Decision ID: 8aebf0bc-8e2c-5e9a-bff8-c7e895c0ad36
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer hat eigenen Angaben zufolge am 10. Dezember
2021 die Türkei verlassen und sei gemeinsam mit seinem Vater (N [...])
und seinem Bruder B._, N [...]) über Serbien und weitere Länder in
die Schweiz eingereist, wo er am 23. Dezember 2021 um Asyl nachsuchte
und dem Bundesasylzentrum (BAZ) C._ zugewiesen wurde.
B.
Am 29. Dezember 2021 wurde er im Rahmen der Personalienaufnahme
(PA) summarisch zu seiner Person (Protokoll in den SEM-Akten [...]-11/5
[nachfolgend A11] und am 4. Februar 2022 – in Abwesenheit der ihm zu-
gewiesenen Rechtsvertretung – einlässlich zu seinen Asylgründen ange-
hört (Protokoll in den SEM-Akten [...]-15/15 [nachfolgend A15]. Dabei
machte er im Wesentlichen folgenden Sachverhalt geltend:
Er stamme aus der Kleinstadt D._ in Diyarbakir und sei kurdischer
Ethnie. Er habe vier ältere Brüder und jüngere Halbgeschwister. Sein Vater
und sein Bruder B._ sowie zwei weitere Brüder seien Anhänger der
HDP (Halklarin Demokratik Partisi; Demokratische Partei der Völker) und
die Familie habe sich für die Rechte der kurdischen Bevölkerung einge-
setzt. Deswegen sei die Familie seit seiner Kindheit Repressalien durch die
türkischen Behörden ausgesetzt gewesen. Sein Bruder B._ sei im
(...) 2012 bei einer Razzia zu Hause festgenommen und wegen angebli-
cher Mitgliedschaft bei einer Terrororganisation zu (...) Jahren Haft verur-
teilt worden. Sein Bruder E._ sei ebenfalls zu einer Freiheitsstrafe
verurteilt worden und habe danach den Militärdienst leisten müssen. Nach-
dem E._ im Jahr 2012 von einer weiteren Verurteilung erfahren
habe, sei er im Urlaub nach F._ geflohen. Seither hätten die Behel-
ligungen gegen seine Familie zugenommen und es habe wiederholt bei
ihnen zu Hause Razzien gegeben.
Er sei auch auf dem Schulweg immer wieder von Polizisten angesprochen
und gefragt worden, wo sich seine Brüder befänden. Aufgrund des staatli-
chen Drucks habe er nach der ersten Klasse des Gymnasiums die Schule
abgebrochen. Danach habe er als (...) im Geschäft seines Vaters gearbei-
tet. Im Jahr 2015 sei er zusammen mit seinem Vater und anderen Famili-
enmitgliedern für drei Tage festgenommen worden. Man habe ihn einer
versuchten Tötung und der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation be-
schuldigt. Es sei aber zu keinem Verfahren gekommen. Er sei auch aufge-
fordert worden, als Spitzel zu arbeiten. Im Jahr 2017 sei der Vater erneut
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mitgenommen worden. In den Jahren 2018 und 2019 habe er sich im Rah-
men von Wahlen für die HDP engagiert. Er sei mit Abgeordneten der HDP
in Dörfer gefahren, sie hätten die Bewohner angehört und Zeitschriften ver-
teilt. Aufgrund von Drohungen durch die Behörden habe er damit wieder
aufgehört. Es sei auch zu weiteren Belästigungen gekommen, beispiels-
weise sei er einmal auf dem Heimweg von Polizisten verfolgt und immer
wieder angesprochen und schikaniert worden. Man habe ihn bei Kontroll-
punkten auch regelmässig grundlos stundenlang warten lassen. Deswe-
gen hätten sich auch Freunde von ihm abgewandt.
Das (...)geschäft des Vaters sei von den türkischen Behörden beobachtet
worden und es sei regelmässig zu Kontrollen gekommen. Die Polizei habe
dadurch Kunden abgeschreckt, weshalb der Vater Ende des Jahres 2020
das Geschäft geschlossen habe. Sein Vater habe nach Izmir gehen wollen.
Aber die Polizei habe dem Vater gesagt, dass ihre Adresse «mit einem ro-
ten Stift unterstrichen» worden sei, was bedeute, dass man die Familie be-
lästigen werde, wenn etwas passieren sollte. Im Jahr 2021 sei sein Bruder
B._ aus der Haft entlassen worden, es sei aber noch ein weiteres
Strafverfahren gegen ihn hängig, weshalb B._ entschieden habe,
die Türkei zu verlassen. Aufgrund ihrer Angst vor weiteren Behelligungen
gegenüber der Familie, wenn B._ das Land verlasse, hätten auch
sein Vater und er entschieden, auszureisen. Schliesslich macht er geltend,
er habe sich auch vor dem Militärdienst gefürchtet.
Seine beiden Brüder G._ und H._, welche sich noch in der
Türkei befänden, hätten ihm mitgeteilt, dass die Behörden nach seiner Aus-
reise immer wieder bei ihnen nach ihm gefragt hätten.
Der Beschwerdeführer reichte mehrere fremdsprachige Beweismittel in
Kopie ins Recht, bei welchen es sich gemäss seinen Angaben um folgen-
des handle:
– Referenzschreiben der HDP vom 27. Dezember 2021;
– Beleg des Polizeigewahrsams im Jahr 2015 ausgestellt durch die Ge-
neralstaatsanwaltschaft;
– Krankenhausbericht vom 1. August 2015, nachdem er in Haft durch die
Behörden mehrmals verletzt worden sei;
– Einen Haftbefehl gegen seine Familie betreffend den Vorwurf der Mit-
gliedschaft in einer Terrororganisation;
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– Ermittlungsakten vom 1. August 2015 betreffend ein angeblich geplan-
tes Tötungsdelikt vom (...) 2015 und der Mitgliedschaft in einer bewaff-
neten Terrororganisation;
– Aussageprotokoll für Beschuldigte vom 31. Juli 2015 betreffend seinen
Vater, seine Brüder und ihn;
– Referenzschreiben des türkischen Anwalts der Familie vom
31. Januar 2022 inklusive einer mit Hilfe von Goolge Translate erstell-
ten deutschen Übersetzung.
C.
Am 9. Februar 2022 reichte die Rechtsvertretung einen Arztbericht des Am-
bulatoriums Kanonengasse vom 8. Februar 2022 ein. Aus dem Bericht geht
im Wesentlichen hervor, dass ein Verdacht auf eine Anpassungsstörung
besteht und es wurde dem Beschwerdeführer ein Antidepressivum ver-
schrieben.
D.
Am 11. Februar 2022 wurde der Rechtsvertretung ein Entwurf des ableh-
nenden Asylentscheids zur Stellungnahme unterbreitet.
E.
In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf vom 13. Februar 2022 wird
insbesondere eine unzureichende Erstellung des Sachverhalts moniert.
Sein familiär begründetes Profil sei völlig unbeachtet geblieben und eine
Reflexverfolgung nicht geprüft worden. Es werde die Zuweisung ins erwei-
terte Verfahren beantragt. Die Vorbringen des Beschwerdeführers stünden
in direktem Zusammenhang mit den Asylgründen seines Vaters und seines
Bruders B._, dessen Verfahren zwecks weiterer Abklärungen dem
erweiterten Verfahren zugeteilt worden seien.
F.
Mit Entscheid vom 15. Februar 2022 (gleichentags eröffnet) stellte die Vor-
instanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie deren Vollzug an.
Das SEM begründet die ablehnende Verfügung im Wesentlichen damit,
dass die geltend gemachten Schikanen und die dreitägige Festhaltung im
Jahr 2015 nicht ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes seien. Es
sei allgemein bekannt, dass Angehörige der kurdischen Bevölkerung in der
Türkei Benachteiligungen ausgesetzt seien. Die allgemeine Situation der
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Kurden an sich führe indes nicht zur Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft. Dies gelte trotz der sich nach dem Putschversuch im Juli 2016 all-
gemein verschlechternden Menschenrechtslage, von welcher insbeson-
dere Kurden im Südosten der Türkei betroffen seien. Seine Befürchtung,
man werde ihn bei einer Rückkehr aufgrund der Militärdienstpflicht inhaf-
tieren, sei flüchtlingsrechtlich ebenfalls nicht relevant. Es sei das legitime
Recht eines Staates, seine Bürger zum Militärdienst zu verpflichten. Straf-
rechtliche oder disziplinarische Massnahmen bei Pflichtverletzungen im
Zusammenhang mit der Militärdienstpflicht seien daher grundsätzlich nicht
als politisch motivierte oder menschenrechtswidrige Verfolgungsmassnah-
men zu betrachten und somit keine relevanten Massnahmen im Sinne des
Asylgesetzes. An dieser Einschätzung vermöge auch die Konsultation der
Dossiers seines Vaters und seines Bruders nichts zu ändern.
Das SEM sieht sodann in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf keinen
Anlass von seinen Erwägungen abzuweichen. Die erlittenen Nachteile
seien zu wenig intensiv gewesen, um von einer Reflexverfolgung ausge-
hen zu können. Sein Bruder B._ werde nicht von den Behörden ge-
sucht und er selber habe sich nur in geringem Ausmass für die legale HDP
engagiert, für eine illegale politische Organisation sei er nie tätig gewesen
und dies sei ihm auch nicht unterstellt worden. Ihm stehe zudem eine in-
nerstaatliche Aufenthaltsalternative zur Verfügung. Seine beiden älteren
Brüder G._ und H._ würden offenbar weiterhin grösstenteils
in D._ leben. Gegen ihn sei nie ein Strafverfahren eröffnet und er
sei nie offiziell festgenommen worden, auch seien seine Bürgerrechte nie
beschnitten worden und es bestehe keine Ausreisesperre. Das SEM gehe
demzufolge nicht davon aus, dass er fichiert oder in der Datenbank GBTS
eingetragen worden sei. Die Zuteilung des Verfahrens des Vaters ins er-
weiterte Verfahren sei aufgrund noch einzureichender Dokumente und
ausstehender Übersetzungen erfolgt. Die Anhörungen seiner Familienan-
gehörigen seien berücksichtigt worden. Eine Notwendigkeit, die Asylent-
scheide seines Vaters und seines Bruders abzuwarten, ergebe sich daraus
nicht, weshalb eine Zuweisung ins erweiterte Verfahren ausser Betracht
falle.
Der Vollzug der Wegweisung in die Provinz Diyarbakir sei trotz des Wie-
deraufflammens des türkisch-kurdischen Konfliktes mit gewaltsamen Aus-
einandersetzungen in verschiedenen Provinzen im Südosten des Landes
Provinzen grundsätzlich zumutbar. Der Beschwerdeführer sei jung und ge-
sund und die finanzielle Lage der Familie gut. Er könne zudem Berufser-
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fahrung vorweisen und verfüge über ein ausgedehntes familiäres Netz. An-
gesichts der in der Türkei bestehenden Niederlassungsfreiheit könne zu-
dem auch eine innerstaatliche Aufenthaltsalternative ausserhalb seiner
Provinz bejaht werden.
G.
Am 8. März 2022 ersuchte die Rechtsvertretung das SEM unter Beilage
der entsprechenden Vollmachten um Einsichtnahme in die Akten des Va-
ters (N [...]) und des Bruders B._ (N [...]) des Beschwerdeführers.
Dieses Akteneinsichtsgesuch blieb unbeantwortet.
H.
Gegen die Verfügung der Vorinstanz vom 15. Februar 2022 erhob der Be-
schwerdeführer durch seine zugewiesene Rechtsvertretung mit Eingabe
vom 17. März 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er be-
antragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, er sei als Flüchtling
anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache
zur vollständigen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. In prozessualer Hinsicht beantragt er die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
Der Beschwerdeführer rügt im Wesentlichen eine unvollständige Würdi-
gung und Erhebung des Sachverhalts und eine Verletzung des Anspruchs
auf rechtliches Gehör, insbesondere der Begründungspflicht und des Ak-
teneinsichtsrechts. Die Vorinstanz habe es unterlassen, eine Reflexverfol-
gung zu prüfen und sie habe das Profil der Familie nicht hinreichend be-
rücksichtigt. Die Aktivitäten der Familie könnten nicht als geringfügig be-
trachtet werden, zumal er auch seinen Einsatz für den Wahlkampf in den
Jahren 2018 / 2019 wegen Drohungen habe unfreiwillig einstellen müssen.
Das SEM verkenne auch, dass das türkische Verfassungsgericht eine Ver-
botsklage gegen die HDP angenommen habe und zahlreiche Mitglieder
und Sympathisanten der Partei unrechtmässig wegen Verbindungen zur
PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê, Arbeiterpartei Kurdistans) verurteilt
worden seien.
Betrachte man die langjährige Unterdrückung des Beschwerdeführers und
seiner Familie gesamthaft und über die Jahre hinweg, könne nicht von ei-
ner allgemeinen Situation, in welcher sich alle Kurden befänden, gespro-
chen werden. Vielmehr sei er aufgrund der seit seiner Kindheit erfolgten
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Behelligungen einem unerträglichen psychischen Druck ausgesetzt gewe-
sen. Obwohl gegen ihn nie ein Strafverfahren eingeleitet worden sei, sei er
seit Jahren unter Beobachtung der türkischen Behörden gewesen und un-
ter Druck gesetzt worden. Aufgrund der roten Markierung der Adresse der
Familie sei diese besonders auf dem Radar der türkischen Behörden, was
losgelöst vom Gesamtkontext durch das SEM beurteilt worden sei. Es sei
davon auszugehen, dass er mit einem politischen Datenblatt fichiert sei.
Die Drohungen und Behelligungen gingen in ihrer Gesamtheit über die
Nachteile hinaus, welche weite Teile der kurdischen Bevölkerung treffen
könnten. In Bezug auf seine Brüder G._ und H._ sei festzu-
halten, dass auch sie zunächst der Verfolgung und Willkür der türkischen
Behörden ausgesetzt gewesen seien. Im Jahr 2015 seien sie ebenfalls ab-
geführt und verhört worden. Zudem habe die türkische Polizei sie in ihrem
(...)geschäft aufgesucht, um sich nach dem Verbleib von B._, des
Vaters und des Beschwerdeführers zu erkundigen. Am (...) 2022 sei der
Bruder G._ vom Arbeitsplatz zu einem Polizeiposten abgeführt und
nach dem Aufenthaltsort des Beschwerdeführers befragt worden. Man
habe ihm zudem einen auf den Beschwerdeführer ausgestellten Haftbefehl
vorgehalten. Er vermute, dass die türkischen Behörden die aktivsten HDP-
Anhänger der Familie im Fokus hätten. Die Brüder G._ und
H._ hätten nach deren Heirat die Familienwohnung verlassen und
lebten seither in eigenen Wohnungen. Zudem könne das notorisch willkür-
liche Verhalten der türkischen Behörden nicht ihm angelastet werden. Es
sei auch darauf hinzuweisen, dass seine Stiefmutter und seine Halbge-
schwister sich derzeit bei deren Schwiegermutter versteckt hielten.
Nebst seiner eigenen jahrelangen Unterdrückung habe er auch eine Re-
flexverfolgung aufgrund der Verurteilung, Flucht und Desertion seiner Brü-
der B._ und E._ geltend gemacht. Er habe beschrieben, in-
wiefern seine Familie Fragen und Repressionen der türkischen Behörden
ausgesetzt gewesen sei. Weil seine Brüder wegen des Aufenthalts
F._ beziehungsweise wegen der Haft nicht weiter hätten belangt
werden können, seien die restlichen Familienmitglieder belästigt worden.
Nach der Flucht seines Bruders B._ vor der zu erwartenden (...)
Freiheitsstrafe hätte er mit einer starken Zunahme des Druckes auf ihn
selbst rechnen müssen. Aus diesem Grund hätten er und sein Vater ent-
schieden, ebenfalls auszureisen. Auch nach dem Einwand in der Stellung-
nahme habe die Vorinstanz eine drohende Reflexverfolgung nicht konkret
geprüft, sondern lediglich festgehalten, dass weder er noch der Bruder
B._ oder der Vater geltend gemacht hätten, B._ sei auf der
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Flucht und werde gegenwärtig in der Türkei gesucht. Dabei habe die Vo-
rinstanz ausser Acht gelassen, dass auch E._ vor einer verhängten
Freiheitsstrafe und aus dem Militärdienst geflohen sei und die Familie auch
wegen dessen Flucht nach F._ behelligt werde. Schliesslich habe
das SEM es unterlassen, weitere Abklärungen in Bezug auf das Gerichts-
verfahren und das Profil von E._ vorzunehmen und der Beschwer-
deführer sei auch nicht weiter zu dessen Verurteilung befragt worden. Dar-
über hinaus seien den Akten keine Hinweise zu entnehmen, dass die ein-
gereichten Beweismittel übersetzt worden seien. Zudem falle auf, dass die
eingereichten Dokumente nicht vollständig seien, da bei gewissen Beweis-
mitteln offenbar Seiten fehlten. Auch in dieser Hinsicht sei der Sachverhalt
nicht rechtsgenüglich abgeklärt worden.
