Decision ID: 58c656f9-68e5-4af3-9f9b-dc44f7df4282
Year: 2004
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Entscheid Versicherungsgericht, 12.02.2004 Art. 25 Abs. 1 ATSG. Erlass der EL-Rückforderung. Guter Glaube als Erlassvoraussetzung. Pflicht des EL-Bezügers, die Berechnungsblätter auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Diese Pflicht hat ihre Rechtsgrundlage nicht in den Mitwirkungspflichten der versicherten Person bei der Sachverhaltsabklärung (Meldepflicht, Auskunftspflicht). Vielmehr handelt es sich um einen Anwendungsfall von Art. 3 Abs. 2 ZGB i.V.m. Art. 64 OR: Wer beim Empfang einer Zahlung um deren Grundlosigkeit weiss oder hätte wissen müssen, unterliegt einer uneingeschränkten Rückerstattungspflicht, weil die Gutglaubensvermutung zerstört ist (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 12. Februar 2004, EL 2003/26).
Präsident Franz Schlauri, Versicherungsrichterin und -richter Margrit Christen-
Baumann, Jürg Dommer, Heiner Graf, Alfred P. Müller; Gerichtsschreiber Ralph Jöhl
Entscheid vom 12. Februar 2004
In Sachen
A.,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Advokat lic. iur. Martin Boltshauser, procap, Schweizerischer Invaliden-
Verband, Froburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
betreffend
Erlass der EL-Rückforderung

Considerations:
hat das Versicherungsgericht in Erwägung gezogen:
I.
A.- B._ bezog für sich und für seine Ehefrau A._ Ergänzungsleistungen, die getrennt
ermittelt wurden, weil er im Heim lebte und seine Ehefrau zu Hause wohnte. Die EL-
Durchführungsstelle berücksichtigte bei beiden Anspruchsberechnungen ab 1. Januar
2000 eine Einnahmenposition 'Invalidenrente' von Fr. 13'668.-, insgesamt also Fr.
27'336.-. Dieser Betrag setzte sich zusammen aus der Invalidenrente von B._ und aus
der Zusatzrente für die Ehefrau A._. Die monatlichen Ergänzungsleistungen betrugen
ab 1. Januar 2000 für B._ selbst Fr. 3682.-, für die Ehefrau Fr. 201.- (zusammen mit
der ausserordentlichen Ergänzungsleistung Fr. 339.-). Bei der Anpassung an die
veränderten gesetzlichen Pauschalen für die Krankenkassenprämien und für die
persönlichen Auslagen sowie an die Erhöhung der Invalidenrente und der
Hilflosenentschädigung ab 1. Januar 2001 berücksichtigte die EL-Durchführungsstelle
aus nicht nachvollziehbaren Gründen die Zusatzrente zur Invalidenrente nicht mehr.
Statt der für 2000 noch massgebenden Einnahmenposition 'IV-Rente' von je Fr.
13'668.- wurden jetzt nur noch je Fr. 10'776.- angerechnet. Dadurch stiegen die
monatlichen Ergänzungsleistungen deutlich an, obwohl die Teuerungsanpassung der
Invalidenrente an sich eine Reduktion der Ergänzungsleistungen hätte bewirken
müssen. Mit Verfügungen vom 28. Dezember 2000 sprach die EL-Durchführungsstelle
B._ Fr. 3917.- monatlich und für die Ehefrau A._ Fr. 623.- monatlich zu.
B.- Am 5. Juli 2001 unterzeichnete A._ für ihren Ehemann das Revisionsformular 2001.
In diesem Formular war die Frage nach der Höhe der Invalidenrente mit zweimal Fr.
10'776.- beantwortet worden, d.h. die Zusatzrente für die Ehefrau war nicht angegeben
worden. Bei der Anpassung der laufenden Ergänzungsleistungen an die im
Revisionsformular angegebenen Änderungen per 1. Juli 2001 am 12. November 2001
wurden deshalb weiterhin zu hohe Ergänzungsleistungen zugesprochen. Am
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17. Dezember 2001 meldete die Ehefrau von B._ eine Erhöhung des Mietzinses per 1.
Januar 2002. Auch die Anpassungsverfügung vom 10. Januar 2002, mit der dieser
Ausgabenerhöhung Rechnung getragen wurde, berücksichtigte die Zusatzrente zur
Invalidenrente nicht. Bei der am 7. Februar 2002 verfügten Anpassung an eine
Erhöhung der Heimkosten per 1. Januar 2002 blieb die Zusatzrente ebenfalls
unberücksichtigt.
C.- Anfangs Januar 2003, wohl im Rahmen der Anpassung der laufenden
Ergänzungsleistungen an die geänderten gesetzlichen Pauschalen, stellte die EL-
Durchfüh-rungsstelle ihren Fehler fest. Sie nahm rückwirkend ab 1. Januar 2001 eine
Neuberechnung vor, bei der sie sowohl bei der Anspruchsberechnung für B._ als auch
bei der Anspruchsberechnung für A._ je die Hälfte der Zusatzrente berücksichtigte. Es
resultierte eine Rückforderung ordentlicher Ergänzungsleistungen von Fr. 12'942.-. Die
EL-Durchführungsstelle machte diese Rückforderung mit einer Verfügung vom 13.
Januar 2003 geltend. A._ stellte am 20. Januar 2003 ein Erlassgesuch. Sie begründete
dieses Gesuch damit, dass sie und ihr Ehemann die Ergänzungsleistungen gutgläubig
bezogen hätten, da ihnen das Fehlen der Zusatzrente in den Anspruchsberechnungen
nicht aufgefallen sei. Die Rückerstattung würde eine grosse Härte bedeuten, da keine
finanziellen Mittel vorhanden seien. Die EL-Durchfüh-rungsstelle wies das Erlassgesuch
am 27. Januar 2003 mit der Begründung ab, die Erlassvoraussetzung des guten
Glaubens sei nicht gegeben, denn die Meldepflicht sei verletzt worden.
D.- B._ und A._ liessen am 7. Februar 2003 gegen diese Verfügung Einsprache
erheben. Sie machten geltend, es sei zu vermuten, dass die Ursache für die fehlerhafte
Anspruchsberechnung bei der EL-Durchführungsstelle liege. Sie hätten den Fehler
nicht bemerken können, weil A._ die Aufgabe der Erwerbstätigkeit bei der C._ per
Ende 2000 gemeldet habe, so dass die Erhöhung der Ergänzungsleistungen ab 1.
Januar 2001 als logische Folge der Erwerbsaufgabe erschienen sei. Auch in den
nachfolgenden Verfügungen habe der Fehler nicht erkannt werden können, weil die EL-
Anspruchsberechnungen jeweils ein Jahreseinkommen ausgewiesen hätten, die IV-
Verfügungen aber den Monatsbetrag. Von einem Laien dürfe nicht erwartet werden,
dass er das monatliche Rentenbetreffnis auf ein Jahr umrechne und mit dem Betrag in
der EL-Anspruchsberechnung vergleiche, zumal wenn, wie im vorliegenden Fall, davon
ausgegangen werden könne, dass alles stimme. Da am 17. Januar 2003 gerade noch
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ein Vermögen von Fr. 1600.- vorhanden gewesen sei, würde die Rückerstattung eine
grosse Härte bedeuten.
E.- Die EL-Durchführungsstelle wies die Einsprache am 10. März 2003 mit der
Begründung ab, die Einsprecher wären verpflichtet gewesen, das jeder
Anpassungsverfügung beigelegte Berechnungsblatt zu kontrollieren. Bei zumutbarer
Aufmerksamkeit hätte ihnen auffallen müssen, dass die Verfügung vom 3. März 2000
noch eine Invalidenrente von Fr. 13'668.- ausgewiesen hatte, während der
entsprechende Betrag in der Verfügung vom 28. Dezember 2000 sich nur noch auf Fr.
10'776.- belief. Dass dies nicht habe stimmen können, hätten die Einsprecher ganz
besonders auch deshalb feststellen müssen, weil die Invalidenrente samt Zusatzrente
per 1. Januar 2001 von Fr. 2279.- auf Fr. 2335.- angestiegen sei. Es liege also eine
grobfahrlässige Verletzung der Melde- und Auskunftspflicht vor, so dass sich die
Einsprecher nicht auf Gutgläubigkeit berufen könnten.
F.- B._ und A._ erhoben am 7. April 2003 Beschwerde gegen diesen
Einspracheentscheid mit dem Antrag, es sei ihnen der vollständige Erlass zu gewähren.
Zur Begründung führten sie aus, die Beschwerdegegnerin habe ohne jeglichen Grund
und ohne nachvollziehbares Motiv eine Dauerleistung, nämlich die Zusatzrente für die
Ehefrau, aus der Berechnung gestrichen. Da keine Sachverhaltsveränderung
eingetreten sei, könne nicht von einer Meldepflichtverletzung gesprochen werden.
Demnach könne auch keine Meldepflichtverletzung begangen worden sein. Im
Gegensatz zu dem im Einspracheentscheid zitierten Urteil des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 24. November 1998 i.S. A.W. gehe es um eine
Veränderung im Berechnungsblatt, die ohne Zutun der Beschwerdeführer
unglücklicherweise zustande gekommen sei. Frau A._ sei aufgrund des Wegfalls der
Teilerwerbstätigkeit davon ausgegangen, dass die erhöhten Ergänzungsleistungen
dieser neuen Situation entsprächen. Darin könne keine grobe Nachlässigkeit erblickt
werden. Wenn der Fehler so offensichtlich gewesen wäre, dass er von den
Beschwerdeführern hätte bemerkt werden müssen, dann stelle dies der
Beschwerdegegnerin ein schlechtes Zeugnis aus, denn diese habe den Fehler erst
nach zwei Jahren bemerkt. Das Nichtbemerken des Wegfalls der Zusatzrente könne
höchstens als leichte Verletzung der Sorgfalts- und Aufmerksamkeitspflicht gelten.
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Damit sei die Voraussetzung des guten Glaubens erfüllt. Die Voraussetzung der
grossen Härte sei offenkundig ebenfalls erfüllt.
G.- Die Beschwerdegegnerin beantragte am 16. April 2003 die Abweisung der
Beschwerde. Sie begründete dies damit, dass Art. 24 ELV zwar tatsächlich nicht
unmittelbar anwendbar sei, weil das Nichteinsetzen der Zusatzrente in die
Anspruchsberechnung nicht als Änderung der persönlichen oder wirtschaftlichen
Verhältnisse bezeichnet werden könne. Aus Art. 25 Abs. 1 ATSG ergebe sich aber
direkt, dass sich niemand mit Erfolg auf den guten Glauben berufen könne, der
offensichtliche Fehler im Berechnungsblatt nicht der zuständigen Behörde melde.
Anders zu entscheiden käme einer Aushebelung der Erlassvoraussetzung des guten
Glaubens gleich.
H.- B._ und A._ wandten am 2. Mai 2003 ein, im Urteil des Versicherungsgerichtes
des Kantons St. Gallen vom 24. November 1998 sei es als zumutbar betrachtet
worden, das Berechnungsblatt zu überprüfen und den Fehler zu bemerken, weil es um
die einzige Veränderung im Bereich der Vermögensanrechnung gegangen sei. Die
Veränderung sei zudem durch eine Meldung der versicherten Person initiiert worden.
Ausserdem habe es sich um "einfache Vermögensverhältnisse" (zwei Bankkonten, eine
Kassenobligation) gehandelt. In ihrem Fall könne nicht von "einfachen" Verhältnissen
gesprochen werden. Auf das Jahresende hätten sich nämlich die Rentenbeträge und
diverse Pauschalansätze verändert. Die gemeldete Arbeitsreduktion habe ausserdem
zur Anrechnung eines tieferen Erwerbseinkommens geführt. Zu all diesen Änderungen
sei noch die fehlerhafte Streichung der Zusatzrente hinzugekommen, mit der nicht
habe gerechnet werden müssen. Die Verhältnisse seien auch durch die Tatsache
kompliziert worden, dass zwei getrennte Berechnungen vorgenommen worden seien.
Die Ehefrau sei aufgrund der leicht erhöhten Ergänzungsleistungen davon
ausgegangen, dass dies hauptsächlich mit der Erwerbstätigkeit zu tun habe. Dass es
sich um eine Unachtsamkeit handle, werde nicht bestritten. Die Überprüfung sämtlicher
Posten würde leichter fallen, wenn die veränderten Zahlen im Berechnungsblatt jeweils
hervorgehoben würden. Da keine Änderung in den Rentenbeträgen eingetreten sei,
habe kein Anlass bestanden, die Höhe der angerechneten Renten zu überprüfen.
