Decision ID: e4a4c159-b1fd-4c14-80dc-27cd5f88b86a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 23. Januar 2022 in der Schweiz
um Asyl nach. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der Eurodac-Daten-
bank ergab, dass sie am 4. Januar 2022 in Italien nach illegaler Einreise
registriert worden war. Am 28. Januar 2022 wurden im Bundesasylzentrum
(BAZ) der Region B._ ihre Personalien aufgenommen (Personali-
enaufnahme [PA]).
A.b Das SEM ersuchte die italienischen Behörden am 28. Januar 2022 um
Übernahme der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 13 Abs. 1 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Dieses Ge-
such blieb innert der in Art. 22 Abs. 1 und Abs. 7 Dublin-III-VO vorgesehe-
nen Frist unbeantwortet.
A.c Anlässlich des am 8. Februar 2022 im Beisein ihrer Rechtsvertretung
durchgeführten persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 Dublin-III-VO gab
die Beschwerdeführerin an, sie sei vor der italienischen Küste gerettet wor-
den und in der Folge in Italien – wie man ihr gesagt habe – aus Sicher-
heitsgründen daktyloskopiert worden.
Sodann wurde ihr das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit
Italiens zur Prüfung ihres Asylgesuchs, zu einem allfälligen Nichteintreten-
sentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) sowie zur
Wegweisung nach Italien gewährt. Sie gab an, mit einer Rückkehr nach
Italien nicht einverstanden zu sein. Italien sei nie ihr Zielland gewesen.
Auch habe sie die Fingerabdrücke nicht für eine Registrierung für ein Asyl-
verfahren abgegeben. Sie habe viele Verwandte in Europa, unter anderem
(...) und (...) in der Schweiz sowie weitere (...) und (...) in Deutschland und
Frankreich. Ihr Zielland sei Frankreich oder Deutschland gewesen, doch
hätten die (...) und die (...) sie in der Schweiz nicht mehr tragen können.
Zur ihrem Gesundheitszustand befragt erklärte sie, sie habe seit Langem
(...), die sich wegen der (...) in Italien verschlimmert hätten. Sie habe da-
gegen bereits (...) erhalten. Ebenfalls seit Langem leide sie unter (...), ge-
gen welche sie schon zu Hause Medikamente bekommen habe. Die
Rechtsvertretung beantragte medizinische Untersuchungen, insbesondere
ein (...).
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A.d Gemäss ärztlichem Bericht vom 15. Februar 2022 hatte die Beschwer-
deführerin (...) im (...).
A.e Mit E-Mail vom 6. April 2022 erkundigte sich das SEM bei "(...)" im BAZ
C._, ob sich die Beschwerdeführerin wegen weiterer Probleme ge-
meldet habe und ob weitere medizinische Datenblätter oder Arztberichte
vorhanden seien. "(...)" teilte dem SEM gleichentags – unter Beilage von
Berichten von D._ / BAZ C._ und der (...) – mit, die Be-
schwerdeführerin sei wegen der (...) in Behandlung. Ausserdem habe sie
mehrfach über (...) mit (...) aufgrund der Erlebnisse auf der Flucht geklagt,
weshalb sie bei der (...) angemeldet worden sei; der erste Termin finde am
3. Mai 2022 statt.
B.
Mit Verfügung vom 6. April 2022 – eröffnet am 7. April 2022 – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin nicht ein, ordnete die Wegweisung in den für sie zu-
ständigen Dublin-Mitgliedstaat (Italien) an und forderte sie unter Andro-
hung von Zwangsmitteln auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Eintritt
der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen. Gleichzeitig wurde der Kanton
E._ mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt und festgestellt,
einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
Schliesslich wurden der Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Akten
ausgehändigt.
C.
Die Beschwerdeführerin erhob durch den rubrizierten Rechtsvertreter mit
Eingabe vom 14. April 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde.
Sie beantragte, die Verfügung des SEM vom 6. April 2022 sei aufzuheben
und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutreten und ein
materielles Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen. Eventualiter sei
die Verfügung der Vorinstanz zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklä-
rung und Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In verfahrensrecht-
licher Hinsicht wurde darum ersucht, der Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde anzuweisen, bis zum Ent-
scheid über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung von einer Überstel-
lung nach Italien abzusehen. Ferner wurde um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses ersucht.
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D.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
19. April 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Glei-
chentags setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstellung ge-
stützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs.1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.).
3.
Die Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensicht-
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lich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständig-
keit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zwei-
ten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriften-
wechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat – oder bei fingierter Zustimmung –, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl.
BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfah-
ren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, so-
bald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (take charge) – wie
vorliegend – sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kri-
terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu-
ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es
ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem die asylsuchende Person erst-
mals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7
Abs. 2 Dublin-III-VO). Der nach dieser Verordnung zuständige Mitglied-
staat ist verpflichtet, eine antragstellende Person, die in einem anderen
Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder sich im Hoheitsgebiet eines an-
deren Mitgliedstaats aufhält, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-
III-VO aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
4.4 Wenn eine antragstellende Person, die aus einem Drittstaat kommt, die
Land-, See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat,
ist dieser Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung
des Antrags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet
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gemäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts.
4.5 Erweist es sich als unmöglich, eine antragstellende Person in den ei-
gentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen,
ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig be-
stimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig be-
stimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zu-
ständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.6 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1; SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl.
BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin reiste eigenen Angaben gemäss (vgl. SEM-
Akten [...] [nachfolgend: Akte 15] S. 1) illegal in den Dublin-Mitgliedstaat
Italien ein. Diese Angaben werden durch die vorliegenden Eurodac-Daten
bestätigt.
Die italienischen Behörden haben den Antrag der Vorinstanz vom 28. Ja-
nuar 2022 auf Übernahme der Beschwerdeführerin nicht in der dafür vor-
gesehenen Frist beantwortet (vgl. Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO). Somit ist
davon auszugehen, dem Aufnahmegesuch sei durch die italienischen Be-
hörden stillschweigend stattgegeben worden, was die Verpflichtung nach
sich zieht, die Person aufzunehmen und angemessene Vorkehren für die
Ankunft zu treffen (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO).
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5.2 Soweit die Beschwerdeführerin angab, Italien sei nie das Zielland ge-
wesen (vgl. Akte 15 S. 1), ist vorab festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den
Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat
selbst zu wählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). In Bezug die sich in der
Schweiz aufhaltenden Verwandten kann auf die zutreffenden Ausführun-
gen des SEM in seiner Verfügung (vgl. S. 3 oben) verwiesen werden, die
unbestritten blieben. Somit lässt sich aus der Anwesenheit eines (...) und
eines (...) in der Schweiz kein Zuständigkeitskriterium ableiten, was die
Beschwerdeführerin im Übrigen auch nicht behauptet.
5.3 Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit gegeben.
6.
6.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Ausserdem ist davon auszugehen, Italien anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstel-
len – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz
Dublin-III-VO aufweist (vgl. Referenzurteile des BVGer F-6330/2020 vom
18. Oktober 2021 E. 9, D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.1.2 und
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3; Urteil des BVGer D-300/2022
vom 26. Januar 2022 E. 7.2.2).
6.3 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt nicht in Betracht.
7.
7.1 Die Beschwerdeführerin fordert die Anwendung der Ermessensklausel
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht
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im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss
welcher das SEM das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch dann
behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zu-
ständig wäre.
7.2 Die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen
ein, kann zwar insbesondere mit Blick auf Art. 3 EMRK im Einzelfall wider-
legt werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017
vom 6. März 2018 E. 5.3.1). Dies gelingt der Beschwerdeführerin aller-
dings nicht.
7.3 Ihr steht es frei, nach ihrer Überstellung ein Asylverfahren in Italien
Asylgesuch einzureichen. Sie vermag aus dem Einwand, in Italien ihre Fin-
gerabdrücke nur aus Sicherheitsgründen und nicht zur Registrierung für
ein Asylverfahren gegeben zu haben (vgl. Akte 15 S. 1), nichts zu ihren
Gunsten ableiten. Entsprechend ihren Angaben wurde sie in Italien im Üb-
rigen auch nicht als asylsuchende Person registriert. Mit der Einreichung
eines Asylgesuches in Italien wird sie sowohl Zugang zum Asylverfahren
als auch zu den Leistungen gemäss der Aufnahmerichtlinie erhalten. Sie
kann sich an die italienischen Behörden wenden – nötigenfalls mit Unter-
stützung einer der zahlreichen dort tätigen karitativen oder kirchlichen Or-
ganisationen –, um eine Unterkunft und sozialstaatliche Unterstützung zu
erhalten.
7.4
7.4.1 Auch die Vorinstanz stellt nicht in Abrede, dass die Beschwerdefüh-
rerin unter gesundheitlichen Problemen leidet. Aus den sich bei den Akten
befindenden Unterlagen (vgl. Akten 18 und 21) ergibt sich, dass ihr nicht
nur gegen (...) beziehungsweise (...) eine (...) verabreicht wurde, sondern
dass bei ihr auch (...) im (...) sowie eine (...) und (...) diagnostiziert wur-
den, welche mittels (...) beziehungsweise einem (...) und (...) behandelt
wurden. Sodann wurde aufgrund der von ihr geltend gemachten (...) ein
Termin bei der Psychiatrie F._ vereinbart.
7.4.2 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
troffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheits-
stadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit
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Seite 9
dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstüt-
zung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die dama-
lige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]).
Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die
durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand-
lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer erns-
ten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.4.3 Eine solche Situation ist vorliegend aufgrund der geschilderten ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen nicht gegeben. Mangels gegenteiliger
Ausführungen auf Beschwerdeebene kann davon ausgegangen werden,
dass die erwähnte Behandlung der (...) sowie der (...) soweit erfolgreich
behandelt werden konnten. Sodann sind keine Hinweise auf eine schwere
psychische Erkrankung ersichtlich, die einer Überstellung nach Italien ent-
gegenstehen könnte. Aus den Akten ergibt sich insbesondere auch keine
Notwendigkeit, den auf den 3. Mai 2022 angesetzten Termin bei der Psy-
chiatrie F._ abzuwarten, zumal eine adäquate Behandlung auch in
Italien erfolgen beziehungsweise fortgesetzt werden kann (vgl. etwa Urteil
des BVGer D-411/2022 vom 2. Februar 2022 E. 7.3.3 m.w.H.). Die in der
Beschwerdeschrift (vgl. S. 6 Ziff. 6 und 7) angebrachten Hinweise, die psy-
chischen Probleme seien auf Erlebnisse während der Flucht zurückzufüh-
ren, ausserdem habe sich die Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt des Dub-
lin-Gesprächs erst seit wenigen Tagen in der Schweiz befunden und sei
möglicherweise aufgrund des Umstandes, dass das Gespräch nicht in ei-
ner Frauenrunde durchgeführt worden sei, davon abgehalten worden, dort
von den Vorfällen auf der Flucht zu berichten, erscheinen nicht geeignet,
zu einer anderen Beurteilung des Sachverhaltes zu führen. Dasselbe gilt
auch für die nicht weiter substanziierte Bemerkung, es bestünden "deutli-
che Hinweise" auf eine "Verletzlichkeit der Beschwerdeführerin".
Sofern im Überstellungszeitpunkt erforderlich, werden die schweizerischen
Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt
sind, die italienischen Behörden in geeigneter Weise über allfällige spezifi-
sche medizinische Bedürfnisse und Umstände der Beschwerdeführerin in-
formieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO). Individueller Zusicherungen der italieni-
schen Behörden betreffend Unterbringung und medizinischer Versorgung
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Seite 10
der Beschwerdeführerin bedarf es im vorliegenden Fall jedoch nicht (vgl.
Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 7.4.3).
7.4.4 Der aktuelle Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin erfordert
nach dem Gesagten keinen Selbsteintritt der Schweiz.
8.
8.1 Schliesslich ist hinsichtlich der sogenannten Souveränitätsklausel fest-
zuhalten, dass das SEM bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum verfügt (vgl.
BVGE 2015/9 E. 7 f.). Aufgrund der Kognitionsbeschränkung (Art. 106
Abs. 1 AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanzlichen Verzicht auf die
Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin,
sondern beschränkt sich im Wesentlichen auf die Überprüfung, ob das
SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen
wesentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen Ermessensspiel-
raum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
8.2 Es ist nicht ersichtlich, inwiefern das SEM die spezifischen Umstände
des Einzelfalls, insbesondere die vorgebrachten medizinischen Probleme
(vgl. Beschwerde S. 7 Ziff. 9), nicht genügend abgeklärt und berücksichtigt
hätte. Die angefochtene Verfügung ist auch unter diesem Blickwinkel nicht
zu beanstanden. Das Eventualbegehren um Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz ist daher abzuweisen.
9.
Das SEM ist nach dem Gesagten zu Recht in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein-
getreten. Da sie nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlas-
sungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwendung
von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
10.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind all-
fällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 des Bundesgeset-
zes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und
über die Integration (AIG; SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr
zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
11.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
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Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachver-
halt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be-
schwerde ist folglich abzuweisen.
12.
Mit dem vorliegenden Urteil sind die verfahrensrechtlichen Anträge auf Er-
teilung der aufschiebenden Wirkung sowie um Befreiung von der Kosten-
vorschusspflicht gegenstandslos geworden. Der vorsorglich angeordnete
Vollzugsstopp fällt dahin.
13.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist – un-
geachtet der nicht nachgewiesenen Bedürftigkeit – abzuweisen, da die Be-
gehren als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320]).
(Dispositiv nächste Seite)
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