Decision ID: 55a5d8a5-0397-4685-84de-62e9ef9f04dd
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (alias B._, geb. [...]) ersuchte am 22. Juli
2022 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerab-
druck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass er am 23. Januar
2020 in Deutschland und am 14. September 2021 in Frankreich Asylgesu-
che eingereicht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 5. August 2022 das recht-
liche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit einer Überstellung nach Frankreich. Er erklärte, er sei am 12. Februar
2021 – nach seinem ersten Asylantrag in Deutschland – nach Georgien
zurückgekehrt. Am 30. Mai 2021 habe er Georgien wiederum Richtung Po-
len verlassen und im September 2021 in Frankreich ein Asylgesuch ge-
stellt. Er habe Georgien wegen ihm feindlich gesinnten Personen verlas-
sen. Dieselben Personen würden sich auch in Frankreich aufhalten, wes-
halb er nicht dorthin zurückgehen könne. Er sei einige Male knapp mit dem
Leben davongekommen und sei aufgrund dessen und wegen seiner ge-
sundheitlichen Probleme in die Schweiz gekommen.
In Bezug auf seinen Gesundheitszustand gab der Beschwerdeführer an,
es gehe ihm schlecht. Er habe ein Trauma im Kopfbereich und Probleme
mit der Wirbelsäule. Zudem werde er etwa 2-3 Mal im Monat ohnmächtig.
Er sei deshalb bei C._ gewesen und seine Lungen seien geröntgt
worden. Er wisse nicht, wie die Behandlung weitergehe. Die Kommunika-
tion mit der Pflege sei eher schwierig. Man werde dort sehr oberflächlich
behandelt und bekomme immer dieselben Medikamente.
C.
Die französischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM um Über-
nahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), am
23. August 2022 gut.
D.
Mit Verfügung vom 16. September 2022 (eröffnet am 23. September 2022)
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trat das SEM (im Folgenden: die Vorinstanz) auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Wegweisung nach Frankreich
an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerde-
frist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung der editions-
pflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den
Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Am 30. September 2022 gelangte der Beschwerdeführer an das Bundes-
verwaltungsgericht mit den Anträgen, die angefochtene Verfügung sei auf-
zuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutre-
ten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen. Fer-
ner ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wirkung, Anweisung an
die Vorinstanz, von einer Überstellung abzusehen, bis über die Erteilung
der aufschiebenden Wirkung entschieden worden sei, sowie um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung.
F.
Am 3. Oktober 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG
und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Nachdem die französischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-
III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zu-
gestimmt haben, ist die Zuständigkeit Frankreichs grundsätzlich gegeben.
3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
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3.4. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
4.
4.1. Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe sich rund 10 Monate in
Frankreich aufgehalten, aber sein Asylverfahren sei dort nicht an die Hand
genommen worden. Er werde in Frankreich von Landsleuten verfolgt, die
mit ihm verfeindet seien und denen er mehrmals nur knapp entkommen
sei. Da er in Frankreich keinen Schutz erhalten und um sein Leben ge-
fürchtet habe, sei er in die Schweiz gekommen. Hier fühle er sich sicher.
Die Zuständigkeit Frankreichs sei ausgeschlossen und das Dublin-Verfah-
ren gelange nicht zur Anwendung, da Frankreich als Verfolgerstaat gelte.
Darüber hinaus leide er an psychischen Problemen. Am 16. August 2022
habe er die Pflege aufgesucht und dieser berichtet, dass er aufgrund einer
älteren Verletzung am Hinterkopf mehrmals wöchentlich ohnmächtig
werde.
4.2. Die französischen Behörden haben das Gesuch der Vorinstanz um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d der
Dublin-III-VO gutgeheissen. Daraus lässt sich schliessen, dass entgegen
der Behauptung des Beschwerdeführers in Frankreich ein Asylverfahren
durchgeführt und sogar abgeschlossen worden ist. Da er im Dublin-Ge-
spräch zu Protokoll gegeben hat, dass er sich vor seiner Einreise in die
Schweiz zwei Monate in Deutschland aufgehalten habe, ist zudem auch
ein angeblich 10-monatiger Aufenthalt in Frankreich nicht glaubhaft. Aus
seinem Vorbringen, wonach ihm in Frankreich kein Schutz vor seinen an-
geblichen Verfolgern gewährt worden sei, kann er nichts zu seinen Guns-
ten ableiten. Die von ihm in diesem Zusammenhang zitierte Rechtspre-
chung ist vorliegend nicht einschlägig. Der Beschwerdeführer ist aus Ge-
orgien und gerade nicht aus Frankreich geflohen. Er hat sich lediglich wäh-
rend wenigen Monaten in Frankreich aufgehalten und kann gegenüber die-
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sem Staat offensichtlich keine Asylgründe geltend machen. Sein Asylge-
such richtet sich denn auch nicht gegen den Dublin-Staat Frankreich
(vgl. Urteil des BVGer F-5269/2019 vom 16. Oktober 2019). Zudem ist aus
den knappen und pauschalen Ausführungen nicht nachvollziehbar, inwie-
fern dieselben Personen gleichzeitig sowohl in seinem Heimatland als
auch in Frankreich eine Gefahr für den Beschwerdeführer darstellen sollen.
Frankreich ist ein funktionierender Rechtsstaat und die französischen Be-
hörden sind grundsätzlich gewillt und fähig, staatlichen Schutz vor allfälli-
gen Verfolgungen zu gewähren. Der Beschwerdeführer kann sich somit bei
einer allfälligen Bedrohung durch Dritte an die lokalen französischen Poli-
zeibehörden wenden.
4.3. Auch die nicht näher definierten psychischen Probleme des Beschwer-
deführers stellen kein Hindernis für eine Überstellung nach Frankreich dar.
In Bezug auf die Verletzung am Hinterkopf und den Allgemeinzustand des
Beschwerdeführers wurde anlässlich des Arztbesuchs vom 16. August
2022 nichts Negatives oder Auffälliges festgestellt. Es liegen deshalb keine
konkreten Anhaltspunkte vor, wonach die Gesundheit des Beschwerdefüh-
rers bei einer Überstellung ernsthaft gefährdet würde. Selbst wenn eine
medizinische Behandlung notwendig werden sollte, gibt es keinen Grund
zur Annahme, dass dem Beschwerdeführer diese in Frankreich verweigert
werden würde.
4.4. Zusammenfassend ist die Schweiz weder völkerrechtlich verpflichtet,
auf das Asylgesuch einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, wel-
che einen Selbsteintritt nahelegen würden.
5.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten
und hat die Wegweisung nach Frankreich angeordnet.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 3. Oktober 2022 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos
geworden.
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7.
7.1. Die gestellten Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet ei-
ner allfälligen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1
VwVG).
7.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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