Decision ID: 85b88993-d073-4b18-955a-2e9ba50215c0
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1984,
war vom 1. Juni 2016 bis zum 30. September 2017 als Verkäuferin bei
Y._
angestellt (Urk. 6/126-128).
Am 26. September 2017 meldete sich die Versicherte beim Regionalen Arbeitsver
mittlungszentrum (RAV) Zürich zur Arbeitsvermittlung (Urk. 6/139) und beantragte am 25. Oktober 2017 Arbeitslosenentschädigung ab
dem 1. Oktober 2017 (Urk. 6/135
-138).
In einer
vom 2. Oktober 2017 bis zum 1.
Oktober 2019 dauernden Rahmenfrist für den L
eistungsbezug bezog sie
von der Arbeits
losenkasse des Kantons Zürich (ALK)
bis Ende November 2018
Arbeitslosenent
schädigung (
vgl.
Urk. 6/141 S. 120, 133 f., 195
).
Mit Verfügung vom 1. Juli 2020 hielt die ALK fest, dass die Versicherte
ab dem 2. Oktober 2017 keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung habe. Für die in den Monaten Oktober 2017 bis November 2018 zu viel ausbezahl
te Arbeitslosenentschädigung von
Fr. 34'208.40
netto
sei sie rückerstattungspflichtig
. Die ALK begründete dies damit, dass
bei
der Überprüfung des individuellen Kontoauszugs festgestellt worden sei, dass der Ehemann der Versicherten Inhaber der Einzelfirma
Y._
sei. Damit habe die Versicherte von Gesetzes wegen keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschä
digung
(Urk. 6/107
-109
).
In der Folge
leitete
die ALK beim Betreibungsamt Birmensdorf Aesch
Uitikon
gegen die Versicherte
über den Betrag
von Fr. 34'208.40 Betreibung ein
(
Zah
lungsbefehl vom 18. November 2020 in der Betreibung Nr.
«...»
)
,
wogegen
diese
am 20. November 2020 Rechtsvorschlag erhob (Urk. 6/141 S. 68-69).
Mit Urteil vom 8. Januar 2021 erteilte das Bezirksgericht Dietikon der ALK auf deren
Gesuch vom
27. November 2020
hin in der
genannten
Betreibung
Nr. «...»
definitive Re
chtsöffnung (Urk. 6/141 S. 23-28
). Die dagegen von der Versicherten am
25. Januar 2021 erhobene Beschwerde wies das Obergericht des Kantons Zürich mit Urteil vom 15. Febr
uar 2021 ab (Urk. 6/141 S. 18-22
).
Mit Eingabe vom 18. März 2021
stellte die Versicherte bei
der
ALK ein Erlass
gesuch
betreffend die Rückforderung von Fr. 34'208.40
(
Urk. 6/141 S. 4-7
)
, welches die ALK am 29. März 2021 an das zuständige
Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA)
weiterleitete
(Urk. 6/
1
)
. Mit Verfügung vom 12. Mai 2021 trat das AWA auf das Erlassgesuch nicht ein
(Urk. 6/2)
.
Die dagegen von der V
ersicherten am 14
.
Juni 2021
(Eingangsdatum)
erhobene Einsprache (U
rk. 6/8
; vgl. auch
Ein
spracheergänzung
vom 22. Juni 2021, Urk. 6/35
-36
) wies das AWA mit E
ntscheid vom 27. Oktober 2021
(Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 27
. November 2021 Beschwerde und beantragte
sinngemäss
, es sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und die Rückfor
derung zu erlassen (Urk. 1). Der Beschwerdegegner
beantragte mit Beschwerdeantwort vom 13. Januar 2022 die
Abweisung der Beschwerde (Urk.
5), was der Beschwerdeführerin am 18. Januar 2022 angezeigt wurde (Urk. 7).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 95 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosen
versicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 Satz 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche
rungsrechts (ATSG)
sind unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten. Die Rückerstattung unrechtmässig gewährter Leistungen, die in gutem Glauben empfangen wurden, wird gemäss Art. 25 Abs. 1
Satz 2
ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1
der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs
rechts (ATSV)
bei Vorliegen einer grossen Härte ganz oder teilweise erlassen. Die Voraussetzungen des guten Glaubens und der grossen Härte müssen kumulativ erfüllt sein (Urteil des Bundesgerichts 8C_100/2020 vom 15. April 2020 E. 2.1 mit Hinweis)
.
1.2
Der Erlass wird auf schriftliches Gesuch gewährt. Das Gesuch ist zu begründen, mit den nötigen Belegen zu versehen und spätestens 30 Tage nach Eintritt der Rechtskraft der Rückforderungsverfügung einzureichen (Art. 4 Abs. 4 ATSV).
Bei der in Art. 4 A
bs. 4 ATSV vorgesehenen 30-
tägigen Frist handelt es sich gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung
um eine Ordnungsfrist und nicht um eine Verwirkungsfrist (BGE 132 V 42 E. 3.4; Urteil des Bundesgerichts 9C_795/20
20 vom 10. März 2021 E. 5;
Kieser
, ATSG-Kommentar, 4. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2020, N
75 zu Art. 25 ATSG
).
Ordnungsfristen sollen den geordneten Verfahrensgang gewährleisten, sind aber nicht mit Verwirkungs
folgen verbunden. Ihre Erstreckung ist zwar auch ausgeschlossen, doch kann die Verfahrenshandlung auch noch nach Fristablauf vorgenommen werden, soweit und solange der geordnete Verfahrensablauf dies nicht ausschliesst (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-2702/2018 vom 23. April 2019 E. 2.5.2 mit Hinweis).
2.
2.1
Der Beschwerdegegner begründete den angefochtenen Entscheid damit, dass
die Beschwerdeführerin die Rückforderungsverfügung der ALK vom 1. Juli 2020 gemäss eigenen Angaben nicht erhalten habe.
Sie
vermute
, dass ein Nachbar den Brief böswillig entwendet habe. Diesen Ausführungen sei entgegenzuhalten, dass
der Beschwerdeführerin die Verfügung vom 1. Juli 2020
gemäss
Zustellnachweis
am 3. Juli 2020
per A-Post Plus
ordnungsgemäss zugestellt worden sei. Sollte die Verfügung tatsächlich nach der Zustellung entwendet worden sein, könnte die
Beschwerdeführerin daraus nichts
zu ihren Gunsten ableiten. Denn gemäss den Angaben im Erlassgesuch habe sie im Dezember 2020 eine Vorladung vom Bezirksgericht Dietikon betreffend Rechtsöffnung mit einem Termin am
8. Januar 2021 erhalten. Der zuständige Richter habe ihr zusammen mit der Vorladung
auch
die Verfügung der ALK vom 1. Juli 2020
zugestellt
. Die Beschwerdeführerin habe somit spätestens
im Dezember 2020
Kenntnis
von
der
Verfügung der ALK vom 1. Juli 2020
gehabt
.
Zudem sei sie von der ALK bereits am 19. Oktober 2020 bezüglich des offenen Betrags von Fr. 34'208.40 gemahnt worden. Dabei sei der Beschwerdeführerin auch mitgeteilt worden, dass
dieser Rückforderungsbetrag auf der Ver
fügung vom 1. Juli 2020 beruhe.
Im
Zahlungsbefehl vom 18.
November 2020 sei
ebenfalls
auf die genannte Verfügung der ALK verwiesen worden.
Die Beschwerdeführerin habe jedoch
erst am 18. März 2021
ein Gesuch um Erlass der Rückforderung gestellt. Dies, nachdem das Bezirksgericht Dietikon mit Urteil vom 8. Januar 2021, bestätigt mit Urteil des Obergerichts
des Kantons Zürich
vom 15. Februar 2021, die definitive Rechtsöffnung über den Betrag von Fr. 34'208.40 erteilt habe.
Bei der Frist von Art. 4 Abs. 4 ATSV handle es sich zwar um eine Ordnungsfrist.
Das Erlassgesuch sei
aber
ohne ersichtlichen Grund erst zu einem Zeitpunkt gestellt worden, als
das Betreibungsverfahren
bereits
weit fortgeschritten
gewesen
und der ALK
ein erheblicher Prozessaufwand entstanden sei.
Bei einem
Eintreten auf das Erlassg
esuch
könne
unter diesen Umständen
kein geordneter Verfahrensgang mehr
gewährleistet werden (Urk. 2 S. 3
).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber geltend,
dass sie die Rückforde
rungsverfügung der ALK vom 1. Juli 2020 nicht erhalten habe
. Dass man
eine solche Verfügung, mit welcher
eine Forderung von mehr als Fr.
34'000.-- geltend gemacht werde, nicht per Einschreiben versende, könne sie nicht verstehen.
Ihr Ehemann sei
an der Boutique
Y._
für Damenkleider, in welcher sie gearbeitet ha
be, nicht beteiligt gewesen.
Den Arbeitsvertrag habe sie mit der Geschäfts
führerin Frau
Z._
abgeschlossen. Die Beschwerdeführerin habe
ebenfalls
keinerlei Einfluss auf den Geschäftsgang gehabt
und sei auch nicht
mit Kapital am Geschäft beteiligt gewesen. Die ihr ab dem 2. Oktober 2017 ausgerichtete Arbeitslosenentschädigung habe sie in gutem Glauben bezogen. Im Weiteren sei eine grosse Härte gegeben. Ihr Ehemann
erhalte von der
Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, eine Corona-Erwerbsersatzent
schädigung von
monatlich Fr. 2'200.--
. Sie selber erhalte
Fr.
1'200.--. Von diesem Geld würde die ganze Familie leben.
Ihr Existenzminimum sei damit nicht gedeckt
. Anfangs Dezember 2021 erw
arte die Beschwerdeführerin
ein drittes Kind (Urk. 1).
3.
3.1
Zu prüfen ist in
diesem Verfahren einzig, ob der Beschwerdegegner mangels Rechtzeitigkeit
zu Recht
nicht
auf das Gesuch
um Erlass der Rückforderung ein
getreten ist.
3.2
Das Bezirksgericht Dietikon erwog i
m Urteil vom 8. Januar 2021 betreffend Rechtsöffnung (Urk. 6/
141 S. 26
)
,
welches
durch das Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 15. Februar 2021
bestätigt wurde
(Urk. 6/141 S. 18-22
)
,
dass der Beschwerdeführerin die Rückforderungsverfügung
der ALK
vom 1. Juli 2020 gemäss Track & Trace Auszug der Post am 3. Juli 2020 per A-
Post Plus zugestellt worden sei. Die Beschwerdeführerin mache keine Ausführungen, welche die erforderliche Qualität hätten, sodass eine
fehlerhafte Postzustellung anzunehmen wäre
.
Das Bezirksgericht Dietikon kam deshalb zum Schluss, dass e
ine Zustellung der Rückforderungsverfügung am 3. Juli 2020 als erstellt gelten
könne
. Diese Darlegungen sind nachvollziehbar und es kann darauf abgestellt werden.
Die
30-tägige
Einsprachefrist
gegen die
Verfügung vom 1. Juli 2020
begann daher am 4. Juli 2020 zu laufen und endete
– unter Berücksichtigung des Fristenstillstands vom 15. Juli bis zu
m 15. August 2020 (vgl. Art. 38 Abs. 4
lit
. b
ATSG) – am 3.
September 2020
. Nachdem die Beschwerdeführerin
die
Verfügung unbestritte
nermassen nicht
innert Frist
angefochten hatte, erwuchs sie in Rechtskraft
.
Mit dem
Erlassgesuch
vom
18. März 2021
hat
sie
die 30-tägige Frist gemäss
Art. 4 Abs. 4 ATSV, welche nach Eintritt der Rechtskraft der Rückforderungsver
fügung vom
1. Juli 2020
,
nämlich am 4. S
eptember 2020
,
zu laufen begann
und am 5. Oktober 2020
endete (gemäss Art. 38 Abs. 3 ATSG endet eine Frist, die an einem Samstag oder Sonntag abläuft, am nächstfolgenden Werktag)
,
nicht gewahrt
.
Die 30-tägige Fri
st in Art. 4 Abs. 4 ATSV ist
indes
nicht
eine Verwirkungsfrist, sondern
lediglich eine
Ordnungsvorschrift
, die sich nicht auf ein Gesetz im formellen Sinne zu stützen vermag
(BGE 132 V 42 E. 3.4). Demzufolge
kann auch nach
Ablauf dieser Frist
noch der
Erlass einer
Rückforderung
verlangt
werden. Der
Beschwerdegegner
hätt
e auf das Gesuch
der Beschwerdeführerin
vom
18. März 2021
deshalb
eintreten und dieses
materiell prüfen müssen.
Dass
die ALK
betreffend die Rückforderung i
n der Höhe von
Fr. 34'208.40
bereits einen rechts
kräftigen
Rechtsöffnungsentscheid
erwirkt hat
, vermag daran nichts zu ändern.
Denn sollte
das
Erlassgesuch
abgewiesen werden, steht es der ALK offen, erneut Betreibung einzuleiten
.
Ein
geordneter Verfahrensablauf
wäre
diesfalls
nach wie vor
möglich
.
4.
Die
Beschwerde
ist demnach
in dem Sinne gutzuheisse
n, dass der
Einspracheent
scheid
v
om 27. Oktober 2021
(Urk. 2)
aufzuheben und die Sache an den Beschwerdegegner zurückzuweisen ist, damit er
über das
Erlassgesuch vom
18. März 2021
materiell entscheide
.