Decision ID: 203753e1-2b50-58ef-9768-8aa6459cce08
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin (geb. 1970) ist Schweizer Bürgerin und lebt seit
1998 in den USA. Am 5. Dezember 2017 ersuchte sie um Gewährung von
Sozialhilfe in Form von wiederkehrenden Leistungen. Im April 2018 bzw.
November 2018 ergänzten sie bzw. ihre Mutter die Begründung des Ge-
suchs und reichten weitere Unterlagen ein. Daraus ging hervor, dass die
Beschwerdeführerin eine volle IV-Rente bezieht und von ihrer Mutter un-
terstützt wird (Krankenkassenprämie; AHV-Beitrag). Da sie dank eines
Erbvorbezugs Wohneigentum erwerben konnte, lebt sie verhältnismässig
günstig. Sie erklärte, sie sei wegen ihres Gesundheitszustands ausgewan-
dert. Eine Rückkehr in die Schweiz komme für sie deshalb nicht in Frage.
Abgesehen von ihrer Familie lebten alle ihre Sozialkontakte, darunter ihr
Partner, in den USA. Seit 2007 halte sie sich ohne gültige Bewilligung in
den USA auf.
B.
Mit Verfügung vom 30. August 2018 wies die Vorinstanz das Gesuch mit
der Begründung ab, die Beschwerdeführerin erfülle die Voraussetzungen
für die Ausrichtung von Sozialhilfeleistungen im Ausland nicht. Zwar lebe
sie seit mehr als 5 Jahren in den USA, seit 2007 jedoch illegal. Sie habe in
den USA nie gearbeitet, sondern ihren Lebensunterhalt mittels IV-Rente
und Unterstützung durch ihre Eltern bestritten. Sie lebe zwar seit 5 Jahren
in einer Partnerschaft, aufgrund der getrennten Wohnsitze könne jedoch
nicht von einem gefestigten Konkubinat ausgegangen werden. Aufgrund
ihrer gesundheitlichen Probleme lebe sie eher isoliert, verlasse ihre Woh-
nung nur selten, so dass keine vertiefte Integration in die amerikanische
Gesellschaft bestehe. Aufgrund der gesamten Umstände sei ein Verbleib
in den USA nicht gerechtfertigt. Sollte sie sich für eine Rückkehr in die
Schweiz entscheiden, könnte ein Gesuch um Übernahme der Reisekosten
geprüft werden.
C.
Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom
19. Oktober 2018 (Eingang bei der Schweizer Vertretung am 25. Oktober
2018) beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragte sinn-
gemäss die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Ausrichtung
der Unterstützungsleistungen. Hierzu machte sich geltend, ihre Zurückhal-
tung im sozialen Bereich sei auf ihre prekäre finanzielle Lage zurückzufüh-
ren. Diese sei auch der Grund dafür, dass sie und ihr Partner bisher nicht
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geheiratet hätten und nicht zusammengezogen seien. Sie lebe seit rund
20 Jahren in den USA und fühle sich dort zuhause. Sie sei damals wegen
ihrer Krankheit ausgewandert, es habe keinen anderen Ausweg gegeben.
Deshalb würde sie niemals freiwillig in die Schweiz zurückkehren. Sie lebe
seit 5 Jahren in einer stabilen Partnerschaft und pflege auch zu seiner Fa-
milie und zu seinen Freunden Kontakt. Zudem verbinde sie seit 17 Jahren
eine tiefe Freundschaft mit einem amerikanischen Ehepaar, das ihr die Fa-
milie ersetze und mit ihrer von ihrer Krankheit geprägten Lebenssituation
vertraut sei und sie unterstütze.
D.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 20. Dezember 2018
auf Abweisung der Beschwerde. Sie führte im Wesentlichen aus, dass die
Frage des Aufenthaltsstatus ein zentrales Kriterium bei der Beurteilung ei-
nes Gesuchs um Sozialhilfeleistungen im Empfangsstaat darstellte. Pra-
xisgemäss werde ein illegaler Aufenthalt nicht mit Sozialhilfeleistungen un-
terstützt. Die Beschwerdeführerin halte sich zwar bereits seit 1998 in den
USA auf. Sie habe sich jedoch erst 2005 bei der Schweizer Vertretung im-
matrikuliert und seit 2007 halte sie sich ohne Bewilligung in den USA auf.
Eine Legalisierung des Aufenthalts sei erfahrungsgemäss kaum innert
nützlicher Frist zu erreichen. Auch unter Berücksichtigung der übrigen Um-
stände (soziale Beziehungen; Krankheit und deren Auswirkungen) sei eine
Unterstützung im Empfangsstaat nicht gerechtfertigt.
E.
