Decision ID: 2d11511d-1cf1-5803-9371-641eef85b3b9
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) November 2018 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom (...) November
2018 sowie der Anhörung vom (...) Februar 2020 machte er im Wesentli-
chen Folgendes geltend:
Er sei iranischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie und in B._
geboren, wo er bis zu seiner Ausreise gelebt habe. Er habe als Coiffeur,
Schauspieler, Drehbuchautor sowie Regisseur gearbeitet. Er habe das
Drehbuch eines Film namens "(...)" geschrieben und habe bei den Aufnah-
men Regie geführt. Im Film gehe es um die Menschenrechte, die Demo-
kratie, den Verschleierungszwang und die Verwicklung der Sicherheitsbe-
hörden in terroristische Tätigkeiten. Der Film sei noch nicht fertig geschnit-
ten und daher noch nicht veröffentlicht gewesen. Es sei aber nicht der erste
von ihm produzierte Film gewesen. In der Vergangenheit habe er mehrere
Dokumentarfilme insbesondere zu den Themen Islam, Rassismus und
Zwangsverschleierung produziert und veröffentlicht. Am (...) habe er – als
er auf dem Nachhauseweg beziehungsweise unterwegs zu seinem Bruder
gewesen sei – einen Anruf von seinem Kollegen erhalten und sei davor
gewarnt worden, nach Hause zu gehen. Vertreter des Erziehungsministe-
riums hätten auf einem Computer seines Kamerateams den Film "(...)" ent-
deckt und würden nun nach ihm suchen. Dann habe ihn sein Bruder ange-
rufen und ebenfalls gewarnt. Sicherheitsbeamte seien bereits im Haus der
Familie des Beschwerdeführers erschienen und hätten nach ihm gefragt.
Während der nächsten Tage habe er sich daher bei seinem Cousin ver-
steckt. Am (...) seien sein Bruder und sein Vater dort erschienen und hätten
ihm mitgeteilt, dass die Behörden eine Akte gegen ihn eröffnet hätten, weil
er in deren Augen ein Revolutionsgegner sei. Seine Familie habe ihm des-
halb angeraten, unverzüglich das Land zu verlassen. Er nehme an, dass
die Behörden ihn mit seinem (...) in Verbindung bringen wollten. Dieser sei
für eine politische Organisation tätig gewesen und deshalb staatlich exe-
kutiert worden. Aus Angst vor einer Verfolgung durch die iranischen Sicher-
heitsbehörden habe er sein Heimatland verlassen.
In der Schweiz sei er für (...) im Iran aktiv. Er habe mehrere regierungskri-
tische Reden gehalten und Artikel verfasst.
Als Nachweis seiner Identität sowie seiner Asylvorbringen reichte der Be-
schwerdeführer folgende Beweismittel zu den Akten:
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- seine Identitätskarte (Shenasnameh) im Original
- seinen Führerschein im Original
- eine Zeitschrift der Vereinigung zur (...) im Iran im Original mit einem
von ihm verfassten Artikel inklusive Übersetzung
- einen USB-Stick mit Videos, Reden und Fotos von ihm
- Übersetzungen von Reden, die er in der Schweiz gehalten hat
- ein Schreiben über die letzten Demonstrationen in Iran
B.
Mit Verfügung vom 30. Juni 2020 – eröffnet am 1. Juli 2020 – verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein
Asylgesuch ab und ordnete seine Wegweisung sowie den Vollzug dersel-
ben an.
C.
Mit Beschwerde vom 31. Juli 2020 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung und die Rückweisung an die Vorinstanz. Eventualiter sei die ange-
fochtene Verfügung aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustel-
len und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die angefochtene
Verfügung in den Dispositivziffern 4–5 aufzuheben und es sei die Unzuläs-
sigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs fest-
zustellen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Bekanntgabe des Spruchgremi-
ums und um Bestätigung, dass dieses tatsächlich zufällig ausgewählt wor-
den sei. Andernfalls seien die objektiven Kriterien für die Auswahl des
Spruchgremiums bekanntzugeben. Weiter ersuchte er um Akteneinsicht in
die von ihm via USB-Stick eingereichten Beweismittel sowie um Frist zur
Einreichung einer Beschwerdeergänzung nach gewährter Akteneinsicht.
