Decision ID: 50023772-46c8-42e1-8f5d-b3e77707a50e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 23. März 2022 zusammen mit seinem
minderjährigen Bruder B._ (N [...]) in der Schweiz um Asyl nach.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank Eurodac
ergab, dass die beiden Brüder am (...). Februar 2022 in Italien illegal in das
Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist waren.
B.
Nach der Personalienaufnahme vom 31. März 2022 führte der Beschwer-
deführer im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 5. April 2022 aus, er habe
mit seinen (...) leiblichen Brüdern in Syrien gelebt. Er habe seinen Heimat-
staat vor etwa (...) Jahren auf dem (...)weg in Richtung C._ verlas-
sen. In der Folge habe sein anderer Bruder für B._ eine Vollmacht
ausstellen lassen, in der beurkundet sei, dass er – der Beschwerdeführer
– dessen Vormund sei. Sonst hätte B._ kein Flugticket erhalten.
B._ sei dann (...) Monate nach ihm alleine nach C._ gereist.
Vor etwa (...) Monaten seien sie auf dem Seeweg zusammen von
D._ nach Sizilien gelangt. Bei der Ankunft seien sie von den Behör-
den in Quarantäne gebracht worden. Dort seien ihnen die Fingerabdrücke
genommen worden und sie seien etwa einen Monat in Quarantäne gewe-
sen, da B._ (...) Mal an Covid-19 erkrankt sei. Danach seien sie in
ein Füchtlingscamp in der Nähe von Sizilien gebracht worden. Sie hätten
dort aber kein Asylgesuch stellen wollen und seien am nächsten Tag per
Bahn in die Schweiz weitergereist. Er habe schon seit seiner Ausreise aus
Syrien in die Schweiz kommen wollen, da sein (...) seit (...) Jahren hier
lebe. Seine Eltern seien im Krieg gestorben und das Haus sei zerstört wor-
den. B._ sei im Krieg verletzt worden, die Situation in Syrien sei
miserabel gewesen und sie hätten flüchten müssen. Der (...) habe sich
schon in Syrien um sie gekümmert. Dieser sei das Familienoberhaupt und
für sie zuständig und habe immer wieder nachgefragt, wie es ihnen gehe.
Er – der Beschwerdeführer – möchte gerne in der Schweiz leben, etwas
lernen und arbeiten. Die Schweiz sei von Anfang an sein Ziel gewesen. Er
habe noch (...) Halbbrüder und (...) Halbschwestern, die alle älter als er
seien. Diese würden in Syrien, im E._, in F._ und in
G._ leben; der andere Bruder lebe nun auch dort.
Zum medizinischen Sachverhalt gab der Beschwerdeführer an, er sei er-
schöpft. Seit dem Tod seiner Eltern gehe es ihm schlecht. Er habe eigent-
D-3676/2022
Seite 3
lich keine Krankheiten, er sei einfach psychisch erschöpft und müde, we-
gen dem, was er erlebt habe. Nach seiner Ankunft in der Schweiz habe er
mehrere Nächte nicht schlafen können. Er leide stark und seine Psyche sei
schwer erschöpft. Er habe sehr viel gelitten, bis die Reise arrangiert gewe-
sen sei. In C._ sei er auch noch ins Gefängnis gesteckt worden und
habe dort viel erlebt. Er sei noch nicht bei Medic-Help gewesen.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur möglichen Zuständigkeit Italiens
für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einem
Nichteintretensentscheid sowie zu einer Wegweisung nach Italien gab der
Beschwerdeführer an, sein Ziel sei die Schweiz gewesen. Er habe schon
immer in die Schweiz kommen wollen. Sein (...) und dessen Familie lebten
in der Schweiz und er möchte gerne mit ihnen und seinem Bruder
B._ zusammen sein. In Italien habe er niemanden. Er sei für seinen
minderjährigen Bruder verantwortlich und sein Vormund. Ihre Eltern seien
verstorben und B._ habe nur noch ihn. Er habe gehört, dass es in
Italien viele Probleme gebe.
C.
C.a Am 8. April 2022 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers und seines minderjährigen Bruders
gemäss Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO).
C.b Auf Aufforderung der italienischen Behörden vom 16. Mai 2022, für je-
den der beiden Brüder ein eigenes Ersuchen zu stellen, ersuchte das SEM
die italienischen Behörden am 17. Mai 2022 erneut um Übernahme des
Beschwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO und zeitgleich um
jene dessen Bruders B._. Die Anfrage blieb unbeantwortet.
D.
Mit Eingabe vom 7. Juni 2022 beantragte die Rechtsvertretung die detail-
lierte Abklärung beziehungsweise Erstellung des Sachverhalts bezüglich
des Kindeswohls, des Familienverhältnisses und der schützenswerten Fa-
milienbeziehung gemäss Art. 8 EMRK der beiden Brüder sowie die Zuwei-
sung des Beschwerdeführers an einen Psychologen zur Abklärung des
medizinischen Sachverhalts unter Hinzuziehung eines Dolmetschers.
D-3676/2022
Seite 4
E.
