Decision ID: f3e9732b-77f6-4d68-b8a9-dccffd679ff6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eritreische Staatsangehörige tigrynischer Ethnie
– verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 20. Juli 2016
und gelangte am 14. Dezember 2017 in die Schweiz, wo sie gleichentags
um Asyl nachsuchte.
B.
Am 29. Dezember 2017 wurde die Beschwerdeführerin summarisch be-
fragt (Befragung zur Person [BzP]) und am 12. September 2019 einlässlich
angehört.
B.a Zu ihrem persönlichen Hintergrund brachte sie vor, sie sei in
C._ geboren und aufgewachsen. Ihr Vater sei Soldat und kaum zu-
hause gewesen. Im Jahr 2010 sei ihre Mutter mit ihrem jüngeren Bruder
verschwunden; über deren Verbleib sei der Familie bis heute nichts be-
kannt. Aus diesem Grund sei sie nach D._ gegangen, wo sie bei
Verwandten gelebt habe. Die Schule habe sie nur bis zur siebten Klasse
besucht, danach habe sie in einem Teehaus gearbeitet und kurz darauf am
12. Januar 2014 (nachfolgend E._, N [...]) geheiratet. E._
habe ebenfalls in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt.
B.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs brachte die Beschwerdeführerin
vor, ihr Ehemann habe in Eritrea den zivilen Nationaldienst absolviert; er
habe in D._ in einem (...) gearbeitet. Aufgrund eines gesundheitli-
chen Leidens ([...]) habe er Schwierigkeiten bei der Arbeit und mit seinem
Vorgesetzten gehabt. Deshalb habe er Ende (...) 2014 seine Arbeitsstelle
verlassen und sei illegal aus dem Heimatstaat ausgereist. In der Folge sei
sie im Jahr 2014 von Soldaten an ihrem Wohnort aufgesucht und nach sei-
nem Verbleib befragt worden. Die Männer hätten sie abgeführt und in ei-
nem Fahrzeug zum Gefängnis "F._" gebracht. Während der Zeit im
Gefängnis sei sie mehrfach verhört und körperlich misshandelt worden.
Nach einer respektive zwei Wochen sei sie aus der Haft entlassen worden,
weil ihre Tante für sie gebürgt und eine Kaution bezahlt habe. Danach sei
sie in einem Fahrzeug nachhause gefahren worden. Ohne weitere Prob-
leme mit den eritreischen Behörden zu haben, sei sie bis zu ihrer illegalen
Ausreise im (...) 2016 in D._ geblieben. Das Leben mit der Familie,
insbesondere mit den Schwestern ihres Mannes, sei sehr schwierig für sie
gewesen.
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B.c Die Beschwerdeführerin reichte ihre Taufurkunde und ihren Schüler-
ausweis im Original sowie Fotos ihrer Hochzeit ein.
C.
Das Asylverfahren des Ehemannes wurde mit Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts E-7449/2016 vom 12. Dezember 2018 rechtskräftig abge-
schlossen. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte die vorinstanzliche
Verfügung vom 25. Oktober 2016, in welcher die Flüchtlingseigenschaft
des Ehemannes verneint und dessen Asylgesuch abgelehnt wurde, unter
gleichzeitiger Anordnung der vorläufigen Aufnahme.
D.
Mit Verfügung vom 7. November 2019 (eröffnet am 15. November 2019)
verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführe-
rin (Dispositivziffer 1), lehnte ihr Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2) und ver-
fügte die Wegweisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3), schob den Voll-
zug jedoch wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme
auf (Dispositivziffer 4 und 5). Der Kanton G._ wurde mit der Umset-
zung der vorläufigen Aufnahme beauftragt (Dispositivziffer 6).
E.
Mit Eingabe vom 9. Dezember 2019 erhob die Beschwerdeführerin gegen
diesen Entscheid Beschwerde. Sie beantragte die Aufhebung der Disposi-
tivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung und die Feststellung ihrer
Flüchtlingseigenschaft. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses, und um Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistands in der Person ihres Rechtsvertreters.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Dezember 2019 hiess die Instruktionsrich-
terin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung so-
wie um Einsetzung des Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand gut.
Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zum Schriftenwechsel ein und forderte
sie auf, sich zu Aspekten der Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu äussern.
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Seite 4
G.
In ihrer Vernehmlassung vom 10. Januar 2020 hielt die Vorinstanz mit er-
gänzenden Erwägungen an der angefochtenen Verfügung fest und bean-
tragte die Abweisung der Beschwerde.
H.
Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 4. Februar 2020.
I.
