Decision ID: df98650a-24f7-4c84-aa04-c1fb73d1b6e8
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
Die EL-Durchführungsstelle sprach A._ mit einer Verfügung vom 16. Dezember
2015 rückwirkend ab Januar 2008 eine Ergänzungsleistung zu (EL-act. 110). Den
Berechnungsblättern zur Verfügung liess sich entnehmen (EL-act. 88 ff., 108 f. und 111
ff.), dass sie für den gesamten massgebenden Zeitraum ab Februar 2007 ein
hypothetisches Erwerbseinkommen der EL-Ansprecherin in der vom Art. 14a Abs. 2
ELV vorgegebenen Mindesthöhe angerechnet hatte. Dem Ehemann hatte sie für die
Zeit von Februar bis und mit August 2007 eine Arbeitslosenentschädigung von 41’941
Franken, für die Zeit von September 2007 bis und mit Dezember 2007 ein
Erwerbseinkommen aus einer unselbständigen Erwerbstätigkeit von 26’078 Franken
und ein Taggeld der Kranken- bzw. Unfallversicherung von 31’029 Franken, für das
Jahr 2008 ein Erwerbseinkommen von 42’882 Franken, für die Monate Januar und
Februar 2009 eine Arbeitslosenentschädigung von 33’840 Franken, für die Zeit von
März bis und mit Dezember 2009 ein hypothetisches Erwerbseinkommen von 28’320
Franken, für das Jahr 2010 ein Einkommen aus einer selbständigen Erwerbstätigkeit
von 40’250 Franken und für die Zeit ab Januar 2011 ein hypothetisches
Erwerbseinkommen von 28’320 Franken angerechnet. Die aus der rückwirkenden EL-
Zusprache resultierende Nachzahlung wurde fast vollständig mit einer Rückforderung
von Sozialhilfeleistungen verrechnet.
A.a.
Am 8. Januar 2016 erhob das Sozialamt der Wohngemeinde der EL-Bezügerin
eine Einsprache gegen die Verfügung vom 16. Dezember 2015 (EL-act. 85). Es
beantragte die Zusprache einer ohne die Berücksichtigung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens der EL-Bezügerin oder des Ehemannes berechneten
Ergänzungsleistung. Eine Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle notierte im
A.b.
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B.
Februar 2016 (EL-act. 82), der Ehemann der EL-Bezügerin habe sich vor geraumer Zeit
zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung angemeldet. Das Verfahren sei nach
wie vor hängig. Das Einspracheverfahren müsse bis zum Abschluss des IV-
Rentenverfahrens sistiert werden. Mit einer Verfügung vom 27. September 2017 wies
die IV-Stelle das Rentenbegehren des Ehemannes der EL-Bezügerin mangels eines
rentenbegründenden Invaliditätsgrades ab (IV-act. 216). Die dagegen erhobene
Beschwerde wurde vom Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit einem
Entscheid vom 28. November 2018 abgewiesen (IV 2017/393; vgl. IV-act. 226). Das
Bundesgericht wies eine gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde mit einem
Urteil vom 8. März 2019 ab (8C_77/2019; vgl. IV-act. 231). Die EL-Durchführungsstelle
drohte dem Sozialamt eine reformatio in peius an (EL-act. 53). Sie hielt fest, die
Verfügung vom 16. Dezember 2015 beruhe auf der Annahme, dass der Ehemann nur
zu 50 Prozent arbeitsfähig gewesen sei. Nun stehe aber fest, dass er – bei der
Berücksichtigung eines maximalen Tabellenlohnabzuges von 25 Prozent – mindestens
75 Prozent des gemäss dem Entscheid IV 2017/393 zumutbaren Invalideneinkommens
von 66’453 Franken hätte erzielen können. Das Sozialamt reagierte nicht auf dieses
Schreiben. Mit einem Entscheid vom 2. Juli 2019 wies die EL-Durchführungsstelle die
Sache zur Neuberechnung der Ergänzungsleistung unter Berücksichtigung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens des Ehemannes von 46’737.25 Franken ins
Verwaltungsverfahren zurück (EL-act. 52). Mit einer Verfügung vom 11. Juli 2019 setzte
die EL-Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung rückwirkend ab dem 1. Februar
2007 neu fest, woraus eine Rückforderung von 53’882 Franken resultierte.
