Decision ID: 726e3460-0237-5c62-8ddc-468357082fee
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend Versicherter oder Beschwerdeführer), deutscher
Staatsangehöriger, geboren am (...) 1980, ledig, wohnhaft im grenznahen
(...), Deutschland, arbeitete seit Februar 2004 in der Schweiz als Grenz-
gänger, zuletzt vom 1. November 2011 bis zur Kündigung am 30. April 2014
als technischer Administrator (Teamchef) bei der B._ AG in (...) und
leistete in dieser Zeit Beiträge an die schweizerische Alters-, Hinterlasse-
nen- und Invalidenversicherung (Akten der Sozialversicherungsanstalt des
Kantons C._ [nachfolgend act.] 1, 2, 5, 12, 13, 17).
B.
B.a Am 28. April 2014 (Datum Eingang bei der Sozialversicherungsanstalt)
reichte der Versicherte bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons
C._ (nachfolgend SVA) ein Gesuch um Leistungen der schweizeri-
schen Invalidenversicherung ein und machte geltend, er leide an schweren
depressiven Episoden (act. 1). In der Folge holte die SVA Unterlagen zur
medizinischen und wirtschaftlichen Situation des Versicherten ein. Die be-
handelnden Ärzte diagnostizierten eine rezidivierende depressive Störung
(unterschiedlichen Schweregrades) seit 2012 und einen multiplen Dro-
genabusus (act. 3 S. 22 f., act. 14 S. 2, act. 16-18). Vom 18. November bis
30. Dezember 2013 befand sich der Versicherte in stationärer Entzugsbe-
handlung in der D._-Klinik in (...) (act. 3 S. 9).
B.b Am 2. Juli 2014 erstellte die, Klinik E._, (...), für O._
(Krankentaggeldversicherer) ein polydisziplinäres Gutachten (act. 16), in
welchem der Versicherte aktuell zu 100% arbeitsunfähig beurteilt wurde,
mit schrittweiser Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit nach Suchtmittelab-
stinenz in den Monaten September 2014 (Arbeitsfähigkeit von 50%) und
Oktober 2014 (volle Arbeitsfähigkeit). Am 25. September 2014 teilte die
SVA dem Versicherten mit, er habe wegen seiner gesundheitlichen Situa-
tion keinen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, der Rentenan-
spruch werde geprüft (act. 20). Am 17. Oktober 2014 teilte O._ dem
Versicherten mit, eine Wiedereingliederung sei wegen des Suchtmittelkon-
sums momentan nicht durchführbar, sie werde die Taggelder nur noch bis
31. Oktober 2014 ausrichten (act. 27 S. 2).
B.c Nachdem der Versicherte – nach Aufforderung durch die SVA – eine
ambulante Suchttherapie abschliessen konnte (act. 33, act. 38, act. 43 f.,
act. 53), erlitt er am 21. September 2015 einen schweren Motorradunfall,
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bei welchem er ein Abdomentrauma, ein Thoraxtrauma sowie diverse Brü-
che an der Brustwirbelsäule, am linken Bein und am linken Daumen erlitt,
die operativ mit Osteosynthese versorgt wurden (act. 44, act. 53 S. 2, act.
56, act. 65 S. 6, act. 100 S. 10, act. 111 S. 58). Der Versicherte beklagte
nach Behandlungsabschluss Rückenschmerzen mit Bewegungsein-
schränkungen (act. 111 S. 53). Er wurde deshalb vom 25. Februar bis 24.
März 2016 in der Reha-Klinik F._ in (...) stationär behandelt und
nach Abschluss der Nachbehandlungszeit von einigen Wochen in einer
leichten bis mittelschweren körperlichen Tätigkeit, vorzugsweise im Wech-
selrhythmus sitzend/stehend/gehend unter Meidung ständiger Wirbelsäu-
len- und gelenksbelastender Zwangshaltungen und regelmässiger mittel-
schwerer und schwerer Hebe- und Tragebelastungen, als arbeitsfähig er-
achtet (act. 111 S. 83). Vom 11. April bis 20. Juli 2016 erfolgte die Rehabi-
litations-Nachsorge in derselben Klinik mit dem Hinweis, der Patient sei
noch arbeitsunfähig (Bericht vom 18. Juli 2016; act. 111 S. 76). Am 29. Juli
2016 wurde der Versicherte vom Medizinischen Dienst der Krankenversi-
cherung G._ im Auftrag der H._ (Krankenkasse) begutach-
tet und ab 1. August 2016 als erneut arbeitsfähig beurteilt (act. 111 S. 46).
B.d Nachdem die SVA bei der Deutschen Rentenversicherung ein psychi-
atrisches Gutachten (Dr. I._) vom 14. Dezember 2016 und ein so-
matisches Gutachten (Dr. J._) vom 17. Januar 2017 eingeholt hatte
(act. 111 S. 12, act. 130 S. 2) und sich Dr. K._ des Regionalen Ärzt-
lichen Dienstes (RAD) am 16. Februar 2017 sowie Dr. L._ des RAD
am 19. September 2017 zu den Begutachtungsergebnissen geäussert hat-
ten, erliess die SVA am 20. September 2017 einen Vorbescheid, in wel-
chem sie dem Versicherten mitteilte, er habe keinen Anspruch auf eine In-
validenrente (act. 102, act. 117, act. 118). Am 17. Oktober 2017 erhob der
Versicherte Einwand gegen den Vorbescheid und wies auf die Rentenge-
währung in Deutschland hin (act. 119). Mit E-Mail vom 1. Dezember 2012
ersuchte er die SVA zudem um Eingliederungsmassnahmen (act. 122). Am
4. Dezember 2017 teilte ihm die SVA mit, dass kein Anspruch bestehe, da
er gemäss Auskunft der Bundesagentur für Arbeit in Deutschland Arbeits-
losengelder bezogen habe (act. 124).
B.e Nach ergänzenden Stellungnahmen des RAD vom 21. Dezember
2017 und 28. März 2018 (act. 128, act. 132) erliess die IV-Stelle für Versi-
cherte im Ausland (nachfolgend IVSTA oder Vorinstanz) am 12. April 2018
einen abweisenden Rentenentscheid. Sie begründete ihren Entscheid da-
mit, dass sowohl am 7. Oktober 2013 (in psychischer Hinsicht) als auch am
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21. September 2015 (in somatischer Hinsicht) ein Versicherungsfall einge-
treten sei, jedoch jeweils vor Ablauf des Wartejahres eine Besserung habe
festgestellt werden können, die zu einer rentenausschliessenden Arbeits-
fähigkeit in bisheriger Tätigkeit führe (act. 135 S. 4).
C.
C.a Am 14. Mai 2018 erhob A._ Beschwerde vor Bundesverwal-
tungsgericht. Darin beantragte er sinngemäss die Aufhebung der Verfü-
gung vom 12. April 2018, die erneute Überprüfung des Sachverhalts und
im Bedarfsfall die Durchführung einer Begutachtung in der Schweiz. Er
machte geltend, die Vorinstanz habe für ihren Entscheid zu Unrecht auf
das Gutachten der H._ (vom 29. Juli 2016) abgestellt. Das Job Cen-
ter in Deutschland habe ein weiteres Gutachten veranlasst, das im Januar
2017 festgehalten habe, dass der Beschwerdeführer noch sechs Monate
arbeitsunfähig sei, womit das Gutachten der H._ widerlegt sei. Das
Gutachten des Job Center habe einen Invaliditätsgrad von 36% ermittelt,
was zudem den Schluss zulasse, dass zuvor ein höherer Invaliditätsgrad
vorgelegen habe, da (zuvor) der Heilungsprozess noch weniger weit fort-
geschritten gewesen sei (Beschwerdeakten [B-act.] 1).
C.b Am 25. Mai 2018 forderte das Bundesverwaltungsgericht den Be-
schwerdeführer zur Leistung eines Kostenvorschusses von Fr. 800.– zur
Deckung der mutmasslichen Gerichtskosten auf. Der Beschwerdeführer
leistete diesen am 20. Juni 2018 (B-act. 2 f.).
C.c In ihrer Vernehmlassung vom 18. Juli 2018 beantragte die IVSTA ge-
stützt auf eine Stellungnahme der SVA vom 12. Juli 2018 die Abweisung
der Beschwerde und Bestätigung der angefochtenen Verfügung (B-act. 5).
C.d Nachdem der Beschwerdeführer auf Aufforderung hin keine Replik ein-
reichte, schloss das Bundesverwaltungsgericht mit Zwischenverfügung
vom 24. September 2018 den Schriftenwechsel ab (B-act. 6-8).
D.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird
– soweit erforderlich – im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen einge-
gangen.
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Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]). Der Beschwerdeführer ist als Adressat der angefochte-
nen Verfügung durch diese besonders berührt und hat ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung oder Abänderung, weshalb er zur Erhebung
der Beschwerde legitimiert ist (Art. 59 ATSG [SR 830.1]; Art. 48 Abs. 1
VwVG). Nachdem auch der Kostenvorschuss rechtzeitig geleistet wurde
(Art. 63 Abs. 4 VwVG), ist auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde einzutreten (Art. 60 ATSG; Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Wie in der Zuständigkeitsregelung des Art. 40 Abs. 2 IVV (SR 831.201) vor-
gesehen, hat die SVA, in deren Tätigkeitsgebiet der Beschwerdeführer als
Grenzgänger eine Erwerbstätigkeit ausgeübt hat, das Leistungsbegehren
entgegengenommen und geprüft, während die Vorinstanz die angefoch-
tene Verfügung vom 12. April 2018 erlassen hat. Diese Verfügung, mit der
sie das Leistungsbegehren des Beschwerdeführers abgewiesen hat, bildet
Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1). Streitig
und vom Bundesverwaltungsgericht zu prüfen ist somit der Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine schweizerische Invalidenrente im Rahmen ei-
ner Erstanmeldung (vom 28. April 2014).
3.
3.1 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 12. April 2018) eingetretenen Sachverhalt ab
(BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verän-
dert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsver-
fügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b).
3.2 Der Beschwerdeführer ist deutscher Staatsangehöriger, wohnt in
Deutschland und war in der Schweiz erwerbstätig. Damit gelangen das
Freizügigkeitsabkommen vom 21. Juni 1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und
die Regelwerke der Gemeinschaft zur Koordinierung der Systeme der so-
zialen Sicherheit gemäss Anhang II des FZA, insbesondere die für die
Schweiz am 1. April 2012 in Kraft getretenen Verordnungen (EG)
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Seite 6
Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr. 987/2009 (SR
0.831.109.268.11), zur Anwendung. Seit dem 1. Januar 2015 sind auch die
durch die Verordnungen (EU) Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und
Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in den Beziehungen zwischen der
Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten anwendbar. Das Vorliegen einer an-
spruchserheblichen Invalidität beurteilt sich indes auch im Anwendungsbe-
reich des FZA und der Koordinierungsvorschriften nach schweizerischem
Recht (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; Urteil des BGer 9C_573/2012 vom
16. Januar 2013 E. 4).
3.3 Vorliegend ist das IVG und die IVV in den Fassungen der 6. IV-Revi-
sion, erstes Massnahmenpaket (Revision 6a) anzuwenden (IVG in der Fas-
sung vom 18. März 2011 [AS 2011 5659], in Kraft seit 1. Januar 2012; die
IVV in der Fassung vom 16. November 2011 [AS 2011 5679], in Kraft seit
1. Januar 2012). Ferner sind das ATSG und die Verordnung vom 11. Sep-
tember 2002 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSV, SR 830.11) zu beachten. Die im ATSG enthaltenen Formulierungen
der Arbeitsunfähigkeit (Art. 6), Erwerbsunfähigkeit (Art. 7), Invalidität
(Art. 8) sowie der Revision der Invalidenrente und anderer Dauerleistungen
(Art. 17) entsprechen den von der Rechtsprechung zur Invalidenversiche-
rung entwickelten Begriffen und Grundsätzen (vgl. BGE 130 V 343 E. 3.1,
3.2 und 3.3).
4.
Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung hat,
wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG) und beim
Eintritt der Invalidität während der gesetzlich vorgesehenen Dauer Beiträge
an die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV) geleis-
tet hat, das heisst während mindestens drei Jahren laut Art. 36 Abs. 1 IVG.
Der Beschwerdeführer hat unbestrittenermassen während mehr als drei
Jahren Beiträge an die schweizerische AHV/IV geleistet (vgl. IK-Auszug
[act. 12]), so dass die Voraussetzung der Mindestbeitragsdauer für den An-
spruch auf eine ordentliche Invalidenrente erfüllt ist.
5.
5.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
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Seite 7
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
5.2 Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG
Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliede-
rungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können
(Bst. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durch-
schnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind
(Bst. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8
ATSG) sind (Bst. c). Art. 29 Abs. 1 IVG sieht vor, dass der Rentenanspruch
frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des
Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG, jedoch frühestens im Mo-
nat, der auf die Vollendung des 18. Altersjahrs folgt, entsteht.
5.3 Bei der Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit stützen sich die Verwaltung
und im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen, die von ärztlichen und
gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu stellen sind.
Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkei-
ten die versicherte Person arbeitsfähig ist. Hinsichtlich des Beweiswertes
eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abge-
geben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge
sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerun-
gen der Expertinnen und Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1;
125 V 351 E. 3a).
C-2980/2018
Seite 8
5.4 Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG einge-
holten Gutachten von medizinischen Sachverständigen, die den Anforde-
rungen der Rechtsprechung entsprechen, darf das Gericht vollen Beweis-
wert zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässig-
keit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 2.2.2; 135 V 465 E. 4.4).
