Decision ID: 7b22c572-58de-5f12-a20a-e18b41a97dc2
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ersuchte mit ihrem damals minderjährigen Sohn
B._ (Jahrgang [...]) am 10. Juli 2016 in der Schweiz um Asyl. An-
lässlich der Befragung zur Person vom 13. Juli 2016 und der Anhörung
vom 16. August 2019 führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus,
sie sei ethnische Hazara und in C._, Distrikt D._, Provinz
E._, geboren. Mit circa fünf Jahren sei sie mit ihrer Familie in den
Iran gegangen. Nach ihrer Heirat im Alter von circa 21 Jahren sei sie mit
ihrem Ehemann nach Afghanistan in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Sie
habe zu Hause als Kosmetikerin gearbeitet. Im Jahr 2009 sei ihr Ehemann
gestorben. Daraufhin sei sie mit ihren Söhnen nach Kabul gezogen. Sie
habe in einem Kosmetiksalon gearbeitet und nebenbei eine zweijährige
Ausbildung zur Hebamme absolviert. Nach dem Abschluss der Ausbildung
habe sie in verschiedenen Krankenhäusern, unter anderem im F._-
Krankenhaus in Kabul gearbeitet. Circa anfangs 2015 habe ihr eine Frau
anvertraut, im Krankenhaus habe ein Pfleger versucht, sie zu vergewalti-
gen. Sie habe den Vorfall dem Spitaldirektor gemeldet, woraufhin der Pfle-
ger circa im Februar 2015 entlassen worden sei. Der Pfleger sei ein
Paschtune aus E._ gewesen. Er habe sie für seine Entlassung ver-
antwortlich gemacht und sie regelmässig als Hazara-Frau beschimpft und
ihr mit dem Tod gedroht. Einmal sei ihr Sohn von zwei Motorradfahrern
gefragt worden, ob er der Sohn der Hebamme A._ sei. Aus Angst,
der Pfleger könnte die Todesdrohungen umsetzen, habe sie die Stelle beim
Krankenhaus gekündigt. Sie seien in ein anderes Quartier gezogen. Sie
habe heimlich gearbeitet und immer eine Burka getragen, um nicht erkannt
zu werden. Der Pfleger habe sie aber weiterhin telefonisch bedroht und ihr
Fotos getöteter Menschen geschickt. Einmal sei sie abends von zwei Per-
sonen verfolgt worden. Sie sei zur UNO-Vertretung in den Iran gereist,
habe jedoch keine Hilfe erhalten. Nach der Rückkehr habe sie versucht, in
D._ zu arbeiten, aber die Lage sei zu gefährlich gewesen; es habe
immer wieder Gefechte zwischen den Taliban und dem afghanischen Mili-
tär gegeben. Die letzten 30 bis 40 Tage habe sie sich mit ihren Söhnen bei
der Ehefrau ihres Onkels versteckt. Des Weiteren habe der Bruder des
Ehemannes verlangt, dass sie ihn oder einen Cousin ihres Ehemannes
heirate. Er habe sich in ihr Leben eingemischt, sie geschlagen, kontrolliert,
mit wem sie Kontakt habe, und ihre Söhne gegen sie aufgehetzt, weil es
eine Schande sei, dass sie arbeite. Einmal sei es zu einer handgreiflichen
Auseinandersetzung zwischen dem Schwager und ihrem ältesten Sohn
gekommen. Sie habe niemanden gehabt, der ihr hätte helfen können. Als
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alleinstehende Frau und Hazara hätte sie von der Polizei keine Hilfe be-
kommen. Deshalb sei sie im Februar oder März 2016 mit den Söhnen aus
Afghanistan ausgereist.
Die Beschwerdeführerin reichte ihre alte und neue Tazkira, den Militäraus-
weis ihres Ehemannes, zwei Fotos, eine Bestätigung ihrer Hebammenaus-
bildung, eine Arbeitsbestätigung sowie ein Arbeitszeugnis des F._-
Krankenhauses und eine Bestätigung einer Kosmetikausbildung ein.
B.
Am 11. September 2016 reiste der ältere Sohn der Beschwerdeführerin,
G._ (Jahrgang [...]), in die Schweiz ein und stellte ebenfalls ein
Asylgesuch.
C.
Mit Verfügung vom 5. September 2019 (eröffnet am 9. September 2019)
stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. Die Asylgesuche der Söhne
der Beschwerdeführerin lehnte die Vorinstanz in zwei separaten Verfügun-
gen ab, da diese mittlerweile volljährig waren. Für die Söhne wurde eben-
falls der Wegweisungsvollzug angeordnet.
