Decision ID: c5460591-c6cc-5002-858f-eccae94a97ef
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 6. Juli 2020 in der Schweiz um Asyl
(Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1).
B.
Am 10. Juli 2020 nahm die Vorinstanz die Personalien des Beschwerde-
führers auf und am 17. Juli 2020 gewährte sie ihm rechtliches Gehör, unter
anderem zur Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten Nichteintretensent-
scheid sowie zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat (SEM-act. 11
und 13).
C.
Mit Verfügung vom 5. August 2020 – eröffnet am 6. August 2020 – trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Deutschland an
und forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die
einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende
Wirkung hin und beauftragte den Kanton Zürich mit dem Vollzug der Weg-
weisung (SEM-act. 21).
D.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am
7. August 2020 (Datum Postaufgabe) Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht. Er beantragte, die Verfügung vom 5. August 2020 sei aufzu-
heben und die Vorinstanz anzuweisen, sich für die Prüfung seines Asylge-
suchs für zuständig zu erklären. Eventualiter sei die vorinstanzliche Verfü-
gung aufzuheben und die Sache zur vollständigen Abklärung des Sachver-
halts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer die Gewährung
der aufschiebenden Wirkung und der unentgeltlichen Prozessführung so-
wie die Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistandes und den Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses (Akten des Bundesverwaltungsge-
richts [BVGer-act.] 1).
E.
Am 10. August 2020 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den
Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Der Be-
schwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchende
in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Gemäss Art. 3 Abs. 1 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) wird jeder Asylan-
trag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des
Kapitels III der Dublin-III-VO als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.
Die grundsätzliche (Wiederaufnahme-) Zuständigkeit Deutschlands zur
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens des Beschwerdefüh-
rers ist vorliegend gegeben und unbestritten (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-
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III-VO; Art. 23 Dublin-III-VO). Zu prüfen bleibt, ob die Vorinstanz in Anwen-
dung der Souveränitätsklausel von ihrem Selbsteintrittsrecht hätte Ge-
brauch machen müssen.
4.1. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Er-
weist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen Dublin-
Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen die
Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die Vorinstanz
die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der Schweiz
behandeln (BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2).
4.2. Gegen seine Überstellung nach Deutschland trägt der Beschwerde-
führer einzig und sinngemäss vor, die Verfügung der Vorinstanz sei sein
"Todesurteil" ("death sentence").
4.2.1. Seinen eigenen Angaben im Dublin-Gespräch vom 17. Juli 2020 zu-
folge hat der Beschwerdeführer in Deutschland bereits zweimal einen ne-
gativen Asylentscheid erhalten. In Kombination mit der Bezeichnung der
angefochtenen Verfügung als Todesurteil ist daher auf seine Argumenta-
tion zu schliessen, Deutschland werde ihn in seinen Heimatstaat Afghanis-
tan wegweisen, wo er an Leib und Leben gefährdet sei.
4.2.2. Zutreffend führt die Vorinstanz aus, dass es an den deutschen Be-
hörden liegt, sich mit dieser behaupteten Gefährdungslage in Afghanistan
auseinanderzusetzen. Es liegt in der alleinigen Zuständigkeit Deutschlands
Asylgründe und Wegweisungsvollzugshindernisse betreffend den Be-
schwerdeführer und seine Rückführung nach Afghanistan zu prüfen.
Deutschland bleibt auch im Falle eines negativen Asylentscheids für die
Wegweisung des Beschwerdeführers aus dem Dublin-Raum zuständig
(Prinzip der Überprüfung eines Asylgesuchs durch einen einzigen Mitglied-
staat ["one chance only"]; vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3).
4.2.3. Ein definitiver Entscheid über ein Asylgesuch und die Wegweisung
ins Heimatland stellen nicht per se eine Verletzung des Non-Refoulement-
Prinzips dar (BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Vielmehr kann davon ausgegan-
gen werden, dass Deutschland seinen völkerrechtlichen Pflichten aus der
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EMRK, dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem Zusatzproto-
koll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) nachkommt (statt vieler:
Urteil des BVGer F-3812/2020 vom 4. August 2020 E. 5.2.2). Vorliegend
ist auch nicht zu befürchten, dass sich Deutschland nicht an die Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) halten und ihn in
Missachtung des Grundsatzes des Non-Refoulement zur Ausreise nach Af-
ghanistan oder in ein anderes Land zwingen könnte, in dem sein Leib, sein
Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG ge-
fährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches
Land gezwungen zu werden. Indizien dafür, dass das Asylverfahren des
Beschwerdeführers in Deutschland mangelhaft gewesen wäre, sind vorlie-
gend keine ersichtlich. Solche ergeben sich insbesondere auch nicht aus
der vom Beschwerdeführer ins Recht gelegten Niederschrift über die
Asylanhörung in Deutschland vom 24. Februar 2017 (SEM-act. 15).
4.2.4. Sodann ist darauf hinzuweisen, dass die deutschen Behörden dem
Beschwerdeführer eine seit eineinhalb Jahren und zumindest bis zum
14. September 2020 gültige "Duldung" erteilt und seine Abschiebung aus-
gesetzt haben. Wenngleich die Gründe für das Aussetzen der Abschiebung
vorliegend nicht im Detail bekannt sind, zeigt dies doch auf, dass die deut-
schen Behörden Hindernisse bei der Überstellung nach Afghanistan prüfen
und berücksichtigen.
4.3.
4.3.1. Was den medizinischen Sachverhalt anbetrifft, so kann dem fach-
ärztlichen Bericht vom 14. Juli 2020 (richtig wohl von Anfang August 2020
datierend) entnommen werden, dass der Beschwerdeführer kürzlich einen
Nervenzusammenbruch erlitten hat und an einer schweren depressiven
Episode (ICD-10 F.32.2) mit begleitender Angstsymptomatik leidet. Am
3. August 2020 hat der Beschwerdeführer daher das Medikament Temes-
ter verschrieben bekommen, wobei ein Wechsel auf eine vierwöchige Ein-
nahme von Olanpax im Raume steht (SEM-act. 23).
4.3.2. Ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK kann vorliegen, wenn eine schwer
kranke Person durch die Abschiebung mit einem realen Risiko konfrontiert
würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
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ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
4.3.3. Zwar leidet der Beschwerdeführer an einer gravierenden psychi-
schen Beeinträchtigung. Diese ist indes nicht derart schwer, dass von einer
Überstellung nach Deutschland abgesehen werden müsste. Deutschland
verfügt zweifellos über eine ausreichende medizinische Infrastruktur (statt
vieler: Urteil des BVGer E-3703/2020 vom 29. Juli 2020 E. 7.1.2). Ausser-
dem begab sich der Beschwerdeführer dort bereits einmal in ärztliche Be-
handlung, lehnte eine Medikation jedoch ab. Eine adäquate Behandlung
der gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers in Deutschland ist
daher gewährleistet (vgl. auch Urteile des BVGer F-2626/2020 vom 3. Juni
2020 E. 4.3.2; D-1127/2020 vom 2. April 2020 E. 8.4.3; D-5824/2019 vom
12. November 2019). Davon ist auch dann auszugehen, wenn das Asylver-
fahren des Beschwerdeführers in Deutschland bereits negativ entschieden
worden ist.
4.3.4. Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefoch-
tenen Verfügung beauftragt sind, werden den medizinischen Umständen
bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung Rechnung
tragen und die deutschen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über
die spezifischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Bedürfnisse in-
formieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Medikamente können dem Be-
schwerdeführer auf Vorrat abgegeben werden.
4.4. Im Übrigen kommt der Vorinstanz bei der Anwendung von Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 Ermessen zu (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Der Sachverhalt
erweist sich vorliegend als hinreichend abgeklärt. Von einer Rückweisung
der Sache zur ergänzenden Sachverhaltsabklärung ist abzusehen, zumal
der Beschwerdeführer seinem Rückweisungsantrag keinerlei Begründung
beifügt. Den Akten sind keine Hinweise auf eine gesetzeswidrige Ermes-
sensausübung (Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG) durch die Vorinstanz zu ent-
nehmen. Es besteht daher kein Grund für eine Anwendung der Ermessens-
klauseln von Art. 17 Dublin-III-VO und Art. 29a Abs. 3 AsylV 1. Somit bleibt
es bei der Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens.
5.
Es ergibt sich, dass Deutschland für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens des Beschwerdeführers zuständig ist. Zu Recht ist die
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Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such nicht eingetreten und hat in Anwendung von Art. 44 AsylG die Über-
stellung nach Deutschland angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). Die Be-
schwerde ist abzuweisen. Der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden
Wirkung erweist sich mit der Ausfällung des vorliegenden Urteils als ge-
genstandslos.
6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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