Decision ID: 0415459e-c495-5619-a0cb-462d0facf82d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste gemäss seinen Angaben am 4. März 2018 in
die Schweiz ein und stellte am 5. März 2018 im damaligen Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) B._ ein Asylgesuch. Am 14. März 2018
fand die Kurzbefragung zur Person (BzP) im EVZ und am 10. Mai 2019
2020 seine Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG
(SR 142.31) statt.
B.
B.a Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, er habe nach der Ehescheidung seiner Eltern im Jahre
2009 oder 2010 bei seinem Vater in C._ gelebt. Seine Mutter und
seine Schwester seien im Monat Mordad / Shahrivar 1395 (zwischen
22. Juli 2016 und 22. September 2016) nach Belgien ausgereist, wo sie um
Asyl nachgesucht hätten und als Flüchtlinge anerkannt worden seien.
Nach Abschluss seines Ingenieurstudiums habe er an der technischen Uni-
versität D._ in C._ als (...), später als Dozent
für (...) gearbeitet. Er habe mit den Studierenden in den von ihm
gehaltenen Vorlesungen gelegentlich über die Vor- und Nachteile der
christlichen und islamischen Religion diskutiert, wobei er die Nachteile des
Islams betont habe. In den letzten sechs Monaten seines Aufenthalts im
Iran sei er durch seine Mutter in Kontakt zur christlichen Religion gekom-
men. Eines Tages, im November oder Dezember 2017, habe ein Student
eine Filmaufnahme von ihm gemacht und diese der Sicherheitsbehörde
der Universität (E._) zukommen lassen. Am 7. oder 8. Januar 2018
habe ihn ein ihm nahestehender Professor telefonisch gewarnt, dass der
E._ aufgrund des genannten Videos daran sei, ein Dossier gegen
ihn zusammenzustellen und die Absicht habe, dieses an den Geheimdienst
weiterzuleiten. Es werde ihm vorgeworfen, den Islam beleidigt und Propa-
ganda für das Christentum gemacht zu haben. Der Professor habe ihm
geraten, sich zu verstecken oder zu fliehen. Er habe sich deshalb an seinen
Onkel gewandt, welcher einen Schlepper organisiert und seine Ausreise
bezahlt habe. Seinen Vater habe er nicht um Unterstützung bitten können,
weil dieser ein gläubiger, totalitärer Muslim sei und er zu ihm keine gute
Beziehung habe. Er habe befürchtet, im Fall einer Festnahme exekutiert
zu werden. Leute, welche die ihm vorgeworfenen Taten begangen hätten,
würden im Iran zum Tode oder zu Gefängnisstrafen von 20 bis 30 Jahren
verurteilt. Er sei am (...) Januar 2018 mithilfe von Schleppern in die Türkei
ausgereist. Von Istanbul aus sei er (versteckt in einem Camion) via
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Griechenland und die Balkanroute nach Milano gebracht worden. Von dort
aus habe er per Zug via Paris nach Brüssel reisen wollen, sei aber in der
Schweiz angehalten worden. In der Schweiz sei er in Kontakt zu ver-
schiedenen christlichen Gemeinden gekommen. Derzeit besuche er die
evangelisch-reformierte Kirche in F._. Er wisse nicht, ob in seinem
Heimatstaat seit seiner Ausreise etwas vorgefallen sei, weil weder er noch
sein Onkel, mit welchem er noch in Kontakt stehe, Kontakt zu seinem Vater
hätten. Im Übrigen führe er in der Schweiz eine Beziehung zu einer Frau,
die von ihm schwanger sei.
B.b Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer Unter-
lagen zu seiner Ausbildung, ein Dokument betreffend seine Freistellung
vom Militärdienst in Kopie, Unterlagen betreffend einen Antrag zur Zulas-
sung als Student an die Technische Universität in G._, Kopien bel-
gischer Identitätspapiere seiner Mutter und seiner Schwester, eine Kopie
des Taufscheins seiner Mutter und eine schriftliche Anmeldung zur Taufe
bei der reformierten Kirchgemeinde F._ vom 5. Mai 2019 ein.
C.
Mit Verfügung vom 17. Juni 2020 (eröffnet am 18. Juni 2020) stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug an.
D.
D.a Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 20. Juli 2020 er-
hob der Beschwerdeführer Beschwerde gegen die Verfügung der Vor-
instanz und beantragte, dieser Entscheid sei aufzuheben und die Sache
zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen; eventualiter sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen
und ihm Asyl zu gewähren. In weiteren Eventualbegehren beantragte der
Beschwerdeführer, er sei als Flüchtling vorläufig aufzunehmen, respektive
es sei die Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs festzustellen und er sei als Ausländer vorläufig auf-
zunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er darum, es sei ihm
Einsicht in das Aktenstück A6/44, eventualiter das rechtliche Gehör zu
diesem Dokument zu gewähren, und eine angemessene Frist zur Einrei-
chung einer Beschwerdeergänzung einzuräumen. Ferner beantragte er die
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie den Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses.
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D.b Mit der Beschwerde wurden folgende Beweismittel eingereicht:
− Fürsorgebestätigung (...) vom 30. Juni 2020;
− Internet-Medienartikel vom 11. Juni 2020;
− Unterstützungsschreiben Seelsorger Bundesasylzentrum H._
vom Juli 2020;
− Flugblatt und Zeitschrift der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde
I._ betreffend einen vom Beschwerdeführer gehaltenen Vortrag;
− Ausgabe des Informationsblatts I._ mit Ankündigung des Vor-
trags des Beschwerdeführers;
− Ausdrucke vom Instagram-Profil des Beschwerdeführers betreffend den
genannten Vortrag;
− Ausdrucke von Posts und Video-Screenshots vom Facebook-Profil des
Beschwerdeführers;
− Ausdrucke von Internetartikeln;
− Mehrere ärztliche Berichte des Kantonsspitals I._;
− Unterlagen betreffend das vom Vater des Beschwerdeführers in Belgien
gestellte Asylgesuch, in Kopie;
− Dokumente betreffend die Mutter und die Schwester des Beschwerde-
führers, in Kopie (belgische Aufenthaltsausweise, Taufurkunde, Ver-
fügung betreffend Anerkennung als Flüchtlinge);
− Mehrere Fotos der Taufe des Beschwerdeführers;
− Ausdrucke von verschiedenen Websites und Fotos des Cousins des
Beschwerdeführers (J._);
− USB-Stick mit Videoaufnahmen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 7. August 2020 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete antragsgemäss auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses. Der Antrag auf Gewährung der Einsicht
oder des rechtlichen Gehörs zum vorinstanzlichen Aktenstück A6/44 wurde
ebenso abgewiesen wie die Anträge auf Gewährung des rechtlichen
Gehörs respektive Einräumung einer Frist zur Beschwerdeergänzung.
Schliesslich wurde das SEM zur Einreichung einer Vernehmlassung ein-
geladen.
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F.
In ihrer Vernehmlassung vom 20. August 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
G.
Mit Eingabe vom 8. September 2020 machte der Beschwerdeführer von
dem ihm (mit Instruktionsverfügung vom 24. August 2020) eingeräumten
Recht zur Replik Gebrauch, wobei er an seinen Beschwerdevorbringen
festhielt. Zudem wurden Kopien des Asylentscheids sowie des Anhörungs-
protokolls des Vaters des Beschwerdeführers ins Recht gelegt.
H.
Mit Verfügung vom 10. September 2020 forderte der Instruktionsrichter den
Beschwerdeführer zur Übersetzung mehrerer eingereichter fremdsprachi-
gen Beweismittel ein (Asylentscheid und Befragungsprotokoll des Vaters,
Internetartikel betreffend J._).
I.
Mit Eingabe vom 22. September 2020 reichte der Beschwerdeführer Über-
setzungen des Befragungsprotokolls seines Vaters sowie der Unterlagen
betreffend J._ ein und machte ergänzende Anmerkungen.
J.
Mit Eingaben vom 29. Januar 2021, 16. April 2021, 3. Juni 2021, 6. Juli
2021, 9. Juli 2021 und 28. September 2021 reichte der Beschwerdeführer
weitere Beweismittel nach (Fotos seines Kindes und der Kindsmutter,
Entscheid des Regionalgerichts (...) vom 26. März 2021 betreffend Vater-
schaftsanerkennung, Einladung und Screenshots betreffend einen Vortrag
des Beschwerdeführers vom (...). Juni 2021, Ausdrucke von Posts aus
dem Facebook-Profil des Beschwerdeführers).
K.
Der Instruktionsrichter lud das SEM mit Verfügung vom 4. November 2021
zu einer ergänzenden Vernehmlassung ein.
L.
Innert erstreckter Frist hielt die Vorinstanz mit Vernehmlassung vom
22. November 2021 an ihrer Verfügung fest und beantragte wiederum
die Abweisung der Beschwerde.
M.
Mit Eingabe vom 8. Dezember 2021 machte der Beschwerdeführer von
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dem ihm (am 23. November 2021) eingeräumten Replikrecht Gebrauch,
wobei er ebenfalls an seinen Beschwerdeanträgen vollumfänglich festhielt.
Zudem wurden Auszüge aus der Powerpoint-Präsentation zum Vortrag des
Beschwerdeführers, eine Auflistung der Besuchsdaten ab Mai 2021 sowie
ein Besuchsplan betreffend die Tochter sowie zahlreiche Fotos und
Screenshots des Beschwerdeführers und seiner Tochter eingereicht.
N.
Mit Eingabe vom 14. Februar 2022 reihte der Beschwerdeführer eine Ein-
ladung für einen von ihm geplanten Vortag sowie weitere Screenshots von
Fotos von ihm und seiner Tochter nach.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz Folgendes aus:
3.1.1 Die Ausführungen des Beschwerdeführers zu seiner Beschäftigung
mit dem christlichen Glauben und zu seinen angeblichen diesbezüglichen
Äusserungen gegenüber seinen Studierenden seien vage und wenig über-
zeugend. Seine Aussage, er habe seit einiger Zeit Nachforschungen zum
Christentum gemacht und betrachte sich als Christ, lasse nicht darauf
schliessen, dass er schon vor seiner Ausreise zum Christentum konvertiert
sei. Er habe namentlich keine Kontakte zu einer christlichen Kirche oder zu
anderen Christen vor seiner Ausreise erwähnt und keine vertieften, son-
dern nur sehr oberflächliche Kenntnisse betreffend den christlichen Glau-
ben dargetan. Vor diesem Hintergrund würden sich Zweifel an der Glaub-
haftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers sowie an den Motiven für
seine Kontaktaufnahme zur evangelisch-reformierten Kirche in der
Schweiz rechtfertigen. Er habe seine Konversion in den Befragungen in
keiner Weise erläutert und keine näheren Angaben zu den Grundlagen des
christlichen Glaubens gemacht. Zudem habe er den Gehalt seiner Nach-
forschungen zur christlichen Religion nicht erläutert. Im Weiteren habe der
Beschwerdeführer vorgebracht, er habe aus Sicherheitsgründen keine
Kontakte mehr zu strenggläubigen Muslimen gepflegt und auch grosse
Angst vor der Reaktion seines Vaters gehabt. Vor diesem Hintergrund sei
schwer nachvollziehbar, dass er in den von ihm gehaltenen Vorlesungen
immer wieder subversive Äusserungen gemacht habe, welche ohne
Weiteres auch von konservativ eingestellten Studierenden hätten gehört
werden können. Es sei bekannt, dass der universitäre Unterricht durch
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Spitzel des Regimes ausspioniert werde. Zudem hätten seine Bemerkun-
gen auch seinem Vater zu Ohren kommen können. Die Ausführungen des
Beschwerdeführers zu seinem Verhalten würden widersprüchlich respek-
tive teilweise absurd erscheinen und seien demnach als unglaubhaft zu
erachten. Im Falle missionierender oder islamkritischer Aussagen hätten
die iranischen Behörden unverzüglich eingegriffen. Die iranischen Univer-
sitäten würden besonderes überwacht, um oppositionelle Bewegungen zu
unterbinden. Unter anderem würden Quoten für regimetreue, namentlich
den Revolutionsgarden nahestehende Studierenden festgelegt. Entgegen
den Aussagen des Beschwerdeführers würden nicht alle Studierenden
seine Ansichten teilen. Gemäss seiner Darstellung hätten seine Probleme
wenige Monate vor seiner Ausreise begonnen. Es erscheine in Anbetracht
der erwähnten Überwachung an den Universitäten unglaubhaft, dass der
Beschwerdeführer während rund eineinhalb Jahren in seinen Vorlesungen
regimekritische Aussagen habe machen können, ohne dass die Über-
wachungsorgane hiervon erfahren hätten. Es wäre zu erwarten gewesen,
dass er von regimetreuen Studierenden oder Spitzeln rasch denunziert
worden wäre, ohne dass langwierige Untersuchungsmassnahmen durch
die Universitätsbehörden oder eine belastende Filmaufnahme durch einen
Studenten erforderlich gewesen wäre. Es erscheine ferner unplausibel,
dass ein Professor an einer Sitzung des E._ teilgenommen habe,
bei welcher die Absicht geäussert worden sei, ihn (Beschwerdeführer) be-
lastende Informationen eventuell an den Geheimdienst weiterzuleiten.
Die von ihm geschildete langjährige freundschaftliche Beziehung zu dem
genannten Professor wäre auch den Sicherheitsorganen bekannt ge-
wesen. Im Falle einer Denunziation mittels eines im November oder
Dezember 2017 gedrehten Videos wäre es dem Beschwerdeführer nicht
möglich gewesen, seiner Arbeit noch während zwei Monaten nachzuge-
hen. Es sei unrealistisch, dass die Behörden noch solange damit zugewar-
tet hätten, ein Dossier gegen ihn zusammenzustellen. Die Darlegungen
des Beschwerdeführers seien somit mit den Gegebenheiten im Iran nicht
vereinbar und demnach als unglaubhaft zu bezeichnen. Hierfür spreche
auch der Umstand, dass er gemäss seinen Angaben nach wie vor in
Kontakt zu seinem Onkel stehe, aber nicht vorgebracht habe, von den
iranischen Behörden gesucht zu werden. Es sei davon auszugehen, dass
er von derartigen Massnahmen erfahren hätte. Überraschend sei, dass er
keine Bemühungen unternommen habe, um sich diesbezüglich zu infor-
mieren. Seine Aussage, diese Angelegenheit sei uninteressant, sei diesbe-
züglich aufschlussreich und spreche nicht für ein besonders ausgeprägtes
Engagement. Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass er gemäss seinen
Aussagen anlässlich der BzP nur während der Vorlesungspausen kritische
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Bemerkungen gemacht habe, in der Anhörung aber ausgesagt habe, sol-
ches auch während der Vorlesungen im Plenum getan zu haben. Divergie-
rend seien überdies auch seine Angaben zum Inhalt der von ihm gemach-
ten Bemerkungen.
3.1.2 Der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft machen können, dass er
an seiner Universität für den christlichen Glauben missioniert habe und
auch seine Konversion sei fraglich. Im Übrigen stelle der blosse Umstand,
Christ zu sein, bei iranischen Verfahren praxisgemäss keinen Asylgrund
im Sinne von Art. 3 AsylG dar. Das Christentum sei im Iran eine anerkannte
Religion, deren Ausübung zugelassen werde, sofern dies diskret und ohne
Missionieren geschehe. Eine blosse Konversion führe nicht zu seiner asyl-
relevanten Verfolgung. Der Beschwerdeführer habe jedenfalls kein beson-
ders religiöses Engagement gezeigt. Das Vorliegen einer Taufurkunde
oder, wie vorliegend, die Ankündigung einer bevorstehenden Taufe ver-
möge eine Konversion und eine sich allenfalls hieraus ergebende Gefähr-
dung nicht zu belegen. Überdies habe der Beschwerdeführer sich gemäss
seinen Aussagen schon vor der Konversion vom islamischen Glauben ab-
gewandt und sich danach als Atheist betrachtet. Er habe aber nicht detail-
liert dargelegt, was ihn überzeugt habe, wieder gläubig zu werden. Nach
dem Gesagten vermöchten die Vorbringen des Beschwerdeführers betref-
fend seine religiösen Überzeugungen selbst wenn sie als glaubhaft erach-
tet würden, keine asylrechtliche Relevanz zu entfalten.
3.1.3 Im Weiteren würden sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür
ergeben, dass dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in den Hei-
matstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK ver-
botene Strafe oder Behandlung drohe, und weder die allgemeine Situation
im Iran noch individuelle Gründe würden gegen die Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs sprechen. Der Beschwerdeführer sei jung und gesund
und verfüge über ein soziales Netz sowie eine gute Ausbildung.
3.2
3.2.1 In der Beschwerdeeingabe wurde zunächst gerügt, gemäss Art. 16
Abs. 2 AsylG hätte die angefochtene Verfügung in deutscher Sprache
ergehen müssen, welche am Wohnort des Beschwerdeführers Amts-
sprache sei. Entgegen der Behauptung der Vorinstanz seien die Voraus-
setzungen von Art. 16 Abs. 3 Bst. b AsylG für ein Abweichen von diesem
Grundsatz nicht erfüllt. Die Eingänge von Asylgesuchen seien seit mehre-
ren Jahren tief und seien aufgrund der COVID-19-Pandemie zusätzlich
dramatisch zurückgegangen. Überdies habe das SEM unter Verletzung der
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Begründungspflicht nicht dargelegt, weshalb die Personalsituation es nicht
erlaube, Entscheide in deutscher Sprache zu erlassen. Die Ausnahme-
klausel gemäss Art. 16 Abs. 3 Bst. b AsyIG könne von vornherein nur im
Falle objektiver und somit nicht vom SEM selbst zu verantwortender Um-
stände zur Anwendung kommen. Die lange Verfahrensdauer bei Altfällen
sei aber ausschliesslich auf die Planung der Vorinstanz und deren politi-
schen Entscheide zurückzuführen und somit nicht auf objektive Umstände.
Es liege eine schwerwiegende Verletzung des Grundsatzes der Verhältnis-
mässigkeit vor, da eine weitere Verzögerung des Verfahrensabschlusses
von mehreren Monaten bis zu einem Entscheid in deutscher Sprache
durchaus zumutbar gewesen wäre.
Das SEM habe das Akteneinsichtsrecht verletzt, in dem es zu Unrecht das
Aktenstück A6/44 als "Akten anderer Behörden" paginiert und die Einsicht
in dieses verweigert habe.
Im Weiteren liege eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör
sowie der Abklärungspflicht vor. Die Vorinstanz habe in der angefochtenen
Verfügung nicht erwähnt, dass die Mutter und die Schwester des
Beschwerdeführers in Belgien als Flüchtlinge anerkannt worden und dem-
nach im Iran einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt seien. Besonders
schwer wiege auch, dass die von ihm eingereichten Beweismittel weder
erwähnt noch gewürdigt worden seien. Ebenso ungewürdigt sei geblieben,
dass eine Kindesanerkennung im Raum stehe. Es seien Abklärungen hin-
sichtlich der Vaterschaft im Gange. Es wiege schwer, dass das SEM die
mögliche Kindesanerkennung nicht erwähnt und keine diesbezüglichen
Abklärungen vorgenommen habe. Zumindest hätte ihm eine Frist zur
Einreichung weiterer diesbezüglicher Informationen eingeräumt werden
müssen. Es sei offensichtlich, dass eine Vaterschaft und der Kontakt mit
seinem Kind Fragen hinsichtlich des Vorliegens von Wegweisungs-
vollzugshindernissen aufwerfe. Weiter habe das SEM es unterlassen,
Fragen, welche vorliegend relevant gewesen wären, zu stellen: Seine
Argumentation beruhe auf Behauptungen, welche nicht durch die Proto-
kolle gedeckt seien. Eine Verletzung der Abklärungspflicht stelle auch dar,
dass die Durchführung der Anhörung über ein Jahr verschleppt worden sei.
Es sei willkürlich, dass ungeachtet dessen behauptet worden sei, er habe
keine detaillierten Aussagen gemacht. Das SEM habe am 14. März 2018
lediglich eine Dublin-Befragung durchgeführt, in welcher die Asylgründe
nicht hätten erfragt werden dürfen. Diese Verletzung der Abklärungspflicht
wirke sich umso frappanter aus, da das SEM das entsprechende Protokoll
der Dublin-Befragung als wesentliches Argument betreffend die angebliche
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Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen herangezogen habe. Ein weiterer
Mangel bestehe darin, dass anscheinend eine nicht auf die vorliegende
Fragestellung spezialisierte Person die Anhörung vom 10. Mai 2019 durch-
geführt habe, die namentlich die von ihm erwähnte Freikirche nicht gekannt
habe. Verbunden sei diese Problematik damit, dass eine andere Person
den Asylentscheid des SEM verfasst habe. Die Vorinstanz habe die Pflicht
zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachver-
halts in schwerwiegender Weise verletzt.
