Decision ID: 8c8ee0cf-b135-5791-98f1-207798ab06ff
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A._ (geboren 1968; nachfolgend Beschwerdeführer) ist türkischer
Staatsangehöriger. Er reiste erstmals im November 1975 und ein zweites
Mal im Rahmen des Familiennachzugs im Juli 1978 in die Schweiz ein. Am
18. Juni 1981 erhielt er eine Niederlassungsbewilligung.
B.
Während seines Aufenthaltes in der Schweiz ist der Beschwerdeführer ver-
schiedentlich strafrechtlich in Erscheinung getreten.
B.a In den Jahren 1984 bis 1989 wurde er unter anderem wegen Vermö-
gens- und Rauschgiftdelinquenz sowie wegen einer Widerhandlung gegen
das (damalige) Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Aus-
länder (ANAG) zur Verantwortung gezogen ([...]; in den Akten des Migrati-
onsamtes Basel-Stadt [nicht paginiert ]).
B.b Des Weiteren wurde er wie folgt verurteilt:
- mit Urteil des Strafgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 27. April 1994 wegen
mehrfacher einfacher Körperverletzung zu 18 Monaten Gefängnis und 10 Jahren
Landesverweisung bedingt, unter Auferlegung einer Probezeit von drei Jahren;
- mit Urteil des Strafgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 24. Juli 1998 wegen
einfacher Körperverletzung und Drohung zu drei Monaten Gefängnis bedingt, un-
ter Auferlegung einer Probezeit von drei Jahren;
- mit Entscheid des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 12. Mai 2004 wegen mehr-
facher banden- und gewerbsmässiger Widerhandlung gegen das Betäubungsmit-
telgesetz (BetmG, SR 812.121) sowie Gewalt und Drohung gegen Beamte zu 18
Monaten Gefängnis bedingt, unter Auferlegung einer Probezeit von drei Jahren,
wobei die bedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe von drei Monaten des Urteils
vom 24. Juli 1998 für vollziehbar erklärt wurde;
- mit Strafbefehl des Strafbefehlsrichters Basel-Stadt vom 1. September 2010 we-
gen Führens eines Motorfahrzeuges in angetrunkenem Zustand zu einer Geld-
strafe von 20 Tagessätzen, bedingt, unter Auferlegung einer Probezeit von zwei
Jahren, und einer Busse von Fr. 1‘200.–;
- mit Urteil des Strafgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 25. November 2013
(bestätigt durch das Urteil des Appellationsgerichts des Kantons Basel-Stadt vom
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10. März 2015) wegen einfacher Körperverletzung, Angriffs, Sachbeschädigung
und Übertretung nach Art. 19a BetmG zu 18 Monaten Freiheitsstrafe bedingt, unter
Auferlegung einer Probezeit von zwei Jahren, und einer Busse von Fr. 200.–.
C.
Mit Verfügung vom 31. Juli 2014 widerrief das Migrationsamt des Kantons
Basel-Stadt (nachfolgend: Migrationsamt) – nach vorgängiger Gewährung
des rechtlichen Gehörs – die Niederlassungsbewilligung des Beschwerde-
führers und wies ihn aus der Schweiz weg. Der dagegen eingeschlagene
Rechtsweg blieb erfolglos (letztinstanzlich bestätigt mit Urteil des BGer
2C_986/2016 vom 4. April 2017).
D.
Mit Schreiben vom 24. April 2017 teilte das Migrationsamt dem Beschwer-
deführer mit, dass er die Schweiz bis spätestens 31. Juli 2017 zu verlassen
habe. Ausserdem räumte es ihm – mit separatem Schreiben – die Möglich-
keit zur Stellungnahme in Bezug auf ein allfälliges Einreiseverbot ein, von
welchem der Beschwerdeführer Gebrauch machte (in den kantonalen Ak-
ten [nicht paginiert]).
E.
Mit Verfügung vom 8. Juni 2017 verhängte das Staatssekretariat für Migra-
tion SEM (nachfolgend: SEM oder Vorinstanz) gegenüber dem Beschwer-
deführer ein ab dem 1. August 2017 geltendes Einreiseverbot für die Dauer
von zehn Jahren. Gleichzeitig ordnete sie dessen Ausschreibung im
Schengener Informationssystem (SIS) an und entzog einer allfälligen Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung. In der Begründung verwies sie zu-
nächst auf die verschiedenen Verurteilungen des Beschwerdeführers und
hob hervor, dass die von ihm begangenen Delikte schwere Verstösse ge-
gen die Rechtsordnung darstellen würden, womit eine schwerwiegende
Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung einhergehe (Art. 67
Abs. 2 Bst. a AuG [SR 142.20]). Wie das Bundesgericht in seinem Urteil
vom 4. April 2017 in Bezug auf den Widerruf der Niederlassung und die
Wegweisung festgehalten habe, habe der Beschwerdeführer sämtliche
Delikte, für die er rechtskräftig verurteilt worden sei, als Erwachsener und
nicht als Jugendlicher begangen. Die Straftat, für welche er im Jahr 2013
(bestätigt im Jahre 2015) verurteilt worden sei, habe ein Vorfall zugrunde
gelegen, bei welchem der Beschwerdeführer zusammen mit fünf Neffen
eine Bar aufgesucht habe, wo er das Opfer angetroffen habe, das im Rah-
men einer Monate zurückliegenden Auseinandersetzung mit einem seiner
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Seite 4
Neffen von ihm geschlagen worden sei. Er habe das Opfer wegen der ein-
gereichten Strafanzeige angesprochen und sogleich mit der Faust zuge-
schlagen. Als sich auch die Neffen am Angriff beteiligt hätten, habe
schlussendlich die aufgebotene Polizei eingreifen müssen, wobei ein Poli-
zeibeamter verletzt worden sei. Der Strafrichter habe daraus geschlossen,
dass der Beschwerdeführer in führender Rolle die gewalttätige Auseinan-
dersetzung losgetreten habe, wobei er aus niedrigen Beweggründen und
zudem insofern verwerflich gehandelt habe, als er um die vorgängig vom
Opfer erlittene Gewalt gewusst habe. Aus den vorliegenden Akten gehe
nicht hervor, dass sich der Beschwerdeführer während seines Strafvoll-
zugs wohlverhalten habe. Aufgrund seiner seit mehreren Jahren wieder-
holten Straffälligkeiten, könne nicht angenommen werden, dass er sich in
Freiheit keine strafrechtlichen Vergehen mehr zuschulden kommen lassen
werde. Vor diesem Hintergrund bestehe für das SEM aktuell weiterhin ein
konkretes und hohes Rückfallrisiko, bei welchem hochwertige Rechtsgüter
auf dem Spiel stünden. Nachteilig falle weiter ins Gewicht, dass er mit 51
Verlustscheinen in der Höhe von Fr. 268‘914.30 und sieben offenen Betrei-
bungen in der Höhe von Fr. 10‘778.15 (Stand ca. 2014) registriert sei. Der
Erlass einer Fernhaltemassnahme von zehn Jahren zur Vermeidung künf-
tiger Delikte sei daher angezeigt. Der Beschwerdeführer habe während
längerer Zeit ausserhalb der Schweiz zu beweisen, dass er willens und
fähig sei, sich in Zukunft an die geltende Rechtsordnung zu halten. Das
öffentliche Interesse an seiner Fernhaltung würde dessen privates Inte-
resse an einer Einreise während der Dauer der Fernhaltemassnahme über-
wiegen. Den vom Beschwerdeführer im Rahmen des rechtlichen Gehörs
geltend gemachten familiären Gründen werde dadurch Rechnung getra-
gen, dass das SEM zu gegebener Zeit ein begründetes Gesuch um vo-
rübergehende Suspension der angeordneten Fernhaltemassnahme prüfen
werde (Art. 67 Abs. 5 AuG).
F.
Mit Beschwerde vom 10. Juli 2017 beantragte der Beschwerdeführer die
vollumfängliche Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung; eventualiter
sei die angefochtene Verfügung teilweise aufzuheben und das Einreisever-
bot auf maximal zwei Jahre zu befristen; subeventualiter sei die Sache zur
Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht er-
suchte er um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege samt amtlicher
Verbeiständung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Prozesskosten-
vorschusses. Zudem sei die aufschiebende Wirkung bezüglich der ange-
fochtenen Verfügung wieder herzustellen.
F-3863/2017
Seite 5
G.
Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 12. Septem-
ber 2017 wurden die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege samt Rechtsverbeiständung sowie um Wiederherstellung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde abgewiesen.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 16. Oktober 2017 hielt das SEM an seinen
Anträgen und deren Begründung fest.
I.
Mit Eingabe vom 29. November 2017 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen und deren Begründung fest.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Von der Vorinstanz erlassene Einreiseverbote sind mit Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (vgl. Art. 31 ff. VGG i.V.m.
Art. 5 VwVG). Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG so-
weit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde le-
gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist daher einzutreten (vgl. Art. 50 und 52 VwVG).
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache
endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts sowie – falls nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begrün-
dung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
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Seite 6
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
3.1 Das SEM kann Einreiseverbote gegenüber Ausländerinnen und Aus-
ländern verfügen, die gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der
Schweiz oder im Ausland verstossen haben oder diese gefährden (Art. 67
Abs. 2 Bst. a AuG). Das Einreiseverbot wird für eine Dauer von höchstens
fünf Jahren verhängt (Art. 67 Abs. 3 erster Satz AuG). Die Anordnung eines
Einreiseverbots von mehr als fünf Jahren ist zulässig, wenn von der aus-
ländischen Person eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicher-
heit und Ordnung ausgeht (Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AuG). Das Bundes-
verwaltungsgericht hat in einem Grundsatzurteil vom 26. August 2014
(BVGE 2014/20) entschieden, dass Einreiseverbote, die auf der Grundlage
von Art. 67 Abs. 1 oder 2 AuG ergehen, zwingend auf eine bestimmte
Dauer zu befristen sind. Die Verbotsdauer kann dabei bis maximal 15
Jahre, im Wiederholungsfall 20 Jahre betragen. Aus humanitären oder an-
deren wichtigen Gründen kann die zuständige Behörde ausnahmsweise
von der Verhängung eines Einreiseverbots absehen oder ein Einreisever-
bot endgültig oder vorübergehend aufheben (Art. 67 Abs. 5 AuG).
3.2 Das Einreiseverbot dient der Abwendung künftiger Störungen der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung (siehe Botschaft zum Bundesgesetz
über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002 [nachfolgend:
Botschaft] BBl 2002 3709, S. 3813). Soweit Art. 67 Abs. 2 Bst. a AuG mit
dem Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar an
vergangenes Verhalten des Betroffenen anknüpft, steht die Gefahrenab-
wehr durch Generalprävention im Sinne der Einwirkung auf das Verhalten
anderer Rechtsgenossen im Vordergrund (zur Generalprävention im Aus-
länderrecht vgl. etwa Urteil des BGer 2C_282/2012 vom 31. Juli 2012
E. 2.5 m.H.). Die Spezialprävention im Sinne der Einwirkung auf das Ver-
halten des Betroffenen selbst kommt zum Tragen, soweit Art. 67 Abs. 2
Bst. a AuG als alternativen Fernhaltegrund die Gefährdung der öffentlichen
Sicherheit und Ordnung durch den Betroffenen selbst nennt. Ob eine sol-
che Gefährdung vorliegt, ist gestützt auf die gesamten Umstände des Ein-
zelfalles im Sinne einer Prognose zu beurteilen, die sich in erster Linie auf
das vergangene Verhalten des Betroffenen abstützen muss.
