Decision ID: ac7afc9d-350f-5aad-afa6-c45fabb4fd8a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin A._ und der Beschwerdeführer B._
– beide türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie – haben gemäss ei-
genen Angaben ihr Heimatland am (...) 2016 mit ihrem Sohn C._
auf dem Luftweg verlassen und seien am gleichen Tag mit einem griechi-
schen Schengenvisum in die Schweiz eingereist. Am 21. September 2016
suchten sie bei den hiesigen Behörden um Asyl nach. Am 8. November
2016 wurden sie dem Kanton (...) zugewiesen.
B.
Am 5. Oktober 2016 wurden beide je einzeln zu ihrer Person befragt (BzP);
eine eingehende Anhörung fand am 25. Oktober 2016 respektive 3. No-
vember 2016 statt.
B.a Die Beschwerdeführerin brachte dabei im Wesentlichen vor, sie sei in
Istanbul (Stadtteil [...] auf der asiatischen Seite der Stadt) aufgewachsen
und habe nach der Schule als (...) gearbeitet (A7 S. 3 f.; A13 F10 ff.). Im
Jahr 2010 habe sie in Istanbul den Beschwerdeführer kennengelernt und
im (...) 2015 – nach der letzten Festnahme – hätten sie geheiratet (A13
F96; A15 F15 ff.). Seit der Hochzeit lebe sie im Stadtteil (...), welcher auch
auf der asiatischen Seite von Istanbul liege (A13 F112 f.; A15 F17).
Seit dem Jahr 2012 habe sie regelmässig an Protestaktionen von linken
Organisationen wie der DHKP-C (Devrimci Halk Kurtuluş Partisi-Cephesi,
Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front) und der HDP (Halkların Demo-
kratik Partisi, Demokratische Partei der Völker) teilgenommen (A7 S. 6;
A13 F18 ff.). Im (...) 2012 sei sie, weil sie gegen die Verhaftung von Freun-
den vor einem Sicherheitsgebäude protestiert habe, von der Polizei ein
erstes Mal festgenommen worden. Sie sei beschuldigt worden, Mitglied ei-
ner verbotenen Organisation (DHKP-C oder HDP) zu sein. Während vier
Tagen sei sie befragt und misshandelt worden, anschliessend sei ein Straf-
verfahren gegen sie eingeleitet worden. Nachdem sie dem Staatsanwalt
vorgeführt worden sei, sei sie entlassen worden; das Verfahren sei noch
hängig (A13 F25 ff. und 57 ff.). Anfangs (...) 2013 sei sie ein zweites Mal,
weil sie Flugblätter der DHKP-C verteilt (respektive Propaganda für die
DHKP-C betrieben) habe, festgenommen worden. Auf dem Sicherheits-
posten sei sie geschlagen worden. Nach zwei Tagen sei sie mit der Auf-
lage, sich zwei Mal wöchentlich auf dem Polizeiposten in (...) (Istanbul) zu
melden, entlassen worden (A13 F56, 62 ff. und 103). Im Juni 2013 sei sie
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im Rahmen der Gezi-Proteste für wenige Stunden in Gewahrsam gekom-
men (A13 F99). Ein viertes Mal sei sie am (...) 2013 – tags zuvor habe sie
an einer Demonstration teilgenommen – morgens auf der Strasse verhaftet
worden. Weil die Behörden keine Beweise für eine Straftat gehabt hätten,
sei sie wieder entlassen worden (A13 F71 f.). Eine Woche später habe bei
ihrer Mutter und ihren Geschwistern eine Razzia stattgefunden, um Be-
weismittel gegen sie (die Beschwerdeführerin) zu sichern (A13 F72). Aus
Vorsicht sei sie bei einer Tante, welche auch in Istanbul lebe, untergekom-
men, doch im (...) 2013 sei sie dort zum fünften Mal verhaftet worden (A7
S. 6; A13 F73). Dabei sei die Wohnung der Tante durchsucht worden, was
gefilmt worden sei; im Fernsehen sei die Wohnung als Zelle einer Terror-
organisation präsentiert worden (A13 F73 f., 77 und 81). Nach drei Tagen
auf einem Sicherheitsposten habe ein Gericht eine Untersuchungshaft an-
geordnet und sie sei ins (...)gefängnis (...) (Istanbul) abgeführt worden. Sie
sei beschuldigt worden, ein Mitglied einer verbotenen Organisation, konk-
ret der DHKP-C, zu sein (A13 F77 ff.). Während elf Monaten sei sie psy-
chisch massiv unter Druck gesetzt worden (A13 F88 ff.). Im (...) 2014 sei
sie schliesslich, vermutlich auch wegen eines allgemeinen Platzmangels in
den türkischen Gefängnissen, entlassen worden; auch dieses Verfahren
sei noch hängig (A13 F94 f.). Nach der Entlassung sei ein Ausreiseverbot
gegen die sie verhängt worden, welches erst kurz vor ihrer Ausreise im (...)
2016 antragsgemäss aufgehoben worden sei (A13 F104 ff. und 118). Seit
der Entlassung im (...) 2014 sei sie seitens der Behörden nicht mehr be-
helligt worden; diverse Verfahren seien aber immer noch hängig. Nach der
Geburt des Sohnes im (...) hätten sie und ihr Mann sich entschlossen aus-
zureisen, um so einer längeren Gefängnisstrafe zu entgehen (A13 F114 f.).
Sie sei nie Mitglied einer Partei oder Organisation gewesen, nur ihr Vater
sei Mitglieder der CHP (Cumhuriyet Halk Partisi, Republikanische Volks-
partei) gewesen (A13 F75 f., 83 und 109). Die Flugblätter, welche sie je-
weils verteilt habe, habe sie von legalen Vereinen (wie z.B. der Verein
Volksfront [Halk Cephesi]) erhalten, welche jedoch – entgegen der Mei-
nung der türkischen Behörden – keine Ableger von verbotenen Organisa-
tionen (z.B. DHKP-C) seien (A13 F110 f.; A15 F28).
B.b Der Beschwerdeführer trug vor, er sei in E._ (östliches Anato-
lien) und F._ (ägäische Küste) aufgewachsen (A6 S. 3 und 6; A15
F11). Er habe für acht Jahre die Schule besucht und die Mittelstufe abge-
schlossen. Anschliessend habe er im handwerklichen Bereich gearbeitet
(A6 S. 4; A15 F18 ff.). Ungefähr in den Jahren 2000/2001 sei er nach Is-
tanbul (...) umgezogen, ab 2010 habe er offiziell dort gelebt (A6 S. 6; A15
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F12 ff.). Geprägt durch Ereignisse seiner Kindheit, welche im Zusammen-
hang mit der Sache der Kurden stehen würden, sei er schon lange Zeit
politisch aktiv gewesen (A15 F24 ff.); jedoch sei er nie Mitglied in einer Par-
tei gewesen (A15 F29). In den Jahren (...) habe er den regulären Militär-
dienst absolviert (A15 F34).