Der Beschwerde legte er eine CD-ROM mit mehreren Länderberichten zu
Iran bei.
D.
Am 4. August 2020 bestätigte die Instruktionsrichterin den Eingang der Be-
schwerde und hielt fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Ver-
fahrens in der Schweiz abwarten könne.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG ; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.5 Die Anträge auf Bekanntgabe des Spruchgremiums sowie um Gewäh-
rung einer Frist zur Beschwerdeergänzung sind mit diesem Urteil gegen-
standslos geworden.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
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4.
4.1 In der Beschwerdeschrift werden der Vorinstanz Verletzungen des
rechtlichen Gehörs, der Begründungspflicht sowie des Untersuchungs-
grundsatzes vorgeworfen. Mithin habe sie es in der Anhörung insbeson-
dere versäumt, Fragen zum Inhalt der Filme "The (...)" und "The (...)" zu
stellen sowie den Inhalt der eingereichten Beweismittel nicht berücksichtigt
und damit die Begründungspflicht sowie das rechtliche Gehör verletzt. Sie
habe den Sachverhalt weder vollständig noch korrekt abgeklärt, indem sie
die Gefahr für Personen, welche verdächtigt werden, mit der (...) kollabo-
riert zu haben, nicht richtig ermittelt habe. Ferner habe sie den Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers und die damit verbundene erhöhte
Verfolgungsempfindlichkeit sowie den allgemeinen Länderhintergrund un-
korrekt und unvollständig abgeklärt. Diese formellen Rügen sind vorab zu
prüfen, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine Kassation der erstin-
stanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2).
4.2
4.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ih-
rer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Dem verfassungsmässigen Grundsatz des
rechtlichen Gehörs erwachsen behördliche Pflichten, wie unter anderem
die Untersuchungspflicht (vgl. E. 3.2.2) sowie die Begründungspflicht (vgl.
E. 3.2.3). Das AsylG als lex specialis zum VwVG sieht für das Asylverfah-
ren besondere Verfahrensbestimmungen vor (Art. 6–17 AsylG).
4.2.2 Die behördliche Untersuchungspflicht beinhaltet die richtige und voll-
ständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes, die Beschaffung
der für das Verfahren notwendigen Unterlagen, die Abklärung der rechtlich
relevanten Umstände sowie die entsprechende, ordnungsgemässe Be-
weisführung. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfü-
gung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder
wenn die Vorinstanz nicht alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte des
Sachverhalts prüfte, etwa weil sie die Rechtserheblichkeit einer Tatsache
zu Unrecht verneinte. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn
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nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt
wurden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwal-
tungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Im Asylverfahren
wird der Untersuchungsgrundsatz durch Art. 13 VwVG in Verbindung mit
Art. 8 AsylG beschränkt, weil diese im Asylverfahren eine Mitwirkungs-
pflicht der asylsuchenden Person bei der Sachverhaltsermittlung verlan-
gen.
4.2.3 Die Begründungspflicht stellt sicher, dass es der betroffenen Person
ermöglicht wird, den Entscheid sachgerecht anfechten zu können, was nur
der Fall ist, wenn sich sowohl die betroffene Person als auch die Rechts-
mittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können.
Die Begründungsdichte als solche richtet sich dabei nach dem Verfü-
gungsgegenstand, den Verfahrensumständen und den Interessen des Be-
troffenen, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich ge-
schützten Interessen des Betroffenen eine sorgfältige Begründung verlangt
wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1 und E-1445/2020 vom 30. Juli 2020
E. 3.2.2 m.w.H.).
5.
5.1 Vorliegend ergibt eine Überprüfung der Akten, dass die formelle Rüge
des Beschwerdeführers begründet ist. Die vorinstanzliche Verfügung ver-
mag den Anforderungen an die Untersuchungs- sowie an die Begrün-
dungspflicht und somit an das rechtliche Gehör nicht zu genügen.
Das SEM stellt sich in der angefochtenen Verfügung auf den Standpunkt,
die zwei Teile des Films "(...)" würden die damit zusammenhängende gel-
tend gemachte Verfolgung nicht belegen. Beim ersten Teil falle auf, dass
er in der Schweiz gedrehte Teile enthalte, auf denen der Beschwerdeführer
zu sehen sei. Dies stehe im Widerspruch zu seiner Aussage, er habe den
USB-Stick bei der Ausreise dabeigehabt und ihn danach nur noch um ein
Video aus seinem Instagram-Account erweitert.
Aus der angefochtenen Verfügung geht jedoch nicht hervor, ob sich die
Vorinstanz mit dem Inhalt der besagten Filme auseinandergesetzt hat. Die
Akten enthalten weder eine Transkription noch eine Übersetzung des
Films. Den vorinstanzlichen Erwägungen lässt sich weder entnehmen, wo-
rin genau der Inhalt dieser Filme besteht, noch welche Bedeutung das SEM
ihnen beigemessen hat. Indem es festhält, Teile des Filmes seien in der
Schweiz gedreht worden und der Beschwerdeführer sei auf ihnen zu se-
hen, ist der Schluss zu ziehen, dass es den Film gesehen hat. Ob es sich
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aber mit dem gesprochenen Inhalt des Films befasst hat, ist aus den Akten
nicht ersichtlich.
Den USB-Stick, auf dem sowohl die beiden Filme (...) und (...) sowie wei-
tere Beweismittel gespeichert sind, hat der Beschwerdeführer bereits an-
lässlich der Anhörung zu den Akten gereicht. Während der Anhörung hätte
sich die Gelegenheit geboten, die Filme anzusehen, durch den damals an-
wesenden Dolmetscher übersetzen zu lassen und dem Beschwerdeführer
gezielte Fragen dazu zu stellen, zumal es sich dabei um ein zentrales Ele-
ment seiner Kernvorbringen handelt. Das SEM hat ihn aber nicht zum In-
halt der Filme oder der von ihm gehaltenen Reden, welche ebenfalls als
Audiodateien auf dem USB-Stick gespeichert sind, befragt.
Des Weiteren ist festzustellen, dass die Szenen des Films (...), in welchen
der Beschwerdeführer zu sehen ist, offensichtlich nicht in der Schweiz ge-
dreht wurden. Die in St. Gallen aufgenommenen Szenen zeigen – entge-
gen den Ausführungen der Vorinstanz – nicht den Beschwerdeführer, son-
dern eine andere Person (gemäss der Aussage des Beschwerdeführers
(...), welcher sich seit dem (...) in der Schweiz befindet). Die diesbezügli-
che Argumentation der Vorinstanz läuft somit ins Leere. Eine detaillierte
Befragung zum Film während der Anhörung hätte Unklarheiten dieser Art
bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt des Verfahrens auflösen können.
Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass gemäss Art. 26 ff. VwVG
den Parteien grundsätzlich Einsicht in die Akten zu gewähren ist. Das Ein-
sichtsrecht bezieht sich auf Eingaben von Parteien und Vernehmlassungen
von Behörden, sämtliche als Beweismittel dienenden Aktenstücke sowie
auf die Niederschriften eröffneter Verfügungen (Art. 26 Abs. 1 VwVG). So-
mit fallen unter Art. 26 VwVG sämtliche Aktenstücke, welche grundsätzlich
geeignet sind, in einem konkreten Verfahren als Beweismittel zu dienen. In
die der Partei bekannten Akten beziehungsweise die von ihr selber einge-
reichten Beweismittel ist auf Anfrage ohne Weiteres Einsicht zu gewähren.
