Decision ID: 365f8a55-b02a-56a6-89af-560d5f2d39b7
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein irakischer Staatsangehöriger arabischer Eth-
nie sunnitischen Glaubens aus Bagdad, B._, C._ – verliess
seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 14. Oktober 2015 und
gelangte am 31. Oktober 2015 in die Schweiz, wo er am gleichen Tag um
Asyl nachsuchte. Am 16. November 2015 fand die Befragung zur Person
(BzP) statt. Am 28. November 2016 wurde er ausführlich zu seinen Asyl-
gründen angehört.
Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, sein Vater habe bis 2007 oder 2008 als (...) oder als (...) für die Ame-
rikaner gearbeitet. Während dieser Zeit sei er von der Miliz Jaysh al-Mahdi
brieflich bedroht und zur Aufgabe seiner Tätigkeit aufgefordert worden.
Sein Vater sei dieser Aufforderung jedoch nicht nachgekommen. Auch sein
Onkel – der Bruder seines Vaters – habe für die Amerikaner gearbeitet.
Schliesslich seien er (der Beschwerdeführer) und seine Familie nach
D._ gezogen. Nachdem die amerikanische Firma E._ den
Irak verlassen habe, habe auch sein Vater seine Arbeit bei den Amerika-
nern beendet. Nach vier oder fünf Monaten seien sie zurück nach
C._ gegangen. Eines Tages habe sein Onkel einen Brief erhalten,
in dem man ihm mit dem Tod eines Familienmitglieds gedroht habe, sollte
er seine Arbeit für die Amerikaner nicht beenden. Sein Onkel habe dies
nicht befolgt, worauf ein bis zwei Wochen später sein Sohn umgebracht
worden sei. Der Onkel habe daraufhin seine Arbeit aufgegeben und sei
nach D._ umgezogen. Im Jahre 2015 habe die Miliz Asaib Ahl A-
Haq wieder die Kontrolle über C._ übernommen. Der Beschwerde-
führer sei in der Schule zweimal darauf angesprochen worden, weshalb er
sich als Sunnit nicht der Miliz anschliessen und kämpfen würde. Eines Mor-
gens habe er zudem zu Hause einen Brief aufgefunden. Statt ihn zu öffnen
habe er den Brief seinem Vater übergeben. Dieser habe ihm nach dem
Öffnen des Briefs mitgeteilt, dass er seine Sachen packen solle. Sie seien
zusammen mit den Geschwistern zu seiner Schwester gefahren. Auf der
Fahrt dorthin habe er bemerkt, dass seine Eltern nervös gewesen seien
und Angst gehabt hätten. Im Hause seiner Schwester seien sie auf zwei
weitere Brüder gestossen. Der Vater habe erklärt, dass sich alle für ein
paar Tage bei weiteren Familienangehörigen aufzuteilen hätten. Drei oder
vier Tage später habe der Beschwerdeführer von seinem Vater erfahren,
dass er (der Beschwerdeführer) gesucht werde und deshalb ausreisen
müsse, da man nicht den gleichen Fehler wie sein Onkel machen wolle.
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Da er noch minderjährig gewesen sei und nicht alleine habe ausreisen kön-
nen, habe sein Vater einen Offizier bestochen, der ihn mit einer Familie
zusammengebracht habe, mit der er in die Türkei geflogen sei. Später habe
er von seinem Cousin erfahren, dass Personen ein rotes Kreuz an das
Haus seiner Familie gemalt hätten. Dieselben Personen hätten sich bei
seiner Tante nach seinem Verbleib und dem seiner Familie erkundigt. Er
vermute, dass es sich dabei um dieselben Personen wie die Absender des
Drohbriefs handle.
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
Der Beschwerdeführer reichte im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens
die folgenden Unterlagen als Beweismittel ein:
– Identitätskarte und Nationalitätenausweis,
– diverse Kopien von Identitätskarten von Verwandten,
– Kopie eines Briefes (Drohbrief),
– Kopie eines Todesscheins (Onkel),
– Kopie von diversen Ausweisen der Familie (des Department of Defense
sowie von Waffenscheinen).
Zudem teilte er mit Schreiben seiner Rechtsvertretung vom 10. Mai 2018
mit, seine Eltern seien in die Türkei und zwei seiner Brüder in den Nordirak
geflüchtet. Drei weitere Geschwister seien in einen anderen Stadtteil Bag-
dads umgezogen.
B.
Mit Verfügung vom 10. Oktober 2018 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab
und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzeitig ordnete es
wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers in der Schweiz an. Es begründete seine
Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers
würden weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit noch denjenigen
an die Asylrelevanz standhalten.
C.
Mit Beschwerde vom 8. November 2018 beantragte der Beschwerdeführer
durch seinen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhe-
bung der Ziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Rück-
weisung an die Vorinstanz zwecks Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft.
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In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Beiordnung des unterzeichnenden Rechtsvertreters als
amtlicher Rechtsbeistand ersucht.
D.
Am 12. November 2018 wurde dem Beschwerdeführer der Eingang seiner
Beschwerde bestätigt.
E.
Mit Verfügung vom 19. November 2018 wurde das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses verzichtet. Weiter wurde das Gesuch um amtli-
che Rechtsverbeiständung gutgeheissen und Urs Jehle als amtlicher
Rechtsbeistand des Beschwerdeführers eingesetzt. Gleichzeitig wurde die
Vorinstanz um Einreichung einer Vernehmlassung ersucht.
F.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 22. November
2018 die Abweisung der Beschwerde. Diese wurde dem Beschwerdeführer
am 23. November 2018 zur Kenntnis gebracht.
G.
Mit Eingabe vom 7. März 2019 teilte Urs Jehle die Beendigung seines Ar-
beitsverhältnisses bei der Caritas Schweiz mit und ersuchte um Entbin-
dung von seinem Mandat als amtlicher Rechtsbeistand sowie um Einset-
zung von MLaw Sonia Lopez als amtliche Rechtsbeiständin per 11. März
2019.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 13. März 2019 wurde Urs Jehle per 12. März
2019 aus seinen Verpflichtungen als amtlicher Rechtsbeistand entlassen
und der Beschwerdeführer angefragt, ob er mit der Beiordnung von Dr. iur.
Sonia Lopez als amtliche Rechtsbeiständin einverstanden sei. Zudem sei
eine Vollmacht zu ihren Gunsten einzureichen. Dieser Aufforderung wurde
am 1. April 2019 nachgekommen.
I.
Mit Eingabe vom 7. November 2019 ersuchte die amtliche Rechtsvertrete-
rin Dr. iur. Sonia Lopez um Entlassung aus dem amtlichen Mandat, da sie
ihr Arbeitsverhältnis bei Caritas Schweiz per Ende November 2019 been-
den werde, sowie um Einsetzung von Michael Adamczyk, Rechtsanwalt,
als neuen amtlichen Rechtsbeistand.
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J.
Mit Zwischenverfügung vom 27. November 2019 wurde Sonia Lopez als
amtliche Rechtsbeiständin entlassen und dem Beschwerdeführer Michael
Adamczyk, Rechtsanwalt, als neuer amtlicher Rechtsbeistand bestellt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
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3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Be-
schwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläu-
fig aufgenommen hat.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid damit, es seien an den Vor-
bringen des Beschwerdeführers – die von ihm angegebene Konfession
und die unter anderem daraus resultierenden Schwierigkeiten seitens der
schiitischen Miliz Asaib Ahl Al Haq – wegen seiner oberflächlichen Schilde-
rungen sowie einiger Ungereimtheiten und der fehlenden Handlungslogik
erhebliche Zweifel anzubringen. Einige Indizien würden darauf hindeuten,
dass er der schiitischen Konfession angehöre. Der Familienname
F._ könne keinem der eingereichten Ausweise entnommen werden.
