Decision ID: b51108e9-f5cb-4173-80a5-d5b9fcac0c56
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1963 geborene Beschwerdeführerin meldete sich am 15. September
2001 bei der Beschwerdegegnerin zum Bezug von Leistungen der Eidge-
nössischen Invalidenversicherung (IV) an. Diese sprach ihr mit Verfügung
vom 19. März 2002 ab 1. November 2001 eine halbe Rente zu. Nach Ein-
leitung eines Revisionsverfahrens im Jahr 2004 liess die Beschwerdegeg-
nerin die Beschwerdeführerin polydisziplinär durch die Academy of Swiss
Insurance Medicine (asim), Basel, begutachten. Gestützt auf das am
19. November 2007 erstattete Gutachten sowie die ergänzende Stellung-
nahme vom 26. Februar 2008 hob die Beschwerdegegnerin mit Verfügung
vom 30. September 2010 die halbe Rente der Beschwerdeführerin auf. Die
dagegen erhobene Beschwerde hiess das Versicherungsgericht des Kan-
tons Aargau (Versicherungsgericht) mit Urteil VBE.2010.737 vom 16. Au-
gust 2012 teilweise gut, hob die Verfügung auf und wies die Sache zur wei-
teren Abklärung und zur Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurück.
In die Folge liess die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin durch
die Ärztliches Begutachtungsinstitut GmbH (ABI), Basel, begutachten. Ge-
stützt auf das am 16. Dezember 2013 erstattete Gutachten hob die Be-
schwerdegegnerin mit Verfügung vom 6. August 2014 die halbe Rente der
Beschwerdeführerin per 30. November 2010 auf. Auf die dagegen erho-
bene Beschwerde trat das Versicherungsgericht mit Urteil VBE.2014.658,
VBE.2014.659 vom 9. April 2015 nicht ein, da der Kostenvorschuss nicht
bezahlt worden war.
1.2.
Am 1. November 2016 meldete sich die Beschwerdeführerin erneut zum
Leistungsbezug an. Die Beschwerdegegnerin traf Abklärungen in erwerbli-
cher und medizinischer Hinsicht und liess die Beschwerdeführerin polydis-
ziplinär durch das BEGAZ Begutachtungszentrum, Binningen, begutach-
ten. Gestützt auf das am 28. Mai 2020 erstattete Gutachten verneinte die
Beschwerdegegnerin – nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren – mit
Verfügung vom 17. Januar 2022 einen Rentenanspruch der Beschwerde-
führerin.
2.
2.1.
Am 18. Februar 2022 erhob die Beschwerdeführerin dagegen fristgerecht
Beschwerde und beantragte Folgendes:
"1. Die Verfügung vom 17.1.2022 sei aufzuheben.
2. Der Beschwerdeführerin sei eine ganze Invalidenrente zuzusprechen.
- 3 -
3. Eventualiter sei der Beschwerdeführerin eine Invalidenrente aufgrund eines Invaliditätsgrads von 52% zuzusprechen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerde-
gegnerin."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 9. März 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 11. März 2022 wurde die aus
den Akten erkennbare berufliche Vorsorgeeinrichtung der Beschwerdefüh-
rerin im Verfahren beigeladen. Sie liess sich in der Folge nicht vernehmen.

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Streitig und zu prüfen ist der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin.
2.
Vorliegend handelt es sich beim Rentenbegehren der Beschwerdeführerin
vom 1. November 2016 (Vernehmlassungsbeilage [VB] 115) um eine Neu-
anmeldung. Voraussetzung für einen Rentenanspruch ist daher unter an-
derem, dass seit der Verfügung vom 6. August 2014 (vgl. VB 105) eine
wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen eingetreten ist,
die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu be-
einflussen (vgl. BGE 134 V 131 E. 3 S. 132 f.; 133 V 108 E. 5 S. 110 ff.).
Das grundsätzliche Vorliegen einer neuanmeldungsrechtlich relevanten
Veränderung des Gesundheitszustands ist aufgrund der Verschlechterung
der psychischen Beschwerden ab Januar 2017 unumstritten (vgl. VB 187.6
S. 14; vgl. auch VB 187.1 S. 14 f.); diesbezügliche Weiterungen erübrigen
sich daher (vgl. BGE 119 V 347 E. 1a S. 349 f. mit Hinweis auf BGE 110
V 48 E. 4a S. 53).
3.
3.1.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der angefochtenen Verfügung vom
17. Januar 2022 (VB 207) in medizinischer Hinsicht auf das polydisziplinäre
BEGAZ-Gutachten vom 28. Mai 2020 (VB 187; Fachdisziplinen: Allge-
meine Innere Medizin, Neurologie, Angiologie, Psychiatrie und Rheumato-
logie).
- 4 -
3.2.
