Decision ID: 1a467e97-0161-5dbf-bf75-6be28bfdb078
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 18. November 2021 in der Schweiz um
Asyl nach. Am 25. November 2021 fand die Personalienaufnahme (PA)
statt. Am 21. Februar 2022 hörte ihn das SEM zu seinen Asylgründen an.
B.
Zu seinem persönlichen Hintergrund und zur Begründung seines Asylge-
suchs brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er sei algeri-
scher Staatsangehöriger und stamme aus B._. In Algerien habe er
eine Ausbildung zum Koch und zum Elektriker absolviert und in beiden Be-
rufen für einige Zeit gearbeitet. Zudem habe er «Handarbeiten» verrichtet.
Die finanzielle Situation seiner Familie sei sehr angespannt gewesen und
es habe familienintern Probleme gegeben. Zeitweise habe er deshalb auf
der Strasse gelebt. Um im Ausland ein besseres Leben führen zu können,
habe er Algerien im September 2019 in Richtung Spanien verlassen und
sei am 18. November 2021 über Frankreich in die Schweiz eingereist.
C.
Am 1. März 2022 nahm der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers Stel-
lung zum Entscheidentwurf der Vorinstanz.
D.
Mit Verfügung vom 2. März 2022 – gleichentags eröffnet – stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ord-
nete den Vollzug an.
E.
Am selben Tag legte der dem Beschwerdeführer zugewiesene Rechtsver-
treter sein Mandat nieder.
F.
Mit Eingabe vom 3. März 2022 erhob der Beschwerdeführer gegen die vo-
rinstanzliche Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung. Eventualiter sei er vor-
läufig aufzunehmen. Subeventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zu-
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rückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der
Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le-
gitimiert. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung
über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Corona-
virus [Covid-19-VO Asyl, SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt wird, handelt es sich um ein solches Rechtsmittel, weshalb
das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
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Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Ihren ablehnenden Entscheid begründet die Vorinstanz im Wesentli-
chen damit, dass die geltend gemachten schwierigen Lebensbedingungen
unter dem Blickwinkel der allgemeinen wirtschaftlichen Lage in Algerien zu
betrachten und nicht als flüchtlingsrechtlich relevant im Sinne von Art. 3
AsylG einzustufen seien. Zwar könne mangels flüchtlingsrechtlicher Rele-
vanz darauf verzichtet werden, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente
einzugehen, doch sei diesbezüglich ein ausdrücklicher Vorbelhalt anzu-
bringen, denn der Beschwerdeführer habe bei der Einreichung des Asylge-
suchs falsche Identitätsangaben gemacht und damit seine Mitwirkungs-
pflicht verletzt. Dementsprechend bestünden auch Zweifel an der Glaub-
haftigkeit seiner Vorbringen, insbesondere den geltend gemachten schwie-
rigen finanziellen Verhältnissen, habe er doch im Jahr 2010 zu Urlaubs-
zwecken eine Flugreise nach Marokko unternehmen können.
5.2 Dem hält der Beschwerdeführer im Wesentlichen entgegen, die Men-
schenrechtslage in Algerien sei sehr schlecht. Die Meinungsäusserungs-
freiheit sei sehr stark eingeschränkt und es komme zu Verhaftungen und
Verurteilungen von Aktivisten und Medienschaffenden. Zudem gebe es in
algerischen Gefängnissen Foltervorwürfe. Bei einem solchen Staat sei
nicht von der Schutzfähigkeit und –willigkeit auszugehen. In Algerien habe
er keine Perspektive. Er wolle sich in der Schweiz ein Leben aufbauen, um
seine Familie finanziell unterstützen zu können, denn einer seiner Brüder
habe eine starke Behinderung und seine Mutter sei sehr arm.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die gesuchsbegründenden Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht zu genügen
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vermögen. Die Rechtsmitteleingabe stellt der Schlussfolgerung des SEM
nichts Stichhaltiges entgegen und erschöpft sich vielmehr in allgemeinen
Ausführungen und Wiederholungen des bereits bekannten Sachverhalts.
6.2 Bei den vom Beschwerdeführer monierten generell schwierigen Le-
bensbedingungen und dem pauschalen Hinweis auf die allgemein
schlechte Menschenrechtslage in Algerien handelt es sich um Nachteile,
welche auf die in Algerien herrschenden allgemeinen politischen, wirt-
schaftlichen und sozialen Bedingungen zurückzuführen sind. Derartige
Nachteile stellen keine individuelle Verfolgung dar, da sie die gesamte Be-
völkerung oder zumindest einen grossen Teil derselben in gleichem Aus-
mass treffen. Eine asylrelevante Verfolgung machte der Beschwerdeführer
denn auch weder im erstinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerde-
ebene geltend und gestand vielmehr wiederholt ein, aufgrund familiärer
und finanzieller Probleme ausgereist zu sein (vgl. A22/12 F97 f.).
6.3 Insgesamt ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen, eine im
Zeitpunkt seiner Ausreise aus Algerien bestehende oder gegenwärtig dro-
hende asylrechtlich relevante Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu
machen. Somit hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung
wurde demnach zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2
m.w.H.).
8.2
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8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.2 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist
das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Voll-
zuges beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völ-
kerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105];
Art. 3 EMRK).
Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er-
geben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in
den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3
EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt
wäre. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er-
scheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
8.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich den vorinstanzlichen
Erwägungen vollumfänglich an. Unter Berücksichtigung der allgemeinen
heutigen Sicherheitslage in Algerien sind keine Hinweise dafür ersichtlich,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in sein Heimatland in kon-
kreter Weise gefährdet wäre. Eine Situation allgemeiner Gewalt oder krie-
gerischer oder bürgerkriegsähnlicher Verhältnisse liegt in Algerien nicht vor
(vgl. Urteil des BVGer E-879/2021 vom 18. März 2022 E. 9.2). Daran ver-
mögen auch die durch den Beschwerdeführer zitierten Länderberichte
nichts zu ändern.
8.3.3 Darüber hinaus sind keine individuellen Gründe ersichtlich, die gegen
einen Wegweisungsvollzug sprechen. Der junge Beschwerdeführer hat
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mehrere Ausbildungen absolviert und Arbeitserfahrung sammeln können
(vgl. A22/12 F47). Es ist davon auszugehen, dass er als gut ausgebildeter
junger Mann schnell eine Anstellung zu finden vermag. Zudem leben
sowohl seine Eltern als auch seine sieben Geschwister – mit welchen er
weiterhin den Kontakt pflegt – in Algerien (vgl. A22/12 F38, F59). Seine
Geschwister seien alle verheiratet und einige in Firmen angestellt
(vgl. A22/12 F60 f.). Demnach kann der Beschwerdeführer auf ein
familiäres Beziehungsnetz und allenfalls finanzielle Unterstützung im
Heimatstaat zurückgreifen.
8.3.4 Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen
Gründen ist nach Lehre und konstanter Praxis dann zu schliessen, wenn
eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfü-
gung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden
Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person führen
würde (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3; 2009/2 E. 9.3.2 je m.w.H.).
Von einer medizinischen Notlage im Sinne der vorstehend dargelegten
Rechtsprechung ist vorliegend nicht auszugehen. Zwar gab der Beschwer-
deführer an, Schmerzen in der linken Schulter und im linken Fuss zu ver-
spüren, die dafür verordneten Schmerzmittel nehme er jedoch nicht weiter
ein (vgl. A22/12 F8, F19). Gemäss ärztlichem Kurzbericht vom 1. Dezem-
ber 2021 leidet er an «Psychische[n] und Verhaltensstörungen durch Se-
dativa oder Hypnotika» (vgl. A 18/3). Hinweise auf einen akuten Behand-
lungsbedarf finden sich in den Akten jedoch nicht, noch wird dergleichen
auf Beschwerdeebene geltend gemacht.
8.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist ab-
zuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird
mit dem vorliegenden Entscheid gegenstandslos.
10.2 Die Verfahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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