Decision ID: 18045ccf-d3ce-4a7f-9a97-a4488519ed41
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die afghanische Staatsangehörige A._ (nachfolgend: die Be-
schwerdeführerin 1) reiste am 24. Mai 2022 mit ihren beiden minderjähri-
gen Töchtern, B._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin 2) und
C._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin 3), sowie ihren erwach-
senen Kindern in die Schweiz ein und suchte gleichentags um Asyl nach.
A.b Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerinnen 1 und 2
mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac)
ergab, dass sie am (...) 2022 in D._ (Italien) aufgegriffen und tags
darauf daktyloskopisch erfasst wurden.
A.c Die Personalienaufnahmen (PA) der Beschwerdeführerinnen 1 und 2
fanden am 31. Mai 2022 statt. Gleichentags mandatierten die Beschwer-
deführerinnen die ihnen zugewiesene Rechtsvertretung des Bundesasyl-
zentrums (BAZ) der Region E._.
A.d Am 2. Juni 2022 erfolgten im Beisein der Rechtsvertretung die persön-
lichen Gespräche gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die
Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
Dabei machte die Beschwerdeführerin 1 geltend, sie sei per Schiff von der
Türkei nach Italien gelangt, wo sie am (...) 2022 von der Polizei aufgegrif-
fen worden sei. Die meiste Zeit ihres fast (...) Aufenthalts in Italien habe
sie in einem Camp verbracht und sonst habe sie bei Angehörigen einer
befreundeten Familie in F._ gelebt. Nachdem die italienischen Be-
hörden ihr ein Ausreisedokument gegeben und ihr gesagt hätten, dass sie
frei reisen könne, sei sie am 24. Mai 2022 mit dem Zug in die Schweiz
gereist. Im Rahmen des ihr vom SEM gewährten rechtlichen Gehörs zur
allfälligen Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zum
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) brachte sie vor, die Schweiz sei von
Anfang an ihr Ziel gewesen, da ihre Eltern, ihr Bruder und ihre drei Schwes-
tern hier leben würden. Zum medizinischen Sachverhalt befragt, gab sie
an, sie leide an vielen Krankheiten, wobei sie nicht alle aufzählen könne.
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Sie habe unter anderem (...) Probleme, eine (...), (...), Probleme ihr ihrer
(...) und würde (...).
Die Beschwerdeführerin 2 machte in Bezug auf ihre Reise und die Gründe,
weshalb sie in der Schweiz bleiben wolle im Wesentlichen dasselbe gel-
tend wie ihre Mutter. Zum medizinischen Sachverhalt befragt, gab sie an,
sie sei (...) und (...). Aufgrund der langen Reise habe sie vermutlich einen
(...)mangel und (...). Ausserdem vermisse sie ihren Vater sehr.
Die Beschwerdeführerin 3 wurde angesichts ihres jungen Alters nicht be-
fragt.
A.e Am 3. Juni 2022 ersuchte das Staatssekretariat für Migration (SEM)
die italienischen Behörden um Übernahme der Beschwerdeführerinnen ge-
mäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO.
A.f Im Laufe des erstinstanzlichen Verfahrens wurden betreffend die Be-
schwerdeführerin 1 ein Laborbefund der (...) vom 4. Juni 2022, ein Bericht
sowie eine Überweisung der (...) vom 14. Juni 2022, ein ärztlicher Bericht
von Dr. med. H._, Facharzt für Innere Medizin FMH, betreffend die
ambulante Behandlung vom 3. Juni 2022, ein Formular "Medic-Help Zu-
weisungsschreiben Arzt (ehemals F2)" vom 10. Juni 2022 mit ärztlichem
Kurzbericht von Dr. med. I._, Fachärztin für Gynäkologie und Ge-
burtshilfe FMH bei der (...), vom 15. Juni 2022, ein Formular "Medic-Help
Zuweisungsschreiben Arzt (ehemals F2)" vom 17. Juni 2022 mit hand-
schriftlichen Notizen der (...) vom 23. Juni 2022, ein urologischer Bericht
von Dr. med K._, Fachärztin der Urologie bei der Klinik (...), vom
24. Juni 2022, ein Formular "Medic-Help Zuweisungsschreiben Arzt (ehe-
mals F2)" vom 24. Juni 2022 mit ärztlichem Kurzbericht von Dr. med.
L._, Fachärztin FMH/FEBO für Ophthalmologie bei der (...), vom
28. Juni 2022 sowie ein Konsultationsbericht von Dr. med. I._,
Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, (...), vom 6. Juli 2022 einge-
reicht. Betreffend die Beschwerdeführerin 2 wurden vier Berichte der (...)
vom 16., 23. sowie vom 30. Juni 2022 und betreffend die Beschwerdefüh-
rerin 3 zwei Konsultationsberichte der (...) vom 30. Juni 2022 sowie vom
2. Juli 2022 zu den Akten gereicht.
A.g Mit Schreiben vom 2. August 2022 informierten die italienischen Be-
hörden das SEM darüber, dass hinsichtlich der Beschwerdeführerinnen
weitere Abklärungen mit dem zuständigen Polizeipräsidium getätigt wer-
den würden.
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Seite 4
A.h Nachdem die italienischen Behörden innerhalb der festgelegten Frist
keine Stellung zum Übernahmeersuchen vom 3. Juni 2022 nahmen, teilte
ihnen das SEM am 5. August 2022 mit, dass die Zuständigkeit für die Be-
handlung des vorliegenden Asyl- und Wegweisungsverfahrens aufgrund
der Verfristung an Italien übergangen sei.
A.i Am 12. August 2022 hiessen die italienischen Behörden das Übernah-
meersuchen des SEM gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO gut und ver-
sicherten, gestützt auf das Rundschreiben vom 8. Februar 2021, dass die
Beschwerdeführerinnen als Familie und unter Berücksichtigung des Alters
der Kinder in einer geeigneten Einreichung untergebracht werden würden.
A.j Am 11. Oktober 2022 erkundigte sich die Vorinstanz per E-Mail beim
Gesundheitsdienst des BAZ M._ über eine allfällige Weiterbehand-
lung der Beschwerdeführerin 1.
B.
Mit am darauffolgenden Tag eröffneten Verfügung vom 17. Oktober 2022
trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die
Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen nicht ein, verfügte die Wegwei-
sung nach Italien und forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wurde der Kan-
ton N._ mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt. Zudem ver-
fügte sie die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis und hielt schliesslich fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den
Entscheid komme von Gesetzes wegen keine aufschiebende Wirkung zu.
C.
C.a Mit Eingabe vom 25. Oktober 2022 erhoben die Beschwerdeführerin-
nen beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragten, die
Verfügung vom 17. Oktober 2022 sei aufzuheben, das SEM sei anzuwei-
sen, auf ihre Asylgesuche einzutreten und in der Schweiz ein materielles
Asylverfahren durchzuführen, eventualiter sei die Sache zur Neubeurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
beantragten sie, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu ertei-
len und die Vollzugsbehörden seien im Sinne einer vorsorglichen Mass-
nahme unverzüglich anzuweisen, von einer Überstellung nach Italien ab-
zusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung entschieden habe. Weiter sei das vorliegende Ver-
fahren mit den Verfahren N (...), N (...) und N (...) zu koordinieren.
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Seite 5
Schliesslich ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
C.b Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
27. Oktober 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das
SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vor-
instanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende
Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwal-
tungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so
auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bun-
desgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG;
SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
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Seite 6
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1
und 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Das vorliegende Verfahren wird mit den Verfahren D-4850/2022,
D-4867/2022 und D-4898/2022 koordiniert und es werden die entspre-
chenden Akten beigezogen.
4.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
5.
Die Beschwerdeführerinnen beantragten eventualiter, die Sache sei zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (vgl. Rechtsbegehren 3
der Beschwerde). Das Begehren wurde in der Rechtsmitteleingabe nicht
weiter begründet und es ist aufgrund der Aktenlage auch nicht ersichtlich,
inwiefern der rechtserhebliche Sachverhalt unrichtig oder unvollständig er-
stellt worden sein soll. Eine Verletzung von Verfahrensrechten durch das
SEM ist ebenfalls nicht ersichtlich und den Akten lassen sich auch keine
weiteren Gründe für eine Kassation entnehmen. Der entsprechende Antrag
ist demnach abzuweisen.
6.
6.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf die
Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen eingetreten ist.
6.2 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Diesbezüglich kommt die Dublin-III-VO zur Anwen-
dung.
6.3 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
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Seite 7
zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Ver-
fahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats wird eingeleitet, so-
bald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens
(engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genann-
ten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der
Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und
es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals ei-
nen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2
Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take
back) findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeits-
prüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und
8.2.1 m.w.H.).
6.4 Wenn eine antragstellende Person, aus einem Drittstaat kommend, die
Land-, See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaats illegal überschritten hat,
ist dieser Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung
des Antrags auf internationalen Schutz zuständig.
6.5 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen,
ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig be-
stimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig be-
stimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zu-
ständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.6 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
die Vorinstanz kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus hu-
manitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO in anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
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Seite 8
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
7.
7.1 Zur Begründung ihres Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG führte die Vorinstanz aus, der Abgleich der Fingerab-
drücke mit der Zentraleinheit Eurodac weise nach, dass die Beschwerde-
führerinnen am (...) 2022 illegal in Italien in das Hoheitsgebiet der Dublin-
Staaten eingereist seien. Da die italienischen Behörden vorerst innert Frist
nicht auf das Übernahmeersuchen geantwortet und dieses dann am
12. August 2022 doch noch nachträglich gutgeheissen hätten, sei die Zu-
ständigkeit für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens
gemäss Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO auf Italien übergegangen. Der von der
Beschwerdeführerin 1 geäusserte Wunsch nach einem weiteren Verbleib
in der Schweiz habe keinen Einfluss auf die Zuständigkeit für das Asyl- und
Wegweisungsverfahren. Aus dem Umstand, dass die Beschwerdeführerin-
nen in der Schweiz über Verwandte verfügen, könne sie ebenfalls nichts
zu ihren Gunsten ableiten, da die Voraussetzungen von Art. 16 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO nicht erfüllt seien. Weiter vermöchten weder die Tatsache, dass
sie in Italien keine Asylgesuche eingereicht hätten noch eine Wegwei-
sungsverfügung sowie die damit verbundene Androhung einer Haftstrafe
die Zuständigkeit Italiens zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungs-
verfahrens zu widerlegen. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
würden keine Gründe für die Annahme vorliegen, das Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen in Italien würden allgemein systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung von Schutzsuchenden mit sich brächten.
Weiter würden keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich dieser Staat
nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halte und das Asyl- und
Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführe. Es sei auch nicht davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerinnen bei einer Überstellung nach
Italien im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 3 der Konvention
zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November
1950 (EMRK; SR 0.101) gravierenden Menschenrechtsverletzungen aus-
gesetzt wären, in eine existenzielle Notlage geraten oder ohne Prüfung ih-
rer Asylgesuche und unter Verletzung des Non-Refoulement-Gebots in ihr
Heimat- respektive Herkunftsstaat überstellt werden würden. Schliesslich
liege kein Grund vor, die Souveränitätsklausel im Sinne von Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 anzuwenden. Für die Be-
schwerdeführerinnen seien momentan keine weiteren Arzttermine vorge-
sehen. Nach ihrer Rückkehr nach Italien hätten sie sodann die Möglichkeit,
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Seite 9
Asylgesuche einzureichen und damit auch medizinische Leistungen, auf
welche sie im Sinne der Aufnahmerichtlinie Anspruch hätten, beziehen zu
können. Für das weitere Dublin-Verfahren sei einzig die Reisefähigkeit aus-
schlaggebend, welche erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt
werde. Weiter würden keine konkreten Hinweise vorliegen, dass Italien
nicht in der Lage sein werde, der Beschwerdeführerin 1 eine dem Alter ih-
rer Kinder angemessene Unterkunft zuzuteilen und die Einheit der Familie
zu wahren, zumal sie von den italienischen Behörden eindeutig als Mitglie-
der einer Familie mit zwei minderjährigen Kindern identifiziert worden sei.
