Decision ID: 4fe19655-71e2-48bf-aeb7-e9a33321e735
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 7. Mai 2022 – zusammen mit seiner Mutter
(N [...]) – in die Schweiz einreiste, wo sie am 9. Mai 2022 ein Gesuch um
vorübergehenden Schutz einreichten,
dass der Beschwerdeführer anlässlich der Kurzbefragung vom 9. Mai 2022
zu Protokoll gab, er habe Russland im Alter von 12 Jahren verlassen und
seither im Ausland gelebt,
dass er seine Kindheit in Thailand verbracht und dort auch das Bachelor-
studium, den Masterstudiengang jedoch in England absolviert habe,
dass er 2012 in die Ukraine gezogen sei und dort gearbeitet habe und sich
beruflich zeitweise auch in China aufgehalten habe,
dass er in der Ukraine seit 2013 über eine Niederlassungsbewilligung
(«permanent residence permit») verfüge,
dass seine Mutter ukrainischer Staatsangehörigkeit sei und in der Ukraine
gelebt habe und auch sein Vater (ein ehemaliger russischer Staatsbürger,
der inzwischen eine andere Familie habe) dort eingebürgert worden sei,
dass der Beschwerdeführer mit (...) Jahren (Anm. des Gerichts: im Jahr
2023) – nach 10-jährigem legalen Aufenthalt in der Ukraine – ebenfalls An-
spruch auf den ukrainischen Pass gehabt hätte,
dass er sich in Russland einzig im Jahr 2015 kurz aufgehalten habe,
zwecks Erneuerung des Reisepasses,
dass er nicht nach Russland zurückkehren könne, weil er gegen das Re-
gime sei, dort keine Unterkunft habe und als Einzelkind bei seiner Mutter,
die mit ihm in die Schweiz gereist sei, bleiben müsse,
dass er zur Stützung seiner Vorbringen seinen russischen Reisepass so-
wie seine ukrainische Niederlassungsbewilligung zu den Akten reichte,
dass der Beschwerdeführer am 9. Mai 2022 zusammen mit seiner Mutter
dem Kanton Schwyz zugewiesen wurde,
dass seiner Mutter am 12. Mai 2022 vorübergehender Schutz in der
Schweiz gewährt wurde,
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dass das SEM das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung des
vorläufigen Schutzes mit Verfügung vom 25. Mai 2022 – eröffnet am
27. Mai 2022 – abwies und die Wegweisung sowie den Vollzug anordnete,
dass es den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz am Tag nach Ein-
tritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen, um in seinen Heimatsstaat
beziehungsweise sein Herkunftsstaat oder zur Weiterreise in einen ande-
ren ausserhalb des Schengen-Raums liegenden Staat, in dem er aufge-
nommen werde, zu gelangen, unter der Androhung von Zwangsmassnah-
men im Unterlassungsfall,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 22. Juni 2022 gegen diesen
Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob und
beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und dem Be-
schwerdeführer sei vorübergehender Schutz zu gewähren, es sei die Un-
rechtmässigkeit der Ziff. 3 des Dispositivs festzustellen, eventualiter sei die
Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und dem Be-
schwerdeführer die vorläufige Aufnahme zu gewähren,
dass er in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung, der amtlichen Verbeiständung sowie den Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses beantragte,
dass die zuständige Instruktionsrichterin mit Zwischenverfügung vom
28. Juni 2022 festhielt, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Ver-
fahrens in der Schweiz abwarten, die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege sowie um Befreiung von der Kostenvorschuss-
pflicht guthiess und die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechts-
beiständin einsetzte,
dass das SEM mit Schreiben vom 5. Juli 2022 explizit auf eine Stellung-
nahme verzichtete,

Considerations:
und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht gemäss Art. 31 VGG zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig entscheidet
(Art. 83 bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 72 i.V.m. Art. 105 AsylG [SR 142.31]),
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dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 72 i.V.m. Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass sich die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen
Rügen im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (i.V.m. Art. 72 AsylG)
richten, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (BVGE
2014/26 E. 5),
dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden wird (Art. 72 i.V.m. Art. 111 Bst. e AsylG) und
es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 72 i.V.m. Art. 111a Abs. 2
AsylG),
dass der Bundesrat am 11. März 2022 gestützt auf Art. 66 Abs. 1 AsylG
eine Allgemeinverfügung zur Gewährung des vorübergehenden Schutzes
im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine erlassen hat (BBI 2022
586),
dass gemäss dieser Allgemeinverfügung den folgenden Personengruppen
vorübergehender Schutz in der Schweiz gewährt wird:
a) schutzsuchenden ukrainischen Staatsbürgerinnen und -bürgern
und ihren Familienangehörigen, welche vor dem 24. Februar 2022 in
der Ukraine wohnhaft waren,
b) schutzsuchenden Personen anderer Nationalitäten und Staaten-
losen sowie deren Familienangehörigen, welche vor dem 24. Feb-
ruar 2022 einen internationalen oder nationalen Schutzstatus in der
Ukraine hatten,
c) Schutzsuchenden anderer Nationalität und Staatenlosen sowie ih-
ren Familienangehörigen, welche mit einer gültigen Kurzaufenthalts-
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oder Aufenthaltsbewilligung belegen können, dass sie über eine gül-
tige Aufenthaltsberechtigung in der Ukraine verfügen und nicht in Si-
cherheit und dauerhaft in ihre Heimatländer zurückkehren können,
dass das SEM zur Begründung der angefochtenen Verfügung vom 25. Mai
2022 ausführte, Abklärungen hätten ergeben, dass der Beschwerdeführer
nicht zu der vom Bundesrat definierten Gruppe der schutzberechtigten Per-
sonen gehöre, «weil er in Sicherheit und dauerhaft in sein Heimatland zu-
rückkehren könne»,
dass auch der Vollzug der Wegweisung zulässig sei, woran nichts ändere,
dass er gegen das Putin-Regime eingestellt sei,
dass weder die in seinem Heimatstaat herrschende politische Situation
noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit der Wegweisung sprechen
würden, zumal der Beschwerdeführer grundsätzlich gesund sei, Russisch
spreche und langjährige Arbeitserfahrung in der Ukraine, in Grossbritan-
nien und in den letzten drei Jahren in China gesammelt habe, wobei er
noch ein kleines Beziehungsnetz in Russland habe,
dass er sich zwar von seiner Mutter trennen müsse, die letzten drei Jahre
aber ohnehin nicht mit ihr zusammengelebt habe,
dass der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde geltend machte, das
SEM stütze sich auf einen unrichtigen Sachverhalt, indem festgestellt wor-
den sei, er habe die letzten drei Jahre in China verbracht, was weder den
Tatsachen noch seinen Aussagen entspreche,
dass das SEM sodann seine Begründungspflicht bezüglich der Rückkehr
nach Russland in Sicherheit und Dauerhaftigkeit verletzt habe,
dass er Russland im Kindesalter verlassen und sich seit 27 Jahren nicht
mehr dort aufgehalten habe, dort über keinerlei Besitz verfüge und sein
einzig dort lebender Verwandter ein Cousin mütterlicherseits sei, zu dem
er seit 2014 aufgrund unterschiedlicher politischer Einstellungen bezüglich
der russischen Annexion der Krim keinen Kontakt mehr habe,
dass er über kein soziales Netz in Russland verfüge und die Politik Putins
verurteile,
dass er sich ausserdem in Kiew in einem Bunker während zwei Wochen
habe aufhalten müssen, der bombardiert worden sei, er viele ukrainische
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Freunde habe, deren Wohnungen und Häuser zerbombt worden seien, und
seine Eltern beide ukrainische Staatsangehörige seien,
dass seine psychische Gesundheit als Kriegsopfer bei einer Rückkehr
nach Russland stark beeinträchtigt würde, zumal er sich in Russland nicht
kritisch über den Krieg in der Ukraine äussern könne und gezwungen wäre
mitanzusehen, wie Russland seinen Krieg gegen die eigentliche Heimat
fortsetze,
dass auch eine sichere Rückkehr nicht gewährleistet sei, da er bei einer
Rückkehr nach Russland gemäss aktueller Berichterstattung einer Befra-
gung unterzogen würde (weshalb seine Eltern Ukrainer seien und er nicht
sofort nach Kriegsausbruch nach Russland zurückgekehrt sei), wobei eine
Rückkehr mit willkürlichen Anklagen und Verhaftungen verbunden sei,
dass das Verwaltungs- respektive Asylverfahren vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht wird (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat
(vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.).
dass gemäss Art. 29 Abs. 2 BV die Parteien eines Verfahrens Anspruch auf
rechtliches Gehör haben, wonach die verfügende Behörde die Vorbringen
des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der
Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheid-
begründung niederschlagen muss (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1 m.w.H.),
dass das SEM den Sachverhalt offenbar aktenwidrig feststellte, indem es
in der angefochtenen Verfügung davon ausging, der Beschwerdeführer
habe die letzten drei Jahre in China gelebt, die Stempel in seinem Reise-
pass jedoch auf verschiedene Ein- und Ausreisen (China) in den Jahren
2016 bis 2019 hindeuten,
dass die entsprechende Rüge des Beschwerdeführers zu Recht erhoben
wurde und das SEM auch auf Ebene der Vernehmlassung nicht weiter da-
rauf eingegangen ist,
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dass der Sachverhalt sodann auch ungenügend erstellt wurde, indem das
SEM weder bezüglich des Bestehens eines sozialen Netzes noch bezüg-
lich der Aussage, er könne nicht nach Russland zurückkehren, weil er «ge-
gen das Regime sei», weitere Abklärungen vorgenommen hat,
dass entsprechende Abklärungen vorliegend unumgänglich scheinen, zu-
mal der Beschwerdeführer Russland als Kind verlassen hat und dort nie
als Erwachsener und seit 27 Jahren nicht mehr gelebt hat,
dass angesichts des überaus restriktiven Umgangs mit politischen Dissi-
denten in Russland sowie der engen Beziehungen des Beschwerdeführers
zur Ukraine und seinen Aussagen in der Kurzbefragung auch der Frage
einer möglichen Gefährdung aus politischen Gründen hätte nachgegangen
werden müssen,
dass das SEM denn in diesem Zusammenhang auch seiner Begründungs-
pflicht nicht genügend nachkommt, indem sich die angefochtene Verfü-
gung in der Feststellung erschöpft, er gehöre nicht zur definierten Perso-
nengruppe, weil er in Sicherheit und dauerhaft nach Russland zurückkeh-
ren könne,
dass die Vorinstanz schliesslich gehalten ist – im Falle einer Verweigerung
der Gewährung des vorübergehenden Schutzes – das Verfahren gemäss
Art. 69 Abs. 4 AsylG als ordentliches Asylverfahren fortzusetzen, wobei
eine zusätzliche Anhörung zu den Asylgründen nach Art. 29 AsylG durch-
zuführen wäre, falls um Schutz im Sinne von Art. 18 AsylG ersucht wird
(vgl. Urteil des BVGer E-2877/2022 vom 6. Juli 2022),
dass der Beschwerdeführer in der Kurzbefragung und auf Beschwerde-
ebene angegeben hat, er habe im Falle einer Rückkehr in seinen Heimats-
staat dort mit Verfolgungsmassnahmen zu rechnen, womit er auch Gründe
gemäss Art. 18 AsylG geltend gemacht und damit ein Asylgesuch gestellt
hat,
dass das Bundesverwaltungsgericht gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG die Sa-
che ausnahmsweise mit verbindlichen Anweisungen an die Vorinstanz zu-
rückweisen kann,
dass im vorliegenden Fall die Sache an das SEM zurückzuweisen ist, zu-
mal – wie bereits erwähnt – die angefochtene Verfügung verfahrensrecht-
liche Mängel aufweist,
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dass die Beschwerde demnach gutzuheissen ist, soweit die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung beantragt wird, und die Sache zur vollständigen
Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen
ist,
dass sich weitere Erwägungen zu den Beschwerdevorbringen, insbeson-
dere zu Ziff. 3 der angefochtenen Verfügung, an dieser Stelle erübrigen,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Verfahrenskosten zu erhe-
ben sind (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG),
dass angesichts des Obsiegens dem vertretenen Beschwerdeführer in An-
wendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 ff. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) zulasten des SEM im Rahmen
der zusammen mit der Beschwerdeschrift eingereichten Kostennote eine
Parteientschädigung – abzüglich der geltend gemachten Sekretariatskos-
ten, die indes nicht ausreichend detailliert dargelegt wurden – von insge-
samt Fr. 1’361.– (gerundet; inkl. Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von
Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE), zuzusprechen ist.
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