Decision ID: 2c57ec55-9617-4bbf-ae87-b50f06b763c2
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) stürzte am 27. Dezember 2014 auf einer Treppe,
worauf sie sofort aufgetretene Lumbalgien und Lumboischialgien links beklagte, die
trotz konventioneller Behandlung und Infiltrationen nicht nachliessen (Arztbericht
Dr. med. B._, Facharzt für Neurochirurgie, vom 16. September 2017, IV-act. 68;
Gutachten medexperts, IV-act. 88-11). Ab dem 29. Dezember 2014 war sie in ihren
Tätigkeiten als Reinigungskraft und als Zeitungszustellerin (Pensum ca. 15 % bis 20 %)
zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben und meldete sich am 3. November 2015 wegen
Rückenproblemen und psychischer Beeinträchtigung bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an (IV-act. 1; IV-act. 3; Angaben Arbeitgeberinnen vom 8. Dezember
2015, IV-act. 14 f.).
A.a.
In Würdigung der vorliegenden Akten – unter anderem eines Berichtes vom
12. Mai 2015 von Dr. med. C._, Facharzt für Neurologie (IV-act. 12-13 ff.), eines
Arztberichtes vom 7. Dezember 2015 von Dr. med. D._, Facharzt für Allgemeine
Medizin (IV-act. 12-2), und eines Arztberichts des Psychiatrie-Zentrums E._ vom
28. April 2016 (IV-act. 31), gemäss denen ein Lumbovertebralsyndrom, ein
Cervicobrachialsyndrom sowie ein Erschöpfungssyndrom bzw. eine mittelgradige
depressive Episode diagnostiziert wurden – nahm die RAD-Ärztin F._, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie, am 16. August 2016 Stellung, medizin-theoretisch sei
eine Präsenzzeit von zwei bis vier Stunden möglich mit dem Ziel des Aufbaus einer
Arbeitsfähigkeit von 50 % innerhalb eines halben Jahres (IV-act. 33).
A.b.
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Mit Mitteilung vom 24. Februar 2017 sprach die IV-Stelle der Versicherten eine
Kostenübernahme für ein Belastbarkeitstraining vom 6. Februar bis 5. Mai 2017 bei der
Q._ zu (IV-act. 45; vgl. auch Eingliederungsplan, IV-act. 40). Im Schlussbericht dieser
Institution vom 8. Mai 2017 wurde vermerkt, die Versicherte weise während einer
Woche (vier Tagen) unentschuldigte und viele weitere krankheitsbedingte Absenzen
auf. Eigeninitiative oder Motivation seien nicht spürbar gewesen. Sie habe sich sehr
zurückgezogen verhalten und gearbeitet. Im Verlauf sei es zu einer Verschlechterung
der psychischen Stabilität und Belastbarkeit gekommen (IV-act. 56). Die
Eingliederungsverantwortliche schloss am 30. Mai 2017 den Fall ab, da die
vorgesehene Steigerung von zwei auf vier Stunden Präsenzzeit täglich nicht habe
erreicht werden können und sich die Versicherte subjektiv nicht arbeitsfähig sehe (IV-
act. 55-7).
A.c.
Nachdem der IV-Stelle weitere medizinische Unterlagen vorlagen (Verlaufsbericht
des Psychiatrie-Zentrums E._ vom 3. August 2017, IV-act. 62; Arztbericht von
Dr. B._ vom 16. September 2017 von, IV-act. 68; Verlaufsbericht von Dr. D._ vom
11. Oktober 2017, IV-act. 69), nahm die RAD-Ärztin F._ Stellung, medizin-theoretisch
sei die Arbeitsunfähigkeit unklar und es sei eine polydisziplinäre Begutachtung
notwendig (IV-act. 72, 82).
A.d.
Die Fachpersonen der medexperts AG (Gutachten vom 25. Mai 2018, Dr. med.
G._, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates; Dr. med.
H._, Fachärztin für Neurologie; Dr. med. I._, Facharzt für Innere Medizin; Dipl.-
Psych. J._, Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP; Dr. med. K._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie; Untersuchungen am 23, 25. und 26. April 2018; IV-
act. 88) diagnostizierten unter anderem chronische Schmerzen im Bereich der Hals-
und Lendenwirbelsäule bei bekannten leichten degenerativen Veränderungen (ICD-10
M54.0), die eine leichte Einschränkung der körperlichen Belastbarkeit bewirkten, und
ein psychosozial bedingtes Erschöpfungssyndrom (ICD-10 Z73.0), welches die
Arbeitsfähigkeit nicht einschränke. Sie führten aus, es bestehe eine Diskrepanz
zwischen dem von der Versicherten angegebenen Ausmass der
Beschwerdesymptomatik und der objektiven gutachterlichen Einschätzung. Dies könne
weder von körperlicher Seite erklärt werden noch bestehe aus psychiatrischer Sicht ein
Hinweis auf eine entsprechende Diagnose (IV-act. 88-8). Die neuropsychologischen
A.e.
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Tests liessen keine authentischen kognitiven Einschränkungen objektivieren (IV-
act. 89-5). In der bisherigen Tätigkeit sei die Versicherte zu 80 %, in einer adaptierten
Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig (IV-act. 88-9).
Die RAD-Ärztin F._ nahm am 14. Juni 2018 Stellung, das Gutachten erfülle die
versicherungsmedizinischen Anforderungen, es könne darauf abgestellt werden (IV-
act. 91). Die IV-Stelle wies mit Mitteilung vom 22. Juni 2018 das Gesuch um berufliche
Massnahmen ab (IV-act. 94) und gewährte der Versicherten mit Vorbescheid vom
29. Juni 2018 das rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des
Rentenbegehrens. Zur Begründung führte sie aus, die Versicherte sei in adaptierten
Tätigkeiten zu 100 % arbeitsfähig. Im Haushalt bestünden bei freier Zeiteinteilung der
zu erledigenden Arbeiten und unter Einbezug der familiären Unterstützung seitens des
Ehemannes keine Einschränkungen (IV-act. 97). Die Versicherte nahm am 27. August
2018 mündlich Stellung, sie fühle sich körperlich nicht in der Lage zu arbeiten. Die
behandelnden Ärzte bestätigten ihr eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Aufgrund ihrer
Einschränkungen finde sie keine Arbeitsstelle und das RAV könne sie nicht vermitteln
(IV-act. 98).
