Decision ID: a2dce372-0907-526d-aa1f-7ba186c2534f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1 - 5 ersuchten am 6. Mai 2021 in der Schweiz
um Asyl (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1 ff.).
B.
Am 12. Mai 2021 nahm die Vorinstanz die Personalien der Beschwerde-
führenden 1 – 5 auf (SEM-act. 32). Diese konnten sich am 21. Mai 2021
schriftlich unter anderem zur Zuständigkeit Deutschlands für die Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten Nichtein-
tretensentscheid sowie zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat
äussern (SEM-act. 45).
C.
Der Beschwerdeführer 6 kam am 26. Mai 2021 zur Welt (SEM-act. 54).
D.
Am 13. Juli 2021 nahmen die Beschwerdeführenden zu ihrem Gesund-
heitszustand Stellung (SEM-act. 58). Mit Eingabe vom 15. Juli 2021 er-
suchten sie um Einholung einer Garantie für eine Unterbringung in einer
geschützten Unterkunft, beziehungsweise in einem Frauenhaus, da in
Deutschland eine akute Gefährdungslage durch den Ehemann und Vater
bestehe (SEM-act. 64).
E.
Mit Verfügung vom 19. Juli 2021 – eröffnet am 23. Juli 2021 – trat die Vor-
instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Deutschland an
und forderte die Beschwerdeführenden auf, die Schweiz am Tag nach Ab-
lauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf
die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschie-
bende Wirkung hin und beauftragte den Kanton Baselland mit dem Vollzug
der Wegweisung (SEM-act. 66 ff.).
F.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhoben die Beschwerdeführenden
am 30. Juli 2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie bean-
tragten, die Verfügung vom 19. Juli 2021 sei aufzuheben und die Vorin-
stanz anzuweisen, von ihrem Recht auf Selbsteintritt Gebrauch zu machen
und das Verfahren zur Prüfung des Asylgesuchs (Eintreten) an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen und
richtigen Erhebung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
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verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie, es sei der Beschwerde im
Sinne vorsorglicher Massnahmen die aufschiebende Wirkung zu erteilen
und die Vollzugsbehörden anzuweisen, von einer Überstellung nach
Deutschland abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über den Sus-
pensiveffekt der Beschwerde entschieden habe. Auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses sei zu verzichten und es sei die unentgeltliche Rechts-
pflege zu bewilligen (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-
act.] 1).
G.
Am 2. August 2021 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte die Instruktionsrichterin
den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die Be-
schwerdeführenden sind zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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3.
3.1. Gemäss den Einträgen in der "Eurodac"-Datenbank ersuchten die Be-
schwerdeführenden 1 – 3 am 21. Oktober 2013, die Beschwerdeführenden
1 – 4 am 8. Mai 2018 in Deutschland um Asyl. Ihren eigenen Angaben zu-
folge haben die Beschwerdeführenden in Deutschland den Status einer
Duldung erhalten. Aufgrund eines Fehlverhaltens ihres Ehemannes sei die
Beschwerdeführerin 1 in Deutschland zu einer Strafe verurteilt worden,
weswegen die ihr erteilte Duldung nicht mehr erneuert worden sei. Der
Ehemann sei nach einer Durchsuchung der gemeinsamen Wohnung am
1. Februar 2021 in Deutschland festgenommen und inhaftiert worden, weil
er in der Wohnung gefälschte Waren und Heroin versteckt habe. Eine Ver-
urteilung sei noch nicht erfolgt, ihm drohe jedoch die Abschiebung in den
Libanon. Da die Beschwerdeführerin 1 mit dem Ehemann noch verheiratet
sei, hätten die Beschwerdeführenden eine Wegweisung erhalten, deren
Vollzug aufgrund der bevorstehenden Geburt des Beschwerdeführers 6
aufgeschoben worden sei. Aufgrund der jüngsten Ereignisse sowie ihrer
Flucht in die Schweiz fürchte die Beschwerdeführerin 1 in Deutschland die
Anordnung von Massnahmen des Jugendamtes betreffend ihre Kinder
(SEM-act. 45).
3.2. Die deutschen Behörden stimmten der Wiederaufnahme der Be-
schwerdeführenden 1 – 5 am 19. Mai 2021 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO)
zu (SEM-act. 43). Betreffend den neugeborenen Beschwerdeführer 6 er-
folgte am 8. Juli 2021 eine separate Zustimmung (Art. 20 Abs. 3 Dublin-III-
VO; SEM-act. 57). Die grundsätzliche Wiederaufnahmezuständigkeit
Deutschlands zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist
vorliegend daher unbestritten gegeben.
4.
Die Beschwerdeführenden fordern die Anwendung der Souveränitätsklau-
sel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintritts-
recht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss
welcher die Vorinstanz das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch
dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre.
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4.1. Im Wesentlichen machen die Beschwerdeführenden geltend, die Be-
schwerdeführerin 1 müsse in Deutschland – sowie für den Fall einer ge-
meinsamen Wegweisung auch im Libanon – Gewalt, Nötigung sowie kri-
minelle Machenschaften ihres Ehemannes fürchten. Der Ehemann habe
die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 sowie den Beschwerdeführer 3 ge-
schlagen und die Beschwerdeführenden 2 und 3 für Drogendeals in den
Park geschickt. Mit ihrer Flucht habe die Beschwerdeführerin 1 ihren Clan
verraten. Der Beschwerdeführerin 1 werde vorgeworfen, die Kinder ent-
führt zu haben. Zudem habe sie sich ohne Einverständnis ihres Eheman-
nes unterbinden lassen. Wie die Beschwerdeführenden in Deutschland
wirksam vor dem Zugriff des Clans geschützt werden solle, sei völlig un-
klar. Dazu müssten sie und die Kinder in einem Zeugenschutzprogramm
mit neuen Identitäten ausgestattet werden. Die traditionelle Familie des
Ehemannes im Libanon habe bereits angekündigt, die Beschwerdeführe-
rin 2 nach ihrem 14. Geburtstag zu verheiraten. Die Vorinstanz setze sich
im angefochtenen Entscheid mit der Problematik der libanesischen Fami-
lien und Clans in Deutschland, sowie den schwerwiegenden Nachteilen,
die Frauen und Kinder dadurch erleiden würden, nicht auseinander.
4.2.
4.2.1. Die Beschwerdeführenden legen keinerlei Beweise dafür ins Recht,
dass sie Mitglieder eines "Clans" oder einer clanähnlichen Familienstruktur
sind. Anlässlich des ihnen gewährten rechtlichen Gehörs blieb eine Clan-
problematik praktisch unerwähnt. Art und Umfang der Gefährdung durch
die Verwandtschaft des Ehemannes in Deutschland führen die Beschwer-
deführenden nicht näher aus. Inwiefern ihre allgemeinen Ausführungen zu
den sozialen Strukturen arabischer Clans in Deutschland konkret auf ihre
Situation zutreffen sollen, ist nicht ersichtlich. Konkrete Situationen von
Druckversuchen oder Drohungen des Clans zeigen sie – abgesehen von
der abgewendeten Scheidung der Beschwerdeführerin 1 – nicht auf. Eine
Gefährdung der Beschwerdeführenden durch die Verwandtschaft des Ehe-
mannes kann vorliegend daher nicht hinreichend ausgemacht werden.
4.2.2. Nicht anders verhält es sich betreffend die behauptete Gewalttätig-
keit und Kriminalität des Ehemannes. Eine detaillierte Beschreibung der
konkreten Gefährdungssituation nehmen die Beschwerdeführenden nicht
vor. Der gegenüber der Beschwerdeführerin 1 von Ehemann und Ver-
wandtschaft erhobene Vorwurf der Kindesentführung stellen die Beschwer-
deführenden ohne nähere Angaben in den Raum. Somit ist zumindest frag-
lich, ob und inwieweit vom Ehemann und Vater der Beschwerdeführenden
in Deutschland eine Gefahr ausgeht.
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4.2.3. Letztlich kann vorliegend jedoch offenbleiben, ob und inwieweit die
von den Beschwerdeführenden nicht näher substantiierte Gefährdungs-
lage durch den Ehemann und dessen clanähnliche Verwandtschaft in
Deutschland tatsächlich besteht. Die Beschwerdeführenden machten zu
keinem Zeitpunkt geltend, den Schutz der deutschen Behörden in An-
spruch genommen zu haben. Ihnen steht es frei, sich im Falle einer Bedro-
hung durch Privatpersonen an die schutzfähigen und schutzwilligen deut-
schen Polizei- und Justizbehörden zu wenden (vgl. statt vieler: Urteile des
BVGer E-2047/2021 vom 6. Mai 2021 E. 7.3.1; E-1219/2021 vom 22. März
2021; F-3812/2020 vom 4. August 2020 E. 5.2.2; F-3425/2020 vom 8. Juli
2020 E. 4.1). Dies gilt auch für den Fall, sollten die Kurden nach der Be-
drohung der Beschwerdeführerinnen 1 und 2 mit einem Messer auf der
Autobahnraststätte die Beschwerdeführenden erneut behelligen, oder
sollte die Beschwerdeführerin 2 tatsächlich gegen ihren Willen verheiratet
werden sollen. Dass die deutschen Behörden schutzwillig und bereit sind,
Massnahmen zu ergreifen, zeigt bereits die Tatsache, dass sich betreffend
die Kinder offenbar das Jugendamt eingeschaltet hat.
4.3. Weitere Abklärungen der Vorinstanz sind nicht geeignet, am Ausgang
des vorliegenden Verfahrens etwas zu verändern (zur antizipierten Beweis-
würdigung vgl. BGE 136 I 229 E. 5.3; 134 I 140 E. 5.3). Die Beschwerde-
führenden legen nicht dar, welche Abklärungsmassnahmen die Vorinstanz
konkret unterlassen haben soll. Die Rüge der Verletzung des Untersu-
chungsgrundsatzes ist deshalb nicht stichhaltig. Ins Leere zielt auch der
Vorwurf der Verletzung der Begründungspflicht, zumal eine Gefährdung
durch den Clan nicht als hinreichend erstellt und es überdies auch nicht als
notorisch gelten kann, dass die deutschen Polizeibehörden nicht in der
Lage wären, Personen vor dem Einfluss von clanähnlichen Familien zu
schützen. Etwas anderes geht auch aus den von den Beschwerdeführen-
den ins Recht gelegten Berichten zur Clanproblematik in Deutschland nicht
hervor. Von einer Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist deshalb
abzusehen.
4.4. Aus der Nichtverlängerung der Duldung sowie der von den deutschen
Behörden angeführten Wiederaufnahmezuständigkeit nach Art. 18 Abs. 1
Bst. d Dublin-III-VO zu schliessen, erhielten die Beschwerdeführenden in
Deutschland einen ablehnenden Asylentscheid. Es gilt das Prinzip, dass
ein Asylgesuch lediglich von einem einzigen Dublin-Mitgliedstaat zu prüfen
ist (Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO; BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Deutschland
bleibt auch für die Wegweisung der Beschwerdeführenden aus dem Dub-
lin-Raum zuständig. Die Beschwerdeführenden machen nicht geltend, die
Wegweisung infolge Nichtverlängerung der Duldung sei nicht rechtens. Zu
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Unrecht befürchten sie, die deutschen Behörden könnten sie in Missach-
tung des Grundsatzes des Non-Refoulement zur Ausreise in den Libanon
zwingen (vgl. dazu Urteil des BVGer F-2181/2021 vom 26. Mai 2021
E. 6.1). Bereits das Aussetzen der Abschiebung, respektive die Erteilung
einer Duldung zeigen auf, dass die deutschen Behörden allfällige Hinder-
nisse bei der Überstellung in den Libanon prüfen und berücksichtigen (vgl.
Urteil des BVGer F-3990/2020 vom 14. August 2020 E. 4.2.4).
5.
Der angefochtene Entscheid verletzt keine die Schweiz bindende völker-
rechtliche Bestimmung. Die von den Beschwerdeführenden angeführten
gesundheitlichen Beeinträchtigungen (Rücken- und Knieschmerzen [Be-
schwerdeführerin 1]; Angstzustände, Stress und Albträume [Beschwerde-
führerin 2]; Schlafstörungen [Beschwerdeführer 3]) sind bei Weitem nicht
derart gravierend, dass von einer Überstellung nach Deutschland abgese-
hen werden müsste (vgl. dazu Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien
13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine
gesetzeswidrige Ermessensausübung der Vorinstanz ist nicht ersichtlich.
Demzufolge ist nicht zu beanstanden, dass sie von dem in Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO und in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 verankerten Selbsteintritts-
recht keinen Gebrauch gemacht hat. Zu Recht ist sie auf die Asylgesuche
nicht eingetreten und hat die Überstellung der Beschwerdeführenden nach
Deutschland verfügt. Die Beschwerde ist abzuweisen. Der Antrag auf Ge-
währung der aufschiebenden Wirkung erweist sich mit der Ausfällung des
vorliegenden Urteils als gegenstandslos.
6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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