Decision ID: 6dc3a089-b6d7-4cf9-ae07-0f5a910f4eca
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Der Vizepräsident entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau verurteilte A. mit Strafbefehl
ST.2020.10561 vom 19. Mai 2021 wegen geringfügigen Diebstahls zu einer
Busse von Fr. 600.00, ersatzweise 6 Tage Freiheitsstrafe, sowie zu den
Verfahrenskosten von Fr. 546.00.
1.2.
Der Strafbefehl wurde A. am 21. Mai 2021 zur Abholung bis am 27. Mai
2021 angezeigt und mit dem Vermerk "nicht abgeholt" am 28. Mai 2021 an
die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau zurückgeschickt.
1.3.
A. erhob mit Schreiben vom 7. Dezember 2021 (Postaufgabe am 8. De-
zember 2021) "Einspruch".
1.4.
Mit Überweisungsverfügung vom 16. Dezember 2021 leitete die Staatsan-
waltschaft Lenzburg-Aarau die Einsprache von A. an das Bezirksgericht
Aarau weiter, mit dem Hinweis, dass die Einsprache verspätet sein dürfte,
ansonsten mit dem Antrag auf Bestrafung gemäss Strafbefehl.
2.
Mit Verfügung vom 7. Januar 2022 trat der Präsident des Bezirksgerichts
Aarau zufolge Ungültigkeit (Verspätung) auf die Einsprache nicht ein und
stellte fest, dass der Strafbefehl ST.2020.10561 vom 19. Mai 2021 in
Rechtskraft erwachsen sei.
3.
3.1.
Gegen diese ihm am 12. Januar 2022 zugestellte Verfügung erhob A. mit
Eingabe vom 18. Januar 2021 (Postaufgabe am 19. Januar 2022) bei der
Beschwerdekammer in Strafsachen des Obergerichts des Kantons Aargau
Beschwerde mit dem sinngemässen Begehren, auf die unverschuldet ver-
spätete Einsprache sei einzutreten und er sei von Schuld und Strafe freizu-
sprechen.
3.2.
Mit Eingabe vom 25. Januar 2022 verzichtete die Staatsanwaltschaft Lenz-
burg-Aarau auf eine Beschwerdeantwort.
3.3.
Der Präsident des Bezirksgerichts Aarau erklärte mit Schreiben vom
25. Januar 2022, er verzichte auf eine Vernehmlassung.
- 3 -

Considerations:
Der Vizepräsident zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO ist die Beschwerde gegen Verfügungen
der erstinstanzlichen Gerichte zulässig. Ausgenommen sind verfahrenslei-
tende Entscheide. Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die das
erstinstanzliche Verfahren ST.2021.230 abschliessende Verfügung des
Präsidenten des Bezirksgerichts Aarau vom 7. Januar 2022. Beschwerde-
ausschlussgründe gemäss Art. 394 StPO liegen nicht vor. Damit ist die Be-
schwerde zulässig.
1.2.
Die übrigen Eintretensvoraussetzungen sind erfüllt und geben zu keinen
Bemerkungen Anlass. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (Art. 396 Abs. 1 i.V.m. Art. 385 Abs. 1 StPO) ist somit einzutreten.
1.3.
Ist die Beschwerdeinstanz ein Kollegialgericht, was im Kanton Aargau ge-
mäss § 65 Abs. 2 GOG i.V.m. § 9 f. und Anhang 1 Ziff. 2 Abs. 5 der Ge-
schäftsordnung des Obergerichts vom 21. November 2012 der Fall ist, so
beurteilt der Verfahrensleiter die Beschwerde allein, wenn diese - wie im
vorliegenden Fall - ausschliesslich Übertretungen zum Gegenstand hat
(Art. 395 lit. a StPO).
2.
2.1.
Der Präsident des Bezirksgerichts Aarau führte in der angefochtenen Ver-
fügung aus, der Beschwerdeführer habe die eingeschriebene Postsendung
mit dem Strafbefehl vom 19. Mai 2021, die ihm zur Abholung gemeldet wor-
den sei, nicht abgeholt, weshalb sie am 28. Mai 2021 an den Absender
retourniert worden sei. Da der Beschwerdeführer nachweislich Kenntnis
vom gegen ihn angehobenen Strafverfahren gehabt habe, sei vorliegend
die Zustellfiktion nach Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO anwendbar (vgl. polizeiliche
Einvernahme des Beschwerdeführers vom 15. Dezember 2020 mit Ver-
weis auf die Verzeigung an die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau). Dem-
nach gelte der Strafbefehl als am 27. Mai 2021 zugestellt. Die Einsprache
vom 7. Dezember 2021 sei am 8. Dezember 2021 der Schweizerischen
Post übergeben worden und damit zu spät erfolgt. Auf die Einsprache sei
mangels Gültigkeit nicht einzutreten und der Strafbefehl bleibe wirksam.
2.2.
Der Beschwerdeführer macht in seiner Beschwerde sinngemäss geltend,
er habe sich zum Zeitpunkt der Zustellung im Mai 2021 im Ausland aufge-
halten, weshalb er die Postsendung mit dem Strafbefehl nicht habe entge-
gennehmen können.
- 4 -
3.
3.1.
Gemäss Art. 354 Abs. 1 StPO kann die beschuldigte Person gegen einen
Strafbefehl innert zehn Tagen bei der Staatsanwaltschaft schriftlich Ein-
sprache erheben. Die Frist beginnt mit der Zustellung des Strafbefehls (vgl.
Art. 384 lit. b StPO), wobei der Tag der Zustellung bei der Fristberechnung
nicht mitgezählt wird (Art. 90 Abs. 1 StPO). Die Frist ist eingehalten, wenn
die Verfahrenshandlung spätestens am letzten Tag bei der zuständigen
Behörde vorgenommen wird (Art. 91 Abs. 1 StPO). Eingaben müssen spä-
testens am letzten Tag der Frist bei der Strafbehörde abgegeben werden
oder zu deren Handen der Schweizerischen Post, einer schweizerischen
diplomatischen oder konsularischen Vertretung oder, im Falle von inhaftier-
ten Personen, der Anstaltsleitung übergeben werden (Art. 91 Abs. 2 StPO).
Die Zustellung erfolgt durch eingeschriebene Postsendung oder auf andere
Weise gegen Empfangsbestätigung, insbesondere durch die Polizei
(Art. 85 Abs. 2 StPO). Sie ist gemäss Art. 85 Abs. 3 StPO erfolgt, wenn die
Sendung von der Adressatin oder dem Adressaten oder von einer ange-
stellten oder im gleichen Haushalt lebenden, mindestens 16 Jahre alten
Person entgegengenommen wurde. Eine eingeschriebene Postsendung,
die nicht abgeholt worden ist, gilt zudem am siebten Tag nach dem erfolg-
losen Zustellungsversuch als zugestellt, sofern die Person mit einer Zustel-
lung rechnen musste (Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO). Die Begründung eines
Prozessrechtsverhältnisses verpflichtet die Parteien, sich nach Treu und
Glauben zu verhalten und unter anderem dafür zu sorgen, dass ihnen be-
hördliche Akten zugestellt werden können, welche das Verfahren betreffen.
Von einer verfahrensbeteiligten Person wird namentlich verlangt, dass sie
für die Nachsendung ihrer an die angegebene Adresse gelangenden Kor-
respondenz besorgt ist und sie der Behörde gegebenenfalls längere Orts-
abwesenheiten mitteilt oder eine Stellvertretung ernennt. Die genannte Ob-
liegenheit dauert jedoch nicht unbeschränkt. Das Bundesgericht hat hin-
sichtlich der gebotenen Aufmerksamkeitsdauer verschiedentlich einen Zeit-
raum bis zu einem Jahr seit der letzten verfahrensrechtlichen Handlung der
Behörde als vertretbar bezeichnet (Urteil des Bundesgerichts 6B_674/2019
vom 19. September 2019 E. 1.4.2 und 1.4.3 m.w.H.).
3.2.
Vom Hinweis, dass er von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau einge-
schriebene Briefpost erhalten werde, nahm der Beschwerdeführer an der
polizeilichen Einvernahme vom 15. Dezember 2020 unterschriftlich Kennt-
nis (act. 21). Es ist im Übrigen unbestritten und ergibt sich aus der Sen-
dungsverfolgung der Schweizerischen Post, dass ihm die Postsendung mit
dem Strafbefehl vom 19. Mai 2021 am 20. Mai 2021 zur Abholung bis am
27. Mai 2021 gemeldet wurde. Am 28. Mai 2021 wurde die Sendung mit
dem Vermerk "nicht abgeholt" an die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau
zurückgesandt (act. 39). Die Zustellung des Strafbefehls erfolgte innerhalb
- 5 -
von fünf Monaten nach der Einvernahme des Beschwerdeführers, weshalb
dieser in diesem Zeitraum mit der Zustellung einer Sendung rechnen
musste.
Musste der Beschwerdeführer somit mit Mitteilungen der Strafbehörden
rechnen, hätte er für die Zeit seiner damaligen Auslandabwesenheit seine
Erreichbarkeit für behördliche Korrespondenz gewährleisten oder zumin-
dest die Strafbehörden über seine Auslandabwesenheit informieren müs-
sen, was er aber ohne hinreichenden Grund unterlassen hat.
Der Strafbefehl vom 19. Mai 2021 hat deshalb als am 27. Mai 2021 (dem
siebten Tag der Abholfrist) zugestellt zu gelten. Die zehntägige Einsprache-
frist begann somit am 28. Mai 2021 zu laufen und endete - da der 6. Juni
2021 als zehnter Tag auf einen Sonntag fiel - am 7. Juni 2021. Die Vor-
instanz hat folglich zu Recht festgestellt, dass die erst am 8. Dezember
2021 der Schweizerischen Post übergebene Einsprache offensichtlich ver-
spätet erfolgt und der Strafbefehl vom 19. Mai 2021 in Rechtskraft erwach-
sen ist. Die Beschwerde erweist sich damit als unbegründet und ist abzu-
weisen.
4.
Beim vorliegenden Ausgang des Beschwerdeverfahrens unterliegt der Be-
schwerdeführer vollumfänglich, weshalb ihm die obergerichtlichen Verfah-
renskosten aufzuerlegen sind (Art. 428 Abs. 1 StPO) und ihm keine Ent-
schädigung auszurichten ist.