Decision ID: bf283d4a-3af3-4f96-8c1f-ce22597719f4
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 9. Juli 2019 in der Schweiz um Asyl
nach. Mit Verfügung vom 3. September 2019 lehnte das SEM das Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Weg-
weisungsvollzug an. Mit Urteil E-4634/2019 vom 7. Februar 2020 hiess das
Bundesverwaltungsgericht die gegen diesen Entscheid erhobene Be-
schwerde gut und wies die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurück. Das Gericht führte in seinem Urteil aus, das SEM habe den Sach-
verhalt unvollständig festgestellt, indem es vor Erlass der wegweisenden
Verfügung unterlassen habe abzuklären, ob der minderjährige Beschwer-
deführer im Heimatstaat in sein familiäres Umfeld beziehungsweise ander-
weitig untergebracht und betreut werden könne.
A.b In der Folge liess das SEM aufgrund von Zweifeln an der Minderjäh-
rigkeit des Beschwerdeführers Abklärungen zum medizinischen Alter vor-
nehmen.
A.c Nachdem der Beschwerdeführer wiederholt mit Verfahrensstandanfra-
gen an das SEM gelangt war, welche unbeantwortet blieben, reichte er
beim Bundesverwaltungsgericht am 9. August 2021 eine Rechtsverzöge-
rungsbeschwerde ein.
A.d Mit Urteil E-3559/2021 vom 13. Januar 2022 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Rechtsverzögerungsbeschwerde gut. Dabei stellte es fest,
das Verfahren vor der Vorinstanz habe zu lange gedauert. Gleichzeitig wies
es die Vorinstanz an, das Asylgesuch des Beschwerdeführers beförderlich
zu behandeln und zügig einen Entscheid zu fällen.
B.
Mit Schreiben vom 20. April 2022 gelangte der Beschwerdeführer an die
Vorinstanz und ersuchte unter Hinweis auf das Urteil E-3559/2021 darum,
einen Asylentscheid bis Ende Monat zu erhalten.
C.
Mit Eingabe vom 4. Mai 2022 reichte der Beschwerdeführer eine weitere
Beschwerde betreffend Rechtsverzögerung/Rechtsverweigerung ein und
beantragte, es sei die übermässig lange Dauer des Asylverfahrens festzu-
stellen und die Vorinstanz anzuweisen, das Verfahren ohne weitere Verzö-
gerung abzuschliessen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um
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Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.
Mit Verfügung vom 12. Mai 2022 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch
um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehm-
lassung ein.
E.
Die Vorinstanz reichte am 27. Mai 2022 eine Vernehmlassung ein.
F.
Der Beschwerdeführer nahm dazu in seiner Replik vom 3. Juni 2022 Stel-
lung. Dabei wurden ein Antwortschreiben des Leiters Rechtsberatungsstel-
len B._ und BAS Beratungsstelle für Asylsuchende der Region
C._ an den Chef Asylregion D._ vom 20. April 2022 auf des-
sen E-Mail vom 14. April 2022 und eine Kostennote eingereicht.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch
vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR
142.31]). Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer an-
fechtbaren Verfügung kann bei der Beschwerdeinstanz, die für die Be-
handlung einer Beschwerde gegen eine ordnungsgemäss ergangene Ver-
fügung zuständig wäre, Beschwerde geführt werden (Art. 46a VwVG). Das
Bundesverwaltungsgericht ist damit zur Beurteilung der vorliegenden
Rechtsverzögerungsbeschwerde zuständig.
1.2 Rechtsverzögerungsbeschwerden richten sich gegen den Nichterlass
einer anfechtbaren Verfügung. Die Beschwerdelegitimation setzt voraus,
dass bei der zuständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer
Verfügung gestellt wurde und Anspruch darauf besteht. Ein Anspruch ist
anzunehmen, wenn die Behörde verpflichtet ist, in Verfügungsform zu han-
deln und der ansprechenden Person nach Art. 6 i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG
Parteistellung zukommt (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.2 m.w.H.).
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Das Asylgesuch des Beschwerdeführers datiert vom 9. Juli 2019. Über die-
ses hat die Vorinstanz nach dem Rückweisungsentscheid des Bundesver-
waltungsgerichts E-4634/2019 vom 7. Februar 2020 erneut in Form einer
anfechtbaren Verfügung zu befinden. Im Urteil E-3559/2021 vom 13. Ja-
nuar 2022 wurde die Vorinstanz angewiesen, das Asylgesuch beförderlich
zu behandeln. Eine entsprechende Verfügung ist bis zum heutigen Zeit-
punkt nicht ergangen. Der Beschwerdeführer ist daher zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert.
1.3 Gegen das unrechtmässige Verzögern einer Verfügung kann grund-
sätzlich jederzeit Beschwerde geführt werden (Art. 50 Abs. 2 VwVG). Den-
noch steht der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung nicht völlig im Belieben
der beschwerdeführenden Person. Der Grundsatz von Treu und Glauben
bildet hier eine Grenze. Die beschwerdeführende Person muss zudem dar-
legen, dass sie zur Zeit der Beschwerdeerhebung ein schutzwürdiges –
mithin aktuelles und praktisches – Interesse an der Vornahme der verzö-
gerten Amtshandlung respektive der Feststellung einer entsprechenden
Rechtsverzögerung hat (vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ
KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl.
2013, Rz. 5.23).
Das schutzwürdige Interesse des Beschwerdeführers an der Vornahme
der allenfalls verzögerten Amtshandlung ergibt sich aus der Tatsache, dass
die Vorinstanz bis anhin noch nicht erneut in der Sache entschieden hat.
1.4 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist auf die formgerecht ein-
gereichte (Art. 52 Abs. 1 VwVG) Rechtsverzögerungsbeschwerde einzu-
treten.
2.
Das Prüfungsergebnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich
vorliegend auf die Frage, ob die Vorinstanz das Rechtsverzögerungsverbot
verletzt hat. Im Falle einer Gutheissung der Beschwerde weist es die Sa-
che mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück (Art. 61 Abs. 1
VwVG). Hingegen ist das Gericht nicht dazu befugt, sich dazu zu äussern,
wie ein unrechtmässig verzögerter Entscheid inhaltlich hätte ausfallen sol-
len, da es – Spezialkonstellationen vorbehalten – nicht anstelle der untätig
gebliebenen Behörde entscheiden darf, andernfalls der Instanzenzug ver-
kürzt und möglicherweise Rechte der Verfahrensbeteiligten verletzt würden
(vgl. BVGE 2008/15 E. 3.1.2 m.w.H.).
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3.
3.1 Das Verbot der Rechtsverzögerung ergibt sich als Teilgehalt aus der
allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 BV. Danach hat jede
Person unter anderem Anspruch auf eine Beurteilung ihrer Sache innert
angemessener Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Diese Verfassungsga-
rantie gilt für alle Sachbereiche und alle Akte der Rechtsanwendung
(vgl. BGE 130 I 174 E. 2.2 m.w.H.).
3.2 Von einer Rechtsverzögerung im Sinne des Gesetzes ist nach Lehre
und Praxis auszugehen, wenn behördliches Handeln zwar nicht (wie bei
einer Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage steht, aber die Behörde
nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur der Sache objektiv noch
als angemessen erscheint. Die Angemessenheit der Dauer eines Verfah-
rens ist im Einzelfall unter Berücksichtigung der gesamten Umstände zu
beurteilen. In Betracht zu ziehen sind dabei namentlich die Komplexität der
Sache, das Verhalten der betroffenen Beteiligten und der Behörden, die
Bedeutung des Verfahrens für die betroffene Partei sowie einzelfallspezifi-
sche Entscheidungsabläufe (vgl. zum Ganzen BGE 130 I 312 E. 5.1 f.
m.w.H.).
3.3 Ein Verschulden der Behörde an der Verzögerung wird nicht vorausge-
setzt, weshalb sie das Rechtsverzögerungsverbot auch dann verletzt,
wenn sie wegen Personalmangels oder Überlastung nicht innert angemes-
sener Frist handelt (vgl. BGE 138 II 513 E. 6.4; 107 Ib 160 E. 3c; 103 V
190 E. 5c). Spezialgesetzliche Behandlungsfristen sind bei der Beurteilung
der Angemessenheit der Verfahrensdauer zu berücksichtigen (vgl. zum
Ganzen auch Urteil des BVGer E-1438/2018 vom 5. April 2018 E. 3.2
m.w.H.).
4.
4.1 In der Beschwerde bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor,
er halte sich seit bald drei Jahren in der Schweiz auf. Das Bundesverwal-
tungsgericht habe eine erste Verfügung des SEM mit Urteil E-4634/2019
vom 7. Februar 2020 aufgehoben und das SEM angewiesen, den Sach-
verhalt genauer abzuklären. Darauf habe das SEM erst am 5. März 2021
und damit zwanzig Monate nach Einreichung seines Asylgesuchs eine me-
dizinische Altersabklärung durchgeführt. Seit dem Urteil E-3559/2021 vom
13. Januar 2022 betreffend Rechtsverzögerung habe das SEM bislang
keine ZEMIS-Anpassung vorgenommen und dem Beschwerdeführer bis-
her keine anfechtbare Verfügung zugestellt, gemäss welcher sein Alter ge-
stützt auf das Altersgutachten, in dem seine Minderjährigkeit festgestellt
worden sei, angepasst worden wäre. Die Vorinstanz habe ohne Ausnahme
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sämtliche Verfahrensstandanfragen des Beschwerdeführers ignoriert und
wesentliche Abklärungen erst im Rahmen bereits mehrerer vorgängiger
Beschwerdeverfahren vorgenommen. Es seien auch keine weiteren Ver-
fahrensschritte erkennbar, deren Behandlung eine Verzögerung rechtferti-
gen würden.
4.2 Die Vorinstanz weist in ihrer Stellungnahme vom 27. Mai 2022 auf die
Inanspruchnahme der Mitarbeitenden im Bundesasylzentrum (BAZ) im Zu-
sammenhang mit den Gesuchen von aus der Ukraine geflüchteten Perso-
nen hin. Dabei verwies es auf ein Schreiben des Regionenleiters des BAZ
Basel an die Rechtsberatungsstellen der Asylregion Nordwestschweiz vom
14. April 2022. Gleichzeitig stellte es einen Entscheid bis Ende Juni 2022
in Aussicht.
4.3 In seiner Replik vom 3. Juni 2022 bezeichnet der Beschwerdeführer die
vom SEM angeführten Entschuldigungsgründe (Arbeitsüberlastung) unter
Hinweis auf andere Verfahren, die einigermassen zeitnah erledigt worden
seien, als vorgeschoben.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist sich sehr wohl bewusst, dass sich
die Belastungssituation des SEM durch die Ukraine-Krise verschärft hat.
Indes gab die Untätigkeit des SEM gemäss der vorliegenden Aktenlage
bereits in der Vergangenheit Anlass zu einer berechtigten Rechtsverzöge-
rungsbeschwerde. Es ist offensichtlich, dass das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers bisher nicht mit der notwendigen Beförderlichkeit behan-
delt worden ist (vgl. dazu das Urteil E-3559/2021 vom 13. Januar 2022).
Insbesondere ist wie bereits im genannten Urteil festgestellt worden ist,
darauf hinzuweisen, dass Asylgesuche von unbegleiteten Minderjährigen
gemäss den gesetzlichen Vorgaben prioritär zu behandeln sind (Art. 17
Abs. 2bis AsylG). Der Umstand, dass der Beschwerdeführer unterdessen
volljährig geworden ist, vermag daran nichts zu ändern, zumal seine Voll-
jährigkeit erst vor Kurzem eingetreten ist. Schliesslich hat die Vorinstanz in
ihrer Stellungnahme vom 27. Mai 2022 festgehalten, dass sie das Gesuch
des Beschwerdeführers an die Hand nehmen und bis Ende 2022 darüber
entscheiden werde, was zur Annahme berechtigt, dass das SEM vorlie-
gend auch keine weiteren Abklärungen als notwendig erachtet. Aufgrund
der Aktenlage sind weder weitere Verfahrensschritte noch ein Verfahrens-
abschluss ersichtlich. Da in vorliegender Sache angesichts der unverhält-
nismässig langen Verfahrensdauer das Beschleunigungsgebot gemäss
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Art. 29 Abs. 1 BV augenscheinlich missachtet worden ist, erweist sich die
Rechtsverzögerungsbeschwerde als begründet.
5.2 Nach dem Gesagten ist die Rechtsverzögerungsbeschwerde gutzu-
heissen, verbunden mit der Anweisung an die Vorinstanz, das Asylgesuch
des Beschwerdeführers vom 9. Juli 2019 zu behandeln und die Sache
rasch einem Entscheid zuzuführen beziehungsweise allenfalls erforderli-
che ergänzende Abklärungen umgehend an die Hand zu nehmen.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 VwVG).
6.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Ausgangs des
Verfahrens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Der Rechtsvertreter reichte eine Kostennote ein. Der darin geltend
gemachte zeitliche Aufwand von 300 Minuten sowie der Stundenansatz
von Fr. 300.– erscheinen vorliegend angemessen. Demgemäss ergibt sich
eine Entschädigung von Fr. 1'569.–.
(Dispositiv nächste Seite)
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