Decision ID: 40cb562b-a819-54ed-9660-1b5fd4756eaf
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine somalische Staatsangehörige – suchte
erstmals am (...) März 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Mit Verfügung
vom 22. Juni 2015 trat das SEM auf das Asylgesuch gemäss Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) nicht ein und ordnete ihre Wegweisung
nach Italien an. Diese erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Am 31. Juli
2015 wurde die Beschwerdeführerin nach Italien überstellt.
B.
Am 1. Februar 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin gemeinsam mit ih-
ren am (...) in D._ und am (...) in E._ geborenen Töchtern
erneut um Asyl in der Schweiz.
C.
Abklärungen des SEM ergaben, dass sie am (...) März 2015 in der
Schweiz, am (...) 2015 und am (...) 2015 in Italien sowie am (...) 2017 in
Deutschland um Asyl nachgesucht hatte.
D.
Anlässlich des Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) vom 19. Februar
2020 machte die Beschwerdeführerin geltend, nicht nach Italien zurück-
kehren zu wollen, weil sie dort keine Lebensgrundlage und kein Obdach
habe. Sie habe nach ihrer Überstellung aus der Schweiz in D._ ge-
lebt und dort nach kurzer Zeit das Asylheim verlassen müssen. Danach
habe sie jeweils in der Kirche übernachtet und tagsüber am Bahnhof ge-
bettelt. Sie sei einmal von Betrunkenen verletzt und mehrmals bestohlen
worden. In Italien habe sie nicht existieren können, weshalb sie dann weiter
nach Deutschland gegangen sei. Dort sei sie drei Jahre lang geblieben und
habe ihre zweite Tochter zur Welt gebracht. Als die deutschen Behörden
sie nach Italien hätten ausschaffen wollen, habe sie sich nach Frankreich
begeben. Von dort aus sei sie Ende (...) 2020 wieder nach Italien überstellt
worden. Dann sei sie mit ihren zwei Töchtern wieder in die Schweiz gereist
und habe deren Vater F._, der hier im Besitz einer Aufenthaltsbe-
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willigung B sei, kontaktiert. In Italien sei sie auf sich alleine gestellt, wohin-
gegen hier die Möglichkeit bestehe, mit dem Vater ihrer Kinder zusammen-
zuwohnen.
E.
E.a Gleichentags ersuchte das SEM die italienischen Behörden um Rück-
übernahme der Beschwerdeführerinnen gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO.
E.b Die italienischen Behörden wiesen dieses Gesuch am 24. Februar
2020 mit der Begründung ab, dass der Beschwerdeführerin in Italien Asyl
gewährt worden sei und sie eine Aufenthaltserlaubnis habe. Somit würde
das Verfahren nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich der Dublin-Einheit
fallen. Eine mögliche Überstellung der Betroffenen könne nur gestützt auf
andere Abkommen erfolgen, was die Einreichung eines entsprechenden
Gesuchs erfordere.
F.
Mit Eingabe vom 25. Februar 2020 reichte die rubrizierte Rechtsvertreterin
Fotos, auf denen die Beschwerdeführerinnen mit F._ abgebildet
seien und welche in den Jahren 2015, 2018 und 2019 entstanden seien,
zu den Akten.
G.
G.a Am 26. Februar 2020 informierte das SEM die Beschwerdeführerin
über die obengenannten Resultate seiner Abklärungen und gewährte ihr
das rechtliche Gehör zur erneuten Wegweisung nach Italien.
G.b Das SEM ersuchte die italienischen Behörden am 28. Februar 2020
um Rückübernahme der Beschwerdeführerinnen gestützt auf die Europäi-
sche Vereinbarung vom 16. Oktober 1980 über den Übergang der Verant-
wortung für Flüchtlinge (SR 0.142.305).
G.c Die Beschwerdeführerin führte in ihrer Stellungnahme vom 3. März
2020 aus, eine Überstellung nach Italien würde mit einer drohenden Ver-
letzung von Art. 3 EMRK einhergehen. Trotz rechtlicher Garantien und der
Gleichstellung mit Italienern drohe ihr in Italien eine unmenschliche Be-
handlung. Dort sei nicht die rechtliche Umsetzung der menschen- bezie-
hungsweise völkerrechtlichen Verpflichtungen das Problem, sondern die
diesbezügliche Praxis. Auch wenn der Beschwerdeführerin ein Platz im
Sistema d’accoglienza e integrazione (SAI, früher Sistema di protezione
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per titolari di protezione internazionale e per minori stranieri non accom-
pagnati [SIPROIMI]) zugewiesen werden könne, habe sie längerfristig er-
neut mit Obdachlosigkeit zu rechnen. Es sei nämlich – auch im Hinblick auf
die notwendige Betreuung ihrer zwei Kinder – nicht zu erwarten, dass sie
innerhalb der sechs Monate, welche sie maximal in der Unterkunft verbrin-
gen dürfe, eine Arbeit aufnehmen könne. Ihr – im Jahr 2015 religiös ange-
trauter – Ehemann und der Vater ihrer beiden Töchter würde mit einer Auf-
enthaltsbewilligung B in der Schweiz leben. Während ihres Aufenthalts in
Italien habe er noch einen Ausweis F besessen, mit welchem er sie nicht
habe besuchen können. Jedoch habe er in ständigem Kontakt zu ihnen
gestanden. Als die Beschwerdeführerin sich in Deutschland aufgehalten
habe, habe ihr Ehemann sodann eine Aufenthaltsbewilligung B erhalten
und sie in der Folge regelmässig besucht. Zurzeit halte sich die Beschwer-
deführerin jedes Wochenende in G._ bei ihrem Mann auf. Er wohne
seit über zehn Jahren in der Schweiz und sei arbeitstätig, womit hier von
einem gefestigten Aufenthaltsrecht auszugehen sei. Eine Wegweisung
nach Italien würde ihr Recht auf ein Familienleben gemäss Art. 8 EMRK
verletzen. Ausserdem würde aufgrund der Trennung vom Vater eine Ver-
letzung des Kindeswohls der Töchter der Beschwerdeführerin drohen.
Auch die drohende Obdachlosigkeit würde dem Kindeswohl entgegenste-
hen.
H.
Am 24. März 2020 reichte die Beschwerdeführerin ärztliche Kurzberichte
des BAZ vom 7. Februar 2020, vom 21. Februar 2020 und vom 24. März
2020 zu den Akten.
I.
Am 9. April 2020 informierten die italienischen Behörden das SEM darüber,
dass die Beschwerdeführerinnen einen gültigen asylrechtlichen Aufent-
haltstitel hätten und daher wieder in Italien einreisen könnten. Vor dem Hin-
tergrund der dargelegten Vulnerabilität der Familieneinheit werde die Zu-
stimmung zur Rückübernahme aufgeschoben, bis in Erfahrung gebracht
worden sei, ob sie in einer Struktur des SIPROIMI aufgenommen werden
könnten. Ausserdem sei die Einreise der Beschwerdeführerinnen aufgrund
der medizinischen Notfallsituation des Landes im Moment nicht möglich.
J.
Mit Eingabe vom 25. Juni 2020 legte die Beschwerdeführerin ärztliche Be-
richte vom 16. Juni 2020 sowie vom 24. Juni 2020 ins Recht.
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K.
Am 14. August 2020 reichte die Beschwerdeführerin ein Arztzeugnis vom
11. August 2020 zu den Akten. Gemäss diesem leide sie an einer posttrau-
matischen Belastungsstörung (PTBS). Die traumatisierenden Situationen
in Italien seien Teil des intrusiven Erinnerns, weshalb aus psychiatrischer
Sicht dringend von einer Rückführung nach Italien abgeraten werde. Die
Beschwerdeführerin machte geltend, dass die fehlende Unterstützung für
die Kinderbetreuung durch ihren Ehemann einer Verschärfung ihrer bereits
prekären Situation gleichkäme. Bei ihrer posttraumatischen Belastungsstö-
rung sowie ihrer Stellung als alleinerziehende Mutter käme dies einer un-
menschlichen Behandlung gleich. Ausserdem monierte sie, dass die Ver-
fahrensfristen nach Art. 37 Abs. 2 AsylG überschritten worden seien. Sie
beantragten den zeitnahen Eintritt auf ihr Asylgesuch.
L.
Am 22. September 2020 wurden die Beschwerdeführerinnen dem Kanton
H._ zugewiesen.
M.
Mit Eingabe vom 27. November 2020 rügten die Beschwerdeführerinnen
erneut, dass die Frist gemäss Art. 37 Abs. 2 AsylG überschritten worden
sei. Auch die Verfahrensfrist betreffend die Rückübernahme nach Art. 4
Bst. c des Abkommens zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft
und der Italienischen Republik über die Rückübernahme von Personen mit
unbefugtem Aufenthalt (SR 0.142.114.549) sei überschritten. Italien sei seit
dem 1. August 2020 nicht mehr verpflichtet, die Beschwerdeführerinnen
wieder aufzunehmen. Sie ersuchten wieder um ein zeitnahes Eintreten auf
ihr Asylgesuch. Der Eingabe legten sie einen Operations- und Austrittsbe-
richt bei, gemäss welchem bei der Beschwerdeführerin am 9. November
2020 eine (...) durchgeführt wurde.
N.
Am 3. Februar 2021 wiesen die Beschwerdeführerinnen das SEM auf das
Urteil des Kinderrechtsausschusses V.A. gegen die Schweiz vom 28. Sep-
tember 2020 hin. Diesbezüglich machten sie geltend, dass die Rechte der
Kinderrechtskonvention als justiziabel anzusehen seien und die Beurtei-
lung des Kindeswohls als eigenständiger Bestandteil des Sachverhalts zu
gelten habe. Der Ehemann der Beschwerdeführerin besuche die Be-
schwerdeführerinnen jeden Nachmittag und gehe mit ihnen spazieren. Er
habe vor, seine Töchter in den nächsten Wochen offiziell anzuerkennen.
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Die älteste Tochter gehe hier in den Kindergarten, habe schon Freund-
schaften geschlossen und Deutsch gelernt. Es sei deshalb von einer star-
ken Bindung zur Schweiz auszugehen, welche bei der Beurteilung des Kin-
deswohls zu berücksichtigen sei. Dem Schreiben lag eine Bestätigung des
I._ vom 15. Januar 2021 bei, gemäss welcher sie sich seit 14. De-
zember 2020 dort in ambulanter Behandlung befinde.
O.
Am 19. Februar 2021 legte die Beschwerdeführerin weitere Fotos von ih-
ren Töchtern mit deren Vater ins Recht.
P.
Mit Eingabe vom 7. Juni 2021 liess die Beschwerdeführerin dem SEM ei-
nen sie betreffenden kurzstationären Bericht des J._ vom 20. Mai
2021 in Bezug auf eine durchgeführte (...) (operative Entfernung der [...])
aufgrund einer (...) zustellen. Gemäss diesem Bericht leide sie zudem an
einer (...), an einem (...), an (...) sowie an einer (...). Erneut machte sie
geltend, dass die Verfahrensfristen überschritten seien und stellte wiede-
rum den Antrag an das SEM, auf das Asylgesuch einzutreten oder den
Wegweisungsvollzug als unzulässig zu bezeichnen.
Q.
Am 11. November 2021 stimmten die italienischen Behörden der Rück-
übernahme der Beschwerdeführerinnen zu und bestätigten nochmals,
dass die Beschwerdeführerin einen internationalen Schutzstatus in Italien
habe.
R.
R.a Mit Schreiben vom 26. November 2021 gewährte die Vorinstanz den
Beschwerdeführerinnen erneut das rechtliche Gehör zur beabsichtigten
Wegweisung nach Italien.
R.b Mit schriftlicher Stellungnahme vom 6. Dezember 2021 machte die Be-
schwerdeführerin geltend, sie sei gesundheitlich angeschlagen. Seit ihrer
Ankunft in der Schweiz habe sie bereits drei Operationen gehabt, sei nun
in der vierten Woche schwanger und befinde sich in psychiatrischer Be-
handlung. Sie führe mit ihrem Ehemann eine partnerschaftliche Beziehung
und wohne momentan aus rein wirtschaftlichen Gründen nicht mit ihm zu-
sammen. Er arbeite im Stundenlohn in (...) und könne sich nur eine sehr
kleine Wohnung leisten. Die Wohnung der Beschwerdeführerin werde von
der Sozialhilfe finanziert, weshalb ihr Ehemann nicht bei ihr wohnen dürfe.
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Sie würden viel Zeit zusammen verbringen und er kümmere sich – soweit
es seine Arbeit erlaube – um die gemeinsamen Töchter. Die Beschwerde-
führerin sei aufgrund ihrer Erkrankung dringend auf die Unterstützung ihres
Ehemanns angewiesen. Dem Schreiben legte sie weitere Fotos bei, auf
denen sie gemeinsam mit ihren Töchtern sowie deren Vater abgebildet ist.
S.
Am 10. Dezember 2021 legte die Beschwerdeführerin einen Operations-
und Austrittsbericht vom 3. November 2021 ins Recht. Demgemäss wurde
bei der Beschwerdeführerin am 28. Oktober 2021 eine (...) (operative Ent-
fernung des [...]) durchgeführt.
T.
T.a Am 13. Dezember 2021 übermittelte die Vorinstanz der rubrizierten
Rechtsvertreterin den Entscheidentwurf zur Stellungnahme.
T.b In ihrer Stellungnahme vom 14. Dezember 2021 hielt die Beschwerde-
führerin fest, dass sie mit dem beabsichtigten Entscheid nicht einverstan-
den sei. Sie legte ein Schreiben des Zivilstandsamts der Stadt G._
vom 9. Februar 2021 betreffend die beantragte Vaterschaftsanerkennung,
einen italienischen Geburtsregisterauszug vom (...) betreffend ihre Tochter
B._, ein E-Mail des Zivilstandsamts der Stadt G._ (Datum
nicht ersichtlich), einen ihre Tochter C._ betreffenden undatierten
Entwicklungsbericht der K._ in G._ sowie ein Schreiben von
L._ vom 14. Dezember 2021 bei.
U.
Mit Verfügung vom 14. Dezember 2021 – eröffnet am 15. Dezember 2021
– trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG in Verbin-
dung mit Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerde-
führerinnen nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie
den Vollzug an.
V.
Mit Eingabe vom 22. Dezember 2021 erhoben die Beschwerdeführerinnen
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und
beantragten dabei, die vorinstanzliche Verfügung sei im Wegweisungs-
punkt aufzuheben, es sei die Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit der
Wegweisung (recte: des Wegweisungsvollzugs) festzustellen und die
Vorinstanz sei anzuweisen, die Beschwerdeführerinnen in der Schweiz
vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und zur
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vollständigen Sachverhaltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, von den italienischen Be-
hörden individuelle Garantien insbesondere betreffend die adäquate Un-
terbringung und den benötigten Zugang zu fachärztlicher Behandlung ein-
zuholen.
In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
W.
Am 24. Dezember 2021 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den
Eingang der Beschwerde und hielt fest, dass die Beschwerdeführerinnen
den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfen.
X.
Mit Schreiben vom 3. Februar 2022 (Poststempel) reichte L._ ein
handschriftliches Unterstützungsschreiben beim Bundesverwaltungsge-
richt ein.
Y.
Mit Eingabe vom 4. Februar 2022 reichte die Rechtsvertreterin einen Be-
richt des I._ vom 25. Januar 2022 zu den Akten, gemäss welchem
die Beschwerdeführerin eine posttraumatische Belastungsstörung, eine
(...) sowie eine (...) habe. Die Traumatisierung beruhe unter anderem auf
ihren Erlebnissen in Italien und bei einer Rückkehr dorthin drohe eine Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustands. Sie wäre dann aufgrund ihrer
psychischen Erkrankung nicht mehr in der Lage, angemessen für die Kin-
der zu sorgen, und hätte durch die Trennung von ihrem Ehemann keine
Unterstützung mehr in der Kinderbetreuung. Dies würde das Kindeswohl
gefährden und widerspreche somit Art. 3 des Übereinkommens vom 20.
November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK; SR 0.107).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte insoweit ohne Einschränkung
prüft.
4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren Nichteintretensentscheid damit, dass
die Beschwerdeführerin in Italien als Flüchtling anerkannt sei, somit dort
ein Aufenthaltsrecht habe und sich Italien am 11. November 2021 bereit
erklärt habe, sie mit ihren beiden Töchtern zurückzunehmen. Italien sei ein
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Rechtsstaat mit funktionierendem Justizsystem und Polizeibehörden und
sie könne sich – sollte sie sich ungerecht oder rechtswidrig behandelt füh-
len – an die zuständigen Stellen wenden oder eine Anzeige einreichen. Die
lange Dauer ihres Verfahrens in der Schweiz sei unter anderem der
COVID-19-Pandemie geschuldet. Aus der später eingetroffenen Zustim-
mung der Rückübernahme seitens der italienischen Behörden hätten sie
nicht darauf schliessen können, dass die Schweiz auf ihre Asylgesuche
eintrete. In Kenntnis ihres eigenen Schutzstatus habe die Beschwerdefüh-
rerin davon ausgehen müssen, dass eine Zustimmung zu einem späteren
Zeitpunkt erfolgen und die Schweiz folglich auf das Gesuch nicht eintreten
würde. In Italien stünden ihr und ihren Töchtern aufgrund ihres Flüchtlings-
status sämtliche sozialen Unterstützungsleistungen des italienischen Staa-
tes zur Verfügung. In Bezug auf ihren angeblich religiös angetrauten Ehe-
mann, welcher in der Schweiz wohne, sei festzuhalten, dass bisher weder
die Einleitung eines Ehevorbereitungsverfahrens noch die in Aussicht ge-
stellten Vaterschaftsanerkennungen der Töchter beim SEM eingegangen
seien. Zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem angeblichen Ehemann
sei kein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zu erkennen. Die Beziehung
sei sodann nicht als tatsächlich gelebt und somit schützenswert anzuse-
hen. Es sei nicht Sache des SEM, die notwendigen Voraussetzungen für
eine Eheschliessung oder eine Vaterschaftsanerkennung zu schaffen. So-
dann würden beide Verfahren nicht zwingend die Anwesenheit der Be-
schwerdeführerinnen in der Schweiz voraussetzen. Die jüngste, von den
Beschwerdeführerinnen angeführte Rechtsprechung Deutschlands ändere
nichts an der Einschätzung, dass kein Hinderungsgrund für eine Rückkehr
nach Italien bestehe. Italien habe ihre Flüchtlingseigenschaft festgestellt
und ihr Schutz vor Verfolgung gewährt, weshalb sie in der Schweiz kein
schutzwürdiges Interesse an der Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft
habe. Gemäss der Zustimmung Italiens seien die Beschwerdeführerinnen
von den dortigen Behörden eindeutig als Mitglieder einer Familie mit zwei
Töchtern jungen Alters identifiziert worden und würden somit nach ihrer
Ankunft in einer Struktur des SAI-Projektes aufgenommen werden. Der
Umstand, dass zum jetzigen Zeitpunkt nicht angegeben werden könne, in
welchem spezifischen SAI-Projekt sie unterkommen würden, stelle keine
Verletzung von Art. 3 EMRK dar. Es obliege den italienischen Behörden,
ihnen bei ihrer Ankunft auf italienischem Staatsgebiet eine verfügbare Auf-
nahmestruktur zuzuweisen. Es lägen keine konkreten Hinweise vor, dass
Italien nicht in der Lage sein werde, den Beschwerdeführerinnen eine dem
Alter der Kinder angemessene Unterkunft zuzuteilen und die Einheit der
Familie zu wahren. Aufgrund des noch jungen Alters der Töchter könne bei
einer Überstellung nach Italien nicht von einer Entwurzelung gesprochen
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werden. Italien verfüge über eine ausreichende medizinische Infrastruktur
und sei verpflichtet, ihr die erforderliche medizinische Versorgung zu ge-
währen. In Kenntnis der PTBS der Beschwerdeführerin und der benötigten
Therapien sei nicht von einer medizinischen Notlage oder einer drastischen
Verschlechterung ihrer Gesundheitszustände bei einer Rückkehr nach Ita-
lien auszugehen. Ihre gesundheitlichen Beeinträchtigungen würden so-
dann die hohe Schwelle für eine drohende Verletzung von Art. 3 EMRK
nicht überschreiten.
5.2 Dem entgegneten die Beschwerdeführerinnen in ihrer Beschwerde,
das italienische Sozialsystem sei ungenügend, weshalb eine Gleichstel-
lung mit Italienern in der Praxis kaum hilfreich sei. Die Anzahl der SAI-Un-
terbringungsplätze reiche nicht aus, um der Nachfrage gerecht zu werden
und das Recht, dort zu bleiben, sei auf sechs Monate beschränkt. Die
Wahrscheinlichkeit, dass rücküberstellte Personen ohne Unterkunft blie-
ben, sei hoch und habe sich im Zuge der COVID-19-Pandemie noch weiter
gesteigert. Die Gesundheitsversorgung von Asylsuchenden oder Personen
mit Schutzstatus sei mangelhaft. Personen mit Schutzstatus hätten auf-
grund von administrativen Hürden, Sprachproblemen, unzureichenden In-
formationen und langen Wartezeiten oft nur Zugang zur Notversorgung.
Gemäss Rechtsprechung des Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfa-
len sei eine Rückweisung eines Schutzberechtigten nach Italien als Verlet-
zung von Art. 3 EMRK zu beurteilen (Urteil 11 A 1674/20.A vom 20. Juli
2021 sowie Urteil 11 A 571/20.A vom 25. November 2021). Die Vorinstanz
habe nicht dargelegt, weshalb die deutsche Rechtsprechung nicht mass-
geblich sei, womit sie ihre Begründungspflicht verletzt habe. Um dieser ge-
recht zu werden, hätte sie näher ausführen müssen, weshalb die Schwei-
zer Behörde zu einem gegenteiligen Ergebnis komme als das deutsche
Oberverwaltungsgericht. Die Traumatisierung der Beschwerdeführerin
habe in Italien stattgefunden. Dies sei in der vorinstanzlichen Verfügung
unerwähnt geblieben. Sie habe in Italien auf der Strasse sowie ohne Nah-
rung gelebt und sei auf Almosen angewiesen gewesen. Diese Situation
würde sich bei einer erneuten Überstellung nach Italien wiederholen. Es
sei nicht realistisch, dass sie in den sechs Monaten, welche sie maximal in
der Unterkunft bleiben könne, eine Arbeit finde. Vulnerablen Personen wie
ihr sei es – insbesondere wegen der langen Behandlungsfristen der italie-
nischen Behörden – nicht zuzumuten, ihre Rechte beim Gericht durchzu-
setzen. Die Beschwerdeführerinnen seien seit langer Zeit bestrebt, mit ih-
rem Ehemann beziehungsweise Vater im gleichen Haushalt zu leben. Dies
sei aufgrund der Situation jedoch nicht möglich. Die Familie lebe aber ein
aktives, effektives gemeinsames Familienleben, sehe sich täglich und das
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Vaterschaftsanerkennungsverfahren sei zurzeit beim Zivilstandsamt
G._ hängig. Wegen fehlender Dokumente stagniere es im Moment.
Sie hätten ein drittes gemeinsames Kind erwartet, welches die Beschwer-
deführerin jedoch aufgrund einer Frühgeburt verloren habe. Der Vollzug
der Wegweisung stelle eine Verletzung von Art. 8 EMRK dar. Die jüngere
Tochter habe den grössten Teil ihres Lebens in der Schweiz verbracht. Die
Beschwerdeführerin könne sich ohne die Unterstützung ihres Ehemanns
nicht angemessen um die Kinder kümmern. F._ sorge – soweit es
seine Arbeit erlaube – für die beiden Kinder und sei neben der Mutter die
wichtigste Bezugsperson. Er hole seine Töchter regelmässig von der Kita
ab und gehe mit ihnen auf den Spielplatz. Die ältere Tochter gehe hier in
den Kindergarten, habe Freundschaften geschlossen und sei von einem
traurigen, verschlossenen Kind zu einem fröhlichen Mädchen geworden.
Die drohende Obdachlosigkeit in Italien sowie die Trennung von ihrem
Vater stehe dem Kindeswohl entgegen und verletze somit Art. 3 KRK. Die
Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin sei nur bis (...) 2021 gültig
gewesen und mittlerweile abgelaufen. Die Vorinstanz habe den entscheid-
relevanten Sachverhalt in Bezug auf den Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführerin nicht vollständig abgeklärt. Der letzte Arztbericht sei fast
eineinhalb Jahre alt und es sei unklar, welche Behandlung sie benötige und
welche psychische Folgen eine Wegweisung nach Italien hätte. Ihre PTBS
sei aufgrund ihres Aufenthalts in Italien entstanden. Sie leide zudem an (...)
und (...), welche es ihr verunmöglichen würden, auf ihre Kinder
aufzupassen. Sie sei auch deshalb auf die Hilfe ihres Ehemanns
angewiesen. Auch habe die Vorinstanz ihre Begründungspflicht verletzt,
indem sie sich unzureichend mit der Situation der Kinder nach einer
Überstellung auseinandergesetzt habe. Im Sinne eines Subeventual-
begehrens sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen für
eine kindgerechte Unterbringung und angemessene medizinische Versor-
gung von den italienischen Behörden einzufordern.
6.
6.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben. Diese sind vorab
zu behandeln, da deren Gutheissung gegebenenfalls eine Kassation der
erstinstanzlichen Verfügung bewirken könnten (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2;
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
6.2 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs
wird für das Verwaltungsverfahren in Art. 26–33 VwVG konkretisiert. Dem
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verfassungsmässigen Grundsatz des rechtlichen Gehörs erwachsen be-
hördliche Pflichten, wie insbesondere die Untersuchungspflicht. Das AsylG
als lex specialis zum VwVG sieht für das Asylverfahren besondere Verfah-
rensbestimmungen vor (Art. 6–17 AsylG).
Die behördliche Untersuchungspflicht beinhaltet die richtige und vollstän-
dige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes, die Beschaffung der
für das Verfahren notwendigen Unterlagen, die Abklärung der rechtlich re-
levanten Umstände sowie die entsprechende, ordnungsgemässe Beweis-
führung. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein
falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder wenn
die Vorinstanz nicht alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sach-
verhalts prüfte, etwa weil sie die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Un-
recht verneinte. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht
alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wur-
den (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043). Im Asylverfahren wird
der Untersuchungsgrundsatz durch Art. 13 VwVG in Verbindung mit Art. 8
AsylG beschränkt, weil diese Bestimmungen im Asylverfahren eine Mitwir-
kungspflicht der asylsuchenden Person bei der Sachverhaltsermittlung ver-
langen.
Die Begründungspflicht dient der rationalen und transparenten Entscheid-
findung der Behörden und soll die Betroffenen in die Lage versetzen, den
Entscheid sachgerecht anzufechten. Die Behörde hat kurz die wesentli-
chen Überlegungen zu nennen, von denen sie sich leiten liess und auf die
sie ihren Entscheid stützt. Je weiter der Entscheidungsspielraum, je kom-
plexer die Sach- und Rechtslage und je schwerwiegender der Eingriff in die
Rechtsstellung der betroffenen Person, desto höhere Anforderungen sind
an die Begründung zu stellen (vgl. zum Ganzen BVGE 2012/24 E. 3.2.1 f.
m.w.H.; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 629 ff.).
6.3 Im vorliegenden Fall liegen mehrere Arztzeugnisse in Bezug auf die
Beschwerdeführerin vor. Ihre gesundheitlichen Beschwerden (u.a. [...],
posttraumatische Symptomatik, [...], [...], [...], [...], [...], [...]) stehen genü-
gend fest und es gibt keine Hinweise auf weitere Erkrankungen. Soweit die
Beschwerdeführerin geltend macht, die Vorinstanz habe den entscheidre-
levanten Sachverhalt in Bezug auf ihren Gesundheitszustand nicht voll-
ständig abgeklärt, da der letzte Arztbericht fast eineinhalb Jahre alt sei,
muss sie sich entgegenhalten lassen, dass es ihr im Rahmen ihrer Mitwir-
kungspflicht (Art. 8 AsylG) oblag, weitere Arztberichte von sich aus ins
Recht zu legen. Dem letzten bei der Vorinstanz eingereichten Bericht des
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M._ vom 3. November 2021 ist zu entnehmen, dass die Beschwer-
deführerin nach einer am 28. Oktober 2021 durchgeführten (...) am 29. Ok-
tober 2021 entlassen wurde. Im Bericht wurde zudem ausgeführt, dass sie
sich in einem guten Allgemeinzustand befinde. Bei dieser Ausgangslage ist
nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz nicht von einer lebensbedrohli-
chen Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführe-
rin im Falle eines Wegweisungsvollzugs nach Italien ausging und keine
weiteren medizinischen Abklärungen veranlasste. Von einer Verletzung der
Untersuchungspflicht kann keine Rede sein. Dessen ungeachtet ist festzu-
stellen, dass das Bundesverwaltungsgericht den Akten auch sonst keiner-
lei Hinweise entnehmen kann, dass die Vorinstanz den Sachverhalt nicht
ausreichend erstellt hätte.
6.4 Auch die Rüge, das SEM habe seine Begründungspflicht verletzt, er-
weist sich vorliegend als unbegründet. Die Vorinstanz hat im angefochte-
nen Entscheid alle wesentlichen Vorbringen berücksichtigt und diese so-
dann einer sorgfältigen Würdigung unterzogen. Wie bereits erwähnt, muss
sich die verfügende Behörde nicht ausdrücklich mit jeder tatbestandlichen
Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen, sondern
darf sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (vgl. E. 6.2.).
Entgegen den Behauptungen in der Beschwerde hat die Vorinstanz in der
angefochtenen Verfügung auch das Kindeswohl in ihre Überlegungen mit-
einbezogen und einlässlich dargelegt, warum sie einen Wegweisungsvoll-
zug nach Italien als mit dem Kindeswohl vereinbar betrachte. Der Verweis
der Beschwerdeführerin auf die deutsche Rechtspraxis hinsichtlich des
Wegweisungsvollzugs von Flüchtlingen nach Italien ist schliesslich un-
behelflich, da die Urteile ausländischer Gerichte für die Schweiz nicht bin-
dend sind. Die Vorinstanz war vor diesem Hintergrund nicht gezwungen,
näher auszuführen, weshalb die deutsche Rechtsprechung nichts an ihrer
Einschätzung ändere. Die Begründungspflicht ist damit nicht verletzt.
6.5 Damit erweisen sich die formellen Rügen als unbegründet, weshalb der
Rückweisungsantrag abzuweisen ist.
7.
7.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG tritt das SEM auf ein Asylgesuch
nicht ein, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b
AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann, in welchem
sie sich vorher aufgehalten hat.
E-5568/2021
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7.2 Die Vorinstanz hat ihren Nichteintretensentscheid zutreffend damit be-
gründet, dass die Beschwerdeführerin gemeinsam mit ihren Töchtern nach
Italien und damit in einen sicheren Drittstaat gemäss Art. 6a Abs. 2 Bst. b
AsylG zurückkehren kann, wo sie sich vorher aufgehalten hat und als
Flüchtling anerkannt worden ist. Mit der Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft und der Erteilung einer (verlängerbaren) Aufenthaltsbewilligung ha-
ben die italienischen Behörden der Beschwerdeführerin Schutz vor Verfol-
gung gewährt, so dass sie nach Italien zurückkehren kann, ohne eine
Rückschiebung in Verletzung des Non-Refoulement-Gebotes befürchten
zu müssen. Die Beschwerdeführerin hat denn auch weder im vorinstanzli-
chen Verfahren noch auf Beschwerdeebene vorgebracht, es würde ihr in
Italien eine Rückschiebung in ihren Heimatstaat unter Verletzung des Re-
foulement-Verbots drohen. Die italienischen Behörden haben sich am
11. November 2021 bereit erklärt, sie gemeinsam mit ihren Töchtern zu-
rückzunehmen. Das SEM ist demzufolge zu Recht gestützt auf Art. 31a
Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG). Im Übrigen finden für die Anordnung des Vollzugs der Weg-
weisung die Artikel 83 und 84 AIG Anwendung.
8.2 Im Asyl- und Wegweisungsverfahren ist die Wegweisung nicht zu ver-
fügen, wenn ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung be-
steht. Die kantonale Migrationsbehörde ist zuständig, über den Anspruch
konkret zu befinden (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4). Als Anspruchsgrundlage
fällt dabei unter anderem Art. 8 EMRK in Betracht, wobei diesbezüglich die
bundesgerichtliche Rechtsprechung massgeblich ist. Im Rahmen des vor-
liegenden Verfahrens ist daher vorfrageweise zu prüfen (Art. 14 Abs. 1
AsylG), ob sich die Beschwerdeführerinnen auf einen grundsätzlichen An-
spruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen können.
8.3 Gemäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann sich eine
Person nur dann auf den Schutz des Familienlebens nach Art. 8 EMRK be-
rufen, wenn eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung
vorliegt. Zu den Familienbeziehungen, die gemäss Bundesgericht unter
den Schutz von Art. 8 Abs. 1 EMRK fallen, gehört neben jener zwischen
den Ehegatten, Paaren aus eingetragenen Partnerschaften oder Konkubi-
natspartnerschaften auch jene zwischen Eltern und ihren minderjährigen
E-5568/2021
Seite 16
Kindern. Überdies muss es sich beim in der Schweiz lebenden Familien-
mitglied um eine hier gefestigt anwesenheitsberechtigte Person handeln.
Von einem solchen Anwesenheitsrecht ist ohne weiteres bei schweizeri-
scher Staatsangehörigkeit auszugehen, ebenso bei einer Niederlassungs-
oder Aufenthaltsbewilligung, auf deren Verlängerung ein Anspruch besteht
(vgl. statt vieler BGE 144 II 1 E. 6.1, 139 I 330 E. 2.1, 135 I 143 und
130 II 281 E. 3.1, je m.w.H.). Zudem können sich in Ausnahmefällen auch
Personen auf Art. 8 Abs. 1 EMRK berufen, deren Anwesenheit rechtlich
nicht geregelt ist beziehungsweise die allenfalls über kein (gefestigtes) Auf-
enthaltsrecht verfügen, deren Anwesenheit aber faktisch als Realität hin-
genommen wird beziehungsweise die aus objektiven Gründen hingenom-
men werden muss (vgl. BGE 138 I 246 E. 3.3.1 und 137 I 113 E. 6.1, je
m.w.H.). Ein solches wurde von der Rechtsprechung namentlich bei einer
über viele Jahre hinweg verlängerten Aufenthaltsbewilligung bejaht
(vgl. BGE 130 II 281 E. 3.2 f.) oder im Fall von vorläufig aufgenommenen
Flüchtlingen, bei denen eine Aufhebung ihres rechtlichen Status in abseh-
barer Zukunft nicht anzunehmen ist (vgl. BVGE 2017 VII/4 E. 6.3 ff.).
Die im Asylverfahren angeordnete Wegweisung wird praxisgemäss aufge-
hoben, wenn erstens ein grundsätzlicher Anspruch gestützt auf Art. 8
EMRK vorfrageweise bejaht werden kann, die betroffene Person zweitens
an die zuständige kantonale Ausländerbehörde ein Gesuch um Erteilung
einer Aufenthaltsbewilligung gerichtet hat und dieses Gesuch, drittens,
noch hängig ist (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4.2.2; u.a. Urteil des BVGer
D-2425/2020 vom 22. Februar 2021 E. 7.2.2).
8.4 Die Beschwerdeführerinnen verfügen über keine ausländerrechtlichen
Aufenthaltsbewilligungen. Der angeblich religiös angetraute Partner der
Beschwerdeführerin und behauptete Vater ihrer Kinder, F._, wurde
wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung mit Verfügung des
damaligen Bundesamtes für Migration (heute SEM) vom 18. Mai 2010 in
der Schweiz vorläufig aufgenommen. Seit dem (...) 2018 ist er im Besitz
einer Aufenthaltsbewilligung B (Härtefallbewilligung). Es ist somit vorfrage-
weise zu klären, ob die Beschwerdeführerinnen daraus einen möglichen
Anspruch auf Aufenthalt in der Schweiz ableiten können.
8.5 Zunächst ist zu prüfen, ob im vorliegenden Fall von einer nahen, echten
und tatsächlich gelebten familiären Beziehung ausgegangen werden kann.
Hinweise für eine familiäre Beziehung sind das Zusammenleben in einem
gemeinsamen Haushalt, eine finanzielle Abhängigkeit sowie regelmässige
Kontakte oder die Übernahme von Verantwortung für eine andere Person.
E-5568/2021
Seite 17
Die Beschwerdeführerinnen leben nicht mit F._ zusammen und ha-
ben dies auch noch nie getan. Anlässlich der Befragung zur Person vom
26. März 2015 im Rahmen ihres ersten Asylverfahrens hat die Beschwer-
deführerin ihren Partner noch nicht erwähnt und gab auf die Frage nach
ihrem Zivilstand an, geschieden zu sein (vgl. SEM-Akten N (...) A6/12 Zif-
fer 1.14). Demgegenüber gab sie im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom
19. Februar 2020 zu Protokoll, ihren Partner am (...) 2015 religiös geheira-
tet zu haben. Den Akten lässt sich auch ein Gesuch des Zivilstandsamtes
der Stadt G._ um Einsichtnahme in das Asyldossier der Beschwer-
deführerin von Mai 2015 im Rahmen eines bevorstehenden Ehevorberei-
tungsverfahrens mit F._ entnehmen (vgl. a.a.O. A19/2). Somit lie-
gen zwar Anhaltspunkte dafür vor, dass die Beziehung zwischen ihm und
der Beschwerdeführerin bereits vor mehreren Jahren – offenbar unmittel-
bar nach Einreichung ihres ersten Asylgesuchs im Jahr 2015 – entstanden
ist. Inwiefern aber auch eine stabile familiäre Beziehung vorliegt, ergibt sich
nicht mit genügender Klarheit aus den Akten. Es sind keine Dokumente zu
finden, welche eine Weiterführung oder Wiederaufnahme des Ehevorbe-
reitungsverfahrens aufzeigen würden. Auch die behauptete religiöse Heirat
ist nicht belegt. Dasselbe gilt für die Vaterschaftsanerkennung in Bezug auf
die beiden Töchter. Die Beschwerdeführerin macht diesbezüglich geltend,
dass sich die Anerkennung der Töchter aufgrund fehlender Dokumente in
die Länge ziehe (vgl. SEM-Akten 1061297-64/10). Indessen hat sie bereits
in ihrer Eingabe beim SEM vom 3. Februar 2021 und somit vor über einem
Jahr geltend gemacht, ihr Partner würde die gemeinsamen Töchter in den
nächsten Wochen offiziell anerkennen, was aber bis zum heutigen Zeit-
punkt gemäss Aktenlage noch nicht geschehen ist. Auch aus dem einge-
reichten italienischen Geburtsregisterauszug vom (...), auf welchem ihr
Partner als Vater von B._ eingetragen ist, vermag die Beschwerde-
führerin nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Zwar wird bekundet, dass sich
F._ um die Kinder kümmere und aktiv im Kindergartenalltag inte-
griert sei, aber welche konkreten Bemühungen er bis anhin im Hinblick auf
die Anerkennung der Kinder oder das Zusammenleben in einem gemein-
samen Haushalt unternommen hat, bleibt unklar. Ebenso wenig erschliesst
sich aus den Akten, inwiefern er Verantwortung übernimmt und seine Part-
nerin beziehungsweise seine Kinder in finanzieller Hinsicht unterstützt. Un-
ter diesen Umständen kommt das Gericht in Übereinstimmung mit der Vo-
rinstanz zum Schluss, dass das Bestehen einer anspruchsbegründenden
familiären Beziehung im Sinne von Art. 8 Abs. 1 EMRK nicht in überzeu-
gender Weise dargelegt wurde.
E-5568/2021
Seite 18
8.6 Die Beschwerdeführerin hat in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt, ob-
wohl sie bereits in Italien als Flüchtling anerkannt wurde und dort Schutz
geniesst. Ihr hauptsächliches Anliegen scheint in einer Familienzusam-
menführung mit dem angeblichen Vater ihrer Töchter zu liegen. Das
(schweizerische) Asylverfahren darf indes nicht dazu verwendet werden,
die gesetzlichen Bestimmungen über den Familiennachzug zu umgehen
(vgl. in Bezug auf Art. 51 Abs. 1 AsylG BVGE 2019 VI/3 E. 5.7). Von der
Beschwerdeführerin und ihrem angeblich religiös angetrauten Partner
kann verlangt werden, dass sie nach Erfüllung der gesetzlichen Vorausset-
zungen das dafür vorgesehene Verfahren gemäss Art. 44 AIG (SR 142.20)
und Art. 73 der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufent-
halt und Erwerbstätigkeit (VZAE, SR 142.201) bei der zuständigen kanto-
nalen Behörde einleiten (vgl. Urteil des BVGer E-6331/2020 vom 18. Mai
2021 E. 6.4 m.w.H. sowie BVGE 2019 VI/3 E. 6).
8.7 Hinsichtlich des Kindeswohls ist anzumerken, dass eine Überstellung
nach Italien nicht zur Trennung der Kinder von ihrer sorgeberechtigten Mut-
ter führt. Die Beziehung zum Partner/Vater in der Schweiz kann grenzüber-
schreitend gepflegt werden, da mit einer Überstellung der Beschwerdefüh-
rerinnen nach Italien angesichts der geltenden Visumvorschriften weder
ein persönlicher noch digitaler (beispielsweise mit Videotelefonie über
Skype) oder telefonischer Kontakt verunmöglicht wird.
8.8 Bei dieser Sachlage stellt das Bundesverwaltungsgericht vorfrage-
weise fest, dass die Beschwerdeführerinnen im heutigen Zeitpunkt keinen
potenziellen Anspruch auf Aufenthalt in der Schweiz geltend zu machen
vermögen, ungeachtet der Frage, ob F._ über ein gefestigtes Auf-
enthaltsrecht in der Schweiz verfügt oder nicht. Es ist im Übrigen nicht ak-
tenkundig, dass die Beschwerdeführerin ein Gesuch um Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung bei den zuständigen kantonalen Behörden einge-
reicht hätte. Die Wegweisung ist demnach zu bestätigen.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
E-5568/2021
Seite 19
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.2 Nachdem die Beschwerdeführerin in Italien als Flüchtling anerkannt
wurde, besteht kein Anlass zur Annahme, es drohe ihr eine Verletzung des
in Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel-
lung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) verankerten Grundsatzes der Nicht-
rückschiebung. Auch wenn der italienische Aufenthaltstitel der Beschwer-
deführerin inzwischen abgelaufen ist, ist es ihr möglich und zumutbar, ent-
sprechende Schritte zu dessen Verlängerung respektive Erneuerung zu
unternehmen. Es bestehen keine konkreten Hinweise, dass ihr die italieni-
schen Behörden angesichts ihres dortigen Status als anerkannter Flücht-
ling die erneute Ausstellung einer Aufenthaltsgenehmigung verweigern
würden, zumal die italienischen Behörden in ihrem E-Mail vom 11. Novem-
ber 2021 ans SEM nochmals ausdrücklich festhielten, die Beschwerdefüh-
rerin sei Begünstigte internationalen Schutzes und könne gemeinsam mit
ihren Töchtern nach Italien zurückkehren. Die Behörde warte darauf, dass
ihr das Datum der Überstellung bekanntgegeben werde, um dann die spe-
zifische Aufnahmestruktur zu bestimmen (SEM-Akt. 1061297-57/1). Italien
ist sodann Signatarstaat der EMRK und des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105). Zudem gibt es keine
Anhaltspunkte, dass Italien seine aus diesen Konventionen entstehenden
völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht einhalten würde. Namentlich ist
festzuhalten, dass Italien an die Richtlinie 2011/95/EU (Richtlinie des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezember 2011 über Nor-
men für die Anerkennung von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
als Personen mit Anspruch auf internationalen Schutz, für einen einheitli-
chen Status für Flüchtlinge oder für Personen mit Anrecht auf subsidiären
Schutz und für den Inhalt des zu gewährenden Schutzes) gebunden ist. Im
Kapitel VII werden die den Flüchtlingen und Personen mit subsidiärem
Schutzstatus zu gewährenden Rechte geregelt. Es besteht kein "real risk"
im Sinne einer konkreten Verweigerung von Italien, den Beschwerdeführe-
rinnen die Minimalgarantien im Sinne der genannten EU-Richtlinie zu ge-
währen (vgl. auch BVGE 2019/17 E. 5.5). Es kann offenbleiben, ob das
E-5568/2021
Seite 20
Vorbringen der Beschwerdeführerinnen, sie hätten in Italien zeitweise kein
Obdach gehabt, glaubhaft ist. Aus diesem Einzelfall könnte jedenfalls nicht
geschlossen werden, dass Italien Flüchtlingen systematisch die ihnen ge-
mäss obengenannter Richtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingun-
gen vorenthalten würde. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschrän-
kung könnten sie sich im Übrigen nötigenfalls an die italienischen Behör-
den wenden und die ihnen zustehende Unterstützung auf dem Rechtsweg
einfordern. Zudem steht ihnen die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen ka-
ritativen Organisationen zu kontaktieren.
9.2.3 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des EGMR). Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft
Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener me-
dizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert
würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Situation ist
vorliegend eindeutig nicht gegeben. Aus den Akten ist nicht ersichtlich,
dass eine Überstellung die Gesundheit der Beschwerdeführerin ernsthaft
gefährden würde.
9.2.4 Bezüglich ihres Wunsches nach einem Zusammenleben mit ihrem
Partner beziehungsweise Vater ihrer Kinder und der geltend gemachten
Verletzung von Art. 8 EMRK und der KRK ist auf die Ausführungen zur
Wegweisung zu verweisen (vgl. E. 8).
Ergänzend ist anzuführen, dass Art. 8 EMRK keinen Anspruch auf die Wahl
des für das Familienleben am geeignetsten erscheinenden Ortes ver-
schafft. Aus Art. 8 EMRK ergibt sich auch nicht die generelle Pflicht für ei-
nen Staat, in Immigrationsangelegenheiten immer das Familienleben zu
gewährleisten; ob Eingriffe ins Familienleben durch aufenthaltsbeendende
Massnahmen gerechtfertigt sind, beurteilt sich aufgrund einer Interessen-
abwägung (vgl. BVGE 2012/4 E. 4.4; BVGE 2017 VII/4 E. 6.3; vgl. auch
E-5568/2021
Seite 21
Urteil des BVGer E-4581/2013 vom 9. Juli 2014 E. 5.3.2). Die spezielle Si-
tuation der Betroffenen ist gegenüber den öffentlichen Interessen abzuwä-
gen. Zu berücksichtigen ist unter anderem der Grad der konkreten Beein-
trächtigung des Familienlebens ebenso wie der Umstand, ob und wieweit
dieses in zumutbarer Weise im Heimatstaat oder allenfalls in einem Dritt-
staat gelebt werden kann.
Ebenfalls als Faktor in Betracht zu ziehen ist namentlich, ob die Betroffene
bei der Begründung des Familienlebens wissen musste, dass ihr Aufent-
haltsstatus nicht gesichert ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 4.4 unter Hinweis auf
den Entscheid des EGMR Nunez gegen Norwegen, Nr. 55597/09, vom
28. Juni 2011, §§ 68 und 70, sowie Rodrigues Da Silva und Hoogkamer
gegen Niederlande, Nr. 50435/99, vom 31. Januar 2006, § 39). Gemäss
Rechtsprechung des EGMR ist unter anderem der Zeitpunkt massgeblich,
in welchem die unter Art. 8 EMRK fallende Beziehung begründet wurde.
Wurde das Familienleben zu einem Zeitpunkt aufgenommen, in welchem
der Aufenthaltsstatus einer der beteiligten Personen prekär war, ist eine
Verletzung von Art. 8 EMRK durch eine ausländerrechtliche Wegweisungs-
massnahme nur in Ausnahmefällen anzunehmen (Urteil des BVGer
E-1882/2019 vom 22. Oktober 2020 E. 4.5.3 m.H. auf die Rechtsprechung
des EGMR).
Auch im Urteil des EGMR vom 27. Oktober 2016, Jihana Ali und andere
gegen Schweiz und Italien, Nr. 30474/14, § 39 anerkannte der Gerichtshof
unter Hinweis auf das EGMR-Urteil (Grosse Kammer) Jeunesse gegen
Niederlande vom 3. Oktober 2014, Nr. 12738/10, dass eine Person im Rah-
men ihres Aufenthalts im Staatsgebiet während eines Verfahrens um Ertei-
lung einer Aufenthaltsbewilligung oder während eines laufenden auslän-
derrechtlichen Beschwerdeverfahrens am gesellschaftlichen Leben teil-
nehme, Beziehungen knüpfe und auch eine Familie zu gründen vermöge.
Allerdings könne aus diesem Umstand für die Behörden des Aufenthalts-
staats keine Verpflichtung erwachsen, der Person gestützt auf Art. 8 EMRK
die Niederlassung gewähren zu müssen. Gleiches müsse gelten, wenn
eine Person den zuständigen Behörden im Sinne eines «fait accompli» ein
neu begründetes Familienleben präsentiere, welches unter Art. 8 Abs. 1
EMRK als schützenswert zu erachten sei. Bereits im Urteil Jeunesse ent-
schied die Grosse Kammer des EGMR, dass Personen, die, nachdem sie
entsprechende Tatsachen geschaffen haben, sich damit auf Art. 8 EMRK
berufen, nicht damit rechnen könnten, dass ihnen ein Aufenthaltsrecht ge-
währt werde (vgl. EGMR Urteil Jeunesse gegen die Niederlande, a.a.O., §
E-5568/2021
Seite 22
103). Der Gerichtshof stellt fest, dass diese Grundsätze auch für Asylsu-
chende gelten, deren Anwesenheit im Staatsgebiet während ihres laufen-
den Asylverfahrens von den zuständigen Behörden auf der Grundlage der
nationalen oder völkerrechtlichen Verpflichtungen toleriert werde (vgl. Ur-
teil Jihana Ali u.a. gegen Schweiz, a.a.O., § 40; ebenso auch EGMR Urteil
vom 30. Juni 2015, A.S. gegen Schweiz, Nr. 39350/13, § 44). Der Aufent-
halt im Rahmen eines Asylverfahrens ist demnach zwar rechtmässig im
Sinne des Art. 42 AsylG, dennoch ist er als «prekär» im Hinblick auf die
Gewährung von Rechten aus Art. 8 EMRK zu bezeichnen.
Selbst wenn im vorliegenden Fall eine schützenswerte familiäre Beziehung
vorliegen würde, wovon – wie in E. 8.5 dargelegt – im heutigen Zeitpunkt
indessen nicht auszugehen ist, müsste sich die Beschwerdeführerin ent-
gegenhalten lassen, dass sie ihr Familienleben zu einem Zeitpunkt aufge-
nommen hat, in dem weder sie noch ihr Partner ein gesichertes Aufent-
haltsrecht in der Schweiz hatten, was ihr und ihrem Partner durchaus be-
wusst gewesen sein muss. Im vorliegenden Fall ist zudem nicht auszu-
schliessen, dass ein Familienleben für alle Beteiligten auch in Italien mög-
lich wäre, wo die Beschwerdeführerinnen als anerkannte Flüchtlinge auf-
enthaltsberechtigt sind. In jedem Fall kann es der Beschwerdeführerin zu-
gemutet werden, von Italien aus ein Familiennachzugsverfahren – entwe-
der in Italien oder der Schweiz – anzustrengen. Der mit der Trennung ein-
hergehende Eingriff ist verhältnismässig, da die Aufrechterhaltung des
Kontakts auch bei der räumlichen Trennung möglich ist und nur von vo-
rübergehender Dauer wäre, sofern das Familiennachzugsverfahren positiv
verlaufen würde. Bezüglich des Kindeswohls kann zur Vermeidung von
Wiederholungen auf die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden.
Diese sind nicht zu beanstanden. Insbesondere ist davon auszugehen,
dass die primäre Bezugsperson der Kinder nach wie vor ihre Mutter ist, bei
der sie leben und welche den Grossteil der Betreuung übernimmt.
Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin in Bezug auf die
geltend gemachte Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs aus Art. 8
EMRK nichts zu ihren Gunsten abzuleiten vermag.
9.2.5 Der Vollzug der Wegweisung nach Italien erweist sich somit als zu-
lässig.
E-5568/2021
Seite 23
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
9.3.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung die Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs mit zutreffender Begründung bejaht. Zur Ver-
meidung von Wiederholungen kann auf die diesbezüglichen Erwägungen
in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Die diesbezüglichen
Einwendungen in der Beschwerdeschrift vermögen zu keiner anderen Be-
trachtungsweise zu führen. Als anerkannte Flüchtlinge haben die Be-
schwerdeführerinnen Anspruch auf die gleiche Fürsorge und öffentliche
Unterstützung wie italienische Staatsbürger (Art. 23 FK) und ihnen stehen
in Italien die Rechte aus der erwähnten Richtlinie 2011/95/EU zu. Dazu
gehören Ansprüche bezüglich Zugang zu Wohnraum, Sozialleistungen und
medizinischer Versorgung. Es liegen keine erhärteten Hinweise vor, wo-
nach sich Italien systematisch nicht an seine diesbezüglichen Verpflichtun-
gen halten würde. Die Ausführungen der Beschwerdeführerin führen zu
keiner anderen Einschätzung. Zu den zitierten Urteilen aus Deutschland ist
vollständigkeitshalber festzuhalten, dass vorliegend von einer anderen
Sachlage auszugehen ist, zumal der italienische Staat in casu explizit zu-
gestimmt hat, für die Beschwerdeführerinnen eine geeignete Unterkunft zu
finden (SEM-Akten 1061297-57/1). Nach dem Gesagten obliegt es ihr, bei
den zuständigen Behörden ihre Rechte betreffend finanzielle oder ander-
weitige Unterstützung geltend zu machen und nötigenfalls auf dem Rechts-
weg durchzusetzen. Insgesamt besteht kein Anlass zur Annahme, die Be-
schwerdeführerinnen würden im Falle einer Rückführung nach Italien in
eine existenzielle Notlage geraten. Das Bundesverwaltungsgericht bedau-
ert, dass die Beschwerdeführerin durch eine Frühgeburt ihr Kind verloren
hat. Sie verkennt auch die Mehrbelastung für die Mutter nach dem Vollzug
ihrer Wegweisung und die Trennung vom Vater nicht, indes führen diese
Umstände nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
Anzumerken bleibt, dass sich die Erwägungen im Urteil des EGMR in Sa-
chen Tarakhel gegen die Schweiz (Urteil vom 4. November 2014,
29217/12) betreffend die Einholung von Garantien für bestimmte Perso-
nengruppen nur auf die Durchführung des Asylverfahrens in Italien bezie-
hen. Der Beschwerdeführerin wurde in Italien die Flüchtlingseigenschaft
zuerkannt. Die Vorinstanz war damit nicht gehalten, von den italienischen
E-5568/2021
Seite 24
Behörden konkrete Garantien einzuholen, weshalb auch dieser Beschwer-
deantrag abzuweisen ist.
Auch die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin sind nicht
derart gravierend, dass sie der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
entgegenstehen würden. Dies gilt namentlich vor dem Hintergrund dessen,
dass in Italien die medizinische Versorgung gewährleistet ist (vgl. statt vie-
ler Urteil BVGer E-683/2021 vom 2. März 2021 E. 8.6). An dieser Einschät-
zung vermag auch der ärztliche Bericht vom 25. Januar 2022 der
I._, welcher im Wesentlichen die posttraumatische Symptomatik
bestätigt, nichts zu ändern. Die mit dem Vollzug der Wegweisung beauf-
tragten schweizerischen Behörden haben aber die Reisefähigkeit zu prü-
fen und die italienischen Behörden sind vor der Durchführung der Wegwei-
sung über allfällige besondere medizinische Bedürfnisse jeweils zu infor-
mieren. Dem Zustand der Beschwerdeführerin kann sodann bei der Fest-
legung des Überstellungszeitpunktes durch geeignete Massnahmen in
Form einer medizinisch begleiteten Ausreise (beispielsweise durch Heran-
ziehen von medizinischem Fachpersonal bei der Rückführung) nach Italien
Rechnung getragen werden.
9.3.3 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass die auch nach Einschät-
zung des Gerichts in der Schweiz besseren Lebensumstände für schutz-
berechtigte Personen nicht für die Bejahung von Wegweisungsvollzugshin-
dernissen ausreichen. Insbesondere steht es den um Schutz ersuchenden
Personen nicht frei, ihren Aufenthaltsstaat selbst zu wählen, sondern be-
stimmen sich die Zuständigkeiten für die Prüfung der Schutzberechtigung
nach völkerrechtlichen Abkommen der europäischen und anderen assozi-
ierten Staaten. Auch wenn eine adäquate Eingliederung der Beschwerde-
führerinnen in die sozialen Strukturen Italiens als anerkannte Flüchtlinge
mit nicht zu verkennenden Erschwernissen verbunden ist, vermögen ihre
Vorbringen die Anforderungen an eine konkrete Gefährdung nicht zu erfül-
len.
9.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
9.4 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerinnen nach Italien
ist schliesslich möglich, da keine Vollzugshindernisse bestehen (Art. 83
Abs. 2 AIG) und es den Beschwerdeführerinnen obliegt, bei der Beschaf-
fung gültiger Reisepapiere mitzuwirken (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
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auch BVGE 2008/34 E. 12). Auch hat Italien der Rückübernahme der Be-
schwerdeführerinnen zugestimmt.
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die Rechtsbegehren
– ex ante betrachtet – vorliegend nicht als aussichtslos zu bezeichnen sind
und aufgrund der Akten von der Bedürftigkeit der Beschwerdeführerinnen
auszugehen ist, ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) gutzuheissen. Es sind demnach keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen.
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