7.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe brachten die Beschwerdeführerinnen im
Wesentlichen vor, es liege ein Ermessensfehler gemäss Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3 AsylV1 vor. Mit Verweis auf verschie-
dene Berichte der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) machte sie gel-
tend, dass sich die Situation in Italien, wonach die Aufnahmebedingungen
im Erstaufnahmesystem unzureichend seien, aufgrund der immer noch un-
genügenden Finanzierung de facto nicht geändert habe. Eine weitere
Problematik liege bei den Betreibenden der Erstaufnahmezentren, denn
durch die finanziellen Einschränkungen seien karitative Organisationen
aus dem Aufnahmesystem gedrängt und meist fachfremde und gewinnori-
entierte Institutionen mit der Leitung betraut worden. Entsprechend prekär
seien die Zustände in den Erstaufnahmezentren geblieben. Angesichts
dessen, dass das Erstaufnahmesystem bereits vor den Salvini-Verschär-
fungen in der Kritik gestanden habe, scheine es kurzsichtig, Erstaufnah-
mezentren lediglich deshalb "wieder" als adäquat für Familien zu bezeich-
nen, weil die Situation zwischenzeitlich noch desolater gewesen sei. Folg-
lich sei eine generelle Annahme, wonach die Unterbringung in diesen Zen-
tren keine Verletzung von Art. 3 EMRK bewirken könne, verfehlt. Experten-
berichte würden sodann bestätigen, dass Asylsuchende, welche aufgrund
der Dublin-III-VO nach Italien zurückkehren müssten, weiterhin nicht in das
Zweitaufnahmesystem (Sistema di accoglienza e integrazione [SAI]) son-
dern in Erstaufnahmezentren (Centri governativi di prima accoglienza; ehe-
mals: Centri di accoglienza per richiedenti asilo [CARA]) oder in temporä-
ren Einrichtungen (Strutture temporanee; ehemals: Centri di accoglienza
straordinaria [CAS]) untergebracht werden würden, da die Kapazitätsgren-
zen erreicht seien. Die Situation habe sich durch die Einreise von ukraini-
schen Geflüchteten zusätzlich verschärft. Damit könnten sie bei ihrer An-
kunft in Italien kaum auf eine priorisierte und rasche Zuteilung in die SAI-
Strukturen hoffen. Es sei wahrscheinlich, dass sie – zumindest vorüberge-
hend – in einem CAS-Zentrum untergebracht werden, wo sie unter sehr
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Seite 10
schlechten Umständen voraussichtlich mehrere Monate lang auf eine Um-
platzierung hoffen müssten. Des Weiteren sei unklar, ob das überlastete
Asylsystem Italiens in der Lage sei, die von ihnen gemeldeten gesundheit-
lichen Probleme zu behandeln. Es bedürfe deshalb einer individuellen Ga-
rantieerklärung, wonach sie bei ihrer Ankunft in Italien in Einrichtungen und
Bedingungen unterbricht werden würden, welche dem Alter der Kinder ent-
spreche und die Familieneinheit wahre. Schliesslich habe es das SEM
gänzlich unterlassen, das Kindeswohl zu ermitteln und dieses in einer In-
teressensabwägung in seinen Entscheid miteinzubeziehen.
8.
8.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerinnen 1 und 2
mit der Eurodac-Datenbank vom 30. Juni 2022 ergab, dass diese am (...)
2022 in Italien illegal in den Dublin-Raum eingereist und dort tags darauf
daktyloskopiert worden waren (vgl. SEM-Akten [...]-12/1, [...]-13/1, [...]-
14/1 und [...]-15/1). Das SEM ersuchte die italienischen Behörden deshalb
am 3. Juni 2022 um Aufnahme der Beschwerdeführerinnen gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO (vgl. SEM-Akte [...]-27/8 [nachfolgend: SEM-
Akte 27/8]). Diese liessen das Ersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-
III-VO vorgesehenen Frist zunächst unbeantwortet, womit sie die Zustän-
digkeit implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Am 12. August
2022 stimmten die italienischen Behörden dem Übernahmeersuchen des
SEM schliesslich nachträglich zu (vgl. SEM-Akten [...]-48/1 [nachfolgend:
SEM-Akte 48/1]). Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens für die Durch-
führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist somit gegeben. Dass
die Beschwerdeführerinnen bisher in Italien keine Asylgesuche eingereich-
ten haben, ist damit nicht von Belang. Weiter ändert daran auch der Um-
stand, dass die Schweiz ihr Ziel gewesen sei, nichts (vgl. BVGE 2010/45
E. 8.3).
8.2 Nachfolgend ist deshalb zu prüfen, ob Gründe für die Übernahme der
Zuständigkeit durch die Schweiz vorliegen.
9.
Als mögliche Rechtsgrundlage für einen Zuständigkeitsübergang auf die
Schweiz liesse sich Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO anführen, auf den sich die
Beschwerdeführerinnen implizit beriefen, indem sie geltend machten, sie
hätten Familienangehörige in der Schweiz (vgl. SEM-Akten [...]-17/7, [...]-
23/3, [...]-18/6 und [...]-24/3). Aus diesem Vorbringen vermögen sie jedoch
nichts zu ihren Gunsten abzuleiten, da Eltern respektive Grosseltern, Ge-
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Seite 11
schwister respektive Tanten und Onkel sowie Nichten und Neffen respek-
tive Cousinen und Cousins (N [...], N [...], N [...] und N [...]) nicht als "nahe
Familienangehörige" im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gelten. Zur
Vermeidung von Wiederholungen ist auf die zutreffenden Erwägungen des
SEM zu verweisen (vgl. dort E. II, S. 3 f.). Die Anwendung von Art. 16
Abs. 1 Dublin-III-VO ist folglich zu verneinen.
10.
10.1 Des Weiteren ist der Frage nachzugehen, ob es im Sinne von Art. 3
Abs. 2 Dublin-III-VO wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien wür-
den systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 EU-
Grundrechtecharta mit sich bringen würden.
10.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK; SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK;
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rats 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts lie-
gen aktuell, auch unter Würdigung der kritischen Berichterstattung bezüg-
lich des italienischen Fürsorgesystems für Asylsuchende und Personen mit
Schutzstatus, keine Gründe für die Annahme vor, dass Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen für Antragstellende würden systemische
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf-
weisen (vgl. Referenzurteile des BVGer D-4235/2021 vom 19. April 2022
E. 10.2; F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9; E-962/2019 vom 17. De-
zember 2019 E. 6.3; vgl. ferner Urteile des BVGer E-4585/2022 vom
18. Oktober 2022 E. 5.3; E-4599/2022 vom 18. Oktober 2022 E. 7.2;
D-4555/2022 vom 13. Oktober 2022 E. 8.3.2). Für eine Änderung dieser
Rechtsprechung besteht keine Veranlassung.
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Seite 12
10.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
11.
11.1 Sodann stellt sich die Frage, ob völkerrechtliche Vollzugshindernisse
nach Art. 3 EMRK oder einer anderen die Schweiz bindenden völkerrecht-
lichen Bestimmung bestehen, woraus sich zwingende Gründe für einen
Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ergeben würden.
11.2
11.2.1 Der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) setzte
sich in seinem Urteil vom 23. März 2021 in Sachen M.T. gegen die Nieder-
lande, Nr. 46595/19, mit der Rechtmässigkeit der Überstellung einer allein-
stehenden Frau mit zwei minderjährigen Kindern im Rahmen des Dublin-
Verfahrens nach Italien auseinander, unter Berücksichtigung der neuen
Gesetzeslage, insbesondere des Gesetzesdekrets Nr. 130/2020. Er stellt
fest, die neueste Reform des italienischen Asylwesens habe zur Folge,
dass Asylsuchende im Rahmen der verfügbaren Plätze wieder Zugang
zum Zweitaufnahmesystem SAI hätten. Im Referenzurteil F-6330/2020
vom 18. Oktober 2021 kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss,
dass die von den italienischen Behörden abgegebenen Garantien in Bezug
auf die Wahrung der Familieneinheit sowie eine familiengerechte Unter-
kunft hinreichend konkret und individualisiert seien, insbesondere durch
die Übermittlung des Formulars "nucleo familiare" sowie aufgrund der itali-
enischen Rundschreiben vom 8. Februar 2021 und 23. März 2021, welche
den Zugang zu einer Zweitaufnahmestruktur des Systems SAI für Familien
bestätigen würden. Mit dem definitiven Inkrafttreten des obgenannten Ge-
setzesdekrets wurde das SAI wieder für alle Asylsuchenden zugänglich
gemacht, wobei Familien und vulnerable Personen bei der Überstellung in
eine SAI-Unterkunft Vorrang geniessen. Das Angebot der Dienstleistungen
für die Asylsuchenden wurde wieder ausgebaut und auch auf die Bedürf-
nisse schutzbedürftiger Personen ausgerichtet. Des Weiteren ermöglicht
das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 den Asylsuchenden wieder, sich im
kommunalen Einwohnerregister registrieren zu lassen (Art. 3). Mit der Re-
gistrierung erhalten sie einen Ausländerausweis, der ihnen Zugang zu den
regionalen Dienstleistungen, wie beispielswiese der medizinischen Versor-
gung, erleichtert.
