Decision ID: 148bef78-3100-5e88-83fc-3ad772b579a3
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
1.
1
Die
1986
geborene
X._
ist seit dem 1. Juni 2016 beim Spital
Y._
als Allgemeinkrankenpflegerin angestellt
(Urk.
10/K1
) und damit bei der HDI Global SE, Hannover, Niederlassung Zürich/Schweiz (fortan: HDI Global) obligato
risch unfallversichert
(vgl. Urk. 10/K3)
.
Zur Behandlung einer multidirektionalen Kniegelenksinstabilität
, welche ursprünglich auf eine
n
Reitunfall im Jahr 1997 zurückg
eht
,
liess
sich die Versicherte
nach einer lang
jährigen Leidensgeschichte mit zahlreichen Operationen
am 14. April 2011 am rechten Knie eine
Knietotalendoprothese
(
KTEP
)
einsetzen (vgl. Urk. 1
0/M27/2, Urk. 10/M39 S. 45-48).
1.2
Mit
Unfallmeldung
vom 15. Februar 2017 (Urk. 10/K1) liess die Versicherte der HDI Global mitteilen, dass sie a
m 27. Januar 20
17 beim Aussteigen aus dem Auto auf einer
Eis
fläche
aus
gerutscht sei
und
sich dabei das rechte Knie
verdreht habe
.
Ihr Hausarzt
und Vater
Dr. med.
Z
._
diagnostizierte
im ärztlichen Erstbericht vom
28. Februar 2017 (Urk. 10/M1 Ziff
.
5)
eine Innenbandzerrung am rechten Knie
.
Ab dem 6. März 2017 war die Versicherte wieder arbeitsfähig (Urk. 10/K7).
Am 2
6.
Mai 2017 (
Urk.
10/K10) meldete die Arbeitgeberin einen Rückfall. Die
Versicherte schilderte am 2
9.
Juli 2017 (
Urk.
10/K25), sie habe a
m 16. Mai
2017
während einer Drehbewegung bei der Arbeit einen
vernichtenden
Sch
merz
erlebt
und hörte ein Reissen im rechten inneren Knie begleitet
von einer
sofortige
n
Knieprothesenblockade und
einer
starke
n
Schwellung
.
Dr.
Z
._
diagnostizier
t
e daraufhin mit Bericht vom 29. Juni 2017 (Urk. 10/M3) einen partiellen Innen
bandriss am rechten Knie am 27. Januar 2017 sowie einen totalen
Innenbandriss am 16. Mai 201
7.
Am 13. Juli 2017 wurde die Versicherte aufgrund einer KTEP-Instabilität
erneut am rechten Knie operiert
(Femur-Komponenten-Wechsel und Inlay Wechsel; Urk. 10/M5
-M6
)
.
Die HDI Global
holte
medizinische
Berichte
der Behandler ein und
legte sie
Vertrauensarzt Dr. med.
A._
, Facharzt für Innere Medizin FMH,
zur
ver
-
sicherungsmedizinischen
Beurteilung
vor
(vgl.
Stellungahme
n
vom 17. Juli
und 16. August
2017 [
Urk. 10/M4
, Urk. 10/M7
]
).
Mit Verfügung vom 25. September 2017
(Urk. 10/K32)
lehnte die HDI Global eine ab dem 17. Mai 2017 bestehende Leistungspflicht für das Ereignis vom 27. Januar
2017
mit der Begründung
ab
, dass die behandelten Beschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht mehr auf das Ereignis vom 27. Januar
2017
zurückzuführen seien und für das Ereignis vom 16. Mai 2017
keine Leistungspflicht bestehe, da für dieses die Voraussetzungen für die Anerkennung als Körperschädigung nach dem
Bundesgesetz über die Unfallversicherung (UVG)
nicht gegeben seien.
1.3
Gegen die
Verfügung vom 25. September 2017
erhob
die
Versicherte am
25
.
Oktober
2017 Einsprache (Urk.
10/K41
)
mit dem Begehren, es sei die Verfügung aufzuheben und ihr
seien
über den 16. Mai 2017 hinaus die gesetz
lichen Leistungen auszurichten.
In der Folge
ergänzte die HDI Global ihre Abklärungen
(vgl. Urk. 10/K42-K139, Urk. 10/M9-M38). Nach erneuter Vorlage der medizinischen Berichte
durch die HDI Global
zog Vertrauensarzt Dr.
A._
Dr. med.
B._
, Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation FMH, von der
C._
für die medizinische Beurteilung des Falles
bei (Urk. 10/M10)
.
Dr.
B._
holte
sodann
bei PD Dr. med.
D._
, Facharzt für Radiologie
FMH,
eine detaillierte radiologische Stellungnahme
ein
, welche dieser am
5. September
2019 (Urk. 10/M37)
erstattete. Im Anschluss verfasste Dr.
B._
zusammen mit Dr. med.
E._
, Facharzt für Chirurgie sowie
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie FMH, ein versicherungs
-
medizinisches Aktengutachten (
C._
-Gutachten), welches
sie
der HDI Global am
17. September 2019 (Urk. 10/M39)
erstatte
te
n
.
Mit
E
ntscheid
vom
27
.
September
2019
wies die HDI Global die Einsprache
vom 25. Oktober 2017 gestützt auf das
C._
-Gutachten
ab und hielt an ihrer Leis
tungseinstellung
per 17. Mai 2017 fest
(
Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 30. Oktober 2019 Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, der angefochtene Einspracheentscheid sei aufzuheben und es sei die Sache zur
ergänzenden Sachverhaltsabklärung zurückzuweisen
(S. 2)
.
Am 20. Februar 2020 (Urk. 9)
beantragte die
HDI Global
, die Beschwerde sei abzu
weisen, was
der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom
24. Februar 2020 zur Kenntnis gebracht
wurde
(Urk.
11
).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss
Art.
29
Abs.
2
der Bundesverfassung (BV)
und
Art.
42
des
Bundes
gesetz
es
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits
der Sachaufklärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mit
wirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung einer Person eingreift. Dazu gehört insbesondere deren Recht, sich vor Erlass des in ihre Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweis
anträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt w
irksam zur Geltung bringen kann
.
Das Akteneinsichtsrecht als Teil des Anspruchs auf rechtliches Gehör im Besonderen bezieht sich auf sämtliche verfahrensbezogenen Akten, die geeignet sind, Grundlage des Entscheids zu bilden. Die Akteneinsicht ist auch zu gewähren, wenn die Ausübung des Akteneinsichtsrechts den Entscheid in der Sache nicht zu beeinflussen vermag. Die Einsicht in die Akten, die für ein bestimmtes Ver
fahren erstellt oder beigezogen wurden, kann demnach nicht mit der Begründung verweigert werden, die fraglichen Akten seien für den Verfahrensausgang belanglos. Es muss vielmehr der betroffenen Person selber überlassen sein, die R
elevanz der Akten zu beurteilen
.
Im Zusammenhang mit Expertengutachten beinhaltet das rechtliche Gehör insbesondere das Recht, Kenntnis vom Inhalt des Gutachtens zu nehmen und dem Experten ergänzende Fragen zu stellen, wobei Verwaltung oder Gericht von der Beantwortung der Ergänzungsfragen durch den Experten absehen können, wenn davon keine neuen Erkenntnisse zu erwarten sind (antizipierte Beweiswürdigung).
Gemäss
Art.
42 Satz 2 ATSG brauchen die Parteien nicht angehört zu werden vor Verfügungen, welche durch Einsprache anfechtbar sind. Spätestens im Ein
spracheverfahren hat die Verwaltung jedoch die allgemeinen Grundsätze des rechtlichen Gehörs zu wahren und folglich der versicherten Person oder ihrem Vertreter Einsicht in die Akten zu gewähren, auf deren Grundlage sie den
Einspracheentsc
heid abstützt
(Urteil des Bundesgerichts 8C-738/2014 vom 15. Januar 2015 E.6.1-4 mit Hinweisen).
1.
2
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des recht
lichen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Worten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkreten Fall für den Ausgang der materiellen Streitentscheidung von Bedeutung ist, das heisst die Behörde zu einer
Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (BGE 132 V 387 E. 5.1; 127 V 431 E. 3d/
aa
).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren Einspracheentscheid (Urk. 2) damit,
dem
C._
-Gutachten komme voller Beweiswert zu, weshalb an dessen Ergebnis vollumfänglich festzuhalten sei. Beim Ereignis vom 27. Januar 2017 sei es zu einer vorübergehenden Verschlimmerung eines Vorzustandes gekommen. Der
Status quo sine sei spätestens per 27. April 2017 eingetreten, wobei zugunsten der Beschwerdeführerin an der verfügten Leistungseinstellung ab dem 17. Mai 2017 festgehalten werde. Beim Ereignis vom 16. Mai 2017 handle es sich nicht um einen Unfall im Rechtssinn und die Beschwerdeführerin habe sich keine Listenverletzung gemäss
Art.
6
Abs.
2 UVG zugezogen, sodass von Vornherein keine Leistungspflicht bestehe. Die Verfügung vom 25. September 2017 erweise
sich somit als rechtens (S. 5-13).
In ihrer Beschwerdeantwort (Urk.
9
) hielt sie ergänzend fest,
beim
C._
-Gutachten handle es sich um ein versicherungsinternes Gutachten, welches unter gehöriger Wahrung des rechtlichen Gehörs der Beschwerdeführerin ergangen sei. Selbst falls es als versicherungsexternes Gutachten zu qualifizieren wäre, könnten allfällige Gehörsverletzungen im vorliegenden Beschwerdeverfahren
geheilt werden, weshalb eine Aufhebung des Einspracheentscheids aus rein formellen Gründen nicht angezeigt sei. Das
C._
-Gutachten sei voll beweiskräftig und an dessen Ergebnis könne festgehalten werden. Aus ihm ergebe sich, dass der Status quo sine spätestens am 27. April 2017 erreicht worden sei, und in Bezug auf das
Ereignis vom 16. Mai 2017 keine Listendiagnose vorliege (S. 9-18).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1),
sie sei erst mit Zustellung des Einspracheentscheides darüber informiert worden, dass die Beschwerdegegnerin
ein Aktengutachten
bei einem externen Sachver
ständigen eingeholt habe
(
C._
-Gutachten)
.
Dieses Gutachten sei für die Beschwerdegegnerin für den Entscheid über die Ansprüche nach UVG die mass
gebende Grundlage. Die
Beschwerdegegnerin
habe damit
ihr rechtliches Gehör in
schwerwiegender Weise verletzt, sodass eine Heilung im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht möglich sei (S. 5 f.).
Zudem kritisierte die Beschwerdeführerin das
C._
-Gutachten aus
verschiedenen
Gründen, weshalb sie es als nicht beweiskräftig erachtete und den Untersuchungsgrundsatz als verletzt ansah (S. 6-11).
3
.
3
.1
Das im
Rahmen des
Einspracheverfahrens
der
HDI
Global erstattete 162-seitige
versicherungsmedizinische
C._
-Gutachten vom 17. September
2019 (Urk. 10/M39)
diente der Beschwerdegegnerin zur Beantwortung ihrer Fragen über die
Beurteilung der medizinischen Situation (
vgl. insbesondere S. 157-161
)
und bildete die m
edizinische Entscheidungsgrundlage für den
abschlägigen
Einspracheentscheid vom
27
.
September
2019 (Urk. 2).
3
.2
Die Beschwerdegegnerin unterliess es,
der
Beschwerdeführer
in
vor Erlass des nun angefochtenen Einspracheentscheids das Gutachten zur Stellungnahme zuzustellen
, wie
sie
dies in ihrer Beschwerdeantwort selber eingestand (vgl. Urk. 9 S.
11 Ziff. 42
)
. Dies stellt – insbesondere da das
C._
-
Gutachten
die
wesentliche Grundlage des Einspracheentscheids bildete (vgl. Urk. 2
S. 5-12
) – eine schwere Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Entgegen der Beschwerde
gegnerin (Urk. 9 S. 11 f.
) ist dieser Mangel im vorliegenden Verfahren keiner Heilung zugänglich.
Dabei spielt es bei einer solch gravierenden Verletzung des rechtlichen Gehörs keine Rolle, ob es sich bei dem
C._
-Gutachten als wesentliches Beweismittel um ein versicherungsinternes oder ein externes Gutachten nach
Art.
44 ATSG handelt.
Denn es kann nicht Sinn des durch die Rechtsprechung geschaffenen Instituts der Heilung des rechtlichen Gehörs sein, dass Versicherungsträger sich über den elementaren Grundsatz des rechtlichen Gehörs hinwegsetzen und darauf vertrauen, dass solche Verfahrensmängel in einem von der betroffenen Person allfällig angehobenen Prozess dann behoben würden.
Die nacht
rägliche Gewäh
rung des rechtlichen Gehörs bildet häufig nur einen unvollkommenen Ersatz für eine unterlassene vorgängige Anhörung. Abgesehen davon, dass versicherten Personen dadurch eine Instanz verlorengehen kann, wird ihnen zugemutet, zur Verwirklichung ihrer Mitwirkungsrechte ein Rechtsmittel zu ergreif
en (vgl. BGE 116 V 182 E. 3c).
3
.3
De
r
Beschwerdeführer
in
kann
indes
nicht gefolgt werden,
soweit sie
aufgrund der festgestellten Verletzung des rechtlichen Gehörs und unter Bezugnahme auf
Art. 44 ATSG
dem
C._
-Gutachten
bereits grundsätzlich den Beweiswert abspricht (Urk. 1 S.
5 f.
). Aus den Akten ist zu schliessen, dass es sich dabei um eine versicherungsinterne Beurteilung handelt. Eine Anwendung von Art. 44 ATSG ist damit nicht vorgesehen (BGE 136 V 117 E. 3.3.2.3). Infolgedes
sen kann – im Gegensatz zu Abklärungen externer Spezialärzte – auf versiche
rungsinterne Gutachten schon dann nicht mehr abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundes
gerichts 8C_197/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4.2 mit weiteren Hinwei
sen; vgl. zum Ganzen
Kieser
, ATSG-Kommentar, 3. Auflage, Zürich 2015, Art. 44 N 25).
Die Frage, ob eine Streitsache zur neuen Begutachtung an die Versicherung zurückzuweisen oder
allenfalls
auf der Grundlage eines (einzuholenden) Ge
richts
gutachtens zu beurteilen ist, stellt sich erst, wenn eine Beurteilung einer versicherungsinternen oder auch -externen Stelle nicht schlüssig ist und die offene Tatfrage nicht anhand anderer Beweismittel geklärt werden kann (vgl. BGE 137 V 210 E. 4.4.1.1). Dies braucht vorliegend (noch) nicht geklärt zu werden; vorab geht es einzig darum, de
r
Beschwerdefüh
rer
in
das rechtliche Gehör im Ein
spracheverfahren einzuräumen.
Damit ist der angefochtene Einsprache
entscheid vom
27
.
September
2019 (Urk. 2) aus formellen Gründen – ungeachtet der materiellen Erfolgsauss
ichten der Be
schwerde (vgl. E. 1
.
5
hievor
) – aufzuheben. Die Sache ist an die Beschwerdegeg
nerin zurückzuweisen, damit sie über den Leistungsanspruch
der
Beschwerdefüh
rer
in
in einem rechtsgenügenden Verfahren neu entscheide. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
4
.
Die Rückweisung der Sache an die Verwaltung gilt rechtsprechungsgemäss für die Frage der Auferlegung der Parteientschädigung als vollständiges Obsiegen (BGE
141 V 281 E. 11.1, 137 V 210 E. 7.1, 137 V 57 E. 2.2). Ausgangsgemäss steht
der
Beschwerdeführer
in
gestützt auf Art. 61 lit. g
ATSG
und § 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) eine Prozess
ent
schädigung zu, welche ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf Fr. 2'
9
00.-- (inklusive Bar
auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.