Decision ID: a91d3185-70a9-4e9f-882a-317391b81130
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger – suchte am
2. Oktober 2021 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 5. September 2021 in
Italien aufgegriffen und daktyloskopiert worden war.
C.
Gestützt auf den Eurodac-Treffer ersuchte die Vorinstanz am 6. Oktober
2021 die italienischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers
im Sinne von Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Euro-
päischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin-III-VO).
Die italienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert der
festgelegten Frist unbeantwortet, womit sie die Zuständigkeit Italiens impli-
zit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO).
D.
D.a Beim Dublin-Gespräch vom 9. November 2021 (Akten der Vorinstanz
[SEM-act.] [...]-23/2) machte der Beschwerdeführer geltend, er habe sein
Heimatland zum zweiten Mal im Jahr 2021 verlassen. Über C._ sei
er (...) gereist. Sodann sei er mit einem Schiff nach Italien gelangt, wo er
am 5. September 2021 erkennungsdienstlich erfasst worden sei. Er habe
in Italien 27 Tage verbracht und sei in einem geschlossenen Camp gewe-
sen. Am 2. Oktober 2021 sei er mit dem Zug in die Schweiz gekommen.
D.b Im Rahmen des ihm von der Vorinstanz gleichzeitig gewährten rechtli-
chen Gehörs zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und
zu einem Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
(SR 142.31) führte der Beschwerdeführer aus, er habe in die Schweiz kom-
men wollen. In Italien sei er gezwungen worden, die Fingerabdrücke abzu-
geben. Man habe ihm gesagt, er könnte ins Gefängnis kommen und gefol-
tert werden, wenn er die Fingerabdrücke nicht abgebe. 20 Tage lang sei er
zusammen mit etwa 20 anderen Personen in einem verlassenen Haus
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praktisch eingesperrt gewesen. Das Essen habe man ihm durch das Fens-
ter gereicht. Er habe keine Eltern mehr, nur einen Bruder, der sich hier in
der Schweiz aufhalte. Er würde gerne in dessen Nähe bleiben.
E.
Im Anschluss an ein mit dem Beschwerdeführer geführtes Zusatzgespräch
liess die Rechtsvertreterin dem SEM mit Eingabe vom 26. November 2021
(SEM-act. 27/2) ergänzende Ausführungen zukommen. Sie wies im We-
sentlichen darauf hin, dass sich der Beschwerdeführer in Italien aufgrund
der dort herrschenden Zustände sehr schlecht gefühlt habe. Der Zugang
zur medizinischen Versorgung sei ihm verwehrt worden. Er sei circa 20
Tage lang mit vielen weiteren ihm unbekannten Personen nahezu einge-
sperrt gewesen; sie hätten sehr wenig Essen bekommen. Er sei schliess-
lich gezwungen worden, die Fingerabdrücke abzugeben. Die Lage in Ita-
lien sei, wie mittlerweile bekannt, ausser Kontrolle. Allein der Gedanke,
nochmals unter diesen Umständen leben zu müssen, beängstige und be-
unruhige den Beschwerdeführer sehr.
Sein seit dem Jahr 2015 in der Schweiz lebender Bruder sei eine grosse
Stütze für ihn, da die Eltern bereits verstorben seien. Der Bruder arbeite
und sei gut integriert. Er übernehme neben der Bruder- auch eine Vater-
rolle. Als der Bruder damals ausgereist sei, sei der Beschwerdeführer zu
jung gewesen, um die Reise auf sich zu nehmen. Zurzeit besuche der Be-
schwerdeführer seinen Bruder wöchentlich. Auch in Afghanistan sei die Be-
ziehung zwischen den Brüdern sehr innig gewesen. Es bestehe daher ein
Abhängigkeitsverhältnis gemäss Art. 16 Dublin-III-VO.
Obwohl die Asylgründe in diesem Verfahrensstadium nicht relevant seien,
werde kurz darauf Bezug genommen, um so den Standpunkt des Be-
schwerdeführers besser zu verdeutlichen. Er sei von einer Mafiagruppe
aus Afghanistan verfolgt worden. Als er (...) gewesen sei, habe man ihn
entführt und als Geisel genommen. Die Gruppe habe ein Lösegeld in der
Höhe von Fr. 6'000.– verlangt, welches der Bruder überwiesen habe. Wäh-
rend der Geiselnahme sei der Beschwerdeführer geschlagen worden.
Nach seiner Freilassung habe er eine Anzeige erstattet, weshalb er weiter-
hin verfolgt werde. Diese Personen verfügten über ein grosses Netzwerk.
Der Beschwerdeführer fühle sich daher in der Schweiz bei seinem Bruder
in Sicherheit.
Der Beschwerdeführer und seine Familie hätten sehr viel erlebt und die
beiden Brüder möchten nun endlich beisammen sein.
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Es werde daher ein Selbsteintritt und die Eröffnung des nationalen Verfah-
rens beantragt.
F.
Mit Eingabe vom 3. Dezember 2021 reichte die Rechtsvertreterin dem SEM
ein Schreiben des Bruders des Beschwerdeführers vom 2. Dezember 2021
(SEM-act. 28, ID-002) zu den Akten. Darin macht der Bruder namentlich
geltend, er stehe finanziell auf eigenen Beinen und habe sich in der
Schweiz integriert. Da ihre Eltern leider verstorben seien, sei der Be-
schwerdeführer nicht nur ein Bruder für ihn, sondern wie sein eigener
Sohn. Er werde dem Beschwerdeführer alle Unterstützung biete, welche
von ihm gefordert werde. Er könne ihm dabei helfen, sich rasch zu integ-
rieren, die Sprache zu lernen und Arbeit zu finden. Diese Unterstützung
werde der Beschwerdeführer in keinem anderen Land erhalten.
