Decision ID: 94f7f5cf-302f-5941-9bf8-7649026d593d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer – eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer
Ethnie – reiste eigenen Angaben zufolge am 30. Juni 2015 in die Schweiz
ein und suchte am 4. Juli 2015 im damaligen Empfangs- und Verfahrens-
zentrum (EVZ) (...) um Asyl nach.
A.b Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 9. Juli 2015 sowie der
Anhörung vom 7. Dezember 2016 trug der Beschwerdeführer im We-
sentlichen folgenden Sachverhalt vor:
Er sei in (...), Zoba (...), geboren und habe dort bis zur Ausreise mit seinen
Eltern und Geschwistern gelebt. Die Eltern seien Bauern gewesen und die
Familie habe von der Landwirtschaft gelebt. Die Schule habe er bis zur 11.
Klasse besucht und habe sie im Jahr (...), als er 17 Jahre alt gewesen sei,
abgebrochen. Da die Schulbildung schlecht gewesen sei, man keine Per-
spektive habe und für viele Jahre in den Militärdienst müsse, habe er ent-
schieden, Eritrea zu verlassen. Ende 2014 sei er über Dekemhare, Mai
Ayni und Tsorona illegal nach Äthiopien gereist. Er habe sich etwa einen
Monat im Flüchtlingslager Hintsats aufgehalten, bevor er über Sudan, Li-
byen und Italien in die Schweiz gelangt sei.
Nach seiner Ausreise habe er erfahren, dass sein ältester Bruder
B._ aufgrund der illegalen Ausreise des Beschwerdeführers und
des ebenfalls in der Schweiz wohnhaften Bruders C._ (N [...]) in
Eritrea verhaftet worden sei.
A.c Mit Asylentscheid vom 14. März 2018 stellte die Vorinstanz fest, dass
der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte sein
Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz und den
Vollzug an. Zur Begründung führte das SEM im Wesentlichen aus, dass es
dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei glaubhaft zu machen, er werde
in Eritrea als Dienstverweigerer betrachtet. Er habe zunächst gesagt, es
sei nicht Spezielles vorgefallen, was ihn zur Ausreise bewogen habe und
er habe noch keinen Kontakt zur Militärbehörde gehabt. Erst auf mehrfache
Nachfrage, was sein konkreter Ausreisegrund gewesen sei, habe er eine
Vorladung zur militärischen Grundausbildung erwähnt. Es könne insge-
samt nicht geglaubt werden, dass er zum Zeitpunkt seiner Ausreise eine
asylrelevante Verfolgung zu befürchten gehabt hätte.
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A.d Diese Verfügung liess der Beschwerdeführer durch seine Rechtsver-
treterin mit Eingabe vom 20. April 2018 beim Bundesverwaltungsgericht
anfechten. Er beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben, er
sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren, eventualiter
sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen, subeventualiter sei die Unzu-
lässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen und als Folge davon eine vorläufige Aufnahme anzuordnen.
Die Beschwerde wurde insbesondere mit der vorgeblichen Glaubhaftigkeit
des Erhalts der Vorladung begründet und er vertrat die Ansicht, er werde
in Eritrea als Dienstverweigerer betrachtet. Die Inhaftierung seines Bruders
B._ und die Flucht aus dem Gefängnis des Bruders C._ in
Eritrea würden das Gefährdungsprofil des Beschwerdeführers zusätzlich
verschärfen.
A.e Mit Urteil E-2291/2018 vom 9. April 2019 hielt das Bundesverwaltungs-
gericht fest, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei, eine be-
gründete Furcht vor Verfolgung im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Eritrea
glaubhaft zu machen. Das Gericht schloss sich der Vorinstanz an, dass der
Beschwerdeführer den Erhalt eine Vorladung für den Militärdienst nicht
habe glaubhaft machen können und dass keine Anhaltspunkte ersichtlich
seien, wonach er in Eritrea als Dienstverweigerer betrachtet werde. Das
Gericht verneinte insgesamt das Bestehen von Vorfluchtgründen. Daneben
stellte das Gericht hingegen fest, dass die Vorinstanz den Sachverhalt nicht
hinlänglich erstellt habe, um eine Gefährdung des Beschwerdeführers im
Sinne von objektiven und subjektiven Nachfluchtgründen – insbesondere
in Bezug auf eine mögliche drohende Reflexverfolgung aufgrund seiner
Brüder – festzustellen. Die Beschwerde wurde gutgeheissen, die ange-
fochtene Verfügung aufgehoben und die Sache zur erneuten Abklärung an
die Vorinstanz zurückgewiesen.
B.
Am 21. Mai 2019 hörte das SEM den Beschwerdeführer erneut an. Dabei
machte er im Wesentlichen geltend, B._ befinde sich nach wie vor
in Haft. Ein weiterer Bruder namens D._ habe inzwischen Eritrea
ebenfalls verlassen und lebe nun in Deutschland. Eine Schwester sei nun
in Sawa und sein Vater sei ebenfalls noch im Militärdienst. Seine Mutter,
sein Zwillingsbruder und eine verheiratete Schwester befänden sich nach
wie vor im Heimatdorf. Sein Zwillingsbruder habe den Militärdienst noch
nicht absolviert und lebe teilweise, insbesondere wenn es Razzien gebe,
versteckt im Dorf.
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Im Sommer 2016 sei B._ inhaftiert worden. Er sei zuvor aus einem
Urlaub nicht mehr in den Militärdienst zurückgekehrt. Seine in Asmara
wohnhafte Cousine väterlicherseits (vs.) namens E._ habe ihm
etwa zwei Monate später, im Oktober oder November 2016, davon erzählt.
Sie habe ihm mitgeteilt, dass man B._ wegen seiner beiden Brüder,
welche illegal ausgereist seien, verhaftet habe. Im August 2018 habe er
auch mit einem Kollegen, welcher bei der Verhaftung anwesend gewesen
und inzwischen nach Äthiopien gelangt sei, über die Verhaftung von
B._ gesprochen und weitere Einzelheiten erfahren.
In der Schweiz nehme er ab und zu an Veranstaltungen einer Organisation
namens F._ teil. Der Verein setze sich für Demokratie in Eritrea ein.
Vor einem Jahr sei er regelmässig zu Treffen gegangen und aktiv gewesen.
Inzwischen sei er jedoch nicht mehr sehr aktiv und gehe nicht mehr regel-
mässig hin. Insgesamt habe er etwa an zehn Treffen teilgenommen. Auch
sein Bruder C._ sei manchmal zu Treffen gegangen. Seine Familie
in Eritrea wisse nichts von ihrer Teilnahme an den Veranstaltungen, der in
Deutschland wohnhafte Bruder sei hingegen informiert.
C.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2019 (eröffnet am 29. Juli 2019) verneinte das
SEM erneut die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte
sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie
deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 28. August 2019 (Poststempel), ergänzt mit Eingabe vom
3. September 2019, erhob der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsver-
treter gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
und beantragte, die Verfügung des SEM sei aufzuheben, es sei seine
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren, eventuali-
ter sei unter Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft eine vorläufige Auf-
nahme anzuordnen, subeventualiter sei die Unzulässigkeit, Unzumutbar-
keit und Unmöglichkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und als
Folge davon die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und die Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands beantragt.
E-4352/2019
Seite 5
Mit der Eingabe vom 3. September 2019 wurde ein Mitgliederformular einer
Organisation namens G._ eingereicht.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 4. September 2019 hielt die Instruktionsrich-
terin fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
gut und setzte den Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein.
Gleichzeitig lehnte sie die in der Beschwerde sinngemäss formulierten Be-
weisanträge ab.
F.
Am 4. September 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestä-
tigung zu den Akten.
G.
Mit Eingabe vom 10. September 2019 ersuchte der Rechtsvertreter das
Gericht, mit dem Erlass eines Urteils zuzuwarten. Es habe bis anhin kein
vollständiges Beratungsgespräch mit dem Beschwerdeführer stattfinden
können, weshalb er in Kürze ein ergänzendes Gespräch mit ihm durchfüh-
ren werde. Er beabsichtige, danach eine Beschwerdeergänzung einzu-
reichen.
H.
Am 21. September 2019 wurde eine Beschwerdeergänzung unter Beile-
gung einer Kopie einer deutschen Aufenthaltsbewilligung des Bruders
D._, eines Arbeitszeugnisses eines Arbeitseinsatzes des Be-
schwerdeführers in den Jahren 2018 und 2019 sowie einer Bestätigung
einer Teilnahme an einem Deutschkurs zu den Akten gereicht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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Seite 6
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.5 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
E-4352/2019
Seite 7
3.2 Personen, die erst wegen ihrer Ausreise oder ihres Verhaltens danach
solchen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind respektive begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, sind nach Art. 54
AsylG zwar als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen, indes wegen soge-
nannter subjektiver Nachfluchtgründe von der Asylgewährung auszu-
schliessen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). Anspruch auf Asyl nach schweize-
rischem Recht hat demnach nur, wer im Zeitpunkt der Ausreise ernsthaften
Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war (Vorfluchtgründe)
oder aufgrund von äusseren, nach der Ausreise eingetretenen Umständen,
auf die er keinen Einfluss nehmen konnte, bei einer Rückkehr ins Heimat-
land solche ernsthaften Nachteile befürchten müsste (sogenannte objek-
tive Nachfluchtgründe, vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Gleiches gilt für die Person, die Nach-
fluchtgründe geltend macht. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung der ablehnenden Verfügung zunächst
unter Aufführung diverser Unglaubhaftigkeitselemente in seinen Aussagen
erneut aus, der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft machen können,
in Eritrea eine Vorladung für den Militärdienst erhalten zu haben. Auch das
Bundesverwaltungsgericht habe in seinem Urteil E-2291/2018 vom 9. April
2019 festgehalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei,
eine asylrechtlich relevante Gefährdung im Zeitpunkt seiner Ausreise
glaubhaft zu machen. Weiter führte die Vorinstanz aus, dass gemäss dem
Referenzurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 nicht davon auszugehen
sei, dass sich eritreische Staatsangehörige einzig aufgrund einer illegalen
Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert sehen würden,
welche bezüglich ihrer Intensität und der Motivation des Staates ernsthafte
Nachteile gemäss Art. 3 AsylG darstellen würden. Auch seien keine weite-
ren Anknüpfungspunkte vorhanden, welche den Beschwerdeführer in den
Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen
könnten.
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Seite 8
In Bezug auf entsprechende Anknüpfungspunkte beziehungsweise allfäl-
lige subjektive oder objektive Nachfluchtgründe hielt das SEM im Wesent-
lichen fest, er habe sich einerseits hinsichtlich seines Bruders C._
widersprochen, indem er in der Anhörung angegeben habe, er habe seinen
Bruder zuletzt im August 2014 in Eritrea gesehen, während er in der ergän-
zenden Anhörung ausführte, sie hätten Eritrea gemeinsam verlassen. Auf
Vorhalt habe er den Widerspruch nicht aufzulösen vermocht.
Andererseits habe er sich auch in Bezug auf die Verhaftung des Bruders
B._ widersprochen. An der Anhörung vom 7. Dezember 2016 habe
er zu Protokoll gegeben, B._ befinde sich etwa seit einem Jahr in
Haft. Er habe vor etwa fünf Monaten von seinem Bruder C._ davon
erfahren, welcher die Information wiederum von einer ihm unbekannten
Drittperson erhalten habe. Die Verhaftung stehe in Zusammenhang mit ihm
und C._. In der ergänzenden Anhörung habe er zwar ebenfalls an-
gegeben, dass die Behörden B._ aufgrund der illegalen Ausreise
von ihm und C._ verhaftet hätten. Von der Verhaftung habe er indes
etwa im Oktober oder November 2016 von seiner in Asmara wohnhaften
Cousine E._ am Telefon erfahren. B._ sei gemäss ihren
Aussagen im August oder September 2016 festgenommen worden. Auf die
widersprüchlichen Angaben angesprochen habe er diese nicht auszuräu-
men vermocht. Es sei erstaunlich, dass er sich in einem derart zentralen
Punkt widersprochen habe. Erschwerend komme hinzu, dass er sich auch
im weiteren Verlauf seiner Schilderungen zu B._ in Widersprüche
und wenig nachvollziehbare Aussagen verstrickt habe. Deswegen sei da-
von auszugehen, dass B._ sich nicht in Haft befinde oder zumindest
nicht aus den genannten Gründen in Haft geraten sei. Bezeichnenderweise
habe er auch nicht überzeugend darlegen können, weshalb ausgerechnet
B._ für die Ausreise von ihm und C._ hätte verantwortlich
gemacht werden sollen. Unverständlich bleibe auch, weshalb die Verhaf-
tung von B._ – je nach Erzählversion – etwa im Dezember 2015
oder im Herbst 2016 stattgefunden habe, während er bereits im Dezember
2014 oder im Januar 2015 ausgereist sei. Zusammenfassend könne auf-
grund seiner unglaubhaften Angaben ausgeschlossen werden, dass
B._ aufgrund der illegalen Ausreise des Beschwerdeführers und
seines Bruders C._ verhaftet worden sei. Allfällige subjektive Nach-
fluchtgründe seien somit in Zusammenhang mit seinem Bruder B._
auszuschliessen.
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Seite 9
Auch seine vorgebrachten exilpolitischen Tätigkeiten dürften ihn in den Au-
gen des eritreischen Regimes nicht als missliebige Person erscheinen las-
sen. Generell sei in Bezug auf exilpolitische Tätigkeiten davon auszuge-
hen, dass sich die Geheimdienste auf die Erfassung von Personen kon-
zentrieren würden, die über die massentypischen und niedrigprofilierten
Erscheinungsformen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen wahrneh-
men und Aktivitäten entwickeln würden, welche die jeweilige Person aus
der Masse herausheben und als ernsthaften und gefährlichen Regimegeg-
ner erscheinen lassen würden. Dabei sei nicht die Quantität der exilpoliti-
schen Aktivitäten, sondern deren Qualität und Intensität entscheidend. Die
Mitgliedschaft in einer exilpolitischen Organisation, die Teilnahme an re-
gimekritischen Demonstrationen oder das Tragen von Plakaten und Rufen
von Parolen seien dabei für die Einschätzung der Flüchtlingseigenschaft
nicht relevant. Vielmehr seien die konkrete exponierte Position sowie die
öffentliche Wirkung der betroffenen Person massgebend. Der Beschwer-
deführer habe erst in der ergänzenden Anhörung vorgebracht, dass er und
sein Bruder C._ Mitglieder der Organisation F._ seien. Da-
bei falle jedoch auf, dass er ausweichende und inkohärente Angaben zur
aktuell bestehenden Verbindung zur Gruppe gemacht habe. Dessen unge-
achtet habe er angegeben, etwa zehn Mal als Zuhörer an Treffen teilge-
nommen zu haben, jedoch nicht aktiv gewesen zu sein. Auch C._
sei nur als Zuhörer an den Treffen anwesend gewesen. Über weitere exil-
politische Aktivitäten seines Bruders C._ sei er gemäss seinen Aus-
sagen nicht informiert. Die von ihm vorgebrachten exilpolitischen Tätigkei-
ten für die Organisation F._ würden weder in Bezug auf ihn noch
seinen Bruder darauf hindeuten, dass sie sich in aktiver Weise exilpolitisch
betätigt hätten. Auch über allfällige exilpolitische Tätigkeiten seines Bru-
ders D._ in Deutschland habe er nichts angeben können. Insge-
samt würden weder er noch sein Bruder C._ ein Profil aufweisen,
welches sie als ernsthafte Regimegegner erscheinen lasse. Ausserdem
habe er angegeben, dass er niemandem in Eritrea von den Verbindungen
zur Organisation erzählt habe. Zusammenfassend seien somit keine sub-
jektiven Nachfluchtgründe ersichtlich.
In Bezug auf objektive Nachfluchtgründe führte die Vorinstanz aus, der Be-
schwerdeführer könne aus dem Umstand, dass C._ bei einem
früheren illegalen Ausreiseversuch aus Eritrea in Haft gewesen sei, nichts
für sich ableiten. Es könne nicht darauf geschlossen werden, dass er oder
andere Familienmitglieder deswegen ins Visier der eritreischen Behörden
geraten seien. Verhaftungen von Personen, welche versucht hätten, Erit-
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Seite 10
rea illegal zu verlassen, seien keine Einzelfälle. Ausser der Verhaftung sei-
nes Bruders B._ habe er keine weiteren Repressalien gegen seine
Familienangehörigen in Eritrea erwähnt. Aus seinen Aussagen gehe her-
vor, dass seine Familie nicht in den Fokus der Behörden geraten sei. Dies
stelle zudem ein weiteres Indiz dafür dar, dass die Behörden keine Kennt-
nis von der Verbindung von ihm und C._ zu F._ hätten.
Insgesamt hätten weder die Verhaftung von B._, noch die vor sei-
ner Ausreise erfolgte Haft von C._, noch die niederschwelligen exil-
politischen Aktivitäten von ihm und C._ in der Schweiz oder die ille-
gale Ausreise des Bruders D._ Repressalien seitens der eritrei-
schen Behörden ausgelöst. Es sei nach dem Gesagten nicht davon auszu-
gehen, dass ihm im Falle einer Rückkehr nach Eritrea asylrelevante Nach-
teile drohen würden.
4.2 In der Rechtsmitteleingabe wurde eingangs darauf hingewiesen, dass
der Beschwerdeführer in Libyen Schlimmes erlebt habe und traumatisiert
sei. Er weigere sich jedoch aus Scham und kulturellen Gründen, dieses
Trauma in einer Therapie aufzuarbeiten. Deswegen habe er mit den ihm
gestellten Fragen an der Anhörung grosse Mühe gehabt und habe es nicht
gewagt zu erwähnen, dass er mit seinem Bruder C._ gemeinsam
aus Eritrea geflüchtet sei. Er habe deswegen seine Asylgründe nicht um-
fassend darlegen können, und diesem Umstand sei Rechnung zu tragen.
Im Folgenden führte der Beschwerdeführer unter Anbringung verschiede-
ner Argumente aus, dass durchaus glaubhaft geworden sei, dass er in Erit-
rea vor seiner Ausreise zum Militärdienst vorgeladen worden sei und als
Dienstverweigerer gelte.
In Bezug auf die Inhaftierung seines Bruders B._ führte er aus, es
treffe zu, dass sein Bruder im August oder September 2016 in Haft geraten
sei. Er habe dies von seiner Cousine E._ erfahren. Er könne sich
nicht erklären, weshalb er in der ersten Anhörung von einem Verhaftungs-
zeitpunkt circa Ende 2015 gesprochen habe. Er habe jedenfalls sowohl von
der Cousine als auch von C._ von der Verhaftung erfahren. Von
einem Kollegen von B._ habe er zudem telefonisch mitgeteilt be-
kommen, wie sein Bruder verhaftet worden sei, da dieser anlässlich der
Verhaftung anwesend gewesen sei. Er habe im August 2019 erneut ver-
sucht, diesen Kollegen zu erreichen, es habe jedoch nicht funktioniert.
Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz würden subjektive Nachflucht-
gründe bestehen. Er sei illegal aus Eritrea ausgereist, was an sich bereits
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Seite 11
einen Akt politischer Opposition darstelle. Hinzukommend seien zwei sei-
ner Brüder bereits inhaftiert worden, was ein starkes Indiz dafür sei, dass
die Familie in den Fokus der Behörden geraten sei. B._ befinde sich
nach wie vor in Haft. Er habe aber momentan grosse Angst, von seiner
Cousine oder dem Kollegen seines Bruders eine entsprechende Erklärung,
welche die Inhaftierung von B._ bestätige, erhältlich zu machen.
Hinzukommend seien er und C._ in der Schweiz exilpolitisch tätig.
Seit 2016 sei er Mitglied bei der Organisation und habe zuletzt im Mai 2019
an einer Veranstaltung teilgenommen. Bei den Veranstaltungen werde
über Demokratie und die Diktatur in Eritrea gesprochen. Im Juni 2016 habe
er zudem an einer Demonstration in (...) teilgenommen. Ob auch sein Bru-
der D._ in Deutschland exilpolitische Tätigkeiten vornehme, sei
noch offen. Der Beschwerde wurde ein Mitgliedschaftsformular vom Jahr
2016 beigelegt. Er behalte sich aber ausdrücklich vor, noch weitere Be-
weismittel, insbesondere eine Bestätigung des Vorsitzenden der Organisa-
tion F._ einzureichen. Vor diesem Hintergrund weise der Beschwer-
deführer ein Gefährdungsprofil auf und hätte im Falle einer Rückkehr nach
Eritrea mit flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung zu rechnen.
4.3 In der Beschwerdeergänzung vom 21. September 2019 führte der Be-
schwerdeführer erneut aus, dass er im Zeitraum von 2016 bis 2019 an
mehreren Sitzungen der das Regime in Eritrea kritisierenden Organisation
F._ teilgenommen habe. Er sei auch an einer Demonstration in (...)
anwesend gewesen. Auch C._ habe sich exilpolitisch betätigt, ins-
besondere indem er an einer Demonstration im Jahr 2015 teilgenommen
habe. Von seinem Bruder D._ in Deutschland seien keine exilpoliti-
schen Tätigkeiten bekannt.
Ferner sei darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer die Inhaftie-
rung von B._ erstmals in der Anhörung bei der Beantwortung der
Frage, ob er einen Taufschein beschaffen könne, erwähnt habe. Die Tatsa-
che, dass er die Inhaftierung in Zusammenhang mit einem anderen Thema
angesprochen habe, spreche für die Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens.
Es sei ausgerechnet sein Bruder B._ verhaftet worden, da er das
älteste männliche Geschwister und zuständig für die Bewirtschaftung der
Felder der Familie gewesen sei. Sein Vater sei hingegen die meiste Zeit
wegen des Militärdienstes abwesend gewesen. Von der Inhaftierung von
B._ habe er erstmals von C._ erfahren. Kurz darauf habe er
seine Cousine E._ angerufen, welche die Inhaftierung von
B._ bestätigt habe, nachdem sie dies von der Mutter des Beschwer-
deführers erfahren habe. Seine Eltern hätten ihr auch mitgeteilt, dass
E-4352/2019
Seite 12
B._ aufgrund des Beschwerdeführers und des Bruders C._
inhaftiert worden sei. Die Mutter habe dies bei einem Gefängnisbesuch von
B._ erfahren. Insgesamt sei es glaubhaft, dass B._ auf-
grund der Ausreisen von ihm und seinem Bruder C._ inhaftiert –
oder zumindest nicht mehr freigelassen – worden sei.
Bei einer Rückkehr nach Eritrea drohe ihm eine Reflexverfolgung bezie-
hungsweise werde er als missliebige Person angesehen. Der Umstand,
dass der Bruder C._ vor seiner Ausreise bereits in Haft gewesen
sei, die illegale Ausreise seines Bruders D._ sowie seine und
C._s exilpolitischen Tätigkeiten würden ein Gefährdungsprofil des
Beschwerdeführers begründen.
Des Weiteren wurde darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer ge-
mäss den eingereichten Unterlagen den Willen zeige, sich in der Schweiz
zu integrieren.
5.
Vorab ist festzuhalten, dass das Gericht mit Urteil E-2291/2018 vom 9. April
2019 rechtskräftig festgestellt hat, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, eine asylrelevante Verfolgung im Zeitpunkt seiner Ausreise
aus Eritrea glaubhaft zu machen. Sofern sich die Erwägungen der Vo-
rinstanz und des Beschwerdeführers erneut auf die Glaubhaftigkeit des Er-
halts der Vorladung beziehungsweise auf die Frage, ob der Beschwerde-
führer in Eritrea als Dienstverweigerer gilt, beziehen, ist darauf hinzuwei-
sen, dass die Frage von Vorfluchtgründen nicht mehr Gegenstand des vor-
liegenden Verfahrens bildet. Diesbezüglich ist vollumfänglich auf die Erwä-
gungen 6 des Urteils E-2291/2018 zu verweisen. Es wurde sodann auch in
der Beschwerde nichts vorgetragen, was eine Neubeurteilung dieser Frage
rechtfertigen würde. Vorliegend ist einzig zu prüfen, ob dem Beschwerde-
führer bei einer Rückkehr nach Eritrea eine flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgung im Sinne von subjektiven oder objektiven Nachfluchtgründen
drohen könnte.
6.
6.1 Zunächst ist festzustellen, dass das Gericht die geltend gemachte ille-
gale Ausreise des Beschwerdeführers nicht in Zweifel zieht. Zwar leuchtet
nach wie vor nicht ein, weshalb der Beschwerdeführer nunmehr angibt, er
sei mit seinem Bruder C._ gemeinsam aus Eritrea ausgereist (vgl.
hierzu Urteil E-2291/2018 E. 7.5.3). Letztlich kann jedoch die Frage, ob die
Brüder gemeinsam ausgereist sind, auch im vorliegenden Verfahren offen
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Seite 13
gelassen werden, da es für die Beurteilung der Nachfluchtgründe nicht we-
sentlich erscheint.
6.2 Wie bereits im Urteil E-2291/2018 ausgeführt, reicht gemäss aktueller
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts eine illegale Ausreise aus Eritrea
allein zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht mehr aus. Vielmehr
ist eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsgefahr nur dann anzuneh-
men, wenn zusätzliche Anknüpfungspunkte vorliegen, welche zu einer
Schärfung des Profils führen (vgl. Referenzurteil des BVGer D-7898/2015
vom 30. Januar 2017 E. 4.1 und 5.1 f.). In besagtem Urteil kam das Gericht
nach einer eingehenden quellengestützten Lageanalyse (E. 4.6–4.11) zum
Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se
zur Flüchtlingseigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden
könne (E. 5.1). Es sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise
aus Eritrea eine flüchtlingsrelevante Verfolgung drohe. Nicht asylrelevant
sei auch die Möglichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den National-
dienst eingezogen werde; ob eine drohende Einziehung in den National-
dienst unter dem Blickwinkel von Art. 3 und Art. 4 EMRK relevant sein
könnte, betreffe die Frage der Zulässigkeit bzw. Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs (a.a.O.). Für die Begründung der Flüchtlingseigenschaft im
eritreischen Kontext bedürfe es neben der illegalen Ausreise zusätzlicher
Anknüpfungspunkte, welche zu einer Verschärfung des Profils und
dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen
könnten (E. 5.1 f.).
6.3 In seinem Urteil E-2291/2018 vom 9. April 2019 ist das Gericht zum
Ergebnis gelangt, dass die Tatsache, dass der Beschwerdeführer einen
Bruder habe, der in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei, und
gemäss eigenen Angaben einen weiteren Bruder habe, der in Eritrea inhaf-
tiert worden sei, für die Beurteilung von Nachfluchtgründen beziehungs-
weise die Beurteilung, ob zusätzliche Anknüpfungspunkte im Sinne der
Rechtsprechung vorhanden seien, relevant sei. Die damalige Aktenlage
liess jedoch keine abschliessende Beurteilung der konkreten Gefährdungs-
situation des Beschwerdeführers zu, weshalb das Gericht die Sache zur
erneuten Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückwies (Urteil E-
2291/2018 E.7). Die Vorinstanz hörte den Beschwerdeführer in der Folge
zu allfälligen objektiven und subjektiven Nachfluchtgründen erneut an
(SEM Akte A24). Das Gericht sieht den Sachverhalt anhand der nunmehr
vorliegenden Akten als erstellt an. Im Folgenden ist somit zu beurteilen, ob
die Vorinstanz zu Recht festgestellt hat, dass neben der illegalen Ausreise
E-4352/2019
Seite 14
des Beschwerdeführers keine zusätzlichen Anknüpfungspunkte ersichtlich
sind, welche den Beschwerdeführer in den Augen der eritreischen Behör-
den als missliebige Person erscheinen lassen würden.
6.4 Vor diesem Hintergrund ist somit zum einen – im Sinne von objektiven
Nachfluchtgründen – zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr nach Eritrea wegen seiner Brüder künftig eine Reflexverfolgung dro-
hen könnte. Eine Reflexverfolgung liegt gemäss Lehre und langjähriger
Praxis vor, wenn sich die Verfolgungsmassnahmen – abgesehen von der
primär betroffenen Person – auch auf Familienangehörige und Verwandte
erstrecken. Dies kann im Sinne von Art. 3 AsylG flüchtlingsrechtlich rele-
vant sein, allerdings hängen die Wahrscheinlichkeit einer Reflexverfolgung
und deren Intensität stark von den konkreten Umständen des Einzelfalles
ab. Jedenfalls muss die befürchtete Benachteiligung aus einem der vom
Gesetz aufgezählten Motive erfolgen und die Furcht davor realistisch und
nachvollziehbar sein (vgl. bereits Entscheidungen und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission EMARK 1994 Nr. 5 E. 3.h;
BVGE 2011/51 E. 6.2).
Zum anderen ist – im Sinne von subjektiven Nachfluchtgründen – zu prü-
fen, ob die Situation der Brüder oder die nunmehr neu vorgebrachten exil-
politischen Tätigkeiten zusätzlich zur illegalen Ausreise des Beschwerde-
führers Anknüpfungspunkte in Anlehnung an das Referenzurteil des Bun-
desverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 darstellen,
welche eine Schärfung des Profils des Beschwerdeführers und damit eine
künftige Verfolgung begründen könnten.
7.
7.1
7.1.1 In Bezug auf die geltend gemachte Inhaftierung des Bruders
B._ ist zunächst darauf hinzuweisen, dass gemäss öffentlich zu-
gänglichen Quellen die eritreischen Behörden im Jahr 2005 tatsächlich be-
gonnen haben, Familienangehörige von illegal ausgereisten Personen res-
pektive von Deserteuren und Refraktären zu verfolgen und mit Geldstrafen
(50'000 Nakfa) zu belegen. Diejenigen, die ausserstande waren, die aufer-
legten Geldstrafen zu bezahlen, wurden inhaftiert. Zudem wurden die Ge-
schäftslizenzen von Angehörigen widerrufen und deren Besitz beschlag-
nahmt. Insbesondere aus ländlichen Gebieten gab es Berichte, wonach
Sicherheitskräfte die Eltern, Ehegatten/innen oder Geschwister von deser-
tierten oder aus dem Land geflüchteten Personen inhaftiert, befragt und
gebüsst haben. Auch die UN-Untersuchungskommission berichtete von
E-4352/2019
Seite 15
Fällen, in denen Familienmitglieder von Deserteuren durch willkürliche In-
haftierung und teilweise Folter bestraft wurden. Freigelassen worden seien
diese Personen nur, wenn sich die gesuchte Person gestellt habe oder die
Familie eine Geldbusse von bis zu 50'000 Nakfa bezahlt habe (Urteil des
BVGer E-773/2017 vom 10. Februar 2020 E.5.2.4.1 m.w.H.).
7.1.2 Die Vorinstanz führte in ihrer Verfügung aus, es sei nicht glaubhaft
geworden, dass B._ wegen des Beschwerdeführers und seines
Bruders C._ inhaftiert worden sei, da der Beschwerdeführer unter-
schiedliche Angaben dazu gemacht habe (Verfügung des SEM vom 26. Juli
2019 E.II.2). Der Beschwerdeführer hat zwar im Beschwerdeverfahren zu
Recht darauf hingewiesen, dass er in der Anhörung vom 7. Dezember 2016
gleich zu Beginn – als er über die Beschaffung seines Taufscheines berich-
tete – über die Verhaftung des Bruders B._ aufgrund seiner Aus-
reise und der Ausreise seines Bruders C._ berichtete (SEM Akte
A11, F7ff.). Die Erwähnung der Haft des Bruders B._ in einem an-
deren Kontext stellt tatsächlich ein positives Element dar, welches für die
Glaubhaftigkeit spricht. Demgegenüber fällt nach Durchsicht der Akten je-
doch auf, dass er sich mehrfach in Bezug auf die Haft B._s wider-
sprach, was insgesamt gegen die Glaubhaftigkeit spricht. In der ersten An-
hörung gab er an, er habe von der Inhaftierung von B._ durch sei-
nen Bruder C._ erfahren, welcher es wiederum von verschiedenen
Leuten gehört habe. Er wisse aber nicht, wer konkret es C._ erzählt
habe (a.a.O., F13f.). Vor etwa fünf Monaten – das würde bedeuten etwa
Anfang Juli 2016 – habe er von der Inhaftierung von B._ erfahren.
