Decision ID: 95580338-e2f0-5eed-b122-7cf803eb19c7
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: approval

Facts:
Sachverhalt:
A.
Die am (...) 1966 geborene, verheiratete und in Deutschland wohnhafte
österreichische Staatsangehörige A._ (im Folgenden: Versicherte
oder Beschwerdeführerin) war – mit Unterbrüchen – in den Jahren 1990
bis 1998 während insgesamt 85 Monaten in der Schweiz im Gastgewerbe
erwerbstätig und entrichtete dabei Beiträge an die obligatorische schwei-
zerische Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV). Die
Versicherte ging zuletzt in Deutschland einer Erwerbstätigkeit im Gastge-
werbe nach, wobei aufgrund von unterschiedlichen Angaben in den Akten
unklar ist, ob die Versicherte seit 2002, seit 2008 oder erst seit 2010 keiner
Erwerberstätigkeit mehr nachgeht. Gemäss Versicherungsverlauf der
Deutschen Rentenversicherung vom 23. Juli 2016 erfolgte die letzte län-
gere ununterbrochene Tätigkeit zwischen dem 16. Juli 1999 und dem
31. Dezember 2002. Von Januar 2003 bis Ende 2004 gab es Phasen von
Erwerbstätigkeit, die immer wieder von kurzen Perioden mit geringfügiger
Beschäftigung unterbrochen wurden. Ab 2005 bis Ende 2010 sind wech-
selnde Phasen von Erwerbstätigkeit samt Bezug von Arbeitslosengeld II
mit Phasen von geringfügiger Beschäftigung vermerkt und ab Januar 2011
lediglich noch der Bezug von Hartz IV (vgl. Akten der Vorinstanz [im Fol-
genden: Dok.] 4-6, Dok. 15, Dok. 29 f. sowie insb. betreffend Berufsanam-
nese Dok. 19 S. 5, Dok. 27, Dok. 38 S. 4 f., Dok. 40 f., Dok. 50, Dok. 58
S. 4).
B.
B.a Nach drei im Jahr 2016 erlittenen Aneurysmen reichte die Versicherte
am 22. Dezember 2016 über die Deutsche Rentenversicherung bei der IV-
Stelle für Versicherte im Ausland (IVSTA; im Folgenden auch: Vorinstanz)
ein Gesuch zum Bezug von Leistungen der schweizerischen Invalidenver-
sicherung (IV) ein, welches schliesslich am 23. Mai 2017 an die IVSTA
übermittelt wurde (Eingang bei der Vorinstanz: 2. Juni 2017). Im daraufhin
bei der Versicherten einverlangten Fragebogen für Versicherte vom 20. Juli
2017 gab diese an, an einer posttraumatischen Belastungsstörung, an De-
pressionen, an Entzündungen im Kopf nach drei stattgehabten Aneurys-
men mitsamt durchgehenden Kopfschmerzen und Migränen sowie an star-
ken Schlafstörungen seit drei Jahren zu leiden (vgl. Dok. 6 und 15). Die
Vorinstanz leitete in der Folge Abklärungen in medizinischer und erwerbli-
cher Hinsicht ein und holte nach Eingang diverser medizinischer Unterla-
gen eine Stellungnahme beim Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) ein. Ge-
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stützt auf dessen Stellungnahme vom 11. Februar 2018 stellte sie der Ver-
sicherten mit Vorbescheid vom 7. März 2018 die Abweisung des Leistungs-
gesuchs in Aussicht (vgl. Dok. 55). Nach erhobenem Einwand vom
20. März 2018 sowie nach Eingang weiterer (medizinischer) Unterlagen
konsultierte die Vorinstanz erneut den RAD (vgl. Dok. 56-68). Schliesslich
wies die Vorinstanz gestützt auf dessen Stellungnahme vom 10.Juni 2018
das Rentengesuch mit Verfügung vom 15.Juni 2018 mangels eines renten-
begründenden IV-Grads von 18 % ab (vgl. Dok. 70 f.). Diese Verfügung er-
wuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.b Am 9. Dezember 2019 meldete sich die Versicherte über die Deutsche
Rentenversicherung erneut zum Bezug von IV-Leistungen an (vgl. Dok. 74)
und reichte am 3. Februar 2020 einen kurzen psychotherapeutischen Ver-
laufsbericht vom 29. September 2019 sowie einen psychotherapeutischen
Befundbericht vom 15. Januar 2020, eine zu Handen der Deutschen Ren-
tenversicherung erstellte ärztliche Bescheinigung vom 7. Januar 2020, ei-
nen Medikationsplan, einen unleserlichen psychiatrischen Konsiliarbericht
vom 27. August 2019, einen Antrag des behandelnden Psychiaters an die
Krankenversicherung betreffend Kostengutsprache für psychotherapeuti-
sche Sitzungen vom 20. September 2019, einen Neufeststellungsbescheid
betreffend Festlegung des Grads der Behinderung vom 8. Mai 2018 sowie
ein psychiatrisches Attest vom 3. Mai 2020 nach (vgl. Dok. 76-86). Gestützt
auf die daraufhin eingeholte Stellungnahme des RAD vom 11. März 2020
(Dok. 88) teilte die Vorinstanz der Versicherten mit Vorbescheid vom
31. März 2020 mit, dass mangels Glaubhaftmachung einer rentenrelevan-
ten Veränderung des Gesundheitszustands auf das neue Gesuch nicht ein-
treten werde (vgl. Dok. 89). Mit per E-Mail vom 9. April 2020 eingereichtem
Einwand machte die Versicherte geltend, ihre gesundheitlichen Probleme
seien hauptsächlich psychischer Natur, und beantragte, das Dossier dem
psychiatrischen Dienst der Invalidenversicherung vorzulegen. Am 16. April
2020 reichte die Versicherte einen neuen Neufeststellungsbescheid betref-
fend Festlegung des Grads der Behinderung vom 14. April 2020 und am
19. April 2020 den dazugehörigen Schwerbehindertenausweis nach (vgl.
Dok. 91-95). Nachdem die Vorinstanz das Dossiers dem IV-internen psy-
chiatrischen Dienst unterbreitet hatte, trat sie gestützt auf dessen Beurtei-
lung vom 20. Mai 2020 (Dok. 100) mit Verfügung vom 28. Mai 2020 auf die
Neuanmeldung nicht ein (vgl. Dok. 101).
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Seite 4
C.
C.a Dagegen erhob die Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt
Josef Flury, mit Eingabe vom 29. Juni 2020 beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde und beantragte, die Verfügung sei aufzuheben und die
Vorinstanz sei zu verpflichten, auf die Neuanmeldung einzutreten und den
Anspruch auf Leistungen zu prüfen. Im Weiteren beantragte sie unter Bei-
lage des ausgefüllten Gesuchs-Formulars vom 6. Juni 2020 inklusive di-
verser Belege um unentgeltliche Rechtspflege und um Einsetzung des un-
terzeichneten Anwalts als unentgeltlichen Rechtsbeistand. Zur Beschwer-
debegründung führte sie im Wesentlichen aus, seit der letzten Verfügung
vom 15. Juni 2018 habe sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert. Ge-
mäss dem behandelnden Facharzt für Neurologie sowie Psychiatrie und
Psychotherapie sei eine Chronifizierung eingetreten, welche eine Leis-
tungsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr zulasse. So-
weit der RAD-Arzt der Fachrichtung Psychiatrie behaupte, die gleichen Di-
agnosen wären bereits im Jahre 2018 bei der ersten Leistungsabweisung
berücksichtigt worden, verkenne er, dass diese Diagnosen damals offen-
sichtlich noch nicht zu einer vollständigen Erwerbsunfähigkeit geführt hät-
ten, andernfalls die Vorinstanz damals eine Rente hätte zusprechen müs-
sen. Gemäss Beurteilung der Vorinstanz im Jahre 2018 habe vielmehr
keine psychiatrisch-relevante Diagnose vorgelegen, welche einen Einfluss
auf die Leistungsfähigkeit gehabt habe. Aus diesem Grunde sei auch das
Leistungsbegehren abgewiesen worden. Wie damals vom RAD-Arzt im
Bericht vom 11. Februar 2018 immerhin prognostiziert, habe sich aber der
Gesundheitszustand verschlechtert, was sie mit den vorgelegten Unterla-
gen nachgewiesen oder zumindest auf jeden Fall glaubhaft gemacht habe.
