Decision ID: 40595769-7bbd-5a8a-8a30-833431e039a4
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der eritreische Beschwerdeführer mit letztem Wohnort in B._ ist ge-
mäss eigenen Angaben im (...) 2015 illegal aus seinem Heimatland aus-
gereist. Anschliessend sei er zwei Wochen im «(...) Refugee Camp» im
Norden Äthiopiens in einer Abteilung für Minderjährige verblieben, bevor er
ins «Mai Aini Refugee Camp» (Tigray Region) gekommen sei. Nach sieben
Monaten in Äthiopien sei er über den Sudan und Libyen nach Europa wei-
tergereist. Am 5. August 2016 – damals noch minderjährig – sei er in die
Schweiz eingereist. Er reichte tags darauf bei den hiesigen Behörden ein
Asylgesuch ein.
B.
Das SEM wies den Beschwerdeführer am 23. August 2016 – nach vorhe-
riger Meldung einer unbegleiteten minderjährigen asylsuchenden Person –
dem Kanton (...) zu.
Der Beschwerdeführer hatte im vorinstanzlichen Verfahren eine Rechtsver-
tretung; deren Mandat endete, als der Beschwerdeführer die Volljährigkeit
erlangte (A16 und A17).
C.
Die summarische Befragung zur Person (BzP) fand am 16. August 2016
statt. Am 27. November 2017 wurde der mittlerweile volljährig gewordene
Beschwerdeführer ausführlich zu seinen Asylgründen angehört. Er brachte
im Wesentlichen vor, er sei mit (...) Jahren – im Jahr 2008 – in die Schule
gekommen. Im Jahr 2015 habe er die 7. Klasse abgeschlossen (A8 S. 4;
A21 F17). Seit er 14 Jahre alt gewesen sei, habe er ausserdem bei einem
Onkel als (...) gearbeitet (A8 S. 4; A21 F35 ff.). Seine Mutter sei weiterhin
mit einem Teil seiner Geschwister und weiteren Familienmitgliedern in
B._ wohnhaft, während der Vater Soldat sei und nur alle drei Jahre
nach Hause komme (A8 S. 5 und 8; A21 F10 ff.). Die Mutter habe die Fa-
milie vom Ertrag eines Handels, den sie selbständig betrieben habe, er-
nährt, was ihr indes ungefähr im Jahr 2013 verboten worden sei (A8 S. 5
und 8). Der Beschwerdeführer habe versucht, mit seinem Einkommen als
(...) seine Mutter zu unterstützen, doch sei das Geschäft im Jahr 2015 ge-
schlossen worden und er habe dadurch seine Arbeit verloren (A8 S. 8; A21
F40).
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Der älteste Bruder namens C._ (A8 S. 5) sei zunächst im Militär-
dienst gewesen und vor der Ausreise des Beschwerdeführers aufgrund ei-
ner versuchten illegalen Ausreise inhaftiert worden (A8 S. 8; A21 F15 f., 40,
46 ff. und 91 ff.). Auch der Beschwerdeführer habe befürchtet, bald in den
Nationaldienst eingezogen zu werden (A8 S. 8; A21 F53 ff.), zumal sein
schon verhafteter Bruder nach seinen Geschwistern gefragt worden sei
(A21 F45). Diese Lebensumstände hätten ihn schliesslich dazu bewogen,
Eritrea zu verlassen. Nach seiner Ausreise sei der zweitälteste Bruder
D._ (A8 S. 5) in Haft gekommen, weil auch er versucht habe, Eritrea
illegal zu verlassen (A21 F15 f., 40, 46 ff. und 91 ff.). Ferner habe der Be-
schwerdeführer nach seiner Ausreise erfahren, dass Soldaten seine Mutter
aufgesucht hätten, weil sie nach ihm gesucht hätten (A21 F42 und 56 f.).
D.
Mit Verfügung vom 26. Oktober 2018 – am 2. November 2018 eröffnet –
hielt das Staatssekretariat fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flücht-
lingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete seine Weg-
weisung sowie deren Vollzug an.
Es begründete diesen Entscheid im Wesentlichen dahingehend, dass der
Beschwerdeführer vor seiner Ausreise nicht offiziell zum Militärdienst auf-
geboten worden sei. Da kein behördlicher Kontakt bestanden habe, aus
dem erkennbar sei, dass er hätte rekrutiert werden sollen, bestehe auch
kein konkreter Anlass zur Annahme, dass er mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG (SR 142.31) zu befürchten habe. Die blosse Furcht, in den Militär-
dienst aufgeboten zu werden, genüge den Anforderungen von Art. 3 AsylG
nicht.
Gemäss dem Referenzurteil des BVGer E-7898/2015 (recte: D-7898/2015)
vom 30. Januar 2017, so das SEM weiter, sei nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass eritreische Staatsangehörige
nur aufgrund der illegalen Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates
konfrontiert seien, die bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motiva-
tion des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 AsylG darstellen wür-
den. Da der Beschwerdeführer bis zu seiner Ausreise keine persönlichen
Probleme mit den Behörden gehabt habe, seien keine Anknüpfungspunkte,
welche ihn in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person
erscheinen lassen könnten, ersichtlich.
E-6856/2018
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Hinsichtlich des Vorbringens, der Beschwerdeführer habe Eritrea als Min-
derjähriger verlassen, weil das Unternehmen, in welchem er als (...) gear-
beitet habe, von den Behörden geschlossen worden sei, hielt das SEM
fest, dies seien zwar bedauerliche Umstände; jedoch diene die Gewährung
von Asyl nicht dem Ausgleich wirtschaftlicher Schwierigkeiten, sondern
dem Schutz vor andauernder beziehungsweise drohender Verfolgung. Der
Verlust von Arbeit und ungewisse oder fehlende wirtschaftliche Perspekti-
ven seien Nachteile, welche auf die allgemeinen politischen, ökonomi-
schen oder sozialen Lebensbedingungen in einem Staat zurückzuführen
seien, und würden daher keine asylbeachtliche Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG darstellen.
Schliesslich hielt das SEM fest, der Vollzug der Wegweisung sei zulässig,
zumutbar und möglich.
E.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer durch seinen
Rechtsvertreter mit Eingabe vom 3. Dezember 2018 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei er wegen
Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig
aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei ihm die unentgeltliche
Prozessführung zu gewähren. Auf die Begründung dieses Rechtsmittels
wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen.
Der Eingabe lag eine Fürsorgebestätigung (...) vom 3. Dezember 2018 bei.
F.
Am 6. Dezember 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde und hielt fest, dass der Beschwerdeführer den Aus-
gang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könne.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 12. Dezember 2018 wurde das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG)
gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet.
H.
Im Rahmen seiner Vernehmlassung vom 21. Dezember 2018 hielt das
SEM fest, dass die Beschwerde keine neuen erheblichen Tatsachen oder
E-6856/2018
Seite 5
Beweismittel enthalte, welche eine Änderung seines Standpunktes recht-
fertigen könnten, und hielt an seinen Erwägungen der angefochtenen Ver-
fügung fest.
I.
Am 18. Januar 2018 (recte: 2019) nahm der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter sein Replikrecht wahr.
J.
Mit Eingabe vom 20. Januar 2018 (recte: 2019) wies der Beschwerdeführer
ergänzend auf die aktuellsten Berichte über die Menschenrechtslage in
Eritrea hin.
K.
Am 17. März 2020 ersuchte das Zivilstandsamt (...) die Vorinstanz um Ein-
sichtnahme in das Asyldossier des Beschwerdeführers aufgrund einer
Kindsanerkennung. Mit Schreiben vom 23. März 2020 liess das SEM ihm
die verfügbaren Unterlagen zum Stand des Asylverfahrens des Beschwer-
deführers zukommen.
L.
Mit Eingabe vom 15. Juni 2020 (Poststempel; die Eingabe ist irrtümlich da-
tiert auf den 2. Juni 2020) reichte der Beschwerdeführer Unterlagen betref-
fend seine Brüder D._ und C._ sowie betreffend seine ei-
gene familiäre Situation in der Schweiz ein.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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Seite 6
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Abklärungen des Bundesverwaltungsgerichts haben ergeben, dass es bei
der vom Zivilstandsamt (...) angekündigten Kindsanerkennung vom
17. März 2020 um eine vorgeburtliche Kindsanerkennung geht. Der Be-
schwerdeführer habe dieses (noch ungeborene) Kind jedoch noch nicht
anerkannt.
Mit Eingabe vom 15. Juni 2020 (vgl. oben Bst. L) reichte der Beschwerde-
führer ein Schreiben seiner Freundin (...) vom 25. Mai 2020, eine Kopie
ihres Ausweises als vorläufig aufgenommener Flüchtling sowie eine Bestä-
tigung des Spitals, wonach der Geburtstermin anfangs (...) 2020 sei, zu
den Akten. Aus den Unterlagen geht hervor, dass das Paar nicht zusam-
menlebt und dass die Vaterschaftsanerkennung «in Angriff genommen»
sei.
Vorliegendes Verfahren richtet sich einzig auf die Asylverfügung vom
28. Oktober 2018; ein mögliches Verfahren bezüglich der Familieneinheit
liegt – nur schon mangels eines entsprechenden Gesuchs – nicht vor.
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Seite 7
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermag für sich allein die
Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, sondern nur dann, wenn damit
eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit ande-
ren Worten wenn die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten
Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienst-
verweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen hat, die
ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt (vgl. dazu,
dass die gesetzgeberische Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG die Rechts-
lage nicht verändert hat, BVGE 2015/3 E. 5.9).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.4 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe geltend. Subjektive Nachflucht-
gründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, un-
abhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt
wurden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
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5.
5.1 In seiner Beschwerde konkretisierte der Beschwerdeführer den Sach-
verhalt dahingehend, dass der älteste Bruder C._ in (...) in der Ein-
heit (...) KS (Kifleserawit [Division]) gedient habe, bevor er im Februar
2015 verhaftet worden sei, als er versucht habe, die eritreische Grenze
illegal zu überqueren. Anschliessend sei er drei Jahre in Haft gewesen. Im
Zeitpunkt der Beschwerdeeingabe habe er sich in Addis Abeba aufgehal-
ten. Der zweitälteste Bruder D._ sei im Juni 2015 inhaftiert worden.
Danach sei er in den Militärdienst eingezogen worden. Der Vater diene seit
ungefähr 19 Jahren in der Einheit (...) KS in (...) und könne nur alle drei
Jahre nach Hause kommen. Betreffend die beiden Brüder wurde mit Ein-
gabe vom 15. Juni 2020 ergänzend ausgeführt, der Bruder D._
halte sich mittlerweile in einem Flüchtlingslager in Äthiopien auf; der Bruder
C._ sei demgegenüber aufgrund der Perspektivlosigkeit in Äthio-
pien nach Eritrea zurückgelehrt und befinde sich nun dort in Haft.
In der Beschwerdebegründung hielt der Beschwerdeführer weiter fest,
dass sich die Vorinstanz nicht zum Umstand geäussert habe, dass er von
den eritreischen Behörden vor Erreichen des Dienstalters und der Volljäh-
rigkeit gesucht worden sei; damit legitimiere sie die Zwangsrekrutierung
von Minderjährigen in den eritreischen Nationaldienst. Jedoch sei zu un-
terstreichen, dass sich eine Zwangsrekrutierung von Minderjährigen nicht
legitimieren lasse, weshalb die Argumentation der Vorinstanz diesbezüg-
lich fehlgehe. Weiter habe sie sich auf den Standpunkt gestellt, dass der
Beschwerdeführer nicht offiziell von den Behörden zum Militärdienst auf-
geboten worden sei. Indes sei bekannt und notorisch, dass die Rekrutie-
rung für die eritreische Armee nicht nur auf formellem Weg, sondern auch
beispielsweise durch Razzien stattfinde. Aus den Schilderungen des Be-
schwerdeführers ergebe sich, dass er zuhause gesucht und seine Familie
nach seiner Ausreise stark unter Druck gesetzt worden sei. Folglich sei da-
von auszugehen, dass die gesamte Familie von den eritreischen Behörden
als refraktär betrachtet werde.
Bezüglich der illegalen Ausreise sei gemäss der Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts im Einzelfall zu prüfen, welche individuellen Fak-
toren für oder gegen eine asylrelevante Gefährdung sprechen würden.
Dementsprechend sei für den vorliegenden Fall festzuhalten, dass der Be-
schwerdeführer ein junger – mittlerweile volljähriger – Mann sei, der dienst-
pflichtig sei und Brüder habe, welche vom eritreischen Regime als refraktär
betrachtet würden. Folglich drohe ihm bei einer Rückkehr nach Eritrea der
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sofortige Einzug in den Militärdienst, was im Zusammenhang mit der ille-
galen Ausreise als Anknüpfungspunkt zu betrachten sei.
5.2 In der Vernehmlassung hielt das SEM fest, dass sich der Beschwerde-
führer hinsichtlich des Besuchs von Soldaten bei der Mutter in der Anhö-
rung nur sehr vage und gleichzeitig widersprüchlich geäussert habe: So
hätten diese die Mutter einerseits nur gefragt, wo der andere Sohn sei (A21
F42), anderseits habe er eingeräumt, über diesen Behördenakt keine ge-
naueren Informationen gehabt zu haben (A21 F45). Folglich seien diese
Angaben als unsubstantiiert zu betrachten; von einem Versuch der
Zwangsrekrutierung könne dementsprechend nicht ausgegangen werden.
Schliesslich könne auch aus der Inhaftierung der Brüder des Beschwerde-
führers nicht auf ernsthafte Nachteile für ihn im Falle einer Rückreise ge-
schlossen werden.
5.3 Diesen Erwägungen hielt der Beschwerdeführer in seiner Replik ent-
gegen, dass weder er noch seine Mutter wüssten, welche Informationen im
Zusammenhang mit dem Besuch der Soldaten wichtig seien. Indes sei klar,
dass diese sein Zuhause aufgesucht und nach ihm gefragt hätten. Folglich
stehe ihm bei seiner Rückkehr eine Zwangsrekrutierung oder eine Verhaf-
tung aus einem anderen Grund bevor. Zudem sei er bereits heute als Re-
fraktär zu betrachten, der sich illegal ins Ausland abgesetzt habe, weshalb
ihm auch deshalb Konsequenzen wie Haft und Folter drohen würde. Sicher
sei ausserdem der unmittelbare Einzug in den Nationaldienst, welcher der
Sklaverei gleichkomme.
Ergänzend zu dieser Replik wurden mit Eingabe vom 20. Januar 2018
(recte: 2019) menschenrechtliche Berichte zur Gefährdung von Personen
zu den Akten gereicht, welche sich im wehrpflichtigen Alter – wie der Be-
schwerdeführer – befinden würden und welche sich dem Militärdienst
durch eine illegale Ausreise aus Eritrea entzogen hätten.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer brachte als Kernelement vor, dass im Zeitpunkt
der Ausreise seine Rekrutierung in den eritreischen Nationaldienst unmit-
telbar bevorgestanden habe; er müsse daher als Dienstverweigerer gelten.
6.1.1 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnis-
mässig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstver-
weigerung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person
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in einem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kon-
takt ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte. In diesen Fällen droht nicht nur eine Haft-
strafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und
Folter, wobei Dienstverweigerer und Deserteure regelmässig der Willkür
ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Militärdienstverweigerung wird von
den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufge-
fasst. Es ist daher davon auszugehen, dass die einem Dienstverweigerer
oder Deserteur drohende Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehr-
pflicht dienen würde, was nach zu bestätigender Praxis ‒ immer unter der
Voraussetzung rechtsstaatlicher und völkerrechtskonformer Rahmenbe-
dingungen ‒ grundsätzlich als legitim zu erachten wäre; vielmehr wäre da-
mit zu rechnen, dass die betroffene Person aufgrund ihrer Verweigerung
als politischer Gegner qualifiziert und als solcher unverhältnismässig
schwer bestraft würde. Mit anderen Worten hätte ein Dienstverweigerer o-
der Deserteur, sollte das staatliche Regime seiner habhaft werden, eine
politisch motivierte Bestrafung und eine Behandlung zu erwarten, die einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleich-
kommt (vgl. dazu beispielsweise das Urteil des BVGer E-115/2018 vom
5. März 2020 m.w.H., insbesondere mit Hinweis auf Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006
Nr. 3).
6.1.2 Seinen Angaben gemäss hatte der Beschwerdeführer vor seiner Aus-
reise nie einen direkten Kontakt mit den eritreischen Behörden (A8 S 8;
A21 F42). Dass nicht auszuschliessen ist, dass in Eritrea auch Minderjäh-
rige, welche die Schule bereits verlassen haben, in den eritreischen Mili-
tärdienst rekrutiert werden, wie in der Beschwerde ausgeführt wird, mag
zutreffen. Vorliegend sind jedoch den Schilderungen des Beschwerdefüh-
rers keine entsprechenden Hinweise zu entnehmen. Mangels eines kon-
kreten Kontakts mit den Behörden vor seiner Ausreise, bei dem der Be-
schwerdeführer hätte rekrutiert werden sollen, kann seine Einschätzung,
er habe als Dienstverweigerer gegolten, nicht gestützt werden.
Zusammenfassend vermag das Vorbringen des Beschwerdeführers, dass
im Zeitpunkt seiner Ausreise unmittelbar seine Rekrutierung bevorgestan-
den sei, nicht zu überzeugen. Es ist nicht davon auszugehen, dass er zu
diesem Zeitpunkt konkrete Kontakte zu den eritreischen Militärbehörden im
Zusammenhang mit einer Rekrutierung in den Nationaldienst im Sinne der
Rechtsprechung hatte. Es ist daher auch nicht davon auszugehen, dass er
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wegen Regimefeindlichkeit (Refraktion) ins Visier der eritreischen Behör-
den geraten ist, weshalb eine diesbezügliche Furcht vor flüchtlingsrechtlich
relevanter Bestrafung zu verneinen ist.
6.2 Der Beschwerdeführer führte aus, man habe ihn nach seiner Ausreise
gesucht. Im Zeitpunkt seiner Ausreise sei sein Bruder C._ bereits
im Gefängnis gewesen (A21 F47 ff.) und nach einem weiteren älteren Bru-
der – vermutungsweise D._ – sei gesucht worden (A21 F40). Erst
nach seiner Ausreise aus Eritrea sei seine Mutter seinetwegen aufgesucht
und gefragt worden, wo ihr anderer Sohn sei (A21 F42). Weil sie seinen
anderen Bruder – damit ist wohl D._ gemeint, der vor jenem Solda-
tenbesuch festgenommen worden sei – bereits mitgenommen hätten,
seien die Soldaten wegen des Beschwerdeführers gekommen (A21 F42
und 51). Diesen Vorfall – den Besuch der Soldaten bei der Mutter – schil-
derte der Beschwerdeführer allerdings nur in vager und unsubstanziierter
Weise; die Vorinstanz weist in ihrer Vernehmlassung zutreffend auf Unge-
reimtheiten hin. Im Wesentlichen brachte der Beschwerdeführer einzig dif-
fuse Vermutungen vor, was die Soldaten bei jenem Besuch gewollt hätten,
und gab zu Protokoll, er wisse hierzu nichts Genaues (A21 F45, 53f. und
56). Dass es sich hierbei um eine Rekrutierung gehandelt hätte, kann nicht
angenommen werden.
6.3 Der Beschwerdeführer, der als Minderjähriger aus Eritrea ausgereist
und heute im dienstpflichtigen Alter ist, befürchtet, bei einer Rückkehr nach
Eritrea in den Militärdienst eingezogen zu werden. Die blosse Möglichkeit,
in Zukunft eingezogen zu werden, ist indessen flüchtlingsrechtlich schon
deshalb nicht relevant, weil es sich dabei nach Lehre und Praxis nicht um
eine Massnahme handeln würde, die in einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG
erwähnten Motive begründet wäre (vgl. bereits EMARK 2006 Nr. 3 E. 4.7
und 4.10; Urteile des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 [als Refe-
renzurteil publiziert] E. 5.1 und D-246/2018 vom 11. September 2018
E. 6.3).
6.4 Im Zusammenhang mit der vom Beschwerdeführer geltend gemachten
illegalen Ausreise aus Eritrea ist auf das Referenzurteil des BVGers D-
7898/2015 vom 30. Januar 2017 zu verweisen. Das Gericht geht gemäss
dieser Praxis nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass
sich eritreische Staatsangehörige aufgrund einer illegalen Ausreise mit
Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert sehen, welche bezüglich ihrer
Intensität und der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile
im Sinne des Asylgesetzes darstellen (vgl. D-7898/2015, a.a.O. E. 5.1).
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Seite 12
Nach dieser Rechtsprechung ist nur dann von einer begründeten Furcht
vor intensiven und flüchtlingsrechtlich begründeten Nachteilen auszuge-
hen, wenn zur illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukommen, welche
die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als miss-
liebige Person erscheinen lassen (vgl. D-7898/2015, a.a.O., E. 5.1).