E.a Am 21. Juli 2022 teilte das SEM den italienischen Behörden mit, dass
es diese aufgrund der Verfristung seit dem 18. Juli 2022 als für die Prüfung
des Asylgesuchs zuständig erachte. Zudem ersuchte es sie darum, zu ga-
rantieren, dass der Familieneinheit und dem Kindeswohl nach einer Über-
stellung mittels geeigneter Massnahmen Rechnung getragen werde.
E.b Die italienischen Behörden stimmten dem Ersuchen des SEM mit
Schreiben vom 1. August 2022 zu und bestätigten mit einem als «nucleo
familiare» bezeichneten Schreiben, dass die beiden Brüder in altersge-
rechter Weise untergebracht würden und der Grundsatz der Einheit der
Familie beachtet werde.
F.
Mit Verfügung vom 16. August 2022 – eröffnet am 17. August 2022 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegwei-
sung nach Italien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Zudem wurde der Kanton H._ mit
dem Vollzug der Wegweisung beauftragt, die editionspflichtigen Akten aus-
gehändigt und festgehalten, eine allfällige Beschwerde habe keine auf-
schiebende Wirkung. Mit separater Verfügung vom selben Tag wurde über
das Asylgesuch des Bruders im gleichen Sinne entschieden.
G.
Mit Eingabe vom 24. August 2022 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 16. August 2022 sei
aufzuheben und das SEM anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten.
Eventualiter sei die Verfügung des SEM vom 16. August 2022 aufzuheben
und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
prozessualer Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen und im Sinne einer superprovisorischen Mass-
nahme seien die Vollzugsbehörden anzuweisen, von einer Überstellung
nach Italien abzusehen. Ferner wurde die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses beantragt.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren und die der Beschwerde als Be-
weismittel beigelegten Unterlagen wird – soweit für den Entscheid wesent-
lich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
D-3676/2022
Seite 5
Zeitgleich reichte sein Bruder B._ eine inhaltlich identische Be-
schwerde ein (vgl. Beschwerdeverfahren D-3678/2022).
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
25. August 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
Gleichentags setzte der Instruktionsrichter mit superprovisorischer Mass-
nahme den Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des
Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist
als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht koordiniert das vorliegende Verfahren
mit der gleichzeitig vom Bundesverwaltungsgericht beurteilten Be-
schwerde des Bruders des Beschwerdeführers (vgl. D-3678/2022). Die Ak-
ten beider Asylverfahren werden jeweils auch für das konnexe Verfahren
berücksichtigt. Zudem werden beide Fälle durch denselben Spruchkörper
beurteilt und gleichzeitig entschieden.
2.
Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurde verzichtet (Art. 111a
AsylG).
D-3676/2022
Seite 6
3.
3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines so-
genannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapitel III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation zum Zeit-
punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.3 Wenn ein Antragsteller, aus einem Drittstaat kommend, die Land-, See-
oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, ist dieser
Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet ge-
mäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den
D-3676/2022
Seite 7
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2020/45
E. 8.3).
4.4 Vorliegend ist unbestritten, dass die beiden Brüder am 19. Februar
2022 in Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist
sind. Nachdem die italienischen Behörden das vom SEM gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO gestellte Gesuch um Übernahme der beiden
Brüder innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbe-
antwortet liessen, anerkannten sie die Zuständigkeit Italiens implizit
(Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO; vgl. SEM-Akte [...]-35/1). Damit ist die Zu-
ständigkeit Italiens grundsätzlich erstellt. Dies wird in der Beschwerde nicht
bestritten. Der Vollständigkeit halber ist an dieser Stelle festzuhalten, dass
sich vorliegend die Zuständigkeit Italiens auf Art. 11 Bst. b Dublin-III-VO
stützt. Stellen mehrere Familienangehörige und/oder unverheiratete min-
derjährige Geschwister in demselben Mitgliedstaat gleichzeitig oder in so
grosser zeitlicher Nähe einen Antrag auf internationalen Schutz, dass die
Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates gemeinsam
durchgeführt werden können, und könnte die Anwendung der in der Dublin-
III-VO genannten Kriterien ihre Trennung zur Folge haben, so gilt für die
Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaatstaat Folgendes: Zuständig für
die Prüfung der Anträge auf internationalen Schutz sämtlicher Familienan-
gehöriger und/oder unverheirateter minderjähriger Geschwister ist der Mit-
gliedstaat, der nach den Kriterien für die Aufnahme des grössten Teils von
ihnen zuständig ist (Art. 11 Bst. a Dublin-III-VO); andernfalls ist für die Prü-
fung der Mitgliedstaat zuständig, der nach den Kriterien für die Prüfung des
von dem ältesten von ihnen gestellten Antrag zuständig ist (Art. 11 Bst. b
Dublin-III-VO). Den Mitgliedstaaten kommt bei der Anwendung des Art. 11
Dublin-III-VO kein Ermessen zu, da eine Familientrennung in der Regel
eine Verletzung von Art. 8 EMRK bedeuten würde (vgl. FILZWIE-
SER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K9 zu Art. 11). Vor diesem
Hintergrund geht die in der Beschwerde pauschal erhobene Behauptung,
der Beschwerdeführer habe das Anrecht, in der Schweiz bleiben zu dürfen,
fehl. Im Übrigen wies die Vorinstanz in ihrer Verfügung zutreffend darauf
hin, dass der geäusserte Wunsch nach einem weiteren Verbleib in der
Schweiz beziehungsweise die Aussage des Beschwerdeführers, sein Ziel-
land sei die Schweiz gewesen, keinen Einfluss auf die Zuständigkeit für
das Asyl- und Wegweisungsverfahren hat. Es ist grundsätzlich nicht Sache
der betroffenen Person, den für ihr Asylverfahren zuständigen Staat selber
zu wählen.
