Decision ID: fb573071-481a-48e7-9de0-51e513c74bc7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 4. Juli 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer bereits am 4. Mai
2022 in Bulgarien um Asyl nachgesucht hatte.
B.
Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer am 14. Juli 2022 das
rechtliche Gehör (Dublin-Gespräch) zu einem allfälligen Nichteintretens-
entscheid und einer Überstellung nach Bulgarien.
Zu einer Überstellung nach Bulgarien äusserte er sich ablehnend. Er be-
gründete dies damit, dass er dort nicht habe um Asyl nachsuchen wollen
und sich dementsprechend gegenüber den bulgarischen Behörden als
«B._» ausgegeben habe. Er könne sich nicht mehr daran erinnern,
welches Geburtsdatum er in Bulgarien angegeben habe, bestätige jedoch,
dass er tatsächlich am (...) geboren worden sei. Ohnehin habe er lediglich
eine Nacht und einen Tag in Bulgarien verbracht, denn dort seien die Le-
bensbedingungen schlecht und man kümmere sich nicht um ihn.
C.
Am 6. Juli 2022 ersuchte das SEM die bulgarischen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
D.
Das Übernahmegesuch vom 6. Juli 2022 lehnten die bulgarischen Behör-
den am 20. Juli 2022 mit der Begründung ab, der Beschwerdeführer sei in
Bulgarien unter dem Namen B._, geboren am (...), registriert wor-
den. Sofern es sich beim Beschwerdeführer tatsächlich um eine unbeglei-
tete minderjährige Person handle, sei die Schweiz für die Durchführung
seines Asylverfahrens zuständig.
E.
Am 22. Juli 2022 ersuchte das SEM die bulgarischen Behörden um wie-
dererwägungsweise Übernahme des Beschwerdeführers. Es wies darauf
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hin, dass der Beschwerdeführer im Rahmen des Dublin-Gesprächs einge-
standen habe, die bulgarischen Behörden bewusst über seine Identität ge-
täuscht zu haben. Die Kopie seiner zu den Akten gereichten Tazkira, be-
stätige seine im Dublin-Gespräch gemachten Aussagen sowie seine Voll-
jährigkeit.
F.
Dem Übernahmegesuch vom 22. Juli 2022 stimmten die bulgarischen Be-
hörden gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO am 3. August 2022
zu.
G.
Mit Verfügung vom 8. August 2022 (eröffnet am 9. August 2022) trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstellung
nach Bulgarien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die ei-
ner allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende
Wirkung hin und beauftragte den Kanton C._ mit dem Vollzug der
Wegweisung.
H.
Mit Beschwerde vom 17. August 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei aufzu-
heben, die Zuständigkeit der Schweiz festzustellen und das Asylgesuch
materiell zu prüfen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses und um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung sowie um Erlass eines Vollzugsstopps im Sinne einer vorsorgli-
chen Massnahme.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsge-
richt zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig
und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Beschwer-
deführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
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eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess-
lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge-
rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2 je m.w.H.).
3.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG),
ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 In formeller Hinsicht rügt der Beschwerdeführer eine Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes sowie der Begründungspflicht. So habe die
Vorinstanz nicht abgeklärt, ob das Asylgesuch des Beschwerdeführers in
Bulgarien weiterhin hängig sei und ob er im Falle seiner Überstellung
dorthin Zugang zu entsprechenden Unterstützungsleistungen habe.
Ohnehin habe das SEM die neuesten Entwicklungen in Bulgarien –
insbesondere die Auswirkungen der Kriegsereignisse in der Ukraine – nicht
gebührend berücksichtigt und eine unzureichende Prüfung der
humanitären Gründe für einen Selbsteintritt vorgenommen.
4.2
4.2.1 Im Verwaltungsverfahren gelten der Untersuchungsgrundsatz und
die Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts (Art. 12 VwVG; vgl. auch Art. 49 Bst. b VwVG; für das Asyl-
verfahren ausserdem Art. 6 AsylG). Mithin ist die zuständige Behörde ver-
pflichtet, den für die Beurteilung eines Asylgesuchs relevanten Sachverhalt
von Amtes wegen festzustellen (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und
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aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde den Sachverhalt nicht von
Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für die Entscheidung wesentlichen
Sachumstände berücksichtigt hat (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MAR-
TINA BINDER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsver-
fahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16).
4.2.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 VwVG) umfasst als Mit-
wirkungsrecht sodann alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind,
damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung brin-
gen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Ge-
hörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich
zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen
zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass sie eine
sachgerechte Anfechtung ermöglicht. Nicht erforderlich dagegen ist, dass
sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinander-
setzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143
III 65 E. 5.2).
4.3
4.3.1 Die Einwände in der Beschwerdeschrift sind unbegründet. Der Be-
schwerdeführer gab anlässlich des Dublin-Gesprächs an, in Bulgarien dak-
tyloskopiert worden zu sein (vgl. A18/3) und die bulgarischen Behörden
stimmten seiner Übernahme zu (vgl. A26/1). Bezüglich der dortigen Le-
bensbedingungen machte er lediglich pauschal geltend, diese seien ge-
mäss seinen eigenen Erfahrungen sowie den Erzählungen von Freunden
schlecht. Zudem möge er weder das dortige Essen noch die Bulgaren
(vgl. A18/3). Konkrete Angaben zu seiner Unterbringung und seiner Ver-
sorgung machte er hingegen nicht, zumal er sich gemäss seinen eigenen
Angaben auch lediglich 24 Stunden in Bulgarien aufhielt (vgl. A18/3). Bei
dieser Ausgangslage ist nicht ersichtlich, weshalb die Vorinstanz diesbe-
züglich weitere Abklärungen hätte vornehmen müssen. Ebenfalls nicht zu
beanstanden sind die Ausführungen zum Selbsteintritt. Allein aus dem Um-
stand, dass das SEM bei der Würdigung des Sachverhalts zu einem ande-
ren Schluss gelangt, als vom Beschwerdeführer beziehungsweise seiner
Rechtsvertreterin erhofft, lässt sich keine unrichtige oder unvollständige
Feststellung des Sachverhalts oder eine Verletzung der Begründungs-
pflicht ableiten.
4.3.2 Soweit in der Beschwerde gerügt wird, die Vorinstanz sei nicht auf
die neuesten Entwicklungen in Bulgarien eingegangen und habe diese
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nicht in ihren Entscheid einfliessen lassen, ist festzuhalten, dass diese
Rüge im Zusammenhang mit der Umsetzung der Aufnahmebedingungen
steht (vgl. Urteil des BVGer D-1406/2022 vom 31. März 2022 E. 5.3). Es
kann daher auf die nachfolgenden Ausführungen verwiesen werden.
4.4 Nach dem Gesagten ist die Vorinstanz ihrer Pflicht, den rechtserhebli-
chen Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen (vgl. Art. 6 AsylG i.V.m.
Art. 12 VwVG), in rechtsgenüglicher Weise nachgekommen. Eine Verlet-
zung der Begründungspflicht respektive des Anspruchs auf rechtliches Ge-
hör (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 VwVG, Art. 35 Abs. 1 VwVG) kann eben-
falls nicht festgestellt werden. Das Eventualbegehren auf Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz ist demnach abzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche ist in der Regel nicht einzutreten, wenn Asylsuchende
in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt die Vorinstanz in der Regel die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8-15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des
zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
5.3 Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem
anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO) oder seinen Antrag während der Antragsprüfung zurückgezogen
und in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat (Art. 18 Abs. 1
Bst. c Dublin-III-VO), nach Maßgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29
wiederaufzunehmen.
Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) (Art. 23-25
Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung
nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2019 VI/7
E. 4-6; 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
5.4 Der Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Eu-
rodac-Datenbank vom 5. Juli 2022 ergab, dass dieser am 4. Mai 2022 in
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Bulgarien um Asyl nachgesucht hatte (vgl. A8/1). Dementsprechend er-
suchte das SEM die bulgarischen Behörden am 6. Juli 2022 respektive
22. Juli 2022 um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO (vgl. A9/5 und A20/3). Die bulgarischen
Behörden stimmten dem Ersuchen am 3. August 2022 ausdrücklich zu,
nachdem ihnen die Schweizer Behörden mitgeteilt hatten, dass der Be-
schwerdeführer eingestanden habe, volljährig zu sein (vgl. A26/1). Der Ein-
wand des Beschwerdeführers im Dublin-Gespräch, er habe in Bulgarien
kein Asylgesuch stellen wollen, ist als Schutzbehauptung zu qualifizieren
und vermag bezüglich der Zuständigkeitsfrage nichts zu ändern. Gleiches
gilt für die Argumentation in der Beschwerdeschrift, die Vorinstanz habe mit
ihrem Übernahmegesuch gegen den Grundsatz von Treu und Glauben in
den zwischenstaatlichen Beziehungen verstossen, geht doch aus den Ak-
ten klar hervor, dass sie sich bei ihrem wiedererwägungsweisen Ersuchen
um Rückübernahme des Beschwerdeführers auf dessen Aussagen im
Dublin-Gespräch sowie die eingereichten Beweismittel stützte und nicht
wie in der Beschwerdeschrift behauptet auf ein mangelhaft ausgefülltes
Formular Questionnaire Europa. Ebenso wenig zu überzeugen vermag die
Argumentation, dass, da die bulgarischen Behörden der Übernahme des
Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin III-VO zuge-
stimmt hätten, anzunehmen sei, das Asylverfahren des Beschwerdeführers
in Bulgarien sei nicht mehr hängig. Ohnehin begründete bereits die vom
Beschwerdeführer unbestrittene Einreise in das Hoheitsgebiet des Dublin-
Staates Bulgarien dessen Zuständigkeit für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO). Überdies
räumt die Dublin-III-VO Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag
prüfenden Staat selbst zu wählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.5 Die grundsätzliche Zuständigkeit Bulgariens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist somit gegeben.
6.
Der Beschwerdeführer bringt in der Beschwerdeschrift im Wesentlichen
vor, zahlreiche Quellen äusserten sich kritisch zur Lage in Bulgarien. In den
vergangenen Monaten seien tausende Asylsuchende aus der Ukraine in
Bulgarien empfangen worden, was zu einer Überlastung des Systems
führe. So seien die Unterbringungsmöglichkeiten und der Zugang zu Nah-
rung mangelhaft. Zudem würden afghanische Staatsangehörige systema-
tisch diskriminiert. Der Beschwerdeführer fürchte, bei einer Rückkehr nach
Bulgarien in Haft genommen zu werden. Ohnehin sei es fraglich, ob er
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überhaupt Zugang zum dortigen Asylsystem und im Bedarfsfall zu einer
Rechtsvertretung habe.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil F‐7195/2018
vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asylsystem und
der Situation asylsuchender Personen auseinandergesetzt. Es hat festge-
halten, dass das dortige Asylverfahren sowie die Aufnahmebedingungen
zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese aber nicht systemischer
Natur seien, weshalb von Überstellungen nach Bulgarien grundsätzlich
nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien in Bulgarien nicht sys-
tembedingt unmöglich. Die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzen-
tren seien zwar prekär, könnten jedoch nicht als unmenschlich oder ent-
würdigend qualifiziert werden (vgl. a.a.O. E. 6.6.1 und 6.6.7). Auch heute
angesichts des Krieges in der Ukraine geht das Bundesverwaltungsgericht
praxisgemäss nicht von systemischen Mängeln im bulgarischen Asylver-
fahren aus (vgl. Urteil des BVGer F-3099/2022 vom 25. Juli 2022 E. 6.4 f.).
7.2 Bulgarien kommt somit seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus
der EMRK (SR 0.101), dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 ge-
gen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Be-
handlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem
Zusatzprotokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich
nach. Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Bulgarien anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
7.3 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist demnach nicht ge-
rechtfertigt.
8.
8.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
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er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert.
Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen Dublin-
Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen die
Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die Vorinstanz
die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der Schweiz
behandeln (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2).
8.2 Auch unter diesem Aspekt vermag der Beschwerdeführer aus den in
der Rechtmitteleingabe zitierten Quellen nichts zu seinen Gunsten abzu-
leiten, hat er doch kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, die bul-
garischen Behörden würden sich weigern, ihn wiederaufzunehmen und
seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der
Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für
die Annahme zu entnehmen, Bulgarien werde in seinem Fall den Grund-
satz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land
zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet wäre oder in dem er Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser-
dem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer Rückfüh-
rung erwartenden Bedingungen in Bulgarien wären derart schlecht, dass
sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK
oder Art. 3 FoK führen könnten. Der Beschwerdeführer hat auch keine kon-
kreten Hinweise für die Annahme dargetan, Bulgarien würde ihm dauerhaft
die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedin-
gungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung
ist er im Übrigen gehalten, sich nötigenfalls an die bulgarischen Behörden
zu wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem
Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Gleiches gilt für
seine gegenüber den bulgarischen Behörden pauschal erhobenen Vor-
würfe der Gewaltanwendung. Es ist ihm zumutbar, sich an das Justizwesen
Bulgariens, dortige Aufsichtsbehörden oder zivilgesellschaftliche Hilfsan-
gebote zu wenden, wenn er in Bulgarien rechtswidrig behandelt werden
sollte. Der Vollständigkeit halber ist denn auch festzuhalten, dass es sich
bei den Befürchtungen des Beschwerdeführers, infolge der Ereignisse in
der Ukraine, würden seine Aufnahme- und Betreuungsmöglichkeiten in
Bulgarien durch ukrainische Kriegsflüchtlinge eingeschränkt oder gar ganz
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wegfallen, um nicht belegte und pauschale Mutmassungen handelt
(vgl. Urteil des BVGer E-2392/2022 vom 3. Juni 2022 und D-1406/2022
vom 31. März 2022 E. 9.5).
8.3
8.3.1 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten dürfte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
8.3.2 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Es ist aus den
Akten lediglich ersichtlich, dass der Beschwerdeführer wegen eines kariö-
sen Zahnes eine Füllung benötigte (vgl. A15/3). Die Behandlung scheint
denn auch erfolgreich gewesen zu sein, gab der Beschwerdeführer doch
an, gesund und beschwerdefrei zu sein (vgl. A15/3 und A18/3). Im Übrigen
ist allgemein bekannt, dass Bulgarien über eine ausreichende medizini-
sche Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antrag-
stellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Not-
versorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten
und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen
(Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Be-
dürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (ein-
schliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu
gewähren. Es liegen keine Hinweise vor, dass Bulgarien dem Beschwer-
deführer eine adäquate medizinische Behandlung verweigern würde. Die
schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfü-
gung beauftragt sind, werden allfälligen medizinischen Umständen bei der
Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerde-
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führers Rechnung tragen und die bulgarischen Behörden vorgängig in ge-
eigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände informieren
(vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
8.4 Insgesamt liegen somit keine zwingenden Gründe für eine Anwendung
der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO vor.
9.
9.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Das Gericht be-
schränkt die Überprüfung des vorinstanzlichen Verzichts der Anwendung
von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (Art. 106
Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
9.2 Auch unter diesem Blickwinkel ist die angefochtene Verfügung (wie be-
reits in E. 4.3.1 festgehalten) nicht zu beanstanden; insbesondere sind den
Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- res-
pektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen.
10.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat zu Recht die Überstellung nach Bulgarien angeordnet. Nach dem Ge-
sagten ist die Beschwerde abzuweisen. Die Gesuche um Anordnung su-
perprovisorischer Massnahmen, um Erteilung der aufschiebenden Wirkung
sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sind mit
dem vorliegenden Entscheid in der Sache gegenstandslos geworden.
11.
11.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)
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