Decision ID: 9094e927-93e7-5e4f-9071-708edcaf170a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend Beschwerdeführerin), geboren am (...), ist
Staatsbürgerin von Kosovo. Das Migrationsamt des Kantons Zürich erteilte
der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 12. August 1990 zwecks Ehe-
vorbereitung die Aufenthaltsbewilligung (Vorakten, act. 1/14), woraufhin sie
zu ihrem Lebenspartner B._ (Jg. 1935), einem in der Schweiz nie-
dergelassenen, italienischen Staatsangehörigen, einreiste. Mit Datum vom
(...) ehelichte sie ihn in Zürich. Gestützt auf diese Heirat wurde ihr im Rah-
men der Familiennachzugsbestimmungen die ordentliche Aufenthaltsbe-
willigung erteilt (Vorakten, act. 1/3) und später regelmässig verlängert; zu-
letzt bis 19. April 2015. Die Ehegatten wurden Eltern zweier Söhne, geb.
1991 und 1992 (Vorakten, act. 1/9). Das Bezirksgericht Zürich sprach am
(...) die Scheidung aus (Vorakten, act. 1/12).
B.
Seit dem Jahre 1997 war die Beschwerdeführerin mit ihren beiden Söhnen
vollkommen von der Sozialhilfe abhängig. Ein Eintreten in den ersten Ar-
beitsmarkt war der Beschwerdeführerin gemäss eigenen Aussagen ge-
sundheitshalber verwehrt. Einsätze auf dem zweiten Arbeitsmarkt sind ak-
tenkundig, vermochten die Beschwerdeführerin aber nicht finanziell unab-
hängig zu machen. Am 1. Oktober 2013 wurde die Beschwerdeführerin
durch das Migrationsamt des Kantons Zürich mit einem Widerruf der Auf-
enthaltsbewilligung bei fortlaufendem Bezug von Sozialhilfe verwarnt. Der
Bezug von Sozialhilfegeldern dauerte trotz Verwarnung an, weshalb das
Migrationsamt des Kantons Zürich mit Schreiben vom 17. Juli 2015 die
Stadtpolizei mit der Gewährung des rechtlichen Gehörs beauftragte und
diese am 28. August 2015 die Anhörung durchführte (Vorakten act. 3/22).
Gestützt auf die Aussagen der Beschwerdeführerin erliess das Migrations-
amt des Kantons Zürich eine Widerrufsverfügung unter Ansetzung einer
Ausreisefrist bis zum 2. Mai 2016 (Vorakten act. 4/30). Den Widerruf der
Aufenthaltsbewilligung resp. deren Nichtverlängerung focht die Beschwer-
deführerin vor dem Verwaltungsgericht Zürich und anschliessend beim
Bundesgericht mit dem Argument an, dass ihr gesundheitlicher Zustand
keine Arbeitstätigkeit zulasse. Die Rechtsmittel blieben erfolglos. Das Ver-
waltungsgericht Zürich mit Urteil vom 14. September 2018 (Ref.
VB.2018.00086; Vorakten act. 5/46) sowie das Bundesgericht mit Urteil
vom 23. Januar 2019 (BGer Urteil 2C_953/2018 E. 3.3.2.; Vorakten act.
6/56) wiesen die Beschwerden mit Verweis auf eine mangelnde wirtschaft-
liche und soziale Integration (Arbeitslosigkeit, Sozialhilfeabhängigkeit) ab.
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Seite 3
In diesem Zusammenhang sei auch zu erwähnen, dass die Beschwerde-
führerin (mehrmals) eine Invaliditätsrente beantragte, was mit Entscheid
des Sozialversicherungsgerichtes des Kantons Zürich abgelehnt wurde.
C.
Die Vorinstanz erliess gegen die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 67
Abs. 2 Bst. b AIG (SR 142.20) mit Verfügung vom 13. Februar 2019 (Vorak-
ten act. 7/59) ein Einreiseverbot für drei Jahre (gültig von 28. Februar 2019
bis 28. Februar 2022) und entzog einer allfälligen Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung. Die Verfügung des Einreiseverbotes zog eine Aus-
schreibung zur Einreiseverweigerung im Schengener Informationssystem
(SIS II) nach sich. Begründet wurde die Fernhaltemassnahme damit, dass
die Beschwerdeführerin Sozialhilfekosten im Gesamtbetrag von Fr.
403'000.- verursacht habe, weshalb eine Fernhaltemassnahme gestützt
auf Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG angezeigt sei.
D.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin reichte am 9. Mai 2019 Be-
schwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz betreffend Einreiseverbot
ein, mit dem Antrag, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben. In pro-
zessualer Hinsicht wurde um unentgeltliche Rechtsvertretung und Pro-
zessführung ersucht (act. 1).
E.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Mai 2019 (act. 3) wurden die Gesuche um
unentgeltliche Rechtspflege sowie Wiederherstellung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde abgewiesen.
F.
Der Rechtsvertreter reichte mit Schreiben vom 19. Juni 2019 die Begehren
ein (act. 4), ihm sei aus Gründen der Arbeitsüberlastung und der schwieri-
gen Kontaktnahme mit der Beschwerdeführerin eine möglichst lange Frist,
vorzugsweise bis zum 15. August 2019, zur Bezahlung des Kostenvor-
schusses zu gewähren und diesen in zwei Raten à je CHF 600.- aufzutei-
len.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Juni 2019 (act. 5) wurde obiges Ratenzah-
lungsgesuch abgelehnt und die Frist zur vollständigen Bezahlung des Kos-
tenvorschusses in der Höhe von CHF 1'200.- bis zum 16. August 2019 er-
streckt.
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Seite 4
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 6. September 2019 hielt die Vorinstanz an
ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Zur
Begründung wurde im Wesentlichen angeführt, dass der Beschwerdefüh-
rerin mindestens eine Teilzeiterwerbstätigkeit unter Berücksichtigung ihrer
gesundheitlichen Einschränkungen zuzumuten gewesen wäre, was diese
aber abgelehnt resp. sich nie darum bemüht habe und dadurch zwischen
den Jahren 1997-2015 insgesamt Sozialhilfekosten von CHF 403'000.-
aufgelaufen seien.
I.
Der Beschwerdeführerin wurde mit Zwischenverfügung vom 10. Septem-
ber 2019 (act. 9) die Vernehmlassung der Vorinstanz zur Kenntnis gebracht
und gleichzeitig Frist zur Eingabe einer Replik mit dazugehörigen Beweis-
mitteln bis zum 9.Oktober 2019 angesetzt.
J.
Der Rechtsvertreter beantragte mit Gesuch vom 9. Oktober 2019 eine Fris-
terstreckung der mit Zwischenverfügung vom 10. September 2019 ange-
setzten Frist zur Einreichung der Replik und weiterer Beweismittel, welches
mit Zwischenentscheid vom 15. Oktober 2019 bis zum 6. November 2019
teilweise bewilligt wurde.
K.
Mit Verfügung vom 12. November 2019 wurde der Vorinstanz ein Doppel
der Replik zur freigestellten Vernehmlassung bis zum 11. Dezember 2019
übermittelt, worauf die Vorinstanz verzichtete (act. 13/14).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Vom SEM erlassene Einreiseverbote sind mit Beschwerde beim Bun-
desverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5 VwVG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz, soweit das Verwaltungs-
gerichtsgesetz nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde
legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
F-2286/2019
Seite 5
Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG). Über sie entscheidet
das Bundesverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes sowie - soweit nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat - die Unangemessenheit gerügt werden (Art.
49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von
Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung
der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen
als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massge-
bend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl.
BVGE 2014/1 E. 2 mit Hinweisen).
3.
Der Beschwerdeführerin zufolge verfehlt die angefochtene Verfügung ihr
Ziel. Ihrer Auffassung nach richtet sich das Einreiseverbot gegen eine nur
vermeintlich von ihr ausgehende Gefahr für die öffentlichen Finanzen des
Gemeinwesens, da sie krankheitsbedingt und deshalb unverschuldet kei-
ner Arbeit nachgehen könne und deswegen Sozialhilfe beanspruchen
müsse. Überdies möchte sie in der Schweiz bleiben können, um zu sehen,
was aus ihren beiden Söhnen wird. Die Verfügung sei zu summarisch be-
gründet und verletze überdies das rechtliche Gehör, weil sie vor Erlass der
Fernhaltemassnahme nicht angehört worden sei.
Es ist zu berücksichtigen, dass Einreiseverbote zu den mengenmässig
häufigsten Anordnungen der schweizerischen Verwaltungspraxis zählen
und die Vorinstanz speditiv zu entscheiden hat (Effizienzgrundsatz). Auch
kann und muss die Begründungsdichte erstinstanzlicher Entscheide nicht
derjenigen höherer Instanzen entsprechen (vgl. beispielsweise Urteil des
BVGer F-7605/2016 vom 26. Oktober 2018 E. 3.3 m.H.). Entscheidend ist,
dass es der Beschwerdeführerin vorliegend möglich war, sich sachgerecht
gegen die vorinstanzliche Verfügung zur Wehr zu setzen. Diese führte in
der angefochtenen Verfügung summarisch aber rechtsgenüglich den
Grund für das Einreiseverbot auf (Fürsorgeabhängigkeit). Damit ist das
SEM seiner Begründungspflicht hinreichend nachgekommen. Mit Einver-
nahme vom 28. August 2015 wurde der Beschwerdeführerin das rechtliche
Gehör zur Anordnung der Fernhaltemassnahme gewährt (Vorakten act.
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Seite 6
3/22 Frage 37 S. 5). Eine weitere Verletzung des rechtlichen Gehörs wird
zwar behauptet, aber nicht konkret dargetan.
4.
4.1 Landesrechtliche Grundlage der angefochtenen Verfügung vom
13. Februar 2019 ist Art. 67 AIG, der in den Absätzen 1 und 2 eine Reihe
von Tatbeständen aufführt, die ein Einreiseverbot nach sich ziehen oder
nach sich ziehen können. Gemäss Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG kann das SEM
gegen ausländische Personen, die Sozialhilfekosten verursacht haben ein
Einreiseverbot verfügen. Dieses wird - so Art. 67 Abs. 3 AIG - für eine Dauer
von höchstens fünf Jahren verfügt, kann aber für eine längere Dauer an-
geordnet werden, wenn von der ausländischen Person eine schwerwie-
gende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht (vgl.
BVGE 2014/20 E. 5). Aus humanitären oder anderen wichtigen Gründen
kann von der Verhängung eines Einreiseverbots abgesehen oder ein Ein-
reiseverbot vollständig oder vorübergehend aufgehoben werden (Art. 67
Abs. 5 AIG).
4.2 Das Einreiseverbot ist keine Sanktion für vergangenes Fehlverhalten,
sondern eine Massnahme zur Abwendung einer künftigen Störung der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung. Das Einreiseverbot soll künftigen Stö-
rungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung vorbeugen, nicht aber ein
bestimmtes Verhalten ahnden. Es hat damit nicht Straf-, sondern Mass-
nahmencharakter. Diese administrative Massnahme soll insbesondere
auch dann angeordnet werden können, wenn Ausländerinnen oder Auslän-
der gegen ausländerrechtliche Vorschriften verstossen haben oder wenn
die Gefahr besteht, dass bei einer Wiedereinreise erneut Sozialhilfe- und
Rückreisekosten entstehen (siehe Botschaft zum Bundesgesetz über die
Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002 [im Folgenden: Bot-
schaft] BBl 2002 3813). Die Verhängung eines Einreiseverbots knüpft an
das Bestehen eines Risikos einer künftigen Gefährdung an. Es ist gestützt
auf die gesamten Umstände des Einzelfalls eine entsprechende Prognose
zu stellen. Dabei ist naturgemäss in erster Linie das vergangene Verhalten
der betroffenen Person zu berücksichtigen (vgl. die in BVGE 2014/20 nicht
veröffentlichte E. 3.2 des Urteils C-5819/2012 vom 26. August 2014 m.H.).
Bestand ein solches Verhalten in der Vergangenheit, so wird die Gefahr
entsprechender künftiger Störungen von Gesetzes wegen vermutet (vgl.
Botschaft, a.a.O. S. 3760 sowie Urteil des BVGer C-988/2015 vom 29. Ok-
tober 2015 E. 6.2 m.H.).
F-2286/2019
Seite 7
4.3 Wird gegen eine Person, welche nicht die Staatsangehörigkeit eines
Mitgliedstaates der Europäischen Union oder der Europäischen Freihan-
delsassoziation besitzt, ein Einreiseverbot verhängt, so erfolgt nach Mass-
gabe der Bedeutung des Falles im Schengener Informationssystem (SIS
II) die Ausschreibung zur Einreiseverweigerung (vgl. Art. 21 und Art. 24 SIS
II-Verordnung sowie Art. 20 - 22 der Verordnung über den nationalen Teil
des Schengener Informationssystems (N-SIS) und das SIRENE-Büro [N-
SIS-Verordnung vom 8. März 2013, SR 362.0]).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet das gegen die Beschwerdeführerin ver-
hängte Einreiseverbot mit der Verursachung von Sozialhilfekosten in der
Höhe von CHF 403'000.-. Es wird der Beschwerdeführerin vorgeworfen
selbstverschuldet auf die finanzielle Hilfe des Sozialamtes angewiesen zu
sein und sich seit 1997 nie richtig wirtschaftlich im ersten Arbeitsmarkt in-
tegriert zu haben. Versuche vom zweiten Arbeitsmarkt in den ersten über-
treten zu können, seien erfolglos geblieben und seien nie ernstlich ange-
strebt worden.
5.2 Die Beschwerdeführerin bringt gesundheitliche Gründe vor, welche sie
an einer erfolgreichen wirtschaftlichen Integration in der Schweiz gehindert
hätten. Sie legt zahlreiche Arztzeugnisse ins Recht (act. 12/3-7). Aus dem
vorläufigen Austrittsbericht vom 8. April 2019 der psychiatrischen Universi-
tätsklinik Zürich geht hervor, dass die Beschwerdeführerin wegen eines
Suizidversuches aufgrund der bevorstehenden Ausweisung mittels fürsor-
gerischer Unterbringung am 16. März 2019 eingewiesen wurde. Die Suizi-
dabsichten äusserte sie schon in der polizeilichen Befragung zwecks Ge-
hörsgewährung vom 28. August 2015 (Vorakten act. 3/22 S. 4 ff. Antwort
33 resp. 37). Gleich wie im bundesgerichtlichen Verfahren vermögen diese
gesundheitlichen Argumente aber in Bezug auf die vorgeworfene Sozialhil-
feabhängigkeit nicht zu überzeugen. Dem Urteil des Bundesgerichts vom
23. Januar 2019 ist nämlich zu entnehmen, dass sich die Beschwerdefüh-
rerin nicht ernsthaft bemühte noch künftig beabsichtige, im ersten Arbeits-
markt Fuss zu fassen; zudem sei sie auch nach 29 Jahren Aufenthalt in der
Schweiz nicht integriert (vgl. Urteil des BGer 2C_953/2018 vom 23. Januar
2019 E. 3.3.2).
5.3 Der Fernhaltegrund im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG - die Verur-
sachung von Sozialhilfekosten - fällt entgegen dem Wortlaut erst dann in
Betracht, wenn zusätzlich die Gefahr besteht, dass bei einer Wiederein-
reise erneut Sozialhilfe- und Rückreisekosten entstehen. Voraussetzung
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Seite 8
für die Annahme einer solchen Gefahr ist eine gewisse Wahrscheinlichkeit
dafür, dass die betroffene Person im Bedarfsfall nicht unverzüglich auf fi-
nanzielle Mittel zurückgreifen kann (vgl. Urteil des BVGer C-166/2007 vom
27. August 2007, E. 5.1; MARC SPESCHA in: Kommentar Migrationsrecht, 5.
Aufl. 2019, Art. 67 N 4, sowie ANDREA BINDER OSER in: Stämpflis Hand-
kommentar, Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer, 2010,
Art. 67 N 10 m.H.). Die Gefahr einer wiederkehrenden Sozialhilfeabhän-
gigkeit ist im Falle der Beschwerdeführerin schon aufgrund ihrer bisherigen
erheblichen Verschuldung, dem tiefen Bildungs- und Integrationsstand so-
wie gesundheitlicher Einschränkungen und dem fortgeschrittenen Alter zu
bejahen, weil die Beschwerdeführerin auch keine finanziellen Mittel oder
Garantien Dritten vorzeigen kann (siehe in diesem Zusammenhang SPE-
SCHA, a.a.O., Art. 67 N 4). Im vorliegenden Fall besteht demzufolge ein
Fernhaltegrund im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG.
6.
6.1 Zu prüfen bleibt, ob die Fernhaltemassnahme in richtiger Ausübung
des Ermessens ergangen und angemessen ist. Der Grundsatz der Verhält-
nismässigkeit steht dabei im Vordergrund. Unter diesem Gesichtspunkt ist
eine wertende Abwägung vorzunehmen zwischen dem öffentlichen Inte-
resse an der Massnahme einerseits und den von der Massnahme beein-
trächtigten privaten Interessen des Betroffenen andererseits. Die Stellung
der verletzten oder gefährdeten Rechtsgüter, die Besonderheiten des dem
Einreiseverbot zugrundeliegenden Verhaltens und die persönlichen Ver-
hältnisse des Verfügungsbelasteten bilden dabei den Ausgangspunkt der
Überlegungen (vgl. statt vieler HÄFELIN ET AL., Allgemeines Verwaltungs-
recht, 8. Aufl. 2020, N 555 f.).
6.2 Die von der Beschwerdeführerin ausgehende Gefahr für die finanzielle
Belastung des Gemeinwesens spricht für ein erhebliches öffentliches Inte-
resse an ihrer Fernhaltung. Das infolgedessen anzuordnende Einreisever-
bot hat vor allem spezialpräventiven Charakter: Während seiner Gültigkeit
soll es der Beschwerdeführerin die Möglichkeit nehmen, ihr sozial uner-
wünschtes Verhalten in der Schweiz und im Schengen-Raum fortzusetzen;
danach, bei künftigen Wiedereinreisen, soll es sie von weiterem entspre-
chendem Tun abhalten (vgl. BVGE 2014/20 E. 8.2 m.H.). Ebenfalls zu be-
rücksichtigen sind generalpräventive Aspekte, welche die ausländerrecht-
liche Ordnung durch eine konsequente Massnahmepraxis schützen und
damit zu einer insgesamt funktionierenden Rechtsordnung beitragen sollen
(vgl. Urteil des BGer 2C_516/2014 vom 24. März 2015 E. 3.2 m.H.).
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Seite 9
6.3 Dem öffentlichen Interesse sind die privaten Interessen der Beschwer-
deführerin gegenüberzustellen. Diese macht im Wesentlichen geltend, ihre
beiden erwachsenen Söhne lebten in der Schweiz; beide wolle sie regel-
mässig besuchen, werde aber durch das Einreiseverbot daran gehindert.
6.4 Fraglich ist, ob die von der Beschwerdeführerin erhobenen Einwände
überzeugen können, denn auch der durch Art. 8 EMRK gewährte Schutz
des Familienlebens, auf den sie sich explizit beruft, unterliegt Einschrän-
kungen. Gleiches gilt für den von Art. 8 EMRK mitumfassten Schutz des
Privatlebens. Hinsichtlich des behaupteten Familienlebens ist festzustel-
len, dass sich der dahingehende Schutz nur auf den Kernbereich der Fa-
milie beschränkt. Im Falle der Beschwerdeführerin umfasst er die Bezie-
hung zu den volljährigen Söhnen nicht mehr. Weitere Beziehungen im
Sinne einer Lebenspartnerschaft wurden keine vorgebracht. Eine solche
Konsequenz an sich spricht nicht gegen die Verhältnismässigkeit der Mas-
snahme, wäre doch ansonsten das Instrument des Einreiseverbots gegen-
über allen Personen mit Angehörigen in der Schweiz unzulässig (Urteil des
BGer 2C_270/2015 vom 6. August 2015 E. 8.2).
6.5 Die verfügende Behörde kann ausnahmsweise aus humanitären oder
anderen wichtigen Gründen von der Verhängung eines Einreiseverbots ab-
sehen oder ein Einreiseverbot endgültig oder vorübergehend aufheben.
Dabei sind namentlich die Gründe, die zum Einreiseverbot geführt haben,
sowie der Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und die Wahrung
der inneren oder äusseren Sicherheit der Schweiz gegenüber den privaten
Interessen der betroffenen Person an einer Aufhebung abzuwägen (Art. 67
Abs. 5 AIG). Solche Gründe liegen nach dem Gesagten nicht vor.
6.6 Die Abwägung der vorliegenden öffentlichen und privaten Interessen
führt nach alledem zum Ergebnis, dass das auf drei Jahre befristete Ein-
reiseverbot eine verhältnismässige und auch in Bezug auf die Dauer ange-
messene Massnahme zur Verhinderung der Gefahr einer weiteren finanzi-
ellen Belastung des Gemeinwesens darstellt.
Nicht zu beanstanden ist schliesslich, dass der Beschwerdeführerin die
Einreise in das Hoheitsgebiet sämtlicher Schengen-Staaten verboten
wurde (vgl. Art. 21. i.V.m. Art. 24 SIS-II-Verordnung). Die Schweiz ist als
Folge des Grundsatzes der loyalen Zusammenarbeit bei der Administration
des gemeinsamen Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, auf
dem das Schengen-System beruht, zur getreuen Wahrung der Interessen
der Gesamtheit der Schengen-Staaten verpflichtet (vgl. BVGE 2011/48 E.
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Seite 10
6.1). Hinzu tritt, dass wegen des Wegfalls systematischer Personenkon-
trollen an den Schengen-Innengrenzen Einreiseverbote und ähnliche Mas-
snahmen ihre volle Wirksamkeit nur entfalten können, wenn sich ihre Gel-
tung und die Durchsetzbarkeit nicht auf einzelne Schengen-Staaten be-
schränken. Angesichts der festgestellten, von der Beschwerdeführerin aus-
gehenden Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung (siehe Art. 24
Ziff. 2 Bst. a SIS-II-VO) liegt die Ausschreibung des Einreiseverbots im
zwingenden gemeinsamen Interesse der Schweiz und der übrigen Schen-
gen-Staaten. Eine mit der Ausschreibung des Einreiseverbots einherge-
hende zusätzliche Beeinträchtigung ihrer persönlichen Bewegungsfreiheit
hat die Beschwerdeführerin in Kauf zu nehmen.
7.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht nicht verletzt (vgl. Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist daher abzuwei-
sen.
8.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind der Beschwerdeführerin
die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG, Art. 1 ff. des Reg-
lements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Eine Partei-
entschädigung steht ihr aufgrund ihres Unterliegens nicht zu (Art. 64 Abs.
1 VwVG).
(Dispositiv folgt auf der nächsten Seite)
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