Decision ID: 99fbab5e-a93d-4afc-8eba-bf039d6d7777
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) reichte am 24. Novem-
ber 2011 bei der Schweizerischen Botschaft in Ankara ein schriftliches
Asylgesuch ein. Weil die Beschwerdeführerin sich in der Folge bei der
Schweizerischen Botschaft nicht mehr gemeldet hatte und sie die Botschaft
an der angegebenen Adresse nicht erreichen konnte, schrieb das Bundes-
amt für Migration (BFM; heute: Staatssekretariat für Migration [SEM]) am
27. April 2012 das Asylgesuch als gegenstandslos geworden intern ab.
B.
Die Beschwerdeführerin reichte einen Antrag auf ein humanitäres Visum
ein, welches ihr vom Schweizerischen Generalkonsulat in Istanbul am
30. Oktober 2017 verweigert wurde. Das SEM wies am 20. Dezember 2017
eine dagegen eingereichte Einsprache ab und das Bundesverwaltungsge-
richt trat auf die gegen den Entscheid des SEM erhobene Beschwerde vom
18. Mai 2018 mit Urteil F-2948/2018 vom 7. August 2018 infolge fehlender
Beschwerdeverbesserung nicht ein.
II.
C.
Eigenen Angaben zufolge verliess die Beschwerdeführerin am 14. Juli
2018 ihr Heimatland und reiste nach einem knapp dreijährigen Aufenthalt
in (...) am 23. Mai 2021 in die Schweiz ein, wo sie gleichentags im Bunde-
sasylzentrum (BAZ) der Region B._ ein Asylgesuch stellte.
D.
Am 8. Juni 2021 fand die Personalienaufnahme (PA) statt.
E.
Mit Eingaben vom 15. Juni 2021 und 28. Juni 2021 reichte die damalige
Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin ein medizinisches Datenblatt
sowie einen medizinischen Bericht vom 16. Juni 2021 zu den Akten. Ein
weiteres medizinisches Dokument vom 29. Juni 2021 wurde am 7. Juli
2021 eingereicht.
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Seite 3
F.
Am 12. Juli 2021 reichte die damalige Rechtsvertretung erneut das medi-
zinische Gutachten vom 7. Juli 2021 zu den Akten.
G.
G.a Am 19. August 2021 fand die Anhörung zu den Asylgründen statt.
G.b Zu ihrer Biographie führte die Beschwerdeführerin zusammenfassend
aus, sie sei türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie, in C._
geboren und ledig. Ihre Eltern seien verstorben, sie habe sieben Geschwis-
ter, welche alle in der Türkei lebten. Nach ihrem Maturaabschluss in der
Stadt D._ sei sie zuerst zu ihrer Schwester nach Izmir gezogen.
Anschliessend habe sie ein Studium an einer höheren Berufsschule in (...)
und in (...)wissenschaft absolviert und später als (...), in der Textilbranche
und bei der Eisenbahn gearbeitet. Als man ihr im März 2008 gekündigt
habe, sei sie nach E._ gezogen, wo sie registriert gewesen sei. Da-
nach habe sie in der Dorfverwaltung als (...) und zuletzt in F._ in
einer (...) gearbeitet.
G.c Zu ihren Asylgründen legte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen
dar, sie sei von familiärer Seite und durch die türkische Regierung unter-
drückt worden. Als sie bei ihrem älteren Bruder und dessen Ehefrau gelebt
habe, sei es zuerst zu Problemen mit der Ehefrau gekommen. Später habe
es auch verschiedene Streitigkeiten mit dem Bruder gegeben und es sei
zu körperlicher Gewalt gegen sie gekommen. Diese Auseinandersetzun-
gen hätten vier bis fünf Mal auf einem Polizeiposten geendet. Im Jahr 2016
habe sie eine Anzeige erstattet. Als sie 2015 in F._ gelebt habe, sei
sie einmal während zwanzig Tagen in eine psychiatrische Anstalt zwangs-
eingewiesen worden. 2016 sei sie ein weiteres Mal, für zwei Nächte, in
D._ in einer psychiatrischen Anstalt gewesen. Ferner sei sie durch
einzelne Familienangehörige unter Druck gesetzt worden, zu heiraten.
Im Jahr 2000, nach einer Rede über Frauenrechte, sei sie auf den Polizei-
posten mitgenommen worden. Im selben Jahr sei es zu einer mündlichen
Auseinandersetzung mit einem Polizisten gekommen. Ferner habe sie an
einigen Kundgebungen teilgenommen. Im Jahr 2008 sei ihr die Anstellung
bei der Eisenbahn aus politischen Gründen, wegen ihrer Ethnie als Kurdin
sowie wegen Falschinformationen bereits nach eineinhalb Monaten gekün-
digt worden. Sie habe sich dagegen gewehrt und sei in einen Hungerstreik
getreten. Zudem sei in Zeitungen negativ über sie geschrieben worden.
