Decision ID: 4db9865a-6cd8-577c-89e9-be654c209a58
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 3. November 2014 in der Schweiz um
Asyl. Mit Verfügung vom 13. Januar 2015 stellte das SEM fest, er erfülle die
Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Weg-
weisung aus der Schweiz, ordnete aber wegen Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an (vgl. Aktenstück A25 in N-Dossier
[...]). Die Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
Mit Urteil des Regionalgerichts Imboden vom 4. Juni 2019 wurde der Be-
schwerdeführer wegen sexueller Handlung mit einem Kind, mehrfachen Dieb-
stahls, geringfügigen Diebstahls, Hehlerei, Irreführung der Rechtspflege, Ver-
gehens gegen das Betäubungsmittelgesetz, mehrfacher Übertretung des Be-
täubungsmittelgesetzes sowie mehrfacher Übertretung des Personenbeför-
derungsgesetzes zu einer Freiheitsstrafe von 255 Tagen verurteilt. Gleichzei-
tig sprach das Gericht eine Landesverweisung gemäss Art. 66a StGB für die
Dauer von sieben Jahren aus und ordnete die Ausschreibung der Landesver-
weisung im Schengener Informationssystem an. Dieser Entscheid erwuchs
unangefochten in Rechtskraft (elektronische Akten des SEM [SEM act.] 3).
C.
Mit Schreiben vom 22. September 2020 teilte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer mit, aufgrund des Urteils des Regionalgerichts Imboden vom 4. Juni 2019
beabsichtige es, die vorläufige Aufnahme aufzuheben und gewährte ihm
hierzu das rechtliche Gehör (SEM act. 5). Das Schreiben wurde dem SEM mit
dem Vermerk «nicht abgeholt» von der Post retourniert (SEM act. 6). Nach
einem weiteren erfolglosen Zustellversuch konnte ihm das Schreiben des
SEM vom 23. Oktober 2020 zugestellt werden (SEM act. 11).
D.
Nachdem innert Frist keine Stellungnahme eingereicht wurde, stellte das SEM
mit Verfügung vom 23. November 2020 fest, dass die am 13. Januar 2015
angeordnete vorläufige Aufnahme gemäss Art. 83 Abs. 9 AIG (SR 142.20) er-
loschen sei (SEM act. 13).
E.
Mit an das SEM adressierter und von diesem an das Bundesverwaltungsge-
richt weitergeleiteter Eingabe vom 12. Dezember 2020 (Eingang beim SEM:
21. Dezember 2020) erhob der Beschwerdeführer gegen die vorinstanzliche
F-6578/2020
Seite 3
Verfügung vom 23. November 2020 Beschwerde. Er beantragte sinngemäss
die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung (SEM act. 16).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden
nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsge-
richts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG
liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Be-
urteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet im Bereich des Aus-
länderrechts betreffend Erlöschen der vorläufigen Aufnahme endgültig (Art.
83 Bst. c Ziff. 3 BGG).
2.
Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG
(vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.2 Bei Beschwerden gegen Verfügungen des SEM betreffend Feststellung
des Erlöschens der vorläufigen Aufnahme ist lediglich zu prüfen, ob die Vor-
instanz zu Recht das Bestehen eines Erlöschenstatbestandes im Sinne von
Art. 83 Abs. 9 beziehungsweise Art. 84 Abs. 4 AIG festgestellt hat. Sofern das
Gericht den vorinstanzlichen Feststellungsentscheid als unrechtmässig er-
achtet, hebt es die angefochtene Verfügung auf, womit die vorläufige Auf-
nahme weiterhin Bestand hat (vgl. Urteil des BVGer D-4836/2020 vom 9. Ok-
tober 2020 E. 2.2).
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend auf-
F-6578/2020
Seite 4
gezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Beschwer-
deentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Ge-
stützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriftenwechsel
verzichtet.
5.
5.1 Gemäss Art. 83 Abs. 9 AIG wird die vorläufige Aufnahme nicht verfügt
oder erlischt, wenn eine Landesverweisung nach Art. 66a oder 66abis StGB
oder Art. 49a oder 49abis MStG rechtskräftig geworden ist.
5.2 Das Regionalgericht Imboden hat mit Urteil vom 4. Juni 2019 (unter ande-
rem) gestützt auf Art. 66a StGB eine Landesverweisung von sieben Jahren
ausgesprochen (SEM act. 3). Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in
Rechtskraft (SEM act. 1).
5.3 Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe bezüglich der
eingetretenen Rechtskraft der Landesverweisung zusammenfassend geltend,
er habe eine Depression gehabt, als sein Kind weggekommen sei und sein
Anwalt habe ihn nicht über die Möglichkeit einer Berufung gegen das Strafur-
teil vom 4. Juni 2019 aufgeklärt. Er habe vom Urteil vor dem Gerichtsgebäude
erfahren. Seine Partnerin habe den Anwalt mehrmals auf Facebook ange-
schrieben, um eine andere Lösung zu finden. Hätte er den Entscheid besser
verstanden, so hätte er dagegen sofort Einsprache erhoben.
5.4 Das Strafurteil des Regionalgerichts Imboden vom 4. Juni 2019 wurde am
5. Juni 2019 mündlich begründet und eröffnet. Der Beschwerdeführer war da-
bei amtlich verteidigt, weshalb davon auszugehen ist, dass er von seinem
Rechtsvertreter über den Entscheid und dessen Folgen aufgeklärt wurde. So-
fern der Beschwerdeführer ausführt, seine Partnerin habe seinen damaligen
Anwalt konsultiert, um eine Lösung zu finden, so zeigt dies gerade auf, dass
dem Paar durchaus bewusst war, was das erstinstanzliche Strafgericht ent-
schieden hatte. Es wäre dem Beschwerdeführer im Übrigen auch offen ge-
standen, sich an einen anderen Rechtsvertreter zu wenden oder selbst innert
Frist Berufung beim Regionalgericht Imboden anzumelden.
5.5 Eine Rechtsverletzung ist nicht ersichtlich. Die Vorinstanz hat zu Recht
das Erlöschen der vormals angeordneten vorläufigen Aufnahme nach Art. 83
Abs. 9 AIG festgestellt. Es erübrigt sich damit, auf die weiteren Vorbringen des
Beschwerdeführers einzugehen. Im Übrigen ist es ihm – soweit er geltend
macht, seine Partnerin und Mutter seines Kindes Ende April in der Schweiz
F-6578/2020
Seite 5
heiraten zu wollen – zuzumuten, den Ausgang eines Verfahrens um Ehevor-
bereitung im Ausland abzuwarten.
5.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz mit Verfügung
vom 23. November 2020 zu Recht das Erlöschen der am 13. Januar 2015
angeordneten vorläufigen Aufnahme festgestellt hat.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die vorliegende Verfügung Bundes-
recht nicht verletzt und die Beschwerde abzuweisen ist.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
F-6578/2020
Seite 6