Decision ID: 53f1fe75-c5a8-5dd2-a162-6e5f45e95b8c
Year: 2021
Language: de
Court: AG_OGA
Chamber: AG_OGA_002
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Der Vizepräsident entnimmt den Akten:
1.
Am 23. März 2021 erliess der Vizepräsident folgende Verfügung:
1.
Das Gesuch vom 4. Februar 2021 wird im anlässlich der Instruktionsverhand-
lung vom 9. März 2021 modifizierten Umfang gutgeheissen.
2.
Es wird die vorsorgliche Abnahme eines Sachverständigengutachtens
angeordnet.
3.
3.1.
Als Sachverständiger wird eingesetzt:
Dr. G.J.
[...]
3.2.
Der Sachverständige hat im Rahmen seines Gutachtens folgende Fragen zu
beantworten:
1. Können Sie aufgrund der vorliegenden Erschütterungsmessungen o-
der (falls für die sachverständige Beurteilung notwendig) eigenen
Messungen/Erhebungen bestätigen, dass im Firmengebäude der Ge-
suchstellerin Erschütterungen feststellbar sind? Welche Intensität ha-
ben diese Erschütterungen?
2. Falls ja:
a) Können Sie aufgrund der bereits vorhandenen Messungen bzw. eige-
nen Messungen/Erhebungen einen kausalen Zusammenhang zwi-
schen den gemessenen Erschütterungen auf dem Grdst.-Nr. 9876
GB W. und dem Betrieb des Werks auf dem Grdst.-Nr. 454 GB W.,
insbesondere dem Betrieb der Mühle, feststellen?
b) Gibt es für die festgestellten Erschütterungen weitere Ursachen?
Wenn ja: Welche und wie wirken sich diese auf die Erschütterungen
insgesamt aus?
c) Wie beurteilen Sie die Eigenfrequenzen (Eigenschwingungen) und
die Reaktionsfrequenzen der Gebäude der Gesuchstellerin?
3. Wie beurteilen Sie die nachfolgenden Beschädigungen (detaillierte
Beschreibung mit Fotodokumentation und Beurteilung)?
- 3 -
a) Beschädigung A: Riss zwischen Fassadenwand und KS-Mauer-
werkswand zwischen Pausenraum und Sitzungszimmer im Oberge-
schoss des Speditionsgebäudes (Abbildungen in Gesuchsbeilage 8;
Markierung örtliche Lage in Gesuchsbeilage 9)
b) Beschädigung B: Riss in KS-Wand zwischen Pausenraum und Sit-
zungszimmer im Obergeschoss des Speditionsgebäudes (Abbildun-
gen in Gesuchsbeilage 10; Markierung örtliche Lage in Gesuchsbei-
lage 11)
c) Beschädigung C: Drei Risse in der Fassadenwand auf der Westseite
des Speditionsgebäudes im Obergeschoss im Pausenraum und Sit-
zungszimmer (Abbildungen in Gesuchsbeilage 13, Markierung örtli-
che Lage in Gesuchsbeilage14)
d) Beschädigung D: Riss in der Wanddecke der KS-Mauerwerkswand
bei den Mikrowellen im Pausenraum im Obergeschoss des Spediti-
onsgebäudes (Abbildungen in Gesuchsbeilage 16; Markierung örtli-
che Lage in Gesuchsbeilage 17)
e) Beschädigung E: Riss in der Wand beim Schiebetürauflager bei der
Schiebetür zwischen Vorplatz und Pausenraum im Obergeschoss
des Speditionsgebäudes (Abbildungen in Gesuchsbeilage 18; Mar-
kierung örtliche Lage in Gesuchsbeilage 19)
f) Beschädigung F: Riss am Anschluss der KS-Mauerwerkswand und
der Stahlbetonwand im südlichen Teil des Obergeschosses des Spe-
ditionsgebäudes zwischen den Räumen Garderobe Herren und Vor-
platz (Abbildungen in Gesuchsbeilage 20; Markierung örtliche Lage in
Gesuchsbeilage 21)
