Decision ID: 02086919-c901-45cd-8caa-b37d93b85143
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
betreffend Forderung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung, vom 11. Mai 2018 (CG130079-L)
Rechtsbegehren (Urk. 2 S. 2):
"1. Die Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger im Sinne eines  und unter Vorbehalt einer Nachklage CHF 49'423.35 zuzüglich Zins von 5 % seit dem 21. Dezember 2012 zu bezahlen.
- 2 -
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zuzüglich MwSt zu Lasten der Beklagten."
Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 11. Mai 2018 (Urk. 91 = Urk. 98):
1. Die Klage wird abgewiesen.
2. Die Entscheidgebühr wird auf Fr. 5'500.– festgesetzt.
3. Die Gerichtskosten werden der Klägerin auferlegt und mit dem von ihr geleis-
teten Vorschuss verrechnet.
4. Die Klägerin wird verpflichtet, der Beklagten eine Parteientschädigung von
Fr. 10'500.– (inkl. Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
5. Schriftliche Mitteilung an die Parteien, je gegen Empfangsschein.
6. Eine Berufung gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen von der Zustel-
lung an im Doppel und unter Beilage dieses Entscheids beim Obergericht des
Kantons Zürich, Zivilkammer, Postfach, 8021 Zürich, erklärt werden. In der
Berufungsschrift sind die Anträge zu stellen und zu begründen. Allfällige Ur-
kunden sind mit zweifachem Verzeichnis beizulegen.
Berufungsanträge:
der Klägerin und Berufungsklägerin (Urk. 97 S. 2):
"Die Klage sei gutzuheissen.
Unter gesetzlicher Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beklagten."
der Beklagten und Berufungsbeklagten (Urk. 106 S. 2):
"Die Berufung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (letztere zuzüglich Mehrwertsteuer) zu Lasten der Klägerin und Berufungsklägerin abzuweisen."
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Considerations:
Erwägungen:
I.
1. C._ wurde im Februar 2009 von D._ am Bezirksgericht Meilen
auf Zahlung von total Fr. 205'000.– verklagt. C._ beauftragte Rechtsanwalt
Professor Dr. Z._ mit seiner Vertretung. Für die Erstattung der Klageantwort
ersuchte Rechtsanwalt Z._ um mehrere Fristerstreckungen, die bewilligt
wurden. Mit Eingabe vom 11. Mai 2009 stellte er ein Gesuch um Gewährung einer
zweitägigen Notfrist, das er mit einem gesundheitlichen Notfall begründete. Diese
Notfrist liess er ungenutzt verstreichen. Mit Verfügung vom 26. Mai 2009 setzte
das Bezirksgericht Meilen eine letzte Frist unter Androhung von Säumnisfolgen
gemäss § 130 Abs. 1 ZPO/ZH an, worauf die beklagte Partei erneut säumig blieb.
Mit (unbegründetem) Urteil des Bezirksgerichts Meilen vom 3. August 2009 wurde
die Klage vollumfänglich gutgeheissen und C._ verpflichtet, D._ Fr.
205'000.– (davon Fr. 115'000.– in WIR-Geld) zuzüglich Zins zu bezahlen (Urk. 98
S. 2 f., Urk. 5/16, Urk. 5/17).
2. Am tt. September 2009 verstarb Rechtsanwalt Z._ (Urk. 5/18). Mit
Beschluss vom 15. März 2010 wies das Bezirksgericht Meilen ein von C._
erhobenes Gesuch um Wiederherstellung der Frist zur Erstattung der schriftlichen
Klageantwort ab (Urk. 5/16). Den Erwägungen dieses Entscheids lässt sich ent-
nehmen, dass Rechtsanwalt Z._ am 12. Mai, vom 18. bis 28. Mai, vom 3. bis
11. Juni und vom 9. bis 10. Juli 2009 krankheitshalber hospitalisiert war, wobei
ihm sowohl die Verfügung vom 26. Mai 2009 als auch das Urteil vom 3. August
2009 am 3. Juni bzw. 13. August 2009 zugestellt werden konnten (Urk. 5/16 S. 6
f., Urk. 98 S. 21 f.). Rechtsmittel gegen den Beschluss vom 15. März 2010 an das
Obergericht des Kantons Zürich, das Bundesgericht und den Europäischen Ge-
richtshof für Menschenrechte blieben erfolglos (Urk. 5/21, Urk. 5/23, Urk. 5/28,
Urk. 98 S. 2 f.).
3. Die Erbschaft von Rechtsanwalt Z._ wurde wegen Überschuldung
ausgeschlagen und über seinen Nachlass der Konkurs eröffnet. Der Versiche-
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rungsanspruch der Masse aus der Berufshaftpflichtversicherung gegenüber der
Beklagten wurde gemäss Art. 260 SchKG an C._ zur Geltendmachung abge-
treten (Urk. 5/3).
4. Das Schlichtungsgesuch wurde in der Folge innert erstreckter Frist einge-
reicht (Urk. 1, Urk. 5/4). Die Klageschrift von C._ mit obgenanntem Rechts-
begehren ging samt Klagebewilligung am 4. September 2013 bei der Vor-instanz
ein (Urk. 1, Urk. 2). Der mit der Teilklage geltend gemachte "Befreiungsanspruch"
von Rechtsanwalt Z._ bzw. der Konkursmasse gegenüber der Beklagten als
Berufshaftpflichtversicherung setzt sich aus Anwalts- und Gerichtskosten im Zu-
sammenhang mit den Verfahren betreffend Fristwiederherstellung, der Abtretung
der Massarechte und der vorprozessualen Vorbereitung der Klage zusammen
(Urk. 2 S. 12, S. 14 f.):
Fristwiederherstellung Bezirksgericht Meilen Fr. 6'950.80 Fristwiederherstellung Obergericht Fr. 1'000.00 Fristwiederherstellung Bundesgericht Fr. 7'732.80 Verfahren vor dem EGMR Fr. 19'484.60 Abtretung der Massarechte durch Konkursamt Hottingen Fr. 1'745.80 Verschiedenes (Akontozahlung Prof. Z._) Fr. 1'500.00 Vorprozessuale Kosten betr. Krankheit Prof. Z._/Entbindung der Ärzte vom Arztgeheimnis Fr. 6'011.05 Vorprozessuale Kosten betr. Schadensdeckung B._ Versicherungs-Gesellschaft Fr. 4'998.30 Eingeklagter Betrag Fr. 49'423.35
5. Nachdem mit Urteil des Bezirksgerichts Meilen vom 2. Oktober 2013 über
C._ der Konkurs eröffnet worden war, wurde das vorliegende Verfahren sis-
tiert (Urk. 15). Der eingeklagte Anspruch wurde in der Folge nach Art. 260 SchKG
an A._ (Gläubigerin und Ehefrau von C._) zur Fortsetzung des Prozes-
ses abgetreten (Urk. 20), worauf A._ mit Beschluss vom 6. Oktober 2015 als
Klägerin ins Rubrum aufgenommen und der Prozess fortgesetzt wurde (Urk. 21).
