Decision ID: 6466c539-6c70-4c77-a4dc-8d461449b98a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 14. Oktober 2015 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Am 23. Oktober 2015 wurde er vom SEM zu seiner Person und zum Rei-
seweg befragt (BzP). Er gab an, er sei sri-lankischer Staatsangehöriger
tamilischer Ethnie. Er sei in B._ (Bezirk C._ [Nordprovinz])
geboren und habe von (...) bis (...) in D._ (Bezirk E._) und
danach bis (...) in C._ gelebt. Anschliessend sei er nach F._
gegangen und die letzten neun Monate vor der Ausreise habe er bei einem
Bekannten in G._ (H._) gewohnt. Er sei (...) Jahre zur
Schule gegangen. Am (...) 2015 sei er von Colombo aus in ein ihm unbe-
kanntes Land geflogen und am 14. Oktober 2015 schliesslich in die
Schweiz gelangt. Unterwegs seien ihm in Ungarn die Fingerabdrücke ab-
genommen worden. Er habe einen Pass und eine Identitätskarte, wobei
der im Jahr (...) ausgestellte Pass beim Schlepper verblieben sei. Er sei
gesund.
C.
Im Rahmen eines Dublin-Verfahrens trat das SEM mit Verfügung vom
17. November 2015 auf das Asylgesuch nicht ein ordnete die Wegweisung
des Beschwerdeführers aus der Schweiz nach Ungarn an. Die vom Be-
schwerdeführer dagegen erhobene Beschwerde hiess das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil D-7776/2015 vom 23. Juni 2017 gut, soweit die Auf-
hebung der angefochtenen Verfügung beantragt wurde, und es wies die
Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurück. Am 6. September 2017
teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, das Dublin-Verfahren sei been-
det und sein Asylgesuch werde in der Schweiz geprüft.
D.
D.a Am 8. Mai 2018, fortgesetzt am 4. Juni 2018, hörte das SEM den Be-
schwerdeführer zu seinen Asylgründen an (nachfolgend: BA1 und BA2). Er
machte im Wesentlichen geltend, er sei 2009 in einem Flüchtlingslager in
I._ (J._) gewesen. Von (...) bis 2014 habe er zwecks Schul-
besuchs bei seiner Grossmutter väterlicherseits in C._, Ende 2014
einen Monat bei einem Verwandten in F._ (J._) und danach
neun Monate bei einem Bekannten in G._ (H._) gewohnt.
Er habe einen O-Level-Abschluss und auch die A-Level-Prüfungen abge-
legt, wobei er diese nur im Fach (...) bestanden habe. Vor der Ausreise
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habe er am (...) ([...]) in H._ während fünf bis sechs Monaten (...),
(...) und (...) studiert. Die wirtschaftliche Situation seiner Familie sei gut
gewesen. Sein Vater, der als (...) eine (...) geleitet habe, lebe nach wie vor
in ihrem Haus in D._. Seine Mutter und Geschwister seien in
K._ (Bezirk L._); die Geschwister würden dort zur Schule
gehen.
Er habe während seines Aufenthalts im Flüchtlingslager begonnen, sich mit
Informatik zu beschäftigen. Etwa (...) habe er im Internet Nachforschungen
zu den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gemacht. Onkel und Cous-
ins seien früher bei den LTTE gewesen. Er selbst habe, abgesehen von
einem zweitägigen Aufenthalt in einem LTTE-Camp gegen Ende des Krie-
ges, nichts mit den LTTE zu tun gehabt. Er sei damals von den LTTE ge-
packt und in ein Camp gebracht worden, habe am zweiten Tag aber fliehen
können. Bei seinen Internet-Recherchen sei er auf das Foto einer vermiss-
ten Nachbarin gestossen, die für ihn wie eine grosse Schwester oder eine
Cousine gewesen sei. Er habe das Foto auf seinem Mobiltelefon gespei-
chert. Als er das Bild der Mutter der Vermissten gezeigt habe, habe diese
geweint. Nachdem weitere Nachbarn hinzukommen seien, seien Armee-
angehörige aus einem nahegelegenen Camp gekommen und hätten ihn
gefragt, woher er das Foto habe. Er habe erklärt, dass er es im Internet
gefunden habe. Die Armeeangehörigen hätten abgestritten, dass es sich
bei der Frau um seine Cousine handle, und ihn aufgefordert, solche Nach-
forschungen zu unterlassen. Sie hätten ihm das Mobiltelefon weggenom-
men und ihn nach Hause begleitet, wo auch sein Laptop beschlagnahmt
worden sei. Er habe ins Armeecamp mitgehen und das Passwort eingeben
müssen. Nachdem die Armeeangehörigen seine elektronischen Geräte
kontrolliert, aber nichts gefunden hätten, sei er nochmals ermahnt und
auch geschlagen worden, und habe dann wieder gehen können. Der Lap-
top und das Mobiltelefon seien eingezogen worden. Er habe dann einen
neuen Laptop gekauft. Drei oder vier Wochen später – im Jahr (...) – res-
pektive zwei bis fünf Tage später habe er für ein Schulprojekt einen Schul-
computer benutzt. Auf diesem respektive auf seinem neuen Laptop sei er
wieder auf eine Website der LTTE gegangen und habe dort das Foto eines
verstorbenen entfernten Verwandten entdeckt. Er habe das Bild dem Bru-
der des Verstorbenen gezeigt und dieser habe es auf sein Mobiltelefon ge-
laden und seine Angehörigen informiert. Als es deswegen im besagten
Haus einen Aufruhr gegeben habe, seien Armeeangehörige gekommen,
um nach dem Grund zu fragen. Der Bruder des Verstorbenen habe den
Armeeangehörigen das Foto gezeigt und gesagt, dass er dieses aus dem
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Ausland von Verwandten erhalten habe. Daraufhin seien die Armeeange-
hörigen wieder gegangen. Sie seien in der Folge aber zu ihm nachhause
respektive zu seiner Schule gekommen. Sie hätten ihn zu einem Armee-
camp in der Nähe der Schule gebracht und ihm Fragen zu dem besagten
Foto gestellt. Er habe angegeben, nichts davon zu wissen. Die Armeean-
gehörigen hätten daraufhin seinen Laptop und sein Mobiltelefon überprüft,
jedoch nichts gefunden, da er zuvor alles gelöscht habe. Trotzdem habe er
noch einmal ins Armeecamp mitgehen müssen. Dort sei er von zwei oder
drei Personen nochmals zu dem Foto befragt und dabei geschlagen wor-
den. Er habe beteuert, nichts damit zu tun zu haben. Als der Camp-Leiter
dazugekommen sei, habe er gehen können. Er habe seinem Vater erst da-
von erzählt, als der Schulleiter diesen über die Mitnahme informiert habe.
Er habe danach niemandem mehr gesagt, wenn er im Internet auf Bilder
von Bekannten gestossen sei. Er habe solche Fotos in einem Ordner ge-
speichert. Bei den Provinzratswahlen (...) und (...) habe er der Tamil Nati-
onal Alliance (TNA) geholfen. Dabei habe er der TNA von den Fotos der
vermissten Personen und von Armeecamp-Standorten erzählt. Ein TNA-
Politiker namens M._ habe seine Mitarbeit bei einer Veranstaltung
gelobt, ohne ihn namentlich zu nennen. Er habe deswegen telefonisch und
brieflich anonyme Drohungen erhalten. Auf dem Schulweg in D._
sei er jeweils mit dem Fahrrad an einem (...) vorbeigefahren, der vom Cri-
minal lnvestigation Department (CID) geführt worden sei. Anfangs (...) sei
er dort von Personen nach der Schule angehalten und aufgefordert wor-
den, kleinere Arbeiten wie das Fegen des Geländes zu verrichten. Dies sei
während etwa ein- bis eineinhalb Monaten so gegangen. Irgendjemand
habe ihn dabei gesehen und seinem Vater davon erzählt. Sein Vater habe
ihm dann geraten, fortan in C._ zur Schule zu gehen und dort bei
seiner Grossmutter zu wohnen. Die Leute des besagten Ladens hätten bei
ihm zuhause nach ihm gefragt. Seine Mutter habe unterschiedliche Anga-
ben zu seinem Aufenthaltsort gemacht. Weil er sich wegen diesen Proble-
men nicht auf die Ausbildung habe konzentrieren können, habe er (...) nur
im Fach (...) die A-Level-Prüfung gemacht. In den übrigen Fächern habe
er die Prüfung erst (...) abgelegt. Ab etwa (...) sei in den Nachrichten be-
richtet worden, dass man am (...) beim (...) ([...]) Meldung betreffend Men-
schenrechtsproblemen machen könne. Er sei am an dem besagten Tag
zum (...) gegangen und habe einen Memory-Stick mit von ihm gesammel-
ten Fotos und Interviews, die er im Rahmen der Provinzratswahlen (...) und
(...) mit etwa 10-15 Personen, die ihre Kinder vermisst hätten, geführt und
mit seinem Mobiltelefon aufgenommen habe, abgegeben, und von seinen
Problemen erzählt. Seine Angehörigen hätten davon nichts gewusst. Es
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seien dann aber CID-Beamte zu seinen Eltern gegangen und hätten ge-
droht, ihn wegen seiner Aussagen beim (...) zu erschiessen, und seinem
Vater verboten, wegen ihres Besuchs zur Polizei zu gehen. Sein Vater habe
ihn in der Folge zur Rede gestellt und ihm gesagt, dass er mit seinen Akti-
onen die gesamte Familie gefährden würde. Er habe dem Vater verspro-
chen, künftig nichts mehr zu unternehmen und sich auf die Ausbildung zu
konzentrieren. Zwei Tage später, am (...), respektive zwei bis drei Wochen
später, an das Datum könne er sich nicht erinnern, sei er bei der Schule
von mehreren Personen festgenommen worden. Er habe gewusst respek-
tive angenommen, dass es CID-Leute gewesen seien. Man habe ihn zu
einem Kleinbus gebracht und nach dem Einsteigen bedroht, geschlagen
und gefesselt. Er sei an einen Ort irgendwo in C._ gebracht worden.
