Decision ID: a2241552-2f1d-5d55-9a76-22a317e6b6f6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Eritrea eigenen Angaben zufolge Mitte
2008 und gelangte am 15. Juni 2015 zusammen mit seiner Lebenspartne-
rin (Verfahren E-5935/2017, gleiche N-Nummer) in die Schweiz. Hier
suchte er gleichentags – unter der Identität A._, geboren am (...) –
um Asyl nach. Am 19. Juni 2015 wurde er nach der Zuweisung in den Test-
betrieb des Verfahrenszentrums C._ zu seiner Person befragt (BzP;
Protokoll in den SEM-Akten A22/11). Am 30. Juni 2015 teilte das SEM der
damaligen Rechtsvertretung mit, die Asylgesuche des Beschwerdeführers
und seiner Ehefrau würden nicht weiter im Verfahrenszentrum C._
behandelt. Am 4. Oktober 2016 wurde der Beschwerdeführerin zu seinen
Asylgründen angehört (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten A60/19).
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, er sei eritreischer
Staatsangehöriger und in D._ (Eritrea) geboren. Sein eritreischer
Vater sei bei seiner Geburt verstorben. Er habe noch bis zu seinem dritten
oder vierten Lebensjahr dort gewohnt, ohne indessen Erinnerungen an
diese Zeit zu haben. Danach sei er zusammen mit seiner äthiopischen Mut-
ter nach Addis Abeba (Äthiopien) gezogen. In Äthiopien habe er ausser
seiner Mutter keine weiteren Verwandten. Im Alter von sieben Jahren habe
er sich von seiner Mutter getrennt und sich mit Unterstützung der Kirche
durchgeschlagen. Seither habe er keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter
gehabt. Später habe er für ungefähr fünfundzwanzig Jahre respektive ab
seinem (...) Lebensjahr in E._ (Äthiopien) gelebt und zeitweise auf
einer Kaffeeplantage gearbeitet. 1999 habe man ihn wegen des Vorwurfs,
ein eritreischer Spion zu sein, verhaftet und während ungefähr zwei Jahren
in F._ (Äthiopien) inhaftiert. Danach hätten ihn die äthiopischen Be-
hörden wegen Mangels an Beweisen freigelassen. Wegen der während der
Haft erlittenen Folterung habe er eine Zeit lang seinen Urin nicht kontrollie-
ren können. Aufgrund seiner Schwierigkeiten in Äthiopien sei er mit der
Hoffnung, woanders ein besseres Leben führen zu können, in den Sudan
gereist. Dort habe er von 2008 bis März 2015 ohne Dokumente und Auf-
enthaltsbewilligung gelegt und gearbeitet. 2012 und 2014 habe ihm seine
Tante väterlicherseits bei der Beschaffung eritreischer Dokumente gehol-
fen. Später habe er seine Lebenspartnerin kennengelernt und geheiratet.
Als seine Frau schwanger geworden sei, hätten sie den Sudan verlassen
und seien in die Schweiz gereist, um ihrem Kind eine bessere Zukunft zu
ermöglichen.
E-5994/2017
Seite 3
Der Beschwerdeführer reichte seine eritreische Identitätskarte, eine
Heiratsurkunde aus dem Sudan und die Kopie eines eritreischen Geburts-
registerauszugs ein.
B.
Am (...) wurde G._ in der Schweiz geboren.
C.
C.a Am 3. April 2017 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das recht-
liche Gehör zur Änderung seiner eritreischen Staatsangehörigkeit im Zent-
ralen Migrationsinformationssystem ZEMIS auf die äthiopische Staatsan-
gehörigkeit. Die Vorinstanz hielt fest, sie gehe aufgrund der gefälschten
eritreischen Identitätskarte und Heiratsurkunde, seinem bei der Anhörung
offenbarten Mangel an Hintergrundwissen zu Eritrea, seinen unsubstanzi-
ierten Angaben zur Dokumentenbeschaffung und seinem fehlenden Bezie-
hungsnetz in Eritrea davon aus, dass er äthiopischer Staatsangehöriger
sei.
C.b
In seiner gemeinsam mit der Beschwerdeführerin verfassten Stellung-
nahme vom 12. April 2017 führte der Beschwerdeführer aus, er sei mit der
Änderung seiner Nationalität nicht einverstanden und verweise betreffend
die gefälschten Dokumente auf das Anhörungsprotokoll.
D.
Am 22. August 2017 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das recht-
liche Gehör zur Dokumentenanalyse und zum Ergebnis einer vom Zivil-
standsamt H._ veranlassten Botschaftsabklärung. Die amtsinterne
Analyse der eritreischen Identitätskarte habe ergeben, dass es sich um
eine Totalfälschung handle. Gemäss Bericht der Schweizer Vertretung in
Khartum vom 19. Dezember 2016 handle es sich bei der sudanesischen
Heiratsurkunde um eine Fälschung, weil deren Rechtmässigkeit weder
vom "Khartoum Non-Muslims Family Affairs Court" noch von der "Ethiopian
Orthodox Church in Khartoum-Sudan" bestätigt worden sei.
Der Beschwerdeführer reichte keine Stellungnahme ein.
E.
Mit am 21. September 2017 eröffneter Verfügung vom 20. September 2017
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
E-5994/2017
Seite 4
der Schweiz sowie den Vollzug an. Die als gefälscht qualifizierten Doku-
mente (eritreische Identitätskarte und Heiratsurkunde) zog es ein.
F.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 23. Oktober 2017 erhob der Beschwerdefüh-
rer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung.
Er beantragte, die Dispositiv-Ziffern 1 bis 5 seien aufzuheben und die An-
gelegenheit sei zwecks vollständiger Erhebung des Sachverhaltes in Be-
zug auf die Flüchtlingseigenschaft sowie zur Asylgewährung und Neubeur-
teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen; eventualiter sei ihm unter Fest-
stellung seiner Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren, subeventualiter
sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht beantragte er unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Als Beilagen
reichte er eine Kopie der angefochtenen Verfügung und verschiedene Do-
kumente (Schulzeugnis, Abschlussdiplom, Kopie Identitätskarte seiner
Mutter, zwei Fotos von ihm zusammen mit (...) von Ginbot 7) ein.
G.
Mit Zwischenverfügung der vormals zuständigen Instruktionsrichterin vom
6. November 2017 wurde der Entscheid über die Verfahrensanträge auf
einen späteren Zeitpunkt verlegt und das Verfahren mit demjenigen der
Ehefrau des Beschwerdeführers (E-5935/2017) koordiniert. Die Vorinstanz
wurde unter Hinweis auf Art. 58 Abs. 1 VwVG und darauf, dass der Be-
schwerdeführer mit seinem Vorgehen sämtliche Tatbestände von Art. 36
Abs. 1 Bstn. a bis c AsylG erfüllt haben dürfte, eingeladen, sich zur Be-
schwerde vernehmen zu lassen.
H.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 14. November
2017 die Abweisung der Beschwerde. Die anderslautenden Angaben des
Beschwerdeführers in der Beschwerde zu seiner Identität und seinen Asyl-
gründen würden die Korrektheit des Asylentscheides vollumfänglich bestä-
tigen. Der Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers werde mit der Nennung
völlig unterschiedlicher Fluchtgründe auf Beschwerdeebene weiter die
Grundlage entzogen.
E-5994/2017
Seite 5
I.
Mit Eingabe vom 15. November 2017 ersuchte der Beschwerdeführer da-
rum, die beiden Beschwerdeverfahren nicht zusammenzulegen, weil er
von seiner Ehefrau getrennt sei. Er und seine Ehefrau wollten sich schei-
den lassen.
J.
Der Beschwerdeführer beantragte in seiner Replik vom 29. Novem-
ber 2017 die Gutheissung der Beschwerde. Es sei ihm bewusst, dass seine
persönliche Glaubwürdigkeit erschüttert sei. Die Glaubhaftigkeit seiner
Aussagen sei indessen im Zusammenhang mit seinen neuen Asylvorbrin-
gen erneut zu prüfen. Es sei stossend, die Angaben bei der Anhörung als
abschliessende Begründung für die Unglaubhaftigkeit seiner tatsächlichen
Asylgründe ohne inhaltliche Prüfung geltend zu machen. Dies verletze sei-
nen Anspruch auf rechtliches Gehör. Eine Rückweisung an die Vorinstanz
käme einem Mehrfachgesuch gleich. Deshalb seien die Voraussetzungen
für eine Abweisung der Beschwerde mindestens gleich wie bei einem
Nichteintreten auf ein Mehrfachgesuch.
K.
Am (...) wurde I._ in der Schweiz geboren.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
E-5994/2017
Seite 6
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid im Wesentli-
chen damit, die Asylgründe des Beschwerdeführers seien unglaubhaft, weil
er seine angebliche eritreische Staatsangehörigkeit (eritreischer Vater,
E-5994/2017
Seite 7
äthiopische Mutter) auf gefälschte Beweismittel abgestützt habe. Zudem
sei die geltend gemachte eritreische Staatsangehörigkeit tatsachenwidrig,
zumal er seine Schilderungen zum Asylgrund (Inhaftierung aufgrund des
Verdachtes, ein eritreischer Spion zu sein) und zu seiner familiären Situa-
tion (kein Kontakt mit der Mutter seit seinem 7. Lebensjahr) unlogisch so-
wie unsubstanziiert vorgetragen habe. Überdies wirke seine geltend ge-
machte Biografie insgesamt konstruiert.
4.2 Der Beschwerdeführer räumte ein, dass er bis zur Beschwerde-
erhebung durchwegs Falschangaben zu seiner Identität, Staatsangehörig-
keit und Familiensituation sowie zu seinen Asylgründen gemacht habe, die
er zudem mit gefälschten Dokumenten belegt habe. Er sei in Wirklichkeit
äthiopischer Staatsangehöriger und heisse B._. Er sei am (...) in
J._ geboren, wo er bis Anfang 2006 mit seinen Eltern, seinen (...)
Brüdern und seiner Schwester gelebt habe. Dort habe er auch die Schule
absolviert und danach am (...) ein (...)-Studium absolviert. Sein Vater sei
Mitarbeiter am Hauptsitz der (...) in Addis Abeba gewesen. (...) sei er auf
dem Weg ins Spital nach Brustschmerzen verstorben. Seine Familie lebe
seither von der Rente seines Vaters. Er habe sich in Äthiopien, im Sudan
und in der Schweiz politisch für die Kinijiit, einem Bündnis von Oppositions-
parteien, engagiert. Deshalb sei er in Äthiopien inhaftiert worden. Er fürchte
sich auch vor zukünftiger asylrelevante Verfolgung.
5.
5.1 Das Hauptbegehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und
die Sache zwecks vollständiger Erhebung des Sachverhalts in Bezug auf
die Flüchtlingseigenschaft und Asylgewährung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen, wird vom Beschwerdeführer in der Beschwerde einzig damit be-
gründet, dass er durch das SEM zu seinen neuen Vorbringen anzuhören
sei. In der Replik führt er aus, es wäre stossend und würde sein rechtliches
Gehör verletzen, wenn sein Asylentscheid nicht kassiert würde.
5.2 Nach Durchsicht der Akten ist festzustellen, dass das SEM in der an-
gefochtenen Verfügung mit Bezug auf die damals bekannten Vorbringen
des Beschwerdeführers den Sachverhalt richtig sowie vollständig festge-
stellt hat. Allein aufgrund der Tatsache, dass auf Beschwerdeebene ein
komplett neuer Sachverhalt vorgetragen wird, der – wie nachfolgend ge-
zeugt wird – ebenfalls als unglaubhaft zu qualifizieren ist, muss das Ver-
fahren nicht an die Vorinstanz zurückgewiesen werden. Das SEM hat sich
im Rahmen des Schriftenwechsels auch (respektive insbesondere) zur
E-5994/2017
Seite 8
Glaubhaftigkeit der neuen Vorbringen vernehmen lassen, und der Be-
schwerdeführer konnte sich im Rahmen der Replik dazu äussern. Es ist
keine Verletzung des rechtlichen Gehörs ersichtlich.
5.3 Das Hauptbegehren der Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
6.
6.1 In materieller Hinsicht gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers mit
zutreffender Begründung abgelehnt hat. Zur Vermeidung von Wiederho-
lungen kann vollumfänglich auf die Ausführungen in der angefochtenen
Verfügung verwiesen werden. Der Beschwerdeführer gibt in seiner Be-
schwerde zu, im erstinstanzlichen Asylverfahren durchwegs Falschanga-
ben zu seiner Identität, Staatsangehörigkeit, Familiensituation sowie sei-
nen Asylgründen gemacht und gefälschte Dokumente eingereicht zu ha-
ben. Damit steht fest, dass er die Behörden über seine Identität getäuscht,
sein Asylgesuch massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel
abgestützt und seine Mitwirkungspflicht grob verletzt hat. Das Vorbringen
in der Beschwerde, er habe aus Angst vor einem negativen Entscheid und
den damit verbundenen Konsequenzen gelogen, erweist sich als haltlos,
zumal er ausdrücklich auf seine Mitwirkungspflicht und die Verschwiegen-
heitspflicht der am Verfahren beteiligten Personen aufmerksam gemacht
worden ist. Im Übrigen erscheint die Vorstellung, dass es eine tatsächlich
verfolgte Person durch Vortragen eines erfundenen Sachvortrags unter ei-
ner falschen Identität und der Einreichung gefälschter Beweismittel riskie-
ren würde, den benötigten flüchtlingsrechtlichen Schutz aufs Spiel zu set-
zen, schon aus Gründen der Logik als geradezu abwegig.
6.2 Das eingereichte Schulzeugnis, das Abschlussdiplom und die angebli-
che Kopie der Identitätskarte der Mutter sind offensichtlich nicht geeignet,
seine wirkliche Identität und Biografie nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Identität des Beschwerdeführers wird durch kein
hinreichend qualifiziertes Ausweispapier belegt, weshalb unabhängig von
der Frage der Echtheit der eingereichten Dokumente nicht überprüfbar ist,
ob sie sich, wie behauptet, überhaupt dem Beschwerdeführer zuordnen
lassen. Zudem handelt es sich bei den eingereichten Schriftstücken um
käuflich leicht erhältliche Dokumente. Die Identität des Beschwerdeführers
steht somit nach wie vor nicht fest.
6.3 Die neuen Asylgründe weichen diametral von denjenigen im erstin-
stanzlichen Asylverfahren ab. Die beiden Fotografien sind offensichtlich
E-5994/2017
Seite 9
nicht geeignet, subjektive Nachfluchtgründe darzutun. Abgesehen von der
Frage der Glaubhaftigkeit ist festzuhalten, dass die äthiopische Regierung
im Juli 2018 unter anderen die oppositionelle Bewegung Ginbot 7, die sich
für die Oromo einsetzt, von der staatlichen Liste der bislang als terroristisch
eingestuften Gruppierungen gestrichen hat. Die Regierung rief die Oppo-
sitionellen im Exil zur Rückkehr und zur Teilnahme am politischen Prozess
auf. Verschiedene Anführer oppositioneller Gruppierungen, politische Dis-
sidenten, ehemalige Rebellen sowie regimekritische Medienschaffende
sind seither nach Äthiopien zurückgekehrt. Tausende politische Gefangene
wurden seit April 2018 begnadigt und freigelassen (vgl. unter anderen das
Urteil des BVGer D-1489/2020 vom 7. Mai 2020 E. 9.2). Eine flüchtlingsre-
levante Verfolgung des Beschwerdeführers kann bei dieser Aktenlage aus-
geschlossen werden.
6.4 Zusammenfassend gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, die Flücht-
lingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die
Vorinstanz hat sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
E-5994/2017
Seite 10
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach
Äthiopien ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.4 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Ak-
ten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaf-
fung nach Äthiopien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
E-5994/2017
Seite 11
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Dies gelingt ihm nicht. Auch die allgemeine Menschenrechtssitu-
ation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen.
8.2.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus (vgl. Referenzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2.,
in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.3).
8.3.3 In individueller Hinsicht ist zunächst festzuhalten, dass die Unter-
suchungspflicht ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden
Person (Art. 8 AsylG) findet, die auch die Substanziierungslast trägt (Art. 7
AsylG). Das SEM hat in seiner Verfügung zu Recht ausgeführt, es sei nicht
Sache der Behörden, bei fehlenden Hinweisen nach allfälligen Wegwei-
sungsvollzugshindernissen zu forschen, wenn die asylsuchende Person
– wie vorliegend – ihrer Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht nicht nach-
komme und die Behörden zu täuschen versuche. Es ist deshalb ver-
mutungsweise davon auszugehen, dass einer Wegweisung keine Voll-
zugshindernisse im gesetzlichen Sinne in Bezug auf die Person des Be-
schwerdeführers entgegenstehen (vgl. BVGE 2015/10 E. 8.2). Dieser wird
zusammen mit seiner Ehefrau und seinen Kindern nach Äthiopien zurück-
kehren können. Ihre Beschwerde (E-5994/2017) wird mit Urteil heutigen
Datums abgewiesen.
8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
E-5994/2017
Seite 12
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Mit vorliegendem Urteil wird das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses gegenstandslos.
11.
11.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, weil die Beschwerde – wie sich aus den vorstehenden Erwä-
gungen ergibt – bei einer objektiven Betrachtungsweise bereits im Zeit-
punkt der Einreichung als aussichtslos zu bezeichnen war, weshalb die
Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt waren und sind.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-5994/2017
Seite 13