Am (...) gebar die Beschwerdeführerin das gemeinsame Kind B._.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 7. März 2022 lud die Instruktionsrichterin die
Vorinstanz zur zweiten Vernehmlassung ein, insbesondere zu ergänzen-
den Ausführungen betreffend die Frage der Glaubhaftmachung der Asyl-
vorbringen.
K.
Das SEM reichte am 5. Mai 2022 beim Bundesverwaltungsgericht eine
zweite Stellungnahme ein und schloss mit ergänzenden Ausführungen wei-
terhin auf Abweisung der Beschwerde.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Mai 2022 wurde die Beschwerdeführerin
eingeladen, eine zweite Replik einzureichen.
M.
Mit Eingabe vom 27. Mai 2022 replizierte die Beschwerdeführerin.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
1.5 In das vorliegende Verfahren ist das zwischenzeitlich geborene Kind
einzubeziehen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Die Beschwerdeführerin ist in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Ge-
mäss den Anträgen und der Begründung wird um Zuerkennung der Flücht-
lingseigenschaft wegen subjektiver Nachfluchtgründe und um Feststellung
der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzuges ersucht. In Bezug auf die
Ablehnung des Asyls ist die angefochtene Verfügung in Rechtskraft er-
wachsen.
4.
4.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in
dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
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AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen
ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und die weder
Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat
bestehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind. Vorbehalten bleibt die
Flüchtlingskonvention vom 28. Juli 1951 (Abkommen über die Rechtsstel-
lung der Flüchtlinge; SR 0.142.30).
4.3 Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr
Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält.
Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu
wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht
entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismit-
tel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.4 Gemäss geltender Praxis des Gerichts reicht eine illegale Ausreise aus
Eritrea für sich alleine zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht aus
(vgl. Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 4.6-
E. 5.1). Von einer begründeten Furcht vor flüchtlingsrechtlich erheblichen
Nachteilen ist aber dann auszugehen, wenn zur illegalen Ausreise weitere
Faktoren hinzukommen, welche die asylsuchende Person in den Augen
der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen (vgl.
ebd. E. 5.1 f.).
5.
5.1 Das SEM würdigte die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte
Inhaftierung im Heimatstaat im (...) 2014 als nicht asylrelevant, weil sich
die Beschwerdeführerin gemäss eigenem Bekunden danach noch wäh-
rend zweieinhalb Jahren ohne Probleme im Heimatstaat aufgehalten und
vielmehr ihre familiäre Situation sie zur Ausreise bewegt habe. Es verzich-
tete vorerst auf eine Prüfung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen. Ebenso
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würdigte es die illegale Ausreise im Jahr 2016 als asylrechtlich unbeacht-
lich, da keine anderen Anknüpfungspunkte im Sinne der bundesverwal-
tungsgerichtlichen Rechtsprechung ersichtlich seien, welche die Be-
schwerdeführerin in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige
Person erscheinen liessen.
5.2 Die Beschwerdeführerin führte in ihrem Rechtsmittel aus, das SEM
habe die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen richtigerweise nicht in Zweifel ge-
zogen, da diese substanziiert und konzis ausgefallen seien. Hingegen ver-
kenne die Vorinstanz im Hinblick auf die Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts, dass sie die Flüchtlingseigenschaft aufgrund subjektiver
Nachfluchtgründe erfülle. Es sei unbestritten, dass sie wegen der Flucht
ihres Ehemannes von Soldaten zuhause aufgesucht, mitgenommen und
im Gefängnis "F._" für zwei Wochen inhaftiert worden sei. Im Ge-
fängnis sei sie immer wieder verhört und misshandelt worden. Nur dank
einer Bürgschaft und der Zahlung einer beträchtlichen Geldsumme sei sie
freigelassen worden. In der Folge habe sie in ständiger Angst gelebt, wie-
der von den Behörden verhaftet zu werden. Sie habe mithin bereits in Erit-
rea über ein geschärftes Profil im Sinne der Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts verfügt. Es sei aus diesem Grund davon auszugehen,
dass sie den eritreischen Behörden als missliebige Person bekannt sei und
durch die illegale Ausreise eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungs-
gefahr geschaffen habe. Bei einer Rückkehr habe sie begründete Furcht
vor übermässiger Bestrafung. Auf die konkreten Ausführungen wird, soweit
relevant, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
6.
6.1 Die Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzlichen Erwägungen im
Ergebnis zu bestätigen sind. Es wird diesbezüglich vorab auf die zutref-
fende Begründung der Vorinstanz verwiesen. Die Ausführungen im Be-
schwerdeverfahren vermögen nicht zu überzeugen.
6.1.1 Hinsichtlich des zu würdigenden Sachverhalts ist zunächst festzu-
stellen, dass auch das Bundesverwaltungsgericht unter Berücksichtigung
der eingereichten Fotos davon ausgeht, dass die Beschwerdeführerin
E._ bereits im Heimstaat geheiratet hat. Mit Urteil E-7499/2016 vom
12. Dezember 2018 wurde festgestellt, dass es ihrem Ehemann weder ge-
lungen sei, eine im Heimatstaat erlittene Inhaftierung noch seine Desertion
glaubhaft zu machen, weshalb davon auszugehen sei, dass er wegen sei-
ner gesundheitlichen Probleme ordentlich aus dem Nationaldienst entlas-
sen worden sei. Seine Akten und der entsprechende Entscheid sind somit
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ebenfalls Bestandteil des vorliegenden Verfahrens und dürfen zur Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit hinzugezogen werden; sowohl die Beschwerde-
führerin als auch deren Vertretung hatten Einsicht in diese.
6.1.2 Die von der Beschwerdeführerin vorgebrachte Haft erweist sich in ei-
ner Gesamtwürdigung als unglaubhaft. Dies aus den folgenden Gründen:
Zwar trifft es zu, dass das SEM sich zunächst nicht zur Frage der Glaub-
haftigkeit der geltend gemachten Haft geäussert hat, da dies angesichts
der Begründung nicht für notwendig erachtet wurde. Dies alleine lässt je-
doch nicht den Schluss zu, dass das SEM die vorgebrachte Haft für glaub-
haft befunden hat. Im Rahmen des ersten und des zweiten Schriftenwech-
sels forderte die Instruktionsrichterin die Vorinstanz, unter Hinweis auf das
ergangene Urteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Refe-
renzurteil publiziert), explizit auf, sich dazu zu äussern, ob und aus welchen
Gründen es die Haft der Beschwerdeführerin als glaubhaft respektive un-
glaubhaft erachtet. Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens äusserte sich
die Vorinstanz vernehmlassungsweise dahingehend, dass das Vorbringen
unglaubhaft sei. Dies insbesondere, weil zentrale Aussagen der Beschwer-
deführerin zum Verschwinden ihres Ehemannes und zum Zeitpunkt ihrer
Ausreise im Widerspruch zu den Aussagen ihres Ehemanns stünden, wel-
che dieser in seinem Asylverfahren getätigt habe. So habe der Ehemann
ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin nach der Hochzeit zu sich nach
Hause gegangen und dann nach ihm im März 2014 in den Sudan gereist
sei. Die Beschwerdeführerin habe hingegen zu Protokoll gegeben, nach
der Heirat bis zu ihrer Ausreise aus Eritrea am 20. Juli 2016 bei ihrer Tante
mütterlicherseits respektive bei ihrer Schwester gewohnt zu haben. Aus-
serdem falle auf, dass ihr Ehemann die Festnahme der Beschwerdeführe-
rin nie geltend gemacht habe. Zudem habe die Beschwerdeführerin aus-
geführt, dass ihr Ehemann in den Flitterwochen festgenommen respektive
mitgenommen worden sei und unmittelbar danach, ohne sie zu informie-
ren, in den Sudan ausgereist sei. Ihr Ehemann habe hingegen vorgebracht,
dass er sich einen Monat nach der Heirat entschieden habe, Eritrea, seine
Frau und die Familie zu verlassen. Ebenfalls seien die eigenen Ausführun-
gen der Beschwerdeführerin zur Haft, zu welcher sie vom SEM im Rahmen
der Anhörung ausführlich befragt worden sei, widersprüchlich und ober-
flächlich geblieben. In der BzP habe sie nur von einer einwöchigen Inhaf-
tierung gesprochen. In der Anhörung habe sie jedoch angegeben, für zwei
Wochen inhaftiert gewesen zu sein. Sie sei mehrfach aufgefordert worden
ausführlich zu berichten. Ihre Antworten seien jedoch äusserst kurz und
unverbindlich ausgefallen.
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Die Beschwerdeführerin weist in ihrer ersten und zweiten Replik darauf hin,
dass die Begründung der Vorinstanz, warum sie die Vorbringen für un-
glaubhaft erachte, sehr allgemein und wiederholend geblieben sei und es
ihr somit kaum möglich sei, sinnvoll Stellung zu nehmen. Sie rügt die Ver-
letzung der Begründungspflicht. Diese Rüge geht jedoch fehl. Das SEM
reichte im vorliegenden Verfahren zwei Stellungnahmen ein, in welchen es
sich zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen im Zusammenhang mit der Haft
äusserte. Zwar ist mit der Beschwerdeführerin einig zu gehen, dass die
Begründung seitens des SEM im Rahmen seiner ersten Vernehmlassung
in dieser Hinsicht in der Tat zunächst nicht sehr dezidiert und differenziert
ausfiel. Den Anforderungen an die Begründungspflicht ist sie jedoch spä-
testens in ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom 5. Mai 2022 vollum-
fänglich nachgekommen. Die Beschwerdeführerin hatte im Rahmen des
Schriftenwechsels somit zweimal Gelegenheit, zur Frage der Glaubhaf-
tigkeit der vorgetragenen Haft zu replizieren. In ihrer zweiten Replik vom
25. Mai 2022 wies sie allerdings lediglich pauschal darauf hin, dass das
SEM wiederholt mangelhaft argumentiere. Die Beschwerdeführerin erblickt
sodann eine Verletzung der Begründungspflicht im Umstand, dass die Vo-
rinstanz ihre Aussagen in den Anhörungen fälschlicherweise als wider-
sprüchlich, unsubstanziiert und daher unglaubhaft gewürdigt habe. Diese
Frage betrifft jedoch materielle Würdigung. Eine Verletzung der Begrün-
dungspflicht ist auch damit nicht dargetan.
6.1.3 Auch das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass die
Vorbringen des Ehemanns der Beschwerdeführerin in Bezug auf die Um-
stände rund um seinen Dienst, seine angebliche Inhaftierung und seine
Ausreise von den Ausführungen der Beschwerdeführerin abweichen. Dies
betrifft insbesondere die Situation nach der Hochzeit (vgl. Anhörungspro-
tokoll BzP Ehemann vom 22. Juli 2014, S. 3, 6; Anhörungsprotokoll Ehe-
mann vom 29. März 2016, S. 4) und die Umstände seiner Ausreise (Anhö-
rungsprotokoll Ehemann, S. 4). Ungeachtet dessen erachtet das Gericht
auch die Vorbringen der Beschwerdeführerin betreffend ihre eigene Situa-
tion nach der Ausreise des Ehemannes als unglaubhaft. Die Aussagen der
Beschwerdeführerin zu ihren Kernvorbringen, namentlich zur Festnahme
und Inhaftierung erweisen sich als unsubstanziiert und kaum erlebnisba-
siert. Die Beschwerdeführerin konnte keine konkreten Angaben darüber
machen, unter welchen Umständen man sie nach der Ausreise des Ehe-
mannes festgenommen habe (vgl. act. A14/14 F61, F63, F66 ff. sowie
F101). Ihren angeblich zweiwöchigen Aufenthalt im Gefängnis
"F._" schilderte die Beschwerdeführerin sodann lediglich in pau-
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Seite 10
schaler Weise und ohne persönlichen Bezug. Zwar erwähnte sie auf Nach-
frage einige wenige Details (vgl. act. A14/14 F70 f.). Demgegenüber er-
schöpfen sich die Ausführungen zum Tagesablauf oder den örtlichen Ge-
gebenheiten im Gefängnis jedoch grösstenteils in detailarmen Angaben.
Sodann ergibt sich auch ein Widerspruch in den Aussagen zur Dauer ihrer
Haft. In der Erstbefragung gab sie an, eine Woche inhaftiert worden zu
sein, in der Anhörung führte sie demgegenüber aus, ihre Haft habe 15
Tage gedauert (vgl. act. A8/1 F7.01, act. A14/14 F79 f. und F102). Ebenso
unsubstanziiert stellen sich die Schilderungen der Beschwerdeführerin zu
den Umständen der Entlassung aus der Haft dar; dies gilt insbesondere
auch hinsichtlich der Beantwortung der von der Hilfswerksvertretung ge-
stellten Zusatzfragen (vgl. act. A14/14 F104 ff.). Das Vorbringen der Be-
schwerdeführerin, wonach sie nach ihrer Freilassung Angst vor einer er-
neuten Festnahme gehabt habe, scheint vor dem Hintergrund, dass sie
noch mehrere Jahre ohne besondere Sicherheitsvorkehren zu treffen, im
Heimatstaat verblieben ist, wenig plausibel. Schliesslich entsteht ange-
sichts ihrer Vorbringen auch der Eindruck, dass die Beschwerdeführerin
Eritrea verlassen hat, weil sie ihre in der Schweiz lebenden Geschwister,
namentlich ihre Schwestern vermisst habe und das Zusammenleben mit
der Familie ihres Mannes, insbesondere mit dessen Schwestern, schwierig
für sie gewesen ist (vgl. act. A14/14 F51 ff.). In diesem Zusammenhang
reagierte die Beschwerdeführerin auch emotional (vgl. A14/14 F17, F52,
F84). Insgesamt ist die vorgebrachte Haft nicht glaubhaft. Die Beschwer-
deführerin vermag mit ihren Ausführungen in der Beschwerdeschrift den
Erwägungen des SEM nichts entgegenzusetzen, das geeignet wäre, zu ei-
ner anderen Einschätzung zu führen.
