Decision ID: 0e8fd8ce-0594-4881-b188-467e936d45cd
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._ (auch C._ genannt),
Kilinochchi Distrikt (Nordprovinz) – verliess seinen Heimatstaat eigenen
Angaben zufolge am 3. April 2016 auf dem Luftweg und reiste über Dubai
und Tschechien nach Frankreich. Am 9. April 2016 gelangte er auf dem
Landweg in die Schweiz. Am 11. April 2016 stellte er im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) Basel ein Asylgesuch, wo er am 13. April 2016
summarisch zur Person, Ausreise und den Gesuchsgründen befragt
wurde. Am 1. Juni 2018 fand die einlässliche Anhörung zu den Asylgründen
statt. Der Beschwerdeführer trug im Wesentlichen Folgendes vor:
A.a Zu seinen persönlichen Verhältnissen gab er an, er habe von seiner
Geburt bis 2007 bei seiner Familie in Heimatdorf B._ gelebt und
habe die Schule bis 2001 (bis O-Level) besucht. Er sei ledig. Einen Beruf
habe er nicht erlernt. Von 2004 bis 2007 habe er als Staatsbeamter bei der
(...) gearbeitet, bis ihn die LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) am
9. Januar 2007 zwangsrekrutiert hätten. Danach habe er sich bis April 2009
bei den LTTE an verschiedenen Orten an der Front im Vanni-Gebiet (Nord-
provinz) aufgehalten. Von Juni 2009 bis Oktober 2011 sei er in einem Re-
habilitationscamp in D._ (E._ Bezirk, North Central Provinz)
inhaftiert gewesen. Seine Eltern und vier Geschwister würden im Heimat-
dorf B._ leben.
A.b Er habe einen Reisepass besessen, welcher ihm vom Schlepper ab-
genommen worden sei. Auf der Reise nach Europa habe er einen im Jahr
2015 ausgestellten und mit einem Touristenvisum versehenen, malaysi-
schen Reisepass verwendet. Seine Identitätskarte im Original befinde sich
bei den Eltern im Heimatland.
A.c Bei den LTTE habe er den Namen «F._» und etwa den Rang
eines 2. Leutnant getragen; er sei einfacher Soldat respektive nicht hoch-
rangig gewesen. Im Ausbildungslager in G._ habe er sein erstes
Training bei den LTTE absolviert; danach sei er im Gebiet von H._
(Nordfront, Befehlszentrum) bei einer Bodentruppe, unter dem Befehl von
Colonel I._, stationiert gewesen. Er habe bei Kampfeinheiten mit-
machen müssen, habe aber bei seinen Einsätzen nie Schüsse abgegeben
und sei für die Weitergabe von Informationen aus den Schützengräben ver-
antwortlich gewesen. Im Jahr 2007 habe er Schussverletzungen am (...)
und im (...) erlitten, worauf er sich im Spital von Kilinochchi habe behandeln
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lassen. Danach sei er nicht mehr an die Front geschickt worden und habe
sich im Ausbildungscamp aufgehalten.
Im März 2009 hätten seine Familie und er sich der Armee ergeben; er habe
danach einer Meldepflicht unterstanden. Er sei mit seiner Familie ins Re-
habilitationscamp in J._ umgesiedelt worden. Diejenigen, die bei
der «Bewegung» gewesen seien, hätten sich registrieren müssen, was der
Beschwerdeführer aber zunächst nicht gemacht habe. Er sei dann von ei-
nem Jungen aus seiner ehemaligen Truppe verraten worden. Danach sei
er registriert und sei zum Rehabilitierungs-/Internierungslager verbracht
worden, wo er sich vom Juni 2009 bis zu seiner Freilassung im Oktober
2011 aufgehalten habe. Bei den Befragungen während der Rehabilitation
habe er den Sicherheitskräften gegenüber ehrliche Angaben gemacht und
dabei angegeben, einfacher Soldat der LTTE gewesen zu sein.
Nach Kriegsende habe er wieder im Heimatdorf respektive in der bewalde-
ten Umgebung von K._ (bei C._, Vanni-Gebiet) gelebt. Dort
seien damals vier Ausbildungscamps der LTTE situiert gewesen. Er habe
als Tagelöhner, bei der (...) und (...) gearbeitet, habe aber nicht in Ruhe
seiner Arbeitstätigkeit nachgehen können. Es seien ständig Beamte des
CID (Criminal Investigation Department) und Armeesoldaten (...) erschie-
nen. Er sei bedrängt und geschlagen worden. Seine Inhaftierung und sein
mehrjähriger Aufenthalt im Rehabilitierungscamp seien allen bekannt ge-
wesen.
In L._, Jaffna-Distrikt, sei eine Bombe explodiert. In der Folge sei
er im Jahr 2012 oder 2013 zweimal von der Armee festgenommen und zum
C._-/(B._-) Camp im Vanni-Gebiet geführt worden.
Im Jahr 2014 hätten die Sicherheitskräfte eine Gruppe gebildet, um die aus
der Haft entlassenen Rehabilitierten – auch den Beschwerdeführer – zu
überwachen. Sämtliche seiner Bewegungen seien registriert worden.
Wenn in der Umgebung irgendetwas vorgefallen sei, seien die ehemaligen
Rehabilitierten mitgenommen und geschlagen worden. Die Armeeangehö-
rigen gingen davon aus, dass er ein Ausbildner der LTTE gewesen sei.
2015 sei eine «Claymore Mine» im Gebiet M._ und N._
explodiert. Nach dieser Minenexplosion sei der Beschwerdeführer und wei-
tere vierzehn Rehabilitierte festgenommen worden. Er sei im März 2016
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einmal im O._-Army-Camp und beim zweiten Mal, etwa drei Wo-
chen später, in der Schule von K._ inhaftiert worden, wo er miss-
handelt worden sei.
Er habe bei der Menschenrechtskommission in Sri Lanka ein Verfahren
gegen seine Arbeitgeberin, die (...), eingeleitet, weil sich diese aufgrund
von Intrigen und Denunziationen seines Onkels und wegen seiner LTTE-
Vergangenheit geweigert habe, ihn wieder anzustellen. Der Konflikt am Ar-
beitsplatz sei entstanden, weil sich die Soldaten an ihm hätten rächen wol-
len. Nach diesem Verfahren sei er wieder bei der (...) angestellt worden.
Er sei insgesamt fünf bis sechs Male auf den Posten der Sicherheitskräfte
mitgenommen und misshandelt worden. Wegen den erlittenen Folterungen
habe er nach wie vor körperliche Einschränkungen.
Im März 2015 sei ein junger Rebell verhaftet worden, weil man ihn beschul-
digt habe, eine Pistole und eine Bombe auf sich zu tragen. In der Folge
hätten die Soldaten und die CID den Beschwerdeführer und weitere Reha-
bilitierte beschuldigt, mit dem Rebell zusammengearbeitet und diesen den
Behörden nicht verraten zu haben. In diesem Zusammenhang sei er im
März 2015 eine Woche lang in einer Schule eingesperrt und dabei miss-
handelt worden. Wegen diesem Vorfall sei auch sein Vater, welcher in der
Nähe der Schule (...) habe, krank geworden. Wegen der Erkrankung sei-
nes Vaters habe man den Beschwerdeführer freigelassen.
Im März 2016 seien Zeitungsmeldungen erschienen, wonach der LTTE-
Führer Prababakaran (recte: Prabhakaran) und Potta (recte: Pottu) Amman
am Leben seien. Deshalb sei der Beschwerdeführer mit anderen Rehabili-
tierten im März 2016 wieder in der gleichen Schule eine Woche lang fest-
gehalten und dort geschlagen worden. Ihnen sei ihre Erschiessung ange-
droht worden für den Fall, dass die LTTE-Führer tatsächlich noch lebten.
Dem Beschwerdeführer sei bei einem Toilettengang die Flucht aus der
Schule gelungen und er sei nach Hause gerannt. Anschliessend habe sein
Bruder seine Ausreise aus Sri Lanka organisiert.
Sein Bruder habe ihn nach Kilinochchi gebracht. In der darauffolgenden
Nacht sei dieser Bruder aufgrund einer Verwechslung anstelle des Be-
schwerdeführers festgenommen worden. Der Beschwerdeführer sei etwa
zwei Wochen nach seiner Flucht von der Schule aus Sri Lanka ausgereist.
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Nach seiner Ausreise hätten die Sicherheitskräfte drei bis vier Male die El-
tern zu Hause im Zusammenhang mit seiner Person befragt und seine
Identitätskarte verlangt.
A.d Im Verlauf seiner Anhörung vom 1. Juni 2018 wurde der Beschwerde-
führer auf mehrere Unstimmigkeiten zwischen seinen Angaben bei der BzP
und der Anhörung (namentlich bezüglich der chronologischen Abfolge der
geschilderten Ereignisse sowie der Hintergründe und Dauer seiner Inhaf-
tierungen) hingewiesen und ihm wurde Gelegenheit geboten, diese aufzu-
klären. Hierzu verwies er insbesondere auf seine Vergesslichkeit und sein
schlechtes Erinnerungsvermögen seit seiner in P._ vorgenomme-
nen grossen Operation im (...).
A.e Im Anschluss an die Anhörung hielt die anwesende Hilfswerksvertre-
tung (HWV) fest, die Befragung habe «nur an einem konkreten Vorfall eine
mündliche Intervention durch die HWV» erfordert; es seien jedoch wieder-
holt gereizte, wertende Fragen und Bemerkungen (Fragen 80, 82-83, 85)
gestellt und gemacht worden. Aufgrund des oft gereizten Tonfalls dem Be-
schwerdeführer gegenüber habe der Sachverhalt nicht vorurteilsfrei erho-
ben werden können, was Gefühlsausbrüche (Antwort 88) zur Folge gehabt
habe. Der Beschwerdeführer habe gesundheitliche Beeinträchtigungen
und Schmerzen vorgetragen, weshalb die HWV anrege, ein medizinisches
Gutachten einzuholen und den Entscheid nicht ohne dieses zu erlassen.
Die von der HWV gestellten Zusatzfragen (Fragen 142-145) würden auf-
zeigen, dass die Fluchtgründe noch nicht vollständig erhoben worden
seien; eine zusätzliche Befragung sei deshalb angezeigt, wozu auch auf
die Fragen 150-152 verwiesen werde.
A.f Zur Stützung seiner Vorbringen legte der Beschwerdeführer folgende
Beweismittel ins Recht (Nummerierung gemäss Beweismittelverzeichnis
des SEM; vgl. A19; Inhalt gemäss Angaben des Beschwerdeführers):
- Beweismittel (BM) Nr. 1und 2: ein Schreiben («Reintegration Certificate
10/31984»), ausgestellt vom «Commissioner General of Rehabilitation
(CGR)» am 30. September 2011 respektive ein fremdsprachiges
Schreiben, ausgestellt vom «Bureau of the Commissioner General of
Rehabilitation, Ministry of Rehabilitation and Prison Reforms» am
30. September 2011;
- BM 2: Schreiben des “International Committee of the Red Cross”
(ICRC) vom 17. Oktober 2011 betreffend Besuch des Beschwerdefüh-
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rers durch Delegierte des ICRC am 18. Juni 2009 im «(...) Rehabilita-
tion and Training Centre (Q._ District)» und Entlassung am 30.
September 2011 aus dem “(...) Rehabilitation and Training Centre
(E._ District)”;
- BM 3: drei fremdsprachige Schreiben der «Human Rights Commission
(HRC) of Sri Lanka» vom 8. September 2015, 30. Dezember 2015 und
1. Januar 2016 betreffend Verfahren HRC/(...)/2015 sowie ein fremd-
sprachiges Schreiben des «Department of (...)» vom 21. Dezember
2015;
- BM 4: ein fremdsprachiges Schreiben datiert 13. Oktober 2014, mit drei
Nassstempeln des «Deputy (...) General; Northern Province, Jaffna»;
«(...); Divisional Superintendent of (...), Q._» sowie Datum «21
Oct 2014»;
- BM 5: ein eigenhändiges Schreiben des Beschwerdeführers datiert
10. August 2016, mit Nassstempel des Dorfvorstehers «Grama Nilad-
hari (...)»;
- BM 6: zwei Farbfotos (Aufnahmen der sri-lankischen Identitätskarte
des Beschwerdeführers) inklusive Übersetzung;
- BM 7: vier Farbfotos (Aufnahmen der Eingangsstrasse zum Dorf
K._);
- BM 8: zwei Farbfotos, auf welchen ein mit «Crime Branch» beschrifte-
ter Raum abgebildet ist (Aufnahmen des Polizeipostens in B._,
auf welches der Bruder nach seiner Festnahme [nach einer Verwechs-
lung mit dem Beschwerdeführer] geführt worden sei);
- BM 9: ein Schreiben des Kantonsspitals (KS) P._, (...), Derma-
tologie und Allergologie, vom 28. Mai 2018 (Terminbestätigung vom 19.
Juni 2018);
- BM 10: Schreiben des KS P._, Klinik für Chirurgie, (...), datiert
17. Mai 2018, betreffend Einladung zur Sprechstunde vom 7. Juni
2018;
- BM 11: fremdsprachiger Auszug aus dem Geburtsregister betreffend
den Beschwerdeführer, mit Übersetzung.
Die BM 6 und 11 wurden in Kopie eingereicht, alle übrigen Beweismittel im
Original respektive im Original und laminiert.
Zu diesen Unterlagen führte der Beschwerdeführer ergänzend aus, die BM
1 und 2 seien ihm bei seiner Haftentlassung ausgehändigt worden. Nach
seiner Freilassung aus der Rehabilitation sei ihm seitens seines Arbeitge-
bers ([...] Departement) mitgeteilt worden, dass er seine Arbeitsstelle nicht
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mehr antreten könne, weshalb er bei der HRC von Sri Lanka eine Be-
schwerde eingereicht und in der Folge seine Arbeitsstelle wieder erhalten
habe (BM 3 und 4). In BM 5 habe er festgehalten, dass er ein Geschäft
besitze, was vom Dorfvorsteher seinerseits bestätigt worden sei (BM 5). Er
habe am (...) Geschosssplitter, welche auf Röntgenbildern sichtbar seien;
eine entsprechende Operation sei für den 7. Juni 2018 vorgesehen (BM
10). Zudem stehe er seit vier Monaten in ärztlicher Behandlung, weil er
Schmerzen im (...) und eine entsprechende Narbe habe (BM 9).
B.
Am 6. Juni 2018 liess der Beschwerdeführer mehrere Schreiben des KS
P._ nachreichen:
- Kurzbericht vom 7. Juni 2018, wonach der Beschwerdeführer am
7. März, 9. April und 28. Mai 2018 in der Sprechstunde der Dermatolo-
gie + Allergologie zur ambulanten Behandlung vorgesprochen habe; für
den 19. Juni 2018 sei ein nächster Termin geplant;
- Schreiben vom 28. Mai 2018, in welchem Angaben zum Termin vom
19. Juni 2018 festgehalten werden (Öffnungszeiten, Kontaktangaben);
- Ärztliches Zeugnis vom 23. Dezember 2016 mit Bestätigung des stati-
onären Spitalaufenthalts des Beschwerdeführers vom 3. Dezember
2016 bis 24. Dezember 2016 sowie die 100 %-ige Arbeitsunfähigkeit
für die Dauer vom 3. Dezember 2016 bis 27. Januar 2017;
- Operationsbericht vom 22. November 2016, in welchem festgehalten
wird, dass bei einer CT-Untersuchung zwei im Körper des Beschwer-
deführers verbliebene Projektile hätten nachgewiesen werden können;
eines befinde sich in (...) und ein zweites im «(...)» (...). Während der
Operation vom 21. November 2016 habe das Projektil (...) entfernt wer-
den können; von einer Entfernung des Projektils (...) sei ärztlich abge-
raten worden;
- Operationsbericht vom 13. Dezember, welcher festhält, dass im Nach-
gang zur Projektilentfernung vom 21. November 2016 ein tiefer Wund-
infekt entstanden sei; die Wunde sei vollständig «eröffnet» und ein Ab-
zess entfernt worden;
- Operationsbericht vom 3. Januar 2017, wonach ein weiterer tiefer
Wundinfekt entstanden sei, welcher operativ habe behandelt werden
müssen;
- Provisorischer Austrittsbericht vom 10. Januar 2017, in welchem die
Hauptdiagnosen «postoperativer Wundinfekt mit akuter Osteomyelitis
(...) und Citrobacter koseri nach Projektilentfernung am 1.11.2016» so-
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wie die Nebendiagnose «verbliebenes Projektil (...)» festgehalten wer-
den. Der Beschwerdeführer sei in gutem Allgemeinzustand aus dem
Spital entlassen worden; er werde weiterhin medikamentös behandelt;
die (...) müssten 14-tägig kontrolliert und die Wundpflege fortgesetzt
werden.
C.
Mit Verfügung vom 21. November 2019 – eröffnet am 25. November 2019
– lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, weil seine
Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit und an die Asylrele-
vanz nicht genügen würden.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, die Zwangsrekrutie-
rung des Beschwerdeführers durch und dessen Tätigkeit für die LTTE in
den Jahren 2007 bis 2009 sowie die anschliessende Absolvierung eines
zweijährigen Rehabilitierungsprogramms würden nicht abgesprochen. Die
nach der Entlassung aus der Rehabilitation erlittenen Verfolgungsmassna-
men könnten jedoch aufgrund der zahlreichen Widersprüche innerhalb der
Schilderungen nicht geglaubt werden. Hieran vermöchten die eingereich-
ten Beweismittel, deren Authentizität nicht bestritten werde, nichts zu än-
dern. Der Wegweisungsvollzug wurde als zulässig, zumutbar und möglich
eingestuft.
D.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 27. Dezember 2019 liess der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und
beantragen, die Verfügung der Vorinstanz sei wegen Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör (Rechtsbegehren 2), eventualiter wegen
Verletzung der Begründungspflicht (Rechtsbegehren 3) respektive zwecks
Feststellung des vollständigen und richtigen Sachverhalts (Rechtsbegeh-
ren 4) aufzuheben und die Sache sei zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen; eventualiter sei er als Flüchtling anzuerkennen und es sei
ihm in der Schweiz Asyl zu erteilen (Rechtsbegehren 5) respektive die Dis-
positivziffern 3 und 4 der vorinstanzlichen Verfügung seien aufzuheben und
die Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzuges sei festzustellen (Rechtsbegehren 6).
In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, es seien die mit der vorliegenden
Beschwerde betrauten Gerichtspersonen mitzuteilen und zu bestätigen,
dass diese tatsächlich zufällig ausgewählt worden seien; andernfalls seien
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die objektiven Kriterien für die Auswahl des Spruchgremiums bekannt zu
geben (Rechtsbegehren 1).
Im Weiteren wurden drei Beweisanträge gestellt: Der Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers sei von Amtes wegen abzuklären oder ihm eine
Frist zur Beibringung ärztlicher Berichte anzusetzen (Beweisantrag 1); es
sei eine erneute Anhörung unter Berücksichtigung seines Gesundheitszu-
standes durchzuführen (Beweisantrag 2) und es seien die beim SEM zur
Anhörung intern angelegten Akten beizuziehen, aus welchen sich der per-
sönliche Eindruck der die Anhörung durchführenden Person zur Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers ergebe (Beweisantrag 3; vgl.
Ziffer 6 der Beschwerde).
