Decision ID: 795e9fdd-3805-44fd-9aef-8067ab30e2e7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamili-
scher Ethnie – reiste eigenen Angaben zufolge am 4. Oktober 2017 in die
Schweiz ein, wo er am 21. November 2017 um Asyl nachsuchte. In der
Folge fand am 28. November 2017 die Befragung zur Person (BzP) statt.
Mit Verfügung vom 8. Januar 2018 gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer (schriftlich) das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Frankreichs für
die Durchführung seines Asyl- und Wegweisungsverfahrens gemäss Dub-
lin-III-VO, zum Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG (SR 142.31) sowie zur Wegweisung nach Frankreich. Die Stellung-
nahme des Beschwerdeführers erging am 31. Januar 2018.
A.b Mit Verfügung vom 26. März 2018 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz nach Frankreich an und forderte den Beschwer-
deführer auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwer-
defrist zu verlassen.
A.c Die gegen diese Verfügung am 13. April 2018 erhobene Beschwerde
wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil F-2157/2018 vom 24. April
2018 ab.
B.
B.a Am 1. Juni 2018 liess der Beschwerdeführer beim SEM ein Wiederer-
wägungsgesuch einreichen und in der Hauptsache beantragen, es sei auf
die Verfügung vom 26. März 2018 zurückzukommen und auf sein Asylge-
such einzutreten.
B.b Mit Verfügung vom 7. Juni 2018 wies das SEM das Wiedererwägungs-
gesuch ab, erklärte seine Verfügung vom 26. März 2018 für rechtskräftig
und vollstreckbar, erhob eine Gebühr in der Höhe von Fr. 600.–, wies das
Gesuch um Anordnung vorsorglicher Massnahmen ab und stellte fest, dass
einer allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.
B.c Die gegen diese Verfügung am 12. Juli 2018 an das Bundesverwal-
tungsgericht erhobene Beschwerde wurde mit Urteil D-4077/2018 vom
26. Juli 2018 abgewiesen.
D-4145/2021
Seite 3
B.d Da der Beschwerdeführer seit dem 11. Juni 2018 als unbekannten Auf-
enthaltes galt, konnte eine Rücküberstellung nach Frankreich nicht erfol-
gen.
C.
Mit Eingabe vom 30. März 2021 liess der Beschwerdeführer um Wieder-
aufnahme des nationalen Asylverfahrens ersuchen, da die Fristen zur all-
fälligen Überstellung nach Frankreich mittlerweile abgelaufen seien.
D.
Am 30. April 2021 verfügte das SEM die Aufhebung seiner Verfügung vom
26. März 2018 und die Wiederaufnahme und Durchführung des nationalen
Asylverfahrens.
E.
Der Beschwerdeführer wurde am 3. Juni 2021 einlässlich zu seinen Asyl-
gründen angehört.
F.
Zu seinem persönlichen Hintergrund und zur Begründung seines Asylge-
suchs führte der Beschwerdeführer in der BzP und der Anhörung aus (vgl.
Bst. A.a und E), er stamme aus B._, Distrikt C._, und habe
nach dem Ablegen der A-Level-Prüfungen, welche er jedoch nicht bestan-
den habe, im Jahre 2005 am (...) in C._ einen sechsmonatigen (...)
absolviert. In den Jahren 2004 und 2005, während des Waffenstillstands,
habe er, angespornt durch den (...), D._, an verschiedenen Pro-
testkundgebungen und Gedenktagen teilgenommen und auch bei der Or-
ganisation mitgeholfen. Zudem habe der (...) E._ ihn – und viele
andere junge Leute – aufgefordert, die Zivilbevölkerung für Kundgebungen
zu mobilisieren. Nachdem D._ am (...) 2006 verschleppt worden
sei, habe er Angst bekommen und sich im (...) 2006 nach O._ be-
geben. F._, ein Kollege von D._ und eine wichtige Person
bei den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), habe ihm geholfen, nach
O._ zu gelangen und ihm dort später eine Arbeit in einem (...) ver-
schafft. Gewohnt habe er bei einem Onkel seines Vaters in G._. Für
das (...) habe er (...) in der Stadt O._ (...). Es sei ihm gesagt wor-
den, dass es sich um eine streng geheime Tätigkeit handle; erst später in
Malaysia habe er erfahren, dass dieses (...) den LTTE gehört habe. Am
(....) 2008 sei er im Bus auf dem Weg zur Arbeit durch Angehörige der
Special Task Force (STF) kontrolliert und dann der Polizei übergeben wor-
den. Angehörige des Criminal Investigation Department (CID) hätten ihn
D-4145/2021
Seite 4
verhört. Nach zehn Tagen sei er vor Gericht gebracht und gegen eine Kau-
tion von LKR (...) vorübergehend auf freien Fuss gesetzt worden. Jedoch
sei ein weiterer Gerichtstermin für (...) 2009 angesetzt worden. Am (...)
2008 sei er auf dem Weg zum hinduistischen Tempel von H._ von
fünf Männern in einem Van an einen unbekannten Ort verschleppt worden.
Während elf Tagen sei er von CID-Angehörigen zu seinem LTTE-Engage-
ment verhört, gefoltert und mehrfach vergewaltigt worden. Schliesslich sei
er mit verbundenen Augen wieder mit einem Van weggebracht und in
I._ freigelassen worden respektive es sei ihm die Flucht aus diesem
Folterhaus gelungen. Bis zur Ausreise habe er sich bei einem Freund sei-
nes Grossonkels aufgehalten. Mitte 2009 sei er mit einem Schlepper nach
Malaysia gelangt und von dort aus am 3. Januar 2010 nach Schweden be-
ziehungsweise am 6. Dezember 2011 nach Frankreich gereist. In beiden
Ländern seien seine Asylgesuche abgelehnt worden, weshalb er im (...)
2016 nach Sri Lanka zurückgekehrt sei. In seinem Heimatdorf habe er
dann vom (...) 2016 bis (...) 2017 in der (...) als (...) gearbeitet. Am (...)
2016 beziehungsweise am (...) 2017 sei in einem Brunnen in der Nähe der
(...) beziehungsweise in einem Brunnen, den seine Familie mit anderen
Personen geteilt habe, Munition gefunden worden, worauf die Leute in der
Umgebung befragt worden seien. Zwei Tage nach diesem Fund sei er wäh-
rend acht Stunden auf dem Polizeiposten J._ befragt, beschimpft
und geschlagen worden, dies auch zu seinen früheren Problemen. Eine
Woche beziehungsweise zehn Tage später sei er von Personen in Zivil
verhaftet und in einem alten Haus in K._ befragt, geschlagen, ge-
foltert und rund sechs Stunden festgehalten worden. Man habe (...) mit
heissem Öl übergossen, um ihn zu einer Unterschrift unter ein singhalesi-
sches Dokument zu bewegen. Daraufhin sei er zu einem Freund bezie-
hungsweise einer Bekannten nach L._ gegangen, wo er circa (...)
Monate geblieben sei. Während dieser Zeit sei er mindestens einmal pro
Woche zu Hause in B._ gesucht worden und seinen Eltern sei ge-
sagt worden, dass ein Haftbefehl gegen ihn existiere. Am 2. Oktober 2017
habe er Sri Lanka in Begleitung eines Schleppers und mit einem gefälsch-
ten sri-lankischen Reisepass auf dem Luftweg erneut verlassen. Seine
Mutter habe sich am (...) 2021 an einer Kundgebung beteiligt und sei in
der Folge am (...) 2021 von der Polizei einvernommen worden. Dabei sei
sie auch über ihn (den Beschwerdeführer) befragt worden. Am (...) 2021
habe bei den Eltern eine Hausdurchsuchung stattgefunden und seine El-
tern seien bedrängt worden, seinen Aufenthaltsort preiszugeben, was sie
jedoch nicht getan hätten. Seinen Eltern sei gesagt worden, er habe überall
D-4145/2021
Seite 5
explosive Gegenstände deponiert und würde Kontakte zu den LTTE pfle-
gen. Auch hätten sie der Mutter ein von ihm unterschriebenes singhalesi-
sches Dokument gezeigt. Seither werde das Haus der Eltern beobachtet.
G.
Der Beschwerdeführer reichte im Verlauf der vorinstanzlichen Verfahren im
Wesentlichen folgende Identitätsnachweise und Beweismittel zu den Ak-
ten:
- Identitätskarte;
- Geburtsurkunde;
- Ledigkeitsbescheinigung;
- Vaterschaftsanerkennung und Erklärung über die gemeinsame elterliche Sorge vom (...);
- Medizinische Unterlagen die Lebenspartnerin betreffend;
- (...), "(...)" vom (...) 2016.
H.
Mit Verfügung vom 16. August 2021 – eröffnet am 17. August 2021 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an. Gleichzeitig händigte
es die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
I.
Mit Eingabe vom 13. August 2021 – eingegangen beim SEM am 16. Au-
gust 2021 – stellte die Rechtsvertretung dem SEM folgende Beweismittel
zu:
- Bericht von Dr. med. M._, N._, vom 5. August 2021;
- Beschwerde an die Menschenrechtskommission von Sri Lanka vom (...) 2008/(...) 2009 (in Kopie; mit englischer Übersetzung);
- Schreiben von E._, (...), vom (...) 2015 (in Kopie; mit englischer Übersetzung);
- Schreiben von P._, Rechtsanwalt, vom (...) 2021.
J.
J.a Mit Eingabe vom 16. September 2021 liess der Beschwerdeführer ge-
gen die Verfügung vom 16. August 2021 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei
vollumfänglich aufzuheben und ihm sei in der Schweiz Asyl zu gewähren,
eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs festzustellen und ihm die vorläufige Aufnahme in der
Schweiz zu gewähren, subeventualiter sei der Fall zur erneuten Prüfung
D-4145/2021
Seite 6
an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht wurde um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
J.b Der Beschwerde lagen – neben der angefochtenen Verfügung und ei-
ner Vollmacht – folgende Beweismittel bei:
- Die in Buchstabe I (vorstehend) aufgeführten Dokumente;
- Bericht: "Eine Menge Sprengstoff wurde in B._ sichergestellt!", (...) 2017 (mit deutscher Übersetzung);
- Bericht: "(...)";
- vier Fotos von Verletzungen beziehungsweise Narben;
- Psychiatrischer Verlaufsbericht des (...) vom 10. September 2021;
- Fürsorgebestätigung vom 30. August 2021.
K.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 20. September 2021 den
Eingang der Beschwerde.
L.
Mit Eingabe vom 23. September 2021 reichte die rubrizierte Rechtsvertre-
terin ihre Kostennote nach.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 1. Oktober 2021 stellte die ursprünglich zu-
ständige Instruktionsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Aus-
gang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, und forderte ihn – da die
Beschwerde keine Unterschrift enthielt – auf, innert Frist eine Beschwer-
deverbesserung einzureichen.
N.
Die verbesserte Beschwerde wurde innert Frist eingereicht.
O.
Der (...) teilte dem SEM am 3. November 2021 mit, dass der Beschwerde-
führer und Q._ (N [...]) am (...) geheiratet hätten. Die Eheleute ha-
ben zwei gemeinsame Kinder: R._, geboren am (...), und
S._, geboren am (...).
P.
Mit Verfügung vom 8. Dezember 2021 hielt der nunmehr zuständige In-
struktionsrichter fest, dass das vorliegende Beschwerdeverfahren mit je-
D-4145/2021
Seite 7
nem der Ehefrau und der Kinder des Beschwerdeführers (vgl. Bst. O; Ge-
schäfts-Nr. D-6569/2019) koordiniert geführt werde. Gleichzeitig wurde das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Vorbe-
halt einer allfälligen Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Be-
schwerdeführers gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses verzichtet. Der Entscheid über das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung wurde auf einen späteren Zeitpunkt
verschoben. Schliesslich wurde das SEM eingeladen, eine Vernehmlas-
sung zur Beschwerde einzureichen.
Q.
Das SEM liess sich am 23. Dezember 2021 zur Beschwerde vernehmen.
R.
Der Instruktionsrichter hiess mit Verfügung vom 6. Januar 2022 auch das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung unter
Vorbehalt einer allfälligen Veränderung der finanziellen Verhältnisse gut
und gab dem Beschwerdeführer Gelegenheit, eine Replik einzureichen.
S.
Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom
21. Januar 2022 replizieren. Beigelegt war eine Auskunft der SFH-Länder-
analyse mit dem Titel "Sri Lanka: Behandlung von Schizophrenie mit De-
pot-Medikament und 24/7 Betreuung" vom 26. Oktober 2021.
T.
Schliesslich reichte die Rechtsvertretung am 22. März 2022 einen ambu-
lanten Bericht der (...) vom 19. März 2022 (inklusive Medikamentenrezept)
sowie das Aufgebot für einen Sprechstundentermin vom 2. März 2022 zu
den Akten.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
D-4145/2021
Seite 8
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Das vorliegende Verfahren wird mit jenem der Ehefrau und der Kinder
(D-6569/2019) koordiniert geführt (vgl. Bst. P).
4.
4.1 In formeller Hinsicht wird gerügt, indem das SEM vier vom Beschwer-
deführer am 13. August 2021 eingereichte Beweismittel nicht in seine Ent-
scheidfindung und Begründung miteinbezogen habe, habe es den An-
spruch auf rechtliches Gehör verletzt. Die internen Abläufe der Vorinstanz
sollten so funktionieren, dass eingereichte Dokumente und Beweismittel
die Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen ohne zeitlichen Verlust errei-
chen.
4.2 In der Tat äusserte sich das SEM in seiner Verfügung vom 16. August
2021 nicht zu den laut Eingangsstempel ebenfalls am diesem Tag beim
SEM eingegangenen Beweismitteln. Ob die Eingabe vom 13. August 2021
den zuständigen Sachbearbeiter vor oder nach dem Versand des ange-
fochtenen Entscheides erreichte, geht aus den vorinstanzlichen Akten und
auch aus der Vernehmlassung nicht schlüssig hervor. Ersichtlich ist jedoch,
dass die Verfügung des SEM und der interne Verteiler als Aktenstücke
D-4145/2021
Seite 9
A57/13 und A58/1 im Aktenverzeichnis figurieren, wohingegen die Eingabe
vom 13. August 2021 – anders als im Falle des von der Rechtsvertretung
zitierten Urteils des Bundesverwaltungsgerichts D-3090/2021 vom 20. Juli
2021 – noch nicht paginiert wurde. Dieser Umstand lässt darauf schliessen,
dass die angefochtene Verfügung erging, bevor der Fachspezialist Kennt-
nis von den neuen Beweismitteln erhielt. Hinweise, wonach durch interne
Abläufe des SEM ein zeitlicher Verlust entstanden wäre, sind keine ersicht-
lich. Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehörs ist daher zu
verneinen. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass das SEM in sei-
ner Vernehmlassung ausführlich zu den neu eingereichten Beweismitteln
Stellung nahm.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausge-
setzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, aufgrund von
erheblichen Widersprüchen im Zusammenhang mit seiner Befreiung nach
der Festnahme vom (...) 2008, des Datums des Munitionsfundes, des Or-
tes der zweiten Festnahme im Jahr 2017 und der Ausreise im Jahr 2017
würden sich massive Zweifel am Wahrheitsgehalt der geltend gemachten
Nachteile ergeben. Im Weiteren falle auf, dass der Beschwerdeführer nicht
in der Lage sei, auf Nachfrage detailliertere Aussagen zu machen, welche
die freie Schilderung vertiefen würden. Zentrale Elemente seiner Vorbrin-
gen würden zudem unsubstantiiert ausfallen. Auf spezifische Nachfragen
D-4145/2021
Seite 10
würden seine Aussagen ausweichend oder er wiederhole bereits Erzähl-
tes. So seien seine Aussagen zu den Rollen von D._ und F._
bei den LTTE und zum Zustandekommen des eigenen Kontaktes zu ihnen
sehr knapp ausgefallen. Auch die Umstände seines Engagements für die
LTTE in O._ habe er nicht überzeugend darzulegen vermocht. Aus-
serdem widerspreche es der Logik des Handelns, dass er ohne einen re-
gulären Aufenthaltstitel (...) in O._ (...) haben wolle in einer Zeit, in
der in O._ höchste Sicherheitsvorkehrungen gegolten hätten und
tamilische Staatsbürger streng kontrolliert worden seien. Im Weiteren seien
seine Antworten hinsichtlich der Vorwürfe der Behörden anlässlich der zwei
Festnahmen in O._ ausweichend und unsubstantiiert ausgefallen.
Diese vagen Angaben würden erstaunen, zumal in der Folge angeblich ein
Gerichtsverfahren eröffnet worden sei. Zudem erscheine sehr unwahr-
scheinlich, dass man ihn trotz des Vorwurfs, in O._ Bomben legen
zu wollen, auf Bitte des Grossonkels gegen Kaution freigelassen habe.
Wenn tatsächlich ein Gerichtsverfahren gegen ihn eröffnet worden wäre,
sollte es ihm möglich sein, Unterlagen einzureichen. Was den Munitions-
fund im Brunnen anbelange, seien seine Antworten auf die vertiefenden
Fragen sehr knapp ausgefallen. Auch sei zumindest erstaunlich, dass ihm
anlässlich der beiden Mitnahmen im Jahre 2017 mitgeteilt worden sei, es
gebe ein hängiges Gerichtsverfahren, es drohe ihm eine langjährige Haft-
strafe und man werde einen Haftbefehl beantragen, er aber nach wenigen
Stunden ohne Auflagen wieder freigelassen worden sei. Schliesslich wäre
in Bezug auf die zweite Mitnahme im Jahre 2017, als man ihm heisses Öl
über (...) gegossen habe, um ihn zu zwingen, vorgefertigte Blätter zu un-
terschreiben, zu erwarten gewesen, dass er dieses einschneidende Erleb-
nis lebhafter hätte schildern können.