Ein erstes Mal sei er im Jahr 2006 anlässlich eines Musikkonzertes für ei-
nen Tag festgenommen worden. Er sei damals beschuldigt worden, Propa-
ganda für die DHF (Demokratik Haklar Federasyonu, Föderation demokra-
tischer Rechte) betrieben zu haben (A15 F37 ff.). Im Jahr 2009 sei er ein
zweites Mal verhaftet worden, weil er für die Freilassung von Güler Zere
(eine politische Aktivistin, welche damals inhaftiert gewesen und an Krebs
erkrankt war [Anmerkung des Gerichts]) protestiert habe. Nach ein paar
Stunden in Gewahrsam sei er wieder freigekommen (A15 F37 und 42 ff.).
Im (...) 2009 respektive (...) 2010 sei in seiner Abwesenheit ein Verfahren
gegen ihn wegen Propaganda für eine terroristische Organisation eröffnet
worden, welches jedoch 2012 – ohne dass er Kenntnis des Verfahrensaus-
gangs habe – abgeschlossen worden sei (A15 F37 und 45 ff.). Ein drittes
Mal sei er im (...) 2010 vor dem Vereinslokal der DHKP-C, wo er mit Freun-
den einen Tee getrunken habe, verhaftet worden. Nach vier Tagen in Ge-
wahrsam sei er der Mitgliedschaft der DHKP-C beschuldigt worden und in
Untersuchungshaft in das Typ-F-Gefängnis (geschlossene Hochsicher-
heitsstrafvollzugsanstalt [Anmerkung des Gerichts]) (...) in Istanbul gekom-
men. Nach neun Monaten habe eine erste Gerichtsverhandlung stattgefun-
den; fünf bis sieben Monate später sei ein zweites Mal verhandelt worden.
Erst bei der dritten oder vierten Verhandlung sei er im (...) 2012 – nach
über zwei Jahren – freigekommen. Während dieser Untersuchungshaft sei
er misshandelt und erniedrigt worden (A6 S. 6 f.; A15 F37 und 49 ff.). Nach
seiner Entlassung habe er ungefähr einen Monat bei seiner Familie in
F._ verbracht, bevor er wieder nach Istanbul zurückgekehrt sei (A15
F60). Im März oder Mai 2013 sei er ein viertes Mal für einen Tag in Ge-
wahrsam genommen worden, weil er gegen Preiserhöhungen protestiert
habe (A15 F37 und 61 f.). Ein fünftes Mal sei er im (...) 2013 von der
Strasse weg inhaftiert worden. Er sei wegen des Verfahrens der Beschwer-
deführerin, welche zwei oder drei Tage zuvor verhaftet worden sei, mitan-
geklagt worden. Er habe neun Monate im Typ-F-Gefängnis (...) (aus-
serhalb Istanbuls) verbracht (A6 S. 6 f.; A15 F37 und 67 ff.). Im (...) 2014
sei er mit der Auflage einer Ausreisesperre entlassen worden, welche spä-
ter jedoch antragsgemäss aufgehoben worden sei (A15 F71 ff.).
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Jegliche Anschuldigungen seien – ausser der Vorwurf, eine Identitätskarte
gefälscht zu haben, um sich vor willkürlichen Verhaftungen zu schützen
(A15 F64 f.) – ungerechtfertigt, wie der Beschwerdeführer verschiedene
Male in den Protokollen betonte.
C.
Als Beweismittel wurden im November 2016 zwei Anklageschriften, je in
Kopie, eingereicht:
C.a Die Anklageschrift der Oberstaatsanwaltschaft Istanbul (...) (Untersu-
chungs-Nr. [...]; Verfahrens-Nr. [...] und Anklageschrift-Nr. [...]) betrifft den
Beschwerdeführer und bezieht sich auf das Verfahren, das nach seiner
Verhaftung im (...) 2010 und der anschliessenden Untersuchungshaft von
über zwei Jahren eröffnet wurde. Die Anklagepunkte lauten insbesondere
auf Mitgliedschaft bei der Terrororganisation DHKP-C, Unterstützung der
Organisation und Propagandatätigkeit für diese (vgl. A16b, mit Überset-
zung).
C.b Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Istanbul (...) (Untersu-
chungs-Nr. [...]; Verfahrens-Nr. [...] und Anklageschrift-Nr. [...]) betrifft
beide Beschwerdeführenden und bezieht sich auf das Verfahren, das nach
ihrer Verhaftung je im (...) 2013 eingeleitet wurde; der Beschwerdeführer
war damals für neun Monate, die Beschwerdeführerin für elf Monate in Un-
tersuchungshaft. Die Anklagepunkte lauten auf Mitgliedschaft bei einer be-
waffneten Terrororganisation und Propaganda für diese Organisation; für
den Beschwerdeführer lautet die Anklage zusätzlich auf Urkundenfäl-
schung wegen Verwendung eines falschen Identitätsausweises (vgl. A16a,
mit Übersetzung).
D.
Mit Schreiben vom 30. November 2017 forderte das SEM die Beschwer-
deführenden auf, weitere Unterlagen bezüglich der eröffneten Gerichtsver-
fahren einzureichen, um den Sachverhalt genügend erstellen zu können.
E.
Am 15. Dezember 2017 hielten die Beschwerdeführenden diesbezüglich
fest, sie hätten in der Türkei keinen Rechtsvertreter, welcher ihnen die ge-
wünschten Unterlagen zukommen lassen könnte. Jedoch wiesen sie auf
das Verfahren von G._ (N [...]), dem aufgrund desselben Profils in
der Schweiz Asyl gewährt worden sei, und auf zwei Links («www.
http://www.youtu.be/LWFkSUe7hr4
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youtu.be[...]» sowie «www.youtu.be[...]») hin. Ferner reichten sie vier Fo-
tos zu den Akten, welche sich auf ihre politischen Aktivitäten beziehen wür-
den.
F.
Mit Verfügung vom 14. März 2018 verneinte das SEM die Flüchtlingseigen-
schaft der Beschwerdeführenden, lehnte ihre Asylgesuche ab, wies sie aus
der Schweiz weg und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. Auf Details
dieser Verfügung wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen
eingegangen.