6.2 Der Beschwerdeführerin ist es nicht gelungen, eine asylrechtlich rele-
vante Gefährdung im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Eritrea glaubhaft zu ma-
chen.
7.
7.1 Es stellt sich sodann die Frage, ob die Beschwerdeführerin die Flücht-
lingseigenschaft aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe erfüllt, weil sie gel-
tend macht, illegal den Heimatstaat verlassen zu haben.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht kam im Referenzurteil D-7898/2015
vom 30. Januar 2017 zum Schluss, es sei nicht mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit davon auszugehen, dass einer aus Eritrea illegal ausgereis-
ten Person einzig aus diesem Grund eine flüchtlingsrechtlich relevante Ver-
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Seite 11
folgung droht (vgl. a.a.O. E. 5.1). Für die Begründung der Flüchtlingseigen-
schaft im eritreischen Kontext bedarf es neben der illegalen Ausreise zu-
sätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu einer Schärfung des Profils und
dadurch zu einer asylrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könn-
ten (vgl. a.a.O. E. 5.2). So wurde etwa erwähnt, gemäss Angaben von in-
ternationalen Organisationen anlässlich der Fact-Finding-Mission 2016
seien etwa jene Personen gefährdet, die sich im Ausland oppositionell be-
ziehungsweise regimekritisch betätigt hätten, oder für Menschenrechtsor-
ganisationen aktiv gewesen seien oder solche, welche sich vor ihrer Aus-
reise in den Augen der Regierung etwas zu Schulden hätten kommen las-
sen, abgesehen von Dienstverweigerung oder Desertion (vgl. a.a.O.
E. 4.1). Gemäss Referenzurteil D-7898/2015 geht es dabei massgeblich
darum, ob eine Person wegen ihrer illegalen Ausreise in Verbindung mit
zusätzlichen Anknüpfungspunkten in den Augen der eritreischen Behörden
als missliebige Person erscheinen könnte.
7.3 Das Vorliegen solcher zusätzlicher Faktoren ist im Falle der Beschwer-
deführerin zu verneinen. Einerseits konnte sie – wie ausgeführt – die gel-
tend gemachten Vorfluchtgründe nicht glaubhaft machen, andererseits
sind bei vorliegender Aktenlage keine anderen Anknüpfungspunkte ersicht-
lich, welche die Beschwerdeführerin in den Augen des eritreischen Re-
gimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten. Nachdem davon
auszugehen ist, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin ordentlich aus
dem Nationaldienst entlassen worden ist, weist die Beschwerdeführerin so-
mit unter keinem Gesichtspunkt ein relevantes Profil auf. Insgesamt ist der
gesamte familiäre Kontext nicht geeignet, eine Verschärfung des Profils zu
bejahen. Demnach ist es unwahrscheinlich, dass sie im Visier der eritrei-
schen Behörden steht beziehungsweise in deren Visier geraten könnte.
7.4 Zusammenfassend ist es der Beschwerdeführerin somit nicht gelun-
gen, eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinn von Art. 3 AsylG bezie-
hungsweise Art. 54 AsylG darzutun. Das SEM hat folglich zu Recht ihre
Flüchtlingseigenschaft verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
E-6500/2019
Seite 12
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist. Die
Beschwerde ist daher abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr jedoch mit Verfü-
gung vom 27. Dezember 2019 die unentgeltliche Prozessführung gewährt
wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle
Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist von der Auflage von
Verfahrenskosten abzusehen.
10.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde auch das Gesuch der Be-
schwerdeführerin um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und ihr
Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Folglich ist die-
sem ein amtliches Honorar für die notwendigen Aufwendungen im Be-
schwerdeverfahren auszurichten. Der amtliche Rechtsbeistand hat keine
Honorarnote zu den Akten gereicht. Der Aufwand lässt sich allerdings auf-
grund der Akten zuverlässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Unter Be-
rücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren, auch des Um-
stands, dass er im Schriftenwechsel vom 20. Februar 2020 von MLaw
Laura Kunz vertreten wurde, ist das Honorar des amtlichen Rechtsbei-
stands demnach auf insgesamt Fr. 1'300.– (inkl. Auslagen und Mehrwert-
steuerzuschlag) zu bestimmen und durch die Gerichtskasse zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
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