Decision ID: 8d8c3251-8289-4a01-ab09-46c4fa10261b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Somalia eigenen Angaben zufolge im Au-
gust respektive September 2015 und gelangte am 8. Mai 2016 in die
Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Gemäss einem Schrei-
ben vom (...) Mai 2016 ergab ein im Auftrag des SEM durchgeführtes Al-
tersgutachten nach Greulich und Pyle beim Beschwerdeführer ein Kno-
chenalter von (...) Jahren. Am 3. Juni 2016 wurde er zu seiner Person be-
fragt (BzP; SEM-Akte A7/14). Am 5. Juni 2018 wurde er zu seinen Asyl-
gründen angehört (Anhörung; SEM-Akte A19/19).
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er im Wesentlichen aus, er ge-
höre dem Clan B._ an und habe bis zu seiner Ausreise in
C._, Provinz D._, gelebt. Bis 2009 habe er dort die Schule
besucht. Danach habe er in der Landwirtschaft gearbeitet. Einmal sei er
zusammen mit seinem Arbeitgeber von der Terrormiliz Al Shabaab mitge-
nommen worden. Diese habe ihn verdächtigt, für die Regierung zu arbei-
ten. Mangels Beweisen sei er aber wieder an seinen Arbeitsort zurückge-
fahren worden. Es habe Krieg geherrscht, was für ihn unerträglich gewe-
sen sei.
Anlässlich der Anhörung brachte er ergänzend vor, er habe nach der Ent-
führung durch die Al Shabaab die Arbeit in der Landwirtschaft aufgegeben
und danach als Schuhputzer gearbeitet. Eines Tages hätten Männer der Al
Shabaab ihn aufgefordert, Handgranaten in seiner Putzkiste zu verstauen.
Er habe sich laut schreiend geweigert, worauf sich die Männer entfernt hät-
ten. Auch bei einer erneuten Aufforderung zur Zusammenarbeit habe er
diese verweigert. Als zuletzt unter Todesandrohung von ihm verlangt wor-
den sei, endlich zu kooperieren, habe er sich zur Ausreise entschlossen.
Er habe sich nie an die Behörden gewandt aus Angst, danach noch mehr
Probleme zu erhalten.
Der Beschwerdeführer reichte keine Ausweisdokumente oder Beweismittel
zu den Akten.
B.
Am 12. Dezember 2019 führte eine sachverständige Person im Auftrag der
Fachstelle Lingua ein Telefoninterview mit dem Beschwerdeführer durch.
Gestützt darauf wurde am 10. Januar 2020 ein Gutachten erstellt, worin
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Seite 3
eine weitere sachverständige Person zum Schluss kam, dass der Be-
schwerdeführer wahrscheinlich aus C._ stamme und in den letzten
Jahren eine gewisse Zeit in Nordsomalia verbracht habe.
C.
Mit Schreiben vom 17. Januar 2020 gewährte die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer das rechtliche Gehör zu den wesentlichen Ergebnissen
der LINGUA-Analyse.
D.
In seiner Stellungnahme vom 23. Januar 2020 hielt der Beschwerdeführer
daran fest, aus C._ zu stammen und nie in Nordsomalia gelebt zu
haben.
E.
Mit Verfügung vom 27. Februar 2020 verfügte das SEM, das Geburtsdatum
bleibe auf den 1. Januar 1998 eingetragen, verneinte die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers, lehnte das Asylgesuch (mangels Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen) ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug an. Den zuständigen Kanton beauftragte es mit dem
Vollzug der Wegweisung.
F.
Mit Eingabe vom 24. März 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, die angefochtene Ver-
fügung sei aufzuheben, es sei ihm die Flüchtlingseigenschaft zuzuerken-
nen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei ihm die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um die
Gewährung einer angemessenen Nachfrist zwecks Beschwerdeergänzung
und um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
G.
Am 27. März 2020 bestätigte die Instruktionsrichterin den Eingang der Be-
schwerde und verfügte, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des
Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten.
H.
Mit Verfügung vom 5. Mai 2020 forderte die Instruktionsrichterin den Be-
schwerdeführer auf, mangels rechtsgenüglicher Begründung innert Frist
eine Beschwerdeverbesserung einzureichen.
E-1722/2020
Seite 4
I.
Mit Eingabe vom 13. Mai 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Be-
schwerdeverbesserung nach.
J.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2020 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut, verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses und forderte den Beschwerdeführer
auf, innert Frist eine Rechtsvertretung im Sinne der Erwägungen zu be-
zeichnen sowie eine Erklärung des (in seiner Stellungnahme vom 23. Ja-
nuar 2020 enthaltenen) falsch übersetzten Passus nachzureichen.
K.
Am 28. Mai 2020 ersuchte der Beschwerdeführer um Zustellung seiner
Stellungnahme vom 23. Januar 2020 zuhanden seiner damaligen Rechts-
vertretung. Diese wurde seiner Rechtsvertretung am 2. Juni 2020 in Kopie
zugestellt.
L.
Mit Eingabe vom 2. Juni 2020 reichte Rechtsanwalt Michael Adamczyk
eine Mandatsanzeige ein, ersuchte um Beiordnung als amtlicher Rechts-
beistand und äusserte sich zum falsch übersetzten Passus. Der Eingabe
lagen eine vom Beschwerdeführer unterzeichnete Vollmacht und eine Ho-
norarvereinbarung bei.
M.
Mit Verfügung vom 30. Juni 2020 ordnete die Instruktionsrichterin Rechts-
anwalt Michael Adamczyk dem Beschwerdeführer als amtlicher Rechtsbei-
stand bei und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung
innert Frist ein.
N.
In ihrer Vernehmlassung vom 14. Juli 2020 hielt die Vorinstanz vollumfäng-
lich an ihren Erwägungen fest.
O.
Mit innert verlängerter Frist eingegangener Replik vom 14. August 2020
nahm der Beschwerdeführer zur Vernehmlassung der Vorinstanz Stellung.
P.
Mit Eingabe vom 25. Juni 2021 ersuchte Rechtsanwalt Michael Adamczyk
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Seite 5
um Entbindung aus dem amtlichen Mandat und um Einsetzung von MLaw
Natalie Marrer als amtliche Rechtsbeiständin.
Q.
Am 19. Juli 2021 reichte die Rechtsvertreterin eine vom Beschwerdeführer
unterzeichnete Vollmacht zu den Akten.
R.
Mit Eingabe vom 25. April 2022 ersuchte die Rechtsvertreterin um Auskunft
über den Verfahrensstand.
S.
Mit Verfügung vom 27. April 2022 entliess die Instruktionsrichterin Rechts-
anwalt Michael Adamczyk aus dem amtlichen Mandatsverhältnis als
Rechtsbeistand, ordnete MLaw Natalie Marrer dem Beschwerdeführer als
neue amtliche Rechtsbeiständin bei und beantwortete die Verfahrens-
standanfrage vom 25. April 2022.
T.
Am 16. August 2022 lud die Instruktionsrichterin die Vorinstanz zu einer
ergänzenden Vernehmlassung ein. Diese erging am 19. September 2022.
U.
Der Beschwerdeführer replizierte am 19. Oktober 2022.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
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Seite 6
1.4 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
1.5 Die Frage des amtlichen Geburtsdatums (Ziff. 1 des Dispositivs der an-
gefochtenen Verfügung) wurde nicht angefochten, weshalb diese in
Rechtskraft erwachsen ist. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bil-
den lediglich die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls, der Weg-
weisung und des Wegweisungsvollzugs.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer rügt auf Beschwerdeebene sinngemäss eine
Verletzung der Untersuchungsmaxime respektive eine unrichtige Feststel-
lung des Sachverhalts. Entgegen der Feststellung des Lingua-Experten
habe er am Lingua-Interview überhaupt nicht im E._-Dialekt, son-
dern hauptsächlich in seinem D._-Dialekt gesprochen, weshalb das
Lingua-Interview zu wiederholen sei. Diese formellen Rügen sind vorab zu
prüfen, da sie allenfalls zur Kassation und Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz führen können.
3.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be-
hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10
E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem
Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zu-
sätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie auf-
grund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu AUER/BINDER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu Art. 12). Der Unter-
suchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asyl-
suchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/10
E-1722/2020
Seite 7
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
3.3 Im Zusammenhang mit den Lingua-Analysen des SEM ist festzuhalten,
dass es sich dabei zwar nicht um Sachverständigengutachten handelt
(Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57 ff. BZP [SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), son-
dern um schriftliche Auskünfte einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG;
Art. 49 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG). Sofern bestimmte Anforderungen an die
fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Analysten und an
die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analysen erfüllt
sind, ist ihnen aber ein erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE
2015/10 E. 5.1, BVGE 2014/12 E. 4.2.1).
3.4
3.4.1 Den Protokollen sind keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass die
Anhörungen mangelhaft ausgefallen wären. Mit der Lingua-Analyse wurde
sodann eine weitere Untersuchungshandlung vorgenommen, um den
Sachverhalt zu erstellen. In dieser wurde unter anderem aufgrund der
Sprache des Beschwerdeführers festgestellt, er sei höchst wahrscheinlich
in C._ sozialisiert worden, habe sich in jüngerer Zeit aber eine ge-
raume Zeit im Norden Somalias aufgehalten. Diesem Bericht wurde in der
Stellungnahme des damals nicht vertretenen Beschwerdeführers (rechtli-
ches Gehör) vom 23. Januar 2020 nichts entgegengestellt. Es bestand so-
mit für das SEM zum Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung vom 27. Feb-
ruar 2020 kein Anlass die Lingua-Analyse anzuzweifeln oder weitere Ab-
klärungen über den am Interview benutzen Dialekt zu tätigen. Auf Be-
schwerdeebene nahm der Beschwerdeführer ausführlich zu seiner Her-
kunft und den Asylgründen Stellung. Nach Auffassung des Gerichts konnte
er im vorliegenden Verfahren seine Beschwerdegründe vollständig darle-
gen, weshalb der Sachverhalt als ausreichend erstellt erscheint. Der Um-
stand, dass die Vorinstanz aus sachlichen Gründen zu einer anderen Wür-
digung des Sachverhalts gelangt, als vom Beschwerdeführer verlangt,
E-1722/2020
Seite 8
spricht nicht für eine unrichtige Sachverhaltsfeststellung, sondern ist nach-
folgend – im Rahmen der materiellen Würdigung der Argumente der Par-
teien – zu prüfen.
3.4.2
3.4.2.1 Der Laienbeschwerde vom 24. März 2020 und der Ergänzung vom
13. Mai 2020 ist kein Vorwurf gegenüber der Lingua-Expertise als solche
zu entnehmen. Es wird lediglich erklärt, woher die zahlreichen Ausdrücke
nordsomalischer Dialekte in der Redeweise des Beschwerdeführers stam-
men könnten. Erst nachdem er sich rechtlich vertreten liess, brachte er mit
Eingabe vom 2. Juni 2020 vor, der Lingua-Experte habe seine Sprache
falsch beurteilt. In seiner Replik vom 14. August 2020 führte er aus, er habe
sich im Lingua-Interview nie des E._-Dialekts sondern des
D._ bedient.
3.4.2.2 Das SEM führt in seiner ergänzenden Vernehmlassung vom
19. September 2022 aus, Recherchen der Fachstelle Lingua hätten Fol-
gendes ergeben: Im Lingua-Bericht stehe nicht, dass der Beschwerdefüh-
rer im E._-Dialekt spreche. Vielmehr werde festgestellt, dass seine
somalische Varietät zwar viele Merkmale der E._-Dialekte auf-
weise, diese aber die Merkmale der F._- und nördlichen Dialekte
nicht signifikant überwiegen würden. Dies stehe im Gegensatz zu den Er-
wartungen für die in C._ gesprochene Varietät, in welcher eine Do-
minanz der E._-Dialekte zu erwarten gewesen wäre. Laut der Fach-
stelle Lingua reiche zudem seine Angabe, der nördliche Einfluss auf seine
Sprache rühre von Kontakten im Ausland mit Personen aus dem Norden
Somalias, nicht aus, um den Analysebefund zu erklären.
3.4.2.3 In der Replik vom 19. Oktober 2022 gab der Beschwerdeführer an,
es sei für ihn nicht nachvollziehbar, warum aufgrund seiner Biografie eine
Dominanz der E._-Dialekte erwartet worden sei, da der von ihm ge-
sprochene D._-Dialekt gemäss Lingua-Befund überwiegen müsse.
Wie bereits in der Replik vom 14. August 2020 dargelegt, sei es so, dass
seines Wissens der E._-Dialekt nur in einem Teil des Kantons
E._ gesprochen werde; und das auch nur von einem Clan.
3.4.3 Im Lingua-Gutachten wurde nachvollziehbar dargelegt, von welcher
in C._ gesprochenen Varietät die sachverständige Person für ihre
Analyse ausgegangen ist. Diesbezüglich ist die Lingua-Analyse fundiert
ausgefallen und das daraus resultierende Gutachten inhaltlich schlüssig
und ausgewogen begründet worden. In wissenschaftlichen Arbeiten zur
E-1722/2020
Seite 9
Somali-Sprache wird kein D._-Dialekt erwähnt. In ihrer wissen-
schaftlichen Analyse dürfte die sachverständige Person den Dialekt des
Beschwerdeführers somit nicht falsch beurteilt haben. Es gibt keine Hin-
weise auf einen Mangel an fachlicher Qualifikation, Objektivität und Neut-
ralität der sachverständigen Person. Der Lingua-Bericht kann folglich zur
Beurteilung der Herkunft des Beschwerdeführers berücksichtigt werden.
3.5 Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes infolge unrichtiger
Feststellung des Sachverhaltes ist im Ergebnis zu verneinen. Die formellen
Rügen erweisen sich demzufolge als unbegründet. Es besteht keine Ver-
anlassung, das Verfahren zwecks erneuter Durchführung eines Lingua-
Gutachtens an die Vorinstanz zurückzuweisen, weshalb dem entsprechen-
den Antrag nicht stattzugeben ist.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 m.w.H.).
E-1722/2020
Seite 10
5.
5.1 Zur Begründung seiner ablehnenden Verfügung hielt das SEM im We-
sentlichen fest, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anfor-
derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten.
Seine Aussagen hinsichtlich seiner Entführung durch die Al Shabaab seien
widersprüchlich und hinsichtlich weiterer Drangsalierungen durch die Al
Shabaab nachgeschoben. Auf Vorhalt habe er die Unstimmigkeiten nicht
zu beseitigen vermocht. Auffallend sei, dass er bei der BzP auf die Nach-
frage, ob er noch einmal Probleme mit der Al Shabaab gehabt habe, ledig-
lich angegeben habe, diese habe ihn kontrolliert, damit er das Land nicht
verliesse. Im Weiteren habe er bestätigt, alle Fluchtgründe genannt und
keine weiteren Probleme mit Behörden oder Organisationen gehabt zu ha-
ben.
5.2 In der Rechtsmitteleingabe respektive der Beschwerdeverbesserung
entgegnet der Beschwerdeführer, er habe insbesondere zu seinen Flucht-
gründen ausführliche und präzise Angaben gemacht. Anlässlich der Anhö-
rung habe er die Sachen viel besser erklären können als bei der BzP, zumal
er damals dazu angehalten worden sei, die Fragen rasch zu beantworten,
und er Angst gehabt habe, dem Befrager zu entgegnen, dass er mehr Zeit
benötige zum Überlegen. Zudem habe er damals Kopfschmerzen und
Stress wegen der Ereignisse auf seiner Reise in die Schweiz gehabt. Kor-
rekt sei jedenfalls, dass er und sein Arbeitgeber einen Tag lang von der Al
Shabaab festgehalten und dann wieder freigelassen worden seien. Er
wisse nicht mehr, weshalb er an der BzP gesagt haben sollte, dass er im
September 2014 festgenommen und am 15. Oktober 2014 wieder freige-
lassen worden sei. Als man ihn bei der BzP gefragt habe, ob er nebst den
erwähnten Gründen jemals irgendwelche Probleme mit irgendwelchen Be-
hörden, Polizei, Militär, einer Partei oder sonst einer Organisation gehabt
habe, habe er gedacht, er würde nach Problemen mit anderen Organisa-
tion oder Gruppierungen als der Al Shabaab gefragt. Solche habe er nicht
gehabt. Er wisse nicht, weshalb er bei der BzP nicht von den weiteren
Drangsalierungen durch die Al Shabaab erzählt habe. Bei seiner Anhörung
habe er aber alle wichtigen Gründe für seine Flucht genannt: Er sei von der
Al Shabaab entführt worden, weil ihm vorgeworfen worden sei, dass sein
Chef für die Regierung gearbeitet habe. In der Folge habe er sich mehr-
mals geweigert, mit der Al Shabaab zusammenzuarbeiten, wodurch er sich
in Lebensgefahr gebracht habe. Die Behörden in seinem Land hätten ihm
keinen Schutz bieten können. Ihm sei nur die Flucht übriggeblieben. Wäre
er im Land geblieben, hätten sie ihn getötet.
E-1722/2020
Seite 11
6.
6.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung mit der Unglaubhaftigkeit
der Vorbringen des Beschwerdeführers. Nach eingehender Prüfung der
Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Verfü-
gung des SEM betreffend die Fluchtgründe im Ergebnis zu bestätigen ist.
6.2 Die Vorinstanz stellte fest, der Beschwerdeführer habe sich wider-
sprüchlich zu seiner Entführung durch die Al Shabaab geäussert und wei-
tere Drangsalierungen durch die Al Shabaab erst anlässlich der Anhörung
und damit nachgeschoben vorgebracht. Das Gericht schliesst sich dieser
Einschätzung an. Die Ausführungen des Beschwerdeführers auf Be-
schwerdeebene vermögen daran nichts zu ändern. Zur Vermeidung von
Wiederholungen kann hierzu auf die zutreffenden Erwägungen in der an-
gefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. dort E. III). Angesichts der
nachfolgenden Erwägungen erübrigen sich eingehende Erörterungen
hierzu, weil den Vorbringen des Beschwerdeführers die erforderliche asyl-
rechtliche Relevanz nicht zukommt.
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht ist nicht an die Begründung der
Vorinstanz gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde
auch aus anderen Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen
(sog. Motivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI, in: AUER/MÜL-
LER/SCHINDLER [Hrsg.], Kommentar zum VwVG, 2. Aufl., 2019, N 16 zu
Art. 62 VwVG; ALFRED KÖLZ/ ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
S. 398).
6.4 Die geltend gemachten Verfolgungshandlungen vermögen mangels
hinreichender Intensität keine asylrechtliche Relevanz zu entfalten. Die
einmalige Mitnahme durch die Al Shabaab, anlässlich derer der Beschwer-
deführer für einen Tag festgehalten, sodann an seinen Arbeitsplatz zurück-
gebracht wurde, erreicht die Intensität nicht, um als ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG zu gelten. Die darauffolgenden mehrfachen Auffor-
derungen zur Zusammenarbeit mit der Al Shabaab durch deren jugendli-
chen Anhänger erfüllen das Kriterium der Intensität ebenfalls nicht, zumal
er die Zusammenarbeit mehrfach verweigern konnte, ohne dass dies Kon-
sequenzen nach sich gezogen hätte (vgl. SEM-Akte A19 F134 f.). Der Be-
schwerdeführer vermochte diese Vorfälle ohnehin nur vage, oberflächlich
und unsubstantiiert zu schildern (vgl. SEM-Akte A19 F135, F134 f. und
F173 f.). An dieser Einschätzung vermag auch die geltend gemachte Be-
drohung des Beschwerdeführers mit dem Tod (vgl. SEM-Akte A19 F159 f.
E-1722/2020
Seite 12
und F163), welche zu keinem konkreten und gezielten physischen Angriff
gegenüber ihm oder seinen Familienangehörigen führte, nichts zu ändern.
Das Gericht geht vielmehr davon aus, dass der Beschwerdeführer – wie
viele andere Personen auch – unter der allgemeinen Kriminalität in Soma-
lia und der Al Shabaab Milizen litt, deren Drohungen als gemeinrechtliche
Straftaten und nicht als Verfolgung aus flüchtlingsrechtlich relevanten
Gründen zu werten sind. Die geltend gemachten Ereignisse dürften dem-
nach auf die problematische Sicherheitslage in Somalia zurückzuführen
sein.
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers zu Recht verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur – ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E.8).
8.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-1722/2020
Seite 13
9.
9.1 In Bezug auf den Vollzug der Wegweisung hielt die Vorinstanz fest, die
Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Herkunfts- und letzten Aufent-
haltsort vor der Ausreise aus Somalia seien unglaubhaft ausgefallen und
auch zu seiner Clanzugehörigkeit und Geburtsort habe er unstimmige An-
gaben gemacht. Bei einer am 7. Mai 2016 erfolgten Kontrolle durch das
Grenzwachtkorps sei G._ als sein Geburtsort erfasst worden. Tags
darauf habe er H._, Äthiopien, als seinen Geburtsort auf dem Per-
sonalienblatt eingetragen. Auf Vorhalt der unterschiedlichen Angabe habe
er erklärt, sein richtiger Geburtsort sei C._. Anlässlich der BzP habe
er wiederum vorgetragen, er sei in H._ geboren und als Kleinkind
nach C._ gezogen. In der Anhörung habe er erneut behauptet, in
C._ geboren zu sein und dort bis zu seiner Ausreise gelebt zu ha-
ben. Nebst seinem angeblichen Wohnquartier habe er kein respektive (nur)
ein weiteres Quartier dieser Stadt benennen können. Er habe praktisch
keine Namen von Nachbarorten von C._ sowie nur zwei der insge-
samt fünf Nachbarprovinzen von D._ angeben können. Auf die
Frage nach weiteren Provinzen Somalias habe er zwei zu Somalia gehö-
rende Provinzen, zwei in Puntland gelegene Regionen und eine in Soma-
liland befindliche Region angegeben. Dies sei ein Indiz dafür, dass er mit
dem Norden Somalias vertraut sein könnte. Er sei nicht in dem Masse mit
dem angegebenen Herkunftsort C._ vertraut, wie man dies von ei-
ner Person, welche bis zur Ausreise zeitlebens dort gelebt habe, erwarten
könnte. Die sich in den Akten findenden Ungereimtheiten habe er nicht zu
beseitigen vermocht.
Dem angesichts dieser Zweifel an seinen Herkunftsangaben erstellten
Lingua-Herkunftsgutachten sei im Wesentlichen zu entnehmen, dass er
nur den Namen eines der etlichen Quartiere in C._ zu nennen ver-
mocht habe. Er habe von keiner einzigen örtlichen Moschee den Namen
und auch keine Nachbarorte gewusst. Seine Angaben zu den grössten
Clans in diesem Ort seien zwar teilweise richtig, aber unvollständig ausge-
fallen. Hingegen habe er gewusst, welche Berufe viele Ortsbewohner aus-
üben würden. Auch zur Landwirtschaft habe er teilweise korrekte, aller-
dings nur vage und unvollständige Angaben liefern können. Seine Angaben
zur Reiseroute bis nach I._ seien korrekt ausgefallen. Hinsichtlich
seiner Sprache hätte angesichts der von ihm behaupteten Biografie erwar-
tet werden dürfen, dass er hauptsächlich den südsomalischen Dialekt
E._ spreche und einige Einflüsse von zentralsomalischen Dialekten
erkennbar seien. Hingegen sollte seine Sprache keine Elemente von in
Nordsomalia gesprochenen Dialekten enthalten. Es sei jedoch festgestellt
E-1722/2020
Seite 14
worden, dass in seiner Sprache der Dialekt der E._ nicht über-
wiege, sondern darin auch ziemlich viele Ausdrücke nordsomalischer Dia-
lekte enthalten seien. Die sachverständige Person sei zum Schluss ge-
langt, dass er zwar höchstwahrscheinlich einige Zeit in C._ gelebt,
jedoch auch längere Zeit im nördlichen Somalia verbracht haben dürfte.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs habe der Beschwerdeführer erneut
ausgeführt, er käme aus C._. Es sei ihm indes nicht gelungen, mit
seinen Aussagen das Lingua-Gutachten zu entkräften. Aufgrund seiner un-
glaubhaften Angaben zu seinen Lebensumständen und seiner Herkunft in-
nerhalb des somalischen Siedlungsraumes sei davon auszugehen, dass
er versuche, seine Identität und Herkunft und auch die Region, in der er
über ein Beziehungsnetz verfüge, zu verheimlichen beziehungsweise zu
verschleiern. Damit verletze er die ihm obliegende Mitwirkungspflicht ge-
mäss Art. 8 AsylG in gravierender Weise. Durch sein Verhalten verunmög-
liche er dem SEM eine sinnvolle Prüfung der Zulässigkeit, Zumutbarkeit
und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs, so dass gemäss Rechtspre-
chung davon auszugehen sei, es stünden einer Wegweisung an seinen
letzten Aufenthaltsort vor der Ausreise keine Vollzugshindernisse im Sinne
von Art. 44 AsylG i.V.m. Art. 83 AIG entgegen.
Trotz einer andauernden Gewaltsituation in einigen Teilen Somalias gehe
das Bundesverwaltungsgericht davon aus, der Vollzug der Wegweisung
könne in die nördlichen Landesteile (Somaliland und Puntland) oder Äthio-
pien erfolgen, wo keine Situation allgemeiner Gewalt herrsche. Aufgrund
seiner unglaubhaften Angaben zu seiner Herkunft, seinen Lebensumstän-
den und seinem Beziehungsnetz in Somalia sowie der Lehre und Recht-
sprechung zu den Konsequenzen einer groben Verletzung der Mitwir-
kungspflicht, könne er sich nicht auf die schlechte allgemeine Sicherheits-
lage in Mittel- und Südsomalia berufen. Vielmehr sei davon auszugehen,
dass er in einen Landesteil Somalias zurückkehren könne, in welchem
keine Situation allgemeiner Gewalt herrsche.
9.2 In seiner Beschwerde führt der Beschwerdeführer aus, er habe am
7. Mai 2016 an der Grenze aus Angst falsche Angaben gemacht, zumal er
gedacht habe, noch in Italien zu sein. Auch in J._ sei er verängstigt
gewesen und habe das Personalienblatt schnell ausfüllen müssen. Er habe
dann aber mit C._ seinen richtigen Geburtsort angegeben. Bei den
Angaben in der BzP – auch hinsichtlich der Clanzugehörigkeit von ihm und
seiner Mutter zum Clan K._ – sei er von einer Information von an-
deren Somaliern im Asylheim beeinflusst gewesen; er hätte nicht auf sie
E-1722/2020
Seite 15
hören sollen. Sein richtiger Geburtsort sei C._ und seine Eltern wür-
den dem Clan B._ angehören.
Seine Familie habe nicht viel Geld gehabt und sich nicht häufig in anderen
Quartieren aufgehalten. Die Sicherheitslage in C._ sei – wegen der
Al Shabaab und Clanstreitigkeiten – nicht gut gewesen. Er habe nur von
den Ortschaften L._ und M._ gehört, bevor er geflüchtet sei.
Sie hätten wegen der Sicherheitsprobleme C._ nicht verlassen und
auch nicht reisen können. In der Schule habe er die umliegenden Ortschaf-
ten nicht gelernt. Er hätte sodann schon mehr Provinzen gekannt, aber
vielleicht die Frage danach nicht richtig verstanden, zumal er im Verlauf der
Anhörung ja auch weitere Provinzen habe nennen können. Er kenne auch
Regionen aus dem Süden; dass er Regionen aus dem Norden habe ange-
ben können, sei kein Indiz für eine Herkunft aus dem Norden. Sie seien in
C._ nicht in die Moschee gegangen, weil es zu unsicher gewesen
sei; die Namen der Moscheen seien ihm deshalb auch nicht vermittelt wor-
den. Er habe mehrere ansässige Clans in C._ nennen können.
Dass er nicht noch mehr Clans habe nennen können, heisse nicht, dass er
nicht aus C._ komme. Auf seiner Flucht sei er während ungefähr
sieben Monaten in N._ gewesen, wo es viele Flüchtlinge aus Nord-
somalia gegeben habe. Dies habe möglicherweise einen Einfluss auf seine
verwendeten Ausdrücke gehabt. Die Schlussfolgerung der sachverständi-
gen Person (der Lingua-Analyse), dass er längere Zeit im nördlichen So-
malia verbracht habe, sei falsch.
Seine Familie sei sehr arm, seine Mutter müsse als Verdienst Tee verkau-
fen. Als Schuhputzer erhalte man nicht immer das Geld, welches man sich
mit der Arbeit verdient habe. In der Landwirtschaft gebe es zu wenige Stel-
len. Seine näheren Verwandten hätten keine Arbeit, weshalb sie ihn nicht
unterstützen könnten. Eine Rückkehr nach C._ sei für ihn deshalb
unzumutbar.
9.3 In seiner Eingabe vom 2. Juni 2020 erklärt der Beschwerdeführer den
in der Stellungnahme vom 23. Januar 2020 falsch übersetzten Passus
(«Aber der Experte, den sie interviewt haben, sagte mir, ich solle niemals
die Wahrheit sagen. Ich war noch nie in den nördlichen Regionen Somalias
und lebe ich in Südsomalia und dann durch die zentralen Regionen nach
I._.») folgendermassen: Er habe damit sagen wollen, dass der Ex-
perte, welcher das Lingua-Gutachten erstellt habe, seine "Stimme" bezie-
hungsweise Sprache falsch beurteilt habe und bei einer richtigen Beurtei-
lung zum Schluss hätte kommen müssen, dass er (der Beschwerdeführer)
E-1722/2020
Seite 16
aus dem Süden Somalias stamme. Er sei unter anderem via die zentralen
Regionen O._ und P._ nach I._ geflüchtet, von wo
aus er über den Seeweg in den Q._ gelangt sei. Das Puntland, in
welchem sich I._ befindet, gehöre für ihn nicht zum eigentlichen
Norden Somalias. Als Nordsomalia verstehe er das Somaliland.
9.4 Die Vorinstanz hält in ihrer Vernehmlassung vollumfänglich an ihren Er-
wägungen fest. Allein mit der Behauptung, der Experte habe seine Sprache
falsch beurteilt und hätte bei einer richtigen Beurteilung zum Schluss kom-
men müssen, dass der Beschwerdeführer aus dem Süden Somalias
stamme, gelinge es ihm nicht, den Aussagewert des Abklärungsergebnis-
ses der Fachstelle Lingua entscheidend zu schmälern.
9.5 Mit Replik führt der Beschwerdeführer ergänzend aus, er habe bereits
in seiner Beschwerdeschrift detailliert den Aussagewert des Abklärungser-
gebnisses angezweifelt. So habe er insbesondere erklärt, dass er während
seiner Flucht etwa sieben Monate in N._ und davon eine längere
Zeit in einem Saharacamp mit aus Nordsomalia stammenden Personen
verbracht habe. In dem Camp sei er mit den Nordsomaliern zusammenge-
sessen, habe mit ihnen diskutiert und mit ihnen in Massenunterkünften im
selben Raum geschlafen. Eine Auswirkung auf sein Sprachverhalten (die
von ihm beim Telefoninterview verwendeten Ausdrücke nordsomalischer
Dialekte) sei somit durchaus möglich. Es stimme nicht, dass er beim
Lingua-Interview «ziemlich viele Ausdrücke nordsomalischer Dialekte» ver-
wendet habe; es seien höchstens wenige Ausdrücke gewesen.
9.6 In seiner ergänzenden Vernehmlassung hält das SEM daran fest, in
der in C._ gesprochenen Varietät wäre eine Dominanz der
E._-Dialekte zu erwarten. Die somalische Varietät des Beschwer-
deführers weise gemäss Lingua-Analyse zwar viele Merkmale der
E._-Dialekte auf, diese würden aber die Merkmale der F._-
und nördlichen Dialekte nicht signifikant überwiegen. Im Lingua-Bericht
stehe hingegen nicht, dass er im E._-Dialekt spreche. Laut der
Fachstelle Lingua reiche zudem seine Angabe, der nördliche Einfluss auf
seine Sprache rühre von Kontakten im Ausland mit Personen aus dem Nor-
den Somalias, nicht aus, um den Analysebefund zu erklären.
9.7 Der Beschwerdeführer wiederholt in seiner Replik vom 19. Oktober
2022, dass er hauptsächlich im D._-Dialekt gesprochen habe, da
er aus C._ stamme. Es sei für ihn nicht nachvollziehbar, warum auf-
grund seiner Biografie eine Dominanz der E._-Dialekte erwartet
E-1722/2020
Seite 17
worden sei, da der von ihm gesprochene D._-Dialekt gemäss Lin-
gua-Befund überwiegen müsse. Seines Wissens werde der E._-Di-
alekt nur von einem Clan in einem Teil des Kantons E._ gespro-
chen.
10.
10.1 Im Folgenden wird geprüft, ob das SEM zu Recht festgestellt hat, der
Beschwerdeführer habe seine Mitwirkungspflicht verletzt und die geltend
gemachten Lebensverhältnisse in Somalia nicht glaubhaft gemacht.
10.2 Verschleiert die asylsuchende Person ihre Identität beziehungsweise
ihre Herkunft, ist das SEM nicht dazu verpflichtet, nach hypothetischen
Wegweisungsvollzugshindernissen zu forschen, da die behördliche Unter-
suchungspflicht ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht der beschwerde-
führenden Person findet, welche auch die Substantiierungslast trägt (Art. 7
AsylG; Art. 8 AsylG). Liegt eine Verletzung der Mitwirkungspflicht wegen
Verschleierung der Herkunft vor, hat die beschwerdeführende Person die
Folgen ihrer fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der
Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts ge-
gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort (vgl. BVGE 2014/12
E. 5.10 und E. 6 m.w.H.).
10.3 Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein
reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände
und Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft
gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist,
sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind.
Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der
Inhalt der Aussagen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As-
pekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte
Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Ge-
samtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhalts-
darstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objekti-
vierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
E-1722/2020
Seite 18
10.4 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Überprüfung der Akten
zum Schluss, dass dem Beschwerdeführer keine Verletzung der Mitwir-
kungspflicht vorgehalten werden kann. Er konnte seine somalische Her-
kunft überwiegend glaubhaft machen. Es geht aus den Protokollen und der
Lingua-Analyse in ihrer Gesamtheit hervor, dass er sich nach Möglichkeit
bemüht hat, die ihm gestellten Fragen zu beantworten. Seine Aussagen
sind in gewissen Bereichen zwar dürftig und teilweise widersprüchlich aus-
gefallen (Geburtsort, Clanzugehörigkeit, Ortskenntnisse, mehrjähriger
Schulbesuch und Arbeitstätigkeit). Dies dürfte aber durchaus seinen Le-
bensumständen (Armut, Sicherheitsprobleme in Zentralsomalia) bezie-
hungsweise die knappen Ausführungen zu seiner Herkunft eher auf seine
Erzählweise als auf fehlende Mitwirkung oder gar ein Verschleiern zurück-
zuführen sein.
Hinsichtlich seiner Sprache ist Folgendes festzuhalten: Der Beschwerde-
führer führt auf Beschwerdeebene aus, bei der Lingua-Analyse im
D._-Dialekt und nicht im E._-Dialekt gesprochen zu haben.
In wissenschaftlichen Arbeiten zur Somali-Sprache wird ein solcher
D._-Dialekt zwar nicht erwähnt (vgl. E. 3.5). Dass keine wissen-
schaftliche, formale Bezeichnung existiert, muss aber nicht bedeuten, dass
umgangssprachlich nicht von einem solchen Dialekt gesprochen werden
könnte. Sofern der Beschwerdeführer seinen Dialekt als D._-Dia-
lekt bezeichnet, könnte sich dies insbesondere auf eine geographische
Eingrenzung beziehen, zumal der Beschwerdeführer auch ausführt, dass
seines Wissens der E._-Dialekt nur in einem Teil des Kantons
E._ gesprochen werde. Wie andere Sprachen auch, kann Somali
in unzählige Dialekte unterteilt werden. In welche Dialekte diese Sprache
eingeteilt werden kann, ist unter Fachpersonen indes umstritten. Somali-
sche Dialektologie habe eine lange Geschichte konfuser Terminologien
(vgl. HAGEN KALDHOL, NINA und STAUSLAND JOHNSEN, SVERRE, Grammati-
calization in Somali and the development of morphological tone, in: Pro-
ceedings of the Linguistic Society of America, 6 [1], 2021: 587-599,
https://journals.linguisticsociety.org/proceedings/index.php/PLSA/ar-
ticle/download/4993/4553, abgerufen am 31.10.2022). Aufgrund von No-
madentum, Tribalismus und Wanderungen werden an einem Ort auch häu-
fig mehrere Dialekte gesprochen (vgl. Ausbreitung der Dialektgruppen,
LAMBERTI, MARCELLO, Die Somali-Dialekte, 1986, abgerufen auf https://ar-
cadia.sba.uniroma3.it/bitstream/2307/3720/1/Die%20Somali-Dialekte.pdf,
S. 9, abgerufen am 31.10.2022). Dass der Beschwerdeführer seinen Dia-
lekt anders bezeichnet, als dieser aus wissenschaftlicher Sicht eingeordnet
würde, kann ihm nicht als Mitwirkungspflichtverletzung ausgelegt werden.
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Seite 19
Dem Lingua-Gutachten ist nicht zu entnehmen, auf welche Quellen sich
die sachverständige Person bei ihrer Analyse der sprachlichen Merkmale
des Beschwerdeführers gestützt hat. Insbesondere ist nicht ersichtlich, wo-
rauf die Annahme basiert, dass gewisse, vom Beschwerdeführer benutzte
Ausdrücke aus dem nördlichen Dialekt nicht mit dem in C._ gespro-
chenen Dialekt vereinbar seien. Gemäss einer Erhebung zum Sprachge-
brauch in Somalia der Reach Initiative im Jahr 2021 spricht eine Mehrheit
der Menschen in der Stadt C._ «Northern Standard Somali»
(51,3%) und «Benadiri Somali» (39.2%; vgl. Reach Initiative, The 2021
Joint Multi-Cluster Needs Assessment [JMCNA] for Somalia: Language
map of Somalia, 2021, https://public.tableau.com/app/profile/guilherme.i-
ablonovski2639/viz/LanguagemapofSomalia/LanguagemapofSomalia?
publish=yes, abgerufen am 31.10.2022, vgl. auch Karte: Ausbreitung der
Dialektgruppen, LAMBERTI, MARCELLO, Die Somali-Dialekte, 1986, abgeru-
fen auf https://arcadia.sba.uniroma3.it/bitstream/2307/3720/1/Die%20So-
mali-Dialekte.pdf, S. 29, abgerufen am 31.10.2022). Bei einer Herkunft aus
C._ sind Einflüsse nordischer Dialekte in der vom Beschwerdefüh-
rer gesprochenen Sprache demnach durchaus zu erwarten, was auch dem
Lingua-Bericht zu entnehmen ist. Hingegen bleibt unklar, gestützt worauf
das SEM zum Schluss gelangt, dass er sich deshalb längere Zeit im Nor-
den aufgehalten haben müsste. Das Gericht kann diesen Schluss gestützt
auf das Gesagte nicht teilen.
11.
Unter diesen Umständen kann nicht mehr auf eine Prüfung von individuel-
len Vollzugshindernissen mit dem Verweis auf die Verletzung der Mitwir-
kungspflicht verzichtet werden. Somit gilt es zu prüfen, ob der Vollzug der
Wegweisung nach Somalia zulässig, zumutbar und möglich ist.
12.
12.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
12.2 Im grössten Teil Somalias (Landesteile Süd- und Zentralsomalia) herr-
schen seit längerer Zeit Verhältnisse, die dazu führen, den Wegweisungs-
vollzug generell – das heisst ungeachtet aller individueller Umstände – als
unzumutbar zu qualifizieren (vgl. BVGE 2013/27 E. 8.3 m.w.H.). Der Voll-
zug von Wegweisungen nach Somaliland oder Puntland kann sich bei Vor-
E-1722/2020
Seite 20
liegen begünstigender Umstände (enge Verbindungen zur Region, Mög-
lichkeit der Existenzsicherung oder wirkungsvolle Unterstützung durch den
Familienclan) als zumutbar erweisen (vgl. Referenzurteile BVGer
E-591/2018 vom 29. Juli 2020 E. 9, insbes. E. 9.3.5 [Somaliland] und
E-6310/2017 vom 15. Januar 2020 E. 10 f, insbes. E. 11.2.4 [Puntland]).
12.2.1 Der Beschwerdeführer stammt eigenen Angaben zufolge aus
C._. Seine diesbezüglichen Angaben sind in den Anhörungen und
dem Lingua-Interview eher dürftig ausgefallen: Er beschrieb sein Quartier
und die Stadt C._ (weitere Quartiernamen, Nachbarorte, Wegbe-
schreibung vom Wohnort zur Schule, bekannte Gebäude, Markt) nur vage
und eher substanzlos (vgl. SEM-Akte A19 F43-F122). Er wusste beispiels-
weise keine Namen von örtlichen Moscheen. Wenn der Beschwerdeführer
tatsächlich in C._ geboren worden wäre und dort bis zu seiner Aus-
reise gelebt hätte, wären von ihm insgesamt erwartungsgemäss detaillier-
tere Antworten möglich gewesen. Er konnte hingegen korrekte Angaben zu
den grössten Clans in C._ und zur Landwirtschaft machen. Zudem
ist auch die Begründung für sein fehlendes Wissen nachvollziehbar, wo-
nach seine Familie nicht viel Geld gehabt habe und C._ unsicher
gewesen sei. Zwar ist der Schlussfolgerung der Lingua-Analyse zu entneh-
men, dass der Beschwerdeführer längere Zeit im nördlichen Somalia ver-
bracht haben dürfte. Nichtsdestotrotz kommt aber auch das Lingua-Gut-
achten zum Schluss, dass seine Herkunft aus C._ höchstwahr-
scheinlich ("most likely") ist. Selbst wenn er seinen Heimatort früher als
angegeben verlassen haben sollte, geht das Bundesverwaltungsgericht
davon aus, dass er ursprünglich aus C._ stammt. Der Wegwei-
sungsvollzug dorthin ist als unzumutbar zu qualifizieren.
12.2.2 Abgesehen von den Ausdrücken nordsomalischer Dialekte in der
Sprache des Beschwerdeführers, welche gemäss Vorinstanz auf einen län-
geren Aufenthalt im nördlichen Somalia schliessen lassen würden, lässt
sich den Akten nicht entnehmen, dass der Beschwerdeführer in Somali-
oder Puntland über irgendwelche Anknüpfungspunkte verfügt. Es liegen
weder Hinweise auf eine enge Verbindung zum nördlichen Somalia noch
auf eine Möglichkeit der Existenzsicherung in Somali- oder Puntland vor.
Da staatliche Institutionen in Somalia nur beschränkt zugänglich sind, wird
eine wirkungsvolle Unterstützung primär durch den Familienclan, genauer
die Verwandten väterlicherseits, gewährleistet (vgl. Landinfo, Somalia:
Klan, familie, migrasjon og bistand ved (re)etablering, 25.06.2020,
https://landinfo.no/wp-content/uploads/2020/06/Respons-Somalia-Klan-
familie-migrasjon-og-bistand-ved-reetablering-25062020.pdf, abgerufen
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Seite 21
am 02.11.2022). Weder die Clanzugehörigkeit des Beschwerdeführers vä-
terlicherseits (B._) noch – möglicherweise – mütterlicherseits
(K._) würden ihm in Nordsomalia einen solchen Schutz gewährleis-
ten. Die K._ sind zwar vereinzelt im nördlichen Somalia ansässig,
jedoch nicht als Mehrheitsclan vertreten (vgl. Immigration and Refugee
Board of Canada, Somalia: Information on the K._ clan in Somali-
land, including distinguishing features, locations, occupations and position
in the clan hierarchy; treatment by the Somaliland authorities and by al-
Shabaab [2015-October 2017], 23.11.2017, https://irb-
cisr.gc.ca/en/country-information/rir/Pages/idex.aspx?doc=457304&pls=1,
abgerufen am 02.11.2022). In den verfügbaren Quellen existieren keine In-
formationen darüber, ob die B._ in Puntland präsent und ob dieser
Clan dort gar eine bedrohte Minderheit ist. Insgesamt gibt es keine Hin-
weise auf das Vorliegen begünstigender Umstände, die einen Wegwei-
sungsvollzug des Beschwerdeführers nach Somali- oder Puntland als zu-
mutbar erscheinen lassen würden.
12.3 Vor diesem Hintergrund ist der Vollzug der Wegweisung nach Somalia
als unzumutbar zu erachten. Da den Akten keine Gründe im Sinne von
Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen sind, ist der Beschwerdeführer vorläufig
aufzunehmen.
13.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass die Beschwerde teilweise gutzuheis-
sen ist (vgl. E. 6.5). Die Verfügung des SEM vom 27. Februar 2020 ist be-
treffend den Vollzug der Wegweisung (Ziffern 5 und 6 des Dispositivs) auf-
zuheben. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer in der Schweiz
vorläufig aufzunehmen.
14.
14.1 Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens wäre dem Be-
schwerdeführer an sich die Hälfte der Verfahrenskosten aufzuerlegen (vgl.
Art. 2 und 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). Indessen wurde der mit
der Beschwerdeschrift gestellte Antrag auf unentgeltliche Prozessführung
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 20. Mai
2020 gutgeheissen, und liegen keine Hinweise vor, dass der Beschwerde-
führer nicht mehr fürsorgeanhängig wäre. Somit hat er keine Verfahrens-
kosten zu tragen.
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Seite 22
14.2 Nachdem der Beschwerdeführer hinsichtlich des Wegweisungsvoll-
zugs  und insofern teilweise  obsiegt hat, ist ihm eine angemessene, um
die Hälfte reduzierte Parteientschädigung zu entrichten (vgl. Art. 64 Abs. 1
VwVG i.V.m. Art. 37 VGG; Art. 7 ff. VGKE). Es wurde keine Kostennote
eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu
bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Die Rechtsmitteleingabe so-
wie die Beschwerdeverbesserung hat der Beschwerdeführer selbst ver-
fasst. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist die Vorinstanz demnach anzuweisen, dem Beschwer-
deführer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 480.– (inklusive die
Hälfte der Auslagen im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) auszurichten.
14.3 Mit Verfügung vom 30. Juni 2020 wurde Rechtsanwalt Michael
Adamczyk, damals angestellt bei der Caritas Schweiz, als amtlicher
Rechtsbeistand bestellt. Mit Zwischenverfügung vom 27. April 2022 wurde
MLaw Natalie Marrer, ebenfalls bei der Caritas tätig, als amtliche Rechts-
beiständin beigeordnet, nachdem Rechtsanwalt Michael Adamczyk aus
seinem Amt entlassen worden war. Aufgrund der Aktenlage und mangels
anderweitiger Indizien ist davon auszugehen, dass Rechtsanwalt Michael
Adamczyk seinen Honoraranspruch an die Caritas Schweiz abgetreten
hat. Soweit der Beschwerdeführer demgegenüber hälftig unterliegt, ist sei-
ner Rechtsvertreterin demnach für ihre Aufwendungen im Beschwerdever-
fahren ein amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 480.– zulasten der Ge-
richtskasse auszurichten (inklusive die Hälfte der Auslagen im Sinne von
Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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