Der Beschwerdeführer habe in Italien nie einen Asylantrag gestellt, son-
dern immer zu ihm in die Schweiz kommen wollen. Beim Gedanken an die
italienisch/(...) Schlepper-Mafia laufe es ihm kalt den Rücken hinunter. Die
Taten der Folterung seien mit Fotos festgehalten. Wenn der Beschwerde-
führer von diesen Angehörigen der Mafia gefunden werde, würden sie ihn
erneut foltern, erpressen oder sogar töten. Darüber hinaus sei auch das
Integrations-, Bildungs- und Gesundheitssystem in Italien für Flüchtlinge
nicht menschenwürdig. Zahlreiche Zeitungs- und Internetartikel würden auf
diese gravierenden Schwachstellen verweisen. Der Beschwerdeführer
könne weder lesen noch schreiben, wie solle er sich ohne jegliche Unter-
stützung integrieren können. Als er in die Schweiz gekommen sei, habe er
eine grosse infizierte Wunde am Rücken gehabt, welche sofort vom medi-
zinischen Fachpersonal behandelt worden sei. Italien kümmere es nicht, in
welchem medizinischen Zustand sich ein Flüchtling befinde.
Es werde darum ersucht, den Beschwerdeführer nicht wegzuweisen.
G.
Mit Verfügung vom 8. Dezember 2021 – eröffnet am 10. Dezember 2021
(vgl. Empfangsbestätigung [SEM-act. 35/1]) – trat das SEM in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers vom 2. Oktober 2021 nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Italien,
forderte den Beschwerdeführer – unter Androhung von Zwangsmitteln im
Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerde-
frist zu verlassen, beauftragte den Kanton D._ mit dem Vollzug der
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Wegweisung, händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Ak-
ten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine allfällige Be-
schwerde gegen die Verfügung habe keine aufschiebende Wirkung.
H.
Mit Eingabe vom 17. Dezember 2021 liess der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei
die Verfügung der Vorinstanz vom 8. Dezember 2021 aufzuheben und die
Vorinstanz anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und in der
Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen. Eventualiter sei die
Verfügung der Vorinstanz vom 8. Dezember 2021 zur rechtsgenüglichen
Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei der vorliegenden Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde
sei unverzüglich anzuweisen, von einer Überstellung nach Italien abzuse-
hen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschieben-
den Wirkung entschieden habe. Es sei die unentgeltliche Prozessführung
zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten.
Im Weiteren wurde der Verfahrensantrag gestellt, es seien die vorinstanz-
lichen Akten beizuziehen.
I.
Der zuständige Instruktionsrichter setzte am 20. Dezember 2021 gestützt
auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
J.
Mit Verfügung vom 6. Januar 2022 lud der Instruktionsrichter die Vorinstanz
gestützt auf Art. 57 Abs. 1 VwVG ein, zu den in der Beschwerde erhobenen
Rügen Stellung zu nehmen.
K.
Mit Vernehmlassung vom 18. Januar 2022 hielt die Vorinstanz an ihrem
Standpunkt fest.
L.
Mit Eingabe vom 7. Februar 2022 liess der Beschwerdeführer eine Replik
einreichen, worin er an den Rechtsbegehren und den jeweiligen Erwägun-
gen in der Beschwerde vollumfänglich festhält.
Als Beilage wurde ein medizinisches Datenblatt für interne Arztbesuche im
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Bundesasylzentrum mit Behandlungseinträgen vom 7. Dezember 2021 bis
25. Januar 2022 zu den Akten gelegt.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
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3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) wie
das vorliegende sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten
Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu-
ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es
ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen
Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO).
3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
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Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre. Stehen völkerrechtliche Vollzugshinder-
nisse einer Überstellung entgegen, ist ein Selbsteintritt zwingend.
4.
4.1. Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte das SEM na-
mentlich aus, die italienischen Behörden hätten sich innert Frist auf das
Ersuchen gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO nicht vernehmen lassen. So-
mit liege gemäss dem Dublin-Assoziierungsabkommen die Zuständigkeit
bei Italien, das weitere Verfahren des Beschwerdeführers durchzuführen.
Vom Umstand, dass er über Verwandte in der Schweiz verfüge, könne er
nichts zu seinen Gunsten ableiten, da sein Bruder nicht als Familienange-
höriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gelte. Gemäss Art. 2 Bst. g
Dublin-III-VO würden nur Ehegatten, nicht verheiratete Partner, welche
eine dauerhafte Beziehung führten, und minderjährige Kinder als Familien-
angehörige gelten. Zudem bestünden auch keine Hinweise auf ein beson-
deres Abhängigkeitsverhältnis. Aus der Anwesenheit des Bruders in der
Schweiz lasse sich somit kein Zuständigkeitskriterium ableiten und die Zu-
ständigkeit Italiens bleibe bestehen.
Es gebe keine wesentlichen Gründe für die Annahme gemäss Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Asylsuchende in Italien Schwachstellen aufwiesen, die eine Gefahr einer
unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der
EU-Grundrechtecharta und Art. 3 der Europäischen Menschenrechtskon-
vention (EMRK) mit sich bringen würden.
Italien habe die Richtlinien 2013/32/EU (Verfahrensrichtlinie), 2011/95/EU
(Qualifikationsrichtlinie) und 2013/33/EU (Aufnahmerichtlinie) umgesetzt.
Italien sei sowohl Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention) als auch der
EMRK. Es bestünden keine konkreten Anhaltspunkte, dass sich Italien
nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halten und die Asyl- und
Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführen würde.
Es sei nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer
Überstellung nach Italien gravierenden Menschenrechtsverletzungen im
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Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK ausgesetzt werde,
in eine existenzielle Notlage gerate oder ohne Prüfung seines Asylgesuchs
und unter Verletzung des Non-Refoulement-Gebots in seinen Heimat- oder
Herkunftsstaat überstellt werde. Zudem würden keine systemischen Män-
gel in Italiens Asyl- und Aufnahmesystem vorliegen.
