Decision ID: 5157f20a-2b67-59d9-8ca9-5bba4256cd07
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 12. Juli 2021 in der Schweiz um Asyl
nach und mandatierte am 15. Juli 2021 die ihr zugewiesene Rechtsvertre-
tung.
B.
Im Rahmen der Personalienaufnahme (PA) vom 15. Juli 2021 gab die Be-
schwerdeführerin an, sie sei somalische Staatsangehörige, habe ihr Hei-
matland im April 2019 verlassen und sei im August 2019 nach Europa
(Griechenland) gelangt. Die Identitätskarte und ihr Pass seien in der
B._.
C.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführerin am (...) 2019 bereits in
Griechenland ein Asylgesuch eingereicht hatte und ihr dort am (...) 2020
Schutz gewährt worden war.
D.
Mit Schreiben vom 31. Juli 2021 beantragte die Rechtsvertretung die
Durchführung der Befragung der Beschwerdeführerin in einem Frau-
enteam.
E.
Am 22. Juli 2021 fand das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 vom 23. Mai 2019 (Dublin-Gespräch) in einem
Frauenteam statt. In diesem Rahmen wurde der Beschwerdeführerin das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und zur
Möglichkeit einer Überstellung nach Griechenland gewährt. Hierbei bestä-
tigte sie die Asylgesuchstellung und Schutzgewährung in Griechenland.
Sie habe sich etwa zwei Jahre dort aufgehalten und sei danach über Italien
in die Schweiz gereist. Sie habe anfangs in Griechenland bleiben und dort
arbeiten und die Sprache lernen wollen. Aber nachdem sie (...) Monate
dort gewesen sei, habe ihr ein Mann Alkohol mit einer unbekannten Sub-
stanz gegeben, worauf es ihr schlecht gegangen sei. Sie könne sich an
nichts Konkretes erinnern, aber sie sei bei dem Vorfall (...). Sie habe dies
nicht bei der Polizei gemeldet, da sie niemanden gehabt habe, der über-
setzt hätte. Sie habe den Vorfall auch nicht im Camp gemeldet, sondern
mit niemandem darüber gesprochen. Den besagten Mann habe sie nie
mehr gesehen. Sie habe (...), aber ein Arzt habe ihr gesagt, dass (...). Sie
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habe sich dann (...). Seit dem besagten Vorfall habe sie sich im Camp nicht
mehr sicher gefühlt. Nach Erhalt des positiven Asylentscheids sei sie nach
C._ gereist, wo ihr griechische Dokumente ausgestellt worden
seien. Sie habe dann bei dem Mann, der ihr (...) besorgt habe, gewohnt
und in dessen (...) gearbeitet und so das Geld für die (...) abbezahlt. Dieser
Mann sei sehr nett gewesen und habe sich gut um sie gekümmert. Sie
hätten noch Kontakt. Sie habe aber nicht für immer dortbleiben können,
sondern selbständig sein wollen. Sie sei nicht in Griechenland geblieben,
weil sie die Sprache nicht gekonnt und ihr diesbezüglich niemand geholfen
habe. Man müsse dort selber die Sprache lernen und sich integrieren. Ge-
sundheitlich gehe es ihr sehr gut.
F.
Am 22. Juli 2021 ersuchte das SEM die griechischen Behörden gestützt
auf die Richtlinie 2008/115 EG des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in
den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehö-
riger (sog. Rückführungs-Richtlinie) und das Abkommen zwischen dem
Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Hellenischen Republik
über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem Aufenthalt vom
28. August 2006 (SR 0.142.113.729) um Rückübernahme der Beschwer-
deführerin.
Am 26. Juli 2021 stimmten die griechischen Behörden dem Rückübernah-
meersuchen zu. Sie bestätigten, dass der Beschwerdeführerin am (...)
2020 der Flüchtlingsstatus zuerkannt worden sei und sie in Griechenland
über eine bis zum (...) gültige Aufenthaltsbewilligung verfüge.
G.
Am 19. August 2021 stellte das SEM der Beschwerdeführerin den Entwurf
des Nichteintretensentscheids zu und gewährte ihr das rechtliche Gehör.
