-
stellung sprechen, überwiegen. Die Beschwerdeführerin habe glaubhaft
machen können, dass ihr Vater sie über Jahre hinweg misshandelt sowie
wiederholt versucht habe, sie zwangsweise zu verheiraten. Dies seien
ernsthafte Nachteile, welche sie als junge Frau aufgrund ihres Geschlechts
erlitten habe. Sie befürchte, bei einer Rückkehr nach Syrien erneut seinen
Übergriffen ausgesetzt sowie im schlimmsten Fall sogar getötet und damit
Opfer eines Ehrenmords zu werden.
6.
6.1 Das SEM ist vorliegend zu Recht zum Schluss gekommen, dass die
Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht glaubhaft sind. Zur Vermeidung
von Wiederholungen kann auf die zutreffenden Ausführungen in der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen werden, welchen in der Beschwerdebe-
gründung keine wesentlichen Argumente entgegengehalten werden. Die
Aussagen der Beschwerdeführerin dazu, dass sie ihren Cousin hätte hei-
raten wollen, sich geweigert habe und aus diesem Grund geschlagen wor-
den sei, fielen pauschal und oberflächlich aus (vgl. A28, F75 f. und F81).
Auf präzisierende Nachfragen gab sie ausweichende Antworten oder führte
aus, sie wisse dies nicht (vgl. A28, F82 ff.). Entgegen der in der Beschwer-
deschrift vertretenen Auffassung ist die Schilderung der Misshandlungen,
die sie von Seiten ihres Vaters und ihres Bruders erlitten habe, äusserst
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einsilbig und keineswegs lebensnah (vgl. A28, F90 ff.). Die Ausführungen
der Beschwerdeführerin wirken insgesamt stereotyp, weisen keine Sub-
stanz auf und es fehlt ihnen – abgesehen von der Wiedergabe einzelner
Dialoge, die sich aber auf wenige Sätze beschränken – an Realkennzei-
chen. Es gelang ihr an keiner Stelle, ihre Erlebnisse detailliert und erleb-
nisgeprägt darzulegen. Ebenfalls vage blieben ihre Angaben dazu, wes-
halb sie befürchte, von ihrer Familie umgebracht zu werden. Sie begrün-
dete dies damit, dass sie eine grosse Familie habe, in welcher "so Ähnli-
ches" geschehen sei. Als sie darum gebeten wurde, dies zu konkretisieren,
gab die Beschwerdeführerin an, ein Mädchen sei mit einem Jungen abge-
hauen und sofort getötet worden, als die Familie sie gefunden habe. Sie
erklärte, dass sie das Mädchen gekannt habe, konnte den Verwandt-
schaftsgrad zu diesem aber nicht angeben (vgl. A28, F117 ff.). Ihre Ausfüh-
rungen in diesem Zusammenhang erweisen sich als sehr knapp und las-
sen keinen persönlichen Bezug zu diesem dramatischen Ereignis, das sich
in ihrer Familie abgespielt haben soll, erkennen.
6.2 Sodann fällt auf, dass die Beschwerdeführerin bei der BzP angab, sie
habe einen Pass besessen, welcher aber in F._ bei ihrer Familie
geblieben sei. Diese habe ihren Pass versteckt, um zu verhindern, dass
sie aus dem Land flüchte (vgl. A11, Zif. 4.02). Auch das Original ihrer Iden-
titätskarte befinde sich bei der Familie in F._ (vgl. A11, Ziff. 4.03).
Demgegenüber gab sie bei der Anhörung an, die Identitätskarte sei –
ebenso wie ihr Pass respektive ihre anderen Dokumente – bei der Familie
ihres Ehemannes (vgl. A28, F21 ff.). Zunächst ist festzuhalten, dass nicht
ersichtlich ist und von der Beschwerdeführerin auch nicht näher begründet
wird, weshalb ihre Schwiegerfamilie im Besitz ihrer Ausweisdokumente
sein soll. Weiter wurde sie auf ihre widersprüchlichen Angaben angespro-
chen, woraufhin die Beschwerdeführerin ausführte, dass sie an der BzP
einen Dolmetscher aus Ägypten gehabt habe, welchen sie überhaupt nicht
verstanden habe (vgl. A28, F25). Diese Erklärung überzeugt jedoch nicht,
nachdem die Beschwerdeführerin sowohl zu Beginn als auch am Ende der
BzP angab, sie verstehe den Dolmetscher gut (vgl. A11, S. 2 und 14). Dem
Protokoll der BzP lassen sich auch keine Hinweise auf Verständigungs-
probleme entnehmen. Zudem bestätigte sie mit ihrer Unterschrift, dass das
Protokoll der Wahrheit entspreche und in eine ihr verständliche Sprache
(Arabisch) übersetzt worden sei. Ihre Angabe bei der Anhörung, dass der
Dolmetscher Ägypter gewesen sei, sie diesen nicht verstanden habe und
dass sie ohnehin nur ganz wenig Arabisch könne (vgl. A28, F127 ff.), ist
deshalb als Schutzbehauptung zu werten. Weiter bleibt aufgrund der un-
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terschiedlichen Angaben der Beschwerdeführerin unklar, wann sie tatsäch-
lich aus Syrien ausgereist ist. Anlässlich der BzP vom 21. November 2018
erklärte sie, dass sie das Datum ihrer Ausreise nicht genau wisse, aber vor
ungefähr einer Woche das Land verlassen habe (vgl. A11, Ziff. 5.01). Als
ihr vorgehalten wurde, in dem von ihr mitgeführten irakischen Pass habe
es einen Einreisestempel vom 1. November 2018, bestritt sie, dass sie sich
seit diesem Zeitpunkt in der Türkei aufgehalten habe. In der Folge wurden
ihr Fotos mit Aufnahmedatum vom (...) respektive (...) November 2018 aus
dem Handy ihrer Schwägerin – die mit demselben Schlepper ausgereist
sei – vorgelegt, welche sie in einem türkischen Einkaufszentrum zeigen.
Eine Erklärung dafür konnte die Beschwerdeführerin jedoch nicht liefern
(vgl. A11, Ziff. 5.02). Zu Beginn der Anhörung machte sie dann geltend,
dass sie bereits Ende September oder am 1. Oktober 2018 in die Türkei
gereist sei (vgl. A28, F8 f.). Später erwähnte sie, dass sie ihr zu Hause
verlassen habe und in die Türkei gegangen sei, als ihre Eltern sich gerade
in ihrem Dorf aufgehalten hätten. Auf Nachfrage führte sie aus, die Eltern
seien ungefähr Ende des zehnten Monats, mithin Ende Oktober, ins Dorf
gefahren (vgl. A28, F64 ff.). Zudem gab sie – im Unterschied zur BzP – an,
dass sie sich ungefähr zwei oder drei Wochen in der Türkei aufgehalten
habe (vgl. A28, F109). Angesichts dieser uneinheitlichen Angaben beste-
hen erhebliche Zweifel an dem von der Beschwerdeführerin behaupteten
Ausreisezeitpunkt.
6.3 Weiter führte die Beschwerdeführerin bei der Anhörung aus, dass sie
ungefähr dreimal von ihrem Vater geschlagen worden sei. Die Schläge
seien jeweils erfolgt, wenn ihr Cousin gekommen sei und sie verlangt habe;
sonst sei sie nicht geschlagen worden (vgl. A28, F95 f.). Diese Aussagen
widersprechen der auf Beschwerdeebene vorgebrachten Darstellung von
jahrelanger häuslicher Gewalt durch den Vater, welcher sie angeblich aus-
gesetzt gewesen sei. Es sind keine nachvollziehbaren Gründe dafür er-
sichtlich, weshalb die Beschwerdeführerin dieses Sachverhaltselement –
sie sei zeitlebens von ihrem Vater geschlagen worden – erst mit der Be-
schwerde hätte geltend machen können. Auch im Rahmen der BzP er-
wähnte sie mit keinem Wort, dass sie über Jahre hinweg Opfer von häus-
licher Gewalt gewesen sei (vgl. A11, Ziff. 7.01 f.). Das entsprechende Vor-
bringen ist daher als nachgeschoben und somit unglaubhaft zu qualifizie-
ren. Dasselbe gilt auch für die auf Beschwerdeebene vorgebrachte Be-
hauptung, dass ihr heutiger Ehemann aus Angst vor ihrer Familie mehr-
mals seinen Wohnort habe wechseln müssen. Die Beschwerdeführerin
legte anlässlich ihrer Befragungen an keiner Stelle substanziiert dar, dass
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ihr heutiger Ehemann von ihrer Familie bedroht worden wäre und sich des-
wegen veranlasst gesehen hätte, seinen Wohnort zu ändern. Das betref-
fende Sachverhaltselement erweist sich ebenfalls als nachgeschoben.