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Seite 4
Infolge der Kündigung habe sie Anzeige erstattet und schliesslich ein Ge-
richtsurteil erwirkt. Später habe sie angefangen, von ihr verfasste Artikel
auf Facebook zu stellen. Nachdem ihr Profil gesperrt worden sei, habe sie
ein neues eröffnet. Zwei Nächte habe sie in einer Zelle verbracht, und ein
paar Mal sei sie vor ein Gericht geladen worden. 2016 sei sie von Freunden
(...) der Barış ve Demokrasi Partisi (Demokratische Regionalpartei [DBP])
(...) worden, wo sie als (...) einige wenige Aufgaben erfüllt habe. Mitglied
der Partei sei sie jedoch nie gewesen. Insgesamt sei es zu sieben Straf-
verfahren gegen sie gekommen, wobei das letzte Verfahren wegen politi-
scher Aktivitäten auf sozialen Medien nach ihrer Ausreise aus der Türkei
2018 eingeleitet worden sei. Zudem sei sie in ihrem Alltag aufgrund ihrer
Ethnie als Kurdin immer wieder schikaniert worden.
Auf die weiteren Ausführungen der Beschwerdeführerin wird, soweit we-
sentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Ihrem Gesuch lagen folgende Beweismittel (BM) in Kopie bei:
- Diverse Fotos zur Wahl der Co-Vorsitzenden der Partei HDP-DBP (BM 1);
- Beschwerdebrief eines Fahrgastes (BM 2);
- Berichte des Arbeitgebers der Beschwerdeführerin vom 19. Februar 2008 und
vom 25. Februar 2008 (BM 3);
- Schreiben der Polizeidirektion G._ vom 9. August 2012 (BM 4);
- Brief der BDP-Abgeordneten von D._ an den Arbeits- und Sozialminis-
ter betreffend Kündigung der Beschwerdeführerin vom 22. Februar 2012 (BM
5);
- Presseartikel zum zehntägigen Hungerstreik der Beschwerdeführerin (BM 6);
- Beschluss vom 5. November 2013 (BM 7);
- Urteil zur Einweisung in die Psychiatrie vom 18. April 2016 (BM 8);
- Auszug aus dem türkischen Justiz-Informationssystem UYAP (Ulusal Yargi A
i Bili im Sistemi) zum Urteil vom 18. April 2016 (BM 9);
- Anklageschrift vom 8. Februar 2021 (BM 10);
- Urteil/Unzuständigkeitserklärung vom 15. Februar 2021 (BM 11);
- Mitteilung des 2. Gerichts für schwere Strafen an die Oberstaatsanwaltschaft
D._ vom 1. März 2021 (BM 12);
- Schreiben der Oberstaatsanwaltschaft H._ an das 3. Gericht für
schwere Strafen I._ (BM 13);
- Verhandlungsprotokoll vom 10. September 2021 (BM 14);
- Aktueller UYAP-Auszug (BM 15);
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Seite 5
- Türkischer Reisepass im Original;
- Identitätskarte (Nüfüs) im Original.
H.
H.a Mit Entscheid vom 20. August 2021 wurde die Beschwerdeführerin
dem erweiterten Verfahren zugeteilt und am selben Tag dem Kanton
J._ zugewiesen.
H.b Am 23. August 2021 legte die damalige Rechtsvertretung ihr Mandat
nieder.
I.
Mit Schreiben des SEM vom 8. September 2021 wurde die Beschwerde-
führerin aufgefordert, verschiedene Dokumente einzureichen und die ihr im
Schreiben gestellten Fragen zu beantworten.
J.
Mit Eingabe vom 27. September 2021 reichte die Beschwerdeführerin ver-
schiedene Beweismittel ein.
K.
Am 4. Oktober 2021 zeigte die Rechtsvertretung der (...) Beratungsstelle
für Asylsuchende ihr Mandat an.
L.
Mit Schreiben des SEM vom 12. Oktober 2021 wurde die Beschwerdefüh-
rerin aufgefordert, weitere, in Aussicht gestellte Dokumente, einzureichen.
M.
Am 21. Oktober 2021 legte die Beschwerdeführerin einen UYAP-Auszug
aus der offiziellen Online-Plattform E-Devlet und einen vom 24. März 2021
datierten Haftbefehl inklusive einem Begleitschreiben zu den Akten.
N.
Mit Verfügung vom 2. November 2021 (eröffnet am 5. November 2021)
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft, lehnte jedoch ihr Asylgesuch ab und nahm sie vorläufig als Flücht-
ling wegen Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung auf. Gleichzeitig
wurde der Kanton J._ mit der Umsetzung der vorläufigen Aufnahme
beauftragt und der Beschwerdeführerin wurden die editionspflichtigen Ak-
ten ausgehändigt.
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Seite 6
O.
O.a Mit Eingabe vom 9. November 2021 (Datum Poststempel) focht die
Beschwerdeführerin den vorinstanzlichen Entscheid eigenständig beim
SEM an und beantragte die Gewährung von Asyl in der Schweiz. In formel-
ler Hinsicht ersuchte sie um die Beiordnung eines Rechtsvertreters.
O.b Mit Schreiben vom 12. November 2021 leitete die Vorinstanz die ein-
gereichte Beschwerde vom 9. November 2021 an das Bundesverwaltungs-
gericht weiter.
O.c Am 16. November 2021 legte die (...) Beratungsstelle für Asylsu-
chende ihr Mandat nieder.
O.d Mit Eingabe vom 17. November 2021 (Datum Poststempel) reichte die
Beschwerdeführerin eine ergänzende Beschwerdeschrift und ein vom
10. September 2021 datiertes, in türkischer Sprache verfasstes Dokument
beim SEM ein, welches diese an das Bundesverwaltungsgericht weiterlei-
tete.
P.