G.
Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden durch ihre
Rechtsvertretung am 13. April 2018 Beschwerde (mit Beilagen) beim Bun-
desverwaltungsgericht und beantragten dabei sinngemäss, die Verfügung
des SEM sei aufzuheben und es sei ihnen Asyl zu gewähren; eventualiter
sei die Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen und eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu ge-
währen und die zuständigen Behörden seien mittels vorsorglichen Mass-
nahmen anzuweisen, von Vollzugshandlungen abzusehen. Ferner sei
ihnen die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und die Rechtsvertre-
terin als amtliche Rechtsbeiständin zu bestellen.
Auf die Begründung der Beschwerde wird – soweit entscheidwesentlich –
in den Erwägungen eingegangen.
H.
Am 19. April 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 27. April 2018 wies die Instruktionsrichterin
auf die aufschiebende Wirkung der Beschwerde (Art. 55 Abs. 1 VwVG) hin,
hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut
und bestellte die Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. Gleich-
zeitig wurden die Beschwerdeführenden aufgefordert, eine Übersicht über
die abgeschlossenen und die hängigen Strafverfahren in der Türkei und
ein diesbezügliches Beweismittelverzeichnis einzureichen.
J.
Mit Eingabe vom 11. Mai 2018 informierten die Beschwerdeführenden,
http://www.youtu.be/LWFkSUe7hr4
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dass es dem Rechtsanwalt in der Türkei mangels einer «richtigen» Voll-
macht nicht gelungen sei, die erforderlichen Dokumente zu besorgen, wes-
halb eine nachfolgende Übersicht über die ihnen bekannten Verfahren
wohl unvollständig ausfalle.
K.
Am 24. Mai 2018 wiesen die Beschwerdeführenden darauf hin, dass gegen
sie am (...) 2018 ein weiteres Verfahren mit der Geschäfts-Nr. (...) eröffnet
worden sei.
L.
Im Rahmen seiner Vernehmlassung vom 5. Juni 2018 nahm das SEM Stel-
lung zur Beschwerdeschrift und verwies auf seine Erwägungen, an wel-
chen es vollumfänglich festhalte. Auf Details dieser Stellungnahme wird –
soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen.
M.
Am 28. Juni 2018 nahmen die Beschwerdeführenden ihr Replikrecht wahr.
N.
Am (...) wurde D._ geboren.
O.
Mit Zwischenverfügung vom 31. Juli 2020 legte die Instruktionsrichterin
eine Zusammenfassung der hängigen respektive abgeschlossenen Ver-
fahren der Beschwerdeführenden in der Türkei dar und forderte diese auf,
die diesbezüglichen Angaben im Rahmen ihrer Mitwirkungspflicht zu aktu-
alisieren und dafür gegebenenfalls geeignete Beweismittel einzureichen.
Bezüglich der ersten Festnahme der Beschwerdeführerin vom (...) 2012
wurde ihr das rechtliche Gehör dazu gewährt, dass dieses Verfahren ge-
mäss den Akten (A13 S. 22) offenbar teilweise abgeschlossen sei.
P.
Am 2. September 2020 reichten die Beschwerdeführenden bezüglich hän-
gigen Verfahren in der Türkei verschiedene Dokumente eines neu bevoll-
mächtigten türkischen Rechtsanwalts (mit Übersetzungen) sowie einen
ärztlichen Bericht vom 25. August 2020 von lic. phil. (...) (Psychologe FSP
und Psychotherapeut) der Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie, (...),
betreffend die Beschwerdeführerin ein. Ausserdem lag der Eingabe eine
Rechnung eines Übersetzungsbüros vom 29. August 2020 bei.
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Seite 8
Der türkische Rechtsanwalt teilt mit Bezug auf das gegen beide Beschwer-
deführenden geführte Strafverfahren aus dem Jahr 2013 (vgl. Bst. C.b) mit,
es sei vor der (...) Strafkammer Istanbul (...) ([...]) unter der Nummer (...)
wegen der Straftat der Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation
gegen die Beschwerdeführerin eine Gefängnisstrafe von 18 Monaten, ge-
gen den Beschwerdeführer eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren verhängt
worden. Die Verurteilung des Beschwerdeführers sei in Rechtskraft er-
wachsen; gegen die Verurteilung der Beschwerdeführerin sei derzeit beim
Kassationshof ein Revisionsverfahren hängig.
In Bezug auf das aus dem Jahr 2010 datierende Strafverfahren gegen den
Beschwerdeführer (vgl. Bst. C.a) teilt der türkische Rechtsanwalt mit, das
Verfahren werde nun vor der (...) Strafkammer Istanbul (...) ([...]) unter der
Verfahrensnummer (...) beziehungsweise (...) geführt. Das Verfahren sei
weiterhin hängig, die Hauptverhandlung sei auf den (...) 2020 vertagt wor-
den. Ferner sei gegen den Beschwerdeführer ein weiteres Verfahren (unter
der Nummer [...]) vor der (...) des Landgerichts Istanbul-(...) ([...]) geführt
worden; die Anklage laute auf Behinderung von Amtspersonen bei der Aus-
übung ihrer Aufgaben bei Versammlungen und Demonstrationen. Auf die-
ses Verfahren hatten sich bereits die Beschwerdebeilagen 5 und 9 bezo-
gen; der Anwalt hatte damals mitgeteilt, er erwarte eine Freiheitsstrafe für
den Beschwerdeführer in der Höhe von zehn Jahren (vgl. Eingabe vom
18. Mai 2018 S. 2 und Beschwerdebeilage 9).
Im ärztlichen Bericht vom 25. August 2020 wird betreffend die Beschwer-
deführerin eine Posttraumatische Belastungsstörung sowie eine rezidivie-
rende mittelgradige depressive Episode diagnostiziert; die Beschwerdefüh-
rerin sei seit Juni 2018 in medikamentöser und psychotherapeutischer Be-
handlung und benötige diese auch weiterhin.
Q.
Mit Eingabe vom 3. September 2020 informierten die Beschwerdeführen-
den, dass ein Mitangeklagter mit Namen H._ (N [...], welcher wie
der Beschwerdeführer im [...] 2010 verhaftet worden sei [Anmerkung des
Gerichts]) kürzlich in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei. Des
Weiteren hielten sie fest, dass Personen mit angeblichen Verbindungen zur
DHKP-C keine fairen Strafprozesse in der Türkei erwarten könnten (sie
verwiesen hierzu auf einen Artikel der Berliner Morgenpost vom 1. Septem-
ber 2020 «Türkei: Anwältin Ebru Timtik stirbt nach langem Hungerstreik»).