6.4 Auf Beschwerdeebene wurde weiter vorgebracht, dass die Beschwer-
deführerin psychisch angeschlagen sei und ihr labiler Zustand bei der Be-
urteilung der Vorbringen zu berücksichtigen sei. Diesbezüglich ist jedoch
anzumerken, dass die Beschwerdeführerin sowohl bei der BzP als auch
anlässlich der Anhörung erklärte, sie sei gesund (vgl. A11, Ziff. 8.02 und
A28, F4). Bis zum heutigen Zeitpunkt wurde kein Arztzeugnis nachgereicht,
obwohl ein solches in der Beschwerdebegründung vom 28. Februar 2020
in Aussicht gestellt worden war. Zudem finden sich in den Akten keine Hin-
weise auf psychische Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin. Es ist
daher nicht davon auszugehen, dass sie sich in einem labilen psychischen
Gesundheitszustand befindet, welcher sich auf ihr Aussageverhalten aus-
gewirkt haben könnte.
6.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Ausführungen der Be-
schwerdeführerin zur Zwangsheirat, die ihr angeblich gedroht habe, teil-
weise nicht nachvollziehbar und überdies äusserst unsubstanziiert sind.
Die widersprüchlichen Angaben zu ihren Identitätsdokumenten und zu ihrer
Ausreise ziehen zudem ihre persönliche Glaubwürdigkeit in Zweifel. Insge-
samt gelingt es ihr nicht, glaubhaft zu machen, dass sie von ihrer Familie
massiv unter Druck gesetzt worden sei und hätte gezwungen werden sol-
len, ihren Cousin zu heiraten. Es ist folglich auch nicht davon auszugehen,
dass ihr gedroht hätte beziehungsweise bei einer Rückkehr drohen würde,
Opfer eines Ehrenmords zu werden.
6.6 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin an
keiner Stelle geltend machte, dass sie aufgrund von Aktivitäten ihrer Ge-
schwister eine Reflexverfolgung befürchtet habe. Anlässlich der BzP er-
wähnte sie lediglich, dass mehrere ihrer Geschwister mit unbekanntem
Aufenthaltsstatus in Deutschland lebten (vgl. A11, Ziff. 3.03). Daraus lässt
sich aber noch nicht ableiten, dass für die Beschwerdeführerin die Gefahr
einer Reflexverfolgung bestanden hätte. Nachdem sie weder politische Ak-
tivitäten ihrer Geschwister erwähnte noch ausführte, dass sie deswegen
Nachteile zu befürchten gehabt hätte, gab es für das SEM auch keine Ver-
anlassung, sich zu einer möglichen Reflexverfolgung zu äussern. Eine Ver-
letzung der Begründungspflicht in diesem Zusammenhang liegt nicht vor.
Da sich in den Akten keine Anhaltspunkte für eine drohende Reflexverfol-
gung finden, erübrigen sich an dieser Stelle weitere Ausführungen dazu.
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Seite 12
6.7 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht,
das geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen. Das SEM hat ihr Asylgesuch daher zu Recht
abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie. Die Be-
schwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländerrechtliche Auf-
enthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen.
Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
9.1 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
wird mit dem vorliegenden Entscheid gegenstandslos. Da sich die gestell-
ten Rechtsbegehren angesichts der obenstehenden Erwägungen als zum
Vornherein aussichtslos erweisen, ist das mit der Beschwerdebegründung
gestellte Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG ungeachtet der geltend gemachten Mittellosigkeit abzuwei-
sen.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde-
führerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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