Decision ID: 92ea2d38-7da1-4373-a886-64a3d2d1481d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie – suchte am 5. Dezember 2015 im Empfangs- und Verfahrenszent-
rum (EVZ) des SEM in Altstätten um Asyl nach. Am 21. Dezember 2015
wurde er zu seiner Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Ge-
suchsgründen befragt (Befragung zur Person, BzP). Am 28. Juli 2017 so-
wie ergänzend am 30. Oktober 2017 hörte ihn das SEM einlässlich zu den
Asylgründen an (Anhörung bzw. ergänzende Anhörung).
B.
Anlässlich seiner Befragungen machte der Beschwerdeführer geltend,
dass er in B._ (Distrikt Jaffna, Nordprovinz) geboren sei, wo er bis
zu seiner Ausreise gelebt habe. Seine Familie habe stets zu den Unterstüt-
zern der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gehört wobei sein Bruder
V. als LTTE-Kämpfer im Krieg ums Leben gekommen sei. Im Unterschied
zu ihm selber, der mit den LTTE nichts zu tun gehabt habe, seien sein Bru-
der K., seine Schwester sowie deren Ehemann Mitglieder der LTTE gewe-
sen. Die Schwester, deren Ehemann sowie sein Bruder S. seien (nach
Kriegsende) verhaftet worden. Er selbst habe mittels Bestechung die Haft-
entlassung des Bruders S. bewirken können und dem ebenfalls inhaftierten
Schwager geholfen, sich nach dessen Freilassung nach Saudi-Arabien be-
ziehungsweise C._ abzusetzen. Er und seine Schwester seien da-
nach aufgrund des Vorwurfs der Fluchtbeihilfe über Jahre hinweg von den
Behörden befragt und belästigt worden. Am 15. Juni 2015 hätten ihn mor-
gens Angehörige des Criminal Investigation Departments (CID) respektive
der sri-lankischen Armee (SLA) aufgegriffen und den ganzen Tag lang un-
ter Anwendung von Folter zu den Aufenthaltsorten von Bruder und Schwa-
ger wie auch zu mutmasslich anvertrautes geheimem Wissen über die
LTTE verhört. Weil er danach weiterhin gesucht worden sei, sei er am
2. September 2015 mit Hilfe eines Schleppers aus Sri Lanka ausgereist.
Nach seiner Ausreise sei er bei seinem Vater gesucht worden, wobei man
diesen geschlagen habe. Da die Schwester Ende November 2016 den
Kontakt zu ihrem Ehemann in C._ verloren habe, müsse er vermu-
ten, dieser sei beim Versuch nach Sri Lanka einzureisen oder bei der Über-
fahrt von Colombo nach Jaffna festgenommen worden.
Als Beweismittel reichte er folgende Dokumente ein:
- Identitätskarte und Pass im Original,
- beglaubigte Kopie eines Geburtsscheins,
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- Niederlassungsbescheinigung (Englisch),
- Entlassungsschreiben aus der Rehabilitationshaft (Schwester),
- Kopie Haftbestätigung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz
(IKRK; Schwester),
- Kopie Identitätskarte (Schwester),
- beglaubigte Kopie eines Geburtsscheins (Bruder),
- Kopie einer Beschwerdeeingangsbestätigung des Human Rights Com-
mission Sri Lanka [HRCSL] inkl. englischer Übersetzung,
- Kopie eines Schreibens des Divisonal Secretariats Point Pedro (un-
übersetzt),
- Kopie eines Schreibens des Sri Lanka Bureaus of Foreign Employment
(unübersetzt),
- Kopie eines Schreibens an das IKRK (unübersetzt),
- Kopie der Arbeitsbewilligung des Schwagers.
C.
Mit Eingabe vom 14. November 2017 reichte der Beschwerdeführer ärztli-
che Berichte von Dr. med. D._ vom 13. November 2017 und des
(...) vom 21. September 2017 betreffend einen Knochentumor am Bein ein.
D.
Mit Verfügung vom 20. November 2017 lehnte das SEM das Asylgesuch
aufgrund Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen ab, ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz und den Vollzug an.
E.
Das Bundesverwaltungsgericht hiess unter Offenlassung der Glaubhaf-
tigkeit der Asylvorbringen mit Urteil D-7292/2017 vom 3. April 2018 die da-
gegen erhobene Beschwerde vom 21. Dezember 2017 wegen Verletzung
des rechtlichen Gehörs und ungenügender Abklärung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts gut und wies die Sache zur Neubeurteilung an das SEM
zurück.
F.
Am 20. Juli 2018 wurde der Beschwerdeführer erneut zu seinen Asylgrün-
den angehört.
Er machte im Wesentlichen ergänzend geltend, er habe neun Geschwister,
wovon drei Brüder und die Schwester als Mitglieder der LTTE bei den Sea
Tigers, der Einheit E._ und dem Geheimdienst beteiligt gewesen
seien. Die Schwester sei nach ihrer Teilnahme an Kampfhandlungen gegen
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Ende des Krieges in Rehabilitationshaft gekommen, aus welcher er sie mit
wiederholten Schmiergeldzahlungen habe befreien können. Ihr Ehemann
sei an ihrem Heimatort in B._ von der sri-lankischen Armee mehr-
fach schikaniert, vorgeladen und befragt worden, weshalb er diesem im
Jahr 2013 mit Geld und einem Ausweis zur Ausreise nach C._ ver-
holfen habe. Im Jahr 2016 sei er jedoch wieder nach Sri Lanka zurückge-
kehrt. Er habe sein Heimatland aufgrund und nach seiner eintägigen Inhaf-
tierung verlassen, nachdem er sich dort noch zwei bis drei Monate ver-
steckt habe. Er sei alsdann von seiner Mutter telefonisch vor einer Rück-
kehr gewarnt worden, weil die Behörden ihn (und den Schwager) immer
noch suchen würden. Überdies sei er in der Schweiz exilpolitisch tätig (Teil-
nahme an Strassentheatern, Demonstrationen, Märtyrerfeiern, Mitglied
des Hindu-Tempelvereins des Tempels Amman, Soziale Medien) und un-
terhalte enge Verbindung zu ehemaligen LTTE-Mitgliedern. Aufgrund einer
Äusserung seiner Schwester wisse er, dass die sri-lankischen Behörden
von seinem exilpolitischem Engagement Kenntnis hätten. Im Weiteren sei
er aufgrund sichtbarer Narben, beispielsweise auf der Stirn, zu erkennen
und befürchte deswegen eine Verhaftung bei seiner Rückkehr.
G.
Mit Verfügung vom 14. Mai 2019 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch er-
neut ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an.
H.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 21. Juni 2019 (Eingang 24. Juni
2019) erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde.
