Decision ID: 5adbaff0-f711-5840-b26d-97927cc66a98
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
I.
A.
Mit Eingaben vom 17. Januar 2001 und 29. Juli 2001 an die Schweizer
Vertretung in Colombo stellte der Vater des Beschwerdeführers,
B._ (im Nachfolgenden: der Vater; Verfahrensnummer N [...]), aus
dem C._-Gefängnis in Sri Lanka ein Asylgesuch. Dabei trug er vor,
er sei am (...) September 2000 unter dem Prevention of Terrorism Act
(PTA) verhaftet und schwer gefoltert worden. Er sei am (...) 2000 dem Ge-
richt («Magistrate») zugeführt und im C._ Gefängnis in Untersu-
chungshaft versetzt («remanded») worden. Weiter trug er vor, er sei ver-
heiratet und habe zwei Kinder. Er habe sich nie an terroristischen Hand-
lungen beteiligt. Seine Familie leide unter seiner Haft.
Der Vater wurde mit Schreiben vom 20. Februar 2001 und 28. September
2001 vom zuständigen Botschaftsangestellten angehalten, sich bei der
Schweizer Vertretung in Colombo zu melden und weitere Unterlagen nach-
zureichen, sobald er aus der Gefängnishaft entlassen werde.
B.
Mit Eingabe vom 12. Juni 2006 richtete sich der Vater wieder an die
Schweizer Botschaft und wiederholte sein Asylgesuch. Dabei trug er er-
gänzend vor, er sei seit dem Jahr 1990 dreimal wegen Terrorismusver-
dachts unter der PTA-Gesetzgebung verhaftet und anschliessend an ver-
schiedenen Orten inhaftiert worden (vom [...] 1990 bis [...] 1991, vom [...]
1993 bis [...] 1993 und vom [...] 2000 bis [...] 2001). Während seiner Haft
sei er mehrmals vom ICRC (International Committee of the Red Cross),
welches seine Angaben protokolliert habe, besucht worden. Am [...] 2000
sei er dem Gericht in Colombo vorgeführt und anschliessend im «(...)» in
Haft versetzt worden, bevor er ins C._-Gefängnis überführt worden
sei. Dabei sei er schwer gefoltert worden. Er habe sich bei der Schweizer
Botschaft nicht gemeldet, weil er gehofft habe, dass in Sri Lanka eine ge-
wisse Normalität und wieder Frieden herrschen werde.
C.
Am 23. April 2007 wurde der Vater in den Räumlichkeiten der Schweizer
Botschaft in Colombo zu seinem Asylgesuch befragt. Dabei gab er weitere
Ausführungen zu seinen politischen Verbindungen und der Verfolgung
durch nicht-staatliche und staatliche Akteure zu Protokoll. Insbesondere
brachte er vor, er sei im Jahr 1988 von der indischen Armee und der TELO
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(Tamil Eelam Liberation Organization) wegen des Verdachts, für die LTTE
(Liberation Tigers of Tamil Eelam) gearbeitet zu haben, festgenommen,
drei Tage lang festgehalten, dabei misshandelt und danach wieder freige-
lassen worden. Während seiner Haftzeit habe er zunächst bei der nieder-
ländischen Botschaft, danach bei der Schweizer Botschaft um Asyl er-
sucht. Nach seiner Freilassung habe er mit der sri-lankischen Armee keine
Probleme mehr gehabt. Am 16. April 2007 sei er in D._ von Perso-
nen in einem Van entführt und in den Dschungel geführt worden, wo er
habe entkommen können. Anschliessend habe er beim ICRC Klagen ein-
gereicht und sei noch in der gleichen Nacht nach Colombo gereist.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Vater diverse Beweisunterla-
gen (unter anderem mehrere ICRC-Dokumente, Polizeiberichte, die Ankla-
geschrift aus dem Jahr 2001, Gerichtsunterlagen sowie ein Dokument des
Office of the judicial medical officer (...) betreffend die Feststellung von
Folterspuren) zu den Akten.
D.
Am 10. September 2009 verliess der Vater Sri Lanka und reiste in die
Schweiz, wo er am 14. September 2009 ein Asylgesuch einreichte. Anläss-
lich der Befragung im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel am
15. September 2009 und seiner Anhörung durch das damals zuständige
BFM (Bundesamt für Migration) am 5. Oktober 2009 trug er seine Ausreise-
und Asylgründe vor.
E.
Mit Abschreibungsbeschluss vom 2. Dezember 2009 wurde das Auslands-
verfahren des Vaters aufgrund seiner zwischenzeitlich erfolgten Einreise in
die Schweiz abgeschrieben.
F.
Am 20. Juni 2010 reiste die Mutter des Beschwerdeführers, E._ (im
Folgenden: die Mutter; ebenfalls Verfahren N [...]) zusammen mit ihrer
Tochter F._ (geboren [...]) ihrem Ehemann in die Schweiz nach und
ersuchte für sich und die Tochter am 21. Juni 2010 um Asyl. Am 22. Juni
2010 wurde sie im EVZ Basel summarisch zu ihrer Person sowie zu ihren
Ausreise- und Asylgründen befragt; am 6. Juli 2010 erfolgte die ausführli-
che Anhörung. Dabei trug sie vor, sie sei wegen der Probleme ihres Ehe-
mannes mit ihrer Tochter in die Schweiz gereist. Nachdem ihr Ehemann in
die Schweiz geflohen sei, sei sie «von diesen Leuten» belästigt worden.
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Sie sei deshalb von G._ nach Jaffna zurückgekehrt. Nach etwa ei-
nem bis zwei Monaten seien mehrmals Leute nach Hause gekommen und
hätten sich nach dem Verbleib ihres Ehemannes erkundigt. Im April 2010
seien die Armee sowie Angehörige einer tamilischen Gruppe nach Hause
gekommen und hätten sie wiederum zum Ehemann befragt. Es sei ihr an-
gedroht worden, sie mit ins Camp mitzunehmen. Ein Soldat habe sich auch
auf Singhalesisch dahingehend geäussert, man werde die Leute, die «die
Tigers» unterstützt hätten, umbringen, damit sich diese nicht wieder for-
mieren könnten. Sie habe Angst bekommen und habe zwei ihrer Kinder bei
ihrer Schwester zurückgelassen. Ausser im Zusammenhang mit ihrem
Ehemann habe sie nie persönliche Probleme mit den sri-lankischen Behör-
den gehabt.
G.
Mit Verfügung des BFM vom 7. Juli 2014 wurde die originäre Flüchtlings-
eigenschaft der Eltern des Beschwerdeführers sowie gestützt auf Art. 51
Abs. 1 AsylG (SR 142.31) die derivative Flüchtlingseigenschaft der
Schwester F._ anerkannt und ihnen wurde Asyl in der Schweiz ge-
währt.
H.
Am 25. September 2014 reiste der Bruder des Beschwerdeführers,
H._, geboren (...), seinen Eltern und der Schwester in die Schweiz
nach.
Mit Verfügung des BFM vom 5. November 2014 wurde der Bruder
H._ gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG derivativ, d.h. abgeleitet von
der Flüchtlingseigenschaft seiner Eltern, als Flüchtling anerkannt und er
erhielt Asyl.
I.
Mit Eingabe vom 18. November 2014 ersuchte die Mutter um die Bewilli-
gung des asylrechtlichen Familiennachzuges zugunsten ihres in Sri Lanka
verbliebenen Sohnes A._ (der Beschwerdeführer). Dabei trug sie
vor, der Beschwerdeführer lebe in Sri Lanka bei seiner Grossmutter in
G._. Die Familie sei bei der Schwägerin gesucht worden. Durch die
Flucht der übrigen Familie habe der Beschwerdeführer mutmasslich Prob-
leme bekommen. Er könne nicht mehr bei den Verwandten mütterlicher-
seits leben. Die Familie in der Schweiz habe den Beschwerdeführer unbe-
dingt noch während seiner Minderjährigkeit in die Schweiz nachziehen wol-
len. Da ihr eigenes Asylverfahren lange gedauert habe, sei dies nicht mehr
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möglich gewesen. Es sei unfair, dass sie nicht als Familie gemeinsam in
der Schweiz leben könnten.
Das Gesuch um Familiennachzug zugunsten des Beschwerdeführers
wurde vom BFM mit Verfügung vom 3. Dezember 2014 unter Verweis auf
dessen Alter respektive Volljährigkeit ([...]) abgewiesen. Ergänzend wurde
festgehalten, mit Inkraftsetzung der Teilrevision des AsylG per 1. Februar
2014 sei die frühere Bestimmung von Art. 51 Abs. 2 AsylG und somit die
Möglichkeit, einen anderen nahen Angehörigen in die Flüchtlingseigen-
schaft einzubeziehen, dahingefallen. Nach geltendem Recht bleibe der
Einbezug auf die Mitglieder der Kernfamilie – Eltern und minderjährige Kin-
der eines anerkannten Flüchtlings – beschränkt.
II.
J.
Der Beschwerdeführer – sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Eth-
nie – verliess gemäss eigenen Angaben sein Heimatland am 20. Juni 2017
auf dem Luftweg und reiste nach Istanbul und anschliessend nach Serbien.
Über eine ihm nicht näher bekannte Route gelangte er am 27. Juni 2017 in
die Schweiz, wo er am Folgetag ein Asylgesuch einreichte.
Für die Dauer des Asylverfahrens wurde er dem Kanton (...) zugewiesen.
K.
Am 6. Juli 2017 wurde die Befragung zur Person (BzP) durchgeführt.
Dabei trug der Beschwerdeführer vor, er sei in Colombo (Western Pro-
vince) geboren und tamilischer Ethnie. Zuletzt habe er in G._ ge-
wohnt. Er habe die Schule bis zum A-Level besucht, aber die Prüfung nicht
bestanden. In der Heimat habe er als Verkäufer in einem Laden gearbeitet.
Seine Eltern und zwei Geschwister hielten sich in der Schweiz auf; im Hei-
matland habe er noch mehrere Tanten, einen Onkel sowie seine Grossmut-
ter, die in Jaffna leben würden.
Er habe Sri Lanka verlassen, weil sein Vater Probleme im Heimatland ge-
habt habe; dieser sei verhaftet und zwei Jahre lang inhaftiert worden. "Viele
Leute" hätten dem Beschwerdeführer Ärger bereitet, indem sie ihn auf die
Verbindungen seines Vaters zur «Bewegung» angesprochen und ihn auf-
gefordert hätten, seinen Vater zur Unterstützung anzuhalten. Andere, die
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unter sich singhalesisch gesprochen hätten, hätten ihn nach den Verbin-
dungen seines Vaters zur «Bewegung» gefragt. Er habe den Eindruck be-
kommen, von unbekannten Personen beschattet und verfolgt zu werden.
Er habe befürchtet, festgenommen oder sonst behelligt zu werden. Zudem
sei seine ganze Familie in der Schweiz. Er sei nicht mit seiner Familie in
die Schweiz eingereist, weil er in Sri Lanka eine Ausbildung begonnen
habe und man nicht gewollt habe, dass er diese unterbreche. Er habe ei-
nen Reisepass besessen, wisse aber nicht, wo sich dieser befinde. Seine
Identitätskarte befinde sich bei seinen in der Schweiz lebenden Eltern.
L.
Am 16. Februar 2018 wurde der Beschwerdeführer einlässlich zu den Asyl-
gründen angehört.
Dabei trug er vor, er habe etwa 2013/2014 einen Reisepass ausstellen las-
sen; mit diesem sei er 2015/2016 zwei- oder dreimal ferienhalber nach In-
dien gereist. Der Reisepass sei ihm in Sri Lanka von der Person abgenom-
men worden, die ihn in die Schweiz geführt habe. Im Jahr 2018 habe er
eine Identitätskarte erhalten, er erinnere sich aber nicht, ob er diese von
Sri Lanka mit auf die Reise mitgenommen habe.
Nach seiner Geburt in Colombo habe er seine gesamte Kindheit in (...)
(North Western Province) gelebt; anschliessend habe er sich in D._
respektive in Jaffna (Nord Province) aufgehalten. Von 2007 bis zu seiner
Ausreise aus Sri Lanka habe er in G._, zunächst mit seinen Eltern,
später mit seiner Grossmutter und einer Tante und das letzte Jahr vor sei-
ner Ausreise alleine gelebt.
Er habe Sri Lanka wegen der Probleme seines Vaters verlassen. Dieser
sei verhaftet worden, weil er bei den LTTE gewesen sei. Als der Beschwer-
deführer Ende 2013 in G._ gelebt habe, seien drei oder vier Perso-
nen mit einem Motorfahrrad bei ihm zu Hause erschienen und hätten den
Vater gesucht. Er sei dazu aufgefordert worden, seinen Vater zur finanziel-
len oder anderweitigen Mithilfe anzuhalten. Er habe den Leuten erklärt,
dass sich sein Vater im Ausland befinde und dass er zu diesem keine Kon-
takte mehr pflege. Er wisse nicht, wie die ihn aufsuchenden Personen auf
seine Person gekommen seien oder ihn gekannt hätten. Nach dem (ersten)
Besuch dieser Leute habe er zunächst Ruhe gehabt. Anfangs 2015 seien
wiederum drei oder vier Personen mit einem Tuktuk bei ihm erschienen
und hätten den Vater gesucht. Der Beschwerdeführer sei aufgefordert wor-
den, anzugeben, ob sein Vater bei den LTTE sei respektive ob er «alte»
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LTTE-Mitglieder mit Geld oder anderweitig unterstütze. Vier Monate später,
Mitte 2015, seien wiederum drei oder vier Personen beim Beschwerdefüh-
rer aufgetaucht und hätten ihn gefragt, ob es seinem Vater in der Schweiz
gut gehe und ob er ihm die Bitte um Unterstützung weitergeleitet habe.
Diese Besuche hätten den Beschwerdeführer verängstigt, da er nicht ge-
wusst habe, was auf ihn zukomme. Nach den drei Besuchen habe er keine
Anzeige bei den Behörden erstatten wollen, da er nicht gewusst habe, wer
die ihn aufsuchenden Personen gewesen seien. Diese hätten jeweils Ta-
milisch mit ihm und unter einander Singhalesisch gesprochen. Er habe
nicht gewusst, ob es sich um Angehörige des CID (Criminal Investigation
Department) gehandelt habe. Beim ersten und dritten Besuch hätten die-
selben Personen ihn aufgesucht. Beim zweiten Besuch seien andere, gut
angezogene Personen mit einem entsprechenden Haarschnitt zu ihm nach
Hause gekommen. Diese Personen hätten andere Fragen gestellt als die-
jenigen beim ersten und dritten Besuch.
Wenn er sich draussen aufgehalten habe, habe er stets den Eindruck ge-
habt, von Unbekannten verfolgt und beschattet zu werden. Seine mit ihm
lebenden Angehörigen (Grossmutter, Tante und Onkel) hätten die mehrfa-
chen Besuche miterlebt und ihrerseits Angst bekommen, weiterhin mit dem
Beschwerdeführer zusammenzuwohnen, weshalb sie nach Jaffna wegge-
zogen seien. Der Beschwerdeführer habe bei einem weiteren Verbleib in
Sri Lanka um sein Leben gefürchtet. In der Folge habe seine Grossmutter
seine Ausreise organisiert und seinen Reisepass einem Schlepper überge-
ben. Im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka befürchte er aufgrund der
bereits erlebten drei Besuche gefährdet zu sein, insbesondere entführt zu
werden.
Andere Ausreisegründe habe er nicht. Mit den heimatlichen Behörden oder
mit Drittpersonen habe er nie Probleme gehabt. Er habe sich nicht politisch
betätigt und habe nie Aktivitäten zugunsten der LTTE entfaltet.
M.
Mit Verfügung vom 20. November 2019 lehnte das SEM das Asylgesuch
des Beschwerdeführers mangels Asylrelevanz seiner Vorbringen ab, ord-
nete seine Wegweisung aus der Schweiz an und verfügte den Wegwei-
sungsvollzug.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, der Beschwerdefüh-
rer habe die drei Besuche von unbekannten Personen als Hauptgrund für
seine Ausreise aus Sri Lanka vorgetragen. Diese Besuche würden jedoch
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die für die Asylrelevanz erforderliche Intensität nicht aufweisen. Bei allen
drei Besuchen hätten die Unbekannten nach ihrer Befragung den Be-
schwerdeführer wieder verlassen, ohne dass dies weitere Konsequenzen
für ihn nach sich gezogen hätte. Diese Besuche hätten im Jahr 2015 auf-
gehört. Der Beschwerdeführer habe sich bis zu seiner Ausreise im Jahr
2017 weiterhin in Sri Lanka aufgehalten, ohne dass er weitere persönliche
Nachteile erlitten habe. Der Umstand, dass er vorgetragen habe, sich
draussen im Freien «verfolgt» gefühlt zu haben, sei nicht geeignet, eine
begründete Furcht vor asylbeachtlichen Nachteilen darzutun. Er habe nie
politische Aktivitäten entfaltet, was darauf schliessen lasse, dass er kein
Profil aufweise, welches ihn als Bedrohung für die sri-lankische Regierung
erscheinen liesse. Er habe selbst angegeben, nie mit den heimatlichen Be-
hörden Probleme gehabt zu haben. Seine Erklärung, er habe die drei zwi-
schen 2013 und 2015 erfolgten Besuche durch Unbekannte bei den staat-
lichen Behörden nicht zur Anzeige gebracht, weil er nicht gewusst habe,
ob es sich bei diesen Leuten um Angehörige des CID handle, sei nicht
überzeugend und basiere auf einer blossen Mutmassung. Der Kausalzu-
sammenhang zwischen den drei Besuchen durch Unbekannte und der
Ausreise sei nicht gegeben. Zudem sei es dem Beschwerdeführer möglich
gewesen, seinen Heimatstaat mit einem auf seinen Namen lautenden Rei-
sepass zu verlassen, was darauf hindeute, dass er im Zeitpunkt der Aus-
reise nicht im Visier der sri-lankischen Behörden gestanden habe.
Schliesslich sei es ihm gelungen, in den Jahren 2015 und 2016 ohne
Schwierigkeiten mehrmals nach Indien zu reisen. Schliesslich gebe es
keine Hinweise dafür, dass es dem Beschwerdeführer nicht möglich gewe-
sen wäre, sich in Jaffna niederzulassen, wo seine Verwandten sich seit
mehreren Jahren aufhalten würden.
Der Wegweisungsvollzug sei zulässig, zumutbar und möglich. Der Be-
schwerdeführer habe seit 2007 in G._ gelebt, wo er bis zur Ausreise
gearbeitet habe, und weise eine mehrjährige berufliche Erfahrung auf. Er
habe keine familiären Verpflichtungen und verfüge mit seinen Onkeln vä-
terlicherseits und seiner Tante mütterlicherseits, die sich in Jaffna nieder-
gelassen hätten, über ein tragfähiges Beziehungsnetz.
N.
Mit Eingabe vom 23. Dezember 2019 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die Verfügung der
Vorinstanz vom 20. November 2019 sei aufzuheben; seine Flüchtlingsei-
genschaft sei anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter
sei die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
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In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, es sei die aufschiebende Wir-
kung der Beschwerde festzustellen und die unentgeltliche Rechtspflege in-
klusive amtliche Verbeiständung zu gewähren.