5.5 Eine Stellungnahme des RAD, die nicht auf einer eigenen Untersu-
chung beruht, kann wie ein Aktengutachten beweiskräftig sein, sofern die
Akten ein vollständiges Bild über Anamnese, Verlauf und gegenwärtigen
Status ergeben und diese Daten unbestritten, ein lückenloser Befund vor-
liegt und es im Wesentlichen nur um die Beurteilung eines an sich festste-
henden medizinischen Sachverhalts geht, so dass der Berichterstatter im-
stande ist, sich aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein vollständiges
Bild zu verschaffen (Urteil des BGer 8C_414/2019 vom 25. September
2019 E. 2.2.1) und damit die direkte fachärztliche Befassung mit der versi-
cherten Person in den Hintergrund rückt (Urteil des BGer 9C_730/2018
vom 27. März 2019 E. 5.1.3). Berichten versicherungsinterner medizini-
scher Fachpersonen kommt praxisgemäss jedoch nicht dieselbe Beweis-
kraft wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten zu.
Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssig-
keit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, sind ergänzende
Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V
465 E. 4.4).
5.6 Die Prüfung, ob eine psychische Erkrankung eine rentenbegründende
Invalidität zu begründen vermag, hat grundsätzlich anhand eines struktu-
rierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu erfolgen (BGE 143 V
409 E. 4.5; 143 V 418 E. 6 ff.).
5.6.1 Ausgangspunkt der Prüfung und damit erste Voraussetzung für eine
Anspruchsberechtigung bildet eine psychiatrische, lege artis gestellte Di-
agnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.1;
143 V 418 E. 6 und E. 8.1). Eine invalidenversicherungsrechtlich erhebli-
che Gesundheitsbeeinträchtigung liegt nur vor, wenn die Diagnose im Rah-
men einer Prüfung auf der ersten Ebene auch unter dem Gesichtspunkt
der Ausschlussgründe nach BGE 131 V 49 standhält. Danach liegt regel-
mässig keine versicherte Gesundheitsschädigung vor, soweit die Leis-
tungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Erscheinung be-
ruht (BGE 141 V 281 E. 2.2 und E. 2.2.1).
C-2980/2018
Seite 9
5.6.2 Liegt auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe eine ver-
sicherte Gesundheitsschädigung vor, erfolgt auf der zweiten Ebene an-
hand eines normativen Prüfungsrasters mit einem Katalog von Indikatoren
eine ergebnisoffene symmetrische Beurteilung des – unter Berücksichti-
gung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – tatsächlich erreich-
baren Leistungsvermögens (BGE 141 V 281 E. 3.6). Die für die Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat das Bundesgericht wie folgt
systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie «funktioneller Schwe-
regrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesundheitsschädigung» (Ausprä-
gung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome; Behandlungs- und
Eingliederungserfolg oder -resistenz; Komorbiditäten [E. 4.3.1]), «Persön-
lichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struktur, grundlegende psychi-
sche Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kontext» (E. 4.3.3) sowie Kate-
gorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens [E. 4.4]) mit den Fak-
toren gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen ver-
gleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und behandlungs- und eingliede-
rungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck (E. 4.4.2).
5.6.3 Hinsichtlich der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit haben sich sowohl
die medizinischen Sachverständigen als auch die Organe der Rechtsan-
wendung bei ihrer Einschätzung des Leistungsvermögens an den norma-
tiven Vorgaben zu orientieren; die Gutachter im Idealfall gemäss der ent-
sprechend formulierten Fragestellung (BGE 141 V 281 E. 5.2). Die Rechts-
anwender prüfen die medizinischen Angaben frei insbesondere daraufhin,
ob die Ärzte sich an die massgebenden normativen Rahmenbedingungen
gehalten haben und ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellun-
gen anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit
schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 6). Entscheidend bleibt letztlich im-
mer die Frage der funktionellen Auswirkungen einer Störung, welche im
Rahmen des Sozialversicherungsrechts abschliessend nur aus juristischer
Sicht beantwortet werden kann. Nach BGE 141 V 281 kann der Beweis für
eine lang andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähig-
keit nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der mass-
geblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein
stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen
(Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt. Fehlt es da-
ran, ist der Beweis nicht geleistet und nicht zu erbringen, was sich nach
den Regeln über die (materielle) Beweislast zuungunsten der rentenan-
sprechenden Person auswirkt (vgl. zum Ganzen BGE 144 V 50 E. 4.3 mit
Hinweis auf BGE 143 V 418 E. 6).
C-2980/2018
Seite 10
5.7 Das in E. 5.6 Gesagte gilt seit dem 11. Juli 2019 auch für primäre Ab-
hängigkeitssyndrome. Das Bundesgericht hat in BGE 145 V 215 festgehal-
ten, dass fachärztlich einwandfrei diagnostizierte Abhängigkeitssyndrome
bzw. Substanzkonsumstörungen als invalidenversicherungsrechtlich be-
achtliche (psychische) Gesundheitsschäden in Betracht fielen. Bei Abhän-
gigkeitssyndromen bestehe kein direkter Zusammenhang zwischen Diag-
nose und Arbeits(un)fähigkeit bzw. Invalidität, vielmehr seien die Auswir-
kungen des bestehenden Gesundheitsschadens auf die funktionelle Leis-
tungsfähigkeit im Einzelfall für die Rechtsanwendenden nachvollziehbar
ärztlich festzustellen. Die Frage nach den Auswirkungen sämtlicher psychi-
scher Erkrankungen auf das funktionelle Leistungsvermögen sei daher
grundsätzlich unter Anwendung des strukturierten Beweisverfahrens nach
BGE 141 V 281 zu beantworten. Es könne immerhin dort von einem struk-
turierten Beweisverfahren abgesehen werden, wo es nicht nötig oder ge-
eignet sei. Es bleibe etwa dann entbehrlich, wenn für eine – länger dau-
ernde (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG) – Arbeitsunfähigkeit nach bestehender Ak-
tenlage keine Hinweise beständen oder eine solche im Rahmen beweis-
wertiger fachärztlicher Berichte in nachvollziehbar begründeter Weise ver-
neint werde und allfälligen gegenteiligen Einschätzungen mangels fach-
ärztlicher Qualifikation oder aus anderen Gründen kein Beweiswert beige-
messen werden könne (E. 5 ff.). Diese Rechtsprechung gelte für alle im
Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht (rechtskräftig) erledigten Fälle
(Urteil des BGer 8C_245/2019 vom 16. September 2019 E. 5).
6.
Zum Gesundheitszustand bzw. zur Arbeits- und Leistungsfähigkeit des Be-
schwerdeführers lässt sich den vorliegenden medizinischen Akten im We-
sentlichen das Folgende entnehmen:
6.1 Der behandelnde Psychiater und Psychotherapeut, Dr. M._,
(...), betreut den Beschwerdeführer aktenkundig seit April 2012 wegen ei-
ner multiplen Suchtproblematik (Cannabis, Codein, s. aber auch E. 6.2.1)
und einer rezidivierenden depressiven Störung variierenden Schweregra-
des. Am 25. Juli 2014 teilte er der SVA mit, der Beschwerdeführer sei nach
der Entzugsbehandlung (von Ende 2013) wieder rückfällig geworden (act.
