Decision ID: 322bc14c-96c9-5a75-8921-f5c9cdacab41
Year: 2017
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A. Die am XX.XX.1966 geborene A_ meldete sich am 12. Dezember 1996 wegen einer
lumbalen linkskonvexen Skoliose von 18 Grad, thorakaler rechtskonvexer Skoliose von 24
Grad, Rippenbuckel rechts, Spondylolisthesis L5/S1 sowie wegen Beckenschiefstand mit
Ausstrahlung in die Beine bei der IV-Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden an und
beanspruchte eine Rente. Mit Verfügung vom 12. Dezember 1997 sprach ihr die IV-Stelle
ab 1. Dezember 1995 eine halbe Invalidenrente (Invaliditätsgrad: 50%) zu.
B. Am 8. Februar 2000 leitete die IV-Stelle von Amtes wegen ein Revisionsverfahren ein.
Gestützt auf die Angaben von A_ im Fragebogen Revision der Invalidenrente/Hilflosen-
entschädigung vom 9. Februar 2000 sowie dem Arztbericht von Dr. med. C_ vom
19. Februar 2000 und dessen Zusatzangaben vom 23. Juli 2000 teilte die IV-Stelle A_
am 25. Juli 2000 mit, es sei keine rentenbeeinflussende Änderung festgestellt worden. Sie
habe daher weiterhin Anspruch auf eine Invalidenrente aufgrund des bisherigen
Invaliditätsgrads.
C. Kurz darauf ersuchte A_ um eine nochmalige Prüfung der Situation. Gestützt auf den
Arztbericht von Dr. med. C_ vom 15. Januar 2001 sprach die IV-Stelle A_ aufgrund
der Verschlechterung ihres Gesundheitszustands mit Verfügung vom 23. März 2001 eine
ganze Rente (Invaliditätsgrad: 90%) ab 1. November 2000 zu.
Seite 3
D. In den Jahren 2002, 2004, 2006 und 2009 teilte die IV-Stelle A_ jeweils mit, dass
mangels rentenbeeinflussender Änderungen weiterhin Anspruch auf die bisherige
Invalidenrente bestehe. Mit Verfügung vom 20. Mai 2015 wurde die Invalidenrente von
A_ aufgrund ihrer Scheidung neu berechnet.
E. Im Dezember 2005 teilte A_ der IV-Stelle mit, dass sie seit 20. Juni 2005 mit einem
Pensum von 20% bei der Raiffeisenbank Appenzell arbeite. Im Fragebogen zur Revision
der Invalidenrente vom 4. März 2009 gab A_ an, nicht erwerbstätig zu sein. Am
17. August 2011 nahm A_ ein auf ein Jahr befristetes Praktikum im
Korrespondenzsekretariat des Tumor- und Brustzentrums ZeTuP AG, St. Gallen, mit einem
Pensum von 30% auf. Beim gleichen Arbeitgeber konnte sie am 1. Juli 2012 eine 20%-
Stelle als Arztsekretärin antreten. Am 1. Januar 2014 nahm A_ ihre Tätigkeit als
Arztsekretärin im Wirbelsäulenzentrum Rosenberg, St. Gallen, in einem 10%-20% Pensum
auf. Diese Stelle gab sie gemäss Telefon vom 31. August 2015 auf. Am 25. Januar 2016
konnte A_ eine 20%-Stelle als Mitarbeiterin Telefon/Empfang beim VZ
Vermögenszentrum AG, St. Gallen, antreten.
F. Am 4. August 2014 leitete die IV-Stelle von Amtes wegen ein Revisionsverfahren ein.
Gestützt auf die Ergebnisse der medizinischen Abklärungen – unter anderem einen
Austrittsbericht der Klinik St. Pirminsberg, Pfäffers, vom 21. September 2012, einen
Therapiebericht von Dr. med. D_, St. Gallen, vom 22. September 2015 sowie dem
Gutachten des Schweizerischen Zentrums für medizinische Abklärungen und Beratungen
(SMAB AG), St. Gallen vom 26. Mai 2016 – kündigte die IV-Stelle A_ mit Vorbescheid
vom 19. Juli 2016 an, die Verfügung vom 23. März 2001 werde wiedererwägungsweise
aufgehoben, wobei auf eine Rückforderung der bezogenen Rentenleistungen verzichtet
werde. Dagegen liess A_ am 22. August 2016 Einwand erheben. Mit Verfügung vom
30. September 2016 hielt die IV-Stelle an ihrem Vorbescheid fest und hob die Verfügung
vom 23. März 2001 wiedererwägungsweise auf.
G. Gegen die Verfügung vom 30. September 2016 liess A_ am 31. Oktober 2016 mit den
eingangs erwähnten Anträgen Beschwerde beim Obergericht des Kantons Appenzell
Ausserrhoden erheben.
Seite 4
H. Die IV-Stelle (ab. 1. Januar 2017: Sozialversicherungen Appenzell Ausserrhoden)
beantragte mit Vernehmlassung vom 17. November 2016 die Abweisung der Beschwerde.
I. A_ verzichtete mit Eingabe vom 1. Dezember 2016 auf eine Replik.

Considerations:
Erwägungen
1. Formelles
Gemäss Art. 57 ATSG1 i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b JG2 beurteilt das Obergericht als
kantonales Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen.
Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG3).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind.4
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Materielles
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die wiedererwägungsweise
Aufhebung der Rente der Beschwerdeführerin.
2.1
Nach Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger auf formell rechtskräftige
Verfügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig
sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist.
1 Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1) 2 Justizgesetz vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) 3 Bundesgesetz vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) 4 Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59
des Gesetzes vom 9. September 2002 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)
Seite 5
Wird eine Rente revisionsweise (vgl. Art. 17 Abs. 1 ATSG) herauf- oder herabgesetzt, so
tritt die Revisionsverfügung an Stelle der zu revidierenden Verfügung. Dasselbe gilt auch
dann, wenn in einem Revisionsverfahren die bisherige Rente nach materieller Prüfung des
Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und
Durchführung eines Einkommensvergleichs bestätigt wird. Dies bedeutet aber auch, dass
selbst dann, wenn nachträglich auf den Wegen der Wiedererwägung oder der Revision auf
diese Revisionsverfügung zurückgekommen wird, die ursprüngliche Verfügung von der
Revisionsverfügung konsumiert bleibt und daher nicht wieder auflebt, sondern deren
Schicksal teilt.5
2.1.1
Die Vorinstanz verfügte in der angefochtenen Verfügung die wiedererwägungsweise
Aufhebung der Verfügung vom 23. März 2001.
Die Beschwerdeführerin bringt hierzu vor, aufgrund der Akten sei unklar, auf welcher
Grundlage – Revision oder Wiedererwägung – die Vorinstanz die Rente aufzuheben
gedenke. In beiden Fällen stütze sich die Vorinstanz auf einen falschen Vergleichszeitraum.
2.1.2
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin ergibt sich aus der angefochtenen
Verfügung vom 30. September 2016 unmissverständlich, dass sich die Vorinstanz auf eine
Wiedererwägung stützt.
Vorliegend erfolgte die ursprüngliche Rentenzusprache mit Verfügung vom 12. Dezember
1997.6 Diese wurde am 25. Juli 2000 revisionsweise bestätigt.7 Aufgrund der
Verschlechterung des Gesundheitszustands wurde der Beschwerdeführerin mit Verfügung
vom 23. März 2001 eine ganze Invalidenrente zugesprochen.8 Diese wurde in den
folgenden Jahren jeweils revisionsweise bestätigt beziehungsweise aufgrund der
Scheidung der Beschwerdeführerin ab Februar 2015 neu berechnet.9
Somit bildet zeitliche Vergleichsbasis zu den mit Verfügung vom 30. September 2016
beurteilten Verhältnissen die Revisionsverfügung vom 23. März 2001, welcher eine
materielle Prüfung voran ging. Auf diese Revisionsverfügung wird durch Wiedererwägung
5 BGE 140 V 514 E. 5.2. mit Hinweis auf BGE 133 V 108 6 IV-act. 1.1-8/63 7 IV-act. 5 8 IV-act. 10 und IV-act. 13 9 IV-act. 16, IV-act. 21, IV-act. 24, IV-act. 28 und IV-act. 54
Seite 6
zurückgekommen, weshalb vorliegend der heutige Zustand mit jenem vom März 2001 zu
vergleichen ist.
