Decision ID: c0a2f79a-d075-486a-98aa-c435ca0055fe
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger paschtuni-
scher Ethnie – verliess Afghanistan seinen Angaben zufolge im Juni 2020
oder etwas später, worauf er über den Iran, die Türkei, Griechenland, Ser-
bien, Bosnien, Kroatien, Slowenien und Italien in die Schweiz gelangte. Am
28. April 2021 stellte er im Bundesasylzentrum B._ ein Asylgesuch.
B.
Am 19. Mai 2021 befragte das SEM den Beschwerdeführer im Rahmen
einer Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (EB UMA) zu seiner
Person und summarisch zu seinen Gesuchsgründen. Nachdem er seinen
Angaben gemäss in der Zwischenzeit volljährig geworden war, wurde er
am 23. Juni 2021 vertieft zu seinen Asylgründen angehört (vgl. SEM-eAkte
1094943-27/14, nachfolgenden A27).
Zur Begründung seines Gesuchs machte er im Wesentlichen geltend, er
habe bis zum Frühjahr 2020 mit seiner Familie im Dorf C._, Distrikt
D._, Provinz E._ gelebt. Er habe die Schule nur bis zur 6.
Klasse besuchen können, weil die Taliban die Kinder aufgefordert hätten,
nicht mehr zur Schule zu gehen. Dies habe sich rund fünf Jahre vor seiner
Ausreise zugetragen. Andere Probleme hätten sie mit den Taliban nicht ge-
habt, bis diese eines Tages – das sei wohl im dritten oder vierten Monat
1399 (Anm.: entspricht dem Zeitraum vom 21. Mai 2020 bis zum 21. Juli
2020) gewesen – die jungen Männer von C._ zusammengerufen
hätten. Talibankämpfer seien auch zu ihm nach Hause gekommen und hät-
ten ihm befohlen, zur Moschee des Dorfes zu gehen. In der Moschee hät-
ten die Führer der Taliban Reden gehalten und die jungen Männer, es seien
zirka 27 bis 30 Personen anwesend gewesen, aufgefordert, unter anderem
am Jihad teilzunehmen. Danach hätten alle nach Hause gehen können,
wobei die Taliban alle informiert hätten, dass sie wiederkommen würden.
Einige Tage später seien die Taliban erneut ins Dorf gekommen und hätten
die jungen Männer wiederum von zuhause abgeholt. Dieses Mal habe sein
Vater mit den Taliban gesprochen und es sei zu einem Streit zwischen
ihnen gekommen. In der Folge habe der Beschwerdeführer mit den Taliban
zur Moschee mitgehen müssen. Wiederum seien auch die anderen jungen
Männer des Dorfes dort gewesen. Die Taliban hätten alle aufgefordert, mit
ihnen zum Stützpunkt zu gehen. Da einige sich zuerst von ihren Familien
hätten verabschieden beziehungsweise diese um Erlaubnis bitten wollen,
D-3480/2021
Seite 3
hätten die Dorfältesten ihre Position unterstützt, so dass es zu einer Dis-
kussion mit den Taliban gekommen sei. Die Taliban hätten daraufhin alle
nach Hause gehen lassen, hätten sie aber gewarnt, dass sie beim nächs-
ten Mal mit ihnen mitgehen müssten. Er sei nach Hause zurückgekehrt und
habe seinen Vater über das Vorgefallene informiert. Daraufhin habe der
Vater den Onkel (des Beschwerdeführers) angerufen. Dieser habe geraten,
dass er für einige Zeit, bis sich alles beruhigt habe, zu ihm kommen solle.
Aus diesen Gründen sei er am nächsten Tag nach F._ (Anm.:
Hauptstadt der Nachbarprovinz von E._) zu seinem Onkel gereist.
