Decision ID: b7feb6f1-9794-468f-b476-46432f08997a
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
A._ lebte mindestens seit Dezember 2009 in X._/SG und war dort angemeldet. Am
8. Oktober 2019 räumte er sein seit längerer Zeit gemietetes Zimmer im Hotel "K._".
Bis zum freiwilligen Eintritt zur stationären Behandlung in die Klinik M._ in der
Gemeinde D._ am 18. Oktober 2019 hielt er sich weiterhin in X._/SG auf und schlief
im Freien oder im Warteraum des Bahnhofes. Am 5. Dezember 2019 trat er aus der
Klinik aus. Weitere Klinikaufenthalte folgten vom 9.-26. Dezember 2019, vom
3.-30. Januar 2020 und erneut ab 5. Februar 2020. Seit 13. Mai 2020 lebt er in einer
betreuten Wohneinrichtung des Vereins "Y._" in B._ (act. 8/4.2, Beilage 7). Die Zeit
zwischen den Klinikaufenthalten verbrachte er seinen Angaben zufolge hauptsächlich
in Zürich. Nach X._/SG kehrte er nicht mehr zurück.
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B.
Mit Verfügung vom 3. April 2020 – bezeichnet als "amtliche Streichung" – strich das
Einwohneramt der Politischen Gemeinde X._/SG A._ "per 8. Oktober 2019 amtlich
aus dem Einwohnerregister". Die dagegen von A._ erhobenen Rechtsmittel wiesen der
Stadtrat der Politischen Gemeinde X._/SG am 8. Juni 2020 und das Sicherheits- und
Justizdepartement am 9. Juli 2021 ab. Das Sicherheits- und Justizdepartement legte
allerdings fest, die Streichung aus dem Einwohnerregister sei auf den Zeitpunkt der
Rechtskraft der erstinstanzlichen Verfügung vorzunehmen (Ziffer 1b des Dispositivs).
C.
Die Politische Gemeinde X._/SG (Beschwerdeführerin) erhob gegen den
Rekursentscheid des Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) vom 9. Juli
2021 mit Eingabe vom 25. August 2021 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den
Anträgen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei Ziffer 1b des Dispositivs des
angefochtenen Entscheides ersatzlos zu streichen.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 13. September 2021, die
Beschwerde sei abzuweisen. Der verfahrensleitende Abteilungspräsident hiess das
Gesuch von A._ (Beschwerdegegner), es sei ihm im Beschwerdeverfahren die
unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung zu gewähren, am
21. September 2021 gut. Der Beschwerdegegner beantragte mit Vernehmlassung vom
2. November 2021, die Beschwerde sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge
abzuweisen.
Die Beschwerdeführerin nahm am 10. November 2021 zu den Vernehmlassungen
Stellung. Der Rechtsvertreter des Beschwerdegegners reichte am 16. November 2021
dem Gericht eine Kostennote über CHF 1'400 (sieben Stunden zu je CHF 200)
zuzüglich tatsächliche Barauslagen von CHF 19.50 und Mehrwertsteuer von
CHF 109.30 ein. Die Vorinstanz verzichtete am 17. November 2021 auf eine weitere
Äusserung.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die
Akten wird, soweit wesentlich, in den Akten eingegangen.

Considerations:
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Eintreten
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 2 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP).
bis
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Zu ihrer Beschwerdebefugnis bringt die Beschwerdeführerin vor, sie werde mit dem
angefochtenen Entscheid "verbindlich zur Korrektur des Datums der amtlichen
Streichung in die Zukunft verpflichtet". Die melderechtlichen Verhältnisse zeigten auch
Auswirkungen für verschiedene weitere Stellen und Leistungserbringer der politischen
Gemeinde. – Die politische Gemeinde führt gemäss Art. 2 des Gesetzes über
Niederlassung und Aufenthalt (sGS 453.1, NAG) das Einwohneramt. Es führt und
bereinigt das Einwohnerregister (Art. 13 f. NAG), welches unter anderem der
Datenerhebung für die Statistik dient (vgl. Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Harmonisierung der Einwohnerregister und anderer amtlicher Personenregister;
Registerharmonisierungsgesetz, SR 431.02, RHG). – Mit der dem Streit
zugrundeliegenden Verfügung vom 3. April 2020 hat die Beschwerdeführerin eine ihr
obliegende Aufgabe erfüllt und öffentliche Interessen wahrgenommen. Sie geht sodann
davon aus, sie sei – obwohl der Rekurs des Beschwerdegegners abgewiesen wurde –
im Rekursverfahren unterlegen, weil sie die Streichung auf den Zeitpunkt der
Rechtskraft ihrer Verfügung vorzunehmen hat. Die Beschwerdeführerin ist deshalb zur
Beschwerde befugt (vgl. Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 2 VRP; Geisser/Zogg, in:
Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege,
Praxiskommentar, St. Gallen 2020, N 37 zu Art. 45 VRP; vgl. allerdings zur – fehlenden
– Beschwerdelegitimation vor Bundesgericht BGer 2C_919/2011 vom 9. Februar 2012
E. 2.3; 2C_1091/2013 vom 15. Januar 2014 E. 2.3 und 2.4).
Die Beschwerde gegen den Rekursentscheid vom 9. Juli 2021 wurde unter
Berücksichtigung des Stillstands der Beschwerdefrist vom 15. Juli bis 15. August mit
Eingabe vom 25. August 2021 rechtzeitig erhoben (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47
Abs. 1 und Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 145 Abs. 1 Ingress und lit. b der
Schweizerischen Zivilprozessordnung; Zivilprozessordung, SR 272, ZPO). Sie erfüllt in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist dementsprechend
einzutreten.
2. Streitgegenstand
Die Verfahrensbeteiligten sind sich einig, dass das Einwohneramt der
Beschwerdeführerin die Angaben zum Beschwerdegegner im Einwohnerregister
deaktivieren darf, weil er sich seit wenigstens drei Monaten nicht mehr in der
politischen Gemeinde aufgehalten hat und anzunehmen ist, dass der Wegzug endgültig
ist (vgl. Art. 14 Ingress und lit. c NAG).
Umstritten ist einzig die Frage des Zeitpunkts, in welchem die Angaben zum
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Beschwerdegegner im Einwohnerregister deaktiviert werden sollen. Das Einwohneramt
der Beschwerdeführerin hat mit Verfügung vom 3. April 2020 die Angaben im
Einwohnerregister "rückwirkend per 8. Oktober 2019" – dem Zeitpunkt als der
Beschwerdegegner das Hotel "K._" in X._/SG verliess – "gestrichen". Die Vorinstanz
ist demgegenüber davon ausgegangen, das Gesetz sehe keine rückwirkende
Streichung vor und die amtliche Streichung könne deshalb frühestens auf den
Zeitpunkt der Rechtskraft der angefochtenen Verfügung vorgenommen werden. Damit
hat sich die Vorinstanz in Ziffer 1b des Dispositivs nicht zum Wegzugsdatum, das
gemäss Art. 6 Ingress und lit. r RHG im Register zu erfassen ist, geäussert.
Diesbezüglich hat sie in Erwägung 3b des angefochtenen Entscheides festgehalten, die
Voraussetzungen für eine registerrechtliche Niederlassung des Beschwerdeführers in
X._/SG seien bereits seit 8. beziehungsweise 18. Oktober 2019 grundsätzlich und
spätestens seit dem Klinikaustritt am 5. Dezember 2019, als er nach eigenen Angaben
nie mehr in X._ gewesen sei, nicht mehr erfüllt.
3. Beurteilung
Das Einwohneramt ist als registerführende Behörde zur "Aktualisierung" des
Einwohnerregisters verpflichtet (vgl. Art. 1 Abs. 2 Ingress und lit. d RHG). Art. 14 NAG,
welcher die Situationen umschreibt, bei deren Vorliegen das Einwohneramt die
Angaben über eine Person im Einwohnerregister "deaktiviert", steht unter dem
Randtitel "Bereinigung des Einwohnerregisters". Synonym mit dem Begriff der
"Deaktivierung" ist jener – von den Vorinstanzen verwendete – der "Streichung im
Einwohnerregister" (vgl. Gesetz über Niederlassung und Aufenthalt, Botschaft und
Entwurf der Regierung vom 17. April 2012, in: ABl 2012 S. 1355 ff., S. 1363). Eine
zeitliche Rückwirkung einer Deaktivierung oder Streichung in diesem Sinn ist von
vornherein nicht möglich. Soll die Deaktivierung ab dem Zeitpunkt der Verfügung
wirken, wäre dies dadurch zu bewerkstelligen, dass den Rechtsmitteln dagegen die
aufschiebende Wirkung entzogen wird. Das haben weder die Beschwerdeführerin in
ihrer Verfügung vom 3. April 2020 und in ihrem Rekursentscheid vom 8. Juni 2020 noch
die Vorinstanz im Rekursentscheid vom 9. Juli 2021 getan. Insoweit hält Ziffer 1b des
Dispositivs des vorinstanzlichen Entscheides – "Die Streichung aus dem
Einwohnerregister ist auf den Zeitpunkt der Rechtskraft der erstinstanzlichen Verfügung
vorzunehmen." – nichts Anderes als das fest, was sich aus dem Begriff der
Deaktivierung und der aufschiebenden Wirkung logisch ergibt.
Das Registerrecht dient, seinem Zweckartikel entsprechend, der Vereinfachung der
Datenerhebung für die Statistik durch die Harmonisierung amtlicher Personenregister
(vgl. Art. 1 Abs. 1 Ingress und lit. a RHG). Die Beschwerdeführerin legt nicht konkret
dar, inwieweit eine Deaktivierung im Zeitpunkt der Rechtskraft ihrer Verfügung
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unerwünschte Konsequenzen hinsichtlich dieses Zwecks zur Folge haben könnte. Im
Übrigen bleibt, solange die Angaben zur Person im Einwohnerregister der
Beschwerdeführerin aktiv sind, auch das – vor dem Zeitpunkt der Deaktivierung
liegende – Datum ersichtlich, in welchem der Beschwerdegegner aus der Gemeinde
weggezogen ist (vgl. Art. 6 Ingress und lit. r RHG). Insoweit ist auch nicht erkennbar,
inwieweit der noch ersichtliche Registereintrag beispielsweise für die Festlegung des
Unterstützungswohnsitzes und des Steuerdomizils von ausschlaggebender Bedeutung
sein sollte.
4. Zusammenfassung und Kosten
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 1'500 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 211 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Auf die Erhebung ist zu verzichten (Art. 95
Abs. 3 VRP). Die Beschwerdeführerin hat den obsiegenden Beschwerdegegner für das
Beschwerdeverfahren voll zu entschädigen. Der vom Rechtsvertreter des
Beschwerdegegners eingereichten Kostennote liegt mit einem Stundenansatz von
CHF 200 das bei unentgeltlicher Rechtspflege um einen Fünftel herabgesetzte mittlere
Honorar von CHF 250 je Stunde zugrunde (vgl. Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes,
sGS 963.70, AnwG; Art. 24 Abs. 1 der Honorarordnung, sGS 963.75). Ausgehend vom
Zeitaufwand von sieben Stunden ergäbe sich damit ein ungekürztes Honorar von
CHF 1'750. Es bewegt sich innerhalb des vor Verwaltungsgericht geltenden Rahmens
der Honorarpauschalen und trägt den Bemessungskriterien angemessen Rechnung;
hinzu kommen die Barauslagen von CHF 19.50 und die Mehrwertsteuer (Art. 98 Abs. 1
und Art. 98 VRP; Art. 19, Art. 22 Abs. 1 Ingress und lit. b, Art. 28 und Art. 29 der
Honorarordnung; sGS 963.75).