Decision ID: d3f160f6-ee26-5935-9fdb-c56da920602f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – eritreischer Staatsbürger und Angehöriger der
Saho-Ethnie – verliess gemäss eigenen Angaben im Jahr 2009 bezie-
hungsweise 2010 sein Heimatland und reiste in den Sudan. Im Juli 2015
verliess er den Sudan und reiste weiter nach Libyen. Am 4. Dezember 2015
gelangte er auf dem Seeweg nach Italien.
Im Rahmen eines Relocation-Verfahrens reiste er am 22. September 2016
in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch. Das SEM nahm
diverse Unterlagen aus Italien zu den Akten (vgl. Beweismittelcouvert, Akte
A5).
B.
Auf dem vom Beschwerdeführer am 22. September 2016 persönlich aus-
gefüllten Personalienblatt trug dieser ein, seine Muttersprache sei Saho.
Als «mögliche weitere Sprache für Interview» trug er ein: «Tigrinya, Tigre,
Afar» (vgl. Akte A1).
C.
Am 13. Oktober 2016 fand die Befragung des Beschwerdeführers zur Per-
son (BzP) statt (vgl. Akte A4). Die Befragung wurde in der tigrinischen Spra-
che durchgeführt. Dabei gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, die ein-
gesetzte Dolmetscherin «gut» verstanden zu haben (vgl. BzP-Einleitung,
Bst. h sowie Ziffer 9.02). Bei Ziffer 1.17.01 «Muttersprache» wurde festge-
halten: «andere»; «Sonstige: Saho, gut»; in Ziffer 1.17.02: «Weitere Spra-
chen genügend für die Anhörung» wurde festgehalten: «Tigrinya, gut». Bei
Ziffer 1.17.03 «Übrige Sprachkenntnisse» wurde angegeben: «Tigre, gut;
Afar, gut; und Arabisch, wenig».
In der BzP trug der Beschwerdeführer vor, er sei in B._, Zoba
C._, geboren. Die Schule habe er zunächst bis zur dritten Klasse
besucht, dann habe er aus familiären Gründen die Schule unterbrochen
und ein paar Jahre später fortgesetzt. Im Jahr 2006 – mit (...) Jahren –
habe er dann in der zehnten Klasse die Schule abgebrochen. Vor seiner
Ausreise aus Eritrea habe er in D._, Subzoba C._, gelebt.
Er sei von der Schule nach E._ zum (Militär-)Dienst einberufen wor-
den, weil er zu alt gewesen sei für die Schule.
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Er habe sein Heimatland Eritrea wegen des zu langen Militärdienstes ver-
lassen. Er sei – als (...)Jähriger – im Februar 2006 zwangsrekrutiert und
militärisch trainiert worden. Im Februar 2007 sei er in die KS (...), (...), ein-
geteilt und zunächst in E._, später in F._ und in G._,
an der Front, stationiert worden. In G._ habe er mit seiner Einheit
die Grenze bewacht; sie hätten von ihrer Front die äthiopischen Soldaten
gesehen. Die weiteren Einteilungsbezeichnungen habe er vergessen, weil
es zu lange her sei. Nach einem Monat in G._ sei er zurück nach
F._ gekommen, wo er ein zusätzliches Training absolviert habe.
Nach 11 Tagen sei er dann, im Monat April 2007, von F._ desertiert
und nach B._ gegangen. Dort habe er am Meer als Tagelöhner ge-
arbeitet. Er habe erst zwei Jahre nach seiner Desertion sein Heimatland
verlassen können, weil es keinen Ausweg gebe aus dem Land; es habe zu
viele Kontrollstellen gegeben; er habe länger bleiben müssen, als er ge-
wollt habe.
Er sei in Eritrea nie in Haft gewesen. Etwa drei Monate nach seiner Deser-
tion aus dem Militärdienst hätten die Behörden seine Mutter festgenommen
und nach ihm befragt; nach 24 Stunden sei sie freigelassen worden. Die
Behörden hätten seine Mutter beschützt, weil drei ihrer Söhne – zwei Brü-
der sowie ein Halbbruder des Beschwerdeführers – im Krieg gefallen seien.
Man habe ihn aber gesucht; die Behörden hätten in D._ und
B._ Spione, die verdeckt nach Leuten Ausschau halten würden.
Seine Reise aus Eritrea von D._ zu Fuss in den Sudan habe sieben
Tage gedauert. Auf dem Weg in den Sudan hätten sie bewusst kleine Kin-
der nach dem Weg gefragt; tagsüber hätten sie sich versteckt gehalten.
In Eritrea habe er 1993 in D._ eine Identitätskarte erhalten; diese
sei ihm in Kassala (Sudan) von der Polizei abgenommen worden.
Im Verlauf der BzP wurde der Beschwerdeführer dazu befragt, weshalb er
den italienischen Behörden gegenüber ein anderes Datum (3. Juli 2010)
für seine Ausreise aus Eritrea angegeben habe. Hierzu gab er zu Protokoll,
er sei (in Italien) befragt worden, es sei aber nicht immer ein Dolmetscher
anwesend gewesen.
Zu seinem Gesundheitszustand befragt, gab der Beschwerdeführer an, er
sei gesund, habe aber (...)probleme seit seinem Aufenthalt in Libyen, da
er dort geschlagen worden sei.
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D.
Mit Schreiben der AOZ, Sozialberatung und Betreuung Standort
H._ vom 7. April 2017 ersuchte der Beschwerdeführer um eine An-
hörung in seiner Muttersprache Saho.
E.
Am 11. Januar 2018 wurde der Beschwerdeführer einlässlich zu den Asyl-
gründen angehört (vgl. Akte A15).
Einleitend gab er zu Protokoll, er verstehe den anwesenden Dolmetscher
gut (vgl. A15, Antworten 1) und hielt dazu fest: «das ist meine Mutterspra-
che»); er habe in I._ (bei der BzP) die Sprache nicht verstanden,
da die Befragung nicht in seiner Muttersprache durchgeführt worden sei
(vgl. A15, Antwort 3).
Im Weiteren trug der Beschwerdeführer folgenden Sachverhalt vor:
Er habe keine Dokumente oder Beweismittel abzugeben, ausser eine Ko-
pie der Identitätskarte seiner Mutter, welche er auf seinem Mobil-Telefon
habe; er werde diese Aufnahmen nachreichen. Er habe nie einen Reise-
pass besessen; seine Identitätskarte habe er im Sudan verloren.
Zu seinen persönlichen Verhältnissen trug er vor, er sei verlobt. Seine Ver-
lobte sei momentan im Sudan; er habe sie letztmals im Jahr 2010 gesehen;
er habe aber eine gute Beziehung zu ihr und habe den Kontakt mit ihr auf-
rechterhalten. Seit 1984 sei seine Familie (Mutter und Geschwister in
D._). Er habe seine Schulzeit dort verbracht. Er habe während sei-
ner Freizeit Tiere hüten müssen. Er habe insgesamt sechs Geschwister,
drei seien noch am Leben.
Weil er Tiere habe hüten müssen, habe er erst ab 1996 (im [...] Lebens-
jahr), die Schule von der ersten bis zur fünften Klasse in J._, rund
105 km von D._ entfernt, besucht. Danach habe er bis zur zehnten
Klasse (2006) die «high school» in D._ besucht.
Nach dem ersten Semester der zehnten Schulklasse, im Februar 2006, sei
er im (...) Lebensjahr gemeinsam mit insgesamt 780 Schülern im Rahmen
einer offiziellen Berufung im gesamten Land von der Schule in D._
abgeholt worden; die Geschlechter seien getrennt worden. Hinter den
Mauern der Schule seien die Lastwagen bereitgestanden, die sie hätten
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transportieren sollen. Sie seien etwa um 8 Uhr morgens abgeholt und zu-
nächst nach Wia verbracht worden, wo sie um etwa 09:30 Uhr eingetroffen
seien.
Die Berufung sei für alle Schüler, die «overage» gewesen seien, erfolgt. In
Wia seien sie nach ihrem Alter – «overage» und «underage» – getrennt
worden. Während ihres dreimonatigen Aufenthaltes in Wia hätten sie ver-
schiedene Arbeiten ausgeführt: Steine gesammelt, Mauern gebaut und
Zäune für Bäume erstellt. Seine Mutter habe ihn in Wia besucht, sie hätten
sich aber nicht persönlich begegnen dürfen. Die Minderjährigen seien an-
schliessend an einen anderen Ort verbracht worden. Der Beschwerdefüh-
rer sei mit den übrigen «overaged» nach E._ überführt worden. Dort
habe er gemeinsam mit insgesamt 30'000 Teilnehmenden die militärische
Ausbildung gemacht und zwei Jahre lang Nationaldienst geleistet. Jeden
Tag seien viele junge Männer gestorben. Für die Personen vom Hochland
hätten viel zu warme Temperaturen geherrscht, das Wasser sei nicht sau-
ber und salzig gewesen. Man habe nicht barfuss laufen können; der Boden
habe gebrannt. Tagsüber hätten sie in ihren Zelten verbleiben müssen;
nachts hätten sie sich innerhalb der Zäune aufgehalten. Es habe keine
schöne Erlebnisse respektive Erinnerungen gegeben.
Die weitere Ausbildung sei in E._ erfolgt. Die Überführung des Be-
schwerdeführers zusammen mit rund 180 Personen in einem grossen Last-
wagen von Wia nach E._ habe drei Tage gedauert. Er sei der
«(...)»-Division (Kifle Serawit) in G._ (in der Nähe von K._,
nahe der äthiopischen Grenze) zugeteilt worden. Dort seien drei Bataillons
gewesen; sein Bataillon habe aus etwa 270 Personen bestanden. Er sei
normaler Soldat gewesen; er habe frühmorgens joggen gehen müssen und
habe Waffentrainings absolviert. Jeder habe sich selbst mit Essen versor-
gen und im Freien einen Schlafplatz am Boden einrichten müssen.