Das Dublin-System beruhe auf dem Grundsatz, dass die Mitgliedstaaten
die minimalen Aufnahmebedingungen für Asylsuchende umsetzten, an
welche sie durch die Aufnahmerichtlinie und die Verfahrensrichtlinie gebun-
den seien. Die Schweizer Behörden könnten daher von der Einhaltung die-
ser Bedingungen durch Italien ausgehen.
Zwar kenne Italien merkliche Probleme im Bereich der Aufnahmebedingun-
gen für Asylsuchende; auf eine systematische Verletzung der Aufnahme-
richtlinie könne allerdings nicht geschlossen werden. Da keine systemati-
sche Verletzung der erwähnten Rechtsnormen vorliege, sei die Einhaltung
der in der Aufnahmerichtlinie vorgesehenen Verpflichtungen durch die ita-
lienischen Behörden anzunehmen. Zudem habe der Europäische Gerichts-
hof für Menschenrechte (EGMR) in der Rechtssache "Mohammed Hussein
u.a. gegen die Niederlande und Italien" im Wesentlichen entschieden, dass
die allgemeine Situation von Asylbewerbern in Italien nicht auf eine syste-
matische Verletzung der Aufnahmebedingungen schliessen lasse (Antrag
Nr. 27725/2010 vom 2. April 2013).
In Anbetracht der Vermutung, dass Italien die genannte Richtlinie respek-
tiere und soweit jemand nicht als vulnerabel gelte, benötige die Rückfüh-
rung in einen Dublin-Mitgliedstaat keine vorgängigen zusätzlichen Abklä-
rungen. Weitere Ermittlungen des Sachverhalts erschienen somit als un-
nötig.
Den Akten lasse sich entnehmen, dass der Beschwerdeführer gesund sei.
In Würdigung der Akten und der vom Beschwerdeführer geäusserten Um-
stände würden keine Gründe vorliegen, die die Schweiz veranlassen müss-
ten, die Souveränitätsklausel anzuwenden. Da Italien für das weitere Ver-
fahren des Beschwerdeführers zuständig sei und die Schweiz die Souve-
ränitätsklausel nicht anwende, werde auf sein Asylgesuch nicht eingetre-
ten. Er sei deshalb zur Ausreise aus der Schweiz verpflichtet.
Der Ausbruch des COVID-19 Virus sei von vorübergehender Dauer und
stelle die Prämisse nicht in Frage, dass die Gesundheitsversorgung in Ita-
lien grundsätzlich gewährleistet sei. Es sei davon auszugehen, dass sich
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die Situation im Gesundheitswesen in allen europäischen Ländern – ein-
schliesslich Italien – mit abnehmender Zahl der Neuinfektionen normalisie-
ren werde. Der Vollzug der Wegweisung sei daher trotz geltender Reise-
einschränkungen grundsätzlich zulässig und zumutbar.
Wegen des COVID-19 Virus sei festzuhalten, dass eine Überstellung nach
Italien erst dann durchgeführt werde, wenn eine solche wieder technisch
möglich sei. Im Weiteren würden die mit der Überstellung beauftragten Be-
hörden die besonderen Bedürfnisse des Beschwerdeführers – einschliess-
lich die der notwendigen medizinischen Versorgung, auch in Bezug auf die
Corona-Problematik – berücksichtigen, sollte dies erforderlich sein. Ab-
schliessend sei darauf hinzuweisen, dass sich die italienischen Behörden
am 7. Dezember 2021 implizit als für den Beschwerdeführer zuständig er-
klärt hätten.
4.2. In der Beschwerde wird im Wesentlichen moniert, die Vorinstanz habe
sich insbesondere nicht mit dem vorgebrachten Abhängigkeitsverhältnis
zum in der Schweiz lebenden Bruder des Beschwerdeführers befasst, mit-
hin auch nicht mit der Auswirkung dieser Beziehung auf den Ermessens-
entscheid betreffend humanitärer Selbsteintritt, weshalb sie den Sachver-
halt nur unvollständig und somit unrichtig ermittelt und dadurch auch ihre
Begründungspflicht verletzt habe. Sie habe sich in der angefochtenen Ver-
fügung mit der Eingabe des Bruders des Beschwerdeführers (SEM-act. 28,
ID-002) beziehungsweise derjenigen der Rechtsvertreterin (SEM-act. 27/2)
nicht befasst. Beide Dokumente würden in der Verfügung mit keinem Wort
erwähnt. Bezüglich des Bruders werde lediglich mit einem Satz erwähnt:
"In dessen Rahmen [Dublin-Gespräch] führten Sie aus, Ihr Bruder lebe in
der Schweiz", um danach eine theoretische Ausführung darüber zu ma-
chen, dass der Bruder nicht als Familienangehöriger im Sinne von Art. 2
Bst. g Dublin-III-VO gelte. Schliesslich werde knapp abgehandelt, es gebe
keine Hinweise auf ein Abhängigkeitsverhältnis, wiederum ohne auf die in
den genannten Eingaben vorgebrachten Argumente einzugehen. Eine sol-
che pauschale Abhandlung sei in keiner Weise ausreichend und begründe
daher die Nichtanwendung von Art. 16 Dublin-III-VO nicht rechtsgenüglich.
Ferner sei auch anzumerken, es sei wiederum nur in einem Satz aufge-
nommen worden, der Beschwerdeführer habe eingewandt, in Italien seien
die Lebensbedingungen schlecht. Dies sei insofern nicht zutreffend, als er
im Dublin-Gespräch konkret ausgeführt habe, was er in Italien erlebt habe.
In der Eingabe der Rechtsvertreterin vom 26. November 2021 sei Gleiches
präzisiert worden. Zudem sei von der Gefahr, ausgehend von einer Gruppe
von Schleppern, berichtet worden. Diese konkreten Informationen, also
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eben keine pauschalen Ausführungen zu den Lebensbedingungen in Ita-
lien, seien im Entscheid mit keinem Wort erwähnt.