3.3 Die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 2
Bst. a AuG bildet den Oberbegriff für die Gesamtheit der polizeilichen
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Seite 7
Schutzgüter. Sie umfasst unter anderem die Unverletzlichkeit der objekti-
ven Rechtsordnung und der Rechtsgüter Einzelner (vgl. Botschaft, a.a.O.,
S. 3813). Ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung liegt
unter anderem dann vor, wenn gesetzliche Vorschriften oder behördliche
Verfügungen missachtet werden (Art. 80 Abs. 1 Bst. a der Verordnung vom
24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE;
SR 142.201]. Der Schluss auf eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung setzt dagegen konkrete Anhaltspunkte dafür voraus, dass der
Aufenthalt der betroffenen Person in der Schweiz mit erheblicher Wahr-
scheinlichkeit zu einem Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung führen wird (Art. 80 Abs. 2 VZAE).
3.4 Eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AuG setzt mehr voraus als
eine einfache Gefährdung nach Art. 67 Abs. 2 Bst. a zweiter Halbsatz AuG.
Verlangt wird eine qualifizierte Gefährdungslage, über deren Vorliegen
nach Massgabe aller Umstände des Einzelfalles zu befinden ist. Eine sol-
che Gefährdungslage darf nicht leichthin angenommen werden. Nach der
Rechtsprechung kann sie sich beispielsweise aus der Hochwertigkeit des
deliktisch bedrohten Rechtsguts ergeben (z.B. Leib und Leben, körperliche
und sexuelle Integrität, Gesundheit), aber auch aus der Zugehörigkeit des
drohenden Delikts zur besonders schweren Kriminalität mit grenzüber-
schreitender Dimension (z.B. Terrorismus, Menschen- und Drogenhandel,
organisierte Kriminalität), aus der wiederholten Delinquenz und ihrer zu-
nehmenden Schwere oder aus der Abwesenheit einer günstigen Prognose
(vgl. BGE 139 II 121 E. 6.3; Urteil des BGer 2C_270/2015 vom 6. August
2015 E. 4.2; BVGE 2013/4 E. 7.2.4; Urteil des BVGer F-4314/2015 vom
17. Oktober 2017 E. 4.4 m.H.).
4.
Aus den Akten geht hervor, dass der Beschwerdeführer bereits im Alter von
16 Jahren erstmals in der Schweiz straffällig wurde (vgl.[...]: Festnahme
am 20. November 1984 wegen eines Raubüberfalles; in den kantonalen
Akten [nicht paginiert]). In der Folge delinquierte er in mehr oder weniger
regelmässigen Abständen weiter. Am 27. April 1994 erwirkte er eine Verur-
teilung wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung (vgl. Sachverhalt
Bst. B.b). Der Urteilsbegründung ist zu entnehmen, dass das Tatverschul-
den „insgesamt sehr schwer“ wiege, da sich der Beschwerdeführer jeweils
aus nichtigen Anlässen zu aussergewöhnlich rohen und vollkommen unnö-
tigen Übergriffen auf die körperliche Integrität von Drittpersonen habe hin-
reissen lassen. Insgesamt bestehe der Eindruck, dass es sich bei ihm um
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einen „gefährlichen, skrupellosen und unkontrollierten Schlägertypen“
handle; auch zeuge sein vor Gericht an den Tag gelegtes Verhalten von
Unbelehrbarkeit und Uneinsichtigkeit (vgl. Bst. C Ziff. 1 des erwähnten Ur-
teils). In den Folgejahren kam es zu weiteren Verurteilungen des Be-
schwerdeführers (vgl. Sachverhalt Bst. B.b). In Anbetracht dieser Delikts-
serie mit Straftaten, die sich gegen hochwertige Rechtsgüter gerichtet ha-
ben, kann kein Zweifel daran bestehen, dass von ihm eine schwerwie-
gende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art.
67 Abs. 3 AuG ausgeht. Diese Gefahrenprognose ergibt sich auch aus dem
Urteil des Strafgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 25. November 2013,
zumal das Gericht das Verschulden des Beschwerdeführers als „alles an-
dere als leicht“ qualifiziert und darauf hinweist, dass dieser “in führender
Rolle die gewalttätigen Ausschreitungen losgetreten“ habe. Ein Geständnis
oder die Einsicht in das Unrecht seiner Tat könne ihm nicht zugutegehalten
werden, da er auch vor Gericht „einen ausgesprochen schlechten Ein-
druck“ hinterlassen habe (vgl. Ziff. IV Strafzumessung, A._). Auf-
grund dieser Verurteilung wurde mit Verfügung vom 31. Juli 2014 die Nie-
derlassungsbewilligung des Beschwerdeführers widerrufen und seine
Wegweisung aus der Schweiz verfügt. In seinem Urteil vom 10. März 2015
bestätigte das Appellationsgericht des Kantons Basel-Stadt das Urteil vom
25. November 2013 und hielt fest, dass das Tatverschulden des Beschwer-
deführers „objektiv und subjektiv erheblich“ wiege (vgl. E. 6.5.1 des er-
wähnten Urteils).
