Decision ID: eda05520-c20f-55fa-9565-8f28e716700b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin, eine Kurdin aus B._, verliess Syrien
eigenen Angaben gemäss im Jahr 1998 und lebte zuletzt in C._
(Nordirak). Sie verliess den Irak am 18. Juni 2011 und gelangte am 2. Juli
2011 zusammen mit ihrem Ehemann (...) Staatsangehörigkeit, D._,
und ihrer Tochter, E._, in die Schweiz, wo sie am 4. Juli 2011 um
Asyl nachsuchte.
A.b Anlässlich der Erstbefragung durch das SEM (damals Bundesamt für
Migration [BFM]) vom 13. Juli 2011 im Empfangs- und Verfahrenszentrum
F._ erklärte sie, sie habe bis 1995 in B._ gelebt. Sie sei da-
mals von der PKK (Partiya Karkeren Kurdistan) in das Gebiet von
G._ gebracht worden. Bis im Herbst 1998 habe sie sich noch auf
syrischem Territorium aufgehalten, dann sei sie in die Berge H._
und später nach I._ geschickt worden. Zuletzt sei sie in C._
gewesen. Sie habe einen schwierigen Vater, der ihre Mutter und sie ge-
schlagen habe. Sie habe sich in der Phase der Pubertät befunden, als ei-
nes Tages PKK-Angehörige gekommen seien und ihr gesagt hätten, man
könne sie zum Ort bringen, an dem einer ihrer Onkel als Märtyrer gefallen
sei. Als sie sich beim vereinbarten Treffpunkt eingefunden habe, sei sie
mitgenommen worden. Die PKK habe 1998 entschieden, alle ihre Angehö-
rigen in die Berge zu schicken. Sie habe immer wieder Fluchtgedanken
gehegt, habe aber nicht den Mut zur Flucht gehabt. Trotzdem habe sie
zweimal zu entkommen versucht. Sie sei deshalb festgehalten und verhört
worden. 2005 habe sie sich zusammen mit einer Freundin von der PKK
getrennt. Sie sei nach C._ gegangen, wo sie von den irakischen
Kurden eine Woche lang verhört worden sei. Danach sei sie nach
J._ gegangen, wo sie ihren Ehemann kennengelernt habe. Würde
sie nach Syrien zurückkehren, würde sie umgebracht.
Die Beschwerdeführerin reichte eine (...) Identitätskarte, einen in
C._ ausgestellten Flüchtlingsausweis und zwei Schuldiplome zu
den Akten.
A.c Das BFM hörte die Beschwerdeführerin am 22. November 2011 ein-
lässlich zu ihren Asylgründen an. Dabei machte sie im Wesentlichen gel-
tend, sie habe sich eigentlich nicht der PKK anschliessen wollen, sie sei
reingelegt worden. Nach der «PKK-Geschichte» sei sie in den Nordirak ge-
gangen, wo sie nicht sicher gewesen sei. Sie könne mit ihrem Ehemann
weder im Irak bleiben noch in die Türkei oder nach Syrien gehen. Das
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Schlimmste sei gewesen, dass man im Irak als Frau rechtlos sei. Ihre Toch-
ter und sie seien staatenlos. Nachdem sie die PKK verlassen habe, habe
sie bei einer Familie leben dürfen, die ab und zu von ihrem Ehemann be-
sucht worden sei. So habe sie ihn kennengelernt. Sie könne nicht nach
Syrien zurückkehren, weil in der Schule einige gesagt hätten, dass sie zur
PKK gehe. Ihre Mutter habe ihr gesagt, ihr Vater, der pensionierter Staats-
angestellter sei, habe diese Information an die Behörden weitergeleitet.
Zweimal beziehungsweise mehr als zehnmal seien «Männer vom Staat»
bei ihren Eltern gewesen und hätten nach ihr gefragt. Seit sie im Alter von
(...) Jahren zur PKK gegangen sei, habe sie eigentlich zu leben aufgehört.
Viele von ihren Freunden seien getötet worden. Es sei ein Albtraum, wie
sich Öcalan an ihre Freundinnen und an sie herangemacht habe. Sie habe
viermal versucht, die PKK zu verlassen, sei aber erwischt worden. Jedes
Mal habe man sie in einen Raum gestellt und gesagt, sie sei eine Verräte-
rin. Von 1995 bis 1998 habe sie sich in K._ aufgehalten, wo Öcalan
(...). Sie sei dort als «Dienerin» gewesen. Sie habe für die PKK an keinen
Aktionen teilgenommen, sei aber politisch ausgebildet worden. Als sie in
I._ gewesen sei, habe sie dreimal beantragt, die PKK verlassen zu
dürfen. Ihre Anträge seien abgelehnt worden. Schliesslich habe sie sich mit
einer Freundin in einer Nacht weggeschlichen und habe sich unter den
Schutz der KDP (Kurdische Demokratische Partei) begeben. Dort habe
man ihr gesagt, sie müsse als Spitzel arbeiten und Informationen über die
PKK geben. Man habe ihr wie schon bei der PKK mit Vergewaltigung ge-
droht, falls sie sich nicht füge. Nach den Befragungen durch die Vertreter
der KDP sei sie zu einer Familie gegangen, die sie aufgenommen habe.
Die KDP habe ihren Ehemann zwingen wollen, ihr als Soldat zu dienen.
Man habe ihm gedroht, die Familie an die Türkei auszuliefern, sollte er nicht
gehorchen. Sie hätten den Irak nach der Eheschliessung verlassen wollen,
aber das Geld habe dazu nicht gereicht. In die Türkei hätten sie nicht gehen
können, da ihr Ehemann dort gesucht wurde. Falls sie nach Syrien gingen,
müsste sie dort als Spitzel arbeiten, ansonsten sie inhaftiert würde. Vor
Abschluss der Anhörung sagte die Beschwerdeführerin, es gehe ihr ge-
sundheitlich nicht so gut. Sie habe im Irak und in der Schweiz zweimal ein
Baby verloren.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte sie fünf Fotografien aus ihrer Zeit bei
der PKK und die Kopie eines Registerauszugs ein.
A.d Am (...) brachte die Beschwerdeführerin ihre Tochter L._ zur
Welt.
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A.e Die Beschwerdeführerin übermittelte dem BFM am 1. Oktober 2013 ei-
nen syrischen Ausweis.
A.f Am 20. Dezember 2013 sandte die Beschwerdeführerin einen sie be-
treffenden ärztlichen Bericht vom 6. Dezember 2013 des (...) und ein Urteil
des Bezirksgerichts M._ vom 14. November 2013 an das SEM.
A.g Mit Schreiben vom 28. März 2014 reichte die Beschwerdeführerin eine
Wohnsitzbestätigung für B._ von 15. März 2014 ein.
A.h Am (...) brachte die Beschwerdeführerin ihre Tochter N._ zur
Welt.
A.i Mit Verfügung vom 17. Juli 2014 stellte das BFM fest, die Beschwerde-
führerin, ihr Ehemann und ihre Kinder erfüllten die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte ihre Asylgesuche ab. Zugleich verfügte es ihre Wegwei-
sung aus der Schweiz. Da es den Vollzug der Wegweisung als unzumutbar
erachtete, verfügte es die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin
und ihrer Familie.
B.
B.a Mit Eingabe vom 18. August 2014 erhoben die Beschwerdeführenden
durch ihren damaligen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde gegen diese Verfügung.
B.b Die Beschwerdeführerin liess mit Eingabe vom 31. Oktober 2014 ein
am 4. August 2014 in O._ ausgestelltes, als Strafregisterauszug
bezeichnetes Dokument mit deutscher Übersetzung einreichen. Es wurde
geltend gemacht, sie gelte gemäss dem Strafregisterauszug als vorbe-
straft. Dazu gebe es eine Vorladung des allgemeinen Sicherheitsdienstes.
Ihr Bruder P._ habe das Dokument in die Türkei gebracht, von wo
aus es in die Schweiz geschickt worden sei.
B.c Das Bundesverwaltungsgericht hiess die Beschwerde mit Urteil
D-4593/2014 vom 4. Dezember 2017 gut, soweit die Aufhebung der Verfü-
gung vom 17. Juli 2014 beantragt worden war. Die Sache wurde im Sinne
der Erwägungen zur Neubeurteilung an das SEM zurückgewiesen.
C.
C.a Mit Eingabe an das SEM vom 17. Januar 2019 richtete sich der heutige
Rechtsvertreter mit einer als «Wiedererwägungsgesuch» bezeichneten
Eingabe an das SEM. Es wurde beantragt, die Flüchtlingseigenschaft der
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Beschwerdeführerin sei anzuerkennen und es sei ihr gemäss Art. 3 Abs. 1
und 2 AsylG [SR 142.31] Asyl zu gewähren.
C.b Das Zivilstandsamt Q._ (Kanton R._) übermittelte dem
SEM am 8. Februar 2019 die syrische Identitätskarte der Beschwerdefüh-
rerin und einen Ehevertrag für Ausländer.
C.c Das SEM teilte der Beschwerdeführerin am 15. März 2019 mit, dass
ihr Asylverfahren nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wieder-
aufgenommen worden sei. Das SEM betrachte die als «Wiedererwägungs-
gesuch» betitelte Eingabe, respektive die darin enthaltenen Vorbringen als
integrativen Bestandteil des Asylverfahrens. Ein Wiedererwägungsverfah-
ren werde nicht eröffnet.
C.d Am 28. August 2020 hörte das SEM die Beschwerdeführerin ergän-
zend zu ihren Asylgründen an. Sie brachte im Wesentlichen vor, in Syrien
lebten noch eine Schwester und ihr Vater, der sich wiederverheiratet habe.
Sie sprächen vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr miteinander. Zu ehema-
ligen PKK-Kollegen pflege sie keinen Kontakt. Ihre syrische Identitätskarte
habe sie über ihren Vater erhalten. Ihre Mutter und ihre Geschwister hätten
Druck auf ihn ausgeübt, bis er einverstanden gewesen sei, diese durch
Bezahlung von Geld zu beschaffen. Da ihr Vater für die Behörden gearbei-
tet habe – er sei für (...) tätig gewesen –, sei es leichter gewesen, das
Dokument zu erhalten. Die Beschwerdeführerin bestätigte in der Folge,
dass sie die syrische Staatsangehörigkeit besitze. Sie führte des Weiteren
aus, sie wäre nach ihrer Zeit bei der PKK gerne zu ihren Eltern zurückge-
kehrt. Ihre Mutter habe ihr jedoch gesagt, ihr mittlerweile pensionierter Va-
ter werde sie nicht mehr akzeptieren. Als sie ihre Familie verlassen habe,
habe diese bei den Behörden eine Vermisstenanzeige erstatten müssen.
Ihr Vater sei diesbezüglich befragt worden, was ihn sehr wütend gemacht
habe. Er sei von den Behörden ein- oder zweimal befragt worden; so viel
sie wisse, sei er auch im Gefängnis gewesen, weil man ihm vorgeworfen
habe, er habe seine Tochter zur PKK gebracht. Sie sei damals aufgrund
ihrer familiären Probleme zur PKK gegangen. Von der PKK werde sie als
Verräterin betrachtet und in Syrien drohe ihr die Todesstrafe, weil sie als
Tochter (...) zur PKK gegangen sei. Sie sei ungefähr drei Jahre bei Öcalan
gewesen und habe sich politisch für die PKK betätigt. Sie sei zusammen
mit ihren Kolleginnen von Öcalan unterrichtet worden. Als sie danach in
den Bergen gewesen sei – Öcalan habe Syrien 1998 verlassen müssen –
, habe sie ein «militärisches Leben» geführt. Während dieser Zeit habe sie
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immer eine Waffe tragen müssen. Sie sei indessen nie an die Front ge-
schickt worden, da sie von Öcalan «gekommen sei». Sie sei für den politi-
schen Unterricht und die Aufklärung zuständig gewesen. Sie habe bereits
am ersten Tag bereut, dass sie zur PKK gegangen sei. Sie habe ihre «Kün-
digung» eingereicht und auch zu fliehen versucht. Nachdem sie die «Kün-
digung» eingereicht habe, sei sie ausge-stossen worden. Nach Monaten
habe man ihre «Kündigung» akzeptiert und sie sei nach S._ gegan-
gen. Ihre Mutter habe ihren Goldschmuck verkauft und eine in C._
lebende Familie beauftragt, sie abzuholen und nach C._ zu brin-
gen. Dort sei sie nach ihrer Ankunft verhört worden. Als man sie habe ge-
hen lassen, sei sie zu einer Freundin nach J._ gegangen. Nach den
Gründen ihrer Furcht vor einer Rückkehr nach Syrien gefragt, gab die Be-
schwerdeführerin an, sie sei dort vermisst gemeldet worden und ihre Rück-
kehr würde von Nachbarn bestimmt den Behörden gemeldet. Zudem seien
die syrischen Geheimdienste sehr gut informiert. Sie sei den syrischen Be-
hörden aufgrund von Denunziationen bekannt. Ihre Familie habe ihr ge-
sagt, dass die Behörden mehrmals nach ihr gefragt hätten. Ihre Mutter, ihr
Bruder und ihre Schwestern lebten mittlerweile auch in der Schweiz. Zwei
Brüder und eine Schwester lebten in Deutschland. Ihre Brüder seien zum
Reservedienst aufgeboten worden, was bedeute, dass die ganze Familie
in Gefahr sei. Ihre Eltern hätten den Behörden mit der Zeit gesagt, dass sie
zur PKK gegangen sei. Sie seien froh, wenn diese ihnen helfen würden,
ihre Tochter von der PKK zurückzuholen. Ihre in Syrien zurückgebliebene
Schwester wechsle immer wieder ihren Aufenthaltsort, um nicht entdeckt
zu werden. Sollten die Behörden bei ihrem Vater nach ihr fragen, werde er
bestimmt sagen, dass er keine Beziehung mehr zu ihr pflege. Gemäss ei-
nem bei den Akten liegenden Dokument werde sie gesucht. Es stehe da-
rauf, dass sie vorbestraft sei, was nicht zutreffe. Sollte man ihr vorwerfen,
dass sie Agentin sei, werde man von ihr verlangen, dass sie für Syrien als
Agentin oder Informantin arbeite. Würde sie dies akzeptieren, würde sie
wohl nicht ins Gefängnis geschickt. Als sie in den Irak gekommen sei, hät-
ten einige Beamte versucht, sie sexuell zu belästigen. Ein Mann habe ver-
sucht, sie zu vergewaltigen, ein anderer habe ihr beim Verhör die Hose
runtergeschoben. Beim letzten Verhör hätten ihr Mitglieder der KDP vorge-
schlagen, sie solle mit ihnen zusammenarbeiten. Aufgrund der geschilder-
ten Belästigungen sei sie psychisch sehr angeschlagen gewesen. Den
Nordirak habe sie schliesslich verlassen, weil ihr Ehemann und sie bedroht
worden seien.
Zur Stützung ihrer Vorbringen gab die Beschwerdeführerin drei Fotografien
aus ihrer Zeit bei der PKK ab.
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D.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 22. Dezember 2020 fest, die Be-
schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Abs. 1
und 2 AsylG nicht, sie werde indessen gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG als
Flüchtling anerkannt (die Beschwerdeführerin wurde in die Flüchtlingsei-
genschaft ihres Ehemannes einbezogen; Anmerkung des Gerichts). Ihr
Asylgesuch lehnte das SEM ab und wies sie aus der Schweiz weg. Da der
Vollzug der Wegweisung nicht zulässig sei, ordnete das SEM die vorläufige
Aufnahme der Beschwerdeführerin an. Die Staatsangehörigkeit der Be-
schwerdeführerin änderte es von «unbekannt» zu «Syrien». Die miss-
bräuchlich verwendete und auf T._ lautende (...) Identitätskarte zog
das SEM gestützt auf Art. 10 Abs. 4 AsylG ein.
E.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 21. Januar 2021 erhob die Be-
schwerdeführerin gegen die Verfügung vom 22. Dezember 2020 beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. In dieser wurde beantragt, der ange-
fochtene Entscheid sei aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft der
Beschwerdeführerin anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, der Beschwerdeführerin seien
die Prozesskosten zu erlassen. Der Eingabe lag die Übersetzung des bei
den Akten liegenden Strafregisterauszugs bei.
F.
Am 28. Januar 2021 wurde eine Bestätigung über ihre Sozialhilfeunterstüt-
zung betreffend die Beschwerdeführerin vom 25. Januar 2021 eingereicht.
G.
Mit Verfügung vom 29. März 2021 hiess Instruktionsrichter das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses. Die Akten übermittelte er zur Ver-
nehmlassung an das SEM.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 7. April 2021 hielt das SEM an seinem
Standpunkt fest. Das Bundesverwaltungsgericht setzte die Beschwerde-
führerin am 8. April 2021 von der Vernehmlassung in Kenntnis.
I.
Mit Eingabe vom 25. Mai 2021 wandte sich die Beschwerdeführerin an das
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Bundesverwaltungsgericht. Sie gab Unterlagen zu den in Deutschland ge-
führten Asylverfahren ihrer beiden Brüder ab.
J. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Akten des Asylverfahrens der
Mutter der Beschwerdeführerin, U._ (N ...), beigezogen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde
ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
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3.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Verfahrensakten der Mutter der Be-
schwerdeführerin (SEM-Akten N (...), Akten des Bundesverwaltungsge-
richts D-1080/2017), die sich in der Schweiz befindet, beigezogen. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, der auch ihre Mutter im Be-
schwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht vertrat, liegen die
entsprechenden Akten vor. Angesichts des vorliegenden Verfahrensaus-
gangs kann gestützt auf Art. 30 Abs. 2 Bst. c VwVG auf die vorgängige Ge-
währung des rechtlichen Gehörs verzichtet werden.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus-
druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat be-
stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründet seinen Entscheid damit, die Beschwerdeführerin
habe widersprüchliche Angaben zur behördlichen Suche nach ihr gemacht.
In der Anhörung vom 22. November 2011 habe sie zunächst geschildert,
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dass zweimal Behördenmitarbeiter bei ihren Eltern nach ihr gefragt hätten.
Nach zeitlichen Angaben gefragt, habe sie geantwortet, sie sei die ganze
Zeit über gesucht worden. Auf die Ungereimtheit angesprochen, habe sie
gesagt, die Behördenvertreter seien zweimal in kurzen Abständen gekom-
men; sie seien jedoch immer wieder gekommen und kämen immer noch.
Zudem habe sie geschildert, Mitschülerinnen hätten ihre Mutter über ihren
Weggang zur PKK unterrichtet. Ihr Vater habe diese Information an den
Staat weitergeleitet, wonach die Behörden sie zuhause gesucht hätten. Sie
habe davon erfahren, als sie mit ihrer Mutter erstmals wieder telefoniert
habe. Während ihrer Zeit bei der PKK habe sie keinen Kontakt zur Familie
gehabt. In der ergänzenden Anhörung am 28. August 2020 habe sie zu-
nächst angegeben, ihre Eltern hätten eine Vermisstenmeldung bei der Po-
lizei gemacht, sich jedoch nicht getraut, zu sagen, sie sei zur PKK gegan-
gen. Später habe sie berichtet, die Behörden hätten von ihrer Mutter – nicht
ihrem Vater – erfahren, dass sie bei der PKK sei. Nachbarn – nicht Mit-
schülerinnen – hätten ihre Mutter darüber informiert. Ihre Mutter habe ihr
von den Behördenbesuchen erzählt, als sie während ihrer Zeit bei der PKK
– nicht erst danach – mit ihr telefoniert habe. Auf die Unterschiede ange-
sprochen, habe sie jeweils an ihrer Version bei der ergänzenden Anhörung
festgehalten und versucht, die Widersprüche mit Übersetzungsproblemen
zu erklären. Dem Protokoll der Anhörung vom 22. November 2011 seien
keine Hinweise auf Verständigungsschwierigkeiten zu entnehmen. Die An-
hörung habe zwar auf Türkisch stattgefunden, die Beschwerdeführerin
habe aber gesagt, sie verstehe die Dolmetscherin. Auch bei der BzP, die
auf Türkisch durchgeführt worden sei, habe sie erklärt, sie verstehe die
Dolmetscherin gut. Im Protokoll der BzP sei vermerkt, dass eine Anhörung
auf Türkisch oder Kurdisch durchgeführt werden könne. Aufgrund ihrer Le-
bensgeschichte sei davon auszugehen, dass sie sich auf Türkisch hinrei-
chend verständigen könne. Auch der lange Zeitablauf vermöge die unter-
schiedlichen Darstellungen nicht zu erklären. Die Ausführungen zu den Be-
hördenbesuchen seien zudem äusserst vage und oberflächlich ausgefal-
len.
Als Beweismittel eingereichte Dokumente würden keiner materiellen Prü-
fung unterzogen, wenn sie käuflich leicht erhältlich seien oder wenn unter-
schiedliche formale und inhaltliche Kriterien bei der Ausstellung eine
schlüssige Überprüfung verunmöglichten. Der Strafregisterauszug vom
4. August 2014, in dem vermerkt sei, dass die Beschwerdeführerin verur-
teilt worden sei, und dass eine Vorladung des allgemeinen Sicherheits-
diensts vom 21. Februar 2014 bestehe, sei nicht geeignet, diese Einschät-
zung zu ändern. Das Dokument weise keine fälschungssicheren Merkmale
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auf. Es sei bekannt, dass in Syrien praktisch jegliche Art von Dokumenten
gekauft werden könne. Entsprechend gering sei die Beweiskraft syrischer
Dokumente. Der Umstand, dass sie das Dokument in der ergänzenden An-
hörung erst am Schluss erwähnt habe, spreche gegen die Echtheit der Ur-
kunde. Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie früher in der Anhörung da-
rauf hingewiesen hätte. Sie sei mehrfach gefragt worden, weshalb sie
glaube, in Syrien gefährdet zu sein. Sie habe sich jeweils auf reine Vermu-
tungen und allgemein gehaltene Aussagen beschränkt. Erst als sie explizit
gefragt worden sei, ob Unterlagen existierten, scheine sie sich an das Do-
kument erinnert zu haben. Zur angeblichen Verurteilung habe sie keine
Aussagen machen können. Insgesamt könne nicht geglaubt werden, dass
die syrischen Behörden sie wegen ihrer PKK-Vergangenheit gesucht hät-
ten beziehungsweise sie weiterhin suchten.
Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Probleme mit der PKK
seien mit ihrem Weggang im Jahr 2005 beendet gewesen und flüchtlings-
rechtlich nicht mehr relevant. Den Akten liessen sich keine Hinweise auf
eine ihr zukünftig drohende Verfolgung seitens der PKK entnehmen, habe
sie in der ergänzenden Anhörung doch eingeräumt, die PKK habe ihre Kün-
digung letztlich akzeptiert.
Asylvorbringen, die sich auf den Irak bezögen, seien einzig dann geeignet,
die Flüchtlingseigenschaft zu begründen, wenn diese auch im Heimatstaat
zu einer Verfolgung führten. Aufgrund der Aktenlage sei nicht zu schlies-
sen, dass die Beschwerdeführerin wegen der Probleme mit der KDP in Sy-
rien Nachteile zu befürchten hätte.
Die Beschwerdeführerin habe nicht glaubhaft machen können, dass die
syrischen Behörden von ihrer PKK-Tätigkeit erfahren und sie gesucht hät-
ten. Aus den Akten ergäben sich keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür,
dass ihr zukünftig Verfolgung drohen könnte. Bei den Ausführungen der
Beschwerdeführerin handle es sich um Mutmassungen und Überlegungen
ohne objektive Grundlage. Da sie die PKK 2005 verlassen und dort keine
besondere Funktion gehabt habe, sei nicht ersichtlich, welches Interesse
die syrischen Behörden an ihrer Person haben könnten.
Soweit die Beschwerdeführerin geltend mache, ihr drohe aufgrund der
Wehrdienstverweigerung ihrer Brüder eine Reflexverfolgung, sei anzumer-
ken, dass ihr Bruder V._ gemäss der früheren Praxis des SEM we-
gen Wehrdienstverweigerung am (...) Asyl erhalten habe. Daran anschlies-
send habe das Bundesverwaltungsgericht das SEM mit Urteil D-1080/2017
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vom 19. November 2018 angewiesen, ihrer Mutter U._ wegen dro-
hender Reflexverfolgung Asyl zu gewähren. Die Lage ihrer Mutter unter-
scheide sich jedoch in wesentlichen Punkten von der ihrigen. Sie habe die
elterliche Wohnung 1995 verlassen und sei zwei Jahre später aus Syrien
ausgereist. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass die syri-
schen Behörden davon ausgingen, sie stehe mit ihren Brüdern in Kontakt
und könne etwas über deren Verbleib sagen. Der Umstand, dass ihr in
B._ lebender Vater offenbar keine nennenswerten Probleme habe,
spreche gegen eine drohende Reflexverfolgung. Gemäss der aktuellen
Asylpraxis könne zudem allein aufgrund einer Desertion oder Wehrdienst-
verweigerung nicht auf asylrelevante Verfolgung geschlossen werden, da
die syrischen Behörden nicht allen Dienstverweigerern oder Deserteuren
eine regierungsfeindliche Haltung unterstellten. Eine diesbezügliche Be-
strafung erfolge nur dann aus Gründen im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn
zusätzliche einzelfallspezifische Risikofaktoren vorlägen. Da im Fall ihres
Bruders derartige Risikofaktoren nicht vorlägen, sei nicht von einer zukünf-
tigen Reflexverfolgung auszugehen.
Hinsichtlich des Vorbringens, Kurden würden in Syrien verfolgt, sei festzu-
halten, dass die Anforderungen an die Feststellung einer Kollektivverfol-
gung gemäss Rechtsprechung sehr hoch seien. Seit Beginn der Unruhen
und des Kriegs in Syrien sei für die dort lebenden Kurden keine Situation
entstanden, die den Schluss zuliesse, dass diese Personengruppe von kol-
lektiver Verfolgung betroffen sei. Zahlreiche Kurden seien verfolgt worden,
weil sie sich aktiv in der Opposition betätigt hätten. Viele Kurden seien im
Kampf oder im Widerstand gegen den IS oder andere Milizen getötet wor-
den. In Nordsyrien stünden Kurden seit der türkischen Militäroffensive im
Oktober 2019 unter Druck. Insgesamt lasse sich kein ethnisch bedingtes
Verfolgungsmuster gegen Kurden feststellen, das die Anforderungen an
eine Kollektivverfolgung erfülle. Folglich seien die Voraussetzungen für die
Annahme einer Kollektivverfolgung der kurdischen Bevölkerung in Syrien
nicht gegeben.
Die Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten einerseits den Anforderun-
gen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG, anderseits denjenigen an
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Mit Verfügung vom (...) sei der Ehemann der Beschwerdeführerin als
Flüchtling anerkannt worden. Gestützt auf den Grundsatz der Einheit der
Familie, werde die Beschwerdeführerin ebenfalls als Flüchtling anerkannt.
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Zufolge Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs werde sie in der
Schweiz als Flüchtling vorläufig aufgenommen.
5.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Anhörung vom 22. No-
vember 2011 habe nicht den rechtlichen Anforderungen entsprochen, was
im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-4593/2014 vom 4. Dezember
2017 festgestellt worden sei. Aus diesem Grund sei der Beschwerdeführe-
rin die Möglichkeit eingeräumt worden, die Befragung unter korrekten Be-
dingungen zu absolvieren. Sie habe bei der ergänzenden Anhörung ge-
sagt, dass sie keine genauen Angaben zu den behördlichen Vorsprachen
machen könne, da ihre Mutter ihr gesagt habe, die Behörden seien immer
und immer wieder gekommen. Als die syrischen Behörden erfahren hätten,
dass sie zur PKK gegangen sei, sei ihr Vater verhört und inhaftiert worden.
Die Widersprüche, die sich auf den ersten Blick ergäben, lösten sich jeweils
auf, wenn die Beschwerdeführerin genau erkläre. Der Ablauf sei so gewe-
sen, dass sie von zuhause verschwunden sei. Ihre Mutter habe bei den
Behörden eine Vermisstenmeldung erstattet; von Nachbarn habe sie erfah-
ren, dass die Beschwerdeführerin sich der PKK angeschlossen habe. Die
Behörden hätten diese Information ebenfalls erhalten und hätten die Eltern
besucht, welche sie bestätigt hätten. Der Vater sei beschuldigt worden,
seine Tochter zur PKK geschickt zu haben, weshalb er verhaftet worden
sei. Er sei, wohl, weil er ein regimetreuer (...) gewesen sei, wieder freige-
lassen worden, unter der Auflage, seine Tochter auszuliefern, falls sie
heimkehre. Um seine Loyalität zu demonstrieren, habe der Vater ihre
Schwestern von der Schule genommen. Die Beschwerdeführerin habe Wi-
dersprüche, die während der ergänzenden Anhörung entstanden seien, im-
mer erklären können. Da die Ereignisse mehrere Jahre zurücklägen, sei
ersichtlich, dass sie aus ihren Erinnerungen schöpfe und nichts erfinde. Da
das Gericht eine neue Anhörung angeordnet habe, weil der rechtserhebli-
che Sachverhalt nicht richtig und vollständig erhoben worden sei, dürfe er-
wartet werden, dass sie in der ergänzenden Anhörung den Sachverhalt
richtig und vollständig darlegen dürfe, ohne dass ihr Widersprüchlichkeit
der Aussagen vorgehalten werde. Der Strafregisterauszug sei nicht von
vornherein als Dokument ohne Beweiskraft zu klassifizieren, zumal er ihre
Aussagen stütze. Die Flüchtlingseigenschaft sei durch die Wahrscheinlich-
keit der Schilderungen begründet. Das Verschwinden der Beschwerdefüh-
rerin habe grosse Auswirkungen auf ihre Familie gehabt. Es sei angesichts
der Lage in Syrien davon auszugehen, dass die Information betreffend ih-
ren Anschluss an die PKK nicht gelöscht worden sei. Sie sei mit Bestimmt-
heit vorgemerkt. Die Tatsache, dass sie während einer gewissen Zeit zum
innersten Kreis um Öcalan gehört habe, mache sie zu einer Person, die für
D-317/2021
Seite 14
die syrischen Behörden von besonderem Interesse sei. Sie habe begrün-
dete Furcht vor Verfolgung.
Dass die Beschwerdeführerin ihr Zuhause im Alter von (...) Jahren verlas-
sen habe, sei kein Grund, dass sie nicht von Reflexverfolgung betroffen
sein könne. Es sei fraglich, ob für die syrischen Behörden ein Familienzu-
sammenhalt als aufgelöst gelte, weil ein Mitglied der Familie früh weggehe.
Ein erschwerender Umstand sei, dass sie selbst ein politisches Profil habe.
Die Wehrdienstverweigerung durch ihren Bruder müsse im Lichte ihrer
PKK-Vergangenheit als gefährdender Umstand gewertet werden. Ihr Vater
habe in Syrien eine Stellung, die nicht mit der ihrigen verglichen werden
könne. Hervorzuheben sei, dass ihrer Mutter im Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts D-1080/2017 vom 19. November 2018 aufgrund von Re-
flexverfolgung Asyl gewährt worden sei. Im Urteil sei ein aus Sicht der sy-
rischen Behörden bei ihrem Bruder vorliegendes oppositionelles Profil fest-
gestellt worden, womit die allfällige Reflexverfolgung gegeben sei. Sie sei
als Schwester eines als regimefeindlich eingestuften Refraktärs der Gefahr
ausgesetzt, bei einer Rückkehr nach Syrien ins Blickfeld der Behörden zu
geraten und folterähnlichen Verhören ausgesetzt zu werden. Eine Re-
flexverfolgung sei auch deshalb nicht auszuschliessen, weil davon auszu-
gehen sei, dass die Behörden nicht davor zurückschreckten, Familienan-
gehörige politisch aktiver Personen zur Rechenschaft zu ziehen. Verschie-
dene NGOs und der UNHCR hätten darauf hingewiesen, dass Reflexver-
folgung verbreitet sei beziehungsweise eine ganz entscheidende Charak-
teristik des anhaltenden syrischen Konflikts darstelle. Gefährdet seien bei-
spielsweise Angehörige von Dienstverweigerern. Vor diesem Hintergrund
sei davon auszugehen, dass sie im Zusammenhang mit ihrem gesuchten
Bruder ins Visier der syrischen Sicherheitsbehörden geraten sei.
5.3 In der Eingabe vom 25. Mai 2021 wird darauf hingewiesen, dass der
Ehemann der Beschwerdeführerin seit dem (...) (recte: ...) in der Schweiz
politisches Asyl habe. Zwei ihrer in Deutschland lebenden Brüder hätten
dort politisches Asyl erhalten. Entgegen der Auffassung des SEM sei sie
im Falle einer Rückkehr nach Syrien aufgrund ihrer politischen Vergangen-
heit sowie der politischen Aktivitäten ihrer Familie gefährdet, ins Visier der
syrischen Regierung zu geraten. Ihre Familie lebe, abgesehen vom re-
gimetreuen Vater, ausserhalb Syriens. Dadurch sei die Gefahr einer Re-
flexverfolgung gross.
D-317/2021
Seite 15
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
6.2 Einleitend ist festzustellen, dass weder das SEM noch das Bundesver-
waltungsgericht Zweifel an den Angaben der Beschwerdeführerin hegen,
sie habe sich als Teenager der PKK angeschlossen und sich jahrelang bei
dieser aufgehalten. Aufgrund ihrer Aussagen und der eingereichten Be-
weismittel sind die diesbezüglichen Vorbringen als bewiesen beziehungs-
weise zumindest glaubhaft gemacht zu werten. Bewiesen respektive
glaubhaft sind auch die Angaben der Beschwerdeführerin dazu, dass sie
sich nach ihrem Aufenthalt bei der PKK während mehreren Jahren im Nord-
irak aufhielt, wo sie ihren Ehemann kennenlernte und heiratete.
6.3
6.3.1 Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung, stellte das
Bundesverwaltungsgericht im Urteil D-4593/2014 vom 4. Dezember 2017
nicht fest, die Anhörung vom 22. November 2011 habe insgesamt gesehen
den rechtlichen Anforderungen nicht entsprochen beziehungsweise, der
rechtserhebliche Sachverhalt sei insgesamt gesehen nicht richtig erhoben
worden. Im Urteil wurde befunden, dass die Anhörung der Beschwerdefüh-
rerin aufgrund der von ihr gemachten Andeutungen, die nahelegten, sie sei
sexuellen Übergriffen ausgesetzt worden, in einer gleichgeschlechtlichen
«Runde» hätte durchgeführt werden müssen, weshalb der Sachverhalt
nicht als vollständig erhoben bezeichnet werden könne. Dies bedeutet in-
dessen nicht, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin, die sie bei der
Erstbefragung vom 13. Juli 2011 und der Anhörung vom 22. November
2011 machte, für die Entscheidfindung generell nicht berücksichtigt werden
dürften. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Be-
schwerdeführerin in der ergänzenden Anhörung vom 28. August 2020 nicht
geltend machte, während ihrer Zeit bei der PKK sexuellen Übergriffen aus-
gesetzt gewesen zu sein oder solche beobachtet zu haben, womit die in
der Beschwerde vom 18. August 2014 seitens des damaligen Rechtsver-
treters geäusserten Vermutungen (vgl. Urteil D-4593/2014 vom 4. Dezem-
ber 2017 E. 4.4.2) durch ihre Angaben nicht bestätigt werden. Damit be-
steht kein Grund zur Annahme, die Beschwerdeführerin habe sich zu den
Vorkommnissen in der Zeitspanne, während der sie sich in den Reihen der
PKK befand, in einer der Befragungen nicht frei äussern können.
D-317/2021
Seite 16
6.3.2 Die Beschwerdeführerin gab bei der Erstbefragung an, sie sei arabi-
scher Muttersprache und beherrsche zudem die türkische und die kurdi-
sche Sprache so gut, dass eine Anhörung auch in diesen Sprachen durch-
geführt werden könne (vgl. SEM-act. A5/10 S. 3). Bei der Anhörung sagte
die Beschwerdeführerin, sie habe sich während ihrer Zeit bei der PKK (sie
hielt sich rund zehn Jahre bei der PKK auf; Anmerkung des Gerichts)
hauptsächlich in türkischer Sprache unterhalten (vgl. SEM-act. A13/13
S. 7). Bei der Erstbefragung sagte sie vor dem Abschluss derselben, sie
habe die Dolmetscherin gut verstanden (vgl. SEM-act. A5/10 S. 8), und bei
der Anhörung bestätigte sie, dass sie die Dolmetscherin verstehe (vgl.
SEM-act. A13/13 S. 1). Aufgrund der beiden Protokolle entsteht denn auch
nicht der Eindruck, dass zwischen der Beschwerdeführerin und den Dol-
metscherinnen, die sich in türkischer Sprache unterhielten, Verständi-
gungsschwierigkeiten bestanden hätten. Angesichts der Tatsache, dass
die Anhörung vom 22. November 2011 unter Zeitdruck durchgeführt wurde
– sie dauerte inklusive Rückübersetzung und 15-minütiger Pause zwei
Stunden und zehn Minuten (vgl. dazu auch die Beobachtungen der Hilfs-
werksvertretung auf dem Unterschriftenblatt [SEM-act. A13/13 S. 13]) –, ist
zwar erklärbar, dass die Beschwerdeführerin nicht alle relevanten Vor-
kommnisse in der nötigen Tiefe vorbringen konnte, nicht jedoch, dass sie
erheblich voneinander abweichende Angaben zu ihren Erlebnissen machte
(vgl. E. 5.1).
6.4
6.4.1 Bei der Erstbefragung gab die Beschwerdeführerin an, sie habe wäh-
rend der Zeit, in der sie sich bei der PKK aufgehalten habe, immer wieder
Fluchtgedanken gehabt, eine Flucht sei ihr aber nicht gelungen. Sie sei von
der PKK viermal verhört worden; diese sei zum Schluss gekommen, sie
benötige eine Erziehung und habe sie in die Berge von I._ ge-
schickt. Im Jahr 2005 sei sie zusammen mit einer Freundin nach
C._ gegangen, wo sie von den irakischen Kurden eine Woche lang
verhört worden sei (vgl. SEM-act. A5/10 S. 5). Auf Nachfrage antwortete
sie, sie sei von der PKK wegen Fluchtversuchen zweimal vor einer grossen
Menschenmenge verhört worden. Einmal sei sie deshalb während fünf, ein
anderes Mal während zehn Tagen festgehalten worden. Einen dritten
Fluchtversuch habe sie sich nicht leisten können (vgl. SEM-act. A5/10
S. 6).
Im Rahmen der Anhörung sagte die Beschwerdeführerin, sie habe zu ihrer
Mutter keinen Kontakt gehabt, als sie sich bei der PKK befunden habe. Auf
Nachfrage bestätigte sie, sie habe in dieser Zeit nie Kontakt zu ihrer Familie
D-317/2021
Seite 17
gehabt (vgl. SEM-act. A13/13 S. 3). Als sie gefragt wurde, ob die syrischen
Behörden Kenntnis davon hätten, dass sie bei der PKK gewesen sei, ant-
wortete sie, einige hätten in der Schule gesagt, dass sie zur PKK gehe. Auf
Nachfrage gab sie an, Mitschülerinnen hätten mitgehört, dass sie zur PKK
mitgenommen werde; nachdem sie gegangen sei, hätten diese Schülerin-
nen ihrer Mutter erzählt, dass sie mit zwei Frauen zur PKK gegangen sei.
Sie habe davon erfahren, nachdem sie die PKK verlassen und zum ersten
Mal wieder Kontakt mit ihr gehabt habe. Ihr Vater habe den syrischen Be-
hörden gemeldet, dass sie bei der PKK sei; ihre Mutter habe ihr dies ge-
sagt. Es seien zweimal «Männer vom Staat» bei ihr zuhause gewesen, die
sich nach ihr erkundigt hätten. Kurz darauf sagte sie, die Männer seien
zweimal in kurzen Abständen gekommen; sie seien aber auch danach im-
mer wieder gekommen und kämen heute noch. Die Männer hätten sie
mehr als zehnmal gesucht (vgl. SEM-act. A13/13 S. 5 f. und S. 10). Die
Beschwerdeführerin führte des Weiteren aus, sie sei insgesamt viermal er-
wischt worden, als sie versucht habe, die PKK zu verlassen. Jedes Mal sei
sie in einen Raum gestellt worden, wobei zu den anderen PKK-Mitgliedern
gesagt worden sei, sie sei eine Verräterin und man solle sie fragen, was
sie angestellt habe (vgl. SEM-act. A13/13 S. 6). Schliesslich habe sie es
zusammen mit einer Kollegin geschafft, der PKK zu entkommen. Auf Nach-
frage präzisierte sie, sie habe bei der PKK dreimal einen Antrag gestellt,
um zu «kündigen», was abgelehnt worden sei. Sie habe sich dann mit einer
Freundin, die auch nicht mehr bei der PKK habe bleiben wollen, in einer
Nacht weggeschlichen (vgl. SEM-act. A13/13 S. 8).
Die Beschwerdeführerin führte bei der ergänzenden Anhörung aus, ihre El-
tern hätten nach ihrem Verschwinden bei den syrischen Behörden eine
Vermisstenmeldung erstatten müssen. Sie hätten sich nicht getraut, den
Behörden zu sagen, dass sie zur PKK gegangen sei (vgl. SEM-act. A82/22
S. 5). Sie habe damals selten mit ihrer Mutter gesprochen, die sie davor
gewarnt habe, nach Syrien zurückzukehren, weil ihr Vater sie den Behör-
den überstellen würde (vgl. SEM-act. A82/22 S. 10). Sie habe die PKK
nicht ohne Bewilligung verlassen können, da jeder, der fliehe, getötet
werde. Deshalb habe sie offiziell die Kündigung eingereicht. Danach sei sie
von der Gruppe entfernt worden und habe in einer Art Schutzraum leben
müssen. Nach mehreren Monaten habe man ihre Kündigung akzeptiert,
worauf sie nach S._ gegangen sei. Ihre Mutter habe ihren Gold-
schmuck verkauft und eine in C._ ansässige Familie beauftragt, sie
abzuholen und nach C._ zu bringen. Nachdem sie dort verhört wor-
den sei, sei sie zu einer in J._ lebenden Freundin gegangen (vgl.
SEM-act. A82/22 S. 11).
D-317/2021
Seite 18
6.4.2 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung beim Vergleich der
Aussagen, welche die Beschwerdeführerin im Rahmen der drei Befragun-
gen machte, zu Recht festgestellt, dass sie hinsichtlich der Frage, ob sie
während ihres rund zehnjährigen Aufenthalts bei der PKK Kontakte zu ihrer
Familie hatte oder nicht, wesentlich voneinander abweichende Aussagen
machte. Ebenso widersprüchlich sind ihre Angaben dazu, wie sie von der
PKK losgekommen sei. Unstimmig sind auch ihre Angaben zur Frage, wie
ihre Familie Kenntnis davon erlangt habe, dass sie zur PKK ging. Die Er-
klärung der Beschwerdeführerin, bei der Übersetzung während der Anhö-
rung habe es bestimmt ein Missverständnis gegeben (vgl. SEM-act.
A82/22 S. 17), vermag die klarerweise deutlich voneinander abweichenden
Aussagen, die sie bei der ersten Anhörung teilweise auf Nachfrage hin be-
stätigte, nicht zu erklären. Sowohl die Aussagen der Beschwerdeführerin,
die bei der Erstbefragung protokolliert wurden, als auch diejenigen im Pro-
tokoll der Anhörung, wurden der Beschwerdeführerin rückübersetzt. Sie
bestätigte nach Rückübersetzung unterschriftlich, dass das Protokollierte
ihren Aussagen entspreche (vgl. SEM-act. A5/10 S. 8 und A13/13 S. 12).
Diesbezüglich ist festzustellen, dass die protokollierten Aussagen, welche
die Beschwerdeführerin bei der Erstbefragung und der Anhörung machte,
im Wesentlichen übereinstimmen. Da nicht die gleiche Person für die Über-
setzung der Aussagen eingesetzt wurde, erscheint die Annahme, bei der
Übersetzung ihrer Aussagen bei der Anhörung sei es zu Missverständnis-
sen und Fehlern gekommen, als nicht überzeugend.
6.5
6.5.1 Die Beschwerdeführerin wurde bei der ergänzenden Anhörung ge-
fragt, weshalb sie sich vor den syrischen Behörden fürchte. Sie antwortete,
sie sei Kurdin und damit eine Feindin der Baath-Partei. Darauf angespro-
chen, dass in Syrien viele Kurden lebten, die nicht gefährdet seien, erwi-
derte sie, sie habe sich der PKK angeschlossen und sei in den Augen der
syrischen Behörden eine Verräterin. Gefragt, wie die Behörden von ihrer
PKK-Vergangenheit erfahren haben sollten, sagte sie, Syrien sei ein klei-
ner Staat und die Behörden seien gut informiert. Falls sie zurückkehre,
werde ein Nachbar oder eine Bekannte Meldung machen. Ausserdem
habe ihre Mutter damals eine Vermisstenanzeige erstattet. Alle in Syrien
lebenden Kurden seien in Gefahr. Zum Einwand, es sei normal, dass Eltern
eines Kindes, das verschwunden sei, eine Vermisstenanzeige erstatteten,
weshalb dies nicht automatisch zu einer Verfolgung führen müsse, meinte
die Beschwerdeführerin, das syrische Regime wisse alles. Wenn sie je-
manden von der PKK verhafteten, werde diese Person verhört und man
D-317/2021
Seite 19
zeige ihr Fotos von anderen PKK-Mitgliedern. So sei auch sie den syri-
schen Behörden bekannt geworden. Ihre Familie habe sie informiert, dass
die syrischen Behörden mehrmals nach ihr gefragt hätten, was bedeute,
dass diese etwas über ihre Vergangenheit wüssten. Ihre in der Schweiz
und in Deutschland lebenden Brüder hätten in den Reservedienst einrü-
cken müssen und würden gesucht. Schon wenn nur eine Person aus der
Familie gesucht werde, sei die ganze Familie in Gefahr. Als sie zur PKK
gegangen sei, habe ihre Mutter erzählt, dass die Behörden immer wieder
nach Hause gekommen seien und nach ihr gefragt hätten. Die Behörden
hätten sie verhaften und befragen wollen. Gefragt, wie die syrischen Be-
hörden von ihrer PKK-Mitgliedschaft erfahren hätten, sagte sie, ihre Mutter
habe es ihnen gesagt. Die PKK habe ihrer Mutter gesagt, dass sie bei ihr
sei. Zu einem späteren Zeitpunkt hätten ihre Eltern den Behörden gesagt,
dass sie zur PKK gegangen sei und sie froh wären, wenn diese ihnen hel-
fen würden, sie zurückzuholen (vgl. SEM-act. A82/22 S. 12 f.). Als die Be-
schwerdeführerin gefragt wurde, ob es Unterlagen dazu gebe, dass sie ge-
sucht werde, antwortete sie, sie habe vor ungefähr acht Jahren ein Doku-
ment eingereicht, in dem stehe, dass sie gesucht werde und «ein Urteil
habe» (vgl. SEM-act. A82/22 S. 14).
6.5.2 Das vorstehend wiedergegebene Aussageverhalten der Beschwer-
deführerin bestätigt die Zweifel an ihrer Sachverhaltsdarstellung hinsicht-
lich der Aussage, die syrischen Behörden hätten von ihrer PKK-Zugehörig-
keit erfahren. Sie beantwortete die klar und unmissverständlich gestellte
Frage, weshalb sie sich vor den syrischen Behörden fürchte, vorerst mit
allgemeinen Erklärungen, die nicht den Eindruck erwecken, als habe sie
persönliche Gründe, die eine entsprechende konkrete Furcht als nachvoll-
ziehbar erscheinen liessen. Es erschliesst sich nicht, weshalb die Be-
schwerdeführerin ihre Furcht vor den syrischen Behörden zuerst mit ihrer
kurdischen Ethnie zu erklären versucht, um dann auszuführen, Syrien sei
ein kleiner Staat und die syrischen Behörden seien gut informiert, und an-
schliessend zu behaupten, sie sei von anderen PKK-Mitgliedern, die von
den syrischen Behörden verhört worden seien, identifiziert worden. Da-
nach gab sie an, die syrischen Behörden hätten sich bei ihren Eltern nach
ihr erkundigt, weshalb sie von ihrer PKK-Vergangenheit erfahren haben
müssten. Schliesslich legte sie dar, dass die ganze Familie gefährdet sei,
wenn nach einem Familienmitglied gesucht werde. Erst auf mehrfache
Nachfrage hin schien ihr einzufallen, dass ihre Mutter die syrischen Behör-
den davon in Kenntnis gesetzt habe, dass sie zur PKK gegangen sei. Das
Vorbringen der Beschwerdeführerin, die syrischen Behörden wüssten mit
Bestimmtheit Bescheid über ihre PKK-Vergangenheit, vermag somit nicht
D-317/2021
Seite 20
zu überzeugen. An dieser Einschätzung ändert auch die im Rahmen des
ersten Beschwerdeverfahrens eingereichte Kopie eines Strafregisteraus-
zugs, der am 4. August 2014 in O._ ausgestellt worden sein soll,
nichts. Gemäss den Angaben auf diesem Dokument sei die Beschwerde-
führerin in der Region O._ registriert und halte sich dort auf. Sie gab
indessen an, sie stamme aus B._ und habe bis im Jahr 1995 dort
gelebt (vgl. SEM-act. A5/10 S. 1). Anschliessend sei sie bis 1998 in
G._ gewesen und von dort mit der PKK in den Nordirak verlegt wor-
den. Sie sei danach nie mehr nach Syrien zurückgekehrt. Aus der Lebens-
geschichte der Beschwerdeführerin lassen sich keine Anhaltspunkte dafür
entnehmen, dass sie in der Region O._ registriert gewesen sein
könnte, zumal sie angeblich offiziell als vermisst gemeldet worden sei und
ihre Familie auch nach ihrem «Verschwinden» weiterhin in B._ ge-
lebt habe. Dem Dokument ist des Weiteren zu entnehmen, dass die Be-
schwerdeführerin vorbestraft sein soll. Obwohl auf dem Dokument gemäss
den vorgedruckten Überschriften der Name des Gerichts, die Verbrechen-
sart, das Datum und die Nummer des Urteils sowie die verhängte Strafe
aufgeführt sein sollten, lässt sich diesem diesbezüglich nichts entnehmen.
Hingegen ist im Strafregisterauszug vermerkt, dass sich die Beschwerde-
führerin aufgrund einer entsprechenden, vom 21. Februar 2014 datieren-
den Vorladung beim allgemeinen Sicherheitsdienst melden solle, was zu-
mindest ungewöhnlich erscheint. Das der eingereichten Kopie zu Grunde
liegende Dokument ist entsprechend dieser Erwägungen in freier richterli-
cher Beweiswürdigung als nicht authentisch zu erachten.
6.6 Zusammenfassend erachtet es das Bundesverwaltungsgericht als we-
der bewiesen noch glaubhaft gemacht, dass die syrischen Behörden von
der Familie der Beschwerdeführerin oder von anderen Personen davon in
Kenntnis gesetzt wurden, dass die Beschwerdeführerin sich der PKK an-
schloss und während rund zehn Jahren in deren Reihen stand. Aus den
vorstehend genannten Gründen ist auch nicht davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin von den syrischen Behörden bei ihren Eltern gesucht
wurde. Den Aussagen der Mutter der Beschwerdeführerin ist nichts zu ent-
nehmen, das diese Schlussfolgerung relativieren würde.
6.7
6.7.1 In der Eingabe vom 25. Mai 2021 wird geltend gemacht, dem Ehe-
mann der Beschwerdeführerin sei in der Schweiz politisches Asyl gewährt
worden. Diese Behauptung ist aktenwidrig, da dieser vom SEM mit Verfü-
gung vom (...) aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe zwar als Flüchtling
vorläufig aufgenommen, sein Asylgesuch aber abgelehnt wurde. Dies ist
D-317/2021
Seite 21
dem die Eingabe verfassenden Rechtsvertreter, dem die erwähnte Verfü-
gung eröffnet wurde, bekannt.
6.7.2 Des Weiteren wird in der Eingabe vom 25. Mai 2021 angeführt, zwei
Brüder der Beschwerdeführerin hätten in Deutschland Asyl erhalten. Auch
diese Behauptung ist unzutreffend, da ihrem Bruder W._ gemäss
der Kopie eines Bescheids des deutschen Bundesamtes für Migration und
Flüchtlinge vom (...) zwar die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, sein An-
trag auf Asylanerkennung aber abgelehnt wurde. Der Kopie eines Schrei-
bens des genannten deutschen Bundesamtes vom (...) ist zu entnehmen,
dass dem Bruder P._ die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt wurde.
Ob ihm Asyl gewährt wurde, ist den eingereichten Dokumentenkopien nicht
zu entnehmen.
6.7.3 In der Beschwerde wird zutreffend darauf hingewiesen, dass dem
Bruder der Beschwerdeführerin, V._ (N ...), und ihrer Mutter,
U._, mit Verfügungen des SEM vom (...) beziehungsweise vom (...)
in der Schweiz Asyl gewährt wurde.
7.
7.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen. Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, die
Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder
werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit
in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende
Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem
Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Ent-
schluss zur Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die
begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und
zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und
grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. An-
spruch auf Asyl nach schweizerischem Recht hat somit nur, wer im Zeit-
punkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
D-317/2021
Seite 22
gesetzt war (Vorfluchtgründe) oder aufgrund von äusseren, nach der Aus-
reise eingetretenen Umständen, auf die er keinen Einfluss nehmen konnte,
bei einer Rückkehr ins Heimatland solche ernsthaften Nachteile befürchten
müsste (sogenannte objektive Nachfluchtgründe [vgl. zum Ganzen BVGE
2011/51 E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1,
2008/12 E. 5.2 und 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl,
in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009,
Rz.11.17 und 11.18]).
7.2 Die in Syrien herrschende politische und menschenrechtliche Lage
wurde durch das Bundesverwaltungsgericht ausführlich gewürdigt (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.2 sowie Urteil D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 [als
Referenzurteil publiziert] E. 5.3 und 5.7.2, jeweils mit weiteren Nachwei-
sen). Durch eine Vielzahl von Berichten ist belegt, dass die staatlichen sy-
rischen Sicherheitskräfte seit Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen
tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner mit grösster Brutalität und
Rücksichtslosigkeit vorgehen. Personen, die sich an regimekritischen De-
monstrationen beteiligten, sind in grosser Zahl von Verhaftung, Folter und
willkürlicher Tötung betroffen. Personen, die durch die staatlichen syri-
schen Sicherheitskräfte als Gegner des Regimes identifiziert werden, ha-
ben eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt.
7.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in BVGE 2015/3 und BVGE
2020 VI/4 auch einlässlich mit der Frage auseinandergesetzt, welche asyl-
rechtliche Relevanz der Entziehung von der Dienstpflicht in der staatlichen
syrischen Armee zukommt. Dabei wurde festgehalten, dass eine Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion für sich allein die Flüchtlingseigen-
schaft nicht zu begründen vermag. Nur wenn die betroffene Person des-
wegen eine Behandlung zu gewärtigen hat, die ernsthaften Nachteilen im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt, erfüllt sie die Flüchtlingseigen-
schaft. Eine asylrechtlich relevante Verfolgung liegt insbesondere dann vor,
wenn eine Person aufgrund ihrer Dienstverweigerung als politischer Geg-
ner qualifiziert und als solcher unverhältnismässig schwer bestraft würde.
Gemäss Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts reicht eine Wehr-
dienstverweigerung im syrischen Kontext für sich allein genommen nicht
aus, um die Flüchtlingseigenschaft zu erfüllen. Vielmehr ist erforderlich,
dass bei einer asylsuchenden Person weitere Umstände hinzutreten, die
darauf schliessen lassen, dass eine Person als Regimegegner angesehen
wird und somit aus politischen Gründen eine unverhältnismässige Strafe
zu befürchten hat.
D-317/2021
Seite 23
7.4 Unter Reflexverfolgung sind behördliche Belästigungen oder Behelli-
gungen von Angehörigen einer aus Sicht der Behörden missliebigen Per-
son aufgrund des Umstandes zu verstehen, dass diese einer gesuchten,
politisch unbequemen Person nicht habhaft werden oder schlechthin von
deren politischer Exponiertheit auf eine solche auch bei Angehörigen
schliessen. Der Zweck einer solchen Reflexverfolgung kann insbesondere
darin liegen, Informationen über gesuchte Personen zu erlangen, bezie-
hungsweise Geständnisse von Inhaftierten zu erzwingen.
7.5 Die Beschwerdeführerin würde bei einer Rückkehr nach Syrien mit ho-
her Wahrscheinlichkeit aus verschiedenen Gründen einer eingehenden be-
hördlichen Überprüfung unterzogen. Den syrischen Sicherheitsbehörden
dürfte nicht entgangen sein, dass sie während über 25 Jahren «unbekann-
ten Aufenthalts» beziehungsweise landesabwesend war. Des Weiteren
dürfte ihnen bekannt sein, dass mehrere ihrer Brüder Syrien verliessen, um
keinen (Reserve)Dienst leisten zu müssen, und auch ihre Mutter nicht mehr
in Syrien weilt. Da die Beschwerdeführerin aus Westeuropa nach Syrien
zurückkehren müsste, würde aus Sicht der syrischen Behörden nahelie-
gen, dass sie mit ihren Brüdern beziehungsweise ihrer Mutter in Kontakt
gestanden haben könnte. Sie würde bei einer Rückkehr mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit intensiven Befragungen zu ihrer eigenen Vergangen-
heit sowie zum Verbleib ihrer Brüder und ihrer Mutter ausgesetzt und in-
haftiert. Naheliegend ist ausserdem, dass die syrischen Sicherheitsbehör-
den im Rahmen von Abklärungen über ihre Vergangenheit Hinweise auf
ihre ehemalige PKK-Mitgliedschaft erhielten, beziehungsweise während ei-
nes Verhörs von ihr selbst entsprechende Angaben erwirkten. Das Bun-
desverwaltungsgericht hat bereits im Urteil D-1080/2017 vom 19. Novem-
ber 2018 ihre Mutter betreffend erwogen, dass ihrem Bruder V._
aus flüchtlingsrechtlich relevanten Gründen in der Schweiz Asyl gewährt
wurde. Da sich ihr Bruder seit längerer Zeit nicht mehr in Syrien aufhält,
dürften sich die Verdachtsmomente gegen ihn aus der Sicht des Regimes
zusätzlich bestätigt haben. Mithin liegen in Bezug auf die Beschwerdefüh-
rerin objektive Nachfluchtgründe im Sinne einer nachträglich entstandenen
Gefahr vor (Reflex)Verfolgung vor. Der Umstand, dass der in B._
lebende Vater der Beschwerdeführerin offenbar keine nennenswerten
Probleme hat, spricht entgegen der vom SEM vertretenen Auffassung nicht
gegen eine ihr drohende Reflexverfolgung. Sie sagte übereinstimmend mit
ihrer Mutter aus, dass sich ihr regimetreuer Vater von seiner Familie dis-
tanziert habe und heute mit einer anderen Frau als ihrer Mutter zusammen-
lebe. Aufgrund der Nähe ihres Vaters zum syrischen Regime – er sei bis
zu seiner Pensionierung bei (...) beschäftigt gewesen – ist nachvollziehbar,
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dass er aufgrund der Ausreise seiner Söhne und der von ihm verlassenen
Ehefrau keine ernsthaften Probleme hat(te).
7.6 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde-
führerin die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Aus
den Akten ergeben sich keine konkreten Anhaltspunkte für eine Asylunwür-
digkeit im Sinne von Art. 53 AsylG. Die Beschwerdeführerin wurde gemäss
ihren glaubhaften Aussagen im jugendlichen Alter unter falschen Verspre-
chungen zur PKK gebracht und verliess diese im Jahr 2005 aus eigenem
Antrieb. Im Rahmen der Befragungen distanzierte sie sich ebenso glaub-
haft von der PKK wie sie versicherte, sie habe seit geraumer Zeit keine
Verbindungen mehr zu dieser Organisation. Unbesehen der Frage, ob sie
an Kampfhandlungen teilnahm oder nicht – was sie im Rahmen ihrer Be-
fragungen verneinte –, wäre ein Ausschluss vom Asyl aufgrund der vorste-
henden Erwägungen im heutigen Zeitpunkt nicht verhältnismässig. Die Be-
schwerde ist daher gutzuheissen, die angefochtene Verfügung aufzuheben
und das SEM anzuweisen, der Beschwerdeführerin in der Schweiz Asyl zu
gewähren.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei ist eine Parteientschädigung
für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht.
Der notwendige Vertretungsaufwand ist daher aufgrund der Akten festzu-
legen (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehen-
den Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist das SEM anzuweisen, der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1000.–
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-317/2021
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