Decision ID: 2506c01c-2477-5b04-961e-bcfa2c80c843
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein türkischer Staatsangehöriger und ethni-
scher Kurde mit letztem Wohnsitz in B._ (Provinz Urfa), verliess
seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 18. oder 19. August 2018
in einem LKW und reiste am 25. August 2018 illegal in die Schweiz ein.
Gleichentags suchte er im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
C._ um Asyl nach und wurde dort am 6. September 2018 zu seiner
Identität, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen be-
fragt. Ausserdem wurde ihm das rechtliche Gehör zu allfälligen gesundheit-
lichen Beeinträchtigungen gewährt. Das SEM hörte den Beschwerdeführer
sodann am 30. Oktober 2018 ausführlich zu seinen Asylgründen an.
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er sei in der Türkei unter Druck gewesen. Bereits in
der Schulzeit habe er Probleme gehabt, weil er Kurde und sein Onkel (im
Jahr 1997) als Märtyrer gefallen sei. Im Jahr 2012 habe er daher das Gym-
nasium abgebrochen und fortan im Landwirtschaftsbetrieb seiner Familie
(Pistazienfelder) mitgearbeitet. Wegen seines Engagements für den Ju-
gendflügel der Halkların Demokratik Partisi (HDP) habe er im Jahr 2015
einmal auf den Polizeiposten gehen müssen. Er habe damals mitgeholfen,
im Quartier ein Wahlbüro zu eröffnen, und an lokalen Kundgebungen und
Sitzungen teilgenommen. Im Jahr 2016 sei er Mitglied der HDP geworden.
Im selben Jahr sei er auf den Polizeiposten mitgenommen worden, weil er
mit dem Traktor den Schriftzug «PKK» ins Feld gezeichnet habe. Da er in
der Folge die Schrift nicht wie versprochen gelöscht habe, sei er erneut auf
den Posten gebracht worden. Danach habe sein Vater den Schriftzug ent-
fernt. Sein Vater sei zuvor zwei Monate lang im Gefängnis gewesen, weil
ihm vorgeworfen worden sei, den Staatspräsidenten in den sozialen Me-
dien beleidigt zu haben; danach sei er freigelassen worden, müsse aber
regelmässig Unterschrift leisten. Sein Vater habe ihn einmal aufgefordert,
Lebensmittel und Verbandsmaterial in die Berge zu zwei Guerillas zu brin-
gen. Er habe es getan, aber nur einmal, danach habe er seinen Vater ge-
beten, ihn nicht mehr in solche Aktivitäten einzubeziehen. Am 15. Mai 2018
sei der Gendarmerieposten von D._ beschossen worden, worauf er
zusammen mit zwei oder drei anderen Personen aus dem Quartier, eben-
falls Anhänger der HDP, festgenommen worden sei. Er sei unschuldig ge-
wesen, und nach drei Tagen sei er nach einer Befragung ohne Anklage
oder Gerichtstermin entlassen worden. Einige Tage später sei er zwecks
Einschüchterung erneut verhaftet und einige Stunden lang festgehalten
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worden. Um einer weiteren Verfolgung zu entgehen, sei er Ende Mai 2018
nach Istanbul gegangen und habe dort auf einer Baustelle gearbeitet. Wäh-
rend seines Aufenthalts in Istanbul habe die Polizei ein- oder zweimal zu-
hause nach ihm gefragt. Aus diesen Gründen habe er sich auf Drängen
seiner Grossmutter zur Flucht aus der Türkei entschlossen. Mit Hilfe eines
Schleppers sei er Mitte August 2018 aus der Türkei ausgereist. Der Be-
schwerdeführer machte zudem geltend, er müsste noch Militärdienst leis-
ten, er habe bereits im Jahr 2017 ein Aufgebot erhalten, aber er befürchte,
im Militär wegen seines gefallenen Onkels unter Druck gesetzt zu werden.
Im Falle einer Rückkehr in die Türkei befürchte er ausserdem, wegen sei-
ner Aktivitäten in den sozialen Medien (Posts auf Facebook und Instagram)
verfolgt zu werden.
A.c Der Beschwerdeführer reichte im Rahmen des vorinstanzlichen Ver-
fahrens folgende Unterlagen zu den Akten: seinen Identitätsausweis, sei-
nen Führerschein, ein Bestätigungsschreiben der HDP vom 21. Juli 2018,
mehrere Unterlagen betreffend seinen Vater (Kopie eines Fotos, Gerichts-
unterlagen in Kopie, Facebook-Einträge) sowie mehrere Fotos (Kopien).
B.
Mit Verfügung vom 21. November 2018 – gleichentags eröffnet – erwog
das SEM, die Asylvorbringen seien teils unglaubhaft, teils nicht asylrele-
vant. Daher verneinte es die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdefüh-
rers, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug.
C.
Mit Beschwerde vom 21. Dezember 2018 an das Bundesverwaltungsge-
richt liess der Beschwerdeführer den vorinstanzlichen Asylentscheid an-
fechten. Dabei wurde beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuhe-
ben, und es sei die Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und Asyl zu ge-
währen. Eventuell sei die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers an-
zuordnen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung sowie der unentgeltlichen Verbeiständung ersucht.
Der Beschwerde lagen folgende Unterlagen bei: eine Kopie der angefoch-
tenen Verfügung, ein Internetausdruck von türkiye.gov.tr (Gerichtsaktenab-
frage), ein Schreiben des Verteidigungsministeriums (erstellt am 3. Dezem-
ber 2018), ein Bestätigungsschreiben von DEM-KURD vom 20. Dezember
2018, zwei Flyer, eine Auskunft der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH)
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vom 25. Oktober 2018 sowie eine Schnellrecherche der SFH-Länderana-
lyse vom 7. Juli 2017.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 4. Januar 2019 forderte der Instruktionsrichter
den Beschwerdeführer auf, weiterführende Angaben zur Postaufgabe der
Beschwerdeschrift zu machen und schriftliche Zeugenaussagen betreffend
des geltend gemachten Zeitpunktes der Postaufgabe nachzureichen. Aus-
serdem wurde ihm eine Frist zur Einreichung einer Übersetzung zweier tür-
kischsprachiger Beweismittel sowie eines Belegs für die geltend gemachte
prozessuale Bedürftigkeit eingeräumt.
E.
Mit Eingabe vom 21. Januar 2019 liess der Beschwerdeführer die angefor-
derten schriftlichen Zeugenaussagen (inkl. Kopien der Identitätskarten der
beiden Zeugen) sowie die Übersetzungen von zwei Beweismitteln zu den
Akten reichen. Ausserdem wurden ein Dokument des Verteidigungsminis-
teriums vom 17. Januar 2019, eine Sozialhilfebestätigung vom 11. Januar
2019 sowie eine Honorarnote eingereicht.
F.
Mit Verfügung vom 25. Januar 2019 hiess der Instruktionsrichter das Ge-
such um unentgeltliche Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) sowie jenes
um unentgeltliche Verbeiständung (aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG) gut und
ordnete dem Beschwerdeführer antragsgemäss seinen Rechtsvertreter als
amtlichen Rechtsbeistand bei. Im Weiteren wurde das SEM zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung innert Frist eingeladen.
G.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 25. Februar 2019 vollum-
fänglich an seiner Verfügung fest. Der Rechtsvertreter replizierte darauf mit
Eingabe vom 18. März 2019 und ersuchte dabei um Gutheissung der Be-
schwerde. Der Eingabe lag eine aktualisierte Honorarnote bei.
H.
Mit Eingabe vom 24. Mai 2019 liess der Beschwerdeführer weitere Beweis-
mittel nachreichen: mehrere Fotos, ein Artikel von «Mezopotamya Ajansı»
vom 19. Mai 2019 (inkl. Übersetzung) sowie Facebook-Posts.
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Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, die von einer Vorinstanz
im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das Sachgebiet
betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt. Demnach ist das
Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung von Beschwerden
gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls und entscheidet in
diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105
AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist demnach einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres ablehnenden Entscheids
im Wesentlichen aus, der Beschwerdeführer habe zu wesentlichen Punk-
ten seiner Asylbegründung unterschiedliche Aussagen gemacht, weshalb
seine Vorbringen zu bezweifeln seien. So habe er uneinheitliche Gründe
für seinen vorzeitigen Schulabbruch genannt, und auch in Bezug auf seine
Mitgliedschaft und Aktivitäten für den Jugendflügel der HDP habe er unter-
schiedliche Angaben gemacht. Er habe sich in Bezug auf die Frage, wann
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er zuletzt für die HDP aktiv gewesen sei respektive wann er bei der Errich-
tung eines Wahlbüros mitgeholfen habe, mehrfach widersprochen und sei
auf Vorhalt der Widersprüche nicht in der Lage gewesen, diese in überzeu-
gender Weise aufzulösen. Aufgrund der Schilderungen des Beschwerde-
führers sei sodann nicht nachvollziehbar, weshalb man im Zusammenhang
mit dem Beschuss eines Polizeipostens gerade ihn verhaftet habe. Selbst
wenn seine Angaben in Bezug auf seine Tätigkeit für die HDP als glaubhaft
erachtet würden, so wäre nicht davon auszugehen, dass er deswegen in
den Fokus der Behörden geraten wäre, da er angeblich nur ein einfaches
Mitglied des Jugendflügels gewesen sei. Es sei auch nicht glaubhaft, dass
er wegen seines als Märtyrer gefallenen Onkels festgenommen worden
sei, zumal sein Onkel bereits im Geburtsjahr des Beschwerdeführers ver-
storben sei. Auffallend sei im Weiteren, dass sich sowohl sein Vater als
auch die übrigen Familienmitglieder nach wie vor am Herkunftsort des Be-
schwerdeführers aufhalten würden; es sei jedoch nicht plausibel, dass le-
diglich der Beschwerdeführer wegen des Todes des Onkels Nachteile er-
fahren habe. Ferner sei es unlogisch, dass ihn die Polizei nach der zweiten
Verhaftung als unschuldig freigelassen, nach seinem Umzug nach Istanbul
jedoch erneut nach ihm gesucht habe. Der Beschwerdeführer habe denn
auch nicht sagen können, was die Beamten von ihm gewollt hätten. In der
Befragung zur Person (BzP) habe der Beschwerdeführer auch den drohen-
den Militärdienst als Asylgrund angegeben und erklärt, er befürchte, im Mi-
litärdienst wegen seines gefallenen Onkels unter Druck gesetzt zu werden.
Diese Erklärung überzeuge angesichts des weit zurückliegenden Todes-
zeitpunkts des Onkels indessen nicht. Ausserdem habe der Beschwerde-
führer seine Befürchtungen betreffend den Militärdienst während der An-
hörung nicht mehr von sich aus erwähnt. In Bezug auf die vom Beschwer-
deführer eingereichten Beweismittel stellte das SEM fest, die Unterlagen
betreffend seinen Vater sowie das Foto seines Onkels würden keinen Zu-
sammenhang mit seinen Asylvorbringen aufweisen. Das Bestätigungs-
schreiben des HDP-Büros in Istanbul bestätige zwar die Mitgliedschaft des
Beschwerdeführers seit dem Jahr 2016, jedoch sei das Schreiben hand-
schriftlich verfasst und nicht fälschungssicher. Zudem enthalte es keinerlei
Hinweise auf die geltend gemachte Verfolgungs- und Gefährdungssitua-
tion. Die weiteren Fotos seien ebenfalls nicht geeignet, die vorgebrachten
Ausreisegründe zu untermauern. Insbesondere sei der Beschwerdeführer
auf keinem der Fotos abgebildet. Insgesamt sei es ihm nicht gelungen,
seine angebliche Parteimitgliedschaft, das behördliche Interesse an seiner
Person und die Suche nach ihm glaubhaft zu machen. Im Übrigen könnten
die geltend gemachten Festnahmen im Zusammenhang mit dem Beschuss
eines Polizeipostens ohnehin nicht als ernsthafte Nachteile im Sinne des
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Asylgesetzes erachtet werden, da sie nur von kurzer Dauer und ausserdem
rechtsstaatlich legitim gewesen seien. Der Beschwerdeführer habe selbst
eingeräumt, er habe nicht an eine Ausreise gedacht, sei aber von seiner
Familie dazu gedrängt worden. Sodann seien auch die geltend gemachten
Nachteile aufgrund der kurdischen Ethnie als marginal und somit nicht asyl-
relevant zu bezeichnen. Schliesslich sei festzustellen, dass die frühere Ver-
haftung des Vaters in keinem Zusammenhang stehe mit den Verfolgungs-
vorbringen des Beschwerdeführers. Die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers sei daher insgesamt zu verneinen und das Asylgesuch
abzulehnen. Die Vorinstanz führte im Weiteren aus, der Wegweisungsvoll-
zug in die Türkei sei zulässig, zumutbar und möglich. In der Türkei herrsche
keine Situation allgemeiner Gewalt. Hinsichtlich der Frage der Zumutbar-
keit des Vollzugs erwog das SEM, der Beschwerdeführer sei jung, gesund,
gut ausgebildet und habe Arbeitserfahrung in der Landwirtschaft und im
Baugewerbe. Seine Familie verfüge über Wohneigentum und Pistazien-
plantagen. Im Falle seiner Rückkehr ins Heimatland sei von einer raschen
Reintegration auszugehen.
3.2 In der Beschwerde wird zunächst der Sachverhalt wiederholt und dabei
angefügt, der Beschwerdeführer sei zwischenzeitlich zweimal vom erstin-
stanzlichen Strafgerichtshof B._ als Beschuldigter an eine gericht-
liche Anhörung vorgeladen worden. Die erste Anhörung hätte am 6. No-
vember 2018 stattfinden sollen, die zweite sei auf den 26. Februar 2019
angesetzt. Ausserdem sei der Beschwerdeführer vom Verteidigungsminis-
terium aufgefordert worden, Militärdienst zu leisten. Er werde sich vor dem
Militärgericht verantworten müssen, da er den Militärdienst verschoben
und in der Folge nicht geleistet habe. Falls er die letzte Frist von zwei Wo-
chen ungenutzt verstreichen lasse, werde er als «Deserteur» angesehen
und drakonisch bestraft. Vom gegen ihn hängigen Strafverfahren und dem
Schreiben des Verteidigungsministeriums habe der Beschwerdeführer
nach Konsultation der Internetseite www.turkiye.gov.tr erfahren. Weiter
wird vorgebracht, der Beschwerdeführer sei auch in der Schweiz politisch
aktiv. Er sei Mitglied des Vereins «Demokratisches Gesellschaftszentrum
der Kurdinnen und Kurden» (DEM-KURD) in E._. Der Verein setze
sich für die Rechte der Kurdinnen und Kurden ein und nehme an politi-
schen Aktionen teil. Viele HDP-Mitglieder würden sich dort engagieren. Am
3. November 2018 habe der Beschwerdeführer an einer Kundgebung für
die Freiheit von Abdullah Öcalan teilgenommen. Zudem sei er am Jahres-
tag der Partiya Karkerên Kurdistanê (PKK) im Kanton Freiburg dabei ge-
wesen. Bekanntlich seien die Mitglieder der HDP in der Türkei der Straf-
verfolgung ausgesetzt. Die einfache Mitgliedschaft könne ausreichen, um
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in den Fokus der Behörden zu geraten. Insbesondere in der Herkunftsre-
gion des Beschwerdeführers seien HDP-Mitglieder einer massiven Verfol-
gung ausgesetzt (Verweis auf den eingereichten Bericht der SFH vom 25.
Oktober 2018). Gemäss SFH seien Personen, namentlich Kurden, welche
regierungskritische Meinungen äusserten, gefährdet. Exilpolitisch tätige
Personen könnten im Falle ihrer Rückkehr ebenfalls verfolgt werden. In der
Beschwerde wird sodann geltend gemacht, das SEM habe den rechtser-
heblichen Sachverhalt unvollständig respektive unrichtig erstellt, indem es
keine Abklärungen bezüglich einer allfälligen weiteren Festnahme bezie-
hungsweise einer zu befürchtenden zukünftigen Festnahme getroffen
habe. Das SEM habe es zudem unterlassen, Abklärungen zur politischen
Situation sowie zur Gefährdung von HDP-Mitgliedern vorzunehmen. Der
Sachverhalt sei somit mangelhaft erstellt worden und von Amtes wegen zu
berichtigen respektive dahingehend zu ergänzen, dass längere, willkürli-
che Festnahmen des Beschwerdeführers im Falle seiner Rückkehr in die
Türkei nicht ausgeschlossen werden könnten. Weiter wird vorgebracht, die
Aussagen des Beschwerdeführers müssten als glaubhaft erachtet werden.
Der Beschwerdeführer habe die Schule freiwillig verlassen, weil er auf-
grund seiner kurdischen Ethnie massivem Druck ausgesetzt gewesen sei.
In Bezug auf seine politischen Aktivitäten seien die Fragestellungen des
SEM irreführend gewesen. Man müsse unterscheiden zwischen politi-
schen Aktivitäten auf der Strasse und parteiinternen Aktivitäten. Der Be-
schwerdeführer habe letztmals im Jahr 2016 an einer öffentlichen Kundge-
bung teilgenommen. Im Vorfeld der Wahlen im Jahr 2018 habe er jedoch
an parteiinternen Veranstaltungen teilgenommen. Seine Aussagen seien
somit kohärent. Auch die weiteren Erwägungen des SEM seien unhaltbar.
Es verkenne, dass auch eine einfache Mitgliedschaft bei der HDP ausrei-
che, um in den Fokus der Behörden zu geraten. Das staatliche Vorgehen
gegen HDP-Mitglieder sei willkürlich, dies zeige gerade die zweimalige Ver-
haftung des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit dem Beschuss ei-
nes Gendarmeriepostens. Zudem laufe gegen den Beschwerdeführer eine
strafrechtliche Untersuchung, dies ergebe sich aus der gerichtlichen Vorla-
dung des Strafgerichtshofs B._. Es sei daher glaubhaft, dass ihm
im Falle einer Rückkehr eine willkürliche, strafrechtliche Verfolgung drohe.
Es liege in der Natur der Sache, dass der Beschwerdeführer nicht genau
sagen könne, was ihm vorgeworfen werde. Es sei zu beachten, dass das
HDP-Büro in Istanbul bestätigt habe, dass der Beschwerdeführer ein Mit-
glied der HDP sei. Es sei unverständlich, weshalb die Vorinstanz dies an-
zweifle, zumal der Beschwerdeführer detailliert über die HDP und die Wah-
len habe Auskunft geben können. Das SEM habe ferner selber erklärt, die
Aussagen des Beschwerdeführers bezüglich einer allfälligen Verhaftung
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aufgrund seiner Mitgliedschaft bei der HDP seien «kohärent» ausgefallen.
Auch seine Aussagen betreffend den zu leistenden Militärdienst seien
glaubhaft. Bei Nichtleistung des Militärdienstes müsse er erhebliche straf-
rechtliche Sanktionen gewärtigen. Es treffe sodann nicht zu, dass der Be-
schwerdeführer keinen aufgrund seiner kurdischen Ethnie erlittenen Nach-
teil genannt habe. Er habe vielmehr von Beginn weg erklärt, er sei kurdi-
scher Ethnie, HDP-Mitglied und sei willkürlich verhaftet worden. Insgesamt
habe der Beschwerdeführer glaubhaft eine begründete Furcht vor asylre-
levanter Verfolgung dargetan. Daher sei die Flüchtlingseigenschaft zu be-
jahen und Asyl zu gewähren. In Bezug auf den Wegweisungsvollzugspunkt
sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr mit
einer längeren Inhaftierung rechnen müsse. Der Wegweisungsvollzug sei
damit unzulässig. Es könne ihm sodann nicht zugemutet werden, seine
Mitgliedschaft in der HDP aufzugeben, weshalb die Rückkehr auch unzu-
mutbar sei. Dem Beschwerdeführer sei daher zumindest die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
3.3 In seiner Vernehmlassung führt das SEM aus, es habe in der angefoch-
tenen Verfügung ausführlich begründet, weshalb die Asylvorbringen – un-
ter anderem auch die geltend gemachten politischen Aktivitäten und das
behördliche Interesse an der Person des Beschwerdeführers – als un-
glaubhaft zu erachten seien. Es sei sodann nicht Aufgabe des SEM, Mut-
massungen über mögliche zukünftige Festnahmen anzustellen, zumal den
Aussagen des Beschwerdeführers keine Hinweise auf weitere Inhaftierun-
gen hätten entnommen werden können. Er habe vielmehr ausdrücklich
dargelegt, er sei nach der Befragung zum Beschuss des Polizeipostens
wieder freigelassen worden und es liege gegen ihn kein Haftbefehl vor.
Aufgrund der Schilderungen des Beschwerdeführers könne auch nicht auf
ein hartes Vorgehen der Behörden gegen ihn geschlossen werden. Der
Sachverhalt sei demnach keineswegs ungenügend erstellt. Im Weiteren sei
in der angefochtenen Verfügung lediglich festgehalten worden, dass eine
kurzzeitige Festnahme und Befragung im Nachgang des Beschusses des
Polizeipostens nicht gänzlich ausgeschlossen werden könne, eine solche
jedoch keinen asylbeachtlichen Nachteil darstellen würde. Entgegen dem
Vorbringen in der Beschwerde habe das SEM damit nicht anerkannt, dass
die Aussagen des Beschwerdeführers bezüglich einer allfälligen Verhaf-
tung wegen HDP-Mitgliedschaft kohärent seien. Weitere Abklärungen zu
einer möglichen Gefährdung von HDP-Mitgliedern würden sich erübrigen,
da die vom Beschwerdeführer übernommenen Aufgaben – sofern sie über-
haupt glaubhaft seien – auf ein lediglich niederschwelliges politisches Profil
hinweisen würden. Die Mitgliedsbestätigung von DEM-KURD sowie die
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Seite 10
Flyer hätten nur geringe Aussagekraft und würden daher nicht zu einem
anderen Schluss führen. In Bezug auf die Akten des Justizministeriums sei
festzustellen, dass damit bestenfalls belegt sei, dass gegen den Beschwer-
deführer ermittelt werde, nicht jedoch, dass eine asylrelevante Bedrohung
vorliege. Es sei auch fraglich, weshalb der Beschwerdeführer erst im Be-
schwerdeverfahren auf diese Akten gestossen sei, obwohl die Verfah-
renseröffnung vom 17. September 2018 datiere.
3.4 In der Replik wird erwidert, der Beschwerdeführer habe entgegen der
Auffassung des SEM sorgfältig und glaubhaft ausgeführt, weshalb er eine
Verfolgung durch die türkischen Behörden befürchte. Das SEM habe sich
nicht mit der aktuellen Situation nach der Niederschlagung des Putsches
gegen Präsident Erdogan auseinandergesetzt. Die Vorinstanz blende aus,
dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner Vorbringen damit rechnen
müsse, bei seiner Rückkehr in die Türkei willkürlich verhaftet zu werden.
Nach dem gescheiterten Putschversuch gehe die Türkei mit aller Härte ge-
gen HDP-Mitglieder vor. Als HDP-Mitglied drohe dem Beschwerdeführer
daher eine längerfristige Inhaftierung, insbesondere, weil sein Onkel als
kurdischer Märtyrer gefallen sei. Weiter wird vorgebracht, es hätten sich
insbesondere wegen des laufenden Strafverfahrens gegen den Beschwer-
deführer weitere Abklärungen aufgedrängt. Der Sachverhalt sei ungenü-
gend erstellt. Der Beschwerdeführer habe erst im Hinblick auf die Be-
schwerde von dem gegen ihn geführten Strafverfahren erfahren. Die Mit-
gliedschaft des Beschwerdeführers bei DEM-KURD sowie seine Teilnahme
an der Kundgebung vom 3. November 2018 würden seine Mitgliedschaft
bei der HDP belegen. Die drohende, willkürliche strafrechtliche Verurtei-
lung und Verhaftung wegen Mitgliedschaft in der HDP stelle eine asylrele-
vante Verfolgung dar. Zumindest sei die Rückführung in die Türkei als un-
zulässig oder unzumutbar zu erachten.
3.5 In der ergänzenden Eingabe vom 24. Mai 2019 wird vorgebracht, der
Beschwerdeführer habe inzwischen weitere Hinweise zur Lage in der Re-
gion B._ erhalten: Das türkische Militär habe in einem Nachbardorf
bewohnte Häuser angegriffen und dabei das Leben von Zivilpersonen ge-
fährdet. Anschliessend seien alle Einwohner verhaftet worden. Die Aktion
habe auf dem – nichtzutreffenden – Verdacht gegründet, dass sich Mitglie-
der der Terrorgruppe Hêzên Parastina Gel (HPG) dort aufhalten würden.
Dasselbe habe sich in der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 2019 im Heimat-
dorf des Beschwerdeführers ereignet. Zwar sei nicht ziellos herumge-
schossen worden, aber die Häuser seien durchsucht worden. Dabei sei der
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Vater des Beschwerdeführers festgenommen worden; er befinde sich wei-
terhin in Untersuchungshaft. Andere Personen seien misshandelt worden
(Verweis auf die Beweismittelbeilagen 15-17). Diese Vorkommnisse wür-
den weitere Abklärungen erheischen, zumal sie die Vorbringen des Be-
schwerdeführers bestätigen würden. Es sei damit belegt, dass das türki-
sche Militär willkürlich gegen vermeintliche HDP-Mitglieder vorgehe und
diese misshandle.
4.
Vorab ist an dieser Stelle auf die in der Beschwerde erhobene formelle
Rüge einzugehen, wonach die Vorinstanz den rechtserheblichen Sachver-
halt nicht richtig und vollständig festgestellt und namentlich notwendige Ab-
klärungen unterlassen habe.
4.1 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sach-
verhalt vom Amtes wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buch-
staben a-e aufgelisteten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet
seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG;
Art. 13 VwVG). Dazu gehört, an der Feststellung des Sachverhalts mitzu-
wirken, allfällige Beweismittel vollständig zu bezeichnen und unverzüglich
einzureichen (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4). Unrichtig ist die Sachverhalts-
feststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachver-
halt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; un-
vollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt worden sind (vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE
HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes; 3. Aufl., 2013, N. 629 ff.; BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE
2008/47 E. 3.2; BGE 136 I 184 E. 2.2.1 und 134 I 83 E. 4.1).
4.2 Seitens des Beschwerdeführers wird vorgebracht, das SEM habe keine
Abklärungen im Hinblick auf allfällige zukünftige Inhaftierungen des Be-
schwerdeführers sowie zur politischen Situation und der Gefährdung von
HDP-Mitgliedern im Nachgang des Putschversuchs vom Juli 2016 getrof-
fen und damit den Sachverhalt unvollständig respektive unrichtig festge-
stellt. Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Zwar trifft es zu, dass
die türkischen Behörden seit dem gescheiterten Putschversuch rigoros ge-
gen tatsächliche und vermeintliche Regimekritiker und Oppositionelle vor-
vorgehen. Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner Praxis denn auch
davon aus, dass im Einzelfall Personen, denen in der Türkei Unterstützung
von als terroristisch eingestufter Organisationen vorgeworfen wird, begrün-
dete Furcht vor Verfolgung haben (vgl. dazu beispielsweise die Urteile des
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Seite 12
BVGer D-1764/2019 vom 9. Oktober 2019 E. 6.4, D-1373/2019 vom 5. Juli
2019 E. 5.4 und D-3375/2018 vom 31. Juli 2019 E. 4.3.6 m.w.H.). Im vor-
liegenden Fall hat das SEM jedoch sowohl die Mitgliedschaft des Be-
schwerdeführers bei der HDP (bei welcher es sich im Übrigen um eine le-
gale Partei handelt) als auch die von ihm geltend gemachte Verfolgung mit
einlässlicher Begründung als unglaubhaft erachtet. Demnach bestand für
die Vorinstanz keine Veranlassung, weitergehende Abklärungen hinsicht-
lich einer allfälligen zukünftigen Gefährdung des Beschwerdeführers im
Zusammenhang mit seiner angeblichen HDP-Mitgliedschaft vorzunehmen.
Diese Rüge ist demnach unbegründet. Wie im Übrigen auch die nachfol-
genden Erwägungen zeigen, ist der rechtserhebliche Sachverhalt als
spruchreif zu erachten.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl.
Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe können zwar die Flüchtlings-
eigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG begründen, führen jedoch nach
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
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Seite 13
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. dazu
BVGE 2009/28 E. 7.1 S. 352, m.w.H., und 2009/29 E. 5.1).
5.4 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und die weder
Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat
bestehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind. Vorbehalten bleibt die
Flüchtlingskonvention vom 28. Juli 1951 (vgl. Art. 3 Abs. 4 AsylG).
6.
Nachfolgend ist zunächst zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aufgrund
der geltend gemachten Vorfluchtgründe die Flüchtlingseigenschaft erfüllt
(vgl. Art. 3 und 7 AsylG).
6.1 Der Beschwerdeführer bringt in allgemeiner Weise vor, er sei in der
Türkei aufgrund seiner kurdischen Ethnie sowie wegen seines als Märtyrer
gefallenen Onkels unter Druck gestanden. Dieser Onkel ist indessen den
Angaben des Beschwerdeführers zufolge bereits im Jahr 1997 – dem Ge-
burtsjahr des Beschwerdeführers – verstorben, und der Beschwerdeführer
konnte auf Nachfrage keine konkreten Nachteile im Zusammenhang mit
dem Tod des Onkels benennen, ausser, dass er deswegen «nie einen rich-
tigen türkischen Freund» gehabt habe (vgl. A11 F43). Aus den Aussagen
des Beschwerdeführers geht sodann auch nicht hervor, dass er in der Tür-
kei allein aufgrund seiner kurdischen Ethnie einer relevanten Verfolgung
ausgesetzt war. Dieses Vorbringen ist daher nicht asylrelevant.
6.2 Im Weiteren macht der Beschwerdeführer zwei kurzzeitige Mitnahmen
in den Jahren 2015 und 2016 geltend. Diese sind indessen bereits auf-
grund mangelnder Intensität sowie infolge fehlenden zeitlichen und sachli-
chen Zusammenhangs zur Ausreise im August 2018 als nicht asylrelevant
zu erachten.
6.3 Sodann bringt der Beschwerdeführer vor, er sei nach dem Beschuss
eines Gendarmeriepostens in D._ am 15. Mai 2018 für drei Tage
sowie einige Tage später nochmals für einige Stunden festgehalten und
befragt worden. Ungeachtet der Frage der Glaubhaftigkeit dieses Vorbrin-
gens ist diesbezüglich festzustellen, dass es sich bei den geltend gemach-
ten behördlichen Massnahmen nicht um eine Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG handelt. Die vom Beschwerdeführer geschilderten beiden
kurzzeitigen Festnahmen können nicht als ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 AsylG qualifiziert werden. Ausserdem handelt es sich bei
D-7309/2018
Seite 14
den Ermittlungen der türkischen Strafverfolgungsbehörden im Zusammen-
hang mit dem Beschuss eines Gendarmeriepostens um rechtsstaatlich le-
gitime Massnahmen, und die vom Beschwerdeführer dabei angeblich erlit-
tenen Nachteile (dreitägige beziehungsweise mehrstündige Inhaftierung,
Befragung) können angesichts des in Frage stehenden Delikts auch nicht
als unverhältnismässig bezeichnet werden. Auch diese Verfolgung ist da-
her als nicht asylrelevant zu bezeichnen.
6.4 Aufgrund der Vorbringen des Beschwerdeführers ist nicht davon aus-
zugehen, dass er im Zeitpunkt seiner Ausreise aus der Türkei im Zusam-
menhang mit seiner angeblichen HDP-Mitgliedschaft oder dem Beschuss
des Gendarmeriepostens einer asylbeachtlichen Verfolgung oder entspre-
chenden Verfolgungsgefahr ausgesetzt war. Selbst bei unterstellter Glaub-
haftigkeit der geltend gemachten HDP-Mitgliedschaft ist festzustellen, dass
der Beschwerdeführer nicht über ein herausragendes politisches Profil ver-
fügt. Er war für die Partei eigenen Angaben zufolge nur auf lokaler Ebene
und im kleinen Rahmen tätig (vgl. A11 51 und 56), und eine besondere
Exponiertheit seinerseits ist aufgrund der von ihm – im Übrigen in relativ
unsubstanziierter Weise – geschilderten Aktivitäten nicht ersichtlich. Aus-
serdem ist davon auszugehen, dass sich das niederschwellige lokalpoliti-
sche Engagement des Beschwerdeführers überwiegend auf die Jahre
2015 und 2016 beschränkt hat; denn in der BzP erwähnte er lediglich Tä-
tigkeiten in diesen beiden Jahren (vgl. A8 S. 10), und in der Anhörung
machte er zwar zunächst geltend, er sei vor den Wahlen am 24. Juni 2018
lokalpolitisch aktiv gewesen, erklärte aber kurz darauf, dies sei nicht im
Jahr 2018, sondern im Jahr 2015 gewesen (vgl. A11 F58 und F71 f.). Es
erscheint aus diesen Gründen unwahrscheinlich, dass der Beschwerdefüh-
rer vor der Ausreise aufgrund seines lokalpolitischen Engagements für die
HDP einem gesteigerten Verfolgungsinteresse seitens der türkischen Si-
cherheitskräfte ausgesetzt war. An dieser Einschätzung vermag auch die
auf Beschwerdeebene eingereichte SFH-Auskunft vom 25. Oktober 2018
(«Türkei: Übergriffe gegen weibliche HDP-Mitglieder») nichts zu ändern.
Auf die Frage, welche konkreten Probleme er aufgrund seiner Parteimit-
gliedschaft gehabt habe, konnte der Beschwerdeführer denn auch keine
spezifische Antwort geben (vgl. A11 F86). Weiter ist zu berücksichtigen,
dass der Beschwerdeführer nach seinen angeblichen kurzzeitigen Fest-
nahmen im Mai 2018 im Zusammenhang mit dem Beschuss eines Gen-
darmeriepostens eigenen Angaben zufolge ohne Auflagen oder Anklage
als unschuldig freigelassen wurde. Bei dieser Sachlage erscheint es un-
plausibel, dass er angeblich später, als er sich bereits in Istanbul befand,
D-7309/2018
Seite 15
erneut zuhause gesucht worden sei. Bezeichnenderweise konnte der Be-
schwerdeführer auch nicht sagen, aus welchem Grund nach ihm gesucht
worden sei (vgl. A11 F28, F127). Während seines Aufenthalts in Istanbul
(den Akten zufolge ab Ende Mai 2018 bis zur Ausreise im August 2018) ist
dem Beschwerdeführer offenbar nichts geschehen (vgl. A8 S. 12). Seinen
Angaben zufolge liegt gegen ihn auch kein Haftbefehl vor (vgl. A11 F130).
Die im Mai 2018 angeblich zusammen mit ihm festgenommenen drei Per-
sonen aus dem Dorf/Quartier, ebenfalls HDP-Anhänger, seien ebenfalls
wieder auf freiem Fuss und zuhause (vgl. A11 F114). Ferner erklärte der
Beschwerdeführer, er habe selber gar nicht an eine Ausreise gedacht, son-
dern habe sich erst auf Drängen seiner Angehörigen dazu entschlossen
(vgl. A8 S. 7; A11 F93 f.). Diese Umstände sprechen allesamt gegen eine
im Ausreisezeitpunkt bestehende konkrete Verfolgung respektive Verfol-
gungsfurcht, und es ist auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwer-
deführer im Falle einer Rückkehr in die Türkei aus den eingangs genannten
Gründen mit einer asylbeachtlichen Verfolgung zu rechnen hätte.
6.5 Der Beschwerdeführer machte ausserdem geltend, er habe im Jahr
2017 ein Aufgebot für den Militärdienst erhalten, habe sich aber nicht zum
Dienst gemeldet (beziehungsweise diesen verschoben), weil er befürchte,
im Militärdienst Repressionen aufgrund seiner kurdischen Ethnie ausge-
setzt zu werden. Wenn er den Dienst nicht antrete, müsse er mit einer Be-
strafung wegen Wehrdienstverweigerung rechnen. Aufgrund der auf tur-
kiye.gov.tr einsehbaren Dokumente ist es als glaubhaft zu erachten, dass
der Beschwerdeführer grundsätzlich verpflichtet ist, Militärdienst zu leisten,
auch wenn im aktuellen Zeitpunkt offen ist, ob der Beschwerdeführer über-
haupt diensttauglich ist und ob er nicht allenfalls die Möglichkeit hätte, sich
vom Wehrdienst befreien zu lassen. Eine allfällige Bestrafung wegen Re-
fraktion stellt indessen gemäss konstanter Rechtsprechung grundsätzlich
keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG dar. Es gehört zu den legitimen
Rechten eines Staates, seine Bürger zum Militärdienst einzuberufen und
zur Durchsetzung der Wehrpflicht strafrechtliche oder disziplinarische
Sanktionen zu verhängen. Als flüchtlingsrechtlich relevant gilt eine Bestra-
fung nur dann, wenn der Wehrpflichtige aus einem Grund nach Art. 3 AsylG
(Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe oder politische Anschauungen) mit einer höheren Strafe zu rech-
nen hat (Politmalus), welche als ernsthafter Nachteil gemäss Art. 3 Abs. 2
AsylG anzusehen ist (vgl. dazu beispielsweise BVGE 2015/3 E. 5.9; Urteil
des BVGer D-4137/2018 vom 18. Februar 2019 E. 5.1). Im vorliegenden
Fall bestehen insbesondere auch mit Blick auf die vorstehenden Erwägun-
D-7309/2018
Seite 16
gen keine konkreten Hinweise dafür, dass der Beschwerdeführer aus sach-
fremden, namentlich politischen Gründen mit einer unverhältnismässig ho-
hen Bestrafung rechnen müsste. Im Weiteren gelingt es dem Beschwerde-
führer auch nicht glaubhaft zu machen, dass er im Militärdienst aufgrund
seiner kurdischen Ethnie einer asylbeachtlichen Behandlung ausgesetzt
wäre; es handelt sich dabei um eine rein spekulative und gänzlich unsub-
stantiierte Befürchtung. Die Vorbringen des Beschwerdeführers im Zusam-
menhang mit seiner grundsätzlich bestehenden Militärdienstpflicht in der
Türkei sind aus diesen Gründen als nicht asylrelevant zu erachten.
6.6 Schliesslich erwähnt der Beschwerdeführer am Ende der Anhörung, er
habe in den sozialen Medien (Facebook, Instagram) Beiträge zu einem in
der Türkei verhafteten amerikanischen Priester (Andrew Brunson) sowie
zu Journalisten, welche über diesen Fall berichtet hätten und deswegen
ebenfalls verhaftet worden seien, gepostet (vgl. A11 F148 f.) und müsse
aus diesem Grund eine Verfolgung durch die Behörden im Falle seiner
Rückkehr in die Türkei befürchten. Weitergehende Angaben zu seinen Ak-
tivitäten in den sozialen Medien machte er nicht; insbesondere finden sich
auch in der Beschwerde keine diesbezüglichen weiteren Vorbringen oder
Beweismittel. Der vom Beschwerdeführer genannte Vorfall betreffend
Andrew Brunson ereignete sich im Jahr 2016, weshalb davon auszugehen
ist, dass auch die Posts des Beschwerdeführers zu diesem Thema aus
dieser Zeit stammen. In der Vergangenheit war der Beschwerdeführer je-
doch offensichtlich keiner Verfolgung im Zusammenhang mit seinen Aktivi-
täten in den sozialen Medien ausgesetzt. Er machte insbesondere nicht
geltend, er sei im Rahmen seiner angeblichen Festnahmen in den Jahren
2015 bis 2018 je von den Sicherheitskräften darauf angesprochen worden.
Es ist daher nicht damit zu rechnen, dass der Beschwerdeführer in diesem
Zusammenhang eine zukünftige, asylbeachtliche Verfolgung zu gewärti-
gen hätte.
6.7 In Bezug auf die in der Beschwerde angesprochene Verschlechterung
der Sicherheits- und Menschenrechtslage in der Türkei seit dem geschei-
terten Putschversuch im Juli 2016 ist Folgendes anzufügen: Zwar trifft es
zu, dass sich der Kurdenkonflikt in den letzten Jahren wieder zugespitzt
hat, jedoch richten sich die behördlichen Massnahmen primär gegen Per-
sonen, welche in prokurdischen Parteien eine höhere Funktion oder ein
politisches Amt innehaben (vgl. dazu beispielsweise die Urteile des BVGer
D-1041/2015 vom 25. Januar 2017 [recte: 25. Januar 2018] E. 5.5.3 und
E-5347/2014 vom 16. November 2016 E. 5.6.2). Der Beschwerdeführer
verfügt indes wie erwähnt nicht über ein entsprechendes politisches Profil.
D-7309/2018
Seite 17
6.8 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass das SEM bezüglich der gel-
tend gemachten Vorverfolgung zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt hat. Die ein-
gereichten Beweismittel (namentlich das Bestätigungsschreiben der HDP,
die Unterlagen betreffend den Vater sowie die Fotos) vermögen an dieser
Einschätzung nichts zu ändern, zumal diese Unterlagen offensichtlich
keine konkreten Hinweise auf eine bestehende Verfolgung respektive Ver-
folgungsgefahr enthalten.
7.
Der Beschwerdeführer macht ferner Nachfluchtgründe geltend, welche im
Folgenden zu prüfen sind.
7.1 Auf Beschwerdeebene wird vorgebracht, der Beschwerdeführer habe
nach Konsultation der Internetseite www.turkiye.gov.tr erfahren, dass seit
dem Jahr 2018 ein Strafverfahren gegen ihn hängig sei. Er müsse deswe-
gen bei einer Rückkehr in die Türkei mit einer willkürlichen Verfolgung rech-
nen. Dazu ist Folgendes festzustellen: Aufgrund des Eintrags auf der er-
wähnten Internetseite ist nicht auszuschliessen, dass beim Strafamtsge-
richt B._ seit dem 17. September 2018 ein Strafverfahren betref-
fend den Beschwerdeführer hängig ist. Allerdings ist aufgrund der vorste-
henden Erwägungen nicht davon auszugehen, dass es sich dabei um eine
flüchtlingsrechtlich relevante Strafverfolgung handelt. Es obliegt sodann
grundsätzlich dem Beschwerdeführer, die von ihm behauptete flüchtlings-
rechtlich relevante Verfolgung respektive Verfolgungsgefahr glaubhaft zu
machen (vgl. Art. 8 AsylG), und es wäre ihm vorliegend – allenfalls mithilfe
eines türkischen Rechtsvertreters – durchaus zuzumuten gewesen, wei-
tere Informationen und Dokumente zu diesem Strafverfahren erhältlich zu
machen und zu den Akten zu reichen. Die Tatsache, dass er sich offen-
sichtlich in keiner Art und Weise bemüht hat, dem Gericht entsprechende
Fakten und Unterlagen zu unterbreiten, stützt die Vermutung, dass es sich
beim fraglichen Strafverfahren nicht um eine flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgungsmassnahme handelt. Allenfalls könnte es sich um ein Strafver-
fahren im Zusammenhang mit dem ausstehenden Militärdienst handeln;
ein solches würde indessen, wie erwähnt (vgl. vorstehend E. 6.5), keine
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung darstellen.
D-7309/2018
Seite 18
7.2 In der Eingabe vom 24. Mai 2019 wird ferner geltend gemacht, in der
Nacht vom 17. auf den 18. Mai 2019 hätten die Sicherheitsbehörden Raz-
zien im Heimatdorf/Quartier des Beschwerdeführers durchgeführt. Dabei
sei der Vater des Beschwerdeführers festgenommen worden; er befinde
sich weiterhin in Untersuchungshaft. Andere Personen seien misshandelt
worden (Verweis auf die Beweismittelbeilagen 15-17). Diesbezüglich ist zu-
nächst festzustellen, dass dieses Vorbringen keinen direkten Zusammen-
hang zu den Asylvorbringen des Beschwerdeführers aufweist und sich da-
raus nicht ableiten lässt, dass der Beschwerdeführer persönlich deswegen
im Falle seiner Rückkehr in die Türkei einer flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgung ausgesetzt wäre. Insbesondere kann auch den diesbezüglich
eingereichten Beweismitteln (Fotos von Häusern mit Einschusslöchern so-
wie von unbekannten Personen mit Verletzungen, Facebook-Posts einer
Drittperson sowie ein Zeitungsartikel von «Mezopotamya Ajansı») keine
Hinweise auf eine mit diesem Vorfall zusammenhängende Verfolgungsge-
fahr des Beschwerdeführers entnommen werden. Die geltend gemachte
Verhaftung des Vaters des Beschwerdeführers ist sodann zu bezweifeln,
zumal der Beschwerdeführer dieses Vorbringen nicht durch geeignete Do-
kumente belegt. Im erwähnten Zeitungsartikel wird zwar die Verhaftung ei-
nes «F._» am fraglichen Datum erwähnt, allerdings ist damit nicht
glaubhaft gemacht, dass es sich dabei tatsächlich um den Vater des Be-
schwedeführers handelt, zumal Abdullah ein sehr geläufiger Vorname ist
und der Nachname des Beschwerdeführers gemäss seiner Identitätskarte
nicht «G._», sondern «H._» lautet.
7.3 Im Sinne von subjektiven Nachfluchtgründen (vgl. dazu E. 5.3) wird
schliesslich geltend gemacht, der Beschwerdeführer sei in der Schweiz
exilpolitisch tätig. Er sei Mitglied von DEM-KURD und habe an zwei Veran-
staltungen teilgenommen (Kundgebung am 3. November 2018 in Zürich,
Jahrestag der PKK in Granges-Paccot am 2. Dezember 2018; vgl. die zwei
als Beweismittel eingereichten Flyer). Er müsse deswegen bei einer Rück-
kehr in die Türkei mit flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung rechnen.
7.3.1 Zwar muss davon ausgegangen werden, dass die Aktivitäten kurdi-
scher Exilorganisationen und Einzelpersonen eines gewissen Formats sei-
tens der Türkei beobachtet werden. Dieser Umstand reicht aber für sich
allein genommen nicht aus, um eine tatsächliche Gefährdung im Falle der
Rückkehr in die Türkei als hinreichend wahrscheinlich erscheinen zu las-
sen. Vielmehr müssten konkrete Anhaltspunkte – nicht nur die abstrakte
oder rein theoretische Möglichkeit – dafür vorliegen, dass der Beschwer-
D-7309/2018
Seite 19
deführer tatsächlich das Interesse der heimatlichen Behörden auf sich ge-
zogen hat. Massgebend ist dabei nicht primär das Hervortreten im Sinne
einer optischen Erkennbarkeit und Individualisierbarkeit, sondern eine öf-
fentliche Exponierung, die aufgrund der Persönlichkeit der asylsuchenden
Person, der Form des Auftritts und des Inhalts der in der Öffentlichkeit ab-
gegebenen Erklärungen den Eindruck erweckt, dass die fragliche Person
zu einer Gefahr für den Bestand des türkischen Regimes wird (vgl. bei-
spielsweise das Urteil des BVGer D-5125/2015 vom 30. Mai 2018 E. 9.3
m.w.H.).
7.3.2 Den Akten zufolge ist der Beschwerdeführer ein einfaches Mitglied
des kurdischen Kulturvereins DEM-KURD und hat ausserdem im Jahr
2018 an zwei prokurdischen Kundgebungen teilgenommen. Es ist nicht er-
sichtlich, dass er im Verein oder anlässlich der Kundgebungen eine her-
ausragende Funktion bekleidet (hat); dies wurde von ihm auch nicht be-
hauptet. Damit ist festzustellen, dass das exilpolitische Engagement des
Beschwerdeführers nicht über das hinausgeht, was hinsichtlich der Ge-
meinschaft der im Exil lebenden Kurden türkischer Staatsangehörigkeit als
massentypisch zu bezeichnen ist. Der Beschwerdeführer erfüllt somit of-
fensichtlich nicht das Profil eines ausserordentlich engagierten und expo-
nierten Regimegegners, weshalb nicht davon auszugehen ist, dass ihn die
türkischen Behörden als konkrete Bedrohung für den Bestand des türki-
schen Regimes wahrnehmen und an einer Verfolgung seiner Person ernst-
haft interessiert sind. Die eingereichte Schnellrecherche der SFH vom 7.
Juli 2017 («Gefährdung bei Rückkehr von kurdischstämmigen Personen
mit oppositionspolitischem Engagement und möglichen Verbindungen zur
PKK») ändert nichts an diesem Ergebnis, zumal der Beschwerdeführer den
Akten zufolge weder über PKK-Verbindungen noch Kontakte zur Gülen-
Bewegung verfügt oder dessen je verdächtigt wurde.
7.4 Nach dem Gesagten ist auch das Vorliegen von flüchtlingsrechtlich re-
levanten Nachfluchtgründen zu verneinen.
7.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Asyl-
gründe nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung beziehungsweise eine entsprechende Verfolgungsfurcht
zu begründen. Unter Berücksichtigung der gesamten Umstände folgt, dass
der Beschwerdeführer keine Gründe nach Art. 3 AsylG nachweisen oder
glaubhaft machen konnte. Die Vorinstanz hat daher zu Recht die Flücht-
lingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
D-7309/2018
Seite 20
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Auf-
enthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen.
Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 Abs. 1
AsylG; BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
In Bezug auf die Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (BVGE 2011/24 E. 110.2 m.w.H.).
9.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden. Das flüchtlingsrechtliche Refoulement-Ver-
bot schützt nur Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da
es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich er-
hebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
D-7309/2018
Seite 21
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr in den Heimatstaat
ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.1.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer],
Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06,
§§ 124 – 127, m.w.H.). Dies ist ihm vorliegend – wie vorstehend ausgeführt
– nicht gelungen. Die allgemeine Menschenrechtssituation in der Türkei
lässt den Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers im heutigen Zeit-
punkt ebenfalls nicht als unzulässig erscheinen.
9.1.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.2.1 Gemäss konstanter Praxis und selbst unter Berücksichtigung der
Entwicklungen im Nachgang des Putschversuchs vom Juli 2016 ist nicht
davon auszugehen, dass in der Türkei eine landesweite Situation allgemei-
ner Gewalt herrscht. Auch in den vorwiegend von Kurden besiedelten Pro-
vinzen im Osten und Südosten des Landes ist nicht von einer flächende-
ckenden Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhält-
nissen auszugehen (vgl. Urteile des BVGer E-3042/2017 vom 28. Juli 2017
E. 6.2.2 sowie das Referenzurteil E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3).
Ausgenommen sind die Provinzen Hakkari und Sirnak; den Wegweisungs-
vollzug dorthin erachtet das Bundesverwaltungsgericht aufgrund einer an-
haltenden Situation allgemeiner Gewalt als unzumutbar (vgl. BVGE 2013/2
E.9.6). Demnach ist der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers
D-7309/2018
Seite 22
an seinen Herkunftsort (B._, Provinz Urfa) als generell zumutbar zu
erachten.
9.2.2 Aufgrund der Aktenlage bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr an seinen Herkunftsort aus
individuellen Gründen in eine existenzbedrohende Situation geraten
würde. Entgegen den diesbezüglichen Ausführungen in der Beschwerde
(vgl. S. 18 der Beschwerde, Ziff. V.3.7) spricht die angebliche HDP-Mit-
gliedschaft des Beschwerdeführers nicht gegen die Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs, da aufgrund der vorstehenden Erwägungen nicht davon
auszugehen ist, dass er allein deswegen einer konkreten Gefahr ausge-
setzt wäre. Ferner handelt es sich bei ihm um einen ca. (...)-jährigen Mann
ohne aktenkundige gesundheitliche Probleme. Er verfügt über eine gute
Schulbildung und hat vor der Ausreise im Landwirtschaftsbetrieb seiner Fa-
milie (Pistazienanbau) sowie auf einer Baustelle gearbeitet. Seine Eltern
und Geschwister, die Grossmutter sowie weitere Verwandte befinden sich
nach wie vor am Herkunftsort (vgl. A8 S. 5). Die Eltern wohnen im eigenen
Haus, und es gehe ihnen gut (vgl. A11 F20 ff.). Es ist somit davon auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer im Heimatland über ein tragfähiges fa-
miliäres Beziehungsnetz verfügt, welches ihn bei einer Reintegration un-
terstützen kann.
9.2.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung als
zumutbar.
9.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen, sollten die eingereichten Dokumente (Nüfus,
Fahrausweis) nicht ausreichend sein (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Weg-
weisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt damit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1 – 4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
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Seite 23
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch
das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh-
rung mit Verfügung vom 25. Januar 2019 gutgeheissen worden und nicht
von einer veränderten finanziellen Lage des Beschwerdeführers auszuge-
hen ist, werden keine Verfahrenskosten erhoben.
11.2 Mit Verfügung vom 25. Januar 2019 wurde ferner auch das Gesuch
um amtliche Verbeiständung gutgeheissen. Die Festsetzung des amtlichen
Honorars erfolgt in Anwendung der Art. 8-11 sowie Art. 12 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). In der am 24. Mai 2019 ein-
gereichten Kostennote wird seitens der Rechtsvertretung ein Aufwand von
total 13.9 Stunden sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 111.90 geltend ge-
macht, was angemessen erscheint. Hinsichtlich des Stundenansatzes
(welcher in der Kostennote mit Fr. 220.– beziffert wird) wurde bereits in der
Verfügung vom 25. Januar 2019 darauf hingewiesen, dass bei amtlicher
Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis
Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-
anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter auszugehen ist. Der Rechtsvertre-
ter verfügt erst seit dem 21. Februar 2019 über ein Anwaltspatent. Dem-
nach ist der in der Kostennote ausgewiesene Stundenansatz für die Auf-
wendungen vor dem 21. Februar 2019 auf Fr. 150.– zu kürzen. Das amtli-
che Honorar für den als amtlichen Rechtsbeistand eingesetzten Rechts-
vertreter beträgt somit insgesamt Fr. 2’728.– (inkl. Mehrwertsteuerzu-
schlag) und geht zulasten der Gerichtskasse des Bundesverwaltungsge-
richts.
(Dispositiv nächste Seite)
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