Daran ändert nichts, dass der Beschwerdeführer vorwiegend zu bedingten
Freiheitsstrafen verurteilt wurde. Dazu ist zunächst festzuhalten, dass er
vom Bezirksgericht Sargans am 28. Februar 1990 wegen der im Jahr 1989
begangenen Widerhandlung gegen das damalige ANAG zu zwei Wochen
Gefängnis unbedingt verurteilt wurde (in den kantonalen Akten [nicht pagi-
niert]). Des Weiteren wurde mit Entscheid des Strafgerichts des Kantons
Basel-Landschaft vom 12. Mai 2004 das Urteil der Strafgerichtspräsidentin
Basel-Stadt vom 24. Juli 1998 (drei Monate Gefängnis) als vollstreckbar
erklärt (vgl. Sachverhalt Bst. B.b vorstehend). Davon abgesehen liegt nach
der Rechtsprechung des Bundesgerichts eine „längerfristige Freiheits-
strafe“ dann vor, wenn die Ausländerin oder der Ausländer zu einer Frei-
heitsstrafe von mehr als einem Jahr verurteilt wurde (BGE 135 II 377
E. 4.2), unabhängig davon, ob die Strafe bedingt, teilbedingt oder unbe-
dingt zu vollziehen ist (Urteil des BGer 2C_515/2009 E. 2.1).
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Seite 9
Als Zwischenergebnis ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer den
qualifizierten Fernhaltegrund der schwerwiegenden Gefährdung der öffent-
lichen Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz
AuG erfüllt und die Vorinstanz gegen ihn ein Einreiseverbot für die Dauer
von deutlich mehr als fünf Jahren aussprechen durfte.
5.
5.1 Den Entscheid darüber, ob ein Einreiseverbot anzuordnen und wie es
zeitlich auszugestalten ist, legt Art. 67 Abs. 2 AuG in das pflichtgemässe
Ermessen der Behörde. Zentrale Bedeutung kommt dabei dem Grundsatz
der Verhältnismässigkeit zu, der eine wertende Abwägung zwischen den
berührten öffentlichen und privaten Interessen verlangt. Ausgangspunkt
der Überlegungen bilden die Stellung der verletzten oder gefährdeten
Rechtsgüter, die Besonderheiten des ordnungswidrigen Verhaltens und die
persönlichen Verhältnisse der betroffenen ausländischen Person (Art. 96
AuG; ferner statt vieler HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwal-
tungsrecht, 7. Aufl. 2016, Rz. 555 ff.).
5.2 Vom Beschwerdeführer geht, wie weiter oben ausgeführt, eine schwer-
wiegende Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in einem
besonders sensitiven Bereich aus. Dementsprechend gross ist das öffent-
liche Interesse an einer langfristigen Fernhaltung (vgl. BVGE 2013/4 E. 5.2
und 7.2). Das Hauptaugenmerk liegt in ihrer spezialpräventiven Zielset-
zung. Das Einreiseverbot soll weiteren Straftaten des Beschwerdeführers
entgegenwirken und ihn überdies dazu anhalten, bei einer allfälligen Wie-
dereinreise in die Schweiz zu Besuchszwecken nach Ablauf der Dauer des
Einreiseverbots keine weiteren Verstösse gegen die öffentliche Sicherheit
und Ordnung zu begehen. Als gewichtig zu erachten ist auch das general-
präventiv motivierte Interesse, die öffentliche Sicherheit und Ordnung
durch eine konsequente Massnahmenpraxis zu schützen (vgl. BVGE
2014/20 E. 8.2 m.H.).
5.3 Den vorstehenden öffentlichen Interessen stellt der Beschwerdeführer
sein privates Interesse gegenüber. Er sei mit der Schweiz stark verbunden,
da er „sein gesamtes bewusstes Leben“ hierzulande verbracht habe und
seine Lebenspartnerin sowie seine Geschwister in der Schweiz ansässig
seien.
5.4 Dem Beschwerdeführer ist vorweg zu entgegnen, dass Einschränkun-
gen in seinem Privat- und Familienleben aufgrund sachlicher und funktio-
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Seite 10
neller Unzuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts nicht Verfahrens-
gegenstand sein können, soweit sie auf das Fehlen eines dauerhaften Auf-
enthaltsrechts in der Schweiz zurückzuführen sind. Der Beschwerdeführer
musste die Schweiz nach dem letztinstanzlich durch das Bundesgericht
bestätigten Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung (Urteil
2C_986/2016) verlassen. Die Wohnsitznahme in der Schweiz wie auch die
Pflege regelmässiger persönlicher Kontakte zu seiner in der Schweiz le-
benden Partnerin bzw. zu seinen Geschwistern scheitert daher grundsätz-
lich bereits an einem fehlenden Aufenthaltsrecht. Eine allfällige neue Be-
willigung im Rahmen des Familiennachzugs ist nicht Gegenstand dieses
Verfahrens. Hierfür wäre der Kanton zuständig, wobei das Einreiseverbot
im Falle einer Bewilligungserteilung aufzuheben wäre (vgl. Urteil des
BVGer C-4941/2008 vom 23. November 2009 E. 7.3 m.H.).
Es kann sich vorliegend nur die Frage stellen, ob der über den Verlust des
Aufenthaltsrechts hinausgehende, durch das Einreiseverbot zusätzlich be-
wirkte Eingriff in die Interessen des Beschwerdeführers einer rechtlichen
Prüfung standhält. Diese Erschwernis besteht nicht in einem absoluten
Verbot der Einreise während der Geltungsdauer der Massnahme. Die Er-
schwernis äussert sich vielmehr darin, dass der Beschwerdeführer von den
ordentlichen, für türkische Staatsangehörige geltenden Einreisebestim-
mungen ausgenommen und einem besonderen, mit dem Einreiseverbot
einhergehenden Kontrollregime unterworfen wird. Das heisst, dass er für
bewilligungsfreie Kurzaufenthalte in der Schweiz nicht nur eines Visums
bedarf, wie es türkische Staatsangehörige im Allgemeinen benötigen, son-
dern er muss darüber hinaus gestützt auf Art. 67 Abs. 5 AuG von der zu-
ständigen Schweizer Behörde eine Suspension des Einreiseverbots einho-
len. Eine solche Suspension kann im Sinne einer Ausnahme auf Gesuch
hin für kurze, klar begrenzte Zeit gewährt werden, wenn wichtige Gründe
vorliegen. In diesem – wenn auch stark eingeschränkten – Rahmen hat der
Beschwerdeführer weiterhin die Möglichkeit, Beziehungen zu Personen in
der Schweiz auf schweizerischem Hoheitsgebiet zu pflegen. Kontakte aus-
serhalb des Schengen-Raums bzw. auf andere Weise als durch persönli-
che Treffen sind von der Massnahme nicht beeinträchtigt (vgl. zum Ganzen
BVGE 2014/20 E. 8.3.4 m.H.).
