Decision ID: 2b49944b-7892-5851-928b-17bd8eb57192
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 31. Oktober 2005 sprach die IV-Stelle für Versicherte
im Ausland (nachfolgend: IVSTA oder Vorinstanz) der am (...) geborenen,
im Fürstentum Liechtenstein wohnhaften schweizerischen Staatsangehö-
rigen A._ (nachfolgend: Versicherte oder Beschwerdeführerin)
rückwirkend per 1. Februar 2003 eine ganze Invalidenrente der schweize-
rischen Invalidenversicherung (IV), nebst einer akzessorischen Kinder-
rente, zu (Akten der Vorinstanz [act.] 11). Dieser Rentenanspruch wurde
am 26. Juni 2008 revisionsweise bestätigt (act. 25).
B.
B.a Im Rahmen einer erneuten Revisionsprüfung holte die IVSTA bei Dr.
med. B._, orthopädische Chirurgie FMH, ein orthopädisches Gut-
achten vom 15. Januar 2013 (act. 48) sowie bei Dr. med. C._, Psy-
chiatrie und Psychotherapie FMH, ein psychiatrisches Gutachten vom
4. März 2013 (act. 53) samt ergänzender Beurteilung vom 16. Mai 2014
(act. 82) ein. Darin kamen die Fachärzte zum Schluss, dass die funktionelle
Leistungsfähigkeit der Versicherten weder aus orthopädischer noch aus
psychiatrischer Sicht eingeschränkt sei.
B.b Mit Verfügung vom 16. Juli 2014 hob die Vorinstanz die bisher ausge-
richtete ganze Invalidenrente in Anwendung der Schlussbestimmungen der
Änderung des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung vom
18. März 2011 (6. IV-Revision, erstes Massnahmenpaket [AS 2011 5659];
nachfolgend: SchlBest.) mit Wirkung per 1. September 2014 auf und ent-
zog einer gegen diese Verfügung gerichteten Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung (act. 92).
B.c Die von der Versicherten gegen diese Verfügung erhobene Be-
schwerde hiess das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil C-5000/2014
vom 21. Oktober 2016 (act. 114) insoweit gut, als es die angefochtene Ver-
fügung aufhob und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwä-
gungen und anschliessender neuer Verfügung an die Vorinstanz zurück-
wies. Zur Begründung führte das Bundesverwaltungsgericht im Wesentli-
chen aus, die Voraussetzungen für eine Rentenprüfung gemäss den
Schlussbestimmungen der IV-Revision 6a seien zwar erfüllt; allerdings ge-
nügten die von der Vorinstanz veranlassten Gutachten insbesondere im
Lichte der Standardindikatoren des strukturierten Beweisverfahrens nach
BGE 141 V 281 den rechtsprechungsgemässen Anforderungen an eine
C-2820/2019
Seite 3
beweiskräftige medizinische Beurteilungsgrundlage nicht. Zum einen lasse
sich das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen im Sinne der neuen
Indikatoren-Rechtsprechung nicht verlässlich ermitteln; zum andern seien
die aus den Jahren 2002 und 2003 stammenden bildgebenden Unterlagen
zu aktualisieren und sämtliche medizinischen Unterlagen vollständig ein-
zuholen (E. 5.7 und E. 6.6). Es erscheine angezeigt, eine polydisziplinäre
psychiatrische, neurologische und orthopädische Begutachtung zu veran-
lassen (E. 7).
B.d Die Vorinstanz holte daraufhin die Akten der Liechtensteinischen Inva-
lidenversicherung sowie weitere medizinische Akten ein und teilte der Ver-
sicherten, vertreten durch Rechtsanwältin Dr. Silvia Bucher, unter Einräu-
mung der Parteirechte mit, dass sie eine polydisziplinäre (internistische,
neurologische, psychiatrische und orthopädische) Begutachtung in der
Schweiz als notwendig erachte (act. 199). Am 9. Januar 2018 erstatteten
die Sachverständigen der medexperts AG das von der Vorinstanz in Auf-
trag gegebene Gutachten (nachfolgend: polydisziplinäres Gutachten). In
ihrer Konsensbeurteilung kamen die Gutachter zum Schluss, dass die Ver-
sicherte sowohl in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als selbständige Bou-
tiquebesitzerin als auch in einer angepassten Verweistätigkeit grundsätz-
lich voll arbeitsfähig sei, wobei ihr als Folge der Verlangsamung durch die
Schmerzchronifizierung eine Reduktion der Leistungsfähigkeit von 10 %
attestiert werden könne (act. 225).
B.e Mit Vorbescheid vom 8. Februar 2018 kündigte die Vorinstanz der Ver-
sicherten an, dass sie an der Rentenaufhebung mit Wirkung per 1. Juli
2014 (recte: 1. September 2014) festzuhalten beabsichtige (act. 232).
B.f Gegen diesen Vorbescheid erhob die Versicherte, weiterhin vertreten
durch Rechtsanwältin Dr. Silvia Bucher, mit Eingabe vom 20. März 2018
Einwand mit dem Antrag, es sei ihr über den 30. Juni 2014 hinaus weiterhin
eine ganze Invalidenrente auszurichten. Zur Begründung liess sie im We-
sentlichen vorbringen, das psychiatrische Teilgutachten von Dr. med.
D._ sei nicht beweiskräftig, da sich dieses nicht mit den abweichen-
den Diagnosen und Beurteilungen der behandelnden Ärzte auseinander-
setze. Gleiches gelte auch für das polydisziplinäre Gutachten als Ganzem
(act. 239).
B.g Mit Schreiben vom 2. August 2018 teilte die Vorinstanz der Versicher-
ten mit, dass sie gestützt auf ihre Abklärungen und ihre Beurteilung an der
Aufhebung der bis zum 31. Juli 2014 gezahlten Invalidenrente festhalte.
C-2820/2019
Seite 4
Bei einer Aufhebung der Rente habe sie allerdings Anspruch auf die Durch-
führung von Wiedereingliederungsmassnahmen. Voraussetzung für die
Durchführung dieser Massnahmen sei allerdings die Begründung eines
Wohnsitzes in der Schweiz. Gestützt darauf gewährte sie der Versicherten
eine Frist von 30 Tagen für die Mitteilung, ob sie – im Hinblick auf die Pla-
nung der Wiedereingliederungsmassnahme – ein Gespräch mit einem Ein-
gliederungspezialisten wünsche (act. 246).
B.h Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 12. September 2018 teilte die
Versicherte der Vorinstanz mit, dass die Durchführung von Wiedereinglie-
derungsmassnahmen bei einer Rentenaufhebung voraussetze, dass die
Aufhebung zu Recht erfolge. Dies stehe nach wie vor noch nicht fest. Ent-
gegen der Auffassung der IVSTA könne von ihr für die Durchführung von
Wiedereingliederungsmassnahmen keine Wohnsitzverlegung verlangt
werden. Sie wünsche ein Gespräch mit einem Eingliederungsspezialisten.
Da es keinen zukünftigen Wohnkanton gebe, sei sie bereit, für dieses Ge-
spräch nach Genf zu reisen (act. 254).
B.i Mit Schreiben vom 9. November 2018 teilte die Vorinstanz der IV-Stelle
St. Gallen mit, dass vor der beabsichtigten Aufhebung der Invalidenrente
per 1. September 2014 noch ein Gespräch mit einem Einbildungsspezia-
listen durchzuführen sei, weshalb die IV-Stelle St. Gallen im Rahmen der
Verwaltungshilfe ersucht werde, ihr einen Gesprächstermin mit einem Ein-
bildungsspezialisten mitzuteilen. Nach Erhalt des Terminvorschlages
werde sie die Versicherte aufbieten und für die Organisation der Reise in
die Schweiz sowie die Vergütung der Reisekosten besorgt sein (act. 261).
B.j Im Rahmen einer telefonischen Besprechung mit der Beraterin für be-
rufliche Integration der IV-Stelle St. Gallen vom 22. Januar 2019 teilte die
Versicherte dieser mit, dass ihr aus gesundheitlichen Gründen keine Arbeit
mehr möglich sei, weshalb sie keinen Wohnsitz in der Schweiz nehme und
Wiedereingliederungsmassnahmen nicht sinnvoll seien (act. 267, S. 1 f.).
B.k Am 12. Februar 2019 erliess die Vorinstanz einen erneuten Vorbe-
scheid, mit dem sie den bisherigen Vorbescheid vom 8. Februar 2018 auf-
hob und der Versicherten mitteilte, dass sie laut Gesprächsprotokoll der IV-
Stelle St. Gallen vom 22. Januar 2019 unter keinen Umständen in die
Schweiz ziehe und keine Unterstützung in der Wiedereingliederung wün-
sche, weshalb sie beabsichtige, die Rente androhungsgemäss per 1. Sep-
tember 2014 aufzuheben (act. 269).
C-2820/2019
Seite 5
B.l Nachdem die Versicherte die Frist zur Erhebung eines Einwandes un-
benützt hatte verstreichen lassen, bestätigte die Vorinstanz ihren Vorbe-
scheid mit Verfügung vom 30. April 2019, indem sie die Rente mit Verfü-
gung vom 12. Februar 2012 ab 1. September 2014 aufhob und einer gegen
diese Verfügung gerichteten Beschwerde die aufschiebende Wirkung ent-
zog (act. 274).
C.
Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte, weiterhin vertreten durch
Rechtsanwältin Dr. iur. Silvia Bucher, mit Eingabe vom 5. Juni 2019 (Post-
stempel) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei zu ver-
pflichten, ihr auch über den 31. August 2014 hinaus lückenlos und weiter-
hin eine ganze Invalidenrente zu gewähren (Akten im Beschwerdeverfah-
ren [BVGer act.] 1).
D.
Der mit Zwischenverfügung vom 11. Juni 2019 bei der Beschwerdeführerin
eingeforderte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.- ging am 14. Juni
2019 bei der Gerichtskasse ein (BVGer act. 2 und 6).
