Decision ID: 985e6212-8ce4-46ba-a60c-3cd99aae60fb
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_001
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
C. und A. (Klägerin im vorliegenden Verfahren) beantragten mit Klage vom
14. Mai 2018 beim Gerichtspräsidium Lenzburg als Klägerinnen gegen den
Beklagten unter anderem:
"2.
Der Beklagte sei zu verpflichten, die sich in seinem Besitz noch befindli-
chen Originalgegenstände unverzüglich herauszugeben. Es sind dies:
- Digitale Fotos der [...]
- Digitale Fotos der [...]
- Digitale Fotos von [...]
- Digitale Fotos von [...]
- E-Mails der Herren [...]
- Kopien der Unterlagen des [...]
- CD mit [...]
- Briefe der [...]
- CD mit Fotos vom [...]
- Digitale Fotos mit [...]
- Diverse Unterlagen mit Medienkontakten
- Zeitungsbericht [...]
Am 6. Juni 2019 wurde das Verfahren (VZ.2018.21) als durch Vergleich
erledigt von der Kontrolle abgeschrieben. Ziffer 3 des Vergleichs lautete
wie folgt:
"3.
Der Beklagte und Widerkläger verpflichtet sich, die Gegenstände gemäss
Antrag 2 der Klage vom 14. Mai 2018 bis 30. Juni 2019 herauszugeben.
Die Klägerinnen verpflichten sich, die Gegenstände beim Beklagte und Wi-
derkläger in Q. abzuholen."
2.
2.1.
Mit Klage vom 18. März 2022 beantragte die Klägerin beim Bezirksgericht
Lenzburg:
"1. Es seien gemäss Urteil des BG Lenzburg vom 6. Juni 2019 in Dispositiv Ziff. 3 genannten Gegenstände (mit Verweis auf Klage vom 14. Mai 2018) genannten Gegenstände umgehend herauszugeben.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Gesuchgegners."
- 3 -
2.2.
Der Beklagte erstattete am 31. Mai 2022 eine Klageantwort mit den Anträ-
gen:
"1. Das Gesuch sei abzuweisen, soweit darauf eingetreten wird.
2 Die Verfahrenskosten seien zulasten der Gesuchstellerin zu verlegen, wenn überhaupt Kosten erhoben werden.
3. Die Gesuchstellerin sei zu verpflichten, dem Gesuchgegner die  zu ersetzen, wenn überhaupt Parteikosten verlegt werden."
2.3.
Ein Antrag der Klägerin auf Anordnung eines zweiten Schriftenwechsels
wurde mit Verfügung vom 14. Juni 2022 abgewiesen.
2.4.
Die Klägerin äusserte sich in einer weiteren Eingabe ("Replik") vom 20. Juni
2022, der Beklagte erstattete am 24. Juni 2022 eine weitere Stellung-
nahme.
2.5.
Am 19. Juli 2022 erkannte das Bezirksgericht Lenzburg, Präsidium des Zi-
vilgerichts:
"1.
Das Vollstreckungsgesuch wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten, bestehend aus einer Entscheidgebühr von
CHF 800.00 werden der Gesuchstellerin auferlegt und mit ihrem Vor-
schuss in selber Höhe verrechnet.
3.
Die Gesuchstellerin wird verpflichtet, dem Gesuchgegner eine Parteient-
schädigung von CHF 917.60 (inkl. 7.7 % MWSt von CHF 65.60) zu bezah-
len."
3.
3.1.
Die Klägerin erhob am 8. August 2022 fristgerecht Beschwerde gegen den
ihr am 28. Juli 2022 zugestellten Entscheid und beantragte:
- 4 -
"1.
Der Entscheid des Präsidiums des Zivilgerichts Lenzburg vom 19. Juli
2022 sei aufzuheben und zur Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen.
2.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen."
3.2.
Mit Beschwerdeantwort vom 13. September 2022 (Postaufgabe) bean-
tragte der Beklagte:
"1.
