Decision ID: 2c0a0633-1997-5109-a2a5-9ba2f93bf3d8
Year: 2018
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt
A. A_ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) wurde gemäss eigenen Angaben am 30. Januar
2012 Mitglied der Genossenschaft D_ (nachfolgend auch: Genossenschaft). Ziel dieser
Genossenschaft war es, eine Sozialfirma zu betreiben, welche integrative Arbeits- und
Ausbildungsplätze bereitstellt. Die Genossenschaft eröffnete hierzu im März 2012 einen
Bäckerei-/Konditoreibetrieb in Herisau und erweiterte das Angebot einen Monat darauf mit
einem Café. Die Beschwerdeführerin wurde am 25. März 2014 als Mitglied der
Genossenschaftsverwaltung ohne Unterschriftsberechtigung im Handelsregister einge-
tragen.
B. Am 15. Dezember 2014 wurde über die Genossenschaft der Konkurs eröffnet. Die
Ausgleichskasse Appenzell Ausserrhoden (nachfolgend auch: Ausgleichskasse /
Vorinstanz) erlitt einen Verlust im Umfang von total Fr. 22‘895.30 im Zusammenhang mit
ausstehenden Lohnbeiträgen. Mit Verfügung vom 4. April 2017 wurde die Beschwerde-
führerin verpflichtet, der Ausgleichskasse diesen (vollen) Schaden zu ersetzen, unter
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solidarischer Mithaftung der anderen bei der Genossenschaft tätig gewesenen
Verwaltungsmitglieder B1_, B2_, B3_ und B4_.
C. Gegen diese Verfügung erhob A_ bei der Ausgleichskasse Einsprache, welche mit
Einspracheentscheid vom 19. Juni 2017 teilweise gutgeheissen wurde. Der Schaden-
ersatzbetrag, für den die Beschwerdeführerin haftbar sei, wurde aufgrund des erst am
25. März 2014 erfolgten Handelsregistereintrags der Beschwerdeführerin als Organ der
Genossenschaft auf die ausstehenden Lohnbeiträge Juni bis September 2014 beschränkt.
Im Umfang des daraus resultierenden offenen Betrags von Fr. 6‘249.50 hielt die
Ausgleichskasse weiterhin an ihrer Schadenersatzforderung fest.
D. Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die von der Beschwerdeführerin am
21. August 2017 erhobene Beschwerde ans Obergericht (act. 1). Mit Vernehmlassung vom
31. August 2017 (act. 4) verlangte die Vorinstanz deren Abweisung. Am 2. Oktober 2017
reichte die Beschwerdeführerin eine Replik ein (act. 7). Die Vorinstanz verzichtete auf eine
weitere Stellungnahme. Am 24. April 2018 wurde die Sache in der zweiten Abteilung des
Obergerichts in Abwesenheit der Parteien abschliessend beraten und darüber entschieden.
Gemäss Begehren sowohl der Beschwerdeführerin als auch der Vorinstanz wird das Urteil
hiermit mit schriftlicher Begründung eröffnet.
E. Auf weitere Einzelheiten im Sachverhalt und in den Akten sowie die Vorbringen der
Parteien in den Rechtschriften wird, soweit entscheidrelevant, in den nachfolgenden
Erwägungen näher eingegangen.

Considerations:
Erwägungen
1. Formelles
1.1
Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen.
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs-
rechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes (JG, bGS 145.31)
beurteilt das Obergericht Beschwerden gegen solche Entscheide. Die örtliche Zuständigkeit
ist gegeben (Art. 52 Abs. 5 des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenen-
versicherung [AHVG, SR 831.10]).