E.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 15. Juli 2019 –
unter anderem unter Verweis auf eine ergänzende Stellungnahme ihres
ärztlichen Dienstes vom 9. Juli 2019 – die Abweisung der Beschwerde
(BVGer act. 8 samt Beilagen).
F.
Mit Replik vom 13. September 2019 hielt die Beschwerdeführerin an ihren
in der Beschwerde gestellten Anträgen und der entsprechenden Begrün-
dung vorbehaltlos fest (BVGer act. 10).
G.
Unter Verweis auf eine ergänzende Stellungnahme ihres medizinischen
Dienstes vom 25. Oktober 2019 hielt die Vorinstanz in ihrer Duplik vom
30. Oktober 2019 an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde und Be-
stätigung der angefochtenen Verfügung fest (BVGer act. 14 samt Beila-
gen).
H.
Mit unaufgeforderter Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 15. November
C-2820/2019
Seite 6
2019 nahm die Beschwerdeführerin zum genannten Bericht des medizini-
schen Dienstes der Vorinstanz vom 25. Oktober 2019 Stellung (BVGer
act. 16).
I.
Der Vorinstanz wurde ein Doppel der unaufgefordert eingereichten Stel-
lungnahme der Beschwerdeführerin vom 15. November 2019 zur Kennt-
nisnahme zugestellt (BVGer act. 17).
J.
Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften ist – soweit
erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]). Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der angefoch-
tenen Verfügung durch diese besonders berührt und hat ein schutzwürdi-
ges Interesse an deren Aufhebung oder Abänderung, weshalb sie zur Er-
hebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG; Art. 59 ATSG
[SR 830.1]). Nachdem auch der Kostenvorschuss rechtzeitig geleistet
wurde, ist auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzutre-
ten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG; Art. 60 ATSG).
2.
Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet die
Verfügung vom 30. April 2019, mit welcher die Vorinstanz die seit 1. Feb-
ruar 2003 ausgerichtete ganze Invalidenrente der Beschwerdeführerin auf
der Grundlage von Bst. a Abs. 1 der am 1. Januar 2012 in Kraft getretenen
Schlussbestimmungen aufgehoben und einen Anspruch auf Massnahmen
zur Wiedereingliederung verneint hat. Streitig und zu prüfen ist, ob die Be-
schwerdeführerin weiterhin Anspruch auf eine schweizerische Invaliden-
rente hat.
C-2820/2019
Seite 7
3.
3.1 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 30. April 2019) eingetretenen Sachverhalt ab
(BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verän-
dert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsver-
fügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b).
3.2 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechts-
folgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 132 V 215 E. 3.1.1).
Deshalb sind vorliegend die Vorschriften, welche am 30. April 2019 in Kraft
standen (so auch die Normen des auf den 1. Januar 2012 in Kraft gesetz-
ten ersten Teils der 6. IV-Revision) anwendbar; weiter aber auch Vorschrif-
ten, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren, die aber
für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprüche von
Belang sind.
3.3 Die Beschwerdeführerin ist Schweizer Staatsbürgerin und wohnt in
Liechtenstein. Damit gelangt das Übereinkommen vom 4. Januar 1960 zur
Errichtung der Europäischen Freihandelsassoziation zwischen den EFTA-
Staaten Schweiz, Island, Fürstentum Liechtenstein und Norwegen (nach-
folgend: EFTA-Übereinkommen, SR 0.632.31, in der Fassung des Abkom-
mens von 21. Juni 2001 zur Änderung des Übereinkommens zur Errichtung
der Europäischen Freihandelsassoziation [AS 2003 2685], in Kraft seit
1. Juni 2002) zur Anwendung. Seit dem 1. Januar 2016 gelangen auch im
Bereich des EFTA-Übereinkommens die (im Verhältnis zwischen der
Schweiz und den Staaten der Europäischen Gemeinschaft bereits seit
1. Januar 2012 massgebenden) Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinie-
rung der Systeme der sozialen Sicherheit (SR 0.831.109.268.1; kurz:
VO 883/2004) sowie (EG) Nr. 987/2009 (SR 0.831.109.268.11; kurz: VO
987/2009) des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Septem-
ber 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der
VO 883/2004 zur Anwendung.
C-2820/2019
Seite 8
4.
4.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
4.2 Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG
Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliede-
rungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können
(Bst. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durch-
schnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind
(Bst. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8
ATSG) sind (Bst. c). Art. 29 Abs. 1 IVG sieht vor, dass der Rentenanspruch
frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des
Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG, jedoch frühestens im Mo-
nat, der auf die Vollendung des 18. Altersjahrs folgt, entsteht.
4.3 Bei der Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit stützen sich die Verwaltung
und im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen, die von ärztlichen und
gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu stellen sind.
Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkei-
ten die versicherte Person arbeitsfähig ist. Hinsichtlich des Beweiswertes
eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abge-
geben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge
C-2820/2019
Seite 9
sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerun-
gen der Expertinnen und Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1;
125 V 351 E. 3a).
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten von medizinischen Sachverständigen, die den Anforderun-
gen der Rechtsprechung entsprechen, darf das Gericht vollen Beweiswert
zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der
Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 2.2.2; 135 V 465 E. 4.4).
4.4
4.4.1 Die Prüfung, ob eine psychische Erkrankung eine rentenbegrün-
dende Invalidität zu begründen vermag, hat grundsätzlich anhand eines
strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu erfolgen (BGE
143 V 409 E. 4.5; 143 V 418 E. 6 ff.). Nach bisheriger und langjähriger
höchstrichterlicher Rechtsprechung führten Suchterkrankungen als solche
nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Sie wurden im Rahmen
der Invalidenversicherung erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder ei-
nen Unfall bewirkt haben, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die
Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender, Gesundheitsschaden eingetreten
war, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesund-
heitsschadens waren, dem Krankheitswert zukam. Ein invalidisierender
psychischer Gesundheitsschaden fehlte demgegenüber, wo in der Begut-
achtung im Wesentlichen nur Befunde erhoben wurden, welche in der
Sucht ihre hinreichende Erklärung fanden (Hinweise zur bisherigen Recht-
sprechung in BGE 145 V 215 E. 4.1). Diese Rechtsprechung änderte das
Bundesgericht mit BGE 145 V 215 (Urteil des BGer 9C_724/2018 vom
11. Juli 2019) dahingehend, dass Abhängigkeitssyndromen beziehungs-
weise Substanzkonsumstörungen nicht zum Vornherein jede invalidenver-
sicherungsrechtliche Relevanz abgesprochen werden kann (E. 5.3.3), son-
dern diese vielmehr als invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psy-
chische) Gesundheitsschäden in Betracht fallen (E. 6). Es hat entschieden,
dass fortan – gleich wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen –
nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln sei, ob und gegebe-
nenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyn-
drom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person aus-
wirke. Dabei kann und muss im Rahmen des strukturierten Beweisverfah-
rens insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Ein-
zelfall Rechnung getragen werden (E. 6.3). Diesem komme nicht zuletzt
deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängigkeitserkrankungen – wie auch bei
C-2820/2019
Seite 10
anderen psychischen Störungen – oft eine Gemengelage aus krankheits-
wertiger Störung sowie psychosozialen und soziokulturellen Faktoren vor-
liege. Letztere seien auch bei Abhängigkeitserkrankungen auszuklam-
mern, wenn sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen würden. Weiter
wird im Urteil festgehalten, dass auch bei Vorliegen eines Abhängigkeits-
syndroms die Schadenminderungspflicht (Art. 7 IVG) zur Anwendung
komme, so dass von der versicherten Person etwa die aktive Teilnahme an
zumutbaren medizinischen Behandlungen verlangt werden könne (Art. 7
Abs. 2 lit. d IVG). Komme sie den ihr auferlegten Schadenminderungs-
pflichten nicht nach, sondern erhalte willentlich den krankhaften Zustand
aufrecht, sei nach Art. 7b Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 21 Abs. 4 ATSG eine Ver-
weigerung oder Kürzung der Leistungen möglich (E. 5.3.1).
4.4.2 Diese neue Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisände-
rung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (vgl. Urteil des BGer
8C_756/2017 vom 7. März 2018 E. 4 mit weiterem Hinweis) und somit auch
im vorliegenden Fall massgebend.
4.4.3 Ausgangspunkt dieser Prüfung und erste Voraussetzung für eine An-
spruchsberechtigung bildet eine psychiatrische, lege artis gestellte Diag-
nose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.1;
143 V 418 E. 6 und E. 8.1). Eine invalidenversicherungsrechtlich erhebli-
che Gesundheitsbeeinträchtigung liegt nur vor, wenn die Diagnose im Rah-
men einer Prüfung auf der ersten Ebene auch unter dem Gesichtspunkt
der Ausschlussgründe nach BGE 131 V 49 standhält. Danach liegt regel-
mässig keine versicherte Gesundheitsschädigung vor, soweit die Leis-
tungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Erscheinung be-
ruht (BGE 141 V 281 E. 2.2 und E. 2.2.1).
4.4.4 Liegt auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe eine ver-
sicherte Gesundheitsschädigung vor, erfolgt auf der zweiten Ebene an-
hand eines normativen Prüfungsrasters mit einem Katalog von Indikatoren
eine ergebnisoffene symmetrische Beurteilung des – unter Berücksichti-
gung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – tatsächlich erreich-
baren Leistungsvermögens (BGE 141 V 281 E. 3.6). Die für die Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat das Bundesgericht wie folgt
systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie «funktioneller Schwe-
regrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesundheitsschädigung» (Ausprä-
gung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome; Behandlungs- und
C-2820/2019
Seite 11
Eingliederungserfolg oder -resistenz; Komorbiditäten [E. 4.3.1]), «Persön-
lichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struktur, grundlegende psychi-
sche Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kontext» (E. 4.3.3) sowie Kate-
gorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens [E. 4.4]) mit den Fak-
toren gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen ver-
gleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und behandlungs- und eingliede-
rungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck (E. 4.4.2).
