Decision ID: e8435c75-958e-5530-8190-188a9b8ec331
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2 ersuchten am 26. Februar 2017 erst-
mals um Asyl in der Schweiz. Am (...) wurde die ältere Tochter (Beschwer-
deführerin 3) in der Schweiz geboren. Gestützt auf die Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) wurden die Be-
schwerdeführenden 1 - 3 am 28. September 2017 zur Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens von der Schweiz nach Italien überstellt
(vgl. Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1 ff.).
B.
Am 19. Juni 2020 reiste die Familie – diesmal mit der zwischenzeitlich am
(...) geborenen zweiten Tochter (Beschwerdeführerin 4) – erneut illegal in
die Schweiz ein. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der «Eurodac»-Da-
tenbank ergab, dass sie zuletzt am 10. Oktober 2017 in Italien ein Asylge-
such gestellt hatten (SEM-act. 4). Gestützt darauf ersuchte die Vorinstanz
die italienischen Behörden um Wiederaufnahme der Beschwerdeführen-
den gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO (SEM-act. 5 und 8).
C.
Am 31. August 2020 ersuchten die Beschwerdeführenden zum zweiten
Mal um Asyl in der Schweiz (SEM-act. 11). Die Vorinstanz nahm diese Ein-
gabe als Mehrfachgesuch im Sinne von Art. 111c AsylG (SR 142.31) ent-
gegen und gewährte den Beschwerdeführenden mit Schreiben vom
4. September 2020 rechtliches Gehör zur Zuständigkeit Italiens für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten
Nichteintretensentscheid sowie zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitglied-
staat (SEM-act. 14). Die italienischen Behörden liessen das Wiederaufnah-
megesuch der Vorinstanz innert der Frist von Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO
zunächst unbeantwortet, stimmten dem Ersuchen jedoch am 5. Oktober
2020 nachträglich zu (SEM-act. 19).
D.
Am 1. Dezember 2020 trat die Vorinstanz auf die Asylgesuche der Be-
schwerdeführenden nicht ein und ordnete die Wegweisung nach Italien an
(SEM-act. 28). Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Bundesver-
waltungsgericht mit Urteil F-6225/2020 vom 21. Januar 2021 gut, hob die
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angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zu neuem Entscheid an
die Vorinstanz zurück. In der Begründung führte das Gericht aus, die
Vorinstanz hätte angesichts des Ausschlusses von Familien vom Zweitauf-
nahmesystem die konkreten Unterbringungsmodalitäten in Italien prüfen
und allenfalls weitere Zusicherungen bezüglich familiengerechter Unter-
bringung und medizinischer Versorgung einholen müssen. Sie habe den
Sachverhalt im Hinblick auf die Anwendung der Souveränitätsklausel nicht
rechtsgenüglich abgeklärt und sei ihrer Pflicht zur Ermessensausübung
nicht nachgekommen.
E.
Mit Verfügung vom 13. Oktober 2021 (eröffnet am 19. Oktober 2021) trat
die Vorinstanz auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden wiederum
nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Italien an und forderte sie auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig wies die Vorinstanz auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes
wegen fehlende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton
(...) mit dem Vollzug der Wegweisung (SEM-act. 44).
F.
Mit Beschwerde vom 26. Oktober 2021 gelangten die Beschwerdeführen-
den dagegen an das Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragten, die an-
gefochtene Verfügung sei aufzuheben, auf die Asylgesuche einzutreten
und ein nationales Asylverfahren durchzuführen. Eventualiter sei die Weg-
weisung als unzulässig bzw. unzumutbar im Sinne von Art. 83 AIG einzu-
stufen und die Beschwerdeführenden in der Schweiz vorläufig aufzuneh-
men. Subeventualiter sei die Sache zur weiteren Abklärung an die
Vorinstanz zurückzuweisen und die Vorinstanz sei anzuweisen, individuelle
Garantien betreffend adäquater Unterbringung und den Zugang zu fach-
ärztlicher Betreuung einzuholen. In prozessualer Hinsicht beantragten sie
die Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
(Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
G.
Am 27. Oktober 2021 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte die Instruktionsrichterin
den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
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1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die üb-
rigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG],
Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind erfüllt. Auf die
Beschwerde ist einzutreten, soweit damit die Aufhebung des Nichteintre-
tensentscheids beantragt wird (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 52 VwVG). Die
Anordnung einer vorläufigen Aufnahme bildet demgegenüber nicht Gegen-
stand der angefochtenen Verfügung und damit auch nicht des vorliegenden
Verfahrens. Auf das entsprechende Rechtsbegehren ist deshalb nicht ein-
zutreten.
