Decision ID: e72601b0-acfd-4f08-9877-bc3b90c1e69c
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im September 1996 unter Hinweis auf einen im Juli 1995
erlittenen Unfall zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 3). Sie
gab an, sie habe eine Handelsmittelschule mit einem Handelsdiplom abgeschlossen
und zuletzt in einem Pensum von 50 Prozent als kaufmännische Angestellte gearbeitet.
Anlässlich einer Haushaltsabklärung gab sie an, dass sie ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Pensum von 50 Prozent ausserhäuslich
erwerbstätig wäre (IV-act. 28). Im Auftrag der Suva erstellte lic. phil. B._ am 13. Juli
1996 ein neuropsychologisches Gutachten (Fremdakten). Er hielt fest, die Versicherte
leide an einer mittelschweren neuropsychologischen Funktionsstörung. Das
Resultateprofil sei sehr unausgeglichen gewesen. Teilweise habe die Versicherte auch
einfachste Leistungen nur stark verlangsamt und sehr ungenügend erbracht, während
sie kognitiv komplexere Anforderungen zwar langsam, aber teilweise qualitativ gut
erfüllt habe. Vor allem die Verlangsamung habe ein Ausmass erreicht, das nicht allein
hirnorganisch mit den Unfallfolgen erklärt werden könne. Als Teilursache sei eine
psychisch-reaktive Komponente hinzugetreten. Der Zustand sei noch nicht definitiv.
Am 27. Juli 1997 erstattete der Neuropsychologe B._ ein Verlaufsgutachten
(Fremdakten). Er führte aus, die Versicherte habe in vielen Bereichen eine bessere
Leistung gezeigt. Das Arbeitstempo sei in fast allen Bereichen höher gewesen. Die
deutlichste Einschränkung bestehe noch bezüglich der Konzentration und der
Aufmerksamkeit. Auch in diesem Bereich sei der zwischenzeitliche Verlauf aber als
positiv zu qualifizieren. Die Funktionsstörung sei insgesamt lediglich noch leichtgradig
ausgeprägt. Als Büroangestellte sei die Versicherte aus neuropsychologischer Sicht als
zu 75 Prozent arbeitsfähig zu qualifizieren. Im November 1998 erstattete Prof. Dr. med.
C._ von der Klinik D._ im Auftrag der Suva ein neurologisches Gutachten
A.a.
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(Fremdakten). Er hielt fest, die Versicherte leide an einem Status nach einer Commotio
cerebri, einem direkten Kopf- und indirekten HWS-Trauma mit einem anhaltend
belastungsabhängig sich verstärkenden cervico-cephalen Schmerzsyndrom, einem
postcommotionellen Syndrom und Spannungskopfschmerzen mit einer
entscheidenden cervicogenen Komponente. Zudem bestehe der Verdacht auf eine
traumatische retropatellare Chondromalazie links. Aktuell sei sie nur zu 30 Prozent
arbeitsfähig. Einige Zeit nach der Geburt des zweiten Kindes (die Versicherte war
damals im sechsten Monat schwanger) werde sich der Gesundheitszustand
wahrscheinlich wesentlich verbessern. Jedenfalls liege aktuell kein Endzustand vor. Mit
einer Verfügung vom 2. Juni 1999 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung ab
dem 1. Juli 1996 eine halbe Rente zu (IV-act. 38). Den Invaliditätsgrad hatte sie anhand
der sogenannten „gemischten Methode“ berechnet (IV-act. 37). Sie war von einem
ausserhäuslichen Pensum von 50 Prozent und einer Betätigung im eigenen Haushalt
von ebenfalls 50 Prozent ausgegangen. Für den Erwerbsteil hatte sie gestützt auf das
Gutachten von Prof. Dr. C._ eine Einschränkung von 70 Prozent berücksichtigt. Für
den Aufgabenbereich hatte sie anhand des Haushaltsabklärungsberichtes eine
Einschränkung von 38 Prozent angenommen. Das hatte einen Invaliditätsgrad von 54
Prozent ergeben (= 70% × 50% + 38% × 50%). Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in formelle Rechtskraft.
Im März 2018 forderte die IV-Stelle die Versicherte auf, einen Fragebogen zur
Überprüfung des Rentenanspruchs auszufüllen. Die Versicherte gab in diesem
Fragebogen an, dass sich ihr Gesundheitszustand nicht verändert habe (IV-act. 98).
Der Allgemeinmediziner Dr. med. E._ teilte der IV-Stelle am 26. März 2018 mit (IV-act.
101), dass seit dem Jahr 2013 keine Konsultationen betreffend die Halswirbelsäule
mehr stattgefunden hätten. Insofern könne er über den diesbezüglichen Verlauf keine
Angaben machen. Allenfalls müsste die Versicherte untersucht werden. Der
Gesundheitszustand sei insgesamt wohl unverändert geblieben. In einem weiteren
Fragebogen gab die Versicherte an, dass sie ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung in
einem Pensum von 80–100 Prozent erwerbstätig wäre (IV-act. 120). Im Mai 2020
notierte Dr. med. F._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), in
medizinischer Hinsicht müsse die „Informationsdichte angehoben werden“ (IV-act.
A.b.
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121). Im Juni 2020 empfahl die RAD-Ärztin Dr. F._ eine orthopädische, neurologische
und neuropsychologische Begutachtung (IV-act. 129).
Am 11. August 2020 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 130), dass sie
vorsehe, den Orthopäden Dr. med. G._, den Neurologen Prof. Dr. med. H._ und die
Neuropsychologin I._ mit einer bidisziplinären Begutachtung zu beauftragen. Die
Versicherte habe die Möglichkeit, bis zum 24. August 2020 triftige Einwendungen
gegen die Sachverständigen zu erheben. Innert derselben Frist könne sie auch
Zusatzfragen einreichen, die sie von den Sachverständigen beantwortet haben wolle.
Die Versicherte erhob keine Einwände und reichte keine Zusatzfragen ein. Ende
Oktober und im November 2020 wurde sie von den Sachverständigen untersucht. Das
Gutachten wurde am 23. November 2020 erstellt (IV-act. 137). Der orthopädische
Sachverständige hielt fest, die Versicherte leide an einem belastungsabhängig
vermehrten cervico-cephalen Schmerzsyndrom sowie an einem Status nach einer im
Jahr 2014 erfolgten Arthroskopie des linken Kniegelenks. Keine der beiden Diagnosen
wirke sich auf die Arbeitsfähigkeit aus. Der – im Gutachten ausführlich beschriebene –
objektive klinische Befund sei weitestgehend unauffällig gewesen. Aufgefallen seien
lediglich eine Haltungsinsuffizienz bei einer muskulären Dysbalance sowie eine
Rotationseinschränkung der Halswirbelsäule nach rechts um 20 Grad (bei einem
weichen Anschlag). Unter Berücksichtigung auch der Vorakten und der bildgebenden
Befunde sei festzuhalten, dass die Versicherte aus orthopädisch-chirurgischer Sicht zu
keinem Zeitpunkt an einer gesicherten und länger anhaltenden Arbeitsunfähigkeit
gelitten habe. Die neuropsychologische Sachverständige führte aus, der klinische
Eindruck sei unauffällig gewesen. Die Untersuchung sei in zwei Blöcken durchgeführt
worden, nämlich in einem Block von 75 Minuten am Morgen und – nach einer knapp
vierstündigen Pause – einem Block von zwei Stunden am Nachmittag. Die Versicherte
habe angegeben, dass sie bereits am frühen Morgen eine Schmerztablette
eingenommen habe. Nach einer Stunde habe sie unter Hinweis auf einen „schlimmen
Kopfdruck“ um eine kurze Pause gebeten. Bei Beginn des zweiten Blocks habe sie
angegeben, „ein bisschen kaputt“ zu sein und sich verspannt zu fühlen; über Mittag
habe sie nochmals eine Schmerztablette eingenommen. Im zweiten Testblock habe sie
eine längere Testaufgabe auf eigenen Wunsch im Stehen bewältigt. Nach dem Ende
der Testung habe sie angegeben, dass sie sich erschöpft fühle, dass das
A.c.
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Schmerzniveau leicht schwankend gewesen sei und nun bei 8–9 auf der visuellen
Analogskala liege. Zwischendurch sei ihr schwindelig gewesen. Das sei vom Nacken
ausgegangen. Die Sachverständige hielt fest, aufgrund der Testergebnisse und
insbesondere der Ergebnisse der Beschwerdevalidierungsverfahren sei von einer guten
Anstrengungsbereitschaft der Versicherten auszugehen. Die Testergebnisse seien
valide. In der Mehrheit der neuropsychologischen Testverfahren habe die Versicherte
unauffällige Ergebnisse erzielt. Im Bereich der Aufmerksamkeits- und
Konzentrationsleistungen hätten sich jedoch leichte Leistungsminderungen gezeigt. Die
Konzentration habe geschwankt. Bei längeren Aufgaben habe die Versicherte
Minderleistungen in der Daueraufmerksamkeit erbracht. Insgesamt sei von einer
leichten neuropsychologischen Funktionsstörung mit im Vordergrund stehenden
Aufmerksamkeitsstörungen auszugehen. Im Vergleich zu einer im Juli 1996
durchgeführten neuropsychologischen Testung sei die Leistungsfähigkeit als
wesentlich besser zu qualifizieren. Allerdings seien die Ergebnisse der im Juli 1996
durchgeführten Testung nicht überzeugend. Wenn die damals gezeigten
Einschränkungen als authentisch qualifiziert würden, müsste die Versicherte damals an
einem kompletten amnestischen Syndrom oder an einer anderen schwersten
kognitiven Störung gelitten haben, die aber sicher nicht vorgelegen habe. Damals sei
keine Beschwerdevalidierung durchgeführt worden. Rückblickend müsse davon
ausgegangen werden, dass damals eine bewusste negative Antwortverzerrung
vorgelegen habe. Die aktuell gezeigte, als authentisch zu qualifizierende
Funktionsstörung sei am ehesten schmerzbedingt. Sie werde möglicherweise durch
suboptimale Bewältigungsstrategien aufrecht erhalten. Eventuell bestehe auch ein
medikamenteninduzierter chronischer Kopfschmerz. Als aus neuropsychologischer
Sicht ideal leidensadaptiert seien Tätigkeiten zu qualifizieren, die wechselnde
Anforderungen stellten und ein aktives Pausenmanagement ermöglichten. Für solche
Tätigkeiten sei ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 70 Prozent zu attestieren. Der
neurologische Sachverständige hielt fest, der (im Gutachten ausführlich beschriebene)
objektive klinische Befund sei weitgehend unauffällig gewesen. Aufgrund der in sich
konsistenten Aktenlage, die auch stimmig zum aktuellen Untersuchungsbefund sei,
könne ein Status nach einer Commotio cerebri diagnostiziert werden, der sich
allerdings nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirke. Zudem leide die Versicherte an einem
Kopfschmerz bei einem Analgetikaübergebrauch mit leichten neuropsychologischen
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Funktionsstörungen. Aus neurologischer Sicht überzeuge die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der neuropsychologischen Sachverständigen, weshalb rein
neurologisch ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 70 Prozent für die angestammte Tätigkeit
wie auch für leidensadaptierte Tätigkeiten zu attestieren sei. Mittels einer intensiven
multimodalen Kopfschmerztherapie dürfte sich der Arbeitsfähigkeitsgrad innerhalb von
drei bis sechs Monaten auf 80–100 Prozent steigern lassen. Wissenschaftliche
Untersuchungen hätten gezeigt, dass der multimodale Therapieansatz auch bei
langjährigen chronischen Kopfschmerzen Erfolg zeitige. Nach der
Konsensbesprechung führten die Sachverständigen aus, die Versicherte leide an einem
Kopfschmerz bei einem Analgetikaübergebrauch sowie – ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit – an einem Status nach einer Commotio cerebri, an einem
belastungsabhängig vermehrten cervico-cephalen Schmerzsyndrom und an einem
Status nach einer im Jahr 2014 erfolgten Arthroskopie des linken Kniegelenks. Für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung sei die neurologische Beurteilung massgebend. Die
Versicherte sei aus bidisziplinärer Sicht als zu 70 Prozent arbeitsfähig für die
angestammte Tätigkeit und für leidensadaptierte Tätigkeiten zu qualifizieren. Die RAD-
Ärztin Dr. F._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 138).
Mit einem Vorbescheid vom 4. Januar 2021 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit
(IV-act. 139), dass sie die Aufhebung der laufenden Rente vorsehe. Zur Begründung
führte sie an, die angestammte Tätigkeit sei gemäss dem Gutachten von Prof. Dr.
H._ und Dr. G._ zu 70 Prozent zumutbar. Die Versicherte sei als zu 90 Prozent
erwerbstätig zu qualifizieren. Bei der Haushaltsführung bestehe keine relevante
Einschränkung. Der Invaliditätsgrad betrage folglich 27 Prozent (= 70% × 90%). Am 10.
Februar 2021 liess die Versicherte einwenden (IV-act. 147), sie sei mit dem Gutachten
nicht einverstanden und beabsichtige deshalb, ein Gegengutachten erstellen zu lassen.
Da sie dafür einige Zeit benötigen werde, ersuche sie um eine Sistierung des
Verwaltungsverfahrens (IV-act. 147). Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 17. Februar
2021 mit, dass sie das Verwaltungsverfahren nicht sistieren werde, da die versicherte
Person keinen gesetzlichen oder aus der Praxis des Bundesgerichts ableitbaren
Anspruch auf die Anfertigung eines eigenen Gutachtens habe (IV-act. 148). Die
Versicherte liess am 19. Februar 2021 an ihrem Sistierungsgesuch festhalten; sie wies
darauf hin, dass erhebliche Zweifel an der Seriosität der Sachverständigen bestünden,
A.d.
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da letztere tatsachenwidrig festgehalten hätten, der Vater der Versicherten sei bereits
verstorben (IV-act. 150). Die IV-Stelle forderte die Sachverständigen am 1. März 2021
auf, Stellung zum Vorwurf der Versicherten sowie zu einer Widersprüchlichkeit
zwischen den Teilgutachten betreffend die Angaben der Versicherten zur
Physiotherapie zu nehmen (IV-act. 151). Am 15. März 2021 antwortete Dr. G._, er
habe die Angaben der Versicherten zur Physiotherapie eins zu eins wiedergegeben (IV-
act. 153). Am 31. März 2021 hielt Prof. Dr. H._ fest (IV-act. 155), er freue sich zu
hören, dass der Vater der Versicherten nicht verstorben sei. Offenbar habe sich die
Versicherte bei der Anamneseerhebung etwas missverständlich ausgedrückt. Im
neurologischen Untersuch seien die Details der Physiotherapie sekundär gewesen. Im
Vordergrund hätten die Kopfschmerzen gestanden. Deshalb sei die Angabe im
neurologischen Teilgutachten wohl nicht ganz präzise. Am 13. April 2021 räumte die IV-
Stelle der Versicherten die Möglichkeit zur Stellungnahme ein (IV-act. 156). Die
Versicherte ersuchte die IV-Stelle am 27. April 2021 erneut um eine Sistierung des
Verwaltungsverfahrens (IV-act. 157).
Am 26. Mai 2021 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 158), dass sie die
Rentenleistungen vorsorglich einstelle. Die Versicherte habe die Möglichkeit, sich bis
spätestens am 11. Juni 2021 zur vorsorglichen Renteneinstellung zu äussern. Am 10.
Juni 2021 liess die Versicherte geltend machen (IV-act. 159), sie sei mit der
vorsorglichen Renteneinstellung nicht einverstanden. Die von den Sachverständigen
behauptete Verbesserung des Gesundheitszustandes sei effektiv gar nicht eingetreten;
der Gesundheitszustand sei über all die Jahre unverändert geblieben. Mit einer
Zwischenverfügung vom 13. Juli 2021 stellte die IV-Stelle die Auszahlung der Rente per
31. August 2021 ein (IV-act. 161). Diese Zwischenverfügung erwuchs unangefochten in
formelle Rechtskraft. Mit einem weiteren Vorbescheid vom 1. Dezember 2021 teilte die
IV-Stelle der Versicherten erneut mit, dass sie die Aufhebung der Rente vorsehe (IV-act.
165). Dagegen liess diese am 12. Januar 2022 einwenden (IV-act. 168–1 f.), ihr
Gesundheitszustand habe sich seit der Rentenzusprache nicht verändert. Die IV-Stelle
habe offensichtlich versucht, der Versicherten die laufende Rente noch kurz vor dem
Erreichen des 56. Altersjahres wegzunehmen, weil nach der bundesgerichtlichen Praxis
eine laufende Rente nach der Vollendung des 55. Altersjahres nur nach einer
vorgängigen Eingliederung aufgehoben werden könne. Der Eingabe lag eine
A.e.
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B.
Stellungnahme von Dr. E._ zum Gutachten bei (IV-act. 168–3 f.). Dieser hatte
festgehalten, er habe beim Studium des Gutachtens den Eindruck gewonnen, dass die
Sachverständigen die Beschwerden „vermindert“ dargestellt (also heruntergespielt)
hätten. Das sei nicht nachvollziehbar, weil sie die Versicherte als authentisch
wahrgenommen und dies explizit im Gutachten festgehalten hätten. Offenbar seien
auch verschiedene Angaben der Versicherten falsch wiedergegeben worden. Mit einer
Verfügung vom 21. Februar 2022 hob die IV-Stelle die Rente per 31. August 2021
„definitiv“ auf (IV-act. 170).
Am 21. März 2022 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 21. Februar 2022 erheben (act. G 1). Ihr
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Weiterausrichtung der bisherigen halben Rente sowie eventualiter die Rückweisung der
Sache an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur weiteren
Sachverhaltsabklärung. Zur Begründung führte er aus, der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin habe sich entgegen der Behauptung der medizinischen
Sachverständigen nicht verbessert. Nachdem die Beschwerdegegnerin im Jahr 2015
letztmals festgestellt habe, dass sich der für den Rentenanspruch massgebende
Sachverhalt nicht wesentlich verändert habe, müsste die von den Sachverständigen
behauptete Sachverhaltsveränderung in den Jahren 2015–2020 eingetreten sein, was
ausgeschlossen sei. Die Sachverständigen hätten sich im Rahmen der Untersuchung
nach der finanziellen Situation der Beschwerdeführerin erkundigt und angetönt, dass
sie ja nicht mehr auf die Rente der Invalidenversicherung angewiesen sei. Offenbar
seien sie befangen gewesen. Der Anschein der Befangenheit werde durch die
räumliche Nähe zur Beschwerdegegnerin und durch den Umstand verstärkt, dass die
Sachverständigen regelmässig Aufträge von der Beschwerdegegnerin erhielten. Die
Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, detaillierte Daten betreffend die Aufträge an
Prof. Dr. H._ herauszugeben.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 4. Mai 2022 die Abweisung der
Beschwerde, soweit überhaupt darauf eingetreten werden könne (act. G 4). Zur
Begründung führte sie an, auf das Auskunftsbegehren sei nicht einzutreten. Dafür
B.b.
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müsste ein separates Verfahren eröffnet werden. Der Befangenheitsvorwurf hätte vor
der Begutachtung erhoben werden müssen. Nichts deute darauf hin, dass die
Sachverständigen der Beschwerdeführerin die Rente „missgönnt“ hätten. Das
Gutachten sei in jeder Hinsicht überzeugend.
Die Beschwerdeführerin liess am 9. Juni 2022 an ihren Anträgen festhalten (act. G
8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 10).
B.c.
Am 15. Dezember 2022 fand eine mündliche Verhandlung statt, an der die
Beschwerdegegnerin allerdings nicht teilnahm (vgl. act. G 14). Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin äusserte eingangs sein Bedauern über die Abwesenheit der
Beschwerdegegnerin. Er machte weiter geltend, die Beschwerdeführerin habe damals
im Jahr 1995 nicht einfach irgendeinen harmlosen Unfall erlitten. Sie sei
hochschwanger gewesen, von einem Auto angefahren und vom Velo geschleudert
worden. Der Unfall hätte tödlich enden können. In den anschliessenden Verhandlungen
sei nicht nur von Seiten der Beschwerdegegnerin, sondern auch von der
Unfallversicherung und der Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers eine
Invalidität der Beschwerdeführerin anerkannt worden. Die Invaliden- und die
Unfallversicherung hätten ihre Rentenleistungen abdeckende Regresszahlungen der
Haftpflichtversicherung erhalten. Es sei stossend, dass die Rente nun vorzeitig
aufgehoben werde, die ja vollumfänglich durch den Regress finanziert gewesen sei. Die
Rentenaufhebung der Beschwerdegegnerin habe dazu geführt, dass auch die
Unfallversicherung angekündigt habe, ihre Rente zu kürzen oder gar aufzuheben. Aus
den Akten der Beschwerdegegnerin gehe eindeutig hervor, dass sie eigentlich nur eine
Anpassung der laufenden Rente an die Änderung der Rechtslage nach dem Urteil des
EGMR in Sachen Di Trizio gegen die Schweiz habe vornehmen wollen. Das Verfahren
habe gar nicht auf eine Revision im Sinne des Art. 17 ATSG abgezielt. Das weitere
Vorgehen der Beschwerdegegnerin sei inkonsequent gewesen. Obwohl kein
Anhaltspunkt für eine relevante Sachverhaltsveränderung vorgelegen habe, habe sie
eine „umfassende“ Rentenrevision in die Wege geleitet und entsprechende
Sachverhaltsabklärungen vorgenommen. Inhaltlich-materiell habe das Verfahren
schliesslich sogar auf eine verdeckte Wiedererwägung abgezielt, denn die
Neuropsychologin habe das alte neuropsychologische Gutachten aus dem Jahr 1996
kritisiert und auch der psychiatrische Sachverständige habe eine retrospektive
B.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/20
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Beurteilung abgegeben. Die psychiatrische Beurteilung habe sich im Ergebnis auf eine
einzige Studie bezüglich der Prognose einer multimodalen Behandlung von Kopfweh
gestützt. Ihm sei es nicht gelungen, eine relevante Sachverhaltsveränderung mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Die
Beweislast dafür liege aber bei der Beschwerdegegnerin. Bezüglich der Methodenwahl
stelle sich die Frage, ob es zulässig gewesen sei, allein auf die Aussage der
Beschwerdeführerin abzustellen. Statistisch seien zwar Frauen in der Situation der
Beschwerdeführerin durchschnittlich zu 80 Prozent erwerbstätig, aber hier seien nicht
statistische, sondern juristische Aspekte massgebend. Wegen des
Diskriminierungsverbotes müsse die Beschwerdeführerin als zu 100 Prozent
erwerbstätig qualifiziert werden. Bezüglich des Einkommensvergleichs sei zu
bemängeln, dass die Beschwerdegegnerin keinerlei Abklärungen zum
Valideneinkommen getätigt, sondern auf eine blosse subjektive Angabe der
Beschwerdeführerin abgestellt habe. Eine kurze Internetrecherche zeige, dass in der
Treuhandbranche deutlich höhere Löhne ausgerichtet würden. Das Valideneinkommen
von 78’000 Franken sei folglich falsch. Zu kritisieren sei schliesslich, dass die
Beschwerdegegnerin mit einem pauschalen Hinweis auf die Mitwirkungspflicht des
Ehemannes keine Abklärungen zur Invalidität der Beschwerdeführerin im eigenen
Haushalt getätigt habe. Zusammenfassend könne man sich nicht des Eindrucks
erwehren, dass die guten finanziellen Verhältnisse, in denen die Beschwerdeführerin
und ihr Ehemann lebten, den eigentlichen Grund für die Rentenaufhebung gebildet
hätten. Auch der psychiatrische Sachverständige habe im Rahmen der
Begutachtungen Hinweise in diese Richtung gemacht. Der vorsitzende Richter forderte
die Beschwerdeführerin anschliessend auf anzugeben, was sie sich gedacht habe, als
sie im Fragebogen (IV-act. 120) angegeben habe, sie wäre im hypothetischen
„Gesundheitsfall“ zu 80 Prozent erwerbstätig. Die Beschwerdeführerin antwortete, das
könne sie nicht genau sagen. Sie habe den Unfall im Jahr 1995 erlitten. Sie könne nicht
sagen, in welcher Situation sie sich heute ohne den Unfall befinden und wie sie sich
verhalten würde. Aus diesem Grund sei es für sie sehr schwierig gewesen, den
Fragebogen auszufüllen. Auf die Nachfrage des Richters, was sie denn ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung in den restlichen 20 Prozent tun würde, wenn sie zu 80
Prozent erwerbstätig wäre, gab sie an, sie würde sich vielleicht mehr im Haushalt
engagieren. Sie verfüge über einen grossen Garten, in den sie mehr Arbeit stecken
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/20
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Considerations:
Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin hat eine Befangenheit der medizinischen Sachverständigen
geltend gemacht. Sie und ihr bereits im Verwaltungsverfahren beigezogener
Rechtsanwalt hatten die Wahl der Sachverständigen allerdings akzeptiert. Die erst
nachträglich vorgebrachten Vorwürfe, die Sachverständigen seien wirtschaftlich von
der Beschwerdegegnerin abhängig gewesen, weshalb zumindest der objektive
Anschein einer Befangenheit bestehe, können unter diesen Umständen nicht gehört
werden. Im Übrigen ist das – häufig vorgebrachte – Argument, ein medizinischer
Sachverständiger müsse zumindest dem objektiven Anschein nach befangen sein,
wenn er regelmässig im Auftrag der IV-Stellen Gutachten erstelle und damit
wirtschaftlich von diesen abhängig sei, offenkundig nicht stichhaltig. Tatsächlich
könnte nämlich nur dann von der wirtschaftlichen Abhängigkeit eines medizinischen
Sachverständigen auf dessen Befangenheit zulasten der untersuchten Versicherten
geschlossen werden, wenn den IV-Stellen unterstellt würde, sie seien ebenfalls
voreingenommen zulasten der Versicherten. Denn nur unter dieser Voraussetzung
könnten die IV-Stellen ein Interesse an einem versichertenfeindlichen Gutachten haben.
Wer den medizinischen Sachverständigen also eine Voreingenommenheit zulasten der
untersuchten Versicherten unterstellt, behauptet notwendigerweise eine
Voreingenommenheit der IV-Stellen zulasten der Versicherten. Diese Unterstellung
würde wiederum zur Schlussfolgerung zwingen, dass auch die Aufsichtsbehörde über
die IV-Stellen zulasten der Versicherten voreingenommen sein müsse, weil sie die
könnte. Andererseits habe sie vor dem Unfall regelmässig 45–50 Stunden pro Woche
gearbeitet, das sei für sie völlig normal gewesen, da ihre Eltern eine Gastwirtschaft
geführt hätten. Sie könne sich gut vorstellen, dass sie ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung zu 100 Prozent erwerbstätig wäre und trotzdem den
Haushalt und den Garten besorgen könnte. Auf die Frage, ob sie sonst noch etwas
ergänzen wolle, erwiderte die Beschwerdeführerin, das Gutachten enthalte teilweise
Ausführungen, die sich nicht mit ihren Angaben deckten. Sie könne sich zwar nicht
mehr genau an jede Einzelheit des Gesprächs erinnern, aber beispielsweise stehe im
Gutachten, dass sie den Wocheneinkauf jeweils samstags zusammen mit ihrem
Ehemann erledige, was sie ganz sicher nicht gesagt habe, da sie noch nie in ihrem
Leben an einem Samstag einen Wocheneinkauf erledigt habe und da sie auch ihren
Ehemann jeweils nicht zum Einkaufen mitnehme.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/20
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Voreingenommenheit der von ihr zugelassenen medizinischen Abklärungsstellen
ignoriere und damit de facto „absegne“. Die mit einer solchen den gesamten
Abklärungsapparat der Invalidenversicherung betreffenden Voreingenommenheit
zulasten der Versicherten verbundene Missachtung des Untersuchungsgrundsatzes
beziehungsweise der gesetzlichen Beweisführungs- und Beweiswürdigungsregeln
würde sowohl den Gleichbehandlungsgrundsatz als auch das Legalitätsprinzip
aushebeln, sodass die IV-Stellen generell als objektiv „anscheinsbefangen“ zu
betrachten wären, womit der Vollzug des IVG wohl zum Stillstand käme. Tatsächlich
kann aus einer wirtschaftlichen Abhängigkeit (was auch immer darunter zu verstehen
ist) natürlich nicht auf eine Befangenheit eines medizinischen Sachverständigen
geschlossen werden, denn der Auftrag der IV-Stellen lautet immer, es sei eine streng
objektive und unvoreingenommene Abklärung des Gesundheitszustandes und der
Arbeitsfähigkeit des Versicherten vorzunehmen. Einem erkennbar zulasten der
untersuchten versicherten Person voreingenommen abgefassten Gutachten würde jede
IV-Stelle ohne Weiteres den Beweiswert absprechen. Die Sachverständigen haben also
zum Vorneherein keinen Anlass gehabt, zulasten der Beschwerdeführerin
voreingenommen zu sein. Die Beschwerdeführerin hat weiter behauptet, die
Sachverständigen hätten im Rahmen der Begutachtung durchblicken lassen, dass die
Beschwerdeführerin nicht (mehr) auf eine Rente der Invalidenversicherung angewiesen
sei, weil sie sich in einer komfortablen finanziellen Situation befinde. Das Gutachten
enthält keinen Hinweis darauf, dass die Sachverständigen die Auffassung vertreten
hätten, die Beschwerdeführerin sei aus rein finanzieller Sicht nicht mehr auf die
bisherige Rente angewiesen. Auch in den übrigen Akten findet sich kein
entsprechender Hinweis. Zusammenfassend erweist sich der Vorwurf der Befangenheit
als unbegründet.
2.
Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin bei genauer Betrachtung
ursprünglich keine „echte“ Invalidenrente im Sinne des Art. 28 IVG (in der im Jahr 1998
geltenden Fassung) zugesprochen, denn ein Anspruch auf eine „echte“ Invalidenrente
hätte gemäss dem Art. 29 Abs. 2 IVG (in der im Jahr 1998 geltenden Fassung) den
Abschluss der medizinischen Eingliederung („Behandlung“) vorausgesetzt und wäre
nach dem Art. 28 Abs. 2 IVG (in der im Jahr 1998 geltenden Fassung) nur in Frage
gekommen, wenn eine länger dauernde stabile Erwerbsunfähigkeit vorgelegen hätte.
Dem im Auftrag der Suva erstellten Gutachten von Prof. Dr. C._ vom November 1998
lässt sich aber entnehmen, dass damals aus medizinisch-therapeutischer Sicht noch
kein Endzustand vorgelegen hat. Der Sachverständige hat überzeugend aufgezeigt,
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/20
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dass der damalige Gesundheitszustand wesentlich von einer Schwangerschaft im
letzten Trimester überlagert gewesen ist, die es der Beschwerdeführerin unter anderem
verunmöglicht hat, Schmerzmittel einzunehmen. Er hat die plausible Prognose
aufgestellt, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin innerhalb
weniger Monate nach dem Ende der Schwangerschaft wesentlich verbessern werde
und dass von – dann in die Wege zu leitenden – geeigneten medizinischen
Massnahmen eine zusätzliche erhebliche Steigerung der Arbeitsfähigkeit zu erwarten
sei. Da damals also die eingliederungsrelevante, das heisst die Arbeitsfähigkeit
verbessernde Behandlungsphase noch nicht abgeschlossen gewesen ist, ist die
Beschwerdeführerin nicht invalid im Sinne des damals geltenden Art. 28 IVG gewesen.
Nach der (im April/Mai 2019 vereinheitlichten) Praxis des St. Galler
Versicherungsgerichtes „haben Versicherte, die während eines Jahres ohne
wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 Prozent arbeitsunfähig
gewesen sind und die nach Ablauf dieses Jahres weiterhin zu mindestens 40 Prozent
arbeitsunfähig sind, grundsätzlich Anspruch auf eine Rente, obwohl zumutbare
Eingliederungsmassnahmen, welche ihre Arbeitsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wiederherstellen, erhalten oder verbessern können,
nicht abgeschlossen sind“ (vgl. dazu etwa den Entscheid IV 2016/328 vom 23.
September 2019). Diese Voraussetzungen sind vorliegend erfüllt gewesen, da die
Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache während mehr
als eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch zu mehr als 40 Prozent
arbeitsunfähig gewesen und nach dem Ablauf dieses Jahres weiter zu mehr als 40
Prozent arbeitsunfähig gewesen ist. Der Umstand, dass es die Beschwerdegegnerin in
der Folge unterlassen hat, ein Revisionsverfahren zu eröffnen, ist irrelevant.
Entscheidend ist, dass die Beschwerdeführerin in der Zeit ab Juli 1996 eine auf ihrer
früheren Arbeitsunfähigkeit während der Schwangerschaft bestehende – gewisse
Ähnlichkeiten mit der Übergangsrente nach Art. 19 Abs. 3 UVG aufweisende – Rente
bezogen hat.
Da die Rente, die die Beschwerdeführerin ab Juli 1996 bezogen hat, nicht auf einer
Invalidität im Sinne des Art. 28 IVG beruht hat, kann der – klare – Wortlaut des Art. 17
Abs. 1 ATSG für die Beantwortung der Frage, ob im Zeitpunkt des Erlasses der hier
angefochtenen Verfügung vom 21. Februar 2022 ein Revisionsgrund vorgelegen hat,
nicht einschlägig sein. Dieser erfasst nämlich nur die Invalidenrenten, also nur solche
Renten, die eine „echte“ Invalidität im Sinne des Art. 28 IVG abdecken, und nicht auch
Renten, die einen anderen Schaden abdecken, wie etwa die Integritätsschadenrente
nach MVG oder dergleichen. Die Rente, die die Beschwerdeführerin ab Juli 1996
bezogen hat, hat auf einer früheren Arbeitsunfähigkeit während der Schwangerschaft
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/20
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beruht und ist deshalb keine „Invalidenrente“ im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG
gewesen. Wenn man den Wortlaut des Art. 17 Abs. 1 ATSG ernst nimmt, kann diese
Bestimmung deshalb vorliegend keine Anwendung finden. Hier liegt ein
Anwendungsfall des Art. 17 Abs. 2 ATSG vor, der die Revision von „anderen
Leistungen“ regelt, worunter auch die Rente, die die Beschwerdeführerin ab Juli 1996
bezogen hat, subsumiert werden muss. Auch bei der Anwendung des Art. 17 Abs. 2
ATSG stellt sich die Frage, ob sich der massgebende Sachverhalt zwischen der
ursprünglichen Rentenzusprache am 2. Juni 1999 und der Eröffnung der hier
angefochtenen Verfügung am 21. Februar 2022 wesentlich verändert hat. Sollte sich
ergeben, dass die Beschwerdegegnerin die seit dem Jahr 1996 ausgerichtete Rente zu
Recht aufgehoben hat, muss in einem zweiten Schritt die Zusprache einer „echten“
Invalidenrente im Sinne der Art. 7 f. ATSG und des Art. 28 Abs. 1 IVG geprüft werden,
denn das in der Anmeldung vom September 1996 unter anderem enthaltene Begehren
um eine Invalidenrente ist mit der Zusprache der auf der früheren Arbeitsunfähigkeit
während der Schwangerschaft beruhenden Rente noch nicht erledigt und damit nach
wie vor hängig gewesen. Während der Zeit, in der die Beschwerdeführerin jene Rente
bezogen hat, ist das Verwaltungsverfahren betreffend die Invalidenrente de facto
sistiert gewesen; mit der revisionsweisen Aufhebung der auf der früheren
Arbeitsunfähigkeit während der Schwangerschaft beruhenden Rente muss dieser
Zustand enden. Das IVG enthält zwar keine Regelung betreffend die Ablösung einer auf
einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit beruhenden Rente durch eine „echte“
Invalidenrente, aber weil die auf einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit beruhende
Rente ihrem Zweck nach nichts anderes als ein Taggeldersatz sein kann, entspricht
das Problem des Wechsels von der auf einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit
beruhenden Rente zur „echten“ Invalidenrente jenem der Ablösung eines Taggeldes
durch eine Invalidenrente. Dafür enthält der Art. 19 Abs. 1 UVG eine Lösung, nämlich
die Regelung, dass bei der Einstellung des Taggeldes der sich unmittelbar daran
anschliessende Rentenanspruch geprüft werden muss. Diese Regelung kann hier
lückenfüllend analog zur Anwendung kommen, was bedeutet, dass die angefochtene
Verfügung bei genauer Betrachtung eine Aufhebung der laufenden auf einer
vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit beruhenden Rente sowie die Verweigerung einer
„echten“ Invalidenrente enthält.
Entgegen der vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin vertretenen Auffassung
sind die im Zeitraum von Juni 1999 bis Februar 2022 durchgeführten
„Revisionsverfahren“ irrelevant, da es sich nicht um materielle Revisionsverfahren,
sondern nur um „Vorverfahren“ gehandelt hat, die sich allein um die Frage gedreht
haben, ob von Amtes wegen ein materielles Revisionsverfahren zu eröffnen sei. Mit
2.3.
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ihren entsprechenden Mitteilungen hat die Beschwerdegegnerin jeweils lediglich mit
der Begründung von der Eröffnung eines materiellen Revisionsverfahrens von Amtes
wegen abgesehen, die „Vorabklärung“ habe keinen Anhaltspunkt für eine relevante
Sachverhaltsveränderung ergeben (vgl. dazu etwa den Entscheid IV 2014/256 des St.
Galler Versicherungsgerichtes vom 15. Februar 2017, E. 1.1). Als unzutreffend erweist
sich auch die vom Rechtsvertreter anlässlich der mündlichen Verhandlung vom 15.
Dezember 2022 geäusserte Ansicht, die Beschwerdegegnerin hätte nur „umfassende“
Abklärungen in die Wege leiten dürfen, wenn ein „Anfangsverdacht“ bezüglich einer
relevanten Sachverhaltsveränderung vorgelegen hätte, denn wie das übrige
Verwaltungsrecht auch ist das Sozialversicherungsrecht vom Legalitätsprinzip und vom
Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Die Tatsache, dass eine Invalidenrente gestützt
auf eine Prognose für die Zukunft zugesprochen werden kann, darf nicht zur
Aushebelung des Legalitätsprinzips und des Untersuchungsgrundsatzes führen,
weshalb der Gesetzgeber mit dem Art. 17 ATSG die Grundlage für eine jederzeitige,
voraussetzungslose „umfassende“ Überprüfung einer laufenden Dauerleistung
geschaffen hat. Denn nur mit solchen (in der Praxis oft periodischen) Überprüfungen
kann sichergestellt werden, dass die einmal zugesprochene Dauerleistung immer dem
aktuellen effektiven Leistungsbedarf entspricht und nicht etwa – infolge einer
nachträglichen Sachverhaltsveränderung – nun zu hoch oder zu tief ist. Der Umstand,
dass die IV-Stellen in der Praxis eine „Vorabprüfung“ durchführen und nur dann eine
„umfassende“ Revision in die Wege leiten, wenn Indizien dafür bestehen, dass sich der
Leistungsbedarf verändert haben könnte, dient allein der Verfahrensökonomie. Diese
Praxis kann den Untersuchungsgrundsatz und das Legalitätsprinzip nicht aushebeln.
Der Vorwurf, eine IV-Stelle hätte einen laufenden Rentenanspruch nicht „umfassend“
überprüfen dürfen, muss sich deshalb immer als unbegründet erweisen. Zudem hat der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ja selbst einen (nach der Auffassung des
Bundesgerichtes massgebenden) Revisionsgrund geliefert, indem er geltend gemacht
hat, die Beschwerdeführerin wäre im hypothetischen „Gesundheitsfall“ voll und nicht
mehr – wie bei der ursprünglichen Rentenzusprache – nur zu 50 Prozent erwerbstätig.
Auch die Behauptung, bei genauer Betrachtung habe die Beschwerdegegnerin eine
„verdeckte“ Wiedererwägung ex nunc vorgenommen, erweist sich als unzutreffend,
denn die Rechtmässigkeit der ursprünglichen Rentenzusprache hat im
Verwaltungsverfahren nicht zur Diskussion gestanden. Die Tatsache, dass sich die
medizinischen Sachverständigen mit der medizinischen Aktenlage im Zeitpunkt der
ursprünglichen Rentenzusprache befasst haben, erklärt sich mit der Notwendigkeit des
Vergleichs zwischen dem Sachverhalt im Zeitpunkt der ursprünglichen
Rentenzusprache mit dem aktuellen Sachverhalt, ohne den die Frage nach einer
relevanten Sachverhaltsveränderung offenkundig nicht beantwortet werden könnte. Der
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Vorwurf einer „verdeckten“ Wiedererwägung ex nunc erweist sich damit als
unbegründet.
Die Beantwortung der Frage nach einer die Aufhebung der auf der früheren
Arbeitsunfähigkeit während der Schwangerschaft beruhenden Rente rechtfertigenden
Sachverhaltsveränderung erfordert einen Vergleich zwischen dem Sachverhalt im
Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache am 2. Juni 1999 und dem Sachverhalt
im Zeitpunkt des Abschlusses des Revisionsverfahrens am 21. Februar 2022. Die Akten
belegen mit dem erforderlichen Beweisgrad, dass sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin in diesem Zeitraum sowohl in orthopädischer als auch in
neuropsychologischer Hinsicht nicht relevant verändert hat. Der orthopädische
Sachverständige Dr. G._ hat nämlich überzeugend aufgezeigt, dass die in
orthopädischer Hinsicht allein massgebende Knieproblematik links weder aktuell noch
in der Vergangenheit einen relevanten Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit gehabt hat. Die
Neuropsychologin I._ hat einen Arbeitsfähigkeitsgrad von 70 Prozent für die kognitiv
anspruchsvolle erlernte Tätigkeit der Beschwerdeführerin als Kauffrau attestiert, was
der Arbeitsfähigkeitsschätzung des Neuropsychologen B._ aus dem Jahr 1997
entspricht, der für diese Tätigkeit einen Arbeitsfähigkeitsgrad von 75 Prozent attestiert
hatte. In neurologischer Hinsicht hat sich hingegen der massgebende Sachverhalt
wesentlich verändert. Der Neurologe Prof. Dr. C._ hatte im November 1998 einen
Arbeitsfähigkeitsgrad von lediglich 30 Prozent attestiert, was er hauptsächlich mit den
starken Schmerzen begründet hatte, an denen die Beschwerdeführerin damals gelitten
hatte. Ausschlaggebend war dabei der Umstand gewesen, dass die
Beschwerdeführerin aufgrund einer Schwangerschaft keine Schmerzmittel hatte
einnehmen können. Der Neurologe Prof. Dr. C._ hatte ausdrücklich darauf
hingewiesen, dass sich der Gesundheitszustand – und damit auch die Arbeitsfähigkeit
– nach der Geburt des Kindes rasch und wesentlich verbessern werde, weshalb der
aktuelle Zustand nicht als ein Endzustand qualifiziert werden könne. Der Neurologe
Prof. Dr. H._ hat im November 2020 aus neurologischer Sicht keine
Schmerzproblematik mehr feststellen können, die ein über die von der
Neuropsychologin I._ attestierte Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent hinausgehendes
Attest einer Arbeitsunfähigkeit hätte rechtfertigen können. Auch die im Gutachten
wiedergegebenen Schilderungen der Beschwerdeführerin zu ihren Alltags- und
Arbeitsaktivitäten zeigen deutlich, dass der von Prof. Dr. C._ festgestellte und für
dessen Beurteilung ausschlaggebende akute Schmerzzustand längst abgeklungen
gewesen sein muss.
2.4.
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Die Kritik der Beschwerdeführerin am Gutachten der Sachverständigen Prof. Dr.
H._ und Dr. G._ sowie der Neuropsychologin I._ überzeugt nicht. Die
Sachverständigen haben die Beschwerdeführerin im Rahmen des mit der
angefochtenen Verfügung abgeschlossenen Revisionsverfahrens umfassend
untersucht. Zudem haben sie die medizinischen Vorakten eingehend gewürdigt.
Gesamthaft sind die Ausführungen im Gutachten zu den Vorakten, zu den subjektiven
Angaben der Beschwerdeführerin im Rahmen der Begutachtung und vor allem auch zu
den von den Sachverständigen erhobenen objektiven klinischen und bildgebenden
Befunde so ausführlich, dass (trotz kleineren Missverständnissen im Rahmen der
Anamneseerhebung betreffend die Intensität der Physiotherapie, des vermeintlichen
Todes des Vaters der Beschwerdeführerin, des Wocheneinkaufs und angeblicher
weiterer, von der Beschwerdeführerin nicht spezifizierten Einzelheiten) kein Zweifel an
der grossen Sorgfalt besteht, mit der die Sachverständigen den für ihre Beurteilung
massgebenden medizinischen Sachverhalt erhoben haben. Weder die
neuropsychologische Sachverständige I._ noch der orthopädische Sachverständige
Dr. G._ oder der neurologische Sachverständige Prof. Dr. H._ haben relevante
Auffälligkeiten feststellen können. Obwohl sie die Beschwerdeführerin umfassend und
eingehend untersucht haben, ist der von ihnen erhobene objektive klinische Befund
weitestgehend unauffällig gewesen. Die Neuropsychologin I._ hat überzeugend
festgehalten, dass die leichte Funktionsbeeinträchtigung für den kognitiv eher
anspruchsvollen erlernten Beruf einer kaufmännischen Angestellten trotz ihrer
geringgradigen Ausprägung eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 30 Prozent
zur Folge habe. Der neurologische Sachverständige Prof. Dr. H._ und auch die RAD-
Ärztin Dr. F._ haben dieses Attest als aus fachärztlicher Sicht überzeugend
qualifiziert. Eine zusätzliche Gesundheitsbeeinträchtigung, die die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin noch weiter einschränken würde, hat nicht objektiviert werden
können. Berücksichtigt man zudem das von der Beschwerdeführerin im Rahmen der
Begutachtung geschilderte Aktivitätsniveau im Alltag sowie die Tatsache, dass die
Beschwerdeführerin nach wie vor täglich für einige Stunden in ihrem erlernten Beruf
arbeitet und dabei kognitiv anforderungsreiche Tätigkeiten (insb. Buchhaltung)
verrichtet, überzeugt der von den Sachverständigen nach der Konsensbesprechung
attestierte Arbeitsunfähigkeitsgrad von (maximal) 30 Prozent ohne Weiteres. Der
(frühere) Hausarzt Dr. E._ hat zwar den Verdacht geäussert, dass die
Sachverständigen die Gesundheitsbeeinträchtigung insgesamt eher heruntergespielt
hätten, aber er hat keine objektiven Befunde anführen können, die diesen Verdacht
belegen würden. In den übrigen Akten finden sich keine Anhaltspunkte, die Zweifel an
der Zuverlässigkeit der Arbeitsfähigkeitsschätzung der Sachverständigen wecken oder
eine relevante Sachverhaltsveränderung nach der Begutachtung belegen würden.
2.5.
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Gestützt auf das Gutachten vom 23. November 2020 steht folglich mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die
Beschwerdeführerin im hier massgebenden Zeitpunkt des Abschlusses des
Revisionsverfahrens am 21. Februar 2022 im erlernten Beruf zu (mindestens) 70
Prozent arbeitsfähig gewesen ist. Verglichen mit der der ursprünglichen
Rentenzusprache zugrunde gelegten Sachverhaltsannahme hat sich der massgebende
Sachverhalt damit massgeblich verändert, weshalb der Rentenanspruch für die Zukunft
revisionsweise anzupassen ist.
Die Beschwerdeführerin hat angegeben, dass sie ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Pensum von 80–100 Prozent ausserhäuslich
erwerbstätig wäre (worin nach der bundesgerichtlichen Auffassung ein weiterer
Revisionsgrund zu erblicken ist). Die Beschwerdegegnerin hat auf den Mittelwert von
90 Prozent abgestellt, was offenkundig unzulässig gewesen ist, weil kein Anhaltspunkt
dafür vorgelegen hat, dass der Mittelwert plausibler als ein anderer im angegebenen
Bereich liegender Wert gewesen wäre. Die Antwort der Beschwerdeführerin auf die
anlässlich der mündlichen Verhandlung vom vorsitzenden Richter gestellte Frage,
welche Überlegungen dafür ausschlaggebend gewesen seien, dass sie das
hypothetische Pensum auf 80–100 Prozent beziffert habe, zeigt, dass die
Beschwerdeführerin mit der Beantwortung dieser Frage überfordert gewesen ist. Sie
hat glaubhaft dargelegt, dass sie sich rund 25 Jahre nach dem Unfall nicht vorstellen
könne, wie sie sich heute verhalten würde, wenn sie den Unfall nicht erlitten und
folglich nie an einer relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten hätte. Einmal
mehr hat sich also deutlich gezeigt, dass es unhaltbar ist, für die Beantwortung der
„Statusfrage“ allein darauf abzustellen, was die versicherte Person als Antwort auf eine
Frage nach einem Verhalten in einer fiktiven Situation erwidert. Für das Ergebnis spielt
der genaue Beschäftigungsgrad im hypothetischen „Gesundheitsfall“ aber keine Rolle.
Da die Einschränkung im kognitiv anforderungsreichen erlernten Beruf jedenfalls höher
als die Einschränkung im insgesamt kognitiv weniger anforderungsreichen
Aufgabenbereich Haushalt sein muss, würde der höchste Invaliditätsgrad resultieren,
wenn dieser anhand eines reinen Einkommensvergleichs berechnet würde. Ergibt ein
reiner Einkommensvergleich keinen rentenbegründenden Invaliditätsgrad, kann also
auch anhand der gemischten Methode zum Vorneherein kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad resultieren. Der Invaliditätsgrad für den erwerblichen Teil kann anhand
eines sogenannten Prozentvergleichs ermittelt werden, da das Valideneinkommen und
der Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens identisch
sind und folglich für die Berechnung des Invaliditätsgrades mathematisch gar keine
Rolle spielen können. Der (maximale) „Invaliditätsgrad“ entspricht folglich dem
2.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/20
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Arbeitsunfähigkeitsgrad, korrigiert um einen dem sogenannten Tabellenlohnabzug
analogen Abzug. Die Beschwerdegegnerin hat geltend gemacht, für die Bemessung
des Invalideneinkommens seien die am 1. Januar 2022 in Kraft getretenen
Bestimmungen massgebend, weshalb die Berücksichtigung nach dem neuen Art. 26
Abs. 3 IVV – e contrario – ein dem Tabellenlohnabzug analoger Abzug rechtswidrig
wäre. Diese Auslegung ist zu eng, denn der Art. 26 Abs. 2 IVV enthält bloss den
Grundsatz, dass das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen nach
statistischen Werten zu bestimmen sei, was augenscheinlich die Berücksichtigung
eines dem Tabellenlohnabzug analogen Abzuges nicht ausschliesst, und der Art. 26
Abs. 3 IVV nennt lediglich einen – respektive den nach der Ansicht des
Verordnungsgebers wohl häufigsten – Anwendungsfall für die Berücksichtigung eines
dem Tabellenlohnabzug analogen Abzuges, nämlich die Unmöglichkeit, ein mehr als 50
Prozent betragendes Pensum zu leisten. Nichts deutet darauf hin, dass ein dem
Tabellenlohnabzug analoger Abzug für alle anderen Fälle nun plötzlich ausgeschlossen
wäre, zumal das Bundesgericht gerade kürzlich in einem amtlich publizierten Entscheid
die enorme Bedeutung des Tabellenlohnabzuges für die Bemessung der Invalidität
explizit betont hat: „Dem Abzug kommt als Korrekturinstrument bei der Festsetzung
eines möglichst konkreten Invalideneinkommens – was auch die Experten im
Rechtsgutachten vom 22. Januar 2021 und in den Schlussfolgerungen aus dem
Rechtsgutachten vom 27. Januar 2021 einräumen – überragende Bedeutung zu“ (BGE
148 V 174 E. 9.2.2 S. 190). Für den hier zu beurteilenden Fall spielt die Frage nach den
zulässigen Gründen für einen Abzug allerdings keine Rolle, da selbst bei der
Berücksichtigung eines Tabellenlohnabzuges, der praxisgemäss nicht mehr als zehn
Prozent betragen könnte, ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von – maximal
– 37 Prozent (= 100% – 90% × 70%) resultieren würde. Damit erweisen sich sowohl die
revisionsweise Aufhebung der laufenden Rente als auch die Abweisung des Begehrens
um eine Invalidenrente als rechtmässig.
bis
bis
bis
Zu prüfen bleibt der Anpassungszeitpunkt. Der Art. 88 Abs. 2 IVV kann hier nicht
zur Anwendung kommen, weil er nur eine Regelung für die Anpassung einer „echten“
Invalidenrente im Sinne des Art. 28 Abs. 1 IVG enthält, hier aber die Anpassung einer
auf einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit beruhenden Rente zur Diskussion steht.
Die Beschwerdegegnerin hat die laufende Rente vorsorglich per 31. August 2021
aufgehoben, da in jenem Zeitpunkt das Revisionsverfahren betreffend die laufende
Rente sowie die Prüfung des Begehrens um eine „echte“ Invalidenrente abgeschlossen
waren. In der hier angefochtenen Verfügung hat sie die auf einer vorübergehenden
Arbeitsunfähigkeit beruhende Rente dann „definitiv“ auf jenen Zeitpunkt hin
aufgehoben, was als eine rechtmässige Anwendung des lückenfüllend analog
2.7. bis
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3.
Damit sind sowohl die Beschwerde gegen die Aufhebung der auf der früheren
Arbeitsunfähigkeit während der Schwangerschaft beruhenden Rente als auch die
Beschwerde gegen die Abweisung des Begehrens um eine „echte“ Invalidenrente
abzuweisen. Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600
Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdeführerin
aufzuerlegen. Sie sind durch den von ihr geleisteten Kostenvorschuss von 600 Franken
gedeckt. Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.