Decision ID: 1698612f-d03f-544a-b729-189d2ace9754
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Am 16. April 2019 stellte B._ (ein 1951 geborener syrischer Staats-
angehöriger) bei der Schweizerischen Vertretung in Beirut/Libanon ein Ge-
such um Erteilung eines nationalen Visums aus humanitären Gründen für
die Dauer von drei Monaten. Er gab an, im Flüchtlingscamp C._
(Region E._, Provinz Al-Hasaka) zu leben. Als wahrscheinliche Ad-
resse in der Schweiz nannte er die seines Sohnes A._, des nun-
mehrigen Beschwerdeführers (Akte der Vorinstanz [vi-act.] 4/60 ff.). Mit
Formularverfügung vom 30. April 2019 wies die Vertretung das Gesuch ab;
die Begründung lautete «you are staying in a safe third country» (vi-act. 1/2
resp. 4/12).
B.
Der Beschwerdeführer erhob am 17. April 2019 namens des Gesuchstel-
lers Einsprache gegen diese Verfügung. Er machte geltend, sein Vater
halte sich nicht im Libanon auf, sondern sei nach der Gesuchstellung – wie
zuvor angekündigt – nach Syrien zurückgekehrt, wo er sich wieder im
Flüchtlingslager C._ aufhalte. Er leide unter den dortigen problema-
tischen Lebensumständen. Zudem sei er aufgrund seiner Krankheit auf
medizinische Versorgung angewiesen. Diese fehle in Syrien und werde in
den Nachbarländern nicht gratis angeboten. Der Gesuchsteller sei auch
auf die Unterstützung durch seine Kinder im Ausland angewiesen; er lebe
alleine in Syrien, sei verwitwet, die Kinder seien alle geflohen. Es bestehe
weder im Libanon noch in Syrien ein soziales Beziehungsnetz. In Syrien
habe er keine menschenwürdige Existenz, habe alles verloren und sei auf
Hilfe angewiesen. Im Libanon habe er nicht bleiben können, denn die
Plätze für Flüchtlinge seien überfüllt gewesen, eine ambulante medizini-
sche Betreuung sei ihm aufgrund fehlender Mittel verweigert worden. Er
sei unter prekären Umständen und ohne die notwendige medizinische Be-
handlung in Syrien faktisch eingeschlossen und somit unmittelbar an Leib
und Leben gefährdet, insbesondere unter Berücksichtigung der allgemei-
nen Bürgerkriegslage.
C.
Mit Einspracheentscheid vom 6. August 2019 wies die Vorinstanz die Ein-
sprache ab und auferlegte dem Beschwerdeführer die Verfahrenskosten
(vi-act. 5 resp. Beschwerdebeilage 1, angefochtener Entscheid).
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D.
Mit Eingabe vom 4. September 2019 erhob der Beschwerdeführer Be-
schwerde gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht. Er be-
antragte, es sei der angefochtene Entscheid aufzuheben, das Gesuch zu
bewilligen und dem Gesuchsteller die Einreise in die Schweiz zu erlauben;
eventualiter sei die Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte der
Beschwerdeführer die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung,
namentlich den Verzicht auf die Erhebung eines Gerichtskostenvorschus-
ses.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 17. September 2019 wies der Instruktionsrich-
ter das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ab. Der folglich einge-
forderte Gerichtskostenvorschuss wurde einbezahlt.
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 4. November 2019 beantragte die Vorinstanz
die Abweisung der Beschwerde.
G.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 11. November
2019 zur Kenntnisnahme zugestellt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht unter
Vorbehalt der in Art. 32 VGG genannten Ausnahmen Beschwerden gegen
Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer in Art. 33 VGG aufge-
führten Behörde erlassen wurden. Darunter fallen u.a. Verfügungen des
SEM, die im Einspracheverfahren gegen die Verweigerung eines nationa-
len Visums aus humanitären Gründen ergehen. In dieser Materie entschei-
det das Bundesverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
1.2 Als Adressat der Verfügung und unterliegender Einsprecher hat der Be-
schwerdeführer ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder
Änderung; er ist zur Beschwerde legitimiert (vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerde erfolgte frist- und formgerecht, der Gerichtskostenvorschuss
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wurde fristgerecht bezahlt (vgl. Art. 50, Art. 52 Abs. 1 und Art. 63 Abs. 4
VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – sofern, wie vorliegend, nicht eine kantonale
Behörde als Beschwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit ge-
rügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im
Beschwerdeverfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist ge-
mäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebun-
den und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemach-
ten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die
Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (BVGE 2014/1 E. 2).
3.
3.1 Als Staatsangehöriger Syriens unterliegt der Gesuchsteller für die Ein-
reise in die Schweiz der Visumspflicht. Der Gesuchsteller stellte zwar vor-
dergründig ein Gesuch für einen Aufenthalt von drei Monaten Dauer. In-
dessen ist aus der Tatsache, dass er nicht um ein sogenanntes Schengen-
Visum, sondern um ein humanitäres Visum für einen längerfristigen Auf-
enthalt ersuchte und aus dem Inhalt der Rechtsschriften zu schliessen,
dass er einen längerfristigen Aufenthalt beabsichtigt, sei es, um bei seinen
Kindern zu bleiben, oder das Kriegsende oder die Heilung seiner Krankheit
abzuwarten. Es ist deshalb nicht die Erteilung eines Schengen-Visums auf
der Grundlage der entsprechenden Übereinkommen zu prüfen (vgl. dazu
immerhin die Bemerkungen in E. 5.4), sondern es gelangt mit Art. 4 der
Verordnung vom 15. August 2018 über die Einreise und die Visumsertei-
lung (VEV, SR 142.204) ausschliesslich nationales Recht zur Anwendung.
3.2 In Art. 4 Abs. 2 VEV wird festgehalten, dass ein Visum für einen länger-
fristigen Aufenthalt erteilt werden kann, wenn humanitäre Gründe dies ge-
bieten. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betreffende Person
im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben ge-
fährdet ist. Demnach kann ein nationales Visum aus humanitären Gründen
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erteilt werden, wenn bei einer gesuchstellenden Person aufgrund individu-
ell-konkreter Umstände davon ausgegangen werden muss, dass sie sich
im Heimat- oder Herkunftsstaat in einer besonderen Notsituation befindet,
die ein behördliches Eingreifen zwingend notwendig macht. Dies kann
etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder aufgrund einer konkreten
individuellen Gefährdung, die die betroffene Person mehr als andere be-
trifft, gegeben sein. Befindet sich die gesuchstellende Person bereits in ei-
nem Drittstaat oder ist sie nach einem Aufenthalt in einem solchen freiwillig
in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurückgekehrt und hat sie die Möglich-
keit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in der Regel davon aus-
zugehen, dass keine Gefährdung (mehr) besteht (vgl. dazu BVGE 2018
VII/5 E. 3.6.3; F-4658/2017 vom 7. Dezember 2018 E. 3.2 m.w.H.).
3.3 Das Visumgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefähr-
dung, der persönlichen Verhältnisse der betroffenen Person und der Lage
im Heimat- oder Herkunftsstaat zu prüfen. Dabei können auch weitere Kri-
terien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier beste-
henden Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen
Land um Schutz nachzusuchen, mitberücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018
VII/5 E. 3.6.3; F-7298/2016 vom 19. Juni 2017 E. 4.2 am Ende; vgl. ferner
BVGE 2015/5 E. 4.1.3; je m.H.).
3.4 Das Institut des humanitären Visums hat massgeblich an Bedeutung
gewonnen, nachdem mit der dringlichen Änderung des Asylgesetzes vom
28. September 2012 (AS 2012 5359) zum 29. September 2012 die Mög-
lichkeit aufgehoben wurde, bei einer Schweizer Auslandsvertretung ein
Asylgesuch einzureichen. Der Bundesrat hielt in diesem Zusammenhang
in seiner Botschaft vom 26. Mai 2010 zur Änderung des Asylgesetzes unter
Hinweis auf die Wahrung der humanitären Tradition der Schweiz ausdrück-
lich fest, dass auch in Zukunft offensichtlich unmittelbar, ernsthaft und kon-
kret gefährdete Personen den Schutz der Schweiz erhalten sollen; dies un-
ter explizitem Verweis auf die bestehende Möglichkeit, um ein Visum "aus
humanitären Gründen" zu ersuchen (vgl. BBl 2010 4455). Dabei sollte die
Bewilligung eines Visums aus humanitären Gründen an restriktivere Vo-
raussetzungen als die im Falle der Auslandsgesuche entwickelten zu knüp-
fen sein (vgl. BBl a.a.O., 4468, 4490, und 4520). Die in diesem Zusammen-
hang gewählte Formulierung der unmittelbaren, ernsthaften und konkreten
Gefahr im Herkunfts- oder Heimatstaat für Leib und Leben, wie sie auch in
Art. 3 AsylG verwendet wird, lässt vermuten, dass das Merkmal der "indi-
viduellen Gefährdung" sich – wie im Falle des Auslandsasylverfahrens –
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an der Definition der Schutzbedürftigkeit im Sinne von Art. 3 AsylG orien-
tiert und mithin insbesondere Personen umfassen soll, welche in ihrem Hei-
matstaat wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen
ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind. Aber auch akute kriegerische Er-
eignisse wurden als Grund für eine Visumserteilung aus humanitären
Gründen genannt. Die angestrebten Restriktionen dürften sich dabei dar-
aus ergeben, dass ernsthafte Nachteile in Bezug auf die Freiheit oder sol-
che, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken, nicht aufgeführt
werden. Ebenso lässt die Formulierung, dass von einer entsprechenden
Gefährdung «offensichtlich» ausgegangen werden müsse, den Schluss zu,
dass das Beweismass anzuheben ist (vgl. Urteile des BVGer D-3367/2013
vom 12. Mai 2014 E. 4.2, 4.4 m.w.H; E-5105/2014 vom 13. Oktober 2014
E. 3.4).
4.
4.1 Die Vorinstanz ging im angefochtenen Entscheid von der Feststellung
aus, beim Gesuchsteller handle es sich um einen aus Syrien stammenden
Kurden, welcher zurzeit im Flüchtlingscamp C._ bei D._
wohne. In diesem nun von Kurden beherrschten (aber auch von Aramäern
[Syrischen Christen] und Arabern besiedelten]) Gebiet mit dem kurdischen
Namen Rojava hätten sich de facto eigenständige politische Strukturen
entwickelt. Es handle sich nicht mehr um Kriegsgebiet. Der Gesuchsteller
werde von seinen in verschiedenen Ländern wohnhaften Kindern finanziell
unterstützt.
Da sich der Gesuchsteller in einem Flüchtlingslager ausserhalb des Kriegs-
gebietes aufhalte, sei er grundsätzlich nicht unmittelbar, ernsthaft und kon-
kret an Leib und Leben gefährdet. Er sei auch nicht beim UNHCR regis-
triert. Er befinde sich im Vergleich zur restlichen Bevölkerung im Heimat-
respektive Herkunftsland nicht in einer besonderen Notsituation, die ein
behördliches Eingreifen geböte respektive die Erteilung eines Visums für
dauerhaften Aufenthalt rechtfertigte. Aus den Ausführungen in der Einspra-
che und edierten medizinischen Belegen zu schliessen habe der Gesuch-
steller Probleme mit dem Herzen. Diesbezüglich sei er jedoch in Syrien
medizinisch betreut und 2018 auch einer Operation unterzogen worden. Es
sei nicht ersichtlich, dass die Behandlung zwingend in der Schweiz weiter-
geführt werden müsste. Eine solche könne vielmehr – mutmasslich mit Un-
terstützung der im Ausland aufhältigen Kinder – vor Ort fortgeführt werden.
Die Ausstellung eines humanitären Visums wegen der Beschwerden sei
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weder rechtlich vorgesehen, noch notwendig. Der Wunsch des Gesuch-
stellers, bei seinem Sohn zu sein, wo auch die medizinische Versorgung
auf hohem Niveau sei, sei zwar nachvollziehbar, doch erfülle dies die Vo-
raussetzungen für die Erteilung eines Visums nicht. Schliesslich seien auch
die Voraussetzungen für ein gewöhnliches Visum für bewilligungsfreien
Aufenthalt – ein sogenanntes Schengen-Visum – nicht erfüllt.
4.2 Der Beschwerdeführer führt zum in der Formularverfügung aufgeführ-
ten Grund für die Gesuchsablehnung aus, er habe in einer der Vertretung
vorgelegten Stellungnahme (vi-act. 4/55 ff.) bereits angekündigt, sein Vater
werde aus dem Libanon nach Syrien zurückkehren und begründet, warum
er im Libanon nicht werde bleiben können. Krankheit, Betreuungssituation
und Abhängigkeitsverhältnisse seien ausser Acht gelassen worden. Der
Gesuchsteller könne nicht für sich selber sorgen und sei auf seine Kinder
angewiesen – auch abgesehen von der Frage der finanziellen Unterstüt-
zung und medizinischen Betreuung. Das SEM habe in diversen vergleich-
baren Fällen von «allein gebliebenen Vätern und Müttern» ein humanitäres
Visum erteilt.
Der Gesuchsteller sei krank und benötige medizinische Betreuung, die in
Syrien nicht verfügbar sei. Aus dem Libanon habe er zurückkehren müs-
sen, denn er habe sich eine Wohnung respektive das Leben in Beirut nicht
leisten können, habe keine Verwandten in Beirut und als Kurde auch kei-
nen Platz in einer Flüchtlingsunterkunft erhalten. Im Libanon habe er unter
prekären Umständen auf der Strasse leben müssen. Eine ambulante Be-
handlung in einem Spital sei wegen fehlender Mittel verweigert worden. In
Syrien habe er wenigstens soziale Kontakte und könne Kurdisch sprechen.
Er habe dort aber alles verloren, sei mit der Krankheit überfordert und auf
Hilfe angewiesen. Aufgrund der dramatischen Lage in Syrien sei von un-
mittelbarer Lebensgefahr auszugehen. Die Lebensbedingungen im Camp
seien äusserst harsch, die notwendige Versorgung werde nicht vollumfäng-
lich erbracht. Er habe kein soziales oder familiäres Beziehungsnetz in Sy-
rien, das ihn unterstützen könnte, sämtliche Verwandten und Bekannten
seien geflohen. Es sei dem Gesuchsteller somit nicht möglich, durch Ver-
wandte vor Ort unterstützt zu werden; er sei jedoch nicht mehr selbständig
und auf Begleitung und Betreuung angewiesen. Mangels finanzieller Mittel
könnte die adäquate Behandlung auch nicht nach einer allfälligen Wieder-
ausreise in den Libanon sichergestellt werden. Eine – «trotz Aussichtslo-
sigkeit eines Lebens in der Türkei» – versuchte Ausreise dorthin sei auf-
grund der angespannten Situation am Grenzübergang nicht möglich gewe-
sen. Die Vorinstanz verkenne, dass die indizierte medizinische Behandlung
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über die ohnehin nicht vollumfänglich gewährleistete Grundversorgung hin-
ausgehe – da diese nicht zur Verfügung stehe, liege eine besondere Not-
lage vor. Der Gesuchsteller könne keine längeren Strecken zurücklegen,
sei wegen fehlender Unterstützung faktisch in Syrien eingeschlossen und
folglich an Leib und Leben gefährdet und übermässig von der Notlage in
Syrien betroffen. Die Situation wäre in der Türkei oder im Libanon dieselbe.
Die Bürgerkriegssituation sei anhaltend instabil und volatil, betreffe auch
die Zivilbevölkerung; eine substanzielle Verbesserung der Lage sei nicht
erkennbar und es sei auch nicht erkennbar, wie sich die künftige Herr-
schaftsordnung gestalten und sie sich auf Gruppen in Funktion derer eth-
nischen, religiösen oder politischen Zugehörigkeit auswirken werde.
E._, wo sich der Gesuchsteller aufhalte, befinde sich im Bereich der
kurdischen Selbstverwaltung. Zwar sei die Stadt von brutalen Kriegsgräu-
eln weitgehend vorschont geblieben, aber doch regelmässig Schauplatz
von Anschlägen und es fänden unweit von ihr weiterhin Kämpfe statt. Die
Auswirkungen des Bürgerkrieges seien spürbar, etwa durch Versorgungs-
engpässe oder Folgen des Embargos der Türkei. Im Flüchtlingslager
C._ seien die Grundbedürfnisse nicht sichergestellt. Die beste-
hende medizinische Versorgung sei rudimentär; Notfälle würden ins Spital
in der Stadt geschickt, wo es indes am Nachschub von Material und Medi-
kamenten mangle. Hilfsgüter gelangten nur spärlich bis in die Gegend.
Der Gesuchsteller sei Vater von in der Schweiz lebenden und eingebürger-
ten Kindern. Es bestehe mithin ein enger Bezug zur Schweiz und es müsse
aus menschlicher Sicht eine Möglichkeit geben, dass er seine Kinder se-
hen und bei ihnen bleiben könne.
4.3 Die Vorinstanz verweist in ihrer Vernehmlassung auf den angefochte-
nen Entscheid. Sie betont ihre Auffassung, dass sich der Gesuchsteller im
Vergleich zu vielen anderen Personen im Heimatstaat nicht in einer beson-
deren Notsituation befinde, die ein behördliches Eingreifen zwingend erfor-
derlich machen und die Erteilung eines humanitären Visums rechtfertigen
würde.
5.
5.1 Der Gesuchsteller reiste zur Einreichung seines Gesuchs um Ausstel-
lung eines humanitären Visums von E._ nach Beirut und kehrte frei-
willig und ohne mit Restriktionen konfrontiert worden zu sein dorthin zu-
rück. In der Beschwerde wird zwar behauptet, der Gesuchsteller habe kei-
nen Platz in einer Flüchtlingsunterkunft im Libanon erhalten und er sei für
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eine ambulante Behandlung wegen fehlender Mittel abgewiesen worden.
Indessen stellte der Beschwerdeführer in der Stellungnahme, die er offen-
bar dem Vater zu dessen Termin bei der Vertretung mitgab (vi-act. 4/55 ff.)
bereits all dies in Aussicht: Dass der Vater zufolge seiner Unbeholfenheit
sich nicht werde registrieren lassen können, dass nicht klar sei, ob er re-
gistriert würde, dass eine medizinische Behandlung verweigert werden
dürfte und, dass die Plätze für Flüchtlinge überfüllt seien. Bemühungen um
eine Registrierung oder Inanspruchnahme medizinischer Leistungen wer-
den nicht belegt. Es ist damit davon auszugehen, dass sich der Gesuch-
steller weder um eine Registrierung noch um medizinische Leistungen
ernsthaft bemüht hat. Entsprechende Angebote für geflüchtete Personen
bestehen im Libanon durchaus (vgl. Urteile des BVGer F-6511/2018 vom
28. August 2019 E. 4.5; F-4631/2018 vom 27. Dezember 2018 E. 4.5; F-
6235/2016 vom 2. Februar 2017 E. 5.1 mit Hinweis auf Urteil D-6605/2015
vom 18. April 2016 E. 6.3.2 und 6.3.3). Das Vorbringen, man habe im Liba-
non auf der Strasse leben müssen und könne keine medizinische Versor-
gung in Anspruch nehmen, ist damit nicht glaubhaft. Die unproblematische
Ausreise aus und Rückreise nach Syrien deutet darauf hin, dass der Ge-
suchsteller in der Heimat grundsätzlich nicht an Leib und Leben gefährdet
ist.
5.2 Es bleibt zu prüfen, ob der Gesundheitszustand des Gesuchstellers
und respektive oder die allgemeine Lebenssituation am aktuellen Wohnort
geeignet ist, eine Notlage im Sinne der Rechtsprechung zu begründen.
5.2.1 Der Beschwerdeführer respektive der Gesuchsteller dokumentierte
die Vorinstanz mit mehreren Arztberichten aus dem November und Dezem-
ber 2018 (vi-act. 4/33 ff.). Es handelt sich um Berichte des (gemäss dessen
Website [...] in Damaskus gelegenen) F._ Spitals über einen CT-
Scan, zwei Röntgenaufnahmen des Brustkorbes und eine Doppler-Echo-
kardiographie des Herzens sowie um ein Blatt mit Labor-(Blut-)Werten. Aus
diesen geht hervor, dass der 1951 geborene Gesuchsteller Beeinträchti-
gungen cardio-pulmonaler Art aufweist, wobei offenbar ein operativer Ein-
griff im Brustbereich vorgenommen worden sein muss. Gemäss seinen
stichwortartig festgehaltenen Angaben gegenüber der Vertretung unterzog
sich der Gesuchsteller im November 2018 einem operativen Eingriff am
Herzen (vi-act 4/56). Eine umfassende Diagnose liegt nicht vor, ebenso
wenig Angaben über Prognosen und Prozedere. Es bleibt damit unklar, ob
der 71-jährige Gesuchsteller über Beschwerden klagt, die dem Alter und
allenfalls der allgemeinen Situation entsprechen oder ob diese wesentlich
darüber liegen. Es steht jedenfalls fest, dass er sich zumindest Ende 2018
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Seite 10
in fachärztlicher Behandlung befand. Die medizinische Versorgung in Sy-
rien ist ohne jeden Zweifel durch den Bürgerkrieg mit den damit einherge-
henden Beeinträchtigungen (Beschädigung medizinischer Infrastruktur,
Personalengpässe, Versorgungsschwierigkeiten etc.) im Vergleich zu eu-
ropäischen Verhältnissen erheblich eingeschränkt. Im Gouvernement al-
Hasaka respektive dem Distrikt E._ gilt dies insbesondere für öf-
fentliche Gesundheitszentren, während eine medizinische Grundversor-
gung durch öffentliche Spitäler vergleichsweise (gemessen an der allge-
meinen Lage in der Bürgerkriegssituation) gesichert erscheint (vgl. World
Health Organization, HeRAMS Annual Report, January - December 2019,
Public Health Centres in the Syrian Arab Republic, 2020, https://applica-
tions.emro.who.int/docs/syr/EMRLIBSYR23 3E-eng.pdf?ua=1 resp. Public
Hospitals in the Syrian Arab Republic, 2020,
https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/333184/WHOEMSYR039
E-eng.pdf?sequence=1&isAllowed=y; zuletzt aufgesucht je am 19. März
2021). Es ist aufgrund der Berichtslage nicht erwiesen, dass der Gesuch-
steller wirklich akute medizinische Beschwerden aufweist, zu deren Be-
handlung er weder in Syrien noch dem nahen Ausland (Türkei, Irak, Liba-
non) Zugang hat. Das notwendige Beweismass für den Nachweis einer
Notlage, die behördliches Eingreifen gebieten würde, ist damit nicht erfüllt
und es ist davon auszugehen, die nötige Behandlung könne in Syrien
selbst oder einem Nachbarland – allenfalls mit finanzieller Hilfe seitens im
Ausland lebender Verwandter – organisiert werden.
5.2.2 Der Umstand, dass in der Schweiz eine medizinische Behandlung
generell geeigneter und leichter zugänglich wäre als in Syrien oder in Liba-
non kann – für sich allein – behördliches Eingreifen jedenfalls nicht recht-
fertigen (vgl. Urteil des BVGer F-1173/2016 vom 25. Januar 2017 E. 5.2;
für eine zurückhaltende Betrachtungsweise siehe FULVIO HAEFELI, Aufent-
halt durch Krankheit, ZBl 107 [2006], S 561 ff., insb. S. 565, 569-572).
5.3 Es ist unbestritten, dass die Lebensumstände sowohl für gesundheit-
lich beeinträchtigte, ältere Menschen im syrischen Teil Kurdistans wie auch
– vorliegend: hypothetisch – für syrisch-kurdische Flüchtlinge im Libanon
schwierig sind. Der Umstand, dass der Gesuchsteller unter wohl kargen
Bedingungen in einem Flüchtlingscamp bei D._ lebt, vermag jedoch
die Annahme nicht zu begründen, die Lebens- und Existenzbedingungen
seien – gemessen am Schicksal der restlichen syrischen respektive sy-
risch-kurdischen Bevölkerung – in gesteigertem Masse bedroht oder derart
in Frage gestellt, dass ein behördliches Eingreifen als zwingend notwendig
erscheint.
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5.4 Die Vorinstanz prüfte subsidiär und in knappen Worten die Möglichkeit
der Erteilung eines gewöhnlichen Visums für den bewilligungsfreien Auf-
enthalt (sog. «Schengenvisum»).
5.4.1 Gesuchsteller, die sich nicht auf das EU/EFTA- Personenfreizügig-
keitsabkommen berufen können, müssen den Zweck und die Umstände
ihres beabsichtigten Aufenthalts belegen und hierfür über ausreichende fi-
nanzielle Mittel verfügen. Namentlich haben sie zu belegen, dass sie den
Schengen-Raum vor Ablauf der – auf 90 Tage begrenzten – Gültigkeits-
dauer des beantragten Visums wieder verlassen bzw. Gewähr für ihre frist-
gerechte Wiederausreise bieten. Sie dürfen nicht im Schengener Informa-
tionssystem (SIS II) zur Einreiseverweigerung ausgeschrieben sein und
keine Gefahr für die öffentliche Ordnung, die innere Sicherheit, die öffentli-
che Gesundheit oder die internationalen Beziehungen eines Mitgliedstaats
darstellen (vgl. zu den Einreisevoraussetzungen: Art. 5 Abs. 1 und Abs. 2
AIG; Art. 3 Abs. 1 VEV i.V.m. Art. 6 Abs. 1 der Verordnung [EG] Nr.
2016/399 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. März 2016
über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch
Personen [Schengener Grenzkodex] [kodifizierte Fassung] ABl. L 77 vom
23. März 2016 [nachfolgend: SGK].
5.4.2 Der Gesuchsteller verfügt nach Angaben des Beschwerdeführers
über keine namhaften Mittel. Er geht aus Gründen der Gesundheit und des
Alters keiner Erwerbstätigkeit mehr nach. Er ist verwitwet, seine Verwandt-
schaft, insbesondere seine Nachkommen, befindet sich weitgehend im
Ausland. Die Lage im Herkunftsland Syrien respektive der Region Kurdis-
tan ist in wirtschaftlicher und politischer Sicht, aber nach zehn Jahren an-
dauernden Bürgerkriegs besonders auch mit Blick auf die Sicherheitslage,
schwierig und die weitere Entwicklung nicht prognostizierbar.
5.4.3 Entgegen der Angabe im Gesuch kann nicht davon ausgegangen
werden, der Gesuchsteller beabsichtige, sich lediglich für maximal 90 Tage
in der Schweiz respektive dem übrigen Schengenraum aufzuhalten. Es ist
sehr offensichtlich spürbar – und durchaus auch verständlich –, dass der
Gesuchsteller in erster Linie bei seinen Kindern sein möchte und gleichzei-
tig die missliche Lage im Flüchtlingscamp respektive im Bürgerkriegsland
hinter sich lassen und womöglich eine bessere gesundheitliche Versor-
gung sicherstellen möchte. Das alles lässt eine Rückkehr nach spätestens
90 Tagen als unwahrscheinlich erscheinen. Dazu ist aufgrund der vorste-
hend skizzierten Lage (E. 5.3) ein erheblicher Migrationsdruck aus Syrien
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Seite 12
(auch dem syrisch-kurdischen Gebiet) nach Europa im Allgemeinen anzu-
nehmen. Im Falle des Gesuchstellers ist weiter festzustellen, dass er in der
Heimatregion weder ein Beziehungsnetz, noch ernsthafte mittelfristige wirt-
schaftliche Perspektiven hätte, die ihn dort halten respektive dorthin zu-
rückzukehren anhalten würden.
6.
Damit ist schlussfolgernd festzuhalten, dass der Gesuchsteller weder die
Voraussetzungen für die Ausstellung eines nationalen humanitären Visums
noch diejenigen für ein Schengen-Visum erfüllt. Die angefochtene Verfü-
gung hat den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig festge-
stellt, verletzt Bundesrecht nicht und ist angemessen (Art. 49 VwVG). Die
Beschwerde ist abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VVG). Diese werden in Anwendung
der massgeblichen Grundsätze (vgl. Art. 1 ff. des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]) auf Fr. 800.– festgesetzt und dem geleisteten Kostenvor-
schuss entnommen.
(Dispositiv nächste Seite)
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