Decision ID: f2c63d0d-3d42-5c8e-8b72-9a0e23400250
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Am 1. Juli 2021 ersuchte die Beschwerdeführerin im Bundesasylzentrum
Basel (BAZ) um Asyl. Die Behandlung ihres Gesuchs wurde dem BAZ Bern
übertragen.
B.
Im Rahmen der Personalienaufnahme (PA) vom 5. Juli 2021 erklärte die
Beschwerdeführerin, zur Einreichung von Identitätsdokumenten aufgefor-
dert, sie habe keine Möglichkeit, solche zu beschaffen.
C.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) vom 6. Juli 2021 ergab, dass die Beschwerdeführerin am
26. September 2019 in Griechenland um Asyl nachgesucht hatte und ihr
am 16. Dezember 2020 von den griechischen Behörden internationaler
Schutz gewährt worden war.
D.
Im persönlichen Gespräch vom 15. Juli 2021 orientierte das SEM die Be-
schwerdeführerin in Anwesenheit ihrer Rechtsvertreterin betreffend seine
Abklärungen über den ihr gewährten Schutz durch die griechischen Behör-
den und machte sie auf ihre Angaben hinsichtlich verlorener griechischer
Dokumente (ID und Reisepass) aufmerksam. Auf Nachfrage zu Gründen,
welche gegen eine Rückkehr nach Griechenland sprächen, erklärte die Be-
schwerdeführerin, sie habe dort in einem winzigen Zelt in unhygienischen
Zuständen gelebt, wobei sie für eine Duschmöglichkeit stundenlang habe
Schlange stehen müssen. Aufgrund fehlender Sprachkenntnisse habe sie
sich zudem betreffend die im Camp vorkommenden ethnischen Auseinan-
dersetzungen weder an die Behörden noch an eine Hilfsorganisation ge-
wandt. Im Weiteren gab sie an, wer eine Aufenthaltsbewilligung erhalte,
müsse das Camp verlassen und dürfe nicht dorthin zurückkehren.
E.
Am 20. Juli 2021 ersuchte die Vorinstanz die griechischen Behörden ge-
stützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal anwesender Dritt-
staatsangehöriger (nachfolgend: Rückführungs-Richtlinie) und auf das Ab-
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kommen zwischen der Schweiz und Griechenland über die Rücküber-
nahme von Personen mit irregulärem Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR
0.142.113.729) schriftlich um Rückübernahme der Beschwerdeführerin.
F.
Am 23. Juli 2021 stimmten die griechischen Behörden dem Übernahmeer-
suchen der Vorinstanz vom 20. Juli 2021 zu. Sie teilten mit, dass der Be-
schwerdeführerin am 16. Dezember 2020 die Flüchtlingseigenschaft zuer-
kannt worden sei und sie über eine Aufenthaltsbewilligung in Griechenland
verfüge, die zuletzt bis am 26. Januar 2024 verlängert worden sei.
G.
Mit Eingabe vom 29. Juli 2021 brachte die Beschwerdeführerin psychische
Probleme vor, weshalb eine Überweisung an die transkulturelle Sprech-
stunde stattgefunden habe. und reichte folgende vier medizinischen Doku-
mente ein:
- eine migrationsmedizinische Abklärung vom 2. Juli 2021, welche ihr ei-
nen guten Allgemeinzustand attestiert,
- eine medizinische Dokumentation der EVZ Bern Pflege vom 8. Juli
2021 bis 16. Juli 2021, aus welchem hervorgeht, dass die Beschwer-
deführerin seit langem an Schlafproblemen, Angst, Niedergeschlagen-
heit, Kopfschmerzen sowie Stress leide, weshalb das Medikament Re-
laxane abgegeben worden sei,
- eine Medikationsübersicht vom 20. Juli 2021 (Cymbalta 30mg, Trittico
50mg und Ibuprofen 60mg),
- einen ärztlichen Kurzbericht des BAZ Bern vom 20. Juli 2021 über die
aktuellen Beschwerden der Beschwerdeführerin (hauptsächlich St.n.
Genitalverstümmelung, Schmerzen, psychische Belastung)
H.
Das SEM stellte der Beschwerdeführerin am 23. August 2021 den Ent-
scheidentwurf zu, worin es beabsichtigte, auf das Asylgesuch in Anwen-
dung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31; Rückkehrmöglichkeit in
einen sicheren Drittstaat) nicht einzutreten und die Beschwerdeführerin
nach Griechenland wegzuweisen. Hierzu wurde ihr das rechtliche Gehör
gewährt.
