Decision ID: 381bec8d-91c8-4622-973f-f852d8c3c390
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Am 9. Juni 2020 fällte die Jugendanwaltschaft in der Jugendstrafsache
betreffend den Beschuldigten den folgenden Entscheid:
"I. Sachverhalt
Der Beschuldigte hat in der Zeit von ca. Herbst 2009 bis ca. Juni 2010 seine Stiefschwester A., geb. tt.mm.2000, in seinem Zimmer in U., [...], mehrfach geschändet. Er hat dem Opfer gestattet, in seinem Zimmer mit seiner Playstation spielen zu dürfen. Dabei ist das Opfer bäuchlings auf dem Bett des Beschuldigten gelegen bzw. hat auf dem Bett kniend gesessen und war nach vorne gebeugt. Der Beschuldigte hat sich dabei hinter dem Opfer auf dem Bett befunden und hat sich selber befriedigt (masturbiert). Dabei hatte er seine Hose und Unterhose bis zu seinen Knien heruntergezogen. Als das Opfer nach hinten schaute hat der Beschuldigte sie angewiesen nach vorne zu schauen. Der Beschuldigte hat das Opfer am Po angefasst, hat ihr die Hose und Unterhose aus- /runtergezogen und hat die Bettdecke über das Opfer gelegt. In der Folge ist der Beschuldigte mit seinem erigierten Penis mehrmals anal in das Opfer eingedrungen. Dabei erlitt das Opfer Schmerzen, hat aufgeschrien und hat zum Beschuldigten gesagt, dass er aufhören soll. Der Beschuldigte hat dem Opfer geantwortet, dass es ruhig sein soll, dass es nach vorne schauen und weiterspielen soll. Danach hat er das Opfer aus seinem Zimmer geschickt und ihm gesagt, dass sie niemandem etwas sagen soll beziehungsweise, dass sie sagen soll, dass sie mit der Playstation gespielt habe. Wenn sie jemandem etwas erzähle, dürfe sie nicht mehr mit der Playstation spielen. Dieser Vorfall hat sich innerhalb von wenigen Tagen zwei bis drei Mal in derselben Art und Weise ereignet.
[...]
Es wird entschieden:
1. C. ist schuldig
- der mehrfachen Schändung gemäss Art. 191 StGB.
2. C. wird in Anwendung von Art. 1 Abs. 2 lit. b Jugendstrafgesetz (JStG)
in Verbindung mit Art. 47 Strafgesetzbuch (StGB), Art. 11 und Art. 25 Abs. 1 JStG mit einem Freiheitsentzug von 3 Monaten bestraft.
3. In Anwendung von Art. 35 und Art. 29 Abs. 1 JStG wird der Vollzug
des Freiheitsentzuges aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre angesetzt.
Bewährt sich C. bis zum Ablauf der Probezeit, so hat er den Freiheitsentzug nicht zu verbüssen.
4. In Anwendung von Art. 35 und Art. 29 Abs. 3 JStG wird C. während
der Dauer der Probezeit durch einen Sozialarbeiter der Jugendanwaltschaft begleitet.
- 3 -
5. C. hat gemäss Art. 44 JStPO sowie Art. 426 Abs. 1 und Art. 425 StPO i.V.m. Art. 3 Abs. 1 und Abs. 3 und Art. 4 JStPO die folgenden Verfahrenskosten (Gebühren und Auslagen) zu tragen:
Staats-/Kanzleigebühr: CHF 100.00
Total CHF 100.00
6. C. wird verpflichtet, der Privatklägerin Fr. 1'904.25 zu ersetzen.
Weitergehende Schadenersatzforderungen werden, da deren Beurteilung ohne besondere Untersuchung nicht möglich war, auf den Zivilweg verwiesen.
7. Die Genugtuungsforderung der Privatklägerin wird auf den Zivilweg
verwiesen.
8. Die Kostennote des amtlichen Verteidigers in der Höhe von Fr. 2'336.90
wird genehmigt und nach Rechtskraft des vorliegenden Entscheids ausbezahlt.
9. Der Strafentscheid wird nach Eintritt der Rechtskraft im Strafregister
eingetragen."
1.2.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschuldigte am 15. Juni 2020
Einsprache. Mit Verfügung vom 24. Juli 2020 überwies die
Jugendanwaltschaft die Akten an das Jugendgericht Rheinfelden zur
Durchführung des Hauptverfahrens.
2.
2.1.
Mit Verfügung vom 5. August 2020 wies die Präsidentin des Jugendgerichts
Rheinfelden die Parteien darauf hin, dass auch der Tatbestand der
Nötigung gemäss Art. 189 StGB geprüft werde. Zudem schloss sie die
Privatklägerin von der Teilnahme an der Hauptverhandlung aus.
2.2.
Mit Eingabe vom 11. September 2020 stellte der Beschuldigte folgende
Beweisanträge:
"1. Es sei das angebliche Opfer, A., durch das Gericht als Auskunftsperson zu befragen.
2. Es seien die Mutter des Beschuldigten, H., geb. tt.mm.1974, und die
Halbschwester des angeblichen Opfers, I., geb. tt.mm.1993, je [...], U., als Zeugen anzuhören."
2.3.
Mit Eingabe vom 20. Oktober 2020 beantragte die Privatklägerin die
Abweisung der beiden Beweisanträge des Beschuldigten. Eventualiter sei
- 4 -
bei einer Befragung der Privatklägerin sicherzustellen, dass der
Beschuldigte den Gerichtssaal für diese Dauer zu verlassen habe. Zudem
stellte sie ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege.
2.4.
Mit Verfügung vom 13. Januar 2021 verfügte die Präsidentin des
Jugendgerichts Rheinfelden die Befragung der Privatklägerin an der
Hauptverhandlung als Auskunftsperson und schloss sie von einer weiteren
Teilnahme an der Verhandlung aus. Zudem verfügte sie die Befragung der
Zeugen I., H. und J. und gewährte der Privatklägerin die unentgeltliche
Rechtspflege.
3.
3.1.
Die Hauptverhandlung vor dem Jugendgericht Rheinfelden mit Befragung
des Beschuldigten, der Zeugen I., H. und J. sowie der Privatklägerin als
Auskunftsperson fand am 11. Mai 2021 statt.
3.2.
Anlässlich der Hauptverhandlung stellte die Jugendanwaltschaft folgende
Anträge:
"1. C. sei der mehrfachen Schändung nach Art. 191 StGB schuldig zu erklären.
2. Er sei mit einem Freiheitsentzug von 3 Monaten zu bestrafen.
3. C. sei gestützt auf Art. 35 JStG der bedingte Vollzug unter Ansetzung
einer Probezeit von 2 Jahren zu gewähren.
4. Der Beschuldigte sei während der Probezeit durch einen Sozialarbeiter
oder eine Sozialarbeiterin der Jugendanwaltschaft zu begleiten.
5. Die entstandenen Verfahrens- und Untersuchungskosten seien dem
Beschuldigten aufzuerlegen.
6. Die geltend gemachte Zivilforderung sei zu prüfen und allenfalls
zuzusprechen.
7. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf Kosten der
Staatskasse zu nehmen, der Beschuldigte sei entsprechend zur Rückzahlung zu verpflichten."
3.3.
Anlässlich der Hauptverhandlung stellte die Privatklägerin folgende
Anträge:
- 5 -
"1. Der Beklagte sei gemäss dem Entscheid der Jugendanwaltschaft vom 9. Juni 2020 bzw. gemäss der an der heutigen Verhandlung gestellten Anträge zu verurteilen.
2. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin den Schaden von
insgesamt CHF 4'077.45 zzgl. Zinsen zu 5% seit 25. Mai 2020 zu bezahlen.
3. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin eine angemessene
Genugtuungssumme (Maximalforderung: CHF 4'000.00) zuzüglich Zinsen zu 5% seit 25. Mai 2020 zu bezahlen, wobei die Höhe der Genugtuung dem Ermessen des Gerichts vorbehalten ist.
4. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin eine angemessene
Parteientschädigung für das vorliegende Verfahren zu bezahlen.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Beklagten."
3.4.
Anlässlich der Hauptverhandlung stellte der Beschuldigte den Antrag, er
sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen freizusprechen und ihm sei für
das vorliegende Strafverfahren eine Genugtuung von Fr. 1'000.00
zuzusprechen. Ausserdem sei sein amtlicher Verteidiger angemessen zu
entschädigen.
3.5.
Die Präsidentin des Jugendgerichts Rheinfelden fällte am 11. Mai 2021 das
folgende Urteil:
"1. Der Beschuldigte ist schuldig - der Schändung gemäss Art. 191 StGB.
2. 2.1. In Anwendung von Art. 1 Abs. 2 lit b JStG i.V.m. Art. 11 und Art. 25 Abs. 1 JStG und Art. 47 StGB wird der Beschuldigte mit einem Freiheitsentzug von 3 Monaten bestraft.
2.2. Dem Beschuldigten wird für den Freiheitsentzug gemäss Ziffer 1 hiervor der bedingte Strafvollzug gewährt. Die Probezeit wird gestützt auf Art. 35 JStG i.V.m. Art. 29 Abs. 1 JStG auf 2 Jahre festgesetzt.
Der Beschuldigte wird über die Bedeutung und die Folgen der bedingten Strafe aufgeklärt: Wenn er sich bis zum Ablauf der Probezeit bewährt, d.h. keine Verbrechen oder Vergehen mehr begeht, wird die aufgeschobene Strafe nicht mehr vollzogen. Begeht er aber während der Probezeit ein Verbrechen oder Vergehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben wird, so widerruft das Gericht die bedingte Strafe.
3. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin, A., Schadenersatz in der Höhe von Fr. 2'082.95 sowie eine Genugtuung in
- 6 -
Höhe von Fr. 2'000.00 jeweils zuzüglich 5% Zins seit dem 25. Mai 2020 zu bezahlen.
4. 4.1. Die Kostennote der unentgeltlichen Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin, lic. iur. Michèle Dürrenberger, Rechtsanwältin [...], wird im Betrag von Fr. 3'552.55 (inkl. Fr. 253.95 MwSt.) richterlich genehmigt.
4.2. Die Gerichtskasse Rheinfelden wird angewiesen, der unentgeltlichen Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin, Michèle Dürrenberger,  [...], das richterlich auf Fr. 3'552.55 festgesetzte Honorar auszurichten.
4.3. Die Parteikosten der Zivil- und Strafklägerin im Umfang von Fr. 3'552.55 gehen zu Lasten der Staatskasse und werden von der Zivil- und Strafklägerin nicht zurückgefordert.
4.4. Es wird darauf verzichtet, den Beschuldigten zur Tragung von Parteikosten der Zivil- und Strafklägerin zu verpflichten.
5. 5.1. Die Verfahrenskosten bestehen aus:
a) der Gebühr (gemäss § 17 Abs. 3 VKD) von Fr. 500.00 b) der Anklagegebühr von Fr. 0.00 c) den Kosten für die amtliche Verteidigung von Fr. 6'365.85 d) den Kosten für die unentgeltl. Verbeiständung von Fr. 3'552.55 e) den Kosten für Übersetzungen von Fr. 0.00 f) den Kosten für Gutachten von Fr. 0.00 g) den Kosten der Mitwirkung anderer Behörden von Fr. 0.00 h) den Spesen von Fr. 120.00 i) andere Auslagen (Zeugenentschädigung) Fr. 0.00 Total Fr. 10'538.40
5.2. Der Beschuldigte hat einen Anteil der Verfahrenskosten sowie der Untersuchungskosten von total Fr. 500.- an die Gerichtskasse Rheinfelden zu bezahlen.
5.3. Die restlichen Verfahrenskosten gehen zu Lasten des Staats.
6. 6.1. Die Kostennote des amtlichen Verteidigers des Beschuldigten, lic. iur. Markus Trottmann, Advokat [...], wird im Betrag von Fr. 6'365.85 (inkl. Fr. 455.10 MwSt.) richterlich genehmigt.
6.2. Die Gerichtskasse Rheinfelden wird angewiesen, dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten, lic. iur. Markus Trottmann, Advokat [...], das richterlich auf Fr. 6'365.85 festgesetzte Honorar auszurichten.
- 7 -
6.3. Der Beschuldigte hat gestützt auf Art. 25 Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 135 Abs. 4 StPO den Betrag von Fr. 500.- an die Kosten der amtlichen Verteidigung an die Gerichtskasse Rheinfelden zurück zu erstatten."
4.
4.1.
Gegen das ihm am 8. Juni 2021 im Dispositiv zugestellte Urteil des
Jugendgerichts Rheinfelden meldete der Beschuldigte am 10. Juni 2021
Berufung an. Das begründete Urteil wurde ihm in der Folge am
10. September 2021 zugestellt.
4.2.
Mit Berufungserklärung vom 30. September 2021 stellte der Beschuldigte
folgende Anträge:
"1. Es sei das angefochtene Urteil des Bezirksgerichts Rheinfelden, Jugendgericht, vom 11. Mai 2021 aufzuheben und es sei der Berufungskläger in Abänderung des angefochtenen Entscheids kostenlos vom Vorwurf der Schändung freizusprechen.
2. Es sei das angefochtene Urteil des Bezirksgerichts Rheinfelden,
Jugendgericht, vom 11. Mai 2021 aufzuheben und es sei die Zivilforderung der Privatklägerin und Berufungsbeklagten 2 in Abänderung des angefochtenen Entscheids vollumfänglich kostenfällig abzuweisen.
3. Es seien die vorinstanzlichen Kosten in Aufhebung des angefochtenen
Entscheids nach Massgabe des Ausgangs des vorliegenden Berufungsverfahrens neu zu verlegen.
4. Es seien die Kosten des vorliegenden Verfahrens nach Massgabe des
Ausgangs des Verfahrens den beiden Berufungsbeklagten aufzuerlegen.
5. Es sei dem Berufungskläger für das Berufungsverfahren die amtliche
Verteidigung zu bewilligen.
6. Es sei dem Berufungskläger gestützt auf Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO eine
Entschädigung von CHF 1'000.00 zuzusprechen.
7. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der beiden
Berufungsbeklagten."
Ausserdem stellte er den folgenden prozessualen Antrag:
"4. Es wird die Anhörung einer mündlichen Verhandlung beantragt. Dessen ungeachtet wird darum ersucht, dass dem Berufungskläger die Gelegenheit eingeräumt wird, eine Vorabbegründung seiner Berufung einzureichen."
- 8 -
4.3.
Mit Verfügung vom 14. Oktober 2021 ordnete die Verfahrensleiterin das
mündliche Verfahren an und räumte dem Beschuldigten die Möglichkeit
einer schriftlichen Begründung der Berufung vorgängig zur Berufungs-
verhandlung ein.
4.4.
Mit Eingabe vom 18. Oktober 2021 erklärte die Jugendanwaltschaft ihren
Verzicht auf einen Nichteintretensantrag sowie eine Anschlussberufung
gemäss Art. 400 Abs. 3 StPO.
4.5.
Mit Eingabe vom 27. Oktober 2021 erklärte die Privatklägerin ihren Verzicht
auf eine Anschlussberufung.
4.6.
Mit vorgängiger Berufungsbegründung vom 18. November 2021 hielt der
Beschuldigte an seinen Anträgen in der Berufungserklärung fest. Zusätzlich
stellte er folgende Anträge:
"Sollte das angerufene Berufungsgericht an dieser Aussage der Verteidigung zweifeln, so wird beantragt, dass die Darstellung der Privatklägerin der Gerichtsmedizin zur Stellungnahme unterbreitet wird, ob sich das geschilderte anale Eindringen des Berufungsklägers bei einem zehnjährigen Mädchen aus medizinischer Sicht so zugetragen haben könnte, wie geschildert, eventualiter wäre ein medizinischer  zu dieser Frage anlässlich der Verhandlung vor  anzuhören."
4.7.
Mit Berufungsantwort vom 29. November 2021 stellte die
Jugendanwaltschaft unter Verweis auf die Begründung des Urteils des
Jugendgerichts Rheinfelden die folgenden Anträge:
"1. Die Berufung sei abzuweisen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Beschuldigten."
4.8.
Mit Berufungsantwort vom 13. Dezember 2021 stellte die Privatklägerin die
folgenden Anträge:
"1. Die Berufung des Beklagten sei vollumfänglich abzuweisen.
2. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin eine angemessene Parteientschädigung zu bezahlen.
- 9 -
3. Es sei der Klägerin auch für das Berufungsverfahren die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und die Unterzeichnende sei als ihre unentgeltliche Vertreterin einzusetzen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Beklagten."
4.9.
Mit Eingabe vom 3. Januar 2022 verzichtete der Beschuldigte auf eine
freigestellte Stellungnahme zur vorgängigen Berufungsantwort der
Jugendanwaltschaft sowie der Berufungsantwort der Privatklägerin. Dieser
Verzicht wurde den Parteien mit Verfügung vom 7. Januar 2022 zur
Kenntnisnahme zugestellt.
4.10.
Die Berufungsverhandlung mit Befragung der Privatklägerin und des
Beschuldigten fand am 12. April 2022 statt.

Considerations:
Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Vorab ist festzustellen, dass dem Beschuldigten mit Eröffnung der
Strafuntersuchung wegen sexueller Handlungen mit einem Kind vom
12. Juli 2018 (vgl. Untersuchungsakten [UA] act. 8) gestützt auf Art. 24 lit. a
und d JStPO i.V.m. Art. 131 Abs. 2 StPO die notwendige Verteidigung zu
bestellen gewesen wäre. Der Beschuldigte wurde von der Staatsan-
waltschaft Rheinfelden-Laufenburg indessen erst am 9. Mai 2019
aufgefordert, eine notwendige Wahlverteidigung zu bestimmen (vgl. UA
act. 130). Dies führt gemäss Art. 131 Abs. 3 StPO zu einer
Unverwertbarkeit der Aussagen der Privatklägerin anlässlich ihrer
Einvernahmen vom 17. Juli 2018 und 14. April 2019. Es ist deshalb
grundsätzlich auf die Ausführungen der Privatklägerin vor der Vorinstanz
(vgl. Gerichtsakten [GA] act. 97 ff.) sowie vor dem Obergericht (vgl.
Protokoll der Berufungsverhandlung S. 2 ff.) abzustellen. Da aber die
Aussagen der Privatklägerin vor der Kantonspolizei Aargau – wie noch zu
zeigen ist – insgesamt unglaubhaft sind, sich dies zugunsten des
Beschuldigten auswirkt und er sich zudem zu seiner Entlastung selbst auf
die damaligen Aussagen der Privatklägerin vor der Polizei beruft, können
ihre Aussagen anlässlich ihrer polizeilichen Einvernahmen ergänzend
dennoch verwertet werden (vgl. GLESS, in: Basler Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 111 ff. zu Art. 141
StPO).
