Decision ID: 1cc38778-125e-5bc6-ae6c-6c9f795eeeb9
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 29. Juni 2020 in der Schweiz ein Asyl-
gesuch ein. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Daten-
bank am 1. Juli 2020 ergab, dass er am 24. Januar 2020 in Rumänien um
Asyl ersucht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 9. Juli 2020 rechtliches Ge-
hör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer
Überstellung nach Rumänien, dessen Zuständigkeit für die Behandlung
des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdeführer er-
klärte, er habe sein Heimatland im Dezember 2019 verlassen. In Rumänien
habe er kein Asyl beantragen wollen und sei zwangsweise daktyloskopiert
worden. Er sei dort ca. einen Monat im Gefängnis gewesen und geschla-
gen worden. Danach sei er mit Zügen durch unbekannte Länder in die
Schweiz gereist. Er wolle nicht nach Rumänien zurückgehen.
C.
Die rumänischen Behörden lehnten das Gesuch des SEM vom 9. Juli 2020
um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b
bzw. c der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO), am 21. Juli 2020 mit der Begründung ab, es sei nicht klar,
wo sich der Beschwerdeführer seit dem Untertauchen in Rumänien bis zur
Einreichung des Asylgesuchs in der Schweiz aufgehalten habe.
D.
Am 24. Juli 2020 gelangte das SEM im Rahmen eines Remonstrationsver-
fahrens ("Re-examination") an die rumänischen Behörden und ersuchte
gestützt auf Art. 5 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 1560/2003 der Kommis-
sion vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verord-
nung (EG) Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung der Kriterien und Ver-
fahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von
einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags
zuständig ist (nachfolgend: DVO) erneut um Übernahme des Beschwerde-
führers. Unter Hinweis auf das internationale Recht machte dabei das SEM
die rumänischen Behörden darauf aufmerksam, dass negative Tatsachen
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(in casu der Aufenthalt des Beschwerdeführers nach seinem Verschwinden
aus Rumänien) nicht vom ersuchenden Mitgliedstaat zu beweisen seien.
Am 31. Juli 2020 lehnten die rumänischen Behörden das Ersuchen des
SEM unter Hinweis auf Beweislastregeln ab. Ein weiteres Gesuch des
SEM vom 31. Juli 2020 ("2nd request for re-examination") lehnten die ru-
mänischen Behörden am 10. August 2020 abermals ab mit der Begrün-
dung, es sei für den ersuchten Staat unmöglich, den Nachweis dafür zu
erbringen, dass ein Antragsteller das Gebiet der Vertragsstaaten für min-
destens drei Monate verlassen habe, wenn der ersuchende Staat nicht die
geringste Information betreffend den Antragssteller liefere. Die rumäni-
schen Behörden baten das SEM, mehr Informationen bezüglich des Ver-
bleibens des Beschwerdeführers nach dem Aufenthalt in Rumänien zu er-
heben und zu überprüfen.
E.
Am 14. August 2020 führte das SEM ein ergänzendes Dublin-Gespräch
durch. Dabei befragte es den Beschwerdeführer vertieft nach dem Reise-
weg nach dem Asylgesuch in Rumänien, wobei dieser nicht sagen konnte,
von welchem Land aus er in die Schweiz gekommen sei. Er sei versteckt
in einem Fahrzeug gewesen und nirgends kontrolliert worden. Gleichen-
tags ersuchte das SEM die rumänischen Behörden erneut um Übernahme
des Beschwerdeführers („3th request for re-examination“).
Am 27. August 2020 stimmten die rumänischen Behörden dem Übernah-
meersuchen gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO schliesslich zu.
F.
Mit Verfügung vom 28. August 2020 (eröffnet am 1. September 2020) trat
das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte
dessen Überstellung nach Rumänien und forderte ihn auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es
die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfäl-
ligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wir-
kung zu.
G.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 8. September 2020 (Postaufgabe) gelangte
der Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträ-
gen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzu-
weisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Im Sinne einer vorsorglichen
Massnahme sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen
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und die Vollzugsbehörden seien unverzüglich anzuweisen, bis zum Ent-
scheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlun-
gen abzusehen. Ferner ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege.
H.
Am 9. September 2020 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen
superprovisorischen Vollzugsstopp an.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.1
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht verzichtet auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (Einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
Seit einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21. De-
zember 2017 können sich Asylsuchende in Beschwerdeverfahren gegen
Überstellungsentscheidungen auch in der Schweiz auf die richtige Anwen-
dung sämtlicher objektiver Zuständigkeitskriterien der Dublin-III-VO beru-
fen, insbesondere auf Bestimmungen, die einen Zuständigkeitsübergang
infolge Fristablaufs vorsehen (vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5 [insb. E. 5.3.2]).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
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Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in
Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-
führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl.
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im
Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen ei-
nes Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber
grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt
(vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge-
stellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-VO aufzuneh-
men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO). Er ist ferner verpflichtet, einen
Antragsteller, der während der Antragsprüfung, nach dem Rückzug des An-
trags während der Antragsprüfung oder nach der Ablehnung des Antrags
in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag stellt oder sich in einem ande-
ren Mitgliedstaat ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel
23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b-d Dublin-III-VO).
5.
5.1 Ist ein Mitgliedstaat, in dem eine Person im Sinne des Art. 18 Abs.1
Buchstaben b, c oder d Dublin-III-VO einen neuen Antrag auf internationa-
len Schutz gestellt hat, der Auffassung, dass nach Art. 20 Abs. 5 und Art. 18
Abs. 1 Buchstaben b, c oder d Dublin-III-VO ein anderer Mitgliedstaat für
die Prüfung des Antrags zuständig ist, so kann er den anderen Mitglied-
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staat ersuchen, die Person wieder aufzunehmen. Ein Wiederaufnahmege-
such ist sobald wie möglich, auf jeden Fall aber innerhalb von zwei Mona-
ten nach der Eurodac-Treffermeldung zu stellen (Art. 23 Abs. 1 und 2 Dub-
lin-III-VO).
5.2 Der ersuchte Mitgliedstaat nimmt die erforderlichen Überprüfungen vor
und entscheidet über das Gesuch um Wiederaufnahme der betreffenden
Person so rasch wie möglich, in jedem Fall aber nicht später als einen Mo-
nat, nachdem er mit dem Gesuch befasst wurde. Stützt sich der Antrag auf
Angaben aus dem Eurodac-System, verkürzt sich diese Frist auf zwei Wo-
chen (Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO). Wird innerhalb der Frist von einem Mo-
nat oder Frist von zwei Wochen keine Antwort erteilt, ist davon auszuge-
hen, dass dem Wiederaufnahmegesuch stattgegeben wird, was die Ver-
pflichtung nach sich zieht, die betreffende Person wieder aufzunehmen und
angemessene Vorkehrungen für die Ankunft zu treffen (Art. 25 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO).
5.3 Das sogenannte Remonstrationsverfahren ist in Art. 5 Abs. 2 DVO ge-
regelt, welcher folgendermassen lautet: Vertritt der ersuchende Mitglied-
staat die Auffassung, dass die Ablehnung auf einem Irrtum beruht, oder
kann er sich auf weitere Unterlagen berufen, ist er berechtigt, eine neuerli-
che Prüfung seines Gesuchs zu verlangen. Diese Möglichkeit muss binnen
drei Wochen nach Erhalt der ablehnenden Antwort in Anspruch genommen
werden. Der ersuchte Mitgliedstaat erteilt binnen zwei Wochen eine Ant-
wort. Durch dieses zusätzliche Verfahren ändern sich in keinem Fall die in
Art. 18 Abs. 1 und 6 und Art. 20 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EG) Nr.
343/2003 (nachfolgend: Dublin-II-VO) vorgesehenen Fristen (gemäss Ent-
sprechungstabelle in Anhang II der Dublin-III-VO entsprechen Art. 18 Abs.
1 und 6 und Art. 20 Abs. 1 Bst. b Dublin-II-VO, die durch die Dublin-III-VO
aufgehoben und ersetzt wurde, den Art. 22 Abs. 1 und 6 und Art. 25 Abs. 1
der Dublin-III-VO).
6.
6.1 Es steht fest, dass der Beschwerdeführer am 24. Januar 2020 – fünf
Monate vor der Einreichung eines Asylgesuchs in der Schweiz – in Rumä-
nien um Asyl ersuchte. Die Zuständigkeitskriterien nach Art. 18 Abs. 1 Bst.
c Dublin-III-VO (Antragstellung in einem anderen Mitgliedstaat, nachdem
der Antrag im ersten Mitgliedstaat abgelehnt wurde) verweisen somit auf
Rumänien, welches nach Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-
VO grundsätzlich verpflichtet ist, den Beschwerdeführer wieder aufzuneh-
men.
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6.2 Vor diesem Hintergrund ersuchte das SEM die rumänischen Behörden
am 9. Juli 2020 im Sinne von Art. 23 Abs. 2 Dublin-III-VO fristgerecht um
Übernahme des Beschwerdeführers. Die rumänischen Behörden lehnten
am 21. Juli 2020, und somit nach Massgabe von Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-
VO ebenfalls fristgerecht, die Wiederaufnahme des Beschwerdeführers ab.
6.3 Hierauf gelangte das SEM am 24. Juli 2020 gestützt auf Art. 5 Abs. 2
DVO und innert der dort genannten dreiwöchigen Frist an die rumänischen
Behörden und ersuchte um eine Neuprüfung der Übernahme des Be-
schwerdeführers. Die rumänischen Behörden lehnte diese am 31. Juli
2020 ab. Dieses Prozedere wiederholte das SEM ein zweites und drittes
Mal, bis die rumänischen Behörden am 27. August 2020 dem Übernahme-
ersuchen zustimmten (vgl. Buchstaben D und E des Sachverhalts).
7.
7.1 In casu sind bis und mit Ablehnung des Wiederaufnahmegesuchs
sämtliche Fristen gemäss Art. 23 und Art. 25 Dublin-III-VO eingehalten wor-
den, was auch vom Beschwerdeführer nicht bestritten wird. Demnach
bleibt noch zu prüfen, welche Rechtsfolgen sich daraus ergeben, dass Ru-
mänien dem schweizerischen Remonstrationsersuchen erst am 27. August
2020 entsprochen hat. Während der Beschwerdeführer mit Hinweis auf die
Rechtsprechung des EuGH und des Bundesverwaltungsgerichts in seiner
Rechtsmitteleingabe geltend macht, dass die in Art. 5 Abs. 2 DVO enthal-
tene zweiwöchige Antwortfrist überschritten sei, geht die Vorinstanz offen-
sichtlich davon aus, dass die dreiwöchige Frist bei all ihren Remonstrati-
onsersuchen vom 24. Juli, 31. Juli und 14. August 2020 eingehalten wor-
den sei und die zweiwöchige Antwortfrist nach jedem Gesuch von Neuem
zu laufen begonnen habe.
7.2
7.2.1 Zur rechtlichen Tragweite der zweiwöchigen Antwortfrist gemäss
Art. 5 Abs. 2 DVO hält der EuGH in seinem Urteil vom 13. November 2018
(Urteil EuGH vom 13.11.2018, X und X, C-47/17 und C-48/17,
ECLI:EU:C:2018:900, nachfolgend Urteil X und X) einleitend fest, dass das
Ausbleiben einer fristgerechten Antwort des ersuchten Mitgliedstaats nicht
als Zustimmung gewertet werden könne, wie es Art. 22 Abs. 7 und Art. 25
Abs. 2 Dublin-III-VO für das Aufnahme- bzw. Wiederaufnahmeverfahren
vorsähen (Rn. 78, 79). Er erinnert jedoch daran, dass Art. 5 Abs. 2 DVO im
Einklang mit den Vorschriften der Dublin-III-VO und den mit dieser verfolg-
ten Zielen auszulegen sei, insbesondere dem in den Erwägungsgründen 4
und 5 dieser Verordnung genannten Ziel, eine klare und praktikable Formel
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für die rasche Bestimmung des für die Prüfung eines Antrags auf internati-
onalen Schutz zuständigen Mitgliedstaats festzulegen, um den effektiven
Zugang zu den Verfahren zur Gewährung eines solchen Schutzes zu ge-
währleisten und das Ziel einer zügigen Bearbeitung der Anträge auf inter-
nationalen Schutz nicht zu gefährden. Dieses Ziel würde, so der EuGH,
nicht beachtet, hätte die zweiwöchige Antwortfrist gemäss Art. 5 Abs. 2
DVO nur hinweisenden Charakter (Rn. 81, 82). Vor diesem Hintergrund
legt der EuGH Art. 5 Abs. 2 DVO dahingehend aus, dass sich der mit einem
Remonstrationsgesuch konfrontierte Mitgliedstaat im Geist der loyalen Zu-
sammenarbeit bemühen müsse, das Gesuch innerhalb einer Frist von zwei
Wochen zu beantworten. Antworte er nicht innerhalb dieser Frist, sei das
Remonstrationsverfahren endgültig abgeschlossen, und der ersuchende
Mitgliedstaat sei als zuständiger Mitgliedstaat zu betrachten, es sei denn,
ihm stehe die für die Stellung eines erneuten Gesuchs um Aufnahme oder
Wiederaufnahme erforderliche Zeit innerhalb der dazu in Art. 21 Abs. 1
bzw. Art. 23 Abs. 2 Dublin-III-VO vorgesehenen zwingenden Fristen zur
Verfügung (Rn. 86, 87, 90).
7.2.2 Zum Vorbehalt der nicht abgelaufenen Frist für ein erneutes Auf-
nahme- bzw. Wiederaufnahmegesuch äussert sich der EuGH nicht. Wie
aber der Generalanwalt in seinen Schlussanträgen festhält, legen Art. 22
Abs. 1 und 6 und Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO die Rechtsfolgen einer ableh-
nenden Antwort des ersuchten Mitgliedstaats auf ein Aufnahme- oder Wie-
deraufnahmegesuch nicht fest. Der ersuchende Mitgliedstaat wird daher
mit der Ablehnung nicht automatisch zuständig. Zwei Optionen verbleiben
ihm. Zum einen kann er, sofern die in den Art. 21 und 23 Dublin-III-VO ge-
regelten zwingenden Fristen eingehalten werden, ein neues Aufnahme-
oder Wiederaufnahmeverfahren bei einem anderen Mitgliedstaat als dem
ersuchten Mitgliedstaat stellen, das gegebenenfalls zur Zuständigkeit die-
ses anderen Mitgliedstaates führt. Zum anderen kann er gestützt auf Art. 5
Abs. 2 DVO mit einem Remonstrationsgesuch an den zuerst ersuchten Mit-
gliedstaat gelangen (Schlussanträge des Generalanwalts M. Wathelet vom
22.03.2018, X und X, C-47/17 und C-48/17, ECLI:EU:C:2018:212, Rn. 108-
110). Die erste Option bleibt ihm erhalten, wenn der im Remonstrationsver-
fahren ersuchte Mitgliedstaat die Zustimmung erneut verweigert oder nicht
innert der zweiwöchigen Frist des Art. 5 Abs. 2 DVO antwortet. Dass sich
ein neues Aufnahme- bzw. Wiederaufnahmegesuch an einen anderen Mit-
gliedstaat richten muss, ergibt sich im Übrigen bereits aus der Tatsache,
dass ansonsten dem Remonstrationsverfahren, welches im Gegensatz
zum Aufnahme- bzw. Wiederaufnahmeverfahren (vgl. Art. 22 Abs. 7 und
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Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO) keine für den ersuchten Mitgliedstaat nachtei-
ligen Rechtsfolgen vorsieht, falls er nicht oder nicht innert Frist antwortet,
weitgehend der Anwendungsbereich entzogen wäre.
7.2.3 Im Koordinationsurteil F-184/2019 vom 28. August 2019 (publiziert
als BVGE 2019 VI/4) glich das Bundesverwaltungsgericht seine bisherige
Rechtsprechung derjenigen des EuGH im Urteil X und X an und hielt erst-
mals fest, dass der ersuchte Mitgliedstaat seine Zustimmung zu einem Re-
monstrationsgesuch rechtswirksam nur innerhalb der zweiwöchigen Ant-
wortfrist des Art. 5 Abs. 2 DVO erteilen kann. Lehnt der ersuchte Mitglied-
staat seine Zuständigkeit ab oder antwortet er nicht innert der genannten
zweiwöchigen Frist des Art. 5 Abs. 2 DVO, wird der ersuchende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat, es sei denn die zwingenden Fristen
der Art. 21 Abs. 1 bzw. Art. 23 Abs. 2 Dublin-III-VO für die Stellung eines
erneuten Gesuchs um Aufnahme und Wiederaufnahme sind noch nicht ab-
gelaufen. Sofern diese eingehalten werden können, kann der ersuchende
Mitgliedstaat noch ein neues Aufnahme- oder Wiederaufnahmegesuch bei
einem anderen Mitgliedstaat als dem ersten ersuchten Mitgliedstaat stel-
len, das gegebenenfalls zu dessen Zuständigkeit für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz führt. Gegenüber dem ersten ersuchen
Mitgliedstaat, der das Aufnahme- bzw. Wiederaufnahmegesuch ablehnte
und das nachfolgende Remonstrationsgesuch ebenfalls ablehnte bzw. da-
rauf nicht fristgerecht antwortete, besteht eine solche Möglichkeit nicht (vgl.
BVGE 2019 VI/4 E. 8.4; CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin-III-
Verordnung, das europäische Asylzuständigkeitssystem, Wien 2014, zu
Art. 5 DVO K4).
7.3 Was für die zweiwöchige Antwortfrist gilt, muss folgerichtig auch für die
dreiwöchige Frist für das Remonstrationsersuchen gelten. Dies ergibt sich
schon aus der Formulierung in Art. 5 Abs. 2 DVO ("Diese Möglichkeit [neu-
erliche Prüfung des Gesuchs] muss binnen drei Wochen nach Erhalt der
ablehnenden Antwort in Anspruch genommen werden"). Zudem wäre die
Möglichkeit, nach einer jeweiligen Ablehnung des ersuchten Mitgliedstaa-
tes immer wieder von Neuem ein Gesuch einreichen zu können, mit dem
obgenannten Ziel einer zügigen Bearbeitung der Anträge auf internationa-
len Schutz nicht vereinbar. Die dreiwöchige Frist im Remonstrationsverfah-
ren ist als absolute Frist zu verstehen, welche strikt einzuhalten ist. Sie
beginnt mit Erhalt der ablehnenden Antwort gemäss Art. 22 Abs. 1 und 6
Dublin-III-VO bzw. Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO und endet nach Ablauf von
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drei Wochen. Die Auffassung, dass diese Frist von Neuem zu laufen be-
ginnt, wenn das Remonstrationsersuchen abgelehnt wird, entspricht nicht
dem Sinn und Zweck von Art. 5 Abs. 2 DVO.
7.4 Im vorliegenden Fall lehnten die rumänischen Behörden das Wieder-
aufnahmegesuch am 21. Juli 2020 ab. Die dreiwöchige Frist endete somit
am 11. August 2020. Das am 14. August 2020 gestellte Gesuch erfolgte
drei Tage nach Ablauf der Frist und konnte somit keine zweiwöchige Ant-
wortfrist mehr auslösen. Ausgehend von dem letzten rechtzeitig gestellten
Gesuch am 31. Juli 2020 hätte die fristgerechte Zustimmung der rumäni-
schen Behörden somit am 14. August 2020 erfolgen müssen. Dass die ru-
mänischen Behörden am 27. August 2020 der Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers doch noch zustimmten, vermag nichts daran zu ändern,
dass das Remonstrationsverfahren am 14. August 2020 seinen definitiven
Abschluss fand. Weil Ende August 2020 (zwei Monate nach der Eurodac-
Treffermeldung) auch die Frist zur Stellung eines erneuten Wiederaufnah-
megesuchs bei einem anderen Mitgliedstaat – ein solcher ist aus den Akten
ohnehin nicht ersichtlich – abgelaufen ist, ist die Schweiz für die Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht verletzt. Sie ist in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben
und die Sache mit der Weisung an die Vorinstanz zurückzuweisen, das
Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen.
9.
Mit diesem Urteil wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung der Beschwerde gegenstandslos.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahren sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG), weshalb es sich erübrigt, über das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege zu befinden. Dem vertretenen
Beschwerdeführer ist ferner keine Parteientschädigung zuzusprechen, da
es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung
im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach
Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater
AsylG).
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Seite 11
11.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).