Decision ID: 6b45ab0e-7520-5527-9427-210fb901f2fb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reiste am 25. Dezember 2015 in die Schweiz
ein, wo er gleichentags beim Empfangs- und Verfahrenszentrum
B._ um Asyl nachsuchte.
A.b Am 18. Januar 2016 wurde er summarisch zu seiner Person befragt
(Befragung zur Person [BzP]). Am 14. September 2017 und 20. Okto-
ber 2017 hörte ihn das SEM eingehend zu seinen Asylgründen an.
A.c In Bezug auf seinen persönlichen Hintergrund machte der Beschwer-
deführer geltend, er sei sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Ethnie
und stamme aus C._ (Distrikt D._, Nordprovinz), wo er von
seiner Geburt bis zu seiner Ausreise gelebt habe. Die Schule habe er bis
zum (...) besucht, wobei er sie nicht abgeschlossen habe. Sein Vater sei
im (...) 2019 verstorben. In Sri Lanka würden lediglich noch seine Mutter
sowie deren Verwandten leben, sein Bruder halte sich in E._ und
seine Schwester in der Schweiz auf.
Zu seinen Asylgründen brachte er im Wesentlichen vor, seine Mutter habe
(...) begonnen, Zimmer an Studenten zu vermieten. Darunter seien auch
Mitglieder der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gewesen, mit wel-
chen sich sein älterer Bruder angefreundet habe. Dieser habe in der Folge
die LTTE mit diversen Hilfstätigkeiten unterstützt, wobei er ins Visier der
sri-lankischen Behörden geraten sei. Nachdem sein Bruder am (...) 2010
schliesslich aus Sri Lanka nach E._ geflüchtet sei, sei er selber Op-
fer von Reflexverfolgung geworden. So sei er erstmals am (...) 2010 von
der Armee verhaftet und sieben Tage lang festgehalten worden. Er sei da-
bei zu seinem Bruder befragt und massiv körperlich sowie sexuell gefoltert
worden. Seine Mutter habe ihn schliesslich freikaufen können. Bis zu sei-
ner Flucht (...) 2015 sei er weitere sechs bis sieben Mal verhaftet, befragt
und gefoltert worden. 2013 und 2014 sei er deshalb für kurze Zeit nach
G._, H._ und I._ geflohen, sei aber jeweils wieder
zurückgekehrt, da seine Visa abgelaufen seien. Am (...) 2015 sei er letzt-
mals verhaftet worden, wobei ihn seine Mutter mit Hilfe eines muslimischen
Mannes wiederum habe freikaufen können. Am (...) 2015 sei er schliess-
lich mit Unterstützung eines Schleppers legal per Flugzeug ausgereist.
Nach dem er Sri Lanka verlassen habe, seien seine Verwandten wiederholt
von den Sicherheitskräften belästigt worden, da diese weiterhin nach ihm
gesucht hätten. Ferner machte er exilpolitische Tätigkeiten geltend und er-
klärte, er habe an Demonstrationen in J._ teilgenommen.
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A.d Der Beschwerdeführer reichte im Verlaufe des vorinstanzlichen Ver-
fahrens zur Stützung seiner Vorbringen folgende Beweismittel ein
(vgl. SEM-Akte A/4 [Beweismittelcouvert]):
- Geburtsurkunde (mit englischer Übersetzung),
- Bestätigungsschreiben vom Parlamentsabgeordneten K._ vom
(...) 2016,
- Vorladung vom (...) 2010 der Polizeiverwaltung D._ (mit engli-
scher Übersetzung),
- zwei Fotokopien vom Beschwerdeführer mit L._,
- Studienbestätigung von L._,
- Zeitungsnachrichten vom (...) 2007 betreffend den Tod von L._,
- Studienbestätigung von M._,
- Schreiben der Schweizer Botschaft an N._ vom (...) 2015 und
(...) 2015,
- Fotokopie vom Beschwerdeführer mit M._ und weiteren jungen
Männern,
- Kopie des Passes von O._,
- Auszug aus dem Todesregister von P._,
- zwei CDs.
B.
Mit Verfügung vom 31. Dezember 2018 – eröffnet am 4. Januar 2019 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
C.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch die rubrizierte
Rechtsvertreterin – mit Eingabe vom 4. Februar 2019 beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde. Er ersuchte um Aufhebung der vorinstanzlichen
Verfügung und Gewährung des Asyls, eventualiter um Feststellung der Un-
zulässigkeit, allenfalls Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und Ge-
währung der vorläufigen Aufnahme. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er-
suchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechts-
verbeiständung sowie Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses. Des Weiteren ersuchte er um Feststellung, dass der Beschwerde auf-
schiebende Wirkung zukomme.
D-640/2019
Seite 4
Der Beschwerde lagen – neben einer Kopie der angefochtenen Verfü-
gung – eine Vollmacht vom 7. Januar 2019, eine Unterstützungsbestäti-
gung der (...) vom 14. Januar 2019 sowie eine Kostennote bei.
D.
Am 6. Februar 2019 wurde dem Beschwerdeführer der Eingang seiner Be-
schwerde bestätigt.
E.
E.a Mit Zwischenverfügung vom 19. Februar 2019 stellte die Instruktions-
richterin fest, dass der Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende
Wirkung zukomme und der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfah-
rens in der Schweiz abwarten dürfe. Sie hiess die Gesuche um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut und
ordnete die rubrizierte Rechtsvertreterin dem Beschwerdeführer als amtli-
che Rechtsbeiständin bei. Zudem wurde ihm Gelegenheit eingeräumt, den
in Aussicht gestellten medizinischen Bericht, eine Erklärung über die Ent-
bindung von der ärztlichen Schweigepflicht sowie eine Stellungnahme zu
einem anonymen Schreiben (vgl. SEM-Akte A/13) einzureichen.
E.b Mit Eingabe vom 15. März 2019 führte der Beschwerdeführer aus, sein
Hausarzt habe eine Überweisung an eine geeignete Institution in die Wege
geleitet, indessen liege noch kein medizinischer Bericht vor, wobei ein sol-
cher sowie die Entbindungserklärung nachgereicht werden würden. Ferner
machte er geltend, dass weder ein öffentliches noch ein privates Interesse
an der Geheimhaltung des anonymen Schreibens bestehe, weshalb Ein-
sicht in das Aktenstück A/13 und eine erneute Fristansetzung zur Stellung-
nahme beantragt würden.
Als Beilagen wurden ein Überstellungsschreiben des Hausarztes vom
14. März 2019 sowie ein Antrag um Kostensprache an die Krankenversi-
cherung vom 13. März 2019 eingereicht.
E.c Mit Zwischenverfügung vom 19. März 2019 wies die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um Ansetzung einer Nachfrist zur Einreichung einer Stel-
lungnahme unter Hinweis auf Art. 32 Abs. 2 VwVG ab und hielt fest, dass
über die weiteren Anträge zu gegebener Zeit befunden werde.
E.d Mit Eingaben vom 19. März 2019 und 9. Juli 2019 liess der Beschwer-
deführer die Entbindungserklärung von der ärztlichen Schweigepflicht vom
14. März 2019 sowie einen Gesundheitsbericht (...) vom 20. Juni 2019 zu
den Akten reichen.
D-640/2019
Seite 5
F.
F.a Mit Zwischenverfügung vom 11. Juli 2019 lud die Instruktionsrichterin
die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
F.b In ihrer Vernehmlassung vom 26. Juli 2019 hielt das SEM nach einigen
ergänzenden Bemerkungen an seinen Erwägungen fest.
G.
G.a Die Instruktionsrichterin stellte dem Beschwerdeführer die Vernehm-
lassung am 30. Juli 2019 zu und räumte ihm die Gelegenheit zur Replik
ein.
G.b Mit Replik vom 13. August 2019 nahm der Beschwerdeführer zur Ver-
nehmlassung des SEM Stellung und reichte eine Kostennote vom 13. Au-
gust 2019 ein.
H.
Mit Eingaben seiner Rechtsbeiständin vom 29. November 2019,
17. Juli 2020 und 12. Oktober 2020 reichte er eine Kopie eines Fotos sei-
nes LTTE-Tattoos, ärztliche Verlaufsberichte des (...) vom 8. Juli 2020 und
16. September 2020 sowie weitere Kostennoten zu den Akten.
I.
I.a Mit Zwischenverfügung vom 23. November 2020 wurde dem Beschwer-
deführer die Möglichkeit gegeben, sein exilpolitisches Engagement sub-
stantiiert darzulegen und hierzu allfällige Beweismittel einzureichen, den in
Aussicht gestellten positiven Asylentscheid seines Bruders nachzureichen,
sich zu den genauen Umständen des Todes seines Vaters zu äussern und
hierfür Belege vorzulegen sowie schliesslich zum Zeitpunkt des Stechens
seines Tattoos Stellung zu nehmen.
I.b Im Schreiben vom 22. Dezember 2020 machte der Beschwerdeführer
Ausführungen zu seinen exilpolitischen Tätigkeiten, seinem Tattoo sowie
zum Tod seines Vaters. Weiter gab er die Verfahrensnummer des britischen
Asyldossiers seines Bruders an und teilte mit, er sei bemüht ein Gesuch
um Akteneinsicht zu stellen. Mit der Eingabe wurden das Themenpapier
"Sri Lanka: psychiatrische Behandlung und Psychotherapie im Norden" der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 3. September 2020 sowie
eine aktualisierte Honorarnote eingereicht.
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Seite 6
J.
J.a Mit Verfügung vom 26. Januar 2021 wurde der Beschwerdeführer er-
neut aufgefordert, die in Aussicht gestellten Asylakten seines Bruders in-
nert Frist nachzureichen.
J.b Mit Eingabe vom 1. März 2021 bat der Beschwerdeführer um mehr Zeit
zur Beschaffung der Unterlagen seines Bruders aus E._.
J.c Mit Verfügung vom 8. März 2021 wies die Instruktionsrichterin das Fris-
terstreckungsgesuch unter Hinweis auf Art. 32 Abs. 2 VwVG ab.
J.d Mit Schreiben vom 9. März 2021 ersuchte der Beschwerdeführer er-
neut um Stattgabe der Fristerstreckung zur Einreichung der Akten seines
Bruders.
Der Eingabe lag ein Scheiben von Q._, (...) und Rechtsvertreter
des Bruders des Beschwerdeführers, vom 24. Februar 2021 mitsamt Voll-
macht vom 3. Februar 2021 (beide in englischer Sprache verfasst) bei.
J.e Mit Zwischenverfügung vom 12. März 2021 wurde das Fristerstre-
ckungsgesuch abermals unter Hinweis auf Art. 32 Abs. 2 VwVG abgewie-
sen.
J.f Mit Schreiben vom 19. März 2021 reichte der Beschwerdeführer eine
Kopie der Aufenthaltsbewilligung seines Bruders zu den Akten und machte
darauf aufmerksam, dass bezüglich der Asylakten seines Bruders ein Ak-
teneinsichtsgesuch gestellt worden sei, wobei die Beschaffung der Akten
im Gange sei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG; SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül-
tig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
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Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3
m.w.H.).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungs-
gericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in
verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Da-
rauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verwei-
sen).
4.
4.1 Das SEM stellte in seiner abweisenden Verfügung fest, dass die vom
Beschwerdeführer vorgebrachten Asylgründe weder asylrechtlich relevant
noch glaubhaft seien, weshalb es seine Flüchtlingseigenschaft nicht aner-
kannte und sein Asylgesuch ablehnte.
Zur Begründung hielt die Vorinstanz im Wesentlichen fest, die Angaben des
Beschwerdeführers seien insgesamt wenig substantiiert ausgefallen und
er sei nicht in der Lage gewesen, wesentliche Elemente konkret und über-
zeugend darzulegen. Obwohl er behauptet habe, während einer Zeit-
spanne von vier Jahren sechs bis sieben Mal verhaftet, befragt und gefol-
tert worden zu sein, würden seinen Schilderungen ein persönlicher Bezug,
Realkennzeichen sowie Details fehlen. Weiter mute es verwunderlich an,
dass sein Bruder an streng geheimen Diskussionen mit Mitgliedern der
LTTE teilgenommen haben soll, obwohl dieser kein aktiver LTTE-Kämpfer
gewesen sei. Zweifel kämen auch auf, weil die Probleme seiner Familie
nach dem Tod eines Untermieters und LTTE-Kämpfers 2008 angefangen
hätten, wobei sein Bruder, welcher über kein politisches Profil verfügt habe,
daraufhin bis zu dessen Ausreise zwei Jahre lang staatlich gesucht und
infolgedessen auch der Beschwerdeführer ab (...) 2010 ins Visier der Be-
hörden geraten sein soll, seine Eltern jedoch nie befragt worden seien.
Hierbei erstaune überdies, dass die Flucht seines Bruders direkt nach des-
sen ersten Verhaftung organisiert worden sei, wohingegen der Beschwer-
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19
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deführer erst nach sechs oder sieben Festnahmen aus Sri Lanka ausge-
reist sei. Darüber hinaus habe er im erstinstanzlichen Verfahren wider-
sprüchliche Angaben zu seinem muslimischen Bekannten sowie zu den
Umständen seiner Inhaftierungen am (...) 2010 und (...) 2015 gemacht,
welche er in der Folge nicht plausibel aufzuklären vermochte. Dementspre-
chend würden die Ausführungen des Beschwerdeführers zur Verfolgung
vonseiten der sri-lankischen Behörden aufgrund der Vermietung der Stu-
dentenzimmer an LTTE-Kämpfer, der Hilfstätigkeiten seines Bruders bei
der LTTE und sämtliche daraus resultierenden Verfolgungen und Behelli-
gungen die Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht erfüllen und es sei
nicht der Eindruck entstanden, dass er das Geschehene tatsächlich per-
sönlich erlebt habe. Somit bleibe im Dunkeln, was sich in den Jahren 2008
respektive 2010 bis 2015 zugetragen habe.
In Bezug auf die begründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen
im Sinne von Art. 3 AsylG hielt das SEM fest, der Beschwerdeführer habe
nicht glaubhaft machen können, vor seiner Ausreise asylrelevanten Verfol-
gungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Vielmehr sei er bis 2015
in Sri Lanka wohnhaft gewesen, mithin habe er nach Kriegsende noch
sechs Jahre dort gelebt. Aufgrund der Aktenlage sei nicht ersichtlich, wes-
halb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in den Fokus der Behörden ge-
raten und in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte. Insbesondere sei
er nie Mitglied bei den LTTE gewesen und habe maximal Hilfsleistungen
für diese getätigt. Insgesamt bestehe kein begründeter Anlass zur An-
nahme, der Beschwerdeführer sei bei einer Rückkehr mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt, wobei die eingereichten Beweismittel an dieser
Einschätzung nichts zu ändern vermögen würden.
Den Vollzug der Wegweisung nach Sri Lanka erachtete das SEM schliess-
lich als zulässig, zumutbar und technisch möglich sowie praktisch durch-
führbar.
4.2 Der Beschwerdeführer wiederholte in seiner Rechtsmitteleingabe zu-
nächst die im vorinstanzlichen Verfahren geltend gemachten Sachverhalts-
vorbringen und ergänzte zudem, dass sein Bruder für die LTTE Waffen
durch eine Strassensperre geschmuggelt haben soll.
Bezüglich der Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 AsylG bemerkte er, dass
die erste Anhörung aufgrund eines Migräneanfalls abgebrochen werden
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Seite 10
musste, weshalb die von der Vorinstanz vorgebrachten Widersprüche un-
ter dessen Berücksichtigung bewertet werden müssten. Zudem seien wi-
dersprüchliche Aussagen, welche sich gegenüber den Angaben in der BzP
ergeben würden, gemäss Rechtsprechung nur dann relevant, wenn klare
Aussagen diametral voneinander abweichen oder zentrale Asylgründe bei
der BzP nicht einmal ansatzweise erwähnt würden. Unter dieser Prämisse
sei es ihm denn auch sehr wohl gelungen, seine Asylgründe plausibel, sub-
stantiiert und nachvollziehbar geltend zu machen. Weiter brachte der Be-
schwerdeführer erstmals vor, sein Bruder habe als Schüler getarnt Waffen
für die LTTE über die Checkpoints geschmuggelt, womit er eine wichtige
und einschneidende Unterstützung der Widerstandsbewegung geleistet
habe. Aus Angst seinem Bruder zu schaden, habe er dies bisher weder in
der BzP noch in den Anhörungen erwähnt. Infolgedessen sei nunmehr
auch nachvollziehbar, weshalb sie beide einer dermassen langanhalten-
den und einschneidenden staatlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen
seien und ihre Eltern demgegenüber nicht direkt verfolgt worden seien. Ge-
nau wie sein Bruder habe er sich seit 2008 versteckt und sich kaum mehr
zu Hause aufgehalten. Aufgrund seiner Abwesenheiten habe er seinen
Schulabschluss nicht machen können. Des Weiteren lasse das SEM gänz-
lich ausser Acht, dass er bereits nach seiner ersten Inhaftierung im
(...) 2010 versucht habe, aus Sri Lanka zu fliehen, wobei viele Versuche
fehlgeschlagen seien und er wieder zurückkehren musste. Ferner sei die
Ansicht der Vorinstanz, welche in den Ausführungen betreffend seinen
moslemischen Bekannten ein widersprüchliches Aussageverhalten er-
kenne, nicht zu teilen. Vielmehr sei aus den Befragungsprotokollen erkenn-
bar, dass sein Wissensstand zu diesem gleichgeblieben sei. Die Unge-
reimtheiten betreffend die Vorladungen erklärte er schliesslich mit seinem
schlechten gesundheitlichen Zustand anlässlich der ersten Anhörung. Ins-
gesamt müsse festgestellt werden, dass er trotz Migräneanfalls die wichti-
gen Ereignisse seiner Verfolgung detailreich und voller Realkennzeichen
vorgebracht habe. Er habe bei den Folterungen auch emotionale Ausbrü-
che gezeigt, die darauf hinweisen würden, dass er tatsächlich gefoltert und
sexuell missbraucht worden sei. Angesichts seiner psychischen Verfas-
sung, der vielen Beweise und der sichtbaren Narben dränge sich der
Schluss auf, dass er tatsächlich verfolgt worden sei.
Seine Vorbringen hätten sich sodann als asylrechtlich relevant erwiesen.
Er sei ein klassisches Opfer einer Regressverfolgung und sei wegen der
ihm unterstellten politischen Gesinnung sowie seiner ethnischen Zugehö-
rigkeit verfolgt worden. Die Verfolgung erfülle mit den Folterungen und se-
xuellen Missbräuchen auch das gemäss Art. 3 AsylG geforderte Mass an
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Seite 11
Intensität. Zudem sei davon auszugehen, dass ihm weitere Verfolgung dro-
hen würde, würde er nach Sri Lanka zurückkehren, da er immer noch be-
hördlich gesucht werde und überdies über viele Narben verfüge, welche
ihn bei einer allfälligen Rückschaffung als Folteropfer enttarnen und wei-
tere Repressionen nach sich ziehen würden. Die Verfolgung sei kausal für
seine Flucht gewesen. Zudem sei es nicht zumutbar beim sri-lankischen
Staat Schutz zu suchen, zumal die Verfolgung von ihm ausgehe. Es seien
sämtliche Voraussetzungen der Flüchtlingseigenschaft gegeben, weshalb
ihm Asyl zu erteilen sei.
Schliesslich erweise sich der Vollzug seiner Wegweisung als unzulässig,
da ihm in Sri Lanka aller Wahrscheinlichkeit nach eine weitere Inhaftierung
und Folter drohe. Bei einer Rückschaffung würde die Schweiz damit ihre
völkerrechtlichen Verpflichtungen verletzen. Es sei ihm somit zumindest
eine vorläufige Aufnahme zu gewähren.
4.3 In der Vernehmlassung hielt die Vorinstanz fest, es sei nichts Unge-
wöhnliches, wenn Asylsuchende in Anhörungen starke Emotionen zeigen
würden und daraus nicht geschlossen werden könne, dass der Beschwer-
deführer während der Befragung verwirrt, gesundheitlich beeinträchtigt und
nicht in der Lage gewesen sei, klare Antworten zu geben. Der Befrager
habe sodann in ausreichendem Mass Rücksicht auf den Beschwerdeführer
genommen und ihm zu verstehen gegeben, er solle sich melden, wenn er
an Kopfschmerzen oder Ähnlichem leide. So wurde die erste Anhörung
denn auch unmittelbar darauf abgebrochen, als dieser mitteilte, aufgrund
starker Kopfschmerzen die Befragung nicht mehr fortführen zu können.
Schliesslich hielt das SEM fest, dass eine asylsuchende Person alle
Gründe angeben müsse, die sie dazu veranlasst habe, um Asyl nachzusu-
chen. Die Erklärung des Beschwerdeführers, wonach er Angst gehabt
habe, seinem Bruder zu schaden, wenn er von dessen Schmuggeltätigkei-
ten erzählte, sei nicht nachvollziehbar, da dieser Sri Lanka bereits 2010
verlassen habe und sich seither in E._ aufhalte, wo er auch über
einen Aufenthaltstitel verfüge.
4.4 In der Replik entgegnete der Beschwerdeführer, er habe bereits in der
Beschwerde festgehalten, dass er während der ersten Anhörung unter ei-
ner doppelten Belastung gestanden habe. So habe er nicht nur über trau-
matische Erlebnisse berichten müssen, sondern habe auch unter einem
starken Migräneanfall gelitten. Unter Berücksichtigung seines kulturellen
Hintergrundes sei der Abbruch der Anhörung ein Hinweis dafür, dass es
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Seite 12
ihm tatsächlich sehr schlecht gegangen sei und er sich kaum habe kon-
zentrieren können. Deshalb müssten seine Aussagen und allfällige weniger
ausführliche Antworten respektive daraus resultierende vermeintliche Wi-
dersprüche mit Milde und unter Berücksichtigung seiner psychischen und
gesundheitlichen Verfassung bewertet werden. Des Weiteren informierte
der Beschwerdeführer darüber, dass er zu Hause immer noch regelmässig
von Unbekannten gesucht werde.
5.
5.1 Vorab ist festzuhalten, dass in Bezug auf die vom Beschwerdeführer
geschilderten Folterungen und sexuellen Misshandlungen Hinweise beste-
hen, welche für die Glaubhaftigkeit dieser Sachverhaltselemente sprechen.
Die entsprechenden Aussagepassagen sind substantiiert, im Wesentlichen
widerspruchsfrei und weisen Realkennzeichen auf, die ohne weiteres den
Eindruck vermitteln, der Beschwerdeführer habe das Erzählte tatsächlich
erlebt (vgl. SEM-Akten A/16, F 56 f., F 60, F 62 ff. sowie F 102 und A/18,
F 59 ff.). Damit übereinstimmend zeigten sich gemäss den eingereichten
ärztlichen Berichten (...) vom 8. Juli 2020 und 16. September 2020 bei ei-
ner somatischen Untersuchung auch Spuren von Verletzungen der Haut
und des Unterhautgewebes an den Handgelenken, den Füssen, den Un-
terschenkeln und der rechten Schulter, welche deutlich auf Folterspuren
hinweisen würden. Obschon die erlittenen Misshandlungen eher als glaub-
haft zu qualifizieren sind, ist – unter Berücksichtigung der übrigen als un-
glaubhaft zu qualifizierenden Asylvorbringen (vgl. hierzu die nachfolgen-
den Erwägungen) – jedoch davon auszugehen, dass diese sich in einem
anderen zeitlichen und ursächlichen Kontext als von ihm angegeben abge-
spielt haben und deren Gründe nicht bekannt sind. Ergänzend ist hierbei
denn auch festzuhalten, dass das Asylrecht nicht zur Wiedergutmachung
von geschehenem Unrecht dient, weshalb die geltend gemachten Folter-
handlungen als solche nicht als Grund für die Gewährung der Flüchtlings-
eigenschaft ausreichen.
5.2 Im Gegensatz zu den erlittenen Gewalthandlungen vermögen die wei-
teren geltend gemachten Verfolgungsvorbringen des Beschwerdeführers
(im Fokus der sri-lankischen Behörden seit (...) 2010 und die angeblichen
Probleme in diesem Zusammenhang, wie tätliche Angriffe und Befragun-
gen) den Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von
Art. 7 AsylG nicht zu genügen. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann
mit den nachfolgenden Ergänzungen auf die betreffenden Ausführungen in
der angefochtenen Verfügung und in der Vernehmlassung (vgl. auch oben
E. 4.1 und E. 4.3) verwiesen werden; sie sind nicht zu beanstanden. Die
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Seite 13
Ausführungen auf Beschwerdeebene und die eingereichten Beweismittel
führen zu keiner anderen Betrachtungsweise.
5.2.1 Der Beschwerdeführer behauptete, er sei wegen seines Bruders,
welcher Hilfeleistungen für die LTTE erbracht habe, (reflex-) verfolgt wor-
den. Im vorinstanzlichen Verfahren führte er zu dessen Engagement aus,
er sei ein aktiver Hilfsarbeiter gewesen und habe beispielsweise die Mär-
tyrertage mitorganisiert. Trotz wiederholter Nachfragen war der Beschwer-
deführer nicht in der Lage, die Tätigkeiten seines Bruders zu präzisieren
(vgl. SEM-Akten A/16, F 48 ff. und A/18, F 6 ff.). Dass sein Bruder Waffen
für die LTTE geschmuggelt haben soll, wurde erst auf Beschwerdeebene
vorgebracht und wirkt folglich nachgeschoben, zumal die diesbezügliche
Erklärung – wie die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung bereits feststellte –
nicht überzeugend ist. Alsdann blieben auch die Ausführungen zu seinen
eigenen Tätigkeiten für die LTTE äusserst oberflächlich. Hierzu erklärte er,
er habe lediglich kleine Hilfsarbeiten, wie Dekorationsarbeiten oder Büh-
nenvorbereitungen erledigt. Seine Schilderungen blieben dabei äusserst
oberflächlich und lassen nicht den Eindruck entstehen, seine diesbezügli-
chen Angaben würden auf persönlich Erlebtem basieren (vgl. SEM-Ak-
ten A/3, Ziff. 7.02, A/16, F 49 und A/18, F 8).
5.2.2 Nachdem angezweifelt werden muss, dass der Beschwerdeführer
und sein Bruder die vorgebrachten Tätigkeiten für die LTTE ausgeübt ha-
ben, entbehrt auch die geltend gemachte (Reflex-) Verfolgung durch die
sri-lankischen Behörden einer Grundlage. An dieser Einschätzung vermö-
gen auch die wiederholten Hinweise auf seinen in E._ lebenden
Bruder nichts zu ändern, da mangels konkreter Angaben die Gründe für
das diesem dort angeblich gewährte Asyl nicht bekannt sind. Hinsichtlich
den in Aussicht gestellten Asylakten des Bruders, welche trotz mehrmali-
gen Aufforderungen bis dato nicht nachgereicht wurden, braucht indessen
nicht abgewartet werden (vgl. antizipierte Beweiswürdigung:
BVGE 2008/24 E. 7.2). Des Weiteren hat die Vorinstanz in der ablehnen-
den Verfügung zutreffend dargelegt, dass seine Angaben zu seinen Prob-
lemen weitestgehend unsubstantiiert blieben und keine Realkennzeichen
aufweisen. So fielen insbesondere seine Schilderungen betreffend die wie-
derholten Verhaftungen und Befragungen oberflächlich und stereotyp aus.
Dabei wäre zu erwarten gewesen, dass er detailliert über die Umstände
der Inhaftierungen, den (inhaltlichen) Verlauf der Verhöre, die Befrager und
seine jeweiligen Freilassungen hätte berichten können. Auch die weiteren
Schikanen, Festnahmen und Befragungen durch die Polizei, das Militär
und den CID zwischen 2010 und 2014 blieben gänzlich unsubstantiiert. Die
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Vorinstanz hat in der ablehnenden Verfügung sodann zutreffend dargelegt,
inwiefern seine Angaben bezüglich den erhaltenen Vorladungen wider-
sprüchlich seien. Diese Ungereimtheiten vermochte er auch auf Beschwer-
deebene nicht plausibel aufzulösen. Soweit in der Beschwerdeschrift
hierzu vorgebrachte wurde, der Beschwerdeführer habe während der ers-
ten Anhörung an einem Migräneanfall gelitten, was bei der Beurteilung sei-
ner Glaubhaftigkeit berücksichtigt werden müsse, ist festzuhalten, dass die
Befragung unmittelbar nachdem er mitteilte, wahnsinnige Kopfschmerzen
zu haben, abgebrochen wurde (vgl. SEM-Akte A/16, F 148 ff.). Weiter er-
geben sich aus dem Anhörungsprotokoll keine Anzeichen dafür, dass er
aufgrund seiner Kopfschmerzen nicht in der Lage gewesen wäre, seine
Asylgründe glaubhaft darzulegen. Zwar hat die anwesende Hilfswerksver-
tretung (HWV) festgehalten, der Beschwerdeführer habe nach der Mittags-
pause nur noch bruchstückhaft geantwortet, was dessen Bericht und seine
Auffassungsgabe beeinflusst haben könnte (vgl. hierzu Unterschriftenblatt
der HWV gemäss Art. 30 Abs. 4 AsylG). Inwiefern dies aber einen nachtei-
ligen Einfluss auf die Darlegung der Fluchtgründe gehabt haben soll, wird
nicht näher substantiiert und ist auch aus dem Protokoll nicht ersichtlich.
Im Übrigen hat die HWV nicht vermerkt, aufgrund der Verfassung des Be-
schwerdeführers hätten die Asylgründe nicht vollständig erfragt werden
können. Schliesslich hat der Beschwerdeführer am Ende der ersten Anhö-
rung im Rahmen der Rückübersetzung die Vollständigkeit und Richtigkeit
des Protokolls auf jeder Seite unterschriftlich bestätigt. Die Einwände zur
Anhörung erweisen sich folglich als unbegründet.
5.2.3 Weiter erscheint es unglaubhaft, dass der Beschwerdeführer der
erstmals im (...) 2010 selber im Fokus der sri-lankischen Behörden gestan-
den haben will, während einer Zeitdauer von fünf Jahren mit der angege-
benen Intensität gesucht, aber bis auf wenige Tage Inhaftierung im
(...) 2010 und (...) 2015 lediglich kurzzeitig verhaftet und stets durch Be-
stechungszahlungen entkommen sein soll. Falls also die Behörden auf-
grund seiner eigenen Hilfstätigkeit sowie den Verbindungen seines Bruders
zu den LTTE tatsächlich ein Interesse an ihm gehabt hätten, ist davon aus-
zugehen, dass es ihnen ein Leichtes gewesen wäre, den Beschwerdefüh-
rer festzunehmen. Seine Erklärung, dass er sich bereits seit 2008 versteckt
hielt und kaum mehr zu Hause gewesen sei (vgl. SEM-Akte A/16, F 117),
vermag dabei nicht zu überzeugen, insbesondere da es ihm auch nicht ge-
lingt plausibel darzulegen, wann er sich wo aufgehalten haben soll. Auf
entsprechende Nachfrage gab er lediglich zu Protokoll, er habe sich bei
seiner Tante, Bekannten und Freunden aufgehalten und sei in G._,
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H._ und I._ gewesen (vgl. SEM-Akten A/3, Ziff. 1.17.05 und
2.04, A/16, F 10, F 21, F 127, F 134 und F 136 f. sowie A/18, F 39 f.).
5.2.4 Gegen das Vorhandensein eines Verfolgungsinteresses des sri-lan-
kischen Staates an der Person des Beschwerdeführers spricht zudem die
Tatsache, dass er in den Jahren 2013 und 2014 legal – unter eigenem Na-
men beziehungsweise mit seinem eigenen, echten Reisepass, welchen er
sich im Jahr 2012 ausstellen liess, und teilweise sogar mit Visa – per Flug-
zeug nach G._, H._ und I._ ausreisen sowie an-
schliessend auch wieder ohne Probleme einreisen konnte (vgl. SEM-Ak-
ten A/3, Ziff. 2.04 f., A/16, F 12 ff., und A/18, F 40). Hätten die sri-lanki-
schen Behörden ein Verfolgungsinteresse an ihm gehabt, wäre dies wohl
kaum möglich gewesen, zumal eine Ausreise über den Flughafen elektro-
nisch registriert wird (vgl. hierzu beispielsweise Urteil des BVGer D-
5848/2016 vom 4. September 2017 E. 6.4.2). Im Übrigen spricht die Vor-
gehensweise des Beschwerdeführers auch klar und deutlich gegen eine
subjektive Verfolgungsfurcht, zumal sich eine tatsächlich verfolgte Person
sicherlich nicht bedenkenlos und willentlich mehrmals wieder in den Macht-
bereich des verfolgenden Staates begeben würde. Dass es sich bei diesen
drei Ausreisen um fehlgeschlagene Fluchtversuche gehandelt haben soll,
ist als Schutzbehauptung einzustufen.
5.2.5 Schliesslich vermögen auch die aktenkundigen ärztlichen Verlaufs-
berichte die Fluchtvorbringen des Beschwerdeführers nicht zu belegen.
Laut dem aktuellen Bericht des (...) vom 16. September 2020 leidet der
Beschwerdeführer an einer (...) und einer (...). Hierzu ist festzustellen,
dass die fachärztliche Diagnose nicht in Frage gestellt wird, indes ist die
Beurteilung der Fragen des Bestehens der Flüchtlingseigenschaft und der
Gewährung des Asyls eine Rechtsfrage, deren Beantwortung Aufgabe der
entscheidenden Behörde ist. Ein schlüssiger Nachweis über die spezifi-
sche Ursache der Traumatisierung, die der (...) zugrunde liegt, vermag die
Diagnose nicht zu liefern. Es ist zwar durchaus denkbar, dass die festge-
stellten psychischen Leiden des Beschwerdeführers auf in Sri Lanka er-
lebte Ereignisse, wie Folter und sexuelle Misshandlungen während einer
Haftsituation, zurückzuführen ist, jedoch können diese und insbesondere
deren Hintergrund allein durch die Diagnose nicht als erstellt erachtet wer-
den.
5.2.6 An der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers ver-
mag sodann auch der auf Beschwerdeebene geltend gemachte Tod seines
Vaters am (...) 2019 nach einer Mitnahme durch Angehörige des Militärs
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nichts zu ändern, zumal kein Zusammenhang zur behördlichen Suche
nach dem Beschwerdeführer geltend gemacht wurde, die genauen Todes-
umstände unklar blieben und bis dato hierfür auch keine Beweismittel zu
den Akten gereicht wurden. Soweit des Weiteren vorgebracht wurde, dass
die Mutter des Beschwerdeführers, welche sich seither alleine bei Ver-
wandten und Bekannten aufhalte, erfahren habe, dass er und sein Bruder
nach wie vor sowohl zu Hause als auch bei Verwandten von Unbekannten
in ziviler Kleidung gesucht werden würden, handelt es sich um nicht be-
legte Parteibehauptungen.
5.2.7 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
eine bis heute andauernde Suche durch sri-lankische Behörden nachzu-
weisen oder glaubhaft zu machen.
5.2.8 Der Vollständigkeit halber gilt es festzuhalten, dass das beim SEM
eingereichte Denunziationsschreiben betreffend den Beschwerdeführer
(vgl. SEM-Akte A/13) nicht als für den Entscheid wesentlich zu erachten
ist, zumal dieses von unbekannten Dritten erstellt wurde und die Informati-
onen somit in keiner Weise gesichert sind. Folglich kann verzichtet werden,
näher auf dessen Einzelheiten einzugehen.
5.3 Nachdem nicht von einer aktuellen Vorverfolgung des Beschwerdefüh-
rers auszugehen ist, bleibt zu prüfen, ob ihm bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka dennoch – aufgrund von Nachfluchtgründen – ernsthafte Nachteile
im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
5.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Ri-
sikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaf-
tung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei han-
delt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintli-
chen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um die Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen und um das Vorlie-
gen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicher-
weise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE (sogenannte stark risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.1–8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und
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überprüft zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erfor-
derlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangs-
weise zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation
für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut
sichtbaren Narben (sogenannte schwach risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die
konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante
Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht,
dass insbesondere jene Rückkehrenden eine begründete Furcht vor ernst-
haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-
lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den ta-
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
Diese Rechtsprechung ist auch in Anbetracht der aktuellen Ereignisse in
Sri Lanka weiterhin ausschlaggebend.
5.3.2 Nach Auffassung des Gerichts bestehen keine stichhaltigen Gründe
zur Annahme, dass der Beschwerdeführer einer der im zitierten Referenz-
urteil genannten Risikogruppen zuzurechnen ist. Wie den vorstehenden
Erwägungen zu entnehmen ist, hat sich die Vorverfolgung des Beschwer-
deführers als unglaubhaft erwiesen. Es kann folglich davon ausgegangen
werden, dass keine Reflexverfolgung wegen seines Bruders vorliegt und
er selber keine relevante Verbindung zu den LTTE aufweist. Dies sowie die
legale Ausreise mit dem eigenen Reisepass lassen denn auch nicht den
Schluss zu, dass die sri-lankischen Behörden dem Beschwerdeführer ef-
fektiv ein Interesse am Wiederaufflammen des tamilischen Separatismus
unterstellen. Vielmehr zeigt dieser Umstand auf, dass die Behörden den
Beschwerdeführer nicht ernsthaft verdächtigten, in massgeblicher Weise
für die LTTE aktiv gewesen zu sein. Des Weiteren wurde der Beschwerde-
führer keiner Straftat angeklagt oder gar verurteilt und verfügt somit auch
nicht über einen Strafregistereintrag. Sodann ist die geltend gemachte exil-
politische Tätigkeit, welche er trotz entsprechender Aufforderung nicht be-
legte, sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht als flüchtlings-
rechtlich unbeachtlich einzustufen. Alleine aus der tamilischen Ethnie, sei-
nen Narben und dem Umstand, dass er aus der Schweiz nach Sri Lanka
zurückkehrt, kann er keine Gefährdung ableiten. Auch seine Tätowierung
des LTTE-Tigers auf der Brust vermag nicht zu einer Akzentuierung seines
Risikoprofils zu führen. Schliesslich lässt sich auch aus dem allfälligen Ein-
satz temporärer Reisepapiere keine relevante Gefährdung ableiten. Selbst
wenn der Beschwerdeführer ohne Reisepass respektive mit temporären
Reisedokumenten nach Sri Lanka zurückkehren müsste, würde dies zwar
allenfalls bei der Wiedereinreise in Sri Lanka zu einem "Background-
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Check" führen. Es muss damit gerechnet werden, dass er nach dem Ver-
bleib seiner Reisepapiere und zum Grund seiner Ausreise befragt und
überprüft wird. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass er wegen
des fehlenden Reisepasses gebüsst wird, wobei ein entsprechendes Vor-
gehen der sri-lankischen Behörden aber keine flüchtlingsrechtliche Rele-
vanz entfaltet (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom 25. Juli 2016 E. 8.4.4).
Insgesamt betrachtet ist somit nicht davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer im Fall einer Rückkehr nach Sri Lanka dort Massnahmen
zu befürchten hat, die über eine einfache Kontrolle hinausgehen, und ihm
wegen seines Profils ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG dro-
hen würden.
5.3.3 An dieser Einschätzung ändern weder der Regierungswechsel vom
16. November 2019 noch die im Dezember 2019 erfolgte Verhaftung einer
sri-lankischen Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Colombo et-
was, da diesbezüglich kein individueller Bezug zum Beschwerdeführer er-
sichtlich ist. Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der Veränderungen in
Sri Lanka bewusst, beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und be-
rücksichtigt sie bei der Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kennt-
nisstand durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungs-
lage für Personen, die bestimmte Risikofaktoren erfüllen, auszugehen
(vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom
15. Juli 2016, HRW, Sri Lanka: Families of "Disappeard" Threatened,
16.02.2020). Zum heutigen Zeitpunkt gibt es aber keinen Grund zur An-
nahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungs-
gruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen
Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asyl-
suchenden Personen zu den Präsidentschaftswahlen vom 16. Novem-
ber 2019 respektive deren Folgen besteht. Im vorliegenden Fall sind den
Akten keine Hinweise auf eine Verschärfung der persönlichen Situation des
Beschwerdeführers aufgrund dieser Ereignisse zu entnehmen. Die Anfor-
derungen an die Annahme einer begründeten Verfolgungsfurcht sind somit
nicht gegeben.
5.4 Nach dem Ausgeführten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
eine asylrechtlich relevante Gefährdung im Zeitpunkt seiner Ausreise aus
Sri Lanka glaubhaft zu machen. Weiter ist nicht davon auszugehen, dass
ihm eine solche im Falle einer Rückkehr mit überwiegender Wahrschein-
lichkeit drohen würde. Es kann darauf verzichtet werden, auf die weiteren
Vorbringen auf Beschwerdeebene einzugehen, da sie an der Würdigung
des vorliegenden Sachverhalts nichts zu ändern vermögen. Die Vorinstanz
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Seite 19
hat die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint
und sein Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Ausländer- und Integrationsgesetzes [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AIG).
7.2.1 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend da-
raufhin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
7.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
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Seite 20
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Zudem lassen weder die Zugehörigkeit zur tamili-
schen Ethnie noch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzulässig erschei-
nen (vgl. dazu BVGE 2011/24 E. 10.4 und das weiterhin einschlägige Re-
ferenzurteil E-1866/2015 E. 12.2). Dies gilt auch unter Berücksichtigung
der jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka. Aus Sicht des Bun-
desverwaltungsgerichts besteht keinerlei Grund zur Annahme, die allge-
meinen politischen Entwicklungen oder die allgemeine Menschenrechtssi-
tuation in Sri Lanka könnten sich zum heutigen Zeitpunkt in konkreter, die
Zulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung in Frage stellender Weise auf
den Beschwerdeführer auswirken.
7.2.3 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft
Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener me-
dizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert
würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Derart gravierende ge-
sundheitlichen Beschwerden sind beim Beschwerdeführer nicht gegeben.
Auch die insbesondere mit Schreiben vom 17. Juli 2020 geltend gemachte
erhöhte Suizidalität spricht nicht gegen den Vollzug der Wegweisung, da
eine allfällige Selbstmordgefahr gemäss der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung kein Vollzugshindernis darstellt (vgl. Urteil des Bundesgerichts
2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015, E. 3.2.1), wobei dies auch der Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. anstelle vieler Urteil des
BVGer F 693/2018 vom 9. Februar 2018). Darüber hinaus kann einer all-
fällig wieder akzentuierten Gefahr, dass sich der Beschwerdeführer bei ei-
ner Aufenthaltsbeendigung seinem Leben ein Ende setzen könnte, bei ei-
nem zwangsweisen Wegweisungsvollzug mit geeigneten Massnahmen
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Seite 21
der Vollzugsbehörden, beispielsweise durch das Treffen adäquater medi-
zinischer Massnahmen, hinreichend Rechnung getragen werden.
7.2.4 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
7.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Gemäss Rechtspre-
chung ist der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ostprovinz zumutbar,
wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere
Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes so-
wie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) be-
jaht werden kann (vgl. Referenzurteile des BVGer E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 13.2 und D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5).
Diese Einschätzung gilt auch unter Berücksichtigung der aktuellen politi-
schen Situation.
7.3.2 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Der Wegweisungsvollzug in die
Ost- und Nordprovinz ist als zumutbar zu erachten, sofern das Vorliegen
der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines trag-
fähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf
eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann
(vgl. Referenzurteile E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2 und
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5). Dies ist im Falle des Be-
schwerdeführers unter Hinweis auf die Erwägungen der Vorinstanz zu be-
jahen. Dieser ist in D._ geboren, aufgewachsen und hat eigenen
Angaben zufolge bis zu seiner Ausreise im (...) 2015 auch stets dort gelebt
(vgl. SEM-Akte A/3, Ziff. 1.07 und 2.01). Seine Mutter sowie seine vier Tan-
ten (mütterlicherseits) und deren Familien würden sich nach wie vor dort
aufhalten (vgl. SEM-Akten A/3, Ziff. 3.01 und A/16, F 28 f.). Angesichts
dessen kann auf ein tragfähiges und unterstützendes Beziehungsnetz in
seiner Heimatregion geschlossen werden, welches ihm bei der Reintegra-
tion zur Seite stehen kann. Der Beschwerdeführer ist ein alleinstehender
junger Mann, der bis zum (...) die Schule besucht hat. Er übte zwar keinen
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Seite 22
Beruf aus, wurde jedoch von seinen Eltern finanziell unterstützt (vgl. SEM-
Akte A/3, Ziff. 1.17.05). Da seine Mutter ihn wiederholt aus der Haft frei-
kaufte (vgl. SEM-Akten A/3, Ziff. 7.02 und A/18, F 34) und auch seine Rei-
sen aus Sri Lanka finanzierte (vgl. SEM-Akte A/3, Ziff. 5.02 und A/18,
F 71), ist davon auszugehen, dass diese offenbar über genügend finanzi-
elle Mittel verfügt und ihm in der ersten Zeit nach seiner Rückkehr die nö-
tige finanzielle Hilfe zukommen lässt. Weiter ist dem Beschwerdeführer zu-
zumuten, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und sich beruflich im Hei-
matland einzugliedern. Es besteht demnach kein Grund zur Annahme,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka (Distrikt D._) in eine
existenzielle Notlage geraten wird.
Gemäss den ärztlichen Verlaufsberichten (...) vom 20. Juni 2019,
8. Juli 2020 und 16. September 2020 wurde beim Beschwerdeführer eine
(...) und eine (...) diagnostiziert. Der behandelnde Arzt erachtet eine res-
sourcenorientierte traumafokussierte Psychotherapie als nötig und drin-
gend indiziert. Zudem erhalte der Beschwerdeführer zurzeit eine Psycho-
pharmakotherapie. In Bezug auf diese dokumentierten psychischen Be-
schwerden ist darauf hinzuweisen, dass gemäss konstanter Praxis aus ge-
sundheitlichen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden kann, wenn
eine absolut notwendige medizinische Behandlung im Heimatland schlicht
nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit der (Weiter-) Be-
handlung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden
Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder gar zum
Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls nicht
vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Standard
entsprechende Behandlung grundsätzlich möglich ist (vgl. BVGE 2011/50
E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2).
Von einer solchen medizinischen Notlage ist vorliegend nicht auszugehen.
Es ist zwar nachvollziehbar, dass der bevorstehende Vollzug der Wegwei-
sung eine grosse Belastung für ihn darstellt; indes rechtfertigt dies nicht,
den Wegweisungsvollzug aus medizinischen Gründen als unzumutbar zu
qualifizieren. Einer möglichen Verschlechterung seines Gesundheitszu-
stands bei einem allfälligen zwangsweisen Wegweisungsvollzug kann die
Vollzugsbehörde mit angemessener Vorbereitung Rechnung tragen und
durch geeignete medizinische Massnahmen und Betreuung entgegenwir-
ken. Obwohl das öffentliche Gesundheitssystem im Norden Sri Lankas
nach Kenntnis des Gerichts bezüglich Kapazität und Infrastruktur nach wie
vor gewisse Mängel aufweist – wie auch aus dem eingereichten Themen-
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Seite 23
papier der SFH vom 3. September 2020 hervorgeht – , ist vorliegend den-
noch davon auszugehen, dass eine allfällig notwendige Behandlung der
psychischen Beschwerden des Beschwerdeführers im Rahmen einer am-
bulanten Therapie im Distrikt Jaffna in verschiedenen staatlichen Instituti-
onen (Teaching Hospital Jaffna, Base Hospital Chavakachcheri und Base
Hospital Point Pedro) zugänglich wäre und grundsätzlich vom Staat bezahlt
würde. Zudem bietet die in Jaffna stationierte NGO "Shanthiham – Associ-
ation for Health and Counselling" Beratung, Gruppentherapie und psycho-
logische Unterstützung für traumatisierte Personen an. Im Falle einer Ver-
schlechterung des gesundheitlichen Zustands wäre eine umfassende Be-
handlung auch in Colombo möglich. Ferner wäre eine allfällige medika-
mentöse Behandlung – beispielsweise mit Antidepressiva – in Sri Lanka
bei der State Pharmaceutical Corporation (SPC) grundsätzlich kostenlos
erhältlich, wenngleich die Nachfrage nach kostenlos zur Verfügung gestell-
ten Medikamenten zur Behandlung psychischer Krankheiten das Angebot
des SPC bisweilen übersteigt (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 14.2.2 m.w.H. sowie auch das Urteil des BVGer
D-462/2018 vom 12. Juni 2019 E. 6.3.3). Zwar ist nicht auszuschliessen,
dass sich eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri Lanka zunächst
negativ auf den psychischen Zustand des Beschwerdeführers auswirken
könnte. Eine allfällige Behandlung im Heimatland würde jedoch durchaus
auch positive Aspekte mit sich bringen (beispielsweise vertraute Umge-
bung und Kommunikation in der Muttersprache), weshalb die Erfolgschan-
cen auch bei einer Rückkehr als durchaus intakt zu bezeichnen wären.
Dem Beschwerdeführer steht es bei Bedarf sodann offen, ein Gesuch um
individuelle medizinische Rückkehrhilfe zu stellen, die nicht nur in der Form
des Mitgebens von Medikamenten, sondern beispielsweise auch in der Or-
ganisation und Übernahme von Kosten für notwendige Therapien beste-
hen kann (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG und Art. 75 der Asylverord-
nung 2 vom 11. August 1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2,
SR 142.312]). Die psychische Erkrankung des Beschwerdeführers stellt
demnach kein Wegweisungsvollzugshindernis dar.
Die psychische Erkrankung des Beschwerdeführers, die vom Gericht nicht
in Abrede gestellt wird, führt nach den vorstehenden Ausführungen nicht
zur Annahme eines Wegweisungsvollzugshindernisses. Was die Suizidali-
tät des Beschwerdeführers betrifft, so ist an dieser Stelle nochmals darauf
hinzuweisen, dass dieser Gefährdung allenfalls durch Heranziehen von
medizinischem Fachperson bei der Rückführung Rechnung zu tragen ist
(vgl. vorstehend E. 7.2.3).
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Seite 24
7.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
7.4 Des Weiteren obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um ein
temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitä-
ten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa
der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation in Sri Lanka angepasst wird
(vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e, Urteil des BVGer
D-4796/2019 vom 27. April 2020 E. 8.9 m.w.H.).
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver-
fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt rich-
tig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbe-
züglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem
ihm aber mit Zwischenverfügung vom 19. Februar 2019 die unentgeltliche
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, ist von der
Kostenerhebung abzusehen, zumal den Akten keine veränderte finanzielle
Lage des Beschwerdeführers zu entnehmen ist.
9.2 Dem Beschwerdeführer wurde – ebenfalls mit Zwischenverfügung vom
19. Februar 2019 – die unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von
aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG zugesprochen und Frau MLaw Cora
Dubach, (...), dem Beschwerdeführer als amtliche Rechtsbeiständin bei-
geordnet, weshalb ihr zulasten der Gerichtskasse ein Honorar zuzuspre-
chen ist.
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Die Rechtsvertreterin reichte mit Eingabe vom 22. Dezember 2020 letzt-
mals eine aktualisierte Kostennote ein. Dabei bezifferte sie ihren zeitlichen
Aufwand mit insgesamt Fr. 3'027.50 (24.85 Stunden zu einem Stundenan-
satz von Fr. 150.– sowie Auslagen von Fr. 195.– [2 Stunden Dolmetscher-
kosten à Fr. 160.– und Portospesen von Fr. 35.–]). Mit Blick auf Umfang
und Komplexität des vorliegenden Falles erweist sich der geltend ge-
machte zeitliche Aufwand auch unter Berücksichtigung der Eingaben vom
1., 9. und 19. März 2021 als überhöht, weshalb er auf ein als angemessen
zu erachtendes Mass von insgesamt 18 Honorarstunden zu kürzen ist. Der
Stundenansatz von Fr. 150.– liegt im Kostenrahmen und die geltend ge-
machten Auslagen erscheinen angemessen. Unter Berücksichtigung der
massgebenden Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 9–13 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) ist das amtliche Honorar dem-
nach auf insgesamt Fr. 2'895.– (inklusive Auslagen) festzusetzen. Das
amtliche Honorar umfasst dabei keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne
von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
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