Decision ID: 5a97b2d9-ca84-4ecb-9ce2-cb4cf1919cc6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am (...) in der Schweiz um Asyl nach.
Er machte im Wesentlichen geltend, Er habe sich in den Jahren (...) bis
(...) beziehungsweise bis (...) oder (...) freiwillig für die Liberation Tigers of
Tamil Eelam (LTTE) engagiert und sei – ohne Mitgliedschaft – an den Akti-
vitäten der Tamil National Alliance (TNA; auch tamilische Partei genannt)
beteiligt gewesen. Trotz fehlender politischer Exponiertheit sei er am (...)
von Regierungssoldaten festgenommen, in ein Lager gebracht und wäh-
rend acht Tagen gefoltert worden. Bei seiner Freilassung am (...) sei ihm
eine behördliche Meldepflicht (Leistung der Unterschrift an drei Wochenta-
gen) auferlegt worden, welcher er bis am (...) Folge geleistet habe. Nach-
dem er sein Heimatland in Richtung Malaysia verlassen habe, sei er vom
Militär bei seinen Eltern gesucht worden. In Malaysia sei er exilpolitisch
tätig gewesen und habe Kontakt zu einer exponierten Persönlichkeit der
LTTE gehabt, welche (...) verhaftet worden sei. Nach seiner Einreise in die
Schweiz am (...) habe er an Demonstrationen vor dem UNO-Gebäude teil-
genommen.
A.b Mit Verfügung vom 29. Oktober 2021 lehnte das SEM das Asylgesuch
des Beschwerdeführers ab, verfügte seine Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug an. Die dagegen erhobene Beschwerde wies das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-5203/2021 vom 6. Mai 2022 ab.
B.
Mit Eingabe vom 7. Juli 2022 gelangte der Beschwerdeführer erneut an
das SEM und ersuchte um Gewährung von Asyl, eventualiter um Feststel-
lung der Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs.
Er machte im Wesentlichen geltend, er habe bisher asylrelevante Tatsa-
chen verschwiegen. So habe er wegen seiner früheren engen Zusammen-
arbeit mit hochrangigen LTTE-Mitgliedern in Malaysia am (...) über Viber
einen Anruf von B._ – ein altbekanntes ehemaliges LTTE-Mitglied,
das im Jahr (...) in Malaysia verhaftet und nach Sri Lanka abgeschoben
worden sei – erhalten. Dabei sei er von B._ nach seinem aktuellen
Aufenthaltsort sowie nach Kontaktdaten und Informationen über ehemalige
Verantwortliche der LTTE Schweiz und wichtige Leute aus der tamilischen
Jugendorganisation der Schweiz gefragt worden. Der Anruf könne einzig
bedeuten, dass B._ die Seite gewechselt habe, zumal in Sri Lanka
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Deals der sri-lankischen Behörden mit festgenommenen politischen Akti-
visten der LTTE zur Leistung von Spionagetätigkeiten gegen LTTE-Anhä-
ngern und -Mitgliedern üblich seien. Der Anruf von B._ zeige, dass
er (Beschwerdeführer) in den Daten der sri-lankischen Behörden bezie-
hungsweise auf der Watch- and Stoplist des Criminal Investigation Depart-
ment (CID) registriert sei. Ein Vermerk auf dieser Liste führe bei einer An-
haltung an der sri-lankischen Grenzkontrolle zu einer Inhaftierung, weshalb
ihm eine willkürliche Verhaftung durch die sri-lankischen Behörden und in
der Folge auch Folter und unmenschliche Behandlung als Druckmittel, um
Informationen über LTTE Mitglieder im Exil zu erhalten, drohen würden.
Der Eingabe waren ein Bericht des Beschwerdeführers zum angeblich bis-
her verschwiegenen Sachverhalt und ein Screenshot des Viber-Verlaufs
zwischen ihm und B._ vom (...) (ausgedruckt am 28. Juni 2022)
beigelegt.
C.
Mit Verfügung vom 29. Juli 2022 – eröffnet am 5. August 2022 – trat das
SEM mangels funktionaler Zuständigkeit auf das Gesuch des Beschwerde-
führers vom 7. Juli 2022 nicht ein.
D.
Mit Eingabe vom 11. August 2022 focht der Beschwerdeführer diese Ver-
fügung beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragt die Aufhebung
der Verfügung des SEM vom 29. Juli 2022 und die Feststellung der Zustän-
digkeit des SEM zur Behandlung seines Mehrfachgesuches vom 7. Juli
2022. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei ihm sodann zu gestat-
ten, den Entscheid über das (gleichentags beim BVGer anhängig ge-
machte) Revisionsverfahren in der Schweiz abzuwarten und der Kanton
Luzern sei anzuweisen, von Vollzugshandlungen abzusehen.
E.
Im gleichzeitig angehobenen Revisionsverfahren (D-3455/2022) setzte die
Instruktionsrichterin am 11. August 2022 mit superprovisorischer Mass-
nahme den Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.
F.
Mit Eingabe vom 9. September 2022 reichte der Beschwerdeführer einen
Arztbericht vom (...) zu den Akten.
D-3457/2022
Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.4 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf
Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
3.
3.1 Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde ist der Nicht-
eintretensentscheid des SEM vom 29. Juli 2022. Die Beurteilungskompe-
tenz des Gerichts ist somit auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf die als «Neues Asylgesuch» betitelte Eingabe des Beschwerde-
führers vom 7. Juli 2022 nicht eingetreten ist.
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3.2 Die Beschwerdeinstanz enthält sich – sofern sie den Nichteintretens-
entscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbständigen materiellen
Prüfung; sie hebt die angefochtene Verfügung auf und weist die Sache zur
neuen Entscheidung an das SEM zurück (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 m.w.H.).
4.
4.1 In der angefochtenen Verfügung hat sich das SEM hinsichtlich der mit
der Eingabe vom 7. Juli 2022 vorgebrachten Tatsachen und des einge-
reichten Beweismittels als funktional unzuständig erachtet. Der neu vorge-
brachte Sachverhalt, wonach B._ den Beschwerdeführer im Jahr
(...) angerufen habe und als Spion der sri-lankischen Behörden gegen
LTTE-Anhänger vorgehe, habe sich im Jahr (...) – und damit vor dem Urteil
D-5203/2021 vom 6. Mai 2022 – verwirklicht. Auch der als Beweis einge-
reichte Screenshot sei damals entstanden. Folglich sei das neue Vorbrin-
gen im Rahmen eines Revisionsverfahrens durch das Bundesverwaltungs-
gericht zu behandeln.
4.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in der Rechtsmittelschrift, das SEM
blende die Praxis des Bundesverwaltungsgerichts zu bisher verschwiege-
nen neuen rechtserheblichen Sachverhalten aus (mit Verweis auf BVGE
2013/22). Demnach habe das Bundesverwaltungsgericht, mit Ausnahme
einer kaum je auftretenden Fallkonstellation, die Prüfung jeglicher Einga-
ben, seien es neue Asylgesuche, Revisionsgesuche, Wiedererwägungsge-
suche und qualifizierter Wiedererwägungsgesuche in die Zuständigkeit des
SEM gestellt. Das SEM habe gemäss diesem Grundsatzurteil dabei sämt-
liche geltend gemachten Gründe in diesem Asylgesuch erneut materiell zu
prüfen. Diese neue materielle Prüfung müsse deshalb im Rahmen eines
neuen Asylgesuchs vorgenommen werden. Hinzu komme, dass der neue
asylrelevante Sachverhalt noch nicht Prozessgegenstand vor dem Bun-
desverwaltungsgericht gewesen und somit im Urteil vom 6. August 2022
(recte wohl: Urteil vom 6. Mai 2022) auch nicht abgehandelt worden sei.
5.
5.1 Die Behörde, die sich als unzuständig erachtet, tritt durch Verfügung
auf die Sache nicht ein, wenn eine Partei die Zuständigkeit behauptet
(Art. 9 Abs. 2 VwVG).
5.2 Der neu vorgetragene Sachverhalt und das diesbezügliche Beweismit-
tel vermögen weder ein neues Asylgesuch respektive Mehrfachgesuch
noch ein Wiedererwägungsgesuch zu begründen. Das Bundesverwal-
tungsgericht hat im Koordinationsurteil D-2041/2021 vom 25. Oktober 2022
D-3457/2022
Seite 6
die Frage der funktionalen Zuständigkeit bei der Geltendmachung von im
ordentlichen Verfahren noch verschwiegenen Tatsachen grundsätzlich ge-
klärt. Es hat festgestellt, dass auch verschwiegene Tatsachen unter den
Begriff «nachträglich erfahrene Tatsachen» subsumiert werden und damit
einen potentiellen Revisionsgrund nach Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG darstel-
len, was die Zuständigkeit der Revisionsinstanz nach sich zieht. Vorliegend
ist somit das Bundesverwaltungsgericht funktional zuständig und hat im
Rahmen des bereits anhängig gemachten Revisionsverfahrens
D-3455/2022 über die Einhaltung der prozessualen Sorgfaltspflicht und ge-
gebenenfalls über die Erheblichkeit der neuen Tatsachen zu befinden.
5.3 Das SEM ist daher zu Recht auf die in der Eingabe vom 7. Juli 2022
vorgebrachten neuen beziehungsweise bisher verschwiegenen Verfol-
gungsgründe nicht eingetreten (vgl. Koordinationsurteil D-2041/2021
E. 9.5).
6.
Der Beschwerdeführer hat auf Beschwerdeebene einen neuen Arztbericht
vom (...) eingereicht. In der Eingabe vom 9. September 2022 werden zu
diesem Arztbericht und dessen Relevanz keine konkretisierenden Ausfüh-
rungen gemacht. Der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers war be-
reits Gegenstand des ordentlichen Asylverfahrens. Sowohl das SEM als
auch das Bundesverwaltungsgericht haben entsprechende Erwägungen in
ihren Entscheidungen aufgenommen (vgl. insbesondere: Urteil D-
5203/2021 E. 9.3 mit Verweis auf die vorinstanzliche Verfügung vom 29.
Oktober 2021). Der Beschwerdeführer legt nicht dar und es ist auch nicht
ersichtlich, inwiefern er diese mit dem Arztbericht vom (...) umzustossen
vermöchte. Die angefochtene Verfügung erweist sich demnach auch hin-
sichtlich des Nichteintretens auf den Arztbericht mangels hinreichender Be-
gründung als rechtmässig (vgl. zum Nichteintretensgrund der mangelhaf-
ten Begründung BVGE 2014/39 E. 7).
7.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt
richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit dies-
bezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Mit vorliegendem Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch um vorsorg-
liche Massnahmen (Aufenthalt in der Schweiz bis zum Entscheid über das
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Seite 7
Revisionsverfahren [vgl. Sachverhalt unter Bst. D hievor]) gegenstandslos
geworden. Vollständigkeitshalber ist festzuhalten, dass im Revisionsver-
fahren D-3455/2022 am 12. August 2022 ein Vollzugsstopp verfügt wurde.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Verfahrenskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und praxisgemäss auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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