Ausser dass es auf dieser Reise zu Strassenkontrollen gekommen sei,
habe es keine Probleme gegeben. In F._ habe er sich bis zu seiner
Ausreise aufgehalten. Einige Tage später habe sein Vater den Onkel tele-
fonisch über einen weiteren Besuch der Taliban informiert. Talibankämpfer
hätten sich bei ihm nach dem Verbleib seines Sohnes erkundigt. Sie seien
über seinen Weggang verärgert gewesen und hätten dem Vater mitgeteilt,
dass sie ihn überall suchen würden. Aufgrund dieser Probleme mit den Ta-
liban habe er schliesslich die Ausreise aus Afghanistan in Angriff genom-
men.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er eine Kopie seiner Tazkera zu den
Akten.
C.
Nachdem die Vorinstanz am 30. Juni 2021 den Entscheidentwurf der
Rechtsvertretung zur Stellungnahme unterbreitet hatte, nahm diese glei-
chentags dazu Stellung. Die Vorinstanz wurde darum ersucht, den in Aus-
sicht gestellten Entscheid an das Urteil des BVGer E-5072/2018 vom
17. Dezember 2020 anzupassen. Gemäss diesem Urteil sei nämlich die
drohende Zwangsrekrutierung von Minderjährigen durch quasistaatliche
Machthaber als nicht legitime Einberufung zu einer militärischen Dienst-
leistung zu qualifizieren, was als ernsthafter und gezielter Nachteil zu wer-
ten sei. Diese Rechtsprechung sei auf den vorliegenden Sachverhalt an-
wendbar, da die Taliban im Dorf als lokale Machthaber gelten würden. Der
Beschwerdeführer sei zum Zeitpunkt der Rekrutierung noch minderjährig
gewesen, weshalb die Einberufung zum Militärdienst nicht legitim gewesen
sei. Es habe also eine Zwangsrekrutierung aufgrund seines Alters, Ge-
schlechts und Wohnortes gedroht. Die Verfolgung habe damit an nicht ab-
änderbaren Merkmalen angeknüpft, womit er die Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe erfülle. Zudem bestehe keine innerstaatliche
D-3480/2021
Seite 4
Fluchtalternative. Somit erfülle er unter Berücksichtigung dieser Recht-
sprechung die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG (SR
142.31).
D.
Mit Verfügung vom 2. Juli 2021 – gleichentags eröffnet – lehnte das SEM
das Asylgesuch im Rahmen des beschleunigten Verfahrens ab und ord-
nete die Wegweisung an, nahm den Beschwerdeführer jedoch wegen Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig auf.
E.
Mit Eingabe vom 2. August 2021 liess der Beschwerdeführer durch seinen
Rechtsvertreter gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben. Beantragt wurde die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewäh-
rung sowie eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur
Neubeurteilung. In prozessualer Hinsicht wurde um unentgeltliche Pro-
zessführung und insbesondere um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses ersucht.
F.
Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 11. August
2021 wurde der Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen. Der Be-
schwerdeführer wurde aufgefordert, innert Frist eine Fürsorgebestätigung
einzureichen. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde verzich-
tet. Gleichzeitig wurde das SEM zur Vernehmlassung eingeladen (Art. 57
Abs. 1 VwVG).
G.
Am 26. August 2021 (Poststempel) reichte der Beschwerdeführer die ein-
verlangte Fürsorgebestätigung ein.
H.
Nach zweimalig erstreckter Frist hielt das SEM in seiner Vernehmlassung
vom 30. September 2021 an der angefochtenen Verfügung fest und bean-
tragte die Abweisung der Beschwerde.
I.
In seiner Replik vom 13. Oktober 2021 (Poststempel) hielt der Beschwer-
deführer vollumfänglich an seinen Beschwerdevorbringen fest.
D-3480/2021
Seite 5
J.
Mit Zwischenverfügung vom 13. Juni 2022 stellte die Instruktionsrichterin
fest, dass der Beschwerdeführer gemäss Eintragung im ZEMIS (Zentrales
Migrationsinformationssystem) seit dem 15. November 2021 einer Er-
werbstätigkeit nachgehe. Sie forderte ihn daher zwecks erneuter Beurtei-
lung seiner Bedürftigkeit auf, seine aktuellen finanziellen Verhältnisse of-
fenzulegen.