D-3676/2022
Seite 8
4.5 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.6 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
4.7 Die beiden Brüder machen in der Beschwerde im Wesentlichen das
Folgende geltend:
4.7.1 Es liege eine Ermessensunterschreitung vor und aus humanitären
Gründen sei ein Selbsteintritt der Schweiz nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO und Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 geboten. Die Rechtsvertreterin habe beim
SEM betreffend die beschwerdeführenden Brüder eine psychische Sach-
verhaltsabklärung beantragt. B._ benötige nach der operativen Ent-
fernung der (...) weitere medizinische Kontrollen. Da bis anhin noch keine
fachärztlichen Arztberichte vorlägen, habe die Vorinstanz den psychischen
Sachverhalt nicht ausreichend erstellt. Der Beschwerdeführer und vor al-
lem der minderjährige B._, welcher als sehr vulnerabel einzustufen
sei, könnte aufgrund einer möglichen Rückkehr nach Italien eine Retrau-
D-3676/2022
Seite 9
matisierung beziehungsweise Verschlechterung seines Gesundheitszu-
standes erleiden. Das SEM habe die Vulnerabilität der Brüder nicht ausrei-
chend geprüft, sonst hätte es feststellen müssen, dass B._ mit ge-
sundheitlichen Beschwerden ohnehin einer vulnerablen Personengruppe
angehöre. Dasselbe gelte aufgrund seiner posttraumatischen Belastungen
sowie psychischen Labilität, plötzlich Vormund seines jüngeren Bruders zu
sein, für den erst (...)-jährigen Beschwerdeführer. B._ besitze eine
Behindertenkarte und habe sich aufgrund seiner Kriegsverletzungen einer
Operation unterziehen müssen. Der Beschwerdeführer sei aufgrund des
Todes seiner Eltern im Krieg in Syrien und der plötzlichen Verantwortung
als Vormund seines minderjährigen Bruders traumatisiert und psychisch
labil. Beide benötigten familiären Halt und Unterstützung, den ihnen ihr in
I._ lebender (...) biete. Das SEM habe es unterlassen, weitere
Sachverhaltsabklärungen zur Vulnerabilität der Brüder zu prüfen. Insbe-
sondere seien die individuelle Situation und die Verhältnisse im zuständi-
gen Staat zu beachten, wobei auf das Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts F-2751/2019 vom 17. März 2020 hingewiesen wird. Das SEM unter-
schreite im Ergebnis seinen Ermessensspielraum, indem es die prekäre
Situation, in welche die Brüder bei einem Wegweisungsvollzug zurückver-
setzt würden, nicht hinreichend gewürdigt habe. Des Weiteren würde ihnen
im Falle einer Wegweisung nach Italien eine menschenunwürdige oder er-
niedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK drohen. Im Hinblick auf
den Verweis des SEM auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 und das zugrundeliegende Urteil des
Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) M.T. gegen die
Niederlande sei festzuhalten, dass sich der EGMR lediglich mit der gesetz-
lichen und theoretischen Lage für asylsuchende Familien in Italien befasst
habe. Der Gerichtshof habe keine Abklärungen im Hinblick auf die tatsäch-
liche Umsetzung getätigt. Die Dublin-III-VO sehe jedoch auch die Prüfung
der Sachlage im betreffenden Mitgliedstaat vor. Diese weiche im Falle von
Italien erheblich von den gesetzlichen Vorgaben ab. Auch die «Garantieer-
klärung» der italienischen Behörde erweise sich als ungenügend, um der
hohen Schutzwürdigkeit der Brüder Rechnung zu tragen. Es bestünden
konkrete Hinweise, dass deren nahtlose psychologisch-psychiatrische Ver-
sorgung im Falle einer Wegweisung nach Italien nicht gewährleistet wäre.
Diesbezüglich wird auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
E-1770/2021 vom 29. April 2021, Erwägung 10.4, verwiesen. Zudem sei
ein hinreichendes Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Brüdern und ih-
rem erwachsenen, in der Schweiz lebenden (...) offensichtlich. Die Vo-
rinstanz habe es unterlassen, dieses zu prüfen, vor allem im Falle von
D-3676/2022
Seite 10
B._. Zusammenfassend habe sie den rechtserheblichen Sachver-
halt nicht rechtsgenüglich erstellt.