Die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) erhob eine Beschwerde
gegen den Einspracheentscheid vom 2. Juli 2019. Mit einem Entscheid vom 8. Juni
2021 (EL 2019/54) hob das Versicherungsgericht den Einspracheentscheid vom 2. Juli
2019 auf und sprach der Beschwerdeführerin – im Sinne einer (weiteren) reformatio in
peius – für die Zeit vom 1. Februar 2007 bis zum 31. Dezember 2015 eine
Ergänzungsleistung von 46’292 Franken zu. Zur Begründung führte es an, die EL-
Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe bei der
Anspruchsberechnung zu Unrecht „Durchschnittswerte“ der unterschiedlichen
Einnahmen des Ehemannes der Beschwerdeführerin (Arbeitslosenentschädigung,
B.a.
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Unfalltaggeld, Lohn) berücksichtigt, weil eine anhand solcher „Durchschnittswerte“
berechnete Ergänzungsleistung bei stark schwankenden Einnahmen nie ihren
eigentlichen Zweck, nämlich die Deckung des jeweils aktuellen tatsächlichen Bedarfs,
erfüllen könne, denn eine „durchschnittliche“ Ergänzungsleistung falle
notwendigerweise in einigen Monaten zu hoch und in anderen Monaten zu tief aus. Bei
einer korrekten, gesetzmässigen Berechnung ergebe sich für die Monate Juli und
September 2007 ein Anspruch auf eine Ergänzungsleistung. Die Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens der Beschwerdeführerin und des Ehemannes (für
jene Zeiten, in denen dieser keine effektiven Einnahmen erzielt habe) sei grundsätzlich
rechtmässig gewesen. Der Beschwerdeführerin sei es nicht gelungen, die Vermutung
zu widerlegen, dass sie oder ihr Ehemann mit ausreichend ernsthaften
Stellenbemühungen eine Arbeitsstelle gefunden und einen entsprechenden Lohn erzielt
hätte. Das Abstellen auf den vom Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV vorgesehenen Betrag sei
dagegen als rechtswidrig zu qualifizieren. Unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände
hätte die Beschwerdeführerin nur ein Erwerbseinkommen von 22’575 Franken (2007)
statt ein solches von 24’186 Franken erzielen können. Die Berücksichtigung eines
Tabellenlohnabzuges von 25 Prozent bei der Bemessung des hypothetischen
Erwerbseinkommens des Ehemannes sei als rechtswidrig zu qualifizieren, denn
Gründe, die für die Berücksichtigung eines Tabellenlohnabzuges sprechen würden,
seien nicht ersichtlich. Dem Ehemann sei das im IV-Rentenverfahren ermittelte
zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen als hypothetisches
Erwerbseinkommen anzurechnen. Die Beschwerdegegnerin habe bei der
Anspruchsberechnung für die Jahre 2014 und 2015 mit der Begründung keine
Ausgaben für die obligatorische Krankenpflegeversicherung berücksichtigt, die
entsprechenden Prämien seien bereits vom Sozialamt bezahlt worden. Das sei
rechtswidrig gewesen, denn die Sozialhilfeleistungen dürften den
Ergänzungsleistungen nicht vorgehen. Die kantonalen Durchschnittsprämien für die
Jahre 2014 und 2015 müssten als Ausgaben berücksichtigt werden, da der EL-
Anspruch ansonsten insgesamt zu tief ausfallen würde.
Mit einem Urteil vom 29. November 2021 (9C_426/2021) hob das Bundesgericht
den Entscheid des Versicherungsgerichtes vom 8. Juni 2021 auf. Es hielt – ausgehend
von der (falschen) Annahme, das Versicherungsgericht habe ein hypothetisches
B.b.
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Considerations:
Erwägungen
1.
Erwerbseinkommen von 24’808 Franken (2007) berücksichtigt – fest, der
Beschwerdeführerin dürfe nur der im Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV vorgesehene (Mindest-)
Betrag als hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werden, weil sie sich nicht
„beruflichen Integrationsmassnahmen der Invalidenversicherung widersetzt“ habe. Als
„offensichtlich bundesrechtswidrig“ sei die Anrechnung der kantonalen
Durchschnittsprämien für die obligatorische Krankenpflegeversicherung für die Jahre
2014 und 2015 zu qualifizieren, denn rückwirkend ausgerichtete Ergänzungsleistungen
dürften mit Prämienverbilligungen verrechnet werden. „Augenfällig
bundesrechtswidrig“ (recte: bundesgerichtsrechtsprechungswidrig) sei „die monatliche
statt grundsätzlich jährliche Anspruchsberechnung“. Der Entscheid des
Versicherungsgerichtes sei deshalb „insoweit aufzuheben, als der Beschwerdeführerin
für den Zeitraum vom 1. Februar 2007 bis 31. Dezember 2015 Ergänzungsleistungen in
[der] Höhe von insgesamt 46’292 Franken zugesprochen worden“ seien; die Sache sei
„zur neuen Festsetzung des Anspruchs im Sinne der obigen Erwägungen“ an das
Versicherungsgericht zurückzuweisen. Da im bundesgerichtlichen Verfahren keine
reformatio in peius vorgenommen werden dürfe, müsse „der vorinstanzlich
zugesprochene Betrag von total 46’292 Franken“ die „untere Grenze für die
Neufestsetzung des Ergänzungsleistungsanspruchs“ bilden. Das Dispositiv des Urteils
lautete: „Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen. Ziffer 1 des Entscheides des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen vom 8. Juni 2021 wird insoweit
aufgehoben, als A._ damit eine Ergänzungsleistung von insgesamt 46’292 Franken
zugesprochen wird. Die Sache wird zu neuer Entscheidung im Sinne der Erwägungen
an die Vorinstanz zurückgewiesen. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen“.
Da das Bundesgericht den Entscheid EL 2019/54 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 8. Juni 2021 aufgehoben und die Sache zur neuen
Entscheidung an das Versicherungsgericht zurückgewiesen hat, muss der Gegenstand
dieses (neuen) Beschwerdeverfahrens jenem des vorangegangenen kantonalen
Beschwerdeverfahrens EL 2019/54 entsprechen. Den Gegenstand dieses
Beschwerdeverfahrens bildet also die Frage, ob die Beschwerdeführerin für die Zeit ab
dem 1. Februar 2007 einen Anspruch auf eine Ergänzungsleistung gehabt hat, wobei
1.1.
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2.
Entgegen der Auffassung des Bundesgerichtes hat das Versicherungsgericht nicht
„übersehen“, dass eine Nachzahlung von Ergänzungsleistungen grundsätzlich mit
Forderungen von Dritten verrechnet werden kann. Anders als das Bundesgericht hat
das Versicherungsgericht aber die Frage nach dem materiellen Anspruch klar von der
Frage nach dem Vollzug getrennt. Die Verrechnung ist eine reine Vollzugsfrage; sie hat
mit dem materiellen Anspruch an sich nichts zu tun. Jedes Verwaltungsverfahren
betreffend eine Sozialversicherungsleistung beschränkt sich in einem ersten Schritt
darauf, den materiellen Anspruch der versicherten Person festzusetzen. Der
Versicherungsträger ermittelt den relevanten Sachverhalt, würdigt diesen und wendet
die massgebenden Gesetzesnormen an. Aus dieser Subsumtion resultiert eine
Rechtsfolgeanordnung, die typischerweise entweder in der Abweisung eines
Leistungsbegehrens oder aber in der Zusprache einer bestimmten
Sozialversicherungsleistung besteht. Damit ist das materielle Leistungsverfahren
abgeschlossen. In einem zweiten Schritt wechselt der Sozialversicherungsträger
anschliessend in den Vollzug, der sich typischerweise auf eine Geldzahlung
beschränkt, die dem materiellen Leistungsanspruch entspricht. Hat also beispielsweise
die Prüfung eines Begehrens um eine Ergänzungsleistung ergeben, dass der EL-
Ansprecher einen materiellen Anspruch auf eine Ergänzungsleistung von x Franken für
den Monat y hat, besteht der Vollzug dieses materiellen Leistungsentscheides darin,
dem EL-Ansprecher den Betrag von x Franken auf dessen Bankkonto zu überweisen.
