Decision ID: b9467217-a292-5a10-a3bb-007c61e7b990
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (Beschwerdeführer), ein türkischer Staatsangehöriger kurdi-
scher Ethnie, ersuchte am 10. September 2009 in der Schweiz um Asyl.
Am 2. Juli 2012 zog er das Asylgesuch zurück und kehrte am (...) 2012 in
die Türkei zurück. Das damalige Bundesamt für Migration schrieb das Asyl-
verfahren des Beschwerdeführers mit Beschluss vom 21. August 2012 als
gegenstandslos geworden ab.
B.
Am 29. September 2017 ersuchten der Beschwerdeführer, seine Ehefrau
B._ (Beschwerdeführerin) und ihre vier gemeinsamen Kinder in der
Schweiz (erneut) um Asyl.
C.
Am 13. Oktober 2017 befragte das Staatssekretariat für Migration (SEM;
Vorinstanz) den Beschwerdeführer und die Beschwerdeführerin summa-
risch und am 24. Oktober 2017 hörte es sie vertieft zu ihren Asylgründen
an.
D.
Mit Verfügung vom 8. November 2017 stellte die Vorinstanz fest, die Be-
schwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte
ihre Asylgesuche ab. Zudem wies sie sie aus der Schweiz weg, setzte
ihnen Frist zur Ausreise an und beauftragte den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung.
E.
Am 11. Dezember 2017 reichten die Beschwerdeführenden beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde ein. Dabei beantragen sie, die Verfügung
der Vorinstanz vom 8. November 2017 sei aufzuheben und die Vorinstanz
sei anzuweisen, ihnen in der Schweiz Asyl zu gewähren; eventualiter sei
die Vorinstanz anzuweisen, sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs vorläufig in der Schweiz aufzunehmen; subeventualiter sei die Sa-
che zur vollständigen und richtigen Feststellung des Sachverhaltes und
neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hin-
sicht ersuchten die Beschwerdeführenden um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und Bestellung ihres Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand. Zu-
dem beantragten sie, es sei ihnen zu gestatten, sich für die Dauer des Ver-
fahrens in der Schweiz aufzuhalten. Demzufolge sei das Amt für Migration
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des zuständigen Kantons anzuweisen, für die Dauer des Beschwerdever-
fahrens von jeglichen Wegweisungs- und Vollzugsmassnahmen abzuse-
hen. Schliesslich sei ihnen vollständige Akteneinsicht zu gewähren, na-
mentlich in die Verfahrensakten aus dem ersten Asylgesuch des Be-
schwerdeführers. Nach erfolgter Akteneinsicht sei ihnen eine angemes-
sene Frist zur Ergänzung der Beschwerde zu gewähren.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Dezember 2017 stellte das Bundesverwal-
tungsgericht fest, dass die Beschwerdeführenden den Ausgang des Be-
schwerdeverfahrens in der Schweiz abwarten dürfen.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Januar 2018 ersuchte das Bundesverwal-
tungsgericht die Vorinstanz darum, den Beschwerdeführenden umgehend
die erstinstanzlichen Verfahrensakten des ersten Asylgesuchs des Be-
schwerdeführers offenzulegen und ihnen in allfällige weitere, bislang noch
nicht offengelegte Akten des vorinstanzlichen Verfahrens Einsicht zu ge-
währen. Zudem hiess das Bundesverwaltungsgericht das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses. Schliesslich ordnete das Gericht den
Beschwerdeführenden den rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen
Rechtsbeistand zu.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Januar 2018 gab das Bundesverwaltungs-
gericht den Beschwerdeführenden nach erfolgter Akteneinsicht durch die
Vorinstanz Gelegenheit, eine Beschwerdeergänzung einzureichen.
I.
Am 3. April 2018 reichten die Beschwerdeführenden eine Beschwerdeer-
gänzung ein.
J.
Am 6. November 2018 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein, in
der sie implizit die Abweisung der Beschwerde beantragt.
K.
Am 3. Dezember 2018 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 1 AsylG [in der Fassung vom 1. Oktober 2016], Art. 48
Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Soweit das Ausländerrecht anzuwenden
ist, kann zudem die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AIG
[SR 142.20] i.V.m. Art. 49 VwVG).
3.
Streitig und zu prüfen ist die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdefüh-
renden und gegebenenfalls die Asylgewährung. Falls kein Asyl zu gewäh-
ren ist, sind im Weiteren die Wegweisung und der Wegweisungsvollzug zu
prüfen.
E-6993/2017
Seite 5
4.
4.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils
m.w.H.). Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind
über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus
so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merk-
male, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers ver-
bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3).
Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichen-
den Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt
der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung auf andau-
ernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation zwischen
Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsu-
chenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2010/9
E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen,
die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüch-
lich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf ge-
fälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe sich im (...) 1996 der PKK
(Partiya Karkerên Kurdistanê, deutsch: Arbeiterpartei Kurdistans) ange-
schlossen und sei während (...) Monaten als Kämpfer in der PKK gewesen.
Mit Urteil des Staatssicherheitsgerichts vom (...) 1998 sei er wegen Aktivi-
täten für die PKK zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden.
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Mit Urteil des Staatssicherheitsgerichts vom (...) 2000 sei seine Freiheits-
strafe aufgrund eines Reuegesetzes in eine Haftstrafe von sechs Jahren
umgewandelt worden. Insgesamt sei er vom (...) 1997 bis zum (...) 2002
im Gefängnis gewesen. Am (...) 2002 sei er wegen guter Führung bedingt
entlassen worden. Nach seiner Entlassung sei er von Kurden oft als Verrä-
ter angesehen worden, da er von dem Reuegesetz Gebrauch gemacht
habe. Seither habe er versucht, sich aus der Politik herauszuhalten.
Nachdem er 2012 aus der Schweiz in die Türkei zurückgekehrt sei, habe
er in seinem Heimatort G._, in der Provinz H._, zusammen
mit seinen drei Brüdern eine (...)firma gegründet, für die er teilweise auch
als (...) gearbeitet habe. 2015 habe er (...) während sechs Monaten mehr-
mals illegale Transporte für die YDGH (Yurtsever Devrimci Gençlik Hare-
keti, deutsch: Patriotische Revolutionäre Jugendbewegung), eine Jugend-
organisation der PKK, gemacht. Der Grund dafür sei gewesen, dass er und
seine Brüder ins Visier der Jugendorganisation geraten seien, nachdem
sein Bruder H. dessen Nachbarn L., der ihn im Streit verletzt habe, bei der
Polizei angezeigt habe. Die YDGH habe H. deswegen zur Rede gestellt
und gerügt, dass er, anstatt eine Anzeige bei der Polizei zu machen, zu
ihnen hätte kommen sollen. Die YDGH habe daraufhin gedroht, Nachfor-
schungen über seine Familie zu machen. Er habe mit den Transporten zei-
gen wollen, dass sie keine Familie von Verrätern seien und ihren guten Ruf
wiederherstellen wollen. Später habe L. bei der Polizei ebenfalls eine An-
zeige gegen H. gemacht und dabei auch behauptet, ein Bruder von H. habe
von einem Bruder von L. Geld für die PKK verlangt. Daraufhin sei H. auf
den Polizeiposten mitgenommen worden. Im Dezember 2016 sei der Be-
schwerdeführer zur Polizei gegangen, habe seine Unschuld in der Sache
beteuert und darauf hingewiesen, dass er nichts mehr mit der PKK zu tun
habe. Dabei seien ihm Fotos von Jugendlichen aus seinem Quartier vor-
gelegt worden und er sei gefragt worden, welche Jugendlichen der PKK
angehörten. Er habe der Polizei aber nicht helfen wollen und sich nicht
dazu geäussert. Die Polizei habe gesagt, sie werde ihn im Auge behalten.
Im August 2017 sei er mit seiner Familie legal mit dem Flugzeug aus der
Türkei ausgereist.
Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe Angst davor, dass jemand seine
Transporte für die YDGH verraten könnte und er verhaftet würde. Als ver-
urteilter PKK-Kämpfer sei er besonders gefährdet, falls ihn jemand bei der
Polizei anschwärze. Zudem drohe ihm der Widerruf seiner bedingten Ent-
lassung und der Vollzug seiner lebenslänglichen Freiheitsstrafe.
E-6993/2017
Seite 7
5.2 Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie sei wegen ihres Mannes
ausgereist; sie selber habe weder mit Privaten noch mit Behörden Prob-
leme gehabt. Sie wies auf die schweirige generelle Sicherheitssituation in
G._ hin (Schiessereien, Ausgangssperren).
5.3 Die Vorinstanz führt aus, die Transporte für die YDGH seien zum Zeit-
punkt der Ausreise aus der Türkei bereits zwei Jahre zurückgelegen, wes-
halb die Gefahr, dass er diesbezüglich verraten werden, gering erscheine.
Da er auch angegeben habe, er habe persönlich keine Probleme mit der
YDGH gehabt, bestünden keine Anhaltspunkte dafür, dass er von dieser
Gruppe verraten werden könnte. Es bestehe auch keine Veranlassung zur
Annahme, dass er nach Verbüssung seiner Gefängnisstrafe weiterhin im
Fokus der türkischen Behörden stehe.
6.