Die angefochtene Verfügung lasse schliesslich die gebotene Ermessens-
prüfung bezüglich Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vermissen. In diesem Zusam-
menhang wäre die gesamte Situation des Beschwerdeführers, so das be-
reits in Italien Erlebte, aber insbesondere die Abhängigkeit zu seinem Bru-
der zu behandeln gewesen. Die Vorinstanz habe keine vertiefte Ermes-
sensabwägung vorgenommen, ob anstelle der Überstellung nach Italien
ein humanitärer Selbsteintritt angezeigt gewesen wäre. Sie unterlasse wie-
derum eine individuell-konkrete Begründung, die aufzeigen würde, wie die
Ermessensprüfung im konkreten Fall abgewogen worden sei.
Nach dem Gesagten sei sowohl die Begründungspflicht als auch die Prü-
fungspflicht in verschiedener Hinsicht verletzt worden.
Die familiäre Bindung zwischen dem Beschwerdeführer und seinem Bruder
falle unter den Anwendungsbereich von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO. Beide
Brüder würden die Wichtigkeit der Beziehung beschreiben und die Unter-
stützung durch den Bruder wäre für den Beschwerdeführer zwecks positi-
ver Integration von unersetzbarem Wert.
Die Vorinstanz verletze ihre Untersuchungspflicht, wenn sie den Sachver-
halt im Hinblick auf die Souveränitätsklausel nicht rechtsgenüglich abkläre.
Sie befasse sich in der Verfügung nicht konkret mit dieser Vorgabe, son-
dern habe einzig ausgeführt, es handle sich um eine Kann-Bestimmung,
weshalb die Schweiz über einen Ermessensspielraum verfüge. Mit dieser
Haltung begehe die Vorinstanz jedoch eine unzulässige Ermessensunter-
schreitung. Die Schweiz müsse im Sinne einer Gesamtbetrachtung – das
auf der Flucht Erlebte, die familiäre Situation, die wichtige Beziehung zwi-
schen den Brüdern, der sehr positive Integrationsverlauf des Bruders so-
wie die schwierige Situation für Asylsuchende in Italien – auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO i.V.m.
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 eintreten.
Das Verhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und seinem Bruder sei
ungenügend erörtert und gewürdigt worden. Dies habe die Vorinstanz
nachzuholen, weshalb das Verfahren zurückzuweisen sei.
4.3. In ihrer Vernehmlassung führt die Vorinstanz insbesondere aus, der
Wunsch des Beschwerdeführers nach einem Verbleib bei seinem Bruder,
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Seite 12
der in der Schweiz über eine vorläufige Aufnahme respektive eine Härte-
fallregelung verfüge, sei aus persönlichen Gründen durchaus nachvollzieh-
bar. Aus diesem Umstand könne der Beschwerdeführer rechtlich jedoch
keinen Aufenthalt in der Schweiz ableiten, zumal Geschwister – vorliegend
sein Bruder – nicht als Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dub-
lin-III-VO gelten würden.
Dem Schreiben des Bruders könne nicht entnommen werden, dass zwi-
schen dem Beschwerdeführer und seinem Bruder ein besonders starkes
Abhängigkeitsverhältnis bestehe, welches gegen eine Rückkehr des Be-
schwerdeführers nach Italien sprechen würde. Dies auch angesichts der
Tatsache, dass die Brüder sehr lange getrennt gewesen seien. Der Be-
schwerdeführer habe die letzten sechs Jahre nicht in der Obhut seines Bru-
ders verbracht, sondern habe sein Leben – mit all den persönlichen Her-
ausforderungen – selbstständig gestaltet. Auch gebe es in diesem Zusam-
menhang keinerlei medizinische Hinweise, die auf ein besonderes Abhän-
gigkeitsverhältnis hinweisen und den Aufenthalt in der Schweiz zwingend
rechtfertigen würden.
Italien habe die Aufnahmerichtlinie umgesetzt. Es stehe dem Beschwerde-
führer frei, sich an die zuständigen Behörden zu wenden, um sich über die
Unterkunfts- und Verpflegungssituation zu beschweren. Es gebe keinerlei
Hinweise auf einen fehlenden Schutzwillen des italienischen Staates oder
fehlenden Zugang zu Rechtsmitteln.
Weiter sei das italienische Asylverfahren nach wie vor pendent. Der Be-
schwerdeführer könne sich daher an die zuständigen Behörden wenden,
um eine Unterkunft und sozialstaatliche Unterstützung zu erhalten oder
falls er Hilfe bei der Arbeitssuche in Anspruch nehmen möchte. Es sei je-
doch darauf hinzuweisen, dass in keinem Staat eine Garantie auf eine be-
zahlte Erwerbstätigkeit bestehe. Zusätzlich könne der Beschwerdeführer –
ein weitgehend gesunder 21-jähriger afghanischer Staatsangehöriger –
diesbezüglich bei einer der in Italien zahlreich vorhandenen karitativen Or-
ganisationen um Hilfe ersuchen. Es sei somit festzustellen, dass keine be-
gründeten Anhaltspunkte dafür vorliegen würden, der Beschwerdeführer
könnte nach einer Rückkehr nach Italien in eine existenzielle Notlage ge-
raten.
Das Dublin-System beruhe insbesondere auf dem Grundsatz, dass die Mit-
gliedstaaten die minimalen Aufnahmebedingungen für Asylsuchende um-
setzten, an welche sie durch die sogenannte Aufnahmerichtlinie und die
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sogenannte Asylverfahrensrichtlinie gebunden seien. Die Schweizer Be-
hörden könnten daher von der Einhaltung dieser Bedingungen durch Italien
ausgehen.
Es bestünden schliesslich auch keine Hinweise darauf, dass eine Rückkehr
des Beschwerdeführers wegen möglicher gesundheitlicher Probleme ei-
nen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen könnte. Der Beschwerdeführer
habe in der Schweiz nachweislich immer Zugang zu den von ihm bean-
spruchten Dienstleistungen im Rahmen der medizinischen Grundversor-
gung. In diesem Zusammenhang sei auch auf die auf den EGMR Bezug
nehmende Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zu verwei-
sen, wonach "eine definierte Konstellation Schwerkranke betrifft, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde" (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Konstellation sei vorliegend
nicht gegeben. In Anbetracht dessen sei davon auszugehen, dass das Auf-
nahmesystem in Italien gegebenenfalls angemessene medizinische Ver-
sorgungsleistungen erbringen könne und Zugang zu notwendiger medizi-
nischer Behandlung für den Beschwerdeführer gewährleistet sei.
4.4. Replikweise wird im Wesentlichen entgegnet, dass zur Beurteilung, ob
ein rechtlich relevantes Abhängigkeitsverhältnis bestehe, auf eine Gesamt-
würdigung des konkreten Einzelfalls abzustellen sei. Insbesondere könne
nicht davon ausgegangen werden, dass bei Fehlen von medizinischen Hin-
weisen kein rechtlich relevantes Abhängigkeitsverhältnis gegeben sei. Auf-
grund äusserer Umstände seien die Brüder gezwungen gewesen, sechs
Jahre voneinander getrennt zu leben. Der Beschwerdeführer sei bei der
Ausreise seines Bruders viel zu jung gewesen, um die Reise auf sich zu
nehmen. Dieser Umstand könne dem Beschwerdeführer nicht zu seinen
Lasten entgegengehalten werden. Der Bruder des Beschwerdeführers
habe für ihn eine Vaterrolle inne und sehe ihn auch wie einen Sohn. Die
Vorinstanz gehe allerdings nicht genügend auf diese Tatsache ein. Der Be-
schwerdeführer, ein 21-jähriger junger Erwachsener, sei auf die Unterstüt-
zung seines Bruders angewiesen und das Zusammensein der beiden Brü-
der sei für seine Entwicklung unabdingbar. Dem Umstand, dass der Bruder
mittlerweile gut integriert sei, arbeite und den Beschwerdeführer in finanzi-
eller und psychischer Hinsicht unterstützen könne, werde in der Vernehm-
lassung nicht Rechnung getragen. Zwar werde vorliegend die Beziehung
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zwischen den Brüdern thematisiert, es handle sich allerdings um eine Va-
ter-Sohn-Beziehung, was entsprechend zu berücksichtigen sei. Im Sinne
einer Gesamtbetrachtung sei Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO anzuwenden und
das nationale Verfahren zu eröffnen.
Entgegen der Ansicht der Vorinstanz bestehe kein Schutzwille des italieni-
schen Staates und die Ergreifung von Rechtsmitteln sei dementsprechend
leider nicht so einfach. Da es um die minimalen völkerrechtlichen Anforde-
rungen gehe, dürfe das Risiko einer Rechtsverletzung nicht in Kauf genom-
men werden, umso mehr, wenn es sich um vulnerable Personen handle.
Aus dem beigelegten medizinischen Datenblatt sei ersichtlich, dass der
Beschwerdeführer unter psychischen Beeinträchtigungen leide und im
Falle einer Verschlechterung eine Behandlung angezeigt sei. Die psychi-
schen Beschwerden seien bis anhin nicht thematisiert worden.
Zuletzt sei nicht ausser Acht zu lassen, dass der Beschwerdeführer in Ita-
lien Probleme mit einer Gruppe der Mafia habe und am Ursprung seiner
Probleme einer grossen Gefahr ausgesetzt wäre.
5.
Vorab ist auf die formellen Rügen einzugehen, wonach das SEM seine Be-
gründungs-, Prüfungs- und Untersuchungspflicht verletzt habe.
5.1. Zu den allgemeinen Verfahrensgarantien (Art. 29 BV) gehört der in
Art. 29 Abs. 2 BV besonders verankerte Anspruch auf rechtliches Gehör.
Dieser dient der Sachaufklärung und garantiert den Verfahrensbeteiligten
ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht. Sie haben unter anderem
Anspruch auf Äusserungen zur Sache vor Fällung des Entscheids, auf Ab-
nahme erheblicher Beweise und auf Mitwirkung an deren Erhebung (vgl.
BGE 140 I 99 E. 3.4; BERNHARD WALDMANN, in: Basler Kommentar, Bun-
desverfassung, 2015, Art. 29 N 40 ff.). Die Behörde muss die Äusserungen
der Parteien tatsächlich hören, ernsthaft prüfen und in ihrer Entscheidfin-
dung angemessen berücksichtigen (vgl. Art. 29, 30 und 32 VwVG; BGE
136 I 184 E. 2.2.1).
5.2. Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be-
hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen hat.
F-5508/2021
Seite 15
5.3. Gemäss Art. 35 Abs. 1 VwVG sind Verfügungen zu begründen. Die
Begründungspflicht folgt überdies aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör
in Art. 29 Abs. 2 BV. Sie dient der rationalen und transparenten Entscheid-
findung der Behörden und soll die Betroffenen in die Lage versetzen, den
Entscheid sachgerecht anzufechten. Die Behörde hat daher kurz die we-
sentlichen Überlegungen zu nennen, von denen sie sich leiten liess und
auf die sie ihren Entscheid stützt. Je weiter der Entscheidungsspielraum,
je komplexer die Sach- und Rechtslage und je schwerwiegender der Ein-
griff in die Rechtsstellung der betroffenen Person, desto höhere Anforde-
rungen sind an die Begründung zu stellen (vgl. zum Ganzen BGE 137 II
266 E. 3.2; 136 I 229 E. 5.2; BVGE 2012/24 E. 3.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI,
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.
2013, N 629 ff.).
5.4. Eine Verletzung des Gehörsanspruchs führt grundsätzlich zur Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz. Im Falle der Verletzung der Begründungspflicht kann der Man-
gel auf Rechtsmittelebene jedoch geheilt werden, wenn die Vorinstanz die
Entscheidsgründe in einer den gesetzlichen Anforderungen genügenden
Weise darlegt und die Rechtsmittelinstanz der betroffenen Partei im Rah-
men eines zweiten Schriftenwechsels die Möglichkeit einräumt, sich dazu
zu äussern (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2 m.H.).