In ihrer Replik vom 6. Februar 2019 hielt die Beschwerdeführerin an ihren
Anträgen und deren Begründung fest. Sie betonte den zentralen Stellen-
wert, den ihre gesundheitliche Situation bei der Beurteilung einnehmen
sollte, und reichte zwei Arztberichte (von 2009 und 2010) zu den Akten.
F.
Die Vorinstanz wies in ihrer Duplik vom 15. März 2019 ergänzend auf Ab-
klärungen durch einen amerikanischen Vertrauensanwalt zur Möglichkeit
der Legalisierung des Aufenthalts der Beschwerdeführerin in den USA hin.
G.
Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine weitere Stellungnahme.
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H.
Mit Schreiben vom 10. Dezember 2019 erkundigte sich die Mutter der Be-
schwerdeführerin nach dem Verfahrensstand und dem Urteilszeitpunkt.
Die Antwort erfolgte am 12. Dezember 2019.
I.
Am 21. Juli 2020 brachte die Mutter der Beschwerdeführerin dem Gericht
Korrespondenz zwischen der Beschwerdeführerin und der Zentralen Aus-
gleichsstelle ZAS, Invalidenversicherungs-Stelle für Versicherte im Aus-
land IVSTA, zur Kenntnis.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen der Konsularischen Direktion (KD) betreffend Sozialhilfe-
leistungen an Schweizer Staatsangehörige im Ausland nach Art. 33 Abs. 1
des Auslandschweizergesetzes vom 26. September 2014 (ASG,
SR 195.1) unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht
(Art. 62 ASG i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Gemäss Art. 37 VGG richtet sich das Verfahren vor dem Bundesver-
waltungsgericht nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz, soweit das VGG
nichts anderes bestimmt.
1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin, die ein schutz-
würdiges Interesse an der Änderung oder Aufhebung der angefochtenen
Verfügung hat, zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und
52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Bei wiederkehrenden
Leistungen ist auf dem Gebiet der Sozialhilfe an Schweizer Staatsangehö-
rige im Ausland – analog zum Sozialversicherungsrecht – grundsätzlich auf
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die tatsächlichen Verhältnisse abzustellen, wie sie sich im Zeitpunkt der
angefochtenen Verfügung dargestellt haben (vgl. Urteile des BVGer
F-2333/2018 vom 4. Mai 2020 E. 3; C-4103/2013 vom 30. April 2015 E. 2
m.H).
3.
3.1 Gemäss Art. 22 ASG gewährt der Bund im Rahmen dieses Gesetzes
Auslandschweizerinnen und -schweizern, die bedürftig sind, Sozialhilfe.
Auslandschweizerinnen und -schweizer im Sinne dieses Gesetzes sind
nach Art. 3 Bst. a ASG Schweizerinnen und Schweizer, die in der Schweiz
keinen Wohnsitz haben und im Auslandschweizerregister eingetragen
sind. Gemäss Art. 24 ASG wird Auslandschweizerinnen und -schweizern
nur dann Sozialhilfe gewährt, wenn sie ihren Lebensunterhalt nicht hinrei-
chend aus eigenen Kräften und Mitteln, aus Beiträgen von privater Seite
oder aus Hilfeleistungen des Empfangsstaates bestreiten können.
3.2
3.2.1 Art und Umfang der Sozialhilfe richten sich nach den besonderen
Verhältnissen des Empfangsstaates, unter Berücksichtigung der notwendi-
gen Lebensbedürfnisse einer oder eines sich dort aufhaltenden Schweizer
Staatsangehörigen (Art. 27 Abs. 1 ASG). Je nach Situation kann die Sozi-
alhilfe in Form von wiederkehrenden oder einmaligen Leistungen gewährt
werden (vgl. Art. 18 Abs. 1 der Auslandschweizerverordnung vom 7. Okto-
ber 2015 [V-ASG, SR 195.11]). Gemäss Art. 19 Abs. 1 V-ASG hat eine Per-
son Anspruch auf wiederkehrende Leistungen, wenn ihre anrechenbaren
Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Bst. a), ihr liquidier-
bares Vermögen bis auf den Vermögensfreibetrag verwertet worden ist
(Bst. b) und ihr Verbleib im Empfangsstaat aufgrund der gesamten Um-
stände gerechtfertigt ist (Bst. c), was namentlich dann der Fall ist, wenn
sich die betreffende Person schon seit mehreren Jahren im Empfangsstaat
aufhält (Ziff. 1), wenn sie mit grosser Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit
im Empfangsstaat wirtschaftlich selbständig wird (Ziff. 2) oder wenn sie
nachweist, dass ihr wegen enger familiärer Bande oder anderer Beziehun-
gen die Rückkehr in die Schweiz nicht zugemutet werden kann (Ziff. 3).
Aus dem Wortlaut ergibt sich, dass die in Art. 19 Abs. 1 Bst. a - c V-ASG
genannten Kriterien kumulativ erfüllt sein müssen.
3.2.2 Die in Art. 19 Abs. 1 Bst. c V-ASG genannten Konstellationen (nicht
abschliessende Aufzählung) werden durch Ziff. 1.3.4 der Weisung der KD
zur Sozialhilfe für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, gültig ab
1. Januar 2020, konkretisiert (online abrufbar unter www.eda.admin.ch >
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Leben im Ausland > Dienstleistungen für Schweizer Staatsangehörige im
Ausland > Sozialhilfe für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer
[SAS] > Rechtliche Grundlagen > Sozialhilfe für Auslandschweizerinnen
und Ausländer, Weisung). Die Weisung unterscheidet zwischen Situatio-
nen, die eher für eine Leistung vor Ort im Ausland sprechen, und solchen,
die eher die Heimkehr in die Schweiz nahelegen. Unter Letzteren figuriert
die Konstellation, dass die gesuchstellende Person nicht über eine ordent-
liche Aufenthaltsbewilligung verfügt und eine solche nicht innert nützlicher
Frist beschafft werden kann. Dementsprechend wird gemäss ständiger
Praxis ein illegaler Aufenthalt im Empfangsstaat nicht mittels Sozialhilfe-
leistungen unterstützt (vgl. Urteile des BVGer F-6119/2019 vom 7. Juli
2020 E. 4.2; F-3829/2017 vom 29. April 2019 E. 4.6; F-5822/2017 vom
23. April 2018 E. 4.4). Diese Rechtsprechung ist dahingehend zu verste-
hen, dass bei andauerndem illegalen Aufenthalt und fehlender Aussicht,
den Aufenthalt zu legalisieren, das Kriterium nach Art. 19 Abs. 1 Bst. c
V-ASG, wonach der Verbleib im Empfangsstaat aufgrund der gesamten
Umstände gerechtfertigt sein muss, in der Regel nicht erfüllt ist.
4.
4.1 Der langjährige Aufenthalt der Beschwerdeführerin in den Vereinigten
Staaten ist aktenkundig. Ihren Angaben zufolge hält sie sich seit November
1998 ununterbrochen in den USA auf (Akten KD 4). Der Eintrag ins Aus-
landschweizerregister erfolgte am 24. Oktober 2005 (vgl. angefochtene
Verfügung E. 3). Gegenüber dem Schweizerischen Generalkonsulat in
New York erklärte sie am 10. August 2018, sie lebe seit 2007 illegal in den
USA (Akten KD 3).
4.2 Bei der Beurteilung der vorliegenden Angelegenheit spielt die Frage
des Aufenthaltsstatus eine zentrale Rolle (vgl. E. 3.2.2 hiervor). Dies hat
auch die Vorinstanz hervorgehoben (Akt. 5 und Akt. 10 BVGer). Gemäss
der Auskunft eines Vertrauensanwalts der Schweizerischen Vertretung in
New York vom 13. März 2019 könnte die Beschwerdeführerin ihren Aufent-
halt in den Vereinigten Staaten nur legalisieren, indem sie ihren Partner,
der amerikanischer Staatsbürger ist, heiraten und dieser danach eine
«green card» für sie beantragen würde. Dieses Verfahren könne bis zu
18 Monate in Anspruch nehmen (vgl. Beilage zu Akt. 10 BVGer). Offenbar
haben die Beschwerdeführerin und ihr Partner zwar über Heirat gespro-
chen, dies aber aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt (vgl. Beschwer-
deschrift S. 2). Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass
die Beschwerdeführerin ihren Aufenthalt innert nützlicher Frist legalisieren
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kann. Hieraus ergibt sich, dass der Verbleib im Empfangsstaat nicht ge-
rechtfertigt ist (vgl. E. 3.2 hiervor).
4.3 An diesem Ergebnis vermögen die übrigen Umstände, welche die Be-
schwerdeführerin vorbringt, nichts zu ändern. Das Gericht verkennt zwar
nicht die Schwierigkeiten, die sich für die Beschwerdeführerin aus ihrer ge-
sundheitlichen und – als Folge davon – finanziellen Situation ergeben. Eine
finanzielle Unterstützung könnte in dieser Situation höchstens in Frage
kommen, wenn es um die Überbrückung eines kurzen Zeitraums während
des Verfahrens zur Legalisierung des Aufenthalts ginge. Wie in E. 4.2 fest-
gehalten, ist jedoch nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
innert nützlicher Frist eine ordentliche Aufenthaltsbewilligung erhalten wird.
5.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz das Gesuch der Be-
schwerdeführerin um Ausrichtung einer wiederkehrenden Leistung zu
Recht abgewiesen hat. Die angefochtene Verfügung ist rechtmässig im
Sinn von Art. 49 VwVG. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten grund-
sätzlich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Angesichts der besonderen
Umstände rechtfertigt es sich jedoch, auf die Erhebung von Verfahrenskos-
ten zu verzichten (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 6 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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