Decision ID: 1e55cf7b-8902-5b53-9ea9-9d834d902514
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden sind Staatsangehörige Syriens, gehören der
kurdischen Ethnie an und sind islamischen (sunnitischen) Glaubens. Die
Beschwerdeführenden 1 und 2 sind die Eltern der Beschwerdeführenden
3 bis 5.
A.a Die Beschwerdeführerin 2 verliess ihren Angaben zufolge Syrien zu-
sammen mit ihren Kindern am 20. September 2015. Mit der Hilfe eines
Fluchthelfers seien sie über die Türkei, Griechenland, (Nord-)Mazedonien,
Serbien und schliesslich Österreich in die Schweiz gelangt. Am 30. Oktober
2015 seien sie in die Schweiz eingereist und stellten im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) F._ ein Asylgesuch (Akten der Vorinstanz
[vi-act.] A1). Die Reisekosten von EUR 12'000 habe sie dank ihrer Familie
und ihres Mannes bezahlen können.
A.b Der Beschwerdeführer 1 verliess Syrien gemäss seinen Angaben am
3. November 2015. Ebenfalls mit Hilfe eines Fluchthelfers sei er auf ver-
gleichbarer Route in die Schweiz gereist, wo er am 30. November 2015
angelangt sei. Er habe eine Nacht bei Verwandten einer Mitreisenden ver-
bracht. Am 1. Dezember 2015 stellte er im EVZ G._ ein Asylgesuch
(vi-act. A8). Die Reisekosten von USD 5'550 habe er ausgeliehen.
B.
Die Beschwerdeführenden 2 und 1 wurden am 5. November 2015 (vi-
act. 3, «BzP BF2») respektive am 10. Dezember 2015 (vi-act. 10, «BzP
BF1») zu ihrer Person, ihrem Reiseweg und summarisch zu den Flucht-
gründen befragt (Befragung zur Person, BzP).
B.a Die Beschwerdeführerin 2 brachte zu ihrem persönlichen Hintergrund
vor, sie sei in H._ (kurdisch I._) geboren worden. Sie habe
während 12 Jahren die Schule besucht und sei zuletzt als Hausfrau tätig
gewesen. Sie hätten 2004 und dann wieder ab 2014 in K._ gelebt.
Vor der Ausreise – ab 2015 – habe sie sich bei ihrer Familie in H._
respektive L._ aufgehalten. Dort lebten ihre Eltern und die Ge-
schwister (drei Brüder und fünf Schwestern), ein Bruder lebe in M._,
eine Tante in der N._. Sie sei seit dem (...) mit dem Beschwerde-
führer 1 verheiratet. Im Zeitpunkt der BzP habe sie seinen Aufenthaltsort
nicht gekannt (BzP BF2, Ziff. 1.07, 1.14, 1.17.04 f., 2.01 f., 3).
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Zu den Gründen ihres Asylgesuchs führte sie aus, sie hätten auf einem
Bauernhof in K._ gewohnt, ihr Mann habe in einer Fabrik gearbei-
tet. Die Armee sei vorbeigekommen und habe verlangt, dass er sich ergebe
– dabei habe er sich gänzlich auf seine Arbeit konzentriert gehabt. Er habe
das Domizil anfangs 2014 verlassen. Die Armee sei zwei Monate später
wieder erschienen und habe sie bedroht, es werde ihr oder ihren Kindern
etwas geschehen, wenn sie nicht sage, wo ihr Mann sei. Sie sei noch kurze
Zeit geblieben, dann aber zur Schwägerin in O._ gezogen. Die Kin-
der seien verängstigt gewesen. Nach vier Monaten habe sie ein Onkel ih-
res Mannes aufgefordert, nach H._ zurückzukehren. Dort sei sie
darauf hingewiesen und dessen gewahr geworden, dass ihr Domizil über-
wacht werde. Sie sei dann zu ihrer Familie, in die Nähe der türkischen
Grenze, gezogen. Die Schiessübungen der nahe gelegenen Polizei hätten
die Kinder verängstigt. Ihr Mann habe sie telefonisch aufgefordert zu flie-
hen. In K._ sei sie insgesamt dreimal durch die Armee kontaktiert
worden. Als ihr Mann das Domizil verlassen habe, habe er sich in der Folge
versteckt. Es sei ihm nicht klar gewesen, weshalb man ihn suche; eventuell
hätten ihn inhaftierte Kollegen denunziert. Weder sie noch ihr Gatte hätten
davor Anstände mit Behörden oder Dritten gehabt. Sie seien auch nicht
politisch aktiv gewesen. Sie sei ihrer Kinder wegen geflüchtet (BzP BF2
Abschn. 7).
B.b Der Beschwerdeführer führte zum persönlichen Hintergrund aus, er sei
im Dorf P._ (Verwaltung H._, Provinz Q._) geboren.
Dort habe er sich im (...) mit der Beschwerdeführerin verheiratet. Er habe
während zwölf Jahren die Schule besucht, aber die Matura nicht abge-
schlossen, sei angelernter (...) und habe zuletzt als (...) gearbeitet. Von
2004 bis zu seiner Ausreise im (...) habe er in R._ (Kreis und Pro-
vinz S._) gelebt. Ein für sich und die Familie seiner Frau erbautes
Haus in I._ habe er nie selber bewohnt; seine Frau habe ab Anfang
2014 mit den Kindern für einige Monate dort gelebt. Der letzte offizielle
Wohnort sei der Geburtsort. In Syrien lebten noch seine Mutter und Ge-
schwister, in der Schweiz neben seiner Frau und den gemeinsamen Kin-
dern ein Onkel und zwei Tanten. Weitere Geschwister und Schwager leb-
ten im T._, U._ und M._ (BzP BF1 1.07, 1.14,
1.17.04 f., 3).
Zu seinen Fluchtgründen führte er aus, er sei in K._ in einem Garten
an der Arbeit gewesen, als bei seiner Familie ein Gerichtsbeschluss einge-
gangen sei, demzufolge er wegen Teilnahme an Demonstrationen zu fünf
Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 150'000 syrischer Währung
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verurteilt worden sei. Er habe sich folglich nicht getraut heimzukehren. Drei
Monate später habe seine Frau berichtet, sie stehe unter Beobachtung. Er
habe sie zu seiner Schwester in S._ geschickt, dann habe sich ein
Weg gefunden, dass sie ins Haus in I._ habe weiterziehen können.
Von den nahen «Arabern» belästigt, sei sie zu ihren Eltern an die türkische
Grenze gezogen. Dort habe es Gefechte zwischen der Yekîneyên Paras-
tina Gel (YPG, kurdisch-syrische Volksverteidigungseinheiten) und der tür-
kischen Armee gegeben. Sie sei deshalb aus Angst geflohen. Er habe sich
bei Freunden in R._ aufgehalten und heimlich zu arbeiten versucht,
um Schulden abzuarbeiten. Dazu kämen die allgemein schlechte Lage und
der Bürgerkrieg in Syrien, so sei er auch Zeuge einer Entführung zur Löse-
gelderpressung geworden (BzP BF1 7.01 f.) Als Beweismittel legte er an-
lässlich der BzP eine Verurteilung vom 5. September 2013 und einen Fahn-
dungsauftrag vom 1. September 2013 ins Recht (vi-act. 11, Beweismittel 1
und 2).
C.
Am 1. Februar 2018 wurden der Beschwerdeführer 1 (vi-act. 29, «Anhö-
rung BF 1/1»), am 2. Februar 2018 die Beschwerdeführerin 2 (vi-act. 31,
«Anhörung BF 2/1») und mit der Beschwerdeführerin 3 (vi-act 32, «Anhö-
rung BF 3») deren älteste Tochter (erstmals) angehört.
C.a Zu seinen persönlichen Verhältnissen berichtete der Beschwerdefüh-
rer, er sei eines von zehn Geschwistern (sechs Brüder, vier Schwestern).
Die Mutter wohne in ihrem Heimatort, V._ respektive W._.
Die Brüder wohnten nicht in Syrien, da ihnen sonst der Einzug in den Krieg
drohte. Ein Bruder wohne in X._, drei in Y._/Z._, ei-
ner in U._; eine Schwester mit ihrer Familie ebenfalls in Y._,
eine in (...), die beiden weiteren seien inzwischen mittels Familiennach-
zugs nach U._ gezogen. Neben seiner Kernfamilie wohnten zwei
Tanten und ein Cousin in der Schweiz. Weitere Tanten und Onkel wohnten
in M._ und U._.
Geboren sei er in W._, nach dem Militärdienst (ab kurz vor [...])
habe er in R._, gelebt, sein letzter Wohnsitz in Syrien (seit [...]) sei
in K._ gewesen. Die Schule habe er zuerst in W._ besucht,
danach die Mittelschule in Aa._. Er habe die Matura nicht abschlies-
sen können, denn er habe sich an einem Gedenkmoment «Zur Erinnerung
an die Stadt Halabja» am 16. März (Giftgasangriff auf Halabdscha/Irak
[Kurdistan] vom 16. März 1988) beteiligt und sei denunziert worden; das
sei 1997 gewesen. Es habe auch zur Politik der Ba’ath-Partei gehört, die
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Bildung und ein Weiterkommen von Kurden zu verhindern. Er sei inzwi-
schen erfahren in den Bereichen (...). Seine Frau – eine Cousine – habe
er (...) geheiratet. Von Mitte (...) sei er im Militärdienst gewesen. Er habe
bei Bb._, beim (...), begonnen. Dort sei er nach der Grundausbil-
dung von sechs Monaten als Trainer verblieben, habe zuletzt einen Offi-
ziersgrad innegehabt. Ca. 2002 habe er eine «Nafīr»-Karte bekommen, die
er immer mit einer Urlaubs- oder Krankenbescheinigung mit sich getragen
habe. Später (nach der BzP) habe er erfahren, dass er zum Reservedienst
aufgeboten worden sei – er legte ein entsprechendes Aufgebot in Kopie
vor (vi-act. 11/Beweismittel [BM] 11; Anhörung BF 1/1 F55). Seine Brüder
seien wegen der nahenden Wehrdienstpflicht ausgereist. Es sei «ein sehr
schlechtes Regime: es hat viele getötet und auch viele gefoltert. Keiner
wollte für diese Regierung Wehrdienst leisten» (Anhörung BF 1/1 F59).
Er habe an den Demonstrationen im Umfeld der Unruhen von Qamishli im
Jahr 2004 teilgenommen. Auch später habe er regelmässig bis 2011 und
2012 an Demonstrationen teilgenommen. Im Jahr 2011 sei er einmal fest-
genommen worden, als er für einen Mann, mit dem er gearbeitet habe,
Rechnungen habe bezahlen wollen. Er sei geschlagen worden und man
habe ihm das Geld und das Motorrad genommen. Bei den Demonstratio-
nen habe er sich um die Beschaffung und Logistik von Flaggen respektive
Bannern gekümmert. Er sei dabei unter Anleitung eines «Meisters»
(Cc._) gestanden. Sie hätten sich auf der Arbeit kennengelernt. Da-
von hätten nur wenige gewusst; auch nicht seine Frau. Zum Teil habe er
auch – ohne Wissen des «Meisters» – jungen Leuten die Daten von De-
monstrationen mitgeteilt und diese in dessen Wohnung versammelt. Die
beobachtete Lösegelderpressung (Entführungsopfer sei Cc._ Bru-
der gewesen) habe für ihn keine Konsequenzen gehabt. Bei den Unruhen
in Qamishli 2004 sei unter anderen der Mann seiner Schwägerin inhaftiert
worden.
Auf seine Fluchtgründe angesprochen, bezog sich der Beschwerdeführer
auf die Unterdrückung der kurdischen Ethnie und Kultur in Syrien. Da auch
die Nachbarländer die Kurden «folterten» und man eine Minderheit sei,
habe man das lange als schicksalshaft gegeben hingenommen. Beim Be-
ginn der Ereignisse, der Revolution oder des Krieges habe er gesagt, man
solle etwas für die eigene Nation machen, damit zumindest die Kinder
diese erleben könnten. Man habe bis 2013 im Kriegszustand gelebt, aber
nicht daran gedacht, wegzugehen. Indessen sei Bashar Al-Assad ein «un-
treuer Mensch». Er habe das Land an die Schiiten verkauft, habe die His-
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bollah und andere Parteien aus dem Iran und Irak gerufen und mit Russ-
land eine Vereinbarung getroffen – und sie, die Kurden, bombardiert und
ihren Boden verbrannt. Als er K._ unter seine Macht gebracht habe,
seien viele «zu Märtyrern» geworden, man habe begonnen, «die Leute
wegzunehmen». Circa im 9. Monat 2013 sei er auf Arbeit gewesen, als eine
Truppe bei ihm daheim vorgesprochen und bei seiner Frau nach ihm ge-
fragt habe. Sie habe ihn benachrichtigt. Er sei ratlos gewesen, man habe
ihm geraten, nicht nach Hause zu gehen. So auch sein Vater, den er ange-
rufen habe – er habe ihm vorhergesagt, wenn er mitgenommen würde,
käme er nicht zurück. Es falle ihnen leicht, jemanden zu inhaftieren, ster-
ben zu lassen oder zu foltern. Er habe sich drei Monate lang versteckt ge-
halten, in dieser Zeit hätten sie dreimal nach ihm gesucht. Beim letzten Mal
hätten sie seine Frau bedroht, und ihr, während sie seinen Sohn festgehal-
ten hätten, noch etwas Anderes angetan, was sie nicht weiter erwähne.