D.a Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, das SEM habe
mehrere Verfahrensfehler begangen (nicht vollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts; Durchführung einer mangelhaften Anhö-
rung; mangelhafte Beweisabnahme, fehlerhafte Beweiswürdigung sowie
Verletzung des rechtlichen Gehörsanspruchs und der Begründungspflicht),
welche zwingend zur Kassation der angefochtenen Verfügung führen
müssten (vgl. insbesondere Ziffern 4 und 8 der Beschwerde).
Die vom Beschwerdeführer vorgetragenen Asylgründe würden Asylrele-
vanz entfalten. Unter Mitberücksichtigung der aktuellen politischen Lage in
Sri Lanka seit dem Amtsantritt des neuen Staatspräsidenten Gotabaya
Rajapaksa am 18. November 2019 erfülle der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft. Mehrere stark risikobegründende Faktoren im
Sinne des Referenzurteils des Bundesverwaltungsgerichts zur Gefährdung
von rückkehrenden tamilischen Asylsuchenden, E-1866/2015 vom 15. Juli
2016, würden vorliegen (vgl. Ziffer 9.2 der Beschwerde). Zudem gingen
aus den Schilderungen Hinweise auf sexuelle Misshandlung hervor.
Schliesslich sei der Wegweisungsvollzug aufgrund des persönlichen Risi-
koprofils unzulässig respektive unzumutbar.
Auf die weiteren Ausführungen wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.
D.b Zur Stützung der Beschwerdevorbringen wurden insgesamt 202 Be-
weismittel nachgereicht:
- zahlreiche Berichte aus sri-lankischen und internationalen Medien, von
Nicht-Regierungs- und staatlichen Organisationen, sowie der Schwei-
zer, der amerikanischen und der sri-lankischen Botschaft;
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- Rechtsgutachten von Prof. Walter Kälin vom 23. Februar 2014;
- Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014;
- Gerichtsakten in Kopie zu Verfahren vor den High Courts in Vavuniya
und Colombo (inklusive Übersetzungen);
- Formular Ersatzreisepapierbeschaffung sri-lankisches Generalkonsu-
lat;
- Vernehmlassung des SEM vom 8.11.2017 im Verfahren D-4794/2017;
- interne Mitteilung des SEM vom 6.11.2018 im Verfahren N (...);
- Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) vom
26. Januar 2017, Case X vs. Switzerland;
- ein vom Advokaturbüro des Rechtsvertreters recherchierter und ver-
fasster Bericht zur aktuellen Lage in Sri Lanka, Stand 22. Oktober 2018
(inkl. CD-ROM mit Quellen);
- vier Farbfotokopien (gemäss den Angaben des Beschwerdeführers:
Aufnahmen von Behördenvorsprachen bei der Familie sowie Abbildun-
gen der Mutter des Beschwerdeführers).
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 6. Januar 2020 hielt der zuständige Instruk-
tionsrichter des Bundesverwaltungsgerichts fest, der Beschwerdeführer
könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig
wurde ein Kostenvorschuss von Fr. 1'500.– erhoben.
F.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 21. Januar 2020 ersuchte der
Beschwerdeführer um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
eine diesbezügliche Bestätigung des Sozialdienstes des Kantons
R._ vom 9. Januar 2020 wurde nachgereicht.
Dabei wurde nochmals darum ersucht, den Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers von Amtes wegen abzuklären respektive eine entspre-
chende Frist zur Beibringung entsprechender medizinischer Unterlagen
anzusetzen. Im Weiteren wurden zusätzliche Ausführungen zur aktuellen
Lage in Sri Lanka deponiert und auf Ereignisse von Ende 2019/anfangs
2020 verwiesen. Die seit den Präsidentschaftswahlen von Ende November
2019 sich verschlechternde Lage in Sri Lanka habe die Risikofaktoren beim
Beschwerdeführer verschärft.
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Seite 11
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 24. Januar 2020 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen und auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses verzichtet.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das vorliegende Verfahren richtet sich nach altem Recht (Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG [SR 142.31] vom
25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen wor-
den.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.4 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.5 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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Seite 12
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Das Rechtsbegehren 1 der Beschwerde betreffend Bekanntgabe des
Spruchgremiums wird mit Erlass des vorliegenden Urteils gegenstandslos.
Zudem wurde mit Instruktionsverfügung vom 6. Januar 2020 das ursprüng-
lich, durch das EDV-basierte Zuteilungssystem generierte Spruchgremium
– unter Vorbehalt allfälliger Wechsel bei Abwesenheiten – mitgeteilt.
4.2 Im vorliegenden Verfahren wurden zusätzliche Kriterien manuell er-
gänzt. Die manuelle Anpassung wurde aufgrund objektiver und im Voraus
bestimmter Kriterien vorgenommen (vgl. Art. 31 Abs. 3 VGR). Als objektive
Kriterien in diesem Sinne gelten Amtssprache, Beschäftigungsgrad, Belas-
tung durch die Mitarbeit in Gerichtsgremien, Vorbefassung, Kammerzu-
ständigkeit, Austritt, Erweiterung des Spruchkörpers, Ausstand, enger
Sachzusammenhang, Abwesenheit sowie Ausgleich der Belastungssitua-
tion.
5.
5.1 Im Asylentscheid des SEM wurden die vom Beschwerdeführer geltend
gemachte Zwangsrekrutierung und seine zweijährige Teilnahme am Reha-
bilitationsprogramm nicht in Frage gestellt. Das SEM stellte sich jedoch auf
den Standpunkt, dem Beschwerdeführer könne nicht geglaubt werden,
dass er nach der Rehabilitation Opfer von Verfolgungsmassnahmen asyl-
beachtlichen Ausmasses geworden sei. Seine Angaben zu den Festnah-
men und Befragungen seien widersprüchlich und undifferenziert ausgefal-
len. In der BzP habe er zwar von mehreren Mitnahmen und Misshandlun-
gen gesprochen, jedoch nur zwei einwöchige Festnahmen erwähnt. Er
habe sich auch bezüglich der Orte, wo er festgehalten worden sei und der
Dauer dieser Festnahmen, widersprochen. Seine Erklärung, die schwere
Operation sei verantwortlich für die entstandenen Erinnerungslücken, sei
nicht überzeugend. Auch seine Begründungen für die jeweiligen Festnah-
men seien nicht identisch ausgefallen und er habe für die Unstimmigkeiten
keine nachvollziehbare Erklärungen abgeben können. Die bei der Anhö-
rung vorgetragenen zentralen Vorbringen habe er bei der BzP nicht er-
wähnt. Im Weiteren sei davon auszugehen, dass während der zweijährigen
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Rehabilitierung behördlicherseits genau überprüft worden sei, welche Tä-
tigkeiten er bei den LTTE entfaltet habe, weshalb seine Vermutung, die Si-
cherheitskräfte hätten gemeint, er sei Ausbildner der LTTE gewesen, nicht
glaubhaft sei. Diese Annahme werde weiter gestützt durch den Umstand,
dass er gemäss seinen Angaben bei der Anhörung jeweils nur für Stunden,
einmal für zwei Tage, befragt und festgehalten worden sei.
Die Authentizität der eingereichten Beweismittel werde nicht bestritten;
diese vermöchten jedoch an der Gesamteinschätzung nichts zu ändern.
Ziel der Rehabilitationshaft sei gemäss offiziellen Angaben sicherzustellen,
dass ehemals LTTE-nahe Personen «de-radikalisiert» und für die Integra-
tion in die Gesellschaft als Zivilpersonen vorbereitet würden. In den Augen
der Behörden seien die Betroffenen mit der Entlassung aus der Rehabili-
tationshaft bereit für diese Reintegration. In der Regel gebe es gegenüber
Rehabilitierten keine Beschränkungen der Bewegungs- und Reisefreiheit.
Allerdings würden diese vielfach überwacht, etwa durch Melde- und Unter-
schriftspflichten, Aufenthaltskontrollen sowie Befragungen. Diese Überwa-
chungsmassnahmen erreichten jedoch gemäss Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts in der Regel kein asylrelevantes Ausmass.
Auch im Fall des Beschwerdeführers würden keine asylrelevanten Mass-
nahmen nach der Entlassung vorliegen. Dieser habe nicht glaubhaft ma-
chen können, nach der Rehabilitation Opfer von asylbeachtlichen Verfol-
gungsmassnahmen geworden zu sein. Allfällige, im Zeitpunkt der Ausreise
bestehende Risikofaktoren vermöchten kein Verfolgungsinteresse der sri-
lankischen Behörden auszulösen. Es gebe keine konkreten Anhaltspunkte
dafür, dass sich dies seit seiner Ausreise aus dem Heimatland geändert
habe. Es bestehe daher kein begründeter Anlass zur Annahme, dass er
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka wegen der geltend gemachten Verbin-
dungen zu den LTTE mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehba-
rer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt werde.
Der Beschwerdeführer habe die letzten viereinhalb Jahre vor der Ausreise
im Vanni-Gebiet gelebt. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts sei der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ostprovinz zu-
mutbar, wenn das Vorliegen individueller Zumutbarkeitskriterien bejaht
werden könne. Darüber hinaus müssten bei Personen mit Herkunft aus
dem Vanni-Gebiet die Wohnsituation gesichert und die Deckung ihres
Grundbedarfs gewährleistet sein. Beim Beschwerdeführer sei der Wegwei-
sungsvollzug unter Verweis auf das tragfähige familiäre Beziehungsnetz,
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dessen Berufserfahrung bei (...) und im (...) und dem wirtschaftlichen Hin-
tergrund seiner Familie als zulässig, zumutbar und möglich einzustufen.
5.2 In der Beschwerde wird vorgetragen, das SEM habe den rechtlichen
Gehörsanspruch des Beschwerdeführers verletzt, den rechtserheblichen
Sachverhalt weder vollständig noch richtig abgeklärt und die Begründungs-
pflicht verletzt. Die Anhörung und die Beweisabnahme sei mangelhaft
durchgeführt worden. Diese Verfahrensfehler müssten zwingend zur Kas-
sation der angefochtenen Verfügung führen (vgl. insbesondere Ziffern 4
und 8 der Beschwerde). Der Beschwerdeführer erfülle mehrere asyl- res-
pektive flüchtlingsrelevante Risikofaktoren im Sinne der Rechtsprechung.
Zur Begründung wird ausgeführt, der Beschwerdeführer sei aufgrund von
Scham- und psychischen Barrieren im bisherigen Verlauf des Asylverfah-
rens nicht in der Lage gewesen, den Asylbehörden gegenüber offenzule-
gen, dass er sexuell misshandelt worden sei. Die Hinweise auf seine psy-
chische Beeinträchtigung im Rahmen seiner Anhörung seien mannigfaltig
(vgl. A18, Antworten 5, 57 ff. sowie 83 etc.). Auch seine Ausführungen zu
den erlittenen Kriegsverletzungen und Misshandlungen sowie seine Ge-
fühlsausbrüche würden implizieren, dass er deswegen traumatisiert sei. Er
habe auch selbst darauf hingewiesen, dass er unter psychischen Beein-
trächtigungen und Erinnerungsschwierigkeiten leide (vgl. Akte A18, Ant-
worten 91, 120 und 146). Auf dem Unterschriftenblatt zur Anhörung habe
die HWV angeregt, den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ab-
schliessend abzuklären. Das SEM habe dies jedoch unterlassen und die
Anhörung im Rahmen einer (reinen) Männerrunde durchgeführt. Die Anhö-
rung sei zudem «konfrontativ» erfolgt, was von der HWV ebenfalls ver-
merkt worden sei. Der Beschwerdeführer sei während acht Stunden regel-
recht verhört worden. Der Rechtsvertreter habe es als notwendig erachtet,
die Abklärung dieses rechtserheblichen Sachverhaltselementes durch eine
entsprechend spezialisierte Facharztperson vornehmen zu lassen. Der Be-
schwerdeführer werde sich in spezialärztliche Behandlung begeben.
Zwischen der BzP und der Anhörung seien zwei Jahre und zwei Monate
verstrichen. Es liege daher auf der Hand, dass es zu Abweichungen in den
Angaben gekommen sei. Prof. Walter Kälin habe in seinem Rechtsgutach-
ten vom 23. Februar 2014 dem SEM geraten, die zeitliche Nähe zwischen
Anhörung und Befragung zu wahren und die Anhörung und die Abfassung
des Asylentscheids durch dieselbe Person durchzuführen. Beiden Empfeh-
lungen sei das SEM nicht nachgekommen. Der Beschwerdeführer habe
bereits vor seiner Anhörung und in deren Verlauf angegeben, dass er im
E-6912/2019
Seite 15
bisherigen Verfahren nicht seine gesamten Asylgründe habe offenlegen
können. Schliesslich habe das SEM zwischen der Anhörung und dem an-
gefochtenen Asylentscheid nochmals rund eineinhalb Jahre verstreichen
lassen, ohne dem Beschwerdeführer vor Erlass der Verfügung erneut das
rechtliche Gehör zu gewähren. Es hätten sich tatsächlich in der Zwischen-
zeit rechtserhebliche Sachverhaltselemente ergeben, welche nicht in die
Beurteilung durch das SEM eingeflossen seien. Es sei namentlich zu re-
gelmässigen behördlichen Vorsprachen bei den Verwandten gekommen,
bei welchen sich die sri-lankischen Soldaten nach dem Verbleib des Be-
schwerdeführers erkundigt hätten. Hierzu würden vier Fotoaufnahmen zu
den Akten gereicht. Da der Beschwerdeführer gesundheitlich angeschla-
gen, der deutschen Sprache nicht mächtig und mit den hiesigen administ-
rativen Abläufen nicht vertraut sei, könne ihm nicht vorgeworfen werden,
dass er diese Vorfälle nicht dargelegt habe. Sein Gesundheitszustand sei
abzuklären und eine erneute Anhörung durchzuführen. Zudem müsse das
Gericht beim SEM die zur Anhörung intern angelegten Akten beiziehen,
aus welchen der persönliche Eindruck der für die Anhörung verantwortli-
chen Person zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen hervorgehen würde (vgl.
Beschwerdeanträge, Sachverhalt oben, Bst. D.)
Das SEM habe im Weiteren das Recht auf Prüfung der Parteivorbringen
und die damit verbundene Begründungspflicht verletzt. Zudem habe es die
beim Beschwerdeführer vorliegenden, vom Bundesverwaltungsgericht de-
finierten Risikofaktoren, nicht korrekt geprüft, insbesondere die LTTE-Akti-
vitäten, die früheren behördlichen Registrierungen, die erlittenen Kriegs-
verletzungen, den langjährigen Aufenthalt im Ausland und die fehlenden
sri-lankischen Reisepapiere inklusive die zwingend notwendige Vorspra-
che auf dem Konsulat.
Der rechtserhebliche Sachverhalt sei unvollständig und nicht richtig ermit-
telt worden. Die individuellen Asylgründe und die Zugehörigkeit des Be-
schwerdeführers zur sozialen Gruppe der abgewiesenen tamilischen Asyl-
suchenden seien nicht korrekt ermittelt worden. Es bleibe unklar, wie oft,
wann und wo er nach seiner Rehabilitationshaft festgenommen worden sei.
Auch die Herkunft aus und die Wohnsitznahme im Vanni-Gebiet während
der Endphase des Bürgerkriegs sei nicht richtig abgeklärt worden. Zur Si-
tuation von Rehabilitierten werde auf die Urteile der High Courts in Va-
vuniya vom 25. Juli 2017 respektive in Colombo im Verfahren
HC/5186/2010 verwiesen. Die Rehabilitationshaft werde von den sri-lanki-
schen Behörden ausdrücklich nicht als Strafverbüssung für vergangene
E-6912/2019
Seite 16
LTTE-Tätigkeiten betrachtet. Zudem sei nie ein Amnestiegesetz in Sri
Lanka ergangen.
Die Terroranschläge in Sri Lanka vom 21. April 2019 und die Wahl Gota-
baya Rajapaksas zum Präsidenten sowie die Entführung einer Mitarbeite-
rin der Schweizer Botschaft in Colombo im November 2019 hätten eine
erhöhte Gefährdung von Rückkehrern zur Folge. Es werde beantragt, ab-
zuklären, ob unter den erpressten Daten der Botschaftsangestellten auch
der Name des Beschwerdeführers zu finden sei.
Die jüngste Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts würde nahe-
legen, dass ein tamilischer Asylsuchender, der zum Zeitpunkt seiner Aus-
reise nicht verfolgt worden sei, bei entsprechenden LTTE-Verbindungen
trotzdem bei einer Rückkehr gefährdet sei. Ehemalige LTTE-Mitglieder
seien bis heute gefährdet, auch wenn ihre LTTE-Verbindungen viele Jahre
zurückliegen würden. Besonders gefährdet seien rehabilitierte LTTE-Mit-
glieder, Kombattanten, aus tamilischen Diasporazentren zurückkehrende
und exilpolitisch aktive Personen.
Schliesslich würden die Sachverhaltsabklärung und die Glaubhaftigkeits-
prüfung des SEM auf einer veralteten Lagebeurteilung vom 16. August
2016 beruhen.
Der Wegweisungsvollzug sei aufgrund der Vorgeschichte des Beschwer-
deführers, seines angeschlagenen psychischen Gesundheitszustandes
und seiner Herkunft aus dem Vanni-Gebiet als unzulässig und unzumutbar
einzustufen.
6.
In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, die
vorab zu beurteilen sind, da sie im Falle ihrer Berechtigung geeignet wären,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
6.1 Der Beschwerdeführer moniert zunächst, die Vorinstanz habe seinen
Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt.
6.1.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Dieser Anspruch umfasst als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse, die
einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Stand-
punkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
E-6912/2019
Seite 17
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
6.1.2 Konkret wurde in der Rechtsmitteleingabe diesbezüglich ausgeführt,
die Anhörung des Beschwerdeführers sei erst mehr als zwei Jahre nach
seiner BzP und Asylgesuchseinreichung und somit nicht zeitnah durchge-
führt worden. Das Interview selbst habe acht Stunden gedauert und sei in
einer gereizten, «konfrontiven» Atmosphäre durchgeführt worden. Zudem
sei der Asylentscheid des SEM nicht von der für die Anhörung verantwort-
lichen Person gefällt worden. Der Beschwerdeführer habe während der An-
hörung deutliche Anzeichen einer angeschlagenen psychischen Gesund-
heit abgegeben. Die anwesende Hilfswerksvertretung habe selbst ange-
merkt, durch die mangelhafte Anhörung seien nicht alle Asylvorbringen
vollständig erfasst und somit auch der rechtserhebliche Sachverhalt nicht
korrekt erhoben worden.
6.1.3 Vorliegend ist nicht ersichtlich und es wird auch nicht schlüssig dar-
gelegt, inwiefern dem Beschwerdeführer aus dem Umstand, dass die ein-
lässliche Befragung rund 26 Monate nach der Asylgesuchseinreichung
durchgeführt respektive der Asylentscheid rund eineinhalb Jahre nach der
Anhörung gefällt wurde, konkret ein Nachteil entstanden sein soll. Er wurde
am 1. Juni 2018 einlässlich zu seinen Asylgründen befragt und konnte
seine Asylvorbringen uneingeschränkt vortragen. Aus dem Anspruch auf
rechtliches Gehör ergeben sich keine Vorgaben für das SEM, innert einer
klar definierten Frist nach der Gesuchseinreichung zu entscheiden. Die
entsprechende Rüge geht somit fehl.
6.1.4 Soweit der Beschwerdeführer weiter rügt, der SEM-Entscheid sei
nicht durch die gleiche Person gefällt worden, die die Anhörung durchge-
führt habe, ist festzuhalten, dass es sich bei dem in diesem Zusammen-
hang zitierten Rechtsgutachten vom 23. Februar 2014 lediglich um eine
Empfehlung von Professor Walter Kälin handelt, die Anhörung und die Ab-
fassung des Asylentscheids möglichst in Personalunion durchzuführen,
und nicht um eine justiziable Verfahrenspflicht (vgl. unter vielen: Urteil des
BVGer E-1904/2019 vom 13. Mai 2019 E. 6.1.1 mit weiteren Verweisen).
Die diesbezügliche Rüge stösst deshalb ebenfalls ins Leere.
E-6912/2019
Seite 18
6.1.5 Der Beschwerdeführer rügt sinngemäss die zeitliche Länge der An-
hörung vom 1. Juni 2018 und die dabei vorherrschende, angeblich «kon-
frontive» und gereizte Befragungssituation.
Es ist aktenkundig, dass die einlässliche Anhörung zu den Asylgründen um
9:30 Uhr begann und – inklusive Rückübersetzung – um 17:35 Uhr beendet
wurde. Von 10:45 bis 10:55 Uhr wurde eine kurze, und von 12:30 bis 13:00
Uhr eine etwas längere Mittagspause durchgeführt. Von 14:30 bis 14.50
sowie von 15:50 bis 16:00 Uhr (bei der Rückübersetzung) wurden weitere
Pausen eingehalten (vgl. A18, S. 1, 6, 13 und 22). Alleine die insgesamt
acht Stunden dauernde Anhörung führt nicht zur Einschränkung der Ver-
wertbarkeit des Protokolls vom 1. Juni 2018. Ferner ist der Beschwerde-
führer mit seiner handschriftlichen Unterzeichnung des Anhörungsproto-
kolls und der damit expliziten Bestätigung, dass das Protokoll seine Anga-
ben korrekt und vollständig widergebe (vgl. A18, S. 23), grundsätzlich zu
behaften.
6.1.6 Es finden sich im fraglichen Protokoll auch inhaltlich keine klaren Hin-
weise für den behaupteten gereizten Befragungsstil, für Ermüdungser-
scheinungen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen des Beschwerde-
führers, die, wie in der Beschwerde behauptet, sein Aussageverhalten of-
fensichtlich beeinflusst haben sollen. Die von der HWV genannten Proto-
kollstellen (Fragen 80, 82, 83, 85) sind nicht als Unsachlichkeiten einzustu-
fen; vielmehr hat der SEM-Sachbearbeiter den Beschwerdeführer berech-
tigterweise in seinem Redefluss unterbrochen und direkte Vorhalte zu des-
sen wenig logischen Aussagen gemacht. Dieses Vorgehen ist sachlich an-
gebracht. Das Protokoll hält zwar fest, dass er an gewissen Stellen geweint
und mit einer «unruhigen Stimme» gesprochen habe (vgl. A18, Antwort 88).
Auffallend ist diesbezüglich, dass seine Emotionen bei der Schilderung sei-
ner familiären Situation aufkamen. Entgegen der Behauptung in der
Rechtsmitteleingabe kann alleine aufgrund dieser Gefühlsausbrüche nicht
auf eine offensichtliche Traumatisierung des Beschwerdeführers geschlos-
sen werden. Für die behauptete Traumatisierung respektive psychische
Beeinträchtigungen sind den Akten keine Hinweise zu entnehmen. Obwohl
in der Rechtsmitteleingabe in Aussicht gestellt wurde, dass sich der Be-
schwerdeführer in spezialärztliche Behandlung begeben werde (vgl. Ziffer
4.1.1, S. 10) wurden im Verlauf des mehrjährigen Beschwerdeverfahrens
keine diesbezüglichen fachärztlichen Berichte eingereicht, die entspre-
chende psychische Krankheitsbilder untermauern und die angeblichen Ein-
schränkungen im Aussageverhalten plausibel erklären könnten.
E-6912/2019
Seite 19
6.1.7 Anderweitige, konkrete Hinweise, die darauf schliessen liessen, dass
die Gefühlsausbrüche des Beschwerdeführers während seiner Anhörung
in einen Zusammenhang mit einer sachlich nicht geboten, gar aggressiven
Befragungstechnik des SEM-Mitarbeitenden gebracht werden müssten,
sind ebenso wenig erkennbar.
Aus den diesbezüglichen Protokollstellen geht hervor, dass die Befragung
nach den Gefühlsausbrüchen erst fortgesetzt wurde, nachdem der Be-
schwerdeführer gefragt worden war, ob es ihm etwas besser gehe und er
diese Frage bejahen konnte (vgl. Antwort 89). Auch der Umstand, dass der
Beschwerdeführer vom Befragenden aufgefordert wurde, seine Erlebnisse
«in Kürze» respektive «zusammengefasst» zu schildern (vgl. Antworten
39, 41 und 85) respektive sich auf das Wesentliche zu konzentrieren (vgl.
Antwort 58) vermag nicht auf eine unangebrachte Befragungsatmosphäre,
oder auf einen unzulässigen Befragungsstil zu schliessen. Aus dem Proto-
koll geht nämlich vielmehr klar hervor, dass dem Beschwerdeführer durch-
aus Raum geboten wurde, die Schilderungen zu detaillieren respektive den
Sachverhaltsvortrag durch noch nicht Erwähntes zu ergänzen (vgl. Antwor-
ten 60, 61, 64, 86). Es wurden auch mehrere konkrete Nachfragen gestellt
(beispielhaft, die Fragen 27, 29, 31-34, 44, 54, 67, 78, 79, 97, 102 und
143), was gegen einen gereizten oder zeitlich drängenden Befragungsstil
spricht. Dem Beschwerdeführer wurde Gelegenheit geboten, seine Asyl-
vorbringen im Rahmen von freien Berichten (vgl. A18, Antworten 39, 40,
57ff., 64ff., 84ff.) und auf konkrete Fragen hin vorzutragen. Er wurde auch
auf bestehende inhaltliche Unstimmigkeiten hingewiesen und ihm wurde
ausreichend Gelegenheit geboten, sich hierzu zu äussern (vgl. Antworten
112ff.). Die vom Befrager angewandte Befragungstechnik ist nicht zu be-
anstanden und spricht gegen den behaupteten Zeitdruck oder konfrontiven
Befragungsstil.
6.1.8 In der Beschwerde wird weiter behauptet, der Beschwerdeführer
habe selbst darauf hingewiesen, dass er unter psychischen Beeinträchti-
gungen und Erinnerungsschwierigkeiten leide und dazu auf das Anhö-
rungsprotokoll (Antworten 91, 120 und 146) verwiesen. Diesbezüglich
muss jedoch festgehalten werden, dass der Beschwerdeführer seine Erin-
nerungslücken als Folgen der in der Schweiz durchgeführten chirurgischen
Operation erklärt und nicht auf eine Einschränkung seines psychischen
Gesundheitszustandes zurückführt.
E-6912/2019
Seite 20
6.1.9 In den Fragen 128-130 wurde der Beschwerdeführer explizit nach
seinem Gesundheitszustand gefragt. Hierzu gab er einzig Angaben zu sei-
nen physischen Schlussverletzungen zu Protokoll. In Frage 146 wurde er
von der HWV dann nach seinem psychischen Gesundheitszustand gefragt,
worauf er angab, er sei in der Schweiz unglücklich, weil seine ganze Fami-
lie in Sri Lanka sei. Psychische Probleme und entsprechende Krankheits-
bilder trug er demgegenüber nicht vor. Nachdem er in Frage 131 zur Nach-
reichung eines Arztzeugnisses aufgefordert wurde, reichte er einige fach-
ärztliche Unterlagen zu seinen chirurgischen Eingriffen im Zusammenhang
mit den in seinem Körper verbliebenen Projektilen ein (vgl. Sachverhalt
oben, Bst. B). Angaben oder Beweismittel zu seiner angeblich angeschla-
genen psychischen Gesundheit wurden demgegenüber nicht beigebracht.
6.1.10 Die behaupteten kognitiven Einschränkungen im Erinnerungsver-
mögen des Beschwerdeführers finden weder im BzP- noch im Anhörungs-
protokoll eine stützende Grundlage. Alleine der Umstand, dass die HWV
auf angebliche Einschränkungen hindeutete, vermag ohne untermauernde
Hinweise im Protokoll selbst keine mangelhafte Befragung darzutun.
6.2 Der Beschwerdeführer rügt weiter eine Verletzung der Begründungs-
pflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs.
6.2.1 Die behördliche Begründungspflicht soll dem von einem Entscheid
Betroffenen ermöglichen, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was
nur der Fall ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmitte-
linstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl.
BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2).
6.2.2 Die Vorinstanz hat nachvollziehbar und hinreichend differenziert auf-
gezeigt, von welchen Überlegungen sie sich leiten liess. Entgegen der in
der Beschwerde vertretenen Auffassung hat sie sich mit sämtlichen we-
sentlichen Vorbringen in der gebotenen Tiefe, insbesondere auch mit der
aktuellen Lage in Sri Lanka, auseinandergesetzt und ist zum Schluss ge-
kommen, dass weder die individuellen Vorbringen des Beschwerdeführers
noch die aktuelle Lage in Sri Lanka eine Verfolgung nahelegen.
