Decision ID: bae7ce67-3649-4993-85ea-518b895cc1e8
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Eigenen Angaben zufolge verliess A._ (nachfolgend: die Be-
schwerdeführerin), eine türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie, im
März 2008 ihr Heimatland und reiste am 1. August 2008 in die Schweiz ein.
A.b Mit Eingabe vom 23. August 2021 stellte die Beschwerdeführerin –
handelnd durch ihre Rechtsvertretung – ein Asylgesuch in der Schweiz.
Dem Gesuch wurde eine Kopie aus dem türkischen Personenstandregister
beigelegt und eine Kopie der Identitätskarte (Nüfüs) der Beschwerdeführe-
rin in Aussicht gestellt.
A.c Mit Eingabe vom 31. August 2021 reichte die Beschwerdeführerin ei-
nen ärztlichen Bericht von Medic-Help ein.
A.d Am 2. September 2021 wurde die Beschwerdeführerin im Bundes-
asylzentrum (BAZ) der Region B._ und C._ zu ihrer Person
befragt.
A.e Mit Schreiben vom selben Tag legte die Rechtsvertreterin der Be-
schwerdeführerin ihr Mandat nieder.
A.f Am 7. September 2021 fand das persönliche Dublin-Gespräch gemäss
Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO) statt.
Im Wesentlichen gab die Beschwerdeführerin anlässlich dieses Gesprächs
an, in einer gesundheitlich schlechten Verfassung zu sein, seit ihrer Ein-
reise in die Schweiz vor rund dreizehn Jahren keinen Arzt konsultiert zu
haben und aktuell unter (...) und (...) zu leiden.
A.g Mit Eingabe vom 19. Oktober 2021 reichte die Beschwerdeführerin ei-
nen Ausdruck aus dem türkischen Personenstandregister inklusive deut-
scher Übersetzung, ein Scheidungsurteil vom 6. Oktober 1998 und eine
Bestätigung eines Dorfvorstehers vom 30. September 2021 betreffend ihre
Ausreise ein.
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B.
B.a Am 22. Oktober 2021 fand die Anhörung zu den Asylgründen und am
2. Dezember 2021 eine ergänzende Anhörung statt.
B.b Die Beschwerdeführerin führte im Wesentlichen aus, sie sei im Dorf
D._ (Distrikt E._, Bezirk Ankara) aufgewachsen und habe
dort bis zu ihrer Ausreise bei ihren Eltern gelebt. Ihr älterer Bruder sei in
F._ wohnhaft, zwei Brüder würden in Deutschland, zwei Schwes-
tern mit ihren Familien in Ankara und zwei weitere Geschwister bei den
Eltern leben. Sie (die Beschwerdeführerin) habe insgesamt fünf Jahre die
Schule besucht, sei danach jedoch nie einer beruflichen Tätigkeit nachge-
gangen. Nachdem sie 1995 geheiratet habe, sei sie am (...) 1996 Mutter
einer Tochter geworden. Nach Eintreten der Rechtskraft des Scheidungs-
urteils am (...) 1998 sei sie ins Elternhaus zurückgekehrt und habe dort
gemeinsam mit ihrer Tochter gelebt, bis ihre Schwiegermutter nach einigen
Jahren gekommen sei und ihre Tochter mitgenommen habe. In der Folge
habe ihr Ex-Ehemann die gemeinsame Tochter mit in die Schweiz genom-
men. Bis vor zwei Jahren habe sie keinen Kontakt zu ihr gehabt.
Kurz nachdem man ihr die Tochter weggenommen habe, sei die Beschwer-
deführerin von ihrem Vater unter Druck gesetzt worden, die zweite Ehefrau
eines älteren Herren, den sie «Onkel G._» nannte, zu werden. Das
Brautgeld sei ihrem Vater bereits vor der Eheschliessung ausgezahlt wor-
den. Nachdem sie sich jedoch geweigert habe, in diese Ehe einzuwilligen,
sei sie von ihrem Vater geschlagen und mit dem Tod bedroht worden. Aus
Angst habe sie ihr Elternhaus sowie schliesslich im März 2008 ihr Heimat-
land verlassen und sei in die Schweiz eingereist. Bei einer Rückkehr in ihr
Heimatland befürchte sie, von G._‘s Familie umgebracht zu wer-
den.
Dem Asylgesuch liegen nebst den bereits eingereichten Beweismitteln ver-
schiedene Arzt- und Spitalberichte (Formulare FS der Medic-Help vom 13.,
22. und 28. September 2021, 2., 5., 7., 12., 19. und 26. Oktober 2021, 25.,
29. und 30. November 2021, 2. Dezember 2021, ein Arztbericht des Regi-
onalspitals H._ vom 8. Oktober 2021, ein Arztbericht der [...] vom
1. Dezember 2021 sowie ein Arztbericht der [...] vom 27. Januar 2022), ein
Internetauszug über die Ergebnisse der Kommunalwahlen vom 31. März
2019 sowie Berichte über Frauenmorde in den Bezirken Ankara bei.
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Seite 4
C.
Mit Schreiben vom 27. November 2021 wandte sich die volljährige Tochter
der Beschwerdeführerin an das SEM.
D.
Mit Eingabe vom 14. Dezember 2021 nahm die damalige Rechtsvertretung
Stellung zum undatierten Entscheidentwurf des SEM und legte den Bericht
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH «Türkei: Gewalt gegen Frauen»
vom 22. Juni 2021 bei.
E.
Mit Verfügung vom 15. Dezember 2021 (gleichentags eröffnet) stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug. Sie habe die Schweiz sowie den Schengenraum spä-
testens am Tag nach Eintreten der Rechtskraft der Verfügung zu verlas-
sen, ansonsten sie unter Anwendung von Zwang weggewiesen werden
könne.
F.
Mit Schreiben vom 30. Dezember 2021 legte die damalige Rechtsvertre-
tung ihr Mandat nieder.
G.
Die Beschwerdeführerin focht mit Eingabe vom 13. Januar 2022 (Datum
Poststempel) die Verfügung des SEM vom 15. Dezember 2021 beim Bun-
desverwaltungsgericht an und beantragte, die Verfügung sei aufzuheben
und es sei die Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen und ihr in der Schweiz die vorläufige Aufnahme zu ge-
währen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte sie als superproviso-
rische Massnahme einen Vollzugsstopp und ersuchte um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und die Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsverbeiständung.
H.
H.a Mit Zwischenverfügung vom 25. Januar 2022 wurden die Gesuche um
unentgeltliche Prozessführung und um Beiordnung von lic. iur. Fethiye Yal-
cin als amtliche Rechtsbeiständin unter der Voraussetzung des Nach-
reichens einer Fürsorgebestätigung der Beschwerdeführerin gutgeheissen
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sowie festgestellt, dass sie den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten dürfe. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung
eingeladen.
H.b Am 7. Februar 2022 ging beim Gericht die Fürsorgebestätigung der
Beschwerdeführerin ein.
H.c Mit Eingabe vom 24. Februar 2022 nahm die Vorinstanz Stellung.
H.d Mit Verfügung vom 1. März 2022 erhielt die Beschwerdeführerin die
Gelegenheit zur Replik, welche sie ungenutzt verstreichen liess.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968 (VwVG;
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül-
tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asyl-
gesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG; SR 142.31], Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des
Bundesgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG;
SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig ent-
scheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
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Seite 6
AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26, E.5).
3.
Der Prozessgegenstand definiert sich aufgrund der Dispositionsmaxime
regelmässig nach den Rechtsbegehren der prozessführenden Partei. Falls
die Rechtsbegehren keine anschliessende Gewissheit zum Umfang der
strittigen Punkte vermittelt, folgt der mutmassliche Wille der beschwerde-
führenden Partei aus der Beschwerdebegründung (vgl. zum Ganzen an-
statt vieler FRITZ GYGI, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl. 1983,
S. 203 ff. m.w.H.; Urteil des BVGer D-4535/2021 vom 30. März 2022 E. 4.3
m.w.H.). Die Beschwerdeführerin beantragte in den Rechtsbegehren die
Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Feststellung der Unzu-
lässigkeit und Unzumutbarkeit der Wegweisung sowie die Gewährung der
vorläufigen Aufnahme (Rechtsbegehren 1). Eventualiter sei die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Rechtsbegehren 2). In-
haltlich beanstandete die Beschwerdeführerin sowohl die Nichtanerken-
nung der Flüchtlingseigenschaft, die Verweigerung des Asyls als auch die
Wegweisung und deren Vollzug. Streitgegenstand des vorliegenden Ver-
fahrens bildet somit auch die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneinte und ihr Asylgesuch ab-
lehnte.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 7
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1
5.1.1 Die Vorinstanz kam zusammenfassend zum Schluss, dass die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin den Anforderungen an die Flüchtlingsei-
genschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht genügten und deshalb von einer
Glaubhaftigkeitsprüfung abgesehen werden könne.
5.1.2 In ihren Anhörungen habe die Beschwerdeführerin dargelegt, im
März 2008 wegen einer bevorstehenden Zwangsheirat aus der Türkei ge-
flohen zu sein. Aus den Anhörungsprotokollen seien jedoch keine Anhalts-
punkte ersichtlich, welche eine hinreichend begründete Furcht vor einer
asylrelevanten Verfolgung im Fall einer Rückkehr respektive einer erneu-
ten drohenden Zwangsverheiratung begründen könnten, zumal sie erklärt
habe, aus medizinischen Gründen ein Asylgesuch eingereicht zu haben,
jedoch grundsätzlich in die Türkei zurückkehren zu wollen. Erst später
habe sie die Zwangsheirat als Fluchtgrund angegeben. Der Argumentation
der Rechtsvertretung in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf, es be-
stehe auch nach dreizehn Jahren eine hohe Wahrscheinlichkeit, aufgrund
ihrer Weigerung eine Zwangsehe einzugehen, Opfer eines Ehrenmordes
zu werden, könne nicht gefolgt werden. Ferner lebten die Eltern der Be-
schwerdeführerin unbehelligt im Heimatdorf. Konkrete Bedrohungen ge-
gen die Eltern habe die Beschwerdeführerin nicht darlegen können. Beim
Vorbringen, dass ihr Vater von der Familie seines Freundes G._
geschlagen worden sein soll, handle es sich um unbelegte Mutmassungen
der Mutter.
5.1.3 Im Hinblick auf den Vollzug der Wegweisung sei festzustellen, dass
die Beschwerdeführerin über ein familiäres Netzwerk verfüge und, obwohl
die Beziehung zu ihrem Vater schwierig sei, sie eine gute Beziehung zu
ihren Schwestern in Ankara führe. Diese würden sich in einer ausgezeich-
neten wirtschaftlichen Situation befinden und es sei diesen auch möglich,
die Kinder an einer Universität studieren zu lassen. Aus diesen Gründen
sei es der Beschwerdeführerin möglich, in Ankara Wohnsitz zu nehmen
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Seite 8
und die Unterstützung ihrer Schwestern und deren Familie zu beanspru-
chen. Obwohl sie in der Türkei nie einer beruflichen Tätigkeit nachgegan-
gen sei, könne sie auf ihre Berufserfahrungen aus der Schweiz zurückgrei-
fen und das (...) und die (...) in ihrem Heimatland fortführen.
5.1.4 Auch aus medizinischer Sicht sei eine Rückkehr als zumutbar zu er-
achten. Grundsätzlich sei die medizinische Versorgung in der Türkei gut
und der entsprechende Zugang zu den erforderlichen Medikamenten sei
vorhanden. Dies gelte auch im Hinblick auf psychische Erkrankungen, wo-
bei in den Städten des Westens des Landes die Versorgung im Allgemei-
nen besser als auf dem Land sei. Ihre (...) Probleme seien in der Schweiz
zufriedenstellend behandelt worden. Aus den Arztberichten gehe hervor,
dass gegen ihre psychischen Leiden und die Spannungskopfschmerzen
regelmässige psychiatrische Therapiesitzungen und die Einnahme des
gängigen (...) verordnet worden seien. Es sei keine ständige Behandlung
in einer Institution erforderlich, weshalb davon auszugehen sei, dass die
verordnete Behandlung auch in der Türkei gewährleistet sei.
5.1.5 Abschliessend sei festzustellen, dass die Beschwerdeführerin einen
allfälligen Anspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung beim zuständigen kan-
tonalen Migrationsamt abklären könne. Ein potentieller Anspruch basie-
rend auf Art. 8 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) sei nach einer
ersten Prüfung zu verneinen, zumal sie angegeben habe, während des
Grossteils ihres Aufenthalts in der Schweiz keine Beziehung zu ihrer Toch-
ter geführt zu haben. Ausserdem sei die Tochter volljährig und unabhängig
und die derzeitige Beziehung bestehe aus gelegentlichen Besuchen. Unter
diesen Umständen könne ein allfälliges Familienleben auch aus der Türkei
geführt werden.
5.2
5.2.1 Die Beschwerdeführerin führte ergänzend zum asylrelevanten Sach-
verhalt aus, dass sie anlässlich ihrer Scheidung 1998 von ihrem damaligen
Ehemann unter Anwendung von psychischer und physischer Gewalt genö-
tigt worden sei einzuwilligen, die von ihm aufgesetzte Scheidungsverein-
barung zu unterzeichnen, ohne Kenntnis von deren Inhalt gehabt zu haben.
Am Vorabend der Gerichtsverhandlung sei sie erneut von ihrem damaligen
Ehemann geschlagen und bedroht worden, damit sie auf die elterliche
Sorge verzichte. Er habe ihr jedoch gleichzeitig angeboten, im Gegenzug
die Tochter für eine Weile bei ihr wohnen zu lassen, wenn sie dem Verzicht
zustimme. Schliesslich sei ihm die alleinige elterliche Sorge übertragen
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Seite 9
worden, weshalb sie (die Beschwerdeführerin) keinen nachehelichen Un-
terhalt erhalten habe. Nach ihrer Ausreise aus der Türkei im Jahr 2008
habe sie während dreizehn Jahren illegal im Kanton I._ gelebt und
gearbeitet. Nachdem ihre letzte Arbeitgeberin, welche von der Beschwer-
deführerin gepflegt worden sei, verstorben sei, habe sie weder Unterkunft
noch Einkommen mehr gehabt. Aufgrund dessen und wegen ihres schlech-
ten Gesundheitszustandes habe sie sich entschlossen, ein Asylgesuch zu
stellen.
5.2.2 Die Beschwerdeführerin monierte, die Begründung der Vorinstanz sei
zu oberflächlich sowie pauschal ausgefallen und es sei unterlassen wor-
den, die Besonderheiten des vorliegenden Einzelfalls zu berücksichtigen.
Ihr dreizehnjähriger illegaler Aufenthalt in der Schweiz sei einzig unter dem
Aspekt der Flüchtlingseigenschaft beurteilt worden. Im Falle einer Rück-
kehr in die Türkei sei sie erneut dem Risiko einer Zwangsheirat mit dem-
selben alten Mann ausgesetzt. Vorliegend habe die Vorinstanz es unterlas-
sen, den frauenspezifischen Gründen Rechnung zu tragen und sich ledig-
lich darauf gestützt, dass sie aus gesundheitlichen Gründen ein Asylge-
such gestellt habe.
5.2.3 Die Beschwerdeführerin führte weiter aus, die Vorinstanz habe in ih-
rer Verfügung die Voraussetzungen einer vorläufigen Aufnahme lediglich
oberflächlich geprüft. Angesichts ihrer Biographie, ihrer fehlenden Bildung,
der Tatsache, dass sie praktisch immer bei ihren Eltern im Dorf gelebt habe
sowie dem fehlenden sozialen Netzwerk in der Türkei nach dreizehn Jah-
ren Landesabwesenheit sei eine Rückkehr unzumutbar. Insbesondere
könne sie nicht ins Elternhaus zurückkehren, da sie dort mit hoher Wahr-
scheinlichkeit erneut zu dieser Ehe, von welcher sie geflüchtet sei, gezwun-
gen würde. Auch habe sie in den Anhörungen mehrmals erwähnt, dass ihre
Mutter ihr von einer Rückkehr abgeraten habe. Des Weiteren bestehe auch
keine Möglichkeit, sich bei ihren beiden Schwestern ein neues Leben auf-
zubauen, zumal diese verheiratet seien und in deren Wohnungen kaum
Platz für die Beschwerdeführerin hätten.
5.2.4 Überdies sei die Bevölkerung im Bezirk J _ (Ankara), wo ihre
Schwestern lebten sowie den zahlreichen anderen kleinen Bezirken rund
um Ankara äusserst konservativ. Aus den beigelegten Internetauszügen
über die Ergebnisse der letzten Kommunalwahlen könne entnommen wer-
den, dass die Mehrheit der Bevölkerung aus AKP- oder MHP-Anhängern
(Adalet ve Kalkınma Partisi [Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung] und
Milliyetçi Hareket Partisi [Partei der Nationalistischen Bewegung]) bestehe.
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Trotz dem telefonischen Kontakt zu den Schwestern und der guten Bezie-
hungen zu ihnen, wäre es für die Beschwerdeführerin als alleinstehende
geschiedene kurdische Frau mit einem dreizehnjährigen Auslandaufenthalt
nicht möglich, dort ungehindert leben zu können. Ferner gehe aus den bei-
gelegten Berichten hervor, dass es nach wie vor Frauenmorde in Bezirken
rund um Ankara gebe, weshalb ihre Furcht vor Gewalt durchaus begründet
sei.
5.2.5 Des Weiteren habe die Vorinstanz die Beziehung der Beschwerde-
führerin zu ihrer Tochter, welche zwischenzeitlich über einen Schweizer
Pass verfüge, zu Unrecht nicht als intakt beurteilt. Der Beschwerdeführerin
sei es erst während der letzten zwei Jahren möglich gewesen, eine erneute
Beziehung zur Tochter aufzubauen, da der Vater diese zuvor zuerst in die
Schweiz entführt und danach jahrelang den Kontakt zur Mutter (der Be-
schwerdeführerin) unterbunden habe. Die Tochter habe zudem ein Schrei-
ben verfasst, welches von der Vorinstanz bei der Entscheidfindung unbe-
rücksichtigt geblieben sei.
5.2.6 Abschliessend sei festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin in der
Türkei keine adäquate medizinische Behandlung erhalten werde. Sie leide
unter einer schweren (...) und befinde sich zurzeit immer noch in einer psy-
chiatrischen Klinik in K._. Eine Rückreise in ihr Heimatland zöge
schwerwiegende Folgen nach sich. Die empfohlene Behandlung, vor dem
Schlafengehen das gängige (...) einzunehmen, sei inakzeptabel.
5.3 Die Vorinstanz stellte in ihrer Vernehmlassung erneut fest, dass keine
Glaubhaftigkeitsprüfung erfolgt sei, weil die Vorbringen der Beschwerde-
führerin den Anforderungen an Art. 3 AsylG nicht genügten und keine kon-
kreten Anhaltspunkte ersichtlich seien, welche eine begründetet Furcht vor
Verfolgung im Fall einer Rückkehr in die Türkei belegen könnten. Auch die
auf Beschwerdeeben neu eingereichten Beweismittel würden zu keinem
anderen Ergebnis führen, zumal es sich bei diesen um allgemeine Infor-
mationen über die politische Lage und einige Beispiele von Gewalt gegen-
über Frauen handle, jedoch kein konkreter Bezug zur individuellen Situa-
tion der Beschwerdeführerin vorhanden sei. Auch die Ausführungen ihrer
Tochter seien nicht geeignet, eine allfällige Verfolgung oder Vollzugshin-
dernisse zu belegen. Der Vollzug der Wegweisung sei durchführbar, die
medizinische Versorgung im Heimatland gewährleistet und ein familiäres
Netzwerk, welches die Beschwerdeführerin bei der Reintegration unterstüt-
zen könne, vorhanden.
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Seite 11
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin führte aus, sie sei von ihrem Vater unter Druck
gesetzt worden, einen älteren Mann zu heiraten. Als sie sich geweigert
habe dieser Ehe zuzustimmen, sei sie von ihrem Vater geschlagen worden
und habe deshalb 2008 das Land verlassen. Infolge mehrerer Warnungen
seitens ihrer Mutter, nicht zurückzukehren, befürchte die Beschwerdefüh-
rerin, erneut gegen ihren Willen mit demselben Mann verheiratet oder bei
einer Weigerung umgebracht zu werden.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in einer gefestigten Praxis die
grundsätzliche Schutzbereitschaft und Schutzfähigkeit des türkischen
Staates im Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt und Zwangsheirat bejaht
und geht davon aus, dass insbesondere in den städtischen Gebieten die
Infrastruktur des Opferschutzes wesentlich dichter als in ländlichen Regio-
nen ist. Obwohl in der letzten Zeit eine Zunahme von Gewalt gegenüber
Frauen festgestellt wurde und die Türkei per 1. Juli 2021 aus dem Überein-
kommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt ge-
gen Frauen und häuslicher Gewalt vom 11. Mai 2011 (Istanbul-Konvention)
ausgetreten ist, bleibt zu beobachten, inwiefern sich dadurch der Schutz
der Frauen in negativer Weise verändert. Es ist zu betonen, das im heuti-
gen Zeitpunkt nicht bereits von einem faktischen Wegfall der bisherigen
rechtlichen Möglichkeiten zur Schutzinanspruchnahme ausgegangen wer-
den kann (vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni
2018 E. 5.2 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.; D-4443/2020 vom
26. November 2021 E. 8.1 m.w.H.).
6.3 An dieser Einschätzung vermögen die Ausführungen in der Rechtsmit-
teleingabe nichts zu ändern. Die Beschwerdeführerin kann sich an die zu-
ständigen heimatlichen Behörden wenden, sollte sie zum heutigen Zeit-
punkt – ungeachtet dessen, dass das geltend gemachte Risiko einer
Zwangsverheiratung auf reinen Mutmassungen basiert – befürchten, von
ihrem Vater oder von G._ und dessen Familie bedroht zu werden.
Körperlichen Übergriffen seitens ihres Vaters oder einer Zwangsehe wäre
sie nicht schutzlos ausgeliefert. Um sich den befürchteten Repressalien zu
entziehen, steht es der Beschwerdeführerin frei, sich an eine Institution
zum Schutz von Frauen gegen häusliche Gewalt zu wenden (vgl. Refe-
renzurteil E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 5.2.2 – E. 5.3.1). In diesem
Zusammenhang ist festzuhalten, dass sie gemäss eigenen Angaben bis zu
ihrer Ausreise im März 2008 nie eine entsprechende Institution aufgesucht
oder sich bei den zuständigen Behörden gemeldet hat. Eine Begründung,
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Seite 12
weshalb sie nicht den Schutz einer Institution oder denjenigen der Behör-
den aufgesucht hat, oder dass diese nicht schutzwillig oder schutzfähig
wären, konnte sie nicht darlegen. Zum anderen reichte sie ihr Asylgesuch
erst dreizehn Jahre nach ihrer Ausreise aus der Türkei ein. Auch wenn sie
in ihrer Beschwerdeschrift behauptete, von Bekannten erfahren zu haben,
dass sie keine Erfolgsaussichten auf Asyl in der Schweiz habe, verbleibt
dieses Verhalten nicht nachvollziehbar und spricht wenig für die behaup-
tete Gefährdung im Heimatland.
6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Türkei hinsichtlich der von
der Beschwerdeführerin geltend gemachten privaten Verfolgung als
schutzwillig und schutzfähig zu erachten ist, und jener die Inanspruch-
nahme dieses Schutzes zumutbar ist. Das SEM hat zu Recht die Flücht-
lingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
7.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.
8.1
8.1.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.1.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Obwohl sie geltend machte, seit rund zwei Jahren eine intakte
Beziehung zu ihrer inzwischen volljährigen und eingebürgerten Tochter zu
führen – was im Schreiben vom 27. November 2021 der Tochter bestätigt
wird – hat die Vorinstanz zu Recht festgestellt, dass sie keinen Anspruch
aus Art. 44 AsylG oder aus Art. 8 EMRK auf einen Aufenthalt in der
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Seite 13
Schweiz ableiten kann. Ein Fortführen der sporadischen Mutter-Tochter-
Beziehung ist auch aus Distanz respektive aus der Türkei aus möglich (vgl.
SEM-Akte 39/12, F78; SEM-Akte 50/11, F19), zumal sich eine dauerhafte
Präsenz der Mutter angesichts der Volljährigkeit und Selbständigkeit der
Tochter als nicht zwingend notwendig erweist. Im Übrigen ist auf die
diesbezügliche Begründung der Vorinstanz zu verweisen (vgl. Verfügung
des SEM vom 15. Dezember 2021, Kap. III. Punkt 1., S. 7).
8.1.3 Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche
Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des
Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenste-
hen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere
grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe
(FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter
oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Nachdem fest-
gestellt wurde, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllt, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrück-
schiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rück-
kehr der Beschwerdeführerin in die Türkei ist demnach unter dem Aspekt
von Art. 5 AsylG rechtmässig.
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8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerde-
führerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall ei-
ner Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtsho-
fes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschus-
ses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr (real risk) nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer, 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi-
schen der PKK (Partiya Karkerên Kurdistan; Arbeiterpartei Kurdistans) und
staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in verschiedenen Provinzen im
Südosten des Landes sowie der Entwicklungen nach dem Militärputsch-
versuch im Juli 2016 ist gemäss konstanter Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt oder bürger-
kriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch nicht für Angehörige der
kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. statt vieler Urteile des BVGer
E-1716/2020 vom 22. April 2020 E. 7.4.1 und E-2182/2020 vom 17. De-
zember 2020 E. 12.4.1 je m.w.H.). Die Beschwerdeführerin stammt aus
dem Bezirk Ankara. Dabei handelt es sich nicht um eine Provinz, bei der
die geltende Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts von der ge-
nerellen Unzumutbarkeit des Vollzugs von Wegweisungen ausgeht (vgl.
BVGE 2013/2 E. 9.6 und das Referenzurteil E-1948/2018 vom 12. Juni
2018 E. 7.3.1).
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8.3.3 Vor diesem Hintergrund ist der Vollzug der Wegweisung der Be-
schwerdeführerin in die Region Ankara als generell zumutbar zu erachten.
8.3.4 Des Weiteren ergeben sich aus den Akten auch keine Hinweise da-
rauf, dass die Beschwerdeführerin im Falle ihrer Rückkehr in die Türkei aus
sozialen oder ökonomischen Gründen in eine existenzbedrohende Situa-
tion geraten würde. Nach einem dreizehnjährigen Aufenthalt in der
Schweiz dürfte es für sie zwar eine Herausforderung darstellen, sich in ih-
rem Heimatland zu reintegrieren. Jedoch verfügt sie über ein familiäres Be-
ziehungsnetz, welches ihr eine Wohngelegenheit geben und bei der Ar-
beitssuche behilflich sein kann. Auch wenn sie auf eine Rückkehr zu ihren
Eltern in ihr Heimatdorf D._, in welchem sie aufgewachsen und
grossmehrheitlich gelebt hat, verzichten möchte, kann sie in Ankara bei ih-
ren beiden Schwestern, zu welchen sie auch während ihres Aufenthalts in
der Schweiz regelmässigen telefonischen Kontakt pflegte und eine sehr
gute Beziehung hat, unterkommen (vgl. SEM-Akte 39/12, F23f., F29-32).
Zudem besitzt der in Deutschland lebende Bruder eine Wohnung in Ankara
und es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei Bedarf dort
vorübergehend wohnen könnte (vgl. SEM-Akte 39/12, F20; SEM-Akte
50/11, F27, F30-32). Obwohl sie angegeben hat, die Schule lediglich bis
zur fünften Klasse besucht zu haben und über keine Arbeitserfahrungen in
der Türkei zu verfügen (vgl. SEM-Akte 39/12, F39, F42, F58f.), konnte sie
sich während rund dreizehn Jahren erfolgreich in einem ihr fremden Land
zurechtfinden, eine Unterkunft organisieren und verschiedene Arbeiten in
den Bereichen (...), (...), (...) und (...) durchführen (vgl. SEM-Akte 1/3,
SEM-Akte 39/12, F43). Diese Arbeitserfahrungen dürften sie in ihrer öko-
nomischen Reintegration in ihrem Heimatland unterstützen. Bei einem fi-
nanziellen Engpass könnte sie schliesslich erneut auf die Unterstützung
des in der Schweiz lebenden Bruders, bei welchem sie teilweise gelebt hat,
zurückgreifen (vgl. SEM-Akte 39/12, F45-46). Unter diesen Umständen
und mithilfe der Unterstützung ihrer Familienangehörigen wird es ihr auch
als alleinstehende Frau möglich sein, erneut in ihrem Heimatland in wirt-
schaftlicher und sozialer Hinsicht Fuss zu fassen. Daran vermag auch eine
allfällige konservative Haltung der Gesellschaft gegenüber Frauen nichts
zu ändern.
8.3.5 Auch aus medizinischer Sicht spricht nichts gegen den Wegwei-
sungsvollzug. Den Arztberichten ist nicht zu entnehmen, dass die Be-
schwerdeführerin bei einer Rückkehr in die Türkei in eine medizinische
Notlage geraten würde oder ihre geltend gemachten gesundheitlichen Be-
schwerden zu einer raschen oder lebensbedrohlichen Beeinträchtigung
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führen würden (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3; 2009/52 E. 10.1; 2009/51 E. 5.5;
2009/28 E. 9.3.1; 2009/2 E. 9.3.2; EMARK 2003 Nr. 24, E. 5a und b). Die
diagnostizierten (...) und (...) Beschwerden, die (...) Schmerzen (ICD-10,
[...]) sowie auch die (...) und die (...) wurden mit entsprechenden Medika-
mente respektive Dehnübungen behandelt (vgl. Arztbericht des Regional-
spitals H._ vom 8. Oktober 2021 sowie Arztbericht vom 31. August
und 22. September 2021). Bei allfälligen Rückfällen dieser nichtlebensbe-
drohlichen Erkrankungen sind die Beschwerden auch in der Türkei behan-
delbar.
Weiter wurden psychische Beschwerden – namentlich (...) mit (...) und
eine (...) ([...]) – festgestellt. Neben der Einnahme von (...) wurden wö-
chentliche Psychotherapiesitzungen sowie medizinisch-psychiatrische
Kontrollen in einem Abstand von drei Wochen während der folgenden
sechs Monaten verschrieben (vgl. Arztbericht vom 1. Dezember 2021 der
[...]).
Hierzu ist festzuhalten, dass die Behandlung psychischer Probleme in der
Türkei sowohl stationär als auch ambulant möglich ist. Es existieren lan-
desweit psychiatrische Einrichtungen und es stehen moderne Psychophar-
maka zur Verfügung. Trotz den neusten politischen Entwicklungen ist na-
mentlich in türkischen Gross- und Provinzhauptstädten der Zugang zu Ge-
sundheitsdiensten, Beratungsstellen und Behandlungseinrichtungen für
psychische Leiden gewährleistet (vgl. hierzu das Referenzurteil
E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3.5.3 m.w.H.). Es ist davon auszuge-
hen, dass die Beschwerdeführerin bei Inanspruchnahme weiterer psycho-
logischer oder psychiatrischer Hilfe auch in der Türkei eine adäquate Be-
handlung erhalten wird. Daran vermag auch der stationäre Aufenthalt in
der kantonalen psychiatrischen Klinik K._ zwischen 16. Dezember
2021 und 24. Januar 2022 nichts zu ändern, zumal sie im Zeitpunkt des
Austritts über eine stabile psychische Verfassung verfügte und aus den Ak-
ten nicht zu entnehmen ist, dass sich ihr Gesundheitszustand seither ver-
schlechtert hat. Gemäss dem Austrittsbericht vom 27. Januar 2022 seien
die mehrheitlich aufgrund des negativen Asylentscheids geäusserten Sui-
zidgedanken, welche zur Klinikeinweisung geführt haben, sowie die diag-
nostizierten (...) und die (...) ([...]) abgeklungen. Nachdem bei der Be-
schwerdeführerin ein stabiles psychisches Gleichgewicht mit guter Laune
sowie fehlenden Suizidgedanken festgestellt worden sei, sei sie am 24. Ja-
nuar 2022 entlassen worden. Als weiterführende Behandlung wurden ihr
die weitere Einnahme von (...) sowie die Weiterführung der psychologi-
schen Therapiesitzungen empfohlen.
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8.3.6 Schliesslich ist festzuhalten, dass auf die dargelegten Integrations-
bemühungen und die rund dreizehnjährige Anwesenheit in der Schweiz
nicht weiter einzugehen ist, da der Grad der Integration als solcher grund-
sätzlich nicht ein Kriterium für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellt (vgl. BVGE
2009/52 E. 10.3 am Ende; EMARK 2006 Nr. 13 E. 3.5 S. 142 f.; Urteile des
BVGer D-2453/2014 vom 12. August 2015 E. 7.3.2.4; E-5563/2018 vom
30. Oktober 2018 E. 8.3; D-4535/2019 vom 26. August 2020 E. 10.3).
8.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.5 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.7 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch das mit
der Beschwerde eingegangene Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 25. Januar 2022 gutge-
heissen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
9.2 Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin reichte keine Kosten-
note ein. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich jedoch aufgrund
der Akten zuverlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer sol-
chen verzichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die
in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist der
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amtlichen Rechtsbeiständin für das gesamte Beschwerdeverfahren ein Ho-
norar in der Höhe von Fr. 1’000.– (inklusive Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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