Die BEGAZ-Gutachter stellten in der interdisziplinären Beurteilung die fol-
genden Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (VB 187.1
S. 10):
"1. Multilokuläres Schmerzsyndrom (...)
2. Rezidivierende depressive Störung, ggw. leicht- bis mittelgradige  (ICD-10 : F33.0 bis 1)
3. Somatisierungsstörung (ICD-10 : F45.4)".
In der interdisziplinären Gesamtbeurteilung führten die Gutachter bezüglich
der funktionellen Auswirkungen der Befunde/Diagnosen aus, infolge der
Nacken- /Schulterschmerzen sollten Überkopfarbeiten vermieden werden.
Ebenfalls sollten schwere und mittelschwere körperliche Tätigkeiten ver-
mieden werden. Aufgrund der beidseitigen Lumboischialgie sollten nur rü-
ckenadaptierte Tätigkeiten durchgeführt werden. Das Achsenskelett der
Beschwerdeführerin sei minderbelastbar, ebenso die Hände, Füsse, Schul-
tern und Kniegelenke (VB 187.1 S. 12). Aus rheumatologischer Sicht seien
der Beschwerdeführerin alle schweren und mittelschweren Tätigkeiten
nicht mehr zumutbar, ihr wäre jedoch eine leichte, wechselbelastende – in
verschiedener Hinsicht angepasste – Arbeit zu 70 % zumutbar. Auch in
adaptierten Tätigkeiten bestehe aber ein höherer Pausenbedarf. Aus neu-
rologischer Sicht sei von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Aus
psychiatrischer Sicht sei die Beschwerdeführerin ab mindestens Januar
2017 aufgrund der depressiven Symptome (Reduktion des Antriebs und
der Interessen und erhöhte Ermüdbarkeit) und der Symptome der Somati-
sierungsstörung (vor allem Schmerzen) zu 40 % arbeitsunfähig. Gesamt-
haft betrachtet sei der Beschwerdeführerin somit ab Januar 2017 in einer
entsprechend adaptierten Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % zu at-
testieren (VB 187.1 S. 13 ff.).
4.
Der Versicherungsträger und das Gericht (vgl. Art. 61 lit. c in fine ATSG)
haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisre-
geln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die strei-
tigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1
S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352). Bei einem zwecks Rentenrevision erstell-
ten Gutachten hängt der Beweiswert zusätzlich davon ab, ob es sich aus-
reichend auf das Beweisthema – erhebliche Änderung(en) des Sachver-
halts – bezieht (SVR 2012 IV Nr. 18 S. 81, 9C_418/2010 E. 4.2; Urteil des
Bundesgerichts 8C_441/2012 vom 25. Juli 2013 E. 6.1.2).
- 5 -
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Be-
richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergeb-
nissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken-
nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper-
tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).
5.
5.1.
Die Beschwerdeführerin wurde im Rahmen der polydisziplinären Begutach-
tung fachärztlich umfassend und in Kenntnis der Vorakten (VB 187.2;
VB 187.3) sowie unter Berücksichtigung der geklagten Beschwerden
(VB 187.4 S. 9 ff.; VB 187.5 S. 21 ff.; VB 187.6 S. 4 ff.; VB 187.7 S. 6 ff.;
VB 187.8 S. 4 ff.) untersucht. Das Gutachten beruht auf allseitigen Unter-
suchungen der beteiligten medizinischen Fachrichtungen und bezieht die
entsprechenden Teilgutachten mit ein (VB 187.1 S. 7 ff.; VB 187.4 S. 15 ff.;
VB 187.5 S. 29 ff.; VB 187.6 S. 10 ff.; VB 187.7 S. 10 f.; VB 187.8 S. 7 ff.).
Es wurden Zusatzuntersuchungen durchgeführt (Labor und Radiologie,
VB 187.9 S. 25 ff.). Die Beurteilung der medizinischen Situation sowie die
fachärztlichen Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar begründet
(VB 187.1 S. 10 ff.; VB 187.4 S. 19 ff.; VB 187.5 S. 35 ff.; VB 187.7
S. 11 f.; VB 187.8 S. 13 f.). Die Gutachter äusserten sich auch zur Frage
nach einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustands der Be-
schwerdeführerin (VB 187.1 S. 14 f.; VB 187.6 S. 14). Das Gutachten wird
den von der Rechtsprechung formulierten Anforderungen an eine beweis-
kräftige medizinische Stellungnahme demnach gerecht (vgl. E. 4.), wovon
auch Dr. med. C., Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation
und für Rheumatologie, des Regionalen Ärztlichen Dienstes in seiner Stel-
lungnahme vom 13. Juli 2020 ausging (VB 189 S. 3). Das Gutachten ist
somit grundsätzlich geeignet, den Beweis für den anspruchserheblichen
medizinischen Sachverhalt zu erbringen.