Das SEM habe verkannt, dass die Profile der einzelnen Familienmitglieder
nicht losgelöst von einander betrachtet werden könnten. Nachdem er ins-
besondere wegen seines Bruders B._ eine Reflexverfolgung gel-
tend mache und er auch mit ihm aus der Türkei geflohen sei, müssten die
drei Asylgesuche koordiniert behandelt werden. Es sei nicht möglich, den
vorliegenden Asylentscheid sachgerecht anzufechten, solange nicht über
das Asylgesuch des Bruders B._ entschieden worden sei. Nebst
dem, dass die Asylentscheide des Vaters und des Bruders im erweiterten
Verfahren behandelt würden und diese noch nicht vorlägen, habe die
Rechtsvertretung bis anhin keine Akteneinsicht in deren Asylverfahren er-
halten, was das Verfassen der vorliegenden Beschwerde erschwere. Das
Vorgehen des SEM sei auch vor dem Hintergrund, dass das Verfahren des
Vaters mit dem Argument, es müssten noch weitere Dokumente und Über-
setzungen nachgereicht werden, dem erweiterten Verfahren zugeteilt
habe, nicht nachvollziehbar, zumal gerade auch in seinem Verfahren die
Beweismittel nicht vollständig und übersetzt vorlägen.
Zwar vermöchten Massnahme wegen Verweigerung des Militärdienstes für
sich betrachtet grundsätzlich nicht asylrelevant sein, die Flucht und damit
einhergehend die Dienstpflichtverletzung wirkten sich jedoch zumindest
negativ auf sein Profil aus und er fürchte sich vor weiteren Übergriffen im
Rahmen des offiziellen Militärdienstes.
I.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
21. März 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).
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J.
Am 23. März 2022 bestätigte die Instruktionsrichterin den Eingang der Be-
schwerde und stellte fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des
Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten.
K.
Am 4. April 2022 reichte der Beschwerdeführer fremdsprachige Beweismit-
tel in Kopie ins Recht. Seinen Angaben zufolge werde aus den Dokumen-
ten ersichtlich, dass die türkischen Behörden gegen ihn Ermittlungen auf-
grund angeblicher Propaganda für eine Terrororganisation in Form von Bei-
trägen auf seinem Facebook-Profil aufgenommen hätten. Da er an seiner
Adresse nicht auffindbar gewesen sei, habe man seinen Bruder G._
befragt. Es handle sich bei den Beweismitteln insbesondere um Folgen-
des:
– Ermittlungsunterlagen vom (...) 2022 mit einem Print-Screen seines
Facebook-Profils;
– Anweisung der Staatsanwaltschaft vom (...) 2022, gemäss welcher er
über seine Verfahrensrechte zu informieren und zu befragen sei;
– Schreiben der Bezirkspolizeibehörde D._ vom (...) 2022, wo-
nach er nicht habe gefasst werden können;
– Schreiben der türkischen Behörden vom (...) 2022, wonach er aufgrund
von Aktivitäten auf Facebook für eine Terrororganisation gesucht
werde, an der angegeben Adresse jedoch nicht auffindbar gewesen
sei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
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Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 AsylG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 In der Rechtsmitteleingabe wird in formeller Hinsicht eine unvollstän-
dige Sachverhaltsfeststellung und eine Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör, insbesondere der Begründungspflicht gerügt.
4.2 Der in Art. 32 VwVG konkretisierte Teilgehalt des rechtlichen Gehörs
verpflichtet die Vorinstanz nicht nur, den Parteien zu ermöglichen, sich zu
äussern, und ihre Vorbringen tatsächlich zu hören (Art. 30 f. VwVG), son-
dern sie auch sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfin-
dung zu berücksichtigen. Eng damit zusammen hängt naturgemäss die
Pflicht der Behörde, ihren Entscheid zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG).
Denn ob sich die Behörde tatsächlich mit allen erheblichen Vorbringen der
Parteien befasst und auseinandergesetzt hat, lässt sich erst aufgrund der
Begründung erkennen. Im Asylverfahren sind die Anforderungen an die Be-
gründungsdichte regelmässig hoch, wiegen die rechtlich geschützten Inte-
ressen der Betroffenen doch allgemein schwer (PATRICK SUTTER, in: Kom-
mentar VwVG, 2008, Art. 32 VwVG, Rz. 2). Insgesamt muss der Entscheid
so abgefasst sein, dass ihn der Betroffene gegebenenfalls sachgerecht an-
fechten kann, was nur möglich ist, wenn sich sowohl der Betroffene als
auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild
machen können. Dabei kann sich die Behörde in ihrer Argumentation zwar
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auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken; sie
darf aber nur diejenigen Argumente stillschweigend übergehen, die für den
Entscheid erkennbar unbehelflich sind. In diesem Sinne müssen wenigs-
tens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde
hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt (vgl. BGE 134 I 83 E.
4.1; BVGE 2007/21 E. 10.2 m.w.H.; SUTTER, a.a.O., Kommentar VwVG,
Art. 32 Abs. 1 VwVG, Rz. 2).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
4.3 Nach Durchsicht der Akten gelangt das Gericht zum Schluss, dass das
SEM den Sachverhalt nicht vollständig festgestellt und das rechtliche Ge-
hör des Beschwerdeführers verletzt hat.
