Decision ID: b625d61c-d9aa-44c2-a21b-d994f65774e2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste gemäss seinen Angaben am 9. Oktober 2018
in die Schweiz ein und stellte am gleichen Tag im damaligen Empfangs-
und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ ein Asylgesuch. Am 19. Oktober
2018 fand die Kurzbefragung zur Person (BzP) im EVZ und am 19. No-
vember 2018 eine erweiterte BzP statt. Am 23. Juli 2020 wurde eine ver-
tiefte
Anhörung des Beschwerdeführers zu seinen Asylgründen gemäss Art. 29
Abs. 1 AsylG (SR 142.31) durchgeführt.
B.
B.a Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen vor, er sei pakistanischer Staatsangehöriger mit letztem
offiziellem Wohnsitz in C._, Provinz Punjab, wo er mit seinen Eltern
und seiner Familie gelebt habe. Er habe für die Pakistan Atomic
Energy Commission (PAEC) in den Atomanlagen bei C._ ([...]) als
(...) gearbeitet. Eines Tages habe er festgestellt, dass zwei Mitglieder der
Terrororganisation Lashkar-e Taiba (umbenannt in Jama’at ud’Dawa; im
Folgenden: LeT) ebenfalls im Atomkraftwerk gearbeitet hätten. Er habe
diese erkannt, weil er sie oft in der Nähe seines Wohnortes in einer Mo-
schee, welche von LeT-Mitgliedern frequentiert werde, gesehen habe.
Diese Männer hätten am Arbeitsplatz Geld gesammelt, welches islami-
schen Tätigkeiten hätte zugute kommen sollen; tatsächlich hätten sie das
gesammelte Geld aber der LeT-Moschee abgegeben und es seien dann
damit "die Militanten" unterstützt worden. Die beiden Männer hätten auch
andere Leute in diese Moschee mitgenommen und sie über den Jihad un-
terrichtet. Im Herbst 2017 habe er seinen Vorgesetzten sowie in der Atom-
anlage beschäftigte Angehörige des CID (Criminal Investigation Depart-
ment) über diese Geldsammelaktion informiert; indes hätten diese Perso-
nen diesbezüglich nichts unternommen. Etwa zwei Wochen nach seiner
Meldung, im September oder Oktober 2017, seien eines Morgens drei oder
vier Männer der LeT in sein Haus eingedrungen, hätten ihn und seine El-
tern zusammengeschlagen und seine Frau vergewaltigt. Danach hätten die
Männer ihn entführt, ihn an einen ihm unbekannten Ort gebracht und ihn
dort während zwei Wochen in einem dunklen Raum festgehalten. Er sei
immer wieder geschlagen worden und man habe ihm gesagt, dass er die
Konsequenzen dafür zu tragen habe, dass er sich über die LeT beschwert
habe. Kurz vor seiner Freilassung sei er vergewaltigt worden und man
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habe ihn anschliessend in einer Gasse nahe seines Zuhauses liegen ge-
lassen. Während seiner Abwesenheit hätten seine Eltern erfolglos die Po-
lizei um Hilfe ersucht. Sie seien dann zusammen erneut zur Polizei gegan-
gen, um eine Anzeige zu erstatten. Diese habe ihre Anzeige aber wiederum
nicht entgegennehmen wollen, mit der Begründung, dass sie gegen die
LeT nichts unternehmen könnten, weil diese mit dem Militär zusammenar-
beite. Auch von den Leuten seiner Nachbarschaft habe er keine Hilfe er-
halten. Überdies habe er bei seiner Rückkehr aus der zweiwöchigen Ge-
fangenschaft erfahren, dass sein Arbeitgeber ihm gekündigt habe. Da er
und seine Ehefrau weiterhin bedroht worden seien und nirgends Hilfe er-
halten hätten, habe er mit der Ehefrau und seinen Kindern bei einem
Freund in D._ Zuflucht gesucht. Auch nach ihrem Weggang aus
C._ hätten sich Mitglieder der LeT bei seinen Eltern nach ihm und
seiner Familie erkundigt und gedroht, sie umzubringen. Er könne sich nicht
an einem anderen Ort in Pakistan niederlassen, weil die LeT landesweit
tätig sei und über Kontakte verfüge. Wegen der anhaltenden Drohungen
habe er sich im Dezember 2017 entschieden, sein Heimatland zu verlas-
sen. Am (...) Januar 2018 sei er illegal ausgereist und über den Iran und
die Türkei nach Griechenland gelangt. Anfangs Oktober 2018 sei er mit
einem gefälschten Pass von E._ nach F._ geflogen, von wo
er über G._ in die Schweiz eingereist sei. Seine Frau lebe mit ihren
Kindern mittlerweile in H._ bei Familienangehörigen, könne sich
aber dort wegen der Gefährdung durch die LeT nicht frei bewegen. Er
werde bis heute bei seinen Eltern in C._ von der LeT gesucht. Er
sei in der Schweiz wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung.
B.b Zum Beleg seiner Vorbringen rechte der Beschwerdeführer folgende
Beweismittel ein:
‒ 11 Fotos, die ihn bei seiner Arbeit in Pakistan zeigen;
‒ Heiratsurkunde (Marriage Registration Certificate) in Kopie;
‒ Todesurkunde seines Schwiegervaters (Death Registration Certificate)
in Kopie;
‒ Arztbericht vom 3. Januar 2019, ausgestellt von den Universitären
Psychiatrischen Diensten B._ ([...]);
‒ Austrittsbericht vom 21. Juni 2019, ausgestellt vom Psychiatriezent-
rum I._ AG, Klinik für Depressionen und Angst;
‒ Arztbericht vom 14. Juli 2020, ausgestellt von Dr. med. J._.
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C.
Mit Verfügung vom 9. September 2020 (eröffnet am 10. September 2020)
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 9. Oktober 2020 erhob
der Beschwerdeführer Beschwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz
und beantragte, dieser Entscheid sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlings-
eigenschaft festzustellen und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihm Asyl zu
gewähren; eventualiter sei die vorinstanzliche Verfügung teilweise auf-
zuheben und das SEM anzuweisen, ihn wegen Unzulässigkeit und Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie um Beiordnung eines unentgeltlichen Rechts-
beistands.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Oktober 2020 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses. Ferner wurde der Beschwerdeführer dazu aufgefor-
dert, innert Frist eine Rechtsbeiständin oder einen Rechtsbeistand gemäss
aArt. 110a AsylG zu benennen, durch die oder den er sich vertreten lassen
möchte. Schliesslich wurde das SEM zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung eingeladen.
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 26. Oktober 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung vollumfänglich fest.
G.
Mit Eingabe vom 27. Oktober 2020 zeigte Rechtsanwalt Michael Steiner
unter Beilage einer entsprechenden Vollmacht seine Mandatierung durch
den Beschwerdeführer an und ersuchte um Einsetzung als unentgeltlicher
Rechtsbeistand.
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H.
Mit Instruktionsverfügung vom 29. Oktober 2020 hiess der Instruktionsrich-
ter das Gesuch um unentgeltliche Verbeiständung im Sinne von aArt. 110a
AsylG gut und setzte Rechtsanwalt Steiner als amtlichen Rechtsbeistand
des Beschwerdeführers ein. Ferner wurde ihm ein Doppel der Vernehm-
lassung der Vorinstanz zur Kenntnisnahme zugestellt.
I.
Mit Eingaben vom 13. November 2020, 19. Januar 2021, 21. Juli 2021,
6. August 2021, 13. August 2021, 19. August 2021, 16. September 2021,
7. Oktober 2021, 7. Februar 2022 und 17. März 2022 liess der Beschwer-
deführer dem Gericht weitere Informationen und Beweismittel zukommen
(namentlich drei Internetartikel zur Situation in Pakistan, Screenshot und
USB-Stick betreffend Eindringen in seinen Whatsapp-Account, Arzt-
berichte vom 16. August 2021 und 28. Februar 2022, Vorlehrvertrag vom
25. Januar 2022 in Kopie inklusive Beilagen, Auszug Strafregister vom
1. Februar 2022).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz Folgendes aus:
3.1.1 Es seien erhebliche Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
des Beschwerdeführers angebracht. Seine Schilderungen der vorgebrach-
ten Ereignisse seien auffallend wenig detailliert sowie stereotyp und ent-
hielten kaum persönlichkeitsgeprägte Elemente. Er habe trotz Nachfrage
keine substanziierten Angaben zum Überfall auf seine Familie, bei wel-
chem seine Ehefrau vergewaltigt und er entführt worden sei, oder zu den
Umständen seiner Haftzeit zu machen vermocht; den diesbezüglichen
Ausführungen des Beschwerdeführers fehle der zu erwartende persönliche
Bezug. Es falle auf, dass er bei der Anhörung nicht in der Lage gewesen
sei, substanziiertere Angaben zu machen, als an der BzP. Dies lasse es
fraglich erscheinen, dass er die vorgebrachten Geschehnisse tatsächlich
selbst erlebt habe, zumal er namentlich über seine Berufstätigkeit detail-
liertere Angaben habe machen können. Der Einwand des Beschwerdefüh-
rers, er berichte emotionslos, weil er wegen Depressionen in medizinischer
Behandlung sei, sei nicht ausschlaggebend, da weitere Argumente gegen
die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen sprechen würden.
3.1.2 Beispielsweise seien seine Angaben dazu, woher er gewusst habe,
wofür das von seinen Arbeitskollegen gesammelte Geld verwendet worden
sei, vage und ausweichend. Ebenso überzeuge seine Begründung dafür,
weshalb er sich an deren Vorgehen gestört und sich darüber beschwert
habe, nicht. Es erstaune, wie wenig der Beschwerdeführer sich mit seinen
angeblichen Verfolgern auseinandergesetzt habe. Die Verfolgungsmotiva-
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tion der LeT, nachdem sie ihn nach zweiwöchiger Gefangenschaft freige-
lassen habe, sei schleierhaft. Er habe keine überzeugenden Gründe dafür
nennen können, weshalb er von dieser Organisation landesweit gesucht
werde, und es gebe keine konkreten Hinweise dafür, dass auch seine Ehe-
frau und die Kinder gesucht würden. Durch diese Ungereimtheiten würden
die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers
verstärkt. Demnach sei als unglaubhaft zu erachten, dass der Beschwer-
deführer die LeT an seinem Arbeitsort angeschwärzt und aus diesem
Grund von dieser verfolgt worden sei.
3.1.3 Im Übrigen würden seine Vorbringen auch den Anforderungen an die
Asylrelevanz gemäss Art. 3 AsyIG nicht standhalten. Er mache eine Verfol-
gung durch Dritte geltend. Gemäss konstanter Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts sei aber der pakistanische Staat fähig und willens, Schutz
vor Verfolgung Dritter zu bieten und eine funktionierende und effiziente
Schutzinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Zudem dürfte der Beschwer-
deführer auch über eine innerstaatliche Flucht- beziehungsweise Schutz-
alternative verfügen. Der Vollständigkeit halber sei zudem zu erwähnen,
dass er bei einer Rückkehr nach Pakistan auch nicht aufgrund seiner
Arbeitsstelle bei der PAEC vonseiten der Behörden flüchtlingsrechtlich
relevante Nachteile zu befürchten habe. Seine Tätigkeit habe sich auf die
(...) beschränkt, und es gebe keine Hinweise dafür, dass er Träger von
Informationen mit sehr hohem Geheimhaltungsgrad sei. Er habe auch
keine diesbezüglichen Probleme oder Befürchtungen vorgebracht.
Schliesslich weise auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer sich in
Griechenland auf die pakistanische Botschaft begeben habe, die ihm einen
heimatlichen Reisepass ausgestellt habe, darauf hin, dass er keine Nach-
teile von staatlicher Seite zu befürchten habe.
3.1.4 Im Weiteren würden sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür
ergeben, dass dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in den Hei-
matstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK ver-
botene Strafe oder Behandlung drohe, und weder die in Pakistan herr-
schende politische Situation noch andere, individuelle, Gründe sprächen
gegen die Zumutbarkeit einer Rückkehr in seinen Heimatstaat. Es handle
sich bei ihm um einen jungen, gut ausgebildeten Mann mit mehrjähriger
Arbeitserfahrung. Zudem könne er in Pakistan auf ein soziales Netz
zurückgreifen. In Bezug auf die geltend gemachten psychischen
Beschwerden sei festzuhalten, dass gemäss ständiger Praxis des Bundes-
verwaltungsgerichtes nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs geschlossen werden könne, wenn eine notwendige medizinische
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Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung stehe und eine Rückkehr
zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesund-
heitszustandes führe. Zwar sei der Zugang zu einer angemessenen
Gesundheitsversorgung für Personen mit psychischen Leiden in Pakistan
erheblich erschwert. Angesichts der gesicherten Wohnsituation, seines
familiären Umfelds und seiner mehrjährigen Arbeitserfahrung könne aber
davon ausgegangen werden, dass er die Kosten einer psychiatrischen
Behandlung tragen könnte. Zudem stehe ihm die Möglichkeit offen, eine
individuelle medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen.