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I.- Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 8. Mai 2003 auf eine Stellungnahme. Am _
Juli 2003 verstarb B._. Seine Witwe als einzige Erbin erklärte am 4. August 2003, sie
führe das Beschwerdeverfahren weiter.
II.
a) Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer die
unrechtmässigen Leistungen aber in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 ATSG; Art. 4 f. ATSV).
Die Rückerstattung kann nur erlassen werden, wenn die beiden Voraussetzungen des
gutgläubigen Empfangs und der grosse Härte der Rückerstattung kumulativ erfüllt sind
(vgl. etwa U. Kieser, ATSG-Kommentar, N. 19 zu Art. 25 ATSG). Die
Beschwerdegegnerin macht geltend, die Beschwerdeführerin habe ihre Pflicht zur
Überprüfung der Verfügung vom 28. Dezember 2000 (bzw. der anschliessend
erlassenen Verfügungen) und der dazugehörigen Berechnungsblätter grobfahrlässig
verletzt und deshalb die Ergänzungsleistungen nicht gutgläubig empfangen. Das
Eidgenössische Versicherungsgericht hat in einem unveröffentlichten Urteil vom 3.
März 1993 (P 42/92) festgehalten, von einer EL-anspruchsberechtigten Person könne in
der Regel nicht erwartet werden, dass sie die Berechnung vollständig nachzuvollziehen
vermöge. Um sich nicht dem Vorwurf einer Sorgfaltspflichtverletzung auszusetzen,
müsse sie aber immerhin die Berechnungsblätter im Rahmen ihrer individuellen
Möglichkeiten auf offensichtliche Fehler hin kontrollieren. Diese Praxis, von deren
Anwendbarkeit auf den vorliegenden Fall die Beschwerdegegnerin ausgeht, setzt nicht
nur (was im genannten Präjudiz zu prüfen war) eine Pflicht des EL-Bezügers voraus, die
Berechnungsblätter sorgfältig auf ihre Richtigkeit zu prüfen, sondern gleichzeitig eine
Pflicht, der EL-Durchführungsstelle einen Fehler anzuzeigen. Die Gerichtspraxis (vgl.
auch ARV 1998, S. 234 ff.; unveröffentlichte Urteile des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 24. Nov. 1998, EL 97/38, und vom 22. Mai 2001, EL 1998/28)
erklärt nicht, wo diese Prüfungs- und Anzeigepflicht verankert ist, wie sie sich herleiten
lässt. Weder das allgemeine Verfahrensrecht gemäss dem ATSG noch das EL-
spezifische Verfahrensrecht enthalten eine Rechtsgrundlage für diese Pflicht, denn
entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin ergibt sich diese Pflicht weder aus
der Auskunfts- noch aus der Meldepflicht. Diese beziehen sich ausschliesslich auf die
Sachverhaltsermittlung. Für das Eidgenössische Versicherungsgericht scheint die
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Pflicht, die EL-Verfügungen auf ihre Richtigkeit zu prüfen und allfällige Fehler der EL-
Durchführungsstelle anzuzeigen, eine Selbstverständlichkeit zu sein, die keiner
Herleitung oder Begründung bedarf. Dabei kann es aber nicht sein Bewenden haben.
Vielmehr ist zu untersuchen, ob es eine ausreichende Rechtsgrundlage für diese Pflicht
zur Überprüfung von Verfügungen gibt.
Die allgemeinen Mitwirkungspflichten eines Leistungsansprechers (Art. 31 Abs. 1
ATSG, Art. 43 ATSG) ergänzen das Untersuchungsprinzip, d.h. sie beziehen sich auf
die Abklärung des relevanten Sachverhalts. Sie beruhen einerseits auf
verfahrensökonomischen Überlegungen (der Leistungsansprecher ist regelmässig ohne
weiteres in der Lage, die erheblichen Sachverhaltselemente darzulegen) und
andererseits auf dem Bestreben, "die Stellung des Beteiligten dadurch zu stärken, dass
ihm – neben Verfahrensrechten – auch Verfahrenspflichten auferlegt werden" (U.
Kieser, Das Verwaltungsverfahren in der Sozialversicherung, N. 222, S. 105). Diese
Mitwirkungspflichten bei der Sachverhaltsabklärung sind auf die Dauer des
Abklärungsverfahrens, d.h. auf die Zeit bis zur Verfügungseröffnung beschränkt, denn
spätestens dann ist die Sachverhaltsabklärung abgeschlossen. Sie können deshalb
keine Pflicht zur Kontrolle der Verfügung und zur Anzeige eines Fehlers beinhalten.
Die Frage, ob eine Pflicht zur Kontrolle einer Verfügung auf ihre Richtigkeit oder zur
Anzeige eines festgestellten Fehlers verletzt worden sei, taucht nur im Rahmen der
Behandlung eines Gesuches um den Erlass einer Rückforderung auf. Der Vorwurf einer
Pflichtverletzung dient dazu, dem Rückerstattungspflichtigen die Erlassvoraussetzung
des guten Glaubens (Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG) abzusprechen. Dies legt es nahe, den
Ursprung der Pflicht in den privatrechtlichen Bestimmungen zum Gutglaubensschutz
zu suchen. Die zu beurteilende Situation ist vergleichbar mit den Verhältnissen beim
Empfang einer rechtsgrundlosen Zahlung. Zivilrechtlich ist der gutgläubige Verbrauch
bzw. die Berufung auf eine nicht mehr vorhandene Bereicherung ausgeschlossen,
wenn der Bereicherte schon beim Empfang oder dann beim Verbrauch bösgläubig war
oder nach den Umständen 'mit der Rückerstattung rechnen musste' (Art. 64 OR). Wer
beim Empfang einer Zahlung um deren Grundlosigkeit weiss oder hätte wissen
müssen, unterliegt einer uneingeschränkten Rückerstattungspflicht, weil die
Gutglaubensvermutung zerstört ist. Was der Empfänger an 'Aufmerksamkeit, wie sie
nach den Umständen vom ihm verlangt werden darf' (Art. 3 Abs. 2 ZGB), aufbringen
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muss, ist in einem Ermessensentscheid nach einem möglichst objektiven Massstab zu
bestimmen. Dabei ist das Mass an gebotener Aufmerksamkeit im Einzelfall in
persönlicher, sachlicher und zeitlicher Hinsicht zu definieren. Die geforderte
Aufmerksamkeit kann auf die Erfassung der tatsächlichen Verhältnisse oder der
Rechtslage gerichtet sein (vgl. Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, H. Honsell, N. 38
zu Art. 3 ZGB). Die Wirkung des Gutglaubensschutzes besteht darin, dass die
rechtlichen Konsequenzen des Defekts der Rechtsposition des Gutgläubigen
aufgehoben oder abgeschwächt werden (vgl. Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, H.
Honsell, N. 42 zu Art. 3 ZGB).
Diese Regeln zum Gutglaubensschutz sind auch im öffentlichen Recht anwendbar (vgl.
Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, H. Honsell, N. 1 zu Art. 3 ZGB), d.h. sie beziehen
sich auch auf die Frage der Gut- oder Bösgläubigkeit eines EL-Rück-
erstattungspflichtigen. Ist bei der Prüfung des Erlassgesuches davon auszugehen, dass
die Entdeckung des Fehlers in der leistungszusprechenden Verfügung und die Anzeige
dieses Fehlers möglich und zumutbar gewesen wäre, schliesst dies den guten Glauben
des Rückerstattungspflichtigen aus. Die von der Gerichtspraxis entwickelte Pflicht
bildet also keine EL-spezifische Modifikation der Regelung des Erlasses von
Rückforderungen in Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG. Vielmehr ist diese Bestimmung
entsprechend den allgemeinen Regeln über den Gutglaubensschutz zu interpretieren.
Dabei ist eine Typenbildung unerlässlich (vgl. Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, H.
Honsell, N. 39 zu Art. 3 ZGB). Für den EL-Bereich hat dies dadurch zu geschehen,
dass man vom Adressaten einer Verfügung die Prüfung dieser Verfügung auf ihre
sachliche und rechtliche Korrektheit und die Anzeige eines dabei festgestellte Fehlers
verlangt, wobei aber selbstverständlich die persönlichen, sachlichen und zeitlichen
Umstände des Einzelfalles zu berücksichtigen sind. Unterlässt der Adressat einer EL-
Verfügung eine ihm mögliche und zumutbare Überprüfung oder die Anzeige eines
dabei festgestellten Fehlers, kann die Rechtsfolge nur in der Erlassverweigerung
bestehen. Daraus folgt, dass es sich nicht um eine (durch eine Sanktionsandrohung
durchsetzbare) Mitwirkungspflicht, sondern nur um eine Obliegenheit handelt.
Trotzdem wäre es wohl sachgerecht, in den EL-Verfügungen auf diese Obliegenheit
hinzuweisen.
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Die Beschwerdeführerin hat das Fehlen der IV-Zusatzrente in den Berechnungsblättern
zu den Anpassungsverfügungen vom 28. Dezember 2000 nicht gemeldet. Es ist davon
auszugehen, dass sie diesen Fehler gar nicht bemerkt hat. Deshalb ist zu prüfen, ob ihr
die Feststellung dieses Fehlers möglich und zumutbar gewesen wäre. Dabei sind die
Sorgfaltspflichtanforderungen entgegen der Auffassung des Eidgenössischen
Versicherungsgerichtes nicht anhand des für alle rückerstattungspflichtigen
Versicherten identischen Kriteriums der Offensichtlichkeit des Fehlers zu definieren.
Vielmehr ist in jedem Fall die Art und die objektive Erkennbarkeit des Fehlers einerseits
und die Fähigkeit des Betroffenen (bzw. seines Vertreters), diesen Fehler effektiv
festzustellen, zu untersuchen. Die Beschwerdeführerin macht geltend, in ihrem Fall
könne nicht von einfachen Verhältnissen gesprochen werden, denn auf das Jahresende
hätten sich die Rentenbeträge und diverse Pauschalansätze verändert. Ausserdem
habe die der Beschwerdegegnerin gemeldete Reduktion des Arbeitspensums zur
Anrechnung eines tieferen Erwerbseinkommens geführt, was aus ihrer damaligen Sicht
die Erhöhung der Ergänzungsleistungen erklärt habe. Das Ganze sei noch dadurch
kompliziert worden, dass zwei getrennte Berechnungen vorgenommen worden seien.
Dieses letzte Argument ist nicht stichhaltig, weil bereits früher zwei getrennte
Berechnungen erfolgt waren. Aus diesem Grund war es für die Beschwerdeführerin
offenkundig, dass die IV-Rentenleistungen einfach hälftig auf die beiden Berechnungen
aufzuteilen waren. Ein Vergleich der Einnahmenposition 'IV-Rente' in den beiden
Berechnungsblättern vom Dezember 2000 mit der entsprechenden Einnahmenposition
früherer Berechnungsblätter hätte ohne weiteres erkennen lassen, dass ohne jeden
Grund plötzlich tiefere IV-Rentenleistungen angerechnet wurden. Auch ein Vergleich
mit den monatlichen Rentenauszahlungen hätte dies gezeigt, denn es wäre der
Beschwerdeführer zumutbar gewesen, den monatlichen IV-Rentenbetrag mit zwölf zu
multiplizieren und dann zu halbieren. Da die Beschwerdeführerin Berechnungsposition
für Berechnungsposition hätte überprüfen müssen, hätte eine allfällige Veränderung
des Erwerbseinkommen oder einer andern Einnahmen- oder Ausgabenposition das
Erkennen des Fehlers im Zusammenhang mit der IV-Rente nicht erschwert. Im übrigen
ist im Dezember 2000 keine Veränderung des Erwerbseinkommens gemeldet worden.
Erst im Rahmen der periodischen Revision im Juli 2001 hat die Beschwerdeführerin die
Aufgabe der Erwerbstätigkeit bei der C._ angegeben. Dementsprechend wiesen die
Berechnungsblätter zu den Verfügungen vom 28. Dezember 2000 nach wie vor
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dasselbe Erwerbseinkommen aus wie die vorangegangenen Berechnungsblätter. Dies
zeigt, dass die Beschwerdeführerin die ihr zumutbare Pflicht zur Überprüfung der
einzelnen Berechnungspositionen der Verfügung vom 28. Dezember 2000 (bzw. der
späteren Anpassungsverfügungen) in grober Weise verletzt hat. Sie hat die zu Unrecht
ausgerichteten Ergänzungsleistungen also nicht gutgläubig empfangen. Damit ist der
Erlass der Rückforderung ausgeschlossen, selbst wenn diese eine grosse Härte
darstellen sollte. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht