Decision ID: 3e625089-d488-40f5-99fc-9b49ef77aa79
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1965 geborene
X._
war in
Y._
wohnhaft, als sie
am 2
3.
Mai 2018 bei der
Ausgleichskasse
Luzern
(heute:
WAS Wirtschaft Arbeit Soziales, Ausgleichskasse
Luzern
)
,
das Anmeldeformular zum Bezug von Ergänzungsleistungen
zu ihrer
IV-Rente
ein
reichte
(
Urk.
6/3
,
Urk.
6/28
). Am 2
8.
Juni 2018
und am
3.
Juli 2018
wurde sie von der Ausgleichskasse aufgefordert, eine Kopie der Renten-Anmeldung bei der zuständigen Vorsorgeeinrichtung
sowie eine unterschriebene Vollmacht
einzureichen
, damit die Ausgleichskasse bei der Vorsorgeeinrichtung eine Verrechnung ihrer Vorschussleistungen mit der Rentennachzahlung der beruflichen Vorsorge beantragen könne
(
Urk.
6/11-12
,
Urk.
6/15
; vgl. auch
Urk.
6/10).
Am 2
7.
Juli 2018
wurde der Versicherten
der Mietvertrag für
ihre Wohnung in
Y._
(vgl.
Urk.
6/9)
per 3
1.
August 2018
gekündigt (
Urk.
3/4
).
Mit
eingeschriebenem Brief
vom
6.
September 2018
, zugestellt am 1
2.
September 2018,
ermahnte die Ausgleichskasse die Versicherte, die fehlenden Unterlagen bis 2
6.
September 2018 einzureichen. Zusätzlich wies sie die Versicherte darauf hin, dass sie andernfalls gezwungen sei, aufgrund der vorhandenen Unterlagen zu entscheiden
oder, falls dies nicht möglich sei, auf das Leistungsgesuch nicht einzutreten (
Urk.
6/20; vgl. auch
Urk.
6/
16-
18).
Mit Verfügung vom
9.
Oktober 2018 trat die Ausgleichskasse auf die Anmeldung zum Bezug von Ergänzungsleistungen nicht
ein
. Dies begründete sie damit
,
dass
die Versicherte
die fehlenden Unterlagen trotz mehrmaliger Aufforderung nicht eingereicht
habe (
Urk.
6/22).
Die per Einschreiben versandte Verfügung wurde von der Versicherten nicht abgeholt und der Ausgleichskasse am 2
6.
Oktober 2018 retourniert (
Urk.
6/23). Mit Schreiben vom 1
2.
November 2018 ersuchte die Versicherte die
Ausgleichsk
asse, ihr
die Verfügung per A-Post zuzustellen
(
Urk.
6/24), was die Kasse am 1
4.
November 2018 tat (
Urk.
6/25).
Ab 3
0.
November 2018 befand sich der Wohnsitz der Versicherten
, die am 2
1.
November 2018 an ihre neue Adresse umgezogen war (
Urk.
1 S. 7; vgl. auch
Urk.
6/9),
in
Z._
(
Urk.
6/27
).
1.2
Mit Schreiben vom
1
1.
Dezember 2018
erhob die Versicherte Einsprache gegen die Verfügung (
Urk.
6/26). Darauf
trat die Ausgleichskasse
mit Einsprache
entscheid vom
6.
März 2019
nicht ein, da die Versicherte nicht innert der bis 1
6.
November 2018 laufenden Einsprachefrist gehandelt habe und ihre Eingabe deshalb verspätet erfolgt sei (
Urk.
2 S. 2).
2.
Mit Schreiben vom 4. Juni 2019
(Urk. 4) überwies das Kantons
gericht
L
uzern
, 3. Abteilung, die Beschwerde
der Versicherten
vom 30. März 2019 gegen den Einspracheentscheid vom 6. März 2019
(Urk. 1)
sowie die Beschwerdeantwort der Ausgleichskasse vom 2
0.
Mai 2019 (
Urk.
5/3; vgl. auch
Urk.
5/2)
zuständig
keitshalber an das Sozialversicherungsgericht des Kantons Züric
h
. Auf telefonische Aufforderung hin (vgl. Urk. 7) reichte das Kantonsgericht
Luzern
das Original der Beschwerde vom 30. März 2019 (Urk. 8) nach.
Da die Beschwerdeschrift vom 30. März 2019 (Urk. 8) nicht eigenhändig unter
zeichnet war, sondern nur eine fotokopierte Unterschrift vorlag, setzte das Gericht
der Beschwerdeführerin
mit Verfügung vom
8.
Juli 2019
– zugestellt am 1
8.
Juli 2019 (
Urk.
10) -
eine 10tägige Frist an, um die ihr zugestellte Kopie
d
er Beschwerdeschrift dem Gericht eigenhändig unterzeichnet zurückzusenden.
Gleichzeitig drohte ihr
das Gericht
an
, dass sonst auf die Beschwerde nicht eingetreten werde
(
Urk.
9
).
Am 1
8.
Juli 2019 sandte
die Beschwerdeführerin
die Verfügung vom
8.
Juli 2019 an das Gericht zurück mit dem handschriftlichen Vermerk «Nein Danke!», gefol
gt von der Angabe ihrer Adresse
(
Urk.
11
)
.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
Das
Sozialversicherungsg
ericht
des Kantons Zürich
ist
gemäss
Art
. 58 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (
ATSG
)
örtlich zuständig, da die
Beschwerdeführerin
zur Zeit der Beschwerdeerhebung
in
Z._
im Kanton Zürich Wohnsitz hatte (
Urk.
1 S. 1,
Urk.
6/27
).
2.
2.1
Die Beschwerdeschrift muss unterzeichnet sein (§ 28 lit. a des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer, in Verbindung mit Art. 130 Abs. 1 der Zivilprozessordnung, ZPO). Eine fotokopierte oder per Telefax übermittelte Unterschrift genügt nicht; die Unterschrift hat eigenhändig zu erfolgen (vgl. BGE 120 V 413 mit Hinweisen, 112
Ia
173;
Pra
1992 Nr. 26).
Genügt die Eingabe den Anforderungen nicht, setzt das Gericht eine angemessene Frist zur Verbesserung an, mit der Androhung, dass sonst auf die Beschwerde nicht eingetreten werde (§ 18 Abs. 3 GSVGer).
2.2
Die Beschwerdeschrift vom 30. März 2019 ist
nicht eigenhändig unter
zeichnet, sondern enthält nur eine fotokopierte Unterschrift (Urk. 8).
Mit Eingabe vom 1
8.
Juli 2019 sandte die Beschwerdeführerin
innert der ihr angesetzten Nachfrist (
Urk.
9) die Nachfristv
erfügung vom
8.
Juli 2019
an das Gericht zurück
.
Auf der Verfügung hatte sie
handschriftlich ihren Namen und ihre Adresse mit der Bemerkung
«Nein Danke!»
vermerkt
(
Urk.
11)
.
Damit ist das Erfordernis der eigenhändigen Unterzeichnung der Beschwerde erfüllt
, so dass auf die Beschwerde einzutreten ist
.
Im Übrigen bestehen aufgrund der gesamten Umstände keine hinreichenden Gründe, um die
Bemerkung «Nein Danke!»
als
(
klaren und unbedingten
)
Rückzug der Beschwerde
interpretieren zu können
.
3
.
3.1
Da die Ausgleichskasse mit dem angefochtenen Einspracheentscheid vom
6.
März 2019 nicht auf die Einsprache eingetreten ist
, ist lediglich zu prüfen, ob
sie zu Recht
einen
Nichteintreten
sentscheid
er
lassen
hat
. Auf die materiellrechtlichen
Anträge
der Beschwerdeführerin
(
Urk.
1 S.
1
f.
)
kann
demgegenüber
nicht
eingetreten werden (BGE 132 V 74 E. 1.1 mit Hinweis).
3
.2
Nach
Art
. 52 Abs. 1
ATSG
kann gegen Verfügungen innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden.
Eine eingeschriebene Postsendung, welche einen mit Rechtsmittel anfechtbaren Entscheid enthält, gilt grundsätzlich in demjenigen Zeitpunkt als zugestellt, in dem der Adressat sie tatsächlich in Empfang nimmt. Wird der Adressat nicht angetroffen und wird daher eine Abholungseinladung in seinen Briefkasten oder sein Postfach gelegt, so gilt die Sendung in jenem Zeitpunkt als zugestellt, in dem sie auf der Poststelle abgeholt wird. Geschieht dies nicht innert der Abholfrist von sieben Tagen, so gilt die Sendung gestützt auf
Art
. 38 Abs. 2
bis
ATSG
als am letzten Tag der siebentägigen Abholfrist zugestellt. Voraussetzung für diese sogenannte Zustellfiktion ist, dass der Adressat mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mit einer Zustellung hat rechnen
müssen (BGE 134 V 49 E. 4,
130 III 396 E. 1.2.3).
Auch ein allfälliger zweiter Versand und die spätere Entgegennahme der Sendung vermögen an der Zustellfiktion
grundsätzlich
nichts zu ändern und sind rechtlich unbeachtlich (Urteil des Bundesgerichts C 189/05 vom 5. Januar 2006 E. 3.4).
Hingegen
kann
sich die Rechtsmittelfrist
gestützt auf den verfassungsmässigen Anspruch
auf Vertrauensschutz dann verlängern, wenn noch vor ihrem Ende eine entsprechende vertrauensbegründende Auskunft erteilt wurde. Ein solche Aus
kunft kann darin bestehen, dass der mit der Rechtsmittelbelehrung versehene Entscheid der betroffenen Person noch vor Ablauf der Frist erneut zugestellt wird und ohne den Vorbehalt erfolgt, dass die erneute Zustellung rein informations
halber gesche
he und die Frist für ein allfäl
liges Rechtsmittel schon mit der fingierten Zustellung am Ende der postalischen Abholfrist begonnen habe (Urteile des Bundesgerichts
8C_374/2014 vom 1
3.
August 2014
E. 3.3-4, P 9/02 vom
2.
Juli 2002 E. 1 so
wie C 189/05 vom
5.
Januar 2006
E. 3.4 und 3.5.5, je mit weiteren Hinweisen).
Der all
gemeine Grundsatz von
Art.
8
des Zivilgesetzbuches (
ZGB
)
, wonach derjenige das Vorhandensein einer behaupteten Tatsache beweisen muss, der aus ihr Rechte ableitet, ist auch im
Verfahrensrecht
massgeblich. So trägt
die rechtssuchende Person die Beweislast für
die Recht
zeitigkeit
ihres Rechtsmittels
, die mit Gewissheit feststehen und nicht bloss überwiegend wahrscheinlich sein muss
(BGE
142 V 389 E. 2.2
mit Hinweisen). F
ür die Frage
der
(erstmaligen)
Zustellung der Verfügung
ist
der Absender objektiv beweisbelastet (Urteil des Bundesgerichts 8C_679/2012 vom 1
2.
Dezember 2012).
3
.3
Die eingeschrieben an die Adresse der Beschwerdeführerin in
Y._
versandte Verfügung vom
9.
Oktober 2018 wurde der Ausgleichskasse am 2
6.
Oktober 2018 von der Post retourniert mit der Bemerkung, die Sendung sei nicht abgeholt worden (
Urk.
6/23).
Die Ausgleichskasse macht geltend
, dass der erste erfolglose Zustellungsversuch am 1
0.
Oktober 2018
erfolgt sei
und die Sendung deshalb gestützt
auf
die Zustellfiktion von
Art.
38
Abs.
2
bis
ATSG sieben Tage später, am 1
7.
Oktober 2018, als zugestellt gelte
. Die dreissigtägige Einsprachefrist habe demnach am 1
6.
November 2018 geendet
(
Urk.
2 S. 2)
.
Die Beschwerdeführerin musste wegen der zuvor erfolgten Korrespondenz (vgl.
Urk.
6/20) mit der Zustellung der Verfügung vom
9.
Oktober 2018 rechnen, weshalb die Zustellfiktion gemäss
Art
. 38 Abs. 2
bis
ATSG
grundsätzlich anwendbar ist
. Das Datum des von der Ausgleichskasse behaupteten
erstmaligen erfolglosen Zustellungsversuchs (1
0.
Oktober 2018)
ist
aber
aktenmässig nicht hinreichend belegt, da eine Sendungsinformation der Post fehlt (vgl.
Urk.
6/23)
.
Da die retournierte Verfügung am 2
6.
Oktober 2018 bei der Ausgleichskasse einging
(
Urk.
6/23)
, muss d
ie
entsprechende
Sendung spätestens am 2
5.
Oktober 2018 bei der Post aufgegeben worden
sein
. Der Entscheid
hat
daher
nach Ablauf der
s
iebentä
g
ige
n
Frist gemäss
Art.
38
Abs.
2
bis
ATSG spätestens
einen Tag früher, am
2
4.
Oktober 2018,
als zugestellt zu gelten
.
Bei einem Beginn am 2
5.
Oktober 2018
ist die
dreissigtägige Einsprachefrist gemäss
Art.
52
Abs.
1 ATSG
folglich spätestens am
Freitag
, 2
3
.
November 2018
, abgelaufen.
Damit
erfolgte
d
ie auf den 1
1.
Dezember 2018 datierte Einsprache
auf jeden Fall
nicht innert der 30tägigen Einsprachefrist.
3.4
Zu prüfen ist jedoch weiter, ob die Beschwerdeführerin aufgrund des Vertrauens
schutzes annehmen durfte, die
Einsprach
efrist beginne erst
mit der zweiten Zustellung
zu laufen.
Am 1
4.
November 2018
versandte
die Ausgleichskasse der Beschwerdeführerin die Verfügung vom
9.
Oktober 2018 zum zweiten Mal per A-Post
(vgl.
Urk.
2 S. 2,
Urk.
6/25)
.
Die Beschwerdeführerin hat die
se
Postsendung
erhalten (
Urk.
3/3).
Die
S
endung erfolgte ohne den Vorbehalt, dass die erneute Zustellung rein informationshalber geschehe und die Frist für ein allfälliges Rechtsmittel schon mit der fingierten Zustellung am Ende der postalischen Abholfrist begonnen habe (
Urk.
3/3,
Urk.
6/25).
Bei dieser Sachlage durfte
die Beschwerdeführerin
grundsätzlich
in guten
Treuen davon ausgehen, dass es sich bei der zweiten Zustellung der Verfügung vom
9.
Oktober 2018 um die fristauslösende Eröffnung handelte.
Allerdings wird für die Annahme eines vertrauensb
egründenden Tatbestands weiter v
orausgesetzt, dass die zweite Zustellung vor Ablauf der
– durch die erste Zustellung ausgelösten -
Einsprachefrist erfolgte.
Nach dem Gesagten ist das Datum der erstmaligen Zustellung der Verfügung vom
9.
Oktober 2018 aktenmässig nicht
hinreichend
belegt. Deshalb kann nicht bestimmt werden
, wann die 30täg
ige Einsprachefrist endete. Ebenso wenig
kann mit Blick auf die
Akten
das
D
atum der zweiten Zustellung
eruiert
werden:
Diese
erfolgte
nicht eingeschrieben
,
die Beschwerdeführerin
hat
den Zeitpunkt
– etwa durch einen Vermerk auf der Verfügung - nicht dokumentiert
(vgl.
Urk.
3/3) und
die Parteien
haben sich
zu diesem Punkt bisher nicht geäussert.
Damit ist
unklar, ob
die erneute Zustellung der Verfügung vor Ablauf der Einsprachefrist erfolgte und
die
F
rist
deshalb
erst mit der
zweite
n
Zustellung
zu laufen begann.
3.5
Da die Verfügung vom
9.
Oktober 2018 zum zweiten Mal am 1
4.
November 2018 versandt wurde,
kann beim gegenwärtigen Kenntnisstand nicht ausgeschlossen werden, dass
– falls der Fristenlauf erst mit der zweiten Zustellung begann -
die Einsprache vom 1
1.
Dezember 2018
(
Urk.
2 S. 2,
Urk.
6/26)
rechtzeitig
erfolgte
.
Die
Sache ist an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie die offenen Fragen kläre, die Akten soweit nötig ergänze und hernach erneut (formell oder materiell) über die Einsprache befinde.
Dabei wird sie gegebenenfalls auch zu prüfen haben, ob die Einsprachefrist
aufgrund
der von der Beschwerdeführerin
geltend gemachten
Gründe wiederherzustellen ist
(
Urk.
1 S. 2 f.)
.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.