3.2
3.2.1 In der Beschwerdeeingabe machte der Beschwerdeführer zunächst
detaillierte Angaben zum Übergriff der LeT auf seine Familie im September/
Oktober 2017 sowie zu seiner Gefangenschaft und den erlittenen Miss-
handlungen sowie zu seinem Verhalten nach der Freilassung. Ebenso
machte er nähere Angaben zur LeT und deren Verhalten. Er gehe davon
aus, dass die Angehörigen dieser Organisation ihn nicht umgebracht
hätten, weil sie ihn vor den Augen seiner Eltern mitgenommen hätten und
er bei der Pakistanischen Atomenergie-Kommission, einer Organisation
mit hohem Sicherheits- und Vertraulichkeitsniveau, angestellt gewesen sei.
Ein Mord an einem Angestellten dieser Behörde hätte gravierende Folgen
gehabt, weil viele vertrauliche Informationen nach draussen dringen könn-
ten. Möglicherweise hätte dies auch der LeT geschadet. Vielleicht hätten
sie ihn auch am Leben gelassen, weil sie gemerkt hätten, dass er kaum
etwas über sie wisse. Er halte daran fest, dass sein Leben damals in Ge-
fahr gewesen und es auch heute noch sei, weil er sich gegen die LeT aus-
gesprochen habe. Weil er nicht mehr im Atomkraftwerk arbeite, habe er im
heutigen Zeitpunkt noch weniger Schutz gegen die LeT als zuvor. Bis heute
sei seine Familie in Gefahr und erhalte immer noch Drohungen. Der Ein-
fluss der LeT gehe weit über seine Heimatregion hinaus. Sie verfüge über
ein Netzwerk und Einfluss im gesamten Land. Deshalb stehe ihm keine
sichere innerstaatliche Fluchtalternative zur Verfügung. Der pakistanische
Staat billige offiziell die LeT und andere solche Gruppen zwar nicht, könne
aber auch nicht gegen sie vorgehen, unter anderem weil der Staat (ins-
besondere die Armee) teilweise ebenfalls von solchen Elementen durch-
setzt sei. Wer sich öffentlich gegen eine solche Terrororganisation ausspre-
che, bleibe für immer in deren Visier. Im Übrigen leide er wegen seiner
Erlebnisse in Pakistan unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung.
Es werde ein im Hinblick auf die Frage der Glaubhaftigkeit seiner Vorbrin-
gen ergänztes Arztzeugnis eingereicht. Im Weiteren habe der bei der An-
hörung anwesende Hilfswerkvertreter (HWV) einen Kurzbericht verfasst, in
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welchem er zum Schluss gekommen sei, seine Vorbringen seien glaubhaft
und hinreichend intensiv um zumindest eine Verneinung der Zulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs zu rechtfertigen. Die Vorinstanz habe keine Ab-
wägung aller für und gegen die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen sprechen-
den Gründe vorgenommen, sondern seinen Entscheid ausschliesslich auf
die dagegensprechenden Argumente abgestützt. Es sei nicht berück-
sichtigt worden, dass er im Asylverfahren Beweismittel und Identitätsdoku-
mente eingereicht habe, ein psychiatrischer Bericht vorliege und der HWV
zu einer anderen Einschätzung gekommen sei. Er sei nach wie vor in gros-
ser Sorge um das Wohl seiner im Heimatstaat verbliebenen Angehörigen
namentlich seiner Ehefrau und den Kindern.
3.3
3.3.1 In der Beschwerdeergänzung vom 13. November 2020 wurde gerügt,
die Vorinstanz habe den Anspruch auf rechtliches Gehör in mehrfacher
Hinsicht verletzt. Zum einen habe das SEM bei der Beurteilung der Glaub-
haftigkeit seiner Vorbringen seine gesundheitlichen Probleme nicht hinrei-
chend berücksichtigt. Seine schwere Traumatisierung habe einen grossen
Einfluss auf seine Fähigkeit gehabt, seine Asylgründe detailliert zu schil-
dern. Da die Durchführung der Anhörung jahrelang "verschleppt" worden
sei, und die fluchtauslösenden Ereignisse im Zeitpunkt des Entscheids be-
reits rund drei Jahre zurückgelegen hätten, sei der Vorwurf, seine Aussa-
gen seien nicht detailliert und nicht ausführlich gewesen, willkürlich und
verstosse gegen Treu und Glauben. Der Anspruch auf Akteneinsicht sowie
auf rechtliches Gehör sei schwerwiegend verletzt worden, indem das SEM
die Anfrage und die Antwort der "Federführung Pakistan" (Aktenstücke
A31/2 und A32/4) in der angefochtenen Verfügung mit keinem Wort er-
wähnt und keine Einsicht in diese Dokumente gewährt habe. Die Behaup-
tung, seine Ausführungen seien substanzarm und stereotyp, sei aktenwid-
rig. Die BzP-Befragung vom 19. Oktober 2018 sei eine Dublin-Befragung
gewesen, weshalb er bei dieser nicht zu seinen Asylgründen hätte befragt
werden dürfen. Dass er sich bei der BzP überdurchschnittlich detailliert zu
seinen Asylgründen geäussert habe, sei ein Indiz für deren Glaubhaftigkeit.
Eine Verletzung der Abklärungspflicht sei darin zu erblicken, dass die An-
hörung vom 23. Juli 2020 zu lange gedauert habe, nämlich 7 Stunden und
20 Minuten. Dass darauf verzichtet worden sei, die Richtigkeit der Aussa-
gen auf jeder Seite des Anhörungsprotokolls unterschriftlich bestätigen zu
lassen, sei durch die Vorsichtsmassnahmen aufgrund der COVID-Pande-
mie nicht zu rechtfertigen gewesen. Durch diese Massnahme sei die Zu-
verlässigkeit des gesamten Protokolls in Frage gestellt. Der Anspruch auf
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rechtliches Gehör sei dadurch verletzt worden, dass das SEM die Zusam-
menhänge zwischen der LeT und den pakistanischen Behörden, nament-
lich dem CID, weder erwähnt noch gewürdigt habe: Aufgrund dieser Zu-
sammenhänge sei der Behauptung, der pakistanische Staat wäre fähig
und willens, ihn vor der entsprechenden Verfolgung vor Drittpersonen zu
schützen, die Grundlage entzogen.
Seine freie Schilderung der Asylgründe sei so ausführlich und detailliert
gewesen, wie dies von ihm habe erwartet werden können. Das SEM habe
bei der Beurteilung seiner Antworten zu den protokollierten Fragen 94–98
nicht berücksichtigt, dass die geschilderten Ereignisse die Hauptursache
für seine Traumatisierung gewesen seien. Es sei darüber hinaus absurd,
dass von ihm eine ausführliche Schilderung des ganzen Tages, an dem er
entführt und seine Ehefrau vergewaltigt worden sei, verlangt worden sei.