In aller Regel erfolgt der Vollzug eines materiellen Leistungsentscheides verfügungslos,
denn die zuvor ergangene materielle Leistungsverfügung bildet (zumindest für die
nur der Zeitraum bis zur Eröffnung der entsprechenden Verfügung vom 16. Dezember
2015 zum massgebenden Sachverhalt dieses Beschwerdeverfahrens gehören kann
(vgl. den Entscheid EL 2019/54 vom 8. Juni 2021, E. 1.2).
Die Sachverhaltswürdigung und die Rechtsanwendung in diesem (neuen)
Beschwerdeverfahren werden durch die verbindlichen Vorgaben im Urteil des
Bundesgerichtes 9C_426/2021 vom 29. November 2021 eingeschränkt: Die kantonalen
Durchschnittsprämien für die obligatorische Krankenpflegeversicherung in den Jahren
2014 und 2015 dürfen nicht als Ausgaben berücksichtigt werden (vgl. E. 2); der
Beschwerdeführerin darf nur der im Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV vorgesehene
Mindestbetrag als hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werden (vgl. E. 3);
die Anspruchsberechnung darf nicht „monatlich“, sondern muss „jährlich“ erfolgen (vgl.
E. 4); der Gesamtbetrag der Ergänzungsleistungen für die Zeit vom 1. Februar 2007 bis
zum 31. Dezember 2015 darf nicht tiefer als 46’292 Franken sein (vgl. E. 5).
1.2.
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allermeisten Fälle) eine ausreichende Verfügungsgrundlage für den Vollzug, weshalb
der Erlass einer weiteren Verfügung – einer Vollzugsverfügung – überflüssig wäre. Ein
Leistungsvollzug benötigt also typischerweise keine Vollzugsverfügung, aber er setzt
zwingend eine materielle Leistungsverfügung voraus. Vollzogen werden kann nur, was
zuvor materiell zugesprochen worden ist. Der Vollzug einer Leistung, auf die materiell
(noch) gar kein Anspruch besteht, weil (noch) keine entsprechende materielle
Leistungsverfügung ergangen ist, wäre rechtswidrig. Überweist eine EL-
Durchführungsstelle einem EL-Bezüger also einen Betrag von x Franken auf dessen
Bankkonto, ohne dass sie diesem zuvor materiell eine Ergänzungsleistung von x
Franken (für den Monat y) zugesprochen hätte, handelt es sich beim Empfang des
Geldes um nichts anderes als um einen unrechtmässigen Leistungsbezug im Sinne des
Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG. Niemand käme auf die Idee zu behaupten, die
Überweisung des Betrages von x Franken auf das Bankkonto eines EL-Ansprechers
habe – eo ipso – einen materiellen Leistungsanspruch geschaffen. Denkbar wäre
allerdings, dass die EL-Durchführungsstelle nachträglich einen solchen materiellen
Anspruch festsetzt, sodass sich die bereits (verfrüht) erfolgte Überweisung des
Betrages von x Franken von einem unrechtmässigen zu einem rechtmässigen
Leistungsbezug verwandeln würde. Denn sobald eine Verfügung vorliegt, die einen
materiellen Anspruch festsetzt, der dem entspricht, was auf der Vollzugsebene
geschieht oder bereits (verfrüht) geschehen ist, liegt ein rechtmässiger Vollzug vor. Ein
Vollzug ohne eine solche materielle Grundlage ist dagegen unrechtmässig. Es kann
kein ernsthafter Zweifel daran bestehen, dass die Beschwerdeführerin materiell einen
Anspruch auf eine Ergänzungsleistung gehabt hat, die auch die kantonalen
Durchschnittsprämien für die obligatorische Krankenpflegeversicherung in den Jahren
2014 und 2015 abgedeckt hat, denn diese Ausgaben gehören nach Art. 10 Abs. 3 lit. d
ELG zwingend zum relevanten Bedarf. Wird der Beschwerdeführerin nicht eine diesen
(Teil-) Anspruch enthaltende materielle Leistung zugesprochen, fehlt es auf der
Vollzugsebene an der zwingend erforderlichen materiellen Verfügungsgrundlage. Die
Auszahlung eines entsprechenden (Teil-) Betrages, ob sie nun an die
Beschwerdeführerin, an die obligatorische Krankenpflegeversicherung oder an das
Sozialamt erfolgt, kann ohne diese materielle Verfügungsgrundlage in jedem Fall nichts
anderes als ein unrechtmässiger Leistungsbezug sein. Auch wenn diese Auszahlung
schon längst erfolgt sein sollte, kann sie für sich allein der Beschwerdeführerin keinen
entsprechenden materiellen Anspruch verschafft haben. Bis eine materielle Verfügung
ergeht, die der Beschwerdeführerin einen entsprechenden (Teil-) Anspruch verschafft,
handelt es sich bei der bereits erfolgten Auszahlung um eine rechtswidrige
Vollzugshandlung ohne eine materielle Leistungsgrundlage. Mit seinem Urteil EL
2019/54 hat das Versicherungsgericht (nachträglich) die materielle Grundlage für die
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bereits vor Jahren ohne jede Verfügungsgrundlage erfolgte Auszahlung des Betrages
der kantonalen Durchschnittsprämien für die obligatorische Krankenpflegeversicherung
in den Jahren 2014 und 2015 geschaffen, indem es bei der Anspruchsberechnung auf
der Ausgabenseite die kantonalen Durchschnittsprämien für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung der Jahre 2014 und 2015 berücksichtigt hat. Hätte das
Bundesgericht das Urteil EL 2019/54 in diesem Punkt nicht abgeändert, hätte
diesbezüglich eine Übereinstimmung zwischen dem materiellen Leistungsanspruch der
Beschwerdeführerin und dem bereits erfolgten Vollzug dieses materiellen
Leistungsanspruchs bestanden. Der bereits erfolgte Vollzug wäre also rechtmässig
gewesen. Indem das Bundesgericht – in Verkennung des Zusammenhangs zwischen
der materiellen Leistungszusprache und des Vollzugs dieser Leistungszusprache – den
Ergänzungsleistungsanspruch der Beschwerdeführerin um die kantonalen
Durchschnittsprämien für die obligatorische Krankenpflegeversicherung der Jahre 2014
und 2015 gekürzt hat, hat es dem bereits vor Jahren erfolgten Vollzug – der
Überweisung des entsprechenden Betrages an das Sozialamt – wieder die materielle
Rechtsgrundlage entzogen, sodass diese Vollzugshandlung nun definitiv als
rechtswidrig qualifiziert werden muss, weil sie ohne jede materielle
Verfügungsgrundlage erfolgt ist und weil eine solche materielle Verfügungsgrundlage
definitiv nicht mehr geschaffen werden kann, da das Urteil des Bundesgerichtes mit
seiner Eröffnung in formelle Rechtskraft erwachsen und damit verbindlich geworden ist.
Sollte die Beschwerdegegnerin dem Sozialamt also tatsächlich den Betrag der
kantonalen Durchschnittsprämien für die obligatorische Krankenpflegeversicherung der
Jahre 2014 und 2015 überwiesen haben, wird sie diesen Betrag vom Sozialamt
zurückfordern müssen, da es sich dabei um einen unrechtmässigen Leistungsbezug im
Sinne des Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG handelt. Diese Frage gehört allerdings nicht zum
Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens, weil nicht eine Vollzugsfrage, sondern
vielmehr der materielle Leistungsanspruch strittig ist.
3.
In seinem (vom Bundesgericht aufgehobenen) Entscheid EL 2019/54 hat das
Versicherungsgericht der Beschwerdeführerin ein anhand der konkreten Umstände
bemessenes hypothetisches Erwerbseinkommen von 22’575 Franken für das Jahr
2007 angerechnet. Sowohl der Rechtsvertreter als auch das Bundesgericht sind davon
ausgegangen, dass das Versicherungsgericht einen Betrag von 24’808 Franken
berücksichtigt habe; diese falsche Annahme dürfte auf eine unsorgfältige Lektüre des
Entscheides EL 2019/54 zurückzuführen sein. Dort heisst es in der E. 4.4: „[...] was
gemäss den Ausführungen in der vorstehenden E. 4.2.2 einem Betrag von 24’808
Franken entspricht. Von diesem Betrag sind neun Prozent für die
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Sozialversicherungsbeiträge abzuziehen“. 91 Prozent von 24’808 Franken sind 22’575
Franken. Auch für die Folgejahre 2008–2015 hat das Versicherungsgericht
durchgehend einen tieferen als den im Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV vorgesehenen Betrag
berücksichtigt. Das erklärt auch, weshalb das Versicherungsgericht der
Beschwerdeführerin diesbezüglich keine reformatio in peius angedroht hat, denn diese
ist angesichts des für die Beschwerdeführerin insgesamt günstigeren Ergebnisses –
entgegen der Ansicht des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin und des
Bundesgerichtes – nicht erforderlich gewesen. Mit seinem Urteil 9C_426/2021 vom 29.
November 2021 hat das Bundesgericht die Beschwerdeführerin in diesem Punkt also
schlechter gestellt, indem es das Versicherungsgericht verbindlich verpflichtet hat, für
das Jahr 2007 ein hypothetisches Erwerbseinkommen der Beschwerdeführerin von
24’186 Franken statt des korrekten Betrages von 22’575 Franken zu berücksichtigen.
Auch für die Folgejahre muss der (laufend aktualisierte) Betrag nach Art. 14a Abs. 2 lit.
a ELV angerechnet werden. Dadurch erhöht sich das Einnahmentotal um zwei Drittel
der Differenz (vgl. Art. 11 Abs. 1 lit. e ELG) von 24’186 – 22’575 = 1’611 Franken, also
um 1’074 Franken, für das Jahr 2007. In den Folgejahren sinkt das Einnahmentotal um
zwei Drittel von 24’964 – 24’186 = 778 Franken, also um 518 Franken, für das Jahr
2008, um zwei Drittel von 25’494 – 24’960 = 534 Franken, also um 356 Franken, für das
Jahr 2009, um zwei Drittel von 25’655 – 24’960 = 695 Franken, also um 463 Franken,
für das Jahr 2010 und um zwei Drittel von 25’936 – 25’400 = 536 Franken, also um 357
Franken, für das Jahr 2011. Für das Jahr 2012 erhöht es sich um zwei Drittel von
25’400 – 25’000 = 400 Franken, also um 267 Franken, für das Jahr 2013 erhöht es sich
um zwei Drittel von 25’613 – 25’171 = 442 Franken, also um 295 Franken, und für das
Jahr 2014 sinkt es um zwei Drittel von 26’143 – 25’613 = 530 Franken, also um 353
Franken. Für das Jahr 2015 ergibt sich ein um zwei Drittel von 26’270 – 25’720 = 550
Franken, also ein um 367 Franken tieferes Einnahmentotal.
4.
Der Ehemann der Beschwerdeführerin hat in der Zeit ab Februar 2007 zunächst stark
schwankende Einnahmen erzielt: Für gewisse Zeiträume hat er eine
Arbeitslosenentschädigung bezogen, für andere Zeiträume ist ihm ein Unfalltaggeld
ausgerichtet worden, in wieder anderen Zeiträumen hat er einen Lohn als Angestellter
erzielt, phasenweise ist ihm ein Krankentaggeld ausgerichtet worden, zeitweise hat er
ein Erwerbseinkommen als Selbständigerwerbender erzielt und teilweise haben sich
diese verschiedenen Phasen überschnitten. Das Versicherungsgericht hat jede dieser
Veränderungen der Einnahmensituation als einen Revisionsgrund im Sinne des Art. 17
Abs. 2 ATSG qualifiziert, da diese Veränderungen nicht nur zu einer betraglichen
Modifikation der Einnahmensituation des Ehepaares, sondern auch zu einem Wechsel
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der massgebenden gesetzlichen Grundlage für die Anrechnung des entsprechenden
Einkommens (z.B. von Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG zu Art. 11 Abs. 1 lit. d ELG) geführt
haben. Das Bundesgericht hat dieses Vorgehen mit dem folgenden Wortlaut als
bundesrechtswidrig bezeichnet: „Augenfällig bundesrechtswidrig ist sodann die
monatliche statt grundsätzlich jährliche Anspruchsberechnung“ (E. 5 in fine). Damit
kann das Bundesgericht nur die teils für jeden Monat neu vorgenommenen Revisionen
der Ergänzungsleistung durch das Versicherungsgericht gemeint haben, denn das
Bundesgericht hat – trotz seines missverständlichen Hinweises auf den Art. 9 ELG –
zweifellos erkannt, dass das Versicherungsgericht mit Jahreszahlen und nicht mit
Monatszahlen gerechnet hatte. Da das Bundesgericht es unterlassen hat darzulegen,
was am Entscheid EL 2019/54 „bundesrechtswidrig“ sein soll, lässt sich seine
Behauptung nicht nachvollziehen, zumal der Art. 17 Abs. 2 ATSG wie auch der vom
Bundesgericht in diesem Zusammenhang erwähnte Art. 25 ELV eindeutig eine Revision
einer laufenden Ergänzungsleistung bei jeder relevanten Sachverhaltsveränderung
verlangen. Da das Urteil des Bundesgerichtes aber mit seiner Eröffnung in formelle
Rechtskraft erwachsen und damit verbindlich geworden ist, sieht sich das
Versicherungsgericht gezwungen, jeweils „kalenderjahrweise“ mit den
Gesamteinnahmen des Ehemannes während der einzelnen Kalenderjahre zu rechnen.
Der Ehemann hat im Jahr 2007 insgesamt 3’558.60 + 7’473 + 2’846.90 + 711.70 +
1’779.30 + 3’558.60 + 800.70 + 1’957.25 + 1’779.30 = 24’465.35 Franken
Arbeitslosenentschädigung bezogen. Zudem ist ihm ein Unfalltaggeld von insgesamt
3’869 + 1’810 = 5’679 Franken ausbezahlt worden. Der vom Ehemann im Jahr 2007
erzielte Lohn hat sich auf 10’866 Franken belaufen; davon ist nach Art. 11 Abs. 1 lit. a
ELG aber nur ein Anteil von zwei Drittel zu berücksichtigen. Folglich muss für das Jahr
2007 ein „Jahreseinkommen“ von 24’465.35 + 5’679 + 10’866 × 2 ÷ 3 = 37’388
Franken angerechnet werden. Damit resultiert ein Einnahmentotal, das im Februar 2007
um 42’703 – 37’388 = 5’315 Franken tiefer, im März und im April 2007 um 44’838 –
37’388 = 7’450 Franken tiefer, im Mai 2007 um 3’225 Franken höher, im Juni 2007 um
28’847 Franken höher, im Juli 2007 um 16’036 Franken höher, im August 2007 um
5’315 Franken tiefer, im September 2007 um 37’388 Franken höher, im Oktober 2007
um 18’648 Franken tiefer, im November 2007 um 7’819 Franken tiefer und im
Dezember 2007 um 16’036 Franken höher als die im Entscheid EL 2019/54
berücksichtigten Einnahmen ausfällt. Auch für das Jahr 2009 muss der
bundesgerichtlichen Vorgabe entsprechend gerechnet werden: Der Ehemann hat in
den Monaten Januar und Februar 2009 eine Arbeitslosenentschädigung von insgesamt
5’640 Franken erhalten. Ab März 2009 ist ihm ein hypothetisches Erwerbseinkommen
von 50’156 Franken respektive (unter Berücksichtigung der „Privilegierung“) von 33’437
Franken anzurechnen. Der auf die zehn Monate März bis und mit Dezember 2009
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entfallende Anteil beträgt 27’864 Franken, sodass sich für das Jahr 2009 ein
„Jahreseinkommen“ von 27’864 + 5’640 = 33’504 Franken ergibt. Dadurch reduziert
sich das Einnahmentotal für die Monate Januar und Februar 2009 um 45’896 – 33’504
= 12’392 Franken; für die Monate März bis und mit Dezember 2009 erhöht es sich um
33’504 – 33’437 = 67 Franken.
5.
Die in den E. 3 f. dargestellten Korrekturen führen für die Monate Februar bis und mit
Dezember 2007 durchgehend zu einem Einnahmenüberschuss, der die Zusprache
einer Ergänzungsleistung ausschliesst. Damit fallen die mit dem Entscheid EL 2019/54
zugesprochenen Ergänzungsleistungen von 2’370 + 1’302 + 3’082 = 6’754 Franken für
das Jahr 2007 dahin. Für das Jahr 2008 erhöht sich der Ergänzungsleistungsanspruch
von 12 × 1’223 = 14’676 Franken auf 12 × 1’266 = 15’192 Franken und damit um 516
Franken. Für die Monate März bis und mit Dezember 2009 bleibt es beim Anspruch auf
die sogenannte Minimalgarantie; neu besteht aber auch für die Monate Januar und
Februar 2009 ein solcher Anspruch, wodurch sich die Ergänzungsleistung für das Jahr
2009 um insgesamt 2 × 621 = 1’242 Franken erhöht. Für die Monate Januar bis und mit
August 2010 erhöht sich der EL-Anspruch von 8 × 999 = 7’992 Franken auf 8 × 1’038 =
8’304 Franken und damit um 312 Franken. Für die Monate September bis und mit
Dezember 2010 fällt der EL-Anspruch um 4 × (738 – 699) = 156 Franken höher aus. Für
das Jahr 2011 besteht weiterhin kein Anspruch auf eine Ergänzungsleistung. Die
Korrekturen für das Jahr 2012 wirken sich ebenfalls nicht auf den EL-Anspruch aus,
das heisst es bleibt weiterhin bei einem Anspruch auf die Minimalgarantie für die
Monate Januar bis und mit August 2012, während für die Monate September bis und
mit Dezember 2012 kein Anspruch auf eine Ergänzungsleistung besteht. Auch für die
Jahre 2013–2015 verändert sich nichts; es bleibt weiterhin bei einem
Einnahmenüberschuss, der die Zusprache einer Ergänzungsleistung für diesen
Zeitraum ausschliesst. Gesamthaft fällt der EL-Anspruch für die Zeit vom 1. Februar
2007 bis zum 31. Dezember 2015 also um 4’528 Franken tiefer als im aufgehobenen
Entscheid EL 2019/54 festgesetzt aus. Das Bundesgericht hat das
Versicherungsgericht allerdings verbindlich angewiesen, die Ergänzungsleistung auf
insgesamt mindestens 46’292 Franken festzusetzen, weshalb es dem
Versicherungsgericht verwehrt ist, die Nachzahlung (den bundesgerichtlichen Vorgaben
entsprechend) um 4’528 Franken zu reduzieren. Der Beschwerdeführerin ist also erneut
– wie schon im Entscheid EL 2019/54 – eine Ergänzungsleistung von insgesamt 46’292
Franken für die Zeit vom 1. Februar 2007 bis zum 31. Dezember 2015 zuzusprechen,
wobei aber notwendigerweise offen bleiben muss, auf welche Periode(n) der materiell-
rechtlich nicht geschuldete Teilbetrag von 4’528 Franken entfällt.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/12
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St.Galler Gerichte
6.
Da sich am materiellen Ergebnis nichts ändert, ändert sich auch in Bezug auf die
Kosten- und Entschädigungsfolgen nichts. Gerichtskosten sind gemäss dem Art. 61 lit.
f ATSG nicht zu erheben. Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung. Da ihr die unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt
worden ist, hat der Staat ihrem Rechtsvertreter eine Entschädigung auszurichten, die
80 Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG).
Dieser ist angesichts der umfangreichen Aktenlage und der Auseinandersetzung mit
dem Hinweis des Versicherungsgerichtes auf eine mögliche reformatio in peius als
überdurchschnittlich zu qualifizieren, weshalb die Entschädigung auf 80 Prozent von
4’000 Franken (bei einem normalen Ansatz von 3’500 Franken) – also auf 3’200
Franken – festzusetzen ist. Sollten es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst
gestatten, wird die Beschwerdeführerin zur Rückerstattung dieser Entschädigung
verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).