Decision ID: 881930f2-32ce-4782-868a-fe9b8a398048
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich per 1. Dezember 2019 beim Regionalen Arbeitsver
mittlungszentrum (RAV) B._ zur Arbeitsvermittlung an (act. G 3.1/A6). Vom 15. Juni
2017 bis 30. November 2019 hatte er als C._ für die D._ GmbH gearbeitet. Seine
Stelle war ihm aufgrund der wirtschaftlichen Lage gekündet worden (act. G 3.1/A8 f.).
A.a.
Nach erfolgter Rücksprache mit dem Versicherten per Mail am 7. Januar 2020
(act. G3.1/A19-3) übermittelte das RAV B._ am 8. Januar 2020 der E._ AG auf
deren Stellenmeldung hin das Profil des Versicherten. Laut Angaben der E._ AG vom
14. Februar 2020 war der Versicherte anlässlich eines Vorstellungsgesprächs vom 6.
Februar 2020 gebeten worden, sich für die Vereinbarung von Schnupperarbeitstagen
zu melden. Er habe sich bis zu diesem Tag nicht beim Bauleiter gemeldet, weshalb
angenommen werde, dass er kein Interesse habe, zu den genannten Konditionen
einzusteigen (act. G3.1/A16-2). Am 18. Februar 2020 erbat das RAV B._ genauere
Angaben zur fraglichen Anstellung, welche die E._ AG noch am selben Tag erstattete
(act. G3.1/A16-1).
A.b.
Am 20. Februar 2020 forderte das RAV B._ den Versicherten auf, zum Vorwurf
der Ablehnung einer zumutbaren Arbeit bei der E._ AG Stellung zu nehmen (act.
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
G3.1/A17). Dies tat der Versicherte am 27. Februar 2020 und erklärte, er habe das
Gespräch mit F._ von der E._ AG so in Erinnerung, dass dieser nach Referenzen
gefragt und er ihm die Daten gegeben habe. Daraufhin habe dieser gesagt, er würde
sich über ihn erkundigen und sich in Kürze wieder bei ihm melden. Gleichzeitig solle er
sich Gedanken über einen möglichen Schnuppereinsatz mit Anstellungsaussicht
machen. In den folgenden zehn Tagen sei Funkstille gewesen und er sei davon
ausgegangen, dass seine Referenzen und sehr wahrscheinlich noch andere Kandidaten
geprüft würden (act. G3.1/A19).
Am 28. Februar 2020 ersuchte das RAV B._ die E._ AG unter Unterbreitung
der Stellungnahme des Versicherten um weitere Auskünfte (act. G3.1/A18). Die Antwort
datierte vom 4. März 2020 und lautete dahingehend, dass gemäss Aussage von F._
besprochen worden sei, dass der Versicherte sich Gedanken machen solle, ob er
gewillt sei, ein bis zwei Schnuppertage zu absolvieren. Er solle sich, falls er sich für die
Probearbeitstage entscheiden sollte, telefonisch bei F._ melden. In der Zwischenzeit
seien weitere Vorstellungsgespräche geführt worden. Einer der Bewerber habe am 10.
und 11. Februar 2020 geschnuppert und sei per 12. Februar 2020 eingestellt worden.
Ein weiterer Bewerber habe am 12. Februar 2020 sein Vorstellungsgespräch gehabt
und auch bei diesem sei sehr schnell ersichtlich geworden, dass er nach den
Schnuppertagen angestellt werde. Dies sei per 1. März 2020 geschehen. Vom
Versicherten hätten sie bis am 14. Februar 2020 nichts gehört. Dann habe er sich doch
noch telefonisch gemeldet und sich entschuldigt, dass er krankheitsbedingt nicht
früher habe anrufen können. Da zu diesem Zeitpunkt schon entschieden gewesen sei,
dass die beiden vorgenannten Bewerber eingestellt würden, sei dies dem Versicherten
mitgeteilt worden. Von ihrer Seite könne gesagt werden, dass bei Eignung dem
Bewerber die Schnuppertage angeboten würden, er aber selber entscheiden könne, ob
er diese absolvieren wolle oder nicht (act. G3.1/A20).
A.d.
Diese Ausführungen wurden dem Versicherten am 10. März 2020 zur
Stellungnahme unterbreitet (act. G3.1/A21). Am 17. März 2020 erklärte er unter
anderem, er könne sich beim besten Willen nicht erinnern gesagt zu haben, er sei krank
gewesen und hätte deshalb nicht früher anrufen können. Im Schreiben der
Arbeitgeberin werde nicht auf die gewünschte Referenzprüfung durch F._
eingegangen (act. G3.1/A34).
A.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 23. März 2020 ersuchte das RAV B._ die E._ AG um Stellungnahme von
F._ zum Umstand, dass der Versicherte erkläre, dass F._ die Referenzen habe
einholen und sich danach wieder beim Versicherten melden wollen (act. G3.1/A26).
Nachdem keine Antwort zu verzeichnen war, gelangte es am 7. April 2020 mit
derselben Frage nochmals an die E._ AG (act. G3.1/A31). Mit undatiertem Schreiben,
welches dem RAV B._ am 9. April 2020 zugestellt wurde (act. G3.1/A33), erklärte
F._, er habe den Versicherten am Vorstellungsgespräch gefragt, ob er gewillt sei, ein
oder zwei Probetage zu absolvieren. Der Versicherte habe gesagt ja, aber erst in zwei
Wochen, und dass er sich zur Terminvereinbarung bei ihm melden werde (act. G3.1/
A32).
A.f.
Am 9. April 2020 wurde dem Versicherten Gelegenheit gegeben, sich zu den
Angaben der E._ AG zu äussern (act. G3.1/A35). Davon machte er keinen Gebrauch.
A.g.
Mit Verfügung vom 22. April 2020 stellte das RAV B._ den Versicherten ab 7.
Februar 2020 für 31 Tage in der Anspruchsberechtigung ein wegen Ablehnung einer
zugewiesenen Stelle mit der Begründung, einer versicherten Person müsse klar sein,
dass sie alle Anstrengungen zu unternehmen und jede zumutbare Gelegenheit zu
ergreifen habe, um eine bestehende Arbeitslosigkeit zu beenden oder zu verkürzen. Er
habe nicht glaubhaft darlegen können, dass er an dieser Stelle effektiv interessiert
gewesen sei. Selbst wenn F._ gesagt haben sollte, dass er sich wieder bei ihm
melden würde, hätte er sich sehr wohl spätestens nach einer Woche wieder melden
dürfen (act. G3.1/A36).
A.h.
Mit undatierter Eingabe erhob der Versicherte innert Frist Einsprache gegen diese
Verfügung. Unter anderem monierte er, dass F._ zu der ihm unterbreiteten Frage
keine Stellung genommen habe. Er habe sich ca. am 17. Februar 2020 bei der E._
AG erkundigt, das sei sieben Arbeitstage nach dem Vorstellungsgespräch gewesen
(act. G3.1/A40).
A.i.
Per 2. Juni 2020 wurde der Versicherte wegen eines Stellenantritts bei der G._
AG von der Arbeitsvermittlung abgemeldet (act. G3.1/A46 S. 1 und A48).
A.j.
Mit E-Mail vom 27. Mai 2020 (act. G3.1/A53) und Erinnerungsschreiben vom
9. Juni 2020 ersuchte der Rechtsdienst des RAV H._ die E._ AG um Auskünfte
A.k.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
(adressiert an die I._ AG; act. G3.1/A51). Die Rückmeldung erfolgte am 11. Juni 2020
und lautete dahingehend, dass am 6. Februar 2020 mit dem Versicherten besprochen
worden sei, dass die Referenzen angefragt würden. Dies sei richtig, habe aber nichts
mit den Probearbeitstagen zu tun gehabt. Die Entscheidung, ob die Probearbeitstage
absolviert würden oder nicht, liege vollumfänglich beim Bewerber. Auch beim
Versicherten sei keine andere Verfahrensweise angewendet worden. Eine sofortige
Terminvereinbarung für Probearbeitstage mit dem Versicherten sei nicht möglich
gewesen. Gemäss Aussage des Versicherten sei er zu diesem Zeitpunkt ungefähr für
die folgenden zwei Wochen arbeitstechnisch engagiert gewesen. Es sei korrekt, dass
der Versicherte nicht explizit darauf aufmerksam gemacht worden sei, dass noch
weitere Bewerber eingeladen würden. Es sei ihm aber mitgeteilt worden, dass aufgrund
von hohem Arbeitsanfall Mitarbeiter gesucht würden, welche so schnell wie möglich die
Arbeit aufnehmen könnten (act. G3.1/A52).
Mit Einspracheentscheid vom 2. Juli 2020 wurde die Einsprache des Versicherten
abgewiesen und die Verfügung vom 22. April 2020 bestätigt (act. G3.1/A54).
A.l.
Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom
27. August 2020 mit den Anträgen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge seien die
Verfügung vom 22. April 2020 und der Einspracheentscheid vom 2. Juli 2020
aufzuheben und es sei von einer Einstellung in der Anspruchsberechtigung abzusehen.
Der Beschwerdeführer lässt von seinem Rechtsvertreter Fürsprecher M. Büchel,
Oberuzwil, geltend machen, es werde ihm zu Unrecht vorgeworfen, er habe mit seinem
gesamten Verhalten eine Anstellung bei der E._ AG vereitelt. Er habe am 6. Februar
2020 mit F._ ein Vorstellungsgespräch geführt. Er sei davon ausgegangen, dass
F._ zuerst Referenzauskünfte über ihn einholen und sich danach wieder bei ihm
melden würde. Als er schliesslich nichts mehr von F._ gehört habe, habe er sich von
sich aus am 14. Februar 2020 wieder bei der E._ AG gemeldet. Er bestreite gesagt zu
haben, dass Probetage erst in zwei Wochen möglich seien. Ihm sei nicht bekannt
gewesen, dass die Einstellung ziemlich rasch habe erfolgen müssen. Auch müsse sein
Verhalten nach dem vorliegend zu beurteilenden Sachverhalt berücksichtigt werden.
Denn nach dem Vorstellungsgespräch seien ihm zwei weitere Stellen zugewiesen
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
worden, bei welchen Probearbeiten stattgefunden hätten. Bei der G._ AG habe er
eine Festanstellung erhalten. Aufgrund eines Kommunikationsmissverständnisses liege
hier kein Verschulden vor. Würde, was bestritten werde, ein Verschulden vorliegen, so
müsste dieses wohl als leicht eingestuft werden (act. G1).
In der Beschwerdeantwort vom 7. Oktober 2020 beantragt der
Beschwerdegegner, die Beschwerde sei abzuweisen. Zur Begründung verweist er auf
den Einspracheentscheid und präzisiert was folgt: Auch wenn der Beschwerdeführer
aufgrund eines Missverständnisses davon ausgegangen sei, dass der Arbeitgeber sich
bei ihm melden werde, wäre von ihm erwartet worden, dass er nicht mehr als eine
Woche auf diesen Anruf warte, sondern sich früher beim Arbeitgeber melde und so
sein Interesse an der Stelle bekunde. Da die Anstellung bei der G._ AG erst circa vier
Monate später zustande gekommen sei, könne diese nicht als Beweis dazu dienen,
dass sich der Beschwerdeführer im Februar 2020 genügend um eine Anstellung
bemüht habe (act. G3).
B.b.
Mit Replik vom 4. November 2020 hält der Beschwerdeführer an seinen Anträgen
gemäss Beschwerde fest und erklärt, es sei nicht erwiesen, dass er die offene Stelle
erhalten hätte. Entgegen der Ansicht des Beschwerdegegners habe er sich auch im
Februar 2020 genügend um eine Stelle bemüht (act. G5).
B.c.
Am 14. Juli 2021 zog das Gericht die Akten der zuständigen Arbeitslosenkasse bei
(act. G9).
B.d.
