Decision ID: af304bb4-dd99-4748-abdb-56a4fe9cd502
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer gelangte am 7. November 2016 in die Schweiz und
suchte gleichentags um Asyl nach.
B.
Er wurde am 21. November 2016 zu seiner Person, dem Reiseweg und
summarisch zu den Fluchtgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]).
Eine eingehende Anhörung zu den Gründen für sein Asylgesuch fand am
11. Dezember 2018 statt.
Er begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen damit, dass er in der Tür-
kei zu Unrecht wegen Unterstützungshandlungen für die Arbeiterpartei
Kurdistans (Partiya Karkerên Kurdistanê – PKK) verurteilt worden sei.
C.
Am 10. Mai 2019 reichte er beim Bundesverwaltungsgericht eine Rechts-
verzögerungsbeschwerde ein. Diese wurde mit Urteil D-2259/2019 vom
17. Juli 2019 gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wurde.
D.
Mit Verfügung vom 6. Dezember 2019 (Eröffnung am 7. Dezember 2019)
stellte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers fest,
lehnte das Asylgesuch indessen infolge Asylunwürdigkeit ab und ordnete
die Wegweisung aus der Schweiz an. Gleichzeit nahm es den Beschwer-
deführer als Flüchtling vorläufig in der Schweiz auf.
E.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechts-
vertreterin vom 6. Januar 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er be-
antragte die Aufhebung der Dispositivziffern 2. (Asyl) und 3. (Wegweisung)
der angefochtenen Verfügung. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben
und zu weiteren Sachverhaltsabklärungen und erneuten Entscheidung an
die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65
Abs. 1 VwVG in Verbindung mit aArt. 110a AsylG (SR 142.31).
D-65/2020
Seite 3
F.
Mit Zwischenverfügung vom 13. Januar 2020 wurden die Gesuche um un-
entgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsverbeiständung gutge-
heissen und die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin
eingesetzt.
G.
Mit Vernehmlassungen vom 17. Januar und 4. Februar 2020 äusserte sich
die Vorinstanz zur Beschwerde, worauf der Beschwerdeführer mit Eingabe
vom 24. Februar 2020 replizierte.
H.
Das vorliegende Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die
vorsitzende Richterin gemäss Rubrum umgeteilt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
D-65/2020
Seite 4
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Da das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers mit Verfü-
gung vom 6. Dezember 2019 bejaht und ihn wegen Unzulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen hat, be-
schränkt sich der Prozessgegenstand vorliegend auf die Frage, ob es zu
Recht vom Bestehen des Asylausschlussgrundes der Asylunwürdigkeit ge-
mäss Art. 53 AsylG ausgegangen ist.
4.
4.1 Gemäss Art. 53 AsylG wird Flüchtlingen kein Asyl gewährt, wenn sie
wegen verwerflicher Handlungen dessen unwürdig sind oder wenn sie die
innere oder die äussere Sicherheit der Schweiz verletzt haben oder gefähr-
den.
4.2 Unter dem Begriff der verwerflichen Handlung sind diejenigen Delikte
zu subsumieren, die gemäss allgemeinem Teil des schweizerischen Straf-
gesetzbuches als "Verbrechen" (vgl. Art. 10 Abs. 2 StGB; abstrakte Höchst-
strafe von mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe) gelten, wobei es irrelevant
ist, ob die verwerfliche Handlung als rein gemeinrechtliches oder aber als
politisches Delikt einzustufen ist (vgl. BVGE 2011/29 E. 9.2.2 S. 564; BVGE
2011/10 E. 6 S. 131).
Hinsichtlich des anzuwendenden Beweismasses ist bei Straftaten, die im
Ausland begangen wurden, kein strikter Nachweis erforderlich. Es genügt
die aus schwerwiegenden Gründen gerechtfertigte Annahme, das heisst
die überwiegende Wahrscheinlichkeit, dass sich die betroffene Person ei-
ner Straftat im erwähnten Sinne schuldig gemacht hat. Dabei ist von einer
pauschalen Betrachtungsweise Abstand zu nehmen und der individuelle
Tatbeitrag − zu welchem die Schwere der Tat und der persönliche Anteil
D-65/2020
Seite 5
am Tatentscheid wie auch das Motiv des Täters und allfällige Rechtferti-
gungs- oder Schuldminderungsgründe zu zählen sind − zu ermitteln. Ein
entsprechender Tatbeitrag, der zum Ausschluss von der Asylgewährung
führt, kann zum einen in unmittelbarer Täterschaft erfolgt sein. Zum ande-
ren ist auch nach einer Tatbeteiligung und einer mittelbaren Täterschaft zu
fragen, die sich insbesondere aus einer Verantwortung für Handlungen
Dritter aufgrund einer entsprechenden Befehlsgewalt ergeben kann (vgl.
diesbezüglich Urteil des BVGer D-6788/2018 vom 25. Juni 2021 E. 4.3).