Einmal pro Monat hätten sie sich wie die örtliche Bevölkerung (der Ethnie
der Afar) als Zivilisten bekleiden, leichte Waffen tragen und nachts in Grup-
pen von sechs bis sieben Soldaten und zwei Führern als «Seleah» Ge-
heimdiensttätigkeiten durchführen müssen. Sie seien dabei auch äthiopi-
schen Soldaten begegnet, hätten gegenseitig aufeinander geschossen und
dabei mehrere Soldaten verloren. Auch er habe seine Waffe gegen äthio-
pischen Soldaten eingesetzt.
Der Beschwerdeführer und seine Kameraden seien auch militärisch be-
straft worden; unter anderem sei die Strafart «otto» angewandt worden;
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dabei seien die Soldaten mit beiden Händen und Beinen nach hinten fest-
gebunden worden; manchmal seien die Soldaten in dieser Stellung auch
an den Bäumen aufgehängt worden. Leichtere Strafen hätten darin bestan-
den, das Wasser zu holen, das Essen zuzubereiten, oder die Erde umzu-
graben.
Seinen Nationaldienst habe er in G._ geleistet; während drei Mo-
naten habe er auch für eine (...)firma in L._ arbeiten müssen. In
L._ habe er Navy-Soldaten kennengelernt und von ihnen erfahren,
wie man von B._ aus auf dem Seeweg flüchten könne. Am 15. Juli
2009 habe er seinen Nationaldienst beendet; er sei desertiert. In
G._ sei er krank geworden und sei – mit weiteren Erkrankten – zur
Behandlung zum Divisionsspital in K._ gefahren worden. Dort habe
er sich nachts versteckt und dann entfernen können. Er habe sich in der
Folge auf einer elftägigen Reise abseits der Strassen zu Fuss via
M._ zu seinem Onkel nach N._ begeben. Als er in
N._ angekommen sei, sei seine Mutter verhaftet und 48 Stunden
lang in O._ festgehalten worden. Nachdem die Verwaltung festge-
stellt habe, dass sie die Mutter eines Märtyrers gewesen sei, sei sie freige-
lassen worden.
In N._ habe er als Tierhüter weitergearbeitet und habe sich vorsich-
tig verhalten. Die Mutter sei ihn besuchen gekommen. Wenn er von Raz-
zien gehört habe, habe er sich versteckt gehalten. Im September 2010
habe er Eritrea verlassen.
Alle Nationaldienstleistende hätten in der Stadt ein Stück Land erhalten,
um eine Wohnung darauf zu bauen. Als der Beschwerdeführer – als Schü-
ler – dem Geometerverantwortlichen mitgeteilt habe, dass sein Bruder ein
Soldat gewesen, als solcher gestorben sei und er – der Beschwerdeführer
– seine Rechte habe einlösen wollen, sei er verhaftet und elf Tage lang
festgehalten worden.
Ansonsten sei er in Eritrea niemals in Haft gewesen und habe keinen Kon-
takt (mit Behörden) gehabt. Vor 2006 habe er keine persönlichen Probleme
gehabt. Er habe sich auch nie politisch betätigt.
Er habe Eritrea erst im September 2010 verlassen können, weil er vorher
keine Gelegenheit dazu gehabt habe; zwischen D._ bis O._
respektive P._ und B._ gebe es viele Kontrollposten. Er
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habe auch seine Mutter um die Ausreise bitten müssen; sie habe sich ge-
gen seinen Ausreisewunsch gestellt und habe gewollt, dass er weiterhin im
Militärdienst verbleibe. Er habe seine Ausreise sorgfältig vorbereitet, habe
seine Tiere verkauft und das Geld bei seiner Mutter aufbewahrt.
Seine Ausreise, die er mit zwei weiteren Personen unternommen habe,
habe von D._ bis zur Landesgrenze zum Sudan insgesamt 14 1⁄2
Tage gedauert. In Q._ habe er die Grenze überquert. Er sei dabei
keinen Problemen begegnet. Als er in R._ unterwegs gewesen sei,
habe ein Hirte sie vor der Militärkaserne in der Nähe gewarnt; so hätten sie
einen anderen Weg nehmen können. An der Grenze hätten Soldaten ihr
Geld sowie die Identitätskarte des Beschwerdeführers abgenommen. Sie
seien beschimpft und einen Tag lang ohne Essen und Trinken festgehalten
worden. Nachdem er weggezogen sei, sei seine Mutter festgehalten wor-
den. Als sie bestätigt habe, dass ihr Sohn nicht zurückkommen werde, hät-
ten die Behörden nicht mehr bei ihr vorgesprochen. Im Sudan habe er sich
von September 2010 bis Juli 2015 aufgehalten und sei zeitweise einer Ar-
beitstätigkeit nachgegangen. Er habe dort keinen legalen Aufenthaltsstatus
gehabt. Seine Mutter habe ihn im Sudan besuchen wollen, dies sei ihr aber
nicht gelungen. Sie habe ihm aber Geld in den Sudan geschickt.
Wenn er nach Eritrea zurückkehren würde, würde er bereits am Flughafen
verhaftet. Er habe sich als Geheimdienstmitarbeiter betätigt; als solcher
würde er wegen seinen Informationen gesucht. Eine Rückkehr wäre für ihn
sehr gefährlich.
Der Beschwerdeführer wurde im Verlauf seiner Anhörung auf Unstimmig-
keiten zwischen seinen Angaben bei der BzP und der Anhörung vom
11. Januar 2018 hingewiesen. So habe er bei der BzP an zwei Stellen an-
gegeben, bereits im September 2009 aus Eritrea ausgereist zu sein. Im
Weiteren habe er zu seiner Desertion bei der Anhörung angegeben, er sei
in G._ krank geworden und sei nach K._ gebracht worden;
von dort habe er die Truppe verlassen. Seine Mutter sei verhaftet und 48
Stunden lang festgehalten worden, als er selbst in N._ gewesen
sei. Demgegenüber habe er bei der BzP zu Protokoll gegeben, er sei nach
K._ zurückgebracht worden für ein Training; seine Mutter sei drei
Monate nach seiner Desertion 48 Stunden lang festgehalten worden. Zu-
dem habe er bei der BzP angegeben, im April 2007 desertiert zu sein, wo-
gegen er seine Desertion bei der Anhörung mit Juli 2009 datiert habe.
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Hierzu erwiderte der Beschwerdeführer, er habe bei der BzP als Ausreise-
datum ebenfalls den September 2010 angegeben; dies sei ihm mit «Sep-
tember 2009» rückübersetzt worden. Die bei der BzP eingesetzte Dolmet-
scherin habe ihn nicht verstanden und habe nicht die eritreische Sprache
gesprochen; sie sei von Äthiopien gewesen. Er habe ihre Aussprache er-
kannt. Es sei zwischen ihnen zu einem grossen Streit gekommen. Der Be-
frager habe die Dolmetscherin dann hinausgeschickt und ihm – dem Be-
schwerdeführer – gesagt, dass er das BzP-Protokoll unterzeichnen solle;
er könne bei der zweiten, einlässlichen Befragung eine seine Mutterspra-
che kundige Dolmetscherin haben. Es seien ihm bei der BzP nicht alle Sei-
ten rückübersetzt worden, weil die Dolmetscherin den Befragungsraum
verlassen habe. Im Weiteren sei seine Mutter etwa einen Monat nach sei-
ner Desertion festgenommen worden, als er bei seinem Onkel in
N._ gewesen sei. Er sei im Juli 2009 desertiert, danach habe er
sich in N._ aufgehalten bis zur Ausreise im September 2010. Es
könne nicht sein, dass er bei der BzP seine Desertion im April 2007 datiert
habe; zu dieser Zeit habe er in G._ als Geheimdienstler («Seleah»)
gearbeitet.
Die bei der Anhörung vom 11. Januar 2018 anwesende Hilfswerksvertre-
tung liess im Anschluss an die Befragung anmerken, der Beschwerdefüh-
rer habe vorgetragen, bei der BzP dazu angehalten worden zu sein, das
diesbezügliche Protokoll zu unterzeichnen, obwohl er Fehler bei der Rück-
übersetzung vorgetragen habe. Zudem habe er angegeben, dass die Dol-
metscherin nicht seine Muttersprache gesprochen habe und zu einem be-
stimmen Zeitpunkt aufgefordert worden sei, den Befragungsraum zu ver-
lassen. Diese Umstände seien bei der Beurteilung von allfälligen Wider-
sprüchen zu berücksichtigen.
F.
Mit Verfügung vom 19. März 2019, dem Beschwerdeführer am 21. März
2019 eröffnet, verneinte das SEM das Bestehen seiner Flüchtlingseigen-
schaft, lehnte sein Asylgesuch ab, ordnete seine Wegweisung an und ver-
fügte den Wegweisungsvollzug.
Zur Begründung führte das SEM insbesondere aus, der Beschwerdeführer
habe zur vorgetragenen Zwangsrekrutierung in den Militärdienst zwar ei-
nige Begebenheiten aus der Zeit seiner militärischen Ausbildung berichten
können. Seine Schilderungen seien jedoch eher allgemein ausgefallen. Die
Frage, wie der erste Tag nach seiner Ankunft im militärischen Ausbildungs-
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zentrum abgelaufen sei, habe er ausweichend beantwortet und hauptsäch-
lich Angaben zu Wegstrecken gemacht. Zur weiteren militärischen Lauf-
bahn habe er einige – wenn auch wenig gehaltvolle – Angaben zu seinen
Aufgaben sowie zu den im Militär gebräuchlichen Strafen machen können.
