Decision ID: e383af3d-e686-4ba0-8d00-16ec47f0ed25
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
betreffend Sozialhilfe I. Sachverhalt:
- 2 -
1. A._, verbeiständet seit September 2019, hat sich nach mehreren
Aufenthalten in der psychiatrischen Klinik D._, Suchtstation, in
B._, gestützt auf die Empfehlung der Psychiatrischen Dienste
Graubünden (PDGR) vom 17. September 2020, für eine Langzeit-
Suchttherapie in der Stiftung E._ in F._ entschlossen. A._
meldete sich am 28. Oktober 2020 per 1. November 2020 in der Gemeinde
B._ zur Wohnsitznahme an, zuvor war er in der Gemeinde C._
polizeilich gemeldet.
2. Mit Schreiben vom 9. Oktober 2020 ersuchte das Kantonale Sozialamt
Graubünden als Verbindungsstelle IVSE (Interkantonale Vereinbarung für
soziale Einrichtungen) für den Kanton Graubünden die Gemeinde B._
um eine Kostenübernahmegarantie für den Aufenthalt von A._ in der
Stiftung E._ in F._.
3. Mit Verfügung vom 30. Oktober 2020 lehnte die Gemeinde B._ eine
Kostenübernahmegarantie für den Aufenthalt von A._ in der Stiftung
E._ mangels Zuständigkeit im Sinne von Art. 5 Abs. 1 des Kantonalen
Gesetzes über die Unterstützung Bedürftiger ab.
4. Gegen diese Verfügung erhob A._ (nachfolgend Beschwerdeführer)
mit Eingabe vom 11. November 2020 Beschwerde an das
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Darin beantragte er
sinngemäss die Feststellung der unterstützungspflichtigen Gemeinde
gemäss Art. 5 des Kantonalen Unterstützungsgesetzes. Er begründete
dies im Wesentlichen damit, dass er dringend auf die Hilfe durch eine
Therapie in einer spezialisierten Einrichtung für Suchterkrankungen
angewiesen sei. Er sei zu 100 % arbeitsunfähig und lebe von
Krankentaggeldern, Erspartes habe er keines. Eine Rentenprüfung durch
die IV sei seit August 2017 pendent. Er sei deshalb für die Finanzierung
des Aufenthaltes subsidiär auf öffentlich-rechtliche Unterstützung
- 3 -
angewiesen, wobei es für den Eintritt in die Einrichtung E._ einer
Kostenübernahmegarantie bedürfe. Ein negativer Kompetenzkonflikt
zwischen den Gemeinden wirke sich negativ auf die gesundheitliche
Entwicklung und seinen starken Behandlungswillen aus.
5. Mit Vernehmlassung vom 11. Dezember 2020 beantragte die Gemeinde
B._ (nachfolgend Beschwerdegegnerin) die Abweisung der
Beschwerde mit der Begründung, dass der Beschwerdeführer seinen
Wohnsitz bis zum 30. Oktober 2020 in C._ gehabt habe und dies die
Wohnsitzgemeinde gemäss IVSE darstelle, so dass die
Beschwerdegegnerin nicht zuständig für die Erteilung der
Kostenübernahmegarantie gemäss IVSE sei. Die Beschwerdegegnerin
sei zudem auch nach Unterstützungsgesetz nicht für die Übernahme der
Unterbringungskosten zuständig. Der Wochenaufenthalt des
Beschwerdeführers in der Gemeinde G._ (Anm. des Gerichts: Ende
2019 bis März 2020) bestätige, dass sich der Beschwerdeführer und sein
Beistand bewusst für eine Beibehaltung des Wohnsitzes in der Gemeinde
C._ entschieden hätten. Auch die vom Beschwerdeführer geltend
gemachten aber nicht belegten Kurzaufenthalte könnten höchstens zum
Zweck der Vermeidung der Obdachlosigkeit betrachtet werden, welche
nicht dazu führten, dass der Unterstützungswohnsitz in der Gemeinde
C._ beendet würde. Das kantonale Sozialamt stütze sich bei der
Herleitung der Zuständigkeit auf die Auflistung der Aufenthalte des
Beschwerdeführers, welche aufgrund dessen persönlicher Informationen
und Akten der PDGR erstellt worden sei. Es seien weder die Akten der
PDGR noch andere Beweise eingereicht worden, welche diese
Aufenthalte bestätigen und belegen würden. Hingegen könne dem
Anmeldebogen des Beschwerdeführers entnommen werde, dass er erst
am 1. November 2020 in die Gemeinde B._ umgezogen sei, und
somit sein Wille, nicht nur vorübergebend bei der Mutter Unterschlupf zu
finden, erst am 1. November 2020 angenommen werden könne.
- 4 -
6. Mit Eingabe vom 17. Dezember 2020 verzichtete der Beschwerdeführer
auf die Einreichung einer Replik.
7. Die Gemeinde C._ wurde am 21. Dezember 2020 in Anwendung von
Art. 40 VRG zum Verfahren beigeladen.
8. Mit Vernehmlassung vom 5. Februar 2021 beantragte die Gemeinde
C._ (nachfolgend Beigeladene) die Gutheissung der Beschwerde
insofern, als die Beschwerdegegnerin zu verpflichten sei, die Kosten des
Beschwerdeführers für den Aufenthalt in der Stiftung E._ zu
übernehmen. Im Übrigen sei die Beschwerde abzuweisen, soweit
beantragt werde, die Beigeladene habe diese Kosten zu übernehmen. Sie
begründete dies im Wesentlichen damit, dass der Beschwerdeführer seit
seinem Auszug aus der ehelichen Wohnung am 29. Juli 2019 über keine
Wohnräumlichkeiten mehr in der Gemeinde C._ verfüge, in denen er
sich aufhalten könne. Er sei seit dem 29. Juli 2019 nicht mehr nach
C._ zurückgekehrt und habe auch nicht mehr die Absicht gehabt, in
C._ dauerhaft zu verbleiben. Vielmehr habe auch sein Verhalten
zwischen den Klinikaufenthalten gezeigt, dass der Beschwerdeführer stets
zu seiner Mutter nach H._ zurückgekehrt sei. Er habe damit klar zum
Ausdruck gebracht, dass er seinen Lebensmittelpunkt zu seiner Mutter
nach H._ verschoben habe, wo er auch über entsprechende
Räumlichkeiten verfüge und sich immer wieder aufhalte. Zudem brächten
auch die eigenen Aussagen des Beschwerdeführers und die Auflistung der
effektiven Aufenthaltsorte den Willen zum Ausdruck, in H._
verbleiben zu wollen, so dass sich der zivilrechtliche wie auch der
unterstützungsrechtliche Wohnsitz zum massgeblichen Zeitpunkt
offensichtlich in der Gemeinde B._ befände.
9. Mit Duplik vom 20. Februar 2021 hielt die Beschwerdegegnerin an ihrem
Antrag auf Beschwerdeabweisung fest und beantragte neu
- 5 -
Beschwerdegutheissung, soweit beantragt werde, dass die Gemeinde
C._ für die Kostenübernahme für den Aufenthalt in der Stiftung
E._ zuständig sei. Sie bestritt den Wegzug aus der Gemeinde
C._ sowie die Ausführungen der Beigeladenen und führte ergänzend
an, dass sowohl dem Entscheid der KESB vom 10. September 2020 wie
auch der Kostengutsprache des kantonalen Sozialamtes entnommen
werden könne, dass der zivilrechtliche Wohnsitz des Beschwerdeführers
in der Gemeinde C._ gelegen habe. Für diese Behörden sei es von
aussen nicht erkennbar gewesen, dass der Beschwerdeführer nicht mehr
in der Gemeinde C._ seinen Wohnsitz begründet habe. Auch aus
dem Grundsatz, wonach der einmal begründete zivilrechtliche Wohnsitz
bestehen bleibe, bis ein neuer begründet werde, ergebe sich, dass der
Beschwerdeführer seinen zivilrechtlichen Wohnsitz bis zum 30. Oktober
2020 in der Gemeinde C._ begründet habe. Die Beigeladene habe
den Wochenaufenthalt des Beschwerdeführers in der Gemeinde G._
nicht bestritten. Würden die Darlegungen der Beigeladenen zutreffen,
hätte sie spätestens bei der Anmeldung zum Wochenaufenthalt die
Abmeldung in der Gemeinde C._ verlangen müssen.