14 S. 2, act. 14 S. 16-18, act. 3 S. 23, act. 91 S. 10/11/14, act. 25 S. 2, act.
111 S. 48, act. 53 S. 1, act. 111 S. 81 f., act. 111 S. 72 f., act. 98). Die
Hausärztin, Dr. N._, (...), bestätigte mit Berichten ab Januar 2014
die Diagnosen Depression und Drogenabusus sowie einen Verdacht auf
Vorliegen der Depression ab März 2012 (act. 3 S. 22, act. 130 S. 9). Der
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2020&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=Suchterkrankung&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-V-281%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page281
C-2980/2018
Seite 11
Beschwerdeführer befand sich gemäss den Akten der SVA vom 18. No-
vember bis 30. Dezember 2013 in stationärer Behandlung in der
D._ Klinik in (...) zum Drogenentzug (act. 1 S. 1, act. 3 S. 9), danach
vom 9. Februar bis zum 20. August 2015 bei der Drogen- und Jugendbe-
ratungsstelle (...) in ambulanter Suchttherapie (act. 53 S. 2).
Nach dem Motorradunfall am 21. September 2015 folgten mehrere statio-
näre Behandlungen zur Therapierung der (somatischen) Unfallfolgen: Auf-
enthalt vom 21. September bis 6. Oktober 2015 in der Universitätsklinik in
(...) zur operativen Behandlung der multiplen Frakturen mittels Osteo-syn-
these, Aufenthalt vom 25. Februar bis 24. März 2016 in der Reha-Klinik
F._ in (...) zur Rehabilitation, ambulanter Aufenthalt vom 11. April
bis 20. Juli 2016 in letztgenannter Klinik zur Rehabilitations-Nachsorge und
schliesslich vom 17. bis 19. Januar 2017 in der Universitätsklinik in (...) zur
diagnostischen Arthroskopie und Entfernung des Osteosynthesenmateri-
als (Tibia/Kniegelenk links, untere Brustwirbelsäule) (act. 65 S. 6, act. 100
S. 10, act. 111 S. 83, act. 111 S. 76, act. 100 S. 6).
6.2
6.2.1 Erstmals wurde der Beschwerdeführer durch die E._ am 2.
Juni 2014 in psychiatrischer Hinsicht begutachtet (Gutachten veranlasst
durch O._, Krankentaggeldversicherer). Der Gutachter, Dr.
P._, Facharzt in Psychiatrie und Psychotherapie, hielt in seinem
Gutachten vom 2. Juli 2014 (act. 16 S. 2 / act. 91 S. 15) als Diagnosen eine
rezidivierende depressive Episode, aktuell mittelgradig ausgeprägt (F33.1)
sowie einen Status nach polytoxikomanem Substanzmissbrauch von Can-
nabinoiden, Opiaten, Stimulanzien und Kokain (F19.2) fest. In seiner Beur-
teilung führte der Gutachter aus, anamnestisch hätten 2004 und 2010 wohl
depressive Episoden bestanden und aktuell (seit 2013) ein depressives
Bild, das im Oktober 2013 zu einer Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit
und im weiteren Verlauf zu einer stationären und später ambulanten Be-
handlung geführt habe; bisher liege keine eindeutige Remissionstendenz
vor. Zum Untersuchungszeitpunkt (2.6.2014) seien ein mittelgradig ausge-
prägtes depressives Syndrom mit Antriebsminderung, depressiver Verstim-
mung und Einschränkung der affektiven Schwingungsfähigkeit herauszu-
arbeiten, daneben kognitive (Konzentrationsminderung), formalgedankli-
che (Grübelneigung und Gedankenkreisen) und vegetative (Appetitstörung
und Gewichtsverlust) Symptome. Weiter lasse sich eine Suchtentwicklung,
beginnend im 16. Lebensjahr mit exzessivem Alkoholkonsum, mit nachfol-
gender Verlagerung auf Cannabinoide, später Stimulanzien, Kokain, in den
C-2980/2018
Seite 12
letzten vier Jahren dann auf Opiate, schlüssig nachzeichnen. Die ICD-10-
Kriterien zum Nachweis einer Abhängigkeitserkrankung lägen vor: durch-
gängiger Konsum mit Abstinenzverlust und damit Kontrollverlust, Konsum
trotz negativer Folgen (Verkehrsunfall mit medizinisch-psychologischer Un-
tersuchung), Entzugssymptomatik (beschrieben für die Opiate) und Ver-
nachlässigung sonstiger sozialer Aktivitäten. Es sei keine Toleranzentwick-
lung ersichtlich, bezüglich der Opiate aber wahrscheinlich (infolge notwen-
diger Dosissteigerung). Aufgrund der Chronifizierung des depressiven Syn-
droms in Verbindung mit einer glaubhaft nicht im Vordergrund stehenden
Suchterkrankung sei aus Sicht des Gutachters eine stationäre Behandlung
indiziert. Die Arbeitsunfähigkeit liege aktuell bei 100%; es könne eine
schrittweise Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit in zwei monatlichen
Schritten zu 50% ab anfangs September 2014 erwartet werden (d.h. 50%
ab September 2014, 100% ab Oktober 2014), Suchtmittelabstinenz und
Mitarbeit des Beschwerdeführers vorausgesetzt. Diese Beurteilung er-
gänzte O._ in ihrem Entscheid vom 17. Oktober 2014 mit dem Hin-
weis, Dr. M._ habe zwar am 25. Juli 2014 replikweise mitgeteilt,
dass der vorgeschlagene Wiedereingliederungsplan voraussichtlich nicht
einzuhalten sei, da der Beschwerdeführer nach Suchtmittelabstinenz wie-
der rückfällig geworden sei. Jedoch sei die aktuelle Arbeitsunfähigkeit
mehrheitlich suchtbedingt, was versicherungsmedizinisch nicht als Krank-
heit gelte (gemäss Auskunft von Prof. Q._ vom 5. August 2014).
Der Suchtmittelkonsum stelle eine bewusste Selbstschädigung und be-
wusst unzureichende Mitarbeitsbereitschaft dar. Eine Wiedereingliederung
sei deshalb momentan nicht durchführbar (act. 27 S. 2).
6.2.2 Nachdem der RAD am 10. Dezember 2014 zuhanden der SVA aus-
führte, O._ habe die Situation mehrheitlich aus der Sicht der Sucht-
problematik beurteilt, eine abschliessende Beurteilung sei nicht möglich,
da der Anteil der Suchterkrankung an der Arbeitsunfähigkeit nicht ein-
schätzbar sei, zudem werde im Gutachten E._ auch eine stationäre
Behandlung wegen chronifizierter depressiver Symptomatik für indiziert
gehalten, was im Widerspruch zur postulierten Besserung der Arbeitsfähig-
keit innerhalb von drei Monaten stehe (act. 31), auferlegte die SVA dem
Beschwerdeführer mit Verfügung vom 11. Dezember 2014, sich einer
mehrwöchigen stationären oder tagesklinischen psychiatrischen Behand-
lung zu unterziehen (act. 33). Dieser Pflicht kam der Beschwerdeführer
zwar erfolgreich nach (act. 38 S. 3), jedoch erlitt er am 21. September 2015
den erwähnten Motorradunfall, der in der Folge langwierige somatische
Behandlungen bis (zuletzt) im Januar 2017 (s. E. 6.1 in fine) nach sich zog.
C-2980/2018
Seite 13
6.2.3 In seinem sozialmedizinischen Gutachten vom 29. Juli 2016 (act. 111
S. 41/act. 130 S. 36) führte Dr. R._, Gutachter des Medizinischen
Dienstes der Krankenversicherung G._, zuhanden der H._
anamnestisch aus, der Beschwerdeführer leide (Anmerkung Gericht: zehn
Monate nach dem Unfall) vor allem an Schlafstörungen, die Depressionen
seien kompensiert, die Stimmungslage relativ gut. Als (Haupt-) Diagnose
hielt er einen Zustand nach Patellaspitzensyndrom und Reizung im Bereich
des Biceps femoris links fest. Als weitere Diagnosen nannte er: Interkostal-
neuralgie (Schmerz zwischen den Rippen), Zustand nach Polytrauma vom
21. September 2015, stumpfes Abdomentrauma, stumpfes Thoraxtrauma
mit BWK-11-/BWK-12-Fraktur, Fraktur laterales Tibiaplateau links (Typ II
nach Schatzker), Chopard-Luxationsfraktur mit Calcaneus- und Talusfrak-
tur links, Trümmerfraktur der Basis von Os metakarpale D1 links sowie un-
ter Medikation stabilisierte Depression. In seiner Beurteilung führte er dazu
aus, der Beschwerdeführer leide vor allem noch an Rückenbeschwerden
im unteren BWS-Bereich mit nächtlichen Durchschlafstörungen und Be-
schwerden im linken Kniegelenk nach längeren Spaziergängen. In der kli-
nischen Untersuchung könnten eine gute Beweglichkeit der Wirbelsäule
mit Finger-Boden-Abstand von 5 cm und im Bereich linkes Kniegelenk kein
wesentlicher pathologischer Befund festgestellt werden. Eine schwere de-
pressive Phase 2013 sei mittlerweile unter Medikation weitgehend stabil.
Es bestehe Arbeitsfähigkeit ab 1. August 2016, mit deutlichen Einschrän-
kungen. Das Leistungsbild präsentiere sich wie folgt: vollschichtige Tätig-
keit, im Wechselrhythmus zwischen gehender/stehender/sitzender Arbeit,
Sitz- und Stehzeiten deutlich eingeschränkt bis auf 15 Min., gehende Tä-
tigkeiten wären auch längere Zeit möglich. Keine knienden und hockenden
Tätigkeiten und keine Tätigkeiten mit Wirbelsäulenzwangshaltungen. Bei
behandelter Depression seien Tätigkeiten auf Leitern und Gerüsten oder
Tätigkeiten in Gefahrenbereichen nicht zu empfehlen. Keine Tätigkeiten
mit besonderer Stressbelastung sowie Akkordarbeiten. Die Tätigkeit als
Kaufmann wäre möglich, wenn der Beschwerdeführer einen höhenverstell-
baren Schreibtisch hätte, sodass eine sitzende als auch stehende Tätigkeit
möglich wäre. Mit Stellungnahme vom 16. September 2016 bestätigte
S._ des G._ aus "zweitgutachterlicher" Sicht die Beurteilung
des "Erstgutachters". Es bestehe ein positives Leistungsbild für zumindest
leichte Tätigkeiten mit qualitativen Einschränkungen (doc. 111 S. 46).
6.2.4 Nach Auftragserteilung am 24. November 2016 erstellte Prof. Dr.
I._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie/Facharzt für Neu-
rologie, (...), am 14. Dezember 2016 ein ärztliches Gutachten zuhanden
des Ärztlichen Dienstes der Deutschen Rentenversicherung in (...) (act.
C-2980/2018
Seite 14
111 S. 12). Anamnestisch hielt der Gutachter fest, dass der Beschwerde-
führer seit dem 19. Lebensjahr täglich zehn Zigaretten rauche und wö-
chentlich vier bis fünf Flaschen Bier trinke. Vom 18. bis 31. Lebensjahr
habe der Explorand Cannabis konsumiert, über längere Phasen, 1-2 Tüt-
chen pro Tag. Darüber hinaus habe er über Monate Amphetamine (Pep)
und ebenfalls über Jahre hinweg Codein- und Kokain konsumiert. Die sta-
tionäre Behandlung in (...) (Ende 2013) sei wegen überwiegend depressi-
ver Störung mit massiver Antriebsreduktion erfolgt. Aktuell leide er an Ein-
und Durchschlafstörungen, seit vier Jahren schubweise auftretend. Pro
Nacht sei er 4-5 Mal wach wegen Rückenschmerzen, nach ca. einer
Stunde könne er jeweils wieder einschlafen. Nach dreijähriger Ausbildung
zum Grosshandelskaufmann habe er während 13 Jahren für die Firma
B._ in (...) gearbeitet, ab März 2015 während sechs Wochen im
T._ in (...). Dort habe er die Kündigung erhalten, weil sein Arbeits-
tempo viel zu langsam sei. Seit dem 21. September 2015 sei er arbeitsun-
fähig geschrieben. Der Explorand lebe zur Miete in der Einliegerwohnung
in der Doppelhaushälfte der Eltern. Im Vordergrund stünden Schmerzen im
Bereich der Brustwirbelsäule; die frakturierten Brustwirbelkörper seien mit
Spondylodese stabilisiert worden. Im Gehen habe er auch Schmerzen im
Bereich der Kniegelenke. Er gehe täglich mit dem Hund ca. 4 km spazie-
ren, bergauf habe er jedoch erhebliche Probleme. Darüber hinaus leide er
an Kopfschmerzen, ohne Aura, mit Sehstörungen (bis zu einer Woche
lang). Er habe Zukunftsängste (kein Einkommen seit August 2016). Es
fehle ihm an jedweder Stresstoleranz. Als Diagnosen nannte der Gutach-
ter: 1. Polytrauma bei Verkehrsunfall, mit Frakturen von BWK 11 und 12,
Tibiakopffraktur links, kombinierte Sprunggelenksfraktur links, Chopart-Lu-
xationsfraktur links, Calcaneus- und Talusfraktur links, Trümmerfraktur des
Os metacarpale links sowie stumpfes Abdominal und Thoraxtrauma. 2.
Verdacht auf Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS; F90.0), 3. Verdacht
auf rezidivierende depressive Störung (F32.2), 4. Zustand nach polytropem
Konsum/Missbrauch psychotroper Substanzen vom 18. bis 32. Lebensjahr
(F19.9), 5. Verdacht auf sensibles Wurzelkompressionssyndrom (C8 links),
6. vorbeschrieben: BWS-Kyphose, 7. Nikotinabusus/Zigarettenraucher
(F17.1). In seiner Beurteilung führte der Gutachter aus, der Beschwerde-
führer beklage Schmerzen vor allem im Bereich der mittleren Brustwirbel-
säule, darüber hinaus anfallsartige Kopfschmerzen (frontal), ohne Aura,
begleitet durch Sehstörungen und Übelkeit bis zum Erbrechen. Darüber
hinaus bestehe ein sensibles Defizit im Versorgungsbereich C8 links. Psy-
chopathologisch würden vor allem Zukunftsängste geschildert, nicht je-
doch eine depressive Symptomatik; beklagt würden auch Störungen des
C-2980/2018
Seite 15
Antriebs, es liege möglicherweise eine leichte kognitive Störung nach Po-
lytrauma vor, auch wenn kein Schädel-Hirn-Trauma angegeben worden
sei. Über 15 Jahre lang sei ein polytroper Konsum psychotroper Substan-
zen, wobei keiner Opiate, erfolgt; im Vordergrund stehe die Kombination
aus Cannabinoiden (zur Reduktion der inneren Anspannung) und Amphe-
taminen. Aufgrund der Kindheitsschilderungen erhebe sich der Verdacht
auf eine ADS (Verträumtheit, leichte Ablenkbarkeit, Konzentrationsstörun-
gen, innere Anspannung, innere Unruhe, Konzentrationsstörungen bis
heute). Darüber hinaus ergebe sich der Verdacht auf eine rezidivierende
depressive Störung, eine Befundbesserung erfolge unter Mirtazapin. Es
bestünden ungeachtet dessen eine partielle Anhedonie (Unfähigkeit,
Freude oder Lust zu empfinden), verbunden mit Antriebsstörungen, nega-
tiver Zukunftsperspektive, reduzierter Selbstwertzuschreibung, jedoch
nicht Suizidgedanken oder -impulse. Ein sicher phasenhafter Verlauf der
Psyche sei nicht zu sichern, wobei eine Überlagerung durch Drogenkon-
sum und ADS möglich sei. Es sollte eine neuropsychologische Erhebung
vorgenommen werden. Zur Arbeitsfähigkeit hielt er fest, körperlich leichte
bis mittelgradig belastende Arbeiten in wechselnder Arbeitshaltung seien
möglich. Aufgabenstellungen im Nacht- oder Wechselschichtrhythmus soll-
ten ebenso vermieden werden wie Tätigkeiten unter erhöhtem Zeitdruck.
Gegenwärtig und auf Dauer seien jedoch auch unter Beachtung der Ein-
schränkungen nennenswerte Arbeiten auf Dauer und regelmässig nicht
möglich. Ein erneuter stationärer Aufenthalt bringe seines Erachtens keine
wesentliche Verbesserung. Zu überlegen seien weitere Abklärungen
(CMRT-Serie, neuropsychologische Untersuchung).
6.2.5 In Unkenntnis des Gutachtens von Dr. I._ erachtete Dr.
K._ des RAD in seiner Stellungnahme an die SVA vom 20. Dezem-
ber 2016 die Aktenlage als nicht aktuell und nicht aussagefähig dokumen-
tiert. Es seien sowohl in somatischer als auch psychiatrischer Hinsicht wei-
tere Berichte einzuholen und ein Drogenscreening zu wiederholen (act.
93). Nach Einholen weiterer Berichte erhielt die SVA am 22. Januar 2018
das Gutachten von Dr. med. J._ (keine Angabe zur Spezialisierung
aktenkundig; vgl. auch E. 6.3.1 in fine) der Bundesagentur für Arbeit in (...)
zugestellt (act. 130). Darin nannte der Gutachter als Diagnosen eine Poly-
toxikomanie, aktuell fortbestehender multipler Substanzgebrauch (F19.2),
Restbeschwerden nach Motorradunfall mit Polytrauma (09/2015; T07) und
eine rezidivierende depressive Störung (F33.9). In seiner sozialmedizini-
schen Stellungnahme hielt er fest, aktuell sei der Explorand infolge der ge-
sundheitlichen Störungen nicht leistungsfähig. Er beklage u.a. Restbe-
C-2980/2018
Seite 16
schwerden nach Motorradunfall im September 2015 mit multiplen Fraktu-
ren. Adäquate therapeutische Massnahmen erfolgten. Metallentfernungen
seien im Januar 2017 vorgesehen. Von besonderer Relevanz seien Kom-
plikationen im Rahmen einer langjährigen Abhängigkeitsproblematik. Bei
der jetzigen Begutachtung fänden sich eindeutig Hinweise für einen fortbe-
stehenden multiplen Substanzgebrauch. Derzeit bestehe kein beruflich
verwertbares Leistungsvermögen, auch nicht in zuletzt ausgeübter Tätig-
keit. Es sei von einer vorübergehend schwerwiegenden Leistungsein-
schränkung auszugehen. Eine berufliche Reintegration dürfte aller Voraus-
sicht nach erst im Anschluss an eine erfolgreich absolvierte stationäre
Langzeitentwöhnung zu realisieren sein. Die Arbeitsfähigkeit betrage täg-
lich weniger als drei Stunden. Als Funktionseinschränkungen nannte er
eine therapiebedürftige Abhängigkeitsproblematik und Restbeschwerden
nach Polytrauma im September 2015.
6.2.6 Am 16. Februar 2017 hielt Dr. K._, RAD – in Unkenntnis des
Gutachtens von Dr. P._ vom 2. Juli 2014 und dessen ergänzender
Stellungnahme vom 6. August 2014 (act. 16 S. 2, act. 91 S. 12), des sozi-
almedizinischen Gutachtens von Dr. R._ vom 29. Juli 2016 (act. 111
S. 41), der Stellungnahme von S._ vom 16. September 2016 (act.
111 S. 46), der sozialmedizinischen Leistungsbeurteilung von Prof. Dr.
I._ vom 5. Dezember 2016 sowie des Gutachtens desselben Arztes
vom 14. Dezember 2016 (act. 111 S. 12 und 38), des Gutachtens von Dr.
J._ vom 17. Januar 2017 (act. 130 S. 2; in der chronologischen Auf-
listung der von Dr. K._ beurteilten Akten fehlen diese Dokumente)
– in psychischer Hinsicht fest, es ergäben sich bei stabiler Situation seit
August 2015 keine massgeblichen Einschränkungen (mehr), wobei kein
Drogenscreening erfolgt sei. Die Beurteilung der Abstinenz im Gutachten
der PMEDA erfolge allein gestützt auf subjektive Angaben des Beschwer-
deführers, der ein ausdrückliches Suchtverlangen erkennen lasse. Die Mit-
wirkungspflicht solle nochmals auferlegt werden. Aktuell sei keine statio-
näre psychiatrische Therapie notwendig. Vor weiteren Eingliederungs-
massnahmen solle aber ein objektives Drogenscreening erfolgen, auch
während der Massnahmen monatlich, um allfällig substanzbedingte psy-
chische Schwankungen möglichst ausschliessen zu können. In somati-
scher Sicht führte er aus, nach Metallentfernung sei insoweit ein stabiler
Zustand erreicht, als dass der Beschwerdeführer in angepasster Tätigkeit
(wie vor dem Unfall ausgeübt) zu 50% arbeiten könne, mit optionaler Stei-
gerung im Verlauf. Dies könnte z.B. durch ein Arbeitstraining (drogenfrei)
erfolgen. In seiner Beurteilung hielt er fest, in angestammter Tätigkeit sollte
C-2980/2018
Seite 17
nach abgeschlossener somatischer Rehabilitation keine dauerhafte Ein-
schränkung verbleiben. Die geplante Knorpeltherapie im Bereich Kniege-
lenk (März 2017) tangiere keine generelle relevante Arbeitsfähigkeit in an-
gepasster Tätigkeit (schwerpunktmässig sitzend, mit spontaner Wechsel-
belastung), sondern führe allenfalls zu einem zeitlich befristeten Unter-
bruch der Arbeitsfähigkeit von einigen Wochen (act. 102). In Ergänzung
dazu hielt Dr. L._, Psychiatrie und Psychotherapie, des RAD am 19.
September 2017 – in Kenntnisnahme der zentralen Gutachten und Stel-
lungnahmen in psychiatrischer Hinsicht – es liege eine primäre Sucht vor,
ohne der Sucht vorangehende und diese verursachende invalidisierende
psychiatrische Erkrankung. Es seien in der Vergangenheit und aktuell
keine irreversiblen Folgeschäden der Sucht vorhanden. Es könne daher
gemäss der Praxis keine langdauernde psychiatrisch bedingte Arbeitsun-
fähigkeit attestiert werden. Hinsichtlich der depressiven Episoden sei fol-
gender Verlauf evident: Während des Aufenthalts in der D._ Klinik
(...) (18. November bis 30. Dezember 2013) habe eine schwere depressive
Episode vorgelegen, mit vorübergehender Arbeitsunfähigkeit als techni-
scher Administrator und in Verweistätigkeiten. Danach sei die depressive
Episode rückläufig gewesen (s. Arztbericht Dr. J._ von Mai 2014).
Im Gutachten E._ von Juli 2014 sei eine mittelgradig depressive
Episode festgestellt worden, mit 100%-iger Arbeitsunfähigkeit. Im Arztbe-
richt von Dr. J._ von August 2015 sei eine weitgehende Remission
der depressiven Episode unter laufender Behandlung beschrieben worden,
sodass von August 2015 an keine wesentliche psychiatrische Einschrän-
kung mehr attestiert werden könne. Die depressive Episode sei wirksam
und zweckmässig behandelbar und Therapieoptionen ständen weiterhin
offen. Hinweise für eine Therapieresistenz lägen nicht vor. Im Gutachten
I._ von Dezember 2016 habe keine depressive Episode mehr fest-
gestellt werden können; psychiatrisch könne deshalb keine Arbeitsunfähig-
keit mehr attestiert werden. Zusammenfassend habe von 18. November
2013 bis Juli 2014 vorübergehend eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden,
danach könne keine Arbeitsunfähigkeit mehr attestiert werden. Auf die Ar-
beitsunfähigkeit zu 100%, wie sie im Gutachten E._ von Prof.
Q._ (recte: Dr. P._) von Juli 2014 festgehalten sei, könne
nicht abgestützt werden, da die Arbeitsunfähigkeit hauptsächlich auf das
Suchtgeschehen abstütze, das jedoch primär sei. Die Einschätzung sei
kongruent mit dem Arztbericht von Dr. J._ von Januar 2017, wo-
nach die verbleibenden Symptome "leichte Zukunftssorgen" keine wesent-
liche psychiatrisch bedingte Arbeitsunfähigkeit begründeten. Damit be-
stehe in psychischer Hinsicht ab 1. August 2014 eine volle Arbeitsfähigkeit
und eine solche ab 1. Juli 2016 in somatischer Hinsicht (act. 117).
C-2980/2018
Seite 18
6.3
6.3.1 Festzustellen ist seitens des Bundesverwaltungsgerichts aufgrund
des in E. 6.2 Ausgeführten, dass die Beurteilungen des RAD, auf welche
sich die SVA und mit ihr Vorinstanz im angefochtenen Rentenentscheid ab-
stützt, zum Teil in Unkenntnis wesentlicher medizinischer Akten erfolgte
(E. 6.2.5 f.), ohne Ausnahme auf die alte Suchtpraxis der Invalidenversi-
cherung (Überwindbarkeit der Sucht und des Abhängigkeitsverhaltens) ab-
stützt (E. 6.2.6 in fine) und schliesslich die Aktenlage nicht vollständig wi-
derspiegelt: Wenn Dr. L._, Psychiatrie und Psychotherapie, des
RAD am 19. September 2017 ausführt, im Arztbericht von Dr. J._
von August 2015 sei eine weitgehende Remission der depressiven Epi-
sode unter laufender Behandlung beschrieben worden, sodass von August
2015 an keine wesentliche psychiatrische Einschränkung mehr attestiert
werden könne, übersieht er, dass derselbe Arzt im Bericht vom 25. August
2015 (act. 53 S. 1) unter anderem ausführte, die depressive Symptomatik
sei unter Drogentherapie rückläufig. Insgesamt sei nun eine verbesserte
Situation eingetreten, ein Wiedereingliederungsversuch bzw. schrittweiser
Aufbau der Belastung im geschütztem Umfeld sollte unternommen werden.
Weiterhin brauche es dringend eine Psychotherapie, auch die aktuelle Me-
dikation sollte dringend weitergeführt werden. In den nachfolgenden Kurz-
berichten vom 21. Dezember 2015, 8. März 2016, 7. September 2016 und
14. November 2016 (act. 111 S. 81 f., act. 111 S 72 f.) hielt der behandelnde
Facharzt zudem weiterhin die Diagnose rezidivierende depressive Stö-
rung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome
(F33.2), fest. Soweit Dr. L._ weiter ausführt, im Gutachten von Dr.
I._ vom 14. Dezember 2016 habe keine depressive Episode mehr
festgestellt werden können, psychiatrisch könne deshalb keine Arbeitsun-
fähigkeit mehr attestiert werden, ist darauf hinzuweisen, dass der Gutach-
ter als Diagnosen unter anderem einen Verdacht auf ein Aufmerksamkeits-
Defizit-Syndrom (ADS; F90.0) sowie einen Verdacht auf eine rezidivie-
rende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychoti-
sche Symptome (F32.2) nannte und betreffend Arbeitsfähigkeit unter
"Quantitatives Leistungsvermögen" ausführte, gegenwärtig und auf Dauer
seien auch unter Beachtung der Einschränkungen nennenswerte Arbeiten
auf Dauer und regelmässig nicht möglich (act. 111 S. 36). In seiner sozial-
medizinischen Leistungsbeurteilung bestätigte derselbe Gutachter eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit ab 21. September 2015, "Besserung un-
wahrscheinlich" (act. 111 S. 39 f.). Zu diesen abweichenden Beurteilungen
und Anmerkungen hat der RAD nicht Stellung genommen. Im Weiteren er-
C-2980/2018
Seite 19
folgten die zeitlich neuesten Begutachtungen ohne Ausnahme in Deutsch-
land (Gutachten Dr. R._, Stellungnahme S._, Gutachten Dr.
I._, Gutachten Dr. M._), womit keine in Kenntnis und Um-
setzung der in der Schweiz relevanten versicherungsmedizinischen Grund-
sätze (BGE 137 V 210; BGE 141 V 281) erfolgende Begutachtung vorliegt.
Diesbezüglich erweist sich auch die letzte Stellungnahme des RAD vom
28. März 2018 notabene als mangelhaft. Auch die seit Jahren andauernde
und trotz mehrfacher stationärer/ambulanter Entzugsbehandlung (Ende
2013, Februar bis August 2015) wieder aufflammende Polytoxikomanie ist
nicht im Sinne von BGE 145 V 215 (vgl. E. 5.7: "neue Suchtpraxis") geprüft
worden. Schliesslich bleibt darauf hinzuweisen, dass der RAD zwar mehr-
fach in somatischer und psychiatrischer Hinsicht Stellungnahmen abgege-
ben hat, aber eine eigentliche gesamthafte, interdisziplinäre Beurteilung al-
ler Leiden in somatischer und psychiatrischer Hinsicht und deren Auswir-
kungen auf die Arbeitsfähigkeit (vgl. dazu BGE 137 V 210 E. 1.2.4; Urteil
des Bundesgerichts 8C_168/2008 vom 11. August 2008 E. 6.2.2) nicht er-
kennbar wird. Diesbezüglich ist auch der Vernehmlassung der SVA vom
12. Juli 2018 (B-act. 5) nichts zu entnehmen, was zu einer anderen Beur-
teilung führen würde: Die SVA führt in ihrer Stellungnahme vom 12. Juli
2018 über die Wiedergabe der einzelnen ärztlichen Beurteilungen nur aus,
dass sie sich für die Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeits-
fähigkeit des Beschwerdeführers vollumfänglich auf die Beurteilung des
RAD abgestützt habe. Zum Gutachten von Dr. J._ habe sie bereits
im Einwandverfahren Stellung genommen; es bestünden zudem erhebli-
che Zweifel an der Beweiskraft dieses Gutachtens (B-act. 5 Beilage 1 Ziff.
5a). Damit enthält die Vernehmlassung keine Auseinandersetzung mit den
oben erwähnten Unstimmigkeiten und Mängeln in der ärztlichen Beurtei-
lung. Soweit die SVA in der Vernehmlassung zudem auf die mangelnde
Beweiskraft von Berichten von Hausärzten und behandelnden Ärzten ver-
weist, womit (auch aus diesem Grund) das Gutachten von Dr. J._
vom 17. Januar 2017 nicht beweiskräftig sei, scheint sie übersehen zu ha-
ben, dass dieses Gutachten eine rein somatische Befunderhebung auf-
weist und grundsätzlich als somatisches Gutachten (in Ergänzung zum
nervenärztlichen Gutachten von Prof. Dr. I._) ausgestaltet ist. Auch
die Unterschriften von "Dr. J._" und "Dr. M._" erscheinen
prima facie nicht identisch. Es bleibt damit zumindest fraglich, ob es sich
bei "Dr. J._" um den behandelnden Psychiater und Psychothera-
peuten des Beschwerdeführers handelt.
C-2980/2018
Seite 20
6.3.2 Mangels einer zuverlässigen medizinischen Entscheidgrundlage ist
es demzufolge nicht möglich, mit dem im Sozialversicherungsrecht erfor-
derlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu beurtei-
len, ob und gegebenenfalls in welcher Höhe und ab wann der Beschwer-
deführer Anspruch auf eine ordentliche Invalidenrente hat (vgl. E. 5.5).
6.3.3 Da es an einer Gesamtbeurteilung fehlt und die Vorinstanz im vorlie-
genden Verfahren selbst noch kein Gutachten eingeholt, sondern die vom
deutschen Versicherungsträger und dem Beschwerdeführer eingereichten
Berichte als ausreichend betrachtet hat, steht einer Rückweisung der Sa-
che an die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen nichts entgegen (vgl. BGE
137 V 210 E. 4.4.1.4). Von der Einholung eines Gerichtsgutachtens oder
Erhebung anderer Beweismassnahmen ist daher abzusehen.
6.3.4 Die Beschwerde ist folglich insoweit gutzuheissen, als die angefoch-
tene Verfügung aufzuheben und die Sache zu weiteren Abklärungen an die
Vorinstanz zurückzuweisen ist. Die Vorinstanz ist anzuweisen, unter Be-
rücksichtigung sämtlicher aktenkundiger Arztberichte sowie Beizug weite-
rer verfügbarer medizinischer Unterlagen ein polydisziplinäres, insbeson-
dere internistisches, neurologisches, orthopädisches und psychiatrisches
Gutachten (unter Beizug eines Neuropsychologen) in der Schweiz einzu-
holen. Die gutachterliche Beurteilung der psychischen Leiden inkl. Suchter-
krankung des Beschwerdeführers und deren Auswirkungen auf die Arbeits-
fähigkeit hat in Anwendung der Standardindikatoren gemäss neuer bun-
desgerichtlicher Rechtsprechung zu erfolgen (BGE 145 V 215; BGE 143 V
418; 143 V 409; 141 V 281). Im Rahmen der Begutachtung ist die Gutach-
terstelle nach dem Zufallsprinzip gemäss Zuweisungssystem «Suisse-
MED@P» zu ermitteln und dem Beschwerdeführer sind die ihm zustehen-
den Mitwirkungsrechte einzuräumen (vgl. BGE 137 V 210 E. 3.4.2.9).
7.
Damit ist die Beschwerde insoweit gutzuheissen, als der angefochtene Ent-
scheid aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zu weiteren Abklärun-
gen im Sinne der Erwägung 6.3 und zu neuem Entscheid zurückzuweisen
ist.
8.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
C-2980/2018
Seite 21
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1 und
Abs. 3 VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei.
Da eine Rückweisung praxisgemäss als Obsiegen der Beschwerde führen-
den Partei gilt (BGE 132 V 215 E. 6), sind dem Beschwerdeführer keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss ist ihm
nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf ein von ihm zu bezeichnen-
des Konto zurückzuerstatten. Der Vorinstanz sind ebenfalls keine Verfah-
renskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
8.2 Die ganz oder teilweise obsiegende Partei hat Anspruch auf eine Par-
teientschädigung (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). Vorliegend ist
der Beschwerdeführer nicht anwaltlich vertreten, weshalb ihm keine not-
wendigen und verhältnismässig hohen Kosten im Sinne von Art. 64 Abs. 1
VwVG entstanden sind. Ihm ist deshalb keine Parteientschädigung auszu-
richten. Die unterliegende Vorinstanz hat ebenfalls keinen Anspruch auf
eine Parteientschädigung (Art. 7 Abs. 3 VGKE).
C-2980/2018
Seite 22