- 10 -
2.
2.1.
Auf das Gesuch des Beschuldigten vom 30. September 2021 um amtliche
Verteidigung desselben durch Markus Trottmann, Advokat [...], ist nicht
einzutreten, wurde dieser doch bereits mit Verfügung vom 24. Mai 2019 als
amtlicher Verteidiger des Beschuldigten eingesetzt und gilt diese
Einsetzung bis hin zum Berufungsverfahren, wobei in letzterem kein
Gesuch und auch keine neue Bestellung erforderlich sind (hält die
Verfahrensleitung des Berufungsgerichts die Voraussetzungen für nicht
mehr gegeben, hätte sie nach Art. 134 StPO zu verfahren; vgl.
SCHMID/JOSITSCH, in: Praxiskommentar zur Schweizerischen Strafprozess-
ordnung, 3. Aufl. 2018, N. 2 zu Art. 132 StPO).
2.2.
Auf das Gesuch der Privatklägerin vom 13. Dezember 2021 um
unentgeltliche Verbeiständung derselben durch Michèle Dürrenberger,
Rechtsanwältin [...], ist ebenfalls nicht einzutreten, gilt doch die vorliegend
bereits im erstinstanzlichen Verfahren mit Verfügung vom 13. Januar 2021
gewährte Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege ebenfalls bis hin
zum Berufungsverfahren, wobei in letzterem kein Gesuch und auch keine
neue Bestellung erforderlich sind (hält die Verfahrensleitung des
Berufungsgerichts die Voraussetzungen für nicht mehr gegeben, hätte sie
nach Art. 134 StPO zu verfahren; vgl. SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N. 3 zu
Art. 137 StPO).
3.
3.1.
Für Personen, die zwischen dem vollendeten 10. und dem vollendeten
18. Altersjahr eine mit Strafe bedrohte Tat begangen haben, kommt das
Bundesgesetz über das Jugendstrafrecht vom 20. Juni 2003
(Jugendstrafgesetz, JStG, SR 311.1) zur Anwendung (Art. 3 Abs. 1 JStG).
Entscheidend ist dabei das Alter im Zeitpunkt der Tatbegehung und nicht
der Beurteilung (vgl. RIESEN-KUPPER, in: Schweizerisches Strafgesetzbuch
und weitere einschlägige Erlasse mit Kommentar zu StGB, JStG, den
Strafbestimmungen des SVG, BetmG und AuG/AIG, 20. Aufl. 2018, N. 2 zu
Art. 3 JStG).
Vorliegend geht die Anklagebehörde davon aus (vgl. GA act. 48), dass der
Beschuldigte die ihm vorgeworfenen Handlungen zwischen dem 10. und
dem 18. Lebensjahr vorgenommen hat. Folglich ist das dem Beschuldigten
vorgeworfene Verhalten in Anwendung des Jugendstrafgesetzes zu
prüfen.
3.2.
In Bezug auf die Verfolgungsverjährung der vorliegend zu beurteilenden
Straftaten kann auf die korrekten Ausführungen der Vorinstanz verwiesen
- 11 -
werden. Die Verfolgungsverjährung dauert vorliegend gemäss Art. 36
Abs. 2 JStG an (vgl. Urteil E. III.3.2).
4.
Der Beschuldigte hat das Urteil des Jugendgerichts Rheinfelden
vollumfänglich angefochten. Das Urteil ist somit in diesem Umfang zu
überprüfen (Art. 3 Abs. 1 JStPO i.V.m. 404 Abs. 1 StPO).
5.
5.1.
Die Vorinstanz hat es als erstellt erachtet, dass der Beschuldigte seine im
Tatzeitpunkt 9- bis 10-jährige Halbschwester (Privatklägerin) im Zeitraum
zwischen ca. Herbst 2009 bis ca. Juni 2010 in seinem Schlafzimmer der
damaligen Familienwohnung anal penetriert habe. Mit diesem Verhalten
habe er die Privatklägerin, welche aufgrund ihres Alters urteilsunfähig
gewesen sei, zu einer beischlafsähnlichen Handlung missbraucht und sich
der Schändung gemäss Art. 191 StGB schuldig gemacht (vgl. Urteil E. III.5)
Als nicht rechtsgenüglich erstellt erachtete die Vorinstanz demgegenüber
den Vorwurf, der Beschuldigte habe diese Handlung mit der Privatklägerin
im selben Zeitraum an einem bis zwei weiteren Tagen wiederholt (vgl. Urteil
III.4.4).
5.2.
Der Beschuldigte bestreitet mit Berufung, sich der Schändung gemäss
Art. 191 StGB schuldig gemacht zu haben. Er bringt vor, die Vorinstanz
habe die Aussagen der Privatklägerin auf Grundlage von Realkennzeichen
als glaubhaft erachtet, dabei jedoch ausser Acht gelassen, dass diese von
vornherein gar keinen Realitätsbezug hätten. Die von der Privatklägerin
behauptete Schändung könne in der von ihr beschriebenen Form nach der
allgemeinen Lebenserfahrung gar nicht stattgefunden haben. Ausserdem
habe der Beschuldigte nach übereinstimmender Aussage zweier Zeugen
in der relevanten Zeit gar keine Playstation besessen. Damit habe die
Vorinstanz die Aussageanalyse methodisch grob falsch vorgenommen und
den Sachverhalt in der Folge geradezu willkürlich festgestellt (vgl.
Berufungsbegründung S. 4 ff.).
6.
Der angeklagte Sachverhalt ist strittig und liegt bereits 11 bis 12 Jahre
zurück (Herbst 2009 bzw. Frühjahr 2010). Erstmals zur Anzeige gebracht
wurde er durch den Vater der Privatklägerin, welcher sich am 9. Juli 2018
telefonisch an die Polizei wandte. In der Folge wurde die vorliegende
Strafuntersuchung gegen den Beschuldigten eröffnet (vgl. UA act. 11). Als
Beweismittel liegen die Aussagen des Beschuldigten, der Privatklägerin,
sowie der Zeugen I., H. und J. vor. Zu prüfen ist folglich, ob der angeklagte
Sachverhalt auf Grundlage dieser Aussagen rechtsgenüglich erstellt ist.
- 12 -
7.
7.1.
7.1.1.
Anlässlich der Erstbefragung vom 17. Juli 2018 wurde die Privatklägerin zu
den Ereignissen in 2009/2010 befragt. Dazu sagte sie zusammenfassend
aus, sie sei im Tatzeitpunkt 10-11 Jahre alt gewesen. Sie sei nach der
Scheidung ihrer Eltern mit ihrer Mutter, ihrer kleinen Schwester und ihren
zwei grossen Halbgeschwistern von einem Haus in eine Wohnung in U.
gezogen. Dort hätten sie zwei Stockwerke gehabt, wobei sie und ihr
Halbbruder (Beschuldigter) ihre Zimmer nebeneinander im oberen Stock
gehabt hätten. Er habe eine Playstation besessen und sie habe ihn gefragt,
ob sie mit dieser spielen dürfe. Er habe ja gesagt und dies ausgenützt. Sie
habe an der Playstation gespielt und er sei hinter ihr gewesen. Er habe
gesagt, sie solle auf die Knie liegen und sich nach vorne lehnen. Sie sei
dann auf den Knien gewesen und habe gespielt. Er habe hinten Sachen
mit ihr gemacht, welche nicht schön gewesen seien. Er habe mit sich
gespielt, ihr die Hosen heruntergezogen und sie dann anal vergewaltigt
(vgl. UA act. 18). Auf die Frage hin, wie sich dies genau zugetragen habe,
gab die Privatklägerin Folgendes an: Der Beschuldigte habe hinten rum
eine Decke über sie gelegt. Er sei direkt hinter ihr gesessen. Als sie dann
mal nach hinten geschaut habe, weil etwas mit der Playstation nicht
funktioniert habe, habe er mit sich selbst gespielt. Er habe dann gesagt, sie
solle nach vorne schauen. Dies habe sie getan und weitergespielt.
Irgendwann habe er dann sein Genital in sie "reingemacht". Sie habe
"Autsch" geschrien und gefragt, was er mache. Sie habe nach hinten
geschaut und gesehen, dass er sein Genital in ihrem Analbereich gehabt
habe. Er habe wiederum gesagt, sie solle nach vorne schauen und sie habe
wieder weitergespielt. Er habe nach kurzer Zeit aufgehört, so nach 5
Sekunden. Dann habe er gesagt, sie solle jetzt gehen. Sie solle immer
sagen, dass sie Playstation gespielt habe und nie, was sie gesehen oder
er gemacht habe. Es bleibe unter ihnen. Sie habe ihm zwar gesagt, es tue
weh und er solle aufhören und sei auch etwas nach vorne gerutscht. Aber
so richtig gewehrt oder weggezogen habe sie sich nicht (vgl. UA act. 20 f.).
Auf die Frage, was der Beschuldigte genau gemacht habe, sodass sie
gemerkt habe, dass etwas passiere, antwortete die Privatklägerin, sie habe
einfach gemerkt, dass etwas weh tue, etwas falsch sei. Und dann habe sie
eben noch nach hinten geschaut. Er sei rein- und rausgegangen. Es sei ein
paar Mal gewesen, sie wisse aber nicht, wie oft. Er habe nicht viel rein und
raus gemacht, weil sie gesagt habe, es tue weh. Ein paar Sekunden habe
er es gemacht, dann nicht mehr (vgl. UA act. 32).
Gemäss der Privatklägerin sei es ein komisches Gefühl gewesen. Da sie
jünger gewesen sei als er, habe sie nicht gewusst, was er mache und ob
es richtig sei. Sie habe nicht gewusst, was mit ihr in dem Moment passiert
sei und habe nichts dabei gedacht. Sie sei danach einfach aus seinem
Zimmer gelaufen, habe dann irgendwas in ihrem Zimmer oder mit ihren
- 13 -
Schwestern gemacht (vgl. UA act. 21 f.). Zur Frage, wie es dazu gekommen
sei, dass sie bei ihrem Bruder Playstation spielen durfte, gab die
Privatklägerin an, ihre Schwester habe immer mit Barbiepuppen gespielt
und das habe sie halt nicht interessiert. Sie habe den Bruder sozusagen
mit der Frage genervt, ob sie mit seiner Playstation spielen dürfe, da es viel
cooler gewesen sei, als im Zimmer zu sitzen und mit Puppen zu spielen.
Die Playstation habe sich in seinem Zimmer auf einer Kommode befunden.
Da drauf sei sein Fernseher gewesen (vgl. UA act. 19). Die Privatklägerin
gab zudem an, sie habe damals niemandem erzählt, dass etwas passiert
sei. Sie habe es dann nur später in 2016 ihrem Freund (Zeuge J.) erzählt.
Das Ganze sei mindestens zweimal passiert, es könnte aber auch dreimal
passiert sein, mit dem gleichen Ablauf. Sie habe wieder mit der Playstation
spielen wollen. Wenn er keine Lust gehabt habe, habe er auch mal Nein
gesagt, sonst habe er Ja gesagt und sie sei wieder auf sein Bett, um zu
spielen. Danach sei eine Zeit lang Ruhe gewesen, bis der Vorfall vom 18.
auf den 19. April 2018 passiert sei (vgl. UA act. 22; vgl. Ziff. 7.1.2 hiernach).
7.1.2.
Zu den Ereignissen im April 2018 sagte die Privatklägerin anlässlich ihrer
Erstbefragung vom 17. Juli 2018 aus, der Beschuldigte sei in der Nacht auf
den 19. April 2018 zu ihr ins Schlafzimmer gekommen und habe nach
einem Playstation-Kabel gefragt. Dann sei er auf ihr Bett gesessen und
habe ihr gesagt, er wolle eigentlich etwas Anderes von ihr. Sie hätten früher
eine Abmachung gehabt. Auf ihre Bitte, er solle rausgehen, habe er gesagt,
er wolle nur etwas kuscheln und ein wenig massieren. Er habe seinen Kopf
auf ihr Bein gelegt. Sie habe erneut gesagt, er solle rausgehen. Dann sei
er vor ihr Bett gelegen, habe ihre Beine unter der Decke angefasst und sei
immer weiter mit seinen Händen zu ihr gerutscht. Sie habe ihm gesagt, sie
sei seine Schwester, sei 17 Jahre alt und er sei 26/27 Jahre alt. Er habe
dann zugestimmt, sei aufgestanden und rausgelaufen. Als er wieder zur
Türe gekommen sei, habe sie ihn erneut weggeschickt. Dann habe sie die
Türe zugemacht und abgeschlossen (vgl. UA act. 23).
Die Privatklägerin gab an, dass sie danach nicht mehr habe schlafen
können und gleich wieder habe daran denken müssen, was er früher
gemacht habe. Sie habe sich wieder daran erinnern können. Da habe sie
schon wieder etwas Panik bekommen und gedacht, er wolle wieder so
etwas machen. Sie habe sich richtig ekelhaft gefühlt, habe nicht mehr
schlafen können, sich komisch und dreckig gefühlt. Sie habe dann viel Zeit
gehabt um zu überlegen, was sie jetzt machen solle. Sie sei dann zur
Stiefmutter gegangen. Zuerst habe sie ihr erzählt, was in dieser Nacht
passiert sei. Am Freitag, dem 20. April 2018 habe sie ihr auch erzählt, was
früher (Vorfall von 2009/2010) passiert sei. Sie sei daraufhin nicht mehr
nachhause gegangen. Ihr Vater habe die Mutter angerufen und ihr
mitgeteilt, dass die Privatklägerin bei ihm bleibe (vgl. UA act. 25).
- 14 -
7.2.
Anlässlich der Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 wurde die Privat-
klägerin erneut zu den Vorfällen befragt. Sie hielt an ihren Vorwürfen
gegenüber dem Beschuldigten fest und erklärte, dass sie auch heute noch
schauen würde, dass es zur Anzeige komme (vgl. GA act. 101). Weiter
berichtete die Privatklägerin von Flashbacks, welche sie bekommen habe,
als sie 2016 mit ihrem damaligen Freund (Zeuge J.) zusammengekommen
sei. Zum Beispiel sei sie bei ihm zuhause gewesen, er habe irgendwelche
Bewegungen gemacht und dann habe sie gemerkt, dass irgendetwas nicht
gut sei. Sie habe gemerkt, was und wie es damals passiert sei. Wenn er
Annäherungen gemacht habe, sie geküsst oder angefasst habe, seien
diese Bewegungen im Kopf wiedergekommen, die der Beschuldigte
gemacht habe. Sie habe gespürt, wie der Beschuldigte sie ausgezogen und
angefasst habe. Das habe sich nicht schön angefühlt. Es habe weh getan,
es habe gebrannt und sei schmerzhaft gewesen. Sie sei mit 9 Jahren noch
nicht aufgeklärt gewesen und habe keine Ahnung gehabt, was er da
mache. Trotzdem sei es so eine Art Bauchgefühl gewesen, ihr Bauch oder
ihr Kopf habe gesagt, dass da etwas nicht stimme. Sie könne es nicht
erklären, aber sie habe damals das Gefühl gehabt, dass ihr niemand
glauben würde. Dann habe sie alles in sich reingefressen. Ausserdem habe
der Beschuldigte gesagt, sie dürfe auf keinen Fall irgendjemandem davon
erzählen. Weil er ihr grosser Bruder sei, habe sie das Gefühl gehabt, dass
sie es niemandem erzählen dürfe (vgl. GA act. 106). Es sei ein grosser
Druck gewesen, er habe ihr aber keine Strafe angedroht. Sie glaube, sie
hätte Nein sagen können, allerdings sei sie vom Playstation spielen
besessen gewesen. Da er als Einziger eine gehabt habe, habe sie immer
damit spielen wollen (vgl. GA act. 107). Auf die Frage hin, ob sie nach dem
Vorfall nicht das Gefühl gehabt habe, zum Doktor zu müssen, gab die
Privatklägerin an, man denke in dem Moment gar nicht darüber nach. Sie
sei so im Spiel drin gewesen und habe einfach mit der Playstation spielen
wollen (vgl. GA act. 113 f.).
Die Privatklägerin sagte zudem aus, ihre Mutter habe es ihr nicht geglaubt
und ihr gesagt, sie glaube ihr erst, wenn sie ihn anzeige. Dann sei bei ihr
der Entschluss gekommen, den Beschuldigten anzuzeigen (vgl. GA
act. 99). Sie sei nach dem Vorfall zum Vater gegangen. Dieser habe auch
gesagt, sie solle nicht mehr zurückgehen und bei ihm bleiben (vgl. GA
act. 100). Seit der Anzeige habe sie ab und an mit der Mutter Kontakt
gehabt, aber sie (die Mutter) habe sie eigentlich nie sehen wollen (vgl. GA
act. 112).
7.3.
Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 12. April 2022 bestätigte die
Privatklägerin, dass die dem Beschuldigten vorgeworfenen Übergriffe in
2009/2010 sowie der Vorfall in ihrem Zimmer nach einem Fest in 2018
stattgefunden hätten und sie sich deshalb aktuell in psychologischer
- 15 -
Behandlung befinde (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung S. 4). Sie
hielt im Wesentlichen an ihren Aussagen vor der Polizei und der Vorinstanz
fest, wonach sie im Zimmer des Beschuldigten Playstation spielen
gegangen sei und er diese Gelegenheiten ausgenutzt habe, um sich an ihr
zu vergreifen. Durch die anale Penetration habe sie Schmerzen in Form
von Brennen und Ziehen verspürt, könne sich aber nicht daran erinnern,
wie lange diese angedauert hätten (vgl. Protokoll der Berufungsver-
handlung S. 5 und S. 7). Die Privatklägerin sagte aus, sie habe das anale
Eindringen gespürt, jedoch nicht gesehen, da sie stets konzentriert nach
vorne auf den Fernseher geschaut habe. Sie habe es bemerkt, als der
Beschuldigte ihren "Schmerzpunkt" getroffen habe. Der Beschuldigte habe
sie zunächst anal penetriert und sich dann selbst befriedigt. Da sie keine
eigene Playstation gehabt habe und immer damit habe spielen wollen, sei
sie nach diesem ersten Übergriff weiterhin zum Beschuldigten ins Zimmer
gegangen. Der Vorfall habe sich sodann "locker" über Wochen bis Monate
hinweg stets in derselben Weise wiederholt. Genauere Angaben oder
Schätzungen dazu, wie oft dies in etwa vorgefallen sei, konnte die
Privatklägerin nicht machen (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung
S. 5 ff.).
8.
8.1.
8.1.1.
Der Beschuldigte wurde erstmals am 15. August 2018 zu den Vorwürfen
einvernommen. Anlässlich der Befragung gab der Beschuldigte an, er habe
ein gutes Verhältnis zu seiner Familie. Auch die Beziehung zur
Privatklägerin sei bislang immer gut gewesen, sie hätten nie Probleme
gehabt. Er habe erstmals von seiner Mutter von den Vorwürfen der
Privatklägerin gehört. Sie habe ihm gesagt, dass seine Halbschwester
ausgezogen sei wegen Vorwürfen, dass er sie in dieser Nacht (Vorfall vom
18./19. April 2018; vgl. Ziff. 7.1.2) angefasst habe. Gemäss seiner Mutter
habe die Privatklägerin erzählt, er habe sie zuerst vor 15 Jahren
misshandelt, dann vor 10 Jahren, dann wieder nicht. Es seien ständig
andere Geschichten gewesen. Er habe mit der Mutter Tränen vergossen,
dann sei das Thema für ihn eigentlich abgeschlossen gewesen. Sie hätten
das Ganze nicht verstehen können, aber jetzt sei es halt so (vgl. UA
act. 39).
8.1.2.
Zum Vorfall in 2009 bzw. 2010 befragt, sagte der Beschuldigte aus, er habe
damals das Zimmer neben der Privatklägerin gehabt. Er habe seine kleinen
Schwestern nie in sein Zimmer gelassen. Er habe es immer gehasst, wenn
sie nach der Schule in seinem Zimmer gesessen seien, weil er seine
Konsole dort gehabt habe. Die Privatklägerin habe nicht in seinem Zimmer
Playstation spielen dürfen und habe dann recht schnell ihre eigene gehabt.
Sie habe ihn diesbezüglich recht mit Fragen genervt, aber sie habe nie
- 16 -
spielen dürfen. Da sei dann meistens recht schnell die Mutter gekommen,
weil er sie gerufen habe. Er habe zu dieser Zeit noch nicht so ein grosses
Verhältnis zu der Privatklägerin gehabt, er sei auch selten da gewesen, sei
in der Schule gewesen. Er habe viel "Scheissdreck" gebaut und sei
eigentlich nie richtig zuhause, sondern immer unterwegs gewesen. Auf die
Aussage der Privatklägerin angesprochen, dass er hinter ihr gesessen sei
und an seinem Geschlechtsteil manipuliert habe, lachte der Beschuldigte
gemäss Protokoll und bestritt dies. Ebenfalls bestritt er die Aussagen, er
habe der Privatklägerin an den Po gefasst und dass sie Schmerzen
verspürt und dann bemerkt habe, wie er mit seinem Genital in ihren
Analbereich eingedrungen sei (vgl. UA act. 42). Er könne nicht sagen,
weshalb die Privatklägerin diese Anschuldigungen widerrechtlich erheben
sollte. Die Anschuldigungen kämen aus dem Nichts. Auch seine Mutter
verstehe es nicht. Sie sei mehrmals mit der Privatklägerin zusammen-
gesessen. Er habe auch mehrmals versucht, mit ihr zu sprechen. Als immer
wieder andere Geschichten gekommen seien, sei es für ihn aber einfach
vorbei gewesen. Er habe keine Schwester mehr. Er sei wegen dem Ganzen
psychisch am "Arsch". Er habe geweint, einige Tage habe es ihn auch
gewürgt, er habe fast kotzen müssen. Er habe genug Kacke gebaut, aber
sowas, da habe er nicht einmal dran gedacht (vgl. UA act. 43).
8.1.3.
Zum Vorfall vom April 2018 äusserte sich der Beschuldigte wie folgt: Er sei
am 19. April 2018 von der Fasnacht nachhause gekommen. Er habe keine
Zigaretten mehr gehabt und habe hoch zu seiner Mutter gewollt. Dann habe
er gesehen, dass im Zimmer der Privatklägerin noch Licht brenne. Er sei
etwas betrunken gewesen und habe sie fragen wollen, wie es ihr gehe. Er
umarme manchmal gerne Leute, wenn er betrunken sei. Sie habe dann
gesagt, es gehe ihr gut. Als sie im Bett gelegen sei, habe er sie halt umarmt,
aber natürlich ohne sexuelle Gedanken. Er müsse auch noch sagen, dass
er mit Boxershorts dort gewesen sei, so wie man halt zuhause rumlaufe.
Dann sei er wieder raus und zu seiner Mutter ins Schlafzimmer gegangen,
sie sei auch noch wach gewesen. Er habe von ihr Zigaretten genommen
und sei dann runter ins Bett (vgl. UA act. 39 f.). Entgegen der Aussage der
Privatklägerin habe er nicht nach einem Playstation-Kabel gefragt, obwohl
das sonst schon vorgekommen sei. Er habe nie gesagt, dass er etwas
Anderes von ihr wolle und habe sich auch nicht auf ihr Bett gelegt. Auf den
Hinweis, die Privatklägerin habe berichtet, er habe seinen Kopf auf ihr Bein
gelegt, entgegnete der Beschuldigte: "Was? Ach du Scheisse, jetzt
kommen wieder neue Geschichten. Nein". Die Aussage der Privatklägerin,
er habe mit den Händen unter der Decke ihre Beine angefasst, verneinte
er dreimal. Er sei neben ihr gesessen, sei aufgestanden und habe sie
umarmt. Sie habe dann "Nei, C." gesagt. So habe er gewusst, dass sie
schlafen wolle und sei gegangen. Das sei so eine Abschiedsumarmung
gewesen. Er sei immer so, wenn er betrunken sei. Er wisse nichts davon,
- 17 -
dass er der Privatklägerin gesagt habe, sie hätten eine Abmachung
(vgl. UA act. 40 f.).
8.2.
8.2.1.
Anlässlich seiner Befragung an der Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021
hielt der Beschuldigte an seinen Aussagen der Ersteinvernahme fest. Er
sagte aus, es habe im Zeitraum 2009 oder 2010 keine Ereignisse gegeben,
welche die Privatklägerin so hätte interpretieren können. Es habe auch
keine Zusammentreffen zwischen ihm und der Privatklägerin in seinem
Zimmer gegeben, in welchen sie auf seinem Bett "gegamed" habe und er
auch dabei gewesen sei. Die Mutter habe gewusst, dass sie nichts in
seinem Zimmer verloren hätten, wenn er nicht da gewesen sei. Wenn er
nachhause gekommen sei, sei niemand in seinem Zimmer gewesen. Er
habe keinen in sein Zimmer gelassen. Er habe "gegamed", aber für sich.
Er sei in seiner Welt gewesen. Es sei nie jemand in sein Zimmer gegangen,
weder die Privatklägerin noch deren jüngere Schwester. Nicht einmal seine
Vollschwester (Zeugin I.) (vgl. GA act. 60 f.). Er wisse nicht, wie es zu
diesen Vorwürfen gekommen sei. Er könne sich auch nicht vorstellen, dass
es eine Retourkutsche für irgendwas in seinem Leben oder jenem der
Privatklägerin sei. Er habe seit der Beschuldigung keinen Kontakt mehr zu
ihr. Er habe zuerst wissen wollen, was das soll und warum sie das mache.
Aber er habe dann nichts mehr von ihr gehört. Am Schluss habe er auch
keinen Kontakt mehr gewollt, weil es ihm zu blöd geworden sei (vgl. GA
act. 62).
8.2.2.
Im Weiteren sagte der Beschuldigte aus, dass am Abend des 18. bzw.
19. April 2018 Chilbi in U. gewesen sei. Er habe dann getrunken. Seine
Mutter und seine Schwestern, darunter die Privatklägerin, seien auch dort
gewesen und hätten gefeiert. Sie seien dann eine Stunde oder zwei früher
nachhause gegangen, er sei noch geblieben. Sie hätten getrunken, Spass
gehabt und gefeiert. Er sei dann auch langsam nachhause. Dann habe er
keine Zigaretten mehr gehabt und sei nach oben, wo er gesehen habe,
dass im Zimmer der Privatklägerin noch Licht gebrannt habe. Er sei rein
und habe gefragt, wie es ihr gehe. Er habe halt Boxershorts angehabt und
sei oben ohne gewesen, so wie man normal zuhause rumlaufe. Sie habe
gesagt, dass er rausgehen soll, er habe aber mit ihr weiterreden wollen. Sie
habe dann nochmals gesagt, dass er gehen soll. Er habe sie dann
umarmen wollen. Sie habe dann gesagt "jetzt nicht" und er sei dann raus.
Er sei zur Mutter, welche noch wach gewesen sei. Er habe von ihr
Zigaretten bekommen. Er sei ein recht naher Mensch in der Familie. Er sei
recht offen. Wenn er betrunken sei, dann umarme er (vgl. GA act. 62).
- 18 -
8.3.
An der Berufungsverhandlung vom 12. April 2022 hielt der Beschuldigte an
seinen Aussagen vor der Polizei und der Vorinstanz fest und wies die
Vorwürfe der Privatklägerin vollumfänglich von sich (vgl. Protokoll der
Berufungsverhandlung S. 12 ff.). Dabei sagte er aus, er habe im
betreffenden Zeitraum zwar eine Playstation besessen, habe jedoch nie
jemanden damit spielen lassen. Die Privatklägerin habe lediglich mit seiner
Playstation gespielt, wenn er nicht zuhause gewesen sei und seine Mutter
sie in sein Zimmer gelassen habe. Er habe sie jeweils sofort aus dem
Zimmer geschmissen, wenn er nachhause gekommen sei und sie gesehen
habe (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung S. 14). Er habe die
Privatklägerin weder anal penetriert, noch habe er vor ihr onaniert oder sie
– abgesehen von normalen Umarmungen – je angefasst. Es habe keine
Grenzüberschreitungen seinerseits gegeben, welche fehlinterpretiert
hätten werden können. Er habe sich auch nie sexuell von ihr angezogen
gefühlt (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung S. 15). Zum Vorfall in
2018 sagte der Beschuldigte in Übereinstimmung mit seinen Aussagen vor
der Polizei und der Vorinstanz aus, er sei damals nach dem Fest zwar ins
Zimmer der Privatklägerin gegangen und habe mit ihr reden und sie
umarmen wollen, habe das Zimmer dann jedoch auf ihre Bitte wieder
verlassen und sei zu seiner Mutter gegangen, um Zigaretten zu holen.
Ausserdem gab der Beschuldigte an, nach 5 Jahren immer noch nicht zu
wissen, weshalb die Privatklägerin diese Dinge erzähle. Er habe keine
Ahnung, ob es einen Zusammenhang mit ihrem Wunsch, zum leiblichen
Vater zu ziehen, gebe. Er wisse es nicht (vgl. Protokoll der Berufungs-
verhandlung S. 15 f.).
9.
9.1.
An der Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 wurden neben dem
Beschuldigten und der Privatklägerin drei Zeugen befragt. Dabei handelte
es sich um I., die Schwester des Beschuldigten bzw. Halbschwester der
Privatklägerin, H., die Mutter des Beschuldigten und der Privatklägerin,
sowie J., den (damaligen Ex-)Freund der Privatklägerin.
9.2.
Die Zeugin I. sagte aus, sie habe vor dem "Vorfall" im Jahr 2018 eine gute
Beziehung zur Privatklägerin gehabt. Dann sei sie von heute auf morgen
zum Vater gegangen und habe ihren Bruder (Beschuldigter) beschuldigt,
ihr etwas gemacht zu haben. Sie habe sich damals mit ihr getroffen, um
ihre Version zu hören. Da habe sie ihr erzählt, dass er sie am 18./19. April
2018 belästigt habe. Von weiter zurückliegenden Vorfällen habe sie nichts
gewusst, sie habe damals nur vom April 2018 erzählt. Sie glaube nicht,
dass tatsächlich ein Übergriff des Beschuldigten stattgefunden habe. Sie
schätze ihren Bruder nicht so ein, dass er so etwas machen würde. Dass
die Privatklägerin in sein Zimmer gegangen sei, könne möglich sein, dass
- 19 -
er sich neben ihr befriedigt habe, nicht. Das sei auch ein Thema, welches
er mit ihnen nie gross besprochen habe. Sie seien eine sehr offene Familie.
Wenn die Privatklägerin über das irgendwelche Fragen gehabt habe, sei
sie immer zu ihnen gekommen. Wenn etwas gewesen wäre, hätten sie das
alle mitbekommen. Sie wisse nicht, wann die Privatklägerin aufgeklärt
worden sei. Sie schätze das Ganze so ein, dass die Privatklägerin im
Prinzip hätte wissen können, was da passiert sei, auch wenn der
Beschuldigte sich neben ihr befriedigt hätte. Sie sei auch, egal was sie
gehabt habe, immer zur Familie gekommen. Sie habe Fragen gestellt,
wenn sie etwas habe wissen wollen. Sie sei immer zu ihr oder ihrer Mutter
gekommen und habe nachgefragt (vgl. GA act. 72 ff.).
9.3.
Die Zeugin H., Mutter des Beschuldigten und der Privatklägerin, wurde
anlässlich der Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 ebenfalls befragt. Sie
sagte aus, die Privatklägerin sei ein fröhliches, aufgestelltes und lebhaftes
Kind gewesen. Sie sei auch sehr wehleidig gewesen, sie seien oft beim
Arzt gewesen. Sie habe immer etwas gehabt und sei einfach sehr
empfindlich gewesen. Abgesehen davon sei sie aber ein normales,
fröhliches Kind gewesen. Die Privatklägerin und die anderen Kinder seien
sehr früh aufgeklärt worden. Durch die zehn Jahre Altersunterschied zu den
grossen Geschwistern sei das bei der Privatklägerin und der jüngeren
Schwester früh ein Thema gewesen, sie hätten sehr früh mitbekommen,
was da abgehe (vgl. GA act. 83). Die Zeugin H. sagte ebenfalls aus, dass
die Privatklägerin, hätte sich der Beschuldigte in der Tat vor ihr befriedigt,
wohl schreiend aus dem Zimmer gerannt und heruntergekommen wäre.
Dass der Beschuldigte sie sogar anal vergewaltigt habe, wäre niemals
möglich gewesen. Das sei schon bei einer erwachsenen Frau ohne
Vorbereitung kaum möglich. Die Privatklägerin hätte "Mordio" gerufen und
alle hätten das mitbekommen. Für sie sei das unvorstellbar. Sie traue der
Privatklägerin zu, dass sie gemerkt hätte, dass etwas passiere, was nicht
passieren soll. Sie habe ja bereits einmal bewiesen, dass sie das könne.
Sie sei bereits einmal angefasst worden und sei dann gleich nachhause
gerannt. Es habe sich dabei um den Sohn der Lebenspartnerin des Vaters,
AA., gehandelt. Das sei in 2008/2009 gewesen (vgl. GA act. 84 f.). Vom
Auszug der Privatklägerin im April 2018 habe sie nichts mitbekommen. Sie
habe ein Telefon vom Ex-Mann bekommen, dass die Privatklägerin
vorübergehend nicht nachhause komme. Dann habe er am Telefon
erläutert, wieso. Sie habe dann mit der Privatklägerin am Sonntag darauf
gesprochen, in Anwesenheit ihres Vaters. Sie habe zuerst davon erzählt,
dass der Beschuldigte am Abend zuvor in ihr Zimmer gekommen sei,
nachher habe sie einfach weitere Dinge ausgeführt. Aus ihrer Sicht habe
sie dies sehr "slalommässig" getan. Sie habe gesagt, er habe sie sexuell
missbraucht. Als sie nachgefragt habe, habe die Privatklägerin gemeint,
von hinten. Dann habe die Privatklägerin immer wieder gelacht und gesagt,
- 20 -
"noch ganz viel mehr". Sie (Zeugin H.) sei schockiert gewesen. Ihr sei das
Ganze vorgekommen wie in einem Film (vgl. GA act. 88).
9.4.
Der Zeuge J. (damaliger Ex-Freund der Privatklägerin) sagte anlässlich der
Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 aus, die Privatklägerin habe ihm
einmal von etwas erzählt, das mit dem Beschuldigten passiert sei, als sie
ein kleines Kind gewesen sei. Sie sei vor dem TV gewesen. Sie habe dann
etwas gespürt. Der Beschuldigte sei hinter ihr gewesen. Er glaube, er habe
sie dann vergewaltigt oder angefasst. Er könne es nicht zu 100% sagen,
da er nicht da gewesen sei. Das habe sie ihm so erzählt. Sie habe ihm dies
im Jahre 2016 nach ein paar Monaten gesagt. Sie sei die ganze Zeit so
schlecht gelaunt gewesen. Er habe sie dann einmal gefragt, was los sei
und dann habe sie es ihm erzählt (vgl. GA act. 92 f.). Vom Vorfall mit dem
Beschuldigten in 2018 habe sie ihm gleich nachdem es passiert sei erzählt.
Sie habe damals in U. bei der Mutter gewohnt. Sie habe ihm geschrieben,
dass der Beschuldigte zu ihr ins Zimmer gekommen sei. Er habe irgendein
Ladekabel gewollt. Er habe sie dann angefasst. Sie sei im Bett gelegen und
er sei zu ihr hin und habe sie am Bein angefasst. Sie habe gesagt, er solle
weggehen. Er sei dann rausgegangen (vgl. GA act. 92). Er habe ihr
geglaubt, dass es Übergriffe durch den Beschuldigten gegeben habe, weil
sie ihm dies gleich so geschrieben habe. Es sei aus dem Nichts gekommen.
Sie sei während des Jahres deshalb auch so traumatisiert gewesen und
sei deshalb bei der Mutter ausgezogen (vgl. GA act. 94). Er habe versucht,
mit der Privatklägerin darüber zu reden, als sie schlechte Laune gehabt
habe. Sie habe aber nicht gewollt, da sie traumatisiert gewesen sei.
Manchmal sei sie einfach zusammengebrochen und habe geweint (vgl. GA
act. 95). Er habe sexuellen Kontakt mit der Privatklägerin gehabt, aber sie
habe sich sozusagen vor Männern geekelt. Sie hätten dann darüber
geredet und es sei wieder alles gut gewesen. Eine Zeit lang hätten sie
keinen sexuellen Kontakt gehabt. Er habe gefragt, was denn los sei und sie
habe gemeint, das sei eben "wegen dem". Dann würden auch die
Gedanken zurückkommen (vgl. GA act. 96).
10.
10.1.
10.1.1.
Die Privatklägerin wurde von ihrer Mutter H. und der Halbschwester I. als
wehleidiges Kind bezeichnet, welches oft zum Arzt musste und sich
innerhalb der Familie stets mit Fragen oder Problemen gemeldet habe (vgl.
GA act. 72 f., GA act. 82, GA act. 89). Dennoch ist vorstellbar, dass eine 9
bis 10-Jährige aufgrund der Familienkonstellation und des Kindsalters
einen sexuellen Übergriff durch den Halbbruder verheimlichen würde.
- 21 -
10.1.2.
Zu den Aussagen der Privatklägerin ist festzuhalten, dass sie sich in ihrer
Einvernahme im Jahre 2018 und anlässlich der Hauptverhandlung vom
11. Mai 2021 zunächst kongruent darüber geäussert hat, wie der sexuelle
Übergriff durch den Beschuldigten stattgefunden haben soll. Dabei
schilderte die Privatklägerin die Geschehensabläufe übereinstimmend: Sie
habe im benachbarten Zimmer des Beschuldigten auf dessen Playstation
gespielt, habe dann bemerkt, dass dieser hinter ihr masturbiere und sei
dann von ihm aufgefordert worden, nach vorne zu schauen. In der Folge
habe sie etwas geschmerzt. Darauf habe sie wieder nach hinten geschaut
und gesehen, wie sie vom Beschuldigten anal penetriert worden sei. Auch
ihre Aussagen zu den Geschehnissen vom April 2018 fielen
übereinstimmend aus. Die Privatklägerin äusserte sich detailreich und
berichtete ausführlich über den Übergriff. Der Zeuge J. bestätigte sodann,
dass die Privatklägerin ihm auch von dem Vorfall 2009/2010 berichtet habe
und dass es der Privatklägerin nach dem Ereignis in 2018 nicht gut
gegangen und sie traumatisiert gewesen sei (vgl. Ziff. 9.4).
Es ist jedoch festzustellen, dass die Privatklägerin sich anlässlich der
Berufungsverhandlung vom 12. April 2022 stark abweichend über das
Kerngeschehen äusserte. Wollte die Privatklägerin vormals gesehen
haben, wie der Beschuldigte hinter ihr masturbierte und dann wiederholt
angewiesen worden sein, wieder nach vorne zu schauen, bevor der
Beschuldigte in einem nächsten Schritt die anale Penetration vornahm, so
schilderte sie vor Obergericht einen gänzlich anderen Geschehensablauf.
Sie gab an, der Beschuldigte habe nicht vor, sondern erst nach vollzogener
analer Penetration masturbiert. Zudem habe sie den Übergriff nicht
gesehen, da sie konstant und konzentriert auf den Fernseher geschaut
habe. Das wiederholte nach hinten Schauen erwähnte die Privatklägerin an
der Berufungsverhandlung nicht mehr (vgl. Protokoll der Berufungsver-
handlung S. 6, vgl. Ziff. 7.3). Stark abweichend äusserte sich die
Privatklägerin zudem zu der Frage, wie oft bzw. über welche Zeitspanne
hinweg sich die Übergriffe des Beschuldigten nach dem ersten Mal
wiederholt hätten. So sagte die Privatklägerin vor Obergericht aus, der
Beschuldigte habe sich in gleicher Weise noch "locker über Wochen und
Monate" hinweg an ihr vergangen (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung
S. 6). Diese den Beschuldigten zusätzlich belastende Aussage vor
Obergericht steht im Widerspruch zu sämtlichen früheren Aussagen der
Privatklägerin vor der Polizei und der Vorinstanz, wonach sich der Übergriff
des Beschuldigten innerhalb weniger Tage zwei- oder dreimal wiederholt
habe, was auch der Anklageschrift entsprechend zu entnehmen ist (vgl.
Ziff. 7.1.1).
10.1.3.
Weiter ist festzuhalten, dass gewisse Aussagen der Privatklägerin zu den
Geschehnissen nicht glaubhaft erscheinen. So ist beispielsweise nicht
- 22 -
nachvollziehbar, dass die Privatklägerin, welche sich gemäss eigener
Aussage auf den Knien und nach vorne abgestützt auf dem Bett des
Beschuldigten befand, nicht gemerkt haben will, dass der Privatkläger ihre
Hose und Unterhose ausgezogen habe. Die Privatklägerin sagte dazu
anlässlich ihrer Einvernahme vom 17. Juli 2018 aus, sie habe stattdessen
gedacht, es sei bloss die Decke runtergefallen. Erst, als sie "untenrum" kalt
bekommen habe, habe sie realisiert, dass er ihre Hose und Unterhose
"abgezogen" habe (vgl. UA act. 32). Anlässlich der Hauptverhandlung vom
11. Mai 2021 gab die Privatklägerin im Widerspruch dazu an, sie habe sich
in sog. Flashbacks wieder daran erinnert, wie der Beschuldigte sie
ausgezogen habe, dass sie auf den Knien gesessen sei und er ihr dann die
Hose ausgezogen und ihren Po berührt habe (vgl. GA act. 105). Von
solchen Flashbacks, bei welchen man gemäss ihrer Aussage wie in einem
Traum sehe, was wirklich passiert sei, berichtete die Privatklägerin auch an
der Berufungsverhandlung (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung
S. 11 f.). Kaum vorstellbar und unglaubhaft erscheint weiter die von der
Privatklägerin geschilderte Reaktion auf die dem Beschuldigten vorge-
worfenen Handlungen. Bei einer unvermittelten analen Penetration handelt
es sich um einen Akt, der in der beschriebenen Form nur gewaltsam
möglich wäre. Die im Tatzeitpunkt 9 bis 10-jährige Privatklägerin hätte
durch diesen schweren Übergriff durch den beinahe erwachsenen
Beschuldigten zweifelsohne massive Schmerzen, wenn nicht sogar
Verletzungen, davongetragen, zumal sie angab, schnell und mehrmals von
ihm anal penetriert worden zu sein ("Er ging ein paarmal rein und raus",
vgl. UA act. 32; "Er hat ihn einfach gerade reingemacht...also schnell", vgl.
UA act. 33). Gemäss Privatklägerin habe sie "Aua, das tut weh" gesagt und
nach hinten geschaut. Richtig gewehrt oder weggezogen habe sie sich
jedoch nicht (vgl. UA act. 21, UA act. 31). Nach dem Vorfall sei sie einfach
aus dem Zimmer gelaufen und habe sich nichts dabei gedacht (vgl. UA
act. 22). Weiter gab sie in sämtlichen Befragungen inklusive jener der
Berufungsverhandlung an, sie sei nach diesem ersten Übergriff weiterhin
freiwillig alleine zum Beschuldigten ins Zimmer gegangen, um Playstation
zu spielen. So habe er sie dann auch ein bis zwei weitere Male anal
penetriert, wie dies beim ersten Mal der Fall gewesen sei. Dies sei vielleicht
mit Abstand von einem Tag zum ersten Übergriff passiert (vgl. UA act. 22).
Gemäss ihrer Aussage an der Berufungsverhandlung habe sich der
Übergriff sogar über mehrere Wochen und Monate hinweg wiederholt,
wobei der Beschuldigte, soweit sie sich erinnere, sie jedes Mal anal
penetriert habe, als sie bei ihm Playstation spielen gegangen sei (vgl.
Protokoll der Berufungsverhandlung S. 6 f. und S. 11). Die Privatklägerin
gab indes nicht an, dass der Beschuldigte in irgendeiner Form physischen
oder psychischen Zwang auf sie ausgeübt hätte, um sie zu weiteren, für sie
zweifelsohne sehr schmerzhaften und unangenehmen sexuellen
Handlungen zu zwingen. Vielmehr räumte sie ein, der Beschuldigte habe
aufgehört, als sie ihm gesagt habe, es tue weh (vgl. UA act. 32). Ausserdem
habe er ihr keine Strafe angedroht und sie hätte wohl auch Nein sagen
- 23 -
können. Sie sei jedoch vom Playstation spielen besessen gewesen und
habe halt immer spielen wollen, weil sie damals keine andere Möglichkeit
gehabt habe (vgl. GA act. 107, vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung
S. 11). Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein 9- bis 10-jähriges Kind,
welches von der Mutter ohnehin als äusserst wehleidig bezeichnet worden
war (vgl. Ziff. 9.3), sich mehrmals und dabei stets freiwillig einem solchen
Übergriff unterziehen würde. Vor diesem Hintergrund ist mit der Minderheit
der Vorinstanz festzustellen, dass der Übergriff in der beschriebenen Form
nicht stattgefunden haben kann (vgl. Urteil E. III.3.4.2).
10.2.
Der Beschuldigte bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe von Anfang an
(vgl. UA act. 42 ff., GA act. 60 ff., vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung
S. 15). Er führte detailliert aus, wie seine persönliche Situation im
Tatzeitpunkt von 2009 bzw. 2010 ausgesehen habe, dass er damals
Probleme in der Schule gehabt habe, kaum zuhause gewesen sei und es
auch nicht gemocht habe, dass seine Schwestern sich in seinem Zimmer
aufgehalten hätten. Die Mutter habe die Privatklägerin in sein Zimmer
gelassen, um mit der Playstation zu spielen, wenn er nicht zuhause
gewesen sei. Er habe sie jeweils sofort aus dem Zimmer geschmissen, als
er nachhause gekommen sei, da er selbst nie jemanden mit seiner
Playstation habe spielen lassen (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung
S. 15). Der Beschuldigte sprach auch seine Beziehung zur Privatklägerin
an, welche er als zu dieser Zeit nicht allzu eng beschrieb. Ebenfalls
äusserte er sich zu den teilweise schwierigen familiären Verhältnissen,
insbesondere mit dem Vater der Privatklägerin, und wie sich die Vorwürfe
der Privatklägerin später auf seine persönliche Situation und die Familie als
Ganzes ausgewirkt hätten. Dabei beschrieb er eingehend, dass er ob der
Möglichkeit, als Pädophiler dazustehen, Angst bekommen habe und es ihm
auch körperlich schlecht gegangen sei. Der Beschuldigte verzichtete auf
naheliegende Anschwärzungen gegenüber der Privatklägerin und
unterliess es, konkrete Gründe für die aus seiner Sicht falsche
Anschuldigung zu nennen. Den Gedanken, der mit ihm zerstrittene Vater
der Privatklägerin könnte hinter dem Vorwurf stecken, verwarf er selbst
wieder. Demgegenüber gab er wiederholt an, nicht zu verstehen, wie diese
Vorwürfe der Privatklägerin zustande gekommen seien und er könne sich
auch nicht vorstellen, dass es eine Retourkutsche für irgendetwas sei (vgl.
Ziff. 8.1.2, Ziff. 8.2.1). An der Berufungsverhandlung sagte er aus, er habe
nach 5 Jahren immer noch keine Ahnung, warum die Privatklägerin diese
Dinge erzähle und ob es einen Zusammenhang mit dem Vater der
Privatklägerin gebe (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung S. 15). Der
Beschuldigte beschränkte sich zudem nicht bloss darauf, sämtliche
Vorwürfe abzustreiten, sondern beleuchtete auch sein eigenes Verhalten.
So gab er beispielsweise zu, dass er am 19. April 2018 lediglich in
Boxershorts bekleidet und betrunken ins Zimmer der Privatklägerin
gegangen sei und sie wiederholt zu umarmen versucht habe, obwohl diese
- 24 -
wiederholt "Nein" gesagt habe. Sich selbst bezeichnete er als "Naher",
insbesondere, wenn er betrunken sei (vgl. Ziff. 8.2.2, vgl. Protokoll der
Berufungsverhandlung S. 15 f.). Zusammengefasst erscheinen die
Aussagen des Beschuldigten weder widersprüchlich noch in sonstiger
Weise unglaubhaft.
10.3.
Zusammenfassend hat sich die Privatklägerin nur teilweise überein-
stimmend über die mutmasslichen Vorfälle in 2009 bzw. 2010 und 2018
geäussert. Insbesondere unterscheiden sich ihre Aussagen zur Dauer und
Häufigkeit der Übergriffe während des angeklagten Zeitraums. Im Hinblick
auf die Tatumstände erscheinen gewisse ihrer Aussagen zu den
Geschehnissen zudem nicht glaubhaft bzw. nicht nachvollziehbar. Die
Aussagen des Beschuldigten erweisen sich demgegenüber als glaubhaft
und widerspruchslos.
10.4.
Auf Grundlage des obigen Beweisergebnisses ist der Sachverhalt nicht
rechtsgenüglich erstellt. Der Beschuldigte ist deshalb in dubio pro reo vom
Vorwurf der Schändung gemäss Art. 191 StGB freizusprechen. Mit dem
Freispruch ist der Antrag des Beschuldigten auf Erstellung eines
gerichtsmedizinischen Gutachtens abzuweisen.
11.
Mit dem Freispruch vom Vorwurf der Schändung gemäss Art. 191 StGB
fehlt es an einer Rechtsgrundlage für die zivilrechtliche Haftung des
Beschuldigten. Die adhäsionsweise geltend gemachte Zivilforderung der
Privatklägerin ist somit entsprechend dem Antrag des Beschuldigten
abzuweisen (Art. 3 Abs. 1 JStPO i.V.m. Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO).
12.
Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird
das Verfahren gegen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf Genugtuung
für besonders schwere Verletzungen ihrer persönlichen Verhältnisse (Art. 3
Abs. 1 JStPO i.V.m. Art. 436 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO).
Hauptbeispiel einer solchen Verletzung ist der im Gesetz ausdrücklich
genannte Freiheitsentzug. In anderen Fällen hat die beschuldigte Person
die Verletzung zumindest glaubhaft zu machen, wobei die mit jedem
Strafverfahren in grösserem oder kleinerem Ausmass zusammen-
hängende psychische Belastung, Blossstellung oder Demütigung im
Regelfall noch nicht ausreicht (vgl. Urteil des Bundesstrafgerichts
BB.2013.12 vom 3. Dezember 2013 E. 5.3.4). Der Beschuldigte führt im
Rahmen seiner Berufung nicht aus, inwiefern er eine besonders schwere
Verletzung der persönlichen Verhältnisse erlitten haben soll. Sein Antrag
auf Ausrichtung einer Genugtuung ist entsprechend als unbegründet
abzuweisen.
- 25 -
13.
13.1.
Die Kosten des obergerichtlichen Verfahrens tragen die Parteien nach
Massgabe ihres Obsiegens bzw. Unterliegens (Art. 44 Abs. 2 JStPO i.V.m.
Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Berufung des Beschuldigten ist vollumfänglich
gutzuheissen. Entsprechend sind die Kosten des Berufungsverfahrens
vollumfänglich auf die Staatskasse zu nehmen.
13.2.
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, Markus Trottmann,
Rechtsanwalt [...], ist aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 25 Abs. 1
lit. c und Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und
3bis AnwT). Er reichte anlässlich der Berufungsverhandlung eine
Kostennote ein und machte dabei einen Aufwand von 15 Stunden und 15
Minuten à Fr. 200.00 (ohne Berufungsverhandlung), Auslagen von
Fr. 170.40 und die gesetzliche Mehrwertsteuer von Fr. 247.95, somit
gesamthaft Fr. 3'468.35 geltend. Dieser Aufwand erscheint der Komplexität
der vorliegenden Strafsache nach als angemessen und ist zu genehmigen.
Unter Berücksichtigung der in der Kostennote nicht eingerechneten Dauer
der Berufungsverhandlung von 1 Stunde und 30 Minuten à Fr. 200.00 (vgl.
Protokoll der Berufungsverhandlung) ist der amtliche Verteidiger
entsprechend im Umfang von Fr. 3'791.45 (inkl. MwSt.) aus der Staats-
kasse zu entschädigen.
13.3.
Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin, Michèle Dürrenberger,
Rechtsanwältin [...], ist für das Berufungsverfahren ebenfalls aus der
Staatskasse zu entschädigen (Art. 3 Abs. 1 JStPO i.V.m. Art. 138 Abs. 1
StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT). Sie reichte anlässlich der
Berufungsverhandlung eine Kostennote ein und machte dabei einen
Aufwand von 11 Stunden und 15 Minuten à Fr. 200.00, Auslagen von
Fr. 89.00 und die gesetzliche Mehrwertsteuer von Fr. 180.10, somit
gesamthaft Fr. 2'519.10 geltend. Dieser Aufwand erscheint der Komplexität
der vorliegenden Strafsache nach ebenfalls als angemessen und ist zu
genehmigen. Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin ist
entsprechend im Umfang von Fr. 2'519.10 aus der Staatskasse zu
entschädigen.
Eine Rückforderung der Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung durch
das Opfer bei verbesserten wirtschaftlichen Verhältnissen ist gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung zulässig, wenn es bereits erstin-
stanzlich zu einem Freispruch kam, dieser auch im Berufungsverfahren
bestätigt wurde und schliesslich in Rechtskraft erwuchs (vgl. BGE 143
IV 154 E. 2.3.5). Der Beschuldigte wurde von der Vorinstanz schuldig
gesprochen. Seine Berufung wird vorliegend gutgeheissen, wodurch es
- 26 -
erst im Berufungsverfahren zu einem Freispruch kommt. Auf eine
Rückforderung der Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung seitens der
Privatklägerin ist unter diesen Umständen zu verzichten.
14.
14.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz einen neuen Entscheid, so befindet sie auch
über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 44 Abs. 2
JStPO i.V.m. Art. 428 Abs. 3 StPO).
Der Beschuldigte wird vorliegend vom Vorwurf der Schändung gemäss Art.
191 StGB freigesprochen und der vorinstanzliche Schuldspruch ist
aufzuheben. Die vorinstanzlichen Verfahrenskosten von Fr. 620.00,
bestehend aus der Gebühr gemäss § 17 Abs. 3 VKD von Fr. 500.00 sowie
Spesen von Fr. 120.00, sind auf die Staatskasse zu nehmen.
14.2.
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten hat im vorinstanzlichen
Verfahren einen Aufwand von Fr. 6'365.85 geltend gemacht. Die Höhe der
Entschädigung ist im Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb
darauf nicht zurückgekommen werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2.4). Er ist somit in diesem Umfang
aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 25 Abs. 1 lit. c und Abs. 2 JStPO
i.V.m. Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT).
14.3.
Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin hat im vorinstanzlichen
Verfahren einen Aufwand von Fr. 3'552.55 geltend gemacht. Die Höhe der
Entschädigung ist im Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb
darauf ebenfalls nicht zurückgekommen werden kann (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2.4). Sie ist somit
in diesem Umfang aus der Staatskasse zu entschädigen.
15.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 3 Abs. 1
JStPO i.V.m. Art. 408 StPO und Art. 81 StPO).