Decision ID: 1a4bcf5e-f1ba-580a-ad03-6c7e99ac6f81
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein minderjähriger Algerier arabischer Ethnie,
suchte am 2. November 2020 in der Schweiz um Asyl nach. Am 10. No-
vember 2020 bevollmächtigte er die ihm zugewiesene Rechtsvertretung.
Am 3. Dezember 2020 fand – im Beisein der zugewiesenen Rechtsvertre-
tung beziehungsweise Vertrauensperson – die Erstbefragung für unbeglei-
tete minderjährige Asylsuchende (UMA) statt. Der Beschwerdeführer
reichte keine Dokumente zu den Akten.
B.
Das SEM gab am 16. Dezember 2020 beim Institut für Rechtsmedizin
B._ ein Gutachten zur Altersabklärung in Auftrag. Das Gutachten
vom 22. Dezember 2020 kommt zum Schluss, in Zusammenschau aller
Untersuchungsbefunde lasse sich beim Beschwerdeführer ein Mindestal-
ter von 16 Jahren ermitteln; das wahrscheinlichste Alter liege bei 17 Jah-
ren.
C.
Mit Erklärung vom 21. Januar 2021 bestätigte der Beschwerdeführer – in
Kenntnis eines offiziellen Termins im Zusammenhang mit seinem Asylver-
fahren – das Bundesasylzentrum zu verlassen.
D.
Mit Schreiben vom 21. Januar 2021 gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer das rechtliche Gehör zum Nichterscheinen an der gleichentags an-
gesetzten Anhörung. Die Stellungnahme erfolgte mit Schreiben vom
27. Januar 2021.
E.
Am 2. Februar 2021 gab das SEM dem Beschwerdeführer Gelegenheit,
sich zum Entscheidentwurf zu äussern. Die Stellungnahme erfolgte mit
Schreiben vom 3. Februar 2021.
F.
Mit Verfügung vom 4. Februar 2021 stellte das SEM fest, der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, beauftragte den zuständigen
Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte die editionspflichti-
gen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
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G.
Mit Eingabe vom 18. Februar 2021 reichte der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, es sei die Ver-
fügung des SEM vom 4. Februar 2021 vollständig aufzuheben und die Sa-
che zur richtigen und vollständigen Sachverhaltsabklärung sowie zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht sei
die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses zu verzichten.
H.
Mit Instruktionsverfügung vom 24. Februar 2021 bestätigte der Instrukti-
onsrichter den Eingang der Beschwerde und stellte fest, der Beschwerde-
führer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 Asylge-
setz [AsylG SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer
ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist daher
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zwei-
ten Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Wei-
terungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a
Abs. 2 AsylG).
3.
In der Beschwerde wird vorgebracht, die Vorinstanz habe zu Unrecht einen
materiellen Asyl- und Wegweisungsentscheid erlassen. Der Vorwurf der
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Verletzung der Mitwirkungspflicht sei rechtsfehlerhaft. Daneben sei der An-
spruch auf rechtliches Gehör verletzt worden, indem keine Anhörung zu
den Asylgründen stattgefunden habe und die Stellungnahme im Entscheid
nicht berücksichtigt worden sei. Sodann würden die Äusserungen des Be-
schwerdeführers nicht der vorinstanzlichen Sachverhaltsfeststellung ent-
sprechen, womit der angefochtenen Verfügung ein unrichtiger Sachverhalt
zugrunde liege. Namentlich seien die Feststellungen in Bezug auf das fa-
miliäre Beziehungsnetz im Herkunftsland falsch, zumal er deutlich ausge-
sagt habe, dass sein Vater die Familie verlassen und er zu ihm und dessen
Verwandten keinen Kontakt mehr habe. Auch spiegle die pauschale Fest-
stellung zur finanziellen Situation der Familie in keiner Weise die Gesamt-
heit der Aussagen in der Befragung wieder. Ferner sei nicht nachvollzieh-
bar, auf welchen Umstand die Behauptungen gestützt würden, die Wohn-
situation sei gesichert oder der Beschwerdeführer sei aufgrund des Alters-
gutachtens um einiges reifer, als angegeben. Eine forensische Altersabklä-
rung umfasse nämlich eine Standardabweichung von drei Jahren, eine Än-
derung des Geburtsdatums im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) sei nie veranlasst worden und das Verhalten des Beschwerdefüh-
rers lasse keine Rückschlüsse auf ein reiferes Alter zu. In Bezug auf den
Vollzug der Wegweisung stütze sich die Vorinstanz nicht nur auf diese feh-
lerhafte Sachverhaltsfeststellung, sondern sei zudem ihrer vertieften Ab-
klärungspflicht bei Minderjährigen nicht nachgekommen.
4.
4.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel. Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
oder aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind. Die Sachverhaltsdarstellung ist demgegenüber un-
vollständig, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 630).
4.2 Im Zusammenhang mit der Anordnung des Wegweisungsvollzugs von
unbegleiteten Minderjährigen ist die Vorinstanz von Amtes wegen ver-
pflichtet, das Kindeswohl zu berücksichtigen, zumal Kinder nicht ohne gu-
ten Grund aus einem vertrauten Umfeld herausgerissen werden sollten
(vgl. BVGE 2015/30 E. 7.2 und 2009/51 E. 5.6). Weiter sind bei einer all-
fälligen Rückkehr ins Heimatland spezifische Abklärungen der persönli-
chen Situation unter dem Blickwinkel des Kindeswohls vorzunehmen (vgl.
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Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis-
sion [EMARK] 1998 Nr. 13 E. 5e). Die zuständige Behörde hat gemäss
Art. 69 Abs. 4 AIG vor einer Ausschaffung von unbegleiteten minderjähri-
gen Personen sicherzustellen, dass diese im Rückkehrstaat einem Famili-
enmitglied oder einer Aufnahmeeinrichtung übergeben werden können, die
den Schutz des Kindes gewährleisten. Das SEM darf sich keinesfalls da-
rauf beschränken, pauschal auf das grundsätzliche Vorliegen entsprechen-
der Gegebenheiten zu verweisen (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.3).
4.3 Die Vorinstanz kommt in diesem Zusammenhang zum Schuss, das an-
gegebene Geburtsdatum sei nicht belegt. Zwar habe der Beschwerdefüh-
rer anlässlich der Befragung ein Foto seiner Geburtsurkunde vorgezeigt,
die aber unleserlich gewesen sei. Aufgrund des Altersgutachtens sei zwar
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von der Minderjährigkeit auszuge-
hen, da ein Mindestalter von 16 Jahren und ein wahrscheinliches Alter von
17 Jahren festgestellt worden sei. Das angegebene Geburtsdatum ([...])
könne jedoch aufgrund der Ergebnisse der forensischen Altersschätzung
nicht zutreffen. Es sei daher davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer um einiges reifer sei, als angegeben. Zudem habe er im Verlauf des
Asylverfahrens den Wunsch geäussert, in sein Heimatland zurückkehren.
Auch wenn seine Eltern geschieden seien, verfüge er mit seinem Vater,
seiner Mutter, seiner Schwester sowie seine Onkel über ein umfassendes
und über ein – gerade auch hinsichtlich der hier in der Schweiz aufgetrete-
nen Probleme – tragfähiges Beziehungsnetz. Seine Wohnsituation sei ge-
sichert und er habe für seine Reise mehrere hundert Euro aus den Erspar-
nissen seiner Familie aufbringen können. Schliesslich gehe aus den Akten
zwar hervor, dass beim Beschwerdeführer psychische Probleme und Me-
dikamentenabhängigkeit vorliegen würden; in Algerien seien aber sowohl
ambulante wie auch stationäre psychiatrische Behandlungen Suchtkranker
möglich.
4.4 Die Vorinstanz hat in diesem Zusammenhang den Sachverhalt fehler-
haft abgeklärt. Namentlich geht die einzig auf das Altersgutachten ge-
stützte Annahme zur Reife des Beschwerdeführers fehl, zumal sich ein Al-
tersgutachten nicht zur Beurteilung des Alters heranziehen lässt, wenn –
wie vorliegend – das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung
und der Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren
liegt, was der Vorinstanz bekannt sein dürfte (vgl. BVGE 2018 VI/3
E. 4.2.1 f.). Die Vorinstanz präzisiert auch nicht, was sie aus ihrer Feststel-
lung, der Beschwerdeführer sei reifer als angegeben, für Schlüsse zieht.
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Aufgrund der weiteren Formulierungen und des Geburtsdatums auf der an-
gefochtenen Verfügung ist anzunehmen, dass die Vorinstanz trotzdem da-
von ausgeht, es handle sich beim Beschwerdeführer um einen unbegleite-
ten minderjährigen Asylsuchenden (Art. 1a Bst. d AsylV 1 [Asylverord-
nung 1 über Verfahrensfragen, SR 142.311]). Das hat zur Folge, dass er-
höhte Anforderungen an die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ge-
stellt werden und diese von Amtes wegen zu prüfen sind (vgl. BVGE
2015/30 E. 7.2, 2009/51 E. 5.6, EMARK 1998 Nr. 13 E. 5e).
Es ist dem Beschwerdeführer ferner darin beizupflichten, dass die
Vorinstanz pauschal vom Vorliegen eines familiären Beziehungsnetzes
ausgeht und hierbei (unter anderen Personen) den Vater des Beschwerde-
führers aufführt. Der Beschwerdeführer sagte indessen in der Befragung
glaubhaft aus, als er klein gewesen sei, habe sein Vater die Familie verlas-
sen und seither nicht mehr unterstützt, weshalb er die Schule schon früh
abbrechen und mit acht oder neun Jahren habe arbeiten müssen (SEM-
Akten 1079960-20/12 S. 4 und S. 6). Er sagte zudem glaubhaft aus, sein
Vater habe das Dorf verlassen und ihn seither im Stich gelassen (SEM-
Akten 1079960-20/12 S. 6 f.). Vor diesem Hintergrund ist die Aufzählung
des tragfähigen Beziehungsnetzes unzutreffend. Sodann geht die
Vorinstanz zwar vom Vorliegen einer gesicherten Wohnsituation aus, be-
gründet diese Annahme aber nicht ansatzweise. Im Übrigen lassen die Er-
klärungen des Beschwerdeführers in der Befragung – entgegen den
Schlussfolgerungen der Vorinstanz – nicht darauf schliessen, dass die fi-
nanzielle Situation der Familie unproblematisch ist, musste er doch bereits
mit acht oder neun Jahren arbeiten gehen, weil seine Mutter – nach dem
Weggang seines Vaters – kein Geld mehr hatte. Zudem lassen seine Aus-
sagen erkennen, dass er keinen realistischen Bezug zu Geld haben dürfte
(insb. SEM-Akten 1079960-20/12 S. 4). Mithin widerspiegelt die
vorinstanzliche Schlussfolgerung auch nicht die zur finanziellen Situation
gemachten Aussagen. In den dargelegten Punkten, und im Hinweis, psy-
chologische Betreuung sei auch vor Ort möglich, erschöpfen sich die Argu-
mente der Vorinstanz zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs des Be-
schwerdeführers.
4.5 Folglich hat die Vorinstanz den Sachverhalt unrichtig und unvollständig
festgestellt, indem sie die dargelegten Aussagen des Beschwerdeführers
unzutreffend und nicht ausreichend gewürdigt hat.
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5.
5.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück.
5.2 Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere
angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein
umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen feh-
lende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Be-
schwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus
prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber
nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Vorliegend liegt der Mangel in einer unrich-
tigen und unvollständigen Sachverhaltsfeststellung, womit sich eine Kas-
sation der angefochtenen Verfügung rechtfertigt. Im Übrigen bleibt auf
diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als das
Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet. Angesichts der
Rückweisung der Sache erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit den
weiteren Vorbringen auf Beschwerdeebene, weil das Beschwerdedossier
ebenfalls Gegenstand des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Ver-
fahrens sein und die Vorinstanz sich damit zu befassen haben wird.
6.
Die Beschwerde ist gutzuheissen und die vorinstanzliche Verfügung vom
4. Februar 2021 in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur voll-
ständigen und richtigen Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung im
Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und der Antrag auf Verzicht der Erhebung eines Kos-
tenvorschusses werden mit dem vorliegenden Urteil gegenstandslos.
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung aus-
zurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
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