Decision ID: 0d211f66-085e-4890-8ed7-83a7800d53ae
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess gemäss eigenen Angaben sein Herkunfts-
land Afghanistan zusammen mit seinen Eltern und seinen Geschwistern.
In der Türkei sei die Familie getrennt worden. Der Beschwerdeführer
suchte am 29. Mai 2022 zusammen mit seinem volljährigen Bruder,
A._ in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac)
ergab, dass der Beschwerdeführer und A._ am 20. Mai 2022 in Ös-
terreich Asylgesuche gestellt hatten.
C.
Dem Gesuch um Wiederaufnahme von A._ stimmten die österreichi-
schen Behörden am 7. Juni 2022 zu. Am 10. Juni 2022 führte die Vo-
rinstanz mit diesem das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) durch.
D.
Am 20. Juni 2022 führte die Vorinstanz mit dem Beschwerdeführer eine
Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige durch.
E.
Am 23. Juni 2022 ersuchte die Vorinstanz die österreichischen Behörden
um Übernahme des Beschwerdeführers. Im Standardformblatt hielt das
SEM die österreichischen Behörden an, gestützt auf Art. 8 in Verbindung
mit Art. 11 Bst. b und Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO sowie gestützt auf
den Umstand, dass die österreichischen Behörden der Wiederaufnahme
des Bruders bereits stattgegeben hätten, dem Aufnahmegesuch zuzustim-
men. Die österreichischen Behörden erteilten am Folgetag ihre Zustim-
mung gestützt auf Art. 8 Dublin-III-VO.
F.
Mit Verfügung vom 26. August 2022 (eröffnet am 30. August 2022) trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete die Wegweisung
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aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Staat Österreich an. Die glei-
che Anordnung erliess die Vorinstanz am 26. August 2022 gegenüber
A._.
G.
Am 2. September 2022 teilte die dem Beschwerdeführer zugewiesene
Rechtsvertretung der Vorinstanz die Niederlegung des Mandats per 30. Au-
gust 2022 mit.
H.
Mit Eingabe vom 6. September 2022 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Darin beantragte er, die ange-
fochtene Verfügung sei aufzuheben und auf das Asylgesuch sei einzutre-
ten. Eventualiter sei die Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Zudem sei anzuordnen, dass die Vorinstanz
einen Suchauftrag für die verbliebenen Familienmitglieder des Beschwer-
deführers ausführe beziehungsweise in Auftrag gebe. In prozessualer Hin-
sicht beantragte er einen superprovisorisch anzuordnenden Vollzugsstopp,
die Herstellung der aufschiebenden Wirkung, die Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege, insbesondere den Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und die koordinierte Behandlung seines Beschwerde-
verfahrens mit jenem seines Bruders.
I.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 7. September 2022 setzte der
zuständige Instruktionsrichter gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der
Überstellung per sofort einstweilen aus.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsge-
richt zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig
und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungs-
adressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108
Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Vorab ist festzuhalten, dass die A._ betreffende Verfügung der Vo-
rinstanz vom 26. August 2022 unangefochten in Rechtskraft erwachsen ist.
Die beantragte Koordinierung der Beschwerdeverfahren der Brüder kann
in Ermangelung eines zweiten Verfahrens deshalb nicht erfolgen. Der An-
trag erweist sich als gegenstandslos.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Ge-
mäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen
Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dub-
lin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung dieses Staates wird eingeleitet,
sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens
(Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeits-
prüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen
BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.2 Von Wiederaufnahmeverfahren ausgeschlossen sind unbegleitete Min-
derjährige (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014,
Kap. 16 zu Art. 8). Im Falle von unbegleiteten Minderjährigen ohne famili-
äre Anknüpfungspunkte in einem anderen Mitgliedstaat (wie zum Beispiel
Geschwister) ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO der Staat zuständig, in
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welchem der Minderjährige seinen Antrag gestellt hat (und sich tatsächlich
aufhält; vgl. Urteil des EuGH vom 6. Juni 2013 C-648/11 MA et al./Secre-
tary of State for the Home Department Rn. 60; siehe auch Art. 8 Abs. 2
Dublin-III-VO), sofern dies dem Wohl des Minderjährigen dient.
4.3 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 20. Mai 2022 in Österreich ein
Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die dortigen Be-
hörden um Übernahme des Beschwerdeführers. Die österreichischen Be-
hörden stimmten dem Ersuchen am 24. Juni 2022 gestützt auf Art. 8 Dub-
lin-III-VO zu. Die grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs ist damit gege-
ben.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer fordert im Zusammenhang mit dem vorliegend
einschlägigen Art. 8 Dublin-III-VO eine Anwendung von Art. 6 Abs. 4 Dub-
lin-III-VO. Diese Bestimmung sieht vor, dass zum Zweck der Durchführung
des Artikels 8 der Mitgliedstaat, in dem der unbegleitete Minderjährige ei-
nen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, so bald wie möglich ge-
eignete Schritte unternimmt, um die Familienangehörigen, Geschwister
oder Verwandte des unbegleiteten Minderjährigen im Hoheitsgebiet der
Mitgliedstaaten zu ermitteln, wobei er das Wohl des Kindes schützt. Der
Bestimmung kann jedoch grundsätzlich nicht der Sinn entnommen werden,
dass der jeweilige Mitgliedstaat auch dann Schritte zur Familienzusam-
menführung einzuleiten hat, wenn – wie vorliegend – der Minderjährige zu-
sammen mit zumindest einem volljährigen Geschwister eingereist ist und
keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass sich Familienangehörige auf
dem Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten aufhalten. Die Vorinstanz hat dem-
nach zu Recht Art. 6 Abs. 4 Dublin-III-VO nicht angewandt. Auch ein Infor-
mationsaustausch gestützt auf Art. 34 Dublin-III-VO war bei dieser Sach-
lage nicht angezeigt. Der Eventualantrag um Rückweisung der Sache zur
weiteren Sachverhaltsabklärung ist somit abzuweisen. Der Beschwerde-
führer und sein Bruder werden die Möglichkeit haben, von Österreich aus
nach ihren mutmasslich in der Türkei zurückgebliebenen Familienmitglie-
dern zu suchen. Der Suchdienst des Roten Kreuzes steht ihnen dort zur
Verfügung (vgl. < https://www.roteskreuz.at/ich-brauche-hilfe/restoring-fa-
mily-links >, abgerufen am 12.9.2022).
5.2 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, sein Bruder verfüge in
Österreich über keinen rechtmässigen Aufenthalt, weshalb das Feststellen
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einer familiären Zusammenführung unrechtmässig erscheine. Das Wohler-
gehen des Beschwerdeführers scheine zwar sowohl in der Schweiz als
auch in Österreich grundsätzlich gesichert, stünden sich doch die beiden
Länder in den zu überprüfenden Faktoren wohl in nichts nach. Eine Prü-
fung des Asylgesuchs in der Schweiz würde aber unter dem Aspekt der
kürzeren Verfahrensdauer das Wohlergehen des Beschwerdeführers posi-
tiv beeinflussen. Seine Zustimmung zu der Überstellung sei erzwungen
worden, was sich als unzulässig erweise. Um dem Kindswohl zu entspre-
chen, müsse das Asylgesuch in der Schweiz geprüft werden.
5.3 Die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers ist unstrittig. Sowohl die
Vorinstanz als auch die österreichischen Behörden erachten ihn des Wei-
teren trotz Einreise mit seinem volljährigen Bruder als unbegleiteten Min-
derjährigen im Sinne von Art. 2 Bst. j Dublin-III-VO, ansonsten sie Art. 8
Dublin-III-VO nicht zur Anwendung gebracht hätten. In Ermangelung eines
sich rechtmässig im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten aufhaltenden Ge-
schwisters oder Familienangehörigen (vgl. BVGE 2016/1 E. 4.2) kann der
Beschwerdeführer sich somit gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO auf die
vorrangige Zuständigkeit der Schweiz für die Prüfung seines Asylgesuchs
berufen, sofern dies seinem Wohl am besten entspricht. Die Vorinstanz ist
vorliegend allerdings zum Schluss gekommen, dass eine Überstellung des
Beschwerdeführers zusammen mit seinem volljährigen Bruder nach Öster-
reich dem Kindswohl besser dient. Das Bundesverwaltungsgericht
schliesst sich dieser Auffassung an. Die vorinstanzliche Anordnung der
Rücküberstellung von A._ nach Österreich gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO ist zwischenzeitlich in Rechtskraft erwachsen. Der Be-
schwerdeführer gab gegenüber der Vorinstanz an, er wolle zwar nicht nach
Österreich zurück, aber er möchte dort sein, wo sein Bruder sei. Insofern
ist es unzutreffend, wenn er von einer erzwungenen Zustimmung zu seiner
Überstellung spricht, zumal eine entsprechende Willensäusserung auch
nicht Voraussetzung derselbigen ist. Die Dublin-III-VO räumt den Schutz-
suchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszu-
wählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). Die Vorinstanz hat die Aussagen des
Beschwerdeführers lediglich im Kontext des Kindeswohls gewichtet. Die
gemeinsame Überstellung entspricht für den Fall der Wegweisung des Bru-
ders dem Willen des Beschwerdeführers und dient dem Fortbestand der
Familieneinheit (vgl. Art. 6 Abs. 3 Bst. a Dublin-III-VO). Sie steht unter den
vorliegenden Umständen im Einklang mit dem im 13. Erwägungsgrund der
Dublin-III-VO erwähnten Ziel der vorrangigen Berücksichtigung des Woh-
les des Kindes. Es bleibt zu erwähnen, dass sich aus dem Übereinkommen
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vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) pra-
xisgemäss kein Anspruch auf Einreise und Aufenthalt ergeben kann
(vgl. BGE 141 I 91 E. 5.2; BVGE 2014/20 E. 8.3.6).
5.4
5.4.1 In diesem Zusammenhang erinnert das Bundesverwaltungsgericht
daran, dass den ersuchenden Mitgliedstaat eine Informationspflicht trifft.
Das Gericht hat bereits im Urteil D-1787/2013 vom 8. August 2013 E. 5
(bezüglich des damaligen Art. 17 Abs. 3 Dublin-II-VO) festgehalten, das mit
dem Formblatt gestellte Übernahmeersuchen müsse alle Informationen
enthalten, anhand derer die Behörden des ersuchten Staats prüfen kön-
nen, ob ihr Staat gemäss den in der Verordnung definierten Kriterien zu-
ständig ist (vgl. auch Urteil des BVGer D-2446/2021 vom 31. Mai 2021).
Diese Feststellung gilt auch in Bezug auf Art. 23 Abs. 4 Dublin-III-VO
(vgl. Urteil des BVGer D-6935/2016 vom 24. Januar 2017 E. 5.3.2 m.w.H.).
Eine Verletzung der Informationspflicht kann dazu führen, dass die Zustim-
mung des ersuchten Mitgliedstaates nicht rechtswirksam ist (vgl. Urteil des
BVGer F-1696/2019 vom 10. Mai 2019 E. 7.2 m.w.H.).
5.4.2 Das vorliegend von der Vorinstanz gewählte, zeitlich gestaffelte Vor-
gehen mit einem vorgängigen Wiederaufnahmegesuch betreffend den voll-
jährigen A._, welches den minderjährigen Beschwerdeführer uner-
wähnt liess, war unter dem Aspekt der Transparenz suboptimal (vgl. Urteil
des BVGer D-1282/2022 vom 7. Juni 2022 E. 5.6 ff.). Dieser Entscheid ist
jedoch in Rechtskraft erwachsen und liegt ausserhalb des Streitgegenstan-
des. Betreffend den Beschwerdeführer kann dem SEM eine Informations-
pflichtverletzung nicht vorgeworfen werden, zumal im obgenannten Verfah-
ren gegenüber dem ersuchten Staat auch nicht erwähnt worden war, dass
ein drittes (volljähriges) Geschwister rechtmässig in der Schweiz anwe-
send war. Dies ist hier nicht der Fall. Das SEM hatte auch keinen Grund
zur Annahme, dass ein Geschwister des Beschwerdeführers in der
Schweiz oder in einem anderen Mitgliedstaat über einen rechtmässigen
Aufenthalt verfügt. Insofern ist die alleinige Anwesenheit des Beschwerde-
führers – der wie gesehen von seinem Bruder nicht getrennt werden will –
in der Schweiz nicht bestimmend für die Zuständigkeitsfrage, umso mehr
als Österreich seine Zuständigkeit für beide Brüder explizit anerkannt hat.
6.
Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung davon
aus, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für asylsu-
chende Personen in Österreich keine Schwachstellen im Sinne von Art. 3
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Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen, die eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4
der EU-Grundrechtcharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden
(vgl. Urteil des BVGer E-522/2022 vom 15. Februar 2022 E. 8 m.w.H.). Zu-
dem ist Österreich ein funktionierender Rechtsstaat dessen Behörden
grundsätzlich gewillt und fähig sind, staatlichen Schutz zu gewähren. Sollte
sich der Beschwerdeführer rechtswidrig behandelt fühlen, wie er es mit den
geltend gemachten behördlichen Übergriffen vorbringt, kann er sich an die
zuständige Behörde wenden. Unter diesen Umständen ist die Anwendung
von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]; sog. Selbsteintrittsrecht). Lie-
gen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der
Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
7.2 Mit seinen knappen, nicht weiter substantiierten Vorbringen zu behörd-
lichen Übergriffen gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, die Vermutung
einer völker- und gemeinschaftsrechtskonformen Behandlung durch die
österreichischen Behörden zu erschüttern. Hierfür bedarf es konkreter und
ernsthafter Hinweise, die glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45
E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1).