Aus den Vorakten ist nicht ersichtlich, ob das SEM dem Beschwerdeführer
respektive seinem Rechtsvertreter im Rahmen der bereits gewährten Ak-
teneinsicht auch Einsicht in die auf dem USB-Stick enthaltenen Dateien
gewährt hat, nachdem dieser mit seinem Gesuch vom 10. Juli 2014 (und
korrigierter Version dieses Schreibens vom 14. Juli 2020) explizit Einsicht
in die eingereichten Beweismittel beantragt hatte. Es besteht keine Veran-
lassung, die Rüge des Rechtsvertreters, er habe keine Einsicht in diese
Akten erhalten, in Zweifel zu ziehen. Damit hat die Vorinstanz auch das
Akteneinsichtsrecht des Beschwerdeführers verletzt.
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5.2 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, Praxiskommentar Ver-
waltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16 S.1264). Die
in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5 m.w.H., bestätigt u.a. im
Urteil des BVGe E-5645/2019 vom 21. August 2020 E. 5.1). Eine Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör führt – angesichts des formellen
Charakters des Gehörsanspruchs unabhängig davon, ob die angefochtene
Verfügung bei korrekter Verfahrensführung im Ergebnis anders ausgefallen
wäre – grundsätzlich ebenfalls zur Kassation und Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz. Die Heilung von Gehörsverletzungen aus prozessöko-
nomischen Gründen ist auf Beschwerdeebene nur möglich, sofern das Ver-
säumte nachgeholt wird, der Beschwerdeführer dazu Stellung nehmen
kann und der Beschwerdeinstanz für die konkrete Streitfrage die freie
Überprüfungsbefugnis in Bezug auf Tatbestand und Rechtsanwendung zu-
kommt. Zudem setzt die Heilung auf Beschwerdeebene voraus, dass die
festgestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist und die fehlende
Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz mit vertretbarem Aufwand
hergestellt werden kann (vgl. BVGE 2014/22 E. 5.3 m.w.H.).
5.3 Im vorliegenden Fall erscheint es aus prozessökonomischen Gründen
nicht angebracht, die fehlende Entscheidungsreife durch die Beschwer-
deinstanz herzustellen. Es ist nicht Aufgabe des Bundesverwaltungsge-
richts – welches in Asylsachen die einzige Beschwerdeinstanz ist – für eine
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Die voraussichtlich erforderlichen Abklärungen übersteigen bezüglich Um-
fang und Dauer den für das Gericht vertretbaren Aufwand. Zudem wurde
mit der Untersuchungs- und der Begründungspflicht sowie dem Aktenein-
sichtsrecht das rechtliche Gehör verletzt. Somit erscheint es als angezeigt,
die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur vollständigen
Feststellung des Sachverhalts unter Einhaltung der Begründungspflicht
und des Akteneinsichtsrechts an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Die Vorinstanz ist anzuweisen, die eingereichten Beweismittel, insbeson-
dere den Inhalt der Filme (...) und (...) zu würdigen und deren asylrechtliche
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Relevanz zu prüfen. Vor dem Hintergrund eines vollständig und korrekt er-
stellten Sachverhalts bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer bei seiner
Ausreise in asylrelevanter Weise verfolgt war beziehungsweise zum heuti-
gen Zeitpunkt mit einer asylrelevanten Verfolgung zu rechnen hätte. Zu
diesem Zweck wäre eine ergänzende Anhörung durchzuführen und zu prü-
fen, ob gegebenenfalls weitere Abklärungen erforderlich sind.
6.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die angefochtene
Verfügung vom 30. Juni 2020 ist aufzuheben und die Sache zur erneuten
Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Bei diesem Verfahrensausgang erübrigt es sich, auf die übrigen Anträge
und Ausführungen in der Beschwerdeschrift näher einzugehen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei ist grundsätzlich eine Par-
teientschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten
zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers hat keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung
einer solchen kann jedoch verzichtet werden, da sich im vorliegenden Ver-
fahren der Aufwand zuverlässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2'000.– (inkl. Auslagen und Mehr-
wertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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