Es würden auch keine Faktoren vorliegen, welche eine Gefährdung im
Sinne von Art. 3 AsylG zu begründen vermöchten. Die Zugehörigkeit zur
tamilischen Ethnie und die zweimalige Landesabwesenheit würden nicht
ausreichen, um von Verfolgungsmassnahmen bei der Rückkehr auszuge-
hen. Aufgrund des blossen Umstandes, dass der Beschwerdeführer als
Schüler allenfalls an Gedenkveranstaltungen und Protestkundgebungen
teilgenommen habe und auch seine Brüder Menschenrechtskundgebun-
gen organisiert hätten, sei nicht davon auszugehen, dass er in den Augen
der sri-lankischen Sicherheitsbehörden als Person gelte, die eine beson-
ders enge Beziehung zu den LTTE gepflegt habe, und deshalb in den Fo-
kus der Behörden geraten könnte. Zwar habe die Überwachung der Zivil-
bevölkerung seit den dschihadistisch motivierten Terroranschlägen an Os-
tern 2019 und nochmals nach der Präsidentschaftswahl am 16. November
D-4145/2021
Seite 11
2019 zugenommen. Der Beschwerdeführer habe jedoch weder die Präsi-
dentschaftswahl respektive deren Folgen als Gefährdungselement vorge-
bracht, noch seien den Akten Hinweise auf eine Verschärfung seiner per-
sönlichen Situation aufgrund dieses Ereignisses zu entnehmen.
6.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, es sei nicht legitim,
widersprüchliche Aussagen zwischen der BzP und der Anhörung derart
stark zu gewichten. Die Berichterstattung des Beschwerdeführers entspre-
che der Erwartung bei einem traumatisierten Menschen, da bei grosser
emotionaler Belastung die Speicherung im Gedächtnis überwiegend emo-
tional geschehe und die Kontextinformation nicht abgespeichert werden
könne. In der Schweiz sei beim Beschwerdeführer eine posttraumatische
Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert worden. Die vom SEM vorge-
brachten Widersprüche seien daher wenig geeignet, die Glaubhaftigkeit
der Aussagen als Ganzes in Frage zu stellen. Angesichts der traumatisie-
renden Erlebnisse während der Gefangenschaft im Jahre 2008 sei nicht
überraschend, dass es hinsichtlich der Befreiung zu verschiedenen Aussa-
gen gekommen sei. Die Schwierigkeiten, über traumatische Ereignisse zu-
sammenhängend oder in einem zeitlichen und räumlichen Rahmen zu be-
richten, würden oft zusammen mit Konzentrationsstörungen zunehmen,
wenn die Befragungssituation von der untersuchten Person als belastend
erlebt werde. Dies geschehe insbesondere durch wiederholtes Nachfra-
gen, demonstrative Zweifel des Gegenübers und durch Zeitdruck, wie dies
zum Beispiel während der BzP der Fall sei. In Bezug auf den Munitionsfund
liege der Verdacht sehr nahe, dass es in der BzP zu einer Verwechslung
der Zahlen gekommen sei. Dies könne sowohl bei der Übersetzung als
auch bei der Protokollierung geschehen sein. Dies erscheine plausibel, da
die restlichen Schilderungen chronologisch widerspruchslos seien. Sodann
handle es sich bei den Zwiebel- und Reisfeldern um dieselben Felder.
Während der Regenzeit baue die Familie auf ihren Feldern vor allem Reis
an. Zur restlichen Zeit würden diese Felder verwendet, um Zwiebeln und
ein wenig Chili anzubauen. Hinsichtlich der Ausreise aus Sri Lanka im
Jahre 2017 habe der Beschwerdeführer in der BzP – zur Kürze angehalten
– lediglich seinen ursprünglichen Ausgangsort sowie sein Ziel angegeben.
Seine Schilderungen würden auch viele Details und Realkennzeichen auf-
weisen. Er spreche beispielsweise immer wieder in der direkten Rede,
habe seine Entführer im Jahre 2017 den Umständen entsprechend sehr
detailliert beschreiben können oder habe über sein Motiv berichtet, wes-
halb er zwischen 2004 und 2005 an Demonstrationen teilgenommen be-
ziehungsweise bei deren Organisation mitgeholfen habe. Auch habe er
über die Angst, die er während der Folter erlebt habe, berichten und die
D-4145/2021
Seite 12
Orte detailliert beschreiben können, an denen er 2008 und 2017 festgehal-
ten und gefoltert worden sei. Dagegen habe das SEM darauf verzichtet,
nach Details zu fragen, die ihm realistischerweise bekannt sein könnten.
Es habe sich vor allem auf Elemente fokussiert, die entweder Personen in
seinem direkten Umfeld oder die Verhaltensweise der sri-lankischen Be-
hörden beziehungsweise Sicherheitskräfte betroffen hätten. Die Hand-
lungs- und Denkweise seines Umfelds entziehe sich naturgemäss seiner
Kenntnis. Deshalb könne die Vorinstanz nicht verlangen, dass er die ge-
naue Rolle D._s und F._s innerhalb der LTTE benennen
könne. Dennoch habe er angeben können, dass F._ D._ für
die LTTE rekrutiert und es sich bei F._ entsprechend um eine Ver-
bindungsperson gehandelt habe. Es liege ebenso wenig in seiner Erklä-
rungskompetenz, wieso man gerade ihn für die Arbeit im (...) in O._
ausgewählt habe. Die Vorinstanz könne nicht davon ausgehen, dass ihm
dies genau dargelegt worden sei, zumal man ihm sogar verschwiegen
habe, dass er dort (...) für die LTTE (...) habe. Er habe auch keineswegs
ausweichend, sondern klar und konzis auf die Frage, wann und wie er
F._ kennengelernt habe, geantwortet. Da er F._ eben kaum
gekannt habe, sei es nachvollziehbar, dass er – über die erhaltene Hilfe
hinaus – keine weiteren Angaben zu seiner Beziehung zu diesem habe
machen können. Zudem scheine es plausibel, dass er zunächst nicht ge-
wusst habe, dass D._ verschwunden sei, und er deshalb wie immer
zur (...) gegangen sei. Erst dort habe er dann F._ kennengelernt,
welcher Kontakt zu den Unterstützern D._s habe aufnehmen wol-
len, um sie von dessen Verschwinden zu unterrichten und um ihnen das-
selbe Schicksal zu ersparen. Zu seiner Tätigkeit im (...) habe er klare Aus-
sagen gemacht. Hinsichtlich seiner Festnahme und Entführung in
O._ sei nicht nachvollziehbar, weshalb das SEM Kenntnisse über
Ereignisse, Handlungen und Gedanken verlange, in die er keinen Einblick
haben könne. Die Entführer hätten ihm keine weiteren Informationen zu
D._s Denunziation gegeben, weil sie von diesem keine konkreten
Vorwürfe erhalten hätten. Die Sicherheitskräfte hätten lediglich über seine
früheren Tätigkeiten im Umfeld der LTTE Bescheid gewusst und ihn ledig-
lich zu einem Geständnis allfälliger weiterer Straftaten bringen wollten.
Dementsprechend erscheine es plausibel und nachvollziehbar, dass er auf
die Fragen der Vorinstanz keine detaillierteren Aussagen habe machen
können. In den Jahren 2007 und 2008 sei es nach Bombenanschlägen in
O._, für welche die LTTE verantwortlich gemacht worden seien, im-
mer wieder zu willkürlichen Verhaftungen von Tamilen gekommen, die kei-
nen festen Wohnsitz in O._ gehabt hätten. Dies habe der Be-
schwerdeführer genauso dargelegt. Für die Sicherheitskräfte sei es nicht
D-4145/2021
Seite 13
nachvollziehbar gewesen, wie er in O._ ohne fremde Unterstützung
habe leben können. Für sie seien LTTE-Verbindungen offenbar am plausi-
belsten gewesen. Leider seien im Entscheid der Vorinstanz weder seine
Ausführungen noch seine klare Verneinung weiterer Vorwürfe gewürdigt
worden. Was den Munitionsfund anbelange, habe er entgegen den Aus-
führungen der Vorinstanz zu Protokoll gegeben, dass ein anderer Teilinha-
ber bei Reinigungsarbeiten des Brunnens auf diese Waffen gestossen sei
und seinen Fund der STF gemeldet habe, woraufhin diese die Waffen si-
chergestellt und vernichtet habe. Das Verhör auf dem Polizeiposten er-
scheine als ein Versuch, den Beschwerdeführer, von dem angenommen
worden sei, dass er Verbindungen zu den LTTE pflege, einzuschüchtern
und ihn zu einem Geständnis zu drängen. Es erscheine plausibel, dass die
Polizisten irgendwann aufgegeben hätten, zumal sie keine konkreten Be-
weise dafür gehabt hätten, dass er irgendetwas mit diesen Waffen zu tun
gehabt habe. Hinsichtlich der zweiten Entführung und Folter im Jahre 2017
sei zu berücksichtigen, dass er aufgrund der PTBS grosse Probleme habe,
seine Folter und die darauffolgenden Ereignisse detailliert und kohärent
darzulegen. Das Muster von Entführungen durch Regierungskräfte, soge-
nannte "white van abductions", als stereotyp zu bezeichnen, sei tatsächlich
zutreffend, da diese oft nach dem gleichen Schema ablaufen würden. Die-
ser Umstand dürfe jedoch unter keinen Umständen ihm angelastet werden.
Insgesamt seien seine Aussagen substantiiert, plausibel und nachvollzieh-
bar und würden weiter untermauert durch die sowohl fotografisch als auch
ärztlich gut dokumentierten Narben.
Das Verfolgungsinteresse sei zum Zeitpunkt der Flucht extrem hoch gewe-
sen, weshalb bei einer Rückkehr eine begründete Furcht vor zukünftiger
Verfolgung anzunehmen sei. Im Weiteren stamme der Beschwerdeführer
ursprünglich aus dem Distrikt C._. Bereits dadurch würde er bei der
Einreise systematisch ins Visier der Sicherheitskräfte geraten. Ohne sri-
lankischen Reisepass würde er mit einem temporären Reisepass als Per-
son mit einem durchlaufenen Asylverfahren identifizierbar und infolgedes-
sen von der Einreisebehörde und dem CID einer Personenüberprüfung un-
terzogen und zu Identität, persönlichem Hintergrund und Reiseziel befragt.
Zudem erfülle er gleich mehrere wichtige Risikofaktoren. So sei er mehr-
fach inhaftiert gewesen, wobei ihm Aktivitäten für die LTTE, wie geplante
Bombenanschläge, vorgeworfen worden seien. Während zweier Ausland-
aufenthalte habe er ein Asylgesuch gestellt, sei seit seiner Ausreise exilpo-
litisch tätig und weise sichtbare Narben auf.
D-4145/2021
Seite 14
6.3 In seiner Vernehmlassung führt das SEM hinsichtlich der am 13. Au-
gust 2021 eingereichten Dokumente aus, die beiden Bestätigungsschrei-
ben würden angesichts ihres Inhaltes den Charakter von blossen Gefällig-
keitsschreiben ohne namhaften Beweiswert aufweisen. Das Schreiben von
P._ sei auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter des Beschwerdefüh-
rers und gestützt auf ihre Aussagen ausgestellt worden, und im Schreiben
von E._ werde nicht dargelegt, warum die Bedrohungen bis heute
andauern sollten. Die Klage bei der Menschenrechtskommission gebe nur
die Parteiaussage eines Verwandten des Beschwerdeführers wieder, die
darin enthaltenen Angaben seien sehr knapp gehalten und gewisse Text-
felder seien nicht ausgefüllt. Zudem liege das Dokument nur in einer ver-
schwommenen Kopie vor, was eine eingehendere Überprüfung schwierig
mache. Was die Arztberichte vom 5. August 2021 und 10. September 2021
anbelange, könnten die Ärzte sich bei den beschriebenen Ursachen der
psychischen und körperlichen Leiden nur auf die Aussagen des Beschwer-
deführers bezüglich seiner Erlebnisse in Sri Lanka stützen. Die Diagnose
einer PTBS stelle für sich allein jedoch keinen Beweis für ein behauptetes
traumatisierendes Vorkommnis dar. Gleichwohl könne die ärztliche Ein-
schätzung ein Indiz für die Plausibilität von Ereignissen bilden. Die Anga-
ben des Beschwerdeführers zu den konkreten Umständen der angeblich
in Sri Lanka erlittenen Misshandlungen seien vom SEM jedoch aufgrund
verschiedener Beurteilungskriterien als unglaubhaft erachtet worden und
die eingereichten Arztberichte seien nicht geeignet, einen nachträglichen
Beweis für die angeblichen Mitnahmen und Misshandlungen darzustellen.
Der PTBS und den depressiven Episoden könnten auch andere Ursachen
zugrunde liegen wie etwa ein Unfall oder die Unsicherheit des Asylverfah-
rens. Zudem habe sich der Beschwerdeführer erst nach der Anhörung in
ärztliche Behandlung begeben. Im Weiteren könnten gemäss den Erkennt-
nissen der Gedächtnispsychologie neuartige, folgenreiche und emotional
bedeutsame Erfahrungen verhältnismässig gut im Gedächtnis abgespei-
chert werden. Bei traumatisierenden Erlebnissen sei die Fachwelt geteilter
Meinung: Während ein Teil die Meinung vertrete, dass in Situationen
höchster Belastung Informationen nicht mehr wie gewohnt im Gehirn ab-
gespeichert werden könnten, erachte ein anderer Teil belastende Ereig-
nisse als besonders gut abspeicher- und erinnerbar. Die zweite Lehrmei-
nung erkenne keine gesicherten Belege dafür, dass Psychotraumata ein
Nicht-Erinnern verursachen würden. Auch gebe es kein durch Aussenkri-
terien gesichertes Wissen darüber, dass ein durch Traumatherapie erlang-
tes "Erinnern", also ein therapiegestütztes Zusammensetzen von Frag-
menten, ein Abbild einer längst vergangenen Realität darstellen könne.
Das SEM gehe daher davon aus, dass in den Aussagen von Personen, die
D-4145/2021
Seite 15
unter einer Traumafolgestörung leiden, durchaus gewisse Unstimmigkeiten
und Lücken auftreten könnten. Bei sich diametral widersprechenden Aus-
sagen oder Aussagen von tiefer Qualität zum Kerngeschehen könne hin-
gegen nicht leichthin von einem Erlebnisbezug ausgegangen werden. Es
sei denkbar, dass der Beschwerdeführer an Konzentrations- und Gedächt-
nisstörungen oder an Verdrängungsprozessen leiden könnte. Die deutli-
chen Widersprüche und die unsubstantiierten Schilderungen in zentralen
Elementen seiner Vorbringen würden sich jedoch nicht mit den gesundheit-
lichen Beeinträchtigungen erklären lassen. Vor diesem Hintergrund ver-
möchten die auf Beschwerdeebene eingereichten Fotos die geltend ge-
machte Folter nicht zu belegen, zumal die Verbrennungen auch unter an-
deren Umständen oder zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sein könn-
ten. Ergänzend sei anzufügen, dass grundsätzliche Zweifel an der Rück-
kehr des Beschwerdeführers nach Sri Lanka im Jahre 2016 bestünden. Er
habe sich widersprüchlich zu den Daten seiner Rückkehr geäussert und
habe keinerlei Belege für seinen Aufenthalt in Sri Lanka in den Jahren 2016
und 2017 vorweisen können.
6.4 In der Replik wird betont, die eingereichten Beweismittel vermöchten
die Vorbringen des Beschwerdeführers zu untermauern. Die behandelnden
Psychologen seien durchaus in der Lage, die vom Beschwerdeführer vor-
gebrachten Ereignisse einzuordnen und zu beurteilen, ob diese glaubhaft
seien oder nicht. Die Fachpersonen könnten auch beurteilen, welche Ur-
sachen der Diagnose zugrunde liegen würden. Was die Erinnerung anbe-
lange, sei insbesondere bei traumatisierten Personen erwiesen, dass sie
Mühe hätten, die Anforderungen an die Befragung zu ihren Asylgründen zu
erfüllen. Sie könnten die traumatischen Ereignisse und mitunter auch vo-
rangehende und nachfolgende Zeitperioden zunächst nicht chronologisch
schildern. Traumatische Ereignisse oder Zeitspannen würden intrapsy-
chisch zunächst als raum- und zeitlos empfunden. Die Schwierigkeiten,
traumatische Ereignisse zusammenhängend oder in einem zeitlichen und
räumlichen Rahmen zu berichten, würden oft zusammen mit Konzentrati-
onsstörungen zunehmen, wenn die Befragungssituation von der unter-
suchten Person als belastend erlebt werde. Im ärztlichen Verlaufsbericht
vom 10. September 2021 werde explizit festgehalten, dass Erinnerungslü-
cken, -störungen respektive -verzerrungen und Amnesien auftreten könn-
ten, was bei dem Betroffenen zu scheinbar widersprüchlichen Aussagen
führen könne. Die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers
könne somit nicht in Frage gestellt werden. Was die grundsätzlichen Zwei-
fel des SEM an der Rückkehr nach Sri Lanka anbelange, handle es sich
beim angeblichen Widerspruch offensichtlich um einen Fehler bei der
D-4145/2021
Seite 16
Übersetzung. Ob die Waffen im "(...)" oder "(...)" gefunden worden seien,
könne bei der Übersetzung schnell falsch verstanden werden. Dieser an-
gebliche Widerspruch wirke von der Vorinstanz sehr gesucht und lasse sich
problemlos auflösen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
7.2 Die Vorinstanz qualifizierte die Vorbringen des Beschwerdeführers im
Grundsatz mit ausführlicher und überzeugender Begründung als unglaub-
haft. Diesbezüglich kann vorab weitgehend auf die zutreffende Argumen-
tation in der angefochtenen Verfügung und der Vernehmlassung verwiesen
werden (vgl. E. 6.1 und 6.3). In Ergänzung und Präzisierung dazu ist Fol-
gendes festzustellen:
7.3 Zunächst ist festzuhalten, dass der Verweis auf den beschränkten Be-
weiswert des Protokolls der BzP vorliegend unbehilflich ist, zumal dem Be-
schwerdeführer bereits im Rahmen dieser ersten, 2.9 Stunden dauernden
Befragung Gelegenheit gegeben wurde, sich ausführlich zu seinen Asyl-
gründen zu äussern (vgl. SEM-act. A9/16 Ziff. 7.01 f. und 9.03). Die Ge-
wichtung der vom SEM angeführten Widersprüche zwischen den Aussa-
gen anlässlich der BzP und der Anhörung ist somit nicht zu beanstanden.
7.4 Nicht in Abrede gestellt wird, dass sich eine PTBS auf das Aussagever-
halten der traumatisierten Person auswirken kann und entsprechend bei
der Beurteilung der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen zu beachten ist (vgl.
Urteil des BVGer E-3415/2013 vom 8. April 2014 E. 4.3.2). Untersuchun-
gen zeigen jedoch, dass traumatische Erlebnisse unabhängig vom Vorlie-
gen einer PTBS-Symptomatik in der Regel gut und langfristig erinnert wer-
den können. Bedeutende Beeinträchtigungen der expliziten Erinnerung
sind nur für Einzelfälle nachgewiesen. Anders als bei neutralen Ereignissen
werden jedoch bei traumatischen Ereignissen aufgrund der Fokussierung
der Aufmerksamkeit auf relevante Details benachbarte Details oder mit
dem Kern des Ereignisses nicht in Beziehung stehende Details – zumin-
dest in zeitlicher Nähe zum Ereignis – schlechter erinnert als bei neutralen
Ereignissen (vgl. VOLBERT, Aussagen über Traumata, in: Aussagepsycho-
logie für die Rechtspraxis, Hrsg. LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, Zürich 2017,
D-4145/2021
Seite 17
S. 399 ff.). Somit ist auch im Falle einer Traumatisierung davon auszuge-
hen, dass die Grundzüge einer Fluchtgeschichte in den wesentlichen Tei-
len ohne krasse Widersprüche und mehrheitlich übereinstimmend darge-
stellt werden. Die Diagnose der PTBS kann für sich allein nicht als taugli-
ches Beweismittel für die als unglaubhaft erkannten Vorfälle gelten. Insbe-
sondere ist der Einwand in der Replik, behandelnde Psychologen seien in
der Lage, die Glaubhaftigkeit von vorgebrachten Ereignissen und die der
Traumatisierung zugrundeliegenden Ursachen zu beurteilen, klar zu ver-
neinen. Die Einschätzung eines Facharztes in Bezug auf die Plausibilität
von Ereignissen, welche als Ursache für die diagnostizierte PTBS in Be-
tracht fallen, bildet lediglich ein Indiz (und keinen Beweis), welches im Rah-
men der Beweiswürdigung zu berücksichtigen ist (vgl. zum Ganzen BVGE
2015/11 E. 7.2.1 f.). Vorliegend enthalten die Aussagen des Beschwerde-
führers gleich mehrere erhebliche Widersprüche seine Kernvorbringen be-
treffend, welche sich nicht durch die Diagnose einer PTBS erklären lassen.
Auch ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer während der Be-
fragungen zu keinem Zeitpunkt geltend machte, er habe Erinnerungsprob-
leme oder Mühe, über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Erst ganz zum
Schluss der Anhörung erwähnte der Beschwerdeführer: "(...) Ich habe
auch Alpträume. Ich denke öfters über meine Vergangenheit nach. Ich
habe viele Sachen mittlerweile vergessen" (vgl. SEM-act. A54/22 F122).
7.5 In der Beschwerde wird geltend gemacht, es sei in Bezug auf die Daten
des Munitionsfundes in der BzP zu einer Verwechslung der Zahlen gekom-
men, was bei der Übersetzung oder während der Protokollierung gesche-
hen sein könne. In diesem Zusammenhang fällt zunächst auf, dass der Be-
schwerdeführer zwei Monate nach der BzP im Rahmen seiner Stellung-
nahme vom 31. Januar 2018 wiederholen liess, das Waffendepot sei An-
fang (...) 2016 gefunden worden, und zum Beleg einen Bericht aus "(...)"
vom (...) 2016 zu den Akten reichte, wonach in einem Brunnen in
B._ "(...)" gefunden worden seien. Eine in der BzP erfolgte Ver-
wechslung des Datums erscheint bereits deshalb unwahrscheinlich. Im
Weiteren überrascht, dass der Beschwerdeführer ebendiesen Zeitungsar-
tikel – nun allerdings ohne Datumsangabe – als Beschwerdebeilage ein-
reichen liess zum Beweis, dass der Waffenfund am (...) 2017 stattgefunden
habe. Gleichzeitig wurde ein weiterer Bericht vom (...) 2017 beigelegt, wo-
nach "heute Abend" Sprengstoff in einem Brunnen sichergestellt worden
sei. Nicht nur wird hier ein drittes, neues Datum ins Feld geführt und fehlt
im Bericht jeglicher Hinweis auf eine Internet- oder sonstige Medienquelle,
sondern es stimmt interessanterweise auch die Anzahl der gefundenen
Waffen exakt mit derjenigen gemäss dem erwähnten Bericht aus "(...)" vom
D-4145/2021
Seite 18
(...) 2016 überein. Dass Letzterer auch tatsächlich aus dem Jahre 2016
stammen muss, ergibt sich ohne Weiteres aus einem auf der gleichen Seite
abgedruckten Bericht, wonach die (...). Am Rande sei sodann erwähnt,
dass im Zeitungsartikel von einem seit langem unbenutzten Brunnen ("long
unused well") die Rede ist, wohingegen der Beschwerdeführer vorbrachte,
dass der Brunnen während der Erntearbeit regelmässig benutzt worden sei
(vgl. SEM-act. A54/22 F52). Auch sprach er in der BzP davon, dass es sich
um einen Brunnen in der Nähe der (...) gehandelt habe (vgl. SEM-act.
A9/16 Ziff. 7.01), wohingegen er in der Anhörung von "unserem Brunnen"
sprach (vgl. SEM-act. A54/22 F36). Den unterschiedlichen Datumsanga-
ben liegt nach dem Gesagten offensichtlich mitnichten eine Verwechslung
von Zahlen bei der Protokollierung oder Übersetzung der BzP zugrunde.
Vielmehr ergibt sich zweifelsfrei, dass der Beschwerdeführer einen tat-
sächlich erfolgten Waffenfund im Jahre 2016 benutzt hat, um darauf auf-
bauend eine – letztlich mit Fehlern behaftete – frei erfundene Verfolgungs-
geschichte zu konstruieren. Vor diesem Hintergrund ist das Vorbringen des
Beschwerdeführers, er sei im Zusammenhang mit einem Waffenfund in ei-
nem Brunnen zunächst befragt und später entführt, verhört, geschlagen
und mit heissem Öl übergossen worden, als insgesamt unglaubhaft zu qua-
lifizieren. Es erübrigt sich deshalb, auf die weiteren Vorbringen auf Be-
schwerdeebene zu diesen Verfolgungsvorbringen und zur Ausreise im
Jahre 2017 einzugehen, da ihnen jeglicher Wahrheitsgehalt abzusprechen
ist. Im Übrigen qualifizierte bereits das Bundesverwaltungsgericht in sei-
nem Urteil F-2157/2018 vom 24. April 2018 die Angaben des Beschwerde-
führers zum Verlassen des Dublinraumes und zur Wiedereinreise als un-
glaubhaft (vgl. a.a.O. S. 6 f.).
7.6
7.6.1 Was die Entführung im (...) 2008 anbelangt, vermag das Vorliegen
einer PTBS oder allfälliger Konzentrationsstörungen nicht zu erklären,
weshalb der Beschwerdeführer in der BzP ausführte, er sei nach elf Tagen
freigelassen worden (vgl. SEM-act. A9/16 Ziff. 7.02), hingegen in der An-
hörung schilderte, wie er habe fliehen können (vgl. SEM-act. A54/22 F34).
Hier geht es keineswegs um Probleme bei der chronologischen Einord-
nung oder um benachbarte Details (vgl. E. 7.4), sondern um einen massi-
ven Widerspruch das Kernvorbringen des Asylgesuchs betreffend. Es ist
den Protokollen auch nichts zu entnehmen, das auf eine besonders belas-
tende Situation des Beschwerdeführers während der Befragungen hinwei-
sen würde. Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit dieser Entführung lassen
sich – mit Verweis auf die überzeugenden Ausführungen des SEM in der
Vernehmlassung – auch nicht durch die eingereichte Beschwerde an die
D-4145/2021
Seite 19
Menschenrechtskommission von Sri Lanka vom (...) 2008/(...) 2009 ent-
kräften.
7.6.2 Dem Beschwerdeführer ist darin zuzustimmen, dass ihm das Verhal-
ten von Drittpersonen nur bedingt entgegengehalten werden kann, und
eine Verfügung nicht alleinig auf solches abgestellt werden sollte. Das SEM
stellte im Zusammenhang mit D._ und F._, der Arbeit im (...)
und den Vorwürfen der Behörden anlässlich der zwei Festnahmen in
O._ jedoch überwiegend Fragen, welche den Beschwerdeführer di-
rekt betrafen, und bezog die entsprechenden Antworten in seine Erwägun-
gen ein. Es ist nicht ersichtlich, dass das SEM unrealistische Erwartungen
gehabt und darauf verzichtet hätte, nach Details zu fragen, die dem Be-
schwerdeführer hätten bekannt sein können. Soweit in diesem Zusammen-
hang allenfalls implizit eine formelle Rechtsverletzung geltend gemacht
wird, ist eine solche zu verneinen.
7.6.3 Hinsichtlich der Schilderungen des Beschwerdeführers im Zusam-
menhang mit D._ und F._, deren Rolle innerhalb der LTTE,
der eigenen Tätigkeit für das (...) und den Vorwürfen der Behörden anläss-
lich der zwei Festnahmen in O._ im Jahre 2008 fällt auf, dass der
Beschwerdeführer in der freien Rede lange Ausführungen zu machen ver-
mochte. Dagegen fielen seine Antworten auf vertiefende Fragen überra-
schend unsubstantiiert und ausweichend aus. Von klaren und konzisen
Antworten kann nicht die Rede sein. Dies zeigt sich beispielhaft an der Ant-
wort des Beschwerdeführers auf die Frage, wie gut er F._ gekannt
habe und was er mit ihm gemacht und besprochen habe: "D._
wurde entführt. Erst danach lernte ich F._ kennen." Nach der Wie-
derholung der Frage führte der Beschwerdeführer aus: "Nach der Entfüh-
rung von D._ forderte mich F._ auf nach O._ zu ge-
hen und er hat mir versprochen, mir in O._ zu helfen" (vgl. SEM-
act. A54/22 F82 f.). Dass er F._ erst nach D._s Verschwin-
den kennengelernt und kaum gekannt habe, vermag diese Knappheit nicht
zu erklären. Auch die Beschreibung der Tätigkeit im (...) fiel äusserst ober-
flächlich und rudimentär aus (vgl. SEM-act. A54/22 F84 ff.). Was die Vor-
würfe der Behörden anlässlich der zwei Festnahmen in O._ anbe-
langt, fehlen den entsprechenden Schilderungen jegliche Elemente, die auf
eine Erlebnisbegründetheit schliessen liessen (vgl. SEM-act. A54/22
F88 ff.). Trotzdem lässt sich dem Anhörungsprotokoll – entgegen der An-
sicht in der Beschwerde – durchaus entnehmen, dass die Sicherheitskräfte
von D._ konkrete Vorwürfe gegen den Beschwerdeführer erhalten
hätten (vgl. SEM-act. A54/22 F34 und F91 ff.). Dass die Sicherheitskräfte
D-4145/2021
Seite 20
lediglich über die früheren Tätigkeiten des Beschwerdeführers im Umfeld
der LTTE Bescheid gewusst und ihn nur zu einem Geständnis allfälliger
weiterer Straftaten hätten bringen wollen, ist eine reine Mutmassung. So-
dann erscheint gerade vor dem Hintergrund, dass es in den Jahren 2007
und 2008 immer wieder zu willkürlichen Verhaftungen von Tamilen ohne
festen Wohnsitz in O._ kam, nicht plausibel, dass der Beschwerde-
führer für die (...) für die LTTE ausgewählt worden sein soll, da er ohne
Registrierung ständig Gefahr gelaufen wäre, im Rahmen einer Kontrolle
festgehalten zu werden. Nicht nachvollziehbar ist auch, weshalb der tiefe
Lohn im (...) ein ernsthaftes Verdachtsmoment hätte darstellen sollen, zu-
mal der Beschwerdeführer bei seinem Grossonkel gelebt habe, was er den
Sicherheitsbehörden auch mitgeteilt habe (vgl. SEM-act. A54/22 F34).
7.6.4 Ergänzend ist festzuhalten, dass sich im Strukturvergleich keine Un-
terschiede im Detaillierungsgrad zwischen den Schilderungen der Vorfälle
in den Jahren 2004 bis 2009 und derjenigen im Jahre 2017 finden. Letztere
haben sich mit Verweis auf die vorstehende Erwägung 7.5 als konstruiert
erwiesen, weshalb vereinzelte Realkennzeichen in den Ausführungen des
Beschwerdeführers die früheren Verfolgungsvorbringen betreffend nicht
per se für deren Glaubhaftigkeit sprechen. Die Ausführungen auf Be-
schwerdeebene sind nicht geeignet, das Gericht vom Gegenteil zu über-
zeugen. Es erstaunt vielmehr, dass die Verfolgungsgeschichte in der Be-
schwerde teilweise detaillierter dargestellt wird als in den Befragungen. So
wird etwa ausgeführt, der Beschwerdeführer habe sich nach der Abnahme
der Fingerabdrücke im Rahmen der ersten Festnahme im Jahre 2008 "wie
neugeboren" gefühlt, weil er gewusst habe, dass seine Festnahme nun for-
malisiert worden sei und er sicher am Leben gelassen würde (vgl. Be-
schwerde Ziff. 24). Es wäre zu erwarten gewesen, dass der Beschwerde-
führer ein subjektiv derart zentrales Element bereits bei der Anhörung er-
wähnt hätte. Ebenfalls nachgeschoben und unglaubhaft erscheint sodann,
dass der Beschwerdeführer hinsichtlich der Protestkundgebungen in den
Jahren 2004 und 2005 zu einem "Team" von drei oder vier Schülern gehört
habe, zu denen D._ engeren Kontakt gepflegt habe. Den Befra-
gungsprotokollen ist nicht zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer im
Zusammenhang mit der Organisation der erwähnten Kundgebungen be-
ziehungsweise der Mobilisierung der Dorfbewohner zu einer kleinen, be-
sonders aktiven und exponierten Gruppe gehört hätte (vgl. etwa SEM-act.
A54/22 F34 und F78). Dasselbe gilt für seine geltend gemachten Tätigkei-
ten im Auftrag des (...) E._ (vgl. etwa SEM-act. A54/22 F34). Des-
sen Schreiben vom (...) 2015 ist für sich allein nicht geeignet, zu einem
anderen Ergebnis zu gelangen.
D-4145/2021
Seite 21
7.7 In Würdigung sämtlicher Umstände vermag der Beschwerdeführer
keine Vorfluchtgründe glaubhaft zu machen. Demzufolge kann auch nicht
geglaubt werden, dass die Behörden aktuell am Beschwerdeführer interes-
siert sein sollen und seinetwegen die Mutter beziehungsweise die Eltern
befragt und ihr Haus durchsucht hätten. Das eingereichte Schreiben des
Anwalts P._ vom (...) 2021 ist als reines Gefälligkeitsschreiben zu
qualifizieren. Weshalb die Brüder des Beschwerdeführers ihrerseits in den
Jahren 2019 und 2020 Sri Lanka verlassen haben und auf welche Ursa-
che(n) die in den Arztberichten festgestellten und teilweise fotografisch be-
legten Verletzungen und Narben, die psychischen Probleme und die chro-
nischen Schmerzen des Beschwerdeführers (vgl. E. 9.4.4) zurückzuführen
sind, muss nach dem Gesagten offenbleiben.
7.8
7.8.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorverfol-
gung bei einer Rückkehr in sein Heimatland ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG drohen würden.
7.8.2 Diesbezüglich ist auf das Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 zu verweisen, in dem das Bundesverwaltungsgericht festgestellt hat,
dass aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asyl-
suchende nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung
und Folter ausgesetzt seien (vgl. a.a.O. E. 8.3), und gleichzeitig ausgeführt
hat, das Risiko von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von
Verhaftung und Folter zu werden, sei an verschiedenen Risikofaktoren zu
bemessen (vgl. im Einzelnen a.a.O. E. 8.4.1-8.4.3 und E. 8.4.4 f.) und es
sei im Einzelfall abzuwägen, ob die konkret glaubhaft gemachten Risiko-
faktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person
ergeben (vgl. a.a.O. E. 8.5.5). Diese Rechtsprechung behält auch vor dem
Hintergrund der aktuellen Situation ihre Gültigkeit (vgl. etwa die Urteile des
BVGer E-4930/2019 vom 10. Mai 2022 E. 5.4 und E-5959/2019 vom
19. April 2022 E. 8.4.2).
7.8.3 Das Bundesverwaltungsgericht stützt die vorinstanzliche Verfügung
auch in diesem Punkt. Wie den vorstehenden Erwägungen zu entnehmen
ist, hat sich die Vorverfolgung des Beschwerdeführers als unglaubhaft er-
wiesen. Die geltend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten – "aktive Teil-
nahme an tamilischen Veranstaltungen und Kundgebungen, Verteilung von
Flyern" (vgl. Beschwerde Ziff. 49) – werden in keiner Art und Weise sub-
stantiiert. Es ist nach dem Gesagten nicht davon auszugehen, dass sich
der Beschwerdeführer auf der Stopp- oder der Watch-List befindet und
D-4145/2021
Seite 22
deshalb zu befürchten hätte, im Falle der Rückkehr noch am Flughafen
Colombo verhaftet zu werden. Es kann zwar nicht ausgeschlossen werden,
dass er einer Befragung und einer Überprüfung durch die Grenzbehörden
unterzogen wird. Dieser "Backgroundcheck" ist aber nicht als asylrelevante
Verfolgung zu werten, und für ein darüberhinausgehendes Interesse der
sri-lankischen Behörden sind keine massgeblichen Hinweise ersichtlich.
Alleine aus der tamilischen Ethnie, seiner Herkunft aus dem Distrikt
C._, dem Umstand, dass er mit einem temporären Reisepass aus
der Schweiz nach Sri Lanka zurückkehrt, der Asylgesuchstellung in der
Schweiz und seinen Narben kann er keine asylrelevante Gefährdung ab-
leiten. Im Übrigen kann auf die zutreffenden Ausführungen des SEM ver-
wiesen werden.
7.8.4 An dieser Einschätzung vermögen auch die jüngsten Entwicklungen
in Sri Lanka nichts zu ändern. Aufgrund der Akten ist nicht davon auszuge-
hen, dass der Beschwerdeführer einen individuellen Bezug etwa zum Re-
gierungswechsel 2019, der diplomatischen Krise zwischen Sri Lanka und
der Schweiz Ende 2019 oder der aktuell schwelenden Regierungskrise in
Sri Lanka aufweist, aufgrund dessen er einer möglichen Gefährdung aus-
gesetzt sein könnte.
7.9 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nichts
vorgebracht hat, das geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzu-
weisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Es kann darauf verzichtet
werden, auf die weiteren Vorbringen auf Beschwerdeebene einzugehen,
da sie an der Würdigung des vorliegenden Sachverhalts nichts zu ändern
vermögen. Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
D-4145/2021
Seite 23
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2
9.2.1 Das SEM erachtet den Vollzug der Wegweisung als völkerrechtlich
zulässig. Sodann bestehe aktuell keine gänzlich unsichere, von bewaffne-
ten Konflikten oder anderen unberechenbaren Unruhen dominierte Lage,
aufgrund derer Rückkehrer unabhängig ihres individuellen Hintergrunds
konkret gefährdet wären. Im Weiteren habe der Beschwerdeführer abge-
sehen von seinem mehrjährigen Aufenthalt in Europa immer im Distrikt
C._, Nordprovinz, gelebt. Er sei jung und verfüge über eine gute
Schulausbildung sowie über eine Berufsausbildung und Berufserfahrung.
Seine Eltern würden nach wie vor in B._ leben und würden über
Landwirtschaftsland verfügen. Er selber habe früher in der Landwirtschaft
mitgearbeitet. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich im Jahr 2016 sei er in
der Lage gewesen, eine Arbeit zu finden, was für seine Integrationsfähig-
keit im Heimatstaat spreche. Auch verfüge er über weitere Verwandte und
ein Netz von Bekannten, welche ihn schon in der Vergangenheit unterstützt
hätten. Gemäss aktuellem Verfahrenstand sei seine Partnerin ebenfalls
verpflichtet, die Schweiz mit den beiden Kindern zu verlassen. Es sei ihm
deshalb zuzumuten, gemeinsam mit der Partnerin und den gemeinsamen
Kindern nach Sri Lanka zurückzukehren. Sollte der Partnerin auf Be-
schwerdeebene ein Aufenthaltsrecht zugesprochen werden, sei es ihm
auch zuzumuten, von Sri Lanka aus ein Gesuch um Familiennachzug zu
stellen respektive ein Visum zwecks Heirat zu beantragen.
9.2.2 In der Beschwerde wird eingewendet, der Beschwerdeführer sei vor
seiner Flucht aus Sri Lanka auf verschiedene Arten verfolgt und erniedri-
genden Behandlungen ausgesetzt worden. Zudem sei aufgrund der wie-
derholten Aufsuchung seiner Eltern davon auszugehen, dass der sri-lanki-
sche Staat nach wie vor ein Interesse an seinem Verbleib habe. Es sei
damit zu rechnen, dass er bei einer allfälligen Rückschaffung erst recht
D-4145/2021
Seite 24
einer staatlichen Verfolgung ausgesetzt wäre. Der Vollzug der Wegweisung
nach Sri Lanka sei deshalb nicht zulässig. Angesichts der diagnostizierten
PTBS und rezidivierenden depressiven Störung sei eine Rückkehr auch
nicht zumutbar. Psychisch erkrankte Menschen würden in Sri Lanka diskri-
miniert und häufig isoliert. Dies hindere Personen mit psychischer Erkran-
kung, diese offen zu legen und sich in Behandlung zu begeben. Zudem sei
– mit Verweis auf verschiedene Berichte – der Zugang zu psychiatrischer
Versorgung im ehemaligen Konfliktgebiet unzulänglich und problematisch.
Es bestehe unter anderem ein Mangel an qualifiziertem psychiatrischen
Personal. Das eingeschränkte Angebot decke das Bedürfnis an Behand-
lungen bei Weitem nicht ab. Die psychiatrischen Konsultationen würden
pro Patient rund fünf Minuten dauern und seien auf die Anpassung der Me-
dikation ausgerichtet. Im Norden Sri Lankas sei keine Psychotherapie ver-
fügbar. Auch die stationären Plätze seien begrenzt. Viele Personen seien
zudem wegen der Mängel im öffentlichen Gesundheitswesen gezwungen,
ihre Gesundheitsleistungen im privaten Sektor zu beziehen, wo die Kosten
vollständig selbst übernommen werden müssten. Der Zugang zu einer län-
gerfristigen Behandlung, wie sie der Beschwerdeführer benötige, sei in der
Nordprovinz höchstwahrscheinlich nicht möglich. Bei einer Rückschaffung
nach Sri Lanka bestehe deshalb das Risiko einer Retraumatisierung.
9.2.3 In seiner Vernehmlassung bejaht das SEM Behandlungsmöglichkei-
ten von psychischen und psychiatrischen Problemen in Sri Lanka. Das
Land habe grosse Fortschritte hinsichtlich der medizinischen Versorgung
gemacht und die Investitionen ins Gesundheitswesen hätten zugenom-
men. Staatliche Krankenhäuser seien in jeder grösseren Stadt angesiedelt
und würden über modernste Geräte verfügen, sodass sie viele Behand-
lungsmethoden anbieten könnten. Die medizinischen Dienstleistungen
seien in der Regel kostenlos. Zusätzlich gebe es viele sehr gut ausgestat-
tete Privatkliniken, welche jedoch in der Regel teuer seien. Zudem würden
sich in Sri Lanka 23 Spitäler mit psychiatrischen Abteilungen zur stationä-
ren Betreuung und über 300 Kliniken für ambulante Behandlungen psy-
chisch kranker Patienten befinden. Somit sei die Verfügbarkeit von adä-
quater psychiatrischer Behandlung zu bejahen und der Vollzug der Weg-
weisung zumutbar.
9.2.4 In der Replik lässt der Beschwerdeführer ausführen, das Bundesver-
waltungsgericht beziehe sich auf veraltete Quellen. Gemäss einer Länder-
analyse der SFH aus dem Jahr 2021 bestehe ein Mangel an psycholo-
gisch-psychiatrischen Behandlungsmöglichkeiten. Die 24/7-Betreuung
werde in der Regel durch die Familien geleistet. Vor allem im Norden von
D-4145/2021
Seite 25
Sri Lanka würden Behandlungsplätze fehlen. Zwar bestünden einige pri-
vate Plätze, diese würden aber oft von unqualifizierten Personen betrieben
und Misshandlungen wie Anketten und Schläge seien weit verbreitet. Die
öffentlichen psychiatrischen Dienste seien überlastet und die stationären
Behandlungsmöglichkeiten psychisch erkrankter Personen nach wie vor
sehr tief. Die langfristige Behandlung von Personen mit chronischen Er-
krankungen sei problematisch. Im öffentlichen Sektor bestünden nur be-
schränkte Mittel für solche Behandlungen mittels teurer Medikamente. Ge-
mäss Verlaufsbericht vom 10. September 2021 bestehe beim Beschwer-
deführer bei einer nicht adäquat behandelten PTBS insbesondere die Ge-
fahr einer Chronifizierung. Es bestehe eine klare Indikation, wenn nicht so-
gar Notwendigkeit einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Behand-
lung. Fachspezifische Behandlungen einer PTBS seien in Sri Lanka kaum
möglich. Aufgrund der erlebten Willkür sei alleine schon die Rückschaffung
nach Sri Lanka als Trigger für eine erneute Exazerbation der PTBS und der
depressiven Störung zu sehen, was bis hin zum Auftreten von akuten sui-
zidalen Krisen führen könnte. Für eine therapeutische Intervention der
PTBS bedürfe es primär eines "sicheren" Rahmens und einer stabilisierten
psychischen Verfassung, weswegen eine Rückweisung an den Ort der
Traumatisierung aus medizinisch-psychiatrischer Sicht kontraindiziert sei.
Der Beschwerdeführer gehe noch immer zwei Mal im Monat in die Behand-
lung. Eine Rückführung sei aus medizinischer Sicht nicht zumutbar.
9.3
9.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist
das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Voll-
zuges beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völ-
kerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105];
Art. 3 EMRK).
9.3.2 Weder aufgrund der Aussagen des Beschwerdeführers noch auf-
grund der übrigen Akten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den
Fall einer Ausschaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrschein-
D-4145/2021
Seite 26
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri
Lanka lässt den Wegweisungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen (vgl.
dazu BVGE 2011/24 E. 10.4 und das weiterhin einschlägige Referenzurteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2). An dieser Einschätzung ist auch
unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka festzuhal-
ten. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne
der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.4
9.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Der Wegweisungs-
vollzug in die Nordprovinz Sri Lankas ist zumutbar, wenn das Vorliegen der
individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähi-
gen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine
gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Ur-
teil E-1866/2015 E. 13.2). An dieser Einschätzung ist auch unter Berück-
sichtigung der aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka festzuhalten. Zwar
stellt sich die wirtschaftliche Situation in Sri Lanka aktuell sehr schwierig
dar. Allerdings können wirtschaftliche Schwierigkeiten, von welchen die vor
Ort ansässige Bevölkerung generell betroffen ist, für sich allein keine kon-
krete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellen (vgl. EMARK
2005 Nr. 24 E. 10.1 S. 215).
9.4.3 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Der Beschwerdeführer stammt aus
Distrikt C._, Nordprovinz, wohin der Vollzug der Wegweisung
D-4145/2021
Seite 27
grundsätzlich als zumutbar zu erachten ist. Um Wiederholungen zu ver-
meiden, kann vorab auf die zutreffenden Erwägungen des SEM in der an-
gefochtenen Verfügung und der Vernehmlassung verwiesen werden. Er-
gänzend ist festzuhalten, dass die Ehefrau und die beiden Kinder mit Urteil
vom 15. Juli 2022 nach Sri Lanka weggewiesen werden (vgl. Urteil des
BVGer D-6569/2019 vom 15. Juli 2022).
9.4.4 Dr. med. M._ diagnostizierte beim Beschwerdeführer gemäss
seinem Bericht vom 5. August 2021 multiple körperliche und psychische
Folterspätschäden nach schwerster Traumatisierung in den Jahren 2008
und 2017 sowie eine PTBS. Es bestünden multiple Brandnarben an (...),
eine grosse Verbrennungsnarbe am (...) und (...) Narben. Beim (...) leide
der Beschwerdeführer an massiven Schmerzen. In der Folge bestätigte
das (...) in seinem Verlaufsbericht vom 10. September 2021 das Vorliegen
einer PTBS und stellte zusätzlich eine rezidivierende depressive Störung
(gegenwärtig schwere Episode; ICD-10 F33.2) fest. Den Beschwerdefüh-
rer würden insbesondere die Bilder der Folterungen und wie er blutend und
in Erwartung seines Todes wiederholt zurückgelassen worden sei, verfol-
gen. Es handle sich bei ihm um einen äusserst verzweifelten Mann, dem
aus psychiatrischer Sicht zuzutrauen sei, in seiner Verzweiflung einen Su-
izidversuch zu unternehmen. Die Ausschaffung komme im Erleben des Pa-
tienten einem Todesurteil gleich, was deutliche Auswirkungen auf seine
Steuerungsfähigkeit haben könnte. Es bestehe bei ihm eine klare Indika-
tion, wenn nicht sogar die Notwendigkeit einer psychiatrisch-psychothera-
peutischen Behandlung. Alleine schon die Rückführung nach Sri Lanka sei
als Trigger für eine erneute Exazerbation der PTBS und der depressiven
Störung zu sehen, was bis zum Auftreten von suizidalen Krisen führen
könnte. Dem ambulanten Bericht der (...) vom 19. März 2022 ist sodann
zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer seit einer Schlagstockverlet-
zung im Militär vor fünf Jahren an einem chronischen Schmerzsyndrom im
(...) leide. Aufgrund eines bereits geplanten MRI wurde auf eine Röntgen-
bildgebung verzichtet und eine analgetische Therapie und Vollbelastung
nach Massgabe der Beschwerden empfohlen. Weitere medizinische Un-
terlagen nach der aktenkundig geplanten weiteren Untersuchung am
30. März 2022 wurden keine eingereicht (vgl. Bst. T).
9.4.5 Aus gesundheitlichen Gründen kann nur dann auf Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen
werden, wenn eine dringend notwendige medizinische Behandlung im Hei-
matland nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit der (Wei-
D-4145/2021
Seite 28
ter-)Behandlung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebensgefähr-
denden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder
gar zum Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls
nicht vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Stan-
dard entsprechende Behandlung grundsätzlich möglich ist (vgl. BVGE
2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2
E. 9.3.2). Von einer solchen medizinischen Notlage ist mit Verweis auf die
vorstehende Erwägung 9.4.4 vorliegend nicht auszugehen. Ferner hat Sri
Lanka hinsichtlich der medizinischen Versorgung grosse Fortschritte ge-
macht; in den letzten Jahren wurde zunehmend in das Gesundheitswesen
investiert. Staatliche Krankenhäuser sind in jeder grösseren Stadt angesie-
delt, verfügen über modernes Gerät und bieten viele Behandlungsmetho-
den an. Auch psychische Probleme sind in Sri Lanka gemäss ständiger
Rechtsprechung adäquat behandelbar (vgl. statt vieler Urteile des BVGer
E-1756/2020 vom 6. April 2022 E. 8.3 m.w.H. und D-640/2019 vom 14. Juli
2021 E. 7.3.2 m.w.H.). Es ist demnach davon auszugehen, dass eine wei-
terführende oder erneute Behandlung der aktenkundigen gesundheitlichen
Probleme auch in Sri Lanka erhältlich wäre. An dieser Einschätzung ver-
mag der Umstand, dass die Behandlungsmöglichkeiten in Sri Lanka deut-
lich schwerer zugänglich sind als in der Schweiz, nichts zu ändern. Hin-
sichtlich einer allfälligen Gefahr der Suizidalität bei einem zwangsweisen
Wegweisungsvollzug ist darauf hinzuweisen, dass vom Vollzug der Weg-
weisung gemäss konstanter Rechtsprechung nicht Abstand zu nehmen ist,
solange Massnahmen zur Verhütung der Umsetzung einer Suiziddrohung
getroffen werden können (vgl. etwa Urteil des BVGer D-4227/2020 vom
4. März 2021 E. 8.3). Schliesslich ist auf die Möglichkeit hinzuweisen, me-
dizinische Rückkehrhilfe gemäss Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG zu beantra-
gen, welche durch die Abgabe von Medikamenten, Hilfe bei der Ausreise-
organisation oder durch Unterstützung während und nach der Rückkehr
gewährt werden kann.
9.4.6 Es ist somit nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer würde
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aus individuellen Gründen wirtschaftli-
cher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzielle Notlage ge-
raten, die als konkrete Gefährdung im Sinne der zu beachtenden Bestim-
mung zu werten wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG). Nach dem Gesagten erweist
sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar.
9.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
D-4145/2021
Seite 29
2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist daher auch als möglich zu
bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Das SEM hat den Wegweisungsvollzug demnach zu Recht als zuläs-
sig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen
Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie voll-
ständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich über-
prüfbar – angemessen ist. Gründe für eine Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz sind nicht ersichtlich. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit der Be-
schwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung wurde jedoch mit Verfügung vom 8. Dezember 2021 gutgeheissen
(vgl. Bst. P). Da aufgrund der Akten nicht davon auszugehen ist, die finan-
ziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers hätten sich seither in relevan-
ter Weise verändert, ist dieser nach wie vor als bedürftig zu erachten. Es
sind daher keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
11.2 Mit Verfügung vom 6. Januar 2022 wurde auch das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gutgeheissen (vgl.
Bst. R). Der amtlichen Rechtsbeiständin ist ein Honorar auszurichten (vgl.
für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des
Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE]). Bei amtlicher Vertretung
geht das Gericht in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.− bis
Fr. 220.− für Anwältinnen und Anwälte und von Fr. 100.− bis Fr. 150.− für
nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschädigen ist (vgl.
Art. 8 Abs. 2 VGKE). Die Rechtsvertreterin hat in ihrer am 23. September
2021 eingereichten Kostennote ein Honorar von total Fr. 3'518.− (inkl. Dol-
metscherkosten von Fr. 344.– und Portospesen von Fr. 4.–) eingesetzt.
Der Aufwand für die Erstellung der Kostennote von 0.5 Stunden ist nicht zu
entschädigen. Der übrige ausgewiesene zeitliche Aufwand von 20.6 Stun-
den für Besprechungen mit dem Beschwerdeführer, Aktenstudium, weitere
Abklärungen und das Verfassen der Beschwerde ist als eher hoch, aber
D-4145/2021
Seite 30
gerade noch angemessen zu bezeichnen. In der Kostennote nicht enthal-
ten ist der für die Replik und die Eingabe vom 22. März 2022 getätigte Auf-
wand, welcher von Amtes wegen auf 3.5 Stunden zu veranschlagen ist.
Der Aufwand für die Beschwerdeverbesserung ist nicht zu vergüten. Der
gesamte Aufwand beläuft sich demnach auf 24.1 Stunden, die Auslagen
erhöhen sich auf Fr. 356.–. Der – nicht mehrwertsteuerpflichtigen – amtli-
chen Rechtsvertreterin ist daher zu Lasten des Bundesverwaltungsgerichts
ein Honorar von gerundet Fr. 3'970.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-4145/2021
Seite 31