Die Beschwerde sei abzuweisen.
2.
Die Verfahrenskosten seien zulasten der Klägerin zu verlegen.
3.
Die Klägerin sei zu verpflichten, dem Beklagten die Parteikosten zu erset-
zen."

Considerations:
Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Mit der gegen den angefochtenen Entscheid zulässigen Beschwerde
(Art. 319 lit. a i.V.m. Art. 309 lit a ZPO) können die unrichtige Rechtsan-
wendung und die offensichtlich unrichtige Feststellung des Sachverhaltes
geltend gemacht werden (Art. 320 ZPO). Neue Anträge, neue Tatsachen-
behauptungen und neue Beweismittel sind im Beschwerdeverfahren aus-
geschlossen (Art. 326 Abs. 1 ZPO).
1.2.
Nach der Rechtsprechung zur Berufung (Art. 311 ff. ZPO) zeichnet sich das
zweitinstanzliche Verfahren dadurch aus, dass bereits eine richterliche Be-
urteilung des Streits vorliegt. Wer den erstinstanzlichen Entscheid mit Be-
rufung anficht, hat deshalb anhand der erstinstanzlich festgestellten Tatsa-
chen oder der daraus gezogenen rechtlichen Schlüsse aufzuzeigen, inwie-
fern sich die Überlegungen der ersten Instanz nicht aufrechterhalten las-
sen. Die Berufungsinstanz ist nicht gehalten, den erstinstanzlichen Ent-
scheid losgelöst von konkreten Anhaltspunkten in der Berufungsbegrün-
dung von sich aus in jede Richtung hin auf mögliche Mängel zu untersu-
chen, die eine Gutheissung des Rechtsmittels ermöglichen könnten. Abge-
sehen von offensichtlichen Mängeln beschränkt sie sich vielmehr darauf,
- 5 -
die Beanstandungen zu beurteilen, welche die Parteien in ihren schriftli-
chen Begründungen (Art. 311 Abs. 1 und Art. 312 Abs. 1 ZPO) gegen das
erstinstanzliche Urteil erheben. Inhaltlich ist die Rechtsmittelinstanz dabei
weder an die Argumente, welche die Parteien zur Begründung ihrer Bean-
standungen vorbringen, noch an die Erwägungen der ersten Instanz ge-
bunden; sie wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 57 ZPO) und
verfügt über freie Kognition in Tatfragen, weshalb sie die Berufung auch mit
einer anderen Argumentation gutheissen oder diese auch mit einer von der
Argumentation der ersten Instanz abweichenden Begründung abweisen
kann. Die vorgebrachten Beanstandungen geben zwar das Prüfprogramm
vor, binden die Rechtsmittelinstanz aber nicht an die Argumente, mit denen
diese begründet werden. Die beschriebenen Anforderungen an die Begrün-
dung des Rechtsmittels gelten auch für die Beschwerde nach Art. 319 ff.
ZPO. Dasselbe gilt mit Bezug auf die Voraussetzungen, unter denen die
Rechtsmittelinstanz das Recht von Amtes wegen anwendet. Denn mit Be-
zug auf den Beschwerdegrund der unrichtigen Rechtsanwendung ist die
Prüfungsbefugnis der Rechtsmittelinstanz im Beschwerde- und im Beru-
fungsverfahren dieselbe (Art. 320 lit. a und Art. 310 lit. a ZPO; BGE 147 III
176 E. 4.2.1).
2.
2.1.
2.1.1.
Mit dem angefochtenen Entscheid wurde das Vollstreckungsgesuch man-
gels Aktivlegitimation der Klägerin abgewiesen. Zur Begründung wurde
ausgeführt, Parteien des Vollstreckungsverfahrens seien die von der mate-
riellen Rechtskraft des zu vollstreckenden Entscheids erfassten Personen.