Am 15. Juli 2021 gelangte das Gericht mit dem Hinweis an den Beschwerdeführer,
dass entgegen des angefochtenen Einspracheentscheides nicht davon ausgegangen
werden könne, dass er sich am 14. Februar 2020 bei der E._ AG gemeldet habe. Er
solle sich nochmals zum Datum seiner Kontaktaufnahme äussern und dieses mittels
Verbindungsnachweises belegen (act. G10).
B.e.
Am 19. Juli 2021 informierte das Gericht die Parteien über den Beizug der Akten
der zuständigen Arbeitslosenkasse und gewährte Frist zur Einsicht und allfälligen
Stellungnahme (act. G12). Keine der Parteien machte hiervon Gebrauch.
B.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Am 16. November 2021 teilte Rechtsanwalt Büchel dem Gericht mit, dass gemäss
Auskunft der J._, dem Telefonanbieter des Beschwerdeführers,
Verbindungsnachweise nur vom laufenden Monat und fünf Monate rückwirkend erstellt
würden. Es sei demzufolge nicht mehr möglich, den Verbindungsnachweis für Februar
2020 erhältlich zu machen (act. G19).
B.g.
Eine telefonische Abklärung des Gerichts bei der J._ vom 22. November 2021
ergab, dass es technisch möglich wäre, einen weiter zurückliegenden Auszug zu
erstellen, die J._ dies aus datenschutzrechtlichen Gründen jedoch ablehne (act.
G20).
B.h.
Vor diesem Hintergrund ersuchte das Gericht den Beschwerdeführer am 26.
November 2021 mit Frist bis 13. Dezember 2021 um die Einreichung einer
Einwilligungserklärung, welche es dem Gericht erlaube, bei der J._ Auskünfte
betreffend die Verbindungsnachweise der Telefonnummer des Beschwerdeführers zu
verlangen (act. G21). Diese Frist ist unbenutzt verstrichen.
B.i.
Mit nachträglicher Eingabe vom 24. März 2022 liess Rechtsanwalt Büchel dem
Gericht einen am 16. März 2022 zwischen dem Beschwerdeführer und der E._ AG
geschlossenen Arbeitsvertrag inkl. Anhang zum Arbeitsvertrag zukommen (act. G22 ff.).
Diese Eingabe wurde dem Beschwerdegegner am 30. März 2022 zur Kenntnis und
allfälligen Stellungnahme zugestellt (act. G23). Die angesetzte Frist ist unbenutzt
verstrichen.
B.j.
Streitig und vorliegend zu prüfen ist, ob der Beschwerdegegner den
Beschwerdeführer zu Recht wegen Ablehnung einer zumutbaren Arbeit für 31 Tage in
der Anspruchsberechtigung eingestellt hat.
1.1.
Eine versicherte Person, die Versicherungsleistungen beanspruchen will, muss
nach Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) mit
Unterstützung des zuständigen Arbeitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um
Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen. Aus dieser in Art. 17 Abs. 1 AVIG
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
statuierten Pflicht zur Schadenminderung ergeben sich verschiedene Einzelpflichten
(BGE 139 V 524 E. 2.1.1). Die versicherte Person ist u.a. dazu verpflichtet, Arbeit zu
suchen, nötigenfalls auch ausserhalb ihres bisherigen Berufs (Art. 17 Abs. 1 Satz 2
AVIG). Sodann muss sie grundsätzlich jede zumutbare Arbeit unverzüglich annehmen
(Art. 16 Abs. 1 und 2 AVIG).
Art. 30 Abs. 1 AVIG sanktioniert eine Verletzung von Art. 17 Abs. 1 AVIG. Die
Einstellung in der Anspruchsberechtigung dient dazu, die Schadenminderungspflicht
der Versicherten durchzusetzen (BGE 126 V 130 E. 1). Sie hat die Funktion einer
Haftungsbegrenzung der Versicherung für Schäden, welche die Versicherten hätten
vermeiden oder vermindern können. Nach Art. 30 Abs.1 lit. d AVIG ist eine versicherte
Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie die Kontrollvorschriften
oder die Weisungen des Arbeitsamtes nicht befolgt, namentlich eine ihr zugewiesene
oder selber gefundene zumutbare Arbeit nicht annimmt (Botschaft zu einem revidierten
Arbeitslosenversicherungsgesetz vom 28. Februar 2001, BBI 2001 2245ff., S. 2285;
Barbara Kupfer Bucher, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung, 5. Aufl., Zürich/Basel/Genf
2019, S. 226). Dieser Einstellungstatbestand ist auch dann erfüllt, wenn die versicherte
Person die Arbeit zwar nicht ausdrücklich ablehnt, es aber durch ihr Verhalten in Kauf
nimmt, dass die Stelle anderweitig besetzt wird. Arbeitslose Versicherte haben bei den
Verhandlungen mit einem künftigen Arbeitgeber klar und eindeutig die Bereitschaft zu
einem Vertragsabschluss zu bekunden, um die Beendigung der Arbeitslosigkeit nicht
zu gefährden (BGE 122 V 38 E. 3b).
1.3.
Im Sozialversicherungsrecht gilt grundsätzlich das Beweismass der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit. Hiernach ist ein bestimmter Sachverhalt nicht
bereits dann bewiesen, wenn er bloss möglich ist; hingegen genügt es, wenn das
Gericht aufgrund der Würdigung aller relevanten Sachumstände zur Überzeugung
gelangt ist, dass er der wahrscheinlichste aller möglichen Geschehensabläufe ist (Urteil
des Bundesgerichts vom 20. Oktober 2009, 9C_717/2009, E. 3.3 mit Hinweisen;
Thomas Nussbaumer, Arbeitslosenversicherung, in SBVR, Bd. XIV, 3. Aufl., Rz 835 mit
Hinweisen). Der im Sozialversicherungsrecht geltende Untersuchungsgrundsatz (vgl.
Art. 43 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG; SR 830.1]) schliesst eine Beweislast im Sinn einer Beweisführungslast aus.
Wenn es sich jedoch als unmöglich erweist, im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die
Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen, fällt der Entscheid zu
1.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Ungunsten jener Partei aus, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte
ableitet (BGE 117 V 261 E. 3b mit Hinweisen). Auf die Erhebung von Beweisen kann
verzichtet werden, wenn zweifelsfrei davon ausgegangen werden kann, dass diese zur
Erhellung eines Sachverhalts nichts beizutragen vermöchten (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/Zürich 2020, Art. 43 N 67).
Unbestritten zwischen den Parteien ist, dass der Beschwerdeführer ein Arbeits
angebot der E._ AG nicht ausdrücklich abgelehnt hat. Zudem steht fest, dass der
Beschwerdeführer sich bei der E._ AG beworben und am 6. Februar 2020 dort ein
Vorstellungsgespräch wahrgenommen hat. Unklar ist aufgrund der Akten, wie der
Beschwerdeführer und die potentielle Arbeitgeberin am Ende dieses Gesprächs
betreffend das weitere Vorgehen genau verblieben sind. Während der
Beschwerdeführer vorbringt, die E._ AG habe seine Referenzen prüfen und sich
danach wieder melden wollen, erklärt die potentielle Arbeitgeberin, dem
Beschwerdeführer seien Schnuppertage angeboten worden und er hätte sich für eine
Terminvereinbarung dieser Schnuppertage melden können, was er nicht getan habe.
Als er sich schliesslich bei ihr gemeldet habe, sei die Stelle bereits anderweitig besetzt
gewesen. Beide Schilderungen sind plausibel und wurden vom Beschwerdeführer und
der E._ AG in jeder weiteren Stellungnahme widerspruchsfrei wiederholt (vgl.
Sachverhalt vorstehend). Da von weiteren Beweisabnahmen angesichts der
getroffenen Abmachungen sowie des geraumen Zeitablaufs und der bereits erfolgten
zahlreichen Rückfragen sowohl beim Beschwerdeführer als auch bei der E._ AG
keine weiteren Erkenntnisse zu erwarten sind, verzichtet das Gericht darauf (zur
antizipierten Beweiswürdigung vgl. vorstehend E. 1.4).
2.1.
Im Folgenden bleibt nur das Verhalten des Beschwerdeführers vor dem
Hintergrund zu beurteilen, dass er davon ausging, dass die E._ AG resp. F._ sich
"innert Kürze" bei ihm melden wollte (vgl. insbesondere Stellungnahme des
Beschwerdeführers vom 27. Februar 2020 in act. G3.1/A19 Mitte). Entscheidend ist, ob
seine Kontaktaufnahme verzögert erfolgt war und er damit zumindest
eventualvorsätzlich in Kauf genommen hat, dass die Stelle anderweitig besetzt wird
(vgl. vorstehend E. 1.3).
2.2.
Massgebend dabei ist, an welchem Tag die Kontaktaufnahme des
Beschwerdeführers mit der E._ AG stattgefunden hat. Den Akten sind diesbezüglich
verschiedene Daten und Angaben zu entnehmen: Die E._ AG erklärte dem RAV B._
mit E-Mail vom 14. Februar 2020, der Beschwerdeführer habe sich bis zu diesem Tag
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht bei ihr gemeldet (act. G3.1/A16-2). Am 18. Februar 2020 übermittelte sie dem
RAV B._ auf dessen Ersuchen hin genauere Angaben zur fraglichen Anstellung.
Dieser E-Mail ist kein Hinweis darauf zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer
zwischenzeitlich bei ihr gemeldet hätte (act. G3.1/A16-1). Der Beschwerdeführer hatte
am 27. Februar und am 17. März 2020 gegenüber dem RAV B._ erklärt, nach dem
Vorstellungsgespräch vom 6. Februar 2020 hätten (ca.) zehn Tage Funkstille zwischen
ihm und der E._ AG geherrscht (act. G3.1/A19 und A34). In der undatierten
Einsprache erwähnte er, dass er sich ca. am 17. Februar 2020 bei der potentiellen
Arbeitgeberin erkundigt habe und folglich vier Wochenendtage zwischen dem
Vorstellungsgespräch und seiner Erkundigung gelegen hätten (act. G3.1/A40). Im
Einspracheentscheid vom 2. Juli 2020 wurde dann davon ausgegangen, dass der
Beschwerdeführer sich bereits am 14. Februar 2020 bei der Arbeitgeberin gemeldet
habe (act. G3.1/A54). Vom selbigen Datum wird in der Beschwerde vom 27. August
2020 ausgegangen (act. G1; vgl. auch das Schreiben des Versicherungsgerichts vom
15. Juli 2021 in act. G10).
Die Bemühungen des Beschwerdeführers, den das Datum des entscheidenden
Anrufs bei der E._ AG enthaltenden Verbindungsnachweis erhältlich zu machen,
waren vergeblich (vgl. act. G13, G13.1, G15, G15.1, G17, G19 und G19.1). Eine
Einwilligung, die es dem Gericht erlaubt hätte, den Verbindungsnachweis direkt beim
zuständigen Telefonanbieter erhältlich zu machen, unterzeichnete der
Beschwerdeführer nicht (vgl. act. G21). Mangels Rechtsgrundlage war es dem Gericht
verwehrt, direkt an den Telefonanbieter zu gelangen. Wie es dem Beschwerdeführer im
Schreiben vom 26. November 2021 angedroht worden ist, ist deshalb hinsichtlich des
Datums dieses Telefonanrufs ein Entscheid aufgrund der gesamten vorhandenen Akten
zu fällen (vgl. Art. 43 ATSG).
2.4.
Unter Berücksichtigung sämtlicher in den Akten vorhandenen Angaben zum Datum
des Telefonanrufs (vgl. vorstehend E. 2.3) ist am ehesten davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer sich frühestens am 18. Februar 2020 bei der E._ AG gemeldet hat.
Dies, weil die potentielle Arbeitgeberin in ihrem E-Mail an das RAV B._ von diesem
Tag noch nichts darüber berichtete, dass der Beschwerdeführer sich in der
Zwischenzeit gemeldet habe (vgl. act. G3.1/A16-1). Dies bedeutet, dass der
Beschwerdeführer nach dem Vorstellungsgespräch vom 6. Februar 2020 mindestens
zwölf Tage zugewartet hat, bis er sich bei der E._ AG meldete. Diese Frist erscheint
in Anbetracht der im Raum stehenden Schnuppertage, die naturgemäss Voraussetzung
für eine Anstellung gewesen wären, zu lange, um eine potentielle Arbeitgeberin vom
Interesse des Bewerbers an einer Anstellung zu überzeugen, und zwar selbst wenn
2.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
davon ausgegangen wird, dass F._ sich melden wollte. Nach Ansicht des Gerichts
wäre ein Anruf nach einer Kalenderwoche angemessen gewesen. Insoweit der
Beschwerdeführer sich in seiner Einsprache fragte, woher die vom Beschwerdegegner
behauptete korrekte Wartezeit von einer Woche komme (act. G3.1/A40 S. 4 Mitte),
kann ihm tatsächlich keine Gesetzesgrundlage genannt werden, welche diese
Wartezeit festlegen würde. Vor dem Hintergrund, dass eine versicherte Person
verpflichtet ist, alles zu unternehmen, um ihre Arbeitslosigkeit zu verkürzen
(Nussbaumer, a.a.O., N 311 sowie Art. 17 Abs. 1 AVIG), und eine Rückfrage nach einer
Woche sicher nicht als aufdringlich bezeichnet werden könnte, erscheint diese Frist als
angemessen. Dies insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass der
Beschwerdeführer in seiner Stellungnahme vom 27. Februar 2020 geäussert hatte, er
sei davon ausgegangen, dass die E._ AG sich "innert Kürze" bei ihm melden wollte
(act. G3.1/A19). Mit einem Zuwarten von mindestens zwölf Tagen versäumte es der
Beschwerdeführer jedenfalls, die E._ AG von einem Interesse seinerseits an einer
Anstellung bei ihr zu überzeugen.
Indem es der Beschwerdeführer unterliess, sein aufrechterhaltenes Interesse innert
angemessener Frist zu bekunden, versäumte er es, seine Bereitschaft zum
Vertragsabschluss klar und eindeutig auszudrücken. Mit der mindestens zwölftägigen
Funkstille nahm es der Beschwerdeführer in Kauf, dass die E._ AG die Stelle
anderweitig besetzen könnte. Gemäss konstanter Rechtsprechung ist dieses Verhalten
einer Nichtannahme einer Arbeit im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. d AVIG gleichzusetzen.
Für einen früheren Zeitpunkt der telefonischen Nachfrage konnte kein Beweis erbracht
werden (vgl. E. 2.3 bis 2.5 vorstehend), weswegen der Beschwerdeführer dafür die
Folgen der Beweislosigkeit zu tragen hat. Kommt hinzu, dass keine Anhaltspunkte
dafür bestehen, dass der Beschwerdeführer die Stelle bei der E._ AG auch bei
früherer Kontaktaufnahme von seiner Seite nicht erhalten hätte (vgl. Vorbringen in act.
G5 Ziff. III/1). Vielmehr ist aufgrund des Umstandes, dass ihm anlässlich des
Vorstellungsgesprächs das Magazin der E._ AG gezeigt worden ist und ihm
Schnuppertage angeboten worden sind (vgl. act. G3.1/A20), davon auszugehen, dass
die E._ AG Interesse an einer Anstellung des Beschwerdeführers hatte. Dass der
Beschwerdeführer im Nachgang zum vorliegend relevanten Sachverhalt eine
Festanstellung gefunden hat und insoweit seiner Schadenminderungspflicht
nachgekommen ist, ändert schliesslich nichts daran, dass er dies für die in Frage
stehende Stelle bei der E._ AG nicht getan hat (vgl. Vorbringen in act. G1 Ziff. IV/7).
Und der Vertragsschluss zwischen dem Beschwerdeführer und der E._ AG vom 16.
März 2022 vermag nichts über den vorliegend zu beurteilenden Sachverhalt vom
Frühjahr 2020 auszusagen (vgl. Eingabe vom 24. März 2022 in act. G22). Da sodann
2.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die Stelle bei der E._ AG dem
Beschwerdeführer im Sinne von Art. 16 Abs. 2 AVIG nicht zumutbar gewesen wäre und
solches von seiner Seite auch nicht geltend gemacht wird, ist der Beschwerdeführer zu
Recht wegen Ablehnung einer zumutbaren Arbeit in der Anspruchsberechtigung
eingestellt worden.
Zu prüfen bleibt, ob die vom Beschwerdegegner verfügten 31 Einstelltage
angemessen sind.
3.1.
Die Dauer der Einstellung bemisst sich nach dem Grad des Verschuldens (Art. 30
Abs. 3 AVIG) und beträgt je Einstellungsgrund 1 bis 15 Tage bei leichtem, 16 bis 30
Tage bei mittelschwerem und 31 bis 60 Tage bei schwerem Verschulden (Art. 45 Abs. 3
der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02]). Gemäss Art. 45 Abs. 4 lit. b AVIV ist das
Verschulden dann als schwer zu beurteilen, wenn die versicherte Person ohne
entschuldbaren Grund eine zumutbare Arbeit abgelehnt hat. Ein entschuldbarer Grund
kann sich auf die subjektive Situation der betroffenen Person (etwa gesundheitliche
Probleme, familiäre Situation, Religionszugehörigkeit) oder auf eine objektive
Gegebenheit (z.B. befristete Stelle) beziehen. Wenn ein solcher Grund vorliegt, ist Art.
45 Abs. 4 AVIV nicht anwendbar und die Einstellungsdauer bemisst sich nach der
allgemeinen Regel des Art. 30 Abs. 3 Satz 3 AVIG (Nussbaumer, a.a.O., N 864 mit
Hinweisen). Bei der Bemessung der Einstellungsdauer sind alle Umstände des
konkreten Einzelfalls, insbesondere die Beweggründe der versicherten Person, das
bisherige Verhalten, Begleitumstände wie das Verhalten des Arbeitgebers, finanzielle
Überlegungen sowie irrtümliche Annahmen über den Sachverhalt, zu berücksichtigen
(vgl. Jacqueline Chopard, Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung, Diss. Zürich
1998, S. 167).
3.2.
Durch die verspätete Kontaktaufnahme hat der Beschwerdeführer seinen Willen
zum Vertragsabschluss nicht rechtzeitig bekundet und somit im Ergebnis eine ihm
zumutbare Arbeit nicht angenommen. Dies stellt aus
arbeitslosenversicherungsrechtlicher Sicht ein schweres Verschulden im Sinne von Art.
45 Abs. 4 lit. b AVIV dar. Hätte er sich rechtzeitig gemeldet und wäre die Stelle
trotzdem bereits anderweitig vergeben gewesen, wäre es nicht ihm anzulasten, dass
kein Arbeitsvertrag zustande kommen konnte und die Arbeitslosigkeit verlängert wurde.
Der Umstand, dass der Beschwerdeführer sich von sich aus bei der potentiellen
Arbeitgeberin gemeldet hat, obwohl er von einer Kontaktaufnahme von Seiten der
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Im Sinne dieser Erwägungen ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen, der
Einspracheentscheid vom 2. Juli 2020 aufzuheben und der Beschwerdeführer ab 7.
Februar 2020 für 25 Tage in der Anspruchsberechtigung einzustellen. Gerichtskosten
sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember 2020 gültigen, für
das vorliegende Verfahren gemäss Art. 82a ATSG noch anwendbaren Fassung; SR
830.1]). Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer Anspruch auf
eine partielle Parteientschädigung. Diese wird vom Versicherungsgericht festgesetzt
und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach
der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--.
Bei vollständigem Obsiegen wäre dem Beschwerdeführer mit Blick auf die Bedeutung
der Streitsache und den Aufwand eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zugesprochen worden. Wegen des
nur teilweisen Obsiegens erscheint eine Parteientschädigung im Umfang von einem
Drittel und damit von Fr. 1'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
angemessen.