Weiter seien der freie Fluss seiner Schilderungen und die ausführliche
Protokollierung bei der Anhörung dadurch beeinträchtigt worden, dass der
Protokollführer in einem anderen Raum gesessen habe. Dieser habe ihn
nicht sehen können, weshalb der Beschwerdeführer gezögert oder pau-
siert habe. Es falle auf, dass das Anhörungsprotokoll an zahlreichen Stel-
len Auslassungszeichen enthalte, deren Hintergrund nicht nachvollziehbar
sei, weil im Protokoll keine Verbalisierungen angebracht worden seien. Das
Argument, seine Ausführungen betreffend die Geldsammelboxen seien
vage und ausweichend gewesen, sei aktenwidrig.
Er habe auch glaubhaft dargelegt, aus welchen Gründen er sich gegen die
Aktivitäten der LeT an seinem Arbeitsort ausgesprochen habe. Mit der Be-
hauptung, er habe nicht überzeugend begründet, weshalb er sich an die-
sen Geldsammlungen gestört habe, habe das SEM sich in gravierender
und rechtswidriger Weise von einer Glaubhaftigkeitsprüfung gemäss Art. 7
AsyIG entfernt. Die von ihm gezeigte Verwunderung über diese Frage sei
ein Realkennzeichen. Bei den Fragen 61–64 habe es sich nicht um offene
Fragen gehandelt. In Bezug auf die Fragen 84 und 85 habe die Vorinstanz
das Argument der fehlenden Substanz falsch angewendet. Er habe den
Raum, in dem er festgehalten worden sei, so detailliert beschrieben, wie
es von ihm habe erwartet werden können. Seine Aussagen zur Haftzeit
sowie betreffend seine Vergewaltigung seien sehr wohl ausführlich und von
vielen Realkennzeichen geprägt. Die Befragung des SEM in der Anhörung
zu seiner Vergewaltigung sei überdies mangelhaft gewesen. Es sei nicht
massgeblich, was danach passiert sei, sondern wie es zu diesem Übergriff
gekommen sei. Weiter habe er auch die Suche nach ihm bei seinen Eltern
sowie die ausgesprochenen Drohungen detailliert geschildert. Aus diesen
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Gründen müsse die angefochtene Verfügung aufgehoben und die Sache
zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachver-
halts an das SEM überwiesen werden.
3.3.2 Angesichts seiner detaillierten Darlegung der durch die islamistische
Organisation LeT sowie durch die pakistanischen Behörden und die Ge-
heimdienste erlittenen Vorverfolgung sei eine begründete Furcht vor asyl-
relevanter landesweiter Verfolgung im Falle einer Rückkehr nach Pakistan
zu bejahen. Weiter stehe fest, dass die pakistanischen Behörden weder
schutzwillig noch schutzfähig seien. Aus seinen detaillierten Angaben gehe
eindeutig hervor, dass die LeT unter dem Schutz der staatlichen Behörden
und des Geheimdienstes stehe. Hieran vermöge das Ausstellen eines pa-
kistanischen Reisepasses in Griechenland nichts zu ändern, da er sich
dadurch nicht unter den Schutz der pakistanischen Behörden gestellt habe.
Allenfalls sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Weil er seine Arbeits-
stelle bei der PAEC verlassen habe und aufgrund seines langjährigen Aus-
landsaufenthalts müsse er damit rechnen, bei einer Wiedereinreise gezielt
befragt zu werden.
3.3.3 Für den Fall, dass er nicht als Flüchtling anerkannt werden sollte,
wäre er wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzu-
nehmen. Eine erfolgreiche Therapie seiner schweren Traumatisierung
wäre in Pakistan nicht möglich. Zudem seien er und seine Familie durch
das Erlittene in ihrem Umfeld stigmatisiert. Er habe seine Anstellung ver-
loren und wäre nicht in der Lage, sich in seinem Heimatstaat eine neue
Existenz aufzubauen.
3.4 In den weiteren ergänzenden Eingaben brachte der Beschwerdeführer
namentlich vor, seine Eltern seien wiederholt von unbekannten Männern
belästigt und mit Drohungen unter Druck gesetzt worden, die Aufenthalts-
orte von ihm sowie seiner Ehefrau und den Kindern zu verraten. Seine
Eltern seien deswegen an einen anderen Ort umgezogen. Ferner habe er
festgestellt, dass sein Whatsapp-Account von einer pakistanischen
Behördenstelle gehackt worden sei.
4.
In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, die
vorab zu beurteilen sind.
4.1 Bei den Aktenstücken A31/2 und A32/4 (Anfrage und Antwortschreiben
betreffend amtsinterne Abklärungen zum vorliegenden Fall) handelt es sich
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Seite 12
um verwaltungsinterne Akten, mithin einzig der verwaltungsinternen
Meinungsbildung dienende Dokumente, in welche gemäss konstanter
Rechtsprechung kein Anspruch auf Einsicht besteht. Mit dem Ausschluss
des Einsichtsrechts in derartige Akten soll verhindert werden, dass die
interne Meinungsbildung der Verwaltung über die entscheidenden Akten-
stücke und die erlassenen Verfügungen hinaus vollständig vor der Öffent-
lichkeit ausgebreitet wird (vgl. BGE 125 II 473 E. 4.a, mit Verweisen). Hie-
raus folgt, dass die Vorinstanz die Aktenedition bezüglich der genannten
Aktenstücke zu Recht verweigert hat, ohne damit den Anspruch des Be-
schwerdeführers auf rechtliches Gehör zu verletzen.
4.2
4.2.1 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die
Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft
und in der Entscheidungsfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in
der Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1
VwVG). Die Begründung eines Entscheids muss so abgefasst sein, dass
der Betroffene ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann, was nur
der Fall ist, wenn sich sowohl der von der Verfügung Betroffene als auch
die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen
können. Die verfügende Behörde kann sich auf die wesentlichen Gesichts-
punkte beschränken, hat aber wenigstens kurz die Überlegungen anzufüh-
ren, von denen sie sich leiten liess und auf die sie ihren Entscheid
abstützte. Die Begründungsdichte richtet sich dabei nach dem Verfügungs-
gegenstand, den Verfahrensumständen und den Interessen des Betroffe-
nen, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten
Interessen des Betroffenen eine sorgfältige Begründung verlangt wird.
Indessen ist nicht erforderlich, dass die Behörde sich in der Begründung
mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. LORENZ KNEUBÜHLER / RAMONA PEDRETTI, in: Auer/Müller/
Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungs-
verfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 35 Rz. 7 ff.; BGE 136 I 184 E. 2.2.1,
BVGE 2013/34 E. 4.1, 2008/47 E. 3.2 und 2007/30 E. 5.6).
4.2.2 Im Verwaltungs- und namentlich im Asylverfahren gilt der Untersu-
chungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren be-
deutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung und
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Seite 13
zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und
auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsuchen-
den Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht uneinge-
schränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchen-
den findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Art. 12 Rz. 9; BVGE 2012/21 E. 5.1).
Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungsgrundsatzes
in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asylsuchenden
Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise abzunehmen,
ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre und Praxis
besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausgehende Abklä-
rungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der asylsuchen-
den Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen Beweismittel
Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen, die voraus-
sichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden können (vgl.
BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen
der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 23 E. 5a).
4.3 Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers ist nicht zu bean-
standen, dass ihm in der BzP Fragen zu seinen Asylgründen gestellt
wurden. Die Belehrung in der Einleitung der BzP widerspricht diesem Vor-
gehen keineswegs, da zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens kein Grund zur
Annahme bestand, dass voraussichtlich ein anderer Dublin-Mitgliedstaat
für sein Asylverfahren zuständig sein würde. Inwiefern dem Beschwerde-
führer aus diesem Vorgehen der Vorinstanz ein Rechtsnachteil entstanden
sein soll, ist nicht erkennbar. Das Abstellen auf seine Aussagen zu seinen
Asylgründen bei der BzP zur Begründung der angefochtenen Verfügung
stellt demnach keine Verletzung der Abklärungspflicht respektive des recht-
lichen Gehörs dar.
4.4 Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergeben sich keine zeitlichen
Vorgaben für die Vorinstanz hinsichtlich des Zeitpunkts der Durchführung
der Anhörungen. Grundsätzlich ist es wünschenswert, dass zwischen der
Einreichung des Asylgesuchs und der Anhörung nicht zu viel Zeit liegt. Vor-
liegend hat der Beschwerdeführer indes nicht dargelegt, inwiefern ihm aus
den dargelegten zeitlichen Verhältnissen Nachteile entstanden sein sollen.
Im Übrigen hätte es ihm offen gestanden, eine Rechtsverzögerungsbe-
schwerde einzureichen. Der Vorwurf einer Verletzung der Abklärungspflicht
durch eine "Verschleppung" des Verfahrens erweist sich demnach als un-
berechtigt (vgl. Urteil des BVGer E-3691/2020 vom 5. April 2022 E. 4.4.7).
E-5039/2020
Seite 14
4.5 Dass eine Anhörung länger gedauert hat, als dies in der internen Wei-
sung des SEM vorgesehen ist, stellt für sich genommen keine Verletzung
von Art. 29 Abs. 1 BV dar, zumal es sich bei einer Weisung des SEM um
eine Verwaltungsverordnung ohne Aussenwirkung handelt. Es ergeben
sich weder aus dem Anhörungsprotokoll noch aus dem Bericht des HWV
Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer mit fortschreitender Dauer
der Befragung nicht mehr in der Lage gewesen wäre, adäquat mitzuwirken,
oder dass die Befragung hätte abgebrochen werden müssen. Dies wird
auch im Rahmen des Beschwerdeverfahrens nicht geltend gemacht. Eine
unfaire Behandlung des Beschwerdeführers ist demnach nicht erkennbar
(vgl. Urteil des BVGer E-5788/2017 vom 23. April 2019 E. 4.4).
4.6 Das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung mit den wesent-
lichen Vorbringen des Beschwerdeführers in erforderlichem Umfang aus-
einandergesetzt, die Überlegungen genannt, auf welche es seinen
Entscheid stützte, und sich in seiner Begründung auf die vom Beschwerde-
führer vorgebrachten Asylgründe gestützt. Angesichts dessen, dass die
Vorinstanz in erster Linie mit der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen des
Beschwerdeführers argumentierte, ist der Vorwurf, sie habe sich nicht
hinreichend mit der Unterstützung der angeblichen Verfolger des Be-
schwerdeführers durch die pakistanischen Behörden auseinandergesetzt,
unbegründet. Das SEM hat zudem die psychische Befindlichkeit des
Beschwerdeführers gebührend berücksichtigt. Insgesamt ist die vor-
instanzliche Verfügung so abgefasst, dass sich der Beschwerdeführer über
die Tragweite des Entscheids ein Bild machen konnte. Wie die Beschwer-
deschrift sowie die ergänzenden Eingaben zeigen, war es ihm denn auch
ohne Weiteres möglich, diese Verfügung sachgerecht anzufechten. Eine
Verletzung der Begründungspflicht liegt demnach nicht vor.
4.7 Schliesslich gibt es auch keinen Grund zur Annahme, dass die bei der
Anhörung wegen der Covid-Pandemie getroffenen Sicherheitsmassnah-
men, namentlich der Umstand, dass der Protokollführer sich nicht im sel-
ben Raum aufhielt, den Beschwerdeführer bei der ausführlichen Darlegung
seiner Asylgründe oder die ordnungsgemässe Protokollführung mass-
geblich beeinträchtigt hätten. Es besteht kein Grund zur Annahme, dass
die Aussagen des Beschwerdeführers im Protokoll nicht vollständig und
korrekt wiedergegeben wurden. Es ist nicht ersichtlich, dass er bei der
Rückübersetzung Korrekturwünsche vorgebracht hätte und auch in den
Eingaben auf Beschwerdeebene wurden keine konkreten derartigen
Fehler geltend gemacht. Mit den vom Rechtsvertreter des Beschwerdefüh-
rers erwähnten Auslassungszeichen im Protokoll wurde offensichtlich
E-5039/2020
Seite 15
transparent gemacht, dass er an diesen Stellen Sätze nicht beendete oder
zögerte. Im Übrigen hat die Hilfswerkvertretung in ihren Anmerkungen aus-
ser dem Hinweis, dass das Verfolgen der Anhörung durch die räumliche
Trennung erschwert gewesen sei, keine Beanstandungen vorgebracht.
4.8 Die verfahrensrechtlichen Rügen des Beschwerdeführers erweisen
sich demnach als unberechtigt.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Argumentation der Vorinstanz, die Ausführungen des Beschwerde-
führers im Rahmen der Befragungen zu den angeblich von ihm und seinen
Angehörigen erlittenen Verfolgungsmassnahmen seien wenig substanzi-
iert ausgefallen, erscheint nicht unberechtigt. Es kann jedoch nicht ausge-
schlossen werden, dass im Zeitpunkt der Anhörung seine Fähigkeit, aus-
führlich über seine Erlebnisse zu berichten, durch seine belegten psychi-
schen Probleme beeinträchtigt war. Der Beschwerdeführer wies in der An-
hörung ausdrücklich darauf hin, er könne "nicht sehr viel erzählen" und
rede "so emotionslos", weil er "in Behandlung" sei (vgl. Protokoll Anhörung
A27/24 F143 f.; vgl. auch F146: "Ich bin dran; ich erzähle Ihnen ja alles. Ich
sage nur, wegen der Depression kann ich nicht so viel... aber ich koope-
riere"). Dies steht im Einklang damit, dass er gemäss den eingereichten
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Seite 16
Arztzeugnissen zu diesem Zeitpunkt in medikamentöser und therapeuti-
scher Behandlung stand. Gemäss dem wenige Tage vor der Anhörung er-
stellten Bericht vom 14. Juli 2020 (vgl. Beweismittelcouvert A30) nahm der
Beschwerdeführer damals jeweils morgens das Antidepressivum Duloxe-
tin 60 ein und hatte die Präparate Quetiapin 200 (atypisches Neurolepti-
kum) und Deanxit (Antidepressivum mit Neuroleptikum) in Reserve; häu-
fige Nebenfolgen des Hauptmedikaments Duloxetin sind offenbar unter an-
derem Schläfrigkeit und Übelkeit (vgl. < https://www.netdoktor.ch/medika-
mente/duloxetin/ >, besucht am 19.10.2022: "Bei mehr als zehn Prozent
der Behandelten kommt es zu Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Übelkeit und
Mundtrockenheit"). Die Feststellung der mangelnden Substanziiertheit wird
zudem auch dadurch relativiert, dass in der Beschwerdeeingabe detail-
lierte Ausführungen zu der vorgebrachten Vorverfolgung gemacht wurden.
6.2 Der Beschwerdeführer vermag damit aber nicht alle Zweifel an der
Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen auszuräumen. Angesichts der Tatsache,
dass seine Einwände gegen die Geldsammelaktion der LeT für diese keine
nachteiligen Konsequenzen gehabt haben sollen, erscheint eine derart
massive Reaktion der Angehörigen dieser Organisation schwer nachvoll-
ziehbar; das Gleiche gilt für das Vorbringen, dass sie ihn nach zweiwöchi-
ger Haft ohne Auflagen freigelassen, ihn und seine Familie danach aber
erneut behelligt hätten.
6.3 Die Frage der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers kann aber letztlich offengelassen werden, weil es ihnen, wie im Fol-
genden auszuführen ist, jedenfalls an der asylrechtlichen Relevanz fehlt:
6.3.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person
die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, so-
fern ihr die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1
AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive
zugefügt zu werden drohen, und vor denen sie keinen ausreichenden staat-
lichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2,
je m.w.H.). Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestim-
mung liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, Letztere
hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich
– auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in abseh-
E-5039/2020
Seite 17
barer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende Anhalts-
punkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Men-
schen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Ent-
schluss zur Flucht hervorrufen würden. Aufgrund der Subsidiarität des
flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlings-
eigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem
Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz finden kann
(vgl. BVGE 2011/51 E. 6, 2008/12 E. 7.2.6.2 und 2008/4 E. 5.2). Ausgangs-
punkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der
im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten
Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheids ist
jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht
ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimat-
staat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und
zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl.
zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6 S. 1016 f., 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2
S. 996 ff., 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1 S. 507 f., 2008/12 E. 5.2 S. 154 f.
und 2008/4 E. 5.2 S. 37, jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl, in:
Uebersax / Rudin / Hugi Yar / Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009,
Rz. 11.17 und 11.18).
6.3.2 Eine Verfolgung durch nichtstaatliche Dritte kann nur dann flücht-
lingsrechtliche Relevanz entfalten, wenn es der betroffenen Person nicht
möglich ist, im Heimatstaat adäquaten Schutz zu finden. Nach der soge-
nannten Schutztheorie (vgl. EMARK 2006 Nr. 18) ist nichtstaatliche Verfol-
gung flüchtlingsrechtlich nur dann beachtlich, wenn der Staat unfähig oder
nicht willens ist, Schutz vor einer solchen Verfolgung zu bieten. Eine
Garantie für langfristigen individuellen Schutz der von nichtstaatlicher Ver-
folgung bedrohten Person kann dabei nicht verlangt werden; so kann es
keinem Staat gelingen, seinen Bürgerinnen und Bürgern jederzeit und
überall eine absolute Sicherheit zu gewährleisten. Demgegenüber muss
der Staat eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfü-
gung stellen, deren Inanspruchnahme der betroffenen Person objektiv
möglich und individuell zumutbar sein muss, was jeweils im Rahmen einer
Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontexts
zu beurteilen ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3 f. und statt vieler das Urteil des
BVGer D-2391/2022 vom 24. Juni 2022, E. 7.1.1, je m.w.H.).
6.3.3 Bei den vom Beschwerdeführer vorgebrachten Übergriffen durch
die LeT handelt es sich um eine Verfolgung durch Dritte. Entgegen den
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Seite 18
Behauptungen in der Beschwerdeergänzung vom 13. November 2020 er-
geben sich aus den Akten keine stichhaltigen Hinweise dafür, dass staatli-
che Stellen in diese verwickelt gewesen wären.
6.3.4 Hieran vermag auch das Vorbringen des Beschwerdeführers,
wonach sein Whatsapp-Account auf Veranlassung der pakistanischen
Behörden gehackt worden sei, nichts zu ändern (vgl. Eingabe vom 13. Au-
gust 2021). Weder seine diesbezüglichen Darlegungen noch die ein-
gereichten Beweismittel lassen eindeutige Rückschlüsse auf die Urheber
jener Massnahme und deren Motiv zu. Ein Zusammenhang mit den be-
haupteten Übergriffen durch die LeT ist nicht erstellt. Jedenfalls lässt sich
hieraus nicht auf eine begründete Furcht des Beschwerdeführers vor staat-
licher Verfolgung asylrelevanten Ausmasses schliessen. Der in der Ein-
gabe vom 13. November 2020 geäusserten Vermutung, der Beschwerde-
führer müsste wegen des Verlassens seiner Arbeitsstelle bei der PAEC
sowie seiner Landesabwesenheit mit Nachteilen, namentlich einer intensi-
ven Befragung, rechnen, ist schon deshalb die Grundlage entzogen, weil
ihm gemäss eigenen Angaben vor seiner Ausreise die Kündigung aus-
gesprochen wurde. Zu Recht wies sodann die Vorinstanz darauf hin, dass
die Einschätzung wonach der Beschwerdeführer keine begründete Furcht
vor staatlicher Verfolgung hat, durch den Umstand bestätigt wird, dass er
sich in Griechenland durch die pakistanische Botschaft ein neues Reise-
papier ausstellen liess.
6.3.5 Gemäss verschiedenen Quellen wird die LeT in gewissem Umfang
durch das pakistanische Militär und den Geheimdienst unterstützt. In den
letzten Jahren hat die pakistanische Regierung jedoch auch Massnahmen
gegen diese Organisation ergriffen. So wurde sie im Rahmen des Kampfs
gegen den Terrorismus offiziell verboten und mehrere ihre Anführer sind
wegen terroristischer Aktivitäten zu Gefängnisstrafen verurteilt worden (vgl.
hierzu: EASO, Pakistan Security Situation, Country of Origin Information
Report, October 2021, S. 26 und 39; CENTRE FOR STRATEGIC AND INTER-
NATIONAL STUDIES, Examining Extremism: Lashkar-E-Taiba, 28. Oktober
2021). Diese Ausgangslage lässt darauf schliessen, dass die LeT jeden-
falls nicht vorbehaltlos durch die pakistanischen Behörden unterstützt wird,
und es rechtfertigt sich demnach nicht, davon auszugehen, dass diese ge-
nerell keinen Schutz gegen Übergriffe durch die LeT gewähren würden.
Selbst wenn die Polizeibehörde des Wohnorts des Beschwerdeführers sich
tatsächlich geweigert haben sollte, seine Strafanzeige entgegenzuneh-
men, kann hieraus nicht der Schluss gezogen werden, dass ihm im gesam-
ten Staatsgebiet seines Heimatsstaats kein Schutz gegen eine allfällige
E-5039/2020
Seite 19
Verfolgung durch die LeT gewährt würde. Sollten er zukünftig dennoch
– aus welchen Gründen auch immer – durch diese Gruppierung behelligt
werden, so wäre es ihm im Übrigen zumutbar und möglich, die pakistani-
schen Sicherheitsbehörden um Schutz zu ersuchen; denn der pakistani-
sche Staat ist nach konstanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts grundsätzlich fähig und willens, Schutz vor Verfolgung Dritter zu
bieten und eine funktionierende sowie effiziente Schutzinfrastruktur zur
Verfügung zu stellen (vgl. dazu beispielsweise das Urteil des BVGer
E-4623/2020 vom 23. Juni 2021 E. 7.2.2, m.w.H.).
6.3.6 Im Übrigen lassen die Akten darauf schliessen, dass der Beschwer-
deführer auch über eine innerstaatliche Fluchtalternative verfügt. Gemäss
seinen Schilderungen waren die geschilderten Übergriffe auf ihn und seine
Angehörigen sowohl vor als auch nach seiner Ausreise auf seinen früheren
Wohnort C._ beschränkt. Der Beschwerdeführer sagte zwar aus,
seine Ehefrau und die Kinder, die sich derzeit bei Angehörigen in der
Provinz Peshawar aufhalten würden, könnten sich dort aus Furcht vor
Übergriffen nicht frei bewegen. Dass sie konkrete Nachteile erlitten hätten,
wurde aber nicht geltend gemacht, und es ergeben sich aus den Akten
auch keine stichhaltigen Anhaltspunkte dafür, dass die LeT überhaupt
Kenntnis des Aufenthaltsorts seiner Angehörigen hat. Bei dieser Aus-
gangslage besteht kein hinreichender Anlass anzunehmen, der Beschwer-
deführer und seine Angehörigen müssten mit einer landesweiten Verfol-
gung rechnen; vielmehr könnte auch davon ausgegangen werden, dass
ihm eine valable Möglichkeit offensteht, allfälligen künftigen Nachstellun-
gen seitens der LeT durch eine Wohnsitznahme in einem anderen Landes-
teil zu entgehen.
6.4 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen,
eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinn von Art. 3 AsylG glaubhaft dar-
zutun. Das SEM hat folglich zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint
und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
E-5039/2020
Seite 20
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur – ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E.8).
8.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.
9.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
Gründe ausschliesslich medizinischer Natur lassen den Wegweisungsvoll-
zug im Allgemeinen nicht als unzumutbar erscheinen, es sei denn, die er-
forderliche Behandlung sei wesentlich und im Heimatland nicht erhältlich.
Entsprechen die Behandlungsmöglichkeiten im Herkunftsland nicht dem
medizinischen Standard in der Schweiz, bewirkt dies allein noch nicht die
Unzumutbarkeit des Vollzugs. Von einer solchen Unzumutbarkeit ist erst
dann auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiterbehand-
E-5039/2020
Seite 21
lung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Ge-
sundheitszustandes nach sich zieht (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3 S. 1003 f.
und 2009/2 E. 9.3.2 S. 21).
9.2 In Pakistan herrscht nach konstanter Rechtsprechung, trotz teilweise
angespannter Sicherheitslage, keine landesweite Situation allgemeiner
Gewalt, die zur Annahme führen müsste, jede dorthin zurückkehrende Per-
son sei mit erheblicher Wahrscheinlichkeit konkret gefährdet. Der Wegwei-
sungsvollzug ist daher nicht generell unzumutbar (vgl. dazu das Referenz-
urteil des BVGer E-3258/2018 vom 2. Juni 2020 E. 12.4.1 sowie das Urteil
des BVGer D-2534/2019 vom 7. April 2021 E. 8.4.2).
9.3 Im Weiteren ist das Vorliegen individueller Vollzugshindernisse zu prü-
fen:
9.3.1 Gemäss den eingereichten Arztberichten vom 3. Januar 2019,
21. Juni 2019, 14. Juli 2020, 2. Oktober 2020 und 28. Februar 2022 wur-
den beim Beschwerdeführer eine Posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS) sowie eine rezidivierende depressive Störung diagnostiziert. Er ist
seit 2019 in psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung.
Am 8. Juni 2019 unternahm er einen (gemäss fachärztlicher Einschätzung
ernstgemeinten) Suizidversuch. Sein Gesundheitszustand hat sich nach
zwischenzeitlicher Verbesserung im Jahr 2020 aufgrund des negativen
vorinstanzlichen Entscheids und der Probleme seiner Angehörigen im
Heimatstaat wieder verschlechtert und ist gemäss dem neusten Arztbericht
vom 28. Februar 2022 nach wie vor gravierend. Gemäss diesem Bericht ist
eine Heilung der Depression des Beschwerdeführers möglich, betreffend
die PTBS sei die Prognose aber unsicher. Für eine Verbesserung sei eine
Stabilität sowohl hinsichtlich der Behandlung als auch des legalen Status
erforderlich.