Liegt eine entsprechende Delinquenz vor, ist ausserdem zu prüfen, ob die
Rechtsfolge des Asylausschlusses auch eine verhältnismässige Mass-
nahme darstellt. Dabei ist vorab in Betracht zu ziehen, wie lange die Tat
bereits zurückliegt, wobei auf die Verjährungsbestimmungen des Straf-
rechts verwiesen wird. Ebenso haben das Alter im Zeitpunkt der Tatbege-
hung, die Wahrscheinlichkeit der erneuten Begehung von Straftaten sowie
eine allfällige Veränderung der Lebensverhältnisse nach der Tat Einfluss
auf die diesbezügliche Entscheidfindung (vgl. BVGE 2011/10 E. 6 S. 132;
BVGE 2011/29 E. 9.2.3 f. S. 565 m.w.H.; Urteil des BVGer D-6788/2018
vom 25. Juni 2021 E. 4.5 m.w.H.).
4.3 Das SEM begründete seinen Entscheid damit, dass vorliegend Unter-
stützungshandlungen für die PKK im Raum stehe. Die PKK gelte nicht als
kriminelle Organisation im Sinne von Art. 260ter StGB, weshalb eine blosse
Mitgliedschaft nicht für die Bejahung der Asylunwürdigkeit ausreiche, son-
dern vielmehr ein individueller Tatbeitrag im Rahmen des bewaffneten
Kampfes der PKK zu prüfen sei.
Dem Beschwerdeführer werde im von ihm eingereichten türkischen Urteil
vom 22. April 2013 vorgeworfen, der PKK im Jahre 1999 beigetreten und
bis zu seiner Festnahme im Jahre 2008 im ländlichen Bereich tätig gewe-
sen zu sein. Innerhalb der Organisation sei er zum Gruppenverantwortli-
chen aufgestiegen. Im Jahre 2000 habe er an einer bewaffneten Auseinan-
dersetzung mit Sicherheitskräften teilgenommen. Er sei an der Ermordung
einer Person und der Verletzung von drei Personen beteiligt gewesen und
habe die Übersendung vom Organisationsmitglieder für eine aufsehener-
regende Tat in Izmir organisiert, habe Anweisungen für die Durchführung
einer Tat gegeben und sei im Jahre 2006 am Versand von Sprengstoff und
Zündern beteiligt gewesen. Diese Tatbeiträge würden schwer wiegen und
über bloss untergeordnete Unterstützungshandlungen hinausgehen. Aus
dem eingereichten Urteil gehe hervor, dass das Gericht die Tathandlungen
sehr umfassend und detailliert begründet habe, was darauf schliessen
D-65/2020
Seite 6
lasse, dass es sich nicht lediglich um wenig fundierte Annahmen der Un-
tersuchungsbehörden handle. Es falle zudem differenziert aus, da er von
gewissen Anklagepunkten freigesprochen worden sei.
Der Beschwerdeführer habe diesen Vorwürfen wenig entgegenzusetzen.
So habe er im Gerichtsverfahren lediglich eingewendet, die Personen, die
ihn belastet hätten, nicht zu kennen oder schon lange keinen Kontakt mehr
mit ihnen gehabt zu haben und sich zu den Tatzeitpunkten andernorts auf-
gehalten zu haben.
Um beurteilen zu können, ob er in der schriftlichen Beschwerde gegen das
Urteil in der Lage gewesen sei, fundiertere Einwände zu formulieren, habe
das SEM ihn aufgefordert, diese Beschwerde einzureichen. In seiner Stel-
lungnahme habe er erklärt, die Kontaktaufnahme mit seiner türkischen An-
wältin sei harzig verlaufen und diese habe die Unterhaltung schliesslich
abgebrochen. Sein Bruder habe ihm anschliessend mitgeteilt, dass die An-
wältin sämtliche Unterlagen weggeworfen habe. Diese Stellungnahme be-
ziehungsweise diese Mitwirkung sei als ungenügend zu erachten. Es hätte
die Möglichkeit bestanden, einen anderen Anwalt zu beauftragen, da An-
wälte die Möglichkeit hätten, auf Verfahrensakten online zuzugreifen. Auch
andere bevollmächtigte Drittpersonen hätten um Akteneinsicht ersuchen
können. Es könne somit einzig auf die im Urteil wiedergegebenen, wenig
überzeugenden Verteidigungen abgestellt werden.
Der Beschwerdeführer reichte eine Bestätigung eines Flüchtlingslagers im
Nordirak ein, wo er sich von 1998 bis 2005 und 2013 bis 2016 aufgehalten
habe. Dabei handle es sich aber um eine blosse Kurzauskunft und es sei
nicht auszuschliessen, dass er trotz des dortigen Aufenthalts die ihm vor-
geworfenen Taten begangen habe. Es stehe nämlich nicht mit Sicherheit
fest, dass er sich ausschliesslich dort aufgehalten habe, zumal er gemäss
dem türkischen Gerichtsurteil angegeben habe, im September 1999 nach
Europa gereist zu sein.
Dem Beschwerdeführer sei es somit nicht gelungen, den Vorwürfen im tür-
kischen Urteil etwas Wesentliches entgegenzusetzen. Es sei daher davon
auszugehen, dass er qualifizierte Unterstützungstätigkeiten für den bewaff-
neten Kampf der PKK geleistet habe.
Der Asylausschluss sei auch verhältnismässig. Der Beschwerdeführer
habe sich im Alter von 20 Jahren der PKK angeschlossen. Die Ausreise
und der damit zusammenhängende Weggang von der PKK sei offenbar
D-65/2020
Seite 7
aus gesundheitlichen Gründen geschehen. Eine Distanzierung zur PKK
liege nicht vor, wobei diesem Punkt in der Anhörung nicht habe nachge-
gangen werden können, da er jegliche Verbindung zur PKK verneint habe.
Dem Beschwerdeführer werde im Urteil unter anderem die Tötung eines
Menschen vorgeworfen. Seine Taten würden gemeinrechtlichen Charakter
aufweisen. Es sei aber in Betracht zu ziehen, dass er in der Türkei bereits
viereinhalb Jahre in Haft verbracht habe und somit von einer teilweisen
Verbüssung ausgegangen werden könne.
4.4 In der Beschwerdeschrift wurde vorgebracht, der Sachverhalt sei vom
SEM falsch erfasst worden. Der Beschwerdeführer sei im Jahre 2005 nicht
in die Türkei zurückgekehrt, sondern habe ab 1998 im Irak gelebt. 2006
oder 2007 habe er mehrmals erfolglos versucht, nach Westeuropa zu rei-
sen. Im Juni 2008 sei er von Bulgarien in die Türkei ausgeschafft worden.
Die Auslandaufenthalte seien durch das Bestätigungsschreiben des
Flüchtlingslagers und der Eurodac-Treffer in Bulgarien belegt.
Die Anhörung habe nur 1.5 Stunden gedauert, weshalb der Sachverhalt
nicht habe richtig abgeklärt werden können. Die Annahme der Asylunwür-
digkeit beruhe auf blossen Mutmassungen. Das SEM vertraue dabei
fälschlicherweise auf das türkische Urteil, da es dieses für detailliert halte.
Politisch motivierte Prozesse würden in der Türkei immer mit detaillierten
Vorwürfen anfangen. Diese seien einfach nicht belegt.
Das SEM werfe ihm zu Unrecht eine mangelhafte Mitwirkung vor. Da seine
Anwältin nicht kooperativ gewesen sei, habe er die Beschwerdeschrift nicht
einreichen können. Auch eine andere Anwältin hätte das nicht tun können,
da im digitalen Aktensystem der Türkei nur eingescannte Gerichtsakten er-
sichtlich seien, Beschwerdeschriften aber nicht. Seinem Cousin sei es nun
aber gelungen, die Beschwerdeschrift erhältlich zu machen. Darin werde
ausgeführt, dass keine Beweismittel vorliegen würden und die Zeugenaus-
sagen unter Folter zustande gekommen seien. Ausgeführt werde ferner,
dass der Beschwerdeführer aus Bulgarien in die Türkei gekommen sei und
der Vorwurf, er sei längere Zeit im ländlichen Bereich bewaffnet tätig ge-
wesen, nicht stimmen könne. Lediglich seine Aussage, nicht im Nordirak,
sondern ab 1999 in Europa gewesen zu sein, entspreche nicht der Realität.
Er sei ab 1998 im Flüchtlingslager im Nordirak gewesen, habe dies bei den
türkischen Behörden aber nicht zugeben können.
D-65/2020
Seite 8
Er habe jegliche Verbindung zur PKK verneint, weshalb nicht ersichtlich
sei, wie er sich darüber hinaus von deren Taten noch deutlicher distanzie-
ren könnte. Darüber hinaus behaupte die Vorinstanz, der Beschwerdefüh-
rer habe sich im Alter von 20 Jahren der PKK angeschlossen und der Weg-
gang aus der PKK sei wegen gesundheitlicher Probleme geschehen. Es
sei nicht ersichtlich, wie die Vorinstanz zu diesem Schluss komme.
4.5 In den Vernehmlassungen erwiderte das SEM, die Erklärung, wie der
Beschwerdeführer nun doch an die Beschwerdeschrift gegen das türkische
Urteil gelangt sei, sei widersprüchlich und daher nicht glaubhaft. Dadurch
würden auch Zweifel an der Beschwerde selbst entstehen. Es erscheine
durchaus möglich, dass in den nunmehr zwei Monaten die zwischen der
Aufforderung des SEM, die Beschwerde einzureichen, und dem tatsächli-
chen Einreichen vergangen seien, das Schriftstück verfälscht worden sei,
um die Vorbringen des Beschwerdeführers in einem bessren Licht erschei-
nen zu lassen. Die Übersetzung der Beschwerdeschrift sei schwer ver-
ständlich und ergebe teilweise keinen Sinn. Mehrmals werde festgehalten,
die belastenden Aussagen seien unter Folter entstanden und die Person
mit dem Decknamen B._ sei nicht der Beschwerdeführer. Die vor-
gebrachten Gründe seien stereotyp und würden nichts Wesentliches zur
Annahme beitragen, dass der Beschwerdeführer die vorgeworfenen Hand-
lungen nicht begangen habe.
4.6 In der Replik wurde eingewendet, der Beschwerdeführer habe die Be-
mühungen zur Beschaffung der Beschwerdeschrift dokumentiert. Die Kor-
respondenz mit der Anwältin sei eingereicht worden und die Aushändigung
an den Cousin sei ausführlich dargelegt worden. Es sei nicht ersichtlich,
weshalb sich der Beschwerdeführer die Mühe machen sollte, sich in Ver-
bindung mit der Anwältin zu setzen, wenn er in Tat und Wahrheit Fälschun-
gen durchführen wollte.
5.
5.1 Das SEM stützt seine Annahme einer Begehung verwerflicher Hand-
lungen im Wesentlichen auf das türkische Gerichtsurteil ab. In allgemeiner
Weise ist diesbezüglich jedoch festzuhalten, dass der türkische Strafpro-
zess markante Defizite hinsichtlich des Anspruchs auf ein faires Verfahren
aufweist respektive im Jahre 2013, aus welchem das Urteil stammt, auf-
wies. So würden Personen, die unter Terrorismusverdacht stünden, eine
Verurteilung riskieren, selbst wenn stichhaltige und überzeugende Beweise
fehlen würden (vgl. Amnesty International, Report 2014/2015 – The State
D-65/2020
Seite 9
of the World's Human Rights – Turkey, < https://www.ecoi.net/de/doku-
ment/1306016.html >, abgerufen am 19.01.2022; US Department of
State, Country Report on Human Rights Practices 2013 – Turkey,
< https://www.ecoi.net/de/dokument/1124195.html >, abgerufen am
19.01.2022). Die Feststellungen im türkischen Urteil können somit nicht un-
besehen für überwiegend wahrscheinlich erachtet werden.
5.2 Die Verurteilung des Beschwerdeführers beruht hauptsächlich auf Zeu-
genaussagen. Deren Verlässlichkeit lässt sich im vorliegenden Verfahren je-
doch nicht überprüfen und kann vor dem Hintergrund der soeben zitierten
Berichte berechtigterweise angezweifelt werden. Darüber hinaus stützt sich
das türkische Gericht auf ein abgehörtes Telefongespräch. Da der Be-
schwerdeführer im Gerichtsverfahren verlangte, die entsprechenden Akten
einsehen respektive die Gespräche hören zu können, ohne dass ersichtlich
wäre, wie dieser Antrag behandelt worden ist, ist zweifelhaft, ob er zu diesem
Beweismittel wirksam hat Stellung beziehen können. An der Stichhaltigkeit
der Beweislage des türkischen Schuldspruchs sind somit Zweifel ange-
bracht.
5.3 Den Akten sind allerdings auch weitere Anhaltspunkte zu entnehmen,
welche für eine Verbindung des Beschwerdeführers zur PKK sprechen. So
überzeugt die Aussage des Beschwerdeführers, sein politisches Engage-
ment erschöpfe sich in einer Sympathie für die Demokratische Partei der
Völker (Halkların Demokratik Partisi – HDP) (vgl. act. A8 S. 10) kaum. Es ist
bereits nicht ersichtlich, weshalb die türkischen Behörden einen blossen
Sympathisanten der HDP mit einer solchen Vehemenz verfolgen sollten.
Ferner äusserte sich der Beschwerdeführer auf die Frage, ob er je Mitglied
der PKK gewesen sei, Waffen besessen oder sich sonst illegal verhalten
habe, äusserst vage (vgl. act. A33 F85 bis F87), was als Hinweis gewertet
werden kann, dass er den schweizerischen Asylbehörden seine tatsächliche
Verbindung zur PKK nicht offenlegt. Darüber hinaus überzeugt die Behaup-
tung in der Beschwerdeschrift nicht, er habe sich zum Tatzeitpunkt gar nicht
in der Türkei aufgehalten, da er – anders als noch in der BzP ausgesagt –
im Jahre 2005 gar nicht in die Türkei zurückgekehrt sei, sondern mehrmals
erfolglos versucht habe, vom Nordirak nach Westeuropa zu gelangen, in An-
betracht der gegenteiligen Aussage in der BzP (vgl. act. A8 S. 2.02) sowie
des Eurodac-Hit, der lediglich einen Aufenthalt in Bulgarien im Jahre 2007
belegen kann. Aber auch diese Indizien sind nur in sehr beschränktem Aus-
mass geeignet, die Begehung verwerflicher Handlungen durch den Be-
schwerdeführer zu belegen.
D-65/2020
Seite 10
5.4 Festzuhalten ist somit, dass es zwar durchaus möglich ist, dass der Be-
schwerdeführer die ihm vorgeworfenen Taten auch begangen hat. Dabei
handelt es sich jedoch im Wesentlichen um eine blosse Vermutung, die nicht
genügend von Indizien getragen wird, als dass sie als überwiegend wahr-
scheinlich bezeichnet werden könnte. So erscheinen die Beweislage im tür-
kischen Urteil als zu wenig belastbar und die weiteren Indizien als zu wenig
aussagekräftig, als dass sich daraus hinreichende Anhaltspunkte für die Be-
gehung verwerflicher Handlungen ableiten lassen würden.
5.5 Es sind folglich keine hinreichenden Gründe für die Annahme dargetan,
dass sich der Beschwerdeführer einer verwerflichen Handlung schuldig ge-
macht hat.
6.
Nach dem Gesagten ist die – auf den Punkt des Ausschlusses vom Asyl
und die damit verbundenen Rechtsfolgen beschränkte – Beschwerde gut-
zuheissen, die angefochtene Verfügung ist aufzuheben und das SEM ist
anzuweisen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG kann die Beschwerdeinstanz der ganz
oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren
eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnis-
mässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung
der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Die Honorarnoten vom 6. Januar
2020, 24. Februar 2020 und 3. Januar 2022 sind grundsätzlich angemes-
sen. Einzig die in der Honorarnote vom 6. Januar 2020 geltend gemachte
Spesenpauschale ist mangels genügender Detaillierung praxisgemäss
nicht zu entschädigen. Die von der Vorinstanz zu entrichtende Parteient-
schädigung ist folglich auf Fr. 2'323.80 (Fr. 1'850.– plus Fr. 284.80 plus
Fr. 189.–) festzusetzen.
7.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar der eingesetzten Rechtsvertrete-
rin wird damit gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
D-65/2020
Seite 11