1.3. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen sein wird
– als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung
eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln
ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 - 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23-25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
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keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grund-
rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit-
gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest-
zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund
der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten
Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so
wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied-
staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus hu-
manitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9
E. 8.2.1).
3.5. Die italienischen Behörden liessen das Wiederaufnahmeersuchen der
Vorinstanz innert Frist unbeantwortet, womit sie ihre Zuständigkeit implizit
anerkannten (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO) und mit Mitteilung vom 5. Okto-
ber 2020 nachträglich auch bestätigten. Demzufolge ist von einem nach
wie vor pendenten Asylverfahren in diesem Dublin-Mitgliedsstaat auszuge-
hen. Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens der Beschwerdeführenden ist somit ge-
geben.
4.
Die Beschwerdeführenden machen geltend, ihre Überstellung nach Italien
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verstosse aus verschiedenen Gründen gegen Art. 3 EMRK, weshalb die
Schweiz gehalten sei, ihr Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 auszuüben. Im Wesentlichen sei der Zu-
gang zu einer adäquaten, familien- und kindergerechten Unterkunft in Ita-
lien nicht gesichert. Unter Bezugnahme auf verschiedene Quellen verwei-
sen sie zudem auf Mängel im italienischen Asylwesen, welche sich durch
die Covid-19-Pandemie weiter verschlimmert hätten und insbesondere die
Unterbringung von Asylsuchenden in Quarantäne auf Schiffen umfasse.
Weiter sei aufgrund ihrer bereits abgelaufenen Bewilligung in Italien zu be-
fürchten, dass ihnen dort der Zugang zum Asylverfahren gänzlich verwehrt
bleibe. Die (...)-jährige Tochter, die Beschwerdeführerin 3, leide schliess-
lich an gesundheitlichen Beschwerden, welche einer Überstellung nach Ita-
lien entgegenstünden.
5.
5.1. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass Italien Signatarstaat der EMRK,
des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere
grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe
(FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der
FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist und seinen entsprechenden
völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf davon ausgegan-
gen werden, dass dieser Staat die Rechte, die sich für Schutzsuchende
aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrens-
richtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Nor-
men für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantra-
gen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. Das italie-
nische Asylverfahren und Aufnahmesystem weisen demnach keine syste-
mischen Mängel auf (Urteil des EGMR S.M.H. gegen die Niederlande vom
17. Mai 2016, Nr. 5868/13, Ziff. 46; Referenzurteil des BVGer E-962/2019
vom 17. Dezember 2019 E. 6.3; Urteil des BVGer F-4232/2021 vom
29. September 2021 E. 5.3).
5.2. Die Beschwerdeführenden haben kein konkretes und ernsthaftes Ri-
siko dargetan, die italienischen Behörden würden sich weigern, sie aufzu-
nehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien werde in ihrem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
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Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen
würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser-
dem haben sie nicht geltend gemacht, die sie bei einer Rückführung zu
erwartenden Bedingungen in Italien seien derart schlecht, dass sie zu einer
Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3
FoK führen könnten. Vor diesem Hintergrund vermögen sie aus den in der
Beschwerde zitierten Quellen nichts zu ihren Gunsten ableiten. Sie haben
sodann keine konkreten Hinweise für die Annahme dargelegt, Italien würde
ihnen dauerhaft die ihnen gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden mini-
malen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorüberge-
henden Einschränkung könnten sie sich im Übrigen nötigenfalls an die ita-
lienischen Behörden wenden und die ihnen zustehenden Aufnahmebedin-
gungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
5.3. Die Unterbringungssituation von Asylsuchenden, insbesondere von
Familien und Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern, in Italien ana-
lysierte das Bundesverwaltungsgericht im Referenzurteil F-6330/2020 vom
18. Oktober 2021 im Rahmen einer Dublin-Beschwerde. Das Gericht kam
zum Schluss, seit dem Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019
habe die Rechts- und Sachlage in Italien wesentliche Änderungen erfah-
ren. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzesdekretes Nr. 130/2020 am 20. De-
zember 2020 sei das Zweitaufnahmesystem, welches neu Aufnahme- und
Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazione) heisse,
wieder allen Asylsuchenden zugänglich gemacht worden. Familien und vul-
nerable Personen, zu denen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern
gehörten, würden bei der Überstellung in eine SAI-Unterkunft Vorrang ge-
niessen. Das Angebot der Dienstleistungen für die Asylsuchenden im SAI
sei wieder ausgebaut und auch auf die Bedürfnisse schutzbedürftiger Per-
sonen ausgerichtet worden. Vor diesem Hintergrund seien die mittels des
Formulars «nucleo familiare» abgegebene Anerkennung der Familienein-
heit und Zusicherung einer familiengerechten Unterbringung sowie die
Rundschreiben, welche eine Unterbringung im Zweitaufnahmesystem SAI
gewährleisteten, als hinreichend konkretisierte und individualisierte Zusi-
cherungen im Sinne der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
und des EGMR zu werten. Folglich sei nicht davon auszugehen, dass eine
Überstellung der alleinerziehenden Mutter mit ihrem minderjährigen Kind
im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien eine Verletzung von Art. 3
EMRK nach sich ziehen würde. Es liege somit kein Anlass für einen Selbst-
eintritt der Schweiz nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor (Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 E. 10 und 11).
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Der EGMR ist im Urteil vom 21. März 2021 in Sachen M.T. gegen die Nie-
derlande zur selben Einschätzung gelangt und hat zusätzlich festgehalten,
dass selbst bei einer vorübergehenden Unterbringung in einer Erstaufnah-
meeinrichtung die nötige Betreuung einer alleinerziehenden Mutter mit ih-
ren zwei minderjährigen Kindern gewährleistet sei (Urteil M.T., §§ 58–62).
5.4. Die Beschwerdeführenden gehören als Familie mit minderjährigen
Kindern zu den schutzbedürftigen Personen. Deren Überstellung nach Ita-
lien ist folglich nur zulässig, wenn von den italienischen Behörden eine aus-
reichende Garantie für eine kindgerechte und die Einheit der Familie wah-
rende Unterbringung vorliegt (vgl. Urteil des EGMR Tarakhel gegen die
Schweiz vom 4. November 2014, Nr. 29217/12, §§ 115 und 120–122.). Die
italienischen Behörden stimmten dem Wiederaufnahmeersuchen der
Vorinstanz mittels Formular «nucleo familiare» vom 5. Oktober 2020 zu.
Anders als von den Beschwerdeführenden vorgebracht, bezieht sich die
Zustimmung Italiens darin konkret auf die Übernahme der einzelnen Fami-
lienmitglieder: Die italienischen Behörden führten Vor- und Nachnamen,
Geburtsdaten und Nationalität aller vier Beschwerdeführenden auf. Sie ga-
ben die Zusicherung ab, dass die Beschwerdeführenden als Familie in ei-
nem der Aufnahmezentren untergebracht würden, das Familien vorbehal-
ten und in der Liste vom 24. April 2020 aufgeführt sei sowie im Einklang
mit dem Rundschreiben vom 8. Januar 2019 stehe. Das konkrete Aufnah-
mezentrum werde zum Zeitpunkt der Überstellung anhand der verfügbaren
Kapazitäten und spezifischen Bedürfnisse der Familie ausgewählt. Mit
Rundschreiben vom 8. Februar 2021, welches jenes vom 8. Januar 2020
ersetzt, informierten die italienischen Behörden die Dublin-Staaten über
das Inkrafttreten des Gesetzesdekrets Nr. 130/2020 und die Schaffung des
Aufnahme- und Integrationssystems SAI. Sie garantierten, dass Familien
mit minderjährigen Kindern, die im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach
Italien überstellt werden, im SAI-System unter Wahrung der Einheit der Fa-
milie und in Übereinstimmung mit dem Tarakhel-Urteil untergebracht wür-
den. Mit Schreiben vom 23. März 2021 teilten die italienischen Behörden
der Schweiz sodann mit, Familien, für welche «alte» Garantien vorlägen,
würden in Übereinstimmung mit dem Rundschreiben vom 8. Februar 2021
untergebracht werden. Folglich war die Vorinstanz entgegen der Ansicht
der Beschwerdeführenden nicht gehalten, eine erneute bzw. aktualisierte
Zustimmung Italiens einzuholen. Die von Italien abgegebene Anerkennung
der Familieneinheit und Zusicherung einer familiengerechten Unterbrin-
gung sind als genügend individualisierte Zusicherungen im Sinne der
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts und des EGMR zu wer-
ten (Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 E. 10 und 11; Urteil M.T.,
§§ 58–62).
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5.5. Zu den Vorbringen betreffend den Gesundheitszustand der Beschwer-
deführerin 3 ist zunächst festzuhalten, dass eine zwangsweise Rückwei-
sung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahms-
weise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellt. Eine vom EGMR defi-
nierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung –
mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei-
nem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwie-
derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt
zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung
der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili ge-
gen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193
m.w.H.).
Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Referenzurteil E-962/2019
vom 17. Dezember 2019 strengere Kriterien für Dublin-Überstellungen von
schwer erkrankten Asylsuchenden, die sofort nach der Ankunft in Italien auf
lückenlose medizinische Versorgung angewiesen sind, beschlossen und
die Vorinstanz verpflichtet, diesfalls individuelle Zusicherungen betreffend
die Gewährleistung der nötigen medizinischen Versorgung und Unterbrin-
gung bei den italienischen Behörden einzuholen (vgl. Referenzurteil
E-962/2019 E. 7.4.3).
5.6. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin 3
sind allerdings nicht so gravierend, dass sie einer Überstellung nach Italien
entgegenstehen würden. Aus den eingereichten medizinischen Unterlagen
geht hervor, dass bei ihr eine progressive periphere Muskelschwäche der
Peronealmuskulatur am rechten Unterschenkel mit konsekutivem Ein-
wärtsgang und supinierter Vorfusshaltung diagnostiziert wurde (Arztbe-
richte des K._ vom 11. November 2020, vom 2. Juli 2021, vom
20. Juli 2021 und vom 4. Oktober 2021 [Beschwerdebeilagen, BVGer-
act. 1]). Anlässlich der jüngsten Verlaufskontrolle wurde festgestellt, dass
die aufgrund der auffälligen Fussstellung und Gangstörung durchgeführte
neuropädiatrische Untersuchung unauffällig geblieben sei. Zudem zeige
sich eine eindeutige Verbesserung des Befunds, wobei die entwicklungs-
pädiatrische Mitbeurteilung noch ausstehe (Arztbericht des K._
vom 4. Oktober 2021). Das beschriebene Krankheitsbild vermag eine Un-
zulässigkeit im Sinne der restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtferti-
gen und die Beschwerdeführerin 3 ist aufgrund ihres Gesundheitszustands
nicht zur Gruppe besonders verletzlicher Personen zu zählen (vgl. Refe-
renzurteil E-962/2019 E. 7.4), womit es keiner individuellen Zusicherungen
der italienischen Behörden bezüglich medizinischer Versorgung bedarf.
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5.7. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Italien grundsätzlich über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. etwa Urteile des
BVGer D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.2.1, F-2628/2020 vom 29. Mai
2020 E. 5.4.3 oder F-2009/2020 vom 24. April 2020 E. 8.7 je m.H.). Es
liegen keine Hinweise vor, wonach der Beschwerdeführenden dort eine
adäquate medizinische Behandlung verweigert würde. Der Zugang für
asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheitssystem über die
Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich gewährleistet, auch wenn
es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann (Urteil
E-962/2019 E. 6.2.7).
5.8. Insgesamt ist daher nicht davon auszugehen, dass eine Überstellung
der Beschwerdeführenden nach Italien eine Verletzung von Art. 3 EMRK
nach sich ziehen würde. Entgegen den Vorbringen in der Beschwerde-
schrift ist auch eine anderweitig gesetzeswidrige Ermessensausübung der
Vorinstanz nicht ersichtlich. Es liegt somit kein Anlass für einen Selbstein-
tritt der Schweiz nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Folglich ist auch das Eventualbegehren, die Sache zur Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzu-
weisen, abzuweisen.
6.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetre-
ten. Da sie nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungs-
bewilligung sind, wurde die Überstellung nach Italien in Anwendung von
Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
7.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind all-
fällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
8.
8.1. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf
einzutreten ist. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil ab-
geschlossen, weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden
Wirkung als gegenstandslos erweist.
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8.2. Die Begehren waren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG un-
besehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist.
8.3. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten (Art. 1‒3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). In Anwendung von Art. 6
Bst. b VGKE rechtfertigt es sich jedoch, auf die Erhebung von Verfahrens-
kosten zu verzichten.
9.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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