Decision ID: 45a3eb32-f141-5c68-9623-c3210217c865
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie – suchte am 9. August 2016 im damaligen Empfangs- und Verfah-
renszentrum (EVZ) B._ um Asyl nach.
B.
B.a Am 17. August 2016 befragte ihn die Vorinstanz zu seiner Person, sei-
nem Reiseweg und summarisch zu seinen Asylgründen (Befragung zur
Person [BzP]). Am 24. Januar 2019 wurde er eingehend angehört (Anhö-
rung Bund).
B.b In Bezug auf seinen persönlichen Hintergrund und zu seinen Gesuchs-
gründen brachte der Beschwerdeführer vor, er sei in C._ (Distrikt
D._, Nordprovinz), geboren und in E._ (Distrikt D._,
Nordprovinz) aufgewachsen, wo er bis zur (...) Klasse auch die Schule be-
sucht habe. Er habe als (...), in der (...) und zuletzt als (...) gearbeitet. Im
(...) 2005 sei er von den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) zwangs-
rekrutiert worden. Er sei der Hilfseinheit zugeteilt worden und habe im Rah-
men seines Dienstes Bunker und Schützengräben ausgehoben. In der An-
hörung machte er zusätzlich geltend, er habe auch Essen verteilt, verletzte
Personen begleitet, Wache gehalten sowie Geld und Gold vergraben. Ge-
gen Kriegsende sei er mit Zivilisten weggegangen und habe bis im
(...) 2013 bei seinem Bekannten F._ in G._ (Distrikt
H._, Ostprovinz) gelebt, da er zunächst nicht gewusst habe, wo sich
seine Familie aufhalte. Im (...) 2013 habe er dann wieder zu seiner Frau
und seinem Kind gefunden und die letzten eineinhalb Jahre vor seiner Aus-
reise mit ihnen in I._ (Distrikt J._, Nordprovinz) gelebt. Im
(...) 2015 habe er auf der Strasse K._ getroffen, welcher früher in
einem LTTE-Volksladen gearbeitet habe. Dieser habe ihn an die Behörden
verraten. Daraufhin habe ihn das Criminal Investigation Department (CID)
in der Nachbarschaft und einige Tage später auch bei seinem Schwieger-
vater gesucht. Er sei deshalb am (...) 2016 mit Hilfe eines Schleppers und
einem gefälschten Pass vom Flughafen L._ aus in die Türkei geflo-
hen. Via Bulgarien und Ungarn sei er schliesslich am 9. August 2016 mit
dem Auto illegal in die Schweiz eingereist.
B.c Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerdefüh-
rer zum Beleg seiner Identität eine beglaubigte Kopie seiner Geburtsur-
kunde sowie eine Kopie der Geburtsurkunde seiner Frau und seines Kin-
des zu den Akten.
D-5831/2019
Seite 3
C.
Mit Verfügung vom 2. Oktober 2019 – eröffnet am 10. Oktober 2019 – ver-
neinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
4. November 2019 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und be-
antragte, die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Zuerkennung
der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl in der Schweiz.
Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen und subeventualiter sei die Unzulässigkeit und/oder Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme
zu verfügen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und die Beiordnung von Rechtsanwalt MLaw Rajee-
van Linganathan als amtlichen Rechtsbeistand.
Der Beschwerde lag – nebst einer Kopie der angefochtenen Verfügung und
einer Anwaltsvollmacht vom 1. November 2019 – eine Bestätigung der
Fürsorgeabhängigkeit der (...) vom 21. Oktober 2019 bei.
E.
Mit Schreiben vom 6. November 2019 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 19. November 2019 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut,
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte den
rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein. Gleichzeitig
wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
G.
Das SEM nahm in seiner Vernehmlassung vom 28. November 2019 zur
Beschwerde Stellung.
H.
Die Instruktionsrichterin stellte dem Beschwerdeführer die Vernehmlas-
sung am 29. November 2019 zu und räumte ihm die Gelegenheit zur Rep-
lik ein.
D-5831/2019
Seite 4
I.
Der Beschwerdeführer replizierte innert erstreckter Frist mit Eingabe vom
9. Januar 2020 und reichte einen handschriftlich verfassten Brief mit deut-
scher Übersetzung, eine Wohnsitzbestätigung des (...), ein Bestätigungs-
schreiben des Demokratischen Vereins der Ex-LTTE-Kämpfer inklusive
deutscher Übersetzung, diverse Sri-Lanka betreffende Medienartikel sowie
eine Honorarnote zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes (AsylG) vom
26. Juni 1998 in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Ver-
fahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31]).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde le-
gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/25 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde wurden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
D-5831/2019
Seite 5
Der Beschwerdeführer rügte zunächst eine unvollständige und unrichtige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts respektive eine willkürliche
Sachverhaltsfeststellung sowie eine unkorrekte Würdigung von vorge-
brachten Tatsachen und Beweismitteln durch die Vorinstanz. Überdies
habe das SEM das rechtliche Gehör verletzt, indem es unterlassen habe,
seine Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und angemes-
sen bei seiner Entscheidfindung zu berücksichtigen. Des Weiteren wurde
in der Beschwerde behauptet, der Befragungsprozess in der BzP und An-
hörung sei mangelhaft gewesen und habe nicht den Vorgaben des rechtli-
chen Gehörs entsprochen. So habe zwischen den beiden Befragungen ein
Zeitraum von mehr als zweieinhalb Jahren gelegen, was dazu geführt
habe, dass der Sachverhalt von verschiedenen Beamten analysiert worden
sei und die konkreten Fragestellungen nicht zielorientiert gewesen seien.
Ferner weise der Beschwerdeführer ein sprachliches Defizit auf, sodass
die Durchführung einer "Standardbefragung" allein nicht genüge. Das SEM
habe trotz erkennbarer Anzeichen einer Sprachbarriere auf das Herbeizie-
hen einer fachkundigen Person verzichtet und die Befragung nicht seiner
individuellen Situation angepasst. Ferner machte der Beschwerdeführer
geltend, das SEM habe keine konkrete Beurteilung seines Falles anhand
von Risikofaktoren vorgenommen und es gehe aus der Verfügung nicht
hervor, inwiefern im konkreten Fall nach dem Machtwechsel die Wegwei-
sung zulässig sei. Schliesslich habe es keine individuelle Prüfung der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorgenommen.
3.2
3.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1;
BVGE 2013/23 E. 6.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen widerlegt (vgl. BGE 136 I 184
E. 2.2.1).
3.2.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1
Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfü-
gung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder
Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle
D-5831/2019
Seite 6
für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt wer-
den (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.3
3.3.1 Der Umstand, dass der Beschwerdeführer hinsichtlich der Glaubhaf-
tigkeit seiner Aussagen zu einer anderen Auffassung gelangt als die
Vorinstanz, stellt weder eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Ge-
hör noch eine unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts
dar. Die Glaubhaftigkeit der Vorbringen ist vielmehr im Rahmen der mate-
riellen Beurteilung zu prüfen, weshalb diesbezüglich auf die nachfolgenden
Erwägungen zu verweisen ist. Sodann ist nicht ersichtlich, inwiefern der
Sachverhalt vom SEM nicht vollständig abgeklärt worden wäre; die Be-
schwerde liefert hierfür denn auch keine Anhaltspunkte. Die Rüge der un-
richtigen beziehungsweise willkürlichen Sachverhaltsfeststellung und Be-
weiswürdigung scheint sich im Resultat auf die von der Vorinstanz vorge-
nommene Glaubhaftigkeitsprüfung zu beziehen, was eine Frage der mate-
riellen Würdigung ist. Dass dies durch das SEM willkürlich geschehen
wäre, ist klar nicht zu erkennen, zumal sich das Gericht – wie nachfolgend
ausgeführt wird – den vorinstanzlichen Erwägungen anschliesst.
3.3.2 Weiter ist nicht ersichtlich, weshalb der Umstand, dass während des
Verfahrens unterschiedliche Personen das Asylgesuch bearbeitet haben,
für den Beschwerdeführer negative Auswirkungen gehabt haben soll. Er
legt denn auch nicht näher dar, welche Fragen nicht zielorientiert gewesen
seien und inwiefern ihm daraus, dass ihm diese gestellt worden seien, ein
Nachteil erwachsen sei. Aus dem Anhörungsprotokoll ergeben sich keine
Hinweise darauf, dass der Befragungsstil unangemessen gewesen und er
systematisch nach unwesentlichen Sachverhaltselementen gefragt worden
wäre.
3.3.3 Es ist zwar zutreffend, dass der Dolmetscher zu Beginn der Anhörung
eine einmalige Bemerkung machte und dabei darauf hinwies, dass der Be-
schwerdeführer grundsätzlich Probleme mit dem Sprechen habe und even-
tuell ein Defizit haben könnte (vgl. SEM-Akte A/18, F16). Aus dem Proto-
koll sind jedoch keine Verständigungsschwierigkeiten ersichtlich. Der Be-
fragungsstil anlässlich der Anhörung erscheint allfälligen Problemen, wel-
che der Beschwerdeführer beim Verständnis von Fragen oder bei der Ein-
ordnung von Sachverhaltselementen gehabt haben könnte, angepasst.
Ihm wurde jeweils die Möglichkeit eingeräumt, präzisierende Angaben zu
machen sowie zu widersprüchlichen und unklaren Aussagen Stellung zu
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Seite 7
nehmen (vgl. beispielsweise SEM-Akte A/18, F7, F13, F43, F93–96, F98
und F106). Er war denn auch in der Lage, der Anhörung zu folgen und die
ihm gestellten Fragen zu beantworten, ohne dass er im weiteren Verlauf
der Befragung reklamierte oder entsprechende Probleme geltend machte.
Seine Asylvorbringen gehen daraus klar hervor und es besteht damit kein
Zweifel an der Verwertbarkeit des Inhalts des Befragungsprotokolls. Nach
der Rückübersetzung bestätigte er dann unterschriftlich, dass das Protokoll
vollständig sei und seinen freien Ausführungen entspreche (vgl. SEM-
Akte A/18, S. 14). Bezeichnenderweise sah sich auch die während der An-
hörung anwesende Hilfswerkvertretung (HWV) nicht zu Beobachtungen,
Anmerkungen oder Einwänden in Bezug auf Übersetzungsprobleme ver-
anlasst (vgl. SEM-Akte A/18, Unterschriftenblatt der HWV gemäss Art. 30
Abs. 4 AsylG). Der Beschwerdeführer muss sich folglich auf seine Aussa-
gen an der BzP und der Anhörung und daraus allenfalls resultierende Un-
stimmigkeiten behaften lassen. Im Übrigen liegt bis zum heutigen Zeitpunkt
keine diagnostizierte Beeinträchtigung vor. Die Anhörung erweist sich als
korrekt durchgeführt.
3.3.4 Sodann sind die Rügen, es seien weder die Risikofaktoren noch die
individuelle Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs geprüft worden, klar
aktenwidrig. Das SEM hat in seiner Verfügung sowohl eine Prüfung der
Risikofaktoren unter Bezugnahme auf die einschlägige Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. dort E. II, Ziff. 5 der angefochtenen
Verfügung), als auch der individuellen Zulässigkeits- und Zumutbarkeitskri-
terien vorgenommen (vgl. a.a.O., E. III, Ziff. 1 und 2).
3.3.5 Schliesslich ist hinsichtlich des Vorwurfs, das SEM habe die verän-
derte allgemeine politische Sachlage seit November 2019 und die damit
einhergehende erhöhte Verfolgungsgefahr nicht gewürdigt, sich auf nicht
mehr aktuelle Länderanalysen und Informationen gestützt sowie UN-Be-
richte nicht korrekt gewürdigt, festzuhalten, dass sich die Vorinstanz sehr
wohl mit der aktuellen Lage in Sri Lanka auseinandersetzte und die am
16. November 2019 erfolgten Präsidentschaftswahlen und deren Folgewir-
kungen berücksichtigte. Inwiefern dies, wie gerügt, "nicht gebührend" ge-
schehen sei, wurde nicht ausgeführt. Allein darin, dass die Vorinstanz aus
sachlichen Gründen zu einer anderen Würdigung der Vorbringen (inklusive
Risikoanalyse) gelangt und in seiner Länderpraxis zu Sri Lanka einer an-
deren Linie folgt als der Beschwerdeführer, liegt weder Verletzung der Un-
tersuchungspflicht, eine ungenügende oder falsche Sachverhaltsfeststel-
lung noch eine Verletzung der Begründungs- beziehungsweise Beweiswür-
digungspflicht vor. In der Beschwerde wird im Übrigen keine individuelle
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Seite 8
Gefährdung aufgrund der Änderung der aktuellen Sicherheitslage glaub-
haft gemacht.
3.4 Die formellen Rügen erweisen sich insgesamt als unbegründet, wes-
halb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzu-
heben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der ent-
sprechende Beschwerdeantrag ist somit abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7
Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an
das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dar-
gelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. beispielsweise BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen
an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG, noch denjenigen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG stand.
Zur Begründung führte sie aus, er habe den schweizerischen Asylbehör-
den weder Identitätspapiere noch einen Reisepass übergeben, so dass
seine Identität, die effektiven Reisedaten sowie die tatsächliche Reiseroute
nicht feststehen würden. Obwohl er gemäss eigenen Angaben in Sri Lanka
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Seite 9
eine Identitätskarte habe, liege bis dato lediglich seine Geburtsurkunde vor,
bei welcher es sich nicht um ein rechtsgenügliches Identitätspapier handle.
Weiter stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer habe den zentralen
Sachverhalt, wonach er für die LTTE Geld und Gold vergraben habe und
dies auch der Grund für die Denunziation durch N._ und das Inte-
resse des CID an ihm gewesen sei, in der BzP mit keinem Wort erwähnt.
Sein Einwand, dass er anlässlich der Erstbefragung nicht im Detail befragt
und immer wieder unterbrochen worden sei, sei nicht fundiert. Ferner wür-
den seine Erzählungen betreffend die Wiederbegegnung mit N._,
das Vergraben des LTTE-Vermögens und die Verfolgung durch das CID in
wesentlichen Punkten unlogisch erscheinen. Auch seine oberflächlichen
Schilderungen des Vergrabens des LTTE-Vermögens, des Kriegsendes
und der Verfolgung durch das CID würden keine Details enthalten und so
wirken, als habe er dies nicht selber erlebt. Die erwähnten Personen
F._ und O._ seien profillose Personen ohne jegliche Attri-
bute, welche nur der Erzählung zu dienen schienen. Selbst unter Berück-
sichtigung der Tatsache, dass er lediglich (...) Jahre zur Schule gegangen
sei und zwischen den angeblichen Vorfällen und den einzelnen Befragun-
gen mehrere Jahre liegen würden, könne erfahrungsgemäss von Perso-
nen, die von tatsächlich erlebten Ereignissen berichten, vorausgesetzt wer-
den, dass sie diese ausführlicher, mit erkennbarem Realitätsbezug, per-
sönlicher Betroffenheit und klaren Realkennzeichen darlegen würden. Dies
sei ihm jedoch nicht gelungen. Aus diesen Gründen seien seine Asylvor-
bringen nicht glaubhaft.
Da der Beschwerdeführer bis im (...) 2016 in Sri Lanka gewohnt habe,
habe er also nach Kriegsende noch gut sechs Jahre in seinem Heimatstaat
gelebt. Allfällige, im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende Risikofaktoren
hätten folglich kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behör-
den auszulösen vermocht. Es sei aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich,
weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in den Fokus der
Behörden geraten und in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte. Dem-
nach sei die Flüchtlingseigenschaft zu verneinen und das Asylgesuch ab-
zulehnen.
Eine Rückkehr nach Sri Lanka sei zulässig und zumutbar, wobei auch die
aktuelle politische Lage nichts ändern würde. Schliesslich seien keine indi-
viduellen Gründe ersichtlich, welche einen Vollzug der Wegweisung unzu-
mutbar erscheinen liessen.
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Seite 10
5.2 Demgegenüber wendete der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitte-
leingabe ein, soweit die Vorinstanz moniere, dass er den Sachverhalt mit
dem Vergraben von Geld und Gold anlässlich der BzP mit keinem Wort
erwähnt habe, sondern erst in der späteren Anhörung geschildert habe,
habe diese eine kontextwidrige Interpretation vorgenommen. Er habe näm-
lich im Rahmen der BzP seine Aufgabenpalette dargelegt und erklärt, dass
der Asylgrund in seinen Aktivitäten bei der LTTE liege, welche er beschrie-
ben habe. Weiter habe er N._ im Einsatz für eine Rebellengruppe
während der Kriegszeit kennengelernt. In Bezug zum kognitiven Erinne-
rungsvermögen sei offensichtlich, dass unter solchen Umständen ge-
schlossene "Kameradschaften" nicht vergessen gehen würden, weshalb
es entgegen der Ansicht des SEM nicht unwahrscheinlich sei, dass er sei-
nen Denunzianten nach rund acht Jahren wiedererkenne. Weiter sei ihm
nie bestätigt worden, aus welchem Grund er verraten worden sei. Er habe
allein von Drittpersonen die Information erhalten, dass es sich bei
N._ um einen Spitzel handle, welcher Leute mit LTTE Hintergrund
denunziere. Für ihn sei einzig klar, dass er seit einem gewissen Zeitpunkt
nach dem Treffen mit N._ von Angehörigen des CID verfolgt werde.
