Decision ID: 270c602c-e743-5edf-9ce2-47de5a677f72
Year: 2012
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: 
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 25. September 2009 im Empfangs-
und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl nach. Dort wurde er
am 1. Oktober 2009 zu seinen Personalien, zu seinem Reiseweg und –
summarisch – zu seinen Asylgründen befragt.
Dabei machte der Beschwerdeführer geltend, er sei ethnischer Paschtu-
ne und als afghanischer Staatsangehöriger in C._/D._ (Pa-
kistan) geboren. Sein im Jahre 1992 verstorbener Vater habe als Mitglied
der Khales-Partei am Jihad teilgenommen und gegen die früher regieren-
den "Khalqis" gekämpft. Im Jahre 2003 habe er – der Beschwerdeführer
– im Camp Hekmatyar die Schule abgeschlossen und sei dann ein Jahr
später mit seiner Mutter und seinem Bruder ins Heimatdorf F._ in
der Provinz G._ (Afghanistan) zurückgekehrt. Am 15. August 2009
habe er von einem Bekannten, der bei der Distriktsverwaltung von
H._ (Provinz G._) gearbeitet habe, erfahren, dass ihn
ehemalige Mitglieder des afghanischen Geheimdienstes KhAD bei den
Amerikanern der Zusammenarbeit mit den Taliban bezichtigt hätten und
er daher vorgeladen werde. Er habe daher Afghanistan bereits am darauf-
folgenden Tag in Richtung Pakistan verlassen und sei auf dem Landweg
durch den Iran in die Türkei und anschliessend per Schiff nach Italien ge-
reist. Am 25. September 2009 sei er mit dem Zug unter Umgehung der
Grenzkontrollen in die Schweiz gefahren, zumal er seine Identitätskarte
zu Hause vergessen habe (vgl. Vorakten A1 Ziff. 13.2 S. 5).
A.b Am 7. Oktober 2009 reichte der Beschwerdeführer verschiedene die
Erkrankung und den Tod seines Vaters betreffende Dokumente aus dem
Jahr 1993 zu den Akten.
A.c Aufgrund von Zweifeln an der Identität des Beschwerdeführers wurde
der Beschwerdeführer am 9. Oktober 2009 im Auftrag des BFM einer
Herkunftsanalyse LINGUA unterzogen.
A.d Am 17. November 2009 wurde der Beschwerdeführer ebenfalls noch
im EVZ Basel gestützt auf Art. 29 Abs. 1 des Asylgesetzes vom 26. Juni
1998 (AsylG, SR 142.31) eingehend zu seinen Asylgründen angehört.
Anlässlich dieser Anhörung wiederholte er im Wesentlichen seine anläss-
lich der Erstbefragung gemachten Aussagen und führte im Weiteren aus,
sein Vater habe sich zur religiösen Ausbildung nach Saudi-Arabien bege-
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ben und sei dort im Jahre 1993 an einem Herzversagen gestorben. Da
seine Familie in Afghanistan viel Land besessen habe, seien sie nach
dem Machtwechsel im Jahre 2004 dorthin zurückgekehrt, um ihre Besitz-
tümer zurückzufordern und die zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Die
Probleme hätten jedoch bereits am ersten Tag nach der Rückkehr ins
Heimatdorf begonnen. Aufgrund der Aktivitäten seines verstorbenen Va-
ters (dieser habe sich im Rahmen des Jihad auch an Gräueltaten betei-
ligt) sei seine Familie von den Angehörigen der Opfer des Jihads be-
schimpft und bei den "Amerikanern" angeschwärzt worden. Er – der Be-
schwerdeführer – habe sich daher kaum mehr ausser Haus gewagt. Ob-
wohl er sich selber weder politisch noch religiös engagiert habe, sei er
von den "Amerikanern" per Vorladung vom 15. August 2009 aufgefordert
worden, sich am folgenden Tag bei ihnen zu melden. Da ihn ein Freund
namens I._ über die gegen ihn gerichtete Suche informiert habe,
habe er rechtzeitig das Land verlassen können.
Sodann gab der Beschwerdeführer an, obwohl er in Pakistan in einem
Flüchtlingslager gelebt habe, seien ihm zu jener Zeit keine entsprechen-
den Ausweise ausgestellt worden. Die Reise nach D._ sei aber
auch ohne Identitäts- oder Reisepapiere möglich gewesen.
Schliesslich wurde dem Beschwerdeführer im Rahmen der Anhörung vom
17. November 2009 zum Ergebnis der LINGUA-Analyse vom 27. Oktober
2009 und insbesondere zu den Zweifeln an seiner Aussage, die letzten
fünf Jahre vor seiner Ausreise in der afghanischen Provinz G._
gelebt zu haben, das rechtliche Gehör gewährt.
A.e Am 20. Januar 2010 reichte der Beschwerdeführer eine afghanische
Identitätsbestätigung ("Taskara" oder "Taskerat") zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 28. Mai 2010 – eröffnet am 31. Mai 2010 – lehnte das
BFM das Asylgesuch mit der Begründung ab, die Vorbringen des Be-
schwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht
stand. Insbesondere sei zu bezweifeln, dass der Beschwerdeführer die
letzten fünf Jahre vor seiner Ausreise in Afghanistan zugebracht habe,
wobei auch die eingereichten, den Tod des Vaters betreffenden Beweis-
mittel diese Einschätzung nicht umzustossen vermöchten.
Sodann ordnete das BFM die Wegweisung des Beschwerdeführers aus
der Schweiz an und stellte im Weiteren fest, es sei nicht Sache der Asyl-
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behörden, nach allfälligen Wegweisungshindernissen zu forschen, wenn
eine asylsuchende Person ihre Herkunft verschleiere und keine eindeuti-
gen Hinweise auf die tatsächliche Staatsangehörigkeit bestünden. Das
Ergebnis der Herkunftsanalyse ordne den Beschwerdeführer mit über-
wiegender Wahrscheinlichkeit dem pakistanischen und nicht dem afgha-
nischen Milieu zu. Aus der Verheimlichung der Staatsangehörigkeit sei
auch zu schliessen, dass weder die im tatsächlichen Heimatstaat herr-
schende politische Situation noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit
der Rückführung dorthin sprechen würden. Schliesslich könne angesichts
dieser Sachlage auch nicht gesagt werden, der Wegweisungsvollzug sei
von vornherein nicht möglich oder technisch nicht durchführbar.
C.
Der Beschwerdeführer beantragte beim Bundesverwaltungsgericht mit
Eingabe vom 28. Juni 2010 – unter Aufhebung der vorinstanzlichen Ver-
fügung vom 28. Mai 2010 – die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft
und die Gewährung des Asyls. Eventuell sei die Unzulässigkeit und die
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen, und es sei in der
Folge die vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen. In prozess-
rechtlicher Hinsicht sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu bewilli-
gen und es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Zur Untermauerung der Anträge – auf deren Begründung, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen
wird – gab der Beschwerdeführer eine Identitätskarte (im Taschenformat;
das Original habe er schon früher eingereicht), zwei Mitgliedschaftsaus-
weise, ein Schreiben des Polizeiquartiers K._/G._ vom
25. Dezember 2009, zwei Schreiben der Distriktsverwaltung beziehungs-
weise der Polizei H._ vom 26. Dezember 2009 und vom 29. März
2010 im Original samt Zustellcouvert sowie eine am 28. Juni 2010 von
der L._ ausgestellte Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung zu den Ak-
ten.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Juli 2010 teilte das Bundesverwaltungsge-
richt dem Beschwerdeführer mit, er könne den Ausgang des Verfahrens
gestützt auf Art. 42 AsylG in der Schweiz abwarten. Des Weiteren wurde
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses (Art. 63 Abs. 4 des Verwal-
tungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021])
verzichtet und das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen. Schliesslich wurde der
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Beschwerdeführer aufgefordert, die zusammen mit der Beschwerdeschrift
eingereichten fremdsprachigen Beweismittel bis zum 2. August 2010 in
eine Amtssprache des Bundes übersetzen zu lassen; bei ungenutzter
Frist werde das Verfahren aufgrund der Akten weitergeführt.
Die verlangten Übersetzungen gingen am 29. Juli 2010 beim Bundesver-
waltungsgericht ein.
E.
E.a Das BFM beantragte mit Vernehmlassung vom 29. März 2012 die
Abweisung der Beschwerde, da diese keine neuen erheblichen Tatsachen
oder Beweismittel enthalte, welche eine Änderung seines Standpunktes
rechtfertigen könnten. In Bezug auf die auf Beschwerdeebene abgegebe-
nen Dokumente wurde festgehalten, diese seien ihres Inhaltes und ihrer
Beschaffenheit wegen wenig geeignet, einen substanziellen Beweis für
eine asylrelevante Verfolgung nachzuliefern. Im Übrigen datierten die drei
Schreiben allesamt nach der Ausreise des Beschwerdeführers und es sei
auch nicht nachvollziehbar, wie zwei dieser nicht an den Beschwerdefüh-
rer gerichteten Dokumente von dessen Mutter hätten aufgefunden wor-
den können. Zu beachten sei auch, dass afghanische Ausweise wie auch
sonstige Beweismittel grundsätzlich käuflich erwerbbar seien und leicht
gefälscht werden könnten.
E.b Der Beschwerdeführer nahm am 24. April 2012 zur Vernehmlassung
des BFM vom 29. März 2012 Stellung. Er habe bereits vor seiner Ausrei-
se aus Afghanistan Schreiben der Behörden erhalten, diese aber jeweils
zerstört. Die nun abgegebenen Dokumente seien tatsächlich erst nach
seiner Flucht erstellt worden; es sei nicht unüblich, eine gesuchte Person
mehrmals anzuschreiben, wenn auf die erste Vorladung nicht reagiert
werde. Die beiden nicht an ihn gerichteten Schreiben beziehungsweise
Ausweise seien seinem Vater geschickt worden und zeigten dessen En-
gagement, welches schliesslich der Grund für seine – des Beschwerde-
führers – Schwierigkeiten gewesen sei.
E.c Am 26. Juni 2012 (Datum Poststempel: 28. Juni 2012) gab der Be-
schwerdeführer Kopien eines afghanischen Führerausweises samt deut-
scher Übersetzung, der Impfkarten seiner beiden Kinder sowie eines Fo-
tos, welches seine Frau und seine beiden Kinder zeigen soll, zu den Ak-
ten.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden
nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungs-
gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
im Bereich des Asylrechts endgültig, ausser – was in casu nicht zutrifft –
bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens eines Staates, vor welchem
die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG,
SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem
BGG, soweit das Asylgesetz nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und
Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher
zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37
VGG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine ausländische Person anerkannt,
wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnte,
wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer be-
stimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen
ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, sol-
chen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten
namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Mass-
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nahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frau-
enspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).
Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli-
chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den
Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
Das BFM äusserte in seiner angefochtenen Verfügung gewichtige Zweifel
an der Behauptung des Beschwerdeführers, von 2004 bis 2009 in Afgha-
nistan zugebracht zu haben und dort von den "Amerikanern" gesucht zu
werden.
4.1 Dabei stützte es sich vorab auf das Ergebnis der am 9. Oktober 2009
durchgeführten Herkunftsanalyse LINGUA. Dieses attestiere dem Be-
schwerdeführer zwar, ethnischer Paschtune zu sein, ordne ihn jedoch mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit dem pakistanischen Milieu zu. Ob-
schon der Beschwerdeführer behaupte, die letzten Jahre vor seiner Aus-
reise in Afghanistan gelebt zu haben, kenne er sich in der von ihm ge-
nannten Provinz G._ nicht aus. Insbesondere könne er weder ei-
nen Fluss nennen noch die Region beschreiben. Überdies könne er keine
zutreffenden Angaben zur Kleidung der Frauen machen, kenne sich mit
der afghanischen Währung nicht aus, habe nur marginale Kenntnisse der
lokalen Speisen und vermöge keine weiteren Ethnien zu nennen. Obwohl
er eine "Taskerat" zu den Akten gegeben habe, könne er nicht erklären,
wie man legal eine solche beantrage.
4.1.1 In der Anhörung vom 17. November 2009 auf sein Unvermögen, die
ihm gestellten Fragen zu seiner angeblichen Herkunftsregion korrekt zu
beantworten, angesprochen, erklärte der Beschwerdeführer, es seien
sehr viele, sehr komische Fragen gestellt worden. Er habe die ihn am
9. Oktober 2009 – im Rahmen der Herkunftsanalyse – befragende Frau
nicht verstanden beziehungsweise diese habe vermutlich nicht alle Ant-
worten aufgeschrieben. Auch habe er "nur kurze Zeit" in seiner Heimatre-
gion gelebt und deshalb auch "wenig Ahnung" von den dort herrschenden
Verhältnissen (vgl. Vorakten A15, Antworten auf die Fragen 27 ff.).
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4.1.2 Wie in der angefochtenen Verfügung indessen zu Recht bemerkt
wurde, vermögen die vom Beschwerdeführer in der besagten Anhörung
gemachten Darlegungen nicht zu überzeugen.
Vorab ist festzuhalten, dass die fünf Jahre, die der – zu jenem Zeitpunkt
bereits volljährige – Beschwerdeführer vor seiner Reise nach Europa in
der afghanischen Provinz G._ gelebt haben will, keinesfalls nur
eine "kurze Zeit" darstellen, weshalb von ihm in der Tat genauere – und
vor allem richtige – Angaben bezüglich dieser Region erwartet werden
können. So erstaunt es etwa, dass der Beschwerdeführer zwar genaue
und zutreffende Angaben über die pakistanische, nicht jedoch über die
afghanische Währung und deren Unterteilung machen kann, obwohl er
gemäss seinen Aussagen im Jahre 2004 zwecks Wiederaufbau der zer-
störten Häuser nach Afghanistan zurückgekehrt ist und seine Familie von
den dortigen Bauern Geld für das ihnen verpachtete Land erhalten hat
(vgl. A15, Antworten auf die Fragen 12, 18 und 20). Der Hinweis, im Ort
sei mit pakistanischen Kaldas bezahlt worden (vgl. A15, Antwort auf die
Frage 30), erscheint nachgeschoben und vermag nicht zu überzeugen.
Des Weiteren konnte der Beschwerdeführer auf die Frage nach den in
Afghanistan ansässigen Ethnien nur gerade seine eigene nennen, ob-
schon die Paschtunen zwar in der Provinz G._ sowie in drei der
acht pakistanischen Verwaltungseinheiten die Mehrheit stellen, in ganz
Afghanistan jedoch lediglich gut einen Drittel der Bevölkerung ausma-
chen.
Die fehlenden Kenntnisse erscheinen umso erstaunlicher, als der Be-
schwerdeführer gemäss seinen Angaben über eine sehr gute Schulbil-
dung verfügt (er habe während zehn Jahren im Camp E._ [Pakis-
tan] die Schule besucht und diese mit dem "IRC" abgeschlossen; vgl. A1
S. 3). Im Übrigen hätte der Beschwerdeführer auch bei fehlender Schul-
bildung Kenntnisse über lokale Speisen und Kleidersitten haben und –
selbst bei nur kurzem Aufenthalt in jener Region – wissen müssen, dass
es in der Provinz G._ mehrere Flüsse gibt. So befindet sich etwa
die Provinzhauptstadt K._ am breiten, ganzjährig viel Wasser füh-
renden Fluss J._; entgegen der vom Beschwerdeführer in der An-
hörung vom 17. November 2009 (vgl. A15, Antwort auf die Frage 27) ver-
tretenen Auffassung gibt es auch im Distrikt H._ mehrere Flüsse
und Bäche, die lediglich während der trockenen Sommermonate kein
Wasser führen können.
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Seite 9
4.1.3 Aufgrund der äusserst dürftigen und teilweise auch falschen Anga-
ben des Beschwerdeführers äusserte das BFM berechtigterweise erste
Zweifel an dem von ihm behaupteten mehrjährigen Aufenthalt in Afgha-
nistan.
Die bereits in der Anhörung vom 17. November 2009 geäusserte und in
der Beschwerdeschrift vom 28. Juni 2010 sinngemäss wiederholte Rüge,
es habe Verständigungsprobleme zwischen ihm und der ihn befragenden
LINGUA-Expertin gegeben, da diese wohl "mit den sozio-kulturellen und
örtlichen Strukturen nicht so vertraut" sei und einen anderen Dialekt spre-
che (vgl. A15, Antworten auf die Fragen 27 ff., sowie Beschwerde S. 3),
vermag angesichts der Aktenlage nicht zu überzeugen.
4.2 Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen werden dadurch er-
härtet, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers in wesentlichen
Punkten auch widersprüchlich und nicht der allgemeinen Erfahrung oder
der Logik des Handelns entsprechend ausgefallen sind.
So behauptete der Beschwerdeführer, die Bauern, die das Land seiner
Familie in Afghanistan bewirtschaftet hätten, hätten ihm dieses streitig
gemacht (vgl. A15, Antwort auf die Frage 13), um dann wenig später zu
Protokoll zu geben, seine Familie habe nach der Rückkehr nach Afgha-
nistan vom Geld beziehungsweise von den Pachtzinsen der Bauern ge-
lebt (vgl. A15, Antworten auf die Fragen 18, 20 und 22).
Im Weiteren kann auch der Auffassung der Vorinstanz gefolgt werden,
dass wenn die "Amerikaner" tatsächlich gegen den Beschwerdeführer
den ernst zu nehmenden Verdacht gehegt hätten, er stehe radikalen
Gruppierungen nahe, sie ihm nicht zuerst durch die Distriktsverwaltung
H._ eine Vorladung hätten zukommen lassen, sondern auf andere
Weise – und vor allem umgehend – versucht hätten, seiner habhaft zu
werden.
4.3 Schliesslich sind auch die zu den Akten gegebenen Beweismittel nicht
geeignet, zu einer anderen Beurteilung des Sachverhaltes zu führen.
4.3.1 So betreffen die im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten, im
Jahre 1993 ausgestellten Dokumente die Erkrankung und den Tod des
Vaters des Beschwerdeführers im Jahre 1992 in Saudi-Arabien, und es
kann keineswegs nachvollzogen werden, inwiefern diese Umstände so-
wie auch dessen angebliches politisch-religiöses Interesse dem Be-
schwerdeführer, der zu jener Zeit noch ein kleines Kind gewesen ist,
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siebzehn Jahre später von den "Amerikanern" beziehungsweise von den
afghanischen Behörden noch zur Last gelegt werden könnten.
In Bezug auf die am 20. Januar 2010 abgegebene Identitätsbestätigung
ist festzuhalten, dass – wie auch das BFM in seiner Vernehmlassung vom
29. März 2012 bemerkte – afghanische Identitätspapiere ohne Weiteres
käuflich erworben und per Post ins Ausland zugestellt werden können.
4.3.2 Die Tatsache des einfachen Erwerbs ist auch bei der Beurteilung
der auf Beschwerdeebene eingereichten Dokumente (Identitätskarte,
Führerausweis, Impfkarten der Kinder; vgl. Bst. C und E.c. des Sachver-
haltes) zu berücksichtigen. Des Weiteren kann der vom BFM in seiner
Vernehmlassung vom 29. März 2012 vertretenen Auffassung, die besag-
ten Beweismittel seien auch aufgrund ihres Inhaltes und ihrer Beschaf-
fenheit wenig geeignet, einen substanziellen Beweis für eine asylrelevan-
te Verfolgung zu liefern, gefolgt werden. Sodann erscheint nicht nachvoll-
ziehbar, wie die beiden an die Distriktsverwaltung und an zwei Dorfvor-
steher gerichteten Schreiben (Beilagen 4 und 6) von der Mutter des Be-
schwerdeführers aufgefunden worden sein sollen (vgl. Beschwerde S. 3
unten).
4.3.3 Auch das in Kopie eingereichte Foto, welches eine Frau mit zwei
Kindern an einem unbekannten Ort in einem Garten zeigt, ist in keiner
Weise geeignet, die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu be-
seitigen.
4.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass weder der vom Beschwerdefüh-
rer behauptete mehrjährige Aufenthalt in Afghanistan noch die darauf ab-
gestützte Verfolgungssituation geglaubt werden können. Es kann darauf
verzichtet werden, auf die übrigen Erwägungen der Vorinstanz und auf
die weiteren Darlegungen in der Beschwerdeschrift einzugehen. Das
Asylgesuch wurde vom Bundesamt nach dem Gesagten zu Recht abge-
wiesen.
5.
Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder
über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen An-
spruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde daher zu
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Seite 11
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2008/34 E. 9.2 S. 510 sowie EMARK 2001
Nr. 21).
6.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Auslän-
dern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom
16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG,
SR 142.20]).
Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und seiner Vor-
gängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flücht-
lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Be-
weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.
W. STÖCKLI, Asyl, in: UEBERSAX/RUDIN/HUGI/YAR/GEISER [Hrsg.], Auslän-
derrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148).
6.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in
den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AuG). Der Vollzug kann für Ausländerinnen oder Ausländer unzu-
mutbar sein, wenn sie in Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner
Gewalt und medizinischer Notlage im Heimat- oder Herkunftsstaat kon-
kret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AuG). Der Vollzug ist nicht möglich,
wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder in den Heimat- oder in
den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin ge-
bracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AuG).
6.2 Wie vorstehend (unter Ziff. 4 der Erwägungen) eingehend dargelegt
wurde, gelangte die Vorinstanz berechtigterweise zum Schluss, die vom
Beschwerdeführer angegebene afghanische Herkunft beziehungsweise
der von ihm behauptete fünfjährige Aufenthalt in Afghanistan seien nicht
glaubhaft. Die Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers ist daher un-
bekannt, zumal auch die vom Beschwerdeführer als Beweis für seine
Identität eingereichten Papiere – wie bereits festgehalten wurde – ohne
Weiteres käuflich erworben werden können.
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Seite 12
Bei dieser Sachlage geht das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss
davon aus, es würden einer Wegweisung aus der Schweiz keine Voll-
zugshindernisse im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1
bis 4 AuG entgegenstehen. Diese Annahme ist deshalb gerechtfertigt,
weil die bezüglich solcher Hindernisse grundsätzlich bestehende Unter-
suchungspflicht der Asylbehörden ihre vernünftige Grenze an der Mitwir-
kungspflicht der Asyl suchenden Person findet (Art. 8 AsylG), die im Übri-
gen auch die Substantiierungslast trägt (Art. 7 AsylG). Verunmöglicht der
Asylsuchende durch die Verheimlichung seiner Nationalität oder seiner
Herkunft den Asylbehörden, sinnvoll zu prüfen, ob ihm im tatsächlichen
Heimat- oder Herkunftsstaat Gefahr drohe, so kann es unter diesen, vom
Asylsuchenden selber herbeigeführten Umständen nach Treu und Glau-
ben nicht Sache der Asylbehörden sein, nach allfälligen Wegweisungs-
vollzugshindernissen in hypothetischen Heimat- oder Herkunftsländern zu
forschen (vgl. WALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, Ba-
sel/Frankfurt a. M. 1990, S. 262 f.). Vielmehr hat der Asylsuchende die
Folgen seiner mangelhaften Mitwirkung zu tragen, indem in solchen Fäl-
len ohne Weiteres angenommen werden kann, seine Rückschiebung ha-
be keine Verletzung von Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950
zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR
0.101; vgl. EMARK 2005 Nr. 1 E. 3.2.2 S. 5 f.) oder anderer Bestimmun-
gen (insb. Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eid-
genossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101], Art. 7 des Internationa-
len Pakts über bürgerliche und politische Rechte [UN-Pakt II, SR 0.103.2]
sowie Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter
und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung
oder Strafe [FoK, SR 0.105], welche in ihrer Tragweite aber ohnehin nicht
über Art. 3 EMRK hinausgehen [vgl. dazu BGE 124 I 235 f. E. 2a;
EMARK 2004 Nr. 7 E. 5c.dd S. 49]), zur Folge.
Desgleichen ist in solchen Fällen davon auszugehen, dass der Vollzug
der Wegweisung in den tatsächlichen Heimat- oder Herkunftsstaat für den
Beschwerdeführer nicht unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG ist;
unter diesen Umständen besteht praxisgemäss die Vermutung, dass er
dort nicht als Folge eines Krieges, Bürgerkrieges oder allgemeiner bezie-
hungsweise ihm als Individuum unmittelbar drohender Gewalt konkret ge-
fährdet wäre, eine absolut notwendige medizinische Versorgung nicht er-
hielte oder – aus objektiver Sicht – wegen der vorherrschenden Verhält-
nisse mit grosser Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich in völlige Armut
gestossen würde, dem Hunger und somit einer ernsthaften Verschlechte-
rung seines Gesundheitszustands, der Invalidität oder sogar dem Tod
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Seite 13
ausgeliefert wäre (vgl. EMARK 2003 Nr. 24 E. 5b S. 157 f.). Mangels
Glaubhaftigkeit der geltend gemachten afghanischen Staatsangehörigkeit
beziehungsweise Herkunft vermögen auch die in der Beschwerdeschrift
(vgl. S. 5) angebrachten Hinweise auf Vorfälle in Afghanistan und auf die
damit verbundene schwierige Lage der dort ansässigen Bevölkerung an
dieser Schlussfolgerung nichts zu ändern.
Schliesslich bleibt gemäss Art. 83 Abs. 2 AuG zu prüfen, ob der Vollzug
der Wegweisung des Beschwerdeführers in den Heimat-, Herkunfts- oder
einen Drittstaat möglich ist, wobei diese Prüfung beschränkt ist. Nur wenn
zur Zeit des Urteils klar erkennbar ist, dass der Vollzug aus technischen
oder rechtlichen Gründen auf unabsehbare Zeit nicht möglich ist, stellt
das Bundesverwaltungsgericht dies von sich aus fest und weist die Vorin-
stanz an, anstelle des Vollzugs eine Ersatzmassnahme anzuordnen. Dies
trifft vorliegend offensichtlich nicht zu.
6.3 Der verfügte Wegweisungsvollzug steht daher in Übereinstimmung
mit den zu beachtenden Bestimmungen und ist zu bestätigen. Die Vor-
aussetzungen für die Gewährung der vorläufigen Aufnahme sind somit
nicht erfüllt (Art. 83 Abs. 1-4 AuG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be-
schwerde ist demnach abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten desselben dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG und Art. 1-3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das
vorliegende Beschwerdeverfahren konnte zwar aufgrund der vorstehen-
den Erwägungen nicht als aussichtslos bezeichnet werden, doch ist auf-
grund der Aktenlage (der Beschwerdeführer ist seit neun Monaten in der
Schweiz erwerbstätig) nicht von der Bedürftigkeit des alleinstehenden
Beschwerdeführers auszugehen. Das in der Beschwerde vom 28. Juni
2010 gestellte, bis anhin noch nicht behandelte Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist daher ab-
zuweisen, und die Verfahrenskosten sind auf Fr. 600.- festzusetzen.
D-4665/2010
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