Decision ID: 50c61b3b-7ee7-4fbb-afa7-e1a528527d64
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 21. Februar 2013 ein erstes Asylgesuch
in der Schweiz. Nachdem er untergetaucht war, trat die Vorinstanz am
15. Mai 2013 auf sein Asylgesuch nicht ein und ordnete seine Wegweisung
an. Die Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
Der Beschwerdeführer beantragte am 25. Dezember 2021 erneut Asyl in
der Schweiz (Akten des SEM 1120391 / N 600248 [SEM-act. 1]).
C.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit «Eurodac») ergab, dass der Beschwerdeführer am 10. Juni 2015 in
Deutschland ein Asylgesuch gestellt hatte, ferner, dass er am 26. Februar
2021 in Italien erneut illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Mitgliedstaa-
ten (Dublin-Raum) eingereist war und am 20. November 2021 in den Nie-
derlanden um Asyl ersucht hatte (SEM-act. 9).
D.
D.a Anlässlich des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26.
Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des
Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO, ABl. L 180/31 vom
29.6.2013), durchgeführt am 7. Januar 2022, wurde der Beschwerdeführer
zu einer möglichen Zuständigkeit der Niederlande beziehungsweise Itali-
ens zur Durchführung des Asylverfahrens und seiner möglichen Überstel-
lung in einen der beiden genannten Staaten angehört (SEM-act. 14).
D.b Der Beschwerdeführer machte geltend, er habe im Februar 2021 Tu-
nesien Richtung Italien verlassen und sei dort nach seiner Ankunft aufge-
griffen und daktyloskopiert worden. Ein Asylgesuch habe er in Italien nicht
gestellt, sondern sei nach einigen Tagen nach Frankreich weitergereist, wo
er bis November 2021 geblieben sei. Anschliessend habe er sich in die
Niederlande begeben und dort um Asyl nachgesucht. Das Gesuch habe er
später zurückgezogen. Es treffe zu, dass er bereits einmal in Europa ge-
wesen sei, unter anderem auch in der Schweiz, und zwar ab 2013. Im Jahr
2016/2017 sei er aber nach Tunesien zurückgekehrt. In der Schweiz habe
er Geschwister, einen Bruder in M._ und eine Schwester in
N._. Zudem lebten Cousins in O._.
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D.c Der Beschwerdeführer wandte sich gegen eine Überstellung sowohl
nach Italien als auch in die Niederlande. Eine Rückkehr nach Italien komme
für ihn wegen der dortigen schlechten wirtschaftlichen Lage nicht in Frage.
Zudem habe er in Tunesien eine Schlägerei gehabt, und die beteiligten
Landesleute würden in Italien leben. In die Niederlande möchte er nicht
zurück, da er dort das Asylgesuch zurückgezogen habe sowie «wegen der
Umstände». Dazu komme sein psychischer Zustand, der in den Niederlan-
den nicht gut gewesen sei. Der Grund sei insbesondere die Unterkunft ge-
wesen. Er würde ein Mehrpersonenzimmer nicht ertragen. Schliesslich
habe er Angst, plötzlich gewalttätig zu werden, was er vermeiden wolle.
D.d Schliesslich bezeichnete sich der Beschwerdeführer als nicht gesund
und reichte ein medizinisches Datenblatt für interne Arztbesuche im Bun-
desasylzentrum (BAZ) M._ mit einem Eintrag vom 30. Dezember
2021 ein (Beschwerden bei Status nach Hodenkontusion bei einem Sport-
unfall) (SEM-act. 16). Es stünden gegenwärtig Röntgenuntersuchungen
an. Zudem habe er Fussprobleme. In Italien sei er nach der Einreise vor
die Wahl gestellt worden, ein Asylgesuch zu stellen oder ausgeschafft zu
werden. Ein Asylgesuch habe er nicht stellen wollen, deshalb sei er aus
dem dritten Stock gesprungen und habe sich verletzt.
E.
E.a Am 10. Januar 2022 ersuchte die Vorinstanz die niederländischen Be-
hörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO (SEM-act. 17).
