Decision ID: bf9b9ee7-8aae-4c17-88cb-3ce7a80d03e9
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ bezog ab dem 1. Oktober 2001 eine ganze Rente bei einem Invaliditätsgrad
von 100 Prozent (IV-act. 19 f.). Im Oktober 2010 eröffnete die IV-Stelle ein
Verwaltungsverfahren zur Überprüfung des Rentenanspruchs des Versicherten. Im
Auftrag der IV-Stelle erstattete das medizinische Zentrum B._ am 19. Juli 2012 ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 113). Die Sachverständigen hielten fest, der
Versicherte leide anamnestisch an chronifizierten Missempfindungen im Bereich der
thorakalen Wirbelsäule sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einem
mässiggradig ausgeprägten Hallux valgus beidseits und an einem Status nach einer im
November 2001 diagnostizierten schweren depressiven Episode. Körperlich leichte bis
mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten seien ihm uneingeschränkt zumutbar.
Der Hausarzt habe jeweils in seinen Berichten in den Jahren 2003, 2006 und 2009
darauf hingewiesen, dass sich die depressive Symptomatik stark gebessert habe,
weshalb retrospektiv davon auszugehen sei, dass die schwere depressive Episode im
Verlauf des Jahres 2002 abgeklungen sei. Überwiegend wahrscheinlich sei der
Versicherte seit Januar 2003 uneingeschränkt arbeitsfähig. Mit einer Verfügung vom 12.
Februar 2013 hob die IV-Stelle die laufende Rente per 31. März 2013 auf (IV-act. 122).
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wies eine dagegen erhobene
Beschwerde mit einem Entscheid vom 5. Mai 2015 ab (IV 2013/128; vgl. IV-act. 144).
Mit einem Urteil vom 22. September 2015 (9C_423/2015; vgl. IV-act. 147) wies das
Bundesgericht eine Beschwerde gegen den Entscheid des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 5. Mai 2015 ab. Die zuständige Ausgleichskasse erhielt
erst im Juni 2017 Kenntnis von der Rentenaufhebung, weshalb sie die
Rentenzahlungen erst im Juni 2017 einstellte und die in der Zeit vom 1. April 2013 bis
zum 30. Juni 2017 bezogenen Rentenleistungen zurückforderte (vgl. dazu den
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entscheid IV 2018/137 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 27. August 2019 und
das Urteil des Bundesgerichtes 9C_625/2019 vom 18. Mai 2020; IV-act. 307 und 340).
Im August 2017 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung an (IV-act. 163). Die IV-Stelle forderte ihn im September 2017
auf, eine relevante Veränderung des Gesundheitszustandes seit dem 12. Februar 2013
glaubhaft zu machen (IV-act. 165). Der Hausarzt Dr. med. C._ berichtete am 13.
September 2017 (IV-act. 174), die psychische Symptomatik habe sich in den letzten
fünf Jahren deutlich verschlechtert; der Versicherte leide an nächtlichen Anfällen mit
einer Atemnot, einem Erstickungsgefühl und einer Tachykardie sowie an vermehrten
Ängsten und an einer verstärkten depressiven Symptomatik. Die Psychiaterin Dr. med.
D._ hatte im Mai 2015 berichtet (IV-act. 176), der Versicherte leide an einer
chronifizierten Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren, an
Problemen bei psychosozialen Umständen sowie an einer Benzodiazepin-
Abhängigkeit. Am 28. September 2017 hielt die RAD-Ärztin Dr. med. E._ fest (IV-act.
188), die eingereichten Berichte enthielten keine Hinweise auf eine relevante
Veränderung des Gesundheitszustandes nach dem 12. Februar 2013. Weitere
Abklärungen seien nicht angezeigt. Mit einem Vorbescheid vom 3. Oktober 2017 teilte
die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie vorsehe, nicht auf sein neues
Leistungsbegehren einzutreten (IV-act. 190). Dagegen liess der Versicherte am 17.
