Decision ID: 84725bcd-e913-5e1e-84ad-788a392948f4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Schwester des Beschwerdeführers B._ suchte am 5. Septem-
ber 2010 in der Schweiz um Asyl nach. Ihr damaliger Ehemann und Schwa-
ger des Beschwerdeführers, C._, suchte am 8. Dezember 2010 in
der Schweiz um Asyl nach. Am (...) wurde dieser auf Antrag der Staatsan-
waltschaft D._ verhaftet und in Untersuchungshaft genommen.
B._ beschuldigte ihn der mehrfachen Vergewaltigung, der mehrfa-
chen Drohung sowie der mehrfachen Tätlichkeit. Das von der Staatsan-
waltschaft D._ in Auftrag gegebene psychiatrische Gefährlichkeits-
gutachten vom (...) betreffend C._ kam zum Schluss, die Gefahr
neuerlich gewalttätigen Verhaltens gegenüber den Mitgliedern seiner Fa-
milie inklusive sexuell gewalttätiger Handlungen gegenüber seiner Ehefrau
seien als hoch einzustufen. Zudem sei die Ausführungsgefahr der von ihm
ausgesprochenen Drohungen mittelgradig einzustufen. Aufgrund der von
ihm weiterhin ausgehenden erheblichen Gefährdung wurde mit Verfügung
des Bezirksgerichts E._ vom (...) die Sicherheitshaft bewilligt. Mit
Verfügung vom 18. September 2012 stellte das SEM (damals Bundesamt
für Migration BFM) fest, C._ erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz,
setzte eine Ausreisefrist auf spätestens nach der Haftentlassung an, be-
auftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und
entzog einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung, da ange-
sichts der von C._ ausgehenden Gefährdung für die öffentliche Si-
cherheit das öffentliche Interesse am Vollzug der Wegweisung überwiege.
Diese Verfügung erwuchs am 20. Oktober 2012 unangefochten in Rechts-
kraft. Am (...) wurde C._ nach Afghanistan ausgeschafft.
B.
Mit Verfügung vom 20. September 2012 stellte das SEM (damals BFM) –
aufgrund der Drohungen und der Gewalt, die von ihrem damaligen Ehe-
mann ausgingen – fest, die Schwester des Beschwerdeführers, B._
Sayed Schah (die nach der Scheidung durch das Bezirksgericht
E._ vom (...) [in Rechtskraft seit (...)] und erneuter Trauung vom
(...) inzwischen den Familiennamen F._ trägt), erfülle die Flücht-
lingseigenschaft und gewährte ihr Asyl.
C.
Der Beschwerdeführer suchte am 9. September 2015 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person vom 22. September 2015
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(an der die Asylgründe nicht erfragt wurden) führte er aus, er sei ethnischer
(...). Bis zum (...) Lebensjahr habe er in der Stadt G._ gelebt. Da-
nach habe er (...) Jahre im Iran gewohnt. Er sei seither nie mehr in Afgha-
nistan gewesen. Seine Mutter und seine vier Schwestern lebten in der
Schweiz. Am Ende der Befragung wurde ihm das rechtliche Gehör zu einer
allfälligen Wegweisung nach Griechenland, Ungarn oder Österreich ge-
währt.
D.
Ein Abgleich mit der Fingerabdruck-Datenbank Eurodac ergab, dass der
Beschwerdeführer am 7. September 2015 bereits in Ungarn Asyl beantragt
hatte. Die Vorinstanz ersuchte die ungarischen Behörden am 5. Oktober
2015 um Rückübernahme des Beschwerdeführers. Die ungarischen Be-
hörden nahmen innert Frist zum Übernahmeersuchen nicht Stellung. Mit
Verfügung vom 28. Oktober 2015 trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Ungarn
und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug. Das Bundesver-
waltungsgericht hiess mit Urteil E-7285/2015 vom 4. Juli 2017 eine dage-
gen erhobene Beschwerde aufgrund der Lage in Ungarn gut und wies die
Sache zur Neubeurteilung und Entscheidung an die Vorinstanz zurück.
E.
Mit Verfügung vom 12. April 2017 stellte das SEM – aufgrund der Gefahren,
die von ihrem Ex-Schwager sowie dessen Familienangehörigen ausgin-
gen – fest, die Schwester des Beschwerdeführers H._ erfülle die
Flüchtlingseigenschaft und gewährte ihr Asyl.
F.
Mit Verfügung vom 12. April 2017 stellte das SEM – aufgrund der Gefah-
ren, die von ihrem Ex-Schwiegersohn beziehungsweise Ex-Schwager so-
wie dessen Familienangehörigen ausgingen – fest, die Mutter des Be-
schwerdeführers I._ und seine Schwester J._ erfüllten die
Flüchtlingseigenschaft und gewährte ihnen Asyl.
G.
Mit Verfügung vom 1. Mai 2017 stellte das SEM fest, die Schwester des
Beschwerdeführers K._, deren Ehemann sowie deren Kind erfüllten
die Flüchtlingseigenschaft nicht, wies die Asylgesuche ab, verfügte die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnete aufgrund der Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an. Diese Verfügung
erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
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Seite 4
H.
Am 13. September 2017 teilte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer mit,
es werde das nationale Asylverfahren durchgeführt.
I.
Anlässlich der Anhörung vom 3. Mai 2018 führte der Beschwerdeführer
aus, er habe bis zum (...) Lebensjahr in G._ zusammen mit seiner
Mutter und seinen Schwestern gelebt. Sein Vater sei gestorben als er (...)
Jahre alt gewesen sei. Seine ältere Schwester B._ sei als Minder-
jährige mit C._, einem Mitglied der Taliban, zwangsverheiratet wor-
den, der sie zusammen mit dessen Onkel misshandelt habe. Als Folge der
Schläge habe sie namentlich ihr ungeborenes Kind verloren. Der Onkel
habe enge Beziehungen zu einflussreichen Mitgliedern der Taliban in
G._ gepflegt und sei im Drogenhandel zwischen Afghanistan und
dem Iran involviert. Im Jahr (...) sei er (der Beschwerdeführer) mit seiner
Mutter, seinen vier Schwestern und C._ nach L._, Iran, ge-
zogen. Sie hätten gehofft, vom gewalttätigen Onkel des Ehemanns Ab-
stand zu gewinnen und, dass sich C._ in einer neuen Umgebung
besser gegenüber B._ verhalte. Im Jahr (...) seien B._ und
C._ in die Schweiz gereist. Aufgrund der Gewalttätigkeit, die von
C._ ausgegangen sei, sei in der Schweiz ein Strafverfahren gegen
ihn eingeleitet und er sei inhaftiert worden. Der Schwager habe ihn aus der
Schweiz vom Gefängnis aus regelmässig kontaktiert und verlangt, dass er
(der Beschwerdeführer) die gemeinsame Ausschaffung von ihm und
B._ mit den Kindern nach Afghanistan veranlassen solle. Der da-
malige Schwager habe gedroht, ihn und seine Familie zu töten, da
B._ seinen Namen und seine Ehre beschmutzt habe. Er (der Be-
schwerdeführer) sei in L._ von Brüdern und Bekannten seines
Schwagers mehrmals verprügelt worden. Der Onkel des Schwagers habe
ihn ebenfalls bedroht und sein Haus sei eines Nachts von ungefähr acht
Personen belagert worden. Als das Datum für die Ausschaffung seines
Schwagers festgestanden habe, habe sich die Bedrohungslage im Iran zu-
gespitzt, weshalb er in die Türkei ausgereist sei. Aufgrund eines Facebook-
Eintrags hätten Angehörige seines Schwagers seinen neuen Aufenthaltsort
lokalisiert und mittels Facebook-Foto nach ihm gesucht. Er habe erfolglos
eine Anzeige bei der türkischen Polizei gemacht. Aus Angst vor weiteren
Attacken durch Angehörige des Schwagers sei er schliesslich zu seiner
Mutter und seinen Schwestern in die Schweiz geflüchtet.
J.
Mit Verfügung vom 22. Juni 2018 (eröffnet am 26. Juni 2018) stellte das
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SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vor-
läufige Aufnahme an.
K.
Mit Eingabe vom 13. Juli 2018 reichte der Beschwerdeführer unter Beilage
des Scheidungsurteils seiner Schwester B._ vom (...), eines Ar-
beitsvertrags, einer Lohnabrechnung sowie einer Honorarnote beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, es sei ihm nach
Eingang der Akten seiner Mutter und Geschwister Gelegenheit zur Be-
schwerdeergänzung unter Ansetzung einer 30-tägigen Nachfrist zu gewäh-
ren. Die Verfügung der Vorinstanz sei in den Ziffern 1–3 des Dispositivs
aufzuheben. Es sei die Sache im Asyl- beziehungsweise Flüchtlingspunkt
zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entschei-
dung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Flüchtlingsei-
genschaft festzustellen und Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei die Un-
zulässigkeit – zusätzlich zur Unzumutbarkeit – des Wegweisungsvollzugs
festzustellen. In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Prozessfüh-
rung zu bewilligen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten und Rechtsanwalt Urs Ebnöther als unentgeltlicher Rechtsbeistand zu
bestellen.
L.
Mit Eingabe vom 14. August 2018 reichte der Beschwerdeführer eine Be-
schwerdeergänzung ein.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 20. August 2018 stellte der Instruktionsrichter
fest, der Beschwerdeführer habe mit Eingabe vom 14. August 2018 die in
Aussicht gestellte Beschwerdeergänzung im Zusammenhang mit den Bei-
zugsdossiers bereits eingereicht, hiess die Gesuche um unentgeltliche
Prozessführung und amtliche Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und gab der Vorinstanz Gelegen-
heit zur Einreichung einer Vernehmlassung.
N.
Mit Vernehmlassung vom 31. August 2018 verzichtete die Vorinstanz auf
weitere Ausführungen. Dieses Schreiben wurde dem Beschwerdeführer
am 13. September 2018 zur Kenntnisnahme zugestellt.
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Seite 6
O.
Mit Schreiben vom 15. Januar 2019 und 14. Mai 2019 reichte der Be-
schwerdeführer aktualisierte Honorarnoten zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende
Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdefüh-
rer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu beurteilen sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
4.3 Der Beschwerdeführer bemängelt eine unvollständige und unrichtige
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts. Die Vorinstanz sei nicht
auf die Verbindungen des Ex-Schwagers zu den Taliban eingegangen. Sie
sei anzuweisen, eine Botschaftsabklärung betreffend die Verbindungen
des Ex-Schwagers und dessen Familienangehörigen zu den Taliban ein-
zuholen. Zudem hätte die Vorinstanz abklären müssen, ob der Ex-Schwa-
ger ihn vom Gefängnis aus angerufen und bedroht habe. Des Weiteren
habe sie zwar die Akten seiner Familienmitglieder beigezogen, aber nicht
weiter Bezug auf die Vorbringen der Mutter und der Schwestern genom-
men.
Die Vorinstanz hat alle Vorbringen des Beschwerdeführers, insbesondere
die Verbindungen des Ex-Schwagers und seiner Familienangehörigen zu
den Taliban, die Telefondrohungen des Ex-Schwagers und die übrigen Ein-
schüchterungen, als glaubhaft erachtet. Angesichts der Glaubhaftigkeit
dieser Angaben hat die Vorinstanz zu Recht auf weitere Sachverhaltsab-
klärungen und Auseinandersetzungen mit den Vorbringen der Mutter und
der Schwestern verzichtet. Der rechtserhebliche Sachverhalt wurde von
der Vorinstanz richtig und vollständig festgestellt.
4.4 Der Beschwerdeführer moniert eine Verletzung der Begründungs-
pflicht, da die Begründung der Vorinstanz, weshalb die von ihm beschrie-
benen Vorfälle nicht eine gegen ihn gerichtete flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgung erwarten liessen, äusserst dünn ausgefallen sei.
Die Vorinstanz führt in ihrer Begründung aus, weshalb es aus ihrer Sicht
keine Hinweise gebe, dass der Beschwerdeführer einer künftigen asylrele-
vanten Verfolgung ausgesetzt sein könnte. Die Begründung fiel zwar
knapp, aber ausreichend aus. Allein der Umstand, dass die Vorinstanz zu
einer anderen Einschätzung gelangt als der Beschwerdeführer, stellt keine
mangelhafte Begründung dar. Zudem war der Beschwerdeführer in der
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Lage, die Verfügung sachgerecht anzufechten. Es liegt demnach keine
Verletzung der Begründungspflicht vor.
4.5 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aufzuheben
und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbezügliche Rechtsbegeh-
ren ist somit abzuweisen.
5.
Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz-
lich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land,
in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zu-
gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
6.
Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte das SEM aus, die
vom Beschwerdeführer geltend gemachten Probleme seien nicht asylrele-
vant. So seien die Belästigungen im Iran und in der Türkei nicht asylrele-
vant, da es sich hierbei um Drittstaaten handle. Ferner sei nicht davon aus-
zugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Afghanistan
aus einem flüchtlingsrechtlich relevanten Grund durch die Familienmitglie-
der seines Ex-Schwagers verfolgt oder vom Staat nicht geschützt werde.
Es gebe auch keine Hinweise dafür, dass ihm der von seiner Schwester
begangene Ehebruch zugeschrieben werde und ihm aus diesem Grund
eine asylrelevante Verfolgung drohe. Im Übrigen würden die geschilderten
Nachteile im Zusammenhang mit der allgemeinen Sicherheitslage und den
damit einhergehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens-
bedingungen in Afghanistan keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes
darstellen.
7.
7.1 Nach Durchsicht der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht in-
dessen zum Schluss, dass das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers zu Unrecht verneint und ihm unzutreffenderweise kein
Asyl gewährt hat.
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7.2 Es gilt als erstellt, dass der Vater des Beschwerdeführers verstarb, als
dieser (...) Jahre alt war und seine Frau, den Beschwerdeführer und des-
sen vier Schwestern hinterliess. Die damals minderjährige Schwester
B._ wurde in Afghanistan mit C._ zwangsverheiratet, der sie
zusammen mit seinem Onkel – der Beziehungen zu einflussreichen Mit-
gliedern der Taliban hat – misshandelte. Im Jahr (...) zog der Beschwerde-
führer zusammen mit seiner Mutter, seinen vier Schwestern und dem da-
maligen Ehemann von B._ in den Iran. Im Jahr (...) reiste
B._ mit C._ in die Schweiz, wo sie im selben Jahr um Asyl
nachsuchten. Aufgrund der Gewalttätigkeit des Ehemannes wurde dieser
am (...) auf Antrag der Staatsanwaltschaft D._ verhaftet. Die von
ihm ausgehende Gefahr neuerlich gewalttätigen Verhaltens gegenüber
Mitgliedern der Familie wurde als hoch eingestuft, woraufhin das Bezirks-
gericht E._ dessen Sicherheitshaft bewilligte. Aus der Schweiz kon-
taktierte dieser den Beschwerdeführer im Iran und drohte ihm damit, ihn
und seine Familie zu töten, da seine Schwester seinen Namen und seine
Ehre beschmutzt habe. Im Iran wurde der Beschwerdeführer von Verwand-
ten von C._ bedroht, behelligt und tätlich angegriffen. Als der Termin
der Ausschaffung von C._ feststand, reiste der Beschwerdeführer
in die Türkei aus, wo er durch Angehörige von C._ dennoch lokali-
siert und ebenfalls behelligt wurde. Am (...) wurde C._ aus der
Schweiz nach Afghanistan ausgeschafft. Hiernach wurde die Ehe zwischen
ihm und B._ in der Schweiz gerichtlich geschieden, woraufhin
B._ einen anderen Mann heiratete. Der Mutter des Beschwerdefüh-
rers sowie seinen drei Schwestern B._, H._ und J._
wurde – aufgrund der Gefahr, die von C._ ausgeht – in der Schweiz
Asyl gewährt (vgl. Sachverhalt Bst. A, B, E und F).
7.3 Asylsuchende sind auch dann als Flüchtlinge anzuerkennen, wenn sie
erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise (aus dem Heimatstaat)
im Falle einer Rückkehr in ihren Heimatstaat (oder Herkunftsstaat) in flücht-
lingsrelevanter Weise verfolgt würden. Zu unterscheiden ist dabei zwi-
schen objektiven und subjektiven Nachfluchtgründen. Objektive Nach-
fluchtgründe liegen vor, wenn äussere Umstände, auf welche die asylsu-
chende Person keinen Einfluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung
führen; der von einer Verfolgung bedrohten Person ist in solchen Fällen die
Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Subjektive
Nachfluchtgründe liegen vor, wenn eine asylsuchende Person erst durch
die unerlaubte Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung zu befürchten hat; in
diesen Fällen wird kein Asyl gewährt (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2010/44
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Seite 10
E. 3.5 m.w.H.). Dabei ist nicht nur der Zeitpunkt der Ausreise aus dem Hei-
matland, sondern auch die Situation zum Zeitpunkt des Asylentscheids
massgebend. Die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylge-
währung sind von vornherein ausgeschlossen, wenn eine Person, die in
einem Drittstaat Verfolgung erlitten oder zu befürchten hat, den Schutz ih-
res Heimatstaates in Anspruch nehmen kann, ist doch eine solche Person
nicht auf internationalen Schutz angewiesen.
7.4 Obschon die vorgebrachten Behelligungen im Iran und in der Türkei
stattgefunden haben, hat der Beschwerdeführer zum heutigen Zeitpunkt in
seinem Heimatstaat ernsthafte Nachteile zu befürchten. So hat C._
– der sich inzwischen wieder in Afghanistan befindet – den Beschwerde-
führer über die Landesgrenzen hinweg massiv bedroht und seinen Drohun-
gen bereits mit Hilfe von Verwandten vor Ort Nachdruck verliehen. Diese
Geschehnisse, auf die der Beschwerdeführer keinen Einfluss nehmen
konnte, trafen ihn gezielt. Auch stehen der Ausreisegrund und der Ausrei-
sezeitpunkt aus dem Iran und dann aus der Türkei in einem sachlich und
zeitlich kausalen Zusammenhang zueinander.
7.5 Es bleibt zu prüfen, ob ein flüchtlingsrechtlich relevantes Verfolgungs-
motiv bejaht werden kann und ob der Beschwerdeführer in Afghanistan sei-
tens der Behörden Schutz vor allfälligen künftigen Übergriffen seines Ex-
Schwagers und dessen Familienangehörigen erlangen könnte. Die Bedro-
hung der Familie des Beschwerdeführers knüpft an die frauenspezifischen
Probleme der Schwester des Beschwerdeführers mit ihrem Ehemann an;
der Schwerpunkt der Verfolgung durch C._ ist mithin ursprünglich
gegen die Frauen der Familie gerichtet. Es kann jedoch aufgrund der ge-
gen den Beschwerdeführer ausgesprochenen Drohungen (Tötung der ge-
samten Familie des Beschwerdeführers und Rache aufgrund beschmutzter
Familienehre durch die Schwester des Beschwerdeführers) davon ausge-
gangen werden, dass es sich vorliegend (reflexweise) um eine Verfolgung
des Beschwerdeführers aufgrund seiner Schwester B._ handelt.
Das Risiko, bei einer Rückkehr in seinen Heimatstaat ins Visier von seinem
Ex-Schwager und dessen Familie zu geraten, ist in seinem Fall überdies
als besonders hoch einzustufen, weil er innerhalb der Logik der Blutrache
das einzige männliche Familienmitglied mit intakter Ehre ist. Die gegen die
ganze Familie des Beschwerdeführers gerichtete Verfolgung ist in ihrem
Kern zwar frauenspezifisch motiviert, das Gericht geht jedoch davon aus,
dass die entsprechende, gemäss Art. 3 AsylG relevante Verfolgungsmoti-
vation auch betreffend die dem Beschwerdeführer drohenden Nachteile
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Seite 11
anzuerkennen ist. Vor diesem Hintergrund kann nach Auffassung des Ge-
richts von einer Schutzfähigkeit und Schutzwilligkeit der afghanischen Be-
hörden gegenüber der von einem privaten Dritten ausgehenden Bedro-
hung auch den Beschwerdeführer betreffend nicht ausgegangen werden.
Gerade mit Bezug zu frauenspezifischer Verfolgung sind die afghanischen
Behörden nicht schutzwillig (vgl. zum fehlenden Schutzwillen und zur feh-
lenden Schutzinfrastruktur bei frauenspezifischer Verfolgung in Afghanis-
tan Referenzurteil des BVGer D-3501/2019 vom 21. August 2019 insb. E.
5.4.5). Im vorliegenden Fall trifft dies umso mehr zu, als es sich beim Ex-
Schwager und insbesondere bei dessen Onkel um Personen mit einfluss-
reichen Beziehungen zu den Taliban handelt. Damit ist ein objektiver Nach-
fluchtgrund zu bejahen.
7.6 Schliesslich muss vorliegend eine innerstaatliche Schutzalternative
ausgeschlossen werden. Aus den Akten ergeben sich keine Anhaltspunkte,
dass der Beschwerdeführer an einem anderen Ort in Afghanistan Schutz
vor der drohenden Verfolgung durch seinen Ex-Schwager und dessen Fa-
milie erhalten könnte, insbesondere da diese ihn bereits bis in den Iran und
in die Türkei verfolgt haben.
7.7 Es ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und die angefoch-
tene Verfügung vom 22. Juni 2018 aufzuheben. Der Beschwerdeführer ist
gestützt auf Art. 3 AsylG als Flüchtling anzuerkennen und das SEM ist an-
zuweisen, ihm Asyl zu gewähren. Ausschlussgründe im Sinne von Art. 53
AsylG sind keine ersichtlich.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom
20. August 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich ge-
genstandslos.
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
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notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In der aktua-
lisierten Kostennote der Advokatur Kanonengasse vom 14. Mai 2018
wurde ein Vertretungsaufwand von insgesamt Fr. 3'611.20 geltend ge-
macht, ausgehend von einem zeitlichen Aufwand von 11.10 Stunden zu
einem Stundenansatz von Fr. 300.– sowie Spesen in Höhe von Fr. 23.–,
was – auch wenn sich Rechtsanwalt Urs Ebnöther teilweise seiner Prakti-
kantin MLaw Corinne Reber bediente – in Anbetracht des Obsiegens nicht
zu beanstanden ist. Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschä-
digung beträgt somit insgesamt Fr. 3'611.20 (inklusive Auslagen und Mehr-
wertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE). Der Anspruch
auf amtliches Honorar des als Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertre-
ters wird damit gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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