Decision ID: f1328527-c3b0-5c0e-99c8-dbec5f71c812
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Am 5. Dezember 2016 reichte X._ (nachfolgend: Beschwerdefüh-
rerin) ein Gesuch um Gewährung eines Solidaritätsbeitrags für Opfer von
fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981
ein. Zur Begründung führte die Beschwerdeführerin zusammenfassend
aus, sie sei von ihrer Mutter regelmässig bis zur Bewusstlosigkeit geschla-
gen worden. Auch ihr Vater habe sich nicht um sie gekümmert. Stattdessen
sei sie von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben worden. In
D._ habe sie sodann in einem Heim auch ihre Sprache vorüberge-
hend verloren. An Details könne sie sich aber nur schwer erinnern.
B.
Mit Verfügung vom 16. Juli 2019 wies das Bundesamt für Justiz (nachfol-
gend: Vorinstanz) das Gesuch der Beschwerdeführerin ab und führte aus,
die Beschwerdeführerin habe zweifelsohne eine schwierige Kindheit in ei-
nem schwierigen familiären Umfeld durchleben müssen, jedoch sei aus
den vorliegenden Akten und den Ausführungen der Beschwerdeführerin
selbst kein Unrecht ersichtlich, welches sich auf eine Zwangsmassnahme
oder eine Fremdplatzierung beziehe.
C.
Gegen diese Verfügung vom 16. Juli 2019 erhob die Beschwerdeführerin
am 18. Juli 2019 Einsprache an die Vorinstanz und begründete diese da-
mit, sie habe sehr wohl Missbrauch erlitten, insbesondere durch ihre Mut-
ter, aber auch durch ihren Vater und ihren Onkel. Im Übrigen sei sie in
mehreren Pflegefamilien und in einem Erziehungsheim gewesen.
D.
Mit Verfügung vom 5. August 2020 wies die Vorinstanz die Einsprache ab
und führte erneut aus, Hinweise auf schwere physische, psychische und/
oder sexuelle Gewalt im Rahmen der Fremdplatzierungen würden fehlen.
Auch den Ausführungen der Beschwerdeführerin selbst und den Berichten
der Fürsorgebehörde seien keine solchen Hinweise zu entnehmen.
E.
Gegen diese Verfügung vom 5. August 2020 erhob die Beschwerdeführerin
am 9. September 2020 Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht.
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F.
Mit Zwischenverfügung vom 14. September 2020 forderte der Instruktions-
richter die Beschwerdeführerin auf, klare Anträge zu stellen und diese zu
begründen.
G.
Mit Beschwerdeergänzung vom 19. September 2020 verlangte die Be-
schwerdeführerin sinngemäss die Gutheissung ihres Gesuches um Ge-
währung eines Solidaritätsbeitrags vor 1981. Sie habe in ihrem Leben un-
verschuldet viel Leid erfahren müssen, auch in den Pflegefamilien. So sei
ihr beispielsweise angedroht worden, sie dürfe nie mehr nach Hause zu-
rückkehren. Oder sie habe gegen ihren Willen zuschauen müssen, wie Ka-
ninchen getötet worden seien. Jedenfalls leide sie bis zum heutigen Tag
unter diesen traumatisierenden Erlebnissen.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 22. September 2020 wurde die Beschwerde-
führerin aufgefordert, einen Kostenvorschuss in der Höhe der mutmassli-
chen Verfahrenskosten zu leisten.
I.
Mit Eingabe vom 2. Oktober 2020 stellte die Beschwerdeführerin ein Ge-
such um unentgeltliche Rechtspflege, welches der Instruktionsrichter mit
Zwischenverfügung vom 6. Oktober 2020 guthiess.
J.
Am 4. November 2020 reichte die Vorinstanz ihre Vernehmlassung ein und
verwies im Wesentlichen auf ihre bisherigen Ausführungen.
K.
Mit unaufgeforderter Eingabe vom 11. November 2020 machte die Be-
schwerdeführerin nochmals deutlich, dass die Fremdplatzierungen jeweils
ohne ihre Mitbestimmung angeordnet worden seien.