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Seite 9
R.
In den vorinstanzlichen Akten befinden sich ausser den bereits erwähnten
Dokumenten die Reisepässe von A._, B._ und C._
(alle ausgestellt am [...] 2016) sowie deren Identitätskarten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM hielt in seiner Verfügung fest, dass die Beschwerdeführen-
den infolge ihres sozialpolitischen Engagements, namentlich aufgrund ih-
rer Teilnahme an verschiedenen Kundgebungen und Protestaktionen, in
den vergangenen Jahren wiederholt kurzzeitig festgenommen worden
seien.
Darüber hinaus sei gegen den Beschwerdeführer im Jahr 2010 ein Verfah-
ren wegen Propaganda für eine terroristische Organisation eröffnet wor-
den, welches im Jahr 2012 abgeschlossen worden sei. Im (...) 2010 sei er
wegen Mitgliedschaft bei der DHKP-C erneut angeklagt worden und bis
(...) 2012 in Untersuchungshaft gewesen. Dieses Verfahren sei immer
noch – wie ein weiteres Verfahren aus dem Jahr 2013 – hängig. Auch das
Verfahren wegen Mitgliedschaft bei einer terroristischen Organisation, wel-
ches im (...) 2013 eröffnet worden und in dessen Rahmen er bis im (...)
2014 in Haft gewesen sei, sei noch hängig.
Bezüglich der Beschwerdeführerin sei ein im (...) 2012 eröffnetes Verfah-
ren wegen Mitgliedschaft bei der DHKP-C noch hängig. Die im (...) 2013
und (...) 2013 eröffneten Verfahren wegen Propagandatätigkeit seien im
Jahr 2015 geschlossen worden. Das Verfahren vom (...) 2013, aufgrund
E-2168/2018
Seite 11
dessen sie bis (...) 2014 in Untersuchungshaft gewesen sei, sei aktuell
noch hängig.
Es liege keine asylrelevante Verfolgung vor. Die wiederholten kurzzeitigen
Festnahmen sowie die zwischenzeitlich abgeschlossenen Verfahren ge-
gen die Beschwerdeführenden bedürften keiner vertieften Prüfung, da ihre
Legitimität nicht mehr zu prüfen sei. Darüber hinaus könne zwischen den
kurzzeitigen Festnahmen respektive den abgeschlossenen Verfahren aus
dem Jahr 2015 und der Ausreise im September 2016 weder ein zeitlicher
noch sachlicher Zusammenhang festgestellt werden.
Bezüglich der noch hängigen Verfahren sei festzuhalten, dass diese wegen
Propagandatätigkeit für eine Terrororganisation, Mitgliedschaft bei einer
bewaffneten Terrororganisation (namentlich DHKP-C respektive HDP), be-
treffend den Beschwerdeführer ferner wegen qualifizierten Raubes und
Plünderung, Sachbeschädigung, Behinderung der Amtspflicht, Beamten-
beleidigung, absichtlicher Körperverletzung sowie Urkundenfälschung er-
öffnet worden seien. Wie aus den Anklageschriften hervorgehe, seien die
Protestaktionen und Demonstrationen, an denen die Beschwerdeführen-
den teilgenommen hätten, teilweise nicht bewilligt und demnach illegal ge-
wesen und es sei in deren Rahmen zu Ausschreitungen und Gewaltanwen-
dung gekommen. Angesichts dieser Umstände sei die Einleitung der er-
wähnten Gerichtsverfahren als eine angemessene und damit legitime
staatliche Massnahme zu beurteilen. Ferner seien keine Hinweise auf ein
gezieltes Unterschieben einer Tatbeteiligung oder auf ein rechtsstaatlichen
Ansprüchen nicht genügendes Strafverfahren erkennbar. Zusammenfas-
send seien den Akten keine Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, es werde
unter dem Deckmantel eines Strafprozesses eine gegen die Beschwerde-
führenden gerichtete politische Verfolgung aus einem asylrelevanten
Grund geführt oder es habe sich nicht um legitime und rechtsstaatlichen
Ansprüchen genügende Verfahren gehandelt, zumal es ihnen erlaubt ge-
wesen sei, den Ausgang der Verfahren in Freiheit abzuwarten.
Dementsprechend sei auch die bei ihrer Rückkehr in die Türkei zu erwar-
tende erneute Strafverfolgung und allfällige Verurteilung aufgrund ihrer län-
geren Landesabwesenheit während des laufenden Strafverfahrens als
rechtsstaatlich legitime Massnahme zu qualifizieren.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde zunächst, um den Kontext zu erläutern,
darauf hingewiesen, dass die Beschwerdeführenden in einem Stadtteil von
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Seite 12
Istanbul gewohnt haben, in welchem viele Kurden und Aleviten (in den Au-
gen der Behörden linke Oppositionelle) wohnhaft seien. Um vor den Be-
hörden in Misskredit zu gelangen, reiche es schon aus, in einem solchen
Quartier zu wohnen. Ausserdem sei bekannt, dass Strafverfahren in der
Türkei insbesondere gegen Oppositionelle von Repression und Willkür ge-
prägt seien. Es gelte nochmals zu unterstreichen, dass die Beschwerde-
führenden zwar an Protestaktionen teilgenommen hätten, indes nie Mitglie-
der oder Sympathisanten einer politischen Partei gewesen seien.
Hinsichtlich der kurzzeitigen Festnahmen sowie der zwischenzeitlich abge-
schlossenen Verfahren gegen die Beschwerdeführenden habe die Vorin-
stanz missachtet, dass sie beide während den polizeilichen Mitnahmen
und der Untersuchungshaft wiederholt schwer misshandelt worden seien.
Ausserdem seien die Umstände der Verhaftungen sowie die Anklagen halt-
los und willkürlich gewesen. Das Verfahren nach der Verhaftung im (...)
2013 müsse als eigentliche Inszenierung bezeichnet werden, was auch da-
raus erkennbar werde, dass die damalige Festnahme der Beschwerdefüh-
rerin gefilmt und im Fernsehen gezeigt worden sei. Im Übrigen sei der kau-
sale sowie zeitliche Zusammenhang zwischen all den Festnahmen und der
Ausreise entgegen der Einschätzung der Vorinstanz gegeben, weil auch
Verurteilungen zu einer bedingten Strafe für die Zukunft relevant blieben
und zu zukünftigen schärferen Strafen führen könnten.