Es sei ihm vorgeworfen worden, bei den LTTE gewesen zu sein und diese
wieder auferstehen lassen zu wollen. Er habe dies abgestritten. In der
Nacht sei er mit verbundenen Augen an einen anderen Ort gefahren wor-
den. Er sei in einen dunklen Raum gebracht worden, mit Seilen an den
Händen aufgehängt, mit einem Schlagstock und einer Kette beziehungs-
weise Stange geschlagen und befragt worden. Er habe gesagt, dass er
noch in der Ausbildung sei, für die Prüfungen lernen müsse und nichts ge-
tan habe. Man habe ihm gesagt, dass man wisse, dass er Dokumente ab-
gegeben habe, und er sei gefragt worden, wo Gegenstände und Waffen
der LTTE gelagert seien. Er habe gesagt, nichts über die LTTE zu wissen,
und geleugnet, Dokumente abgegeben zu haben. Er habe nur offengelegt,
dass er bei den Wahlen (...) und (...) mitgeholfen habe. Nachdem er eine
Weile allein gelassen worden sei, seien zwei betrunkene Männer in den
Raum gekommen. Diese hätten ihn geschlagen, sexuell misshandelt und
dann nach draussen gebracht. Er habe Angst gehabt, dass er im dortigen
leeren Brunnen entsorgt würde; er habe über ein solches Vorgehen gele-
sen. Als der eine Mann gestolpert und hingefallen sei, sei er davongerannt.
Die Männer hätten mit Steinen nach ihm geworfen. Er sei in einen Wald
gerannt, habe sich in einem Bunker oder Schützengraben versteckt und
gewartet, bis es hell geworden sei. Als er weitergelaufen sei, sei er auf ei-
nen Mann gestossen und er habe mit dessen Telefon seinen Vater ange-
rufen und von der Entführung, die drei oder vier Tage gedauert habe, er-
zählt. Beziehungsweise er sei aus Angst weggerannt als er weitere Perso-
nen gesehen habe, und er nehme an, dass der besagte Mann seinem Vater
am Telefon alles erzählt habe. Jedenfalls habe sein Vater ihn abgeholt und
direkt zu einem Freund in F._ (J._) gebracht. Seine Mutter
habe ihn am nächsten Morgen informiert, dass er zuhause gesucht und ihr
gedroht worden sei, dass seine Geschwister gefährdet seien, wenn er der
Polizei oder sonst jemandem von der Entführung erzählen würde. Da er
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weiterhin zuhause und auch in J._ gesucht worden sei, habe ihm
sein Vater geraten wegzugehen. Er sei deshalb zu einem Bekannten nach
G._ (H._) gegangen. Trotz der Probleme habe er die A-Le-
vel-Prüfungen an der Schule in C._ ablegen wollen. Sein Vater
habe ihn dorthin gefahren. Den Armeecheckpoint hätten sie über einen
Waldweg umfahren. Zwischen den Prüfungen habe er sich bei Verwandten
in C._ versteckt. Beim Schulgebäude seien Polizisten stationiert
gewesen, bei denen man sich mittels Identitätskarte habe ausweisen müs-
sen. Ein Polizist sei Tamil gewesen und er habe sich daher sicher gefühlt.
Er habe auch eine Person der TNA telefonisch kontaktiert und diese habe
ihm gesagt, er solle die Prüfungen machen und wenn etwas passieren
sollte, würden sie sich kümmern. Nachdem sein Vater ihn telefonisch ge-
warnt habe, dass sein Aufenthalt in C._ aufgeflogen sei, sei er ge-
gen Ende (...) mit einem Bus nach H._ zurückgefahren. Bei einem
Kontrollposten der Armee sei er aus dem Bus geholt worden. Als ein ande-
rer Bus dort angekommen sei, habe er geschrien und infolgedessen fliehen
können. Er sei durch ein Feld gerannt und nicht verfolgt worden. Er habe
dann seinen Bekannten in G._ angerufen und dieser habe ihn ab-
geholt. Er sei weiterhin zuhause gesucht worden, aber sein Vater habe an-
gegeben, nicht zu wissen, wo er sei. Trotz der Suche nach ihm habe er im
März oder April (...) das Studium beim (...) begonnen. Etwa einen Monat
später habe ihn sein Vater gewarnt, dass die CID-Leute gesagt hätten, sie
würden seinen Aufenthaltsort nun kennen. Er habe sich daraufhin die
Haare abrasiert. Er sei etwa einmal pro Woche in C._ gesucht wor-
den und als sein Vater ihm berichtet habe, dass er von der Polizei eine
Vorladung für ihn erhalten habe, sei er dem (...) eine Woche lang fernge-
blieben. Danach habe er aber weiterstudiert. Ein oder zwei Monate später
habe sein Vater von der Polizei zwei Aufforderungen bekommen, gemäss
welchen er (der Beschwerdeführer) sich stellen müsse. Sein Vater habe
ihm daraufhin geraten, Sri Lanka zu verlassen. Am (...) sei er mithilfe eines
Schleppers von Colombo nach N._ geflogen und dann auf dem
Landweg in die Schweiz gelangt. Letztmals sei im (...) 2018 respektive im
(...) 2018 zuhause nach ihm gesucht worden. In der Schweiz sei er nicht
politisch tätig. Er habe hierzulande aber Kontakt zu LTTE-Leuten, denen er
Informationen zur Situation in Sri Lanka zukommen lasse, die er von Freun-
den im Heimatland erhalte. Zudem habe er an einer Demonstration in
O._ und einer Kundgebung in P._ teilgenommen.
D.b Bezüglich der weiteren Aussagen beziehungsweise der Einzelheiten
des rechtserheblichen Sachverhalts wird auf die Protokolle und die einge-
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reichten Beweismittel (Identitätskarte; alte Identitätskarte; Geburtsurkun-
den des Beschwerdeführers und der Eltern; Schuldokumente; Ausweis aus
Flüchtlingslager; Wahlberechtigungsbestätigung; Rationierungskarte; Fo-
to, das eine Nachbarin/Cousine zeige; Zeitungsberichte zum Tod der Nach-
barin/Cousine; Fotos des Beschwerdeführers im (...); Foto des Beschwer-
deführers mit abrasierten Haaren; Schreiben von Mitgliedern des Parla-
ments des Q._; Wohnsitzbestätigung; Kopie eines Schreibens des
Polizeipostens D._; Kopien von Schreiben der Polizei an den Vater;
Kopie einer Zeugenvorladung des Terror Investigation Department [TID])
verwiesen (vgl. vorinstanzliche Akten A4, A35, A36, A37 und A38).
E.
E.a Mit Verfügung vom 4. September 2020 – eröffnet am 7. September
2020 – stellte das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingsei-
genschaft nicht erfülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Wegweisung an.
E.b Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, die Vorbringen des Be-
schwerdeführers vermöchten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit
gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) nicht zu genügen. Die Ausführungen zu
der Verfolgung des Beschwerdeführers durch Personen des CID und ins-
besondere der Entführung und Gefangennahme würden erhebliche Wider-
sprüche aufweisen. So habe der Beschwerdeführer den Zeitpunkt der Ent-
führung zunächst mit zwei bis drei Wochen nach der Vorsprache bei der
(...) im (...) angegeben, wobei er das genaue Datum nicht habe nennen
können, später jedoch gesagt, zwei Tage nach dem Termin bei der (...), das
heisst am (...), entführt worden zu sein. Seine Erklärung, den Zeitpunkt erst
jetzt berechnet zu haben, vermöge den Widerspruch nicht aufzulösen. Zu-
dem widerspreche seine Aussage, nach der Flucht im (...) direkt für einen
Monat nach F._ gegangen zu sein und dann bis zur Ausreise in
G._ gewohnt zu haben, der Angabe, von (...) bis Ende (...) in
C._ gelebt zu haben. Des Weiteren scheine die Dauer der Gefan-
genschaft aus dem Kontext der freien Rede des Beschwerdeführers zwei
Tage zu sein, wohingegen er später von drei oder vier Tagen gesprochen
habe. Ausserdem stimme die zeitliche Chronologie zwischen der Entfüh-
rung im (...) und der am (...) 2015 erfolgten Ausreise aus Sri Lanka nicht
überein, habe der Beschwerdeführer doch angegebenen, sich in dieser
Zeitspanne einen Monat in F._ und neun Monate in G._ auf-
gehalten zu haben. Wenn er im (...) aus der Gefangenschaft geflohen sei
und anschliessend einen Monat in F._ verbracht habe, wäre er im
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August 2014, allenfalls September 2014, nach G._ gelangt. Bei ei-
nem dortigen Aufenthalt von neun Monaten, wäre die Ausreise im Mai/Juni
2015 erfolgt. Der Beschwerdeführer habe jedoch den (...) 2015 als Ausrei-
sedatum genannt. Des Weiteren habe er angegeben, einen Haftbefehl des
CID erhalten zu haben. Das eingereichte Dokument besage jedoch, dass
es sich nicht um einen Haftbefehl, sondern um eine Vorladung zu einer
Zeugeneinvernahme handle. Ausserdem sei als ausstellende Behörde das
TID und nicht das CID aufgeführt. Im Übrigen sei es dem Beschwerdefüh-
rer nicht gelungen, seine Fluchtvorbringen ausreichend zu substantiieren.
Er vermittle nicht den Eindruck, das Geschilderte tatsächlich persönlich er-
lebt zu haben. Seine Erzählweise sei repetitiv und stereotyp. Zu konkreten
Fragen habe er oft nur ungenaue respektive wenig detaillierte Angaben
machen können, und sich bei Nachfragen in die Schutzbehauptung ge-
flüchtet, es nicht zu wissen. Dies deute auf eine auswendig gelernte Ge-
schichte hin. Zudem sei nicht davon auszugehen, dass sich eine Person,
die vom CID und auch noch vom TID und der sri-lankischen Armee verfolgt
worden sei, eine Festnahme mit Verhören und Misshandlungen erlebt habe
und vielfach gesucht und vorgeladen worden sei, so verhalten würde wie
der Beschwerdeführer, der trotz des Erlebten sowie der Warnungen der
Armee, des CID und seines Vaters ohne nennenswerte Vorsichtsmassnah-
men weiter recherchiert habe und zur Schule und den Prüfungen gegan-
gen sei. Sein Verhalten entspreche nicht einer Person, die an Leib und
Leben sowie der Freiheit bedroht und verfolgt worden sei. Insbesondere
sei nicht nachvollziehbar, weshalb er an den Ort der Entführung – die
Schule in C._ – zurückgegangen sei. Eine bedrohte Person hätte
auch kaum einen Bus, der auf der Strecke von C._ nach H._
einen Armeecheckpoint habe passieren müssen, benutzt. Sogar nach der
Festhaltung respektive Flucht am Checkpoint sei der Beschwerdeführer
nicht ausgereist, sondern habe noch während mehreren Monaten Vorle-
sungen besucht und im (...) auch Fotos von sich gemacht. Selbst als er
vom Vater erfahren habe, dass das CID seinen Aufenthaltsort in H._
nun kenne, sei er nach einer lediglich einwöchigen Pause wieder ans (...)
gegangen. Dass das CID ihn trotz der Schulbesuche so viele Male erfolglos
gesucht und darüber hinaus seinen Vater vorgewarnt hätte, seinen Aufent-
haltsort nun zu kennen, sei realitätsfremd. Das Verhalten des Beschwer-
deführers sei in Anbetracht der geltend gemachten Verfolgung durch die
Armee und das CID respektive TID sowie der angeblichen Vorfälle, vor al-
lem der Entführung sowie Gefangenhaltung, nicht nachvollziehbar. Diese
Vorbringen seien daher unglaubhaft. Die Befragungen des Beschwerde-
führers durch Armeeangehörige (...) seien, vorbehältlich deren Glaubhaf-
tigkeit, wegen fehlenden Kausalzusammenhangs zur erst 2015 erfolgten
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Ausreise flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Dasselbe gelte für die anony-
men Drohungen wegen der Unterstützung der TNA bei den Provinzrats-
wahlen (...) und (...). Die Vorbringen bezüglich des Kriegs (Aufenthalt im
Flüchtlingscamp, zweitägige Festhaltung in einem LTTE-Camp) seien so
lange nach Kriegsende nicht mehr aktuell und zudem nicht kausal für die
Ausreise. Eine Kausalität sei auch bezüglich der Zugehörigkeit von Onkeln
und Cousins des Beschwerdeführers zu den LTTE während des Kriegs
nicht gegeben. Diese Vorbringen würden daher keine flüchtlingsrechtliche
Relevanz entfalten.
Weiter sei nicht ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr nunmehr in den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten und in
flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt werden sollte. Er habe nach
Kriegsende noch rund sechs Jahre im Heimatland gelebt und nicht glaub-
haft gemacht, vor der Ausreise asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen
ausgesetzt gewesen zu sein. Allfällige, im Zeitpunkt der Ausreise 2015 be-
stehende Risikofaktoren, die aufgrund der nicht gegebenen LTTE-Mitglied-
schaft und der fehlenden persönlichen Tätigkeit für die LTTE während des
Kriegs grundsätzlich nicht vorhanden beziehungsweise bezüglich einer
Verfolgung durch das CID und die Armee wegen der TNA-Unterstützung
und den Internet-Recherchen betreffend im Krieg vermisster Personen
nicht glaubhaft respektive nicht asylrelevant seien, vermöchten folglich
kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulö-
sen. Das Vorbringen, hierzulande an zwei Demonstrationen gewesen zu
sein und für LTTE-Angehörige Informationen zu Vorkommnissen in Sri
Lanka zu besorgen, sei unsubstantiiert und nicht belegt. Zudem sei nicht
nachzuvollziehen, dass LTTE-Angehörige in der Schweiz bezüglich der all-
gemein bekannten Lage in Sri Lanka Unterstützung des Beschwerdefüh-
rers benötigen würden. Die Nachfluchtgründe seien daher unglaubhaft. Zu-
dem wären blosse Teilnahmen an einzelnen Demonstrationen und auch
Kontakte zu LTTE-nahen Personen in der Schweiz nicht geeignet, um aus
der grossen Masse exilpolitisch engagierter Tamilen herauszustechen. Es
sei daher nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer deswegen
in den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten wäre.
Die Beweismittel vermöchten die Vorbringen nicht zu belegen. Das Foto
des Beschwerdeführers mit abrasierten Haaren sei nicht geeignet, eine
Verfolgung aufzuzeigen. Die Schreiben von Parlamentsmitgliedern seien
als Gefälligkeitsschreiben ohne Beweiswert zu qualifizieren. Ausserdem
würden darin lediglich Aussagen von Familienmitgliedern des Beschwer-
deführers wiedergegeben. Manche würden zudem vom TID, andere vom
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CID als Verfolger sprechen, was – auch zu den Vorbringen des Beschwer-
deführers – widersprüchlich sei. Das Foto einer Nachbarin und die Zei-
tungsberichte vermöchten eine Verfolgung des Beschwerdeführers durch
das CID beziehungsweise TID und die Armee ebenfalls nicht zu belegen,
zumal diese Dokumente auch jemanden anderen betreffen könnten. Auch
die Kopie einer Zeugenvorladung vom TID vermöge an den vorstehenden
Erwägungen nichts zu ändern. Eine Überprüfung der Echtheit dieses Do-
kuments sei mittels der vorgelegten Kopie nicht möglich. Angesichts der
Widersprüche zu den Angaben des Beschwerdeführers und der Tatsache,
dass solche Formulare leicht gefälscht oder verfälscht werden könnten und
käuflich erwerbbar seien, sei von einer Fälschung respektive Verfälschung
auszugehen, zumal ein solches Formular handschriftlich ausgefüllt werde
und alles Mögliche darin eingetragen werden könne. Bei dem Schreiben
des Polizeipostens in D._, laut dem der Beschwerdeführer sich zu
einer Befragung einzufinden habe, und den analogen Schreiben der Polizei
an den Vater falle auf, dass, anders als bei polizeilichen Dokumenten üb-
lich, kein Briefkopf ersichtlich und kein Standardformular/-layout verwendet
worden sei. Es handle sich um handschriftliche Schreiben, die von beliebi-
gen Personen verfasst werden könnten. Es gebe keinerlei Sicherheits-
merkmale, zumal es sich um Kopien handle. Zudem seien solche Schrei-
ben generell leicht (ver-)fälschbar und käuflich erhältlich und von daher von
äusserst geringer Beweiskraft. Den vorliegenden drei Kopien handschrift-
lich verfasster Schreiben ohne übliches Layout der sri-lankischen Polizei
könne keine Beweiskraft beigemessen werden. Der Beschwerdeführer er-
fülle die Flüchtlingseigenschaft daher nicht. Der Wegweisungsvollzug sei
zulässig, zumutbar und möglich.
F.
F.a Mit Eingabe vom 7. Oktober 2020 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er ersuchte um Aufhebung der
vorinstanzlichen Verfügung und um Gewährung des Asyls, eventualiter um
Feststellung der Unzulässigkeit, allenfalls Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs und um Gewährung der vorläufigen Aufnahme. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er, unter Verweis auf eine Fürsorgeab-
hängigkeitsbestätigung vom 30. September 2020, um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung sowie um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.b Nach ausführlicher Wiedergabe des Sachverhalts aus seiner Sicht
machte er zur Begründung im Wesentlichen geltend, die Widersprüche, auf
die sich das SEM berufe, würden sich erklären lassen, oder seien nicht
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relevant. Hinsichtlich des Zeitpunkts der Entführung habe er sich auf Vor-
halt des Widerspruchs korrigiert. Bei der Einstiegsfrage nach dem Wohnort
sei er sich der Tragweite seiner undifferenzierten Angabe, bis Ende 2014
in C._ gelebt zu haben, noch nicht im Klaren gewesen. Die Abwei-
chung zu seiner nachherigen Aussage, nur bis Juli/August 2014 in
C._ gewesen zu sein, sei zudem nicht erheblich, zumal sein Le-
bensmittelpunkt aufgrund der noch abzulegenden Prüfungen bis Ende
2014 immer noch in C._ gewesen sei. Es sei nicht haltbar, ihm in
Bezug auf die Dauer der Gefangenschaft durch das CID einen Wider-
spruch vorzuwerfen. Er habe sich damals in einer Stresssituation befunden
und in einer solchen mangle es der menschlichen Psyche an einer Bewäl-
tigungsstrategie. Wichtige Aspekte würden nicht auffallen oder ausgeblen-
det und es entstehe ein Gefühl des zeitlichen Stillstands. Er habe damals
viele Emotionsstadien durchlebt und sich zudem in einem abgedunkelten
Raum befunden, was es ihm verunmöglicht habe, die Tageszeit zu erken-
nen. Es sei ihm daher nicht möglich gewesen, die zeitliche Dauer zwischen
der Verhaftung und der Flucht richtig einzuschätzen. Es handle sich bei
den diesbezüglichen Angaben um seine subjektive Schätzung. An die Me-
tallkette, mit der er geschlagen worden sei, habe er sich genau erinnern
können. Zudem sei er mit einem Gegenstand, der sich wie ein Stock ange-
fühlt habe, geschlagen worden. Dass er angesichts der Ausblendung von
Details in der Belastungssituation nicht habe sagen können, ob es sich um
einen Schlagstock oder eine Stange gehandelt habe, sei nicht beachtlich.
Die Aufenthaltsdauer in H._ – etwa neun Monate – habe er eben-
falls geschätzt. Bei der Anhörung seien schon drei Jahre vergangen gewe-
sen und es sei nicht einfach gewesen, sich an die genaue Zeitspanne zu
erinnern. Diese Fehleinschätzung sei nicht als wesentlich zu erachten, zu-
mal der genannte Aufenthalt an der (...) – fünf oder sechs Monate ab (...)
2015 – mit der Ausreise im (...) 2015 chronologisch übereinstimme. In Be-
zug auf den Vorhalt, die Zeugenvorladung als Haftbefehl betitelt zu haben,
sei zu beachten, dass es in einem Staat wie Sri Lanka, in dem es an
Rechtsstaatlichkeit mangle, keinen Unterschied mache, ob man als Zeuge
aufgeboten oder als Straftäter mittels Haftbefehl gesucht werde. Die Wahr-
scheinlichkeit, Opfer von Gewalt zu werden, sei gleich. In der sri-lankischen
Bevölkerung handle es sich beim CID um einen Sammelbegriff für die in-
vestigativen Behörden. Die Beamten, die auf ihn aufmerksam geworden
seien, hätten sich nicht ausgewiesen. Es sei nicht klar, ob das CID und das
TID miteinander gearbeitet hätten, und wer ein Interesse an der Aufarbei-
tung des Falls gehabt und die Führung innegehabt habe. Die Aufgabentei-
lung sei absichtlich verwirrend gestaltet. In gewissen Fällen sei das TID
dem CID vorgesetzt und an der Untersuchung ebenfalls beteiligt. Es sei
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daher nachvollziehbar, dass er nicht zwischen CID und TID sowie zwischen
Zeugeneinvernahme und Haftbefehl differenziert habe. Es sei nicht ein-
fach, sich anderen Personen gegenüber zu öffnen, erst recht nicht, wenn
man sexuelle Gewalt erfahren habe, was in der sri-lankischen Kultur ein
Tabuthema sei. In beiden Berichten der Hilfswerkvertretungen sei vermerkt
worden, dass er detailliert und erlebnisnah berichtet habe. Er habe Emoti-
onen gezeigt und während drei Stunden frei von seinem Leben erzählt. Die
Person, welche den Asylentscheid gefällt habe, habe mangels Anwesen-
heit bei der Anhörung keinen persönlichen Eindruck von seiner Glaubwür-
digkeit erhalten können. Angesichts seines Aufwachsens in einer Bürger-
kriegszeit und der Bedrohung durch den Staat seit seinem (...) Lebensjahr,
könne seine Verhaltensweise nicht mit derjenigen eines in normalen Ver-
hältnissen lebenden Menschen verglichen werden. Er habe die Sicher-
heitsmassnahmen ergriffen, die er für nötig erachtet habe und die für ihn
umsetzbar gewesen seien, und gehofft, dass sich die Missstände in seinem
Heimatland ändern würden. Er habe sich die Zukunft nicht verbauen wollen
und deshalb die Prüfungen in C._ absolviert. In der Anonymität der
Grossstadt H._ habe er sich sicher gefühlt. Es dürfe ihm nicht als
Nachteil gereichen, dass Polizeivorladungen in Sri Lanka handschriftlich
verfasst würden. Die TNA, die sich für die Belange der tamilischen Minder-
heit einsetze und deren Programm nach wie vor den Anspruch auf eine
weitgehende Autonomie der tamilischen Bevölkerungsteile beinhalte, sei in
den Augen der sri-lankischen Behörden das politisch organisierte Über-
bleibsel der LTTE. Eine Verfolgung könne sich daher nicht nur aus einem
Engagement für die LTTE, sondern auch aus der Unterstützung der TNA
ergeben, wie verschiedene Berichte aus den Jahren 2014 und 2015 zeigen
würden. Dass eine TNA-Unterstützung zum jetzigen Zeitpunkt allenfalls
weniger Probleme mit sich bringen würde, sei irrelevant. Er habe durch
jedes Ereignis ein weiteres Element verursacht, das zur Verfolgung geführt
habe, und ein Kausalzusammenhang sei gegeben. Hätte er sich nicht für
vermisste Personen eingesetzt und der TNA geholfen, wäre es nicht dazu
gekommen, dass er die gesammelten Informationen an eine (...) weiterge-
geben hätte, was wiederum dazu geführt habe, dass er durch das CID ent-
führt worden sei, was schliesslich seine Flucht bewirkt habe. Mit der Ver-
haftung habe er ernsthafte Nachteile erlitten. Unter Berücksichtigung der
Entwicklungen seit dem Regierungswechsel im November 2019 sei davon
auszugehen, dass er auch künftig Verfolgung ausgesetzt wäre. Zudem
habe er sich hierzulande exilpolitisch betätigt und Demonstrationen be-
sucht. Die Beweismittel würden seine Geschichte dokumentieren. Unter
Verweis auf öffentlich einsehbare Berichte könne angesichts der aktuellen
Lage in Sri Lanka nicht ausgeschlossen werden, dass jedem nach Sri
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Lanka zurückgeschafften, abgewiesenen Asylsuchenden Inhaftierung und
unmenschliche Behandlung drohen würde. Bei ihm komme erschwerend
hinzu, dass er dem Staat aufgrund der Inhaftierung bereits bekannt sei und
eine Vorladung gegen ihn bestehe.
Sollte die Flüchtlingseigenschaft verneint werden, sei ihm zumindest die
vorläufige Aufnahme zu gewähren. Angesichts der Polizeivorladungen sei
damit zu rechnen, dass ihm bei einer Rückkehr nach Sri Lanka eine Ver-
haftung drohe, bei der die Anwendung von Folter oder sexueller Gewalt als
höchst wahrscheinlich zu erachten sei. Da er aufgrund des Erlebten wohl
an einer posttraumatischen Belastungsstörung leide, sei der Vollzug auch
unzumutbar. Die Krankheit habe noch nicht durch eine Fachperson diag-
nostiziert werden können. Er habe sich bisher nur seiner Rechtsvertretung
anvertraut, den Schritt, sich für eine psychologische Therapie anzumelden,
aber noch nicht gewagt. Laut einem Bericht der Schweizerischen Flücht-
lingshilfe (SFH) vom 3. September 2020 würden psychisch erkrankte Men-
schen in Sri Lanka diskriminiert und der Zugang zu psychiatrischer Versor-
gung sei im ehemaligen Konfliktgebiet unzulänglich. Eine Behandlung
wäre für ihn in der Nordprovinz folglich kaum möglich.
Der Beschwerdeführer reichte nebst der angefochtenen Verfügung, der
Vollmacht und Kostennote der Rechtsvertreterin sowie der Fürsorgeabhän-
gigkeitsbestätigung (Beweismittel [BM] 1-4) folgende Dokumente ein: In-
ternetartikel vom (..) (BM 5), Polizeivorladung vom (...) (BM 6 [Kopie in vo-
rinstanzlichen Akten {mit Übersetzung}]), Polizeivorladung vom (...) (BM 7
[Kopie in vorinstanzlichen Akten {ohne Übersetzung}]), Polizeivorladung
vom (...) (BM 8 [Kopie in vorinstanzlichen Akten {ohne Übersetzung}]),
Zeugenvorladung vom (...) (BM 9 [Kopie in vorinstanzlichen Akten {Eng-
lisch}]), Polizeivorladung vom (...) (BM 10), Affidavit des Vaters vom
23. August 2019 (BM 11 [Englisch]), Letter of Character vom 27. August
2019 (BM 12 [Englisch]), Brief von Parlamentarier vom (...) 2019 (BM 13
[Englisch]) sowie Briefe von Parlamentariern vom (...) 2018, (...) 2018 und
(...) 2018 (BM 14-16 [Kopien in vorinstanzlichen Akten {Englisch}]).
G.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 8. Oktober 2020 den Ein-
gang der Beschwerde.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Oktober 2020 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der
D-4977/2020
Seite 14
Schweiz abwarten dürfe. Sie hiess das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege gut und ordnete die rubrizierte Rechtsvertreterin
dem Beschwerdeführer als amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig for-
derte sie den Beschwerdeführer auf, eine Übersetzung der fremdsprachi-
gen Beschwerdebeilagen 7, 8 und 10 einzureichen.
I.
Innert erstreckter Frist reichte der Beschwerdeführer am 30. Oktober 2020
eine Übersetzung der genannten Beschwerdebeilagen ein.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 4. November 2020 lud die Instruktionsrichterin
die Vorinstanz zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein.
K.
Mit der innert erstreckter Frist erfolgten Vernehmlassung vom 16. Dezem-
ber 2020 beantragte das SEM die Abweisung der Beschwerde. Die Be-
schwerdebeilagen 6 bis 9 (Vorladungen) seien bereits beurteilt worden. Bei
der Vorladung vom (...) (BM 10) handle es sich um einen «Extract from the
Information Book» der Polizei. Dieser Auszug sei ein Formular, welches
handschriftlich ausgefüllt werde, und verfüge über keine Sicherheitsmerk-
male. Es seien in Sri Lanka sowohl Originale als auch nachgemachte Ko-
pien solcher Dokumente im Umlauf und damit leicht (käuflich) erhältlich.
Originale wie nachgemachte Kopien könnten von jedermann handschrift-
lich ausgefüllt und angepasst werden. Dementsprechend sei die Beweis-
kraft dieses Beweismittels als sehr gering einzuschätzen, zumal es er-
staune, dass der Beschwerdeführer dieses Dokument vom (...) erst mit der
Beschwerde vom 7. Oktober 2020 eingereicht habe. Auch die übrigen Be-
schwerdebeilagen vermöchten nichts an den Erwägungen in der Verfü-
gung vom 4. September 2020 zu ändern. Die Beschwerdebeilagen 14 bis
16 seien bereits im Asylentscheid gewürdigt worden. Auch die Beschwer-
debeilagen 11 («Affidavit» Vater) sowie 12 und 13 (Schreiben Parlamenta-
rier) würden blosse Gefälligkeitsschreiben ohne Beweiswert darstellen, zu-
mal der «Affidavit» des Vaters keine Zeugenaussage unter Meineid im
Sinne eines echten «Affidavit» in «Common Law»-Rechtsordnungsverfah-
ren, sondern eine blosse Parteibehauptung sei.
L.
Die Instruktionsrichterin stellte dem Beschwerdeführer die Vernehmlas-
sung am 4. Januar 2021 zu und räumte ihm die Gelegenheit zur Replik ein.
D-4977/2020
Seite 15
M.
In der innert erstreckter Frist am 28. Januar 2021 eingereichten Replik ent-
gegnete der Beschwerdeführer im Wesentlichen, die Belege seien echt
und der Zeitpunkt der Einreichung der Polizeivorladung sollte für deren Be-
deutung nicht ausschlaggebend sein. Er reiche anbei weitere, die Nachba-
rin betreffende Dokumente ein: Zeitungsartikel, Kopien deren Familien-
und Geburtsurkunde, Schreiben deren Vaters.
N.
Mit Eingabe vom 22. Juni 2022 (Datum Poststempel; Schreiben datiert vom
12. Mai 2022) teilte die Rechtsvertreterin mit, dass sie ihre Stelle bei der
(...) gekündigt habe. Sie ersuche deshalb um Entlassung aus dem amtli-
chen Mandat, sofern noch weitere Verfahrenshandlungen notwendig sein
sollten, ansonsten sei das Gesuch als gegenstandslos zu betrachten. Ein
allfälliges Honorar trete sie an die (...) ab.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
D-4977/2020
Seite 16
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht, vielmehr müssen
konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Mass-
geblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im
Zeitpunkt des Asylentscheids. Die Gewährung des Asyls kann nicht dazu
dienen, einen Ausgleich für vergangenes Unrecht zu schaffen, sondern be-
zweckt, Schutz vor künftiger Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4
E. 5.4). Veränderungen der objektiven Situation im Heimat- oder Her-
kunftsstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zugunsten und zu-
lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2.6, 2008/34 E. 7.1 und 2008/12 E. 5.2.).
Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus
dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst geschaf-
fen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne
von Art. 54 AsylG geltend. Solche begründen zwar die Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum
Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht
missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, die subjek-
tive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als
Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
D-4977/2020
Seite 17
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Entscheidend ist, ob eine
Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Rich-
tigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Gesuchstellenden sprechen, bei ei-
ner objektivierten Sichtweise überwiegen oder nicht (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2).
4.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten im Er-
gebnis in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu
begründen vermag.
4.2 Im Sinne einer Vorbemerkung ist festzuhalten, dass – entgegen der
Argumentation in der Beschwerdeschrift (vgl. S. 18 f. Rz. 60 f.) – die bereits
von der früheren Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) begrün-
dete Rechtsprechung zur Bedeutung der Aussagen in der Empfangsstelle
für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit (vgl. Entscheidungen und Mitteilun-
gen der ARK [EMARK] 1993 Nr. 3) nicht auf die vorliegenden ausführlichen
Anhörungen angewendet werden kann. Diesen beiden Anhörungen kommt
eine ganz andere Qualität zu als einer Befragung zur Person, bei der die
Asylgründe in der Regel höchstens summarisch erfragt wurden. Festzuhal-
ten ist aber ebenso, dass der Beschwerdeführer seine Asylgründe während
der gesamten Dauer der Anhörung vom 8. Mai 2018 in freier Rede zu Pro-
tokoll gab, was zu Gunsten der Glaubhaftigkeit seiner Angaben in die
Glaubhaftigkeitsprüfung einzubeziehen ist und von der Vorinstanz im Übri-
gen auch erkannt wurde (vgl. SEM-Verfügung Ziff. II.1.2 S. 9).
4.3 Der Beschwerdeführer hat im Rahmen der Anhörungen vom 8. Mai
2018 und 4. Juni 2018 sein Interesse an Informatik dargelegt und es ist
plausibel, dass er als Teenager – wie andere Altersgenossen wohl auch –
viel Zeit im Internet verbracht hat. Es ist auch durchaus denkbar, dass er
dabei beim Surfen im Internet auf Fotos von vermissten Personen gestos-
sen ist. Auch wenn die Aussagen des Beschwerdeführers zum Fund eines
Bildes einer Nachbarin und eines Fotos eines entfernten Verwandten nicht
durchwegs stimmig sind (abweichende zeitliche Einordnung [2. Bilderfund
D-4977/2020
Seite 18
3-4 Wochen respektive 2-5 Tage nach 1. Fund], unterschiedliche Fundorte
[2. Bilderfund auf Schulcomputer respektive eigenem Laptop]), ist nicht
auszuschliessen, dass er (...) im Zusammenhang mit den besagten zwei
Fotos, die er angeblich im Internet in öffentlich zugänglichen Quellen ge-
funden hat, von Armeeangehörigen befragt worden ist. Seine Ausführun-
gen zeigen aber, dass er beide Male nach der Überprüfung seiner elektro-
nischen Geräte ohne Auflagen wieder gehen konnte. Von anderen Behelli-
gungen seitens der Armee hat der Beschwerdeführer nicht berichtet und
auch aus den eingereichten Dokumenten ergeben sich keine Hinweise auf
ein weitergehendes, anhaltendes Verfolgungsinteresse der Armee an der
Person des Beschwerdeführers. Die – im Übrigen erst in den Jahren (...)
und (...) erschienen – Zeitungsberichte, welche die vermisste Nachbarin
betreffen würden, lassen keinen Bezug zum Beschwerdeführer erkennen,
und dem mit der Replik vom 28. Januar 2021 nachgereichten (undatierten)
Schreiben des Vaters der Nachbarin kann kein erheblicher Beweiswert zu-
gemessen werden. Dieses ist als Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren.
Im Übrigen besagt auch dieses Schreiben, dass das vom Beschwerdefüh-
rer gefundene Foto der Nachbarin aus jedermann zugänglichen Informati-
onsquellen (Zeitungsartikel und Fernsehbericht) stamme, und dass er le-
diglich die Angehörigen darauf aufmerksam gemacht habe. Dass der da-
mals erst (...)- respektive (...)-jährige Beschwerdeführer damit bei der sri-
lankischen Armee den Verdacht erzeugt habe, er stehe in persönlicher Ver-
bindung mit den LTTE, vermag er mit seinen Ausführungen und den be-
sagten Beweismitteln nicht darzutun. Ein sachlicher und zeitlicher Kausal-
zusammenhang zwischen den beiden Befragungen durch Armeeangehö-
rige im Zeitraum (...) und der erst mehrere Jahre später erfolgten Ausreise
des Beschwerdeführers aus Sri Lanka ist ohnehin zu verneinen.
Dass er im Zeitpunkt der Ausreise im (...) 2015 vom CID wegen der Inter-
netrecherchen betreffend im Krieg vermisster Personen oder wegen der
Unterstützung der TNA als Jugendlicher bei Provinzratswahlen in den Jah-
ren (...) und (...) im Verdacht gestanden habe, die LTTE wieder aufleben
lassen zu wollen, und deshalb in asylrechtlich relevanter Weise verfolgt
worden sei, vermag der Beschwerdeführer weder glaubhaft zu schildern
noch zu belegen. Das SEM hat berechtigterweise Zweifel an den betref-
fenden Schilderungen des Beschwerdeführers geäussert. Mit den Ausfüh-
rungen in den Rechtsmitteleingaben vermag der Beschwerdeführer den
aufgezeigten Unstimmigkeiten nichts Substanzielles entgegenzusetzen
und die Zweifel an seinen Angaben nicht auszuräumen. Im Rahmen der
freien Schilderung der Fluchtgründe bei den Anhörungen vom 8. Mai 2018
D-4977/2020
Seite 19
und 4. Juni 2018 hat der Beschwerdeführer zwar wortreich von Behelligun-
gen seitens des CID berichtet, aber auf gezielte Rückfragen wich er wie-
derholt aus, antwortete nur vage und teilweise repetitiv oder in allgemeiner
Weise, und seine Antworten blieben auch nicht widerspruchsfrei. So wei-
sen seine Angaben zum zeitlichen Ablauf der Ereignisse gewichtige Wider-
sprüche auf; es kann hierzu auf die zutreffenden Vorhalte in der angefoch-
tenen Verfügung verwiesen werden. Ins Gewicht fällt sodann, dass seine
Aussagen zum Verlauf der Geschehnisse nicht stimmig und nachvollzieh-
bar sind. Bei Beendigung des bewaffneten Konflikts zwischen der sri-lan-
kischen Regierung und den LTTE im Mai 2009 war der Beschwerdeführer
erst (...)-jährig. Seinen Angaben zufolge war er nie Mitglied der LTTE und
sein Vater sei (...). In Berücksichtigung dieser Umstände und angesichts
dessen, dass der Beschwerdeführer bei seinen Recherchen weder Ge-
heimnisse aufgedeckt noch selbst Informationen veröffentlicht, sondern le-
diglich Bilder/Informationen, die im Internet für jedermann öffentlich zu-
gänglich gewesen seien, gesammelt habe, kann nicht geglaubt werden,
dass er nachhaltig in den Fokus des CID geraten und von diesem als ge-
wichtiger und potenziell gefährlicher Unterstützer der LTTE, der bestrebt
sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, eingestuft
worden sei. Das Vorbringen, vom CID plötzlich nach Waffenverstecken der
LTTE gefragt worden zu sein, wirkt konstruiert. Die Angaben des Be-
schwerdeführers sind auch in verschiedener Hinsicht unplausibel. So ist
insbesondere sein Verhalten, nach einer erlebten Entführung an denselben
Ort zurückgekehrt und trotz anhaltender Verfolgung und wiederholter War-
nungen des Vaters weiterhin Kurse am (...) besucht zu haben, nicht nach-
vollziehbar. Es erschliesst sich nicht, weshalb er sich einer solchen Gefahr
ausgesetzt haben sollte. Die Erklärung für den weiteren Schulbesuch, wo-
nach er nicht untätig habe zuhause sitzen und sich auf Dauer verstecken
wollen, vermag auch unter Berücksichtigung des Aufwachsens in einem
von einem Bürgerkrieg gezeichneten Land nicht zu überzeugen. Wäre der
Beschwerdeführer tatsächlich wie vorgebracht seit (...) immer wieder vom
CID gesucht, bedroht und im Jahr (...) sogar entführt und während der
Festhaltung misshandelt worden, ist sein Verhalten (Rückkehr an den Ent-
führungsort [Schule in C._] trotz der Kenntnis des CID von seinem
Aufenthalt in C._; Besteigen des öffentlichen Busses trotz seines
Wissens um den Checkpoint auf der Strecke nach H._; weiterhin
Kursbesuche am (...) trotz der Kenntnis des CID von seinem Aufenthalt in
H._ und der anhaltenden Suche sowie des Erhalts eines Haftbe-
fehls) schlicht nicht nachvollziehbar. Auch erscheint es wenig glaubhaft,
dass das CID dem Beschwerdeführer in all den Monaten bis zur Ausreise
D-4977/2020
Seite 20
im (...) 2015 nicht hätte habhaft werden können, obwohl ihm dessen Auf-
enthalte in C._ und H._ bekannt gewesen seien. Es ist wi-
dersinnig, dass das CID dem Vater im (...) 2015 offengelegt hätte, den Auf-
enthaltsort des Beschwerdeführers in H._ zu kennen, und den Be-
schwerdeführer damit vorgewarnt hätte. Noch widersinniger ist indes, dass
das CID danach nicht etwa in H._ zur Festnahme geschritten sei,
sondern trotz der Kenntnis des Aufenthalts des Beschwerdeführers in
H._ weiterhin – laut dem Beschwerdeführer einmal pro Woche – in
C._ (zwangsläufig erfolglos) nach ihm gesucht habe. Hätte tatsäch-
lich ein erhebliches Interesse des CID an der persönlichen Verfolgung des
Beschwerdeführers bestanden, wäre davon auszugehen, dass die sri-lan-
kischen Behörden ihm in all den Monaten, in denen er sich mit dem Wissen
des CID in H._ aufgehalten und dort das (...) besucht habe, habhaft
geworden wären. Insgesamt betrachtet gelingt es dem Beschwerdeführer
nicht, in Bezug auf die geltend gemachte Verfolgung durch die heimatlichen
Behörden ein nachvollziehbares und stimmiges Bild des Erlebten zu zeich-
nen. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass er Erlebnisse – die im Kontext
mit der Situation im Heimatland des Beschwerdeführers durchaus in Ein-
klang stehen – einer anderen Person oder anderer Personen nacherzählte.
Seine Schilderungen überzeugen trotz ihrer Ausführlichkeit nicht und er
vermag damit nicht glaubhaft darzutun, dass er im Zeitpunkt seiner Aus-
reise im Herbst 2015 seitens der sri-lankischen Behörden in flüchtlings-
rechtlich relevanter Weise verfolgt worden sei. Der Beweiswürdigung des
SEM ist ebenfalls zuzustimmen. Mit den vorgelegten Beweismitteln ver-
mag der Beschwerdeführer die geltend gemachte Verfolgung durch die hei-
matlichen Behörden nicht zu belegen. Bei dem Dokument, das ihn zur Aus-
reise bewogen habe, handelt es sich nicht wie vom Beschwerdeführer gel-
tend gemacht um einen Haftbefehl des CID, sondern um eine Vorladung
zu einer Zeugeneinvernahme, die zudem nicht das CID, sondern das TID
als ausstellende Behörde nennt. Die Erklärung des Beschwerdeführers,
wonach das CID in Sri Lanka als Sammelbegriff für die investigativen Be-
hörden verwendet werde, vermag den Widerspruch nicht aufzulösen, hat
er doch immer explizit von Problemen mit dem CID gesprochen, das TID
hingegen nie erwähnt. Eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung sei-
tens der sri-lankischen Behörden vermag er mit der besagten Zeugenvor-
ladung jedenfalls nicht zu belegen. Auch die auf Beschwerdeebene einge-
reichten handschriftlichen Polizeidokumente sind angesichts der vorste-
henden Erwägungen nicht geeignet, die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der
Vorbringen des Beschwerdeführers zu beseitigen, zumal solche Doku-
mente – wie vom SEM zutreffend bemerkt – ohne Weiteres gefälscht wer-
D-4977/2020
Seite 21
den können. Den besagten Dokumenten kann folglich kein rechtserhebli-
cher Beweiswert zugemessen werden. Soweit der Beschwerdeführer mit
Schreiben des Vaters und von Parlamentariern die anhaltenden Suchan-
strengungen des CID untermauern will, sind diese ungeeignet, die Un-
glaubhaftigkeit der Verfolgungsvorbringen zu entkräften. Diese Dokumente
vermögen – unabhängig von der Frage der Echtheit – keine Beweisrele-
vanz zu entfalten, wiederholen diese doch lediglich die Schilderungen des
Beschwerdeführers respektive seiner Familie und sind als Gefälligkeits-
schreiben einzustufen. Aus den Dokumenten betreffend die Nachbarin er-
geben sich – wie bereits ausgeführt – keine Anhaltspunkte für eine beste-
hende Verfolgung des Beschwerdeführers. Mit seinen Ausführungen und
den eingereichten Beweismitteln vermag der Beschwerdeführer somit nicht
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen, dass er von den sri-
lankischen Behörden im Zeitpunkt seiner Ausreise im (..) 2015 in flücht-
lingsrechtlich relevanter Weise verfolgt worden sei oder im damaligen Zeit-
punkt seitens der heimatlichen Behörden entsprechende Verfolgungs-
massnahmen zu befürchten gehabt hätte. Im damaligen Zeitpunkt erfüllte
er damit die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht.
4.4 Es bleibt zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr
nach Sri Lanka aus anderen Gründen mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
4.4.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich nach Beendigung des Bür-
gerkriegs im Mai 2009 wiederholt und eingehend mit der (nach wie vor pre-
kären) Menschenrechtslage in Sri Lanka im Allgemeinen und mit der Situ-
ation von Rückkehrenden tamilischer Ethnie im Besonderen befasst (vgl.
insb. BVGE 2011/24 E. 9 und Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 E. 8 je mit umfassender Quellenanalyse). Nach wie vor besteht sei-
tens der sri-lankischen Behörden gegenüber Personen tamilischer Ethnie,
die aus dem Ausland zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit. Indessen
kann nicht generell angenommen werden, jeder aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende sei allein aufgrund sei-
nes Auslandaufenthalts der ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und
Folter ausgesetzt (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 8.3).
Im Kern geht die Rechtsprechung davon aus, dass jene Rückkehrer eine
begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG
haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden Bestrebungen zuge-
schrieben werden, den nach wie vor als Bedrohung wahrgenommenen ta-
D-4977/2020
Seite 22
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen respektive den sri-lanki-
schen Einheitsstaat zu gefährden. Zur Beurteilung des Risikos von Rück-
kehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung und Folter
zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren identifiziert. Eine tatsäch-
liche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene Verbindung zu den
LTTE, ein Eintrag in der «Stop List» und die Teilnahme an exilpolitischen
regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobegründende Fakto-
ren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten Umständen be-
reits für sich allein genommen zur Bejahung einer begründeten Furcht füh-
ren könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentlicher Identitätsdo-
kumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine gewisse Aufent-
haltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegründende Faktoren
dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden Risikofaktoren er-
füllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu be-
fürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden bestrebt sei, den
tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen und so den sri-lanki-
schen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Risikofaktoren
seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen in der am
Flughafen in Colombo abrufbaren «Stop List» vermerkt seien und der Ein-
trag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Strafregis-
tereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Ver-
bindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für sri-lankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten (vgl.
a.a.O. E. 8).
An dieser Einschätzung ist auch angesichts der aktuellen – als volatil zu
bezeichnenden – Lage in Sri Lanka festzuhalten (vgl. u. a. Urteile des
BVGer E-6401/2019 vom 22. August 2022 E. 6.6.1, E-2740/2020 vom
7. Juli 2022 E. 5.4.4). Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der politi-
schen Veränderungen in Sri Lanka seit der Machtübernahme des
Rajapksa-Clans im November 2019, der im August 2020 erfolgten Parla-
mentswahlen, welche die Macht des Rajapaksa-Clans weiter ausweiteten,
und der Wahl von Ranil Wickremesinghe am 20. Juli 2022 zum Nachfolger
des abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen Staatspräsidenten be-
wusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
diese bei seiner Entscheidfindung. Beim derzeitigen Kenntnisstand ist nicht
von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage gegenüber der
Zeit vor dem Machtwechsel auszugehen, der Personen mit einem be-
stimmten Risikoprofil ausgesetzt sind beziehungsweise bereits vorher aus-
gesetzt waren. Es gibt zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme,
D-4977/2020
Seite 23
dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kol-
lektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Es ist im Einzelfall zu prü-
fen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Person zur Präsident-
schaftswahl vom 16. November 2019 und den Parlamentswahlen vom
5. August 2020 sowie den seitherigen politischen Entwicklungen besteht.
4.4.2 Der Beschwerdeführer, der seinen Angaben zufolge nicht Mitglied der
LTTE gewesen ist, hat sich nach Kriegsende im Mai 2009 noch mehrere
Jahre im Heimatland aufgehalten. Die fluchtauslösenden Verfolgungsvor-
bringen, wonach der Beschwerdeführer vom CID gesucht worden sei, ha-
ben sich als unglaubhaft erwiesen und es liegen keine konkreten Hinweise
für ein aktuell bestehendes Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen
Behörden vor. Allein die ehemalige LTTE-Zugehörigkeit von Onkeln und
Cousins während des Bürgerkriegs lässt nicht auf ein Profil schliessen, das
den Beschwerdeführer, dessen Vater als (...) arbeite, angesichts der heu-
tigen Situation in Sri Lanka als in asylrechtlich relevanter Weise gefährdete
Person erscheinen lassen würde. Weiter ist nicht davon auszugehen, dass
dem Beschwerdeführer wegen eines exilpolitischen Engagements bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Massnahmen drohen würden.
Seine diesbezüglichen Aktivitäten hat er nur äusserst vage beschrieben
und überdies nicht belegt. Jedenfalls vermag er mit der geltend gemachten
Teilnahme an lediglich zwei nicht näher datierten (vor den Anhörungen im
Jahr 2018 stattgefundenen) Kundgebungen kein Gefährdungsprofil im
Sinne des besagten Referenzurteils zu begründen, zumal er weder darge-
legt noch belegt hat, dabei eine exponierende Stellung innegehabt zu ha-
ben. Auch aus der tamilischen Ethnie, der mehrjährigen Landesabwesen-
heit, einer allfälligen illegalen Ausreise sowie der Asylgesuchstellung in der
Schweiz kann keine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung des Be-
schwerdeführers abgeleitet werden. Dies gilt auch unter Berücksichtigung
der aktuellen politischen Lage in Sri Lanka. Einen direkten persönlichen
Bezug zur Präsidentschaftswahl vom November 2019 oder zu den Parla-
mentswahlen 2020 und allfällige sich daraus ergebende Nachteile für ihn
vermag der Beschwerdeführer mit seinen Ausführungen zur allgemeinen
Lage in Sri Lanka nicht darzulegen. Schliesslich lässt sich auch aus dem
allfälligen Einsatz temporärer Reisepapiere keine relevante Gefährdung
ableiten (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom 25. Juli 2016 E. 8.4.4). Vor
diesem Hintergrund ist das Vorhandensein eines relevanten Risikoprofils
zu verneinen. Insgesamt betrachtet ist somit nicht davon auszugehen,
dass dem Beschwerdeführer im Fall einer Rückkehr nach Sri Lanka ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
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4.5 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen, im Zeitpunkt seiner
Ausreise aus Sri Lanka im Jahr 2015 asyl- respektive flüchtlingsrechtlich
relevanter Verfolgung seitens der heimatlichen Behörden gemäss Art. 3
AsylG ausgesetzt gewesen zu sein. Konkrete Anhaltspunkte für eine ob-
jektiv begründete Furcht vor künftiger gezielter, asylrechtlich relevanter
Verfolgung des Beschwerdeführers durch die sri-lankischen Behörden im
Sinne von Art. 3 AsylG liegen aufgrund der Aktenlage ebenfalls nicht vor.
Das SEM hat demnach die Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint und
das Asylgesuch zutreffend abgelehnt.
5.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
6.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
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AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
6.2.2 Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt nur
Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
6.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Dies ist dem Beschwerdeführer unter Hinweis auf die vorste-
henden Erwägungen zur Flüchtlingseigenschaft und zum Asylpunkt nicht
gelungen. An dieser Einschätzung vermögen die politischen Entwicklungen
im Umfeld der Kommunalwahlen vom Februar 2018 (vgl. Urteil des BVGer
D-5880/2018 vom 12. Februar 2019 E. 11.2.2), die Ende 2019 erfolgten
Präsidentschaftswahlen sowie die Parlamentswahlen vom August 2020
nichts Grundlegendes zu ändern. Dasselbe gilt für die neuesten Ereignisse
im Zusammenhang mit Rücktritten von Regierungsmitgliedern (ein-
schliesslich des Präsidenten und des Premierministers). Die allgemeine
Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug nach
Auffassung des Gerichts zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er-
scheinen (vgl. statt vieler Urteile des BVGer E-6401/2019 vom 22. August
2022 E. 8.2.3, D-1665/2020 vom 10. August 2022 E. 8.2.3 und D-
2061/2020 vom 5. August 2022 E. 9.2.3). Es ergeben sich aus den Akten
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auch keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit persön-
lich gefährdet wäre. Es besteht kein Grund zur Annahme, dass sich die
jüngsten politischen Entwicklungen konkret auf ihn auswirken könnten; ein
persönlicher Bezug zum Regierungswechsel im November 2019 oder der
Wahl von Ranil Wickremesinghe zum neuen Staatspräsidenten am 20. Juli
2022 und deren Auswirkungen auf die Lage in Sri Lanka ist nicht erkennbar.
Die Wahl am 20. Juli 2022 von Ranil Wickremesinghe zum Nachfolger des
abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen Staatspräsidenten ändert
vorerst nichts an der bisherigen Lageeinschätzung, ist dieser doch Teil der
alten politischen Elite.
6.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
6.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Das Bundesverwal-
tungsgericht geht weiterhin davon aus, dass der Wegweisungsvollzug in
die Nord- und Ostprovinz zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuel-
len Zumutbarkeitskriterien bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil
E-1866/2015 E. 13.2). Auch der Wegweisungsvollzug ins "Vanni-Gebiet"
gilt als zumutbar (vgl. Urteil des BVGer D-3619/2016 vom 16. Oktober
2017 E. 9.5). Diese Einschätzung hat auch unter Berücksichtigung der ak-
tuell in weiten Teilen Sri Lankas herrschenden angespannten wirtschaftli-
chen Lage sowie der politisch und sozial schwierigen Situation weiterhin
Gültigkeit (vgl. u. a. Urteil des BVGer D-2277/2020 vom 15. Juni 2022
E. 9.4 m.w.H.).
6.3.2 Der Beschwerdeführer, der über eine gute Schulbildung verfügt und
den Besuch weiterführender Kurse am (...) vorweisen kann, stammt seinen
Angaben zufolge aus einer wirtschaftliche gut situierten Familie aus der
Nordprovinz Sri Lankas. Er verfügt an verschiedenen Orten im Land
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(D._, C._, F._ [J._], H._) über ein ver-
wandtschaftliches Beziehungsnetz (u. a. Eltern, Geschwister, Grossmut-
ter) und soziale Kontakte, so dass davon ausgegangen werden darf, dass
die Wohnsituation bei seiner Rückkehr geregelt ist und er auf Unterstüt-
zung bei der Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz zählen kann. Zwar
sind aufgrund der gegenwärtig herrschenden Lage Versorgungsengpässe
möglich, die aktuelle Wirtschaftskrise in Sri Lanka betrifft jedoch die ge-
samte Bevölkerung (vgl. u. a. Urteile des BVGer E-6401/2019 vom 22. Au-
gust 2022 E. 8.3.4, E-2065/2022 vom 14. Juni 2022 E. 5.3). Hinsichtlich
der vom Beschwerdeführer vage angetönten gesundheitlichen Beschwer-
den (Schlafprobleme, psychische Belastung) ist darauf hinzuweisen, dass
aus gesundheitlichen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden kann,
wenn eine dringend notwendige medizinische Behandlung im Heimatland
nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit der Behandlung bei
einer Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchti-
gung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder gar zum Tod der be-
troffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls nicht vorliegt,
wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Standard entspre-
chende Behandlung grundsätzlich möglich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3,
2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2). Von
einer solchen Notlage ist vorliegend aufgrund der Aktenlage nicht auszu-
gehen. Der Beschwerdeführer, der die Substanziierungslast trägt, hat bis
heute keinen Arztbericht eingereicht. Zudem kann davon ausgegangen
werden, dass Sri Lanka grundsätzlich über ein funktionierendes öffentli-
ches Gesundheitssystem verfügt, welches in der Lage ist, im Bedarfsfall
eine adäquate medizinische Versorgung zu gewährleisten (vgl. etwa Ur-
teile des BVGer 2912/2020 vom 10. August 2022 E. 10.3.4., D-4145/2021
vom 18. Juli 2022 E. 9.4.5, E-4074/2020 vom 11. Januar 2022 E. 8.3.3),
was auch für die Behandlung psychischer Probleme gilt (vgl. Urteile des
BVGer D-6569/2019 vom 15. Juli 2022 E. 7.5.5, E-1756/2020 vom 6. April
2022 E. 8.3 m.w.H. und D-640/2019 vom 14. Juli 2021 E. 7.3.2 m.w.H.).
Zudem vermag der Umstand, dass Behandlungsmöglichkeiten in Sri Lanka
deutlich schwerer zugänglich sind als in der Schweiz, an dieser Einschät-
zung, entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers, nichts zu ändern. Ins-
gesamt liegen somit keine Gründe für die Annahme vor, der Beschwerde-
führer würde bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in eine existenzielle Not-
lage geraten, die als konkrete Gefährdung zu werten wäre.
6.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
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6.4 Des Weiteren obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaats die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem ihm
aber die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ge-
währt wurde, ist von der Kostenerhebung abzusehen, zumal nicht ersicht-
lich ist, dass der Beschwerdeführer nicht mehr bedürftig wäre.
8.2 Die amtliche Rechtsvertretung ist unbesehen des Ausgangs des Ver-
fahrens zu entschädigen. Bei der Bemessung des Honorars wird nur der
notwendige Aufwand entschädigt (vgl. Art. 8 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), und die Rechtsvertretung wurde vom
Gericht in der Ernennungsverfügung vom 19. Oktober 2020 über die in der
Regel angewendeten Stundenansätze informiert. Das Gesuch der Rechts-
vertreterin um Entlassung aus dem amtlichen Mandat vom 22. Juni 2022
erweist sich – gemäss Ausführungen in der entsprechenden Eingabe vom
22. Juni 2022 – als gegenstandslos, nachdem der Schriftenwechsel bereits
vor Eingang des besagten Entlassungsgesuchs abgeschlossen war.
Die Rechtsvertreterin reichte mit der Beschwerde vom 7. Oktober 2020 ihre
Kostennote ein. Sie bezifferte den zeitlichen Aufwand mit 15 Stunden und
45 Minuten und beantragte einen Stundenansatz von Fr. 150.–. Zudem
machte sie eine Dossiereröffnungspauschale von Fr. 50.– sowie Auslagen
von Fr. 64.– (Fr. 4.– Porto, Fr. 60.– Dolmetscherkosten) geltend und wies
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darauf hin, dass keine Mehrwertsteuerpflicht bestehe. Der zeitliche Auf-
wand scheint hoch, aber noch angemessen und der Stundenansatz von
Fr. 150.– liegt im Kostenrahmen. Indes ist die Dossiereröffnungspauschale
zu kürzen; generelle Pauschalen werden praxisgemäss nicht vergütet,
sondern nur effektiv ausgewiesene Kosten entschädigt. Unter Berücksich-
tigung der weiteren Eingaben vom 28. Oktober 2020 (Fristerstreckungsge-
such), 30. Oktober 2020, 14. Januar 2021 (Fristerstreckungsgesuch),
28. Januar 2021 und 22. Juni 2022 ist das amtliche Honorar, welches der
(...) auszurichten ist (vgl. Schreiben von Cora Dubach vom 22. Juni 2022),
vorliegend auf insgesamt Fr. 2600.– (einschliesslich Auslagen; ohne Mehr-
wertsteuerzuschlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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