Für den weiteren Verlauf des Verfahrens kann auf das angefochtene Urteil ver-
wiesen werden (Urk. 98 S. 4 f.). Mit Urteil vom 11. Mai 2018 wies die Vorinstanz
die Klage ab (Urk. 98 S. 28).
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6. Gegen das ihr am 22. Juni 2018 zugestellte Urteil führt die Klägerin mit
Eingabe vom 16. August 2018 (gleichentags zur Post gegeben und hierorts ein-
gegangen am 17. August 2018) Berufung mit den obgenannten Anträgen (Urk.
92, Urk. 97). Den ihr auferlegten Kostenvorschuss von Fr. 5'500.– leistete die
Klägerin rechtzeitig (Urk. 103, Urk. 104). Die Beklagte erstattete die Berufungs-
antwort mit Eingabe vom 15. Oktober 2018 (Urk. 106). Eine weitere Eingabe der
Klägerin datiert vom 29. Oktober 2018 (Urk. 108).
II.
1. Die Vorinstanz erwog, der Anspruch des versicherten Anwalts bestehe
darin, dass der Versicherer ihn von berechtigten Schadenersatzforderungen be-
freie, indem er diese begleiche (sog. Befreiungsanspruch). Der in Art. 33 des Ver-
sicherungsvertragsgesetzes (VVG) statuierte Grundsatz, wonach die gesamte
versicherte Gefahr in umfassender Weise versichert sei, erfahre in folgenden zwei
Fällen eine Einschränkung: Einerseits könne nach Art. 33 VVG die Versiche-
rungsdeckung durch eine klare, mithin unzweideutige vertragliche Vereinbarung
(wie beispielsweise durch einen Deckungsausschluss) eingeschränkt werden.
Andererseits könne der Versicherer die geschuldete Leistung bei schwerem Ver-
schulden des Versicherungsnehmers ganz oder teilweise verweigern. Der Versi-
cherer hafte nicht, wenn der Versicherungsnehmer das befürchtete Ereignis ab-
sichtlich herbeigeführt habe (Art. 14 Abs. 1 VVG). Bei grobfahrlässiger Herbeifüh-
rung des Ereignisses sei der Versicherer berechtigt, seine Leistung zu kürzen
(Art. 14 Abs. 2 VVG). Vorliegend sei unbestritten, dass das VVG zur Anwendung
komme und neben der Versicherungspolice die Allgemeinen Vertragsbedingun-
gen (AVB) Vertragsbestandteil geworden seien, wobei sich die Beklagte auf den
folgenden, in Ziff. 2 Abs. 10 AVB enthaltenen Deckungsausschluss berufe (Urk.
98 S. 11 ff.):
"Von der Versicherung ausgeschlossen sind: ... 10 die Haftpflicht für Schäden, deren Eintritt vom Versicherungsnehmer, von
seinem Vertreter oder von Personen, die mit der Leitung oder  der versicherten Tätigkeit betraut sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit
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erwartet werden musste. Dasselbe gilt für Schäden, die im Hinblick auf die Wahl einer bestimmten Arbeitsweise zwecks Senkung der Kosten oder Beschleunigung der Arbeit in Kauf genommen wurden;"
2. Die Vorinstanz hielt dafür, dass Deckungsausschlüsse auch bei der (in
Art. 12 lit. f BGFA vorgesehenen) Berufshaftpflicht für Anwältinnen und Anwälte
grundsätzlich üblich und zulässig seien. Abgesehen von der Mindestdeckung von
einer Million Franken konkretisiere das BGFA das Versicherungsobligatorium
nicht näher. Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass ein Deckungsausschluss für
Schäden, deren Eintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit habe erwartet werden müs-
sen, den Anforderungen an eine bestimmte und unzweideutige Formulierung des
ausgeschlossenen Ereignisses gemäss Art. 33 VVG genüge und auch im Bereich
der Berufshaftpflichtversicherung für Anwältinnen und Anwälte möglich und zuläs-
sig sei. Entsprechend sei es entgegen der klägerischen Ansicht grundsätzlich
auch zulässig, die Versicherungsdeckung für Schäden, die auf das Verpassen
von Fristen zurückzuführen seien, auszuschliessen (Urk. 98 S. 15 ff.).
3. Vorab untersuchte die Vorinstanz, ob Rechtsanwalt Z._ im massge-
blichen Zeitpunkt urteilsfähig war und entsprechend für seine Handlungen ver-
antwortlich gemacht werden kann. Sie begründete dies damit, dass die Leis-
tungspflicht der Beklagten neben einer Versicherungsdeckung auch eine Haft-
pflicht des Versicherungsnehmers und damit dessen Verschulden voraussetze.
Entgegen der Darstellung der Klägerin gelangte die Vorinstanz zum Ergebnis,
dass Rechtsanwalt Z._ im massgeblichen Zeitpunkt, in welchem er die Kla-
geantwort hätte einreichen sollen, als urteils- und handlungsfähig betrachtet wer-
den müsse. Demzufolge sei noch zu prüfen, ob sich die Beklagte zu Recht auf
Ziff. 2 Abs. 10 AVB berufe, d.h. ob durch das Verhalten von Rechtsanwalt
Z._ punkto Fristversäumnis im damaligen Prozess am Bezirksgericht Meilen
der Eintritt eines (allfälligen) Schadens mit hoher Wahrscheinlichkeit habe erwar-
tet werden müssen (Urk. 98 S. 18 ff.).