E.b Die niederländischen Behörden lehnten das Gesuch am 17. Januar
2022 ab (SEM-act. 21). Zur Begründung führten sie aus, der Antrag des
Beschwerdeführers um internationalen Schutz, der in den Niederlanden
unter der Identität G._, geboren (...) 1986, Staatsangehörigkeit un-
bekannt, aufgetreten sei, sei nach wie vor pendent. Gemäss ihren Informa-
tionen liege die Zuständigkeit jedoch bei Italien, über das der Beschwerde-
führer vor weniger als 12 Monaten illegal in den Dublin-Raum gelangt sei.
Sie, die niederländischen Behörden, hätten daher am 17. Januar 2022 Ita-
lien gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO um Aufnahme des Beschwer-
deführers ersucht. Die Antwort Italiens sei noch ausstehend und die hierfür
vorgesehene Frist noch nicht abgelaufen. Sobald Italien zugestimmt habe,
werde in den Niederlanden der Antrag des Beschwerdeführers um interna-
tionalen Schutz nicht weiterverfolgt.
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Seite 4
E.c Am 11. Februar 2022 gelangte die Vorinstanz mit einem Remonstrati-
onsgesuch nach Art. 5 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 1560/2003 der Kom-
mission vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Ver-
ordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylan-
trags zuständig ist (nachfolgend: DVO, ABl. L 222/3 vom 5.9.2003) an die
niederländischen Behörden (SEM-act. 28). Zur Begründung führte sie aus,
man betrachte die Niederlande nach wie vor als zuständig, sollte Italien
das niederländische Aufnahmegesuch abweisen. Die niederländischen
Behörden würden deshalb ersucht, gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO die Verantwortung für den Beschwerdeführer zu übernehmen.
E.d Am 14. Februar 2022 lehnten die niederländischen Behörden das Re-
monstrationsgesuch ab (SEM-act. 30). Zur Begründung verwiesen sie er-
neut auf die ihrer Meinung nach bestehende Verantwortlichkeit Italiens für
den Beschwerdeführer und ergänzten, einerseits habe Italien auf das nie-
derländische Aufnahmegesuch immer noch nicht geantwortet. Die Antwort-
frist laufe jedoch bis zum 17. März 2022. Da die Niederlande andererseits
auf der Grundlage der DVO gehalten seien, das schweizerische Remonst-
rationsgesuch vor dem 26. Februar 2022 zu beantworten, sehe man keine
andere Möglichkeit, als der nachgesuchten Überstellung des Beschwerde-
führers in die Niederlande die Zustimmung zu verweigern.
F.
Bereits am 11. Februar 2022 gelangte die Vorinstanz gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO mit einem Wiederaufnahmegesuch an Italien
und verwies ausdrücklich auf das niederländische Aufnahmegesuch vom
17. Januar 2022 (SEM-act. 26). Das Wiederaufnahmegesuch blieb innert
der in den Art. 22 Abs. 1 und 6 und Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehe-
nen Frist unbeantwortet.
G.
Im Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
richtete die Vorinstanz mehrfach Anfragen an das Medic-Help im BAZ
P._, die am 15. März 2022, 29. April 2022 und 14. Mai 2022 (SEM-
act. 36, 40, 45) beantwortet wurden. Der Antwort beigelegt waren ein am-
bulanter Bericht der Urologie [...] vom 11. Januar 2022, der Bericht eines
radiologischen Instituts vom 16. März 2022 (beides SEM-act. 41) und ein
medizinisches Datenblatt für interne Arztbesuche im BAZ P._ mit
Einträgen vom 18. Januar, 8. März und 19. April 2022 (SEM-act. 37).
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Seite 5
H.
Mit Verfügung vom 23. Mai 2022 (eröffnet am 24. Mai 2022) trat die Vor-
instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte dessen Wegwei-
sung nach Italien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte sie die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten und stellte fest, dass einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme
(SEM-act. 48, 49).
I.
Mit Beschwerde vom 31. Mai 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer zusammenfassend, die obenerwähnte
Verfügung sei aufzuheben, und es sei ihm als Flüchtling Asyl zu gewähren.
Eventualiter sei er vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht er-
suchte er um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege mit Kostenbefreiung und Bestellung ei-
nes unentgeltlichen Rechtsbeistands (Akten des BVGer [Rek-act. 1]).
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
1. Juni 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
K.
Der zuständige Instruktionsrichter setzte am 1. Juni 2022 gestützt auf
Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus
(SEM-act. 2).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des
Asyls zuständig und entscheidet in der Regel – wie auch vorliegend – end-
gültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM – wie vorliegend geschehen – gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu prüfen, ist
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Seite 6
die Beurteilungskompetenz des Bundesverwaltungsgerichts grundsätzlich
auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch
nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
Die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und der Gewäh-
rung von Asyl beziehungsweise die Anordnung der vorläufigen Aufnahme
bilden dagegen nicht Gegenstand des angefochtenen Nichteintretensent-
scheides und damit auch nicht des vorliegenden Verfahrens. Soweit der
Beschwerdeführer über das Eintreten auf sein Asylgesuch hinaus genau
dies verlangt, erweist sich sein Rechtsmittel als unzulässig.
1.4 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
daher im oben dargelegten Umfang einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG;
Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeit-
punkt des Entscheids (BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1 E. 2).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG verzichtete das Bundesverwaltungsge-
richt auf die Durchführung eines Schriftenwechsels.
4.
4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
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Seite 7
4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3. Im Fall des in den Art. 21 und Art. 22 Dublin-III-VO geregelten, soge-
nannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind zur Bestimmung
des zuständigen Mitgliedstaates die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO)
genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierar-
chie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwen-
den. Dabei ist von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen, in
dem der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat ge-
stellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4. Im Rahmen des, in den Art. 23–25 Dublin-III-VO geregelten, soge-
nannten Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätzlich
keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt. Die Zuständig-
keit beziehungsweise die Verpflichtung des Mitgliedstaates zur Wiederauf-
nahme ergibt sich direkt aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d beziehungsweise
Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO (vgl. Urteil des EuGH [Grosse Kammer] vom
2. April 2019, H. und R., C 582/17 und C-583/17, EU:C:2019:280 [nachfol-
gend: Urteil des EuGH H. und R.], Rn. 61, 67, 80, 84; BVGE 2017 VI/5 E.
6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
5.
5.1. Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO verpflichtet, einen Antragsteller, der in
einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat, nach Massgabe der
der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-VO aufzunehmen (Aufnahmeverfahren).
Er ist ferner gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b – d Dublin-III-VO verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags (Bst. b) oder
nach dessen Rückzug während der Antragsprüfung (Bst. c) oder nach Ab-
lehnung seines Antrags (Bst. d) in einem anderen Mitgliedstaat einen An-
trag stellt oder sich dort ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der
Art. 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Wiederaufnahmeverfahren).
5.2. Gemäss der Legaldefinition des Art. 2 Bst. d Dublin-III-VO bezeichnet
der Ausdruck «Prüfung eines Antrags auf internationalen Schutz» die Ge-
samtheit der Prüfungsvorgänge der zuständigen Behörden mit Ausnahme
des Verfahrens zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats gemäss
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der Dublin-III-VO. Der Anwendungsbereich des Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d
Dublin-III-VO wird daher erst geöffnet, wenn der Mitgliedstaat, in dem der
erste Antrag gestellt wurde, dieses Bestimmungsverfahren mit der Beja-
hung seiner Zuständigkeit abschliesst und mit der materiellen Prüfung des
Antrags beginnt (Urteil des EuGH H. und R., Rn. 52).
5.3. Wie es sich verhält, wenn die oben genannte Voraussetzung – Beja-
hung der eigenen Zuständigkeit und Beginn der materiellen Prüfung des
Antrags – nicht erfüllt ist, regelt Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO. Danach ist der
Mitgliedstaat, bei dem der erste Antrag auf internationalen Schutz gestellt
wurde, gehalten, einen Antragsteller, der sich ohne Aufenthaltstitel im Ho-
heitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält oder dort einen Antrag auf
internationalen Schutz gestellt hat, nachdem er seinen ersten Antrag noch
während des Verfahrens zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats
ausdrücklich oder (durch Wegzug) stillschweigend zurückgezogen hat,
nach den Bestimmungen der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen
(Wiederaufnahmeverfahren), um das Zuständigkeitsbestimmungsverfah-
ren zum Abschluss zu bringen (Urteil des EuGH H. und R., Rn. 49, 50).
5.4. Die Verpflichtung zur Aufnahme beziehungsweise Wiederaufnahme
des Antragstellers gemäss Art. 18 Abs. 1 Dublin-III-VO erlischt, wenn der
Antragsteller das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten für mindestens drei
Monate verlässt, es sei denn die betreffende Person ist im Besitz eines
vom zuständigen Mitgliedstaat ausgestellten gültigen Aufenthaltstitels. Die
Verpflichtung erlischt ebenfalls, wenn der Antragsteller das Hoheitsgebiet
der Mitgliedstaaten auf der Grundlage eines Rückführungsbeschlusses
oder einer Abschiebeanordnung nach Rücknahme oder Abweisung seines
Antrags verlässt. Ein nach der Periode der Abwesenheit oder nach vollzo-
gener Abschiebung gestellter Antrag gilt als neuer Antrag, der ein neues
Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates auslöst
(Art. 19 Abs. 1 und 2 Dublin-III-VO).
6.
6.1. Es steht fest, dass der frühere Aufenthalt des Beschwerdeführers im
Dublin-Raum durch einen im Sinne von Art. 19 Abs. 1 Dublin-III-VO hinrei-
chend langen Aufenthalt ausserhalb des Dublin-Raums beendet wurde.
Zudem ist erstellt, dass er im Februar 2021 über Italien illegal in den Dublin-
Raum zurückkehrte, ohne dass er in der Folge ein Asylgesuch in diesem
Mitgliedstaat gestellt hätte. Er begab sich weiter nach Frankreich und von
dort in die Niederlande, wo er am 20. November 2021 um Asyl ersuchte.
Vor Abschluss des niederländischen Verfahrens auf Prüfung des ständigen
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Seite 9
Mitgliedstaates reiste er in die Schweiz weiter und stelle hier am 25. De-
zember 2021 erneut ein Asylgesuch. Das Wiederaufnahme- und das Re-
monstrationsgesuch der Vorinstanz an die Adresse der Niederlande wur-
den abgewiesen und das Wiederaufnahmegesuch an die Adresse Italiens
blieb bis zum heutigen Datum unbeantwortet.
6.2. Zum Vorgehen der Vorinstanz gegenüber den Niederlanden ist zu be-
merken, dass das Wiederaufnahme- und das spätere Remonstrationsge-
such insoweit fehlerhaft waren, als sie sich auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b und
Bst. c Dublin-III-VO stützten. Denn Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO setzt,
wie oben dargelegt, ein abgeschlossenes Zuständigkeitsbestimmungsver-
fahren und den Beginn der materiellen Prüfung des Antrags voraus, was in
den Niederlanden offensichtlich nicht geschehen ist. Darüber wurde die
Vorinstanz von den niederländischen Behörden bei Gelegenheit der Ab-
weisung des Wiederaufnahmegesuchs orientiert. Da in den Niederlanden
der erste Antrag gestellt worden war, hätte sich das Remonstrationsgesuch
auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO stützen müssen. Diese Möglichkeit besteht
nicht mehr. Denn der für die Schweiz negative Ausgang des Remonstrati-
onsverfahrens schliesst eine Überstellung des Beschwerdeführers in die
Niederlande definitiv aus (BVGE 2019 VI/4 E. 8.4 mit Hinweis auf das Urteil
des EuGH vom 13. November 2018, X und X, C 47/17 und C-48/17,
EU:C:2018:900).
6.3. Des Weiteren ist fraglich, ob die Vorinstanz den italienischen Behörden
zu Recht gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO ein Wiederaufnah-
megesuch nach Art. 23 – 25 Dublin-III-VO unterbreitete. Es steht nämlich
unbestrittenermassen fest, dass der Beschwerdeführer in Italien nie um
Asyl ersuchte (vgl. dazu etwa Urteile des BVGer F-1038/2021 vom 15.
März 2021 und F-1642/2021 vom 16. April 2022). Richtigerweise hätte die
Vorinstanz wohl gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO ein Aufnah-
megesuch nach Art. 23 und 24 Dublin-III-VO stellen müssen. Die Zustän-
digkeit Italiens ergibt sich in Ermangelung eines höherrangigen, auf einen
anderen Mitgliedstaat verweisenden Zuständigkeitskriteriums des Kapi-
tels III ohne weiteres aus Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO, denn der Beschwer-
deführer reiste dort unbestrittenermassen weniger als zwölf Monate vor
seinem ersten Antrag illegal in den Dublin-Raum ein.
Die Frage des richtigen Verfahrens – Aufnahme- oder Wiederaufnahme-
verfahren – muss jedoch an dieser Stelle nicht abschliessend geklärt wer-
den: Den italienischen Behörden wurden nämlich im Rahmen des Wieder-
aufnahmeverfahren alle Informationen zur Verfügung gestellt, die sie be-
nötigten, um ihre eigene Zuständigkeit beurteilen zu können. Gleichwohl
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Seite 10
liessen sie auch innert der für das Aufnahmeverfahren geltenden, im Ver-
gleich zum Wiederaufnahmeverfahren längeren zweimonatigen Frist nichts
von sich hören (vgl. Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO gegenüber Art. 25 Abs. 1
Dublin-III-VO). Die italienischen Behörden haben damit rechtwirksam der
Übernahme des Beschwerdeführers zugestimmt (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-
VO) und damit die Zuständigkeit Italiens zur Prüfung seines Antrags auf
internationalen Schutz anerkannt.
6.4. Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit gegeben. Nachfol-
gend ist zu prüfen, ob Gründe für die Übernahme der Zuständigkeit durch
die Schweiz vorliegen.
7.
Als mögliche Rechtsgrundlage für einen Zuständigkeitsübergang auf die
Schweiz lässt sich Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO anführen, auf den sich der
Beschwerdeführer implizit beruft, indem er geltend macht, er habe Onkel
und Brüder in der Schweiz, die ihm in seiner schwierigen Situation Unter-
stützung leisten könnten. Er sei von ihnen abhängig.
7.1. Gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO verzichten die Mitgliedstaaten «in
der Regel» darauf, die antragstellende Person von bestimmten, sich auf
ihrem Gebiet rechtmässig aufhaltenden nahen Familienangehörigen (Kind,
Geschwister, Elternteil) zu trennen, wenn sie oder der nahe Familienange-
hörige aus bestimmten Gründen (Schwangerschaft, neugeborenes Kind,
schwere Krankheit, ernsthafte Behinderung, hohes Alter) auf die Unterstüt-
zung des jeweils anderen angewiesen ist. Vorausgesetzt wird, dass die fa-
miliäre Beziehung bereits im Heimatland bestand, der Familienangehörige
in der Lage ist, die abhängige Person zu unterstützen und die betroffenen
Personen ihren Wunsch schriftlich kundgetan haben.
7.2. Die Berufung des Beschwerdeführers auf Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO
scheitert jedoch bereits an der fehlenden Substantiierung seiner Vorbrin-
gen: Es wird darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer, der gegen-
über den Behörden der Mitgliedstaaten unter mindestens drei verschiede-
nen Identitäten auftrat – neben den oben bereits genannten Identitäten
wurde der Beschwerdeführer von den Schweizer Behörden am 8. März
2013 auch unter der Identität G._, geboren (...) 1985, syrischer
Staatsangehöriger, erfasst (vgl. SEM-act. 8) –, die angeblichen Familien-
angehörigen nicht benennt und noch im Rahmen der Personalienauf-
nahme vom 30. Dezember 2021 die Frage nach in der Schweiz lebenden
Bezugspersonen verneinte (SEM-act. 11 Ziff. 3.01).
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Seite 11
8.
Als weitere mögliche Rechtsgrundlage für den Zuständigkeitsübergang
von Italien auf die Schweiz kommt Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO in Betracht:
8.1. Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO regelt, wie zu verfahren ist, wenn es sich
als unmöglich erweist, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig
bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für
die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen
für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen auf-
weisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be-
handlung im Sinne des Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta, ABl. C 364/1 vom 18.12.2000) mit sich
bringt. In einem solchen Fall setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat.
8.2. Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstel-
len – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz
Dublin-III-VO aufweist (vgl. statt vieler Referenzurteile des BVGer
D-4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10; F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021
E. 9, BVGer E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). An dieser Recht-
sprechung ist festzuhalten. Für eine Übernahme der italienischen Zustän-
digkeit gestützt auf Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO besteht daher kein Anlass.
9.
Als eine weitere potentielle Rechtsgrundlage für einen Zuständigkeits-
übergang auf die Schweiz ist Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO zu prüfen.
9.1. Gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat abwei-
chend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten Antrag auf inter-
nationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung
festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist. Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser
Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen
auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
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Seite 12
zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder-
nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
9.2. Bei der Beurteilung eines Selbsteintritts gilt es zu beachten, dass Ita-
lien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30)
sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301)
ist. Ferner wird Italien durch die Richtlinien des Europäischen Parlaments
und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren
für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog.
Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie,
ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) gebunden.
Trotz gewisser Mängel der italienischen Aufnahmestrukturen darf ange-
nommen werden, dass Italien seinen völker- und gemeinschaftsrechtlichen
Verpflichtungen nachkommt und insbesondere die Rechte respektiert und
schützt, die sich für schutzsuchende Personen aus der Verfahrens- und
der Aufnahmerichtlinie ergeben. Diese Vermutung kann zwar im Einzelfall
widerlegt werden. Hierfür bedarf es aber konkreter und ernsthafter Hin-
weise, die vom Betroffenen glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45
E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017 vom 6.3.2018 E. 5.3.1).
10.
10.1. Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe geltend,
er habe in Italien politische Probleme. Muslime seien dort unerwünscht. Er
sei so verzweifelt gewesen, dass er, um zu fliehen, aus dem dritten Stock
gesprungen sei. Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 7. Januar 2022
brachte er vor, dass für ihn eine Rückkehr nach Italien aus Sorge um die
dort herrschende schlechte wirtschaftliche Lage nicht in Frage komme. Zu-
dem habe er in Tunesien eine Schlägerei mit Landsleuten gehabt, die in
Italien leben würden. Aus dem dritten Stock sei er gesprungen, weil er in
Italien vor die Wahl gestellt worden sei, ein Asylgesuch zu stellen, was er
nicht habe tun wollen, oder ausgeschafft zu werden.
10.2. Mit diesen knappen, nicht weiter substantiierten Vorbringen gelingt
es dem Beschwerdeführer jedoch offenkundig nicht, die Vermutung einer
völker- und gemeinschaftsrechtskonformen Behandlung durch die italieni-
schen Behörden zu erschüttern. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass
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Italien ein Rechtsstaat mit einem funktionierenden Polizei- und Justizsys-
tem ist, das durchaus in der Lage ist, dem Beschwerdeführer, soweit not-
wendig, adäquaten Schutz vor Nachstellungen Dritter zu gewähren. Sollte
der Beschwerdeführer in Italien tatsächlich ernsthafte Schwierigkeiten mit
Drittpersonen bekommen, hat er die Möglichkeit, sich hilfe- und schutzsu-
chend an die dortigen Behörden zu wenden.
11.
11.1. Im gleichen Kontext ist der Einwand des Beschwerdeführers auf
seine Relevanz zu prüfen, er habe viele gesundheitliche Probleme.
11.2. Aus den beim vorinstanzlichen Dossier liegenden Medizinalakten
(vgl. dazu Bst. D.d und G des Sachverhalts) ergibt sich, dass der Be-
schwerdeführer über Hodenbeschwerden nach einer Kontusion während
der Ausübung von Sport (SEM-act. 16) und Schmerzen im oberen Sprung-
gelenk noch einem Sprung aus dem dritten Stock klagte (SEM-act.37, 40).
Die Hodenbeschwerden wurden ohne Befund urologisch untersucht und
die Sprunggelenkverletzung mittels MRI abgeklärt (SEM-act. 41). Es wurde
eine medikamentöse Schmerztherapie durchgeführt (SEM-act. 37), die der
Beschwerdeführer jedoch nicht befolgte (SEM-act. 40). Des Weiteren
wurde der Beschwerdeführer positiv auf MRSA getestet. Er verweigerte je-
doch eine Isolation (SEM-act. 40). Hauptsächlich aber ist eine ausgeprägte
Verhaltensauffälligkeit des Beschwerdeführers mit Aggressivität gegen
Personen und Sachen und unkooperativem Verhalten aktenkundig (SEM-
act. 22, 23, 37, 40). Wegen aggressivem Verhalten unter anderem gegen
das Personal im BAZ musste er zeitweise in einem besonderen Zentrum
untergebracht werden (SEM-act. 33, 40, 46). Der Beschwerdeführer be-
zeichnete sich selbst als Psychopathen und wollte psychiatrisch behandelt
werden (SEM-act. 37, 40). Wegen seiner Verhaltensauffälligkeiten äus-
serte der Hausarzt des BAZ den Verdacht auf Schizophrenie, Paranoia und
eine «delq. Persönlichkeitsstörung», wobei er Drogenabusus nicht aus-
schloss. Zur Diagnoseklärung empfahl der Hausarzt eine psychiatrische
Untersuchung im Rahmen eines ambulanten Termins oder der Hospitalisa-
tion in einer psychiatrischen Klinik und leitete eine medikamentöse Be-
handlung mit Temesta ein SEM-act. 37). In der Folge beruhigte sich die
Situation weitgehend, weshalb auf eine psychiatrische Unterbringung ver-
zichtet wurde (SEM-act. 45).
11.3. Der gesundheitliche Zustand einer asylsuchenden Person kann der
Dublin-Überstellung in den zuständigen Mitgliedstaat entgegenstehen,
wenn diese eine Verletzung von Art. 3 EMRK zur Folge hätte. Das ist nur
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ganz ausnahmsweise der Fall. Von einer Verletzung geht die Rechtspre-
chung etwa dann aus, wenn die sich die asylsuchende Person in einem
fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todes-
nähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen
müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte
(vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Euro-
päischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine weitere vom
EGMR definierte Konstellation betrifft schwerkranke Personen, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.H.).
11.4. Italien verfügt unbestrittenermassen über eine ausreichende medizi-
nische Infrastruktur. Es kann, wie oben dargelegt, auch angenommen wer-
den, dass Italien die Rechte aus der Aufnahmerichtlinie anerkennt und
schützt, wozu der Zugang zur erforderlichen medizinischen Versorgung ge-
hört, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Be-
handlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst
(Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie). Antragstellenden mit besonderen Be-
dürfnissen ist darüber hinaus die erforderliche medizinische oder sonstige
Hilfe, einschliesslich psychologischer Betreuung, zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Gleichwohl konnte es unter der Geltung des am
5. Oktober 2018 in Kraft gesetzten italienischen Gesetzesdekret
Nr. 113/2018 (Salvini-Dekret) dazu kommen, dass Dublin-Rückkehrer nach
ihrer Ankunft in Italien eine angemessene Unterkunft und medizinische Be-
treuung erst mit einiger Verzögerung erhielten. Das Bundesverwaltungsge-
richt machte deshalb in seinem Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezem-
ber 2019 die Dublin-Überstellung schwerkranker Asylsuchender, die zur
Vermeidung schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigungen sofort nach
Ankunft in Italien auf eine sich lückenlos anschliessende medizinische Ver-
sorgung angewiesen sind, von besonderen Voraussetzungen abhängig.
Das SEM wurde verpflichtet, bei den italienischen Behörden eine individu-
elle Zusicherung betreffend die Gewährleistung der nötigen medizinischen
Unterbringung und Versorgung einzuholen (Referenzurteil E-962/2019
E. 7.4.3).
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11.5. Mit den Referenzurteilen D-4471/2021 vom 19. April 2022 und
F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 befasste sich das Bundverwaltungs-
gericht erneut mit der Unterbringungs- und Versorgungssituation von vul-
nerablen Asylsuchenden, die im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Ita-
lien überstellt werden. Es stellte fest, dass sich die dortige Lage mit dem
Inkrafttreten des Gesetzesdekrets Nr. 130/2020 am 20. Dezember 2020
deutlich gebessert habe. Das Zweitaufnahmesystem, welches neu Auf-
nahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazi-
one) heisse, sei wieder allen Asylsuchenden zugänglich gemacht worden.
Familien und vulnerable Personen, darunter auch Personen mit Behinde-
rungen oder schweren physischen oder psychischen Erkrankungen, wür-
den bei der Überstellung in eine SAI-Unterkunft Vorrang geniessen. Das
Angebot der Dienstleistungen für die Asylsuchenden im SAI sei wieder aus-
gebaut und auch auf die Bedürfnisse schutzbedürftiger Personen ausge-
richtet worden. Selbst wenn sie vorübergehend in Erstaufnahmeeinrichtun-
gen untergebracht würden, könnten sie die notwendigen Dienstleistungen,
insbesondere medizinische und psychologische Betreuung, in Anspruch
nehmen (Referenzurteile D-4235/2021 E. 10.4.3; F-6330/2020 E. 10 und
E. 11.2; ebenso: Urteil des EGMR M.T. gegen die Niederlande vom 23.
März 2021, Nr. 46595/19, Ziff. 58-62).
Asylsuchende, die noch keinen Asylantrag in Italien gestellt haben (sog.
«take charge»-Fälle bzw. Aufnahmeverfahren, Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-
III-VO) und daher vor ihrer Ausreise nicht in einem Erst- oder Zweitaufnah-
mezentrum in Italien untergebracht worden seien, hätten grundsätzlich ab
ihrer Ankunft in Italien Zugang zu den notwendigen Dienstleistungen. In
einem solchen Fall (d.h. «take charge») sei es daher nicht mehr erforder-
lich, vor der Überstellung von Asylsuchenden, die unter schwerwiegenden
medizinischen (physischen oder psychischen) Problemen litten, von den
italienischen Behörden individuelle Zusicherungen einzuholen. Anders ver-
halte es sich bei Asylsuchenden, die in Italien bereits ein Asylgesuch ge-
stellt hätten oder deren Asylgesuch abgelehnt worden sei (sog. «take
back»-Fälle bzw. Wiederaufnahmeverfahren, Art. 18 Bst. b-d Dublin-III-
VO). Solche Fälle müssten (auch künftig) einzeln geprüft werden, denn es
könne nach wie vor vorkommen, dass Asylsuchenden mit ernsthaften me-
dizinischen Problemen nach der Überstellung nach Italien die Unterbrin-
gung im Erst- und Zweitaufnahmesystem verweigert werde. Dies hätte
auch zur Folge, dass sie keine sofortige medizinische Versorgung, die über
die Notfallversorgung hinausgehe, erhielten. In dieser Konstellation sei da-
her am Referenzurteil E-962/2019 festzuhalten, wonach vor der Überstel-
lung schwer kranker Personen nach Italien Zusicherungen von den italie-
nischen Behörden betreffend sofortigen Zugang zu einer angemessenen
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medizinischen Versorgung und Unterbringung einzuholen seien (Referenz-
urteil D-4235/2021 E. 10.4.3.3 und E. 10.4.4; Urteil des BVGer
D-2926/2021 vom 19. Juli 2021 E. 11).
11.6. Der Beschwerdeführer hat in Italien, wie bereits erwähnt, kein Asyl-
gesuch eingereicht. Er befindet sich damit in einer «take charge»-Konstel-
lation im Sinne der oben dargelegten Rechtsprechung, die unabhängig von
seinem Gesundheitszustand weder die Einholung einer Zusicherung und
noch weniger den Selbsteintritt erfordert. Besondere Hinweise darauf, dass
Italien gerade dem Beschwerdeführer die notwendige medizinische Be-
handlung verweigern könnte, sind nicht ersichtlich. In dieser Situation kann
der Vorinstanz auch nicht vorgehalten werden, dass sie den psychischen
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nicht näher abgeklärt hat. Sie
war dazu mangels rechtlicher Relevanz des Sachverhaltes nicht verpflich-
tet. Im Übrigen ist die Vorinstanz gehalten, die italienischen Behörden vor
der Überstellung des Beschwerdeführers über seinen Gesundheitszustand
und allfällige notwendige Behandlungen zu informieren (vgl. Art. 31 und 32
Dublin-III-VO). Zusammenfassend ist nicht davon auszugehen, dass eine
Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien eine Verletzung von
Art. 3 EMRK nach sich ziehen würde.
12.
Andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben würden, von ihrem Selbst-
eintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu machen, wer-
den weder geltend gemacht noch sind solche ersichtlich. Der Vollständig-
keit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden
kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
13.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten
und hat in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht die Wegwei-
sung nach Italien angeordnet.
14.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
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15.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf
einzutreten ist, und die Verfügung des SEM zu bestätigen.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist.
16.
16.1. Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen
waren (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
16.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten
grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
Aufgrund der gesamten Umstände rechtfertigt es sich jedoch, auf eine Kos-
tenauflage zu verzichten (Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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