D.
Mit Eingabe vom 23. September 2019 erhob die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, der Entscheid der
Vorinstanz vom 5. September 2019 sei aufzuheben. Es sei der Beschwer-
deführerin Asyl zu gewähren oder jedenfalls für sie die Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen. Eventualiter sei die Unzumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Es
sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Es sei der
Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und
in der Person des Unterzeichneten ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu
gewähren.
Die Beschwerdeführerin reichte eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung
ein.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2019 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsver-
beiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
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und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung.
F.
Am 16. Oktober 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
G.
Mit Replik vom 25. Oktober 2019 nahm die Beschwerdeführerin zur Ver-
nehmlassung Stellung. Der Replik waren ein Urteil des Verwaltungsge-
richts Halle, Deutschland, betreffend geschlechterspezifische Verfolgung in
Afghanistan, eine Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014 sowie eine
Medienmitteilung des SEM vom 22. Dezember 2014 beigelegt.
H.
Mit Schreiben vom 10. Dezember 2019 gab die Beschwerdeführerin eine
Honorarnote zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG; SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh-
rerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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3.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition im Bereich des
Ausländerrechts richtet sich nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Die Vorinstanz hat über die Asylgesuche der Beschwerdeführerin und ihrer
zwei Söhne in separaten Verfügungen entschieden. In den Begründungen
verweist sie jeweils auf die übrigen zwei Familienmitglieder. Die Söhne ha-
ben den Wegweisungsvollzug angefochten. Das Bundesverwaltungsge-
richt hat für sie die Beschwerdeverfahren E-4924/2019 respektive
E-4925/2019 eröffnet. Diese Verfahren wurden aufgrund des engen Sach-
zusammenhangs mit dem vorliegenden Verfahren koordiniert und im glei-
chen Spruchkörper entschieden.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Vorinstanz begründet den ablehnenden Asylentscheid damit, die
Beschwerdeführerin habe die Verfolgung durch den Pfleger nicht glaubhaft
darlegen können. Hätte der Pfleger sie tatsächlich im besagten Ausmass
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belästigt, wäre zu erwarten gewesen, dass sie ihre Telefonnummer nicht
erst nach sieben Monaten oder einem Jahr gewechselt hätte. Sie habe
nicht überzeugend erklären können, wie der Pfleger wieder an ihre neue
Telefonnummer gelangt sei. Die zeitlichen Angaben zu den Ereignissen
würden Unstimmigkeiten enthalten. Sie habe ausgeführt, im Februar 2016
ausgereist zu sein. Der Pfleger sei circa ein Jahr vor ihrer Ausreise und
somit im Februar 2015 entlassen worden. Aufgrund der späteren Todes-
drohungen des Pflegers habe sie die Stelle beim Krankenhaus gekündigt.
Die Kündigung könnte demnach frühestens im Februar 2015 erfolgt sein.
Gemäss dem eingereichten Arbeitszeugnis des Krankenhauses habe die
Anstellung aber bereits im Dezember 2014 geendet. Zudem sei es frag-
würdig, dass es trotz des Ausmasses der Bedrohungen nie zu einem Über-
griff gekommen sei, zumal der Pfleger in der Lage gewesen sein dürfte,
ihre Wohnadresse herauszufinden. Die Aussage, ein Hilfeersuchen bei den
Behörden wäre zwecklos gewesen, sei nicht stichhaltig. Ihre Vorbringen
seien daher unglaubhaft. Des Weiteren wären sie auch nicht asylrelevant,
da der Pfleger aus Rache gehandelt habe.
6.2 Die Beschwerdeführerin bringt vor, Witwen seien in Afghanistan geäch-
tet und unterdrückt. Sie seien zumindest von Seiten nichtstaatlicher Ak-
teure Diskriminierungen ausgesetzt. Ausserhalb Kabuls gebe es den „Wit-
wenhügel Sanabad“, wo sich Witwen ein Zuhause für sich und ihre Kinder
geschaffen hätten und sie sich gegenseitig unterstützten. Allein die Exis-
tenz einer solchen Siedlung zeige, wie wehrlos und schutzbedürftig Witwen
in Afghanistan seien. Es sei ihr zwar gelungen, den Kontakt zu ihrem
Schwager abzubrechen. Gleichzeitig sei ihr aber klargemacht worden,
dass ihr jeweiliger Aufenthaltsort bekannt sei und es nicht geduldet werde,
dass sie zu jemanden Kontakt pflege oder bei einem Mann ins Auto steige.
Sie werde vom Schwager nur in Ruhe gelassen, solange sie sich an des-
sen Vorgaben halte. Dies könne von ihr nicht erwartet werden. Ihr sei daher
Asyl zu gewähren.
6.3 Die Vorinstanz führt in der Vernehmlassung aus, Witwen stellten keine
soziale Gruppe nach Art. 3 AsylG dar. Einer allfälligen Verfolgung aufgrund
des Zivilstandes fehle es an einem asylrelevanten Motiv.
6.4 Die Beschwerdeführerin erwidert in der Replik, die „bestimmte soziale
Gruppe“ sei als Auffangtatbestand in die Definition des Flüchtlingsbegriffs
eingefügt worden. In einem Urteil von 2017 habe das Verwaltungsgericht
in Halle Witwen als soziale Gruppe definiert, die von der afghanischen Ge-
sellschaft ausgegrenzt werde und je nach den Umständen des Einzelfalls
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auch ohne eine Vorverfolgung oder Vorschädigung mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit Verfolgungshandlungen durch nichtstaatliche Akteure zu-
mindest in der Form von Menschenrechtsverletzungen oder Diskriminie-
rungen ausgesetzt sei, die in ihrer Kumulierung einer schwerwiegenden
Verletzung der grundlegenden Menschenrechte gleichkommen würden.
Würden Witwen in Afghanistan nicht per se als asylrelevant verfolgt gelten,
sei der Umstand der Zugehörigkeit zu dieser sozialen Gruppe beim Weg-
weisungsvollzugspunkt zu berücksichtigen.
7.
Die Vorinstanz hat die geltend gemachte Verfolgung durch den Pfleger für
unglaubhaft befunden. Die Beschwerdeführerin beanstandet diese Ein-
schätzung in der Beschwerdeschrift nicht, bringt nun aber vor, als Witwe
drohe ihr in Afghanistan eine asylrelevante Verfolgung. Es ist der Be-
schwerdeführerin zuzugestehen, dass Witwen in Afghanistan einen schwe-
ren Stand haben. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit ihrem Schwager ist auch
nachvollziehbar, dass sie eine subjektive Angst vor Verfolgung hat. Das
Vorliegen einer objektiv begründeten Furcht ist indes zu verneinen. Nach
dem Streit zwischen ihrem ältesten Sohn und dem Schwager gelang es
der Beschwerdeführerin, den Kontakt zum Schwager abzubrechen. Der
Schwager war denn auch nicht der Grund für ihre Ausreise aus Afghanis-
tan. Anderweitige ernsthafte Nachteile aufgrund ihres Witwenstandes hat
die Beschwerdeführerin nicht geltend gemacht. Es gibt auch keine konkre-
ten Hinweise dafür, dass sie nach einer Rückkehr eine künftige asylrele-
vante Verfolgung zu befürchten hätte. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch zu
Recht abgelehnt.
8.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt. Die
Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen
(Art. 32 Abs. 1 AsylV; SR 142.31). Die Wegweisung wurde zu Recht ange-
ordnet.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
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Seite 8
9.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernis-
sen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst,
sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.3 Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Wegwei-
sungsvollzug (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind al-
ternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der Vollzug
als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit der be-
troffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die vorläu-
fige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4.).
10.
10.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.2 Die Vorinstanz begründet die Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs damit, aufgrund ihrer Ausbildung, ihrer Berufserfahrung, ihrer offen-
sichtlichen Durchsetzungsfähigkeit und ihrer Selbstständigkeit könne da-
von ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rück-
kehr ihre Erwerbstätigkeit wieder aufnehmen und für ihren Lebensunterhalt
sorgen könne. Ein Onkel lebe mit seiner Zweitfamilie in Kabul. Er halte sich
zwar öfters bei seiner Erstfamilie in D._ auf, könne ihr aber dennoch
eine gesicherte Wohnsituation und Unterstützung bei der Reintegration
bieten, zumal sie vor der Ausreise bei dessen Zweitfrau gewohnt habe. Zu-
dem lebe ein Sohn im Iran, der sie finanziell unterstützen könne. Sie ver-
füge somit über ein familiäres Beziehungsnetz. Als verwitwete Frau sei sie
in Afghanistan gewissen Schwierigkeiten ausgesetzt. Als selbständige,
gutausgebildete und starke Frau sei sie indes in der Lage, sich in Afgha-
nistan zurechtzufinden. Des Weiteren kehre sie mit ihren beiden volljähri-
gen Söhnen nach Kabul zurück. Sie und ihre Söhne könnten sich nach
einer Rückkehr gegenseitig unterstützen. Der Wegweisungsvollzug sei
folglich zulässig, zumutbar und möglich.
10.3 Die Beschwerdeführerin macht geltend, gemäss Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 sei ein
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Wegweisungsvollzug nach Kabul nur bei Vorliegen besonders begünsti-
gender Voraussetzungen – so insbesondere für alleinstehende, gesunde
Männer mit einem tragfähigen Beziehungsnetz, einer Möglichkeit zur Si-
cherung des Existenzminimums und einer gesicherten Wohnsituation – als
zumutbar zu qualifizieren. Bei ihr handle es sich nicht um einen jungen,
gesunden Mann, sondern um eine verwitwete Frau mittleren Alters. Witwen
seien in Afghanistan geächtet und unterdrückt. Sie seien zumindest von
Seiten nichtstaatlicher Akteure Diskriminierungen ausgesetzt. Die Vor-
instanz stelle sie bewusst als Powerfrau dar, nur um den Wegweisungs-
vollzug als zumutbar einstufen zu können. Diese Argumentation sei äus-
serst stossend. Hätte das Bundesverwaltungsgericht die Ansicht vertreten,
dass nicht nur junge, alleinstehende, gesunde Männer bei Vorliegen be-
sonders günstiger Voraussetzungen ausnahmsweise nach Kabul wegge-
wiesen werden können, sondern ausnahmsweise auch ältere Witwen,
wäre dies im Urteil D-5800/2016 erwähnt worden. In Afghanistan sei es
auch einer selbstbewussten und starken Frau auf die Länge nicht möglich,
der Unterdrückung durch die Familie und die Gesellschaft erfolgreich zu
entgehen. Sie habe in Afghanistan nicht gelebt, sondern gekämpft, um eine
Ausbildung zu machen und für die Familie sorgen zu können. Im Alter von
45 Jahren fehle ihr die Kraft dazu. Das tragfähige soziale Beziehungsnetz
werde mit dem Onkel mütterlicherseits begründet. Die Vorinstanz habe ihre
Aussagen zum Onkel nicht in Zweifel gezogen. Der Onkel sei ein armer
Mann von circa 60 Jahren; die durchschnittliche Lebenserwartung afgha-
nischer Männer liege bei 63 Jahren. Er habe eine Erstfrau in D._
und eine Zweitfrau mit Kindern in Kabul. Er lebe hauptsächlich bei seiner
Erstfrau in D._, wo er Landwirtschaft betreibe. In Kabul habe er
keine Arbeit. Die Wohnung in Kabul bestehe aus zwei Zimmern. Sie hätten
sich vor der Ausreise lediglich 40 Tage dort aufgehalten. Es sei unerklär-
lich, wie ein einziger Mensch, dessen Lebensmittelpunkt nicht in Kabul
liege, ein tragfähiges Beziehungsnetz darstellen könne. Der in Kabul ar-
beitslose, arme und alte Onkel, der sie nicht vor dem Schwager habe
schützen können, erfülle die Anforderungen an ein tragfähiges Bezie-
hungsnetz in Kabul nicht. Der Sohn im Iran habe ihr lediglich etwas Geld
für die Ausreise gegeben. Er lebe und arbeite illegal im Iran. Es könne nicht
erwartet werden, dass der Sohn einen Teil der illegalen Einkünfte für ihren
Lebensunterhalt zur Verfügung stelle. Der Wegweisungsvollzug ihrer
Söhne sei nicht in Rechtskraft erwachsen. Zudem könnten ihr die Söhne
bei einer Rückkehr keine Unterstützung bieten. Bei einer Rückkehr seien
die Söhne in Kabul selbst auf Unterstützung angewiesen, was unmissver-
ständlich aus ihren Asylentscheiden hervorgehe, welche am selben Tag
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von derselben Person der Vorinstanz verfasst worden seien. Die vo-
rinstanzliche Argumentation, sie könnten sich gegenseitig unterstützen, wi-
derspreche folglich den eigenen Entscheiden, entbehre jeglicher Logik und
sei realitätsfremd. Die Vorinstanz habe nicht berücksichtigt, dass sie und
ihre Söhne auf dasselbe mutmassliche Beziehungsnetz zurückgreifen
müssten und dieses demnach in der Lage sein müsste, drei Personen zu
unterstützen. Im Übrigen sei darauf hinzuweisen, dass ihre Söhne bei der
Asylgesuchstellung minderjährig gewesen seien. Nur weil die Vorinstanz
über drei Jahre für das Asylverfahren gebraucht habe, hätten sie die Voll-
jährigkeit erreicht. Nun verwende die Vorinstanz die Volljährigkeit ihrer
Söhne als Argument für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs, in-
dem sie die Söhne als volljährige männliche Begleiter hinstelle. Dies über-
zeuge nicht und unter Berücksichtigung der Aktenlage und der Verfahrens-
dauer erwecke es den Anschein, als ob die Vorinstanz mit einer Verschlep-
pung des Asylverfahrens absichtlich die Volljährigkeit der Söhne abgewar-
tet habe. Des Weiteren müsse sich das tragfähige Beziehungsnetz am Ort
befinden, wohin die Person zurückgebracht werde. Die Vorinstanz ver-
weise auf einen Onkel in D._, auf einen Sohn im Iran und ihre zwei
Söhne in der Schweiz. Die Voraussetzungen für ein tragfähiges Bezie-
hungsnetz seien somit klarerweise nicht erfüllt. Es würden demnach keine
begünstigenden Faktoren gemäss dem Referenzurteil D-5800/2016 vorlie-
gen. Der Wegweisungsvollzug sei unzumutbar.
10.4 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, ihre Eigenschaften
seien nicht zu ihren Ungunsten ausgelegt, sondern es sei eine objektive
Abwägung vorgenommen worden. Die Beschwerdeführerin habe sich an-
lässlich der Anhörungen selbst als emanzipierte und starke Frau darge-
stellt. Es überzeuge nicht, wenn sie sich nun als unterdrückte Frau dar-
stelle, die sich permanent gegen die Familie und die Gesellschaft habe zur
Wehr setzen müssen. Bei der Beschwerdeführerin und ihren Söhnen
handle es sich um volljährige Personen bei guter Gesundheit, die vor ihrer
Ausreise mehrere Jahre in Kabul gelebt hätten. Es dürfe angenommen
werden, dass sie dort über ein soziales Netzwerk verfügten. Zudem habe
die Beschwerdeführerin bereits früher – damals mit minderjährigen Kin-
dern – bewiesen, dass sie imstande gewesen sei, sich in Kabul zurechtzu-
finden und für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.
10.5 Die Beschwerdeführerin entgegnet, die Vorinstanz bezeichne sie als
emanzipierte Frau und schliesse daraus, dass für sie im Sinne einer Aus-
nahmekonstellation (ohne dem zitierten Profil des jungen, gesunden, al-
leinstehenden Mannes zu entsprechen) als verwitwete ältere Frau der
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Seite 11
Wegweisungsvollzug zumutbar sei. Demzufolge würde ihr die vorläufige
Aufnahme erteilt, wenn sie nicht emanzipiert wäre. Es sei fraglich, ob es
einer Witwe in Afghanistan überhaupt möglich sei, sich zu emanzipieren,
zumal Witwen in Afghanistan einen schweren Stand hätten, was von der
Vorinstanz nicht bestritten werde. Zudem würden gerade emanzipierte
Frauen in Afghanistan verfolgt. Die Begründung ihrer Emanzipation sei
schwammig und nicht nachvollziehbar. Nebst ihrer Ausbildung und Arbeits-
erfahrung führe die Mitarbeiterin der Vorinstanz, welche nur den Entscheid
verfasst habe, lediglich aus, aus den Anhörungsprotokollen sei herauszu-
lesen, sie sei emanzipiert, selbstsicher und stark; ein persönlicher Kontakt
sei für diese Einschätzung nicht nötig. Es sei nicht möglich, derart viel Men-
schenkenntnis zu besitzen, um aus Protokollen, an denen noch Dolmet-
scher beteiligt gewesen seien, einen solchen Schluss ziehen zu können.
Praxisgemäss würden alleinerziehende Mütter mit minderjährigen Kindern
nicht nach Kabul zurückgewiesen, da es einer Mutter nicht zumutbar sei,
alleine in Kabul für den Lebensunterhalt ihrer Kinder zu sorgen. Dass ein
Überleben in dieser Konstellation in Kabul möglich sei, werde nicht bestrit-
ten. So sei sie zwar früher in der Lage gewesen, für den Lebensunterhalt
ihre Kinder in Kabul zu sorgen, dies sei aber schon damals unter humani-
tären Gesichtspunkten unzumutbar gewesen.
10.6 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Referenzurteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 eine aktuelle Lageeinschätzung zu Afghanistan, ins-
besondere zu Kabul, vorgenommen. Das Gericht stellte eine deutliche Ver-
schlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bun-
desverwaltungsgerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) über alle Regionen
hinweg fest. Es kam zum Schluss, dass in weiten Teilen von Afghanistan
unverändert eine derart schlechte Sicherheitslage und derart schwierige
humanitäre Bedingungen bestehen würden, dass die Situation als exis-
tenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren und somit
der Wegweisungsvollzug nach wie vor als unzumutbar zu beurteilen sei.
Die Sicherheitslage und die allgemeine humanitäre Situation in Kabul seien
aus verschiedenen Gründen differenziert und gesondert zu analysieren. Im
heutigen Zeitpunkt würden sich sowohl die Sicherheitslage, welche als
volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen sei, als
auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7
beschriebenen Situation klar verschlechtert darstellen. Die Lage in Kabul
sei daher grundsätzlich als existenzbedrohend und demnach unzumutbar
gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG zu beurteilen. Von dieser Regel könne abgewi-
chen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen würden,
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Seite 12
aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausge-
gangen werden könne (vgl. vorgenanntes Referenzurteil E. 8.2 ff.).
Solche günstigen Voraussetzungen könnten namentlich dann gegeben
sein, wenn es sich bei der rückkehrenden Person um einen jungen, gesun-
den Mann handle. Unabdingbar sei in jedem Fall ein soziales Netz, das
sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkeh-
renden als tragfähig erweise. Dieses soziale Netz müsse dem Rückkeh-
renden insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung so-
wie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Al-
lein aufgrund von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch
Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche
Fortkommen sowie die Unterbringung ungeklärt seien, sei nicht von einem
tragfähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. Es liege in der Natur
der Sache, dass bei Personen, bei welchen Kabul lediglich eine Aufent-
haltsalternative darstelle und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt ha-
ben, eine Bejahung eines solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grös-
serer Zurückhaltung bedürfe. Ebenso sei entscheidrelevant, über welche
Berufserfahrung die rückkehrende Person verfüge beziehungsweise inwie-
fern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im
Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden könne. Ange-
sichts der festgestellten Verschlechterung der Lage in Kabul verstehe es
sich von selbst, dass das Vorliegen dieser strengen Anforderungen in je-
dem Einzelfall sorgfältig geprüft werde und diese erfüllt sein müssen, um
einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu betrachten (vgl.
vorgenanntes Referenzurteil E. 8.4.1).
10.7 Im obengenannten Referenzurteil wurde festgestellt, der Wegwei-
sungsvollzug nach Kabul sei grundsätzlich unzumutbar. Von diesem
Grundsatz könne bei Vorliegen besonders günstiger Faktoren abgewichen
werden. Ein erster begünstigender Faktor liegt vor, wenn es sich beim Asyl-
suchenden um einen jungen, gesunden Mann handelt. Die Beschwerde-
führerin ist ethnische Hazara und eine mittlerweile 46-jährige Witwe. Die
Lebenserwartung der Frauen in Afghanistan liegt bei 66,03 Jahren
(< https://de.statista.com/statistik/daten/studie/256520/umfrage/lebenser-
wartung-in-afghanistan/ >, abgerufen am 24.09.2020). Frauen ohne Unter-
stützung und Schutz durch die Männer, wie beispielsweise Witwen, sind in
Afghanistan besonders gefährdet. Angesichts der gesellschaftlichen Nor-
men, die allein lebenden Frauen Beschränkungen auferlegen, zum Bei-
spiel in Bezug auf ihre Bewegungsfreiheit und Erwerbsmöglichkeiten, sind
sie kaum in der Lage zu überleben. Sie sind anfällig, Opfer von Gewalt
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seitens der Verwandtschaft oder der weiteren Gemeinschaft zu werden
(Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Docu-
mentation [ACCORD], Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Situation von
Witwen [Schutz, Arbeit, Wohlfahrtsstrukturen] vom 26. August 2016,
< https://www.ecoi.net/de/dokument/1339828.html >, abgerufen am
24.09.2020; UNHCR-Richtlinien zur Feststellung des internationalen
Schutzbedarfs afghanischer Asylsuchender vom 30. August 2018, S. 88).
Auch die Vorinstanz führt in der Verfügung aus, die Beschwerdeführerin
dürfte als Witwe in Afghanistan gewisse Schwierigkeiten haben. Ihre Situ-
ation unterscheidet sich demnach grundsätzlich von jener eines gesunden,
jungen Mannes. Die übrigen besonders begünstigenden Faktoren müssten
damit erheblich höhere Anforderungen erfüllen, damit eine Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs in Betracht gezogen werden könnte. Dies ist
vorliegend nicht der Fall. Für die Zumutbarkeit spricht einzig, dass die Be-
schwerdeführerin über eine Ausbildung verfügt und in Kabul bis circa
15 Monate vor der Ausreise eine Arbeitsstelle hatte. Weitere besonders
begünstigende Faktoren liegen nicht vor. Die Beschwerdeführerin ver-
brachte den prägenden Teil ihrer Jugend im Iran. Im Alter von 21 Jahren
kehrte sie mit ihrem Ehemann nach Afghanistan in ihr Heimatdorf zurück.
Als der Ehemann im Jahr 2009 verstarb, ist sie mit ihren Kindern nach Ka-
bul gezogen. Sie verbrachte damit bis zur Ausreise lediglich sieben Jahre
in Kabul. Für die Finanzierung ihrer Ausreise hat sie alles verkauft. Sie ver-
fügt über keinerlei Vermögen mehr. Von den Verwandten ihres Eheman-
nes hatte sie nur Kontakt zu ihrem Schwager. Mit diesem lag sie im Streit,
weil er sie drangsalierte und zwingen wollte, ihn zu heiraten. Ihre Mutter
und ihre Schwestern leben in D._. Ein Onkel mütterlicherseits lebt
mit seiner Erstfrau in D._. Seine Zweitfrau, welche der Onkel ab
und zu besucht, lebt mit drei Kindern in einer Zweizimmerwohnung in Ka-
bul. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass das tragfähige, soziale Bezie-
hungsnetz am Ort, an welchen die betroffene Person zurückgewiesen wird,
vorhanden sein muss. Vorliegend ist dies Kabul. Der Onkel hat seinen Le-
bensmittelpunkt in D._ und hält sich nur gelegentlich in Kabul auf,
womit er von vornherein nur bedingt als Beziehungsnetz herangezogen
werden kann. Zudem ist der Onkel mit circa 61 Jahren ein alter Mann, der
den Lebensunterhalt für seine zwei Familien mit der Bewirtschaftung von
gepachtetem Land bestreitet. Die Beschwerdeführerin durfte zwar vor ihrer
Ausreise 40 Tage mit ihren damals minderjährigen Söhnen bei der Zweit-
frau in Kabul wohnen. Aufgrund der bescheidenen Lebensverhältnisse des
Onkels und der Wohnverhältnisse der Zweitfrau in Kabul ist aber nicht an-
zunehmen, dass der Onkel langfristig in der Lage ist, der Beschwerdefüh-
rerin eine angemessene Unterkunft, eine Grundversorgung sowie Hilfe zur
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sozialen und wirtschaftlichen Reintegration zu bieten. Des Weiteren hat die
Beschwerdeführerin zu Recht darauf hingewiesen, dass die Vorinstanz so-
wohl für die Zumutbarkeit ihres Wegweisungsvollzugs als auch für dieje-
nige ihrer beiden volljährigen Söhne diesen einen Onkel als Beziehungs-
netz heranzog. Das heisst, der Onkel müsste in der Lage sein, für drei er-
wachsene Personen zu sorgen. Dies ist aufgrund der geschilderten Um-
stände ausgeschlossen. Soweit die Vorinstanz argumentiert, die Be-
schwerdeführerin habe noch Verwandte in D._ und einen Sohn im
Iran, ist wiederum festzustellen, dass das tragfähige, soziale Beziehungs-
netz in Kabul vorhanden sein muss. Im Übrigen dürften weder ihr illegal im
Iran lebender Sohn noch die Mutter und Schwestern in D._ in der
Lage sein, sie zu unterstützen. So hat die Beschwerdeführerin auch ange-
geben, während ihrer Zeit in Kabul habe sie alleine für den Lebensunterhalt
ihrer Familie aufkommen müssen; lediglich nach der Flucht in den Iran
habe sie etwas Geld von ihrem dort lebenden Sohn erhalten (SEM-Akten,
act. A36 F 43, act. A5 F 5.02). Der vorinstanzliche Hinweis, die Beschwer-
deführerin und ihre Söhne hätten mehrere Jahre in Kabul gelebt, weshalb
sie dort über ein soziales Netzwerk verfügen dürften, steht im Widerspruch
zum Referenzurteil. Darin wird explizit ausgeführt, dass aufgrund loser
Kontakte zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfami-
lie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die
Unterbringung ungeklärt seien, nicht von einem tragfähigen sozialen Be-
ziehungsnetz auszugehen sei. Dem vorinstanzlichen Argument, die Be-
schwerdeführerin und ihre Söhne könnten sich bei einer gemeinsamen
Rückkehr gegenseitig unterstützen, ist nicht zu folgen. Die Söhne wären
bei einer Rückkehr ebenfalls auf eine umfassende Unterstützung durch ein
tragfähiges soziales Beziehungsnetz angewiesen und weder in der Lage
für sich selbst noch für ihre verwitwete Mutter zu sorgen. Die Vorinstanz
begründet die Zumutbarkeit zudem damit, die Beschwerdeführerin sei eine
starke, emanzipierte Frau, die vor der Ausreise für den Lebensunterhalt
der Familie habe sorgen können. Dieser Argumentation kann nicht ansatz-
weise gefolgt werden. Im Referenzurteil ist weder der Charakterzug einer
betroffenen Person noch die Tatsache, dass die Person im Herkunftsland
überleben konnte, ein Kriterium für die Beurteilung der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs. Die verwitwete Beschwerdeführerin verfügt in Ka-
bul nicht über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz, das ihr eine ange-
messene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirt-
schaftlichen Reintegration bieten könnte. Sie hat somit in Kabul weder eine
gesicherte Wohnsituation noch Mittel für die Grundversorgung. Es ist da-
von auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage
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geraten würde. Folglich liegen – in Anbetracht der strengen Anforderun-
gen – keine besonders begünstigenden Faktoren vor, welche es erlauben
würden, von der Regel der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
nach Kabul abzuweichen. Da den Akten keine Gründe im Sinne von Art. 83
Abs. 7 AIG zu entnehmen sind, ist die Beschwerdeführerin vorläufig aufzu-
nehmen. Anzufügen ist, dass den beiden Söhnen der Beschwerdeführerin
ebenfalls die vorläufige Aufnahme gewährt worden ist (vgl. Urteile des
BVGer E-4924/2019 vom 3. November 2020 und E-4925/2019 vom 3. No-
vember 2020).
11.
Die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen. Betreffend die Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft, die Gewährung von Asyl gestützt auf Art. 3 AsylG
sowie die Anordnung der Wegweisung ist die Beschwerde abzuweisen.
Der Eventualantrag auf Erteilung der vorläufigen Aufnahme in der Schweiz
ist gutzuheissen. Die Dispositivziffern 4 und 5 (Anordnung des Wegwei-
sungsvollzugs) der Verfügung vom 5. September 2019 sind aufzuheben.
Die Vorinstanz ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin wegen Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
12.
12.1 Bei diesem Verfahrensausgang ist von einem Obsiegen der Be-
schwerdeführerin zur Hälfte auszugehen, womit die Beschwerdeführerin
die Verfahrenskosten zur Hälfte zu tragen hätte (Art. 63 Abs. 1 VwVG;
Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Mit Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2019 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen. Es sind somit
keine Verfahrenskosten zu erheben, zumal den Akten nicht zu entnehmen
ist, dass die Beschwerdeführerin nicht mehr bedürftig wäre.
12.2 Obsiegende oder teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf
eine Parteientschädigung für die notwendigerweise erwachsenen Partei-
kosten (Art. 64 VwVG; und Art. 7–13 VGKE). Der Beschwerdeführerin ist
im Rahmen ihres Obsiegens zur Hälfte eine Parteientschädigung zuzu-
sprechen. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat eine Honorar-
note in der Höhe von Fr. 2'740. eingereicht. Es ist ein Aufwand von insge-
samt 13.5 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 200. sowie Auslagen
von Fr. 40. ausgewiesen. Der geltend gemachte Aufwand sowie die Aus-
lagen erscheinen angemessen. Der ausgewiesene Stundenansatz bewegt
sich zudem im Rahmen von Art. 10 Abs. 2 VGKE. Der Beschwerdeführerin
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ist demnach zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von
Fr. 1'370.– (inkl. hälftige Auslagen) zuzusprechen.
12.3 Mit Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2019 wurde der Beschwerde-
führerin die unentgeltliche Verbeiständung (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) ge-
währt. Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der
Regel von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nichtan-
waltliche Vertreterinnen und Vertreter aus. Ausgehend von einem Stunden-
ansatz von Fr. 150.– ist das amtliche Honorar für den amtlichen Rechtsbei-
stand zufolge des hälftigen Unterliegens auf Fr. 1'033.– (inkl. hälftige Aus-
lagen) festzusetzen; das Honorar ist vom Bundesverwaltungsgerichts aus-
zurichten.
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