Decision ID: 50e8d2f0-cd2a-5537-ae06-5686d3ddcb6f
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1987 geborene
X._
bezieht aufgrund eines Geburtsgebrechens seit
der Jugendzeit Leistungen der Invalid
enversicherung (Sonderschulmass
nahmen, vgl. Urk. 9/5 und Urk. 9/9 sowie erstmalige berufliche Ausbildung als berufliche Massnahme, Urk. 9/17 und Urk. 9/49). Im Sommer 2008 schloss die Versicherte die BBT-Ausbildung zur
Mechapraktikerin
im geschützten Rahmen ab. Im An
schluss daran arbeitete
X._
vom 13. bis 29. August 2008 bei der
Y._
AG in
Z._
als
Mechapraktikerin
, vom 22. September bis 7. November 2008 bei der
A._
AG in
B._ als Kiosk
verkäuferin und vom 5. Januar bis 31. Juli 2009 bei der
C._
AG in
D._
als Lagermitarbeiterin (auf Abruf, Urk. 9/71, Urk. 9/73 und Urk. 9/75). Mit Vorbescheid vom 20. Oktober 2009 kündigte die IV-Stelle
X._
den erfolgreichen Abschluss der beruflichen Massnahmen an, wobei sie davon ausging, dass die Versicherte rentenausschliessend eingegliedert sei (Urk. 9/65). Dagegen erhob
X._
am 17. November 2009 Einwand (Urk. 9/67). Daraufhin tätigte
die IV-Stelle erwerbliche und medizinische Abklärungen und liess die Versich
erte durch Dr. med.
E._, FA Psychiatrie und Psy
chotherapie FMH, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) psychiatrisch un
tersuchen (vgl. RAD-Stellungnahme vom 2. November
2010, Urk. 9/84 S. 3-4).
M
it Verfügung vom 27. Juni 2011
sprach die IV-Stelle der Versi
cherten
rück
wirkend ab 1. August 2008 eine ganze Invalidenrente zu (Urk. 9/90 in Verbin
dung mit Urk. 9/104).
1.2
Nachdem
X._
im
Februar
2013 einen Sohn geboren hatte (Urk. 9/114), wurde im März 2015 eine amtliche Revision eingeleitet (Urk. 9/120
). In der Folge klärte die IV-Stelle die aktuellen erwerblichen und medizinischen Verhältnisse ab und führte am 2. Juni 2015 eine Abklärung der beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit in Beruf und Haushalt (Haushaltsabklärung) durch (Urk. 9/128).
Im Rahmen der Invaliditätsbemessung ging sie davon aus, dass die Beschwerdeführerin nach der Geburt des Kindes (hypothetisch) ohne Gesundheitsschaden einer Erwerbstätigkeit bei einem Pensum von noch 30 % nachgehen würde und daneben im Haushalt beschäftigt wäre. Dabei brachte sie die gemischte
Bemes
sungsmethode
zur Anwendung,
womit
sich ein Invaliditätsgrad von 30 % ergab (bei einer Gewichtung der erwerblichen Einschränkung von 87 % [
Teilinvalidi
tätsgrad
26 %] und der Einschränkung in der Haushaltstätigkeit von 6 % [
Teil
invaliditätsgrad
4
%]).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 9/131, Urk. 9/135) hob die IV-Stelle mit Verfügung v
om 2. September 2015 die Inva
li
denrente per Ende Oktober
2015
auf
(Urk.
2
)
.
2.
2.1
Hiergegen erhob
X._
am 24. Sep
tember 2015 Beschwerde und be
an
tragte, es sei ihr unter Aufhebung der Verf
ügung vom 2. September 2015 wei
terhin eine ganze Rente, eventuell eine
Dreivie
rtelsrente
zuzusprechen. In pro
zessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Bestellung von Rechtsanwalt Dr.
iur
. Ronald
Pedergnana
als unent
gelt
lichen Rechtsbeistand (Urk. 1), wobei dieses Gesuch in der Folge zurückgezogen wurde (Urk. 7 und Urk. 10). Mit Beschwerdeantwort vom 21. Oktober 2015 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 8, unter Beilage ihrer Akten, Urk. 9/1-144), was der Beschwerdeführerin am 25. November 2015 mitgeteilt wurde (Urk. 11).
2.2
Mit Urteil vom 2. Februar
2016 in Sachen Di
Trizio
gegen die Schweiz
(Nr. 7186/09) hielt
der Europ
äische Gerichtshof für Menschen
rechte (EGMR)
fest
, dass die Verweigerung der Rente durch Anwendung der
gemischten Methode eine Verletzung des Rechts auf Achtung des Familienlebens (Art. 1
4 in Verbin
dung mit Art. 8 der E
uropäischen Menschenrechtskonvention, EMRK) darstellt, da die Geburt von Kindern zum Verlust des bisherigen Rentenanspruchs führt.
Mit Verfügung vom 1. Dezember 2016 wurde das vorliegende Verfahren bis zu
m rechtskräftigen Abschluss des bundesgerichtlichen Revisionsverfahrens in der Sache Di
Trizio
sistiert (Urk. 17).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird - soweit erforderlich - im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
Mit Urteil 9F_8/2016
vom 20. Dezember 2016
hat das Bundesgericht
im Nach
gang zum EGMR-Urteil Di
Trizio
vom 2. Februar 2016
(Nr. 7186/09)
seinen Revisionsentscheid (Gutheissung) gefällt.
Damit ist
das bundesgerichtliche
Revi
sionsverfahren
rechtskräftig abgeschlossen, weshalb
der Grund für die am
1. Dezember 2016
angeordne
te Verfahrenssistierung (Urk. 17
)
weggefallen ist
. Die
Sistierung ist daher aufzuheben.
2.
2.1
Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig sind oder die unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin mitarbeiten, wird für diesen Teil die Invalidität nach
Art.
16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufga
benbereich tätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach
Art.
28a
Abs.
2 IVG festgelegt. In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der unentgeltlichen Mitarbeit im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad entsprechend der Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen (
Art.
28a
Abs.
3 IVG; gemischte Methode der Invaliditätsbemessung).
Nach der Gerichts- und Verwaltungspraxis wird zunächst der Anteil der Er
werbstätigkeit und derjenige der Tätigkeit im Aufgabenbereich (so unter andere
m im Haushalt) ermittelt; die Frage, in welchem Ausmass die versicherte Person ohne gesundheitliche Beeinträchtigung erwerbstätig wäre, beurteilt sich mit Rücksicht auf die gesamten Umstände, so di
e persönlichen, familiären, sozi
alen und erwerblichen Verhältnisse. Im Rahmen der gemischten Methode bestimmt sich die Invalidität dadurch, dass im Erwerbsbereich ein Einkommens- und im Aufgabenbereich ein Betätigungsvergleich vorgenommen wird, wobei sich die Gesamtinvalidität aus der Addierung der in beiden Bereichen ermittelten und gewichteten
Teilinvaliditäten
ergibt (BGE 130 V 393 E. 3.3 mit Hin
weisen; vgl. BGE 134 V 9).
2.2
Das Urteil
Di
Trizio
gegen die Schweiz vom 2. Februar 2016 (Nr. 7186/09)
be
trifft eine versicherte Person, welche unter dem Status einer Vollerwerbstätigen eine Invalidenrente beanspruchen konnte und diese zu einem späteren
Zeit
punkt
allein aufgrund des Umstandes verliert, dass sie wegen der Geburt ihres Kindes und der damit einhergehenden Reduktion des Erwerbspensums für die
Invaliditätsbemessung neu als Teilerwerbstätige mit einem Aufgabenbereich qua
lifiziert wird. Denn diese als Revisionsgrund geltende Statusänderung hat zur Folge, dass
der Invaliditätsgrad nicht mehr anhand eines (auf Voller
werbstätige anwendbaren) Einkommensvergleichs ermittelt wird, sondern nach der (auf Teilerwerbstätige mit einem Aufgabenbereich anwendbaren) gemischten Methode (vgl. E. 2.1). Dies führt in d
er Folge zur revisionsweisen Auf
hebung der Invalidenrente beziehungsweise zur Befristung der rückwirkend zugesprochenen
Rente. Gemäss EGMR ist demnach als Verletzung von Art. 14
(Diskriminierung
s
verbot)
in Verbindung mit Art. 8 EMRK
(Recht auf Achtung des
Privat- und
Familienlebens)
zu betrachten, wenn die von der versicherten Person getroffene
n, in den Schutzbereich von Art. 8 EMRK fallenden Dispositionen - die Geburt eines Kindes und die damit (hypothetisch) verbundene teilweise Aufgabe der Erwerbstätigkeit - die einzige Grundlage des Statuswechsels bilden und aus der Änderung der Invaliditätsbemessungsmethode (Anwendbarkeit der gemischten
statt der Einkommensvergleichsmethode) die revisionsweise Aufhebung der Inva
lidenrente (beziehungsweise die Befristung der rückwirkend zugesprochenen Rente)
resultiert.
2.3
Das Bundesgericht hat im Revisionsentscheid 9F_8/2016 vom 20. Dezember 2016
im Nachgang zum EGMR-Urteil in Erwägung 4.2
festgehalten, dass zur Herstellung des konventionskonformen Zustandes in Konstellationen mit einer ähnlichen Ausgangslage
wie im
dort
zu beurteilenden Fall Di
Trizio
auf die Aufhebung der Invalidenrente im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG alleine
zufolge eines Statuswechsels von „vollerwerbstätig“ zu „teilerwerbstätig mit A
uf
gabenbereich“ zu verzichten
sei.
In diesem Fall
sei
die Aufhebung der Invali
denrente EMRK-widrig.
Sachverhalt und geltende Rechtslage bel
ie
ssen keinen Spielraum.
2.4
Im vorliegenden Fall liegt unbestrittenermassen eine
analoge
Aus
gangslage vor.
Die Rentenrevision erfolgte einzig
a
ufgrund eines familiär bedingten
Status
wechsels
(bisher voll erwerbstätig, neu teilerwerbstätig infolge familiärer Be
t
reuungspflichten,
vgl. E. 1.2). So beanspruchte die
damals als vollerwerb
stätig qualifizierte
Beschwerdeführerin ab 1. August 2008 eine ganze Invalidenrente (vgl.
E. 1.1), welche sie aufgrund der erfolgten Statusänderung nach der Geburt ihres Sohnes im Revisionsverfahren
aufgrund der Anwendbarkeit der gemischten Bemessungsmethode
wieder verlor.
Gestützt auf das
zitierte
bundesgerichtliche
Urteil 9F_8/2016 vom 20. Dezember 2012 ist auch in diesem Fall die Aufhebu
ng der Invalidenrente EMRK-widrig. Für die Beschwerdeführerin bedeutet dies, dass sie weiterhin Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat.
Die Beschwerde ist folglich gutzuheissen
.
3.
3.1
Die Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom
Streitwert zwischen Fr. 200.-- und Fr. 1‘000.-- festzusetzen sind (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG), sind auf Fr.
6
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens
, sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
3.2
Nach Art. 61
lit
. g ATSG in Verbindung mit § 34
Abs.
1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende
beschwerde
führende
Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rüc
k
sicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeiten des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen. Vorliegend erscheint eine
Prozessentschädigung von Fr.
2‘100.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwert
steuer) als angemessen.