g) Beschädigung G: Beschädigung Plattenboden im Obergeschoss so-
wie in den Treppenhäusern des Speditionsgebäudes (Abbildungen in
Gesuchsbeilage 22; Markierung örtliche Lage in Gesuchsbeilage 23)
h) Beschädigung H: Riss in der Fuge zwischen Anbau Staubfilteran-
lage und Aussenwand auf der östlichen Seite der Fabrikationshalle
(Abbildungen in Gesuchsbeilage 24; Markierung örtliche Lage in Ge-
suchsbeilage 25)
i) Beschädigung I: Riss in der KS-Mauerwerkswand bei der Eingangs-
türe zum Zimmer Sitzung 2 im Obergeschoss des Bürogebäudes (Ab-
bildungen in Gesuchsbeilage 26; Markierung örtliche Lage in Ge-
suchsbeilage 27)
j) Beschädigung J: Riss in der Wand zwischen Studio und DU/WC bei
der Türe zu Zimmer DU/WC im Obergeschoss des Bürogebäudes
(Abbildungen in Gesuchsbeilage 28; Markierung örtliche Lage in Ge-
suchsbeilage 29)
- 4 -
4. Waren die festgestellten Erschütterungen des Firmengebäudes für
die vorbeschriebenen Beschädigungen am Firmengebäude ursäch-
lich (bitte detailliert begründen)?
a) Falls ja:
i. Falls neben dem Betrieb des Werks auf dem Grdst.-Nr. 454 GB W.
(insbesondere dem Betrieb der Mühle) weitere Ursachen für Erschüt-
terungen bestehen sollten: Hatten diese Ursachen auf die Entstehung
der vorbeschriebenen Beschädigungen einen Einfluss? Wenn ja: In
welchem Ausmass haben sich diese Ursachen im Verhältnis zum Be-
trieb des Werks auf dem Grdst.-Nr. 454 GB W. (insbesondere dem
Betrieb der Mühle) konkret ausgewirkt?
ii. Sind betreffend die beschädigten Gebäudeteile des Firmengebäudes
im Zeitpunkt ihrer Erstellung - insbesondere unter Berücksichtigung
von Lage, Beschaffenheit und Baugrund - Abweichungen von den Re-
geln der Baukunde feststellbar, welche auf die Entstehung der vorbe-
schriebenen Beschädigungen einen Einfluss hatten? Wenn ja: Wie
und in welchem Ausmass haben sich diese Abweichungen im Ver-
hältnis zu den festgestellten Erschütterungen konkret ausgewirkt?
Wären die vorbeschriebenen Beschädigungen auch ohne diese Ab-
weichungen von den Regeln der Baukunde eingetreten?
iii. Sind weitere Umstände feststellbar, welche auf die Entstehung der
vorbeschriebenen Beschädigungen einen Einfluss hatten? Wenn ja:
Welche weiteren Ursachen sind das? Wie und in welchem Ausmass
haben sich diese im Verhältnis zu den festgestellten Erschütterungen
konkret ausgewirkt? Wären die vorbeschriebenen Beschädigungen
auch ohne diese Umstände eingetreten?
b) Falls nein: Auf welche Ursache/n ist/sind diese Beschädigungen kon-
kret zurückzuführen?
5. Wirken sich die festgestellten Erschütterungen nachteilig auf die Ge-
sundheit (inklusive dem physischen und psychischen Wohlergehen)
der sich im Firmengebäude aufhaltenden Personen, insbesondere die
sich im Firmengebäude aufhaltenden Mitarbeiter der Gesuchstellerin,
aus? Falls ja: Welche nachteiligen Auswirkungen sind zu erwarten?
6. Können die festgestellten Erschütterungen des Firmengebäudes zu
einer Beschädigung von Einrichtungen und/oder Anlagen (z.B. Pro-
duktionsmaschinen, IT etc.) im Firmengebäude der Gesuchstellerin
führen? Falls ja: Welche Beschädigungen von Einrichtungen sind zu
erwarten?
7. Muss damit gerechnet werden, dass der Betrieb des Werks auf dem
Grdst.-Nr. 454 GB W. (insbesondere der Betrieb der Mühle) in Zukunft
weitere Beschädigungen am Firmengebäude der Gesuchstellerin ver-
ursachen wird, insbesondere Rissbildungen im Mauerwerk (bitte de-
tailliert begründen)? Falls ja:
- 5 -
a) Als wie gross erachten Sie die Wahrscheinlichkeit, dass weitere
Beschädigungen eintreten werden?
b) Innerhalb welcher Zeiträume sind weitere Beschädigungen zu
erwarten?
c) Welche Beschädigungen (Art und Ausmass) an welchen Gebäu-
deteilen sind zu erwarten?
d) Erachten Sie die Statik der Baukonstruktion als gefährdet?
e) Wie beurteilen Sie die Sicherheit des Firmengebäudes für die
sich darin aufhaltenden Personen?
8.
a) Lassen sich durch Schutzvorkehrungen/Massnahmen auf dem
Grdst.-Nr. 454 GB W., insbesondere im Bereich der Mühle, die
Erschütterungen des Firmengebäudes so reduzieren oder ver-
ändern, dass in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit keine wei-
teren Beschädigungen am Geschäftsgebäude, schädliche oder
lästige Auswirkungen auf sich im Firmengebäude aufhaltende
Personen oder Beschädigungen von Einrichtungen des Firmen-
gebäudes mehr zu erwarten sind? Wenn ja: Welche konkreten
Schutzvorkehrungen/Massnahmen müssten ergriffen werden?
b) Lassen sich durch Schutzvorkehrungen/Massnahmen auf dem
Grdst-Nr. 9876 GB W. die Erschütterungen des Firmengebäudes
so reduzieren oder verändern, dass in Zukunft mit hoher Wahr-
scheinlichkeit keine weiteren Beschädigungen am Geschäftsge-
bäude, schädliche oder lästige Auswirkungen auf sich im Firmen-
gebäude aufhaltende Personen oder Beschädigungen von Ein-
richtungen des Firmengebäudes mehr zu erwarten sind? Wenn
ja: Welche konkreten Schutzvorkehrungen/Massnahmen müss-
ten ergriffen werden?
9. Erfährt das Grdst-Nr. 9876 GB W. aufgrund der zugefügten Erschüt-
terungen eine Verkehrswertverminderung? Falls ja: Auf welchen Be-
trag ist der Minderwert zu schätzen?
3.3.
Der Sachverständige wird nach Bezahlung des Kostenvorschusses schriftlich
instruiert.
4.
Die Gesuchstellerin hat bis 6. April 2021 einen Kostenvorschuss von
Fr. 79'160.00 für die von ihr beantragte Beweiserhebung mittels beiliegendem
Einzahlungsschein zu leisten. Bei Säumnis steht der Gesuchsgegnerin das
Recht zu, die Kosten vorzuschiessen. Wenn auch sie die Kosten nicht vor-
schiesst, wird die von der Gesuchstellerin beantragte Beweiserhebung nicht
durchgeführt (vgl. Art. 102 Abs. 3 ZPO).
- 6 -
5.
Der Fristenstillstand gemäss Art. 145 Abs. 1 ZPO gilt nicht (Art. 145 Abs. 2
lit. b ZPO).
2.
Nach fristgerechter Bezahlung des Kostenvorschusses durch die Gesuch-
stellerin erteilte der Vizepräsident dem Sachverständigen, Dr. G.J., mit
Schreiben vom 26. März 2021 förmlich den Auftrag zur Erstellung des ge-
richtlichen Gutachtens.
3.
Mit Gesuch vom 23. April 2021 stellte die Gesuchstellerin folgende An-
träge:
" 1. Der an den gerichtlich ernannten Sachverständigen Dr. G.J. , [...] erteilte Sachverständigenauftrag sei zu widerrufen.
2. Es sei eine andere sachverständige Person i.S.v. Art. 183 ZPO zu  und mit der Erstellung des mit Verfügung vom 23. März 2021  Sachverständigengutachtens zu beauftragen."
4.
4.1.
Mit Stellungahme vom 6. Mai 2021 stellte die Gesuchsgegnerin folgende
Begehren:
" 1. Die Anträge gemäss Ausstandsgesuch vom 23.04.2021 seien vollständig abzuweisen."
4.2.
Der Sachverständige nahm zum Ausstandsgesuch der Gesuchstellerin mit
Eingabe vom 6. Mai 2021 Stellung.
4.3.
Die Gesuchstellerin nahm mit Eingabe vom 17. Mai 2021 zu den Eingaben
der Gesuchsgegnerin und des Sachverständigen je vom 6. Mai 2021 un-
aufgefordert Stellung.
4.4.
Mit Entscheid vom 19. Mai 2021 wies der Vizepräsident das Ausstandsge-
such gegen den Sachverständigen ab und setzte der Gesuchstellerin Frist
bis spätestens am 21. Juni 2021 einen weiteren Kostenvorschuss in Höhe
- 7 -
von Fr. 9'000.00 zu bezahlen. Die Gesuchstellerin bezahlte diesen Kosten-
vorschuss am 25. Mai 2021.
5.
5.1.
Der Sachverständige erstattete sein Gutachten am 23. Juni 2021.
5.2.
Mit Verfügung vom 24. Juni 2021 stellte der Vizepräsident den Parteien das
Gutachten vom 23. Juni 2021 je zur Kenntnisnahme zu und erklärte, dass
allfällige Stellungnahmen freigestellt seien und bis spätestens am 5. Juli
2021 zu erfolgen hätten.
6.
6.1.
Mit Gesuch vom 28. Juni 2021 stellte die Gesuchstellerin folgende Anträge:
" 1. 1.1
Die mit Verfügung vom 24. Juni 2021 bis zum 5. Juli 2021 angesetzte Frist zur freigestellten Erstattung einer Stellungnahme sei den Parteien .
1.2 Eventualiter sei die Frist um 10 Tage, somit bis zum 15. Juli 2021, zu .
2. 2.1 Der Sachverständige Dr. G.J., [...] habe in den Ausstand zu treten.
2.2 Der an den gerichtlich ernannten Sachverständigen Dr. G.J., [...] erteilte Sachverständigenauftrag sei zu widerrufen und das  vom 23. Juni 2021 sei aus dem Recht zu weisen.
2.3 Es sei eine andere sachverständige Person i.S.v. Art. 183 ZPO zu  und mit der Erstellung des mit Verfügung vom 23. März 2021  Sachverständigengutachtens zu beauftragen."
6.2.
Mit Verfügung vom 29. Juni 2021 stellte der Vizepräsident das (erneute)
Ausstandsgesuch vom 28. Juni 2021 dem Sachverständigen und der Ge-
suchsgegnerin je zur Stellungnahme bis spätestens am 5. Juli 2021 zu. Zu-
gleich nahm er den Parteien die mit Verfügung vom 24. Juni 2021 ange-
setzte Frist zur Erstattung einer freiwilligen Stellungnahme bis zum 5. Juli
2021 ab und lud auf den 12. Juli 2021 zu einer Instruktionsverhandlung zur
Beantwortung allfälliger Ergänzungsfragen zum Gutachten vom 23. Juni
- 8 -
2021 sowie möglicher weiterer Stellungnahmen zum Ausstandsbegehren
gegen den Sachverständigen vor.
6.3.
Der Sachverständige nahm zum Ausstandsgesuch der Gesuchstellerin
vom 28. Juni 2021 mit Eingabe vom 2. Juli 2021 Stellung.
6.4.
Die Gesuchsgegnerin nahm zum Ausstandsgesuch der Gesuchstellerin
vom 28. Juni 2021 mit Eingabe vom 5. Juli 2021 Stellung.
6.5.
Mit Eingabe vom 7. Juli 2021 beantragte die Gesuchstellerin die Absetzung
der auf den 12. Juli 2021 angesetzten Instruktionsverhandlung. Der Vize-
präsident wies diesen Antrag der Gesuchstellerin mit Verfügung vom 8. Juli
2021 ab.
7.
Am 12. Juli 2021 fand eine Instruktionsverhandlung statt. Dabei nahmen
die Parteien und der Sachverständige unter anderem Stellung zum Aus-
standsgesuch der Gesuchstellerin vom 28. Juni 2021.

Considerations:
Der Vizepräsident zieht in Erwägung:
1. Parteibehauptungen
1.1. Gesuchstellerin
Die Gesuchstellerin erläutert, der Sachverständige sei mit Entscheid vom
19. Mai 2021 angewiesen worden, detailliert zu erläutern, weshalb die von
der U.H. AG vorgenommene Beurteilung seines Erachtens voller techni-
scher Widersprüche und daher nicht zielführend sei. Das Gutachten vom
23. Juni 2021 falle enorm und offensichtlich einseitig zu Gunsten der Ge-
suchsgegnerin aus. Die Ausführungen des Sachverständigen auf S. 17 des
Gutachtens enthielten den Hinweis, die Auffassung der U.H. AG (bzw. von
dipl. Bauingenieur ETH/SIA U.H.) widerspreche "allen heute vorhandenen
technischen Erkenntnissen". Dies sei keine Erläuterung (geschweige denn
eine detaillierte), sondern eine undifferenzierte und unnötig verletzende Kri-
tik an der ausgewiesenen und anerkannten Fachkompetenz der Privatgut-
achterin; zumal dipl. Bauingenieur ETH/SIA U.H. von der U.H. AG auch als
Fachrichter am Handelsgericht des Kantons Aargau amte. Zudem schre-
cke der Sachverständige nicht davor zurück, der U.H. AG und damit gleich-
zeitig auch der Gesuchstellerin, welche dieselbe Position vertrete, den "ge-
sunden Menschenverstand" abzusprechen. Bei dieser in einem gerichtli-
chen Gutachten in jeder Hinsicht deplatzierten Aussage handle es sich im
Ergebnis um nichts anderes, als eine ehrenrührige Herabsetzung sowohl
der U.H. AG (und deren dipl. Bauingenieur ETH/SIA U.H. und dipl. Bauing.
- 9 -
S.D.) als auch der Gesuchstellerin, zumal unter dem gesunden Menschen-
verstand das normale natürliche Urteilsvermögen bzw. der durchschnittli-
che Verstand eines gesunden Menschen zu verstehen sei. Bei diesen
Äusserungen des Sachverständigen handle es sich um unnötige Polemik,
die in einem gerichtlichen Gutachten zur Gänze deplatziert seien. Ein ge-
richtlich anerkannter Sachverständiger, der sich dazu verleiten liesse, sol-
che gegen eine der Parteien und ihren Standpunkt gerichtete Aussagen in
sein Gutachten zu schreiben, könne nicht mehr als unvoreingenommen
gelten. Anlässlich der Instruktionsverhandlung vom 12. Juli 2021 hielt die
Gesuchstellerin an ihrem Ausstandsbegehren vollumfänglich fest, da die-
ses sachlich unhaltbare Aussagen enthalten würde, die ein neutraler und
unabhängiger Gerichtsgutachter nicht machen dürfe. Zudem habe der
Sachverständige selektive Auszüge aus Plänen der U.H. AG in das Ge-
richtsgutachten einkopiert und unsachliche Äusserungen zur Überhöhung
der Decke gemacht, was ebenfalls auf einen begründeten Verdacht der
Voreingenommenheit des Sachverständigen schliessen liesse (Protokoll
vom 12. Juli 2021 S. 3).
1.2. Gesuchsgegnerin
Für die Gesuchsgegnerin sei das Ausstandsgesuch der Gesuchstellerin
vom 28. Juni 2021 verspätet. Der Vorwurf der Gesuchstellerin, der Sach-
verständige sei gegenüber ihr und der U.H. AG voreingenommen, sei
schon im Mai, mithin vor dem Ausstandsentscheid des Handelsgerichts
vom 19. Mai 2021 ein Thema gewesen. Diesen Entscheid habe die Ge-
suchstellerin akzeptiert und damit ihren Anspruch verwirkt. Allein die Wort-
wahl "und auch dem gesunden Menschenverstand" begründe keinen Aus-
standsgrund bzw. keinen Anspruch auf Ausstand. Der Sachverständige
habe keinen Auftrag zum Parteigutachten der U.H. AG detailliert Stellung
zu nehmen. Unter Ziff. 7.2.1. seiner Ausführungen habe der Sachverstän-
dige erläutert, weshalb die Vermutung der U.H. AG "allen technischen Er-
kenntnissen" widerspreche. Mehr müsse dazu nicht gesagt werden. Im Üb-
rigen stehe es der Gesuchstellerin frei, Ergänzungsfragen zu stellen und
den Sachverständigen um eine detaillierte Begründung zu ersuchen. Zu-
dem gehe es nicht an, vom Ergebnis des Gutachtens auf eine Voreinge-
nommenheit des Sachverständigen zu schliessen. Der Sachverständige
habe nicht den Personen der U.H. AG den gesunden Menschenverstand
abgesprochen, sondern der Vermutung, dass das Materialversagen die
Folgen kleineren Spannungsamplituden sei. Schliesslich begründe nicht
jede ungeschickte oder unnötige Äusserung einen Ausstandsgrund.
2. Stellungnahme Sachverständiger
Gemäss dem Sachverständigen würden die Abschnitte 5 und 7 seines Gut-
achtens belegen, dass die Beurteilung der U.H. AG im vorliegenden Ver-
fahren nicht richtig sein könne. Bei ihrer Beurteilung der Schäden am Fab-
rikgebäude der Gesuchstellerin habe sich die Parteigutachterin nicht an die
heute gültigen Normen gehalten und sich damit über anerkannte Regeln
- 10 -
der Baukunde hinweggesetzt. Die auf S. 17 des Gutachtens erwähnte Aus-
sage zum "gesunden Menschenverstand" betreffe nur das von der U.H. AG
behauptete Materialversagen infolge von kleinen, aber sehr oft vorkom-
menden Spannungsamplituden durch Materialermüdung. Dem Sachver-
ständigen stünde es fern, die U.H. AG und deren Mitarbeiter in irgendeiner
Form zu qualifizieren, doch müssten die Untersuchungsresultate zwingend
mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Das sei hier mit "gesundem Men-
schenverstand" gemeint. Dass sich umgekehrt die Wirklichkeit den Unter-
suchungsresultaten anpassen soll, sei schlicht absurd. Die Parteigutachte-
rin habe sich vorliegend technisch "verlaufen". Als Gerichtsexperte könne
und dürfe der Sachverständige einer solch offensichtlich falschen Beurtei-
lung nicht folgen bzw. habe diese im Gutachten offenzulegen. Abschlies-
send hält der Sachverständige fest, dass er weder von der Gesuchstellerin
noch von der Gesuchsgegnerin in irgendeiner Weise abhängig sei.
3. Rechtliches
Wie bereits im Entscheid des Vizepräsidenten vom 19. Mai 2021 ausge-
führt, gelten gemäss Art. 183 Abs. 2 ZPO für eine sachverständige Person
dieselben Ausstandsgründe wie für Gerichtspersonen. Für diese wird auf
die rechtlichen Ausführungen im Entscheid des Vizepräsidenten vom
19. Mai 2021 verwiesen.
4. Würdigung
Die Gesuchstellerin stützt ihr Ausstandsbegehren vom 28. Juni 2021 auf
Aussagen, die der Sachverständige in seinem Gutachten vom 23. Juni
2021 gemacht haben soll. Dieser Ausstandsgrund ist neu und wurden nicht
bereits im Entscheid des Vizepräsidenten vom 19. Mai 2021 behandelt. Zu-
dem hat die Gesuchstellerin ihr Ausstandsgesuch unverzüglich i.S.v.
Art. 49 Abs. 1 ZPO gestellt, so dass auf dieses einzutreten ist.
Der Sachverständige nimmt in den Ziff. 5 und 7 seines Gutachtens vom
23. Juni 2021 ausführlich zu den Schäden und den Erschütterungen am
Fabrikgebäude der Gesuchstellerin in W. Stellung. Dabei nimmt er auch
Bezug auf die von der U.H. AG abgegebenen Beurteilung. Insbesondere
erläutert er in Ziff. 7.2.1 seines Gutachtens die Auswirkungen der Erschüt-
terungen der gesuchsgegnerischen Mühle auf das gesuchstellerische Fab-
rikgebäude. In diesem Zusammenhang hält der Sachverständige fest, dass
das von der U.H. AG vermutete Materialversagen infolge von kleinen, aber
sehr oft vorkommenden Spannungsamplituden durch Materialermüdung al-
len heute vorhandenen technischen Erkenntnissen widerspricht und auch
dem gesunden Menschenverstand. Anschliessend erklärt der Sachver-
ständige diese Aussage, indem er erläutert, dass jeder Baustoff für kleinere
Spannungsamplituden eine Dauerfestigkeit aufweist. Wäre dies nicht der
Fall, würden sich die Gebäude in einer Industriezone sozusagen von selbst
zerstören.
- 11 -
Für den Vizepräsidenten sind diese Ausführungen des Sachverständigen
weder ehrverletzend noch herabsetzend: Aus dem Zusammenhang des
ganzen Texts von Ziff. 7.2.1 des Gutachtens vom 23. Juni 2021 ergibt sich,
dass die auf S. 17 oben erwähnten Aussagen zu den "heute vorhandenen
technischen Erkenntnissen" sowie zum "gesunden Menschenverstand"
sich einzig und allein auf das von der U.H. AG behauptete Materialversa-
gen infolge von kleinen, aber sehr oft vorkommenden Spannungsamplitu-
den durch Materialermüdung bezieht. Aus den Ausführungen des Sachver-
ständigen wird nämlich ersichtlich, dass die von der U.H. AG vertretene
These der sehr oft vorkommenden Spannungsamplituden durch Material-
ermüdung zu verneinen ist, weil andernfalls sich die Gebäude in einer In-
dustriezone selbst zerstören würden. Mit anderen Worten ist es aus Sicht
des Sachverständigen absolut ausgeschlossen und damit dem "gesunden
Menschenverstand" widersprechend, dass die These der U.H. AG zutreffen
kann bzw. mit den "heute vorhandenen technischen Erkenntnissen" verein-
bar wäre. Ob diese Auffassung des Sachverständigen oder vielmehr die
These der U.H. AG tatsächlich zutrifft, ist nicht im vorliegenden Verfahren
zu entscheiden. Eine ehrenrührige Herabsetzung ist darin aber weder ge-
genüber der U.H. AG (und deren dipl. Bauingenieur ETH/SIA U.H. und dipl.
Bauingenieur S.D.) noch gegenüber der Gesuchstellerin zu erblicken. Die
gesuchstellerischen Ausführungen zum Einkopieren von selektiven Auszü-
gen aus Plänen der U.H. AG in das Gerichtsgutachten sowie die unsachli-
chen Äusserungen zur Überhöhung der Decke betreffen grundsätzlich die
Qualität des Gutachtens. Zu diesem wird die Gesuchstellerin sich in einem
allfälligen Hauptverfahren eingehend äussern können. Sie haben wenig bis
nichts mit dem vorliegend zu beurteilenden Ausstandsgesuch zu tun. Im
Übrigen wird auf die Ausführungen im Entscheid vom 19. April 2021 ver-
wiesen, namentlich auf die Unzulässigkeit des Sachverständigen sich von
den Parteien oder deren (technischen) Beratern beeinflussen zu lassen.
5. Fazit
Aus den obgenannten Erläuterungen ergibt sich, dass aufgrund des Gut-
achtens vom 23. Juni 2021 und der dort verwendeten Terminologien "allen
heute vorhandenen technischen Erkenntnissen" und "gesunder Menschen-
verstand" kein Ausstandsgrund gegen den Sachverständigen vorliegt. Das
Ausstandsgesuch der Gesuchstellerin vom 28. Juni 2021 gegen den Sach-
verständigen, Dr. G.J., [...] ist daher abzuweisen.
6. Prozesskosten
Über die Prozesskosten dieses Ausstandsverfahrens wird im Rahmen des
Endentscheids befunden (vgl. Art. 104 Abs. 1 ZPO).
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