Decision ID: 4a65220d-d20a-5ab2-82d0-7b2cf76aba36
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 14. Januar 2016 in der Schweiz um Asyl
nach. Auf dem Personalienblatt gab er an, er sei am (...) geboren (vgl. vo-
rinstanzliche Akten A1).
B.
Eine am 15. Januar 2016 durchgeführte Analyse des Handwurzelknochens
des Beschwerdeführers ergab ein wahrscheinliches Skelettalter von
(...) Jahren.
C.
Am 3. Februar 2016 wurde der Beschwerdeführer im damaligen Emp-
fangs- und Verfahrenszentrum B._ zu seiner Person und dem Rei-
seweg befragt (BzP [vgl. A10]). Er brachte vor, er sei äthiopischer Staats-
angehöriger somalischer Ethnie, gehöre dem (...)-Clan an und stamme aus
C._ (Provinz D._, Region E._), wo er mit seinen El-
tern und Geschwistern zusammengelebt habe. Er habe die Schule nach
(...) Jahren abgebrochen und fortan als (...). Sein Vater sei im (...) 2014
gestorben. Sein Bruder F._ lebe legal in G._. Er (der Be-
schwerdeführer) habe Äthiopien am 8. August 2014 illegal in Richtung Su-
dan verlassen. Via Libyen und Italien sei er am 14. Januar 2016 in die
Schweiz gelangt. Nach Italien möchte er nicht zurück, da es dort keine Ar-
beit gebe. Identitätspapiere könne er nicht einreichen; er habe weder einen
Pass noch eine Identitätskarte. Gesundheitlich gehe es ihm gut. Das bei
der Ankunft in der Schweiz angegebene Geburtsdatum sei falsch; er sei
am (...) geboren und somit (...) Jahre alt.
Das SEM änderte das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im Zentralen
Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (...).
D.
Mit Schreiben vom 11. April 2016 teilte das SEM dem Beschwerdeführer
mit, dass das Dublin-Verfahren beendet sei und sein Asylgesuch in der
Schweiz geprüft werde.
E.
Am 30. Juni 2017 wurde der Beschwerdeführer vom SEM zu seinen Asyl-
gründen angehört (vgl. A24). Er brachte im Wesentlichen vor, er stamme
aus dem Bezirk D._ in der Provinz H._ (Region E._).
Das Haus seiner Familie befinde sich in dem Dorf C._. Einkäufe
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hätten sie in der Stadt D._ gemacht, die man zu Fuss in einer
Stunde erreiche und die zwei Autostunden von der Stadt E._ ent-
fernt liege. Seine Familie habe (...) betrieben und er habe (...), nachdem
er die Schule in C._ nach (...) Jahren verlassen habe. Wenn man
in Äthiopien die ONLF (Ogaden National Liberation Front) erwähne,
komme man ins Gefängnis. Sein Vater habe die ONLF gelegentlich mit Es-
sen unterstützt und sei deswegen verwarnt worden. Als er der ONLF an-
lässlich des jährlich zu verrichtenden islamischen Zakat auch Tiere gege-
ben habe, sei er im Mai 2014 von der New Police verhaftet worden. Im
Gefängnis sei sein Vater aufgrund von Misshandlungen gestorben; die Lei-
che sei zu ihnen nach Hause gebracht worden. Sein älterer Bruder
I._ sei daraufhin weggegangen; er habe der Mutter gesagt, er
werde sich der ONLF anschliessen. Im Juli 2014 sei er (der Beschwerde-
führer) von der New Police aufgesucht und nach seinem Bruder befragt
worden. Er habe gesagt, dass er nicht wisse, wo sich dieser aufhalte. Ei-
nige Tage später habe ihn die New Police verhaftet und in das Gefängnis
von D._ gebracht. Man habe ihn erneut zum Aufenthaltsort des Bru-
ders befragt und wiederholt geschlagen. Er sei mit fünfzehn Personen in
einem Raum eingesperrt gewesen. Als die ONLF das Gefängnis eines
Nachts im August 2014 angegriffen und die Zellentür aufgebrochen habe,
sei ihm die Flucht gelungen und er sei nach Hause gerannt. Dort habe ihm
seine Mutter gesagt, dass I._ inzwischen nach G._ gegan-
gen sei. Sie habe ihm geraten, auch zu fliehen, und ihm etwas Geld gege-
ben. Er habe sich daraufhin zu Fuss auf den Weg nach E._ ge-
macht und sei dann mit einem Auto über J._ nach Addis Abeba ge-
fahren. Von dort aus sei er mithilfe von Schleppern aus Äthiopien ausge-
reist. Über den Sudan, Libyen und Italien sei er in die Schweiz gelangt.
Seine Mutter habe die Reise mit dem Verkauf einiger (...) finanziert. Auch
sein in C._ wohnhafter Onkel väterlicherseits habe Geld beigesteu-
ert. Die Mutter und Geschwister – mit Ausnahme von I._ – würden
weiterhin in Äthiopien leben. Sie hätten nach seiner Ausreise keine Prob-
leme gehabt. Aufgrund einer Dürre hätten sie zwar einige Tiere verloren,
aber es gehe ihnen gut.
F.
