Decision ID: 5955ee2e-73f5-4653-807b-2be2e1a25502
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben gelangte der Beschwerdeführer zusammen mit
seiner Ehefrau am 10. November 2020 in die Schweiz und suchte gleichen-
tags um Asyl nach.
B.
Er wurde am 16. November 2020 zu seiner Person und zum Reiseweg
befragt. Am 19. November 2020 wurde mit ihm ein persönliches Gespräch
geführt zu einem möglichen Nichteintretensentscheid und einer Rückfüh-
rung nach Griechenland.
C.
Am 2. Dezember 2020 ersuchte das SEM die griechischen Behörden um
Rückübernahme des Beschwerdeführers und seiner Ehefrau gestützt auf
die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den
Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal anwesender Drittstaatsangehöriger
(Rückführungsrichtlinie) und das Abkommen vom 28. August 2006 zwi-
schen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Helleni-
schen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem
Aufenthalt (SR 0.142.113.729; nachfolgend: Rückübernahmeabkommen).
D.
Am 5. Dezember 2020 stimmten die griechischen Behörden dem Übernah-
meersuchen zu.
E.
Am 14. April 2021 nahmen der Beschwerdeführer und seine Ehefrau Stel-
lung zum Entscheidentwurf des SEM, der für beide Ehegatten einen Nicht-
eintretensentscheid nach Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) und ei-
ner Rückführung nach Griechenland vorsah.
F.
Mit Verfügung vom 15. April 2021 – eröffnet am selben Tag – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers und seiner Ehefrau nicht ein und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz nach Griechenland sowie den Vollzug an. Weiter
wurden dem Beschwerdeführer und der Ehefrau die editionspflichtigen Ak-
ten ausgehändigt.
D-5708/2021
Seite 3
G.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 22. April 2021 (Postaufgabe)
erhoben der Beschwerdeführer und seine Ehefrau beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und beantragten dabei,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und auf das Asylgesuch sei
einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Eventualiter sei eine vorläufige Aufnahme anzu-
ordnen.
In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Einsicht in die Zustimmung der griechischen Behör-
den vom 5. Dezember 2020 (Aktenstück 1080987-46/2) ersucht.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
23. April 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
I.
Mit Zwischenverfügung vom 27. April 2021 hiess das Bundesverwaltungs-
gericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
nach Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung
ein.
J.
Mit Vernehmlassung vom 10. Mai 2021 äusserte sich das SEM zur Be-
schwerdeschrift. Am 22. Juni 2022 replizierten der Beschwerdeführer und
seine Ehefrau.
K.
Am 8. November 2021 informierte der Beschwerdeführer und die Ehefrau
das Gericht über die Geburt ihres Kindes B._ (nachfolgend: Kind).
L.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Mai 2022 lud das Bundesverwaltungsge-
richt das SEM unter Hinweis auf das Referenzurteil in den vereinigten Ver-
fahren E-3427/2021 und E-3431/2021 vom 28. März 2022 zu einer weite-
ren Vernehmlassung ein.
M.
Mit Eingabe vom 24. Mai 2022 reichten der Beschwerdeführer und die Ehe-
frau medizinische Unterlagen ein.
D-5708/2021
Seite 4
N.
Mit Verfügung vom 16. Juni 2022 zog das SEM die angefochtene Verfü-
gung teilweise in Wiedererwägung, hob die Dispositivziffern 3 und 4 (Weg-
weisungsvollzug) auf und nahm den Beschwerdeführer, die Ehefrau und
das Kind in der Schweiz vorläufig auf.
O.
Am 28. Juni 2022 fragte das Gericht den Beschwerdeführer und die Ehe-
frau an, ob sie ihre Beschwerde betreffend das Nichteintreten und die Weg-
weisung zurückziehen möchten.
P.
Mit Schreiben vom 7. Juli 2022 hielten sie an der Beschwerde fest.
Q.
Mit Zwischenverfügung vom 3. August 2022 trennte das Gericht das Be-
schwerdeverfahren des Beschwerdeführers in ein separates Verfahren ab,
während dasjenige der Ehefrau und des Kindes unter der Verfahrensnum-
mer D-1855/2021 weitergeführt wurde. Das bisher unbehandelt gebliebene
Gesuch um Akteneinsicht wurde gutgeheissen und dem Beschwerdeführer
eine Kopie des betreffenden Aktenstücks zugestellt. Auf eine Fristanset-
zung zur Stellungnahme wurde jedoch verzichtet, da der wesentliche Inhalt
des Aktenstücks bereits bekannt war.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
D-5708/2021
Seite 5
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM
ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, da
ihm keine Einsicht in die Zustimmung der griechischen Behörden vom
5. Dezember 2020 gewährt worden sei.
4.2 Das rechtliche Gehör, welches in Art. 29 Abs. 2 BV verankert und in
den Art. 29 ff. VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert wird, dient
einerseits der Aufklärung des Sachverhalts, andererseits stellt es ein per-
sönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der Parteien dar. Gemäss Art. 30
Abs. 1 VwVG hört die Behörde die Parteien an, bevor sie verfügt. Eng mit
diesem Äusserungsrecht verbunden ist der verfahrensrechtliche Anspruch
auf Akteneinsicht (Art. 26 VwVG).
4.3 Gemäss der angefochtenen Verfügung wurde das entsprechende Ak-
tenstück dem Beschwerdeführer mit dem Entscheid ausgehändigt. Der Be-
schwerdeführer macht jedoch geltend, dieses nie erhalten zu haben. Un-
geachtet der Frage, ob das Aktenstück versehentlich nicht ausgehändigt
worden ist, ist dem Beschwerdeführer der wesentliche Inhalt des Doku-
ments hinreichend bekannt. Dabei kann auf Ziffer 5, des Entscheidentwurfs
D-5708/2021
Seite 6
(vgl. act. 1080987-73/15) verwiesen werden. Eine Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör ist daher zu verneinen.
5.
5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch in der
Regel nicht eingetreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren
kann, in welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
5.2 Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellun-
gen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG
besteht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Mit Beschluss
des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche Länder der
Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelsassoziation
(EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet. Bei Griechenland als Mitglied-
staat der EU handelt es sich um einen sicheren Drittstaat im Sinne von
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG.
5.3 Den Akten ist ferner zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer
vorher in Griechenland aufgehalten hat.
5.4 Stellt ein Drittstaatsangehöriger in einem Mitgliedstaat ein Asylgesuch,
so geht die Dublin-III-VO einem allfälligen Rückübernahmeabkommen vor
(vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien/Graz 2014, K13 zu
Art. 20). Die Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG setzt deshalb
grundsätzlich voraus, dass die asylsuchende Person im Drittstaat über ei-
nen internationalen Schutzstatus verfügt (vgl. CONSTANTIN HRUSCHKA, in:
Schweizerische Flüchtlingshilfe [Hrsg.], Handbuch zum Asyl- und Wegwei-
sungsverfahren, 3. Auflage 2021, S. 138 sowie implizit Referenzurteil des
BVGer D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 5.2). Hat die Person keinen
Schutzstatus, so ist ein Dublin-Verfahren durchzuführen (vgl. CONSTANTIN
HRUSCHKA, a.a.O., S. 138 sowie Art. 21 Rückübernahmeabkommen, der
einen Vorbehalt zugunsten des Abkommens zwischen der Schweizeri-
schen Eidgenossenschaft und der Europäischen Gemeinschaft über die
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staats für die
Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder in der Schweiz gestellten Asyl-
antrags vom 26. Oktober 2004 [SR 0.142.392.68] statuiert). Dies ergibt sich
bereits daraus, dass sich die Vertragsstaaten verpflichtet haben, den Best-
immungen der Dublin-III-VO Nachachtung zu verschaffen und den effekti-
ven Zugang zu den Verfahren zur Bestimmung der Flüchtlingseigenschaft
sicherzustellen.
D-5708/2021
Seite 7
Über einen solchen Schutzstatus verfügt der Beschwerdeführer in Grie-
chenland jedoch nicht. Der blosse Umstand, dass er gemäss Aussagen der
griechischen Behörden in den Flüchtlingsstatus seiner Ehefrau einbezogen
werden könne (vgl. act. 1080987-48/2), vermag den fehlenden Schutzsta-
tus nicht zu ersetzen. Der Nichteintretensentscheid des SEM ist folglich
nicht rechtmässig.
6.
Nachdem die Ehefrau und das Kind des Beschwerdeführers in der Schweiz
ebenfalls vorläufig aufgenommen worden sind, kann an dieser Stelle offen-
bleiben, ob dies anders zu beurteilen wäre, falls es zur Kollision mit dem
ebenfalls zentralen Prinzip der Einheit der Familie kommen würde bezie-
hungsweise sich daraus ergeben würde, dass unterschiedliche Staaten für
die Prüfung der Asylgesuche von Familienangehörigen zuständig wären.
Die Beschwerde ist daher gutzuheissen und die angefochtene Verfügung
betreffend den Nichteintretensentscheid bezogen auf den Beschwerdefüh-
rer aufzuheben. Die Vorinstanz ist entsprechend anzuweisen, sein Asylver-
fahren wieder aufzunehmen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten auf-
zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung aus-
zurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
D-5708/2021
Seite 8