A.f.
Die Versicherte brachte am 28. September 2018 folgende Arztberichte persönlich
bei der IV-Stelle vorbei: Berichte von Dr. med. L._, Facharzt für Neurologie, vom
11. September 2018 (IV-act. 101-8 f.), von Dr. B._ vom 25. September 2018 (IV-
act. 101-1 ff.), von Dr. M._ vom 27. September 2018 (IV-act. 101-4). Die IV-Stelle
holte beim Ambulatorium des Psychiatrie-Zentrums N._ einen Arztbericht vom
17. Oktober 2018 (IV-act. 103) ein. Die Berichte wurden den Gutachtern zur
Stellungnahme vorgelegt (IV-act. 104), worauf sich diese am 23. November 2018
zusammenfassend äusserten, es ergebe sich aus den zusätzlich eingereichten
Unterlagen keine nachvollziehbare Änderung der Diagnosen oder Arbeitsfähigkeit
gegenüber dem polydisziplinären Gutachten vom Mai 2018 (IV-act. 107). Die RAD-
Ärztin F._ befand am 5. Dezember 2018, es könne auf die Stellungnahme der
Gutachter und weiterhin auf die RAD-Stellungnahme vom 14. Juni 2018 abgestellt
werden (IV-act. 108). Die IV-Stelle gewährte der Versicherten dazu am gleichen Tag die
zweite Anhörung (IV-act. 109).
A.g.
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B.
Die Versicherte liess am 17. Dezember 2018 Einwand erheben und um unentgelt
liche Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren ersuchen (IV-act. 110). Letzteres
wies die IV-Stelle mit Verfügung vom 8. Februar 2019 mangels sachlicher Gebotenheit
und wegen fehlender Notwendigkeit ab (IV-act. 121). Mit ergänzender Begründung des
Einwandes vom 29. März 2019 (IV-act. 125-1 ff.) liess die Versicherte weitere Berichte
von Dr. B._ vom 5. Februar 2019 (IV-act. 125-9 ff.) und von Dr. M._ vom 15. März
2019 (IV-act. 125-12 ff.) einreichen und im Wesentlichen geltend machen, das
Gutachten der medexperts AG sei nicht beweistauglich. Am 21. Mai 2019 nahm die
RAD-Ärztin F._ dazu Stellung, das Gutachten genüge aus medizinischer Sicht den
Qualitätsanforderungen und auf die RAD-Stellungnahmen vom 14. Juni und
5. Dezember 2018 könne weiterhin abgestellt werden (IV-act. 126).
A.h.
Mit Verfügung vom 4. Juni 2019 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren im Sinne
des Vorbescheids ab. Sie nahm zu den Einwänden Stellung und hielt fest, dass weitere
Abklärungen nicht notwendig seien. Die zumutbare Arbeitsfähigkeit könne auf dem
allgemeinen zur Verfügung stehenden Arbeitsmarkt verwertet werden. Gründe für einen
Leidensabzug seien nicht ausgewiesen (IV-act. 131).
A.i.
Gegen die Verfügung vom 4. Juni 2019 lässt A._ (fortan: Beschwerdeführerin),
vertreten durch Rechtsanwalt S. van der Werff, MLaw, am 8. Juli 2019 Beschwerde
erheben. Sie beantragt, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolge aufzuheben. Es seien ihr mit Wirkung ab wann rechtens die ihr
zustehenden gesetzlichen Leistungen der Invalidenversicherung zuzusprechen,
insbesondere eine Rente. Eventualiter sei die Sache zur weiteren Abklärung und zu
neuem Entscheid über die ihr zustehenden gesetzlichen Leistungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Weiter sei ihr für das Beschwerdeverfahren die
unentgeltliche Prozessführung zu gewähren (act. G 1). Mit der Beschwerde und deren
Ergänzung vom 16. September 2019 (act. G 5) lässt die Versicherte im Wesentlichen
vorbringen, das Gutachten überzeuge nicht und sei nicht beweiskräftig. Die Gutachter
würden sich mit der Einschätzung der behandelnden Ärzte, wonach sie zu mindestens
50 % eingeschränkt sei, nicht auseinandersetzen. Ein strukturiertes Beweisverfahren
sei nicht durchgeführt worden. Die durchgeführten Therapien hätten nach wie vor nicht
B.a.
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den gewünschten Effekt erzielt, wozu ein weiterer Bericht von Dr. B._ vom
13. September 2019 (act. G 5.1) vorgelegt wird. Die Integrationsmassnahmen und der
Arbeitsversuch seien gescheitert, da die körperliche Stabilität und Belastbarkeit nicht
vorhanden seien und damit keine Arbeitstätigkeit möglich sei. Schlussendlich sei damit
die verbleibende Restarbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht
verwertbar. Sodann hätte die Beschwerdegegnerin einen Haushaltsbericht einholen
müssen.
Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragt mit
Beschwerdeantwort vom 9. Oktober 2019 die Abweisung der Beschwerde. Zur
Begründung führt sie im Wesentlichen an, dass das Gutachten eine vollständige
Anamnese enthalte, die geklagten Beschwerden berücksichtige, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge einleuchte und begründete Schlussfolgerungen
enthalte. Dadurch sei es beweiskräftig. Die Frage nach den noch zumutbaren
Tätigkeiten und Arbeitsleistungen sei nach Massgabe der objektiv feststellbaren
Gesundheitsschädigung in erster Linie durch die Ärzte und nicht durch die
Eingliederungsfachleute auf der Grundlage der von ihnen erhobenen subjektiven
Arbeitsleistung zu beantworten. Anlässlich der klinisch-neurologischen Untersuchung
hätten keine objektivierbaren Hinweise für einen radikulären Ausfall oder eine
Myelopathie gefunden werden können. Aus dem psychiatrischen Gutachten ergebe
sich zudem, dass die Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht nicht relevant
eingeschränkt sei. Es hätten keine Auffassungs-, Konzentrations-, Merkfähigkeits- oder
Gedächtnisstörungen festgestellt werden können. Aus dem Tagesablauf seien
erhebliche Ressourcen ersichtlich. Die diagnoserelevanten Befunde seien nicht stark
ausgeprägt. In der Psychotherapie habe die Beschwerdeführerin kein sehr
kooperatives Verhalten gezeigt und es sei aufgrund der niedrigen Frequenz der
psychiatrischen Behandlung nicht von einem hohen Leidensdruck auszugehen. Die
vorliegenden psychosozialen Belastungen seien als nicht invalidisierende und damit
nicht versicherte Faktoren auszuscheiden. In Gesamtbetrachtung der vorhandenen
Ressourcen wie auch Belastungen sei es nachvollziehbar, dass nur geringe
Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit bestünden. Das orthopädische
Zumutbarkeitsprofil, das geltend gemachte fortgeschrittene Alter, die tiefe Qualifikation
B.b.
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Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.
und die mangenden Sprachkenntnisse begründeten keinen Tabellenlohnabzug. Die
erwerbliche Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit sei zu bejahen (act. G 7).
Die Präsidentin des Versicherungsgerichts bewilligt am 20. November 2019 der
Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten
und unentgeltliche Rechtsverbeiständung; act. G 14).
B.c.
Mit Replik vom 15. Januar 2020 lässt die Beschwerdeführerin vorbringen,
anlässlich der neuropsychologischen Begutachtung seien klare Anzeichen für
Tagesmüdigkeit, Aufmerksamkeits- sowie Konzentrationsstörungen festgestellt
worden. In Anbetracht der eingereichten und aktenkundigen Arztberichte könne von
einer Simulation keine Rede sein. Eine rentenbegründende Invalidität könne nicht
alleine mit dem Hinweis auf das Vorhandensein soziokultureller oder psychosozialer
Belastungsfaktoren verneint werden. Der Rechtsprechung könne nicht entnommen
werden, dass bei zumutbaren leichten Arbeiten ein Leidensabzug ausgeschlossen sei.
Sie leide unter verschiedenen gesundheitlichen Einschränkungen, welche sich auf die
Arbeitsfähigkeit und darüber hinaus auch lohnsenkend auswirkten. Im Vergleich zu
einer gesunden Person auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt wirkten sich auch ihr
Alter, die mangelnde Schulbildung, die lange Teilzeitarbeitstätigkeit sowie die
mangelnden Sprachkenntnisse lohnsenkend aus. Unter Berücksichtigung der
Umstände sei ein Leidensabzug von 25 % angezeigt. Ohnehin fehle es
realistischerweise an einer wirtschaftlich verwertbaren Restarbeitsfähigkeit, womit ein
Anspruch auf eine ganze Rente bestehe (act. G 17).
B.d.
Mit Eingabe vom 22. Januar 2020 verzichtet die Beschwerdegegnerin auf eine
Duplik (act. G 19).
B.e.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 141 V 289 E. 3.2;
Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016, 8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist
zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden objektiviert werden können und sich
auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken (vgl. BGE 143 V 427 E. 6). Für
somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und
gleichgestellte Diagnosen), psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen
und Abhängigkeitserkrankungen ist der Beweis nach dem strukturierten Verfahren
mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE 145 V 226 E. 6; BGE 143 V 429 E. 7.2;
BGE 141 V 294 f., E. 3.5 f. und S. 298, E. 4.2). Der Beweis für eine lang andauernde
und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
1.3.
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Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen; Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig sind oder die unentgeltlich im
Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin mitarbeiten, wird für diesen Teil die Invalidität
nach Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich tätig (und
ist ihnen die Aufnahme einer Vollerwerbstätigkeit nicht zumutbar; Art. 8 Abs. 3 ATSG),
so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach Art. 28a Abs. 2 IVG festgelegt. In diesem
Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der unentgeltlichen Mitarbeit im Betrieb
des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich
festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu bemessen (Art. 28a Abs. 3
IVG).
1.4.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen). Die urteilenden Instanzen
haben die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen). Rechtsprechungsgemäss ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; Urteil des
Bundesgerichts vom 13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3).
1.5.
Die Rechtsanwendenden prüfen insbesondere, ob die Ärzte ausschliesslich
funktionelle Ausfälle berücksichtigt haben, welche Folge der gesundheitlichen
Beeinträchtigung sind (Art. 7 Abs. 1 erster Satz ATSG), sowie, ob die
1.6.
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versicherungsmedizinische Zumutbarkeitsbeurteilung auf objektiver Grundlage erfolgt
ist (Art. 7 Abs. 2 zweiter Satz ATSG). Recht und Medizin tragen je nach ihren fachlichen
und funktionellen Zuständigkeiten zur Festlegung ein und derselben Arbeitsunfähigkeit
bei. Es soll keine losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach Massgabe des
strukturierten Beweisverfahrens stattfinden, sondern im Rahmen der Beweiswürdigung
überprüft werden, ob die funktionellen Auswirkungen medizinisch anhand der
Indikatoren widerspruchsfrei festgestellt wurden und somit den normativen Vorgaben
Rechnung tragen (BGE 141 V 307, E. 5.2.2 f., BGE 144 V 54, E. 4.3). Berücksichtigen
die Experten die in BGE 141 V 281 normierten Beweisthemen überzeugend, hat ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung auch aus Sicht der Rechtsanwendenden Bestand.
Andernfalls liegt ein triftiger Grund vor, der rechtlich ein Abweichen davon gebietet
(BGE 145 V 368 f., E. 4.3).
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden und das
Versicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu
veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den
Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/Zürich 2020, Art. 61 N 107).
1.7.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
1.8.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/21
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2.
Streitgegenstand bildet der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin. In der
Begründung der angefochtenen Verfügung stützt sich die Beschwerdegegnerin in
medizinischer Hinsicht auf das Gutachten der medexperts AG vom 29. Mai 2018 (IV-
act. 88). Hingegen bestreitet die Beschwerdeführerin die Beweiskraft des Gutachtens
und verlangt, die Arztberichte und die darin attestierte 100%ige Arbeitsunfähigkeit der
behandelnden Ärzte zu berücksichtigen. Damit ist im Folgenden die Beweistauglichkeit
des Gutachtens zu prüfen.
Die Beschwerdeführerin begründet ihre nicht mehr gegebene Arbeitsfähigkeit unter
anderem mit chronisch persistierenden Rückenschmerzen im Halswirbelbereich mit
Ausstrahlung in die Schultern beidseits sowie im LWS-Bereich mit Ausstrahlung ins
linke Bein (IV-act. 88-11). Die Schmerzen hätten schon vor dem Unfall vom
27. Dezember 2014 bestanden, seien aber durch den Unfall im Lendenbereich viel
stärker geworden. Sie seien ständig vorhanden. In Ruhe betrage die Intensität auf der
visuellen analogen Schmerzskala 5-6/10 und steige bei Belastung bis auf 10/10 an (IV-
act. 88-22). Die neurologische Gutachterin diagnostizierte ein chronisches
cervikobrachiales Schmerzsyndrom sowie Lumboischialgien links seit einem Sturz am
27. Dezember 2014 (IV-act. 88-19), der orthopädische Gutachter chronische
Schmerzen im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule bei bekannten leichten
degenerativen Veränderungen (IV-act. 88-31).
2.1.
Anlässlich der neurologischen Begutachtung schilderte die Beschwerdeführerin
weiter, sie leide an Migräne. Die Kopfschmerzen träten aktuell einmal pro Monat,
manchmal weniger, bei Stress öfters auf und hielten bis zu drei Tagen an (IV-act. 13).
Sodann bestehe eine komplette Sensibilitätsminderung für alle Qualitäten im linken
Arm, Bein und Stammbereich (IV-act. 88-13, 18). Die neurologische Gutachterin hielt
fest, bezüglich der lumboischialgiformen und cervikobrachialen Schmerzsymptomatik
hätten sich in der aktuellen klinisch-neurologischen Untersuchung keine
objektivierbaren Hinweise auf ein radikuläres Defizit oder Zeichen einer Myelopathie
ergeben (vgl. IV-act. 88-17 f., 19). Im Malleolus medialis, im Grosszehengrundgelenk
und im Knie links sei (zwar) das Vibrationsempfinden reduziert (jeweils 3 bis 4/8), bei
der sonstigen Testung der Feinmotorik, Koordination und beim Romberg-Stehversuch
zeigten sich jedoch keinerlei Hinweise auf eine Beteiligung des sensiblen
Nervensystems und in der Lageempfindung zeigten sich links genau gegengesetzte
Angaben. Bezüglich der rezidivierenden Taubheit in der gesamten linken Körperhälfte
sei laut Beschwerdeführerin kein MRI des Schädels durchgeführt worden; es liege
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/21
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jedoch ein MRI-Befund vom 29. Juni 2015 mit normalem intrakraniellem Befund vor.
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin erscheint ein weiteres MRI des Schädels
nicht notwendig, nachdem seither keine Änderungen der Befunde oder Vorkommnisse
wie etwa Kopfverletzungen aufgetreten sind, die eine Wiederholung der Untersuchung
nahelegen würden. Weiter führt die Gutachterin aus, bei Auslösbarkeit explizit unter
Stress und unter psychischer Belastung und bei klinisch fehlenden Hinweisen auf einen
objektivierbaren Sensibilitätsausfall sei von einer funktionellen Genese bzw.
Symptomausweitung auszugehen (IV-act. 88-20). Im Übrigen fanden sich keine
Hinweise für Müdigkeit oder raschere Ermüdbarkeit oder für konsistente
Gedächtnisstörungen. Aufmerksamkeit und Konzentration entsprachen klinisch der
nach dem biographischen Hintergrund zu erwartenden Kapazität (IV-act. 88-17). Die
Migräne mit Aura erfülle die Kriterien der ICHD-3 Kriterien, beeinträchtige jedoch bei
geringfügiger Frequenz die Arbeitsfähigkeit nicht (IV-act. 88-18).
2.3.
Der orthopädische Gutachter konstatierte unauffällige klinische Befunde (vgl. IV-
act. 88-26 ff.) und hielt fest, es bestehe eine Diskrepanz zwischen dem angegebenen
Ausmass der Schmerzsymptomatik (in Ruhe VAS 5-6 und bei Belastung bis VAS 10)
und der objektiven Begutachtung. Während der Anamnese (ca. 40-50 Minuten) und
auch während der Untersuchung sei keine Schmerzsymptomatik oder -auslösung
erkennbar gewesen und die Beschwerdeführerin habe lediglich leichte Beschwerden in
der Funktionsprüfung der Lendenwirbelsäule angegeben (IV-act. 88-25). Er liess
Röntgenaufnahmen anfertigen, die eine leichte Osteochondrose und diskrete
linksbetonte Unkovertebralarthrose HWK 5/6 sowie eine diskrete Osteochondrose und
Begleitspondylose LWK 1 bis 4 zeigten (IV-act. 88-2 f., IV-act. 89-7). Diese Befunde
beurteilte er als leichte degenerative Veränderungen im Bereich des thorakolumbalen
Übergangs und im Bereich der HWS mit einer klinischen leichten funktionellen
Einschränkung (IV-act. 88-31). Die Belastbarkeit der Hals- und Lendenwirbelsäule sei
mässig eingeschränkt (IV-act. 88-32). In der bisherigen Tätigkeit bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von 80 %, in einer angepassten eine solche von 100 %. Adaptiert
seien Tätigkeiten ohne Heben/Tragen von Gewichten über 20 kg (repetitiv Reduktion
um ein Drittel), ohne Arbeitszwangshaltungen mit vermehrter Belastung der Hals-,
Brust- und Lendenwirbelsäule sowie ohne vermehrte höhenexponierte Arbeiten (z. B.:
auf Leitern oder Gerüsten). Zu empfehlen seien ausschliesslich leichte und
mittelschwere Arbeiten mit Möglichkeit zum regelmässigen Wechsel der
Arbeitsposition. Im Haushalt sei die Beschwerdeführerin ausschliesslich durch die
Gewichtslimite von 20 kg eingeschränkt (IV-act. 88-32 f.).
2.3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/21
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3.