Die klagenden Parteien des zu vollstreckenden Entscheids des Präsidiums
des Zivilgerichts Lenzburg (VZ.2018.21) vom 6. Juni 2019 seien C. als Klä-
gerin und Widerbeklagte 1 sowie die Klägerin im vorliegenden Verfahren
(als Klägerin und Widerbeklagte 2) gewesen. Der im vorliegenden Verfah-
ren alleine klagenden Klägerin fehle die notwendige Aktivlegitimation.
Nachdem kein zweiter Schriftenwechsel angeordnet worden sei, sei der
Aktenschluss nach einmaliger Äusserung eingetreten. Die Stellungnahme
der Klägerin sei ausdrücklich im Rahmen ihres verfassungsmässigen Rep-
likrechts entgegengenommen worden. Nach gebotener Sorgfalt wäre die
Aktivlegitimation bereits im Gesuch darzulegen gewesen. Die Klägerin sei
mit ihrer verspätet behaupteten Abtretung aller Ansprüche aus dem zu voll-
streckenden Urteil durch C. nicht zu hören.
2.1.2.
Die Klägerin macht in der Beschwerde geltend, "aus dem Erkenntnisurteil
hab[e man] eine Gläubigerschaft von zwei Personen". Die sog. Teilgläubi-
gerschaft sei von Gesetzes wegen der Regelfall. Dem Beklagten sei zudem
immer klar gewesen, dass die herausverlangten Gegenstände im Eigentum
der Klägerin stünden. In der (gesetzlich zwar nicht vorgeschriebenen)
- 6 -
Schlichtungsverhandlung habe der Beklagte die Einrede der mangelnden
Aktivlegitimation nie erhoben. Es liege ein widersprüchliches Verhalten vor.
Im hier vorliegenden Fall der einfachen Streitgenossenschaft nach Art. 71
Abs. 1 ZPO könne jeder Streitgenosse den Prozess unabhängig von den
anderen Streitgenossen führen. Die Klägerin sei von Anfang an bezüglich
der Teilvollstreckung (Herausgabeanspruch) aktivlegitimiert gewesen. Die
Abtretung aller Ansprüche vom 22. Juni 2022 sei einzig aufgrund der uner-
warteten und unbegründeten Einrede der mangelnden Aktivlegitimation er-
folgt und habe nur "deklaratorischen" Charakter.
2.1.3.
Der Beklagte hält dem in der Beschwerdeantwort insbesondere entgegen,
die Klägerin gehe offenbar selber davon aus, dass sie alleine zur Klageein-
reichung nicht aktivlegitimiert sei, sonst hätte sie nicht im Nachhinein noch
schnell eine Abtretungserklärung (datierend vom 20. Juni 2022) erstellt. Die
Klägerin habe immer sämtliche (verfahrensmässigen) Schritte zusammen
mit ihrer Mutter unternommen. Gemäss dem Vergleich und dem darauf ge-
stützten Urteilsdispositiv hätten die Gegenstände an "Die Klägerinnen" her-
ausgegeben werden müssen. Der Herausgabeanspruch habe somit beiden
Klägerinnen zusammen zugestanden. Aufgrund des Entscheides stehe C.
und der Klägerin das Eigentum an den Gegenständen gemeinsam zu. Da
ein dinglicher Anspruch bestehe, bildeten die Klägerinnen im Verfahren
VZ.2018.21 eine notwendige Streitgenossenschaft. Die Klägerin könne
nicht allein auf Herausgabe der Gegenstände klagen.
2.2.
2.2.1.
Die eine Vollstreckung beantragende Partei hat die Voraussetzungen der
Vollstreckbarkeit darzulegen und die erforderlichen Unterlagen vorzulegen
(Art. 338 Abs. 2 ZPO). Das Vollstreckungsgericht prüft die Vollstreckbarkeit
von Amtes wegen. Das Vollstreckungsverfahren ist somit insoweit von der
Untersuchungsmaxime beherrscht (Art. 341 Abs. 1 ZPO; SUTTER-
SOMM/SEILER, Handkommentar zu Schweizerischen Zivilprozessordnung,
Zürich/Basel/Genf 2021, N. 2 zu Art. 339 ZPO; KELLERHALS, Berner Kom-
mentar Schweizerische Zivilprozessordnung, Bern 2012, N. 3 zu Art. 341
ZPO). Die Vollstreckbarkeit des vorgelegten Vollstreckungstitels setzt u.a.
voraus, dass es sich bei den Parteien des Vollstreckungsverfahrens um die
aus dem Erkenntnisurteil berechtigten bzw. verpflichteten Personen (oder
deren Rechtsnachfolger) handelt. Richtet sich das Vollstreckungsbegehren
nicht gegen die Gegenpartei des Erkenntnisverfahrens, sondern deren
Rechtsnachfolger oder geht das Vollstreckungsbegehren von einem
Rechtsnachfolger aus, so ist auch der Rechtsübergang urkundlich zu bele-
gen (SUTTER-SOMM/SEILER, a.a.O., N. 1 zu Art. 341 ZPO; N. 3 zu Art. 338
ZPO).
- 7 -
2.2.2.
2.2.2.1.
Im Fall von Einzelgläubigerschaft ist jeder von mehreren Gläubigern be-
rechtigt, ohne Mitwirkung der andern (also selbständig), das Ganze und
nicht nur einen Teil der Leistung zu verlangen. Der Schuldner hat dabei nur
einmal zu leisten und wird dadurch befreit. Der wichtigste Typus der Ein-
zelgläubigerschaft ist die in Art. 150 OR geregelte Solidargläubigerschaft,
die vor allem beim gemeinsamen Bankkonto ("compte-joint") von Bedeu-
tung ist. Bei der gemeinschaftlichen Gläubigerschaft steht die gesamte For-
derung den Gläubigern ungeteilt zu, und zwar so, dass alle Gläubiger die
Forderung nur gemeinsam geltend machen können. Umgekehrt kann der
Schuldner sich nicht durch Leistung an einen einzelnen Gläubiger befreien,
sondern nur durch Gesamtleistung an alle Gläubiger. Nach der Lehre ent-
steht eine gemeinschaftliche Gläubigerschaft grundsätzlich nur dann, wenn
unter den Gläubigern ein Gesamthandsverhältnis besteht. Bei der Teilgläu-
bigerschaft sind mehrere Gläubiger unabhängig voneinander pro rata an
einer teilbaren Forderung berechtigt, wobei die Leistung in ihrer Gesamtheit
nur einmal zu erbringen ist. Jeder Gläubiger kann selbständig den ihm zu-
stehenden Teil der Leistung verlangen und der Schuldner muss den ent-
sprechenden Teil an jeden Gläubiger separat leisten. Die Teilforderungen
bilden hier nur insoweit ein Ganzes (eine ganze Forderung), als sie aus
dem gleichen Rechtsgrund entstanden sind. Nach ganz herrschender
Lehre ist Teilgläubigerschaft bei vertraglichen Obligationen von Gesetzes
wegen der Regelfall, bzw. ist bei teilbaren Leistungen wie Geldforderungen
im Zweifelsfall von Teilgläubigerschaft auszugehen. Teilgläubigerschaft
entsteht insbesondere auch bei einem gemeinsamen Vertrag, d.h. wenn
mehrere Vertragsgenossen, unter denen kein Gesamthandsverhältnis be-
steht, auf einer Vertragsseite kontrahieren. So sind etwa Miteigentümer, die
ihre Liegenschaft als Ganzes verkaufen, Teilgläubiger, welche unabhängig
voneinander je einen Teil der Kaufpreisforderung gegenüber der Käufer-
schaft geltend machen können (BGE 140 III 150 E. 2.2).
2.2.2.2.
Die Kläger im Verfahren VZ.2018.21 verlangten die Verpflichtung des Be-
klagten zur Herausgabe verschiedener Gegenstände, erhoben mithin eine
Leistungsklage (Art. 84 Abs. 1 ZPO). Die Funktion der Leistungsklage be-
steht darin, einen in der Klage als bestehend behaupteten, sich aus dem
materiellen Recht ergebenden Anspruch auf Leistung oder ein Unterlassen
gerichtlich durch ein Urteil mit einem Leistungsbefehl an die beklagte Partei
zu erstreiten, um daraus – sofern und soweit erforderlich – die Zwangsvoll-
streckung betreiben zu können. Obwohl die Rechtsbegehren der Leis-
tungsklage und das stattgebende Urteil von ihrem Wortlaut her nur auf die
Verurteilung der beklagten Partei zur geschuldeten Leistung gerichtet sind,
enthält das Urteil immer auch die autoritative Feststellung der Rechtsgrund-
lage des strittigen, den Gegenstand der Klage bildenden materiell-rechtli-
- 8 -
chen Anspruchs (BOPP/BESSENICH, in: SUTTER-SOMM/HASENBÖHLER/LEU-
ENBERGER, Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl.,
Zürich/Basel/Genf 2016 [ZPO-Komm.], N. 2 und 4 zu Art. 84 ZPO). Aller-
dings zielt die Leistungsklage eben auf das Verschaffen eines Vollstre-
ckungstitels bspw. für einen umstrittenen Anspruch aus Eigentum, die Fest-
stellungsklage auf das autoritative Klären der Rechtslage bspw. um das
umstrittene Eigentum. Wird der Anspruch aus Eigentum im Rahmen der
Leistungsklage gutgeheissen, so ist die Frage des evtl. umstrittenen Eigen-
tums nur vorfrageweise geklärt worden und nicht Gegenstand einer aus-
drücklichen Feststellung mit Rechtskraftwirkung (BESSENICH/BOPP, in:
ZPO-Komm., a.a.O., N. 12 zu Art. 88 ZPO).
Dem als Vollstreckungstitel vorgelegten Entscheid vom 6. Juni 2019 (Kla-
gebeilage 1; VZ.2018.21) lässt sich nicht entnehmen, mit welcher (rechtli-
chen) Begründung die Klägerin des vorliegenden Verfahrens und C. vom
Beklagten die Herausgabe der in Ziffer 2 der damaligen Klage aufgeführten
Gegenstände verlangten. Ebenso wenig ergibt sich aus dem Entscheid
bzw. aus dem Vergleich, mit dem das Verfahren erledigt wurde (Art. 241
Abs. 2 ZPO), worauf sich in rechtlicher Hinsicht die Verpflichtung des Be-
klagten zur Herausgabe dieser Gegenstände stützte. Soweit die Klägerin
den von ihr alleine geltend gemachten Vollstreckungsanspruch damit be-
gründet, dass sie Eigentümerin der herausverlangten Gegenstände sei
(Klage Ziff. I./3.), ist damit insoweit nichts gewonnen, als es im vorliegenden
Verfahren um die Prüfung der Vollstreckbarkeit des Entscheids vom 6. Juni
2019 und insbesondere der Identität der aus jenem Entscheid an der Leis-
tung berechtigten Personen mit der als klagende Partei im Vollstreckungs-
verfahren auftretenden Person geht. Ob der sich aus dem Entscheid erge-
bende Anspruch, dessen Vollstreckung verlangt wird, den damaligen Klä-
gerinnen im Sinne einer Einzelgläubigerschaft (Solidargläubigerschaft), ge-
meinschaftlichen Gläubigerschaft oder einer Teilgläubigerschaft zusteht,
ergibt sich nicht aus dem Entscheid. Wird wie auch bei sonstigem Zweifels-
fall in einer derartigen Konstellation (vgl. vorne 2.2.2.1) von Teilgläubiger-
schaft ausgegangen, ist die Klägerin jedenfalls nicht berechtigt, alleine die
gesamte im Entscheid vom 6. Juni 2019 zugesprochene Leistung bzw. de-
ren Vollstreckung zu verlangen. So erlaubt auch ein Titel, der mehrere
Gläubiger ohne nähere Präzisierungen des Typs ihrer Gemeinschaftlichkeit
– Teilgläubigerüber, Solidargläubiger, gemeinschaftliche Gläubiger – auf-
führt, nicht, einem einzelnen Gläubiger die Rechtsöffnung zu erteilen, von
dem nicht bekannt ist, ob er überhaupt alleine bzw. für den gesamten Be-
trag oder nur für einen Teil klagen kann (STAEHELIN, In: STAEHE-
LIN/BAUER/LORANDI, Basler Kommentar zum SchKG, 3. Aufl., Basel 2021,
N. 33 zu Art. 80 SchKG; ABBET, La mainlevée de l'opposition, Bern 2017,
N. 83 zu Art. 80 SchKG).
- 9 -
Allein aufgrund der mit der Klage eingereichten Unterlagen kann die Aktiv-
legitimation der Klägerin, die von ihr anbegehrte Vollstreckung zu verlan-
gen, nicht bejaht werden.
2.2.3.
2.2.3.1.
C. trat mit Abtretungserklärung vom 20. Juni 2022 (Beilage 1 zur Eingabe
der Klägerin vom 20. Juni 2022) alle Ansprüche aus dem Urteil des Be-
zirksgerichts Lenzburg vom 6. Juni 2019 an die Klägerin ab. Mit dieser Ab-
tretung gingen die Leistungsansprüche von C. aus dem Entscheid (Ver-
gleich) vom 6. Juni 2019 (VZ.20218.21) auf die Klägerin über. Letztere
wurde jedenfalls damit Alleinberechtigte an den gesamten Leistungsan-
sprüchen aus diesem Entscheid. Entsprechend wurde sie alleine berech-
tigt, auf Vollstreckung dieser Ansprüche zu klagen (vgl. betr. die Frage der
Rechtsöffnung für an den Rechtsöffnungskläger abgetretene Ansprüche
aus dem als Rechtsöffnungstitel vorgelegten Sachurteil BGE 140 III 372).
2.2.3.2.
2.2.3.2.1.
Im summarischen Verfahren, in dem über die Vollstreckung zu entscheiden
ist (Art. 339 Abs. 2 ZPO), findet grundsätzlich nur ein Schriftenwechsel statt
(vgl. für das Vollstreckungsverfahren Art. 341 Abs. 2 ZPO), auch wenn nicht
ausgeschlossen ist, dass mit der gebotenen Zurückhaltung ein zweiter
Schriftenwechsel angeordnet werden kann, wenn es sich nach den Um-
ständen als erforderlich erweist (BGE 146 III 237 E. 3.1). Die Vorinstanz
hat mit Verfügung vom 14. Juni 2022 (act. 50) ausdrücklich den Antrag der
Klägerin auf Anordnung eines zweiten Schriftenwechsels abgewiesen. Da-
mit trat der sogenannte Aktenschluss und die Novenschranke ein. Die Zu-
lässigkeit von neuen Tatsachen und Beweismitteln, die nach diesem Zeit-
punkt in das Verfahren eingebracht werden, richtet sich dabei nach dem
Novenrecht (Art. 229 ZPO; vgl. SUTTER-SOMM/SEILER, a.a.O., N. 18 zu Art.
229 ZPO; DOMENIG, Aktenschluss, Noven- und Replikrecht im summari-
schen Verfahren der Schweizerischen Zivilprozessordnung, Zürich/St. Gal-
len 2022, Rz. 145 mit Hinweisen).
