Decision ID: 5181e9b4-33ea-5795-ad6d-4fd29b311bea
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 20. Mai 2016 zusammen mit seiner Mutter
sowie seinen drei Geschwistern B._, C._ und D._ le-
gal mit einem in E._ ausgestellten Visum in die Schweiz ein und
suchte am 25. Mai 2016 um Asyl nach. Im Zeitpunkt der Einreise des Be-
schwerdeführers hielten sich bereits sein Vater sowie seine volljährigen
Brüder F._, G._ und H._ (N [...]; Asylgewährung am
3. August 2015) in der Schweiz auf.
B.
Am 2. Juni 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) und am 5. Septem-
ber 2017 die Anhörung zu den Asylgründen des Beschwerdeführers statt.
Im Wesentlichen machte er geltend, er sei syrischer Staatsangehöriger,
arabischer Ethnie und stamme aus Damaskus. Sein Bruder G._ sei
(...) und sein Bruder H._ (...). Die beiden hätten (...) und seien des-
halb vom syrischen Regime gesucht worden. Als er in der achten Klasse
gewesen sei, seien Angehörige des Regimes zu ihnen nach Hause gekom-
men. Dabei sei es zu einer Auseinandersetzung gekommen und die Sol-
daten hätten seinen Bruder F._ angeschossen. Wenig später sei
dieser verhaftet und mehrere Tage festgehalten worden. Nach dessen Ent-
lassung seien sie von I._, Damaskus, nach J._, Damaskus,
umgezogen. Nachdem seinem Vater am (...) 2015 die Arbeitsstelle gekün-
digt und er in der Folge behördlich gesucht worden sei, habe sich dieser
zusammen mit F._ versteckt gehalten. Ein ehemaliger Nachbar
habe seiner Mutter sodann mitgeteilt, dass die Behörden an ihrem vorheri-
gen Wohnort in I._ mehrmals nach ihnen gesucht hätten. Einige
Zeit danach hätten sie zudem erfahren, dass ihr Haus in I._ von den
Behörden beschlagnahmt worden sei.
Er selbst habe in Syrien keine konkreten Probleme gehabt. Zu Beginn der
Revolution, bevor sein Bruder F._ verletzt worden sei, habe er an
friedlichen Protesten teilgenommen. Er habe aber befürchtet, an einem
Kontrollposten angehalten und zu seinem Vater und seinen Brüdern be-
fragt zu werden. Zudem hätte er im Alter von 18 Jahren in den Militärdienst
einrücken müssen und das Land nicht mehr verlassen können. Am 18. Mai
2016 habe er Syrien zusammen mit seiner Mutter sowie B._,
C._ und D._ verlassen.
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C.
Die Brüder F._ (N [...]) und G._ (N [...]) erhielten am 19. Ap-
ril 2018 respektive am 11. Juni 2018 in der Schweiz Asyl.
D.
Mit Verfügung vom 8. Februar 2019 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und schob den Vollzug
der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Auf-
nahme auf.
Die Vorinstanz gewährte mit Verfügung gleichen Datums den Eltern sowie
den minderjährigen Geschwistern B._, C._ und D._
(N [...]) Asyl (Einbezug der Mutter sowie der minderjährigen Geschwister
in die Flüchtlingseigenschaft des Vaters).
E.
Mit Schreiben vom 1. März 2019 ersuchte der Beschwerdeführer die Vor-
instanz um Einsicht in sein Asyldossier sowie – unter Beilage der entspre-
chenden Einwilligungserklärungen – in jene seiner Familienangehörigen.
F.
Mit Eingabe vom 8. März 2019 reichte der Beschwerdeführer gegen den
vorinstanzlichen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
ein. Er beantragt, die Verfügung der Vorinstanz sei in den Ziffern 1 bis und
mit 3 des Dispositivs aufzuheben. Es sei die Flüchtlingseigenschaft festzu-
stellen. Es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache zur rechts-
genüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu
bewilligen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Es sei ihm in der Person des Unterzeichnenden ein unentgeltlicher Rechts-
beistand zu bestellen. Es sei ihm nach Erhalt der Akten der Vorinstanz Ge-
legenheit zur Ergänzung der Beschwerde zu geben und ihm dafür eine ge-
nügende Frist anzusetzen.
Der Beschwerde lagen folgende Dokumente in Kopie bei: das Aktenein-
sichtsgesuch an die Vorinstanz, der positive Asylentscheid und der N-Aus-
weis des Vaters, die Aufenthaltsbewilligungen von F._, H._
und G._ sowie das Schreiben an das Sozialamt des Kantons
K._ zwecks Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit.
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Seite 4
G.
Am 11. März 2019 liess die Vorinstanz dem Beschwerdeführer die editions-
pflichtigen Akten seines Dossiers sowie am 14. März 2019 die zu edieren-
den Aktenstücke seiner Familienangehörigen zukommen.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 21. März 2019 erhielt der Beschwerdeführer
Gelegenheit zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung.
I.
Am 22. März 2019 ging beim Gericht eine durch den Beschwerdeführer
eingereichte Mittellosigkeitserklärung des Sozialamtes des Kantons
K._ vom 20. März 2019 ein.
J.
In der Beschwerdeergänzung vom 1. April 2019 hielt der Beschwerdeführer
an seinen Anträgen und der Begründung fest.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 3. April 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, hiess das Gesuch um
amtliche Rechtsverbeiständung gut, setzte Rechtsanwalt Bernhard Jüsi als
amtlichen Rechtsbeistand des Beschwerdeführers ein und lud die Vor-
instanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
L.
In der Vernehmlassung vom 11. April 2019 schloss die Vorinstanz auf Ab-
weisung der Beschwerde. Das Gericht stellte dem Beschwerdeführer die
Vernehmlassung am 15. April 2019 zur Kenntnisnahme zu.
M.
Am 17. April 2019 liess der Beschwerdeführer dem Gericht die Honorar-
note seines Rechtsvertreters zukommen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016
3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
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bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
3.
3.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs-
vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerde-
führer in der Schweiz vorläufig aufgenommen hat.
3.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz-
lich Asyl. Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asyl-
suchende Person dann, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlit-
ten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft begründeterweise befürchten muss, welche ihr gezielt und
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aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Heimatstaates
oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind beziehungsweise
zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37).
Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich –
aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – aus heutiger Sicht
– mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen
(vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5).
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers seien nicht asylrelevant. Für die
Annahme einer begründeten Furcht vor einer künftigen Rekrutierung rei-
che es nicht aus, im dienstfähigen Altern zu sein und zu befürchten, irgend-
wann ausgehoben zu werden. Die Furcht vor einer zukünftigen Rekrutie-
rung sei nicht begründet. Der Beschwerdeführer habe Syrien im Alter von
(...) Jahren verlassen und sich damit einer Erfassung durch die Militärbe-
hörden entzogen. Demnach seien die syrischen Behörden bis zu seiner
Ausreise nicht mit ihm in Kontakt getreten, um ihn in den Militärdienst ein-
zuberufen.
Was eine mögliche Reflexverfolgung wegen seiner Familienangehörigen
betreffe, bestünden keine konkreten Anhaltspunkte, die auf eine solche
schliessen lassen würden. Zwar habe er zu Beginn der Revolution an fried-
lichen Protesten teilgenommen. Diese hätten aber keine Konsequenzen für
ihn gehabt. Zum damaligen Zeitpunkt sei er zudem erst (...) oder (...) Jahre
alt gewesen und habe nichts Konkretes über die Demonstrationsteilnah-
men zu berichten gewusst. Ein politisches Engagement bedeutenden Aus-
masses sei auszuschliessen. Die persönliche Angst vor einer allfälligen
Reflexverfolgung sei nicht als Hinweis für eine solche zu werten. Er habe
nie gesagt, persönlich Kontakt mit Behördenvertretern, Geheimdienst-
oder Armeeangehörigen gehabt zu haben oder geltend gemacht, es würde
zwangsläufig zu einem solchen Kontakt kommen. Vielmehr habe er zwi-
schen 2012 und 2016 unbehelligt in J._ wohnen und zur Schule
gehen können. Die Tatsache, dass seine drei volljährigen Brüder sowie
sein Vater Schwierigkeiten mit dem syrischen Regime gehabt hätten, ver-
schärfe sein persönliches Gefährdungsprofil nicht. Die schwierige Lage in
Syrien sei schliesslich auf die Bürgerkriegssituation zurückzuführen und
entfalte keine Asylrelevanz.
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5.2 In der Beschwerde sowie deren Ergänzung macht der Beschwerdefüh-
rer geltend, die Vorinstanz habe zu Unrecht die Flüchtlingseigenschaft ver-
neint und sein Asylgesuch abgelehnt, mithin Art. 3 AsylG verletzt. Es sei
unverständlich, dass seinen Familienangehörigen Asyl gewährt worden
sei, nur ihm nicht. Bei einer Rückkehr würde er mit Sicherheit von den sy-
rischen Behörden nach den Angehörigen aber auch nach Aktivitäten und
Kontakten im Ausland befragt und mithin Opfer von Reflexverfolgung wer-
den. Insbesondere aus den Akten der volljährigen Brüder sowie des Vaters
gehe hervor, dass seine Familie schon länger im Fokus der syrischen Re-
gierung stehe. Es bestehe kein Grund zu zweifeln, dass seine Brüder (...)
hätten, der Vater entlassen worden sei, weil er nichts zum Verbleib der Brü-
der habe sagen wollen, dieser trotz Verbots ausgereist sei, und sein min-
derjähriger Bruder F._ verletzt worden sei, als er sich gegen die
seine Mutter bedrängenden Soldaten zur Wehr gesetzt habe.
5.3 In der Vernehmlassung hält die Vorinstanz fest, staatliche Repressalien
gegen Familienangehörigen von politischen Opponenten als Reflexverfol-
gung könnten zwar flüchtlingsrechtlich erheblich sein, wenn sie mit erheb-
licher Wahrscheinlichkeit drohten. In den Ausführungen des Beschwerde-
führers fänden sich aber keine konkreten Anhaltspunkte für eine künftige
Reflexverfolgung. Die blosse Tatsache, dass seinen Brüdern und dem Va-
ter Asyl gewährt worden sei, lasse noch nicht auf eine erhebliche Wahr-
scheinlichkeit schliessen, zumal der Beschwerdeführer keine Vorflucht-
gründe geltend gemacht habe und er kein politisches Engagement bewie-
sen habe respektive ihm kein solches unterstellt worden sei. Selbst eine
als wahrscheinlich erachtete Gefahr einer künftigen Reflexverfolgung
würde keine Asylgewährung nach sich ziehen.
6.
6.1 Zunächst ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die Glaubhaftigkeit der
Vorbringen des Beschwerdeführers nicht in Frage gestellt hat. Auch das
Gericht sieht sich diesbezüglich zu keinen weiteren Bemerkungen veran-
lasst.
6.2 Im Weiteren ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer betreffend
die vorinstanzliche Würdigung, die allgemein schwierige Lage in Syrien
führe nicht zur Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft, keine Bundesrechts-
verletzung rügt. Ein solche ist auch nicht ersichtlich, weshalb diesbezüglich
auf die vorinstanzlichen Erwägungen zu verweisen ist.
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6.3 Die drei Brüder G._, H._ und F._ sowie der Vater
des Beschwerdeführers haben in der Schweiz die originäre Flüchtlingsei-
genschaft zuerkannt und Asyl erhalten. Die Mutter sowie die übrigen Ge-
schwister des Beschwerdeführers wurden gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG
in die Flüchtlingseigenschaft des Vaters einbezogen. Die Asyldossiers der
genannten Familienangehörigen wurden antragsgemäss für das vorlie-
gende Beschwerdeverfahren beigezogen. Die zentrale Frage ist, ob der
Beschwerdeführer bei einem weiteren Verbleib in Syrien begründete
Furcht vor Reflexverfolgung durch das syrische Regime hätte haben müs-
sen.
6.3.1 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Insbesondere sind Verfolgungsmassnahmen gegenüber Fami-
lienangehörigen vor dem Hintergrund zu sehen, dass im Kampf gegen op-
positionelle Kräfte unduldsame Staaten dazu neigen, anstelle des politi-
schen Gegners, dessen sie zum Beispiel wegen Flucht nicht habhaft wer-
den können, auf Personen zurückzugreifen, die dem Verfolgten naheste-
hen. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Reflexverfolgung zu werden, be-
steht vor allem dann, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahn-
det wird und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, dass jemand mit der
gesuchten Person in engem Kontakt stehe. Diese Wahrscheinlichkeit er-
höht sich, wenn ein nicht unbedeutendes politisches Engagement der re-
flexverfolgten Person hinzukommt oder ihr unterstellt wird (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission 2005
Nr. 21 E. 10.1 und aktuell Urteil des BVGer E-6946/2017 vom 28. Mai 2020
E. 8.1).
Die in Syrien herrschende politische und menschenrechtliche Lage wurde
durch das Bundesverwaltungsgericht gewürdigt (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.2
sowie Referenzurteil des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.3
und 5.7.2). Es ist durch eine Vielzahl von Berichten belegt, dass die staat-
lichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts im März
2011 gegen tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner mit grösster
Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorgehen. Personen, die sich an regime-
kritischen Demonstrationen beteiligt haben, sind in grosser Zahl von Ver-
haftung, Folter und willkürlicher Tötung betroffen. Mit anderen Worten ha-
ben Personen, die durch die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte als
Gegner des Regimes identifiziert werden, eine Behandlung zu erwarten,
die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG gleichkommt. Diese Feststellung gilt auch heute noch.
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Die Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer
Oppositioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen do-
kumentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung
erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Per-
son für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um
Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine
Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu
erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehö-
rige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen auf-
grund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Perso-
nen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische
Armee und regierungsfreundliche Milizen) setzen dabei die Strategie der
Reflexverfolgung gezielt ein (vgl. Urteil des BVGer E-734/2016 vom 14. Ja-
nuar 2019 E. 7.2 ff. sowie u.a. UNHCR, International Protection Conside-
rations with regard to people fleeing the Syrian Arab Republic, Update III,
vom 27.10.2014 und entsprechendes Update V vom 03.11.2017,
<https://www.refworld.org/pdfid/59f365034.pdf>, abgerufen am
21.08.2020).
6.3.2 Zur Beurteilung, ob der Beschwerdeführer bei einem weiteren Ver-
bleib in Syrien einer Reflexverfolgung wegen seiner Familienangehörigen
ausgesetzt gewesen wäre, ist zunächst unter Berücksichtigung der beige-
zogenen Asyldossiers auf seinen familiären Hintergrund einzugehen. Wie
sich den Akten entnehmen lässt, haben G._ sowie H._ in
L._ (...), bis L._ Ende 2012 von den Streitkräften der Regie-
rung eingenommen und die (...) von G._ niedergebrannt wurde.
G._ hätte im Jahr 2012 zudem in den Militärdienst einrücken müs-
sen, tauchte jedoch unter, bis er Syrien am 11.September 2015 verliess.
H._ hat seine Dienstpflicht bis (...) 2015 aufschieben können, wollte
dieser aber nicht nachkommen und reiste am 11. September 2014 aus.
F._ wurde Ende 2012 zu Hause anlässlich einer Suche von Ange-
hörigen des syrischen Regimes nach H._ und G._ verletzt
und kurz darauf für mehrere Tage festgenommen. Der Vater des Beschwer-
deführers, der seit dem Jahr 1984 in einem (...) in einer Leitungsposition
im Bereich der (...) arbeitete, wurde im Jahr 2012 und 2013 unter anderem
zu Aufenthalten im von der Freien Syrischen Armee (FSA) kontrollierten
Gebiet sowie den beiden Söhnen H._ und G._ vom Sicher-
heitsdienst befragt. Ab 2012 wurde er sodann intern fortlaufend degradiert
und am (...) 2015 schliesslich entlassen. Nach der Kündigung hätte er sich
beim Sicherheitsdienst für eine weitere Befragung melden müssen, tauchte
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aber im Wissen um verschwundene entlassene Arbeitskollegen nach Be-
fragungen durch den Sicherheitsdienst unter. Am 1. Oktober 2015 reiste er
zusammen mit F._, der sich dadurch seiner Dienstpflicht entzog,
illegal aus. Gemäss seinen Angaben war er nach seiner Kündigung als
ehemaliger Angestellter des (...) mit einem (...) Ausreiseverbot belegt und
hätte erst nach Ablauf dieser Frist mit einer Bewilligung der Sicherheitsbe-
hörden einen neuen Pass beantragen können.
Vor diesem Hintergrund greift die pauschale Argumentation der Vorinstanz
zu kurz, das Profil des Beschwerdeführers verschärfe sich wegen seines
Vaters sowie seiner Brüder nicht, auch wenn er sich zum Zeitpunkt der
Ausreise (noch) nicht mit konkreten Problemen konfrontiert sah (vgl. SEM-
Akte A5/11 Ziff. 7.02 S. 7). Die Vorinstanz hat den familiären Hintergrund
bei der Beurteilung des Vorliegens einer Reflexverfolgung unzureichend
berücksichtigt. Sie bestreitet nicht, dass bereits mehrere Mitglieder der
Kernfamilie des Beschwerdeführers aus verschiedenen Gründen in den
Fokus der syrischen Behörden gelangt sind. Vielmehr hat sie eine flücht-
lingsrechtlich relevante Gefährdung mehrerer Familienangehöriger des
Beschwerdeführers anerkannt, indem sie dem Vater sowie F._,
H._ und G._ die originäre Flüchtlingseigenschaft zusprach.
Die Vorinstanz hat sich insbesondere nicht damit auseinandergesetzt, was
dem Beschwerdeführer bei einem alleinigen weiteren Verbleib in Syrien bei
einem künftigen Behördenkontakt drohen würde.
Es ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer, der als Minderjähriger ausgereist ist, spätestens mit Er-
reichen des dienstpflichtigen Alters oder anlässlich einer Überprüfung an
einem Kontrollposten wegen seines familiären Hintergrundes in den Fokus
der syrischen Behörden gelangt wäre. So äusserte nicht nur der Beschwer-
deführer (vgl. SEM-Akte A12/10 F35), sondern auch bereits F._ an-
lässlich seiner Anhörung seine Furcht davor, an einem Kontrollposten an-
gehalten zu werden, da die Behörden dann auf seinen familiären Hinter-
grund aufmerksam werden könnten (vgl. SEM-Akte N [...] A14/22 F40). In
subjektiver Hinsicht ist weiter zu berücksichtigen, dass F._ in der
Vergangenheit im Rahmen einer behördlichen Suche nach den Brüdern
G._ und H._ angeschossen sowie mehrere Tage festgehal-
ten wurde. Sodann wurde der Vater zweimal durch den Sicherheitsdienst
befragt und nach der Kündigung für eine weitere Einvernahme vorgeladen,
der er sich entzog. In diesem Zusammenhang ist als gefährdungserhöhen-
des Element insbesondere die illegale Ausreise des Vaters am (...) 2015
als ehemaliger höherer Angestellter eines (...) der (...) trotz Ausreiseverbot
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zu berücksichtigen. Gemäss dessen Angaben verhängen die syrischen Be-
hörden Ausreiseverbote, um so zu verhindern, dass Geheimnisse der syri-
schen Regierung in Ausland gelangen. Gegen Beamte, die ohne Bewilli-
gung der Sicherheitsbehörden illegal ausreisten, werde ein Todesurteil
ausgesprochen (vgl. N [...] Akte A39/17 F51).
Mit Blick auf die Reflexverfolgung im syrischen Kontext (vgl. vorstehend
E. 6.3.1) ist anzunehmen, dass dem Beschwerdeführer bei einem weiteren
Verbleib in Syrien mit erheblicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG seitens der
syrischen Behörden gedroht hätten und er solche für den (hypothetischen)
Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat in absehbarer Zukunft zu gewärti-
gen hätte. Der Beschwerdeführer musste bereits zum Zeitpunkt seiner
Ausreise (auch) in objektiver Hinsicht begründete Furcht haben, Opfer ei-
ner Reflexverfolgung zu werden. Eine innerstaatliche Fluchtalternative ist
zu verneinen.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die Vorausset-
zungen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Ausschluss-
gründe (Art. 53 AsylG) liegen nicht vor. Die Vorinstanz hat demnach zu Un-
recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein
Asylgesuch abgelehnt, mithin Bundesrecht verletzt. Die Beschwerde ist
gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 8. Februar 2019 in den
Dispositivziffern 1 bis 3 aufzuheben, der Beschwerdeführer als Flüchtling
anzuerkennen und die Vorinstanz anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Der Rechtsvertreter reichte eine Honorarnote ein. Darin weist er einen zeit-
lichen Aufwand von 10.65 Stunden, welcher angemessen erscheint, basie-
rend auf einem Stundenansatz von Fr. 300.– sowie Auslagen im Betrag
von Fr. 50.40 aus. Infolge seines Obsiegens ist dem Beschwerdeführer
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eine Parteientschädigung in der Höhe von insgesamt Fr. 3ꞌ495.30 (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen, welche von der
Vorinstanz auszurichten ist.
8.3 Mit vorliegendem Urteil sind die mit Zwischenverfügung vom 3. April
2019 gewährte unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung
gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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