L.
Mit Eingabe vom 23. November 2020 verzichtete die Vorinstanz auf eine
weitere Stellungnahme.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen Bezug genommen.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier
Kognition, ob die Prozessvoraussetzungen erfüllt sind und ob auf die Be-
schwerde einzutreten ist (Urteil des BVGer B-3797/2015 vom 13. Ap-
ril 2016 E.1.1, auszugsweise publiziert in BVGE 2017/IV/4; BVGE 2007/6
E.1, je mit Hinweisen).
1.2 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
SR 172.021), sofern sie von Behörden erlassen wurden, die gemäss
Art. 33 VGG als Vorinstanzen gelten und überdies keine Ausnahme nach
Art. 32 VGG vorliegt. Die Beschwerde richtet sich gegen den Einsprache-
entscheid der Vorinstanz (vgl. Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom
30. September 2016 über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangs-
massnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 [AFZFG, SR 211.223.13];
vgl. zum Ganzen auch Botschaft vom 4. Dezember 2015 zur Volksinitiative
"Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangs-
massnahmen [Wiedergutmachungsinitiative]" und zum indirekten Gegen-
vorschlag [Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen
Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981], BBl 2016 129).
Das Bundesamt für Justiz gehört zu den Behörden im Sinne von Art. 33
Bst. d VGG und ist daher Vorinstanz im Sinne des Gesetzes. Eine Aus-
nahme nach Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist
für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig.
1.3 Zur Beschwerde ist nach Art. 48 Abs. 1 VwVG berechtigt, wer vor der
Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit zur Teil-
nahme erhalten hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Abände-
rung hat. Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der angefochtenen
Verfügung zur Beschwerde legitimiert.
1.4 Die Eingabefrist sowie die Anforderungen an Form und Inhalt der Be-
schwerdeschrift sind gewahrt (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
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2.
2.1 Die Beschwerdeführerin macht sinngemäss geltend, sie sei mehrfach
Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen
geworden. In ihrem Gesuch und auch in ihrer Beschwerde bzw. ihrer Be-
schwerdeergänzung berichtet sie hauptsächlich von Erlebnissen in ihrer
Familie. Ihre Mutter habe ihre Geschwister bevorzugt. Sie selbst sei jedoch
von ihr schlecht behandelt und mehrfach bis zur Bewusstlosigkeit geschla-
gen worden. Ihr Vater habe sich auch nicht um die Familie gekümmert.
Zudem sei auch er oft laut geworden. Hinzu komme, dass sie von ihrem
Onkel mehrfach körperlich bedrängt worden sei. Sie könne sich auch an
mehrere Fremdplatzierungen und einen Klinikaufenthalt erinnern. Bei der
ersten Pflegefamilie habe sie einen Suizidversuch unternommen. Sie sei
immer hin und her geschoben worden, ohne dafür eine persönliche Schuld
zu tragen.
2.2 Die Vorinstanz führt aus, die von der Beschwerdeführerin geschilderten
Vorfälle in ihrer Kindheit und Jugend würden sich auf ihre Familie, insbe-
sondere ihre Mutter beziehen. Auch in den beigezogenen Akten werde das
schwierige Verhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und ihrer Familie
deutlich. Dabei ginge es jedoch um Vorfälle, die nicht im Rahmen der an-
geordneten Massnahme stattgefunden hätten. Im Gegenteil, mit der ge-
richtlich angeordneten Massnahme sei gerade bezweckt worden, den er-
zieherischen Defiziten ihrer Eltern entgegen zu wirken und die Beschwer-
deführerin zu schützen und zu unterstützen. Hinweise, dass es in den Pfle-
gefamilien zu physischer, psychischer oder sexueller Gewalt gekommen
sei, würde es nicht geben, weshalb die Beschwerde leider abgewiesen
werde müsse.
2.3
2.3.1 Das zentrale Anliegen des AFZFG ist die Anerkennung und Wieder-
gutmachung des Unrechts, das den Opfern von fürsorgerischen Zwangs-
massnahmen und Fremdplatzierungen durch den Bund oder Kantone vor
1981 zugefügt worden ist (Art. 1 Abs. 1 AFZFG; Botschaft vom 4. Dezem-
ber 2015 zur Wiedergutmachungsinitiative, BBl 2016 118).
2.3.2 Die generelle Opferdefinition gemäss Art. 2 Bst. d AFZFG wird durch
eine nicht abschliessende Aufzählung von möglichen Formen des Un-
rechts ergänzt und veranschaulicht, beispielsweise durch körperliche und
psychische Gewalt oder sexuellen Missbrauch (Art. 2 Bst. d Ziff. 1 und 2
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AFZFG), wobei es in diesem Zusammenhang auch klarzustellen gilt, dass
nicht jeder Heimaufenthalt oder jede Fremdplatzierung zu Unrecht erfolgte
bzw. sozial stigmatisierend im Sinne von Art. 2 Bst. d Ziff. 8 AFZFG war
(vgl. zum Ganzen auch Botschaft vom 4. Dezember 2015 zur Wiedergut-
machungsinitiative, BBl 2016 124).
2.3.3 Die Beschwerdeführerin wies immer wieder auf ihre eigenen Erinne-
rungslücken hin, weshalb es ihr schwergefallen sei, die nötigen Unterlagen
zusammenzustellen. Gestützt auf Art. 1 Abs. 3 Bst. c i.V.m. Art. 11 Abs. 3
Bst. d AFZFG hat die Vorinstanz die Beschwerdeführerin bei ihrer Recher-
che in den Staatsarchiven der Kantone A._ und B._ unter-
stützt. Auf diese Dokumente ist nachfolgend ebenfalls einzugehen.
2.4
2.4.1 Vorab ist festzuhalten, dass die Vorakten keine Hinweise auf fürsor-
gerische Zwangsmassnahmen oder Fremdplatzierungen der Beschwerde-
führerin vor 1971 enthalten. Solche wurden von der Beschwerdeführerin
auch nicht geltend gemacht. Der erste Eintrag in der Akte der Fürsorgebe-
hörde erfolgte im November 1971 und vermerkt die Eröffnung eines Straf-
verfahrens gegen die damals 15-jährige Beschwerdeführerin.
2.4.2 Am 9. Juni 1972 verurteilte das Gericht C._ die Beschwerde-
führerin und wies sie gemäss dem damals in Kraft stehenden Art. 91 Ziff. 2
StGB in eine Fremdfamilie zur Nacherziehung ein. Die Massnahme wurde
damit begründet, die Beschwerdeführerin sei wegen prekärer Familienver-
hältnisse gefährdet. Die Mutter sei überfordert und reagiere aggressiv, der
Vater kümmere sich nicht um die Kinder. Diese Einschätzung des Gerichts
stützte sich unter anderem auf Berichte, welche im Vorfeld der Gerichts-
verhandlungen von drei Lehrkräften der Beschwerdeführerin eingeholt
worden waren (Berichte vom 29. Dezember 1971, 2. Januar 1972 und 13.
Januar 1972). In den Berichten wurde zusätzlich ausgeführt, die Beschwer-
deführerin arbeite zu wenig für die Schule und fehle regelmässig mit faden-
scheinigen Argumenten. Jedoch erhalte sie von ihren Eltern auch wenig
Unterstützung, insbesondere sei ihre Mutter der Schule gegenüber sehr
kritisch eingestellt.