Mit Eingabe vom 20. August 2021 wandte die Beschwerdeführerin im We-
sentlichen ein, dass sie nicht nach Griechenland zurückkönne, da sie dort
die Schwierigkeiten erlebt habe, aufgrund derer sie Somalia verlassen
habe. Sie habe in Griechenland keinen Schutz erhalten und wisse nicht,
wo sie dort in Sicherheit leben könnte. Sie habe im Camp, in dem sie ver-
gewaltigt worden sei, von einer Organisation lnformationen über andere
Frauen mit ähnlichen Erlebnissen erzählt bekommen, und deshalb das Ver-
trauen in jegliche Organisationen verloren. Sie wolle nicht, dass Drittperso-
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nen von ihrem Vorfall Kenntnis erhalten würden. Die Situation von Schutz-
berechtigten in Griechenland sei desolat; das Land vermöge seinen völker-
rechtlichen Verpflichtungen nicht nachzukommen, und Schutzberechtig-
ten, die nicht über die nötigen Sprachkenntnisse, finanziellen Ressourcen
und Netzwerke verfügen würden, sei es dort kaum möglich, über den
Rechtsweg ihre Ansprüche innert nützlicher Frist geltend zu machen. Sie
verweise hierzu auf Berichte verschiedener Organisationen und Ent-
scheide deutscher Verwaltungsgerichte. Es sei daher von der Unzulässig-
keit oder zumindest Unzumutbarkeit ihrer Wegweisung nach Griechenland
auszugehen, zumal sie bereits Opfer einer Vergewaltigung geworden sei
und die Kosten für (...) habe abarbeiten müssen. Als alleinstehende Frau
sei sie in Griechenland gefährdet, ausgenutzt und erneut Opfer von sexu-
eller Gewalt zu werden.
H.
Mit Verfügung vom 24. August 2021 – gleichentags eröffnet – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch nicht ein. Es wies die Beschwerdeführerin aus der Schweiz weg
und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der
Verfügung zu verlassen, ansonsten sie in Haft genommen und unter Zwang
nach Griechenland zurückgeführt werde. Gleichzeitig beauftragte es den
zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte der
Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeich-
nis aus.
Es führte an, dass Griechenland ein sicherer Drittstaat im Sinne von Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG sei und die Beschwerdeführerin dorthin zurückkehren
könne, wo ihr der Flüchtlingsstatus zuerkannt worden sei. Für die weitere
Begründung wird auf die Ausführungen der Vorinstanz in der Verfügung
verwiesen.
I.
Mit Eingabe vom 31. August 2021 erhob die Beschwerdeführerin durch
ihre Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde, worin
um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und um Gewährung der vor-
läufigen Aufnahme in der Schweiz, eventualiter um Rückweisung der Sa-
che an die Vorinstanz zwecks vollständiger Feststellung des Sachverhalts
und subeventualiter um Anweisung an die Vorinstanz, von den griechi-
schen Behörden individuelle Garantien betreffend adäquater Unterbrin-
gung und Zugangs zu nahtloser fachärztlicher Behandlung einzuholen, er-
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sucht wurde. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde zudem um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses ersucht.
Zur Begründung machte sie im Wesentlichen geltend, sie sei aus Grie-
chenland ausgereist, weil sie dort Opfer einer Vergewaltigung geworden
sei und sich danach im Camp nicht mehr sicher gefühlt habe. Das Camp
habe aus einem Zeltlager mit mangelhafter sanitärer Infrastruktur bestan-
den und sie habe sich auf dem Weg zu den Toiletten gefürchtet, dass ihr
etwas angetan werden könnte. Vor der medizinischen Versorgung habe es
jeweils eine Schlange gegeben und sie sei oft vergebens angestanden.
Nach der Vergewaltigung sei sie so verängstigt gewesen, dass sie sich
nicht getraut habe, zur Polizei zu gehen. Auch seitens des Camp-Perso-
nals habe sie diesbezüglich keine Unterstützung gehabt. Nach Erhalt des
Schutztitels habe sie das Camp verlassen müssen und sich verzweifelt an
eine Privatperson gewendet, die ihr ein (...) besorgt habe. Die diesbezüg-
lichen Schulden habe sie von (...) bis (...) in deren (...) abgearbeitet. Da-
nach sei sie vor dem Gang in die Obdachlosigkeit gestanden. Zudem habe
sie die Sprache nicht gekonnt und von den Behörden keine Unterstützung
erhalten, um sich in Griechenland zu integrieren. Deshalb habe sie das
Land verlassen. Das SEM habe die Situation von Schutzberechtigten in
Griechenland unzureichend berücksichtigt. Es sei mit Art. 3 EMRK nicht
vereinbar, wenn eine Person im Zielstaat auf sich allein gestellt sei und
über einen langen Zeitraum gezwungen wäre, auf der Strasse oder ohne
Zugang zu sanitären Einrichtungen oder Nahrungsmitteln zu leben. Die Si-
tuation von Personen, die in Griechenland über einen Schutzstatus verfü-
gen würden, sei angesichts fehlender Unterstützung beim Auffinden einer
Unterbringung, fehlenden Zugangs zum Arbeitsmarkt, zu Bildung und So-
zialhilfe sowie nur schwer erhältlicher medizinischer Hilfe menschenunwür-
dig. Sie verweise auf entsprechende Einschätzungen deutscher und nie-
derländischer Gerichte. Folglich sei auch vorliegend von der Unzulässig-
keit respektive Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung auszuge-
hen. Das SEM habe seine anderslautende Einschätzung ungenügend be-
gründet. Sollte das Vorliegen eines "real risk" im Sinne von Art. 3 EMRK
respektive das Bestehen individueller Vollzugshindernisse verneint wer-
den, seien von den griechischen Behörden zumindest individuelle Zusiche-
rungen bezüglich adäquater nahtloser medizinischer Behandlung und Un-
terbringung einzuholen.
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
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1. September 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
Gleichentags bestätigte dieses den Eingang der Beschwerde.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor dem SEM teilgenommen, ist durch
die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdi-
ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist da-
her zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
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2.3 Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb dem
Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich volle Kognition zukommt.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
aufgezeigt wird, handelt es sich um eine solche, weshalb der Beschwerde-
entscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Ge-
stützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
4.
Vorab ist festzustellen, dass keine Veranlassung besteht, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben. Die Rüge der Beschwerde-
führerin, das SEM habe die Begründungspflicht verletzt, indem es sich un-
zureichend zu der von ihr in ihrer Stellungnahme vom 20. August 2021 er-
wähnten Rechtsprechung deutscher Verwaltungsgerichte geäussert habe,
vermag nicht zu greifen. Das SEM hat die besagten Ausführungen der Be-
schwerdeführerin vom 20. August 2021 zur Kenntnis genommen und in
seinem Entscheid berücksichtigt (vgl. angefochtene Verfügung S. 8), und
in genügender Weise dargelegt, weshalb es die Überstellung nach Grie-
chenland (dennoch) als durchführbar erachte. Der (Eventual-)Antrag der
Beschwerdeführerin um Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist da-
her abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch in der Re-
gel nicht eingetreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann,
in welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
5.2 Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest,
dass es sich bei Griechenland um einen verfolgungssicheren Drittstaat im
Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG handelt. Den vorinstanzlichen Akten
ist sodann zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin in Griechenland
als Flüchtling anerkannt wurde und die griechischen Behörden ihrer Rück-
übernahme ausdrücklich zugestimmt haben. Bei einer Person, die bereits
in einem sicheren Drittstaat als Flüchtling anerkannt wurde und die dorthin
zurückkehren kann, erfolgt in der Schweiz mangels Bestehens eines
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Seite 8
Rechtsschutzinteresses keine zusätzliche Feststellung der Flüchtlingsei-
genschaft respektive Anerkennung von Wegweisungshindernissen in den
Heimatstaat. Damit sind die Voraussetzungen für einen Nichteintretensent-
scheid nach Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erfüllt, weshalb das SEM auf das
Asylgesuch der Beschwerdeführerin zu Recht in Anwendung der besagten
Bestimmung nicht eingetreten ist.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.2.1 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten – wie
Griechenland einer ist – die Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen
Verpflichtungen, darunter im Wesentlichen das Refoulement-Verbot und
grundlegende menschenrechtliche Garantien, einhalten (vgl. FANNY
MATTHEY, in: Cesla Amarelle/Minh Son Nguyen, Code annoté de droit des
migrations, Bern 2015, Art. 6a AsylG N 12 S. 68). Es obliegt der betroffe-
nen Person, diese Legalvermutungen umzustossen. Dazu hat sie ernst-
hafte Anhaltspunkte dafür vorzubringen, dass die Behörden des in Frage
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stehenden Staates im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht
den notwendigen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Le-
bensumständen aussetzen würden respektive, dass sie im in Frage ste-
henden Staat aufgrund von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftli-
cher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde
(vgl. statt vieler das Urteil des BVGer E-2617/2016 vom 28. März 2017
E. 4).
7.2.2 Das Gericht geht in konstanter Rechtsprechung grundsätzlich davon
aus, dass Griechenland als Signatarstaat der EMRK, des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105)
und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht-
linge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar
1967 (SR 0.142.301) seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nachkommt. Das Vorliegen eines Vollzugshindernisses unter dem
Aspekt der Zulässigkeit bei Personen, denen von den griechischen Behör-
den ein Schutzstatus verliehen wurde, wird vom Bundesverwaltungsgericht
praxisgemäss nur dann bejaht, wenn im jeweiligen Einzelfall konkrete An-
haltspunkte für Völkerrechtsverletzungen vorliegen. Das Gericht erkennt
an, dass die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig sind. Dennoch
ist gemäss Rechtsprechung diesbezüglich nicht von einer generellen un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung von Schutzberechtigten
im Sinne von Art. 3 EMRK respektive einer existenziellen Notlage auszu-
gehen (so insbesondere das Urteil des BVGer D-559/2020 vom 13. Feb-
ruar 2020 E. 8.2 m.w.H. [als Referenzurteil publiziert]). Die bekannten Un-
zulänglichkeiten treten nicht in einer Weise auf, die darauf schliessen las-
sen, dass Griechenland grundsätzlich nicht gewillt oder nicht fähig sei,
Schutzberechtigten die ihnen zustehenden Rechte und Ansprüche zu ge-
währen, beziehungsweise dass diese bei Bedarf nicht auf dem Rechtsweg
durchgesetzt werden könnten (vgl. beispielsweise Urteile des BVGer
D-3708/2021 vom 27. August 2021, E-319/2021 vom 27. Januar 2021 und
E-4617/2020 vom 24. September 2020). Die von der Beschwerdeführerin
zitierten Berichte verschiedener Organisationen und Entscheide deutscher
und niederländischer Gerichte vermögen diese Einschätzung nicht umzu-
stossen. Personen mit Schutzstatus sind griechischen Bürgerinnen und
Bürgern gleichgestellt in Bezug auf Fürsorge und den Zugang zu Gerichten
respektive anderen Ausländern und Ausländerinnen gleichgestellt bei-
spielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder die Gewährung einer Un-
terkunft (vgl. Art. 16-24 FK). Unterstützungsleistungen und weitere Rechte
können direkt bei den zuständigen Behörden eingefordert werden, falls
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notwendig auf dem Rechtsweg. Nicht zuletzt können Schutzberechtigte
