Decision ID: 4ccd812e-f45a-4fae-8e9f-2f6bffbe6db8
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 22. Juni 2021 beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum
B._ zur Arbeitsvermittlung an (act. G 3.1/A25 und A57). Am 7. Oktober 2021 schloss
sie mit der C._ AG (nachfolgend: Personalvermittlerin) einen Einsatzvertrag ab dem
1. Oktober 2021 für einen maximal 3-monatigen Arbeitseinsatz bei der D._ AG als
Sachbearbeiterin ab (act. G 3.1/A62). Die Abmeldung beim RAV erfolgte am
12. Oktober 2021 (act. G 3.1/A56). Mit Schreiben vom 20. Dezember 2021 kündigte die
Personalvermittlerin der Versicherten auf den 22. Dezember 2021 (act. G 3.1/A73). Die
Versicherte meldete sich in Folge beim RAV erneut zur Arbeitsvermittlung ab dem
23. Dezember 2021 an (act. G 3.1/A71).
A.a.
Mit Verfügung vom 18. Januar 2022 stellte das RAV die Versicherte ab dem
3. Januar 2022 für 15 Tage in ihrer Anspruchsberechtigung ein. Das RAV begründete
die Verfügung damit, die Versicherte sei in einem temporären Arbeitsverhältnis
angestellt gewesen. Bei bis auf 3 Monate befristeten oder häufig wechselnden kürzeren
Temporäreinsätzen bestehe eine dauerhafte Pflicht zur Stellensuche. Die Versicherte
könne im Zeitraum vor ihrer Kündigung keine Arbeitsbemühungen vorweisen, weshalb
sie ihre Schadensminderungspflicht verletzt habe (act. G 3.1/A72).
A.b.
Gegen die Verfügung vom 18. Januar 2022 erhob die Versicherte am 24. Januar
2022 Einsprache. Sie machte geltend, ihr sei von ihrer Arbeitgeberin versprochen
worden, dass sie nach drei Monaten eine Festanstellung erhalten werde. Zudem sei ihr
gar nicht bewusst gewesen, dass sie in dieser Zeit hätte Bewerbungen schreiben
sollen. Sie habe vorher nie temporär gearbeitet, weshalb es ihr auch nicht klar gewesen
sei, dass das Arbeitsverhältnis so schnell aufgelöst werden könne. Sie habe sich
A.c.
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B.
jedoch sofort nach der Kündigung um Arbeit bemüht, diesbezüglich reichte sie den
Nachweis für 8 Arbeitsbemühungen zwischen dem 22. Dezember 2021 und dem
29. Dezember 2021 ein (act. G 3.1/A78). Sie bat zudem darum, ihre familiäre Situation
zu berücksichtigen, als Mutter von zwei kleinen Kindern könne sie die finanziellen
Folgen einer Einstellung von 15 Tagen in ihrer Anspruchsberechtigung nicht tragen
(act. G 3.1/A77).
Mit Einspracheentscheid vom 10. Februar 2022 hiess das RAV die Einsprache
teilweise gut. Es hielt weitgehend an der Begründung der Verfügung vom 18. Januar
2022 fest und führte aus, die Versicherte sei aufgrund der Schadensminderungspflicht
dazu verpflichtet gewesen, während dem Temporäreinsatz Stellen zu suchen. Aus den
Akten sei nicht erstellt, dass ihr eine Vollzeitstelle angeboten worden sei. Ihr
Arbeitsvertrag lege zudem klar fest, dass der Einsatz innerhalb von 2 Arbeitstagen
gekündigt werden könne und eine Verlängerung des Arbeitsvertrags in jedem Fall
schriftlich bestätigt werden müsse. Die Versicherte habe damit rechnen müssen,
spätestens ab Ende Dezember 2021 wieder arbeitslos zu werden. Die Versicherte sei
zudem sowohl mündlich im Beratungsgespräch vom 12. Oktober 2021 als auch
schriftlich mit der Abmeldebestätigung am gleichen Tag über ihre Pflichten aufgeklärt
worden. Da die Versicherte eine Bewerbung vor dem Bezug der
Arbeitslosenentschädigung vorweisen könne, sei jedoch nicht von fehlenden, sondern
bloss ungenügenden Arbeitsbemühungen auszugehen. Die Versicherte sei deshalb ab
dem 23. Dezember 2021 für 9 statt 15 Tage in ihren finanziellen Leistungen einzustellen
(act. G 3.1/A86).