10. Innert der freiwilligen Replikfrist reichte die Beigeladene mit Eingabe vom
2. März 2021 dem Gericht die Trennungsvereinbarung von I._ und
dem Beschwerdeführer vom 30./31. Juli 2019 ein, woraus hervorgehe,
dass die eheliche Wohnung I._ zugewiesen worden sei und der
Beschwerdeführer die Wohnung bis spätestens 31. Juli 2019 habe
verlassen müssen. Über andere Räumlichkeiten in C._ verfüge der
Beschwerdeführer nicht. Damit fehle es an einem zwingenden Bestandteil des zivil- und unterstützungsrechtlichen Wohnsitzbegriffs, nämlich des
tatsächlichen und physischen Aufenthaltes an einem Ort.
11. Mit Eingabe vom 24. März 2021 reichte der Beistand des Beschwerdeführers
dem Gericht eine Kopie der E-Mail-Korrespondenz zwischen dem
Beschwerdeführer, dem Beistand und den PDGR vom 2. bis 5. Oktober 2020
- 6 -
ein, welche der Beschwerdegegnerin sowie der Beigeladenen zur
freigestellten Stellungnahme zugestellt wurde
12. Mit Stellungnahme vom 12. April 2021 vertiefte die Beschwerdegegnerin
einerseits ihren Standpunkt und machte andererseits Ausführungen zur
materiellen Prüfung des Gesuchs.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in ihren Rechtsschriften und
auf den angefochtenen Entscheid wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gegen Entscheide von Gemeinden, die – wie vorliegend die angefochtene
Verfügung vom 30. Oktober 2020 –, bei keiner anderen Instanz
angefochten werden können und weder nach eidgenössischem noch nach
kantonalem Recht endgültig sind, ist die Beschwerde an das
Verwaltungsgericht zulässig (Art. 49 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100]). Als Adressat der
angefochtenen Verfügung ist der Beschwerdeführer berührt und weist ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung auf,
weshalb er zur Erhebung der vorliegenden Beschwerde legitimiert ist (vgl.
Art. 50 Abs. 1 VRG). Vorliegend wurde die Beschwerde frist- und
formgerecht (vgl. Art. 38 VRG und Art. 52 VRG) eingereicht, weshalb
darauf einzutreten ist.
2. Streitig und zu prüfen ist vorliegend die Frage nach dem
Unterstützungswohnsitz des Beschwerdeführers.
3. Gemäss Art. 115 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (BV; SR 101) werden Bedürftige von ihrem
Wohnkanton unterstützt. Der Bund regelt die Ausnahmen und
Zuständigkeiten. Das Bundesgesetz über die Zuständigkeit für die
- 7 -
Unterstützung Bedürftiger (ZUG; SR 851.1) bestimmt, welcher Kanton für
die Unterstützung einer bedürftigen Person, die sich in der Schweiz
aufhält, zuständig ist (Art. 1 Abs. 1 ZUG). Im innerkantonalen Verhältnis
kommen das Gesetz über die Unterstützung Bedürftiger (Kantonales
Unterstützungsgesetz [UG]; BR 546.250), die weiteren kantonalen
Bestimmungen wie auch die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz
für Sozialhilfe für die Ausgestaltung und Bemessung der Sozialhilfe
(SKOS-Richtlinien; vgl. Art. 1 Ausführungsbestimmungen zum UG
[ABzUG]; BR 546.270) zur Anwendung (vgl. BGE 143 V 451 E.8.2, Urteil
des Bundesgerichts 8C_701/2013 vom 14. März 2014 E.3.2).
4. Im innerkantonalen Verhältnis ist gemäss Art. 5 Abs. 1 UG diejenige
politische Gemeinde unterstützungspflichtig, in welcher die bedürftige
Person ihren Wohnsitz hat. Die Begründung und Aufgabe des Wohnsitzes
richten sich Kraft des in Art. 6 Abs. 1 UG normierten Verweises nach den
Grund-sätzen, die gemäss ZUG im interkantonalen Verhältnis gelten. Die
unterstützungsbedürftige Person hat ihren Wohnsitz im Sinne des ZUG in
dem Kanton, in dem sie sich mit der Absicht dauernden Verbleibens
aufhält. Dieser Kanton wird als Wohnkanton bezeichnet (Art. 4 Abs. 1
ZUG). Nach Art. 4 Abs. 2 ZUG gilt die polizeiliche Anmeldung als
wohnsitzbegründend, wenn nicht nachgewiesen ist, dass der Aufenthalt
schon früher oder erst später begonnen hat oder nur vorübergehender
Natur ist. Art. 5 ZUG sieht sodann vor, dass der Aufenthalt in einem Heim,
einem Spital oder einer anderen Einrichtung und die behördliche
Unterbringung einer volljährigen Person in Familienpflege keinen
Unterstützungswohnsitz begründen (siehe mit gleichem Wortlaut Art. 6
Abs. 3 UG; THOMET, Kommentar zum Bundesgesetz über die
Zuständigkeit für die Unterstützung Bedürftiger [ZUG], 2. Aufl., Zürich
1994, Rz. 109). Der Eintritt eines solchen Sachverhalts vermag einen
bestehenden Unterstützungswohnsitz denn auch nicht zu beenden (Art. 9
- 8 -
Abs. 3 ZUG). Beendet wird der Unterstützungswohnsitz, wenn die
bedürftige Person aus dem Wohnkanton wegzieht (Art. 9 Abs. 1 ZUG).
5. Der Unterstützungswohnsitz dient der Bestimmung und Abgrenzung des jeweils im Einzelfall zuständigen (fürsorgepflichtigen) Gemeinwesens (vgl.
THOMET, a.a.O., Rz. 89). Nach der Lehre und Rechtsprechung gelten
dabei speziell folgende Kriterien als Indizien oder Anhaltspunkte für die
Bejahung eines solchen Wohnsitzes: Wenn die Begleitumstände der
Aufenthaltsbegründung und die subjektive Absicht ernsthaft auf einen
dauernden Verbleib schliessen lassen, wobei nachträgliche Äusserungen
und Beteuerungen der Gesuchsteller kritisch zu würdigen sind; ferner der
bereits länger dauernde Aufenthalt (mindestens sechs Monate am neuen
Wohnort) wenn bisher ein unsteter Lebenswandel vorlag, eine kürzere
Dauer genügt jedoch, wenn andere Elemente auf Stabilität hinweisen (vgl.
auch BGE 92 I 22); wenn eine Mietwohnung oder ein Haus bezogen wurde
(tatsächlicher Aufenthalt) oder wenn andere triftige Gründe auf ein
Bestehen des Lebensmittelpunktes am neuen Wohn- bzw. Aufenthaltsort
glaubhaft hinweisen, wie ein subjektives Gefühl des "Zuhauseseins" und
persönliche Beziehungen zu Angehörigen und Bekannten am Ort;
früheres Bestehen des Lebensmittelpunktes am Ort, wo sich die
betreffende Person wiederum niederlässt oder wohin sie in Krisenzeiten
wiederholt zurückkehrt; der Wegzug vom bisherigen Wohnsitz (vgl. Art. 9
ZUG) oder der tatsächliche Aufenthalt bzw. das Wohnen (THOMET, a.a.O.,
Rz. 108).
6. Nach dem soeben Gesagten ist im vorliegenden verwaltungsgerichtlichen
Beschwerdeverfahren zu prüfen, wo sich der Beschwerdeführer zum
Zeitpunkt des Gesuches um Kostenübernahmegarantie bzw. des
angefochtenen Entscheids mit der Absicht dauernden Verbleibens
aufgehalten hat und damit seinen Unterstützungswohnsitz hatte. Dies
setzt zum einen voraus, dass er sich dort tatsächlich niedergelassen und
- 9 -
eingerichtet hat und damit über eine ordentliche Wohngelegenheit
verfügte. Zum anderen muss er die aus den gesamten Umständen
erkennbare Absicht gehabt haben, dort nicht nur vorübergehend, sondern
dauerhaft oder zumindest für längere Zeit zu bleiben.