4. In diesem Zusammenhang warf die Vorinstanz Rechtsanwalt Z._ ein
grobes Verschulden vor. Er habe es im Wissen um seinen gesundheitlichen Zu-
stand und trotz seiner diversen Spitalaufenthalte versäumt, seinen Kanzleibetrieb
so zu organisieren, dass im Falle einer Verhinderung, insbesondere einer krank-
- 7 -
heitsbedingten Abwesenheit, die von ihm zu beachtenden Fristen gewahrt blie-
ben. Auch habe er es offenbar unterlassen, den vormaligen Kläger über seinen
Gesundheitszustand bzw. die Spitalaufenthalte zu informieren, um ihm zu ermög-
lichen, gegebenenfalls einen anderen Rechtsvertreter beizuziehen. Damit habe
Rechtsanwalt Z._ die von ihm als Rechtsanwalt zu beachtende Sorgfalt in
erheblicher und grober Weise missachtet. Indem er trotz gesundheitlicher Prob-
leme und Spitalaufenthalte keine organisatorischen Massnahmen getroffen habe,
um im Falle einer Abwesenheit die laufenden Fristen zu wahren, habe er eine un-
sorgfältige Mandatsführung, insbesondere Fristversäumnisse, in Kauf genommen.
Damit habe ein durch sein Verhalten verursachter Schadenseintritt mit hoher
Wahrscheinlichkeit erwartet werden müssen. Die Beklagte berufe sich damit zu
Recht auf den Deckungsausschluss gemäss Ziff. 2 Abs. 10 AVB mit der Folge,
dass der Versicherungsschutz für allfällige durch unzureichende Organisation des
Kanzleibetriebs entstandene Schäden entfalle (Urk. 98 S. 25 f.).
5. Schliesslich verwarf die Vorinstanz das von der Klägerin in der Replik
vorgetragene Argument, die Annahme des Mandates durch Rechtsanwalt
Z._ im März 2009 sei wegen seines schon damals angeschlagenen Gesund-
heitszustandes und seiner Geschäftslast als von der Haftpflichtpolice gedecktes
Übernahmeverschulden zu werten, weil Rechtsanwalt Z._ das Mandat im
Wissen um seine schwere Krankheit gar nicht erst hätte annehmen oder es im
"Fortverlauf" hätte ablegen müssen. Die Klägerin, welche das Übernahmever-
schulden mit dem angeschlagenen Gesundheitszustand begründe, gehe zu Un-
recht davon aus, dass Rechtsanwalt Z._ nicht mehr urteilsfähig gewesen sei,
als ihm am 3. Juni 2009 eine Notfrist angesetzt worden sei. Demzufolge seien die
Handlungen von Rechtsanwalt Z._ im Zeitpunkt der Ansetzung der Notfrist
massgeblich und nicht jene im Zeitpunkt der Mandatsübernahme. Zur Geschäfts-
last mache die Klägerin keine weiteren Ausführungen. Ein versicherungs- bzw.
haftpflichtrechtlich relevantes Übernahmeverschulden liege diesbezüglich nicht
vor (Urk. 98 S. 26 f.).
- 8 -
III.
1.1 Die Berufung wurde form- und fristgerecht erhoben. Sie richtet sich ge-
gen einen erstinstanzlichen Endentscheid. Da die Streitwertgrenze erreicht wird,
ist auf die Berufung – unter Vorbehalt hinreichender Begründung – einzutreten
(Art. 308 und Art. 311 ZPO).
1.2 Mit der Berufung kann eine unrichtige Rechtsanwendung und eine un-
richtige Feststellung des Sachverhalts geltend gemacht werden (Art. 310 ZPO).
Die Berufung ist zu begründen (Art. 311 Abs. 1 ZPO). Es ist hinreichend genau
aufzuzeigen, inwiefern der erstinstanzliche Entscheid in den angefochtenen Punk-
ten als fehlerhaft zu betrachten ist. Dies setzt voraus, dass der Berufungskläger
im Einzelnen die vorinstanzlichen Erwägungen bezeichnet, die er anficht, und die
Aktenstücke nennt, auf denen seine Kritik beruht. Es genügt nicht, lediglich auf
die vor erster Instanz vorgetragenen Vorbringen zu verweisen, auf frühere Pro-
zesshandlungen hinzuweisen oder den angefochtenen Entscheid in allgemeiner
Weise zu kritisieren (BGE 138 III 374 E. 4.3.1 S. 375). Auf Rügen, die eine sach-
bezogene Auseinandersetzung mit den Erwägungen des angefochtenen Urteils
vermissen lassen, ist nicht einzutreten. Die Parteien sind grundsätzlich gehalten,
erstinstanzlich gestellte Beweisanträge, denen nicht entsprochen wurde, vor der
zweiten Instanz zu wiederholen (BGE 144 III 394 E. 4.2 S. 398). Diese Begrün-
dungsanforderungen gelten sinngemäss auch für den Inhalt der Berufungsantwort
(BGer 5A_660/2014 vom 17. Juni 2015, E. 4.2 m.w.Hinw.; 4A_258/2015 vom
21. Oktober 2015, E. 2.4.2).
1.3 Abgesehen von offensichtlichen Mängeln hat sich das Berufungsgericht
grundsätzlich auf die Beurteilung der in der Berufung und Berufungsantwort ge-
gen das erstinstanzliche Urteil erhobenen Beanstandungen zu beschränken. Die
Rügen der Parteien geben mithin das Prüfungsprogramm der Berufungsinstanz
vor; der angefochtene Entscheid ist grundsätzlich nur auf die gerügten Punkte hin
zu überprüfen. In rechtlicher Hinsicht ist das Berufungsgericht, in Anwendung des
Grundsatzes iura novit curia, bei dieser Prüfung jedoch weder an die Erwägungen
der ersten Instanz noch an die mit den Rügen vorgetragenen Argumente der Par-
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teien gebunden. In tatsächlicher Hinsicht ist es nicht an die Feststellungen des
erstinstanzlichen Gerichts gebunden, auch wenn mangels entsprechender Sach-
verhaltsrügen der Parteien im Berufungsverfahren der erstinstanzliche Entscheid
nach dem Gesagten in der Regel als Grundlage des Rechtsmittelverfahrens dient
(BGE 144 III 394 E. 4.1.4 S. 397 f. mit Hinweis auf BGE 142 III 413 E. 2.2.4 und
weitere Entscheide). Das Berufungsgericht kann die Rügen der Parteien folglich
auch mit abweichenden Erwägungen gutheissen oder abweisen (sog. Motivsub-
stitution; BGer 2C_124/2013 vom 25. November 2013, E. 2.2.2; Reetz/Hilber, in:
Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger, ZPO-Komm., Art. 318 N 21; Seiler, Die
Berufung nach ZPO, Zürich 2013, N 1507; für das Verfahren vor Bundesgericht:
BGE 138 III 537 E. 2.2 S. 540; 137 III 385 E. 3 S. 386; BSK BGG-Meyer/Dor-
mann, Art. 106 N 11 f.).
2.1. Die Klägerin wirft der Vorinstanz zunächst vor, sie habe Sinn und Zweck
des BGFA völlig ausser Acht gelassen. Ihre Auffassung, dass es grundsätzlich
zulässig sei, die Versicherungsdeckung für Schäden, die auf das Verpassen von
Fristen zurückzuführen seien, auszuschliessen, verletze Art. 12 lit. f BGFA. Diese
Bestimmung bezwecke einen umfassenden Schutz des rechtssuchenden Publi-
kums, der nicht im Nachhinein durch eine angeblich fehlende Deckung kleingere-
det werden dürfe. Dafür spreche bereits die Regelung, dass neben der Haft-
pflichtversicherung auch anderweitige Sicherheiten geleistet werden könnten, die
dem Berechtigten in der Regel einen direkten Zugriff erlaubten, was einem weit-
gehenden Einredeausschluss gleichkomme. Ein betroffener Klient müsse sich
nicht auf die Auslegung bzw. Interpretation eines Versicherungsvertrags zwischen
Anwalt und Versicherer einlassen. Der "beschriebene Mechanismus" solle sicher-
stellen, dass jeder Anwalt im Haftungsfall erfolgreich in Anspruch genommen
werden könne (Urk. 97 S. 2 f.).
Die Klägerin macht in diesem Zusammenhang geltend, die Vorinstanz habe
zwei Entscheide der zürcherischen Aufsichtskommission über die Anwältinnen
und Anwälte vom 6. Juli 2006 und 5. Juli 2007 übergangen. Sie leitet aus diesen
beiden Entscheiden ab, dass im Verhältnis zwischen dem verstorbenen Anwalt
und seinem damaligen Klienten eine volle Haftung bestehe und es der Versiche-
- 10 -
rung verwehrt sei, ihre Deckung einzuschränken. Die Berufshaftpflichtversiche-
rungen seien eng in das Regelwerk gemäss Anwaltsgesetz eingebunden, indem
sie einerseits eine Bestätigung über den Bestand des Versicherungsverhältnisses
zuhanden der Aufsichtsbehörde auszustellen hätten und andererseits Mitteilung
machen müssten, wenn eine Versicherung nicht mehr bestehe. Beide Massnah-
men dienten dem Schutz der Klientschaft, was Sinn und Zweck von Art. 12 lit. f
BGFA entspreche. Der Werbung der Beklagten (Urk. 101/1) sei denn auch zu
entnehmen, dass die vorgeschriebenen gesetzlichen Versicherungspflichten be-
rücksichtigt würden und Fristversäumnisse als versicherte Pflichtverletzung gäl-
ten. Vor diesem Hintergrund gewinne das von der Klägerin vorgetragene Argu-
ment, dass die Beklagte eine Unklarheit zu vertreten habe, weiter an Bedeutung.
Mit der Auffassung der Beklagten und der Vorinstanz werde das Problem der
Fristversäumnis nicht nur "wegmarginalisiert"; vielmehr geschehe dies auch noch
gegen die entsprechenden Bewerbungen der Beklagten (Urk. 97 S. 3 f.).
2.2 Gemäss Art. 12 lit. f BGFA haben Anwältinnen und Anwälte nach Mass-
gabe der Art und des Umfangs der Risiken, die mit ihrer Tätigkeit verbunden sind,
eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschliessen, wobei die Versicherungssum-
me mindestens eine Million Franken pro Jahr betragen muss; anstelle der Haft-
pflichtversicherung können andere, gleichwertige Sicherheiten erbracht werden.
Die Vorinstanz hat im Einzelnen dargelegt,
− dass das BGFA nebst Mindestdeckung das Versicherungsobligatorium nicht
näher konkretisiere;
− dass es sich bei Art. 12 lit. f BGFA um eine blosse Berufspflicht und nicht um
eine Voraussetzung für den Registereintrag handle, weshalb bei Nichtbeach-
tung der Vorschrift bloss eine Disziplinierung und nicht ein Ausschluss von
der anwaltlichen Tätigkeit drohe;
− dass im Strassenverkehr das SVG im Gegensatz zum BGFA die Möglichkeit
vertraglich vereinbarter Deckungsausschlüsse ausdrücklich beschränke;
- 11 -
− dass Deckungsausschlüsse gemäss Lehre und Rechtsprechung auch im Be-
reich der Berufshaftpflicht für Anwältinnen und Anwälte grundsätzlich üblich
und zulässig seien;
− dass ein Ausschluss für Schäden, deren Eintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit
habe erwartet werden müssen, nach Lehre und Rechtsprechung als mögli-
cher und zulässiger Deckungsausschluss gelte und auch im Bereich der Be-
rufshaftpflichtversicherung für Anwältinnen und Anwälte als möglich und zu-
lässig erachtet werde.
2.3 Mit diesen Erwägungen (Urk. 98 S. 14 ff. E. 2.3.3 bis 2.3.6), auf die ver-
wiesen werden kann, setzt sich die Klägerin nicht hinreichend auseinander, wenn
sie sich einfach auf den Standpunkt stellt, Art. 12 lit. f BGFA diene dem Schutz
des rechtssuchenden Publikums und stelle sicher, dass jeder Anwalt im Haftungs-
fall erfolgreich in Anspruch genommen werden könne bzw. vollumfänglicher Ver-
sicherungsschutz bestehe, solange ein Registereintrag bestehe (Urk. 97 S. 5). Im
Übrigen sieht bereits das Gesetz bei absichtlicher und grobfahrlässiger Herbeifüh-
rung des befürchteten Ereignisses eine Haftungsbefreiung bzw. -reduktion zu-
gunsten des Versicherers vor (Art. 14 Abs. 1 und 2 VVG; vgl. Bohnet/Martenet,
Droit de la profession d'avocat, Berne 2009, N 1628). Ein umfassender versiche-
rungsrechtlicher Schutz des rechtssuchenden Publikums ist bereits deshalb nicht
in allen Fällen gewährleistet. Die Zulässigkeit des hier in Frage stehenden De-
ckungsausschlusses wird sodann auch von weiteren, von der Vorinstanz nicht zi-
tierten Autoren bejaht (Nigg, Haftpflichtversicherung des Rechtsanwalts am Bei-
spiel der AVB einer Versicherung, in: Festschrift SAV, Bern 1998, S. 511; Schny-
der, Überblick über den Deckungsbereich der Berufshaftpflichtversicherung für
Rechtsanwälte, Anwaltsrevue 2007, S. 154). Die Aussage der Vorinstanz, wonach
es grundsätzlich zulässig sei, die Versicherungsdeckung für Fristversäumnisse
auszuschliessen (Urk. 98 S. 17), muss im Zusammenhang mit Ziff. 2 Abs. 10 AVB
gesehen werden. Vorliegend ist nicht ein genereller Deckungsausschluss für
Fristversäumnisse zu beurteilen. Zu entscheiden ist vielmehr, ob die Haftpflicht für
(aus Fristversäumnissen resultierenden) Schäden ausgeschlossen werden kann,
deren Eintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet werden musste. Dies hat auch
die Vorinstanz klar gesehen, führt sie doch das in der Lehre mehrfach angeführte
- 12 -
Beispiel eines Anwalts an, der seinen Bürobetrieb während der Ferien schliesst,
ohne Massnahmen zu treffen, damit in seiner Abwesenheit die Post besorgt wird
und Fristen gewahrt werden (Urk. 98 S. 16; vgl. Nigg, a.a.O., S. 511; Luterbacher,
Die Berufshaftpflichtversicherung des Rechtsanwaltes, in: Haftpflicht des Rechts-
anwaltes, Zürich/St. Gallen 2006, S. 235; Fellmann, Anwaltsrecht, 2. Aufl., Bern
2017, N 1647).
2.4 Aus den beiden von ihr genannten Entscheiden der Aufsichtskommissi-
on über die Anwältinnen und Anwälte vermag die Klägerin nichts zu ihren Guns-
ten abzuleiten. Wie die Klägerin selbst ausführt, kann dem Entscheid vom 6. Juli
2006 (gemeint wohl: ZR 105 [2006] Nr. 72) lediglich entnommen werden, dass die
Pflicht zum Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung auch für Anwältinnen
und Anwälte gilt, die den Anwaltsberuf ausüben, aber dem BGFA nicht unterste-
hen. Im Entscheid vom 5. Juli 2007 (gemeint wohl: ZR 106 [2007] Nr. 83) war eine
im Mandatsvertrag zwischen Rechtsanwalt und Klientschaft enthaltene Haftungs-
beschränkung aus anwaltsrechtlicher Sicht zu beurteilen. Die Aufsichtskommissi-
on erwog, die Bestimmungen über die Berufshaftpflicht würden einen klaren Hin-
weis vermitteln, in welchem Umfang ein vertraglicher Ausschluss der anwaltlichen
Haftung nicht zulässig sein sollte, nämlich für einen möglichen Schaden unterhalb
des gesetzlichen Mindestversicherungsobligatoriums. Es wäre – so die Aufsichts-
kommission weiter – mit dem gesetzgeberischen Willen nicht zu vereinbaren,
dass Anwältinnen und Anwälte zwar eine gesetzliche Mindestversicherungspflicht
zu erfüllen hätten, diese jedoch jederzeit durch eine vertragliche Haftungsbe-
schränkung unterlaufen könnten. Demgegenüber könnten quantitative Beschrän-
kungen der anwaltlichen Haftung – im zivilrechtlich möglichen Ausmass, d.h. für
leichte Fahrlässigkeit (vgl. Art. 100 OR) – im Bereich oberhalb der Mindestversi-
cherungssumme von CHF 1 Mio. nicht als von vornherein unzulässig betrachtet
werden. In diesem Bereich komme es auf die Umstände des Einzelfalles an (ZR
106 [2007] Nr. 83 S. 311 f.). Mit anderem Worten äusserte sich die Aufsichts-
kommission zum quantitativen Rahmen eines anwaltlichen Haftungsausschlusses
aus disziplinarrechtlicher Sicht. Explizit nicht behandelt wurde "im Rahmen dieses
Disziplinarverfahrens" die Frage, inwieweit die Haftung eines Anwalts (vor dem
Hintergrund von Art. 100 Abs. 2 OR) gültig ausgeschlossen oder beschränkt wer-
- 13 -
den kann. Überhaupt nicht beleuchtet wird im Entscheid das Verhältnis zwischen
Anwalt und Versicherung und die Frage der Zulässigkeit von Deckungsaus-
schlüssen. Art. 100 Abs. 3 OR behält im Übrigen die besonderen Vorschriften
über den Versicherungsvertrag ausdrücklich vor (vgl. BK-Weber, Art. 100 OR N
54 ff.).
Dass der Anwalt und die Anwältin die Möglichkeit hat, gleichwertige Sicher-
heiten zu erbringen (Art. 12 lit. f BGFA), hilft der Klägerin nicht. Wie Barkautionen
auf Sperrkonti, Bankgarantien, Bürgschaftskassen, Risikoausgleichskassen etc.
dem Klienten einen direkten Zugriff verschaffen könnten, ist nicht ersichtlich. Sol-
che Sicherheiten begründen zudem keinen (weitgehenden) Einredeausschluss
des in Anspruch genommenen Anwalts. Auch insoweit vermag die Klägerin eine
Verletzung von Art. 12 lit. f BGFA nicht aufzuzeigen.
2.5 Die Klägerin macht geltend, der Deckungsausschluss für Fristversäum-
nisse stehe auch im Widerspruch zum Werbeauftritt der Beklagten, der Fristver-
säumnisse ausdrücklich unter den gedeckten Sorgfaltspflichten aufführe (Urk.
101/1). Das von ihr im bisherigen Verfahren vorgetragene Argument, dass die
Beklagte eine Unklarheit zu vertreten habe, gewinne dadurch weiter an Bedeu-
tung.
Die Klägerin tut nicht dar, dass es ihr nicht möglich war, sich bereits vor Vor-
instanz "auf die Werbung der Beklagten im Internet" zu berufen (Urk. 97 S. 4). Im
Berufungsverfahren kann auf das verspätete Vorbringen daher nicht mehr einge-
treten werden (Art. 317 Abs. 1 ZPO). Davon abgesehen stellt die Beklagte nicht
generell die Deckung für Schäden, die aus Fristversäumnissen resultieren, in Ab-
rede. Aufgrund von Ziff. 10 Abs. 2 AVB wird die Haftpflicht für Schäden abgelehnt,
"deren Eintritt vom Versicherungsnehmer [...] mit hoher Wahrscheinlichkeit erwar-
tet werden musste". Was genau an dieser Bestimmung unklar sein soll, legt die
Klägerin in ihrer Berufungsschrift nicht dar. Ihr pauschaler Verweis auf das "bishe-
rige Verfahren" (Urk. 97 S. 4) ist ungenügend.
2.6 Art. 33 VVG verlangt, dass gefahrsbeschränkende Abreden bestimmt
und unzweideutig abzufassen sind. Zweifel über die Bestimmtheit oder Eindeutig-
- 14 -
keit sollen zu Lasten des Versicherers gehen (sog. Unklarheitsregel; BSK VVG-
Fuhrer, Art. 33 N 3). Die Vorinstanz hat unter Hinweis auf Lehre und Rechtspre-
chung dafürgehalten, Ziff. 2 Abs. 10 AVB erfülle die Anforderungen an eine be-
stimmte und unzweideutige Formulierung (Urk. 98 S. 17), was von der Klägerin
nicht in rechtsgenügender Weise beanstandet wird. Die Vorinstanz hat in der Fol-
ge das Verhältnis zwischen Art. 33 VVG (Umfang der Haftung) und Art. 14 Abs. 2
VVG (Kürzung des Versicherungsanspruchs bei grobfahrlässiger Herbeiführung
des befürchteten Ereignisses) beleuchtet und erwogen, beim Deckungsaus-
schluss gemäss Ziff. 2 Abs. 10 AVB müsse gerade nicht zwischen leichtem und
grobem Verschulden unterschieden, sondern nur geprüft werden, ob der vertrag-
lich umschriebene Deckungsausschluss gegeben sei (Urk. 98 S. 17). Als Anwen-
dungsfall von Ziff. 2 Abs. 10 AVB erwähnte sie das in der Lehre angeführte Bei-
spiel eines Anwalts, der seinen Bürobetrieb während der Ferien schliesst, ohne
Massnahmen zu treffen, damit in seiner Abwesenheit die Post besorgt und Fristen
gewahrt werden (Urk. 98 S. 16 f.). Die Beklagte führte in der Berufungsantwort
unter Verweis auf die vorinstanzlichen Erwägungen aus, bei Vorhandensein eines
Ausschlussgrundes wie demjenigen von Ziff. 2 Abs. 10 AVB reiche bereits Even-
tualvorsatz oder blosse Grobfahrlässigkeit als Grundlage zur Leistungsverweige-
rung aus (Urk. 106 S. 4 Ziff. 15). Vor Vorinstanz hatte sich die Beklagte stets auf
eine grobfahrlässige Herbeiführung des versicherten Ereignisses durch Rechts-
anwalt Z._ berufen (Urk. 37 S. 37 Ziff. 265; Urk. 74 S. 11 Ziff. 62 und Ziff. 69,
S. 15 f. Ziff. 100 f. und Ziff. 106). Darüber hinaus hat die Beklagte aber auch vor-
gebracht, Rechtsanwalt Z._ habe "grob unsorgfältig, ja fast vorsätzlich ge-
handelt und die elementarste Vorsicht und Sorgfalt vermissen lassen" (Urk. 37 S.
23 Ziff. 160) und den Schadenseintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit erwarten
müssen (Urk. 74 S. 14 Ziff. 90, S. 16 Ziff. 102 f.). Die grob fahrlässige Herbeifüh-
rung des versicherten Ereignisses wird allerdings in Art. 14 Abs. 2 VVG geregelt,
der lediglich eine Kürzungsmöglichkeit vorsieht. Dies gibt Anlass, Ursprung und
Zweck des vertraglich vereinbarten Deckungsausschlusses näher zu beleuchten.
2.7 Zur Entstehungsgeschichte und zum Verständnis der Wahrscheinlich-
keitsklausel äussert sich insbesondere Schaer (Modernes Versicherungsrecht,
Bern 2007, S. 533 f.). Er weist darauf hin, dass nach dem Erscheinen des Kom-
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mentars von Roelli/Keller (Kommentar zum schweizerischen Bundesgesetz über
den Versicherungsvertrag, Bern 1968) von den Haftpflichtversicherern die Klausel
"mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwartende Schäden" im Bedingungswerk auf-
genommen wurde, und zwar deshalb, weil die schweizerische Lehre die Auffas-
sung zu vertreten scheine, dass der Eventualvorsatz der Grobfahrlässigkeit
(Art. 14 Abs. 2 VVG) und nicht der Absicht (Art. 14 Abs. 1 VVG) zuzuordnen sei.
Auch andere Autoren erwähnen den Konnex zwischen der Zuweisung des Even-
tualvorsatzes zur Grobfahrlässigkeit durch die herrschende Lehre einerseits und
der Aufnahme des Haftungsausschlusses der "hohen Wahrscheinlichkeit" in die
AVB andererseits (E._, Die schuldhafte Herbeiführung des Versicherungs-
falls, Zürich 1999, S. 46). Die "hohe Wahrscheinlichkeit" (frz. degré élevé de pro-
babilité) ist für Schaer "alles andere als klar". Er legt aber überzeugend dar, dass
die "hohe Wahrscheinlichkeit" bzw. "das in Kauf nehmen" nicht im Sinne einer ob-
jektiven Wertung, sondern im Sinne des subjektiv verstandenen dolus eventualis
konkretisiert werden muss, und kommt zum Ergebnis, dass der Ausschluss "mit
hoher Wahrscheinlichkeit zu erwartende Schäden" sich mit der eventualvorsätzli-
chen Herbeiführung des Versicherungsfalles deckt. Eine Auslegung der Aus-
schlussklausel im Lichte von Art. 14 VVG und ein subjektives Verschuldensele-
ment habe – so Schaer weiter – auch das Bundesgericht in seinem Urteil vom
11. Dezember 2001 (BGer 4C.314/1992) gefordert, weshalb Unfälle auf einer we-
gen eines besonderen Belags glitschigen Strasse nicht mit hoher Wahrscheinlich-
keit erwartet oder in Kauf genommen seien. Im gleichen Sinn äussert sich Fell-
mann, der im Zusammenhang mit einer eventualvorsätzlichen Herbeiführung des
Versicherungsfalls auf den in den AVB stets enthaltenen Deckungsausschluss der
"hohen Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts" verweist (a.a.O., N 1719 und N
1646 f.).
2.8 Dieses Auslegungsergebnis hilft der Klägerin allerdings nicht weiter. Auf
subjektiver Seite macht die Klägerin berufungsweise nämlich einzig geltend,
Rechtsanwalt Z._ sei zufolge beeinträchtigter Urteilsfähigkeit anfangs Juni
2009 nicht mehr (voll) handlungsfähig gewesen (Urk. 97 S. 5 f.; zu diesem Ein-
wand unten E. 4). Das vorinstanzliche Verdikt, dass Rechtsanwalt Z._ (bei
gegebener Urteilsfähigkeit) eine unsorgfältige Mandatsführung, insbesondere
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Fristversäumnisse, geradezu in Kauf nahm und ein durch sein Verhalten verur-
sachter Schadenseintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet werden musste
(Urk. 98 S. 26), beanstandet die Klägerin demgegenüber nicht.
3.1 Die Klägerin argumentiert, im Zusammenhang mit der Unklarheitsregel
sei auch nicht nachvollziehbar, dass die Vorinstanz ohne Kenntnis der eigentli-
chen Police, die nicht im Recht liege, dazu gelangt sei, überhaupt ein Urteil zu fäl-
len. Korrekterweise hätte sie in Wahrnehmung der Fragepflicht die Beklagte auf-
fordern müssen, die Police nachzureichen. Dabei wäre die Tatsache zu würdigen,
dass die Police selbst den Deckungsausschluss nicht enthalte. Jedenfalls sei die
Beklagte aber ihrer Substantiierungspflicht nicht nachgekommen, weil sie es –
wohl in der Absicht, von nicht geklärten Verhältnissen zu profitieren – unterlassen
habe, das Versicherungsverhältnis korrekt zu dokumentieren (Urk. 97 S. 4 f.).
3.2 Zu Recht wendet die Beklagte ein, die Klägerin habe mit der Klageschrift
die Allgemeinen Vertragsbedingungen zur Police Nr. 9.414.922 (Urk. 5/2) einge-
reicht und diese Beweisurkunde als Versicherungspolice ("Police «B._»
Nr. 9.414.922") bezeichnet (Urk. 2 S. 2). Richtig ist auch der Hinweis, "der streit-
gegenständliche Wortlaut des Deckungsausschlusses" sei zwischen den Parteien
unbestritten geblieben (Urk. 106 S. 5). Die Klägerin erwähnte in der Klageschrift
ausdrücklich den "Deckungsausschluss in Ziff. 2-10 der vorliegenden Police" und
meinte damit den in den AVB in Ziff. 2 Abs. 10 enthaltenen Deckungsausschluss
(Urk. 2 S. 19 Ziff. 57). Die Klägerin zeigt nicht auf, dass sie sich vor Vorinstanz
erstens auf das Fehlen der eigentlichen Versicherungspolice berief (und einen
entsprechenden Editionsantrag stellte) und zweitens geltend machte, die Police
enthalte den Deckungsausschluss nicht. Vielmehr ging sie von der Geltung der
AVB und deren Ziff. 2 Abs. 10 aus. Die Klägerin tut auch nicht dar, weshalb der
Deckungsausschluss zwingend in der Police selbst enthalten sein muss. Die Poli-
ce hat zwar die Rechte und Pflichten der Parteien festzustellen (Art. 11 VVG). Es
ist aber nicht notwendig, dass in der Police auch die AVB wiedergegeben werden;
es genügt der Hinweis in der Police, dass dem Versicherungsnehmer die AVB
übergeben worden sind (BSK VVG-Hasenböhler, Art. 11 N 24). Wie gesagt, ging
die Klägerin selbst von der Geltung der von ihr eingereichten AVB (Urk. 5/2) aus.
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Eine Verletzung der gerichtlichen Fragepflicht oder der Substantiierungspflicht ist
nicht ersichtlich.
4.1 Die Klägerin wirft der Vorinstanz eine Verweigerung des rechtlichen Ge-
hörs vor, weil diese ohne Abnahme der von ihr offerierten Beweise von einer vol-
len Urteilsfähigkeit Rechtsanwalt Z._s ausging. Die Klägerin habe in der
Replik ausgeführt, dass es nach Übernahme des Mandates zu einer fortschrei-
tenden Verschlechterung des Gesundheitszustandes gekommen und Rechtsan-
walt Z._ als Folge dieser Verschlechterung "bezüglich Nichteinhalten der
Notfrist am 3. Juni 2009" nicht mehr handlungsfähig gewesen sei (mit Verweis auf
Urk. 59 S. 6). Es erscheine absurd, wenn die Vorinstanz aus dem Umstand, dass
Rechtsanwalt Z._ noch in der Lage gewesen sei, Fristerstreckungsgesuche
zu stellen oder die Post abzuholen, mit Bezug auf die anwaltliche Tätigkeit wie
das Abfassen einer Rechtsschrift auf volle Urteilsfähigkeit schliesse. Deshalb
machten die Beweisanträge auf Einvernahme von Dr. E._ und Dr. F._
Sinn. Der Bericht von Dr. E._ (Urk. 5/67) belege eine "eindrückliche Leidens-
geschichte" mit einem letztlich letalen Verlauf, auch wenn eine Diagnose darin
nicht gestellt werde. Die Annahme einer vollen Urteils- und Handlungsfähigkeit bei
Entgegennahme der Verfügung vom 26. Mai 2009 und die Nichtabnahme anerbo-
tener Beweismittel durch das Gericht könnten nicht nachvollzogen werden. In der
Replik sei zu Recht eine erhebliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes
behauptet und neben den genannten Zeugen die Einholung eines ärztlichen Gut-
achtens beantragt worden. Gerade mit Blick auf die gesundheitliche Verfassung
zu Beginn des Monates Juni 2009 erscheine die Einvernahme von Dr. E._
als geboten. Faktisch liege eine unzulässige antizipierte Beweiswürdigung vor, in-
dem die Vorinstanz sich vom Gedanken leiten lasse, die angerufenen Zeugen
könnten nichts zur Klärung des Sachverhaltes beitragen. Dr. F._ habe den
Patienten während eines Spitalaufenthaltes täglich betreut und sei damit in der
Lage, auch die mentale Verfassung des Patienten, namentlich dessen Denkver-
mögen zu beurteilen. Dr. E._ habe die massgebenden medizinischen Akten
einsehen können und sei aufgrund seiner klinischen Erfahrung in der Lage, er-
gänzende Fragen zum Verlauf (wie in der Replik vorgetragen) zu beantworten
(Urk. 97 S. 5 f.).
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4.2 In der Klageschrift stellte sich die Klägerin auf den Standpunkt, für die
Zeit nach seiner letzten Spitalentlassung (28. Mai 2009) könne Rechtsanwalt
Z._ vor dem Hintergrund seines damaligen gesundheitlichen Zustands kein
Verschulden zugerechnet werden (Urk. 2 S. 18 Ziff. 54, S. 19 Ziff. 56). In der Rep-
lik präzisierte die Klägerin, Rechtsanwalt Z._ sei "bezüglich Nichteinhalten
der Notfrist am 3. Juni 2009 nicht mehr handlungsfähig gewesen", doch müsse
das Verhalten Rechtsanwalt Z._s als Übernahmeverschulden im Sinne einer
gewöhnlichen Fahrlässigkeit gewertet werden (Urk. 59 S. 5 Ziff. 11, S. 6 Ziff. 14,
S. 18 Ziff. 26). Die Vorinstanz befand, die Leistungspflicht der Beklagten setze
voraus, dass der Versicherungsnehmer haftbar sei, was sein Verschulden in ob-
jektiver und subjektiver Hinsicht voraussetze. Die subjektive Seite bestehe in der
"Vorwerfbarkeit des schuldnerischen Verhaltens, konkretisiert unter dem Ge-
sichtspunkt der Zurechnungs- bzw. Urteilsfähigkeit" (Urk. 98 S. 18 mit Verweis auf
BK-Weber, Art. 99 OR N 31 ff.). In der Folge kam sie zum Schluss, dass die Ur-
teilsfähigkeit Rechtsanwalt Z._s im Zeitpunkt, in dem er die Klageantwort
hätte einreichen müssen, zu bejahen sei (Urk. 98 S. 18 bis S. 25). Ein relevantes
Übernahmeverschulden verneinte sie mit dem Argument, der Zeitpunkt der Man-
datsübernahme sei nicht relevant (Urk. 98 S. 27).
4.3 Vor diesem Hintergrund ist unklar, worauf die Klägerin hinaus will, wenn
sie beanstandet, Rechtsanwalt Z._ müsse im Zeitpunkt, als ihm die Fristen
zur Erstattung der Klageantwort angesetzt wurden, (allenfalls) als urteilsunfähig
betrachtet werden. Die vorinstanzliche Erwägung, dass bei fehlender Urteilsfähig-
keit keine Haftung des Anwalts und damit keine Haftung der Beklagten bestünde,
stellt sie nicht in Frage. Die Klägerin zeigt mit anderen Worten nicht auf, zu wel-
chem für sie positiven Ergebnis die Abnahme weiterer Beweismittel und die Ver-
neinung der Urteils- bzw. Schuldfähigkeit von Rechtsanwalt Z._ führen wür-
de. Die Rügen der Verweigerung des rechtlichen Gehörs und der unzulässigen
antizipierten Beweiswürdigung gehen deshalb fehl.
4.4 Erlaubt eine Ausnahmesituation dem Anwalt die Wahrung der objektiv
gebotenen Sorgfalt nicht – so z.B. wenn ein Unfall oder eine Krankheit den Anwalt
vorübergehend ausser Gefecht setzt –, stellte sich unweigerlich die Frage, inwie-
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weit der Anwalt solchen Umständen durch geeignete organisatorische Vorkehren,
bspw. durch eine vorsorgliche Bestellung einer Vertretung oder konkreter Hand-
lungsanweisungen an das Personal Rechnung tragen muss. Wird eine solche
Pflicht bejaht, zieht das Unterlassen solcher Vorsichtsmassnahmen den Ver-
schuldensvorwurf nach sich (Walter/Schmid, Unsorgfältige Führung eines An-
waltsmandats – Anwaltshaftung, in: Weber/Münch [Hrsg.], Haftung und Versiche-
rung, 2. Aufl., Basel 2015, § 20 Rz 20.65). Die Vorinstanz stellte in dieser Hinsicht
fest, indem Rechtsanwalt Z._ im Wissen um seine gesundheitliche Beein-
trächtigung und die damit verbundenen Spitalaufenthalte keinerlei organisatori-
sche Massnahmen getroffen habe, damit auch in einer allfälligen Abwesenheit die
laufenden Fristen gewahrt würden, habe er eine unsorgfältige Mandatsführung,
insbesondere allfällige Fristversäumnisse geradezu in Kauf genommen, weshalb
ein durch sein Verhalten verursachter Schadenseintritt mit hoher Wahrscheinlich-
keit erwartet werden musste (Urk. 98 S. 26). Gegen diese Würdigung wendet sich
die Klägerin nicht, weshalb es auch aus diesem Grund beim Deckungsausschluss
bleibt.
5. Weitere Beanstandungen trägt die Klägerin nicht vor. Die Berufung ist ab-
zuweisen und das angefochtene Urteil zu bestätigen.
IV.
Bei diesem Verfahrensausgang ist die erstinstanzliche Kosten- und Ent-
schädigungsregelung zu bestätigen. Die Gerichtskosten sind auch für das zweit-
instanzliche Verfahren der Klägerin aufzuerlegen. Ausserdem hat sie die Beklagte
für das zweitinstanzliche Verfahren mit Fr. 2'500.– (inkl. Mehrwertsteuer) zu ent-
schädigen (Art. 106 Abs. 1, Art. 111 Abs. 1 und 2 ZPO; § 4 in Verbindung mit § 13
Abs. 1 und 2 AnwGebV).
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