Decision ID: eaa017ed-4c2f-4409-8157-703587b4c2ed
Year: 2021
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Dem Beschwerdeführer und seiner Familie wurde mit Verfügung der Be-
schwerdegegnerin vom 12. September 2017 für das Jahr 2018 Prämien-
verbilligung zur obligatorischen Krankenpflegeversicherung im Umfang von
total Fr. 4'465.80 zugesprochen. Mit Verfügung vom 12. November 2018
passte die Beschwerdegegnerin den Anspruch auf Fr. 5'007.00 an. Am
26. März 2020 verneinte die Beschwerdegegnerin verfügungsweise einen
Anspruch auf Prämienverbilligung für den Zeitraum von Juni 2018 bis und
mit Dezember 2018, da sie einen Kapitalbezug aus der Säule 3a im Betrag
von Fr. 39'424.00 als Einkommen berücksichtigte. Die dagegen erhobene
Einsprache wies sie mit Einspracheentscheid vom 20. Januar 2021 ab.
2.
2.1.
Gegen den Einspracheentscheid vom 20. Januar 2021 erhob der Be-
schwerdeführer mit Eingabe vom 1. Februar 2021 Beschwerde und bean-
tragte die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids sowie die
Neuberechnung des Anspruchs auf Prämienverbilligung basierend auf
einem steuerbaren Einkommen von Fr. 58'910.00.
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 25. März 2021 beantragte die Beschwerdegeg-
nerin die Gutheissung der Beschwerde. Kapitalbezüge aus der Säule 2
oder 3 seien im Auszahlungsjahr nicht als Einkommen, sondern als Vermö-
genszuwachs zu berücksichtigen.

Considerations:
Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen Einspracheentscheid da-
von aus, der Kapitalbezug aus der Säule 3a stelle einen Vermögenszu-
wachs von mehr als Fr. 20'000.00 dar, der im entsprechenden Bezugsjahr
als Einkommen angerechnet werden müsse (Vernehmlassungsbeilage
[VB] 49 ff., insbesondere VB 50).
1.2.
Der Beschwerdeführer macht demgegenüber geltend, die Kapitalleistung
stelle bloss Vermögen dar, welches bereits vor der Auszahlung gebunden
vorhanden gewesen sei und ihn diese wirtschaftlich nicht besserstellen
würde. Dieses Kapital werde durch das dadurch ansteigende steuerbare
Vermögen und dessen Anrechnung im Umfang von einem Fünftel an das
- 3 -
steuerbare Einkommen im Rahmen der Berechnung eines Prämienverbilli-
gungsanspruchs ausreichend berücksichtigt. Zudem würden die jährlichen
Einzahlungen in die Säule 3a bei der Bemessung des Prämienverbilli-
gungsanspruchs bei der Berechnung des bereinigten steuerbaren Einkom-
mens jeweils aufgerechnet. Dies stehe im Widerspruch zur Anrechnung der
bezogenen Kapitalleistung.
1.3.
In ihrer Vernehmlassung führte die Beschwerdegegnerin aus, das KVGG
unterscheide nicht zwischen der Art des Kapitalzuwachses, was im Falle
eines Kapitalzuwachses durch den Bezug von Geldern aus der 2. oder
3. Säule zu einer ungerechten Situation führe, da der Einzahlungsbetrag
im entsprechenden Jahr wieder zum Einkommen hinzugerechnet und beim
Kapitalbezug dann nochmals als Einkommen angerechnet werden müsse.
Daher beantrage sie die Vornahme einer Differenzierung hinsichtlich des
§ 14 Abs. 2 KVGG in dem Sinne, dass Kapitalbezüge aus der Säule 2 oder
3 im Auszahlungsjahr nicht als Einkommen, sondern bloss als Vermögens-
zuwachs in die Berechnung der Prämienverbilligung im ausserordentlichen
Verfahren einfliessen sollten.
1.4.
Die Parteien sind sich ihren Äusserungen im Beschwerdeverfahren zufolge
darüber einig, dass der Kapitalbezug des Beschwerdeführers aus der
Säule 3a in der Höhe von Fr. 39'424.00 (VB 37, 40) dem Beschwerdeführer
und seiner Familie für das Jahr 2018 nicht als Einkommen angerechnet
werden soll. Da der angefochtene Einspracheentscheid von der Beschwer-
degegnerin jedoch nicht pendente lite aufgehoben wurde (Art. 53 Abs. 3
ATSG i.V.m. § 35 Abs. 6 KVGG), hat das Gericht die Frage der Rechtmäs-
sigkeit der Anrechnung des Kapitalbezugs als Einkommen dennoch mate-
riell zu überprüfen, da es nicht an die Begehren der Parteien gebunden ist
(Art. 61 lit. d ATSG i.V.m. § 35 Abs. 6 KVGG).
2.
Bei einer wesentlichen Verschlechterung oder Verbesserung der wirt-
schaftlichen Verhältnisse ist der Prämienverbilligungsanspruch im ausser-
ordentlichen Verfahren zu bemessen (§ 11 Abs. 1 KVGG). Als wesentliche
Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse gilt dabei eine Erhöhung
des Einkommens um mindestens 20 % oder um mindestens Fr. 20'000.00
oder ein Vermögenszuwachs von mindestens Fr. 20'000.00 (§ 11 Abs. 3
KVGG). Im ausserordentlichen Verfahren erfolgt die Berechnung des An-
spruchs auf Prämienverbilligung auf der Grundlage der aktuellen wirtschaft-
lichen und persönlichen Verhältnisse (§ 12 Abs. 1 Satz 1 KVGG). Vermö-
genszuwachs gemäss § 11 Abs. 3 KVGG wird im entsprechenden Jahr als
Einkommen behandelt (§ 14 Abs. 2 KVGG).
- 4 -
3.
3.1.
Das Gesetz ist in erster Linie nach seinem Wortlaut auszulegen (Auslegung
nach dem Wortlaut). Ist der Text nicht ganz klar und sind verschiedene
Auslegungen möglich, so muss das Gericht unter Berücksichtigung aller
Auslegungselemente nach der wahren Tragweite der Norm suchen. Dabei
hat es insbesondere den Willen des Gesetzgebers zu berücksichtigen, wie
er sich namentlich aus den Gesetzesmaterialien ergibt (historische Ausle-
gung). Weiter hat das Gericht nach dem Zweck, dem Sinn und den dem
Text zu Grunde liegenden Wertungen zu forschen, namentlich nach dem
durch die Norm geschützten Interesse (teleologische Auslegung). Wichtig
ist auch der Sinn, der einer Norm im Kontext zukommt, und das Verhältnis,
in welchem sie zu anderen Gesetzesvorschriften steht (systematische Aus-
legung). Die Rechtsprechung befolgt bei der Auslegung von Gesetzesnor-
men einen pragmatischen Methodenpluralismus und lehnt es ab, die ein-
zelnen Auslegungselemente einer Prioritätsordnung zu unterstellen (vgl.
statt vieler: BGE 146 V 129 E. 5.5.1 S. 136 f.; 146 V 95 E. 4.3.1 S. 101 mit
Hinweisen).
3.2.
Der Wortlaut von § 14 Abs. 2 KVGG hält fest, dass ein Vermögenszuwachs
von mehr als Fr. 20'000.00 im entsprechenden Jahr als Einkommen zu be-
rücksichtigen ist und nimmt keine Differenzierung hinsichtlich der Quelle
des Vermögenszuwachses vor.
Aus der Botschaft des Regierungsrates an den Grossen Rat vom 6. Mai
2015 betreffend das Gesetz zum Bundesgesetz über die Krankenversiche-
rung (KVGG), vormals: Einführungsgesetz zum Bundesgesetz über die
Krankenversicherung (EG KVG); Totalrevision, Bericht und Entwurf zur
1. Beratung (15.87) geht betreffend § 14 Abs. 2 KVGG hervor, dass we-
sentliche positive Vermögensveränderungen im Jahr des Vermögensan-
falls nicht im Rahmen der 20%igen Anrechnung des Vermögens im Sinne
von § 6 Abs. 2 KVGG berücksichtigt würden, sondern im betreffenden Jahr
als Einkommen und erst im Folgejahr als Vermögen gälten. Damit werde
eine Verbesserung des Erwerbseinkommens um mindestens Fr. 20'00000
dem einmaligen Vermögenszuwachs von Fr. 20'000.00 gleichgestellt. Bei-
des gelte im betreffenden Jahr als Einkommensverbesserung, was es von
der Wirkung her ja auch sei. Eine Berücksichtigung des Vermögenszu-
wachses bei der Anspruchsberechnung lediglich im normalen Rahmen von
20 % würde eine unverhältnismässige Ungleichbehandlung gegenüber der
Einkommensverbesserung bedeuten (Botschaft S. 61).
Diese Ausführungen lassen für die vorliegend relevante Frage der Berück-
sichtigung eines Kapitalbezugs aus der Säule 3a als Einkommen jedoch
keine relevanten Schlussfolgerungen zu. Insbesondere ist dabei zu berück-
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sichtigen, dass das bei der Berechnung des Prämienverbilligungsanspru-
ches berücksichtigte massgebende Einkommen aus dem rechtskräftig ver-
anlagten steuerbaren Einkommen besteht, dem unter anderem die Abzüge
für Einkaufsbeiträge an die Säule 2 und Beiträge an die Säule 3a hinzuge-
rechnet werden (§ 6 Abs. 3 lit. b KVGG). Der Botschaft lässt sich hinsicht-
lich der Zielsetzung dieser Wiederaufrechnung der Abzüge für Beiträge an
die Säule 3a in grundsätzlicher Hinsicht entnehmen, dass das steuerbare
Einkommen (im Gegensatz zur Handhabung unter dem damals noch gel-
tenden EG KVG) um diejenigen Faktoren bereinigt werden solle, welche
die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Antragsteller nicht tangierten
(Botschaft, S. 54). Diesem Ziel dient auch § 14 Abs. 2 KVGG: Die öffentli-
che Hand soll nicht jene Personen entlasten, denen die Bezahlung der
Krankenkassenprämien durch einen Vermögenszuwachs von (mindes-
tens) Fr. 20'000.00 ohne weiteres möglich wäre. Auf Kapitalbezüge aus
den Säulen 2 und 3a trifft dies allerdings nicht in gleichem Masse zu wie
auf andere Arten des Vermögenzuwachses wie bspw. Erbschaften, Schen-
kungen oder Lottogewinne. Zum einen sind die entsprechenden Kapitalbe-
züge entweder an strenge Voraussetzungen geknüpft oder können nicht
frei verwendet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1 FZG und die Verordnung über die
Wohneigentumsförderung mit Mitteln der beruflichen Vorsorge vom 3. Ok-
tober 1994 [WEFV; SR 831.411] betreffend die 2. Säule sowie Art. 3 Abs. 1
und 3 der Verordnung über die steuerliche Abzugsberechtigung für Bei-
träge an anerkannte Vorsorgeformen vom 13. November 1985 [BVV 3;
SR .831.461.3] betreffend die Säule 3a). Zum anderen haben diese Gutha-
ben einen Vorsorgecharakter und dienen daher der Bestreitung des Le-
bensbedarfs über einen längeren Zeitraum hinweg. Dieser Zielsetzung liefe
es zuwider, wenn der Kapitalbezug im Auszahlungsjahr bei der Prüfung der
Prämienverbilligung als Einkommen angerechnet würde.
Im Übrigen ist dem Beschwerdeführer auch zuzustimmen, dass der Kapi-
talbezug sich insofern von einer Schenkung oder einem ähnlichen Vermö-
genszuwachs unterscheidet, als das Vorsorgeguthaben bereits zuvor vor-
handen war (Beschwerde S. 1 f.). Dieses wird zwar steuerrechtlich gese-
hen – solange in gebundener Form vorhanden – nicht als Vermögen be-
trachtet, jedoch hat sich der kantonale Gesetzgeber im Hinblick auf die Hin-
zurechnung der Einzahlungen in die Säule 3a bzw. des Einkaufs in eine
Pensionskasse als Einkommen dazu entschlossen, von den steuerrechtlich
massgebenden Faktoren teilweise abzuweichen. Gemäss § 6 Abs. 3 lit. b
KVGG werden Einkaufsbeiträge an die Säule 2 und Beiträge an die Säule
3a im Einzahlungsjahr – abweichend von der steuerrechtlichen Betrach-
tungsweise – als Einkommen berücksichtigt. Es erscheint daher nicht sach-
gerecht, die einbezahlten Beträge im Jahr des Kapitalbezugs noch einmal
– und damit doppelt – als Einkommen zu berücksichtigen. Der von den Par-
teien einhellig vertretene Lösungsansatz, Kapitalbezüge aus den Säulen 2
und 3a im Auszahlungsjahr als Vermögen zu betrachten, bildet die wirt-
schaftliche Begünstigung durch eine solche Auszahlung hingegen treffend
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ab und ist mit Sinn und Zweck der Prämienverbilligung im Allgemeinen und
§ 14 Abs. 2 KVGG im Besonderen vereinbar.
3.3.
Im vorliegenden Fall ergibt sich somit, dass mit der Auszahlung des Kapi-
talbezugs am 30. Mai 2018 (VB 36) der Anspruch des Beschwerdeführers
und seiner Familie auf Prämienverbilligung ab Juni 2018 aufgrund des Ver-
mögenszuwachses im ausserordentlichen Verfahren neu zu bemessen ist
(§ 11 Abs. 1 lit. a i.V.m. Abs. 3 KVGG). Der Kapitalbezug von Fr. 39'424.00
(VB 40) ist zum Reinvermögen der Steuerveranlagung 2017 zu addieren,
was angesichts des dort festgesetzten Reinvermögens von Fr. 196'679.00
und unter Berücksichtigung der Freibeträge von total Fr. 224'000.00
(VB 62) neu ein steuerbares Vermögen von Fr. 12'103.00 ergibt. Dieses ist
im Umfang von 1/5, somit gerundet Fr. 2'421.00, als Einkommen für das
Jahr 2018 anzurechnen (§ 6 Abs. 2 KVGG). Die Berechnung in der Verfü-
gung vom 26. März 2020 wird abgesehen von der Anrechnung des Kapi-
talbezugs als Einnahmen ausweislich der Akten zu Recht nicht bean-
standet. Das dort errechnete massgebende Haushaltseinkommen 2018
(Fr. 94'502.00; VB 41) ist – zusammengefasst – um den Betrag des Kapi-
talbezugs abzüglich des anzurechnenden Anteils des steuerbaren Vermö-
gens zu reduzieren (Fr. 39'424.00 – Fr. 2'421.00 = Fr. 37'003.00), was ein
neues massgebendes Haushaltseinkommen von Fr. 57'499.00 ergibt
(Fr. 94'502.00 – Fr. 37'003.00). Dies ergibt einen Einkommenssatz von ge-
rundet Fr. 9'774.85 (Fr. 57'499.00 x 0.17). Da dieser unter den Richtprä-
mien des Haushalts in der Höhe von Fr. 13'640.00 im Jahr 2018 liegt, ha-
ben der Beschwerdeführer und seine Familie auch in der Zeitspanne von
Juni bis Dezember 2018 einen Anspruch auf Prämienverbilligung. Die Sa-
che ist daher zur Festsetzung des Anspruchs an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.
4.1.
Nach dem Dargelegten ist der angefochtene Einspracheentscheid vom
20. Januar 2021 in teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben
und die Sache zur Festsetzung des Anspruchs des Beschwerdeführers und
seiner Familie auf Prämienverbilligung für den Zeitraum von Juni bis De-
zember 2018 an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2.
Die vorliegende Streitsache betrifft die kantonale Prämienverbilligung und
damit keine Leistung im Sinne von Art. 61 lit. fbis ATSG i.V.m. § 35 Abs. 6
KVGG. Die Verfahrenskosten werden daher nach dem Verfahrensaufwand
im Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt (§ 22 Abs. 1 lit. e
Verfahrenskostendekret; SAR 221.150). Für das vorliegende Verfahren be-
tragen diese Fr. 400.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensausgang der Be-
schwerdegegnerin aufzuerlegen.
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4.3.
Der obsiegende Beschwerdeführer ist nicht vertreten und hat daher keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung, da für persönlichen Arbeitsauf-
wand und Umtriebe grundsätzlich keine Entschädigung ausgerichtet wird
(BGE 129 V 113 E. 4.1 S. 116; 110 V 134 E. 4d S. 134). Der Beschwerde-
gegnerin steht aufgrund des Verfahrensausgangs (Art. 61 lit. g ATSG
i.V.m. § 35 Abs. 6 KVGG) sowie ihrer Stellung als Sozialversicherungsträ-
gerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) ebenfalls keine Parteientschädigung
zu.