Er beantragte die vollständige Einsicht in die Akten des SEM, insbesondere
in A29 bis A31, alsdann die Gewährung einer angemessenen Frist zur Ein-
reichung einer Beschwerdeergänzung, die Sistierung des Beschwerdever-
fahrens sowie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung wegen Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör, eventualiter wegen Verletzung
der Begründungspflicht sowie eventualiter die Rückweisung der Sache zur
Feststellung des richtigen und vollständigen rechtserheblichen Sachver-
halts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz. Eventualiter beantragte er
die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung unter Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl, eventualiter die Aufhe-
bung der Ziffern 4 und 5 aufgrund Unzulässigkeit oder zumindest Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
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In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Bekanntgabe des Spruch-
körpers und um Mitteilung, ob dieser zufällig ausgewählt worden sei. An-
dernfalls seien die objektiven Kriterien anzugeben, nach welchen die Ge-
richtspersonen ausgewählt worden seien. Im Weiteren seien die von der
Vorinstanz konsultierten Quellen zur Einschätzung der Sicherheits- und
Menschenrechtslage in Sri Lanka offenzulegen, der Beschwerdeführer er-
neut anzuhören und eine mündliche Parteiverhandlung durchzuführen.
Der Beschwerde beigelegt war – nebst einer Kopie der angefochtenen Ver-
fügung – eine CD-Rom vom 21. Juni 2019 mit 134 Berichten insbesondere
zur Lage in Sri Lanka.
I.
Am 25. Juni 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
J.
Am 10. März 2020 reichte der Beschwerdeführer weitere Informationen zur
Ländersituation in Sri Lanka ein und beantragte die Datenauswertung ei-
nes Mobiltelefons einer entführten Schweizerischen Botschaftsangestell-
ten.
K.
Die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers reichte am 4. Oktober 2021
eine Kostennote gleichen Datums und einen von ihr verfassten Bericht zur
Lage in Sri Lanka vom 16. August 2021 ein.
L.
Mit Schreiben vom 11. April 2022 informierte der Beschwerdeführer haupt-
sächlich über ein am 14. September 2021 eingereichtes Asylgesuch seines
Bruders, F._, geb. (...), welcher eine Reflexverfolgung seinetwegen
geltend gemacht habe.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Beschwerdeführer ist als Ver-
fügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf
die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108
Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
Die Anträge des Beschwerdeführers auf Einsicht in die vollständigen be-
ziehungsweise in die internen Akten A29 bis A31 sowie der Fristansetzung
zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung sind abzuweisen. Die Akten
A29 bis A31 wurden von der Vorinstanz zu Recht als interne Akten qualifi-
ziert, welche nicht zu edieren sind. Indessen kann ihm mitgeteilt werden,
dass es sich bei den Notizen des Sachbearbeiters um einen Vermerk be-
treffend Parteientschädigung sowie um eine (organisatorische) Terminab-
sprache handelt.
5.
5.1 Auf den Antrag des Beschwerdeführers auf Mitteilung des Spruchgre-
miums ist nicht weiter einzugehen, zumal die Zusammensetzung des
Spruchkörpers aus dem Rubrum des vorliegenden Urteils hervorgeht.
5.2 Im Zusammenhang mit der Spruchkörperbildung beantragte der Be-
schwerdeführer, es sei ihm Auskunft darüber zu erteilen, ob diese zufällig
erfolgt sei; andernfalls seien ihm die objektiven Kriterien der Auswahl der
Gerichtspersonen bekannt zu geben.
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Praxisgemäss (vgl. Grundsatzurteil D-3946/2020 vom 21. April 2022,
E. 4.6). kann der Beschwerdeführer darüber informiert werden, dass sich
nach erfolgter Kassation (vgl. Urteil D-7292/2017 vom 3. April 2018) im
neuen Beschwerdeverfahren aus prozessökonomischen Gründen grund-
sätzlich die Zusammensetzung desselben Spruchkörpers wie im vorherge-
henden Beschwerdeverfahren ergibt. Diese Zusammensetzung wurde in-
sofern geändert, als Richter Hans Schürch und Gerichtsschreiberin Andrea
Beeler infolge des Ausscheidens aus ihren Funktionen beim Bundesver-
waltungsgericht durch Richter Simon Thurnheer und durch Gerichtsschrei-
berin Sarah Rutishauser ersetzt wurden.
6.
6.1 Auf Beschwerdeebene wird ausführlich auf die (seit 2019 veränderte)
Sicherheitslage in Sri Lanka aufmerksam gemacht. In diesem Zusammen-
hang werden die Anträge auf Sistierung des Verfahrens, auf eine erneute
Anhörung des Beschwerdeführers und auf eine mündliche Parteiverhand-
lung gestellt. Sodann seien die von der Vorinstanz konsultierten Quellen
zur Einschätzung der Sicherheits- und Menschenrechtslage in Sri Lanka
offenzulegen. Zur Stützung dieser Begehren reichte der Beschwerdeführer
insbesondere einen von seiner Rechtsvertretung verfassten Länderbericht
vom 16. August 2021 ein (vgl. Beschwerde, S. 58; act. 4).
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht verfolgt die Lage in Sri Lanka aufmerk-
sam. Sowohl nach den Osteranschlägen 2019 wie auch aktuell ist nicht
von einer im ganzen Land herrschenden Situation allgemeiner Gewalt aus-
zugehen. Das Bundesverwaltungsgericht sieht zurzeit keine Veranlassung,
die Behandlung von sri-lankischen Asylbeschwerdeverfahren generell aus-
zusetzen. Deshalb ist der Sistierungsantrag abzulehnen und es kann in der
Sache selbst entschieden werden.
Aus demselben Grund besteht kein Anlass den Beschwerdeführer antrags-
gemäss zur Sicherheitslage erneut anzuhören oder deswegen eine münd-
liche Parteiverhandlung durchzuführen. Im Rahmen der ihm obliegenden
Mitwirkung (vgl. Art. 8 AsylG) war er gehalten, seine Asylgründe im or-
dentlichen Asylverfahren vor der Vorinstanz vollständig und substantiiert
darzutun sowie mit entsprechenden Beweismitteln zu belegen. Seine dies-
bezüglichen Anträge sind ebenfalls abzuweisen.
Der Antrag auf Einsicht in die von der Vorinstanz konsultierten Quellen zur
Einschätzung der Sicherheits- und Menschenrechtslage in Sri Lanka ist
mangels Notwendigkeit abzuweisen, da die länderspezifische Lageanalyse
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Seite 8
des SEM öffentlich zugänglich ist und damit trotz der teilweise nicht im Ein-
zelnen offengelegten Referenzen dem Anspruch der Beschwerdeführer auf
rechtliches Gehör ausreichend Genüge getan ist.
7.
Der Beschwerdeführer beantragte alsdann abzuklären, ob sein Name auf
dem Mobiltelefon der entführten Schweizerischen Botschaftsangestellten
zu finden sei (act. 3). Diesbezüglich kann ihm mitgeteilt werden, dass sich
gemäss Auskunft der Botschaft keine Daten über sich in der Schweiz auf-
haltende, asylsuchende Personen aus Sri Lanka auf dem beschlagnahm-
ten Mobiltelefon der vom Sicherheitsvorfall betroffenen lokalen Angestell-
ten der Schweizer Botschaft befanden und auch anderweitig keine Infor-
mationen in Bezug auf die erwähnten Personen an Dritte gelangten.
8.
Soweit mit Schreiben vom 11. April 2022 (act. 5) um eine Fristansetzung
zur Einreichung einer Einwilligungserklärung des Bruders des Beschwer-
deführers (zur Akteneinsicht in dessen Asylverfahren) ersucht wird, ist fest-
zustellen, dass der Beschwerdeführer von der (seiner Rechtsvertretung
wohl bekannten) bestehenden Möglichkeit zur Einreichung des genannten
Dokuments während des Verfahrens – wofür keine Fristansetzung voraus-
gesetzt ist – bisher verzichtet hat. Der Antrag auf Fristansetzung ist abzu-
weisen.
9.
9.1 In der Beschwerdeschrift werden der Vorinstanz Verletzungen des
rechtlichen Gehörs, der Begründungspflicht sowie eine unvollständige und
unrichtige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts vorgeworfen. Die
formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie gegebenenfalls geeignet
sind, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl.
BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.;
Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 38).
9.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Seite 9
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist
hingegen, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einläss-
lich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wider-
legt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsma-
xime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für
die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl.
dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16).
9.2.1 Der Beschwerdeführer sieht seinen Anspruch auf rechtliches Gehör
dadurch verletzt, dass die befragende Person an der Anhörung vom
20. Juli 2018 eine Sprache benutzt habe, die seinem Bildungsniveau und
seiner schwierigen psychischen Verfassung nicht angemessen gewesen
sei (Beschwerde, S. 13 f.). Diese Rüge ist, wie aufzuzeigen ist, unbegrün-
det.
Aus dem Anhörungsprotokoll (A33/16) geht hervor, dass die Fragen noch-
mals und in modifizierter Art gestellt wurden, wenn der Eindruck entstand,
der Beschwerdeführer habe sie nicht richtig verstanden. Hinsichtlich der
Verwendung des englischen Wortes «Standing», welches bei der Frage
F64 (bloss) zusätzlich zur weiteren Erklärung des Begriffs «Rolle» benutzt
wurde, überzeugt der Vorwurf eines unangemessenen Sprachgebrauchs
nicht, zumal die Anhörung im Beisein eines Dolmetschers durchgeführt
wurde, welchen er «sehr gut» verstand (A33/10; Begriff «Rolle» innerhalb
der sri-lankischen Bewegung in der Schweiz; A33/2, F3). An keiner Stelle
der Anhörung schien der Beschwerdeführer – auch trotz des behaupteten
Analphabetismus – Mühe gehabt zu haben, seine Asylgründe zu benennen
und sich seinen Möglichkeiten entsprechend dazu zu äussern. Am Schluss
der Anhörung erklärte er explizit, wegen seines Bildungsniveaus («Lese-
und Schreibkenntnisse») möglicherweise zwar Fehler gemacht bezie-
hungsweise ein oder zwei Daten falsch genannt, aber «alles» gesagt zu
haben (A33/14, F90). Auch ist – entgegen der impliziten Behauptung des
Beschwerdeführers – kein Mangel in Bezug auf die Art und Weise der Be-
fragung ersichtlich (beispielsweise Irritation des Befragers; Beschwerde,
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Seite 10
S. 14). Schliesslich sind bis anhin auch keine psychischen Probleme ak-
tenkundig, die den Beschwerdeführer an der Darlegung seiner Asylgründe
gehindert hätten (vgl. A34/9, wonach es keine medizinischen Berichte über
den psychischen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers gebe, auch
E. 9.2.2.4 des vorliegenden Urteils).
9.2.2 Sodann rügt der Beschwerdeführer, die Vorinstanz habe den Sach-
verhalt bezüglich der aktuellen Situation in Sri Lanka sowie seiner individu-
ellen Asylgründe unvollständig und unrichtig abgeklärt sowie die Begrün-
dungspflicht verletzt (betreffend LTTE-Verbindungen zuzüglich deren Be-
urteilung für sein Risikoprofil, psychischer und medizinischer Gesundheits-
zustand, exilpolitisches Engagement; Ausklammerung des Verschwindens
des Schwagers sowie Nichtberücksichtigung der in diesem Zusammen-
hang eingereichten Beweismittel).
9.2.2.1 Betreffend die Situation in Sri Lanka ist festzustellen, dass der Be-
schwerdeführer im Zusammenhang mit dem Länderbericht des SEM zu-
mindest implizit eine Verletzung der Pflicht zur sorgfältigen Sachverhalts-
abklärung erblickt (vgl. Beschwerde, S. 58 ff.). Dazu ist – entgegen den
Ausführungen in der Beschwerde (S. 61) – festzuhalten, dass nicht zu be-
anstanden ist, dass die Vorinstanz praxisgemäss den Länderbericht aus
dem Jahre 2016 als Ausgangslage für ihre Einschätzung der Ländersitua-
tion beizieht, ergänzt durch die relevanten Entwicklungen, welche in der
Zwischenzeit stattgefunden haben. Insbesondere mit einem Hinweis auf
nicht offengelegte Referenzen und der darauf basierenden Mutmassung,
der Bericht stütze sich auf manipulierte beziehungsweise nichtexistierende
Quellen (Beschwerde, S. 61 ff., insbesondere S. 65), kann die Qualität und
Vertrauenswürdigkeit des Berichts nicht ernsthaft in Frage gestellt werden.
Insofern der Beschwerdeführer geltend macht, die Vorinstanz gelange vor
dem sich präsentierenden Länderhintergrund (er bezieht sich dabei auf die
politische Situation in Sri Lanka, wie sie sich im Jahre 2019 präsentierte)
zu einer falschen Einschätzung seiner Gefährdungslage (ebenso bezüglich
Beschaffung von Reisedokumenten), beanstandet er im Kern die Würdi-
gung von länderspezifischen Sachverhaltselementen, welche im Rahmen
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft unter Erwägung (E. 12) zu behan-
deln sein wird, und erhebt nicht formelle Rügen.
9.2.2.2 Mit dem Vorwurf des Beschwerdeführers, die Vorinstanz habe
seine LTTE-Verbindungen in der angefochtenen Verfügung in keiner – oder
jedenfalls ungenügender – Weise berücksichtigt ist festzuhalten, dass dem
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Seite 11
Beschwerdeführer im Rahmen seiner Anhörung zu den Asylgründen hin-
reichend Gelegenheit eingeräumt wurde, diese darzulegen, wobei er expli-
zit festhielt, nicht zu den LTTE gehört zu haben (A33/8, F44). Einzig die
Unterstützung von LTTE-Mitgliedern habe zu Problemen geführt. Die Situ-
ation der Familienmitglieder wurde vorinstanzlich adäquat berücksichtigt
(vgl. Reflexverfolgung; vi-Entscheid., Ziff. II/1.2). Aus der angefochtenen
Verfügung geht die Aufnahme der vom Beschwerdeführer vorgetragenen
Beziehungen zu Personen mit LTTE-Verbindungen sowie das Verschwin-
den des Schwagers im Sachverhalt hervor und die diesbezüglich einge-
reichten Beweismittel werden erwähnt (vgl. vi-Entscheid, Ziff. I/2, I/3, I/6).
Die Vorinstanz hat sich entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers in
der angefochtenen Verfügung sehr wohl mit den wesentlichen vorgebrach-
ten Sachverhaltselementen und den eingereichten Beweismitteln in hinrei-
chendem Umfang und genügender Differenziertheit auseinandergesetzt
und aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich bei der Beurteilung hat
leiten lassen und weshalb sie zum Schluss gekommen ist, die Vorbringen
seien nicht glaubhaft (vgl. a.a.O. Ziff. II/1.2). Der blosse Umstand, dass er
die Auffassung der Vorinstanz nicht teilt, lässt nicht auf eine Verletzung der
Begründungspflicht schliessen, sondern betrifft wiederum eine materielle
Frage. Es bestand seitens des SEM keine Veranlassung, weitere Abklä-
rungen hinsichtlich eines allfälligen Gefährdungspotentials wegen LTTE-
Verbindungen vorzunehmen.
9.2.2.3 Soweit der Beschwerdeführer der Vorinstanz vorwirft, sie habe sich
in der angefochtenen Verfügung nicht zur Glaubhaftigkeit betreffend Her-
kunft seiner (Kriegs- und Folter-) Narben geäussert (vgl. Beschwerde,
S. 20), rügt er damit im Kern die Art der Würdigung eines allenfalls wesent-
lichen Aspekts seiner Fluchtvorbringen, was nachfolgend unter der materi-
ellen Frage der Flüchtlingseigenschaft zu behandeln sein wird (vgl.
E. 12.3).
9.2.2.4 Der Beschwerdeführer behauptet weiter – nebst seinem aktenkun-
digen Knochentumor im Bein – sich in einem von der Vorinstanz nicht be-
rücksichtigten fragilen psychischen Gesundheitszustand zu befinden (vgl.
Beschwerde, S. 89), ohne indessen näher darzulegen, weshalb es ihm im
Rahmen seiner Mitwirkungspflicht im Sinne von Art. 8 AsylG nicht möglich
gewesen sein soll, ihr gegenüber die (weitere) Entwicklung des Gesund-
heitszustandes vorzutragen; den bei der Vorinstanz eingereichten ärztli-
chen Berichten sind keine Hinweise auf eine beim Beschwerdeführer vor-
liegende psychische Erkrankung zu entnehmen. Als er anlässlich der er-
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Seite 12
gänzenden Anhörung vom 20. Juli 2018 (erneut) psychische Probleme gel-
tend machte, wurde ihm vom SEM abermals Gelegenheit zu deren medi-
zinischen Dokumentation beziehungsweise zur Aktualisierung der bisheri-
gen Arztberichte gegeben. Entsprechende Beweismittel reichte er aber we-
der im vorinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene ein; eben-
sowenig betreffend seinen medizinisch entfernten und behandelten Kno-
chentumor, weshalb die entsprechenden Rügen unbegründet sind.
9.2.2.5 Die Vorinstanz hat alsdann die exilpolitischen Aktivitäten des Be-
schwerdeführers im Sachverhalt aufgenommen (a.a.O., Ziff. I/6) und ange-
messen gewürdigt (a.a.O., Ziff. II/2.1), weshalb auch die diesbezügliche
Rüge unbegründet ist.
9.3
9.3.1 Die weiteren unter Ziffer 6 der Beschwerde (S. 13 ff.) erhobenen Rü-
gen weisen einen starken Bezug zur Frage der Glaubhaftigkeit der Flücht-
lingseigenschaft auf beziehungsweise es werden darin materielle und for-
melle Aspekte vermengt. Es wird nachfolgend unter E. 12, im Rahmen der
materiellen Prüfung der Glaubhaftigkeit, darauf einzugehen sein.
9.3.2 Insgesamt war die vorinstanzliche Verfügung so abgefasst, dass sich
der Beschwerdeführer über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen
konnte. Schliesslich lässt nicht zuletzt die Ausführlichkeit der Beschwer-
debegründung darauf schliessen, dass eine sachgerechte Anfechtung
möglich war. Es liegt keine Verletzung der Begründungspflicht vor.
9.4 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die (Haupt-)
Anträge sind somit abzuweisen.
10.
10.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 13
10.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2012/5 E. 2.2).
11.
11.1 Die Vorinstanz erachtete die Vorbringen des Beschwerdeführers auf-
grund seiner unterschiedlichen Angaben in der Erstbefragung und den bei-
den Anhörungen teilweise als widersprüchlich, nicht nachvollziehbar, un-
bestimmt sowie die Furcht vor einer Reflexverfolgung als unbegründet.
Im Einzelnen hielt sie die unterschiedlichen Angaben zum Ausreisezeit-
punkt des Schwagers (2013/2014) und des Bruders (2007/2011/2015),
zum Zielort (Katar) nach der Ausreise wie auch zur Unterstützung (Freikauf
des Bruders aus der Haft beziehungsweise explizit keine Unterstützung
desselben) fest. Die behördliche Verfolgung habe der Beschwerdeführer
zunächst mit der Beihilfe zur Ausreise begründet (BzP), später jedoch mit
der LTTE-Mitgliedschaft seiner Geschwister beziehungsweise des Schwa-
gers, wobei er ausdrücklich Probleme aufgrund seiner zuvor dargelegten
Ausreisebeihilfe verneint habe (vgl. a.a.O. Ziff. II/1.1). Den Widerspruch
betreffend die Hauptverfolgungsmotive (Ausreisehilfe / LTTE-Verbindung
zur Schwester S.) habe er mit seiner Erklärung eines blossen Gefühls von
Beobachtung und Beschattung nicht entkräften können. Zudem habe er
das Haus aus Furcht um sein Leben nicht mehr verlassen, obwohl er ge-
mäss eigenen Angaben nicht (Zuhause) gesucht worden sei.
Die LTTE-Mitgliedschaft sei gemäss Urteil D-7292/2017 des Bundesver-
waltungsgerichts vom 3. April 2018 einzig für die Schwester S. und den
Schwager belegt, nicht jedoch für die Brüder S. und V., weshalb bezüglich
ihrer vorgebrachten Profile nach wie vor Vorbehalte anzubringen seien.
Der Beschwerdeführer habe sich hinsichtlich ihrer Dienstzeit, ihrer geltend
gemachten Funktionen und Tätigkeiten in Unstimmigkeiten verstrickt. Bei-
spielsweise sei bei einer Dienstzeit von 2004 bis 2006 des Bruders S. in
der Einheit E._ dessen behauptete Anführerposition nicht plausibel,
ebensowenig gebe es Belege für eine post mortem Ernennung des Bruders
D-3159/2019
Seite 14
V. zum Leutnant bei den Sea Tigers beziehungsweise Black Tigers. Eine
behördliche Verfolgung aus dem vermeintlichen Einfluss des Bruders V.,
von welchem er zudem erst spät berichtet habe, habe er erst im (ersten)
Beschwerdeverfahren vorgebracht. Infolge der viele Jahre zurückliegen-
den Ereignisse sei selbst bei der Annahme des behaupteten Profils des
Bruders V. das Risiko, bei einer Rückkehr ernsthaften Nachteilen ausge-
setzt zu werden, unwahrscheinlich. Bereits im Jahr 2000 sei Bruder V. ge-
storben und im Mai 2015 sei Bruder S. nach Saudi-Arabien ausgereist. Die
behauptete Furcht vor Reflexverfolgung wegen weiterer Brüder und insbe-
sondere der aus der Rehabilitationshaft entlassenen Schwester S., sei in-
folge ihrer fortwährenden Aufenthalte in Sri Lanka unbegründet. Unter die-
sem Gesichtspunkt sei jedenfalls nicht nachzuvollziehen, weshalb gerade
der Beschwerdeführer als Nichtmitglied der LTTE von asylrelevanter Ver-
folgung betroffen sein solle, zumal er nur finanzielle Unterstützung (Haft-
entlassung, Ausreise) geleistet habe. Auch aus dem behaupteten Scree-
ning der bis zur letzten Kriegsphase aktiven Schwester S. vermöge er
keine eigene Verfolgung abzuleiten. In Abwägung der LTTE-Mitgliedschaft
und Haft seiner Schwester, welche praktisch unbescholten in Sri Lanka
lebe, und seines angeblichen Vorwurfs der erwähnten Bestechungsversu-
che (zu ihrer Freilassung) mit mutmasslichem Vermögen aus der LTTE
mute sein eigenes Risiko einer behördlichen Verfolgung bei einer Rückkehr
realitätsfremd an und sei nicht nachvollziehbar.
Im Weiteren sei der Grund des Schwagers für seine Rückkehr im Jahr 2016
nach Sri Lanka, nämlich Schwester S. sowie seine Ehefrau anstelle des
Beschwerdeführers zu verbeiständen, unglaubhaft. Viel wahrscheinlicher
sei dessen Rückkehr aufgrund des beendeten ausländischen Arbeitsver-
trages und der damit im Zusammenhang gewährten Aufenthaltsbewilli-
gung. Ferner sei ohne vom Beschwerdeführer plausibel angeführte Gründe
eine intensive Verfolgung aufgrund der vom Schwager – als ehemaliges
LTTE-Geheimdienstmitglied – im Jahr 2015 angeblich erhaltenen LTTE-In-
formationen in Anbetracht von dessen Ausreisezeitpunkt (2013) unlogisch.
Ebenso wenig plausibel beziehungsweise unbestimmt und auf Nachfrage
nicht konkretisiert habe er deswegen eine Suche nach ihm – fünf Jahre
nach der Ausreise (2018) – dargelegt. Der Verweis auf exilpolitische Tätig-
keiten habe alsdann die Zweifel an den Vorbringen ebenfalls nicht auszu-
räumen vermocht.
Eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung wegen exilpolitischen
Engagements sei nicht ersichtlich, weil dieses in Form von blossen Teil-
nahmen an Demonstration (fünfmal) und am Märtyrergedenktag (zweimal)
D-3159/2019
Seite 15
nur äusserst niederschwellig erfolgt und es damit unwahrscheinlich sei,
den Fokus der Behörden auf sich zu ziehen, zumal er auch in Sri Lanka
nie selber LTTE-Mitglied gewesen oder sich in besonders exponierter
Weise politisch engagiert habe. Im Weiteren sei durch sein Verhalten (Kon-
takt zu und Informationen von ehemaligen LTTE-Mitgliedern; Aktivitäten in
den sozialen Medien trotz Analphabetismus) der Eindruck entstanden, er
habe durch die Teilnahme an Demonstrationen in der Schweiz nachträglich
Asylgründe zu schaffen versucht. Ferner habe er trotz Aufforderung die
geltend gemachten Narben nicht mit entsprechenden Belegen dokumen-
tiert. Schwachrisikobegründende Faktoren wie das Fehlen von Identitäts-
papieren, begleitete zwangsweise Rückführungen durch die International
Organisation for Migration (IOM) und sichtbare Narben wie jene des Be-
schwerdeführers würden alsdann auch keine flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgungsgefahr begründen.
Der Beschwerdeführer habe weder ein Verfolgungsinteresse im Zeitpunkt
der Ausreise (2015) glaubhaft gemacht noch würden allfällige bestehende
Risikofaktoren ein solches bei einer Rückkehr ins Heimatland, in welchem
er nach Kriegsende noch über sechs Jahre wohnhaft gewesen sei, auszu-
lösen vermögen. Bei der Wiedereinreise würden die Kontrollmassnahmen
am Herkunftsort (Befragung am Flughafen) kein asylrelevantes Ausmass
annehmen.
11.2 In der Beschwerde wird hinsichtlich Glaubhaftigkeit im Wesentlichen
vorgebracht, der Schwager des Beschwerdeführers gelte seit dessen
Rückkehr aus Katar ins Heimatland bei sri-lankischen Behördenstellen als
verschwunden, was mit den vorinstanzlich eingereichten Beweismitteln,
insbesondere mit einer Anzeige bei der nationalen Menschenrechtskom-
mission, belegt werde. Ebenso sei die Gefährdungslage des Schwagers
nach der Rückkehr nach Sri Lanka im Jahr 2016 mit den vorinstanzlich
eingereichten Unterlagen bewiesen. Alleine das Vorhandensein seiner
Narben (als zumindest teilweiser Nachweis) mache alsdann die Fest-
nahme und Folter im Jahr 2015 glaubhaft. Das SEM habe anstelle einer
Würdigung der vorinstanzlich eingereichten Beweismittel eine blosse
Glaubhaftigkeitsprüfung seiner Aussagen vorgenommen.
Die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers auf eine wi-
dersprüchliche, realitätsfremde und undetaillierte Schilderung zu stützen
sei aufgrund seines labilen Gesundheitszustandes und Analphabetismus,
weswegen er Mühe habe, Daten oder andere Angaben zu erklären, wie
auch wegen des Zeitablaufs von 18 Monaten zwischen BzP und Anhörung
D-3159/2019
Seite 16
nicht haltbar. Es sei viel wichtiger zu berichten, dass er relativ genau wisse,
welcher Bruder bei den LTTE tätig gewesen sei (Realkennzeichen betref-
fend Bruder S.: 25 Personen in der Einheit E._ kommandiert). Die
Gefährdungslage des Schwagers werde in Anbetracht der Verhaftung bei
der Rückkehr nach Sri Lanka und seines Verschwindens heruntergespielt.
Zudem habe der Beschwerdeführer die Unwesentlichkeit der Ausreisebei-
hilfe für die behördliche Verfolgung bereits in der Beschwerde vom 21. De-
zember 2017 erläutert, wobei er nicht alle Vorbringen zu 100 Prozent be-
gründen müsse und es mehrere Erklärungen für eine Gefährdungslage ge-
ben könne. Wesentlich sei, wie der Beschwerdeführer von den sri-lanki-
schen Behörden wahrgenommen werde (familiäre Verbindungen zu den
LTTE, Kontakte während der Haft zur Schwester, die Nähe zum Schwager,
Waffenfund im Juni 2015). Weiter habe er selbst das Nichtbestehen eines
behördlichen Verdachts betreffend Informationsaustausch (mit dem
Schwager) eingeräumt, auch wenn den Länderinformationen ein willkürli-
ches Vorgehen der sri-lankischen Behörde zu entnehmen sei. Es bestehe
auch heute eine Gefährdungslage wegen der LTTE-Verbindungen sowie
des Verdachts der Kenntnisse von deren Waffenverstecken und Geld. Er
sei infolge seiner durch ihre Sichtbarkeit und Auffälligkeit belegten Narben
als LTTE-Verdächtiger zu identifizieren, gelte als ein nicht rehabilitiertes
Mitglied und müsse bei einer Rückkehr mit einer Verhaftung rechnen.
Im Weiteren erfolge die Teilnahme des Beschwerdeführers an regimekriti-
schen Veranstaltungen (exilpolitische Aktivitäten) aus innerer Überzeu-
gung und ergebe sich mit einem als Märtyrer gefallenen Bruder und der
Leiden weiterer Familienangehöriger bereits aus seiner persönlichen Bio-
grafie. Spätestens seit der Publikation seiner Teilnahmen an Demonstrati-
onen auf Websites oder auf Facebook stehe er aufgrund seines überzeu-
genden Aktivismus im Fokus der sri-lankischen Behörden und habe be-
gründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen.
Der Beschwerdeführer erfülle die Risikofaktoren gemäss dem Referenzur-
teil E-1866/2015 des Bundesverwaltungsgerichts vom 15. Juli 2016 (LTTE-
Verbindungen, nicht rehabilitiert, Stop-List, exilpolitisch aktiv, sichtbare
Narben, langjähriger Aufenthalt in der Schweiz, illegale Flucht, keine gülti-
gen Einreisepapiere) und sie seien kumulativ beziehungsweise im Ge-
samtprofil zu würdigen (vgl. Beschwerde, S. 74 f.). Im Weiteren falle er un-
ter Art. 3 Abs. 1 AsylG und sei Ziel asylrelevanter Verfolgung. Zur Stützung
dieser Vorbringen verweist der Beschwerdeführer auf zahlreiche öffentlich
zugängliche Berichte und Quellen (vgl. Beschwerde, S. 76 ff.).
D-3159/2019
Seite 17
11.3 Mit weiteren Eingaben vom 10. März 2020, 4. Oktober 2021 und
11. April 2021 beschreibt der Beschwerdeführer unter weiteren Verweisen
und Anträgen (vgl. oben Sachverhalt Bst. J, K und L sowie E. 6 bis 8) die
zwischenzeitliche Lageentwicklung in seinem Heimatland beziehungs-
weise bringt eine fortschreitende Verschlechterung der heimatlichen Situa-
tion und, damit verbunden, eine drastische Verschärfung seiner Bedro-
hungslage vor.
12.
12.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten in
materieller Hinsicht zum Schluss, dass die Vorinstanz in ihren Erwägungen
zutreffend festgehalten hat, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden
den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG (Unter-
stützung bei der Ausreise von Schwager und Bruder; Profile der Geschwis-
ter, LTTE-Informationsaustausch mit Schwager) und an die flüchtlings-
rechtliche Relevanz gemäss Art. 3 AsylG (exilpolitische Aktivitäten, Risiko-
faktoren) nicht genügen. Auf die betreffenden Ausführungen in der ange-
fochtenen Verfügung (vgl. auch E. 11.1 des vorliegenden Urteils) kann mit
den nachfolgenden Ergänzungen verwiesen werden. Die Ausführungen
auf Beschwerdeebene und die eingereichten Beweismittel führen zu keiner
anderen Betrachtungsweise. Angesichts der fehlenden Asylrelevanz der
entsprechenden Vorbringen (beispielsweise Narben) erübrigt es sich, sie
auf ihre Glaubhaftigkeit hin zu überprüfen. Dennoch bieten sie zu Zweifeln
Anlass, auf die im Folgenden hinzuweisen ist, wenn die Glaubhaftigkeit
letztlich auch offenzulassen ist.
Die Begründung des Beschwerdeführers für die vorinstanzlich festgestell-
ten chronologischen Ungereimtheiten (LTTE-Mitgliedschaft der drei Brüder
K., V. und S.) sowie für die widersprüchlichen, realitätsfremden und unde-
taillierten Vorbringen mit einem labilen Gesundheitszustand und Analpha-
betismus vermag nicht zu überzeugen. Einerseits wurde weder vorinstanz-
lich noch auf Beschwerdeebene die blosse Behauptung psychischer Be-
einträchtigungen (vgl. Beschwerde, S. 89) näher substantiiert (keine medi-
zinischen Unterlagen). Im Gegenteil weisen die Akten auf ein explizites
Nichtbestehen solcher Dokumente und damit einer psychischen Beein-
trächtigung hin (vgl. A34/9). Andererseits vermag auch der mutmassliche
Analphabetismus – zumindest im geltend gemachten Ausmass – nicht zu
überzeugen, ist der Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben doch auf
den Sozialen Medien aktiv. Dabei schlägt die Erklärung in der Beschwerde,
weshalb er trotz des erwähnten Bildungsstandes Fotos auf dem Handy ver-
senden könne (Erkennen von Kontakten anhand ihrer Fotos; Beschwerde,
D-3159/2019
Seite 18
S. 14) fehl, geht es nämlich nicht darum, sondern um «social media bezie-
hungsweise Facebook posts», für welche es verschiedener Schritte des
Lesens und Verstehens bedarf, weshalb die Vorinstanz zur Recht an sei-
nem Analphabetismus zweifelt. Der Zeitablauf von rund eineinhalb Jahren
zwischen Befragung und Anhörung vermag alsdann entgegen der Behaup-
tung in der Beschwerde (vgl. S. 68) als Begründung für die Glaubhaftigkeit
der Vorbringen nicht zu genügen, um – wie von der Vorinstanz festgestellte
– Erinnerungslücken und Ungereimtheiten zu rechtfertigen, zumal in der
Praxis ein zeitlicher Abstand von rund zwei Jahren auch keine Verletzung
des rechtlichen Gehörs darzustellen vermag (vgl. auch D-4191/2018 vom
8. August 2018 E. 8.3). Weiter sind die den Schwager betreffenden
vorinstanzlich eingereichten Beweismittel sowie die auf Beschwerdeebene
blossen Behauptungen und Verweise auf öffentliche, allgemeine Quellen
unbehelflich, um eine individuelle Gefährdungslage des Schwagers in Sri
Lanka, seine Verhaftung oder sein angebliches Verschwinden zu belegen
(beispielsweise blosse Beschwerdeeingangsbestätigung beim HRCSL;
vgl. Beschwerde, S. 69 f.), zumal er zu Beginn des Verfahrens einzig davon
berichtete, dessen Kontakt zur Schwester und damit zu seiner Ehefrau sei
abgebrochen (vgl. Sachverhalt, Buchstabe B.). Dieser Umstand kann auch
viele andere Gründe haben. Die Vorinstanz hat alsdann zu Recht die Wi-
dersprüchlichkeit der Gründe für eine behördliche Verfolgung festgehalten
(vgl. seine Asylgründe: «Beihilfe zur Ausreise» gemäss BzP vom 21. De-
zember 2015, A3, S. 9; «LTTE-Mitgliedschaft der Geschwister» bezie-
hungsweise explizit nicht die Beihilfe zur Ausreise gemäss der Zweitanhö-
rung vom 20. Juli 2018, A33, S. 9, F 52). Nicht nachvollziehbar ist alsdann
das behauptete heutige Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden
aufgrund der angeblichen Kenntnisse des Beschwerdeführers über Waf-
fenverstecke und LTTE-Gelder, wenn er eigens einen Informationsaus-
tausch mit seinem Schwager verneint (vgl. Beschwerde, S. 69). Dasselbe
gilt auch für die behauptete Reflexverfolgung im Zusammenhang mit der
(teilweise nur angeblichen) LTTE-Mitgliedschaft seiner Familienmitglieder,
welche vorinstanzlich zu Recht verneint wurde (vgl. a.a.O. Ziffer II/1.2).
