Decision ID: 3233cfe2-4fa1-500a-8f15-c706dc993ea5
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden suchten am 6. Juli 2015 in der Schweiz um
Asyl nach. Der Abgleich mit der Fingerabdruck-Datenbank Eurodac ergab
daktyloskopische Treffer für Griechenland und Ungarn. Am 17. Juli 2015
wurden die Beschwerdeführenden (Eltern sowie die beiden älteren Töch-
ter) summarisch befragt, wobei ihnen das rechtliche Gehör zu einem allfäl-
ligen Nichteintretensentscheid und zur Möglichkeit einer Überstellung nach
Griechenland, Ungarn oder Österreich gewährt wurde.
A.b Mit Verfügung vom 6. Oktober 2015 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Be-
schwerdeführenden nicht ein, verfügte deren Wegweisung aus der
Schweiz nach Ungarn und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem
Vollzug der Wegweisung.
A.c Die dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Bundesverwaltungs-
gericht unter Einbezug des am (...) geborenen Kindes F._ mit Urteil
D-6619/2015 vom 30. Juni 2017 gutgeheissen und die Sache zur vollstän-
digen Sachverhaltsfeststellung (Abklärungen im Rahmen von nach Ungarn
zu überstellenden Antragstellern) an die Vorinstanz zurückgewiesen. Da-
raufhin wurde das Dublin-Verfahren beendet.
B.
Am 22. und am 23. Mai 2018 erfolgten die vertieften Anhörungen der Eltern
sowie der Töchter C._ und D._ zu den Asylgründen.
Dabei machten A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) und seine
Ehefrau B._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) im Wesentlichen
geltend, Afghanistan bereits als Kinder mit ihren damaligen Familien ver-
lassen zu haben und in den Iran gelangt zu sein, wo sie die Schule besucht
hätten. Im Jahr (...) hätten sie sich im Iran religiös getraut und seien an-
schliessend nach Afghanistan zurückgekehrt, wo sie als Bauer bezie-
hungsweise Schneiderin gearbeitet hätten. Wegen familiärer Grund-
stückstreitigkeiten hätten sie im Jahr (...) oder (...) die Provinz G._
verlassen und seien nach H._ übersiedelt. In H._ habe ihr
Adoptivsohn I._ ein Mädchen kennengelernt, mit welchem er offen-
bar geflohen sei. In der Folge seien sie von der Familie des Mädchens
bedroht worden. Von Unbekannten seien sie eines Abends zu Hause auf-
gesucht worden, wobei er (der Beschwerdeführer) wiederholt mit dem Tod
bedroht worden sei. Die Beschwerdeführerin und eine der Töchter seien
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dabei geschlagen worden. Unter Hilfeleistung der Nachbarn hätten die
Männer weggedrängt werden können. Den Vorfall habe er der Polizei ge-
meldet; diese habe jedoch nichts Konkretes unternommen. Um Mitternacht
hätten sie sodann zwei Unbekannte in ihrem Garten entdeckt. Es sei zu
einer Schiesserei gekommen, worauf die Unbekannten die Flucht ergriffen
hätten. Am nächsten Morgen hätten sie Zuflucht in einem Hotel gesucht.
Ein paar Tage später hätten sie H._ verlassen und seien nach Kabul
geflohen. Erst nach der Ankunft in Kabul hätten sie tatsächlich erfahren,
dass ihr Adoptivsohn I._ mit einem Mädchen der Ethnie Pashtu
(was nicht erlaubt sei, da sie selber ethnische Hazara seien) geflohen sei.
Als I._ von den Übergriffen auf seine Eltern erfahren habe, habe er
das Mädchen zurück zu seiner Familie gebracht und sei in den Iran geflo-
hen. Dies habe die Familienfehde jedoch nur verschlimmert. In Kabul sei
er (der Beschwerdeführer) eines Tages von zwei Personen an seiner Ar-
beitsstelle aufgesucht worden, die versucht hätten, ihn mit Gewalt in ein
Auto zu zerren und mitzunehmen. Dabei sei er durch Messerstiche schwer
verletzt worden und nur dank der Hilfe eines Dritten habe er sich retten
können. Anschliessend sei er von zwei Kollegen ins Spital gebracht worden
und am darauffolgenden Tag nach Hause zurückgekehrt. Weil man ihn so-
mit auch in Kabul habe ausfindig machen können, hätten sie sich zur Aus-
reise entschlossen. Im Herbst 2014 – nach fünf- oder sechsmonatigem
Aufenthalt in Kabul – seien sie illegal in den Iran gelangt, wo sie ihren Sohn
I._ getroffen und gemeinsam via die Türkei, Griechenland, Maze-
donien, Serbien, Ungarn und Österreich in die Schweiz gelangt seien.
Die Töchter nannten im Wesentlichen die gleichen Ausreisegründe wie ihre
Eltern.
Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer eine Tazkira
zu den Akten.
C.
Das Asylgesuch von I._ (dem Adoptivsohn beziehungsweise Nef-
fen des Beschwerdeführers; nachfolgend: [I._]) bildete Gegenstand
eines separaten Verfahrens (N 644 535). Mit Verfügung vom 6. Oktober
2015 trat das SEM auf dessen Asylgesuch nicht ein und verfügte die Weg-
weisung in den zuständigen Dublin-Staat. Die dagegen erhobene Be-
schwerde wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-6607/2015
vom 20. Oktober 2015 abgewiesen.
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Nach erfolgter Überstellung reiste I._ am (...) 2016 erneut in die
Schweiz ein und stellte ein zweites Asylgesuch.
D.
Mit Verfügung vom 30. November 2018 verneinte das SEM die Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführenden und lehnte ihre Asylgesuche ab.
Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz an, schob den
Vollzug jedoch infolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Auf-
nahme auf.
E.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 3. Januar 2019 be-
antragten die Beschwerdeführenden die Aufhebung der vorinstanzlichen
Verfügung sowie die Gewährung von Asyl. Sodann ersuchten sie um Ein-
sicht in die Prozessakten von I._ sowie um anschliessende Fristan-
setzung zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung. Zudem sei ihnen
die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren sowie ihr Rechtsvertreter
als amtlicher Rechtsbeistand beizuordnen.
F.
Am 4. Januar 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
G.
Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 13. Februar 2019 gut,
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, setzte den Rechts-
vertreter der Beschwerdeführenden als amtlichen Rechtsbeistand ein und
überwies das Akteneinsichtsgesuch betreffend I._ dem SEM zur
entsprechenden Behandlung.
H.
Mit Eingabe vom 2. Mai 2020 teilte der Rechtsvertreter mit, zwischenzeit-
lich habe er teilweise Einsicht in die Akten von I._ erhalten. Dieser
sei vom SEM am 21. November 2019 zu den Asylgründen angehört wor-
den, das Asylverfahren sei noch hängig. Festzuhalten sei, dass I._
in Ungarn Asyl gewährt worden sei, weshalb er wie auch die Beschwerde-
führenden die Flüchtlingseigenschaft erfüllten. Als Beilage reichte der
Rechtsvertreter seine Honorarnote zu den Akten.
I.
Am 25. Mai 2020 lehnte das SEM das Asylgesuch von I._ ebenfalls
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ab, verfügte die Wegweisung und ordnete wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges die vorläufige Aufnahme an. Diese Verfügung blieb
unangefochten.
J.
Mit Instruktionsverfügung vom 23. Juli 2020 wurde den Beschwerdeführen-
den Gelegenheit eingeräumt, dem Bundesverwaltungsgericht angesichts
der in Rechtskraft erwachsenen Verfügung betreffend I._ mitzutei-
len, ob sie an ihrer Beschwerde festhalten.
K.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden teilte mit Eingabe vom
7. August 2020 mit, es bestehe keine Veranlassung, die Beschwerde zu-
rückzuziehen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
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und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Vorab ist festzustellen, dass das Bundesverwaltungsgericht nicht an die
rechtliche Begründung der Begehren gebunden ist (Art. 62 Abs. 4 VwVG);
mithin kann eine Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemach-
ten Gründen gutgeheissen oder der angefochtene Entscheid im Ergebnis
mit einer von derjenigen der Vorinstanz abweichenden Begründung bestä-
tigt werden (sog. Motivsubstitution; vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Pro-
zessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, S. 24
Rz. 1.54).
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft im Sinne
von Art. 3 AsylG, wenn sie gezielte Nachteile von einer bestimmten Inten-
sität aufgrund der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Verfolgungsmotive er-
litten hat oder wenn begründeter Anlass zur Annahme besteht, eine solche
Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft verwirklichen, ohne dass ausreichender staatlicher Schutz
erwartet werden könnte (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2, je
m.w.H.). Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht;
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es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten
Nachteile als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als
realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen.
5.3 Ob begründete Furcht vor künftiger Verfolgung vorliegt, ist aufgrund ei-
ner objektivierten Betrachtungsweise zu beurteilen. Es müssen hinrei-
chende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in der gleichen Lage Furcht vor Verfolgung und damit
den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Die objektive Betrachtungs-
weise ist durch das vom Betroffenen bereits Erlebte und das Wissen um
Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Die erlittene Verfol-
gung und die begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung müssen zudem
sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Her-
kunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch
aktuell sein (vgl. BVGE 2008/12 E. 5.2 S. 154 f.).
5.4 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (vgl. Art. 7 Abs. 1 AsylG). Das Bundes-
verwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der
Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei stän-
diger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 mit Verweisen).
6.
6.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden hielten den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Zur Begründung seines ablehnenden Entscheids führte es aus, Befürch-
tungen vor künftigen Verfolgungsmassnahmen seien nur dann asylrele-
vant, wenn begründeter Anlass zur Annahme bestehe, dass sich die Ver-
folgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft ver-
wirklichen werde. Die Möglichkeit künftiger Verfolgung genüge nicht; es
müssten konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten Be-
nachteiligung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor
als realistisch und nachvollziehbar erscheinen liessen. Gemäss ihren eige-
nen Angaben seien die Beschwerdeführenden den Vergeltungsmassnah-
men der Familie des Mädchens mit dem Weggang nach Kabul entkommen.
In Kabul hätten sie eine sichere Wohnsituation und finanzielle Mittel ge-
habt, die ihnen das Leben dort für ein paar Monate ermöglicht habe. Sie
machten zwar geltend, dass sie in Kabul ausfindig gemacht worden seien
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und sich der Beschwerdeführer einem Entführungsversuch nur schwer ver-
letzt habe entziehen können. Bezüglich des Ursprungs des Angriffes in Ka-
bul vermöchten seine Erläuterungen jedoch nicht zu überzeugen. Gemäss
seinen Angaben hätten nämlich die Täter mit ihm nicht über seinen Sohn
oder die Familienfehde gesprochen, sondern lediglich insistiert, ihn mitzu-
nehmen. Der Beschwerdeführer habe denn auch zugegeben, dass dieser
Zusammenhang eine reine Vermutung seinerseits sei, da er sonst mit nie-
mandem Probleme gehabt habe. Zudem mute sonderbar an, dass er auf
einer Baustelle am helllichten Tag und in Anwesenheit seiner Kollegen aus-
findig gemacht worden sei und einen Racheakt gegen ihn hätte ausgeübt
werden sollen. Weiter seien den Akten keine fundierten Indizien zu entneh-
men, die seine Vermutung, dass es sich um einen Racheakt infolge der
Familienfehde gehandelt habe, untermauern könnten. Zusammenfassend
sei festzuhalten, dass er den kausalen Zusammenhang zwischen dem ge-
schilderten Ereignis in Kabul kurz vor seiner Ausreise aus Afghanistan und
der Familienfehde in H._ nicht habe glaubhaft darstellen können.
Somit bestünden keinerlei konkrete Anzeichen dafür, dass die Beschwer-
deführenden bei einer Rückkehr nach Afghanistan Nachteile von asylrele-
vantem Ausmass zu befürchten hätten.
6.2 Auf Beschwerdeebene wird geltend gemacht, die vorinstanzliche Ver-
fügung verletze Bundesrecht, insbesondere das Willkürverbot, der rechts-
erhebliche Sachverhalt sei falsch festgestellt, Vorbringen seien ignoriert
und die vorhandenen Beweise willkürlich gewürdigt worden, zudem habe
das SEM die Begründungspflicht verletzt. Zur vorinstanzlichen Begrün-
dung wird ausgeführt, das SEM ziehe die Glaubhaftigkeit der Vorbringen
der Beschwerdeführenden nicht grundlegend in Zweifel. Es sei festzustel-
len, dass ihre Schilderungen glaubhaft seien, insbesondere die geltend ge-
machte Familienfehde. Ihre Aussagen seien genügend substantiiert, in sich
schlüssig und plausibel. Sodann seien die Beschwerdeführenden glaub-
würdig, zumal ihre Schilderungen kohärent, widerspruchsfrei und sehr de-
tailreich seien, weshalb aus objektivierter Sicht eines verständigen Dritten
keine Zweifel aufkämen, dass die Beschwerdeführenden die geschilderten
Vorfälle tatsächlich selbst erlebt hätten. Der vorinstanzlichen Auffassung,
wonach der kausale Zusammenhang zwischen der Familienfehde und dem
Angriff auf den Beschwerdeführer in Kabul nicht glaubhaft dargestellt sei,
sei mit Vehemenz zu widersprechen. Der Angriff auf den Beschwerdeführer
in Kabul stehe in einem klaren Kausalzusammenhang mit dem Verhalten
des Sohnes beziehungsweise mit der daraus resultierenden Familien-
fehde. Dafür spreche der Umstand, dass der Beschwerdeführer zuvor in
H._ gelebt und dort nie zuvor Probleme gehabt habe. Zudem hätten
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die Angreifer in Kabul Pashtu gesprochen und vor dem Angriff versucht, ihn
unter einem Vorwand von der Baustelle wegzulocken. Es gebe keine Hin-
weise darauf, dass der Beschwerdeführer Feinde gehabt hätte oder dass
er zwecks Gelderpressung hätte entführt werden sollen. Die Vorinstanz
habe die Begründungspflicht verletzt und es sei nicht nachvollziehbar, wes-
halb der Kausalzusammenhang zwischen der Familienfehde und dem An-
griff auf den Beschwerdeführer nicht glaubhaft dargestellt worden sein soll.
7.
7.1 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht eine Verletzung der Be-
gründungspflicht in Bezug auf die Frage des Kausalzusammenhanges zwi-
schen der Familienfehde und dem geltend gemachten Übergriff auf den
Beschwerdeführer in Kabul sowie eine Verletzung des Grundsatzes des
fairen Verfahrens im Zusammenhang mit dem Verfahren von I._ ge-
rügt. Formelle Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet
wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
7.2 Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV,
Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), das alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur Geltung
bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Dazu
gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu äus-
sern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden sowie Einsicht in die Akten zu nehmen. Mit dem
Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tat-
sächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung angemes-
sen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass die
betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten
kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überlegungen nennen, von de-
nen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht
erforderlich ist hingegen, dass sich die Begründung mit allen Parteistand-
punkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen aus-
drücklich erwähnt oder widerlegt. Somit darf sich die Vorinstanz bei der
Begründung der Verfügung auf die für den Entscheid wesentlichen Ge-
sichtspunkte beschränken und ist nicht gehalten, sich ausdrücklich mit je-
der tatbeständlichen Behauptung auseinanderzusetzen (vgl. BGE 136 I
184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
7.3 Die Durchsicht der Akten ergibt, dass die vorinstanzliche Verfügung in
formeller Hinsicht einer Prüfung nicht standhält.
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7.3.1 Das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung nicht explizit dazu
geäussert, ob es die von den Beschwerdeführenden als Auslöser ihrer
Flucht aus H._ geltend gemachten Ereignisse als glaubhaft erach-
tet oder nicht. Es stellte sich vielmehr auf den Standpunkt, sie hätten sich
Vergeltungsmassnahmen der Familie des Mädchens durch den Weggang
nach Kabul entziehen können. Das Leben dort sei ihnen für ein paar Mo-
nate möglich gewesen, insbesondere nachdem sie den kausalen Zusam-
menhang zwischen dem behaupteten Angriff auf den Beschwerdeführer in
Kabul und der Familienfehde in H._ nicht hätten glaubhaft darstel-
len können. Es gebe somit keinerlei konkrete Anzeichen dafür, dass die
Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Afghanistan Nachteile von
asylrelevantem Ausmass zu befürchten hätten.
7.3.2 Im Sinne einer Vorbemerkung ist festzuhalten, dass das Vorgehen
des SEM, die Asylgesuche der Beschwerdeführenden zu entscheiden, be-
vor ihr Adoptivsohn beziehungsweise -bruder – auf dessen Verhalten ihre
Asylgründe zurückgehen – in seinem Asylverfahren auch nur vertieft zur
Sache angehört worden war, zumindest fragwürdig erscheint. Eine ab-
schliessende Beurteilung der grundsätzlichen Rechtmässigkeit dieses Vor-
gehens erübrigt sich indessen angesichts der nachfolgenden Ausführun-
gen.
7.3.3 Die vorinstanzliche Argumentation lässt ausser Acht, dass das Be-
stehen einer innerstaatlichen Flucht- beziehungsweise Schutzalternative
nicht leichthin anzunehmen ist. Praxisgemäss und der sogenannten
Schutztheorie folgend, bedarf es für die Annahme einer innerstaatlichen
Fluchtalternative am Zufluchtsort einer funktionierenden und effizienten
Schutzinfrastruktur. Der Staat muss gewillt sein, der in einem anderen Lan-
desteil von Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu ge-
währen. An die Effektivität des Schutzes am Zufluchtsort sind hohe Anfor-
derungen zu stellen. Namentlich genügt es nicht, dass der Verfolger am
Zufluchtsort nicht präsent ist, sondern es muss auch die Möglichkeit aus-
geschlossen werden können, dass er seinen Einfluss auf diesen Ort aus-
dehnen kann (vgl. BVGE 2013/5 E. 5.4.3, BVGE 2011/51 E. 8.5.1 und 8.6).
Schliesslich muss es dem Betreffenden individuell zuzumuten sein, den am
Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig in Anspruch nehmen zu kön-
nen. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse am Zufluchtsort und die per-
sönlichen Umstände der betroffenen Person zu beachten und es ist unter
Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes im Rahmen einer indi-
viduellen Einzelfallprüfung zu beurteilen, ob ihr angesichts der sich konkret
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abzeichnenden Lebenssituation am Zufluchtsort realistischerweise zuge-
mutet werden kann, sich dort niederzulassen und sich eine neue Existenz
aufzubauen. Für die Frage der Zumutbarkeit kommt der Zumutbarkeitsbe-
griff gemäss Art. 83 AIG zur Anwendung (vgl. BVGE 2011/51 E. 8).
Selbst wenn mit der Vorinstanz davon auszugehen wäre, die Beschwerde-
führenden hätten keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Familien-
fehde in H._ und dem Überfall auf den Beschwerdeführer in Kabul
glaubhaft machen können, fehlt es der angefochtenen Verfügung einer-
seits an einer genügenden individuellen Einzelfallprüfung. Indem die Vo-
rinstanz in der angefochtenen Verfügung darlegte, die Beschwerdeführen-
den hätten in Kabul eine sichere Wohnsituation und finanzielle Mittel ge-
habt, die ihnen das Leben dort für ein paar Monate ermöglicht habe, genügt
dies vor dem Hintergrund der dargelegten Grundsätze den Anforderungen
an die Begründungspflicht nicht, zumal es sich um eine mehrköpfige Fami-
lie handelt und die Verhältnisse auch in Kabul nicht einfach sind (vgl. dazu
Referenzurteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017). Anderseits
und insbesondere fehlt in der angefochtenen Verfügung aber auch eine
Begründung, weshalb eine innerstaatliche Fluchtalternative bejaht werden
kann, hingegen der Wegweisungsvollzug als unzumutbar zu betrachten ist.
Die Vorinstanz ist auch diesbezüglich ihrer Begründungspflicht nicht nach-
gekommen. Ob eine solche Konstellation überhaupt möglich ist, braucht
an diese Stelle nicht abschliessend geprüft zu werden.
Der Vollständigkeit halber bleibt überdies anzumerken, dass sich die
Frage, ob in Kabul eine Flucht- beziehungsweise Schutzalternative be-
steht, erst stellt, wenn zuvor eine bestehende oder drohende Verfolgung
aus einem flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv festgestellt worden ist; wer
eine derartige Verfolgung nicht begründet befürchten muss, erfüllt die
Flüchtlingseigenschaft bereits aus diesem Grund nicht, und das Bestehen
allfälliger Flucht- beziehungsweise Schutzalternativen ist gar nicht zu prü-
fen (vgl. BVGE 2011/51 E. 8.1 m.w.H.).
7.3.4 Die Ausführungen des SEM in der unangefochten gebliebenen Ver-
fügung betreffend I._ vermögen an den festgestellten Verfahrens-
verletzungen nichts zu ändern. Die Vorinstanz argumentierte dort, eine all-
fällig geltend gemachte nichtstaatliche Verfolgung, beispielsweise durch
die Familie, sowie eine eventuelle Schutzunwilligkeit der afghanischen Be-
hörden beruhten in aller Regel nicht auf einem flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Motiv. Diese gründeten hauptsächlich in gesellschaftlichen und kultu-
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rellen Auffassungen, würden den Mann aber in keiner Eigenschaft, die ge-
mäss Art. 3 AsylG flüchtlingsrechtlich relevant sei, treffen. Während bei
Frauen davon auszugehen sei, dass der afghanische Staat ihnen gegen-
über nicht schutzwillig sei, wenn es um das Rächen von "Verbrechen ge-
gen die Ehre" gehe, könne dieser Schluss nicht leichthin für Männer gelten.
Ob dieser Auffassung des SEM zuzustimmen ist, ist im vorliegenden Ver-
fahren nicht zu prüfen. Allerdings könnte sich die vorinstanzliche Argumen-
tation in der vorliegenden Konstellation zum Nachteil der Beschwerdefüh-
renden auswirken. Die Frage des flüchtlingsrechtlich relevanten Motivs für
die Verfolgungsfurcht von I._ könnte im Falle der geltend gemach-
ten Reflexverfolgung auch für die Beschwerdeführenden von Relevanz
sein. Indem das SEM ihre Asylgesuche prüfte und entschied, bevor es über
das Asylgesuch von I._ – dessen Verhalten, wie bereits erwähnt,
nach der Darstellung der Beschwerdeführenden die Grundlage für ihre ei-
genen Ausreisegründe bildete – befand, wurde den Beschwerdeführenden
die Möglichkeit genommen, sich zur aufgeführten Argumentation des SEM
im Verfahren von I._ zu äussern. Damit verletzte das SEM den An-
spruch der Beschwerdeführenden auf rechtliches Gehör ebenfalls.
8.
8.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, Praxiskommentar Ver-
waltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16 S.1264). Die
in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der ARK
[EMARK] 2004 Nr. 38 E. 7.1).
8.2 Im vorliegenden Fall ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen,
zumal den Beschwerdeführenden andernfalls eine Instanz genommen
würde. Angesichts der Rückweisung der Sache erübrigt sich eine Ausei-
nandersetzung mit den weiteren Vorbringen auf Beschwerdeebene.
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8.3 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die
vorinstanzliche Verfügung aufzuheben und zur erneuten Beurteilung im
Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die bei den Akten liegende Kostennote vom 7. August 2020 (13 Stunden à
Fr. 270.– sowie Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) erscheint als den
Verfahrensumständen angemessen. Die von der Vorinstanz auszurich-
tende Parteientschädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 3'864.90 (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c
VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächster Seite)
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