Decision ID: ff1e8862-4bd0-43c8-82be-66b4a619d02a
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Die Beschwerdekammer entnimmt den Akten:
1.
A. reichte am 30. August 2019 bei der Kantonspolizei Aargau, Stützpunkt
Baden, gegen ihre damalige Arbeitgeberin B. (Inhaberin des Nagelstudios
"E." in Q.) Strafantrag wegen Tätlichkeiten sowie Strafanzeige wegen Ver-
untreuung und Nötigung, begangen in der Zeit vom 15. Januar 2019 bis
16. Juli 2019, ein. Überdies stellte sie Strafantrag wegen Tätlichkeiten, be-
gangen am 16. Juli 2019, gegen F. (den Ehemann von B.) und G.
2.
Die Staatsanwaltschaft Baden stellte das Strafverfahren gegen B. mit Ver-
fügung vom 23. August 2021 gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. a und b StPO
ein. Diese Einstellungsverfügung wurde am 25. August 2021 von der Ober-
staatsanwaltschaft des Kantons Aargau genehmigt.
3.
3.1.
Gegen die ihr am 30. August 2021 zugestellte Einstellungsverfügung erhob
A. mit Eingabe vom 3. September 2021 (am Schalter abgegeben am
8. September 2021) bei der Beschwerdekammer in Strafsachen des Ober-
gerichts des Kantons Aargau Beschwerde mit folgenden Anträgen:
" 1. Die Einstellungsverfügung vom 23. August 2021 sei aufzuheben und die Angelegenheit sei zur Durchführung einer umfassenden  an die Vorinstanz zurückzuweisen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zuzüglich Mehrwertsteuer  der Vorinstanz."
3.2.
Mit Eingabe vom 21. Oktober 2021 liess die Beschwerdeführerin über ihren
am 7. September 2021 bevollmächtigten Rechtsbeistand eine Ergänzung
der Beschwerde einreichen.
3.3.
Die Beschwerdeführerin leistete die von der Verfahrensleiterin der Be-
schwerdekammer in Strafsachen mit Verfügung vom 25. Oktober 2021 ein-
verlangte Sicherheit von Fr. 800.00 für allfällige Kosten am 4. November
2021.
3.4.
Die Staatsanwaltschaft Baden ersuchte mit Beschwerdeantwort vom
15. November 2021 um Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolgen.
- 3 -
3.5.
Die Beschuldigte beantragte in ihrer Beschwerdeantwort vom 22. Novem-
ber 2021:
" 1. Formelle Anträge:
a) Es sei die Beschwerdeführerin zu verpflichten, gestützt auf Art. 383
StPO eine Sicherheitsleistung für die Parteikosten der Beschuldigten in der Höhe von CHF 2'500.00 zu bezahlen.
b) Es sei die Frist zur Einreichung einer einlässlichen Beschwerdeantwort
der Beschuldigten auszusetzen und es sei diese nach Leistung der  Sicherheitsleistung eventuell nach Abweisung des Antrages neu anzusetzen.
c) Eventualiter:
Es sei der Beschuldigten eine Frist zur Einreichung einer  um 14 Tage, das heisst bis zum 06. Dezember 2021, zu .
d) Es sei das Schreiben vom 21. Oktober 2021 der Rechtsvertretung der
Beschwerdeführerin aus den Akten zu weisen, soweit damit  die Beschwerde vom 03. September 2021 begründet werden soll.
2. Materielle Anträge
a) Die Beschwerde vom 08. September 2021 sei vollumfänglich abzuwei-
sen, soweit darauf eingetreten werden kann.
b) Die oberinstanzlichen Gerichtskosten des rubrizierten Verfahrens
SBK.2021.264 seien der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
c) Die Beschwerdeführerin sei zu verurteilen, der Beschuldigten einen ge-
richtlich zu bestimmenden Betrag gemäss nachzureichender  für die Parteikosten des Rechtsmittelverfahrens SBK.2021.264 zu bezahlen."
3.6.
Mit Verfügung vom 25. November 2021 wies die Verfahrensleiterin der Be-
schwerdekammer in Strafsachen den Antrag der Beschuldigten betreffend
Verpflichtung der Beschwerdeführerin zur Leistung einer Sicherheit für die
Parteikosten der Beschuldigten in der Höhe von Fr. 2'500.00 ab.

Considerations:
Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Verfügungen der Staatsanwaltschaft betreffend die Einstellung eines Straf-
verfahrens sind gemäss Art. 322 Abs. 2 i.V.m. Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO
mit Beschwerde anfechtbar. Vorliegend bestehen keine Beschwerdeaus-
schlussgründe gemäss Art. 394 StPO. Damit ist die Beschwerde zulässig.
- 4 -
Die übrigen Eintretensvoraussetzungen sind erfüllt und geben zu keinen
Bemerkungen Anlass. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (vgl. Art. 396 Abs. 1 i.V.m. Art. 385 Abs. 1 StPO) ist somit einzu-
treten.
1.2.
1.2.1.
Die Beschwerde ist innert zehn Tagen schriftlich und begründet bei der Be-
schwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO). Diese gesetzliche
Frist kann nicht erstreckt werden (Art. 89 Abs. 1 StPO). Die Partei, die das
Rechtsmittel ergreift, hat in der Beschwerdeschrift genau anzugeben, wel-
che Punkte des Entscheids sie anficht, welche Gründe einen anderen Ent-
scheid nahelegen, und welche Beweismittel sie anruft (Art. 385 Abs. 1
StPO). Erfüllt die Eingabe diese Anforderungen nicht, so weist die Rechts-
mittelinstanz sie zur Verbesserung innerhalb einer kurzen Nachfrist zurück.
Genügt die Eingabe auch nach Ablauf der Nachfrist den Anforderungen
nicht, so tritt die Rechtsmittelinstanz auf das Rechtsmittel nicht ein (Art. 385
Abs. 2 StPO).
Nicht jeder Begründungsmangel, der nicht mehr innert der gesetzlichen
Rechtsmittelfrist behebbar ist, kann indessen zu einer Nachfrist nach
Art. 385 Abs. 2 StPO führen. Es kann nicht Sinn und Zweck einer Nachfrist
sein, grundlegend mangelhafte Rechtsschriften gegenüber prinzipiell
rechtsgenüglichen Eingaben zu privilegieren, zumal Letztere unter Um-
ständen die inhaltlichen Eintretenserfordernisse auch nicht in allen Punkten
erfüllen. Die Beschwerdemotive müssen daher in jedem Fall, auch in Lai-
enbeschwerden, bis zum Ablauf der zehntägigen Frist (Art. 396 Abs. 1
StPO) so konkret dargetan sein, dass klar wird, aus welchen Gründen der
angefochtene Entscheid falsch sei. Ebenso müssen sich die innert gesetz-
licher Frist gemachten Ausführungen wenigstens ansatzweise auf die Be-
gründung des angefochtenen Entscheids beziehen. Anträge indessen kön-
nen insbesondere in Laieneingaben auch aus der Begründung hervorge-
hen (Urteil des Bundesgerichts 6B_280/2017 vom 9. Juni 2017 E. 2.2.2;
PATRICK GUIDON, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessord-
nung, 2. Aufl. 2014, N. 9c und 9e zu Art. 396 StPO).
1.2.2.
Aus der soeben zitierten Lehre und Rechtsprechung folgt, dass der Be-
schwerdeführerin entgegen ihrem in der Eingabe vom 24. September 2021
gestellten Antrag keine Nachfrist zur Beschwerdeergänzung gewährt wer-
den konnte. Dies umso mehr, als mit Blick auf Form und Inhalt der Be-
schwerde sowie der Absenderadresse ("[...]") davon auszugehen ist, dass
diese nicht von der Beschwerdeführerin persönlich, sondern von ihrer
früheren Rechtsanwältin H., [...], verfasst wurde, weshalb nicht von einer
Laieneingabe gesprochen werden kann.
- 5 -
Die Einstellungsverfügung vom 23. August 2021 wurde der Beschwerde-
führerin am 30. August 2021 zugestellt. Die zehntägige Beschwerdefrist
begann somit am 31. August 2021 zu laufen und endete am 9. September
2021. Nach dem 9. September 2021 war eine Ergänzung der Beschwer-
debegründung demnach nicht mehr möglich. Die Eingabe der Beschwer-
deführerin vom 21. Oktober 2021 ist daher aus dem Recht zu weisen, so-
weit mit ihr die Begründung der Beschwerde ergänzt wurde.
2.
2.1.
Die Staatsanwaltschaft Baden führte in der angefochtenen Einstellungsver-
fügung im Wesentlichen aus, die Aussage der Beschwerdeführerin, sie sei
von der Beschuldigten auf den Boden gedrückt worden, stehe denjenigen
der Mitbeschuldigten entgegen, wonach sie schlichtend eingegriffen bzw.
die Beschwerdeführerin an den Armen festgehalten hätten, um sie von der
Beschuldigten wegziehen zu können. Diese Aussagen der Mitbeschuldig-
ten stimmten im Wesentlichen überein. Ausserdem würden die Aussagen
der Beschwerdeführerin nicht durch weitere Indizien besonders gestützt.
Die gemäss Arztbericht festgestellten Hämatome an den Armen passten
sowohl zum Sachverhaltsbeschrieb der Beschwerdeführerin wie auch zu
jenen der Mitbeschuldigten. Anlässlich der Einvernahme vom 30. August
2019 habe die Beschwerdeführerin mitgeteilt, dass sie keine Entbindungs-
erklärung ihres Arztes - den sie nach der Tätlichkeit aufgesucht habe - un-
terzeichne, weshalb hierzu auch keine Weiterungen möglich gewesen
seien. Es gebe vorliegend keine weiteren Hinweise, die den Tatverdacht
betreffend die Tätlichkeiten gegen die Beschuldigte erhärten würden. Nach
Würdigung aller Aussagen könne der angezeigte Sachverhalt nicht rechts-
genüglich erstellt werden, wonach die Beschuldigte die Beschwerdeführe-
rin wie von dieser beschrieben angegriffen habe. Vielmehr stimmten alle
weiteren Aussagen insofern überein, als die Mitbeschuldigten in rechtferti-
gender Notwehr eingegriffen hätten. Die Beschwerdeführerin selbst habe
ausgesagt, sie habe der Beschuldigten die Tasche entreissen wollen. Bei
einer Anklage sei gestützt hierauf nicht mit einem verurteilenden Erkenntnis
zu rechnen, weshalb das Strafverfahren gegen die Beschuldigte wegen
Tätlichkeiten einzustellen sei (Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO). Die Beschwer-
deführerin habe gemäss ihren eigenen Aussagen im Nagelstudio der Be-
schuldigten gearbeitet, wobei sie arbeitsvertragswidrig für die Periode von
Januar 2019 bis Juli 2019 nicht entlöhnt worden sei. Vielmehr habe sie der
Beschuldigten einen Betrag für die AHV entrichten müssen. Die Beschul-
digte habe die Beschwerdeführerin durch Ausnützen ihres aktuellen Auf-
enthaltsstatus und durch Drohung einer Wegweisung aus der Schweiz
dazu genötigt, ohne Lohn weiterzuarbeiten. Dies werde von der Beschul-
digten bestritten. Somit stehe Aussage gegen Aussage und es lägen keine
Aussagen von Drittpersonen vor, die die Behauptungen der Beschwerde-
führerin stützten. Im Übrigen könne die Beschuldigte keinen Einfluss auf
das ausländerrechtliche Verfahren der Beschwerdeführerin nehmen. Es
- 6 -
liege offensichtlich nicht in ihrer Hand, ob die Beschwerdeführerin aus der
Schweiz weggewiesen werde. Der angedrohte Nachteil sei objektiv nicht
dazu geeignet gewesen, eine besonnene Person gefügig zu machen, wes-
halb die Androhung ernstlicher Nachteile zu verneinen, mithin der Tatbe-
stand der Nötigung nicht erfüllt und das Verfahren bezüglich Nötigung auch
unter diesem Aspekt in Anwendung von Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO einzu-
stellen sei. In Bezug auf die Veruntreuung gingen weder aus den einge-
reichten Unterlagen noch aus den Befragungen klare Hinweise hervor, die
auf ein strafbares Verhalten der Beschuldigten hindeuteten. Ohnehin er-
scheine es nicht nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin Zahlungen
an die Beschuldigte getätigt haben solle, wenn sie selber nie Lohn von der
Beschuldigten bekommen habe. Die polizeilichen Abklärungen bei der SVA
hätten sodann ergeben, dass die Beschwerdeführerin durch die Beschul-
digte bei der SVA ab 15. Januar 2019 als Arbeitnehmerin angemeldet ge-
wesen sei. Hinweise auf Schwarzarbeit im Studio der Beschuldigten habe
es trotz erfolgten Kontrollen keine gegeben. Aus den eingereichten Chat-
nachrichten gehe im Wesentlichen hervor, dass die Beschuldigte die Sache
ohne Anwälte beenden wolle und entsprechend bereit sei, ihr eine Summe
zu bezahlen. Hieraus ergebe sich zwar, dass die Lohnzahlungen möglich-
erweise nicht korrekt erfolgt seien, jedoch nicht, dass die Beschwerdefüh-
rerin der Beschuldigten Geld für die AHV bezahlt habe bzw. die Beschul-
digte sich strafbar gemacht habe. Vor diesem Hintergrund werde die Straf-
sache gegen die Beschuldigte auch in Bezug auf die Veruntreuung einge-
stellt (Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO).
2.2.
Die Beschwerdeführerin ersuchte in ihrer Beschwerde um Aufhebung der
Einstellungsverfügung und Rückweisung der Sache an die Staatsanwalt-
schaft Baden "zur Durchführung einer umfassenden Strafuntersuchung".
Zur Begründung machte sie im Wesentlichen geltend, sie habe sich gleich
nach der Auseinandersetzung vom 16. Juli 2019 am 22. Juli 2019 ärztlich
untersuchen lassen. Der Arztbericht der behandelnden Ärztin Dr. I. habe
festgehalten, dass sie an ihrem Arbeitsplatz Gewalt erfahren und der Ehe-
mann der Beschuldigten, F., sie gewaltsam an den Armen gepackt, zu Bo-
den geworfen und ihr auf die Brust gedrückt habe. Die festgestellten Ver-
letzungen (Hämatome auf beiden Seiten ihrer Arme und auf ihrer rechten
Brust) stimmten mit der beschriebenen erlittenen Gewalt überein. Auch der
Zeuge J. habe anlässlich der Einvernahme vom 1. März 2021 bestätigt,
dass die drei Beschuldigten die Beschwerdeführerin auf den Boden ge-
drückt und festgehalten hätten. Sie habe eine posttraumatische Belas-
tungsstörung. Auch habe Dr. K. mit Arztzeugnis vom 27. November 2019
bestätigt, dass die Beschwerdeführerin aufgrund des Konflikts am Arbeits-
platz Panik habe und eine Depression entwickelt habe. Es bestehe eine
hundertprozentige Arbeitsunfähigkeit. Die Beschuldigte behaupte, sie habe
die Beschwerdeführerin stets in bar bezahlt und ihr genau in dem Betrag
Vorschüsse gegeben, welche dem Lohn entsprochen hätten. Gemäss den
- 7 -
Lohnabrechnungen seien die Auszahlungen auf ein Konto erfolgt, das eine
falsche, unbekannte Kontoverbindung sei. Die Beschuldigte habe zudem
gegenüber J. bestätigt, dass sie immer allen Angestellten den vollen Lohn
überwiesen habe, was ihren Aussagen widerspreche, der Beschwerdefüh-
rerin den Lohn in bar ausbezahlt zu haben. Hätte die Beschuldigte den
Lohn in bar bezahlt, müssten die entsprechenden Buchungen zudem in der
Buchhaltung ersichtlich sein. Erst am 3. und 4. Juli 2019 seien der Be-
schwerdeführerin die Lohnabrechnungen für die Monate Januar bis Juni
2019 ausgehändigt worden. Wenn man die handschriftlichen Bestätigun-
gen auf den Lohnabrechnungen betrachte, sei offensichtlich, dass diese
allesamt zurückdatiert worden seien, da diese exakt gleich aussähen und
somit zur gleichen Zeit datiert worden seien. Die Beschuldigte habe entge-
gen ihrer Ankündigung anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom
25. Februar 2020 auch keine weiteren Zeugen genannt, welche bestätigen
würden, dass sie ihr den Lohn jeweils in bar übergeben hätte. Die Be-
schwerdeführerin habe diverse Quittungen vorgelegt, welche die Übergabe
von "AHV-Geld" zu Handen der Beschuldigten bestätigten (am 1. Februar,
2. März und 2. April 2019 je Fr. 1'000.00). Die Entgegennahme des Bar-
gelds sei handschriftlich bestätigt worden. Ihr gegenüber hätten sich die
Personen als Tochter und Sohn der Beschuldigten ausgegeben. Sie habe
jedoch nicht überprüfen können, um wen es sich gehandelt habe, und auf
Anweisung ihrer ehemaligen Arbeitgeberin das Bargeld übergeben. Die Be-
hauptung der Beschuldigten, keinerlei Kenntnis von diesen "AHV-Geldern"
zu haben, sei nicht glaubwürdig. Die Begründung der Vorinstanz, die Ein-
stellungsverfügung sei gerechtfertigt, da Aussage gegen Aussage stehe,
sei nicht nachvollziehbar. Aufgrund des unklaren Sachverhalts, der Aussa-
gen der Beschuldigten auf der einen Seite und der Beschwerdeführerin auf
der anderen Seite wären weitere Sachverhaltsabklärungen seitens der
Strafuntersuchungsbehörde durchzuführen gewesen. Weiter wären die
Buchhaltungsunterlagen der Beschuldigten zu edieren gewesen. Die Buch-
haltungsunterlagen hätten Aufschluss über die angeblichen Lohnzahlun-
gen geben können. Die Staatsanwaltschaft Baden habe somit wesentliche
Sachverhaltsabklärungen nicht vorgenommen, weshalb die Sache zur
Durchführung einer umfassenden Strafuntersuchung an sie zurückzuwei-
sen sei.
2.3.
Die Staatsanwaltschaft Baden verwies in ihrer Beschwerdeantwort auf die
Begründung der angefochtenen Einstellungsverfügung.
2.4.
Die Beschuldigte wandte mit Beschwerdeantwort im Wesentlichen ein, die
Beschwerdeführerin verkenne die Bedeutung von Art. 319 Abs. 1 lit. a und
c (recte: b) StPO. Entgegen den Ausführungen der Beschwerdeführerin
habe die Staatsanwaltschaft Baden Art. 319 Abs. 1 StPO nicht verletzt.
Zum Ergebnis der Verfahrenseinstellung sei die Staatsanwaltschaft Baden
- 8 -
nach sorgfältiger Würdigung aller subjektiven und objektiven Beweismittel
gekommen. Die Beschwerdeführerin vermöge den zutreffenden Schluss
der Staatsanwaltschaft Baden, welcher bekanntlich ein erheblicher Ermes-
sensspielraum zukomme, mittels ihrer Ausführungen im Beschwerdever-
fahren nicht umzustossen. Die angefochtene Einstellungsverfügung sei zu
Recht ergangen.
3.
3.1.
Nach Art. 7 Abs. 1 StPO sind die Strafbehörden grundsätzlich verpflichtet,
im Rahmen ihrer Zuständigkeit ein Verfahren einzuleiten und durchzufüh-
ren, wenn ihnen Straftaten oder auf Straftaten hinweisende Verdachts-
gründe bekannt werden.
Die Staatsanwaltschaft verfügt namentlich dann die vollständige oder teil-
weise Einstellung des Verfahrens, wenn kein Tatverdacht erhärtet ist, der
eine Anklage rechtfertigt (Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO). Entscheidend dafür
ist, ob der Verdacht gegen den Beschuldigten in der Untersuchung nicht in
dem Masse erhärtet wurde, dass Aussicht auf eine Verurteilung besteht,
m.a.W. ein Freispruch zu erwarten ist. Der Tatverdacht ist bereits dann als
anklagegenügend anzusehen, wenn die Tatbeteiligung des Beschuldigten
und eine strafrechtliche Reaktion (Strafe oder Massnahme) im Zeitpunkt
des Entscheids über die Frage, ob Anklage zu erheben oder das Verfahren
einzustellen ist, bloss wahrscheinlich erscheint. Dies bedeutet, dass auch
in denjenigen Fällen Anklage zu erheben ist, in denen die Waagschalen
von "schuldig oder unschuldig" ungefähr gleich stehen, insbesondere bei
schweren Delikten. Anklage ist auf jeden Fall zu erheben, wenn eine Ver-
urteilung wahrscheinlicher erscheint als ein Freispruch. Die Staatsanwalt-
schaft hat nicht eine abschliessende Beurteilung darüber vorzunehmen, ob
sich der Beschuldigte einer ihm zur Last gelegten Tat schuldig gemacht
hat, sondern nur, ob genügend Anhaltspunkte vorhanden sind, die es recht-
fertigen, das Verfahren weiterzuführen. In Zweifelsfällen tatsächlicher oder
rechtlicher Natur darf das Verfahren nicht eingestellt werden, da in diesen
Fällen das Urteil dem Gericht überlassen bleiben soll. Beim Entscheid über
Anklageerhebung oder Einstellung gilt der Grundsatz "in dubio pro reo"
nicht. Der Grundsatz, dass im Zweifelsfall nicht eingestellt werden darf, ist
auch bei der gerichtlichen Überprüfung von Einstellungsverfügungen zu be-
achten (NATHAN LANDSHUT/THOMAS BOSSHARD, in: Kommentar zur Schwei-
zerischen Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2020, N. 15 ff. zu Art. 319 StPO;
BGE 138 IV 86 E. 4.1 und 4.2 S. 90 f. sowie BGE 138 IV 186 E. 4.1 S. 190).
Das Verfahren ist ausserdem einzustellen, wenn kein Straftatbestand erfüllt
ist (Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO), d.h. wenn das untersuchte Verhalten
- selbst wenn es nachgewiesen wäre - nicht den Tatbestand einer Straf-
norm erfüllen würde. Eine Einstellung kann erfolgen, wenn ein Tatbestands-
element ganz offensichtlich nicht gegeben ist (LANDSHUT/BOSSHARD,
- 9 -
a.a.O., N. 19 zu Art. 319 StPO). Bei Ermessensfragen und bei nicht durch
die Literatur oder Rechtsprechung klar gelösten Streitfragen ist nach dem
Grundsatz "in dubio pro duriore" Anklage zu erheben. Gleiches gilt, wenn
Auslegungs- oder Wertungsfragen zu beurteilen sind. Solche Fragen sind
vom Strafrichter zu entscheiden (LANDSHUT/BOSSHARD, a.a.O, N. 20 zu
Art. 319 StPO).
3.2.
3.2.1.
Wer gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des Kör-
pers oder der Gesundheit zur Folge haben, ist gemäss Art. 126 Abs. 1
StGB zu bestrafen.
3.2.2.
Gemäss dem schriftlichen Arbeitsvertrag vom 17. Januar 2019 (Untersu-
chungsakten [UA] Reg. 4) und nach ihren übereinstimmenden Aussagen
gegenüber der Kantonspolizei Aargau war die Beschwerdeführerin ab
15. Januar 2019 im Nagelstudio "E." der Beschuldigten im L. in einem Teil-
zeitpensum als Naildesignerin angestellt. Während des Arbeitsverhältnis-
ses kam es zu Differenzen zwischen der Beschwerdeführerin und der Be-
schuldigten betreffend die Ausstellung von Lohnabrechnungen, die Aus-
zahlung des Lohns und die Höhe der von der Beschwerdeführerin zu be-
zahlenden AHV-Beiträge. Am 2. Juli 2019 erhielt die Beschwerdeführerin
vom Treuhänder der Beschuldigten die Lohnabrechnungen für Januar bis
Juni 2019 per E-Mail zugesandt. Wegen angeblicher Unstimmigkeiten kam
es am 16. Juli 2019 zu einer Aussprache zwischen der Beschwerdeführerin
und der Beschuldigten. Im Anschluss daran soll es zu einer tätlichen Aus-
einandersetzung zwischen der Beschwerdeführerin einerseits sowie der
Beschuldigten, deren Ehemann F. und G. andererseits gekommen sein.
Am 17. Juli 2019 bescheinigte Dr. med. M., Facharzt für Allgemeine innere
Medizin und Arbeitsmedizin FMH, R., der Beschwerdeführerin eine Arbeits-
unfähigkeit zu 100 % ab 17. Juli 2019 bis voraussichtlich 28. Juli 2019 (UA
Reg. 4). In ihrem Schreiben vom 22. Juli 2019 hielt Dr. med. I., Fachärztin
für innere Medizin FMH, S., fest, sie habe bei der Beschwerdeführerin Hä-
matome an beiden Armen und an der linken Brust festgestellt. Diese Ver-
letzungen stimmten überein mit der Schilderung der Beschwerdeführerin,
wonach der Ehemann ihrer Arbeitgeberin sie an ihren Armen kräftig ge-
packt und, nachdem er sie auf den Boden geworfen habe, Druck auf ihren
Brustkorb ausgeübt habe. Die Beschwerdeführerin leide gemäss ihrer Un-
tersuchung sodann an einem posttraumatischen Stresssyndrom (UA
Reg. 4). In der Folge war die Beschwerdeführerin vom 29. Juli 2019 bis
30. September 2019 zu 100 % arbeitsunfähig (vgl. die ärztlichen Zeugnisse
von Dr. med. I. vom 26. Juli 2019 und des Psychiaters Dr. K., T., vom
19. August 2019 in UA Reg. 4).
- 10 -
Als Beweismittel für den Ablauf des Vorfalls vom 16. Juli 2019 stehen die
gegenüber der Kantonspolizei gemachten Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin einerseits, der Beschuldigten, der Mitbeschuldigten F. und G. ande-
rerseits sowie des als Auskunftsperson befragten J. zur Verfügung.
3.2.3.
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass im vorliegenden Beschwerdeverfahren
keine umfassende Beweiswürdigung und auch keine abschliessende Prü-
fung der Glaubwürdigkeit der einzelnen Beteiligten und der Glaubhaftigkeit
ihrer Aussagen vorzunehmen ist, sondern dies nur insofern zu prüfen ist,
als es für die Frage, ob die Untersuchung zu Recht eingestellt wurde oder
nicht, von Bedeutung ist.
3.2.4.
3.2.4.1.
Die Beschwerdeführerin sagte in der polizeilichen Einvernahme vom
30. August 2019 aus, die Beschuldigte habe ihr seit Beginn des Arbeitsver-
hältnisses keinen Lohn ausbezahlt, jedoch AHV-Beiträge in bar von ihr ein-
gezogen. Anhand der am 2. Juli 2019 erhaltenen Lohnabrechnungen habe
sie festgestellt, dass sie der Beschuldigten pro Monat höhere Beträge als
in den Lohnabrechnungen verzeichnet abgegeben habe. Am folgenden
Tag habe sie die Beschuldigte damit konfrontiert, dass sie gemäss den
Lohnabrechnungen zu hohe AHV-Beiträge von ihr eingezogen habe und
sie das Geld zurückhaben wolle. Daraufhin habe die Beschuldigte hand-
schriftliche Quittungen erstellt, auf denen sie rückwirkend unterschriftlich
hätte bestätigen sollen, dass sie Lohn in bar erhalten habe, was jedoch
nicht stimme. Vielmehr habe sie bis zu diesem Zeitpunkt noch gar keinen
Lohn erhalten. Darum habe sie sich geweigert, die handschriftlichen Quit-
tungen zu unterschreiben, auch an den folgenden Tagen, als die Beschul-
digte dies von ihr jeweils verlangt habe. Am 16. Juli 2019 sei die Beschul-
digte zu ihr gekommen und habe ihr gesagt, dass sie ihr den Lohn nicht
rückwirkend auf ihr Konto überweisen könne, ihr diesen für die letzten
sechs Monate aber bar auszahlen werde, wenn sie die Quittungen unter-
schreibe. Ebenfalls werde sie ihr die überschüssigen AHV-Beiträge zurück-
erstatten. Weil sie ihren Lohn für die letzten sechs Monate habe erhalten
wollen, habe sie die Quittungen unterschrieben, aber mit dem aktuellen Da-
tum. Daraufhin habe die Beschuldigte ihr die Quittungen wieder wegge-
nommen, die Lohnabrechnungen ausgedruckt, die ihnen der Buchhalter
geschickt habe, und von ihr die unterschriftliche Bestätigung verlangt, dass
sie die entsprechenden Löhne am Ende jedes Monats erhalten habe. Weil
sie endlich ihren Lohn gewollt habe und ihr die Beschuldigte versprochen
habe, nach ihrer Unterschrift das Geld auszuzahlen, habe sie die Lohnab-
rechnungen rückwirkend unterschrieben. Danach habe die Beschuldigte
die Lohnabrechnungen genommen, diese in ihre Handtasche gesteckt und
den Aufenthaltsraum verlassen. Sie sei der Beschuldigten gefolgt und habe
sie immer wieder gefragt, wo jetzt ihr Geld sei, doch die Beschuldigte habe
- 11 -
ihr sinngemäss geantwortet, es gebe kein Geld. Sie sei dumm und würde
sowieso den Kürzeren ziehen, da sie keine Beweise habe und sie die Che-
fin sei. Sie habe der Beschuldigten hinterhergerufen: "Hilfe, das ist Dieb-
stahl! Raub! Raub!" Daraufhin habe die Beschuldigte gemeint, ihren Aus-
sagen glaube sowieso niemand. Schliesslich sei sie Ausländerin, und ihre
Angestellten würden zu ihr halten. Sie sei der Beschuldigten hinterherge-
laufen und habe nochmals versucht, mit ihr zu reden, doch die Beschuldigte
habe nicht zuhören wollen und versucht, den Laden zu verlassen. Sie habe
daraufhin versucht, der Beschuldigten den Weg zu versperren, damit diese
das Geschäft nicht habe verlassen können. Die Beschuldigte habe dann
ihren Ehemann, der auch im Nagelstudio anwesend gewesen sei, aufge-
fordert, sie (die Beschwerdeführerin) zu packen und festzuhalten, damit sie
den Laden habe verlassen können. Der Ehemann habe sie von vorne an
den Unterarmen gepackt und festgehalten. Die Beschuldigte habe ver-
sucht, sich an ihr vorbeizudrängen. Aus lauter Verzweiflung habe sie nach
dem Riemen der Handtasche der Beschuldigten gegriffen, welche diese
umgehängt gehabt habe. Daraufhin habe der Ehemann sie zu Boden ge-
bracht, so dass sie auf dem Rücken gelegen sei. Die Beschuldigte habe
sie ebenfalls auf dem Boden festgehalten. Sie habe versucht, sich zu weh-
ren, doch sie habe nur ihren Kopf bewegen können. Danach sei Frau G.
gekommen, die ebenfalls im Laden gewesen sei, und habe sie ebenfalls
auf den Boden gedrückt. Dies habe der Beschuldigten die Möglichkeit ge-
geben, den Laden zu verlassen. Anschliessend hätten Frau G. und der
Ehemann der Beschuldigten sie an den Armen festgehalten und sie zurück
in den Aufenthaltsraum befördert, wo sie ihr gesagt hätten, sie solle endlich
ruhig sein und aufhören, so herumzuschreien. Andernfalls würden sie die
Polizei rufen. Danach habe Frau G. sie zum Bahnhof Baden begleitet, wo
sie den Zug in Richtung Basel genommen habe. Durch den Vorfall habe
sie Blutergüsse an der Brust, ihren Armen und Schultern erlitten und sei
deswegen zu einer Ärztin gegangen (UA Reg. 2, Einvernahmeprot. vom
30. August 2019, S. 3 ff.).
Anlässlich der Konfrontationseinvernahme mit der Beschuldigten vom
25. Februar 2020 machte die Beschwerdeführerin übereinstimmende Aus-
sagen (UA Reg. 7, Einvernahmeprot. vom 25. Februar 2020, S. 5 ff., 14 f.).
3.2.4.2.
Die Beschuldigte führte in der Einvernahme vom 5. November 2019 gegen-
über der Kantonspolizei Aargau aus, sie habe der Beschwerdeführerin je-
weils Ende Monat den Lohn ausbezahlt. Wenn sie es verlangt habe, habe
sie ihr auch einen Vorschuss gegeben. Sie habe ihr das Geld aber nicht
überwiesen, sondern in bar gegeben. Dies sei zwei- oder dreimal im Monat
passiert. Im Nachhinein habe sie von der Beschwerdeführerin deren Unter-
schrift verlangt, da sie das Geld schon erhalten habe. Die Aussagen der
Beschwerdeführerin zur Auseinandersetzung vom 16. Juli 2019 stimmten
nicht. Insbesondere sei nicht wahr, dass sie das Geschäft habe verlassen
- 12 -
wollen, was die Beschwerdeführerin habe verhindern wollen, worauf sie ih-
ren Ehemann aufgefordert haben solle, die Beschwerdeführerin zu packen
und festzuhalten, damit sie das Geschäft habe verlassen können. In ihrer
Handtasche sei der Umsatz von drei Tagen gewesen, über Fr. 10'000.00.
Die Beschwerdeführerin habe ihr die Handtasche entreissen wollen, was
sie nicht habe zulassen wollen. Ihr Ehemann habe die Tasche in der Hand
gehabt. Die Beschwerdeführerin habe sie ihm entreissen wollen. Er habe
die Tasche schützen wollen, darum habe ihn die Beschwerdeführerin ge-
bissen. Während des Vorfalls seien sie und die Beschwerdeführerin zu-
sammen auf den Boden gestürzt. Die Beschwerdeführerin habe einfach
ihre Handtasche haben wollen. Sie habe nicht gewollt, dass die Beschwer-
deführerin ihr vor ihren Kunden die Handtasche entreisse. Sie habe ihr ge-
sagt, sie solle in aller Ruhe mit ihr reden, nicht aber ihre Handtasche weg-
nehmen. Als eine Kundin die Polizei verständigt habe, habe die Beschwer-
deführerin sofort das Geschäft verlassen (UA Reg. 5, Einvernahmeprot.
vom 5. November 2019, S. 5 ff.).
An der Konfrontationseinvernahme vom 25. Februar 2020 wiederholte die
Beschuldigte im Wesentlichen ihre am 5. November 2019 gemachten Aus-
sagen. Insbesondere hielt sie daran fest, der Beschwerdeführerin immer
den Lohn ausbezahlt zu haben, aber nicht per Überweisung, sondern in
bar. Sie habe der Beschwerdeführerin wöchentlich die verlangten Lohnvor-
schüsse in bar übergeben. Die Beschwerdeführerin habe nichts unter-
schrieben, aber sie habe Augenzeugen. Dabei handle es sich um ehema-
lige und aktuelle Angestellte des Nagelstudios. Sie habe von der Beschwer-
deführerin manchmal eine Unterschrift verlangt, in einem Buch, aber viel-
leicht sei es verloren gegangen. Die Lohnvorschüsse hätten manchmal
Fr. 500.00, manchmal Fr. 1'000.00 betragen. Sie habe der Beschwerdefüh-
rerin von Januar bis Juni 2019 jeden Monat den genauen Lohnbetrag als
Vorschuss ausbezahlt, so dass am Ende des Monats kein Lohn mehr fällig
gewesen sei. Am 16. Juli 2019 sei es wieder um die Auszahlung eines
Lohnvorschusses gegangen. Diesen habe sie der Beschwerdeführerin
aber nicht, wie gewünscht, in bar übergeben, sondern überweisen wollen.
Zuerst habe sie gewollt, dass die Beschwerdeführerin die bereits erhalte-
nen Lohnzahlungen unterschriftlich bestätige. Die Beschwerdeführerin
habe die Belege zurückhaben wollen, sie habe sie ihr jedoch nicht gege-
ben. Sie habe die Beschwerdeführerin nicht geschlagen und ihr Ehemann
auch nicht. Die Beschwerdeführerin habe die Belege zurückholen wollen.
Sie habe sie angeschrien und ihren Ehemann verletzt. Als die Polizei ge-
kommen sei, sei die Beschwerdeführerin weggewesen (UA Reg. 7, Einver-
nahmeprot. vom 25. Februar 2020, S. 6 ff., 15).
3.2.4.3.
F., der Ehemann der Beschuldigten, wurde am 28. Mai 2020 von der Kan-
tonspolizei Aargau einvernommen. Er gab an, als er in das Geschäft ge-
- 13 -
kommen sei, habe er gesehen, dass die Beschuldigte mit der Beschwerde-
führerin gestritten habe. Sie hätten eine Tasche auseinandergezogen. Er
habe "Stopp" gesagt, nach den Handgelenken der Beschwerdeführerin ge-
griffen und sie von der Beschuldigten weggezogen, wobei sich die Be-
schwerdeführerin extrem gewehrt habe. Gleichzeitig habe er auch ver-
sucht, die Finger der Beschwerdeführerin von der Handtasche der Beschul-
digten zu lösen. Anstatt aufzuhören, habe die Beschwerdeführerin ihn in
den linken Unterarm gebissen. Als er versucht habe, den Streit aufzubre-
chen und die Beschwerdeführerin von der Beschuldigten wegzuziehen,
habe die Beschwerdeführerin immer wieder versucht, nach der Handtasche
der Beschuldigten zu greifen. Als die Beschwerdeführerin die Handtasche
endlich losgelassen habe, sei er mit ihr zu Boden gegangen. Danach sei
die Beschwerdeführerin aufgestanden und habe wieder auf die Beschul-
digte losgehen wollen. Er habe ihr gesagt, sie solle damit aufhören; es
seien Kunden im Geschäft. Als die Beschwerdeführerin erneut nach der
Handtasche der Beschuldigten habe greifen wollen, sei eine weitere Frau
dazugekommen und habe sie zurückgehalten. Ca. fünf Minuten später hät-
ten die Beschwerdeführerin und diese Frau das Geschäft verlassen. Die
Beschwerdeführerin habe ihn gebissen, bevor sie zu Boden gegangen
seien. Die Beschwerdeführerin habe die Beschuldigte nicht aktiv angegrif-
fen. Soweit er es gesehen habe, habe sie der Beschuldigten nur die Hand-
tasche entreissen wollen (UA Reg. 8, Einvernahmeprot. vom 28. Mai 2020,
S. 4 ff.).
3.2.4.4.
J. sagte in der polizeilichen Einvernahme vom 1. März 2021 aus, er sei mit
der Beschuldigten befreundet und habe am 16. Juli 2019 die Beschuldigte
und die Beschwerdeführerin in der Mitarbeiterräumlichkeit vis-à-vis an ei-
nem Tisch sitzen und diskutieren sehen. Er sei dann weggegangen, weil er
das Gespräch nicht habe stören wollen. Etwa eine Minute später seien ihm
die Beschuldigte und die Beschwerdeführerin gefolgt. Dann sei es plötzlich
laut geworden. Als er hingeschaut habe, habe die Beschwerdeführerin mit
der offenen Hand von allen Seiten her gegen den Oberkörper der Beschul-
digten geschlagen und versucht, an die Tasche zu gelangen. Sie habe re-
gelrecht herumgefuchtelt. F. sei dazwischengegangen und habe versucht,
die beiden zu trennen. Das sei ihm nur halbwegs gelungen und er sei dabei
von der Beschwerdeführerin in den Arm gebissen worden. Eine weitere
Person (Mann oder Frau) sei ebenfalls dazwischengegangen. Die Be-
schwerdeführerin und die Beschuldigte hätten in der Folge voneinander ab-
gelassen und kurze Zeit später sei die Polizei gekommen. Wer zuerst tätlich
geworden sei, habe er nicht gesehen. Er habe gewusst, dass es beim Dis-
put zwischen der Beschwerdeführerin und der Beschuldigten um Geld ge-
gangen sei, da sie Lohnstreitigkeiten gehabt hätten. Davon, dass die Be-
schwerdeführerin der Beschuldigten die Handtasche habe entreissen wol-
len, weil Letztere mit den sich in der Tasche befindenden, von der Be-
- 14 -
schwerdeführerin unterschriebenen Lohnabrechnungen (welche als Quit-
tungen dienen sollten) das Geschäft habe verlassen wollen, wisse er
nichts. Er könne sich das auch nicht vorstellen. Nachträglich habe ihm die
Beschuldigte gesagt, sie habe der Beschwerdeführerin immer den vollen
Lohn überwiesen und verstehe nicht, warum diese so wütend sei. Es
stimme, dass, die Beschwerdeführerin während der tätlichen Auseinander-
setzung von der Beschuldigten, deren Ehemann F. und einer weiteren Frau
(G.) auf den Boden gedrückt und festgehalten worden sei, weil sie sich so
aufbrausend und aggressiv verhalten habe (UA Reg. 8, Einvernahmeprot.
vom 1. März 2021, S. 2 und 4 f.).
3.2.4.5.
G. gab am 27. Dezember 2019 in der Befragung durch die Kantonspolizei
an, sie kenne die Beschwerdeführerin seit Anfang 2018 und habe ihr gele-
gentlich mit Übersetzungen bei Anwalts- und Arztterminen geholfen. An-
fang 2019 habe sie der Beschwerdeführerin die Arbeitsstelle bei der Be-
schuldigten vermittelt. Am 16. Juli 2019 sei sie im Nagelstudio anwesend
gewesen, weil die Beschuldigte sie gebeten habe, im Konflikt mit der Be-
schwerdeführerin zu schlichten. Die Beschuldigte habe der Beschwerde-
führerin Dokumente zum Unterschreiben gegeben. Dann sei es zu einer
verbalen Auseinandersetzung zwischen den beiden gekommen. Dabei
habe die Beschwerdeführerin der Beschuldigten die Handtasche entreis-
sen wollen und sich an der Handtasche festgehalten. Die Beschuldigte
habe die Handtasche aber nicht losgelassen. Der Ehemann der Beschul-
digten und sie selber hätten die Beschwerdeführerin an den Armen gegrif-
fen und sie weggezogen, um den Streit zu beenden. Es stimme aber nicht,
dass sie und F. die Beschwerdeführerin während der Auseinandersetzung
auf den Boden gedrückt und festgehalten hätten. Nachdem sie die Be-
schwerdeführerin weggezogen habe, habe sie sie gefragt, was sie denn
mache und ob sie das Geschäft der Beschuldigten zerstören wolle. Sie
habe die Beschwerdeführerin aufgefordert, ihre Sachen zu packen, und
dann mit ihr das Geschäft verlassen (UA Reg. 6, Einvernahmeprot. vom
27. Dezember 2019, S. 3 ff.).
3.2.5.
Dr. med. I. stellte bei der Beschwerdeführerin Hämatome an beiden Armen
und an der linken Brust fest. Diese Verletzungen stimmen überein mit der
Schilderung der Beschwerdeführerin, wonach sie an ihren Armen kräftig
gepackt und auf den Boden gedrückt worden sei. Ins Bild, Opfer einer tät-
lichen Auseinandersetzung geworden zu sein, passt auch, dass die Be-
schwerdeführerin an einem posttraumatischen Stresssyndrom litt.
Die Aussagen der Beschwerdeführerin zum Ablauf der Auseinanderset-
zung erscheinen grundsätzlich schlüssig und in sich stimmig. Zudem wur-
den sie in den wesentlichen Punkten von denjenigen von G., F. und J. be-
- 15 -
stätigt. Die Aussagen der Beschwerdeführerin erscheinen demnach grund-
sätzlich nicht weniger glaubhaft als jene der Beschuldigten. Insbesondere
J., der an der tätlichen Auseinandersetzung nicht beteiligt war, sondern
diese nur beobachtet hatte, bestätigte, dass die Beschwerdeführerin wäh-
rend der tätlichen Auseinandersetzung von F., der Beschuldigten und G.
auf den Boden gedrückt und festgehalten worden sei. Der nicht mitbeschul-
digte J. kann von der Staatsanwaltschaft Baden als Zeuge unter Wahrheits-
pflicht und Androhung der Straffolgen von Art. 307 StGB bei falschem
Zeugnis befragt werden. Beim derzeitigen Stand der Untersuchung ist nicht
ersichtlich, weshalb G., F. und J. die Beschuldigte zu Unrecht einer Straftat
bezichtigen sollten, zumal sich G. und F. damit auch selbst belasten wür-
den. Andererseits hat die Beschuldigte wegen der möglichen strafrechtli-
chen Folgen ein erhebliches Interesse an der Feststellung, dass sie gegen-
über der Beschwerdeführerin keine Tätlichkeiten begangen habe.
Demzufolge kann beim gegenwärtigen Untersuchungsstand nicht gesagt
werden, dass bei einer Anklage wegen Tätlichkeiten i.S.v. Art. 126 Abs. 1
StGB höchstwahrscheinlich mit einem Freispruch der Beschuldigten zu
rechnen wäre. In Bezug auf diesen Tatbestand fällt eine Einstellung des
Verfahrens gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO daher - entgegen den
Ausführungen in der Einstellungsverfügung - ausser Betracht.
3.3.
3.3.1.
Nach Art. 181 StGB macht sich strafbar, wer jemanden durch Gewalt oder
Androhung ernstlicher Nachteile oder durch andere Beschränkung seiner
Handlungsfreiheit nötigt, etwas zu tun, zu unterlassen oder zu dulden.
Bei der Androhung ernstlicher Nachteile stellt der Täter dem Opfer die Zu-
fügung eines Übels in Aussicht, dessen Eintritt er als von seinem Willen
abhängig erscheinen lässt. Es kommt dabei nicht darauf an, ob der Täter
die Drohung wirklich wahrmachen will, sofern sie nur als ernst gemeint er-
scheinen soll. Ernstlich sind die Nachteile, wenn ihre Androhung nach ei-
nem objektiven Massstab geeignet ist, auch eine besonnene Person in der
Lage des Betroffenen gefügig zu machen und so seine Freiheit der Willens-
bildung oder -betätigung zu beschränken. Nicht jede Drohung genügt. Sie
muss eine gewisse Intensität aufweisen, die von Fall zu Fall und nach ob-
jektiven Kriterien festzulegen ist. Misslingt die Bestimmung von Willensbil-
dung oder -betätigung, bleibt es beim Versuch. Ob eine Äusserung als Dro-
hung zu verstehen ist, beurteilt sich nach den gesamten Umständen, unter
denen sie erfolgte. Die Androhung von Nachteilen im Rechtssinne setzt
nicht voraus, dass der Täter diese ausdrücklich ankündigt, solange für den
Geschädigten nur hinreichend klar ist, worin sie bestehen (Urteil des Bun-
desgerichts 6B_780/2021 vom 16. Dezember 2021 E. 3.1, zur Publikation
vorgesehen; VERA DELNON/BERNHARD RÜDY, in: Basler Kommentar, Straf-
recht, 4. Aufl. 2019, N. 25 ff. zu Art. 181 StGB).
- 16 -
3.3.2.
Gemäss Darstellung der Beschwerdeführerin soll die Beschuldigte ihr an-
gedroht haben, sie werde dafür sorgen, dass sie die Schweiz verlassen
müsse, damit sie trotz ausstehender Lohnzahlungen weiter für sie arbeitete
(UA Reg. 2, Einvernahmeprot. vom 30. August 2019, S. 3 f.; UA Reg. 7,
Einvernahmeprot. vom 25. Februar 2020, S. 9 f.). Ein solches Vorgehen
der Beschuldigten könnte grundsätzlich den Straftatbestand der Nötigung
(Art. 181 StGB) erfüllen. Wie erwähnt, kann eine Einstellung des Verfah-
rens gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO nur erfolgen, wenn ein Tatbe-
standselement ganz offensichtlich nicht gegeben ist. Insbesondere bei Er-
messens- und Wertungsfragen kann das Verfahren nicht aufgrund dieser
Bestimmung eingestellt werden (vgl. E. 3.1 hievor). Bei Nötigung durch An-
drohung ernstlicher Nachteile stellt sich die Wertungsfrage, ob die Andro-
hung nach einem objektiven Massstab geeignet ist, auch eine besonnene
Person in der Lage des Betroffenen gefügig zu machen und so seine Frei-
heit der Willensbildung oder -betätigung zu beschränken. Im vorliegenden
Fall ist - vorgesetzt, die Sachverhaltsdarstellung der Beschwerdeführerin
ist als erwiesen anzusehen - insbesondere zu prüfen, ob die Androhung
der Beschuldigten als Arbeitgeberin der Beschwerdeführerin, dafür zu sor-
gen, dass die Beschwerdeführerin ihre Aufenthaltsberechtigung in der
Schweiz verlieren werde, nach objektivem Massstab geeignet ist, auch eine
besonnene Person in der Lage der Beschwerdeführerin zu veranlassen,
weiter bei ihr zu arbeiten, ohne die ausstehenden Löhne einzufordern.
Diese Frage ist nicht ohne weiteres zu verneinen. Nach der Rechtspre-
chung des Bundesgerichts ist der Arbeitnehmer in analoger Anwendung
von Art. 82 OR befugt, die Leistung von Arbeit zu verweigern, solange der
Arbeitgeber sich mit verfallenen Lohnzahlungen im Rückstand befindet. Bei
berechtigter Arbeitsverweigerung bleibt dem Arbeitnehmer dabei (analog
zu Art. 324 Abs. 1 OR) der laufende Lohnanspruch gewahrt, ohne dass er
zur Nachleistung der Arbeit verpflichtet wäre (BGE 136 III 313 E. 2.3.1
S. 319 f.). Der Verlust der Aufenthaltsberechtigung in der Schweiz (Nicht-
verlängerung oder Widerruf der Aufenthaltsbewilligung), der als Folge ei-
nes Stellenverlusts bzw. einer daraus resultierenden Sozialhilfeabhängig-
keit durchaus in Frage kommen kann (vgl. Art. 33 Abs. 2 und 3, Art. 44
Abs. 1 lit. c, Art. 62 Abs. 1 lit. e AIG), kann für eine betroffene ausländische
Arbeitnehmerin in der Situation der Beschwerdeführerin objektiv betrachtet
einen ernstlichen Nachteil darstellen und sie dazu bewegen, auf die Einfor-
derung ausstehender Löhne und allenfalls die Verweigerung der Arbeits-
leistung zu verzichten. Das vorliegende Strafverfahren kann somit entge-
gen den Ausführungen in der Einstellungsverfügung nicht gestützt auf
Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO eingestellt werden.
- 17 -
3.4.
3.4.1.
Wegen Veruntreuung wird bestraft, wer sich eine ihm anvertraute fremde
bewegliche Sache aneignet, um sich oder einen andern damit unrechtmäs-
sig zu bereichern (Art. 138 Ziff. 1 Abs. 1 StGB). Dazu gehört auch Bargeld,
das nicht im Eigentum des Täters steht (ANDREAS DONATSCH, Strafrecht III,
11. Aufl. 2018, § 7 Ziff. 1.21, S. 132). Denselben Tatbestand erfüllt, wer ihm
anvertraute Vermögenswerte unrechtmässig in seinem oder eines andern
Nutzen verwendet (Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 StGB). Deliktsobjekt bei dieser
zweiten Tatbestandsvariante ist insbesondere Bargeld, das - namentlich
durch Vermischung - in das Eigentum des Täters übergeht (DONATSCH,
a.a.O., § 7 Ziff. 2.311, S. 144).
Nach der Rechtsprechung gilt als anvertraut, was jemand mit der Verpflich-
tung empfängt, es in bestimmter Weise im Interesse des Treugebers zu
verwenden, insbesondere es zu verwahren, zu verwalten oder einem an-
deren abzuliefern. Dabei genügt es, wenn der Täter ohne Mitwirkung des
Treugebers über die Werte verfügen kann. Gemäss einer anderen Um-
schreibung ist anvertraut, was jemand mit der besonderen Verpflichtung
empfängt, es dem Treugeber zurückzugeben oder es für diesen einem Drit-
ten weiterzuleiten, wobei der Treugeber seine Verfügungsmacht über das
Anvertraute aufgibt (BGE 133 IV 21 E. 6.2 S. 27 f., 143 IV 297 E. 1.3
S. 300). Das Anvertrauen einer fremden beweglichen Sache (Art. 138
Ziff. 1 Abs. 1 StGB) setzt voraus, dass der Eigentümer (Treugeber) seinen
Gewahrsam an der Sache vollumfänglich aufgibt und ihn dem Täter (Treu-
händer) aufgrund dessen Pflicht zur Eigentumserhaltung einräumt
(DONATSCH, a.a.O., § 7 Ziff. 1.22 lit. a und b, S. 132 ff.). Im Falle der Über-
tragung vertretbarer Sachen gibt der Treugeber sein Eigentum an den Sa-
chen vollumfänglich auf und räumt es dem Treuhänder mit der Pflicht zur
ständigen Werterhaltung (welche beinhaltet, bis zur Rück-, Weiter- oder
Abgabe ständig über die gleiche Art und Menge von Sachen zu verfügen)
ein (DONATSCH, a.a.O., § 7 Ziff. 2.313 lit. a und b, S. 145 ff.). Was jemand
nicht für einen anderen, sondern für sich selbst erhält, kann hingegen nicht
Objekt einer Veruntreuung sein (DONATSCH, a.a.O., § 7 Ziff. 1.22 lit. c,
S. 136; DERS., a.a.O., § 7 Ziff. 2.313 lit. b, S. 147).
3.4.2.
3.4.2.1.
Die Beschwerdeführerin gab stets an, sie habe der Beschuldigten seit Be-
ginn des Arbeitsverhältnisses folgende monatliche Beiträge für die AHV in
bar abgegeben: im Januar 2019 Fr. 350.00, im Februar, März und April
2019 je Fr. 1'000.00 und im Mai 2019 Fr. 700.00. Die Zahlungen vom Ja-
nuar und Mai 2019 seien an die Beschuldigte selbst erfolgt. Während die
Beschuldigte in U. gewesen sei, habe sie das Geld für den Beitrag vom
Februar 2019 an deren Sohn und das Geld für die Beiträge vom März und
April 2019 an deren Tochter übergeben. Die Kinder hätten ihr den Empfang
- 18 -
der Beiträge quittiert, nicht aber die Beschuldigte. Als sie angefangen habe
zu arbeiten, sei der Sohn der Beschuldigten im Geschäft gewesen. Bevor
die Beschuldigte nach U. gegangen sei, habe sie ihr gesagt, sie solle die
AHV-Sachen mit ihrem Ehemann erledigen. Manchmal habe ihr Ehemann
das Geld von ihr verlangt, manchmal ihr Sohn (UA Reg. 4, Eingabe vom
22. August 2019, S. 1 sowie Beilagen 3 und 4 [Quittungen für die Zahlun-
gen von Februar, März und April 2019]; UA Reg. 2, Einvernahmeprot. vom
30. August 2019, S. 6; UA Reg. 7, Einvernahmeprot. vom 25. Februar
2020, S. 11 ff.).
Die Beschuldigte bestritt in der Einvernahme vom 5. November 2019, von
der Beschwerdeführerin die Abgabe eines monatlichen AHV-Beitrags ver-
langt zu haben. Auf Vorlage der entsprechenden Quittungen erklärte sie,
die Beschuldigte habe diese selber geschrieben, sie habe diese noch nie
gesehen. Die Person, die als ihr Sohn unterschreiben habe, kenne sie
nicht. Ihr Sohn sei in U. und ihrer Tochter sei 13 Jahre alt und habe die
Quittungen sicher nicht unterschrieben. Die Frage, ob sie von der Beschul-
digten zwischen Januar und Juni 2019 in irgendeiner Form AHV-Geld ein-
gezogen habe, wollte sie nicht beantworten (UA Reg. 5, Einvernahmeprot.
vom 5. November 2019, S. 7). In der Konfrontationseinvernahme vom
25. Februar 2020 erklärte die Beschuldigte erneut, sie habe die erwähnten
AHV-Beiträge nicht erhalten und die Quittungen bis jetzt nie gesehen. Auf
Vorhalt, die handgeschriebenen Quittungen seien ihr anlässlich der Einver-
nahme vom 5. November 2019 vorgelegt worden, gab sie an, dass ihr da-
mals andere Quittungen vorgelegt worden seien. Wer die Quittungen un-
terschrieben habe, wisse sie nicht (UA Reg. 7, Einvernahmeprot. vom
25. Februar 2020, S. 12 f.).
3.4.2.2.
Die Sachverhaltsschilderungen der Beschwerdeführerin erscheinen detail-
liert, konstant, in sich schlüssig und werden durch die von ihr als Beilagen 3
und 4 zur Eingabe vom 22. August 2019 (UA Reg. 4) verurkundeten Quit-
tungen untermauert. Das von ihr geschilderte Vorgehen im Zusammen-
hang mit den AHV-Beiträgen wäre sehr ungewöhnlich und unüblich, wer-
den doch die Arbeitnehmeranteile der Sozialversicherungsbeiträge in aller
Regel vor der monatlichen Lohnzahlung vom Bruttolohn abgezogen. Diese
Ungewöhnlichkeit könnte ein weiteres Indiz für die Richtigkeit ihrer Anga-
ben sein. Demgegenüber erscheinen die Aussagen der Beschuldigten
nicht ohne weiteres als ebenso glaubhaft wie jene der Beschwerdeführerin.
Trotz des Vorhandenseins von Quittungen für drei Zahlungen von AHV-
Beiträgen der Beschwerdeführerin erschöpften sich diese im Wesentlichen
in blossen Bestreitungen. Ihre Behauptung in der Konfrontationseinver-
nahme, die Quittungen seien ihr anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 5. November 2019 nicht vorgelegt worden, ist aktenwidrig (vgl.
UA Reg. 5, Einvernahmeprot. vom 5. November 2019, S. 7, von der Be-
schuldigten unterzeichnet) und damit unglaubhaft. Allein aufgrund dieser
- 19 -
Aussagen konnte der Tatverdacht der Veruntreuung weder ausgeräumt
noch weiter erhärtet werden. Weitere Beweismittel wurden bislang nicht er-
hoben. Nicht abgeklärt wurde namentlich, ob die Beschuldigte die Arbeit-
nehmerbeiträge der Beschwerdeführerin jeweils tatsächlich der AHV-Aus-
gleichskasse und allenfalls weiteren Sozialversicherungen abgeliefert hat.
Insbesondere eine Befragung des Ehemanns der Beschuldigten, F., und
ihrer Kinder über das behauptete Inkasso der AHV-Beträge von der Be-
schwerdeführerin während der Landesabwesenheit der Beschuldigten, das
Einholen der Kontoauszüge und Buchhaltungsbelege über Ein- und Aus-
gänge der mutmasslich von der Beschwerdeführerin bar bezahlten AHV-
Beiträge beim Buchhalter der Beschuldigten, allenfalls eine Befragung des
Buchhalters zu Eingang und Verwendung der entsprechenden Barbeträge,
sowie die Einholung eines Auszugs aus dem Individuellen Konto der Be-
schwerdeführerin bei der AHV-Ausgleichskasse (gemäss Vollzugsbericht
der Kantonspolizei Aargau vom 1. März 2021 [UA Reg. 1] war die Be-
schwerdeführerin bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Aargau
[SVA] als Arbeitnehmerin mit Eintrittsdatum 15. Januar 2019 gemeldet)
könnten als weitere noch zu erhebende Beweismittel näheren Aufschluss
über den Sachverhalt geben.
Im Zusammenhang mit den behaupteten Bargeldzahlungen für AHV-Bei-
träge der Beschwerdeführerin ist anzumerken, dass die Beschuldigte nach
dem Arbeitsvertrag vom 17. Januar 2019 (UA Reg. 4) verpflichtet war, der
Beschwerdeführerin monatlich einen Lohn von brutto Fr. 2'000.00 zu be-
zahlen. Gemäss den der Beschwerdeführerin am 16. Juli 2019 zur Quittie-
rung vorgelegten Lohnabrechnungen für Januar bis Juni 2019 waren von
diesem Bruttolohn Sozialabzüge von total 9,309 % (5,125 % für die AHV,
1,1 % für die IV, 2,261 % für die Nichtberufsunfallversicherung und 0,823 %
für die Krankentaggeldversicherung) abzuziehen (UA Reg. 4, Beilage 5 zur
Eingabe vom 22. August 2019). Die gesamten Abzüge beliefen sich daher
für Januar 2019 auf Fr. 93.10 (9,309 % von Fr. 1'000.00) und für Februar
bis Juni 2019 auf je Fr. 186.15 (9,309 % von Fr. 2'000.00), total demnach
auf Fr. 1'023.85. Die Beträge an die AHV, welche die Beschuldigte nach
den Angaben der Beschwerdeführerin von ihr verlangt hatte, wären daher
stark überhöht gewesen. Es wäre daher abzuklären, weshalb und wie die
Beschuldigte von der Beschwerdeführerin derart hohe Zahlungen verlangt
hat und was sie mit dem erhaltenen Bargeld gemacht hat. Allenfalls wäre
weiter zu prüfen, ob die Beschuldigte dadurch Straftatbestände wie Betrug
(Art. 146 StGB), Erpressung (Art. 156 StGB) oder Nötigung (Art. 181 StGB)
erfüllt hat.
Demzufolge kann zumindest beim gegenwärtigen Stand der Untersuchung
nicht gesagt werden, dass bei einer Anklage wegen Veruntreuung i.S.v.
Art. 138 Ziff. 1 StGB höchstwahrscheinlich ein Freispruch der Beschuldig-
- 20 -
ten zu erwarten wäre. Auch in Bezug auf diesen Tatbestand fällt eine Ein-
stellung des Verfahrens gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO somit aus-
ser Betracht.
3.5.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Voraussetzungen für eine
Einstellung der Strafuntersuchung gegen die Beschuldigte gestützt auf
Art. 319 Abs. 1 lit. a und b StPO im heutigen Zeitpunkt nicht erfüllt sind. In
Gutheissung der Beschwerde ist die Einstellungsverfügung der Staatsan-
waltschaft Baden vom 23. August 2021 deshalb aufzuheben.
4.
4.1.
Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die Kosten des Rechts-
mittelverfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Hebt
die Rechtsmittelinstanz einen Entscheid auf und weist sie die Sache zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück, so trägt der Kanton die Kos-
ten des Rechtsmittelverfahrens und, nach Ermessen der Rechtsmittel-
instanz, jene der Vorinstanz (Art. 428 Abs. 4 StPO). Diese letztgenannte
Bestimmung bezieht sich insbesondere auf kassatorische Entscheide über
Beschwerden gemäss Art. 397 Abs. 2 StPO (THOMAS DOMEISEN, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 25 zu
Art. 428 StPO).
Ausgangsgemäss sind die Kosten des vorliegenden Beschwerdeverfah-
rens somit auf die Staatskasse zu nehmen. Über die Tragung der Untersu-
chungskosten wird zu gegebener Zeit die Staatsanwaltschaft Baden bzw.
das angerufene erstinstanzliche Gericht zu entscheiden haben.
4.2.
Der Anspruch der Beschwerdeführerin auf angemessene Entschädigung
für notwendige Aufwendungen richtet sich nach Art. 433 StPO und hängt
vom Ausgang des Strafverfahrens ab. Es ist deshalb zurzeit nicht möglich,
die Entschädigung für das vorliegende Beschwerdeverfahren festzulegen.
Das Beschwerdeverfahren betreffend die Einstellungsverfügung wird im
Rahmen der Regelung der Entschädigung der Parteien im Endentscheid
zu berücksichtigen sein (Art. 421 Abs. 1 StPO; vgl. Urteil des Bundesge-
richts 1B_531/2012 vom 27. November 2012 E. 3).