Das Vollstreckungsgericht prüft die Vollstreckbarkeit von Amtes wegen
(Art. 341 Abs. 1 ZPO). Bezüglich dieser Frage gilt somit die Untersuchungs-
maxime (vgl. vorne E. 2.2.1). Hat das Gericht den Sachverhalt von Amtes
wegen abzuklären, berücksichtigt es neue Tatsachen und Beweismittel bis
zur Urteilsberatung (Art. 229 Abs. 3 ZPO). Die Tatsache der Abtretung der
Ansprüche durch C. vom 20. Juni 2022 wurde der Vorinstanz mit Eingabe
vom gleichen Tag vorgebracht (act. 51 ff.). Es wurde nicht geltend gemacht
und ist auch nicht ersichtlich, dass die Urteilsberatung in diesem Zeitpunkt
bereits begonnen hatte. Die Vorinstanz hätte diese neue Tatsache bei ih-
rem Entscheid in diesem Licht betrachtet somit berücksichtigen müssen.
- 10 -
2.2.3.2.2.
In der Lehre wird allerdings insbesondere im Zusammenhang mit dem
Rechtsöffnungsverfahren (ausgehend von der Auffassung, bei der Prüfung
der Gültigkeit der Rechtsöffnungsurkunde und der Prüfung der drei Identi-
täten gehe es um Sachverhaltsfeststellung [demgegenüber geht das Bun-
desgericht in diesem Zusammenhang von Rechtsanwendung aus {BGE
147 III 176 E. 4.2.1}, anders aber wiederum z.B. BGE 5A_13/2020 E. 2.4.2:
"Der Rechtsöffnungsrichter prüft indes u.a. von Amtes wegen {Art. 55 Abs.
2 ZPO; beschränkter Untersuchungsgrundsatz}, ob ein gültiger Rechtsöff-
nungstitel oder die Identität zwischen dem Gesuchsteller und Betreiben-
den, dem Schuldner und Betriebenen und der Betreibungsforderung und
der im Rechtsöffnungstitel verurkundeten Forderung vorliegt."]) die Auffas-
sung vertreten, es gelange dabei eine "asymmetrische" Untersuchungsma-
xime zur Anwendung (DOMENIG, a.a.O., Rz. 310 und 313; HUBER-LEHMANN,
Stolpersteine des Rechtsöffnungsverfahrens, in: Eichel/Hurni/Markus
[Hrsg.], Schneller Weg zum Recht, Praktische Herausforderungen ausge-
wählter Summarverfahren , Bern 2020 [= CIVPRO 15], S. 34 f., 45). Die
Parteien blieben dafür verantwortlich, dass dem Gericht diejenigen Tatsa-
chenbehauptungen und Beweismittel vorgelegt würden, die es zur Prüfung
der vollstreckungsrechtlichen Voraussetzungen benötige. Das Gericht
werde aber insbesondere keine eigenen Untersuchungen vornehmen oder
fehlende Unterlagen einverlangen. Würden nach Aktenschluss neue Tat-
sachen und Beweismittel ins Verfahren eingebracht, seien diese vom Ge-
richt bis zur Urteilsberatung zu berücksichtigen, soweit sie der Beurteilung
der Gültigkeit der Rechtsöffnungsurkunde und der Prüfung der Identitäten
dienten. Aufgrund der Asymmetrie des Untersuchungsgrundsatzes seien
die neuen Tatsachenbehauptungen und Beweismittel aber nur dann zuläs-
sig, wenn sie den Standpunkt des Schuldners stützten. Würden die neuen
Tatsachenbehauptungen oder Beweismittel vom Gläubiger ins Verfahren
eingebracht und stützten sie seinen Standpunkt, so seien sie nur dann als
zulässig zu erachten, wenn es sich um echte oder unechte Noven i.S.v. Art.