November 2017 einwenden (IV-act. 207), sein Gesundheitszustand habe sich
wesentlich verschlechtert. Er liess einen Bericht des behandelnden Psychologen vom
31. Oktober 2017 einreichen (IV-act. 206–6), in dem eine rezidivierende depressive
Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode, eine chronifizierte
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren sowie eine Störung durch
Sedativa diagnostiziert und eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden
waren. Der Rheumatologe Dr. med. F._ hatte am 4. Oktober 2017 über ein
chronisches Panvertebralsyndrom mit einer lumbo-spondylogenen Komponente,
rezidivierende depressive Episoden mit somatischen Symptomen, eine Thalassaemia
minor, eine chronische Refluxkrankheit, ein Asthma bronchiale und chronische frontale
Kopfschmerzen berichtet (IV-act. 206–1 ff.). Die RAD-Ärztin Dr. E._ notierte am 23.
November 2017, die neu eingereichten Berichte machten keine wesentliche
Veränderung des Gesundheitszustandes glaubhaft (IV-act. 208). Mit einer Verfügung
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 24. November 2017 trat die IV-Stelle nicht auf das neue Leistungsbegehren ein
(IV-act. 209). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Im April 2019 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act.
276). Der Anmeldung lag ein Bericht der Kriseninterventionsstation St. Gallen vom 12.
März 2018 betreffend eine psychiatrische Behandlung vom 30. Januar 2018 bis zum 3.
März 2018 bei (IV-act. 281). Die behandelnden Ärzte hatten eine rezidivierende
depressive Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode und einem
somatischen Syndrom diagnostiziert. Sie hatten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
attestiert. Am 1. Mai 2019 berichtete die Tagesklinik G._ über eine tagesklinische
Behandlung im Zeitraum vom 21. Januar 2019 bis zum 5. April 2019 (IV-act. 293). Die
behandelnden Ärzte diagnostizierten eine rezidivierende depressive Störung mit einer
gegenwärtig mittelgradigen Episode sowie eine chronische Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren. Sie empfahlen eine von der IV-Stelle
begleitete berufliche Integrationsmassnahme, beginnend mit einem Pensum von 20
Prozent. Die RAD-Ärztin Dr. E._ notierte am 26. Juli 2019 (IV-act. 301), die aktuellen
medizinischen Berichte wiesen keine anhaltende relevante Veränderung des
Gesundheitszustandes aus. Weitere medizinische Abklärungen seien nicht notwendig.
Mit einem Vorbescheid vom 13. August 2019 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
dass sie vorsehe, nicht auf sein neues Leistungsbegehren einzutreten (IV-act. 304). Am
11. September 2019 liess der Versicherte einwenden (IV-act. 311), dass er gemäss der
Auffassung des Bundesgerichtes einen Anspruch auf berufliche Massnahmen habe,
selbst wenn sich der Sachverhalt nicht wesentlich verändert habe. Er sei bereit, an
beruflichen Massnahmen mitzuwirken. Die behandelnde Psychiaterin der Tagesklinik
habe eine schrittweise Reintegration empfohlen. Als „nicht gerade hilfreich“ erweise
sich der Umstand, dass das Strassenverkehrsamt dem Versicherten auf eine Meldung
der IV-Stelle hin den Führerausweis entzogen habe und dass der Versicherte nicht in
der Lage sei, die Kosten für eine verkehrsmedizinische Untersuchung zu bezahlen,
durch die er wieder in den Besitz des Führerausweises gelangen könnte. Mit einer
Verfügung vom 21. Oktober 2019 trat die IV-Stelle nicht auf das neue
Leistungsbegehren ein (IV-act. 315). Mit einem Entscheid vom 17. März 2020 hob das
Versicherungsgericht die Verfügung vom 21. Oktober 2019 auf (IV 2019/284; vgl. IV-
act. 328). Es hielt fest, bezüglich des Nichteintretens auf sein Rentenbegehren habe
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Versicherte die Verfügung akzeptiert, weshalb sie diesbezüglich in formelle
Rechtskraft erwachsen sei. Bezüglich des Nichteintretens auf sein Begehren um
berufliche Massnahmen erweise sich die Verfügung als rechtswidrig, da der Art. 87
Abs. 3 IVV keine „Eintretenshürde“ für eine Neuanmeldung betreffend berufliche
Massnahmen vorsehe, weshalb eine entsprechende Neuanmeldung materiell zu prüfen
sei, auch wenn keine relevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht worden
sei. Das Bundesgericht trat nicht auf eine von der IV-Stelle gegen den Entscheid IV
2019/284 vom 21. Oktober 2019 erhobene Beschwerde ein (Urteil 9C_287/2020 vom
22. September 2020; vgl. IV-act. 351).
Am 6. November 2020 beantragte der Versicherte eine Vergütung der Kosten für
die Fahreignungsuntersuchung als ersten Schritt zur beruflichen Wiedereingliederung
(IV-act. 356). Die IV-Stelle antwortete am 5. Januar 2021, diese Kosten seien „IV-
fremd“ und könnten deshalb nicht übernommen werden (IV-act. 357). Am 19. Januar
2021 forderte die IV-Stelle den Versicherten auf anzugeben (IV-act. 359), bei welchen
Ärzten er sich in Behandlung befinde, ob er mehrheitlich in der Schweiz oder in H._
lebe, in welchem Pensum er sich aktuell arbeitsfähig sehe, auf welches Pensum er
seine Arbeitsfähigkeit in den nächsten Monaten werde steigern können, ob er sich
aktuell auf Stellensuche befinde und welche Erwartungen er an die
Invalidenversicherung habe. Am 18. Februar 2021 antwortete der Versicherte (IV-act.
366 f.), er könne sich eine Beschäftigung in einem Pensum von 50 Prozent vorstellen.
Aufgrund der langen Absenz vom Arbeitsmarkt sei es wohl notwendig, die Integration
schrittweise vorzunehmen respektive ein Arbeitstraining durchzuführen. Er lebe
mehrheitlich in der Schweiz. Er befinde sich nicht auf Stellensuche, weil seine Situation
schwierig sei; er sei krank. Er erhoffe sich ein besseres Leben. Die IV-Stelle forderte die
vom Versicherten genannten Ärzte am 23. Februar 2021 auf, aktuelle Berichte
einzureichen (IV-act. 369 ff.). Die Psychiaterin Dr. med. I._ berichtete am 2. März
2021 (IV-act. 381), eine Wiederaufnahme einer Arbeitstätigkeit erscheine als kaum
wahrscheinlich. Die Prognose sei trotz einer aktuell intensiven Therapie sehr unsicher.
Der Neurochirurg Dr. med. J._ hatte am 6. November 2020 berichtet (IV-act. 395), die
bildgebenden Befunde könnten natürlich formell die geklagten Beschwerden
verursachen. Angesichts der langen Anamnese und der Begleitumstände seien die
Chancen für Behandlungen aber ehrlicherweise schlecht. Um eine möglicherweise
A.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
noch vorhandene somatische Ursache abzuklären, habe er, Dr. J._, dem
Versicherten eine Facettengelenksinfiltration L4/5 vorgeschlagen. Der Versicherte habe
sich aber noch nicht entscheiden können. Am 9. März 2021 teilte Dr. med. K._ mit,
dass sich der Gesundheitszustand des Versicherten seit der letzten Berichterstattung
nicht verändert habe (IV-act. 404). Die RAD-Ärztin Dr. E._ notierte am 30. Mai 2021
(IV-act. 436), die neu eingeholten medizinischen Berichte zeigten, dass sich der
Gesundheitszustand des Versicherten seit dem Jahr 2013 nicht wesentlich verändert
habe. Aufgrund der bekannten Rückenproblematik seien wechselbelastende leichte bis
mittelschwere Tätigkeiten ohne Zwangshaltungen und Heben und Tragen von Lasten
als adaptiert einzustufen.
Mit einem Vorbescheid vom 8. Juni 2021 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
dass sie die Abweisung seines Begehrens um berufliche Massnahmen vorsehe, da ihm
leichte bis mittelschwere wechselbelastende Tätigkeiten im Vollpensum zumutbar sei
(IV-act. 440). Dagegen liess der Versicherte am 12. Juli 2021 einwenden (IV-act. 446),
er sei nur zu 50 Prozent arbeitsfähig und nach der langen Absenz vom Arbeitsmarkt
zwingend auf eine Unterstützung bei einer schrittweisen Reintegration angewiesen. Mit
einer Verfügung vom 6. August 2021 wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche
Massnahmen ab (IV-act. 449).
A.e.
Am 14. September 2021 liess der Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 6. August 2021
erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und die Gewährung von beruflichen Massnahmen. Zur Begründung führte er
aus, nach der bundesgerichtlichen Auffassung bestehe nach einer Rentenrevision ein
Anspruch auf berufliche Massnahmen. Der Beschwerdeführer habe während mehr als
15 Jahren eine Rente bezogen. Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin)
habe einen Entzug des Führerausweises in die Wege geleitet und es dem
Beschwerdeführer dadurch zusätzlich erschwert, wieder Anschluss auf dem
Arbeitsmarkt zu finden. Da der Beschwerdeführer erneut unter psychischen Problemen
leide, verfüge er nicht über ausreichend Ressourcen, um selbständig wieder in den
Arbeitsmarkt zurückzukehren.
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
vom 6. August 2021 auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen muss, das der
Beschwerdeführer mit seiner Anmeldung zum Leistungsbezug im April 2019
angestossen hatte. Der Beschwerdeführer hat sich zwar – infolge des gesetzlichen
Zwangs zur Verwendung des entsprechenden Anmeldeformulars – unspezifisch für alle
in Frage kommenden Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet, aber er hat
dem Anmeldeformular einen Bericht der Kriseninterventionsstation St. Gallen vom 12.
März 2018 beigelegt, in dem eine von der Beschwerdegegnerin begleitete berufliche
Integrationsmassnahme empfohlen worden war. Im September 2019 hat der
Versicherte bekräftigt, dass er an beruflichen Massnahmen zur Reintegration in den
Arbeitsmarkt interessiert sei. Im November 2020 hat er erneut erklärt, dass er um eine
Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess ersuche. Im Februar 2021 hat er
ausdrücklich ein Arbeitstraining beantragt. Ihm ist angesichts der „Vorgeschichte“
bewusst gewesen, dass er keinen Anspruch auf eine Umschulung, auf eine Kapitalhilfe
oder dergleichen, sondern nur einen Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung und ein
Arbeitstraining mit einem allfälligen Einarbeitungszuschuss haben konnte.
Zusammenfassend ist sein im April 2019 gestelltes (unspezifisches) Begehren um
Leistungen der Invalidenversicherung folglich als ein Begehren um eine
Arbeitsvermittlung (Art. 18 IVG) und um einen Arbeitsversuch (Art. 18a IVG) mit einem
allfälligen Einarbeitungszuschuss (Art. 18b IVG) zu qualifizieren. Die
Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 6. August 2021 zwar
ganz unspezifisch einen Anspruch des Beschwerdeführers auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen verneint. Die Akten belegen aber mit dem erforderlichen
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 16. November 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie an, die vom Beschwerdeführer
angeführte bundesgerichtliche Rechtsprechung sei hier nicht massgebend, da er schon
längst keinen Rentenanspruch mehr habe. Der Beschwerdeführer sei seit Jahren voll
arbeitsfähig für leidensadaptierte Tätigkeiten. Er benötige keine Unterstützung bei der
Stellensuche.
B.b.
Am 23. November 2021 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt (act. G 8).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit, dass sie den Gegenstand des
Verwaltungsverfahrens nicht über den eigentlichen Gegenstand des
Leistungsbegehrens hinaus ausgedehnt hat. Da eine Leistungspflicht im
Zusammenhang mit einem Arbeitsversuch (mit oder ohne Einarbeitungszuschuss) noch
gar nicht in Frage gekommen ist, bevor überhaupt mit der Arbeitsvermittlung begonnen
worden wäre, hat diese nicht zum Gegenstand der angefochtenen Verfügung gehören
können. Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin also nur einen
Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung verneint. Der Beschwerdeführer hat in seiner
Beschwerdeschrift ebenso unspezifisch die Gewährung von beruflichen
Eingliederungsmassnahmen beantragt, was nur so interpretiert werden kann, dass er
die Verfügung vom 6. August 2021 in toto angefochten hat. Den Gegenstand dieses
Beschwerdeverfahrens bildet also die Frage, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch
auf eine Arbeitsvermittlung gehabt hat.
2.
Dem Wortlaut des Art. 18 IVG nach sind die Voraussetzungen für die Gewährung einer
Arbeitsvermittlung vorliegend erfüllt. Das Bundesgericht vertritt seit Jahren die
Auffassung, ein Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung bestehe nur, wenn die versicherte
Person krankheitsbedingte besondere Schwierigkeiten bei der Stellensuche habe. Der
Gesetzgeber hat diese Auffassung verworfen und den Anspruch auf eine
Arbeitsvermittlung im Zuge der fünften IVG-Revision deutlich ausweiten wollen (vgl. BBl
2005 4522), wobei er ausdrücklich festgehalten hat, dass auch „Hilfsarbeiter, die in
einer angepassten Hilfstätigkeit noch voll arbeitsfähig sind“, einen Anspruch auf eine
Arbeitsvermittlung hätten, sofern sie die letzte Arbeitsstelle krankheitsbedingt verloren
hätten (BBl 2005 4524). Das Bundesgericht hat in der Folge allerdings behauptet, die
fünfte IVG-Revision habe an den von seiner Rechtsprechung vorgegebenen
Anspruchsvoraussetzungen für eine Arbeitsvermittlung nichts geändert (vgl. etwa das
Urteil des Bundesgerichtes 9C_142/2015 vom 5. Juni 2015, E. 4.3, mit Hinweisen).
Nach der bundesgerichtlichen Auffassung setzt der Anspruch auf eine
Arbeitsvermittlung also nach wie vor voraus, dass sich die versicherte Person mit
krankheitsbedingten Erschwernissen bei der Stellensuche konfrontiert sieht. Da dies
beim Beschwerdeführer nicht der Fall ist, müsste sein Begehren um eine
Arbeitsvermittlung abgewiesen werden, wenn der bundesgerichtlichen Auffassung
gefolgt würde. Nachdem der Gesetzgeber aber im Rahmen der fünften IVG-Revision
ausdrücklich erklärt hat, dass diese Auffassung des Bundesgerichtes gesetzwidrig sei,
sieht sich das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen ausserstande, der
bundesgerichtlichen Auffassung zu folgen. Der Beschwerdeführer hat einen Anspruch
auf eine Arbeitsvermittlung. Diesbezüglich ist die Beschwerde gutzuheissen.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Auf die Frage, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf einen Arbeitsversuch und
allenfalls auch auf Einarbeitungszuschüsse habe, ist nicht einzugehen, denn eine
entsprechende Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin wäre erst zu prüfen, wenn
sich im Rahmen der Arbeitsvermittlung die Gelegenheit für einen solchen
Arbeitsversuch (mit oder ohne Einarbeitungszuschüsse) ergäbe. Auch auf die Frage, ob
die Beschwerdegegnerin die Kosten für eine verkehrsmedizinische Untersuchung zu
vergüten habe, ist nicht einzugehen, denn die Beschwerdegegnerin hat den
entsprechenden Antrag vom 6. November 2020 am 5. Januar 2021 formlos
abgewiesen. Diesbezüglich hätte der Beschwerdeführer die Eröffnung einer
anfechtbaren Verfügung verlangen oder aber eine Rechtsverweigerungsbeschwerde
(Art. 56 Abs. 2 ATSG) erheben müssen, was er jedoch nicht gemacht hat, weshalb es
an einem für dieses Beschwerdeverfahren relevanten Streitgegenstand fehlt.
4.
Die Gerichtskosten, die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf
600 Franken festzusetzen sind, sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine
Parteientschädigung auszurichten. Der erforderliche Vertretungsaufwand ist – im
Vergleich zu einem durchschnittlich aufwendigen IV-Rentenfall – als weit
unterdurchschnittlich zu qualifizieren, da nur ein kleiner Teil der Akten für die hier zur
Diskussion stehende Rechtsfrage relevant gewesen ist und da die Sache dem
Rechtsvertreter aus früheren Beschwerdeverfahren bestens bekannt gewesen ist. Die
Parteientschädigung ist deshalb auf 1’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzusetzen.