Decision ID: fdbe0284-f9d8-53f0-b355-c0249aeff685
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 25. November 2021 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerab-
druck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 4. Dezember 2016 und am
28. März 2017 in Rumänien, am 19. Juli 2018 in Schweden und am 6. De-
zember 2018 sowie am 10. Januar 2019 in Deutschland um Asyl ersucht
hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 13. Januar 2022 das recht-
liche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit der Überstellung unter anderem nach Deutschland, dessen Zuständig-
keit für die Behandlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme.
Der Beschwerdeführer führte aus, er habe von Anfang an in die Schweiz
kommen wollen. Die Schlepper hätten ihn jedoch nach Deutschland ge-
bracht, weshalb er dort gezwungenermassen habe um Asyl ersuchen müs-
sen. Er befürchte, dass Deutschland ihn nach Rumänien zurückschicken
werde. Zum medizinischen Sachverhalt befragt, gab er an, nicht schlafen
zu können und an Angstzuständen zu leiden. Er höre Schreie und sehe
Leichenstücke. Er habe starke Schmerzen am Schulterblatt, an welchem
es aufgrund von Folter zu einem Riss gekommen sei. Auch verspüre er
Schmerzen im Brustkorb, er habe Atemprobleme, leide an Kopfschmerzen,
seine Lippen würden einschlafen und er zittere. Seine Fusssohlen würden
sich erhitzen und seine Fussnägel seien fast alle abgefallen. Nach einer
nicht abgeschlossenen Zahnbehandlung leide er an starken Schmerzen.
C.
Die deutschen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 28. Januar
2022 um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
am 1. Februar 2022 gut.
D.
Am 1. Februar 2022 (eröffnet am 2. Februar 2022) trat das SEM auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Überstellung
nach Deutschland an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
F-638/2022
Seite 3
der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändi-
gung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Am 9. Februar 2022 (Poststempel) gelangte der Beschwerdeführer an das
Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten (gemeint: die Vor-
instanz sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten). Es sei festzustel-
len, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig beziehungsweise unzu-
mutbar sei. Eventualiter sei die aufschiebende Wirkung wiederherzustellen
sowie die Souveränitätsklausel anzuwenden. Des Weiteren ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses.
F.
Am 10. Februar 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superproviso-
rischen Vollzugsstopp an.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 31 ff.
VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs.
1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offen-
sichtlich erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten, soweit damit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Soweit der Beschwer-
deführer jedoch mit seinem Eventualbegehren, es sei die Unzulässigkeit
beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustel-
len, die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme (Art. 83 AIG [SR 142.20])
bezweckt, ist auf dieses Begehren nicht einzutreten, da die Anordnung ei-
ner vorläufigen Aufnahme nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung
und damit auch nicht des vorliegenden Verfahrens bildet.
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
F-638/2022
Seite 4
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Nachdem die deutschen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-
VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zuge-
stimmt haben, ist die Zuständigkeit Deutschlands grundsätzlich gegeben.
3.3. Die Pflicht eines Mitgliedstaates zur Wiederaufnahme eines Antrag-
stellers nach Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO erlischt, wenn der zustän-
dige Mitgliedstaat nachweisen kann, dass der Antragsteller das Hoheitsge-
biet der Mitgliedstaaten für mindestens drei Monate verlassen hat (Art. 19
Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
F-638/2022
Seite 5
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
4.
4.1. Der Beschwerdeführer macht sinngemäss geltend, er habe den Dub-
lin-Raum für mehr als drei Monate verlassen, weshalb sein Asylgesuch in
der Schweiz geprüft werden müsse. Als Beweismittel reicht er eine Quit-
tung des B._ Hotels vom 15. Mai 2021 und ein Schreiben von
C._ vom 8. Februar 2022, in welchem dieser bestätigt, dass der
Beschwerdeführer vom 20. Juli 2020 bis 19. Oktober 2021 sein Gast ge-
wesen sei, ein.
4.2. Die vom Beschwerdeführer eingereichten Dokumente sind von gerin-
ger Beweiskraft. Die erst auf Beschwerdeebene eingereichte Quittung des
Hotels B._ wurde von Hand ausgefüllt. Auffällig dabei ist, dass sich
dieser Quittung der bezahlte Betrag für die Übernachtung nicht entnehmen
lässt. Zudem ähnelt das Schriftbild des Namens des Beschwerdeführers
stark demjenigen, welches auf der bei der Vorinstanz eingereichten Quit-
tung des D._-Motels ersichtlich ist, was Zweifel an der Echtheit die-
ser beiden Quittungen aufkommen lässt. Auch das Schreiben von
C._ ist von geringer Beweiskraft, lässt sich doch nicht ausschlies-
sen, dass es sich hierbei um ein Gefälligkeitsschreiben handelt. Zudem
steht dieses Schreiben im Widerspruch zu den Ausführungen des Be-
schwerdeführers im vorinstanzlichen Verfahren. Dort gab er an, während
eineinhalb Jahren in der Stadt Diana bei E._– und nicht bei
C._ – gewohnt zu haben. Da er sich nicht sicher gefühlt habe, sei
er im Haus geblieben (Eingabe der damaligen Rechtsvertretung des Be-
schwerdeführers vom 19. Januar 2022). Neben dem nicht übereinstimmen-
den Namen des Gastgebers fällt auf, dass der Beschwerdeführer im Zeit-
raum, in welchem er Gast bei C._ gewesen sein soll, im B._
Hotel übernachtet haben soll. Dies steht wiederum im Widerspruch zu sei-
ner Aussage, er habe sich vor türkischen Soldaten gefürchtet, weshalb er
das Haus nicht verlassen habe. Die vorliegenden Indizien können somit
nicht als kohärent betrachtet werden. Folglich vermögen die Ausführungen
des Beschwerdeführers zu seinem Aufenthalt ausserhalb des Dublin-
Raums – auch unter Berücksichtigung des herabgesetzten Beweismasses
(vgl. BVGE 2015/41 E. 7.3) – nicht zu überzeugen. Deutschland ist offen-
bar zum gleichen Ergebnis gekommen, da es trotz Hinweises auf eine
mögliche Ausreise des Beschwerdeführers aus dem Dublin-Raum seiner
Wiederaufnahme zugestimmt hat. Demnach liegt keine Übertragung der
Zuständigkeit auf die Schweiz nach Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO vor.
F-638/2022
Seite 6
5.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob – wie beantragt – das Selbsteintrittsrecht
nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs.
3 AsylV 1 auszuüben ist.
5.1. Der Beschwerdeführer führt an, er fürchte sich vor einer Ausschaffung
in die Türkei, wo ihm eine Inhaftierung drohe. Deutschland habe ihn nach
Rumänien zurückschicken wollen, wo sein Asylgesuch abgewiesen wor-
den sei und er in die Türkei hätte ausgeschafft werden sollen.
Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan,
wonach die deutschen Behörden sich weigern würden, ihn wieder aufzu-
nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
Regeln der Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrens-
richtlinie) zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die An-
nahme zu entnehmen, Deutschland werde in seinem Fall den Grundsatz
des Non-Refoulement (Art. 33 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]) missachten und ihn zur
Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine
Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in
dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen
zu werden.
5.2. Der Beschwerdeführer macht geltend, an einer Posttraumatischen Be-
lastungsstörung (PTBS) zu leiden.
Es liegen keine konkreten Anhaltspunkte vor, wonach die Gesundheit des
Beschwerdeführers bei einer Überstellung nach Deutschland ernsthaft ge-
fährdet würde. Deutschland verfügt über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur, weshalb die diagnostizierte PTBS des Beschwerdeführers ei-
ner Behandlung dort zugänglich sein dürfte. Es liegen ferner keine Hin-
weise vor, wonach Deutschland ihm eine adäquate medizinische Behand-
lung verweigern würde.
5.3. Es besteht schliesslich kein Anlass, die Sache an die Vorinstanz we-
gen unrichtiger oder unvollständiger Sachverhaltsfeststellung zurückzu-
weisen. Seinen – einzig in der Beschwerdebegründung enthaltenen –
Eventualantrag begründet der Beschwerdeführer mit «der nachgewiese-
nen Verfolgung». Eine allfällige asylrelevante Verfolgung des Beschwerde-
F-638/2022
Seite 7
führers durch seinen Heimatstaat bildet nicht Gegenstand des vorliegen-
den Verfahrens. Den Akten lassen sich zudem keine Anhaltspunkte für eine
unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung durch die Vor-
instanz entnehmen.
5.4. Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin-III-
VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die
Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten, noch
liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen wür-
den.
6.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat die Wegweisung nach Deutschland angeordnet.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit auf diese ein-
zutreten ist. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 10. Februar 2022 an-
geordnete Vollzugsstopp dahin. Das Eventualbegehren um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos geworden.
8.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65
Abs. 1 VwVG) ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorste-
henden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Ver-
fahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
9.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
F-638/2022
Seite 8