Decision ID: 4d8252c1-7c1c-5436-afc1-75227bfe9c8f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 26. April 2018 in Griechenland und am
27. September 2018 erstmals in der Schweiz ein Asylgesuch (Akten der
Vorinstanz [Asyl] [SEM-A-act.] 1 ff.). Mit Verfügung vom 13. Juli 2020
sprach die Vorinstanz dem Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft
ab, lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg (SEM-A-
act. 22). Eine dagegen erhobene Beschwerde vom 14. August 2020 wies
das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-4076/2020 vom 8. September
2020 ab (SEM-A-act. 30). Nach Abschluss des Asylverfahrens in der
Schweiz begab sich der Beschwerdeführer nach Italien und stellte dort am
12. November 2020 ein Asylgesuch (Akten der Vorinstanz [Dublin-Verfah-
ren] [SEM-act.] 5).
B.
Mit schriftlicher Eingabe vom 5. Mai 2021 ersuchte der Beschwerdeführer
in der Schweiz erneut um Asyl sowie Zuerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft, eventualiter sei die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Er führte
aus, mangels Unterstützung des Staates in Italien auf der Strasse gelebt
zu haben. Als er am 25. April 2021 von seinem Onkel erfahren habe, dass
sein Bruder in Pakistan im Zusammenhang mit dem Mord an einem Richter
verhaftet worden sei, sei er wieder in die Schweiz eingereist. Der Tat liege
ein langjähriger Konflikt zwischen zwei Familien zugrunde, in welchen nun
auch sein Bruder hineingezogen worden sei. Dadurch sei er jetzt selbst in
grosser Gefahr. Da er in Italien auf der Strasse lebe, sei er den dort ansäs-
sigen Familienmitgliedern des getöteten Richters schutzlos ausgeliefert
(SEM-act. 1). Die Vorinstanz nahm diese Eingabe als Mehrfachgesuch im
Sinne von Art. 111c AsylG (SR 142.31) entgegen.
C.
Das Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO) vom 22. Juni 2021 liessen die italienischen Behörden unbe-
antwortet (SEM-act. 7 und 15 f.).
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D.
Am 22. Juni 2021 gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer rechtli-
ches Gehör, unter anderem zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten Nichteintre-
tensentscheid sowie zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat (SEM-
act. 11). Der Beschwerdeführer nahm hierzu am 1. Juli 2021 Stellung
(SEM-act. 12), woraufhin ihn die Vorinstanz am 6. Juli 2021 aufforderte,
einen aktuellen ärztlichen Bericht einzureichen (SEM-act. 13). Am 15. Juli
2021 reichte der Beschwerdeführer einen solchen nach (SEM-act. 14).
E.
Mit Verfügung vom 21. Juli 2021 – eröffnet am 26. Juli 2021 – trat die Vor-
instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch
nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Italien an und forderte den Be-
schwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist
zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die einer allfälligen Be-
schwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende Wirkung hin und
beauftragte den Kanton Bern mit dem Vollzug der Wegweisung (SEM-
act. 17).
F.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 2. August 2021
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte dessen Auf-
hebung, die Zuständigkeit der schweizerischen Behörden sei festzustellen
und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Mehrfachgesuch einzutreten. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, den Vollzug der Überstellung
nach Italien vorsorglich auszusetzen und die aufschiebende Wirkung sowie
die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren (Akten des Bundesverwal-
tungsgerichts [BVGer-act.] 1).
G.
Am 4. August 2021 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte die Instruktionsrichterin
den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).
H.
Mit Zwischenverfügung vom 10. August 2021 erteilte die Instruktionsrich-
terin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und hiess das Gesuch
um unentgeltliche Prozessführung vom 2. August 2021 gut (BVGer-act. 3).
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Seite 4
I.
Die Vorinstanz liess sich am 6. September 2021 vernehmen und schloss
auf Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 7).
J.
Am 29. September 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Replik sowie
– vom Bundesverwaltungsgericht dazu aufgefordert – einen aktuellen Arzt-
bericht ein (SEM-act. 10).

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Der Be-
schwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG). Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ist endgültig
(Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylan-
trag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des
Kapitels III der Dublin-III-VO als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens
(Art. 23 – 25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständig-
keitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen
BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
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3.2 Ein Abgleich der Fingerabdrücke mit der "Eurodac"-Datenbank ergab,
dass der Beschwerdeführer am 12. November 2020 in Italien um Asyl er-
sucht hatte (SEM-act. 5). Er bestreitet nicht, nach Abschluss des Asylver-
fahrens in der Schweiz in Italien ein neues Asylgesuch gestellt zu haben.
Unstrittig ist weiter, dass die italienischen Behörden innert der maximal
dreimonatigen Frist gemäss Art. 23 Abs. 2 Dublin-III-VO, laufend ab dem
Antragsdatum, respektive dem Eurodac-Treffer, kein Wiederaufnahmege-
such an die Schweizer Behörden richteten. Aufgrund des Fristversäumnis-
ses ist die Zuständigkeit gestützt auf Art. 23 Abs. 3 Dublin-III-VO auf Italien
übergegangen. Die italienischen Behörden können sich in dieser Konstel-
lation der materiellen Prüfung des Asylantrags des Beschwerdeführers
nicht mit dem Hinweis auf den Grundsatz der einmaligen Gesuchsprüfung
durch einen einzigen Mitgliedstaat entziehen (vgl. CHRISTIAN FILZWIE-
SER/ANDREA SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, 2014, K6 zu Art. 23; vgl. oben
E. 3.1). Das Wiederaufnahmegesuch vom 22. Juni 2021 gestützt auf Art.
18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO (i.V.m. Art. 23 Dublin-III-VO) liessen die itali-
enischen Behörden innert Monatsfrist unbeantwortet. Damit anerkannten
sie implizit ihre Zuständigkeit (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO). Die grundsätz-
liche Wiederaufnahmezuständigkeit Italiens zur Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens ist vorliegend somit gegeben.
4.
Der Beschwerdeführer erkennt systemische Mängel im italienischen Asyl-
verfahren. Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist daher zu prüfen, ob
es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grund-
rechte der Europäischen Union (2012/C 326/02) mit sich bringen würden.
4.1 Diesbezüglich bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, in Ita-
lien keinen Zugang zum Asylverfahren oder zu einer angemessenen Un-
terbringung gehabt zu haben. Er sei sich selbst überlassen worden, ohne
jegliche Unterstützung. Aufgrund der allgemeinen Situation in Italien müsse
davon ausgegangen werden, dass er bei einer Rückkehr dorthin wieder
der Obdachlosigkeit ausgesetzt sei und keine finanzielle Unterstützung
vom Staat erhalte. Er käme erneut in eine existenzielle Notlage (BVGer-
act. 1 und 10).
4.2 Trotz punktueller Schwachstellen weist das italienische Asylsystem
derzeit keine systemischen Mängel auf (statt vieler: Urteile des BVGer
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E-4232/2021 vom 29. September 2021 E. 5.3; E-4060/2021 vom 23. Sep-
tember 2021 E. 6.3; E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). Es darf
davon ausgegangen werden, dass Asylsuchende in Italien die von der
Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) garantier-
ten Grundleistungen erhalten. Die allgemeinen Hinweise des Beschwerde-
führers auf die Situation Asylsuchender in Italien sowie seine pauschale
und unbelegte Behauptung, er habe in Italien keinen Zugang zum Asylver-
fahren gehabt und sei obdachlos gewesen, genügen nicht, um die grund-
sätzliche Vermutung umzustossen, wonach Italien seinen völkerrechtlichen
Verpflichtungen nachkommt (vgl. dazu auch Urteil E-962/2019 E. 5; Urteil
des EuGH vom 19. März 2019 C-163/17 Jawo Rn. 82 ff.). Vorliegend ist
zweifelhaft, ob der Beschwerdeführer den Zugang und die Integration ins
italienische Asylsystem überhaupt gesucht hat. Konkrete Hinweise darauf,
Italien werde sich weigern, ihn wieder aufzunehmen und seinen Antrag auf
internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Richtlinie des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu
gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des inter-
nationalen Schutzes (nachfolgend: Verfahrensrichtlinie) zu prüfen, oder
ihm dauerhaft die ihm zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorent-
halten, hat der Beschwerdeführer nicht dargetan.
4.3 Zu beachten ist sodann, dass das in Gesetz Nr. 173/2020 umgewan-
delte Dekret Nr. 130/2020, in Kraft seit 20. Dezember 2020, die Lebensbe-
dingungen Asylsuchender in Italien im Vergleich zur vorherigen Situation
verbessert (statt vieler: Urteile des BVGer F-4165/2021 vom 29. Septem-
ber 2021 E. 4.2; F-3769/2021 vom 2. September 2021 E. 5.2). Nicht er-
sichtlich ist, was der Beschwerdeführer aus den angeführten Urteilen des
Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfalen vom 20. Juli 2021 (vgl. <
https://www.justiz.nrw >, abgerufen am 13.10.21) für sich ableiten will,
macht er doch nicht geltend, sein Recht auf Unterbringung in Italien verlo-
ren zu haben. Eine auf Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO gestützte Zuständigkeit
der Schweiz ist deshalb nicht anzunehmen.
5.
Der Beschwerdeführer fordert die Anwendung der Souveränitätsklausel
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht
im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss
welcher die Vorinstanz das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch
dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
https://www.justiz.nrw/
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zuständig wäre. Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person
in einen Dublin-Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer
anderen die Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die
Vorinstanz die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der
Schweiz behandeln (BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2).
5.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Überstellung nach Italien
setze ihn einer Gefahr für die Gesundheit aus und verletze Art. 3 EMRK.
5.1.1. Ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK kann vorliegen, wenn eine schwer
kranke Person durch die Abschiebung mit einem realen Risiko konfrontiert
würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
5.1.2. Gemäss dem ärztlichen Bericht (...) vom 13. Juli 2021, leidet der Be-
schwerdeführer an einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD 10:
F32.1). Zudem wird ein Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstö-
rung diagnostiziert (ICD 10: F43.1). Er nimmt das Medikament Quetiapin
ein. Im Bericht wird ausgeführt, er befinde sich in einem kritischen Zustand.
Die aktuelle medizinische Behandlung mit medikamentöser Anpassung
(Einführung von Antidepressiva) und begleitender, wöchentlicher ambulan-
ter Psychotherapie und psychiatrischer Konsultation müsse unbedingt wei-
tergeführt werden. Ein Therapeutenwechsel sei nicht indiziert. Eine Unter-
brechung seiner Behandlung sei lebensbedrohlich. Jede aktuelle Verände-
rung der Wohnsituation führe zu einer Verschlechterung des Zustandes. Er
sei nicht in der Lage, eine Veränderung zu tolerieren. Von Suizidgedanken
distanziere er sich derzeit jedoch (SEM-act. 14).
5.1.3. Mit Arztbericht vom 28. September 2021 erklärte (...), angesichts der
Intensität der Symptome sei es wichtig, dass der Beschwerdeführer die
wöchentliche integrierte Therapie fortsetze. In Italien sei nicht gewährleis-
tet, dass er eine Therapie in seiner Muttersprache, beziehungsweise in ei-
ner Sprache machen könne, die er gut verstehe. Ein Wechsel des Thera-
peuten sei meistens nachteilig. Daher würde sich die Rückkehr nach Italien
sehr schlecht auf seine psychische Gesundheit auswirken. Würde er auch
nur einige Tage aus seinem derzeitigen Umfeld in (...) herausgerissen,
führe dies zu einer Verschlechterung des Krankheitsbildes, bis hin zur Ent-
wicklung einer ernsthaften Suizidalität. Aus psychiatrischer Sicht werde
dringend von einer Ausweisungsmassnahme abgeraten (BVGer-act. 10).
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5.1.4. Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass die Weiterfüh-
rung der ambulanten, wöchentlichen, integrierten Therapie sowie die Bei-
behaltung von Umfeld und Wohnsituation für den Beschwerdeführer medi-
zinisch sinnvoll wären. Italien verfügt jedoch über eine ausreichende medi-
zinische Infrastruktur (statt vieler: Urteile des BVGer E-4238/2021 vom
29. September 2021 E. 5.3.1; E-4232/2021 vom 29. September 2021
E. 6.3). Der Zugang zum italienischen Gesundheitssystem über die Not-
versorgung hinaus ist grundsätzlich gewährleistet (Urteil E-4232/2021
E. 6.3). Die psychiatrische Behandlung mit Abgabe von Medikamenten
kann in Italien weitergeführt werden (vgl. Urteil des BVGer D-6450/2020
vom 12. Februar 2021 E. 6.5.3). Ein allfälliger Qualitätsverlust in der The-
rapie aufgrund der schlechten Italienischkenntnisse des Beschwerdefüh-
rers ist hinzunehmen. Die Dublin-III-VO oder andere völkerrechtliche Best-
immungen räumen kein Recht ein, den für eine medizinische Behandlung
bestgeeignetsten Staat frei zu wählen oder eine dem Schweizer Standard
äquivalente Therapie absolvieren zu können (vgl. BVGE 2017 VI/7 E. 6.2;
Urteil des BVGer F-3604/2021 vom 1. September 2021 E. 4.1.2).
5.1.5. Vorliegend kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass die Ver-
änderung der Wohnsituation zu einer Verschlechterung der psychischen
Gesundheit des Beschwerdeführers führen kann. Die diagnostizierte mit-
telgradige depressive Episode und der Verdacht auf eine posttraumatische
Belastungsstörung sind jedoch nicht als derart gravierende Gesundheits-
beeinträchtigung einzustufen, dass von einer Überstellung nach Italien ab-
gesehen werden muss (vgl. Urteile des BVGer F-3413/2021 vom 29. Juli
2021 E. 7.4; F-1619/2021 vom 10. Mai 2021; E-1739/2021 vom 21. April
2021; D-6450/2020 E. 6.5; Urteil des EGMR 39350/13 A.S. gegen Schweiz
vom 30. September 2015 Rz. 35 ff.).
5.1.6. Die von ärztlicher Seite angesprochene Lebensgefahr aufgrund ei-
ner Suizidalität, sollte der Beschwerdeführers aus seinem aktuellen Umfeld
gerissen werden, kann für sich alleine kein Vollzugshindernis bilden. Ihr ist
im Rahmen des Wegweisungsvollzugs Rechnung zu tragen (Urteile des
BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2; 2C_98/2018 vom 7. November
2018 E. 5.5.2 f.; Urteile des BVGer F-4191/2021 vom 29. September 2021
E. 4.3; D-4051/2021 vom 16. September 2021 E. 6.3.4; Urteile des EGMR
39350/13 Rz. 34; 33743/03 vom 7. Oktober 2004 D. und andere gegen
Deutschland). Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der an-
gefochtenen Verfügung beauftragt sind, werden die italienischen Behörden
bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung über die
medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Zur Si-
cherstellung einer lückenlosen Behandlung kann dem Beschwerdeführer
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eine Reservemedikation mitgegeben werden. Individueller Zusicherungen
der italienischen Behörden betreffend Unterbringung und medizinischer
Versorgung des Beschwerdeführers bedarf es nicht (vgl. Urteil E-962/2019
E. 7.4.3).
5.1.7. Art. 3 EMRK steht somit einer Überstellung des Beschwerdeführers
nach Italien aus gesundheitlichen Gründen nicht entgegen.
5.2 Was die vom Beschwerdeführer angeführte Bedrohung durch Angehö-
rige einer verfeindeten Familie in Italien anbetrifft (vgl. oben Bst. B), so
kann aufgrund eines Artikels im Internet mit namentlicher Erwähnung der
Täter sowie der Kopie eines handschriftlichen Polizeiberichts nicht mit hin-
reichender Sicherheit auf die Involvierung des Bruders in ein Tötungsdelikt
an einem Richter in Pakistan und dessen Familie im letzten April geschlos-
sen werden. Detaillierte Hintergrundinformationen fehlen. Inwiefern die
vom Beschwerdeführer nicht näher skizzierte Gefährdungslage durch Blut-
rache und Personen einer verfeindeten Familie in Italien (sowie Deutsch-
land und Österreich) tatsächlich besteht, kann vorliegend jedoch offenblei-
ben. Der Beschwerdeführer machte zu keinem Zeitpunkt geltend, den
Schutz der italienischen Behörden in Anspruch genommen zu haben. Ihm
steht es frei, sich im Falle einer Bedrohung durch Privatpersonen an die
schutzfähigen und schutzwilligen italienischen Polizei- und Justizbehörden
zu wenden (vgl. Urteile des BVGer E-178/2021 vom 20. Januar 2021
E. 8.4.3; D-6303/2020 vom 7. Januar 2021; D-939/2020 vom 24. Februar
2020).
5.3 Schliesslich deutet nichts darauf hin, die italienischen Behörden könn-
ten den Beschwerdeführer in Missachtung des Grundsatzes des Non-Re-
foulements zur Ausreise nach Pakistan zwingen. Italien kommt seinen völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen aus der EMRK, dem Übereinkommen vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Ab-
kommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie dem Zusatzprotokoll der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) nach. Es darf davon ausgegangen werden, Italien aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus der Ver-
fahrensrichtlinie ergeben.
6.
Der angefochtene Entscheid verletzt somit keine die Schweiz bindende völ-
kerrechtliche Bestimmung. Eine gesetzeswidrige Ermessensausübung der
Vorinstanz ist nicht ersichtlich. Demzufolge ist nicht zu beanstanden, dass
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sie von dem in Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO und in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1
verankerten Selbsteintrittsrecht keinen Gebrauch gemacht hat. Zu Recht
ist sie auf das Asylgesuch nicht eingetreten und hat die Überstellung des
Beschwerdeführers nach Italien verfügt. Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem aber mit
Zwischenverfügung vom 10. August 2021 die unentgeltliche Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Verfahrens-
kosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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