5.5.
5.5.1. Wie in der Beschwerde zu Recht beanstandet wird, hat das SEM in
der angefochtenen Verfügung weder die Eingabe der Rechtsvertreterin
vom 26. November 2021 noch das Schreiben des Bruders des Beschwer-
deführers vom 2. Dezember 2021 berücksichtigt. So wurde hinsichtlich des
Bruders einzig darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer im Rah-
men des rechtlichen Gehörs ausgeführt habe, sein Bruder lebe in der
Schweiz. Vom Umstand, dass er über Verwandte in der Schweiz verfüge,
könne er nichts zu seinen Gunsten ableiten, da sein Bruder nicht als Fami-
lienangehöriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gelte. Zudem be-
stünden auch keine Hinweise auf ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis
zwischen dem Beschwerdeführer und seinem Verwandten. Somit lasse
sich aus der Anwesenheit seines Bruders in der Schweiz kein Zuständig-
keitskriterium ableiten und die Zuständigkeit Italiens bleibe bestehen.
Abgesehen davon hat die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid auch die
beim Dublin-Gespräch und in der Eingabe vom 26. November 2021 ge-
schilderten Erlebnisse in Italien mit keinem Wort erwähnt, sondern es
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Seite 16
wurde lediglich in pauschaler Weise festgehalten, dass der Beschwerde-
führer im Rahmen des rechtlichen Gehörs eingewandt habe, die Lebens-
bedingungen in Italien seien sehr schlecht.
5.5.2. Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz die Vorbringen im Zusam-
menhang mit der Anwesenheit des Bruders des Beschwerdeführers in der
Schweiz sowie dem in Italien Erlebten nicht konkret geprüft und dement-
sprechend im angefochtenen Entscheid auch nicht angemessen berück-
sichtigt. Sie hat damit den Sachverhalt unvollständig abgeklärt und ist ihrer
Begründungspflicht nicht nachgekommen. Vor diesem Hintergrund war es
ihr im damaligen Verfahrensschritt nicht möglich, ihr Ermessen korrekt aus-
zuüben und sich mit der Situation des Beschwerdeführers hinreichend aus-
einanderzusetzen.
5.5.3. Auf Vernehmlassungsstufe hat sich das SEM im Nachhinein ganz
konkret mit der Eingabe des Bruders des Beschwerdeführers befasst und
ist auf die darin geltend gemachten Vorbringen eingegangen. Ausserdem
hat das SEM auf die vom Beschwerdeführer zu Protokoll gegebenen
Äusserungen hinsichtlich seiner Erlebnisse in Italien Bezug genommen, in-
dem es im Wesentlichen festhielt, Italien habe die Aufnahmerichtlinie um-
gesetzt. Es stehe dem Beschwerdeführer frei, sich an die zuständigen Be-
hörden zu wenden, um sich über die Unterkunfts- und Verpflegungssitua-
tion zu beschweren. Es gebe keinerlei Hinweise auf einen fehlenden
Schutzwillen des italienischen Staates oder fehlenden Zugang zu Rechts-
mitteln (vgl. vorn E. 4.3).
5.6. In Anbetracht dessen, dass die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung
nachträglich die Entscheidsgründe in einer den gesetzlichen Anforderun-
gen genügenden Weise dargelegt hat und dem Beschwerdeführer seitens
des Bundesverwaltungsgerichts das Replikrecht gewährt wurde, kann der
vorliegend festgestellte Mangel auf Beschwerdeebene als geheilt gelten.
Für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht demnach kein
Anlass. Der entsprechende Eventualantrag ist abzuweisen.
6.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 5. September 2021 in
Italien aufgegriffen und daktyloskopiert worden war. Das SEM ersuchte
deshalb die italienischen Behörden am 6. Oktober 2021 um Übernahme
des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO. Die ita-
lienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert der festgeleg-
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Seite 17
ten Frist unbeantwortet, womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit aner-
kannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Vor diesem Hintergrund ist das SEM
zu Recht von der Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des weiteren
Verfahrens des Beschwerdeführers ausgegangen. Dass er bisher in Italien
kein Asylgesuch eingereicht hat, ist damit nicht von Belang.
Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind die dargelegten Vorbrin-
gen nicht geeignet, an der Zuständigkeit Italiens etwas zu ändern. Sie be-
gründen auch keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der
Schweiz (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO, Art. 29a Abs. 3 AsylV 1).
7.
7.1. Italien ist Vertragsstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben. Das italienische Asylverfahren und Aufnahmesystem weisen dem-
nach keine systemischen Mängel auf (vgl. Referenzurteil des BVGer
F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9.1 mit Hinweis auf Referenzurteil
des BVGer E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3 und Urteil des
BVGer E-685/2021 vom 23. Februar 2021 E. 6).
7.2. Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die italienischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen
und in der Folge seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien würde in seinem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Die Ver-
mutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein, kann im
Einzelfall widerlegt werden. Wie soeben erwähnt, bedarf es hierfür aber
F-5508/2021
Seite 18
konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffenen
glaubhaft darzutun sind (vgl. Urteil des BVGer E-937/2020 vom 24. Februar
2020 E. 5.4 m.H.).
7.3. Der Beschwerdeführer hat nicht geltend gemacht, die ihn bei einer
Rückführung erwartenden Bedingungen in Italien seien derart schlecht,
dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könn-
ten. Im Weiteren gibt es auch keine konkreten Hinweise für die Annahme,
Italien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehen-
den minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vo-
rübergehenden Einschränkung steht es ihm offen, sich an die zuständigen
italienischen Behörden zu wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebe-
dingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtli-
nie). Das italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende und Personen mit
Schutzstatus steht zwar in der Kritik, das Bundesverwaltungsgericht ist
aber im Referenzurteil E-962/2019 zum Schluss gelangt, auch nach Erlass
und Umsetzung des «Salvini-Dekrets» sei das Vorliegen systemischer
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO, welche die
staatliche Unterstützung Italiens und dessen Einrichtungen für Asylsu-
chende betreffen, zu verneinen (vgl. ausführlich E. 6.1 – 6.4 des erwähnten
Referenzurteils sowie etwa Urteile des BVGer F-444/2021 vom 8. Februar
2021 E. 5; F-5083/2020 vom 22. Oktober 2020 E. 4; F-5058/2020 vom
20. Oktober 2020 E. 4; F-4584/2020 vom 17. September 2020 E. 5.2 und
D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.1). Am 20. Dezember 2020 ist das
Umwandlungsgesetz Nr. 173/2020 zum Gesetzesdekret Nr. 130/2020 vom
21. Oktober 2020 in Kraft getreten. Das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 sieht
eine umfassende Reform des Aufnahmesystems für Asylsuchende in Ita-
lien vor, indem zentrale Bestimmungen des «Salvini-Dekrets» geändert
und ein engverflochtenes Aufnahme- und Integrationssystem implemen-
tiert wurde. Das neue Aufnahmesystem ist vergleichbar mit jenem, das vor
Erlass des «Salvini-Dekrets» geherrscht hat. Die Asylsuchenden werden
für den Identifikationsprozess und die Gesundheitsuntersuchungen zur
Feststellung allfälliger Schutzbedürftigkeit in Erstaufnahmezentren oder
CAS untergebracht. Für das weitere Asylverfahren werden sie in das Auf-
nahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazi-
one) überführt. Das Zweitaufnahmesystem SAI, welches das SIPROIMI
(Sistema di protezione per titolari di protezione internazionale e minori stra-
nieri non accompagnati) ablöst, bedeutet eine Rückkehr von einem zentra-
lisierten und sicherheitsorientierten Ansatz der öffentlichen Aufnahmezen-
tren hin zu einem von lokalen Behörden verwalteten, dezentralisierten und
flächendeckenden Aufnahmesystem, ähnlich dem einstigen SPRAR (Sis-
tema di protezione per richiedenti asilo e rifugiati). Das SAI steht wieder
F-5508/2021
Seite 19
allen Asylsuchenden, also auch den im Rahmen des Dublin-Verfahrens
nach Italien überstellten Personen, offen. Ziel des SAI ist es, die Asylsu-
chenden zu betreuen und den schutzbedürftigen Asylsuchenden, insbe-
sondere Familien, Dienstleistungen anzubieten, die auf ihre Bedürfnisse
zugeschnitten sind. Des Weiteren ermöglicht das Gesetzesdekret
Nr. 130/2020 den Asylsuchenden wieder, sich im kommunalen Einwohner-
register registrieren zu lassen (Art. 3). Mit der Registrierung erhalten sie
einen Ausländerausweis, der ihnen den Zugang zu den regionalen Dienst-
leistungen, wie beispielsweise der medizinischen Versorgung, erleichtert
(vgl. ausführlich Referenzurteil F-6330/2020 E. 10.5). Im Januar 2021 um-
fasste das SAI 30'049 Unterbringungsplätze und 760 Projekte (vgl. a.a.O.,
E. 11.1). Angesichts dieser Umstände lässt sich vorliegend aus den Aus-
führungen zur Situation in Italien und der Befürchtung, dort nicht angemes-
sen medizinisch versorgt zu werden, nichts zugunsten des Beschwerde-
führers ableiten. Ausserdem verfügt Italien über eine funktionierende Poli-
zeibehörde, die sowohl als schutzwillig wie auch als schutzfähig gilt. Sollte
der Beschwerdeführer sich in Italien vor Übergriffen durch die im vo-
rinstanzlichen Verfahren und auf Beschwerdeebene erwähnten Angehöri-
gen der Mafia fürchten oder sogar solche erleiden, so steht es ihm frei, sich
an die zuständigen staatlichen Stellen zu wenden. Seine Asylgründe kann
er bei den für sein Asyl- und Wegweisungsverfahren zuständigen italieni-
schen Behörden vorbringen.
7.4. Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt. Es sind ferner auch keine individuellen völkerrechtli-
chen Überstellungshindernisse gegeben.
8.
8.1. Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 9. November 2021 wurde der
Beschwerdeführer auch zum medizinischen Sachverhalt befragt. Er er-
klärte diesbezüglich, gesund zu sein. Er habe lediglich Scabies.
8.2. Mit E-Mail vom 9. Dezember 2021 (SEM-act. 33/1) teilte die Pflege des
Bundesasylzentrums dem SEM auf Nachfrage hin mit, der Beschwerde-
führer habe an einer Scabieserkrankung gelitten; bis am 22. November
2021 habe er regelmässig Juckreiz gehabt. Ausserdem sei er wegen wie-
derkehrender Rückenschmerzen am 7. Dezember 2021 beim Arzt gewe-
sen. Hinsichtlich dieser Rückenschmerzen liess die Pflege dem SEM ein
medizinisches Datenblatt für interne Arztbesuche im Bundesasylzentrum
zukommen, welches zum damaligen Zeitpunkt einzig den Behandlungsein-
trag vom 7. Dezember 2021 enthielt (vgl. SEM-act. 32/1).
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Seite 20
Aus dem mit der Replik eingereichten medizinischen Datenblatt, welches
inzwischen mit den Behandlungseinträgen vom 28. Dezember 2021 und
25. Januar 2022 ergänzt wurde, ergibt sich, dass der Beschwerdeführer
wegen starker Wirbelsäulenschmerzen im Lendenwirbelsäulenbereich
ärztliche Hilfe in Anspruch nahm. Es wurden ihm ein Lendenwirbelsäulen-
syndrom und eine Lumbago ("Hexenschuss") diagnostiziert. Zudem wird
im Datenblatt erwähnt, dass er unter persistierenden Angstattacken und
unter Schlafstörungen, einhergehend mit Albträumen, leide. Es bestehe
keine wahnhaft-paranoide Symptomatik. Der Patient sei traumatisiert, er
sei (...) entführt und geschlagen worden. Er habe eine Psychotherapie ge-
wünscht.
Der Beschwerdeführer erhielt entsprechende Medikamente und Schlaftee.
Ausserdem wurden ihm Physiotherapie sowie für den Fall, dass es ihm
psychisch schlechter gehen sollte, eine ambulante Psychotherapie emp-
fohlen.
8.3. Die vorliegenden gesundheitlichen Probleme stellen kein völkerrecht-
liches Vollzugshindernis im Sinne von Art. 3 EMRK dar, welches zwingend
zu einem Selbsteintritt führen müsste. Italien verfügt grundsätzlich über
eine ausreichende medizinische Infrastruktur (vgl. etwa Urteil des BVGer
F-2715/2021 vom 11. März 2022 E. 9 m.H.) und ist gemäss Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizi-
nische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt
erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Stö-
rungen umfasst, zugänglich zu machen. Es liegen keine Anhaltspunkte vor,
wonach dem Beschwerdeführer dort eine adäquate Behandlung seiner ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen verweigert würde. Im Bedarfsfall kann
er sich an das dafür zuständige medizinische Fachpersonal wenden. Die
in der Schweiz empfohlenen Therapien sind auch in Italien möglich. Nach
dem Gesagten erweist sich die Überstellung des Beschwerdeführers nach
Italien als zulässig.
9.
Gestützt auf die Ausführungen, wonach der Bruder des Beschwerdeführers
in der Schweiz lebe, ist sodann zu prüfen, ob die Anwesenheit dieses Bru-
ders (E._, geb. [...] [N (...)]) einer Überstellung im Rahmen des vor-
liegenden Dublin-Verfahrens entgegensteht.
Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers sind die in Art. 16 Abs. 1
Dublin-III-VO erwähnten Ermessensdeterminanten (Schwangerschaft,
F-5508/2021
Seite 21
neugeborenes Kind, schwere Krankheit, ernsthafte Behinderung, hohes Al-
ter), welche eine Unterstützung seines Bruders erfordern würden, vorlie-
gend nicht erfüllt. Ferner muss eine familiäre Bindung – ungeachtet des-
sen, dass eine solche gemäss den Angaben des Beschwerdeführers be-
reits im Herkunftsland bestanden hat – verneint werden, zumal er erst am
2. Oktober 2021 in die Schweiz einreiste, während sein Bruder gemäss
einem Eintrag im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) bereits
am 21. August 2015 hierher gelangte. Dass der Bruder sich zufolge Gut-
heissung seines Härtefallgesuchs am (...) rechtmässig in der Schweiz auf-
hält (vgl. Eintrag im ZEMIS), für den Beschwerdeführer eine Vaterrolle in-
nehat und ihm finanzielle wie auch psychische Unterstützung bieten kann,
vermag zu keiner anderen Einschätzung zu führen.
10.
Im vorliegenden Fall sind auch die Voraussetzungen von Art. 8 EMRK nicht
erfüllt.
10.1. Der Familienbegriff gemäss Art. 8 EMRK erfasst zwar über die Kern-
familie hinausgehend auch die Beziehungen zwischen allen nahen Ver-
wandten, die in der Familie eine wesentliche Rolle spielen können. Aller-
dings setzt im Verhältnis zwischen diesen Verwandten ausserhalb der
Kernfamilie die Berufung auf den Grundsatz der Familieneinheit gemäss
der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts – nebst einer nahen,
echten und tatsächlich gelebten Beziehung – grundsätzlich ein besonderes
Abhängigkeitsverhältnis voraus (BVGE 2008/47 E. 4.1.1 S. 677 f.).
10.2. Vorliegend fehlt es indessen schon an einer gelebten Beziehung im
Sinne der Rechtsprechung, da sich der Bruder – wie schon erwähnt – be-
reits seit mehreren Jahren in der Schweiz aufhält, während der Beschwer-
deführer erst am 2. Oktober 2021 in die Schweiz einreiste. Ein besonderes
Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der Rechtsprechung zwischen den Ge-
schwistern ist nach dem Gesagten zu verneinen, weshalb eine Überstel-
lung nach Italien keine Verletzung von Art. 8 EMRK darstellt.
11.
Der Beschwerdeführer möchte in der Schweiz bleiben. Mit seiner Begrün-
dung kann er insgesamt nicht das gewünschte Verfahrensziel – die Be-
handlung seines Asylgesuchs in der Schweiz – erreichen, zumal die Dub-
lin-III-Verordnung den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren
Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen. In seinem Fall sind ebenso
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Seite 22
keine Gründe ersichtlich, welche die Vorinstanz zu einem Selbsteintritt ge-
mäss Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 hätten
verpflichten können (vgl. BVGE 2015/9 E. 8).
12.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat seine Wegweisung verfügt
(vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist folglich
abzuweisen. Soweit der Beschwerdeführer eine – indes inzwischen ge-
heilte – Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör gerügt hat, ist eine
entsprechende Verletzung festzustellen (vgl. vorn E. 5.6).
13.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache ist der Antrag auf Erteilung
der aufschiebenden Wirkung gegenstandslos geworden.
Der am 20. Dezember 2021 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegen-
dem Urteil dahin und die Vorinstanz hat dem Beschwerdeführer eine neue
Frist zur Ausreise anzusetzen.
14.
Aufgrund der Akten ist von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers aus-
zugehen und die Beschwerde kann nicht als von vornherein aussichtslos
bezeichnet werden. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist demnach gutzuheissen.
15.
15.1. Ausgangsgemäss wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), angesichts der festgestellten
Gehörsverletzung aber zu ermässigen (Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da die unentgeltliche Prozess-
führung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wird, ist der Beschwer-
deführer indessen von der Bezahlung von Verfahrenskosten zu befreien.
Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ist
mit dem vorliegenden Urteil gegenstandslos geworden.
15.2. Dem Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung auszurichten,
da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertre-
tung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund
nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch
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Seite 23
Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 24