Die Beschwerdeführerin reichte – handelnd durch ihre neue Rechtsvertre-
tung – mit Eingabe vom 23. November 2021 (Datum Poststempel) eine er-
gänzende Beschwerde ein und beantragte, die Dispositivziffern 2 und 3 der
Verfügung vom 2. November 2021 seien aufzuheben und ihr sei Asyl zu
gewähren. Weiter beantragte sie, dass dem mandatierten Rechtsvertreter
die Akten des vorliegenden Verfahrens zuzustellen und eine angemessene
Frist zur Ergänzung der Beschwerdeschrift zu gewähren seien. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht beantragte sie die unentgeltliche Prozessführung
inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die
Beiordnung des Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand.
Der Eingabe wurde eine Fürsorgebestätigung vom 1. November 2021 bei-
gelegt.
Q.
Mit Verfügung vom 25. November 2021 wurden die Gesuche um unentgelt-
liche Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses gutgeheissen und Rechtsanwalt lic. iur. Semsettin Bastimar
wurde als amtlicher Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eingesetzt.
D-4974/2021
Seite 7
R.
Am 2. Dezember 2021 reichte der Rechtsvertreter eine ergänzende Ein-
gabe sowie Auszüge des Facebook-Profils der Beschwerdeführerin ein.
S.
Mit Verfügung vom 8. Dezember 2021 wurde die Vorinstanz zur Vernehm-
lassung eingeladen. Diese nahm mit Eingabe vom 23. Dezember 2021
Stellung.
T.
Mit Eingabe vom 7. Januar 2022 reichte die Beschwerdeführerin ein wei-
teres Scheiben sowie bereits eingereichte Unterlagen in Kopie ein.
U.
Der Rechtsvertreter replizierte am 12. Januar 2022 und legte eine Kosten-
note sowie eine in einer nicht amtlichen Sprache verfasste Nachricht mit
dem Titel «Switzerland Federal Appeal Court» bei.
V.
Mit Eingabe vom 18. März 2022 erkundigte sich der Rechtsvertreter nach
dem Verfahrensstand. Die Anfrage wurde mit Antwortschreiben des Bun-
desverwaltungsgerichts vom 22. März 2022 beantwortet.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül-
tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asyl-
gesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des
Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [BGG,
SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1
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BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig ent-
scheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Die Beschwerdeführerin wurde mit Verfügung des SEM vom 2. November
2021 als Flüchtling vorläufig aufgenommen, ihr Asylgesuch lehnte die Vor-
instanz ab (Art. 54 AsylG). Die Vorinstanz ging davon aus, dass nach ihrer
Ausreise aufgrund ihrer Aktivitäten auf den sozialen Medien (Facebook-
Beitrag, den sie nach ihrer Ausreise geteilt habe) ein Strafverfahren wegen
Propaganda für eine Terrororganisation gegen sie eingeleitet worden sei
und sie deswegen im Falle einer Rückkehr flüchtlingsrechtlich relevante
Nachteile zu befürchten hätte (subjektive Nachfluchtgründe).
Strittig im vorliegenden Verfahren ist, ob die Vorinstanz zu Recht zum
Schluss gelangt ist, die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten
Vorfluchtgründe würden den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft
gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten, ihr Asylgesuch ablehnte und sie aus
der Schweiz wegwies (Dispositiv-Ziffern 2 und 3 der angefochtenen Verfü-
gung).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeter Weise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zuge-
fügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen
(vgl. BVGE 2011/51 E. 6.1 m.w.H.). Dabei genügt es nicht, dass diese
Furcht lediglich mit Vorkommnissen oder Umständen, die sich früher oder
später möglicherweise ereignen könnten, begründet wird. Es müssen hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Diese objektivierte Be-
trachtungsweise ist zusätzlich durch das von der betroffenen Person be-
reits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen
zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt
war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht
(vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2; Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 1 E. 6.a; 2005 Nr. 21
E. 7.1).
5.
5.1 Die Vorinstanz stellte sich in ihrem Entscheid hinsichtlich der familiären
Probleme der Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, dass die Anwen-
dung von Gewalt auch in der Türkei eine strafbare Handlung darstelle und
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Seite 10
demensprechend die Möglichkeit bestehe, bei den heimatlichen Strafver-
folgungsbehörden Anzeige zu erstatten. Auch wenn sie ausgeführt habe,
dass ihre eingereichte Anzeige gegen ihren Bruder erfolglos verlaufen sei,
sei die grundsätzliche Schutzfähigkeit und Schutzwilligkeit des türkischen
Staates dennoch vorhanden. Es wäre ihr möglich gewesen, sich an eine
andere Instanz zu wenden. Zudem stehe sie mit der Schwester und einem
anderen Bruder in freundschaftlichem Kontakt, weshalb die Möglichkeit be-
stehe, zu diesen zu ziehen. Vor diesem Hintergrund sei nicht davon aus-
zugehen, dass sie im Zeitpunkt ihrer Ausreise eine flüchtlingsrechtlich re-
levante Verfolgung zu befürchten hätte oder bei einer Rückkehr in die Tür-
kei einer solchen ausgesetzt wäre. Hinsichtlich ihres zwanzigtägigen und
des zweitägigen Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik 2015 und 2016
sowie ihrer Befürchtung einer erneuten Zwangseinweisung sei nicht davon
auszugehen, dass die Einweisungen aufgrund der in Art. 3 AsylG erfassten
Gründen erfolgt seien. Zudem bestehe gemäss dem türkischen Strafge-
setz die Möglichkeit, gegen zwangsweise Einweisungen in psychiatrische
Anstalten den Rechtsweg zu beschreiten.
Bezüglich ihrer Tätigkeiten für die DBP sei zu erwähnen, dass sie weder
Mitglied noch in einer exponierten Stellung für diese tätig gewesen sei,
sondern lediglich Unterstützungsarbeiten geleistet habe. Neben ihren Re-
den für die Frauenrechte und der Teilnahme an einigen Kundgebungen
habe sie keine anderen politischen Aktivitäten geltend gemacht. Ferner
würden die verschiedenen, teilweise körperlichen Schikanen durch die Be-
hörden mehrere Jahre zurückliegen und stellten keine genügende Intensi-
tät im Sinne des Asylgesetzes dar. Insgesamt habe sie kein Ereignis dar-
legen können, welches kausal für ihre Ausreise gewesen sei und die erfor-
derliche Intensität aufweisen würde. Sodann würden die gegen sie einge-
leiteten Strafverfahren mit ihrer Kündigung im Jahr 2008 zusammenhän-
gen. Lediglich ein einziges Verfahren, welches nach ihrer Ausreise eröffnet
worden sei, stehe im Zusammenhang mit ihren politischen Aktivitäten in
den sozialen Medien. Zudem habe sie angegeben, der ausschlaggebende
Ausreisegrund sei das Fehlen eines geregelten Lebens bei ihrer Schwester
sowie der Druck, eine Ehe einzugehen, gewesen. Auch die Tatsache, dass
vor ihrer Ausreise keine politischen Strafverfahren gegen sie eingeleitet
worden seien und sie legal aus der Türkei habe ausreisen können, würden
gegen eine zum Zeitpunkt ihrer Ausreise bestehende Verfolgung durch die
türkischen Behörden sprechen. Ferner fehle es den von ihr geltend ge-
machten Nachteilen und Diskriminierungen als Frau in der Türkei an Inten-
sität und Asylrelevanz. Die Schutzwillig- und Schutzfähigkeit der türkischen
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Behörden bezüglich Gewalt gegenüber Frauen sei grundsätzlich vorhan-
den. Schliesslich handle es sich bei den von ihr erlebten Schikanen und
Benachteiligungen gegenüber Personen kurdischer Ethnie nicht um Nach-
teile im Sinne des Asylgesetzes. Diese Einschätzung gelte auch nach dem
Putschversuch im Juli 2016 mit der einhergehenden verschlechterten Men-
schenrechtslage.
5.2 Die Beschwerdeführerin rügte, sie werde in ihrem Heimatland politisch
verfolgt und es sei ein aktuelles Strafverfahren vor dem 3. Strafgericht ge-
gen sie eröffnet worden. Die Vorinstanz sei fälschlicherweise davon aus-
gegangen, dass das in der Türkei gegen sie eröffnete Strafverfahren we-
gen Propaganda für eine Terrororganisation einem nach ihrer Ausreise aus
dem Heimatland geteilten Facebook-Beitrag zugrunde liege und ihr des-
halb im Sinne von subjektiven Nachfluchtgründen nicht Asyl gewährt wer-
den könne. Insbesondere sei unberücksichtigt geblieben, dass sie mehr-
mals während der Anhörung zu Protokoll gegeben habe, dass sie bereits
nach ihrer Entlassung bei der Eisenbahn mit dem Schreiben von Beiträgen
auf Facebook begonnen habe und deswegen mehrmals zum Polizeiposten
gebracht sowie dort bedroht worden sei. Ausserdem habe die Vorinstanz
ihre Aussage, nach ihrer Ausreise aus der Türkei nicht mehr aktiv auf Fa-
cebook gewesen zu sein, unbeachtet gelassen. Sodann sei auf die ande-
ren, ihr vom Staatsanwalt vorgeworfenen Straftatbestände nicht eingegan-
gen worden. Aus der Anklageschrift vom 8. Februar 2021 des zuständigen
türkischen Staatsanwalts gehe hervor, dass die voraussichtliche Straftat
aufgrund eines am 12. September 2018 geteilten Beitrags auf Facebook
begangen worden sei. Obwohl dieses Facebook-Profil immer noch aktiv
sei, teile sie seither dort keine politisch motivierten Beiträge mehr. Anhand
anderer Beiträge gehe der Staatsanwalt davon aus, dass sie zudem den
Straftatbestand von Art. 301 des türkischen Strafgesetzes erfülle und sie
sich der Beleidigung der türkischen Nation schuldig gemacht habe. In die-
sem Zusammenhang sei festzuhalten, dass sie die ihr vorgeworfenen Bei-
träge zwar geteilt habe, diese seien jedoch auf einem anderen Facebook-
Profil zu finden, zu welchem sie keinen Zugriff mehr habe, weil sie die dazu
notwendigen Zugangsdaten nicht mehr besitze. Ausserdem seien diese
Beiträge, welche zum Strafverfahren geführt hätten, bereits entstanden, als
sie sich noch in der Türkei aufgehalten habe. Ihre Vorbringen seien wäh-
rend der Anhörung durch den Dolmetscher und die Rechtsvertretung miss-
verstanden und ein eingereichtes Dokument (datiert vom 10. September
2021) sei nicht berücksichtigt worden.
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Des Weiteren hätten auch die Diskriminierungen aufgrund ihrer Ethnie,
welche unter anderem zu einer Kündigung geführt hätten, die beiden will-
kürlichen Einweisungen in psychiatrische Anstalten und die wiederholten
kurzzeitigen Festnahmen, Drohungen und Schikanen, welche teilweise
durch ihre oppositionelle Haltung verbunden mit ihrer Rolle bei der DBP
entstanden seien, ein menschenwürdiges Leben in der Türkei verunmög-
licht. Diese Umstände, wie auch die Tatsache, dass sie als alleinstehende,
nicht verheiratete Frau verschiedenen sozialen Nachteilen ausgesetzt ge-
wesen sei, seien objektiv geeignet, dass sie bereits vor ihrer Ausreise 2018
ernsthaften Nachteile und einem unerträglichen psychischen Druck im
Sinne des Asylgesetzes ausgesetzt gewesen sei.
5.3 Die Vorinstanz entgegnete in ihrer Vernehmlassung, dass im angefoch-
tenen Entscheid die während des Asylverfahrens eingereichten Gerichts-
dokumente (das Verhandlungsprotokoll vom 10. September 2021, das Ur-
teil vom 15. Februar 2021 und die Anklageschrift vom 8. Februar 2021)
sehr wohl berücksichtigt worden seien. Obwohl es zutreffe, dass die Be-
schwerdeführerin dargelegt habe, bereits 2011 wegen ihren Facebook-Bei-
trägen polizeilich verwarnt worden zu sein und zwei Tage in einer Zelle ver-
bracht zu haben, handle es sich dabei nicht um ernsthafte sowie genügend
intensive Nachteile im Sinne des Asylgesetzes. Auch habe sie nach diesem
Vorfall noch einige Jahre in ihrem Heimatstaat leben können. Erst das ein-
geleitete Strafverfahren aufgrund der am 12. September 2018 auf Face-
book geteilten Beiträge hätte eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung
ausgelöst. Gemäss den eingereichten Gerichtsunterlagen werde der aus-
schlaggebende Beitrag vom 12. September 2018 als das ihr vorgeworfene
Deliktsdatum erachtet. Deshalb müsse davon ausgegangen werden, dass
sich ihre Verfolgung erst nach ihrer Ausreise (am 13. Juli 2018) ereignet
habe. Zudem sei sie legal ausgereist, ein Umstand, welcher zusätzlich da-
gegenspreche, dass bereits vor ihrer Ausreise gegen sie ermittelt worden
sei. Auch habe sie nicht nachvollziehbar darlegen können, dass die in der
Anklageschrift erwähnten Beiträge respektive die Daten falsch seien und
sie diese bereits vor ihrer Ausreise veröffentlicht habe. Die Erklärung, dass
sie die betreffenden Beiträge von einem anderen Facebook-Konto aus ge-
tätigt habe, die Zugangsdaten zu diesem jedoch nicht mehr wisse, könne
nicht gefolgt werden, zumal der Anklageschrift nicht zu entnehmen sei,
dass noch ein anderes, auf sie lautendes Konto bestehe. Zudem hätte sie
die Möglichkeit gehabt, über Freunde oder über ihr anderes, noch aktives
Konto die relevanten Beiträge aufzurufen und einzureichen. Sodann wür-
den auch die eingereichten Beiträge nicht belegen, dass sie nach ihrer
Ausreise aus dem Heimatland keine weiteren Beiträge mehr veröffentlicht
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habe. Einzig das Titelbild mit der Aufschrift «(...)», sei im Mai 2018 geteilt
worden, dieses Titelbild sei gemäss der Anklageschrift lediglich zur Identi-
fizierung und Zuordnung ihres Profils benutzt worden, sei jedoch nicht Teil
des Strafverfahrens. Ferner würden auch das Einreichen der erneuten,
vollständigen Übersetzung der Anklageschrift sowie der handschriftlichen
Eingaben keine Hinweise auf relevante Beiträge oder eingeleitete Ermitt-
lungen vor ihrer Ausreise liefern.
Hinsichtlich der geltend gemachten Diskriminierungen und Schikanen in
der Türkei und dem damit verbundenen Druck, sei – so die Vorinstanz –
vollumfänglich auf die Verfügung vom 2. November 2021 zu verweisen.
5.4 In der Replik wurde vorgebracht, die Vorinstanz streite nicht ab, dass
die Beschwerdeführerin bereits vor ihrer Ausreise aktiv auf Facebook ge-
wesen sei. Hingegen sei unberücksichtigt geblieben, dass sich Repressio-
nen gegen Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien erst im Februar 2014
nach einer Gesetzesänderung und seit dem Putschversuch im Juli 2016
stark erhöht hätten. Gemäss Auskunft der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH) seien unter anderem Strafverfolgungen für Inhalte in sozialen Me-
dien möglich, welche eine aus dem Ausland zurückkehrende Person vor
vielen Jahren geteilt habe, wobei die Vorgehensweise der türkischen Be-
hörden willkürlich sei. Dementsprechend könne nicht lediglich aufgrund der
Anklageschrift behauptet werden, dass die Anschuldigungen gegen sie nur
auf Beiträgen nach ihrer Flucht aus der Türkei basierten. Obwohl sie nach
wie vor nicht auf die Daten ihres alten Facebook-Profils – auch nicht über
Freunde oder Bekannte – zugreifen könne, sei auch von der Vorinstanz
unbestritten geblieben, dass sie bereits vor ihrer Ausreise aktiv auf Face-
book und deswegen Repressalien ausgesetzt gewesen sei. Schliesslich
würde sich auch aus der Verweigerung ihres Antrags auf ein humanitäres
Visum ergeben, dass sie in der Türkei verfolgt worden sei und der damit
zusammenhängende psychische Druck ihr in ihrer Heimat ein menschen-
würdiges Leben verunmöglicht habe.
6.
6.1
6.1.1 Die Beschwerdeführerin machte zunächst geltend, aufgrund ihrer
ethnischen Zugehörigkeit als Kurdin im Jahr 2008 entlassen worden zu
sein. Aus den Akten geht nachweislich hervor, dass sie 2008 entlassen
worden war, wobei nicht gänzlich auszuschliessen ist, dass diese Kündi-
gung in Zusammenhang mit ihrer kurdischen Ethnie gestanden haben
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Seite 14
könnte (vgl. SEM-Akte A36/23 F8 [S. 7], F91-106). Hingegen ist ihren wei-
teren Schilderungen nicht zu entnehmen, dass sie bei ihren nachfolgenden
Anstellungen diskriminiert worden war oder diese Anstellungen aus diskri-
minierenden Gründen verloren hätte. Demzufolge konnte die Kündigung
im Jahr 2008, auch wenn sie diskriminierend motiviert gewesen sein
mochte, nicht kausal für ihre Ausreise gewesen sein, zumal sie sich danach
noch rund vierzehn Jahre in der Türkei aufhielt und weitere Arbeitstätigkei-
ten aufnehmen konnte (vgl. SEM-Akte A36/23, F29-31, F34-37).
6.1.2 Die geltend gemachten, und nicht grundsätzlich angezweifelten, Be-
schimpfungen, die mündliche Auseinandersetzung mit einem Polizisten im
Jahr 2000, die einmalige Nichtrückerstattung ihres Wechselgeldes in ei-
nem Geschäft, aber auch die zweimalige Einweisung in eine psychiatrische
Anstalt, vermögen sowohl einzeln als auch zusammen betrachtet die An-
forderungen an die Intensität einer asylrechtlich relevanten Verfolgung
ebenso wenig zu erfüllen, wie ihre lediglich sehr vage gehaltenen Aussa-
gen, regelmässig geschlagen und gefoltert worden zu sein, zumal sie zu
den letzteren Vorbringen weder die Verursacher noch den dazugehörigen
Kontext darlegen konnte. Des Weiteren sind auch die kurzzeitigen Fest-
nahmen, welche die Beschwerdeführerin überdies nicht weiter substanzi-
ierte, ungeeignet, eine asylrechtlich relevanten Verfolgung zu begründen
(vgl. SEM-Akte A36/23, F73-76, F81-83, F123, F128-129, F154-157, F161-
162, F164). Zwar mag es durchaus zutreffen, und erscheint vorliegend
auch grösstenteils glaubhaft, dass sie als Kurdin verschiedenen Benach-
teiligungen und Schikanen ausgesetzt gewesen war, jedoch führt nicht be-
reits die Tatsache, dass sie kurdischer Ethnie ist, zur Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und zur Asylgewährung. Ausserdem ist festzustel-
len, dass praxisgemäss hohe Anforderungen für die Annahme einer Kol-
lektivverfolgung gestellt werden (vgl. BVGE 2014/32 E. 6.1; 2013/12 E. 6),
welche im Falle der Kurden in der Türkei – auch unter Berücksichtigung
der aktuellen politischen Entwicklungen – nicht als erfüllt zu erachten sind
(vgl. hierzu etwa die Urteile des BVGer D-2424/2021 vom 9. Mai 2022
E. 6.2; E-3917/2021 vom 11. Januar 2022 E. 6.3; D-2759/2020 vom
29. September 2021 E. 7.2; D-36/2018 vom 12. Oktober 2020 E. 6.2). Da-
ran vermag auch die Tatsache, dass sie zweimal um Schutz aus dem Aus-
land ersucht hatte (ein Asylgesuch aus dem Ausland und ein Antrag auf ein
humanitäres Visum), nichts an der fehlenden Intensität der geltend ge-
machten Nachteile zu ändern. Da sie diese nach ihrer Gesuchseinreichung
vom 24. November 2011 (vgl. SEM-Akte gelbes Dossier «Asylgesuch aus
dem Ausland») und vom 30. Oktober 2017 bei der Schweizerischen Bot-
schaft nicht weiterverfolgte – wobei ein Gesuch abgeschrieben und das
D-4974/2021
Seite 15
andere abgewiesen beziehungsweise letztinstanzlich nicht eingetreten
worden war – ist davon auszugehen, dass die zu diesem Zeitpunkt geltend
gemachten Nachteile kaum asylrechtlich relevant gewesen sein dürften.
6.1.3 Die Beschwerdeführerin führte weiter ins Feld, als unverheiratete
Frau sozialen Nachteilen ausgesetzt zu sein, welche ihr ein menschenwür-
diges Leben in der Türkei verunmöglichen würden und sie deshalb bereits
vor ihrer Ausreise aus der Türkei im Jahr 2018 ernsthaften Nachteilen res-
pektive einem psychischen unerträglichen Druck im Sinne des Asylgeset-
zes ausgesetzt gewesen sei. Ausserdem habe man sie in psychiatrische
Anstalten eingewiesen. Aus ihren Ausführungen geht indes hervor, dass
sie sich erfolgreich gegen die erlittenen Zwangseinweisungen in eine psy-
chiatrische Einrichtung in den Jahren 2015 und 2016 gewehrt und zudem
auch Unterstützung durch ihren älteren Bruder erhalten hatte (vgl. SEM-
Akte A36/23, F74, F77-83). Ergänzend ist in diesem Zusammenhang auf
die vorinstanzliche Verfügung zu verweisen, wonach Einweisungen in psy-
chiatrische Institutionen legitime Massnahmen darstellen, welche gemäss
dem türkischen Zivilgesetzbuch mit einer Beschwerde angefochten werden
können (vgl. Verfügung des SEM vom 2. November 2021, Kap. II, Nr. 2
[S. 6]). Hinsichtlich der erwähnten Übergriffe durch ihren anderen Bruder
ist festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht in einer gefestigten
Praxis die grundsätzliche Schutzbereitschaft und Schutzfähigkeit des tür-
kischen Staates im Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt und Zwangshei-
rat bejaht, auch wenn in der letzten Zeit eine Zunahme von Gewalt gegen-
über Frauen festgestellt wurde und die Türkei per 1. Juli 2021 aus dem
Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Ge-
walt gegen Frauen und häuslicher Gewalt vom 11. Mai 2011 (Istanbul-Kon-
vention) ausgetreten ist. Es ist zu betonen, dass im heutigen Zeitpunkt
nicht bereits von einem faktischen Wegfall der bisherigen rechtlichen Mög-
lichkeiten zur Schutzinanspruchnahme ausgegangen werden kann
(vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 5.2
[als Referenzurteil publiziert] m.w.H.; bestätigt etwa in D-4443/2020 vom
26. November 2021 E. 8.1 m.w.H.; D-167/2022 vom 30. Mai 2022 E. 6.2;
D-2424/2021 vom 9. Mai 2022 E. 6.3.1 und 6.3.2). Diese Einschätzung
vermag auch die Tatsache nicht umzustossen, dass die Beschwerdeführe-
rin ein humanitäres Visum aus dem Ausland eingereicht hatte (vgl. E. 6.1.1
hiervor).
D-4974/2021
Seite 16
6.2 Nach den vorangehenden Ausführungen kommt das Bundesverwal-
tungsgericht in einem Zwischenfazit zum Schluss, dass die Beschwerde-
führerin aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Ethnie keinen asylrechtlich
relevanten Nachteilen in ihrem Heimatland ausgesetzt gewesen war.
6.3
6.3.1 Des Weiteren sind nachfolgend die politischen Aktivitäten der Be-
schwerdeführerin zu beleuchten. Diese sind – in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz – eher als unterschwellig und nebensächlich zu bezeichnen. Es
gelang der Beschwerdeführerin nicht, ihre Reden für die Frauenrechte im
Jahr 2000, die Medienpräsenz wegen eines Hungerstreiks im Jahr 2008,
die Schreiben an den BIMER (Başbakanlık İletişim Merkezi [Kontaktzent-
rum des Premierministeriums]), Vorläufer des heutigem CIMER (Cumhur-
başkanlığı İletişim Merkezi [Kommunikationszentrum des Präsidenten]) so-
wie die Beleidigungen und Anschuldigungen, welche sie nach ihrer Kündi-
gung erlitt, zu substanziieren, wie auch etwaige daraus resultierende, erlit-
tene, ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes auszuführen
(vgl. SEM-Akte A36/23, F114-115, F123, F125, F154-157). Auch die von
ihr lediglich äusserst vage geschilderten Tätigkeiten als (...) für die DBP
(vgl. SEM-Akte A36/23, F159-164, F166-167) sowie die Konsequenzen
wegen ihrer auf Facebook geteilten Beiträge vor ihrer Ausreise (Erscheinen
auf dem Polizeiposten und Sperrung ihres Facebook-Profils) erreichen we-
der die erforderliche Intensitätsschwelle noch sind sie kausal für ihre Aus-
reise gewesen oder erweisen sich als geeignet, um eine flüchtlingsrechtlich
relevante Verfolgung daraus abzuleiten (vgl. SEM-Akte A36/23, F123-
128).
