Decision ID: 28aeb180-5834-4336-ba37-90e8d8f80636
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein minderjähriger afghanischer Staatsangehöriger
paschtunischer Ethnie, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge etwa Ende August 2021 und reiste über Pakistan in den Iran. Nach
einem mehrmonatigen Aufenthalt in der Türkei gelangte er unter anderem
via Ungarn und Österreich am 28. Juli 2022 in die Schweiz, wo er gleichen-
tags im Bundesasylzentrum B._ um Asyl nachsuchte. Am 26. Au-
gust 2022 wurde eine Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (EB
UMA) durchgeführt und am 30. September 2022 fand eine einlässliche An-
hörung zu den Asylgründen statt.
B.
B.a Dabei machte der Beschwerdeführer geltend, er stamme aus dem Dorf
C._ (Distrikt D._, Provinz E._), wo er bis zur Aus-
reise bei seiner Familie gelebt habe. Die Schule habe er nicht besucht,
mangels Interesse und weil er seinem Vater in der Landwirtschaft sowie
beim Transport von Waren geholfen habe. Die Taliban seien bereits seit
langer Zeit in seiner Herkunftsregion präsent gewesen und hätten vor allem
nachts die Gegend kontrolliert. Sie seien oft in Gruppen zu den Dorfbewoh-
nern gegangen und hätten verlangt, dass sie bekocht werden. Eine Wei-
gerung sei nicht möglich gewesen, obwohl viele Leute selbst kaum genug
zu essen gehabt hätten. Auch seine Familie habe von der Hand in den
Mund gelebt und gerade so viel gehabt, dass es für sie gereicht habe. Ir-
gendwann habe sein Vater emotional reagiert und die Taliban gefragt, wo-
her er das Geld nehmen solle, um so viele Personen zu verpflegen. Da-
raufhin hätten die Taliban ihn zu ihrem Hauptquartier mitgenommen. Zwei
Tage später sei er mit gebrochenen Händen und Beinen zurückgekommen.
In der Folge habe sein Vater herumerzählt, die Taliban seien dumm, ge-
walttätig und wilde Tiere. Dies müsse den Taliban zugetragen worden sein,
da sie ihn danach verdächtigt hätten, ein Spitzel der Regierung zu sein.
Etwa zwei Monate vor der Machtübernahme der Taliban sei der Vater von
diesen erschossen worden. Als er davon erfahren habe, sei er wütend und
traurig gewesen und habe ebenfalls begonnen, die Taliban als Gewalttäter
zu beschimpfen. Zudem habe er den Vorfall den Regierungsbeamten res-
pektive den Soldaten des Distrikts – zusammen mit anderen Dorfbewoh-
nern, welche Angehörige durch die Taliban verloren hätten – gemeldet. Ihm
sei deshalb ebenfalls vorgeworfen worden, er sei ein Agent der Regierung.
Nach der Machtübernahme der Taliban hätten diese dreimal zu Hause
nach ihm gesucht. Aus diesem Grund habe er das Land verlassen müssen,
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um sich in Sicherheit zu bringen. Auch nach seiner Ausreise hätten die Ta-
liban noch mehrmals nach ihm gesucht.
B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer eine Kopie seiner
Taskara sowie eine österreichische Verfahrenskarte ein.
C.
C.a Das SEM liess der Rechtsvertreterin am 7. Oktober 2022 einen Ent-
wurf des voraussichtlichen Entscheids zur Stellungnahme zukommen.
C.b Mit Eingabe vom 10. Oktober 2022 nahm die Rechtsvertreterin zum
Entscheidentwurf Stellung.
D.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 11. Oktober 2022 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht.
Es lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Den Voll-
zug der Wegweisung erachtete es indessen als unzumutbar, weshalb eine
vorläufige Aufnahme in der Schweiz angeordnet wurde.
E.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom
10. November 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen
diesen Entscheid. Darin beantragte er, die Dispositivziffern 1, 2 und 3 der
angefochtenen Verfügung seien aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuer-
kennen und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache in Bezug
auf die Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung zur rechtsgenügli-
chen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um unentgeltliche
Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Am 11. November 2022 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG
i.V.m. Art. 10 Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammen-
hang mit dem Coronavirus [Covid-19-Verordnung Asyl, SR 142.318];
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer-
deführer befürchte, wegen den Aussagen seines Vaters sowie dessen Tod
und seinen eigenen kritischen Äusserungen von den Taliban verfolgt zu
werden. Zwar könnten Familienangehörige von missliebigen Personen von
Übergriffen betroffen sein; ein systematisches Vorgehen der Taliban gegen
Familienangehörige sei jedoch nicht erkennbar. Eine begründete Furcht
vor einer flüchtlingsrechtlich relevanten Reflexverfolgung sei daher nur un-
ter besonderen Umständen zu bejahen. Solche seien vorliegend aber nicht
gegeben. Der Beschwerdeführer habe sich in keiner Form politisch betätigt
und es lägen auch keine anderen risikoschärfenden Elemente vor, welche
eine individuelle Gefährdung konkretisieren könnten. Vor der Machtüber-
nahme habe er die Taliban lediglich wahrgenommen, aber keine persönli-
chen Probleme mit ihnen gehabt. Weiter sei zu unterstreichen, dass seine
Mutter und die jüngeren Geschwister nach wie vor im Dorf lebten und es
ihnen gut gehe. Die vorgebrachte Suche nach ihm sei wohl im Kontext der
damaligen Kampfhandlungen zu sehen. Inzwischen hätten die Taliban die
Macht in ganz Afghanistan übernommen, womit die Suche nach dem Be-
schwerdeführer keine Aktualität mehr besitze, gerade vor dem Hintergrund,
dass er nicht habe angeben können, wann er zuletzt zu Hause gesucht
worden sei. Insgesamt sei nicht davon auszugehen, dass die Taliban ein
grosses Interesse an ihm gehabt hätten, welches mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft zu asylrelevanten Nachteilen ge-
führt hätte. Ohne das erlittene Leid durch den tragischen Verlust des Vaters
zu verkennen, könne die subjektive Furcht des Beschwerdeführers, eben-
falls Opfer von Verfolgungsmassnahmen zu werden, nicht als objektiv be-
gründet qualifiziert werden. Sodann seien die von ihm erwähnten Behelli-
gungen der Dorfbewohner durch die Taliban auf die allgemeine Situation
und die Sicherheitslage in seiner Herkunftsregion zurückzuführen und da-
mit nicht asylrelevant.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, dass der Beschwer-
deführer aufgrund seines Vaters, der sich gegen die Taliban gestellt habe
und von diesen als Regierungsagent betrachtet worden sei, ebenfalls zur
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Zielscheibe geworden sei. Er habe die Taliban beschimpft und die Ge-
schehnisse den lokalen Soldaten gemeldet, woraufhin auch er als Agent
bezeichnet und von den Taliban gesucht worden sei. Gemäss verschiede-
nen Berichten seien Kritiker der Taliban ebenso wie Angehörige der frühe-
ren Regierung und der Streitkräfte nach der Machtübernahme inhaftiert,
gefoltert und hingerichtet worden. Davon seien nicht nur hochrangige Be-
amte, sondern auch etwa Fahrer oder Leibwächter betroffen gewesen. Zu-
dem habe es Verhaftungen von Familienangehörige von Personen aus die-
sen Zielgruppen gegeben. Einem Bericht der EU Agency for Asylum
(EUAA) zufolge liessen sich Vergeltungsmassnahmen häufig auf private
Streitigkeiten zurückführen und stünden nicht in einem Zusammenhang zur
formalen Position, dem Rang oder dem Profil der betroffenen Person. Die
Vorinstanz bestreite nicht, dass sich der Vater mit abwertenden Äusserun-
gen über die Taliban exponiert habe, von diesen als Agent betrachtet und
deshalb getötet worden sei. Nachdem sich der Beschwerdeführer ebenfalls
negativ über die Taliban geäussert habe, sei er ebenfalls als Spitzel be-
trachtet worden und somit einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt.
Er habe sich gleich verhalten wie sein Vater und mit seiner Meldung an die
Soldaten überdies dafür gesorgt, dass sich die Taliban zeitweise nicht mehr
frei im Dorf hätten bewegen können. Bereits vor der Machtübernahme der
Taliban sei er in deren Visier geraten und einer konkreten Gefährdung aus-
gesetzt gewesen. Angesichts der aktuellen Machtverhältnisse habe sich
die Bedrohungslage noch verstärkt und die Furcht vor einer Verfolgung sei
sowohl subjektiv als auch objektiv begründet. Es sei davon auszugehen,
dass er im Falle einer Rückkehr mit erheblichen Nachteilen seitens der Ta-
liban zu rechnen hätte. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz sei die dro-
hende Verfolgung auch nach der Machtübernahme der Taliban noch aktu-
ell, da Rachemorde an vermeintlichen Kritikern und Gegnern weit verbrei-
tet seien. Weiter könne es dem Beschwerdeführer nicht angelastet werden,
dass er – weil er nur selten Kontakt zu seiner Mutter habe – keine weiteren
Informationen dazu habe, wann ihn die Taliban zuletzt gesucht hätten. Fer-
ner sei er der älteste Sohn, welcher für die Taten des Vaters einzustehen
habe und nach dessen Tod zum Familienoberhaupt geworden sei. Es sei
daher nicht von Bedeutung, dass die übrigen Familienmitglieder nach wie
vor zu Hause lebten, zumal er es gewesen sei, welcher sich gegen die
Taliban geäussert habe und von diesen als Spitzel betrachtet worden sei.
Er sei denn auch nach der Ausreise noch mehrmals von den Taliban ge-
sucht worden, weshalb eine objektiv begründeten Furcht vor einer drohen-
den Verfolgung vorliege und er als Flüchtling anzuerkennen sei.
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5.
5.1 Die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft setzt voraus, dass die
asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlit-
ten hat, beziehungsweise solche im Falle einer Rückkehr in den Heimat-
staat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft be-
fürchten muss. Die Nachteile müssen der betroffenen Person gezielt und
aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden
sein. Zudem muss die geltend gemachte Gefährdungslage aktuell sein
(vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. m.H.). Ob eine begründete Furcht vor künfti-
ger Verfolgung vorliegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise
zu beurteilen. Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete
Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in der gleichen Lage
Furcht vor einer Verfolgung hervorrufen würden. Die objektive Betrach-
tungsweise ist durch das vom Betroffenen bereits Erlebte und das Wissen
um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits Ver-
folgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine aus-
geprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.1; 2011/51 E. 6;
je m.w.H).
5.2 Die familiäre Zugehörigkeit zu einer Person, welche einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt ist, kann zu einer Reflexverfolgung führen. Im
derzeitigen afghanischen Kontext können insbesondere Angehörige von
ehemaligen Mitgliedern der Sicherheitskräfte davon betroffen sein (vgl. Ur-
teil des BVGer D-1728/2022 vom 10. Mai 2022 E. 7.4 m.H.). Um eine be-
gründete Furcht vor einer Reflexverfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu
bejahen, muss ein begründeter Anlass zur Annahme bestehen, eine solche
Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft auch in Bezug auf die Angehörigen verwirklichen. Dabei
müssen konkrete Indizien und tatsächliche Anhaltspunkte dargelegt wer-
den, welche die Furcht vor einer real drohenden Verfolgung nachvollzieh-
bar erscheinen lassen.
5.3
5.3.1 Für den vorliegenden Fall ist festzuhalten, dass nicht jegliche geltend
gemachten Probleme mit den Taliban als asylrelevant einzustufen sind. Nur
wenn eine aktuelle und gezielt gegen die asylsuchende Person gerichtete
Verfolgung droht, kann von einer begründeten Furcht im Sinne von Art. 3
AsylG ausgegangen werden. Die vom Beschwerdeführer dargelegte Ge-
fährdungslage seitens der Taliban ist – bei Wahrunterstellung der entspre-
chenden Vorbringen – angesichts seines sehr wenig ausgeprägten Profils
als nicht hinreichend intensiv und konkret zu erachten, als dass daraus
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eine objektiv begründete Furcht vor künftiger Verfolgung abgeleitet werden
könnte. Er hatte zu keinem Zeitpunkt persönlichen Kontakt mit Angehöri-
gen der Taliban und hatte diese vor ihrer Machtübernahme lediglich "gese-
hen" (vgl. SEM-Akte [...]-20/13 [nachfolgend Akte 20], F60 ff. und F67 f.).
Aus seinen Aussagen geht auch nicht klar hervor, weshalb die Taliban sei-
nen Vater für einen Agenten der Regierung gehalten haben sollen. Seine
diesbezüglichen Angaben sind äusserst allgemein gehalten und beschrän-
ken sich im Wesentlichen darauf, dass dieser die Taliban – mangels eige-
ner Ressourcen – nicht mehr mit Essen habe versorgen wollen und sich,
nachdem er von ihnen verletzt worden sei, abwertend über sie geäussert
habe (vgl. Akte 20, F31 ff.). Ebenso vage sind die Vermutungen des Be-
schwerdeführers dazu, weshalb er selbst als damals (...)-jähriger Junge,
der nach dem Tod seines Vater die Taliban als Gewalttäter bezeichnet
habe, verdächtigt worden sei, ein Regierungsspitzel zu sein (vgl. Akte 20,
F34 ff.).
Weiter führte er aus, sein Vater sei rund zwei Monate vor der Machtüber-
nahme der Taliban getötet worden (vgl. Akte 20, F15 und F26). Die Suche
nach ihm (dem Beschwerdeführer) habe indessen erst nach der Macht-
übernahme stattgefunden, wobei die Taliban dreimal zu Hause nach ihm
gefragt hätten (vgl. Akte 20, F50 f.). Obwohl er jedes Mal anwesend gewe-
sen sei, habe es ausgereicht, dass seine Mutter oder sein Bruder die Tür
geöffnet und angegeben hätten, er sei nicht zu Hause (vgl. Akte 20, F52).
Dies lässt nicht auf eine besonders intensive Suche nach dem Beschwer-
deführer schliessen. Überdies sind seine Ausführungen zur angeblich an-
haltenden Suche der Taliban nach seiner Person als vage und unsubstan-
ziiert einzustufen. Zwar hat er eigenen Angaben zufolge nur einmal direkt
mit seiner Mutter gesprochen (vgl. Akte 20, F12). Er steht jedoch mit sei-
nem Onkel, welcher im benachbarten Distrikt F._ (Provinz
G._) lebt, in ständigem Kontakt, wobei dieser wiederum mit seiner
Mutter in Kontakt steht (vgl. Akte 20, F8 ff.). Es ist davon auszugehen, dass
er zumindest über seinen Onkel erfahren hätte, wenn er weiterhin hartnä-
ckig von den Taliban gesucht worden wäre. Dies gilt umso mehr, als eine
solche Suche für die übrigen Familienmitglieder eine regelmässige Kon-
frontation mit den Taliban – welche zu Hause nach dem Beschwerdeführer
fragen – bedeuten würde, was sie ihm gegenüber kaum unerwähnt gelas-
sen hätten.
5.3.2 Hinsichtlich einer möglichen Reflexverfolgung geht das Gericht da-
von aus, dass ein entsprechendes Risiko vor allem dann besteht, wenn die
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betroffene Zielperson durch Behelligung ihrer Angehörigen zu einem be-
stimmten Verhalten bewegt werden soll oder die Familie als Ganzes für die
Aktivitäten dieser Person bestraft werden soll. Vorab ist festzuhalten, dass
der Vater des Beschwerdeführers weder für eine Regierungsbehörde tätig
war noch anderweitig über ein massgebliches Profil verfügte, welches eine
Verfolgung seiner Angehörigen als naheliegend erscheinen lassen könnte.
Entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung ist auch
nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer als ältester Sohn der
Familie als einziger eine Reflexverfolgung zu befürchten hätte, wenn eine
solche denn wirklich als wahrscheinlich einzustufen wäre. Zwei seiner jün-
geren Brüder sind mit (...) respektive (...) Jahren (vgl. SEM-Akte [...]-17/12
Ziff. 3.01) nur wenig jünger als er selbst, sodass kaum angenommen wer-
den kann, diese wären allein aufgrund ihres Alters nicht von einer allfälligen
Reflexverfolgung betroffen. Die Tatsache, dass die Mutter sowie die Ge-
schwister nach wie vor am Herkunftsort leben und es ihnen gut gehe
(vgl. Akte 20, F8 und F77), spricht somit ebenfalls gegen eine drohende
Reflexverfolgung wegen der kritischen Haltung des Vaters gegenüber den
Taliban.
5.3.3 Insgesamt kam das SEM zutreffend zum Schluss, dass es dem Be-
schwerdeführer nicht gelang, eine objektiv begründete Furcht vor ernsthaf-
ten Nachteilen seitens der Taliban glaubhaft zu machen. Er weist kein be-
sonderes Profil auf und die geltend gemachte Suche nach ihm – wenn von
deren Glaubhaftigkeit ausgegangen wird – erscheint wenig intensiv, nach-
dem die einfache Auskunft seiner Angehörigen, er sei nicht zu Hause, ge-
nügt habe, um die Taliban abzuwimmeln. Er konnte auch nicht substanziiert
dartun, dass nach der Ausreise weiterhin eine ernsthafte Suche nach ihm
stattgefunden habe. Das Gericht geht unter diesen Umständen nicht davon
aus, dass die Taliban ein Verfolgungsinteresse gegenüber dem Beschwer-
deführer hegen und er daher befürchten müsste, von diesen in flüchtlings-
rechtlich relevanter Weise verfolgt zu werden. Das SEM hat daher zu Recht
seine Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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7.
Nachdem der Beschwerdeführer in der angefochtenen Verfügung wegen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufge-
nommen wurde, stellt sich die Frage nach dem Vorliegen von anderen
Wegweisungsvollzugshindernissen – Unzulässigkeit und Unmöglichkeit –
nicht. Die drei möglichen Vollzugshindernisse sind alternativer Natur; so-
bald eines erfüllt ist, gilt der Wegweisungsvollzug als undurchführbar
(vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Zum in der Beschwer-
deschrift gestellten Antrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
wird lediglich ausgeführt, dass die angefochtene Verfügung nicht mit der
vorgebrachten Begründung aufrechterhalten werden könne. Dieser Auffas-
sung kann indessen – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– nicht gefolgt werden und es sind auch sonst keine Gründe ersichtlich,
welche eine Kassation rechtfertigen könnten. Die Beschwerde ist folglich
abzuweisen.
9.
9.1 Mit dem Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Sein Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG ist indessen gutzuheissen. Aufgrund der Aktenlage ist er als pro-
zessual bedürftig zu erachten und die Beschwerdebegehren können nicht
als zum Vornherein aussichtslos angesehen werden. Es sind somit keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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