229 ZPO analog handle. HUBER-LEHMANN (a.a.O.) führt bezüglich des Voll-
streckungsverfahrens aus, in diesem gelte die "asymmetrische" Untersu-
chungsmaxime "ex lege": Gemäss Art. 341 Abs. 1 ZPO prüfe das Vollstre-
ckungsgericht die Vollstreckbarkeit des Entscheids von Amtes wegen. Der
Gläubiger habe demgegenüber die Voraussetzungen der Vollstreckbarkeit
zu behaupten und die erforderlichen Urkunden beizulegen (Art. 338 Abs. 2
ZPO). Die Untersuchungsmaxime greife daher nur zugunsten des Schuld-
ners, nicht aber zugunsten des Gläubigers. Die asymmetrische Untersu-
chungsmaxime und damit Art. 229 Abs. 3 ZPO gälten höchstens für den
Gesuchsgegner, nicht aber für den Gesuchsteller. Für diesen bestimme
sich die Novenschranke nach Art. 229 Abs. 1 ZPO. Auch STAEHELIN
(a.a.O., N. 52a zu Art. 84 SchKG) führt aus, Art. 229 Abs. 3 ZPO finde auf
das Rechtsöffnungsverfahren keine Anwendung, "da die beschränkte Un-
tersuchungsmaxime nur die amtswegige Prüfung des Rechtsöffnungstitels
verlang[e]." Insbesondere das Obergericht des Kantons Zürich teilt diese
- 11 -
Auffassung nicht und geht im Zusammenhang mit der Prüfung, ob ein
Rechtsöffnungstitel vorliegt, von der Untersuchungsmaxime und der Be-
rücksichtigung von neuen Tatsachen und Beweismitteln bis zur Urteilsbe-
ratung aus (Entscheid vom 30. Januar 2017, RT160191, E. 3.2 mit Hinweis
auf Art. 229 Abs. 3 ZPO; vgl. auch SOGO/BAECHLER, Aktenschluss im sum-
marischen Verfahren, AJP 2020, S. 328).
Wie es sich mit dieser Rechtsauffassung verhält, braucht vorliegend nicht
entschieden zu werden. Die Abtretung vom 20. Juni 2022 ist nach Ab-
schluss des Schriftenwechsels entstanden und wurde vom Kläger ohne
Verzug vorgebracht. Die Vorinstanz hätte sie somit entgegen der Auffas-
sung der Beklagten auch im Lichte von Art. 229 Abs. 1 lit. a ZPO als echtes
Novum berücksichtigen müssen, zumal dessen Entstehung nicht (aus-
schliesslich) vom Willen der einbringenden Klägerin abhing (im Sinne eines
sog. Potestativnovums).
2.3.
Die Vorinstanz hat im angefochtenen Entscheid somit zu Unrecht die Ab-
tretungserklärung vom 20. Juni 2022 nicht beachtet, die Aktivlegitimation
der Klägerin verneint und aus diesem Grund die Klage abgewiesen. Die
Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Nachdem der massgebliche Sach-
verhalt aufgrund der erstinstanzlichen Erhebungen nicht vollständig fest-
steht und nicht ohne weitere tatsächliche Abklärungen entschieden werden
kann, ist die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen
(SUTTER-SOMM/SEILER, a.a.O. N. 8 f. zu Art. 327 ZPO).
3.
Bei der Rückweisung einer Sache an die Vorinstanz werden praxisgemäss
die zweitinstanzlichen Gerichtskosten (Art. 95 Abs. 2 ZPO) festgesetzt, ver-
bunden mit der Anweisung an die Vorinstanz, diese Gerichtskosten sowie
die im Rechtsmittelverfahren angefallenen Parteikosten im neuen Ent-
scheid zu verteilen. Im vorliegenden Fall ist kein Grund für ein Abweichen
von dieser Praxis ersichtlich. Die obergerichtliche Entscheidgebühr ist auf
Fr. 500.00 festzusetzen (§ 8 und § 11 Abs. 1 VKD) und wird mit dem von
der Klägerin in derselben Höhe geleisteten Kostenvorschuss verrechnet
(Art. 111 Abs. 1 ZPO).