K.
Am 27. Juni 2022 reichte der Beschwerdeführer eine aktuelle Fürsorgebe-
stätigung zu den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 10 Covid-19-Verordnung Asyl [SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie
Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
D-3480/2021
Seite 6
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM hielt zur Begründung seiner Verfügung fest, der Rekrutie-
rungsversuch seitens der Taliban sei vielmehr der kriegerischen Situation
im Heimatland als einem individuellen Interesse am Beschwerdeführer ge-
schuldet. Den Akten seien keine Hinweise auf eine gezielte Verfolgung zu
entnehmen. Aus seinen Aussagen ergebe sich, dass die Taliban den Be-
schwerdeführer aufgrund seines Wohnortes, eines mehrheitlich von den
Taliban kontrollierten Gebiets, seines Alters und Geschlechts zu rekrutieren
versucht hätten und damit nicht aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG ge-
nannten Gründen. Demzufolge wäre ein möglicher Racheakt durch die Ta-
liban aufgrund dessen, dass er sich der versuchten Rekrutierung entzogen
habe, als gemeinrechtliches Delikt zu werten. Es sei daher festzuhalten,
dass ihm seitens der Taliban keine Verfolgung drohe, die auf ein flüchtlings-
rechtlich relevantes Motiv zurückzuführen sei. Der Stellungnahme des
Rechtsvertreters vom 30. Juni 2021 hielt das SEM entgegen, dass sich der
Sachverhalt des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts E-5072/2018 im
Vergleich zum vorliegenden Fall anders gestalte. So habe das Bundesver-
waltungsgericht die drohende Zwangsrekrutierung in besagtem Urteil ins-
besondere deshalb als ernsthaften Nachteil gewertet, weil die Rekrutierung
durch einen quasistaatlichen Machthaber erfolgt sei. Gemäss ständiger
Rechtsprechung handle es sich bei den Taliban aber um eine nichtstaatli-
che Organisation. Darüber hinaus liege kein flüchtlingsrechtlich relevantes
D-3480/2021
Seite 7
Motiv der Rekrutierung zugrunde. Eine Zwangsrekrutierung seitens der Ta-
liban erfolge mit dem Ziel, ihre Kampftruppen zahlenmässig zu erhöhen.
Keine bestimmte soziale Gruppe im Sinne des Gesetzes könne dabei als
Opfer eines solchen Handelns definiert werden.
4.2 Der Beschwerdeführer hielt in seiner Rechtsmitteleingabe fest, entge-
gen dem Standpunkt der Vorinstanz sei ein Verfolgungsmotiv im vorliegen-
den Fall zu bejahen. Die Verfolgungsmotive seien über die sprachlich al-
lenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus so zu verstehen, dass
die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merkmale, die untrennbar mit
der Person oder Persönlichkeit des Opfers verbunden seien, erfolge bezie-
hungsweise drohe. Im Weiteren wurden die Erwägungen des schon in der
Stellungnahme angerufenen Urteils ausführlich erläutert. Demgemäss sei
die drohende Zwangsrekrutierung von Minderjährigen durch quasistaatli-
che Machthaber als nicht legitime Einberufung zu einer militärischen
Dienstleistung zu qualifizieren, was als ernsthafter und gezielter Nachteil
zu werten sei. Auf diese Rechtsprechung könne auch er sich berufen, da
er im Zeitpunkt der erlebten Taliban-Rekrutierung noch minderjährig gewe-
sen sei. Die Taliban könnten im Dorf C._ Rekrutierungsversamm-
lungen einberufen, ohne Sanktionen vonseiten der Regierung befürchten
zu müssen. So habe er auch geschildert, die Taliban hätten das Sagen im
Dorf. Aus diesen Gründen seien die Taliban als quasistaatliche Organisa-
tion zu bezeichnen. Zum Zeitpunkt der Ausreise sei er noch minderjährig
gewesen und habe damit die gewünschten Merkmale erfüllt (jung, männ-
lich, Wohnort im Distrikt D._). Er habe sowohl bei seiner Ausreise
als auch bei einer allfälligen Rückkehr nach Afghanistan zu befürchten, von
den Taliban zwangsrekrutiert zu werden. Wegen unabänderlichen Eigen-
schaften seiner Person werde er verfolgt, was das Verfolgungsmotiv der
Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe begründet. Ein Verfol-
gungsmotiv im Sinne von Art. 3 AsyIG sei nach jener Rechtsprechung so-
mit gegeben.
Ausserdem seien seine Ausführungen als glaubhaft zu erachten, da sie
insgesamt deckungsgleich ausgefallen seien und ein zusammenhängen-
des Gesamtbild wiedergeben würden. Er habe unter Berücksichtigung sei-
nes Alters seine Vorfluchtgründe schlüssig geschildert. Seine Angaben
seien im afghanischen Länderkontext plausibel und generell widerspruchs-
frei ausgefallen. Insgesamt seien seine Ausführungen daher glaubhaft.
4.3 In seiner Vernehmlassung vom 30. September 2021 hielt das SEM fest,
den Akten seien auch unter Berücksichtigung der veränderten Situation in
D-3480/2021
Seite 8
Afghanistan keine Hinweise zu entnehmen, wonach die vom Beschwerde-
führer geltend gemachten Probleme und Befürchtungen aus einem in Art. 3
Abs. 1 AsylG genannten Motiv erfolgt seien oder künftig drohen würden.
Obschon sich die Lage bisweilen unübersichtlich präsentiere, würden dem
SEM zum jetzigen Zeitpunkt hinreichende Hinweise dafür fehlen, dass er
einer Personengruppe angehöre, die aufgrund flüchtlingsrechtlich relevan-
ter Motive von den Taliban ganz grundsätzlich verfolgt werde.
4.4 Der Beschwerdeführer hielt in seiner Replik unter Verweis auf die Aus-
führungen in seiner Beschwerdeschrift an seinen Vorbringen fest.
5.
5.1 Entsprechend der Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte
Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche
im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen
der asylsuchenden Person gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungs-
motive drohen oder zugefügt worden sein. Weiter ist massgeblich, ob die
geltend gemachte Gefährdungslage noch aktuell ist (vgl. BVGE 2007/31
E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.). Ob eine begründete Furcht vor
künftiger Verfolgung vorliegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrach-
tungsweise zu beurteilen. Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine
konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in der glei-
chen Lage Furcht vor Verfolgung hervorrufen würden. Die objektive Be-
trachtungsweise ist durch das vom Betroffenen bereits Erlebte und das
Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer be-
reits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive
Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2011/50
E. 3.1.1; 2011/51 E. 6; 2008/4 E. 5.2, je m.w.H).
5.2 Dem Beschwerdeführer drohte seinen Angaben zufolge im Frühjahr
2020 eine Zwangsrekrutierung als damals Minderjähriger durch die Tali-
ban. So erläuterte er, er habe zwei Rekrutierungsveranstaltungen besu-
chen müssen und hätte womöglich bei einem nächsten Mal zu deren Stütz-
punkt mitgehen müssen. Dazu sei es aber nicht gekommen, da er sich der
drohenden Rekrutierung gemäss eigenen Angaben problemlos durch eine
Reise zu seinem Onkel habe entziehen können. Als die Taliban davon er-
fahren hätten, hätten sie seinem Vater gedroht, sie hätten das Recht, über-
all nach dem Beschwerdeführer zu suchen und ihn umzubringen. Er macht
somit eine begründete Furcht vor zukünftigen Nachteilen im Zeitpunkt der
D-3480/2021
Seite 9
Ausreise geltend. Seine Schilderungen erscheinen im zeitlichen und län-
derspezifischen Kontext grundsätzlich plausibel. So war der Einfluss der
Taliban in seiner Heimatprovinz E._ im Jahr 2020 hoch (vgl. euaa,
E._, < https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-
2020/E._ >, abgerufen am 27. Juli 2022). Verschiedene Berichte
weisen zudem darauf hin, dass die Taliban vorwiegend junge Paschtunen
aus ländlichen Gebieten zu rekrutieren versuchen. Diesbezüglich ist aller-
dings umstritten, ob sie dabei stets Gewalt anwenden oder sich auf die
Rekrutierung von Freiwilligen fokussieren (vgl. UK Home Office, Afghanis-
tan: Unaccompanied children, April 2021, S. 45 ff., <
https://www.ecoi.net/en/file/local/2050110/ Afghanistan-unaccompanied-
+children-CPIN-v2.0%28Archived%29.pdf > m.w.H., abgerufen am 28. Juli
2022). Angesichts dessen stellt sich die Frage, ob dem damals 17-jährigen
Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ausreise vonseiten der Taliban tatsäch-
lich ernsthafte Nachteile aufgrund eines asylrechtlichen relevanten Motivs
drohten. Eine entsprechende Auseinandersetzung kann vorliegend jedoch
mit Verweis auf die nachfolgenden Erwägungen unterbleiben. Im Übrigen
ist diesbezüglich festzuhalten, dass das vom Beschwerdeführer referen-
zierte Urteil E-5072/2018 weder ein Grundsatz- noch ein Koordinationsur-
teil ist und in diesem Zusammenhang auf weitere Urteile zu verweisen ist,
in denen nicht von einem diskriminierenden Ansatz im Zusammenhang mit
Zwangsrekrutierungen ausgegangen wurde (vgl. statt vieler Urteile BVGer
E-2456/2018 vom 26. Juni 2020 m.w.H., D-1257/2020 vom 16. März 2020
E. 5.5.2, D-7291/2017 vom 2. April 2019 E. 5.2).
5.3 Nach Durchsicht der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die
Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers im Resultat zu Recht
abgelehnt hat. Seine Vorbringen belegen nicht, dass ihm aus heutiger Sicht
bei einer hypothetischen Rückkehr in naher Zukunft mit der notwendigen
Wahrscheinlichkeit eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG drohen
würde.
5.3.1 Vorab ist insbesondere darauf hinzuweisen, dass die Taliban inzwi-
schen die Macht ergriffen haben und es sich beim Beschwerdeführer nicht
mehr um eine minderjährige Person handelt. Eine mögliche zukünftige
Rekrutierung kann daher bereits deshalb nicht mehr als illegitim qualifiziert
werden. Ohnehin sind die Taliban aber nach der zwischenzeitlich erfolgten
Machtübernahme wohl nicht mehr auf Zwangsrekrutierungen angewiesen.
So beinhalten aktuelle Berichte zur Lage in Afghanistan keine Hinweise auf
systematische Zwangsrekrutierungen, sie deuten vielmehr darauf hin, dass
https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-2020/paktika https://euaa.europa.eu/country-guidance-afghanistan-2020/paktika https://www.ecoi.net/en/file/local/2050110/Afghanistan-unaccompanied+children-CPIN-v2.0%28Archived%29.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2050110/Afghanistan-unaccompanied+children-CPIN-v2.0%28Archived%29.pdf
D-3480/2021
Seite 10
die Taliban Mitglieder der ehemaligen Sicherheitskräfte zu rekrutieren ver-
suchen (vgl. UK Home Office, Afghanistan: Fear of the Taliban, April 2022,
Ziff. 6.11, < https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear
_of_the_Taliban.pdf >, abgerufen am 27. Juli 2022; vgl. UN Security Coun-
cil, Thirteenth report of the Analytical Support and Sanctions Monitoring
Team submitted pursuant to resolution 2611 concerning the Taliban and
other associated individuals and entities constituting a threat to the peace
stability and security of Afghanistan, Ziff. 35, <https://www.ecoi.net/en/file/
local/2073803/N2233377.pdf >, abgerufen am 27. Juli 2022). Zwar ist die
aktuelle Informationslage in Bezug auf die Rekrutierungsstrategie schlecht
und es ist davon auszugehen, dass nicht alle Vorfälle von Menschenrechts-
verletzungen gemeldet werden. Dennoch ist gemäss den zur Verfügung
stehenden Informationen nicht mehr von systematischen Zwangsrekrutie-
rungen auszugehen, wie sie kurz vor der Machtübernahme der Taliban of-
fenbar in einigen Regionen vorkamen. Von einer hohen Wahrscheinlichkeit
einer möglichen zukünftigen Rekrutierung kann damit nicht ausgegangen
werden, was im Übrigen auch an keiner Stelle geltend gemacht wurde.
5.3.2 Schliesslich liegen auch keine Hinweise dafür vor, dass der Be-
schwerdeführer dadurch, dass er sich damals der Aufforderung zur Unter-
stützung durch Ausreise entzogen hat, aktuell im Fokus der Taliban stehen
und deshalb bestraft werden könnte. Es ist zunächst darauf hinzuweisen,
dass der Beschwerdeführer bei seiner Reise zum Onkel offenbar problem-
los mehrere Kontrollpunkte der Taliban passieren konnte. Auch weist der
mittlerweile volljährige Beschwerdeführer kein besonderes Risikoprofil auf.
Seinen Aussagen kann nicht entnommen werden, dass er in den Augen
der Taliban als religiöser oder politischer Oppositioneller gegolten hätte. Er
ist weder politisch aktiv gewesen noch hat er sich anderweitig aufgrund
seiner Familie, persönlicher Merkmale oder Aktivitäten gegenüber den Ta-
liban besonders exponiert. Vielmehr erläutert er, er habe nie persönliche
Probleme mit den Taliban gehabt (vgl. A27/F28). Zudem machte er nicht
geltend, dass seine in Afghanistan verbliebenen Angehörigen seinetwegen
ernsthaft behelligt worden wären und er nach der Ausreise von den Taliban
gesucht worden wäre, was ebenfalls gegen das Vorliegen einer andauern-
den, erheblichen und gezielten Verfolgung spricht. Dementsprechend wür-
den ihm bei einer allfälligen Rückkehr keine gezielten Nachteile drohen, die
über die Gefährdungslage hinausgehen, die im Rahmen der Prüfung der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs berücksichtigt wurde.
https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear_of_the_Taliban.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPIN_Fear_of_the_Taliban.pdf https://www.ecoi.net/en/file/%20local/2073803/N2233377.pdf https://www.ecoi.net/en/file/%20local/2073803/N2233377.pdf
D-3480/2021
Seite 11
5.3.3 Eine objektiv begründete Furcht vor künftiger Verfolgung ist demnach
nicht zu erkennen, womit die Vorinstanz den Vorbringen zu Recht die Asyl-
relevanz abgesprochen hat.
5.4 Insgesamt ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer keine aktuell
drohende Verfolgung nach Art. 3 AsylG darlegen konnte. Das SEM hat die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers demnach zu Recht verneint
und sein Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.3 Nachdem das SEM den Beschwerdeführer mit der angefochtenen Ver-
fügung wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz
vorläufig aufgenommen hat, stellt sich die Frage nach dem Vorliegen der
weiteren Voraussetzungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegwei-
sung – Unzulässigkeit und Unmöglichkeit – im vorliegenden Fall nicht, da
diese Vollzugshindernisse alternativer Natur sind; ist eines erfüllt, gilt der
Vollzug der Wegweisung als undurchführbar (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Für eine Gutheissung des nicht weiter begründeten Even-
tualantrags auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht nach
dem Gesagten keine Veranlassung. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend wären die Kosten dem mit
seinen Begehren unterlegenen Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 und 5 VwVG). Da aufgrund der am 27. Juni 2022 eingereichten Be-
stätigung der Asylsozialhilfe weiterhin von der prozessualen Bedürftigkeit
auszugehen ist und die Beschwerde zum Zeitpunkt ihrer Erhebung auch
D-3480/2021
Seite 12
nicht als aussichtslos zu bezeichnen war, ist das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gutzuheissen. Es sind daher keine
Verfahrenskosten zu erheben.