6.2.3 Alleine der Umstand, dass die Vorinstanz in ihrer Länderpraxis zu Sri
Lanka einer anderen Linie folgt, als vom Beschwerdeführer vertreten, und
sie aus sachlichen Gründen auch zu einer anderen Würdigung der Vorbrin-
gen gelangt, als von ihm verlangt, spricht nicht für eine ungenügende Sach-
E-6912/2019
Seite 21
verhaltsfeststellung oder eine Verletzung der Begründungspflicht. Die ent-
sprechenden Argumente sind Bestandteil der materiell-rechtlichen Prüfung
des Asylgesuches. Auch das Vorbringen, sämtliche Sachverhaltselemente
beziehungsweise Risikofaktoren und damit die individuelle Fluchtge-
schichte des Beschwerdeführers hätten vor dem Hintergrund der aktuell
verfügbaren Länderinformationen beurteilt werden müssen, beschlägt die
rechtliche Würdigung des Sachverhalts. Schliesslich zeigt die ausführliche
88-seitige Beschwerdeeingabe sowie die nachgereichte, 28 Seiten umfas-
sende Eingabe vom 21. Januar 2020 deutlich auf, dass eine sachgerechte
Anfechtung des Entscheids der Vorinstanz ohne Weiteres möglich war.
Eine Verletzung der Begründungspflicht liegt daher nicht vor.
6.3 Dem Beschwerdeführer ist es insgesamt nicht gelungen, eine rechtli-
che Gehörsverletzung substanziiert darzutun. Soweit in den Ziffern 4.1.2
und 4.1.3 der Beschwerde beantragt wird, es seien die vom SEM die zur
Anhörung intern angelegten Akten beizuziehen, aus welchen der persönli-
che Eindruck der für die Anhörung verantwortlichen Person zur Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen hervorgehen würde, bleibt festzuhalten, dass keine
solche internen Akten angelegt worden sind. Beweisantrag 3 wird daher
abgewiesen.
6.4 Im Beschwerdeverfahren wird weiter beanstandet, das SEM habe den
rechtserheblichen Sachverhalt nicht hinreichend erstellt.
6.4.1 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet ei-
nen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
6.4.2 Konkret wird geltend gemacht, das SEM habe den Beschwerdeführer
zu diversen Sachverhaltselementen nicht befragt und dadurch den Sach-
verhalt nicht korrekt ermittelt; der Beschwerdeführer habe sowohl bereits
vor, als auch während seiner Anhörung ausgesagt, dass er im bisherigen
Verfahren nicht seine gesamten Asylgründe habe offenlegen können (vgl.
Ziffern 4.1.2, S. 13 der Beschwerde).
E-6912/2019
Seite 22
Diese in der Rechtsmitteleingabe nicht weiter belegten Behauptungen hal-
ten einer Überprüfung nicht stand. Insbesondere weist weder die BzP-
noch das Anhörungsprotokoll Aussagen des Beschwerdeführers auf, in
welcher er andeuten soll, seine Asylgründe nicht vollständig vorgetragen
zu haben. Während der Anhörung wurde ihm vielmehr mehrfach Gelegen-
heit eingeräumt, weitere Gründe für sein Asylgesuch darzulegen (vgl. A 18,
Fragen 61, 64, 73, 84, 86 und 125).
6.4.3 In der Rechtsmitteleingabe wird zwar neu behauptet, der Beschwer-
deführer habe im Heimatland sexuelle Übergriffe erlitten und daraus der
Schluss gezogen, sein Gesundheitszustand sei nicht vollständig ermittelt
worden. Zudem wird gerügt, das SEM habe es unterlassen, die Befragung
im Rahmen einer «Männerrunde» durchzuführen.
Der Beschwerdeführer lässt es jedoch mit der blossen Behauptung der er-
littenen sexuellen Misshandlungen bewenden. Er untermauert diese An-
gabe sowie seine Erklärung, aus Scham und wegen «psychischen Barrie-
ren» diese Übergriffe im bisherigen Asylverfahren nicht vorgetragen haben
zu können, weder mit spezifizierenden Ausführungen, noch hat er entspre-
chende fachärztliche Berichte eingereicht, obwohl er – im Zeitpunkt der
Beschwerdeerhebung Ende Dezember 2019 – in Aussicht stellte, sich ent-
sprechend fachärztlich behandeln zu lassen (vgl. Ziffer 4.1.1 der Be-
schwerde). Der Umstand, dass er keine einschlägigen, medizinischen Un-
terlagen nachreichte, wäre allenfalls darauf zurückzuführen, dass er seiner
Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen ist; er kann jedoch nicht als
Grundlage für die behauptete unvollständige Ermittlung des rechtserhebli-
chen Sachverhaltes herangezogen werden. Nachdem der Beschwerdefüh-
rer auch im Verlauf des erstinstanzlichen Verfahrens keine Hinweise auf
sexuelle Misshandlungen vorgetragen oder angedeutet hat, war das SEM
auch nicht gehalten, ihn im Rahmen eines rein männlich zusammengesetz-
ten Befragungsteams anzuhören oder weitere Abklärungen zu seinem psy-
chischen Gesundheitszustand vorzunehmen.
Dem Beschwerdeführer stand insgesamt mehr als zwei Jahre Zeit zur Ver-
fügung, um entsprechende medizinische Unterlagen zur Untermauerung
seiner psychischen Verfassung einzureichen. Nachdem es ihm offenbar
ohne Weiteres möglich war, Unterlagen zur Stützung seines physischen
Gesundheitszustandes beizubringen (vgl. Sachverhalt oben, Bst. B), bleibt
nicht nachvollziehbar, weshalb er – obwohl er seit Dezember 2019 von ei-
nem im Asylverfahrensrecht versierten Rechtsvertreter vertreten wird - be-
züglich der behaupteten psychischen Beeinträchtigungen untätig blieb.
E-6912/2019
Seite 23
Der Beweisantrag 1 (Abklärung des Gesundheitszustands von Amtes we-
gen respektive Fristansetzung zur Beibringung entsprechender medizini-
scher Unterlagen) ist nach dem Gesagten abzuweisen.
6.4.4 In der Rechtsmitteleingabe wird schliesslich bemängelt, das SEM
habe im Rahmen seiner Entscheidfindung die Herkunft des Beschwerde-
führers aus respektive seinen Aufenthalt im Vanni-Gebiet nicht berücksich-
tigt. Auch diese Rüge erweist sich offensichtlich als aktenwidrig. Im ange-
fochtenen Entscheid wird sowohl im Sachverhalt, als auch in den Erwä-
gungen der Umstand mitberücksichtigt, dass der Beschwerdeführer aus
dem Distrikt Kilinochchi stammt und die letzten viereinhalb Jahre vor seiner
Ausreise im Vanni-Gebiet verbracht hat (vgl. Ziffern I/3 und III/2).
6.5 Die formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegrün-
det. Das Bundesverwaltungsgericht stellt keine Verletzungen der Verfah-
rensvorschriften fest. Der Sachverhalt wurde nach dem Gesagten korrekt
und vollständig erstellt. Es wurden keine stichhaltigen Gründe vorgetragen,
die indizieren würden, dass das BzP- und/oder das Anhörungsprotokoll
nicht oder nur unter Vorbehalt für die Beurteilung des vorliegenden Asyl-
verfahrens beigezogen und mitberücksichtigt worden wären.
Es besteht auch keine Veranlassung, den Beschwerdeführer zusätzlich an-
zuhören. Der in Ziffer 6 der Beschwerde gestellte Beweisantrag 2 wird des-
halb abgewiesen.
Damit besteht kein Anlass, die Verfügung aus formellen Gründen aufzuhe-
ben. Die entsprechenden auf eine Kassation lautenden Rechtsbegehren 2-
4 sind deshalb abzuweisen.
Auf die rechtliche Prüfung der Asylvorbringen ist in den nachstehenden Er-
wägungen weiter einzugehen.
7.
7.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
E-6912/2019
Seite 24
7.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
8.
Nach Durchsicht der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und folglich das Asylgesuch abgewiesen hat.
8.1 Vorweg ist festzuhalten, dass das SEM die im Jahr 2007 erfolgte
Zwangsrekrutierung des Beschwerdeführers durch die LTTE, seine bis
2009 dauernde Tätigkeit für diese Gruppierung und sein damit einherge-
hender Aufenthalt im Vanni-Gebiet während dieser Zeit, sowie sein von
Juni 2009 bis Oktober 2011 dauernder Aufenthalt in einem Rehabilitie-
rungscamp nicht in Frage gestellt hat. Auch das Gericht sieht keine kon-
krete Veranlassung, an diesen Vorbringen zu zweifeln.
8.2 Wie das SEM jedoch einlässlich und nachvollziehbar aufgezeigt hat, ist
es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, asylbeachtliche Verfolgungs-
massnahmen für den Zeitraum nach seiner Entlassung aus der Rehabilita-
tionshaft im Oktober 2011 bis zu seiner im April 2016 erfolgten Ausreise
glaubhaft dazutun.
8.2.1 Das SEM hat insbesondere die gravierenden Widersprüche inner-
halb der Vorbringen des Beschwerdeführers zutreffend aufgezeigt. So trug
der Beschwerdeführer bei der BzP lediglich zwei jeweils einwöchige Fest-
nahmen vor; er sei das erste Mal im März 2015 und das zweite Mal im März
2016 festgenommen worden; bei beiden Festnahmen sei er jeweils in das-
selbe Schulhaus geführt und dort je eine Woche lang festgehalten worden
(vgl. A3, Ziff. 7.01). Bei der Anhörung schilderte er zwar zunächst auch zwei
Festnahmen, die im Zusammenhang mit Bombenexplosionen erfolgt seien
(Antwort 90). Er widersprach sich jedoch bezüglich deren Haftdauer und –
orten: Bei der Verhaftung in der Schule sei er zwei Tage lang und bei der
Festnahme im B._-Camp vier Stunden lang festgehalten worden
(Antworten 91, 98 und 99). Diese beiden Festnahmen hätten sich im Jahr
2016, im Abstand von etwa drei Wochen, ereignet (Antworten 91, 92 sowie
96). Zudem erwähnte er eine dritte Festnahme, die im Zusammenhang mit
E-6912/2019
Seite 25
seinem gegen die (...) – seine Arbeitgeberin – geführten arbeitsrechtlichen
Verfahren erfolgt sei; dabei sei er im O._-Camp einen Tag und eine
Nacht lang festgenommen worden (vgl. Antworten 97 und 98). Bei der An-
hörung gab er weiter zu Protokoll, er sei insgesamt fünf bis sechs Male auf
den Posten der Sicherheitskräfte mitgenommen worden (vgl. Antwort 65).
8.2.2 Das SEM hat zutreffend erwogen, dass es sich bei diesen Verhaftun-
gen nicht um unwesentliche Details seines Sachverhaltsvortrages handelt.
Vielmehr begründet der Beschwerdeführer seine Ausreise aus dem Hei-
matland mit diesen Geschehnissen, weshalb von ihm erwartet werden
durfte und musste, dass er sich zu erinnern vermag, ob er von den Sicher-
heitskräften gesamthaft zwei Wochen, tageweise oder bloss für einige
Stunden in Gewahrsam genommen worden ist und an welchen Örtlichkei-
ten er wie lange inhaftiert wurde. Auch wenn er – wie vorgetragen – einen
schweren chirurgischen Eingriff hat über sich ergehen lassen müssen und
angeblich seither an Erinnerungslücken leidet, vermag diese rund 18 Mo-
nate vor der Anhörung durchgeführte Operation im KS P._ die mas-
siven Widersprüche zu zentralen Aspekten seiner Asylbegründung nicht
plausibel aufzuklären. Diese erheblichen Ungereimtheiten in Kernelemen-
ten der Asylbegründung des Beschwerdeführers lassen bereits erhebliche
Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Vorbringen aufkommen.
8.2.3 Hinzu kommt, dass er die Gründe für seine jeweiligen Festnahmen
divergierend geschildert hat. Bei der BzP gab er an, seine Festnahme im
März 2015 sei erfolgt, weil ein Junge, der früher bei den LTTE gewesen
sei, mit einer Waffe und einer Bombe verhaftet worden sei; dem Beschwer-
deführer und weiteren entlassenen Rehabilitierten sei vorgeworfen wor-
den, mit diesem Jungen zusammengearbeitet zu haben. Die Festnahme
im März 2016 sei erfolgt, nachdem Zeitungen davon berichtet hätten, dass
zwei LTTE-Führer noch am Leben seien; die Sicherheitskräfte hätten vom
Beschwerdeführer und den Rehabilitierten erfahren wollen, ob die beiden
Führer tatsächlich noch lebten. Bei der Anhörung führte er hingegen seine
beiden Festnahmen, die nicht im Zusammenhang mit seinem gegen seine
Arbeitgeberin gerichteten Verfahren gestanden hätten, auf den Vorwurf der
Behörden zurück, er sei für zwei Bombenattentate (mit-)verantwortlich ge-
wesen (A18 Antworten 85, 90 und 90, 94 und 107ff.). Die vorinstanzliche
Einschätzung, wonach die diesbezüglichen Erklärungsversuche des Be-
schwerdeführers nicht überzeugend ausgefallen sind, sind zu bestätigen.
In diesem Zusammenhang ist weiter festzustellen, dass der Beschwerde-
führer bei der einlässlichen Anhörung die bei der BzP erwähnten LTTE-
Führer beziehungsweise die Medienberichterstattung zu diesen mit keinem
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Wort erwähnt hat. Der bei der Anhörung als zentrales Vorbringen erwähnte
Verdacht der Behörden, er sei Ausbildner bei den LTTE gewesen, hat er
demgegenüber bei der BzP nicht ansatzweise vorgetragen. Diese Vorbrin-
gen können deshalb ebenfalls nicht geglaubt werden. Die dargelegten Un-
gereimtheiten bekräftigen die bereits bestehenden erheblichen Zweifel am
Wahrheitsgehalt der Vorbringen zusätzlich.
8.3 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität be-
fürchten muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
zugefügt zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staat-
lichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2,
jeweils m.w.H.). Ob eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung vor-
liegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu beurteilen. Es
müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhan-
den sein, die bei jedem Menschen in der gleichen Lage Furcht vor Verfol-
gung hervorrufen würden. Die objektive Betrachtungsweise ist durch das
vom Betroffenen bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver-
gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub-
jektive) Furcht (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.1; 2011/51 E. 6; 2008/4 E. 5.2,
je m.w.H).
8.4 Aufgrund der vom Beschwerdeführer zwischen Juni 2009 und Oktober
2011 erlittenen Rehabilitationshaft allein ist die Begründetheit seiner Ver-
folgungsfurcht nicht anzunehmen, zumal diese Vorverfolgung zum Zeit-
punkt der Ausreise bereits über vier Jahre zurücklag. Wie in der angefoch-
tenen Verfügung zutreffend ausgeführt wurde, erreichen die mit dem Ab-
schluss der Rehabilitationshaft regelmässig einhergehenden Überwa-
chungsmassnahmen in der Regel kein asylrelevantes Ausmass. Vorlie-
gend konnte der Beschwerdeführer nach seiner Rehabilitation wieder nach
Hause zurückkehren, sich ohne Auflagen frei bewegen und bis zur Aus-
reise einer Arbeitstätigkeit bei einer staatlichen Stelle nachgehen (vgl. A18,
Antwort 48). Er konnte nicht glaubhaft dartun, dass er nach der Rehabilita-
tion Opfer von Verfolgungsmassnahmen asylrelevanten Ausmasses ge-
worden wäre. Entgegen den Aussagen in der Beschwerde konnte er die
angeblich massiven Behelligungen nicht als überwiegend wahrscheinlich
dartun. Seine Angaben zu den mehrfachen behördlichen Mitnahmen sind
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widersprüchlich ausgefallen, so dass sie nicht geglaubt werden können.
Der allgemeinen Überwachung rehabilitierter LTTE-Kämpfer unterstand
der Beschwerdeführer seit Jahren, ohne dass diese ihn im Zeitraum ab
Herbst 2011 bis zur Ausreise im Frühjahr 2016 veranlasste hätte. Es ist
nicht anzunehmen, dass die heimatlichen Sicherheitskräfte ihn, der ge-
mäss eigenen Angaben den Behörden gegenüber zugegeben hatte, bloss
einfacher LTTE-Soldat gewesen zu sein (vgl. A18, Antwort 76), über einen
Zeitraum von über vier Jahren nicht intensiver kontrolliert und beobachtet
hätten, wenn sie ihn bezüglich seiner früheren Verbindungen zu den LTTE
tatsächlich weiterhin konkret verdächtigt und ein ernsthaftes Interesse an
seiner Person gehabt hätten. Nach dem Gesagten sind die bekannten
Massnahmen der sri-lankischen Behörden gegenüber dem Beschwerde-
führer als Rehabilitierten weder intensiv genug noch vermochten sie einen
asylbeachtlichen, unerträglichen psychischen Druck zu verursachen. Das
Vorliegen einer objektiven Furcht vor künftiger asylrelevanter Verfolgung
im Zeitpunkt der Ausreise ist zu verneinen.
8.5 Andere Vorfluchtgründe hat der Beschwerdeführer nicht geltend ge-
macht. Alleine seine Behauptung, die Behörden seien etwa drei Wochen
vor der Beschwerdeerhebung, im Herbst 2019, bei seiner Familie in Sri
Lanka erschienen und hätten sich nach seinem Verbleib erkundigt (vgl. Be-
schwerde, S. 13), vermag kein anhaltendes Interesse der Sicherheitskräfte
an seiner Person als überwiegend wahrscheinlich darzutun. Auf den dies-
bezüglich eingereichten vier Fotoaufnahmen wird eine Frau, angeblich die
Mutter, respektive eine Personengruppe abgebildet, darunter eine Person
mit Waffe und in Uniform. Diese Aufnahmen sind nicht geeignet, den Hin-
tergrund des Personentreffens aufzuzeigen oder in ihnen einen asylbe-
achtlichen Zusammenhang zu erkennen. Diesen Beweismitteln muss des-
halb die Beweiskraft für die behauptete Suche nach dem Beschwerdefüh-
rer abgesprochen werden. Auch die beim SEM eingereichten Fotoaufnah-
men eines Büros mit der Anschrift «Crime Branch» respektive Aufnahmen
der Eingangsstrasse zum Dorf K._ (vgl. Sachverhalt oben, Bst. A.f;
Beweismittel 7 und 8) sind nicht geeignet, den behaupteten asylrechtlichen
Konnex massgeblich zu untermauern.
8.6 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile im Sinne von Vorfluchtgründen als
überwiegend wahrscheinlich darzutun. Er erfüllte im Zeitpunkt seiner Aus-
reise die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht. Hieran
vermögen die weiteren zu den Akten gereichten Beweismittel nichts zu än-
dern, nachdem diese lediglich Tatsachen untermauern, die weder vom
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Seite 28
SEM noch vom Gericht in Zweifel gezogen werden. Rechtsbegehren 5 der
Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
Zu prüfen bleibt, ob aus heutiger Sicht eine begründete Furcht vor Verfol-
gung anzunehmen ist.
9.
9.1 Im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesver-
waltungsgericht eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden
nach Sri Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive
der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Ri-
sikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es
sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktu-
ellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um Teilnahme an exil-
politischen regimekritischen Handlungen und um Vorliegen früherer Ver-
haftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusam-
menhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE
(sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.1 – 8.4.3). Einem
gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen
ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach
Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt
werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM)
nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben
(sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.4 und 8.4.5).
Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemachten Ri-
sikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Per-
son ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene Rückkeh-
rer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zugeschrieben
wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separatismus wiederaufle-
ben zu lassen (vgl. a.a.O. E. 8.5.1).
9.2 An dieser Einschätzung vermag die aktuelle – zwar als volatil zu be-
zeichnende – Lage in Sri Lanka nichts zu ändern. Das Bundesverwaltungs-
gericht ist sich der Veränderungen in Sri Lanka bewusst, beobachtet die
Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheid-
findung. Es gibt zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass
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Seite 29
seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv
einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären.
9.3 Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer nach seiner ordentlichen Entlassung aus der Rehabilitationshaft im Ok-
tober 2011 bis zu seiner Ausreise im Februar 2016 und damit noch mehr
als vier Jahre lang bei seiner Familie in Sri Lanka wohnhaft gewesen ist
und bis zur Ausreise eine Stelle bei der (...) innehatte (vgl. A18, Antworten
45 und 48), ohne dass er dabei in asylrelevanter Weise behelligt worden
wäre. Dass er nunmehr bei einer Wiedereinreise eine Verfolgung zu be-
fürchten hätte, ist nicht ersichtlich. Es ist nicht davon auszugehen, dass
ihm die Behörden bei einer Rückkehr eine nach wie vor bestehende, enge
Verbindung zu den LTTE im Sinne obiger Rechtsprechung unterstellen
würden. Der Beschwerdeführer hat im Rahmen seines Asylverfahrens
keine Entfaltung von exilpolitische Tätigkeiten geltend gemacht und aus-
drücklich bestätigt, an keinen politischen Veranstaltungen und Anlässen in
der Schweiz teilgenommen zu haben (vgl. A18, Antwort 148). Aus den Ak-
ten gehen keine Hinweise für ein weiterhin bestehendes behördliches In-
teresse an seiner Person hervor.
Das Gesagte gilt auch unter Berücksichtigung der schwach risikobegrün-
denden Faktoren. Die Narben, die der Beschwerdeführer am (...) und im
(...) aufweisen dürfte, fallen hier nicht genügend ins Gewicht, nachdem er
vor seiner Ausreise auch keine entsprechende Probleme geltend gemacht
hat. Auch der Umstand, dass er einige Jahre in der Schweiz geweilt hat
und aus diesem Land zurückgeschafft würde, vermag für sich alleine in der
Einschätzung seines Risikoprofils nichts Entscheidendes zu ändern.
Ebenso wenig vermögen dies die politischen Veränderungen seit Novem-
ber 2019, nachdem der Beschwerdeführer keinen persönlichen Bezug zu
diesen Ereignissen aufweist oder geltend macht.
9.4 Eine Gesamtwürdigung aller Risikofaktoren lässt es vorliegend nicht
überwiegend wahrscheinlich erscheinen, dass der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausge-
setzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu
befürchten hätte. Das SEM hat demnach zu Recht festgestellt, dass er die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und das Asylgesuch abgelehnt.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
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Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
11.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
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Seite 31
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
11.2.2 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den
Akten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Es ergeben sich aus den Akten keine konkreten Anhalts-
punkte dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten
hätte, die über einen sogenannten «Background Check» (Befragung und
Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden,
oder dass er persönlich gefährdet wäre.
11.2.3 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt zur Einschätzung, dass sich
auch die politischen Entwicklungen in Sri Lanka seit der Machtübernahme
durch Präsident Gotabaya Rajapaksa und die Vorkommnisse im Zusam-
menhang mit der Festhaltung einer Angestellten der Schweizerischen Bot-
schaft in Colombo im November 2019, auf welche in der Eingabe vom
21. Januar 2020 einlässlich verwiesen wurde (vgl. Beschwerdeakte 3)
nicht in relevanter Weise auf den Beschwerdeführer persönlich auswirken
dürften. Bei dieser Sachlage besteht auch keine Veranlassung, Abklärun-
gen bei der Schweizer Botschaft in Colombo durchzuführen. Der diesbe-
zügliche Antrag (vgl. Beschwerde, Ziffer 4.3.3, S. 34) wird deshalb abge-
wiesen.
Auch allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegwei-
sungsvollzug nicht als generell unzulässig erscheinen (vgl. statt vieler Ur-
teil des BVGer D-6898/2019 vom 14. Januar 2022, E. 9.2.3 sowie
D-5988/2019 vom 31. Januar 2022, E. 10.2.1). Die Berücksichtigung der
aktuellen Ereignisse m Zusammenhang mit den Aufständen gegen die Re-
gierung Rajapaksa wegen der in Sri Lanka herrschenden Wirtschaftskrise
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Seite 32
(vgl. Neue Zürcher Zeitung vom 4. April 2022: «Nach grossen Protesten
treten in Sri Lanka fast alle Minister zurück»: Sri Lanka: Notstand und De-
monstrationen auf der Ferieninsel (nzz.ch), abgerufen am 20.6.2022) führt
nicht zu einer anderen Einschätzung. Der Beschwerdeführer vermag we-
der aus der Situation seit dem Machtwechsel im Jahr 2019 noch aus der
aktuellen Lage in Sri Lanka, wie der am 20. Juli 2022 erfolgten Wahl von
Ranil Wickremesinghe zum neuen Staatspräsidenten als Nachfolger des
am 9. Mai 2022 inmitten einer Welle von Gewalt mit etlichen Toten und
Verletzten zurückgetretenen Mahinda Rajapaksa eine Gefährdung abzu-
leiten. Auch die Wahl als neuen Staatspräsidenten ändert vorerst nichts an
der bisherigen Lageeinschätzung, ist dieser doch Teil der alten politischen
Elite. Unbestritten ist auch, dass die aktuell in weiten Teilen Sri Lankas
herrschende Lage angesichts der Proteste gegen die steigenden Preise für
Verbrauchsgüter und Engpässe bei der Versorgung mit Treibstoffen ange-
spannt ist und die schwere Wirtschaftskrise im Land die ganze sri-lanki-
sche Bevölkerung betrifft (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D-1263/2020
vom 18. August 2022 E. 8.4.1).
11.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
11.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den
LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka weder
Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies auch unter Berücksichti-
gung der aktuellen Ereignisse und Entwicklungen in Sri Lanka (vgl. E.
11.2.3 oben). Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen
Lage in Sri Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekom-
men, dass der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz zumutbar ist, wenn
das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Exis-
tenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie
Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht
werden kann (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 13.2). In einem weiteren
als Referenzurteil publizierten Entscheid erachtet das Bundesverwaltungs-
gericht auch den Vollzug von Wegweisungen ins "Vanni-Gebiet" (zum
Begriff: BVGE 2011/24 E. 13.2.2.1) als zumutbar, sofern die genannten
individuellen Zumutbarkeitskriterien erfüllt sind (vgl. Referenzurteil
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5). Diese Einschätzung hat
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weiterhin Gültigkeit (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D-6898/2019
vom 14. Januar 2022 E. 9.3.2 sowie D-5988/2019 vom 31. Januar 2022
E. 10.3.2).
11.3.2 Der Beschwerdeführer wurde in der zum oben genannte Vanni-Ge-
biet gelegenen Ortschaft B._ im Kilinochchi-Bezirk der Nordprovinz
geboren, ging dort zur bis zum O-Level in die Schule und hielt sich auch
während seines LTTE-Einsatzes im Vanni-Gebiet auf. Während seiner Re-
habilitation hielt er sich auch zeitweise im (...) Youth Rehabilitation and
Training Centre im E._ Distrikt der North Central Province auf (vgl.
dazu: Sachverhalt oben, Bst. A.f., BM Nr. 2). Die Eltern und seine vier Ge-
schwister (ein lediger Bruder und drei verheiratete Schwestern) sowie meh-
rere Onkel und Tanten halten sich im Heimatdorf in B._, im Kilinoch-
chi Bezirk der Nordprovinz auf; sein älterer Bruder arbeitet als (...). Sein
Vater (...) (vgl. A3, Ziffer 3.01 sowie A18, Antworten 11ff.). Der Beschwer-
deführer hat mehrere Jahre bei der (...) und als Tagelöhner gearbeitet. Vor
diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr von
seiner Familie bei der Wiedereingliederung unterstützt werden kann und er
eine neue Existenz wird aufbauen können.
11.3.3 Der Beschwerdeführer hat im Verlauf des erstinstanzlichen Asylver-
fahrens darauf hingewiesen, dass er sich aufgrund der erlittenen Schuss-
verletzungen (...) und im (...) sowohl im Heimatland als auch in der
Schweiz hat in Spitalpflege begeben müssen. Es ist aktenkundig, dass er
im KS P._ im (...) operiert worden ist.
Bei einer Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen ist
praxisgemäss nur dann von einer medizinisch bedingten Unzumutbarkeit
auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit einer Weiterbehandlung
eine drastische und lebensbedrohliche Verschlechterung des Gesund-
heitszustands nach sich zöge. Diese Schwelle ist nach dem Gesagten nicht
erreicht. Die notwendige medizinische Versorgung in Sri Lanka ist zudem
für den Beschwerdeführer grundsätzlich gewährleistet (vgl. hierzu: Urteil
des BVGer E-4556/2017 E. 9.3 vom 14. August 2019 sowie E-2571/2019
vom 18. März 2022 E. 9.3.3).
In diesem Zusammenhang ist zudem auf die Möglichkeit einer medizini-
schen Rückkehrhilfe (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG) hinzuweisen, so dass
auch eine allenfalls erforderliche Medikamentation für die Anfangsphase
nach der Rückkehr nach Sri Lanka sichergestellt werden kann.
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11.4 Soweit der Beschwerdeführer im Rechtsmittelverfahren auf seine an-
geblich angeschlagene psychische Gesundheit hinweist, bleibt festzustel-
len, dass keine diesbezüglichen medizinischen Unterlagen zur Stützung
dieser Vorbringen nachgereicht wurden (vgl. hierzu: E. 6.16 und 6.4.3
oben).
11.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
11.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
Rechtsbegehren 6 der Beschwerde wird deshalb abgeweisen.
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der ihm
mit Instruktionsverfügung vom 24. Januar 2020 erteilten unentgeltlichen
Rechtspflege ist auf die Erhebung der Kosten jedoch zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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