Decision ID: 21211516-95be-5ca1-9509-1fda226f09a1
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im April 2014 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu einer
Altersrente der AHV an (EL-act. 59). Sie gab an, sie wohne in einem in ihrem Eigentum
stehenden Haus mit einem amtlichen Schätzwert von 182’000 Franken und einem
amtlich geschätzten Eigenmietwert von 8’640 Franken, das mit einer Hypothek von
252’000 Franken belastet sei, für die sie jährlich 3’157.50 Franken Zinsen bezahlen
müsse (EL-act. 59–10). Diese Angaben beruhten auf einer amtlichen
Steuerwertschätzung vom 5. Februar 2014, der sich unter anderem entnehmen liess,
dass sich die Wohnfläche auf 108 Quadratmeter belief (EL-act. 61), sowie auf einem
Hypothekarkreditvertrag respektive einer Kreditabrechnung per 31. Dezember 2013
(EL-act. 62–3). Mit einer Verfügung vom 13. Juni 2014 sprach die EL-
Durchführungsstelle der EL-Ansprecherin mit Wirkung ab dem 1. April 2014 eine
Ergänzungsleistung zu (EL-act. 49). Bei der Anspruchsberechnung hatte sie die
kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung, die
Hypothekarzinsen, eine Gebäudeunterhaltspauschale, den amtlich geschätzten
Eigenmietwert, eine Nebenkostenpauschale sowie die Pauschale für den allgemeinen
Lebensbedarf als Ausgaben und die Altersrente der AHV, eine Witwenrente der
beruflichen Vorsorge, einen Vermögensertrag von zwölf Franken sowie den
Eigenmietwert der Liegenschaft als Einnahmen berücksichtigt (EL-act. 50).
A.a.
Mit einem Schreiben vom 21. Dezember 2018 liess die nun durch ihre Tochter
vertretene EL-Bezügerin eine Kopie eines Mietvertrages einreichen (EL-act. 28). Dieser
war am 1. Dezember 2017 zwischen der EL-Bezügerin als Mieterin und der Tochter als
Vermieterin abgeschlossen worden (EL-act. 29). Das Mietobjekt war das Haus, das
sich im Jahr 2014 noch im Eigentum der EL-Bezügerin befunden hatte. Der Mietzins
betrug – einschliesslich einer Nebenkostenpauschale von 150 Franken sowie einer
Heiz- und Warmwasserpauschale von 50 Franken – 1’350 Franken pro Monat. Im Mai
A.b.
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2019 ging der EL-Durchführungsstelle unter anderem ein Erbteilungsvertrag vom 3.
November 2017 betreffend den Nachlass des im November 2013 verstorbenen
Ehemannes der EL-Bezügerin zu (EL-act. 20–3 ff.). Die Erbengemeinschaft hatte aus
der EL-Bezügerin und der Tochter bestanden; der Sohn war im Erbteilungsvertrag nicht
angeführt. Der Nachlass hatte lediglich die Liegenschaft beinhaltet, deren
Übernahmepreis von der Erbengemeinschaft auf 246’000 Franken festgesetzt worden
war. Auf der Liegenschaft hatte eine Pfandschuld von insgesamt 285’000 Franken
gelastet. Die Tochter der EL-Bezügerin hatte die Liegenschaft von der
Erbengemeinschaft zum Alleineigentum erworben. Eine Sachbearbeiterin der EL-
Durchführungsstelle notierte im Mai 2019 (EL-act. 14), der Eigentümerwechsel der
Liegenschaft könne erst mit Wirkung ab dem Meldemonat berücksichtigt werden. Der
vertraglich vereinbarte Mietzins sei zwar jeweils effektiv bezahlt worden, aber er sei
deutlich höher als der amtlich geschätzte Eigenmietwert. Als Wohnkosten seien nur der
Eigenmietwert von 8’640 Franken und die Nebenkostenpauschale von 1’680 Franken
pro Jahr zu berücksichtigen. Mit einer Verfügung vom 29. Mai 2019 erhöhte die EL-
Durchführungsstelle die laufende Ergänzungsleistung rückwirkend per 1. Januar 2019
um 219 Franken pro Monat (EL-act. 12).
Am 26. Juni 2019 erhob die EL-Bezügerin eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 29. Mai 2019 (EL-act. 9). Sie beantragte die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und die Neuberechnung der Ergänzungsleistung unter Berücksichtigung des
gesetzlichen Mietzinsmaximums von 13’200 Franken und ohne Anrechnung eines
Vermögensertrages. Zur Begründung führte sie aus, ihre Bankauszüge wiesen keinen
Vermögensertrag von zwölf Franken aus. Die Monatsmiete für das Haus sei deutlich
höher als von der EL-Durchführungsstelle angenommen. Mit einem Entscheid vom 14.
August 2019 erhöhte die EL-Durchführungsstelle in teilweiser Gutheissung der
Einsprache die Ergänzungsleistung rückwirkend ab Januar 2019 (EL-act. 2). Sie hielt
fest, der vertraglich vereinbarte Mietzins sei übersetzt, da die Wohnfläche nur 52
Quadratmeter betrage und da das Haus in einer Gegend mit relativ günstigen
Mietzinsen liege. Folglich sei der amtliche Eigenmietwert als angemessener Mietzins zu
berücksichtigen. Allerdings sei nicht die Nebenkostenpauschale hinzuzurechnen, denn
die vertraglich vereinbarten Nebenkosten von 200 Franken pro Monat seien nicht
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
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B.

Considerations:
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
übersetzt. Als Wohnkosten sei zusammenfassend ein Betrag von 11’040 Franken (=
8’640 + 2’400 Franken) zu berücksichtigen.
Am 12. September 2019 erhob die EL-Bezügerin (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 14.
August 2019 (act. G 1). Sie beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides und die Zusprache einer unter Berücksichtigung des
gesetzlichen Mietzinsmaximums berechneten Ergänzungsleistung. Zur Begründung
führte sie aus, die Wohnfläche betrage 108 Quadratmeter. Der Mietpreis sei
gerechtfertigt. Regelmässig würden in der Umgebung kleinere Wohnungen zu höheren
Mietpreisen ausgeschrieben.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 7. Oktober 2019 die Abweisung der Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung
verwies sie auf den angefochtenen Einspracheentscheid sowie auf eine Stellungnahme
eines Sachbearbeiters vom 4. Oktober 2019 (EL-act. 65), in der festgehalten worden
war, die Abweichung zwischen dem vertraglich vereinbarten Mietzins und dem
amtlichen Eigenmietwert sei unabhängig von der Wohnfläche auffällig gross. Das
Häuschen dürfe nicht mit einer modernen 3,5 Zimmer-Wohnung verglichen werden.
B.b.
Die Beschwerdeführerin hielt am 11. November 2019 an ihren Anträgen fest (act.
G 5). Sie wies darauf hin, dass ihr „salopp genanntes Häuschen“ für einen Augenschein
offen stehe, was es der Beschwerdegegnerin erlauben sollte, die Angemessenheit des
Mietzinses zu beurteilen. In der Beilage reichte die Beschwerdeführerin mehrere
Inserate von Wohnungen in der Ortschaft ein, mit denen kleinere Wohnungen zu
höheren Zinsen angeboten worden waren (act. G 5.3).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 6 f.).B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
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des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Auch beim Einspracheverfahren hat es
sich um ein („echtes“) Rechtsmittelverfahren gehandelt, was bedeutet, dass sein
Zweck darin bestanden hat, die Verfügung vom 29. Mai 2019 auf deren
Rechtmässigkeit zu überprüfen. Folglich hat der Gegenstand des Einspracheverfahrens
jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen müssen, das am 29.
Mai 2019 abgeschlossen worden war. Bei jenem Verwaltungsverfahren hatte es sich
um ein Revisionsverfahren im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt, denn die
Beschwerdeführerin hatte im Dezember 2018 ein Gesuch um eine revisionsweise
Anpassung der laufenden Ergänzungsleistung infolge einer Veräusserung der selbst
bewohnten Liegenschaft gestellt, das von der Beschwerdegegnerin – zusammen mit
einer später geltend gemachten Reduktion des Vermögensertrages – in der Folge
geprüft worden war. Das Verwaltungsverfahren hat also nicht eine umfassende Prüfung
des Ergänzungsleistungsanspruchs der Beschwerdeführerin, sondern nur die Frage
nach der Anpassung der laufenden Ergänzungsleistung an zwei
Sachverhaltsveränderungen – die Veräusserung der selbst bewohnten Liegenschaft
und den Rückgang des Vermögensertrages – zum Inhalt gehabt. Auch in diesem
Beschwerdeverfahren ist folglich nur zu prüfen, ob und allenfalls wie sich diese
Sachverhaltsveränderung auf den laufenden EL-Anspruch der Beschwerdeführerin
ausgewirkt hat.
2.
Die Beschwerdeführerin hat nicht bereits in ihrem Gesuch vom Dezember 2018,
sondern erst im März 2019 (im Rahmen einer periodischen Überprüfung des
Ergänzungsleistungsanspruchs) auf den Rückgang des Vermögensertrages von zwölf
Franken auf sieben Franken hingewiesen. Gemäss dem Art. 25 Abs. 2 lit. d ELV hätte
diese Sachverhaltsveränderung erst mit Wirkung ab dem 1. März 2019 und nicht
bereits mit Wirkung ab dem 1. Januar 2019 berücksichtigt werden dürfen.
Grundsätzlich müsste der angefochtene Einspracheentscheid entsprechend korrigiert
werden, das heisst für die beiden Monate Januar und Februar 2019 müsste ein um fünf
Franken tieferer Ausgabenüberschuss berücksichtigt werden. Da der
Ausgabenüberschuss für die Bemessung der Ergänzungsleistung jeweils auf den
nächsthöheren, restlos durch zwölf teilbaren Betrag aufgerundet wird, würde diese
Korrektur wohl ohne Auswirkung auf das Ergebnis bleiben. Beliefe sich der
Ausgabenüberschuss zum Beispiel auf 2’000 Franken, resultierte ein EL-Anspruch von
2’004 Franken pro Jahr beziehungsweise von 167 Franken pro Monat. Eine Reduktion
des Ausgabenüberschusses um fünf Franken auf 1’995 Franken bliebe ohne
Auswirkung auf den EL-Anspruch, weil auch dieser Betrag auf 2’004 Franken
aufzurunden wäre. Anders verhielte es sich zum Beispiel bei einem
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Ausgabenüberschuss von 1’000 Franken: Der EL-Anspruch würde 1’008 Franken pro
Jahr respektive 84 Franken pro Monat betragen; bei einer Reduktion um fünf Franken
würde der Ausgabenüberschuss weniger als die nächsttiefere, restlos durch zwölf
teilbare Zahl betragen, nämlich 995 Franken, weshalb er nur noch auf 996 Franken pro
Jahr respektive 83 Franken pro Monat aufzurunden wäre. Angesichts der
verbleibenden Unsicherheiten bezüglich der definitiven Höhe der Ergänzungsleistung
für die Zeit ab Januar 2019 (vgl. E. 3) kann folglich nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit feststehen, ob die Korrektur des Vermögensertrages für die beiden
Monate Januar und Februar 2019 zu einer rückwirkenden Reduktion der
Ergänzungsleistung führen würde. Eine solche Reduktion könnte aber jedenfalls nicht
mehr als einen Franken pro Monat und damit insgesamt nicht mehr als zwei Franken
betragen. Bei diesem Ergebnis wäre die Androhung einer reformatio in peius nicht nur
unverhältnismässig, sondern letztlich sogar irreführend gewesen, weshalb das
Versicherungsgericht davon abgesehen hat.
3.
Die Beschwerdeführerin hat mit ihrer Tochter, die die Liegenschaft zu Eigentum
übernommen hatte, im Dezember 2017 einen Mietvertrag abgeschlossen, mit dem sie
sich verpflichtet hat, der Tochter monatlich 1’350 Franken (einschliesslich einer
Nebenkostenpauschale von 200 Franken) für die Miete des Wohnhauses respektive
des Grundstücks zu bezahlen. Der reine Mietzins ohne die Nebenkosten hat sich also
auf 13’800 Franken pro Jahr belaufen (= 12 × 1’150 Franken). Diesen Mietzins hat die
Beschwerdeführerin effektiv bezahlt. Der Eigenmietwert der Liegenschaft war aber
amtlich auf lediglich 8’640 Franken, das heisst auf lediglich gut 60 Prozent des
zwischen der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter vereinbarten Mietzinses geschätzt
worden. Angesichts dieser Diskrepanz, des laufenden EL-Bezugs und des engen
verwandtschaftlichen Verhältnisses zwischen den Mietparteien hat sich die
Beschwerdegegnerin zu Recht die Frage gestellt, ob der Mietzins übersetzt sei. Aus
nicht nachvollziehbaren Gründen hat sie diesbezüglich aber keinerlei Abklärungen
getätigt, sondern sie hat unbesehen auf den amtlichen Eigenmietwert abgestellt,
obwohl ihr bekannt sein musste, dass der amtliche Eigenmietwert in aller Regel
(deutlich) tiefer als der reale Marktmietwert ist. Die von der Beschwerdeführerin mit der
Replik eingereichten beispielhaften Mietangebote zeigen, dass der amtliche
Eigenmietwert auch im vorliegenden Fall tiefer als der Marktmietwert gewesen sein
dürfte. Die Beschwerdegegnerin hätte jedenfalls Abklärungen bezüglich des
angemessenen Mietzinses tätigen müssen, das heisst sie hätte eine unabhängige
Fachperson mit einer Abklärung des Marktmietwertes beauftragen müssen, da sie
offenkundig nicht über das dazu notwendige Fachwissen verfügt hat. Das hat sie
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unterlassen, womit sie ihre Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) verletzt hat. Der
angefochtene Einspracheentscheid ist deshalb als rechtswidrig aufzuheben. Die Sache
ist zur Einholung einer unabhängigen Marktmietwertschätzung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Rahmen des wieder aufzunehmenden
Verwaltungsverfahrens wird die Beschwerdegegnerin auch abklären, ob der vertraglich
vereinbarte Mietzins tatsächlich bezahlt worden ist, da sich bei den Akten ein
Zahlungsnachweis über einen Betrag von 1’150 Franken statt von 1’350 Franken
befindet (EL-act. 19).
4.
Das Verfahren ist gemäss dem nach Art. 83 ATSG anwendbaren Art. 61 lit. a ATSG in
der bis zum 31. Dezember 2020 gültigen Fassung kostenlos.