2.4.3 Nach der Verurteilung durch das Gericht C._ mit Urteil vom
9. Juni 1972 vermittelte die Fürsorgebehörde der Beschwerdeführerin eine
Pflegefamilie, in der sie auch eine Haushaltslehre hätte absolvieren kön-
nen. Am 21. August 1972 trat die Beschwerdeführerin ihre Anstellung bei
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der Familie L._ in M._ an. Die Umstellung fiel der Beschwer-
deführerin aber offensichtlich schwer. So beklagte sie sich beispielsweise
über einen harschen Umgangston, freche Kinder und strenge und über-
mässige Putzarbeit (Akte der Fürsorgebehörde, Eintrag vom 23. Oktober
1972). Die Pflegefamilie bestritt jedoch die erhobenen Vorwürfe. In einer
von der Fürsorgebehörde begleiteten Aussprache zwischen der Pflegefa-
milie und der Beschwerdeführerin konnten die Differenzen vorerst bereinigt
werden, wobei die Beschwerdeführerin einige ihrer Vorwürfe auch wieder
zurücknehmen musste und auch auf Nachfrage keine Vorfälle nannte, die
eine sofortige Kündigung notwendig gemacht hätten. Die Fürsorgebehörde
gewann jedenfalls den Eindruck, dass die Pflegefamilie der Beschwerde-
führerin insgesamt wohlgesinnt war, weshalb die Massnahme – vorerst ge-
gen den Willen der Beschwerdeführerin – fortgesetzt wurde (Eintrag vom
24. Oktober 1972).
2.4.4 Noch am gleichen Tag musste die Beschwerdeführerin nach einem
Suizidversuch hospitalisiert werden. Nach mehreren Gesprächen mit Frau
Dr. N._ im Spital O._ entschied sich die Beschwerdeführerin
freiwillig dazu, zur Familie L._ zurückzukehren, ohne dass dies von
der Fürsorgebehörde angeregt oder gewünscht worden wäre (Eintrag vom
7. November 1972). Nach der Rückkehr aus dem Spital verbesserte sich
das Verhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und ihrer Pflegefamilie
deutlich (Eintrag vom 23. November 1972), allerdings nicht für lange (Ein-
trag vom 22. Februar 1973). Mit dem Einverständnis und unter Mitwirkung
der Fürsorgebehörde wurde der Lehrvertrag zum 3. März 1973 aufgelöst
(Eintrag vom 27. Februar 1973), eine Fortsetzung war auch wegen dem
negativen Einfluss der Mutter nicht mehr möglich (Vernehmlassung der Ju-
gendanwaltschaft des Kantons A._ vom 31. August 1973).
2.4.5 In der Folge vermittelte die Fürsorgebehörde der Beschwerdeführerin
die Pflegefamilie P._ in Q._, bei der es der Beschwerde-
führerin gut ging (Einträge vom 6. Juni und 6. Juli 1973). In ihrem Entlas-
sungsgesuch betreffend die Zwangsmassnahme beschrieb die Beschwer-
deführerin die Zeit in Q._ als eine für sie nützliche (Entlassungsge-
such vom 18. August 1973). Gemäss der Einschätzung der Jugendanwalt-
schaft war es der Beschwerdeführerin gelungen, ihre auftretenden Prob-
leme zu verarbeiten, wodurch sie charakterliche und erzieherische Fort-
schritte erzielt habe (Vernehmlassung der Jugendanwaltschaft des Kan-
tons A._ vom 31. August 1973). Mit Entscheid des Justizdeparte-
ments des Kantons A._ vom 21. September 1973 wurde die Be-
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schwerdeführerin bedingt aus der Nacherziehung entlassen, unter Anset-
zung einer Bewährungsfrist von einem Jahr, verbunden mit einer Schutz-
aufsicht (Entscheid Justizdepartement des Kantons A._ vom
21. September 1973).
2.4.6 Im Rahmen dieser Schutzaufsicht ermöglichte die Fürsorgebehörde
der Beschwerdeführerin Spezialunterricht an einem Sprachinstitut (Schrei-
ben vom 21. Januar 1974) und stellte in ihrem Namen ein Stipendienge-
such, welches auch im Umfang von 800 Franken bewilligt wurde (Gesuch
vom 22. Januar 1974, Gutheissung vom 6. März 1974). Am 4. Mai 1974
gelang es der Beschwerdeführerin unter Vermittlung der Fürsorgebehörde
einen Lehrvertrag als Schaufenster-Dekorateurin abzuschliessen, was ih-
rem absoluten Berufswunsch entsprach (Vertrag vom 4. Mai 1974).
