Decision ID: 6e2416af-1cad-4494-ab7f-7cbcf408dbd7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer zusammen mit seiner Ehefrau am 23. Oktober
2022 in der Schweiz um Asyl nachsuchte,
dass ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem (CS-VIS)
ergab, dass dem Beschwerdeführer von den deutschen Behörden am
5. September 2022 ein Schengen-Visum, gültig vom 15. September bis am
30. Oktober 2022, ausgestellt worden war (vgl. SEM-Akte [...]-2/2),
dass dem Beschwerdeführer und seiner Ehefrau am 10. November 2022
im Rahmen eines Dublin-Gesprächs das rechtliche Gehör zu einer allfälli-
gen Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung ihrer Asylverfahren,
einer möglichen Wegweisung nach Deutschland sowie zum medizinischen
Sachverhalt gewährt wurde (vgl. SEM-Akten [...]-17/2 und -19/2),
dass der Beschwerdeführer dabei unter anderem ausführte, ihm sei gesagt
worden, das erste Land, in welchem man ankomme, sei für das Asylgesuch
zuständig; er würde daher von Deutschland in die Schweiz zurückge-
schickt,
dass das SEM die deutschen Behörden am 14. November 2022 gestützt
auf Art. 12 Abs. 4 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO) um Aufnahme des Beschwerdeführers er-
suchte,
dass die deutschen Behörden dem Ersuchen am 15. November 2022 aus-
drücklich zustimmten,
dass das SEM mit Verfügung vom 16. November 2022 – eröffnet am
21. November 2022 – in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
(SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der
Schweiz nach Deutschland anordnete und den Beschwerdeführer sowie
dessen Ehefrau aufforderte, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen,
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dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis verfügte,
dass die zugewiesene Rechtsvertretung dem SEM mit Schreiben vom
21. November 2022 mitteilte, dass das Mandatsverhältnis beendet sei,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 24. November 2022 gegen
diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob und
dabei sinngemäss beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuhe-
ben und das Asylverfahren sei in der Schweiz durchzuführen,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
25. November 2022 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG),

Considerations:
und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG und dem VGG richtet, soweit
das AsylG nichts anderes bestimmt,
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
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wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass diesbezüglich die Dublin-III-VO zur Anwendung kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass das SEM den Beschwerdeführer zutreffend darauf hinwies, dass bei
Asylsuchenden mit einem Visum die Zuständigkeit bei demjenigen Staat
liegt, welcher dieses erteilt hat (vgl. Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass bei einem seit weniger als sechs Monaten abgelaufenen Visum der-
jenige Staat zuständig bleibt, welcher das Visum ausgestellt hat, sofern der
Asylsuchende das Hoheitsgebiet der Dublin-Mitgliedstaaten zwischenzeit-
lich nicht verlassen hat (vgl. Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO),
dass der Beschwerdeführer mit einem von Deutschland ausgestellten und
bis am 30. Oktober 2022 gültigen Visum in die Schweiz eingereist ist und
das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten seither nicht verlassen hat, weshalb
Deutschland für die Durchführung des Asylverfahrens zuständig ist,
dass die deutschen Behörden das Übernahmeersuchen der Schweiz denn
auch gutgeheissen haben,
dass die grundsätzliche Zuständigkeit Deutschlands somit gegeben ist,
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dass es keine Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Antragsteller in Deutschland weise systemische
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf,
dass der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde im Wesentlichen geltend
macht, er befürchte, von Deutschland nach Kasachstan abgeschoben zu
werden, da sein Visum abgelaufen sei,
dass er diesbezüglich darauf hinzuweisen ist, dass Deutschland sich aus-
drücklich bereit erklärt hat, ihn aufzunehmen (vgl. SEM-Akte [...]-26/1),
dass er ferner die Möglichkeit hat, in Deutschland ein Asylgesuch einzu-
reichen,
dass der Beschwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes Risiko darge-
tan hat, die deutschen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen
und seinen Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen,
dass den Akten auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen sind,
Deutschland werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement
missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib,
sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG
gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein sol-
ches Land gezwungen zu werden,
dass Deutschland Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nachkommt,
dass auch davon ausgegangen werden darf, dieser Staat anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (Aufnahmerichtlinie) ergeben,
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dass jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen kann,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO),
dass dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht im Landesrecht durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
konkretisiert wird und das SEM das Asylgesuch gemäss dieser Bestim-
mung "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür
gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre,
dass der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde geltend machte, er
möchte, dass sein Fall hierzulande "verhandelt" werde, da er während sei-
ner Anwesenheit bereits Freunde und Bekannte gefunden habe, welche
ihn unterstützt hätten,
dass er in Deutschland niemanden kenne mit seinem Glauben, während er
hier in die Kirche gehen könne und die Menschen seines Glaubens für ihn
eine grosse – insbesondere auch psychologische – Stütze seien,
dass der Beschwerdeführer mit diesen Vorbringen implizit die Anwendung
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO respektive Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 fordert,
dass der Wunsch des Beschwerdeführers nach einem Verbleib in der
Schweiz aufgrund der persönlichen Beziehungen, die er in den letzten rund
zwei Monaten geknüpft hat, zwar verständlich ist,
dass es indessen nicht Sache der asylsuchenden Person ist, den für die
Durchführung des Asylverfahrens zuständigen Staat selbst auszusuchen,
weshalb dies auf die Zuständigkeit Deutschlands keinen Einfluss hat,
dass hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts festzuhalten ist, dass der
Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs ausführte, es gehe
ihm im Grossen und Ganzen gut, er leide aber an (...) und habe "etwas am
Kopf", vermutlich wegen der Nervosität (vgl. SEM-Akte [...]-17/2),
dass er in der Beschwerdeeingabe wiederum geltend machte, er habe "et-
was auf dem Kopf"; zudem schmerze sein (...) und die frühere (...) sei zu-
rückgekehrt; weiter leide seien Ehefrau unter (...) und sei erkältet,
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dass in diesem Zusammenhang festzuhalten ist, dass eine zwangsweise
Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz
ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen kann,
dass dies gemäss der Praxis des EGMR insbesondere der Fall ist, wenn
eine schwer kranke Person durch die Abschiebung – mangels angemes-
sener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko
konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu
intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar-
tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. De-
zember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.),
dass eine solche Situation offensichtlich nicht vorliegt,
dass überdies bislang keine ärztlichen Berichte vorgelegt wurden, welche
die gesundheitlichen Beschwerden belegen könnten,
dass die vorgebrachten gesundheitlichen Probleme auch nicht als derart
schwer zu erachten sind, dass diese einer Überstellung nach Deutschland
entgegenstehen könnten,
dass Deutschland zudem über eine ausreichende medizinische Infrastruk-
tur verfügt und davon auszugehen ist, dass der Beschwerdeführer ebenso
wie seine Ehefrau eine allenfalls notwendige Behandlung dort ebenfalls er-
hältlich machen könnten,
dass die Mitgliedstaaten überdies verpflichtet sind, den Asylsuchenden die
erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie),
dass keine Hinweise dafür bestehen, dass Deutschland dem Beschwerde-
führer eine adäquate medizinische Behandlung verweigern würde,
dass dem SEM bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Ermessen
zukommt (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.) und den Akten keine Hinweise auf eine
gesetzeswidrige Ermessensausübung (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG)
durch die Vorinstanz zu entnehmen sind,
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dass das Bundesverwaltungsgericht sich unter diesen Umständen weiterer
Ausführungen zur Frage eines Selbsteintritts enthält,
dass das SEM demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist und
– weil er nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungs-
bewilligung ist – in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach
Deutschland angeordnet hat (Art. 32 Bst. a AsylV 1),
dass unter diesen Umständen allfällige Vollzugshindernisse gemäss
Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen sind, da das
Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nicht-
eintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE
2015/18 E. 5.2 m.w.H.),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen ist,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
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