Decision ID: 0d2234df-9bd7-538c-afcf-8322235077f8
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Kurde mit letztem Aufenthalt in B._,
verliess die Türkei eigenen Angaben gemäss am 28. Januar 2021 und ge-
langte am 16. April 2021 in die Schweiz, wo er am 19. April 2021 um Asyl
nachsuchte.
A.b Am 4. Mai 2021 nahm das SEM die Personalien des Beschwerdefüh-
rers auf und befragte ihn zum Reiseweg. Er gab eine Kopie seiner türki-
schen Identitätskarte ab.
A.c Mit Schreiben vom 6. Mai 2021 reichte der Beschwerdeführer beim
SEM Kopien von Auszügen aus dem türkischen Personen- und dem Mel-
deregister vom 16. April 2021 ein.
A.d Das SEM führte mit dem Beschwerdeführer am 6. Mai 2021 in Anwe-
senheit der ihm zugewiesenen Rechtsvertretung ein persönliches Ge-
spräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neu-
fassung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dublin-III-VO) durch.
Er machte weitere Angaben zu seinem Reiseweg und sagte, dass es ihm
gesundheitlich sehr gut gehe.
A.e Am 28. Mai 2021 hörte das SEM den Beschwerdeführer in Anwesen-
heit seiner zugewiesenen Rechtsvertretung zu seinen Asylgründen an. Er
machte im Wesentlichen geltend, er habe sich aus beruflichen Gründen
von 2010 bis 2013 und ab 2014 zirka während eines Jahres im Irak aufge-
halten. Auch danach sei er immer wieder in den Irak gereist. Letztmals
habe er sich vor ein- bis eineinhalb Jahren für einen Tag in den Irak bege-
ben. Vor etwa zwei bis drei Wochen habe sich die Polizei bei Nachbarn
nach ihm erkundigt. Er sei Mitglied der HDP (Halklarin Demokratik Partisi)
und eines Vereins von (...) gewesen. Er habe sich öffentlich zugunsten der
HDP geäussert und im Dezember 2014 bei der Bereitstellung von Hilfe für
Kobane engagiert. Er habe Fotografien, die ihn zeigten, als er im Kandil-
Gebirge unterwegs gewesen sei, um die HDP zu unterstützen, und eine
Empfangsbestätigung seines Mitgliedschafts-Antrags bei der Partei. Im
Kandil-Gebirge habe er an Nevroz-Feierlichkeiten teilgenommen und
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Kämpfer ins C._-Gebiet gefahren. Seine Verwandten seien Sympa-
thisanten der HDP; auf einen Cousin, der in Deutschland Asyl erhalten
habe, sei geschossen worden. Der Cousin sei drei oder dreieinhalb Jahre
lang inhaftiert gewesen und aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft
entlassen worden. Er glaube, das Verfahren gegen den Cousin sei noch
nicht abgeschlossen. Als er in der Türkei ein Auto habe kaufen wollen, habe
er von einem gemeinsamen Freund erfahren, dass D._ – dieser
stamme auch aus B._ – bei einer Razzia in seiner Wohnung fest-
genommen worden sei. Ein gewisser E._ habe ihn im Kandil-Ge-
birge mit D._ bekannt gemacht. Mit diesem Mann habe er im Irak
YPG-Kämpfer (Yekîneyên Parastina Gel) nach C._ transportiert,
die gegen den IS gekämpft hätten; D._ sei im Besitz der selben
Fotografien, die er abgegeben habe. Würde die türkische Polizei in den
Besitz der Fotografien gelangen, würde sie ihm das antun, was seinem
Cousin angetan worden sei. Er befürchte, gefoltert zu werden, damit man
von ihm Informationen erhalten könnte. Die türkischen Behörden würden
ihm die Mitgliedschaft bei einer Terrororganisation und die Unterstützung
einer Terrororganisation vorwerfen. Er habe kürzlich im E-Devlet (Internet-
portal des türkischen Staates; Anmerkung des Gerichts) nachgeschaut und
festgestellt, dass gegen ihn noch kein Haftbefehl ausgestellt worden sei.
IS-Leute hätten seine Wohnung in Brand gesteckt und er sei von ihnen
bedroht worden. Er habe damals nicht zur Polizei gehen können, weil sonst
«aufgeflogen» wäre, dass er eine Sozial-Wohnung gekauft habe, die der
vorherige Besitzer nicht an ihn hätte verkaufen dürfen. Dank Hilfe von den
Nachbarn seien beim Brand keine Personen zu Schaden gekommen.
Zur Stützung seiner Vorbringen gab der Beschwerdeführer unter anderem
einen USB-Stick ab, auf dem «politische Dokumente» (nämlich Fotogra-
fien), Dokumente zu seinem beruflichen Werdegang und ein Video, auf
dem ersichtlich sei, dass sein Haus gebrannt habe, gespeichert seien. Zu-
dem reichte er einen Auszug aus E-Devlet ein, dem entnommen werden
kann, dass er im ersten Quartal 2021 Mitglied der HDP geworden sei.
A.f Das SEM stellte der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers einen
Entwurf seines Asylentscheids vom 4. Juni 2021 zu. Am 7. Juni 2021 ging
beim SEM eine vom 4. Juni 2021 datierende Stellungnahme zum Ent-
scheidentwurf ein.
B.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 8. Juni 2021 stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfüllte die Flüchtlingseigenschaft nicht, und
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lehnte sein Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete den Vollzug derselben an.
C.
Mit Eingabe seines neu mandatierten Rechtsvertreters vom 8. Juli 2021
liess der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde erheben. In dieser wurde beantragt, die Verfü-
gung des SEM sei aufzuheben, es sei festzustellen, dass der Beschwer-
deführer die Flüchtlingseigenschaft erfülle und es sei ihm Asyl zu gewäh-
ren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen und es sei ihm die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu
verzichten.
Der Beschwerde lagen zwei Fotografien, eine Wohnbestätigung vom 1. Juli
2021 und ein undatiertes Schreiben des türkischen Rechtsanwalts
F._ (mit Übersetzung) bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Juli 2021 forderte der Instruktionsrichter
den Beschwerdeführer auf, bis zum 16. August 2021 in Aussicht gestellte
Beweismittel nachzureichen. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
verzichtete er.
E.
Der Beschwerdeführer reichte am 16. August 2021 einen Auszug aus dem
UYAP (Ulusal Yargi Agi Bilisim Sistemi) und ein Schreiben seiner türki-
schen Rechtsanwältin G._ vom 13. August 2021 mitsamt Überset-
zungen ein.
F.
In seiner Vernehmlassung vom 27. August 2021 hielt das SEM an seinem
Standpunkt fest.
G.
Der Beschwerdeführer nahm mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
9. September 2021, der die Kopie eines Schreibens der Oberstaatsanwalt-
schaft B._ vom 2. September 2021 (mit Übersetzung) und eine
Kostennote beilagen, zur Vernehmlassung Stellung.
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Seite 5

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 10 COVID-19-
Verordnung Asyl [SR 142.318], Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, die Angaben des
Beschwerdeführers seien vage, wenig substantiiert und teilweise wider-
sprüchlich gewesen. Er habe weder zu D._ noch zu dessen Aktivi-
täten und der Razzia beziehungsweise deren Folgen Auskunft geben kön-
nen. Auch seine Aussagen zum Besuch des Kandil-Gebirges seien weitge-
hend unsubstanziiert geblieben. Er habe zwar einige Details erwähnt, aber
seine Aussagen erweckten nicht den Eindruck, als greife er auf eigene Er-
lebnisse zurück. Seinen Angaben fehle es an der Schilderung konkreter
Einzelheiten, subjektiver Eindrücke und allfälliger Komplikationen. Er habe
die Türkei legal verlassen können, was darauf hinweise, dass er zum Zeit-
punkt der Ausreise von den heimatlichen Behörden nicht gesucht worden
sei. Es lägen keine Hinweise dafür vor, dass die türkischen Strafverfol-
gungsbehörden gegen ihn einen Festnahme- beziehungsweise Vorführbe-
fehl (Yakalama Emri) erlassen hätten. Er sei auch nicht in der Lage gewe-
sen, nachvollziehbar darzulegen, weshalb er davon ausgehe, die türki-
schen Behörden hätten gegen ihn einen geheimen Festnahmebefehl er-
lassen.
Es könne aufgrund der Tätigkeit des Beschwerdeführers für die HDP nicht
ausgeschlossen werden, dass seitens der türkischen Behörden ein gewis-
ses lnteresse an ihm bestehe. Dies genüge indes nicht, um eine begrün-
dete Furcht vor einer zukünftigen flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung
anzunehmen. Aus seinen Aussagen gehe hervor, dass er nicht in exponier-
ter Stellung für die HDP tätig gewesen sei. Zudem sei er der Partei erst im
Januar 2021 beigetreten und zuvor kein Mitglied dieser Partei gewesen.
Diesbezüglich sei auf den engen zeitlichen Zusammenhang zwischen sei-
nem Beitritt zur HDP und der Ausreise aus der Türkei hinzuweisen. Bei der
HDP handle es sich um eine legale Partei und aufgrund der vom Beschwer-
deführer geltend gemachten Aktivitäten habe er nicht mit einer strafrechtli-
chen Verfolgung oder mit sonstigen ernsthaften Nachteilen zu rechnen.
Bezüglich der Verwandten des Beschwerdeführers sei anzumerken, dass
mit Ausnahme des Cousins niemand aus der Familie politisch aktiv sei. Er
habe angegeben, der Cousin gehöre dem Jugendflügel der HDP an und
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habe in Deutschland Asyl erhalten, seinen Angaben zufolge habe er wegen
des Cousins keine Nachteile erlitten.
Hinsichtlich des Brandanschlags auf die Wohnung des Beschwerdeführers
sei von keinem zeitlichen oder kausalen Zusammenhang zwischen dem-
selben und einem Disput mit IS-Anhängern sowie seiner Ausreise auszu-
gehen. Diese Vorbringen erwiesen sich nicht nur als asylunerheblich, dem
Beschwerdeführer sei es auch nicht gelungen, nachvollziehbar darzule-
gen, weshalb er von einem Zusammenhang zwischen seinem Streit mit
Anhängern des lS und dem Wohnungsbrand ausgehe.
In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf seien keine Tatsachen oder
Beweismittel vorgelegt worden, die eine Änderung des Standpunktes des
SEM rechtfertigen könnten.
4.2
4.2.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer
habe sich einige Male im Nordirak aufgehalten, bevor er D._ ken-
nengelernt habe. Das Hauptquartier der PKK (Partiya Karkeren Kurdistan)
liege im Kandil-Gebirge; in deren Basen würden auch Kämpfer der YPG
ausgebildet. Während einer Nevroz-Feier habe ein Freund den Beschwer-
deführer mit D._ bekannt gemacht. Da sie beide von B._
stammten, habe sich rasch ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Der Bezirk
C._ sei damals vom IS unter Kontrolle gebracht worden. Deshalb
habe die PKK auf verschiedenen Wegen Guerillas ins Gebiet geschickt.
Als sich der Beschwerdeführer im Kandil-Gebirge aufgehalten habe, habe
man von ihm verlangt, dass er Kämpfer nach C._ transportiere. Die-
sen Auftrag habe er ausgeführt. Bei der Begegnung im Gebirge seien Fo-
tografien gemacht worden, auf denen er mit Kämpferinnen abgebildet sei.
Alle Fotografien seien mit dem Handy von D._ gemacht worden. Da
D._ ein Codename sei, kenne er dessen Identität nicht. Alle PKK-
Kämpfer und Zivilpersonen, die mit ihnen in Kontakt stünden, hätten aus
Sicherheitsgründen Codenamen. Vor diesem Hintergrund sei nicht nach-
vollziehbar, dass das SEM seine Angaben für unglaubhaft erachte. Er habe
etwa eine Woche nach der Festnahme von D._ die Flucht ergriffen,
weil die Fotografien, die sich in dessen Besitz befänden, für ihn gefährlich
seien. Er habe das Risiko in Kauf genommen, am Flughafen festgenom-
men zu werden, weil er keine andere Möglichkeit gesehen habe, die Türkei
auf eine andere Weise rasch zu verlassen, zumal eine Flucht in den Irak
über die «grüne Grenze» zu gefährlich gewesen wäre.
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In der Zwischenzeit habe er in der Türkei einen Anwalt beauftragt, gemäss
dessen Angaben gegen ihn noch kein Strafverfahren eröffnet worden sei.
Bei der Staatsanwaltschaft sei gegen ihn wegen Unterstützung einer Ter-
rororganisation Anzeige erstattet worden. Sobald diesbezüglich Beweismit-
tel vorlägen, würden diese nachgereicht. Mit grosser Wahrscheinlichkeit
werde gegen ihn ein Strafverfahren eröffnet.
Die HDP sei in der Tat eine legale Partei, es sei indessen bekannt, was mit
deren Funktionären und Sympathisanten geschehe. Die Partei werde vom
Staat als politischer Arm der PKK eingestuft und entsprechend behandelt.
In letzter Zeit werde die HDP als «terroristische» Partei bezeichnet. Ein
Verbotsverfahren sei derzeit hängig. Dessen Ziel liege im Machterhalt der
faschistisch-nationalistisch-islamistischen Koalition begründet, die vor
nichts zurückschrecke. Gegen die Co-Präsidenten der HDP und Dutzende
von Abgeordneten seien aufgrund von konstruierten Sachverhalten Straf-
verfahren eingeleitet worden. Seit Jahren seien tausende von Sympathi-
santen in Haft. Politiker, Sympathisanten und Parteilokale würden von Na-
tionalisten angegriffen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass das SEM den
ständigen Druck auf die HDP verharmlose. Der Beschwerdeführer sei seit
Jahren für die HDP aktiv gewesen. Erst, als gegen die Partei ein Verbots-
verfahren eingeleitet worden sei, habe er sich aus Solidarität als Mitglied
registrieren lassen. Den heimatlichen Behörden sei er aufgrund seiner po-
litischen Aktivitäten bekannt, was genüge, um als «Terrorist» angesehen
zu werden.
Der IS werde seit Beginn des Syrien-Krieges durch den türkischen Staat
unterstützt. Aufgrund dessen begingen Mitglieder des IS Verbrechen ge-
gen Andersdenkende. Der Beschwerdeführer sei wegen einer Diskussion
mit IS-Leuten bedroht worden; später sei sein Haus in Brand gesetzt wor-
den. Im Falle einer Rückkehr in die Türkei würden ihn diese Leute wieder
ins Visier nehmen. Seine Furcht vor ihnen sei nicht unbegründet.
Die Polizei habe sich im Mai 2021 bei der Familie des Beschwerdeführers
nach ihm erkundigt. Auch die Angaben seines Anwalts gingen in diese
Richtung. Dies zeuge davon, dass er an Leib und Leben gefährdet sei.
Aufgrund der eingereichten und weiterer, sich im Besitz von D._
befindlichen Fotografien sei er bereits identifiziert worden. Von einem fai-
ren Gerichtsverfahren könne nicht ausgegangen werden, weil Menschen
wie er als «Terroristen» betrachtet würden. Willkürliche Verhaftungen und
Folter seien in der Türkei seit Jahren an der Tagesordnung. Diese Einschät-
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zung werde durch zahlreiche Berichte von NGOs und des UNO-Sonderbe-
richterstatters gestützt. Den Sicherheitskräften, die im Südosten der Türkei
im Einsatz seien, werde faktisch freie Hand gelassen. Durch sie began-
gene Rechtsverstösse blieben unbestraft. Das Bundesverwaltungsgericht
sehe eine Gefährdung als gegeben, wenn Personen ein Engagement oder
eine Zusammenarbeit mit der PKK vorgeworfen werde. Gemäss Ausfüh-
rungen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) seien auch Personen
gefährdet, die die YPG unterstützt hätten. Der Beschwerdeführer sei ins
Visier der türkischen Behörden geraten, weshalb davon auszugehen sei,
dass er bei einer Rückkehr staatlicher Verfolgung ausgesetzt werde.
4.2.2 In der Eingabe vom 16. August 2021 wird geltend gemacht, das
UYAP sei ein staatliches zentrales Netzwerk des türkischen Justizministe-
riums. Dem eingereichten UYAP-Auszug und dem Schreiben des türki-
schen Anwalts sei zu entnehmen, dass gegen den Beschwerdeführer ein
Strafverfahren eröffnet worden sei. Das Verfahren sei noch hängig; auf-
grund der Abwesenheit des Verdächtigen könne das Verfahren mehrere
Jahre lang hängig bleiben. Dem Anwaltsschreiben vom 13. August 2021
könne entnommen werden, dass dem Beschwerdeführer die Mitgliedschaft
in einer bewaffneten Terrororganisation vorgeworfen werde. Die Fotogra-
fien, auf denen er mit Kämpferinnen der YPG abgebildet sei, seien akten-
kundig. Schon aufgrund der Fotografien würde er mit Sicherheit zu einer
langjährigen Haftstrafe verurteilt. Rechtsanwältin G._ bestätige,
dass gegen ihn am (...) 2021 wegen Mitgliedschaft in einer bewaffneten
Terrororganisation unter dem Aktenzeichen Nr. (...) bei der Oberstaatsan-
waltschaft B._ ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden sei. Da
der Beschwerdeführer nicht habe einvernommen werden können, sei noch
keine Anklageschrift verfasst worden. Die Ermittlungen würden diskret ge-
führt, weshalb nicht bekannt sei, ob gegen den Beschwerdeführer ein Fest-
nahmebefehl erlassen worden sei. Gemäss türkischem Strafprozessrecht
könne gegen eine abwesende Person keine Gerichtsverhandlung durch-
geführt werden. Im konkreten Fall würde die Verjährung erst in 15 Jahren
eintreten.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, die eingereichten Doku-
mente könnten seine Einschätzung nicht ohne Weiteres umkehren. Beim
Inhalt des Anwaltsschreibens handle es sich um Parteiaussagen und nicht
um belegte Auskünfte. Die Beweiskraft des Anwaltsschreibens sei be-
schränkt. Dem UYAP-Auszug sei lediglich zu entnehmen, dass im Falle
des Beschwerdeführers zwei Dossiers bestünden, wovon eines am 20. Au-
gust 2015 geschlossen worden sei. Dem Auszug sei nicht zu entnehmen,
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welcher Straftat er verdächtigt werde. Somit bestehe kein Beleg dafür, dass
gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Mitgliedschaft bei einer bewaff-
neten Organisation eingeleitet worden sei.
4.4 In der Replik wird entgegnet, manchmal werde im UYAP die Straftat
erwähnt, manchmal auch nicht. Unabhängig vom UYAP-Auszug gehe aus
dem beiliegenden Schreiben der Oberstaatsanwaltschaft B._ her-
vor, dass gegen den Beschwerdeführer tatsächlich ein Ermittlungsverfah-
ren im Zusammenhang mit der «Terrororganisation» (gemeint sei die PKK)
hängig sei. Da sich die Angelegenheit in der Ermittlungsphase befinde,
habe die Oberstaatsanwaltschaft die Direktion des Antiterrordezernats be-
auftragt, Informationen über den Beschwerdeführer und die anderen Per-
sonen, die auf den Fotografien abgebildet seien, zu sammeln. Aufgrund
der eingereichten Fotografien werde er mit Sicherheit zu einer langjährigen
Freiheitsstrafe verurteilt werden. Er sei bereits jetzt fichiert. Der türkische
Anwalt habe nicht irgendetwas geschrieben, sondern gestützt auf das Dos-
sier Ausführungen gemacht. Im Schreiben sei erwähnt worden, dass die
Beweismittel im Verlauf des Verfahrens nachgereicht würden, sobald man
sie erhalte. Mit dem Schreiben der Oberstaatsanwaltschaft seien die ge-
machten Angaben bewiesen. Das SEM könne diese jederzeit über die
Schweizer Botschaft in der Türkei überprüfen lassen.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
5.2 Der Beschwerdeführer schilderte gemäss Auffassung des Bundesver-
waltungsgerichts glaubhaft, dass er sich in den Jahren 2010 bis 2015 aus
beruflichen Gründen mehrfach während längerer Zeit im Nordirak aufhielt.
Auch das SEM hegte keine Zweifel an seinen diesbezüglichen Ausführun-
gen. Seinen Aussagen ist zu entnehmen, dass er sich auch später noch ab
und zu in den Nordirak begab. Angesichts der geschilderten Umstände er-
achtet es das Gericht als glaubhaft, dass er während seiner beruflichen
Einsätze im Nordirak in Kontakt mit kurdischen Aktivisten kam und an Nev-
roz-Feiern teilnahm. Der Beschwerdeführer schilderte nachvollziehbar, wie
er im Jahr 2014 gebeten worden sei, mit einem Kleinbus mehrere Kämp-
ferinnen der YPG nach C._ zu fahren (vgl. SEM-Akten (...)-18/24
S. 10 f.). Seine Angaben zum «Fahrzeugkonvoi» waren detailgetreu und er
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Seite 11
versuchte nicht, seine Aktivitäten im Nordirak aufzubauschen. Da dieser
Einsatz zum Zeitpunkt seiner Anhörung rund sieben Jahre zurücklag und
es sich seinen Schilderungen gemäss um eine einmalige Hilfeleistung han-
delte, die nur wenige Stunden gedauert haben dürfte, teilt das Gericht die
Einschätzung des SEM, seine Angaben seien vage und unsubstanziiert
gewesen, nicht. Wie bereits vorstehend erwähnt, schilderte der Beschwer-
deführer die Umstände der Fahrt nach C._ und die Zusammenset-
zung des «Konvois» ausführlich. Er gab an, misstrauisch gewesen zu sein,
und erklärte, weshalb er dem Einsatz zugestimmt habe. Einerseits sei ihm
H._ von einem Freund vorgestellt worden, anderseits sei
D._ so wie er auch aus B._ gekommen. Ebenso sagte er,
es sei ihm versichert worden, dass die Kämpferinnen weder gegen die tür-
kische noch gegen die irakische Armee eingesetzt würden (vgl. SEM-Akten
(...)-18/24 S. 16). Die vom Beschwerdeführer eingereichten Fotografien
beweisen den von ihm geltend gemachten Transport von Kämpferinnen
zwar nicht, stützen aber seine Angaben, er sei im Kandil-Gebirge mit
Kämpferinnen in Kontakt gekommen.
5.3 Der Beschwerdeführer belegte mit einem der Beschwerde beigelegten
UYAP-Auszug, dass gegen ihn unter der Verfahrensnummer (...) am (...)
2021 offiziell ein Strafverfahren eingeleitet wurde. In einem mit der Be-
schwerde vom 8. Juli 2021 eingereichten Schreiben des türkischen
Rechtsanwalts F._ wird ausgeführt, dass gegen den Beschwerde-
führer noch kein Verfahren hängig sei. Die Staatsanwaltschaft habe ihm
(dem Anwalt) jedoch mitgeteilt, dass gegen den Beschwerdeführer eine
Anzeige wegen «Unterstützung der Terrororganisation» eingegangen sei.
Aufgrund der heutigen Aktenlage ist festzustellen, dass die Angaben des
Anwalts den Tatsachen entsprachen. Dem Schreiben der türkischen
Rechtsanwältin G._ vom 13. August 2021 ist zu entnehmen, dass
sie von der Oberstaatsanwaltschaft B._ am 6. August 2021 davon
in Kenntnis gesetzt worden sei, dass gegen den Beschwerdeführer wegen
der «Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation» ein Ermitt-
lungsverfahren eingeleitet worden sei. Da er aufgrund des eröffneten Straf-
verfahrens zu einer Freiheitsstrafe von mindestens 5 bis 20 Jahren verur-
teilt werden könne, trete die Verjährung erst in 15 Jahren ein. Die vom SEM
in seiner Vernehmlassung geäusserten Zweifel am Wahrheitsgehalt der
Ausführungen der türkischen Rechtsanwältin werden durch das ebenfalls
im UYAP abrufbare Schreiben der Oberstaatsanwaltschaft B._/An-
titerrordezernat an die Direktion des Antiterrordezernats vom 2. September
2021 ausgeräumt. Diesem Schreiben ist zu entnehmen, dass gegen den
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Seite 12
Beschwerdeführer unter der Verfahrensnummer (...) tatsächlich ein Ermitt-
lungsverfahren im Zusammenhang mit seinem Anschluss an eine Terroror-
ganisation oder der Durchführung von Aktionen zugunsten einer Terroror-
ganisation geführt wird.
5.4 Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung geht das Bundesverwaltungsge-
richt davon aus, dass der Beschwerdeführer seinen einmaligen Einsatz als
Chauffeur eines Kleinbusses, mit dem im Jahr 2014 YPG-Kämpferinnen
transportiert wurden, glaubhaft gemacht hat. Während des Beschwerde-
verfahrens konnte er mit aktuellen Dokumenten aus dem UYAP und einem
Schreiben seiner türkischen Rechtsanwältin belegen, dass gegen ihn von
der Oberstaatsanwaltschaft B._ ein Ermittlungsverfahren wegen
Zugehörigkeit zu einer beziehungsweise Hilfeleistung an eine Terrororga-
nisation geführt wird. Ein Zusammenhang mit der vom Beschwerdeführer
erwähnten Verhaftung von D._, der ebenfalls am Transport der
Kämpferinnen beteiligt gewesen sei, erscheint plausibel (vgl. SEM-Akten
(...)-18/24 S. 14).
6.
6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen. Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, die
Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder
werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit
in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende
Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem
Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Ent-
schluss zur Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die
begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und
zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und
grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. An-
spruch auf Asyl nach schweizerischem Recht hat somit nur, wer im Zeit-
punkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
gesetzt war (Vorfluchtgründe) oder aufgrund von äusseren, nach der Aus-
reise eingetretenen Umständen, auf die er keinen Einfluss nehmen konnte,
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Seite 13
bei einer Rückkehr ins Heimatland solche ernsthaften Nachteile befürchten
müsste (sogenannte objektive Nachfluchtgründe [vgl. zum Ganzen BVGE
2011/51 E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1,
2008/12 E. 5.2 und 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl,
in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009,
Rz.11.17 und 11.18]).
6.2 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen zur Glaubhaftigkeit der Vor-
bringen des Beschwerdeführers (vgl. E. 5.2 ff.) ist erstellt, dass gegen ihn
in der Türkei ein Ermittlungsverfahren wegen Verstössen gegen das türki-
sche Strafgesetzbuch (TCK) und/oder gegen das Anti-Terrorgesetz (ATG)
hängig ist. Ob gegen ihn Anklage erhoben wird und welche Straftatbe-
stände von der Staatsanwaltschaft beziehungsweise den Gerichten allen-
falls als erfüllt erachtet würden, ist nicht bekannt. In Frage kämen eine An-
klage und Verurteilung wegen Anschlusses an eine oder Propaganda für
eine Terrororganisation. Da der Beschwerdeführer von den türkischen Si-
cherheitsbehörden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zwecks Befra-
gung der Staatsanwaltschaft (ob gegen ihn ein Festnahmebefehl erlassen
wurde, steht derzeit nicht fest) zugeführt würde, muss damit gerechnet wer-
den, dass er bei oder nach einer Rückkehr in die Türkei festgenommen
würde. Angesichts des Umstandes, dass das Ermittlungsverfahren im
UYAP dokumentiert ist, kann nicht von einer lokal begrenzten Dimension
der Angelegenheit ausgegangen werden. Da dem Beschwerdeführer vor-
geworfen werden könnte, gegen Art. 7 ATG verstossen zu haben, ist über-
einstimmend mit den Ausführungen seiner Rechtsanwältin davon auszu-
gehen, dass er im Falle einer Verurteilung mit der Verhängung einer länger
dauernden Freiheitsstrafe zu rechnen hat. Der Umstand, dass der Be-
schwerdeführer an einer Aktion zugunsten der YPG beteiligt war und mitt-
lerweile Mitglied der HDP ist, dürfte ihm seitens der türkischen Justiz ne-
gativ ausgelegt werden. Hinzu kommt, dass gegen die HDP von der türki-
schen Justiz unlängst ein Verbotsverfahren eingeleitet wurde.
6.3 Die Türkei hatte seit 2001 eine Reihe von Justiz-Reformen durchge-
führt, die dem Ziel dienen sollten, die Voraussetzungen für eine Aufnahme
in die Europäische Union (EU) zu erfüllen. Insgesamt stellten die eingelei-
teten umfassenden Rechtsreformen in rechtsstaatlicher Hinsicht einen
Fortschritt dar. Gleichwohl blieb die Situation in der Praxis auch nach die-
sen Reformen problematisch. Namentlich echte oder mutmassliche Mit-
glieder von als staatsgefährdend eingestuften Organisationen blieben ge-
fährdet, von den Sicherheitskräften verfolgt und in deren Gewahrsam miss-
handelt oder gefoltert zu werden. Auch die repressive Politik des türkischen
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Staates gegen linksgerichtete und kurdische Journalisten dauert weiter an
und wurde sogar verstärkt. Grundlage für die Haft und Verurteilungen sind
das TCK oder das ATG. Diese Gesetze sind namentlich deshalb problema-
tisch, weil die darin enthaltenen vagen Bestimmungen dazu führen, dass
legale politische Aktivitäten wie die freie Meinungsäusserung oder das De-
monstrieren als terroristisch eingestuft und als solche verfolgt werden kön-
nen (vgl. BVGE 2013/25 E. 5.2.2, E. 5.4.1 und E. 5.4.2. sowie das Urteil
des BVGer E-2289/2014 vom 16. Februar 2016 E. 4.4 und die dortigen
Quellenangaben). Nach den Parlamentswahlen im Juni 2015 respektive im
November 2015 und dem gleichzeitigen Wiederaufflackern des Kurden-
konflikts hat sich die Menschenrechtslage in der Türkei zudem wieder deut-
lich verschlechtert und seit dem gescheiterten Militärputsch gegen die Re-
gierung vom 15./16. Juli 2016 ist gar eine Eskalation bezüglich Inhaftierun-
gen und politischen Säuberungen festzustellen (vgl. dazu die Urteile des
BVGer E-4062/2015 vom 17. Mai 2018 E. 3.8 und D-7523/2015 vom
12. Februar 2018 E. 4.7.1). Trotz der Aufhebung des zweijährigen Ausnah-
mezustandes im Juli 2018 sind die negativen Auswirkungen der getroffe-
nen Notstandsmassnahmen auf Demokratie und Grundrechte weiterhin
stark zu spüren. Namentlich wird die Meinungsäusserungs- und die Ver-
sammlungsfreiheit von Oppositionspolitiker/innen, Journalist/innen, Men-
schenrechtsverteidiger/innen sowie Kritiker/innen der Regierungspolitik
nach wie vor eingeschränkt und diese sind ständig mit gerichtlichen Schi-
kanen konfrontiert. Dies betrifft insbesondere kurdische und prokurdische
Organisationen und Parteien (vgl. AUSTRIAN CENTRE FOR COUNTRY
OF ORIGIN AND ASYLUM RESEARCH AND DOCUMENTATION [AC-
CORD], Türkei: COI-Compilation, Dezember 2020, S. 42 ff., 120 f., 203 ff.;
EUROPÄISCHE KOMMISSION, Commission Staff Working Document,
Turkey 2020 Report, 6. Oktober 2020, S. 10 ff.). Die türkischen Behörden
gehen rigoros gegen tatsächliche und vermeintliche Regimekritiker und
Oppositionelle vor. Dabei sind fingierte Terrorismus-Anklagen sowie über-
mässig lange und willkürliche Inhaftierungen an der Tagesordnung. Tau-
sende von Personen sehen sich aufgrund ihrer Aktivitäten in den sozialen
Medien mit gegen sie eingeleiteten Strafuntersuchungen und Anklagen
konfrontiert. Die türkische Justiz ist ebenfalls politischem Druck ausge-
setzt, was eine faire und unabhängige Prozessführung praktisch unmöglich
macht (vgl. Urteile des BVGer E-2168/2018 vom 7. Dezember 2020 E. 6,
D-5655/2017 vom 17. März 2020 E. 3.5.5 und D-3375/2018 vom 31. Juli
2019 E. 4.3.6, jeweils m.w.H.). Vor diesem Hintergrund geht das Bundes-
verwaltungsgericht in seiner aktuellen Praxis davon aus, dass im Einzelfall
Personen, denen in der Türkei Unterstützung von als terroristisch einge-
stufter Organisationen vorgeworfen wird, begründete Furcht vor Verfolgung
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haben (vgl. etwa das Urteil des BVGer E-702/2018 vom 17. März 2021
E. 7.4.1 m.w.H.).
6.4 Da gegen den Beschwerdeführer ermittelt wird und er beschuldigt wer-
den dürfte, Propaganda für eine Terrororganisation begangen zu haben
oder deren Mitglied (gewesen) zu sein, und er von den Sicherheitsbehör-
den mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gesucht wird, ist davon auszu-
gehen, dass er bei einer Rückkehr in sein Heimatland mit hoher Wahr-
scheinlichkeit entweder bereits am Flughafen oder kurz danach festge-
nommen und den zuständigen Strafverfolgungsbehörden zugeführt wird.
Angesichts der derzeitigen Situation in der Türkei ist zu befürchten, dass
er im Rahmen des polizeilichen Ermittlungsverfahrens misshandelt würde
und kaum mit einem fairen Gerichtsverfahren rechnen könnte. Gegen den
Beschwerdeführer wird seitens der türkischen Behörden wegen der Bege-
hung politischer Delikte ermittelt; angesichts der Aktenlage kann nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer Einstellung des Verfahrens
oder einem Freispruch ausgegangen werden. Wie bereits vorstehend er-
wähnt, ist es aufgrund der aktuell herrschenden Situation in der Türkei so-
wohl den türkischen Ermittlungsbehörden als auch den türkischen Gerich-
ten nicht möglich, eine faire und unabhängige Prozessführung zu gewähr-
leisten. Dem Beschwerdeführer ist daher eine objektiv nachvollziehbare
subjektiv begründete Furcht vor drohender, asylrechtlich relevanter Verfol-
gung zuzuerkennen.
6.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die Voraus-
setzungen für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3
AsylG erfüllt. Aus den Akten ergeben sich keine Anhaltspunkte für eine
Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53 AsylG. Dem Beschwerdeführer ist
demnach Asyl zu gewähren (Art. 2 Abs. 1 AsylG). Aufgrund des Ausgangs
des Verfahrens erübrigen sich Erwägungen zu den weiteren Ausführungen
in der angefochtenen Verfügung und der Beschwerde.
7.
Die Beschwerde ist gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 8. Juni
2021 ist aufzuheben, der Beschwerdeführer ist als Flüchtling anzuerken-
nen und das SEM ist anzuweisen, ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
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9.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Ausgangs des Ver-
fahrens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der
Rechtsvertreter reichte mit seiner Replik eine Kostennote vom 9. Septem-
ber 2021 ein, in der ein zeitlicher Aufwand von 13 Stunden (à Fr. 200.–)
und damit Fr. 2600.– ausgewiesen wird. Für die Anfertigung der Überset-
zungen werden Fr. 200.– und für Portokosten sowie Kopien Fr. 15.– veran-
schlagt. Die bei den Akten liegende Kostennote erscheint den Verfahrens-
umständen als angemessen. Die von der Vorinstanz auszurichtende Par-
teientschädigung ist demnach gerundet auf insgesamt Fr. 3032.– (inkl.
Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuerzuschlag [Fr. 216.75]) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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