Zu Unrecht gehe die Vorinstanz ferner von rechtsstaatlichen Verfahren und
von einer unabhängigen Justiz in der Türkei aus. In den vorliegenden An-
klageschriften werde den Beschwerdeführenden zu Unrecht die Mitglied-
schaft in einer gewaltbereiten und terroristischen Organisation unterstellt;
indem das SEM diese Anklagen als rechtsstaatlich legitim einschätze,
missachte es die glaubhaften Aussagen der Beschwerdeführenden, dass
sie mit Terrorismusaktivitäten nichts zu tun gehabt hätten. Den Beschwer-
deführenden drohe ein unfaires Gerichtsverfahren; mit erheblicher Wahr-
scheinlichkeit müssten sie erneute Misshandlungen befürchten. Die Höhe
der von der Anklage geforderten Strafen deute auf einen Politmalus hin.
Die Beschwerdeführenden seien keine Terroristen, sondern hätten ledig-
lich gegen Ungerechtigkeiten demonstriert; sie seien als Oppositionelle ins
Visier der Behörden geraten und müssten begründete Furcht vor einer dro-
henden Verurteilung und erneuten Verhaftung haben. Überdies sei offen-
kundig, dass türkische Gefängnisse nicht menschenrechtlichen Normen
entsprechen würden.
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In der Beilage wurden unter anderem verschiedene Menschenrechtsbe-
richte, Fotos, Zeitungsberichte, Gerichtsdokumente sowie ein Schreiben
des türkischen Rechtsanwalts zu den Akten gereicht.
4.3 Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung fest, es seien in der Be-
schwerde keine neuen Elemente oder Beweismittel erkennbar, welche eine
Änderung seines Entscheides zu begründen vermöchten. Insbesondere
sei der von den Beschwerdeführenden angedeutete Politmalus zu vernei-
nen.
Die Beschwerdeführenden führten in der Replik nochmals aus, weshalb
ihnen aufgrund eines Politmalus Asyl zu gewähren sei.
5.
5.1 Vorab ist festzuhalten, dass die Vorbringen der Beschwerdeführenden,
auch in den Augen der Vorinstanz, glaubhaft sind. Aufgrund der Akten ist
erstellt, dass gegen die Beschwerdeführenden in der Türkei mehrere Straf-
verfahren geführt wurden beziehungsweise weiterhin hängig sind.
Beide Beschwerdeführenden haben substantiierte und widerspruchsfreie
Aussagen zu Protokoll gegeben; ihre Schilderungen sind lebensecht und
von Realkennzeichnen geprägt, und die Darstellungen bleiben auch dann
stimmig, wenn nicht in einem chronologischen Ablauf nach den Gescheh-
nissen gefragt wurde. Auch die Aussagen der beiden Beschwerdeführen-
den zu den Erlebnissen je des anderen decken sich ohne Widersprüche
(z.B. A13 F107 ff.; A15 F 67 f. und 72). Die Beschwerdeführenden haben
ihre Motivation, sich politisch zu engagieren, und ihre politischen Aktivitä-
ten überzeugend darlegen können; ebenso haben sie in nachvollziehbarer
und glaubhafter Weise ihre Befürchtungen aufgrund der neuen Sachlage,
dass sie Eltern eines Kindes geworden sind, geschildert. Die Vorbringen
sind nicht durch Übertreibungen gekennzeichnet (vgl. z.B. die Aussage der
Beschwerdeführerin auf die Frage, was ihre schlimmsten Erlebnisse gewe-
sen seien [A13 F128]). Schliesslich sind zahlreiche türkische Gerichtsun-
terlagen zu den Akten gereicht worden.
Das SEM zieht denn auch nicht die Glaubhaftigkeit der Vorbringen in Zwei-
fel, sondern spricht den Inhaftierungen und strafrechtlichen Verfahren die
Asylrelevanz ab.
5.2 Obwohl entsprechend aufgefordert (vgl. die Instruktionsverfügungen
vom 27. April 2018 und 31. Juli 2020 [Bst. I und O]), sind im Verlauf des
Beschwerdeverfahrens die eingereichten weiteren Beweisunterlagen nicht
E-2168/2018
Seite 14
alle erläutert und in einen Zusammenhang zu den hängigen oder abge-
schlossenen Verfahren eingereicht worden. Die Rechtsvertreterin hat teil-
weise auch lediglich sehr rudimentäre Übersetzungen der Unterlagen ein-
gereicht. So wird denn auch für einzelne Verfahren nicht klar, um was es
sich gehandelt habe oder wie das Verfahren ausgegangen ist.
Es liegen nur rudimentär übersetzte Unterlagen vor zu einem Strafverfah-
ren Nr. (...) vor dem (...) Strafgericht ([...]) Istanbul, in welchem die Be-
schwerdeführerin zu einer bedingten Strafe verurteilt worden sei (vgl. Ein-
gabe vom 18. Mai 2018 S. 1, Beschwerdebeilage 6) sowie zu einem Straf-
verfahren Nr. (...) beziehungsweise (...) vor dem (...) Strafgericht ([...]), in
welchem sie ebenfalls zu einer bedingten Strafe von einem Jahr drei Mo-
naten verurteilt worden sei, wobei die Sache vor dem Berufungsgericht
hängig sei (vgl. Eingabe vom 18. Mai 2018 S. 2, Beschwerdebeilagen 4
und 9). Keine Unterlagen liegen vor betreffend ein angebliches Strafver-
fahren gegen die Beschwerdeführerin Nr. (...) vor dem (...) Strafgericht Is-
tanbul (vgl. Eingabe vom 18. Mai 2018 S. 2); unklar ist, ob mit diesem Hin-
weis in Wirklichkeit das Strafverfahren unter der Nummer (...) (aus dem
Jahr 2013) gemeint sein soll (vgl. Bst. P sowie nachfolgend E. 7.2).
Betreffend den Beschwerdeführer liegen rudimentär übersetzte Unterlagen
vor zu einem Verfahren Nr. (...) beziehungsweise (...), in welchem eine be-
dingte Haftstrafe von einem Jahr acht Monaten ergangen beziehungsweise
ein Freispruch erfolgt sei (vgl. Eingabe vom 18. Mai 2018 S. 2 sowie Be-
schwerdebeilagen 7, 8 und 9).
5.3 Das Gericht geht davon aus, dass von weiteren Instruktionen abgese-
hen werden kann, und dass neben den glaubhaften Aussagen der Be-
schwerdeführenden in den Befragungen aufgrund der vorliegenden Unter-
lagen insbesondere zu den Verfahren aus dem Jahr 2010 (gegen den Be-
schwerdeführer) und aus dem Jahr 2013 (gegen beide Beschwerdeführen-
den) genügende Informationen vorliegen (vgl. Bst. P sowie nachfolgend
E. 7.2)
Wie nachfolgend aufzuzeigen ist, teilt das Gericht die Einschätzung der
Vorinstanz nicht, dass es sich hier um rechtsstaatlich legitime Strafverfol-
gungen ohne politischen Hintergrund handle. Die gerichtliche Verfolgung
beider Beschwerdeführenden muss nach Einschätzung des Gerichts viel-
mehr als eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung zweier kurdischer
Oppositioneller aus politischen Gründen gelten.
E-2168/2018
Seite 15
6.
Die Türkei hatte seit 2001 eine Reihe von Justiz-Reformen durchgeführt,
die dem Ziel dienen sollten, die Voraussetzungen für eine Aufnahme in die
Europäische Union (EU) zu erfüllen. Insgesamt stellten die eingeleiteten
umfassenden Rechtsreformen in rechtsstaatlicher Hinsicht einen Fort-
schritt dar. Gleichwohl blieb die Situation in der Praxis auch nach diesen
Reformen problematisch. Namentlich echte oder mutmassliche Mitglieder
von als staatsgefährdend eingestuften Organisationen blieben gefährdet,
von den Sicherheitskräften verfolgt und in deren Gewahrsam misshandelt
oder gefoltert zu werden. Auch die repressive Politik des türkischen Staa-
tes gegen linksgerichtete und kurdische Journalisten dauert weiter an und
wurde sogar verstärkt. Grundlage für die Haft und Verurteilungen sind das
türkische Strafgesetzbuch oder das Anti-Terror-Gesetz (ATG). Diese Ge-
setze sind namentlich deshalb problematisch, weil die darin enthaltenen
vagen Bestimmungen dazu führen, dass legale politische Aktivitäten wie
die freie Meinungsäusserung oder das Demonstrieren als terroristisch ein-
gestuft und demnach als terroristische Aktivitäten verfolgt werden können
(vgl. BVGE 2013/25 E. 5.2.2 und E. 5.4.1 f. m.w.H.). Nach den Parlaments-
wahlen im Juni 2015 respektive im November 2015 und dem gleichzeitigen
Wiederaufflackern des Kurdenkonflikts hat sich die Menschenrechtslage in
der Türkei zudem wieder deutlich verschlechtert und seit dem gescheiter-
ten Militärputsch gegen die Regierung vom 15./16. Juli 2016 ist gar eine
Eskalation bezüglich Inhaftierungen und politischen Säuberungen festzu-
stellen (vgl. dazu die Urteile des BVGer E-4062/2015 vom 17. Mai 2018
E. 3.8 und D-7523/2015 vom 12. Februar 2018 E. 4.7.1, jeweils m.w.H.).
Die türkischen Behörden gehen seit dem gescheiterten Putschversuch im
Juli 2016 und der darauffolgenden Verhängung des Ausnahmezustands
(welcher im Juli 2018 faktisch aufgehoben wurde) rigoros gegen tatsächli-
che und vermeintliche Regimekritiker und Oppositionelle vor. Dabei sind
fingierte Terrorismusanklagen sowie übermässig lange und willkürliche In-
haftierungen an der Tagesordnung. Tausende von Leuten sehen sich auf-
grund ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien mit gegen sie eingeleiteten
Strafuntersuchungen und Anklagen konfrontiert. Die türkische Justiz ist
ebenfalls politischem Druck ausgesetzt, was eine faire und unabhängige
Prozessführung praktisch unmöglich macht (vgl. Urteile des BVGer D-
5655/2017 vom 17. März 2020 E. 3.5.5 und D-3375/2018 vom 31. Juli
2019 E. 4.3.6, jeweils m.w.H.). Vor diesem Hintergrund geht das Bundes-
verwaltungsgericht in seiner aktuellen Praxis davon aus, dass im Einzelfall
Personen, denen in der Türkei Unterstützung von als terroristisch einge-
stufter Organisationen vorgeworfen wird, begründete Furcht vor Verfolgung
E-2168/2018
Seite 16
haben (vgl. Urteil des BVGer D-1764/2019 vom 9. Oktober 2019 E. 6.4 f.
m.w.H.).
7.
7.1 Die Beschwerdeführenden haben glaubhaft dargelegt, dass sie nie
Parteimitglied der DHKP-C waren und sich auch nie an gewalttätigen oder
terroristischen Aktionen beteiligt haben.
Die Beschwerdeführerin bezeichnete ihre politischen Aktivitäten als Teil-
nahme «an demokratischen Protesten»; sie vertrete eine linke Meinung,
habe indessen lediglich ihr «Recht auf Demokratie» wahrgenommen und
sich als demokratischer, sozialer Mensch engagiert (A7 S. 6; A13 F9, 19,
29, 83 und 97 f.). Wenn sie Flugblätter verteilt habe, habe sie diese vom
legalen Volksfrontverein bezogen (A13 F110). Der Terroristenvorwurf sei
nicht berechtigt; sie sei lediglich wegen der Teilnahme an Kundgebungen
des Terrorismus beschuldigt worden (A13 F31 f., 46 f.,74 f., 83, 109 und
111).
Auch der Beschwerdeführer bekräftigte, er habe lediglich an linken Protest-
kundgebungen teilgenommen (A15 F32); dies genüge freilich in der Türkei,
damit man des Terrorismus und der Terroristenpropaganda beschuldigt
werde (A15 F25, 26 und 58). Dass er als Mitglied der DHKP-C betrachtet
worden sei, erkläre sich beispielsweise einzig dadurch, dass er sich im
März 2010 vor dem Vereinslokal aufgehalten habe, als er verhaftet worden
sei (A15 F49).
Ihren glaubhaften Angaben zufolge haben sich die Beschwerdeführenden
im Rahmen legaler Aktivitäten engagiert und an Kundgebungen und De-
monstrationen, die von legalen Vereinigungen organisiert wurden, teilge-
nommen. Ihr Engagement hat sich auf sozialpolitische Themenfelder wie
Tag der Arbeit (1. Mai), Internationaler Frauentag (8. März), Proteste für
faire Verfahren und Behandlung von angeklagten Personen oder soziale
Gerechtigkeit bezogen (A13 F19, 21, 62 f., 71, 98 f. und 101; A15 F26, 42,
58 und 61). Dabei haben sie gemäss ihren glaubhaften Schilderungen stets
auf Gewalt verzichtet (A13 F67 und 83; A15 F26 und 49). Derartige Aktivi-
täten müssen aus rechtsstaatlicher Sicht als legitimes politisches Engage-
ment gelten.
7.2 Die Vorinstanz geht in der angefochtenen Verfügung davon aus, die
Anklagen gegen die Beschwerdeführenden wegen Zugehörigkeit zu einer
terroristischen Vereinigung und entsprechender Propaganda würden eine
E-2168/2018
Seite 17
legitime Strafverfolgung gemeinrechtlicher Delikte darstellen. Diese Ein-
schätzung kann nicht bestätigt werden.
Aus den vorliegenden Anklageschriften geht hervor, dass die politischen
Aktivitäten der Beschwerdeführenden, die sich, wie zuvor ausgeführt, in
einem aus rechtsstaatlicher Sicht legitimen Rahmen bewegt haben, zur An-
klage der Unterstützung einer terroristischen Gruppierung geführt haben.
Derartige Anklagepunkte erlauben, hohe Strafanträge zu stellen, was zwar
für die Bestrafung terroristischer Aktivitäten angemessen ist, für die Sank-
tionierung eines gewaltfreien politischen Engagements aber nicht legitim
erscheint.
So sollen gemäss der Anklageschrift gegen die Beschwerdeführerin im
Verfahren aus dem Jahr 2013 (vgl. Bst. P; A16a) die terroristischen Hand-
lungen der Beschwerdeführerin lediglich darin bestehen, dass sie an Pro-
testaktionen und nicht bewilligten Kundgebungen teilgenommen und dabei
ihr Gesicht verhüllt habe, beziehungsweise dass sie Flugblätter verteilt und
an der Verlesung einer Presseerklärung mitgemacht habe.
Dem Beschwerdeführer wird in derselben Anklageschrift betreffend Mit-
gliedschaft in einer terroristischen Organisation (A16a) ebenfalls lediglich
zur Last gelegt, er habe an nicht bewilligten Protestaktionen (von jeweils
mehreren hundert bzw. mehreren tausend Personen) teilgenommen, und
er habe die Polizei daran gehindert, die Kundgebung zu fotografieren. Ein
weiterer Anklagepunkt gegen den Beschwerdeführer betrifft den Vorwurf
der Urkundenfälschung; diesen Punkt, die Benützung eines gefälschten
Identitätsausweises, räumte der Beschwerdeführer ein; er habe eine ge-
fälschte Identitätskarte benützt, nachdem er wegen seines Namens und
seiner früheren Inhaftierungen immer wieder angehalten und während
Stunden schikanös kontrolliert worden sei, was dazu geführt habe, dass er
immer wieder Arbeitsaufträge verloren habe (A15 F64 f.).
In diesem Verfahren aus dem Jahr 2013 sind gemäss den Angaben des
türkischen Rechtsanwalts der Beschwerdeführenden in der Zwischenzeit
Verurteilungen ergangen. Der Beschwerdeführer sei zu einer Haftstrafe
von zwei Jahren verurteilt worden, die nicht angefochten worden und damit
rechtskräftig sei; die Beschwerdeführerin sei zu einer Haftstrafe von 18 Mo-
naten verurteilt worden, wobei das Verfahren derzeit vor dem Kassations-
hof hängig sei (vgl. Eingabe vom 2. September 2020 [Bst. P]).
E-2168/2018
Seite 18
Diese Strafen für die oppositionelle Betätigung in einem glaubhaftermas-
sen nicht gewaltbereiten oder terroristischen Rahmen können nicht als an-
gemessene legitime Bestrafung gelten, sondern müssen als ernsthafter
Nachteil aus politischen Gründen betrachtet werden.
7.3 Was das gegen den Beschwerdeführer geführte, aus dem Jahr 2010
datierende Strafverfahren betrifft, das gemäss den aktuellen Auskünften
weiterhin hängig ist, beruht auch hier der Hauptanklagepunkt gegen den
Beschwerdeführer auf dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristi-
schen Vereinigung und der entsprechenden Propaganda (vgl. Anklage-
schrift (...) [Bst. C.a; A16b]). Gemäss der vorliegenden Übersetzung der
einschlägigen, den Beschwerdeführer betreffenden Passagen wird ihm –
neben der Teilnahme an Kundgebungen – vorgeworfen, er habe für die
DHKP-C Geld eingetrieben, Geschäftsleute und Prostituierte zusammen-
geschlagen und bedroht, Haltestellen demoliert und für andere Personen
Waffen aufbewahrt; die Anklagepunkte werden namentlich durch die Aus-
sagen von Mitangeklagten untermauert. Das Gericht stellt fest, dass sich
diese Anklagepunkte mit den glaubhaften Aussagen im Asylverfahren nicht
vereinbaren lassen. Was die Legitimität des Vorwurfs terroristischer Aktivi-
täten wegen der Teilnahme an Kundgebungen betrifft, kann auf das zuvor
Gesagte verwiesen werden. Der türkische Rechtsanwalt rechnet offenbar
mit einer bevorstehenden Verurteilung zu zehn Jahren Haft (vgl. Eingabe
vom 18. Mai 2018 und Beschwerdebeilage 9); ein derart hohes Strafmass
dürfte den Vorwürfen, selbst wenn sie zutreffen sollten, nicht angemessen
sein. Im Beschwerdeverfahren wird ferner auf die Asylverfahrensakten von
zwei Mitangeklagten im selben Prozess verwiesen (G._ [N (...)] und
H._ [N (...)]; vgl. Bst. E und Q), denen in der Schweiz Asyl gewährt
worden ist.
7.4 Ebenfalls nicht bestätigt werden können die Erwägungen des SEM,
dass die vergangenen Inhaftierungen der Beschwerdeführenden sowie die
Strafverfahren, die bereits mit (bedingten) Verurteilungen abgeschlossen
worden sind, nicht mehr asylrelevant sein könnten, weshalb auch deren
Legitimität nicht näher zu erörtern sei.