2.2.
Die Wiedererwägung dient der Korrektur einer anfänglich unrichtigen Rechtsanwendung.
Darunter fällt insbesondere eine Leistungszusprache aufgrund falscher Rechtsregeln bzw.
ohne oder in unrichtiger Anwendung der massgeblichen Bestimmungen.10
2.2.1
Vorausgesetzt ist bei der Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG), dass kein vernünftiger
Zweifel an der Unrichtigkeit der Verfügung möglich ist, also nur dieser einzige Schluss
denkbar ist. Dies trifft in der Regel zu, wenn eine Leistungszusprechung aufgrund falscher
Rechtsregeln erfolgte oder wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig
angewandt wurden. Soweit indessen ermessensgeprägte Teile der Anspruchsprüfung vor
dem Hintergrund der damaligen Sach- und Rechtslage einschliesslich der Rechtspraxis in
vertretbarer Weise beurteilt worden sind, scheidet die Annahme zweifelloser Unrichtigkeit
aus.11 Eine zeitliche Befristung der Wiedererwägungsmöglichkeit besteht nicht.12
2.2.1.1
Die Vorinstanz erwog in der angefochtenen Verfügung, die damalige Verfügung vom
27. März 2001 habe nicht auf einer rechtsgenüglichen Sachlage beruht. Insbesondere sei
der medizinische Sachverhalt nicht abschliessend beurteilt worden, da keine Abklärungen
und Aussagen zu einer Arbeitsfähigkeit adaptiert vorhanden seien und auch aus Sicht des
Hausarztes ein ungenügend therapierter Gesundheitsschaden bekannt gegeben worden
sei. Des Weiteren fehle eine bei einer Änderung der Qualifikation und der Beurteilung der
Einschränkungen im Haushalt vorgesehene Abklärung vor Ort, welche zwingend hätte
durchgeführt werden müssen.
Die Beschwerdeführerin stellt sich auf den Standpunkt, die Vorinstanz unterlasse es
aufzuzeigen, dass der ursprüngliche Entscheid offensichtlich unrichtig gewesen sei.
2.2.1.2
Grundlagen der rentenerhöhenden Verfügung vom 27. März 2001 bildeten zum einen eine
Aktennotiz vom 10. August 2000 eines Telefongesprächs zwischen der Beschwerdeführerin
10 Urteil des Bundesgerichts 9C_766/2016 vom 3. April 2017 E. 1.1.2; UELI KIESER, ATSG-Kommentar,
3. Aufl. 2015, N. 43 zu Art. 53 ATSG 11 Urteil des Bundesgerichts 9C_173/2015 vom 29. Juni 2015 E. 2.1 mit Hinweisen; UELI KIESER, a.a.O.,
N. 51 ff. zu Art. 53 ATSG 12 BGE 140 V 514 E. 3.5; UELI KIESER, a.a.O., N. 41 zu Art. 53 ATSG
Seite 7
und einer Sachbearbeiterin der Vorinstanz sowie zum anderen ein Arztbericht des
behandelnden Hausarztes Dr. med. C_, Facharzt FMH Allgemeine Innere Medizin,
Bühler, vom 15. Januar 2001.13
Die Beschwerdeführerin gab anlässlich des erwähnten Telefongesprächs an, momentan
trotz der finanziellen Notwendigkeit, einer mindestens 80%-igen ausserhäuslichen
Erwerbstätigkeit nachzugehen, eine solche nicht aufzunehmen zu können. Zurzeit könne
sie nur wenige Tätigkeiten im Haushalt selber erledigen und brauche ständige
Hilfspersonen. Sie ersuche um nochmalige Prüfung der Situation.14
Dr. med. C_ diagnostizierte in seinem Verlaufsbericht vom 15. Januar 2001 ein
chronisches lumbovertebrales und lumbospondylogenes Syndrom der LWS bei
Spondylolisthesis Grad I nach Mayerding, linksseitige LWS Torsionsskoliose mit leichtem
Beckenschiefstand und Beinverkürzung sowie eine Angstysmptomatik aus dem
Formenkreis der Depression. Zurzeit seien die Rücken- und psychischen Probleme so
gross, dass eine ausserhäusliche Tätigkeit nicht zumutbar sei. Weiter führte er aus, dass
die Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht ungenügend therapiert sei. Plus minus
bestehe ein stationärer Gesundheitszustand. Seit 1. August 2000 bestehe eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit.15
2.2.1.3
Bis zur rentenerhöhenden Verfügung vom 27. März 2001 hatte die Beschwerdeführerin
eine hälftige Invalidenrente aufgrund ihres Rückenleidens.16 Dr. med. C_ diagnostizierte
im Verlaufsbericht vom 15. Januar 2001 nebst dem bestehenden Rückenleiden neu ein
psychisches Leiden, welches jedoch nicht von einem psychiatrischen Facharzt – sondern
von ihm, einem Facharzt für Allgemeine Medizin – festgestellt wurde. Insofern stellt sich die
Frage, ob der fehlende Beizug eines Psychiaters bzw. die fehlende fachärztlich festgestellte
psychische Krankheit im Jahr 2001 vorliegend dazu führt, dass die damalige Verfügung als
völlig unrichtig angesehen werden muss. Gestützt auf die bundesgerichtliche
Rechtsprechung scheint allein eine fehlende fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Diagnose
nach einem wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem nicht als eine
Wiedererwägung begründende, klare Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes
qualifiziert zu werden.17 Im vorliegenden Fall tritt aber hinzu, dass der Verlaufsbericht des
Hausarztes vom 15. Januar 2001 in Bezug auf das neu hinzugekommene psychische
13 IV-act. 7 und IV-act. 9 14 IV-act. 7 15 IV-act. 9 16 IV-act. 1.1-8/63 17 Urteil des Bundesgerichts 8C_265/2016 vom 6. Juli 2016 E. 4.2
Seite 8
Leiden nicht sehr aussagekräftig und in Anbetracht der bisherigen medizinischen Aktenlage
nicht ohne weiteres nachvollziehbar war. In Bezug auf das Rückenleiden bestand nach
Dr. med. C_ ein etwa gleichbleibender Gesundheitszustand. Daraus ist zu schliessen,
dass die von ihm festgestellte 100%-ige Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin etwa zu
gleichen Teilen auf das Rücken- sowie auf das psychische Leiden zurückzuführen war. Im
Verlaufsbericht hielt der Hausarzt zu den psychischen Beschwerden fest, dass bei der
Beschwerdeführerin eine riesige Angstproblematik vorhanden sei, welche sie paralysiere.
Mehrmals habe er mit ihr intensiv diskutiert, dass sie zuwenig bzw. zuwenig zielführende
Therapien durchführe, d.h. weder die Gesprächstherapie noch die Medikamente. Weiter
führte er aus, dass bei Nichtzustandekommen der initiierten Gesprächstherapie eine
Abklärung und Verpflichtung zur Therapie angezeigt sei, primär in Bezug auf die
Angstsymptomatik und sekundär auch bezüglich der Rückentherapie.18 Angesichts dieser
Ausführungen im Verlaufsbericht, die auf ein bereits seit längerem bestehendes
psychisches Leiden hinweisen, ist – wie bereits erwähnt – zum einen nicht nachvollziehbar,
wieso dieses Leiden nicht bereits in früheren ärztlichen Berichten erwähnt wurde. Zum
anderen hätte das psychische Leiden der Beschwerdeführerin von einem psychiatrischen
Facharzt festgestellt werden müssen, da die psychischen Beschwerden offenbar seit
längerem und in einem solchem Ausmass oder Schwere bestanden, dass der Hausarzt
deren Therapienotwendigkeit betonte. Kommt hinzu, dass die in Frage stehende Verfügung
gemäss den Akten damals offenbar ohne weitere Abklärungen bzw. ohne weitere Prüfung
der medizinischen Anspruchsvoraussetzungen erging.19 Nicht eingegangen wurde auch auf
die vom Hausarzt konkret erwähnte und der Beschwerdeführerin offenbar zumutbare
Schadenminderungspflicht. Aus diesen Umständen ist gesamthaft zu schliessen, dass aus
den der rentenerhöhenden Verfügung vom 27. März 2001 zugrunde gelegenen Berichten –
der Aktennotiz sowie dem Verlaufsbericht des Hausarztes – nicht in nachvollziehbarer
Weise hervorgeht, inwiefern die damals festgestellten Befunde eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit hätten bewirken sollen.20 Damit ist festzuhalten, dass die damalige
Rentenerhöhung auf keiner rechtsgenüglich fachärztlichen Einschätzung der
Arbeitsunfähigkeit erfolgte. Der rechtserhebliche Sachverhalt war unvollständig festgestellt,
die Invaliditätsbemessung nicht rechtskonform und demzufolge auch im Ergebnis nicht
vertretbar. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist somit festzuhalten, dass die
rentenerhöhende Verfügung vom 27. März 2001 zweifellos unrichtig war.
18 IV-act. 9 19 IV-act. 55-4/4; vgl. zur heutigen Aufgabe des RAD: Art. 59 Abs. 2 und Abs. 2bis IVG und Art. 49 der
Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) IVV; BGE 135 V 254 E. 3.3.2; Urteil des Bundesgerichts 9C_904/2009 vom 7. Juni 2010 E. 2.2
20 Urteil des Bundesgerichts 9C_642/2015 vom 29. Juni 2016 E. 4.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_272/2009 vom 16. September 2009 E. 5.2 und E. 5.3
Seite 9
2.2.2
Die Wiedererwägung wird nur vorgenommen, wenn die infrage stehende Korrektur
erheblich ist. Von der Rechtsprechung wird dies so verstanden, dass mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt ist, dass eine korrekte Beurteilung
hinsichtlich der konkreten Frage zu einem anderen Ergebnis geführt hätte.21
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist das Erfordernis der erheblichen
Bedeutung einer Berichtigung bei periodischen Leistungen – wie vorliegend – regelmässig
gegeben.22
Liegen die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung somit vor, ist in einem zweiten
Schritt unter Berücksichtigung der massgebenden Umstände ein neuer Entscheid zu
fällen.23
2.3
Eine Aufhebung des Rentenanspruchs auf dem Weg einer Wiedererwägung setzt voraus,
dass auch bis dahin keine Invalidität eingetreten ist.24
2.3.1
Die Vorinstanz bringt in diesem Zusammenhang vor, das Gutachten bei der Swiss Medical
Assessment- and Business-Center (SMAB AG), St. Gallen, sei voll verwertbar. Aus dem
Gutachten gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin sowohl in angestammter als auch in
adaptierter Tätigkeit voll arbeitsfähig sei. Dadurch sei auch überwiegend wahrscheinlich
von keiner Einschränkung im Haushalt auszugehen. Da die Beschwerdeführerin nicht total
abwesend vom Arbeitsmarkt gewesen sei – unter anderem habe sie 2011 eine Ausbildung
zur Arztsekretärin absolviert und sei diverse Arbeitsverhältnisse eingegangen –, sei sie in
der Lage, ihre Arbeitsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt selbst zu verwerten.
Die Beschwerdeführerin stellt sich hingegen auf den Standpunkt, dass das Gutachten
fragwürdig sei. Die Gutachter seien auf die subjektiv geschilderten Beschwerden nicht
eingegangen und ihre Schlussfolgerungen seien nicht haltbar. Insbesondere sei eine
100%-ige Erwerbstätigkeit in sitzender Haltung mit dem Aktenbild schwer bzw. nicht
vereinbar. Die Gutachter hätten sich nicht mit anderslautenden fachlichen Einschätzungen
21 UELI KIESER, a.a.O., N. 57 zu Art. 53 ATSG 22 Urteil des Bundesgerichts 9C_337/2015 vom 7. April 2016 E. 3 mit Hinweisen 23 UELI KIESER, a.a.O., N. 71 zu Art. 53 ATSG; Urteil des Bundesgerichts 9C_173/2015 vom 29. Juni
2015 E. 2.1 mit Hinweisen 24 Urteil des Bundesgerichts 8C_288/2016 vom 14. November 2016 E. 4.2 mit Hinweisen
Seite 10
auseinandergesetzt und auch nicht begründet, weshalb das Gutachten des Kantonsspitals
vom 10. April 1997 nicht nachvollziehbar sei.
2.3.2
Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen
angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu
stellen haben. Aufgabe der Ärztin oder des Arztes ist es, den Gesundheitszustand zu
beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen
der Person noch zugemutet werden können.25
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialver-
sicherungsgerichte die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies,
dass das Sozialversicherungsgericht die Beweismittel unabhängig davon, von wem sie
stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren
Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten.
Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess
nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe
anzugeben, warum es auf die eine und nicht die andere medizinische These abstellt.26
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung
der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten
begründet sind.27
2.3.3
Der angefochtenen Verfügung vom 30. September 2016 liegt im Wesentlichen der folgende
Sachverhalt zugrunde:
25 BGE 132 V 99 E. 4 26 BGE 125 V 351 E. 3a 27 BGE 134 V 231 E. 5.1
Seite 11
In den Verlaufsberichten vom 9. Februar 2002, vom 13. Februar 2004, vom 13. Februar
2006 und vom 14. April 2009 bezeichnete Dr. med. C_ den Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin jeweils als stationär.28
Von Seiten der Klinik St. Pirminsberg, Pfäffers, wurde im Bericht über die stationäre
Behandlung der Beschwerdeführerin vom 31. August 2012 bis zum 7. September 2012 die
Diagnose einer Anpassungsstörung mit kurzer depressiver Reaktion (ICD-10: F43.20)
gestellt. Im Rahmen einer Trennungssituation habe die Beschwerdeführerin einen
Suizidversuch unternommen und es werde eine ambulante psychiatrisch-
psychotherapeutische Nachbehandlung empfohlen.29
Im Verlaufsbericht vom 5. Januar 2015 berichtete der Hausarzt der Beschwerdeführerin
von einem stationären Gesundheitszustand sowie einer unveränderten Diagnose.
Ergänzend führte er weiter aus, dass der Verlauf in Bezug auf das Rückenleiden
unverändert sei, jedoch erschwerte Lebensumstände das psychische Befinden der
Beschwerdeführerin negativ beeinflusst hätten.30
Dr. E_, Chiropraktor SCG/EGU, St. Gallen, führte in seinem Verlaufsbericht vom
16. Februar 2015 aus, während des Arbeitsverhältnisses mit der Beschwerdeführerin vom
1. August 2013 bis 31. Dezember 2013 habe sich deren Gesundheitszustand stationär
gezeigt, eher mit Tendenz zur Verschlechterung infolge der Arbeitsbelastung mit viel aktiver
Bewegung und etwas Hebearbeit.31
Im Therapiebericht vom 22. September 2015 führte Dr. med. D_, Fachärztin FMH
Psychiatrie und Psychotherapie, St. Gallen, aus, dass sich die Beschwerdeführerin vom
7. September 2012 bis zum 23. April 2013 in ihrer psychiatrisch-psychotherapeutischen
Behandlung befunden habe. Die Behandlung sei dann ohne Angabe von Gründen von der
Beschwerdeführerin beendet worden. Als Diagnosen stellte sie eine Anpassungsstörung
mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21) nach Trennung des Ehepartners (ICD-
10: Z63.5) sowie Probleme durch sexuellen Missbrauch im Alter von 16 Jahren durch eine
Person ausserhalb der Familie (ICD-10: Z61). Zentrales Thema der Therapie sei die
Verarbeitung der Trennung vom Ehemann gewesen, wobei sich im Verlauf das psychische
Zustandsbild deutlich verbessert habe. Gegen Ende der Therapie sei die einmalige
sexuelle Gewalt, welche die Beschwerdeführerin in ihrer Jugend erlebt habe, mehr Thema
geworden. Die Beschwerdeführerin habe in diesem Zusammenhang wiederholt eine seit
28 IV-act. 18, IV-act. 20, IV-act. 23 und IV-act. 27 29 IV-act. 60 30 IV-act. 42 31 IV-act. 48
Seite 12
langem bestehende Angstsymptomatik erwähnt, jedoch habe eine weitere diesbezügliche
diagnostische Abklärung wegen des Therapieabbruchs nicht erfolgen können. Eine
Schmerzsymptomatik sei von der Beschwerdeführerin erwähnt worden, aber nicht Inhalt
der Gespräche gewesen. Im April 2013 habe eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit im
Teilzeitpensum bestanden.32
Anlässlich eines Telefongesprächs vom 1. Dezember 2015 berichtete die Beschwerde-
führerin, sie lebe mit den Schmerzen seit 20 Jahren. Eine Verschlechterung ihres
Gesundheitszustands habe sie wahrgenommen, als sie beim Chiropraktiker Dr. E_
angestellt gewesen sei.33
Im bidisziplinären Gutachten der SMAB AG vom 26. Mai 2016 stellte der psychiatrische
Gutachter Dr. med. F_, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, keine
psychiatrische Diagnose mit Relevanz für die Arbeitsfähigkeit. Unter psychiatrische
Diagnosen ohne Relevanz für die Arbeitsfähigkeit diagnostizierte er psychologische und
Verhaltensfaktoren bei anderenorts klassifizierten Krankheiten (ICD-10: F54) und erklärte
hierzu, bei der Beschwerdeführerin sei eine psychogene Überlagerung der Schmerzen
anzunehmen. Sie habe bei abhängiger Persönlichkeitsstruktur nicht ausreichend gelernt,
Empfindungen, Gefühle, Ängste, Wünsche und Bedürfnisse nach Rückzug und Entlastung
verbal auszudrücken, dies geschehe vielmehr somatisch über Rückenschmerzen. Die
Beschwerdeführerin zeige normalpsychologische Reaktionen auf eine körperliche
Erkrankung, es bestehe keine komorbide affektive Störung. In der Vergangenheit sei es bei
der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit einer Trennungssituation zu einer
manifesten depressiven Symptomatik gekommen, jedoch sei diese Problematik längst
abgeklungen.34 Bezüglich des Belastungsprofils hielt der psychiatrische Gutachter fest, die
Beschwerdeführerin weise leichtabhängige Persönlichkeitszüge auf, weshalb sie keine
Tätigkeit ausüben sollte, die eine ausgesprochen hohe Konfliktfähigkeit voraussetze.35 Im
orthopädisch-traumatologischen Gutachten diagnostizierte G_, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, keine Diagnosen
mit Relevanz für die Arbeitsfähigkeit. Ohne Relevanz für die Arbeitsfähigkeit stellte der
Gutachter ein chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom bei thorakolumbaler
Skoliose ohne Zeichen einer radiculären Defizitsymptomatik fest. Weiter führte er aus, dass
sich orthopädisch keine Gründe für eine quantitative Leistungseinschränkung ableiten
liessen. Die Beschwerdeführerin sei in der Lage, körperlich leichte Tätigkeit mit Heben und
Tragen von Lasten bis zu 10kg durchzuführen, wobei Tätigkeiten in ständiger
32 IV-act. 67 33 IV-act. 69 34 IV-act. 82-24f/40 35 IV-act. 82-26/40
Seite 13
Zwangshaltung, Vorbeuge vermieden werden sollten. Die Einschätzung des Kantonsspitals
St. Gallen vom 10. April 1997, wonach sie zu 50% in ihrer Leistung eingeschränkt sei,
könne nicht nachvollzogen werden. Aus orthopädischer Sicht sei retrospektiv eine
leidensadaptierte Tätigkeit, die Tätigkeit als Bankkassiererin oder Arztsekretärin zu keinem
Zeitpunkt eingeschränkt gewesen. Unter Beachtung des Leistungsprofils sei die
Arbeitsfähigkeit dauerhaft gegeben, wobei der Verdacht auf eine Osteopenie
abklärungsbedürftig sei.36 Zusammenfassend kamen die Gutachter im bidisziplinären
Konsens zum Schluss, dass die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in der bisherigen
sowie in einer leidensadaptierten Tätigkeit 100% betrage. Es gebe keine Hinweise dafür,
dass die Arbeitsfähigkeit jemals – mit Ausnahme während der Hospitalisation 2012 – aus
psychiatrischen oder orthopädischen Gründen reduziert gewesen sei.37
2.3.4
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin gingen beide Gutachter auf ihre subjektiv
geschilderten Beschwerden ein und berücksichtigten diese in ihrem jeweiligen
Teilgutachten. So nahm der psychiatrische Gutachter Dr. med. F_ in der Anamnese die
von der Beschwerdeführerin geschilderten psychischen Beschwerden – unter anderem
Angst bei Schmerzexazerbationen, Frustration und Traurigkeit – auf und erklärte im
psychiatrischen Befund nachvollziehbar, weshalb es sich hierbei um eine
normalpsychologische Reaktion auf eine körperliche Erkrankung handle.38 Auch der
orthopädisch-traumatologische Gutachter berücksichtigte die subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin in seiner Beurteilung, stellte bei der klinischen Untersuchung aber
keine wesentliche Einschränkung der Funktion der Wirbelsäule fest.39 In den bidisziplinär
beantworteten Fragen erklärten die Gutachter, dass die Beschwerdeschilderung und die
Einschätzung beruflicher Möglichkeiten der Beschwerdeführerin nicht konsistent mit dem
Ergebnis der orthopädischen Untersuchung beziehungsweise den hier festgestellten
(mässigen) Einschränkungen seien.40 Die Gutachter äusserten sich auch zu den
vorhandenen anderslautenden fachlichen Einschätzungen. In der versicherungsmedizi-
nischen Beurteilung führten die Gutachter zum retrospektiven Verlauf der Arbeitsfähigkeit
aus, dass keine Hinweise beständen, dass die Arbeitsfähigkeit jemals aus psychiatrischen
oder orthopädischen Gründen reduziert gewesen sei. Bei der Einschätzung des
Kantonsspitals St. Gallen vom 10. April 1997 handle es sich um eine andere Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit bei gleichen Befunden.41 Ferner wurde nachvollziehbar erklärt, dass die
36 IV-act. 82-33ff/40 37 IV-act. 82-9ff/40 38 IV-act. 82-19/40 und IV-act. 82-24/40 39 IV-act. 82-34/40 40 IV-act. 82-15/40 41 IV-act. 82-11/40
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depressive Symptomatik im Zusammenhang mit der Trennungssituation längst
abgeklungen sei.42
Somit ist zusammenfassend festzuhalten, dass das bidisziplinäre Gutachten von Dr. med.
F_ und G_ für die streitigen Belange umfassend ist, auf je eigenen Untersuchungen
von 65 Minuten und 90 Minuten beruht und die subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin berücksichtigt. Es wurde in Kenntnis der vorliegenden Akten
abgegeben und leuchtet in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der
medizinischen Situation ein. Die Schlussfolgerungen der Gutachter sind sodann schlüssig
begründet und nachvollziehbar. Dem Gutachten kommt somit entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführerin volle Beweiskraft zu.
2.4
Aufgrund des Gesagten ist daher nicht zu beanstanden, dass sich die Vorinstanz in der
angefochtenen Verfügung auf das Gutachten abstützte und die Invalidenrente
wiedererwägungsweise aufhob. Die Beschwerde erweist sich demnach als unbegründet;
sie ist abzuweisen.
3. Kosten und Entschädigung
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren um die Bewilligung oder
Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Der
Beschwerdeführerin sind daher – unter Verrechnung mit dem von ihr in gleicher Höhe
einbezahlten Kostenvorschuss – ausgangsgemäss die Kosten des Verfahrens in Höhe von
Fr. 800.-- aufzuerlegen.
Der obsiegenden IV-Stelle wird keine Parteientschädigung ausgerichtet.43
42 IV-act. 82-25/40 43 BGE 126 V 143 E. 4
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