Decision ID: 8d9e86c7-cac1-40e5-82a2-3fbba064ab43
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 21./25. Juni 2001 (IV-act. 2) zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an und beantragte eine Umschulung auf eine neue Tätigkeit. Er
habe einen beruflichen Fähigkeitsausweis als _ erworben und sei zurzeit als _ zu
einem monatlichen Bruttoeinkommen von Fr. 3'400.-- angestellt. Seit ungefähr März
2000 bestehe eine Hemidysästhesie links mit funktioneller Überlagerung. Der
Versicherte war 19_ in die Schweiz gekommen (vgl. IV-act. 5). Am 26. Juni 2001 (IV-
act. 7-5) wurde ihm das Arbeitsverhältnis gekündigt. - In der Arbeitgeberbescheinigung
vom 28. November 2001 (IV-act. 7) wurde erklärt, der Versicherte sei vom 3. März 1997
bis 31. August 2001 angestellt gewesen (ab dem 20. August 2001 sei er zu 50 %
beurlaubt gewesen). Seit Mai 1999 verdiene er monatlich Fr. 3'200.-- und würde das
auch ohne Gesundheitsschaden zurzeit verdienen. Im Jahr 1999 habe er Fr. 43'804.05
und im Jahr 2000 Fr. 39'775.15 verdient. - Eine weitere Arbeitgeberin, die B._, gab
am 7. November 2001 (IV-act. 8) an, der Versicherte sei seit dem 18. Juni 2001 an
sechs bis zehn Stunden pro Woche zu einem Stundenlohn von Fr. 18.-- (zuzüglich
10.64 % Ferienentschädigung) ohne Absenzen angestellt (vgl. IV-act. 19: Fr. 18.40
zuzüglich Feiertagsentschädigung 2.67 %). - Dr. med. C._, Facharzt FMH für
Allgemeinmedizin, gab in seinem IV-Arztbericht vom 13. August 2001 (IV-act. 9) an, es
lägen beim Versicherten eine undifferenzierte Somatisierungsstörung mit
Hemidysästhesien links bei Status nach Nephrektomie rechts wegen Hydronephrose
(1992) und eine Hypercholesterinämie vor. Seit der Nephrektomie beschreibe der
Versicherte immer wieder Hemidysästhesien (und Befindlichkeitsstörungen
insbesondere links), wobei diverse somatische Abklärungen keine Diagnose erbracht
hätten. Es bestünden Ängstlichkeit und Unsicherheitsgefühle. Der Versicherte fühle
sich durch den Schichtbetrieb unter starkem Druck, was die gesundheitlichen
Störungen wieder verstärke. Die Einschränkung betrage 50 %. In Tätigkeiten ohne
Schichtbetrieb und ohne repetitive, in der Geschwindigkeit vorgegebene Bewegungen
A.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dürfte er voll arbeitsfähig sein. - In einem beigelegten Bericht vom 6. März 2001 (IV-
act. 9-3 bis 5) hatte die Klinik D._ u.a. von einem Verdacht auf eine undifferenzierte
Somatisierungsstörung und von einer Kreatininerhöhung berichtet und ab 5. März 2001
einen Arbeitsversuch mit 50 % Tätigkeit und nach Möglichkeit Steigerung, aber ohne
Schichtarbeit, angeraten. - Der Versicherte suchte in der Folge mit Unterstützung des
Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) eine Stelle zu 50 % (vgl. IV-act. 12). -
Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen wies am 29. April 2002
(IV-act. 16) sein Gesuch um berufliche Massnahmen ab, weil er in adaptierten
Tätigkeiten voll arbeitsfähig und bei der Stellensuche nicht eingeschränkt sei. -
Dr. C._ wandte am 6. Mai 2002 (IV-act. 17) ein, vor einem abschliessenden
ablehnenden Entscheid sei eine medizinische Beurteilung durch die
Invalidenversicherung angezeigt, da nach einem somatischen Auslöser eine
hauptsächlich psychosomatische Problematik bestehe.
Am 16./18. September 2002 (IV-act. 20) meldete sich der Versicherte erneut bei
der Invalidenversicherung an und beantragte eine Rente. - Dr. C._ erklärte am
1. Oktober 2002 (IV-act. 24), es bestünden eine undifferenzierte Somatisierungsstörung
und der Verdacht auf eine Borderline-Symptomatik. Der Versicherte habe die
Nephrektomie psychisch nie vollständig verkraftet und es lägen massivste
Verarbeitungsstörungen vor, sogar eine echte Borderline-Symptomatik im Sinn einer
beginnenden Psychose. Es bestehe nach wie vor eine Arbeitsunfähigkeit von 50 %
vorwiegend aus psychiatrischen Gründen. Eine MEDAS-Abklärung sei dringend zu
befürworten. - Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung
erachtete die Arbeitsunfähigkeit von 50 % in adaptierter Tätigkeit am 14. März 2003 als
ausgewiesen (IV-act. 28). Es wurde festgehalten, der Versicherte sei aufgrund der
psychischen Erkrankung bei der Stellensuche beeinträchtigt. Der IV-
Eingliederungsberater berichtete am 25. August 2003 (IV-act. 37), invalidisierende
Faktoren wie die reduzierte Arbeitszeit sowie invaliditätsfremde Faktoren wie
Vorbildung und Nationalität würden eine erfolgreiche Arbeitsvermittlung bei der
aktuellen Wirtschaftslage nicht zulassen und eine Vermittlung in eine Anstellung mit
grösserem Pensum sei aussichtslos. - Mit Verfügung vom 14. Juli 2004 (IV-act. 49)
sprach die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen dem
Versicherten ab 1. September 2001 eine halbe Rente zu.
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
In einem Fragebogen für die Rentenrevision gab der Versicherte am 17. März 2006
(IV-act. 50) an, sein Gesundheitszustand sei gleich geblieben. Er habe zwei Arbeitgeber
(nämlich nebst der B._ noch E._). - In der Arbeitgeberbescheinigung vom 4. April
2006 (IV-act. 53) gab E._ an, der Versicherte sei seit dem 27. November 2004 an
zwischen null und 17 Stunden pro Woche als Teilzeit-Produktionsmitarbeiter - zu einem
Stundenlohn von seit Januar 2006 Fr. 17.48 - tätig. - Die B._ gab am 25. April 2006
(IV-act. 56) bekannt, der Versicherte sei an zehn Stunden pro Woche tätig und verdiene
seit Januar 2006 einen Lohn von Fr. 10'855.-- pro Jahr bzw. Fr. 835.-- pro Monat. -
Dr. C._ hatte in einem IV-Verlaufsbericht vom 21. April 2006 (IV-act. 54) erklärt, der
Gesundheitszustand des Versicherten sei stationär. Dieser sei aufgrund der
gesundheitlichen Störung physisch und psychisch nur sehr beschränkt belastbar.
Leichte Arbeiten ohne psychischen Druck könne er an ca. vier Stunden täglich
erledigen. Die Leistungsfähigkeit sei zu ca. 50 % vermindert. - Die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen teilte dem Versicherten
daraufhin am 9. Juni 2006 (IV-act. 59) mit, es bleibe unverändert beim bisherigen
Rentenanspruch.
B.a.
In einem IV-Arztbericht vom 4. September 2006 (IV-act. 62) gab das Kantonale
Spital O._ (Dr. med. F._, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates FMH) im Hinblick auf eine orthopädische Schuhversorgung
bekannt, es bestehe beim Versicherten eine (im MRI bestätigte) Osteochondrosis
dissecans medial an der Taluskante links bei Instabilität des OSG. Es sei zu
rezidivierenden Distorsionen gekommen. - Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
leistete Kostengutsprache für das Hilfsmittel (IV-act. 65).
B.b.
In einem Fragebogen für eine weitere Revision der Rente gab Dr. med. H._,
Allgemeinmedizin FMH, am 30. Mai 2011 (IV-act. 69) für den Versicherten an, der
Gesundheitszustand sei gleich geblieben. Es wurde eine weitere Arbeitgeberin, die
G._, bezeichnet. - Diese gab in der Bescheinigung vom 29. Juni 2011 (IV-act. 74) an,
der Versicherte sei seit dem 1. Mai 2011 angestellt und habe im Juni 2011 Fr. 1'946.70
verdient. - Dr. H._ erklärte in einem IV-Verlaufsbericht vom 28. Juni 2011 (IV-act. 75),
nach Angaben des Versicherten seien die Beschwerden an der linken Körperhälfte
B.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unverändert, die Beschwerden am Fuss links seien erträglich bzw. sicherlich seit der
erfolgten Operation weniger. Vorübergehend habe eine psychiatrische Behandlung
stattgefunden. Der Versicherte sei insgesamt nicht voll belastbar, rasch müde und
erschöpft. Es seien ihm Tätigkeiten im ähnlichen Rahmen (sc. wie bisher) zumutbar,
zurzeit schon eher (sc. nur) leichte Arbeit. - Die B._ bestätigte am 4. Juli 2011 (IV-
act. 76), der Versicherte sei an zehn Stunden pro Woche angestellt und verdiene seit
2011 Fr. 920.-- pro Monat. - Am 17. August 2011 (IV-act. 79) gingen auf Anforderung
der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle hin (vgl. IV-act. 77) Lohnabrechnungen der
G._ der Monate Mai bis Juli 2011 ein, am 7. November 2011 jene für die Monate
August bis Oktober 2011 (IV-act. 81).
Nach der Ankündigung einer Einstellung des Rentenanspruchs mit Vorbescheid
vom 15. Februar 2012 (IV-act. 84), weil das anrechenbare Einkommen im Durchschnitt
über sechs Monate hinweg im Jahr 2011 Fr. 32'664.-- und der Invaliditätsgrad (bei
Anrechnung von Fr. 31'764.-- Invalideneinkommen) 30 % ausmache, erhob der
Versicherte am 5. März 2012 (Eingangsdatum, IV-act. 86) unter Hinweis auf Schreiben
seines Hausarztes und der Arbeitgeberin Einwand. Dr. H._ hatte am 1. März 2012 (IV-
act. 86-3) bescheinigt, der Versicherte habe in den letzten Monaten psychisch und
physisch wieder vermehrt Beschwerden (an der linken Körperhälfte; er sei weinerlich,
etwas verzweifelt). Es sei nicht ganz klar, weshalb die Verschlechterung eingetreten sei,
vermutlich sei es durch die vermehrte Belastung am Arbeitsplatz gewesen. Das
bestätige der Bericht der Arbeitgeberin. Da der Versicherte nicht in der Lage sei, die
zuletzt geleistete Arbeit weiterhin zu verrichten, sei auf den vorgesehenen Entscheid zu
verzichten. Die G._ hatte dem Versicherten am 28. Februar 2012 (IV-act. 86-2)
geschrieben, da es in letzter Zeit vermehrt zu gesundheitlichen Problemen gekommen
sei und er an CNC-gesteuerten Maschinen arbeite, müsse das Arbeitspensum von ca.
20 Stunden auf 10 Stunden pro Woche bzw. ca. 40 Stunden pro Monat gesenkt
werden. - Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle forderte Dr. H._ am 16. März 2012
(IV-act. 87) im Rahmen des Einwandverfahrens und der IV-Gesetzesrevision 6a zum
Ausfüllen eines Fragebogens zur Überprüfung des medizinischen Sachverhalts auf. -
Der Arzt erklärte am 20. März 2012 (IV-act. 88), der Gesundheitszustand des
Versicherten habe sich seit dem 1. Oktober 2002 insgesamt nicht verändert. Zusätzlich
sei die Diagnose eines St. n. Op. Osteochondrose Talus zu stellen. Seit 2009 finde
B.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine psychiatrische Behandlung mehr statt, zurzeit auch keine medikamentöse
Therapie, nur bei Bedarf bei somatischen Erkrankungen. Der Versicherte sei
verlangsamt und in der Konzentration eingeschränkt und könne das normale
Arbeitstempo nicht einhalten. Bei Eingliederungsmassnahmen müsste berücksichtigt
werden, dass der Umgang schwierig und der Versicherte teils etwas kindlich sei, dass
er gleich weine, sofort an seine Leistungsgrenzen stosse und nicht belastbar sei. Eine
medizinische Abklärung sei eigentlich nicht angezeigt, ausser sie sei aus
psychiatrischer Sicht für die Beurteilung der Rentenfrage erforderlich. - Nach
telefonischen Angaben des Psychiatriezentrums vom 6. September 2012 (IV-act. 92)
hatte sich der Versicherte dort von Dezember 2007 bis März 2008 in Behandlung
befunden. - Am 29. Oktober 2012 (IV-act. 95) wurden die Lohnabrechnungen der B._
der Monate Juli und August 2012 (etwa: hauptsächlich brutto Grundlohn Fr. 925.--,
Kinderzulagen Fr. 600.--; insgesamt netto Fr. 1'443.60) und September 2011
eingereicht. Gemäss Bescheinigung der G._ vom 26. Oktober 2012 (IV-act. 96) hatte
der Versicherte von November 2011 bis September 2012 einen Bruttolohn von
Fr. 14'167.60 gehabt. In der Arbeitgeberbescheinigung vom 9. November 2012 (IV-
act. 97) gab jene Arbeitgeberin weiter an, er habe von Mai bis Dezember 2011 601.25
und von Januar bis Oktober 2012 ca. 440 Arbeitsstunden geleistet. - Nachdem der
Rechtsdienst der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle eine Wiedererwägung (der
Verfügung der Rentenzusprache) für möglich gehalten hatte (IV-act. 98), wurde am
18. Januar 2013 (IV-act. 99) eine polydisziplinäre medizinische Untersuchung für
erforderlich erklärt. - Am 17. April 2013 (IV-act. 106) teilte das RAV mit, der Versicherte
habe die Stelle bei der G._ verloren und sich als zu 25 % vermittelbar (zusätzlich zum
Pensum bei der B._) gemeldet.
Das Ärztliche Begutachtungsinstitut ABI gab im Gutachten vom 2. Mai 2013 (IV-
act. 108) bekannt, als (Haupt-) Diagnosen bestünden beim Versicherten (erstens)
chronisch-rezidivierende Schmerzzustände im Bereich der linken Körperhälfte mit Be
tonung des Armes und des Beines unklarer Ätiologie (klinisch keine Hinweise auf eine
Pathologie des Bewegungsapparates oder eine neurologische Ursache) und (zweitens)
leichte Restbeschwerden bei St. n. OSG-Arthroskopie mit Resektion eines Meniskoids
und retrograder Anbohrung des Herdes einer Osteochondrosis dissecans der medialen
Talusschulter linkes OSG 09/2008. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien erstens
B.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
eine Somatisierungsstörung und zweitens eine chronische leichte Niereninsuffizienz
Stadium 2 nach KDOQI (bei St. n. retroperitonealer Nephroureterektomie rechts
08/1992 bei vesiko-renalem Reflux rechts Grad IV mit hypoplastischer Niere rechts und
renalem Restharn). Körperlich schwere Tätigkeiten und Tätigkeiten, die ausschliesslich
stehend und gehend durchgeführt würden, seien dem Versicherten bleibend nicht mehr
zumutbar. Für jede andere, körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende,
adaptierte Tätigkeit sei er voll arbeits- und leistungsfähig. Diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung gelte seit Jahren, mit Sicherheit aber ab der aktuellen
Untersuchung (sc. vom 10. April 2013). Die Berentung sei retrospektiv nicht
nachvollziehbar; sie habe auf psychiatrischen Diagnosen des Hausarztes (relativiert
durch dessen Vorschlag einer MEDAS-Begutachtung) beruht, die sich nicht hätten
bestätigen lassen.
Mit Vorbescheid vom 30. Mai 2013 (IV-act. 111 f.) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem Versicherten die wiedererwägungsweise
Aufhebung der Verfügung vom 14. Juli 2004 (Rentenzahlung bereits eingestellt) in
Aussicht. Nach einem Einwand seines Rechtsvertreters vom 14. August 2013 (IV-
act. 120) verfügte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen am
23. August 2013 (IV-act. 121) im Sinn des Vorbescheids.
B.f.
Am 31. August 2017 (IV-act. 129) meldete sich der Versicherte erneut bei der
Invalidenversicherung an. Er sei 19_ in die Schweiz gekommen. Die Ausbildung als
Metallarbeiter habe er in der Heimat gemacht. Von August 2015 bis Juli 2017 habe er
zu 100 % als Betriebsmitarbeiter bei der I._ zu einem Einkommen von Fr. 3'700.--
pro Monat gearbeitet. Er habe eine schwere Nierenkrankheit. 1992 sei ihm die rechte
Niere entnommen worden. Er leide auch an Gelbfieber. - Auf Aufforderung der
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle (IV-act. 133) hin gingen verschiedene Arztberichte
(IV-act. 136 bis 142) ein. Einem Radiologie-Bericht vom 15. April 2016 (IV-act. 137)
über ein Arthro-MR Schulter links war u.a. zu entnehmen, dass eine leichte AC-
Gelenkarthrose, eine mässige Ansatztendinose der Subscapularissehne, ein
leichtgradig degenerativ alteriertes Labrum superior und anterior, ein auffallend nach
dorsal dezentrierter Humeruskopf und eine chronische basisseitige Labrumablösung
C.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
posterior mit deutlicher Reizsynovialitis und paralabralen Zysten sowie eine
einsetzende leichte Omarthrose links bestünden. In einem Bericht vom 2. Mai 2016 (IV-
act. 138) hatte das Departement Orthopädie am Spital O._ erklärt, es bestünden
Beschwerden Schulter links mit minimer Subluxation nach dorsal und Riss des
posterioren Labrums und ausserdem unklare HWS-Beschwerden mit Hypästhesien im
Bereich der Arme beidseits. Bei den persistierenden HWS-Beschwerden werde eine
MRI-Abklärung und allenfalls Vorstellung bei einem Wirbelsäulenspezialisten am KSSG
empfohlen. Bei zurzeit eher wenigen Beschwerden (sc. an der Schulter) sei
Physiotherapie, bei Nichterreichen kompletter Beschwerdefreiheit eine Infiltration zu
empfehlen. Dr. med. J._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie
des Bewegungsapparates, hatte am 6. September 2016 (IV-act. 139) erklärt, da klinisch
keine Instabilität der linken Schulter bestehe, sei fraglich, ob mit einer
Schulterarthroskopie eine relevante Verbesserung der seit ca. drei Jahren bestehenden
Symptomatik erzielt werden könne. Physiotherapie wäre sinnvoll. - Dr. C._ gab in
einem Bericht vom 2. Oktober 2017 (IV-act. 136) als vorhandene Diagnosen an ein
Borderline-psychotisches Zustandsbild (mit depressiver Entwicklung), eine arterielle
Hypertonie (mit Visusverlust links, Augenüberdruck), eine beginnende Omarthrose mit
Subluxation des Humeruskopfes nach dorsal (mit - verkürzt wiedergegeben - Ablösung
des Labrum glenoidale posterior, deutlicher Reizsynovialitis, posteriorer
Schulterinstabilität und beginnender Frozen shoulder links) sowie ein panvertebrales
Syndrom. Die eingeschränkte Beweglichkeit (sc. der Schulter) habe auch
Auswirkungen auf die Wirbelsäulenproblematik, die ebenfalls persistiere. Im
Vordergrund stehe die gewisse psychotische Komponente mit dem ihrerseits im
Vordergrund stehenden Symptom der Depression. In einem Überweisungsschreiben an
ein Psychiatrie-Zentrum vom 4. Oktober 2017 (IV-act. 142) erklärte der Arzt, nebst einer
relevanten depressiven Komponente bestehe ein nicht ganz realitätsbezogenes
Körpergefühl mit zwar realen Schmerzen, aber Ausstrahlungen vor allem linksseitig,
immer auf dem Hintergrund des Status nach Nephrektomie auf dieser Seite.
Der RAD hielt am 6. Oktober 2017 (IV-act. 143) dafür, im Zuweisungsschreiben
von Dr. C._ sei keine Änderung mit relevantem Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu
sehen, habe das ABI eine entsprechende psychiatrische Erkrankung doch explizit
widerlegt. Schulter- und HWS-Leiden hätten keinen relevanten Einfluss auf die
C.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit. Sollte sich bei Abklärungen
bestätigen, dass ein Visusverlust links vorliege, müssten die Adaptationskriterien
angepasst werden.
Am 7. November 2017 (IV-act. 146) berichtete der Versicherte der
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle, nach zweijähriger Behandlungszeit ab 1990 sei
ihm 1992 die rechte Niere entfernt worden, worauf sich sein Gesundheitszustand
verschlechtert habe. Bis 1994 hätten Lähmung und Taubheit der linken Seite
angehalten. In dieser Zeit habe er die diversen Arbeitsgelegenheiten nie länger als
während der Probezeit wahrnehmen können. Nach 1994 habe sich sein Zustand etwas
verbessert, aber nicht so sehr, dass er eine Arbeit hätte annehmen können. 1997 habe
er eine vollzeitliche Stelle angenommen. Aufgrund einer Verschlechterung habe er von
2000 bis 2001 nur noch zu 50 % arbeiten können und auf Sommer 2001 die Kündigung
erhalten. In jenem Jahr habe er bei der B._ eine Stelle mit einem Pensum von etwa
30 % im Stundenlohn angenommen. Den 2004 folgenden Arbeitsvertrag mit einem
festen Pensum von 24 % habe er 2015 gekündigt, weil von ihm am Schluss acht
Stunden Arbeit pro Tag erwartet worden seien, wozu er nicht in der Lage gewesen sei.
Er habe für die restlichen 26 % eine Stelle gesucht und bei der G._ gefunden. Er
habe dort mehr Stunden leisten müssen. Zuletzt sei er von 2015 bis August 2017 bei
der I._ als Betriebsmitarbeiter tätig gewesen. Die Arbeit sei mittelschwer, für ihn aber
sehr anstrengend gewesen. Jeden Tag habe er Schmerzmittel eingenommen, um von
morgens bis abends arbeiten zu können. Der Versicherte reichte diverse Arztberichte
ein.
C.c.
Das Psychiatrie-Zentrum (Dr. med. K._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie) gab in einem IV-Arztbericht vom 17. Januar 2018 (IV-act. 159) an, es
lägen beim Versicherten eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren und eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte
Episode, vor. Die bisherige Tätigkeit sei noch an vier Stunden pro Tag zumutbar, die
Leistungsfähigkeit sei um ca. 20 % reduziert. Schmerzen habe der Versicherte vor
allem im unteren Rücken, im linken Gesäss und im linken Bein angegeben. - Der RAD
erklärte am 26. Januar 2018 (IV-act. 161), für adaptierte Tätigkeiten bestehe jedenfalls
Eingliederungspotenzial, zurzeit mit mindestens 50 % Arbeitsfähigkeit; letztere sei
steigerungsfähig. Sollte das nicht eintreten, sei eine vertiefte medizinische Abklärung in
C.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägung zu ziehen. - Die Arbeitslosenkasse gab am 8. Februar 2018 (IV-act. 167)
bekannt, der Versicherte sei seit dem 1. August 2017 als zu 100 % arbeitslos gemeldet.
Arztzeugnisse über eine Arbeitsunfähigkeit seien nicht vorhanden. Am 16. April 2018
(IV-act. 176) wurde eine Vereinbarung über einen Eingliederungsplan Arbeitsvermittlung
geschlossen (schrittweise Steigerung der Arbeitsfähigkeit von 50 % Richtung 100 %)
und dem Versicherten am 23. April 2018 (IV-act. 177) Mitteilung über die gewährte
Arbeitsvermittlung gemacht. - Dr. C._ hatte dem Versicherten am 17. April 2018 (IV-
act. 172) eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % für die Zeit vom 16. bis 30. April 2018
attestiert.
Die I._ gab in ihrer Arbeitgeberbescheinigung vom 8. Mai 2018 (IV-act. 181) an,
der Versicherte sei vom 1. August 2015 bis 31. Juli 2017 (letzter effektiver Arbeitstag
14. Juli 2017) vollzeitlich angestellt gewesen (Tätigkeiten: Abwaschen, allgemeine
Reinigungsarbeiten). Er sei wegen mangelnder Leistung und des Verhaltens entlassen
worden. Er habe überall dort arbeiten können, wo er nicht zu schwer habe heben
müssen, und zwar zu 50 %. Eine Leistung von 100 % schaffe er nicht.
C.e.
Dr. C._ berichtete im IV-Arztbericht vom 8. Mai 2018 (IV-act. 182), es lägen ein
antero-laterales Impingement linkes OSG bei 2 x 1.1 cm Nekrosezone am medialen
Talus mit Läsionen des darüber liegenden Gelenkknorpels und mehreren zystischen
ganglionartigen Einschlüssen, eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren (rezidivierende depressive Episoden), ein Status nach
Nephrektomie links (recte: rechts), eine mässiggradige "Retropartialarthrose" links und
eine mittelgradige Chondropathie, ausserdem Chondrosen/Osteochondrosen
akzentuiert C5/C6 (MRT 2015 mit kleiner, medio rechts lateraler Diskushernie C5/6) vor.
Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit sei eine Subluxation der linken Schulter mit
Riss des posterioren Labrums. Die eingeschränkte Belastbarkeit wegen der
chronischen Schmerzstörung und die rezidivierenden Depressionen bestünden schon
seit Jahren. Bei der medikamentösen Behandlung, insbesondere auch des OSG, sei
man wegen des Nierenleidens limitiert. Als Gastro-Mitarbeiter sei der Versicherte seit
Oktober 2017 zu 50 bis 60 % arbeitsunfähig. Er sei den körperlichen Anforderungen
und psychisch gesehen langen Einsätzen in der Arbeitswelt nicht gewachsen. - In
einem beigelegten Bericht vom 21. November 2017 (IV-act. 182-4 f.) hatten die
Psychiatrie-Dienste Süd angegeben, es lägen eine rezidivierende depressive Störung,
C.f.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegenwärtig leichte Episode, und eine chronische Schmerzstörung mit somatischen
und psychischen Faktoren vor. Der Versicherte beziehe eine halbe Rente. Die
verbleibende Arbeitsfähigkeit von 50 % scheine aus psychiatrischer Sicht nicht
eingeschränkt zu sein. - In einem Radiologie-Bericht vom 7. Mai 2018 (IV-act. 182-13)
über ein MR OSG links waren u.a. ein Ödem mit zentralem Nekroseareal im medialen
Talus, eine nach lateral hin unregelmässige Gelenkfläche mit Knorpeleinrissen, ein vom
OSG ausgehendes Ganglion von 1.5 x 1.2 x 0.6 cm antero-lateral und ein kleines
intraossäres Ganglion im Kalkaneus gefunden worden.
Am 11. Januar 2019 (IV-act. 201) ging ein Bericht des RAVs über einen Arbeits
einsatz des Versicherten (Küchenarbeit) vom 20. Dezember 2018 (IV-act. 202) ein,
wonach dieser den Anforderungen in verschiedener Hinsicht (z.B. Zuverlässigkeit,
Sorgfalt, Durchhaltevermögen, Einsatzbereitschaft, Initiative, Erkennen/Lösen von
Problemen, handwerkliches Geschick, Gepflegtheit, Qualität der Arbeit, Teamfähigkeit,
Hilfsbereitschaft, Kritikfähigkeit, Dienstleistungsorientierung) vollumfänglich
entsprochen habe, in verschiedener Hinsicht aber nur knapp (z.B. Deutsch schriftlich -
auch mündlich habe er nicht alles voll verstanden - , Vorstellungs- und
Abstraktionsvermögen), bezüglich Pünktlichkeit, Auffassungsgabe (Konzentration),
Fitness und Belastbarkeit (letztere klar unter den Anforderungen) wurden hierfür
gesundheitliche Gründe (bzw. Medikamenteneinfluss) genannt. Das Arbeitstempo
(Quantität) und die Leistungsfähigkeit entsprächen nicht den Anforderungen des ersten
Arbeitsmarktes. - Der IV-Eingliederungsverantwortliche gab am 4. Februar 2019 (IV-
act. 203) an, das für die Zeit von August bis Dezember 2018 vorgesehene
Einsatzprogramm sei wegen länger andauernder krankheitsbedingter Absenzen und
einer maximal 50 % betragenden Arbeitsfähigkeit vorzeitig beendet worden. Der
Versicherte habe sich gegenüber den IIZ-Beratern stets freundlich, aber bei der aktiven
Stellensuche nur begrenzt motiviert gezeigt. Er habe sich subjektiv maximal ein halbes
Pensum in einer leichten Tätigkeit zugetraut. Eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt habe
sich aufgrund der starken Selbstlimitierung und der vorgetragenen Beschwerden nicht
finden lassen. Eine gewisse Rentenbegehrlichkeit könne nicht ganz ausgeschlossen
werden.
C.g.
Am 6. Februar 2019 (IV-act. 207) erstattete das ABI das in Auftrag gegebene
Gutachten. Die allgemeininternistische, die nephrologische, die rheumatologische und
C.h.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. Chronisches zervikospondylogenes Schmerzsyndrom linksbetont
- Dysbalancen der Schultergürtelmuskulatur
- klinisch keine Hinweise für radikuläre Symptomatik
- radiologisch ventrale Spondylose C3 bis C7 (Rx 11/2018)
2. Chronisches thorako-lumbospondylogenes Schmerzsyndrom links-betont
- myostatische Insuffizienz mit den entsprechenden muskuloligamentären Über-
lastungsreaktionen
- Beckentiefstand links von 1 cm mit konsekutiver linkskonvexer lumbaler und
rechtskonvexer thorakaler Seitausbiegung
- radiologisch ventrale und laterale Spondylose Th9-12, ventrale Spondylose
LWK 2/3 und LWK 4/5 (Rx 11/2018)
3. Hypermobilität
4. Belastungsdefizit linkes Sprunggelenk
- St. n. OSG-Arthroskopie mit Resektion eines Meniskoids und retrograde An
bohrung des Herdes einer Osteochondrosis dissecans der medialen Talusschulter
09/2008
- klinisch regelrechter postoperativer Befund
- kernspintomographisch anterolaterales Ganglion und kleines intraossäres
die psychiatrische Untersuchung seien am 7. November 2018, die neurologische sei
am 9. Januar 2019 erfolgt. Als Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurden
benannt:
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ganglion im Kalkaneus, im Übrigen regelrechter postoperativer Befund
(MRI 05/2018)
5. Belastungsdefizit linke Schulter
- klinisch unauffälliger Befund ohne Hinweise für Rotatorenmanschettenläsion
oder Instabilität
- Impingement-Test negativ
- radiologisch bis auf minime dorsale Subluxation unauffälliger Befund
(Rx 05/2016)
- dorsal dezentrierter Humeruskopf sowie chronisch basisseitige Labrumablösung
posterior mit deutlicher Reizsynovialitis (MRI 04/2016)
Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien (erstens) ein chronischer Schmerzzustand
sowie eine sensible Hemisymptomatik der linken Körperhälfte, whs. nicht-organischer
Ursache, mit diffusen Druckdolenzen an Armen und Beinen, klinisch ohne Hinweise auf
eine Pathologie des Bewegungsapparates, (zweitens) eine stabile leichte
Niereninsuffizienz Stadium G2A1 nach KDIGO, mit St. n. retroperitonealer
Nephroureterektomie rechts 08/1992, (drittens) eine arterielle Hypertonie (ED 05/2018,
usw.), (viertens) eine Somatisierungsstörung und (fünftens) anamnestisch ein
chronisches Offenwinkelglaukom bds. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
Küchengehilfe gehe (in Teilbereichen) über das zumutbare Belastungsprofil hinaus und
sei noch zu drei bis vier Stunden pro Tag zumutbar. Es bestünden während dieser
Arbeitszeit ausserdem leichte Leistungseinbussen bei erhöhtem Pausenbedarf, so dass
eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 30 % vorliege. Diese bestehe mit Sicherheit
ab der Untersuchung und könne möglicherweise schon ab der
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von 50 % im August 2017 angenommen werden.
Eine körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeit ohne regelmässige
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Überkopfarbeiten und ohne ausschliessliche Steh- und Gehbelastung sei dem
Versicherten zumutbar, und zwar voll und auch retrospektiv. Der Gesundheitszustand
des Versicherten habe sich seit dem Erlass der Verfügung vom 23. August 2013
insofern verändert, als bei der aktuellen Untersuchung erstmals degenerative
Veränderungen im Bereich der Wirbelsäule hätten festgestellt werden können, die zu
einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit um 70 %
führten. - Das ABI hatte diverse Arztberichte eingeholt. Gemäss dem Bericht vom
25. Mai 2018 der Klinik für Innere Medizin am Spital O._ (IV-act. 207-73 f.) über eine
Notfallkonsultation hatte eine hypertensive Entgleisung stattgefunden, daneben war
u.a. eine Interkostalneuralgie links diagnostiziert worden. - Dr. med. L._, Facharzt für
Urologie, hatte in einem Bericht vom 27. Mai 2018 (IV-act. 207-71 f.) einen St. p.
Nephroureterektomie rechts 1992, eine Niereninsuffizienz Grad 3 (CKD-EPI; auf 58
erniedrigte GFR, bezüglich derer eine weitere Abklärung empfohlen werde) und eine
unklare Abgeschlagenheit/Müdigkeit erwähnt. Der chemische Harnbefund sei
unauffällig gewesen (Protein negativ). Urologisch würden sich die Beschwerden des
Versicherten derzeit nicht erklären lassen. - Dr. med. M._, Facharzt für Kardiologie,
hatte am 19. Juni 2018 (IV-act. 207-68 ff.) von einer arteriellen Hypertonie (ED 2018),
kardiovaskulären Risikofaktoren, einem St. n. Nephrektomie rechts 1992 und einer
rezidivierenden depressiven Störung und Angstsymptomatik berichtet. Die Hypertonie
sei gut eingestellt. - Dr. med. N._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, hatte gemäss Bericht vom 4. September
2018 (IV-act. 207-67) eine osteochondrale Läsion medial am OSG links diagnostiziert.
Nach einer OSG-Infiltration hätten die Beschwerden initial deutlich zugenommen mit
kurzzeitiger Arbeitsunfähigkeit. Inzwischen habe sich aber eine deutliche
Beschwerdereduktion ergeben. - Der RAD schloss sich dem Gutachten an (IV-
act. 208).
C.i. Am 11. Februar 2019 (IV-act. 206) wurde dem Rechtsvertreter des Versicherten
mitgeteilt, weitere berufliche Massnahmen seien nicht angezeigt.
C.j. Mit Vorbescheid vom 26. Februar 2019 (IV-act. 211) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen dem Rechtsvertreter des
Versicherten eine Abweisung dessen Rentengesuchs in Aussicht. Ein Invaliditätsgrad
liege nicht vor (Vergleichseinkommen je Fr. 47'939.--). - Der Versicherte wandte am
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. April 2019 ein, es sei ihm wegen seiner Beschwerden leider höchstens eine Tätigkeit
zu 50 % möglich. Er benötige wegen der Schmerzen vermehrt Erholungszeit. Er suche
- mit dem RAV - eine Teilzeitanstellung, doch es gebe nicht viele leichte
Hilfstätigkeiten, so dass es schwierig sei, eine geeignete Stelle zu finden. - Mit
Verfügung vom 25. April 2019 (IV-act. 221) wies die Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle den Rentenanspruch ab.
D.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Eugen Koller für den
Betroffenen am 28. Mai 2019 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter beantragt,
die angefochtene Verfügung aufzuheben und dem Beschwerdeführer spätestens ab
August 2018 mindestens eine halbe Rente auszurichten, eventualiter die Sache zur
erneuten Beurteilung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Dem Beschwerdeführer sei ausserdem die unentgeltliche
Prozessführung und Prozessvertretung zu gewähren. Er habe Anspruch auf eine
medizinische Beurteilung durch eine unabhängige und unvoreingenommene Institution.
Das ABI aber habe den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers schon im Jahr
2013 zugunsten der Beschwerdegegnerin beurteilt und sei offenkundig befangen. Sein
Gutachten sei aus dem Recht zu weisen und die Beschwerdegegnerin habe ein neues
Gutachten einzuholen. Für den Fall, dass das Gericht wider Erwarten anders
entscheide, sei darauf hinzuweisen, dass im Gutachten nicht erwähnt werde, dass die
Gefühllosigkeit in der linken Körperhälfte, die Schmerzen und die
Konzentrationsstörungen des Beschwerdeführers in den letzten Jahren massiv
zugenommen hätten. Aus diesem Grund versuche er, mit täglichem Yoga die
Schmerzen zu lindern und seine körperliche und geistige Verfassung zu verbessern.
Obwohl die Konzentrationsschwierigkeiten bekannt gewesen seien, sei auf eine
neuropsychologische Begutachtung verzichtet worden. Die Behauptung des
Gutachters der Neurologie, es hätten keine relevanten Einschränkungen von
Fähigkeiten vorgelegen, sei zu relativieren, da sie nicht aufgrund einer solchen
Begutachtung erfolgt sei. Die Schmerzen des Beschwerdeführers am linken
Sprunggelenk hätten nach der Operation zunächst nachgelassen, dann aber wieder
zugenommen; sie würden immer noch regelmässig mit Spritzen behandelt. Der
Beschwerdeführer könne deswegen nur kurze Zeit gehen. Die Gutachterin der
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rheumatologie sei zum Schluss gekommen, in der bisherigen Tätigkeit könne der
Beschwerdeführer für nicht mehr als drei bis vier Stunden eingesetzt werden, attestiere
ihm aber eine Arbeitsunfähigkeit von 30 %, während das mögliche Pensum aber einer
Arbeitsunfähigkeit von 50 bis 60 % entspräche. Dass in einer adaptierten Tätigkeit
keine Arbeitsunfähigkeit bestehen solle, sei nicht nachvollziehbar, bestünden doch
schon ohne Belastung - der Beschwerdeführer arbeite seit Monaten nicht mehr -
erhebliche Schmerzen in der linken Körperhälfte und müsse das Sprunggelenk
regelmässig mit Schmerzspritzen versorgt werden. Ausserdem sei nicht erklärbar,
weshalb die erforderlichen Ruhepausen nicht auch für eine adaptierte Tätigkeit
attestiert worden seien. Auch die degenerativen Veränderungen an der Wirbelsäule
sollten nach dem Gutachten keine Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit haben. Der
Beschwerdeführer leide ausserdem an einer erhöhten Ermüdbarkeit. Eine Tätigkeit von
mehr als 50 % sei ihm nicht zumutbar, da die Schmerzen, die Ermüdung und die
Konzentrationsprobleme nach der entsprechenden Zeit stark zunähmen. Das sei in
einer erneuten (Ober-) Begutachtung (neurologisch, rheumatologisch und
neuropsychologisch) festzustellen. Der Beschwerdeführer sei mittlerweile mehr als
57 Jahre alt. Seine Sprachkenntnisse seien eher bescheiden. Er habe keine
Berufsausbildung und habe bisher als Küchengehilfe gearbeitet. Er sei nur für leichte,
wechselbelastende Arbeiten einsetzbar. Tätigkeiten im Stehen kämen nicht in Frage.
Aufgrund der erheblichen Beeinträchtigungen wie der Konzentrations- und
Gedächtnisschwierigkeiten und der erhöhten Ermüdbarkeit sowie der noch zu
klärenden Einschränkungen der funktionellen Niveaus wäre der Beschwerdeführer,
sofern überhaupt von einer verwertbaren Restarbeitsfähigkeit auszugehen sei, auf viel
Entgegenkommen eines Arbeitgebers angewiesen. Gegenüber gesunden Personen sei
er auf dem Arbeitsmarkt jedenfalls massiv benachteiligt. Es müsse ein Leidensabzug
von 25 % gewährt werden.
E.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 10. Juli 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Bei der erneuten Begutachtung durch das ABI habe es
sich um eine Verlaufsbegutachtung gehandelt, so dass die Institution nicht ihre eigene
frühere Einschätzung habe nochmals beurteilen müssen. Auch ein Gutachter der
Psychiatrie könne abschätzen, ob relevante kognitive Einschränkungen bestünden, die
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der ergänzenden Abklärung bedürften. Die Gutachter hätten im Rahmen ihres
Ermessens zulässigerweise auf eine zusätzliche neuropsychologische Begutachtung
verzichtet. Das Gutachten erfülle die massgeblichen Voraussetzungen; es komme ihm
volle Beweiskraft zu. Die Gutachterin der Rheumatologie habe dem Beschwerdeführer
für die bisherige Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 30 % attestiert. Die geltend
gemachten gesundheitlichen Einschränkungen seien pflichtgemäss beurteilt worden.
Sie seien auch nicht so stark, dass sie einen Leidensabzug rechtfertigen würden. Der
Beschwerdeführer habe den Einwand vom 4. April 2019 in sehr gutem Deutsch
verfassen können. Ein Leidensabzug würde zudem bei der Parallelisierung der
Vergleichseinkommen wieder wegfallen. Selbst der Maximalabzug führte nicht zu
einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 %.
F.
Am 12. Juli 2019 wurde dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege
(Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) entsprochen.
G.
Mit Replik vom 13. November 2019 hält der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
daran fest, dass eine abweichende Beurteilung des Gesundheitszustands durch das
gleiche Institut von vornherein ausgeschlossen sei. Bei den vorhandenen Störungen
liege es nicht im Ermessen der Gutachter, auf eine sich aufdrängende
neuropsychologische Untersuchung zu verzichten. Der Sachverhalt sei von Amtes
wegen abzuklären. Das Gutachten sei auch unvollständig, weil die Gutachter trotz
somatoformer Schmerzstörung keine Beurteilung anhand eines strukturierten
normativen Prüfungsrasters vorgenommen hätten. Es habe ausserdem zumindest eine
weitere neurologische Abklärung durch einen unabhängigen Gutachter zu erfolgen, da
die Abklärungspflicht es gebiete, der Frage nach einem organischen Korrelat der
linksbetonten Schmerzsymptomatik nachzugehen. Denn auch wenn dieses gemäss
dem Gutachter nicht sicher vorhanden sei, so bestehe dafür doch eine gewisse
Wahrscheinlichkeit.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
H.
Die Beschwerdegegnerin hat am 21. November 2019 auf die Erstattung einer Duplik
verzichtet.

Considerations:
Erwägungen
1.
2.
Im Streit liegt die Verfügung vom 25. April 2019, mit welcher die
Beschwerdegegnerin den im August 2017 geltend gemachten Rentenanspruch des
Beschwerdeführers abgelehnt hat. Es handelte sich dabei um eine Neuanmeldung,
nachdem zunächst am 29. April 2002 ein Gesuch um berufliche Massnahmen
abgewiesen und nachdem später ein (infolge Rentengesuchs vom September 2002)
am 14. Juli 2004 ab September 2001 zugesprochener Anspruch auf eine halbe Rente
am 23. August 2013 wiedererwägungsweise wieder aufgehoben worden war. Die
Beschwerdegegnerin ist auf die Neuanmeldung eingetreten, was angesichts der in den
beigebrachten Arztberichten erwähnten Schädigungen nicht zu beanstanden ist.
1.1.
Der Beschwerdeführer ersucht in der Beschwerde (materiell) einzig um
Rentenleistungen. Ergäbe sich, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein solcher
Anspruch in Frage stünde, so gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch
die Frage, ob die Verwaltung den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und
eine allfällige Pflicht des Beschwerdeführers zu Massnahmen korrekt in Anspruch
genommen habe.
1.2.
Nach Art. 28 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.1.
Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist
(Art. 7 Abs. 2 ATSG, vgl. auch BGE 102 V 165). - Sämtliche psychischen Erkrankungen
sind nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. BGE 143 V 418 E. 7.1 f.)
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
grundsätzlich (bei Ausnahmen nach dem jeweiligen Beweisbedarf) einem strukturierten
Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen. Die funktionellen Folgen der
Gesundheitsschädigung sind danach qualitativ zu erfassen und quantitativ
einzuschätzen. Für die Beurteilung des funktionellen Leistungsvermögens sind in der
Regel diverse Standardindikatoren beachtlich, die in zwei Kategorien systematisiert
werden, nämlich einerseits in der Kategorie des funktionellen Schweregrads und
anderseits in jener der Konsistenz.
Der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers wurden
im Rahmen der Neuanmeldung vom August 2017 polydisziplinär begutachtet, und zwar
durch das ABI, welches den Beschwerdeführer bereits im Verfahren, das schliesslich
2013 zur Rentenaufhebung geführt hat, begutachtet hatte. Dieser Umstand rechtfertigt
allerdings nicht etwa als solcher vorweg einen Vorbehalt gegenüber dem Ergebnis des
Gutachtens, handelt es sich doch um eine Verlaufsbegutachtung, welche die
Möglichkeit eines Vergleichs des medizinischen Sachverhalts im Zeitablauf bietet, und
nicht darum, dass eine Begutachtungsstelle ihr eigenes früheres Gutachten zu
bewerten gehabt hätte. Ein Hinweis darauf, dass die Begutachtung nicht ergebnisoffen
stattgefunden hätte, liegt zudem nicht vor. Des Weiteren kann allgemein festgehalten
werden, dass die Teilbegutachtungen jeweils auf einer Kenntnis von den Vorakten, auf
Befragungen des Beschwerdeführers zu seinen Leiden und zur Anamnese sowie auf
den fachspezifischen Untersuchungen (einschliesslich Labor) basieren und insofern
vollständig erscheinen. Ein förmlicher Ausstandsgrund wäre zudem ohnehin verspätet
geltend gemacht worden (vgl. BGE 143 V 66 E. 4.3).
3.1.
Bei der Begutachtung ergab sich im Einzelnen gemäss der Gutachterin der
Allgemeinen Inneren Medizin, dass der Beschwerdeführer rein diesbezüglich für alle
körperlich leichten bis mittelschweren Tätigkeiten uneingeschränkt ganztags
arbeitsfähig sei. Die arterielle Hypertonie und das Offenwinkelglaukom bewirkten keine
Beeinträchtigung; der korrigierte Visus liege beidseits bei 1.0 (vgl. IV-act. 207-27 f.,
-29). Der Beschwerdeführer scheine im Alltag nicht wesentlich eingeschränkt zu sein
(täglich zweimal eine Stunde Arbeitsweg, Arbeit von 09.00 bis 14.00 Uhr als
Küchengehilfe, zuhause Fähigkeit, sich gut um die Kinder zu kümmern etc., vgl. IV-
act. 207-28).
3.1.1.
Als Gutachterin der Nephrologie erklärte dieselbe Expertin, eine urologische
Untersuchung vom 24. April 2018 (durch Dr. L._) habe sonographisch eine
unauffällige linke Niere des Beschwerdeführers ergeben mit restharnfreier
3.1.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Blasenentleerung. Die Nierenfunktion sei jedoch eingeschränkt gewesen. Der
untersuchende Urologe habe die geklagten Beschwerden damals nicht auf eine
urologische Problematik zurückzuführen vermocht (vgl. IV-act. 207-32). Die Gutachterin
hielt weiter fest, am 7. September 2018 sei ein Kreatinin von 108 μmol/l bestimmt
worden (vgl. IV-act. 207-31), bei der Begutachtung seien es 106 μmol/l gewesen, und
ausserdem 5.15 mmol/l Harnstoff (vgl. IV-act. 207-33 und -66). Es hätten sich im
Verlauf der letzten fünf Jahre stabile Nierenfunktionsparameter, entsprechend einer
Kreatininclearance nach CKD-EPI von 67 ml/min/1.73 m , gezeigt (bei Dr. L._
allerdings 58). Der Urinstatus sei (auch) bei der Begutachtung unauffällig gewesen
(weder Albuminurie noch Proteinurie). Die Gutachterin schloss, es habe eine sehr gute
Nierenfunktion bestanden, die einer leichten Niereninsuffizienz Stadium G2A1 nach
KDIGO entspreche. Es kann davon ausgegangen werden, dass die genannte
Qualifikation der Funktion (sehr gut) mit Rücksicht auf den Zustand nach der
einseitigen Nephroureterektomie so bezeichnet wurde. Die Gutachterin wies ferner
darauf hin, dass angesichts dieser leichten Niereninsuffizienz keine renalen
Folgeerkrankungen hätten objektiviert werden können, nämlich weder eine renale
Anämie noch eine relevante Dyselektrolytämie oder ein sekundärer
Hyperparathyreoidismus (vgl. IV-act. 207-33). Die arterielle Hypertonie sei eher nicht
renaler Genese, sondern möglicherweise im Kontext eines beginnenden metabolischen
Syndroms zu interpretieren. Diesbezüglich habe sich bei an jenem Morgen nicht
eingenommener Medikation eine ungenügende (Bluckdruck-) Einstellung gezeigt. Die
angegebene erhöhte Ermüdbarkeit könne in Anbetracht der sehr guten Nierenfunktion
nicht erklärt werden. Eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit (auch in bisheriger
Tätigkeit) ergebe sich nicht (vgl. IV-act. 207-32 ff.).
2
Bei der rheumatologischen Begutachtung beklagte der Beschwerdeführer nebst
den Schmerzen und dem Taubheitsgefühl in der ganzen linken Körperhälfte Schmerzen
und muskuläre Verspannungen der Schulter-/Nackenmuskulatur, linksbetont, und
belastungsabhängige Schmerzen in der linken Schulter, ausserdem Schmerzen im
Lumbalbereich mit gelegentlicher Ausstrahlung ins linke Bein (nach länger als zehn
Minuten Gehen) sowie intermittierend auftretende belastungsabhängige Schmerzen im
linken Sprunggelenk. Er nehme nur selten Schmerzmedikamente ein, denn sie würden
nur wenig helfen und er bekomme danach Magenbeschwerden und Fieber. Bis vor vier
Wochen habe er zweimal wöchentlich Physiotherapie erhalten, die immer nur kurzfristig
helfe. Wegen der Schmerzen im Sprunggelenk bekomme er alle drei Monate eine
Spritze ins Gelenk. Mehr als das derzeitige Pensum von drei Stunden pro Tag (in einem
RAV-Einsatzprogramm) traue er sich nicht zu (vgl. IV-act. 207-37 ff.). Die Gutachterin
3.1.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Rheumatologie liess Röntgenbilder von LWS und von HWS (je in zwei Ebenen)
anfertigen und konnte ausserdem ältere Röntgen- oder MRI-Bilder von der linken
Schulter (April und Mai 2016) sowie des OSG links (vom Mai 2018) mitbeurteilen (vgl.
IV-act. 207-40). Im linken Sprunggelenk bestehe ein Belastungsdefizit (vgl. IV-
act. 207-43). Ausserdem liege ein chronisches zervikospondylogenes Schmerzsyndrom
mit Zervicobrachialgien links bei unter anderem ventraler Spondylose im Bereich C3 bis
C7 vor. Seit etlichen Jahren bestehe auch ein chronisches thorako-
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom mit gelegentlicher ischialgiformer Ausstrahlung
links bei u.a. Beckentiefstand links von 1 cm und ventraler und lateraler Spondylose
Th9 bis Th12 und ventraler Spondylose L2/3 und L4/5. Durch die Hypermobilität könne
es bei einer ungenügenden muskulären Stabilisierung immer wieder zu
Überlastungserscheinungen im Bereich der peripheren Gelenke und zu Blockierungen
im Wirbelsäulenbereich mit der entsprechenden Beschwerdesymptomatik kommen.
Die Schulterschmerzen links würden sich am ehesten hierauf zurückführen lassen. Es
habe sich ein nach dorsal dezentrierter Humeruskopf mit einer chronischen
basisseitigen Labrumablösung posterior gezeigt. Die Gutachterin hielt nach der
Untersuchung fest, die Belastbarkeit des Beschwerdeführers sei aufgrund einer
allgemeinen Hypermobilität mit Überstreckbarkeit der Gelenke, der degenerativen
Veränderungen im Wirbelsäulenbereich und der Beeinträchtigung am linken
Sprunggelenk vermindert. Daneben stünden ihm aber aus rein rheumatologischer Sicht
sämtliche Fähigkeiten und Ressourcen für die Ausübung einer adaptierten Tätigkeit zur
Verfügung (vgl. IV-act. 207-41 ff.). Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit des Küchengehilfen
gehe in Teilbereichen über das zumutbare Leistungsprofil hinaus. In einer körperlich
leichten, wechselbelastenden Tätigkeit ohne regelmässige Arbeiten über Kopf und
ohne ausschliessliche Steh- und Gehbelastung sei der Beschwerdeführer vollschichtig
arbeitsfähig.
Die psychiatrische Begutachtung ergab, dass einzig eine die Arbeitsfähigkeit
nicht tangierende Somatisierungsstörung vorliege. Der Beschwerdeführer hatte
berichtet, sich seit November 2017 wegen Stresses infolge finanzieller Probleme in
psychiatrische Behandlung (alle zwei bis drei Wochen) begeben zu haben.
Psychopharmaka würden nicht eingesetzt. Eine Tätigkeit ohne Stress könne er sich
während vier bis 4.5 Stunden auszuüben gut vorstellen. Der Gutachter der Psychiatrie
hielt fest, die Klagen somatischer und psychischer Symptome des Beschwerdeführers
hätten inkonsistent gewirkt. Seine Aktivitäten passten nicht zu einer erheblichen
psychischen Störung. Es bestehe eine hohe subjektive Krankheitsüberzeugung. Die
Diagnose einer depressiven Störung könne nicht bestätigt werden. Es bestehe eine
3.1.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
uneingeschränkte Leistungsfähigkeit für eine eher leichte, körperliche Arbeit, die nicht
an hoher Effizienz orientiert sei (vgl. IV-act. 207-51 f.).
Dem Gutachter der Neurologie hatte der Beschwerdeführer erklärt, seit 20
Jahren Sensibilitätsstörungen (ein "eingeschlafenes Gefühl" über der linken
Körperseite, am meisten am linken Bein und linken Fuss) zu verspüren. Ausserdem
habe er zeitweise Konzentrationsschwierigkeiten, ferner Schulterschmerzen und eine
mangelnde Beweglichkeit im linken Arm, bei Belastung seien die Schmerzen erheblich.
Seit der Operation am linken Fuss habe er Mühe beim Gehen und Schmerzen, bei
stärkeren Schmerzen zeitweise auch weniger Kraft im linken Bein, so dass er kaum
noch gehen könne. Dazu kämen Kreuzschmerzen, die nach ca. einem Kilometer Gehen
zunähmen. Insgesamt habe er dauernd Schmerzen. Physiotherapie und Schmerzmittel
würden nicht (wesentlich) helfen, spezielle Yogaübungen allerdings schon. Bei starken
Schmerzen seien ihm Letztere aber nicht möglich. Der Gutachter erklärte, bei einem
MRI der LWS vom Dezember 2018 hätten sich keine Hinweise auf eine
Neurokompression oder eine relevante Spinalkanalstenose ergeben. Beim leichten
Sensibilitätsdefizit an der Aussenseite des linken Unterschenkels könnte es sich um
eine L5-Symptomatik handeln. Unter Berücksichtigung der übrigen klinischen Befunde
und des MRI-Befundes ergäben sich jedoch keine objektivierbaren Hinweise auf eine
radikuläre Symptomatik. Zu den Einschränkungen bei Belastungen und
Alltagsfunktionen habe der Beschwerdeführer unterschiedliche Angaben gemacht.
Zunächst habe er über erhebliche Einschränkungen aufgrund der Fussschmerzen,
dann wieder über limitierende Kreuzschmerzen berichtet. Es würden keine relevanten
Einschränkungen im alltäglichen Leben beschrieben. Hinweise auf eine organische
Ursache der sensiblen Hemisymptomatik hätten sich nicht ergeben. Die Schmerz
ausstrahlung ins linke Bein könne nicht sicher einem organischen Korrelat zugeordnet
werden. Bei längerem Sitzen während der Anamneseerhebung sei kein vermehrter
Positionswechsel erkennbar gewesen. Es habe sich (beim Aus- und Ankleiden) nur ein
gering ausgeprägtes rückenschonendes Verhalten gezeigt. Es liege keine
neurologische Hauptdiagnose vor, die Arbeitsfähigkeit sei nicht beeinträchtigt.
3.1.5.
In der interdisziplinären Konsensbeurteilung wurde angegeben, spezifische
Belastungsfaktoren könnten weder aus somatischer noch aus psychiatrischer Sicht
erhoben werden. Insbesondere aus rheumatologischer Sicht finde sich für die vom
Beschwerdeführer angegebenen Beschwerden aber von Seiten des
Bewegungsapparates zum überwiegenden Teil ein entsprechendes morphologisches
Korrelat (mit Ausnahme der geklagten diffusen Schmerzproblematik der ganzen linken
Körperhälfte). Die medizinischen Diagnosen seien allerdings nicht gravierend. Der
3.1.6.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 23/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherte fahre ausserdem täglich eine Stunde zum Arbeitsort, arbeite von 9 bis
14 Uhr als Küchengehilfe in einem Restaurant und könne sich auch zuhause gut um
seine Kinder kümmern (sie zur Schule und zum Fussballspielen bringen, vom Spielplatz
abholen). In seinen täglichen Aktivitäten scheine er also nicht wesentlich eingeschränkt.
Mit einer vollständigen Invalidisierung könne das nicht vereinbart werden (vgl. IV-
act. 207-11 f.).
Die letztgenannte Feststellung erscheint nach dem Dargelegten gut
nachvollziehbar. Sie gibt allerdings Anlass zur Bemerkung, dass das
Begutachtungsinstitut sich mit seinem Attest einer vollen Arbeitsfähigkeit für adaptierte
Tätigkeiten von der Annahme einer vollen Invalidität maximal entfernt. Die Feststellung
scheint sich eher auf die Beurteilung betreffend die bisherige Tätigkeit beziehen zu
lassen, für welche das ABI lediglich eine Teilarbeitsfähigkeit annimmt, indem es erklärt,
diese sei nur noch an drei bis vier Stunden pro Tag und unter Berücksichtigung einer
leichten Leistungseinbusse zumutbar. Diese Tätigkeit als Küchengehilfe gehe in
Teilbereichen über das zumutbare Belastungsprofil hinaus. Dort sei der
Beschwerdeführer zu 70 % arbeitsunfähig (vgl. IV-act. 207-11 ff.). Eine solche Tätigkeit
ist daher als ungeeignet zu betrachten.
3.2.
Insgesamt ist insoweit von einem vollständigen Begutachtungsergebnis
auszugehen, als es sich auf die erforderlichen Untersuchungen stützt und mit den
Befunden begründet ist.
3.3.
3.4.
Der Beschwerdeführer lässt indessen dagegen einwenden, angesichts der
massiven Konzentrationsstörungen und der erhöhten Ermüdbarkeit des
Beschwerdeführers sei zu Unrecht auf eine neuropsychologische Begutachtung
verzichtet worden. - Die Gutachterin der Allgemeinen Inneren Medizin erklärte jedoch,
die angegebenen Konzentrationsstörungen hätten vom Anamnesegespräch deutlich
divergiert; der Beschwerdeführer habe sich sehr gut konzentrieren und Lebensdaten
einwandfrei wiedergeben können (vgl. IV-act. 207-28). Auch der Gutachter der
Psychiatrie gab an, die kognitiven Funktionen wie Wahrnehmung, Auffassung und
Gedächtnis hätten in der grobklinischen Prüfung als nicht beeinträchtigt imponiert.
Konzentration und Aufmerksamkeit habe der Beschwerdeführer während der gesamten
Untersuchungsdauer aufrechterhalten können (vgl. IV-act. 207-49). Der Gutachter der
Neurologie hielt ebenfalls fest, Konzentration und Vigilanz seien während der ganzen
Untersuchung gut erhalten geblieben (vgl. IV-act. 207-55). Der Verzicht auf den Beizug
eines Neuropsychologen ist daher nicht zu beanstanden, zumal es im Übrigen
3.4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 24/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
grundsätzlich Aufgabe des psychiatrischen Facharztes ist, die Arbeitsfähigkeit unter
Berücksichtigung allfälliger neuropsychologischer Defizite einzuschätzen (vgl.
Bundesgerichtsurteil vom 12. April 2019, 9C_752/2018 E. 5.3).
Des Weiteren lässt der Beschwerdeführer auf seine Schmerzen am linken oberen
Sprunggelenk hinweisen, welche immer noch mit Schmerzspritzen behandelt werden
müssten und derentwegen er nur kurze Zeit gehen könne. Dass nicht auch in einer
adaptierten Tätigkeit ein Bedarf an Ruhepausen anerkannt worden sei, sei nicht
nachvollziehbar. - Diesbezüglich ist zunächst zu erwähnen, dass gemäss einem MR-
Bericht vom 7. Mai 2018 mit dem Ödem mit zentralem Nekroseareal, den
Knorpeleinrissen sowie den Ganglien mit der Folge eines antero-lateralen
Impingements erhebliche Schädigungen am OSG (und Kalkaneus) abgebildet worden
sind. Bei der Begutachtung konnte die Gutachterin der Rheumatologie jedoch klinisch
reizlose und frei bewegliche OSG verzeichnen (vgl. IV-act. 207-40). Sie hielt aber fest,
der Beschwerdeführer habe bei der Überprüfung des Gelenks links leichte Schmerzen
angegeben (a.a.O.), und berücksichtigte die dortigen Schmerzen und das
Belastungsdefizit (vgl. IV-act. 207-41 f.). Sie räumte weiter auch ein, dass dem
Beschwerdeführer Tätigkeiten mit ausschliesslicher Steh- und Gehbelastung nicht
zumutbar seien (vgl. IV-act. 207-44). In angepassten Tätigkeiten nahm sie indessen
eine Arbeitsfähigkeit für acht Stunden pro Tag an (vgl. IV-act. 207-44). Die
Beschwerden wurden demnach zureichend berücksichtigt. Selbst die Annahme einer
leichten Reduktion der Arbeitsfähigkeit wegen vermehrten Pausenbedarfs (von nicht
mehr als 10 %) wäre indessen nicht rentenrelevant (vgl. auch unten E. 4.5).
3.4.2.
Dass die medizinische Abklärung hinsichtlich der Schmerzsymptomatik vor allem
der linken Körperhälfte zu ergänzen gewesen wäre, lässt sich des Weiteren nicht
bestätigen. Die diesbezüglichen gutachterlichen Erläuterungen (gemäss dem Gutachter
der Neurologie wahrscheinlich unspezifische Begleitsymptomatik im Rahmen der
chronischen Schmerzen, vgl. IV-act. 207-57) erscheinen ausreichend; von weiteren
Untersuchungen ist keine verbesserte Erkenntnis zu erwarten, hatte doch bereits die
Begutachtung vom 10. April 2013 hierfür rheumatologisch kein klinisches Korrelat
gezeigt und ergaben sowohl die Untersuchung des Bewegungsapparates wie die
neurologische Prüfung keine relevanten pathologischen Befunde (vgl. IV-act. 108-15).
3.4.3.
Die Gutachter befassten sich zudem auch mit den vorhandenen
Belastungsfaktoren und Ressourcen, mit der Konsistenz in der Untersuchungssituation
und mit dem Vergleich der geklagten Beschwerden mit den Alltagsaktivitäten. Der
Gutachter der Psychiatrie hielt fest, der Beschwerdeführer habe im Affekt einen
3.4.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 25/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
besorgten, im Übrigen aber ausgeglichenen Eindruck gemacht. Eine erhebliche
depressive Verstimmung habe sich nicht beobachten lassen (vgl. IV-act. 207-49). Eine
Komorbidität zur Somatisierungsstörung (in Form einer affektiven Störung) bestehe
nicht (vgl. IV-act. 207-50). Eine darüber hinaus gehende Berücksichtigung des
Prüfungsrasters zu erwarten, erscheint vorliegend nicht sachgerecht.
Der Beschwerdeführer lässt schliesslich rügen, im Gutachten sei nicht erwähnt
worden, dass die Gefühllosigkeit, die Schmerzen und die Konzentrationsstörungen
massiv zugenommen hätten. Über das hierzu bereits Dargelegte hinaus ist zu
erwähnen, dass im ABI-Gutachten vom 6. Februar 2019 eine seit der letzten
Begutachtung eingetretene Veränderung des Gesundheitszustands des
Beschwerdeführers festgestellt wurde. Erstmals seien degenerative Veränderungen im
Bereich der Wirbelsäule festzustellen gewesen, die zur Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit geführt hätten, während aber die Arbeitsfähigkeit in adaptierter
Tätigkeit nicht eingeschränkt sei (vgl. IV-act. 2017-13). - Auch retrospektiv erachteten
die Gutachter eine Arbeitsunfähigkeit in angepasster Arbeit als nicht gegeben (a.a.O.).
3.4.5.
Insgesamt ist demnach festzuhalten, dass die gesundheitlichen
Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers zwei Etagen der Wirbelsäule (C und Th/L),
das linke OSG und die linke Schulter betreffen. Das ist als Erschwernis zu betrachten.
Die Belastungsdefizite und Schmerzen des Beschwerdeführers wurden allerdings
interdisziplinär vollständig gutachterlich abgeklärt und medizinisch gewürdigt. Das
Ergebnis wurde wie erwähnt nachvollziehbar begründet und erweist sich demnach als
stichhaltig.
3.5.
Soweit sich weitere ärztliche Einschätzungen überhaupt zur Arbeitsfähigkeit in
einer adaptierten Tätigkeit und diesbezüglich abweichend äusserten, vermögen sie
gegen das begründete polydisziplinäre Begutachtungsergebnis nicht anzukommen.
Dasselbe gilt für die Einschätzung aufgrund des RAV-Arbeitseinsatzes, wonach
Arbeitstempo und Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers den Anforderungen des
ersten Arbeitsmarktes nicht entsprächen.
3.6.
Damit ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in einer adaptierten Tätigkeit
medizinisch als voll arbeits- und leistungsfähig zu betrachten ist.
3.7.
Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist gemäss
Art. 28a Abs. 1 IVG Art. 16 ATSG anwendbar. Danach wird für die Bestimmung des
Invaliditätsgrads das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der
4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 26/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
Da der Beschwerdeführer (nebst diversen Phasen des Bezugs von Arbeitslosen
entschädigung) in verschiedenen Anstellungen tätig gewesen war, lässt sich keine
Tätigkeit erkennen, welche die überwiegende Wahrscheinlichkeit für sich hätte, als
Basis zur Bestimmung des Valideneinkommens dienen zu können. Das
Valideneinkommen ist daher auf der Grundlage der Tabellenlöhne festzulegen. Der
Beschwerdeführer hatte jeweils im Vergleich zu diesen statistischen Lohnerhebungen
des Kompetenzniveaus 1 (vgl. Anhang 2 der Textausgabe Invalidenversicherung,
Allgemeiner Teil des Sozialversicherungsrechts, Gesetze und Verordnungen, 2019,
herausgegeben von der Informationsstelle AHV/IV, S. 228, basierend auf der
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung LSE des Bundesamtes für Statistik) auch nicht
überdurchschnittlich verdient (vgl. IK-Auszug, IV-act. 169).
4.2.
Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist nach der Rechtsprechung primär
von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person
konkret steht. Übt sie keine Erwerbstätigkeit mehr aus, sind hierfür statistische Werte
beizuziehen (vgl. BGE 129 V 472 E. 4.2.1, vgl. etwa auch Bundesgerichtsentscheid vom
26. Januar 2016, 9C_762/2015). Der Beschwerdeführer hat kein für ein zumutbares
Invalideneinkommen repräsentatives Einkommen mehr erzielt, so dass auch in dieser
Hinsicht auf die Tabellenlöhne zu greifen ist.
4.3.
Für das Valideneinkommen und als Ausgangswert für die Bestimmung des
Invalideneinkommens ist somit derselbe Einkommensbetrag zu wählen. Der
Invaliditätsgrad entspricht unter solchen Verhältnissen dem Grad der Arbeitsunfähigkeit
unter Berücksichtigung eines allfälligen Abzugs (zur Ermittlung des
Invalideneinkommens) gemäss BGE 126 V 75 (vgl. Bundesgerichtsentscheide vom
9. Mai 2016, 8C_934/2015 E. 2.1, und vom 20. April 2010, 9C_215/2010 E. 5.2).
4.4.
Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte Person ihre
gesundheitlich zumutbare verbleibende (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist
ein Abzug (von den Tabellenlöhnen) zu machen. Bei der Bestimmung der Höhe des
Abzuges ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das
Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu
4.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 27/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
schätzen und insgesamt auf höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen (vgl.
BGE 134 V 322 E. 5.2 und BGE 126 V 75). - Medizinisch gesehen sind dem
Beschwerdeführer gemäss dem ABI-Gutachten körperlich leichte, wechselbelastende
Tätigkeiten ohne regelmässige Arbeiten über Kopf und ohne ausschliessliche Steh- und
Gehbelastung zumutbar. Nach Angaben des Gutachters der Psychiatrie sollte es sich
um eine leichte körperliche Arbeit handeln, um der Tendenz zur Somatisierung
entgegenzuwirken (vgl. IV-act. 207-51). Die Tätigkeit sollte nicht an hoher Effizienz
orientiert sein (vgl. IV-act. 207-52). Die medizinischen Einschränkungen sind bei der
Arbeitsfähigkeitsschätzung berücksichtigt worden. Die eingeschränkten
Sprachkenntnisse des Beschwerdeführers (vgl. RAV-Bericht vom 20. Dezember 2018:
der Beschwerdeführer habe nicht alles voll verstanden; ABI-Gutachten: gute
Deutschkenntnisse, problemlose Kommunikation, vgl. IV-act. 207-24, allerdings
Begutachtung mit Dolmetscher, vgl. IV-act. 207-26, nur - sc. aber immerhin - Bedarf an
Dolmetscher für schwierigere Sachverhalte, vgl. IV-act. 207-39) vermögen keinen
Abzug vom Tabellenlohn bezüglich der Einsatzmöglichkeiten für einfache und repetitive
Tätigkeiten zu rechtfertigen (vgl. Bundesgerichtsentscheide vom 29. Mai 2018,
9C_266/2017 E. 3.4.4, und vom 18. August 2014, 9C_426/2014 E. 4.2). Gleiches gilt für
eine fehlende berufliche Ausbildung, da in solchen Tätigkeiten auch keine Berufs- und
Fachkenntnisse vorausgesetzt sind (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 18. August 2014,
9C_426/2014 E. 4.2). Zudem sind diese (invaliditätsfremden, schon vor der
gesundheitlichen Beeinträchtigung vorhanden gewesenen) Faktoren angesichts der
Parallelisierung der Vergleichseinkommen bereits berücksichtigt worden; eine doppelte
Berücksichtigung hat ausser Betracht zu fallen (vgl. dazu BGE 134 V 322 E. 5.2 und
6.2). Der Beschwerdeführer ist gemäss dem Gutachten auch in der Lage, ganztägig zu
arbeiten, weshalb kein Teilzeitabzug anzubringen ist (vgl. Bundesgerichtsurteile vom
12. November 2019, 9C_542/2019 E. 3.1, und vom 16. Mai 2019, 8C_705/2018 E. 4.3).
Dass der Beschwerdeführer wegen seines Alters eine relevante Einbusse hinzunehmen
hätte, ist ebenfalls nicht anzunehmen (vgl. 9C_266/2017 E. 3.4.4). Selbst bei einem
ermessensweise allenfalls insgesamt anzunehmenden Abzug von maximalen 10 %
ergäbe sich im Übrigen kein rentenbegründender Invaliditätsgrad. - Die verfügte
Ablehnung des Rentenanspruchs erweist sich demnach als rechtmässig.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.5.1.
Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
5.2. bis
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 28/28
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte