Decision ID: 2eda1816-e5d3-4d25-8726-90b751986388
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am (...) November 2018 in der Schweiz
um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 28. Novem-
ber 2018 sowie der Anhörung vom 16. Juni 2020 machte sie im Wesentli-
chen Folgendes geltend:
Sie sei iranische Staatsangehörige kurdischer Ethnie und stamme aus
B._ in der Provinz Kordestan, wo sie bis zu ihrer Ausreise gelebt
habe. Im Alter von (...) Jahren habe sie zum ersten Mal geheiratet. Sie
habe ihren Ehemann zwar selbst ausgewählt, habe sich aber noch wäh-
rend der Verlobung trennen wollen. Dies hätten ihre Eltern ihr nicht erlaubt,
weshalb sie den Mann schliesslich geheiratet habe. Die Ehe sei unglück-
lich gewesen und die Familie ihres Ehemanns habe sie schlecht behandelt.
Nach vier Monaten habe sie genug gehabt von deren Belästigungen. Sie
habe ihren Eltern damit gedroht, sich umzubringen, falls sie ihr die Schei-
dung nicht erlauben würden. Sie habe dann Tabletten geschluckt und
gleichzeitig den Notfall angerufen, woraufhin sie hospitalisiert worden sei.
Beide Familien seien schliesslich mit der Scheidung einverstanden gewe-
sen, weshalb diese einvernehmlich erfolgt sei. Danach hätten ihre Eltern
ihr aber kaum etwas erlaubt. Als ihre Onkel und Tanten angefangen hätten,
sich für sie einzusetzen und ihren Eltern gegenüber darzulegen, dass eine
Scheidung heutzutage etwas Normales sei, habe sich die Situation mit ih-
rer Familie etwas gebessert. Vier bis fünf Monate nach der Scheidung sei
es ihr wieder erlaubt gewesen, zuhause zu lernen. Ihr Vater habe sie für
die Prüfungen an die Universität begleitet. Sie habe bei einem (...) gear-
beitet und sei deshalb manchmal spätabends nach Hause gekommen. Das
habe ihre Familie nicht gut gefunden, weil dies ihrer Reputation schade.
Ausserdem hätten ihre Familienmitglieder sie immer häufiger daran erin-
nert, dass sie eine geschiedene Frau sei und angemerkt, dass sie bald
wieder heiraten müsse. Eines Tages sei ihr Vater auf sie zugekommen und
habe ihr mitgeteilt, dass ein Freund von ihm, welcher (...) Jahre älter sei
als die Beschwerdeführerin, sie heiraten wolle. Er habe ihr nahegelegt,
dass dieser Freund ein guter Mensch und reif sei. Es hätten immer wieder
Gespräche stattgefunden, in denen ihr Vater sie davon habe überzeugen
wollen, seinen Freund C._ zu heiraten. Der Druck habe sich beson-
ders verstärkt, als (...) geheiratet habe. Schliesslich habe ihr Vater ihr ge-
droht, sie an ihrem eigenen Kopftuch zu erhängen, falls sie seinen Freund
nicht heiraten würde. Er sei schon zuvor gewalttätig gewesen und habe sie
mehrmals geschlagen sowie einmal mit einem Messer und einmal mit einer
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Glasscherbe verletzt. Gleichzeitig sei sie von C._ mit Nachrichten
belästigt worden. Er habe ihr anzügliche Dinge geschrieben, welche sie
angewidert hätten. Auch weil ihr Vater krank gewesen sei und sie ein
schlechtes Gewissen gehabt habe, habe sie sich schliesslich widerwillig
mit der Heirat einverstanden erklärt. An dem Tag, an welchem die Vermäh-
lung hätte stattfinden sollen, habe sie sich jedoch definitiv dagegen ent-
schieden. Schon zuvor habe sie mit ihrer Freundin D._ darüber ge-
redet zu fliehen. Sie habe ihren Vater dazu überredet, sie anlässlich der
Vermählung zum Friseursalon gehen zu lassen und habe sich dann mit
einer Tasche sowie all ihren Wertsachen vom Haus entfernt. Ihre Freundin
D._ – welche ihre Kontaktperson zum Schlepper gewesen sei –
habe in einer Gasse mit einem Auto gewartet und sie zu einem Taxi ge-
bracht. Schliesslich habe sie mit einem Schlepper das Land verlassen.
Im Dezember 2019, mithin nach ihrer Ausreise, und nachdem sie ein auf
ihren Namen lautendes Instagram-Profil eröffnet habe, habe sie von
C._ eine Drohnachricht erhalten.
Als Beweismittel legte die Beschwerdeführerin ihren Führerschein im Ori-
ginal sowie einen Zeitungsartikel von BBC betreffend Ehrenmorde in Iran
ins Recht.
B.
Mit Verfügung vom 30. Juni 2020 – eröffnet am 1. Juli 2020 – verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr
Asylgesuch ab und ordnete ihre Wegweisung sowie den Vollzug derselben
an.
C.
Mit Beschwerde vom 31. Juli 2020 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragte die Beschwerdeführerin die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung
von Asyl. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, die vorläufige Auf-
nahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen
Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Beiordnung der Rechtsanwältin MLaw Regina Derrer als amtli-
che Rechtsbeiständin.
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Der Beschwerde legte sie einen ärztlichen Bericht vom 20. Juli 2020 be-
treffend die vorgebrachten Misshandlungen sowie zwei Zeitungsartikel
über Mädchen beziehungsweise Frauen, die in Iran Opfer von Ehrenmor-
den wurden, bei.
D.
Am 31. Juli 2020 bestätigte der Instruktionsrichter den Eingang der Be-
schwerde und hielt fest, dass die Beschwerdeführerin den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten könne.
E.
Mit Eingabe vom 6. August 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine
schriftliche Bestätigung ihres Betreuers im Durchgangszentrum E._
ein. Darin hält dieser fest, dass sie ihn im Dezember 2019 aufgesucht
habe, um ihm mitzuteilen, dass sie per Instagram mit dem Tod bedroht wor-
den sei. Sie habe erklärt, die Drohung hänge damit zusammen, dass sie in
Iran einen viel älteren Mann hätte heiraten sollen und deshalb geflohen sei.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2020 hiess der Instruktionsrichter
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um
amtliche Rechtsverbeiständung gut und ordnete der Beschwerdeführerin
die Rechtsanwältin MLaw Regina Derrer als amtliche Rechtsbeiständin
bei. Gleichzeitig lud er das SEM zur Vernehmlassung ein.
G.
Mit Vernehmlassung vom 21. August 2020 hielt das SEM mit ergänzenden
Ausführungen vollumfänglich an seiner Verfügung fest.
H.
Am 26. August 2020 stellte der Instruktionsrichter der Beschwerdeführerin
die Vernehmlassung zu und lud sie zur Replik ein. Am 10. September 2020
reichte sie eine Replik ein und legte dieser einen länderspezifischen Be-
richt betreffend Diskriminierung von Frauen in Iran bei. Überdies reichte sie
eine Fotografie der Scheidungsurkunde bezüglich ihrer ersten Ehe und den
Ausdruck einer Whatsapp-Konversation mit ihrer Freundin D._, mit
denen diese ihr die Urkunde zugestellt habe, ein.
I.
Am 16. Oktober 2020 teilte Regina Derrer dem Gericht mit, dass sie ihre
Arbeit bei der Caritas Schweiz niederlege und ersuchte darum, von den
Verpflichtungen als unentgeltliche Rechtsbeiständin entbunden zu werden.
E-3852/2020
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Gleichzeitig schlug sie nach Rücksprache mit der Beschwerdeführerin
MLaw Katarina Socha als neue Mandatsträgerin vor.
J.
Am 2. November 2020 forderte der Instruktionsrichter die Beschwerdefüh-
rerin dazu auf, eine Vertretungsvollmacht zugunsten von Katarina Socha
einzureichen. Dieser Aufforderung kam sie am 2. November 2020 nach.
K.
Mit Instruktionsverfügung vom 10. November 2020 entband das Gericht
Regina Derrer von ihrem Mandat und ordnete MLaw Katarina Socha als
amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführerin bei.
L.
Mit Eingabe vom 7. März 2022 ersuchte Katarina Socha um Entlassung
aus dem Mandat als amtliche Rechtsbeiständin, da sie ihre Arbeit bei der
Caritas Schweiz niederlege. Sie schlug – nach Rücksprache mit der Be-
schwerdeführerin – MLaw Natalie Marrer als neue Mandatsträgerin vor.
M.
Am 14. März 2022 entband der Instruktionsrichter Katarina Socha von ih-
rem Mandat und ordnete antragsgemäss MLaw Natalie Marrer als neue
amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführerin bei.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 6
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.5 In der Beschwerde wird der Antrag gestellt, die eingereichten fremd-
sprachigen Berichte betreffend Mädchen und Frauen, welche in Iran Opfer
von Ehrenmorden wurden, seien von Amtes wegen zu übersetzen. Das
Bundesverwaltungsgericht ist sich der aktuellen Lage in Iran bewusst und
die Artikel betreffen die Beschwerdeführerin nicht konkret. Vor diesem Hin-
tergrund ist der entsprechende Antrag abzuweisen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Zu-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatstaat keinen adäquaten Schutz finden
kann, weil dort keine Infrastruktur besteht, die ihr Schutz bieten könnte (vgl.
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Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis-
sion [EMARK] 2006 Nr. 18 E. 11.2 S. 204 f.), oder weil der Staat ihr keinen
Schutz gewährt, obwohl er dazu in der Lage wäre (vgl. BVGE 2011/51 E.
7.1 und E. 7.4 S. 1017 f. m.w.H.). Zudem besteht ein Schutzbedürfnis auch
dann, wenn die bestehende Schutzinfrastruktur der von Verfolgung be-
troffenen Person nicht zugänglich ist oder ihr deren Inanspruchnahme aus
individuellen Gründen nicht zuzumuten ist. Über das Bestehen eines
Schutzbedürfnisses ist im Rahmen einer individuellen Einzelfallprüfung un-
ter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes zu befinden, wobei
es den Asylbehörden obliegt, die Effektivität des Schutzes vor Verfolgung
im Heimatstaat abzuklären und zu begründen (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.4
S. 1018 m.w.H.).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.
4.1 Die Vorinstanz schätzt die Vorbringen der Beschwerdeführerin als un-
glaubhaft ein, insbesondere da sie widersprüchliche Angaben gemacht
habe. In der BzP habe sie ausgesagt, dass die bevorstehende Heirat erst-
mals beim Besuch der Tante erwähnt worden sei, die Beschwerdeführerin
dies für einen Scherz gehalten habe und ihre Mutter auf die Nachfrage
keine klare Antwort gegeben habe. Demgegenüber habe sie an der Anhö-
rung angegeben, dass sie anlässlich des Besuchs der Tante bemerkt habe,
dass es ihren Eltern ernst sei mit der Heirat. Im Rahmen der BzP habe sie
zur Protokoll gebracht, dass sie vor dem Besuch der Tante nur flüchtige
Gespräche mit ihrem Vater zur geplanten Heirat geführt habe. Im Gegen-
satz dazu habe sie in der Anhörung ein konkretes, ernstes Gespräch mit
ihrem Vater erwähnt, welches vor dem Besuch der Tante stattgefunden
habe. Sie habe in der BzP angegeben, die Hochzeit hätte am Donnerstag
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beziehungsweise Freitag nach ihrer Ausreise (am Samstag) stattfinden sol-
len. Anlässlich der Anhörung habe sie dargelegt, dass die Vermählung am
Tag der Ausreise geplant gewesen sei und sie am darauffolgenden Freitag
zu ihm gezogen wäre. Gemäss ihren Aussagen in der BzP habe sie die
Ausreise vorab mit ihrer Freundin D._ besprochen und am Ausrei-
setag sei bereits alles organisiert gewesen. Dies stehe im Widerspruch zu
ihrer Angabe in der Anhörung, sie habe sich nicht für die Ausreise vorbe-
reitet.
Weiter falle auf, dass die Gewichtung des Geschehens hinsichtlich der an-
geblich drohenden Zwangsverheiratung in der BzP und in der Anhörung
abweichend ausgefallen sei. Im Rahmen der BzP habe die Beschwerde-
führerin den Fokus ihrer Schilderungen darauf ausgelegt, dass sie von ih-
rer Familie zunehmend unter Druck gesetzt worden sei. Eine aktive Rolle
von C._ sei gar nicht erst erwähnt worden. Davon abweichend
werde in der Anhörung der Fokus stark auf die Rolle von C._ gelegt,
welcher den Vater ausgenutzt und die Beschwerdeführerin belästigt habe.
Schliesslich sei die Beschwerdeführerin auch nur begrenzt in der Lage ge-
wesen die Ereignisse um die drohende Zwangsverheiratung substanziiert
zu schildern. In der Qualität dieser Schilderungen sei auch ein deutlicher
Unterschied zu übrigen Darstellungen zu erkennen, wie beispielsweise ihre
Schilderungen zu ihrer ersten Ehe und der nachfolgenden Scheidung.
Ihre Vorbringen seien aber auch bei unterstellter Glaubhaftigkeit nicht asyl-
relevant, da die Beschwerdeführerin die Möglichkeiten der Schutzsuche in
Iran nicht ausgeschöpft habe.
4.2 Dem entgegnet die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde, ihre
Schilderungen zur drohenden Zwangsheirat seien detailliert, originell und
schlüssig gewesen. Wenn man sich über etwas klar werde – wie vorliegend
sie in Bezug auf die Ernsthaftigkeit der Heiratspläne ihrer Eltern – dann
stelle dies kein schlagartig eintretendes Ereignis dar, sondern einen Pro-
zess. Sie habe die bevorstehende Zwangsheirat anfangs immer wieder
verdrängt und gehofft, dass es noch länger dauern beziehungsweise ein
anderer Heiratskandidat gefunden werde. Als der Vater zum ersten Mal
ausserhalb der Kernfamilie – anlässlich des Besuchs der Tante – über die
Heirat gesprochen habe, sei ihr bewusstgeworden, dass er es ernst mei-
nen könne. Kurz darauf habe ihre Mutter ihr gesagt, dass die Heiratspläne
real seien. Ihre Hoffnung, dass sich die Heirat nicht realisieren werde, sei
zusehends geschwunden. Im iranischen Kulturkreis finde in der Regel zu-
erst die Vermählung statt, mit anderen Worten werde dann der Ehevertrag
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abgeschlossen. Erst später ziehe die Frau zu ihrem Ehemann. Ein Fest
finde – wenn überhaupt – ebenfalls erst nach der Vermählung und nicht am
selben Tag statt. Das SEM habe in Verletzung seiner Untersuchungspflicht
versäumt, diese Unklarheit auszuräumen und daraus einen Widerspruch
kreiert. Zur Planung der Ausreise habe es in der Anhörung nur eine Frage
gestellt, obwohl es angesichts seiner Untersuchungspflicht gehalten gewe-
sen sei, an dieser Stelle weitere Nachfragen zur Klärung zu stellen.
D._ habe die Reise zwar schon vorher geplant, aber die Beschwer-
deführerin habe ihr erst am Tag der Vermählung definitiv Bescheid gege-
ben, dass sie nun ausreisen wolle.
Der Umstand, dass sie in Bezug auf die gleiche Geschichte in den Befra-
gungen verschiedene Fokusse gesetzt habe, spreche für ihre Glaubhaf-
tigkeit und nicht dagegen. Ihre Ausführungen zu C._ seien detailliert
und substanziiert ausgefallen. Die Folgen der Gewaltanwendung durch ih-
ren Vater seien noch heute an ihrem Körper zu sehen und an ihrem Hei-
matort seien Zwangsheiraten besonders verbreitet.
Der iranische Staat sei weder schutzwillig noch schutzfähig. Eine inner-
staatliche Fluchtalternative habe ihr nicht offen gestanden, da alleinste-
hende Frauen, welche von ihren Familien flüchteten, in Iran in der Regel
wieder zu denen zurückgebracht würden. Die Vorinstanz habe die Effekti-
vität des Schutzes vor Verfolgung im Heimatland weder genügend abge-
klärt noch hinlänglich begründet.
4.3 In seiner Vernehmlassung distanziert sich das SEM von der Behaup-
tung in der Beschwerde, es habe die in Iran vorhandene Schutzinfrastruk-
tur im Falle der Beschwerdeführerin als genügend bezeichnet. Vielmehr
habe es festgestellt, dass der Schutzwille und die Schutzfähigkeit der ira-
nischen Behörden gegenüber Opfern von Zwangsheirat grundsätzlich vor-
handen seien und die Beschwerdeführerin nicht in angemessener Weise
versucht habe, diesen Schutz in Anspruch zu nehmen. Mangels ausrei-
chender Bemühungen der Beschwerdeführerin sei vorliegend nicht belegt,
dass der iranische Staat nicht willens oder in der Lage gewesen wäre, ihr
Schutz zu gewähren.
4.4 Die Beschwerdeführerin hält in ihrer Replik fest, das SEM habe sich
nicht zum eingereichten Arztzeugnis sowie zur Bestätigung ihres Betreuers
im Durchgangszentrum E._ geäussert, welche ihre Fluchtvorbrin-
gen untermauern würden. Ihre Eltern hätten die Scheidung ihrer ersten Ehe
erst nach ihrem Suizidversuch erlaubt, weshalb dieser Umstand nicht als
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Seite 10
Ausdruck von deren liberaler Haltung anzusehen sei. Die Scheidung sei in
den Augen ihrer Familie stets eine Schande geblieben, was sie sie habe
spüren lassen.
Mit dem Argument, es sei mangels ausreichender Bemühungen von ihrer
Seite nicht belegt, dass der iranische Staat nicht willens und nicht fähig sei,
sie zu schützen, verlange es von ihr, mit ihren Bemühungen zu belegen,
dass es in ihrem Heimatland eine zumutbare Fluchtalternative gebe. Für
einen solchen Beweis hätte sie aber das reale Risiko eingehen müssen,
asylrelevante Nachteile zu erleiden. Zudem komme dies einer unzulässi-
gen Umkehr der Beweislast gleich, weil das Bestehen einer genügenden
Schutzalternative eigentlich vom SEM zu belegen wäre. Mit seiner Argu-
mentation bringe das SEM zum Ausdruck, dass dieses selbst Zweifel an
der ausreichenden Schutzinfrastruktur in Iran hege. Die Annahme einer in-
nerstaatlichen Fluchtalternative setze voraus, dass am Zufluchtsort eine
funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur bestehe und der Staat
gewillt sei, der in einem anderen Landesteil vor Verfolgung betroffenen Per-
son am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. In Iran sei aber die staatliche und
private Schutzinfrastruktur ungenügend. In ländlichen Regionen sei diese
kaum vorhanden. Frauenhäuser böten nicht genügend Platz und seien oft
auf Prostituierte und Drogenabhängige ausgerichtet. Es fehle dem irani-
schen Staat am Willen, alleinstehende Frauen zu unterstützen und vor
häuslicher Gewalt, Früh- sowie Zwangsheiraten zu schützen. Das SEM
gehe von einer internen Fluchtalternative aus, ohne die Zugänglichkeit so-
wie Zumutbarkeit derselben zu prüfen. Ein Wiedersehen bei ehrbezogenen
Angelegenheiten ende für die geflüchtete Frau regelmässig tödlich, insbe-
sondere da gemäss Herkunftsländerberichten die intern vertriebene Per-
son früher oder später von ihrer Familie gefunden werde. Ihr Vater habe
sie wiederholt misshandelt, weshalb davon auszugehen sei, dass er auch
nicht davor zurückschrecken würde, sie zu töten.
5.
5.1 In der Beschwerde rügt die Beschwerdeführerin eine Verletzung der
Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts und der Begründungspflicht seitens der Vorinstanz. Diese
formellen Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie sich allenfalls dazu eig-
nen, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl.
BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
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Seite 11
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Der Untersuchungsgrundsatz verlangt, dass die Behörde von Amtes we-
gen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts sorgt, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen be-
schafft, die rechtlich relevanten Umstände abklärt und ordnungsgemäss
darüber Beweis führt. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der
Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird
oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn
nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksich-
tigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Ver-
waltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
Eng damit zusammen hängt die Pflicht der Behörde, ihren Entscheid zu
begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Aus der Begründungspflicht als Teilge-
halt des rechtlichen Gehörs ergibt sich, dass die Abfassung der Begrün-
dung dem Betroffenen ermöglichen soll, den Entscheid sachgerecht anzu-
fechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl die betroffene Person als
auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild
machen können. Die Begründungsdichte richtet sich dabei nach dem Ver-
fügungsgegenstand, den Verfahrensumständen und den Interessen der
betroffenen Person, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich
geschützten Interessen des/der Betroffenen – und um solche geht es bei
Verfahren betreffend Asyl und Wegweisung – eine sorgfältige Begründung
verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2).
5.3 Es ist festzuhalten, dass das SEM seiner Untersuchungspflicht zu Ge-
nüge nachgekommen ist. Es wäre zwar wünschenswert gewesen, wenn
die Vorinstanz zur Planung der Ausreise mehr Fragen gestellt hätte (vgl.
SEM-Akten A25/26 F120). Gleichwohl ist festzuhalten, dass die Angabe
der Beschwerdeführerin in der BzP, wonach für die Reise schon alles or-
E-3852/2020
Seite 12
ganisiert gewesen sei, in klarem Widerspruch zu ihrer Aussage in der An-
hörung steht, wonach sie die Ausreise gar nicht vorbereitet habe. Obgleich
ergänzende Fragen wünschenswert gewesen wären und weitere Erkennt-
nisse hätten geben können, ändert dies nichts daran, dass der vom SEM
thematisierte Widerspruch ausreichend klar erstellt ist. Auch zum Ablauf
der Vermählung hätte das SEM zur Vermeidung von Missverständnissen
ergänzende Fragen stellen können (vgl. (vgl. A25/26 F161). Jedoch stützte
sich die Einschätzung der Glaubhaftigkeit nicht nur auf die diesbezüglichen
Widersprüche und aus dem Vorgehen des SEM ergibt sich keine Verlet-
zung der Untersuchungspflicht. Der blosse Umstand, dass die Beschwer-
deführerin die Beurteilung ihrer Vorbringen durch die Vorinstanz nicht teilt,
stellt indessen keinen formellen Mangel dar, sondern ist im Rahmen der
materiellen Würdigung der Argumente durch das Gericht zu berücksichti-
gen. Das Gericht kann den Akten auch sonst keinerlei Hinweise entneh-
men, dass die Vorinstanz den Untersuchungsgrundsatz verletzt haben
könnte. Der Sachverhalt erscheint als vollständig erstellt.
Die Rüge der Verletzung der Begründungspflicht findet auch keine Stütze
in den Akten. Vor dem Hintergrund, dass die Vorinstanz das Vorbringen der
bevorstehenden Zwangsheirat als unglaubhaft einschätzte, war sie auch
nicht gehalten, sich (überhaupt, geschweige denn ausführlich) zur Schutz-
fähigkeit und zum Schutzwillen der iranischen Behörden zu äussern. Die
verfügende Behörde tut ihrer Begründungspflicht dann Genüge, wenn sie
im Rahmen der Begründung die wesentlichen Überlegungen nennt, welche
sie ihrem Entscheid zugrunde legt. Sie muss sich nicht ausdrücklich mit
jeder tatbestandlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand ausei-
nandersetzen, sondern darf sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte be-
schränken. Die Vorinstanz hat im angefochtenen Entscheid alle wesentli-
chen Vorbringen berücksichtigt und in einer Gesamtwürdigung nachvoll-
ziehbar aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich hat leiten lassen.
Überdies ist festzuhalten, dass sie sich mit den vorgebrachten Sachver-
haltselementen der Beschwerdeführerin differenziert auseinandersetzte
und keine entscheidwesentlichen Aspekte unbeantwortet liess, womit sie
ihr eine sachgerechte Anfechtung ermöglichte (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2
m.w.H.). Damit ist das SEM den Anforderungen an die Begründungspflicht
gerecht geworden.
5.4 Die formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegrün-
det. Es besteht deshalb keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung
aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Der entsprechende Beschwerdeantrag ist
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Seite 13
abzuweisen. Folglich hat das Gericht in der Sache zu entscheiden (Art. 61
Abs. 1 VwVG).
6.
6.1 Die Vorinstanz ist zur zutreffenden Einschätzung gelangt, dass die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin unglaubhaft sind. Es gelingt der Be-
schwerdeführerin in der Beschwerdeeingabe nicht, ihre widersprüchlichen
Angaben oder ihre der Logik zuwiderlaufenden Schilderungen zu klären.
Stattdessen beschränkt sich die Beschwerdeschrift mehrheitlich auf Ge-
genbehauptungen und Informationen über die allgemeine Lage von Mäd-
chen und Frauen in Iran. Mit den nachfolgenden Erwägungen kann daher
zur Vermeidung von Wiederholungen auf die zutreffenden Ausführungen
der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung (dort S. 3 ff. E. II Ziffer 1)
und die obige Zusammenfassung (E. 4.1 und 4.3) verwiesen werden.
6.2 Insbesondere ist die Einschätzung der Vorinstanz zu bestätigen, die
Beschwerdeführerin habe sich widersprüchlich zum Zeitpunkt geäussert,
in welchem sie von der geplanten Zwangsheirat erfahren habe. Gemäss
BzP habe sie erstmals Ende des Monats Farvadin (1. Monat) vom Plan
ihrer Eltern erfahren. Das sei zwei bis drei Monate vor dem Zeitpunkt ge-
wesen, als sie ernsthaft – im Haus ihrer Tante – darüber gesprochen hät-
ten. Gemäss Anhörung habe sie jedoch das erste Mal von ihrer Schwester
F._ gehört, dass C._ ihr Mann werden sollte (vgl. A25/26
F126).
Neben den zeitlichen Unstimmigkeiten fallen auch die weiteren Unstimmig-
keiten ins Gewicht, ob die Beschwerdeführerin überhaupt je ein konkretes
Gespräch mit dem Vater zur Frage der Zwangsverheiratung geführt habe
oder nicht. So verneinte die Beschwerdeführerin in der BzP noch ein sol-
ches konkretes Gespräch mit dem Vater geführt zu haben (vgl. A4/15 Ziffer
7.02). Stattdessen habe sie nur «hier und da flüchtig» über das Thema
gesprochen. In Widerspruch hierzu gab die Beschwerdeführerin in der An-
hörung an, sehr wohl ein solches konkretes Gespräch mit dem Vater ge-
führt zu haben (A25/26 F168). Angesichts der persönlichen Bedeutung, die
eine allfällige Zwangsverheiratung für eine iranische Frau für ihr ganzes
weiteres Leben zeitigt, ist in casu nicht nachvollziehbar, dass die Be-
schwerdeführerin nicht in der Lage war, sich konzise und genau dazu zu
äussern, ob und wann ein solches – einschneidendes und potentiell le-
bensprägendes – Gespräch überhaupt stattgefunden habe. Es wäre daher
zu erwarten gewesen, dass sich die Beschwerdeführerin klar und wider-
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spruchslos darüber hätte äussern können, ob ein solches Gespräch statt-
gefunden habe und unter welchen konkreten Umständen dieses Gespräch
(Ort, Gelegenheit, Teilnehmende und Inhalt des Gesprächs) erfolgt sei.
Entsprechendes liegt in casu nicht vor. Der von der Vorinstanz festgestellte
Widerspruch ist zu bestätigen. Als wenig lebensnah erscheint im Übrigen
auch die Behauptung in der BzP, sie habe nur «hier und da flüchtig» über
dieses Thema mit dem Vater gesprochen. Auch hier ist aufgrund der gros-
sen Bedeutung für die Lebenssituation einer Betroffenen kaum anzuneh-
men, sie würde sich damit begnügen, eine allfällige Zwangsverheiratung
nur «hier und da flüchtig» anzuschneiden und sich ansonsten nicht weiter
darum zu kümmern. Eine solche Sorglosigkeit kollidiert nicht nur mit der
allgemeinen Bedeutung dieses Themas im iranischen Kontext, sondern im
Übrigen auch mit der individuellen übrigen Verhaltensweise der Beschwer-
deführerin als auffallend selbständige und aktiv handelnde Frau, die sich
(angeblich) auch gegen den Willen ihrer Eltern zu behaupten vermochte.
6.3 In Bezug auf die behauptete Zwangsverheiratung fällt weiter auf, dass
die Beschwerdeführerin nicht in der Lage war, den angeblichen Bräutigam
C._ substanziiert zu beschreiben. In der BzP gibt die Beschwerde-
führerin lediglich den Namen von C._ an und äussert sich nicht wei-
ter zu seiner Person. In der Anhörung äussert sie sich zwar vermehrt zu
dieser Person. Ihre Angaben bleiben aber unbestimmt und stellenweise gar
widersprüchlich. So wird beispielsweise die Person des C._ als äl-
terer und rückständiger Mensch dargestellt. Gleichzeitig soll jedoch just
diese rückständige Person nach ihrer Einreise in die Schweiz ganz weltge-
wandt via moderner Kommunikationsmittel über ihr Instagram-Kontos Dro-
hungen gegen sie ausgestossen haben (vgl. A25/26 F117, F129, F150; Be-
stätigungsschreiben vom 4. August 2020). Entsprechende Schilderungen
wirken wenig lebensnah. In Bezug auf diese angebliche Drohung ist im
Übrigen nicht nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin keinen Aus-
druck zu den Akten gereicht hätte, bevor sie ihr Konto gelöscht habe (vgl.
A25/26 F150 ff.). Auch die übrigen Schilderungen zu C._ vermögen
nicht zu überzeugen. So bringt die Beschwerdeführerin beispielsweise auf
die Aufforderung hin, C._ näher zu beschreiben, simpel vor, dieser
sei «ein schlechter Mensch, ein sehr schlechter Mensch» (vgl. A25/26
F130). Auch auf weitere Nachfrage hin vermochte sie kein klares Bild von
ihm zu zeichnen. Auch die Beschreibung seiner angeblichen Belästigun-
gen («ich will mit dir sein. Ich will mit dir schlafen»), wirken unbeholfen und
substanzlos (vgl. A25/26 F131). Vor dem Hintergrund, dass die Zwangs-
verheiratung mit C._ der eigentliche Grund für ihre Ausreise gewe-
sen sein soll beziehungsweise im Lichte dessen, dass sie sich mit
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C._ oft unterhalten und mit ihm oft gestritten habe (vgl. A25/26
F135), ist nicht nachvollziehbar, weshalb sie nicht in der Lage war, diese
Kernperson ihrer Asylvorbringen lebensnah darzustellen. An der Existenz
dieser Person C._ beziehungsweise an der Zwangsverheiratung
mit diesem sind daher klare Zweifel angebracht.
Auch die sonstige Verhaltensweise von C._ wirkt zumeist konturlos
und oft wenig lebensnah. Dass dieser sich beispielsweise aufgrund seines
fortgeschrittenen Alters geschämt habe, offiziell um die Hand einer jünge-
ren Frau (also der Beschwerdeführerin) anzuhalten (vgl. A25/26 F129,
F166), ist vor dem Hintergrund, dass dieser sodann mit ihr offiziell die Ehe
eingehen und mit ihr danach offen als Ehepaar an gemeinsamem Wohnsitz
zusammenleben wollte, kaum überzeugend.
6.4 Auch die Reaktion der Beschwerdeführerin auf die angebliche Zwangs-
heirat ist widersprüchlich und nur wenig plausibel. Gemäss BzP habe ihre
Familie nichts davon gewusst, dass sie (die Beschwerdeführerin) nicht be-
reit gewesen sei, C._ zu heiraten (A4/15 S.9 Ziffer 7.01). Sie habe
sich, als der Vermählungstag gekommen sei, innerlich allmählich bereitge-
stellt zu heiraten. Als Grund für dieses innerliche Resignieren gab die Be-
schwerdeführerin in der BzP die Krankheit ihres Vaters an. Sie habe nicht
sein Herz brechen wollen (A4/15 S.9 Ziffer 7.01). Auch in der Anhörung
sagte sie, es mache sie traurig, dass ihr Vater krank sei. Sie habe ein
schlechtes Gewissen (vgl. A25/26 F34). Eine solche Reaktionsweise er-
scheint mit Blick darauf, dass ihr Vater sie angeblich massiv misshandelt,
einmal sogar mit einem Messer attackiert und erheblich verletzt haben soll,
kaum lebensnah. Bemerkenswert erscheint auch der Wertungswider-
spruch, dass die Beschwerdeführerin sich einerseits um die Gefühle des
Vaters gesorgt habe und diesen auch nicht kompromittieren wollte, sie an-
dererseits aber nicht davor zurückgeschreckt sein will, am Tage ihrer offi-
ziellen Vermählung auszureisen und dadurch den Vater und ihre ganze Fa-
milie offen gesellschaftlich blosszustellen.
6.5 Ferner sind auch die weiteren Schilderungen der Beschwerdeführerin
zu ihrer Familie widersprüchlich ausgefallen und wirken oftmals konstruiert.
So zeichnet sie einerseits das Bild einer sehr konservativen Familie, die in
Traditionen verhaftet sei, sie unterdrückt habe und ihr kaum Freiräume zu-
gestanden habe (vgl. A25/26 F107, F 109, F117, F145 ff.). Gleichzeitig geht
aus den Akten jedoch hervor, dass die Beschwerdeführer einen für irani-
sche Verhältnisse sehr liberalen und modernen Lebensstil führen konnte.
So konnte sie als iranische Frau nicht nur an der Universität (...) studieren,
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sondern durfte in der Folge auch einer Arbeitstätigkeit in einer (...) nach-
gehen. Darüber hinaus war es ihr erlaubt Freizeitaktivitäten nachzugehen
und hierbei teils spät in der Nacht nach Hause zu kommen sowie einen
Führerausweis zu erwerben und ein Auto zu fahren (vgl. A25/26 F26, F117;
eingereichter iranischer Führerschein). Weiter durfte sie sich bemerkens-
werterweise auch ihren ersten Ehemann selbst aussuchen. Selbst als sie
sich von diesem wieder hat scheiden lassen, durfte sie wiederum im El-
ternhaus wohnen und konnte während dieser Zeit auch ihr Studium ab-
schliessen (vgl. A25/26 F89–90, F106 f.). Davon, dass sie in einer konser-
vativen Familie eingeengt und ohne Freiheiten gelebt habe (vgl. A25/26 F
109), kann vor diesem Hintergrund keine Rede sein. Im Gegenteil ist auf-
grund der Aktenlage davon auszugehen, dass sie in einem für iranische
Verhältnisse modernen und aufgeschlossenen Elternhaus lebte, welches
ihr weitreichende Freiheiten und Möglichkeiten einräumte.
Die aus den Akten hervorgehenden Familienverhältnisse lassen sich daher
nur sehr schwer mit der Behauptung in Einklang bringen, die Familie, die
sie bis anhin in ihrem Studium, ihrer Arbeitstätigkeit und selbst nach ihrer
Scheidung unterstützt und ihr weitgehende Freiheiten eingeräumt hat, sie
nun plötzlich ohne wirklich erkennbaren Grund in die Lage einer Zwangs-
verheiratung gedrängt haben sollte.
Weiter kommt hinzu, dass auch die übrigen Umstände gegen eine solche
Zwangssituation sprechen. So steht beispielsweise der Umstand, dass die
Beschwerdeführerin die angebliche Zwangsverheiratung mit C._
immer wieder problemlos habe «verschieben» können, in Widerspruch
zum behaupteten Zwang und massiven Druck seitens der Eltern (vgl.
A25/26 F117, F164). Im Rahmen der BzP brachte sie hierzu vor, sie habe
ihrem Vater gesagt «sie denke momentan nicht über eine Heirat nach. Im
Sommer habe sie ihre Uni-Prüfungen», was schliesslich bereits dazu ge-
führt habe, dass sie eine Verheiratung habe hinauszögern können. Solches
erscheint wenig lebensnah. Wäre die Beschwerdeführerin effektiv in der
Situation einer drohenden Zwangsverheiratung gestanden, wäre kaum an-
zunehmen, dass die angeblich auf sie massiven Druck ausübende und an-
geblich gar mit dem Tod drohende Familie sich auf solch simple Weise von
ihrem Vorhaben hätte abbringen oder sich zeitlich vertrösten lassen.
Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch die Tatsache,
dass die Beschwerdeführerin aufgrund der beabsichtigten Zwangsverhei-
ratung angeblich in grosser Angst vor ihrer Familie lebe (A25/26 F 183).
Gleichzeitig gab sie im Rahmen der Anhörung jedoch an, sie habe nun
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versucht, «durch ihre Familie» heimatliche Identitätsdokumente zu be-
schaffen (vgl. A25/26 F26). Auch dies steht in Widerspruch zu ihren Asyl-
vorbringen. Wäre die Beschwerdeführerin effektiv mit Leib und Leben in
Gefahr vor ihrer Familie, so wäre anzunehmen, sie würde tunlichst jegli-
chen – direkten oder indirekten – Kontakt zu ihrer Familie meiden, um we-
der sich in Gefahr zu bringen, noch ungewollt ihren Aufenthalt in der
Schweiz zu offenbaren.
6.6 Auch ihre Angaben zur Flucht erweisen sich als wenig glaubhaft. Ge-
mäss Anhörung war die Flucht am Vermählungstag (vgl. A25/26 F117 f.).
Angesichts der Bedeutung, die diesem Ereignis zukommt, nämlich sowohl
im Zusammenhang mit ihrer angeblichen Zwangsverheiratung wie aber
auch im Zusammenhang mit ihrer Flucht, wäre zu erwarten gewesen, dass
die Beschwerdeführerin dieses Ereignis lebensnah und substanziiert schil-
dern könnte. Entsprechendes liegt aber in casu nicht vor. Vielmehr erwei-
sen sich ihre Angaben als überaus vage («Am Tag, an dem ich ausgereist
bin, war mein Vermählungstag. Es war nur geplant gewesen mich zu ver-
mählen. Es war kein Hochzeitstag. Weil er alt war und weil er schon einmal
verheiratet war, hat er über ein Hochzeitsfest nicht gesprochen. Man hat
nichts über ein Fest gesagt. » [vgl. a.a.O. F161]). Angesichts der Tatsache,
dass es sich hierbei um das fluchtauslösende Ereignis gehandelt habe,
wäre zu erwarten gewesen, dass sie zum planmässigen Ablauf ihres Ver-
mählungstags substanzielle Angaben hätte machen können. Ferner wäre
zwingend anzunehmen, dass eine Person, die effektiv am Tag ihrer Ver-
mählung ihre Flucht vorsieht, genaue Kenntnisse über den Ablauf dieses
Tages hat; widrigenfalls sie kaum wüsste, wann, wo und unter welchen
Umständen sie überhaupt entweichen könnte. Dass eine Person, die unter
solchen Umständen fliehen will, sich nicht einmal im Klaren darüber ist, ob
an diesem Tag überhaupt ein Fest stattfindet oder nicht und wo sie sich an
diesem Tag örtlich aufhalten würde, erscheint kaum glaubhaft.
6.7 Letztlich ist auch darauf hinzuweisen, dass die Behauptungen der Be-
schwerdeführerin in Widerspruch zu eingereichten Beweismitteln stehen.
Die Beschwerdeführerin brachte im Rahmen der Anhörung vor, sie sei von
ihrem Vater massiv und mehrfach verletzt worden. Dieser habe sie sogar
mit einem Messer angegriffen und ihr sehr zahlreiche Verletzungen zuge-
fügt. Gemäss Anhörung habe der Vater ihr zweimal die Nase gebrochen,
so dass die Knochen auf dem oberen Nasenrücken «herausgekommen»
seien (vgl. A25/26 F117). Ausserdem habe er 25 Mal mit einem Messer in
ihr Bein gestochen sowie sie mit einer Glasscherbe verletzt, wobei die Nar-
ben heute noch sichtbar seien (vgl. A25/26 F117, F141). Diese angebliche
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häusliche Gewalt wird durch die eingereichte ärztliche Bestätigung vom
20. Juli 2020 nicht belegt. Der Bestätigung kann entnommen werden, dass
die Beschwerdeführerin gegenüber der Ärztin lediglich angeben habe, sie
sei vor sechs Jahren «mit einem Glas am Bein geschnitten worden». Ge-
mäss Befund sei eine ungefähr 7cm grosse ältere Narbe am linken Unter-
schenkel sichtbar. Von Narben, welche durch 25 Messerstiche entstanden
sein könnten, ist darin aber keine Rede. Wäre effektiv 25 Mal mit einem
Messer auf sie eingestochen worden, so wäre klar zu erwarten, dass dies
ein auffälliges Narbenbild zurückgelassen hätte. Dass Entsprechendes in
dem Arztbericht nicht einmal ansatzweise erwähnt wird, erscheint daher
bemerkenswert. Zur angeblich zweimal gebrochenen Nase ist dem Bericht
nur zu entnehmen: «Nasenwurzel keine sichtbare Verletzung, aber knö-
cherne Unebenheit tastbar».
Es liegt somit hinsichtlich der behaupteten Verletzungen ein Beweismittel
vor, welches indes nicht ihren Bestand, sondern in der behaupteten Form
gar ihren Nichtbestand belegt. Im Lichte dieses Berichts können die be-
haupteten massiven Verletzungen folglich so nicht stimmen. Die effektiv
bestehende einzelne Narbe kann ohne Weiteres anderen Ursprungs sein.
6.8 Abschliessend ist zu Gunsten der Beschwerdeführerin festzuhalten,
dass in ihren Schilderungen einige Realkennzeichen erkennbar sind. So
kann beispielsweise die Erwähnung von Nebensächlichkeiten und Details
für die Glaubhaftigkeit sprechen (vgl. A4/15 Ziffer 7.01; A25/26 F117, F154
ff., F167). An mehreren Stellen schilderte die Beschwerdeführerin auch ihre
Gefühle und Gedankengänge (vgl. beispielhaft A25/26 F121, F134 f.,
F164, F172). Ferner fällt auf, dass die Beschwerdeführerin stellenweise
ausführliche Angaben macht und hierbei durchaus Details vorbrachte.
Diese Umstände sind indes zu relativieren. Hinsichtlich des quantitativen
Umfangs ihrer Aussagen fällt auf, dass dies in erster Linie jene Aspekte
beschlägt, von denen die Beschwerdeführerin zuvor ausgehen musste,
dass diese in ihrer Anhörung thematisiert würden. Eine entsprechende Vor-
bereitung und ein Zurechtlegen gewisser Argumentationslinien wäre daher
problemlos möglich gewesen. In diesem Zusammenhang fällt weiter auf,
dass die Beschwerdeführerin sodann auf konkrete Nachfragen hin zuwei-
len nicht in der Lage war, in gleicher Struktur zu antworten und vielmehr
bloss kurz und substanzlos oder ausweichend sich äusserte (vgl. A25/26
F119, F 130, F 131, F135; F149, F163, F169). Es ist daher stellenweise ein
klarer Bruch in der Erzählstruktur erkennbar.
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Seite 19
Zusätzlich ist bei der Beurteilung der Aussagequalität der Beschwerdefüh-
rerin deren Bildungsgrad und ihre Ausbildung zu berücksichtigen. Bei der
Beschwerdeführerin handelt es sich um eine überdurchschnittlich gebildete
Frau. Sie hat nicht nur erfolgreich das Studium der (...) abgeschlossen,
sondern darüber hinaus auch in ihrem Heimatland in einer (...) gearbeitet.
Sie ist somit schon von daher gut befähigt, sich sprachlich zu artikulieren.
Ferner dürfte ihr aufgrund ihres Studiums und ihrer beruflichen Tätigkeit
möglicherweise auch bekannt sein, (...). Auch in diesem Lichte ist anzu-
nehmen, dass sie in der Lage war, sich auf eine Anhörung entsprechend
vorzubereiten. Vor diesem Hintergrund ist daher nicht überraschend, dass
sie jeweils die einleitenden Schilderungen ihrer Asylvorbringen weitläufig
vornahm und hierbei Details aufführte. Demgegenüber ist aber umso auf-
fallender, wenn sie – wie bereits erwähnt – auf Nachfragen hin oft nicht in
der Lage war, klare und subtanzielle Angaben zu tätigen.
6.9 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht,
was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat deshalb zu Recht ihre Flücht-
lingseigenschaft verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
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Seite 20
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der
Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG
kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn
sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg,
Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret ge-
fährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbe-
halt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der
Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Aus-
länder weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Dritt-
staat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Iran lässt
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Seite 21
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er-
scheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.4 Wie die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat, spricht vorliegend auch
nichts gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Bei der Be-
schwerdeführerin handelt es sich um eine junge, gesunde Frau mit Arbeits-
erfahrungen und überdurchschnittlichem Bildungsgrad. Sie hat in ihrem
Heimatland erfolgreich (...) studiert und ist danach einer Tätigkeit in einer
(...) nachgegangen. Ferner handelt es sich um einen augenfällig selbstän-
dige und eigenständig handelnde junge Frau. Zusätzlich verfügt sich über
ein tragendes Beziehungsnetz in ihrem Herkunftsland. Mehrere Verwandte
sowie ihre Freundin D._, welche sie in verschiedenen Belangen un-
terstützt habe, wohnen nach wie vor in ihrem Heimatland. Insbesondere zu
einer Tante habe sie eine enge Beziehung. Eine andere Tante habe sich in
der Vergangenheit für sie eingesetzt. Weiter ist zu berücksichtigen, dass
die Beschwerdeführerin ihr ganzes bisheriges Leben in Iran verbracht hat,
dort ein Studium absolviert und auch schon einer beruflichen Tätigkeit
nachgegangen ist und somit auch über einen entsprechenden Freundes-
und Bekanntenkreis verfügt, denn sie im Bedarfsfall ebenfalls wieder akti-
vieren könnte. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sie zur Wiederein-
gliederung mit der Unterstützung vonseiten ihres sozialen beziehungs-
weise familiären Netzes rechnen kann. Nach dem Gesagten erweist sich
der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar.
8.5 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
E-3852/2020
Seite 22
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung ist jedoch auf die Erhebung von Ver-
fahrenskosten zu verzichten.
10.2 Aufgrund der mit Zwischenverfügungen vom 18. August 2020, vom
10. November 2020 und vom 14. März 2022 gewährten amtlichen Rechts-
verbeiständung gemäss aArt. 110a AsylG ist der amtlichen Rechtsbeistän-
din ein entsprechendes Honorar auszurichten (vgl. für die Grundsätze der
Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]).
10.3 Im vorliegenden Fall ist festzuhalten, dass die Rechtsanwältin Regina
Derrer mit Zwischenverfügung vom 10. November 2020 antragsgemäss
von ihrem Mandat entlassen und MLaw Katarina Socha als neue amtliche
Rechtsbeiständin im Sinne von aArt. 110a AsylG in Ersetzung der vormali-
gen amtlichen Rechtsbeiständin eingesetzt wurde. Mit Zwischenverfügung
vom 14. März 2022 wurde sie auf Antrag ebenfalls von ihrem Mandat ent-
bunden und die rubrizierte Rechtsvertreterin als neue amtliche Rechtsbei-
ständin beigeordnet. Dabei wurde in der genannten Zwischenverfügung
festgestellt, dass die vormalige Rechtsbeiständin zwar keine Erklärung zur
Verwendung des ihr zustehenden amtlichen Honorars abgegeben habe,
angesichts der vorliegenden Umstände ‒ indem sowohl die vormalige als
auch die neue amtliche Rechtsbeiständin ihr Mandat für die gleiche ge-
meinnützige Rechtsberatungsstelle ausüben ‒ jedoch davon auszugehen
sei, dass die bisherige Rechtsvertreterin ihren Anspruch auf das amtliche
Honorar an Caritas Schweiz überträgt. Weiter wurde festgehalten, dass,
sollte die bisherige Rechtsbeiständin keine anderslautende Stellungnahme
einreichen, mit dem Endentscheid die Zusprechung des amtlichen Hono-
rars im soeben erwähnten Sinn erfolgen werde. Nachdem bis zum heutigen
Zeitpunkt keine entsprechende Stellungnahme eingegangen ist, ist das
amtliche Honorar der aktuellen Rechtsvertreterin zuzusprechen.
10.4 Die vormalige Rechtsvertreterin Regina Derrer hat der Replik eine
Kostennote beigelegt, welche einen zeitlichen Aufwand von 23.5 Stunden
zu einem Stundensatz von Fr. 220.– sowie Auslagen von pauschal Fr. 50.–
geltend macht. Amtlich eingesetzte Rechtsvertreterinnen und Rechtsver-
treter mit Anwaltspatent – und um eine solche handelt es sich bei der vor-
maligen Rechtsvertreterin – entschädigt das Bundesverwaltungsgericht
E-3852/2020
Seite 23
praxisgemäss zu einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– (vgl.
Art. 12 i.V.m Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der geltend gemachte Stundenansatz
ist somit angemessen. Hingegen erscheint der zeitliche Aufwand von 23.5
Stunden im Vergleich zu anderen Verfahren gleichen Umfangs als zu hoch
und ist auf 18 Stunden zu reduzieren. Nicht zu entschädigen ist die Spe-
senpauschale in der Höhe von Fr. 50.–, da vom Gericht nur effektiv ausge-
wiesene Kosten entschädigt werden, zumal keine besonderen Umstände
vorliegen. Unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfakto-
ren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist das Honorar auf insgesamt Fr. 4'265.– (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c
VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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