Seite 4
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (insbesondere Art. 1 Abs. 1 und Art. 52 AHVG
i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
1.2
Mit einer Beiladung werden Dritte, deren Interessen durch eine Entscheidung berührt sind,
in ein Verfahren einbezogen und daran beteiligt. Nach der Rechtsprechung ist das
Sozialversicherungsgericht in Fällen wie dem vorliegenden angehalten, andere von der
Ausgleichskasse belangte Solidarschuldner zum Verfahren beizuladen, und zwar sowohl,
wenn gegen diese das Verfahren noch hängig ist, als auch, wenn deren Haftung bereits
rechtskräftig feststeht (BGE 134 V 306, E. 3; Urteil des Bundesgerichts 9C_646/2012 vom
27. August 2013, E. 3.1). Da die Ausgleichskasse im Zusammenhang mit offenen
Beitragsforderungen gegenüber der Genossenschaft gegen deren sämtliche ehemaligen
Verwaltungsmitglieder eine Schadenersatzverfügung erlassen hatte, wurde den betroffenen
Personen mit Schreiben vom 14. Februar 2018 die Möglichkeit eingeräumt, sich am
vorliegenden Beschwerdeverfahren zu beteiligen, Akteneinsicht zu nehmen und eine
Stellungnahme einzureichen (act. 14). Keine der beigeladenen Personen machte von
dieser Möglichkeit Gebrauch. Das begründete Urteil wird den beigeladenen Personen zur
Kenntnis zugestellt.
2. Materielles
2.1
Fügt ein Arbeitgeber durch absichtliche oder grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften
der Versicherung einen Schaden zu, so hat er diesen zu ersetzen (Art. 52 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung [AHVG, SR 831.10]).
Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die
Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten
Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie
für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
Seite 5
2.2.
Die in Art. 52 AHVG konstituierte Arbeitgeberhaftung und die damit verbundene
Organhaftung unterscheidet nicht nach der Rechtsform der Arbeitgeberfirma und gelangt
somit auch bei Genossenschaften zur Anwendung. Zudem gilt kein anderer
Haftungsmassstab, wenn die Arbeitgeberin ideelle und nicht wirtschaftliche Zwecke
verfolgt; ebensowenig stellt bei der subsidiären Haftung der Verwaltung und der mit der
Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen eine allfällige Ehrenamtlichkeit
eines Mandats - hier namentlich die ehrenamtliche Übernahme der Funktion als
Verwaltungsmitglied der Genossenschaft durch die Beschwerdeführerin - einen Grund für
eine weniger strenge Haftung dar. Da gestützt auf Art. 52 AHVG ein objektivierter
Verschuldensmassstab gilt, sind letztlich auch der persönliche Hintergrund eines Organs,
wie z.B. Ausbildung und Alter oder die Gründe für die Annahme der Organfunktion
grundsätzlich unbeachtlich (vgl. dazu UELI KIESER, in: Murer/Stauffer [Hrsg.],
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, AHVG, 3. Aufl. 2012,
N 54 zu Art. 52 AHVG, m.w.H.; Urteil des Bundesgerichts 9C_145/2010 vom 15. Juni 2010,
E. 5.3).
2.3
Die in Art. 52 AHVG vorgesehene Haftung bezieht sich in erster Linie auf den Arbeitgeber.
Verantwortlicher Arbeitgeber war im vorliegenden Fall eine juristische Person, nämlich die
Genossenschaft D_. Gestützt auf die Haftungsnorm von Art. 52 AHVG hat sich die
Ausgleichskasse zuerst an den Arbeitgeber zu halten und kann gegen dessen Organe erst
dann direkt und unmittelbar vorgehen, wenn der Arbeitgeber selber zahlungsunfähig
geworden ist (MARCO REICHMUTH, Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach
Art. 52 AHVG, Zürich/Basel/Genf 2008, Rz. 196). Da die Genossenschaft gemäss
Entscheid des Einzelrichters des Kantonsgerichts von Appenzell Ausserrhoden vom
15. Dezember 2014 durch Konkurs aufgelöst wurde, ist die Zahlungsunfähigkeit der
Arbeitgeberfirma im konkreten Fall offensichtlich. Die Ausgleichskasse erhielt am
14. Februar 2017 einen Verlustschein über die offene Forderung im Gesamtbetrag von
Fr. 22‘895.30. Als an Stelle der Genossenschaft potentiell subsidiär haftpflichtige Personen
kommen unter diesen Umständen namentlich die ehemaligen Organe der Genossenschaft
in Frage.
Seite 6
2.4
Eine subsidiäre Haftung der Beschwerdeführerin im Sinn von Art. 52 AHVG ist somit
vorerst davon abhängig, ob und ab welchem Zeitpunkt die Beschwerdeführerin als Organ
der Genossenschaft zu betrachten ist. Die Praxis zum Organbegriff im Zusammenhang mit
Art. 52 AHVG verläuft grundsätzlich parallel zu jener im Bereich der aktienrechtlichen
Verantwortlichkeit gemäss Art. 754 f. des Schweizerischen Obligationenrechts (OR, SR
220), weshalb die diesbezügliche Rechtsprechung auch im Schadenersatzbereich zu
beachten ist (MARCO REICHMUTH, a.a.O., Rz 198 f.). Wer als Organ einer juristischen
Person belangt werden kann, beurteilt sich demnach einerseits nach rein formellen
Kriterien (formeller Organbegriff), anderseits bei Nichterfüllung der formellen Kriterien auch
zusätzlich danach, ob die betreffende Person Organen vorbehaltene Entscheide getroffen
oder die eigentliche Geschäftsführung besorgt und so die Willensbildung der Gesellschaft
massgebend beeinflusst hat (materieller bzw. faktischer Organbegriff, vgl. BGE 132 III 523,
E. 4.5; BGE 114 V 213; Urteil des Bundesgerichts 9C_646/2012 vom 27. August 2013, E.
5.1). Nach der Rechtsprechung kommen formelle oder gesetzliche Organe einer
juristischen Person grundsätzlich immer als Schadenersatzpflichtige in Frage.
Im vorliegenden Fall wurde die Beschwerdeführerin nachweislich am 25. März 2014 als
Mitglied der Verwaltung im Handelsregister eingetragen. Damit kommt ihr ab dem 25. März
2014 eine formelle Organstellung zu und sie untersteht ab diesem Zeitpunkt ohne weiteres
der Haftungsnorm von Art. 52 AHVG (vgl. anstelle vieler: Urteil des Bundesgerichts H 77/03
vom 18. Januar 2005, E. 4.2; Urteil des Bundesgerichts H 127/02 vom 14. April 2003, E.
2.1 und 3.2.1; BGE 126 V 237). Nachdem keine konkreten Anhaltspunkte bestehen oder
seitens der Ausgleichskasse vorgebracht wurden, wonach die Beschwerdeführerin
offensichtlich schon vor dem Zeitpunkt der Eintragung als formelles Organ unabhängig vom
Handelsregistereintrag in materieller Hinsicht als Organ zu betrachten wäre, wird im
Nachfolgenden einzig eine Haftung der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit
Beitragsausständen für die Zeit nach dem Handelsregistereintrag, also namentlich im
Zusammenhang mit den ausstehenden Beiträgen betreffend Lohnzahlungen Juni, Juli,
August und September 2014, zu prüfen sein, nachdem die Ausgleichskasse ihre
Schadenersatzforderung ausdrücklich und ausschliesslich auf diese konkreten
ausstehenden Beiträge bezieht. Eine Haftung der Beschwerdeführerin für diese
Beitragsausstände gestützt auf Art. 52 AHVG wird nur dann zu bejahen sein, wenn die
allgemeinen Haftungsvoraussetzungen - nämlich Schaden, Widerrechtlichkeit, Kausalzu-
sammenhang und Verschulden - im konkreten Fall erfüllt sind.
Seite 7
2.5
Der Schaden, der auf dem Weg von Art. 52 AHVG geltend gemacht werden kann, besteht
darin, dass die der Ausgleichskasse geschuldeten Beiträge aus rechtlichen oder
tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben werden können, sei es, dass die
Beitragsforderung verwirkt ist (Art. 16 AHVG), oder sei es, weil die Arbeitgeberfirma - wie
im vorliegenden Fall - zahlungsunfähig geworden ist (vgl. BGE 134 V 257, E. 3.2). Dabei ist
der Schaden dem Gesamtbetrag gleichzusetzen, dessen die Ausgleichskasse verlustig
geht. Der im Verfahren nach Art. 52 AHVG durchzusetzende Schaden unterscheidet sich
insoweit von der eigentlichen Beitragsforderung, als zum Schaden auch die
Verwaltungskostenbeiträge und sämtliche Beiträge, welche die Ausgleichskasse für das
Beitragsinkasso aufwenden musste, hinzukommen (vgl. UELI KIESER, a.a.O., N 13 ff. zu Art.
52 AHVG; MARCO REICHMUTH, a.a.O., Rz. 367, je m.w.H.; BGE 121 III 382, E. 3).
Mit Einspracheentscheid vom 19. Juni 2017 bezifferte die Vorinstanz den gegenüber der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Schadenersatzbetrag mit Fr. 6‘249.50. Wie sich
dieser Betrag zusammensetzt, ist mehrfach ersichtlich aus den vorinstanzlichen Unterlagen
(vgl. beispielsweise act. 5/1/1.1 [Anhang zur Schadenersatzverfügung vom 4. April 2017 mit
einer Übersicht der geltend gemachten Schadenersatzbeträge], act. 5.4 [Kontoauszug], act.
5.5 [Zahlungsbefehle]). Die Zusammensetzung des Schadenersatzbetrags ist aus den
vorinstanzlichen Unterlagen nachvollziehbar und entspricht der Summe der pro
betroffenem Monat offenen Lohnbeiträge inkl. Mahngebühren, Betreibungskosten und
Verzugszinsen (Juni 2014: Fr. 1‘465.10; Juli 2014: Fr. 1‘620.10; August 2014: Fr. 1‘565.80;
September 2014: Fr. 1‘598.50). Nachdem eine substantiierte Bestreitung der Richtigkeit der
insoweit nachvollziehbaren Aufstellung durch die Beschwerdeführerin fehlt, ist dem bloss
sehr allgemein gehaltenen Eventualantrag der Beschwerdeführerin, mit dem sie
sinngemäss eine genauere Abrechnung der geltend gemachten Forderung verlangt, nicht
stattzugeben. Die Vorinstanz hat die gegenüber der Beschwerdeführerin verlangte
Schadenersatzforderung klar zeitlich und masslich spezifiziert und ist ihrer
Substantiierungspflicht damit grundsätzlich nachgekommen. Zumal die Beschwerdeführerin
nichts vorbringt, das konkret gegen einzelne von der Vorinstanz geltend gemachte
Schadenersatzpositionen sprechen würde, besteht kein Anlass, die Schadenersatz-
forderung einer weiteren Prüfung zu unterziehen.
2.6
Damit eine Haftung der Beschwerdeführerin für diesen Schadenersatzbetrag gestützt auf
Art. 52 AHVG in Frage kommt, muss dieser Schaden der Ausgleichskasse gemäss
Seite 8
ausdrücklichem Gesetzeswortlaut durch eine „Missachtung von Vorschriften“ entstanden
sein. Dieses Erfordernis der Widerrechtlichkeit ist offensichtlich erfüllt:
Art. 14 Abs. 1 AHVG und Art. 34 ff. der Verordnung über die Alters- und Hinterlassenen-
versicherung (AHVV, SR 831.101) schreiben vor, dass der Arbeitgeber bei jeder
Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den
Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeitgeber haben den
Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihnen an ihre
Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden paritätischen
Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und Abrechnungs-
pflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene öffentlich-rechtliche Aufgabe.
Die Nichterfüllung dieser Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinn von
Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (vgl. BGE 132 III 523,
E. 4.6). Werden - wie im vorliegend zu beurteilenden Fall - während einem gewissen
Zeitraum Beiträge nicht oder nicht vollständig entrichtet, in der gleichen Zeit aber Löhne
bezahlt, gilt dies als Normverstoss gegen Art. 14 Abs. 1 AHVG in Verbindung mit Art. 36
AHVV und somit mit Blick auf die Pflichten des Arbeitgebers klar als widerrechtlich (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 9C_311/2015 vom 9. Juli 2015, E. 4.1, m.w.H.).
2.7
Schliesslich setzt die Schadenersatzpflicht des Arbeitgebers bzw. seiner Organe nach Art.
52 AHVG voraus, dass zwischen der Missachtung von Vorschriften und dem eingetretenen
Schaden ein adäquater Kausalzusammenhang gegeben ist (BGE 119 V 401, E. 4a). Der
Schaden ist, wie dargelegt, ausgewiesen und die Nichtleistung der geschuldeten Beiträge
durch die Arbeitgeberfirma ist klar widerrechtlich. Ein Kausalzusammenhang ist unter
diesen Umständen ohne weiteres zu bejahen: Werden Beiträge nicht ordnungsgemäss
entrichtet, erfolgen aber gleichzeitig Lohnzahlungen (wobei im konkreten Fall die
Ausgleichskasse ihre Schadenersatzforderung ausdrücklich auf die Beitragsausstände im
Zusammenhang mit den Löhnen Juni bis September 2014 beschränkt hat), so sind in
einem solchen Fall zwar liquide Mittel der Unternehmung vorhanden, diese werden aber
pflichtwidrig nicht für eine Begleichung der Beitragsausstände verwendet (vgl. Urteil des
Bundesgerichts H 74/05 vom 8. November 2005, E. 4.3). Da somit zusammengefasst die
ersten drei allgemeinen Haftungsvoraussetzungen (ausgewiesener Schaden, Widerrecht-
lichkeit und Kausalzusammenhang) erfüllt sind, hängt im vorliegenden Fall die Frage, ob
die Beschwerdeführerin gegenüber der Ausgleichskasse tatsächlich haftpflichtig ist oder
nicht, entscheidend von der Beurteilung der vierten Haftungsvoraussetzung, nämlich ihres
persönlichen Verschuldens, ab.
Seite 9
2.8
Die Haftung nach Art. 52 AHVG ist keine Kausalhaftung. Eine Nichtabrechnung oder
Nichtbezahlung der Beiträge als solche kann nicht automatisch einem haftungs-
begründenden Verschulden gleichgesetzt werden. Die Schadenersatzpflicht der Organe
setzt vielmehr ein qualifiziertes Verschulden in Form von Absicht oder grober Fahrlässigkeit
voraus (Urteil des Bundesgerichts 9C_311/2015 vom 9. Juli 2015, E. 4.2.1, m.w.H.).
Dass die Beschwerdeführerin in irgendeiner Weise absichtlich dafür gesorgt hätte, dass
eine ordnungsgemässe Bezahlung der Sozialversicherungsbeiträge der Lohnzahlungen
von Juni bis September 2014 unterblieb, steht offensichtlich nicht zur Diskussion. Es geht
vielmehr darum, zu beurteilen, ob der Beschwerdeführerin im konkreten Fall ein
Verschulden in Form von mindestens grober Fahrlässigkeit vorzuwerfen ist, was als
Grundlage für die Bejahung einer Haftung gegenüber der Ausgleichskasse genügen würde.
Kann ihr dagegen keine oder bloss leichte Fahrlässigkeit vorgeworfen werden, besteht
gestützt auf Art. 52 AHVG keine Grundlage für eine Haftung gegenüber der
Ausgleichskasse.
Der Begriff der Grobfahrlässigkeit im Sinne von Art. 52 AHVG ist gleich zu verstehen wie im
übrigen Haftpflicht- und Versicherungsrecht, so dass grobfahrlässig handelt, wer eine
elementare Vorsichtsmassnahme missachtet bzw. das ausser Acht lässt, was jedem
verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich
hätte einleuchten müssen (Urteil des Bundesgerichts 9C_117/2011 vom 29. März 2011, E.
4, m.w.H.). Das Mass der zu verlangenden Sorgfalt ist bei der Beurteilung einer Haftung
gestützt auf Art. 52 AHVG abzustufen entsprechend der Sorgfaltspflicht, die in den
kaufmännischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher der Betreffende angehört,
üblicherweise erwartet werden kann und muss (vgl. Urteil des Bundesgerichts H 77/03 vom
18. Januar 2005, E. 5.1). Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat oder nicht, hängt
entscheidend von der Verantwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der
juristischen Person übertragen wurden. Bei nicht geschäftsführenden
Verwaltungsmitgliedern ist entscheidend, ob sie den ihnen obliegenden Kontroll- und
Aufsichtspflichten nachgekommen sind (vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts 9C_145/2010
vom 15. Juni 2010, E. 5.3).
Die Beklagte war lediglich während einiger Monate vor der Konkurseröffnung über die
Genossenschaft Mitglied der Genossenschaftsverwaltung. Die Pflichten einer Genossen-
schaftsverwaltung sind in Art. 902 ff. OR festgelegt. Gemäss Art. 902 Abs. 1 OR hat die
Seite 10
Verwaltung die Geschäfte der Genossenschaft mit aller Sorgfalt zu leiten und die
genossenschaftliche Aufgabe mit besten Kräften zu fördern. Sie ist insbesondere
verpflichtet, die Geschäfte der Generalversammlung vorzubereiten und deren Beschlüsse
auszuführen, sowie die mit der Geschäftsführung und Vertretung Beauftragten im Hinblick
auf die Beobachtung der Gesetze, der Statuten und allfälliger Reglemente zu überwachen
und sich über den Geschäftsgang regelmässig unterrichten zu lassen (Art. 902 Abs. 2 OR).
2.9
Unter den gegebenen Umständen ist nicht ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin diese
ihr als Organ der Genossenschaft persönlich obliegenden Pflichten mindestens
grobfahrlässig verletzt hätte:
Die Beschwerdeführerin wurde am 25. März 2014 formell als Mitglied der Verwaltung der
Genossenschaft ins Handelsregister eingetragen. Ihre Aufgabe bestand gemäss glaub-
haften und von keiner Seite bestrittenen Angaben der Beschwerdeführerin nicht in einer
eigentlichen geschäftsführenden Funktion im Alltagsgeschäft der Genossenschaft (sie
verfügte daher auch nicht über eine Unterschriftsberechtigung), sondern sie wirkte gemäss
eigenen Angaben im Hintergrund mit bei der Umsetzung der in den Statuten festgelegten
Kriterien für Produkte und Dienstleistungen und der bei Gestaltung der Organsations-
strukturen; ausserdem übernahm die Beschwerdeführerin insbesondere die Aufgabe, die
Sitzungsprotokolle der Verwaltung zu führen. Gemäss Angaben der Beschwerdeführerin
fand kurz vor ihrer Eintragung ins Handelsregister, nämlich am 5. März 2014, die letzte a.o.
Generalversammlung der Genossenschaft statt, an welcher einstimmig beschlossen
worden sei, trotz der bereits damals offensichtlich angespannten finanziellen Lage die
Geschäftstätigkeit der Genossenschaft auf der Basis sanierter, gesicherter Finanzen
weiterzuführen. Es seien verschiedene Sofortmassnahmen bezüglich Betrieb, Personal und
Produktion eingeleitet worden und die Präsidentin habe Kontakte im Hinblick auf eine
Schuldensanierung aufgegleist. Unter diesen Umständen ist es durchaus nachvollziehbar,
dass die Beschwerdeführerin (zunächst) davon ausging, dass eine nachhaltige Sanierung
realisiert und die aufgelaufenen Verbindlichkeiten innert nützlicher Frist geregelt werden
könnten. Ob die mit Blick auf die Weiterführung des Betriebs von der Generalversammlung
beschlossenen Massnahmen für eine Sanierung tatsächlich genügen würden oder nicht,
konnte erst nach einer gewissen Zeit beurteilt werden. Bereits Mitte Mai 2014 stellte zwar
die Geschäftsleiterin an einer Verwaltungssitzung die von der Generalversammlung
beschlossene Weiterführung des Betriebs in Frage. In diesem Zeitpunkt wurden aber die
ausstehenden Beiträge auf den aktuellen Lohnzahlungen notabene noch ordentlich
abgerechnet, wie aus den vorinstanzlichen Unterlagen hervorgeht (bei der Ausgleichskasse
Seite 11
vermerkter Zahlungseingang vom 22. April 2014 betreffend April-Löhne sowie vom 27. Juni
2014 betreffend Mai-Löhne), so dass nicht ersichtlich ist, inwiefern der Beschwerdeführerin
unter diesen Umständen bereits die ersten Monate nach ihrer Eintragung ins
Handelsregister eine Verletzung ihrer Aufsichts- und Überwachungspflichten vorgeworfen
werden könnte.
Aus der von der Vorinstanz eingereichten Übersicht in act. 5/4 ergibt sich nämlich sogar,
dass in den Monaten, als die Beschwerdeführerin als Organ der Genossenschaft im
Handelsregister eingetragen war, nebst den Zahlungen der Genossenschaft für die
Beitragsforderungen betreffend Löhne April und Mai 2014 auch diverse weitere
Zahlungseingänge bei der Ausgleichskasse vermerkt sind, mit welchen die Genossenschaft
offene Forderungen gegenüber der Ausgleichskasse beglich (beispielsweise Verzugs-
zinsen gemäss Rechnung vom 25. März 2014: wurde am 22. April 2014 bezahlt; offene
Rechnung vom 10. Juli 2013 bezüglich Lohnbeiträge Juli 2013: wurde am 19. Mai 2014
bezahlt, ebenso wie weitere Rechnungen über Verzugszinsen; weitere Zahlungen im
Zusammenhang mit einer offenen Rechnung bezüglich Lohnbeiträge September 2013
wurden am 19. März und 2. April 2014 geleistet). Werden bei ungenügender Liquidität die
einen Forderungen bezahlt, andere aber nicht, ist dies grundsätzlich nicht per se als
grobfahrlässig zu qualifizieren. Wären sämtliche Zahlungen der Arbeitgeberfirma an die
Ausgleichskasse, die nebst den ordnungsgemässen Zahlungen im Zusammenhang mit den
Löhnen Mai und Juni 2014 (je Fr. 1‘439.60 am 22. April bzw. 27. Juni 2014) seit den von
der Generalversammlung beschlossenen Sanierungsmassnahmen geleistet wurden
(gemäss act. 5/4: Fr. 2‘481.35 sowie Fr. 69.-- am 19. März 2014; Fr. 35.85 am 2. April
2014; Fr. 332.80 am 22. April 2014; Fr. 665.--, Fr. 42.40 sowie Fr. 85.10 am 19. Mai 2014;
Fr. 2‘564.95 am 22. September 2014; insgesamt somit Fr. 6‘276.45), anstatt für
Beitragsausstände und Gebühren vergangener Monate ausschliesslich für die jeweils
aktuellen Beitragsschulden der Monate Juni bis September verwendet worden, wären
eigentlich genügend liquide Mittel vorhanden gewesen, um keine weiteren Ausstände zu
schaffen. Mit anderen Worten: Die Beitragsausstände haben sich während der Zeit, als die
Beschwerdeführerin als Organ der Genossenschaft im Handelsregister eingetragen war,
jedenfalls per Saldo nicht zusätzlich vergrössert, da gleichzeitig auch diverse Ausstände
beglichen wurden.
Nachdem im vorliegenden Verfahren eine Schadenersatzforderung der Ausgleichskasse in
Frage steht, welche sich explizit und ausschliesslich auf die ausstehenden
Beitragszahlungen im Zusammenhang mit den Löhnen von Juni bis September 2014
bezieht, konnte der Beschwerdeführerin frühestens ab Juli 2014 überhaupt auffallen, dass
die Beiträge für die in Frage stehenden Monate jeweils nicht ordnungsgemäss bei der
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Ausgleichskasse abgeliefert wurden, obwohl Lohnzahlungen für die entsprechenden
Monate stattfanden. Dass die Beschwerdeführerin, die als nicht geschäftsführendes
Mitglied ohne Unterschriftsberechtigung wohl nicht im Einzelnen ins Tagesgeschäft der
Genossenschaft involviert war und daher auch nicht unmittelbar über die Informationen
verfügte, welche Zahlungen die Genossenschaft konkret tätigte, im Verlauf des Sommers
2014 nicht durch konkretes Nachfragen und eigene Abklärungen überprüfte, ob die
Beitragszahlungen mit Bezug auf die Löhne ab Juni 2014 ordentlich beglichen wurden,
kann angesichts der kurzen Dauer, die verging, bis anfangs September 2014 eine
Betriebsschliessung beschlossen und schliesslich über die Genossenschaft der Konkurs
eröffnet wurde, noch nicht als grobfahrlässige Unterlassung bezeichnet werden. Angesichts
der kurzen Dauer, auf die sich die gegen die Beschwerdeführerin gerichtete
Schadenersatzforderung der Ausgleichskasse bezieht (Lohnzahlungen Juni bis September
2014, d.h. vier Monate) kann - bei einer Gesamtbetrachtung der Situation der
Genossenschaft und der Rolle der Beschwerdeführerin, die erst am 25. März 2014 als
Verwaltungsmitglied ins Handelsregister eingetragen wurde, innerhalb der Verwaltung der
Genossenschaft - der Beschwerdeführerin persönlich keine Grobfahrlässigkeit vorgeworfen
werden. Wie es sich damit verhalten würde, wenn der Betrieb auch nach September 2014
weitergeführt worden wäre, ohne dass zuerst die offenen Beitragsforderungen gegenüber
der Ausgleichkasse beglichen worden wären, kann an dieser Stelle offengelassen werden.
2.10
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführerin entgegen der Ansicht der
Vorinstanz unter den gegeben konkreten Umständen keine Grobfahrlässigkeit vorzuwerfen
ist. Dieses Ergebnis überzeugt auch insbesondere angesichts der Überlegung, dass es bei
anderer Beurteilung in vergleichbaren Fällen letztlich unmöglich werden würde, sich bei
einer finanziell angeschlagenen Unternehmung zu engagieren, ohne automatisch Gefahr
zu laufen, gestützt auf Art. 52 AHVG für Beitragsausstände von sehr kurzer Dauer haftbar
zu werden, selbst wenn die betroffene Unternehmung in einer kurzen Zeit voller
Sanierungsbemühungen vor einer schliesslich notwendigen Konkurseröffnung immerhin
namhafte bestehende Schulden gegenüber der Ausgleichskasse begleichen konnte. Die
Beschwerde ist dementsprechend gutzuheissen und der angefochtene Entscheid der
Vorinstanz aufzuheben. Es besteht im konkreten Fall mangels Vorliegen eines qualifizierten
Verschuldens keine Schadenersatzpflicht der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 52
AHVG gegenüber der Ausgleichskasse.
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3. Kosten und Entschädigung
Es handelt sich um ein kostenloses Verfahren (Art. 1 Abs. 1 und Art. 52 AHVG i.V.m. Art.
61 lit. a ATSG), weshalb keine Gerichtskosten zu erheben sind.
Nach Art. 61 lit. g ATSG hat ein obsiegender Beschwerdeführer grundsätzlich Anspruch auf
eine Parteientschädigung. Da das eigene Führen des vorliegenden, rein schriftlichen
Verfahrens aber nicht das Mass dessen übersteigt, was dem Einzelnen zur Besorgung
eigener Angelegenheiten zugemutet werden darf (vgl. BGE 127 V 205, E. 4b, insbesondere
mit Verweis auf BGE 110 V 132), ist der nicht anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin,
die überdies auch keine konkrete Entschädigung für sich verlangt hat, für das vorliegende
Verfahren keine Parteientschädigung zuzusprechen.
Der Vorinstanz als staatlicher Behörde wird unabhängig vom Verfahrensausgang keine
Parteientschädigung zugesprochen (vgl. BGE 127 V 205, E. 3a; Art. 61 lit. a und g ATSG e
contrario; Art. 24 Abs. 3 lit. a VRPG).
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