6.3.2 In der Beschwerde wurde schliesslich gerügt, dass im vorinstanzli-
chen Entscheid unberücksichtigt geblieben sei, dass die Beschwerdefüh-
rerin bereits vor ihrer Ausreise aus der Türkei zahlreiche Beiträge auf Fa-
cebook verfasst sowie geteilt habe und deswegen bereits behördlich ver-
folgt worden sei. Auch sei unerwähnt geblieben, dass sie sich nach ihrer
Ausreise nicht mehr aktiv auf Facebook betätigt habe. Entsprechend sei es
falsch zu behaupten, dass sie erst nach ihrer Ausreise strafrechtlich wegen
der Beiträge auf Facebook belangt worden sei. Es trifft zwar zu, dass die
Beschwerdeführerin in ihrer Anhörung erwähnte, bereits seit ihrer Kündi-
gung 2008 Beiträge auf Facebook verfasst zu haben und sie nach ihrer
Ausreise keine Beiträge mehr auf ihrem Profil veröffentlicht habe. Hinge-
gen machte sie nicht geltend, dass sie wegen der vor ihrer Ausreise geteil-
ten Beiträgen strafrechtlich verfolgt worden wäre oder andere Nachteile er-
litten hätte, als das Erscheinen müssen auf dem Polizeiposten und die
D-4974/2021
Seite 17
Sperrung ihres damaligen Kontos (vgl. SEM-Akte A36/23, F123-124, F127,
F142-145, F149). Sodann ist den Akten (vgl. Anklageschrift vom 8. Februar
2021 [BM 10]) zu entnehmen, dass die Anklage respektive die Strafverfol-
gung der Beschwerdeführerin auf einem am 12. September 2018 in
D._ begangenem Delikt respektive auf einem zu diesem Zeitpunkt
veröffentlichten Beitrag basiert und demnach dieses erst nach ihrer Aus-
reise entstanden ist. Weitere Delikte, welche sich auf die Zeitspanne vor
ihrer Ausreise aus der Türkei beziehen (gemäss Ausreisestempel in ihrem
Reisepass vom 13. Juli 2018), sind den Akten nicht zu entnehmen. Mit Ein-
gabe vom 17. November 2021 führte die Beschwerdeführerin zudem aus,
im Zeitpunkt der Straftat in Serbien gewesen zu sein. Weitere Untersu-
chungen, welche allfällige Veröffentlichungen vor dem Zeitpunkt ihrer Aus-
reise betreffen könnten, lassen sich aus den Akten nicht entnehmen. Auch
wurden keine weiteren Gerichtsunterlagen des Strafverfahrens in der Tür-
kei eingereicht, welche zu einem gegenteiligen Schluss führen würden.
Ferner lässt sich aus den in der Anklageschrift erwähnten separaten Akten
mit der Untersuchungsnummer (...) oder aus den weiteren Anklagepunkten
nicht entnehmen, dass sie bereits vor ihrer Ausreise aus dem Heimatland
strafrechtlich verfolgt worden wäre. Sodann ist auch das angeblich von der
Vorinstanz in ihrem Entscheid nicht beachtete Dokument vom (...) 2021
nicht geeignet, eine Verfolgung vor ihrer Ausreise im Juli 2018 zu belegen,
zumal daraus lediglich hervorgeht, dass der gegen sie ausgestellte Haft-
befehl nicht vollstreckt werden konnte und der Fall bearbeitet werde, wenn
die gesuchte Person verhaftet werden könne (vgl. Urteil des 3. Oberen
Strafgerichts vom (...) 2021 [BM 14]). Ferner vermögen auch die einge-
reichten Verläufe der auf Facebook geteilten Beiträge nicht zu belegen,
dass sie vor ihrer Ausreise aus ihrem Heimatland politische Beiträge ver-
öffentlicht hat, welche zu einer Strafuntersuchung oder einer asylrelevan-
ten Verfolgung geführt hätten. Die eingereichte Kopie des Beitrags vom
(...) 2018, auf welchem sie neben ihrem Profilbild den Spruch «(...)» teilte,
wird auch in der Anklageschrift vom (...) 2018 erwähnt, wobei gemäss An-
klageschrift diese Seite lediglich als Identifikation der Beschwerdeführerin
benutzt wurde. Auch der zweite Beitrag vom 25. Mai 2018 enthält keine
politischen Äusserungen («(...)»), aus denen eine politische Positionierung
der Beschwerdeführerin abgeleitet werden könnte.
6.4 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Be-
schwerdeführerin nicht darzulegen vermochte, dass sie bereits vor ihrer
Ausreise aus ihrem Heimatland wegen politischen Beiträgen auf sozialen
Medien behördlich gesucht worden war. Auch gelang es ihr nicht überzeu-
gend darzulegen, vor ihrer Ausreise in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise
D-4974/2021
Seite 18
verfolgt worden zu sein. Die Vorinstanz hat ihr demensprechend zu Recht
die Asylgewährung verweigert, die Beschwerdeführerin hingegen wegen
subjektiver Nachfluchtgründe vorläufig als Flüchtling aufgenommen, nach-
dem sie zum Schluss gekommen ist, dass die ihr vorgeworfene Straftat,
aufgrund welcher ein Strafverfahren in ihrer Heimat hängig ist, erst nach
ihrer Ausreise erfolgte.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Da die Vorinstanz in ihrer Verfügung vom 2. November 2021 infolge Unzu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme der Be-
schwerdeführerin in der Schweiz angeordnet hat (vgl. Dispositiv-Ziffer 4 der
angefochtenen Verfügung), erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausfüh-
rungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungs-
vollzugs.
9.
Aus den vorangehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und der rechtserhebliche Sachverhalt
richtig sowie vollständig feststellt wurde (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be-
schwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch das mit
der Beschwerde eingegangene Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Verfügung vom 25. November 2021 gutgeheis-
sen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
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Seite 19
10.2 Mit Eingabe vom 12. Januar 2022 reichte der Rechtsbeistand eine
Kostennote in der Höhe von gerundet Fr. 3’145.– ein. Dabei machte er ei-
nen Aufwand von 11.85 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 220.–
sowie Auslagen von Fr. 92.50 geltend. Die Höhe der Auslagen ist nicht zu
beanstanden. Der ausgewiesene Aufwand erscheint jedoch zu hoch und
ist auf sieben Stunden zu kürzen. Unter Berücksichtigung der in Betracht
zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9—13 VGKE) ist der Betrag ins-
gesamt auf Fr. 1'750.— (inklusive Ausgaben und Mehrwertsteuer) festzu-
setzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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