Decision ID: 55b5b58f-e7f3-410e-95d7-1a2ac2345324
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die am 23. Oktober 2004 geborene Beschwerdeführerin leidet an einer
Rasmussen-Enzephalitis mit fokaler therapierefraktärer Epilepsie der lin-
ken Hemisphäre. Mit Verfügung vom 26. September 2018 sprach ihr die
Beschwerdegegnerin auf entsprechendes Gesuch hin ab 1. Juli 2017 eine
Entschädigung für Minderjährige wegen leichter Hilflosigkeit zu. Einen An-
spruch auf einen Intensivpflegezuschlag verneinte sie.
1.2.
Nach Eingang eines Revisionsgesuches vom 27. Januar 2019 holte die Be-
schwerdegegnerin einen Abklärungsbericht betreffend Hilflosigkeit und Be-
treuungsaufwand ein, welcher am 13. November 2019 erstattet wurde. Ge-
stützt darauf erhöhte die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 10. Feb-
ruar 2020 per 1. Januar 2019 die Entschädigung für Minderjährige wegen
Hilflosigkeit leichten Grades auf eine solche wegen Hilflosigkeit mittleren
Grades und sprach der Beschwerdeführerin zusätzlich einen Intensivpfle-
gezuschlag zu. Die hinsichtlich des Zeitpunkts des Beginns des Anspruchs
auf einen Intensivpflegezuschlag erhobene Beschwerde wies das hiesige
Versicherungsgericht mit Urteil VBE.2020.146 vom 25. August 2020 ab.
1.3.
Am 7. November 2020 reichte die Beschwerdeführerin erneut ein Gesuch
um Erhöhung der Hilflosenentschädigung für Minderjährige sowie neu ein
Gesuch um Ausrichtung eines Assistenzbeitrages ein. Die Beschwerde-
gegnerin führte daraufhin am 9. Juni 2021 wiederum eine Abklärung an Ort
und Stelle durch. Nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens sprach
sie der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 13. Oktober 2021 unverän-
dert ab dem 1. November 2020 eine Entschädigung für Minderjährige we-
gen Hilflosigkeit mittleren Grades zu. Gleichzeitig erhöhte sie ab dem
1. November 2020 den Intensivpflegezuschlag. Mit Verfügung gleichen Da-
tums sprach sie der Beschwerdeführerin zudem einen Assistenzbeitrag ab
dem 1. Januar 2021 zu.
2.
2.1.
Gegen die Verfügung vom 13. Oktober 2021 betreffend Hilflosenentschä-
digung und Intensivpflegezuschlag erhob die Beschwerdeführerin mit Ein-
gabe vom 15. November 2021 fristgerecht Beschwerde und stellte folgende
Rechtsbegehren:
"1. Die Verfügung vom 13. Oktober 2021 in Sachen  für Minderjährige und Erhöhung des Intensivpflegezuschlages
- 3 -
sei insofern aufzuheben, dass der Beschwerdeführerin eine  schweren Grades ab 1. November 2019  sei.
2. Unter Kosten und Entschädigungsfolgen zulasten der ."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 9. Dezember 2021 (Postaufgabe: 4. Februar
2022) beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Be-
schwerde.

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom
13. Oktober 2021 der Beschwerdeführerin zu Recht ab dem 1. November
2020 zwar den Intensivpflegezuschlag erhöht, jedoch weiterhin (lediglich)
eine Hilflosenentschädigung für eine Hilflosigkeit mittleren Grades zuge-
sprochen hat.
2.
Gemäss Art. 88bis Abs. 1 lit. a IVV erfolgt die Erhöhung (unter anderem) der
Hilflosenentschädigung frühestens von dem Monat an, in dem das Revi-
sionsbegehren gestellt wurde.