4.4.5 Hinsichtlich der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit haben sich sowohl
die medizinischen Sachverständigen als auch die Organe der Rechtsan-
wendung bei ihrer Einschätzung des Leistungsvermögens an den norma-
tiven Vorgaben zu orientieren; die Gutachter im Idealfall gemäss der ent-
sprechend formulierten Fragestellung (BGE 141 V 281 E. 5.2). Die Rechts-
anwender prüfen die medizinischen Angaben frei insbesondere daraufhin,
ob die Ärzte sich an die massgebenden normativen Rahmenbedingungen
gehalten haben und ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellun-
gen anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit
schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 6).
4.4.6 Aus Gründen der Verhältnismässigkeit kann von einem strukturierten
Beweisverfahren abgesehen werden, wo es nicht nötig oder auch gar nicht
geeignet ist. Die Frage der Notwendigkeit in diesem Sinne beurteilt sich
nach dem konkreten Beweisbedarf (BGE 145 V 215 E. 4.3; 143 V 418
E. 7.1).
4.5 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Ren-
tenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Ge-
such hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgeho-
ben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche
Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente,
die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Anspruch zu beeinflus-
sen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Ge-
sundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich ge-
bliebenem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Er-
werbs- oder Aufgabenbereich von Bedeutung. Hingegen ist die lediglich
unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen gleich gebliebenen
Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext unbeachtlich (BGE 141 V 9
E. 2.3 mit Hinweisen).
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2019&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=Sucht&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-V-409%3Ade&number_of_ranks=0#page409
C-2820/2019
Seite 12
4.6
4.6.1 Nach Bst. a Abs. 1 SchlBest. IVG werden Renten, die bei pathoge-
netisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern ohne nach-
weisbare organische Grundlage gesprochen wurden, innerhalb von drei
Jahren nach Inkrafttreten dieser Änderung überprüft. Sind die Vorausset-
zungen nach Art. 7 ATSG nicht erfüllt, so wird die Rente herabgesetzt
oder aufgehoben, auch wenn die Voraussetzungen von Art. 17 Abs. 1
ATSG nicht erfüllt sind. Diese Bestimmung wurde höchstrichterlich als ver-
fassungs- und EMRK-konform beurteilt (BGE 139 V 547). Sie findet laut
Bst. a Abs. 4 SchlBest. IVG keine Anwendung auf Personen, die im Zeit-
punkt des Inkrafttretens der Änderung das 55. Altersjahr zurückgelegt ha-
ben oder im Zeitpunkt, in dem die Überprüfung eingeleitet wird, seit mehr
als 15 Jahren eine Rente der Invalidenversicherung beziehen.
4.6.2 Mit BGE 140 V 197 E. 6.2.3 klärte das Bundesgericht die Frage der
Anwendbarkeit der Schlussbestimmung in Fällen mit sowohl syndromalen
wie nichtsyndromalen Beschwerden (vgl. zum Ganzen auch Urteil BGer
9C_121/2014 vom 3. September 2014 [SVR 2014 IV Nr. 39] E. 2.4 ff.).
Demnach findet Bst. a Abs. 1 SchlBest. auf "unklare" Beschwerden An-
wendung, wenn sich diese von "erklärbaren" Beschwerden trennen lassen.
Laufende Renten sind von einer Überprüfung unter diesem Rechtstitel nur
ausgeschlossen, wenn und soweit sie auf "erklärbaren" Beschwerden be-
ruhen. Mit Blick auf den Zweck der Schlussbestimmung gilt es zu vermei-
den, dass Bezüger von Renten, die sowohl für unklare als auch für objek-
tivierbare Beschwerden zugesprochen wurden, bessergestellt werden als
die Bezüger laufender Renten, welche nur auf unklaren Beschwerden be-
ruhen; sie sollten auch nicht gegenüber Versicherten bevorteilt werden,
welche neu eine Rente sowohl für unklare als auch für "erklärbare" Be-
schwerden beantragen (BGE 140 V 197 a.a.O.). Damit präzisierte das Bun-
desgericht die in BGE 139 V 547 gemachten Ausführungen. Dort hatte es
ausgeführt, die Revision einer Invalidenrente nach Bst. a Abs. 1 SchlBest.
IVG setze unter anderem voraus, dass die Rentenzusprechung "aus-
schliesslich" aufgrund der Diagnose eines unklaren syndromalen Be-
schwerdebildes erfolgt ist (E. 10.1.1) und dass im Revisionszeitpunkt "aus-
schliesslich" ein solches vorliegt (E. 10.1.2).
4.6.3 Nach BGE 140 V 197 ist die Schlussbestimmung bei kombinierten
Beschwerden anwendbar, wenn die unklaren und die "erklärbaren" Be-
schwerden – sowohl diagnostisch als auch hinsichtlich der funktionellen
C-2820/2019
Seite 13
Folgen – auseinandergehalten werden können. Ein organisch begründeter
Teil der Arbeitsfähigkeit kann bei Anwendbarkeit der Schlussbestimmung
nur neu beurteilt werden, sofern eine Veränderung im Sinne von Art. 17
ATSG eingetreten ist. Insoweit wird im Anwendungsbereich der Schluss-
bestimmung vom Grundsatz abgewichen, dass die Verwaltung im Rahmen
einer materiellen Revision den Rentenanspruch in tatsächlicher und recht-
licher Hinsicht umfassend prüft (9C_121/2014 E. 2.4.2 m.w.H.).
4.6.4 Liegt ein "Mischsachverhalt" vor, bei dem es unmöglich ist festzustel-
len, wie gross der Anteil der organisch bedingten Beschwerden bei der
Rentenzusprechung war, wäre ein Abstellen auf die aktuelle gutachtliche
Einschätzung nicht zu vereinbaren mit der Rechtsprechung, wonach der
auf erklärbaren Beschwerden beruhende Teil der Invalidität unter dem
Rechtstitel der Schlussbestimmung nicht überprüft werden kann. In einem
solchen Fall bestimmt sich die (diesfalls zu einer integralen Neuprüfung
führende) Anwendbarkeit der Schlussbestimmung nach folgendem Grund-
satz: Besteht (im Zeitpunkt der Rentenzusprechung und/oder -überprü-
fung) neben dem syndromalen Zustand eine davon unabhängige organi-
sche oder psychische Gesundheitsschädigung, so hängt die Anwendbar-
keit der Schlussbestimmung davon ab, dass die weitere ("nichtsyndro-
male") Gesundheitsschädigung die anspruchserhebliche Arbeitsunfähig-
keit nicht mitverursacht, das heisst letztlich nicht selbständig zur Begrün-
dung des Rentenanspruchs beigetragen hat. Wenn sie die Auswirkungen
des unklaren Beschwerdebildes bloss verstärkte, bleibt eine Rentenrevi-
sion unter diesem Rechtstitel möglich (9C_121/2014 E. 2.6; vgl. auch Urteil
BGer 9C_872/2014 vom 17. März 2015 E. 3.3; Urteil BGer 8C_90/2015
vom 23. Juli 2015 E. 3.2).
4.6.5 Wird die Rente gestützt auf Bst. a Abs. 1 SchlBest. IVG herabgesetzt
oder aufgehoben, so hat die Bezügerin oder der Bezüger Anspruch auf
Massnahmen zur Wiedereingliederung nach Art. 8a IVG. Ein Anspruch auf
eine Übergangsleistung nach Art. 32 Abs. 1 Bst. c IVG entsteht dadurch
nicht (Bst. a Abs. 2 SchlBest. IVG). Werden Massnahmen zur Wiederein-
gliederung nach Art. 8a IVG durchgeführt, so wird die Rente bis zum Ab-
schluss der Massnahmen weiter ausgerichtet, längstens aber während
zwei Jahren ab dem Zeitpunkt der Aufhebung oder Herabsetzung (Bst. a
Abs. 3 SchlBest. IVG). Der Anspruch auf Wiedereingliederungsmassnah-
men ist Folge der Reduktion oder Aufhebung der Rente (Urteil des BGer
8C_667/2015 vom 6. September 2016 E. 4.1).
C-2820/2019
Seite 14
4.6.6 Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen entsteht frühestens
mit der Unterstellung unter die obligatorische oder freiwillige Versicherung
und endet spätestens mit dem Ende der Versicherung (Art. 9 Abs. 1bis IVG).
Diese Voraussetzung der Versicherungsunterstellung gilt auch für die in
lit. a Abs. 2 SchlBest. in Verbindung mit Art. 8a IVG vorgesehenen Wieder-
eingliederungsmassnahmen (BGE 145 V 266 E. 4.2). Es ist mit dem Ge-
meinschaftsrecht, insbesondere dem Diskriminierungsverbot, vereinbar,
Personen ohne Wohnsitz und Erwerbstätigkeit in der Schweiz, deren Inva-
lidenrente gestützt auf lit. a Abs. 1 SchlBest. IVG aufgehoben wurde, man-
gels Versicherungsunterstellung vom Anspruch auf Wiedereingliederungs-
massnahmen und vom akzessorischen Anspruch auf Weiterausrichtung
der bisherigen Rente während deren Dauer (lit. a Abs. 2 und 3 SchlBest.)
auszuschliessen (E. 6.3).
5.
Das Bundesverwaltungsgericht ist im konkreten Fall mit Urteil C-5000/2014
vom 21. Oktober 2016 zum Schluss gelangt, dass die Voraussetzungen für
eine Rentenüberprüfung gemäss Bst. a Abs. 1 SchlBest. IVG gegeben sind
(E. 5.7). Dies wird von der Beschwerdeführerin im vorliegenden Beschwer-
deverfahren nicht (mehr) infrage gestellt. Bei dieser Rentenüberprüfung
stellen sich grundsätzlich die gleichen Fragen, wie wenn ein erstmaliges
Leistungsgesuch zu beurteilen ist. Für die Zulässigkeit der Aufhebung der
Rente nach Massgabe von Bst. a Abs. 1 SchlBest. IVG ist erforderlich, dass
diese noch immer auf einem unklaren Beschwerdebild gründet (BGE 140
V 197; 139 V 547 E. 10.1.2). Sofern organisch erklärbare Beschwerden
eine Änderung erfahren haben, sind diese unter dem Aspekt der Revision
gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG zu überprüfen (vgl. dazu z.B. Urteil des BGer
9C_688/2016 vom 16. Februar 2017 E. 3.2). Umstritten und nachfolgend
zu prüfen ist, ob das von der Vorinstanz veranlasste polydisziplinäre Gut-
achten beweiskräftig ist und damit auch, ob ein rentenbegründender Inva-
liditätsgrad mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu verneinen ist.
5.1 Die Vorinstanz führt zur Begründung ihrer Verfügung im Wesentlichen
aus, die ausführliche Prüfung der Akten unter Berücksichtigung der Stan-
dardindikatoren habe ergeben, dass der Gesundheitsschaden keine Aus-
wirkung auf die Erwerbsfähigkeit habe. Der psychiatrische Gutachter habe
sich ausführlich mit den teilweise abweichenden Diagnosen der behan-
delnden Ärzte auseinandergesetzt. Für das Vorliegen einer Agoraphobie
oder Panikstörung ergebe sich aufgrund der anamnestischen Angaben und
der Tagesaktivitäten der Beschwerdeführerin im ganzen Dossier kein Hin-
weis. Entgegen der Argumentation der Beschwerdeführerin erfüllten die
C-2820/2019
Seite 15
geltend gemachten Ereignisse (sexueller Übergriff in der Kindheit, Streit
mit dem Ex-Ehemann) die massgebenden Kriterien der aussergewöhnli-
chen Bedrohung, wie sie für die Diagnose der posttraumatischen Belas-
tungsstörung (PTBS) erforderlich wären, nicht. Auch die von der behan-
delnden Psychologin gestellte Diagnose einer andauernden Persönlich-
keitsstörung nach Extrembelastung könne nicht nachvollzogen werden.
Die Beschwerdeführerin habe schliesslich im vorinstanzlichen Verfahren
ausgeführt, dass sie unter keinen Umständen in die Schweiz ziehen wolle
und keine Unterstützung in der Wiedereingliederung wünsche (act. 274).
5.2 Die Beschwerdeführerin bringt dagegen vor, dass das von der Vor-
instanz veranlasste polydisziplinäre Gutachten der medexperts ag nicht
beweiskräftig sei. Erstens gingen die Gutachter nicht auf den E._-
Austrittsbericht vom 19. November 2010 ein, in welchem bei ihr insbeson-
dere eine posttraumatische Belastungsstörung und eine Agoraphobie mit
Panikstörung diagnostiziert worden sei. Zweitens sei die Argumentation
des psychiatrischen Teilgutachters insoweit aktenwidrig, als dieser zum
Schluss gekommen sei, sie habe die massgeblichen Symptome erst nach
Einstellung der Invalidenrente im Jahr 2014 gezeigt. Daraus folge drittens,
dass der psychiatrische Gutachter den genannten Austrittsbericht zwar er-
wähnt, aber nicht wirklich gewürdigt habe. Damit stehe schliesslich auch
fest, dass der psychiatrische Gutachter bei der Ausarbeitung seines Gut-
achtens nicht die notwendige Sorgfalt aufgewendet habe. Eine Auseinan-
dersetzung mit den abweichenden Beurteilungen der behandelnden Ärzte
habe nicht stattgefunden.
5.3 In ihrer Beschwerdevernehmlassung hält die Vorinstanz an ihrer bishe-
rigen Beurteilung fest mit der Begründung, gemäss polydisziplinärem Gut-
achten liege ausschliesslich eine orthopädisch begründete Arbeitsunfähig-
keit von 10 % vor. Entgegen der Argumentation der Beschwerdeführerin
habe sich der psychiatrische Gutachter mit den früher gestellten Diagno-
sen der behandelnden Ärzte sehr wohl auseinandergesetzt, diese ausführ-
lich diskutiert und mit überzeugender Begründung verworfen. Der von der
Beschwerdeführerin im Beschwerdeverfahren neu eingereichte Austritts-
bericht der Klinik E._ betreffend den ersten Aufenthalt von Juli bis
September 2008 vermöge daran nichts zu ändern. Dies werde denn auch
im beigefügten (im Zuge des Beschwerdeverfahren erstellten) Bericht von
Dr. med. F._ vom 9. Juli 2019 überzeugend begründet. Danach
stünden die Austrittsberichte der Klinik E._ nicht im Widerspruch
zur Schlussfolgerung des psychiatrischen Gutachtens. Anders als bei den
C-2820/2019
Seite 16
behandelnden Ärzten finde im Gutachten eine Diskussion des Verhältnis-
ses zwischen subjektiven Angaben und den erhobenen Befunden statt. Die
Alkoholproblematik habe bereits zum Zeitpunkt des Aufenthaltes in der Kli-
nik E._ (2008) und in der Klinik G._ (2013) bestanden. Wäh-
rend des Aufenthaltes in der Klinik G._ sei es der Beschwerdefüh-
rerin indes gelungen, unter Kontrolle abstinent zu bleiben. Dies belege,
dass noch keine Abhängigkeit bestehe. Bezüglich der akzentuierten Per-
sönlichkeitszüge und des Alkoholmissbrauchs sei der Gesundheitsscha-
den minimal und könne keine Arbeitsunfähigkeit begründen, was sich auch
in den Freizeitbeschäftigungen der Beschwerdeführerin zeige (BVGer
act. 8 samt Beilage).
5.4 In ihrer Replik hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen und an
ihrer Begründung fest und hebt ergänzend hervor, die Schlussfolgerungen
des psychiatrischen Gutachters, wonach vor der Renteneinstellung angeb-
lich keine Symptome vorgelegen hätten, seien offensichtlich aktenwidrig,
zumal damit die aus den Akten hervorgehenden zwei längeren stationären
psychiatrischen Behandlungen ausgeblendet würden. Bei einer neuen psy-
chiatrischen Begutachtung müsste überdies der geänderten bundesrecht-
lichen Praxis zur Suchtproblematik (9C_724/2018 vom 11. Juli 2019) Rech-
nung getragen werden (BVGer act. 10).
5.5 Die Vorinstanz hält ihrerseits in ihrer Duplik an den bisherigen Anträgen
fest und verweist zur ergänzenden Begründung auf eine weitere Stellung-
nahme von Dr. med. F._ vom 25. Oktober 2019. Danach sei einzig
die Diagnose des Alkoholabusus gestellt worden und der Gutachter habe
aufgrund der erhöhten Laborparameter eine Entzugsbehandlung empfoh-
len, was dem üblichen Umgang mit derartigen Störungen entspreche. Ein
irreversibler Schaden des Alkoholmissbrauchs sei bisher nicht manifest.
Bisher sei denn auch kein Alkoholentzug durchgeführt worden und von den
behandelnden Ärzten sei die Diagnose nicht gestellt worden. Bezüglich der
psychischen Auffälligkeiten könne nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob
diese ohne Alkoholkonsum verschwinden würden, da diese ebenso gut
durch die akzentuierten Persönlichkeitszüge bedingt sein könnten (BVGer
act. 14 samt Beilage).
5.6 In ihrer unaufgeforderten Stellungnahme vom 15. November 2019
bringt die Beschwerdeführerin ergänzend vor, die Stellungnahme des me-
dizinischen Dienstes vom 25. Oktober 2019 sei widersprüchlich und nicht
überzeugend. Die Annahme, sie habe möglicherweise einzig im Zusam-
C-2820/2019
Seite 17
menhang mit der Trauer um den verstorbenen Hund mehr Alkohol konsu-
miert, stehe im Widerspruch zu den früheren Stellungnahmen derselben
Psychiaterin vom 20. Januar 2018 und vom 9. Juli 2019. Überdies
schliesse ein freiwilliger Klinikeintritt schwere psychiatrische Befunde nicht
aus (BVGer act. 16).
6.
Zu prüfen ist, ob die Vorinstanz – insbesondere mit Blick auf die mit
BGE 145 V 215 im Jahr 2019 geänderte Rechtsprechung – gestützt auf
das polydisziplinäre Gutachten der medexperts vom 9. Januar 2018 einen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin verneinen durfte respektive ob
der medizinische Sachverhalt genügend abgeklärt ist.
6.1 Im Anschluss an einen stationären Rehabilitationsaufenthalt der Versi-
cherten in der Klinik Valens vom 13. Mai 2004 bis 2. Juni 2004 hielt Dr.
med. H._ als Diagnosen ein chronisches zervikozephales
Schmerzsyndrom, ein leichtes spondylogenes Schmerzsyndrom und eine
psychische Belastungssituation fest. Ferner führte er aus, durch da multi-
modale Therapieprogramm habe eine geringe Verbesserung der muskulä-
ren Stabilisation erreicht werden können. Es bestehe ferner ein Nikotina-
busus sowie ein regelmässiger Rot- und Weissweinkonsum (act. 1, S. 1 -
4).
6.2 Mit Austrittsbericht vom 17. September 2008 führte med. pract. Silvano
Sommer, Leitender Arzt der Privatklinik E._, aus, die Beschwerde-
führerin sei in der Zeit vom 24. Juli 2008 bis 6. September 2008 wegen
zunehmenden Beschwerden und einer Angstsymptomatik in der Klinik hos-
pitalisiert gewesen. Seit der Reaktivierung von früheren Gewalterlebnissen
und Gefühlen des Hilflos-Ausgeliefertseins anlässlich einer aggressiven
Konfrontation mit einem Polizeibeamten leide sie an einer posttraumati-
schen Belastungsstörung mit Intrusionen und überschwemmenden Affek-
ten. Neben der posttraumatischen Belastungsstörung seien auch ein zer-
vikozephales Syndrom mit Schmerzen nach mehreren Traumata und eine
Agoraphobie mit Panikstörung zu diagnostizieren (Beilage 6 zu BVGer
act. 1).
6.3 Im Anschluss an einen stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin
in der Privatklinik E._ hielt Dr. med. I._ mit Bericht vom
19. November 2010 als Diagnosen eine posttraumatische Belastungsstö-
rung (ICD-10 F43.1), ein zervikozephales Schmerzsyndrom mit chroni-
schen Schmerzen nach mehreren Traumata sowie eine Agoraphobie mit
C-2820/2019
Seite 18
Panikstörung (ICD-10 F40.01) fest. Ferner führte sie aus, die Beschwerde-
führerin habe die Klinik in stark verbessertem Zustand verlassen. Sie zeige
noch eine erhöhte Aufmerksamkeit (Vigilanz), Schreckhaftigkeit, Wiederer-
innern und Schmerzerleben (Visuelle Analogskala [VAS] 4 - 5). Auf einen
Ausbau der medikamentösen Therapie sei auf ausdrücklichen Wunsch der
Beschwerdeführerin verzichtet worden (act. 129).
6.4 Mit orthopädischem Gutachten vom 15. Januar 2013 hielt Dr. med.
B._, orthopädische Chirurgie FMH/FMCH, als Diagnosen ein chro-
nisches zervikozephales Schmerzsyndrom (seit 2002), eine Depression
und posttraumatische Belastungsstörungen sowie histrionische Persön-
lichkeitszüge fest. In seiner Beurteilung kam er zum Schluss, dass aus or-
thopädischer Sicht keine signifikanten Einschränkungen bestünden, so
dass in dieser Hinsicht weder in der angestammten noch in einer ange-
passten Tätigkeit eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit gegeben sei.
Aus körperlicher Sicht bestehe eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit; lediglich
Schwerstarbeiten mit regelmässigen Überkopfbewegungen seien kaum
mehr zumutbar (act. 48, S. 6 -11).
6.5 Dr. med. C._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, führte in
seinem Teilgutachten vom 4. März 2013 die Diagnosen des chronischen
zervikozephalen Syndroms sowie der akzentuierten Persönlichkeit mit his-
trionischen, unreifen Zügen (ICD-10 Z73.1) an (act. 53, S. 15). In seiner
Beurteilung kam er zum Schluss, dass kein psychiatrisches Krankheitsbild
vorliege und die funktionelle Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin
aus psychiatrischen Gründen nicht eingeschränkt sei (act. 53, S. 15 - 21).
6.6 Mit Bericht vom 27. Januar 2017 hielt Dr. med. J._, Spital
K._, fest, dass das gleichentags durchgeführte MRI der Wirbelsäule
(BWK 12-SWK 5) einen altersentsprechenden Befund der Lendenwirbel-
säule ergeben habe. Es bestünden keine Skoliose, kein Knochenmark-
ödem, kein Weichteilödeme, ein normal weiter Spinalkanal in allen Bewe-
gungssegmenten, kein Nachweis einer neuroforaminalen Einengung und
keine das Altersmass überschreitenden degenerativen Veränderungen
(act. 179).
6.7 Die behandelnde Psychotherapeutin, Dr. phil. L._, hielt in ihrem
Bericht vom 23. August 2017 insbesondere fest, bei der Beschwerdeführe-
rin seien Ängste (das Haus zu verlassen, vor Gewalt durch Fremde), ein
Vermeidungsverhalten, Schlafstörungen, Albträume, Intrusionen, eine
chronische Müdigkeit, starke Konzentrations- und Gedächtnisbeschwer-
den, stark schwankende, vor allem depressive Gemütszustände, eine
C-2820/2019
Seite 19
Schreckhaftigkeit und Reizbarkeit sowie andauernde, starke chronische
Schmerzen (Kopf, Nacken, Lenden) zu befunden. Bei der Beschwerdefüh-
rerin sei überdies eine andauernde Persönlichkeitsänderung (ICD-10
F62.0), vermutlich als Folge einer chronifizierten posttraumatischen Belas-
tungsstörung nach Gewalteinwirkung durch den Ehemann (2002), zu diag-
nostizieren (act. 200).
6.8 Das von Dr. med. M._, Fachärztin für Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie des Bewegungsapparates, Dr. med. N._, Fach-
ärztin für Neurologie, und Dr. med. O._, Assistenzärztin Neurologie,
Dr. med. D._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sowie
von Dr. med. P._, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, am
9. Januar 2018 erstellte polydisziplinäre Gutachten beruht auf einer Anam-
neseerhebung, fachärztlichen Untersuchungen, die in der Zeit vom 20. bis
22. November 2017 stattfanden, und wurde in Kenntnis der wesentlichen
Vorakten erstellt. Gegenüber den Gutachtern berichtete die Beschwerde-
führerin, die seit vielen Jahren bestehenden Nackenschmerzen seien zu-
nehmend stärker geworden. Sie verspüre jetzt eine Schwäche im rechten
Arm und sei dadurch auch in ihren Hausarbeiten eingeschränkt. Das He-
ben der Töpfe und Pfannen sei erschwert. Tätigkeiten über Kopf seien fast
nicht möglich, da bei diesen sofort ein Schwindelgefühl auftrete. Die
Schmerzintensität betrage zwischen VAS 6 - 8. Sie leide oft an Kopf-
schmerzen. Insgesamt merke sie, dass sie in ihrer Konzentration einge-
schränkt und in ihrer Bewegung verlangsamt sei. Ihre Schmerzen behandle
sie mit (ärztlich verschriebenem) Marihuana. Was den Alkoholkonsum be-
treffe, habe sie in den letzten Wochen sehr tief in das Glas geschaut, denn
sie habe ihren Hund verloren, der während vierzehneinhalb Jahren ihr
treuer Begleiter gewesen sei (act. 225, S. 23 f.).
6.8.1 Im orthopädischen Teilgutachten wurde namentlich ausgeführt, bei
der Beschwerdeführerin sei ein guter Allgemeinzustand zu befunden. Eine
manuelle Untersuchung der HWS habe die Beschwerdeführerin abge-
wehrt. Im Bereich der BWS/LWS bestehe im Sitzen eine vermehrte BWS-
Kyphose, im Stehen eine mässige Hyperlordose der LWS. Beim rechten
Bein bestehe eine diffuse Hyposensibilitätsstörung (rechts lateral bis hin
zum Sprunggelenk). Die bildgebenden Röntgenbefunde des Spitals
K._ vom 27. Januar 2017 hätten einen altersentsprechenden Be-
fund der LWS ergeben. Im Vergleich zur Voruntersuchung seien die dege-
nerativen Veränderungen in der Tendenz etwas progredient (act. 225, S. 25
- 27).
C-2820/2019
Seite 20
6.8.2 Im psychiatrischen Teilgutachten wurde keine Diagnose mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit gestellt. Es wurden folgende Diagnosen ohne Ein-
fluss auf die Arbeitsfähigkeit festgehalten:
– schädlicher Alkoholgebrauch (ICD-10 F10.10)
– akzentuierte histrionische Persönlichkeitszüge (ICD-10 Z73.1)
In seiner Beurteilung führte der psychiatrische Gutachter aus, ein Leidens-
druck sei bei der Beschwerdeführerin nicht zu spüren. Eine spezifische Be-
handlung des chronischen Alkoholabusus sei aus psychiatrischer Sicht
dringend indiziert und der Beschwerdeführerin auch zumutbar. Eingliede-
rungsmassnahmen seien aus psychiatrischer Sicht nicht erforderlich. Die
Beschwerdeführerin mache sodann widersprüchliche Angaben über ihre
Lebensführung. Sie fühle sich ausserstande, einer regelrechten Arbeitstä-
tigkeit nachzugehen und gebe an, an Schmerzen zu leiden; doch in der
Freizeitgestaltung und in den weiteren sozialen Aktivitäten sei sie nicht ein-
geschränkt. Eine krankheitsbedingte Unfähigkeit zur Therapieadhärenz
liege nicht vor. Aus psychiatrischer Sicht könne keine langanhaltende Ar-
beitsunfähigkeit attestiert werden. Es liege keine schwere psychische Stö-
rung vor, welche die Beschwerdeführerin in den zu beurteilenden Fähigkei-
ten gemäss Mini-ICF-APP in einem invalidisierenden Ausmass beeinträch-
tigen würde. Vorübergehende Beeinträchtigungen bestimmter Funktionen
könnten durch den überhöhten Alkoholkonsum auftreten. Dabei handle
sich aber um einen Zustand, der durch geeignete Behandlung besserungs-
fähig sei. Eine spezifische Behandlung des chronischen Alkoholabusus sei
aus psychiatrischer Sicht dringend indiziert und der Beschwerdeführerin
auch zumutbar. Es sei die Behandlung in einer Suchtfachstelle zu empfeh-
len. Der chronische Alkoholmissbrauch sei eine Diagnose ohne Auswir-
kung auf die Arbeitsfähigkeit. Hinsichtlich des Alkoholmissbrauchs sei die
Beschwerdeführerin uneinsichtig und habe keinen Leidensdruck gezeigt,
«um mit einer solchen Behandlung einverstanden zu sein» (act. 225, S. 27
- 35).
6.8.3 Die internistische Gutachterin hielt in ihrem Teilgutachten vom
22. November 2017 folgende Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfä-
higkeit fest:
– Hepatopathie, wahrscheinlich als Folge des chronischen Alkoholkonsums
– Nikotinkonsum
C-2820/2019
Seite 21
Aus rein allgemein-internistischer Sicht sei die Beschwerdeführerin ohne
Einschränkung voll arbeitsfähig. Aus internistischer Sicht wäre eine Life-
style-Korrektur mit vermehrter körperlicher Betätigung, einem Sistieren des
Alkohol- und Nikotinkonsums sowie eine regelmässige klinische und labor-
chemische Kontrolle der Leberwerte und eine Sonografie der Leber sinn-
voll act. 225, S. 35 - 40).
6.8.4 Im neurologischen Teilgutachten vom 20. November 2017 wurden
ebenfalls keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt. Als
Diagnose ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurden episodische Kopf-
schmerzen, am ehesten vom Spannungstyp (differenzialdiagnostisch al-
lenfalls durch die Zervikozephalgie oder das Muskel-Skelett bedingt), ge-
stellt. Die neurologischen Gutachter kommen zum Schluss, dass aus neu-
rologischer Sicht keine Schädigungen zu finden seien, welche Auswirkun-
gen auf das mittel- und langfristige berufliche Leistungsvermögen der Be-
schwerdeführerin hätten. Somit ergebe sich aus neurologischer Sicht keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (act. 225, S. 40 - 49).
6.8.5 Im Rahmen der interdisziplinären Gesamtbeurteilung wurde festge-
halten, dass aus versicherungsmedizinischer Sicht ausschliesslich das di-
agnostizierte zerviozephale und zervikobrachiale Schmerzsyndrom einen
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit habe. Die orthopädische Untersuchung der
HWS und der LWS habe eine weitgehend normale Beweglichkeit ergeben.
Im Sitzen habe sich eine vermehrte BWS-Kyphose als Zeichen der mus-
kulären Dekonditionierung gezeigt. Die Beweglichkeit der Lendenwirbel-
säule sei uneingeschränkt gewesen. Die Druckdolenz im Bereich der Rü-
ckenstrecker weise auf eine myofasziale Problematik bei Schon-/Fehlhal-
tung hin. Aktuell könne keine Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Aus or-
thopädischer Sicht ergebe sich aus den vorliegenden Befunden keine we-
sentliche Einschränkung der Arbeitsunfähigkeit (recte: Arbeitsfähigkeit). Al-
lenfalls werde aufgrund der chronifizierten Schmerzen eine Leistungsmin-
derung von 10 % angenommen. Nicht zumutbar seien schwere und mittel-
schwere Tätigkeiten sowie regelmässige Tätigkeiten über Kopf- und Schul-
terhöhe mit häufiger Rotation oder Inklination der Halswirbelsäule sowie
schweres Heben und Tragen von Gewichten über 10 kg und regelhaft
durchgeführte einseitige Zwangshaltungen. Aus neurologischer, internisti-
scher und psychiatrischer Sicht bestünden keine Diagnosen mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit. Aus polydisziplinärer Sicht werde der Beschwerde-
führerin in der angestammten Tätigkeit eine Leistungsminderung von 10 %
(ausgehend von einem 100 %-Pensum) attestiert. Diese Einschränkung
C-2820/2019
Seite 22
sei durch die Schmerzchronifizierung, eine anzunehmende Verlangsa-
mung sowie die diagnostizierten degenerativen Veränderungen der HWS
begründet (act. 225, S. 50 - 53).
6.9 Als Vertreterin des medizinischen Dienstes der Vorinstanz führte Dr.
med. F._ nach Prüfung des genannten Gutachtens mit Stellung-
nahme vom 20. Januar 2018 aus, das polydisziplinäre Gutachten sei be-
weiskräftig und schlüssig begründet. Seit der letzten interdisziplinären Un-
tersuchung hätten sich keine Veränderungen ergeben. Die Beschwerde-
führerin klage nach wie vor über ein chronisches Schmerzsyndrom. Dieses
sei durch die erhobenen Befunde nicht objektivierbar, und in den Alltags-
aktivitäten zeigten sich keine relevanten Beeinträchtigungen. Der Vollstän-
digkeit halber soll der Fall indes – aufgrund der leicht zunehmenden radio-
logisch nachgewiesenen degenerativen Veränderungen der HWS – einem
somatischen Gutachter, am besten einem Rheumatologen, vorgelegt wer-
den (act. 229).
6.10 Dr. med. Q._, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH beim medi-
zinischen Dienst der Vorinstanz, führte mit Stellungnahme vom 30. Januar
2018 aus, er habe den Ausführungen von Dr. med. F._ vom 20. Ja-
nuar 2018 nichts beizufügen (act. 231).
6.11 In einer ergänzenden Stellungnahme vom 28. Juni 2018 hielt Dr. med.
F._ fest, dass die Beurteilungen in den beiden psychiatrischen Ex-
pertisen (Dr. med. C._ im Jahr 2013) und Dr. med. D._
(2018) übereinstimmten. Zutreffend seien die Diagnosen der posttraumati-
schen Belastungsstörung sowie der Agoraphobie bzw. Panikstörung ver-
neint worden. Bei den diagnostizierten akzentuierten Persönlichkeitszügen
(ICD-10 Z73.1) handle es sich um eine Normvariante, d. h. um einen mini-
malen Gesundheitsschaden (act. 242).
7.
7.1 Aus dem polydisziplinären Gutachten geht hervor, dass bei der Be-
schwerdeführerin ein seit Jahren bekannter Alkoholabusus (ICD-10 F10.1)
zur Diskussion steht. Der chronische Alkoholkonsum hat mutmasslich auch
zur diagnostizierten Hepatopathie geführt (polydisziplinäres Gutachten,
act. 225, S. 52). Darüber hinaus hat die Laboranalyse des Blutes (vgl. Bei-
lage zum interdisziplinären Gutachten, act. 225, S. 57) bezüglich der für
die Frage der Alkoholproblematik relevanten Werte (CDT [Carbohydrate-
Defiziente Transferrin], MCV [mittleres korpuskuläres Volumen] und y-GT
C-2820/2019
Seite 23
[Leberenzym Gamma-GT]) durchwegs überdurchschnittlich hohe Werte
ergeben. Der MCV-Wert belief sich auf 103 fl. (Norm: 81 - 100 fl.), der y-
GT betrug 155 (Norm: < 39) und der CDT-Wert gar 12.2 % (Norm: < 1.6 %).
Die Kombination der Biomarker CDT, y-GT und MCV weist laut Untersu-
chungen eine hohe Sensitivität und Spezifität auf (vgl. dazu S3-Leitlinie
«Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen»
Stand: 28. Februar 2016 [nachfolgend: S3-Leitlinie], S. 25 - 27; abrufbar
unter: www. awmf.org). Die diagnostizierte Leberschädigung sowie der
sehr hohe CDT-Wert von 12.2 % weisen auf einen chronischen und über-
mässigen Alkoholkonsum hin (vgl. dazu S3-Leitlinie, S. 23; so auch Urteil
des BVGer C-1268/2019 vom 17. September 2020 E. 5.3).
Die Ausführungen der Beschwerdeführerin, dass der Alkoholkonsum nie
ein Problem gewesen sei (act. 225, S. 29), sind unter diesen Umständen
wenig glaubhaft. Dies zumal auch im polydisziplinären Gutachten mehr-
fach auf das Alkoholproblem hingewiesen wird (vgl. dazu insbesondere
act. 225, S. 23 [regelmässiger Alkoholkonsum im Austrittsbericht des Spi-
tals K._ dokumentiert]; act. 225, S. 24 [sie habe «in den letzten Wo-
chen sehr tief in das Glas geschaut»]; act. 225, S. 29 [«Sie trinke zwar
Alkohol, aber nie übermässig. Der Alkoholkonsum sei nie ein Problem ge-
wesen. Es komme schon mal vor, dass sie über den Durst trinke, wie z.B.
nach dem Tod des Hundes») und auch ein schädlicher Alkoholkonsum
(ICD-10 F10.1) diagnostiziert worden ist mit dem Hinweis, die Versicherte
gebe zu, «sporadisch übermässig Alkohol zu trinken», wobei die erhöhten
Transaminasen und die erhöhten Gamma-GT und CDT-Werte diese Diag-
nose bestätigten. Zur orthopädischen Untersuchung sei die Versicherte zu-
dem mit einem Foetor aethylicus erschienen. Mit dem schädlichen Alkohol-
konsum gingen zudem nicht nur körperliche, sondern auch psychische
Schäden, einschliesslich einem gestörtem Verhalten mit negativen Konse-
quenzen in den zwischenmenschlichen Beziehungen, einher. Schliesslich
könnten auch weitere Symptome, wie Streitlust, Affektlabilität, Verstimmun-
gen, neurovegetative Beschwerden, passagere Ängste und misstrauisches
Verhalten erwähnt werden. Zu den Entzugssymptomen gehörten auch
Ängste bis hin zu Panikattacken, Impulshandlungen, Gefühle der Dereali-
sation, Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und Schlafstörungen. Es bestehe
ein dringender Verdacht, dass die von der Versicherten geltend gemachten
Beschwerden in psychischer Hinsicht auf den chronischen Alkoholabusus
zurückzuführen seien (act. 225, S. 32).
C-2820/2019
Seite 24
Wenn der psychiatrische Gutachter in diesem Zusammenhang festgehal-
ten hat, vorübergehende Beeinträchtigungen bestimmter Funktionen könn-
ten durch den überhöhten Alkoholkonsum auftreten, so genügt diese An-
nahme den vorstehend zitierten Anforderungen der neuesten Rechtspre-
chung zur Suchtabhängigkeit (gemäss BGE 145 V 215) nicht. Die Auffas-
sung des psychiatrischen Gutachters, wonach der chronische Alkoholmiss-
brauch von vornherein eine Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfä-
higkeit sei (act. 225, S. 35), ist überdies durch die vorstehend dargelegte
Rechtsprechung überholt. Hinzu kommt, dass auch der psychiatrische Gut-
achter von einem Zustand ausging, der dringend im Rahmen einer profes-
sionellen Suchttherapie behandelt werden müsste (E. 6.8.2 hievor).
Hinzu kommt, dass aus den weiteren Akten zahlreiche Hinweise für einen
seit Jahren bestehenden regelmässigen Alkoholkonsum hervorgehen
(act. 1, S. 4 [regelmässiger Rot- und Weissweinkonsum]; act. 53, S. 14
[«sie habe kein Alkoholproblem, ... ab und zu ein Glas Rotwein ... manch-
mal auch einen Cognac»]; act. 82, S. 4 [heftige Reaktion auf Alkoholkon-
trolle]; act. 128, S. 1 [diagnostizierter regelmässiger Alkoholkonsum];
act. 131 S. 1 [diagnostizierter regelmässiger Alkoholkonsum]). Auch dem
Bericht der G._ Privatklinik vom 27. Juni 2013 ist zu entnehmen,
dass die Kontrolle des (übermässigen) Alkoholkonsums schon damals the-
matisiert worden war (Austrittsbericht, act. 67, S. 5). Sodann geht auch aus
einem Schreiben der Liechtensteinischen Invalidenversicherung vom
22. Dezember 2014 hervor, dass damals eine stationäre Suchtbehandlung
(mindestens) in Betracht gezogen wurde (act. 159, S. 3).
Ferner steht auch fest, dass die Beschwerdeführerin – gestützt auf eine
Ausnahmebewilligung – zur Behandlung ihrer Schmerzen das Cannabi-
noid Dronabinol (2.5 % Tropfenlösung) eingenommen hat (vgl. dazu
act. 176).
7.2 Unter Berücksichtigung der geänderten Rechtsprechung gemäss
BGE 145 V 215, welche auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch
nicht erledigten Fälle anzuwenden ist (vgl. Urteil des BGer 8C_245/2019
vom 16. September 2019 E. 5 mit weiterem Hinweis) genügen die im poly-
disziplinären Gutachten vorgenommenen Abklärungen den massgeblichen
(hohen) Anforderungen nicht. Dies ist denn auch insoweit nachvollziehbar,
als das genannte Gutachten vom 9. Januar 2018 datiert, mithin einem Zeit-
punkt vor Einleitung der dargelegten Rechtsprechungsänderung (vom
11. Juli 2019).
C-2820/2019
Seite 25
7.3 Nachdem die nach altem Verfahrensstandard eingeholten Gutachten
nicht per se ihren Beweiswert verlieren, bleibt zu prüfen, ob das genannten
Gutachten gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fachärztlichen Berich-
ten eine schlüssige Beurteilung der invalidenversicherungsrechtlichen Re-
levanz des seit Jahren bekannten Alkoholabusus (ICD-10 F.10.1) im Lichte
der massgeblichen Indikatoren erlaubet oder nicht (vgl. BGE 145 V 215;
141 V 281 E. 8).
7.3.1 Die Vorinstanz hat mit Duplik vom 30. Oktober 2019 die ergänzende
Stellungnahme ihres medizinischen Dienstes vom 25. Oktober 2019 ein-
gereicht. Darin hat die Dr. med. F._ insbesondere auch zur Frage
der Auswirkung des Alkoholabusus auf die funktionelle Leistungsfähigkeit
Stellung bezogen und ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin nicht bei
jedem Gutachter mit Foetor alcoholicus erschienen sei. Demgemäss sei
einzig die Diagnose des Alkoholabusus gestellt worden. Aufgrund der er-
höhten Laborparameter habe der Gutachter eine Entzugsbehandlung emp-
fohlen, was dem üblichen Umgang mit derartigen Störungen in der Praxis
entspreche. Ein irreversibler Schaden des Alkoholmissbrauchs sei bisher
nicht manifest, und bisher sei kein Alkoholentzug durchgeführt worden. Es
sei durchaus möglich, dass die Beschwerdeführerin einzig im Zusammen-
hang mit der Trauer um den verstorbenen Hund mehr Alkohol konsumiert
habe. Aus medizinischer Sicht wäre bei anhaltendem Alkoholkonsum eine
Entzugstherapie zumutbar und sinnvoll. Bezüglich der psychischen Auffäl-
ligkeiten könne nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass diese ohne Alko-
holkonsum verschwinden würden, da diese ebenso gut durch die akzentu-
ierten Persönlichkeitszüge bedingt seien könnten (Beilage zu BVGer
act. 14).
7.3.2 Diese Ausführungen vermögen die festgestellten unvollständigen Be-
weisabklärungen nicht zu kompensieren. Denn zum einen ist unklar geblie-
ben, in welcher Ausprägung der Alkoholmissbrauch effektiv besteht. Insbe-
sondere wurden die erhobenen Laborwerte nicht diskutiert und auch keine
(für den Alkoholmissbrauch) spezifischen Befunde erhoben. Die blosse
Feststellung, dass die erhöhten Biomarker die Diagnose des schädlichen
Alkoholkonsums bestätigten (vgl. dazu polydisziplinäres Gutachten,
act. 225, S. 32), stellt keine hinreichende Auseinandersetzung mit den Be-
funden dar. In diesem Zusammenhang bedarf es einer eingehenden Aus-
einandersetzung mit der Art und Ausprägung der festgestellten Befunde
sowie einer nachvollziehbaren Herleitung der Diagnose(n) unter Bezug-
nahme auf die Anamnese des Substanzgebrauchs, einer körperlichen Un-
tersuchung, gegebenenfalls des Einsatzes alkohol- bzw. suchtspezifischer
C-2820/2019
Seite 26
Fragebögen und der Erhebung und Bewertung der erhobenen Laborwerte
(vgl. dazu S3-Leitlinie, S. 9 ff.; HORST DILLING/WERNER MONBOUR/MARTIN
H. SCHMIDT, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10
Kapitel V, Klinisch-diagnostische Leitlinien, 10. Aufl. 2015, S. 110 ff.).
Hinzu kommt, dass auch keine Diskussion über allfällige Wechselwirkun-
gen zwischen dem Alkoholabusus und den diagnostizierten akzentuierten
histrionischen Persönlichkeitszügen erfolgt ist. Dass die Beschwerdeführe-
rin ausschliesslich im Zusammenhang mit der Trauer um ihren verstorbe-
nen Hund mehr Alkohol konsumiert habe, kann – entgegen der Annahme
des medizinischen Dienstes der IVSTA (vgl. E. 7.3.1 hievor) – aufgrund der
zahlreichen Hinweise für den chronischen und übermässigen Alkoholkon-
sum ausgeschlossen werden, denn die Alkohol- bzw. Suchtmittelproblema-
tik besteht offenbar bereits seit mehreren Jahren.
Hinzu kommt, dass auch der psychiatrische Gutachter eine spezifische Be-
handlung des chronischen Alkoholmissbrauchs als dringend indiziert ein-
stuft (polydisziplinäres Gutachten, act. 225, S. 32 f.). Entgegen der Argu-
mentation des medizinischen Dienstes der Vorinstanz (vgl. E. 5.3 hievor)
schliesst zudem eine vorübergehende Alkoholabstinenz eine Alkoholab-
hängigkeit nicht von vornherein aus (vgl. hierzu DILLING/MON-
BOUR/SCHMIDT, a.a.O., S. 99). Aus den Ausführungen des psychiatrischen
Gutachters der medexperts geht hervor, dass sich die Gutachter offensicht-
lich von der mittlerweile überholten, aber damals geltenden höchstrichter-
lichen Rechtsprechung leiten liessen, dass eine Suchterkrankung nur dann
relevant sein könne, wenn sie eine Krankheit bewirkt hat oder wenn eine
Krankheit Ursache der Sucht ist.
Mit Blick auf die festgestellten hohen Leberwerte und die zahlreichen Hin-
weise auf eine erhebliche Alkoholproblematik kann vorliegend nicht ohne
eingehende Prüfung der Standardindikatoren davon ausgegangen werden,
dass keine leistungseinschränkenden Folgen des übermässigen Alkohol-
konsums bestünden. Eine abschliessende Beurteilung der einzelnen mas-
sgeblichen Standardindikatoren ist vorliegend auf der Basis des polydis-
ziplinären Gutachtens vom 9. Januar 2018 nicht möglich, zumal darin die
Indikatoren nicht im Einzelnen abgehandelt worden sind. Ob und gegebe-
nenfalls inwiefern sich diese auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführe-
rin auswirkt, kann gestützt auf das Gutachten der medexperts und die Stel-
lungnahmen des medizinischen Dienstes nicht beurteilt werden. Auch aus
den anderen ärztlichen Berichten können in Bezug auf die Standardindika-
C-2820/2019
Seite 27
toren keine verlässlichen Schlüsse gezogen werden. Es fehlt damit ärztli-
cherseits eine vertiefte Auseinandersetzung mit den gemäss BGE 141 V
281 massgeblichen Gesichtspunkten.
7.4 Im Rahmen der erneuten medizinischen Abklärung wird die Vorinstanz
auch zu klären haben, ob und gegebenenfalls in welchem Mass sich der
medizinische Sachverhalt bezüglich des chronischen Alkoholkonsums und
der somatischen Beschwerden (wie z.B. der Leberschädigung) seit der
Rentenzusprache im Oktober 2005 verändert hat. In diesem Zusammen-
hang gilt es zudem zu klären, inwiefern die organisch erklärbaren Be-
schwerden von den syndromalen Beschwerden abgegrenzt werden kön-
nen und wie sich erstere seit der Rentenzusprache im Jahr 2005 gegebe-
nenfalls verändert haben. Denn der Beweiswert eines im Rahmen einer
Rentenrevision (nach Art. 17 ATSG) zu prüfenden Gutachtens hängt we-
sentlich davon ab, ob es sich ausreichend auf das Beweisthema – erhebli-
che Änderung(en) des Sachverhalts – bezieht (vgl. dazu z.B. Urteile des
BGer 9C_137/2017 vom 8. November 2017 E. 3.1; 9C_418/2010 vom
29. August 2011 E. 4.2; vgl. auch ANDREAS TRAUB, Zum Beweiswert medi-
zinischer Gutachten im Zusammenhang mit der Rentenrevision, SZS 2012
S. 184 f.).
8.
In Bezug auf die Frage der Durchführung von Eingliederungsmassnahmen
ist vorliegend unbestritten, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen einer
telefonischen Besprechung mit der Beraterin für berufliche Integration der
IV-Stelle vom 22. Januar 2019 ausgeführt hat, sie werde keinen Wohnsitz
in der Schweiz nehmen, weshalb sie auf Wiedereingliederungsmassnah-
men verzichte (act. 267, S. 1 f.). Dass die Vorinstanz den Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen verneint hat, ist unter diesen Umständen
nicht zu beanstanden, setzt doch die Durchführung von Eingliederungs-
massnahmen vorliegend grundsätzlich einen Wohnsitz in der Schweiz und
eine subjektive Eingliederungsfähigkeit (vgl. dazu Urteile des BGer
8C_667/2015 vom 6. September 2016 E. 4.2; 8C_664/2013 vom 25. März
2014 E. 2) voraus, welche Voraussetzungen hier offensichtlich nicht gege-
ben sind. Der Verzicht auf Wiedereingliederungsmassnahmen wird von der
Beschwerdeführerin im vorliegenden Beschwerdeverfahren denn auch zu
Recht nicht mehr gerügt, so dass sich Weiterungen hierzu erübrigen.
C-2820/2019
Seite 28
9.
9.1 Zusammengefasst erweist sich der Sachverhalt bis zum Erlass der an-
gefochtenen Verfügung vom 30. April 2019 in medizinischer Hinsicht nicht
rechtsgenügend abgeklärt. Demzufolge ist es nicht möglich, mit dem im
Sozialversicherungsrecht erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu beurteilen, ob die Beschwerdeführerin weiterhin ei-
nen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung hat. Bei diesem
Ergebnis braucht auf die Rüge der Gehörsverletzung nicht eingegangen zu
werden.
9.2 Da die angefochtene Verfügung gestützt auf eine unvollständige Sach-
verhaltsabklärung ergangen ist, ist die Sache in Anwendung von Art. 61
Abs. 1 VwVG zur Vornahme der notwendigen medizinischen Abklärungen
und hernach neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Diese
Rückweisung an die Vorinstanz erfolgt in Übereinstimmung mit der bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung, gemäss welcher eine Rückweisung an
die IV-Stelle insbesondere im Falle einer notwendigen Erhebung einer bis-
her vollständig ungeklärten Frage möglich ist (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4),
wenn wie vorliegend die Vorinstanz den Leistungsanspruch – in Bezug auf
die Suchtproblematik – noch nicht nach einer geänderten bundesgerichtli-
chen Rechtsprechung geprüft hat und die massgeblichen Fragen im Zu-
sammenhang mit der Prüfung der invalidenversicherungsrechtlichen Rele-
vanz einer Alkoholabhängigkeit in einem strukturierten Beweisverfahren in
Nachachtung dieser neuen bundesgerichtlichen Rechtsprechung noch völ-
lig ungeklärt sind (vgl. Urteil des BGer 9C_450/2015 vom 29. März 2016
E. 4.2.2; Urteil des BVGer C-1444/2015 vom 17. Oktober 2017 E. 8.14).
Überdies würde den Verfahrensbeteiligten mit dem Verzicht auf ein Admi-
nistrativgutachten im Verwaltungsverfahren der doppelte Instanzenzug
nicht gewahrt (vgl. Urteil des BVGer C-1882/2017 vom 3. April 2018 E.
6.1).
9.3 Die Vorinstanz ist daher in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG anzu-
weisen, nach Aktualisierung und Vervollständigung der medizinischen Ak-
ten eine interdisziplinäre Begutachtung des Beschwerdeführers zu veran-
lassen. Mit Blick auf die im Raum stehenden Befunde und Diagnosen er-
scheinen Expertisen in den Fachbereichen Innere Medizin, Orthopädie,
Neurologie und Psychiatrie (letztere insbesondere unter Berücksichtigung
der Standardindikatoren gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
[BGE 143 V 418; 143 V 409; 141 V 281] und der allfälligen Auswirkungen
C-2820/2019
Seite 29
des Alkoholmissbrauchs im Lichte der zwischenzeitlich mit BGE 145 V 215
angepassten Rechtsprechung) erforderlich.
Überdies wird die Vorinstanz auch zu klären haben, ob und gegebenenfalls
in welchem Mass sich der medizinische Sachverhalt bezüglich des chroni-
schen Alkoholkonsums und der somatischen Beschwerden (wie z.B. der
Leberschädigung) seit der Rentenzusprache im Oktober 2005 verändert
hat, inwiefern die organisch erklärbaren Beschwerden von den syndroma-
len Beschwerden abgegrenzt werden können und wie die Leistungsfähig-
keit unter Berücksichtigung sämtlicher (d.h. der syndromalen sowie der da-
von unabhängigen organischen oder psychischen) Gesundheitsschädi-
gungen zu beurteilen ist.
9.4 Ob neben den genannten Fachdisziplinen auch noch weitere Spezia-
listen beigezogen werden, ist dem pflichtgemessen Ermessen der Gutach-
ter zu überlassen, zumal es primär ihre Aufgabe ist, aufgrund der konkreten
Fragestellung über die erforderlichen Untersuchungen zu befinden (vgl.
dazu BGE 139 V 349 E. 3.3; Urteil des BGer 8C_124/2008 vom 17. Okto-
ber 2008 E. 6.3.1; Urteil des BVGer C-4537/2017 vom 20. August 2019
E. 8).
9.5 Die polydisziplinäre Begutachtung hat vorliegend in der Schweiz zu er-
folgen, da die Abklärungsstelle mit den Grundsätzen der schweizerischen
Versicherungsmedizin vertraut sein muss (vgl. dazu Urteil des BGer
9C_235/2013 vom 10. September 2013 E. 3.2; statt vieler Urteil des BVGer
C-3864/2017 vom 11. März 2019 E. 7.5 m.w.H.) und vorliegend keine
Gründe ersichtlich sind, die eine Begutachtung in der Schweiz als unver-
hältnismässig erscheinen liessen. Im Weiteren ist die Gutachterstelle nach
dem Zufallsprinzip gemäss Zuweisungssystem «SuisseMED@P» zu ermit-
teln (vgl. dazu BGE 139 V 349 E. 5.2.1 und Art. 72bis Abs. 2 IVV) und dem
Beschwerdeführer sind die ihm zustehenden Mitwirkungsrechte einzuräu-
men (vgl. BGE 137 V 210 E. 3.4.2.9).
9.6 Im Ergebnis ist die Beschwerde dahingehend gutzuheissen, dass die
Verfügung vom 30. April 2019 aufzuheben und die Sache an die
Vorinstanz zurückzuweisen ist, damit diese nach erfolgter Abklärung im
Sinne der Erwägungen über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf
Leistungen der schweizerischen Invalidenversicherung neu verfüge.
C-2820/2019
Seite 30
10.
Zu befinden bleibt noch über die Verfahrenskosten und eine allfällige Par-
teientschädigung.
10.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1
VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei. Der
obsiegenden Beschwerdeführerin sind demnach keine Verfahrenskosten
aufzuerlegen. Der unterliegenden Vorinstanz werden keine Verfahrenskos-
ten auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
10.2 Die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat gemäss Art. 64
Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteientschädigung zu
Lasten der Verwaltung. Die Rechtsvertreterin hat mit Eingabe vom 15. No-
vember 2019 eine Kostennote eingereicht. Sie macht ein Honorar von
Fr. 4‘982.65 (18.20 Stunden à Fr. 250.- zuzüglich Barauslagen von
Fr. 76.40 und Mehrwertsteuer von Fr. 356.25; Beilage zu BVGer act. 16)
geltend. Vor dem Hintergrund, dass nur der notwendige Aufwand zu ent-
schädigen ist (Urteil des BGer 8C_426/2018 vom 10. August 2018 E. 5.3),
erscheint der geltend gemachte Aufwand von insgesamt 18.20 Stunden
unter Berücksichtigung des gebotenen und aktenkundigen Aufwands, der
Bedeutung der Streitsache, des Umfangs der Akten und der Schwierigkeit
des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens als zu hoch, weshalb die Ho-
norarnote zu kürzen ist. Mit Blick auf ähnlich gelagerte Fälle und die im
Sozialversicherungsrecht geltende Untersuchungsmaxime (vgl. dazu Urteil
des EVG I 786/05 vom 12. September 2006 E. 4.1) ist der geltend ge-
machte Aufwand auf 13 Stunden zu reduzieren.
Dementsprechend ist ein Aufwand von 13 Stunden zum geltend gemach-
ten (tarifkonformen) Ansatz von Fr. 250.- pro Stunde zu entschädigen, was
ein Honorar von Fr. 3‘250.- ergibt. Die geltend gemachten Auslagen von
Fr. 76.40 werden detailliert ausgewiesen, sind angemessen und sind daher
zu entschädigen (Art. 9 Abs. 1 Bst. b VGKE). Die Mehrwertsteuer ist nur
für Dienstleistungen geschuldet, die im Inland gegen Entgelt erbracht wer-
den, nicht jedoch im vorliegenden Fall, in dem die Dienstleistung für die
Beschwerdeführerin mit Wohnsitz im Ausland erbracht worden ist (vgl. Ur-
teil des BVGer C-6983/2009 vom 12. April 2010 E. 3.2). Der Rechtsvertre-
terin der Beschwerdeführerin ist somit zu Lasten der Vorinstanz eine Ent-
schädigung von Fr. 3‘326.40 (inkl. Auslagen; ohne Mehrwertsteuerzu-
schlag) zuzusprechen.
C-2820/2019
Seite 31