Seine Frau sei nicht mehr wie früher. Auch der Sohn sei verängstigt, man
habe das nicht anders lösen können, als wegzugehen. Seine Familie sei
zu seiner Schwester, nach Dd._, gegangen. Ein Onkel habe sie
nach I._ gebracht, wo er ein Grundstück gekauft und ein Haus ge-
baut (aber noch nicht eingerichtet) habe. Es sei kalt und feucht gewesen,
deshalb habe die Familie eine Mietwohnung bezogen. Seine Frau habe
aber Angst gehabt, es seien «Araber» gekommen und auch die Nachbarn
hätten Bewegungen ums Haus wahrgenommen. Sie sei deshalb zu ihren
Eltern gezogen, die in einem kleinen Dorf am Tigris, an der Grenze zur
Türkei lebten. Dort gebe es immer Probleme zwischen den Kurden und der
Türkei. Vor ihrem Haus befinde sich ein YPG-Revier (in einem Revier, wo
vor dem Krieg die syrische Armee gewesen sei). Es habe viele Schiesse-
reien und Granaten gegeben. Die Kinder – damals noch klein – seien bis
heute verängstigt. Er selber sei in Ee._ und in Zz._ je bei
einer Familie geblieben, auch in Gg._ bei K._. Mangels Al-
ternative – man sei sich nie sicher gewesen, welchen Gruppen man unter-
wegs begegnen könne – seien er und seine Familie an ihren jeweiligen
Orten geblieben. Er habe gewusst, dass die Regierung nach ihm suche,
sie hätten ja seine Frau aufgesucht und nach ihm gefragt; Hh._
habe in Erfahrung gebracht, dass sie an den Checkpoints seinen Namen
hätten. Er habe auf einer Art Bauernhof Unterschlupf gefunden und dort für
den Unterhalt der Familie arbeiten können. Seine Frau habe Angst gehabt,
entweder von der YPG oder der Regierung festgenommen zu werden.
Seine Mutter und sein Onkel hätten schliesslich gesagt, es gebe keine an-
dere Wahl für die Familie, als Syrien zu verlassen. Sein Onkel habe ihm
geholfen. Er hätte das noch nicht fertige Haus verkaufen sollen, doch habe
man nicht die vollen Kosten dafür bekommen. Sie hätten für die Ausreise
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seiner Frau Geld besorgt und einen Schlepper gefunden. Er habe dann
auch über den Onkel einen Fluchtweg gefunden. Während der ganzen Zeit
habe er, der Beschwerdeführer, seine Familie nicht gesehen, bei der ersten
Vorsprache der Truppen habe ihn seine Frau angerufen, später habe die
Kommunikation via den Onkel oder die Mutter stattgefunden.
Er habe sich – er wisse nicht mehr, wann genau – bei der Demokratischen
Partei in Syrien angemeldet, sei aber wegen häufiger Wohnortsabwesen-
heiten keinen nationalen Bewegungen oder Aufgaben nachgegangen. Ihr
Blut sei das der Ii._, sie glaubten nicht an Krieg, sondern daran,
Rechte auf friedliche Art zu bekommen. Einen Parteiausweis habe er nicht;
die Partei habe verschiedene Sitze und sich im Geheimen bewegt. Letzt-
mals richtig Kontakt zur Partei («als ich mit denen zusammensass», F122)
habe er 2010 gehabt.
Ausschlaggebend für die Flucht sei die Regierung gewesen. Beim Erhalt
des Gerichtsbeschlusses im Jahr 2013 sei er noch nicht geflohen, weil er
noch Hoffnung gehabt habe, man könne im Heimatland leben. Hätte er ab-
sehbar nur eine bestimmte Zeit ins Gefängnis gehen müssen, wäre er nicht
geflohen, aber dieses Regime kenne nur noch Tötung und Folter. Die Hoff-
nung auf das Ende des Regimes habe sich zerschlagen, nachdem Russ-
land, Iran und weitere Länder jenem geholfen hätten. Die Ausreise habe er
durch seinen «Meister», Hh._, organisiert, sein Onkel habe ihm das
Geld besorgt. Die – im Detail geschilderte – Ausreise sei illegal erfolgt, er
habe einzig eine Kopie seiner Identitätskarte als Ausweispapier dabeige-
habt.
C.b Die Beschwerdeführerin 2 führte aus, sie stehe, wenn es technisch
möglich sei, mit der Familie in Kontakt, indessen fänden in ihrer Heimat
gerade Bombardements seitens der Türkei statt. Einer ihrer vier Brüder sei
entführt worden. Einer lebe in U._, einer in M._ und ein wei-
terer in Jj._; die fünf Schwestern lebten alle in Jj._. Die El-
tern lebten in einem Kleinstdorf (Kk._/ Ll._) auf einer Art
Bauernhof. In der Schweiz lebten zwei Tanten und ein Cousin. Ein Onkel,
eine Tante und eine Schwägerin wohnten in Drittstaaten, namentlich
U._. In Jj._ habe sie zuerst in K._ gelebt, später in
I._. Unmittelbar vor der Abreise sei sie bei ihren Eltern gewesen.
Geboren worden sei sie in Kk._/Ll._; registriert sei sie in
I._/Mm._ gewesen. Sie habe sich am (...) mit dem Be-
schwerdeführer 1 verheiratet. Sie hätten erst bei seinen Eltern (in
Nn._) gelebt, seien (...) nach Oo._/S._ gezogen, im
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Jahr (...) zurückgekehrt. Sie sei drei bis vier Monate bei der Schwester (in
Oo._, Pp._) ihres Mannes geblieben, dann für vier bis fünf
Monate nach I._ und danach zu ihrer Mutter gezogen. Nicht alle
diese Aufenthalte seien den Behörden offiziell bekannt gewesen. Ihr Mann
sei verschiedenen Tätigkeiten nachgegangen, er habe (...) gearbeitet. An
Schulen habe sie die 1. bis 6. Klasse wie auch die Mittelstufe an der Schule
(...) besucht, ein Jahr nach Abschluss der 9. Klasse geheiratet. Beim Um-
zug nach Oo._ sei ihr Traum gewesen, sich für die Matura zu be-
werben. Es habe 2006/07 in K._ einen Kurs in (...) gegeben. Sie
habe sich mit ihrem Schulabschluss beworben, den zweijährigen Kurs er-
folgreich abgeschlossen und sodann als (...) gearbeitet. Weil an ihrem Ar-
beitsort Bedarf nach einer (...) bestanden habe, habe sie eine sechsmona-
tige Ausbildung in diesem Bereich gemacht. Anfang 2013 habe sie sich für
die Maturaprüfung angemeldet und diese im 6. Monat bestanden – gelernt
habe sie zuhause. Zum Aufgebot ihres Mannes zum Reservedienst führte
sie an, seine Mutter habe ihm mitgeteilt, dass zwei Männer bei ihr gewesen
seien. Es sei ein Schreiben auf Arabisch gekommen. Was es genau gewe-
sen sei, habe die Mutter mutmasslich nicht gewusst. Zwei ihrer Brüder
stünden in Konflikt mit dem syrischen Staat: Qq._ sei aus dem Mi-
litärdienst «abgehauen» und Rr._ (sowie ihr Mann und «seine Meis-
ter») habe ihm geholfen, in die Türkei zu fliehen. Der Mann einer Schwester
habe an Demonstrationen teilgenommen, sei inhaftiert und gefoltert wor-
den.
Auf die Gründe ihrer Flucht angesprochen, gab sie sich sicher, ohne Flucht
wären ihr Mann oder eines ihrer Kinder getötet worden. Sie und die Kinder
seien bedroht worden; der Haftbefehl gegen ihren Mann bedeute Folte-
rung, Hunger und Tötung. Ende 2013, in K._, hätten vier oder fünf
Männer geklopft, sie seien «böse», «stabil und gross» gewesen und hätten
sich nach ihrem Mann erkundigt. Sie hätten ihr gesagt, ihr Mann werde
«verlangt», und die Wohnung, das Haus und den Bauernhof durchsucht.
Sie habe ihren Mann angerufen und ihm davon berichtet, er sei in der Folge
nicht mehr nach Hause gekommen. Diesen ersten Vorfall hätten die Kinder
nicht gesehen. Nach circa einem Monat seien wiederum Männer vorbeige-
kommen, andere als beim ersten Mal. Sie hätten wiederum gefragt, wo ihr
Mann sei, sie habe es nicht gewusst. Sie habe schwören müssen, sonst –
so habe man gedroht – würden sie ihr etwas antun oder ihre Kinder töten.
Sie hätten sie beschimpft und mit Vergewaltigung gedroht. Beim dritten Mal
seien wiederum vier, fünf Männer gekommen. Sie seien «sehr, sehr
schmutzig» ihr gegenüber gewesen. Es sei unklar gewesen, ob sie zum
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Militär oder zur Polizei gehörten. Sie hätten wieder nach ihrem Mann ge-
fragt. Als sie gesagt habe, sie wisse nicht, wo er sei, hätten sie sie mit
schmutzigen Worten beschimpft, aber auch Andeutungen zu ihrem Ausse-
hen gemacht. Einer habe gesagt, er werde – wenn sie den Aufenthalt ihres
Mannes nicht preisgebe – ihren Sohn E._ töten. Sie hätten ihn auch
schon zur Tür gebracht. Sie hätten alle geweint. Die Männer hätten sich
besprochen, sie wieder beschimpft und ihre Wiederkehr angekündigt. Sie
habe mit dem Vater und dem Onkel ihres Mannes gesprochen. Diese hät-
ten zur Ausreise geraten. Sie hätten nur Kleider gepackt und seien zu
Ss._ gefahren. Der letzte Vorfall sei anfangs 2014 gewesen. Die
Männer hätten zum Grund, warum sie ihren Mann suchten, gesagt, wer
gegen die Regierung sei, dem würde man was antun. Den ersten Vorfall
habe sie ihrem Mann berichtet, den zweiten nicht (es habe kein Telefon
gegeben), vom Dritten habe er wohl von seinen Verwandten gehört. Ver-
wandte hätten auch vom zweiten Vorfall – bei dem sie alleine gewesen sei
– gewusst. Sie habe keine Hilfe suchen können. Sie habe auch gar nicht
gewusst, wer das sei – die Al-Nusra-Front oder die Armee. Die Lage sei
sehr gefährlich gewesen. Sie hätten das Haus nicht verlassen, ein Nachbar
habe ihnen Essen mitgebracht. Bei Ss._ seien die Kinder in sehr
schlechtem psychischen Zustand gewesen. Es habe Schiessereien und
Bomben gegeben. Der Onkel ihres Mannes habe sie aufgefordert, nach
I._ zu kommen. Dort hätten sie stets Angst gehabt, dass die Araber
sie angriffen. Jeden Tag seien neun oder zehn Märtyrer der YPG nach
I._ zurückgebracht worden. Überall habe es Spione gehabt. Sie
seien nach drei oder vier Monaten zu ihrer Mutter gegangen. Diese wohne
an der türkischen Grenze, bei einem Polizeirevier. Früher sei die Armee
dort gewesen, nun die YPG. Sie habe bei den Eltern ein besseres Gefühl
gehabt, aber gleichwohl Angst und Sorge um die Kinder. Die Türken auf
der anderen Seite des Flusses, an dem das Elternhaus liege, hätten immer
geschossen. Sie habe den Haftbefehl ihres Mannes nicht bei den geschil-
derten Vorfällen erhalten, dieser sei mutmasslich über den Bruder ihres
Mannes zu ihnen gelangt.
Selber habe sie nur zu ihrer Schulzeit Probleme mit den Behörden gehabt.
Sie habe sich der Baath-Partei anschliessen müssen, sonst hätte sie die
9. Klasse nicht abschliessen dürfen. Auch sei das Kurdische unterdrückt
worden. Geflüchtet seien sie wegen der Probleme ihres Mannes. Dass ihr
Mann an Demonstrationen teilgenommen habe, habe sie damals nicht ge-
wusst; sie hätte es ihm andernfalls verboten. Es seien Männer zu Besuch
gekommen, man habe ihr weisgemacht, es würde gespielt. Sei er wegge-
gangen, habe er gesagt, er gehe arbeiten. Erst, nachdem «dieser Befehl»
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gekommen sei, habe sie gewusst, dass da etwas sei. Sie habe nun mitbe-
kommen, dass er mit seinem «Meister» - ein «Kriegskapitän» - aktiv gewe-
sen sei. Im Gegensatz zu ihr sei ihr Mann einmal verhaftet worden. Ihr
Mann sei einmal Quittungen bezahlen gegangen. Er sei ohne Geld und
Motorrad zurückgekommen, aber mit Flecken. Er habe berichtet, er sei
zwei Stunden festgehalten und ihm seien Motorrad und Geld abgenommen
worden. Sie sei kein Parteimitglied, möge aber die Kurdenpartei PDK. Ihr
Mann habe an Demonstrationen teilgenommen. Allgemein habe sie als
Kurdin in Syrien kein gutes Leben führen können. Als Kind habe sie erlebt,
wie die Regierung ihren Eltern habe Land oder Schafe wegnehmen wollen
und wie der Vater inhaftiert worden sei. Vor dem Besuch der Männer habe
sie von einer Anklage nichts gewusst. Auch ihr Mann habe nachgefragt,
was überhaupt gegen ihn vorliege.
Ausschlaggebend für den Entscheid auszureisen, sei die Unmöglichkeit,
mit ihrem Mann sicher unter einem Dach leben zu können. Wären sie in
Syrien verblieben, wären er stets auf der Flucht und die Kinder in Angst
verblieben. Ihr Mann hätte mit Festnahme, Folterung und Tötung rechnen
müssen; das sei zu erwarten, wenn man «verlangt» werde. Auch habe die
YPG Minderjährige – 12 oder 13 Jahre alte Kinder – mitgenommen. Von
den Ausreiseplänen habe ihre Familie, die ihres Mannes und er gewusst.
Sie seien am 20. September 2015 illegal ausgereist. Sie seien von
I._ in die Türkei ausgereist. Der Übertritt nach Griechenland sei
zweimal gescheitert – einmal sei sie von griechischen Polizisten angehal-
ten, (u.a. um die Identitätsdokumente) bestohlen und zurückgeschickt wor-
den, ein zweites Mal hätten sie Fischer festgesetzt und der türkischen Po-
lizei übergeben. Sie habe u.a. ihren Ausweis bei der Ausreise dabei ge-
habt.
C.c Die Beschwerdeführerin 3 wurde eingangs ihrer Anhörung zu allgemei-
nen Wahrnehmungen in Zusammenhang mit Völkerrechtsverbrechen be-
fragt. In diesem Zusammenhang erwähnte sie als selbst beobachtete Über-
griffe, wie Männer nach Hause gekommen seien und den Vater gesucht
hätten. Sie hätten mit der Mutter gestritten und seien «sehr schmutzig» zu
ihr gewesen, sie hätten schlimme Wörter ausgesprochen und seien nicht
nett gewesen.
In Syrien hätten sie anfangs in Oo._/S._ gelebt, dann in
K._. Sie seien dann zu einer Tante gezogen – sie wisse nicht mehr,
wie es dort geheissen habe –, danach nach I._ und schliesslich zum
Grossvater in Kk._, an einem Fluss nahe zur Türkei. Sie habe die
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Schule bis zur dritten Klasse in Syrien besucht, dann wegen des Krieges
nicht mehr. Ihre Tanten und die noch lebenden Grosseltern lebten noch in
Syrien, zwei Schwestern ihres Vaters lebten in Deutschland, vier Onkel und
eine Tante im Irak, zwei Onkel in Deutschland und einer in Österreich. In
der Schweiz lebten neben ihnen nur zwei Tanten ihrer Eltern.
Syrien hätten sie wegen des Krieges verlassen und weil sie ihren Vater
mitgenommen hätten. Sie habe ihren Vater während zwei Jahren nicht ge-
sehen, die Wohnung in S._ sei von einer Granate getroffen worden
– aber da sei sie noch klein gewesen. Man habe in der Nacht wegen
Schiessereien nicht schlafen können. Es seien Männer gekommen, die ein-
mal fast den Bruder E._ mitgenommen hätten. In der Schule sei sie
gezwungen worden, Arabisch zu sprechen. Die Männer seien auch in
I._ gekommen und beim Grossvater hätten sie wieder Schiesse-
reien gehört. Die Männer seien insgesamt dreimal gekommen, sie hätten
den Vater «verlangt». Sie habe es nur einmal selbst gesehen. Sie habe
nicht gewusst, weshalb sie den Vater gewollt hätten. Er sei deshalb zwei
Jahre weg gewesen – sie hätten ihn festgenommen und «Gott weiss, was
hätten sie mit ihm dann gemacht». Die Mutter habe gesagt, sie verliessen
Syrien, um sich vor dem Krieg zu schützen und damit sie all das nicht mehr
sehen müssten.
Soweit sie zum Fluchtweg Angaben machen konnte, führte sie aus, sie –
ihre Mutter, sie und ihre Brüder – seien des Nachts über die Türkei und
Griechenland geflohen. Sie seien einem Schlepper gefolgt; wer den orga-
nisiert habe, wisse sie nicht. Sie seien einzig in Griechenland kontrolliert
worden; dort sei ihnen alles, was sie dabei gehabt hätten, weggenommen
und weggeschmissen worden.
D.
Am 14. Dezember 2018 wurden der Beschwerdeführer 1 und am 19. De-
zember 2018 die Beschwerdeführerin 2 ein zweites Mal angehört (vi-
act. 44, «Anhörung BF 1/2» resp. vi-act. 45, «Anhörung BF 2/2»).
D.a Zu Beginn wurde der Beschwerdeführer 1 auf das Aufgebot zum Re-
servedienst angesprochen. Erst in der Schweiz habe er mitbekommen,
dass dieses Dokument bei seiner Mutter eingegangen sei (er selbst habe
zuletzt zwei Jahre in R._ gelebt). Gemäss seiner Mutter hätten zwei
ihr unbekannte Männer das Aufgebot gebracht – sie hätten sich zuerst
nach ihm erkundigt und dann das Dokument ausgehändigt. Er habe sich
vor allem Sorgen um seine Mutter gemacht und nicht nach Details der
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Übergabe gefragt. Die Behörden hätten sich in Qamishli mobilisiert und
von dort sei das Dokument gekommen. Zuständig sei das Aushebungsamt.
Komme jemand dem Aufgebot nicht nach, nehme dieses Amt mit «einem
Sicherheitsapparat» Kontakt auf und man werde zur Fahndung ausge-
schrieben. Seine Familie sei bis auf die Mutter nicht mehr in Syrien, sein
Ausbleiben im Dienst habe für die Familie keine Konsequenzen gehabt.
Seine Mutter sei nicht mehr kontaktiert worden.
Der Übergriff, als er auf dem Weg, um Rechnungen zu zahlen, angehalten
und festgesetzt worden sei, sei durch die Truppe der Polizeistelle in
K._ erfolgt. Das sei im Frühling, zwischen Mai und Juni 2011 gewe-
sen. Warum er angehalten worden sei, habe er damals nicht gewusst. Man
habe ihn auf der Polizeistelle in ein Zimmer gebracht, geschlagen und ihm
viele Fragen gestellt – wie er heisse, wo er arbeite, zu wem er Kontakt
pflege. Der Befrager sei alleine auf dem Posten gewesen. Er habe das
Geld, das er für die Rechnungen auf sich getragen habe, angeboten, um
entkommen zu können. Der Befrager habe ihm auch das Motorrad abge-
nommen. Die Krise sei da noch frisch gewesen, es seien in der Regel nur
bekannte oder gesuchte Personen festgenommen worden. Er vermute ei-
nen Zusammenhang mit seiner Arbeitsstelle. Das sei kein Widerspruch
dazu, dass er zu seinen Personalien verhört worden sei – Verhöre begän-
nen üblicherweise so. Seine Arbeitsstelle sei wohl durch den Geheim-
dienst, für den auch Spitzel arbeiteten, bekannt gewesen. Er habe einer-
seits auf einer Plantage für Cc._ gearbeitet, anderseits in einer
Firma für Hh._. Dieser sei Kampfjet-Pilot gewesen und habe seine
Stelle verloren – glaublich, als die Krise in Hama begonnen habe – und sei
wohl unter Beobachtung gestanden. Er habe das Bestechungsgeld nach
kurzem Verhör schon angeboten. Er habe den Befrager unter Verweis auf
seine Kinder und den zu Besuch weilenden Vater angefleht. Eventuell habe
der Befrager rasch eingelenkt, damit er das Bestechungsgeld für sich al-
leine behalten könne – dieser sei da gerade alleine auf dem Posten gewe-
sen. Er sei in der Folge dieses Vorfalles sehr wachsam gewesen, habe
solche Patrouillen vermieden, auch Umwege in Kauf genommen.
Zu den Demonstrationen führte er aus, man habe bei Hh._ Vorbe-
reitungen getroffen. Sie hätten Flaggen und Transparente vorbereitet,
diese mit Hh._ Pick-up zu den zur Demonstration versammelten
Menschen gebracht und unter ihnen verteilt. Sie hätten sichere Strassen,
Nebenstrassen genommen. Sodann hätten sie selbst an der Demonstra-
tion teilgenommen. «Sie», das seien er selbst, Tt._, ein (...)
Hh._ und Uu._, ein Kamerad. Nach der Demonstration sei
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er jeweils nach Hause oder zur Arbeit gegangen. Ob zu Fuss oder mit ei-
nem Fahrzeug, sei vom Ort abhängig gewesen. Gekommen sei er jeweils
auch von zuhause oder von der Arbeit her. Die Demonstrationen seien
spontan organisiert worden. Die vorbereiteten Sachen hätten sie in Kartons
aufbewahrt. Infolge Schichtbetriebs sei immer jemand von ihnen in der
Firma gewesen. An den Demonstrationen habe man versucht, sich mög-
lichst nicht fotografieren zu lassen. Wenn Checkpoints auf Nebenstrassen
verlegt worden seien, hätten die Leute einander informiert. Wären sie er-
wischt worden, hätte man sie von der Bildfläche verschwinden lassen. Es
seien viele Personen festgenommen worden und im Gefängnis unter Folter
ums Leben gekommen. Auf mögliche zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen
angesprochen, führte der Beschwerdeführer 1 aus, die Behörden hätten
sich bei Demonstrationen aus der Region zurückgezogen oder aber die
Demonstration mit aller Kraft verhindert. Am Anfang hätten sie versucht,
sich zurückzuziehen, um eine Eskalation zu verhindern. Woher sie von den
Demonstrationen gewusst hätten, wisse er nicht, er habe seinem Arbeitge-
ber – eine ältere und kultivierte Person, die patriotische Arbeit gemacht
habe – blind vertraut. Gefährlicher sei der Transport von Waren zwischen
Vv._ und K._ gewesen, da die Armee dort stark präsent ge-
wesen sei. Er habe das freiwillig getan. Natürlich habe er Sorge um seine
Familie gehabt. Auch die Kameraden hätten Familie, aber niemand habe
gedacht, dass die Krise so lange andauern würde. Schliesslich hätten sie
ihn mit seinem Namen gesucht und nachdem sie zum dritten Mal bei seiner
Familie gewesen seien, habe er Angst bekommen und sie seien geflohen.
Das sei nicht von Anfang an das Resultat der Probleme gewesen – zu Be-
ginn habe er ja die Familie nach I._ geschickt, in der Hoffnung, dass
die Krise zu Ende gehe. Hätte er eine Gefahr für sein Leben ausschliessen
können, wäre er in der Heimat geblieben. Wie die Behörden auf seine Ak-
tivitäten aufmerksam geworden seien, wisse er nicht, mutmasslich von In-
formanten. Es reiche auch aus, dass sie drei Mal bei seiner Familie gewe-
sen seien. In der Schweiz habe er dann nachgeforscht, weshalb er gesucht
werde, und über einen mit der Familie befreundeten Anwalt die Dokumente
organisiert, aus denen hervorgehe, dass er zu fünf Jahren Haft verurteilt
sei.
Seine Aktivitäten habe er lange vor seiner Frau verheimlicht. Er habe Über-
stunden vorgeschützt. Er habe seine Frau keiner Gefahr aussetzen wollen.
Hier habe er seiner Frau nun alles berichtet. Die Vorsprachen der Behör-
den bei seiner Familie hätten sich drei Mal innert dreier Monate, im Jahr
2015, abgespielt; eine Unstimmigkeit seiner Altersangabe der Kinder zum
Zeitpunkt der Behördenbesuche erklärte er als Rechenfehler. Er sei zu der
E-784/2019
Seite 14
Zeit nicht bei der Familie gewesen, weil er Angst gehabt habe, festgenom-
men zu werden. Der Weg von R._ nach I._ sei diesbezüg-
lich gefährlich – nicht aber für Frauen und Kinder.
Er selber, so der Beschwerdeführer, sei ausgereist, als er gewusst habe,
dass die Familie in der Schweiz angekommen sei. Die gefährliche Reise
der Familie sei eine Last für ihn gewesen; er habe dann auch das Risiko
auf sich genommen und die Ausreise gewagt, um zu ihnen zu stossen.
Auch habe er seine eigene Ausreise nicht unmittelbar finanzieren können;
gelungen sei es ihm mittels eines Vorschusses auf den Verkaufspreis des
Hauses.
Das bei den Beweismitteln liegende Urteil liege ihm nicht im Original vor,
es sei seinem Anwalt einzig möglich gewesen, eine Fotografie davon zu
machen. Es sei durchaus möglich, dass man festgenommen und nur
mündlich unterrichtet werde, weshalb. Es komme auch vor, dass gesunde
Personen vorgeblich für den Militärdienst mitgenommen würden und nach
wenigen Tagen angeblich an einer Herzkrankheit verstorben sein sollten.
D.b Die Beschwerdeführerin 2 berichtete zunächst einlässlich, wie ihr Va-
ter im Nachgang zur Anhörung ihres Gatten im Rekrutierungsbüro
Aa._ eine Abschrift des Aufgebotes zum Reservedienst habe er-
hältlich machen können, das erst in Fotografie vorliegende Dokument solle
noch geschickt werden. Ein weiteres Dokument – wohl das Gerichtsurteil
– sei nur beim Justizministerium zugänglich, sie lasse nicht zu, dass sich
ihr Vater auch dieser Gefahr aussetze.
Das Original des Aufgebotes sei der Mutter ihres Mannes von zwei Män-
nern gebracht worden, sie hätten ihr gesagt, er solle sich nicht verspäten
und sich umgehend bei den Behörden melden. Die Mutter habe dem Be-
schwerdeführer 1 eine Fotografie geschickt. Wann genau, wisse sie nicht
mehr, wohl, als er gerade in der Schweiz angekommen sei. Zuerst habe
ihr, der Beschwerdeführerin 2, ihr Mann von dem Besuch erzählt, später
auch seine Mutter. Ihres Wissens sei die Mutter nicht weiter kontaktiert
worden.
Sie selbst sei dreimal von den Behörden aufgesucht worden, jeweils von
vier, fünf Männern. Es seien nicht dieselben gewesen. Der erste Besuch
sei Ende 2013, anfangs 2014 gewesen, der zweite einen oder zwei Monate
später. Dazwischen sei schon mal unangekündigt geklopft worden, sie
habe aber die Türe nicht geöffnet. Als sie wirklich gekommen seien, hätten
E-784/2019
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sie an die Türe geschlagen. Sie habe dann geöffnet, um eine Stürmung zu
verhindern. Nach dem Öffnen der Türe hätten die Männer das Haus durch-
sucht, einer sei bei ihr geblieben und habe sie an den Haaren gehalten.
Sie hätten die Kinder genommen und sie mit dem Tod bedroht, wenn sie
nicht sage, wo ihr Mann sei – angesichts der Drohung gegen die Kinder
hätte sie ihn wohl verraten. Man habe sie auch mehrmals mit der Verge-
waltigung bedroht und sie mit dem Bajonett im Gesicht verletzt. Diese Dro-
hung hätten sie nicht wahrgemacht, hätten es aber wohl gekonnt. Sie hät-
ten ihr gesagt, sie würden immer wieder kommen, bis sie ihren Mann er-
wischten – ansonsten würde sie umgebracht. Konkret sei E._ mit
dem Tod bedroht worden. Beim ersten Mal sei nur er dabei gewesen, da-
nach alle drei.
Sie habe in Syrien stets und bis zur Ausreise das Gefühl gehabt, sie wür-
den überwacht. Sie hätten ihr gedroht, sie umzubringen, wohin auch immer
sie gehe. In I._ hätten die Nachbarn in der Nacht Leute ums Haus
beobachtet. Gegen die Überwachung hätte sie sich nicht wehren können,
da wäre sie direkt mitgenommen worden. Im späteren Verlauf habe sie
auch nicht offiziell gemeldet, wo sie seien. Ein bis zwei Monate nach dem
letzten Besuch der Behörden sei sie für zwei drei Monate zur Schwester
ihres Mannes, danach zu einem seiner Onkel bezogen, der sie dann nach
I._ geschickt habe. Sie habe so lange mit der Ausreise zugewartet,
weil sie eigentlich nicht habe gehen wollen. Sie seien nicht gemeinsam mit
ihrem Mann ausgereist, weil er zum einen versteckt gewesen sei; zum an-
dern hätte das Geld dazu nicht gereicht. Sie habe die Schweiz nicht gezielt
als Zielland ausgesucht, und zuerst auch gar nicht gewusst, wo sie gelan-
det sei.
Die vorgelegten Gerichtsdokumente habe ihr Bruder via den örtlichen An-
walt erhältlich machen können. Originale würden aber nicht ausgehändigt.
Den vorliegenden Scan respektive die Fotografie habe der Anwalt angefer-
tigt.
Direkten Kontakt zur YPG hätten sie und ihre Tochter nicht gehabt. Sie
habe diese gemieden und insbesondere die Tochter im Haus behalten,
wenn die YPG vor der Tür gewesen sei. Mädchen von zehn, elf Jahren
würden schon «mitgenommen». Ihr Bruder sei «mitgenommen» worden,
zuerst habe man nicht gewusst, wo er sei.
Ihr Mann habe nicht ins kurdische Gebiet mitkommen können, weil er bei
einer Anhaltung mit der Festnahme und dem Verschwinden hätte rechnen
E-784/2019
Seite 16
müssen, die YPG sei mit der Regierung eins. Von seinen politischen Akti-
vitäten habe sie erst in der Schweiz erfahren. Wenn er weggegangen sei,
habe er jeweils gesagt, er gehe arbeiten oder zu einem Kollegen. Teil-
nahme an Demonstrationen habe er verneint. Die Behördenvertreter, die
sie aufgesucht hätten, hätten gesagt, ihr Mann sei gegen sie und werde
bestraft. Sie hätten auch Flyer gesucht – aber sie habe nichts darüber ge-
wusst. Sie habe ihn schon aufgefordert, «so etwas nie» zu machen, und in
der Nacht das Haus nicht zu verlassen, auch nicht für die Arbeit. Aber sein
Vorgesetzter sei ein aktiver Oppositionär gewesen. Sie habe ihn nach den
Aufsuchungen nicht konfrontieren können, weil sie ihn nicht mehr gesehen
oder erreicht habe.
E.
Zu den Akten gereicht respektive sichergestellt wurden diverse Identitäts-
dokumente (Identitätskarten, Reisepass und militärisches Dienstbüchlein
Beschwerdeführer, Familienbüchlein, Impfausweise Kinder), diverse Be-
lege (insbesondere Schulzeugnisse) sowie Kopien eines Fahndungsauf-
trags, eines Gerichtsurteils und eines Aufgebotes zum Reservedienst (die-
ses auch im Original).
F.
Mit am 14. Januar 2019 eröffneter Verfügung vom 11. Januar 2019 (vi-
act. 61, «angefochtener Entscheid») lehnte das SEM eine Änderung des
Geburtsdatums der Beschwerdeführerin 2 im ZEMIS ab (Dispositiv Ziff. 1),
änderte indessen den Nachnamen der Kinder im ZEMIS auf Ww._
[anstelle von Xx._ Ww._] (Ziff. 2). Es verneinte die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführenden (Ziff. 3) und lehnte ihre Asylge-
suche ab (Ziff. 4). Die Beschwerdeführenden wurden aus der Schweiz
weggewiesen (Ziff. 5); wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges
wurden sie indessen vorläufig aufgenommen (Ziff. 6), mit Beginn ab dieser
Verfügung (Ziff. 7) und Beauftragung des Kantons Yy._mit deren
Umsetzung (Ziff. 8).
G.
Mit Eingabe vom 13. Februar 2019 erhoben die Beschwerdeführenden Be-
schwerde gegen diesen Entscheid. Sie beantragten Einsicht und eventua-
liter Gewährung des rechtlichen Gehörs zu den vorinstanzlichen Aktenstü-
cken 19 und 20 (Rechtsbegehren Ziff. 1 f.) und Einräumen einer anschlies-
senden Frist zur Ergänzung der Beschwerde (Ziff. 3). Weiter stellten sie die
Beschwerdebegehren, es sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und
E-784/2019
Seite 17
die Sache dem SEM zur vollständigen und richtigen Abklärung und Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung zu-
rückzuweisen (Ziff. 4). Eventualiter sei der angefochtene Entscheid aufzu-
heben, die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden festzustellen
und ihnen Asyl zu gewähren (Ziff. 5), [sub-]eventualiter sei der angefoch-
tene Entscheid aufzuheben und es seien die Beschwerdeführenden als
Flüchtlinge anzuerkennen (Ziff. 6). In verfahrensrechtlicher Hinsicht seien
die Beschwerdeführenden von der Leistung eines Kostenvorschusses res-
pektive der Bezahlung der Verfahrenskosten zu befreien (Ziff. 7 f.), even-
tualiter sei eine angemessene Frist zur Bezahlung eines Gerichtskosten-
vorschusses anzusetzen.
Mit Schreiben vom 26. Februar 2019 reichte der Beschwerdeführer das
Original einer bislang als Kopie eingereichten Beschwerdebeilage nach.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 7. März 2019 wies die Instruktionsrichterin die
Rechtsbegehren Ziffer 1 bis 3 ab. Das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung wurde gutgeheissen und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses verzichtet.
I.
In ihrer Vernehmlassung vom 22. März 2019 schloss die Vorinstanz sinn-
gemäss auf Abweisung der Beschwerde.
J.
In ihrer Replik vom 11. April 2019 hielten die Beschwerdeführenden an den
gestellten Anträgen fest. Mit Eingabe vom 16. Oktober 2019 wies der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden auf das gegenwärtige, sehr
volatile Kriegsgeschehen in Syrien hin und ersuchte, nach Stabilisierung
der Situation, «eine angemessene Frist zur Aktualisierung des Dossiers
anzusetzen».

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
E-784/2019
Seite 18
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.5 In den Rechtsbegehren wird zwar die Aufhebung des angefochtenen
Entscheides insgesamt gefordert, die Beschwerdebegründung nimmt aber
zu den Dispositivziffern 1 und 2 des angefochtenen Entscheides keine Stel-
lung; auch werden in deren Rubrum die Personalien der betroffenen Be-
schwerdeführenden gemäss diesen Ziffern geführt (anders aber die Nach-
namen der Kinder ohne Begründung in der Eingabe vom 16. Oktober
2019). Es ist mithin davon auszugehen, diese Punkte seien nicht angefoch-
ten.
Es kann bezüglich dieser Dispositivziffern somit auf Abschnitt II der Be-
gründung der angefochtenen Verfügung verwiesen werden, zu dem sich
keine materiellen Bemerkungen offenkundig aufdrängen. Festzuhalten ist
in formeller Hinsicht dazu einzig, dass entgegen dieser Begründungsziffer
dem Protokoll der Anhörung BF 2/2 keine Anträge der Beschwerdeführerin
2 entnommen werden können. Diese ergeben sich einzig aus den Bemer-
kungen der Hilfswerkvertretung (bezüglich der Anpassung der Nachnamen
der Kinder in den ersten Anhörungen der Beschwerdeführerinnen 2 und 3).
Die Vorinstanz ist daran zu erinnern, dass Vorbringen und Anträge von Par-
teien im Rahmen der Aktenführungspflicht aktenmässig aufzunehmen sind
– die Hilfswerksvertretung fungiert nicht als Vertretung der Beschwerdefüh-
renden.
E-784/2019
Seite 19
1.6 Bezüglich der Rechtsbegehren 1 bis 3 (Beschwerdebegründung Art. 6
bis 12, 31) kann auf die Zwischenverfügung vom 7. März 2019 verwiesen
werden. Deren Begründung enthält eine Darstellung der zur Einsicht anbe-
gehrten Aktenstücke und nimmt abschliessend Stellung zu deren Ent-
scheidrelevanz.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal-
tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtstellung der Flücht-
linge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
3.3 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und die weder
Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat
bestehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind. Vorbehalten bleibt das
Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30; Art. 3 Abs. 4 AsylG).
3.4 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
E-784/2019
Seite 20
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.5 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (BVGE
2015/3 E. 6.5.1; vgl. auch Urteil des BVGer D-2282/2018 vom 5. April 2019
E. 5.1).
4.
4.1 Die Vorinstanz führt im angefochtenen Entscheid zum Asylpunkt aus,
der Begriff der Flüchtlingseigenschaft setze einen in zeitlicher und sachli-
cher Hinsicht genügend engen Kausalzusammenhang zwischen Verfol-
gung und Flucht voraus. Ein solcher sei zu verneinen, soweit der Be-
schwerdeführer 1 geltend mache, wegen der Teilnahme an einer Gedenk-
veranstaltung sei er nicht zum Matura-Abschluss zugelassen worden. Es
bestünden auch keine Hinweise darauf, dass er infolgedessen in den Fo-
kus der Behörden geraten wäre (Abschn. III.1).
Weiter sei eine gegen eine Person gerichtete staatliche oder nichtstaatliche
Verfolgungsmassnahme aus den in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Gründen
Voraussetzung der Asylgewährung. Soweit sich der Beschwerdeführer 1
auf seine – gemäss seinen Angaben nicht aktiv gelebte – Mitgliedschaft in
der Demokratischen Kurdischen Partei berufe, bestünden keine Hinweise
darauf, dass die Behörden davon Kenntnis erlangt hätten (Abschn. III.2.a).
Die Teilnahme an Demonstrationen im Jahr 2004 habe keine Repressionen
nach sich gezogen, so sei es etwa möglich gewesen, einen Pass zu bean-
tragen und die Kinder registrieren zu lassen. Es sei nicht davon auszuge-
hen, dass er in diesem Zusammenhang als Regimegegner registriert wor-
den sei (Abschn. III.2.b). Soweit die Beschwerdeführerin 2 geltend mache,
die YPG nehme minderjährige Kinder mit, gebe es keine Hinweise darauf,
dass eine konkrete Mitnahme gedroht hätte oder ein gezieltes Interesse an
den Kindern der Beschwerdeführenden 1 und 2 bestanden hätte (Abschn.
III.2.c).
Keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes, so die Vorinstanz weiter,
stellten im Rahmen von Krieg oder Situationen allgemeiner Gewalt erlittene
Nachteile dar, soweit sie nicht auf der Absicht beruhten, einen Menschen
aus einem in Art. 3 AsylG genannten Grund zu treffen. Soweit sich die Be-
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Seite 21
schwerdeführenden auf die allgemeine Lage in Syrien beriefen, sei – inklu-
sive den vereinzelten Granateneinschlag – keine gezielte Verfolgung im
Sinne des Asylgesetzes erkennbar (Abschn. III.3).
Befürchtungen, künftig staatlichen Verfolgungshandlungen ausgesetzt zu
sein, seien nur relevant, wenn begründeter Anlass zur Annahme bestehe,
dass sich die Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer
Zukunft verwirklichen werde. Der Beschwerdeführer 1 berufe sich auf seine
exilpolitische Tätigkeit. Es sei bekannt, dass syrische Sicherheitsdienste
auch im Ausland aktiv seien und oppositionelle Kreise überwachten. Ange-
sichts der umfangreichen Betätigung von Syrern im Ausland sei davon aus-
zugehen, dass sich diese auf Personen konzentrierten, die qualifizierte Tä-
tigkeiten ausübten. Massgebend sei weniger das Hervortreten im Sinne ei-
ner optischen Erkennbarkeit und lndividualisierbarkeit, als vielmehr eine
öffentliche Exponierung, die aufgrund der Persönlichkeit des Asylsuchen-
den, der Form des Auftritts und aufgrund des Inhalts der in der Öffentlich-
keit abgegebenen Erklärungen den Eindruck erwecke, dass ein Asylsu-
chender aus Sicht des syrischen Regimes als potentielle Bedrohung wahr-
genommen werde. Die Bürgerkriegslage in Syrien ändere daran nichts,
sondern lege vielmehr die Annahme nahe, dass die syrischen Sicherheits-
kräfte das Schwergewicht ihrer Aktivitäten auf die Opposition im Inland leg-
ten. Im Falle des Beschwerdeführers 1 lägen keine Anhaltspunkte vor, dass
er sich in exponierter Weise exilpolitisch betätigt habe. Es liege einzig ein
Gruppenfoto vom Rand einer Veranstaltung vor und es sei auch nicht er-
sichtlich, dass er aufgrund einer früherer Aktivität oder wegen seiner Fami-
lienzugehörigkeit ein spezifisches politisches Profil aufweise. Es bestehe
damit keine begründete Furcht vor flüchtlingsrelevanter künftiger Verfol-
gung (Ziff. III.4).
Die weiteren Vorbringen prüfte die Vorinstanz auf ihre Glaubhaftigkeit – bei
den für nicht relevant erklärten liess sie dies offen. Die Schilderung des
Übergriffs im Jahr 2011, bei welchem der Beschwerdeführer für zwei Stun-
den auf einem Polizeiposten festgehalten worden sei, vermöge den Anfor-
derungen an die Glaubhaftmachung nicht zu genügen. Sie sei stereotyp,
wiederholend und weitgehend pauschal gehalten und auch auf Nachfrage
nicht substantiiert. Die Annahme, er sei seines Arbeitgebers wegen festge-
setzt worden, wirke konstruiert, umso mehr, als er später keine Schwierig-
keiten zu gewärtigen gehabt habe; bei einer gezielten Verfolgung wäre dies
aber zu erwarten gewesen. Willkürliche Verhaftungen und Befragungen
seien im Frühjahr 2011 zwar vorgekommen, stellten aber keine gezielte
Verfolgung dar (Abschn. III.5.a).
E-784/2019
Seite 22
Die geltend gemachte Verurteilung des Beschwerdeführers 1 wegen der
Teilnahme an Demonstrationen und mehrmalige Aufsuchung seiner Fami-
lie in der Folge erschien der Vorinstanz in verschiedener Hinsicht nicht
glaubhaft gemacht. Die Schilderung der Beiträge des Beschwerdeführers 1
an die Demonstrationen wiesen zwar einige Details auf, er habe aber weit-
gehend stereotype Abläufe geschildert und Mühe bekundet, den eigenen
Beitrag, getroffene Sicherheitsmassnahmen – abseits von Gemeinplätzen
– oder eine zeitliche Einordnung des Engagements zu schildern. Unklar sei
auch geblieben, warum gerade er in den Fokus der Behörden hätte geraten
sollen. Unstimmig sei, warum die Verurteilung im September 2013 erfolgt
sein sollte, wenn er doch nur bis 2012 an Demonstrationen teilgenommen
habe, dass er sodann noch zwei Jahre unbehelligt in R._ habe ar-
beiten können, oder dass ausgerechnet der Vorgesetzte Hh._ sich
bei den Behörden nach der Registrierung seines Namens habe erkundigen
können. Der gefährliche Weg von R._ in die Heimat erkläre nicht,
warum mit der Ausreise gewartet worden sei, bis die Familie in Europa an-
gekommen sei respektive das Zuwarten aus finanziellen Gründen spreche
nicht für die Wahrscheinlichkeit einer konkreten Gefährdung. Die Aussagen
der Beschwerdeführerin 2 seien nicht unsubstantiiert, indessen gros-
senteils stereotyp und wiederholend ausgefallen. Lediglich vage Aussagen
habe sie abgegeben zur Frage, welche Gruppierung ihren Mann suche und
warum. Eine Beobachtung durch Spione sei spekulativ; zudem sei unklar,
warum die Nachbarn – gemäss Beschwerdeführer 1 «Araber», die sie be-
lästigten – sie warnen sollten. Weiter habe sie keine konkret erlittenen
Probleme in dem Zusammenhang angegeben. An der Authentizität der in
Kopie eingereichten Gerichtsurkunde bestünden diverse Zweifel, solche
Dokumente seien denn auch leicht fälschbar und käuflich. Es sei zudem
nicht stimmig, dass die Vorsprachen erst Ende 2013 respektive 2014 hät-
ten erfolgen sollen, wenn der Beschwerdeführer 1 doch angeblich im Sep-
tember 2013 verurteilt worden sei. Dass er erst in der Schweiz über einen
mit der Familie befreundeten Anwalt habe eine Kopie des Urteils erlangen
können, erscheint der Vorinstanz wohl unstimmig. Insgesamt erachtet die
Vorinstanz die geltend gemachte Verfolgung aufgrund der Aussagen als
nicht glaubhaft gemacht und die eingereichten Dokumente als nicht geeig-
net, diese Einschätzung umzustossen (Abschn. III.5.b).
Zur Glaubhaftmachung einer Einberufung in den aktiven Reservedienst
führte die Vorinstanz aus, Rekrutierungsmassnahmen der Regierung im
kurdischen Gebiet erschienen als eher unwahrscheinlich. Mit Ausnahme
der Städte Qamishil und al-Hasaka habe sich die Armee aus dem kurdi-
schen Gebiet Nordsyriens zurückgezogen – es erscheine somit als nicht
E-784/2019
Seite 23
nachvollziehbar, dass die Mutter des Beschwerdeführers 1 in P._
(Verwaltung H._/I._) durch zwei Männer ein Aufgebot aus-
gehändigt erhalten haben solle. Diese Angabe lasse sich zudem nicht
überprüfen und begründe für sich keine Furcht vor zukünftiger Verfolgung.
Das eingereichte Aufgebot vermöge daran nichts zu ändern; das Doku-
ment weise keine fälschungssicheren Merkmale auf; Dokumente dieser Art
seien leicht zu fälschen und käuflich zu erwerben. Die Darstellung, warum
es erst nicht möglich gewesen sein solle, ein Original zu organisieren, und
schliesslich doch, sei nicht nachvollziehbar. Das zuletzt eingereichte Doku-
ment weise zudem Unstimmigkeiten auf. Die Einberufung erscheine insge-
samt nicht als glaubhaft gemacht (Abschn. III.5.c).
4.2 Die Beschwerdeführenden machen geltend, im syrischen Kontext un-
terstelle das Regime Personen, welche illegal ausgereist seien und bei der
Flucht über ein spezifisches Profil verfügten, mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit eine regierungsfeindliche Haltung. Mit der illegalen Ausreise
werde eine asylrelevante Bedrohungslage geschaffen. Sie erfüllten die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG; zwar seien sie – da es sich
um subjektive Nachfluchtgründe handle – in Anwendung von Art. 54 AsylG
von der Asylgewährung ausgeschlossen, aber als Flüchtlinge vorläufig auf-
zunehmen. Der Beschwerdeführer 1 habe den Militärdienst verweigert und
sei illegal ausgereist. Er erfülle somit die Flüchtlingseigenschaft. Die Vor-
instanz habe sich mit dieser – ihrer eigenen Praxis – nicht auseinanderge-
setzt und folglich das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers und die Be-
gründungspflicht verletzt. Folglich sei der angefochtene Entscheid zu kas-
sieren und die Sache zur Neubeurteilung zurückzuweisen (Beschwerde,
Art. 2 bis 5).
Neben der Frage der Akteneinsicht in bestimmte Aktenstücke (vgl. dazu
vorne, E. 1.6) rügen die Beschwerdeführenden eine Verletzung der Akten-
führungspflicht und damit des rechtlichen Gehörs, indem sie Inkohärenzen
der Beweismittel mit den Beweismittelumschlägen vortragen; auch sei die
Abklärungspflicht nicht erfüllt, da die Vorinstanz Beweismittel nicht über-
setzt und keine Dokumentenanalysen vorgenommen habe (Art. 12 bis 31).
Frappant sei, dass die Vorinstanz nicht würdige, dass die Beschwerdefüh-
renden in K._, Region R._, gelebt hätten und sich der Be-
schwerdeführer längere Zeit wiederum in der Region R._ von sei-
ner Familie getrennt versteckt gehalten habe. Die Region sei ab 2013
Schauplatz mehrmonatiger Kämpfe gewesen und sei strategisch wichtig.
Die Vorinstanz unterlasse – unter Verletzung des rechtlichen Gehörs – zu
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würdigen, dass es sehr wohl möglich sei, sich in der gebirgigen, von wech-
selnden Kriegsentwicklungen betroffenen Region versteckt zu halten. Auch
übersehe die Vorinstanz, dass die Gegend mittlerweile unter der Kontrolle
des Regimes stehe, dem Beschwerdeführer 1 dort mithin asylrechtlich re-
levante Verfolgung drohe. Weiter würdige die Vorinstanz nicht, dass die
Beschwerdeführerin 2 der Vergewaltigung bedroht worden sei, die Situa-
tion in K._ unklar gewesen sei, so dass sie nicht einmal gewusst
habe, ob Armee oder Al-Nusra-Front in der Kontrolle gewesen sei und,
dass es sich bei R._ um eine Region – und nicht einen Ort – handle
(Art. 33 bis 42).
Die Vorinstanz habe ihre Abklärungspflicht wiederholt verletzt. Eine offen-
sichtliche Verletzung der Abklärungspflicht sei, dass das Asylverfahren
über Jahre verschleppt worden sei. Insbesondere verstosse gegen Treu
und Glauben, die Durchführung von namentlich Anhörungen zu verschlep-
pen und sodann den Gesuchstellenden mangelnden Detailreichtum in ih-
ren Schilderungen vorzuwerfen (Art. 42 bis 46). Die Anhörungen vermöch-
ten weiter durch ihre zeitliche Überlänge und die ungenügenden Pausen
die Anforderungen an deren Qualität nicht zu erfüllen (Art. 47 bis 49). Die
Vorinstanz habe unterlassen, eingereichte Unterlagen zu übersetzen oder
eine Frist zur Übersetzung einzuräumen. Insgesamt sei die Abklärungs-
pflicht schwerwiegend verletzt und die angefochtene Verfügung aufzuhe-
ben (Art. 50 f.).
Mit Blick auf die gerügte Verletzung des Art. 7 AsylG sei als Verstoss gegen
Treu und Glauben zu werten, wenn die Vorinstanz einerseits die Anhörung
jahrelang verschleppe, anderseits mangelhaft detaillierte Schilderungen
rüge. Insbesondere gelte das für die im Anhörungszeitpunkt sieben respek-
tive acht Jahre zurückliegende Verhaftung des Beschwerdeführers 1.
Diese sei der langen zeitlichen Distanz gemäss detailliert ausgefallen; ins-
besondere eine angeblich offene Nachfrage (Befragung BF1/2 F45) sei
nicht so gewesen, dass der Beschwerdeführer 1 sich zur Ablieferung wei-
terer Details hätte aufgefordert fühlen müssen. Ohnehin sei absurd, die
Abweisung des Gesuchs «in erster Linie auf eine einzige Frage» zu diesem
isolierten Ereignis zu stützen (Art. 52-57). Ohnehin sei die Frage des De-
tailreichtums das schwächste Element einer Glaubhaftigkeitsprüfung, auf
das nur in Ermangelung anderer Unglaubhaftigkeitselemente zurückgegrif-
fen werde. Jedenfalls seien die Antworten des Beschwerdeführers 1 dem
langen Zeitintervall entsprechend detailliert ausgefallen. Ähnliches gelte es
zu einer anderen, als Ja/Nein-Frage ausgestalteten Passage (Anhörung
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BF1/1 F70) zu sagen (Art. 58-62). Überhaupt falle die Schilderung des Be-
schwerdeführers 1 durch ihre Ausführlichkeit, gerade im freien Bericht, auf.
Auch das Fakt, dass eine zweite Anhörung durchgeführt worden sei, spre-
che für den Detailreichtum (Art. 63-66). Diverse Nachfragen werden als
Ja/Nein-Fragen gerügt, deren Beantwortung nicht in den Vorwurf mangeln-
den Detailreichtums münden dürften; die Antworten seien jedenfalls nicht
pauschal, sondern detailliert (Art. 67-72). Nicht zum Vorwurf gereichen
könne dem Beschwerdeführer 1 sodann, wenn sich die syrischen Behör-
den unlogisch verhielten – also nach der kurzfristigen Verhaftung ihm nicht
weiter nachstellten (Art. 73-75).
Aktenwidrig sei, wenn die Vorinstanz begründe, der Beschwerdeführer 1
habe seine Beiträge im Umfeld von Demonstrationen nicht konkret respek-
tive nur stereotyp geschildert. Entsprechende Nachfragen seien wiederum
keine «detaillierte offene» Fragen gewesen, indessen detailliert beantwor-
tet worden. Absurd sei weiter, Detailarmut zu einer Demonstration von 2011
vorzuhalten (Art. 76-81). Überhaupt sei die Befragungstechnik mangelhaft,
da die Befragerin häufig keine offenen Fragen gestellt oder aber pauschale
Vorhalte gemacht habe, ohne eigentliche Fragen zu stellen; einmal seien
gar zwei Fragen miteinander gestellt worden. Wenn die Befragerin wieder-
holt Nachfragen damit einleite, sie verstehe eine Darstellung nicht, sei ihre
Befangenheit zu prüfen, bemühe sie sich doch offenkundig nicht, den
Sachverhalt zu verstehen. Solche Schwächephasen dürften nicht den Ge-
suchstellern zum Vorwurf gereichen. Willkürlich sei, dass die offensichtlich
glaubhaften Vorbringen und die «detaillierten Realkennzeichen» nicht ge-
würdigt würden (Art. 82- 87).
Wenn die Vorinstanz mit der fehlenden Logik im geschilderten Verhalten
der syrischen Behörden argumentiere, verkenne sie deren schlechte, ge-
radezu willkürliche Organisation und Abläufe. Sodann schildern die Be-
schwerdeführer, wie es ihnen mithilfe der Schwester der Beschwerdefüh-
rerin 2 über den Nordirak vergleichsweise rasch habe gelingen können, ein
Duplikat der Einberufung in den Reservedienst in die Schweiz zu schaffen
(Art. 88-96). Die Bemerkungen der Hilfswerkvertretung über ihre Beobach-
tung der Beschwerdeführerin 2 anlässlich der Anhörungen sprächen für die
Glaubhaftigkeit derer Aussagen (Art. 97-100). Die Ausführungen der Vor-
instanz zur fraglichen Echtheit des vorgelegten Gerichtsurteils und Haftbe-
fehls seien teilweise aktenwidrig und würden fälschlich mit einer Logik des
Handelns argumentieren, die auf das diktatorische syrische Regime kein
zutreffender Massstab sei; eine Gesamtwürdigung unterbleibe in willkürli-
cher Art (Art. 101-108). Entgegen der Auffassung der Vorinstanz würde sich
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die Verurteilung auch schlüssig in die Vorbringen der Beschwerdeführen-
den einbetten lassen; der Beschwerdeführer sei als politischer Aktivist im
September 2013 verurteilt worden. Ab Ende 2013, Anfang 2014 habe die
Nachsuche bei der Beschwerdeführerin 2 begonnen. Zumal die Familie um
das nackte Überleben gekämpft habe, sei auch nachvollziehbar, dass sich
der Beschwerdeführer 1 mit der Information über die Nachstellungen bei
seiner Familie begnügt und sich erst nach der Ankunft in der Schweiz um
den Grund der Suche nach ihm gekümmert habe (Art. 109-115). Entgegen
der Vorinstanz habe die Beschwerdeführerin 2 keineswegs vage Angaben
zu den Suchtrupps zu Protokoll gegeben. Sie habe diese klar als unifor-
miert geschildert, aber nicht gewusst, ob sie dem Militär oder der Polizei
angehört hätten; diese Unterscheidung wiederum sei in der Bürgerkriegs-
situation praktisch unmöglich geworden. Insbesondere in der Antwort, in
der die Beschwerdeführerin eine Unklarheit bezüglich der Armee oder der
Al-Nusra-Front vorgetragen habe, habe sie sich auf die herrschenden
Machtverhältnisse in K._ bezogen (Art. 116-122). Absurd sei die
Auffassung der Vorinstanz, der Beschwerdeführer 1 habe den Grund, wes-
halb man ihm nachgestellt habe, nicht plausibel machen können; vielmehr
habe er sein politisches Engagement ausführlich geschildert. Es sei auch
nicht möglich, sagen zu können, wann und durch wen er genau identifiziert
worden sei. Der Verweis auf einen nicht bekannten Spion sei gerade für
die fragliche Phase plausibel (Art. 123-127). Nicht mit fehlender Logik lasse
sich als unglaubhaft abtun, dass eine Verurteilung wegen Demonstrationen
bis 2012 erst im September 2013 erfolge (Art. 128 f.). Mit ihrem Hinweis
auf eine Aussage zu Hh._ beziehe sich die Vorinstanz auf eine gar
nicht existierende Frage in der Anhörung BF1/2 und habe sie nicht gewür-
digt, dass er bereits einmal verhaftet worden und damit den Behörden be-
kannt gewesen sei (Art. 131 f.). Die Schilderungen des Beschwerdeführers
zu den Demonstration, seiner Rolle, aber auch die Hh._ seien,
ebenso wie sein Politisierungsprozess, detailliert und differenziert ausge-
fallen (Art. 132-135). Die Annahme der Vorinstanz, Rekrutierungsmass-
nahmen im kurdischen Gebiet seien eher unwahrscheinlich, sei tatsachen-
widrig, arbeiteten Regime und PYD/YPG doch eng zusammen. Die Glaub-
haftigkeit der Angaben der Mutter zum Aufgebot wäre zu prüfen gewesen.
Überhaupt habe der Beschwerdeführer die gezielte Suche nach ihm be-
wiesen. Insgesamt sei der Beschwerdeführer wegen seiner Teilnahme an
Demonstrationen – also aus politischen Gründen – verurteilt und werde
gesucht. Zudem sei er einem Aufgebot in den Reservedienst nicht gefolgt,
was ebenfalls als regimefeindliche Einstellung gelte. Zudem sei der Be-
schwerdeführer weiterhin politisch sehr aktiv (Art. 136-143).
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Die Vorinstanz habe unterlassen, eine Gesamtwürdigung des Profils des
Beschwerdeführers 1 vorzunehmen, indem sie seine Vorbringen derart
«zerstückelt» habe, dass eine Gesamtbetrachtung nicht möglich gewesen
sei. Zu diesem Profil gehörten sehr wohl die Parteimitgliedschaft bei der
PDKI, die Teilnahme an der Demonstration von 2004, die Verfolgung von
der PDKI nahestehenden Personen durch die YPG (und damit wohl auch
die befürchtete Mitnahme von Kindern) und der Umstand, dass er sich dem
Reservedienst entzogen habe. Weiter könne er seine Mitgliedschaft bei der
PDKS belegen und sei – was ein vorgelegter Auszug aus seinem Face-
book-Konto belege – exilpolitisch aktiv, indem er sich stark als Anhänger
der PDKS und Verfechter der Unabhängigkeit Kurdistans profiliere. Somit
wäre ihm zumindest im heutigen Zeitpunkt die Flüchtlingseigenschaft zu-
zuerkennen. Auch gelte die illegale Ausreise als landesverräterisch,
ebenso gelte er, indem er nicht in den Reservedienst eingerückt sei, selber
als Unterstützter des Terrorismus. Eine entsprechende Bestrafung weise
einen Politmalus auf. Dies gehe auch aus der Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts (z.B. Urteil D-5553/2013, vom 18. Februar 2015 E. 6.7.2) und
neuerer Verlautbarungen ranghoher syrischer Militärs hervor. Infolge der
Verfolgung durch das Regime wie auch die YPD sei die Flüchtlingseigen-
schaft erstellt (Art. 144-159).
4.3 Die Vorinstanz verweist in ihrer Vernehmlassung grundsätzlich auf die
angefochtene Verfügung. Zu den Vorbringen in der Beschwerde bemerkt
sie, der Beschwerdeführer erfülle das spezifische Profil nicht, das bei einer
illegalen Ausreise einen Verstoss gegen die behördlichen Ausreisebestim-
mungen – und damit eine relevante Bedrohungslage – begründe (Ziff. 1).
Aus der Verfahrensdauer folge keine Verletzung der Abklärungspflicht. An-
gesichts der Fähigkeiten und Bildung des Beschwerdeführers könnten
auch nach einiger Zeit erlebnisgeprägte und substantiierte Angaben erwar-
tet werden. Er habe auch ausreichend Gelegenheit erhalten, seine Anga-
ben auszuführen, nur sei ihm das nicht gelungen. Er habe sich frei und
offen äussern können; Nachfragen zur Nachvollziehbarkeit der Schilderun-
gen dienten dazu, Gelegenheit zur Substantiierung zu geben, und seien
kein Hinweis auf eine Befangenheit. Die Anhörung BF1/1 habe zwar eine
gewisse Länge gehabt, es seien aber keine Konzentrationsschwierigkeiten
erkennbar oder gerügt worden (Ziff. 2). Dem eingereichten Urteil sei nicht
zu entnehmen, welcher Richter das Urteil gefällt haben solle, es seien nur
ein «Richterberater» und ein «Aussteller des Dokuments» erwähnt (Ziff. 3).
Die als in der BF1/2 nicht existent gerügte Frage F107 sei in der BF1/1
aufzufinden (Ziff. 4). Aus einem eingereichten Wikipedia-Artikel zur
Schlacht von R._ sei für die Situation des Beschwerdeführers
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nichts abzuleiten, dieser sei allgemeiner Natur (Ziff. 5). Weder die Mitglied-
schaftsbestätigung der PDKS noch Auszüge aus Facebook-Einträgen
zeigten ein exponiertes exilpolitisches Verhalten auf (Ziff. 6).
4.4 Die Beschwerdeführenden lassen in der Replik ausführen, die Vor-
instanz beschränke sich in Ziffer 1 der Vernehmlassung wiederum auf eine
pauschale Behauptung ohne Begründung. In Ziffer 2 widerspreche sie den
Erkenntnissen der Glaubhaftigkeitsforschung, denen zufolge der Zeitablauf
– unabhängig von persönlichen Fähigkeiten und Schulbildung – einen
massgeblichen Einfluss auf die Erinnerungen habe. Die Fragen seien nicht
derart offen formuliert gewesen, wie es notwendig gewesen wäre. Die An-
hörung BF1/1 habe nicht eine «gewisse Länge», sondern Überlänge auf-
gewiesen.
5.
Die Beschwerdeführenden erheben – verwoben mit ihren weiteren Ausfüh-
rungen – diverse Rügen betreffend die Verletzung ihres Gehörsanspruchs.
Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen (statt Vieler: Urteil des BGer
2C_257/2018, 2C_308/2018 vom 11. November 2019 E. 2 Ingress m.w.H.).
5.1 Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderseits
stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines
Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen eingreift.
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass ei-
nes solchen Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizu-
bringen und Einsicht in die Akten zu nehmen. Der Anspruch auf rechtliches
Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei
einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam
zur Geltung bringen kann. Voraussetzung des Äusserungsrechts sind ge-
nügende Kenntnisse über den Verfahrensverlauf, was auf das Recht hin-
ausläuft, in geeigneter Weise über die entscheidwesentlichen Vorgänge
und Grundlagen vorweg orientiert zu werden. Wie weit dieses Recht geht,
lässt sich nicht generell, sondern nur unter Würdigung der konkreten Um-
stände beurteilen. Entscheidend ist, ob dem Betroffenen ermöglicht wurde,
seinen Standpunkt wirksam zur Geltung zu bringen (statt Vieler BGE 144 I
11 E. 5.3 m.w.H.)
5.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt von Verfassungs wegen
(Art. 29 Abs. 2 BV), dass eine Behörde die Vorbringen der Parteien tat-
sächlich hört, prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt; daraus folgt
insbesondere die Verpflichtung der Behörde, ihren Entscheid ausreichend
E-784/2019
Seite 29
und nachvollziehbar zu begründen (BGE 145 IV 99 E. 3.1 m.w.H.). Um den
Vorgaben von Art. 29 Abs. 2 BV zu genügen, muss die Begründung so ab-
gefasst sein, dass sich die betroffene Person über die Tragweite des an-
gefochtenen Entscheids Rechenschaft geben und ihn in voller Kenntnis der
Sache an die höhere Instanz weiterziehen kann. Zu begründen ist das Er-
gebnis des Entscheides, das im Urteilsspruch zum Ausdruck kommt und
das allein die Rechtsstellung der betroffenen Person berührt. Die Begrün-
dung ist also nicht an sich selbst, sondern am Rechtsspruch zu messen
(BGE 145 III 324 E. 6.1 m.w.H.). Dabei ist es nicht erforderlich, dass sich
die Behörde mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt. Vielmehr kann sie sich
auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte beschränken (Statt vieler
BGE 143 III 65 E. 5.2). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass nur diejeni-
gen Argumente stillschweigend übergangen werden können, die für den
Entscheid erkennbar unbehelflich sind (SUTTER, in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], Kommentar VwVG, 2. Aufl. 2018, Rz. 2 a.E. zu Art. 32 VwVG).
Weiter ist die verfassungsmässige Begründungsdichte abhängig von der
Entscheidungsfreiheit der Behörde und der Eingriffsintensität des Ent-
scheides. Je grösser der Spielraum, welcher der Behörde infolge Ermes-
sen und unbestimmter Rechtsbegriffe eingeräumt ist, und je stärker ein
Entscheid in die individuellen Rechte eingreift, desto höhere Anforderun-
gen sind an die Begründung eines Entscheides zu stellen (BGE 112 Ia 107
E. 2b m.w.H.; eingehend SUTTER, Kommentar VwVG, Rz. 2 zu Art. 32
VwVG, Rz. 9 ff. zu Art. 34 VwVG). Angesichts der Bedeutung der im Asyl-
verfahren zu beurteilenden Interessen der Betroffenen gelten hohe Anfor-
derungen an die Begründungsdichte (Urteil des BVGer E-2479/2018 vom
31. Mai 2018 E. 6.1 Abs. 1).
5.3 Das Verwaltungs- und damit auch das Asylverfahren wird vom Unter-
suchungsgrundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Dem-
nach stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient
sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufgelisteten Beweismittel. Die
Sachverhaltsfeststellung ist unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch ge-
würdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid
rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (Urteil des
BVGer E-2479/2018 E. 6.1 Abs. 2). Die Behörde ist allerdings nicht ver-
pflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen
anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzuneh-
men, wenn sie aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu
CHRISTOPH AUER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 15 zu
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Seite 30
Art. 12; BENJAMIN SCHINDLER, in Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz.
28 zu Art. 49). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der
Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG; vgl. zum
Ganzen BVGE 2012/21 E. 5.1, BVGE 2009/50 E. 10.2 und Urteil des BGer
2C_177/2018 vom 22. August 2019 E. 3.2-3.4, je mit weiteren Hinweisen).
5.4 Weiter gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 19 VwVG
i.V.m. Art. 40 des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über den Bun-
deszivilprozess [BZP, SR 273]). Frei ist die Beweiswürdigung darin, dass
sie nicht an bestimmte starre Beweisregeln gebunden ist, welche der Be-
hörde genau vorschreiben, wie ein gültiger Beweis zustande kommt und
welchen Beweiswert die einzelnen Beweismittel im Verhältnis zueinander
haben. Freie Beweiswürdigung ist aber nicht mit freiem Ermessen zu ver-
wechseln (vgl. BVGE 2013/34 E. 6.2 mw.H.).
5.5 Schliesslich darf die Behörde form- und fristgerecht gestellte Anträge
zur Abnahme an sich tauglicher Beweise in antizipierter Beweiswürdigung
abweisen, wenn sie aufgrund der bereits abgenommenen Beweise ihre
Überzeugung gebildet hat und annehmen kann, dass ihre Überzeugung
von der Wahrheit oder Unwahrheit einer behaupteten Tatsache durch die
Abnahme weiterer Beweise nicht erschüttert werde (vgl. statt Vieler Urteil
des BGer 8C_255/2020, 8C_279/2020 vom 6. Januar 2021, E. 5.2; BGE
143 III 297 E. 9.3.2; 136 I 229 E. 5.3 je m.w.H.).
5.6 Zu den Gehörsrügen im Einzelnen:
5.6.1 Die Beschwerdeführenden rügen eine zu lange Verfahrensdauer, ins-
besondere bis zur Durchführung der (ersten) Anhörungen. Diesbezüglich
ist einzuräumen, dass durchaus wünschenswert ist, wenn zwischen den
beschriebenen Ereignissen, der BzP und der Anhörung je relativ kurze Zeit-
räume liegen. Indessen gibt es keine zwingende, mit Rechtsfolgen verse-
hene gesetzliche Verpflichtung, die Anhörung innerhalb eines gewissen
Zeitraums durchzuführen. Angesichts der nicht vorhersehbaren und durch
die Asylbehörden nicht steuerbaren Geschäftslast wäre die Erwartung,
Ordnungsfristen könnten ungeachtet der Anzahl der gestellten Asylgesu-
che ausnahmslos eingehalten werden, nicht realistisch. Der Länge des zwi-
schen BzP und Anhörung verstrichenen Zeitraums ist indessen bei der
Würdigung der Aussagen Rechnung zu tragen.
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Seite 31
5.6.2 In diesem Zusammenhang rügen die Beschwerdeführenden eine
Verletzung von Treu und Glauben, wenn die Vorinstanz einerseits das Ver-
fahren «verschleppe», anderseits fehlenden Detailreichtum vorwerfe, und
verlangen eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständi-
gen Beweiserhebung (Beschwerde, Art. 45, 52). Unter Vorgriff auf nachste-
hende E. 5.6.4.1 ist dazu zu bemerken, dass nicht die Quantität, sondern
die Qualität des Detailreichtums ausschlaggebend ist. Deren Würdigung –
gerade auch unter Berücksichtigung des Zeitverlaufs – ist Aufgabe der Be-
weiswürdigung (dazu auch E. 5.6.5). Aus dem umfassenden Charakter der
Begründung der angefochtenen Verfügung, der Ausführlichkeit der Anhö-
rungen, deren Mehrzahl, insbesondere auch der fokussierten Zweitbefra-
gungen, erschliesst sich, dass der Vorinstanz an einer umfassenden Erhe-
bung des Sachverhaltes gelegen war.
5.6.3 Die Beschwerdeführenden rügen eine Überlänge der Anhörung
BF 1/1. Die gesamte Anhörungsdauer von zehn Stunden (09.30 h bis
19.30 h) erscheint auf den ersten Blick tatsächlich sehr lang. Zu bemerken
ist gleichzeitig, dass relativ gleichmässig verteilte Pausen von insgesamt
einer Stunde und vierzig Minuten (11:05 h – 11:20 h, 12:55 h-13:55 h,
15:25 h – 15:40 h, [während der Rückübersetzung:] 17:55 h – 18:05 h) und
die angesichts der Länge des Protokolls lange dauernde Rückübersetzung
darin integriert sind. Weder sind aus dem Protokoll selber noch aus dem
Unterschriftsblatt der Hilfswerkvertretung kognitive Beeinträchtigungen
oder den Inhalt beeinträchtigende Ermüdungserscheinungen beim Be-
schwerdeführer 1 erkennbar. Insgesamt erscheint die Anhörung zwar sehr
lange, angesichts dieser Randumstände steht ihre Verwertbarkeit aber
nicht in Frage.
5.6.4 Die Beschwerdeführenden rügen in mehrfacher Hinsicht die Befra-
gungstaktik und die Würdigung anhand des Kriteriums des Detailreich-
tums, das ihrer Auffassung gemäss nur das schwächste aller Elemente ei-
ner Glaubhaftigkeitsprüfung sei.
5.6.4.1 Diese Auffassung ist falsch. Die Glaubhaftigkeit einer Aussage
kann nur bejaht werden, wenn sie notwendig sowohl eine logische Konsis-
tenz als auch Detailreichtum aufweist (BENDER/NACK/TREUER, Tatsachen-
feststellung vor Gericht, 3. Aufl. 2007, Rn. 297 ff.). Zu ergänzen ist: Die lo-
gische Konsistenz erschöpft sich nicht in einer Prüfung anhand subjektiver
Erwartungshaltungen und der Lebenserfahrung der hiesigen Behörden
(BENDER/NACK/TREUER, a.a.O. Rn. 298) und das Kriterium des Detailreich-
E-784/2019
Seite 32
tums bezieht sich nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität der be-
richteten Details (BENDER/NACK/TREUER, a.a.O., u.a. Rn 301, 310, 417;
vgl. LUDEWIG/TAVOR/BAUMER, Wie können aussagepsychologische Er-
kenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen, AJP 2011, 1415
ff. insb. 1425). Von der zentralen Rolle der Frage des (qualitativen) Detail-
reichtums abgesehen, ist darauf hinzuweisen, dass es im Rahmen der
freien Beweiswürdigung keine eigentliche «Checklistendiagnostik» gibt
(LUDEWIG/TAVOR/BAUMER, a.a.O. S. 1427) und damit auch keine pauschale
Nichtberücksichtigung von als schwach empfundenen Realkennzeichen.
Dasselbe gilt auch für Antworten, deren Verwertbarkeit die Beschwerde-
führenden aufgrund ihres Erachtens zu wenig offener Fragestellung in
Frage zu stellen scheinen (dazu sogleich).
5.6.4.2 Die Beschwerdeführenden rügen, dass die befragende Person
mehrfach nicht ausschliesslich offene Fragen gestellt habe. Dazu ist zu be-
merken, dass zur anerkannten «best practice» des Führens einer Anhö-
rung gehört, die angehörte Person einen freien Bericht erstatten zu lassen
und diesen mit geeigneten Fragen zur Präzisierung zu ergänzen (vgl. BEN-
DER/NACK/TREUER, a.a.O., Rn. 808; HAAS/ILL, Gesprächsführungstechni-
ken in der Einvernahme, forumpoenale S0/2013 S. 2 ff. insb. S. 11). Mit
zunehmender Präzisierung wird die Gesprächsführung sachlogisch enger
(vgl. HAAS/ILL, a.a.O., u.a. S. 10, 27: «Trichterschema»). Die von den Be-
schwerdeführenden einzeln unabhängig ihres Kontextes als nicht offene
Fragen gerügten Befragungspassagen haben in ihrem jeweiligen Kontext
als klassische Sondierungsfragen (BENDER/NACK/TREUER, Rn. 903 f.) in
befragungstaktischer Hinsicht jeweils durchwegs Sinn. Wo diese in der
Form von zusammenfassenden Vorhalten (Anhörung BF1/1 F103, vgl. Be-
schwerde, Art. 67; Anhörung BF1/2 F59 f., Beschwerde, Art. 82 f.) oder
konkreten Nachfragen zu einem Sachverhalt (Anhörung BF1/2 F32 ff.; vgl.
Beschwerde, Art. 68 ff.;) gestellt wurden, sind sie im Gesamtverlauf nicht
zu beanstanden – und wurden durch den Beschwerdeführer 1 durchaus
auch nicht als so geschlossen aufgefasst oder beantwortet, wie in der Be-
schwerde dargestellt (vgl. z.B. Anhörung BF 1/2, F34 f., Beschwerde
Art. 70 f. oder F72, Beschwerde Art. 77 [beachte dazu auch F73]). Der
«schwerwiegende Fehler», in einer Frage zwei Fragen zu stellen, stellt
nichts anderes als die Darstellung einer Inkohärenz und eine Plausibilisie-
rungsfrage dar (Anhörung BF1/2 F61, Beschwerde Art. 84). Nicht zu bean-
standen ist insbesondere auch die von den Beschwerdeführenden als
zentral erachtete Nachfrage BF1/2 F45 («Können Sie mir noch etwas über
diese ungefähr zwei Stunden der Festhaltung erzählen?»), die durch die
Verwendung des Wortes «etwas» nicht zur geschlossenen Frage wird –
E-784/2019
Seite 33
und vom Beschwerdeführer 1 angesichts seiner Antwort ganz offensichtlich
auch nicht so aufgefasst wurde. Die Umstände der Festhaltung im Jahre
2011 wurden in mehreren Fragen zu diversen Aspekten erfragt und der
Beschwerdeführer 1 konnte jeweils frei antworten. Die Auffassung der Be-
schwerdeführenden, die Abweisung des Asylgesuchs stütze sich massge-
blich auf den Themenkomplex dieser Anhaltung und dabei massgeblich auf
diese einzige – mit dem Wort «etwas» eingeengte – Frage (Beschwerde,
Art. 52 ff., insb. F57), geht am Umfang, den diese Anhaltung in den Anhö-
rungen einnahm, und an der Begründung der angefochtenen Verfügung –
in der diese Anhaltung nur einen von mehreren Aspekten darstellt – vorbei.
Die rhetorische Figur schliesslich, als befragende Person, Unklarheiten auf
sich zu spiegeln (Anhörung BF1/2 F62: «Was mir nicht ganz einleuch-
tet...», F63: «Genau deswegen verstehe ich nicht...»), dient vorliegend of-
fenkundig der Vermeidung einer unnötig einengenden Unmöglichkeitsfrage
(BENDER/NACK/TREUER, a.a.O., Rn 898 f.). Entgegen der Auffassung der
Beschwerdeführenden (Beschwerde, Art. 85 f.) ist den Protokollen kein
Hinweis darauf zu entnehmen, dass sich die befragende Person «nicht voll-
ständig darum bemühte, den Sachverhalt richtig zu erfassen und zu ver-
stehen», oder eigentliche «Schwächephasen» aufwies – die einzig auf-
grund dieser Fragefigur aufgeworfene und nicht weiter begründete Frage
der Befangenheit geht fehl. Insgesamt ist die Befragungstechnik nicht zu
beanstanden und beeinflusst damit auch die Beurteilung der Aussagen hin-
sichtlich ihrer inneren Logik und ihres Detailreichtums nicht.
5.6.5 Nicht zu überzeugen vermögen die Ausführungen der Beschwerde-
führenden zur Aktenführung und Übersetzung von Beweismitteln. Die ge-
mäss Beweismittelumschlägen vorhandenen Beweismittel liegen in den
Akten; dass etwa das angebliche Aufgebot für den Reservedienst doppelt
vorhanden sei, und zwischenzeitlich keine Post-It-Nummerierung trug,
wiegt jedenfalls nicht «besonders schwer» (Beschwerde, Art. 20), sondern
ist ein untergeordneter Kanzleifehler. Eine Übersetzung schliesslich ist
vorab für die wesentlichen Dokumente erforderlich. Für diese liegt denn
auch eine Übersetzung vor; dies gilt auch (auszugsweise) für das militäri-
sche Dienstbüchlein und das Entlassungszeugnis – zumal der geleistete
Militärdienst nicht bestritten ist, bleibt unklar, welche Gehörsrügen die Be-
schwerdeführenden in diesem Zusammenhang vortragen wollen (Be-
schwerde, Art. 16 f.). Ein Verzicht auf eine vollumfängliche Übersetzung ist
angesichts der offensichtlich fehlenden Relevanz in antizipierter Beweis-
würdigung nicht zu beanstanden.
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Seite 34
5.6.6 Soweit die Beschwerdeführenden der Vorinstanz pauschal vorwer-
fen, die Beweiswürdigung sei willkürlich (bspw. Beschwerde, Art. 87), sind
sie darauf hinzuweisen, dass sich eine Beweiswürdigung dann als willkür-
lich erweist, wenn sie Sinn und Tragweite eines Beweismittels offensicht-
lich verkennt, ohne sachlichen Grund ein wichtiges und entscheidwesent-
liches Beweismittel unberücksichtigt lässt oder auf der Grundlage der fest-
gestellten Tatsachen unhaltbare Schlussfolgerungen zieht. Allein dass die
von der Vorinstanz gezogenen Schlüsse nicht mit der Darstellung der be-
schwerdeführenden Partei übereinstimmen, belegt noch keine Willkür
(statt Vieler: BGE 140 III 264 E. 2.3). Dergleichen Willkürkriterien sind we-
der ersichtlich noch werden sie hinlänglich geltend gemacht, die Beschwer-
deführenden bemängeln jeweils eine abweichende Würdigung, die nicht
unter Aspekten des rechtlichen Gehörs, sondern der Erhebung und Würdi-
gung des Sachverhalts zu beurteilen sind. Das gilt insbesondere auch für
die Ausführungen der Beschwerdeführenden zum Aufenthaltsort
K._ respektive der Region R._ (Beschwerde Art. 32 ff.) und
der Darstellung, dass die Beschwerdeführerin mit der Vergewaltigung be-
droht worden sei (Beschwerde, Art. 38), aus denen sie offenbar eine di-
rekte, damit aber zirkelschlüssige, Untermauerung der Glaubhaftigkeit der
Schilderung ableiten: Dass die Vorinstanz diesen Aspekten nicht das von
den Beschwerdeführenden erwünschte Gewicht beimessen, stellt für sich
noch keine Gehörsverletzung respektive willkürliche Beweiswürdigung dar.
5.6.7 In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass die von den Be-
schwerdeführenden als nicht existent gerügte Frage F107 der Anhörung
BF1/2 sehr wohl so, wie in der angefochtenen Verfügung dargestellt, ge-
stellt und beantwortet wurde, tatsächlich indessen in der Anhörung BF1/1
(vgl. Beschwerde Art. 131; Vernehmlassung Ziff. 4). Das Fehlzitat (ange-
fochtene Verfügung, Ziff. III.5.b, S. 10 Mitte) mag stossend sein, entkleidet
das in der Verfügung vorgetragene Argument indes nicht seines Gehaltes.
Die richtige Fundstelle hätte durch den mit der Akte vertrauten Rechtsver-
treter jedenfalls mit geringem Aufwand aufgefunden und überprüft werden
können. Selbst im gegenteiligen Fall hätte den Beschwerdeführenden of-
fen gestanden, sich in der Replik zu diesem Punkt zu äussern, führte doch
die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung das korrekte Zitat auf.
5.6.8 Schliesslich ist zu bemerken, dass im Rahmen der freien Beweiswür-
digung (vorne, E. 5.4) ein «Vorrang von Beweismitteln» respektive, wie es
die Beschwerdeführenden wohl meinen, ein Vorrang von Dokumenten (Be-
schwerde, Art. 139) nicht existiert.
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5.7 Die Gehörsrügen sind insgesamt zu verwerfen.
6.
Nach einer Durchsicht der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht
zum Schluss, dass die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführenden zu Recht verneint und folglich deren Asylgesuche
auch zu Recht abgelehnt hat. Im Grundsatz kann zur Vermeidung unnöti-
ger Wiederholungen auf die einlässlichen Ausführungen in der angefoch-
tenen Verfügung und der Vernehmlassung auf Beschwerdeebene verwie-
sen werden.
Soweit die wenig strukturierte Beschwerde in der Sache zu weiteren Aus-
führungen Anlass gibt, ist Folgendes zu bemerken:
6.1 Über weite Strecken erörtern die Beschwerdeführenden die Beurtei-
lung der angeblichen Anhaltung des Beschwerdeführers 1 im Frühling
2011, die sie – wie erwähnt – offenbar für das tragende Element der ange-
fochtenen Verfügung halten (Beschwerde, Art. 57). Soweit sich die Be-
schwerdeführenden nicht mit Fragen der Befragungstaktik befassen (bis
ca. Beschwerde, Art. 72; dazu oben, E. 5.6.4.2), rügen sie die Beurteilung
der Aussagen des Beschwerdeführers als konstruiert; die Vorinstanz argu-
mentiere hier mit der angeblich fehlenden Logik im Verhalten der syrischen
Behörden (Art. 73-75). Wie bereits erwähnt, deckt sich die in einer glaub-
haften Schilderung zu erwartende Logik nicht mit einer subjektiven Erwar-
tungshaltung aufgrund der hiesigen Lebensumstände (vorne E. 5.6.4.1
m.H.). Das bedeutet indessen nicht, dass ein Sachverhalt bar jeder inneren
Logik glaubhaft ist. Bei Wahrunterstellung der Darstellung des Beschwer-
deführers 1 wurde er von Polizisten angehalten und zwei Stunden auf dem
Posten festgehalten. Der nunmehr alleine anwesende Polizist hätte ihn ge-
schlagen und befragt. Über den Inhalt der Befragung konnte der Beschwer-
deführer anlässlich von zwei Anhörungen nichts weiter als Fragen zu sei-
nen Personalien angeben (Anhörung BF 1/1 F70, BF 1/2 F34 f.). Man habe
ihm zwar «viele Fragen» gestellt, aber er habe bald Bestechungsgeld an-
geboten. Es ist weder unter dem Aspekt der inneren Logik noch des De-
tailreichtums vom Beschwerdeführer 1 gefordert, dass er sich noch an jede
einzelne Frage erinnert. Aber wenn tatsächlich eine gezielte Verfolgungs-
absicht – wegen seiner damaligen Arbeitsstelle respektive seines Chefs,
mit dem er ja Demonstrationen organisiert haben will – Thema der «vielen
Fragen» gewesen wäre, wäre zumindest diese Angabe zu erwarten gewe-
sen. Stattdessen mutmasste er einzig vage über einen solchen Zusam-
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menhang, wie auch darüber, dass der Geheimdienst wohl diese Informa-
tion geliefert hätte, und erst nach diesen Mutmassungen gab er in pau-
schalen Allgemeinplätzen an, es sei auch um die Arbeit und die Partei ge-
gangen (Anhörung BF 1/2 F 35). Wäre dem aber tatsächlich so gewesen,
fehlte aus der Optik eines diktatorischen Regimes die innere Logik, wenn
der Beschwerdeführer, obwohl beim Geheimdienst nun mit problemati-
scher Verbindung bekannt, in der Folge hätte unbehelligt regimekritische
Demonstrationen mitorganisieren können. Gleichermassen würde dem
weiteren behaupteten Vorgehen des Beschwerdeführers aus der Optik des
Dissidenten die innere Logik fehlen: Die späteren Ausführungen zu den
angeblichen Tätigkeiten im Umfeld der Organisation von Demonstrationen
werden ohne jede Bezugnahme auf eine frühere Anhaltung oder Bespitze-
lung durch den Geheimdienst, die man in Bezug zum Kontakt zum dama-
ligen Chef gesehen hätte, geschildert. Es ist nicht anzunehmen, dass ein
solcher Übergriff seitens der Behörden – wenn er tatsächlich in Bezug auf
eine regimekritische Tätigkeit gesehen worden wäre – keinen Einfluss auf
allfällige Sicherheitsvorkehrungen bei der Organisation der Demonstratio-
nen gehabt hätte.
Selbst bei Wahrunterstellung der Anhaltung an sich würde es sich ange-
sichts dieser Aussagemängel um einen banalen Akt behördlicher Willkür
handeln, der zwar ein illegaler Übergriff wäre, aber für sich keine gezielte
Verfolgung aus asylrechtlich relevanten Gründen darstellte.
6.2 In Bezug auf die angebliche Teilnahme des Beschwerdeführers an re-
gimekritischen Demonstrationen befassen sich die Beschwerdeführenden
über weite Strecken mit der Befragungstaktik (Beschwerde, Art. 76-86).
Unter Verweis auf obige Ausführungen kann wiederholt werden, dass diese
nicht zu beanstanden ist und keinen Anlass zur Rückweisung (Art. 81) gibt
(oben, E. 5.6.4.2). Ebenfalls ist daran zu erinnern, dass die Frage nach
dem Detailreichtum keine quantitative, sondern eine qualitative ist
(E. 5.6.4.1). Zum pauschalen Willkürvorwurf in Art. 87 der Beschwerde
siehe vorstehende Erwägung 5.6.6.
6.3 Unklar ist der Gehalt der Art. 88 bis 91 der Beschwerde, zumal den
Beschwerdeführenden nicht unterstellt wird, sie versuchten über ihre Iden-
tität zu täuschen.
6.4 Die Dokumentation der Zustellung eines Dokumentes durch die
Schwester der Beschwerdeführerin 2 (Art. 92 bis 97) geht an der zentralen
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Frage – der nach der fraglichen Dokumentenqualität – vorbei. Gleicher-
massen verfehlt die Betonung der körpersprachlichen Beobachtungen der
Hilfswerkvertretung anlässlich der Anhörung BF 2/1 die Frage nach der in-
haltlichen Beurteilung der Aussagen der Beschwerdeführerin 2 (Art. 98-
100).
6.5 Betreffend die Urkundsqualität des vorgelegten Urteils respektive Haft-
befehls (Beschwerde, Art. 101-108) kann auf die Ausführungen in der an-
gefochtenen Verfügung und der Vernehmlassung der Vorinstanz (Ziff. 3)
verwiesen werden. Es ist der Beschwerde insofern zwar recht zu geben,
dass der zeitliche Ablauf der geschilderten Folgeereignisse bei Echtunter-
stellung des Urteils durchaus plausibel ist (Beschwerde Art. 109-113). Dies
für sich alleine vermag aber weder die Bedenken gegenüber der Urkunds-
qualität respektive gegenüber den Aussagen zu den ganzen Abläufen zu
zerstreuen. Zentral ist neben der fehlenden Überzeugungskraft der vorge-
legten Dokumente die in qualitativer Hinsicht nicht überzeugende Aussage
zu den angeblichen Beteiligungen an den Demonstrationen. Die Beurtei-
lung der Vorinstanz, dass der Beschwerdeführer diesbezüglich vage und
stereotype Darlegungen machte, er keine überzeugenden Angaben zu sei-
ner Rolle und beispielsweise den Sicherheitsvorkehrungen machen konnte
und auch nicht plausibel ist, dass er sich zwei Jahre versteckt gehalten
hätte, ohne dass er oder seine Frau sich ernsthaft damit auseinanderge-
setzt hätten, warum er eigentlich gesucht werde, sind nicht zu beanstan-
den. Es überzeugt auch nicht – und zwar unabhängig davon, dass die Vor-
instanz das falsche Protokoll als Quelle angibt – dass ausgerechnet der
Vorgesetzte Hh._, aufgrund dessen Person der Beschwerdeführer
angeblich in den Fokus des Interesses gerückt und der bei den Demonst-
rationen federführend gewesen sein soll, sich ohne weiteres erkundigen
konnte, ob der Beschwerdeführer auf einer Fahndungsliste gewesen sei.
Mit der Vorinstanz ist sodann anzunehmen, dass die lange Dauer, während
welcher der Beschwerdeführer noch in R._ einer Arbeit habe nach-
gehen können, gegen eine akute Verfolgung spricht. Dasselbe gilt es zu
der Ausreise der Beschwerdeführerin 2 zu sagen, die erst im September
2015 stattfand – nach angeblichen Aufsuchungen um die Jahreswende
2013/14. Der zeitliche Ablauf kann durchaus so interpretiert werden, dass
mit der Ausreise zugewartet wurde, bis diese finanziert werden konnte; da-
mit erklärt sich auch die gestaffelte Ausreise der Familie (zum Ganzen: Be-
schwerde, Art. 109-135). Indes erscheint damit eine akute Gefährdungs-
lage zum Zeitpunkt der Ausreise nicht (mehr) gegeben.
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6.6 Zur Frage der angeblichen Rekrutierung kann auf die einlässlichen
Ausführungen der Vorinstanz (angefochtene Verfügung, S. 11 f.) verwiesen
werden.
6.7 In ihren zusammenfassenden Ausführungen respektive in ihren Aus-
führungen zum Eventualantrag 5 (Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
und Gewährung des Asyls anstelle der Rückweisung gemäss Antrag 4; Be-
schwerde, Art. 141 f.) halten die Beschwerdeführenden neben der angeb-
lichen, einmaligen Anhaltung und der angeblichen Verurteilung wegen der
Teilnahme an Demonstrationen fest, die Beschwerdeführenden seien «seit
Jahrzehnten politisch aktiv»; im Falle des Beschwerdeführers 1 seien na-
mentlich seine Parteizugehörigkeit und auch die Teilnahme an der De-
monstration in Qamishli im Jahre 2004 profilbildend. Dazu ist zu bemerken,
dass der Beschwerdeführer 1 zu Protokoll gab, sich zwar – wann wisse er
nicht mehr – bei der Demokratischen Kurdischen Partei angemeldet zu ha-
ben, aber nicht aktiv gewesen zu sein (Anhörung BF1/1, F 115). An der
Demonstration von 2004 soll er als reiner Teilnehmer mitgemacht haben,
ohne dass es zu einer Verhaftung oder dergleichen gekommen sei (Anhö-
rung Bf1/1, F63 f.; Anhörung BF2/1, F87). Selbst aktive Teilnehmer der Er-
eignisse in Qamishli im Jahr 2004, die den Behörden bekannt geworden
waren, hatten in der Folge keine weiteren Verfolgungshandlungen zu be-
fürchten (vgl. Urteil des BVGer E-2261/2019 vom 24. August 2020 E. 6.1.3
m.w.H.). Die Beschwerdeführerin 2 gibt an, nicht politisch aktiv gewesen
zu sein, weder in der Form von Demonstrationsteilnahmen noch einer Par-
teimitgliedschaft (Anhörung BF2/1, F80, F84, F86).
6.8 Zusammengefasst lässt sich den Akten kein Profil der Beschwerdefüh-
renden 1 und 2 entnehmen, das den Schluss zuliesse, sie wären vor der
Ausreise aus asylrelevanten Gründen verstärkt in den Fokus der Behörden
geraten. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass sie als Regime-
gegner betrachtet und verfolgt werden würden. Angesichts dessen, dass
sich die Beschwerdeführenden, nachdem sie der angeblichen Gefahr sei-
tens des Regimes gewahr geworden sein wollen, noch fast zwei Jahre im
Land aufhielten und zwar im Falle der Beschwerdeführerin 2 und den Kin-
dern in der Nähe von Verwandten, im Falle des Beschwerdeführers 1 vor-
geblich versteckt in der Region von R._, wobei er aber einer Er-
werbstätigkeit nachgegangen sei, ist auch das Bestehen einer ausgepräg-
ten subjektiven Furcht vor Verfolgung zu verneinen.
6.9 Damit wäre ein Nichtantritt des Reservedienstes selbst dann nicht ge-
eignet, die Furcht vor asylrelevanter Verfolgung zu begründen, wenn es ein
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entsprechendes Aufgebot tatsächlich gäbe. War der Beschwerdeführer
dem Regime nicht bereits als Regimegegner bekannt, wird eine Dienstver-
weigerung im syrischen Kontext mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nicht als Unterstützung einer gegnerischen Konfliktpartei angesehen und
kann der Beschwerdeführer 1 aus dem Grundsatzurteil BVGE 2015/3 (be-
stätigt mit Referenzurteil E-2188/2019 vom 30. Juni 2020) nichts zuguns-
ten der Annahme einer asylrelevanten Verfolgung für sich ableiten; das se-
lektive, aus dem Zusammenhang gerissene, Zitat aus der Erwägung 6.7.2
dieses Urteils in der Beschwerde (Art. 157) gibt weder die Praxis des Bun-
desverwaltungsgerichts noch den Gehalt jenes Urteils wieder (vgl. dazu
vielmehr E. 6.7.3 mit Hinweis auf E. 5, insb. 5.7.1 und 5.9 des genannten
Urteils).
7.
Nach alledem ergibt sich, dass die von den Beschwerdeführenden vorge-
tragene Gefährdung in der allgemeinen Bürgerkriegssituation gründet. Die-
ser wurde im Rahmen der vorläufigen Aufnahme Rechnung getragen. Es
ist weder davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden im Zeitpunkt
der Ausreise aus Syrien einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt waren,
noch, dass sie im Falle einer Wiedereinreise eine asylrelevante Verfolgung
zu befürchten hätten. Die Vorinstanz hat demnach zu Recht die Flüchtlings-
eigenschaft verneint und die Asylgesuche abgelehnt.
8.
Die einzig im Asylpunkt zu überprüfende Verfügung verletzt Bundesrecht
somit nicht und stellt den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und voll-
ständig fest (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen jedoch am
7. März 2019 die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG gewährt wurde und trotz Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers 1
weiterhin von der prozessualen Bedürftigkeit der Familie auszugehen ist,
ist von der Kostenerhebung abzusehen.
9.2 Eine Parteientschädigung ist den unterliegenden Beschwerdeführen-
den, die nicht um amtliche Verbeiständung nachgesucht haben, nicht aus-
zurichten (Art. 64 Abs. 1 VwVG).
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