Die Beschwerdeführerin stellte ihr Revisionsbegehren am 7. November
2020 (vgl. Vernehmlassungsbeilage [VB] 197). Folglich wäre der frühest-
mögliche Beginn des Anspruchs auf eine Hilflosenentschädigung für eine
schwere Hilflosigkeit der 1. November 2020 (vgl. auch die angefochtene
Verfügung, mit welcher die Beschwerdegegnerin zu Recht über den An-
spruch auf eine Hilflosenentschädigung und einen Intensivpflegezuschlag
"vom 01.11.2020 bis 01.11.2022" befand [vgl. VB 255 S. 1]). Soweit die Be-
schwerdeführerin beschwerdeweise bereits "ab 1. November 2019" eine
Hilflosenentschädigung schweren Grades beantragt (vgl. Beschwerde,
S. 2), kann ihr demnach nicht gefolgt werden.
3.
3.1.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ist das gesamte Rentenrevisionsrecht
sinngemäss auf die Hilflosenentschädigung im Sinne von Art. 42 IVG an-
wendbar (MEYER/REICHMUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, IVG, 3. Aufl. 2014, N. 139 zu Art. 30 - 31 IVG;
Ziff. 8125 des Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der IV in
der ab 1. Januar 2021 gültigen Fassung [KSIH]). Die Erhöhung, Herabset-
zung oder Aufhebung einer Hilflosenentschädigung gestützt auf Art. 17
Abs. 2 ATSG setzt demnach einen Revisionsgrund voraus. Darunter ist
- 4 -
jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, u.a. Ver-
besserung oder Verschlechterung des Gesundheitszustandes oder Ver-
wendung neuer Hilfsmittel, zu verstehen, die geeignet ist, den Grad der
Hilflosigkeit und damit den Umfang des Anspruchs zu beeinflussen
(BGE 137 V 424 E. 3.1 S. 428 mit Hinweisen).
3.2.
Vorliegend ist unbestritten, dass es seit der letzten Revision der Hilflo-
senentschädigung per 1. Januar 2019 (vgl. Verfügung vom 10. Februar
2020; VB 152) zu einer für die Beurteilung der Hilflosigkeit grundsätzlich
relevanten weiteren Verschlechterung des Gesundheitszustandes, na-
mentlich einer Zunahme der epileptischen Anfälle, gekommen ist (vgl. Be-
richte des Spitals C. vom 15. Februar 2021 [VB 210 S. 3] sowie vom 18. Ja-
nuar 2021 [VB 210 S. 7]). Es liegt somit ein Revisionsgrund vor.
4.
4.1.
4.1.1.
Gemäss Art. 42 Abs. 1 Satz 1 IVG haben versicherte Personen mit Wohn-
sitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz (Art. 13 ATSG), die hilflos
sind (Art. 9 ATSG), Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung. Als hilflos
gilt eine Person, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltäg-
liche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen
Überwachung bedarf (Art. 9 ATSG).
4.1.2.
Zur Beurteilung der Hilflosigkeit sind praxisgemäss (BGE 121 V 88 E. 3a
S. 90 mit Hinweis) die folgenden sechs alltäglichen Lebensverrichtungen
massgebend:
- Ankleiden, Auskleiden;
- Aufstehen, Absitzen, Abliegen;
- Essen;
- Körperpflege;
- Verrichtung der Notdurft;
- Fortbewegung (im oder ausser Haus), Kontaktaufnahme.
Für das Vorliegen der Hilflosigkeit in einer Lebensverrichtung, welche meh-
rere Teilfunktionen umfasst, genügt dabei, dass die versicherte Person bei
einer dieser Teilfunktionen regelmässig in erheblicher Weise auf direkte
oder indirekte Dritthilfe angewiesen ist (BGE 121 V 88 E. 3c S. 91).
4.1.3.
Gemäss Art. 37 Abs. 1 IVV liegt eine schwere Hilflosigkeit vor, wenn die
versicherte Person vollständig hilflos ist. Dies ist der Fall, wenn sie in allen
sechs alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
- 5 -
auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies der dauernden Pflege oder
der persönlichen Überwachung bedarf.
Dagegen ist nach Art. 37 Abs. 2 IVV mittelschwere Hilflosigkeit anzuneh-
men, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in den
meisten – nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts in mindestens vier
– alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf
die Hilfe Dritter angewiesen ist (lit. a; vgl. BGE 121 V 88 E. 3b S. 90 mit
Hinweis), in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen in erhebli-
cher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauern-
den persönlichen Überwachung bedarf (lit. b) oder in mindestens zwei all-
täglichen Lebensverrichtungen in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter an-
gewiesen ist und überdies dauernd auf lebenspraktische Begleitung im
Sinne von Art. 38 IVV angewiesen ist (lit. c).
4.2.
Die Hilflosenentschädigung für Minderjährige, die zusätzlich eine intensive
Betreuung brauchen, wird um einen Intensivpflegezuschlag erhöht
(Art. 42ter Abs. 3 IVG i.V.m. Art. 39 IVV). Eine intensive Betreuung liegt bei
Minderjährigen vor, wenn diese im Tagesdurchschnitt infolge Beeinträchti-
gung der Gesundheit zusätzliche Betreuung von mindestens vier Stunden
benötigen (Art. 39 Abs. 1 IVV). Anrechenbar als Betreuung ist gemäss
Art. 39 Abs. 2 IVV der Mehrbedarf an Behandlungs- und Grundpflege im
Vergleich zu nicht behinderten Minderjährigen gleichen Alters.
5.
Im Sozialversicherungsrecht gilt grundsätzlich der Beweisgrad der über-
wiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 134 V 109 E. 9.5 S. 125 mit Hinweis
auf BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181). Die blosse Möglichkeit eines bestimm-
ten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Die Sozialversi-
cherungsorgane und das Gericht haben vielmehr jener Sachverhaltsdar-
stellung zu folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die
wahrscheinlichste würdigen (BGE 126 V 353 E. 5b S. 360; LOCHER/GÄCH-
TER, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. 2014, S. 549 f.).
6.
Der angefochtenen Verfügung vom 13. Oktober 2021 (VB 255) liegt im We-
sentlichen der Abklärungsbericht vom 28. Juli 2021 (Abklärung an Ort und
Stelle vom 9. Juni 2021; vgl. VB 230 f.) zugrunde. Darin kam die Abklä-
rungsperson zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin in den Lebensbe-
reichen "An- und Auskleiden", "Körperpflege", "Fortbewegung" weiterhin
sowie in den Lebensbereichen "Essen" sowie "Verrichten der Notdurft" neu
seit Mai 2020 auf regelmässige und nicht altersgemässe Dritthilfe angewie-
sen sei. Ein Bedarf an persönlicher Überwachung von zwei Stunden täglich
sei ebenfalls weiterhin ausgewiesen. Der Mehraufwand für die Intensiv-
pflege betrage insgesamt 7 Stunden und 25 Minuten (vgl. VB 230 S. 10).
- 6 -
7.
7.1.
Nach der Rechtsprechung ist auf einen voll beweiskräftigen Abklärungsbe-
richt zu erkennen, wenn als Berichterstatterin eine qualifizierte Person
wirkt, welche Kenntnis der örtlichen und räumlichen Verhältnisse sowie der
aus den seitens der Mediziner gestellten Diagnosen sich ergebenden Be-
einträchtigungen und Hilfsbedürftigkeiten hat. Bei Unklarheiten über physi-
sche oder psychische Störungen und/oder deren Auswirkungen auf alltäg-
liche Lebensverrichtungen sind Rückfragen an die medizinische Fachper-
son nicht nur zulässig, sondern notwendig. Weiter sind die Angaben der
Hilfe leistenden Person, regelmässig der Eltern, zu berücksichtigen, wobei
divergierende Meinungen der Beteiligten im Bericht aufzuzeigen sind. Der
Berichtstext muss schliesslich plausibel, begründet und detailliert bezüglich
der einzelnen alltäglichen Lebensverrichtungen sowie den tatbestandlichen
Erfordernissen der dauernden persönlichen Überwachung und der Pflege
sein. Er hat in Übereinstimmung mit den an Ort und Stelle erhobenen An-
gaben zu stehen. Das Gericht greift, sofern der Bericht eine zuverlässige
Entscheidungsgrundlage im eben umschriebenen Sinne darstellt, in das
Ermessen der die Abklärung tätigenden Person nur ein, wenn klar feststell-
bare Fehleinschätzungen vorliegen. Das gebietet insbesondere der Um-
stand, dass die fachlich kompetente Abklärungsperson näher am konkre-
ten Sachverhalt ist als das im Beschwerdefall zuständige Gericht (BGE 130
V 61 E. 6.2 S. 63).
7.2.
Der gestützt auf die am 9. Juni 2021 an Ort und Stelle gewonnenen Er-
kenntnisse verfasste Abklärungsbericht vom 28. Juli 2021 wurde durch
eine qualifizierte Person erstellt. Die Abklärung erfolgte in Anwesenheit der
Beschwerdeführerin und deren Mutter und aufgrund der Angaben der Mut-
ter sowie in Kenntnis und unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Si-
tuation der Beschwerdeführerin. Die Angaben im Bericht erscheinen hinrei-
chend detailliert und sind nachvollziehbar. Der Abklärungsbericht vom
28. Juli 2021 genügt somit prinzipiell den erwähnten rechtsprechungsge-
mässen Vorgaben (vgl. E. 7.1. hiervor), womit ihm grundsätzlich Beweis-
wert zukommt.
8.
8.1.
Unbestritten und anhand der Aktenlage ausgewiesen ist, dass die Be-
schwerdeführerin in fünf täglichen Lebensbereichen ("An- und Auskleiden",
"Essen", "Körperpflege", "Verrichten der Notdurft" sowie "Fortbewegung")
der Dritthilfe bedarf, persönlich überwacht werden muss sowie Anspruch
auf einen Intensivpflegezuschlag gestützt auf den festgestellten invalidi-
tätsbedingten Mehraufwand hat.
- 7 -
8.2.
Die Beschwerdeführerin macht (einzig) geltend, entgegen dem Abklä-
rungsbericht sei sie auch im Bereich "Aufstehen, Absitzen, Abliegen" und
somit in allen sechs relevanten alltäglichen Lebensverrichtungen regelmäs-
sig und in erheblicher Weise auf Dritthilfe angewiesen, woraus sich eine
Hilflosigkeit schweren Grades ergebe. Sie müsse unmittelbar nach dem Er-
heben von einer Sitz- oder Liegegelegenheit oder bis dahin gestützt und
festgehalten werden, um drohende Stürze zu verhindern. Sie schwanke
sehr stark und sei nicht nur in der Fortbewegung, sondern auch im Stand
auf ständige Unterstützung infolge Sturz- und entsprechender Verletzungs-
gefahr angewiesen, zumal jederzeit Absenzen eintreten könnten (vgl. Be-
schwerde, S. 5 ff.).
8.3.
Hinsichtlich des Lebensbereiches "Aufstehen, Absitzen, Abliegen" hielt die
Abklärungsperson in ihrem Abklärungsbericht vom 28. Juli 2021 fest, dass
die Beschwerdeführerin diesbezüglich keine regelmässige Dritthilfe benö-
tige und kein zeitlicher Mehraufwand ausgewiesen sei. Die Beschwerde-
führerin führe sämtliche Transfers funktionell selbständig aus. Um Stürze
vom Stuhl bei Absenzen bzw. Anfällen zu vermeiden, setze sie sich in der
Schule und zu Hause auf einen Stuhl mit Seiten- und Rückenlehne. "Gele-
gentlich" sei die Beschwerdeführerin auf Unterstützung bei den Transfers
angewiesen, mehrheitlich nehme sie diese indessen selber vor
(vgl. VB 230 S. 3). Auch beschwerdeweise wird von der Beschwerdeführe-
rin nicht in Abrede gestellt, dass es ihr vom Bewegungsablauf her möglich
sei, aufzustehen, abzusitzen oder sich hinzulegen (vgl. Beschwerde,
S. 5 f.). Soweit sie (nachträglich) geltend macht, sie müsse unmittelbar vor
oder nach einem solchen Transfer gestützt und gehalten werden, finden
sich für eine solche Annahme in den Akten keine Hinweise. So gab die
Beschwerdeführerin im Fragebogen "Revision der Hilflosenentschädigung
IV und AHV" vom 7. November 2020 bei der Lebensverrichtung "Aufste-
hen, Absitzen, Abliegen" unter anderem an, sie benötige Dritthilfe bei "Be-
gleitung/Transfer Rollstuhl" (vgl. VB 197 S. 3), wobei der von ihr verwen-
dete Ausdruck "Begleitung" auf eine (passive) Überwachung und nicht auf
ein (aktives) Halten und Stützen hindeutet. Dr. med. D., Fachärztin für Kin-
der- und Jugendmedizin, Spital C., stellte in ihrem Bericht vom 15. Februar
2021 zuhanden der Beschwerdegegnerin eine "Gangunsicherheit (rezidi-
vierende Sturzereignisse mit Verletzungen)" sowie eine "Rollstuhlpflichtig-
keit für längere Gehstrecken und den Schulbesuch", mithin nur Schwierig-
keiten in der Fortbewegung, fest (vgl. VB 210 S. 4). Das E., dessen Tages-
schule die Beschwerdeführerin besucht, führte betreffend den Lebensbe-
reich "Aufstehen, Absitzen, Abliegen" aus, die Beschwerdeführerin gehe
"oft schwankend bis sehr schwankend" und sei im Schulbetrieb wegen
Sturzgefahr auf eine ständige Begleitung angewiesen, wobei "sie grossen
Wert auf ihre Selbständigkeit leg[e]" (vgl. Bericht vom 17. Februar 2021;
VB 211 S. 1). Sie benötige aufgrund ihrer Gleichgewichtsschwierigkeiten
- 8 -
und Absenzen, "mindestens ein wachsames [A]uge", idealerweise sei je-
mand in greifbarer Nähe oder direkt bei ihr, sobald sie aus einer sitzenden
Tätigkeit aufstehen und etwas holen, bringen oder eine stehende Tätigkeit
ausüben müsse (vgl. E-Mail vom 10. August 2021; VB 237). Überdies ver-
richtet die Beschwerdeführerin gemäss Auskunft ihrer Mutter im Rahmen
der Abklärung an Ort und Stelle vom 9. Juni 2021 ihre Notdurft selbständig,
die Mutter warte vor der Tür, um "im Bedarfsfall (Geräusche)" eingreifen zu
können (vgl. VB 230 S. 5). Die Beschwerdeführerin könne sich grundsätz-
lich – wenn auch in ständiger Begleitung – selbständig fortbewegen, für
längere Strecken müsse ein Rollstuhl mitgeführt werden (vgl. VB 230 S. 6).
Ist mithin, wie sich aus dem Dargelegten ergibt, bereits in der Fortbewe-
gung (zumindest für Kurzstrecken) und bei der Notdurft grundsätzlich kein
Stützen und Halten durch eine Drittperson erforderlich, ist nicht schlüssig
und nachvollziehbar, weshalb im Stehen vor dem Transfer in eine Sitz- oder
Liegegelegenheit bzw. nach dem Transfer aus einer solchen etwas Ande-
res gelten sollte. Es ist somit nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit (vgl. E. 5. hiervor) erstellt, dass die Beschwerdeführerin
rein motorisch (physisch) zum Aufstehen, Absitzen oder Abliegen befähigt
ist und auch unmittelbar vor oder nach diesen Transfers – zumindest nicht
in der erforderlichen Regelmässigkeit (vgl. Ziff. 8025 KSIH) – nicht auf eine
direkte Dritthilfe in Form einer aktiven Unterstützung angewiesen ist. Aber
selbst wenn dem so wäre, wäre eine auf diese Weise erbrachte Hilfestel-
lung nicht als erheblich einzustufen (vgl. Ziff. 8026 KSIH), ist doch die Be-
schwerdeführerin im Übrigen bei dieser Lebensverrichtung selbständig.
8.4.
8.4.1.
Die zur Vornahme einer Lebensverrichtung benötigte Hilfe kann jedoch ne-
ben der direkten auch in der indirekten Dritthilfe, d.h. in der Form einer
Überwachung des Versicherten bei der Vornahme der relevanten Lebens-
verrichtung, bestehen. Hauptbeispiel einer indirekten Dritthilfe ist dabei die
Aufforderung einer Drittperson an den Versicherten, eine Lebensverrich-
tung vorzunehmen, die er wegen seines psychischen Zustandes ohne be-
sondere Aufforderung nicht vornehmen würde (MEYER/REICHMUTH, a.a.O.,
N. 28 zu Art. 42 - 42ter IVG m.w.H.). Gemäss Ziff. 8029 KSIH ist indirekte
Hilfe von Drittpersonen gegeben, wenn die versicherte Person die alltägli-
chen Lebensverrichtungen zwar funktionsmässig selber ausführen kann,
dies aber nicht, nur unvollständig oder zu Unzeiten tun würde, wenn sie
sich selbst überlassen wäre (vgl. auch Urteile des Bundesge-
richts 9C_224/2019 vom 27. Juni 2019 E. 4.2; 9C_809/2015 vom 10. Au-
gust 2016 E. 5.1.1). Die indirekte Hilfe, die zur Hauptsache psychisch und
geistig Behinderte betrifft, setzt ferner nach Ziff. 8030 KSIH voraus, dass
die Drittperson regelmässig anwesend ist und die versicherte Person ins-
besondere bei der Ausführung der in Frage stehenden Verrichtungen per-
sönlich überwacht, sie zum Handeln anhält oder von schädigenden Hand-
- 9 -
lungen abhält und ihr nach Bedarf hilft (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 9C_809/2015 vom 10. August 2016 E. 5.1.1 mit Hinweisen). Eine in-
direkte Dritthilfe kann gemäss Ziff. 8031 KSIH aber auch bei körperlich Be-
hinderten erforderlich sein. Dies ist der Fall, wenn die versicherte Person
die alltäglichen Lebensverrichtungen funktionsmässig zwar selber vorneh-
men kann, bei diesen Verrichtungen jedoch persönlich – und nicht nur all-
gemein – überwacht werden muss (z.B. wegen Erstickungsgefahr beim Es-
sen, Ertrinkungsgefahr beim Baden, sturzbedingter Verletzungsgefahr
beim Duschen oder bei der Fortbewegung).
8.4.2.
Die indirekte Dritthilfe ist von der dauernden persönlichen Überwachung zu
unterscheiden, welche sich als eigenständiges Bemessungskriterium
(vgl. Art. 37 Abs. 1, Abs. 2 lit. b und Abs. 3 lit. b IVV) nicht auf die alltägli-
chen Lebensverrichtungen bezieht. Sie umfasst vielmehr Hilfeleistungen,
die nicht bereits als direkte oder indirekte Hilfe in einer Lebensverrichtung
berücksichtigt werden (Urteile des Bundesgerichts 8C_393/2021 vom
13. Oktober 2021 E. 3.2.2.1; 8C_533/2019 vom 11. Dezember 2019
E. 3.2.5 m.w.H.; 9C_809/2015 vom 10. August 2016 E. 5.2). Eine dauernde
persönliche Überwachungsbedürftigkeit darf angenommen werden, wenn
die versicherte Person infolge ihres physischen und/oder psychischen Ge-
sundheitszustands ohne Überwachung mit überwiegender Wahrscheinlich-
keit sich selbst oder andere Personen gefährden würde (Urteile des Bun-
desgerichts 8C_393/2021 vom 13. Oktober 2021 E. 3.2.2.2; 8C_533/2019
vom 11. Dezember 2019 E. 3.2.5). Die Überwachung ist z.B. erforderlich,
wenn eine versicherte Person wegen geistiger Absenzen nicht während
des ganzen Tages allein gelassen werden kann oder wenn eine Drittperson
mit kleineren Unterbrüchen bei der versicherten Person anwesend sein
muss, da sie nicht allein gelassen werden kann (Urteil des Bundesge-
richts 9C_831/2017 vom 3. April 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
8.4.3.
Im Abklärungsbericht vom 28. Juli 2021 wurde unter "Angaben zur persön-
lichen Überwachung" ausgeführt, dass sich seit Mai 2020 der Bedarf der
Beschwerdeführerin an Begleitung im Alltag aufgrund der vermehrten Ab-
senzen und Anfällen und der damit verbundenen Sturz- und latenten Aspi-
rationsgefahr deutlich erhöht habe. Jeder Raumwechsel und Toilettengang
werde begleitet. Die Mutter lasse die Beschwerdeführerin auf deren
Wunsch alleine im Zimmer, mache jedoch Kontrollgänge. Gestützt darauf
erachtete die Abklärungsperson "[a]ufgrund des weiterhin anhaltend hohen
[Ü]berwachungsanteiles im Tagesverlauf" einen Mehraufwand für eine per-
sönliche Überwachung von zwei Stunden als ausgewiesen (vgl. VB 230
S. 10). Die von Dritten zu leistende (passive) Überwachung der Beschwer-
deführerin im Stehen vor dem Absitzen oder Abliegen bzw. nach dem Auf-
stehen reiht sich ein in eine allgemeine Überwachungsbedürftigkeit in Form
- 10 -
einer mehrheitlichen Präsenz und erhöhten Aufmerksamkeit, deren Auf-
wand bereits (hinreichend) durch das Kriterium der dauernden persönli-
chen Überwachung erfasst und abgegolten wird, zumal es – so das E. (vgl.
VB 211) – offenbar ausreicht, "ein wachsames [A]uge" auf die Beschwer-
deführerin zu werfen. Würde die (von der Abklärungsperson und der Be-
schwerdegegnerin anerkannte) dauernde persönliche Überwachung mit ei-
ner Überwachungsbedürftigkeit im Lebensbereich "Aufstehen, Absitzen,
Abliegen" (im Sinne einer indirekten Dritthilfe) kombiniert, würde sie doppelt
berücksichtigt, was einer unzulässigen Kumulation gleichkäme. So hielt
denn auch die Abklärungsperson bereits in ihrem früheren Abklärungsbe-
richt vom 13. November 2019 hinsichtlich des Lebensbereiches "Aufste-
hen, Absitzen, Abliegen" (zu Recht) fest, dass die Begleitung durch die An-
gehörigen und im schulischen Umfeld durch die Lehrpersonen dem Schutz
vor Sturzverletzungen bei Anfällen diene und im Rahmen der persönlichen
Überwachung berücksichtigt werde (vgl. VB 123 S. 2). Ausserdem gilt es
(erneut) darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin die betreffende
Lebensverrichtung grundsätzlich selbständig ausüben kann und höchstens
unmittelbar vor oder nach dem Transfer der Aufsicht und Kontrolle bedarf.
Auch dies spricht gegen eine (eigenständige) Anerkennung des Erforder-
nisses einer (zumindest) indirekten Dritthilfe im Rahmen der Lebensver-
richtung "Aufstehen, Absitzen, Abliegen".
8.5.
Zusammenfassend erweist sich der Abklärungsbericht vom 28. Juli 2021
als begründet und schlüssig, so dass darauf abgestellt werden kann. Es ist
folglich davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in den Positionen
"An- und Auskleiden", "Essen", "Körperpflege", "Verrichten der Notdurft"
und "Fortbewegung" auf regelmässige und nicht altersgerechte Dritthilfe
angewiesen ist und ein Mehraufwand für eine persönliche Überwachung
besteht, während im Lebensbereich "Aufstehen, Absitzen, Abliegen" (wei-
terhin) keine Hilflosigkeit im rechtlichen Sinn vorliegt. Damit hat die Be-
schwerdeführerin ab 1. November 2020 unverändert "lediglich" einen An-
spruch auf eine mittlere Hilflosenentschädigung.
9.
Nach dem Dargelegten erweist sich die angefochtene Verfügung vom
13. Oktober 2021 als rechtens und die dagegen erhobene Beschwerde ist
abzuweisen.
10.
10.1.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 400.00 und sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
- 11 -
10.2.
Der Beschwerdeführerin steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als So-
zialversicherungsträgerin kein Anspruch auf eine Parteientschädigung zu
(BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.).