2.4.7 Allerdings äusserte sich ihr Vorgesetzter bereits wenige Wochen spä-
ter skeptisch zur Frage, ob die Beschwerdeführerin, welche sich alle Mühe
gebe und ernsthaft an einer Lehre interessiert sei, überhaupt in der Lage
sei, den Anforderungen gerecht zu werden. Die Beschwerdeführerin wirke
nicht gefestigt und lenke die anderen Lehrlinge ab (Schreiben vom 3. Au-
gust 1974), der Lehrvertrag müsse aufgelöst werden.
2.4.8 Nachdem die Beschwerdeführerin davon erfuhr, weigerte sie sich ve-
hement, zu ihrer Mutter zurückzukehren, weshalb sie vorübergehend bei
der Pflegefamilie R._ in S._ untergebracht werden konnte
(Eintrag vom 31. Juli 1974). Gleichzeitig meldete die Fürsorgebehörde die
Beschwerdeführerin zur Abklärung ihrer mehrfach geäusserten Ängste in
der Kinder- und Jugendpsychiatrie an (Schreiben vom 7. August 1974).
Diese von Herrn Dr. T._ vorgenommene Abklärung ergab, dass
eine Klinikeinweisung nicht notwendig war (Eintrag vom 23. August 1974).
Die Fortsetzung eines Aufenthaltes in einer Pflegefamilie wurde jedoch ex-
plizit begrüsst, was bei der Familie U._ in V._ auch möglich
war (Eintrag vom 16. September 1974).
2.4.9 Ende September 1974 beruhigte sich die Situation, die Schutzauf-
sicht wurde per 21. September 1974 aufgehoben (Schreiben vom 6. Sep-
tember 1974). Die Beschwerdeführerin entschied sich gegen den ärztli-
chen Rat, keine neue Lehrstelle mehr anzutreten, stattdessen in einer Fab-
rik zu arbeiten. In einem der letzten Einträge am 23. September 1974 wird
berichtet, auch im Elternhaus habe sich die Situation entspannt, weshalb
sich die Beschwerdeführerin beschlossen habe, wieder zu ihrer Mutter zu-
rückzukehren.
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3.
3.1 Die Beschwerdeführerin war zwischen Sommer 1972 und Herbst 1974
unbestrittenermassen von mehreren Fremdplatzierungen betroffen. In ih-
rem ursprünglichen Gesuch sowie in der Beschwerde und der Beschwer-
deergänzung erwähnt sie mehrere Übergriffe auf ihre physische, psychi-
sche und sexuelle Integrität im Kreis ihrer Familie. Die prekären Familien-
verhältnisse sind mehrfach in den Vorakten dokumentiert und führten
schlussendlich zu der Einschätzung des Gerichts C._, wonach die
Beschwerdeführerin gefährdet sei und fremdplatziert werden müsse.
3.2 Unter Opfern im Sinne des AFZFG versteht man Personen, denen im
Rahmen einer fürsorgerischen Zwangsmassnahme oder Fremdplatzierung
Unrecht durch den Bund oder die Kantone vor 1981 zugefügt worden ist
(vgl. zum Ganzen: Botschaft vom 4. Dezember 2015 zur Wiedergutma-
chungsinitiative, BBl 2016 122 bis 124). Auf Gewalt und Misshandlungen,
welche in der eigenen Familie stattgefunden haben, ist das AFZFG nicht
anwendbar. Soweit die Beschwerdeführerin mit ihrem Gesuch einen Soli-
daritätsbeitrag für das Unrecht im Kreis ihrer Familie gestellt haben sollte,
könnte darauf im vorliegenden Verfahren leider nicht eingegangen werden
(Urteil BVGer B-4288/2020 vom 28. Januar 2021 E. 2.2 und 2.3).
3.3 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz sind den Vorakten sodann
keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass es auch in den Pflegefamilien
zu solchem Unrecht gekommen wäre. Zwar beklagte sich die Beschwer-
deführerin mehrfach über viel Arbeit, einen rauen Umgangston und wenig
Freizeit in der ersten Pflegefamilie, was für sie in ihrer damaligen Entwick-
lungsphase ohne Zweifel schwierig gewesen sein muss. Allerdings relati-
vierte die Beschwerdeführerin einen Teil dieser Vorwürfe in einer gemein-
samen Aussprache und kehrte nach ihrer Hospitalisierung freiwillig in die
Pflegefamilie zurück, ohne dass von der Fürsorgebehörde Druck aufge-
setzt worden wäre. Die Beschwerdeführerin hat denn auch nie ausgeführt,
in M._ physische, psychische oder sexuelle Gewalt im Sinne des
AFZFG erfahren zu haben. Auch gegenüber den anderen Pflegefamilien
sind zu keinem Zeitpunkt entsprechende Vorbehalte dokumentiert oder an-
gemerkt worden, im Gegenteil: Die Beschwerdeführerin selbst äusserte
sich bezüglich der Pflegefamilien in Q._, S._ und V._
positiv und zog den Aufenthalt in den jeweiligen Pflegefamilien einem Auf-
enthalt in ihrer eigenen Familie vor.
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3.4 Aus der Akte der Fürsorgebehörde wird sodann deutlich, dass sich ins-
besondere die zuständige Sachbearbeiterin immer wieder für die Be-
schwerdeführerin eingesetzt hatte: So organsierte sie beispielsweise Spe-
zialunterricht, um die schulischen Defizite der Beschwerdeführerin aufzu-
bessern, beantragte erfolgreich ein Stipendium, vermittelte der Beschwer-
deführerin mehrere Schnupperlehren und mehrere Lehrstellen. Auch stand
sie der Beschwerdeführerin bei ihrem schwierigen Start in der ersten Pfle-
gefamilie zur Seite. Sie vermittelte und begleitete die Aussprache, setzte
bei der Frage nach einer Rückkehr in die erste Pflegefamilie keinerlei Druck
auf und bot auch Hand, den Lehrvertrag wenige Monate später doch auf-
zulösen.
3.5 Die Akte der Fürsorgebehörde wurde insgesamt sehr sorgfältig und de-
tailliert geführt. Sie enthält zwischen November 1971 und September 1974
über 200 Einträge mit umfangreichen Gesprächsnotizen über Besprechun-
gen und Telefonaten mit der Beschwerdeführerin selbst und ihrer Mutter,
mit ihren Pflegeeltern, der Jugendanwaltschaft, den Schulbehörden und
den Lehrbetrieben. Hinweise auf ein erlittenes Unrecht bei den Pflegefami-
lien enthalten sie jedoch keine.
3.6 Zusammenfassend ging die Vorinstanz zu Recht davon aus, dass das
Unrecht, welches die Beschwerdeführerin im Kreis ihrer Familie erleiden
musste und in den eingereichten Unterlagen auch dokumentiert ist, nicht
in den Anwendungsbereich des AFZFG fällt bzw. dass es keine Hinweise
für Unrecht im Sinne des AFZFG während der Zeit der Fremdplatzierungen
gibt. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
4.
4.1 Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens hätte die Beschwerdefüh-
rerin grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG
sowie Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Mit Verfügung vom 6. Oktober 2020 wurde das Gesuch der
Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege jedoch gutgeheissen,
weshalb sie von der Bezahlung von Verfahrenskosten zu befreien ist
(Art. 65 Abs. 1 und 3 VwVG, vgl. zum Ganzen MARCEL MAILLARD, in: Wald-
mann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016,
Rz. 48 zu Art. 65).
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4.2 Der unterlegenen Beschwerdeführerin steht keine Parteientschädi-
gung zu (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario).
4.3 Auch der Vorinstanz wird keine Parteientschädigung zugesprochen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 3 VGKE).
5.
Gemäss Art. 83 Bst. x des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das
Bundesgericht (BGG, SR 173.110) ist die Beschwerde an das Bundesge-
richt gegen Entscheide betreffend die Gewährung von Solidaritätsbeiträ-
gen nach dem AFZFG nur dann zulässig, wenn sich eine Rechtsfrage von
grundsätzlicher Bedeutung stellt oder aus anderen Gründen ein besonders
wichtiger Fall vorliegt.
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