Decision ID: 25952f14-cd72-56c3-a50f-bf210adc09b8
Year: 2020
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 
Law Sub-area: 
Label: approval

Facts:
Sachverhalt und Erwägungen:
1.
1.1 Am 9. April 2020 wies das Sozialamt der Einwohnergemeinde (EG) C._ das Gesuch von A._ um Ausrichtung von  Sozialhilfe ab mit der Begründung, dieser habe trotz mehrmaliger schriftlicher Aufforderung die zur Abklärung der Bedürftigkeit erforderlichen Unterlagen nicht eingereicht und zwei Gesprächstermine unentschuldigt nicht wahrgenommen. Hiergegen erhob A._ am 7. Mai 2020  beim Regierungsstatthalteramt .... Darin führte er, wie bereits in einer früheren Eingabe, unter anderem aus, er fühle sich missverstanden resp. nicht ernst genommen und schikaniert; es sei zu prüfen, ob das Verfahren nicht aufgrund von Befangenheit einem anderen  zur Behandlung zuzuweisen sei. Mit Eingabe vom 10. Mai 2020 lehnte er den Regierungsstatthalter sowie Mitarbeitende des  C._ wegen Befangenheit ab. Der Regierungsstatthalter leitete dieses Schreiben am 15. Mai 2020 an die Direktion für Inneres und Justiz des Kantons Bern (DIJ) weiter und beantragte selber, das Verfahren aufgrund von Befangenheit einem anderen Regierungsstatthalteramt zu übertragen. Die DIJ wies mit Verfügung vom 9. Juni 2020 das Ablehnungs- bzw. Selbstablehnungsgesuch ab, da keine Umstände vorlägen, die auf eine Befangenheit hindeuteten.
1.2 Unter Bezugnahme auf diese Verfügung ist A._ am 30. Juni 2020 an das Verwaltungsgericht gelangt. Mit Schreiben vom 3. Juli 2020 hat der Abteilungspräsident A._ mitgeteilt, dass die Beschwerdeschrift den formellen Anforderungen nicht genügen dürfte, aber innert der noch laufenden dreissigtägigen Rechtsmittelfrist verbessert werden könne. Weiter hat er auf den Grundsatz der Schriftlichkeit des Verfahrens sowie auf die sich daraus ergebende Unzulässigkeit von Eingaben per E-Mail hingewiesen. Am 3. und 6. Juli 2020 hat der Beschwerdeführer zwei handschriftlich verfasste Eingaben per E-Mail eingereicht. In der Folge hat er praktisch täglich E-Mails an das Verwaltungsgericht gesandt. Der Regierungsstatthalter beantragt mit Beschwerdeantwort vom 23. Juli 2020 die Gutheissung der Beschwerde, während die DIJ mit Vernehmlassung vom 10. August 2020 beantragt, die
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 09.09.2020, Nr. 100.2020.248U, Seite 3
Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Der Instruktionsrichter hat die am 22. August 2020 per E-Mail eingegangene Stellungnahme des Beschwerdeführers den übrigen Verfahrensbeteiligten am 25. August 2020 unter Hinweis darauf zugestellt, allfällige Bemerkungen bis am 8. September 2020 einzureichen. In ihren Eingaben vom 2. September 2020 bzw. vom 4. September 2020 halten die DIJ bzw. der Regierungsstatthalter an den bisherigen Anträgen fest.
2.
2.1 Der angefochtene Entscheid über die Ablehnungsbegehren hat den Charakter einer Zwischenverfügung und ist selbstständig anfechtbar (Art. 74 Abs. 3 i.V.m. Art. 61 Abs. 1 Bst. b und Abs. 2 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]). In der  geht es um die Gewährung von wirtschaftlicher Hilfe. Da insoweit die Verwaltungsgerichtsbeschwerde zulässig wäre, ist sie es auch gegen die strittige Zwischenverfügung (Art. 74 Abs. 1 i.V.m. Art. 76 und 77 sowie Art. 75 Bst. a VRPG [Umkehrschluss]; vgl. auch Art. 52 Abs. 3 des Gesetzes vom 11. Juni 2001 über die öffentliche Sozialhilfe [Sozialhilfegesetz, SHG; BSG 860.1]).
2.2 Der Beschwerdeführer hat am vorinstanzlichen Verfahren , ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung (Art. 79 Abs. 1 VRPG).
2.3 Nach Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 Abs. 2 VRPG muss eine  unter anderem einen Antrag und eine Begründung enthalten. An Laieneingaben werden praxisgemäss keine hohen  gestellt. Auch von Laien wird aber erwartet, dass sie dartun, inwiefern und aus welchen Gründen der angefochtene Entscheid beanstandet wird. Die Begründung muss sich wenigstens in minimaler Form mit dem  Entscheid auseinandersetzen und sinngemäss darauf schliessen , inwiefern dieser unrichtig sein soll (vgl. BVR 2006 S. 470 E. 2.4). Weiter gilt der Grundsatz der Schriftlichkeit (vgl. Art. 31 VRPG). Das bedeutet pra-
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xisgemäss Papierform; eine gewöhnliche E-Mail ist nicht ausreichend (BVR 2012 S. 241 E. 4.5, 2011 S. 564 E. 2.3.2). – Allein die schriftliche, rechtsgenüglich unterzeichnete Beschwerdeschrift vom 30. Juni 2020 nimmt auf den Inhalt der angefochtenen Verfügung kaum Bezug und lässt sowohl einen konkreten Antrag als auch sachbezogene Vorbringen gegen die  Verfügung vermissen. Im Verbund mit den bis zum Ablauf der  eingegangenen, handschriftlich verfassten und  (aber elektronisch übermittelten) Eingaben vom 3. und 6. Juli 2020 wird aber klar, dass der Beschwerdeführer nach wie vor primär den  als befangen erachtet. Dies wird bestätigt durch spätere Eingaben des Beschwerdeführers, so namentlich durch jene vom 22. August 2020 (act. 10), in der er den angerufenen Ausstandsgrund weiter konkretisiert. Die Beschwerde genügt damit (knapp) den im Falle von Laienbeschwerden  Anforderungen, wobei der Antrag so zu verstehen ist, dass der Beschwerdeführer einerseits die Aufhebung des Entscheids der DIJ vom 9. Juni 2020 verlangt und andererseits den Ausstand des  anbegehrt. Auf die innert der gesetzlichen Frist (vgl. Art. 81 Abs. 1 VRPG) eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2.4 Die Beurteilung der vorliegenden Streitigkeit fällt in die  Zuständigkeit (Art. 57 Abs. 2 Bst. b des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).
2.5 Das Verwaltungsgericht überprüft den angefochtenen Entscheid auf Rechtsverletzungen hin (Art. 80 Bst. a und b VRPG).
3.
Strittig ist, ob der Regierungsstatthalter wegen Befangenheit gemäss Art. 9 Abs. 1 Bst. f VRPG in den Ausstand zu treten hat.
3.1 Eine Person, die eine Verfügung oder einen Entscheid zu treffen oder vorzubereiten oder als Mitglied einer Behörde zu amten hat, tritt in den , wenn sie aus anderen als den in Art. 9 Abs. 1 Bst. a-e VRPG  Gründen in der Sache befangen sein könnte (Art. 9 Abs. 1 Bst. f
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VRPG). Diese Generalklausel erfasst namentlich Eigeninteressen, , enge Beziehungen und Interessenbindungen, die keinen  Ausstandsgrund erfüllen, aufgrund der konkreten Umstände aber doch auf mangelnde Unparteilichkeit schliessen lassen. Solche Umstände können entweder in einem bestimmten persönlichen Verhalten oder in gewissen funktionellen und organisatorischen Gegebenheiten begründet sein, wobei nicht auf das subjektive Empfinden einer Partei abzustellen ist, sondern das Misstrauen in objektiver Weise begründet erscheinen muss. Ein  liegt freilich nicht erst dann vor, wenn ein Behördenmitglied  befangen ist. Es genügt, wenn Umstände vorliegen, die objektiv den  der Befangenheit begründen. Dabei kann das Zusammentreffen verschiedener Umstände, die für sich allein den Ausstand nicht zu  vermögen, zum Anschein der Befangenheit führen. Nach der Praxis des Verwaltungsgerichts ist bei der Auslegung von Art. 9 Abs. 1 Bst. f VRPG auch die bundesgerichtliche Rechtsprechung zu Art. 29 und 30 der  (BV; SR 101) zu berücksichtigen (vgl. zum Ganzen etwa BVR 2015 S. 213 E. 3.1, 2014 S. 216 E. 2.1).
3.2 Für die durch Art. 29 Abs. 1 BV gewährleistete Unabhängigkeit und Unparteilichkeit nichtrichterlicher Behörden gelten zwar nicht ohne weiteres die gleichen Grundsätze wie für Gerichtsbehörden. Auch die  nichtrichterlicher Behörden ist aber infrage gestellt, wenn  Umstände vorliegen oder glaubhaft gemacht sind, die den Anschein des Misstrauens in Behördenmitglieder begründen. Der sich aufdrängende Anschein der Befangenheit ist stets zu vermeiden (weiterführend BVR 2015 S. 213 E. 3.2). – Bei der Selbstablehnung eines Behördenmitglieds gelten dieselben objektiven Kriterien wie bei dessen Ablehnung durch eine Partei. Es darf nicht jede Ausstandserklärung einer Amtsperson unbesehen  werden. Denn der Anspruch auf Beurteilung durch die ordentlichen, durch Gesetz bestimmten Verwaltungsrechtspflegeorgane kann auch dadurch verletzt sein, dass sich einzelne Amtspersonen oder eine ganze  vorschnell als befangen erklären, um sich unangenehmer  zu entledigen. Der Ausstand muss deshalb die Ausnahme bleiben. Die Befürchtungen mangelnder Unvoreingenommenheit müssen aufgrund der konkreten Umstände im Einzelfall als ernsthaft und begründet erschei-
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nen, damit sich ein Ausstand als rechtmässig erweist (BVR 2015 S. 213 E. 3.3).
3.3 Die DIJ hat das Ablehnungs- und Selbstablehnungsgesuch  mit der Begründung abgewiesen, es seien keine konkreten Äusserungen ersichtlich, welche darauf schliessen liessen, der  habe sich bereits eine abschliessende Meinung über den  des Verfahrens gebildet. Bei objektiver Betrachtung sei kein Anschein der Befangenheit begründet. In ihrer Eingabe vom 2. September 2020 führt sie weiter aus, es dürfe aufgrund des Anspruchs auf Beurteilung durch die gesetzlich bestimmten Verwaltungsrechtspflegeorgane nicht leichtfertig auf das Vorliegen eines Ausstandsgrunds geschlossen werden, andernfalls «Verwaltungsverfahren von unbequemen Bürgerinnen und Bürgern ohne weiteres an ein anderes Regierungsstatthalteramt» weitergereicht werden könnten. – Dieser Auffassung hält der Beschwerdeführer entgegen, seine Beziehung zum Regierungsstatthalter sei «endgültig und wohl auch  eskaliert», zumal dieser mit Strafanzeigen gegen ihn gedroht habe. Wenn selbst der Regierungsstatthalter den Anschein einer gewissen  eingestehe, könne nicht ernsthaft behauptet werden, ein solcher sei bei objektiver Sicht nicht gegeben. Die kategorische Ablehnung der DIJ, sein Dossier einem anderen Regierungsstatthalteramt zur Bearbeitung , stelle eine Praxisänderung dar, für die es keine ernsthaften und  Gründe gebe.
3.4 Wie die Vorinstanz zutreffend erwogen hat, lassen die tatsächlichen und verfahrensrechtlichen Umstände den Schluss nicht zu, der  habe sich in Bezug auf die Beurteilung der Beschwerde vom 7. Mai 2020 bereits in einem Mass festgelegt, das ihn nicht mehr als  und dementsprechend das Verfahren als nicht mehr offen  lässt. Ebenso wenig kann vorliegend allein aus der Tatsache auf mangelnde Unparteilichkeit geschlossen werden, dass der  gegen einen Mitarbeiter des Sozialamtes C._ Strafanzeige wegen falschen Anschuldigungen erhoben hat (vgl. dazu den Beschluss BK 20 195 des Oberichts des Kantons Bern, Beschwerdekammer in Strafsachen, vom 8.6.2020, welcher die Nichtanhandnahme der Regionalen Staatsanwaltschaft ... vom 27.4.2020 bestätigt, Vorakten DIJ, act. 7A pag.
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34-36). Aus den Akten ergibt sich jedoch, dass trotz grossen Bemühens des Regierungsstatthalters um Sachlichkeit, Klärung und Deeskalation die verbalen Anfeindungen bzw. Entgleisungen des Beschwerdeführers den  zwangen, deutliche Worte der Abgrenzung zu wählen, auf die der Beschwerdeführer im Gegenzug umso gehässiger reagierte. Der E-Mail-Verkehr lässt dabei insgesamt erkennen, dass der Konflikt im Nachgang zum Entscheid der DIJ noch virulenter geworden ist und den  zur Prüfung veranlasst hat, Strafanzeige gegen den  wegen Beschimpfung, übler Nachrede und weiterer Delikte zu erheben (vgl. Beschwerdeantwort vom 23.7.2020, act. 6 S. 2; vgl. auch BGer 1B_664/2012 vom 19.4.2013, in forumpoenale 2015 S. 269 E. 3.3, mit Verweis auf BGE 134 I 20 E. 4.3.2 [Pra 97/2008 Nr. 73], 1B_236/2019 vom 9.7.2019 E. 2.1 und 1B_401/2019 vom 4.10.2019 E. 3.5, je auch zum Folgenden). Die unzähligen E-Mails und das Verhalten des  setzten den Regierungsstatthalter nach dessen Ausführungen praktisch ausser Stande, das Beschwerdeverfahren im Hinblick auf einen zeitnahen Entscheid in der (grundsätzlich beförderlich zu behandelnden) Hauptsache voranzutreiben. Damit hat der Konflikt zwischen dem  und dem Beschwerdeführer eine persönliche Dimension , welche die Unbefangenheit des Regierungsstatthalters direkt tangiert. Die Auseinandersetzung hat gesamthaft betrachtet eine Intensität erreicht, welche die Unvoreingenommenheit des Regierungsstatthalters nicht mehr bloss geringfügig infrage stellt. Der Regierungsstatthalter kommt denn in seinen schlüssigen Ausführungen selber zum Ergebnis, dass auch bei objektiver Sicht der Anschein einer gewissen Befangenheit seiner Person nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen sei.
3.5 In Würdigung der gesamten Umstände kann aus objektiver Sicht nicht davon ausgegangen werden, dass der Regierungsstatthalter in der Lage ist, das Beschwerdeverfahren unvoreingenommen zu führen und innert gebotener Frist mit einem Entscheid abzuschliessen. Da somit aufgrund der konkreten Gegebenheiten die Befürchtung mangelnder  ernsthaft und begründet erscheint, wird entgegen der DIJ nicht etwa vorschnell oder leichtfertig auf Befangenheit erkannt. Folglich hat der  im Beschwerdeverfahren in den Ausstand zu treten und wird die DIJ das Verfahren einem anderen Regierungsstatthalteramt zuweisen
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 09.09.2020, Nr. 100.2020.248U, Seite 8
(vgl. die Eingaben der DIJ und des Beschwerdegegners vom 2. bzw. 4.9.2020 sowie Beschwerdeantwort vom 23.7.2020; ferner BVR 2017 S. 459 Bst. B; Keusen/Lanz, Der Sprungrekurs im Kanton Bern, in BVR 2005 S. 49 ff., 75).
4.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen und die angefochtene  der DIJ vom 9. Juni 2020 ist aufzuheben. Regierungsstatthalter B._ ist anzuweisen, im Beschwerdeverfahren Nr. SHBV 11/2020 (betreffend die Verfügung des Sozialamts C._ vom 9.4.2019) in den Ausstand zu treten.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind weder Verfahrenskosten zu  (Art. 102 VRPG i.V.m. Art. 53 SHG) noch Parteikosten zu sprechen (Art. 108 Abs. 3 und Art. 104 Abs. 1 VRPG).

Considerations: