Decision ID: a91bd90c-a2d1-4779-9eb5-9dc91aa32219
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin), eine sri-lankische
Staatsangehörige tamilischer Ethnie, verliess ihr Heimatland eigenen An-
gaben zufolge am (...) 2016 und gelangte am 19. Oktober 2016 in die
Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 26. Oktober 2016
wurde sie zu ihrer Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Ge-
suchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). In der Folge wies das
SEM die Beschwerdeführerin am 28. Oktober 2016 dem Kanton
D._ zu. Am 16. Mai 2019 und am 28. Juni 2019 fand die einlässli-
che Anhörung zu ihren Asylgründen statt.
A.b Die Beschwerdeführerin führte zu ihrem persönlichen Hintergrund und
zur Begründung ihres Asylgesuchs aus, sie habe bis zu ihrem (...) Lebens-
jahr in E._, Distrikt F._, gelebt. Die folgenden Jahre habe sie
im Distrikt G._ verbracht bis sie im Alter von (...) Jahren nach
E._ zurückgekehrt sei. Dort habe sie im Jahre (...) den A-Level-
Abschluss gemacht und später von 2004 bis 2006 in H._ an einer
(...) gearbeitet. Sie habe auch einen (...) besucht. In jener Zeit habe sie
sich in I._ (nachfolgend: Ehemann), den Bruder einer Freundin, ver-
liebt und ihn am (...) nach Brauch geheiratet. Bereits zehn Tage später sei
ihr Ehemann in den Krieg gezogen. Er habe, wie sie erst später erfahren
habe, der (...) der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) angehört. Seit
seinem Fortgang habe sie keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Ab 2009
habe sie sich bei einer Tante in J._, Distrikt K._, aufgehalten
und sei erst im Jahre 2012 zu ihren Eltern nach E._ zurückgekehrt.
Zwischen 2012 und (...) 2013 sei sie durchschnittlich zwei bis drei Mal pro
Monat zu Hause von Beamten des Criminal lnvestigation Department (CID)
aufgesucht, nach ihrem Ehemann befragt und misshandelt worden. Auf-
grund dieser Besuche habe sie sich in dieser Zeit auch bei diversen Ver-
wandten in F._ versteckt aufgehalten, sei aber weiter zu Hause ge-
sucht worden. Da es ihrer Mutter gesundheitlich sehr schlecht gegangen
sei, sei sie im Jahr 2014 ganz nach Hause zurückgekehrt. Am (...) 2014
sei sie vom CID vorgeladen und drei Tage an einem unbekannten Ort fest-
gehalten und gefoltert worden. Das CID und sie selbst hätten zu jenem
Zeitpunkt nicht gewusst, dass ihr Ehemann damals schon lange tot gewe-
sen sei. Ihre Mutter sei wegen der Mitnahme so erschrocken, dass sie am
gleichen Tag an einem Herzinfarkt gestorben sei, was sie (die Beschwer-
deführerin) erst nach ihrer Freilassung erfahren habe. Sie habe sich da-
nach bei einer Cousine in F._ aufgehalten, sei aber auch in dieser
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Zeit immer wieder zu Hause gesucht worden. Im Jahre 2014 habe sie von
einer Kollegin, welche im Internet die Todesanzeige gesehen habe,
schliesslich erfahren, dass ihr Ehemann bereits 2007 gefallen sei. Erst spä-
ter, im Jahre 2017, habe ihr seine Schwester mitgeteilt, dass er bei einem
Round-Up getötet worden sei. Ab (...) 2015 bis zu ihrer Ausreise habe sie
sich bei ihrer Tante in J._, Distrikt K._, versteckt aufgehal-
ten. Im (...) 2015 sei sie auch dort gesucht, jedoch nicht vorgefunden wor-
den, obwohl sie im Haus anwesend gewesen sei. Ihr eigener Bezug zu den
LTTE habe darin bestanden, dass sie in den Jahren 2002 und 2005 am
Pongu Tamil-Tag teilgenommen und sich dabei für (...) verantwortlich ge-
zeigt habe. Zudem habe sie von 2007 bis 2009 auch Hilfsleistungen für die
LTTE erbracht wie etwa (...) und (...). Auch wegen dieser Tätigkeiten sei
sie belästigt und ausgefragt worden, nachdem es zunächst nur um ihren
Ehemann gegangen sei. Bei einer Rückkehr nach Sri Lanka würde man
sie umbringen. Ihr Schlepper habe ihr einen ihr zustehenden Reisepass
besorgt. Mit diesem habe sie Sri Lanka am (...) 2016 legal via Colombo auf
dem Luftweg verlassen. Es gehe ihr seit dem Tod Ihrer Mutter psychisch
sehr schlecht. Sie habe mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Nach ih-
rer Ausreise sei sie bei ihrer Tante in J._ und mehrmals zu Hause
von den Behörden gesucht worden. Die Tante sei deshalb nach L._
geflüchtet. Ihr Vater sei für eine Befragung nach K._ mitgenommen
worden.
A.c Im Verlaufe des vorinstanzlichen Verfahrens wurden folgende Identi-
tätsnachweise und Beweismittel zu den Akten gereicht:
- Identitätskarte;
- Geburtsurkunde (beglaubigte Kopie; mit englischer Übersetzung und  der Schweizerischen Vertretung in Colombo);
- Geburtsurkunde des Ehemannes (beglaubigte Kopie);
- Todesurkunde der Mutter (beglaubigte Kopie);
- Arbeitsbestätigung vom (...) 2006;
- Todesanzeige des Ehemannes (2 Fotos);
- Ledigkeitsbescheinigung (Affidavit) vom (...) 2017 (inkl. Übermittlungsformular der Schweizerischen Vertretung in Colombo);
- Schreiben des Vaters vom (...) 2018 (inkl. Zustellcouvert);
- Zustellcouvert aus Sri Lanka von 2017;
- zwei Arztberichte der (...) vom 2. Juni 2017 und 12. Oktober 2018;
- zwei Arztberichte der (...) vom 3. Dezember 2018 und 18. April 2019;
- zwei Arztberichte des (...) vom 29. Mai 2018 und vom 16. Mai 2019.
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B.
Am (...) gebar die Beschwerdeführerin das Kind B._.
C.
Eine Verfahrensstandsanfrage der Beschwerdeführerin vom 14. Septem-
ber 2018 beantwortete das SEM am 9. Oktober 2018.
D.
Am 25. September 2019 forderte das SEM die Beschwerdeführerin auf,
eine Frage zum Tod ihrer Mutter zu beantworten und einen Arztbericht ein-
zureichen.
E.
Mit Schreiben vom 4. Oktober 2019 reichte die Beschwerdeführerin den
korrigierten Arztbericht des (...) vom 16. Mai 2019 (vgl. Bst. A.c) zu den
Akten. Innert erstreckter Frist ging am 29. Oktober 2019 ein Arztbericht der
(...) vom 24. Oktober 2019 beim SEM ein.
F.
Mit Verfügung vom 8. November 2019 – eröffnet am 11. November 2019 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin und ihr Kind würden die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen und lehnte ihre Asylgesuche ab.
Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den
Wegweisungsvollzug an.
G.
Mit Eingabe der rubrizierten Rechtsvertreterin vom 10. Dezember 2019
liess die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht gegen die-
sen Entscheid Beschwerde erheben und beantragen, der vorinstanzliche
Entscheid sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, sie und ihr Kind
als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen Asyl zu gewähren, eventualiter sei
das SEM anzuweisen, sie und ihr Kind als Flüchtlinge anzuerkennen und
in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, subeventualiter sei das SEM anzu-
weisen, sie und ihr Kind in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In pro-
zessualer Hinsicht beantragte sie, es sei ihr die unentgeltliche Prozessfüh-
rung und Rechtsverbeiständung zu bewilligen und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses zu verzichten.
Der Beschwerde lagen der angefochtene Entscheid, eine Vollmacht und
eine Honorarnote bei.
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H.
Mit Eingabe vom 16. Dezember 2019 liess die Beschwerdeführerin eine
Fürsorgebestätigung vom 6. Dezember 2019 sowie ein Bestätigungs-
schreiben des (...) Temple vom (...) 2019 (in Kopie; mit englischer Über-
setzung) nachreichen.
I.
Der Instruktionsrichter stellte mit Verfügung vom 17. Dezember 2019 fest,
die Beschwerdeführenden könnten den Ausgang des Asylverfahrens in der
Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und Rechtsverbeiständung unter Vorbehalt der Verände-
rung der finanziellen Lage der Beschwerdeführerin gut und verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig wurde das SEM ein-
geladen, eine Vernehmlassung einzureichen.
J.
Das SEM liess sich mit Eingabe vom 23. Dezember 2019 zur Beschwerde
vernehmen. Diese wurde der Beschwerdeführerin am 7. Januar 2020 zur
Kenntnis gebracht.
K.
Mit Eingabe vom 9. Januar 2020 liess die Beschwerdeführerin dem Bun-
desverwaltungsgericht folgende weiteren Beweismittel zukommen:
- Bestätigungsschreiben des (...) Temple vom (...) 2019 im Original (inkl. englische Übersetzung, [vgl. Bst. H]);
- Bestätigungsschreiben des Anwalts M._ vom (...) 2019;
- Zustellcouvert;
- (...) Aufenthaltsbewilligung des Cousins (in Kopie);
- Bestätigungsschreiben des Anwalts N._ vom (...) 2018 (in Kopie);
- (...) Geburtsurkunde des Cousins vom (...) 2019 (inkl. Zustellcouvert);
- (...).
L.
Sodann reichte die Rechtsvertreterin am 4. März 2020 einen Arztbericht
der (...) vom 6. Februar 2020 zu den Akten.
M.
Mit Schreiben vom 29. Mai 2020 teilte die rubrizierte Rechtsvertreterin mit,
dass sie die (...) per Ende Mai 2020 verlassen werde, weshalb es ihr nicht
möglich sein werde, die Interessen der Beschwerdeführerin sachgemäss
wahrzunehmen. Sie ersuchte deshalb um Entlassung aus dem öffentlich-
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rechtlichen Mandat und um Einsetzung von MLaw Michèle Künzi als neue
amtliche Rechtsbeiständin. Falls die Sache spruchreif sei und keine weite-
ren Verfahrenshandlungen notwendig seien, werde darum gebeten, das
Gesuch als gegenstandslos zu betrachten. Ein allfälliges, ihr zustehendes
amtliches Honorar sei ihrer bisherigen Arbeitgeberin auszurichten.
N.
MLaw Michèle Künzi liess dem Gericht mit Schreiben vom 17. Februar
2021 eine Schwangerschaftsbestätigung der Beschwerdeführerin zukom-
men.
O.
In der Folge orientierte MLaw Michèle Künzi das Gericht am 29. Juni 2021
über die am (...) erfolgte Geburt des Kindes C._.
P.
Der (...) teilte dem SEM am 3. November 2021 mit, dass die Beschwerde-
führerin und O._ (N [...]) am (...) geheiratet hätten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
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ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde
ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
Das vorliegende Verfahren wird mit jenem des jetzigen Ehemannes der
Beschwerdeführerin, O._ (D-4145/2021), koordiniert geführt. Das
am (...) zur Welt gekommene Kind C._ ist praxisgemäss in das vor-
liegende Verfahren miteinzubeziehen.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausge-
setzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist
Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, es sei nicht
gänzlich auszuschliessen, dass die Beschwerdeführerin tatsächlich die
Ehefrau eines LTTE-Mitglieds oder eines anderen Kasten-Angehörigen ge-
wesen sei und deswegen auf etwaige gesellschaftliche Schwierigkeiten ge-
stossen sei. Die davon abgeleitete Bedrohungslage habe sie jedoch nicht
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glaubhaft machen können. Einen Monat vor der Ausreise sei ihr ein neuer
Reisepass ausgestellt worden, mit dem sie Sri Lanka legal, kontrolliert und
ohne Schwierigkeiten auf dem Luftweg habe verlassen können. Zudem sei
wenig nachvollziehbar, dass sie (...) 2014 – in einer Zeit, in der sie gesucht
worden sei und sich versteckt gehalten habe – eine Identitätskarte bean-
tragt habe. Ferner sei es ihr nicht gelungen, plausibel darzulegen, über-
haupt in den Fokus des CID geraten zu sein. Sie habe diesbezüglich nur
erklärt, dass Nachbarn sie verraten hätten. Diese seien wütend auf sie ge-
wesen, weil ihr Ehemann einer anderen Kaste angehört habe. Selbst wenn
diesen Angaben geglaubt werden könnte, bleibe unverständlich, wie ihre
Nachbarn von den geheimen Tätigkeiten ihres Mannes zugunsten der
LTTE hätten wissen können, wenn damals nicht einmal sie selbst Kenntnis
davon gehabt habe. Auch sei nicht plausibel, dass das CID sie nach der
kurzen Haft anfangs (...) 2014 noch dermassen intensiv gesucht habe, zu-
mal in ihren Aussagen nichts darauf hindeute, dass die Behörden in ihrem
Fall zu irgendwelchen neuen Erkenntnissen gelangt wären. Dass sie erst
im Jahre 2014 durch eine Kollegin, die eine Todesanzeige im Internet ge-
sichtet habe, vom Tod des Ehemannes beziehungsweise erst zehn Jahre
nach dessen Tod Näheres über dessen Todesumstände erfahren haben
wolle, sei als unwahrscheinlich einzustufen. Schliesslich scheine ein star-
kes Interesse des CID angesichts ihres fehlenden Profils grundsätzlich un-
plausibel. Offensichtlich hätten ihre Tätigkeiten nicht genügt, sie in Reha-
bilitationshaft zu überführen. Es sei daher nicht verständlich, dass sie nach
ihrer angeblichen zweitägigen Haft noch von veritablem Interesse für die
Behörden gewesen sei. Sodann habe sie in der BzP wiederholt erklärt, ihr
Ehemann sei von den LTTE zwangsrekrutiert worden. In der Anhörung
habe sie hingegen erzählt, ihm sei mitgeteilt worden, er solle wegen eines
Auftrags rasch zu den LTTE kommen. Ihr Erklärungsversuch, sie sei in der
BzP unterbrochen worden und habe nicht weitererzählen können, sei of-
fensichtlich aktenwidrig. Ferner habe sie in der BzP ausgeführt, sie sei in
der Haft sexuell belästigt worden. Auch nach der Haftentlassung sei sie
immer wieder aufgesucht und belästigt worden. In der Anhörung habe sie
jedoch erläutert, in der Haft weder vergewaltigt noch sexuell belästigt wor-
den zu sein. Im Weiteren würden die Vorbringen, sie sei nach ihrer Haft-
entlassung bis (...) 2015 bei einer Cousine in F._ geblieben und in
dieser Zeit bei ihrem Vater mindestens zwei- bis dreimal monatlich gesucht
worden, dramatisierend und nachgeschoben wirken. Hingegen überra-
sche, dass sie entgegen ihrer Aussagen in der BzP nicht mehr erwähnt
habe, nach der Freilassung immer wieder aufgesucht und belästigt worden
zu sein. Ihre Erklärung, sie sei von ihren Brüdern und Nachbarn belästigt
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worden, wirke situativ angepasst und vermöge nicht zu überzeugen. Aus-
serdem habe sie sich inkonsistent in Bezug auf die Frage geäussert, ob sie
2009 in einem Camp untergebracht worden sei. Insgesamt seien ihre Vor-
bringen als unglaubhaft zu werten. Nachdem sie nach Kriegsende noch
über sieben Jahre in ihrem Heimatstaat gelebt habe, hätten allfällige, im
Zeitpunkt ihrer Ausreise bestehende Risikofaktoren kein Verfolgungsinte-
resse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht. Es sei
aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich, weshalb sie bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und in asyl-
relevanter Weise verfolgt werden sollte.
4.2
4.2.1 In der Beschwerde wird vorgebracht, die Anhörung vom 28. Juni
2019 sei angesichts der Komplexität der Asylvorbringen mit 4 Stunden 50
Minuten inklusive Rückübersetzung kurz ausgefallen. Zudem habe die An-
hörung vom 16. Mai 2019 abgebrochen werden müssen und keine Rück-
übersetzung stattgefunden, weshalb dieses Protokoll nicht verwertbar sei.
Insgesamt seien einige Aspekte der Biografie der Beschwerdeführerin of-
fengeblieben, was nicht ihr anzulasten sei, zumal sie an der Anhörung nicht
anwaltlich vertreten gewesen sei. Anlässlich der beiden Gespräche mit der
Rechtsvertreterin hätten weitere Details zu den einzelnen Stationen in Er-
fahrung gebracht werden können: Die Beschwerdeführerin sei in
E._ an der Adresse der Eltern immer registriert gewesen. Im Jahre
2004 habe sie I._ kennen- und lieben gelernt, der in P._ ge-
lebt und einer tieferen Kaste angehört habe. Schon damals habe sie wegen
dieser Beziehung Probleme mit ihren Brüdern bekommen. Der eine Bruder
habe sie deswegen auch geschlagen, weshalb sie ab 2005 zu ihrem
Freund beziehungsweise zu dessen Schwester nach P._ gezogen
sei. Gearbeitet habe sie weiterhin in H._. Bei Kriegsausbruch im
August 2006 habe sie noch immer bei der Schwester ihres Ehemannes
gewohnt. Sie habe sich somit im von den LTTE kontrollierten Gebiet befun-
den und sei vom Heimatort und ihrer Familie abgeschnitten gewesen. Bei
Kriegsende sei sie umgehend zu ihrer in K._ lebenden Tante ge-
gangen, wo sie bis 2012 geblieben sei, weil sie zu Hause nicht mehr er-
wünscht gewesen sei. Im Jahre 2012 sei sie zu ihren Eltern zurückgekehrt,
weil die zwei Brüder nicht mehr vor Ort gelebt hätten und die Eltern nun
alleine und alt gewesen seien. Die ersten drei bis vier Monate nach der
Rückkehr nach E._ habe sie keine Probleme gehabt. Im (...) 2012
seien eines Morgens CID-Beamte zu ihr nach Hause gekommen und hät-
ten sie aufgefordert, am gleichen Tag ins CID-Büro in E._ zu kom-
men, weil sie die Information erhalten hätten, dass ihr Ehemann bei den
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Seite 10
LTTE sei. Bei dieser Gelegenheit hätten die Beamten einen Vorladezettel
abgegeben, den sie dann auf dem CID-Büro habe abgeben müssen. Sie
sei an diesem Tag in Begleitung ihres Vaters hingegangen und während
rund drei Stunden zu ihrem Ehemann, aber auch zu ihren Aktivitäten im
Zusammenhang mit den Pongu Tamil-Festivitäten und ihrer Zeit im von den
LTTE kontrollierten Gebiet befragt worden. Sie sei mit der Information ent-
lassen worden, dass sie nochmals vorgeladen würde und sich zur Verfü-
gung zu halten habe. Sie habe sich aber aus Angst zuerst bei einer Freun-
din der Mutter in E._ versteckt, bevor sie ab circa 2013 Zuflucht bei
Verwandten mütterlicherseits in F._ gesucht habe. Sie habe ihren
Aufenthaltsort in F._ immer wieder wechseln müssen und sehr zu-
rückgezogen gelebt. Ihr Vater sei in der Folge regelmässig von CID-Beam-
ten zu Hause aufgesucht und auch mehrmals auf das ClD-Büro in
E._ zur Befragung vorgeladen worden. (...) 2014 sei sie zu ihren
Eltern zurückgekehrt, weil ihre Mutter schwer erkrankt sei. Nach fünf Tagen
– am (...) 2014 – hätten CID-Beamte sie am frühen Morgen zu Hause auf-
gesucht und aufgefordert, sich um 10.00 Uhr im Büro in E._ für eine
Befragung einzufinden. In der Folge sei sie auf dem CID-Büro umgehend
inhaftiert, gefesselt und mit verbundenen Augen mit dem Auto an einen ihr
unbekannten Ort transferiert worden. Dort sei sie während drei Tagen be-
fragt, geschlagen und gefoltert worden. Es sei auch zu massiver sexueller
Gewalt gekommen. Die kranke Mutter haben wegen der Inhaftierung ihrer
Tochter einen Schock erlitten und sei in der Nacht vom (...) auf den (...)
2014 verstorben. Der Vater sei dann zum CID-Büro zurückgekehrt, um mit
der Todesnachricht und der anstehenden Beerdigung die Freilassung zu
erwirken. Die Beamten hätten ihm aber gesagt. dass sie keine Ahnung hät-
ten, wo seine Tochter sei, und ihn weggeschickt. Aus Angst um seine Toch-
ter habe er sich dann auch an das sri-lankische Red Cross in F._
für eine Suchanzeige gewendet. Die Beschwerdeführerin sei am (...) 2014
gegen Abend aus der Haft entlassen worden. Sie sei mitten auf der Strasse
in der Nähe des CID-Büros freigelassen worden und habe selbständig
nach Hause zurückkehren müssen. Danach habe sie sich nur noch ein
paar Tage zu Hause aufgehalten, bevor sie sich wieder bei Verwandten
mütterlicherseits in F._ versteckt habe. Ihr Vater sei nach ihrer Aus-
reise weiterhin vom CID zu Hause aufgesucht und teilweise zur Befragung
auf das Büro in E._ vorgeladen worden. Im Jahre 2018 habe er
sogar eine Vorladung vom CID-Büro in K._ erhalten. Aus Angst
habe er sich für diese Befragung von einem Anwalt begleiten lassen. Jenes
Gespräch habe im (...) 2018 stattgefunden und circa zwei Stunden gedau-
ert. Der Vater sei zum Aufenthaltsort seiner Tochter befragt worden. Er
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Seite 11
habe ausgesagt, dass er schon seit längerem den Kontakt zu seiner Toch-
ter abgebrochen habe und aus diesem Grund ihren Aufenthaltsort nicht
kenne. In einem Brief an die Beschwerdeführerin, den sie im (...) 2018 er-
halten habe, beschreibe der Vater, dass er die Vorladung erhalten und sehr
grosse Angst vor der Befragung habe.
4.2.2 An der Anhörung habe sie nicht alles erzählt, was ihr während der
Haft zugestossen sei. Dies vor allem aus Angst vor erneuter Stigmatisie-
rung, nachdem sie schon in Sri Lanka nach ihrer Haftentlassung am (...)
2014 als Vergewaltigungsopfer sozial stigmatisiert worden sei. Hinzu
komme, dass sie bis zum Gespräch mit der Rechtsvertreterin am 20. No-
vember 2019 noch mit niemandem über die erlittenen Vergewaltigungen
gesprochen habe, auch nicht mit der Psychologin. Sie sei am (...) 2014
von den CID-Beamten mit verbundenen Augen und Händen in einem Auto
an einen ihr unbekannten Ort gebracht worden. Sie habe sich in einem
dunklen Zimmer befunden, wo sie von vier bis fünf Männern befragt und
geschlagen worden sei. Dabei habe sie die ganze Zeit auf dem Boden
knien müssen. Ein Mann habe sie dabei auch mit einem Holzschläger ge-
schlagen. Ein anderer Mann, der zuerst auf einem Stuhl gesessen habe,
sei während der Befragung plötzlich aufgestanden und wütend auf sie zu-
gekommen. Er habe ihr dann mit voller Wucht mit dem Fuss in den Intim-
bereich getreten. Sie habe vom Schlag spontan urinieren müssen. Die Be-
fragung und die Schläge seien dann weitergegangen. Am Abend seien die
Männer aus dem Zimmer gegangen. In der Nacht sei einer der Männer
zurückgekommen und habe sie zum Sex aufgefordert. Er habe gemeint,
da sie ja schon mit ihrem Ehemann und anderen LTTE-Kämpfern Sex ge-
habt habe, könne sie auch ihm diesen Gefallen tun. Sie habe versucht, sich
zu wehren und zu schreien. Der Mann habe sie bedroht, leise zu sein. Er
habe sie dann mit Gewalt ausgezogen und sie dabei mit einer Schere am
(...) verletzt, weil sie sich zu wehren versucht habe. Es sei ihm aber gelun-
gen, ihre Kleider mit der Schere aufzuschneiden. Sie habe deswegen eine
noch heute gut sichtbare Narbe. Der Mann habe sie dann vergewaltigt.
Danach sei sie vollkommen nackt im Zimmer zurückgeblieben. Der zweite
Tag in Haft – der (...) 2014 – sei gleich wie der erste Tag gewesen. Nun sei
aber der Druck auf sie erhöht worden und einer der ClD-Befrager habe sie
mit einer brennenden Zigarette verbrannt. Sie habe davon je eine Narbe
an (...) und an (...). In der zweiten Nacht sei sie von mehreren Männern
nacheinander vergewaltigt worden. Sie sei irgendwann bewusstlos gewor-
den und könne sich an keine weiteren Details erinnern. Am kommenden
Tag – dem (...) 2014 – sei ihr am Morgen Wasser über den Kopf geschüttet
worden, weil sie noch immer bewusstlos gewesen sei. Auch sei sie noch
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Seite 12
immer nackt gewesen. Man habe ihr mitgeteilt, dass man sie gegen Abend
freilassen werde, und ihr eine Bluse und einen Rock, aber keine Unterwä-
sche gegeben. Sie sei dann mit dem Auto zurückgebracht und auf der
Strasse in der Nähe des CID-Büros sich selbst überlassen worden. An der
nahegelegenen Bushaltestelle habe sie eine Nachbarin getroffen. Diese
habe die Situation sofort erkannt, aber keine Fragen gestellt, sondern das
Busbillett für die Beschwerdeführerin bezahlt und sie nach Hause zum Va-
ter begleitet. Für die Nachbarin und den Vater sei klar gewesen, was pas-
siert sei. Aus Angst vor einer möglichen Schwangerschaft sei sie zu einer
befreundeten Hebamme gebracht worden, welche die Verletzungen im In-
timbereich untersucht und ihr ein pflanzliches Abtreibungsmittel gegeben
habe. Sie habe sich in der Folge immer wieder übergeben müssen. Die
Prozedur habe mehrere Tage gedauert. Nach deren Abschluss, circa fünf
bis sechs Tage nach der Freilassung, habe sie sich wieder nach F._
zu Verwandten in Sicherheit gebracht.
4.2.3 Es würden entschuldbare Gründe vorliegen, warum die Beschwerde-
führerin erst auf Beschwerdeebene habe offenlegen können, dass es im
Rahmen der dreitägigen Haft auch zu massiver sexueller Gewalt gekom-
men sei. Bis zum Termin mit der Rechtsvertreterin habe sie mit niemandem
über die erlittenen Vergewaltigungen gesprochen, auch nicht mit ihrer Psy-
chologin. Ihre Nachbarin in E._ und ihr Vater seien die einzigen
zwei Menschen, die davon wüssten. Mit ihnen habe sie aber nie über das
Erlebte gesprochen. Aus dem ärztlichen Bericht vom 24. Oktober 2019
gehe hervor, dass eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nach
ICD-10 F43.1 vorliege und dass sich die Beschwerdeführerin erst langsam
öffnen könne und anfange, erste traumatische Erlebnisse zu erzählen,
ohne ins Detail zu gehen. Das Mass der psychischen Belastung, mit der
erlittenen Traumatisierung konfrontiert zu werden, habe sich auch anläss-
lich des ersten Anhörungstermins am 16. Mai 2019 gezeigt, als sie mitten
in der Anhörung einen Ohnmachtsanfall erlitten habe, als die Befragerin
zur Befragung zu den Asylgründen übergegangen sei. Die Gründe für das
Verschweigen seien eine enorme Scham und sehr grosse Angst vor weite-
rer Stigmatisierung. Die Beschwerdeführerin wolle vermeiden, dass sie
auch in der Schweiz als Vergewaltigungsopfer gelte und von ihren Lands-
leuten – vor allem auch vom Kindsvater – erneut stigmatisiert werde. Die
zwischenzeitliche Beziehung mit einem Landsmann in der Schweiz möge
auch erklären, warum sie anlässlich der Anhörung vehement verneint
habe, in der Haft sexuell belästigt worden zu sein. Zwar würden sie schon
länger keine Beziehung mehr führen, sie hoffe aber nach wie vor, dass er
eines Tages zu ihr und dem gemeinsamen Sohn zurückkomme. Würde er
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von der Vergewaltigung erfahren, käme sie als Partnerin/Ehefrau definitiv
nicht mehr in Frage. Dies käme vielmehr einem sozialen Tod gleich. Da
nun aber die Wegweisung nach Sri Lanka real drohe, hätten die Überle-
bensinstinkte über die erneut drohende soziale Stigmatisierung gewonnen
und sie sei bereit, auch über diese Erfahrung in der Haft zu sprechen. Bei
Bedarf habe dies in Form einer ergänzenden Befragung zu den Asylgrün-
den zu erfolgen.
4.2.4 Sodann habe die Beschwerdeführerin im Rahmen ihres Asylverfah-
rens keinen Anlass für Zweifel an ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit er-
weckt. Sie habe ihre Mitwirkungspflicht aktiv wahrgenommen und Beweis-
mittel beigebracht. Auch habe sie ihre Asylvorbringen nicht übertrieben dar-
gestellt, eher im Gegenteil. Bezüglich der erlebten sexuellen Gewalt habe
sie gerade nicht dramatisiert, weil sie anlässlich der Anhörung verneint
habe, solche erlebt zu haben. Inwieweit das Vorbringen, sie sei monatlich
zwei bis drei Mal gesucht worden, als nachgeschoben gelte, sei nicht er-
sichtlich. Sie leide an einer PTBS. Die erste Diagnose einer emotional in-
stabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ sei von den nun be-
handelnden Ärzten klar verneint worden. Sie habe bisher zwei Mal in den
Jahren 2018 und 2019 aufgrund eines Ohnmachtsanfalles hospitalisiert
werden müssen, unter anderem anlässlich der Anhörung vom 16. Mai
2019. Gemäss dem ärztlichen Bericht vom 24. Oktober 2018 stelle die Be-
fragung bezüglich des Asylstatus einen Trigger dar, durch welchen sie an
traumatische Ereignisse in der Heimat erinnert werde.
4.2.5 Ihr Asylvorbringen habe sie zwar zurückhaltend, aber substantiiert,
nachvollziehbar und in sich stimmig vorgetragen. Obwohl die Anhörung
fast zweieinhalb Jahre nach der Einreichung des Asylgesuchs erfolgt sei,
habe sie klare und kongruente Aussagen machen können. Die eher zu-
rückhaltende Erzählweise, die oft erst auf Nachfrage ins Detail gegangen
sei, sei sehr typisch für traumatisierte Menschen. Trotzdem würden die Er-
zählungen auch etliche Realkennzeichen aufweisen. Zur Qualität des Pro-
tokolls der BzP würden Fragezeichen bestehen. Gewisse protokollierte
Antworten würden keinen Sinn ergeben und es bleibe regelmässig unklar,
zu was genau und zu welchem Ereignis sich die Beschwerdeführerin ge-
rade geäussert habe. In Bezug auf die Frage, ob sie am Ende des Bürger-
krieges in einem Camp der Regierung gewesen sei, sei es zu Missver-
ständnissen gekommen, welche sie jedoch bereits im Rahmen der BzP
klargestellt habe. Es gebe somit klare Hinweise, dass die Asylvorbringen
anlässlich der BzP offensichtlich unkorrekt zusammengefasst worden
seien. Demgegenüber habe die Beschwerdeführerin an der Anhörung ihre
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Seite 14
Asylvorbringen kongruent und schlüssig vorgetragen und immer konkret
auf die gestellten Fragen geantwortet. Es sei nicht ersichtlich, aus welchem
Grund sie hierzu an der BzP nicht in der Lage gewesen sein sollte. Deshalb
seien die vom SEM geltend gemachten Ungereimtheiten zwischen Aussa-
gen anlässlich der BzP und der Anhörung stark zu relativieren. Sie würden
auch nicht derart schwer wiegen, da sie – abgesehen von der sexuellen
Gewalterfahrung während der Inhaftierung – nicht zentrale Punkte der
Asylvorbringen betreffen würden.
4.2.6 Sodann sei der Beschwerdeführerin nicht bekannt, ob der Reisepass
legal beschafft worden sei. Auch wisse sie nicht, ob der Schlepper am Flug-
hafen von Colombo die Umgehung der Sicherheitsprüfung habe organisie-
ren müssen. Dies sei letztlich nicht entscheidend, da auch die legale Aus-
stellung eines Reisepasses und eine legale Ausreise über den Flughafen
Colombo gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts nicht
gegen das Vorliegen einer flüchtlingsrelevanten Verfolgungssituation spre-
chen würden. Allein als Ehefrau respektive Witwe eines LTTE-Kämpfers
weise die Beschwerdeführerin ein erhöhtes Profil auf. Der Ehemann sei
offenbar nicht nur ein Kämpfer gewesen, sondern habe für (...) der LTTE
gearbeitet und dabei eine hochsensible Position innegehabt, die von den
sri-lankischen Sicherheitskräften offensichtlich weiterhin als eine Gefahr
wahrgenommen werde. Das CID habe offenbar keine Kenntnisse vom Tod
des Ehemannes gehabt. Es bedürfe in Sri Lanka in Einzelfällen sehr wenig,
um in den Fokus der sri-lankischen Sicherheitskräfte zu geraten und asyl-
relevante Verfolgungshandlungen zu erleiden. Bereits vor Ausbruch des
Bürgerkrieges im Jahre 2006 habe sich die Beschwerdeführerin kulturell
für die tamilische Sache eingesetzt, weshalb ihr eine Nähe zu den LTTE
unterstellt worden sei. Zudem habe sie während des Bürgerkrieges im
Vanni-Gebiet gelebt und Unterstützung für die LTTE-Kämpfer geleistet.
Nach Kriegsende habe sie keine Rehabilitierung durchlaufen, obwohl sie
der Mitgliedschaft bei den LTTE verdächtigt werde. Den Belästigungen und
Befragungen durch die CID-Beamten habe sie sich durch Untertauchen bei
Verwandten entzogen, wodurch sich das CID in seinem Verdacht bestärkt
gefühlt habe. Als Frau möge sie besonders in den Fokus geraten sein. Mit
der Heirat habe sie nicht nur gegen das Kastenwesen verstossen, sondern
als alleinstehende Frau während zweieinhalb Jahren im von den LTTE kon-
trollierten Vanni-Gebiet gelebt und regelmässig Kontakt zu LTTE-Kämpfern
gehabt. In der konservativen sri-lankischen Gesellschaft gelte sie damit als
moralisch verwerfliche Frau. Die CID-Beamten hätten genau gewusst, was
eine Inhaftierung für soziale Folgen für sie haben werde. Zudem stelle die
Heirat mit einem Mann aus einer "tieferen" Kaste ein Tabubruch dar, was
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oftmals den Ausschluss der Frau aus ihrer Familie und Gemeinschaft zur
Folge habe. Es sei somit glaubhaft, dass sie im Sinne einer sozialen Ab-
strafung von einem Nachbarn beim CID vor Ort angeschwärzt worden sei.
4.2.7 Selbst wenn das Gericht die geltend gemachte Vorverfolgung als un-
glaubhaft einstufen sollte, stelle bereits die Heirat mit ihrem Ehemann, der
nachweislich ein LTTE-Kämpfer gewesen sei, ein starker Risikofaktor dar.
Zudem werde ein Cousin mütterlicherseits wegen Unterstützungsleistun-
gen für die LTTE in Sri Lanka verfolgt und sei mittlerweile nach S._
geflüchtet, wo er Asyl erhalten habe. Es bestünden somit stark risikobe-
gründende Faktoren. Durch das Fehlen von ordentlichen Identitätspapie-
ren und Folternarben an (...) und an (...) würden auch schwach risikobe-
gründende Faktoren vorliegen.
4.3 In der Eingabe vom 9. Januar 2020 wird auf den Brief des Vaters an
die Beschwerdeführerin vom (...) 2018 hingewiesen, in welchem der Vater
davon berichte, dass er aus K._ eine Vorladung erhalten und
grosse Angst davor habe, diesen Termin wahrzunehmen. Mit dem einge-
reichten Schreiben des sri-lankischen Anwalts M._ vom (...) 2019
sei glaubhaft gemacht, dass das Verfolgungsinteresse der sri-lankischen
Behörden an der Beschwerdeführerin weiterhin aktuell sei. Zudem bestün-
den nun auch konkrete Hinweise darauf, dass sie sich auf einer Liste der
Sicherheitsbehörden befinde, was eine landesweite Verfolgungsgefahr be-
deute. Sodann habe der Anwalt N._ in einem Schreiben vom (...)
2018 die Verfolgungsgeschichte des Cousins dargelegt. Dieser Cousin, der
wie sie aus Q._ in E._ stamme, habe seit 2002 Kontakte zu
den LTTE gehabt und diese aufgrund seines Berufes als (...) aktiv unter-
stützt. Das Verwandtschaftsverhältnis dürfte den sri-lankischen Sicher-
heitsbehörden bekannt sein. Der Cousin sei von R._, dem (...), re-
krutiert worden. R._ stamme ebenfalls aus Q._ bei
E._ und die Beschwerdeführerin habe ihn sogar einmal persönlich
getroffen. Die gleiche Herkunft könne miterklären, warum sich das Inte-
resse der sri-lankischen Sicherheitsbehörden an der Person der Be-
schwerdeführerin so intensiv und nachhaltig manifestiere. Die Gemeinde
Q._ als Herkunftsort eines (...) werde sicherlich als Gefahrenherd
und strategisch wichtiges Ziel für die Bemühungen der Behörden wahrge-
nommen, jegliche Wiederbelebung der LTTE im Keim zu ersticken.
4.4 In der Eingabe vom 4. März 2020 wird ausgeführt, dem eingereichten
Arztbericht der (...) vom 6. Februar 2020 (vgl. Bst. L) könne entnommen
werden, dass sich die Beschwerdeführerin erst im Verlauf der mittlerweile
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eineinhalb Jahre dauernden Psychotherapie habe öffnen können und erst
langsam, zu Beginn noch bruchstückhaft, über ihre traumatischen Erleb-
nisse in Sri Lanka zu berichten begonnen habe. Infolge der PTBS weise
sie ein krankheitsimmanentes Vermeidungsverhalten auf. Erschwerend kä-
men kulturelle Aspekte hinzu, da die Beschwerdeführerin die sexuelle Ge-
walt als grosse Schande einstufe und Angst davor habe, dass jemand aus
ihrer Kultur davon erfahren könnte und sie ausgelacht, verachtet und gar
verstossen würde. Deshalb habe sie nicht schon früher über das Erlebte
offen sprechen können, was nicht ihr anzulasten sei.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
5.2 Die Vorinstanz qualifizierte die Vorbringen der Beschwerdeführerin mit
ausführlicher und überzeugender Begründung als unglaubhaft. Diesbezüg-
lich kann vorab auf die zutreffende Argumentation in der angefochtenen
Verfügung verwiesen werden (vgl. E. 4.1). In Ergänzung und Präzisierung
dazu ist Folgendes festzustellen:
5.3 In der Beschwerde wird zu Recht darauf hingewiesen, dass das Anhö-
rungsprotokoll vom 16. Mai 2019 mangels Rückübersetzung, soweit der
Inhalt nicht in der Anhörung vom 28. Juni 2019 (nachfolgend: Anhörung)
bestätigt wurde (vgl. SEM-act. A24/22 F8 ff.), nicht als Grundlage des Asyl-
entscheides herangezogen werden darf. Solches wird dem SEM den Asyl-
punkt betreffend zu Recht auch nicht vorgeworfen. Dem 21-seitigen Anhö-
rungsprotokoll vom 28. Juni 2019 ist sodann nicht zu entnehmen, dass die
Befragung zeitlich zu kurz ausgefallen wäre oder wichtige Fragen nicht ge-
stellt worden wären. Der Beschwerdeführerin wurde Gelegenheit gegeben,
sich umfassend zu ihren Asylgründen zu äussern, und es wurden zahlrei-
che vertiefende Fragen gestellt. Soweit in diesem Zusammenhang allen-
falls implizit eine formelle Rechtsverletzung geltend gemacht wird, ist eine
solche zu verneinen.
5.4 Es bestehen sodann keine Hinweise, dass die Qualität des Protokolls
der BzP mangelhaft wäre. Die Aussage, "man hat mich 2 Tage lang ge-
quält, alleine eingesperrt und sie haben mich sexuell belästigt, in dem
Sinne, dass ich weiss, dass mein Ehemann noch am Leben ist" (vgl. SEM-
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Seite 17
act. A6/12 Ziff. 7.01), ist zwar in der Tat sprachlich unbefriedigend. Inhalt-
lich geht jedoch daraus hervor, der Beschwerdeführerin sei unterstellt wor-
den zu wissen, dass ihr Ehemann noch am Leben sei. Inwiefern die Ant-
worten hinsichtlich der Aussagen zu den Tätigkeiten für die LTTE bezie-
hungsweise im Zusammenhang mit dem Camp offensichtlich unkorrekt zu-
sammengefasst worden sein sollen, erschliesst sich nicht, zumal das Pro-
tokoll rückübersetzt wurde und die Beschwerdeführerin deren Inhalt unter-
schriftlich als richtig und vollständig bestätigte. Auch wenn dem Protokoll
der BzP angesichts des summarischen Charakters der Befragung nur ein
beschränkter Beweiswert zukommt, dürfen Widersprüche für die Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit dann herangezogen werden, wenn klare Aussa-
gen bei der BzP in wesentlichen Punkten der Asylbegründung von den spä-
teren Aussagen in der Anhörung diametral abweichen, oder wenn be-
stimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asyl-
gründe genannt werden, nicht bereits in der BzP zumindest ansatzweise
erwähnt werden (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer E-3122/2019 vom 3. De-
zember 2021 E. 6.2; EMARK 1993 Nr. 3). Die vom SEM aufgezeigten Wi-
dersprüche gehen weit über marginale Abweichungen hinaus und betreffen
– mit Ausnahme der Frage, ob die Beschwerdeführerin nach Ende des Bür-
gerkrieges in einem Camp gewesen sei – den Kernbereich der Begründung
des Asylgesuchs. Das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung somit
zu Recht auch auf das Protokoll der BzP abgestützt, anlässlich welcher
Befragung zudem zahlreiche Zusatzfragen zu den Asylgründen gestellt
wurden.
5.5 Dass die Beschwerdeführerin an einer PTBS leidet, geht aus dem Arzt-
bericht der (...) vom 6. Februar 2020 hervor und wird nicht bezweifelt. Auch
das im Bericht erwähnte krankheitsimmanente Vermeidungsverhalten und
die Angst vor Stigmatisierung durch Landsleute sind grundsätzlich nach-
vollziehbar. Diese Diagnose einer PTBS kann für sich allein jedoch nicht
als taugliches Beweismittel für die als unglaubhaft erkannten Vorfälle gel-
ten. Auch ist im Falle einer Traumatisierung davon auszugehen, dass die
Grundzüge einer Fluchtgeschichte in den wesentlichen Teilen ohne krasse
Widersprüche und mehrheitlich übereinstimmend dargestellt werden. Die
Einschätzung eines Facharztes in Bezug auf die Plausibilität von Ereignis-
sen, welche als Ursache für die diagnostizierte PTBS in Betracht fallen,
bildet lediglich ein Indiz (und keinen Beweis), welches im Rahmen der Be-
weiswürdigung zu berücksichtigen ist (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/11
E. 7.2.1 f.). Vorliegend enthalten jedoch die Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin Unplausibilitäten und erhebliche Widersprüche ihre Kernvorbringen
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Seite 18
betreffend, welche sich nicht durch ihren gesundheitlichen Zustand erklä-
ren lassen.
5.6 Die Heirat mit einem Mann aus einer tieferen Kaste und eine allenfalls
daraus resultierende soziale Abstrafung respektive Anschwärzung durch
Nachbarn, die Rückkehr nach E._ nach mehrjähriger Abwesenheit
und der Aufenthalt im Vanni-Gebiet als alleinstehende Frau vermögen nicht
nachvollziehbar zu erklären, weshalb die Beschwerdeführerin im Jahre
2012 überhaupt in den Fokus des CID geraten sein beziehungsweise wes-
halb das CID ein so nachhaltiges Interesse an ihr gehabt haben sollte. Ihre
eigenen Unterstützungsleistungen zu Gunsten der LTTE in den Jahren
2006 bis 2009 bewegten sich im Rahmen dessen, was fast die gesamte
Bevölkerung des Vanni-Gebietes während der Kriegsjahre zu tun gezwun-
gen war. Auch die Teilnahmen am Pongu Tamil-Tag beziehungsweise die
(...) in den Jahren (...) und (...) erscheinen aufgrund ihrer Geringfügigkeit
nicht geeignet, das dargelegte erhöhte Interesse der sri-lankischen Behör-
den zu rechtfertigen. Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin nicht in
Rehabilitationshaft war, bekräftigt diese Einschätzung. Auf die Frage, wie
die Nachbarn von der geheimen Tätigkeit des Ehemannes für die LTTE
erfahren haben sollten, nachdem nicht einmal die Beschwerdeführerin da-
von gewusst habe, wird im Rahmen des Beschwerdeverfahrens nicht wei-
ter eingegangen. Es wird auch kein Versuch unternommen zu erklären,
weshalb die Beschwerdeführerin auch nach der Haft im (...) 2014 noch
intensiv gesucht worden sei, zumal – wie das SEM zu Recht festhielt – die
Behörden zu keinen neuen Erkenntnissen gelangt seien. Es bestehen da-
her ernsthafte Zweifel am Vorbringen, die Behörden hätten an der Be-
schwerdeführerin seit ihrer Rückkehr nach E._ im Jahre 2012 ein
erhöhtes und fortdauerndes Interesse gehabt.
5.7 Fragezeichen ergeben sich auch im Zusammenhang mit den Befragun-
gen vor der Inhaftierung. In der Anhörung brachte die Beschwerdeführerin
vor, sie sei von 2012 bis (...) 2013 durchschnittlich zwei bis drei Male pro
Monat befragt worden, wobei sie mit Zigaretten verbrannt und mit Schuhen
getreten worden sei (vgl. SEM-act. A24/22 F73 f.; vgl. auch A6/12
Ziff. 7.01 f.). Überraschend wird in der – notabene präzisierenden – Be-
schwerdeschrift dagegen ausgeführt, die Beschwerdeführerin sei im (...)
2012 vom CID vorgeladen und während dreier Stunden befragt worden,
worauf sie aus Angst bei einer Freundin der Mutter und später bei Verwand-
ten Zuflucht gesucht habe. In der Folge sei der Vater regelmässig von CID-
Beamten aufgesucht und auch mehrmals zur Befragung vorgeladen wor-
den (vgl. Beschwerde S. 5). Dass die Beschwerdeführerin selber nach (...)
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Seite 19
2012 bis zu ihrer Inhaftierung am (...) 2014 erneut befragt worden wäre,
geht aus der Beschwerde hingegen nicht hervor.
5.8 Im Weiteren ist mit dem SEM festzustellen, dass das Vorbringen, die
Beschwerdeführerin sei bis (...) 2015 bei ihrem Vater mindesten zwei- bis
drei Mal monatlich gesucht wurden, nachgeschoben erscheint. Hätte sol-
ches tatsächlich stattgefunden, wäre zu erwarten gewesen, dass die Be-
schwerdeführerin ein so zentrales Element bereits in der freien Rede er-
wähnt hätte. Dort äusserte sie sich jedoch wie folgt: "(...) Nach dem Tod
meiner Mutter hatte ich Angst, dass diese Leute mich erneut mitnehmen
würden. Dann im (...) 2015 ging ich wieder nach K._. Ich wurde in
K._ gesucht und ich konnte nicht dortbleiben" (vgl. SEM-act. A24/22
F43). Erst deutlich später und auf Nachfrage, ob zwischen (...) 2014 und
(...) 2015 etwas geschehen sei, erwähnte sie die häufigen Suchen beim
Vater (vgl. SEM-act. A24/22 F116 und F120). Wie das SEM zu Recht fest-
hielt, sind diese Aussagen überdies nicht in Einklang zu bringen mit dem
Vorbringen in der BzP, wonach "sie" danach immer wieder gekommen
seien und sie belästigt hätten (vgl. SEM-act. A6/12 Ziff. 7.01).
5.9 Sodann erscheint kaum vorstellbar, dass die Beschwerdeführerin erst
im Jahre 2014 vom Tod ihres Ehemannes erfahren habe. Insbesondere
wäre zu erwarten, dass sie, welche über eine gute Schulbildung verfügt,
selber im Internet recherchiert und die entsprechenden Berichte gefunden
hätte. Sollte der Ehemann tatsächlich beim (...) der LTTE tätig gewesen
sein, ist zudem davon auszugehen, dass die sri-lankischen Behörden, wel-
che nach dem Ende des Bürgerkrieges ein besonderes Augenmerk auf
(ehemalige) LTTE-Mitglieder richteten, aufgrund eigener Recherchen be-
reits zu einem früheren Zeitpunkt von dessen Funktion und Tod bezie-
hungsweise von seinem Ableben im Rahmen eines Round-ups erfahren
hätten. Dass der Ehemann noch viele Jahre nach seinem Tod seitens der
Behörden als Gefahr wahrgenommen worden sei, erscheint daher wenig
plausibel.
5.10 Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin mit eigenem Reisepass
ihren Heimatstaat verlassen haben will, lässt in der Tat nicht zwingend auf
ein fehlendes Verfolgungsinteresse schliessen (vgl. Urteile des BVGer
D-2224/2020 vom 22. Februar 2022 E. 6.10, E-6571/2018 vom 21. Sep-
tember 2021 E. 6.4; E-5274/2008 vom 31. Oktober 2012 E. 3.3.2;
E-6862/2013 vom 31. Dezember 2013 E. 6.7.1). Dennoch erstaunt, dass
sie nach der angeblich jahrelangen Verfolgungssituation das Risiko einge-
gangen sein will, im (...) 2014 eine Identitätskarte und im Jahre 2015 auf
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Seite 20
dem Passamt einen Reisepass zu beantragen. Dass ihr nicht bekannt sei,
ob der Reisepass legal beschafft worden sei, erscheint wenig glaubhaft,
zumal sie in der BzP die legale Ausstellung bejahte (vgl. SEM-act. A6/12
Ziff. 4.02). Auch in der Anhörung machte sie zu keinem Zeitpunkt geltend,
nicht zu wissen, ob er legal ausgestellt worden sei (vgl. SEM-act. A24/22
F138 ff.). Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass der Schlepper am Flug-
hafen von Colombo die Umgehung der Sicherheitsprüfung hätte organisie-
ren müssen. Im Gegenteil erklärte die Beschwerdeführerin, sie sei am
Flughafen kontrolliert worden und habe ein Formular ausfüllen müssen
(vgl. SEM-act. A6/12 Ziff. 5.02; A24/22 F138 ff.).
5.11 Insgesamt kann nach dem Gesagten nicht geglaubt werden, dass die
Beschwerdeführerin nach ihrer Rückkehr nach E._ in den Fokus
der sri-lankischen Behörden geraten ist. Aus diesem Grund erscheint un-
geachtet der im Beschwerdeverfahren nachträglich vorgebrachten sexuel-
len Gewalterfahrung während der Haft unwahrscheinlich, dass die Be-
schwerdeführerin im (...) 2014 überhaupt inhaftiert war. Die in der Be-
schwerde zitierten Protokollstellen (vgl. Beschwerde S. 13), welche keines-
wegs als besonders substantiiert zu qualifizieren sind, vermögen die Un-
gereimtheiten in den Aussagen der Beschwerdeführerin nicht aufzuwiegen.
Auch aus dem Einwand, ihre eher zurückhaltende Erzählweise sei sehr
typisch für traumatisierte Menschen, kann die Beschwerdeführerin nichts
zu ihren Gunsten ableiten. Es drängt sich vielmehr der Schluss auf, die von
ihr auf Beschwerdeebene vorgetragenen mehrfachen Vergewaltigungen
hätten sich – bei Wahrunterstellung – in einem anderen Kontext ereignet.
Dass bezüglich der sexuellen Gewalt tatsächlich keine Dramatisierung
festzustellen ist, vermag an diesem Ergebnis nichts zu ändern. Unter wel-
chen Umständen die Beschwerdeführerin allenfalls vergewaltigt worden ist
beziehungsweise die Narben entstanden sind und was den Ohnmachtsan-
fall während der Anhörung vom 16. Mai 2019 auslöste, kann deshalb vor-
liegend offenbleiben. Vor diesem Hintergrund ist nicht weiter auf die Frage
einzugehen, weshalb die Beschwerdeführerin in der BzP bejahte und in der
Anhörung verneinte, in der Haft sexuelle Gewalt erlebt zu haben, und aus
welchen Gründen sie bislang nicht über das Erlebte habe sprechen kön-
nen. Eine ergänzende Anhörung erscheint deshalb nicht angezeigt.
5.12 Nachdem sich die Verfolgungsvorbringen als unglaubhaft erwiesen
haben, kann auch nicht geglaubt werden, dass der Vater der Beschwerde-
führerin ihretwegen vom CID-Büro in K._ befragt wurde und sich ihr
Name auf einer Liste befindet. Das Schreiben des Vaters aus dem Jahre
2018 und das Bestätigungsschreiben des sri-lankischen Rechtsanwalts
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Seite 21
M._ vom (...) 2019 sind für sich allein nicht geeignet, diesen Sach-
verhalt zu belegen, zumal sie einzig die Aussagen des Vaters wiedergeben.
5.13
5.13.1 Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführerin trotz fehlender Vorver-
folgung bei einer Rückkehr in ihr Heimatland ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG drohen würden.
5.13.2 Diesbezüglich ist auf das Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 zu verweisen, in dem das Bundesverwaltungsgericht festgestellt hat,
dass aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asyl-
suchende nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung
und Folter ausgesetzt seien (vgl. a.a.O. E. 8.3), und gleichzeitig ausgeführt
hat, das Risiko von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von
Verhaftung und Folter zu werden, sei an verschiedenen Risikofaktoren zu
bemessen (vgl. im Einzelnen a.a.O. E. 8.4.1-8.4.3 und E. 8.4.4 f.) und es
sei im Einzelfall abzuwägen, ob die konkret glaubhaft gemachten Risiko-
faktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person
ergeben (vgl. a.a.O. E. 8.5.5). Diese Rechtsprechung behält auch vor dem
Hintergrund der aktuellen Situation ihre Gültigkeit (vgl. etwa die Urteile des
BVGer E-4930/2019 vom 10. Mai 2022 E. 5.4 und E-5959/2019 vom
19. April 2022 E. 8.4.2).
5.13.3 Das Bundesverwaltungsgericht stützt die vorinstanzliche Verfügung
auch in diesem Punkt. Nachdem sich die Vorverfolgung der Beschwerde-
führerin als unglaubhaft erwiesen hat, kann Letztere aus dem Umstand,
dass ihr Ehemann, mit dem sie nach der religiösen Heiratszeremonie nur
wenige Tage zusammengelebt habe, möglicherweise für den (...) der LTTE
tätig war, und sie selbst während des Kriegs untergeordnete Hilfstätigkei-
ten zu Gunsten der LTTE ausführte, kein erhöhtes Gefährdungsprofil ab-
leiten. Auch machte sie zu keinem Zeitpunkt geltend, wegen ihres nun in
S._ als Flüchtling anerkannten Cousins Probleme gehabt zu haben.
Aus dem Schreiben des sri-lankischen Rechtsanwalts N._ vom (...)
2018 den Cousin betreffend kann sie deshalb nichts zu ihren Gunsten ab-
leiten. Auch aus dem Umstand, dass sie, der Cousin und (...) R._
aus Q._ bei E._ stammen, kann nicht auf eine generelle Ge-
fährdung aller Einwohner dieses Ortes geschlossen werden. Exilpolitische
Aktivitäten werden abgesehen von einer einzigen Teilnahme an einer Ver-
anstaltung keine geltend gemacht (vgl. SEM-act. A24/22 F148 f.). Es ist
nach dem Gesagten nicht davon auszugehen, dass sich die Beschwerde-
führerin auf der Stopp- oder Watch-List befindet und deshalb zu befürchten
D-6569/2019
Seite 22
hätte, im Falle der Rückkehr noch am Flughafen Colombo verhaftet zu wer-
den. Es kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass sie einer Befragung
und einer Überprüfung durch die Grenzbehörden unterzogen wird. Dieser
"Backgroundcheck" ist aber nicht als asylrelevante Verfolgung zu werten,
und für ein darüberhinausgehendes Interesse der sri-lankischen Behörden
sind keine massgeblichen Hinweise ersichtlich. Alleine aus der tamilischen
Ethnie, ihrer Herkunft aus dem Distrikt F._, dem Umstand, dass sie
mit einem temporären Reisepass aus der Schweiz nach Sri Lanka zurück-
kehrt, und aus ihren Narben kann sie keine asylrelevante Gefährdung ab-
leiten. Im Übrigen kann auf die zutreffenden Ausführungen des SEM ver-
wiesen werden.
5.13.4 An dieser Einschätzung vermögen auch die jüngsten Entwicklungen
in Sri Lanka nichts zu ändern. Aufgrund der Akten ist nicht davon auszuge-
hen, dass die Beschwerdeführerin und ihre Kinder einen individuellen Be-
zug etwa zum Regierungswechsel 2019, der diplomatischen Krise zwi-
schen Sri Lanka und der Schweiz Ende 2019 oder der aktuell schwelenden
Regierungskrise in Sri Lanka aufweisen, aufgrund dessen sie einer mögli-
chen Gefährdung ausgesetzt sein könnten.
5.14 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es der Beschwerdeführerin
nicht gelungen ist, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin-
dest glaubhaft zu machen. Es kann darauf verzichtet werden, auf die wei-
teren Vorbringen in der Beschwerde und übrigen Beweismittel einzugehen,
da sie an der Würdigung des vorliegenden Sachverhalts nichts zu ändern
vermögen. Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführenden verneint und ihre Asylgesuche abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
D-6569/2019
Seite 23
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
7.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.3
7.3.1 Das SEM erachtet den Vollzug der Wegweisung als völkerrechtlich
zulässig. Zwar sei denkbar, dass die Beschwerdeführerin als verwitwete
Frau und Mutter eines Kindes von einem Mann, mit dem sie nicht zusam-
menlebe, in der tamilischen Gesellschaft gewissen Schikanen und Aus-
grenzungen ausgesetzt sein werde. Diese Nachteile vermöchten jedoch
keine Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK darzustellen. Auch eine er-
höhte Suizidalität verpflichte die Schweiz nicht, vom Vollzug der Wegwei-
sung Abstand zu nehmen. Allfälligen suizidalen Absichten im Zeitpunkt des
Vollzugs der Wegweisung sei durch geeignete Massnahmen durch die mit
dem Vollzug beauftragten Behörden gebührend Rechnung zu tragen. Die
Rückkehr nach Sri Lanka erweise sich somit als zulässig. Sodann bestehe
in Sri Lanka aktuell keine Situation wie Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeine
Gewalt, welche Rückkehrende generell gefährden würde. Die Beschwer-
deführerin habe ihr gesamtes Leben in der Nordprovinz verbracht. Auch
wenn sie sich eine gewisse Zeit lang im Vanni-Gebiet aufgehalten habe,
sei ihr eine Rückkehr in den Distrikt F._ offenbar immer möglich ge-
wesen. Aufgrund der unglaubhaften Aussagen zu den Vorfluchtgründen
bestünden grundsätzliche Vorbehalte an der Richtigkeit ihrer Angaben zum
familiären Beziehungsnetz und ihren Aufenthalten. Ihre Schilderungen zu
den Aufenthalten würden nur geringe Stringenz aufweisen und sie könne
keine griffige Umschreibung ihrer Lebensumstände liefern. Es falle somit
schwer, ihre genauen Lebens- und Wohnverhältnisse in den Jahren vor der
Ausreise vollständig und abschliessend zu würdigen. Fest stehe jedoch,
dass es ihr offensichtlich immer möglich gewesen sei, bei Verwandten un-
terzukommen und ihren täglichen Bedarf zu decken. Ferner habe sie einen
A-Level-Abschluss und einige Berufserfahrung im (...) gesammelt. Ihr Va-
ter habe sie bis zur Ausreise unterstützt, um ihren Lebensunterhalt zu be-
streiten. Auch ihre Ausreise sei durch ihren Vater und eine Tante finanziert
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worden. Zuletzt habe sie seit (...) 2015 bei ihrer Tante in J._ ge-
wohnt. Ob diese mittlerweile tatsächlich in L._ lebe, sei angesichts
der Gesamtumstände fraglich. Aktuell würden zwei Tanten in T._
und eine Tante in Q._ leben. Eine Tante und ein Onkel seien ins
Ausland gereist. Ferner habe sie eine gute Beziehung zu ihrer Schwägerin
und stehe in Kontakt mit ihr. Insgesamt müsse von einem stabilen ver-
wandtschaftlichen Beziehungsnetz ausgegangen werden, auf das sie sich
nach einer Rückkehr weiterhin stützen könne. Insbesondere scheine die
Beziehung zu ihrer wichtigsten Bezugsperson, ihrem Vater in E._,
gefestigt zu sein. Den medizinischen Unterlagen sei zu entnehmen, dass
sie schwer am Verlust ihres Mannes und ihrer Mutter leide und eine mittel-
gradige depressive Episode sowie eine PTBS aufweise. Es sei ebenfalls
eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp diag-
nostiziert worden. Das von ihr zuletzt eingenommene Antidepressivum Se-
quase (Wirkstoff: Quetiapine) sei in Sri Lanka registriert und könne via eine
grosse Apotheke bestellt werden. Die PTBS und depressiven Episoden
könnten auch im Norden Sri Lankas adäquat behandelt werden, auch wenn
der dortige Standard der Versorgung psychisch Erkrankter nicht mit dem-
jenigen in der Schweiz zu vergleichen sei. Es sei der Beschwerdeführerin
zuzumuten, eine entsprechende Einrichtung zur Behandlung ihrer psychi-
schen Beschwerden aufzusuchen. Ausserdem würden rund sieben Pro-
zent der Menschen im Distrikt F._ eine PTBS und Depressionen
aufweisen. Die Hintergründe für die PTBS der Beschwerdeführerin könn-
ten somit mannigfaltig sein. Überdies habe sich ihr Zustand gemäss Arzt-
bericht vom 24. Oktober 2019 bereits deutlich stabilisiert. Es stehe ihr über-
dies frei, bei der kantonalen Rückkehrberatungsstelle medizinische Rück-
kehrhilfe zu beantragen. In Bezug auf das Kindeswohl sei festzuhalten,
dass der heute erst (...)jährige Sohn bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
keine soziale Entwurzelung erleben würde, auch wenn sich das Kleinkind
auf die damit einhergehenden Veränderungen anzupassen habe. Nach ei-
ner sorgfältigen Gesamtwürdigung erweise sich der Vollzug der Wegwei-
sung nach Sri Lanka auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
7.3.2 Dem wird in der Beschwerde entgegengehalten, auch wenn der Zu-
stand der Beschwerdeführerin derzeit stabil sei, könne eine akute Dekom-
pensation im Falle einer unfreiwilligen Rückkehr nach Sri Lanka nicht aus-
geschlossen werden. Sie habe bereits in Sri Lanka drei Selbstmordversu-
che unternommen. In der Schweiz befinde sie sich seit Februar 2017 in
psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung und habe zwei Mal einer
stationären Krisenintervention bedurft. Trotz der deutlichen Stabilisierung
zeige sich klar, dass der Symptomatik traumatische Erfahrungen zugrunde
D-6569/2019
Seite 25
liegen würden. Die Beschwerdeführerin bedürfe bis auf Weiteres einer eng-
maschigen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung, andernfalls
eine erneute psychische Dekompensation sowie eine Chronifizierung der
Symptomatik eintreten könnten. Die Erfolgschancen einer Behandlung der
PTBS in Sri Lanka würden die behandelnden Ärzte als zweifelhaft ein-
schätzen. Ein Leben dort würde mit einer ständigen Angst einhergehen,
erneut gewaltsame Befragungen erleben zu müssen oder gar einer Le-
bensgefahr ausgesetzt zu sein. Unter diesen Umständen sei von einer
deutlichen psychischen Destabilisierung auszugehen. Somit wäre auch
das Kindeswohl nicht mehr gewährleistet. Hinzu komme, dass die Be-
schwerdeführerin in Sri Lanka grosser sozialer Stigmatisierung ausgesetzt
gewesen sei. Der Umstand, dass sie nun als alleinstehende Frau mit Kind
nach Sri Lanka zurückkehren würde, erhöhe die Stigmatisierung erst recht,
was eine weitere soziale Ächtung und Diskriminierung zur Folge hätte.
Diese erneute Stigmatisierung und der erneute soziale Rückzug würden
einen zu grossen psychischen Druck darstellen, zumal sie bereits aufgrund
der PTBS sehr vulnerabel sei. Dies hätte auch klar negative Konsequen-
zen für ihr Kind. Es komme hinzu, dass sie schon lange vor der Ausreise
wegen ihrer Heirat mit einem Mann aus einer "tieferen" Kaste, was einen
grossen Tabubruch darstelle, von ihren Brüdern verstossen worden sei.
Zudem werde sie von ihren Brüdern für den Tod der Mutter verantwortlich
gemacht. Sie könnte bei ihrer Rückkehr nicht auf ein funktionierendes fa-
miliäres Beziehungsnetz zurückgreifen. Allein zu ihrem Vater und – vor
Kontaktabbruch – zu ihrer Tante in K._ habe sie eine gute Bezie-
hung. Die Tante sei nach L._ geflohen und der Vater sei bereits alt
und gesundheitlich angeschlagen. Er lebe nun bei einer Tante mütterlicher-
seits in E._, da er Betreuung bedürfe. Finanziell sei er von seinen
zwei Söhnen abhängig. Auch wenn die Beschwerdeführerin von ihrem Va-
ter respektive dieser Tante aufgenommen würde, sei davon auszugehen,
dass sie – sollte ihr Vater eines Tages sterben – keine weitere Unterstüt-
zung von ihrer Familie erwarten könne. Es sei der Autorität des Vaters zu
verdanken, dass sie Unterstützung von der weiteren Familie mütterlicher-
seits erhalten habe. Zur Familie väterlicherseits gebe es seit Jahrzehnten
keinen Kontakt.
7.4
7.4.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). Da die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfül-
len, ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1
D-6569/2019
Seite 26
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des
Vollzuges beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und
völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Überein-
kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK,
SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
7.4.2 Weder aufgrund der Aussagen der Beschwerdeführerin noch auf-
grund der übrigen Akten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass die Be-
schwerdeführenden für den Fall einer Ausschaffung nach Sri Lanka dort
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder FoK ver-
botenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des
UN-Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete
Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall
einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008,
Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine
Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug nicht
als unzulässig erscheinen (vgl. dazu BVGE 2011/24 E. 10.4 und das wei-
terhin einschlägige Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2).
An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der aktuellen Ent-
wicklungen in Sri Lanka festzuhalten. Nach dem Gesagten ist der Vollzug
der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
7.5
7.5.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.5.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Der Wegweisungs-
vollzug in die Nordprovinz Sri Lankas ist zumutbar, wenn das Vorliegen der
individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähi-
gen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine
D-6569/2019
Seite 27
gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Ur-
teil E-1866/2015 E. 13.2). An dieser Einschätzung ist auch unter Berück-
sichtigung der aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka festzuhalten. Zwar
stellt sich die wirtschaftliche Situation in Sri Lanka aktuell sehr schwierig
dar. Allerdings können wirtschaftliche Schwierigkeiten, von welchen die vor
Ort ansässige Bevölkerung generell betroffen ist, für sich allein keine kon-
krete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellen (vgl. EMARK
2005 Nr. 24 E. 10.1 S. 215).
7.5.3 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Die Beschwerdeführerin stammt
aus dem Distrikt F._, wohin der Vollzug der Wegweisung grundsätz-
lich als zumutbar zu erachten ist. Der Ehemann der Beschwerdeführerin
und Vater der beiden Kinder, der aus demselben Distrikt stammt, wird
ebenfalls nach Sri Lanka weggewiesen (vgl. Urteil des BVGer D-4145/2021
vom 18. Juli 2022). Die Beschwerdeführerin wird somit als verheiratete
Frau in Begleitung ihres Ehemannes und der beiden gemeinsamen Kinder
in den Heimatstaat zurückkehren. Es ist davon auszugehen, dass der über
eine gute Schulausbildung, eine Berufsausbildung und Berufserfahrung
verfügende Ehemann sowie dessen Beziehungsnetz auch für die Be-
schwerdeführenden aufkommen werden (vgl. Urteil des BVGer
D-4145/2021 vom 18. Juli 2022 E. 9.4). Vor diesem Hintergrund kann auf
eine eingehende Prüfung des Bestehens eines tragfähigen familiären Be-
ziehungsnetzes innerhalb der Herkunftsfamilie der Beschwerdeführerin
und der finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten eines solchen verzichtet
werden. Deshalb sei nur am Rande angemerkt, dass das SEM in der an-
gefochtenen Verfügung diesbezüglich teilweise auf Aussagen in der abge-
brochenen Anhörung vom 16. Mai 2019 verweist, die in der Anhörung vom
28. Juni 2019 nicht erneut erfragt wurden (vgl. angefochtene Verfügung
S. 8; vgl. E. 5.3). Schliesslich erübrigen sich aufgrund der veränderten fa-
miliären Konstellation Ausführungen zur Situation von alleinstehenden
Frauen mit Kindern.
7.5.4 Die Beschwerdeführerin befindet sich seit Februar 2017 in psychiat-
risch-psychotherapeutischer Behandlung. Während zu Beginn im Wesent-
lichen eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1) beziehungs-
weise eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10
F43.21) diagnostiziert wurden und ein Verdacht auf eine emotional insta-
bile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (ICD-10 F60.31) bestand,
wird in den Berichten der (...) vom 24. Oktober 2019 und 6. Februar 2020
festgehalten, die Beschwerdeführerin leide an einer PTBS. Es erfolgten im
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Seite 28
(...) 2017 und (...) 2018 insgesamt drei stationäre Kriseninterventionen.
Gemäss dem Bericht vom 24. Oktober 2019 habe sich erst mit zunehmen-
dem Verlauf und gewonnenem Vertrauen eine zugrundeliegende traumati-
sche Symptomatik gezeigt. Es gelinge der Beschwerdeführerin zuneh-
mend, sich auch bezüglich schwieriger Themen zu öffnen. So schildere sie
langsam erste traumatische Erlebnisse, ohne ins Detail zu gehen. Die Be-
fragungen bezüglich des Asylstatus würden für sie einen Trigger darstellen,
durch welchen sie an traumatische Befragungen in ihrem Heimatland erin-
nert werde. Die Weiterführung der ambulanten psychiatrisch-psychothera-
peutischen Behandlung sei dringend indiziert. Eine Nichtbehandlung
könnte eine erneute psychische Dekompensation sowie eine Chronifizie-
rung der Symptomatik zur Folge haben. Durch die Behandlung sei die Be-
schwerdeführerin bereits deutlich stabiler als noch im Februar 2018. Für
die Reduktion des Leidensdruckes scheine eine weitere Behandlung un-
abdingbar. Solange die Beschwerdeführerin unsicher sei, ob sie in ihr Hei-
matland zurückmüsse, sei jedoch keine Behandlung der PTBS möglich,
sondern lediglich der Versuch, den Zustand zu stabilisieren. Ein Leben in
Sri Lanka würde für sie mit einer ständigen Angst einhergehen, erneut ge-
waltsame Befragungen erleben zu müssen oder gar einer Lebensgefahr
ausgesetzt zu sein. Unter diesen Umständen sei von einer deutlichen psy-
chischen Destabilisierung auszugehen, womit auch das Kindeswohl nicht
mehr gewährleistet wäre. Im Bericht vom 6. Februar 2020 wird ergänzend
festgehalten, die Beschwerdeführerin habe zuletzt wiederholt traumatisie-
rende Befragungen durch den Geheimdienst in ihrem Herkunftsland ge-
schildert. Aus psychiatrischer Sicht seien die Kriterien einer PTBS klar er-
füllt. Zu Beginn der Behandlung sei die Beschwerdeführerin noch kaum
fähig gewesen, über Vergangenes zu sprechen. Mit dem Aufbau einer zu-
nehmend tragfähigen Therapiebeziehung sei es ihr langsam aber zuneh-
mend gelungen, mehr über ihre traumatischen Erlebnisse zu berichten.
Erste Berichte seien nur bruchstückhaft gewesen. Im Verlauf habe sie de-
taillierter über das ihr Widerfahrene erzählen können.
7.5.5 Aus gesundheitlichen Gründen kann nur dann auf Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen
werden, wenn eine dringend notwendige medizinische Behandlung im Hei-
matland nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit der (Wei-
ter-)Behandlung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebensgefähr-
denden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder
gar zum Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls
nicht vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Stan-
dard entsprechende Behandlung grundsätzlich möglich ist (vgl. BVGE
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Seite 29
2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2
E. 9.3.2). Von einer solchen medizinischen Notlage ist mit Verweis auf die
vorstehende Erwägung 7.5.4 vorliegend nicht auszugehen. Ferner hat Sri
Lanka hinsichtlich der medizinischen Versorgung grosse Fortschritte ge-
macht; in den letzten Jahren wurde zunehmend in das Gesundheitswesen
investiert. Staatliche Krankenhäuser sind in jeder grösseren Stadt angesie-
delt, verfügen über modernes Gerät und bieten viele Behandlungsmetho-
den an. Auch psychische Probleme sind in Sri Lanka gemäss ständiger
Rechtsprechung adäquat behandelbar (vgl. statt vieler Urteile des BVGer
E-1756/2020 vom 6. April 2022 E. 8.3 m.w.H. und D-640/2019 vom 14. Juli
2021 E. 7.3.2 m.w.H.). Es ist demnach davon auszugehen, dass eine wei-
terführende psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung in Sri Lanka
möglich wäre. An dieser Einschätzung vermag der Umstand, dass die Be-
handlungsmöglichkeiten in Sri Lanka deutlich schwerer zugänglich sind als
in der Schweiz, nichts zu ändern. Hinsichtlich einer allfälligen Gefahr der
Suizidalität bei einem zwangsweisen Wegweisungsvollzug ist darauf hin-
zuweisen, dass vom Vollzug der Wegweisung gemäss konstanter Recht-
sprechung nicht Abstand zu nehmen ist, solange Massnahmen zur Verhü-
tung der Umsetzung einer Suiziddrohung getroffen werden können (vgl.
etwa Urteil des BVGer D-4227/2020 vom 4. März 2021 E. 8.3). Schliesslich
ist auf die Möglichkeit hinzuweisen, medizinische Rückkehrhilfe gemäss
Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG zu beantragen, welche durch die Abgabe von
Medikamenten, Hilfe bei der Ausreiseorganisation oder durch Unterstüt-
zung während und nach der Rückkehr gewährt werden kann.
7.5.6 Nachdem eine adäquate Behandelbarkeit der psychischen Probleme
der Beschwerdeführerin in Sri Lanka gegeben ist, spricht auch das Kindes-
wohl nicht gegen eine Rückkehr der Beschwerdeführerin mit ihren beiden
(...)- beziehungsweise (...)jährigen Kindern. Zudem ist erneut darauf hin-
zuweisen, dass die Beschwerdeführerin zusammen mit ihrem Ehemann
und Vater der Kinder und somit als ganze Familie zurückkehren wird, und
sie somit nicht alleine die Verantwortung für die Kinder zu tragen haben
wird. Im Übrigen kann auf die zutreffenden Ausführungen in der vorinstanz-
lichen Verfügung verwiesen werden (vgl. E. 7.3.1).
7.5.7 Es ist somit nicht davon auszugehen, die Beschwerdeführenden wür-
den bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aus individuellen Gründen wirt-
schaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzielle Not-
lage geraten, die als konkrete Gefährdung im Sinne der zu beachtenden
Bestimmung zu werten wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG). Nach dem Gesagten er-
weist sich der Vollzug der Wegweisung auch nicht als unzumutbar.
D-6569/2019
Seite 30
7.6 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente für sich und die Kinder zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG
und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist da-
her auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.7 Das SEM hat den Wegweisungsvollzug demnach zu Recht als zuläs-
sig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen
Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie voll-
ständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich über-
prüfbar – angemessen ist. Gründe für eine Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz sind nicht ersichtlich. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit der Beschwerde
gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
wurde jedoch mit Verfügung vom 17. Dezember 2019 gutgeheissen (vgl.
Bst. I). Da aufgrund der Akten nicht davon auszugehen ist, die finanziellen
Verhältnisse der Beschwerdeführerin hätten sich seither in relevanter
Weise verändert, ist diese nach wie vor als bedürftig zu erachten. Es sind
daher keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
9.2 Ebenfalls mit Instruktionsverfügung vom 17. Dezember 2019 wurde
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
gutgeheissen und lic. iur. Fabienne Zannol als amtliche Rechtsbeiständin
beigeordnet (vgl. Bst. I). Mit Gesuch vom 29. Mai 2020 ersuchte diese um
ihre Entlassung aus dem öffentlich-rechtlichen Mandat und um Einsetzung
von MLaw Michèle Künzi als neue amtliche Rechtsbeiständin, es sei denn,
die Sache sei spruchreif und es seien keine weiteren Verfahrenshandlun-
gen notwendig (vgl. Bst. M). Nach Verfassen der Eingabe vom 4. März
2020 ist sie im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht mehr tätig gewor-
den, wobei dem Gericht auch keine weiteren Verfahrenshandlungen not-
wendig erschienen. In der Folge orientierte MLaw Michèle Künzi das Ge-
richt mit Schreiben vom 17. Februar 2021 und 29. Juni 2021 über die
Schwangerschaft der Beschwerdeführerin beziehungsweise über die Ge-
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Seite 31
burt der Tochter C._ (vgl. Bst. N und O). Nachdem die erfolgte Ge-
burt von C._ auch dem Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) zu entnehmen ist, rechtfertigen diese beiden sehr kurzen Informa-
tionsschreiben keinen Mandatswechsel und das entsprechende Gesuch
wird mit Erlass des vorliegenden Urteils gegenstandslos.
9.3 Für die Aufwendungen der amtlichen Rechtsbeiständin ist ein Honorar
auszurichten (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädi-
gung Art. 7 ff. des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE]). Bei amtli-
cher Vertretung geht das Gericht in der Regel von einem Stundenansatz
von Fr. 200.− bis Fr. 220.− für Anwältinnen und Anwälte und von Fr. 100.−
bis Fr. 150.− für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl.
Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu
entschädigen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Lic. iur. Fabienne Zannol hat in
ihrer Kostennote vom 10. Dezember 2019 ein Honorar von total Fr. 2'939.−
(inkl. Spesenpauschale von Fr. 50.– und Mehrwertsteuerzuschlag) einge-
setzt. Der ausgewiesene zeitliche Aufwand von 15 Stunden erscheint an-
gemessen und die Spesenpauschale von Fr. 50.– erscheint nach Durch-
sicht der Akten plausibel. Hingegen ist der Stundenansatz von Fr. 180.–
auf Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter zu reduzie-
ren. In der Kostennote nicht enthalten ist der für die Eingaben vom 16. De-
zember 2019, 9. Januar 2020 und 4. März 2020 getätigte Aufwand, wel-
cher von Amtes wegen auf 3.25 Stunden zu veranschlagen ist. Der ge-
samte Aufwand beläuft sich demnach auf 18.25 Stunden. Nachdem der
Honoraranspruch von lic. iur. Fabienne Zannol bei ihrer damaligen Arbeit-
geberin, der (...), verblieben ist, ist Letzterer ein Honorar von Fr. 3'000.–
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zu Lasten des Gerichts aus-
zurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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