Decision ID: 9175c68d-3ffe-5847-ad75-562735d4e5f9
Year: 2016
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A. Der 1970 geborene A_ meldete sich am 30. Dezember 2009 wegen eines Lymphdrüsen
Tumors bei der IV-Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden an und beanspruchte eine
Rente. Die IV-Stelle klärte in der Folge den medizinischen Sachverhalt ab und sprach ihm
mit Verfügung vom 5. November 2010 ab 1. Juli 2010 eine ganze Invalidenrente zu.
B. Mit Schreiben der IV-Stelle vom 14. März 2011 und vom 4. Mai 2012 wurde A_ jeweils
mitgeteilt, bei der Überprüfung des Invaliditätsgrades sei keine Änderung festgestellt
worden, weshalb weiterhin Anspruch auf eine ganze Invalidenrente bestehe.
C. Am 1. Mai 2014 leitete die IV-Stelle wiederum von Amtes wegen ein Revisionsverfahren
ein. Die IV-Stelle führte erneut medizinische Abklärungen durch und holte unter anderem
beim Universitätsspital Zürich, Klinik für Rheumatologie, ein Gutachten ein. Mit Vorbescheid
vom 3. Juli 2015 teilte die IV-Stelle A_ mit, die bisherige ganze Rente werde auf eine
Dreiviertelrente herabgesetzt. Dagegen liess A_ am 28. Juli 2015 Einwand erheben. Mit
Verfügung vom 11. August 2015 hielt die IV-Stelle an ihrem Entscheid fest und setzte die
bisherige ganze Rente auf Ende des folgenden Monats nach Zustellung der Verfügung auf
eine Dreiviertelrente herab. Weiter entzog sie einer allfälligen Beschwerde die
aufschiebende Wirkung.
Seite 3
D. Gegen die Verfügung vom 11. August 2015 liess A_ am 20. August 2015 mit den
eingangs erwähnten Anträgen Beschwerde beim Obergericht des Kantons Appenzell
Ausserrhoden erheben.
E. Die IV-Stelle beantragte mit Vernehmlassung vom 5. Oktober 2015 die Abweisung der Be-
schwerde.
F. Am 19. Oktober 2015 liess A_ die Replik einreichen. Er verzichtete stillschweigend auf
eine mündliche und öffentliche Verhandlung.
G. Die IV-Stelle reichte am 10. November 2015 die Duplik ein.

Considerations:
Erwägungen
1. Gemäss Art. 57 ATSG1 i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b JG2 beurteilt das Obergericht als kanto-
nales Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen.
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind.3
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. 2.1
Eine versicherte Person hat nach Art. 28 Abs. 1 und 2 IVG Anspruch auf eine ganze Rente,
wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf
eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 %, und auf eine Viertelrente, wenn sie zu
mindestens 40 % invalid ist. Invalidität ist gemäss Art. 4 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 1
ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Er-
werbsunfähigkeit als Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall. Erwerbsunfähig-
1 Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1) 2 Justizgesetz vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) 3 Art. 1 Abs. 1 und Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes vom 9. September 2002 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)
Seite 4
keit ist nach Art. 7 ATSG der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psy-
chischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht
kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads erwerbstätiger versicherter Personen wird nach
Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Per-
son nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgegliche-
ner Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall
das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere
Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der Ärztin oder des Arztes ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und
bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind
die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können.4
Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel zu würdigen sind. Für
das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grund-
satz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversi-
cherungsgerichte die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies,
dass das Sozialversicherungsgericht die Beweismittel unabhängig davon, von wem sie
stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterla-
gen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere
darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledi-
gen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es
auf die eine und nicht die andere medizinische These abstellt.5 Hinsichtlich des Beweis-
werts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfas-
send ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück-
sichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der
4 BGE 132 V 99 E. 4 5 BGE 125 V 351 E. 3a
Seite 5
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein-
leuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind.6
2.2
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird nach Art. 17
Abs. 1 ATSG die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft ent-
sprechend revisionsweise erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben. Anlass zur Rentenrevi-
sion gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist,
den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen.7 Die Invalidenrente ist
nicht nur bei einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustandes, sondern auch
dann revidierbar, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen
Gesundheitszustandes erheblich verändert haben.8 Liegt in diesem Sinne ein Revisions-
grund vor, ist der Rentenanspruch in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassend („all-
seitig“) zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht.9
Zeitlicher Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen Änderung bildet die
letzte der versicherten Person eröffnete rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materi-
ellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweis-
würdigung und Durchführung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunkten für eine
Änderung in den erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitszustands) beruht.10
3. Zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer weiterhin Anspruch auf eine ganze Invalidenrente
hat. Referenzzeitpunkt für die Beurteilung der Frage einer anspruchserheblichen Änderung
im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG ist die Verfügung vom 5. November 2010, mit welcher
dem Beschwerdeführer eine ganze Invalidenrente zugesprochen worden war.11
3.1
Die IV-Stelle vertritt gestützt auf das Gutachten des Universitätsspitals Zürich, Klinik für
Rheumatologie, vom 18. Dezember 2014 – eingegangen bei der IV-Stelle am 10. April
2015 – die Ansicht, der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich derart ver-
bessert, dass ihm eine leidensangepasste Tätigkeit von 40% zumutbar sei. Der Einkom-
mensvergleich (Valideneinkommen Fr. 73‘324.--; Invalideneinkommen Fr. 26‘873.--; Er-
6 BGE 134 V 231 E. 5.1 7 BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweis 8 BGE 130 V 343 E. 3.5 9 BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen 10 BGE 133 V 108 E. 5.4 11 IV-act. 23; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_503/2012 vom 12. November 2012 E. 4.1 und 4.2; IV-
act. 26 und IV-act. 33
Seite 6
werbseinbusse Fr. 46‘451.--) ergebe einen Invaliditätsgrad von 63 %, weshalb Anspruch
auf eine Dreiviertelrente bestehe. Die von seinem Rechtsvertreter dem Einwand beige-
legten medizinischen Unterlagen stellten keinen hinreichenden Grund dar, von der gut-
achterlich evaluierten Arbeitsunfähigkeit abzuweichen.
Der Beschwerdeführer lässt hierzu vorbringen, 2009 sei bei der Implantation des Port-a-
Cath für die Behandlung und Verabreichung der Chemotherapie ein Metalldraht vergessen
worden. Dieser Draht, welcher am 5. Mai 2011 entfernt worden sei, sei die Ursache für die
wiederholt auftretenden Perikarditiden. Er müsse sein Leben lang hohe Dosen an Kortison
einnehmen, da eine Reduktion der Dosis unmittelbar wieder zu gesundheitlichen Proble-
men führe. Als Folge der Kortisonbehandlung leide er an Osteoporose, Gewichtszunahme
sowie Depressionen. Im Januar 2015 sei eine akut aufgetretene lumbale Diskushernie da-
zugekommen. Auf Grund der Nebenwirkungen leide er zudem auch an einer ausgeprägten
Müdigkeit, einem Raynaud-Phänomen der Hände und Füsse sowie an Schwindel, Tinnitus
und allgemeinem Unwohlsein. Die IV-Stelle stütze sich auf die Aussagen im monodiszipli-
nären Gutachten des Unispitals Zürich, obwohl eine Reduktion des Kortisons nicht möglich
sei. Zudem habe die IV-Stelle in der Gesamtwürdigung die lumbalen Beschwerden nicht
berücksichtigt. Eine Arbeitsfähigkeit sei mit den dargelegten gesundheitlichen Einschrän-
kungen nicht realistisch.
3.2
Die Verfügung vom 5. November 2010, mit welcher die IV-Stelle dem Beschwerdeführer mit
Wirkung ab 1. Juli 2010 eine ganze Invalidenrente zugesprochen hatte, stützte sich im
Wesentlichen auf folgende Berichte:
Der Hausarzt des Beschwerdeführers, Dr. med. B_, Facharzt FMH Allgemeine Innere
Medizin, Wolfhalden, diagnostizierte im Arztbericht vom 15. Januar 2010 ein malignes
Hodgkin-Lymphom Typ Grad III.12
Dr. med. C_, Facharzt FMH Allgemeine Innere Medizin, Regionaler Ärztlicher Dienst
(RAD) Ostschweiz, attestierte dem Beschwerdeführer im Bericht vom 3. März 2010 unter
Verweis auf das Assessmentgespräch sowie den Arztbericht von Dr. med. B_ aktuell
eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit.13
Im Austrittsbericht der Klinik Gais vom 6. Mai 2010 über den stationären psychosomati-
schen Rehabilitationsaufenthalt des Beschwerdeführers vom 25. März 2010 bis 14. April
12 IV-act. 7-2/10 13 IV-act. 13-2/2
Seite 7
2010 wurde die Diagnosen einer leichten depressiven Episode (ICD-10: F32.0) bei psycho-
physischer Erschöpfung sowie ein malignes Hodgkin-Lymphom (ED 2009) mit mediasten-
alem- und Milzbefall, Status nach 6 Zyklen Chemotherapie, letztmalig am 4. Januar 2010,
gestellt.14
Im Bericht vom 24. Juni 2010 verwies Dr. med. C_, RAD Ostschweiz, auf die plausiblen
und nachvollziehbaren Angaben des Hausarztes sowie den damit kongruenten Bericht der
Klinik Gais. Er kam zum Schluss, dass der Beschwerdeführer nach wie vor zu 100%
arbeitsunfähig sei, dies voraussichtlich für mindestens weitere 6 Monate. Berufliche
Eingliederungsmassnahmen seien aktuell und in nächster Zeit nicht sinnvoll.15
3.3
Am 5. Mai 2011 wurde beim Beschwerdeführer ein Drahtfragment entfernt, welches den
rechten Vorhof perforiert hatte. Anschliessend trat ein Dressler-Syndrom auf.16
3.4
Der angefochtenen Verfügung vom 11. August 2015 legte die IV-Stelle folgende Berichte
zugrunde:
Im Fragebogen Revision der Invalidenrente/Hilflosenentschädigung gab der Beschwerde-
führer am 9. Mai 2014 an, sein Gesundheitszustand habe sich verschlimmert, da immer
wieder Rückfälle aufträten.17
Der behandelnde Hausarzt Dr. med. B_ erklärte im Verlaufsbericht vom 25. Mai 2014,
der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich verschlechtert. Es beständen
weiterhin chronifizierte Beschwerden und eine rezidivierende Pericarditis.18
Im Arztbericht vom 15. Juli 2014 stellte Dr. med. D_, Facharzt FMH Allgemeine Innere
Medizin und Rheumatologie, Kantonsspital St. Gallen, als Diagnose eine rezidivierende
Perikarditis.19
Dr. med. E_, Facharzt Arbeitsmedizin, Regionaler ärztlicher Dienst (RAD) Ostschweiz,
stellte in seiner Beurteilung vom 4. August 2014 fest, dass die medizinische Situation nicht
klar sei. Der M. Hodgkin sei abgeheilt und wirke sich nicht mehr auf die zumutbare
14 IV-act. 16-4/7 15 IV-act. 19-2/2 16 IV-act. 31-1ff/6 17 IV-act. 37 18 IV-act. 41-1/5 19 IV-act. 44-1/5
Seite 8
Leistungsfähigkeit aus. Es beständen vor allem unklare Schmerzen über dem Brustgebiet.
Es sei ein rheumatologische Gutachten notwendig.20
Am 15. Januar 2015 teilt der Beschwerdeführer der IV-Stelle einen Bandscheibenvorfall
mit.21
Dr. med. F_, Facharzt FMH für Neurochirurgie, Spital Heiden, stellte im Arztbericht vom
27. Februar 2015 als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit „Morbus Hodgkin
und Cushing Syndrom“ sowie mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit „nach
abgebrochenem Draht mit Perikarditis und Kortisoneinnahme“. Seiner Meinung nach könne
der Beschwerdeführer in rückenadaptierter Tätigkeit, das heisst ohne Hubbelastungen von
5 kg, nicht in starrer Körperhaltung, nicht in kalter Umgebung, nicht auf den Knien, nicht
kauernd, nicht auf Leitern, ohne Rotation mit Inklination oder Reklination, mit dem Rücken-
leiden zu 100% arbeiten.22
Die Gutachter des Universitätsspitals Zürich, Klinik für Rheumatologie, stellten als Diagno-
sen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine posttraumatische chronisch-rezidivierende
Perikarditis, ein posttherapeutisches Fatiguesyndrom sowie der Verdacht auf eine peri-
phere Polyneuropathie. Der Beschwerdeführer sei sowohl in der zuletzt ausgeübten Tätig-
keit als Allrounder als auch im angestammten Beruf als Metzger zu 100% arbeitsunfähig.
Für eine angepasste, körperlich leichte wechselbelastende Tätigkeit mit regelmässigen
Pausen bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 80%. Aufgrund der von der Tagesform abhängi-
gen, oftmals aber stark ausgeprägten Müdigkeit müsse eine Leistungsminderung von 50%
geltend gemacht werden, so dass daraus medizinisch-theoretisch eine Gesamtarbeits-
fähigkeit von 40% resultiere. Bei dringendem Verdacht auf eine post(chemo)therapeutische
Polyneuropathie werde eine nochmalige neurologische Abklärung inklusive elektroneuro-
graphischer Untersuchung und Abklärung sekundärer Ursachen wie Vitaminmängel
empfohlen. Auf psychisch-geistiger Ebene könnte eine allenfalls vorhandene Schmerzaus-
weitung und aktenanamnestisch beschriebene reaktive Depression beeinträchtigend sein,
jedoch müsste hierzu aus psychiatrischer Sicht Stellung genommen werden.23
Gemäss Beurteilung von Dr. med. E_, RAD Ostschweiz, vom 22. April 2015 kann auf
das Gutachten vollumfänglich abstellt werden. Die relevanten Diagnosen seien im
Gutachten aufgeführt. Nach Dr. med. F_ sei im Januar 2015 ein Bandscheibenvorfall
aufgetreten, der aber eine gute Prognose aufweise. Die Arbeitsfähigkeit betrage 40% in
20 IV-act. 45-3/3 21 IV-act. 56 22 IV-act. 58-2f/5 23 IV-act. 59-17ff/22
Seite 9
einer angepassten Tätigkeit seit Gutachtenszeitpunkt Dezember 2014. Weiter führte Dr.
med. E_ aus, dass die im Gutachten genannten therapeutischen Vorschläge die
Leistungsfähigkeit nicht wesentlich verbessern werden.24
Dr. med. F_ schrieb im Arztbericht vom 5. Mai 2015 an den behandelnden Hausarzt
unter anderem, dass ein Pensum von 80% seiner Meinung nach mit der bestehenden
Perikarditis, der Rückensymptomatik und auch der psychischen Belastung des Beschwer-
deführers völlig unrealistisch sei. Von Seiten des Rückens sei der Beschwerdeführer in
einer wirbelsäulenadaptierten Tätigkeit wahrscheinlich schon mindestens 50 % arbeits-
fähig.25
In der Stellungnahme Gutachten und Allgemeine Aspekte vom 14. Mai 2015 erklärte der
behandelnde Hausarzt, Dr. med. B_, die in allen Berichten von Spezialisten geforderte
und verordnete Reduktion der Steroide gelinge schon seit April 2011 nicht. Sobald die
Dosis für 3 – 4 Wochen unter 30mg liege, komme es zu einem Rezidiv der Pericarditis. Die
Folgen der Langzeitstereoidtherapie seien schwer und die Nebenwirkungen seien
bekannter (Osteoporose, Diabetes, Gewichtszunahme, Katarakt) oder weniger bekannt
(Depressionen, Psychosen, Schlafstörungen, Myopathie, Konzentrationsstörungen). Der
Beschwerdeführer leide vor allem auch an den weniger bekannten Nebenwirkungen. Er
sollte unbedingt auch psychiatrisch abgeklärt und beurteilt werden, jedoch habe er dafür
wenig Gehör.26
Im Bericht vom 18. Mai 2015 erklärte Dr. med. E_, RAD Ostschweiz, dass der M.
Hodgkin 2011 ausgeheilt sei. Zeitgleich schiebe sich ein systemisches rheumatologisches
Geschehen in den Vordergrund (Perikarditis). Ab dem Gutachtenszeitpunkt Dezember
2014 liege damit eine verbesserte gesundheitliche Situation vor. In einer adaptierten
Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit 40 %.27
Dr. med. B_ erklärte im ärztlichen Zeugnis vom 21. Juli 2015, der Beschwerdeführer
leide weiterhin an einer rezidivierenden therapierefraktären Pericarditis, die nur mit hohen
Dosen von Steroiden mit all ihren Folgen behandelt werden könne. Zudem bestehe eine
neu aufgetretene Lumboischialgie mit Diskushernien Sequester L2/3 und L3/4. Im Weiteren
bestehe aus seiner Sicht eine depressive Entwicklung und Anpassungsstörung.28
24 IV-act. 62-2f/3 25 IV-act. 67-4/5 26 Act. 2.1.11 27 IV-act. 63 28 IV-act. 67-3/5
Seite 10
Dr. med. E_, RAD Ostschweiz, schrieb im Bericht vom 30. Juli 2015, die IV-Stelle gehe
aufgrund des Gutachtens des Universitätsspitals Zürich aus guten Gründen von einer
verbesserten gesundheitlichen Situation aus. Eine neu genannte depressive Entwicklung
und Anpassungsstörung sollte therapeutisch aufgegriffen werden, bevor diese als
invalidisierend genannt werde.29
3.5
Aus den Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer ursprünglich aufgrund der Krebser-
krankung eine ganze Invalidenrente erhielt.30 Diese Krebserkrankung ist inzwischen – darin
sind sich die Parteien einig – als ausgeheilt zu betrachten.31 Die Parteien sind sich auch
einig, dass der Beschwerdeführer mittlerweile, d.h. im Zeitpunkt der angefochtenen Ver-
fügung, an weiteren gesundheitlichen Beschwerden leidet.32 Die im Gutachten des
Universitätsspitals Zürich gestellten Diagnosen sowie der im Januar 2015 neu aufgetretene
Bandscheibenvorfall sind denn auch an und für sich unbestritten. Insofern ist beim Be-
schwerdeführer eine wesentliche Änderung des Gesundheitszustandes eingetreten.33
Diese Veränderung ist auch erheblich, wie sich ohne weiteres aus dem Gutachten des Uni-
versitätsspitals Zürich ergibt.34 Somit ist ein Revisionsgrund gegeben.