4.7.2 Zudem hätte sich das SEM im Hinblick darauf, dass beide Brüder
aufgrund des Verlusts der Eltern an posttraumatischen Erlebnissen leiden
würden, B._ erhebliche Gesundheitsbeschwerden wie (...) habe
und ihre einzige erwachsene familiäre Unterstützung in der Schweiz lebe,
konkret und intensiv mit den Meinungen des Kindes auseinandersetzen
müssen und gewährleisten sollen, dass diese einen adäquaten Eingang
ins Verfahren finden. Die vorinstanzliche Verfügung stehe im Widerspruch
zu den Vorgaben der UNO-Kinderrechtskonvention vom 20. November
1989 (KRK; SR 0.107) und des Kindsrechtsausschusses. Das SEM habe
es versäumt, die Meinung des Kindes adäquat in den Entscheid miteinzu-
beziehen. Dazu komme, dass es das Beschleunigungsgebot im Dublin-
Verfahren verletzt habe. Dies habe zu einer Verschlechterung des psychi-
schen Zustandes der Brüder geführt, was bei vulnerablen Personen nicht
hätte passieren dürfen. Da das Kind weiterhin eine Behandlung (...) benö-
tige, stark traumatisiert sei und eine nahtlose psychiatrisch-psychologische
Anbindung sowie gesundheitliche Vorsorge benötige, käme eine Wegwei-
sung nach Italien einer Verletzung von Art. 3 EMRK gleich und würde somit
auch dem Kindeswohl entgegenstehen. Zudem würde eine Wegweisung
nach Italien die begonnene Stabilisierung des fragilen Umfelds der Brüder
wieder zunichtemachen.
4.7.3 Zusammenfassend legten diverse Gründe nahe, vom Selbsteintritts-
recht Gebrauch zu machen. Vor diesem Hintergrund hätte das SEM einge-
hend darlegen müssen, weshalb es einen Selbsteintritt aIs nicht gerecht-
fertigt betrachte. Dabei sei hervorzuheben, dass die Vorinstanz die trauma-
tischen Erlebnisse der Brüder nirgendwo adäquat gewürdigt habe. Es sei
somit in keiner Weise auf die konkreten Begebenheiten des Falles einge-
gangen. Insbesondere lägen verdichtete Hinweise vor, dass die medizini-
sche Versorgung beider Brüder in Italien nicht gewährleistest würde und
die Entwicklung und das Überleben des Kindes akut gefährdet wäre. Des-
halb hätte sich das SEM auch konkret mit der Möglichkeit eines Selbstein-
tritts aus humanitären Gründen auseinandersetzen müssen, wobei auf das
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-1214/2019 vom 1. April 2019, Er-
wägung 5.5, hingewiesen wird. Indem die Vorinstanz dies unterlassen
habe, habe sie ihr Ermessen fehlerhaft ausgeübt. Deshalb sei die Sache
im Sinne des Eventualantrags zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
D-3676/2022
Seite 11
4.7.4 Schliesslich sei für den Fall, dass das Gericht von der Zulässigkeit
der Wegweisung nach Italien und einem rechtsgenüglich erstellten Sach-
verhalt ausgehe, die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen und diese
aufzufordern, vorgängig die Garantie durch die italienischen Behörden ein-
zuholen, wonach diese eine adäquate und nahtlose Gesundheitsversor-
gung und psychotherapeutische medizinische Versorgung für beide Brüder
sowie eine nahtlose Unterbringung in den Strukturen für vulnerable Perso-
nen ohne vorgängige Unterbringung in einem Erstaufnahmezentrum si-
cherstellen würden.
5.
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungsgericht in stän-
diger Rechtsprechung davon ausgeht, dass das italienische Asylsystem
– trotz punktueller Schwachstellen – keine systemischen Mängel im Sinne
von Art. 2 zweiter Satz Dublin-III-VO aufweist (vgl. u.a. BVGer-Referenzur-
teile D-4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10.2 m.w.H., E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 E. 6.3 sowie F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9
m.H. auf die Rechtsprechung des EGMR). Folglich ist die Anwendung von
Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorinstanz den rechtserheblichen Sach-
verhalt im Hinblick auf die Vorbringen der Brüder nicht rechtsgenüglich ab-
geklärt hat und das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dub-
lin-III-VO hätte ausüben sollen.
6.1 Der EGMR setzte sich in seinem Urteil vom 23. März 2021 in Sachen
M.T. gegen die Niederlande, Nr. 46595/19 (vgl. oben E. 4.7.1), mit der
Rechtmässigkeit der Überstellung einer alleinstehenden Frau mit zwei min-
derjährigen Kindern im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien ausei-
nander, unter Berücksichtigung der neuen Gesetzeslage, insbesondere
des Gesetzesdekrets Nr. 130/2020. Er stellt fest, die neueste Reform des
italienischen Asylwesens habe zur Folge, dass Asylsuchende im Rahmen
der verfügbaren Plätze wieder Zugang zum Zweitaufnahmesystem SAI
(Sistema di accoglienza e integrazione) hätten. Im Referenzurteil
F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 kommt das Bundesverwaltungsgericht
zum Schluss, dass die von den italienischen Behörden abgegebenen Ga-
rantien in Bezug auf die Wahrung der Familieneinheit sowie eine familien-
gerechte Unterkunft hinreichend konkret und individualisiert sind, insbe-
sondere durch die Übermittlung des Formulars "nucleo familiare" sowie
aufgrund der italienischen Rundschreiben vom 8. Februar 2021 und
D-3676/2022
Seite 12
23. März 2021, welche den Zugang zu einer Zweitaufnahmestruktur des
Systems SAI für Familien bestätigen. Mit dem definitiven Inkrafttreten des
obgenannten Gesetzesdekrets wurde das SAI wieder für alle Asylsuchen-
den zugänglich gemacht, wobei Familien und vulnerable Personen bei der
Überstellung in eine SAI-Unterkunft Vorrang geniessen. Das Angebot der
Dienstleistungen für die Asylsuchenden wurde wieder ausgebaut und auch
auf die Bedürfnisse schutzbedürftiger Personen ausgerichtet. Des Weite-
ren ermöglicht das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 den Asylsuchenden wie-
der, sich im kommunalen Einwohnerregister registrieren zu lassen (Art. 3).
Mit der Registrierung erhalten sie einen Ausländerausweis, der ihnen Zu-
gang zu den regionalen Dienstleistungen, wie beispielswiese der medizini-
schen Versorgung, erleichtert.
6.2 In diesem Licht sind auch die von den italienischen Behörden im vor-
liegenden Fall abgegebenen Zusicherungen zu werten. Sie wurden in den
Aufnahmeersuchen vom 8. April 2022 und 17. Mai 2022 darüber informiert,
dass der Beschwerdeführer zusammen mit seinem minderjährigen Bruder
eine Familie bildet. Die italienischen Behörden haben der Vorinstanz mit
Datum vom 1. August 2022 das Formular «nucleo familiare» übermittelt
und dabei die beiden Brüder mit Vor- und Nachnamen, Geburtsdaten und
Nationalität aufgeführt. Ferner gaben sie die Zusicherung ab, die Brüder in
Übereinstimmung mit dem Rundschreiben vom 8. Februar 2021 angepasst
auf das Alter der Kinder und als Familie in einem Aufnahmezentrum unter-
zubringen. Somit liegt eine genügend konkrete und individuelle Garantie
der italienischen Behörden vor, dass sie nach der Überstellung in einer kin-
dergerechten und die Einheit der Familie wahrenden Unterkunft des Zweit-
aufnahmesystems SAI untergebracht werden.
6.3 Was der Beschwerdeführer und sein Bruder dagegen einwenden, ver-
mag nicht zu überzeugen. Es bestehen keine Hinweise darauf, dass sie bei
ihrer Ankunft in Italien keinen Platz in einer Unterkunft des SAI erhalten
würden oder eine familiengerechte, dem Kindeswohl entsprechende Un-
terbringung nicht gewährleistet wäre. Wie die Vorinstanz mit Verweis auf
die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zu Recht festhält, ob-
liegt es den italienischen Behörden, sie nach ihrer Ankunft auf italieni-
schem Staatsgebiet einer verfügbaren Aufnahmestruktur zuzuweisen (vgl.
statt vieler Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021).
Demgemäss ist die Vorinstanz auch nicht verpflichtet, die tatsächliche Be-
legung der für Familien zur Verfügung stehenden SAI-Strukturen pro futuro
zu bestimmen, soweit dies überhaupt möglich ist. Folglich gibt es keinen
Grund zur Annahme, eine Überstellung der Brüder nach Italien würde zu
D-3676/2022
Seite 13
einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen oder eine Verletzung von Art. 3
Abs. 1 KRK darstellen. Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass es sich bei
Italien um einen funktionierenden Rechtsstaat handelt, auf dessen Zusi-
cherungen die Schweiz gemäss dem völkerrechtlichen Prinzip, wonach die
Staaten einen Vertrag, an den sie gebunden sind, nach Treu und Glauben
zu erfüllen haben, grundsätzlich vertrauen darf und soll. Entgegen den
Ausführungen in der Beschwerde hat das SEM auch die Meinung des min-
derjährigen B._ adäquat in seinen Entscheid miteinbezogen. Dieser
konnte sich diesbezüglich anlässlich der Erstbefragung für unbegleitete
minderjährige Asylsuchende (EB UMA) äussern. Insbesondere gab er Aus-
kunft zu seinen familiären Verhältnissen. Zum Verhältnis zum Beschwer-
deführer erklärte er namentlich, A._ sei der einzige, der ihm von
seiner Familie geblieben sei; er hänge sehr an ihm; er sei bereit, auf (...)
zu verzichten, aber nicht auf seinen Bruder; dieser sei für ihn das Allerwich-
tigste; seine letzte Hoffnung sei, mit seinem Bruder zusammen in der
Schweiz bleiben zu dürfen (vgl. SEM-Akte [...]-14/11, 7.01 und 9.01). Auch
der Beschwerdeführer konnte sich zu den familiären Verhältnissen äussern
(vgl. Sachverhalt, Bst. B). Diese wurden im Sachverhalt der jeweiligen vo-
rinstanzlichen Verfügung berücksichtigt. Sodann wurden die italienischen
Behörden, wie bereits erwähnt, in den Aufnahmeersuchen darüber infor-
miert, dass der Beschwerdeführer mit seinem minderjährigen Bruder eine
Familie bildet, und aufgefordert, die entsprechenden Garantien abzuge-
ben. In dieser Hinsicht hat die Vorinstanz dem Kindeswohl ausreichend
Rechnung getragen (vgl. auch sogleich E. 6.4).
6.4 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Referenzurteil
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 strengere Kriterien für Dublin-Über-
stellungen von schwer erkrankten Asylsuchenden, die sofort nach der An-
kunft in Italien auf lückenlose medizinische Versorgung angewiesen sind,
beschlossen und das SEM verpflichtet, individuelle Zusicherungen betref-
fend die Gewährleistungen der nötigen medizinischen Versorgung und Un-
terbringung bei den italienischen Behörden einzuholen (vgl. E-962/2019
E. 7.4.3). Im neusten Referenzurteil D-4235/2021 vom 19. April 2022
führte das Bundesverwaltungsgericht, Bezug nehmend auf das Referenz-
urteil F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 in diesem Zusammenhang wei-
ter aus, dass Asylsuchende, die noch keinen Asylantrag in Italien gestellt
haben (sog. «take charge»-Fälle beziehungsweise Aufnahmeverfahren,
Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO) und daher vor ihrer Ausreise nicht in
einem Erst- oder Zweitaufnahmezentrum in Italien untergebracht worden
seien, grundsätzlich ab ihrer Ankunft in Italien Zugang zu den notwendigen
Dienstleistungen hätten. In einem solchen Fall (d.h. «take charge») sei es
D-3676/2022
Seite 14
daher nicht mehr erforderlich, vor der Überstellung von Asylsuchenden, die
unter schwerwiegenden medizinischen (physischen oder psychischen)
Problemen litten, von den italienischen Behörden individuelle Zusicherun-
gen einzuholen. Anders verhalte es sich bei Asylsuchenden, die in Italien
bereits ein Asylgesuch gestellt hätten oder deren Asylgesuch abgelehnt
worden sei (sog. «take back»-Fälle beziehungsweise Wiederaufnahmever-
fahren, Art. 18 Bst. b–d Dublin-III-VO). Solche Fälle müssten (auch künftig)
einzeln geprüft werden, denn es könne nach wie vor vorkommen, dass
Asylsuchenden mit ernsthaften medizinischen Problemen nach der Über-
stellung nach Italien die Unterbringung im Erst- und Zweitaufnahmesystem
verweigert werde. Dies hätte auch zur Folge, dass sie keine sofortige me-
dizinische Versorgung, die über die Notfallversorgung hinausgehe, erhiel-
ten. In dieser Konstellation sei daher am Referenzurteil E-962/2019 festzu-
halten, wonach vor der Überstellung schwer kranker Personen nach Italien
Zusicherungen von den italienischen Behörden betreffend sofortigen Zu-
gang zu einer angemessenen medizinischen Versorgung und Unterbrin-
gung einzuholen seien (vgl. BVGer-Referenzurteil D-4235/2021
E. 10.4.3.3 und E. 10.4.4; BVGer-Urteile F-4471/2021 vom 4. Mai 2022
E. 6.4 und F-2431/2022 vom 14. Juni 2022 E. 11.5).
6.4.1 Bezüglich des medizinische Sachverhalt wird vorab auf die entspre-
chenden Ausführungen zum Sachverhalt, Bst. B., verwiesen. Anlässlich
des Dublin-Gesprächs beantragte die Rechtsvertretung eine rasche medi-
zinische Abklärung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers und
die Aufnahme einer psychiatrisch-psychologischen Behandlung unter Bei-
zug eines Dolmetschers. Der Beschwerdeführer beziehungsweise die
Rechtsvertretung wurde an Medic-Help verwiesen und diesbezüglich um-
fassend informiert (erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Fragen und
Problemen während des Aufenthalts im Bundesasylzentrum, Gesund-
heitssprechstunden, Triage und Koordination betreffend Zugang zu den
Partnerärzten, gegebenenfalls Zuweisung an einen Facharzt durch den
Hausarzt; vgl. SEM-Akte [...]-13/2 S. 4). Gemäss Arztberichten von
Dr. med. J._, (...), K._, vom 20. April 2022, 13. Mai 2022,
16. Mai 2022 und 4. Juli 2022 war er wegen (...), (...) und (...) in medizini-
scher Behandlung. Gegen (...) wurden ihm eine (...)-Therapie sowie zur
(...) verschrieben. Gemäss E-Mail von Medic-Help vom 9. August 2022
seien zurzeit weder weitere Arzttermine noch Arztberichte ausstehend.
6.4.2 Gestützt auf die medizinischen Akten ist festzustellen, dass die ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers nicht als derart
schwere Erkrankungen zu qualifizieren sind, bei denen Asylsuchende auf
D-3676/2022
Seite 15
eine lückenlose medizinische Versorgung nach der Ankunft in Italien ange-
wiesen wären. Soweit in der Beschwerde wiederholt wird, die Rechtsver-
treterin habe betreffend den Beschwerdeführer eine psychische bezie-
hungsweise psychologische Sachverhaltsabklärung beantragt (vgl. Be-
schwerde S. 3 f.; SEM-Akte [...]-33/2), wurde dieser beziehungsweise die
Rechtsvertretung im Zusammenhang mit den gesundheitlichen Vorbringen
bereits anlässlich des Dublin-Gesprächs an Medic-Help verwiesen (vgl.
soeben, E. 6.3.1). Des Weiteren wird in der Eingabe der Rechtsvertreterin
vom 7. Juni 2022 insbesondere ausgeführt, der Beschwerdeführer sei im-
mer sehr besorgt um die Gesundheit von B._ und suche für ihn
häufig das MediCamp (recte: Medic Help) auf und begleite ihn bei Arztter-
minen (vgl. SEM-Akte [...]-33/2). In den medizinischen Akten finden sich
indessen keine Hinweise auf die geltend gemachten psychischen bezie-
hungsweise psychologischen Probleme des Beschwerdeführers. Unter
diesen Umständen konnte die Vorinstanz darauf verzichten, den Sachver-
halt diesbezüglich weiter abzuklären beziehungsweise fachärztliche Be-
richte in Auftrag zu geben. Somit hat sie diesbezüglich ihre Untersuchungs-
pflicht nicht verletzt, weshalb eine Rückweisung der Sache an die Vo-
rinstanz nicht angezeigt ist. Zwar wird vorliegend nicht verkannt, dass die
tragischen Ereignisse im Leben des Beschwerdeführers und die aktuellen,
schwierigen Lebensumstände dessen psychische Verfassung negativ be-
einflussen können. Dennoch bestehen keine Hinweise, dass diese gesund-
heitlichen Beeinträchtigungen einen Schweregrad erreichen würden, der
einer Überstellung nach Italien entgegenstünde. Schliesslich verfügt Italien
grundsätzlich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur, die im-
stande ist, die in casu allfällig notwendigen Behandlungen und Untersu-
chungen durchzuführen. Im Übrigen ist das Land gemäss Art. 19 Abs. 1
der Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 (sog. Aufnahmerichtlinie) verpflichtet, dem Beschwer-
deführer die erforderliche medizinische Versorgung, welche zumindest die
Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankhei-
ten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu gewähren. Mit der
nun von den italienischen Behörden abgegebenen Zusicherung vom 1. Au-
gust 2022 und der damit verbundenen Möglichkeit, sich registrieren zu las-
sen, haben die Brüder Zugang zu medizinischer Versorgung (vgl. oben
E. 6.1). Unter diesen Umständen erübrigt es sich auch, von den italieni-
schen Behörden weitere individuelle Garantien einzuholen. Der entspre-
chende Eventualantrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz (vgl.
oben E. 4.7.4) ist demzufolge abzuweisen.
D-3676/2022
Seite 16
6.4.3 Nach dem Gesagten ist zum einen festzuhalten, dass der Beschwer-
deführer nicht zur Gruppe der besonders vulnerablen Personen im Sinne
des Referenzurteils E-962/2019 gehört. Somit erweist sich auch der pau-
schal erhobene Vorwurf, die Vorinstanz habe das Beschleunigungsgebot
im Dublin-Verfahren verletzt, als unbegründet, umso mehr, als den Akten
keine Hinweise darauf entnommen werden können, dass sich der psychi-
sche Zustand der Brüder verschlechtert hätte. Zum andern handelt es sich
vorliegend um ein «take charge»-Verfahren, weshalb vor der Überstellung
nach Italien keine Zusicherungen von den italienischen Behörden betref-
fend sofortigen Zugang zu einer angemessenen medizinischen Versor-
gung und Unterbringung mehr einzuholen sind.
6.5 Der Beschwerdeführer und sein Bruder machen ferner ein Abhängig-
keitsverhältnis im Sinne von Art. 16 Dublin-III-VO zwischen ihnen und ih-
rem in der Schweiz lebenden (...) geltend und leiten daraus eine Zustän-
digkeit der Schweiz ab. Dieses Vorbringen ist nachfolgend zu prüfen.
Diesbezüglich führte die Vorinstanz in ihrem Entscheid zutreffend aus, der
Beschwerdeführer vermöge vom Umstand, dass er über einen (...) in der
Schweiz verfügt, nichts zu seinen Gunsten abzuleiten, da (...) nicht als Fa-
milienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gelten. Gemäss
dieser Norm gelten nur Ehegatten, nicht verheiratete Partner, welche eine
dauerhafte Beziehung führen, und minderjährige Kinder als Familienange-
hörige. Gemäss seinen Aussagen habe sich der Beschwerdeführer bereits
früher um seinen minderjährigen Bruder gekümmert, habe ihn zu sich nach
C._ kommen lassen, sei sein Vormund und mit ihm gemeinsam
nach Europa gereist. Zudem habe B._ erklärt, er habe ein beson-
ders enges Verhältnis zu seinem Bruder. Da Italien sowohl für das weitere
Verfahren des Beschwerdeführers als auch für dasjenige von B._
zuständig sei, und die beiden Brüder gemeinsam nach Italien zurückkeh-
ren könnten, werde die Einheit der Familie durch die gemeinsame Rück-
kehr nach Italien gewährleistet. Schliesslich bestünden keine Hinweise auf
ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer
und seinem (...) in der Schweiz, selbst wenn er sich bisher hin und wieder
bei diesem aufgehalten habe. Somit lasse sich aus der Anwesenheit seines
(...) in der Schweiz kein Zuständigkeitskriterium ableiten und die Zustän-
digkeit Italiens bleibe bestehen. Vor diesem Hintergrund erweist sich zu-
dem der Vorwurf, die Vorinstanz habe es unterlassen, das geltend ge-
machte Abhängigkeitsverhältnis zu prüfen, auch unter Berücksichtigung
D-3676/2022
Seite 17
der bei unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden erhöhten Anforderun-
gen an die behördliche Pflicht zur Abklärung des rechtserblichen Sachver-
halts, als unbegründet.
6.5.1 Dem wird in der Beschwerde Folgendes entgegengehalten: Der (...)
sei die einzige Unterstützung der beiden Brüder, da diese noch sehr jung
seien, er habe bereits im Herkunftsland Kontakt mit ihnen gehabt und sei
nach dem Tod der Eltern ihre einzige familiäre Unterstützung, sie hätten
auch jede Möglichkeit genutzt, an Wochenenden und durch Sonderurlaub
in der Nähe des (...) zu sein, er gebe ihnen familiären Halt wie ein Vater
und erleichtere auch die Sorgen des Beschwerdeführers um seinen kran-
ken, minderjährigen Bruder (vgl. Beschwerde S. 14 ff., 19; SEM-Akten [...]-
39/1 und [...]-40/2).
6.5.2 Ungeachtet dessen, dass vorliegend ein Abhängigkeitsverhältnis im
Sinne der Dublin-III-VO zu verneinen ist, ist der Vollständigkeit halber Fol-
gendes festzuhalten: Zur Beurteilung, ob ein rechtlich relevantes Abhän-
gigkeitsverhältnis besteht, ist auf eine Gesamtwürdigung des konkreten
Einzelfalls unter Einbezug der individuellen und soziokulturellen Lebenssi-
tuation der betroffenen Personen abzustellen (vgl. ULRICH KOEHLER, Pra-
xiskommentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, 2018, Art. 16
N. 8; CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin III-Verordnung, 2014,
K3 zu Art. 16; BVGer-Urteil F-445/2019 vom 14. Februar 2019 E. 5.5).
Bei allem Verständnis für die geltend gemachte Beziehung der beschwer-
deführenden Brüder zu ihrem (...) in der Schweiz wäre vorliegend nicht da-
von auszugehen, dass sie zwingend auf die persönliche Hilfe ihres in der
Schweiz ansässigen (...) angewiesen wären beziehungsweise sie zur Be-
wältigung des alltäglichen Lebens, namentlich in gesundheitlicher, sozialer
und wirtschaftlicher Hinsicht, in gewichtigem Masse von dessen Betreuung
abhängen. Sie vermöchten auch aus ihren Entgegnungen in der Be-
schwerde kein relevantes Abhängigkeitsverhältnis abzuleiten, umso weni-
ger, als den Akten keine Hinweise darauf zu entnehmen sind, dass der (...)
sie während seines langjährigen Aufenthalts in der Schweiz unterstützt o-
der sich aktiv um ihren weiteren Aufenthalt bei ihm in der Schweiz bemüht
hätte.
Ein Abhängigkeitsverhältnis gemäss Art. 16 Dublin-III-VO ist demgemäss
zu verneinen.
D-3676/2022
Seite 18
6.6 Zusammenfassend liegt kein Ermessensmissbrauch vor. Es ist kein
ausreichender Grund für eine Anwendung der Ermessenklauseln von
Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 ersichtlich. Weder
ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten,
noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen
würden.
6.7 Im Weiteren werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Voll-
zug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, die italienischen Behör-
den – sofern notwendig – vorgängig in geeigneter Weise über allfällige spe-
zifische medizinische Umstände des Beschwerdeführers informieren
(Art. 31 f. Dublin-III-VO).
7.
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten
ist und die Wegweisung nach Italien in Anwendung von Art. 44 AsylG eben-
falls zu Recht angeordnet hat.
8.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG, weshalb
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen sind (vgl. BVGE 2015/18
E. 5.2 m.w.H.).
9.
Die in der Beschwerde erhobenen formellen Rügen der unrichtigen und
unvollständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts haben sich
als unbegründet erwiesen. Deshalb ist das entsprechende Eventualbegeh-
ren auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung abzuweisen.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
D-3676/2022
Seite 19
11.
Mit dem vorliegenden Urteil werden die Gesuche um Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses gegenstandlos.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Sein Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG ist aber gutzuheissen. Er ist als bedürftig zu betrachten und die Be-
schwerdebegehren können nicht als aussichtslos im Sinne dieser Bestim-
mung betrachtet werden. Auf die Erhebung von Verfahrenskosten ist ent-
sprechend zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3676/2022
Seite 20