Decision ID: 0b271b5b-9902-4779-afbb-e7f1d7c833f7
Year: 2011
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_005
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
lägen unterschiedliche Sachverhalte vor. Es sei nicht zwingend erforderlich,
zur Erhaltung des Ortsbildes die zur Diskussion stehenden Gebäude wieder
direkt an die Kantonsstrasse zu bauen. Allenfalls könnten zudem bei einem
allfälligen Wiederaufbau gestützt auf Art. 47 StrG Ausnahmebewilligungen für
einen reduzierten Abstand zum Strassenrand erteilt werden, so dass nicht
generell 5 Meter eingehalten werden müssten. Als Voraussetzung sehe Art.
47 StrG explizit die Erhaltung wertvoller Ortsteile vor. Ausnahmebewilligungen
würden aber nur im Einzelfall und bei Vorliegen eines konkreten Projektes
erteilt. Ebenso könnten nach Art. 47 StrG wesentliche Umnutzungen
bestehender Gebäude bewilligt werden, sofern die Grundrissmauern die
tragenden Elemente beibehalten würden (ausgenommen Garagen). Der
Einwand des Beschwerdeführers betreffend Tempo 30 sei irrelevant. Der
Strassenquerschnitt richte sich nicht in erster Linie nach der
Verkehrsgeschwindigkeit. Für die Bestimmung des Strassenquerschnitts
seien die Verkehrssicherheit und die Möglichkeit des gefahrlosen Kreuzens
massgebend. Die minimale Erweiterung des bestehenden Holzschopfes um
ca. 1.2 Quadratmeter sei hier irrelevant.
5. Mit Replik vom 12. September 2011 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen fest. Auch die Regierung sei offenbar der Ansicht, das Ortsbild sei
mittels Bewahrung der Gebäude talseits der Strasse zu erhalten. Zudem seien
die Stimmbürger von ... davon ausgegangen, die involvierten Amtsstellen
seien mit der Vorlage einverstanden. Zwischen seiner Liegenschaft und
Parzelle 22 bestünde ein Zusammenhang betreffend Ortsbilderhaltung,
weswegen er auch diesbezüglich zur Beschwerde legitimiert sei. Hier gehe es
nur um die Frage, ob das Ortsbild wichtiger sei als Richtlinien über
Strassenbreiten.
6. In der Duplik vom 23. September 2011 (Poststempel) führte die Regierung
noch aus, dass im interessierten Strassenabschnitt talseits keine
geschlossene Bauweise bestehe. Fünf Gebäude seien mit grossen
Zwischenräumen auf einer Länge von ca. 120 Meter entlang der Strasse
angeordnet. Die Gebäude wiesen unterschiedliche Abstände zur
Kantonsstrasse auf. Die Baugestaltungslinien seien nicht zwingend für die
Erhaltung des Ortsbildes. Das öffentliche Interesse seitens der
Kantonsstrasse überwiege. Art. 17 StrG werde vom Beschwerdeführer falsch
verstanden. Die Gemeinde hätte mit dem TBA Kontakt aufnehmen müssen.
Es sei unerheblich, dass die Gemeindeversammlung vom Vorstand nicht über
die negative Vorprüfung des Kantons orientiert worden sei.
Das Dossier wurde alsdann der kantonalen Denkmalpflege zur
Kenntnisnahme zugestellt.
7. Am 12. Dezember 2011 führte eine Delegation des Verwaltungsgerichtes (5.
Kammer) einen Augenschein durch, an welchem der Beschwerdeführer
persönlich in Begleitung seiner Ehefrau anwesend war. Von Seiten des
Beschwerdegegners 1 (Regierung des Kantons Graubünden) war der Jurist
für Raumplanung des Departements für Volkswirtschaft und Soziales (DVS)
präsent. Seitens der Beschwerdegegnerin 2 (Gemeinde ...) war ihr
Gemeindepräsident zugegen. Als Beigeladene nahmen an dieser Begehung
weiter ein Vertreter des Tiefbauamtes (TBA) sowie ein Vertreter des
Denkmalschutzes teil. Allen Anwesenden wurde dabei an zwei verschiedenen
Standorten – einerseits vor dem Stall des Beschwerdeführers und anderseits
im südlich davon gelegenen Kurvenbereich der Kantonsstrasse - die
Gelegenheit geboten, sich noch mündlich zur Nichtgenehmigung der strittigen
Baugestaltungslinien entlang der Parzelle 26 des Beschwerdeführers zu
äussern. Von Seiten des Gerichts wurden ausserdem noch sieben Farbfotos
(A4) der örtlichen Raum- und Strassenverhältnisse erstellt und zu den Akten
gelegt.

Considerations:
Das Gericht zieht in Erwägung:
1. a) Anfechtungsobjekt ist der Regierungsbeschluss vom 5./6. Juli 2011, worin –
im Rahmen der Ortsplanungsrevision - den Baugestaltungslinien für die
Gebäude auf den Parzellen 22 und 26 die Genehmigung verweigert wurde
und sie zur Überarbeitung an die Gemeinde zurückgewiesen wurden.
b) Gemäss Art. 50 des Verwaltungsrechtspflegegesetzes (VRG) ist zur
Beschwerde legitimiert, wer durch den angefochtenen Entscheid berührt ist
und ein schutzwürdiges Interesse an seiner Aufhebung oder Änderung hat
oder wer durch besondere Vorschrift dazu ermächtigt ist. Entgegen der
Meinung des Beschwerdeführers ist derselbe somit aber lediglich zur
Anfechtung der ihn direkt selbst als Grundeigentümer betreffenden
Linienführung auf Parzelle 26 legitimiert und nicht auch noch zu der im
vorderen Strassenbereich ca. 50 Meter weiter nördlich verlaufenden
Linienführung auf Parzelle 22, deren Eigentümer eine andere Person ist. Von
der Nichtgenehmigung der Baugestaltungslinie auf Parzelle 22 ist der
Beschwerdeführer demnach auch nicht im Sinne von Art. 50 VRG berührt
(beschwert), weshalb ihm zu deren Aufhebung vorweg bereits die
Berechtigung fehlt. Andernfalls könnte zumindest jeder Einwohner der
Fraktion ... ebenfalls Beschwerde erheben, was im Ergebnis einer
Popularbeschwerde gleichkäme. Popularbeschwerden sind im
Verwaltungsrecht aber verpönt und rechtlich nicht zulässig. Soweit der
Beschwerdeführer die Nichtgenehmigung der Baugestaltungslinie auf
Parzelle 22 rügt, kann darauf deshalb mangels Betroffenheit zum vornherein
nicht eingetreten werden.
2. a) In materieller Hinsicht gilt es sodann bezüglich der Nichtgenehmigung der
Baugestaltungslinie auf der Parzelle 26 des Beschwerdeführers zunächst auf
die einschlägigen Bestimmungen im Strassenrecht hinzuweisen: Nach Art. 17
Abs. 1 des Strassengesetzes für den Kanton Graubünden (StrG; BR 807.100)
können Baulinien im Auflageprojekt festgelegt werden. Sie dienen der ober-
und unterirdischen Freihaltung von Räumen entlang von Kantonsstrassen,
namentlich im Interesse der Verkehrssicherheit, des Gesundheitsschutzes
und des künftigen Strassenausbaus. Nach Art. 17 Abs. 2 StrG haben die
Gemeinden, falls sie im Bereich von Kantonsstrassen Bau- oder
Baugestaltungslinien festlegen, diese vorgängig mit dem kantonalen
Tiefbauamt abzustimmen. Gemäss Art. 46 Abs. 1 StrG dürfen rechtmässig
erstellte Bauten und Anlagen, die den vorgeschriebenen Abständen nicht
mehr entsprechen, unterhalten und erneuert sowie unwesentlich umgestaltet
oder unwesentlich anders genutzt werden. Werden diese Bauten und Anlagen
wesentlich umgestaltet oder wesentlich anders genutzt, sind sie
einschliesslich allfälliger Anbauten auf den vorgeschriebenen Abstand
zurückzuversetzen (Art. 46 Abs. 2 StrG). Sie dürfen nach ihrem Abbruch oder
ihrer Zerstörung nicht wieder am selben Ort erstellt werden (Art. 46 Abs. 3
StrG). Zu möglichen Ausnahmebewilligungen wird in Art. 47 Abs. 1 StrG
stipuliert: Das Departement kann Ausnahmen von der Einhaltung der
vorgeschriebenen Abstände gestatten. Ausnahmen sind insbesondere
möglich in Ortschaften mit geschlossener Bauweise, zur Erhaltung wertvoller
Ortsteile, beim Vorliegen von anderen besonderen Verhältnissen oder in
Härtefällen, sofern dadurch die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt wird.
Schliesslich wird in der Strassenverordnung des Kantons Graubünden (StrV;
BR 807.110) in Art. 19 Abs. 1 noch speziell erwähnt: An Kantonsstrassen
ohne Baulinien ist für Bauten und Anlagen ein Abstand von 5 m vom
Fahrbahnrand einzuhalten. Bei Rad- und Gehwegen [...] ist ein Abstand von
3 m vom Rand dieser Anlagen, mindestens aber von 5 m vom Fahrbahnrand
zu beachten. Laut Art. 19 Abs. 4 StrV muss der Abstand - ab der Grenze des
Strassengrundstückes – in jedem Fall 2.50 m betragen.
b) Gestützt auf die soeben zitierten Vorgaben gilt es zu entscheiden, ob die
angefochtene Nichtgenehmigung der Baugestaltungslinie auf der Parzelle 26
des Beschwerdeführers rechtens und auch verhältnismässig war. Dieser
Entscheid erfordert eine umfassende Güterabwägung zwischen den konkret
auf dem Spiele stehenden Interessen der Öffentlichkeit (Ortsbildschutz;
Verkehrssicherheit) und den entgegenstehenden privaten Interessen des
Beschwerdeführers (am Erhalt der bisherigen Strassensituation auch im Falle
von Um-/Ausbauten an seinem Stall mit dem Ziel einer Umnutzung desselben
zu Wohnzwecken bei unverändertem Gebäudestandort in der Dorfzone auf
Parzelle 26; vgl. Zonenplan/GGP ..., im Massstab 1:1000 vom 11./28. Februar
2011; [braune] Bauzone D).
c) Zunächst einmal ist für das Gericht nicht ersichtlich, inwiefern Art. 17 StrG
vorliegend von besonderer Bedeutung gewesen sein sollte. Für die materielle
Beurteilung, ob die Baugestaltungslinien genehmigt werden konnten oder
nicht, spielt es nämlich letztlich gar keine Rolle, ob die Gemeinde die
vorgesehenen Baugestaltungslinien vorgängig mit dem kantonalen
Tiefbauamt (TBA) abgestimmt hat oder nicht. Bei der zitierten (Koordinations-
)Bestimmung handelt sich vielmehr bloss um eine Ordnungsvorschrift;
sicherlich stellt Art. 17 Abs. 2 StrG jedoch keine zwingende Vorschrift dar,
weshalb daraus für den konkreten Fall nichts hergeleitet werden kann.
d) Die Kernfrage des vorliegenden Verfahrens ist, ob die Interessen an der
ungeschmälerten Erhaltung des Ortsbildes der Fraktion ... das Interesse an
einer möglichen Verbreiterung der Kantonsstrasse inklusive Trottoir
überwiegen. Dazu ist einmal festzuhalten, dass im fraglichen Teilstück der
Kantonsstrasse im Dorfkern – das heisst vom Bach bei Parzellen 359/61 bis
zum südlichen Dorfbereich bei Parzellen 370/69 – talseits tatsächlich keine
wirklich geschlossene Bauweise besteht (vgl. dazu anlässlich des
Augenscheins erstellte Gerichtsfotos 1/2/4/5), wie dies umgekehrt bergseits
der asphaltierten Kantonsstrasse aber klarerweise der Fall ist (vgl. Fotos
1/3/4/5; ferner Sektor Bach/Brücke Foto 6; südlicher Dorteil Foto 5). Auf der
Talseite gibt es daher namhafte (Überbauungs-) Lücken zwischen den
einzelnen, meist älteren Stallbauten oder sonstigen Gebäuden. Im fraglichen
Teilstück sind talseits denn auch nur drei Bauten von den
Baugestaltungslinien betroffen, während es bergseits deren zehn Gebäude
sind. Auf der dichter bebauten Bergseite der Kantonsstrasse sind also
wesentlich mehr bereits vorhandene Gebäude (so Parzellen 49, 50, 52, 56,
57, 60, 62 [2x], 67, 68) mittels Baugestaltungslinien als auf der Talseite – wo
sich Parzelle 26 befindet - belegt. Für das Gericht ist zudem klar, dass das
Interesse an der Erhaltung der Ausbaumöglichkeit der Kantonsstrasse
generell hoch ist. Dem ist umso mehr beizupflichten, als die
Ausbaumöglichkeit nicht in erster Linie auf eine Verbreitung der
Fahrbahnfläche ausgerichtet ist, sondern (bei Bedarf) der Erstellung eines
Trottoirs zu Gunsten der schwächeren Verkehrsteilnehmer – wie Fussgänger,
Touristen usw. – dienen würde. Im Übrigen gilt es nicht zu übersehen, dass
hinter der Stallbaute auf Parzelle 26 noch eine Bautiefe für mindestens zwei
neue Gebäude bestünde, weshalb eine Rückversetzung der vorhandenen
Baute – im Falle eines Abbruchs der Stallbaute bzw. einer künftigen
Umnutzung desselben zu Wohnzwecken - ab dem derzeit unmittelbar daran
vorbeiführenden Strassenrand sowohl aus verkehrstechnischen,
sicherheitsrechtlichen als auch aus raumplanerischen und
nutzungsrechtlichen Gründen als vertretbar erscheint. Die rein privaten
Interessen des Beschwerdeführers an einem möglichst einfachen und
kostengünstigen Umbau seiner Stallbaute in ein bewohnbares Gebäude bei
unverändertem Standort vermögen daran nichts zu ändern, zumal das
zusätzliche Argument eines schützenswerten Ortsbildes anlässlich des
Augenscheins selbst vom Beschwerdeführer nicht mehr wiederholt bzw. vom
anwesenden Denkmalpfleger stark relativiert wurde. An den negativen Folgen
(für das Ortsbild) der in den 1960-er Jahren mitten durchs Dorf gebauten
Kantonsstrasse könnten allfällige Baugestaltungslinien nichts mehr ändern;
dazu müssten vielmehr spezifische Erhaltungsvorschriften erlassen und
durchgesetzt werden. Der Einwand des Beschwerdeführers eines besonders
schützenswerten Ortsbildes, das einzig mit der Genehmigung der
vorgeschlagenen Baugestaltungslinien wirksam erreicht werden könne, ist
folglich nicht stichhaltig. Damit bleibt es bei den rein pekuniären
Privatinteressen des Beschwerdeführers an einem möglichst friktionsfreien
und preiswerten Umbau (samt Umnutzung) seiner ansonsten sehr gut
erschlossenen Parzelle 26 mitten in der Dorfzone.
e) Die Verweigerung der Genehmigung der von der Gemeinde festgelegten
Baugestaltungslinien hat zudem nicht zur Folge, dass bestehende Bauten
abgerissen werden müssen. Es besteht weiterhin die Bestandesgarantie im
Rahmen von Art. 46 StrG (Zulässig: Unterhalt, Erneuerung, unwesentliche(r)
Umbau/Umnutzung der bisherigen Baute entlang Strassenkörper). Ferner
kann das zuständige Bau-, Verkehr-, Forstdepartement des Kantons
Graubünden (BVFD) gemäss Art. 47 StrG explizit „Ausnahmen“ von der
Einhaltung der vorgeschriebenen Strassenabstände nach Art. 19 StrV
(Regelabstand 5 m von Fahrbahnrand bzw. 3 m von Trottoir; Mindestabstand
in jedem Fall 2.50 m ab Grenze des Strassengrundstückes) gestatten. Die
Nichtgenehmigung der Baugestaltungslinien bedeutet also offenkundig nicht
automatisch die „Zerstörung“ des Ortsbildes. Werden die betreffenden Bauten
lediglich unterhalten, bleibt das Ortsbild unverändert.
3. a) Der angefochtene Regierungsbeschluss vom 5./6. Juli 2011 ist demnach
rechtens und verhältnismässig, was zur Abweisung der Beschwerde vom 2.
August 2011 führt, soweit darauf überhaupt eingetreten werden kann.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten gestützt auf Art.
73 Abs. 1 VRG je zur Hälfte dem Beschwerdeführer sowie der ihn
antragsgemäss unterstützenden Beschwerdegegnerin 2 (Gemeinde)
aufzuerlegen. Eine aussergerichtliche Entschädigung steht dem
Beschwerdegegner 1 (Regierung) indessen nach Art. 78 Abs. 2 VRG nicht zu,
da dieser lediglich in seinem amtlichen Wirkungskreis obsiegte.