Die weiteren Gründe, bei welchen es sich hauptsächlich um blosse Be-
hauptungen oder nicht plausible Erklärungsversuche handelt (beispiels-
weise behördliche Suche nach ihm bei seiner Schwester im Jahr 2019,
keine Verpflichtung «alles zu 100 %» zu erklären; Möglichkeit mehrerer,
anderer Asylgründe; Beschwerde. S. 59 und 69 ff.), sind alsdann unbehelf-
lich. Die zu den Akten gereichten Beweismittel hat die Vorinstanz – entge-
gen der Behauptung auf Beschwerdeebene – in den Sachverhalt aufge-
D-3159/2019
Seite 19
nommen beziehungsweise sie entsprechend ihrer Rechtserheblichkeit be-
rücksichtigt (vgl. A14; vgl. a.a.O., Ziffer I/3). Analog der vorinstanzlichen
Behandlung sind die Dokumente weder wesentlich, überzeugend noch ver-
mitteln sie einen individuell konkreten Bezug zu seiner Person; daher sind
sie nicht geeignet, die (unglaubhaften) Asylvorbringen des Beschwerde-
führers zu stützen, zumal es sich bei diesen hauptsächlich um (teilweise
auch unübersetzte) Kopien handelt, welche daher auch eine Fälschbarkeit
nicht ausschliessen (vgl. A14). Ausgenommen davon sind die vorinstanz-
lich als echt erachteten Sachverhaltselemente (beispielsweise LTTE-Mit-
gliedschaft und Haft der Schwester und des Schwagers; vgl. auch Be-
schwerde, S. 60).
12.2 Im Sinne eines Zwischenfazits ist festzuhalten, dass es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine ihm im Zeitpunkt seiner Ausreise
drohende flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdungslage wegen eines be-
hördlichen LTTE-Verdachts glaubhaft darzutun.
12.3 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist, wie nachfolgend dargetan,
festzustellen, dass sich für den Beschwerdeführer auch unter Berücksich-
tigung allfälliger Risikofaktoren im Hinblick auf seine Rückkehr nach Sri
Lanka nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich
relevante Gefährdung ergibt beziehungsweise dass eine im heutigen Zeit-
punkt objektiv begründete Furcht vor künftiger Verfolgung zu verneinen ist.
Das Bundesverwaltungsgericht hielt im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 fest, bestimmte Risikofaktoren (Eintrag in die „Stop-List“, Ver-
bindung zu den LTTE und exilpolitische Aktivitäten) seien als stark risiko-
begründend zu qualifizieren, da sie unter den im Entscheid dargelegten
Umständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begrün-
deten Furcht vor ernsthaften Nachteilen führen könnten. Demgegenüber
würden das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente, eine zwangsweise
respektive durch die Internationale Organisation für Migration der Verein-
ten Nationen (IOM) begleitete Rückführung sowie gut sichtbare Narben
schwach risikobegründende Faktoren darstellen. Dies bedeutet, dass sie
in der Regel, für sich alleine genommen, keine objektiv relevante Furcht
vor ernsthaften Nachteilen zu begründen vermögen. Demnach sind jegli-
che glaubhaft gemachten Risikofaktoren in einer Gesamtschau und in ihrer
Wechselwirkung sowie unter Berücksichtigung der konkreten Umstände in
einer Einzelfallprüfung zu würdigen, wobei zu erwägen ist, ob mit beachtli-
cher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung zu
bejahen ist (vgl. a.a.O. E. 8.5.5).
D-3159/2019
Seite 20
Es ist zwar nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer in den Au-
gen der sri-lankischen Behörden gewisse Verbindungen zu den LTTE auf-
weist, auch wenn er sich bei den Gründen seiner Ausreise in Ungereimt-
heiten verstrickte (Ausreisebeihilfen versus LTTE-Verbindungen der Fami-
lie). Aufgrund der familiären Verhältnisse sowie seines – wenn überhaupt
– äusserst niederschwelligen politischen Profils kann aber nicht angenom-
men werden, dass ihm die sri-lankischen Behörden – im Gegensatz offen-
bar zu seiner Schwester respektive zum Schwager – ernstzunehmende
Verbindungen zu den LTTE unterstellen könnten und am Wiederaufbau der
LTTE interessiert zu sein. Seine Behauptung, zahlreiche vom Bundesver-
waltungsgericht im genannten Referenzurteil E-1866/2015 definierte Risi-
kofaktoren zu erfüllen, schlägt fehl. So erfüllt er – nachdem er keine Vor-
fluchtgründe hat nachweisen oder glaubhaft machen können – aufgrund
des Gesagten und entgegen seiner Behauptung – nämlich keine der im
Referenzurteil dargelegten stark risikobegründenden Faktoren. Alleine aus
seiner tamilischen Ethnie, seiner zwar sichtbaren Narben – aber trotz Ge-
legenheit zur Einreichung weiterer Belege nicht näher substantiierten Ur-
sprungs (vgl. a.a.O. Ziff. II/2.2) –, und seiner mehrjährigen Landesabwe-
senheit kann er keine Gefährdung flüchtlingsrechtlich beachtlichen Aus-
masses im Sinne des genannten Referenzurteils ableiten. Ebensowenig
handelt es sich bei der Ersatzreisepapierbeschaffung um ein Risiko für den
Beschwerdeführer, sondern um ein standardisiertes, erprobtes und gesetz-
lich geregeltes Verfahren. Nur aufgrund der Datenübermittlung der schwei-
zerischen Behörden an die sri-lankischen Behörden und der Nennung des
Ausreisegrundes ist bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht mit einer asyl-
relevanten Verfolgung zu rechnen (vgl. Grundsatzurteil des Bundesverwal-
tungsgerichts BVGE 2017/VI/6 E. 4.3.3).
12.4 An dieser Einschätzung vermögen auch die allfällige Kontaktpflege in
der Schweiz zu tamilischen Gruppierungen und seine exilpolitischen Tätig-
keiten nichts zu ändern. Was letztere anbelangt, ist darauf hinzuweisen,
dass er lediglich die pauschale Behauptung von exilpolitischen Tätigkeiten
in Form von Teilnahmen an Veranstaltungen geltend macht. Sein konkreter
Beitrag an diesen angeblichen Aktivitäten wird nicht näher spezifiziert oder
mit geeigneten Beweismitteln substantiiert. Sein diesbezügliches Engage-
ment ist deshalb – wie von der Vorinstanz zu Recht festgehalten – nicht
glaubhaft dargetan. Aber selbst wenn er seine Teilnahme – trotz Analpha-
betismus – auf den sozialen Medien verbreitet haben sollte, ist dies nicht
in genügend exponierter Weise geschehen. Es ist davon auszugehen,
dass die sri-lankischen Behörden blosse „Mitläufer“ von Massenveranstal-
D-3159/2019
Seite 21
tungen als solche identifizieren können und sie in Sri Lanka nicht als Ge-
fahr wahrgenommen werden (vgl. das Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 8.5.4). Es wird zudem auch auf Beschwerdeebene nicht
näher dargetan, inwiefern er sich durch dieses exilpolitische Wirken nun
derart exponiert haben soll, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
Furcht vor einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung haben müsste.
Es liegen somit auch keine diesbezüglichen subjektiven Nachfluchtgründe
im Sinne von Art. 54 AsylG vor.
12.5 Nach dem Gesagten muss nicht angenommen werden, dass dem Be-
schwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka persönlich ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
12.6 Die vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel, bei welchen
es sich nicht um Dokumente handelt, in denen er als Person erwähnt wor-
den ist, sondern im Wesentlichen die allgemeine politische Lage in Sri
Lanka betreffen, vermögen an dieser Betrachtungsweise nichts zu ändern.
Der Beschwerdeführer kann daraus keine individuelle Verfolgung oder et-
was zu seinen Gunsten ableiten.
12.7 An dieser Einschätzung vermag weder die aktuelle – wenn auch als
volatil zu bezeichnende – politische Lage in Sri Lanka noch die Situation
seit dem Machtwechsel im Jahr 2019, wie nachfolgend aufgezeigt, nichts
zu ändern.
Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Rajapaksa zum Präsidenten Sri
Lankas gewählt. Kurz nach der Wahl ernannte dieser seinen Bruder Ma-
hinda zum Premierminister und band einen weiteren Bruder, Chamal Raja-
paksa, in die Regierung ein. Beobachter und ethnische oder religiöse Min-
derheiten befürchten insbesondere mehr Repression und die vermehrte
Überwachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalis-
tinnen und Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen Perso-
nen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt
Ängste bei Minderheiten, 21. November 2019). Am 5. August 2020 fanden
Parlamentswahlen statt mit dem Resultat, dass der Rajapaksa-Clan seine
Macht in Sri Lanka ausweiten konnte (vgl. Sri Lanka: Rajapaksa-Clan wei-
tet seine Macht weiter aus [nzz.ch] vom 7. August 2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
D-3159/2019
Seite 22
sie bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist es beim derzeitigen Kenntnis-
stand durchaus als möglich zu erachten, dass sich die Gefährdungslage
für Personen mit einem bestimmten Risikoprofil akzentuieren könnte. Den-
noch gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit
dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv ei-
ner Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im
Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Perso-
nen zu diesen politischen Veränderungen Präsidentschaftswahlen vom
16. November 2019 respektive deren Folgen besteht.
Im vorliegenden Fall sind den Akten keine Hinweise auf eine Verschärfung
der persönlichen Situation des Beschwerdeführers aufgrund dieser Ereig-
nisse zu entnehmen. Auch aus den auf Beschwerdeebene eingereichten
zahlreichen Dokumenten zur allgemeinen Lage und politischen Situation in
Sri Lanka vermag der Beschwerdeführer keine auf seine Person bezogene
konkrete Gefährdung darzulegen, auch nicht mit der auf Beschwerde-
ebene vorgebrachten blossen Behauptung im Jahr 2019 erneut bei seiner
Schwester von Unbekannten gesucht worden zu sein. Die Anforderungen
an die Annahme einer begründeten Verfolgungsfurcht sind somit nicht er-
füllt.
Ebenso ändert vorerst die Wahl am 20. Juli 2022 von Ranil Wickreme-
singhe zum Nachfolger des abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen
Staatspräsidenten nichts an der bisherigen Lageeinschätzung, ist dieser
doch Teil der alten politischen Elite.
12.8 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer
nichts vorgebracht hat, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat
sein Asylgesuch daher zu Recht abgelehnt.
13.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde
demnach ebenfalls zu Recht angeordnet.
D-3159/2019
Seite 23
14.
14.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
14.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
14.2.1 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist
– wie von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5
AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich viel-
mehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestim-
mungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
14.2.2 Sodann ergeben sich – in Übereinstimmung mit der Einschätzung
der Vorinstanz und entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen An-
sicht – weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den
Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den
Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3
EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt
wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschen-
rechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der
Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.).
D-3159/2019
Seite 24
Nachdem der Beschwerdeführer nicht darzutun vermochte, dass er be-
fürchten müsse, bei einer Rückkehr ins Heimatland die Aufmerksamkeit
der sri-lankischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevanten Aus-
mass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür, ihm
würde aus demselben Grund eine menschenrechtswidrige Behandlung
drohen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt
den Wegweisungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen (vgl. dazu
BVGE 2011/24 E. 10.4 und das weiterhin einschlägige Referenzur-
teil E-1866/2015 E. 12.2). Dies gilt auch unter Berücksichtigung der (si-
cherheits-)politischen Ereignisse in den vergangenen Jahren (vgl. statt vie-
ler Urteil des BVGer D-6157/2017 vom 1. November 2021 E. 13.2.2). Nach
dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der lan-
des- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
14.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
14.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt; dies gilt auch unter
Berücksichtigung der (sicherheits-)politischen Ereignisse in den vergange-
nen Jahren (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D-6157/2017 vom 1. Novem-
ber 2021 E. 13.3.1). Gemäss nach wie vor gültiger Rechtsprechung ist der
Wegweisungsvollzug in die Ost- und Nordprovinz weiterhin zumutbar,
wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere
Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes so-
wie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) be-
jaht werden kann (vgl. Referenzurteile E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
E. 13.2 und D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5).
14.3.2 Der Beschwerdeführer stammt aus und lebte bis zu seiner Ausreise
in B._ (Distrikt Jaffna, Nordprovinz; vgl. A3, S. 5). Der Vollzug in
dieses Gebiet ist im Lichte der Rechtsprechung grundsätzlich zumutbar. Im
vorliegenden Fall sprechen sodann – wie die Vorinstanz zutreffend festge-
halten hat – keine individuellen Gründe gegen einen Wegweisungsvollzug.
Nach wie vor leben seine Eltern sowie sechs seiner neun Geschwister in
Sri Lanka beziehungsweise in der Nordprovinz (A3, S. 6), welche ihn bei
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einer Rückkehr und Wiedereingliederung in den Alltag in Sri Lanka unter-
stützen und ihm eine gesicherte Wohnsituation bieten können. Als junger
Mann mit Berufs- und Lebenserfahrung ist davon auszugehen, dass er zu-
künftig in der Lage sein wird, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten (vgl. A3,
S. 4: Berufsbildung und zuletzt ausgeübte Tätigkeit: Chauffeur; zuvor wäh-
rend zehn Jahren Süssigkeitenverkäufer). Ausserdem leidet der Beschwer-
deführer den Akten zufolge an keinen gesundheitlichen Problemen, welche
eine Rückkehr unzumutbar machen würden (vgl. A34/9: guter Allgemein-
zustand [Bericht des (...) vom 7. März 2018]; vgl. auch E. 9.2.2.4 im vorlie-
genden Urteil). Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegwei-
sung auch als zumutbar.
14.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
14.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
15.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG und Art. 49 VwVG).
Es erübrigt sich, auf den weiteren Inhalt der Beschwerde und die einge-
reichten Beweismittel – die sich allesamt auf die generelle Situation in Sri
Lanka beziehen, ohne einen individuellen Bezug zum Beschwerdeführer
aufzuweisen – noch näher einzugehen. Die Beschwerde ist abzuweisen.
16.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten infolge der sehr um-
fangreichen Beschwerde mit zahlreichen Beilagen ohne individuellen Be-
zug zum Beschwerdeführer praxisgemäss auf insgesamt Fr. 1’500.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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