7.3 Den vorinstanzlichen Akten ist bezüglich des Gesundheitszustands des
Beschwerdeführers zu entnehmen, dass er Kniebeschwerden hat (Morbus
Osgood Schlatter). Zudem leidet er aufgrund der Trennung von seiner Fa-
milie unter einer hohen emotionalen Belastung, starker Trauer und wieder-
kehrenden Albträumen. Es bestehen Hinweise auf eine Posttraumatische
Belastungsstörung. Die schwierige Situation des noch minderjährigen Be-
schwerdeführers ist somit keinesfalls zu verharmlosen. Gesamthaft gese-
hen erweist sich sein Gesundheitszustand jedoch nicht als derart gravie-
rend beeinträchtigt, dass eine Überstellung zusammen mit seinem Bruder
nach Österreich die tatsächliche Gefahr einer Verletzung von Art. 3 EMRK
mit sich bringen würde (zu den restriktiven Bedingungen für die Anwen-
dung von Art. 3 EMRK siehe BVGE 2011/9 E. 7; Urteil des EGMR Papos-
hvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10,
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§§ 180–193 m.H.). Es besteht vorliegend sodann kein Grund zur An-
nahme, die österreichischen Behörden, die der Übernahme des Beschwer-
deführers ausdrücklich zugestimmt haben, würden ihm den Zugang zum
Asylverfahren verweigern oder den Grundsatz des Non-Refoulement miss-
achten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein
Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG ge-
fährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches
Land gezwungen zu werden.
7.4 Für einen Selbsteintritt der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV1 in
Verbindung mit Art. 17 Dublin-III-VO besteht nach dem Ausgeführten keine
Veranlassung. Der Beschwerdeführer konnte kein konkretes und ernsthaf-
tes Risiko dartun, wonach seine Überstellung nach Österreich die Verlet-
zung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. Eine Ermessenun-
terschreitung der Vorinstanz liegt ebenfalls nicht vor
(vgl. dazu BVGE 2015/9 E. 7 f.).
8.
Das SEM ist im Ergebnis zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Die
von Letzterem zusätzlich zu den bereits geprüften Bestimmungen pau-
schal angeführten Art. 5 und Art. 8 EMRK sowie Art. 5 AsylG wurden nicht
verletzt. Da der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufent-
halts- oder Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Ös-
terreich in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet
(Art. 32 Bst. a AsylV 1). Die angefochtene Verfügung erweist sich als recht-
mässig und die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG, weshalb
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen sind (vgl. BVGE 2015/18
E. 5.2 m.w.H.).
10.
Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 7. September 2022 angeordnete
Vollzugsstopp dahin. Die Gesuche um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung der Beschwerde sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses sind gegenstandslos geworden.
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Seite 10
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Er beantragt
jedoch die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und die Beiord-
nung einer amtlichen Rechtsbeiständin.
11.2 Die Beschwerde präsentierte sich zum Zeitpunkt der Einreichung
nicht als aussichtslos und es ist von der Mittellosigkeit des Beschwerde-
führers auszugehen. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist deshalb gutzuheissen und auf die
Erhebung von Verfahrenskosten ist zu verzichten.
11.3 Da der Beschwerdeführer von der Bezahlung der Verfahrenskosten
befreit wird, ist auch das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung gutzuheissen und antragsgemäss Rechtsanwältin
Lea Schlunegger als amtliche Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers
einzusetzen (Art. 102m Abs. 1 Bst. a und Abs. 4 AsylG). Ihr ist ein amtli-
ches Honorar zu entrichten.
11.4 Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der
Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältin-
nen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertrete-
rinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m Art. 10 Abs. 2 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Es wird nur der notwendige
Aufwand entschädigt (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE).
11.5 Mit der Beschwerde wurde eine Kostennote eingereicht und ein Ver-
tretungsaufwand von insgesamt Fr. 2'711.90 geltend gemacht, ausgehend
von einem zeitlichen Aufwand von 11.5 Stunden zu einem Stundenansatz
von Fr. 225.–. Dieser zeitliche Aufwand erscheint im Vergleich zu ähnlich
gelagerten Fällen als leicht überhöht und ist auf insgesamt acht Stunden
zu kürzen. Der Stundenansatz wird praxisgemäss auf Fr. 220.– festge-
setzt. Die Kosten für die geltend gemachten Auslagen und die Übersetzung
sind zu ersetzen. Der rubrizierten Rechtsvertreterin ist somit zu Lasten der
Gerichtskasse ein amtliches Honorar von Fr. 1'884.20 auszurichten. Die-
ses umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1
Bst. c VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
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