Mit Verfügung vom 24. Oktober 2018 – eröffnet am 25. Oktober 2018 –
stellte das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
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Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, die Vorbringen des Be-
schwerdeführers vermöchten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit
gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) nicht zu genügen; dessen Ausführungen
seien unsubstanziiert und stereotyp ausgefallen und würden nicht den Ein-
druck von selbst Erlebtem vermitteln. Der Wegweisungsvollzug sei als zu-
lässig, zumutbar und möglich zu erachten. Für die detaillierten Ausführun-
gen wird auf die angefochtene Verfügung verwiesen.
G.
Mit Eingabe vom 16. November 2018 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er ersuchte um Aufhebung der
vorinstanzlichen Verfügung und um Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft sowie um Gewährung des Asyls, eventualiter um Feststellung der
Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit des Wegweisungsvoll-
zugs und um Gewährung der vorläufigen Aufnahme, und subeventualiter
um Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubegründung. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er zudem, unter Verweis auf eine Für-
sorgeabhängigkeitsbestätigung vom 16. November 2018, um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung sowie um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Zur Begründung machte er, nach Wiederholung der im vorinstanzlichen
Verfahren vorgebrachten Fluchtgründe, im Wesentlichen geltend, er sei bei
den Befragungen noch sehr jung gewesen und habe einfach die ihm ge-
stellten Fragen beantwortet. Er sei nicht gut im Erzählen und schäme sich,
vor fremden Leuten zu sprechen. Er sei es auch nicht gewohnt, über Ge-
fühle zu sprechen. So etwas schicke sich nicht in seiner Clangesellschaft.
Als er von der Mitnahme seines Vaters berichtet habe, habe er vor Scham
kaum mehr sprechen können und weinen müssen. Er habe sich an diese
schrecklichen Ereignisse gar nicht mehr erinnern wollen und nur gehofft,
dass die Befragung rasch zu Ende gehe. Das von ihm Erzählte enthalte
aber viele Realkennzeichen (Aufzählung). Zudem nehme er an, dass die
Übersetzerin bei der Anhörung nicht gut Deutsch gekonnt habe. Sie habe
den Gefängnisraum "Halle" genannt, obwohl er gesagt habe, dass er etwa
so gross wie das Befragungsbüro gewesen sei. Seine Eltern hätten ihm
erzählt, dass der Vater beim Handeln in der Stadt mehrmals aufgefordert
worden sei, mit der Unterstützung der ONLF aufzuhören. Als die Polizisten
den Vater abgeholt hätten, habe sich ihm der Anblick der Uniformen einge-
prägt, und als er von der Polizei nach dem Verbleib seines Bruders gefragt
worden sei, sei er in Panik geraten. Er nehme an, dass sein Bruder aus
Rache für den Vater und aus Trotz zur ONLF gegangen sei. Er habe keine
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Zeit gehabt, sich auf die Abreise von zuhause vorzubereiten. Die weitere
Finanzierung der Reise habe er von unterwegs organisiert. Die Schlepper
hätten ihn an den jeweiligen Stationen festgehalten, bis die Verwandten
das Geld für die Weiterreise aufgebracht hätten. Der ihm vom SEM vorge-
haltene Widerspruch in seinen Aussagen zum Reiseweg (Flucht per Auto
bereits ab C._ respektive erst ab E._) betreffe eine Neben-
sächlichkeit und sei nicht als gewichtig zu erachten. Zudem handle es sich
bei der einschlägigen Passage im Protokoll der BzP um eine Zusammen-
fassung und nicht um ein Wortprotokoll. Im Rahmen der Anhörung sei ihm
auch keine Gelegenheit eingeräumt worden, den angeblichen Widerspruch
zu entkräften. Die von ihm bei der Anhörung zum Beleg der Misshandlun-
gen im Gefängnis vorgezeigten Narben habe das SEM in der angefochte-
nen Verfügung nicht thematisiert. Im Sinne eines Eventualantrags bean-
trage er daher die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz, damit diese
sich mit den besagten Narben auseinandersetze und er Gelegenheit er-
halte, sich zum Widerspruch in der Beschreibung des Reisewegs zu äus-
sern. Sollte ihm trotz der Verfolgung in Äthiopien durch die New Police kein
Asyl gewährt werden, sei zumindest der Wegweisungsvollzug als unzumut-
bar zu erachten. Er sei mit der (...) Staatsangehörigen K._ verlobt,
die in der Schweiz Asyl erhalten habe (Anmerkung Gericht: positiver Asyl-
entscheid vom [...] 2018). Sie seien seit dem 30. Juni 2017 ein Paar und
K._ sei zurzeit schwanger. Sie möchten heiraten. Momentan sei
dies wegen seiner Papierlosigkeit und der (...) von K._ noch nicht
möglich, ihr Recht auf Familienleben sei aber dennoch anzuerkennen. Zu-
dem sei das Gebiet in Äthiopien, aus dem er stamme, unsicher, und an-
derswo im Land hätte er mangels eines familiären Netzes keine Aufent-
haltsalternative. In der Schweiz bemühe er sich um Integration und er fühle
sich hierzulande mittlerweile heimisch.
Er reichte einen Schwangerschaftstest und die schweizerische Aufent-
haltsbewilligung B von K._ (in Form fotografischer Aufnahmen) so-
wie Kopien von Kursbestätigungen (Deutschkurse) vom 5. April 2017,
4. April 2018 und 4. Juli 2018 ein.
H.
Am 19. November 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
I.
Mit Eingabe vom 5. Dezember 2018 reichte der Beschwerdeführer weitere
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Beweismittel zu den Akten (ärztliche Bestätigung der Schwangerschaft von
K._ vom 4. Dezember 2018 und Ultraschallbild).
J.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Dezember 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem for-
derte sie den Beschwerdeführer auf, bis zum 27. Dezember 2018 den Na-
men der von ihm bestimmten Rechtsvertretung mitzuteilen und eine ent-
sprechende Vollmacht einzureichen.
K.
Mit Eingabe vom 13. Dezember 2018 zeigte die rubrizierte Rechtsvertrete-
rin die am 11. Dezember 2018 erfolgte Mandatierung durch den Beschwer-
deführer an und erklärte ihre Bereitschaft zur Übernahme der amtlichen
Rechtsverbeiständung.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Dezember 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der amtlichen Rechtsverbeiständung gut
und ordnete die rubrizierte Rechtsvertreterin dem Beschwerdeführer als
unentgeltliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur
Vernehmlassung zur Beschwerde ein.
M.
In seiner Vernehmlassung vom 24. Dezember 2018 beantragte das SEM
die Abweisung der Beschwerde. Bei den Dolmetschern des SEM handle
es sich um Personen, die auf ihre Übersetzungsfähigkeiten und Sprach-
kenntnisse geprüft seien. Der Beschwerdeführer habe die Richtigkeit der
Protokolle nach erfolgter Rückübersetzung unterschriftlich bestätigt und
die anwesende Hilfswerksvertretung habe keine Einwände zum Anhö-
rungsprotokoll angebracht. Die Beschwerdevorbringen zur Übersetzungs-
qualität könnten somit die mangelnde Substanziiertheit und die Widersprü-
che in den Ausführungen des Beschwerdeführers nicht erklären. Auch das
junge Alter des Beschwerdeführers vermöge die mangelnde Substanziiert-
heit und Erlebnisbezogenheit seiner Angaben nicht zu erklären. Der Ein-
wand des fehlenden rechtlichen Gehörs zu den ihm vorgehaltenen Wider-
sprüchen sei unbehelflich, handle es sich doch nicht um Widersprüche zu
Aussagen Dritter, zu denen er sich nicht habe äussern können, sondern
um Widersprüche zwischen Aussagen, die er selbst gemacht und unter-
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schriftlich bestätigt habe. Die bei der Anhörung vorgezeigten Narben ver-
möchten nicht zu beweisen, dass er diese im Rahmen der geltend gemach-
ten Vorbringen erhalten habe. Der Einwand, die Sicherheitslage in der Hei-
matregion sei schlecht, vermöge nicht gegen die Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs zu sprechen. Gemäss konstanter Praxis sei der Vollzug
in alle Regionen Äthiopiens grundsätzlich zumutbar. Belege für eine gefes-
tigte Beziehung zwischen dem Beschwerdeführer und K._, der am
(...) 2018 Asyl gewährt worden sei, seien den Akten nicht zu entnehmen.
Laut den Angaben des Beschwerdeführers bestehe die Beziehung seit
dem 30. Juni 2017, mithin seit dem Tag seiner Anhörung, bei der er die
Verlobte indes nicht erwähnt habe. Zudem seien sie an unterschiedlichen
Adressen gemeldet und die Vaterschaft für das ungeborene Kind sei nicht
belegt. Es würden daher erhebliche Zweifel an einer schützenswerten Be-
ziehung bestehen. Zudem sei die Verlobte (...) Staatsangehörige und es
wäre ihr möglich, sich in Äthiopien um eine Aufenthaltsbewilligung zu be-
mühen. Es könne davon ausgegangen werden, dass das soziale Netzwerk
des Beschwerdeführers die Verlobte unterstützen würde und die Familien-
einheit somit auch in Äthiopien gelebt werden könnte. Die hiesigen Integ-
rationsbemühungen des Beschwerdeführers würden zwar anerkannt,
seien aber für den Asylentscheid unbeachtlich.
N.
Am 7. Januar 2019 stellte die Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer
die Vernehmlassung des SEM zu und räumte ihm die Möglichkeit ein, bis
zum 22. Januar 2019 eine Replik einzureichen.
O.
In seiner Replik vom 16. Januar 2019 entgegnete der Beschwerdeführer
im Wesentlichen, das SEM sei auf die in der Beschwerdeschrift aufgezähl-
ten Realkennzeichen in seinen Vorbringen in der Vernehmlassung nicht
eingegangen. Der Altersunterschied zu den befragenden Personen und die
damit einhergehende Scham und Scheu seien gewichtige Faktoren, die
gemäss den Erkenntnissen der Vernehmungslehre als relevant zu erach-
ten seien. Aus Respekt vor der befragenden Person habe er bei der Anhö-
rung beispielsweise erst nachgefragt, wozu genau er sich äussern solle,
bevor er geantwortet habe. Sein Erzählstil mit allgemein knapp gehaltenen
Schilderungen und ergänzenden Ausführungen auf Nachfragen hin sei
nicht zu seinem Nachteil als unglaubhaft auszulegen. Die befragende Per-
son habe wesentliche Punkte nach ein, zwei Nachfragen bereits auf sich
beruhen lassen, obwohl sein Erzählstil im Verlauf der Anhörung ausrei-
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chend deutlich geworden sei und er auf praktisch jede Nachfrage auch wei-
tere Details geliefert habe. Ein überwiegender Teil der Verantwortung für
die gerügte Detailarmut sei damit der wenig angepassten Befragung zuzu-
schreiben. Gesuchstellende sollten sich auch zu durch eigene Aussagen
entstandenen (angeblichen) Widersprüchen äussern können. Die Existenz
von Narben vermöge seine Ausführungen zwar nicht zu beweisen, aber sie
sei als starkes Indiz für die Glaubhaftigkeit seiner Fluchtgründe zu beach-
ten. Auch wenn dolmetschende Personen bezüglich ihrer Fähigkeiten ge-
prüft würden, könne es vorkommen, dass sie den Anforderungen nicht ge-
wachsen seien. Er verweise auf verschiedene Passagen im Anhörungspro-
tokoll, die zwar keine schwerwiegenden sprachlichen Fehler beinhalten,
aber nicht von einem souveränen Umgang der Dolmetscherin mit der Ziel-
sprache zeugen würden. Ihm sei nicht nur aufgrund seiner Verfolgung in
Äthiopien Asyl zu gewähren, sondern auch in der Form von Familienasyl.
Es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass er die Beziehung zu seiner Part-
nerin K._ den Behörden hätte mitteilen sollen. Die Wohnsitznahme
bei seiner Partnerin sei ihm nicht erlaubt. Ebenso wenig sei es ihnen bis
heute möglich, alle Formalitäten für die Eheschliessung und die vorgeburt-
liche Anerkennung der Vaterschaft vorzunehmen. Seine Partnerin sei zur-
zeit wegen Schwangerschaftskomplikationen hospitalisiert und könne da-
her gegenwärtig keine Schritte zur Papierbeschaffung unternehmen. Zu-
mindest sei ihm gestützt auf Art. 8 EMRK die vorläufige Aufnahme zu ge-
währen. Es sei ihm nicht zuzumuten, das Familienleben, insbesondere mit
seinem Kind, von Äthiopien aus zu führen. Seine Integrationsbemühungen
hierzulande seien beim Wegweisungsvollzug zu berücksichtigen.
Die Rechtsvertreterin legte der Eingabe ihre Kostennote bei.
P.
Mit Eingabe vom 31. Januar 2019 teilte der Beschwerdeführer mit, er habe
beim Zivilstandsamt ein Gesuch um Anerkennung der Vaterschaft für das
noch ungeborene Kind anhängig gemacht. Er reichte das diesbezügliche
Formular vom 24. Januar 2019, eine Bestätigung der Hospitalisierung der
Verlobten seit dem 13. Januar 2019 und diverse Fotos von der Verlobungs-
feier (jeweils in Kopie) zu den Akten.
Q.
Mit Eingabe vom 17. Juli 2019 teilte der Beschwerdeführer mit, dass seine
Verlobte am (...) den Sohn L._ zur Welt gebracht habe. Der Ein-
gabe lag das Formular zur Geburtsanmeldung vom (...) und ein Foto des
Kindes (jeweils in Kopie) bei.
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R.
Mit Eingabe vom 31. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer Kopien
seiner zivilrechtlichen Kindesanerkennung vom (...) und der Erklärung der
Eltern vom (...), die elterliche Sorge für den Sohn L._ gemeinsam
wahrnehmen zu wollen, zu den Akten.
S.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Juli 2020 forderte die Instruktionsrichterin
den Beschwerdeführer auf, innert sieben Tagen ab Erhalt der Verfügung
die aktuelle Ausgestaltung der Beziehung zu seiner Verlobten und seinem
Sohn darzulegen und zu belegen.
T.
Mit Eingabe vom 15. Juli 2020 teilte der Beschwerdeführer mit, er und
seine Partnerin hätten am (...) 2020 geheiratet. Am (...) 2019 hätten sie
zusammenziehen dürfen, aber auch schon zuvor ein Konkubinat mit Aus-
schliesslichkeitscharakter geführt. Er kümmere sich häufig um seinen Sohn
und beaufsichtige ihn allein an drei Tagen pro Woche, während seine Frau
die Schule besuche. Als seine Frau hospitalisiert gewesen sei, sei er stän-
dig im Spital gewesen, habe oft dort übernachtet und sich um das Baby
gekümmert. Auch heute leide seine Frau zuweilen unter postoperativen
Schmerzen und er übernehme dann alle anstehenden Aufgaben. Finanziell
könne er die Familie nur beschränkt unterstützen, da er mit dem N-Ausweis
nur schwer Arbeit finde und zurzeit kein Geld verdiene.
Er reichte folgende Dokumente (in Kopie) ein: Auszug aus dem Eheregister
und Familienausweis vom (...) 2020, Fotos mit Frau und Kind, Quittung
und Fotos von Einkäufen vom (...) 2020 (Artikel für Kindergeburtstag),
Asylentscheid betreffend den Sohn vom (...) 2020 (Einbezug in die Flücht-
lingseigenschaft und das Asyl der Mutter).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2), wobei eine
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bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung nicht genügt, sondern viel-
mehr konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realis-
tisch und nachvollziehbar erscheinen lassen müssen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2.5, 2010/44 E. 3.4). Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingsei-
genschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheids. Die Gewäh-
rung des Asyls kann nicht dazu dienen, einen Ausgleich für vergangenes
Unrecht zu schaffen, sondern bezweckt, Schutz vor künftiger Verfolgung
zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4). Veränderungen der objektiven Si-
tuation im Heimat- oder Herkunftsstaat zwischen Ausreise und Asylent-
scheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person zu be-
rücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.6, 2010/9 E. 5.2, 2008/34 E. 7.1
und 2008/12 E. 5.2.).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Entscheidend ist, ob eine
Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Rich-
tigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Gesuchstellenden sprechen, bei ei-
ner objektivierten Sichtweise überwiegen oder nicht (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2).
4.
4.1 Vorab sind die formellen Rügen des Beschwerdeführers betreffend Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz zu prüfen.
4.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest. Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29
Abs. 2 BV, Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), das alle Befugnisse umfasst,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und Einsicht in die Akten zu
nehmen. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die
Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entschei-
dung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung der Verfügung
muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person den Entscheid gege-
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Seite 12
benenfalls sachgerecht anfechten kann. Die Behörde muss die wesentli-
chen Überlegungen nennen, von denen sie sich hat leiten lassen und auf
die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist hingegen, dass sich die
Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich erwähnt oder widerlegt. Somit darf
sich die Vorinstanz bei der Begründung der Verfügung auf die für den Ent-
scheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken und ist nicht gehalten,
sich ausdrücklich (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
4.3 Der Beschwerdeführer äusserte Zweifel an den Deutschkenntnissen
des Dolmetschers bei der Anhörung vom 30. Juni 2017. Aus dem entspre-
chenden Befragungsprotokoll ergeben sich indes keine stichhaltigen An-
haltspunkte für eine mangelhafte Übersetzungsleistung respektive wesent-
liche Übersetzungsfehler. Die vom Beschwerdeführer angeführte Unge-
nauigkeit, wonach der Gefängnisraum unpräzis mit "Halle" übersetzt wor-
den sei, erscheint nicht gravierend, und auch den in der Replik vom 16. Ja-
nuar 2019 angeführten Protokollstellen lassen sich keine wesentlichen
Übersetzungsfehler entnehmen. Sollte sich der Einwand (auch) auf die
Übersetzung anlässlich der BzP beziehen ("die Übersetzerin" [vgl. Be-
schwerde S. 2]), so bestehen für entsprechende Mängel weder aufgrund
der Beschwerdevorbringen noch des fraglichen Protokolls Anhaltspunkte.
4.4 Die Rüge des Beschwerdeführers, das SEM habe den Untersuchungs-
grundsatz verletzt, indem die Befragerin bei der Anhörung nicht ausrei-
chende Rückfragen zu seinen Vorbringen gestellt habe, findet in den Akten
keine Stütze. Die gesuchstellende Person trägt die Substanziierungslast
und aus dem Anhörungsprotokoll vom 30. Juni 2017 ergeben sich keine
Anhaltspunkte für die Annahme, die Befragungsleitung hätte dem Be-
schwerdeführer nicht genügend Gelegenheit eingeräumt, die Gründe, die
ihn aus seiner Sicht zur Ausreise aus Äthiopien bewogen hätten, zu schil-
dern. Dem Beschwerdeführer wurden seitens der Befragungsleitung zahl-
reiche (Rück-)Fragen zu seinen Vorbringen gestellt. Auch hakte die Befra-
gerin bei Unklarheiten wiederholt nach. Abschliessend bestätigte der Be-
schwerdeführer unterschriftlich, er habe alles, was für sein Asylgesuch we-
sentlich sei, vortragen können; andere Gründe, die gegen eine Rückkehr
in sein Heimatland sprechen könnten, gebe es nicht (vgl. A24 F150).
4.5 Auch mit der Rüge, das SEM habe die bei der Anhörung vorgezeigten
Narben in der Verfügung unerwähnt gelassen, vermag der Beschwerde-
führer keine Kassation des vorinstanzlichen Entscheids zu bewirken. Zwar
hat das SEM die besagten Narben in der Verfügung vom 24. Oktober 2018
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nicht explizit erwähnt, aber es hat die vom Beschwerdeführer vorgetrage-
nen Misshandlungen, die er während der Inhaftierung erlitten habe, thema-
tisiert und ausführlich dargelegt, auf welche Überlegungen es seinen ab-
lehnenden Entscheid stützt. Zudem ist hinsichtlich der Würdigung der be-
sagten Narben auf die Ausführungen des SEM in seiner Vernehmlassung
vom 24. Dezember 2018 zu verweisen, zu welchen der Beschwerdeführer
im Rahmen des Schriftenwechsels Stellung nehmen konnte. Eine Gehörs-
verletzung liegt damit, wenn überhaupt, nicht (mehr) vor. Schliesslich ist
auch keine Rückweisung zur neuerlichen Äusserung des Beschwerdefüh-
rers zu seinem Reiseweg angezeigt. Auch hinsichtlich der Würdigung der
diesbezüglichen Aussagen des Beschwerdeführers bei der BzP und der
Anhörung konnte die Verfügung des SEM sachgerecht angefochten wer-
den. Ob der vorinstanzlichen Würdigung zuzustimmen ist, ist nunmehr Ge-
genstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens.
4.6 Es besteht damit keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus
formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Der entsprechende Rückweisungsantrag ist abzuweisen.
5.
5.1 Das SEM erachtete die fluchtauslösenden Vorbringen des Beschwer-
deführers, im Juli 2014 von der New Police verhaftet worden zu sein, um
von ihm den Aufenthaltsort seines Bruders, der sich kurz zuvor mutmass-
lich den ONLF angeschlossen habe, zu erfahren, als den Anforderungen
an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht genügend.
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist nicht an die Begründung der Vor-
instanz gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch
aus anderen Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen (vgl. zur
sog. Motivsubstitution MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsver-
fahren, 2. Aufl. 2019, N 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/ BERTSCHI, Ver-
waltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.
2013, S. 398, Rz. 1136). Nach Prüfung der Akten gelangt das Gericht zum
Schluss, dass der Widerspruch in den Angaben des Beschwerdeführers
zum Reiseweg (Autofahrt ab C._ respektive erst ab E._)
nicht als erheblich zu erachten ist, sich aber in Anbetracht der trotz Nach-
fragen über weite Strecken vage gebliebenen Ausführungen des Be-
schwerdeführers zur behaupteten Verhaftung und Flucht aus dem Gefäng-
nis durchaus gewisse Zweifel an diesen Vorbringen rechtfertigen. Die
Frage, ob die Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG
D-6537/2018
Seite 14
erfüllt sind, kann jedoch vorliegend offengelassen werden, da den Flucht-
vorbringen, wie nachfolgend ausgeführt wird, zum heutigen Zeitpunkt keine
asylrechtliche Relevanz mehr beigemessen werden kann.
5.3 Das Asyl dient, wie zuvor festgehalten (vgl. E. 3.1), nicht dem Ausgleich
für vergangenes Unrecht, sondern der Gewährung von Schutz vor künfti-
ger Verfolgung (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4). Entgegen der vom Beschwer-
deführer geäusserten Befürchtung ist nicht davon auszugehen, ihm wür-
den bei einer heutigen Rückkehr nach Äthiopien wegen der (mutmassli-
chen) Zugehörigkeit seines Bruders zur ONLF oder der gelegentlichen Un-
terstützung der ONLF durch den im (...) 2014 verstorbenen Vater behörd-
liche (Reflex-)Verfolgungsmassnahmen asylbeachtlichen Ausmasses ge-
mäss Art. 3 AsylG drohen.
Seit der Ausreise des Beschwerdeführers vor rund sechs Jahren hat sich
die politische Situation in Äthiopien wesentlich verändert. Es ist diesbezüg-
lich auf die im als Referenzurteil publizierten Entscheid des Bundesverwal-
tungsgerichts D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 aufdatierte Analyse der politi-
schen Lage in Äthiopien zu verweisen. Demzufolge hat sich die dortige
Lage seit der Ernennung des Oromo Abiy Ahmed zum Premierminister im
April 2018 grundlegend zum Positiven verändert. Dessen Ziel ist die Stär-
kung der Demokratie unter Einbindung aller politischen Kräfte. Abiy Ahmed
unternimmt Anstrengungen, in vielen Bereichen Reformen anzustossen o-
der durchzuführen. Dies betrifft auch den Umgang mit regierungskritischen
Personen, gegen die das Regime bisher mit grosser Härte vorging. Die
Regierung rief die Oppositionellen im Exil zur Rückkehr und Teilnahme am
politischen Prozess auf. Politische Dissidenten, ehemalige Rebellen, Ab-
spaltungsanführer und Journalisten sind seither nach Äthiopien zurückge-
kehrt. Tausende politische Gefangene wurden seit April 2018 begnadigt
und freigelassen. Die ONLF wurde, wie weitere Vereinigungen, im Sommer
2018 von der Liste der terroristischen Gruppierungen gestrichen (vgl. Re-
ferenzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 7). Im Zuge der grundlegen-
den Veränderung der Lage hat Äthiopien allein bis Februar 2019 offiziell
ungefähr 1700 ehemalige Rebellen der ONLF reintegriert (vgl. Urteil des
BVGer E-1944/2019 vom 1. Juli 2019 E. 7.2).
Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass in Äthiopien – gerade
als Ausfluss des angeschobenen Demokratisierungsprozesses – nach wie
vor ethnische Spannungen bestehen (vgl. etwa Amnesty International,
Beyond Law Enforcement: Human Rights Violations by Ethiopian Security
D-6537/2018
Seite 15
Forces in Amhara and Oromia, 29. Mai 2020, <https://www.amne-
sty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/2020/sicherheitskraefte-vertrei-
ben-verhaften-und-toeten-menschen>, abgerufen am 27. Juli 2020; Neue
Zürcher Zeitung, Die Aufbruchstimmung in Äthiopien ist vorbei, 5. Juli
2020). Dennoch ist angesichts der aktuellen Situation – insbesondere an-
gesichts der Streichung der ONLF von der Liste der terroristischen Grup-
pierungen und der zwischenzeitlichen Reintegrierung zahlreicher ehemali-
ger ONLF-Rebellen – nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer, der selbst nicht der ONLF angehört habe, im heutigen Zeitpunkt wegen
seines Bruders, der sich nach dem Tod des Vaters im (...) 2014 mutmass-
lich den ONLF angeschlossen, aber bereits seit vielen Jahren (seit Juli/Au-
gust 2014) legal in G._ lebe, oder wegen seines Vaters, der die
ONLF gelegentlich mit Sachspenden unterstützt, aber schon vor über
sechs Jahren verstorben sei, seitens der heimatlichen Behörden asylrecht-
lich relevanter Verfolgung ausgesetzt wäre. Aus heutiger Sicht bestehen
keine konkreten Anzeichen dafür, dass der Beschwerdeführer sich bei ei-
ner Rückkehr nach Äthiopien vor einer entsprechenden Reflexverfolgung
im Sinne von Art. 3 AsylG fürchten müsste. Die Vorbringen des Beschwer-
deführers im vorinstanzlichen Verfahren und seine Ausführungen in den
Rechtsmitteleingaben vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern.
Insbesondere ist nicht von "zwingenden Gründen" im Sinne der Ausnah-
mebestimmung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel-
lung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) auszugehen (vgl. BVGE 2007/31
E. 5.4 m.w.H.).
5.4 Aufgrund des Gesagten hat das SEM die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers gemäss Art. 3 AsylG im Ergebnis zu Recht verneint
und das Asylgesuch folgerichtig abgelehnt.
Die vom Beschwerdeführer in der Replikeingabe vom 16. Januar 2019 the-
matisierte Frage des Familienasyls im Sinne von Art. 51 AsylG ist nicht Ge-
genstand der angefochtenen Verfügung vom 24. Oktober 2018 und somit
auch nicht des vorliegenden Beschwerdeverfahrens. Auf die diesbezügli-
chen Ausführungen des Beschwerdeführers ist daher an dieser Stelle nicht
einzugehen.
6.
6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20 https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20
D-6537/2018
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6.2 Die Wegweisung wird unter anderem dann nicht verfügt, wenn die asyl-
suchende Person im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlas-
sungsbewilligung ist (Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August
1999 [AsylV 1, SR 142.311]) oder ein grundsätzlicher Anspruch auf Ertei-
lung einer Aufenthaltsbewilligung besteht, wobei die kantonale Ausländer-
behörde zuständig ist, über den Anspruch konkret zu befinden (vgl. auch
BVGE 2013/37 E. 4.4; Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen]
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 23 E. 3.2;
EMARK 2001 Nr. 21 E. 9). Ist die asylsuchende Person nicht im Besitz ei-
ner gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung, ist im Asyl- und
Wegweisungsverfahren mit Blick auf die mögliche Zuständigkeit der kanto-
nalen Ausländerbehörde daher vorfrageweise zu prüfen, ob die asylsu-
chende Person sich im Sinne von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen grund-
sätzlichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen
kann (vgl. EMARK 2001 Nr. 21 E. 10).
6.2.1 Soweit nicht das Gesetz oder das Freizügigkeitsabkommen einen
Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung vermittelt, kommt als
Anspruchsgrundlage Art. 8 EMRK in Betracht, wobei diesbezüglich die
bundesgerichtliche Rechtsprechung massgeblich ist (vgl. EMARK 2001
Nr. 21 E. 8a und b sowie E. 9). Die im Asylverfahren angeordnete Wegwei-
sung wird demzufolge praxisgemäss aufgehoben, wenn ein potenzieller
Anspruch gestützt auf Art. 8 EMRK vorfrageweise bejaht wird, die be-
troffene Person an die zuständige kantonale Ausländerbehörde ein Ge-
such um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gerichtet hat und dieses
Gesuch noch hängig ist (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4.2.2).
6.2.2 Vorliegend ist nicht aktenkundig, dass der Beschwerdeführer, der we-
der über eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung noch über ei-
nen selbständigen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung ver-
fügt, bei der zuständigen Behörde ein Gesuch um Erteilung einer fremden-
polizeilichen Bewilligung aufgrund der Familienverhältnisse eingereicht
hätte. Damit sind die im Rahmen des Wegweisungspunkts zur Heranzie-
hung von Art. 8 EMRK verlangten Voraussetzungen nicht erfüllt. Die Beur-
teilung eines solchen Gesuchs hätte durch das zuständige kantonale Mig-
rationsamt zu erfolgen und sprengt den Prozessgegenstand des vorliegen-
den Verfahrens. Es bleibt dem Beschwerdeführer jedoch unbenommen,
nach Ergehen dieses Urteils einen allfälligen Anspruch auf Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung mit einem entsprechenden Gesuch bei der zustän-
digen Behörde geltend zu machen.
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Seite 17
7.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
7.1 Die genannten drei Bedingungen für einen (vorläufigen) Verzicht auf
den Vollzug der Wegweisung sind alternativer Natur: Ist eine erfüllt, so ist
der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu erachten, und die wei-
tere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vor-
läufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.2.1 Art. 8 EMRK und Art. 13 BV garantieren den Schutz des Familienle-
bens. Ehegatten gehören zum Kreis der von Art. 8 EMRK geschützten Fa-
milienbeziehungen. Von einem gefestigten Anwesenheitsrecht eines in der
Schweiz lebenden Familienmitglieds ist gemäss Rechtsprechung ohne
Weiteres auszugehen, wenn dieses über die schweizerische Staatsange-
hörigkeit oder eine Niederlassungs- oder Aufenthaltsbewilligung, auf deren
Verlängerung ein Anspruch besteht, verfügt (vgl. BGE 135 I 143 E. 1.3.1
und 3.1, BGE 130 II 281 E. 3.1; EMARK 2005 Nr. 3 E. 3.1).
7.2.2 Der Beschwerdeführer hat am (...) 2020 geheiratet. Seiner Ehefrau
K._ ([...] Staatsangehörige) wurde am (...) 2018 in der Schweiz
Asyl gewährt und sie verfügt hierzulande über eine Aufenthaltsbewilligung.
Es kann bei ihr somit von einem gefestigten Aufenthaltsrecht im vorge-
nannten Sinn gesprochen werden. Als Ehemann einer in der Schweiz über
ein gefestigtes Anwesenheitsrecht verfügenden Frau kann der Beschwer-
deführer sich auf den durch Art. 8 EMRK garantierten Schutz des Famili-
enlebens berufen. Art. 8 EMRK wäre zudem auch dann anrufbar, wenn bei
einem in der Schweiz zwar über eine Aufenthaltsbewilligung, aber nicht
über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht verfügenden Mitglied der Kernfa-
milie nicht absehbar ist, dass eine Ausreise erfolgen würde, und eine enge,
nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung besteht. Diese Vo-
raussetzungen wären vorliegend ebenfalls als erfüllt zu erachten. Aufgrund
D-6537/2018
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der Aktenlage kann im heutigen Zeitpunkt von einer engen familiären Be-
ziehung zwischen dem Beschwerdeführer und seiner Ehefrau sowie sei-
nem Sohn gesprochen werden. Dem Einwand des SEM in der Vernehm-
lassung vom 24. Dezember 2018, es sei für die Familie zumutbar, ihr Fa-
milienleben in Äthiopien zu führen, kann nicht gefolgt werden. Angesichts
der nur rudimentären Schulbildung und Arbeitserfahrung des Beschwerde-
führers kann nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass es
ihm innert nützlicher Frist gelingen würde, in Äthiopien für den Lebensun-
terhalt der dreiköpfigen Familie aufzukommen. Da die Familie Anspruch
darauf hat, das Familienleben zu führen, steht Art. 8 EMRK dem Vollzug
der Wegweisung des Beschwerdeführers entgegen.
7.2.3 Dem Beschwerdeführer ist demnach in Anwendung von Art. 83
Abs. 3 AIG wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.
Nach dem Gesagten ergibt sich, dass die Beschwerde gutzuheissen ist,
soweit sie den Wegweisungsvollzug betrifft; im Übrigen ist sie abzuweisen.
Die Verfügung des SEM vom 24. Oktober 2018 ist hinsichtlich der Ziffern 4
(Verlassen der Schweiz) und 5 (Vollzug der Wegweisung) des Dispositivs
aufzuheben, und das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer gestützt
auf Art. 44 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 3 AIG vorläufig aufzunehmen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären infolge des hälftigen Unter-
liegens dem Beschwerdeführer die hälftigen Kosten aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 VwVG). Indessen wurde ihm mit Zwischenverfügung vom 10. De-
zember 2018 die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG gewährt, weshalb ihm keine Kosten aufzuerlegen sind, zumal nicht
davon auszugehen ist, dass er nicht mehr bedürftig wäre.
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines teilweisen
Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine reduzierte
Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten
zuzusprechen. Die Rechtsvertreterin reichte mit der Replik vom 16. Januar
2019 eine Kostennote ein. Sie bezifferte den zeitlichen Aufwand mit 6 Stun-
den, beantragte einen Stundenansatz von Fr. 200.– und machte Barausla-
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gen von Fr. 20.– und Dolmetscherkosten von Fr. 100.– geltend. Unter Be-
rücksichtigung der nachfolgenden Eingaben vom 31. Januar 2019, 17. Juli
2019, 31. Januar 2020 und 15. Juli 2020 (Zeitaufwand insgesamt 2 Stun-
den) sowie der belegten zusätzlichen Barauslagen von Fr. 21.20 (Porto-
kosten) ist die von der Vorinstanz auszurichtende hälftige Parteientschädi-
gung demnach auf (gerundet) Fr. 870.– (inkl. Auslagen) festzusetzen.
Im Umfang des Unterliegens ist der als unentgeltliche Rechtsbeiständin
eingesetzten Rechtsvertreterin gemäss dem in der Ernennungsverfügung
vom 17. Dezember 2018 genannten Kostenrahmen (Stundenansatz von
Fr. 150.–) ein amtliches Honorar zulasten der Gerichtskasse in der Höhe
von (gerundet) Fr. 670.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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