Er habe auch auf Vorhalt weiterer Anhaltspunkte – die Ausstellung seiner
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Identitätskarte in G._, eine vorwiegend von Schiiten besiedelte
Stadt, oder seine Reise in den Iran, wo er in einem schiitischen Viertel ge-
wohnt habe – keine stimmige Erläuterung abgeben können. Die Zweifel
würden sich durch seine oberflächlich, pauschal und wenig substanziiert
gehaltenen Aussagen – Schilderung blosser Handlungsabfolgen betref-
fend Erhalt des Drohbriefs und Verhalten nach Erhalt des Briefs – erhärten.
Durch seine insgesamt erlebnisarme Darstellung, der lediglich eine Anei-
nanderreihung von einzelnen Handlungen und pauschale Emotionsbe-
zeichnungen zu entnehmen seien, vermöge er keinen subjektiven Eindruck
zu vermitteln. Da es sich beim Erhalt des Drohbriefs um ein einschneiden-
des Ereignis handle, hätte erwartet werden dürfen, dass er über seine Ge-
fühlslage und Gedankenvorgänge von damals zu berichten gewusst hätte.
Seine stattdessen oberflächliche Erzählweise ohne jegliche Realkennzei-
chen erwecke den Eindruck eines Konstrukts. Dasselbe gelte für die Um-
stände des Erhalts eines Drohbriefs. Gegen die Glaubhaftigkeit spreche
auch der Umstand, dass er zum Inhalt des Drohbriefs nichts gewusst habe.
Weiter soll er gemäss BzP erstmals im Jahre 2014 in der Schule von der
Asaib Ahl Al-Haq belästigt worden sein, währenddem er in der Bundesan-
hörung lediglich vom Erhalt eines Drohbriefs im Jahre 2015 erzählt habe.
Auf Vorhalt habe er beide Ereignisse bestätigt. Der Umstand, dass er die
Vorfälle an der Schule in der Anhörung nicht erwähnt habe, trage zur Un-
glaubhaftigkeit seiner Vorbringen bei. Die Unsubstanziiertheit und fehlende
Nachvollziehbarkeit überwiege auch bei den weiteren Schilderungen be-
treffend die Umstände in der Schule, wo er auf seine Weigerung, als Sun-
nite nicht in den Kampf gegen Daesh zu ziehen und zur Arbeit seines Va-
ters mit den Amerikanern angesprochen worden sei. Auch seine Angaben
zu einem Mitschüler, dessen Vater möglicherweise Mitglied der Asaib Ahl
Al-Haq gewesen sei, seien pauschal ausgefallen. Diese würden weder
eine allfällige asylrelevante Verfolgung noch einen tatsächlichen Zusam-
menhang mit dem vorgebrachten Drohbrief aufzeigen. Bei diesen Äusse-
rungen handle es sich zudem grösstenteils um persönliche Vermutungen,
weshalb deren Wahrheitsgehalt in Frage zu stellen sei. Ähnlich unsubstan-
ziiert seien seine Aussagen hinsichtlich der Suche nach ihm nach seiner
Ausreise ausgefallen. Es genüge nicht, eine Furcht lediglich mit Vermutun-
gen zu begründen. Vielmehr müssten hinreichende Anhaltspunkte für eine
konkrete Bedrohung vorhanden sein, die auf einer objektiven Betrach-
tungsweise und nicht auf dem subjektiven Empfinden der Betroffenen
fussen würden. Es sei ihm damit nicht gelungen, eine konkret begründete
Bedrohungslage aufzuzeigen. Im Weiteren würden die eingereichten Be-
weismittel an der Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen nichts ändern. Einer-
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seits handle es sich beim Drohbrief um eine Kopie ohne Sicherheitsmerk-
male. Zudem würden die Waffenscheine, die Department of Defense Aus-
weise seiner Familie und der Todesschein betreffend seinen Onkel seine
Vorbringen nicht belegen. Ausserdem würden sich aus den geltend ge-
machten Schwierigkeiten in der Türkei keine Hinweise auf eine asylrele-
vante Verfolgung im Heimatstaat ergeben.
5.2 In der Beschwerdeschrift wird dazu eingewendet, der Beschwerdefüh-
rer sei im Zeitpunkt der BzP noch minderjährig gewesen. Dort sei er von
keiner Vertrauensperson begleitet worden. Deshalb dürfe die summarische
Befragung nicht als entscheidrelevanter Verfahrensschritt qualifiziert wer-
den. Diesem Umstand sei in der angefochtenen Verfügung nicht Rechnung
getragen worden. Anlässlich der Anhörung habe er seine Asylgründe – die
Einbettung seiner Verfolgung in die Geschichte seiner Familie und die
Gründe, weshalb diese den Drohbrief derart ernst nahm – entgegen der
Argumentation der Vorinstanz umfassend, detailliert und nachvollziehbar
schildern können. Seine Familie habe die Entscheidung seiner Flucht ge-
troffen, was er zu akzeptieren habe. Deshalb habe er zum Inhalt des Droh-
briefs keine Angaben machen können. Die bei der Anhörung anwesende
Hilfswerksvertretung habe auch festgestellt, dass der Beschwerdeführer
zeitweise aufgewühlt gewesen sei und Tränen in den Augen gehabt habe.
Seine Angaben enthielten auch Realkennzeichen.
Im Übrigen hätte die Vorinstanz die sunnitische Religionszugehörigkeit
durch Sachfragen leicht ermitteln können, was sie aber abgelehnt habe
(Aufsagen des sunnitischen Rufs). Der Stamm des Beschwerdeführers
"F._" sei im ganzen Irak als sunnitischer Stamm bekannt. Das SEM
bezweifle zu Unrecht seine diesbezügliche Zugehörigkeit, hätte dies je-
doch überprüfen können, zumal diese nicht im Pass aufgeführt sei und der
Beschwerdeführer diese nicht anders beweisen könne. Die Identitätskarten
würden einzig in G._ ausgestellt. Eine Reise in den Iran und der
Aufenthalt in einem bestimmten Quartier seien auch für Sunniten möglich.
Was ferner den in Kopie vorgelegten Drohbrief betreffe, hätten Vergleichs-
möglichkeiten bestanden, um zu prüfen, ob dieser von der Mahdi Miliz in
Bagdad verfasst worden sei. Ob der Drohbrief mit der Bedrohung in der
Schule zusammenhänge, sei ihm nicht bekannt, weshalb er dies letztlich
nur vermuten könne. Überdies dürfe das Kriterium der Plausibilität nur zu-
rückhaltend angewendet werden. Schliesslich wird auf die Hintergründe
der Bedrohungen durch die Mahdi Miliz gegenüber politischen Gegnern
hingewiesen.
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Ferner habe die Vorinstanz die Asylrelevanz seiner Vorbringen nicht ge-
prüft. Die Drohungen seitens der Mahdi Miliz respektive derer Splitter-
gruppe seien gezielt gegen den Beschwerdeführer und seine Familie er-
folgt. Diesen würde ein asylrelevantes Motiv – die Tätigkeit seines Vaters
für die US-Armee – zugrunde liegen, welche ihn aus Sicht der schiitischen
Milizen zu einem Abtrünnigen und – aufgrund seiner Zugehörigkeit zur sun-
nitischen Glaubensgemeinschaft – zu einem Ungläubigen gemacht hätten.
Aus diesen Gründen habe seine Familie ihren Heimatstaat verlassen und
seien seine Brüder in den Nordirak geflüchtet.