sich auch auf die Garantien in der Qualifikationsrichtlinie berufen, insbe-
sondere die Regeln betreffend den Zugang von Personen mit Schutzstatus
zu Beschäftigung (Art. 26), Bildung (Art. 27), Sozialhilfeleistungen (Art. 29),
Wohnraum (Art. 32) und medizinischer Versorgung (Art. 30). Im Falle einer
Verletzung der Garantien der EMRK steht gestützt auf Art. 34 EMRK letzt-
lich der Rechtsweg an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
(EGMR) offen (vgl. Referenzurteil D-559/2020 vom 13. Februar 2020
E. 8.2).
7.2.3 Die Beschwerdeführerin verfügt in Griechenland über den Flücht-
lingsstatus und findet dort somit Schutz vor Rückschiebung im Sinne von
Art. 5 Abs. 1 AsylG. Im vorliegenden Fall liegen auch keine hinreichenden
Anhaltspunkte dafür vor, dass für die Beschwerdeführerin persönlich ein
"real risk" bestehen würde, bei einer Rückkehr nach Griechenland dort ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt zu werden. Die Beschwerdeführerin hat nicht vorgebracht, dass
sie bei den griechischen Behörden um entsprechenden Schutz ersucht
habe, und es ist ausserdem nicht ersichtlich, dass sie rechtlich gegen eine
Verweigerung von Unterstützungsleistungen vorgegangen wäre. Die
blosse Möglichkeit, in nicht absehbarer Zeit aus nicht vorausschaubaren
Gründen in eine so missliche Lebenssituation getrieben zu werden, die ei-
ner Aussetzung einer existenziellen Notlage und andauernden menschen-
rechtswidrigen Behandlung gleichkäme, vermag die Schwelle zu einem
entsprechenden "real risk" nicht zu überschreiten.
Gemäss Praxis des EGMR kann der Vollzug der Wegweisung eines abge-
wiesenen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen im Einzelfall ei-
nen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen; hierfür sind jedoch ganz aus-
sergewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl. Urteil Paposhvili gegen
Belgien vom 13. Dezember 2016, 41738/10 §183). Eine solche Situation
ist vorliegend nicht ersichtlich. Die Beschwerdeführerin gab am 22. Juli
2021 zu Protokoll, dass es ihr gesundheitlich sehr gut gehe, und den Akten
lassen sich keine Hinweise entnehmen, dass die Beschwerdeführerin ak-
tuell unter gesundheitlichen Beschwerden leiden würde respektive in ärzt-
licher Behandlung wäre. Der in der Rechtsmitteleingabe vom 31. August
2021 beantragten Einholung von Zusicherungen seitens der griechischen
Behörden bezüglich nahtloser medizinischer Behandlung fehlt es damit
von vornherein an einer Grundlage. Im Übrigen hat sich Griechenland völ-
kerrechtlich verpflichtet, Asylsuchenden und ausländischen Personen mit
einem Schutzstatus die erforderlichen medizinischen Behandlungen zur
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Seite 11
Verfügung zu stellen (vgl. Urteil des BVGer E-3110/2020 vom 24. Juni 2020
E. 7.4). Die Beschwerdeführerin ist gehalten, bei Bedarf medizinischer Be-
handlung die ihr zustehenden Rechte einzufordern und nötigenfalls auf
dem Rechtsweg durchzusetzen.
Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin in der Vergangenheit in Grie-
chenland Opfer eines sexuellen Übergriffs gewesen sei, lässt sie zwar als
vulnerabel erscheinen, vermag unter Berücksichtigung der konkreten Ver-
hältnisse aber nicht zur Unzulässigkeit der Überstellung nach Griechen-
land zu führen. Bedauerlicherweise gelingt es keinem Staat, seine Einwoh-
ner und Einwohnerinnen jederzeit und überall vor kriminellen Machen-
schaft zu schützen. Griechenland ist sodann ein Rechtsstaat, der über ei-
nen funktionierenden Polizei- und Justizapparat verfügt (vgl. Referenzurteil
des BVGer D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 9.2, ferner Urteil des
BVGer D-3708/2021 vom 27. August 2021 E. 5.4.5). Die Beschwerdefüh-
rerin wäre somit in Bezug auf den im Flüchtlingslager erlebten Übergriff
gehalten gewesen, in Griechenland Anzeige gegen den Täter zu erstatten.
Es steht ihr auch jederzeit offen, sich an die zuständigen griechischen Be-
hörden zu wenden, sollte sie sich künftig von Drittpersonen bedroht fühlen.
Es liegen keine Hinweise vor, wonach die zuständigen griechischen Or-
gane ihr den erforderlichen Schutz oder eine Anzeigeerstattung verweigern
würden. Dass sich die Beschwerdeführerin, die ihren Angaben zufolge auf
die Unterstützung einer Privatperson (...) habe zählen können, nicht
schutzsuchend an die griechischen Behörden oder NGOs, die sie mit den
zuständigen behördlichen Stellen hätten vernetzen können, gewendet
habe, vermag die Schutzfähigkeit und -willigkeit der dortigen Organe nicht
in Frage zu stellen.
7.2.4 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit als zulässig.
7.3 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht die Vermutung, dass eine Weg-
weisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (vgl. An-
hang 2 der Verordnung über den Vollzug der Weg- und Ausweisung sowie
der Landesverweisung von ausländischen Personen [VVWAL,
SR 142.281]). Der Bundesrat ist – auch in Anbetracht der gegenwärtigen
Asylpolitik Griechenlands – auf seine diesbezügliche Einschätzung, welche
periodisch zu überprüfen ist (vgl. Art. 83 Abs. 5bis AIG), bisher nicht zurück-
gekommen.
7.3.1 Die Vorinstanz hat zutreffend auf die Verpflichtungen Griechenlands
gegenüber Schutzberechtigten bezüglich Unterbringung, medizinischer
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Versorgung, Sozialhilfe und Erwerbstätigkeit hingewiesen, welche sich ins-
besondere aus der Qualifikationsrichtlinie sowie auch aus der Flüchtlings-
konvention ergeben. Das Bundesverwaltungsgericht geht, wie bereits zu-
vor ausgeführt (vgl. E. 7.2.2.), nach wie vor davon aus, dass Personen mit
Schutzstatus griechischen Bürgerinnen und Bürgern respektive anderen
Ausländern und Ausländerinnen in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu
Gerichten, Erwerbstätigkeit oder die Gewährung einer Unterkunft gleichge-
stellt sind (vgl. Art. 16-24 FK). Die Schutzberechtigten können sich auf die
Garantien in der Qualifikationsrichtlinie berufen. Es darf von der Beschwer-
deführerin erwartet werden, sich bei Unterstützungsbedarf an die griechi-
schen Behörden zu wenden und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem
Rechtsweg einzufordern. Mit den Vorbringen, die Aufenthaltsbedingungen
in Griechenland seien generell schlecht und sie sei dort vor Erhalt des po-
sitiven Asylentscheids in einem Camp mit mangelhafter sanitärer Infra-
struktur untergebracht gewesen, hat die Beschwerdeführerin keine konkre-
ten Hinweise für die Annahme dargetan, dieser Drittstaat würde ihr nach
der erfolgten Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und der Gewährung
des entsprechenden Schutzstatus dauerhaft die ihr gemäss diesen Richt-
linien zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Auch
wenn die Eingliederung der Beschwerdeführerin in die sozialen Strukturen
Griechenlands mit nicht zu verkennenden Erschwernissen verbunden ist,
vermögen ihre Vorbringen die Anforderungen an eine konkrete Gefährdung
nicht zu erfüllen. Es bedarf damit keiner individuellen Zusicherungen der
griechischen Behörden bezüglich Unterbringung und medizinischer Ver-
sorgung, zumal auch keine Hinweise vorliegen, dass im Bedarfsfall eine
medizinische Behandlung oder Betreuung der Beschwerdeführerin in Grie-
chenland nicht möglich wäre.
7.3.2 Weder die allgemeine Situation in Griechenland noch individuelle
Gründe lassen somit auf eine konkrete Gefährdung der Beschwerdeführe-
rin im Falle einer Rückkehr dorthin schliessen. Der Vollzug der Wegwei-
sung erweist sich damit auch als zumutbar.
7.4 Schliesslich ist der Vollzug der Wegweisung auch möglich (Art. 83
Abs. 2 AIG), nachdem die griechischen Behörden einer Rückübernahme
der Beschwerdeführerin ausdrücklich zugestimmt haben, und sie dort auf-
grund ihres Flüchtlingsstatus über eine gültige Aufenthaltsbewilligung ver-
fügt.
Auch die Covid-19-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug nicht entge-
gen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um ein temporäres
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Seite 13
Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die
kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt
des Vollzugs der Situation in Griechenland angepasst wird.
7.5 Der vom Staatssekretariat verfügte Vollzug der Wegweisung ist somit
zu bestätigen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme fällt damit aus-
ser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses er-
weist sich mit vorliegendem Urteil als gegenstandslos.
9.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, da sich die Beschwerde
entsprechend den vorstehenden Erwägungen bereits bei Eingang als aus-
sichtlos erwiesen hat. Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe
von Fr. 750.– (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]) der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 VwVG).
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D-3873/2021
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