3.2.2 Entgegen der Argumentation des SEM fehle es an konkreten Un-
glaubhaftigkeitselementen. Die Vorinstanz habe es unterlassen, solche
aufzuzeigen. Vielmehr beschränke sich die Argumentation der Vorinstanz
auf pauschale, einseitige und sich wiederholende Behauptungen, die
einem Zirkelschluss gleichen würden. Ferner werde mit der angeblichen
Unglaubhaftigkeit des Verhaltens Dritter argumentiert. Es sei absurd, die
angebliche Logik des Verhaltens von Verfolgern als Massstab für die
Glaubhaftigkeit heranzuziehen. Es wäre Aufgabe des SEM, gewesen, den
Sachverhalt vollständig und richtig abzuklären, wozu auch gehöre, die
eigentlichen Verfolgungshandlungen im Hinblick auf Realkennzeichen zu
prüfen und zu würdigen. Dies habe die Vorinstanz jedoch unterlassen.
Ein häufiger und schwerwiegender Fehler des SEM bestehe darin, dass es
realitätsfremde und falsche Vorstellungen betreffend eine Bekehrung zum
Christentum habe. Es verkenne, dass es sich hierbei um einen Prozess
handle, der mehrere Phasen durchlaufe. Die Bekehrung setze zuerst die
Abwendung vom Islam voraus. Der Zuwendung zum Christentum folge das
Bekenntnis zum christlichen Glauben. Letzteres sei der entscheidende
Schritt der inneren persönlichen Entwicklung. Dieses Bekenntnis setzt
nicht per se eine Taufe voraus. Eine solche stelle eine Bekräftigung des
Glaubens nach aussen und die formelle Integration in die entsprechende
Glaubensgemeinschaft dar. Zudem seien Abläufe und Vorgehensweisen je
nach Konfession und Strömung unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund
sei die Behauptung willkürlich, es könne von überzeugten, seit kurzem
konvertierten Christen bestimmte Handlungen oder Aussagen erwartet
werden. Er habe die genannten drei wesentlichen Etappen der Bekehrung
trotz der rudimentären und mangelhaften Fragestellung in der Anhörung
präzise geschildert, namentlich die lange Phase in welcher er keinen Glau-
ben mehr gehabt habe und seine Zuwendung zum christlichen Glauben in
den letzten sechs Monaten seines Aufenthalts im Iran. Es sei willkürlich
und verstosse gegen Treu und Glauben, dass seine Angaben zu seiner
Religion anlässlich der BzP von der Vorinstanz für die Behauptung heran-
gezogen worden seien, es sei nicht davon auszugehen, dass er schon vor
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seiner Ausreise konvertiert sei. Die zitierte Aussage habe lediglich dazu
gedient, seine Religionszugehörigkeit zu erfassen. Es sei überdies absurd,
diese Ausführungen als zu vage und ohne Überzeugung zu bezeichnen.
Diese Einschätzung sei nicht konkret belegt worden. Ebenso absurd sei
die grosse Rolle die praxisgemäss der Frage beigemessen werde, ob eine
Person bereits im Heimatstaat zum Christentum konvertiert sei. Die Frage
einer Bekehrung im Heimatland könne nicht mit Fragen über den heutigen
Kenntnisstand betreffend die vom SEM als wichtig erachteten religiösen
Kenntnisse festgestellt werden. Die Vorinstanz hätte die eigentlichen Vor-
gänge bei einer Bekehrung abklären müssen. Dass sie dies unterlassen
habe, stelle eine mangelhafte Sachverhaltsabklärung dar. Die ihm dies-
bezüglich in der Anhörung gestellten Fragen seien oberflächlich geblieben
und hätten nicht auf den eigentlichen Glauben und das Glaubensbekennt-
nis abgezielt. Der Beschwerdeführer sei nur danach gefragt worden, was
ihn am Christentum fasziniere. Seine Antwort, dass Jesus Gott sei, treffe
den Kern des christlichen Glaubens. Im weiteren Verlauf der Anhörung sei
er nicht aufgefordert worden, detailliertere Aussagen zu machen. Es könn-
ten ihm keine mangelhaften Angaben zur Bibel, zu den Gebeten und so
weiter vorgeworfen werden, da ihm in der Anhörung keine diesbezüglichen
Fragen gestellt worden seien. Es komme der Verdacht auf, die mangelhafte
und rudimentäre Argumentation des SEM könnte unter Umständen auf
mangelnde Sprachkenntnisse der zuständigen Sachbearbeitenden zu-
rückzuführen sein. Es könne nicht von hier aus beurteilt werden, welches
Verhalten eines islamkritisch eingestellten Dozenten an einer Hochschule
in Iran logisch beziehungsweise unlogisch sei. Seine Aussagen zu seinen
Gedankengängen im Zusammenhang mit seinen regimekritischen Bemer-
kungen in den Vorlesungen sowie zu seinem Vorgehen würden viele Real-
kennzeichen enthalten. Er habe glaubhaft dargelegt, dass er mit der Zeit
ein Vertrauensverhältnis zu seinen Studenten aufgebaut habe. Die Be-
hauptung des SEM, das von ihm geschilderte Verhalten sei widersprüch-
lich und unlogisch, erweise sich somit als nicht stichhaltig. Der Professor,
welcher ihn gewarnt habe, sei nicht in die Denunziation oder die Aktivitäten
des E._ involviert gewesen. Dass er aber hiervon gewusst habe,
sei nicht unglaubhaft. Die Behauptung, es sei nicht möglich, dass an einer
iranischen Universität regimekritische Bemerkungen gemacht worden
seien, sei angesichts seiner detaillierten Schilderungen willkürlich und ab-
surd. Es sei durchaus glaubhaft, dass diese vom iranischen Geheimdienst
zunächst unentdeckt geblieben seien. Die Universität in C._ werde
nicht gleich intensiv überwacht, wie diejenigen in Teheran. Die Behauptun-
gen des SEM würden angesichts der konstruierten Unglaubhaftigkeit einen
Eindruck einer gewissen Befangenheit erwecken. Seine Angaben zum
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Zeitpunkt der Videoaufnahme würden auf einer blossen Annahme beru-
hen. Die Warnung sei Anfang Januar 2018 erfolgt und seine Ausreise am
10. Januar 2018. Die Behauptung eines zweimonatigen Abstands zwi-
schen der Aufnahme und der Warnung sei akten- und treuwidrig. Im Übri-
gen habe er allgemein Angst vor seinem Vater und dessen Reaktionen ge-
habt, nicht nur in Bezug auf den Atheismus. Der Umstand, dass er auf der
Flucht falsche Ausweisepapiere verwendet habe, stütze im Übrigen die
Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen.
3.2.3 Er sei wegen seiner islam- und regimekritischen Äusserungen
denunziert und identifiziert und somit wegen seines politisch-religiösen
Profils gezielt verfolgt worden. Demzufolge habe er bereits im Zeitpunkt
seiner Ausreise aus dem Iran die Flüchtlingseigenschaft erfüllt. Im Falle
einer Rückkehr in den Iran drohten ihm eine Festnahme, Inhaftierung, Ver-
urteilung, sowie ein Verschwindenlassen beziehungsweise die Hinrichtung.
Hinzu komme, dass seine Mutter und Schwester ebenfalls Christinnen und
in Belgien als Flüchtlinge anerkannt worden seien, sowie dass sein Vater
wegen ihm im Iran bedroht worden und deshalb im Juli 2019 nach Belgien
geflüchtet sei und dort um Asyl ersucht habe. Zusätzlich werde die ihm
drohende Verfolgungsgefahr durch die immer wieder ausbrechenden Pro-
teste und Unruhe im Iran intensiviert. Es sei offensichtlich, dass er aufgrund
seines Profils im Visier der iranischen Behörden sei.
3.2.4 Zumindest sei ihm die Flüchtlingseigenschaft im heutigen Zeitpunkt
zuzuerkennen. Es werde auf die Unterlagen zu seinen Aktivitäten im
Rahmen der evangelisch-reformierten Kirche verwiesen. Bei seiner Taufe
habe er in einer kurzen Rede den Islam und das iranische Regime kritisiert.
Zudem habe er bei der evangelisch-reformierten Kirche I._ einen
Vortrag über seine Flucht und sein Leben in der Schweiz gehalten, wobei
er das iranische Regime massiv kritisiert habe. Damit habe er an seine
Tätigkeiten im Iran angeknüpft. Er habe beabsichtigt gehabt, diesen Vor-
trag in der ganzen Schweiz in Kirchgemeinden zu halten. Er habe eine
Videoaufnahme dieser Präsentation auf seinem Facebook-Profil gepostet,
worauf er von seinem Onkel telefonisch vor weiterer Kritik am iranischen
Regime und dem Islam gewarnt worden sei. Sein Onkel habe von seinen
Aktivitäten und der sich daraus ergebenden Gefährdung durch einen
Cousin namens J._ erfahren, welcher enge Beziehungen zu den
Revolutionsgarden habe. Dieser Cousin habe ausserdem mitgeteilt, dass
er auch in der Schweiz verfolgt werden könnte, falls er sich weiterhin re-
gimekritisch betätige. Im Weiteren habe er auf seiner Facebook-Seite mas-
sive Kritik an der geplanten Hinrichtung von drei Regimegegnern
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geübt. Es sei offensichtlich, dass Regimekritiker, welche auf sozialen
Medien aktiv seien im Fall einer Rückkehr in den Iran gezielt asylrelevant
verfolgt würden. Die Praxis wonach es eines herausragenden politischen
Profils in einer Partei oder an Demonstrationen bedürfe, lasse sich nicht
aufrechterhalten. Am (...) 2019 habe er an einer Kundgebung einer Gruppe
von Iranern vor der iranischen Botschaft in K._ teilgenommen, um
Unterstützung für die Proteste in verschiedenen iranischen
Städten auszudrücken. Die Militanz und der Zorn der Demonstrierenden
sei offensichtlich gewesen. Er habe Fotos und Filme hierüber auf seinem
Facebook-Konto veröffentlicht und es sei auch in andern sozialen Medien
über diese Demonstration berichtet worden. Es sei zudem davon auszuge-
hen, dass der iranische Geheimdienst und das Botschaftspersonal diese
vom Innern der Botschaft aus beobachtet sowie Film- und Fototaufnahmen
gemacht hätten. Die Teilnehmerzahl sei recht klein gewesen, so dass de-
ren Identifizierung einfach möglich gewesen sein dürfte. Es werde auf zwei
andere Asylverfahren verwiesen, in denen Teilnehmern derselben oder
vergleichbarer Kundgebungen die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt wor-
den sei.