7. Im konkreten Fall ist erstellt und unbestritten, dass sich der
Beschwerdeführer per 1. November 2020 in der Gemeinde B._
angemeldet hat und der Zuzug von der Gemeinde C._ erfolgte (vgl.
Anmeldebogen Einwohnerkontrolle B._, Akten der
Beschwerdegegnerin [Bg-act.] 3). Der Beschwerdeführer bringt zum
Beweis seiner jeweiligen effektiven Aufenthalte eine chronologische
Aufstellung, erstellt am 11. November 2020, ein, die auf seinen eigenen
Informationen und den Akten der PDGR basiert. Demgemäss zog er am
29. Juli 2019 nach der Trennung aus der ehelichen Wohnung in C._
aus und hielt sich vom 24. Juli 2019 bis 9. August 2019, 13. August 2019
bis 6. September 2019, 3. April 2020 bis 24. April 2020, 7. Mai 2020 bis 4.
Juni 2020 und vom 22. Juli 2020 bis 2. Oktober 2020 jeweils stationär in
der Klinik D._ auf. Zwischen den Klinikaufenthalten vom 23.
September 2019 bis 20. November 2019, 17. März 2020 bis 2. April 2020,
25. April 2020 bis 6. Mai 2020, 5. Juni 2020 bis 5. Juli 2020, sowie ab dem
2. Oktober 2020 hielt er sich bei seiner Mutter in H._ (Gemeinde
B._) auf, wo er vorübergehend Kost und Logis erhielt. Im Weiteren
wohnte der Beschwerdeführer aufgrund der befristeten Saisonanstellung
bei den J._ K._ vom 21. November 2019 bis zum 16. März 2020
im Personalhaus K._ bzw. hatte er vom 12. Dezember 2019 bis
31. März 2020 in der Gemeinde G._ Wochenaufenthalt. In der
übrigen Zeit lebte der Beschwerdeführer auf der Gasse, in der
Notschlafstelle oder bei einem Kollegen (vgl. Aufstellung Effektiver
Aufenthalt vom 11. November 2020; Akten des Beschwerdeführers [Bf-
act.] 7; Trennungsvereinbarung vom 30./31. Juli 2019, Akten der
Beigeladenen).
- 10 -
8. Aufgrund der polizeilichen Anmeldung gälte die Gemeinde C._ bis
zum 31. Oktober 2020 bzw. die Gemeinde B._ ab 1. November 2020
als Unterstützungswohnsitz (vgl. Art. 4 Abs. 2 ZUG i.V.m. Art. 6 Abs. 1
UG). Die polizeiliche Anmeldung alleine ist jedoch keine Voraussetzung
für die Begründung eines Unterstützungswohnsitzes. Lässt sich jemand
mit der nach aussen erkennbaren Absicht des dauernden Verbleibens in
einer Gemeinde nieder und verfügt diese Person dort über eine
ordentliche Wohngelegenheit, begründet sie im Zeitpunkt der
Niederlassung in jener Gemeinde ihren Unterstützungswohnsitz, auch
wenn sie sich dort nicht polizeilich angemeldet bzw. in der alten
Wohngemeinde nicht abgemeldet hat. Die polizeiliche Anmeldung
begründet eine gesetzliche Wohnsitzvermutung, welche umgestossen
werden kann. Dass die betroffene Person trotz der gesetzlichen
Wohnsitzvermutung keinen Wohnsitz genommen, diesen aufgegeben
oder ihn erst später begründet hat, muss der Meldekanton beweisen.
Indizien für das Bestehen eines Unterstützungswohnsitzes sind
namentlich das Vorhandensein einer ordentlichen Wohngelegenheit
(eigene Wohnung, Zimmer in einer WG, möbliertes Zimmer mit
Mietvertrag, etc.), für Dritte erkennbare Umstände, die auf eine Absicht der
betreffenden Person, sich in der Gemeinde niederzulassen, schliessen
lassen (z.B. Postzustellung, Zeitungsabonnement, Telefonanschluss,
Versuch, sich in der Gemeinde polizeilich anzumelden, Äusserungen
gegenüber Dritten, in der Gemeinde zumindest bis auf Weiteres bleiben
zu wollen, soweit diese Absicht durchführbar ist, etc.), oder der nicht von
vornherein lediglich vorübergehend geplante Aufenthalt (d.h. es besteht
keine Absicht, innerhalb einer kurzen, zeitlich klar bestimmten Frist in die
vorherige Wohngemeinde zurückzukehren oder in eine dritte Gemeinde
zu ziehen). Das Fehlen eines Unterstützungswohnsitzes darf nicht
leichthin angenommen werden. Insbesondere dürfen weder an die
Wohnsitzbegründung, v.a. von Personen, die an einer Suchtproblematik
- 11 -
oder gesundheitlichen Problemen psychischer Art zu kämpfen haben,
allzu strenge Anforderungen gestellt werden, noch darf leichthin von
einem Verlust des Unterstützungswohnsitzes ausgegangen werden (vgl.
Merkblatt der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe [SKOS] "Örtliche
Zuständigkeit in der Sozialhilfe", Bern 2019, Kapitel 3; vgl. Urteile des
Bundesgerichts 8C_223/2010 vom 5. Juli 2010 E.4.1, 2A.420/1999 vom 2.
Mai 2000 E.6a und 6b). Der Unterstützungswohnsitz endet mit dem
Wegzug aus dem Kanton bzw. der Wohngemeinde. Die polizeiliche
Abmeldung kann als Indiz für den Wegzug gewertet werden. Dies
jedenfalls dann, wenn die betroffene Person sich persönlich abgemeldet
hat. Die polizeiliche Abmeldung begründet aber weder eine gesetzliche
Vermutung für die Wohnsitzaufgabe, noch vermag sie diese zu beweisen.
Ein Wegzug liegt vor, wenn jemand seine Wohngelegenheit aufgibt,
seinen Wohnort verlässt und ohne konkrete Rückkehrabsicht von dannen
zieht. Selbst wenn kein Wohnsitz vorliegen sollte, da die betroffene Person
beispielsweise in der Folge an verschiedenen Orten und bei
verschiedenen Bekannten Unterschlupf findet, in Notschlafstellen
übernachtet und somit nirgendwo über eine Unterkunft verfügt, mit welcher
eine allfällige Absicht des dauernden Verbleibens gegen aussen sichtbar
wird oder eine Wohnsitzbegründung rechtlich möglich ist, so obliegt die
Unterstützungshilfe damit der Gemeinde, in welcher sich der Bedürftige
tatsächlich aufhält (vgl. Art. 11 Abs. 1 ZUG und Art. 12 Abs. 2 ZUG, Art. 5
Abs. 3 UG; vgl. u.a. Urteile des Bundesgerichts 2A.253/2003 vom 23.
September 2003 E.2.3, mit Hinweisen, 2A.420/1999 vom 2. Mai 2000
E.4b). Auch eine nur zufällige und kurzfristige Ortsanwesenheit kann einen
Aufenthaltsort im Sinne des Unterstützungsgesetzes begründen. Im
Zweifel ist dies anzunehmen und die Zuständigkeit der tatsächlichen
Aufenthaltsgemeinde zur Unterstützung der bedürftigen Person zu
bejahen (THOMET, a.a.0., Rz. 169).
- 12 -
9. Der Beschwerdeführer hat nach der Trennung von seiner Ehefrau
spätestens am 31. Juli 2019 die eheliche Wohnung in der Gemeinde
C._ verlassen und ist bis zum heutigen Zeitpunkt nicht wieder dorthin
zurückgekehrt (vgl. Trennungsvereinbarung vom 30./31. Juli 2019, Akten
der Beigeladenen). Mit dem Wegzug endete grundsätzlich der
Unterstützungswohnsitz C._ (vgl. Art. 9 Abs. 1 ZUG i.V.m. Art. 6 Abs.
1 UG). Die Beschwerdegegnerin kann aus den KESB-Mitteilungen, dem
Wochenaufenthalt und dem Kostenübernahmegarantie-Gesuch, in denen
jeweils C._ als Wohnsitz genannt wird, nichts für sich ableiten, da
dies mit der polizeilichen Meldesituation (Einwohnerregister) zu erklären
ist, welche wiederum kein Beweis für den zivil- und
unterstützungsrechtlichen Wohnsitz ist.