Es könne insgesamt nicht ausgeschlossen werden, dass er den Militär-
dienst geleistet habe. Seine Schilderungen zur geltend gemachten Ge-
heimdiensttätigkeit seien trotz einiger Details sehr allgemein gehalten aus-
gefallen und liessen eine persönliche Färbung vermissen. Es sei daher
zweifelhaft, ob er das Geschilderte tatsächlich im behaupteten Zusammen-
hang erlebt habe. Seine stark divergierenden Angaben zur Dauer des ge-
leisteten Militärdienstes stellten seine Ausführungen gesamthaft in Frage.
In der BzP habe er angegeben, von Februar 2006 bis April 2007 im Militär-
dienst verbracht zu haben. Er sei in E._ stationiert und ab Februar
2007 in K._ gewesen. Als er von der Front für ein Training nach
K._ zurückgekehrt sei, habe er noch elf Tage auf dem Stützpunkt
verbracht und sei im April 2007 desertiert. Danach sei er nach B._
gegangen, wo er bis zur Ausreise aus Eritrea im September 2009 als Ta-
gelöhner am Meer gearbeitet habe. Demgegenüber habe er bei der Anhö-
rung zu Protokoll gegeben, nach einer zehnmonatigen Ausbildung noch bis
Juli 2009 im Nationaldienst geblieben zu sein; diese Zeit habe er, bis auf
einen dreimonatigen Aufenthalt in L._, in G._ verbracht. Als
er krank geworden und deshalb von G._ ins (...)spital in K._
gegangen sei, habe er desertieren können. Im Krankenhaus sei er unbe-
wacht gewesen. Bevor er Eritrea im September 2010 verlassen habe, habe
er noch ein Jahr bei seinem Onkel in N._ verbracht und als Tierhü-
ter gearbeitet.
Seine Asylvorbringen seien innerhalb der beiden Befragungen somit in
den Kernelementen widersprüchlich ausgefallen. Als er im Rahmen der An-
hörung zu den divergierenden Angaben Stellung bezogen habe, habe er
sich darauf beschränkt, die Protokollierung in der BzP als unrichtig zu be-
zeichnen. Im Weiteren habe er Fehler bei der Rückübersetzung sowie ein
Zerwürfnis mit der Dolmetscherin geltend gemacht. Er habe die vorgehal-
tenen Widersprüche nicht auflösen können. Aus dem BzP-Protokoll wür-
den keine Hinweise hervorgehen, dass es zwischen ihm und der Dolmet-
scherin Verständigungsschwierigkeiten gegeben habe. Es treffe zu, dass
seine Muttersprache Saho und nicht Tigrinya sei; auf dem Personalienblatt
habe er jedoch insbesondere Tigrinya als weitere mögliche Sprache für die
Befragung vermerkt. Zudem habe er bestätigt, (bei der BzP) die Dolmet-
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scherin gut zu verstehen. Die Erklärung, die Widersprüche seien auf Über-
setzungsfehler zurückzuführen, stelle daher eine unbehelfliche und nach-
geschobene Schutzbehauptung dar.
Der Beschwerdeführer habe auch keine konkrete Begründung für den –
ohnehin unklaren – Zeitpunkt seiner Ausreise nennen können. Namentlich
seine Erklärung, er habe zunächst seine Mutter um Erlaubnis für die Aus-
reise fragen müssen, sei nicht nachvollziehbar, insbesondere nachdem er
trotz fehlender Zustimmung der Mutter schliesslich dennoch ausgereist sei.
Es seien auch keine wesentlichen Probleme in der Zeitspanne zwischen
der geltend gemachten Desertion und der Ausreise vorgetragen worden.
Seine Angabe, er habe sich versteckt halten müssen, weil er von Razzien
gehört habe, sei nicht plausibel, zumal er gleichzeitig ausgeführt habe, es
sei ihm vor seiner Ausreise nichts passiert (A15, F. 160). Insgesamt habe
er keine substanziierten, nachvollziehbaren Angaben dazu machen kön-
nen, wann und weshalb er Eritrea tatsächlich verlassen habe.
Auch zur Reiseroute habe er widersprüchliche Angaben gemacht. So habe
er unterschiedliche Ankunftsorte im Sudan angegeben. In der Anhörung
habe er weiter angegeben, die Ausreise in den Sudan habe von D._
aus 14 1⁄2 Tage gedauert, während er bei der BzP angegeben habe, Sudan
vom selben Aufbruchsort aus innert sieben Tagen erreicht zu haben. Bei
der BzP habe er weiter vorgetragen, dass er und die Mitreisenden jeweils
bewusst kleine Kinder nach dem Weg gefragt hätten, während er in der
Anhörung angegeben habe, Hirten angefragt zu haben. Aufgrund der dar-
gelegten Unstimmigkeiten seien daher auch die Schilderungen zur illega-
len Ausreise nicht glaubhaft ausgefallen, was die Zweifel am Vorgesche-
hen erhärte.
Die Schilderungen des Beschwerdeführers in der Anhörung liessen zudem
teilweise die Substanz und die zu erwartende Plausibilität vermissen. Die
geltend gemachte Desertion habe nicht glaubhaft gemacht werden kön-
nen. Es könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwer-
deführer bereits aus dem Militär entlassen worden sei. Es sei nicht glaub-
haft dargetan worden, dass der Militärdienst, sofern er erlebt worden sei,
mit der späteren Ausreise aus Eritrea in einem zeitlichen und kausalen Zu-
sammenhang gestanden habe. Die eingereichte Fotographie der Identi-
tätskarte der Mutter vermöge keines der Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers zu belegen.
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Soweit der Beschwerdeführer eine illegale Ausreise aus Eritrea
vorgetragen habe, sei auf den als Referenzurteil publizierten Entscheid des
Bundesverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 zu
verweisen. Da der Beschwerdeführer die geltend gemachte Desertion und
illegale Ausreise nicht habe glaubhaft machen können, bestünden auch
Zweifel an der Behauptung, er werde bei einer Rückkehr ins Heimatland
inhaftiert respektive wegen seiner Geheimdiensttätigkeit gesucht. Es
erscheine nicht plausibel, dass er in den Augen des eritreischen Regimes
wegen der angeblichen Verrichtung geheimdienstlicher Tätigkeiten als
missliebige Person gelte. Gemäss seinen eigenen Angaben sei er
einfacher Soldat gewesen und er habe kurz vor seiner Ausreise aus Eritrea
keine konkreten Probleme gehabt. Somit habe er keine Furcht vor einer
künftigen asylrechtlichen Verfolgung zu begründen vermocht. Es könne
namentlich nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer das
Land legal verlassen habe, weshalb auch drohende Sanktionen im
Zusammenhang mit den angeblichen Geheimdiensttätigkeiten unwahr-
scheinlich seien.
Den Wegweisungsvollzug würdigte das SEM als zulässig, zumutbar und
möglich.
G.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 17. April 2019 erhob der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean-
tragte die Aufhebung der Verfügung des SEM vom 19. März 2019 und die
Rückweisung an die Vorinstanz zwecks weiterer Abklärungen; eventualiter
sei Asyl zu gewähren respektive die Flüchtlingseigenschaft festzustellen.
In prozessualer Hinsicht wurde um die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege inklusive Verbeiständung ersucht.
Zur Begründung wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer sei im Rahmen
des «Relocation-Programms» am 22. September 2016 von Italien herkom-
mend in die Schweiz eingereist. Nach der BzP am 13. Oktober 2016 sei
während einem Jahr und drei Monaten nichts passiert und der Beschwer-
deführer habe auf die Fortsetzung seines Asylverfahrens gewartet, obwohl
die BzP nicht in seiner Muttersprache durchgeführt worden sei und er
grosse Mühe in der Verständigung bekundet habe. Erst am 11. Januar
2018 sei er – in seiner Muttersprache Saho – vertieft zu seinen Asylgrün-
den angehört worden. Danach seien weitere 14 Monate lang keine weite-
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ren Verfahrensschritte durch die Vorinstanz eingeleitet worden, bis mit Ver-
fügung vom 19. März 2019 das Asylgesuch abgelehnt worden sei. Dieser
Entscheid sei von einem Sachbearbeiter verfasst worden, der keiner der
beiden Anhörungen beigewohnt habe. Der Beschwerdeführer habe gleich
zu Beginn der einlässlichen Anhörung darauf aufmerksam gemacht, dass
er bei der BzP grosse Verständigungsschwierigkeiten gehabt habe. Auch
die Hilfswerksvertretung habe beim Abschluss der Anhörung auf dem Un-
terschriftenblatt vermerkt, dass der Beschwerdeführer Spannungen mit der
Dolmetscherin und entsprechende Probleme bei der Rückübersetzung gel-
tend gemacht habe und trotzdem aufgefordert worden sei, das BzP-Proto-
koll zu unterzeichnen. Die Hilfswerksvertretung habe diese Umstände er-
wähnt, da sie bei einer allfälligen Einschätzung der Unglaubwürdigkeit
durch das SEM Beachtung finden sollten. Die Erstellung des Sachverhalts
anhand der Aussagen in der BzP sei falsch und absolut unverwertbar.
Der Beschwerdeführer sei Angehöriger des Nomadenvolks der Saho. Die
meisten Saho seien – wie der Beschwerdeführer – Hirten. Ihre Sprache
unterscheide sich stark von der in Eritrea meistgesprochen Sprache der
Tigrinya. Saho sei eine Amtssprache in Eritrea und werde in den Schulen
unterrichtet. Auch in der eritreischen Armee gebe es ganze Saho-Einhei-
ten. Viele Angehörige würden nur schlecht Tigrinya sprechen. Dies treffe
auch auf den Beschwerdeführer zu, was er in seinem Asylverfahren in der
Schweiz stets geltend gemacht habe. Während seiner Kindheit, als Eritrea
noch Teil Äthiopiens gewesen sei, habe er keine Schulen besucht und Tiere
gehütet. Seine Region habe damals inmitten des dreissigjährigen Unab-
hängigkeitskrieges gesteckt. Nach der Unabhängigkeit Eritreas – zwischen
1993 und 1995 – habe er erstmals eine Koranschule in D._ be-
sucht, in welcher er Arabisch gelernt habe. Erst 1995, im Alter von (...)
