Decision ID: 9950608f-52ce-5936-9bc8-7867031171c4
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer ist Staatsangehöriger von Bosnien-Herzego-
wina. Seine Mutter flüchtete als Kind mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg
in die Schweiz. Ihr Vater, der Grossvater des Beschwerdeführers, wurde
als Flüchtling anerkannt und erhielt Asyl. Seine Ehefrau und die Kinder,
darunter die Mutter des Beschwerdeführers, erhielten am 24. Februar 1995
die Anerkennung als Flüchtlinge und den Asylstatus im Rahmen des Fami-
lienasyls, abgeleitet vom Vater beziehungsweise Ehemann gestützt auf
Art. 51 Abs. 1 AsylG (SR 142.31; vgl. act. [...]-6/4). Seit dem 8. Januar 2015
verfügt die Mutter des Beschwerdeführers über eine Niederlassungsbewil-
ligung in der Schweiz.
A.b Am 1. Juli 2014 brachte die Mutter des Beschwerdeführers ein erstes
Kind auf die Welt. Auf Anraten des zuständigen Migrationsamts (vgl. Vorak-
ten, nicht paginiert) beantragte sie für den Sohn C_ den Einbezug
in ihre Flüchtlingseigenschaft und das Asyl. Das SEM hiess diesen Antrag
mit Verfügung vom 17. Dezember 2014 gut (vgl. Vorakten, nicht paginiert).
B.
Nach der Geburt des Beschwerdeführers am (...) 2016, ersuchte seine
Mutter – wie schon nach der Geburt des Bruders C_ – am 20. Ja-
nuar 2020 bei der Vorinstanz um Einbezug in ihre Flüchtlingseigenschaft
und das Asyl für ihr zweites Kind.
C.
Die Vorinstanz lehnte das Gesuch am 20. Februar 2020 ab, mit der Be-
gründung, der Beschwerdeführer könne nicht als Flüchtling anerkannt und
in das Asyl seiner Mutter einbezogen werden, da sie selbst den Flüchtlings-
status und das Asyl nicht originär, sondern nur abgeleitet von ihrem Vater
erhalten habe. Die Weitergabe eines bereits abgeleiteten Status sei jedoch
nicht möglich.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob die Mutter des Beschwerdeführers mit Ein-
gabe vom 21. Februar 2020 für ihren Sohn Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht und beantragte, der Beschwerdeführer sei als Flüchtling
anzuerkennen und ihm sei das Asyl zu gewähren.
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E.
Am 25. Februar 2020 bestätigte die Instruktionsrichterin den Eingang der
Beschwerde und teilte mit, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
12. März 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 6 AsylG).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Der
urteilsunfähige Beschwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde le-
gitimiert, indem seine Mutter als seine gesetzliche Vertreterin handelt
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht verzichtet vorliegend auf einen Schrif-
tenwechsel (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
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Seite 4
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer begehrt den Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft seiner Mutter, welche in der Schweiz asylberechtigt ist. Zur Begrün-
dung bringt er vor, seine Mutter und sein Bruder lebten als asylberechtigte
anerkannte Flüchtlinge in der Schweiz; mit diesen wolle er als Familie zu-
sammenleben, er könne auf keinen Fall nach Bosnien-Herzegowina, das
ursprüngliche Heimatland seiner Familie, zurückkehren. Die ganze Familie
sei seit Jahren in der Schweiz verwurzelt. Es sei unverständlich, dass das
SEM seinen Bruder als Flüchtling anerkannt und ihm Asyl gewährt habe,
ihm den Status aber nun verweigere.
3.2 Das SEM lehnte das Gesuch um Familienasyl und Einbezug ab. Der
Flüchtlingsstatus könne nicht automatisch immer weiter übertragen wer-
den. Da die Mutter des Beschwerdeführers selbst die Flüchtlingseigen-
schaft nur abgeleitet von ihrem Vater erhalten haben, sei die Vorausset-
zung für den Einbezug des Beschwerdeführers nicht erfüllt. Mindestens ein
Elternteil müsse die originäre Flüchtlingseigenschaft besitzen, dies sei
beim Beschwerdeführer nicht der Fall.
Zu klären ist, ob der Beschwerdeführer in die Flüchtlingseigenschaft seiner
Mutter einbezogen werden und ebenfalls Asyl erhalten kann.
4.
Nach Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl – nament-
lich die Ehegatten und die minderjährigen Kinder von Flüchtlingen ihrer-
seits als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn
keine besonderen Umstände dagegensprechen und sie nicht bereits in ei-
gener Person die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllen (dies
ist als Erstes zu prüfen; vgl. Art. 37 der Asylverordnung 1 vom 11. August
1999 [AsylV 1, SR 142.311). Art. 51 AsylG kommt in der Praxis nur noch
beim Einbezug von Familienmitgliedern ohne eigene Verfolgungsgründe
zur Anwendung. Indem das zum Nachzug berechtigte Familienmitglied sei-
nen Status an die Mitglieder seiner Kernfamilie weitergeben kann, garan-
tiert Art. 51 Abs. 1 AsylG den Familienmitgliedern eines anerkannten
Flüchtlings grundsätzlich einen einheitlichen Status (vgl. dazu auch BVGE
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2019 VI/3 E.5.3). Gemäss Art. 51 Abs. 3 AsylG werden in der Schweiz ge-
borene Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl; allerdings er-
folgt dieser Status-Transfer nicht automatisch in jedem Fall, sondern nur,
sofern ihm keine besonderen Umstände entgegenstehen (vgl. BVGE
2015/40 E. 3.4.4.3).
Voraussetzung für den Einbezug in das Familienasyl ist, dass die in der
Schweiz als Flüchtling anerkannte Person ihrerseits originär, das heisst
nicht selbst schon abgeleitet von einem anderen Familienmitglied, den
Asylstatus und die Flüchtlingseigenschaft erhalten hat. Ein lediglich deriva-
tiver, das heisst bereits von einem Familienangehörigen abgeleiteter Er-
werb der Flüchtlingseigenschaft, berechtigt dagegen nicht zur Übertragung
(vgl. BVGE 2012/32 E. 5.1).
5.
5.1 Das SEM hat das Gesuch des Beschwerdeführers betreffend den Ein-
bezug in das Asyl seiner Mutter im Wege des Familienasyls zu Recht ab-
gelehnt. Tatsächlich sind die gesetzlichen Voraussetzungen für den Einbe-
zug nach Art. 51 Abs. 1 und 3 AsylG nicht gegeben, da die Mutter des Be-
schwerdeführers ihren Flüchtlingsstatus bereits abgeleitet von ihrem Vater
erhalten hat.
5.2 Der Beschwerdeführer hat in der Beschwerde eingewandt, es sei un-
verständlich, wenn seinem Bruder – unter den gleichen Sachverhaltsvor-
aussetzungen – der Einbezug in das Asyl der Mutter bewilligt worden sei
während ihm der Einbezug verweigert werde. Sinngemäss beruft er sich
damit auf den in Art. 8 Abs. 1 BV enthaltenen Grundsatz der Rechtsgleich-
heit, wonach Gleiches nach Massgabe seiner Gleichheit gleich und Unglei-
ches nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich zu behandeln sei. Zu
diesem Einwand ist festzuhalten, dass die Asylgewährung an den Bruder
C_ am 17. Dezember 2014 ohne Rechtsgrundlage erfolgte und es
sich dabei nach Aktenlage um einen Fehler der erlassenden Behörde ge-
handelt haben muss. Unter diesen Umständen kann sich der Beschwerde-
führer nicht auf die Rechtsposition seines Bruders berufen, da dieser den
Status nur aufgrund eines Behördenfehlers erhalten hat. Die Rechtsord-
nung kennt jedoch grundsätzlich keinen Anspruch auf Gleichheit im Un-
recht. Nach gefestigter Rechtsprechung des Bundesgerichts geht der
Grundsatz der Gesetzmässigkeit der Verwaltung in der Regel der Rück-
sicht auf gleichmässige Rechtsanwendung vor. Der Umstand, dass das
Gesetz in anderen Fällen nicht oder nicht richtig angewandt worden ist, gibt
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/40 http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/40
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dem einzelnen Bürger grundsätzlich keinen Anspruch darauf, ebenfalls ab-
weichend vom Gesetz behandelt zu werden. Auf «Gleichbehandlung im
Unrecht» besteht nur dann grundsätzlich Anspruch, wenn eine Behörde
eine eigentliche gesetzwidrige Praxis entwickelt hat und es ablehnt, diese
aufzugeben (vgl. BGE 136 I 65 E.5.6; BGE 115 Ia 81 E. 2, 3 je mit Hinwei-
sen). Für das Vorliegen eines solchen Ausnahmefalls gibt es jedoch keine
Hinweise, zumal aus den Akten zweifelsfrei hervorgeht, dass das SEM sein
Vorgehen betreffend den Bruder inzwischen als Fehler erkannt hat (vgl.
act. N [...]-5/3).
5.3 Nach dem Gesagten, ist festzuhalten, dass das SEM im angefochtenen
Entscheid die Ablehnung des Antrags zwar rechtlich richtig begründete, es
dabei jedoch versäumt hat, dem Beschwerdeführer zu erklären, wie es zu
diesem Entscheid gekommen ist. Zur Aufklärung des Sachverhalts und zur
Orientierung des Beschwerdeführers wäre angemessen gewesen, auf die
besonderen Umstände im vorliegenden Fall hinzuweisen und die Sachlage
genauer zu erklären. Dieses Vorgehen hätte letztlich auch beinhaltet, dass
das SEM seinen Fehler hätte einräumen müssen. Das Gericht erachtet den
Einwand des Beschwerdeführers für berechtigt, dass es nicht nachvollzieh-
bar sei, wenn ihm das Asyl verweigert werde, sei doch der Bruder unter
denselben Voraussetzungen als Flüchtling anerkannt worden und habe
Asyl erhalten. Auch wenn der Einwand – wie unter E. 5.2 dargelegt – recht-
lich keine Wirkung zeigen kann, so wäre die Vorinstanz doch gehalten ge-
wesen, dem Beschwerdeführer und seiner Mutter den Sachverhalt zu er-
klären und so zur Akzeptanz des ablehnenden Entscheids beizutragen.
Dies wäre auch aus verfahrensökonomischen Aspekten zu begrüssen ge-
wesen, da das Bundesverwaltungsgericht mit dem vorliegenden Urteil nun
die versäumte Erklärung nachholen und für eine angemessene Orientie-
rung des Beschwerdeführers sorgen muss.
5.4 Des Weiteren wäre es – zur weiteren Erläuterung und Information des
Beschwerdeführers über seine Rechtslage – auch angemessen gewesen,
wenn die Vorinstanz den Beschwerdeführer und seine Mutter gleichzeitig
mit dem ablehnenden Entscheid darauf hingewiesen hätte, dass dem Be-
schwerdeführer selbstverständlich keine Wegweisung nach Bosnien-Her-
zegowina droht, sondern dass sein Aufenthalt in der Schweiz vielmehr aus-
länderrechtlich geregelt werden wird. Als Kind einer anerkannten Flücht-
lingsfrau mit Asyl, die inzwischen über eine Niederlassungsbewilligung in
der Schweiz verfügt, besteht nach Rechtsprechung des Bundesgerichts
ein Anspruch auf Regelung seines Aufenthalts gemäss den Bestimmungen
des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen
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und Ausländer und über die Integration (Ausländer- und Integrationsge-
setz, AIG, SR 142.20; vgl. dazu auch BVGE 2019 VI/3 E. 6.2). Auch in die-
sem Punkt sind der Vorinstanz Versäumnisse vorzuwerfen.
5.5 Nach den obigen Ausführungen hat das SEM das Gesuch um Einbe-
zug in das Familienasyl zu Recht abgelehnt; es wäre jedoch gehalten ge-
wesen, seine Entscheidung angesichts der besonderen Umstände umfas-
sender und für den Beschwerdeführer nachvollziehbarer zu begründen.
Grundsätzlich kann eine Verletzung der Begründungspflicht die Kassation
des angefochtenen Entscheids zur Folge haben (Art. 35 Abs.1 VwVG i.V.m.
Art. 29 Abs. 2 BV). Vorliegend ist die von der Vorinstanz gelieferte Begrün-
dung zwar rechtlich nicht zu beanstanden, sie ist jedoch aufgrund der be-
sonderen Umstände für den Beschwerdeführer nicht genügend nachvoll-
ziehbar, was anhand der Argumentation in der Beschwerdeeingabe sofort
klar wird. Da das Gericht durch seine Erläuterungen im vorliegenden Urteil
den Entscheid des SEM im Nachhinein erklärt und nachvollziehbar begrün-
det hat, kann aus prozessökonomischen Gründen auf eine Aufhebung des
angefochtenen Entscheids zur erneuten und vollständigen Begründung
verzichtet werden.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig fest-
stellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – an-
gemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der be-
sonderen Umstände ist auf die Erhebung der Kosten – trotz Unterliegen in
der Sache – zu verzichten (vgl. Art. 63 Abs. 4 in fine VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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