Decision ID: 5ca98e01-217d-59aa-ac31-c27f5711b703
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der am (...) 1957 geborene und in zweiter Ehe verheiratete schweize-
rische Staatsangehörige A._ (nachfolgend: Versicherter oder Be-
schwerdeführer) ist gelernter Werkzeugmacher (Akten der Vorinstanz ge-
mäss Aktenverzeichnis vom 30. August 2019 [nachfolgend: Dok.] 1 S. 10
ff., 3 S. 4 ff.). In den Jahren 1975 bis 2013 und teilweise im Jahr 2015
entrichtete er Beiträge an die schweizerische Alters- und Hinterlassenen-
versicherung (Dok. 97 S. 5 f.).
A.b Mit Verfügung der Sozialversicherungsanstalt (SVA) C._ vom
9. November 2005 (Dok. 35) wurden dem Versicherten aufgrund eines un-
fallbedingten Distorsionstraumas des linken oberen Sprunggelenks im April
2002 und anschliessender Operation im April 2003 (vgl. Dok. 8) und eines
unfallbedingten medialen Meniskusrisses sowie einer medialen Seiten-
bandzerrung links im Juni 2004 mit folgender Kniegelenksarthroskopie
links mit medialer posteriorer Teilmeniskektomie, Meniskusglätten lateral
im September 2004 (Dok. 15 S. 4 ff.) rückwirkend vom 1. Juni 2003 bis
zum 31. Juli 2003 und vom 1. August 2004 bis zum 31. Oktober 2004 bei
einem Invaliditätsgrad von 40 % eine Viertelsrente sowie vom 1. November
2004 bis zum 31. Dezember 2004 bei einem Invaliditätsgrad von 50 % eine
halbe Rente der schweizerischen Invalidenversicherung (IV) ausgerichtet.
Ab dem 1. Januar 2005 betrug der Invaliditätsgrad noch 25 %.
B.
B.a Am 16. April 2015 ersuchte der Versicherte die IVSTA per E-Mail um
Auskunft, wie er vorgehen müsse, um eine IV-Rente zu beantragen und
teilte mit, dass er aufgrund eines Herzinfarkts im Januar 2015 im August
2015 einen Stent gesetzt bekommen habe (Dok. 36). Da der Versicherte
zusammen mit seiner Ehefrau D._ (gebürtig: R._), einer am
31. Oktober 1967 geborenen, thailändischen Staatsangehörigen, seinen
Wohnsitz nach Thailand verlegt hatte, übermittelte die SVA C._ der
IVSTA sämtliche Akten zur weiteren Bearbeitung (Dok. 39). Nach Einsicht
in die Akten der SVA C._ sandte die Vorinstanz dem Versicherten
das entsprechende Formular E 207 zu (Dok. 45). Am 5. Januar 2016 stellte
der Versicherte einen Antrag auf eine IV-Rente unter Hinweis auf eine Lun-
genschädigung, Atembeschwerden und eine Krebserkrankung seit Juni
2015 (Dok. 46 f.).
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Seite 3
B.b Am 16. Februar 2016 holte die Vorinstanz ärztliche Unterlagen bei den
behandelnden Ärzten (Dok. 60 f.) und weitere Unterlagen sowie Angaben
beim Versicherten ein (Dok. 62). Die Unterlagen wurden in der Folge zu
den Akten gereicht (vgl. Dok. 64 ff.). Auf Aufforderung hin legte der Versi-
cherte am 11. April 2016 eine genaue Beschreibung seines üblichen Ta-
gesablaufs vor dem 14. August 2014 dar (Dok. 87). Am 23. Mai 2016 teilte
er mit, dass sich sein Gesundheitszustand nicht gebessert habe und
reichte einen Bericht einer Spirometrie vom 21. Mai 2016 zu den Akten
(Dok. 90 f.).
B.c Gestützt auf eine Stellungnahme des regionalen ärztlichen Dienstes
(RAD) vom 31. Mai 2016 (Dok. 93) stellte die Vorinstanz dem Versicherten
mit Vorbescheid vom 20. Juni 2016 eine ganze Rente ab 1. Juli 2016 in
Aussicht (Dok. 94). Nachdem die IVSTA ihren Vorbescheid begründete
(Dok. 96), hielt sie mit Verfügung vom 15. September 2016 an ihrer Beur-
teilung fest (Dok. 97).
C.
Am 25. September 2018 leitete die IVSTA ein amtliches Revisionsverfah-
ren ein (Dok. 109 f.) und liess den Versicherten den Fragebogen für die IV-
Rentenrevision ausfüllen (Dok. 111). Des Weiteren wurde ein Bericht des
behandelnden Arztes (Dok. 115) und anschliessend eine Stellungnahme
des RAD vom 15. November 2018 eingeholt (Dok. 118). Mit Vorbescheid
vom 31. Januar 2019 teilte die Vorinstanz dem Versicherten mit, es be-
stehe kein Anspruch mehr auf eine Rente (Dok. 123). Dagegen erhob der
Versicherte am 27. Februar 2019 Einwände (Dok. 129) und reichte einen
Versicherungsbericht seines behandelnden Arztes (Dok. 125), Laborbe-
richte vom 28. März 2018 (Dok. 131) und 4. September 2018 (Dok. 128)
sowie Fotos seiner Füsse (Dok. 130) zu den Akten. Nachdem die IVSTA
eine erneute Stellungnahme des RAD vom 22. März 2019 eingeholt hatte
(Dok. 132), hielt sie mit Verfügung vom 29. März 2019 an ihrer Beurteilung
fest, hob die bisher ausgerichtete Rente auf und entzog einer gegen diese
Verfügung gerichteten Beschwerde die aufschiebende Wirkung (Dok. 134).
D.
Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte mit Eingabe per E-Mail vom
24. Mai 2019 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte
die Aufhebung der Verfügung und die Fortzahlung der IV-Rente (BVGer-
act. 1).
C-2483/2019
Seite 4
E.
Der mit Zwischenverfügung vom 14. August 2019 beim Beschwerdeführer
eingeforderte Kostenvorschuss von Fr. 800.- (BVGer-act. 9) wurde am
20. August 2019 geleistet (BVGer-act. 11).
F.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 26. September
2019 die Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 14).
G.
In seiner Replik vom 29. Oktober 2019 hielt der Beschwerdeführer an den
Rechtsbegehren gemäss Beschwerde fest (BVGer-act. 16).
H.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Duplik vom 12. Dezember 2019, unter
Beilage einer ergänzenden Stellungnahme des RAD vom 21. November
2019, die Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 18).
I.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Dezember 2019 (BVGer-act. 19) schloss
der Instruktionsrichter den Schriftenwechsel – vorbehältlich weiterer In-
struktionsmassnahmen – ab.
J.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die eingereichten Beweismit-
tel ist, soweit für die Entscheidfindung erforderlich, in den nachfolgenden
Erwägungen einzugehen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der Beschwerde zu-
ständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b IVG [SR
831.20]). Der Beschwerdeführer ist als Adressat der angefochtenen Verfü-
gung durch diese besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse
an deren Aufhebung oder Abänderung, weshalb er zur Erhebung der Be-
schwerde legitimiert ist (Art. 59 ATSG [SR 830.1]; Art. 48 Abs. 1 VwVG).