Alsdann wurde in der Beschwerdeschrift im Einzelnen Stellung zu den Ein-
wänden des SEM betreffend die Tätigkeit des Beschwerdeführers bei der
LTTE genommen.
Der Beschwerdeführer sei aufgrund seiner heiklen Tätigkeit für die LTTE
ins Visier des Staatsapparates gelangt. Nach dessen Ansicht würden Per-
sonen mit seinem Profil eine Gefahr für den Einheitsstaat darstellen, weil
er Interna der LTTE kenne und sich mit seinem Wissen massgeblich für am
Wiederaufbau einer Unabhängigkeitsbewegung beteiligen könnte. Auch
könnten Mitglieder des Staatsapparates private Motive haben, um ihn zu
beseitigen. Gerade die Tatsache, dass das CID ihn nun mehrmals zu
Hause gesucht habe, ohne dass bisher ein gerichtlicher Haftbefehl ergan-
gen sei, spreche für den Plan, dass mit ihm ein inoffizielles Vorgehen ge-
plant sei. Bereits die Tatsache, dass er aus Sicht des Staatsapparates bis-
her negativ aufgefallen sei, begründe die asylrelevante Verfolgung. Bei
zahlreichen untersuchten Hafteinrichtungen in Sri Lanka sei erwiesen wor-
den, dass Häftlinge unter Folter Taten gestanden hätten, die sie nicht ver-
übt hätten. Bei diesem weit verbreiteten Vorgehen wäre der Beschwerde-
führer mit Sicherheit dem gleichen Schicksal ausgeliefert, insbesondere da
es sich bei ihm um eine Person mit LTTE-Verbindung handle, deren Rechte
unter dem Prevention of Terrorism Act (PTA) ohnehin schon drastisch be-
schnitten seien und er Kenntnis von LTTE-Interna habe. Damit sei nachge-
wiesen worden, dass er eine asylrelevante Verfolgung zu befürchten habe,
D-5831/2019
Seite 11
sollte er in den Heimatstaat zurückgeschafft werden. Es sei von vergleich-
baren Fällen bekannt, dass der Staatsapparat zusammen mit paramilitäri-
schen Gruppen tamilische Personen, welche der LTTE nahestehen oder
vormals LTTE-Mitglieder gewesen seien beziehungsweise unterstützt hät-
ten, systematisch behellige, willkürlich verhafte, verschwinden lasse und
Lösegelder erpresse. Der Beschwerdeführer entspreche mithin dem Risi-
koprofil, welches das Bundesverwaltungsgericht definiert habe. Seit dem
26. Oktober 2018 habe der ehemalige Präsident Mahinda Rajapaksa fak-
tisch wieder die Macht in der Hand. Während dessen letzter Amtszeit seien
massive Menschenrechtsverletzungen begangen worden und ein Motiv für
die erneute Machtergreifung sei es, die Aufklärung von Kriegsverbrechen
zu verhindern. Zwar sei Rajapaksa kürzlich offiziell wieder zurückgetreten,
jedoch seien unabhängige Medien überzeugt, dass er bis zu den nächsten
Präsidentschaftswahlen im Hintergrund die Fäden ziehen werde. Er ver-
weise hierzu auf einen NZZ-Bericht vom 16. Dezember 2018. Personen mit
seinem Profil seien deshalb weiterhin ein Dorn im Auge der sri-lankischen
Regierung und würden im Rahmen von geheimen "Säuberungsaktionen"
beseitigt. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) zeige in einem Bericht
vom 12. Januar 2018 auf, dass es im Distrikt D._ zu Entführungen
tamilischer Personen mit LTTE-Verbindungen gekommen sei. Weiter
wurde hinsichtlich der generellen Gefährdungslage bei bestehendem Ver-
dacht der Unterstützung der LTTE auf den Bericht der SFH vom 18. De-
zember 2016 sowie auf die E. 8.5.3 des Referenzurteils des BVGer
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 verwiesen. Der Beschwerdeführer erfülle
die Voraussetzungen der persönlichen Verfolgung und gehöre zudem zur
sozialen Gruppe der abgewiesenen tamilischen Asylgesuchsteller, welche
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
systematisch aufgrund eines Generalverdachts der Unterstützung der
LTTE durch die sri-lankischen Behörden verhaftet, unter Anwendung von
Folter und auch auf unbestimmte Zeit inhaftiert bleiben würden. Bezüglich
der Methoden des sri-lankischen Staats bei Verdacht auf Unabhängigkeits-
bestrebungen wurde sodann auf Berichte des UN-Menschenrechtsrats und
des CAT aus den Jahren 2017 und 2018 und hinsichtlich der Lage ehema-
liger Mitglieder der LTTE auf den Bericht "Focus Sri Lanka vom
15. März 2019" des SEM verwiesen. Zusammenfassend weise er also ein
Profil auf, welches ihn gemäss der aktuellen Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts und weiterer Ressourcen höchster Glaubwürdigkeit
bei einer Rückkehr insbesondere aufgrund des Inkrafttretens des PTA,
nach Sri Lanka in asylrelevanter Weise in Gefahr bringen würde. Bei ihm
würden daher mehrere kumulierte Gründe vorliegen, welche die asylrele-
vante Verfolgung nachweisen würden.
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Seite 12
Der Subeventualantrag, wonach der Vollzug der Wegweisung als unzuläs-
sig respektive unzumutbar zu qualifizieren und der Beschwerdeführer vor-
läufig aufzunehmen sei, wurde damit begründet, dass das SEM keine kor-
rekte und vollständige Beurteilung der Zulässigkeit vorgenommen habe.
Sollte das Gericht die Flüchtlingseigenschaft verneinen, müsse anhand der
gut dokumentierten Ereignisse bei der Rückschaffung von tamilischen
Asylsuchenden festgehalten werden, dass alle nach Sri Lanka zurückge-
schafften tamilischen Asylbewerber mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
jederzeit Opfer einer Verhaftung sowie von Verhören unter Anwendung von
Folter werden könnten. Angesichts seiner Vorgeschichte bestehe die Ge-
fahr einer Verfolgung. Sodann lägen klare Hinweise dafür vor, dass er bei
einer Rückkehr konkret gefährdet wäre, weshalb der Wegweisungsvollzug
auch unzumutbar sei. Neben dem Risiko, dass zurückkehrende Tamilinnen
und Tamilen bereits am Flughafen Verhaftungen und Verhören ausgesetzt
seien, bestehe auch die Gefahr, zu einem späteren Zeitpunkt Opfer von
Behelligungen, Belästigungen und Misshandlungen zu werden.
5.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, die
Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Be-
weismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könn-
ten.
5.4 In seiner Replik brachte der Beschwerdeführer vor, die LTTE hätten
absichtlich Leute für Hilfstätigkeiten ausgewählt, denen es aufgrund ihrer
kognitiven Einschränkungen schwerfalle, über den Ort der versteckten Ver-
mögenswerte Auskunft zu geben. So habe sichergestellt werden können,
dass die Verstecke nicht wiedergefunden werden könnten. Des Weiteren
wurde geltend gemacht, aufgrund der Machtübernahme des Rajapaksa-
Clans am 17. November 2019 sowie der Entführung einer Mitarbeiterin der
Schweizerischen Botschaft in Colombo seien sämtliche durch das SEM
bisher herangezogene Berichte (wie Länderanalysen) nicht mehr aktuell
und könnten keine Entscheidgrundlage bilden, weshalb die Schweizer Be-
hörden nun endgültig gezwungen seien, die absolut unzumutbare Sicher-
heitslage in Sri Lanka zu überprüfen. Ferner wurde ausgeführt, dass ge-
mäss einem Bericht der UN-Working Group on Arbitrary Detention vom
23. Juli 2018 nach Sri Lanka zurückkehrende Tamilinnen und Tamilen,
nachdem sie im Ausland um Asyl ersucht oder gearbeitet hätten, verhaftet
worden seien. In manchen Fällen seien die Rückkehrenden geschlagen
worden und hätten nach ihrer Entlassung stets unter Aufsicht der Behörden
gestanden. Die Working Group fordere den sri-lankischen Staat in ihren
Empfehlungen folglich auf, in diesem Zusammenhang Untersuchungen
D-5831/2019
Seite 13
durchzuführen und Verantwortliche zu bestrafen. Zudem verlange die Wor-
king Group die sofortige und bedingungslose Freilassung von Opfern sol-
cher Gräueltaten, die Bekanntmachung deren rechtswidrigen Verhaftung
und die Zusprechung von Schadenersatz und/oder die Zusicherung des
Staates, dass solche Übergriffe auf sie nie wieder stattfinden. Angesichts
dessen und wegen seines Risikoprofils als Asylgesuchsteller mit tamili-
scher Abstammung und LTTE-Tätigkeit sowie mehrjähriger Auslandaufent-
halte, würden die Schweizer Behörden bei seiner Ausweisung nach Sri
Lanka gegen zwingendes Völkerrecht verstossen.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die vorinstanzliche Verfügung zu stützen ist. Das SEM hat
die Vorbringen des Beschwerdeführers zu Recht als den Anforderungen an
die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG nicht genügend erachtet.
Zur Vermeidung von Wiederholungen kann mit den nachfolgenden Ergän-
zungen auf die zutreffenden und ausführlichen Erwägungen der Vorinstanz
gemäss angefochtener Verfügung (vgl. dort E. II, Ziff. 1–3) sowie obiger
Zusammenfassung (vgl. E. 5.1 des vorliegenden Urteils) verwiesen wer-
den.
6.1.1 Vorliegend ist nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer im
(...) 2005 von den LTTE zwangsrekrutiert wurde. Seine diesbezüglichen
Ausführungen sind zwar nicht sehr detailreich, dafür durchgehend konsis-
tent und weitestgehend widerspruchsfrei. So erklärte er insbesondere,
dass er in die Hilfseinheit eingeteilt wurde, machte Angaben zur erhaltenen
Ausbildung und führte aus, wo er stationiert war (vgl. SEM-Akten A/6,
Ziff. 7.01 und A/18, F15 und F 44 f., F50–58). Obwohl in diesem Zusam-
menhang auch Unklarheiten bestehen (beispielsweise wie ihm als Mitglied
der Hilfseinheit im (...) 2009 die Flucht gelang [vgl. SEM-Akte A/18, F60,
F61 und F62]) ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer ab 2005
bis 2009 bei den LTTE gewesen ist, ohne jedoch an Kämpfen teilgenom-
men zu haben. Dies scheint denn auch die Vorinstanz in der angefochte-
nen Verfügung nicht in Abrede zu stellen.
Anders verhält es sich demgegenüber mit seinen konkreten (Hilfs-) Tätig-
keiten für die LTTE. In der BzP machte er hierzu geltend, er habe Aufgaben
wie das Ausheben von Bunkern und Schützengräben erledigt (vgl. SEM-
Akte A/6, Ziff. 7.01). Entgegen den Ausführungen in der Beschwerde ist
dem Protokoll nicht zu entnehmen, dass er angab, auch Dinge transportiert
oder vergraben zu haben. Erst in der Anhörung führte er präzisierend aus,
D-5831/2019
Seite 14
Bunker gegraben, Essen verteilt, Wache gehalten und im Oktober 2007
Geld und Gold vergraben zu haben (vgl. SEM-Akte A/18, F18, F42 und
F74). Darauf angesprochen, weshalb er das Vergraben von Vermögens-
werten nicht bereits in der Erstbefragung erwähnt habe, erklärte er zu-
nächst, er sei bei seinen Schilderungen immer wieder unterbrochen wor-
den. Auf erneuten Vorhalt, gab er dann ausweichend zur Antwort, es sei
auch nicht so genau gefragt worden und er habe angenommen, dass er
beim letzten Interview alles detailliert erzählen könne (vgl. SEM-Akte A/18,
F93 ff.). Es ist zwar festzuhalten, dass die Asylgründe bei der ersten Befra-
gung nur summarisch erhoben werden. Es handelt sich bei seiner Teil-
nahme am Vergraben von Geld und Gold für die LTTE jedoch um ein zent-
rales Sachverhaltselement. Zudem erfolgte die Befragung mit einer Dauer
von 90 Minuten (vgl. SEM-Akte A/6, Ziff. 9.03) einerseits ohne Zeitdruck
und andererseits wurden seine Gesuchsgründe vergleichsweise ausführ-
lich erhoben (vgl. SEM-Akte A/6, Ziff. 7.01). Es wäre ihm somit ohne Wei-
teres möglich gewesen, bei der entsprechenden Frage diese Tätigkeit zu
erwähnen. Dadurch, dass der Beschwerdeführer in seinem mit der Replik
eingereichten, undatierten, handschriftlich verfassten Schreiben seinen
Aufgabenbereich bei den LTTE weiter präzisierte und insbesondere den
Ablauf des Verpackens und Vergrabens von Geld und Goldbarren noch
detaillierter beschrieb, entsteht überdies der Eindruck, dass er seine Vor-
bringen stetig anpasst. Insofern als er darin jedenfalls erneut neue, in den
Befragungen nicht erwähne Vorbringen und Ergänzungen darlegt, sind
diese als nachgeschoben zu betrachten, weshalb nicht weiter darauf ein-
zugehen ist. Im Übrigen brachte er auch keine Gründe vor, weshalb er
diese Ausführungen nicht bereits früher hätte geltend machen können.
6.1.2 In Bezug auf die geltend gemachte Verfolgung durch den CID fällt
zunächst auf, dass der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge nach
Verlassen der Hilfseinheit der LTTE im (...) 2009 jahrelang keinerlei Prob-
leme mit den heimatlichen Behörden gehabt habe, da niemand mitbekom-
men habe, dass er eine ehemalige Hilfskraft gewesen sei (vgl. SEM-Ak-
ten A/6, Ziff. 7.01 und A/18, F99). Erst ein paar Tage nachdem er
N._, welchen er letztmals im (...) 2007 in P._ während des
Verpackens von Geld und Goldbarren im Rahmen seiner Tätigkeit für die
LTTE getroffen habe, auf der Strasse in Q._ wiedergesehen habe,
habe sich das CID ab (...) 2015 plötzlich nach ihm erkundigt. Als Grund für
das Interesse des CID an ihm, gab er anlässlich der BzP zu Protokoll,
N._ habe ihn an die sri-lankischen Behörden verraten und diesen
mitgeteilt, dass er für die LTTE gearbeitet habe. In der heutigen Situation
in Sri Lanka seien denn auch nur die rangniedrigen LTTE-Leute in Gefahr
D-5831/2019
Seite 15
(vgl. SEM-Akte A/6, Ziff. 7.01). Dagegen brachte er während der Anhörung
vor, N._ habe ihn wegen der vergrabenen Vermögenswerte der
LTTE an das CID verraten, welches nun wohl von ihm wissen wolle, wo die
Wertgegenstände versteckt worden seien (vgl. SEM-Akte A/18, F42, F71
und F90), wobei er von seinem Bekannten O._ wisse, dass
N._ bereits mehrere Personen verraten habe (vgl. SEM-Akte A/18,
F 69, F 78 und F 91). Damit sind bereits erhebliche Unstimmigkeiten in ei-
nem wesentlichen Punkt seiner Verfolgungsvorbringen festzustellen. An-
gesichts dessen, dass dieses angebliche Zusammentreffen mit N._
quasi der zentrale Moment darstellen soll, der seine behaupteten Probleme
mit den Behörden überhaupt erst ausgelöst haben soll, erstaunt weiter,
dass er dieses Wiedersehen und die genauen Umstände dieser Begeg-
nung nicht näher beschreibt (vgl. SEM-Akten A/6, Ziff. 7.01 und A/18, F42
und F69). Aufgrund der zentralen Bedeutung, die der Beschwerdeführer
diesem Ereignis beimisst, wäre zu erwarten gewesen, dass er sich detail-
liert an die örtlichen, zeitlichen und sonstigen Umstände dieses Zusam-
mentreffens erinnern und substantiierte Angaben dazu machen kann. Das
behauptete Zusammentreffen ist daher als nicht glaubhaft einzustufen. Als-
dann fallen seine Schilderungen zur angeblichen Suche des CID nach ihm
nicht nur widersprüchlich, sondern auch auffallend vage und oberflächlich
aus. In der BzP machte er diesbezüglich lediglich geltend, das CID sei im
(...) 2015 zwei Mal vorbeigekommen, wobei es sich einmal in der Nach-
barschaft und ein weiteres Mal bei seinem Schwiegervater über ihn erkun-
digt hätte. Dabei hätten die Beamten nach R._ gefragt, wobei dies
sein Rufname sei. Nach seiner Ausreise, als er sich noch in der Türkei auf-
gehalten habe, seien sie dann nochmals zu seinem Schwiegervater ge-
gangen, um nach ihm zu fragen (vgl. SEM-Akte A/6, Ziff. 7.01). In der An-
hörung führte er aus, drei oder vier Tage nachdem er N._ getroffen
habe, sei das CID zu ihm nach Hause gekommen. Auf entsprechende
Nachfrage erklärte er, sie hätten ihn zunächst in seiner Area respektive sei-
ner Nachbarschaft gesucht und sich dann bei seinem Schwiegervater nach
ihm erkundigt. Nach seiner Ausreise aus Sri Lanka seien sie dann ein wei-
teres Mal bei ihm zu Hause gewesen (vgl. SEM-Akte A/18, F42, F69, F86 f.
und F101). Somit konnte der Beschwerdeführer insgesamt nicht glaubhaft
machen, dass er wegen des Versteckens von Vermögenswerten im (...)
2007 ab (...) 2015 ins Visier der sri-lankischen Behörden geriet.
6.1.3 Der Vollständigkeit halber ist schliesslich festzuhalten, dass der Be-
schwerdeführer die ab (...) 2015 geltend gemachten Ereignisse auch mit
den weiteren auf Beschwerdeebene neu vorgelegten Beweismitteln nicht
D-5831/2019
Seite 16
zu belegen vermag. Vor dem Hintergrund, dass er angeblich nicht or-
dentlich aus der Hilfseinheit der LTTE entlassen wurde, erscheint äusserst
fraglich, wie er den Bestätigungsbrief der demokratischen aufständischen
Partei, gemäss welchem er angeblich weiterhin von der sri-lankischen Ar-
mee und dem Geheimdienst gesucht werde, erhältlich machen konnte.
Auch in der Replik machte er keine weitergehenden Angaben. Da es sich
zudem um eine leicht manipulierbare Kopie handelt, kommt dem Dokument
ohnehin kein hoher Beweiswert zu. Ferner hat auch die Wohnsitzbestäti-
gung des (...) für den Zeitraum 1995 bis 2005 keinen unmittelbaren Zu-
sammenhang mit seinen Asylvorbringen. Die besagten Dokumente sind
somit nicht geeignet, die Glaubhaftigkeit der Fluchtvorbringen zu bewirken
respektive eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung seitens des CID
zu belegen.
6.2 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende Vorver-
folgung nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Es ist dem-
nach nicht davon auszugehen, dass er ab (...) 2015 aufgrund seiner LTTE-
Vergangenheit erstmals von den heimatlichen Sicherheitsbehörden ge-
sucht worden sei. Entsprechend ist auch nicht anzunehmen, dass nach
seiner Ausreise weiterhin nach ihm gefragt wurde. Die Ausführungen auf
Beschwerdeebene und die in diesem Zusammenhang eingereichten Be-
weismittel sind nicht geeignet, den vorinstanzlichen Erwägungen etwas
Stichhaltiges entgegenzusetzen und zu einer anderen Beurteilung zu füh-
ren.
7.
7.1 Es bleibt zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorver-
folgung bei einer Rückkehr nach Sri Lanka wegen des Bestehens eines
Risikoprofils aus anderen Gründen ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 AsylG drohen würden.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Ri-
sikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaf-
tung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei han-
D-5831/2019
Seite 17
delt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintli-
chen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um die Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen und um das Vorlie-
gen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicher-
weise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE (sogenannte stark risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.1–8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und
überprüft zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erfor-
derlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangs-
weise zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation
für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut
sichtbaren Narben (sogenannte schwach risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die
konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante
Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht,
dass insbesondere jene Rückkehrenden eine begründete Furcht vor ernst-
haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-
lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den ta-
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
7.3 Der Beschwerdeführer hat sich nach Kriegsende im (...) 2009 noch
mehrere Jahre im Heimatland aufgehalten. Gemäss eigenen Angaben sei
er selbst nie Kämpfer der LTTE gewesen, sondern sei 2005 zwangsrekru-
tiert worden und habe in der Folge bis 2009 militärische Hilfsdienste leisten
müssen (vgl. SEM-Akten A/6, Ziff. 7.01 und A/18, F15, F18, F42, F44 f.,
F50–56). Wie aufgezeigt, vermochte er die vermeintlichen Probleme und
Behelligungen mit den heimatlichen Behörden vor der im (...) 2016 erfolg-
ten Ausreise wegen der angeblichen Beteiligung am Verstecken von Ver-
mögenswerten der LTTE im Jahr 2007 nicht glaubhaft zu machen
(vgl. oben E. 6). Damit lässt sich nicht auf ein Profil schliessen, das den
Beschwerdeführer angesichts der heutigen Situation in Sri Lanka als eine
in asylrechtlich relevanter Weise gefährdete Person erscheinen lassen
würde. Es liegen keine konkreten Hinweise für ein aktuell bestehendes
Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden vor, und auch
aus der tamilischen Ethnie, der mittlerweile rund fünfjährigen Landesabwe-
senheit sowie der Asylgesuchstellung in der Schweiz kann keine flücht-
lingsrechtlich relevante Gefährdung abgeleitet werden. Mangels persönli-
chen Bezugs ist auch aufgrund der vom Beschwerdeführer angeführten
politischen Ereignisse in Sri Lanka im Herbst 2018 sowie der Präsident-
schaftswahl im November 2019 und des Ausgangs der Parlamentswahlen
im August 2020 keine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung und
D-5831/2019
Seite 18
eine etwaige Verschärfung der Gefährdungssituation zu bejahen. Eine per-
sönlich konkretisierte Gefährdung vermag er mit den in den Rechtsmittel-
eingaben angeführten Berichten und den vorgelegten Medienberichten zur
allgemeinen Lage in Sri Lanka nicht darzulegen. Es besteht kein konkreter
Grund zur Annahme, die politischen Entwicklungen in Sri Lanka könnten
sich zum heutigen Zeitpunkt auf ihn auswirken. Schliesslich lässt sich auch
aus dem allfälligen Einsatz temporärer Reisepapiere keine relevante Ge-
fährdung ableiten. Selbst wenn er ohne Reisepass respektive mit tempo-
rären Reisedokumenten nach Sri Lanka zurückkehren müsste, würde dies
zwar allenfalls bei der Wiedereinreise zu einem "Background-Check" füh-
ren. Es muss damit gerechnet werden, dass er nach dem Verbleib seiner
Reisepapiere und zum Grund seiner Ausreise befragt und überprüft wird.
Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass er wegen des fehlenden
Reisepasses gebüsst wird, wobei ein entsprechendes Vorgehen der sri-
lankischen Behörden aber keine flüchtlingsrechtliche Relevanz entfaltet
(vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom 25. Juli 2016 E. 8.4.4). Insgesamt
betrachtet ist somit nicht davon auszugehen, dass dem Beschwerdeführer
im Fall einer Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 AsylG drohen würden.
7.4 An dieser Einschätzung vermag – entgegen den Beschwerdevorbrin-
gen – auch die aktuelle – zwar als volatil zu bezeichnende – Lage in Sri
Lanka nichts zu ändern, da diesbezüglich kein individueller Bezug zum Be-
schwerdeführer ersichtlich ist. Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der
Veränderungen in Sri Lanka bewusst, beobachtet die Entwicklungen auf-
merksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheidfindung. Weder aus
dem Machtwechsel 2019 noch aus dem Vorfall betreffend eine Mitarbeite-
rin der Schweizerischen Botschaft in Sri Lanka vermag er etwas zu seinen
Gunsten abzuleiten. Ebenso gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund
zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölke-
rungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Aus den
Akten ergeben sich keine Hinweise, wonach speziell der Beschwerdefüh-
rer einer erhöhten Gefahr ausgesetzt wäre. Auch den von ihm eingereich-
ten Medienartikeln (vgl. Prozessgeschichte, Bst. I) fehlt es an einem per-
sönlichen Bezug.
7.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nichts
vorgebracht hat, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzu-
weisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Das SEM hat daher zu Recht
seine Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
D-5831/2019
Seite 19
8.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9 je m.w.H.). Die
Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Ausländer- und Integrationsgesetzes [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
D-5831/2019
Seite 20
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr in den Heimatstaat ist demnach
unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des
Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für
den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen
Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Fol-
terausschusses müsste er eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen
oder glaubhaft machen, dass m im Fall einer Rückschiebung Folter oder
unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den
Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen (vgl. dazu das weiterhin einschlägige
Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 12. Juli 2016 E. 12.2 sowie
statt vieler Urteil BVGer E-895/2020 vom 15. April 2020 E. 9.3). Aus den
Akten ergeben sich sodann keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass er
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
Massnahmen zu befürchten hätte, die – wenn überhaupt – über einen so
genannten "Background Check" (Befragung und Überprüfung von Tätig-
keiten im In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich
gefährdet wäre. Dies gilt auch unter Berücksichtigung der jüngsten politi-
schen Entwicklungen in Sri Lanka.
9.2.4 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
D-5831/2019
Seite 21
9.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt; dies gilt auch unter
Berücksichtigung der dortigen aktuellen Ereignisse (vgl. dazu vorstehend
E. 7.4 sowie statt vieler Urteil BVGer E-2271/2020 vom 7. Juli 2020
E. 8.3.1). Gemäss nach wie vor gültiger Rechtsprechung ist der Wegwei-
sungsvollzug in die Nord- und Ostprovinz zumutbar, wenn das Vorliegen
der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines trag-
fähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf
eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann
(vgl. Referenzurteile des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2
und D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5).
9.3.3 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Diesbezüglich ist auf die zutreffen-
den Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung (vgl. dort
E. III, Ziff. 2) zu verweisen, worin diese entgegen den Ausführungen in der
Beschwerde eine individuelle Prüfung der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs vorgenommen hat, denen sich das Gericht vollumfänglich
anschliesst.
9.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
9.4 Des Weiteren obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. AIG).
9.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang
mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht geeignet
ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Die
Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein Vollzugshin-
dernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraussichtlich eine
gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate – bestehen bleibt.
Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis im Rahmen der
Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidungen und Mittei-
lungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 14
E. 8d f.). Bei der Coronavirus-Pandemie handelt es sich, soweit derzeit
D-5831/2019
Seite 22
feststellbar, allenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt so-
mit den kantonalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl
des Zeitpunkts des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen
(vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6
m.w.H.).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver-
fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt rich-
tig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbe-
züglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen
mit Verfügung vom 19. November 2019 sein Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheis-
sen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich seine finan-
zielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist von der Auflage
von Verfahrenskosten abzusehen.
11.2 Mit derselben Verfügung wurde auch das Gesuch um amtliche Ver-
beiständung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und der mandatierte
Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Demnach ist die-
sem unbesehen vom Ausgang des Verfahrens ein Honorar für die notwen-
digen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Der Rechts-
beistand reichte mit der Replik vom 9. Januar 2020 seine Honorarnote zu
den Akten. Er bezifferte den zeitlichen Vertretungsaufwand auf 12.15 Stun-
den und beantragte einen Stundenansatz von Fr. 200.–. Zudem machte er
Auslagen von Fr. 85.60 geltend und wies auf die bestehende Mehrwert-
steuerpflicht hin. Der zeitliche Aufwand erscheint angemessen und der
Stundenansatz von Fr. 200.– liegt im Kostenrahmen. Gestützt auf Art. 14
Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2)
und in Anwendung der massgebenden Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 12
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Seite 23
i.V.m. Art. 8 ff. VGKE) ist das vom Gericht auszurichtende Honorar dem-
nach auf insgesamt Fr. 2'709.30 (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer-
zuschlag) festzulegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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