Decision ID: 1f02eade-f5fe-43df-a473-155068825ca1
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Der Stadtrat der politischen Gemeinde C._ erteilte B._ für sein Bauvorhaben
(Abbruch eines Schopfs und Neubau eines Mehrfamilienhauses einschliesslich einer
Erdsondenbohrung auf dem Grundstück-Nr. 0001._) mit Beschluss/Verfügung vom
22. November 2021 die Baubewilligung. Die öffentlich-rechtlichen Einsprachen und
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allfällige Einsprachen nach Art. 684 des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB;
SR 210) von D._ und der A._ AG wies er ab, soweit er darauf eintrat. In Bezug auf
allfällige rein privatrechtliche Einsprachen wurden D._ und die A._ AG unter
Fristansetzung auf den Zivilrechtsweg verwiesen. Deren Begehren um Ersatz der
ausseramtlichen Kosten wurden abgewiesen. Die Gebühren für das Verfahren wurden
B._ auferlegt (act. G 16.5.24 im Verfahren B 2022/76).
Dagegen erhob die A._ AG, vertreten durch Rechtsanwalt Ivo Hartmann, am
9. Dezember 2021 Rekurs beim Bau- und Umweltdepartement (BUD; act. G 16.1 im
Verfahren B 2022/76). In der ergänzenden Eingabe vom 10. Januar 2022 beantragte
sie, die angefochtene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben und dem Baugesuch
von B._ sei die Bewilligung zu verweigern. Eventuell sei die angefochtene Verfügung
vollumfänglich aufzuheben und die Angelegenheit an den Stadtrat der politischen
Gemeinde C._ zum erneuten Entscheid zurückzuweisen. Subeventuell sei die
Baubewilligung nur unter den in der Rekursergänzung formulierten Bedingungen und
Auflagen zu erteilen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 16.3 im Verfahren
B 2022/76).
A.b.
Mit Schriftsatz vom 9. März 2022 orientierte Rechtsanwalt Ivo Hartmann das BUD, der
Stadtrat der politischen Gemeinde C._ werde die angefochtene Verfügung widerrufen,
was er zum Anlass nahm («deshalb»), eine Honorarnote im Gesamtbetrag von
CHF 8'489.20 (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer, den Zeitraum vom
29. November 2021 bis 9. März 2022 betreffend) einzureichen (act. G 16.10 im
Verfahren B 2022/76). Am 21. März 2022 (versandt am 24. März 2022) widerrief der
Stadtrat der politischen Gemeinde C._ die Verfügung vom 22. November 2021
(Baubewilligung/Einspracheentscheid). Das Baubewilligungsverfahren («mit
Einspracheentscheiden sowie Ergänzungen») sei nochmals zu eröffnen (mit
Rekursmöglichkeit) und nach vollständiger Ergänzung aller Unterlagen und Fakten sei
über die Einsprachen und das Baugesuch neu zu entscheiden (act. G 16.14 im
Verfahren B 2022/76). Der für die Bearbeitung des Rekurses zuständige Mitarbeiter der
Rechtsabteilung des BUD zeigte den Parteien des Rekursverfahrens am 29. März 2022
an, der Rekurs sei infolge Widerrufs der angefochtenen Verfügung gegenstandslos
geworden und als Nächstes werde ein Abschreibungsbeschluss erfolgen (act. G 16.15
im Verfahren B 2022/76). Mit Verfügung vom 6. April 2022 schrieb der Leiter
Rechtsabteilung des BUD den Rekurs der A._ AG zufolge Gegenstandslosigkeit ab.
Auf die Erhebung von Verfahrenskosten wurde verzichtet. Die politische Gemeinde
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen die Widerrufsverfügung vom 21. März 2022 erhob die A._ AG am 8. April 2022
Rekurs beim BUD (act. G 17.1 im Verfahren B 2022/76). In der ergänzenden Eingabe
vom 6. Mai 2022 beantragte sie deren vollumfängliche Aufhebung und es sei die Sache
an den Stadtrat der politischen Gemeinde C._ zu neuerlichem Entscheid
zurückzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Sie brachte vor, in der
angefochtenen Widerrufsverfügung hätte über die von ihr für das Verfahren vor dem
Stadtrat der politischen Gemeinde C._ beantragte Parteientschädigung befunden
werden müssen (act. G 17.5 im Verfahren B 2022/76). Mit Entscheid Nr. 67/2022 vom
14. Juli 2022 trat das BUD auf den Rekurs mangels formeller und materieller Beschwer
der A._ AG nicht ein. Die amtlichen Kosten von CHF 2'000 auferlegte es der A._ AG
und verpflichtete sie, B._ (zu dessen von Rechtsanwalt Urs Pfister verfassten
Rekursantwort vom 25. Mai 2022 siehe act. G 17.10 im Verfahren B 2022/76) eine
ausseramtliche Entschädigung von insgesamt CHF 2'860 (zuzüglich Mehrwertsteuer)
zu bezahlen (act. G 17.15 im Verfahren B 2022/76).
C.
In der Zwischenzeit hatte die A._ AG am 22. April 2022 Beschwerde gegen die
Abschreibungsverfügung des BUD vom 6. April 2022 erhoben (act. G 1 im Verfahren
B 2022/76).
D.
C._ wurde verpflichtet, der A._ AG eine ausseramtliche Entschädigung von
insgesamt CHF 2'860 (einschliesslich Barauslagen) zu bezahlen (act. G 16.16 im
Verfahren B 2022/76).
Gegen den Rekursentscheid Nr. 67/2022 vom 14. Juli 2022 erhob die A._ AG
(Beschwerdeführerin), weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt Ivo Hartmann, am
26. August 2022 Beschwerde (act. G 1). In der ergänzenden Eingabe vom 3. Oktober
2022 beantragte sie, der Entscheid vom 14. Juli 2022 sei vollumfänglich aufzuheben
und die Angelegenheit zum neuerlichen Entscheid an die Vorinstanz, eventuell an die
Erstinstanz, zurückzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der
Vorinstanz bzw. von B._ (Beschwerdegegner). Zur Begründung liess die
Beschwerdeführerin im Wesentlichen anführen, bei der Widerrufsverfügung vom
21. März 2022 handle es sich um einen Endentscheid und es hätte darin zwingend über
ihr Entschädigungsbegehren befunden werden müssen. Sie sei dadurch sowohl formell
D.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]). Die Beschwerdeführerin
ist zur Ergreifung des Rechtsmittels befugt (Art. 64 i.V.m. Art. 45 Abs. 1 VRP). Die
Beschwerde wurde rechtzeitig erhoben und erfüllt zusammen mit der Eingabe vom
als auch materiell beschwert und das BUD (Vorinstanz) hätte auf ihren gegen die
Widerrufsverfügung gerichteten Rekurs eintreten müssen (act. G 6).
Die Vorinstanz beantragte in der Vernehmlassung vom 10. Oktober 2022 die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die Ausführungen im
angefochtenen Entscheid (act. G 9).
D.b.
In der Beschwerdeantwort vom 27. Oktober 2022 beantragte der Beschwerdegegner,
vertreten durch Rechtsanwalt Urs Pfister, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit
darauf einzutreten sei. Er machte im Wesentlichen geltend, der Beschwerdeführerin
gehe es hauptsächlich darum, die Behandlung der Baugesuche möglichst lange zu
verzögern. Ihre Ausführungen seien unzutreffend. Insbesondere sei das
Baubewilligungsverfahren mit der Widerrufsverfügung nicht abgeschlossen worden
(act. G 12).
D.c.
Die politische Gemeinde C._ (Beschwerdebeteiligte) verzichtete stillschweigend auf
eine Vernehmlassung (act. G 14).
D.d.
Nach Akteneinsicht (act. G 15 f.) verzichtete die Beschwerdeführerin auf eine weitere
Stellungnahme (act. G 17).
D.e.
Mit Entscheid vom 15. Dezember 2022 wies das Verwaltungsgericht die Beschwerde
im Verfahren B 2022/76 betreffend die Abschreibungsverfügung vom 6. April 2022
(abgesehen von der Zusprache des Mehrwertsteuerzuschlags auf der ausseramtlichen
Entschädigung) ab.
D.f.
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3. Oktober 2022 (act. G 6) die formellen und inhaltlichen Anforderungen (Art. 64 i.V.m.
Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und Abs. 2 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Vorinstanz hätte auf ihren gegen die
Widerrufsverfügung vom 21. März 2022 (act. G 16.14 im Verfahren B 2022/76)
erhobenen Rekurs vom 8. April 2022 (Rekursverfahren INGE-Nr. 22-2546) eintreten
müssen.
Die Auffassung der Beschwerdeführerin, einer Widerrufsverfügung müsse rechtlich
dieselbe Qualität wie der widerrufenen Verfügung zukommen, damit sie Letztere
überhaupt ersetzen könne (act. G 6, Rz 19c), kann nicht – jedenfalls nicht in dieser
Absolutheit – geteilt werden. Beim Widerruf handelt es sich anders als bei der
widerrufenen Verfügung primär um ein verfahrensrechtliches Instrument, das erst die
Voraussetzungen schafft, um in der Sache nochmals neu entscheiden zu können. Denn
solange die bisherige Verfügung Bestand hat, kann die Behörde in der gleichen Sache
nicht neu entscheiden. Wie nach der widerrufsweisen Aufhebung der bisherigen
Verfügung in der Hauptsache neu zu entscheiden ist, ergibt sich zudem nicht aus
Art. 28 VRP, sondern dem jeweils anwendbaren materiellen Recht. Gerade beim
vorliegend interessierenden Widerruf einer Verfügung zur Vornahme weiterer
Abklärungen und ergebnisoffenen Neuverfügung in der Sache wird evident, dass die
widerrufsweise Beseitigung der bisherigen Verfügung zeitlich nicht mit der
Neuverfügung in der Sache zusammenfallen kann. Der Widerruf beseitigt den
Devolutiveffekt und bereitet damit den Weg für die Wiederaufnahme des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens, ohne inhaltliche Rechtsfolgen zu Lasten der
Beschwerdeführerin zu begründen.
2.1.
Dem angefochtenen Rekursentscheid lag als Anfechtungsobjekt die Verfügung der
Beschwerdebeteiligten vom 21. März 2022 zugrunde, mit der sie die ursprüngliche
Verfügung vom 22. November 2021 vollumfänglich widerrufen hatte (act. G 16.14 im
Verfahren B 2022/76). Diese Widerrufsverfügung enthielt keine Anordnungen und auch
keine Feststellungen bezüglich der umstrittenen Rechtsverhältnisse (Baubewilligung
und Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung im Verfahren vor der
Beschwerdebeteiligten), womit sämtliche Aspekte des Baubewilligungs- und
Einspracheverfahrens sowie entsprechender Kosten- und Entschädigungsfolgen – also
insgesamt und von Beginn weg – wieder ergebnisoffen von der Beschwerdebeteiligten
im Rahmen der Fortsetzung des erstinstanzlichen Verfahrens zu prüfen sind. Die
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin legt weder dar noch ist erkennbar, dass nach der Aufhebung der
ursprünglichen Verfügung irgendwelche präjudizierenden Effekte auf das
erstinstanzliche Verfahren übriggeblieben wären oder die Widerrufsverfügung solche
enthalten würde.
Die Beschwerdeführerin nimmt im Wesentlichen Anstoss daran, dass mit der
Widerrufsverfügung nicht über die amtlichen und ausseramtlichen Kosten im bisherigen
erstinstanzlichen Verwaltungsverfahren befunden worden sei (siehe etwa act. G 6,
Rz 23) und die Vorinstanz zu Unrecht auf ihr entsprechendes Rechtsbegehren
(Aufhebung der Widerrufsverfügung und Rückweisung der Sache zum Entscheid über
die Prozesskosten; act. G 17.5 im Verfahren B 2022/76, Ziffer 1 des Rechtsbegehrens
und Rz 16 und Rz 28) nicht eingetreten sei. Sie legt allerdings weder überzeugend dar
noch ist ersichtlich, dass sie dadurch in schutzwürdigen Interessen beeinträchtigt wird.
Ergänzend kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden
(act. G 17.15, E. 1.3.4 ff., im Verfahren B 2022/76). Hinzu kommt, dass die
Widerrufsverfügung inhaltlich dem von der Beschwerdeführerin im ersten
Rekursverfahren gestellten Eventualantrag entspricht («Eventuell sei der Beschluss [...]
vom 22. November 2021 vollumfänglich aufzuheben und die Angelegenheit an den
Stadtrat der Stadt C._ zum erneuten Entscheid zurückzuweisen.»; Eingabe vom
10. Januar 2022, act. G 16.3, S. 2 oben, im Verfahren B 2022/76). Der Vollständigkeit
halber bleibt zu wiederholen (siehe vorstehende E. 2.2), dass die ursprüngliche
Verfügung vom 22. November 2021 mit der Widerrufsverfügung vom 21. März 2022
(act. G 16.14 im Verfahren B 2022/76) vollumfänglich und damit auch bezüglich der
Kosten- und Entschädigungsfolge aufgehoben wurde. Deshalb und mit Blick auf das
(wieder) ergebnisoffen fortzuführende erstinstanzliche Verwaltungsverfahren ist es
naheliegend, dass der neuerliche, ergebnisoffene Entscheid über die Kosten- und
Entschädigungsfolgen für das erstinstanzliche Verwaltungsverfahren bei der
Hauptsache belassen wurde. Sowohl ein allfälliger Anspruch auf die Entschädigung
ausseramtlicher Kosten an sich als auch dessen Höhe bilden in ihrer Gesamtheit
Gegenstand des fortzusetzenden erstinstanzlichen Verwaltungsverfahrens. Zwar hätte
die Beschwerdebeteiligte in der Widerrufsverfügung die bis zu jenem Zeitpunkt
eingetretenen Entschädigungsfolgen bereits regeln können. Rechtlich verpflichtet dazu
war sie aber nicht. Damit ist auch dem von der Beschwerdeführerin erhobenen Vorwurf
einer formellen Rechtsverweigerung (act. G 6, Rz 16) die Grundlage entzogen. Bei
dieser Ausgangslage hat es der Beschwerdeführerin im Rekursverfahren INGE
Nr. 22-2546 an der materiellen Beschwer gefehlt, sodass der vorinstanzliche
Nichteintretensentscheid zu Recht erging.
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.