5.2.
5.2.1.
Die Beschwerdeführerin rügt die Arbeitsfähigkeitseinschätzung im rheuma-
tologischen Teilgutachten und macht geltend, dieses enthalte keine Be-
gründung dafür, weswegen – trotz der Verschlechterung der bestehenden
Rückenproblematik und einer massiven "ganzkörperliche[n] Arthrosebil-
dung" – die Arbeitsfähigkeitseinschätzung gleich sei wie im ABI-Gutachten
vom 16. Dezember 2013 (Beschwerde, Ziff. 28 f.).
5.2.2.
Soweit die Beschwerdeführerin eine Verschlechterung ihres Gesundheits-
zustandes insbesondere darin sieht, dass im ABI- und BEGAZ-Gutachten
- 6 -
unterschiedliche Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ge-
nannt werden (vgl. Beschwerde, Ziff. 29) ist vorab darauf hinzuweisen,
dass es nach der Rechtsprechung invalidenversicherungsrechtlich nicht
auf die (genaue) Diagnose ankommt, sondern in erster Linie darauf, welche
Auswirkungen eine Krankheit auf die Arbeitsfähigkeit hat; zwischen ärztlich
gestellter Diagnose und Arbeitsunfähigkeit – sowohl bei somatisch domi-
nierten als auch bei psychisch dominierten Leiden – besteht keine Korrela-
tion (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_216/2018 vom 7. September 2018
E. 3.6 mit Hinweis; BGE 140 V 193 E. 3.1 S. 194 f. mit Hinweisen).
Gemäss dem rheumatologischen ABI-Gutachten bestanden anamnestisch
bei der Beschwerdeführerin Schmerzen in multiplen Bereichen des Bewe-
gungsapparates, wobei subjektiv lumbale Rückenschmerzen mit intermit-
tierender, zuletzt linksbetonter Ausstrahlung in die Beine im Vordergrund
gestanden hätten. Zusätzlich hätten Beschwerden im Bereich beider Hand-
gelenke und sämtlicher Fingergelenke mit Schmerzen und Kraftlosigkeit
bestanden. Die Beschwerdeführerin habe auch über Schmerzen an den
unteren Extremitäten berichtet. Bei der klinischen Untersuchung sei die
Schmerzsymptomatik in der Lumbalregion und im gesamten Rückenbe-
reich im Vordergrund gestanden; die Beweglichkeit der LWS sei allseitig
schmerzhaft eingeschränkt gewesen. Weiter hätten auch im Bereich beider
Handgelenke ein starker Volarflexionsschmerz mehr links als rechts und im
Bereich der Füsse eine mässige Deformation vorgelegen (VB 91.2 S. 19).
Basierend auf diesen Befunden hatte der rheumatologische ABI-Gutachter
eine 70%ige Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten attestiert und das
Anforderungsprofil folgendermassen formuliert: "nur leichte körperliche Be-
lastung und nur leichte Rückenbelastung, Möglichkeit zu Wechselpositio-
nen, nur leichte Belastung beider Hände, keine monoton-repetitiven Hal-
tungen oder Bewegungen, keine Überkopftätigkeiten" (VB 91.2 S. 20).
Im rheumatologischen BEGAZ-Gutachten führte die Gutachterin
Dr. med. D., Fachärztin für Rheumatologie und für Allgemeine Innere Me-
dizin, aus, bei der Beschwerdeführerin bestünden seit vielen Jahren Be-
schwerden am Bewegungsapparat, zunächst vor allem im Bereich der
rechten oberen Extremität, "zwischenzeitlich panvertebrale zervikal und
lumbal betonte Schmerzen" mit gemäss der aktuellen Beurteilung pseudo-
radikulären Schmerzausstrahlungen in die oberen und unteren Extremitä-
ten bei "nachgewiesenen multietagen degenerativen Veränderungen" im
Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule. Des Weiteren bestünden
Schmerzen im Bereich der Schultern und der beiden Kniegelenke. Im Be-
reich der Füsse bestehe eine leichte Fehlhaltung, und auch Handbe-
schwerden würden sich "durch die gesamte Aktenlage" ziehen (VB 187.5
S. 35 f.). Gestützt darauf hielt Dr. med. D. bei der Beurteilung der "funktio-
nelle[n] Auswirkungen der Befunde / Diagnosen" fest, das Achsenskelett
der Beschwerdeführerin sei minderbelastbar, ebenso die Hände, Füsse,
Schultern und Kniegelenke (VB 187.5 S. 37). Dr. med. D. folgerte daraus,
- 7 -
dass die Beschwerdeführerin in leichten, wechselbelastenden, adaptierten
Tätigkeiten zu 70 % arbeitsfähig sei (VB 187.5 S. 38 f.).
Nachdem bei der Beschwerdeführerin durchgehend Einschränkungen auf-
grund von Beschwerden in den gleichen Bereichen des Körpers bestanden
haben, ist es nachvollziehbar, dass Dr. med. D. zur gleichen quantitativen
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit gelangte wie die ABI-Gutachter. Soweit
sich aus der Kniegelenksproblematik und der Problematik im Bereich der
Füsse neue Einschränkungen ergeben, berücksichtigte Dr. med. D. diese,
indem sie – im Vergleich zum ABI-Gutachten (vgl. VB 91.2 S. 20) – explizit
zusätzliche qualitative Einschränkungen definierte (VB 187.5 S. 39).
Dr. med. D. hielt weiter fest, die Beschwerdeführerin habe auch in einer
adaptierten Tätigkeit einen erhöhten Pausenbedarf, da sich unter anderem
die Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich gegenseitig verstärken
würden und zudem Beschwerden an verschiedenen Körperstellen vorhan-
den seien. Insgesamt habe sich die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführe-
rin im Vergleich zur letzten polydisziplinären Begutachtung durch das ABI
nicht verändert (VB 187.5 S. 39). Aus dem Hinweis der Gutachterin auf die
unveränderte Arbeitsfähigkeitseinschätzung seit dem ABI-Gutachten ergibt
sich dabei implizit, dass die zusätzlich notwendigen Pausen bereits in der
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung von 70 % enthalten sind.
Die aus rheumatologischer Sicht attestierte 70%ige Arbeitsfähigkeit in einer
angepassten Tätigkeit ist aufgrund des Dargelegten somit – und entgegen
der Ansicht der Beschwerdeführerin – schlüssig und nachvollziehbar be-
gründet.
5.3.
Die Beschwerdeführerin rügt ebenfalls die gutachterlich attestierte Arbeits-
fähigkeit aus neurologischer Sicht; es sei nicht schlüssig, dass die attes-
tierte Arbeitsfähigkeit von 80 % sowohl für die schwere angestammte wie
auch eine leichte Tätigkeit gelten soll (Beschwerde, Ziff. 27).
Der neurologische BEGAZ-Gutachter Dr. med. E., Facharzt für Neurologie,
hielt bei den "funktionelle[n] Auswirkungen der Befunde / Diagnosen" fest,
dass die Beschwerdeführerin infolge der Nacken- und Schulterschmerzen
Überkopfarbeiten sowie schwere und mittelschwere körperliche Tätigkeiten
vermeiden sollte. Weiter sollte sie aufgrund der Lumboischialgie beidseits
nur rückenadaptierte Tätigkeiten durchführen (VB 187.4 S. 23). Die Um-
schreibung des Belastungsprofils angepasster Tätigkeiten, wonach der Be-
schwerdeführerin weiterhin körperlich leichte, rückenadaptierte Tätigkeiten
ohne Überkopfarbeiten sowie organisatorische und administrative Tätigkei-
ten ganztags zumutbar sind, wobei wegen des erhöhten Pausenbedarfs
von 20 % eine Arbeitsfähigkeit von 80 % resultiert (VB 187.4 S. 24), er-
scheint nachvollziehbar. Der angestammten Tätigkeit, welche die Be-
- 8 -
schwerdeführerin seit 2001 nicht mehr ausgeübt hat, kommt kein entschei-
dendes Gewicht mehr zu (vgl. auch VB 187.1 S. 13). Auch auf die Beurtei-
lung im neurologischen Teilgutachten ist somit im Wesentlichen abzustel-
len.
5.4.
Die Beschwerdeführerin rügt weiter, dass im BEGAZ-Gutachten kein posi-
tives Anforderungsprofil (im Sinne von "was kann die Person noch") aufge-
führt sei. Es sei somit unklar, welche Arbeiten ihr noch zumutbar seien (Be-
schwerde, Ziff. 32).
Gemäss dem BEGAZ-Gutachten sind der Beschwerdeführerin schwere
und mittelschwere Tätigkeiten nicht mehr zumutbar. Möglich sei ihr aber
eine leichte, wechselbelastende Arbeit mit Ausschluss sämtlicher Arbeiten
mit repetitiven Rotationsbelastungen des Oberkörpers, mit Zwangshaltun-
gen des Oberkörpers, mit dauernden oder wiederholten Arbeiten mit den
Armen in oder über der Horizontalen, mit monotonen Belastungen des
Schultergürtels, mit starken und repetitiven Belastungen der Hände, sowie
Arbeiten verbunden mit dauerndem oder wiederholtem Gehen auf unebe-
nem Grund, Steigen auf Treppen oder Leitern oder Arbeiten in der Höhe
(VB 187.1 S. 13). Damit äusserten sich die BEGAZ-Gutachter – entgegen
der Ansicht der Beschwerdeführerin – umfassend und detailliert dazu, wel-
che Tätigkeiten ihr noch zumutbar sind.
