Decision ID: 3e209be1-3150-480a-a671-e1de8acae278
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Eth-
nie, reiste am 4. März 2022 in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein
Asylgesuch. Am 10. März 2022 fand die Personalienaufnahme und am 21.
März 2022 eine Kurzbefragung betreffend Gewährung vorübergehenden
Schutzes statt. Nachdem der Beschwerdeführer sein entsprechendes Ge-
such am 22. März 2022 zurückgezogen hatte, wurde er am 13. April 2022
zu den Asylgründen angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte er im Wesentlichen vor, er
stamme aus dem Dorf B._, Landkreis C._, Provinz Diyarba-
kir. Als Kind seien ihm von Soldaten Verbrennungen zugefügt worden.
Auch sein Vater sei geschlagen, die Mutter an den Händen verbrannt und
auf einen Cousin sei eine Kalaschnikow gerichtet worden. Aufgrund dieser
Erlebnisse mache es ihn unruhig, wenn er Soldaten oder Polizisten sehe
und ebenfalls deshalb wolle er in der Türkei keine Militäruniform anziehen.
Nach Abschluss des Gymnasiums im Jahr 2011 habe er in der Ukraine
Architektur studiert. Während dieser Zeit habe er jeweils in den Ferien in
verschiedenen türkischen Städten im Gastgewerbe und als Dolmetscher
für Russisch und Türkisch gearbeitet. Das Studium habe er im Jahr 2017
abgeschlossen und sich anschliessend zurück in die Türkei begeben. Dort
habe er seinen Abschluss als gleichwertig anerkennen lassen und sei Mit-
glied der türkischen Architektenkammer geworden. Bis zur Anerkennung
habe er in der Türkei auf dem Bau gearbeitet. In der Folge habe er jedoch
keine Stelle gefunden, er vermute den Grund in seiner Herkunft und ethni-
schen Zugehörigkeit. Da er keine Arbeit habe finden können, sei er im Jahr
2018 nach D._ zurückgekehrt, wo er sich fortan illegal aufgehalten
habe. Nach Kriegsausbruch Anfangs 2022 sei er nach Polen und von dort
weiter in die Schweiz gereist. Seine ukrainische Partnerin befinde sich
noch immer in der Ukraine, da sie dort für ihre Mutter sorgen müsse. Bei
einer Rückkehr in die Türkei befürchte er, in den Militärdienst eingezogen
zu werden. Da er sich diesem bisher entzogen habe, könne es sein, dass
er getötet oder gefoltert oder mit einer Geldstrafe belegt würde. Zudem be-
fürchte er, an die Grenze geschickt zu werden, wo er gegen das eigene
Volk kämpfen müsste. Allgemein sei er, als er noch in der Türkei gelebt
habe, Schikanen ausgesetzt gewesen und die Polizei habe ihn provoziert.
Vor einigen Tagen habe er erfahren, dass die Gendarmerie ihn im Zusam-
menhang mit dem nicht geleisteten Militärdienst bei seinen Eltern gesucht
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habe. Ferner werde er auf den sozialen Medien von einer ihm nicht per-
sönlich bekannten Person beschimpft, weil er Inhalte der HDP (Halkların
Demokratik Partisi) gepostet habe. Ferner sei im e-devlet ersichtlich, dass
er militärdienstflüchtig sei, er könne sich jedoch momentan nicht einloggen.
B.
B.a Am 20. April 2022 unterbreitete die Vorinstanz der damaligen Rechts-
vertretung des Beschwerdeführers den Verfügungsentwurf zur Stellung-
nahme.
B.b Mit Eingabe vom 21. April 2022 nahm die Rechtsvertretung zum Ent-
wurf des Entscheids des SEM schriftlich Stellung.
C.
Mit Verfügung vom 22. April 2022 – eröffnet gleichentags – stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, wies
sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie
den Vollzug an.
D.
Die ursprünglich zugewiesene Rechtsvertretung legte am 22. April 2022 ihr
Vertretungsmandat nieder.
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 23. Mai 2022 erhob der Beschwerdeführer
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die Verfügung der Vo-
rinstanz und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihm Asyl zu ge-
währen; eventualiter sei ihm infolge Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit die
vorläufige Aufnahme zu gewähren; subeventualiter sei die angefochtene
Verfügung aufzuheben und dem Beschwerdeführer vorübergehender
Schutz zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und den Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
25. Mai 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um solche, weshalb das Urteil nur sum-
marisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
Ebenfalls keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen,
die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder
Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat
bestehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei der Gesetzgeber
auch hier die Einhaltung der FK vorbehält (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid im Wesentlichen damit, die
Dienstpflicht allein sei nicht flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die Streit-
kräfte zur Bekämpfung eines innerstaatlichen Notstands eingesetzt wür-
den. Die Wehrpflicht diene nämlich dazu, den Staat gegen Bedrohungen
zu schützen, wobei das Militär zur Abwehr sowohl äusserer wie innerer An-
griffe eingesetzt werden dürfe. Eine Stationierung im Osten der Türkei
würde im Rahmen einer Verschiebung der Truppeneinheit in das Operati-
onsgebiet erfolgen. Ein Zusammenhang zwischen Stationierungsort und
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der Ethnie lasse sich nicht herstellen, zumal die Einteilung in eine Truppen-
einheit nach dem Zufallsprinzip vorgenommen werde. Ein Einsatz im Osten
der Türkei, wie auch ein militärstrafrechtliches Vorgehen gegen Dienstver-
säumnis, stelle somit keine flüchtlingsrechtlich relevante Massnahme im
Sinne des Asylgesetzes dar. In der Türkei erfolge die militärische Einberu-
fung einzig aufgrund der Staatsangehörigkeit und des Jahrgangs. Weder
die ethnische noch die religiöse Zugehörigkeit würden dabei eine Rolle
spielen. Aufgrund des Profils des Beschwerdeführers würden keine An-
haltspunkte dafür vorliegen, dass er im Falle einer Bestrafung wegen Re-
fraktion mit einem Politmalus zu rechnen hätte. Zum Vorbringen, als Ange-
höriger der kurdischen Bevölkerung werde er von den türkischen Behörden
schikaniert und benachteiligt hielt die Vorinstanz fest, es sei allgemein be-
kannt, dass Angehörige der kurdischen Bevölkerung in der Türkei Schika-
nen und Benachteiligungen verschiedenster Art ausgesetzt sein könnten.
Dabei handle es sich aber nicht um ernsthafte Nachteile im Sinne des Asyl-
gesetzes, die einen Verbleib im Heimatland verunmöglichen oder unzumut-
bar machen würden. Gemäss gefestigter Praxis führe die allgemeine Situ-
ation der kurdischen Bevölkerung in der Türkei nicht zur Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft. Diese Einschätzung gelte auch nach dem Putsch-
versuch im Juli 2016 und der sich allgemein verschlechternden Menschen-
rechtslage in der Türkei weiterhin. Auch vorliegend würden die geltend ge-
machten Schikanen nicht über die Nachteile hinausgehen, welche weite
Teile der kurdischen Bevölkerung in ähnlicher Weise treffen könnten. Das-
selbe gelte hinsichtlich der auf den sozialen Medien gegen den Beschwer-
deführer geäusserten Beleidigungen. Seine Vorbringen seien somit nicht
flüchtlingsrechtlich relevant.
5.2 In seiner Rechtsmitteleingabe legte der Beschwerdeführer im Wesent-
lichen dar, er lebe seit 2011 mit kleinen Unterbrüchen in der Ukraine. In-
zwischen sei dieses Land seine Heimat geworden; er spreche russisch und
ukrainisch und habe eine ukrainische Freundin. Er habe dort studiert und
gearbeitet. Leider habe seine Freundin in der Ukraine bleiben müssen, um
sich um ihre Mutter zu kümmern. Er habe eine tiefe Abneigung gegenüber
Militär, Krieg und Gewalt. Allein der Gedanke daran verursache bei ihm
psychische Schmerzen. Deshalb habe er nicht dortbleiben können. Und
aus demselben Grund könne er nicht in der Türkei leben, wo ihm die
Zwangsrekrutierung drohe. Dort würde er gezwungen werden, Uniform und
Waffe zu tragen und würde als Dienstverweigerer strafrechtlich verfolgt.
Auch könne er, entgegen der Argumentation des SEM, in der Türkei nicht
mit seiner Partnerin zusammenleben. Diese sei Christin und verstehe die
Sprache nicht. Sein sowie ihr Lebensmittelpunkt seien in der Ukraine,
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gerne wolle er das gemeinsame familiäre Leben in der freien Ukraine wei-
terführen. Erste Schritte, um seinen Aufenthalt dort zu legalisieren und die
Beziehung amtlich zu bestätigen hätten sie bereits unternommen, der
Krieg habe jedoch ihre Pläne durchkreuzt. Er wolle die Möglichkeit haben,
wie seine ukrainischen Freunde, die Lage in einem sicheren Umfeld ab-
warten zu können. Eine Rückkehr in die Türkei wäre somit weder unter
dem Aspekt der Sicherheit zumutbar noch mit dem Recht auf Familienle-
ben vereinbar. Für ihn wäre es sicherer, in die Ukraine zurückzukehren als
in die Türkei.
Mit der Beschwerde reichte der Beschwerdeführer Kopien seines ukraini-
schen Diploms für Architektur, eines Notenblattes sowie eines «Diploma
Supplements» zu den Akten.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die Vo-
rinstanz zu Recht und mit zutreffender Begründung festgestellt hat, dass
sich aus den vom Beschwerdeführer genannten Gründen nicht auf eine
begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG schliessen
lässt. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die entsprechenden
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Nament-
lich kann einem allfälligen Einzug in den Militärdienst keine asylrechtliche
Relevanz beigemessen werden. Die militärische Einberufung erfolgt in der
Türkei aufgrund der Staatsangehörigkeit und des Jahrgangs des Betroffe-
nen. Die ethnische Zugehörigkeit des Einberufenen spielt dabei keine Rolle
(vgl. dazu etwa die Urteile des BVGer D- 3828/2017 vom 26. Januar 2018
E. 5.5 und D-572/2018 vom 22. Februar 2018 E. 4.6). Es kann nicht etwa
davon gesprochen werden, die Türkei würde Kurden speziell gegen Ange-
hörige der eigenen Ethnie einsetzen (vgl. dazu das Urteil des BVGer
D- 3828/2017 a.a.O. E. 5.5). Wie das SEM zutreffend festgehalten hat,
stellt auch eine allfällige Strafe wegen Refraktion oder Desertion gemäss
konstanter Rechtsprechung grundsätzlich keine Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG dar. Dafür, dass der Beschwerdeführer im Falle einer Bestra-
fung mit einem Politmalus zu rechnen hätte, was als ernsthafter Nachteil
gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG anzusehen wäre, liegen keine Anhaltspunkte
vor (vgl. hierzu BVGE 2015/3 E. 5.9; Urteil des BVGer D-7303/2018 vom
16. Oktober 2019 E. 5.2.2). Betreffend seinem Vorbringen, auf den sozia-
len Medien angegriffen worden zu sein, da er dort Inhalte der HDP publi-
ziert habe, ist festzuhalten, dass zwar davon ausgegangen werden muss,
dass die Aktivitäten kurdischer Exponentinnen und Exponenten eines ge-
wissen Formats seitens der Türkei beobachtet werden. Dieser Umstand
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reicht indessen für sich allein genommen nicht aus, um eine tatsächliche
Gefährdung im Falle der Rückkehr in die Türkei als hinreichend wahr-
scheinlich erscheinen zu lassen. Vielmehr müssten konkrete Anhalts-
punkte – nicht nur die abstrakte oder rein theoretische Möglichkeit – dafür
vorliegen, dass der Beschwerdeführer tatsächlich das Interesse der hei-
matlichen Behörden auf sich gezogen hätte. Massgebend ist dabei nicht
primär das Hervortreten im Sinne einer optischen Erkennbarkeit und Indi-
vidualisierbarkeit, sondern eine öffentliche Exponierung, die aufgrund der
Persönlichkeit der asylsuchenden Person, der Form des Auftritts und des
Inhalts der in der Öffentlichkeit abgegebenen Erklärungen den Eindruck
erweckt, dass der Asylsuchende zu einer Gefahr für den Bestand des tür-
kischen Regimes wird (vgl. beispielsweise das Urteil des BVGer D-
5125/2015 vom 30. Mai 2018 E. 9.3 m.w.H.). Um eine tatsächliche Gefähr-
dung im Falle der Rückkehr in die Türkei als wahrscheinlich erscheinen zu
lassen, müssen konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass exilpolitisch
aktive Staatsangehörige der Türkei tatsächlich das Interesse der heimatli-
chen Behörden auf sich gezogen haben respektive als regimefeindliche
Personen namentlich identifiziert und registriert wurden (vgl. beispiels-
weise das Urteil des BVGer D-705/2018 vom 18. Februar 2019 E. 6.1.1
m.w.H.). Beim Beschwerdeführer ist dies offensichtlich nicht der Fall, wurde
er doch lediglich von einer Privatperson angeschrieben. Ferner macht er
keine besondere öffentliche Exponierung geltend. Es ist deshalb unwahr-
scheinlich, dass seitens des türkischen Regimes ein besonderes Interesse
an ihm bestehen könnte, da es sich bei ihm nicht um eine Person handelt,
die mit Blick auf Art und Umfang ihrer exilpolitischen Tätigkeiten als beson-
ders engagierter und exponierter Regimegegner aufgefallen sein könnte.
6.2 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer weder
Vor- noch Nachfluchtgründe nachgewiesen oder zumindest glaubhaft ge-
macht hat. Das SEM hat somit zu Recht sein Asylgesuch abgelehnt und
die Flüchtlingseigenschaft verneint.
7.
Der Beschwerdeführer beantragt in seiner Beschwerde, ihm sei vorüber-
gehender Schutz zu gewähren. Der Antrag wird nicht weiter begründet.
Das Verfahren auf Gewährung vorübergehenden Schutzes wurde vom
SEM am 29. März 2022 als gegenstandslos abgeschrieben. Dies nachdem
der Beschwerdeführer – handelnd durch seinen damaligen Rechtsvertreter
– am 22. März 2022 sein Gesuch um vorübergehenden Schutz zurückge-
zogen und um Wiederaufnahme des Asylverfahrens ersucht hatte. Die Ge-
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währung vorübergehenden Schutzes ist somit nicht Gegenstand des vor-
liegenden Beschwerdeverfahrens, weshalb auf den entsprechenden Sub-
eventualantrag nicht einzutreten ist.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
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EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.1 Gemäss konstanter Praxis ist in der Türkei nicht von einer flächende-
ckenden Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhält-
nissen auszugehen – auch nicht in dem vorwiegend von Kurden besiedel-
ten Osten und Südosten des Landes (vgl. Urteile des BVGer E-3042/2017
vom 28. Juli 2017 E. 6.2.2 sowie das Referenzurteil E-1948/2018 vom
12. Juni 2018 E. 7.3). Anders als beispielsweise Hakkari oder Sirnak (vgl.
herzu weiterhin BVGE 2013/2) gehört die Provinz Diarbakir nicht zu jenen
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Gebieten, für die punktuell eine Situation allgemeiner Gewalt angenommen
wird. Die allgemeine Sicherheitslage steht damit einem Vollzug der Weg-
weisung der Beschwerdeführenden an ihren Herkunftsort nicht entgegen.
9.3.2 Auch die Ausführungen des SEM zur individuellen Zumutbarkeit einer
Rückkehr in die Türkei sind nicht zu beanstanden. Der Beschwerdeführer
verfügt über ein Architekturdiplom und ist Mitglied der türkischen Architek-
tenkammer. Weiter verfügt er über vielseitige Arbeitserfahrung in der Bau-
branche, im Gastgewerbe sowie als Dolmetscher. Es sollte ihm daher mög-
lich sein, bei einer Rückkehr in die Türkei – allenfalls nach der Leistung
seines Militärdienstes – eine Arbeit zu finden und für seinen Unterhalt zu
sorgen. Im Übrigen verfügt er gemäss eigenen Angaben über ein grosses
familiäres Netzwerk, auf welches er hinsichtlich seiner sozialen und wirt-
schaftlichen Reintegration zurückgreifen kann. Auch die Partnerschaft mit
einer ukrainischen Staatsangehörigen steht dem Wegweisungsvollzug
nicht entgegen, zumal sich diese ohnehin nicht in der Schweiz aufhält. Der
Wegweisungsvollzug ist somit auch unter Berücksichtigung seiner Her-
kunft aus der Provinz Diarbakir sowie seines mehrjährigen Aufenthaltes in
der Ukraine als zumutbar zu erachten.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Mit dem vorliegenden Urteil ist das Beschwerdeverfahren abge-
schlossen, weshalb sich der Antrag auf Verzicht auf Erhebung eines Kos-
tenvorschusses als gegenstandslos erweist.
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Seite 12
11.2 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt
sind.
11.3 Bei diesem Verfahrensausgang sind die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.− festzusetzen (Art. 1–3 und Art. 6a des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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