Decision ID: 17952847-54e6-489e-ac1f-ece654f2d823
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 30. Dezember 2015 in der Schweiz um
Asyl nach und gab an, aufgrund seiner Beziehungen zu den LTTE sowie
eines auf ihn erfolgten Messerangriffes in die Schweiz gereist zu sein.
B.
Das SEM lehnte mit Entscheid vom 25. Oktober 2017 unter Verneinung der
Flüchtlingseigenschaft das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Das Bundesverwaltungsgericht
wies mit Urteil D-6759/2017 vom 24. September 2020 die gegen diesen
Entscheid erhobene Beschwerde ab.
C.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 12. Mai 2021 beim SEM
ein neues Asylgesuch (Mehrfachgesuch) mit der Begründung ein, die all-
gemeine Lage in Sri Lanka habe sich verändert und er sei im Sinne objek-
tiver Nachfluchtgründe als Flüchtling anzuerkennen.
D.
Das SEM trat mit Entscheid vom 9. Juni 2021 angesichts der fehlenden
ausreichenden Begründung im Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG auf das
Mehrfachgesuch nicht ein und verfügte erneut die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug an. Das Bundesverwaltungsgericht wies
mit Urteil D-2941/2021 vom 12. Juli 2021 die dagegen erhobene Be-
schwerde ab, soweit es auf sie eintrat.
E.
Mit Eingabe vom 25. Dezember 2021 reichte der Beschwerdeführer beim
SEM ein weiteres Gesuch mit dem Titel «Mehrfachgesuch/Wiedererwä-
gungsgesuch» ein und führte zur Begründung hauptsächlich aus, bei sei-
nen Vorbringen in den bisherigen Asylverfahren verschiedene Daten ver-
wechselt zu haben, weshalb er seine bei der Einreise in die Schweiz be-
stehenden Asylgründe nochmals darlege. Im Weiteren erklärte er, es gehe
ihm unter anderem aufgrund der Ungewissheit hinsichtlich seines weiteren
Verbleibs in der Schweiz beziehungsweise seines illegalen Aufenthaltes
nicht gut. Als Nachweis seiner Identität legte er seiner Eingabe die Tamil
Eelam National Card (Ausstelldatum November 2021) zuzüglich Couvert
bei.
D-625/2022
Seite 3
F.
Das SEM nahm mit Entscheid vom 3. Februar 2022 die Eingabe vom
25. Dezember 2021 als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch entgegen,
trat auf dieses nicht ein und erklärte seine Verfügung vom 9. Juni 2021 für
rechtskräftig und vollstreckbar, wobei es feststellte, der Beschwerde
komme keine aufschiebende Wirkung zu.
G.
Mit Eingabe seines gleichentags bevollmächtigten Rechtsvertreters vom
8. Februar 2022 erhob der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Es wurde die Aufhebung
des vorinstanzlichen Entscheids unter Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft und Asylgewährung sowie eventualiter die Anordnung der vorläufi-
gen Aufnahme und die Rückweisung der Sache ans SEM zur rechtsgenüg-
lichen Sachverhaltsabklärung, in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Fest-
stellung der aufschiebenden Wirkung und die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses beantragt.
Zur Stützung seiner Vorbringen legte der Beschwerdeführer seiner Ein-
gabe nebst einer Vollmacht des Rechtsvertreters vom 8. Februar 2022 di-
verse Beweismittel bei (Fotokopie der Tamil Eelam National Card vom No-
vember 2021; diverse Fotokopien mit Bildern von Veranstaltungen [davon
2 Originalfotos); Flyerkopien von tamilischen Veranstaltungen vom
8./9. August 2020 und 20. September 2021; eine Informationskopie der
Swiss Tamil Woman’s, Youth and Political Organisation; eine Kopie von
«Gazette Extraordinary Of The Democratic Socialist Republic Of Sri
Lanka»; diverse Hinweise auf öffentliche Quellenangaben und Webseiten
[grösstenteils unübersetzt]; einen USB Stick mit 4 Videosequenzen [Ge-
denken an die Unterdrückung/«répression commémoration»]),
H.
Der Instruktionsrichter wies mit Verfügung vom 24. Februar 2022 die Ge-
suche um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung ab und forderte den Beschwerdeführer zur
Bezahlung eines Kostenvorschusses innert Frist auf.
I.
Der vom Beschwerdeführer einverlangte Kostenvorschuss in der Höhe von
Fr. 1'500.– ging dem Bundesverwaltungsgericht am 7. März 2022 ein.
D-625/2022
Seite 4

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
und auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten
(Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorliegend han-
delt es sich um eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur sum-
marisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schrif-
tenwechsel verzichtet.
3.
3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert
30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und
begründet einzureichen (Art. 111b Abs. 1 AsylG); im Übrigen richtet sich
das Verfahren nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–
68 VwVG. Dabei ist insbesondere zu beachten, dass, kommt eine gesuch-
stellende Person ihrer Begründungspflicht nicht nach, die Behörde gemäss
Art. 111b Abs. 2 AsylG in Verbindung mit Art. 13 Abs. 2 VwVG die Möglich-
keit hat, auf das Gesuch nicht einzutreten (BVGE 2014/39 E. 7).
D-625/2022
Seite 5
3.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung auf-
grund einer nachträglich eingetretenen erheblichen Veränderung der Sach-
lage (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Unter Umständen können auch
Revisionsgründe gerügt werden (sog. qualifiziertes Wiedererwägungsge-
such), beispielsweise falls die abzuändernde Verfügung unangefochten
blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem blossen Pro-
zessentscheid abgeschlossen wurde. Ebenfalls im Rahmen einer Wieder-
erwägung zu prüfen sind Beweismittel, die erst nach dem Beschwerdeent-
scheid entstanden sind, aber vorbestandene Tatsachen belegen sollen
(zum sogenannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" vgl. BVGE
2013/22 E. 5.4 m.w.H.).
4.
Die Vorinstanz ist auf das Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdefüh-
rers nicht eingetreten, womit die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Wiedererwägungsgesuch nicht eingetreten ist (BVGE
2014/39 E. 7).
5.
5.1 In der Beschwerde wird vorab formell gerügt, die Vorinstanz habe das
Gesuch des Beschwerdeführers vom 25. Dezember 2021 fälschlicher-
weise nicht als Mehrfachgesuch – sondern als qualifiziertes Wiedererwä-
gungsgesuch – behandelt.
5.2 Die Vorinstanz hat sich mit dem Inhalt des Gesuches vom 25. Dezem-
ber 2021 und seiner Rechtsnatur sowie mit dem eingereichten Beweismit-
tel (Kopie Tamil Eelam National Card vom November 2021) in der ange-
fochtenen Verfügung in nachvollziehbarer Weise auseinandergesetzt (vgl.
vorinstanzlichen Entscheid, Erwägung III). Sie hat dabei zutreffend festge-
stellt, dass im Gesuch vom 25. Dezember 2021 keine neuen Gründe (für
ein Mehrfachgesuch) geltend gemacht wurden, sondern einzig die bereits
in den vorangegangenen Asylverfahren rechtskräftig beurteilten, bisheri-
gen Asylgründe vorgebracht und explizit nur als Nachweis seiner Identität
auf die Beilage der Tamil Eelam National Card hingewiesen wurde (A1/3).
Die Vorinstanz hat somit das Gesuch vom 25. Dezember 2021 rechtlich
korrekt als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch entgegengenommen,
womit sich die genannte Rüge als unbegründet erwiesen hat.
D-625/2022
Seite 6
6.
6.1 Aus den Erwägungen in der angefochtenen Verfügung ergibt sich, dass
die Vorinstanz das qualifizierte Wiedererwägungsgesuch vom 25. Dezem-
ber 2021 im Ergebnis als nicht gehörig begründet erachtete und (unabhän-
gig von der Frage der Rechtzeitigkeit der Einreichung des Gesuches) auf
dieses nicht eintrat. Diese Einschätzung ist zu bestätigen.
6.2 Ein Wiedererwägungsgesuch ist gehörig begründet, wenn ihm genü-
gend substanziierte Wiedererwägungsgründe zu entnehmen sind (vgl. Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2003 Nr. 7 E. 4a; BVGE 2014/39 E. 5 ff., zumal zwischen
Art. 111b und Art. 111c AsylG ein enger Zusammenhang besteht [vgl.
BVGE 2014/39 E. 5.5]). Unter anderem liegt dann keine gehörige Begrün-
dung vor, wenn in einem Wiedererwägungsgesuch ausschliesslich Gründe
angeführt werden, welche schon im Rahmen eines ordentlichen Beschwer-
deverfahrens hätten eingebracht werden können (Art. 66 Abs. 3 VwVG).
6.3 Es ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass der im Wiedererwägungs-
gesuch vom 25. Dezember 2021 vorgebrachte Sachverhalt bereits Gegen-
stand der vorangegangenen Verfahren war (erstinstanzliches Asyl-, Mehr-
fachgesuch- und Beschwerdeverfahren). Das mit dem Gesuch einge-
reichte Beweismittel (Kopie Tamil Eelam National Card vom November
2021) wurde ebenso zu Recht als untauglich – sowohl für die Geltendma-
chung einer flüchtlingsrechtlich relevanten Gefährdung als auch für neue
Tatsachen – befunden. Im Übrigen wies das SEM als Nachweis für letztere
auf die bereits eingereichte sri-lankische Identitätskarte hin.
Im Weiteren trifft die Behauptung der Rechtsvertretung in der Beschwerde
nicht zu, wonach sich der Beschwerdeführer in seinem Gesuch vom
25. Dezember 2021 neu zu politischen Aktivitäten in der Schweiz bekannt
habe beziehungsweise in der Schweiz und im Ausland exilpolitisch aktiv
geworden sei. Diese Vorbringen finden vielmehr erstmals in der Be-
schwerde vom 8. Februar 2022 Eingang in das vorliegende Wiedererwä-
gungsverfahren (Beschwerde, S. 6: «[...] Der Beschwerdeführer gab an, in
der Diaspora politisch aktiv geworden zu sein. Zu diesem Zweck legte er
seinen Ausweis als Mitglied der separatistischen Tamilenregierung im Exil
vor und befürchtete in dieser Eigenschaft verhaftet zu werden [...].»; Origi-
naltext : Le réquerant a allégué être devenu politiquement actif dans la
diaspora. A cet effet, il a produit sa carte de membre du Gouvernement
séparatiste Tamoul en exile es allégue craindre d’être arrété en cette qua-
lité, [...]»). Entgegen seiner Behauptung wurden somit im Gesuch weder
D-625/2022
Seite 7
subjektive Nachfluchtgründe noch andere Gründe geltend gemacht, wobei
die Vorbringen in der Beschwerde (neue, durch Beweismittel gestützte exil-
politische Aktivitäten) ohnehin nicht Gegenstand des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens sein können, weshalb die Rüge haltlos und die exil-
politischen Aktivitäten nicht zu berücksichtigen sind.
7.
Anzufügen bleibt schliesslich, dass die Vorinstanz hinsichtlich Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzuges zu Recht auf die Erwägungen 12.3 im Ur-
teil D-6759/2017 vom 24. September 2020 verwiesen hat und auch die un-
belegten Behauptungen zum aktuellen Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers diesbezüglich unbehelflich sind.
8.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Voraussetzungen zum Ein-
treten auf das Wiedererwägungsgesuch vorliegend klar nicht erfüllt waren,
weshalb das SEM zu Recht gestützt auf Ar. 111b Abs. 2 AsylG in Verbin-
dung mit Art. 13 Abs. 2 VwVG auf dieses nicht eintrat. Die Beschwerde ist
abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten im Umfang von
Fr. 1500.– dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63
Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]) und mit dem bereits in gleicher Höhe geleisteten Kosten-
vorschuss zu begleichen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-625/2022
Seite 8