Decision ID: a9184aea-1f4e-55e3-a01c-6fea4396ace0
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ wurde im Mai 1997 von ihrem damaligen Beistand zum Bezug einer Rente
der Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 2). Der Allgemeinmediziner Dr. med.
B._ berichtete im Mai 1997 (IV-act. 4), die Versicherte leide gemäss einem Bericht
der psychiatrischen Klinik C._ aus dem Jahr 1988 an einer paranoid katatonen
Schizophrenie. Sie lebe alleine in ihrem Haus, das mittlerweile „schon recht verlottert“
sei, lasse niemanden zu sich, erlaube nicht einmal ihren Töchtern, das Haus zu
betreten. Sie sei im Dorf bekannt, da sie tagaus, tagein durch die Strassen hetze,
niemanden grüsse, den Kindern durch ihre Erscheinung Angst einflösse und seit Jahren
verschiedene Persönlichkeiten mit Dutzenden von Briefen und „Fötzeln“ belästige,
deren Inhalt unverständlich sei. Die Klinik C._ berichtete im Oktober 1997 (IV-act. 7),
anlässlich der beiden im Jahr 1988 erfolgten stationären Behandlungen sei noch keine
Schizophrenie diagnostiziert worden. Erst neun Jahre später habe sich im Rahmen
einer erneuten stationären Behandlung das Vollbild einer chronisch paranoiden
Schizophrenie mit einem systematischen Wahn und einer ausgeprägten
Negativsymptomatik gezeigt. Die Versicherte lebe in ihrer eigenen Welt und sei nicht in
der Lage, mit ihrer Umwelt zu interagieren. Eine neuroleptische Medikation habe keinen
Erfolg gezeitigt. Am ._ 1997 sei die Versicherte aus der Klinik entflohen; am 31. Juli
1997 sei sie „administrativ entlassen“ worden. Die IV-Stelle sprach der Versicherten mit
einer Verfügung vom 13. Februar 1998 rückwirkend ab dem 1. Mai 1996 eine ganze
Rente zu (IV-act. 11).
A.a.
Im Juni 2000 forderte die IV-Stelle die Versicherte auf, einen Fragebogen für die
Überprüfung des Rentenanspruchs auszufüllen (IV-act. 15–1 f.). Deren Beistand teilte
am 21. Juni 2000 mit (IV-act. 15–3), die Versicherte sei gegen Ende des Jahres 1999
A.b.
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aus einer stationären Behandlung in der Klinik C._ entflohen. Ihr Aufenthalt sei seither
„sämtlichen Beteiligten“ unbekannt. Gemäss einer Auskunft der Ärzte der Klinik C._
leide die Versicherte an einer unheilbaren Geisteskrankheit. Die Heilungschancen seien
sehr gering. Folglich sei von einem unveränderten Gesundheitszustand auszugehen. Im
Juli 2000 sistierte die IV-Stelle die Rentenauszahlung wegen des unbekannten
Aufenthaltsortes der Versicherten (IV-act. 16 f.).
Im Mai 2001 teilte die Tochter der Versicherten mit (IV-act. 18), dass sie
zwischenzeitlich zum Beirat ihrer Mutter ernannt worden sei (IV-act. 19). Sie könne
nicht nachvollziehen, weshalb die Rente der Invalidenversicherung, die die einzige
Existenzgrundlage ihrer Mutter darstelle, im Juli 2000 sistiert worden sei. Sie ersuche
deshalb um eine entsprechende Auskunft. Ein Sachbearbeiter der Ausgleichskasse
teilte der Beiständin der Versicherten am 6. Juni 2001 mit (IV-act. 30–1), sie habe von
der IV-Stelle den Auftrag erhalten, die laufende Rente zu sistieren. Sobald der
Aufenthaltsort der Versicherten („sei es im In- oder Ausland“) bekannt sei, würden „die
Rentenzahlungen wieder aufgenommen“. Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle informierte
die Beiständin am 13. Juni 2001 darüber (IV-act. 20), dass die Rente aufgrund des
unbekannten Aufenthaltsortes der Versicherten sistiert worden sei. Sobald die
Versicherte wieder einen festen Wohnsitz begründe und den behandelnden Arzt nenne,
könne die Rente wieder ausgerichtet werden. Der Sachbearbeiter notierte, die
Beiständin habe am Telefon bestätigt, dass der Aufenthaltsort der Versicherten
weiterhin unbekannt sei und dass auch auf dem Bankkonto keinerlei Bewegungen
festzustellen seien. Am 9. September 2001 ersuchte die Beiständin der Versicherten
um eine Aufhebung der Rentensistierung (IV-act. 21). Sie machte geltend, ihre Mutter
sei schon im Jahr 1997 für mehrere Monate verschwunden. Man habe sie schliesslich
in D._ gefunden. Bis zum Auffinden habe sie sich „auf der Strasse durchgeschlagen“.
Wahrscheinlich habe es sie auch jetzt wieder nach Italien gezogen. Nach wie vor fielen
Kosten an, die ohne die Rente der Invalidenversicherung kaum beglichen werden
könnten. Sie, die Beiständin der Versicherten, ersuche deshalb um ein
Entgegenkommen „in diesem nicht ganz gewöhnlichen Fall“. Die IV-Stelle antwortete
am 14. September 2001, dass sie die Rentenzahlung solange sistieren müsse, bis der
Aufenthaltsort der Versicherten wieder bekannt sei (IV-act. 22).
A.c.
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Im Juni 2012 meldete die Beiständin der Versicherten ihre Mutter zum Bezug einer
Altersrente der AHV an (IV-act. 23). Sie wies darauf hin, dass ihre Mutter
zwischenzeitlich, rund zehn Jahre nach ihrem Verschwinden, in D._ aufgefunden
worden sein könnte. Zurzeit seien Abklärungen im Gange, die eine Erhärtung des
Verdachtes bezweckten. Sollte ihre Mutter tatsächlich noch leben, habe sie einen
Anspruch auf die rückwirkende Wiederausrichtung der Invalidenrente. Deshalb werde
um eine Bestätigung ersucht, dass die IV-Stelle auf die Einrede der Verjährung der per
1. August 2000 sistierten Rente verzichte. Die IV-Stelle teilte der Beiständin der
Versicherten am 27. Juni 2012 mit, dass der Anspruch auf ausstehende Leistungen von
Gesetzes wegen fünf Jahre nach dem Ende jenes Monats erlösche, für den die
Leistung geschuldet gewesen sei (IV-act. 24).
A.d.
Am 11. Mai 2020 teilte die Beiständin der IV-Stelle mit (IV-act. 25), dass ihre
Mutter zwischenzeitlich definitiv wieder aufgefunden worden sei. Seit dem 3. Dezember
2019 sei ihr Aufenthaltsort bekannt. Sie habe sich davor während 20 Jahren als
obdachlose Bettlerin in D._ durchgeschlagen. Die paranoide Schizophrenie habe sich
in dieser Zeit stark verfestigt. Sie kenne nicht einmal ihre eigene Tochter und ihren
richtigen Namen. Sie ersuche um eine rückwirkende Wiederausrichtung der sistierten
Invalidenrente. Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle notierte am 28. Mai 2020 (IV-act. 27),
die AHV richte rückwirkend seit dem 1. März 2012 eine ordentliche Altersrente aus,
was bedeute, dass der IV-Rentenanspruch der Versicherten am 29. Februar 2012
geendet habe. Gemäss dem Art. 24 ATSG erlösche der Anspruch auf ausstehende
Leistungen fünf Jahre nach dem Ende jenes Monats, für den die Leistungen geschuldet
gewesen seien. Im Falle der Versicherten sei dieses „Verfallsdatum“ der 1. März 2017
gewesen, da die Rente lediglich sistiert und nicht aufgehoben worden sei. Die
Versicherte habe sich erst am 11. Mai 2020 wieder gemeldet. Damals sei sie bereits 6_
Jahre alt gewesen. Für die fünf Jahre vor diesem Zeitpunkt habe sie keinen Anspruch
mehr auf eine IV-Rente gehabt. Mit einem Vorbescheid vom 28. Mai 2020 teilte die IV-
Stelle der Beiständin der Versicherten mit, dass sie die Abweisung des
Leistungsbegehrens vorsehe (IV-act. 28). Dagegen wandte diese am 22. Juni 2020 ein
(IV-act. 29), die Rentenleistungen seien nicht verjährt, denn der Art. 24 ATSG regle die
fristwahrende Anmeldung zum Leistungsbezug und nicht die Verjährung einer bloss
sistierten Rente. Zudem habe die IV-Stelle ja im Jahr 2000 ein Revisionsverfahren
A.e.
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B.
eröffnet, das bis dato nicht abgeschlossen worden sei. Während eines hängigen
Verfahrens könnten Leistungen nicht verwirken. Hinzu komme, dass die
Ausgleichskasse ihr am 6. Juni 2001 mitgeteilt habe (vgl. IV-act. 30–1), die
Rentenzahlungen würden wieder aufgenommen, sobald der Aufenthaltsort der
Versicherten bekannt sei. Dadurch habe die Ausgleichskasse ein berechtigtes
Vertrauen der Beiständin der Versicherten geweckt, gestützt auf das die
Rentenzahlungen rückwirkend auszurichten seien. Ein Mitarbeiter des Rechtsdienstes
notierte am 22. Juli 2020 (IV-act. 33), entgegen der Ansicht der Beiständin der
Versicherten sei kein Verfahren hängig gewesen. Der Art. 24 ATSG regle die Verjährung
und nicht die Fristwahrung für die Anmeldung. Der Vertrauensschutz komme hier nicht
zur Anwendung, denn im Schreiben vom 6. Juni 2001 sei nicht auf die Frage nach einer
rückwirkenden Rentenauszahlung eingegangen worden. Mit einer Verfügung vom 22.
Juli 2020 wies die IV-Stelle „das Leistungsbegehren“ ab (IV-act. 34).
Am 14. September 2020 liess die durch ihre Tochter vertretene Versicherte
(nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 22.
Juli 2020 erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung, die rückwirkende Auszahlung der Rente oder eventualiter
die Vornahme von weiteren Sachverhaltsabklärungen. Zur Begründung führte sie aus,
der Art. 24 Abs. 1 ATSG sei vorliegend nicht anwendbar, denn die Beschwerdeführerin
habe sich bereits im Mai 1997 zum Leistungsbezug angemeldet und somit die
fristwahrende Handlung vorgenommen. Die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) habe zudem mit ihren Auskünften im Jahr 2001 das berechtigte
Vertrauen in eine rückwirkende Auszahlung der sistierten Rentenleistungen geweckt.
Zudem sei seit dem Jahr 2000 ein Rentenrevisionsverfahren hängig, das noch immer
nicht abgeschlossen worden sei.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 10. November 2020 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie an, die Ausführungen der
Beschwerdeführerin seien nicht stichhaltig. Mit Sicherheit könne nicht davon
ausgegangen werden, dass die Rentenzahlungen bis heute noch nicht verwirkt seien,
weil die Anmeldung zum Leistungsbezug im Mai 1997 erfolgt sei. Massgebend sei,
B.b.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
vom 22. Juli 2020 auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem des am
22. Juli 2020 abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Das
Dispositiv der angefochtenen Verfügung lautet: „Das Leistungsbegehren wird
abgewiesen“, was den Eindruck erweckt, die Beschwerdegegnerin habe mit jener
Verfügung ein Rentenbegehren der Beschwerdeführerin abgewiesen. Dieser Eindruck
täuscht. Die Beschwerdegegnerin hatte der Beschwerdeführerin nämlich bereits mit
einer Verfügung vom 13. Februar 1998 formell rechtskräftig und verbindlich eine ganze
Rente zugesprochen. Im Juli 2000 hatte sie nur den Vollzug der rentenzusprechenden
Verfügung vom 13. Februar 1998 gestoppt, indem sie die Auszahlung der materiell
verbindlich geschuldeten Rente sistiert hatte. Das Begehren der Beschwerdeführerin
vom 11. Mai 2020 hatte auf eine Aufhebung dieses Vollzugsstopps und auf eine
rückwirkende Nachzahlung der nach Juli 2000 zurückbehaltenen Rentenzahlungen
abgezielt. Die angefochtene Verfügung vom 22. Juli 2020 ist die Reaktion der
Beschwerdegegnerin auf dieses Begehren gewesen. Da die Beschwerdegegnerin sich
in der angefochtenen Verfügung mit der Frage nach der Verwirkung der
Rentennachzahlung befasst hat, muss die Verfügung vom 22. Juli 2020
notwendigerweise die Aufhebung des vorsorglichen Auszahlungsstopps enthalten,
denn ohne diese Aufhebung hätte sich die Frage nach der Verwirkung der Nachzahlung
der – nun nicht mehr länger zurückzubehaltenden – Rentenzahlungen gar nicht stellen
können. Als zweiten Gegenstand muss die Verfügung vom 22. Juli 2020 die materielle,
revisionsweise Aufhebung des Rentenanspruchs per Ende Februar 2012 enthalten
haben. Hätte die angefochtene Verfügung vom 22. Juli 2020 nicht eine materielle,
revisionsweise Rentenaufhebung per Ende Februar 2012 enthalten, hätte die
dass der Aufenthaltsort der Beschwerdeführerin seit dem 3. Dezember 2019 wieder
bekannt sei. Sie hätte folglich die IV-Rentenleistungen für die fünf Jahre davor
rückwirkend ausbezahlt erhalten können, aber am 3. Dezember 2014 sei sie schon
längst Bezügerin einer Altersrente der AHV gewesen. Ein berechtigtes Vertrauen in eine
rückwirkende Rentenauszahlung sei nie begründet worden. Ein
Rentenrevisionsverfahren sei ebenfalls nie eröffnet worden.
Die Beschwerdeführerin liess am 22. Januar 2021 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 9). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 11).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/9
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Beschwerdegegnerin nämlich die Verweigerung der Nachzahlung der Rente für die
Jahre 2015–2020 nicht mit der Begründung verweigern können, materiell habe in jenem
Zeitraum ja gar kein Rentenanspruch mehr bestehen können, denn der materielle IV-
Rentenanspruch war davor nie verfügungsweise zufolge Erreichens des ordentlichen
Rentenalters aufgehoben worden. Als dritten Gegenstand hat die angefochtene
Verfügung vom 22. Juli 2020 die Verweigerung der Rentennachzahlung für die Jahre
2000–2012 zufolge der Verwirkung der Nachzahlung enthalten. Die Beschwerde vom
14. September 2020 richtet sich offenkundig weder gegen die Aufhebung des
vorsorglichen Auszahlungsstopps noch gegen die materielle, revisionsweise
Rentenaufhebung per Ende Februar 2012, sodass die angefochtene Verfügung vom 22.
Juli 2020 bezüglich dieser beiden Gegenstände unangefochten in formelle Rechtskraft
erwachsen ist. Den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet damit einzig die
Frage nach der Verwirkung der Rentennachzahlung für die Jahre 2000–2012.
2.
Das Verwirken von Leistungen wird im Art. 24 Abs. 1 ATSG geregelt. Den häufigsten
Anwendungsfall dieser Bestimmung bildet die sogenannt „verspätete“ Anmeldung:
Meldet sich die versicherte Person beispielsweise erst zehn Jahre nach dem Eintritt
des Versicherungsfalls zum Leistungsbezug an und ergibt die Sachverhaltsermittlung,
dass sie bereits seit zehn Jahren einen Anspruch auf die anbegehrte Leistung gehabt
hätte, erhält sie trotzdem nur eine Nachzahlung für die vorangegangenen fünf Jahre;
der Anspruch für die davor liegenden fünf Jahre ist verwirkt. Wie die
Beschwerdeführerin zu Recht geltend gemacht hat, kann eine versicherte Person nur
mit der Anmeldung respektive der Geltendmachung eines Leistungsanspruchs dafür
sorgen, dass möglichst keine Leistungen für die Vergangenheit verwirken. Dieser
häufigste Anwendungsfall des Art. 24 Abs. 1 ATSG liegt hier aber nicht vor, weil die
Invalidenrente bereits vor dem Verschwinden der Beschwerdeführerin verbindlich
zugesprochen worden war und weil die Beschwerdegegnerin nur die Auszahlung der
an sich materiell weiterhin geschuldeten Leistungen vorübergehend verweigert hatte.
Mit anderen Worten hat ein blosses Vollzugshemmnis vorgelegen. Allerdings betrifft
auch der Art. 24 Abs. 1 ATSG nur die Vollzugsebene, denn die Verwirkung hat nicht zur
Folge, dass der materielle Leistungsanspruch gar nicht entstehen würde, sondern sie
verhindert nur den ordentlichen Vollzug einer entsprechenden materiellen
Leistungsverfügung, nämlich die uneingeschränkte Nachzahlung der materiell
geschuldeten Leistungen. Damit überstimmend betrifft die Verwirkung nach dem
Wortlaut des Art. 24 Abs. 1 ATSG „ausstehende“ Leistungen, also Leistungen, die
materiell-rechtlich geschuldet, aber (noch) nicht ausgerichtet worden sind.
Diesbezüglich unterscheiden sich wegen einer (vorläufigen) Rentensistierung
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/9
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zurückbehaltene Rentenzahlungen nicht von einer Nachzahlung einer materiell
geschuldeten Rente für die Vergangenheit: In beiden Fällen besteht ein materieller
Rentenanspruch für einen bestimmten Zeitraum in der Vergangenheit, aber der Vollzug
kommt zu spät und diese Verspätung hat zur Folge, dass ein Teil der an sich materiell
geschuldeten Rente definitiv nicht mehr ausbezahlt werden kann. Das bedeutet, dass
alle ausstehenden Rentenzahlungen für die im Zeitpunkt der Sistierungsaufhebung
mehr als fünf Jahre zurückliegenden Zeit verwirkt gewesen sind. Die Sistierung hätte
frühestens im Dezember 2019 aufgehoben werden können, was bedeutet, dass
(zumindest) alle ausstehenden IV-Rentenleistungen für die Zeit vor Dezember 2014 –
und folglich alle noch bis zur Aufhebung des IV-Rentenanspruchs per Ende Februar
2012 geschuldeten Rentenzahlungen – definitiv verwirkt gewesen sind.
3.
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin hat die Beschwerdegegnerin kein
berechtigtes Vertrauen der Beschwerdeführerin geweckt, die Rentenauszahlung werde
auf jeden Fall, also ungeachtet einer allfälligen Verwirkung, rückwirkend per 1. August
2000 wieder aufgenommen, sobald der Aufenthaltsort der Beschwerdeführerin bekannt
sei. Das entsprechende Schreiben vom 6. Juni 2001, auf das sich die
Beschwerdeführerin berufen hat, ist nämlich gar nicht von der Beschwerdegegnerin,
sondern von der – im Geltungsbereich des IVG nicht verfügungsbefugten –
Ausgleichskasse verfasst worden und es hat sich auch gar nicht an die
Beschwerdeführerin, sondern an deren Beiständin gerichtet, weshalb es zum
Vorneherein nicht geeignet gewesen sein kann, das Verhalten der Beschwerdeführerin
in irgendeiner Weise zu beeinflussen, denn die Beschwerdeführerin kann offenkundig
kein Vertrauen in eine Auskunft gesetzt haben, die ihr gar nicht bekannt gewesen ist.
Man könnte sich lediglich auf den Standpunkt stellen, dass das Schreiben der
Ausgleichskasse die Beiständin der Beschwerdeführerin daran gehindert habe,
rechtzeitig einen „Verwirkungsverzicht“ zu beantragen. Allerdings hätte der
rechtskundigen Beiständin der Beschwerdeführerin bewusst sein müssen, dass eine
Zusicherung der Beschwerdegegnerin, sie werde eine allfällige Verwirkung bei der
späteren Rechtsanwendung ignorieren, wirkungslos gewesen wäre, weil die Verwirkung
in jedem Fall ex lege und damit ohne ein Mitwirken der Beschwerdegegnerin eintritt.
Zudem ist das Schreiben der Ausgleichskasse vom 6. Juni 2001 rund eineinhalb Jahre
nach dem Verschwinden der Beschwerdeführerin ergangen. In diesem Zeitpunkt hat
die Ausgleichskasse offensichtlich noch nicht an eine allfällige Verwirkung der
ausstehenden (sistierten) Rentenzahlungen gedacht, da diese ja erst viel später
eingetreten wäre. Auch die Eingaben der Beiständin der Beschwerdeführerin enthalten
keinen Hinweis darauf, dass diese beim Erhalt des Schreibens vom 6. Juni 2001 bereits
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an die damals noch in weiter Ferne liegende Verwirkung gedacht hätte. In den Akten
deutet nichts darauf hin, dass die Beschwerdegegnerin oder die Ausgleichskasse einen
„Verwirkungsverzicht“ zugesichert hätten. Schliesslich steht einem schützenswerten
Vertrauen der Beschwerdeführerin auch der Mangel einer sogenannten
„Vertrauensbetätigung“ entgegen, denn die Beschwerdeführerin hätte sich nicht anders
verhalten, wenn sie um die Gefahr der Verwirkung der sistierten Rentenzahlungen nach
fünf Jahren gewusst hätte; sie hätte sich auch in diesem Fall solange im „Untergrund“
aufgehalten, bis jemand sie aufgefunden und identifiziert hätte.
4.
Im Ergebnis erweist sich damit die angefochtene Verfügung als rechtmässig, weshalb
die Beschwerde abzuweisen ist. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind der
unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Sie sind durch den von ihr
geleisteten Kostenvorschuss von 600 Franken gedeckt.