3.2.5 Die Unruhen im Iran ab dem Herbst 2019 seien brutal niedergeschla-
gen worden. Die sozialen Medien hätten eine grosse Rolle bei diesen De-
monstrationen gespielt, und das iranische Regime habe deshalb Kräfte im
Ausland beschuldigt, diese anzustacheln. Dieser Vorwurf richte sich auch
an ihn. Er müsse damit rechnen, dass ihm vorgeworfen werde, mit seinen
Tätigkeiten im Ausland staatsfeindlich zu agieren und sich gegen die irani-
sche Regierung einzusetzen. Es müsse vor diesem Hintergrund zumindest
von subjektiven Nachfluchtgründen ausgegangen werden, aufgrund derer
die Flüchtlingseigenschaft festzustellen sei. Andernfalls müsste wegen der
ihm drohenden unmenschlichen, gegen Art. 3 EMRK verstossenden
Behandlung die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festgestellt
werden. Eventualiter müsste der Wegweisungsvollzug als unzumutbar
bezeichnet werden. Die ihm drohende konkrete Gefährdung an Leib und
Leben würde ihn am Aufbau einer neuen Existenz hindern. Im Übrigen
habe er bei der Einreise in die Schweiz unter gesundheitlichen Problemen
gelitten.
E-3691/2020
Seite 15
3.3 Die Vorinstanz führte in ihrer ersten Vernehmlassung namentlich aus,
der Umstand, dass die Mutter und Schwester des Beschwerdeführers
in Belgien Asyl erhalten hätten, könne nicht ohne Weiteres zu einer Asyl-
gewährung zugunsten des Beschwerdeführers führen. Die religiösen Über-
zeugungen und insbesondere eine Konversion seien das Ergebnis eines
persönlichen Prozesses. Den vagen und ausweichenden Ausführungen
des Beschwerdeführers sei nicht zu entnehmen, dass dieser Prozess ge-
meinsam mit seinen Angehörigen erfolgt sei oder dass er der gleichen
Glaubensgemeinschaft wie sie beigetreten sei und dieselben Überzeugun-
gen teile. Zu den Problemen seiner Mutter im Iran habe er sich nicht sehr
einlässlich geäussert, obwohl nunmehr behauptet werde, diese seien für
ihn von asylrelevanter Bedeutung. Es sei nicht nachvollziehbar, inwiefern
die angeblich verspätete Durchführung der Anhörung den Beschwerde-
führer an einer ausführlichen Schilderung seiner Asylvorbringen gehindert
hätte. Bei der Erstbefragung habe es sich entgegen der Behauptung in der
Beschwerde nicht um eine Dublin-Befragung gehandelt, weshalb die
Fragen zu seinen Asylgründen legitim gewesen seien. Die Anhörung vom
10. Mai 2019 sei auf professionelle Weise geführt worden. Die Frage 58
betreffend die Freikirche sei dem Beschwerdeführer gestellt worden, um
ihm Gelegenheit zu geben, sich hierzu zu äussern; es könne daraus nicht
auf fehlende Kenntnisse der Materie geschlossen werden. Die Hilfswerks-
vertretung habe keine Einwände erhoben. Die in der Beschwerde erhobe-
nen Vorwürfe seien haltlos.
3.4 In seiner Replik wies der Beschwerdeführer darauf hin, dass sein Vater
in Belgien als Flüchtling anerkannt worden sei. Dem Protokoll der Anhö-
rung des Vaters vom 14. August 2020 liessen sich die ihn betreffenden
zentralen Gefährdungselemente entnehmen. Damit seien seine Asylvor-
bringen und deren asylrechtliche Relevanz belegt. Es stehe im Übrigen
fest, dass das Profil auch der übrigen Familienmitglieder im Rahmen der
Gesamtwürdigung zu berücksichtigen sei. Es stelle sich insbesondere die
Frage des Risikos einer Reflexverfolgung. Es bestehe ein Zusammenhang
zwischen seinem Profil und demjenigen seiner Angehörigen; es sei davon
auszugehen, dass die iranischen Behörden eine Verknüpfung zwischen
ihnen machen würden. Zu betonen sei, dass seine Mutter eine wichtige
Rolle bei seiner Annäherung an das Christentum gespielt habe. In der
Anhörung sei nicht auf die Gefährdung der Mutter eingegangen worden
und die Vorinstanz habe sich nicht mit der Frage befasst, welche Verfol-
gung ihm heute in diesem Zusammenhang drohe. Die jahrelange Ver-
schleppung des Verfahrens wiege schwer, da die lange Zeitdauer des
Verfahrens Einfluss auf die Art und Weise der Aussagen im Rahmen der
E-3691/2020
Seite 16
Anhörung habe. Es werde daran festgehalten, dass die Rüge betreffend
die "Dublin-Mischbefragungen" gerechtfertigt sei, zumal das SEM sich im
Rahmen des neuen Asylverfahrens um diesbezügliche Verbesserungen
bemühe. Die Rüge betreffend die Frage 58 bei der Anhörung beziehe sich
auf die von der befragenden Person gemachten Aussagen und nicht
darauf, wie sei gemeint gewesen sein solle.
3.5 In ihrer ergänzenden Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus,
die Argumentation des Beschwerdeführers, dass die Anerkennung seines
Vaters als Flüchtling in Belgien ein unwiderlegbarer Beleg für die Glaub-
haftigkeit seiner Vorbringen sei, stehe im Widerspruch zu seinen Angaben,
dass er Angst vor der Reaktion seines Vaters auf seine Konversion gehabt
und den Kontakt zu diesem auf ein Minimum reduziert habe sowie, dass
sein Vater ein gläubiger und totalitärer Muslim sei. Die Aussagen des
Vaters in dessen Asylverfahren würden somit zu weiteren Zweifeln führen.
Es sei namentlich nicht nachvollziehbar, warum der Vater Kenntnis der
Asylgründe seines Sohnes habe, angesichts dessen, dass sie nach Anga-
ben des Beschwerdeführers nicht miteinander darüber gesprochen hätten.
Im Widerspruch zu letzterer Aussage stehe auch die Angabe des Vaters,
er habe seinen Sohn öfters vor den Folgen seines Handelns gewarnt. Dies
habe der Beschwerdeführer seinerseits nie erwähnt. Vor diesem Hinter-
grund sei der Asylentscheid der belgischen Behörden nicht geeignet, den
Entscheid im Verfahren des Beschwerdeführers zu beeinflussen. Dass
seinem Vater wegen einer im Iran erfolgten Konversion Asyl gewährt
worden sei, erscheine etwas paradox. Da sie zusammengelebt hätten,
müsste der Beschwerdeführer etwas von den Problemen seines Vaters
und von dessen Konversion mitbekommen haben. Eine nachträgliche Ver-
söhnung im Exil sei weder vom Beschwerdeführer noch von seinem Vater
erwähnt worden. Beim Vorbringen des Beschwerdeführers in der Eingabe
vom 16. April 2021, er habe von seinem Onkel erfahren, dass wahrschein-
lich beabsichtigt sei, die Vermögenswerte von ihm und seinem Vater
zu konfiszieren, handle es sich um eine blosse, unbelegte Spekulation,
welcher keine erhebliche Glaubhaftigkeit beigemessen werden könne.
Im Übrigen reiche praxisgemäss der Umstand, von Dritten erfahren zu
haben, dass man gesucht werde, für die Annahme einer begründeten Ver-
folgungsfurcht nicht aus. Den eingereichten Beweismitteln, bei welchen es
sich um Kopien von Screenshots handle, könne kein relevanter Beweiswert
beigemessen werden. Auf den Fotos der Kundgebung vor der iranischen
Botschaft in K._ sei der Beschwerdeführer nur schwer erkennbar
und zeige zudem eine passive Haltung. Da er bis dahin kein derartiges
Engagement gezeigt habe, sei davon auszugehen, dass seine Teilnahme
E-3691/2020
Seite 17
an dieser Demonstration opportunistisch gewesen sei. Die Überwachung
der iranischen Behörden konzentriere sich auf Personen mit akzentuiertem
Profil, die eine ernsthafte Bedrohung für das Regime darstellen würden.
Massgebend sei nicht die Erkennbarkeit, sondern das Mass des Engage-
ments. Die übrigen Beweismittel, namentlich die Internet-Artikel, seien
allgemeiner Natur und hätten keinen konkreten Bezug zum Beschwerde-
führer. Dies treffe auch auf die Antwort der iranischen Botschaft auf ein
generelles Informationsersuchen zu. Die vom Beschwerdeführer über
seine Flucht gehaltenen Vorträge vermöchten angesichts des opportunis-
tischen Charakters seiner Konversion keine andere Einschätzung zu recht-
fertigen. Schliesslich sei in der Vaterschaft des Beschwerdeführers
angesichts der späten Anerkennung des Kindes und der übrigen im dies-
bezüglichen Urteil des Regionalgerichts L._ vom 26. März 2021
dargelegten Umstände kein Wegweisungshindernis zu erblicken.
Aus den nicht datierten Fotos des Beschwerdeführers mit seiner Tochter
könne nicht auf eine dauerhafte, schützenswerte Beziehung zwischen
ihnen geschlossen werden.
3.6 In seiner Replik vom 8. Dezember 2021 hielt der Beschwerdeführer
daran fest, dass das SEM willkürliche und aktenwidrige Behauptungen
aufgestellt habe. Nachdem sein Vater in Belgien als Flüchtling anerkannt
worden sei, stehe fest, dass dieser von den iranischen Behörden gezielt
und in asylrechtlich relevanter Weise verfolgt worden sei. Es bestehe ein
Zusammenhang zwischen der Verfolgung seines Vaters und seiner
eigenen im Sinne einer gegenseitigen Reflexverfolgung. Es sei davon aus-
zugehen, dass die Flucht seines Vaters zu einer zusätzlichen asylrelevan-
ten Gefährdung führe. Es sei offensichtlich, dass er im Falle einer Rückkehr
alleine schon wegen der Flucht seines Vaters ins Visier der iranischen
Behörden geraten würde. Die Argumentation des SEM betreffend Wider-
sprüchen und fehlender Logik im Zusammenhang mit den Aussagen
seines Vaters sei nicht stichhaltig. Es gehe nicht an, ihm Widersprüche
zwischen seinen Vorbringen und den mehrere Jahre später gemachten
Angaben seines Vaters vorzuwerfen. Seine eigenen Aussagen seien
detailliert und glaubhaft. Er halte namentlich daran fest, dass ihn sein Vater
nicht gewarnt habe. Er habe mit seinem Vater vor dessen Asylgewährung
keinen Kontakt gehabt, sei mit ihm zerstritten gewesen und habe von
dessen Flucht nach Belgien erst von seiner Mutter und seiner Schwester
erfahren. Die Ausführungen in der Vernehmlassung hinsichtlich einer allfäl-
ligen Versöhnung sowie einer Absprache nach der Flucht seien spekulativ,
willkürlich und treuwidrig; sie würden die Befangenheit der zuständigen
E-3691/2020
Seite 18
SEM-Mitarbeiterin belegen. Nach seiner Flucht hätten die iranischen Be-
hörden ihn bei seinem Vater gesucht. Dieser sei deshalb selbst Opfer von
Reflexverfolgung geworden. Die Willkür der Argumentation des SEM zeige
sich auch darin, dass es die Aussage seines Vaters ignoriert habe, wonach
dieser erst nachträglich herausgefunden habe, dass er (Beschwerde-
führer) wegen seiner Konversion zum Christentum geflohen sei. Er sei im
Rahmen der Anhörung nicht gefragt worden, aus welchem Grund sein
Vater nicht mit ihm zusammen nach Europa gekommen sei, sondern
weshalb sein Vater im Iran geblieben sei; es handle sich hierbei um einen
zentralen Unterschied. Zudem habe der Vater ausdrücklich ausgesagt,
sein Sohn habe ihn zunächst nicht über seine Fluchtgründe informiert.
Dadurch würden seine Angaben im Kern bestätigt. Allfällige Unklarheiten
in den Ausführungen des Vaters könnten nicht ihm angelastet werden.
Das SEM habe auch verkannt, dass der Vater seine Alkoholabhängigkeit
detailliert geschildert habe. Die Veränderung seines Lebenswandels falle
ungefähr in den Zeitraum der Flucht des Beschwerdeführers. Es stehe fest,
dass das Gesamtbild betreffend den Beschwerdeführer und seinen Vater
zusammenpasse und zwingend zur Feststellung einer asylrelevanten
Verfolgung des Beschwerdeführers führen müsse. Im Weiteren bestätige
das Anhörungsprotokoll des Vaters auch seine Vorbringen hinsichtlich der
Beziehungen eines Verwandten (M._) zum Geheimdienst. Die Be-
hauptung, es reiche zur Bejahung der begründeten Furcht nicht aus, von
Dritten von der Verfolgung erfahren zu haben, sei somit willkürlich. Das
Gleiche gelte für den Vorhalt, seine Teilnahme an der Kundgebung vor der
Botschaft in K._ sei opportunistisch gewesen. Schwierigkeiten bei
seiner Identifizierung auf den eingereichten Fotos seien nicht ausschlag-
gebend. Die Identifizierung der Demonstrierenden durch die iranischen
Geheimdiente erfolge mittels eigener Film- und Fotoaufnahmen aus der
Botschaft heraus und sei auch aufgrund der Präsenz der Kundgebungsteil-
nehmer in den sozialen Medien ein Leichtes. Die brutale Niederschlagung
der Proteste im Iran im Jahr 2019, gegen welche sich die Kundgebung vom
(...) 2019 gerichtet habe, seien heute noch ein Thema und
würden zu Demonstrationen gegen das iranische Regime führen. Es sei
daher offensichtlich, dass diese Kundgebung besonders im Visier der
iranischen Behörden gewesen sei.
Die Vorinstanz habe weiter verkannt, dass er in dem von ihm öffentlich ge-
haltenen Vortrag den Islam und das iranische Regime massiv kritisiert
habe. Kritik an der islamischen Religion stelle im Iran gleichzeitig eine
unmittelbare Kritik am iranischen Regime dar, sei somit gleichzeitig sehr
politisch und habe eine gezielte asylrelevante Verfolgung zur Folge. Die
E-3691/2020
Seite 19
eingereichten Auszüge der Powerpoint-Präsentation würden das Ausmass
der von ihm geäusserten Kritik belegen. Die von ihm gemachten Aussagen
seien aus Sicht des iranischen Regime radikal, extremistisch, landesverrä-
terisch und blasphemisch. Die Behauptung der Vorinstanz betreffend die
Verzögerung der Anerkennung der Vaterschaft zu seiner Tochter sei will-
kürlich. Er habe die Anerkennung der Vaterschaft vom Ergebnis eines
DNA-Tests abhängig gemacht und umgekehrt habe die Kindsmutter die
Gewährung des Kontaktrechts von der Anerkennung der Vaterschaft ab-
hängig gemacht. Dieses Vorgehen liege auf der Hand. Er und die Kinds-
mutter stünden in einem sehr guten Einvernehmen und es bestehe bereits
heute eine enge Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter. Es würden
auch Besuche ausserhalb der festgelegten Besuchsdaten stattfinden. Die
Argumentation, dass er bis heute keine Unterhaltsbeiträge für die Tochter
leiste, wirke zynisch, da ihm die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit verwehrt
werde.
4.
In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, die
vorab zu beurteilen sind.
4.1
4.1.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil BVGE 2020 VI/8 festge-
stellt (vgl. E. 6.3), dass sich die Anwendung der Rechtsprechung der vor-
maligen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) zur Verfahrens-
sprache und deren Rechtmässigkeit (vgl. Entscheide und Mitteilungen der
ARK [EMARK] 2004 Nr. 29 E. 7 ff.) nach wie vor rechtfertigt. Demnach sei
in der Regel dem Grundsatz Rechnung zu tragen, dass die Verfügung in
der Sprache erlassen werde, die am Wohnsitz der asylsuchenden Person
Amtssprache sei. Die vom Gesetzgeber vorgesehenen Ausnahmen seien
begrenzt durch das Recht auf wirksame Beschwerde und einen fairen Pro-
zess (Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 13 EMRK). Eine Verfügung könne aus-
nahmsweise in einer anderen Amtssprache ergehen, wenn gleichzeitig im
Gegenzug geeignete Korrektivmassnahmen getroffen würden, die das
Recht auf eine wirksame Beschwerde und auf einen fairen Prozess ge-
währleisten. Eine der möglichen Korrektivmassnahmen bestehe in der
mündlichen Übersetzung der ergangenen Verfügung durch die Vorinstanz
in eine der beschwerdeführenden Person verständliche Sprache. Soweit
die Vorinstanz keine geeigneten Korrektivmassnahmen ergriffen habe und
auch im Beschwerdeverfahren das Versäumnis nicht nachhole, obwohl aus
der Beschwerdeschrift ersichtlich sei, dass die Partei den Entscheid nicht
genügend verstanden habe, sei die angefochtene Verfügung grundsätzlich
E-3691/2020
Seite 20
zu kassieren, sofern der Beschwerdeführer nicht von einem professionel-
len Rechtvertreter vertreten werde. Die Kassation der angefochtenen Ver-
fügung einzig aus dem Grund, dass die Regeln betreffend die anzuwen-
dende Verfahrenssprache verletzt wurden, komme demgegenüber grund-
sätzlich nicht in Frage, wenn die beschwerdeführende Person im Be-
schwerdeverfahren von einem professionellen Rechtsvertreter vertreten
werde. Die Vorinstanz könne in einem solchen Fall zur Leistung einer Ent-
schädigung verpflichtet werden für allfällige nützliche Auslagen, die der un-
terliegenden Partei entstünden, um diesen Mangel zu beheben.
4.1.2 Der Beschwerdeführer hat seinen Wohnsitz in F._, Kanton
K._, wo Deutsch als Amtssprache gilt. Mithin wäre gemäss Art. 16
Abs. 2 AsylG der Erlass einer Verfügung in deutscher Sprache die Regel
gewesen. Das SEM beruft sich in der Begründung seiner materiellen Ver-
fügung auf eine Situation, welche es in Anwendung von aArt. 16 Abs. 3
Bst. b AsylG rechtfertige, die Verfügung ausnahmsweise in einer anderen
als der am Wohnort gesprochenen Sprache, vorliegend in der französi-
schen Sprache, zu erlassen. Weiter wurde festgehalten, dass es sich um
eine vorübergehende Massnahme handle, die dem zügigen Abbau der bei
der Vorinstanz noch pendenten altrechtlichen Verfahren diene. Als Korrek-
tivmassnahme wurden das Dispositiv und die Rechtsmittelbelehrung der
Verfügung in die deutsche Sprache übersetzt. Eine Übersetzung der ge-
samten Verfügung erfolgte nicht. Ob die Voraussetzungen von aArt. 16
Abs. 3 Bst. b AsylG für eine Abweichung von der Regel betreffend die
Amtssprache erfüllt sind und das vom SEM gewählte Vorgehen, nament-
lich die gewählte Korrektivmassnahme, generell als ausreichend anzuse-
hen ist, um dem in Art. 29a BV und Art. 13 EMRK garantierten Anspruch
auf effektiven gerichtlichen Rechtsschutz genügend Rechnung zu tragen,
kann vorliegend offenbleiben. Dem Beschwerdeführer war es offensichtlich
mit Hilfe des von ihm mandatierten Rechtsanwalts möglich, eine in jeder
Hinsicht rechtsgenügliche Beschwerde einzureichen, die sich mit allen As-
pekten der vorinstanzlichen Verfügung einlässlich auseinandergesetzt hat.
die Beschwerdeerhebung erfolgte auch fristgerecht. Da ihm demnach
durch die Sprache der angefochtenen Verfügung kein Rechtsnachteil er-
wachsen ist, gebieten sich eine Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung
oder anderweitige Instruktionsmassnahmen vorliegend nicht.
E-3691/2020
Seite 21
4.2 Die Rüge, das SEM habe das Akteneinsichtsrecht verletzt, indem es
das Aktenstück A6/44 nicht offengelegt habe, ist unbegründet; es kann
hierzu auf die Ausführungen in der Zwischenverfügung vom 7. August
2020 verwiesen werden. Der Antrag des Beschwerdeführers, die vo-
rinstanzliche Verfügung sei wegen Verletzung des Akteneinsichtsrechts
aufzuheben, ist demnach abzuweisen.
4.3 Die Kritik an der Sachkenntnis der befragenden Person bei der Anhö-
rung erweist sich als haltlos. Deren Feststellung, sie kenne die vom Be-
schwerdeführer besuchte Freikirche in F._ nicht (vgl. Protokoll An-
hörung A30/18 F58), lässt diesen Schluss schon deswegen nicht zu, weil
der Beschwerdeführer den Namen dieser Kirche gar nicht genannt hatte.
Auch die geäusserte Vermutung, die Person, die den Entscheid verfasst
habe, habe möglicherweise das in deutscher Sprache verfasste Protokoll
nicht korrekt verstanden, entbehrt jeder Grundlage.
4.4
4.4.1 Im Verwaltungsverfahren und insbesondere im Asylverfahren gilt der
Untersuchungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserhebli-
chen Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG;
vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren
bedeutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung
und zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist
und auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsu-
chenden Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht unein-
geschränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsu-
chenden findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER,
in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2008, Art. 12 Rz. 8; BVGE 2012/21 E. 5.1).
Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungsgrundsatzes
in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asylsuchenden
Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise abzunehmen,
ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre und Praxis
besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausgehende Abklä-
rungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der asylsuchen-
den Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen Beweismittel
Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen, die voraus-
sichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden können (vgl.
BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. EMARK 1995 Nr. 23 E. 5a).
E-3691/2020
Seite 22
4.4.2 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die
Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft
und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der
Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG).
4.4.3 Nach Auffassung des Gerichts hat die Vorinstanz diesen Anforderun-
gen im vorliegenden Verfahren Genüge getan.
4.4.4 Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers ist nicht zu bean-
standen, dass ihm in der BzP Fragen zu seinen Asylgründen gestellt wur-
den. Die Belehrung in der Einleitung der BzP widerspricht diesem Vorge-
hen keineswegs, da zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens kein Grund zur
Annahme bestand, dass voraussichtlich ein anderer Dublin-Mitgliedstaat
für sein Asylverfahren zuständig sein würde. Inwiefern dem Beschwerde-
führer aus diesem Vorgehen der Vorinstanz ein Rechtsnachteil entstanden
sein soll, ist nicht erkennbar. Das Abstellen auf seine Aussagen zu seinen
Asylgründen bei der BzP zur Begründung der angefochtenen Verfügung
stellt keine Verletzung der Abklärungspflicht respektive des rechtlichen
Gehörs dar.
4.4.5 Es trifft zu, dass die Flucht der Mutter und der Schwester des Be-
schwerdeführers nach Belgien und deren Flüchtlingsanerkennung wegen
ihrer Konversion zum Christentum ebenso wie die desbezüglich ein-
gereichten Beweismittel in der angefochtenen Verfügung keine Erwähnung
fanden. Indessen hat das SEM sich in seiner Vernehmlassung vom 20. Au-
gust 2020 mit der Frage einer begründeten Furcht des Beschwerdeführers
vor Reflexverfolgung auseinandergesetzt und dieser hatte Gelegenheit,
sich im Rahmen des Schriftenwechsels in seiner Replik vom 8. September
2020 hierzu zu äussern. Eine allfällige Gehörsverletzung wäre damit als
geheilt zu betrachten.
4.4.6 Hinsichtlich der Vaterschaft des Beschwerdeführers betreffend ein
Kind mit Schweizer Staatsangehörigkeit ist festzustellen, dass im Zeitpunkt
des angefochtenen Entscheids nur seine Behauptung aktenkundig war,
dass seine Freundin von ihm schwanger sei. Die Vorinstanz hat sich über-
dies in ihrer zweiten Vernehmlassung vom 15. November 2021 mit diesen
Umständen auseinandergesetzt und der Beschwerdeführer konnte sich im
Rahmen des Schriftenwechsels in seiner Replik vom 8. Dezember 2021
hierzu äussern. Eine Gehörsverletzung ist auch hier nicht festzustellen.
E-3691/2020
Seite 23
4.4.7 Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergeben sich keine zeitli-
chen Vorgaben für die Vorinstanz hinsichtlich des Zeitpunkts der Durch-
führung der Anhörungen. Grundsätzlich ist es wünschenswert, dass
zwischen der Einreichung des Asylgesuchs und der Anhörung nicht zu viel
Zeit liegt. Vorliegend hat der Beschwerdeführer indes nicht dargelegt, in-
wiefern ihm aus den dargelegten zeitlichen Verhältnissen Nachteile ent-
standen sein sollen. Im Übrigen hätte es ihm offen gestanden, eine Rechts-
verzögerungsbeschwerde einzureichen. Der Vorwurf einer Verletzung der
Abklärungspflicht durch eine "Verschleppung" des Verfahrens erweist sich
demnach als unberechtigt.
4.5 Nach dem Gesagten ist der Hauptantrag des Beschwerdeführers, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen, abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck
noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat bestehen-
den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-3691/2020
Seite 24
6.
6.1 Das Gericht teilt die Auffassung der Vorinstanz, dass die vom Be-
schwerdeführer dargelegten Vorfluchtgründe als unglaubhaft zu erachten
sind:
6.1.1 Es ist nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer bereits vor
seiner Ausreise eine kritische Haltung gegenüber dem Islam gehabt und
sich mit dem christlichen Glauben auseinandergesetzt hat. Allerdings er-
folgte seine Hinwendung zum Christentum gemäss seinen Angaben erst in
den letzten sechs Monaten vor seiner Flucht (vgl. Protokoll Anhörung A30
S. 7 F44). Demnach erwecken seine Aussagen nicht den Eindruck eines
überzeugten und gefestigten Dissidenten.
6.1.2 Vor diesem Hintergrund sowie angesichts der bekanntermassen
strengen Überwachung der Aktivitäten an den Universitäten (vgl. hierzu:
US DEPARTMENT OF STATE, 2020 Country Report on Human Rights
Practices: Iran, 30. März 2021, Section 2a), erscheint es zudem wenig
plausibel, dass der Beschwerdeführer das hohe Risiko eingegangen wäre,
gegenüber den von ihm unterrichteten Studenten an der Universität kriti-
sche Bemerkungen zu machen. Angesichts dessen, dass er diese Bemer-
kungen angeblich vor einem Plenum von 20 bis 30 Personen gemacht
habe (vgl. Protokoll Anhörung A30/18 S.9 F62f) und dem Umstand, dass
gemäss seinen Angaben zumindest zu einem seiner Studenten kein sehr
gutes Verhältnis bestanden habe, kann nicht von einem vertraulichen Rah-
men gesprochen werden, der ihm Anlass gegeben hätte, sich sicher zu
fühlen. Schwer nachvollziehbar ist zudem, dass er angeblich nicht bemerkt
haben soll, dass ein Student Filmaufnahmen von ihm gemacht habe.
6.1.3 Sodann muss das beschriebene Vorgehen der Sicherheitsbehörde
E._ als gänzlich unplausibel bezeichnet werden. Es erscheint ab-
wegig, dass diese einen mit dem Beschwerdeführer befreundeten Profes-
sor, der nichts mit den Aktivitäten des E._ zu tun gehabt habe, über
die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen und geplanten Massnahmen
informiert und ihm die belastenden Filmaufnahmen gezeigt haben sollen.
Damit hätte die Sicherheitsbehörde in Kauf genommen, dass der Professor
den Beschwerdeführer warnen würde und somit ihre Verfolgungsbemü-
hungen gefährdet. Der Beschwerdeführer konnte kein nachvollziehbares
Motiv für ein derartiges Handeln seiner Verfolger darlegen. Unter diesen
Umständen ist von einem offensichtlich konstruierten Sachverhalt auszu-
gehen.
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6.1.4 Die Zweifel an den Asylvorbringen des Beschwerdeführers werden
dadurch erhärtet, dass seine Angabe wonach sein Verhältnis zu seinem
Vater sehr gespannt gewesen sei und er sich diesem nicht anvertraut habe,
in klarem Widerspruch zu den diesbezüglichen Angaben des Vaters gegen-
über den belgischen Behörden steht, wonach er Kenntnis der kritischen
Äusserungen seines Sohnes gehabt und ihn vor den Konsequenzen ge-
warnt habe. Die Vorinstanz wies sodann zu Recht darauf hin, dass keine
stichhaltigen Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die iranischen Behörden
vor oder nach der Ausreise des Beschwerdeführers tatsächlich relevante
Verfolgungsmassnahmen gegen ihn ergriffen hätten. Dem im Beschwerde-
verfahren eingereichten Protokoll der Befragung des Vaters durch die bel-
gischen Behörden ist zu entnehmen, dass die iranischen Behörden nach
der Ausreise des Beschwerdeführers eine Hausdurchsuchung durch-
geführt und seinen Vater befragt hätten. Weitere Nachteile wegen der
Aktivitäten seines Sohnes machte dieser aber nicht geltend. Die Ausfüh-
rungen in der Beschwerdeeingabe sind nicht geeignet, diese Einschätzung
in Frage zu stellen.
6.1.5 Soweit der Beschwerdeführer die Plausibilität seiner Aussagen be-
treffend seine Abwendung vom Islam und Zuwendung zum christlichen
Glauben betont, ist darauf hinzuweisen, dass in asylrechtlicher Hinsicht
nicht die Frage ausschlaggebend ist, ob er tatsächlich konvertiert ist,
sondern, ob er glaubhaft gemacht hat, dass die heimatlichen Behörden
Kenntnis seiner kritischen Haltung gegenüber ihnen und der islamischen
Religion erlangt haben und er deshalb von ihrer Seite asylrechtlich
relevanten Verfolgungsmassnahmen erlitten hat oder im solche drohten.
Hierfür fehlen, auch wenn eine Beschäftigung des Beschwerdeführers mit
dem christlichen Glauben bereits vor seiner Ausreise nicht auszuschlies-
sen ist, nach dem Gesagten vorliegend stichhaltige Anhaltspunkte.
6.1.6 Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist demnach festzuhalten, dass
das SEM insgesamt zu Recht das Vorliegen von Vorfluchtgründen verneint
hat, da der Beschwerdeführer im Zeitpunkt ihrer Ausreise die Flüchtlings-
eigenschaft nicht erfüllte.
6.2
6.2.1 Aufgrund der eingereichten Beweismittel steht fest, dass die Mutter
und die Schwester des Beschwerdeführers im Jahr 2018 sowie sein Vater
im Jahr 2020 in Belgien aufgrund der von ihnen geltend gemachten
Konversion zum Christentum als Flüchtlinge anerkannt wurden. Die Mutter
und die Schwester reisten gemäss Aussagen des Beschwerdeführers Mitte
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2016 aus dem Iran nach Belgien aus. Seine Vorbringen lassen jedoch nicht
darauf schliessen, dass er im Zeitraum zwischen ihrer Flucht und seiner
eigenen Ausreise im Januar 2018 wegen des Profils dieser Personen
irgendwelche Nachteile erlitten hätte. Auch aus der inzwischen erfolgten
Ausreise seines Vaters und dessen Anerkennung als Flüchtling in Belgien
kann der Beschwerdeführer nichts zu seinen Gunsten ableiten. Den Akten
lässt sich nicht entnehmen, dass seine in Belgien wohnhaften Angehörigen
sich durch eine aktive und sichtbare Ausübung ihres christlichen Glaubens
oder durch ein anderweitiges regimekritisches Engagement besonders
exponiert hätten. Darüber hinaus ergibt sich aus dem Protokoll der Befra-
gung des Vaters, dass kein enger sachlicher Zusammenhang zwischen
den Gründen, die diesen zur Ausreise bewogen, und den Asylvorbringen
des Beschwerdeführers besteht.
6.2.2 Es liegen somit keine stichhaltigen Hinweise für eine begründete
Furcht des Beschwerdeführers vor Reflexverfolgungsmassnahmen asyl-
rechtlich relevanten Ausmasses durch die iranischen Behörden wegen des
Profils seiner Angehörigen vor.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer macht inhaltlich das Vorliegen subjektiver Nach-
fluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend, indem er eine Konversion
zum christlichen Glauben in der Schweiz sowie ein exilpolitisches Engage-
ment geltend macht, weshalb er bei einer Rückkehr in den Iran Verfolgung
seitens der iranischen Behörden befürchten müsse.
7.2 Subjektive Nachfluchtgründe sind anzunehmen, wenn eine asyl-
suchende Person erst durch die unerlaubte Ausreise aus ihrem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine
Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Als subjektive
Nachfluchtgründe können insbesondere unerwünschte exilpolitische
Betätigungen, illegales Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht)
oder Einreichung eines Asylgesuchs im Ausland gelten, wenn sie die Ge-
fahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Personen mit subjektiven
Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge
vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1 und 2009/28 E. 7.1, je
m.w.H.).
E-3691/2020
Seite 27
7.3
7.3.1 Die allgemeine Menschenrechtslage im Iran ist als schlecht zu be-
zeichnen. Die Meinungsäusserungsfreiheit wird in systematischer Weise
unterdrückt. Nicht-Muslime werden auf gesetzlicher und wirtschaftlicher
Ebene diskriminiert. Weiter besteht im Speziellen für christlich gläubige
Personen das Verbot der Missionstätigkeit, dessen Zuwiderhandlung
rechtlich verfolgt wird (vgl. BVGE 2009/28 E.7.3). Auch der Abfall vom
Islam ist im Iran verboten. Gemäss islamischem Recht existiert für eine
muslimische Person keine anerkannte Möglichkeit, dem islamischen
Glauben abzuschwören und zum Christentum überzutreten. Gemäss dem
Koran kommt der Abfall vom Glauben dem Verrat an der islamischen Ge-
meinde gleich und soll mit dem Tod bestraft werden. Das kodifizierte irani-
sche Strafrecht kennt jedoch die Apostasie als Tatbestand bisher nicht.
Der Richter kann die Todesstrafe für einen Konvertiten daher nicht aus dem
kodifizierten Strafrecht begründen, sondern nur mit der Scharia (vgl. Urteile
des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte [EGMR] A. gegen
Schweiz vom 19. Dezember 2017, 60342/16, Ziff. 26–31, und F.G. gegen
Schweden vom 23. März 2016, 43611/11). Der EGMR ist der Auffassung,
dass die allgemeine Menschenrechtslage im Iran per se die Abschiebung
eines iranischen Staatsangehörigen nicht verhindert. Daher muss im Ein-
zelfall beurteilt werden, ob die persönlichen Umstände, insbesondere die
Konversion vom Islam zum Christentum in der Schweiz, mit einer tatsäch-
lichen Verfolgungsgefahr durch die iranischen Behörden einhergeht. (vgl.
wiederum EGMR A. gegen Schweiz vom 19. Dezember 2017, 60342-16).
7.3.2 Der Übertritt zu einer anderen Glaubensrichtung alleine führt im Iran
grundsätzlich noch nicht zu einer (individuellen) staatlichen Verfolgung. Die
diskrete und private Glaubensausübung ist im Iran grundsätzlich möglich
(vgl. Urteil des BVGer D-4399/2017 vom 15. März 2018 E. 6.3). Mit einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung durch den iranischen Staat auf-
grund einer Konversion ist nur dann zu rechnen, wenn sich die Person
durch eine missionierende Tätigkeit exponiert und Aktivitäten des Konver-
titen vorliegen, die vom Regime als Angriff auf den Staat angesehen
werden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.4; Urteile des BVGer D-4221/2019 vom
9. März 2022 E. 6.2 und D-4795/2016 vom 15. März 2019 E. 6, je m.w.H.).
Ein Glaubenswechsel vermag somit dann flüchtlingsrechtlich relevante
Massnahmen auszulösen, wenn die christliche Glaubensausübung in der
Schweiz aktiv und sichtbar nach aussen praktiziert wird und im Einzelfall
davon ausgegangen werden muss, dass das heimatliche Umfeld von einer
solchen – allenfalls gar missionierende Züge annehmenden – Glaubens-
ausübung erfährt und die asylsuchende Person denunziert. Eine Ver-
E-3691/2020
Seite 28
folgung durch den iranischen Staat ist somit dann zu erwarten, wenn der
Glaubenswechsel bekannt wird und zugleich Aktivitäten des Konvertiten
vorliegen, die vom Regime als Angriff auf den Staat angesehen werden.
Bei Konversionen im Ausland muss daher bei der Prüfung im Einzelfall
neben der Glaubhaftigkeit der Konversion auch das Ausmass der öffentli-
chen Bekanntheit für die betroffene Person in Betracht gezogen werden.
Es ist bekannt, dass die iranischen Behörden nicht vor der Überwachung
ihrer Staatsbürger im Ausland zurückschrecken; es finden sich auch Hin-
weise darauf, dass konvertierte Iranerinnen und Iraner im Ausland von ih-
rem Heimatstaat überwacht werden (vgl. zum Ganzen: BVGE 2009/28
E. 7.3.4 f. sowie etwa die Urteile des BVGer E-5337/2018 vom 25. Juli
2020 E. 6.2 und E-6349/2019 vom 29. Juni 2021 E. 7.4.1, je mit weiteren
Hinweisen).
7.4
7.4.1 Aufgrund der Akten ist als erstellt zu erachten, dass der Beschwer-
deführer sich in der Schweiz hat taufen lassen und damit die gemäss seiner
Darstellung bereits im Heimatland erfolgte Konversion zum christlichen
Glauben formell bestätigt hat. Missionarische Aktivitäten oder andere im
Zusammenhang mit seiner christlichen Überzeugung stehende namhafte
Aktivitäten wurden jedoch nicht geltend gemacht.
7.4.2 Gemäss Aktenlage hat der Beschwerdeführer am (...) 2020 in der
reformierten Kirche N._, am (...) 2021 in der Kirche O._ so-
wie am (...) 2022 in der reformierten Kirche P._ Vorträge über seine
Flucht aus dem Iran sowie die allgemeine Situation in seinem Heimatstaat
gehalten. Diese Anlässe dürften jedoch kaum von einem über die genann-
ten Glaubensgemeinschaften hinausgehenden Personenkreis zur Kennt-
nis genommen worden sein. Einen anderen Schluss legen auch die dies-
bezüglich eingereichten Unterlagen (Flyer, Videoaufnahmen) nicht nahe,
zumal die Veröffentlichungen auf seiner Facebook-Seite offenkundig nicht
von weitern Kreisen zur Kenntnis genommen worden sind (vgl. auch nach-
folgende E. 7.6).
7.5 Sodann machte der Beschwerdeführer ein exilpolitisches Engagement
geltend, namentlich, dass er an einer Kundgebung vor der iranischen
Botschaft in K._ teilgenommen und regimekritische Inhalte auf sei-
nem Facebook-Account gepostet habe. Es kann zwar nicht ausgeschlos-
sen werden, dass die iranischen Behörden den Beschwerdeführer als Teil-
nehmer der Demonstration vom (...) 2019 identifiziert haben.
Jedoch lässt sich weder seinen Ausführungen noch den eingereichten
E-3691/2020
Seite 29
Fotos und verlinkten Videoaufnahmen entnehmen, dass er bei diesem
Anlass eine besondere Funktion wahrgenommen hat, die ihn von den
anderen Teilnehmenden unterschieden hätte und ihn in den Augen der ira-
nischen Behörden als ernsthaften Regimegegner hätte erscheinen lassen.
Diese Einschätzung wird dadurch bekräftigt, dass der Beschwerdeführer
seither offenbar an keinen weiteren derartigen Veranstaltungen teilgenom-
men hat.
7.6 Aus den bei den Akten liegenden Auszügen der Posts des Beschwer-
deführers auf seiner Facebook-Seite unter dem verfremdeten Namen
"Q._" ist nicht ersichtlich, dass er in den sozialen Medien eine hohe
Reichweite hätte, da diese keine grosse Anzahl von "Likes" und Kommen-
taren anderer Nutzer aufweisen. Mit Blick auf Art und Umfang seiner Inter-
netaktivitäten erfüllt er damit auch hiermit nicht das Profil eines ausseror-
dentlich engagierten und exponierten Regimegegners, welcher sich über
das Mass von der grossen Zahl exilpolitisch tätigen Iranerinnen und Iranern
abhebt (vgl. Urteil des BVGer D-1922/2020 vom 15. September 2021
E. 8.4).
7.7 Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
innerhalb der Gemeinschaft der exiliranischen Regimegegner die Rolle ei-
ner herausragenden und meinungsbildenden Führungspersönlichkeit aus-
geübt hat oder heute innehat; mithin übersteigt sein exilpolitisches Enga-
gement dasjenige vieler seiner Landsleute nicht wesentlich, und es kann
davon ausgegangen werden, dass er sich dadurch nicht erheblich expo-
niert hat. Eine andere Einschätzung vermag auch die vorgebrachte War-
nung seitens seines Cousins M._, der Kontakte zu den iranischen
Behörden habe, nicht zu rechtfertigen.
8.
Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht ge-
lungen ist, das Bestehen von Vorfluchtgründen im Sinn von Art. 3 AsylG
oder subjektiven Nachfluchtgründen gemäss Art. 54 AsylG glaubhaft dar-
zutun. Die Vorinstanz hat folglich zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft
verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
E-3691/2020
Seite 30
9.2 Im Asyl- und Wegweisungsverfahren ist die Wegweisung nicht zu ver-
fügen, wenn die asylsuchende Person im Besitze einer gültigen Niederlas-
sungs- oder Aufenthaltsbewilligung ist (Art. 32 Abs. 1 Bst. a AsylV 1) oder
ein grundsätzlicher Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung be-
steht (vgl. auch BVGE 2013/37 E. 4.4). Dabei ist die kantonale Ausländer-
behörde zuständig, über den Anspruch konkret zu befinden. Im Asyl- und
Wegweisungsverfahren ist daher – wenn die asylsuchende Person nicht
im Besitze einer Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist – unter
Umständen vorfrageweise zu prüfen, ob die asylsuchende Person sich im
Sinne von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen grundsätzlichen Anspruch auf
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen kann. Soweit nicht das Ge-
setz oder das Freizügigkeitsabkommen einen Anspruch auf Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung vermittelt, kommt als Anspruchsgrundlage unter an-
derem Art. 8 EMRK in Frage, wobei diesbezüglich die bundesgerichtliche
Rechtsprechung massgeblich ist (vgl. EMARK 2001 Nr. 21 E. 8 f.). Das
Bundesgericht anerkennt in seiner mit BGE 109 Ib 183 eingeleiteten und
seither bestätigten Rechtsprechung (siehe aktuell in BGE 135 I 143 und
130 II 281, m.w.H.), dass Art. 8 EMRK unter gewissen Vor-aussetzungen
einem Ausländer einen – nur unter den Voraussetzungen von Art. 8 Abs. 2
EMRK beschränkbaren – Anspruch auf eine Anwesenheitsberechtigung in
der Schweiz verleiht, wenn ein Familienleben vorliegt, welches tatsächlich
gelebt wird und intakt erscheint und ein Familienmitglied in der Schweiz ein
gefestigtes Anwesenheitsrecht – die schweizerische Staatsangehörigkeit,
die Niederlassungsbewilligung oder eine Aufenthaltsbewilligung, auf deren
Verlängerung ein Anspruch besteht – besitzt (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 2P.307/2003 vom 11. Mai 2004, BGE 126 II 382, BGE 125 II 639;
EMARK 1995 Nr. 24 E. 8 S. 228 f.).
Die im Asylverfahren angeordnete Wegweisung wird demzufolge praxis-
gemäss aufgehoben, wenn (1) ein potenzieller Anspruch gestützt auf Art. 8
EMRK vorfrageweise bejaht wird, (2) die betroffene Person an die zustän-
dige kantonale Ausländerbehörde ein Gesuch um Erteilung einer Aufent-
haltsbewilligung gerichtet hat sowie (3) dieses Gesuch noch hängig ist (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4.2.2).
9.3 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung noch über einen selbständigen Anspruch auf
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung. Allerdings verfügt seine Tochter
über das Schweizer Bürgerrecht und somit über ein gefestigtes Aufent-
haltsrecht im Sinne der Rechtsprechung. Somit ist vorfrageweise ein An-
spruch gestützt auf Art. 8 EMRK i.V.m. Art. 44 AsylG zu prüfen.
E-3691/2020
Seite 31
9.3.1 Gemäss bundesgerichtlicher Praxis muss der Elternteil, der sich für
das Zusammenleben mit seinen Kindern auf Art. 8 EMRK beruft, aus fami-
lienrechtlichen Gründen grundsätzlich über das Sorge- beziehungsweise
Obhutsrecht verfügen.
9.3.2 Der nicht sorge- bzw. obhutsberechtigte Ausländer kann die familiäre
Beziehung mit seinen Kindern schon aus zivilrechtlichen Gründen von
vornherein nur in einem beschränkten Rahmen leben, nämlich durch Aus-
übung des ihm eingeräumten Besuchsrechts. Hierzu ist nach Praxis des
Bundesgerichts grundsätzlich nicht erforderlich, dass er dauernd im glei-
chen Land wie das Kind lebt und dort über eine Aufenthaltsbewilligung ver-
fügt. Den Anforderungen von Art. 8 EMRK ist grundsätzlich Genüge getan,
wenn das Besuchsrecht im Rahmen von Kurzaufenthalten vom Ausland
her ausgeübt werden kann, wobei allenfalls dessen Modalitäten entspre-
chend anzupassen sind. Ein Anspruch auf erstmalige Erteilung einer Auf-
enthaltsbewilligung ist gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung hin-
gegen ausnahmsweise zu bejahen, wenn zwischen dem Ausländer und
dessen Kindern erstens in wirtschaftlicher und affektiver Hinsicht eine be-
sonders enge Beziehung besteht, zweitens ein grosszügig ausgestaltetes
Besuchsrecht besteht, das auch tatsächlich wahrgenommen wird (wobei
"grosszügig" gemäss Bundesgericht im Sinne von "deutlich mehr als üb-
lich" zu verstehen ist) und dieses Besuchsrecht, würde eine Bewilligung
verweigert, wegen der Distanz zwischen der Schweiz und dem Land, in
welches der Ausländer vermutlich auszureisen hätte, drittens praktisch
nicht aufrechterhalten werden könnte; zudem darf das bisherige Verhalten
des Ausländers in der Schweiz viertens zu keinerlei Klagen Anlass gege-
ben haben (vgl. zum Ganzen BGE 139 I 315 E. 2.2 m.w.H.).
9.3.3 Den Akten zufolge hat der Beschwerdeführer mit seiner heute
(...)jährigen Tochter oder der Kindesmutter nie in einem gemeinsamen
Haushalt zusammengelebt. Mit Entscheid des Regionalgerichts (...) vom
26. März 2021 wurde die Vaterschaft des Beschwerdeführers zu dem Kind
festgestellt und dieses unter der alleinigen elterlichen Sorge und Obhut der
Kindesmutter belassen. Dem Beschwerdeführer wurde ein begleitetes Be-
suchsrecht von zwei Stunden alle zwei Wochen eingeräumt. Die ein-
gereichten zahlreichen Fotos, welche ihn zusammen mit seiner Tochter so-
wie zum Teil mit der Kindesmutter und anderen Familienangehörigen zei-
gen, lassen zwar darauf schliessen, dass er sein Besuchsrecht regelmäs-
sig wahrnimmt und Kontakte auch schon vor der gerichtlichen Festlegung
des Besuchsrechts gepflegt wurden. Dafür, dass die Beziehung zwischen
dem Beschwerdeführer und seinem Kind deutlich enger wäre, als in die-
sem Rahmen zu erwarten wäre, ergeben sich aus den Akten hingegen
E-3691/2020
Seite 32
keine stichhaltigen Hinweise. Das in der Konvention vereinbarte begleitete
Besuchsrecht ist quantitativ nicht über-, sondern deutlich unterdurch-
schnittlich. In der Konvention vom März 2021 wird denn auch festgehalten,
die Eltern würden "mittelfristig ein Kontakt- und Ferienrecht im üblichen
Umfang" anstreben. Gemäss Besuchsplan fanden in den drei Monaten
Mai–Juli 2021 sechs Kontakte à zwei Stunden statt. Soweit vom Beschwer-
deführer geltend gemacht wurde, es hätten auch noch weitere Besuchster-
mine stattgefunden, wurde dies weder substanziiert dargelegt noch belegt.
Auch in wirtschaftlicher Hinsicht besteht keine besonders enge Beziehung,
da der Beschwerdeführer mangels finanzieller Leistungsfähigkeit keinen
Kindesunterhaltsbeitrag an seine Tochter ausrichten kann. Inwiefern die
schweizerischen Behörden dem Beschwerdeführer "das Recht zur Auf-
nahme einer Erwerbstätigkeit verweiger(n)" sollen (vgl. Eingabe vom
8. Dezember 2021 S. 8), wird nicht ersichtlich; gemäss Art. 43 Abs. 1 AsylG
dürfen Asylsuchende grundsätzlich nur während des Aufenthalts in den
Zentren des Bundes keine Erwerbstätigkeit ausüben. Ein Aufrechterhalten
des Kontakts aus dem Ausland oder mittels Kurzaufenthalten wäre zwar
erschwert, aber nicht unmöglich. Insgesamt gelangt das Gericht zum
Schluss, dass die strengen Voraussetzungen gemäss obengenannter
Rechtsprechung für eine ausnahmsweise Bejahung eines Anspruchs des
Beschwerdeführers auf eine Aufenthaltsbewilligung nicht gegeben sind.
9.4 Nach dieser vorfrageweisen Beurteilung bleibt festzuhalten, dass der
Beschwerdeführer keinen offensichtlichen Rechtsanspruch auf Erteilung
einer Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 8 EMRK hat (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4.2.1 unter Hinweis auf BGE 137 I 351 E. 3.1 S. 354).
Mangels einer solchen klar zu Tage tretenden Anspruchsgrundlage geht
die Zuständigkeit, über die Wegweisung aus der Schweiz zu befinden,
nicht auf die kantonalen Ausländerbehörden über.
9.5 Es kann indessen nicht Sache des Bundesverwaltungsgerichts (oder
des SEM) sein, in einem Asyl- und Wegweisungsverfahren umfassend und
abschliessend über einen allenfalls bestehenden – aktenmässig nicht ohne
zusätzliche Abklärungen und Beweisvorkehren zu erstellenden – Anspruch
auf Erteilung einer ausländerrechtlichen Aufenthaltsbewilligung zu befin-
den. Eine solche Beurteilung würde den Rahmen einer bloss vorfrage-
weise vorzunehmenden Prüfung eines grundsätzlichen Anspruchs auf Be-
willigungserteilung sprengen und damit nach bundesgerichtlicher Recht-
sprechung eine nicht zulässige Abweichung vom Grundsatz der Aus-
schliesslichkeit beziehungsweise des Vorrangs des Asylverfahrens darstel-
len.
E-3691/2020
Seite 33
9.6 Die vom SEM in Anwendung von Art. 44 AsylG verfügte Wegweisung
des Beschwerdeführers wurde nach dem Gesagten mangels bestehender
Aufenthaltsbewilligung beziehungsweise eines klar erkennbaren
Anspruchs auf eine solche im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmun-
gen und der Praxis zu Recht angeordnet.
9.7 Dem Beschwerdeführer bleibt es beim vorliegenden Verfahrensgang
unbenommen, nach Ausfällung dieses Urteils einen allfälligen Anspruch
auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 8 EMRK mit
einem entsprechenden Gesuch bei der zuständigen Ausländerbehörde
geltend zu machen (vgl. hierzu etwa Urteile des Bundesverwaltungs-
gerichts D-2196/2019 vom 13. Januar 2020 E. 5.4 oder E-6552/2019 vom
16. Dezember 2021 E. 7.5).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
10.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
E-3691/2020
Seite 34
10.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
10.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des EGMR sowie jener des UN-Anti-
Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr
("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl.
Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechts-
situation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen.
10.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
10.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.3.1 Im Iran herrscht weder Krieg oder Bürgerkrieg noch eine Situation
allgemeiner Gewalt, aufgrund derer eine Rückkehr generell unzumutbar
wäre (vgl. dazu etwa Urteile des BVGer D-4221/2019 vom 9. März 2022
E. 9.3.2, sowie D-6532/2018 vom 6. Januar 2020 E. 10.5 und D-2176/2018
vom 21. November 2018 E. 10.2, je m.w.H.). Der Vollzug von Wegweisun-
gen in den Iran ist daher in ständiger Praxis als grundsätzlich zumutbar zu
erachten.
E-3691/2020
Seite 35
10.3.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen und ge-
mäss Aktenlage gesunden Mann, der über eine überdurchschnittlich gute
Ausbildung sowie berufliche Erfahrung verfügt; er dürfte demnach in der
Lage sein, seine wirtschaftliche Existenz im Heimatstaat selbstständig si-
cherzustellen. Im Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass er al-
lenfalls auf Unterstützung durch die im Heimatstaat verbliebenen Familien-
angehörigen, namentlich seinen Onkel, der ihn gemäss seiner Darstellung
bei der Ausreise unterstützte, zählen könnte. Nach dem Gesagten liegen
keine Anhaltspunkte dafür vor, dass der Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr in eine existenzielle Notlage geraten würde.
10.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
10.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem der Instruktions-
richter sein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Instruktionsverfügung vom 7. August
2020 gutgeheissen hatte und den Akten keine Hinweise auf eine mass-
gebende Veränderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind,
ist jedoch auf eine Kostenauflage zu verzichten.
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