3.6
Liegt ein Revisionsgrund vor, ist der Invaliditätsgrad auf der Grundlage eines richtig und
vollständig festgestellten Sachverhalts neu und ohne Bindung an frühere Invaliditäts-
schätzungen zu ermitteln.35
Der Vorwurf des Beschwerdeführers, wonach das Gutachten lediglich auf die kardialen Be-
schwerden fokussiere und die IV-Stelle ihre Abklärungen nicht umfassend unter Berück-
sichtigung aller gesundheitlichen Beschwerden vorgenommen habe, erscheint – zumindest
teilweise – berechtigt zu sein. Zwar kann den Gutachtern des Universitätsspitals Zürich
nicht vorgeworfen werden, dass sie sich in ihrem Gutachten – entsprechend ihrem Auftrag
– im Wesentlichen auf Ausführungen zu ihrer Fachdisziplin Rheumatologie beschränkten.36
Jedoch ist der IV-Stelle vorzuwerfen, dass sie, obwohl die Gutachter eine Stellungnahme
aus psychiatrischer Sicht zu einer allfälligen Beeinträchtigung durch eine allenfalls vorhan-
dene Schmerzausweitung und aktenanamnestisch beschriebene reaktive Depression für
29 IV-act. 68-2/2 30 IV-act. 5-1/4, IV-act. 6, IV-act. 7, IV-act. 17 und IV-act. 19-2/2 31 Act. 1/5 und act. 6/1 32 Act. 1/5ff und act. 6/1ff 33 BGE 141 V 9 E. 2.3 34 BGE 141 V 9 E. 5.2 35 BGE 141 V 9 E. 2.3 und E. 6.1 36 IV-act. 48 und IV-act. 59
Seite 11
notwendig erachteten,37 keine psychiatrische Abklärung in die Wege leiteten. Der
Beschwerdeführer litt offenbar bereits im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenverfügung
unter einer leichten depressiven Episode und im Vorfeld der angefochtenen Verfügung wies
der behandelnde Hausarzt Dr. med. B_ verschiedentlich auf ein psychisches Leiden des
Beschwerdeführers hin.38 Er brachte in diesem Zusammenhang vor, dass eine Depression
auch Folge einer Langzeitstereoidtherapie sein könne.39 Der Beschwerdeführer muss seit
längerem eine hohe Dosis – 30mg – an Kortison einnehmen.40 Dass als Folge der
Kortisonbehandlung Nebenwirkungen auftreten können erscheint plausibel und ebenso,
dass diese die Leistungsfähigkeit beeinflussen können.41 Unter diesen Umständen drängt
es sich im vorliegenden Fall auf, das Verfahren zur Durchführung eines psychiatrischen
Gutachtens unter Einbezug der Neuropsychologie an die IV-Stelle zurückzuweisen.
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers wurde hingegen die vermutete Polyneuro-
pathie im Gutachten bereits berücksichtigt und auch das Rückenleiden wurde durch Dr.
med. F_ umfassend abgeklärt.42
Zusammenfassend trifft der Vorwurf des Beschwerdeführers, wonach der medizinische
Sachverhalt nicht umfassend abgeklärt worden sei, zu. Die Beschwerde erweist sich damit
als begründet; sie ist gutzuheissen. Das Verfahren ist zur Durchführung eines psychiatri-
schen Gutachtens unter Einbezug des Fachgebiets der Neuropsychologie an die IV-Stelle
zurückzuweisen.
4. 4.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren um die Bewilligung oder Verweige-
rung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Die IV-Stelle unterliegt im
vorliegenden Verfahren. Da ihr aber gemäss Art. 22 Abs. 1 VRPG keine Verfahrenskosten
auferlegt werden können, werden keine Kosten erhoben. Die Gerichtskasse hat demnach
dem Beschwerdeführer den geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 800.-- zurückzuerstatten.
37 IV-act. 59-19f/22 38 IV-act. 16-4/7 und act. 2.1.11 und IV-act. 67-3/5 39 Act. 2.1.11 40 Act. 2.1.11 41 Act. 2.1.13; http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Glucocorticoide, besucht am 3.5.2016;
http://www.gastroenterologie.usz.ch/fachwissen/morbus-crohn-colitits-ulcerosa/seiten/seite2.aspx, besucht am 3.5.2016
42 IV-act. 59-19f/22 und IV-act. 67-4/5
Seite 12
4.2
Gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdefüh-
rende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsge-
richt festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache
und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. Als Obsiegen gilt auch die Rück-
weisung an den Versicherungsträger zu weiteren Abklärungen.43 Vorliegend wird die Be-
schwerde an die IV-Stelle zurückgewiesen, womit der Beschwerdeführer obsiegt. Dem Be-
schwerdeführer wird demnach unter Berücksichtigung des für diesen eher leichten Fall
notwendigen Zeitaufwandes für die Instruktion durch den Beschwerdeführer, das Aktenstu-
dium sowie das Abfassen der Rechtsschriften zulasten der IV-Stelle eine Parteientschädi-
gung von Fr. 3‘000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zugesprochen.
43 UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 2.Aufl. 2009, N. 117 zu Art. 61 ATSG.
Seite 13