6.1 Bezüglich des rechtserheblichen Sachverhaltes stellt das Bundesver-
waltungsgericht fest, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers grund-
sätzlich als glaubhaft anzusehen sind. Die Verurteilung des Beschwerde-
führers zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe, die Umwandlung dieser
Strafe in eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und seine bedingte Entlas-
sung sind durch das im ersten Asylverfahren des Beschwerdeführers ein-
gereichte Urteil vom (...) 2000 und das Urteil über die bedingte Entlassung
vom (...) 2002 belegt. Die Ausführungen des Beschwerdeführers in der An-
hörung vom 24. Oktober 2017 zu seinen Erlebnissen nach seiner Rückkehr
in die Türkei sind ausführlich und detailliert ausgefallen und enthalten keine
Widersprüche. Dass der Beschwerdeführer in seinen Aussagen teilweise
die Daten von Ereignissen durcheinanderbringt, ändert unter diesen Um-
ständen nichts an der grundsätzlichen Glaubhaftigkeit seiner Aussagen,
zumal auch die Vorinstanz keine Zweifel an deren Glaubhaftigkeit geltend
macht. Entsprechend ist für die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers auf den Sachverhalt wie dieser ihn präsentiert (E. 5.1) ab-
zustellen.
6.2 Als erstes ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer bei seiner Ausreise
aus der Türkei im August 2017 einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
gung ausgesetzt war.
6.3 Der Beschwerdeführer bringt vor, er sei in der Türkei einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgung ausgesetzt, weil die Gefahr bestehe, dass
er den Rest seiner Haftstrafe verbüssen müsse. Diesbezüglich ist festzu-
halten, dass die lebenslange Haftstrafe des Beschwerdeführers mit Urteil
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Seite 8
vom (...) 2000 des Staatssicherheitsgerichts aufgrund des Reuegesetzes
in eine Haftstrafe von sechs Jahre umgewandelt wurde und dieses Urteil
rechtskräftig wurde. Es liegen auch keine Hinweise dafür vor, dass die tür-
kischen Behörden solche Haftumwandlungen nachträglich rückgängig ma-
chen würden. Entsprechend ist nicht davon auszugehen, dass die Gefahr
besteht, dass der Beschwerdeführer die ursprünglich ausgefällte lebens-
lange Haftstrafe verbüssen muss. Die bedingte Entlassung des Beschwer-
deführers am (...) 2002 erfolgte gemäss dem Entlassungsschein ein Jahr,
sechs Monate und drei Tage vor Ablauf der Haftstrafe (von sechs Jahren).
Das türkische Recht geht bei bedingten Entlassungen grundsätzlich von
einer maximalen «Kontrolldauer» – der Zeitraum, während dem die be-
dingte Entlassung widerrufen werden kann – von der Dauer der restlichen
Haftstrafe aus (Turkish Law on the Execution of Penalties and Security
Measures, Law No. 5275 vom 13. Dezember 2004, Art. 107 Abs. 6,
<http://www.judiciaryofturkey.gov.tr/The-Law-on-the-Execution-of-Penal-
ties-and-Security-Measures-is-available-on-our-website>, abgerufen am
21.04.2020). Das scheint auch im Bereich des Anti-Terror-Gesetzes zu gel-
ten (vgl. Anti-Terror-Law, Law No. 3713 vom 12. April 1991, Art. 17,
<https://www.refworld.org/docid/4c4477652.html>, abgerufen am
21.04.2020) und das Entlassungsurteil des Beschwerdeführers vom (...)
2002 enthält ebenfalls keine anderslautenden Bestimmungen. Die be-
dingte Entlassung kann während dieser «Kontrolldauer» widerrufen wer-
den, wenn die entlassene Person ein Verbrechen begeht, das eine Haft-
strafe nach sich zieht, oder sie gegen die Bedingungen ihrer Entlassung
verstösst (Art. 107 Abs. 12 Turkish Law on the Execution of Penalties and
Security Measures). Das Entlassungsurteil des Beschwerdeführers nennt
keine Bedingungen für die Entlassung. Der Beschwerdeführer wurde am
(...) 2002 (bedingt) entlassen, womit die «Kontrolldauer» im (...) 2003 ab-
gelaufen ist. Da das Ende der Kontrolldauer nach der bedingten Entlas-
sung des Beschwerdeführers damit bereits über 16 Jahre her ist und der
Beschwerdeführer auch nicht geltend macht, es sei ihm je mit dem Wider-
ruf der bedingten Entlassung gedroht worden, erscheint die Gefahr, dass
diese widerrufen werden könnte, sehr gering. Damit liegen keine Hinweise
dafür vor, dass dem Beschwerdeführer die nachträgliche Vollstreckung der
seinerzeit ausgefällten Haftstrafe wegen seiner Mitgliedschaft bei der PKK
drohen würde.
6.4 Unbestritten ist jedoch, dass der Beschwerdeführer bei den türkischen
Behörden als früherer PKK-Kämpfer bekannt ist und er wahrscheinlich lan-
desweit als «politisch unbequeme Person» registriert ist und ein entspre-
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chendes politisches Datenblatt aufweist (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.3). Auf-
grund dieser Umstände steht der Beschwerdeführer zweifellos unter Be-
obachtung der türkischen Behörden und ist grundsätzlich einer erhöhten
Gefährdung ausgesetzt, nach politischen Aktionen als potentieller Tatver-
dächtiger angesehen zu werden. Zudem ist im Rahmen der Beurteilung
der Begründetheit der Verfolgungsfurcht des Beschwerdeführers dessen
Vorverfolgung zu berücksichtigen. Entsprechend ist dabei nicht allein auf
eine rein objektive Betrachtungsweise abzustellen, sondern es ist auch das
vom Beschwerdeführer bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen
in vergleichbaren Fällen in Betracht zu ziehen (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2).
6.5
6.5.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe Angst davor, dass jemand
seine Transporte für die YDGH den türkischen Behörden melden könnte.
Dazu ist zu anzumerken, dass diese Transporte – wie die Vorinstanz zu
Recht ausführt – in der zweiten Hälfte 2015 stattfanden. Zum Zeitpunkt
seiner Ausreise aus der Türkei im August 2017 lagen diese Aktivitäten da-
mit bereits über eineinhalb Jahre zurück. In dieser Zeit wurden die Trans-
porte den Behörden offensichtlich nicht bekannt und der Beschwerdeführer
macht auch keine konkreten Anzeichen dafür geltend, dass ihn jemand ver-
raten haben könnte. Er sagt sogar ausdrücklich, die Polizei habe von den
Transporten nichts erfahren (Protokoll der Anhörung in SEM-Akte B11/22
F125). Zudem ist festzuhalten, dass es sich bei den Transporten nach den
Aussagen des Beschwerdeführers zu urteilen eher um kleinere Aktivitäten
handelt, bringt er doch vor, (...) (SEM-Akte B11/22 F116f.). (...) Als sich der
Beschwerdeführer im Dezember 2016 bei der türkischen Polizei meldete,
erwähnte diese die Transporte nicht, weshalb davon auszugehen ist, dass
die Transporte ihr nicht bekannt waren. Zudem zeugt der Umstand, dass
sich der Beschwerdeführer freiwillig zur Polizei begab, nicht von einer be-
sonders ausgeprägten Verfolgungsfurcht.
6.5.2 Bezüglich der vom Beschwerdeführer erwähnten Beschuldigung
durch L. – er habe von dessen Bruder Geld für die PKK erpresst – ist ers-
tens festzuhalten, dass L. gegenüber der Polizei den Beschwerdeführer
nicht namentlich nannte, sondern lediglich auf einen Bruder von H. verwies
(SEM-Akte B11/22 F131). Auch wenn nachvollziehbar ist, dass der Be-
schwerdeführer Angst vor (auch falschen) Denunziationen dieser Art hatte
(und weiterhin hat), ist festzuhalten, dass diese Beschuldigung keine kon-
kreten Konsequenzen für ihn hatte. Als Reaktion darauf begab der Be-
schwerdeführer sich zur Polizei, um seine Unschuld zu beteuern. Der Be-
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Seite 10
schwerdeführer macht nicht geltend, die Polizei habe ihn aufgrund der Be-
schuldigung befragen oder sogar verhaften wollen. Die Polizei habe ledig-
lich von ihm verlangt, dass er seine Loyalität gegenüber den türkischen
Behörden dadurch belege, dass er jugendliche PKK-Sympathisanten auf
Fotos identifiziere. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass der Beschwerde-
führer dadurch in eine für ihn unangenehme Situation kam, da er Angst
davor hatte, als kurdischer Verräter zu gelten, sollte er der Polizei helfen.
Es ist jedoch festzuhalten, dass die Polizei, als er sich weigerte, ihr zu hel-
fen, ihm lediglich mitteilte, sie werde ihn im Auge behalten und ihn wieder
gehen liess. Da der Beschwerdeführer erst im August 2017 aus der Türkei
ausreiste, kann entgegen seiner Behauptung in der Beschwerde nicht ge-
sagt werden, er habe seine Heimat nach diesem Ereignis «fluchtartig» ver-
lassen. Bezüglich der Zeit nach dem Dezember 2016 und bis zur Ausreise
im August 2017 macht der Beschwerdeführer keine weiteren Vorkomm-
nisse mit den türkischen Sicherheitsbehörden geltend und sagt aus, er
habe nichts mehr von den Behörden gehört. Er sagt ausdrücklich, er sei
seit der Verbüssung seiner Haftstrafe nie angezeigt worden und es sei nie
ein Verfahren gegen ihn eröffnet worden (Protokoll der summarischen Be-
fragung in SEM-Akte B6/17 S. 12). Damit liegen keine konkreten Hinweise
dafür vor, dass der Beschwerdeführer bei seiner Ausreise aus der Türkei
aufgrund der Beschuldigung durch L. einer flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgung ausgesetzt gewesen wäre.
6.5.3 Schliesslich ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer und seine
Familie im August 2017 legal und mit eigenen Pässen aus der Türkei aus-
reisten. Dies deutet darauf hin, dass die Behörden zu diesem Zeitpunkt
nicht aktiv nach dem Beschwerdeführer suchten oder er nicht unter beson-
derer Beobachtung stand. Zudem zeugt dieses Verhalten wiederum nicht
von einer besonders ausgeprägten Verfolgungsfurcht des Beschwerdefüh-
rers.
6.6 Zusammengefasst hatte der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner
Ausreise aus der Türkei im August 2017 zwar eine – aufgrund seiner frühe-
ren Erlebnisse nachvollziehbare – Furcht davor, als ehemaliger und verur-
teilter PKK-Kämpfer von den türkischen Behörden der Nähe zur PKK ver-
dächtigt zu werden und dadurch Gefahr zu laufen, auch bei einem geringen
Verdacht einer Verfolgung ausgesetzt zu sein. Objektiv liegen jedoch keine
konkreten Hinweise dafür vor, dass der Beschwerdeführer sich damals im
Visier der türkischen Behörden befunden hätte: Seine Tätigkeiten für die
YDGH waren den Behörden nicht bekannt, er konnte sich unbehelligt zur
E-6993/2017
Seite 11
Polizei begeben und er konnte die Türkei legal verlassen. Es ist zwar nach-
vollziehbar, dass der Beschwerdeführer unter einem gewissen psychi-
schen Druck stand, da er einerseits aufgrund seiner Vergangenheit als
PKK-Kämpfer von den türkischen Behörden unter Beobachtung stand und
andererseits von den Kurden als eine Person angesehen wurde, die die
kurdische Sache nicht genügend unterstützt. Zudem bringt er vor, aufgrund
seiner Vorstrafe sei er an Checkpoints der türkischen Sicherheitskräfte ge-
nau kontrolliert worden und regelmässig auf einen Polizeiposten gebracht
worden. Diese Situation erreicht jedoch – so unangenehm sie für den Be-
schwerdeführer auch war – nicht das Mass eines unerträglichen psychi-
schen Druckes im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG, zumal der Beschwerde-
führer wie dargelegt keine konkreten Verfolgungshandlungen einer flücht-
lingsrechtlich relevanten Intensität erlitten hat.
Es ist damit nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei sei-
ner Ausreise aus der Türkei eine objektive begründete Furcht vor einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung durch die türkischen Behörden
hatte.
6.7 Der Beschwerdeführer macht auch geltend, er fürchte sich davor, von
der PKK als Verräter angesehen zu werden und deshalb verfolgt zu wer-
den. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die Aussagen des Beschwerde-
führers nachvollziehbar erscheinen, er sei nach seiner Haftumwandlung
aufgrund des Reuegesetzes von der kurdischen Gesellschaft und insbe-
sondere von PKK-Sympathisanten als Verräter angesehen worden. Gleich-
zeitig macht der Beschwerdeführer jedoch keinerlei konkrete Verfolgungs-
handlungen von Seiten der PKK oder der YDGH geltend. Auch als er und
seine Brüder aufgrund der Anzeige von H. bei der Polizei ins Visier der
YDGH gerieten, gingen die Handlungen der YDGH nicht über Ermahnun-
gen und Aufforderungen, die Anzeige zurückzuziehen, hinaus. Zudem
stand der Beschwerdeführer selber nicht im Mittelpunkt dieser Kontro-
verse, auch wenn er über seine familiäre Bande mit H. mitbetroffen war.
Schliesslich ist darauf zu verweisen, dass der Beschwerdeführer zusam-
men mit seinen Brüdern mehrere Jahre eine offenbar relativ erfolgreiche
(...)firma betrieb und später einen (...), was nicht darauf hindeutet, dass er
oder seine Familie von der kurdischen Gesellschaft ausgeschlossen oder
bedroht worden wären. Damit hatte der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt
seiner Ausreise aus der Türkei auch keine begründete Furcht vor einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung durch die PKK oder die YDGH.
E-6993/2017
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6.8 An diesen beiden Schlussfolgerungen ändern auch die gewalttätigen
und bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen türkischen Sicherheits-
kräften und PKK-Kämpfern zwischen Juli 2015 und Ende 2016 in kurdisch
dominierten Städten im Südosten der Türkei (unter ihnen die Stadt
G._ in der Provinz H._) nichts.
Im Juli 2015 brach der bewaffnete Konflikt zwischen türkischen Sicher-
heitskräften und kurdischen Kämpfern nach einer mehrjährigen Pause er-
neut aus. Der bewaffnete Konflikt wurde insbesondere in den kurdisch do-
minierten Städten in den südöstlichen Provinzen der Türkei ausgetragen
und erreichte dort seinen Höhepunkt im Winter 2015/2016. Von der PKK
unterstützte Jugendgruppen errichteten Barrikaden und Schützengräben
und riefen kurdische Selbstverwaltungszonen aus, bis die türkischen Si-
cherheitskräfte im Juni 2016 ihre Kontrolle über diese Gebiete wiederher-
stellten. Zwischen Juni 2015 und Ende 2016 kamen in diesen Kämpfen
über 2’500 Menschen ums Leben, unter ihnen über 350 Zivilisten. (...) (vgl.
zu diesen Ausführungen: International Crisis Group [ICG], Assessing the
Fatalities in Turkey’s PKK Conflict, 22. Oktober 2019, <https://www.crisis-
group.org/europe-central-asia/western-europemediterranean/turkey/as-
sessing-fatalities-turkeys-pkk-conflict>; ICG, Turkey’s PKK Conflict Veers
onto a More Violent Path, 10. November 2016, <https://www.crisis-
group.org/europe-central-asia/western-europemediterranean/turkey/tur-
keys-pkk-conflict-veers-more-violent-path>; ICG, Turkey’ PKK Conflict: A
Visual Explainer, <https://www.crisisgroup.org/content/turkeys-pkk-con-
flict-visual-explainer>, alle abgerufen am 21.04.2020).
Der Beschwerdeführer macht zwar geltend, er sei mit seiner Familie wäh-
rend sechs Monaten vor den Kämpfen in G._ in die Stadt I._
geflüchtet und danach wieder nach G._ zurückgekehrt. Er macht
jedoch nicht geltend, er sei aufgrund dieser Ereignisse ins Visier der türki-
schen Behörden oder der kurdischen Kämpfer geraten. Auch Auswirkun-
gen des Putschversuches von Teilen des türkischen Militärs im Juli 2016,
des darauffolgenden Ausnahmezustandes und der weitreichenden Verhaf-
tungen und Verurteilungen macht der Beschwerdeführer nicht geltend.
6.9 Damit ist zusammenfassend festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
bei seiner Ausreise aus der Türkei im August 2017 keine begründete Furcht
vor einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung hatte.
E-6993/2017
Seite 13
7.
7.1 Zweitens ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer heute bei einer Rück-
kehr in die Türkei begründete Furcht vor einer flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Verfolgung hätte.
7.2 Vorab ist festzuhalten, dass sich der bewaffnete Konflikt zwischen den
türkischen Sicherheitskräften und der PKK seit Mitte 2016 von den Städten
in eher ländliche Gebiete der Südosttürkei verlagert hat. Die meisten To-
desfälle konzentrierten sich seither auf die ländlichen Gebiete der südöst-
lichen Provinzen der Türkei, insbesondere die Provinzen Hakkari und
Sirnak, wobei dadurch gleichzeitig die Zahl ziviler Opfer stark abgenom-
men hat. Auch die staatlichen Verfolgungsmassnahmen – Ausgangssper-
ren, Einrichtung von Sondersicherheitszonen, Verfolgung von PKK-Mitglie-
dern, Stationierung von Soldaten, Ausschaltung von Kämpfern – konzent-
rieren sich auf ländliche Gebiete (vgl. zum Ganzen: ICG, Assessing the
Fatalities, a.a.O.; ICG, A Visual Explainer, a.a.O.). Entsprechend hat sich
die Gefahr, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach
G._ ins Visier der türkischen Sicherheitsbehörden geraten könnte,
seit seiner Ausreise 2017 nicht erhöht.
7.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, im Dezember 2017 seien zwei
seiner Brüder von der Polizei vorgeladen worden. Sie hätten im Zusam-
menhang mit (...) ihre Fingerabdrücke abgeben müssen. Zudem seien sie
gefragt worden, wo der Beschwerdeführer sich aufhalte, worauf sie geant-
wortet hätten, er sei in Europa (Beschwerdeergänzung vom 3. April 2018
S. 2). Zudem machte der Beschwerdeführer im Dezember 2018 geltend,
sein Bruder H. unterstehe aufgrund eines laufenden Strafverfahrens einer
wöchentlichen Meldepflicht bei den türkischen Behörden (Replik vom 3.
Dezember 2018 S. 2). Zum Beleg reichte er Fotos von drei türkischspra-
chigen Dokumenten ein, ohne diese zu übersetzen oder auszuführen, um
was für Dokumente es sich dabei handelt. Er machte auch weder Ausfüh-
rungen dazu, welche Straftaten H. zur Last gelegt werden, noch dazu, seit
wann das Verfahren laufe oder wie es sich seit Ende 2018 entwickelt habe.
Er bringt auch nicht vor, inwiefern diese Vorbringen mit ihm im Zusammen-
hang stehen und eine Gefährdung für ihn darstellen könnten. Es liegen da-
mit keine Hinweise dafür vor, dass diese Vorbringen, die beide die Brüder
des Beschwerdeführers betreffen und nicht ihn selbst, eine Gefährdung für
den Beschwerdeführer darstellen könnten.
E-6993/2017
Seite 14
7.4 Damit ist insgesamt festzuhalten, dass der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr in die Türkei keiner flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungs-
gefahr ausgesetzt wäre. Er erfüllt die Flüchtlingseigenschaft damit nicht.
Da weder die Beschwerdeführerin noch die Kinder eigene Fluchtgründe
geltend machen, erfüllen auch sie die Flüchtlingseigenschaft nicht. Ihre
Asylgesuche sind entsprechend abzuweisen.
8.
Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie darauf nicht ein, so
verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; sie berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie.
Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, jeweils m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft: Sie sind zu beweisen, wenn der
strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu ma-
chen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein
Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr
läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (flüchtlings-
rechtliches Refoulementverbot; Art. 33 Abs. 1 FK und Art. 5 Abs. 1 AsylG).
Zudem darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden (menschenrechtliches Refou-
lementverbot; Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 EMRK und Art. 3 des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]).
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Seite 15
Da es den Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrecht-
lich relevante Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, findet
das flüchtlingsrechtliche Refoulementverbot vorliegend keine Anwendung.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in der
Türkei lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un-
zulässig erscheinen. Entsprechend ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der flüchtlingsrechtlichen als auch der menschenrechtlichen Best-
immungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
Sind Kinder von einem Wegweisungsvollzug betroffen, bildet das Kindes-
wohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung einen Gesichtspunkt von ge-
wichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich insbesondere aus einer völker-
rechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Lichte von Art. 3
Abs. 1 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes vom 20. Novem-
ber 1989 (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindswohls sind sämtli-
che Umstände zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesent-
lich erscheinen, namentlich das Alter des Kindes, dessen Reife und Abhän-
gigkeit, die Art der Beziehung zu Bezugspersonen (Nähe, Intensität, Trag-
fähigkeit), die Eigenschaften der Bezugspersonen (insbesondere Unter-
stützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich der
Entwicklung und Ausbildung des Kindes sowie der Grad der erfolgten In-
tegration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade die Dauer
des Aufenthaltes in der Schweiz ist im Hinblick auf die Prüfung der Chan-
cen und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als
gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem
vertrauten Umfeld herausgerissen werden sollten. Dabei ist aus entwick-
lungspsychologischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld
des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch
dessen übrige soziale Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann
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eine reziproke Wirkung im Sinne einer Entwurzelung im Heimatland haben,
die unter Umständen die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt
(BVGE 2009/51 E. 5.6; 2009/28 E. 9.3.2 je m.w.H.)
9.3.2 Seit Juli 2015 sind der türkisch-kurdische Konflikt und die bewaffne-
ten Auseinandersetzungen zwischen der PKK und staatlichen Sicherheits-
kräften im Südosten des Landes wieder aufgeflammt (vgl. E. 6.8). Von den
gewaltsamen Auseinandersetzungen betroffen waren von Juli 2015 bis
Ende 2016 neben den Provinzen Hakkari und Sirnak – bei denen das Bun-
desverwaltungsgericht seit längerer Zeit von der generellen Unzumutbar-
keit des Vollzugs von Wegweisungen ausgeht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6) –
weitere Gebiete im Südosten der Türkei, darunter auch die Heimatprovinz
der Beschwerdeführenden, H._. Es ist aber nicht von einer landes-
weiten Situation allgemeiner Gewalt oder von bürgerkriegsähnlichen Ver-
hältnissen auf dem gesamten Staatsgebiet der Türkei auszugehen (vgl.
auch das Referenzurteil des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018, E.
7.3).
Seit Ende 2016 hat sich der Brennpunkt der aktuellen Phase des türkisch-
kurdischen Konflikts in die ländlichen Gebiete der Südosttürkei verlagert.
Entsprechend hat sich die Lage in den Städten der Südosttürkei, inklusive
G._, seither beruhigt (vgl. E. 7.2). Trotzdem ist die allgemeine Si-
cherheitslage in der Provinz H._ weiterhin als volatil zu bezeichnen.
Seit Anfang 2017 kamen in der Provinz H._ noch ca. 80 Menschen
ums Leben. Während den Kämpfen zwischen türkischen Sicherheitskräf-
ten und PKK-Kämpfern in den Jahren 2015 und 2016 wurden gewisse
Stadtteile von G._, der Heimatstadt der Beschwerdeführenden, teil-
weise zerstört. Seither hat der Staat in diesen Gebieten neue Wohnge-
bäude erstellen lassen (vgl. [...]).
9.4 Die Beschwerdeführenden verweisen in der Beschwerde pauschal da-
rauf, G._ sei zerstört worden. Sie machen jedoch keine Ausführun-
gen dazu, inwiefern sie und ihre erweiterte Familie konkret von den Zerstö-
rungen betroffen waren und weiterhin sind. Die Beschwerdeführenden leb-
ten nach ihrer Rückkehr aus der Stadt I._ im August 2016 noch gut
ein Jahr in G._ und machen nicht geltend, sie hätten in dieser Zeit
keine Unterkunft gehabt. Zudem hatte der Beschwerdeführer in dieser Zeit
zusammen mit seinen Brüdern einen (...). Es ist damit davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr in die Türkei in
G._ wieder eine Unterkunft finden können. Die Beschwerdeführen-
den haben in G._ zahlreiche Familienangehörige, insbesondere
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Seite 17
drei Brüder und drei Schwestern des Beschwerdeführers und deren Vater.
Es ist davon auszugehen, dass diese ihnen bei der Reintegration behilflich
sein können, insbesondere bei der Suche nach einer Unterkunft und einem
wirtschaftlichen Auskommen. Es ist auch davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer nach seiner Rückkehr wirtschaftlich wieder Fuss fassen
kann, betrieb er doch zusammen mit seinen Brüdern bereits zwei Ge-
schäfte. Sollten die Beschwerdeführenden nicht nach G._ zurück-
kehren wollen, steht ihnen zudem die Möglichkeit offen, sich in J._,
niederzulassen, wo die Eltern und mehrere Geschwister der Beschwerde-
führerin leben.
Die Kinder der Beschwerdeführenden sind zum Zeitpunkt des vorliegenden
Urteils (...), (...), (...) und (...) Jahre alt. Sie befinden sich seit September
2017 in der Schweiz, mithin seit zweieinhalb Jahren. Es ist nicht zu über-
sehen, dass sich die Kinder bei der Rückkehr nach G._ wieder an
die dortige Umgebung werden anpassen müssen. Die beiden jüngeren
Kinder sind jedoch noch in einem Alter, in dem die Eltern die primären Be-
zugspersonen sind, weshalb nicht davon auszugehen ist, dass bei ihnen in
der Schweiz soziale Beziehungen entstanden sind, deren Bruch eine Rein-
tegration in der Türkei erschweren würde. Die beiden älteren Kinder gehen
seit Januar 2018 in der Schweiz zur Schule. Insbesondere der (...)-jährige
Sohn hat sich in den zweieinhalb Jahren in der Schweiz sicherlich ein ge-
wisses soziales Umfeld aufgebaut. Trotzdem ist auch bei ihm nicht davon
auszugehen, dass die Rückkehr in die Türkei dem Kindeswohl widerspre-
chen würde, stellt doch die zweieinhalbjährige Abwesenheit von der Türkei
keine besonders lange Dauer dar. Die Beschwerdeführenden machen
keine weiteren Ausführungen zum Kindewohl. Insgesamt spricht damit das
Kindeswohl nicht entscheidend gegen die Zumutbarkeit einer Rückkehr in
die Türkei.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung als zumut-
bar.
9.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
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9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Die Verfahrenskosten sind in der Regel der unterliegenden Partei auf-
zuerlegen. Da den Beschwerdeführenden die unentgeltliche Prozessführung
gewährt worden ist, sind keine Kosten zu erheben (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
11.2 Dem vom Gericht bestellten amtlichen Rechtsbeistand der Beschwer-
deführenden ist ein Honorar zu Lasten des Gerichts auszurichten (Art. 65
Abs. 5 VwVG und Art. 12 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2] i.V.m. Art. 8 ff VGKE). Der Rechtsbeistand reichte keine
Kostennote ein. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich indes auf-
grund der Aktenlage zuverlässig abschätzen, weshalb praxisgemäss auf
die Einholung einer solchen verzichtet wird (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In An-
wendung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der
massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) ist das amtliche Ho-
norar auf Fr. 2’400.– (inkl. Auslagen und MWSt; ausgehend von einem Auf-
wand von 10 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 220.–; dieser Stun-
denansatz für das Honorar des unentgeltlichen Rechtsbeistands ist dem
Rechtsvertreter bekannt; vgl. Instruktionsverfügung vom 5. Januar 2018)
festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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