Zur Begründung führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, er
habe ab 2007 mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in
G._ gelebt. Sein Vater sei 2009 in die Schweiz geflüchtet, seine
Mutter und Schwester seien ihm 2010 in die Schweiz gefolgt. Weil seine
Mutter die Ausreise nicht so schnell habe organisieren können, habe sie im
fraglichen Zeitpunkt den Beschwerdeführer und dessen (damals) minder-
jährigen Bruder bei der Grossmutter und Tante zurückgelassen. Dieser
Bruder sei im Jahr 2014 ebenfalls zur Familie in die Schweiz gezogen. Im
Kindesalter des Beschwerdeführers habe sein Vater auf einer (...) gearbei-
tet. Dort seien im Jahr 2001 versteckte Waffen gefunden worden, welche
angeblich von den LTTE gewesen seien. In diesem Zusammenhang sei
sein Vater von der Polizei befragt und mehrmals festgenommen worden;
während seiner Haft habe er schwerste Folter erlitten. Infolgedessen sei
der Vater in die Schweiz geflohen und habe 2009 Asyl beantragt. Nach der
Ausreise des Vaters sei seine Mutter zunächst von verschiedenen Armee-
angehörigen aufgesucht und nach dem Aufenthalt ihres Ehemannes be-
fragt worden. Bei der letzten Befragung im Jahr 2010 sei sie in ein Camp
geführt worden, wo sie aufgefordert worden sei, Männer, die in Verbindung
mit den LTTE gestanden seien, zu identifizieren. Dabei sei sie bedroht wor-
den. Weil seine Mutter befürchtet habe, vergewaltigt oder umgebracht zu
werden, sei sie mit ihrer Tochter 2010 in die Schweiz geflohen.
Ende 2013 sei der Beschwerdeführer in G._ zum ersten Mal von
Unbekannten aufgesucht und zum Vater befragt worden. Die Vorsprechen-
den hätten angegeben, LTTE-Mitglieder zu sein, und hätten eine Unterstüt-
zung durch den Vater verlangt. Dieser erste Besuch habe ungefähr zehn
Minuten gedauert. Anfangs 2015 sei der Beschwerdeführer von Männern
in einem Tuktuk, die er vorher nie gesehen habe, aufgesucht worden.
Diese Männer hätten sich mit ihren Vornamen vorgestellt, sie hätten aber
keine weiteren Angaben gemacht. Es habe sich mit grosser Wahrschein-
lichkeit um CID-Mitglieder gehandelt, was man anhand ihrer Schuhe, ihrem
Haarschnitt und ihrem Hemd erkannt habe. Diese Leute hätten vom Be-
schwerdeführer wissen wollen, ob sein Vater bei den LTTE sei und diese
immer noch finanziell unterstütze. Sie hätten behauptet, zu wissen, dass
sich der Vater in der Schweiz befinde. An die weiteren Umstände dieses
Besuchs vermöge sich der Beschwerdeführer nicht zu erinnern, da er sich
darauf konzentriert habe, die Fragen der Männer zu beantworten, und weil
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er wegen seiner verängstigten Grossmutter unter Druck gestanden sei.
Etwa drei Monate nach diesem Vorfall sei er von den gleichen Personen
wie beim ersten Besuch aufgesucht worden. Dabei sei er gefragt worden,
ob er seinen Vater zur Unterstützung angehalten habe. Er sei erneut ge-
drängt worden, seinen Vater zur Gewährung von Hilfeleistungen aufzufor-
dern.
Der Beschwerdeführer habe zuvor nie Probleme mit den singhalesischen
Behörden gehabt. Weil er angesichts der Inhaftierung und Flucht seines
Vaters nicht die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich habe lenken wollen,
habe er im Zusammenhang mit diesen drei Besuchen keine Anzeige er-
stattet. Er habe im Jahr 2016 nicht mit seiner Grossmutter, der Tante und
dem Onkel nach Jaffna umziehen können, da diese befürchtet hätten, sel-
ber ebenfalls Probleme zu bekommen, wenn sie weiter mit dem Beschwer-
deführer zusammenleben würden. Er wäre wegen seines Dialekts in Jaffna
aufgefallen. Er habe bei der Ausreise von einer Frau gefälschte Reisedo-
kumente erhalten und sei von dieser durch sämtliche Kontrollen am Flug-
hafen begleitet worden. Seine Eltern würden seit 2014 mit Asylstatus in der
Schweiz leben. In Sri Lanka habe er nur noch Onkel und Tanten väterli-
cherseits, mit welchen er kaum spreche. Seine Grossmutter und Tante müt-
terlicherseits hätten sich von ihm abgewendet. Er habe daher im Heimat-
land keine Kontakte mehr.
Es sei davon auszugehen, dass er spätestens seit dem Besuch der CID-
Leute im Jahr 2015 unter Beobachtung gestanden habe. Nach dem Weg-
zug seiner Angehörigen nach Jaffna habe er kaum mehr das Haus verlas-
sen und habe in ständiger Angst vor dem CID gelebt, was einen unerträg-
lichen psychischen Druck im Sinne des Asylgesetzes darstelle. Im Zeit-
punkt seiner Ausreise habe er auch eine begründete Furcht vor künftiger
Reflexverfolgung gehabt, denn er werde nun auch verdächtigt, mit den
LTTE in Verbindung zu stehen. Er habe bereits bei den Eltern miterlebt,
wozu die sri-lankischen Behörden fähig seien. Nach der Flucht seiner Fa-
milie sei er selbst – als ältester Sohn seines Vaters – ins Visier der Behör-
den geraten und sei mehrmals zum Verbleib seiner Verwandten befragt
worden. Er erfülle mehrere Risikofaktoren im Sinne des Referenzurteils
des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015. Zudem habe sich die Lage
in Sri Lanka seit der Machtübernahme durch den Rajapaksa-Clan zuge-
spitzt. Das dreiste und rechtswidrige Vorgehen dieses Clans habe sich
durch die Festnahme einer Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft in Co-
lombo manifestiert.
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Der Beschwerdeeingabe wurde eine Fürsorgebestätigung des Migrations-
amts des Kantons (...) vom 13. Dezember 2019 beigelegt.
O.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Januar 2020 hielt das Bundesverwaltungs-
gericht fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Asylverfahrens
in der Schweiz abwarten. Gleichzeit wurde das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses verzichtet. Das Gesuch um amtliche Verbeiständung
wurde auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen und der Beschwerdeführer
aufgefordert, eine entsprechende Rechtsvertretung zu bezeichnen. Die
Verfahrensakten N (...) wurden von Amtes wegen beigezogen.
P.
Mit Eingabe vom 14. Januar 2020 ersuchte MLaw Cora Dubach, Freiplatz-
aktion (...), im Namen des Beschwerdeführers um Einsetzung als amtliche
Rechtsbeiständin.
Q.
Mit Instruktionsverfügung vom 21. Januar 2020 wurde MLaw Cora Dubach,
Freiplatzaktion (...), dem Beschwerdeführer als amtliche Beiständin beige-
ordnet und die Akten wurden dem SEM zur Vernehmlassung überwiesen.
R.
In seiner Vernehmlassung vom 17. Februar 2020 hielt das SEM an seinen
bisherigen Erwägungen fest. Ergänzend wurde ausgeführt, die Ausführun-
gen in der Rechtsmitteleingabe würden von den früheren Angaben des Be-
schwerdeführers teilweise abweichen. So habe er bei der Anhörung vom
16. Februar 2018 angegeben, die Identität der ihn beim zweiten Besuch im
Jahr 2015 aufsuchenden Personen nicht gekannt zu haben. Demgegen-
über habe er in der Beschwerdeschrift vorgetragen, es handle sich be-
stimmt um Angehörige des CID, was man anhand ihrer Kleidung und ihres
Haarschnittes erkannt habe. Diese Argumentation sei nicht überzeugend
und das schwankende Aussageverhalten spreche nicht für die Glaubhaf-
tigkeit dieser Vorbringen. Der Beschwerdeführer habe bis zur Ausreise im
Juni 2017 keine konkreten persönlichen Probleme gehabt, habe trotz der
Vorfälle im Jahr 2015 einen Domizilwechsel nicht als erforderlich betrach-
tet, habe einen Reisepass beschaffen können und von 2013 bis 2016
mehrmals Reisen nach Indien vorgenommen, ohne dass er dabei Schwie-
rigkeiten erlebt habe. Es gebe deshalb keine Hinweise dafür, dass er im
fraglichen Zeitraum – und ein Jahr nach dem geltend gemachten Besuch
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der CID-Leute – in diesem Zusammenhang oder wegen der Probleme sei-
nes im Jahr 2009 aus Sri Lanka ausgereisten Vaters ins Visier der heimat-
lichen Behörden geraten sei.
S.
Mit Replikeingabe seiner Rechtsvertreterin vom 27. März 2020 trug der Be-
schwerdeführer ergänzend vor, es treffe zwar zu, dass er bei seiner Anhö-
rung nicht erwähnt habe, um wen es sich bei der Personengruppe des
zweiten Besuches gehandelt habe. Er habe jedoch bereits zu diesem Zeit-
punkt eine klare Unterscheidung bezüglich des zweiten Besuchs und den
anderen beiden Besuchen zuvor und danach geäussert. Er habe klar er-
wähnt, dass sich die zweiten Besucher nicht ausgewiesen hätten und somit
für ihn nicht direkt identifizierbar gewesen seien. In seiner Rechtsmittelein-
gabe habe er eine ergänzende Vermutung schriftlich formuliert, welche
nicht im Widerspruch zu den vorherigen Angaben stehe. Die kleinen, aber
wichtigen Details und Unterscheidungsmerkmale wie der schöne, ge-
pflegte Haarschnitt der zweiten Personengruppe seien in der Beschwerde
gleichgeblieben. Nebst dem augenscheinlichen Unterschied im Erschei-
nungsbild habe es bei der zweiten Personengruppe auch andere Besuchs-
und Befragungsgründe gegeben. Die ehemaligen LTTE-Mitglieder hätten
nach der Möglichkeit der finanziellen Hilfe durch den Vater des Beschwer-
deführers gefragt, während die zweite Personengruppe ihn zur LTTE-Akti-
vität seines Vaters befragt habe.
Der Beschwerdeführer habe tatsächlich im Gefolge der Vorfälle im Jahr
2015 seinen Wohnsitz nie gewechselt. Er sei davon ausgegangen, rund
um die Uhr von CID-Beamten beobachtet und verfolgt zu werden, weshalb
er mit einem Wohnsitzwechsel nicht viel erreicht hätte. Das CID sei im gan-
zen Land präsent und hätte ihn auch an einem anderen Ort ausfindig ma-
chen können. Ein Wohnsitzwechsel hätte auch als Schuldeingeständnis
betrachtet werden können, was seine Lage noch verschlimmert hätte.
Die kleineren Reisen in und aus seinem Heimatland seien in einem gänz-
lich anderen Licht zu betrachten als eine Rückkehr von der Schweiz nach
Sri Lanka. Bereits am Flughafen würde er von der Anti-Terror-Polizei oder
dem Militärgeheimdienst abgefangen und verhaftet. Sein Vater stelle als
ehemaliges LTTE-Mitglied im Falle einer Rückkehr ins Heimatland subjek-
tiv und objektiv für ihn ein nachvollziehbares Gefahrenpotenzial dar. Für
die Annahme eines Gefährdungsprofils reiche es gemäss Referenzurteil
E-1866/2015 bereits aus, dass ein Verdacht bestehe, Handlungen zuguns-
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ten der LTTE vorgenommen zu haben. Der Beschwerdeführer erfülle meh-
rere Risikofaktoren im Sinne der genannten Rechtsprechung: seine Ver-
wandtschaft zum Vater, der bei den LTTE gewesen sei, und die bereits vor-
handenen Überwachungen und Suchen nach seiner Person vor und nach
seiner Ausreise. Er sei bereits in direktem Zusammenhang mit der ehema-
ligen LTTE-Mitgliedschaft seines Vaters befragt worden, einerseits durch
ehemalige LTTE-Mitglieder, andererseits durch CID-Angehörige. Es sei
deshalb von einer Reflexverfolgungssituation auszugehen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1
aAsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.5 Die angefochtene Verfügung ist in französischer Sprache ergangen;
die Beschwerde wurde demgegenüber in deutscher Sprache eingereicht.
Gestützt auf Art. 33a Abs. 2 VwVG wird das Verfahren in deutsch geführt.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Glaubhaft gemacht
ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2). Unglaubhaft
sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig be-
gründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen
oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt
werden (Abs. 3).
Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit wird eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen die gesuchstellende Person sprechen, vor-
genommen. Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet
‒ im Gegensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und
lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen
der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die
Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit eines Verfol-
gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanti-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
dargelegten Vorkommnisse. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erleb-
nissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
E-6784/2019
Seite 15
4.
Es stellt sich zunächst die Frage, ob der Beschwerdeführer im Zeitpunkt
seiner Ausreise aus Sri Lanka im Juni 2017 ernsthaften Nachteilen im
Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war respektive solche zu befürchten
hatte, mithin Vorfluchtgründe vorliegen.
4.1 Vorweg ist festzuhalten, dass die Schilderungen des Beschwerdefüh-
rers zu den drei Besuchen an sich vom SEM in der angefochtenen Verfü-
gung nicht in Frage gestellt wurden. Auch das Bundesverwaltungsgericht
hat grundsätzlich keine Veranlassung, daran zu zweifeln, dass der Be-
schwerdeführer im Zeitraum von Ende 2013 bis 2015 anlässlich von drei
Besuchen durch ihm unbekannte Personen – seien es Angehörige des CID
oder Angehörige einer politischen Bewegung wie die LTTE – aufgesucht
und zum Vater befragt worden ist.
4.2 Die Vorinstanz erachtete die Vorbringen mangels Intensität und auf-
grund des fehlenden zeitlichen und sachlichen Kausalzusammenhangs
zwischen den vorgetragenen Vorfällen Ende 2013 und im Jahr 2015 und
der Ausreise im Juni 2017 als nicht asylbeachtlich (vgl. vorinstanzliche Ver-
fügung, Ziffer II, Seite 2). Der Beschwerdeführer stellt sich demgegenüber
in seiner Rechtsmitteleingabe auf den Standpunkt, er sei spätestens seit
dem Besuch der CID-Leute im Jahr 2015 unter ständiger Beobachtung ge-
standen. Er habe das Haus kaum mehr verlassen können und habe in stän-
diger Angst gelebt, was einen unerträglichen psychischen Druck darstelle;
er habe im Zeitpunkt seiner Ausreise eine begründete Furcht vor asylbe-
achtlichen Nachteilen gehabt.
4.2.1 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung in der gebotenen Aus-
führlichkeit und mit zutreffender Begründung dargelegt, weshalb die vom
Beschwerdeführer geschilderten drei Besuche durch unbekannte Perso-
nen (der erste und der dritte Besuch sei durch mutmassliche Angehörige
der «Bewegung» respektive der LTTE erfolgt, beim zweiten Mal sei er von
mutmasslichen CID-Angehörigen aufgesucht und nach dem Vater befragt
worden) die vom Asylgesetz geforderte Intensität nicht aufweisen.
4.2.2 Diesbezüglich ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer von den
ihn aufsuchenden Personen gemäss eigenen Angaben nie persönlich an-
gegriffen oder gar misshandelt worden ist. Nach den Vorsprachen sollen
die betreffenden Personen ihn wieder verlassen haben, ohne dass ihm aus
den Besuchen irgendwelche persönliche Nachteile entstanden wären oder
E-6784/2019
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er andere negative Konsequenzen erlitten hätte. Er wurde nie von den Be-
hörden bedroht, festgenommen oder vorgeladen und auch seitens Drittper-
sonen oder -organisationen nie irgendwelchen konkreten Repressalien
ausgesetzt.
4.2.3 Hinzu kommt, dass die Angaben des Beschwerdeführers in den we-
sentlichen Kernpunkten als zu vage und unsubstanziiert gewürdigt werden
müssen, um auf eine überwiegende Wahrscheinlichkeit einer Verfolgungs-
situation schliessen zu können. So gab er stets an, die Personen anlässlich
der drei Vorsprachen nicht gekannt zu haben (vgl. Akte A14, Antworten 93
und 101 sowie A5, Ziffer 7.01). Er wisse nicht, wie die Besucher ihn gefun-
den oder weshalb sie ihn gekannt hätten (vgl. Akte 14, Antwort 90). Zudem
gab er zu Protokoll, er habe bei den Polizeibehörden keine Anzeige ge-
macht, weil er diese Personen nicht gekannt habe; er wisse nicht, ob es
sich (beim zweiten Besuch) um Angehörige der CID gehandelt habe; sie
hätten nur ihre Vornamen angegeben (vgl. A14, Antworten 77 und 96). In
der Rechtsmitteleingabe wird vorgetragen, es habe sich – im Sinn einer
«ergänzenden Vermutung» – bei der zweiten Personengruppe um CID-
Angehörige gehandelt. Diese Vermutung ändert jedoch nichts an der Fest-
stellung, dass die Angaben des Beschwerdeführers zu wenig konkretisiert
ausgefallen sind, um eine asylbeachtliche Verfolgungssituation mit hinrei-
chender Wahrscheinlichkeit darzutun.
4.2.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die drei geschilderten Vor-
sprachen für sich alleine nicht geeignet waren, den Beschwerdeführer in
die vom Asylgesetz geforderte Zwangslage zu versetzen, welcher er sich
nur durch die Ausreise aus dem Heimatland hat entziehen können. Entge-
gen der in der Rechtsmitteleingabe vertretenen Ansicht kann alleine auf-
grund dieser drei Besuche nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von
einem unerträglichen psychischen Druck oder einer begründeten Furcht im
Zeitpunkt der Ausreise ausgegangen werden. Die drei Besuche mit Befra-
gungen zum Vater erreichen nicht eine Intensität, aufgrund deren er ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG befürchten musste.
4.3 Der Umstand, dass der Beschwerdeführer angesichts der seitens der
zweiten Personengruppe deponierten Fragen zum Vater und zu dessen
LTTE-Verbindungen subjektiv eine Gefährdung durch staatliche CID-Ange-
hörige fürchtete, steht dieser Einschätzung nicht entgegen. Die dabei al-
lenfalls entstandene subjektive Furcht des Beschwerdeführers hat jeden-
falls in einer objektiven Betrachtung nicht auf einer Bedrohungslage von
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Seite 17
asylrelevantem Ausmass beruht, nachdem es ihm offenbar trotzdem mög-
lich war, seit dem letzten Besuch im Sommer 2015 weitere zwei Jahre in
Sri Lanka unbehelligt weiterzuleben.
4.4 Der Beschwerdeführer hat gemäss eigenen Angaben nie persönliche
Schwierigkeiten mit den heimatlichen Behörden oder mit Drittpersonen ge-
habt und sich nie politisch betätigt. Insbesondere hat er nie persönlich Ak-
tivitäten der LTTE unterstützt (Akte 14, Antworten 77-80). Den diesbezüg-
lichen Erwägungen des SEM (vgl. angefochtene Verfügung, Ziffer II, S. 3
unten) zum fehlenden eigenen politischen Profil ist deshalb beizupflichten.
4.5 Im Weiteren war es dem Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben
offensichtlich möglich, nach dem letzten Besuch durch unbekannte Perso-
nen im Sommer 2015 noch weitere zwei Jahre unbehelligt in Sri Lanka in
G._ zu leben und zu arbeiten. Für den Zeitraum zwischen Sommer
2015 bis zu seiner Ausreise im Juni 2017 brachte er keine weiteren per-
sönlich erlittenen Nachteile vor (vgl. A14, Antwort 123). Wie das SEM be-
reits zutreffend festhielt (vgl. angefochtene Verfügung, Ziffer II, S. 3 unten),
besteht bei dieser Sachlage zwischen den geltend gemachten Ereignissen
und der Ausreise des Beschwerdeführers kein sachlicher und zeitlicher
Kausalzusammenhang.
Der Beschwerdeführer trug in der Anhörung und der BzP zwar vor, er habe
sich nach den drei Besuchen, die zwischen 2013 und 2015 stattgefunden
hätten, nie aus dem Haus getraut. Er habe sich dabei ständig beschattet
und verfolgt gefühlt (vgl. Akte A14, freie Schilderung in Antwort 73 sowie
Antwort 123 sowie A5, Ziffer 7.01). Die diesbezüglichen Schilderungen ba-
sieren jedoch auf blossen Mutmassungen und werden durch keinerlei kon-
krete Umstände oder Beweismittel gestützt, weshalb sie nicht als eine fun-
dierte Grundlage für die vom Beschwerdeführer vorgetragene begründete
Furcht vor künftiger Verfolgung im Zeitpunkt seiner Ausreise gewürdigt
werden können.
4.6 Schliesslich trug der Beschwerdeführer vor, in den Jahren 2015 und
2016 mehrmals ferienhalber nach Indien gereist zu sein (vgl. Akte A5, Ziffer
2.04 und A14, Antworten 17-22), ohne dass er dabei Schwierigkeiten erlebt
hätte. Dieses Reiseverhalten des Beschwerdeführers spricht einerseits da-
für, dass er sich nicht persönlich als verfolgte Person erachtet hat. Der Um-
stand, dass ihm diese mehrfachen Reisen nach Indien problemlos gelang,
spricht andererseits dafür, dass er zum Zeitpunkt seiner Ausreise im Som-
mer 2017 nicht im Visier der sri-lankischen Behörden stand.
E-6784/2019
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4.7 Andere Ausreisegründe hat der Beschwerdeführer nicht vorgetragen.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass er bis zu seiner Ausreise im
Sommer 2017 keine flüchtlingsrelevanten Nachteile durch die sri-lanki-
schen Behörden oder Repressalien seitens Drittpersonen erlitten hat. Die
von ihm geschilderten Ereignisse, namentlich die insgesamt drei Besuche
durch Unbekannte – angeblich Angehörige der «Bewegung» respektive
des CID – sind nicht geeignet, im Zeitpunkt seiner Ausreise eine genügend
intensive Verfolgungssituation im Sinne des Asylgesetzes zu begründen.
4.8 Gesamthaft ist daher für den Zeitpunkt der Ausreise nicht von einer
asylrelevanten Vorverfolgung des Beschwerdeführers auszugehen, wel-
che die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG begründen könnte.
5.
Der Beschwerdeführer macht darüber hinaus geltend, im Falle einer Rück-
kehr nach Sri Lanka mehrere Risikofaktoren im Sinne des Referenzurteils
des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 zu erfüllen.
Es bleibt somit im einem zweiten Schritt zu prüfen, ob er aufgrund der seit
seiner Ausreise bestehenden Sachlage bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 AsylG zu befürchten hat, weshalb seine Flüchtlingseigenschaft im
Sinne von subjektiven Nachfluchtgründen festzustellen wäre.
5.1 Gemäss Art. 54 AsylG wird Flüchtlingen kein Asyl gewährt, wenn sie
erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG
wurden (sog. subjektive Nachfluchtgründe). Personen mit subjektiven
Nachfluchtgründen werden als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. Mass-
gebend ist dabei, ob die heimatlichen Behörden das Verhalten der asylsu-
chenden Person als staatsfeindlich einstufen und diese deswegen bei ei-
ner Rückkehr in den Heimatstaat eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
befürchten muss. Es bleiben damit die Anforderungen an den Nachweis
einer begründeten Furcht massgeblich (Art. 3 und 7 AsylG; vgl. zum Gan-
zen BVGE 2009/29 E. 5.1 und 2009/28 E. 7.1).
5.2 Im Referenzurteil E-1866/2015 hat das Bundesverwaltungsgericht eine
aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri Lanka vorge-
nommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der Schweiz zurück-
kehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer ernstzunehmenden
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/28
E-6784/2019
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Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien, dass aber ein Aufent-
halt in Europa, namentlich in der Schweiz, in Verbindung mit bestimmten
Risikofaktoren eine Gefährdung bewirken kann (vgl. E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 8.3). Dabei können durchaus Risikofaktoren – wie bei-
spielsweise eine Verbindung zu den LTTE –, die vor der Ausreise nicht zu
flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteilen geführt hatten, nunmehr gerade
wegen der Ausreise und dem Aufenthalt in der Schweiz relevant werden
(vgl. E-1866/2015 E. 8.5.6).
Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos von Rückkeh-
rern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung und Folter zu wer-
den, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es sich um das Vor-
handensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktuellen oder ver-
gangenen Verbindung zu den LTTE, um Teilnahme an exilpolitischen re-
gimekritischen Handlungen und um Vorliegen früherer Verhaftungen durch
die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit einer
tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark risiko-
begründende Faktoren, vgl. E-1866/2015 E. 8.4.1 – 8.4.3). Einem gestei-
gerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen ausser-
dem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach Sri
Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt
werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM)
nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben
(sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. E-1866/2015 E. 8.4.4 und
8.4.5).
Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemachten Ri-
sikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Per-
son ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene Rückkeh-
rer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zugeschrieben
wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separatismus wiederaufle-
ben zu lassen (vgl. E-1866/2015 E. 8.5.1). Diese Rechtsprechung ist auch
in Anbetracht der aktuellen Ereignisse in Sri Lanka weiterhin ausschlagge-
bend.
5.3 Der Beschwerdeführer stammt unbestrittenermassen aus einer politi-
schen Familie: Wie vorstehend in Ziffer I des Sachverhalts festgehalten,
wurden seine Eltern vom BFM im Juli 2014 als originäre Flüchtlinge aner-
kannt; seine beiden Geschwister wurden in die Flüchtlingseigenschaft der
Eltern einbezogen. Den Eltern wurde die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt,
E-6784/2019
Seite 20
weil der Vater von den sri-lankischen Behörden verdächtigt wurde, die
LTTE unterstützt zu haben. Bei der Mutter wurde das Vorliegen einer dies-
bezüglichen Reflexverfolgung erkannt.
Es ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer zum heutigen Zeit-
punkt bei einer Rückkehr in seinen Heimatstaat einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt wäre und die Zufügung ernsthafter Nachteile im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG berechtigterweise zu befürchten hätte, weil
die Behörden ihn der Aufnahme von engen Kontakten mit seiner seit lan-
gem in der Schweiz lebenden Familie verdächtigen und ihm dabei selbst
enge Verbindungen zu den LTTE unterstellen würden. Es kann insbeson-
dere nicht ausgeschlossen werden, dass die sri-lankischen Behörden ein
Interesse haben, den Beschwerdeführer bei einer Rückkehr über seine El-
tern, namentlich seinen Vater, und deren Verbleib einem eingehenden Ver-
hör zu unterziehen.
Dabei ist die Tatsache von Bedeutung, dass der Beschwerdeführer mittler-
weile selbst mehrere Jahre lang in der Schweiz geweilt hat und er von der
Schweiz aus nach Sri Lanka zurückkehren würde. Die knapp vierjährige
Landesabwesenheit des Beschwerdeführers und sein Aufenthalt in einem
tamilischen Diasporazentrum, in welchem die LTTE – anders als in ande-
ren europäischen Ländern – als Organisation nicht verboten ist, stellen
zwar für sich alleine nur schwach risikobegründende Risikofaktoren im
Sinne des zitierten Referenzurteils dar. Sie können jedoch die Gefahr von
künftigen Verfolgungsmassnahmen verstärken, zumal die mit den LTTE
enger verbundenen Familienangehörigen des Beschwerdeführers eben-
falls in der Schweiz leben. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass
dem Beschwerdeführer aus Sicht der sri-lankischen Behörden ein Inte-
resse am Wiederaufflammen des tamilischen Separatismus zugeschrieben
und er entsprechend als Gefahr für die nach dem Krieg wiedergewonnene
Einheit des Landes wahrgenommen würde.
5.4 Zwar war der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise im Jahr
2017, wie in E. 4 oben dargelegt wurde, nicht in flüchtlingsrechtlich rele-
vantem Ausmass gefährdet. Seine mehrjährige Landesabwesenheit im
Verbund mit seinem familiären Hintergrund, insbesondere seiner Abstam-
mung aus einer aus Sicht des sri-lankischen Regimes politisch missliebi-
gen Familie, und sein Aufenthalt in der Schweiz, wo auch die Familie lebt,
führen insgesamt zum Vorliegen von stark risikobegründenden Faktoren.
E-6784/2019
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Im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka besteht die erhebliche Wahr-
scheinlichkeit, dass sich seine Gefährdung aufgrund dieser Faktoren in
flüchtlingsbeachtlichem Ausmass akzentuiert.
Eine begründete Furcht vor zukünftigen flüchtlingsrelevanten Nachteilen –
im Sinne subjektiver Nachfluchtgründe – ist daher zu bejahen.
5.5 Damit erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft, zumal
keine Hinweise auf relevante Ausschlussgründe gemäss Art. 1 Bst. F des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) ersichtlich sind. Eine Asylgewährung bleibt jedoch aus-
geschlossen, weil die Flüchtlingseigenschaft auf subjektiven Nachflucht-
gründen beruht (Art. 54 AsylG).
6.
6.1 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
[AsylV 1, SR 142.311] und BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegweisung
wurde zu Recht angeordnet.
6.2 Allerdings ist im Sinne einer Ersatzmassnahme das Anwesenheitsver-
hältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln, wenn der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht
zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG
[SR 142.20]; BVGE 2009/51 E. 5.4). Für den vorliegenden Fall ergibt sich
aus den vorstehenden Erwägungen, dass der Beschwerdeführer subjek-
tive Nachfluchtgründe glaubhaft machen konnte. Der Vollzug der Wegwei-
sung nach Sri Lanka erweist sich daher wegen drohender Verletzung des
flüchtlingsrechtlichen Gebots des Non-Refoulements (Art. 5 AsyG; Art. 33
Abs. 1 FK) sowie auch mit Blick auf Art. 3 EMRK als unzulässig, da davon
ausgegangen werden muss, dass er im Falle seiner Rückkehr ins Heimat-
land mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer menschenrechtswidrigen
Behandlung ausgesetzt wäre.
7.
Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit damit die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und der Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung so-
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Seite 22
wie die Anordnung der vorläufigen Aufnahme beantragt wurden. Im Übri-
gen ist sie abzuweisen. Die vorinstanzliche Verfügung vom 20. November
2019 ist demnach in den Dispositivziffern 1, 4 und 5 aufzuheben und die
Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling vorläufig
aufzunehmen.
8.
8.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen
(Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüg-
lich seines Antrags auf Kassation und auf Gewährung von Asyl unterlegen.
Hingegen hat er bezüglich der Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und
infolgedessen der Anordnung der vorläufigen Aufnahme obsiegt. Praxisge-
mäss ist bei der vorliegenden Konstellation von einem Obsiegen zu zwei
Dritteln auszugehen.
8.2 Die Kosten des Verfahrens wären demnach im Umfang des Unterlie-
gens – mithin zu einem Drittel – dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Da
jedoch sein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege mit
Zwischenverfügung vom 7. Januar 2020 gutgeheissen wurde und keine
Veränderungen in den finanziellen Verhältnissen ersichtlich sind, sind ihm
vorliegend keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
8.3 Der Beschwerdeführer war im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung
nicht vertreten. Mit Instruktionsverfügung vom 7. Januar 2020 wurde die
von ihm mandatierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein-
gesetzt. Für ihre Aufwendungen nach Übernahme des Vertretungsmandats
respektive der amtlichen Verbeiständung ist die Rechtsvertreterin zu ent-
schädigen.
Auf die Nachforderung einer Kostennote kann verzichtet werden, da sich
im vorliegenden Verfahren der Aufwand für den Beschwerdeführer zuver-
lässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Berücksichtigung der
massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist der Gesamt-
aufwand auf Fr. 900.- (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im
Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen.
8.3.1 Im Umfang des Unterliegens – das heisst zu einem Drittel – ist der
Rechtsvertreterin zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar in der
Höhe von Fr. 300.- auszurichten.
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8.3.2 Im Umfang des Obsiegens im Beschwerdeverfahren – das heisst zu
zwei Dritteln – ist dem Beschwerdeführer in Anwendung von Art. 64 Abs. 1
VwVG eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendigen
Vertretungskosten zuzusprechen (vgl. Art. 7 VGKE). Dem Beschwerdefüh-
rer ist zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von Fr. 600.- aus-
zurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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