Solche zusätzlichen Anknüpfungspunkte im Sinne einer Profilschärfung
sind beim Beschwerdeführer zu verneinen, zumal er sich nicht im Kontakt
mit den Militärbehörden befunden hatte und folglich nicht als Refraktär an-
gesehen werden kann. Ferner genügt der Umstand, dass zwei seiner Ge-
schwister aufgrund des Versuchs der illegalen Ausreise inhaftiert gewesen
seien, nicht, um einen Anknüpfungspunkt im Sinne der Rechtsprechung zu
bilden. Auch ist die vorgebrachte Suche nach dem Beschwerdeführer bei
seiner Mutter, welche nach seiner Ausreise stattgefunden habe (A21 F42),
nicht als entsprechender Faktor zu werten. Schliesslich sind auch in der
Beschwerdeeingabe keine relevanten Anhaltspunkte spezifiziert worden.
6.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass weder ein drohender Mili-
tärdienst noch die geltend gemachte illegale Ausreise flüchtlingsrechtlich
relevant sind. Die angefochtene Verfügung des SEM ist auch bezüglich der
fehlenden Asylrelevanz der ungewissen oder fehlenden wirtschaftlichen
Perspektiven zu bestätigen. Folglich ist es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen, eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 AsylG res-
pektive Art. 54 AsylG darzutun. Die Vorinstanz hat somit zu Recht seine
Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. Ob eine
drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst unter dem Blick-
winkel von Art. 3 und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betrifft die Frage
der Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
(vgl. Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017
E. 5.1 f.; dazu nachstehend E. 8.4 f.).
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
E-6856/2018
Seite 13
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Das SEM begründete seinen Entscheid bezüglich des Wegweisungs-
vollzugs dahingehend, dass Eritrea zwar Defizite im Bereich der Men-
schenrechte aufweise; dies reiche indes nicht aus, um dem Vollzug der
Wegweisung entgegenzustehen. Überdies seien aus den Akten keine kon-
kreten Hinweise dafür zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer bei ei-
ner Rückkehr nach Eritrea mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine Be-
handlung oder Strafe nach Art. 3 EMRK drohe. Letztlich stehe auch eine
drohende Einberufung in den Nationaldienst oder die Inhaftierung seiner
beiden Brüder dem Wegweisungsvollzug nicht entgegen, weshalb dieser
zulässig sei.
Ferner seien weder allgemeine noch individuelle Kriterien erkennbar, wel-
che den Vollzug der Wegweisung unzumutbar erscheinen lassen würden
(vgl. hierzu BVGE 2018 VI/4 E. 6.2 und das Referenzurteil des BVGer D-
2311/2016 vom 17. August 2017 E. 17).
8.3 Dagegen wurde unter Hinweis auf verschiedene menschenrechtliche
Berichte in der Beschwerdeschrift argumentiert, dass das Risiko von Haft
und Folter bei einer Rückkehr des Beschwerdeführers nicht zu vernachläs-
sigen sei. Um einen Diasporastatus zu erhalten, müsste er einen dreijähri-
gen rechtmässigen Aufenthalt im Ausland belegen können und ein Reue-
formular unterschreiben, in welchem er explizit akzeptieren müsste, mit ei-
ner Bestrafung einverstanden zu sein. Überdies drohe ihm, so der Be-
schwerdeführer in seinen Eingaben vom 18. und 20. Januar 2018 (recte:
2019), der unmittelbare Einzug in den Militärdienst, was der Sklaverei res-
pektive systematischen Menschenrechtsverletzungen gleichkomme. Mit
Verweis auf die Rechtsprechung diverser europäischer Länder, welche den
Vollzug der Wegweisung unter diesen Aspekten als unzulässig erachten
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würden, beantragte der Beschwerdeführer, die Praxis der schweizerischen
Behörden zu Eritrea ernsthaft neu zu überprüfen.
8.4 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.4.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.4.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.4.3 Angesichts des Alters des Beschwerdeführers ist es durchaus mög-
lich, dass er bei einer Rückkehr in sein Heimatland in den Nationaldienst
eingezogen würde. Dass eine solche Einziehung flüchtlingsrechtlich nicht
von Relevanz ist, bedeutet noch nicht, dass auch der Vollzug der Wegwei-
sung aus menschenrechtlicher Sicht zulässig ist.
8.4.3.1 Im publizierten Urteil BVGE 2018 VI/4 klärte das Bundesverwal-
tungsgericht diese Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei
drohender Einziehung in den eritreischen Nationaldienst unter den Aspek-
ten des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2 EMRK) und des Verbots von
Folter und unmenschlicher und erniedrigender Behandlung (Art. 3 EMRK).
Es stellte fest, die Bemessung der Dienstdauer und die Gewährung von
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Urlauben im eritreischen Nationaldienst seien für die Einzelperson kaum
vorhersehbar. Die durchschnittliche Dienstdauer lasse sich nicht genau be-
ziffern, auszugehen sei jedoch davon, dass sie zwischen fünf und zehn
Jahre betrage und in Einzelfällen darüber hinausgehen könne. Die Lebens-
bedingungen gestalteten sich sowohl in der Grundausbildung als auch im
militärischen und im zivilen Nationaldienst schwierig; der Nationaldienst-
sold reiche kaum aus, um den Lebensunterhalt zu decken. Darüber hinaus
komme es im eritreischen Nationaldienst – insbesondere in der Grundaus-
bildung und im militärischen Nationaldienst – zu Misshandlungen und se-
xuellen Übergriffen. Die Bedingungen im Nationaldienst seien folglich
grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifi-
zieren. Für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs rei-
che diese Einschätzung jedoch nicht aus. Vielmehr wäre hierfür erforder-
lich, dass durch die Einziehung in den eritreischen Nationaldienst das
ernsthafte Risiko einer schwerwiegenden Verletzung von Art. 4 Abs. 2
EMRK bestünde, mithin der Kerngehalt dieser Bestimmung verletzt würde.
Eine solche Situation liege indessen nicht vor. Nicht erstellt sei zudem,
dass die berichteten Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart sys-
tematisch stattfänden, dass jede Nationaldienstleistende und jeder Natio-
naldienstleistende dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche
Übergriffe zu erleiden (vgl. a.a.O. E. 6.1, insbes. 6.1.5).
8.4.3.2 Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte (EGMR) müsste der Beschwerdeführer mit Blick auf Art. 3 EMRK
eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder glaubhaft machen,
dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behand-
lung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar
2008, Grosse Kammer 37201/06, § 124 ff. m.w.H.). Im Grundsatzurteil
BVGE 2018 VI/4 (E. 6.1.6) wurde diesbezüglich ausgeführt, es existierten
keine hinreichenden Belege dafür, dass Misshandlungen und sexuelle
Übergriffe im Nationaldienst derart flächendeckend stattfinden würden,
dass jede Dienstleistende und jeder Dienstleistende dem ernsthaften Ri-
siko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden. Auch im Falle
des Beschwerdeführers kann daher kein ernsthaftes Risiko einer Verlet-
zung von Art. 3 EMRK im Falle einer Einziehung in den eritreischen Natio-
naldienst bejaht werden.
8.4.4 Aus den Akten ergeben sich keine weiteren Gründe für die Annahme
der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im Falle einer freiwilligen
Rückkehr des Beschwerdeführers. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der
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Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
8.5 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.5.1 Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem
Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungs-
weise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausge-
gangen werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in ei-
nigen Bereichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor
schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation,
der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der
Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Kon-
flikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch
die umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil
der Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage
des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenz-
bedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen.
Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende
individuelle Faktoren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung für die
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D-
2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
8.5.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen und gesun-
den Mann, welcher die Schule zumindest bis zur 7. Klasse besucht hat (A8
S. 4). In seiner Heimat verfügt er über ein Beziehungsnetz (Mutter und Ge-
schwister; A8 S. 5; A21 F10 ff.). Vor seiner Ausreise lebte er mit seiner Fa-
milie und einem Cousin zusammen in B._ (A8 S. 4 f.). Seiner Mutter
wurde zwar ihre Handelstätigkeit untersagt, doch kann der Beschwerde-
führer ungefähr fünf Jahre Erfahrung als (...) aufweisen (A21 F35 f.). Es ist
folglich davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr wieder bei seiner
Familie wohnen kann und die Familie ihn bei seiner sozialen und wirtschaft-
lichen Wiedereingliederung unterstützen wird. Medizinische Probleme, die
den Wegweisungsvollzug unter Umständen als unzumutbar erscheinen
lassen könnten, sind keine ersichtlich.
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8.5.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.6 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ein mit der Beschwerde ge-
stelltes Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde jedoch mit Instruktionsverfügung
vom 12. Dezember 2018 gutgeheissen; an den entsprechenden Voraus-
setzungen haben sich seither keine Veränderungen ergeben. Folglich sind
keine Verfahrenskosten zu erheben.
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