A.d.
Gegen den Einspracheentscheid vom 10. Februar 2022 erhebt die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 2. März 2022 Beschwerde. Sie beantragt sinn
gemäss die ersatzlose Aufhebung der Verfügung. Dazu bringt sie vor, sie sei erst im
Rechtsmittelverfahren darauf aufmerksam gemacht worden, dass sie sich während der
temporären Arbeitsstelle bewerben müsse. Sie habe das erste Mal in einem
temporären Arbeitsverhältnis gearbeitet. Mit Schreiben von Bewerbungen habe sie nie
Mühe gehabt. Es wäre deshalb für sie wenig Aufwand gewesen, in diesem Zeitraum
Bewerbungen zu schreiben. Dass sie nun eingestellt werde, sei auf den Fehler ihres
B.a.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Beraters zurückzuführen, welcher sie nicht über ihre Pflichten aufgeklärt habe (vgl.
act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 31. März 2022 beantragt der Beschwerdegegner die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verweist er im Wesentlichen auf den
Einspracheentscheid vom 10. Februar 2022. Die Beschwerdeführerin sei entgegen
ihren Aussagen am 12. Oktober 2021 darüber informiert worden, dass aufgrund des
temporären Arbeitsverhältnisses bei einer Wiederanmeldung die üblichen
Arbeitsbemühungen, für die letzten drei Monate vor der Anmeldung, nachgewiesen
werden müssen. Bereits während des Telefonats vom 10. Oktober 2021 sei die
Beschwerdeführerin auf diesen Umstand hingewiesen worden. Der Personalberater
habe diesbezüglich protokoliert, dass "die Kundin die Arbeitsbemühungen weiterhin für
sich dokumentieren" werde. Die Beschwerdeführerin könne deshalb nicht geltend
machen, sie sei nicht über ihre Pflichten gegenüber dem RAV während ihrer
temporären Anstellung informiert worden (act. G 3).
B.b.
Die Beschwerdeführerin verzichtet stillschweigend auf eine weitere Stellungnahme
(vgl. act. G 4 und 5).
B.c.
Nach Art. 30 Abs. 1 lit. c des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) ist die
versicherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie sich
persönlich nicht genügend um zumutbare Arbeit bemüht. Im Rahmen der in Art. 17
Abs. 1 AVIG verankerten Schadenminderungspflicht muss die versicherte Person, die
Versicherungsleistungen beanspruchen will, mit Unterstützung des zuständigen
Arbeitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu
verkürzen. Insbesondere ist sie verpflichtet, Arbeit zu suchen, nötigenfalls auch
ausserhalb ihres bisherigen Berufs. Dabei hat sie alle sich bietenden und zumutbaren
Möglichkeiten voll auszuschöpfen (vgl. Gerhard Gerhards, Kommentar zum
Arbeitslosenversicherungsgesetz [AVIG], Bd. I, 1987, Art. 17 N 12). Sie muss ihre
Bemühungen nachweisen können. Bei der Beurteilung, ob diese Bemühungen
genügend oder ungenügend sind, kommt es nicht auf deren Erfolg an, sondern auf die
Tatsache und die Intensität des Bemühens. Zu berücksichtigen ist nicht nur die
1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/10
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Quantität, sondern auch die Qualität der Bemühungen (BGE 124 V 225 E. 4a mit
Hinweis).
Die versicherte Person hat schon vor Eintritt der Arbeitslosigkeit angemessene
Anstrengungen zur Stellensuche zu unternehmen, wenn sie um die zu erwartende
Arbeitslosigkeit weiss. Sie hat sich deshalb bereits während der Kündigungsfrist bzw.
in den letzten Monaten eines befristeten Arbeitsverhältnisses um einen neuen
Arbeitsplatz zu bewerben (ARV 1993/94 Nr. 9 S. 87 E. 5b, Nr. 26 S. 184 E. 2b).
Gleiches gilt in Fällen, in denen jemand nicht (mehr) in einem Arbeitsverhältnis steht,
z.B. eine Ausbildung abschliesst oder sich beruflich neu orientiert und sich schliesslich
bei der Arbeitslosenversicherung anmeldet. In all diesen Fällen einer sich
abzeichnenden Arbeitslosigkeit muss die versicherte Person gegenüber der
zuständigen Amtsstelle bei der Anmeldung ihre Bemühungen um Arbeit nachweisen
und sich die vor der Meldung auf dem Arbeitsamt unterlassenen Stellenbewerbungen
entgegenhalten lassen (vgl. Art. 20a Abs. 3 der Verordnung über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02] und
Jacqueline Chopard, Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung, Diss. Zürich, 1998,
S. 136 f.).
1.2.
Die Pflicht, sich um eine neue Arbeitsstelle zu bemühen, beginnt grundsätzlich ab
dem Zeitpunkt, ab dem die versicherte Person Kenntnis davon hat, von Arbeitslosigkeit
bedroht zu sein. Dies trifft üblicherweise während der Kündigungsfrist zu (vgl.
BGE 139 V 524 E. 4.2). Bei befristeten Arbeitsverhältnissen oder Arbeitsverhältnissen
mit häufigem Wechseln ist einerseits das Ende des Arbeitsverhältnisses meistens
schon im Voraus klar, zweitens muss aufgrund der kurzen Kündigungsfristen
grundsätzlich immer von einer drohenden Arbeitslosigkeit ausgegangen werden.
Deshalb müssen in diesen Fällen Arbeitsbemühungen mindestens während der letzten
3 Monate nachgewiesen werden (vgl. Weisung des Staatssekretariats für Wirtschaft
vom Januar 2022, AVIG-Praxis Arbeitslosenentschädigung [nachfolgend: AVIG-Praxis
ALE], B314). Die Sanktion für fehlende oder ungenügende Arbeitsbemühungen einer
versicherten Person ist nach Art. 30 Abs. 1 lit. c AVIG die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung.
1.3.
Im Sozialversicherungsrecht gilt das Beweismass der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit. Hiernach ist ein bestimmter Sachverhalt nicht bereits dann
bewiesen, wenn er bloss möglich ist, hingegen genügt es, wenn das Gericht aufgrund
der Würdigung aller relevanter Sachumstände zur Überzeugung gelangt ist, dass er der
wahrscheinlichste aller möglichen Geschehensabläufe – bei zwei möglichen
1.4.
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2.
Sachverhaltsvarianten: die wahrscheinlichere – ist (Urteil des Bundesgerichts vom
7. September 2020, 8C_371/2020, E. 4.2 mit Hinweisen).
Umstritten und im vorliegenden Verfahren zu klären ist, ob die Beschwerdeführerin
im Rahmen ihrer Schadenminderungspflicht verpflichtet war, sich während des
befristeten Arbeitsverhältnisses um zumutbare Arbeit zu bemühen. Bejahendenfalls ist
zu prüfen, ob die verhängte Sanktion unter Berücksichtigung aller Umstände
verhältnismässig und angemessen ist.
2.1.
Die Beschwerdeführerin war ab dem 1. Oktober 2021 über die C._ AG befristet
für maximal 3 Monate als Sachbearbeiterin bei der D._ AG angestellt. Gemäss dem
Einsatzvertrag vom 7. Oktober 2021 betrug die Kündigungsfrist 2 Arbeitstage
(act. G 3.1/A62). Mit Schreiben vom 20. Dezember 2021 wurde ihr per 22. Dezember
2021 gekündigt (act. G 3.1/A73). Aufgrund der kurzen Kündigungsfrist und des
befristeten Arbeitsvertrags musste die Beschwerdeführerin – wie in E. 1.3 ausgeführt –
grundsätzlich jederzeit mit einer drohenden Arbeitslosigkeit rechnen. Es war zudem
absehbar, dass der Arbeitsvertrag spätestens Ende Dezember 2022 aufgelöst wird und
die Beschwerdeführerin spätestens auf diesen Zeitpunkt eine neue Stelle suchen
musste. Die Beschwerdeführerin bringt allerdings vor, ihr sei von ihrer Arbeitgeberin
eine Vollzeitstelle offeriert worden, weshalb sie nicht mit einer Kündigung gerechnet
habe. Aus dem Verlaufsprotokoll geht hervor, dass dies auch mit dem Personalberater
des RAV thematisiert wurde (siehe act. G 3.1/A57). Im Bericht zum Beratungsgespräch
vom 12. Oktober 2021 hielt letzterer fest, der Vertrag sei temporär mit Aussicht auf
Festanstellung.
2.2.
Eine Stelle gilt dann als zugesichert, wenn ein Arbeitsvertrag tatsächlich und
rechtlich zustande gekommen ist. Dabei wird die Schriftform nach Art. 320 Abs. 1 des
Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches;
Fünfter Teil: Obligationenrecht (OR; SR 220) für das verbindliche Zustandekommen
eines Arbeitsvertrages nicht vorausgesetzt, weshalb sich die versicherte Person
gegebenenfalls auch auf eine mündliche Vereinbarung berufen kann (Urteil des
Bundesgerichts vom 10. Mai 2013, 8C_1021/2012, E. 5.3.3). Eine mündliche
Vereinbarung erlangt zwar nach Art. 320 Abs. 1 OR Gültigkeit, die mündliche Form
erschwert jedoch im Streitfall den Nachweis der Vereinbarung zum Arbeitsvertrag bzw.
der Zusicherung. Blosse Hoffnung erweckende Vorverhandlungen zwischen der
versicherten Person und dem potentiellen Arbeitgeber stellen noch keine Zusicherung
dar (vgl. Gerhards, a.a.O., N 15 zu Art. 30).
2.3.
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3.
Dem Einsatzvertrag ist zu entnehmen, dass eine Verlängerung des Vertrags nur in
schriftlicher Form gültig ist (act. G 3.1/A62). Somit haben die Vertragsparteien
diesbezüglich mündliche Vertragsabänderungen wegbedungen. Die
Beschwerdeführerin konnte sich deshalb nicht auf allfällige mündliche Zusicherungen
verlassen und musste deshalb bis zum Vorliegen eines schriftlichen Vertrags mit der
Kündigung nach der 3-monatigen Einsatzdauer rechnen. Eine schriftliche
Vertragsverlängerung hat die Beschwerdeführerin nicht vorgewiesen. Die Behauptung
der Beschwerdeführerin bleibt somit beweislos. Die Folgen der Beweislosigkeit wirken
sich zu ihren Lasten aus. Sie wäre deshalb nach Art. 17 Abs. 1 AVIG verpflichtet
gewesen, sich während der befristeten Anstellung auf eine unbefristete Vollzeitstelle
oder zumindest wieder eine Temporärstelle zu bewerben. Dass sie in diesem Zeitraum
nur eine Bewerbung schrieb, stellt eine Verletzung der Schadensminderungspflicht dar,
welche eine Einstellung in den finanziellen Leistungen zu rechtfertigen vermag.
2.4.
Weiter macht die Beschwerdeführerin geltend, ihr sei nicht klar gewesen, dass sie
während des temporären Arbeitsverhältnisses eine Stelle suchen müsse. Ihr RAV-
Personalberater habe sie auf diese Pflichten nicht hingewiesen. Es sei die Pflicht des
Beraters sich zu versichern, dass die von ihm betreuten Personen die notwendigen
Merkblätter erhalten haben und falls dies nicht der Fall sei, diese nachzusenden. Sie
habe das erste Mal in einem temporären Arbeitsverhältnis gearbeitet und nicht
gewusst, dass die Zusammenarbeit so schnell aufgelöst werden könne. Die
Beschwerdeführerin bringt damit sinngemäss vor, der Beschwerdegegner habe seine
Aufklärungs- bzw. Beratungspflichten gemäss Art. 27 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) verletzt.
3.1.
Gemäss Art. 27 ATSG sind die Versicherungsträger und Durchführungsorgane der
einzelnen Sozialversicherungen verpflichtet, im Rahmen ihres Zuständigkeitsbereiches
die interessierten Personen über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären (Abs. 1). Jede
Person hat Anspruch auf unentgeltliche Beratung über ihre Rechte und Pflichten, wobei
Art. 27 Abs. 1 ATSG grundsätzlich eine allgemeine und permanente Aufklärungspflicht
der Versicherungsträger und Durchführungsorgane stipuliert, die nicht erst auf
persönliches Verlangen der interessierten Personen zu erfolgen hat (BGE 131 V 372
E. 4.1). Dabei genügt gemäss herrschender Lehre und Rechtsprechung die Abgabe von
Merkblättern und Informationsbroschüren mit den nötigen Informationen zu den
Rechten und Pflichten der Versicherten (Thomas Nussbaumer, in: Ulrich Meyer (Hrsg.),
Soziale Sicherheit, Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht XIV, 3. Auflage, 2016,
S. 2363 N 324). Wird die Aufklärungspflicht nicht wahrgenommen, ist die dadurch
3.2.
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geschädigte Person gleich zu behandeln, wie bei einer falsch erteilten Auskunft (Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Auflage, 2020, N 37 zu Art. 27). Es finden deshalb im Fall
einer Aufklärungspflichtverletzung die gleichen Voraussetzungen wie bei Verletzung
des Vertrauensschutzes nach Art. 9 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (BV; SR 101) Anwendung (vgl. BGE 131 V 472 E. 5).
Im Verlaufsprotokoll des RAV wird beim Austrittsgespräch vom 12. Oktober 2021
im Abschnitt "Stellensuche" festgehalten: "die Kundin dokumentiert weiterhin für sich
die Arbeitsbemühungen" (act. G 3.1/A57). Des Weiteren wurde der Beschwerdeführerin
mit der Abmeldebestätigung vom 12. Oktober 2021 ein Merkblatt mit dem Titel
"Information zur Abmeldung" zugestellt. Darauf ist festgehalten: "Bei einem befristeten
oder temporären Arbeitsverhältnis (auch bei "try and hire") sowie bei Unterbruch der
Arbeitslosigkeit aus anderen Gründen müssen Sie dem RAV in der Regel für die letzten
drei Monate vor der Anmeldung wieder die üblichen Arbeitsbemühungen nachweisen
können" (act. G 3.1/A56). Die Abmeldebestätigung inkl. dem Merkblatt wurde der
Beschwerdeführerin zudem am 8. April 2021 bereits einmal zugestellt (act. G 3.1/A20).
Auch auf dem Formular "Nachweis der persönlichen Arbeitsbemühungen", welches
durch die Versicherten monatlich auszufüllen ist, wird darauf hingewiesen, dass bei
einem befristeten Arbeitsverhältnis die Pflicht besteht, sich bereits vor Eintritt der
Arbeitslosigkeit persönlich um Arbeit zu bemühen (z.B. act. G 3.1/A50). Wie bereits
erwähnt (E. 3.2) genügt es, wenn das RAV die Merkblätter zur Verfügung stellt. Dass
die Beschwerdeführerin diese nicht erhalten haben soll, wird von ihr nicht dargetan.
Überdies wurde sie auch mündlich auf ihre Pflichten hingewiesen (act. G 3.1/A57).
Damit war sie hinreichend über ihre Pflichten bezüglich Stellensuche informiert worden.
3.3.
Selbst wenn die Beschwerdeführerin nicht über die Pflicht zur Stellensuche vor der
Anmeldung hingewiesen worden wäre, würde sich nichts zu ihren Gunsten ergeben.
Das Bundesgericht hat bezüglich der Aufklärungspflicht bei der Stellensuche
festgehalten, dass sich die versicherte Person während der Zeit vor der Anmeldung
auch unaufgefordert um Stellen zu bemühen habe. Gemäss dem Bundesgericht
können sich Versicherte insbesondere nicht mit der Begründung exkulpieren, nicht
gewusst zu haben, dass sie schon vor der Anmeldung zum Leistungsbezug zur
ernsthaften Arbeitssuche verpflichtet waren und nicht darauf aufmerksam gemacht
worden seien (BGE 139 V 524 E. 2.1.2; vgl. auch Chopard, a.a.O., S. 137). Diese
Eingrenzung der Aufklärungspflicht durch das Bundesgericht scheint nachvollziehbar,
denn gemäss Art. 20a Abs. 3 AVIV haben versicherte Personen, bereits beim
Erstgespräch, den Nachweis der Arbeitsbemühungen zu erbringen, in einem Zeitpunkt
also, in dem die Informations- und Beratungspflicht noch gar nicht zur Anwendung
3.4.
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4.
kommen konnte. Eine weitverstandene Aufklärungspflicht nach Art. 27 ATSG wäre in
diesem Zeitraum gar nicht umsetzbar. Nach Abmeldung beim RAV hätte es somit in
der Verantwortung der Beschwerdeführerin gelegen, sich über allfällige Pflichten bei
einer Wiederanmeldung zu informieren. Nachdem sie aber bereits mittels Merkblatt
"Informationen zur Abmeldung" darauf aufmerksam gemacht wurde, liegt insgesamt
keine Verletzung der Beratungspflicht nach Art. 27 ATSG vor.
Es bleibt zu prüfen, ob die Einstelldauer von 9 Tagen gemäss dem erstellten
Sachverhalt angemessen ist. Die Dauer der Einstellung bemisst sich nach dem Grad
des Verschuldens (Art. 30 Abs. 3 AVIG) und beträgt je nach Einstellungsgrund 1 bis 15
Tage bei leichtem, 16 bis 30 Tage bei mittelschwerem und 31 bis 60 Tage bei
schwerem Verschulden (Art. 45 Abs. 3 AVIV). Das Staatssekretariat für Wirtschaft
(SECO) hat im Kreisschreiben über die Arbeitslosenentschädigung ein Einstellraster
erlassen, in welchem die häufigsten Einstellgründe aufgeführt sind. Der Einstellraster
soll die Gleichbehandlung der versicherten Personen auf nationaler Ebene
gewährleisten und den Vollzugsstellen als Entscheidungshilfe dienen (vgl. AVIG-Praxis
ALE/D72 ff.). Dieser Raster entbindet die verfügende Stelle jedoch nicht von der Pflicht,
das Verhalten der versicherten Person unter Berücksichtigung aller wesentlichen
Umstände des Einzelfalls, d.h. der objektiven (z.B. die Befristung der Stelle) und
subjektiven Gegebenheiten (etwa gesundheitliche Probleme, familiäre Situation,
Religionszugehörigkeit) zu würdigen und eine dem Verschulden angemessene Sanktion
festzusetzen (BGE 130 V 125 E. 3.5; Urteil des Bundesgerichtes vom 10. Juni 2021,
8C_24/2021, E. 3.2.1 mit Hinweisen).
4.1.
Das SECO sieht im Fall von fehlenden oder ungenügenden Arbeitsbemühungen
während der Kündigungsfrist, eine Sanktion abhängig von der Dauer der
Kündigungsfrist vor. Bei einmonatiger Kündigungsfrist liegt der Einstellraster zwischen
3 bis 4 Einstelltagen, bei zweimonatiger Kündigungsfrist bei 6 bis 8 Einstelltagen und
bei 3-monatiger Frist bei 9 bis 12 Einstelltagen (AVIG-Praxis ALE/D79). Die Situation
bei Temporärstellen gestaltet sich jedoch anders. Aufgrund der kurzen Kündigungsfrist
müssen die Arbeitnehmer grundsätzlich jederzeit mit einer Kündigung rechnen. Die
Einstelldauer bemisst sich deshalb bei Temporärstellen gemäss bundesrechtlicher
Rechtsprechung nicht nach der Länge der Kündigungsfrist, sondern wird analog einer
3-monatigen Kündigungsfrist bemessen (vgl. BGE 141 V 365, E. 4.5). Der
Beschwerdegegner stellte die Beschwerdeführerin mit Einspracheentscheid vom
10. Februar 2022 ab dem 23. Dezember 2021 für 9 Tage in ihrer
Anspruchsberechtigung ein. Der Beschwerdegegner orientierte sich dabei am SECO-
4.2.
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5.