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In ihrer Stellungnahme vom 24. August 2021 machte die Beschwerdefüh-
rerin geltend, sie wolle aufgrund ihrer Erfahrungen keinesfalls nach Grie-
chenland zurückkehren, da sie weder über Geld noch über eine Aufent-
haltsbewilligung verfüge und sich aufgrund fehlender Sprachkenntnisse
auch keine Hilfe suchen könne. In der Realität sei es Schutzberechtigten,
die weder über die nötigen Sprachkenntnisse, finanzielle Ressourcen oder
Netzwerke verfügten, nicht möglich, ihre Ansprüche (Zugang zu Sozialleis-
tungen, Gesundheitsversorgung und Arbeitsmarkt) innert nützlicher Frist
über den Rechtsweg geltend zu machen. Diesbezüglich wies sie unter an-
derem auf (online) Artikel der Stiftung Pro Asyl, Refugee Support Aegean
(RSA), MPI sowie der deutschen Welle und die darin thematisierten Le-
bensbedingungen internationaler Schutzberechtigter hin. Die Äusserungen
der Beschwerdeführerin in der PA würden sich vollumfänglich mit den An-
gaben in den erwähnten Berichten decken. Sie scheitere in Griechenland
an der Einforderung der Deckung ihrer elementarsten Bedürfnisse und
würde mit extremer materieller Not konfrontiert. Aufgrund ihres psychi-
schen Leidens mit verschiedenen, in der transkulturellen Sprechstunde
noch nicht angesprochenen – aber möglicherweise im Zusammenhang mit
Genitalverstümmelung stehenden – Traumata, werde sie medikamentös
behandelt. Der Sachverhalt sei in medizinischer Hinsicht nicht vollständig
festgestellt, weswegen die Zulässigkeit und Zumutbarkeit einer Wegwei-
sung nach Griechenland nicht beurteilt werden könne. Bei einer Wegwei-
sung müsse in Betracht gezogen werden, dass die medizinische Versor-
gung unterbrochen beziehungsweise verweigert würde, wodurch Art. 3
EMRK verletzt werde und die Beschwerdeführerin in eine medizinische
Notlage gerate. Ihrer Vulnerabilität müsse angemessen Rechnung getra-
gen werden.
Als Beilage wurde das Schreiben von Dr. med. B._, ärztliche
Sprechstunde BAZ Bern, vom 20. Juli 2021 eingereicht, auf welches sich
auch der bereits eingereichte ärztliche Kurzbericht des BAZ Bern vom glei-
chen Tag stützt. Als Diagnosen werden darin «psychische Probleme mit
Schlafstörungen und inneren Anspannungen bei St.n. Genitalverstümmer-
lung und weiteren schwierigen Lebensereignissen» festgestellt. Gegen
chronische Schmerzen und Schlafprobleme würden von der Beschwerde-
führerin die Medikamente Cymbalta 30mg und Trittico 50mg eingenom-
men.
I.
Mit am 26. August 2021 eröffneten Entscheid vom 25. August 2021 trat die
Vorinstanz auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, wies sie
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aus der Schweiz weg und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt
der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen, ansonsten werde sie in Haft
genommen und unter Zwang nach Griechenland zurückgeführt. Sollte
diese Frist wegen der ausserordentlichen Lage aufgrund des Corona-Virus
nicht ausreichen, habe die Beschwerdeführerin die Möglichkeit, beim SEM
vor Ablauf der Frist schriftlich und begründet um Fristerstreckung zu ersu-
chen. Gleichzeitig beauftragte die Vorinstanz den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung und händigte der Beschwerdeführerin die
gemäss Aktenverzeichnis editionspflichtigen Akten aus.
J.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 31. August 2021 erhob die Be-
schwerdeführerin gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde. Es wird dessen Aufhebung und die Gewährung der vor-
läufigen Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz, eventualiter
die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen Abklärung
des Sachverhalts und zur Neubeurteilung beantragt. Subeventualiter sei
die Vorinstanz anzuweisen, von den griechischen Behörden individuelle
Garantien betreffend die adäquate Unterbringung und den benötigten Zu-
gang zu nahtloser fachärztlicher Behandlung einzuholen. In prozessualer
Hinsicht beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung mit Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
K.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Gericht am 1. September 2021 in
elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 und 4 AsylG).
L.
Am 6. September 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
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(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vor-
instanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.). Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Vollzugs hat das
SEM eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb dem Gericht diesbe-
züglich volle Kognition zukommt.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen
Schriftenwechsel verzichtet.
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin rügte in ihrer Beschwerde in formeller Hin-
sicht, die Vorinstanz habe einerseits die Voraussetzungen für den Zugang
zu medizinischer Behandlung (Sozialversicherungsnummer), andererseits
den medizinischen Sachverhalt ungenügend festgestellt.
Diese Vorwürfe begründet sie damit, dass der Zugang zu medizinischen
Einrichtungen in Griechenland Schutzberechtigten mit einer Sozialversi-
cherungsnummer vorbehalten sei. Eine solche könne nur bei Vorliegen ei-
ner Wohnadresse und einer Steuernummer erlangt werden. Speziell
Schutzberechtigte mit psychischen Problemen und vulnerable Personen
stünden für den Erhalt medizinischer Versorgung vor übermässigen admi-
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Seite 7
nistrativen Hürden. Die ungeklärten psychischen Probleme der Beschwer-
deführerin würden einen Entscheid verunmöglichen, weshalb eine Kassa-
tion gerechtfertigt sei.
5.2 Das Asylverfahren wird vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht
(Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Behörde von Amtes wegen
für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachver-
haltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu be-
schaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsge-
mäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Die
Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhaltselement
umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Abklärungen
sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der Aktenlage als
angezeigt erscheinen (vgl. dazu AUER/BINDER, in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], Kommentar zum VwVG, 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu Art. 12).
Die Rüge der unvollständigen Sachverhaltsfeststellung erweist sich vorlie-
gend als unbegründet. Der Beschwerdeführerin wurden im ärztlichen Be-
richt von Dr. med. B._ vom 20. Juli 2021 psychische Probleme mit
Schlafstörungen und innerer Anspannung aufgrund Genitalverstümmelung
(und weiterer schwierigen Lebensereignissen) diagnostiziert. Auch wenn
weitere mögliche Traumata von der Beschwerdeführerin der Ärztin gegen-
über «vage» erwähnt worden seien, kann nicht – wie in der Beschwerde
behauptet – darauf geschlossen werden, ihr psychischer Gesundheitszu-
stand sei ungeklärt. Aufgrund der vorhandenen Diagnosen stand der me-
dizinische Sachverhalt hinreichend fest, die Zulässigkeit und Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs nach Griechenland beurteilen zu können. Das
SEM konnte daher von weiteren Sachverhaltsabklärungen absehen bezie-
hungsweise annehmen, dass bei einem allfälligen Folgetermin keine derart
schwerwiegende Diagnose erfolgen würde, die zu einer Änderung der ur-
sprünglichen Einschätzung führte. Ferner ist – wie sich in nachstehenden
Erwägungen zeigt (vgl. insbesondere E. 9.2) – von der Behandelbarkeit
der psychischen Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin in Griechenland
auszugehen. Im Weiteren erachtete das SEM aufgrund des Schutzstatus
der Beschwerdeführerin zu Recht das Vorliegen einer Sozialversiche-
rungsnummer beziehungsweise den Zugang zu medizinischer Behandlung
als gegeben, und somit bestand auch hierzu keine Notwendigkeit für die
Vornahme weiterer Abklärungen.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/10
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Seite 8
5.3 Bei dieser Sachlage ist das Begehren auf Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz zwecks vollständiger Abklärung des Sachverhalts und Neu-
beurteilung abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein-
getreten wenn die asylsuchende Person in einen sicheren Drittstaat nach
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG zurückkehren kann, in welchem sie sich vorher
aufgehalten hat.
6.2 Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellun-
gen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG
besteht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Durch den
Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche
Länder der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandels-
assoziation (EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet.
6.3 Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest,
dass es sich bei Griechenland, als Mitglied der EU, um einen sicheren Dritt-
staat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG handelt. Den Akten ist zu
entnehmen, dass die griechischen Behörden die Beschwerdeführerin als
Flüchtling anerkannt, ihr eine Aufenthaltsbewilligung erteilt und ihrer Rück-
übernahme am 23. Juli 2021 ausdrücklich zugestimmt haben. Das Land ist
unter anderem Signatarstaat der FK und es bestehen weder objektive An-
haltspunkte noch substanzielle Hinweise für eine drohende Rückschiebung
in ihren Heimatstaat unter Verletzung des Refoulement-Verbots. Demnach
sind die Voraussetzungen für einen Nichteintretensentscheid (Art. 31a Abs.
1 Bst. a AsylG) erfüllt.
7.
7.1 Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berück-
sichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Dies wird in der
Beschwerde nicht bestritten.
7.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
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Seite 9
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.
8.1 Das SEM wies in der angefochtenen Verfügung darauf hin, dass der
Vollzug zulässig sei, weil die Beschwerdeführerin im Drittstaat Griechen-
land Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG finde und
das Non-Refoulement-Gebot bezüglich des Heimat- oder Herkunftsstaates
nicht zu prüfen sei. Weder die in Griechenland herrschende Situation noch
andere Gründe würden ferner gegen die Zumutbarkeit der Wegweisung in
diesen Staat sprechen.
Das SEM führte weiter aus, die Beschwerdeführerin habe im Rahmen des
rechtlichen Gehörs zum Entscheidentwurf auf die ungenügende und man-
gelhafte Unterstützung Griechenlands im Bereich Unterbringung und sani-
tärer Anlagen hingewiesen und im Weiteren geltend gemacht, aufgrund ih-
rer fehlenden Sprachkenntnisse habe sie ihre Bedürfnisse nicht anbringen
können. Sie habe nach ihrer Flüchtlingsanerkennung das Camp ohne wei-
tere finanzielle Unterstützung verlassen müssen. Hierzu hielt es fest, dass
Griechenland die Qualifikationsrichtlinie 2011/95/EU, welche unter ande-
rem die Ansprüche von Personen mit internationalem Schutzstatus hin-
sichtlich Sozialleistungen bestimme sowie den Zugang zu Wohnraum, Be-
schäftigung und medizinischer Versorgung regle, umgesetzt habe. Die Be-
schwerdeführerin könne die ihr zustehenden Leistungen bei den griechi-
schen Behörden geltend machen, nötigenfalls auf dem Rechtsweg.
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Ebenso bestünden neben staatlichen Strukturen, die primär existenzielle
Bedürfnisse abdeckten, private und internationale Organisationen, an die
sie sich wenden könne. Hinsichtlich des psychischen Zustands der Be-
schwerdeführerin sei der Sachverhalt ausreichend erstellt und es sei davon
auszugehen, dass die medizinische Versorgung der Beschwerdeführerin
auch in Griechenland sichergestellt sei. Es könne aufgrund ihrer Beschwer-
den und der vorhandenen medizinischen Unterlagen bei der Beschwerde-
führerin ausgeschlossen werden, dass sie im Falle einer Rückschaffung
nach Griechenland eine medizinische Notlage zu gewärtigen hätte. Auch
lägen keine erhärteten Hinweise für die Annahme vor, Griechenland hielte
sich nicht an die völkerrechtlichen Verpflichtungen. Im Weiteren liege es
nicht an den Schweizer Behörden sicherzustellen, dass Personen mit
Schutzstatus in Griechenland über ausreichende Lebensgrundlagen ver-
fügten. Es sei ferner auch nicht darauf zu schliessen, dass Griechenland
sich künftig in einen Widerspruch zu seinen völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen begeben werde.
Schliesslich hielt das SEM fest, der Ausbruch des Corona-Virus sei nur von
vorübergehender Dauer und der Wegweisungsvollzug angesichts dessen
trotz geltender Reiseeinschränkungen grundsätzlich zulässig und zumut-
bar. Ausserdem sei der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und
praktisch durchführbar.
8.2 In der Beschwerde wurde wie bereits im Rahmen des rechtlichen Ge-
hörs auf die allgemeine schwierige Situation auch von anerkannten Flücht-
lingen in Griechenland hingewiesen (Unterbringung, Zugang zu Arbeits-
markt und Sozialhilfe, schwer erhältliche medizinische Hilfe; vgl. vorste-
hend Sachverhalt H). In Beachtung der von der Beschwerdeführerin dies-
bezüglich zitierten Rechtsprechung (beispielsweise EGMR-Urteil vom
21. Januar 2011 – 30696/09 M.S.S. gg Griechenland und Belgien, Rn. 263
f. und 365 ff. [unter anderem Zugang zu sanitären Einrichtungen und Nah-
rungsmitteln]; EuGH-Urteil vom 19. März 2019, C-163/17, Rn. 91 ff. [ele-
mentare Bedürfnisse, materielle Not, Unterkunft, Gesundheit, etc.].) sei ihr
Hauptbegehren als alleinstehende, weibliche, potentiell traumatisierte und
mithin verletzliche Person hinlänglich begründet und von der Unzulässig-
keit oder immerhin der Unzumutbarkeit der Wegweisung nach Griechen-
land sei auszugehen. So liessen niederländische und deutsche Verwal-
tungsgerichte eine Wegweisung von Personen mit Schutzstatus nach Grie-
chenland nicht zu und auch deshalb sei eine abweichende Lageeinschät-
zung nicht haltbar.
D-3870/2021
Seite 11
9.
9.1 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten die Ver-
mutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen einhalten. Ge-
stützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Weg-
weisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist. Es obliegt
der betroffenen Person, diese beiden Legalvermutungen umzustossen.
Damit dies gelingt, hat sie ernsthafte Anhaltspunkte dafür vorzubringen,
dass die Behörden des in Frage stehenden Staates im konkreten Einzelfall
das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz gewähren o-
der sie menschenunwürdigen Lebensumständen aussetzen würden res-
pektive dass sie im in Frage stehenden Staat aufgrund von individuellen
Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine exis-
tenzielle Notlage geraten würde (vgl. statt vieler das Urteil des BVGer E-
2617/2016 vom 28. März 2017 E. 4). Das Vorliegen eines Vollzugshinder-
nisses unter dem Aspekt der Zulässigkeit bei Personen, denen von den
griechischen Behörden ein Schutzstatus verliehen wurde, wird vom Bun-
desverwaltungsgericht praxisgemäss nur unter sehr strengen Vorausset-
zungen bejaht. Das Gericht geht grundsätzlich davon aus, dass Griechen-
land als Signatarstaat der EMRK, der FoK und der FK sowie des Zusatz-
protokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) seinen entspre-
chenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Zwar anerkennt
das Gericht – auch aufgrund der von der Beschwerdeführerin zitierten Be-
richte und Rechtsprechung –, dass die Lebensbedingungen in Griechen-
land schwierig sind. Gemäss Rechtsprechung ist aber diesbezüglich nicht
von einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von
Art. 3 EMRK respektive einer existenziellen Notlage auszugehen (vgl. Ur-
teile des BVGer D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 8.2 m.w.H. [als Re-
ferenzurteil publiziert]; E-4866/2019 vom 2. Oktober 2019 E. 10.1; E-
2360/2019 vom 22. Mai 2019 E. 8.3.1 f.; D-5016/2017 vom 12. März 2018
E. 6.4 m.w.H.). Personen mit Schutzstatus sind griechischen Bürgerinnen
und Bürgern gleichgestellt in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu Gerich-
ten und den öffentlichen Schulunterricht respektive gleichgestellt mit ande-
ren Ausländern und Ausländerinnen beispielsweise in Bezug auf Erwerbs-
tätigkeit oder die Gewährung einer Unterkunft (vgl. Art. 16-24 FK). Wie die
Vorinstanz zu Recht festgehalten hat, können Unterstützungsleistungen
und weitere Rechte direkt bei den zuständigen Behörden eingefordert wer-
den, falls notwendig auf dem Rechtsweg. Nicht zuletzt können Schutzbe-
rechtigte sich auch auf die Garantien in der Qualifikationsrichtlinie berufen,
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Seite 12
insbesondere die Regeln betreffend den Zugang von Personen mit Schutz-
status zu Beschäftigung (Art. 26), zu Bildung (Art. 27), zu Sozialhilfeleis-
tungen (Art. 29), zu Wohnraum (Art. 32) und zu medizinischer Versorgung
(Art. 30). Im Falle einer Verletzung der Garantien der EMRK steht gestützt
auf Art. 34 EMRK letztlich der Rechtsweg an den Europäischen Gerichts-
hof für Menschenrechte (EGMR) offen (vgl. Urteil D-559/2020 a.a.O.).
9.2 Aufgrund der Akten liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die Be-
schwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Griechenland dort einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wäre. Hinsichtlich der gesundheitlichen Aspekte ist auf die zutreffen-
den Ausführungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zu ver-
weisen. Es handelt sich bei ihr nicht um eine schwerkranke Person, bei der
die ernsthafte Gefahr besteht, dass sie bei einer Rückschaffung nach Grie-
chenland einer schwerwiegenden, rapiden und irreversiblen Verschlechte-
rung ihres Gesundheitszustandes, verbunden mit übermässigem Leiden
oder einer bedeutenden Verkürzung der Lebenserwartung, ausgesetzt
wäre. Die medizinische Versorgung in Griechenland (inkl. allfälliger psy-
chologischer resp. psychiatrischer Behandlungsmöglichkeiten) ist gewähr-
leistet. Weiter lassen weder ihre Vorbringen noch die vorliegenden medizi-
nischen Dokumente darauf schliessen, dass die geltend gemachten ge-
sundheitlichen Probleme so gravierend wären, dass eine adäquate Behan-
delbarkeit im EU-Staat Griechenland nicht gegeben wäre. Sie ist nicht als
besonders vulnerabel zu erachten.
9.3 Schliesslich ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass Griechenland ein
Rechtsstaat ist, der über einen funktionierenden Polizei- und Justizapparat
verfügt (vgl. Urteil D-559/2020 E. 9.2 m.w.H.; Urteil des BVGer
E-4234/2018 vom 30. Juli 2018 E. 6.3.3, m.w.H.). Bei Unterstützungsbe-
darf oder allfälligen Problemen mit Drittpersonen kann sich die Beschwer-
deführerin an die griechischen Behörden wenden und die erforderliche
Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Urteil D-559/2020
E. 8.2 und 9.1). Ihr steht auch ohne Weiteres die Möglichkeit offen, wie
ebenfalls von der Vorinstanz zutreffend dargelegt, sich für Hilfe ergänzend
an eine der vor Ort tätigen Hilfsorganisationen zu wenden. Dabei darf ihr
bezüglich der fehlenden Sprachkenntnisse auch zugemutet werden, sich
auf diesem Weg die Unterstützung einer dolmetschenden Person zu orga-
nisieren.
D-3870/2021
Seite 13
9.4 Zusammenfassend bestehen keine Hinweise darauf, Griechenland
würde der Beschwerdeführerin dauerhaft die ihr gemäss der Richtlinie zu-
stehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten und sie einer exis-
tenziellen Notlage aussetzen. Es darf inskünftig von ihr erwartet werden,
die genannte Unterstützung (nötigenfalls auf dem Rechtsweg) einzufor-
dern.
Der Verweis der Beschwerdeführerin auf die Rechtspraxis anderer europä-
ischen Länder hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs nach Griechenland
ist unbehelflich, da die Urteile ausländischer Gerichte nicht bindend sind.
9.5 Nach dem Gesagten ist es ihr nicht gelungen, die Regelvermutung um-
zustossen, und erweist sich der Wegweisungsvollzug als zulässig und zu-
mutbar. Es besteht kein Anlass zur Einholung individueller Garantien be-
treffend adäquate Unterbringung und medizinische Betreuung (vgl. Urteil
E-2169/2020 des BVGer vom 13. Mai 2020, E. 8.4).
9.6 Der Vollzug der Wegweisung ist schliesslich nach Art. 84 Abs. 2 AIG
möglich, da die griechischen Behörden einer Rückübernahme der Be-
schwerdeführerin ausdrücklich zugestimmt haben, sie dort über subsidiä-
ren Schutz verfügt und den Akten keine Hinweise auf eine Reiseunfähigkeit
zu entnehmen sind. Ihrer gesundheitlichen Situation ist bei der Ausgestal-
tung der Vollzugsmodalitäten – wie vom SEM im angefochtenen Entscheid
bereits in Aussicht gestellt – angemessen Rechnung zu tragen.
10.
Zusammenfassend hat das SEM den Vollzug der Wegweisung nach Grie-
chenland zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die An-
ordnung der vorläufigen Aufnahme fällt ausser Betracht.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Mit Ergehen des vorliegenden Urteils wird das Gesuch um Verzicht
auf das Erheben eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
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12.2 Die Beschwerde erschien im Zeitpunkt der Einreichung als aussichts-
los, weshalb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung unabhängig vom allfälligen Vorliegen der prozessualen Bedürftigkeit
abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Bei diesem Ausgang des Verfahrens
sind die Kosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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