MRI-Untersuchungen der LWS vom 12. Februar und 8. April 2015 zeigten
Spondylarthrosen in LWK 3/4, LWK 4/5 und LWK 5/SWK 1 sowie eine breitbasige
Diskushernie in LWK 5/SWK 1, jeweils ohne neurale Kompression (IV-act. 12-9, IV-
act. 89-54). Die entsprechenden Befundberichte lagen den Gutachtern vor (IV-
act. 89-11 f.; IV-act. 88-19). Dass sie im orthopädischen Gutachten nicht ausdrücklich
diskutiert werden, stellt keinen Mangel dar, zumal die degenerativen Befunde der LWS
bildgebend mit aktuellen Röntgenbildern dokumentiert wurden. Im neurologischen
Gutachten wurde als auffällig vermerkt, dass die im MRI-Befund beschriebene mediane
Diskushernie LWK 5/SWK 1 in den radiologischen Befunden nicht ersichtlich sei (IV-
act. 88-19), ohne daraus einen Schluss zu ziehen. Allerdings bildet Ausgangspunkt der
invalidenversicherungsrechtlichen Beurteilung der funktionelle Schweregrad einer
Störung (bzw. der gesundheitlichen Beeinträchtigung), der sich nach deren konkreten
funktionellen Auswirkungen und insbesondere danach beurteilt, wie stark die
versicherte Person in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen
beeinträchtigt ist (vgl. den psychische Störungen betreffenden BGE 143 V 426,
E. 5.2.3, der insoweit aber für sämtliche unklare Beschwerdebilder Geltung hat). Dies
hat zur Folge, dass bildgebende Befunde nur insoweit relevant sind, als sie sich
klinisch-funktionell auswirken. Somit beruht die abweichende Einschätzung von
Dr. B._, wonach die Beschwerdeführerin in der bisherigen Tätigkeit gar nicht und in
einer adaptierten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei, nicht auf objektivierbaren
Faktoren, welche die Gutachter nicht berücksichtigt hätten und zu einer abweichenden
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit führen würden, sondern stellt eine von den Gutachtern
abweichende Beurteilung desselben medizinischen Sachverhalts dar. Dieser Umstand
ist auch im Zusammenhang mit der unterschiedlichen Aufgabe und Stellung von
behandelnden und begutachtenden Fachpersonen zu sehen (Urteil des Bundesgerichts
vom 27. September 2017, 8C_295/2017, E. 6.4.2 mit Hinweisen).
2.3.2.
Während der psychiatrischen Begutachtung erzählte die Beschwerdeführerin von
ihren Problemen zuhause: Ihr 1_-jähriger Sohn sei im Zusammenhang mit
Drogendelikten in jugendstrafrechtlichem Massnahmenvollzug und verbeiständet. Mit
ihrem Ehemann gebe es nur Konflikte. Er habe kein Verständnis für sie und ihre
Probleme (IV-act. 88-44). Wegen der Probleme mit ihrem Sohn habe sie im März 2015
ein „Burnout" gehabt und im Psychiatrie-Zentrum E._ eine psychiatrische
Behandlung aufgenommen. Diese habe die Situation jedoch nicht verändern können.
All diese Probleme belasteten sie sehr; sie habe gar keine Lust mehr, irgendetwas zu
tun. Sie lebe nur noch für ihre Tochter (IV-act. 88-44). Die Beschwerdeführerin
3.1.
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schilderte weiter, als O._ habe sie in P._ unter Bedrohung und Verfolgung gelitten.
Später sei sie auch festgenommen, gefoltert und im Alter von 2_ Jahren vergewaltigt
worden (IV-act. 88-46).
3.2.
Der psychiatrische Gutachter kam zum Schluss, die Beschwerdeführerin leide an
Verstimmungszuständen, ausgelöst durch erhebliche psychosoziale Belastungen. Die
Verstimmungen hätten nicht das Ausmass einer psychischen Störung, insbesondere
einer depressiven Störung oder Somatisationsstörung. Er führte die Beschwerden auf
psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren zurück und diagnostizierte einzig
ein psychosozial bedingtes Erschöpfungssyndrom (ICD-10: Z73.0; IV-act. 88-50).
3.2.1.
Zum psychiatrischen Untersuchungsbefund führte der Experte aus, es seien
keine Auffassungs-, Aufmerksamkeits-, Konzentrations-, Merkfähigkeits- oder
Gedächtnisstörungen aufgefallen. Affektiv sei die Beschwerdeführerin klagsam, aber
vital und gesprächig gewesen. Sie habe zeitweise dysphorisch, ab und zu traurig, aber
nicht deprimiert, ängstlich, gereizt oder innerlich unruhig und zu keinem Zeitpunkt
gekränkt gewirkt. Eine Somatisierungstendenz habe nicht eruiert werden können. Die
gezielte Befragung nach depressiven Symptomen mittels semiquantitativem
Fragebogen habe einen grenzwertigen Befund (10 Punkte, wobei bis 9 Punkte keine
depressive Stimmungslage, bei 10 bis 20 Punkten eine leichte depressive
Stimmungslage angenommen wird) ergeben. Die ICD-10-Kriterien einer depressiven
Episode seien nicht erfüllt. Eine anhaltende gedrückte Stimmung sei weder beobachtet
noch berichtet worden. Die Beschwerdeführerin habe sehr wohl freudige Situationen in
der letzten Zeit schildern können. Ein verminderter Antrieb sei nicht sichtbar und
Aufmerksamkeit und Konzentration seien intakt gewesen, Schuldgefühle seien nicht
geäussert worden und Lebensüberdruss ausschliesslich im Zusammenhang mit der
psychosozialen Situation. Typische vegetative Depressionssymptome seien nicht
berichtet worden (IV-act. 88-48).
3.2.2.
Damit legte der Gutachter nachvollziehbar dar, weshalb er die Kriterien für eine
(mittelgradige) depressive Episode, wie sie im Psychiatrie-Zentrum E._
(Verlaufsbericht vom 3. August 2017, IV-act. 62) und im Ambulatorium des Psychiatrie-
Zentrums N._ (Arztbericht vom 17. Oktober 2018, IV-act. 103) diagnostiziert wurde,
nicht als erfüllt erachtete. In Bezug auf das im Psychiatrie-Zentrum E._
diagnostizierte chronifizierte Schmerzsyndrom (Verlaufsbericht vom 3. August 2017)
bzw. die im Ambulatorium des Psychiatrie-Zentrums N._ gestellte Diagnose einer
chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (Arztbericht
3.2.3.
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vom 17. Oktober 2018, IV-act. 103) führte er aus, die Diagnose sei nicht objektiviert
begründet worden und bei der aktuellen Untersuchung hätten sich keine Hinweise für
deren Vorhandensein bzw. für eine Somatisierungstendenz ergeben (IV-act. 88-48,
49 f.). Es erscheint plausibel, dass bei befundlich fehlender Somatisierungstendenz die
Diagnose einer Schmerzstörung auszuschliessen ist. Der Gutachter schloss auch eine
posttraumatische Belastungsstörung aus und begründete dies wie folgt: Bei genauerer
Exploration habe die Beschwerdeführerin zu den Erlebnissen in der Heimat keine
genaueren Angaben machen können, die Geschichte habe etwas verschwommen
gewirkt. Sie berichte von nächtlichen Albträumen, die sich ausschliesslich auf diese
Zeit bezögen, aber häufiger aufträten, seit sie unter den familiären Problemen leide.
Tagsüber denke sie eigentlich nie darüber nach, auch spontane Erinnerungen kämen
tagsüber praktisch nie auf (IV-act. 88-44). Die Befragung nach posttraumatischen
Belastungsstörungs-Symptomen mittels DSM-5 Kriterien einer posttraumatischen
Belastungsstörung habe ergeben, dass die Ereignisse in der Heimat in ihrer Jugend die
Beschwerdeführerin zwar belastet hätten und Albträume sie auch heute noch
belasteten, andere Merkmale einer posttraumatischen Belastungsstörung aber nicht
vorhanden seien (IV-act. 88-48). Es gebe keine Hinweise dafür, dass die belastete
Kindheit und Jugendzeit permanente Spuren hinterlassen habe. Der im Verlaufsbericht
des Psychiatrie-Zentrums E._ vom 3. August 2017 (IV-act. 62) geäusserte Verdacht
auf eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ werde nicht
weiter diskutiert bzw. begründet. Ansonsten fänden sich anamnestisch keine Hinweise
auf eine Persönlichkeitsdeviation (IV-act. 88-49). Die Verdachtsdiagnose wurde im
Bericht des Psychiatrie-Zentrums N._ vom 17. Oktober 2018 (IV-act. 103) nicht
bestätigt, auch wird ein auffälliges, von der Norm abweichendes Verhalten in den Akten
nicht beschrieben (vgl. H. Dilling/H.J. Freyberger, Taschenführer zur ICD-10-
Klassifikation psychischer Störungen, 9. Aufl., 2019, S. 234 f.). Gesamtbetrachtend
schloss der psychiatrische Gutachter somit schlüssig und nachvollziehbar eine die
Beschwerden erklärende psychiatrische Diagnose aus.
In der neuropsychologischen Testung wurden mehrfach einfachste Anforderungen
nicht oder mit extrem hoher Fehlerzahl, sogar mit einer Trefferrate unter Zufallsniveau,
bearbeitet (IV-act. 89-3). In keinem einzigen Test wurden altersnormgerechte
Ergebnisse erreicht. Die Tests zur Aufmerksamkeit habe die Beschwerdeführerin weit
verlangsamt, mit sehr schwankendem Tempo und deutlich auffälliger (reduzierter)
Sorgfalt bearbeitet. Dies bedeute, dass nicht sicher von einer authentischen
Anstrengungsbereitschaft ausgegangen werden könne. Der unmittelbare und
verzögerte Abruf von Figuren sei weit unterdurchschnittlich ausgeprägt, ebenso die
visuo-konstruktive Verarbeitung und das logisch-schlussfolgernde Denken sowie auch
3.3.
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4.
die Handlungsplanung. Die Testbefunde stünden in Diskrepanz zum beruflichen
Werdegang der Beschwerdeführerin mit verschiedenen Tätigkeiten in der freien
Wirtschaft und zur Angabe, aktuell Auto fahren zu können. Sie liessen sich nicht allein
durch Nebenwirkungen der Medikation, psychische Störungen, Schmerzen oder einen
Bildungsgrad, der im Ausland erworben worden sei, erklären. Die neuropsychologische
Gutachterin führte weiter aus, die Angaben der Beschwerdeführerin in der Anamnese
und ihr Verhalten hätten demonstrativ und appellativ gewirkt. Die Ergebnisse der zwei
Symptomvalidierungsverfahren seien sehr auffällig. Es sei deshalb mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die vorliegenden Testbefunde nicht die
eigentliche Leistungsfähigkeit der Versicherten wiedergäben. Das aktuelle (effektive)
kognitive Leistungsvermögen lasse sich daher aus neuropsychologischer Sicht nicht
abschliessend beurteilen (IV-act. 89-4 f.). Der psychiatrische Gutachter integrierte die
Ergebnisse in sein Gutachten. Allerdings ergab bereits die klinische Untersuchung
keine plausible medizinische Erklärung für die Auswirkungen der von der
Beschwerdeführerin beklagten Beschwerden (IV-act. 88-51)
Betreffend den Einwand der Beschwerdeführerin, dass die Gutachter das
Vorliegen einer Arbeitsunfähigkeit einzig wegen psychosozialer Belastungsfaktoren
verneinten, ist festzuhalten, dass selbst wenn die Beschwerden bei intakten sozialen
Verhältnissen nicht weitgehend entfallen würden, das Vorliegen eines
invalidenversicherungsrechtlich relevanten Gesundheitsschadens nicht ausgewiesen
wäre (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 3. März 2021, 8C_407/2020, E. E. 4.1 f.,
vom 29. Januar 2019, 9C_194/2017, E. 6.3.4 a.E., vom 7. Mai 2019, 9C_740/2018,
E. 5.2.1 f., und vom 23. Mai 2020, 9C_171/2020, E. 5.1). Dies ergibt sich aus dem
Gesamtbild der Einschränkungen in allen Lebensbereichen (Indikatorenprüfung, BGE
141 V 281). Dabei werden die funktionellen Folgen von Gesundheitsschädigungen
durchaus auch mit Blick auf psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren
abgeschätzt, welche den Wirkungsgrad der Folgen einer Gesundheitsschädigung
beeinflussen (Urteil des Bundesgerichts vom 3. März 2020, 8C_407/2020, E. 4.1).
4.1.
Die erhobenen objektiven Befunde weisen keinen hohen Schweregrad auf. Der
psychiatrische Gutachter hielt fest, aus psychiatrischer Sicht bestehe keine relevante
Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit. Die Beschwerdeführerin sei in der Lage, sich
an Regeln und Routinen zu halten, Aufgaben zu planen und zu strukturieren und sei
flexibel und umstellungsfähig genug, um einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Die
Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen als Raumpflegerin und
Zeitungsverträgerin seien aus psychiatrischer Sicht intakt, die Entscheidungs- und
4.2.
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Urteilsfähigkeit uneingeschränkt. Die Durchhaltefähigkeit sei allenfalls durch die
beklagten Schmerzen leicht beeinträchtigt. Die Kontaktfähigkeit zu Dritten und die
Gruppenfähigkeit seien unbeeinträchtigt, die Mobilität sei uneingeschränkt (die
Versicherte fahre Auto und könne problemlos die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen;
IV-act. 88-51). Kognitive Einschränkungen zeigten sich bei den Untersuchungen nicht
und konnten insbesondere durch die neuropsychologische Testung nicht konsistent
nachgewiesen werden (vgl. E. 4.4). Die Aufmerksamkeit und Konzentration liess in
keiner der Untersuchungen nach, obwohl diese mehrere Stunden dauerten (drei
Untersuchungen am 26. April). Die Beschwerdeführerin gab zwar einerseits an, sie lebe
seit dem Unfall sehr zurückgezogen und habe kaum Freunde (IV-act. 88-12). Dennoch
hat sie Kontakt zu einer Nachbarin, die sie unterstützt (IV-act. 88-25, 46), telefonischen
Kontakt zu zwei Kolleginnen (IV-act. 55-3), löst gerne Kreuzworträtsel, verrichtet
Hausarbeiten, soweit sie mag, pflegt Aktivitäten mit ihrer Tochter (Spazieren, Tanzen)
und traut sich zu, in einem Fitnesscenter ein Krafttraining aufzunehmen (IV-act. 88-25,
46 f.). Ressource ist ihre Tochter (IV-act. 88-19). Ressourcenhemmend sind die
psychosozialen Belastungsfaktoren, die Sorgen um ihren Sohn und das angespannte
Verhältnis zum Ehemann (IV-act. 88-12). Laut der Beschwerdeführerin bewirkten die
bisherige physiotherapeutische und medikamentöse Therapie keine namhafte
Besserung (IV-act. 88-19). Zu einer Intensivierung der psychiatrischen Therapie war die
Beschwerdeführerin aufgrund innerer Widerstände nicht bereit (Arztbericht Psychiatrie-
Zentrum E._ vom 28. April 2016, IV-act. 31) und zeigte keine Motivation zur
Veränderung sowie für eine intensive therapeutische Beziehung (Verlaufsbericht
Psychiatrie-Zentrum E._ vom 3. August 2017, IV-act. 62). Sie schlief während der
Therapie ein, wonach eine Abklärung im Zentrum für Schlafmedizin des KSSG ergab,
dass für die beklagten Ein- und Durchschlafstörungen mit Hypersomnie und
Antriebslosigkeit tagsüber am ehesten eine psychische Ursache verantwortlich sei
(Bericht vom 24. April 2017, IV-act. 62). Schlussendlich brach sie die Therapie ab
(Bericht Psychiatrie-Zentrum N._ vom 13. Dezember 2017, IV-act. 73). Auch die
Physio- bzw. Ergotherapie pausierte die Beschwerdeführerin wegen Überforderung
durch zu viele Termine im August 2017 (IV-act. 88-18, 15). Schliesslich waren die
Angaben der Beschwerdeführerin zu ihren sensomotorischen Defiziten nicht konsistent
(IV-act. 88-18), die angegebenen starken Schmerzen waren diskrepant zu den
beobachteten Schmerzen bei der orthopädischen Untersuchung (IV-act. 88-25, 32) und
bei der neuropsychologischen Testung traten deutliche Inkonsistenzen zu Tage (vgl.
vorstehend E. 4.3). Gesamthaft betrachtet ergibt sich nach dem strukturierten
Beweisverfahren kein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen.
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5.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, ihre Restarbeitsfähigkeit sei aufgrund ihres
Alters und ihrer Einschränkungen nicht mehr verwertbar. Die Beschwerdeführerin
befindet sich noch nicht in einem fortgeschrittenen Alter im Sinn der Rechtsprechung,
aufgrund dessen die Verwertbarkeit praxisgemäss als eingeschränkt betrachtet wird.
Die Hürden für die Annahme einer fehlenden Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit sind
zudem – auch im fortgeschrittenen Alter – hoch (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom
31. August 2018, 8C_117/2018, E. 3.3.1, vom 25. August 2017, 8C_403/2017, E. 5.3 f.,
vom 6. Juli 2016, 8C_113/2016, E. 4.3 und vom 28. Mai 2009, 9C_918/2008, E. 4.3).
Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit ist anzunehmen, wenn die zumutbare
Tätigkeit in nur so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene
Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem
Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin kann nicht auf das Ergebnis des
Belastbarkeitstrainings abgestellt werden. Die Beschwerdeführerin wies während des
Belastbarkeitstrainings vom 6. Februar bis 5. Mai 2017 viele, teilweise auch
unentschuldigte Absenzen auf und zeigte sich zurückgezogen und wenig motiviert.
Auch belastete sie zu jener Zeit die psychosoziale Situation rund um ihren Sohn (vgl.
Abschlussbericht Obvita vom 8. Mai 207, IV-act. 56, und Assessment- und
Verlaufsprotokoll der Eingliederungsverantwortlichen vom 30. Mai 207, IV-act. 55). Zur
Massgeblichkeit von Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit aufgrund eines
Arbeitstrainings ist auf die Rechtsprechung zu verweisen, wonach die Frage nach den
noch zumutbaren Tätigkeiten und Arbeitsleistungen nach Massgabe der objektiv
feststellbaren Gesundheitsschädigung in erster Linie durch die Ärzte und nicht durch
die Eingliederungsfachleute auf der Grundlage der von ihnen erhobenen, subjektiven
Arbeitsleistung zu beantworten ist (Urteil des Bundesgerichts vom 8. Januar 2019,
8C_334/2018, E. E. 4.2.1). Sodann wird für die Infragestellung des Gutachtens ein
einwandfreier Arbeitseinsatz vorausgesetzt (Urteile des Bundesgerichts vom
15. Dezember 2015, 9C_554/2015, E. 3.4 und vom 25. Juni 2014, 8C_362/2014,
E. 5.1.2), was vorliegend gestützt auf den Schlussbericht aufgrund der kaum spürbaren
Motivation und des fehlenden Interessens (IV-act. 56) nicht ausgewiesen ist. Unter den
vorliegenden Umständen vermag daher die Einschätzung der Obvita diejenige der
Gutachter nicht in Frage zu stellen.
4.3.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Gutachten die rechtlichen
Anforderungen erfüllt und darauf abzustellen ist. Folglich ist von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in adaptierter Tätigkeit auszugehen.
4.4.
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einer entsprechenden Stelle daher zum Vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil
des Bundesgerichts vom 11. September 2020, 9C_766/2019, E. 4.1). Aus somatischer
Sicht angepasst sind Tätigkeiten ohne Heben bzw. Tragen von Gewichten über 20 kg
(repetitiv Reduktion um 1/3), Arbeitszwangshaltungen mit vermehrter Belastung der
Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule sowie vermehrte höhenexponierte Arbeiten (z.B.:
auf Leitern oder Gerüsten). Zu empfehlen sind ausschliesslich leichte und
mittelschwere Arbeiten mit Möglichkeit zum regelmässigen Wechsel der
Arbeitsposition (IV-act. 88-32). Diese Adaptationskriterien wirken sich auf dem
Arbeitsmarkt nicht übermässig einschränkend aus und vermögen die Verwertbarkeit
der Arbeitsfähigkeit somit nicht aufzuheben.
6.
Die Beschwerdeführerin erzielte im Jahr 2014 ein Einkommen von insgesamt
Fr. 40'548.--. Dabei arbeitete sie in einem Pensum von rund 17 % als
Zeitungszustellerin und von 50 % als Reinigungskraft (Angaben (...) AG vom
8. Dezember 2015, IV-act. 14; Angaben (...) vom 8. Dezember 2015, IV-act. 15-3, 9;
Auszug aus dem individuellen Konto [IK], IV-act. 9-1 f.). Es ist davon auszugehen, dass
sie ohne Eintritt des Gesundheitsschadens diese Erwerbstätigkeiten weiterhin
ausgeübt hätte, weshalb das Valideneinkommen auf dieser Grundlage zu berechnen ist
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 21. Dezember 2016, 8C_728/2016, E. 3.1, mit
weiteren Verweisen). Hochgerechnet auf ein 100 % Pensum ergibt sich somit ein
Valideneinkommen von rund Fr. 60'519.-- (Fr. 40'548.-- : 67 % x 100 %).
6.1.
Für die Berechnung des Invalideneinkommens ist von der Lohnstrukturerhebung
(LSE) des Bundesamtes für Statistik (BFS), Kompetenzniveau 1, Frauen 2014, auszu
gehen. Dieses beträgt Fr. 53'793.-- (Informationsstelle AHV/IV, IV 2019, Bern 2019,
Anhang 2). Die Beschwerdeführerin beantragt einen Abzug vom Invalideneinkommen in
der Höhe von 25 % (act. G 1-7). Zur Begründung führt sie aus, die Zumutbarkeit
leichter Arbeiten schliesse einen Leidensabzug nicht aus. Sie leide unter verschiedenen
gesundheitlichen Einschränkungen (Tagesmüdigkeit, depressive Erkrankung, starke
somatische Beschwerden etc.), welche ihre Arbeitsfähigkeit ausschlössen (jedenfalls
massiv einschränkten) und sich darüber hinaus auch lohnsenkend auswirkten. Im
Vergleich zu einer gesunden Person wirkten sich zudem ihr Alter, die mangelnde
Schulbildung, die lange Teilzeitarbeitstätigkeit sowie die mangelnden Sprachkenntnisse
aus (act. G 17-3). Soweit die gesundheitlichen Beeinträchtigungen bereits in der
gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung enthalten sind und in körperlich leichten
Tätigkeiten keine (qualitativen) Einschränkungen bestehen, können gesundheitliche
Einschränkungen nicht zusätzlich zur Berücksichtigung bei der
6.2.
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7.
Arbeitsfähigkeitsschätzung zu einem Tabellenlohnabzug führen (BGE 126 V 78 E. 5a/
bb; Urteil des Bundesgerichts vom 18. Januar 2018, 8C_552/2017, E. 5.3.1, mit
weiteren Verweisen; Urteil vom 15. Juli 2020, 8C_151/2020, E. 5.1 und 6.2). Der
fehlenden Ausbildung und Sprachkenntnisse ist mit dem Kompetenzniveau 1
Rechnung getragen (Urteil des Bundesgerichts vom 30. Juli 2020, 8C_139/2020,
E. 6.3.4). Abgesehen davon, dass sich der Faktor Alter bei Hilfsarbeitertätigkeiten
grundsätzlich nicht (zwingend) lohnsenkend auswirken muss, hat die
Beschwerdeführerin noch nicht ein Alter erreicht, das einen Tabellenlohnabzug
rechtfertigen würde, hat (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 13. August 2020,
9C_226/2020, E. 5.2, vom 16. Juli 2020, 8C_798/2019, E. 5.2). Somit ergibt sich nach
Massgabe von Art. 27 Abs. 2 und 3 IVV bei einer Qualifikation von 70 % Tätigkeit im
Erwerb und 30 % im Aufgabenbereich ein erwerblicher Teilinvaliditätsgrad von 7,8 %
([Fr. 60'519.-- - Fr. 53'793.--] : Fr. 60'519.-- : 100 % x 70 %). Da im Haushalt, ausser
der Gewichtslimite von 20 kg, gemäss Gutachten keine Einschränkungen bestehen (IV-
act. 88-33), entspricht dieser dem Gesamtinvaliditätsgrad. Entgegen den Ausführungen
der Beschwerdeführerin sind aufgrund der gutachterlichen Einschätzung im Haushalt
auch keine weiteren Abklärungen betreffend den Haushalt, insbesondere auch keine
Abklärung vor Ort, notwendig. Folglich hat die Beschwerdeführerin keinen
Rentenanspruch.
bis
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.7.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Der
unterliegenden Beschwerdeführerin sind die Gerichtskosten vollumfänglich
aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist sie von der Bezahlung zu
befreien.
7.2.
bis
Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar gemäss
Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis
Fr. 15'000.--. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat keine Kostennote
7.3.
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