5.5 Zu den privaten Interessen ist zu bemerken, dass der Beschwerdefüh-
rer rund 38 Jahre in der Schweiz lebte und er somit den grössten Teil seines
Lebens hierzulande verbracht hat. Gleichwohl muss angesichts der Miss-
achtung der hiesigen Rechtsordnung, die er über einen Zeitraum von rund
20 Jahren an den Tag legte, von einer erfolglosen Integration ausgegangen
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Seite 11
werden (vgl. dazu etwa Art. 4 Bst. a der Verordnung vom 24. Oktober 2007
über die Integration von Ausländerinnen und Ausländern [VIntA, SR
142.205]). Daran vermag auch der Umstand, dass er seit 14 Jahren in einer
stabilen eheähnlichen Gemeinschaft mit seiner Lebenspartnerin lebt und
sein gesamtes persönliches Umfeld in der Schweiz aufgebaut hat, zu kei-
ner anderen Betrachtungsweise zu führen, zumal ihn diese Beziehungen
nicht von seiner Delinquenz abzuhalten vermochten und er sogar einige
seiner Delikte im Beisein von Familienmitgliedern (Neffen) verübt hat. Viel-
mehr hat er es aufgrund seiner Delinquenz darauf ankommen lassen, aus
der Schweiz weggewiesen und von seiner Partnerin bzw. seinen Angehö-
rigen getrennt zu werden.
5.6 Trotz der vorstehenden Einschränkungen und Relativierungen ist nicht
zu verkennen, dass das mit dem Einreiseverbot verbundene besondere
Kontrollregime den Beschwerdeführer erheblich trifft. Diese Betroffenheit
vermag jedoch das öffentliche Interesse an einer längerfristigen Fernhal-
tung des Beschwerdeführers nicht entscheidend zurückzudrängen. Eine
wertende Gewichtung der sich gegenüberstehenden Interessen führt das
Bundesverwaltungsgericht vielmehr zum Ergebnis, dass das von der Vor-
instanz verhängte Einreiseverbot auf einem gerechten Ausgleich der sich
widerstreitenden Interessen beruht und eine verhältnismässige und ange-
messene Massnahme zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung
darstellt. Insbesondere ist das Bundesverwaltungsgericht der Überzeu-
gung, dass die mit dem Einreiseverbot von 10 Jahren Dauer einherge-
hende Erschwerung der familiären und privaten Kontakte zur Schweiz, so-
weit sie überhaupt unter den Schutz von Art. 8 Ziff. 1 EMRK bzw. Art. 13
Abs. 1 BV fallen, im Sinne von Art. 8 Ziff. 2 EMRK bzw. Art. 36 BV gerecht-
fertigt ist.
6.
Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung ferner die Ausschrei-
bung des Einreiseverbots im SIS II angeordnet. Der Beschwerdeführer ist
nicht Bürger eines Mitgliedstaates der Europäischen Union oder der EFTA.
Aufgrund der Ausschreibung im SIS II ist es ihm untersagt, den Schengen-
Raum zu betreten. Der darin liegende Eingriff wird durch die Bedeutung
des Falles gerechtfertigt (vgl. Art. 21 und Art. 24 der Verordnung [EG]
Nr. 1987/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. De-
zember 2006 über die Einrichtung, den Betrieb und die Nutzung des
Schengener Informationssystems [SIS-II-Verordnung], Abl. L 381 vom
28. Dezember 2006, S. 4–239]). Zum einen ist aufgrund des Verhaltens
des Betroffenen – wie oben ausgeführt – von einer nicht unbeachtlichen
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Seite 12
Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung auszugehen, zum an-
deren hat die Schweiz die Interessen der Gesamtheit aller Schengen-Staa-
ten zu wahren (vgl. BVGE 2011/48 E. 6.1). Es bleibt diesen jedoch unbe-
nommen, der ausgeschriebenen Person bei Vorliegen besonderer Gründe
die Einreise ins eigene Hoheitsgebiet zu gestatten bzw. ein Visum mit
räumlich beschränkter Gültigkeit zu erteilen (Art. 13 Abs. 1 der Verordnung
[EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft [Visakodex], Abl. L
243/1 vom 15. September 2009 i.V.m. Art. 6 Abs. 5 SGK; Art. 25 Abs. 1
Bst. a Ziff. ii Visakodex).
7.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass das auf 10 Jahre be-
fristete Einreiseverbot sowie die Ausschreibung im SIS II im Lichte von
Art. 49 VwVG kein Bundesrecht verletzt. Die Beschwerde ist demzufolge
abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Verfahrenskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über Kosten und Entschädigungen vor dem
Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13