Jahren, habe er erstmals eine Schule in seiner Muttersprache besucht.
Diese Primarschule habe bis 2001 gedauert. Anschliessend habe er bis
2006 die englischsprachige «Secondary School» in D._ besucht.
Seine gesamte Schulklasse habe die Sekundarschule im Jahr 2006 früh-
zeitig beenden müssen. Der Beschwerdeführer sei gezwungen worden,
während einem Jahr in S._ am Roten Meer eine einjährige Militär-
ausbildung zu absolvieren. Anschliessend habe er sich an einem militäri-
schen Training in K._ beteiligten müssen, bis er dann für eineinhalb
Jahre, bis April 2008, nach T._ an die Front geschickt worden sei.
Wie einer Recherche der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom
8. Februar 2017 zu entnehmen sei, seien an der Grenze zu Äthiopien ge-
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wöhnlich Soldaten eingesetzt worden, die nicht aus der jeweiligen Grenz-
region gestammt hätten. Es seien vorwiegend Muslime aus den Tieflän-
dern sowie Saho aus dem östlichen Hochland – wie der Beschwerdeführer
– zum Fronteinsatz gekommen. Dies sei erfolgt, um die Bildung von Netz-
werken sowie eine Solidarisierung mit der örtlichen Wohnbevölkerung zu
vermeiden. Anschliessend habe der Beschwerdeführer nochmals ein Trai-
ning in K._ absolvieren müssen, bis er im Juli 2009 von dort deser-
tiert sei. Er habe zwischen 2006 und 2009 seine Familie nie gesehen.
Nachdem er sich für einen Tag in B._ aufgehalten habe, sei er wei-
ter nach J._ und von dort aus in die Berge gegangen, wo er sich bis
2010 um die Tiere gekümmert habe und umhergezogen sei. Rund 40 Tage
nach seiner Desertion und Flucht ins Hochland habe die Armee seine Mut-
ter in D._ aufgesucht. Anfangs 2010 sei der Beschwerdeführer für
drei Tage dorthin gegangen, habe alle Tiere verkauft und den Erlös gröss-
tenteils seiner Mutter übergeben. Er habe geplant, danach in den Sudan
zu flüchten mit einem Teil des Geldes. Weil er aber den Weg in den Sudan
zu Fuss nicht gefunden habe, sei er wieder nach D._ zurückgekehrt
und sei unverzüglich mit den Tieren in die Berge gegangen. Im September
2010 habe er einen weiteren Ausreiseversuch gestartet und sei von
D._ zu Fuss bis nach Kassala (Sudan) marschiert.
Es erstaune, dass das SEM dem Beschwerdeführer die Glaubwürdigkeit
abspreche, weil seine Schilderungen «eher allgemein» und »wenig gehalt-
voll» seien. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Fragen des SEM «pau-
schal» beantworten worden sein sollten, zumal sehr detailliert Auskunft ge-
geben worden sei, wozu auf die Anhörung, Antworten 98ff. verwiesen
werde. Gerade als der Beschwerdeführer von einem Ereignis habe berich-
ten wollen, habe die befragende Person eine Pause angeordnet; nach der
Pause sei die Erzählung jedoch nicht mehr aufgegriffen worden (Frage
116). Der Beschwerdeführer habe die Fragen stets gewissenhaft beant-
wortet und habe "mehrere Beweismittel" eingereicht. Ihm könne nicht vor-
geworfen werden, die Mitwirkungspflicht verletzt zu haben.
Bei der Anhörung sei die befragende Person nicht näher auf die Verletzun-
gen eingegangen, obwohl der Beschwerdeführer seinen Unterarm vorge-
zeigt habe und auf die verschiedenen militärischen Bestrafungen einge-
gangen sei. Die Fachreferentin und Verfasserin der SEM-Verfügung sei bei
der Anhörung nicht anwesend gewesen. Es sei nicht nachvollziehbar, wes-
halb das SEM zur Einschätzung gelangt sei, die Asylvorbringen seien nicht
anschaulich ausgefallen. Die Vorinstanz sei zudem dem Untersuchungs-
grundsatz und dem rechtlichen Gehörsanspruch nicht nachgekommen. Es
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sei nicht nach Elementen geforscht worden, die zugunsten des Beschwer-
deführers gesprochen hätten.
Den Aussagen in der summarischen BzP komme gemäss Rechtsprechung
nur beschränkter Beweiswert zu, denn diese diene nicht primär der Abklä-
rung der Flüchtlingseigenschaft. Das SEM habe sich im Wissen um die
sprachlichen Schwierigkeiten lediglich auf Ungereimtheiten gestützt, ohne
tatsächlich darum bemüht gewesen zu sein, diese aus dem Weg zu räu-
men. Der Pflicht zur Erstellung des Sachverhalts und zur rechtsgenügli-
chen Begründung sei die Vorinstanz nicht nachgekommen. Zudem seien
die Aussagen, die der Beschwerdeführer in Italien gemacht habe, heran-
gezogen worden; dabei habe es das SEM unterlassen, ihm die entspre-
chenden italienischen Protokolle zukommen zu lassen.
Der Beschwerdeführer sei nach seiner Flucht "aus der militärischen Ge-
heimdienstausbildungsstätte" gesucht und das Haus seiner Familie von
den Sicherheitsbehörden aufgesucht worden. Als ehemaliger Geheim-
dienstmitarbeiter werde er stärker in den Fokus der Sicherheitsbehörden
geraten, weshalb ihm bei einer Rückkehr ernsthafte Nachteile drohen wür-
den.
Der Beschwerdeeingabe wurden Auszüge einer Schnellrecherche der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 8. Februar 2017 zu Eritrea:
«Eritreisch-äthiopisches Grenzgebiet» und eine ausgedruckte Information
aus Google maps beigelegt.
H.
Mit Zwischenverfügungen vom 1. und 20. Mai 2019 hielt das Bundesver-
waltungsgericht fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Ver-
fahrens in der Schweiz abwarten. Die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege inklusive Verbeiständung wurden gutgeheissen
und lic. iur. Okan Manav, (...) Beratungsstelle für Asylsuchende ([...])
wurde dem Beschwerdeführer als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet.
I.
In seiner Vernehmlassung vom 29. Mai 2019 hielt das SEM an seinen bis-
herigen Erwägungen fest. Ergänzend wurde ausgeführt, die in der Be-
schwerde vorgetragene Argumentation betreffend angebliche Verständi-
gungsschwierigkeiten während der BzP sei unbehelflich. Wie bereits im
Asylentscheid ausgeführt, gingen aus dem BzP-Protokoll keine Hinweise
auf sprachliche Probleme während der Befragung (vom 13. Oktober 2016)
E-1853/2019
Seite 15
hervor. Daran vermöge auch der Hinweis der Hilfswerksvertretung am
Ende des Protokolls der Anhörung (vom 11. Januar 2018) nichts zu ändern.
In der Beschwerdeschrift seien die Umstände der Desertion – abgesehen
von den Datumsangaben – analog zu den Angaben in der BzP geschildert
worden. Die vom Beschwerdeführer nicht dementierten Aussagen anläss-
lich der Anhörung (Fragen 138 und 142) würden von diesen Schilderungen
abweichen. Somit bleibe das Vorbringen auch auf Beschwerdeebene im
Kern widersprüchlich. Auch die Rüge, wonach der Beschwerdeführer bei
der Anhörung auf erlittene Verletzungen hingewiesen, das SEM aber auf
diese nicht eingegangen sei, erweise sich als nicht stichhaltig. Der Be-
schwerdeführer habe während der Anhörung lediglich seinen Unterarm ge-
zeigt und gestikulierend eine militärische Bestrafungsmethode beschrie-
ben, wie aus Frage 129 des Protokolls hervorgehe.
J.
Mit Replikeingabe vom 21. Juni 2019 liess der Beschwerdeführer nochmals
betonen, der BzP, welche in einer von ihm nicht wirklich beherrschten Spra-
che durchgeführt worden sei, komme nur beschränkter Beweiswert zu. Das
SEM habe in der Vernehmlassung nicht dargelegt, wie es die Widersprüch-
lichkeit der Angaben herleite und was es als das Kernelement der Asylvor-
bringen erachte. Gerade die abweichenden Datumsangaben (zur Deser-
tion) seien zusammen mit der zeitlichen Einordnung die wichtigen Stütz-
pfeiler für die Begründung der Unglaubhaftigkeit in der angefochtenen Ver-
fügung. Das SEM habe dem Beschwerdeführer weiter vorgehalten, teil-
weise ausweichend auf die Fragen geantwortet zu haben und dazu auf die
Frage 102 des Anhörungsprotokolls verwiesen. Dieser Befund sei willkür-
lich. Weder die Fachspezialistin noch der mitunterzeichnende Sektionschef
könnten wirklich beurteilen, ob tatsächlich ausweichend geantwortet wor-
den sei, nachdem diese beiden an der Anhörung nicht teilgenommen hät-
ten. Die Argumentation des SEM sei ambivalent; einerseits werde nicht in
Abrede gestellt, dass der Beschwerdeführer tatsächlich Militärdienst ge-
leistet und einige diesbezügliche Details genannt habe; andererseits seien
die genannten Details als «allgemein gehalten» betrachtet worden und das
Geschilderte ohne ersichtlichen Grund in Zweifel gezogen worden. Ge-
suchsteller aus Eritrea hätten immer wieder grosse Mühe mit der zeitlichen
Einordnung der Geschehnisse. Viele hätten nach einer traumatisierenden
Flucht gleich nach ihrer Ankunft die Ereignisse vor der Flucht hervorrufen
müssen. Beim Beschwerdeführer hätten die für das Asylgesuch relevanten
Ereignisse rund zehn Jahre zurückgelegen. Den schwierigen Umständen
und der Sprachbarriere sei keinerlei Beachtung geschenkt worden. In den
Fragen 179 ff. der Anhörung vom 11. Januar 2018 seien die Unklarheiten
E-1853/2019
Seite 16
anlässlich der beiden Befragungen nochmals diskutiert worden. Der Be-
schwerdeführer habe mit Entschlossenheit seine Aussagen in der vertief-
ten Anhörung bestätigt und nochmals die Probleme mit der äthiopischen
Dolmetscherin in der BzP geschildert. Der Vorwurf der ausweichenden und
unsubstanziierten Antworten treffe nicht zu.
K.
Mit Eingabe vom 26. August 2020 führte der Beschwerdeführer aus, er
habe sich einer Rückenoperation unterziehen müssen, und reichte einen
(provisorischen) ärztlichen Austrittsbericht der U._ Universitätskli-
nik vom 12. Juni 2020 sowie einen Austrittsbericht der Pflege vom 16. Juni
2020 ein.
Aus dem Austrittsbericht vom 12. Juni 2020 geht hervor, dass der Be-
schwerdeführer am 10. Juni 2020 hospitalisiert worden sei (Anmerkung
des Gerichts: das Spitalaustrittsdatum wurde nicht vermerkt). Als Austritts-
diagnose wurde «Claudicatio spinalis und Lumbalgie bei Diskusextrusion
L3/4 mit rechtsbetonter Spinalkanalstenose und kongenital engem Spinal-
kanal» festgestellt. Unter «Operationen» wurde festgehalten: «Midline De-
kompression L3/4, Recessotomie bds. vom 11.06.2020». Der postopera-
tive Verlauf sei unkompliziert erfolgt; die vorbestehenden Beschwerden
hätten sich postoperativ gebessert. Es hätten keine relevanten sensiblen
oder motorischen Ausfälle bestanden. Der Beschwerdeführer sei in gutem
Allgemeinzustand nach Hause entlassen worden.
L.
Mit Eingabe vom 14. April 2021 teilte MLaw Alfred Ngoyi Wa Mwanza die
Übernahme des Vertretungsmandats mit. Gleichzeitig ersuchte er um Ak-
teneinsicht und reichte dazu eine vom 16. März 2021 datierte Vollmacht
des Beschwerdeführers ein, in welcher alle bisherigen Vollmachten als an-
nulliert erklärt werden.
M.
Mit Instruktionsverfügung vom 16. April 2021 – beiden Rechtsvertretungen
per Einschreiben zugestellt – verwies die Instruktionsrichterin auf das mit
der Einsetzung von lic. iur. Okan Manav als amtlicher Beistand begründete,
persönliche und vom öffentlichen Recht beherrschte Mandatsverhältnis.
Sie hielt weiter fest, der Beschwerdeführer habe in seiner Eingabe vom
14. April 2021 nicht weiter begründet, weshalb das Vertretungsmandat von
lic. iur. Okan Manav aufgelöst werden solle. Dem Beschwerdeführer wurde
Gelegenheit eingeräumt, den von ihm gewünschten Wechsel seiner
E-1853/2019
Seite 17
Rechtsvertretung zu begründen. Das Gesuch um Akteneinsicht wurde auf
einen späteren Zeitpunkt verwiesen.
Der Beschwerdeführer liess sich innert der ihm angesetzten Frist zur Be-
gründung des Rechtsvertretungsmandates respektive zur gewünschten
Auflösung der amtlichen Verbeiständung nicht vernehmen.
N.
Mit Instruktionsverfügung vom 10. Mai 2021 wurde dem amtlichen Rechts-
beistand Gelegenheit eingeräumt, sich zu dem vom Beschwerdeführer ge-
wünschten Wechsel der Rechtsvertretung respektive zur Entbindung von
seinem Amt als amtlicher Rechtsbeistand schriftlich zu äussern.
O.
Mit Eingabe vom 26. Mai 2021 liess sich lic. iur. Okan Manav vernehmen.
Dabei führte er aus, er habe den Beschwerdeführer bisher nicht erreichen
können. Deshalb sei ihm dessen Meinung zum Mandatswechsel nicht be-
kannt. Ohne die entsprechende Gewissheit werde das amtliche Verbei-
ständungsmandat nicht niedergelegt, da dies zur Unzeit erfolgen würde.
Der Beschwerdeführer befinde sich bereits seit fünf Jahren in der Schweiz
in Ungewissheit über seine Situation; er habe Eritrea bereits 2009 verlas-
sen müssen. Wie mit Schreiben vom 26. August 2020 bereits mitgeteilt,
leide er zudem an ernsthaften Gesundheitsproblemen.
P.
Mit Instruktionsverfügung vom 5. August 2021 – wiederum beiden Rechts-
vertretungen per Einschreiben zugestellt – hielt das Bundesverwaltungs-
gericht fest, der Beschwerdeführer werde weiterhin von lic. iur Okan Manav
amtlich verbeiständet. Dem zusätzlich bevollmächtigten Vertreter MLaw
Alfred Ngoyi Wa Mwanza wurde Akteneinsicht in die Akten des Beschwer-
deverfahrens erteilt, ohne Ansetzung einer Frist für allfällige Beschwerde-
ergänzungen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
E-1853/2019
Seite 18
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.5 Wie in der Instruktionsverfügung vom 5. August 2021 festgehalten und
begründet wurde, bleibt der Beschwerdeführer für das vorliegende Be-
schwerdeverfahren durch lic. iur. Okan Manav, ZBA, verbeiständet. Das
vorliegende Urteil wird diesem eröffnet, und der zusätzlich mandatierte
Rechtsvertreter Alfred Ngoyi Wa Mwanza erhält eine Orientierungskopie.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu be-
urteilen sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vor-
instanzlichen Verfügung zu bewirken.
In der Rechtsmitteleingabe werden Verständigungsschwierigkeiten in der
BzP zwischen der Dolmetscherin und dem Beschwerdeführer geltend ge-
macht; sinngemäss wird eine unrichtige Sachverhaltserstellung gerügt.
Entsprechende Vorbringen wurden bereits eingangs der einlässlichen An-
hörung zu Protokoll gegeben (vgl. A15, Antwort 3). Namentlich wird vorge-
tragen, die bei der BzP anwesende Dolmetscherin habe nicht in der Mut-
tersprache des Beschwerdeführers – Soha – rückübersetzt. Es sei zu Strei-
tigkeiten gekommen, worauf die Dolmetscherin vom SEM-Befrager aufge-
fordert worden sei, den Befragungsraum zu verlassen. Zudem wird sinn-
gemäss vorgetragen, der rechtliche Gehörsanspruch sei dadurch verletzt
E-1853/2019
Seite 19
worden, dass der angefochtene Entscheid von Personen gefällt worden
sei, die ihrerseits an der einlässlichen Anhörung nicht anwesend gewesen
seien, weshalb diese nicht in der Lage gewesen seien, einzuschätzen, ob
der Beschwerdeführer ausweichende Antworten gegeben habe oder nicht.
Schliesslich wird gerügt, das SEM habe sich zu Unrecht auf die Akten aus
Italien abgestützt und diese nicht korrekt offengelegt
Hierzu ist Folgendes festzuhalten:
3.1 Auf dem vom Beschwerdeführer am 22. September 2016 persönlich
ausgefüllten Personalienblatt trug dieser ein, seine Muttersprache sei
Saho. Als «mögliche weitere Sprache für Interview» trug er ein: «Tigrinya,
Tigre, Afar» (vgl. Akte A1 sowie Sachverhalt oben, Bst. B). Die BzP des
Beschwerdeführers wurde in Tigrinya durchgeführt. Dabei gab dieser ein-
gangs der Befragung zu Protokoll, die eingesetzte Dolmetscherin «gut» zu
verstehen. Die gute Verständigung mit der Dolmetscherin bestätigte er im
Anschluss des BzP-Protokolls ein zweites Mal (vgl. BzP-Einleitung, Bst. h
sowie Ziffer 9.02). Zu den Sprachkenntnissen des Beschwerdeführers
wurde in der BzP unter Ziffer 1.17.01 («Muttersprache») festgehalten: «an-
dere»; bei Sonstige (Sprachen): «Saho, gut». In Ziffer 1.17.02: («Weitere
Sprachen genügend für die Anhörung») wurde weiter festgehalten: «Tigri-
nya, gut». Bei Ziffer 1.17.03 «Übrige Sprachkenntnisse» wurde angege-
ben: «Tigre, gut; Afar, gut; und Arabisch, wenig».
Bei dieser Sachlage konnte und durfte das SEM davon ausgehen, dass
der Beschwerdeführer über genügende Kenntnisse der tigrinischen Spra-
che verfügt, um die BzP in dieser Sprache durchzuführen.
Aus dem diesbezüglichen Protokoll gehen an keiner Stelle Hinweise her-
vor, die darauf schliessen liessen, dass der Beschwerdeführer Verständi-
gungsprobleme respektive Mühe mit der von der Dolmetscherin verwende-
ten Sprache (Tigrinya) gehabt hätte. Das BzP-Protokoll wurde vom Be-
schwerdeführer, vom befragenden SEM-Mitarbeitenden und von der anwe-
senden Dolmetscherin eigenhändig unterzeichnet (vgl. A4, S. 8). Die vom
Beschwerdeführer erhobene Behauptung, die Dolmetscherin sei vom Be-
frager aus dem Befragungsraum hinausgeschickt worden, findet im betref-
fenden BzP-Protokoll ebenfalls keinerlei Grundlage. Die Dolmetscherin hat
vielmehr persönlich das Protokoll unterzeichnet, was voraussetzt, dass sie
zur fraglichen Zeit im Befragungsraum anwesend war.
E-1853/2019
Seite 20
3.2 Die eingangs der Anhörung vom 11. Januar 2018 vorgetragene Be-
hauptung, der Beschwerdeführer habe die bei der BzP anwesende Dolmet-
scherin nicht verstanden, da diese nicht seine Muttersprache gesprochen
habe (vgl. A15, Antwort 3), findet im BzP-Protokoll keinerlei Stütze. Der
Umstand, dass die bei der Anhörung anwesende Hilfswerksvertretung den
vom Beschwerdeführer in Antwort 3 erhobenen Einwand betreffend
Sprachkenntnisse der Dolmetscherin im Anschluss an die Protokollierung
in den Bemerkungen aufnahm (vgl. Unterschriftenblatt der Hilfswerksver-
tretung vom 11. Januar 2018), vermag an dieser Einschätzung nichts zu
ändern. Es ist festzuhalten, dass diese schriftlichen Anmerkungen der
Hilfswerksvertretung nicht auf deren eigenen Beobachtungen beruhen,
sondern vielmehr vollständig die entsprechenden Einwände des Be-
schwerdeführers wiederholen.
Der Beschwerdeführer hat das BzP-Protokoll als seinen Aussagen und der
Wahrheit entsprechend mit seiner Unterschrift bestätigt, weshalb er sich
mit seiner Unterschrift behaften zu lassen hat.
3.3 Was die Sprache der Anhörung betrifft, geht das Bundesverwaltungs-
gericht davon aus, dass der Beschwerdeführer hier in seiner Mutterspra-
che Soha angehört wurde; das SEM hat einen entsprechenden Dolmet-
scher aufgeboten (vgl. A14). Der Beschwerdeführer bestätigt dies in der
Beschwerde (vgl. Beschwerde S. 2 unten) und hatte auch entsprechend
während der Anhörung zu Protokoll gegeben, er verstehe den Dolmetscher
gut; dieser spreche seine Muttersprache (vgl. A15 F 1). Dass am Ende des
Anhörungsprotokolls demgegenüber festgehalten ist, die Befragung sei in
Tigrinya durchgeführt worden (vgl. A15 S. 25), scheint auf einem Missver-
ständnis zu beruhen. Jedenfalls macht der Beschwerdeführer für die An-
hörung keinerlei Verständigungsschwierigkeiten geltend.
3.4 Soweit in der Beschwerde weiter gerügt wird, die Verfasser der SEM-
Verfügung vom 19. März 2019 hätten an der Anhörung vom 11. Januar
2018 nicht persönlich teilgenommen, ist festzustellen, dass eine entspre-
chende Personalunion zwar empfehlenswert erscheinen mag, es sich bei
dieser Einschätzung respektive Empfehlung nicht um eine justiziable Ver-
fahrenspflicht handelt (vgl. unter vielen: Urteil des BVGer E-1904/2019 vom
13. Mai 2019 E. 6.1.1 mit weiteren Verweisen). Die diesbezügliche Rüge
der Gehörsverletzung stösst deshalb ins Leere.
E-1853/2019
Seite 21
3.5 Auch die Kritik an der Befragungstechnik hält einer Überprüfung der
Akten nicht stand. Es wurde beanstandet, der SEM-Befrager habe zu ei-
nem ungünstigen Zeitpunkt eine Pause angeordnet; als der Beschwerde-
führer während der Anhörung vom 11. Januar 2018 von einem bestimmten
Ereignis habe berichten wollen, sei eine Pause durchgeführt worden. Nach
der Wiederaufnahme der Befragung sei die «Erzählung» des Beschwerde-
führers nicht wieder aufgegriffen worden (vgl. Beschwerde, Ziffer 2.2 zu
Antwort 116 der Anhörung). Dieser Vorhalt widerspricht den Akten und trifft
deshalb in dieser Form nicht zu.
Dem Befragungsprotokoll ist vielmehr zu entnehmen, dass der Beschwer-
deführer in Antwort 116 von seiner angeblichen Geheimdiensttätigkeit als
«Seleah» berichtet hat. Anschliessend wurde protokolliert, dass eine 50-
minütige Mittagspause abgehalten worden sei. Danach wurde die Befra-
gung zum Thema des Nationaldienstes und zu den Tätigkeiten des Be-
schwerdeführers als «Seleah» fortgesetzt (vgl. Antworten 117 ff.). Von ei-
ner sachlich nicht gebotenen Unterbrechung respektive von einer unvoll-
ständigen Erfragung der Asylvorbringen des Beschwerdeführers kann folg-
lich nicht die Rede sein.
3.6 Auch das Protokoll der am 11. Januar 2018 durchgeführten Anhörung
erweckt insgesamt nicht den Eindruck, dass es Lücken oder Fehler bei der
Feststellung der Asylvorbringen des Beschwerdeführers gegeben hätte
oder die Anhörung in einer gespannten Atmosphäre durchgeführt worden
wäre. Der Beschwerdeführer hat den bei der Anhörung anwesenden Dol-
metscher gut verstanden (vgl. A15, Frage 1) und er hat an keiner Stelle zu
Protokoll gegeben, dass er eine Frage nicht verstanden hätte; es blieben
auch keine Fragen unbeantwortet.
3.7 Für das Bundesverwaltungsgericht besteht keine Veranlassung, die
Protokolle der BzP und/oder der einlässlichen Anhörung für die Beurteilung
des Asylgesuchs des Beschwerdeführers vorliegend nicht oder nur unter
Vorbehalt heranzuziehen. Das SEM hat den Sachverhalt vollständig und
korrekt erstellt.
3.8 Soweit gerügt wird, das SEM habe zu Unrecht die Akten des italieni-
schen Asylverfahrens beigezogen und diesbezüglich nicht korrekt Einsicht
gewährt, kann auch dem nicht gefolgt werden. Zum einen stützt sich die
angefochtene Verfügung nicht auf die Aussagen des Beschwerdeführers in
Italien ab, wie sie sich den Relocation-Unterlagen entnehmen lassen; das
E-1853/2019
Seite 22
SEM hat vielmehr die in der Schweiz erstellten Protokolle seinem Ent-
scheid zu Grunde gelegt. Die in den italienischen Unterlagen festgehalte-
nen Angaben stimmen zwar in verschiedenen Punkten nicht überein mit
Angaben des Beschwerdeführers im schweizerischen Verfahren; es han-
delt sich aber nicht um vom Beschwerdeführer nach Rückübersetzung als
richtig unterzeichnete Unterlagen, vielmehr fehlt die Unterschrift des Be-
schwerdeführers; es geht aus den italienischen Akten auch nicht hervor,
wie und in welcher Sprache die Aussagen übersetzt worden seien. Auch
das Gericht stützt sich bei dieser Sachlage nicht auf die italienischen Akten
ab. Zum anderen sind die Relocation-Unterlagern im Dossier im Beweis-
mittelumschlag A5 korrekt abgelegt worden, und es stand dem Beschwer-
deführer frei, diesbezüglich weitergehende Akteneinsicht, als sie durch
Aushändigung der Akten mit der Verfügung erfolgte, zu beantragen; dies
ist beim SEM nicht beantragt worden.
3.9 Es besteht bei dieser Sachlage keine Veranlassung, die vorinstanzliche
Verfügung aufzuheben und die Sache zur neuen Entscheidung an das
SEM zurückzuweisen, wie dies in der Beschwerde (Rechtsbegehren 1) be-
antragt wird.
3.10 In einem nächsten Schritt sind die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers in materieller Hinsicht zu überprüfen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Glaubhaft gemacht
ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2). Unglaubhaft
sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig be-
gründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen
E-1853/2019
Seite 23
oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt
werden (Abs. 3).
Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit wird eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen die gesuchstellende Person sprechen, vor-
genommen. Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet
‒ im Gegensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und
lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen
der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die
Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit eines Verfol-
gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanti-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
dargelegten Vorkommnisse. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erleb-
nissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst oder zusätzlich geschaffen
worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von
Art. 54 AsylG geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE
2009/28 E. 7.1).
5.
Nach Prüfung der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die
Vorinstanz die vom Beschwerdeführer vorgetragenen Fluchtgründe zu
Recht und mit zutreffender Begründung teilweise als nicht glaubhaft, teil-
weise als nicht asylrelevant befunden hat.
E-1853/2019
Seite 24
5.1 Zutreffend ist zunächst, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen
ist, überzeugende und nachvollziehbare Angaben zu seiner angeblich er-
folgten Desertion aus dem eritreischen Militärdienst zu machen.
5.1.1 Vorweg ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer – entgegen sei-
ner Angabe in der Beschwerde, er habe "mehrere Beweismittel" einge-
reicht (a.a.O. S. 6) – keinerlei Beweismittel zur Stützung des Sachverhalts-
vortrages hinsichtlich seiner Desertion eingereicht hat. Die eingereichten
Fotos der Identitätskarte seiner Mutter vermögen seine Asylvorbringen
nicht zu belegen.
5.1.2 Im Weiteren ist die Feststellung des SEM zu bestätigen, wonach die
Vorbringen des Beschwerdeführers innerhalb seiner Kernvorbringen inkon-
sistent ausfielen. Insbesondere trug der Beschwerdeführer sein zentrales
Asylvorbringen – die Desertion aus dem eritreischen Nationaldienst – wi-
dersprüchlich vor:
Seinen Angaben bei der BzP zufolge will er im April 2007 aus dem Militär-
dienst desertiert sein (vgl. A4, Ziffer. 7.01). Demgegenüber trug er bei der
Anhörung vor, er sei im Juli 2009 desertiert (vgl. A15, Antworten Fragen
136 und 184). Als er mit diesen divergierenden Angaben konfrontiert
wurde, erwiderte er lediglich, es könne nicht sein, dass er eine entspre-
chende Angabe bei der BzP gemacht habe; zum fraglichen Zeitpunkt (April
2007) sei er als Seleah in G._ tätig gewesen (vgl. A15, Antwort
185). Dieser Erklärungsversuch ist nicht geeignet, den massiven Wider-
spruch in den zeitlichen Angaben zur Desertion auf plausible Weise aus-
zuräumen.
Neben den zeitlichen Widersprüchen schilderte der Beschwerdeführer
auch die konkreten Umstände, als er desertiert sei, gänzlich unterschied-
lich: Einerseits soll er zum Stützpunkt K._ verlegt worden sein, um
dort ein militärisches Zusatztraining zu absolvieren, und sei dann desertiert
(A4, Ziffer 7.01); andererseits soll er krankheitshalber ins Spital in
K._ verbracht worden sein, wo man nicht bewacht worden sei, und
aus dem Spital desertiert sein (A15, Antworten 138-143).
Auch die Zeit zwischen Desertion und Ausreise schilderte der Beschwer-
deführer gänzlich unterschiedlich: Er habe sich zwei Jahre lang in
B._ am Meer aufgehalten und dort als Taglöhner gearbeitet (A4,
E-1853/2019
Seite 25
Ziffer 7.01), beziehungsweise er sei zu seinem Onkel nach N._ ge-
gangen und habe dort ein Jahr lang Tiere gehütet (A15, Antworten 138,
150 und 151).
5.1.3 Der Beschwerdeführer äusserte sich auch widersprüchlich zum Zeit-
punkt seiner Ausreise aus Eritrea. Bei der BzP gab er an drei Stellen des
Protokolls an, seinen Heimatstaat im September 2009 verlassen zu haben
(vgl. A4, Ziffern 2.02 respektive 5.02 und 7.01), während er seine Ausreise
in der Anhörung mehrmals mit September 2010 datierte (vgl. A15, Antwor-
ten 151, 157, 158 und 175). Auch bei der Konfrontation mit diesen Wider-
sprüchen trug der Beschwerdeführer – ausser den unbehelflichen Einwän-
den zu den angeblichen Sprachkenntnissen der Dolmetscherin bei der BzP
(vgl. oben, Erwägung 3.1) – nichts Stichhaltiges vor (vgl. A15, Antwort 180)
Es kann hierzu auf die Ausführungen des SEM in seiner Vernehmlassung
verwiesen werden (vgl. Sachverhalt oben, Bst. I).
Diese festgestellten Unstimmigkeiten innerhalb seiner Schilderungen las-
sen darauf schliessen, dass der Beschwerdeführer bei den entsprechen-
den Angaben nicht von tatsächlich erlebten Vorfällen berichtet hat.
5.2 Wie das SEM weiter zutreffend festhielt, wurde der Beschwerdeführer
danach gefragt, weshalb er sein Heimatland exakt zu dem von ihm ange-
geben Zeitpunkt verlassen habe. Hierzu erwiderte er, er habe sich zuerst
Gedanken über die Ausreise machen und seine Mutter um Erlaubnis für
die Ausreise fragen müssen. Diese Erklärungen erweisen sich als unbehel-
flich als Begründung, weshalb er nicht unmittelbar nach seiner angeblichen
Desertion sein Heimatland verlassen hat. Insbesondere bleibt angesichts
der für den Beschwerdeführer angeblich riskanten Desertion nicht plausi-
bel, weshalb er als (...)Jähriger das Einverständnis seiner Mutter für die
Ausreise hätte einholen müssen. Hinzu kommt, dass er schliesslich ge-
mäss eigenen Angaben trotz fehlender Zustimmung der Mutter aus Eritrea
ausgereist sein will (vgl. A15, Antwort 159). Seine weitere Angabe, er habe
in seiner Umgebung öfters von Razzien gehört, weshalb er sich habe ver-
stecken müssen (vgl. A15, Antwort 152), vermag seine verzögerte Ausreise
auch nicht überzeugend zu erklären. Insgesamt bleibt unerklärbar, weshalb
der Beschwerdeführer nach seiner angeblichen risikobehafteten Desertion
noch eine längere Zeitspanne unbehelligt im Heimatland verblieb.
5.3 Der Beschwerdeführer gab bei der Anhörung zudem explizit zu Proto-
koll, dass er vor 2006 mit den eritreischen Behörden keine Probleme ge-
habt und sich nie politisch betätigt habe (A15, Antworten 90 und 156).
E-1853/2019
Seite 26
Seine Darstellungen, wie er angeblich bis zum Alter von (...) Jahren einer
Einberufung in den Nationaldienst habe entgehen können, blieben unsub-
stanziiert und sind kaum nachvollziehbar ausgefallen (vgl. A15 Antworten
85 ff.). Auch kurz vor seiner Ausreise soll ihm nichts widerfahren sein (vgl.
A15, Antwort 160). Er hat keine wesentlichen Schwierigkeiten zwischen der
geltend gemachten Desertion – sei sie im April 2007 oder Juli 2009 erfolgt
– und der vorgenommenen Ausreise aus Eritrea im September 2009 oder
September 2010 geltend gemacht.
5.4 Nicht glaubhaft werden ferner die Behauptungen des Beschwerdefüh-
rers, er habe im Militärdienst Geheimdienstaufgaben ausgeführt und wäre
auch aus diesem Grund bei einer Rückkehr gefährdet; seine Desertion sei
eine "Flucht aus der militärischen Geheimdienst-Ausbildungsstätte" gewe-
sen (Beschwerde S. 8). Die Vorinstanz wies zutreffend auf die Angaben
des Beschwerdeführers hin, dass er im Militärdienst einfacher Soldat ge-
wesen ist. Seine Beschreibungen der angeblichen Geheimdienstaktivitäten
bleiben entweder vage und unsubstantiiert (vgl. A15 Antworten 116, 117),
oder der Beschwerdeführer beschrieb Aufklärungsmissionen an der
Grenze, wo man habe beobachten müssen, wie sich der Feind, das heisst
die äthiopischen Soldaten jenseits der Grenze, bewegten und welche Waf-
fen sie hätten (A15 Antworten 119, 122, 127); ferner beschrieb der Be-
schwerdeführer direkte Kontakte mit feindlichen Soldaten (A15 Antworten
119, 122). Eine Geheimdienstaktivität, die den Beschwerdeführer heute ge-
fährden könnte, lässt sich in diesen Darstellungen nicht erkennen.
5.5 Soweit der Beschwerdeführer vortrug, während seiner Schulzeit ver-
haftet und elf Tage lang festgehalten worden zu sein, nachdem er im Zu-
sammenhang mit Landzuweisungen bei einem Geometerverantwortlichen
vorgesprochen habe (vgl. A15, Antwort 154), ist festzustellen, dass dieses
Ereignis zu weit zurückliegt, um als kausaler Grund für die Jahre später
erfolgte Ausreise aus Eritrea betrachtet werden zu können. Der Vollstän-
digkeit halber bleibt anzumerken, dass der Beschwerdeführer in der BzP
diese angebliche Verhaftung zur Schulzeit nicht erwähnte, sondern viel-
mehr zu Protokoll gab, nie inhaftiert worden zu sein (vgl. A4, Ziffer 7.01).
5.6 Schliesslich trug der Beschwerdeführer auch seine Ausreise aus Erit-
rea mit mehrfachen Unstimmigkeiten vor. Seine Angaben zu den Ankunfts-
orten im Sudan, zur zeitlichen Dauer seiner Reise in den Sudan und zu den
Umständen dieser Reise fielen widersprüchlich aus. Die diesbezüglichen
Erwägungen des SEM (vgl. Ziffer II/1, Seite 4 und 5 der angefochtenen
Verfügung) sind zu bestätigen und es kann auf sie verwiesen werden.
E-1853/2019
Seite 27
5.7 Andere Asylgründe hat der Beschwerdeführer nicht vorgetragen.
6.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM mit zutreffender Be-
gründung die Schlussfolgerung gezogen hat, dass es dem Beschwerde-
führer nicht gelungen ist, seine Fluchtgründe – namentlich seine Desertion
aus dem eritreischen Nationaldienst – glaubhaft darzutun.
In der Beschwerdeeingabe wird nichts Stichhaltiges vorgetragen und es
wurden keine Beweismittel eingereicht, die an dieser Einschätzung etwas
zu ändern vermöchten. Aus der eingereichten Schnellrecherche der SFH
zum Grenzgebiet zwischen Eritrea und Äthiopien kann der Beschwerde-
führer für sein Asylgesuch nichts Ausschlaggebendes ableiten.
Es ist auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer zum Zeit-
punkt seiner Ausreise aus dem Heimatstaat konkrete Kontakte zu den erit-
reischen Militärbehörden im Zusammenhang mit einer Rekrutierung oder
Wiedereinberufung in den National Service im Sinne der Rechtsprechung
(vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 2006 Nr. 3 E. 4.7 und 4.10) gehabt hat. Entspre-
chendes hat er auch nicht explizit geltend gemacht.
6.1 Wie das SEM zutreffend festgehalten hat, konnte der Beschwerdefüh-
rer zwar einige Begebenheiten aus der Zeit seiner militärischen Ausbildung
berichten (vgl. beispielsweise: A15, Antworten 76-82, 92-100). Er war auch
in der Lage, konkrete Angaben zu seiner militärischen Einheit, seiner Ein-
teilung und den Vorgesetzten zu machen (A15, Antworten 92-95 sowie
107-116). Er ist gemäss eigenen Angaben im September 2009 respektive
2010 – und somit im Alter von (...) respektive (...) Jahren – aus Eritrea
ausgereist. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass er seinen
eritreischen Militärdienst geleistet hat.
Aus den Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend Militärdienst gehen
keine Hinweise auf ernsthafte Nachteile vor der Ausreise oder auf eine be-
gründete Furcht vor künftigen Nachteilen hervor. Der Beschwerdeführer
hat somit keine Vorfluchtgründe glaubhaft gemacht.
6.2
6.2.1 In seiner Verfügung vom 9. Juli 2019 verweist das SEM auf den Art. 8
der eritreischen «Proclamation on National Service» von 1995 und hält
dazu fest, in Eritrea seien Personen ab dem 40. Lebensalter nicht mehr
E-1853/2019
Seite 28
dienstpflichtig und würden folglich grundsätzlich nicht mehr in den Natio-
naldienst einberufen (vgl. SEM-Verfügung vom 9. Juli 2019, E. III/Ziffer 1,
S. 7).
6.2.2 Der Beschwerdeführer steht heute im (...) Lebensjahr. Er hat im Rah-
men des Beschwerdeverfahrens keine stichhaltigen Argumente vorgetra-
gen gegen die vorzitierte Erwägung des SEM zur grundsätzlichen Beendi-
gung der Militärdienstpflicht im 40. Lebensalter.
Angesichts des Alters des Beschwerdeführers beim Verlassen des Heimat-
landes kann nicht ausgeschlossen werden, dass er bis zum Zeitpunkt sei-
ner Ausreise aus seiner Militärdienstpflicht ordentlich entlassen worden ist
(vgl. hierzu: Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017, E. 13.3 mit
Verweis auf E. 12.5).
6.2.3 Aufgrund der oben dargelegten chronologischen und inhaltlichen
massiven Widersprüche in den Kernvorbringen des Beschwerdeführers
kann nicht davon ausgegangen werden, dass er wegen Regimefeindlich-
keit (Desertion respektive Geheimdiensttätigkeiten) ins Visier der eritrei-
schen Behörden geraten ist und eine diesbezüglich begründete Furcht vor
flüchtlingsrechtlich relevanten Bestrafung zu bejahen ist. Mittlerweile steht
der Beschwerdeführer in seinem (...) Lebensjahr. Er hat nicht vorgebracht
oder glaubhafte Hinweise dafür vorgetragen, dass er mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit wieder in den Militärdienst einberufen wird.
6.3
6.3.1 Im Zusammenhang mit der vom Beschwerdeführer geltend gemach-
ten illegalen Ausreise aus Eritrea ist – ohne auf die vom SEM festgestellten
und vom Gericht bestätigten Unstimmigkeiten innerhalb der diesbezügli-
chen Schilderungen des Beschwerdeführers noch näher einzugehen – auf
das Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom
30. Januar 2017 zu verweisen. Das Gericht geht nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon aus, dass sich eritreische Staatsangehörige auf-
grund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates konfron-
tiert sehen, welche bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation
des Staates ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes darstellen
(vgl. D-7898/2015, a.a.O. E. 5.1). Nach dieser Rechtsprechung ist nur dann
von einer begründeten Furcht vor intensiven und flüchtlingsrechtlich be-
gründeten Nachteilen auszugehen, wenn zur illegalen Ausreise weitere
Faktoren hinzukommen, welche die asylsuchende Person in den Augen
E-1853/2019
Seite 29
der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen (vgl.
zitiertes Referenzurteil, E. 5.1, letzter Absatz).
6.3.2 Entsprechende zusätzliche Anknüpfungspunkte im Sinne einer Pro-
filschärfung sind beim Beschwerdeführer – im Gegensatz zu den anders-
lautenden Ausführungen in der Rechtsmittelschrift – zu verneinen. Wie be-
reits festgestellt, kann davon ausgegangen werden, dass der Beschwerde-
führer seiner Nationaldienstpflicht in Eritrea nachgekommen ist, und dass
er nicht als Deserteur oder Refraktär gelten kann. Andere Anknüpfungs-
punkte, welche ihn in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige
Person erscheinen lassen könnten, sind ebenfalls nicht ersichtlich. Somit
bleibt festzuhalten, dass die illegale Ausreise allein keine Furcht vor einer
zukünftigen asylrelevanten Verfolgung zu begründen vermag.
6.3.3 Es liegen somit auch keine glaubhaft vorgetragenen subjektiven
Nachfluchtgründe vor.
6.4 Nach dem Gesagten hat das SEM mit zutreffender Begründung zu
Recht festgestellt, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllt. Die Ablehnung des Asylgesuchs ist demnach zu Recht erfolgt.
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demzufolge zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37
E. 4.4).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungshindernissen gilt gemäss Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der
Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn
der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu ma-
chen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-1853/2019
Seite 30
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
8.2.1 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Die Zulässigkeit des Vollzuges be-
urteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtli-
chen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105], Art. 3 und
4 EMRK).
8.2.2 Wie bereits oben festgestellt, bestehen Anhaltspunkte dafür, dass der
Beschwerdeführer, welcher im (...) respektive (...) Lebensjahr aus Eritrea
ausgereist ist, seinen eritreischen Militärdienst ordentlich absolviert hat. In
diesem Zusammenhang ist jedoch festzuhalten, dass selbst eine drohende
Wiedereinberufung in den Nationaldienst für sich alleine nicht gegen die
Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG in
Verbindung mit Art. 4 EMRK und Art. 3 EMRK sprechen würde (vgl. hierzu:
BVGE 2018 VI/4 E. 6.1, insbesondere 6.1.5 und 6.1.6).
Den Akten sind keine anderweitigen, konkreten und glaubhaften Anhalts-
punkte zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer im Fall einer Rückkehr
nach Eritrea dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 oder
Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Schliess-
lich lässt auch die allgemeine Menschensituation in Eritrea den Wegwei-
sungsvollzug im heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
8.2.3 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungs-
gericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund des Feh-
lens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz und Erit-
rea – lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die Zulässigkeit
E-1853/2019
Seite 31
zwangsweiser Rückführungen ausdrücklich offengelassen hat (vgl. BVGE
2018 VI/4 E. 6.1.7).
8.2.4 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist sich
damit – sowohl im Sinn der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen – als zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist - unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG - die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
8.3.2 In BVGE 2018 VI/4 kam das Bundesverwaltungsgericht auch zum
Schluss, dass die drohende Einziehung in den Nationaldienst nicht zur Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führe (a.a.O. E. 6.2.3-6.2.5). Im
Sinn der obigen Ausführungen erübrigt es sich zudem, auf den Umgang
der eritreischen Behörden mit Deserteuren einzugehen, da der Beschwer-
deführer nicht glaubhaft machen konnte, dass er sich im Zeitpunkt seiner
Ausreise seiner Dienstpflicht entzogen hat.
8.3.3 Auch die in Eritrea herrschende Lage spricht nicht gegen die Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzuges. Laut geltender Rechtsprechung ist
in Eritrea nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemei-
ner Gewalt beziehungsweise einer generellen Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs auszugehen. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie
vor schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssitua-
tion, der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert.
Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse
Konflikte sind nicht zu verzeichnen. Angesichts der schwierigen allgemei-
nen Lage des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer
Existenzbedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände
vorliegen. Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind be-
günstigende individuelle Faktoren jedoch nicht mehr zwingende Voraus-
setzung für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzur-
teil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
8.3.4 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen zurzeit (...)jährigen
Mann, welcher die Schule bis zur zehnten Klasse besucht hat (vgl. A4, Ziff.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2018%20VI/4 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-2311/2016
E-1853/2019
Seite 32
1.17.04 und A15, Antworten 63-65). In seiner Heimat verfügt er über ein
familiäres Beziehungsnetz in D._ (Mutter, zwei Halbschwestern),
wo er aufgewachsen ist und mit seiner Familie in einem Haus gelebt hat
(vgl. A4, Ziffer 3.01 sowie A15, Antworten 17-23). Zudem hat er eine Cou-
sine respektive Verlobte, die im Sudan lebt und zu welcher er Kontakt hat,
(vgl. A15, Antwort 31-34 und 38).
8.3.5 Unter diesen Umständen ist deshalb davon auszugehen, dass er bei
einer Rückkehr wieder bei seiner Familie wohnen kann und er bei der so-
zialen und wirtschaftlichen Wiedereingliederung seitens seiner Familie un-
terstützt wird. Medizinische Probleme, die den Wegweisungsvollzug unter
Umständen als unzumutbar erscheinen lassen könnten, ergeben sich aus
den Akten nicht. Gemäss eingereichtem Arztbericht vom 12. Juni 2020
besserten sich die Rückenbeschwerden postoperativ und es bestanden
keine relevanten sensiblen oder motorischen Ausfälle. Der Beschwerde-
führer sei in einem guten Allgemeinzustand nach Hause entlassen worden
(vgl. Sachverhalt oben, Bst. K.). Es bestehen keine Hinweise dafür, dass
medizinische Gründe gegen die Rückkehr des Beschwerdeführers nach
Eritrea sprechen. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch in
individueller Hinsicht als zumutbar.
8.4 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht aber praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit des
Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG entgegen. Es ob-
liegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
E-1853/2019
Seite 33
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ein mit der Be-
schwerde gestelltes Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde jedoch mit Instruktions-
verfügung vom 20. Mai 2019 gutgeheissen. Die Bedürftigkeit des Be-
schwerdeführers geht nach wie vor aus den Akten hervor. Folglich sind
keine Verfahrenskosten zu erheben.
10.2 Dem amtlichen Rechtsbeistand ist für das vorliegende Verfahren ein
amtliches Honorar zuzusprechen.
Bei amtlicher Vertretung geht das Gericht in der Regel von einem Stunden-
ansatz von Fr. 100.− bis Fr. 150.− für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und
Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE]), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschä-
digen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Diese Entschädigungsbandbreite ist
dem Rechtsvertreter aus anderen Beschwerdeverfahren bekannt.
Der amtliche Rechtsbeistand hat keine Kostennote zu den Akten gereicht.
Anhand der Akten ist der Vertretungsaufwand für das Beschwerdeverfah-
ren jedoch zuverlässig abschätzbar.
Dem amtlichen Rechtsbeistand ist somit ein amtliches Honorar von insge-
samt Fr. 1'000.– (inkl. Auslagen) zu Lasten der Gerichtskasse zuzuspre-
chen.
(Dispositiv nächste Seite)
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