5.5.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass dem BEGAZ-Gutachten
vom 28. Mai 2020 Beweiskraft zukommt, weshalb auf die darin enthaltene
Arbeitsfähigkeitseinschätzung abzustellen ist. Die Beschwerdeführerin ist
somit in schweren und mittelschweren Tätigkeiten zu 100 % arbeitsunfähig
und in körperlich leichten, rückenadaptierten und wechselbelastenden Tä-
tigkeiten seit Januar 2017 zu 60 % arbeitsfähig (VB 187.1 S. 13 ff.).
6.
Die angefochtene Verfügung erging am 17. Januar 2022 und betrifft mit
Anmeldung vom 1. November 2016 geltend gemachte invalidenversiche-
rungsrechtliche Leistungsansprüche. Gemäss Rechtsprechung sind in zeit-
licher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgeblich, die bei
der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden
Tatbestands Geltung haben; besondere übergangsrechtliche Regelungen
sind dabei vorbehalten (vgl. BGE 144 V 210 E. 4.3.1 S. 213 mit Hinweis).
Am 1. Januar 2022 sind die Änderungen des IVG vom 19. Juni 2020 (Wei-
terentwicklung der IV) bzw. der IVV vom 3. November 2021 in Kraft getre-
ten. Bei Neuanmeldung vom 1. November 2016 und angesichts der gut-
achterlich abgegebenen Arbeitsfähigkeitseinschätzung konnte ein potenti-
eller Rentenanspruch frühestens ab Januar 2018 entstehen (Art. 28 Abs. 1
[Beginn Wartejahr Januar 2017], Art. 29 Abs. 1 IVG). Auf diesen Zeitpunkt
- 9 -
hat auch – wie noch aufzuzeigen ist – die Ermittlung des Invaliditätsgrades
zu erfolgen. Es erscheint vor dem Hintergrund der erwähnten Rechtspre-
chung sachgerecht, den Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns
als Anknüpfungspunkt für die Frage des in zeitlicher Hinsicht anwendbaren
Rechts heranzuziehen. Ohnehin hat sich der in diesem Verfahren relevante
Sachverhalt weit überwiegend noch unter dem bis Ende 2021 geltenden
Recht ereignet, womit dieses anzuwenden ist (vgl. teilweise analog Urteil
des Bundesgerichts 2C_1005/2021 vom 27. April 2022 E. 4.3 mit Hinwei-
sen).
7.
7.1.
Die Beschwerdeführerin stellt die Verwertbarkeit der festgestellten Arbeits-
fähigkeit in einer angepassten Tätigkeit in Frage (Beschwerde, Ziff. 32).
7.2.
Die Frage der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit beurteilt sich be-
zogen auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 und Art. 16
Abs. 1 ATSG), wobei an die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und
Verdienstaussichten keine übermässigen Anforderungen zu stellen sind
(Urteil des Bundesgerichts 8C_910/2015 vom 19. Mai 2016 E. 4.2.1 mit
Hinweisen, in: SVR 2016 IV Nr. 58 S. 190). Der ausgeglichene Arbeits-
markt ist ein theoretischer und abstrakter Begriff. Er berücksichtigt die kon-
krete Arbeitsmarktlage nicht, umfasst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten
auch tatsächlich nicht vorhandene Stellenangebote und sieht von den feh-
lenden oder verringerten Chancen Teilinvalider, eine zumutbare und geeig-
nete Arbeitsstelle zu finden, ab (BGE 134 V 64 E. 4.2.1 S. 70 f. mit Hinwei-
sen). Rechtsprechungsgemäss kann eine Unverwertbarkeit der verbliebe-
nen Leistungsfähigkeit daher nicht leichthin angenommen werden. An der
Massgeblichkeit dieses ausgeglichenen Arbeitsmarktes vermag auch der
Umstand nichts zu ändern, dass es für die versicherte Person im Einzelfall
schwierig oder gar unmöglich ist, auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt eine
entsprechende Stelle zu finden (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 9C_500/2021 vom 9. Dezember 2021 E. 6.2 mit Hinweisen).
7.3.
Die Beschwerdeführerin wurde am tt.mm. 1963 geboren und war im für die
Beurteilung der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit massgebenden
Zeitpunkt (vgl. dazu BGE 145 V 2 E. 5.3.1 S. 16 mit Hinweisen) der Erstat-
tung des Gutachtens vom 28. Mai 2020 57 Jahre alt. Sie hatte damit noch
eine Erwerbsdauer von rund sieben Jahren vor sich. Rechtsprechungsge-
mäss kann im Bereich eines Alters von rund 60 Jahren unter Umständen
eine Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Ar-
beitsmarkt ausgeschlossen sein, wobei jeweils den Umständen des Einzel-
falls Rechnung zu tragen ist (Urteil des Bundesgerichts 8C_448/2014 vom
29. Dezember 2014 E. 4.3.1. und 4.3.2.1 mit Hinweisen). Zu beachten ist
- 10 -
allerdings, dass die Praxis für die Annahme einer Unverwertbarkeit der Ar-
beitsfähigkeit bei älteren Versicherten hohe Hürden aufgestellt hat (vgl. Ur-
teil des Bundesgerichts 8C_759/2018 vom 13. Juni 2019 E. 7.7 mit Hin-
weis).
In einer leichten, wechselbelastenden Tätigkeit ist die Beschwerdeführerin
gemäss den gutachterlichen Feststellungen (unter Berücksichtigung des
von den Gutachtern definierten Anforderungsprofils, vgl. E. 5.4.) zu 60 %
arbeitsfähig. Dieses Anforderungsprofil steht dabei nach der bundesge-
richtlichen Rechtsprechung einer Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit
nicht grundsätzlich entgegen, sind doch körperlich leichte, wechselbelas-
tende Tätigkeiten in rückenschonender Haltung auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt in genügender Zahl vorhanden (vgl. etwa Urteile des Bundes-
gerichts 9C_141/2021 vom 8. Juli 2021 E. 5.1; 8C_442/2019 vom 20. Juli
2019 E. 4.2). Der Beschwerdeführerin stehen insbesondere Kontroll- und
Überwachungstätigkeiten, einfache und ungefährliche Maschinenbedie-
nungsfunktionen sowie Hilfsarbeiten wie Montage-, Sortierungs-, Prüf- und
Verpackungstätigkeiten in Produktions- und Dienstleistungsbetrieben, of-
fen. Den ihr möglichen Bedienungs- sowie Überwachungsfunktionen
kommt ferner im industriellen und gewerblichen Bereich eine wachsende
Bedeutung zu (vgl. die in BGE 145 V 209 nicht publ. E. 4.5 des Urteils des
Bundesgerichts 8C_494/2018 vom 6. Juni 2019).
Es ist zwar zu beachten, dass die Beschwerdeführerin über keinen Berufs-
abschluss verfügt und bis anhin immer Hilfsarbeiten in Fabriken ausgeübt
hat (vgl. VB 2 bis 4; VB 187.5 S. 25 f.; VB 190), allerdings ergibt sich aus
den Akten, dass eine uneingeschränkte Selbstbehauptungs- und Verkehrs-
fähigkeit vorhanden ist (VB 187.6 S. 11). Eine allenfalls in einer Verweistä-
tigkeit verlängerte Einarbeitungszeit aufgrund der mittelgradig beeinträch-
tigten Flexibilität und Umstellungsfähigkeit der Beschwerdeführerin
(vgl. VB 187.6 S. 12) fällt hierbei nicht besonders ins Gewicht, weil bei den
vorbeschriebenen Tätigkeiten an sich von einem im Allgemeinen kleinen
Einarbeitungsaufwand auszugehen ist und keine besonderen Fertigkeiten
erwartet werden (vgl. hierzu auch Urteil des Bundesgerichts 9C_574/2019
vom 16. Oktober 2019 E. 2). Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin
wie bereits ausgeführt, noch eine Aktivitätsdauer von rund sieben Jahren
bis zum Erreichen des ordentlichen Rentenalters vor sich hat.
7.4.
Damit steht der Beschwerdeführerin noch ein genügend weites Betäti-
gungsfeld auf dem in Frage kommenden hypothetisch ausgeglichenen Ar-
beitsmarkt offen, womit die Verwertbarkeit der Resterwerbsfähigkeit unter
Berücksichtigung der objektiven und subjektiven Gegebenheiten als zu-
mutbar erscheint und im konkreten Fall keine "ausserordentliche Konstel-
lation" vorliegt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_143/2019 vom 21. Au-
gust 2019 E. 5.2).
- 11 -
8.
8.1.
Die Beschwerdegegnerin nahm in der Verfügung vom 17. Januar 2022 zur
Bemessung des Invaliditätsgrades einen Einkommensvergleich per 1. Ja-
nuar 2018 vor (VB 107). Die Beschwerdeführerin rügt die Ermittlung des
Valideneinkommens. Sie macht geltend, dieses könne nicht gestützt auf
den von ihr erzielten Lohn bei ihrer letzten Arbeitsstelle ermittelt werden,
da ihre damalige Arbeitgeberin, die F. AG, die Niederlassung in Q., in der
sie gearbeitet habe, 2015 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen habe
(Beschwerde, Ziff. 38, Beschwerdebeilage [BB] 4).
8.2.
Das Valideneinkommen ist dasjenige Einkommen, das die versicherte Per-
son erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG;
Art. 28a Abs. 1 IVG). Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist recht-
sprechungsgemäss entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt
des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwie-
genden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdienen würde, und
nicht, was sie bestenfalls verdienen könnte (BGE 131 V 51 E. 5.1.2 S. 53;
Urteil des Bundesgerichts 9C_190/2019 vom 14. Mai 2019 E. 4.2). Dabei
wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der
realen Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da er-
fahrungsgemäss die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortge-
setzt worden wäre. Ausnahmen von diesem Erfahrungssatz müssen mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 135 V 58 E. 3.1
S. 59; vgl. auch BGE 135 V 297 E. 5.1 S. 300 f.; 134 V 322 E. 4.1 S. 325 f.;
Urteil des Bundesgerichts 8C_504/2018 vom 19. Oktober 2018 E. 3.5.2).
Wenn es nicht möglich ist, zur Bestimmung des Valideneinkommens vom
zuletzt vor Invaliditätseintritt erzielten Lohn auszugehen, oder fehlen sonst
konkrete Anhaltspunkte für dessen Bestimmung, dann ist auf Erfahrungs-
und Durchschnittswerte zurückzugreifen (Urteil des Bundesge-
richts 9C_84/2020 vom 2. März 2020 mit Hinweis). Auf die Tabellenlöhne,
das heisst auf die schweizerische Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bun-
desamtes für Statistik (vgl. BGE 124 V 321), darf jedoch stets nur unter
Mitberücksichtigung der für die Entlöhnung im Einzelfall gegebenenfalls re-
levanten persönlichen und beruflichen Faktoren abgestellt werden (Urteil
des Bundesgerichts 9C_239/2019 vom 5. September 2019 E. 2.2.1;
MEYER/REICHMUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversi-
cherungsrecht, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG],
3. Aufl. 2014, N. 55 zu Art. 28a IVG).
8.3.
Ausweislich der Akten hat die Beschwerdeführerin zuletzt vom 2. Mai 2000
bis am 30. April 2001 als Abnehmerin bei der F. AG, Q., gearbeitet. Dieses
- 12 -
Arbeitsverhältnis wurde aus gesundheitlichen Gründen aufgelöst (VB 4).
Gemäss dem von der Beschwerdeführerin ins Recht gelegten Artikel der
Aargauer Zeitung vom tt.mm. 2015 schloss die F. AG den Standort in Q. im
Jahr 2015 aufgrund des "...-Skandals" (BB 4). Mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit (vgl. BGE 146 V 51 E. 5.1 S. 56) ist davon auszugehen, dass
die Beschwerdeführerin auch im Gesundheitsfall nicht mehr bei der ehe-
maligen Arbeitgeberin arbeiten würde. Rechtsprechungsgemäss ist das
Valideneinkommen mittels statistischer Werte zu bestimmen, wenn die ver-
sicherte Person als Gesunde nicht mehr an der bisherigen Arbeitsstelle tä-
tig wäre (vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_581/2020,
8C_585/2020 vom 3. Februar 2021 E. 6.3 mit Hinweisen). Der bei der ehe-
maligen Arbeitgeberin erzielte Lohn ist somit nicht zur Ermittlung des Vali-
deneinkommens der Beschwerdeführerin heranzuziehen, sondern dieses
ist anhand der LSE-Tabellenlöhne festzusetzen.
Da die Beschwerdeführerin über keinen Berufsabschluss verfügt und vor
2001 immer Hilfsarbeiten in Fabriken ausgeführt hat (vgl. VB 2 bis 4;
VB 187.5 S. 25 f.; VB 190), ist die Tabelle TA1 der schweizerischen Lohn-
strukturerhebung (LSE 2018), tirage skill level, Kompetenzniveau 1, Total,
Frauen, zur Ermittlung des Valideneinkommens heranzuziehen. Für die
Festsetzung des Invalideneinkommens ist ebenfalls auf den Tabellenlohn
gemäss Kompetenzniveau 1 der LSE 2018 abzustellen. Sind Validen- und
Invalideneinkommen ausgehend vom gleichen Tabellenlohn zu berechnen,
erübrigt sich deren genaue Ermittlung. Diesfalls entspricht der Invaliditäts-
grad nämlich dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung ei-
nes allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn, der höchstens 25 % betragen
darf. Dies stellt eine rein rechnerische Vereinfachung dar (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 8C_358/2017 vom 4. August 2017 E. 2.2 mit Hinweisen).
Vorliegend beträgt der Grad der Arbeitsunfähigkeit 40 % (oben E. 5.5.).
8.4.
8.4.1.
Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von lohnstatistischen An-
gaben ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert allenfalls zu kürzen.
Die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind,
hängt von sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen des kon-
kreten Einzelfalles ab (leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre,
Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), welche nach
pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen sind. Ein Abzug soll
aber nicht automatisch, sondern nur dann erfolgen, wenn im Einzelfall An-
haltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person wegen eines oder
mehrerer dieser Merkmale ihre gesundheitlich bedingte (Rest-)Arbeitsfä-
higkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem
Einkommen verwerten kann. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzuges
ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalidenein-
- 13 -
kommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu schät-
zen und insgesamt auf höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen.
Die – bisherige – Rechtsprechung gewährt insbesondere dann einen Ab-
zug vom Invalideneinkommen, wenn eine versicherte Person selbst im
Rahmen körperlich leichter Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer Leistungsfähigkeit
eingeschränkt ist. Allfällige bereits in der Beurteilung der medizinischen Ar-
beitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche Einschränkungen dürfen nicht zu-
sätzlich in die Bemessung des leidensbedingten Abzugs einfliessen und so
zu einer doppelten Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen (vgl.
BGE 148 V 174 E. 6.3 S. 182 mit Hinweisen sowie E. 9.2.5 S. 194).
8.4.2.
Im vorliegenden Fall gewährte die Beschwerdegegnerin keinen Abzug vom
Tabellenlohn. Die Beschwerdeführerin beantragt, ihr sei ein Abzug in Höhe
von 20 % zu gewähren (Beschwerde, Ziff. 34 f.).
Gemäss dem beweiskräftigen BEGAZ-Gutachten ist die Beschwerdeführe-
rin in einer körperlich leichten, rückenadaptierten und wechselbelastenden
Tätigkeit zu 60 % arbeitsfähig (vgl. E. 5.5.). Die gesundheitlichen Ein-
schränkungen der Beschwerdeführerin wurden dabei bereits umfassend
bei der Arbeitsfähigkeitseinschätzung und der Definition des Zumutbar-
keitsprofils berücksichtigt, weshalb sie – wie gesehen – rechtsprechungs-
gemäss nicht zu einem zusätzlichen leidensbedingten Abzug führen kön-
nen. Hinzu kommt, dass der von der Beschwerdegegnerin angewandte Ta-
bellenlohn des Kompetenzniveaus 1 auf einer Vielzahl von leichten und
mittelschweren Tätigkeiten basiert (vgl. Urteile des Bundesge-
richts 9C_862/2017 vom 29. Juni 2018 E. 3.3.1; 9C_833/2017 vom 20. Ap-
ril 2018 E. 5.1). Daraus folgt, dass das Merkmal der leidensbedingten Ein-
schränkung entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin keinen Abzug
vom Tabellenlohn zu begründen vermag.
Dasselbe gilt für den Faktor Alter, da Hilfsarbeiten auf dem hypothetisch
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 16 ATSG) altersunabhängig nachge-
fragt werden (Urteil des Bundesgerichts 9C_808/2015 vom 29. Februar
2016 E. 3.4.2). Die Beschwerdeführerin ist Schweizerin (VB 117 S. 2), wo-
mit sich die Nationalität nicht negativ auf den Lohn auswirkt (BfS, Tabelle
T12b, 2018). Ein teilzeitlicher Beschäftigungsgrad von 60 % hat statistisch
betrachtet bei Frauen ohne Kaderfunktion eine lohnerhöhende Wirkung
(BfS, Tabelle T18, 2018).
Aufgrund der erwähnten Gesichtspunkte ist nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin insgesamt keinen Abzug
vom Tabellenlohn gewährte.
- 14 -
8.5.
Da das Validen- und das Invalideneinkommen anhand des gleichen Tabel-
lenlohns zu ermitteln sind, entspricht der IV-Grad dem Grad der Arbeitsun-
fähigkeit von 40 % (vgl. E. 8.3.). Damit hat die Beschwerdeführerin ab
1. Januar 2018 Anspruch auf eine Viertelsrente. Daran ändert sich auch
nach dem 1. Januar 2022 nichts, da gemäss lit. c der Übergangsbestim-
mung zur Änderung des IVG vom 19. Juni 2020 (Weiterentwicklung der IV)
für Rentenbezügerinnen und -bezüger, deren Rentenanspruch vor Inkraft-
treten dieser Änderung entstanden ist und die bei Inkrafttreten dieser Än-
derung das 55. Altersjahr vollendet haben, das bisherige Recht weiterhin
gilt. Vorliegend ist diese Bestimmung einschlägig, da der Rentenanspruch
der Beschwerdeführerin am 1. Januar 2018 entstanden ist und sie bei Jahr-
gang 1963 am 1. Januar 2022 das 55. Altersjahr bereits vollendet hat.
9.
9.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die
angefochtene Verfügung vom 17. Januar 2022 aufzuheben. Der Beschwer-
deführerin ist mit Wirkung ab 1. Januar 2018 eine Viertelsrente zuzuspre-
chen.
9.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
9.3.
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Ersatz der
richterlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG).