Decision ID: d38e6c41-ddcd-566f-aa5a-b246ebed369f
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1987 geborene A. _ (nachfolgend: Versicherter oder Beschwerdefüh-
rer) meldete sich im April 2017 unter Angabe von psychischen Belastungen zum Bezug
von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Die IV- Stelle des Kantons Appen-
zell Ausserrhoden (nachfolgend: IV-Stelle oder Vorinstanz) tätigte die erwerblichen und
medizinischen Abklärungen und zog namentlich ein Gutachten der Psychiatrischen Dienste
des Spitals B. _ vom 2. September 2015 bei, welches im Zusammenhang mit einem
gegen den Versicherten geführten Strafverfahren angefertigt worden war (vgl. IV-act. 19).
Am 27. Februar 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie ihm Beratung und
Unterstützung bei der Stellensuche gewähre (IV-act. 36). Vom 16. April bis 15. Juli 2018
fand eine berufliche Abklärung des Versicherten im C. _ statt (vgl. den Eingliede-
rungsbericht vom 12. Juli 2018; IV-act. 57). In seiner Stellungnahme vom 17. Oktober 2018
erklärte der Regionale Ärztliche Dienst (RAD), aus versicherungsmedizinischer Sicht be-
stehe beim Versicherten aktuell und auf nicht absehbare Zeit kein Eingliederungspotential,
worauf die IV-Stelle am 18. Oktober 2018 die Mitteilung an den Versicherten erliess, dass
Arbeitsvermittlung aktuell nicht möglich sei (IV-act. 65). In der Folge gab sie beim Psychiat-
rischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden, Dr. D. _, ein psychiatrisches Gutachten in
Seite 3
Auftrag (vgl. IV-act. 75), welches am 26. März 2019 geliefert wurde (IV-act. 78). Mit Vorbe-
scheid vom 29. Mai 2019 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die Abweisung des Leis-
tungsbegehrens in Aussicht (IV-act. 81). Dagegen liess der Versicherte durch RA AA.
_ am 10. Juli bzw. 5. August 2019 Einwand erheben (IV-act. 85/86). Die IV-Stelle
verfügte am 3. September 2019 im Sinne des Vorbescheids (IV-act. 87; act. 2).
B. Gegen die betreffende Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde des durch RA
AA. _ vertretenen Versicherten vom 7. September 2019 mit dem eingangs gestellten
Rechtsbegehren (act. 1). Mit Schreiben vom 18. September 2019 zeigte der Rechtsvertre-
ter des Versicherten an, dieser habe seit März 2019 seinen Wohnsitz in E. _ (act. 4).
Am 3. Oktober 2019 reichte die IV-Stelle ihre Vernehmlassung ein, in welcher sie auf
Abweisung der Beschwerde schloss (act. 7). Mit Schreiben vom 29. Oktober 2019 teilte der
Rechtsvertreter des Versicherten dem Obergericht mit, dass dieser neu in D-F. _
wohne (act. 12). Mit Replik vom 12. November 2019 hielt der Beschwerdeführer an seinem
Rechtsbegehren fest (act. 13). Die IV-Stelle verzichtete auf die Einreichung einer Duplik
(vgl. act. 14).
C. Mit Verfügung des Einzelrichters vom 22. November 2019 wurde dem Beschwerdeführer
die unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung für das vorliegende Verfahren
gewährt (act. 15).
D. Die Parteien verzichteten auf eine mündliche Verhandlung (vgl. act. 10 und 14).

Considerations:
Erwägungen
1. 1.1
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht als kantonales Versi-
cherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen. Die örtliche Zu-
ständigkeit ist nach Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die In-
validenversicherung (IVG, SR 831.20) gegeben.
1.2
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
letztere sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form-
und Fristerfordernisse erfüllt sind (Art. 1 Abs. 1 und Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG, Art. 60 Abs. 1
Seite 4
und Art. 61 lit. b ATSG, Art. 28 lit. b JG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes über
die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
1.3
Gestützt auf Art. 2 der Verordnung über COVID-19-Massnahmen: Gerichte (bGS 113.2)
kann das Obergericht zur Bewältigung der aktuell ausserordentlichen Lage in allen Fällen
auf dem Zirkularweg entscheiden, wenn das Gesetz keine Verhandlung vorschreibt. Ent-
scheide, die auf dem Zirkularweg gefällt werden, bedürfen der Einstimmigkeit (Art. 52
Abs. 2 JG). Da vorliegend keine Durchführung einer Verhandlung vorgeschrieben ist und
die Parteien auf die Durchführung einer solchen verzichteten, hat das Obergericht den vor-
liegenden Entscheid im Zirkularverfahren gefällt.
2. 2.1
Der Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung setzt voraus, dass die versicherte
Person invalid oder von Invalidität unmittelbar bedroht ist. Als Invalidität gilt gemäss Art. 4
IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG die durch einen körperlichen oder geistigen Gesund-
heitsschaden als Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall verursachte, voraus-
sichtlich bleibende oder längere Zeit andauernde Erwerbsunfähigkeit. Gemäss Art. 28
Abs. 2 IVG haben versicherte Personen Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie min-
destens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 %, auf eine halbe
Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie mindestens zu
40 % invalid sind.
2.2
Gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG haben nur diejenigen versicherten Personen Anspruch auf
eine Rente, die während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min-
destens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (sog. Wartejahr). Ein wesentlicher Unterbruch
der Arbeitsunfähigkeit im Sinne dieser Gesetzesbestimmung liegt dann vor, wenn die versi-
cherte Person an mindestens 30 aufeinanderfolgenden Tagen voll arbeitsfähig gewesen ist
(vgl. Art. 29ter der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung [IVV;
SR 831.201]). Die Wartezeit im Sinne von Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG gilt in jenem Zeitpunkt als
eröffnet, in welchem eine deutliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit eingetreten ist. Als
erheblich gilt bereits eine Arbeitsunfähigkeit von 20 % (Urteil des Bundesgerichts
9C_757/2010 vom 24. November 2010 E. 4.1). Unerheblich ist, auf welche gesundheitlich
bedingten Ursachen die Arbeitsunfähigkeit zurückzuführen ist (Kreisschreiben des Bundes-
amtes für Sozialversicherungen [BSV] über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversi-
Seite 5
cherung [KSIH], gültig ab 1. Januar 2015, Rz. 2009). Der Rentenanspruch entsteht frühes-
tens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs (Art.
29 Abs. 1 IVG).
2.3
Zur Feststellung der medizinischen Verhältnisse ist die rechtsanwendende Behörde auf
Unterlagen angewiesen, die ihr von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind
(BGE 122 V 158 f. E. 1b mit zahlreichen Hinweisen). Das Gericht hat diese Unterlagen
nach dem für den Sozialversicherungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdi-
gung (Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle anderen Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm-
liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass
das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stam-
men, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen
eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere
darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess
nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge-
ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsicht-
lich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob dieser für die streiti-
gen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Be-
schwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in
der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizini-
schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten
begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die
Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352
E. 3a, 122 V 160 E. 1c). Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens durch die Behörden
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender Be-
obachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und
bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweis-
würdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zu-
verlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351).
2.4
Nach der Rechtsprechung ist es in sämtlichen Fällen gesundheitlicher Beeinträchtigungen
keineswegs allein Sache der mit dem konkreten Einzelfall (gutachterlich) befassten Arzt-
personen, selber abschliessend und für die rechtsanwendende Stelle (Verwaltung, Gericht)
verbindlich zu entscheiden, ob das medizinisch festgestellte Leiden zu einer (andauernden
oder vorübergehenden) Arbeitsunfähigkeit (bestimmter Höhe und Ausprägung) führt. Auf-
Seite 6
grund dieser tatsächlichen und rechtlichen Gegebenheiten hat die Rechtsprechung seit je-
her die Aufgaben von Rechtsanwender und Arztperson im Rahmen der Invaliditätsbemes-
sung wie folgt verteilt: Sache des (begutachtenden) Mediziners ist es, den Gesundheitszu-
stand zu beurteilen und wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu beschreiben,
das heisst mit den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersuchung unter Berücksichtigung
der subjektiven Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf die Diagnose zu
stellen. Hiermit erfüllt der Sachverständige seine genuine Aufgabe, wofür Verwaltung und
im Streitfall Gericht nicht kompetent sind. Bei der Folgenabschätzung der erhobenen ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit kommt der Arztperson hingegen
keine abschliessende Beurteilungskompetenz zu (BGE 140 V 193 E. 3.1 und 3.2). Von
einer medizinischen Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit kann aus rechtlicher Sicht abge-
wichen werden, ohne dass ein – wie vorliegend grundsätzlich beweiskräftiges – Gutachten
dadurch seinen Beweiswert verlöre. Darin liegt weder eine Geringschätzung der ärztlichen
Beurteilung noch eine gerichtliche Kompetenzanmassung, sondern es ist die notwendige
Folge des rein juristischen Charakters der sozialversicherungsrechtlichen Begriffe von Ar-
beits-/Erwerbsunfähigkeit und Invalidität (Urteil des Bundesgerichts 9C_106/2015 vom
1. April 2015 E. 6.3 mit Hinweis auf Susanne Bollinger, Invalidisierende Krankheitsbilder
nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, in: Jahrbuch zum Sozialversicherungsrecht
2015, herausgegeben von Ueli Kieser und Miriam Lendfers, S. 114).
3. 3.1
Zunächst ist die Frage zu beantworten, ob die medizinische Aktenlage eine rechtsgenügli-
che Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers erlaubt.
3.2
Die IV-Stelle holte zur Klärung des medizinischen Sachverhalts beim Psychiatrischen Zent-
rum Appenzell Ausserrhoden, Dr. D._, ein psychiatrisches Gutachten ein (IV-act. 78).
a) Das Gutachten nennt folgende Diagnosen (IV-act. 78/32):
- Kombinierte Persönlichkeitsstörung mit unreifen und dissozialen Zügen (F61.0)
- Somatoforme Schmerzstörung des oberen Gastrointestinaltraktes (Dyspepsie) bei allge-
meiner vegetativer Hyperlabilität (F45.30)
- Status nach Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhal-
ten (F43.25)
- Nikotinabhängigkeit (F17.25)
- Gebrauch psychotroper Substanzen: Cannabis, Benzodiazepine (Z72.2)
Seite 7
- Anamnestisch exzessives Spielverhalten: Computergames (F63.8)
b) In seiner medizinischen und versicherungsmedizinischen Beurteilung hält der Gutachter
fest, beim Versicherten sei immer deutlicher ein gewisser Minimalismus fassbar geworden,
wenn es darum gegangen sei, sein Leistungspotential in den Dienst einer produktiven Or-
ganisation zu stellen, derweil er im privaten Bereich (z.B. bei der Betreuung des eigenen
Kindes), Besorgen des Gartens der Mutter, Hundebetreuung, Beziehungspflege, Compu-
terspiele etc. durchaus eine gewisse Energie entfaltet habe. Die Ressourcen physischer
und psychomentaler Art seien keineswegs so schlecht, wie der „Lebenserfolg“ vermuten
liesse: Eine vegetativ labile, ansonsten aber gesunde Körperkonstitution mit ausgeprägtem
Schmalwuchs, normale Intelligenz mit (inkompletter) Gymnasialbildung, berufliche Erfah-
rung in verschiedenen Branchen, ordentliches Kommunikationsvermögen. In seinen sozia-
len Ressourcen seien neben den professionellen Helfern (Psychiaterin, Betreuungsteam im
G. _) vor allem seine Angehörigen zu nennen, zum Teil auch der Freund der Mutter
und insbesondere seine Tochter, welche ihm gehörig Auftrieb gebe.
Es bestünden diverse Inkonsistenzen und Diskrepanzen, so dass der subnormale Arbeits-
einsatz des Exploranden nicht ohne weiteres psychiatrisch begründet werden könne. Es
erscheine angesichts seiner durchschnittlichen physischen und psychomentalen Voraus-
setzungen nicht plausibel, dass er kaum je ein volles Arbeitspensum geleistet habe. Es falle
indessen auf, dass die Initiative zur Reduktion der Arbeitsmenge im Wesentlichen von ihm
ausgegangen sei, wobei die gestellten psychiatrischen Diagnosen nicht geeignet gewesen
seien, derart substanzielle Ausfälle zu plausibilisieren. In Anbetracht der aktuellen Untersu-
chungsergebnisse liefere auch das Suchtverhalten des Exploranden keine überzeugende
Erklärung für die anhaltende, minimalistische Fehleinstellung dem Arbeitsbereich gegen-
über. Auf der anderen Seite falle auf, dass der Explorand ausserhalb des Bereichs der Er-
werbsarbeit durchaus Interesse, Motivation und eine gewisse Einsatzbereitschaft aufbringe,
wenn die entsprechenden Aktivitäten seinem privaten respektive familiären Bereich zugute-
kommen.
Die Unwilligkeit, das Leistungspotential in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, könne
dem Kriterium A 6. der DSM-IV-Kriterien für antisoziale Persönlichkeitsstörung zugerechnet
werden, so dass die Persönlichkeitsanomalie des Exploranden vermutlich die plausibelste
Erklärung dafür gebe, warum die Arbeitssozialisation trotz ordentlicher Voraussetzungen
nicht mehr Ertrag gebracht habe. Somit ergäben sich Inkonsistenzen zwischen seinen Ar-
beitsleistungen, dem klinischen Erscheinungsbild und den Aktivitäten, welche er doch
regelmässig und gleichbleibend im privaten Rahmen erbringe. Der Leidensdruck entstehe
Seite 8
bei ihm vor allem aufgrund der fehlenden Anpassungs- und Leistungsbereitschaft bei vege-
tativer Labilität mit erhöhter psychosomatischer Reaktivität.
Wie die Untersuchung auf psychischer und physischer Ebene ergeben habe, lägen hier
keine umschriebenen Funktionsausfälle vor, ebensowenig eine affektive Störung im Sinne
einer Depression oder eines Angstsyndromes, von einer Schizophrenie ganz zu schweigen.
Von daher müssten die Defizite in erster Linie im Bereiche des Sozialverhaltens vermutet
werden, da der Versicherte sich seit der Mittelschule gegen die volle Ausschöpfung seines
Leistungspotentials sträube, um seine Ressourcen in andere Interessen und Lebenssphä-
ren zu investieren (u.a. in den Konsum psychotroper Substanzen). Die Suchtproblematik
liefere indes keine stichhaltige Erklärung dafür, warum der Explorand keine angemessenen
Leistungen erbringe, es sei dies vielmehr ein weiterer Ausdruck des dissozial getönten Le-
bensstils. Die fehlende Leistungsbereitschaft ziehe sich wie ein roter Faden durch die Ado-
leszenten- und Erwachsenenbiographie durch, wobei die geklagten Symptome, heute
vorab auf somatischer Ebene (Magen, Rücken) keine stichhaltige Erklärung für diese sub-
stanziellen Leistungsausfälle lieferten; selbst wenn man von einer gewissen persönlich-
keitsbedingt eingeschränkten Belastbarkeit, einem schwachen Durchhaltevermögen und
einer ineffizienten Arbeitsweise ausgehe, welche das Resultat einer allgemein ungenügen-
den Arbeitssozialisation bei bekannter Persönlichkeitsstörung – plus anhaltendem Canna-
bismissbrauch – sein dürfte. Man könne nicht sagen, dass verschiedene geringfügige
Behinderungen sich zu einer grossen, invalidisierenden Behinderung verdichteten, im Zent-
rum stehe recht eindeutig die kombinierte Persönlichkeitsstörung, welche die Einstellung
und das Verhalten des Versicherten gegenüber dem Leistungsbereich relativ eindeutig
präge. In diesem Sinne seien neben einem „abnormen, maladaptiven Krankheitsverhalten“
mit Aggravationstendenz, Selbstlimitierung, Schonverhalten und Verharren in der Kranken-
rolle, subjektiver Leistungsinsuffizienz und mangelhafter Leistungsmotivation auch noch
eine Anzahl IV-fremder Faktoren anzuführen: So natürlich die Arbeitsverhinderung durch
den Gefängnisaufenthalt, die fehlende Berufsbildung, die mangelhafte Arbeitssozialisation,
das belastende Privatleben sowie letztlich seine Mentalität, welche die persönlichen Bedürf-
nisse im Privatbereich gegenüber dem Allgemeinnutzen klar in den Vordergrund stelle.
c) Bezüglich Arbeitsfähigkeit seien Unterhaltsarbeiten im Gartenbereich als angestammte
Tätigkeit zu betrachten. Im jetzigen Zustand des Versicherten erschienen 6 Stunden durch-
aus als zumutbare Präsenzzeit. Während dieser Anwesenheitszeit liege in Anbetracht des
in der Begutachtung gezeigten Einsatzes und der physischen Verfassung eine Leistungs-
einschränkung nicht unbedingt auf der Hand, höchstens in der Anfangsphase. Unter dem
Strich könne von einer zumutbaren Arbeitsfähigkeit von 60 % ausgegangen werden, wobei
Seite 9
durch Trainingseffekte und Routinisierung eine mittelfristige Steigerung aus medizinischer
Sicht nicht ausgeschlossen wäre.
Was eine Verweistätigkeit betreffe, müsste eine optimal angepasste Tätigkeit das grösst-
mögliche Interesse des Exploranden wecken, da dessen Fokussierung und Engagement
sehr stark abhängig seien, ob ihn eine Tätigkeit persönlich interessiere oder nicht. Dabei
seien Tätigkeiten im Umgang mit Pflanzen durchaus genehm. No-gos wären dagegen aus-
geprägter Plastikgeruch, zuviel Lärm und ein „ungerechter“ Chef, welcher vom Exploranden
als willkürlich wahrgenommen und abgelehnt würde. Auch hier wären mindestens 6 Stun-
den Präsenzzeit am Tag zumutbar, auch wenn die Motivation des Exploranden auf ein ge-
ringeres Pensum abzielen sollte. Während dieser Anwesenheitszeit könnten sich die
Dekonditionierung, die verminderte Eigenmotivationsfähigkeit, die wenig effiziente Arbeits-
weise und eine persönlichkeitsbedingte Abneigung gegen allzuviel Integration als limitie-
rend auswirken, was jedoch aufgrund des geringen Krankheitswertes höchstens mit 5 bis
10 % Leistungsverminderung berücksichtigt werden könnte. Unter Gewährung einer gewis-
sen Anlaufzeit könne mit einer Arbeitsfähigkeit von rund 60 % gerechnet werden (länger-
fristig allenfalls bis 70 %).
4. 4.1
a) Gemäss der für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische
Leiden entwickelten Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die tatsächliche Arbeits- und
Leistungsfähigkeit der versicherten Person grundsätzlich in einem strukturierten, ergebnis-
offenen Beweisverfahren anhand von auf den funktionellen Schweregrad bezogenen Stan-
dardindikatoren zu ermitteln (BGE 141 V 281). Mit BGE 143 V 418 hat das Bundesgericht
erkannt, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Be-
weisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen seien, wobei es je nach Krankheitsbild
allenfalls gewisser Anpassungen hinsichtlich der Wertung einzelner Indikatoren bedürfe.
Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem
Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen
Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (E. 7). In BGE 145 V 215 hat das Bun-
desgericht die Anwendbarkeit des strukturierten Beweisverfahrens schliesslich auch auf
Suchterkrankungen (primäre Abhängigkeitssyndrome) ausgedehnt.
b) Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens sind als Standardindikatoren die folgen-
den Aspekte massgebend (BGE 141 V 281 E. 4.1.3):
Seite 10
Kategorie "funktioneller Schweregrad"
- Gesundheitsschädigung (Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde; Behandlungs-
und Eingliederungserfolg oder -resistenz; Komorbiditäten)
- Persönlichkeit (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Ressourcen)
- Sozialer Kontext
Kategorie "Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens)
- gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren
Lebensbereichen
- behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck
c) Diese Standardindikatoren erlauben – unter Berücksichtigung leistungshindernder
äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotenzialen (Ressourcen) an-
derseits – das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281
E. 3.4 ff. und E. 4.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_260/2017 vom 1. Dezember 2017 E.
4.2.3). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig,
wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen An-
spruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und wider-
spruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es
daran, hat die Folgen der Beweislosigkeit (nach wie vor) die materiell beweisbelastete ver-
sicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2).
4.2
Die IV-Stelle führte in ihrer rentenablehnenden Verfügung (act 2 = IV-act. 87) unter Zugrun-
delegung der Indikatorenprüfung (IV-act. 80) aus, bei ausgewiesenem noch aktivem Akti-
vitätsniveau im Haushalt, bei der Betreuung der Tochter in der Freizeit, sei bei gesamthaf-
ter Betrachtung über alle massgeblichen Indikatoren hinweg eine Anerkennung einer Inva-
lidität überwiegend wahrscheinlich nicht gegeben. Es sei von einer 100%igen Arbeitsfähig-
keit für adaptierte Tätigkeiten auszugehen. Der Beschwerdeführer seinerseits nahm in sei-
nen Rechtsschriften keine systematische Prüfung der Standardindikatoren vor.
4.3
Vorliegend attestierte der Gutachter dem Versicherten aus psychiatrischer Sicht eine
60%ige Arbeitsunfähigkeit für die bisherige Tätigkeit. Hinsichtlich einer Verweistätigkeit ging
er ebenfalls von einer Arbeitsfähigkeit von 60 % aus, wobei er diesbezüglich längerfristig
eine Steigerung auf 70 % für möglich hielt. Im Folgenden sind diese Einschätzungen des
Mediziners aus juristischer Sicht, d. h. anhand der Standardindikatoren, zu prüfen:
Seite 11
a) Das psychiatrische Gutachten ging wie erwähnt vom Vorliegen von oben (vgl. E. 3.2
lit. a) beschriebenen Diagnosen aus. Soweit der Beschwerdeführer zunächst bemängelt,
der Gutachter habe es unterlassen, eine Aufteilung in Diagnosen mit und ohne Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit vorzunehmen, schadet dies nicht, zumal jener auch nicht erläutert,
dass sich aufgrund der unterbliebenen Unterteilung falsche Schlussfolgerungen ergeben
hätten. Nebenbei ist darauf hinzuweisen, dass der „Standardfragekatalog für Begutachtung“
ebenfalls keinen bestimmten Aufbau der Diagnoseliste verlangt (vgl. IV-act. 74). Was nun
den Schweregrad der vom Gutachter hergeleiteten Diagnosen betrifft, gelangt dieser letzt-
lich klar zum Schluss, dass bei integrativer Betrachtung das Störungsbild des Exploranden
im Quervergleich nur als leicht, allenfalls leicht bis mittelgradig (in Überforderungs- und
Belastungssituationen) einzuschätzen sei (Gutachten, S. 38 f.). Aufgrund der Untersuchung
würden beim Versicherten auf psychischer und physischer Ebene keine umschriebenen
Funktionsausfälle vorliegen (Gutachten, S. 43). Dieses Fazit wird durch weitere Angaben
im Gutachten untermauert. So zeigte schon das sog. Mini-ICF-APP (mit Ausnahme der
Wegefähigkeit) keine bzw. höchstens leichte bis mittelgradige Beeinträchtigungen auf (Gut-
achten, S. 26 ff.). Weiter fällt etwa ins Gewicht, dass das Vorliegen einer Depression aus-
drücklich verneint wird. Sodann wird auch hinsichtlich des beim Versicherten anhaltenden
Cannabis-Missbrauchs, also der Suchtproblematik, festgehalten, diese liefere keine stich-
haltige Erklärung dafür, warum der Explorand keine angemessenen Leistungen erbringe.
Im Übrigen sind beim Beschwerdeführer verschiedene – vom Gutachter zutreffend als sol-
che erkannte – psychosoziale Belastungsfaktoren dokumentiert. Genannt werden diesbe-
züglich der Gefängnisaufenthalt, die fehlende Berufsbildung, die mangelhafte Arbeitssozia-
lisation, das belastete Privatleben sowie letztlich die Mentalität, welche die persönlichen
Bedürfnisse im Privatbereich gegenüber dem Allgemeinnutzen klar in den Vordergrund
stelle. Solche Faktoren sind als nicht invalidisierende und damit nicht versicherte Umstände
auszuscheiden (Urteil des Bundesgerichts 9C_549/2015 vom 29. Januar 2016 E. 4.3 mit
Verweis auf BGE 141 V 281 E. 4.3.1.1).
b) Weitere wichtige Indikatoren für die Ermittlung der Schwere eines Gesundheitsschadens
sind Behandlungs- und Eingliederungserfolg. Scheitern lege artis und mit optimaler Koope-
ration durchgeführte Therapien, deutet dies auf eine negative Prognose hin. Psychische
Störungen gelten nach der Rechtsprechung nur invalidisierend, wenn sie schwer und the-
rapeutisch nicht mehr angehbar sind (BGE 141 V 281 E. 4.3.1.2). Den gutachterlichen An-
gaben zur Therapie ist zu entnehmen, der Versicherte habe während des Strafvollzugs im
Saxerriet eine deliktzentrierte, forensische Psychotherapie erhalten; jetzt, in der Bewäh-
rungsphase, würden Medikamente nur noch als Reserve eingesetzt, die Medikation richte
sich nach dem aktuellen Spannungszustand des Versicherten. Die Psychotherapeutin des
Versicherten, Frau Dr. H. _, die ihre Therapie anscheinend schon während des Straf-
Seite 12
vollzugs begann, hatte erklärt, seit die Bewährungszeit abgelaufen sei und der gerichtliche
Druck fehle, sei fraglich, wie die Therapie weitergehen könne. Der Versicherte mache aber
anscheinend nur sparsam Gebrauch von seinen Medikamenten (Gutachten, S. 32). Der
Gutachter schildert in Bezug auf das weitere mögliche Vorgehen, da es keine spezifisch
leistungssteigernde psychiatrische Behandlung gebe, könnte man an den bisherigen Be-
handlungsmodalitäten grundsätzlich festhalten. Im Zuge erhöhter Leistungsanforderungen
könnte der Explorand allerdings auf eine Intensivierung der führend-stützenden Psychothe-
rapie angewiesen sein, wobei der deliktorientierte Ansatz entsprechend erweitert werden
müsste. Auch sei denkbar, dass er unter erhöhten Anforderungen vermehrt auf die Gabe
sedierender Substanzen ohne Suchtpotential angewiesen sein könnte (Gutachten, S. 47).
Gemäss diesen Angaben kann also nicht davon die Rede sein, dass beim Versicherten
keinerlei therapeutisches Potential mehr besteht. Was noch die Frage nach dem bisherigen
Eingliederungserfolg betrifft, hatte vom 16. April bis 15. Juli 2018 eine berufliche Abklärung
des Versicherten im C. _ stattgefunden. Dem betreffenden Eingliederungsbericht
vom 12. Juli 2018 ist zu entnehmen, die Arbeitsgrundvoraussetzungen würden als positiv
bewertet. Eher negativ sei der Perfektionismus zu werten, der den Versicherten bei der Ar-
beitsquantität behindere. Bei grösserem Informationsfluss stosse der Versicherte schnell an
seine Grenzen. Gegen Ende der Massnahme hatten sich die Absenzen anscheinend immer
mehr gehäuft. Der Beschwerdeführer habe sich schliesslich auch ablehnend gegenüber
einer Weiterführung in Form eines geschützten Arbeitsplatzes geäussert (IV-act. 57). Laut
diesen Informationen kann also nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Ein-
gliederung des Versicherten trotz einer optimalen Kooperation misslungen ist.
c) Hinsichtlich der Frage nach dem Vorliegen von „Komorbiditäten“ ist zu beachten, dass
Störungen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich bedeutsame Komorbi-
dität in Betracht fallen, wenn ihnen im konkreten Fall ressourcenhemmende Wirkung bei-
zumessen ist (BGE 143 V 418 E. 8.1). Vorliegend führte der Gutachter aus, beim
Beschwerdeführer würden psychosomatisch anmutende Oberbauchbeschwerden vorlie-
gen, welche bisher nicht als organisch bedingt eingestuft werden konnten. Diese wiesen
Züge einer somatoformen Störung auf, zumal diese Phänomene durchaus stressabhängig
auftreten würden und überdies Teil einer allgemeinen vegetativen Hyperlabilität seien, wel-
che sich auch in übertriebener Schweissneigung, Hypoglykämie, Hypotonie und weiteren
Befindlichkeitsstörungen manifestierten (Gutachten, S. 37). Eine ressourcenhemmende
Wirkung kann aus diesen Beschwerden nicht abgeleitet werden; gerade auch der Gutach-
ter selber hatte an anderer Stelle geschrieben, dass die heute vorab auf somatischer
Ebene geklagten Symptome keine stichhaltige Erklärung für die beim Versicherten vorlie-
genden Leistungsausfälle lieferten (Gutachten, S. 43).
Seite 13
d) Was den Komplex „Persönlichkeit“ betrifft, wurde beim Beschwerdeführer wie erwähnt
eine kombinierte Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Ebenso wurde schon darauf hinge-
wiesen, dass der Gutachter das psychiatrische Störungsbild nur als leicht, gegebenenfalls
leicht bis mittelgradig, eingestuft hat. Gerade was die Arbeitsfähigkeit angehe, lasse sich
der subnormale Arbeitseinsatz des Exploranden nicht ohne weiteres psychiatrisch begrün-
den. Es sei angesichts der durchschnittlichen physischen und psychomentalen Vorausset-
zungen nicht plausibel, dass der Versicherte kaum je ein volles Arbeitspensum geleistet
habe. Dasselbe gelte für das Suchtverhalten. Der Gutachter beschreibt den Versicherten
als eine Person, bei der sich die fehlende Leistungsbereitschaft wie ein roter Faden durch
seine Adoleszenten- und Erwachsenenbiographie ziehe. Derweil dieser gegenüber dem
Arbeitsbereich eine anhaltende, minimalistische Fehleinstellung an den Tag lege, falle auf,
dass er ausserhalb des Bereichs der Erwerbsarbeit durchaus Interesse, Motivation und
eine gewisse Einsatzbereitschaft aufbringe, wenn die entsprechenden Aktivitäten seinem
privaten bzw. familiären Bereich zugutekämen (Gutachten, Ziffer 7.3 und 7.4).
e) Was den Komplex „Sozialer Kontext“ betrifft, ist im Sinne des Gutachtens festzustellen,
dass der Versicherte über gute Ressourcen verfügt. Allen voran ist dessen Tochter zu nen-
nen, die er als seinen Lebensinhalt bezeichnet, wobei die Kindsmutter bereits im Jahr 2015
verstorben ist. Laut Gutachten pflege der Beschwerdeführer aber eine neue Beziehung zu
einer Frau, die in E. _ lebe. Im Übrigen beschreibt das Gutachten auch ein intaktes
Verhältnis des Versicherten zu seiner Mutter und deren Lebenspartner (Gutachten,
S. 15 f.).
f) Unter der Kategorie „Konsistenz“ wird sodann zunächst verlangt dass eine gleichmäs-
sige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen beste-
he. Diesbezüglich fallen hier zunächst im Sinne obiger Ausführungen die vollends ausblei-
benden Leistungen im Erwerbsbereich ins Gewicht. Geradezu diskrepant dazu stehen aber
eben die Aktivitäten, die der Beschwerdeführer privat betreibt. Laut Gutachten entfalte der
Versicherte in diesem Bereich, etwa in Form der Betreuung des eigenen Kindes, Besorgen
des Gartens der Mutter, Hundebetreuung, Beziehungspflege, Computerspiele etc. durch-
aus eine gewisse Energie (Gutachten, S. 39). Darüber hinaus übe er sich im Boxen und im
Thai Chi, eine Anmeldung im Fitness Center sei bereits geplant (Gutachten, S. 16). Bemer-
kenswert ist schliesslich auch, dass der Beschwerdeführer seinen Wohnsitz unterdessen
offenbar nach F. _, hoch im Norden Deutschlands, verlegt hat (vgl. act. 12), wobei
die näheren Umstände dieses Umzugs dem Gericht nicht bekannt gegeben wurden. Bereits
im März 2019 hatte der Versicherte offenbar einen Wohnsitzwechsel von I._ nach E.
_ vollzogen (vgl. act. 4). Was schliesslich die Frage nach einem behandlungs- und
eingliederungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdruck betrifft, erwähnt das Gutachter
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zwar einerseits einen Leidensdruck mit Blick auf die fehlende Anpassungs- und Leistungs-
bereitschaft bei vegetativer Labilität mit erhöhter psychoaktiver Reaktivität. Gegenteilig prä-
sentieren sich freilich die Angaben im Gutachten, wo der Beschwerdeführer zu seiner all-
gemeinen Befindlichkeit befragt wurde: Hierbei hatte er angegeben, er sei zu 70 % zufrie-
den, da ihm seine mittlerweile 4-jährige Tochter sehr viel gebe (Lächeln); sie sei schon seit
langem sein hauptsächlicher Lebensinhalt. Diesbezüglich herrsche bei ihm sogar volle Zu-
friedenheit. Auch der Schlaf sei bei ihm zufriedenstellend (Gutachten, S. 8). Unter Würdi-
gung dieser Umstände besteht hier gesamthaft kein Raum für die Annahme eines über-
mässigen Leidensdrucks.
5. Zusammenfassend kann im vorliegenden Fall unter Berücksichtigung der neuen bundesge-
richtlichen Rechtsprechung (vgl. Urteile 8C_703/2018 vom 13. Juni 2019, 8C_635/2018
vom 21. Dezember 2018, 8C_154/2018 vom 13. Dezember 2018 und 8C_628/2018 vom
31. Oktober 2018) nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen wer-
den, dass die psychischen Störungen einen IV-relevanten Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
zeitigen. Dem psychiatrischen Gutachten, welches sich in den übrigen Bereichen als um-
fassend und schlüssig präsentiert, kann in Bezug auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
somit nicht gefolgt werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei
Ausschöpfung seiner vorhandenen Ressourcen in der Lage ist, eine leidensangepasste
Beschäftigung in leistungsausschliessendem Ausmass zu verrichten. Da das strukturierte
Beweisverfahren keinen Nachweis für die IV-rechtliche Relevanz der beim Beschwerdefüh-
rer bestehenden Diagnose ergeben hat, treffen diesen die negativen Folgen der Beweislo-
sigkeit. Wird demnach die massgebende Mindest-Schwelle für einen Rentenanspruch im
Ergebnis nicht erreicht, erweist sich die angefochtene Verfügung als rechtens, was zur Ab-
weisung der Beschwerde führt.
6. 6.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren um die Bewilligung oder Verweige-
rung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Dem Beschwerdeführer sind
daher ausgangsgemäss die Kosten des Verfahrens in Höhe von Fr. 800.-- aufzuerlegen.
Diese werden im Rahmen der gewährten unentgeltlichen Rechtspflege der Staatskasse
belastet, unter Vorbehalt der Rückerstattungspflicht nach Art. 25 Abs. 3 VRPG.
6.2
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a) Der obsiegenden IV-Stelle wird keine Parteientschädigung ausgerichtet (BGE 126 V 143
E. 4).
b) Da dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtsverbeiständung durch RA AA.
_ gewährt wurde, ist letzterem zulasten der Staatskasse eine Entschädigung auszu-
richten. Im Verfahren vor Obergericht in Sozialversicherungssachen wird die Entschädi-
gung pauschal bemessen (Art. 13 Abs. 1 lit. c Anwaltstarif, bGS 145.53). Das Honorar des
unentgeltlichen Rechtsvertreters richtet sich zwar grundsätzlich nach dem notwendigen
Zeitaufwand, darf aber nicht höher sein als das pauschal zu bemessende Honorar (Art. 23
Abs. 1 und 24 Abs. 2 Anwaltstarif). In diesem Sinne ist RA AA. _ die in gleichartigen
Fällen übliche Entschädigung von pauschal Fr. 2‘500.-- zu gewähren. Hinzu kommen eine
Entschädigung für die Barauslagen von praxisgemäss pauschal 4 % (Art. 23 Abs. 2 An-
waltstarif) sowie die Mehrwertsteuer von 7.7 %, insgesamt also Fr. 2‘800.20. Damit wird der
notwendige Aufwand des unentgeltlichen Rechtsvertreters im vorliegenden Beschwerde-
verfahren in angemessener Weise abgegolten. Die Zahlung zu Lasten der Staatskasse
erfolgt unter ausdrücklichem Vorbehalt der Rückforderung beim Beschwerdeführer für den
Fall günstigerer wirtschaftlicher Verhältnisse.
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