Decision ID: 3f8cdb53-5706-5905-9e1a-f8ccbf90980e
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.- X, geb. 21. Januar 1937, ist Rentnerin und lebt in einem Alterswohnheim in A. Sie
ist Eigentümerin einer vermieteten Wohnung in A, deren Verkehrswert im Jahr 2016 auf
Fr. 200'000.– geschätzt wurde. Per Ende 2019 war die Immobilie mit
Hypothekarschulden in der Höhe von Fr. 173'000.– belastet.
In der Steuererklärung 2019 deklarierte X ein steuerbares Einkommen von Fr. 14'800.–
und kein steuerbares Vermögen. In der Folge wurde sie für die Kantons- und
Gemeindesteuern 2019 mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. 22'900.– und ohne
steuerbares Vermögen veranlagt. Bei der direkten Bundessteuer wurde das steuerbare
Einkommen auf Fr. 23'900.– festgesetzt.
B.- Am 14. September 2019 stellte X ein Gesuch um Erlass der ausstehenden Kantons-
und Gemeindesteuern 2019 in der Höhe von Fr. 1'678.45 sowie der direkten
Bundessteuer in der Höhe von Fr. 72.20. Mit Erlassentscheid vom 11. März 2021 wies
das kantonale Steueramt das Gesuch ab.
C.- Gegen diesen Erlassentscheid erhob X, vertreten durch ihren Sohn Y, am 21. März
2021 Rekurs und Beschwerde bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St.
Gallen (VRK). Sie stellte den Antrag, die Kantons- und Gemeindesteuern sowie die
direkte Bundessteuer seien zu erlassen. Die Vorinstanz beantragte in der
Vernehmlassung vom 23. April 2021 die Abweisung des Rekurses und der
Beschwerde. Die Eidgenössische Steuerverwaltung verzichtete auf eine
Vernehmlassung zur Beschwerde.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-
entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der Rekurs
und die Beschwerde vom 12. April 2021 sind rechtzeitig eingereicht worden. Sie
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erfüllen in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 194
Abs. 1 und Art. 224 Abs. 4 des Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 167
des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer, SR 642.11, abgekürzt: DBG;
Art. 161 StG in Verbindung mit [i.V.m.] Art. 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs und die
Beschwerde ist einzutreten.
2.- a) Gemäss Art. 224 Abs. 1 StG kann den Steuerpflichtigen, die in Not geraten sind
oder für welche die Bezahlung der Steuern, der Zinsen, der Bussen oder der Kosten
eine grosse Härte bedeutet, der geschuldete Betrag gestundet oder ganz oder
teilweise erlassen werden. Anlass zum Steuererlass gibt vor allem die Rücksicht auf die
Person des Schuldners. Diese soll aus humanitären, sozialpolitischen oder
volkswirtschaftlichen Gründen nicht in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet werden.
Dem Wesen nach handelt es sich beim Steuererlass um den nachträglichen Verzicht
des Gemeinwesens auf einen ihm zustehenden steuerrechtlichen Anspruch. Aus
Gründen der rechtsgleichen Behandlung der Steuerpflichtigen muss der Steuererlass
eine Ausnahme bleiben, die nur unter bestimmten Voraussetzungen gewährt wird
(Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-3663/2007 vom 11. Juni 2009 E. 2.2, publ. in:
StR 2009 S. 672 ff.).
Auf Bundesebene wird die Behandlung der Erlassgesuche in Art. 167 und 167a bis
167g DBG sowie in der Steuererlassverordnung (SR 642.121) geregelt. Für die
Kantons- und Gemeindesteuern sind diese Bestimmungen gemäss Art. 224 Abs. 1 StG
sachgemäss anwendbar. Ziel und Zweck des Erlassverfahrens ist gemäss Art. 167 Abs.
2 DBG, zur dauerhaften Sanierung der wirtschaftlichen Lage der steuerpflichtigen
Person beizutragen.
Eine Notlage einer natürlichen Person im Sinn von Art. 167 Abs. 1 DBG liegt gemäss
Art. 2 Abs. 1 der Steuererlassverordnung vor, wenn die finanziellen Mittel der Person
zur Bestreitung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums nicht ausreichen (lit. a)
oder der ganze geschuldete Betrag in einem Missverhältnis zur finanziellen
Leistungsfähigkeit der Person steht (lit. b). Eine Einschränkung der
Lebenserhaltungskosten gilt nach Art. 2 Abs. 3 der Steuererlassverordnung als
zumutbar, wenn diese das betreibungsrechtliche Existenzminimum übersteigen (Art. 93
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des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs, SR. 281.1). Eine grosse
Härte ist gegeben, wenn die Entrichtung der Steuern für den Pflichtigen ein Opfer
bedeuten würde, das in einem krassen Missverhältnis zu seiner finanziellen
Leistungsfähigkeit steht und ihm billigerweise nicht zugemutet werden kann. Dies trifft
etwa zu, wenn die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der steuerpflichtigen Person durch
besondere Umstände wie aussergewöhnliche Belastungen durch Unterhalt der Familie,
dauernde Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unglücksfälle usw. erheblich beeinträchtigt wird
(Zigerlig/Oertli/Hofmann, Das st. gallische Steuerrecht, 7. Aufl. 2014, VII. Teil N 150;
StR 2009 S. 677). Es muss also eine Notlage der Steuerpflichtigen vorliegen, welche
den Bezug des fälligen Betrags für sie als grosse Härte erscheinen lassen würde
(Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar zum DBG, 3. Aufl. 2016, Art. 167
DBG N 18).
b) Die Rekurrentin und Beschwerdeführerin bringt vor, ihre Einkünfte aus AHV-Rente,
Ergänzungsleistungen und Mietzinseinnahmen würden nicht ausreichen, um die Kosten
des Alterswohnheims, d.h. ihres Existenzminimums, zu decken. Aus diesem Grund sei
sie nicht in der Lage, die offenen Steuern von insgesamt Fr. 1'750.65 zu bezahlen.
Die Vorinstanz hält entgegen, selbst wenn die Mittel der steuerpflichtigen Person nicht
ausreichen würden, um das betreibungsrechtliche Existenzminimum zu decken und die
Steuerschulden zu begleichen, könne von einem Steuererlass abgesehen werden,
wenn sogenannte Erlassausschlussgründe vorliegen würden. Die Steuerpflichtige sei
Eigentümerin einer Liegenschaft in A mit einem Steuerwert von Fr. 200'000.–. Die
Hypothek belaufe sich auf Fr. 173'000.–. Es sei zumindest nicht ausgeschlossen, dass
durch den Verkauf der Liegenschaft die Steuern vollständig bezahlt werden könnten,
zumal der Verkehrswert erfahrungsgemäss höher liegen dürfte. Demnach sei der
Steuererlass abzuweisen.
Mit Eingabe vom 21. März 2021 nahm die Rekurrentin und Beschwerdeführerin wie
folgt dazu Stellung. Die Wohnung in A stelle keinen finanziellen Vorteil dar. Sie sei
mittlerweile 25 Jahre alt und man habe noch nie Renovationen getätigt. Ein
gewinnbringender Verkauf der Wohnung sei in ihrem jetzigen Zustand und dem
momentanen Überangebot an Eigentumswohnungen auf dem Markt kaum möglich.
Zudem bestehe für die Wohnung bis zum 30. Juni 2024 eine Bundeshilfe (WEG),
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weshalb die Wohnung nicht ohne weiteres verkauft oder an Fremde vermietet werden
könne.
c) Zur Beurteilung der Notlage ging das Steueramt St. Gallen davon aus, dass die
Steuerpflichtige Einkünfte von Fr. 6'345.– pro Monat erziele (AHV-Rente Fr. 2'248.–,
Ergänzungsleistungen Fr. 3'247.–, Mietzinseinnahmen Fr. 850.–). Diesen Einnahmen
stellte es anrechenbare Aufwendungen von Fr. 6'487.– gegenüber (Pflegekosten/
Heimtaxen Fr. 5'090.–, Persönlicher Bedarf aufgrund Pflegestufe Fr. 545.–,
Krankenkassenprämie Fr. 418.–, Auslagen Eigentumswohnung Fr. 434.–). Dies ergab
keine freie Quote. Dementsprechend ist eine Notlage aufgrund der hohen Kosten
infolge Pflege zu bejahen.
Beim Kriterium der Notlage wird einzig die wirtschaftliche Lage der steuerpflichtigen
Person berücksichtigt. Unter dem Aspekt der grossen Härte können zudem auch
andere Umstände massgebend sein, namentlich Unbilligkeit. In diesem
Zusammenhang stellt sich die Frage, ob mit der Liegenschaft in A nicht ein
Vermögenssubstrat besteht, welches ausreichen würde, um die bestehende
Steuerschuld zu decken. Der Verkehrswert der Liegenschaft wurde im Jahr 2016 auf
Fr. 200'000.– geschätzt. Er entspricht dem mittleren Marktwert, der unter Zuhilfenahme
von Sach- und Ertragswert berechnet wurde. In der Veranlagungsberechnung für die
Steuerperiode 2019 wurde die Liegenschaft mit Fr. 200'000.– und einer
hypothekarischen Belastung von Fr. 173'000.– veranlagt.
Wie die Vorinstanz zu Recht ausführt, sind die Wohneigentumspreise im vergangenen
Jahr erneut angestiegen. Es besteht weiterhin eine Nachfrage nach und ein knappes
Angebot an Wohneigentum (Fleury/Arapovic/Schwarzt, Immobilien Schweiz – 1Q 2021,
Warten auf Marktreaktionen, Raiffeisen Economic Research). Käufer sind zudem
regelmässig interessiert daran, nicht renovierte Objekte zu kaufen, um sie nach
eigenem Geschmack umzubauen. Ob diese generellen Annahmen aber auch auf die
Liegenschaft der Steuerpflichtigen zutreffen, ist nicht abschliessend geklärt. Es stellt
sich zudem die Frage, ob die Wohnung gewinnbringend verkauft werden könnte. Der
geschätzte Verkehrswert belief sich im Jahr 2016 auf Fr. 200'000.–. Dieser könnte in
der Zwischenzeit weiter angestiegen sein. Die Vorinstanz setzt diesem möglichen
Verkaufswert einzig die Hypothek von Fr. 173'000.– gegenüber. Dabei unterlässt sie es,
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die Bundeshilfe in Form von Zusatzverbilligungen in ihre Überlegungen einzubeziehen.
Insgesamt wurden der Rekurrentin und Beschwerdeführerin Zusatzverbilligungen in der
Höhe von Fr. 47'310.– ausgerichtet. Entgegen der Auffassung der Rekurrentin und
Beschwerdeführerin verhindern diese Zusatzverbilligungen den Verkauf der
Liegenschaft nicht. Gemäss Ziff. 7 der allgemeinen Bedingungen für Eigentumsobjekte
des Bundesamtes für Wohnungswesen (BWO) steht dem BWO lediglich ein
gesetzliches Kaufs- und Vorkaufsrecht zu. Die Veräusserung eines mit Bundeshilfe
erstellten oder erworbenen Eigentumsobjekts ist jederzeit möglich.
Zusatzverbilligungen müssen aber zurückbezahlt werden, wenn das Objekt mit Gewinn
verkauft wird (Ziff. 7 der allgemeinen Bedingungen für Eigentumsobjekte). Die
Steuerpflichtige müsste somit bei einem gewinnbringenden Verkauf insgesamt
Fr. 220'310.– an Hypothekarschulden und Zusatzverbilligungsrückzahlungen
begleichen.
d) Für das Steuerrecht gilt der gefestigte Grundsatz, dass die Steuerbehörde die
Beweislast für die steuerbegründenden Tatsachen trägt, während die Steuerpflichtige
die Beweislast für die Tatsachen trifft, welche die Steuerschuld aufheben oder mindern
(Zigerlig/Oertli/Hofmann, a.a.O., VII. Teil N 23). Die Steuerpflichtige behauptet, ihre
Liegenschaft könne im jetzigen Zustand nicht gewinnbringend verkauft werden, ohne
die Beweise dafür zu erbringen. Im Gegenteil dazu ging die Vorinstanz – ebenfalls ohne
konkrete Anhaltspunkte – davon aus, die Liegenschaft könne aufgrund der aktuellen
Marktlage mit einem Gewinn verkauft werden, sodass die offenen Steuerschulden
beglichen werden könnten. Zudem unterliess sie es, die Rückzahlung der
Zusatzverbilligungen in ihre Überlegungen einzubeziehen. Aufgrund der Akten kann
somit nicht abschliessend beurteilt werden, ob die Liegenschaft der Steuerpflichtigen
in A einen Verkaufspreis über Fr. 220'310.– erzielen würde, sodass sie auch die offenen
Steuerschulden von insgesamt Fr. 1'750.65 begleichen könnte. Eine unvollständige
Sachverhaltsfeststellung hindert die Anwendung des Rechts, weshalb in diesen Fällen
eine Rückweisung an die Vorinstanz in der Regel geboten ist. Dabei ist die Vorinstanz
von Gesetzes wegen an die Rechtsauffassung gebunden, die dem
Rückweisungsentscheid zugrunde liegt (Rizvi/Schindler/Cavelti, Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP], Praxiskommentar, 2020, Art. 56 N 21). Auf eine
Rückweisung ist zu verzichten, wenn der Mangel geringfügig ist und die Rückweisung
einem prozessualen Leerlauf gleichkäme. In solchen Fällen gebietet es der Grundsatz
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der Prozessökonomie, dass die urteilende Instanz die Entscheidung selbst vornimmt
(Rizvi/Schindler/Cavelti, a.a.O., Art. 56 N 16).
e) Die massgebenden Sachumstände sind vorliegend ungenügend abgeklärt. Um
beurteilen zu können, ob ein Steuererlass gerechtfertigt wäre, müsste abschliessend
geklärt sein, ob die Liegenschaft in A einen Verkaufspreis über Fr. 220'310.– erzielen
könnte, sodass die Steuerpflichtige die offenen Steuerschulden von Fr. 1'750.65
begleichen könnte. Der von der Vorinstanz vorgelegte, unvollständige Sachverhalt lässt
eine solche Beurteilung nicht zu, weshalb eine wesentliche Ergänzung der
Beweisgrundlagen notwendig erscheint. Die Sache ist folglich zur Erhebung des
Sachverhalts sowie zum Erlass einer neuen Verfügung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Der Rekurrentin und Beschwerdeführerin soll im Rahmen des
Beweisverfahrens die Möglichkeit eingeräumt werden, den Beweis zu erbringen, dass
die Liegenschaft in A nicht gewinnbringend verkauft werden kann.
Im Übrigen vermietet die Rekurrentin und Beschwerdeführerin die Wohnung (inkl.
Garageplatz) in A derzeit zu einem Mietzins von brutto Fr. 850.– an ihre Enkelin.
Gemäss amtlicher Schätzung vom 10. März 2016 könnte die Wohnung (inkl.
Garageplatz) auf dem Markt zu einem Mietzins von netto Fr. 916.75 vermietet werden.
Es ist nicht auszuschliessen, dass hier ein Vorzugsmietzins unter Verwandten vorliegt.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist darauf jedoch nicht weiter einzugehen.
3.- Die Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zu neuer Entscheidung
entspricht einem Obsiegen. Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die
Verfahrenskosten zulasten des Staates (Art. 95 Abs. 1 VRP, Art. 144 Abs. 1 DBG). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 600.– ist angemessen (Art. 144 Abs. 5 DBG i.V.m. Art. 7 Ziff.
122 Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).