Er befinde sich seit etwa einem Jahr – das hiesse seit ungefähr Dezember
2015 – in Haft (a.a.O., F118f.). Dass er weitere Einzelheiten über die Inhaf-
tierung von seiner Cousine E._ und einem Kollegen von B._
erfahren habe, äusserte er nicht. In der ergänzenden Anhörung führte er
demgegenüber aus, B._ befinde sich etwa seit August oder Sep-
tember 2016 in Haft (A24, F83f.). Er habe von seiner Cousine E._
etwa zwei Monate nach der Inhaftierung, im Oktober oder November 2016,
davon erfahren (a.a.O., F85ff.). Später habe er versucht, mehr über die
Umstände der Verhaftung in Erfahrung zu bringen. Von Kollegen, welche
zum Zeitpunkt der Verhaftung mit B._ zusammen gewesen seien,
habe er erfahren, dass dieser auf einem Markt von Soldaten mitgenommen
worden sei. Diese Kollegen seien später nach Äthiopien gereist und er
habe mit einem der Kollegen Ende August 2018 telefoniert und so mehr
über die Verhaftung erfahren (a.a.O., F95ff.). Die Ausführungen über die
Kollegen von B._, welche bei der Verhaftung anwesend gewesen
E-4352/2019
Seite 16
seien, fielen dabei teilweise wirr aus (a.a.O., F95-F108). Auf die wider-
sprüchlichen Angaben in Bezug auf das Datum der Inhaftierung von
B._ und die Quellen, woher er von dessen Haft erfahren habe, vom
SEM angesprochen, vermochte er die Widersprüche nicht nachvollziehbar
aufzulösen. Er gab lediglich an, er könne sich nicht an die genauen Daten
erinnern, habe aber alles gesagt, was er wisse. Seine Reise in die Schweiz
sei zudem schwierig gewesen und er schlafe schlecht (a.a.O., F128ff.).
Auch die Ausführungen im Beschwerdeverfahren können die widersprüch-
lichen Aussagen nicht erklären. In der Beschwerde wird ausgeführt,
B._ sei im August oder September 2016 in Haft geraten, der Be-
schwerdeführer könne sich nicht erklären, weshalb er in der ersten Anhö-
rung von einem Verhaftungszeitpunkt circa Ende 2015 gesprochen habe.
Er habe jedenfalls sowohl von C._ als auch von der Cousine
E._ davon erfahren. Von einem Kollegen des Bruders habe er dann
telefonisch Einzelheiten mitgeteilt erhalten (Beschwerde E.II Ziff. 4.7). In
der Beschwerdeergänzung präzisierte er, er habe von der Verhaftung zu-
nächst von C._ erfahren und habe dann seine Cousine E._
angerufen. Diese sei dann zu seinen Eltern aufs Land gefahren und habe
so von der Inhaftierung von B._ erfahren. Seine Mutter habe
B._ im Gefängnis besucht und dieser habe ihr gesagt, dass die il-
legalen Ausreisen seiner Brüder der Grund für seine Verhaftung gewesen
seien (Beschwerdeergänzung Ziff. 3). Hierbei handelt es sich wiederum um
eine andere Version der Geschehnisse als jene, die der Beschwerdeführer
noch in den beiden Anhörungen zu Protokoll gab. Zudem gab er in der
ergänzenden Anhörung an, die Cousine E._ habe herausgefunden,
in welchem Gefängnis B._ sich befinde und dass der Verhaftungs-
grund die illegalen Ausreisen seiner Brüder gewesen seien (SEM Akte A24,
F88). In der Beschwerdeergänzung gab er hingegen an, seine Mutter habe
dies in Erfahrung gebracht (Beschwerdeergänzung Ziff.3). Er hat sich somit
insgesamt mehrfach widersprochen, wie er von der Verhaftung von
B._ und den Umständen der Verhaftung erfahren habe. Zusammen
mit den ebenfalls widersprüchlichen Zeitangaben, wann er davon erfahren
habe und seit wann B._ in Haft sei, erscheinen seine Angaben,
dass B._ aufgrund seiner und C._ illegaler Ausreisen inhaf-
tiert worden sei, zweifelhaft.
Im Übrigen wäre nach den länderspezifischen Ausführungen unter E.7.1.1
auch zu erwarten gewesen, dass die Familie versucht hätte, B._
aus der Haft freizukaufen, wäre diese tatsächlich im Zusammenhang mit
den illegalen Ausreisen der Brüder gestanden. Der Beschwerdeführer be-
richtet indes über keine Bemühungen der Familie, den Bruder B._
E-4352/2019
Seite 17
aus der Haft frei zubekommen, in welcher er sich nunmehr seit vier Jahren
befinde.
Hinzukommend fällt auf, dass der Beschwerdeführer in der ergänzenden
Anhörung angab, B._ sei damals im Militärdienst gewesen. Nach
einem Urlaub sei er nicht mehr in den Dienst zurückgekehrt (SEM Akte
A24, F112). Er ergänzt zwar, man habe B._ nach dessen Verhaf-
tung gesagt, die Inhaftierung sei wegen der illegalen Ausreisen seiner Brü-
der erfolgt. Der Beschwerdeführer führt ferner aus, man hätte ihn sicherlich
nur für kurze Zeit inhaftiert, wäre er tatsächlich wegen dem Fernbleiben
des Militärdienstes inhaftiert worden (a.a.O., F114). Vor dem Hintergrund
der widersprüchlichen Aussagen des Beschwerdeführers liegt jedoch der
Schluss nahe, dass B._ – bei Wahrunterstellung von dessen Haft –
allenfalls aus anderen Gründen inhaftiert worden ist.
7.1.3 Aus dem Hinweis, der Beschwerdeführer habe eine traumatische
Reise hinter sich, kann er ebenfalls nichts zu seinen Gunsten ableiten.
Auch wenn nicht in Abrede gestellt werden soll, dass die Reise schwierig
und traumatisch gewesen ist, wäre doch zu erwarten gewesen, dass er
Belege für sein Trauma beziehungsweise für seine daraus entstandene
Unfähigkeit, Fragen kongruent zu beantworten beigebracht hätte. Insbe-
sondere vor dem Hintergrund, dass dieser Einwand bereits im ersten Be-
schwerdeverfahren vorgebracht wurde und der Beschwerdeführer bereits
seit längerer Zeit rechtlich vertreten ist, wären konkretere diesbezügliche
Hinweise angezeigt gewesen. Im Übrigen bezieht sich das vorgebrachte
Trauma auf Erlebnisse während der Reise und nicht auf Geschehnisse in
Eritrea, weshalb nicht ersichtlich ist, inwiefern diese es ihm verunmöglicht
hätten, Fragen zu einem völlig anderen Kontext, nämlich zu Eritrea, sub-
stantiiert zu beantworten. Der pauschale Hinweis auf seinen psychischen
Zustand vermag somit keine andere Einschätzung zuzulassen.
7.1.4 Insgesamt ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen glaubhaft zu
machen, dass sein Bruder B._ aufgrund seiner illegalen Ausreise
(oder der illegalen Ausreise von C._) verhaftet worden sei.
7.2 In der ergänzenden Anhörung vom 21. Mai 2019 hat der Beschwerde-
führer – neben der Verhaftung des Bruders B._ – keine weiteren
Repressalien gegen seine Familie vorgebracht. Der Vater sei aus dem Mi-
litärdienst entlassen worden, sei später jedoch wieder einberufen worden
und befinde sich noch immer im Militärdienst. Eine weitere Schwester sei
E-4352/2019
Seite 18
nun in Sawa. Die Mutter, eine verheiratete Schwester und sein Zwillings-
bruder befänden sich im Heimatdorf. Der Zwillingsbruder lebe versteckt, da
er den Militärdienst noch nicht absolviert habe. Sein Bruder D._
habe im Jahr 2017 Eritrea ebenfalls verlassen und lebe nun in Deutschland
(SEM Akte A24, F6ff.). Dessen genaue Motivation, Eritrea zu verlassen,
kenne er nicht, er vermute jedoch, dass er sich wie viele andere Jugendli-
che dem Militärdienst habe entziehen wollen (a.a.O., F17). Einzig sein Va-
ter sei im Jahr 2018 während eines Monates inhaftiert gewesen. Die Haft
sei aber in Zusammenhang mit einer Verhaftung eines Nachbarn gestan-
den (a.a.O., F137ff.) Aus den Akten sind somit keine Hinweise ersichtlich,
wonach die Familie Benachteiligungen aufgrund der illegalen Ausreisen
der Söhne erlitten hätte und es wurde ihr beispielsweise auch kein Land
entzogen (a.a.O., F34), was ebenfalls eine geläufige Repressionsmass-
nahme der eritreischen Behörden darstellt (siehe E.7.1.1). Dies lässt somit
den Schluss zu, dass C._ Flucht aus der Haft und dessen an-
schliessende illegale Ausreise sowie die illegalen Ausreisen des Beschwer-
deführers und seines Bruders D._ keine negativen Konsequenzen
für die Familie nach sich gezogen haben. Es ist somit auch nicht davon
auszugehen, dass dem Beschwerdeführer aufgrund seiner Brüder, in Zu-
sammenhang mit seiner eigenen illegalen Ausreise aus Eritrea, bei einer
Rückkehr flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile beziehungsweise eine
Reflexverfolgung drohen würden.
7.3 Auch die vorgebrachten exilpolitischen Tätigkeiten sind nicht geeignet,
ein relevantes Gefährdungsprofil des Beschwerdeführers zu begründen.
Gemäss seinen Angaben, hat er einmal an einer Demonstration in (...) und
etwa zehn Mal an Veranstaltungen der Organisation F._ teilgenom-
men (SEM Akte A24, F47ff.). Es handle sich dabei um eine Organisation,
welche sich in (...) befinde und sich für Gerechtigkeit und Demokratie in
Eritrea engagiere (a.a.O., F49f.). Das SEM hat diesbezüglich zu Recht aus-
geführt, dass sich aus seinen Aussagen kein exponiertes Profil ergibt. Er
hat angegeben, er sei an den Veranstaltungen jeweils als Zuhörer anwe-
send gewesen und habe keine aktive Rolle innegehabt (a.a.O., F55ff.).
Auch in Bezug auf seine einmalige Demonstrationsteilnahme bringt er
nichts vor, was ihn als aktiven Regimegegner erscheinen liesse. Seine vor-
gebrachten exilpolitischen Tätigkeiten sind insgesamt als niederschwellig
zu betrachten. Ausserdem hat er gemäss seinen Angaben niemandem in
Eritrea von seinen Tätigkeiten erzählt und er gehe nicht davon aus, dass
jemand in Eritrea davon wisse (a.a.O., F72ff.). Er bringt zwar die Befürch-
tung vor, dass regimetreue Landsleute in der Schweiz die eritreische Re-
gierung darüber informiert haben könnten (a.a.O., F149). Aufgrund seiner
E-4352/2019
Seite 19
äusserst geringfügigen und niederschwelligen Aktivitäten erscheint dies in-
des eher unwahrscheinlich. Aber selbst wenn dem so wäre, ist nicht davon
auszugehen, dass sein niederschwelliges Profil ein ernsthaftes Verfol-
gungsinteresse der eritreischen Behörden an seiner Person hervorrufen
würde.
Ebenso sind die geltend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten des Bruders
C._ als niederschwellig zu bezeichnen. Dieser habe ebenfalls ein
Mal im Jahr 2015 an einer Demonstration teilgenommen und habe ab und
zu Veranstaltungen der Organisation F._ besucht. Dabei habe er
jedoch keine aktive Rolle innegehabt. Zudem habe C._ momentan
nicht mehr so viel Zeit wie früher (SEM Akte A24, F64ff.). Konkrete Anga-
ben oder aktuelle exilpolitische Tätigkeiten des Bruders C._ konnte
der Beschwerdeführer nicht angeben. Auch vom Bruder in Deutschland
sind gemäss Aussage des Beschwerdeführers keine exilpolitischen Tätig-
keiten bekannt (a.a.O., F76). Es ist somit auch nicht davon auszugehen,
dass exilpolitische Tätigkeiten seiner Familienangehörigen im Ausland bei
einer Rückkehr nach Eritrea für ihn negative Konsequenzen mit sich ziehen
könnten.
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer seine exil-
politischen Tätigkeiten nicht weiter belegt hat. Er hat zwar auf Beschwer-
destufe ein Mitgliedschaftsformular einer Organisation namens G._
eingereicht. Weitere Informationen zu der Organisation wurden indes nicht
eingereicht und es wurde auch nicht erläutert, ob es sich dabei um dieselbe
Organisation wie F._ handelt. Auch für allfällige exilpolitische Tätig-
keiten seiner Brüder hat er keine Belege vorgelegt, obwohl er vom SEM
während der Anhörung darauf aufmerksam gemacht wurde, Beweismittel
oder allenfalls Stellungnahmen der Brüder zu ihren exilpolitischen Tätigkei-
ten einzureichen (a.a.O., F78, F151).
7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Bundesverwaltungsge-
richt gestützt auf die nach dem Urteil E-2291/2018 aktualisierte Aktenlage
die Einschätzung des SEM teilt, wonach neben der illegalen Ausreise des
Beschwerdeführers keine hinreichenden Hinweise auf zusätzliche Anknüp-
fungspunkte ersichtlich sind, welche zu einer Schärfung des Profils des
Beschwerdeführers und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgungsgefahr führen könnten. Das SEM hat somit zu Recht das Vor-
liegen von (objektiven und subjektiven) Nachfluchtgründen, welche die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers begründen könnten, ver-
neint und sein Asylgesuch abgelehnt.
E-4352/2019
Seite 20
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
E-4352/2019
Seite 21
9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.4 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.).
9.4.1 In der Beschwerde wird unter Zitierung diverser Quellen die Auffas-
sung vertreten, der Wegweisungsvollzug sei angesichts der drohenden Ein-
ziehung in den eritreischen Nationaldienst und einer damit verbundenen
Verletzung von Art. 3 und Art. 4 EMRK als unzulässig zu betrachten.
9.4.2 Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei anstehen-
der Einziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bundesverwal-
tungsgericht in einem Koordinationsurteil geklärt worden (vgl. BVGE 2018
VI/4). Das Gericht hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im ge-
nannten Urteil sowohl unter dem Gesichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots
(Art. 4 Abs. 2 EMRK) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der
unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung oder Strafe (Art. 3
EMRK) geprüft und bejaht (vgl. a.a.O. E. 6.1.5.2). Es kann auf die Ausfüh-
rungen im genannten Urteil verwiesen werden.
9.4.3 Aus den Akten ergeben sich keine weiteren Gründe für die Annahme
der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. Dieser ist folglich als zuläs-
sig zu betrachten.
E-4352/2019
Seite 22
9.5 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.5.1 Die drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst führt
mangels einer hinreichend konkreten Gefährdung nicht generell zur Fest-
stellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83
Abs. 4 AIG (vgl. BVGE 2018 VI/4 E. 6.2).
9.5.2 Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem
Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungs-
weise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausge-
gangen werden. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig,
jedoch haben sich in jüngster Zeit die Lebensbedingungen in einigen Be-
reichen verbessert. So haben sich die medizinische Grundversorgung, die
Ernährungssituation, der Zugang zu Wasser und zur Bildung stabilisiert.
Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse
Konflikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch
die umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil
der Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage
des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenz-
bedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen
(vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16
f.).
9.5.2.1 Das SEM hielt diesbezüglich in seiner Verfügung fest, dass der Be-
schwerdeführer über ein soziales und familiäres Beziehungsnetz in Eritrea
verfüge. Er könne eine zehnjährige Schulbildung vorweisen und habe in
der Vergangenheit seiner Familie in der Landwirtschaft geholfen. Die Le-
bensumstände könnten zwar im ruralen Kontext in Eritrea als erschwerend
betrachtet werden. Blosse soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten wür-
den gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts indes keine
existenzbedrohende Situation darstellen, welche gegen die Zumutbarkeit
des Vollzugs sprechen würde. Zudem lebe ein Onkel in den USA und habe
ihm die Reise finanziert. Seine Brüder C._ und D._, welche
in der Schweiz und in Deutschland wohnhaft seien, könnten ihm und seiner
Familie in der Heimat bei Bedarf ebenfalls finanziell unter die Arme greifen.
E-4352/2019
Seite 23
Ausserdem sei er bei guter Gesundheit. Der Wegweisungsvollzug sei ins-
gesamt als zumutbar zu erachten.
9.5.2.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, er stamme aus einer
ärmeren Familie, welche von der Landwirtschaft lebe. Seine Familie lebe
unter prekären Umständen und er würde bei einer Rückkehr nach Eritrea
in eine existenzielle Notlage geraten. Ausserdem sei die Familieneinheit
mit dem in der Schweiz wohnhaften Bruder C._ zu berücksichtigen.
9.5.2.3 Die Erwägungen des SEM sind zu stützen. Im Falle des Beschwer-
deführers liegen keine besonderen Umstände im Sinne obiger Rechtspre-
chung vor, welche gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
sprechen würden. Der Beschwerdeführer kann eine gewisse Schulbildung
vorweisen und konnte durch die Bewirtschaftung des Landstückes der Fa-
milie praktische Erfahrung in der Landwirtschaft sammeln (SEM Akte A11,
F55ff.). In Bezug auf seine Aussage, seine Familie lebe in bescheidenen
Verhältnissen, ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in seiner ersten
Anhörung angab, seine Familie lebe von der Landwirtschaft und es gehe
ihnen finanziell «Ok» (a.a.O., F25). Das SEM hat zudem zu Recht darauf
hingewiesen, dass er über unterstützungsfähige Verwandte im Ausland
verfügt. Die Anwesenheit seines Bruders in der Schweiz vermag ebenso
wenig zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu führen wie ein all-
fälliger zukünftiger Einzug des Beschwerdeführers in den Militärdienst. Zu-
dem ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer angab, keinen re-
gen Kontakt zu seinem Bruder in der Schweiz zu pflegen (SEM Akte A24,
F46).
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.6 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht aber praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit des
Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG entgegen. Es ob-
liegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
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9.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch
das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 4. September 2019 gut-
geheissen wurde, sind keine Kosten aufzuerlegen.
11.2 Mit Zwischenverfügung vom 4. September 2019 wurde der rubrizierte
Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Dieser ist somit
unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen. Mit der Be-
schwerde reichte der Rechtsvertreter eine Auflistung seiner zeitlichen Auf-
wendungen ein. Dabei machte er insgesamt einen zeitlichen Aufwand von
525 Minuten bei einem Stundenansatz von Fr. 193.85 (inkl. MwST) geltend.
Die Arbeitsaufwendungen für das erstinstanzliche Verfahren beim SEM
von insgesamt 40 Minuten werden nicht vergütet. Der übrige ausgewie-
sene Zeitaufwand und der vereinbarte Stundenansatz sind nicht zu bean-
standen und entsprechend zu entschädigen. Für die Eingabe der Replik
wird zusätzlich ein Arbeitsaufwand von einer Stunde entschädigt. Die in der
Beschwerde (Ziff.9.3) ausgewiesene Pauschale von Fr. 50.– für Auslagen
wird nicht vergütet, da nur ausgewiesene Kosten und keine Pauschalen zu
entschädigen sind (vgl. Art. 9 Abs. 1 Bst. b i.V.m. Art. 11 VGKE). Die mit
Eingabe vom 21. September 2019 ausgewiesenen Auslagen für einen Dol-
metscher erscheinen angemessen und sind entsprechend zu entschädi-
gen (vgl. Art 21 VGKE). Dem Rechtsvertreter ist somit zulasten der Ge-
richtskasse ein amtliches Honorar von insgesamt Fr. 1970.– (inklusive Aus-
lagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen.
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