Decision ID: e296bad9-aaab-4b9e-9610-8b1e4af2c4ff
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 27. Mai 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer bereits am 20. April
2022 in Bulgarien sowie am 17. Mai 2022 in Österreich um Asyl nachge-
sucht hatte.
B.
Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer am 27. Juni 2022 das
rechtliche Gehör (Dublin-Gespräch) zu einem allfälligen Nichteintretens-
entscheid und einer Überstellung nach Bulgarien und Österreich.
Zu einer Überstellung nach Bulgarien äusserte er sich ablehnend. Er be-
gründete dies damit, dass er dort nicht um Asyl nachgesucht habe und ihm
seine Fingerabdrücke unter Zwang abgenommen worden seien. Zudem
habe er lediglich 20 Nächte in Bulgarien verbracht, denn dort seien die Le-
bensbedingungen ebenso schlecht wie in Afghanistan. Nach seiner Ein-
reise habe die bulgarische Polizei Hunde auf ihn gehetzt und er sei gebis-
sen worden. Zudem würden Migranten dort verprügelt. Zwar habe man ihm
Medikamente gegeben, doch sei ihm eine medizinische Behandlung ver-
weigert worden. Fotografien der dortigen Zustände habe er nicht machen
können, da sein Mobiltelefon kaputt sei.
Auch in Österreich – wo er sich rund eine Woche aufgehalten habe – habe
er nicht um Asyl nachgesucht. Seine Fingerabdrücke habe er nur abgege-
ben, da man ihm mit der Abschiebung gedroht habe. Er befürchte im Falle
einer Überstellung nach Österreich von den dortigen Behörden nach Bul-
garien zurückgeschickt zu werden, wo ihm anschliessend die Inhaftierung
drohe, zumal er mitbekommen habe, wie andere junge Männer nach einer
Überstellung in Bulgarien inhaftiert worden seien. Zu seinem Gesundheits-
zustand gab er an, Magenprobleme und eine Lebensmittelunverträglichkeit
zu haben. Zudem habe er an einem Juckreiz gelitten, welcher sich durch
die Einnahme von Medikamenten gebessert habe. Eine geplante ärztliche
Konsultation habe er nicht wahrnehmen können, da sich der Termin mit
dem Dublin-Gespräch überschnitten habe.
C.
Am 27. Juni 2022 ersuchte das SEM die bulgarischen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
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Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem
Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten
Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-
VO). Diesem Gesuch wurde am 8. Juli 2022 entsprochen.
D.
Mit Verfügung vom 11. Juli 2022 (eröffnet am 12. Juli 2022) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Überstellung
nach Bulgarien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die einer
allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende
Wirkung hin und beauftragte den Kanton B._ mit dem Vollzug der
Wegweisung.
E.
Mit Beschwerde vom 19. Juli 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben, die Zuständigkeit der Schweiz sei festzustellen und das
Asylgesuch materiell zu prüfen. Eventualiter sei die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung,
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Erteilung
der aufschiebenden Wirkung sowie um Erlass eines Vollzugsstopps im
Sinne einer vorsorglichen Massnahme.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsge-
richt zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig
und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
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2.
2.1 Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess-
lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge-
rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2 je m.w.H.).
3.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu
behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 In formeller Hinsicht rügt der Beschwerdeführer eine Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes sowie der Begründungspflicht. Das SEM habe
die neuesten Entwicklungen in Bulgarien – insbesondere die Auswirkungen
der Kriegsereignisse in der Ukraine – nicht gebührend berücksichtigt. Zu-
dem habe ihn die Vorinstanz nicht umfassend zur geltend gemachten
Push-Back-Problematik befragt und eine unzureichende Prüfung der hu-
manitären Gründe für einen Selbsteintritt vorgenommen.
4.2
4.2.1 Im Verwaltungsverfahren gelten der Untersuchungsgrundsatz und
die Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts (Art. 12 VwVG; vgl. auch Art. 49 Bst. b VwVG; für das Asyl-
verfahren ausserdem Art. 6 AsylG). Mithin ist die zuständige Behörde ver-
pflichtet, den für die Beurteilung eines Asylgesuchs relevanten Sachverhalt
von Amtes wegen festzustellen (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde den Sachverhalt nicht von
Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für die Entscheidung wesentlichen
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Sachumstände berücksichtigt hat (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MAR-
TINA BINDER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsver-
fahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16).
4.2.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 VwVG) umfasst als Mit-
wirkungsrecht sodann alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind,
damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung brin-
gen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Ge-
hörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich
zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen
zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass sie eine
sachgerechte Anfechtung ermöglicht. Nicht erforderlich ist, dass sich die
Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65
E. 5.2).
4.3
4.3.1 Soweit in der Beschwerde gerügt wird, die Vorinstanz sei nicht auf
die neuesten Entwicklungen in Bulgarien eingegangen und habe diese
nicht in ihren Entscheid einfliessen lassen, ist festzuhalten, dass diese
Rüge im Zusammenhang mit der Umsetzung der Aufnahmebedingungen
steht (vgl. Urteil des BVGer D-1406/2022 vom 31. März 2022 E. 5.3). Es
kann daher auf die nachfolgenden Ausführungen verwiesen werden.
4.3.2 Des Weiteren trifft zwar zu, dass das SEM die behaupteten Rückwei-
sungen (sog. Push-Backs) an der bulgarischen Grenze in der angefochte-
nen Verfügung nicht thematisiert hat. Der Rüge ist jedoch entgegen zu hal-
ten, dass der Beschwerdeführer – obwohl er im Rahmen der Gewährung
des rechtlichen Gehörs während des Dublin-Gesprächs die Gelegenheit
erhielt, sich ausführlich zu den Erlebnissen in Bulgarien zu äussern und
sogar durch die Rechtsvertretung angehalten wurde, die Umstände des
geltend gemachten Bissvorfalls mit einem Hund näher zu erläutern
(vgl. A14/3) – erst auf Beschwerdeebene geltend machte, der Grenzüber-
tritt nach Bulgarien sei ihm mehrfach gewaltsam verwehrt worden. Die Vo-
rinstanz musste sich demnach nicht dazu veranlasst sehen, den Beschwer-
deführer näher zu seinen diesbezüglichen Erlebnissen zu befragen oder
weitere Abklärungen vorzunehmen. Die Rüge, die Vorinstanz habe diesbe-
züglich den Sachverhalt ungenügend abgeklärt und das rechtliche Gehör
sowie die Untersuchungspflicht verletzt, erweist sich demzufolge als unbe-
gründet. Dasselbe gilt bezüglich der Lebensumstände in Bulgarien. Der
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Beschwerdeführer machte anlässlich des Dublin-Gesprächs lediglich pau-
schal geltend, die Lebensbedingungen seien schlecht (vgl. A14/3). Kon-
krete Angaben zu seiner Unterbringung und seiner Versorgung machte er
hingegen nicht, zumal er sich gemäss seinen eigenen Angaben auch le-
diglich drei Wochen in Bulgarien aufhielt (vgl. A14/3). Bei dieser Ausgangs-
lage ist nicht ersichtlich, weshalb die Vorinstanz diesbezüglich weitere Ab-
klärungen hätte vornehmen sollen. Ebenfalls nicht zu beanstanden sind die
Ausführungen zum Selbsteintritt. Allein aus dem Umstand, dass das SEM
bei der Würdigung des Sachverhalts zu einem anderen Schluss gelangt,
als vom Beschwerdeführer beziehungsweise seiner Rechtsvertreterin er-
hofft, lässt sich keine unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sach-
verhalts oder eine Verletzung der Begründungspflicht ableiten.
4.4 Nach dem Gesagten ist die Vorinstanz ihrer Pflicht, den rechtserhebli-
chen Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen (vgl. Art. 6 AsylG i.V.m.
Art. 12 VwVG), in rechtsgenüglicher Weise nachgekommen. Eine Verlet-
zung der Begründungspflicht respektive des Anspruchs auf rechtliches Ge-
hör (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 VwVG, Art. 35 Abs. 1 VwVG) kann eben-
falls nicht festgestellt werden. Das Eventualbegehren auf Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz ist demnach abzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn
Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich
zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt die
Vorinstanz in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8-15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des
zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) (Art. 23-25
Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung
nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5
E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
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5.3 Der Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Eu-
rodac-Datenbank vom 31. Mai 2022 ergab, dass dieser 20. April 2022 in
Bulgarien um Asyl nachgesucht hatte (vgl. A7/1). Dementsprechend er-
suchte das SEM die bulgarischen Behörden am 27. Juni 2022 um Wieder-
aufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dub-
lin-III-VO (vgl. A17/5). Die bulgarischen Behörden stimmten dem Ersuchen
am 8. Juli 2022 ausdrücklich zu (vgl. A21/1). Der Einwand des Beschwer-
deführers im Dublin-Gespräch, er sei in Bulgarien zur Einreichung eines
Asylgesuchs gezwungen worden und habe dort kein Asylgesuch stellen
wollen, ist als Schutzbehauptung zu qualifizieren und vermag bezüglich der
Zuständigkeitsfrage nichts zu ändern. Gleiches gilt für die auf Beschwer-
deebene eingereichten undatierten und teilweise unscharfen Fotografien
menschlicher Körperteile respektive Wunden (vgl. Beschwerdebeilage 4),
zumal sich in keiner Weise erkennen lässt, ob es sich bei der fotografierten
Person um den Beschwerdeführer handelt. Ohnehin begründete bereits
die vom Beschwerdeführer unbestrittene Einreise in das Hoheitsgebiet des
Dublin-Staates Bulgarien dessen Zuständigkeit für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
Überdies räumt die Dublin-III-VO Schutzsuchenden kein Recht ein, den ih-
ren Antrag prüfenden Staat selbst zu wählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.4 Die grundsätzliche Zuständigkeit Bulgariens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist somit gegeben.
6.
Der Beschwerdeführer bringt in der Beschwerdeschrift im Wesentlichen
vor, zahlreiche Quellen äusserten sich kritisch zur Lage in Bulgarien. Af-
ghanische Staatsangehörige würden systematisch diskriminiert und seien
– insbesondere an den Landesgrenzen – ständiger Gewalt ausgesetzt.
Auch medizinische und psychologische Hilfe bleibe ihnen verwehrt. Dar-
über hinaus seien auch die Unterbringungsmöglichkeiten und der Zugang
zu Nahrung mangelhaft. In den vergangenen Monaten seien tausende
Asylsuchende aus der Ukraine in Bulgarien empfangen worden, was zu
einer Überlastung des Systems führe. Der Beschwerdeführer fürchte, Bul-
garien werde ihn ausschaffen, oder sein Verfahren derart in die Länge zie-
hen, dass die Sicherheit seiner im Heimatstaat verbliebenen Ehefrau und
Kinder nicht mehr gewährleistet sei. Durch die dramatischen Erfahrungen
in Bulgarien leide er nun auch an Schlafstörungen. Während er bei einer
Rückkehr nach Bulgarien auf sich alleine gestellt sei und eine massive Ver-
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schlechterung seines Zustandes drohe, könnten ihn seine hierzulande le-
benden Verwandten bei einem Verbleib in der Schweiz und der Aufarbei-
tung des Erlebten unterstützen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil F‐7195/2018
vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asylsystem und
der Situation asylsuchender Personen auseinandergesetzt. Es hat festge-
halten, dass das dortige Asylverfahren sowie die Aufnahmebedingungen
zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese aber nicht systemischer
Natur seien, weshalb von Überstellungen nach Bulgarien grundsätzlich
nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien in Bulgarien nicht sys-
tembedingt unmöglich. Die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzen-
tren seien zwar prekär, könnten jedoch nicht als unmenschlich oder ent-
würdigend qualifiziert werden (vgl. a.a.O. E. 6.6.1 und 6.6.7). Auch heute
angesichts des Krieges in der Ukraine geht das Bundesverwaltungsgericht
praxisgemäss nicht von systemischen Mängeln im bulgarischen Asylver-
fahren aus (vgl. Urteil des BVGer F-3099/2022 vom 25. Juli 2022 E. 6.4 f.).
7.2 Bulgarien kommt somit seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus
der EMRK (SR 0.101), dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 ge-
gen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Be-
handlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem
Zusatzprotokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich
nach. Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Bulgarien anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
7.3 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist demnach nicht ge-
rechtfertigt.
8.
8.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
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er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert.
Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen Dublin-
Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen die
Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die Vorinstanz
die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der Schweiz
behandeln (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2).
8.2 Auch unter diesem Aspekt vermag der Beschwerdeführer aus den in
der Rechtmitteleingabe zitierten Quellen nichts zu seinen Gunsten abzu-
leiten, hat er doch kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, die bul-
garischen Behörden würden sich weigern, ihn wiederaufzunehmen und
seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der
Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für
die Annahme zu entnehmen, Bulgarien werde in seinem Fall den Grund-
satz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land
zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet wäre oder in dem er Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser-
dem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer Rückfüh-
rung erwartenden Bedingungen in Bulgarien wären derart schlecht, dass
sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK
oder Art. 3 FoK führen könnten. Der Beschwerdeführer hat auch keine kon-
kreten Hinweise für die Annahme dargetan, Bulgarien würde ihm dauerhaft
die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedin-
gungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung
ist er im Übrigen gehalten, sich nötigenfalls an die bulgarischen Behörden
zu wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem
Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Gleiches gilt für
seine gegenüber den bulgarischen Behörden pauschal erhobenen Vor-
würfe der Gewaltanwendung. Es ist ihm zumutbar, sich an das Justizwesen
Bulgariens, dortige Aufsichtsbehörden oder zivilgesellschaftliche Hilfsan-
gebote zu wenden, wenn er in Bulgarien rechtswidrig behandelt werden
sollte. Der Vollständigkeit halber ist denn auch festzuhalten, dass es sich
bei den Befürchtungen des Beschwerdeführers, infolge der Ereignisse in
der Ukraine, würden seine Aufnahme- und Betreuungsmöglichkeiten in
Bulgarien durch ukrainische Kriegsflüchtlinge eingeschränkt oder gar ganz
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wegfallen, um nicht belegte und pauschale Mutmassungen handelt
(vgl. Urteile des BVGer E-2392/2022 vom 3. Juni 2022 und D-1406/2022
vom 31. März 2022 E. 9.5).
8.3
8.3.1 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
8.3.2 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Es ist aus den
Akten lediglich ersichtlich, dass der Beschwerdeführer sich wegen Krätze
und einer chronischen Gastritis in Behandlung befand (vgl. A12/2, A14/3
und 20/2). Gemäss seinen eigenen Angaben war die verordnete Therapie
erfolgreich und er ist von seiner Krätzeerkrankung genesen (vgl. A14/3).
Hinweise auf einen akuten Behandlungsbedarf der während des Dublin-
Gesprächs geltend gemachten Lebensmittelunverträglichkeit respektive
der diagnostizierten Gastritis finden sich in den Akten nicht. Gleiches gilt
für die auf Beschwerdeebene erstmals geltend gemachte – jedoch nicht
weiter belegte – Schlafstörung. Auch scheint der Beschwerde-
führer sich entgegen dem ausdrücklichen Rat des SEM (vgl. A14/3) dies-
bezüglich nicht an das Medic-Help Team gewandt zu haben, was diese
Einschätzung bestätigt. Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass Bulgarien
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitglied-
staaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische
Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforder-
liche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen
umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den
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Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizini-
sche oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psy-
chologischen Betreuung) zu gewähren. Es liegen keine Hinweise vor, dass
Bulgarien dem Beschwerdeführer eine adäquate medizinische Behandlung
verweigern würde. Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der
angefochtenen Verfügung beauftragt sind, werden den medizinischen Um-
ständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung
des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die bulgarischen Behörden
vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Um-
stände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
8.4 Insgesamt liegen somit – auch unter Berücksichtigung der sich in der
Schweiz aufhaltenden Verwandten des Beschwerdeführers – keine zwin-
genden Gründe für eine Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17
Dublin-III-VO vor.
9.
9.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Das Gericht be-
schränkt die Überprüfung des vorinstanzlichen Verzichts der Anwendung
von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbe-
züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen
Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat
(vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
9.2 Auch unter diesem Blickwinkel ist die angefochtene Verfügung nicht zu
beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Er-
messensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermes-
sens zu entnehmen.
10.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat zu Recht die Überstellung nach Bulgarien angeordnet. Nach dem
Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Die Gesuche um Anordnung
superprovisorischer Massnahmen, um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sind mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache gegenstandslos
geworden.
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11.
11.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden
Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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