Decision ID: fbb4e8d3-e284-42ec-92ae-961a6c46839b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
Die Beschwerdeführerin reiste am 18. April 2018 in die Schweiz ein und
ersuchte am 23. April 2018 um Asyl. Mit Verfügung vom 2. Juli 2018 trat
das SEM auf das Asylgesuch nicht ein und verfügte ihre Überstellung in
den für sie zuständigen Dublin-Staat Italien. Diese Verfügung erwuchs un-
angefochten in Rechtskraft.
B.
Mit Eingabe vom 13. Juli 2018 wurde die Vorbereitung eines Eheverfahrens
mit dem Partner der Beschwerdeführerin, einem Schweizer Staatsangehö-
rigen, angezeigt; ebenso wurde mitgeteilt, dass die Beschwerdeführerin in
Erwartung eines gemeinsamen Kind sei.
II.
C.
Mit Eingabe vom 19. November 2018 reichte die Beschwerdeführerin beim
SEM ein Wiedererwägungsgesuch ein und ersuchte das SEM, den Nicht-
eintretensentscheid vom 2. Juli 2018 aufzuheben und in der Schweiz ein
materielles Asylverfahren durchzuführen. Sie machte im Wesentlichen gel-
tend, ihr Partner sei ihr gegenüber gewalttätig geworden, weshalb sie Straf-
anzeige gegen ihn erstattet habe. Sie habe wiederholt – unter anderem in
Italien – physische und psychische Gewalt erlebt, weshalb sie stark trau-
matisiert sei und sich in ärztlicher Behandlung befinde. Eine Überstellung
nach Italien, wo für Asylsuchende prekäre Aufnahme- und Aufenthaltsbe-
dingungen herrschen würden, erweise sich vor diesem Hintergrund – so-
wie unter Berücksichtigung ihrer Schwangerschaft – als unzulässig.
D.
Mit Verfügung vom 27. Februar 2019 hob das SEM seinen Nichteintretens-
entscheid vom 2. Juli 2018 auf und nahm das nationale Asylverfahren in
der Schweiz auf.
E-6001/2020
Seite 3
III.
E.
E.a Am 10. Juli 2020 wurde die Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen
angehört. Dabei – sowie bereits in Teilen anlässlich der Personalienauf-
nahme vom 30. April 2018 und des sogenannten Dublin-Gesprächs vom
7. Mai 2018 – machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen folgenden
Sachverhalt geltend:
E.b Ihr Onkel habe als Kommandant in der südsudanesischen Armee ge-
dient. Im Oktober 2016 sei er gemeinsam mit seiner Truppe desertiert und
habe sich einer Rebellengruppierung der Ethnie der Nuer angeschlossen.
Die Nuer hätten sich als Gegner der Ethnie der Dinka positioniert, welche
weiterhin in die Regierung eingebunden gewesen sei. Am 17. November
2017 seien sie und ihre Schwester in der Nacht zuhause von acht Angehö-
rigen der Regierungstruppen, allesamt ethnische Dinka, angegriffen und
vergewaltigt worden. Die Männer hätten sie bedroht und ausgeraubt und
das Haus beschädigt. Bereits einige Stunden zuvor sei sie vom Wach-
dienst einer Boutique in B._, in der sie gearbeitet habe, gewarnt
worden, dass die Boutique angegriffen worden sei. Ihre Mutter, ihr Sohn
und die Kinder ihres verstorbenen Bruders hätten sich in einem anderen
Flügel des Hauses aufgehalten und hätten entkommen können, nachdem
sie (die Beschwerdeführerin) ihre Mutter telefonisch über den laufenden
Angriff informiert habe. Nach dem Überfall hätten die Männer sie und ihre
Schwester schwer verletzt zurückgelassen. Am nächsten Morgen sei ein
Bekannter ihres verstorbenen Vaters vorbeigekommen und hätte ihre
Schwester ins Spital gebracht. Nach sieben Tagen sei ihre Schwester ver-
storben, woraufhin sie sich beim Bekannten ihres Vaters versteckt und mit
dessen Hilfe ihre Ausreise organisiert habe. Am 27. November 2017 sei sie
legal nach Äthiopien gereist. Dort habe sie sich während zweier Monate
um den Erhalt eines italienischen Visums bemüht. Ihre Kollegin, (...), habe
sie dabei unterstützt. Im April 2016 sei sie bereits einmal in Italien gewesen,
um Ware für die Boutique zu kaufen. Sie habe ein italienisches Visum er-
halten und sei daraufhin im Januar 2018 nach Rom geflogen. Nach ihrer
Ankunft habe sie vergeblich versucht, ihre Kollegin zu kontaktieren. Ein
Mann habe sie am Flughafen angesprochen und ihr seine Unterstützung
bei der Suche nach ihrer Kollegin angeboten. Anstatt ihr zu helfen habe er
sie jedoch eingesperrt und sie gezwungen, sich zu prostituieren. Ein Frem-
der habe ihr schliesslich die Flucht in die Schweiz ermöglicht. Ihre Mutter
und ihr Sohn würden sich mittlerweile in einem ugandischen Flüchtlings-
camp aufhalten.
E-6001/2020
Seite 4
F.
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2020 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab und stellte
fest, der weitere Entscheid über ihren Aufenthalt in der Schweiz falle in die
Zuständigkeit der kantonalen Migrationsbehörde, zumal ihr am (...) gebo-
renes Kind das Schweizer Bürgerrecht erhalten habe und sie demnach
grundsätzlich einen von der kantonalen Migrationsbehörde zu prüfenden
Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung habe.
G.
Die Beschwerdeführerin liess mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom
30. November 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen
die vorinstanzliche Verfügung erheben. Darin beantragte sie die Aufhebung
der Dispositivziffern 1 und 2 der angefochtenen Verfügung und die Asylge-
währung unter Anerkennung ihrer Flüchtlingseigenschaft.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG einschliesslich des Verzichts
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung ihrer
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Dezember 2020 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch der Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und setzte antragsgemäss die Rechtsvertreterin der Beschwer-
deführerin als amtliche Rechtsbeiständin ein. Die Vorinstanz wurde über-
dies zur Vernehmlassung eingeladen.
I.
Die Vorinstanz liess sich am 7. Januar 2020 (recte: 2021) zur Beschwerde
vernehmen und hielt dabei vollumfänglich an den Erwägungen in der an-
gefochtenen Verfügung fest.
J.
Die Vernehmlassung der Vorinstanz wurde der Beschwerdeführerin am
22. Januar 2021 zur Kenntnis gebracht.
E-6001/2020
Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Nachdem die Vorinstanz in ihrer Verfügung vom 29. Oktober 2020 zutref-
fend festgestellt hat, dass der weitere Entscheid über den Aufenthalt der
Beschwerdeführerin in der Schweiz in die Zuständigkeit der kantonalen
Migrationsbehörden falle, und entsprechend auf die Anordnung der Weg-
weisung verzichtete, beschränkt sich das vorliegende Beschwerdeverfah-
ren auf die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft und Asylgewährung.
4.
Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Asylentscheid im Wesentli-
chen mit der mangelnden Glaubhaftigkeit der Vorbringen. Die Ausführun-
gen der Beschwerdeführerin würden sich nicht zu einem stimmigen Ge-
E-6001/2020
Seite 6
samtbild zusammenfügen. Sie habe den Überfall auf sie und ihre Schwes-
ter als Vergeltungsschlag für das Überlaufen ihres Onkels bezeichnet. Es
sei nicht verständlich, weshalb ihr Onkel seine Familie nicht vor allfälligen
Konsequenzen seiner Desertion gewarnt habe und sie keinerlei entspre-
chende Schutzmassnahmen getroffen hätten, zumal sie über seine
Schwierigkeiten in der Armee informiert gewesen seien. Ausserdem er-
schliesse sich nicht, weshalb sich rund ein Jahr nach dem Überlaufen des
Onkels ein Verfolgungsinteresse der Regierungstruppen an der Beschwer-
deführerin und ihrer Familie ergeben haben sollte. Insgesamt sei die gezielt
gegen sie und ihre Familie gerichtete Verfolgung aufgrund des Onkels
zweifelhaft. Sodann hätten sich die Schilderungen der Beschwerdeführerin
zum eigentlichen Überfall auf rein äussere Handlungsabfolgen beschränkt
und würden auch unter Berücksichtigung der belastenden Ereignisse we-
nig individuell und erlebnisgeprägt wirken. Zudem habe die Beschwerde-
führerin die angebliche Warnung vor dem Überfall nicht konsistent geschil-
dert und habe nicht plausibilisieren können, weshalb sie trotz der Vorwar-
nung des Wachdienstes keine Schutzmassnahmen getroffen habe.
Schliesslich sei auch die bei der Beschwerdeführerin diagnostizierte Post-
traumatische Belastungsstörung nicht geeignet, den geltend gemachten
Überfall zu belegen, zumal die Diagnose keine Auskunft über die zugrun-
deliegende Traumatisierungsursache zu geben vermöge. Die Diagnose sei
ebenso wenig geeignet, die Ungereimtheiten in den Aussagen der Be-
schwerdeführerin zu erklären. Gesamthaft betrachtet sei davon auszuge-
hen, dass sie unter anderen als den vorgebrachten Umständen aus dem
Südsudan ausgereist sei. Der geltend gemachten Zwangsprostitution in
Italien, welche die Beschwerdeführerin nach ihrer selbständigen Ausreise
dorthin erlitten habe, fehle es sodann an asylrechtlicher Relevanz, zumal
keine Verbindung zu den Ereignissen im Heimatstaat bestehe.
4.1 Die Beschwerdeführerin hält der Einschätzung der Vorinstanz im We-
sentlichen entgegen, das SEM habe ihre detaillierten und kohärenten
Schilderungen zu Unrecht als unglaubhaft qualifiziert. Die von der
Vorinstanz angeführten Ungereimtheiten würden sich als konstruiert erwei-
sen und die angeblichen Widersprüche in ihren protokollierten Aussagen
seien nicht als solche erkennbar, zumal ihre Ausführungen schlüssig seien
und sich ohne Weiteres miteinander vereinbaren liessen. Ausserdem
könne nicht von mangelnder persönlicher Betroffenheit in ihren Schilderun-
gen die Rede sein. Aus den Akten gehe hervor, dass sie in den vergange-
nen Jahren zahlreiche traumatische Ereignisse durchlebt habe. Die Trau-
matisierung habe bei ihr einerseits – wie ärztlich bescheinigt – eine ge-
E-6001/2020
Seite 7
wisse emotionale Distanzierung zu den Geschehnissen zur Folge und an-
dererseits sei die Konfrontation mit den Ereignissen anlässlich der Anhö-
rung eine erhebliche Belastung gewesen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
6.
6.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass dem vorinstanzlichen Entscheid im
Ergebnis zuzustimmen ist und sich die Vorbringen zu den Fluchtgründen
in einer Gesamtschau nicht als glaubhaft erweisen. Auf die vorinstanzli-
chen Erwägungen ist vorab zu verweisen.
Als Wesentlich wird vom Gericht Folgendes erachtet:
6.2 Es ist der Beschwerdeführerin nicht gelungen, den Überfall von Ange-
hörigen der südsudanesischen Regierungstruppen auf sie und ihre Familie
im November 2017 glaubhaft zu machen. Ihre Darstellungen erweisen sich
in verschiedener Hinsicht als inkonsistent und unplausibel und der
E-6001/2020
Seite 8
Vorinstanz ist darin zuzustimmen, dass sich die vorgebrachten Sachver-
haltselemente nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen.
6.2.1 Zunächst fällt auf, dass sich wesentliche Teile des Sachverhalts und
insbesondere der Biografie der Beschwerdeführerin im Rahmen des Wie-
dererwägungsgesuchs vom 19. November 2018 und der Anhörung vom
10. Juli 2020 in relevanter Weise von den diesbezüglichen Angaben an-
lässlich der Personalienaufnahme und des Dublin-Gesprächs unterschei-
den. So erwähnte die Beschwerdeführerin ihre Tätigkeit in einer Boutique
respektive einem Coiffeurgeschäft erstmals in ihrem Wiedererwägungsge-
such (vgl. B1/29 S. 2, B22/25 F41 f.). Zuvor gab sie im Rahmen der Perso-
nalienaufnahme an, keinen Beruf gelernt zu haben und zuletzt hin und wie-
der unentgeltlich Erste-Hilfe-Kurse geleitet zu haben (vgl. act. [...]-12/7
1.17.04 f.). Diese Darstellungen lassen sich kaum miteinander vereinbaren
und erscheinen vor dem Hintergrund, dass die Arbeit in der Boutique der
Grund für ihre erste Reise nach Italien im Jahr 2016 gewesen sein soll und
ein Warnanruf des Wachdienstes dem geltend gemachten Übergriff vo-
rausgegangen sein soll, umso erstaunlicher. Abweichungen in ihrem Vor-
bringen ergeben sich sodann betreffend den Zeitpunkt, in welchem die Be-
schwerdeführerin ihren Sohn das letzte Mal gesehen haben will. Während
der Personalienaufnahme brachte sie bezüglich des letzten Kontakts vor
"C'était à B._ en octobre 2017, après je suis partie en Suisse. Je
l'ai laissé chez ma maman mais je ne sais pas où ils se trouvent mainte-
nant" (vgl. act. [...]-12/7 3.01). Demgegenüber verortete sie die Trennung
anlässlich der Anhörung zeitlich in die Nacht des geltend gemachten Über-
falls, während dem ihre Mutter gemeinsam mit ihrem Sohn und den Kin-
dern ihres verstorbenen Bruders habe entkommen können (vgl. act.
B22/25 F12 f.).
6.2.2 Die Einschätzung der Vorinstanz, wonach sich die Vorbringen zu den
geltend gemachten Warnanrufen und den angeblich beteiligten Personen
nicht als stimmig erweisen, ist zu bestätigen. Die diesbezüglichen Erklä-
rungsversuche auf Beschwerdeebene vermögen die Ungereimtheiten
ebenfalls nicht zu entkräften (vgl. Beschwerde S. 7). Ferner wird nicht
nachvollziehbar dargelegt, weshalb die Beschwerdeführerin trotz des An-
rufs des Wachdienstes der Boutique in der Folge überhaupt nichts zu ihrem
Schutz und dem ihrer Familie unternommen haben will (vgl. act. B22/25
F147). In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass die Erklärung in
der Rechtsmitteleingabe, wonach sie vergessen habe zu erwähnen, dass
ihre Mutter zusammen mit ihrem Sohn Ende 2016 aufgrund möglicher-
weise drohender Nachteile bereits einmal nach Uganda geflüchtet sei,
E-6001/2020
Seite 9
nicht geeignet ist, die berechtigten Zweifel der Vorinstanz am geschilderten
Verhalten der Beschwerdeführerin in einem anderen Licht erscheinen zu
lassen (vgl. Beschwerde S. 7 und act. B27/10 S. 5).
6.2.3 Zweifel an den geschilderten Umständen der Ausreise ergeben sich
auch in zeitlicher Hinsicht. Die Beschwerdeführerin führte aus, nach dem
Überfall am 17. November 2017 bis zum Tod ihrer Schwester – während
sieben Tagen – an ihrer Seite gewesen zu sein und sich anschliessend bis
zu ihrer Ausreise aus dem Heimatstaat – weitere drei Tage später – beim
Bekannten ihres Vaters versteckt und mit dessen Hilfe die Ausreise, auch
das äthiopische Visum organisiert zu haben (vgl. act. B22/25 F56, F193 f.,
F203 f.). Besagtes äthiopisches Visum wurde den Akten zufolge allerdings
bereits am 20. November 2017 ausgestellt. Im Übrigen ist zu bemerken,
dass der erste Pass der Beschwerdeführerin – entgegen der Behauptung
auf Beschwerdeebene – im Zeitpunkt ihrer Ausreise im November 2017
noch rund ein Jahr gültig gewesen wäre, was jedenfalls nicht auf die Er-
neuerung aufgrund baldigen Ablaufs des Dokuments schliessen lässt (vgl.
act. [...]-9/1 und Beschwerde S. 3).
6.2.4 Das Gericht teilt sodann die Einschätzung der Vorinstanz, dass die
Ausführungen der Beschwerdeführerin zum eigentlichen gewaltsamen
Überfall am 17. November 2017 sich auf die Schilderung von äusseren
Handlungsabfolgen beschränken. Sie wirken in der Tat – auch unter Be-
rücksichtigung der Erkenntnis, dass belastende und traumatisierende Er-
fahrungen sich im Aussageverhalten niederschlagen können – im vorlie-
genden Fall wenig individuell und erlebnisgeprägt (vgl. act. B22/25 F56 ff.).
6.2.5 Gesamthaft scheinen die Vorbringen der Beschwerdeführerin zu den
die Ausreise begründenden Umständen und ihrer Ausreise konstruiert.
6.3 Die Beschwerdeführerin bringt sodann vor, sie habe sich in Italien we-
gen ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation prostituiert (vgl. act. [...]-
15/4 S. 1) respektive habe ein Unbekannter sie am Flughafen in Rom an-
gesprochen, ihr seine Unterstützung angeboten, sie jedoch in der Folge
zur Prostitution gezwungen; eine unbekannte Person habe ihr letztlich die
Flucht in die Schweiz ermöglicht (vgl. act. B22/25 F56 ff.). Dieses Vorbrin-
gen scheint nach Ansicht des Gerichts in sich nicht schlüssig, sondern ver-
mittelt den Eindruck, dass die Beschwerdeführerin die persönliche Situa-
tion in Italien und die dortigen Umstände ihres Aufenthalts bisher nicht of-
fengelegt hat. Insgesamt ergeben sich aus den Ausführungen der Be-
schwerdeführerin keine konkreten Hinweise, die darauf schliessen lassen,
E-6001/2020
Seite 10
dass sie Opfer von Menschenhandel mit Ursprung im Heimatland gewor-
den ist. Zutreffend hat die Vorinstanz daher die asylrechtliche Relevanz
dieses Vorbringens verneint.
6.4 Soweit die Beschwerdeführerin im Übrigen eine unzureichende Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie eine Verletzung des
rechtlichen Gehörs infolge unterlassener Auseinandersetzung mit allfälli-
gen frauenspezifischen Fluchtgründen bemängelt, ist dazu festzuhalten,
dass eine Rückweisung der Sache unter diesen formellen Gesichtspunkten
nicht explizit beantragt wurde. Es sei dennoch darauf hingewiesen, dass
angesichts der festgestellten Unglaubhaftigkeit betreffend die geschilder-
ten Ereignisse im Südsudan keine weiteren Ausführungen zur Thematik
frauenspezifischer Fluchtgründe angezeigt waren und keine Verletzung
des rechtlichen Gehörs ersichtlich ist. Fest steht aber, dass die Beschwer-
deführerin traumatisiert ist. Wie in der angefochtenen Verfügung jedoch
bereits dargelegt wurde, lässt eine Traumatisierung keine zweifelsfreien
Schlüsse auf deren Ursprung zu und erfolgt die Qualifizierung der Asylvor-
bringen unter dem Aspekt der Glaubhaftmachung jeweils im Rahmen einer
Gesamtbetrachtung.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist da-
her abzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Instrukti-
onsverfügung vom 21. Dezember 2020 ihr Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen
wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle
Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist von der Auflage der Ver-
fahrenskosten abzusehen.
8.2 Mit Instruktionsverfügung vom 21. Dezember 2020 wurde der Be-
schwerdeführerin zudem MLaw Marie Khammas als amtliche Rechtsbei-
ständin beigeordnet. Demnach ist dieser ein Honorar für die notwendigen
Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Es wurde keine
Kostennote eingereicht, weshalb das Honorar aufgrund der Akten festzu-
legen ist (Art. 14 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
E-6001/2020
Seite 11
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungs-
faktoren (Art. 9–13 VGKE) und dem in der Instruktionsverfügung kommu-
nizierten Stundenansatz ist das Honorar auf insgesamt Fr. 800.– (inkl. aller
Auslagen) festzulegen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-6001/2020
Seite 12