Das SEM subsumiert die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Vor-
bringen unter Nachteile, welche weite Teile der kurdischen Bevölkerung
träfen. Dabei hat es sich weder mit den vom Beschwerdeführer konkret
erlittenen Nachteilen – im Einzelnen aber insbesondere auch in ihrer Ge-
samtheit – näher auseinandergesetzt und entsprechend begründet, inwie-
fern insgesamt klarerweise über Schikanen, welchen die kurdische Bevöl-
kerung im Allgemeinen betreffen hinausgehenden Massnahmen nicht
ernsthaften Nachteilen – etwa in Form eines unerträglichen psychischen
Drucks – gleichkämen. Immerhin wurde der Beschwerdeführer unter ande-
rem bereits als Minderjähriger inhaftiert, misshandelt und unter Druck ge-
setzt, als «Agent» für die türkischen Behörden zu agieren. Weiter brach er
die Schule aufgrund von dauernden Behelligungen ab und auch das
(...)geschäft der Familie musste geschlossen werden. Daneben hat das
SEM die Tätigkeiten des Beschwerdeführers für die HDP und die Aufforde-
rung der Behörden, diese einzustellen, weder genauer abgeklärt noch im
Entscheid konkret gewürdigt, sondern sich darauf beschränkt festzuhalten,
dass es sich bei der HDP um eine legale Partei handle. Diese Argumenta-
tion greift vor dem Hintergrund, dass die Oppositionspartei seit Jahren un-
ter Druck ist und es regelmässig zu willkürlichen Verhaftungen von Mitglie-
dern kommt, wobei diese in politisch motivierte Verfahren involviert werden,
zu kurz. Zu Recht verweist der Beschwerdeführer in diesem Zusammen-
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hang darauf, dass das türkische Verfassungsgericht eine Verbotsklage ge-
gen die HDP angenommen hat (vgl. etwa Deutsche Welle, Türkei: Kurden-
partei HDP droht das Aus, 27.02.2021, https://www.dw.com/de/türkei-kur-
denpartei-hdp-droht-das-aus/a-56710435, abgerufen am 29. März 2022).
Die Tätigkeiten des Beschwerdeführers pauschal als legale Aktivitäten für
die HDP einzustufen welche keine Asylrelevanz entfalteten, wird dem län-
derspezifischen Kontext nicht gerecht. Dies erst recht, nachdem ihm sei-
nen Aussagen beziehungsweise dem eingereichten Beweismittel (soweit
ersichtlich) zufolge anlässlich der Verhaftung im Jahr 2015 auch die Mit-
gliedschaft in einer Terrororganisation unterstellt worden sei (A15, F52).
Gemäss den beigezogenen vorinstanzlichen Akten des Vaters (N [...]) und
des Bruders B._ (N [...]) wurden die Brüder B._ und
E._ aufgrund der angeblichen Mitgliedschaft in einer Terrororgani-
sation beziehungsweise Aktivitäten für eine solche verurteilt, obwohl sie
sich ihren Angaben zufolge nur in einem legalen Rahmen politisch betätigt
hätten (vgl. N [...], SEM Akte [...]-15/17 [nachfolgend A15], F68 ff.).
Dem Beschwerdeführer ist auch beizupflichten, dass das SEM das geltend
gemachte politische Profil seiner Familie und der entsprechende negative
Fokus der türkischen Behörden auf sie nicht hinreichend berücksichtigt und
die Vorbringen des Beschwerdeführers vor diesem Hintergrund gewürdigt
hat. Insbesondere hat das SEM nicht beachtet, dass bereits gegen seine
Brüder E._ und B._ – mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit
politisch motivierte – Verfahren geführt und sie zu langjährigen Haftstrafen
verurteilt wurden. Inwiefern dem Beschwerdeführer in Zukunft aufgrund
seines familiären Hintergrundes asylrelevante Nachteile drohen könnten,
hat das SEM nicht weiter geprüft, sondern zu dieser Frage lediglich festge-
stellt, der Bruder B._ sei weder flüchtig noch werde nach ihm ge-
fahndet. Damit ist das SEM im Hinblick auf eine allfällige Reflexverfolgung
seiner Begründungspflicht offensichtlich ungenügend nachgekommen, zu-
mal sich sowohl aus den Akten des Beschwerdeführers (A15, F54, F61,
F63, F78, F91 f.) als auch aus denjenigen seines Vater (N [...], SEM-Akte
[...]-17/24) und seines Bruder B._ (N [...], A15) Hinweise ergeben,
dass die Familie bereits in der Vergangenheit Repressalien aufgrund des
Profils der Brüder E._ und B._ ausgesetzt war. Im Hinblick
auf eine allenfalls begründete Furcht vor künftiger Verfolgung fällt im Übri-
gen auch auf, dass zwar die Aussage des Beschwerdeführers, seit der Aus-
reise hätten sich Polizisten alle sieben bis zehn Tage bei den im Heimat-
staat verbliebenen Brüdern nach dem Beschwerdeführer, dem Bruder
B._ und dem Vater erkundigt, in den Sachverhalt der angefochte-
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nen Verfügung aufgenommen wurde. Obwohl im vorliegenden Kontext of-
fensichtlich relevant, hat dieser Sachumstand aber ebenfalls keinen Ein-
gang in die Würdigung gefunden.
Auch die im erstinstanzlichen Verfahren eingereichten Beweismittel wer-
den vom SEM zwar im Sachverhalt erwähnt, in den Erwägungen aber nicht
gewürdigt. Unter Beachtung des politischen Profils der Familie, welches
vom SEM der Familie gerade abgesprochen wurde, wäre es gehalten ge-
wesen, die Beweismittel, die sich offenbar auf die Festnahme des Be-
schwerdeführers und dessen Familienangehörige beziehen, übersetzen zu
lassen, um den Sachverhalt vollständig zu erfassen und anschliessend zu
würdigen. In diesem Zusammenhang ist auf das neue Vorbringen in der
Beschwerde zu verweisen, wonach der Bruder G._ am (...) 2022
auf einen Polizeiposten abgeführt und ihm ein auf den Beschwerdeführer
ausgestellter Haftbefehl vorgelegt worden sei; diesbezüglich werde ver-
sucht, weitere Informationen und Beweismittel zu beschaffen (Beschwerde
E. II, Ziff. 1). Damit wird sich das SEM ebenfalls zu befassen haben. Anzu-
fügen bleibt, dass auch der Arztbericht vom 8. Februar 2022 weder im
Sachverhalt der angefochtenen Verfügung noch in den Erwägungen er-
wähnt wurde, sondern der Beschwerdeführer in Bezug auf die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs als gesund betitelt wurde (Verfügung des
SEM E.III Ziff. 2).
Nicht sinnvoll und auch nicht nachvollziehbar scheint die Triage der Vo-
rinstanz, das Asylgesuch des Beschwerdeführers im beschleunigten Ver-
fahren zu entscheiden. Einerseits wären, wie erwähnt, Beweismittel weiter
abzuklären gewesen. Hinzu kommt insbesondere, dass für die Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts auch die Vorbringen seines Bruders
B._ und seines Vaters relevant, und damit eine Koordination der
Verfahren der Familienangehörigen angezeigt gewesen, zumal der Vater
und der Bruder in ihren Verfahren ebenfalls Beweismittel einreichten, wel-
che allenfalls für die Beurteilung einer möglichen (Reflex)Verfolgung des
Beschwerdeführers relevant sind. Inwiefern sich aus der Konsultation der
Akten des Bruders B._ und des Vaters keine Hinweise ergäben,
welche für den Asylentscheid des Beschwerdeführers entscheidend seien,
wurde ebenso wenig vom SEM begründet. Die Erwägungen des SEM ei-
nerseits, das Verfahren des Vaters sei noch nicht spruchreif und es würden
weitere Beweismittel erwartet und andererseits, aus den Akten der Fami-
lienangehörigen ergebe sich für die Gefährdungssituation des Beschwer-
deführer nichts Relevantes lassen sich offensichtlich nicht miteinander ver-
einbaren. Daran ändert auch der Umstand, dass inzwischen im Verfahren
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des Vaters ein negativer Asylentscheid ergangen ist, nichts, zumal dieser
noch nicht in Rechtskraft erwachsen ist und sich aus dessen Verfahren
nichtsdestotrotz relevante Informationen in Bezug auf eine allfällige Ge-
fährdung des Beschwerdeführers ergeben können.
Schliesslich ist festzuhalten, dass die Vorinstanz dem Beschwerdeführer
trotz eines entsprechenden Akteneinsichtsgesuchs unter Vorweis der Ein-
willigungserklärungen des Vaters und des Bruders während der laufenden
Rechtmittelfrist keine Einsicht in deren Akten gewährt beziehungsweise
das Gesuch überhaupt nicht beantwortet wurde. Dadurch hat das SEM das
Akteneinsichtsrecht gemäss Art. 26 ff. VwVG verletzt. Die Rechtsvertre-
tung weist in der Rechtsmitteleingabe zu Recht darauf hin, dass es ihr ohne
die entsprechenden Akten nicht umfassend möglich war, die Verfügung
sachgerecht anzufechten, da ihr erhebliche Informationen in Bezug auf das
Profil des Vaters und des Bruders und deren Aussagen in ihren Verfahren,
auf welche das SEM in der angefochtenen Verfügung wiederholt pauschal
abstellt, nicht bekannt waren.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Verfügung des SEM erhebli-
che formelle und materielle Mängel aufweist und Bundesrecht verletzt (Art.
106 Abs. 1 AsylG). Die entsprechenden Rügen erweisen sich als offen-
sichtlich begründet.
5.
5.1 Beschwerden gegen Verfügungen des SEM betreffend die Verweige-
rung des Asyls und die Anordnung der Wegweisung haben grundsätzlich
reformatorischen und nur ausnahmsweise kassatorischen Charakter
(Art. 105 AsylG sowie Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 61 Abs. 1 VwVG). Eine refor-
matorische Entscheidung setzt indessen voraus, dass die Sache ent-
scheidreif ist; dazu muss insbesondere der rechtserhebliche Sachverhalt
richtig und vollständig festgestellt worden sein. Dies ist vorliegend nicht der
Fall. Es ist nicht Sinn des Beschwerdeverfahrens, für eine vollständige
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen, wenn im vo-
rinstanzlichen Verfahren die erforderlichen Sachverhaltsabklärungen un-
terblieben sind.
Des Weiteren hat das SEM seine Begründungspflicht und somit das recht-
liche Gehör des Beschwerdeführers verletzt. Eine Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör führt – angesichts des formellen Charakters
des Gehörsanspruchs unabhängig davon, ob die angefochtene Verfügung
bei korrekter Verfahrensführung im Ergebnis anders ausgefallen wäre –
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grundsätzlich zur Kassation und Rückweisung der Sache an die Vo-
rinstanz. Es kann nicht Aufgabe des Gerichts sein, die mangelnde Begrün-
dung der angefochtenen Verfügung nachzuliefern und so erstmals inhalt-
lich über die Frage der Flüchtlingseigenschaft zu befinden, zumal dem Be-
schwerdeführer so eine Instanz verloren ginge und das Gericht in Asylfra-
gen letztinstanzlich entscheidet.
5.2 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung aufzuheben und
die Sache zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes und zur
neuen Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zudem führte die
mangelhafte Triage und die Behandlung des Dossiers im beschleunigten
Verfahren nicht nur zur Beschneidung der Parteirechte des Beschwerde-
führers, sondern auch zu einer für das Bundesverwaltungsgericht vorgese-
henen Behandlungsfrist von zwanzig Tagen. Unter Berücksichtigung der
ausstehenden Übersetzungen der Beweismittel im vorliegenden Verfahren
und allenfalls ausstehende Beweismittel im Verfahren des Bruders
B._ sowie der notwendigen weiteren Abklärungen in Bezug auf den
rechtserheblichen Sachverhalt kommt ein reformatorischer Entscheid nicht
in Betracht.
5.3 Die Vorinstanz wird angewiesen, den Sachverhalt vollständig festzu-
stellen und hierfür die eingereichten Beweismittel zu übersetzen und gege-
benenfalls weitere Beweismittel einzuholen. Sodann sind die Akten des Va-
ters und des Bruders beizuziehen und dem Beschwerdeführer ist antrags-
gemäss das rechtliche Gehör zu gewähren. Den vollständig festgestellten
Sachverhalt hat das SEM anschliessend einer sorgfältigen neuen Prüfung
zu Grunde zu legen und schliesslich hat es seine neue Verfügung rechts-
genüglich zu begründen. Angesichts der Rückweisung der Sache erübrigt
sich eine Auseinandersetzung mit weiteren Vorbringen in der Beschwerde;
diese bildet integraler Bestandteil des wieder aufzunehmenden erstin-
stanzlichen Verfahrens. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auch
auf die auf Beschwerdestufe nachgereichten Beweismittel hinzuweisen
(vgl. Sachverhalt Bst. K), mit welchen sich das SEM auseinanderzusetzen
hat.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die an-
gefochtene Verfügung vom 15. Februar 2022 aufzuheben und die Sache
im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist.
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7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Damit sind die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses gegenstandslos geworden.
8.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung auszu-
richten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechts-
vertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom
Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch
Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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