Decision ID: 809d77b4-33ef-53fd-8c70-da4879c0f068
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, marokkanischer Staatsangehöriger arabischer Eth-
nie, suchte am 26. Februar 2021 in der Schweiz um Asyl nach und wurde
am 4. März 2021 zu seinen Personalien befragt (Personalienaufnahme;
PA). Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerab-
druck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 4. Mai 2011 in Luxemburg
und am 1. August 2019 in den Niederlanden registriert wurde und dort um
Asyl ersucht hatte.
B.
Der Beschwerdeführer bevollmächtigte am 3. März 2021 die Rechtsvertre-
tung gemäss Art. 102f ff. AsylG (SR 142.31).
C.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer am 8. März 2021 das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichtein-
tretensentscheid und der Möglichkeit der Überstellung in die Niederlande,
nach Deutschland oder Luxemburg, deren Zuständigkeit für die Behand-
lung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdefüh-
rer brachte diesbezüglich vor, kein Problem mit diesen Zuständigkeiten zu
haben. Er habe sich seit 2004 in Europa in verschiedenen Ländern zu Er-
werbszwecken aufgehalten.
D.
Das SEM ersuchte die niederländischen Behörden am 10. März 2021 um
Rückübernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO)
(take back). Die niederländischen Behörden hiessen das Übernahmeersu-
chen gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-VO am 15. März 2021 gut.
E.
Mit Verfügung vom 16. März 2021 – eröffnet am 19. März 2021 – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Überstellung in die Nie-
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derlande an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Be-
schwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung der
editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde ge-
gen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Die Rechtsvertretung erklärte am 19. März 2021, ihr Mandat niederzulegen
(Art. 102h Abs. 4 AsylG).
G.
Mit Beschwerde vom 23. März 2021 beantragte der Beschwerdeführer, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben, die Vorinstanz sei anzuweisen,
auf das Asylgesuch einzutreten und ein nationales Asylverfahren zu eröff-
nen. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
für sein Asylverfahren für zuständig zu erklären. Subeventualiter sei die
Sache wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Im Sinne vorsorglicher Massnahmen sei der Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzu-
weisen, von einer Überstellung in die Niederlande abzusehen, bis das Bun-
desverwaltungsgericht über die Beschwerde entschieden habe.
H.
Am 24. März 2021 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsge-
richt die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2. Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
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Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die
Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
Zunächst kann festgehalten werden, dass der Antrag auf Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs in der
Beschwerde nicht begründet wird. Verfahrensrechtliche Mängel, welche
eine Rückweisung des Verfahrens zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
gebieten würden, ergeben sich auch aus den Akten nicht. Der Antrag ist
abzuweisen.
5.
5.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
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Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
5.3. Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen, dessen Antrag abgelehnt
wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat o-
der der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufent-
haltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder auf-
zunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO).
5.4. Im Rahmen eines – wie vorliegend – sogenanntes Wiederaufnahme-
verfahrens (engl.: take back) findet grundsätzlich keine (erneute) Zustän-
digkeitsprüfung nach Kapitel III der Dublin-III-VO statt (vgl. zum Ganzen
BVGE 2019 VI/7 E. 4 bis 6; 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
5.5. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.6. Jeder Mitgliedstaat kann sodann abweichend von Art. 3 Abs. 1 be-
schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten-
losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, selbst wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 AsylV1 kon-
kretisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung
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«aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss
Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre.
6.
Die niederländischen Behörden haben innert Frist dem Wiederaufnahme-
gesuch des SEM zugestimmt hat. Die grundsätzliche Zuständigkeit der
Niederlande gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-VO vermag der Be-
schwerdeführer mit seinen Vorbringen auch nicht in Frage zu stellen.
7.
7.1. Der Beschwerdeführer macht geltend, sein Asylgesuch sei in den Nie-
derlanden bereits abgelehnt und nicht richtig geprüft worden. Er laufe da-
her bei einer Wegweisung in die Niederlande Gefahr, dass er in sein Hei-
matland weggewiesen werde. In den Niederlanden sei es ihm schlecht ge-
gangen, weil er nicht habe arbeiten können, vom Staat finanziell abhängig
gewesen sei und in einer sehr schlechten Unterkunft gelebt habe.
7.2. Den Ausführungen des Beschwerdeführers im vorinstanzlichen Ver-
fahren und in der Beschwerdeeingabe lassen sich keine begründeten Hin-
weise auf das Vorliegen systemischer Schwachstellen des niederländi-
schen Asylsystems im Sinne von Art. 3 Abs. 2 2. Satz Dublin-III-VO ent-
nehmen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be-
handlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3
EMRK mit sich bringen würden. Unter diesen Umständen ist die Anwen-
dung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
7.3. Die Vorinstanz hat sodann die Anwendung des zwingenden oder hu-
manitären Selbsteintrittsrechts im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO
sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht verneint.
7.3.1. Die Niederlande sind Signatarstaat der EMRK, des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105),
der FK sowie deren Zusatzprotokoll vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301)
und kommen seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen
nach. Ferner gelten in den Niederlanden die Richtlinien 2013/32/EU (Ver-
fahrensrichtlinie), 2011/95/EU (Qualifikationsrichtlinie) und 2013/33/EU
(Aufnahmerichtlinie) des Europäischen Parlaments und des Rates. Es darf
davon ausgegangen werden, dass die Niederlande die Rechte, die sich für
Schutzsuchende aus den genannten Richtlinien ergeben, anerkennen und
schützen.
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7.3.2. Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan, wonach die niederländischen Behörden in seinem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Weiter lie-
gen keine Hinweise dafür vor, dass die Behandlung seines Asylgesuchs in
den Niederlanden rechtsfehlerhaft gewesen sein könnte. In diesem Zu-
sammenhang ist der Vollständigkeit halber festzustellen, dass selbst ein
definitiver Entscheid über ein Asylgesuch und die Wegweisung in das Hei-
matland nicht per se eine Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips dar-
stellen würden. Das Prinzip der Überprüfung eines Aylgesuchs durch einen
einzigen Mitgliedstaat («one chance only») dient im Gegenteil der Vermei-
dung von multiplen Asylgesuchen in verschiedenen Staaten (sogenanntes
«asylum shopping»; vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Der Beschwerdefüh-
rer verfügte im Übrigen über eine bis zum 15. August 2020 in den Nieder-
landen gültige Aufenthaltsbewilligung.
7.4. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten
und hat die Überstellung in die Niederlande angeordnet.
8.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Mit dem vorliegenden Urteil fällt der mit Zwischenverfügung vom 24. März
2021 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
10.
10.1. Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege im Sinne von Art. 65. Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehen-
den Erwägungen ergibt sich, dass sich die Begehren als aussichtslos er-
weisen und es daher an einer gesetzlichen Voraussetzung zu deren Ge-
währung fehlt.
10.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
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[VGKE, SR 173.320.2]). Mit dem vorliegenden Urteil ist das Gesuch um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses hinfällig.
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