Nachdem auch der Kostenvorschuss rechtzeitig geleistet wurde, ist auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten (Art. 60 ATSG;
Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
C-2483/2019
Seite 5
2.
2.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
2.2 Gemäss dem Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen ist
das Bundesverwaltungsgericht nicht an die Begründung der Begehren der
Parteien gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Es kann die Beschwerde auch
aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder den an-
gefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestätigen, die
von jener der Vorinstanz abweicht (vgl. BVGE 2013/46 E. 3.2).
2.3 Nach ständiger Rechtsprechung beschränkt sich die Prüfung des So-
zialversicherungsgerichts auf die Verhältnisse, wie sie sich bis zum Erlass
der angefochtenen Verwaltungsverfügung entwickelt haben (vgl. Urteil des
BGer 8C_489/2016 vom 29. November 2016 E. 5.2 m.H. auf BGE 132 V
215 E. 3.1.1; 130 V 138 E. 2.1; 121 V 362 E. 1b). Tatsachen, die jenen
Sachverhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand ei-
ner neuen Verwaltungsverfügung sein. Immerhin sind indes Tatsachen, die
sich erst später verwirklichen, soweit zu berücksichtigen, als sie mit dem
Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet
sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des Verfügungserlasses zu beeinflussen
(BGE 121 V 362 E. 1b; Urteile des BGer 8C_95/2017 vom 15. Mai 2017
E. 5.1 und 9C_24/2008 vom 27. Mai 2008 E. 2.3.1).
2.4 Der Beschwerdeführer ist Schweizer Staatsbürger mit aktuellem Auf-
enthalt in Thailand. Zwischen der Schweiz und Thailand besteht kein
Staatsvertrag über Leistungen der Alters-, Hinterlassenen- und Invaliden-
versicherung. Zu beachten sind aber das Freizügigkeitsabkommen vom
21. Juni 1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und die Regelwerke der Gemein-
schaft zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss An-
hang II des FZA, insbesondere die für die Schweiz am 1. April 2012 in Kraft
getretenen Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr.
987/2009 (SR 0.831.109.268.11). Seit dem 1. Januar 2015 sind auch die
durch die Verordnungen (EU) Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und Nr. 1224/
2012 erfolgten Änderungen in den Beziehungen zwischen der Schweiz und
den EU-Mitgliedstaaten anwendbar. Das Vorliegen einer anspruchserheb-
lichen Invalidität beurteilt sich indes auch im Anwendungsbereich des FZA
und der Koordinierungsvorschriften nach schweizerischem Recht (vgl.
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BGE 130 V 253 E. 2.4; Urteil des BGer 9C_573/2012 vom 16. Januar 2013
E. 4).
2.5 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes
Geltung haben (BGE 143 V 446 E. 3.3; 139 V 335 E. 6.2; 138 V 475 E. 3.1).
Deshalb finden die Vorschriften Anwendung, die spätestens beim Erlass
der Verfügung vom 29. März 2019 in Kraft standen; weiter aber auch Vor-
schriften, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren, die
aber für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprüche
von Belang sind.
3.
3.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
3.2 Bei der Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit stützen sich die Verwaltung
und – im Beschwerdefall – das Gericht auf Unterlagen, die von ärztlichen
und gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu stellen
sind. Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und
dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tä-
tigkeiten die versicherte Person arbeitsfähig ist. Hinsichtlich des Beweis-
wertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Be-
lange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die ge-
klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
C-2483/2019
Seite 7
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammen-
hänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss-
folgerungen der Expertinnen und Experten begründet sind (BGE 134 V 231
E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Eine begutachtende medizinische Fachperson
muss über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügen (Urteil des
BGer 9C_555/2017 vom 22. November 2017 E. 3.1 m.H.). Zwar gilt für das
gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung, doch hat die Rechtsprechung in Bezug auf
bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für
die Beweiswürdigung aufgestellt (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b). So kommt
den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von
externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen
und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und
bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei
der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zu, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl. BGE 125 V 351
E. 3b/bb).
3.3 Die Stellungnahmen des RAD oder des medizinischen Dienstes der
IVSTA, welche nicht auf eigenen Untersuchungen beruhen, können wie
Aktengutachten beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt
und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich
feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztli-
che Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (vgl.
Urteile des BGer 9C_651/2019 vom 18. Februar 2020 E. 4.3; 9C_524/2017
vom 21. März 2018 E. 5.1; 9C_28/2015 vom 8. Juni 2015 E. 3.2, je m.H.).
Die Aufgabe der versicherungsinternen Fachpersonen besteht insbeson-
dere darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfestellung für
die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge
über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen
Sachverhalt zusammenzufassen und versicherungsmedizinisch zu würdi-
gen (vgl. SVR 2009 IV Nr. 50 [Urteil 8C_756/2008] E. 4.4 m.H.; Urteil des
BGer 9C_692/2014 vom 22. Januar 2015 E. 3.3). Sie haben die vorhande-
nen Befunde aus medizinischer Sicht zu würdigen, wozu namentlich auch
gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wertung vorzu-
nehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzu-
stellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen ist (BGE
142 V 58 E. 5.1). Enthalten die Akten für die streitigen Belange keine be-
weistauglichen Unterlagen, kann die Stellungnahme einer versicherungs-
C-2483/2019
Seite 8
internen Fachperson in der Regel keine abschliessende Beurteilungs-
grundlage bilden, sondern nur zu weitergehenden Abklärungen Anlass ge-
ben (vgl. Urteil des BGer 9C_58/2011 vom 25. März 2011 E. 3.3).
3.4 Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG
Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgaben-
bereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (Bst. a), während ei-
nes Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens
40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind (Bst. b) und nach Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (Bst. c). Bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Viertelsrente, bei mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei mindestens
60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei mindestens 70 % auf eine ganze
Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG). Beträgt der Invaliditätsgrad weniger als 50 %,
so werden die entsprechenden Renten nur an Versicherte ausbezahlt, die
ihren Wohnsitz und ihren gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der
Schweiz haben (Art. 29 Abs. 4 IVG). Diese Einschränkung gilt jedoch nicht
für die Staatsangehörigen eines Mitgliedstaates der EU und der Schweiz,
sofern sie in einem Mitgliedstaat der EU Wohnsitz haben (Art. 7 VO [EG]
883/2004; vgl. BGE 130 V 253 E. 2.3 und E. 3.1).
3.5 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Ren-
tenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Ge-
such hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgeho-
ben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Revision von Invalidenrenten gibt
jede Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den In-
validitätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbeson-
dere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszu-
standes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebenem Ge-
sundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Aufga-
benbereich von Bedeutung; dazu gehört die Verbesserung der Arbeitsfä-
higkeit aufgrund einer Angewöhnung oder Anpassung an die Behinderung.
Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentli-
chen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext un-
beachtlich. Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Renten-
anspruch in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig»)
zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE
141 V 9 E. 2.3 m.H.). Ist eine anspruchserhebliche Änderung des Sachver-
halts nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, bleibt es nach
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Seite 9
dem Grundsatz der materiellen Beweislast beim bisherigen Rechtszustand
(vgl. Urteil des BGer 9C_273/2014 vom 16. Juni 2014 E. 3.1.1 m.H.).
4.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Vorinstanz die ganze Invalidenrente des
Beschwerdeführers mit Verfügung vom 29. März 2019 zu Recht aufgeho-
ben hat.
4.1 Im Hinblick auf eine Rentenrevision gestützt auf Art. 17 Abs. 1 ATSG ist
zunächst vorliegend der Sachverhalt im Zeitpunkt der rentenzusprechen-
den Verfügung vom 15. September 2016 mit demjenigen im Zeitpunkt der
angefochtenen Verfügung vom 29. März 2019 zu vergleichen und zu prü-
fen, ob in den für den Leistungsanspruch relevanten Tatsachen eine we-
sentliche Änderung eingetreten ist, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad in
anspruchsrelevanter Weise zu beeinflussen (vgl. E. 3.5 hiervor).
4.2 Beim Erlass der Verfügung vom 15. September 2016 (Dok. 97; Aus-
gangszeitpunkt) betreffend die Ausrichtung einer ganzen Invalidenrente ab
1. Juli 2016 stützte sich die Vorinstanz auf folgenden ärztlichen Berichte:
- Laborberichte des "E._ Center of The F._ University"
vom 15. August 2014 (Dok. 56 ff.).
- Diagnose des "E._ Center of The F._ University" vom
15. August 2014 (Dok. 56): Diastolische Funktionsstörung Grad 1 und
ein "Health Record" desselben Spitals (Dok. 57).
- Bericht der Radiologie des G._ Spitals vom 29. September
2014 (Dok. 49) mit folgender Beurteilung: hindeuten auf Pericarditis,
rechter unterer Lungenflügel Atelektase, links supraclavicular Lymph-
knoten vergrössert.
- Berichte der Pathologie des G._ Spitals vom 2. Oktober 2014
(Dok. 53) und 15. Dezember 2014 (Dok. 50 ff.).
- Laborberichte des Jahres 2015 (Dok. 54 ff.).
- Untersuchungsberichte des "E._ Center of The F._ Uni-
versity" (Dok. 58 S. 1 ff.) von 2015 gemäss Angabe des Versicherten
"Untersuch nach Stent und Nierenproblemen".
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Seite 10
- Computertomographie (CT) Hals des Instituts für Radiologie des Kan-
tonsspitals H._ vom 16. Juni 2015 (Dok. 78).
- CT Thorax des Instituts für Radiologie des Kantonsspitals H._
vom 16. Juni 2015 (Dok. 79), 9. Juli 2015 (Dok. 77), 13. Juli 2015 (Dok.
76) und 26. August 2015 (Dok. 75).
- Am 9. September 2015 berichteten Pract. med. I._ und Dr. med.
J._ der Allgemeinen Inneren und Notfallmedizin des KS
H._ über die Hospitalisation des Versicherten vom 02.09.2015
bis 09.09.2015 und stellten folgende Hauptdiagnosen (Dok. 69):
1. Seminom pT3, pN3, M1a, Stadium IIIA
Erstdiagnose (ED) am 22. Juni 2015
- Aktuell: Elektiver Eintritt 4. Zyklus Chemotherapie
Bleomycin, Etoposid, Cisplatin (BEP)-Schema
- 16. Juni 2015 CT-Thorax/Abdomen:
Multiple pathologisch vergrösserte Lymphknoten torako-
abdominal. Harnstauungsniere Grad II/III rechts sowie Grad I
links bei mutmasslicher Kompression des Ureters durch Lymph-
knotenkonglomerate
- 22. Juni 2015 Biopsie Exzisat Lymphknoten zervikal links:
Lymphknoten-Fragmente mit Metastase eines Seminoms
Therapie:
- 26. Juni 2015: Orchiektomie inguinal rechts
- 30. Juni 2015 - 3. Juli 2015: 1. Zyklus Chemotherapie mit
Paraplatin, Etopophos und Bleomycin
- 7. Juli 2015: Ambulante Chemotherapie mit Bleomycin
- 14. Juli 2015: Stationäre Chemotherapie mit Bleomycin
- 22. Juli 2015 - 26. Juli 2015: 2. Zyklus Chemotherapie mit
Paraplatin, Etopophos und Bleomycin
2. Dyselektrolytämie a.e. nutritiv
3. Infekt obere Atemwege
4. Koronare Herzkrankheit
- Anamnetisch: Stenteinlage August 2014 in Thailand
5. Chronische, nahrungsabhängige Gastritis
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Seite 11
Es wurde im Wesentlichen ausgeführt, dass ab dem 2. September
2015 eine Chemotherapie mit Bleomycin, Etopophos und Cisplatin er-
folgt sei. Der Versicherte habe am 9. September in ordentlichem Allge-
meinzustand nach Hause entlassen werden können (Untersuchung an-
lässlich der Hospitalisation wegen eines Sturzes: CT Schädel vom
7. September 2015: keine intrakranielle Blutung, keine Raumforde-
rung, keine Osteolysen [Dok. 74]).
- Prof. Dr. med. K._, Chefarzt des Instituts für Radiologie des
Kantonsspitals H._, berichtete am 7. Oktober 2015 Folgendes
(Dok. 68): Neu eine vermutlich Bleomycin induzierte Pneumonitis. "Par-
tial response" bei deutlicher Grössenregredienz der thorakoabdomina-
len Lymphknotenmetastasen, insbesondere der grossen Lymphkno-
tenkonglomerate retroperitoneal. Ebenfalls Grössenregredienz der me-
tastasenverdächtigen Nebennierenläsionen. Vollständig regrediente
Harnstauung beidseits.
- Dem Bericht von Dr. med. L._, Oberarzt der Onkologie des Kan-
tonsspitals H._, vom 3. November 2015 können folgende Diag-
nosen entnommen werden (Dok. 67):
Hauptdiagnose: - Seminomatöser Keimzelltumor Hoden rechts, pT3
cN2 cM1a L1 V0 Pn0 S2, Stadium IIIB, ED Juni
2015, Aktuell: Abschluss der kurativ intendierten
Polychemotherapie, Übergang in strukturierte
Nachsorge (in Thailand geplant)
Nebendiagnosen: - V.a. Bleomycin-induzierte Pneumopathie ED
Oktober 2015
- Postrenale Niereninsuffizienz Stadium 3
- Koronare Herzkrankheit
August 2014: anamnetisch Stenteinlage in
Thailand, Perikarditis 4 Wochen nach
Stentimplantation
Er führte im Wesentlichen aus, die Polychemotherapie mit BEP habe
Ende September 2015 beendet werden können. Die Therapie sei vom
Versicherten mässig toleriert worden. Vor allen Dingen seien signifi-
kante Müdigkeit, ein prolongierter oberer Luftwegsinfekt mit produkti-
vem Husten, allgemeine zunehmende muskuläre Schwäche, Dekondi-
C-2483/2019
Seite 12
tionierung, Belastungsdyspnoe und intermittierende depressive Ver-
stimmung aufgetreten. Im abschliessenden CT-Scan habe sich eine
partielle Regression der initial vorhandenen ausgedehnten lymphoge-
nen Metastasierungen gezeigt. Deutliche Tumorreste seien noch im
Bereich des Retroperitoneums darstellbar. Ob diese Reste vitale Tu-
morzellen entsprechen würden oder aber Nekrosen, sei aktuell nicht zu
klären. Im November sei eine erste geregelte Nachsorgekontrolle vor-
gesehen. Im CT-Scan vom Oktober zeige sich ein hochgradiger Ver-
dacht auf eine beidseitige Bleomycin-induzierte Pneumopathie. Mög-
licherweise sei dies auch der Grund für die vorhandene Belastungs-
dyspnoe. Nach Aussage von Herrn Dr. M._ wäre eine lungen-
funktionelle Standortbestimmung vorzunehmen und bei weiterhin vor-
handenem Auswurf wäre eine Sputum-Untersuchung indiziert.
- Dem Bericht von Dr. med. M._, Leitender Arztes der Pneumolo-
gie und Schlafmedizin des Kantonsspitals H._ vom 12. Februar
2016 können folgende Diagnosen entnommen werden (Dok. 65):
1. Seminom pT3, pN3, M1a, Stadium IIIA zuerst diagnostiziert am 22. Juni 2015 Therapie: - 26. Juni 2015 Orchiectomie rechte Seite - Juni bis September 2015: Chemotherapie - Bleomycin-induzierte Lungenschädigung zuerst diagnostiziert (CT-Scan) am 10. Oktober 2015 - Behandlung mit Prednisone 7. – 31. Januar 2016
2. Koronare Herzkrankheit: Koronare Angioplasty im August 2014 in Thailand
Ein Lungenfunktionstest habe eine Einschränkung (TLC 51 %, IVC
48 %, FVC 46 %) und eine tiefe Diffusionsfähigkeit (51%) ergeben. In
der Blutgasanalyse sei keine Störung des Gasaustauschs beobachtet
worden (Aa-gradient 20mmHg). Unter der Behandlung mit Predisone
sei das TLC von 51 % auf 57 % und das IVC von 45 % auf 55 % ver-
bessert worden und der Aa-gradient sei von 20 mmHg auf 17 mmHg
gesunken. Es gebe starke Anzeichen für eine Pneumonie oder eine eo-
sinophile hypersensible Pneumonitis. Die Therapie mit Glucocorticoid
sei ohne exakten histopathologischen Befund der Lungenschädigung
indiziert worden. Es werde eine regelmässige Behandlung alle zwei bis
drei Wochen in einer Lungenklinik in Thailand empfohlen.
- Spirometrie Berichte vom 20. Februar 2016 (Dok. 66) und 21. Mai 2016
(Dok. 90).
C-2483/2019
Seite 13
- Der Arzt des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) (...) Dr. med.
N._, Facharzt für Allgemeine Medizin, attestierte dem Versi-
cherten in seinem Schlussbericht vom 31. Mai 2016 (Dok. 93) eine Ar-
beitsunfähigkeit in der bisherigen sowie einer angepassten Tätigkeit
von 100 % ab dem 22. Juni 2015. Er führte aus, der Versicherte leide
einerseits an einer schweren Krebserkrankung, die trotz Chemothera-
pie nicht remittiert sei. Andererseits leide er als Komplikation der Che-
motherapie an einer schweren Lungenerkrankung, die ihn in seiner täg-
lichen Bewegung entsprechend der Lungenfunktionsprüfung deutlich
einschränke. In diesem Sinne sei eine Besserung der Gesundheitssi-
tuation nicht zu erwarten. Wahrscheinlich sei sogar, dass die Krebser-
krankung fortschreiten werde, was die Prognose deutlich verschlech-
tere. Im Hinblick auf das Alter des Versicherten würden sich weitere
Revisionen erübrigen.
4.3 Der medizinische Sachverhalt stellte sich der IVSTA beim Erlass ihrer
Verfügung vom 29. März 2019 (Dok. 134; Vergleichszeitpunkt) wie folgt
dar:
- Dem Bericht von Prof. Dr. med. O._ des Instituts für Radiologie
des Kantonsspitals H._ vom 24. September 2018 anlässlich der
Hodenkarzinom Nachsorge kann folgende Beurteilung entnommen
werden (BVGer-act. 1 Beilage 2):
- Grössenstationäres retroperitoneales Weichteilplus
(ehemals Positronenemissionstomographie [PET]-negativ)
- Keine neu aufgetretenen Organ- oder Lymphknotenmetastasen
- Fokales, langstreckiges Ödem des Colon transversum
(Differentialdiagnose [DD] Kolitis)
- Stationäre Raumforderung der linken Nebenniere, bezüglich Tumor-
restgewebe sei in der vorliegenden Untersuchung keine Aussage
möglich. Hierzu sei eine erneutes PET-CT zu erwägen
- Bekannte fibrotische Residuen bei Status nach Bleomycin-assozi-
ierter Pneumonitis
- Im mediobasalen Unterlappensegment und laterobasalen Unterlap-
pensegment links postentzündliche Veränderung
- In seinem Bericht vom 2. Oktober 2018 hielt Dr. med. L._, Lei-
tender Arzt der Onkologie des KS H._, Folgendes fest (Dok.
115):
Hauptdiagnose:
C-2483/2019
Seite 14
- Seminom, pT3 cN2 M1a S2, Stadium IIIB, ED Juni 2015, - aktuell: Fortführung der jährlichen Kontrolle/Nachsorge
Nebendiagnosen: - Toxische Pneumonitis ED Oktober 2015: - iR der Bleomycin-haltigen Polychemotherapie bei Dg. 1 - Transienter Steroideinsatz mit signifikanter und anhaltender Symp-
tombesserung - Postrentale Niereninsuffizienz Stadium 3: - Harnstauungsniere Grad II/III rechts sowie Grad I links bei mutmass-
licher Kompression des Ureters durch Lymphknotenkonglomerate Aktuell: normale Nierenfunktion, GFR 100 ml/min.
- Koronare Herzkrankheit August 2014: - Anamnetisch Stenteinlage in Thailand - Perikarditis 4 Wochen nach Stentimplantation - Adipositas: BMI 39 kg/m2
Er führte im Wesentlichen aus, der Versicherte präsentiere sich in ei-
nem sehr guten Allgemeinzustand und habe im Alltag weiter an Aktivität
zulegen können. Signifikante Einschränkungen bestünden nicht, Lang-
zeitnebenwirkungen der stattgehabten Polychemotherapie seien je-
doch immer noch vorhanden in Form einer deutlichen und schmerzhaf-
ten Polyneuropathie beider Fusssohlen, die den Versicherten beim
Laufen, aber auch z.B. beim Autofahren stören würden. Es sei ein The-
rapieversuch mit Lyrica (Pregabalin) besprochen worden.
Im Rahmen der Nachsorge sei ein CT-Scan erfolgt. Dieser zeige un-
verändert den sichtbaren Resttumor retroperitoneal. Als Nebenbefund
sei ein ödematöses Areal über mehrere Zentimeter im Bereich des Co-
lon transversum beschrieben, klinisch habe der Versicherte dort keiner-
lei Probleme an, eine Koloskopie sei vor ca. 11 Jahren erfolgt und ge-
mäss dem Versicherten komplett unauffällig gewesen. Bei weiterhin er-
freulich verlaufender Nachsorge des therapierten Keimzelltumors sei
eine Re-Koloskopie klar zu empfehlen. In diesem Rahmen könne dann
auch das vermeintliche Korrelat des CT-Befundes geprüft werden. Dies
werde der Versicherte in Thailand in Angriff nehmen und in einem Jahr
wieder zur Nachsorge in die Sprechstunde kommen.
- Die RAD-Ärztin des Dr. med. P._, Fachärztin für Innere und All-
gemeine Medizin, hielt in ihrer Stellungnahme vom 15. November 2018
(Dok. 118) Folgendes fest:
Hauptdiagnose: Seminom pT3pN3M1a, 22.06.2015 - C62.1
C-2483/2019
Seite 15
Nebendiagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
- restriktive Pneumopathie
- Polyneuropathie in den Füssen
Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
- Koronaropathie mit Stenteinlage im August 2014
- Gonarthrose links, April 2003
- Hepatitis C, 1992
Die RAD-Ärztin attestierte dem Versicherten in seiner angestammten
Tätigkeit eine vollständige Arbeitsunfähigkeit ab 22. Juni 2015. Eine
Verweisungstätigkeit sei ab 2. Oktober 2018 (Datum des onkologi-
schen Berichts, welcher eine Verbesserung des Zustands attestiert
habe) zu 30 % möglich. Der allgemeine Zustand des Versicherten habe
sich deutlich verbessert, wenn auch die onkologische Pathologie an-
dauere. Schwere geistige und körperliche Arbeit über längere Zeit sei
zu vermeiden. Die Pneumopathie sei nicht kompatibel mit moderater
oder anstrengender körperlicher Arbeit. Die Polyneuropathie in den
Füssen verursache Schmerzen und vermindere das Gleichgewicht.
Seine bisherige Tätigkeit im technischen Service und der Umgebungs-
pflege des Hauses sei nicht mehr möglich, eine angepasste Tätigkeit
im administrativen Bereich zu 70 % hingegen schon.
4.4 Es wurden in Rahmen des Vorbescheidverfahrens weitere Berichte
eingereicht:
- Laborberichte vom 28. März 2018 (Dok. 131) und 4. September 2018
(Dok. 128).
- Dem Versicherungsbericht von Dr. med. L._, Leitender Arzt der
Onkologie des Kantonalspitals H._, vom 20. Februar 2019
(Dok. 125) an die SVA C._ kann entnommen werden, dass der
Versicherte an einer signifikanten und ihn im Alltag deutlich belasten-
den peripheren Polyneuropathie leide. Diese chronischen Beschwer-
den (Schmerzproblematik, funktionelle Einschränkungen im Alltag)
würden eine reaktive depressive Problematik verursachen. Der "gute"
Allgemeinzustand den er in seinem Bericht vom 2. Oktober 2018 aus-
geführt habe, beziehe sich auf die insgesamt erfreuliche Entwicklung
diverser Körperfunktionen nach Abschluss der Polychemotherapie und
der danach eindeutig vorhandenen mittel- bis schwergradigen Kompli-
C-2483/2019
Seite 16
kationen (vor allem Bleomycin bedingte toxische Pneumonitis, perip-
here Polyneuropathie). Die Folgen der akuten Pneumonitis mit Dysp-
noe seien abgeheilt, jedoch seien noch immer Residuen in den Bildge-
bungen (CT-Scan) erkennbar. Neuerliche Lungenfunktionen seien
nicht durchgeführt worden. Möglicherweise würden sich hier noch den
Bildern entsprechende Funktionsdefizite nachweisen lassen. Für die
Aktivitäten des täglichen Lebens sei das für den Versicherten zwar aus-
reichend. Sportliche Betätigungen seien jedoch nicht gut möglich. Die
Neuropathie sei belastend und schränke den Versicherten im Alltag sig-
nifikant ein. Er habe über die letzten Jahre gelernt, damit umzugehen.
Nach der Chemotherapie sei der Versicherte weiterhin in seiner Kon-
zentrations- und Merkfähigkeit sowie Ausdauerleistung eingeschränkt
("Chemo-Brain"). Bezüglich der onkologischen Fragestellung dürfe
man zufrieden sein. Es bestehe aktuell kein Hinweis auf ein Tumorre-
zidiv oder ein Zweitmalignom.
- Die RAD-Ärztin Dr. med. P._, Fachärztin für Innere und Allge-
meine Medizin, hielt in ihrer Stellungnahme vom 22. März 2019
(Dok. 132) Folgendes fest:
Die Pneumopathie sei erwiesen und in ihrer Stellungnahme vom
15. November 2018 berücksichtigt worden. Eine teilweise Verbesse-
rung sei mit einer Behandlung mit Predisone gemäss Bericht vom
12. Februar 2016 der Pneumologie H._ beobachtet worden.
Eine regelmässige Nachbetreuung alle zwei bis drei Wochen sei emp-
fohlen worden. Es sei richtig, dass keine neuere Lungenfunktionsprü-
fung vorliege. Die letzte stamme vom 21. Mai 2016. Selbst wenn eine
Verschlechterung der Atemfunktion auftreten sollte, würde eine solche
die Verweisungstätigkeit nicht beeinträchtigen, falls keine Atemhilfe be-
nötigt würde.
Die Polyneuropathie sei berücksichtigt worden. Schmerzen und
Ödeme seien logische Folgen und kompatibel mit der Verweisungstä-
tigkeit. Eine neurologische Meinung sei nicht nötig, da die Beeinträch-
tigung wahrheitsgemäss eingeschätzt und berücksichtigt worden sei.
Betreffend die Nierenfunktion wurde festgehalten, dass im Bericht von
Dr. med. L._ vom 2. Oktober 2018 eine normale Nierenfunktion
beschrieben worden sei. Der Laborbericht vom 3. September 2018 da-
gegen zeige eine Insuffizienz Stadium 3. Eine solche wirke sich jedoch
lediglich auf eine körperlich anstrengende Arbeit negativ aus.
C-2483/2019
Seite 17
Ferner sei die grosse Ermüdbarkeit des Versicherten als Folge seiner
fortdauernden Krebserkrankung berücksichtigt worden.
4.5 Nach Erlass der angefochtenen Verfügung wurden im vorliegenden Be-
schwerdeverfahren ein weiterer Arztbericht und eine Stellungnahme der
RAD-Ärztin vorgelegt:
- Dr. med. Q._, Leitender Arzt des Instituts für Radiologie des
Kantonsspitals H._, berichtete am 11. September 2019 Folgen-
des (BVGer-act. 16 Beilage 3):
- Neu aufgetretene peribronchovaskuläre noduläre Verdichtungen im
posterioren Oberlappen rechts DD i.R. chemotherapie induzierter
Pneumopathie DD entzündlich DD Metastasen nicht auszuschlies-
sen. Engmaschige CT-Thorax Verlaufskontrolle in 3 Monaten emp-
fohlen
- Grössenstationäres retroperitoneales Weichteilplus (im PET Feb-
ruar 2016 ohne biologische Aktivität)
- Bekannte fibrotische Residuen bei Status nach Bleomycin-assozi-
ierter Pneumonitis
- Stationäre Raumforderung der linken Nebenniere, bezüglich vita-
lem Tumorrestgewebe ist in der vorliegenden Untersuchung weiter-
hin keine Aussage möglich
- Regredient wandverdicktes Colon transversum
- Mit Stellungnahme vom 21. November 2019 zur Replik des Beschwer-
deführers hielt die RAD-Ärztin Dr. med. P._, Fachärztin für In-
nere und Allgemeine Medizin, bezugnehmend auf den ärztlichen Be-
richt (BVGer-act. 18 Beilage) fest: aus dem CT von September 2019
gehe hervor, dass peribronchovaskuläre noduläre Verdichtungen im
posterioren Oberlappen rechts festgestellt worden seien, deren Her-
kunft noch nicht erstellt sei. Eine Kontrolle sei im Dezember 2019 vor-
gesehen, um festzustellen, ob es sich um eine Fortschreitung der
Krebserkrankung handle oder nicht. Dieses Resultat habe jedoch ohne
eine Verstärkung der Symptome, einer Verschlechterung der Lungen-
funktion oder einer belastenden Behandlung wie Chemo- oder Radio-
therapie versicherungstechnisch keine Auswirkungen. Das grössensta-
tionäre retroperitoneale Weichteilplus, die fibrotischen Residuen und
C-2483/2019
Seite 18
die Raumforderung der linken Nebenniere seien gleich geblieben und
die Entzündungswerte gesunken (Beilage zu BVGer-act. 18).
5.
5.1 Mit Blick auf die medizinischen Akten ist vorab festzuhalten, dass der
vom Beschwerdeführer nachgereichte radiologische Bericht vom 11. Sep-
tember 2019 (vgl. E. 4.5) nach der vorinstanzlichen Verfügung vom
29. März 2019 erging. Aus dem Wortlaut der Beurteilung ergibt sich, dass
die darin enthaltenen Schlussfolgerungen des Radiologen (u.a. DD Meta-
stasen nicht auszuschliessen) – entgegen der Meinung der Vorinstanz
(BVGer-Dok. 18) – nicht auf einer Wende im Verlauf des Leidens beruhen,
sondern aufgrund der jährlich stattfindenden Nachsorge des ursprünglich
metastasierten Keimzelltumors jederzeit möglich sind. Sie beziehen sich
damit ohne weiteres auch auf den Zeitraum vor Abschluss des Verwal-
tungsverfahrens (vgl. E. 2.3). Der Bericht kann somit im vorliegenden Ver-
fahren berücksichtigt werden.
5.2
5.2.1 Die Vorinstanz ist bezüglich der Krebserkrankung des Beschwerde-
führers der Ansicht, diese sei stabil geblieben (vgl. Dok. 134 und BVGer-
act. 14).
5.2.2 Der Onkologe Dr. med. L._ berichtete am 2. Oktober 2018
denn auch von einer erfreulich verlaufenden Nachsorge des therapierten
Keimzelltumors. Prof. Dr. med. O._, Facharzt für Radiologie, emp-
fahl am 24. September 2018 jedoch ein erneutes PET-CT zu erwägen, da
in seiner Untersuchung bezüglich Tumorrestgewebe (stationäre Raumfor-
derung der linken Nebenniere) keine Aussage möglich gewesen sei. Hierzu
äusserte sich Dr. med. L._ in seinem Bericht vom 2. Oktober 2018
nicht. Auch der Radiologe Dr. med. Q._ führte am 11. September
2019, übereinstimmend mit Dr. med. O._, aus, dass bezüglich vita-
lem Tumorrestgewebe in der Untersuchung (stationäre Raumforderung der
linken Nebenniere) weiterhin keine Aussage möglich sei. Sodann empfahl
Dr. med. L._ in seinem Bericht vom 2. Oktober 2018 aufgrund des
im CT-Scan festgestellten ödematösen Areals über mehrere Zentimeter im
Bereich des Colon transversum eine Re-Koloskopie. Ferner sind gemäss
dem Bericht des Radiologen Dr. med. Q._ vom 11. September 2019
C-2483/2019
Seite 19
(BVGer-act. 16 Beilage 3) aufgrund neu aufgetretenen peribronchovasku-
lären nodulären Verdichtungen im posterioren Oberlappen rechts als Diffe-
rentialdiagnose u.a. Metastasen nicht auszuschliessen.
5.2.3 Angesichts der gestellten Differentialdiagnose, dass Metastasen
nicht auszuschliessen seien und der nicht durchgeführten PET-CT sowie
Re-Koloskopie kann bezüglich der Krebserkrankung nicht von einem fest-
stehenden medizinischen Sachverhalt ausgegangen werden, der eine
blosse Aktenbeurteilung als genügend erscheinen lässt (vgl. E. 3.3).
5.3
5.3.1 Des Weiteren geht die Vorinstanz gestützt auf die Stellungnahmen
der RAD-Ärztin davon aus (Dok. 134 und BVGer-act. 14), dass in Bezug
auf die Pneumonitis eine signifikante und anhaltende Symptomverbesse-
rung eingetreten sei. An dieser Einschätzung würden auch die Residuen in
den Bildgebungen (CT-Scan) nichts ändern. Die Arbeitsfähigkeit wäre nur
dann aus pneumologischer Sicht in erheblichem Masse eingeschränkt,
wenn eine Atemunterstützung oder eine Sauerstofftherapie notwendig
wäre, was vorliegend nicht der Fall sei.
5.3.2 Dagegen führte der Beschwerdeführer aus, sein Onkologe schreibe
in seinem Bericht vom 20. Februar 2019, dass eine mittel- bis schwergra-
dige Komplikation der Pneumonitis vorhanden sei (BVGer-act. 1 Be-
schwerde S. 2). Dem CT-Bericht vom 11. September 2019 könne entnom-
men werden, dass die Pneumopathie schlimmer geworden sei (vgl. BVGer-
act. 16).
5.3.3 Der behandelnde Pneumologe Dr. med. M._ sprach in seinem
Bericht vom 12. Februar 2016 zwar von einer Verbesserung der durch Ble-
omycin verursachte Lungenschädigung aufgrund der Behandlung mit Pre-
disone. Des Weiteren führte er aus, es gebe starke Anzeichen für eine
Pneumonie oder eine eosinophile hypersensible Pneumonitis (vgl. E. 4.2).
Seine Empfehlung, eine regelmässige Behandlung alle zwei bis drei Wo-
chen in einer Lungenklinik fortzuführen, ist gemäss den Akten jedoch nicht
erfolgt. So fand lediglich am 20. Februar 2016 und am 21. Mai 2016 eine
Spirometrie statt (vgl. E. 4.2). Der Onkologe Dr. med. L._ ist in sei-
nem Bericht vom 20. Februar 2019 der Ansicht, die Folgen der akuten
Pneumonitis mit Dyspnoe seien zwar abgeheilt, jedoch seien noch immer
Residuen in den Bildgebungen (CT-Scan) erkennbar. Neuerliche Lungen-
funktionen seien nicht durchgeführt worden. Möglicherweise würden sich
C-2483/2019
Seite 20
hier noch den Bildern entsprechende Funktionsdefizite nachweisen lassen.
Auch die RAD-Ärztin stellte in ihrer Stellungnahme vom 22. März 2019 fest,
dass die letzte Lungenfunktionsprüfung vom 21. Mai 2016 stamme (vgl.
E. 4.4).
5.3.4 Auch bezüglich dieses Leidens kann somit nicht von einem festste-
henden medizinischen Sachverhalt ausgegangen werden, der eine blosse
Aktenbeurteilung als genügend erscheinen lässt (vgl. E. 3.3). Ferner fehlt
es den vorhandenen Berichten, wie vom Beschwerdeführer zu Recht vor-
gebracht wurde, an einer fachärztlichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit.
5.4
5.4.1 Sodann hielt die Vorinstanz gestützt auf die Stellungnahmen der
RAD-Ärztin fest (Dok. 134 und BVGer-act. 14), die polyneuropathischen
Beschwerden, welche Schmerzen und Ödeme der unteren Gliedmassen
verursachen würden, seien medizinisch bestätigt und bei der Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit berücksichtigt worden. Eine weitergehende neurologi-
sche Abklärung sei daher nicht notwendig. Aufgrund der Polyneuropathie
bedingten Einschränkungen sollten wechselbelastende Tätigkeiten ausge-
übt werden, die keine häufige Fortbewegung oder Treppensteigen erfor-
dern würden. Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei sie dahingehend
berücksichtigt worden, dass eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in der an-
gestammten Tätigkeit anerkannt werde. Die Ausübung leichter, statischer
und sitzender oder wechselbelastender Tätigkeiten im administrativen Be-
reich sei hingegen möglich und zumutbar.
5.4.2 Dagegen brachte der Beschwerdeführer vor (BVGer-act. 1), seine
Polyneuropathie habe sich nicht gebessert. Er beantrage eine neurologi-
sche Untersuchung. Die Schmerzen in seinen Füssen seien teilweise so
stark, dass er nicht ohne starke Schmerzmittel auskomme. Doch auch
diese würden gegen Krämpfe nichts nützen. Zudem dürfe er aufgrund sei-
nes Nierenleidens auch keine starken Schmerzmittel nehmen. Er könne
heute aufgrund seiner Schmerzen nur noch 30 Minuten am Stück Auto fah-
ren.
5.4.3 Dr. med. L._, Facharzt für Onkologie, spricht in seinem Be-
richt vom 2. Oktober 2018 von einer deutlichen und schmerzhaften Poly-
neuropathie beider Fusssohlen, die den Versicherten beim Laufen, aber
auch z.B. beim Autofahren stören würden. Es sei ein Therapieversuch mit
Lyrica (Pregabalin) besprochen worden. Seinem Versicherungsbericht
C-2483/2019
Seite 21
vom 20. Februar 2019 kann entnommen werden, dass der Versicherte an
einer signifikanten und ihn im Alltag deutlich belastenden peripheren Poly-
neuropathie leide. Eine Besserung sei nicht zu erwarten. Das Erholungs-
potential sei diesbezüglich extrem gering. Nach der Chemotherapie sei der
Versicherte weiterhin in seiner Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie
Ausdauerleistung eingeschränkt "Chemo-Brain", weshalb er gewisse Ar-
beiten zum Beispiel am Computer für kürzere Zeit zwar verrichten könne,
danach aber eine längere Pause benötige, um sich zu erholen.
5.4.4 Polyneuropathien sind generalisierte Erkrankungen des peripheren
Nervensystems (vgl. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurolo-
gie, Diagnostik bei Polyneuropathien, herausgegeben von der Kommission
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, S. 8 < 030-
067l_S1_Diagnostik-Polyneuropathien_2020-04.pdf (awmf.org) >, abgeru-
fen am 23.02.2021). Den Akten sind keine neurologischen Befunde zu ent-
nehmen. Die Beurteilung der RAD Ärztin Dr. med. P._, Fachärztin
für Innere und Allgemeine Medizin, vermag nicht zu überzeugen, da sie als
Internistin und Allgemeinmedizinerin nicht über die nötige Qualifikation als
Fachärztin der Neurologie verfügt, um die vorliegenden somatischen Be-
funde sowie deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerde-
führers umfassend und abschliessend zu würdigen.
5.5
5.5.1 Ferner führte die Vorinstanz aus, Dr. med. L._ beschreibe
zwar eine reaktive depressive Problematik aufgrund der chronischen Be-
schwerden. Diese habe aber keine psychiatrische Behandlung erforderlich
gemacht. Eine reaktive Depression aufgrund der angekündigten Renten-
aufhebung, wie der Versicherte in seinem Schreiben vom 27. Februar 2019
dargestellt habe, stelle keine invalidisierende psychische Beeinträchtigung
dar, weshalb eine psychiatrische Abklärung nicht angezeigt sei.
5.5.2 Der Beschwerdeführer brachte vor, er leide an Depressionen und be-
antrage eine psychiatrische Abklärung. Nur weil er keinen Psychiater auf-
suche, unterstelle ihm die Vorinstanz, dass seine Leiden nicht wahr seien.
Er lebe in einer sehr guten Partnerschaft und habe fast wöchentlichen Kon-
takt zu seiner Ex-Partnerin, die Psychiatrie Krankenschwester sei und ihn
seit der Chemotherapie unterstützte. Auch die Gespräche mit den Gästen
in der Residenz würden ihm den Psychiater ersetzen (BVGer-act. 1).
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Seite 22
In seinem Schreiben vom 27. Februar 2019 führte der Beschwerdeführer
aus, dass der Vorbescheid der Vorinstanz bei ihm eine Depression ausge-
löst habe. Ferner gab er bekannt, dass er schon lange darunter leide, dass
er seiner Frau nicht mehr helfen könne und ihr zur Last falle. Die IV-Rente
habe dies ein wenig abgefedert. Da die Polyneuropathie immer schlimmer
geworden sei, hätten Dr. med. L._ und er es mit einem Psychophar-
makon versucht. Da dies nichts genützt habe, nehme er nun Schmerzmit-
tel.
5.5.3 Bereits in seinem Bericht vom 3. November 2015 (vgl. E. 4.2) hielt
der behandelnde Onkologe Dr. med. L._ eine intermittierende de-
pressive Verstimmung des Versicherten fest. Ferner äusserte er sich am
20. Februar 2019 dahingehend (vgl. E. 4.4), dass die chronischen Be-
schwerden beim Versicherten eine reaktive depressive Problematik verur-
sachen würden.
5.5.4 Angesichts der bereits im Jahr 2015 festgestellten, wenn auch ledig-
lich intermittierenden, depressiven Verstimmung und einer fehlenden fach-
ärztlichen psychiatrischen Untersuchung kann auch hier nicht von einem
feststehenden medizinischen Sachverhalt ausgegangen werden, der eine
blosse Aktenbeurteilung als genügend erscheinen lässt. Im Lichte der er-
wähnten Grundsätze zum Beweiswert von Aktenbeurteilungen versiche-
rungsinterner Ärzte kann demzufolge auch bezüglich dieses Leidens nicht
auf die Einschätzung der RAD-Ärztin Dr. med. P._ abgestellt wer-
den. Das gilt hier umso mehr, als es sich bei der RAD Ärztin nicht um eine
Fachärztin für Psychiatrie handelt und eine psychiatrische Beurteilung nur
ausnahmsweise in Form eines reinen Aktengutachtens erfolgen soll (vgl.
Urteil des BGer 9C_164/2013 vom 4. September 2013 E. 3.2.3).
5.6 In der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen
der RAD-Ärztin Dr. med. P._ bestehen somit Zweifel. Ein Vergleich
des Gesundheitszustandes im Ausgangs- und im Vergleichszeitpunkt ist
mit den vorhandenen Akten daher nicht möglich.
5.7 Beim Zusammentreffen verschiedener Gesundheitsbeeinträchtigun-
gen, wie vorliegend, ist eine interdisziplinäre Untersuchung durchzuführen
und der Grad der Arbeitsfähigkeit jeweils aufgrund einer sämtliche Behin-
derungen umfassenden fachärztlichen Gesamtbeurteilung zu bestimmen
(Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 850/02 vom 3. März
2003 E. 6.4.1). Die aktenkundigen fachärztlichen Berichte beinhalten aber
keine solche Gesamtbeurteilung.
C-2483/2019
Seite 23
5.8 Unter diesen Umständen hätte sich die Vorinstanz nicht mit den RAD-
Aktenberichten begnügen dürfen, sondern hätte ein polydisziplinäres Gut-
achten veranlassen müssen. Indem sie dies unterliess und damit den me-
dizinischen Sachverhalt nicht hinreichend abklärte, verletzte sie Bundes-
recht.
6.
6.1 Mangels einer zuverlässigen medizinischen Entscheidungsgrundlage
ist es vorliegend nicht möglich, mit dem im Sozialversicherungsrecht erfor-
derlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu beurtei-
len, ob die Aufhebung der Invalidenrente zu Recht erfolgt ist. Bei dieser
Sachlage kann nicht auf die Abnahme weiterer Beweise verzichtet werden.
In Gutheissung des Antrags des Beschwerdeführers ist die Sache daher
an die Vorinstanz zurückzuweisen.
6.2 Angezeigt ist eine Begutachtung in den Fachdisziplinen Onkologie, In-
nere Medizin, Neurologie und Psychiatrie. Ob neben den genannten Fach-
disziplinen auch noch weitere Spezialisten beigezogen werden, ist dem
pflichtgemessen Ermessen der Gutachter zu überlassen, zumal es primär
ihre Aufgabe ist, aufgrund der konkreten Fragestellung über die erforderli-
chen Untersuchungen zu befinden (vgl. BGE 139 V 349 E. 3.3; Urteil des
BGer 8C_124/2008 vom 17. Oktober 2008 E. 6.3.1; Urteil des BVGer C-
2820/2019 vom 18. Januar 2021 E. 9.4).
6.3
6.3.1 Mit der interdisziplinären Begutachtung kann, sichergestellt werden,
dass alle relevanten Gesundheitsschädigungen erfasst und die daraus je-
weils abgeleiteten Einflüsse auf die Arbeitsfähigkeit würdigend in einem
Gesamtergebnis ausgedrückt werden (vgl. SVR 2008 IV Nr. 15 S. 44,
E. 2.1; Urteil des BVGer C-2713/2015 vom 13. Oktober 2016 E. 5.1). Die
gutachterliche Beurteilung der psychischen Leiden des Beschwerdeführers
und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit hat dabei in Anwendung
der Standardindikatoren gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung zu
erfolgen, wobei unter dem Indikator Komorbidität im Sinne einer Gesamt-
betrachtung auch allfällige im konkreten Fall ressourcenhemmende Wech-
selwirkungen der verschiedenen Störungen zu berücksichtigen sind (BGE
143 V 418 E. 6 ff.; BGE 141 V 281 E. 3.6 ff.; Urteil des BGer 9C_21/2017
E. 5.2.1). Weiter hat das polydisziplinäre Gutachten die Anforderungen an
C-2483/2019
Seite 24
ein Revisionsgutachten zu erfüllen und insbesondere einen Zustandsver-
gleich zu enthalten.
6.3.2 Betreffend den zu beurteilenden Zeitraum haben die Gutachter sinn-
vollerweise die Entwicklung des Gesundheitszustands und den Verlauf der
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers bis zum Zeitpunkt der Begutach-
tung miteinzubeziehen. Folglich haben sie auch den im vorliegenden Be-
schwerdeverfahren eingereichten Bericht von Dr. med. Q._ vom
11. September 2019 (BVGer-act. 16 Beilage 3) zu würdigen. Die beauftrag-
ten Sachverständigen sind letztverantwortlich einerseits für die fachliche
Güte und die Vollständigkeit der interdisziplinär erstellten Entscheidungs-
grundlage, anderseits aber auch für eine wirtschaftliche Abklärung (BGE
139 V 349 E. 3.2 f.).
6.3.3 Um eine vollständige und umfassende Beurteilung des Gesundheits-
zustands und der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zu ermöglichen,
ist die Durchführung der interdisziplinären medizinischen Begutachtung in
der Schweiz unumgänglich, zumal die Abklärungsstelle mit den Grundsät-
zen der schweizerischen Versicherungsmedizin vertraut sein muss (Urteil
des BGer 9C_235/2013 vom 10. September 2013 E. 3.2; statt vieler Urteil
C-2820/2019 E. 9.5 m.H.). Gründe, welche eine Begutachtung in der
Schweiz als unverhältnismässig erscheinen liessen, sind vorliegend keine
ersichtlich. Des Weiteren erfolgt die Gutachterauswahl bei polydisziplinä-
ren Begutachtungen in der Schweiz nach dem Zufallsprinzip (BGE 139 V
349 E. 5.2.1), was im Interesse der Verfahrensbeteiligten liegt.
7.
Nach neuer Ermittlung des vollständigen medizinischen Sachverhalts hat
die Vorinstanz auch einen neuen Einkommensvergleich durchzuführen und
abzuklären, ob und in welchem Ausmass der Beschwerdeführer zufolge
seines Gesundheitszustandes auf dem ihm nach seinen Fähigkeiten noch
offenstehenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch er-
werbstätig sein könnte (Urteil des BGer 9C_921/2009 vom 22. Juni 2010,
E. 5.3). Dabei ist zu berücksichtigen, dass an die Konkretisierung von Ar-
beitsgelegenheiten und Verdienstaussichten praxisgemäss nicht übermäs-
sige Anforderungen zu stellen sind (Urteile des BGer 9C_744/2008 vom
19. November 2008 E. 3.2 und 9C_236/2008 vom 4. August 2008 E. 4.2;
Urteil des EVG I 349/01 vom 3. Dezember 2003 E. 6.1) und die Arbeitsfä-
higkeit einer versicherten Person nach der Tätigkeit zu beurteilen ist, die
sie – im Rahmen der Schadenminderungspflicht (vgl. Art. 21 Abs. 4 ATSG)
– nach ihren persönlichen Verhältnissen und gegebenenfalls nach einer
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gewissen Anpassungszeit bei gutem Willen ausüben könnte (Urteil des
BVGer C-2927/2019 vom 6. November 2020 E. 8 m.H.).
8.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz unterliess, eine umfas-
sende medizinische Abklärung zu veranlassen. Die Beschwerde ist daher
gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 29. März 2019 aufzuhe-
ben und die Sache, zur umfassenden Prüfung des Leistungsanspruchs in
tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht an die Vorinstanz zurückzuweisen.
9.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
9.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis IVG), wo-
bei das Bundesverwaltungsgericht gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG die Ver-
fahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei auferlegt. Eine Rück-
weisung gilt praxisgemäss als Obsiegen der beschwerdeführenden Partei
(BGE 132 V 215 E. 6), so dass dem Beschwerdeführer keine Verfahrens-
kosten aufzuerlegen sind. Der Vorinstanz sind keine Verfahrenskosten auf-
zuerlegen (Art. 63 Abs. 2 VwVG). Der geleistete Kostenvorschuss von
Fr. 800.- ist ihm nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils zurückzuerstat-
ten. Der Vorinstanz sind ebenfalls keine Verfahrenskosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 2 VwVG).
9.2 Dem nicht anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer sind keine verhält-
nismässig hohen Kosten entstanden, weshalb ihm keine Parteientschädi-
gung zuzusprechen ist (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG).
(Für das Dispositiv wird auf die nächste Seite verwiesen.)
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