Insgesamt sei nebst seiner asylbeachtlichen Vorverfolgung auch seine
subjektive Furcht, zur Zielscheibe schiitischer Milizen zu werden, objektiv
begründet.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu
Recht abgelehnt hat. Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffen-
den Erkenntnis gelangt, dass die Verfolgungsvorbringen des Beschwerde-
führers den Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7
AsylG nicht genügen, wenn auch nicht allen von ihr angeführten Argumen-
ten vorbehaltlos gefolgt werden kann. Die Ausführungen in der Beschwer-
deschrift und die dort gemachten Hinweise auf die Rechtsprechung, ver-
schiedene Berichte respektive die Berichterstattung in Medien sind nicht
geeignet, zu einer anderen Beurteilung zu führen.
6.2 Was die vom Beschwerdeführer geltend gemachte sunnitische Konfes-
sionszugehörigkeit und sein Familienname F._ betrifft, sprechen
zwar nicht alle von der Vorinstanz als Indizien aufgeführten Elemente ge-
gen diese. Beispielsweise kann der Umstand, dass der vom Beschwerde-
führer angegebene Familienname F._ auf seinen zu den Akten ge-
gebenen Ausweisen nicht aufgeführt ist, nicht zu seinen Ungunsten bewer-
tet werden, zumal der Familienname nicht unbedingt auf offiziellen Doku-
menten (Reisepass, Identitätskarte) ersichtlich ist (Immigration and Refu-
gee Board of Canada [IRB], The meaning of Iraqi names; how names are
inherited; the meaning of laqab; transliteration of Arabic names into Latin
letters [IRQ37039.E], 20. April 2001, https://www.ecoi.net/de/dokument/
1034025.html, abgerufen am 3. Juni 2020). Weiter ist festzustellen, dass
es in Bagdad Stadtteile gibt, welche vorwiegend von Schiiten oder von
Sunniten bewohnt sind, was jedoch nicht dagegen spricht, dass dort auch
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eine Minderheit der anderen Konfession lebt. Damit kann alleine der Auf-
enthalt des Beschwerdeführers in vorwiegend schiitischen Quartieren nicht
ohne weiteres auf eine nicht sunnitische Konfessionszugehörigkeit ge-
schlossen werden.
6.3 Die von der Vorinstanz erwähnten Ungereimtheiten zwischen den Ver-
folgungsvorbringen des Beschwerdeführers in der BzP und anlässlich der
Anhörung können nicht mit dem Hinweis in der Beschwerdeschrift, wonach
dieser im Zeitpunkt der BzP noch minderjährig gewesen und von keiner
Vertrauensperson begleitet worden sei, erklärt werden, handelt es sich
doch bei den diesbezüglichen Aussagen (betreffend die Behelligungen in
der Schule) um solche, die er in der BzP bereits vorgetragen und die er
anlässlich der Anhörung erst auf Vorhalt seiner Vorbringen der BzP bestä-
tigt hat (vgl. A26 F144 und F145). Überdies erklärte er in der Beschwerde-
schrift, er sei in der BzP und in der Anhörung "sehr wohl und gut in der
Lage" gewesen, seine Asylvorbringen darzulegen. Schliesslich hat er in der
Anhörung auch keine Mängel betreffend die Befragung angeführt. Daher
vermag er aus dem Umstand, dass er in der BzP noch minderjährig gewe-
sen sei, nichts für sich abzuleiten. Im Übrigen wird die Vertrauensperson
praxisgemäss in Verfahren wie dem vorliegenden erst nach der BzP und
vor der Anhörung zugeordnet.
Die Behelligungen an der Schule aufgrund seiner Konfessionszugehörig-
keit sind mangels Intensität als nicht asylrelevant zu bezeichnen. Im Wei-
teren kann der Beschwerdeführer mit der vorgebrachten Zustellung eines
Drohbriefs an die Adresse seiner Familie keine Gefährdungssituation sei-
tens der Miliz Asaib Ahl Al Haq glaubhaft machen. Es bestehen aufgrund
der oberflächlichen und wenig substanziierten Schilderungen zum Erhalt
und Inhalt dieses Briefs sowie zur danach erfolgten Handlungsabfolge
(Aufforderung des Vaters zu packen, Angst und Nervosität der Eltern, an-
gespannte Situation im Haus der Schwester, Verteilung der Familie auf
Häuser von Bekannten, Organisation seiner Ausreise) wie von der Vor-
instanz zutreffend ausgeführt, erhebliche Zweifel. Es ist nämlich nicht
nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer nach dem Entdecken dieses
Briefs bei keiner Gelegenheit zumindest versucht hätte, den genauen In-
halt in Erfahrung zu bringen, nicht einmal als er eine Kopie davon erhielt,
die er dem SEM mit Eingabe vom 29. Dezember 2015 eingereicht hatte
(A26 F113ff.). Übrigens hat er sich diesbezüglich widersprochen, gab er
doch zuerst an, ihn gelesen zu haben (A26 F110). Ein solches Verhalten
und Desinteresse entspricht nicht demjenigen einer Person, die von einer
derartigen Bedrohungslage ausgeht. Auch erstaunt, dass nur er von den
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Verfolgern bedroht gewesen sein soll und deshalb nur er vom Vater zum
Verlassen des Landes animiert worden sei (A26 F83). Immerhin sollen
auch zwei seiner Brüder und seine Schwester – alle älter als er (vgl. A26
F68) – auf Geheiss der Eltern im Hause seiner Schwester rasch zusam-
mengekommen sein, von wo aus sie auf die Häuser von verschiedenen
Bekannten verteilt worden seien. Einige von ihnen sollen noch in Bagdad
leben (vgl. Akten A26 F109 ff. und A29).
Das Bundesverwaltungsgericht liess das in Kopie eingereichte, in arabi-
scher Sprache abgefasste, undatierte Schreiben von Amtes wegen in die
deutsche Sprache übersetzen. In diesem an "den verräterischen, schiiten-
feindlichen Apostaten (H._ [Anmerkung des Gerichts: Name ohne
Sonderzeichen übernommen])" gerichteten Brief, der von der Miliz Asaib
Ahl Al Haq stammen soll, steht unter anderem, der Absender habe erfah-
ren, dass der Empfänger der sunnitischen Glaubensgemeinschaft ange-
höre und mit den Amerikanern zusammenarbeite. Gleichzeitig wird im Brief
der Empfänger aufgefordert, die Arbeit mit den Amerikanern zu beenden,
sonst würden er und seine Familie getötet. Diese Angaben erscheinen je-
doch aufgrund der Tatsache, dass der Vater des Beschwerdeführers, an
den der Brief – entgegen der Angabe in der Beschwerdeschrift (Ziff. 4.2.6)
– offensichtlich gerichtet ist (A6 Ziff. 1.16.02 betreffend den Vornamen
I._ des Vaters), bereits im Jahre 2008 aufgehört haben soll, für die
Amerikaner zu arbeiten, nicht nachvollziehbar, zumal das Schreiben ge-
mäss Angaben des Beschwerdeführers erst kurz vor dessen Ausreise im
Oktober 2015 an ihn gelangt sein soll (A26 F83). Schliesslich ist festzustel-
len, dass aufgrund der Beschaffenheit und Fälschungsanfälligkeit der ein-
gereichten Kopie ohnehin nur ein beschränkter Beweiswert zukommt.
Im Weiteren basieren auch die Vorbringen des Beschwerdeführers, wo-
nach ihm sein Cousin nach seiner Ausreise mitgeteilt habe, dass Personen
ein rotes Kreuz an das Haus seiner Familie gemalt und sich "dieselben
Personen" bei seiner Tante nach dem Verbleib des Beschwerdeführers und
seiner Familie erkundigt hätten, auf den Aussagen Dritter, welche die hie-
vor als unglaubhaft qualifizierten Angaben nicht zu beseitigen vermögen.
Der Beschwerdeführer vermag auch aus seiner Vermutung, dass es sich
dabei um dieselben Personen wie die Absender des Drohbriefs handle,
nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Schliesslich trägt der Totenschein be-
treffend seinen Onkel ebenfalls nichts zur Glaubhaftigkeit der Schilderun-
gen bei, gab der Beschwerdeführer doch nicht an, wegen dessen Tod be-
droht worden zu sein beziehungsweise Behelligungen zu befürchten.
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Seite 12
6.4 Nachdem sich die Vorbringen des Beschwerdeführers zur Verfolgungs-
situation in seinem Heimatstaat als unglaubhaft erwiesen haben, konnte
die Vorinstanz darauf verzichten, diese auf ihre Asylrelevanz zu prüfen. Im
Übrigen hat die Vorinstanz zu Recht festgestellt, dass die in der Türkei er-
littenen Übergriffe asylrechtlich nicht relevant sind. Den diesbezüglichen
Erwägungen ist nichts beizufügen.
6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine
Verfolgung oder begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konnte und deshalb
nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. Das SEM hat sein Asylgesuch
somit zu Recht abgelehnt. Bei dieser Sachlage besteht keine Veranlas-
sung, das Verfahren an die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Indessen wurde mit Verfügung
vom 19. November 2018 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gutgeheissen und ist den Akten nicht zu entnehmen, dass
sich die finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers seither verbes-
sert hätten, womit auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten
ist.
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Seite 13
9.2 Mit derselben Verfügung wurde das Gesuch um amtliche Verbeistän-
dung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und dem Beschwerdeführer
Urs Jehle von der Caritas Schweiz als amtlichen Rechtsbeistand bestellt.
Mit Schreiben vom 7. März 2019 ersuchte dieser um Entlassung aus dem
amtlichen Mandat sowie Einsetzung von Dr. iur. Sonia Lopez, Caritas
Schweiz, als neue Rechtsbeiständin und übertrug seinen Honoraranspruch
an Caritas Schweiz. Am 1. April 2019 reichte die neu eingesetzte Rechts-
beiständin eine vom gleichen Tag datierende Kostennote ein, in welcher
ein Aufwand von 8 Stunden 35 Minuten ausgewiesen wird. Am 27. Novem-
ber 2019 wurde Dr. iur. Sonia Lopez auf Antrag aus dem amtlichen Mandat
entlassen und Michael Adamczyl neu eingesetzt. Aufgrund der Aktenlage
und mangels anderweitiger Indizien ist davon auszugehen, dass Dr. iur.
Sonia Lopez ihren Honoraranspruch, wie bereits ihr Vorgänger, an Caritas
Schweiz abgetreten hat. Der aktuell mandatierte Rechtsbeistand wurde im
vorliegenden Verfahren nicht aktiv.
Der in der Kostennote vom 1. April 2019 ausgewiesene Aufwand ist nicht
vollumfänglich zu entschädigen. Dies betrifft insbesondere den Aufwand
für das vorinstanzliche Verfahren vom 2. Mai 2018 und 10. Mai 2018 sowie
die Eingaben der Rechtsvertretung vom 1. April 2019 und 23. März 2019
(Einreichen von Vollmachten und Fristerstreckungsgesuch). Vorliegend
wird der Aufwand für die Beschwerdeerhebung (360 Minuten) sowie für die
Eingaben vom 7. März 2019 und 7. November 2019 entschädigt. Unter Be-
rücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 9 ff. VGKE)
und der Praxis in Vergleichsfällen, sind die zu entschädigenden Stunden
auf sieben zu reduzieren, wobei für die nicht-anwaltliche Vertretung von
einem Stundenansatz von Fr. 150.– (vgl. Verfügung vom 19. November
2018) auszugehen ist. Es ist demnach ein amtliches Honorar von
Fr. 1'050.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-6381/2018
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