Was die Inhaftierungen betrifft, haben beide Beschwerdeführenden, neben
einigen kurzen Festnahmen von wenigen Stunden bis wenigen Tagen, na-
mentlich längere Untersuchungshaft erlebt. Der Beschwerdeführer war ein
erstes Mal von (...) 2010 bis (...) 2012 in jenem Verfahren, das derzeit wei-
terhin hängig ist, in Untersuchungshaft; eine zweite Untersuchungshaft von
(...) 2013 bis (...) 2014 erlebte er in dem mittlerweile mit einer Verurteilung
E-2168/2018
Seite 19
abgeschlossenen Verfahren aus dem Jahr 2013. Die Beschwerdeführerin
ihrerseits war im selben Verfahren aus dem Jahr 2013 während elf Mona-
ten in Untersuchungshaft. Beide Beschwerdeführenden gaben zu Proto-
koll, dass sie in der Haft Misshandlungen erlebt haben (A13 F24, 35 ff.,
40ff., 65 und 89 f.; A15 F25, 52, 57 und 61). Diese Erlebnisse sind für die
Beurteilung einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung fraglos
relevant.
Zutreffend wird sodann in der Beschwerde auch darauf hingewiesen, dass
frühere Verurteilungen zu bedingten Strafen auch bei zukünftigen erneuten
Verurteilungen wiederum von Bedeutung werden, wird doch bei einer be-
dingten Freiheitsstrafe der Strafvollzug unter Ansetzung einer Probezeit
nur aufgeschoben.
Schliesslich ist für beide Beschwerdeführenden mit erheblicher Wahr-
scheinlichkeit davon auszugehen, dass über sie ein politisches Datenblatt
besteht; gemäss weiterhin geltender Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts ist auch aus diesem Umstand in der Regel von einer begrün-
deten Furcht vor künftiger asylrechtlicher Verfolgung auszugehen (vgl.
BVGE 2010/9).
8.
8.1 Zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführenden angesichts der gegen sie
geführten Strafverfahren im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus der Türkei eine
asylrelevante Verfolgung in begründeter Weise befürchten mussten, bezie-
hungsweise ob die Furcht vor asylrelevanter Verfolgung auch im heutigen
Zeitpunkt noch begründet ist.
Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit
ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus
einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung
als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1,
2010/57 E. 2.5 und 2010/44 E. 3). Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass
die Schwelle zur Annahme begründeter Furcht bei Personen, die in der
Vergangenheit bereits Opfer von Verfolgungen geworden waren, ohnehin
herabgesetzt ist (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2).
E-2168/2018
Seite 20
8.2 Die Beschwerdeführenden seien zwar seit ihrer Entlassung aus der Un-
tersuchungshaft im Jahr 2014 bis zu ihrer Ausreise im (...) 2016 unbehelligt
geblieben. Doch ergingen in dieser Zeit Urteile gegen beide, in denen sie
zu bedingten Strafen verurteilt worden seien (vgl. E. 5.2). Weitere Strafver-
fahren – namentlich das Beschwerdeverfahren aus dem Jahr 2013 gegen
beide Beschwerdeführenden und das Verfahren aus dem Jahr 2010 gegen
den Beschwerdeführer (vgl. E. 7.2 f.) unter anderem wegen Mitgliedschaft
in einer bewaffneten Organisation – waren im Zeitpunkt der Ausreise wei-
terhin hängig. Damit bestand damals eine begründete Furcht vor weiteren
Verurteilungen respektive Inhaftierungen der Beschwerdeführenden; die
politische Verfolgungsmotivation und die Ernsthaftigkeit des drohenden
Nachteiles sind nach dem oben Gesagten zu bejahen.
In der Zwischenzeit sind im Verfahren aus dem Jahr 2013 Verurteilungen
ergangen (vgl. E. 7.2); bei einer Rückkehr in die Türkei müssten die Be-
schwerdeführenden eine aus politischen Gründen gegen sie verhängte
Gefängnisstrafe antreten. Das Verfahren aus dem Jahr 2010 gegen den
Beschwerdeführer ist ferner weiterhin hängig, und seine Furcht vor einer
ebenfalls politisch begründeten Verurteilung auch in diesem Verfahren
bleibt aktuell.
8.3 Damit ist für beide Beschwerdeführenden eine auch heute weiterhin
andauernde begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung zu bejahen.
Beide Beschwerdeführenden erfüllen demnach die Flüchtlingseigenschaft
im Sinne von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG. Konkrete Hinweise auf das Vorlie-
gen von Asylausschlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG liegen auf-
grund der Aktenlage nicht vor; insbesondere sind die Terrorismusvorwürfe,
wie oben dargelegt, aus rechtsstaatlicher Sicht nicht haltbar. Den Be-
schwerdeführenden ist daher in der Schweiz Asyl zu gewähren.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die angefochtene
Verfügung ist aufzuheben, die Beschwerdeführenden sind als Flüchtlinge
anzuerkennen und das SEM ist anzuweisen, ihnen in der Schweiz Asyl zu
gewähren. Ihre Kinder sind, weil keine besonderen Gründe dagegenspre-
chen, gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG in die Flüchtlingseigenschaft und das
Asyl der Eltern einzubeziehen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
E-2168/2018
Seite 21
9.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen im Zusammenhang mit dem Beschwerdeverfahren notwendigerwei-
se erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechtsvertretung reichte
mit der Beschwerde vom 13. April 2018 eine Kostennote mit gleichem Da-
tum ein. Darin wird ein Aufwand von 19 Stunden 20 Minuten mit einem
Ansatz von Fr. 185.– (ohne Auslagen oder Mehrwertsteuerzuschlag) gel-
tend gemacht. Der Aufwand erscheint indessen in zeitlicher Hinsicht für die
Ausarbeitung der insgesamt 17-seitigen Beschwerdeschrift als überhöht
und ist auf neun Stunden zu reduzieren.
Die nach April 2018 eingebrachten Eingaben (vgl. Eingaben vom 11. Mai
2018 [2 Seiten], vom 24. Mai 2018 [1 Seite], vom 28. Juni 2018 [3 Seiten],
drei Anfragen nach dem Verfahrensstand, vom 2. September 2020 [2 Sei-
ten] und vom 3. September 2020 [1 Seite]) sind aufgrund der Akten zu be-
stimmen (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE) und auf insgesamt fünf Stunden,
ebenfalls zum Stundenansatz von Fr. 185.-, festzusetzen. Ausserdem
wurde mit Eingabe vom 2. September 2020 eine Rechnung eines Überset-
zungsbüros mit Datum vom 29. August 2020 über einen Betrag von
Fr. 150.– zu den Akten gereicht. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden
Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) und unter Berücksichtigung des in
der Kostennote vom 13. April 2018 aufgeführten Aufwands ist den Be-
schwerdeführenden zulasten des SEM eine Parteientschädigung von ins-
gesamt Fr. 2'740.– (inklusive Übersetzungskosten, ohne Mehrwertsteuer-
zuschlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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