11.2.2 Die Beschwerdeführerin 1 gehört als alleinerziehende Mutter mit
zwei minderjährigen Kindern zu den schutzbedürftigen Personen. Deren
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Seite 13
Überstellung nach Italien ist folglich nur zulässig, wenn von den italieni-
schen Behörden eine ausreichende Garantie für eine kindgerechte und die
Einheit der Familie wahrende Unterbringung vorliegt (vgl. Urteil des EGMR
Tarakhel gegen die Schweiz vom 4. November 2014, Nr. 29217/12, §§ 115
und 120–122.). Im Übernahmeersuchen des SEM vom 3. Juni 2022 wur-
den die italienischen Behörden darüber informiert, dass die Beschwerde-
führerin 1 zusammen mit ihren minderjährigen Töchtern eine Familie bilde
(vgl. SEM-Akte 27/8). Die italienischen Behörden führten im Formular "nu-
cleo familiare" vom 12. August 2022 die Vor- und Nachnamen, die Geburts-
daten sowie die Nationalität der Beschwerdeführerinnen auf. Sie gaben die
Zusicherung ab, dass sie als Familie und unter Berücksichtigung des Alters
der Kinder in einer Einrichtung des Aufnahme- und Integrationssystems
SAI untergebracht würden. Zudem verwiesen sie auf das Rundschreiben
vom 8. Februar 2021, in welchem die italienischen Behörden die Dublin-
Staaten über das Inkrafttreten des Gesetzesdekrets Nr. 130/2020 und die
Schaffung des Aufnahme- und Integrationssystems SAI informierten und
garantierten, dass Familien mit minderjährigen Kindern, die im Rahmen
des Dublin-Verfahrens nach Italien überstellt werden, im SAI-System unter
Wahrung der Einheit der Familie und in Übereinstimmung mit dem Tarak-
hel-Urteil untergebracht würden (vgl. SEM-Akte 48/1). Die von Italien ab-
gegebene Anerkennung der Familieneinheit und Zusicherung einer fami-
liengerechten Unterbringung sind demnach als genügend konkrete und in-
dividualisierte Zusicherungen im Sinne der Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts und des EGMR zu werten (vgl. Referenzurteil des
BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 10 und 11; Urteil des EMGR
vom 23. März 2021 in Sachen M.T. gegen die Niederlande, Nr. 46595/19,
§§ 58–62). Es ist nicht davon auszugehen, dass eine Überstellung der Be-
schwerdeführerinnen nach Italien eine Verletzung von Art. 3 EMRK nach
sich ziehen würde.
11.3 Soweit die Beschwerdeführerinnen den Zugang zu einer adäquaten
dem Kindeswohl entsprechende Unterbringung in Frage stellen, vermögen
sie nach dem Gesagten kein konkretes und ernsthaftes Risiko darzutun,
die italienischen Behörden würden sich weigern, sie aufzunehmen und ihre
Anträge auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Ver-
fahrensrichtlinie zu prüfen. Es bestehen keine Hinweise darauf, dass Italien
seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachkommt. Den Akten sind
insbesondere keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien werde
in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur
Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit
aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet sind oder in dem sie
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Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu
werden. Die sich als Beweismittel bei den vorinstanzlichen Akten befindli-
chen Wegweisungsverfügung der italienischen Behörden vom (...) 2022
ändert daran nichts, zumal diese aufgrund der illegalen Einreise und des
illegalen Aufenthalts der Beschwerdeführerin 1 erlassen wurde. Den Be-
schwerdeführerinnen steht es nach erfolgter Überstellung nach Italien of-
fen, dort um Asyl nachzusuchen (was sie zuvor offenbar nicht getan haben)
und damit Zugang zu den asylrechtlichen Aufnahmestrukturen und Unter-
stützungsleistungen zu erhalten. Die italienischen Behörden haben ihrer
Aufnahme nachträglich zugestimmt und ihnen eine Unterbringung in einem
SAI zugesichert (vgl. SEM-Akte 48/1). Ausserdem haben sie nicht darge-
tan, die sie bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Italien
seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-
Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Die Ver-
mutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein, kann im
Einzelfall zwar widerlegt werden, hierfür bedarf es aber konkreter und
ernsthafter Hinweise. Dies gelingt den Beschwerdeführerinnen, die in Ita-
lien gar nicht erst um Asyl nachgesucht hatten, mit ihren pauschalen
Äusserungen zu den dortigen Lebensbedingungen und zu fehlender staat-
licher Unterstützung indes nicht. Sie haben weiter keine konkreten Hin-
weise für die Annahme dargelegt, Italien würde ihnen dauerhaft die ihnen
gemäss Aufnahmerichtlinien zustehenden minimalen Lebensbedingungen
vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung der
ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen oder einer erneuten Wegwei-
sungsverfügung sind sie gehalten, sich nötigenfalls an die italienischen Be-
hörden zu wenden und ihre Rechte auf dem Rechtsweg einfordern, zumal
es sich bei Italien um einen funktionierenden Rechtsstaat handelt (vgl.
Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
11.4 Hinsichtlich des Kindswohls der noch minderjährigen Beschwerdefüh-
rerinnen 2 und 3 ist darauf hinzuweisen, dass Italien Signatarstaat des
Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes
(Kinderrechtskonvention, KRK; SR 0.107) ist und keine Hinweise darauf
bestehen, dass Italien sich nicht an seine völkerrechtlichen Pflichten halten
würde, zumal die italienischen Behörden eine kindsgerechte Unterkunft zu-
gesichert haben (vgl. SEM-Akte 48/1). Das Kindswohl steht somit einer
Überstellung nach Italien nicht entgegen (vgl. Art. 3 KRK).
11.5 Hinsichtlich des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerinnen ist
Folgendes festzuhalten:
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11.5.1 Eine Verletzung von Art. 3 EMRK aus gesundheitlichen Gründen
kann erreicht sein, wenn eine schwer kranke Person durch die Abschie-
bung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat –
mit einem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und un-
wiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausge-
setzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkür-
zung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili
gegen Belgien 13. Dezember 2016, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
11.5.2 Eine solche Situation ist vorliegend aufgrund der geltend gemach-
ten gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerinnen of-
fensichtlich nicht gegeben. Bei der Beschwerdeführerin 1 wurden am
14. Juni 2022 eine (...) und am 15. Juni 2022 (...) sowie (...) diagnostiziert,
wogegen sie in der Folge medikamentös behandelt wurde (vgl. SEM-Akten
[...]-32/1und [...]-35/4). Anlässlich der urologischen Untersuchung vom
23. Juni 2022 konnten sowohl das Vorliegen einer (...), eines (...) wie auch
eines (...) ausgeschlossen werden. Hinsichtlich der angegebenen (...) mit
teilweiser (...) wurde vorgeschlagen, diese bei störender Symptomatik wei-
ter zu verifizieren, wobei geraten wurde, (...). Weiter wurde festgehalten,
dass bei ausgeprägt störender (...) eine (...) Therapie in Erwägung gezo-
gen werden könne (vgl. SEM-Akte [...]-38/2). Obwohl sich die (...) aufgrund
der verschriebenen Medikamente verbesserte, bestand die (...) weiterhin.
In der Folge wurde die verschriebene Medikation am 6. Juli 2022 verdop-
pelt (vgl. SEM-Akte [...]-44/2). Des Weiteren wurde bei der Beschwerde-
führerin 1 am 28. Juni 2022 im linken (...) ein nicht therapiebedürftiges (...)
festgestellt. Die behandelnde Ärztin empfahl in (...) Monaten eine Kontrolle
(vgl. SEM-Akte [...]-39/4). Gemäss Auskunft des Gesundheitsdienstes des
BAZ M._ sind aktuell keine weiteren Arzttermine geplant (vgl. SEM-
Akte [...]-50/2 [nachfolgend: SEM-Akte 50/2]). Als sie anlässlich des Dub-
lin-Gesprächs vorbrachte, (...) Beschwerden zu haben, wurde sie von ihrer
Rechtsvertreterin ausdrücklich darauf hingewiesen, sich an den Gesund-
heitsdienst des BAZ zu wenden (vgl. SEM-Akten [...]-23/3 und [...]-26/3).
Angesichts dessen, dass sie sich in der Folge offenbar nicht beim Gesund-
heitsdienst des BAZ meldete, waren entsprechend keine weiteren medizi-
nischen Abklärungen seitens des SEM notwendig. Bei der Beschwerdefüh-
rerin 2 wurde am 23. Juni 2022 ein (...)mangel ohne (...) sowie ein grenz-
wertig niedriger (...)-Wert festgestellt, wogegen sie zur Behandlung eine
(...)-Injektion sowie ein (...) erhielt (vgl. SEM-Akte [...]-36/1). Am 30. Juni
2022 wurde ihr erneut eine (...)-Injektion verabreicht. Weiter wurde beim
rechten (...) mittig eine leichte (...) diagnostiziert (vgl. SEM-Akte [...]-41/1).
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Gemäss Auskunft des Gesundheitsdienstes des BAZ M._ sind be-
treffend die Beschwerdeführerin 2 keine weiteren Arzttermine vorgesehen
(vgl. SEM-Akte 50/2). Anlässlich der ärztlichen Konsultation vom 30. Juni
2022 wurde der Beschwerdeführerin 3 zur Behandlung gegen den vor zwei
Jahren aufgetretenen und seither vorhandenen Ausschlag eine Pflege mit
(...) verschrieben (vgl. SEM-Akte [...]-42/1). Am 2. Juli 2022 wurde ihr zur
Behandlung des (...)- und (...)-Mangels für drei Monate eine medikamen-
töse Behandlung verordnet (vgl. SEM-Akte [...]-43/1). Gemäss Rückmel-
dung des Gesundheitsdienstes des BAZ M._ nimmt sie zwar wei-
terhin ein (...), weitere Arzttermine seien bei ihr aber ebenfalls keine mehr
ausstehen (vgl. SEM-Akte 50/2). Die medizinischen Probleme der Be-
schwerdeführerinnen stellen keine schweren medizinischen Leiden dar,
welche nach der Ankunft in Italien eine sofortige und lückenlose medizini-
sche Versorgung im Sinne der Rechtsprechung erfordern würden. Im Üb-
rigen verfügt Italien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur,
weshalb die physischen und psychischen Beschwerden der Beschwerde-
führerinnen, sollten diese weiterhin bestehen, einer adäquaten medizini-
schen Behandlung dort zugänglich sein dürften (vgl. hierzu Urteile des
BVGer D-4651/2022 vom 20. Oktober 2022 S. 8; E-4599/2022 vom
18. Oktober 2022 E. 7.3.3). Der Zugang für asylsuchende Personen zum
italienischen Gesundheitssystem über die Notversorgung hinaus ist derzeit
grundsätzlich gewährleistet, auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Ver-
zögerungen kommen kann (vgl. Referenzurteil des BVGer E-962/82019
vom 17. Dezember 2019 E. 6.2.7). In Bezug auf besondere Bedürfnisse
der Beschwerdeführerinnen stellte das SEM bereits in der angefochtenen
Verfügung fest, dem aktuellen Gesundheitszustand werde bei der Organi-
sation der Überstellung nach Italien Rechnung getragen, indem es die ita-
lienischen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO über
den Gesundheitszustand und eine allenfalls notwendige medizinische Be-
handlung informiere (vgl. dort E. II, S. 7).
11.5.3 Der aktuelle Gesundheitszustand der Beschwerdeführerinnen führt
somit für den Fall einer Überstellung nach Italien im Rahmen des Dublin-
Verfahrens nicht zur Annahme einer drohenden Verletzung von Art. 3
EMRK.
11.6 Die allgemeinen Aufnahmebedingungen für (gestützt auf die Dublin-
III-VO zurückkehrende) Asylsuchende in Italien führen nach bisheriger Pra-
xis des Bundesverwaltungsgerichts denn auch nicht zur Ausübung des
Selbsteintrittsrechts der Schweiz (vgl. etwa Urteil des BVGer F-1479/2021
vom 13. April 2021 E. 7.2). Auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit
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den allgemeinen Ausführungen in den in der Beschwerde zitierten Berich-
ten der SFH kann daher verzichtet werden.
11.7 Nach dem Gesagten ist die Überstellung nach Italien unter Beachtung
der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig zu erken-
nen, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführerinnen in Anwendung der Ermessensklausel
gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ersichtlich sind.
11.8 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vor-
instanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht
mehr auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
nunmehr im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Die angefochtene Verfügung ist unter
diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden. Das Gericht enthält sich deshalb
in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
11.9 Somit bleibt Italien der für die Behandlung der Asylgesuche der Be-
schwerdeführerinnen zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
12.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen nicht eingetreten.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde als offensichtlich unbegründet ab-
zuweisen und die Verfügung der Vorinstanz zu bestätigen.
13.
Mit dem vorliegenden Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen,
weshalb sich der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist.
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Seite 18
14.
14.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ist – unbesehen der geltend gemachten Bedürf-
tigkeit – abzuweisen, da sich die Begehren – entsprechend den vorstehen-
den Erwägungen – als aussichtlos erwiesen haben.
14.2 Die Behandlung des Gesuchs um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses erübrigt sich mit dem vorliegend abschliessenden Ur-
teil in der Sache.
14.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwer-
deführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE; SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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