9.3.2 Die Gesundheitsversorgung von Personen mit psychischen Erkran-
kungen in Pakistan präsentiert sich gemäss den dem Gericht vorliegenden
Quellen wie folgt (vgl. zum Folgenden die Urteile des BVGer E-3207/2019
vom 12. August 2019 E. 7.4 und D-1730/2018 vom 14. Juli 2020 E. 8.3.3
mit den darin zitierten Länderberichten): Adäquate psychiatrische Behand-
lungen im öffentlichen Bereich sind nur sehr beschränkt verfügbar. Das
nationale Budget für die psychische Gesundheitsversorgung in Pakistan ist
extrem tief. Es gibt sehr wenige Psychiater und Psychologen (ca. einen
Psychiater pro 0.5–1 Million Einwohner), wovon die meisten in den Stadt-
E-5039/2020
Seite 22
zentren, nicht aber in den ländlichen Gegenden tätig sind. In Pakistan prak-
tizieren rund 500 registrierte Psychiater, während die meisten anderen
Ärzte mit der Behandlung psychischer Erkrankungen nicht vertraut sind.
Auch wenn die Versorgung im öffentlichen Gesundheitswesen in Pakistan
grundsätzlich kostenfrei wäre, sind die Einrichtungen völlig überlastet und
Patienten müssen – neben den Kosten für den Transport zu den Spitälern
und den Aufenthalt – faktisch einen Grossteil der Behandlungen und
Medikamente selber bezahlen. Aufgrund der Schwäche des öffentlichen
Gesundheitswesens versuchen rund 90 % der Erkrankten, im nicht-
regulierten privaten Sektor gesundheitliche Dienstleistungen in Anspruch
zu nehmen, für die sie allerdings von vornherein selber aufkommen müs-
sen. Zusammenfassend stellt sich der Zugang zu einer adäquaten Ge-
sundheitsversorgung in Pakistan für die Mehrheit der psychisch erkrankten
Personen äusserst schwer und finanziell stark belastend dar.
9.3.3 Bei dieser Ausgangslage kann nicht als gesichert erachtet werden,
dass der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat
Zugang zu einer adäquaten Behandlung seiner psychischen Gesundheits-
probleme hätte. Die Ursachen der psychischen Beschwerden des Be-
schwerdeführers respektive derer Verschlechterung sind letztlich nicht mit
Sicherheit bekannt. Es erscheint jedoch aufgrund der Aktenlage wahr-
scheinlich, dass seine Traumatisierung auf Erlebnisse vor seiner Ausreise
aus dem Heimatstaat zurückzuführen ist (vgl. seine Aussagen unmittelbar
nach Einreichen des Asylgesuchs anlässlich der BzP, wonach er an Alb-
träumen und Schlafproblemen leide, A6/15 S. 11).
9.3.4 Gemäss Angaben in der Beschwerde vom 9. Oktober 2020 lebten
seine Ehefrau und Kinder damals im Haus des Schwiegervaters des Be-
schwerdeführers (vgl. Beschwerde S. 9). Dem mit Eingabe vom 17. März
2022 eingereichten Bericht seiner Psychotherapeutin vom 28. Februar
2022 ist jedoch zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer nach dem Tod
des Schwiegervaters ein anderes Versteck für Ehefrau und Kinder habe
suchen müssen. Bei dieser Aktenlage kann auch nicht ohne Weiteres da-
von ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer sich im Falle einer
Rückkehr auf ein tragfähiges soziales Netz stützen könnte. Vielmehr
müsste er sich wohl um eine gesicherte Unterkunft für seine Ehefrau und
Kinder bemühen.
9.3.5 In Würdigung dieser Umstände kommt das Bundesverwaltungs-
gericht zum Schluss, dass eine erzwungene Rückkehr an den zu vermu-
tenden Ort der Traumatisierung den Beschwerdeführer in eine Situation
E-5039/2020
Seite 23
bringen würde, die nicht nur den bisherigen Behandlungserfolg zunichte-
machen, sondern ihn mit überwiegender Wahrscheinlichkeit einer konkre-
ten und existenziellen Gefährdung im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG ausset-
zen würde.
9.3.6 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit als unzumutbar. Den
Akten sind keine Hinweise auf allfällige Ausschlussgründe im Sinn von
Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen. Die Voraussetzungen für die Gewährung
der vorläufigen Aufnahme sind demnach erfüllt.
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde, soweit den Vollzug der Wegwei-
sung betreffend, gutzuheissen, und die Dispositivziffern 4 und 5 der
vorinstanzlichen Verfügung vom 9. September 2020 sind aufzuheben.
Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen. Das SEM ist anzuweisen, den
Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vor-
läufig in der Schweiz aufzunehmen (vgl. Art. 44 AsylG und Art. 83 Abs. 4
AIG).
11.
11.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen des
Beschwerdeführers aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63
Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüglich
seiner Anträge auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und Asylgewäh-
rung unterlegen. Bezüglich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs hat
er obsiegt. Praxisgemäss bedeutet dies für die Kosten-/Entschädigungs-
frage ein hälftiges Obsiegen.
11.2 Nach dem Gesagten wäre dem Beschwerdeführer aufgrund seines
bloss teilweisen Obsiegens ein reduzierter Anteil der Verfahrenskosten auf-
zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Zwischenverfügung
vom 21. Oktober 2020 sein Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte
dafür bestehen, dass sich seine finanzielle Lage seither massgeblich ver-
ändert hat, wird auf die Auferlegung von Verfahrenskosten verzichtet.
E-5039/2020
Seite 24
12.
12.1 Sodann ist dem vertretenen Beschwerdeführer angesichts seines teil-
weisen Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine praxisge-
mäss um die Hälfte reduzierte Entschädigung für die ihm notwendiger-
weise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Der Rechtsbeistand hat keine Kostennote zu den Akten gereicht, womit
sein Honorar aufgrund der Akten zu bestimmen ist (Art. 14 Abs. 2 VGKE).
Unter Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren und
einem reglementskonformen Stundenansatz (vgl. Art. 10 Abs. 2 VGKE) ist
die teilweise Parteientschädigung demnach auf Fr. 1200.– (inklusive der
hälftigen Auslagen und Nebenkosten) festzusetzen und dem SEM zur Ver-
gütung aufzuerlegen.
12.2 Mit Instruktionsverfügung vom 29. Oktober 2020 wurde ausserdem
das Gesuch des Beschwerdeführers um amtliche Verbeiständung gutge-
heissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und sein Rechtsvertreter als amtlicher
Rechtsbeistand eingesetzt. Dieser hat, soweit der Beschwerdeführer im
Verfahren unterlegen ist, Anspruch auf Übernahme notwendigerweise er-
wachsenen Vertretungskosten durch das Bundesverwaltungsgericht (vgl.
Art. 8–14 VGKE). Dieser Honoraranteil ist unter Berücksichtigung der
massgebenden Berechnungsfaktoren und dem in der Zwischenverfügung
kommunizierten Stundenansatz auf insgesamt Fr. 1100.– (inklusive der
hälftigen Auslagen und Nebenkosten) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 25