10. Der Beschwerdeführer war gemäss seiner Auflistung ab dem 2. Oktober
2020, dem Austrittsdatum seiner stationären Behandlung in der Klinik
D._, in einem Zimmer bei seiner Mutter in H._ (Gemeinde
B._) wohnhaft, das er als sein Zuhause bezeichnete und wo er
vorübergehend Kost und Logis erhielt (siehe Bf-act. 7 und 9). Bereits vom
31. Mai 2003 bis zum 30. April 2011 war er in der Gemeinde B._
polizeilich angemeldet und danach mit Anmeldung vom 28. Oktober 2020
wieder ab dem 1. November 2020 (vgl. Bf-act. 3; Bg-act. 2 und 3). Die
polizeiliche Abmeldung bei der Gemeinde C._ erfolgte nach dem
Gesuch um Kostenübernahmegarantie vom 2. September 2020 (Bf-act. 5;
Bg-act. 3).
11. Bei der Prüfung, ob die unterstützte Person einen sozialhilferechtlichen
Unterstützungswohnsitz begründet hat, sind die Vor- und Nachgeschichte
der Person sowie deren familiäre Situation und damit die speziellen
Umstände bzw. die äusserliche Gestaltung der Lebensverhältnisse
besonders zu berücksichtigen. Gerade wenn Verwandte ein in Not
geratenes Familienmitglied bei sich aufnehmen, kann in der Regel davon
- 13 -
ausgegangen werden, dass es auf Dauer oder zumindest solange bei
seiner Familie wohnen kann, bis es eine eigene Wohnung gefunden hat.
In solchen Fällen kann ein Unterstützungswohnsitz begründet werden
(Beschwerde am Bundesgericht hängig: Verwaltungsgericht des Kantons
Zürich, VB.2020.00088, vom 11. Juni 2020, E.5.5.1; vgl. Kantonales
Sozialamt Zürich [Hrsg.], Sozialhilfe-Behördenhandbuch des Kantons
Zürich vom 24. November 2020, Kap. 3.2.01). Der Beschwerdeführer lebte
ab dem 2. Oktober 2020 bei seiner Mutter in H._ (Gemeinde
B._), mit der Absicht, bis zu seinem Eintritt in die Klinik E._ dort
zu verbleiben. Ob der Beschwerdeführer seiner Mutter einen Mietzins
geschuldet hat, geht aus den Akten nicht hervor. Aber auch ohne dass ein
Mietzins geschuldet wäre, kann die Unterbringung bei Verwandten
wohnsitzbegründend sein (vgl. Verwaltungsgericht des Kantons Zürich,
VB.2020.00088, vom 11. Juni 2020, E.5.5.3). Mit dem Wegzug des
Beschwerdeführers aus C._, welcher von der Beschwerdegegnerin
nur unsubstantiiert bestritten wird, gab er seinen zivil- wie auch seinen
unterstützungsrechtlichen Wohnsitz auf. Bei Personen ohne feste sozialen
und ökonomischen Strukturen dürfen an die Wohnsitzbegründung mit der
Absicht dauernden Verbleibs, selbst wenn dieser noch ungewiss ist, keine
allzu strengen Anforderungen gestellt werden. Das Fehlen gefestigter
sozialer und ökonomischer Beziehungen ist insbesondere bei
suchtkranken Personen typisch und kann für sich allein nicht
ausschlaggebend sein. Andernfalls könnten solche Personen kaum je
einen Unterstützungswohnsitz begründen. Dass eine Person auf Dauer
keinen Unterstützungswohnsitz hat, ist nach der Konzeption des
Zuständigkeitsgesetzes zwar grundsätzlich möglich, darf aber nicht
leichthin angenommen werden (Urteile des Bundesgerichts 8C_530/2014
vom 7. November 2014 E.3.4, 8C_223/2010 vom 5. Juli 2010 E.4.1,
2A.420/1999 vom 2. Mai 2000 E.4b, 6a). Da die Meldesituation nur ein
einzelnes Indiz bei der Ermittlung des Unterstützungswohnsitzes ist, kann
dieses nicht gegen eine Wohnsitznahme sprechen. Die sich
- 14 -
wiederholenden Aufenthalte im Sinne eines Wohnens des
Beschwerdeführers bei seiner Mutter – seiner (ersichtlich) einzigen und
engen Bezugsperson –, was er im Übrigen als sein Zuhause bezeichnet,
wie der frühere Wohnsitz in den Jahren 2003 bis 2011 in der Gemeinde
B._ sowie die am 28. Oktober 2020 erfolgte Anmeldung in der
Gemeinde B._ – d.h. zwei Tage vor Erlass der angefochtenen
Verfügung – sprechen beim nach dem Wegzug aus der Gemeinde
C._ unstet lebendenden Beschwerdeführer, der mit einer
Suchtproblematik kämpft, für die Absicht des dauernden Verbleibs bzw.
