Decision ID: da1a8dd0-6bbe-4513-8a7f-3f768ffdb4fc
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden – ethnische Hazara mit letzten Wohnsitz im
Dorf D._ in der Region E._ (Distrikt Behsud, Provinz May-
dan Wardak) – reisten ihren Angaben zufolge am 27. November 2019 in
die Schweiz ein und stellten gleichentags ein Asylgesuch.
B.
Am 3. Dezember 2019 fand die Personalienaufnahme (PA) und am 20. De-
zember 2019 und 27. Februar 2020 die Anhörungen der volljährigen Be-
schwerdeführenden (nachfolgend: Beschwerdeführende beziehungsweise
Beschwerdeführer und Beschwerdeführerin) statt.
Die Beschwerdeführenden begründeten ihre Asylgesuche mit einer ihnen
drohenden Verfolgung durch die Taliban. Der Beschwerdeführer habe seit
vielen Jahren und an verschiedenen Orten in seiner Heimatregion Behsud
gegen die Taliban gekämpft. Er sei bereits in den 1990er Jahren Berater
eines Kommandanten und später in der Organisation und Logistik verant-
wortlich für den Transport von Einheiten gewesen. Er habe sich einer Grup-
pierung der Hazara angeschlossen, sei Mitglied der Partei "Harakat" ge-
wesen und habe gegen die Taliban gekämpft. Aufgrund dessen sei er von
den Taliban auf eine schwarze Liste gesetzt worden. Nach einer Kriegsver-
letzung hätten er und die Beschwerdeführerin ab dem Jahr 1998/1999
während 16 Jahren im Iran gelebt, dort seien die Kinder geboren. Im Jahr
2013/2014 seien sie nach Afghanistan zurückgekehrt, anschliessend habe
der Beschwerdeführer erneut an Gefechten gegen die Taliban teilgenom-
men. Im Jahr 2015/2016 seien er und seine Töchter durch eine Autobombe
verletzt worden, welche die Taliban zuvor an seinem geparkten Auto plat-
ziert hätten. Nach der Explosion seien sie nach Kabul ins Krankenhaus
gebracht worden. Seine Freunde hätten ihn dort unter falschem Namen
eingeliefert, um ihn vor weiteren Racheakten der Taliban zu schützen, an-
sonsten hätten diese ihn im Krankenhaus aufgesucht und getötet. Seine
Bekannten im Dorf hätten sodann verbreitet, dass er bei der Explosion ums
Leben gekommen sei. Aufgrund seiner Beinverletzung habe der Beschwer-
deführer nach dem Anschlag noch für eineinhalb bis zwei Jahre in der Re-
gion E._ an einem anderen Ort versteckt bleiben müssen. Danach
sei er mit seiner Familie ungefähr im März/April 2017 aus Afghanistan aus-
gereist.
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Als Beweismittel für ihre Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden
nebst Identitätsdokumenten einen Ausweis der Partei "Harakat", eine Auf-
enthaltskarte für die Stadt F._, einen Ausweis betreffend die körper-
liche Behinderung sowie ein Schreiben des Rats des Islamischen Staats
Harakat (alle Dokumente ausser die Identitätsdokumente den Beschwer-
deführer betreffend) zu den Akten. Die Beschwerdeführerin reichte ein
Arztzeugnis aus der Schweiz ein.
C.
Am 27. Dezember 2019 wurden die Beschwerdeführenden dem erweiter-
ten Verfahren zugeteilt.
D.
Mit Verfügung vom 4. März 2020 (eröffnet am 5. März 2020) stellte das
SEM fest, dass die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfüllten, lehnte ihre Asylgesuche ab, wies sie aus der Schweiz weg und
nahm sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in
der Schweiz auf.
E.
Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden durch ihre
Rechtsvertreterin am 6. April 2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungs-
gericht und beantragten, die Verfügung sei in den Ziffern 1 bis 3 aufzuhe-
ben, es sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihnen Asyl zu
gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie die Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung und die Beiordnung ihrer Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
F.
Am 8. April 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Fürsorgebestäti-
gung und eine Kostennote ein.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 20. April 2020 hiess die damals zuständige
Instruktionsrichterin die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und
amtliche Rechtsverbeiständung gut und ordnete den Beschwerdeführen-
den ihre Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Zudem setzte
sie dem Beschwerdeführer Frist für die Einreichung eines ärztlichen Be-
richts betreffend seine Beinverletzung.
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H.
Am 11. Mai 2020 reichte der Beschwerdeführer einen Arztbericht von
Dr. med. G._ vom 5. Mai 2020 ein.
I.
Auf Aufforderung der damals zuständigen Instruktionsrichterin reichten das
SEM am 26. Mai 2020 eine Vernehmlassung und die Beschwerdeführen-
den am 19. Juni 2020 eine Replik zu den Akten.
J.
Der Vorsitz des vorliegenden Verfahrens wurde aus organisatorischen
Gründen am 5. Januar 2022 auf Richterin Susanne Bolz-Reimann übertra-
gen.
K.
Am 31. August 2022 erkundigten sich die Beschwerdeführenden nach dem
Verfahrensstand. Die Instruktionsrichterin beantwortet diese Anfrage mit
Schreiben vom 7. September 2022.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM erachtete das Vorbringen mangels direktem Kausalzusam-
menhang zwischen dem Bombenanschlag und der Ausreise zum einen als
asylrechtlich nicht relevant. Die Beschwerdeführenden hätten sich nach
der Explosion noch mehrere Jahre im selben Distrikt aufgehalten, ohne das
ihnen etwas zugestossen sei. Zudem sei aufgrund dessen, dass der Be-
schwerdeführer für tot erklärt worden sei, anzunehmen, dass er bei einer
Rückkehr nach Afghanistan nichts mehr zu befürchten habe.
Zum anderen wies das SEM in seinem Entscheid auf verschiedene Un-
stimmigkeiten in den Aussagen der Beschwerdeführenden im Zusammen-
hang mit den geschilderten Ereignissen hin, weshalb auch Zweifel an der
Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen bestünden. So hätten der Beschwerdefüh-
rer und sein Sohn H._ (N [...]; am 21. Februar 2019 in der Schweiz
vorläufig aufgenommen; Anmerkung des Gerichts) in unterschiedlicher
Weise von der Explosion berichtet – gemäss dem Beschwerdeführer habe
es sich um eine Autobombe und gemäss dem Sohn um eine Mine unter
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dem Auto gehandelt. Diese Abweichung wertete das SEM als widersprüch-
lich und führte hierzu aus, wenn dem Beschwerdeführer tatsächlich etwas
Derartiges widerfahren sei, er die Ursache der Explosion kennen müsse.
Zudem liege ein Widerspruch im Hinblick auf den Ort der medizinischen
Behandlung nach der Explosion vor. In der ersten Anhörung habe der Be-
schwerdeführer angegeben, seine Töchter seien in ein Krankenhaus in Ka-
bul und er in ein anderes Krankenhaus gebracht worden. In der zweiten
Anhörung habe er im Widerspruch dazu ausgesagt, er sei ebenfalls im
Krankenhaus in Kabul behandelt worden, aber auf einem anderen Weg
dorthin gelangt. Die Beschwerdeführerin hingegen habe einerseits ange-
geben, ihr Ehemann sei in ein anderes Krankenhaus in der Nähe ihres
Wohnorts eingeliefert worden, und andererseits, ihr Ehemann sei im selben
Krankenhaus wie ihre Töchter gewesen. Auf Vorhalt habe der Beschwer-
deführer angegeben, es seien alle in Kabul, aber in unterschiedlichen Be-
reichen behandelt worden.
Zudem seien die Vorbringen nicht genügend detailliert dargelegt, da so-
wohl die Beschwerdeführerin als auch der Beschwerdeführer den Hergang
der Explosion nicht substantiiert hätten schildern können und sich dabei
auf Gedächtnisprobleme beziehungsweise eine umgehend eingetretene
Ohnmacht berufen hätten.
Schliesslich sei unwahrscheinlich, dass die Taliban den Beschwerdeführer
fast zwanzig Jahren nach dem Krieg im Jahr 1998/1999 immer noch im
Visier haben sollten. Es ergebe auch keinen Sinn, dass die Beschwerde-
führenden im Jahr 2014/2015 nach Afghanistan zurückgekehrt seien, wenn
sie gewusst hätten, dass sich der Beschwerdeführer wie angegeben in Le-
bensgefahr befunden hätte. Auf die Frage, weshalb ihm im Fall der Rück-
kehr noch immer eine Gefahr durch die Taliban drohe, habe er zudem ab-
schweifend und allgemein geantwortet. Die eingereichten Beweismittel
schliesslich seien untauglich, eine drohende Verfolgung glaubhaft zu ma-
chen, zumal darin kein Bezug auf die geltend gemachten Schwierigkeiten
mit den Taliban genommen werde.
4.2 In der Beschwerde setzten die Beschwerdeführenden dem entgegen,
der Beschwerdeführer habe nach der Explosion als tot gegolten; nur des-
halb und weil sie sich versteckt gehalten hätten, sei es ihnen möglich ge-
wesen, nach dem Anschlag bis zur Heilung der Beinverletzung des Be-
schwerdeführers in Afghanistan zu bleiben, ohne von den Taliban gefunden
zu werden. Der Beschwerdeführer verfüge aufgrund seines langjährigen
Engagements für die Hazara bei der Harakat-Partei über ein einschlägiges
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Risikoprofil, was von der Vorinstanz nicht berücksichtigt worden sei. Ge-
mäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts reiche die Zugehö-
rigkeit zu einer Risikogruppe für die Annahme einer Verfolgung aus, selbst
wenn die entsprechende Tätigkeit, welche zu einer Verfolgung durch die
Taliban geführt habe, im Zeitpunkt der Ausreise bereits aufgegeben worden
sei. Seine Gefährdung zeige sich in dem auf ihn verübten Attentat, welches
von der Vorinstanz nicht grundsätzlich bezweifelt worden sei. Die Taliban
hätten ihn auch lange Zeit nach dem Krieg noch im Visier, da er zusammen
mit seinen Bekannten das Dorf immer wieder gegen verschiedene
paschtunische Warlords verteidigt habe, welche mit den Taliban zusam-
mengearbeitet hätten. Es lägen damit genügend Anhaltspunkte vor, wes-
halb er auf einer schwarzen Liste der Taliban stehe.
Die von der Vorinstanz genannten Widersprüche seien nicht wesentlich,
beziehungsweise wahrscheinlich der Übersetzung geschuldet. Schliesslich
habe die Vorinstanz einige Aussagen auch frei interpretiert.
Ob die Explosion des Autos durch eine Mine oder durch eine platzierte
Bombe ausgelöst wurde, sei bis heute unklar. Der Vorhalt der Vorinstanz,
der Beschwerdeführer hätte die Ursache der Explosion klären lassen müs-
sen, sei überzogen. Vielmehr habe er eingeräumt, die genaue Ursache der
Explosion aufgrund einer fehlenden Untersuchung vor Ort bis heute nicht
zu kennen, was ein Realkennzeichen darstelle. Entgegen den Ausführun-
gen der Vorinstanz sei dieser Widerspruch auch nebensächlich. Die Be-
schwerdeführenden hätten ausführlich und mit zahlreichen Realkennzei-
chen versehen über den Vorfall berichtet; es sei hingegen unmöglich, dass
die Aussagen zweier Personen über dasselbe Ereignis vollkommen iden-
tisch ausfielen.
Nach der Explosion seien der Beschwerdeführer und die Töchter – entge-
gen der Interpretation des SEM – alle ins selbe Krankenhaus gebracht
worden – der Beschwerdeführer allerdings in die Männerabteilung und
seine Töchter in die Frauenabteilung. Die Vorinstanz habe diesbezüglich
zu Unrecht einen Widerspruch vorgehalten. Entgegen den Ausführungen
in der angefochtenen Verfügung habe der Beschwerdeführer lediglich an-
gegeben, er sei "irgendwo sonst" behandelt worden. Daraus abzuleiten, er
sei in einem anderen Krankenhaus behandelt worden, stelle eine sprach-
lich zu hohe Hürde dar. Mit der Aussage, er sei "nach einer Weile (...) selbst
nach Kabul" gegangen, habe er gemeint, er sei nicht gemeinsam mit sei-
nen Töchtern nach Kabul transportiert worden. Seine Helfer hätten ihn ins
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Krankenhaus gefahren. Die Behauptung, die Beschwerdeführerin habe an-
gegeben, ihr Ehemann sei "in der Nähe ihres Wohnorts" behandelt worden,
sei gar aktenwidrig und von der Vorinstanz frei hineininterpretiert worden.
Dass sie sich aufgrund der eingetretenen Ohnmacht nach der Explosion
nicht mehr an gewisse Details erinnern könnten, sei nachvollziehbar.
Die Plausibilität von Ereignissen dürfe ferner nur in beschränktem Masse
zur Bewertung der Glaubhaftigkeit hinzugezogen werden, weshalb die Tat-
sache, dass die Beschwerdeführenden freiwillig nach Afghanistan zurück-
gekehrt seien, nicht als Argument gegen das Vorliegen einer Gefährdung
angeführt werden dürfe. Zu den Beweismitteln sei festzuhalten, dass mit
dem eingereichten Parteiausweis des Beschwerdeführersein Indiz für die
Richtigkeit seiner Erläuterungen, insbesondere betreffend seine Identität
als aktiver Gegner der Taliban, vorliege.
4.3 In der Vernehmlassung erachtete das SEM das gemäss dem Be-
schwerdeführer vorliegende Risikoprofil als nicht glaubhaft gemacht, der
Umfang seiner Tätigkeit für die Harakat-Partei sei keineswegs bekannt,
das Beweismittel belege lediglich seine Mitgliedschaft. Entgegen der in der
Beschwerde vertretenen Auffassung sei durchaus wesentlich, ob das
fluchtauslösende Ereignis – die Explosion des Autos – durch eine Auto-
bombe oder eine Mine hervorgerufen worden sei. Wäre das Auto über eine
Mine gefahren, spräche dies vielmehr für einen ungezielten Anschlag auf-
grund der unsicheren Lage in Afghanistan und nicht für einen gezielten An-
griff auf den Beschwerdeführer. Bei der Aussage des Beschwerdeführers,
er kenne die genaue Ursache der Explosion bis heute nicht, handle es sich
nicht um eine spontane Aussage und damit nicht um ein Realkennzeichen.
Vielmehr sei davon auszugehen, dass ihm die Diskrepanz seiner Darstel-
lung zu derjenigen seines Sohnes präsent gewesen sei und er sich durch
seine Aussage beide Optionen offengelassen habe.
Wohl könnten sich Aussagen verschiedener Personen in der Erzählweise
oder durch selektive Wahrnehmung einzelner Ereignisse unterscheiden; es
lägen aber teilweise grundlegend unterschiedliche Aussagen zu den wich-
tigsten Ereignissen vor. Dies betreffe auch den Widerspruch bezüglich des
Krankenhausaufenthalts des Beschwerdeführers und seiner Töchter.
Sprachliche Schwierigkeiten habe es den Anhörungsprotokollen zufolge
nicht gegeben; die Beschwerdeführerin habe im Widerspruch zum Be-
schwerdeführer klar ausgesagt, ihr Ehemann sei in einem Krankenhaus «in
der Nähe von ihnen» behandelt worden, nachdem sie angegeben habe,
ihre Töchter seien nach Kabul ins Krankenhaus gebracht worden. Somit
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handle es sich offensichtlich um die Nennung von zwei verschiedenen
Krankenhäusern.
Wenn der Beschwerdeführer – wie vorgebracht – gewusst hätte, dass sein
Name auf einer schwarzen Liste der Taliban stehe und er sich in Lebens-
gefahr befinde, wären die Beschwerdeführenden nicht aus dem Iran nach
Afghanistan zurückgekehrt. Die Rückkehr spreche dafür, dass der Be-
schwerdeführer nach seiner Rückkehr nach Afghanistan kein bewusst ge-
wähltes Ziel der Taliban gewesen sei und nicht persönlich in deren Visier
gestanden habe.
4.4 In der Replik argumentierten die Beschwerdeführenden, dass zum Ri-
sikoprofil des Beschwerdeführers zahlreiche Sachverhaltselemente vorlä-
gen, die von der Vorinstanz nicht bezweifelt worden seien, so beispiels-
weise seine Zugehörigkeit zur Harakat-Partei und die Tätigkeit als Hazara-
Widerstandskämpfer. Es sei nicht korrekt, aufgrund einzelner Unglaubhaf-
tigkeitselemente den gesamten Sachverhalt anzuzweifeln. Die Explosion
habe sich in der Hauseinfahrt der Beschwerdeführenden ereignet, weshalb
es sich, unbesehen ob eine Mine oder eine Autobombe dafür verantwort-
lich gewesen sei, jedenfalls um einen gezielten Anschlag auf den Be-
schwerdeführer gehandelt habe.
Der Beschwerdeführer habe laut Protokoll als seinen eigenen Behand-
lungsort "irgendwo sonst" angegeben. Er wisse ja aber genau, wo er be-
handelt worden sei, und habe dies wohl kaum wörtlich so angegeben, wie
es protokolliert worden sei. Vielmehr habe er etwas gesagt wie "nicht am
selben Ort wie die anderen" oder "andernorts als die Anderen", was vom
Dolmetscher ungelenk mit "irgendwo sonst" übersetzt worden sei. Be-
kanntlich vermöge eine allenfalls erneut fehlerhafte Rückübersetzung sol-
che feinen Unklarheiten nicht zwingend aufzudecken. So sei auch die von
der Vorinstanz zitierte Stelle, wonach die Beschwerdeführerin laut Protokoll
angegeben habe, ihr Ehemann sei in einem Krankenhaus in der Nähe von
ihnen behandelt worden, zu erklären. Diese Unschärfe (Krankenhaus oder
Abteilung eines Krankenhauses) erkläre sich ebenfalls mit einer unge-
nauen Übersetzung. Selbst bei einer wörtlichen Übersetzung sei die Aus-
sage "anderes Krankenhaus" damit zu erklären, dass die beiden Abteilun-
gen des Krankenhauses in Kabul für Männer und Frauen in zwei separaten
Gebäuden untergebracht und sehr gross seien, so dass die Beschwerde-
führerin die Männerabteilung zu Recht als "Spital" bezeichnet habe. Kei-
nesfalls dürfe jedoch aus der mundartlichen Ausdrucksweise "in der Nähe
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von uns" ein Krankenhaus an einem geografisch anderen Ort – am Woh-
nort der Beschwerdeführenden – abgeleitet werden.
Es sei plausibel, dass sich der Beschwerdeführer während längerer Zeit in
einer kleinen Ortschaft habe verstecken können, ohne von den Taliban ge-
funden zu werden. Es sei ihm nicht zuzumuten, bei einer Rückkehr nach
Afghanistan erneut inkognito leben zu müssen, was aber notwendig wäre,
wenn er sich nicht in Gefahr begeben wolle. Schliesslich sei festzuhalten,
dass die Beschwerdeführenden aus dem Iran nicht freiwillig zurückgekehrt,
sondern deportiert worden seien. Somit sei das Argument, beim Vorliegen
einer realen Gefahr wären sie nicht nach Afghanistan zurückgekehrt, nicht
stichhaltig.
5.
5.1 Einerseits sind die Aussagen der Beschwerdeführenden sowohl zu sei-
nem politischen Engagement als auch zu den Kampfeinsätzen des Be-
schwerdeführers sehr wenig substantiiert und oberflächlich ausgefallen,
dies gilt auch für die Ausführungen dazu, was ihm und der Familie deswe-
gen von Seiten der Taliban drohen könnte. Andererseits ist nicht glaubhaft
gemacht, dass sich der Beschwerdeführer durch sein Engagement im In-
teresse der Hazara (Verteidigung von Dörfern gegen Paschtunen) heraus-
ragend exponierte; es ist nicht erkennbar, inwiefern er sich in einer sich von
den zahlreichen Kämpfern abhebenden Position befunden hätte. Darüber
hinaus liegt die von ihm genannte Beratung des Kommandanten bis zu
seiner (ersten) Ausreise in den Iran im Jahr 1998/1999 bereits mehr als 20
Jahre zurück. Danach hat er sich seinen Angaben zufolge mit seiner Fami-
lie während 16 Jahren im Iran aufgehalten, womit er aufgrund dieser lan-
gen Landesabwesenheit für lange Zeit keine politische Rolle wahrgenom-
men hat. Dass dem Beschwerdeführer im heutigen Zeitpunkt aufgrund sei-
ner früheren Kampfhandlungen im Kampf der Hazara gegen die Paschtu-
nen und Taliban eine asylrechtlich beachtliche Verfolgung drohe, konnte er
deshalb nicht überwiegend glaubhaft machen. Der Vorinstanz ist auch zu-
zustimmen, wenn sie es als wenig nachvollziehbar erachtet, dass der Be-
schwerdeführer rund 20 Jahre nach dem Krieg gegen die Taliban, an dem
er Ende der 1990er Jahre teilgenommen habe, noch immer im Fokus der
Taliban stehe.
5.2 Zutreffend ist auch, dass der Beschwerdeführer – wäre er so stark ge-
fährdet gewesen – wohl kaum in den Jahren 2013 beziehungsweise 2014
nochmals nach Afghanistan zurückgekehrt wäre. Die entsprechenden Ent-
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gegnungen in der Beschwerde vermögen nicht zu überzeugen. Ob die Be-
schwerdeführenden nach ihrem langjährigen Aufenthalt im Iran freiwillig
oder mit Zwang nach Afghanistan zurückgekehrt sind, geht aus den vorlie-
genden Akten nicht eindeutig hervor. Der Beschwerdeführer hat hierzu ei-
nerseits davon gesprochen, zu jener Zeit sei die Lage im Iran zunehmend
schwieriger geworden, weshalb er stets an eine Rückkehr nach Afghanis-
tan gedacht habe und im Jahr 2013/2014 dorthin zurückgekehrt sei, was
eine freiwillige Rückkehr impliziert (A30 F27). Von einer Deportation sprach
er in der ersten Anhörung noch nicht, sondern gab lediglich an, seine Kin-
der seien einmal nach Afghanistan deportiert worden (A30 F26). Bei der
Rückübersetzung hingegen korrigierte er seine Aussage, im Jahr
2013/2014 nicht freiwillig zurückgekehrt zu sein, sondern mit der gesamten
Familie deportiert worden zu sein (A30 S. 10, Anmerkung zu F27). Ferner
gibt der Beschwerdeführer an, er sei ungefähr viermal zwischen dem Iran
und Afghanistan gependelt (A30 F24). Somit ist davon auszugehen, dass
er von seinen vielen Aufenthalten im Iran zumindest nicht jedes Mal unfrei-
willig in seinen Heimatstaat zurückgekehrt ist, womit die Annahme, dass er
sich zumindest in jenem Zeitpunkt (2014) nicht in akuter Gefahr befunden
hat, gestützt wird.
5.3 Zum zentralen Punkt des geltend gemachten Verfolgungsvorbringens
– der Explosion des Autos – ist vorweg festzuhalten, dass das Gericht –
wie auch die Vorinstanz – nicht daran zweifelt, dass der Beschwerdeführer
und seine Töchter die Explosion erlebt haben und zumindest die Töchter
dabei schwer verletzt und danach in einem Krankenhaus behandelt wur-
den. Ob die Beinverletzung des Beschwerdeführers von diesem Vorfall
stammt, oder er die Verletzung bereits in seinen früheren Kampfeinsätzen
erlitten hat – wie vermerkt in der eingereichten Parteibestätigung (Beweis-
mittel 6, siehe auch Anhörung des Sohns H._, N [...], A22 F52) –,
kann nicht abschliessend geklärt werden.
5.4 Das SEM warf den Beschwerdeführenden vor, der Beschwerdeführer
und sein Sohn H._ hätten unterschiedliche Ursachen für die Explo-
sion angegeben. Woher diese genau rührte (Autobombe oder Mine), dürfte
für die Betroffenen eines solchen Vorfalls tatsächlich lediglich dann ersicht-
lich sein, wenn es im Anschluss eine kriminaltechnische Untersuchung mit
einem klaren Ergebnis gegeben hätte. Eine solche mag in einem vom Krieg
geprägten Staat wie Afghanistan – vor allem in ländlichem Gebiet – wohl
aber kaum bei jedem der sich häufig ereignenden Anschläge vorgenom-
men werden, und auch in der Beschwerde wurde dargelegt, dass es eine
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solche im vorliegenden Fall eben nicht durchgeführt worden sei (Be-
schwerde S. 5). Das Gericht geht davon aus, dass die Ursache der Explo-
sion nicht mehr aufgeklärt werden kann. Allerdings ist in diesem Zusam-
menhang festzustellen, dass die Angaben der Beschwerdeführenden, wo
sich das Auto vor dem Anschlag befunden hatte, nicht einheitlich waren.
Der Beschwerdeführer erklärte in den Anhörungen, das Auto sei vor dem
Anschlag direkt vor der Haustür geparkt gewesen, (A30 F36; A47 F54 f.),
was die Beschwerdeführerin zumindest im zweiten Anhörungstermin be-
stätigte (das Auto sei direkt vor dem Haus gestanden, A48 F20). In der
ersten Anhörung hatte sie jedoch noch angegeben, das Auto sei normaler-
weise vor dem Haus geparkt, mal auf der linken, mal auf der rechten Seite;
am Abend vor der Explosion sei es an einem anderen Ort als sonst geparkt
gewesen, sie wisse aber nicht, wie weit weg vom Haus (A31 F18). Sie er-
klärte auch, das Auto sei gemäss den Aussagen ihrer Familienmitglieder
bereits gefahren, bevor es zur Explosion gekommen sei (A31 F16); dies
bestätigte auch der Beschwerdeführer (A47 F59 f.). Beide Beschwerdefüh-
renden sagten aus, sie wüssten nicht mehr genau, wie sich die Explosion
zugetragen hätte (Ehefrau: A31, F15, Ehemann: A30, F36-39). Der Sohn
H._ hatte in seiner BzP zunächst gesagt, die Explosion sei durch
eine Mine ausgelöst worden, dabei habe der Vater den Fuss verloren (A9
F 7.02). In seiner Anhörung relativierte er seine Aussagen dahingehend,
dass er zunächst die Informationen von Dritten weitergegeben habe (ich
hörte damals vieles und Unterschiedliches [...] jeder erzählte es anders),
sein Vater ihm aber gesagt hätte, es sei eine Bombe gewesen (A22 F46 ff.,
insbesondere F48, F50). Er selbst habe es nicht so genau gewusst, weil in
der Familie darüber nicht gesprochen worden sei (A22 F49). Diese Erklä-
rungen vermögen nicht zu überzeugen.
5.5 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet es nach diesen Ausführungen
für eher wahrscheinlich, dass eine Mine ursächlich für die Explosion gewe-
sen ist, auch, weil der Beschwerdeführer vorbrachte, er sei mit dem Auto
bereits ein Stück gefahren. Vor diesem Hintergrund vermag die Erklärung
in der Beschwerde, selbst wenn es eine Mine gewesen wäre, so wäre diese
in der Hauseinfahrt platziert worden, was ebenfalls auf einen gezielten An-
griff hindeute, nicht zu überzeugen, dies hatten die Beschwerdeführenden
auch zunächst nicht so geschildert. Das Bundesverwaltungsgericht stellt
nicht in Abrede, dass dieser Vorfall dramatische und nachhaltige Folgen für
den Beschwerdeführer und seine Töchter hatte, hält es jedoch nicht für
überwiegend wahrscheinlich, dass es sich dabei um einen gezielten Angriff
der Taliban auf den Beschwerdeführer gehandelt hat.
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5.6 Das Gericht teilt des Weiteren nicht alle in der angefochtenen Verfü-
gung geäusserten Vorbehalte der Vorinstanz im Hinblick auf die Glaubhaf-
tigkeit der Angaben zu den Vorfällen nach der Explosion. Die Erörterungen
dazu, in welchem Krankenhaus der Beschwerdeführer, beziehungsweise
die Töchter behandelt wurden, vermögen nicht zu überzeugen. In dieser
Hinsicht hielt das SEM den Beschwerdeführenden zu Unrecht einen Wi-
derspruch vor beziehungsweise berief es sich auf angebliche Aussagen,
die in den Anhörungsprotokollen so nicht zu finden sind. So wurde – wie
die Beschwerdeführenden zu Recht rügen – die Aussage des Beschwer-
deführers zu seinem Behandlungsort nach der Explosion, er sei "irgendwo
sonst behandelt worden", tatsächlich frei uminterpretiert in die Aussage, er
sei in einem anderen Krankenhaus behandelt worden (A52 II 2.a; A30 F39).
Er hat seine Aussage zudem in der zweiten Anhörung präzisiert, indem er
angab, sie hätten alle am selben Ort ärztliche Versorgung erhalten; er habe
nur einen anderen Weg nehmen müssen (A47 F76). Ob die Beschwerde-
führerin, als sie angegeben hat, ihr Ehemann sei in der Nähe von ihnen
behandelt worden, ein anderes Krankenhaus oder aber eine Abteilung des-
selben Krankenhauses bezeichnen wollte, kann angesichts der nachfol-
genden Erwägungen aber offenbleiben.
5.7 Was genau der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr im heutigen Zeit-
punkt genau befürchtet, ist unklar geblieben. In der Anhörung gab er auf
die Frage, welche Gefahr ihm heute genau drohen würde, an, er habe da-
mals viele Schwierigkeiten gehabt und nicht einmal denselben Weg wie
seine Familie fahren können. Er führte hierzu in sehr allgemeiner Weise
aus, die Taliban seien weiterhin aktiv und hätten die meisten Regionen un-
ter Kontrolle. Der Nachfrage, weshalb die Taliban noch heute Interesse an
seiner Person haben sollten, wich er aus, indem er zum Dolmetscher
sagte, wenn ein Afghane oder Paschtune etwas schwöre, ziehe er dies
auch durch (A47 F45 ff.). Die Frage nach der ihm heute konkret drohenden
Gefahr vermochte er jedenfalls auch nach mehrfachem Nachhaken nicht
substanziiert zu beantworten.
5.8 Nach den obigen Ausführungen teilt das Gericht die Einschätzung des
SEM, wonach es sich bei der Explosion des Autos des Beschwerdeführers
nicht um einen von den Taliban gezielt gegen ihn verübten Anschlag ge-
handelt hat. Der Beschwerdeführer konnte nicht überzeugend aufzuzei-
gen, inwiefern die Taliban über seine früheren Tätigkeiten informiert waren
und ihn deswegen gezielt gesucht hätten. Insbesondere sind seinen Anga-
ben und den Akten auch keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass er –
wie behauptet – auf einer schwarzen Liste steht und ihm deshalb Gefahr
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droht. Diesbezüglich machte er stets nur oberflächliche und sehr allge-
meine Angaben, ohne genau auszuführen, wie genau er in den Fokus der
Taliban geraten sein will (A30 F28 ff., F40 f.; A47 F38 ff.). Selbst wenn die
Taliban willkürlich Anschläge gegen Angehörige der Hazara verüben (wie
dies möglicherweise anlässlich der Explosion im Auto des Beschwerdefüh-
rers geschehen ist), zeigt dies keine gezielt ihn betreffende konkrete Ver-
folgungsgefahr aufgrund eines asylrechtlichen Verfolgungsmotivs auf.
Hierfür spricht auch die Aussage des Beschwerdeführers, er sei von den
Taliban nicht aufgrund seiner Parteizugehörigkeit gesucht worden, da sie
nicht als solche gegen sie gekämpft hätten, sondern lediglich ihre Gegend
verteidigt hätten (A47 F44). Demnach ist der Beschwerdeführer nicht zu
einer vom Bundesverwaltungsgericht definierten Risikogruppe zu zählen,
die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Gruppe und ihrer Exponiertheit
einem besonders hohen Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind (vgl. dazu unter
vielen BVGer D-2161/2021 vom 12. Januar 2022 E. 7.2 ff. m.H. auf
D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 [als Referenzurteil publiziert]).
5.9 Auch die eingereichten Beweismittel vermögen keine Verfolgung im
Sinne der asylrechtlichen Bestimmungen nachzuweisen. Sie zeigen ledig-
lich auf, dass der Beschwerdeführer (in früheren Jahren) Mitglied der Partei
Harakat war und im Kampf gegen die Taliban eine Kriegsverletzung davon-
getragen hat. Ein politisches Engagement für sich bringt aber – wie darge-
legt – nicht unabdingbar eine Gefährdung im Sinne des Asylgesetzes mit
sich, zumal der Einfluss dieser Bewegung/Partei stark abgenommen hat
(vgl. CORINNE TROXLER GULZAR, Afghanistan: Hezb-e Wahdat/Harakt-e Is-
lami, Auskunft der SFH-Länderanalyse, 8. Oktober 2009, S. 4, abgerufen
am, 21.09.2022).
5.10 Ferner vermag auch die Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden zur
Ethnie der Hazara keine Gefährdung im Sinne des Asylgesetzes zu be-
gründen. Das Gericht geht zum heutigen Zeitpunkt nicht von einer Kollek-
tivverfolgung der Hazara in Afghanistan aus (vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2
m.w.H; vgl. statt vieler Urteil des BVGer D-7433/2018 vom 5. Dezember
2019 E.6.5 m.w.H.).
5.11 Diesen Erwägungen zufolge ist es dem Beschwerdeführer nicht ge-
lungen, glaubhaft zu machen, dass er aufgrund seiner früheren politischen
Tätigkeiten von den Taliban gesucht wurde und ihm und seiner Familie des-
halb eine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes drohen würde. Der allge-
meinen Gefährdung aufgrund des gewaltsamen Vorgehens der Taliban
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und der damit verbundenen Gefahr für grosse Teile der afghanischen Be-
völkerung, Opfer eines Gewaltaktes oder Anschlags zu werden, wurde
durch die Anordnung der vorläufigen Aufnahme Rechnung getragen.
6.
6.1 Objektive Nachfluchtgründe liegen dann vor, wenn äussere Umstände,
auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen konnte, zu
einer Verfolgung führen. Der von der Verfolgung bedrohten Person ist in
solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu ge-
währen (vgl. zum Ganzen BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
6.2 Das Gericht geht davon aus, dass die Sicherheitslage in Afghanistan
noch nicht abschliessend beurteilt werden kann, sie sich jedoch nach der
Machtübernahme der Taliban im August 2021 stark verschlechtert hat (vgl.
Urteil des BVGer E-4649/2021 vom 15. November 2021 E. 7.4.1 und
7.4.2). Wie bereits dargelegt, vermochte der Beschwerdeführer keine Vor-
verfolgung glaubhaft zu machen. Aus diesen Gründen ist auch nicht davon
auszugehen, dass er nach der Machtübernahme der Taliban zu einer be-
sonders gefährdeten Gruppe zählt und ihm deshalb Gefahr droht (vgl. oben
E. 5.2.4). Die veränderte Sicherheitslage in Afghanistan führt somit nicht
zu einer asylrechtlich relevanten Verfolgung der Beschwerdeführenden.
6.3 Die oben getroffene Einschätzung, es liege keine Kollektivverfolgung
der Hazara in Afghanistan zu (vgl. E. 5.8), trifft auch nach der Machtüber-
nahme der Taliban im August 2021 zu, da derzeit keine eindeutigen Infor-
mationen vorliegen, die darauf hindeuten, dass die Hazara als Volksgruppe
generell von einer asylrechtlich relevanten Verfolgung bedroht sind (vgl.
Urteil BVGer D-3385/2017 vom 20. Oktober 2021 E. 5.1).
7.
Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht demnach
zum Schluss, dass die Vorinstanz im Ergebnis zu Recht die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführenden verneint und ihre Asylgesuche abge-
lehnt hat.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-4649/2021
D-1908/2020
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8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihnen je-
doch mit Zwischenverfügung vom 20. April 2020 die unentgeltliche Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Ver-
fahrenskosten zu erheben.
10.2 Mit derselben Zwischenverfügung hiess die damals zuständige In-
struktionsrichterin das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung gut und
ordnete den Beschwerdeführenden ihre Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin bei. Demnach ist dieser ein Honorar für ihre notwendigen
Ausgaben im Beschwerdeverfahren auszurichten. In der eingereichten ak-
tualisierten Kostennote vom 19. Juni 2020 werden ein Arbeitsaufwand von
11 Stunden bei einem Stundenansatz von Fr. 200.– sowie Auslagen in der
Höhe von Fr. 175.– ausgewiesen. Während der Arbeitsaufwand als ange-
messen erscheint, ist der zu entschädigende Stundenansatz von Fr. 200.–
auf Fr. 150.– zu kürzen (vgl. Zwischenverfügung vom 20. April 2020; Art. 10
Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreterin ist somit unter Berücksichtigung des-
sen, der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) sowie der
Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen zulasten der Gerichtskasse
ein amtliches Honorar von Fr. 1'825.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer-
zuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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