Decision ID: decaa9a9-cde7-4485-88b0-140ac113a2be
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
I. Sachverhalt:
1. Vorliegend (Verfahren U 22 31) geht es um ein Ausstandsbegehren des
Rechtskonsulenten der Stadt A._ (Beschwerdeführerin) gegen die
Prozessinstruktion des Verwaltungsrichters Dr. iur. B._
(Beschwerdegegner) im Hauptverfahren, wobei es dort (Verfahren U 22
30) um den Vollzug der beiden Urteile U 16 93 und U 18 75 betreffend
Arbeitszeugnis für C._ (Beigeladener 2) von der Beschwerdeführerin
geht.
2. Zur Begründung ihres Ausstandsbegehrens bringt die
Beschwerdeführerin vor, der Beschwerdegegner habe bereits als
Vorsitzender Richter in den Verfahren U 16 93 und U 18 75 fungiert. Im
Verwaltungsgerichtsurteil U 16 93 habe er unter E.3a eine "merkwürdige"
Rechtsauffassung vertreten, wonach beim Verfassen des
Arbeitszeugnisses das Wohlwollen dem Grundsatz der Wahrheit vorgehe.
Es sei deshalb nicht auszuschliessen, dass sich der Beschwerdegegner
erneut zu nicht vertretbaren Beurteilungen hinreissen lasse. Ganz
abgesehen davon bestehe zudem gerichtsnotorisch eine andauernde
persönliche Feindschaft zwischen dem Beschwerdegegner und dem
Rechtskonsulenten der Beschwerdeführerin.
3. Mit Stellungnahme vom 4. Mai 2022 beantragt der Beschwerdegegner die
Abweisung des Ausstandsgesuchs. Es werde zum wiederholten Male vom
Rechtskonsulenten ein Ausstandsgesuch gegen ihn gestellt. Die
angebliche Feindschaft gehe einseitig von ihm aus und bestehe offenbar
nur in ausgewählten Verfahren. Objektiv treffe seine Wahrnehmung nicht
zu. Sie dürfe auch nicht dazu dienen, auf diese Weise in unzulässiger Art
und Weise auf die Spruchkörperbildung des Gerichts einzuwirken.
Parteilichkeit und Voreingenommenheit würden ebenfalls nicht vorliegen,
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weil sich im Hauptverfahren U 22 30 gänzlich andere Fragen zur
Vollstreckbarkeit des Urteils U 16 93 stellen würden als im Urteil U 18 75.
4. Mit Stellungnahme vom 9. Mai 2022 äusserte sich auch der Anwalt des
Beigeladenen 2 zum Ausstandsgesuch. Die angebliche gerichtsnotorische
Feindschaft reiche nicht aus. Es sei aber äusserst fraglich, ob (bloss
behauptete) Animositäten zwischen dem Rechtskonsulenten der
Beschwerdeführerin und dem Beschwerdegegner eine genügende
Befangenheit gegenüber der vertretenen Partei zu begründen
vermöchten. Weiter sei das Urteil vom 9. Mai 2018 (U 16 93) von einem
Gremium von drei Richtern gefällt worden. Wäre die völlig aus dem
Zusammenhang gerissene Aussage "merkwürdig", würde dies ein
Ausstandsgrund gegen alle drei Richter darstellen. Es hätte daher gestützt
auf diesen Grund ein Ausstandsgesuch gegen alle drei Richter eingereicht
werden müssen.
5. Mit Schreiben vom 13. Mai 2022 verzichtete das Departement für Justiz,
Sicherheit und Gesundheit Graubünden (DJSG; Beigeladener 1) auf eine
Stellungnahme zum Ausstandsgesuch.
6. Von der Möglichkeit eine freiwillige Replik einzureichen, machte der
Rechtskonsulenten der Beschwerdeführerin bzw. die Beschwerdeführerin
selbst keinen Gebrauch.

Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Beurteilungsgegenstand ist das Ausstandsgesuch des Rechtskonsulenten
der Beschwerdeführerin (U 22 31) gegen den Beschwerdegegner als
Vorsitzenden im Hauptverfahren (U 22 30). Das Ausstandsgesuch wurde
fristgerecht zusammen mit der Beschwerde im Hauptverfahren innert 30
Tagen nach Art. 52 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege
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(VRG; BR 370.100) beim Verwaltungsgericht eingereicht. Zudem sind die
Formvorschriften gemäss Art. 38 Abs. 1 VRG (Rechtsbegehren,
Sachverhalt und Begründung) eingehalten. Zur Beschwerde ist nach Art.
50 VRG legitimiert, wer durch den angefochtenen Entscheid berührt ist
und ein schutzwürdiges Interesse an seiner Aufhebung oder Änderung
hat. Eine behauptete Beschwer (nachteilige Betroffenheit) durch einen
geltend gemachten Ausstandsgrund ist immer zu beurteilen. Auf das
Gesuch des Rechtskonsulenten der Beschwerdeführerin um Prüfung des
Vorhandenseins eines gesetzlichen Ausstandsgrundes ist deshalb
einzutreten.
2. In materieller Hinsicht finden sich die rechtlichen Grundlagen für die
Beurteilung der sich stellenden Frage in Art. 6a bis 6c VRG, die wie folgt
lauten:
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3. Zunächst gilt es im Grundsatz festzuhalten, dass nicht eindeutig zu
ermittelnde Ausstandsgründe im Rahmen der persönlichen Verhältnisse
oder der Vorbefassung (hier konkret im Besonderen Art. 6a Abs. 1 lit. b
und lit. f VRG von Interesse) fast immer heikel und öfters nur schwierig zu
beurteilen sind. Solche inneren Beweggründe und/oder äusseren
Begleitumstände sind im Kern meistens überhaupt nicht schlüssig
beweisbar. Es braucht deshalb für die Ablehnung eines Richters nicht
nachgewiesen zu werden, dass dieser tatsächlich befangen ist. Der
Ausstand ist immer schon dann begründet, wenn bei objektiver
Betrachtungsweise Gegebenheiten vorliegen, die den Anschein der
Befangenheit und die Gefahr der Voreingenommenheit zu begründen
vermögen. Das Gesetz lässt deswegen das Glaubhaftmachen von
Ausstandsgründen genügen.
4. Gemäss Art. 30 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (BV; SR 101) und Art. 6 Ziff. 1 der Europäischen
Menschenrechtskonvention (EMRK; SR 0.101) hat jede Person Anspruch
darauf, dass ihre Sache von einem unparteiischen, unvoreingenommenen
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und unbefangenen Richter ohne Einwirkung sachfremder Umstände
entschieden wird. Die Garantie des verfassungsmässigen Richters wird
verletzt, wenn bei objektiver Betrachtung Gegebenheiten vorliegen, die
den Anschein der Befangenheit oder die Gefahr der Voreingenommenheit
zu begründen vermögen. Voreingenommenheit und Befangenheit werden
nach der Rechtsprechung angenommen, wenn Umstände vorliegen, die
bei objektiver Betrachtung geeignet sind, Misstrauen in die Unparteilichkeit
des Richters zu erwecken. Solche Umstände können in einem bestimmten
Verhalten des betreffenden Richters oder in gewissen äusseren
Gegebenheiten funktioneller und organisatorischer Natur begründet sein.
Bei der Beurteilung solcher Umstände ist nicht auf das subjektive
Empfinden einer Partei abzustellen. Das Misstrauen in die
Unvoreingenommenheit muss vielmehr in objektiver Weise begründet
erscheinen. Es genügt, wenn Umstände vorliegen, die bei objektiver
Betrachtung den Anschein der Befangenheit und Voreingenommenheit
erwecken. Für die Ablehnung wird nicht verlangt, dass der Richter
tatsächlich befangen ist (BGE 147 I 173 E.5.1, 142 III 732 E.3.3, 140 I 240
E.2.2 und 326 E.5.1, 140 III 221 E.4.1, 139 I 121 E.4.1, 139 III 433 E.2.1.2,
137 I 227 E.2.1, BGE 134 I 238 E.2.1 jeweils m.w.H.).
Das Verhalten einer Gerichtsperson gegenüber einer Partei kann den
Anschein der Befangenheit erwecken, wenn daraus nach objektiver
Betrachtung inhaltlich oder durch die Art der Kommunikation auf besondere
Sympathien oder Antipathien oder eine Ungleichbehandlung der Parteien
geschlossen werden kann. Problematisch erscheinen dabei insbesondere
einzeln mit einer Partei geführte Vergleichsgespräche.
4.1. Der Rechtskonsulent der Beschwerdeführerin begründet sein
eingereichtes Ausstandsgesuch mit zwei unterschiedlichen Rügepunkten;
einerseits mit der angeblich gerichtsnotorischen Feindschaft zwischen ihm
und dem Beschwerdegegner; anderseits mit der angeblich "merkwürdigen"
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Rechtsauffassung desselben Vorsitzenden im Urteil U 16 93 E.3a (Seite
12).
4.1.1. Sollte tatsächlich eine gerichtsnotorische Feindschaft zwischen diesen
beiden Personen bestehen, so müsste konsequenterweise in jedem
Verfahren, welches die Beschwerdeführerin betrifft – unter Einbezug ihres
Rechtskonsulenten –, ein Ausstandsgesuch gestellt werden. Tatsächlich
sind in jüngster Vergangenheit in verschiedenen Verfahren
Ausstandsgesuche gestellt worden; so z.B. in den Verfahren U 21 80 und
U 21 84. In beiden Fällen wurde nach langem Schriftenwechsel das
Ausstandsgesuch durch die Beschwerdeführerin zurückgezogen. Es ist
also eine Tatsache, dass im Januar 2022 in zwei Verfahren für deren
Instruktion der Beschwerdegegner zuständig war – so zuerst das
Ausstandsgesuch in U 21 84 unter anderem und danach in U 21 80
ausschliesslich – mit der angeblich feindlichen Abneigung des
Beschwerdegegners gegenüber der Beschwerdeführerin mitsamt eigener
Rechtsvertretung begründet wurden. In der Abschreibung zu U 21 80 ist
diesbezüglich folgende Formulierung enthalten: "Begründet wurde das Ausstandsbegehren im Wesentlichen mit dem Vorliegen einer
besonders akzentuierten und feindlichen Abneigung von Verwaltungsrichter B._
gegenüber der Stadt A._ bzw. deren Rechtsvertretung, was sich im
verwaltungsgerichtlichen Urteil im Verfahren U 18 68 vom 15. Dezember 2020 gezeigt
habe. Somit könnten die Grundsätze der Unparteilichkeit und Neutralität nicht eingehalten
werden."
4.1.2. Wenn nun in beiden Verfahren U 21 80 und U 21 84 im Januar 2022 das
Gesuch ohne weitere Begründung zurückgezogen wurde, erkannte
offenbar die Beschwerdeführerin bzw. deren Rechtskonsulent selbst, dass
kein Ausstandsgrund bestand. Entweder besteht die behauptete
Feindschaft oder sie besteht eben nicht. Mit dem Rückzug der beiden
Ausstandsgesuche in U 21 80 und U 21 84 kann zudem sicherlich nicht von
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"gerichtsnotorisch" die Rede sein, sondern höchstens von behaupteter
Feindschaft. Eine feindselige Gesinnung kann nicht beliebig je nach
Verfahren von der Beschwerdeführerin geltend gemacht werden. Würde
ein solches (Ablehnungs-) Verhalten geschützt, würde das gerade
diametral dem elementaren Grundsatz des verfassungsmässigen Richters
widersprechen. Es kann rechtsstaatlich einer Partei bestimmt nicht erlaubt
sein, je nach Verfahren den zuständigen verfassungsmässigen Richter zu
akzeptieren oder auswechseln zu lassen.
4.2.1. Das zweite Argument – nämlich die vermeintlich "merkwürdige"
Rechtsauffassung desselben Vorsitzenden im Urteil U 16 93 E.3a – bildet
ebenfalls keinen Ausstandsgrund. Zum einen wurde das genannte Urteil U
16 93 in einer 3-er Besetzung, konkret durch zwei Richter und eine
Richterin, gefällt. Wenn der Inhalt des Urteils folglich einen Ausstandsgrund
darstellen sollte, hätte ein Ausstandsgesuch gegen alle drei Richter gestellt
werden müssen. Die Beschwerdeführerin hat das Urteil U 16 93 aber nicht
angefochten und es ist daher inzwischen in materielle Rechtskraft
erwachsen. Jetzt geht es einzig noch um den Vollzug dieses Urteils. Dabei
stellen sich jedoch ganz andere Fragen als im Verfahren U 16 93
(Ausstellen Arbeitszeugnis).
4.2.2. Selbst wenn das Urteil U 16 93 jedoch ein Fehlurteil darstellen sollte, hätte
die Beschwerdeführerin ein Rechtsmittel ergreifen können. Auch wenn sie
dies aber nicht getan hat oder kein Rechtsmittel zur Verfügung gestanden
hätte, geht es aktuell einzig um die 'Urteilsvollstreckung' (U 18 75) und nicht
mehr um Fragen betreffend Formulierung des Arbeitszeugnisses (U 16 93).
5.1. Weiter erscheint es dem Verwaltungsgericht fraglich, ob die
Voraussetzungen gemäss Art. 6b Abs. 3 VRG (Glaubhaftmachung von
Tatsache für Ausstand) im vorliegenden Fall erfüllt sind. Ein
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Ausstandsgrund muss nach dieser Vorschrift zumindest glaubhaft gemacht
werden. Eine (angebliche) gerichtsnotorische Feindschaft wurde indessen
nicht glaubhaft dargetan. Dafür sprechen bereits die Rückzüge der
Ausstandsbegehren im Januar 2022 in den Verfahren U 21 80 und U 21
84. Dafür spricht überdies die Tatsache, dass in zahlreichen anderen
Verfahren in denen der Beschwerdegegner – zeitlich nach der Mitteilung
des Urteils U 18 68 vom 15. Dezember 2020 – entweder als
Beisitzer/Mitrichter (R 21 78, R 21 9, R 20 94, R 20 71, R 20 34, R 20 30,
R 20 12, R 20 5, R 20 3, R 19 98, R 19 92, R 19 91) oder sonst sogar als
Vorsitzender (R 21 101 vom 23. Februar 2022) tätig war, jeweils kein
Ausstandsgesuch gestellt wurde und diese Fälle deshalb auch zeitnah und
anstandslos gerichtlich beurteilt werden konnten.
5.2. Sodann stellt auch die kritisierte Formulierung im Urteil U 16 93 E.3a (Seite
12) nach Ansicht des Gerichts keine Glaubhaftmachung eines gesetzlich
begründeten Ausstandsgrunds dar. Daran ändert auch nichts, dass in der
Literatur teils eine subjektive Wahrscheinlichkeit (Überzeugungsgrad) von
deutlich unter 50 % bereits als genügend für die Glaubhaftmachung
begründeter Tatsachen angesehen wird (MARK SCHWEIZER, Das
Beweismass der Glaubhaftmachung, in: Z.Z.Z 2014/2015 S. 1 und Ziff. 2 S.
10). Zu den Anforderungen des reduzierten Beweismasses der
Glaubhaftmachung hat sich die Rechtsprechung bereits mehrfach
geäussert (vgl. BGE 144 II 65 E.7.2 ff., 140 III 16 E.2.2.2, 138 III 76 E.2.4.2,
138 II 229 E.3.2.3; Urteil des Bundesgerichts 5A_317/2021 vom 1. Juni
2021 E.3.2, 4A_125/2015 vom 1. April 2015, 4A_682/2010 vom 17. Februar
2011 E.2 sowie 4A_710/2011 vom 11. Januar 2012 E.2 [zur
Glaubhaftmachung von Ausstandsgründen]).
6.1. Zusammengefasst ergibt sich, dass das Ausstandsgesuch bereits aufgrund
der in E.4.1.ff. und E.4.2.1. erwähnten Gründe abzuweisen ist. Die
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Voraussetzung der Glaubhaftmachung begründeter Tatsachen kann hier
offengelassen werden, zumal dafür bereits eine tiefe Schwelle ausreichen
würde.
6.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten gestützt auf
Art. 73 Abs. 1 VRG der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
Das Gericht erachtet dabei vorliegend eine Staatsgebühr von gesamthaft
CHF 800.-- (zzgl. Kanzleiauslagen) für angemessen und gerechtfertigt.
6.3. Aussergerichtlich steht dem Beschwerdegegner und dem Beigeladenen 1
keine Entschädigung zu (Art. 78 Abs. 2 VRG). Eine allfällige
Parteientschädigung an den anwaltlich vertretenen Beigeladenen 2 für
dieses Verfahren (U 22 31) ist im Hauptverfahren (U 22 30) zu regeln (Art.
78 Abs. 1 VRG).
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