für das Bestehen eines neuen dauerhaften oder zumindest für längere Zeit
bestehenden Verbleibs im Sinne des Lebensmittelpunktes in der
Gemeinde B._. Angesichts all dieser Umstände ist auf eine
Wohnsitzbegründung in der Gemeinde B._ spätestens ab dem
2. Oktober 2020 (Datum des Austritts aus der Klinik D._ in B._
und Bezug des Zimmers bei der Mutter) zu schliessen, so dass damit auch
die gesetzliche Vermutung, wonach die polizeiliche Meldesituation für die
Begründung des Unterstützungswohnsitzes massgebend ist,
umgestossen wird. Das von der Beschwerdegegnerin in der
Stellungnahme vom 12. April 2021 dazu angeführte Urteil des
Bundesgerichts vom 20. August 1998 (2A.24/1998), wonach bei
Betäubungsmittel- und Alkoholabhängigen auch kürzere
Therapieunterbrüche nicht zum Untergang des Unterstützungswohnsitzes
führen, erachtet das Gericht vorliegend als nicht einschlägig. Folglich ist
vom Unterstützungswohnsitz des Beschwerdeführers in der Gemeinde
B._ spätestens ab dem 2. Oktober 2020 auszugehen.
12. Selbst wenn der Beschwerdeführer nach seinem Wegzug aus der
Gemeinde C._ bis zum 31. Oktober 2020 keinen neuen zivil- und
unterstützungsrechtlichen Wohnsitz begründet haben sollte, so würde
nach Art. 5 Abs. 3 UG die Unterstützungshilfe der Aufenthaltsgemeinde
obliegen. Der Aufenthaltsort des Beschwerdeführers befand sich seit
- 15 -
Anfang Oktober 2020 unstrittig in H._ (Gemeinde B._) bei seiner
Mutter, so dass danach von einer Zuständigkeit der Beschwerdegegnerin
als Aufenthaltsgemeinde gemäss Art. 5 Abs. 3 UG ab dem 2. Oktober
2020 auszugehen wäre.
13. Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass die Gemeinde
B._ für die sozialhilferechtliche Unterstützung des
Beschwerdeführers zuständig ist. Sie hat das Gesuch um
Kostenübernahmegarantie für den Aufenthalt des Beschwerdeführers in
der Stiftung E._ in F._ zu behandeln und darüber zu
entscheiden. In Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung der
Beschwerdegegnerin vom 30. Oktober 2020 aufzuheben und es ist ihre
sozialhilferechtliche Unterstützungspflicht festzustellen.
14. Bei diesem Ausgang des Verfahrens gehen die Gerichtskosten gestützt
auf Art. 73 Abs. 1 VRG zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Insbesondere
aufgrund des Umfangs und der Schwierigkeit der Sache ist die
Staatsgebühr auf CHF 1'000.-- festzulegen. Dem nicht anwaltlich
vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung
zuzusprechen; eine solche hat er auch nicht anbegehrt. Gemäss Art. 78
Abs. 2 VRG wird Bund, Kanton und Gemeinden sowie mit öffentlich-
rechtlichen Aufgaben betrauten Organisationen in der Regel keine
Parteientschädigung zugesprochen, wenn sie in ihrem amtlichen
Wirkungskreis obsiegen. Davon abzuweichen besteht vorliegend kein
Anlass, weshalb der Beigeladenen keine Parteientschädigung
zuzusprechen ist.
- 16 -