Bezeichnenderweise habe auch die Deutsche Rentenversicherung eine
vollständige Erwerbsunfähigkeit festgestellt und diese im Rahmen der jähr-
lich vorgenommenen Überprüfung des Rentenanspruchs mit Schreiben
vom 8. Juni 2020 erneut bestätigt (vgl. Akten im Beschwerdeverfahren [im
Folgenden: BVGer-act.] 1).
C.b Am 7. Juli 2020 reichte die Vorinstanz aufforderungsgemäss die vor-
instanzlichen Akten ein (vgl. BVGer-act. 2 f.).
C.c Auf gerichtliche Aufforderungen vom 28. Juli 2020 und vom 10. Sep-
tember 2020 hin reichte die Versicherte mit Eingaben vom 20. August 2020
und vom 20. September 2020 weitere für die Prüfung des Gesuchs um un-
entgeltliche Rechtspflege einverlangte Unterlagen ein (vgl. BVGer-act. 4-
10).
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C.d Mit Vernehmlassung vom 8. Oktober 2020 beantragte die Vorinstanz
die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung der angefochtenen
Verfügung. Zur Begründung verwies sie im Wesentlichen auf die Stellung-
nahmen ihres IV-internen ärztlichen Dienstes vom 11. März 2020 und vom
20. Mai 2020, gemäss welchen sich eine wesentliche Verschlechterung
weder somatisch noch psychiatrisch begründen lasse und somit auch
keine neuen Tatsachen für eine materielle Abklärung des medizinischen
Sachverhaltes sprächen. Hinsichtlich des vorgelegten Schwerbehinderten-
ausweises führte die Vorinstanz aus, dass es sich dabei um ein Instrument
der Sozialhilfe handle, im Rahmen dessen der Grad der Behinderung nicht
nach den gleichen Kriterien beurteil werde wie die Arbeits- und Erwerbsun-
fähigkeit im Rahmen der schweizerischen Invalidenversicherung (vgl.
BVGer-act. 11).
C.e Mit Instruktionsverfügung vom 13. Oktober 2020 wurde eine Kopie der
Vernehmlassung der Vorinstanz vom 8. Oktober 2020 zur Kenntnisnahme
an die Beschwerdeführerin zugestellt und gleichzeitig der Schriftenwechsel
– unter Vorbehalt weiterer Instruktionsmassnahmen – geschlossen (vgl.
BVGer-act. 12).
C.f Mit Spontaneingabe vom 12. Februar 2021 übermittelte die Vorinstanz
eine Mitteilung der Deutschen Rentenversicherung betreffend Weiterge-
währung der Versichertenrente vom 26. Januar 2021. Eine Kopie dieser
Eingabe wurde der Beschwerdeführerin am 18. Februar 2021 zur Kenntnis
gebracht (vgl. BVGer-act. 13 f.).
C.g Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten
wird – soweit für die Entscheidfindung erforderlich – im Rahmen der nach-
folgenden Erwägungen eingegangen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der Beschwerde zu-
ständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b IVG [SR
831.20]). Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich
grundsätzlich nach dem VwVG (SR 172.021 [Art. 37 VGG]). Vorbehalten
bleiben gemäss Art. 3 Bst. dbis VwVG die besonderen Bestimmungen des
ATSG (SR 830.1). Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der angefoch-
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tenen Verfügung durch diese besonders berührt und hat ein schutzwürdi-
ges Interesse an deren Aufhebung oder Abänderung, weshalb sie zur Er-
hebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG; siehe auch
Art. 59 ATSG [SR 830.1]). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG; siehe
auch Art. 60 ATSG).
2.
Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet die
Verfügung vom 28. Mai 2020, mit welcher die Vorinstanz auf die Neuan-
meldung der Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist. Streitgegenstand
kann daher lediglich die Frage bilden, ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf
die Neuanmeldung eingetreten ist. Nicht Gegenstand der angefochtenen
Verfügung und damit nicht Streitgegenstand im vorliegenden Verfahren ist
die materielle Beurteilung des Rentenanspruchs der Beschwerdeführerin.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin ist österreichische Staatsangehörige und
wohnt in Deutschland. Damit gelangen das Freizügigkeitsabkommen vom
21. Juni 1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und die Regelwerke der Gemein-
schaft zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss An-
hang II des FZA, insbesondere die für die Schweiz am 1. April 2012 in Kraft
getretenen Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr.
987/2009 (SR 0.831.109.268.11), zur Anwendung. Seit dem 1. Januar
2015 sind auch die durch die Verordnungen (EU) Nr. 1244/2010, Nr.
465/2012 und Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in den Beziehungen
zwischen der Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten anwendbar. Das Vor-
liegen einer anspruchserheblichen Invalidität sowie die hier streitige Frage,
ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf das Neuanmeldungsgesuch eingetre-
ten ist, beurteilt sich indes auch im Anwendungsbereich des FZA und der
Koordinierungsvorschriften nach schweizerischem Recht (vgl. BGE 130 V
253 E. 2.4; Urteil des BGer 9C_573/2012 vom 16. Januar 2013 E. 4; Urteil
des BVGer C-7544/2014 vom 13. Oktober 2016 E. 2).
3.2 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechts-
folgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 132 V 215 E. 3.1.1),
weshalb jene Vorschriften Anwendung finden, die spätestens beim Erlass
der Verfügung vom 28. Mai 2020 in Kraft standen (so auch die Normen des
auf den 1. Januar 2012 in Kraft gesetzten ersten Teils der 6. IV-Revision
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[IV-Revision 6a], AS 2011 5659); weiter aber auch Vorschriften, die zu je-
nem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren, die aber für die Beur-
teilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprüche von Belang sind.
4.
4.1 Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verwei-
gert, so wird auf eine Neuanmeldung nur dann eingetreten, wenn die ver-
sicherte Person glaubhaft macht, dass sich der Grad der Invalidität seither
in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (vgl. Art. 87
Abs. 3 i.V.m. Abs. 2 IVV [SR 831.201]). Sind diese Voraussetzungen nicht
erfüllt, so erledigt die Verwaltung das Gesuch ohne weitere Abklärungen
durch Nichteintreten (BGE 109 V 108 E. 2b). Ist dagegen in einem für die
Rentenberechtigung erheblichen Tatsachenspektrum eine Änderung
glaubhaft gemacht, ist die Verwaltung verpflichtet, auf das Gesuch einzu-
treten und es in tatsächlicher sowie rechtlicher Hinsicht allseitig zu prüfen
(vgl. BGE 117 V 198 E. 4b).
4.2 Die zeitliche Vergleichsbasis für die Frage, ob eine rentenrelevante
Veränderung des Sachverhalts glaubhaft ist, bildet der Zeitpunkt der letz-
ten umfassenden materiellen Prüfung. Der Vergleichszeitraum erstreckt
sich grundsätzlich bis zur Prüfung und Beurteilung des Gesuchs, das heisst
bis zum Erlass der Verfügung betreffend die Neuanmeldung. Für die be-
schwerdeweise Überprüfung einer Nichteintretensverfügung ist somit der
Sachverhalt, wie er sich der Verwaltung bot, respektive die Aktenlage bei
Erlass dieser Verfügung massgeblich (BGE 133 V 108 E. 5.4; 130 V 64
E. 5.2.5; vgl. auch E. 3.2 hiervor). Arztberichte, welche aus der Zeit nach
Erlass der angefochtenen Verfügung datieren und erst im Beschwerdever-
fahren aufgelegt wurden, sind – von wenigen Ausnahmen abgesehen – bei
der Beurteilung der Frage, ob die Verwaltung auf die Neuanmeldung hätte
eintreten müssen, grundsätzlich nicht zu berücksichtigen (vgl. BGE 130 V
64 E. 5.2.5; Urteil des BGer 8C_844/2012 vom 5. Juni 2013 E. 2.2; Urteile
des BVGer C-1640/2017 vom 12. April 2018 E. 4.2, C-3632/2010 vom
5. März 2013 E. 4.4 und C-7857/2008 vom 7. Februar 2011 E. 6.2 und 7).
4.3 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist es in erster Linie Sa-
che der versicherten Person, mit der Neuanmeldung substanzielle Anhalts-
punkte für eine allfällige neue Prüfung des Leistungsanspruchs darzulegen
(BGE 130 V 64 E. 5.2.5 und Urteil des BGer 8C_844/2012 vom 5. Juni
2013 E. 2.1). In diesem Verfahrensstadium spielt demnach der Untersu-
chungsgrundsatz insoweit nicht. Vielmehr wird der versicherten Person für
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das Eintreten auf eine Neuanmeldung eine Behauptungs- und Beweisfüh-
rungslast auferlegt (BGE 130 V 64 E. 5.2.5).
4.4 Mit dem Beweismass des Glaubhaftmachens sind herabgesetzte An-
forderungen an den Beweis verbunden; die Tatsachenänderung muss nicht
nach dem im Sozialversicherungsrecht sonst üblichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 353 E. 5b) erstellt sein. Es
genügt, dass für das Vorhandensein des geltend gemachten rechtserheb-
lichen Sachumstandes wenigstens gewisse Anhaltspunkte bestehen, auch
wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, bei eingehender
Abklärung werde sich die behauptete Änderung nicht erstellen lassen
(BGer 9C_635/2015 vom 16. Oktober 2015 E. 2.2). Die Verwaltung verfügt
bei der Beurteilung der Eintretensvoraussetzung nach Art. 87 IVV über ei-
nen gewissen Spielraum. So wird sie namentlich berücksichtigen, ob die
frühere Verfügung nur kurze oder schon längere Zeit zurückliegt, und an
die Glaubhaftmachung dementsprechend mehr oder weniger hohe Anfor-
derungen stellen (Urteil BGer 8C_531/2013 vom 10. Juni 2014 E. 4.1.2;
9C_688/2007 vom 22. Januar 2008 E. 2.2). Nach der bundesgerichtlichen
Praxis dürfen ab einer Zeitspanne von 15 Monaten zwischen Ablehnungs-
verfügung und Neuanmeldung keine allzu hohen Anforderungen an die
Glaubhaftmachung gestellt werden (BGE 130 V 64 E. 6.2).
4.5 Wenn einer Neuanmeldung zwar ärztliche Berichte beigelegt werden,
diese indessen so wenig substantiiert sind, dass sich eine neue Prüfung
nur aufgrund weiterer Erkenntnisse allenfalls rechtfertigen würde, ist die IV-
Stelle zur Nachforderung weiterer Angaben nur, aber immerhin dann ver-
pflichtet, wenn den – für sich allein genommen den Anforderungen der
Glaubhaftmachung nicht genügenden – Arztberichten konkrete Hinweise
entnommen werden können, wonach möglicherweise eine mit weiteren Er-
hebungen erstellbare rechtserhebliche Änderung vorliegt. Der Verwaltung
ist es aber auch hier unbenommen, entsprechende Erhebungen selber an-
zustellen, ohne dass deswegen bereits auf ein materielles Eintreten auf die
Neuanmeldung zu schliessen wäre (vgl. zum Ganzen: Urteile des BGer
8C_844/2012 vom 5. Juni 2013 E. 2.1; 8C_341/2011 vom 27. Juni 2011 E.
2.2.2).
5.
Hinsichtlich der erheblichen zeitlichen Anknüpfungspunkte hat im vorlie-
genden Verfahren als letztmaliger, das Ergebnis einer materiellen Prüfung
des Rentenanspruchs darstellender Rechtsakt die Verfügung der IVSTA
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vom 15. Juni 2018 (Dok. 71) zu gelten, mit welcher die IVSTA das Leis-
tungsbegehren der Beschwerdeführerin vom 22. Dezember 2016 abgewie-
sen hat. Zu beurteilen ist daher, ob die Beschwerdeführerin für den Zeit-
raum zwischen der das Gesuch abweisenden Verfügung vom 15. Juni
2018 und der vorliegend angefochtenen Nichteintretensverfügung vom
28. Mai 2020 (Dok. 101) glaubhaft gemacht hat, dass sich der Grad der
Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
5.1
5.1.1 Im Rahmen der letzten materiellen Beurteilung des Rentengesuchs,
welches in der rentenablehnenden Verfügung vom 15. Juni 2018 (Dok. 71)
mündete, stützte sich die Vorinstanz auf die Stellungnahmen des RAD-Arz-
tes Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, vom
11. Februar 2018 (Dok. 52) und vom 10. Juni 2018 (Dok. 70), welcher zu
den ihm unterbreiteten medizinischen Dokumenten aus dem Zeitraum vom
28. Oktober 2016 bis zum 19. Januar 2018 (Dok. 16-25; Dok. 28; Dok. 38;
Dok. 42-44; Dok. 47; Dok. 58 und Dok. 62-67) eine Aktenbeurteilung vor-
genommen hat. Dr. med. B._ stützte sich bei seiner Aktenbeurtei-
lung insbesondere auf den von der Deutschen Rentenversicherung bei Dr.
med. C._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, in Auftrag gege-
benen ausführlichen Arztbericht E 213 vom 24. Juli 2017, welchen der
RAD-Arzt als umfassendes Gutachten bezeichnete und ihm deshalb Mas-
sgeblichkeit zumass. Gestützt auf diesen Bericht stellte Dr. med.
B._ die Diagnosen (mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit) Ver-
dacht auf entzündliche Erkrankung des Hirngewebes (DD MS) mit vorwie-
gend Gangstörungen (G04.9); St.n. neurochirurgischer Versorgung eines
Mediabifurkationsaneurysmas links 07/16; St.n. interventionellem Coiling
eines Carotis-interna-Aneurysmas links 09/16; St.n. endovaskulärer Flow-
diverter-Versorgung eines Carotis-interna-Aneurysmas rechts 12/16;
COPD; therapierte Hypothyreose; Anpassungsstörung mit längerer de-
pressiver Reaktion nach familiärer Belastungssituation 2008, weitgehend
zurückgebildet, sowie St.n. Hysterektomie bei Cervix-Karzinom. Die ange-
stammte Tätigkeit im Gastgewerbe erachtete Dr. med. B._ auf-
grund der gesundheitlichen Einschränkungen ab dem 18. Oktober 2018
(Tag der Hospitalisation) nicht mehr als zumutbar. Demgegenüber attes-
tierte er für angepasste Tätigkeiten (ausschliesslich Arbeiten in sitzender
Position, welche nicht schwere körperliche Tätigkeiten erforderten und
auch keine weiten Gehstrecken beinhalteten) seit jeher als ganztags zu-
mutbar (vgl. Dok. 52 und Dok. 70) – dies entgegen der Beurteilung von
Dr. med. C._ im von ihm als massgebendes Gutachten bezeichne-
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ten Formularbericht E 213 vom 25. Juli 2017, wonach angepasste Tätig-
keiten aktuell nicht verrichtet werden könnten (vgl. Dok. 38 S. 13 in fine und
S. 14 Ziff. 11.5).
5.1.2 Zur Begründung führte der RAD-Arzt aus, dass die Versicherte kli-
nisch wahrscheinlich in Richtung einer Multiplen Sklerose zu gehen
scheine, was aber noch nicht habe bestätigt werden können. Von dieser
Seite her sei sie vor allem durch ein eingeschränktes Gangbild beeinträch-
tigt. Alle übrigen körperlichen und psychischen Elemente «schienen» mit
einer angepassten Tätigkeit vereinbar zu sein. Insbesondere weise die Ver-
sicherte keine schwerwiegende psychische Störung auf. Bei Fortschreiten
der Erkrankung sei jedoch eine Verschlechterung der Arbeitsfähigkeit mög-
lich. An dieser Beurteilung hielt er auch nach Würdigung der im Vorbe-
scheidverfahren nachgereichten Berichten von Dr. med. D._, Fach-
ärztin für Neurologie, vom 31. Januar 2018 und von Dr. med. E._,
Facharzt für Neurologie sowie Psychiatrie und Psychotherpie, vom 13. No-
vember 2017 fest. Bezüglich des von der Deutschen Rentenversicherung
bei Dr. med. D._ in Auftrag gegebenen ausführlichen Arztbericht
E 213 vom 30. Januar 2018 führte Dr. med. B._ aus, dass aus die-
sem Bericht keine neuen Aspekte gezogen werden könnten. Es würden die
gleichen bekannten Diagnosen gestellt, wobei unspezifische Kopfschmer-
zen als erste und wichtigste Störung angegeben und im Gegensatz zur
angegebenen Stärke der Schmerzen eindrücklich wenig Schmerzmedika-
mente eingenommen würden. Bezüglich der immer wieder erwähnten
posttraumatischen Belastungsstörung müsse im Weiteren festgehalten
werden, dass diese Diagnose jeglicher Basis entbehre, da die grundle-
gendsten Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Zudem werde mehrfach er-
wähnt, dass sich die psychische Situation entspannt und verbessert hätte.
Und betreffend den Bericht des behandelnden Psychiaters monierte der
RAD-Arzt, dass dieser jeglicher Glaubwürdigkeit entbehre, da der Facharzt
ein Sammelsurium von diversen, untereinander nicht kompatiblen Diagno-
sen nenne, ohne dabei klinische Untersuchungsbefunde samt Psychosta-
tus aufzuführen. Gestützt auf diese Beurteilung ermittelte die Vorinstanz
schliesslich einen rentenausschliessenden IV-Grad von gerundet 18 %
(vgl. Dok. 53).
5.2 Zu beurteilen ist im Folgenden, ob die Beschwerdeführerin für den Zeit-
raum zwischen der das Gesuch abweisenden Verfügung vom 15. Juni
2018 und der vorliegend angefochtenen Nichteintretensverfügung vom
28. Mai 2020 glaubhaft gemacht hat, dass sich der Grad der Invalidität in
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Seite 11
einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (vgl. E. 4.3 hier-
vor).
5.2.1 Der vorliegend angefochtenen Verfügung vom 28. Mai 2020
(Dok. 101) dienten der Vorinstanz in medizinischer Hinsicht eine (erneut)
bei Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, einge-
holte Stellungnahme vom 11. März 2020 (Dok. 88) sowie eine im Rahmen
des Vorbescheidverfahrens eingeholte Stellungnahme bei Dr. med.
F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 4. Dezem-
ber 2018 (Dok. 100) als Entscheidbasis. Dr. med. B._ wurden ein
kurzer psychologischer Verlaufsbericht vom 20. September 2019 (Dok. 81)
sowie ein an den behandelnden Psychiater der Beschwerdeführerin adres-
sierter psychologischer Befundbericht vom 15. Januar 2020 der Psycho-
therapeutin Dipl.-Psych. G._ (Dok. 77), ein an die Deutsche Ren-
tenversicherung gerichtetes Attest von Dr. med. H._, Facharzt für
Allgemeine Innere Medizin, vom 7. Januar 2020 (Dok. 79), ein Medikati-
onsplan (Ausdruck vom 10. Juli 2019 [Dok. 80]), ein an die Krankenkasse
gerichteter Antrag betreffend Kostenübernahme für eine Psychotherapie
bei Dipl.-Psych. G._ vom 20. September 2019 (Dok. 82), ein unle-
serlicher psychiatrischer «Konsiliarbericht betreffend Aufnahme einer Psy-
chotherapie vom 27. August 2019 (Dok. 83) sowie eine Fachnervenärztli-
che Bescheinigung von Dr. med. E._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 3. Februar 2020 (Dok. 86) sowie ein Neufeststel-
lungsbescheid betreffend den Grad der Behinderung vom 8. Mai 2018
(Dok. 84) zur Stellungnahme unterbreitet. Gestützt auf die ihm unterbreite-
ten Unterlagen führte Dr. med. B._ in seiner Stellungnahme vom
11. März 2020 – mit Ausnahme des St.n. interventionellem Coiling eines
Carotis-interna-Aneurysmas links 09/16 – die gleichen Diagnosen auf wie
in seinen im Rahmen des Erstgesuchverfahrens verfassten Stellungnah-
men vom 11. Februar 2018 und vom 10. Juni 2018 (vgl. E. 5.1.1 hiervor).
Im Weiteren führte der Arzt aus, dass in den neu vorgelegten Dokumenten
vor allem aus psychiatrischer Sicht die Situation geschildert werde, wobei
höchstens von einer leichten depressiven Episode die Rede sei. Zudem
werde in mehreren Berichten darauf hingewiesen, dass in den letzten Jah-
ren keine Veränderung des Gesundheitszustandes zu erkennen gewesen
sei. Damit sei die Plausibilität einer Verschlechterung des Gesundheitszu-
stands nicht gegeben (vgl. Dok. 88).
5.2.2 Nachdem die Beschwerdeführerin im Rahmen des Vorbescheidver-
fahrens einerseits am 9. April 2020 darum ersucht hatte, ihre Unterlagen
aufgrund ihrer psychischen Beschwerden dem psychiatrischen Dienst der
C-3317/2020
Seite 12
IV-Stelle vorzulegen (vgl. Dok. 91 und Dok. 97), und andererseits am 16.
und 17. April 2020 einen neuen Neufeststellungsbescheid betreffend den
Grad der Behinderung vom 14. April 2020 samt dazugehörigen Ausweis
eingereicht hatte (vgl. Dok. 92-94), nahm am 20. Mai 2020 auch der RAD-
Arzt Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
zum Dossier Stellung. Betreffend die somatischen Beschwerden verwies
Dr. med. F._ auf die Beurteilung von Dr. med. B._. Bezüglich
der psychiatrischen Seite führte der RAD-Arzt aus, die Psychologin sehe
eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung F62.0
und eine rezidivierende depressive Störung, derzeit leichte Episode F33.0.
Mit Extrembelastung meine sie den Unfall des Sohnes im Jahre 2008. Die-
ses Ereignis liege vor dem 15. Juni 2018. Im Weiteren könne eine leichte
depressive Episode keine Arbeitsunfähigkeit begründen, da sie gemeinhin
als willentlich überwindbar gelte. Schliesslich wies er darauf hin, dass der
behandelnde Psychiater in seiner Fachnervenärztlichen Bescheinigung
vom 3. Februar 2020 schreibe, sowohl das Befinden wie auch die Leis-
tungsfähigkeit der Versicherten habe sich seit 2017 nicht verändert (vgl.
Dok. 100).
5.3 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin zutref-
fend auf das im Neuanmeldeverfahren herabgesetzte Beweismass des
Glaubhaftmachens hinweist. Es genügt, dass für das Vorhandensein des
geltend gemachten rechtserheblichen Sachumstandes wenigstens ge-
wisse Anhaltspunkte bestehen, auch wenn durchaus noch mit der Möglich-
keit zu rechnen ist, bei eingehender Abklärung werde sich die behauptete
Änderung nicht erstellen lassen (vgl. E. 4.4 hiervor). In casu fällt dabei ins-
besondere ins Gewicht, dass die Neuanmeldung vom 9. Dezember 2019
mehr als 15 Monate nach der rentenablehnenden Verfügung vom 15. Juni
2018 datiert, weshalb vorliegend an die Glaubhaftmachung nach der bun-
desgerichtlichen Praxis nicht allzu hohe Anforderungen gestellt werden
dürfen (BGE 130 V 64 E. 6.2; E. 4.4 in fine hiervor).
5.3.1 Wie bereits dargelegt (vgl. E. 5.1 hiervor), lagen bereits im ersten
Rentenverfahren sowohl somatische als auch psychiatrische Diagnosen
vor. Den diversen im damaligen Verfahren eingereichten Berichten aus
dem Zeitraum vom 28. Oktober 2016 bis zum 20. September 2017 (vgl.
Dok. 16-19 und Dok. 22-25) sowie insbesondere den beiden von der Deut-
schen Rentenversicherung in Auftrag gegebenen Begutachtungen vom
25. Juli 2017 (Dok. 38) und vom 30. Januar 2018 (Dok. 58) kann jedoch
entnommen werden, dass damals insbesondere die somatischen Be-
C-3317/2020
Seite 13
schwerden und deren Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der Be-
schwerdeführerin im Vordergrund gestanden haben. Davon zeugen insbe-
sondere die beiden von der deutschen Rentenversicherung in Auftrag ge-
gebenen ausführlichen ärztlichen Berichte E 213 der Gutachter Dr. med.
C._ vom 25. Juli 2017 und Dr. med. D._ vom 30. Januar
2018. Der RAD-Arzt Dr. med. B._ stützte sich dabei insbesondere
auf die Beurteilung des erstgenannten Arztes Dr. med. C._ vom
25. Juli 2017, welcher die im Jahre 2016 festgestellten Gefässveränderun-
gen im Kopf, die Veränderungen der hirnversorgenden Gefässe wie auch
den im Oktober 2016 geäusserten Verdacht auf eine entzündliche Erkran-
kung des Hirngewebes (Differentialdiagnostisch: Verdacht auf Multiple
Sklerose) und die damit einhergehenden Kopfschmerzen und das daraus
folgende erschwerte Gangbild als im Vordergrund stehend beschrieb. Zu-
sätzlich hat Dr. med. C._ in somatischer Hinsicht auch eine obstruk-
tive Lungenerkrankung auf dem Boden eines immer noch fortgesetzten
langjährigen Rauchens sowie einen erhöhten Blutdruck festgestellt, den er
mit dem Übergewicht der Beschwerdeführerin (BMI 29.1 kg/m2) vergesell-
schaftet sah. Die psychischen Beschwerden hingegen interpretierte Dr.
med. C._ als weitgehend zurückgebildete Anpassungsstörung
nach familiärer Belastungssituation im Jahr 2008 (ICD-10 F43) und erach-
tete diese als weitgehend stabilisiert (vgl. Dok. 38 S. 11 und S. 13). Diese
Beurteilung wurde ein halbes Jahr später auch von der ebenfalls von der
Deutschen Rentenversicherung beauftragten Ärztin Dr. med. D._
aus neurologischer Sicht vollumfänglich gestützt (vgl. Dok. 58 S. 8 f.). Auch
der RAD-Arzt Dr. med. B._ schloss sich damals insofern der Beur-
teilung von Dr. med. C._ an, indem er ebenfalls die somatischen
Beschwerden als im Vordergrund stehend sah und in psychischer Hinsicht
die Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion nach familiärer
Belastungssituation 2008 als weitgehend zurückgebildet beurteilte sowie
weitere (schwerwiegende) psychische Störungen ausschloss. Allerdings
sah der RAD-Arzt im Rahmen seiner reinen Aktenbeurteilung – anders als
die beiden deutschen Gutachter sowie die behandelnden Ärzte – die Ge-
sundheitseinschränkungen der Beschwerdeführerin mit einer leichten
adaptierten Tätigkeiten vereinbar, was bereits damals gemäss ständiger
Rechtsprechung Anlass zu weiteren Abklärungen hätte geben müssen (vgl.
BGE 142 V 58 E. 5.1 f. mit Hinweisen; BGE 135 V 465 E. 4.4 ff. mit Hin-
weisen; Urteil des BGer 8C_724/2011 vom 24. Juli 2012 E. 5.3.3); dies
umso mehr als der RAD-Arzt offenbar nicht gänzlich von seiner Beurteilung
überzeugt war, indem er auch ausführte, "[...] alle übrigen körperlichen und
psychischen Elemente scheinen mit einer angepassten Tätigkeit vereinbar
zu sein" (vgl. Dok. 52 und Dok. 70).
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F142-V-58%3Ade&number_of_ranks=0#page58 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F135-V-465%3Ade&number_of_ranks=0#page465
C-3317/2020
Seite 14
5.3.2 Mit den im Neuanmeldeverfahren vorgelegten Berichten macht die
Beschwerdeführerin insbesondere eine Verschlechterung ihres psychi-
schen Gesundheitszustands geltend. In diesem Zusammenhang ist der
Beschwerdeführerin darin beizupflichten, dass eine anspruchserhebliche
Änderung auch gegeben sein kann, wenn sich ein Leiden – bei im Wesent-
lichen gleichbleibender Diagnose – in seiner Intensität und in seinen Aus-
wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit verändert hat, wie dies etwa bei der
Chronifizierung einer psychischen Störung zutreffen kann (vgl. Urteile des
BGer 9C_683/2016 vom 30. März 2017 E. 4.1.1; 9C_286/2009 vom
28. Mai 2009 E. 3.2.2). Die vorgelegten Berichte enthalten denn auch
– entgegen der Ansicht der Vorinstanz respektive ihrer Ärzte – konkrete
Hinweise, die auf eine Steigerung der Intensität der psychischen Leiden
und somit auch auf eine Verschlechterung des psychischen Gesundheits-
zustands, der im letzten Verfahren noch als stabilisiert und ohne entspre-
chende Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten
beurteilt wurde, hindeuten.
5.3.2.1 Als erstes ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin zur Zeit
des ersten Rentenverfahrens noch nicht in regelmässiger psychotherapeu-
tischer Behandlung gestanden hat, was auf einen zur damaligen Zeit kaum
vorhandenen Leidensdruck schliessen lässt. Sie hat damals zwar erwähnt,
auf der Suche nach einer "Gesprächstherapie" zu sein; allerdings suchte
sie ihren behandelnden Neurologen und Psychiater Dr. med. E._
lediglich alle drei Monate zwecks Verordnung von Medikamenten auf. Eine
regelmässige psychotherapeutische Behandlung im eigentlichen Sinne
fand also nicht statt (vgl. z.B. den ausführlichen Arztbericht E 213 von Dr.
med. D._ vom 30. Januar 2018 [Dok. 58 S. 2 Ziff. 3.1 drittletzter Ab-
satz]). Den im Neuanmeldeverfahren eingereichten Berichten kann ent-
nommen werden, dass die Beschwerdeführerin erst nach der Rentenab-
lehnenden Verfügung vom 15. Juni 2018 – nach einer ersten Sprechstunde
vom 18. Juli 2018 sowie einer weiteren vom 19. Juli 2019 – seit Oktober
2019 in regelmässiger psychotherapeutischer Behandlung bei Dipl.-Psych.
G._ steht (vgl. dazu Dok. 77 S. 1 1. Absatz). Dies ist ein erstes kon-
kretes Indiz, dass sich die psychisch bedingten Leiden verschlechtert ha-
ben könnten. Im Weiteren kommt hinzu, dass Dr. med. H._, Fach-
arzt für Allgemeine Innere Medizin, in seinem an die Deutsche Rentenver-
sicherung gerichteten Attest vom 7. Januar 2020 darauf hinweist, dass die
Beschwerdeführerin mittlerweile an einer chronischen Depression "mit re-
zidivierenden akuten längerfristig anhaltenden Eskalationen" leide, und
dass sich trotz begleitender psychiatrischer Therapie keine ausreichende
C-3317/2020
Seite 15
Stabilisierung des Gesundheitszustandes eingestellt habe, sondern im Ge-
genteil es zu einer Instabilität gekommen sei (vgl. Dok. 79). Im Rahmen
des ersten Rentenverfahrens wurde der psychische Zustand der Be-
schwerdeführerin hingegen als weitgehend stabilisiert beurteilt (vgl.
E. 5.3.1 hiervor). Ebenfalls lässt sich Dr. med. E._ Bescheinigung
vom 3. Februar 2020 entnehmen, dass bei der Beschwerdeführerin mittler-
weile eine Chronifizierung der psychischen Beschwerden eingetreten sei.
Sollten die RAD-Ärzte (implizit) davon ausgegangen sein, dass die beiden
Berichte zu wenig substantiiert seien, sind sie darauf hinzuweisen, dass
trotz der in diesem Verfahrensstadium geltenden Behauptungs- und Be-
weisführungslast der Beschwerdeführerin aufgrund der expliziten Hinweise
auf an die deutsche Rentenversicherung zugestellte Befundberichte (vgl.
insb. Bescheinigung von Dr. med. H._ vom 7. Januar 2020
[Dok. 79]) und auf die Chronifizierung der psychischen Beschwerden und
der damit einhergehenden konkreten Hinweise auf eine mögliche Ver-
schlechterung des psychischen Gesundheitszustands die Vorinstanz zu-
mindest zur Nachforderung weiterer Angaben verpflichtet gewesen wäre
(vgl. E. 4.3 f. hiervor).
5.3.2.2 Im Weiteren zeigt insbesondere ein Vergleich zwischen dem im ers-
ten Rentenverfahren erhobenen Psychostatus und demjenigen im Befund-
bericht von Dipl.-Psych. G._ vom 15. Januar 2020 erhobenen, dass
sich der Gesundheitszustand in psychischer Hinsicht erheblich verschlech-
tert haben könnte.
5.3.2.2.1 Soweit den im ersten Rentenverfahren eingereichten medizini-
schen Berichten in psychischer Hinsicht etwas entnommen werden kann,
wird durchgehend ein unauffälliger Psychostatus beschrieben. Zunächst
wird im Bericht des Universitätsklinikums I._ vom 1. Dezember
2016 die Beschwerdeführerin im Rahmen des neurologischen Untersu-
chungsbefunds als wach, bewusstseinsklar, orientiert sowie psychopatho-
logisch unauffällig beschrieben (vgl. Dok. 22 S. 2). Auch im Bericht der
J._ Klinik vom 27. Februar 2017 werden bezüglich des psychischen
Befunds keine Auffälligkeiten festgehalten, sondern die Beschwerdeführe-
rin als bewusstseinsklare und zu allen Qualitäten orientierte Patientin ohne
Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen beschrieben, deren Stim-
mungslage adäquat und deren Antrieb regelrecht sei; im Weiteren zeige
sich die Patientin affektiv schwingungsfähig und es gebe keine Hinweise
auf psychotisches Erleben (vgl. Dok. 19 S. 5 Ziff. 3.2). Dr. med. C._
beschrieb in seinem ausführlichen Arztbericht E 213 vom 24. Juli 2017 den
seelischen Zustand der Beschwerdeführerin zwar lediglich als "klagsam"
C-3317/2020
Seite 16
(Dok. 38 S. 7 Ziff. 4.1), hielt aber im Rahmen der zusammenfassenden Be-
urteilung auch fest, dass sich die psychische Situation stabilisiert habe
(Dok. 38 S. 13 Ziff. 8 in fine). Auch der behandelnde Arzt Dr. med.
E._, Facharzt für Neurologie sowie Psychiatrie und Psychothera-
pie, beschrieb die Beschwerdeführerin ein halbes Jahr später in seinem
Befundbericht vom 12. September 2017 (zwar) als herabgestimmt wirkend
im Rahmen ihrer eingehenden Schilderung des Traumas des Sohnes, je-
doch auch als wach, bewusstseinsklar, voll orientiert, im Kontakt freundlich
kooperativ und um sehr sachliche klare Beschwerdeschilderung bemüht.
Ebenso beschrieb er die affektive Schwingungsfähigkeit zwar als einge-
engt, aber dennoch als erhalten; ebenso sei der Antrieb der Psychomotorik
adäquat gewesen. Nebst dem Ausschluss psychotischer Symptome attes-
tierte er der Beschwerdeführerin eine Krankheits- und Störungseinsicht wie
auch eine Absprachefähigkeit. Und zum Schluss hielt er fest, es bestünden
orientierend keine mnestischen oder kognitiven Symptome (vgl. Dok. 43
S. 1 f.). Schliesslich beschrieb auch Dr. med. D._ in ihrem ausführ-
lichen Arztbericht E 213 vom 30. Januar 2018 einen unauffälligen Psycho-
status. Sie führte insbesondere aus, Disharmonien seien nicht erkennbar,
Bewusstsein und Orientierung seien intakt, Fragen würden freundlich und
kooperativ beantwortet sowie in der Regel erfasst und präzise beantwortet.
Im Weiteren könnten Begebenheiten strukturiert in die Lebensgeschichte
eingeordnet werden. Störungen von Konzentration, Aufmerksamkeit und
Merkfähigkeit seien im Gespräch nicht fassbar gewesen, und das formale
Denken sei logisch aufgebaut, in sich zusammenhängend und nachvoll-
ziehbar. Das Denktempo sei weder verlangsamt noch beschleunigt und
das inhaltliche Denken weise keine Anhaltspunkte für Zwangs- oder Wahn-
gedanken auf. Hinweise für psychotische Erlebnisqualität fänden sich
nicht, auch keine Halluzinationen. Die Stimmungslage sei nicht durchgän-
gig depressiv, die Probandin schildere aber noch teilweise Rückerinnerun-
gen an den schweren Unfall des Sohnes, wobei Ängste sowohl vor einem
erneuten Unfall, als auch vor dem Fortschreiten der eigenen Erkrankung
beschrieben würden. [...] Von der Persönlichkeit her fänden sich keine ak-
zentuierten oder pathologischen Wesenszüge (vgl. Dok. 58 S. 6). Auch im
Rahmen der Epikrise weist Dr. med. D._ auf die psychopatholo-
gisch freundliche Berichterstattung hin, welche insgesamt geordnet gewe-
sen sei. Ebenso sei keine durchgängige Depression feststellbar gewesen,
aber doch noch eine Beeinträchtigung seit 2008 seit dem Unfallereignis
des Sohnes; diesbezüglich lägen Ängste nach Rückerinnerungen an das
Unfallereignis des Sohnes von 2008 vor (vgl. Dok. 58 S. 9).
C-3317/2020
Seite 17
5.3.2.2.2 Im Vergleich zum letztmals von Dr. med. D._ beschriebe-
nen Status wird insbesondere im an den behandelnden Facharzt Dr. med.
E._ gerichteten Befundbericht der Therapeutin Dipl.-psych.
G._ vom 15. Januar 2020 ein deutlich verschlechterter Psychosta-
tus beschrieben. Dipl.-psych. G._ führt hierzu aus, die Beschwer-
deführerin sei zwar nach wie vor freundlich zugewandt, aber zugleich auch
mit Dominanz im Kontakt. Im Weiteren schliesst Dipl.-psych. G._
zwar Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen aus, berichtet aber auch
– im Gegensatz zu den früheren Berichten – von einer subjektiven Kon-
zentrations- und Gedächtnisminderung; in diesem Zusammenhang weist
sie darauf hin, dass die Beschwerdeführerin generell Hilfsmittel einsetze.
Im Weiteren sei sie – im Gegensatz zum letztmals von Dr. med. D._
im Bericht von 30. Januar 2018 beschriebenem Vorzustand (vgl.
E. 5.3.2.2.1 in fine hiervor) – im Denken eingeengt, perseverierend sowie
vorbeiredend. Ebenso beschreibt Dipl.-psych. G._ ein deutliches
Misstrauen, eine Somatisierung sowie anankastisch-rigide Züge. Einen
Wahn sowie Sinnestäuschungen konnte die Therapeutin zwar ausschlies-
sen, hielt aber auch gleichzeitig eine Derealisation bei Erwachen aus Alp-
träumen fest. Im Weiteren wies sie auch auf eine Affektarmut, eine Störung
der Vitalgefühle, eine teilweise Parathymie sowie auf einen sozialen Rück-
zug hin. Die Beschwerdeführerin sei ausserdem deprimiert, dysphorisch
bis gereizt und antriebsgehemmt. Ebenso erfolge eine vermehrte Nah-
rungsaufnahme zur Stimmungsregulation. Ein Anhalt auf Suizidalität habe
aber nicht bestanden. Im Weiteren stellte sie bezüglich des Leistungsbildes
der Beschwerdeführerin aus psychotherapeutischer Sicht fest, dass emo-
tionale Schwankungen einhergehend mit kognitiver Einengung vorhanden
seien. Ebenso bestünden eine erhöhte Empfindlichkeit sowie eine redu-
zierte Stresstoleranz/Durchhaltefähigkeit. Kritisch erschienen auch die
Kontaktfähigkeit mit Dritten, die Gruppenfähigkeit, familiäre Beziehungen,
Anpassungen an Regeln und Routinen sowie das Umstellungs- und An-
passungsvermögen (vgl. Dok. 77). Der im Bericht von Dipl.-psych.
G._ beschriebene Psychostatus lässt somit im Vergleich zum Vor-
zustand auf eine mögliche Steigerung der Intensität der psychischen Lei-
den und somit auch auf eine mögliche Verschlechterung des psychischen
Gesundheitszustands schliessen.
5.3.2.3 Schliesslich liefert auch der im Vorbescheidverfahren eingereichte
Neufeststellungsbescheid des K._ betreffend Grad der Behinde-
rung vom 14. April 2020 (Dok. 93) ein weiteres Indiz für eine mögliche Ver-
schlechterung des Gesundheitszustands. Gemäss dem im ersten Renten-
verfahren eingereichten Bescheid betreffend Grad der Behinderung vom
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Seite 18
15. Mai 2017 wurde der Beschwerdeführerin lediglich ein Grad der Behin-
derung von 30 % attestiert (Dok. 28). Dieser wurde ein Jahr später in einem
ersten Schritt mit Neufeststellungsbescheid vom 8. Mai 2018 auf 40 %
(Dok. 84) und schliesslich mit dem vorgenannten neuesten Bescheid vom
14. April 2020 auf 50 % angehoben, wobei insbesondere die psychische
Störung der Beschwerdeführerin als Grund genannt wurde (vgl. dazu die
Zahl in Klammern). Zusätzlich lässt sich den beiden Neufeststellungsbe-
scheiden vom 8. Mai 2018 und vom 14. April 2020 auch entnehmen, dass
bei der Beschwerdeführerin offenbar auch in somatischer Hinsicht neue
Beschwerden hinzugetreten sind. Während im ersten Feststellungsbe-
scheid vom 15. Mai 2017 lediglich "Hirnleistungsstörungen, behandeltes
Gefässleiden" sowie "seelische Störung" als Beeinträchtigungen aufge-
führt werden, wird in den beiden jüngeren Entscheiden zusätzlich ein "or-
ganisches Nervenleiden" aufgeführt (vgl. Dok. 84 und Dok. 93).
5.3.3 Die beiden RAD-Ärzte sind im Rahmen ihrer Beurteilung auf all diese
Umstände nicht eingegangen. Sie führten lediglich aus, mit der von der
Psychologin gesehenen andauernden Persönlichkeitsänderung nach Ext-
rembelastung (ICD-10 F62.0) sei das Unfallereignis des Sohnes aus dem
Jahr 2008 gemeint, das vor der letzten Verfügung vom 15. Juni 2018 liege.
Und im Weiteren sei lediglich von einer leichten depressiven Episode die
Rede, welche "keine Arbeitsunfähigkeit begründen" könne und überdies
"gemeinhin als willentlich überwindbar" gelte. Schliesslich würden auch die
behandelnden Ärzte von einem unveränderten Zustand berichten (vgl.
Dok. 88 und Dok. 100). Zunächst sind die RAD-Ärzte darauf hinzuweisen,
dass sie mit ihrem pauschalen Hinweis, die Diagnose andauernden Per-
sönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) betreffe ein
vor der Verfügung vom 15. Juni 2018 liegendes Ereignis, ausser Acht las-
sen, dass sich eine anspruchserhebliche Änderung auch aus einer verän-
derten Intensität der Leiden ergeben kann (vgl. E. 5.3.2 hiervor). Auf die
bestehende Möglichkeit einer solchen Änderung der Intensität wurde
soeben hingewiesen (E. 5.3.2.2 hiervor). Überdies ist darauf hinzuweisen,
dass gemäss den im ersten Rentenverfahren eingereichten Akten im Zu-
sammenhang mit dem Unfallereignis 2008 bei der Beschwerdeführerin zu-
nächst eine posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) diagnostiziert
worden war, welche sich gemäss der von Dr. med. B._ übernom-
menen Beurteilung der deutschen Gutachter (vgl. Dok. 38 und Dok. 58) im
Laufe der Zeit zu einer weitgehend stabilisierten Anpassungsstörung nach
familiärer Belastungssituation im Jahr 2008 (ICD-10 F43) zurückgebildet
hatte (auch der behandelnde Dr. med. E._ erwähnt in der Beschei-
C-3317/2020
Seite 19
nigung vom 13. November 2017 einen Zustand nach PTBS sowie eine be-
stehende Anpassungsstörung [Dok. 47]). Nunmehr wird statt der Anpas-
sungsstörung die soeben erwähnte andauernden Persönlichkeitsänderung
nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) erwähnt. Gemäss den Ausführun-
gen der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und
verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) kann eine posttraumatische
Belastungsstörung (F43.1) bei chronischem Verlauf in eine solche andau-
ernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.0) übergehen
(vgl. dazu die Ausführungen zu den Diagnose-Codes F43.1 und F62.0).
Vorliegend wurde von den behandelnden Ärzten eine Chronifizierung der
psychischen Beschwerden attestiert. Somit greift der pauschale Hinweis
der RAD-Ärzte, wonach das Ereignis vor der letzten Verfügung vom
15. Juni 2018 liege, zu kurz, kann doch aufgrund des Dargelegten nicht
ohne weitere Prüfung davon ausgegangen werden, dass es sich bei der
Diagnose andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung
(F62.0) lediglich um eine andere diagnostische Einordnung eines gleich-
gebliebenen Sachverhalts handelt.
5.3.4 Im Weiteren basiert die Behauptung der RAD-Ärzte, eine leichte De-
pression könne keine Arbeitsunfähigkeit begründen und sei willentlich
überwindbar, offensichtlich nicht auf der aktuellen bundesgerichtlichen
Rechtsprechung, sondern auf die bereits vor Jahren vom Bundesgericht
aufgegebene Praxis, welche sich damals auf die Überwindbarkeitsvermu-
tung gemäss den sogenannten Förster-Kriterien stützte. Diese Praxis hat
das Bundesgericht – zunächst bezüglich psychosomatischer Leiden – mit
BGE 141 V 281 aufgegeben und stattdessen ein Prüfraster mit systemati-
sierten Indikatoren (sog. Standardindikatoren) eingeführt, die es – unter
Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer-
seits und Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – erlauben,
das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen. Diese
Rechtsprechung hat das Bundesgericht in der Folge mit BGE 143 V 409
und BGE 143 V 418 für sämtliche psychischen Leiden für anwendbar er-
klärt. Insbesondere wird in BGE 143 V 409 explizit festgehalten, dass auch
(leichte bis mittelgradige) Depressionen anhand des Indikatoren-Katalogs
gemäss BGE 141 V 281 abgeklärt und beurteilt werden müssen. Eine Prü-
fung der Indikatoren ist vorliegend offensichtlich nie erfolgt. Die Begrün-
dung der RAD-Ärzte, auf welche die Vorinstanz explizit verweist, erweist
sich somit als rechtsfehlerhaft. In diesem Zusammenhang ist im Übrigen
anzumerken, dass auch anlässlich des ersten Rentengesuchverfahrens
keine Prüfung der Standardindikatoren vorgenommen wurde, obwohl die
C-3317/2020
Seite 20
beiden präzisierenden Urteile am 30. November 2017 ergingen sowie mit-
tels Medienmitteilung vom 14. Dezember 2017 (abrufbar unter
www.bger.ch) der breiten Öffentlichkeit bekannt gegeben wurden, mithin
noch vor der ersten RAD-ärztlichen Beurteilung vom 11. Februar 2018, ge-
schweige denn der zweiten vom 10. Juni 2018 (vgl. Dok. 52 und Dok. 70).
5.3.5 Auch der Umstand, wonach die behandelnden Ärzte von einem un-
veränderten Zustand berichten, ändert nichts am Ergebnis, dass die Be-
schwerdeführerin eine wesentliche Änderung rechtsgenüglich glaubhaft
gemacht hat. Denn die Auskunft der behandelnden Ärzte an den deutschen
Sozialversicherungsträger bezieht sich klar auf die von ihnen seit jeher at-
testierte vollständige Arbeitsunfähigkeit für den ersten Arbeitsmarkt. Diese
Einschätzung wurde von der Deutschen Rentenversicherung – im Gegen-
satz zur Vorinstanz – gestützt auf die beiden ausführlichen Arztberichte
E 213 vom 24. Juli 2017 (Dok. 38) und vom 31. Januar 2018 (Dok. 58) an-
erkannt und seither auch mehrfach bestätigt (vgl. Dok. 12, Dok. 59 und
Beilage 4 zu BVGer-act. 1). In diesem Zusammenhang wurde bereits da-
rauf hingewiesen, dass damals aufgrund der auf einer reinen Aktenbeurtei-
lung basierenden abweichenden Einschätzung des RAD gemäss ständiger
Rechtsprechung weitere Abklärungen angezeigt gewesen wären (vgl.
E. 5.3.1 hiervor). Ausserdem weisen die deutschen Ärzte – was in den bei-
den Stellungnahmen des RAD gänzlich unerwähnt bleibt – gleichzeitig da-
rauf hin, dass einerseits eine Instabilität des Gesundheitszustands einge-
treten sei und andererseits sich eine Chronifizierung der psychischen Lei-
den eingestellt habe, was gegen einen unveränderten Gesundheitszustand
spricht.
5.3.6 Soweit schliesslich die Vorinstanz mit Vernehmlassung vom 8. Okto-
ber 2020 betreffend den vorgelegten (ausländischen) Schwerbehinderten
Ausweis geltend macht, der Grad der Behinderung werde nach anderen
Kriterien festgelegt als die Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit in der schwei-
zerischen Invalidenversicherung, ist ihr zwar darin beizupflichten, dass für
die Beurteilung des Rentenanspruchs Feststellungen ausländischer
Versicherungsträger, Krankenkassen, Behörden und Ärzte bezüglich
Invaliditätsgrad und Anspruchsbeginn für die rechtsanwendenden Be-
hörden in der Schweiz nicht verbindlich sind (vgl. BGE 130 V 253
E. 2.4). Allerdings bedeutet dies nicht, dass die entsprechenden
Entscheide und Feststellungen ausländischer Behörden überhaupt
nicht zu berücksichtigen sind. Vielmehr unterstehen auch die aus
dem Ausland stammenden Beweismittel der freien Beweiswürdigung (zum
Grundsatz der freien Beweiswürdigung, vgl. BGE 125 V 351 E. 3a)
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Seite 21
und sind daher ebenfalls zu berücksichtigen. Wie bereits dargelegt,
liefert der im Vorbescheidverfahren eingereichte Neufeststellungs-
bescheid vom 14. April 2020 für die vorliegend zu beurteilende
Frage der Glaubhaftmachung eines verschlechterten Gesundheitszu-
stands ebenfalls entsprechende Indizien.
5.4 Aufgrund des insgesamt Ausgeführten hat die Beschwerdeführerin
eine anspruchsrelevante gesundheitliche Verschlechterung glaubhaft ge-
macht. Dies genügt rechtsprechungsgemäss für ein Eintreten auf das Neu-
anmeldegesuch, selbst wenn sich im Rahmen eines ordentlich und ange-
sichts somatischer und psychischer Leiden interdisziplinär (vgl. BGE 137
V 210 E. 1.2.4, 139 V 349 E. 3.2 f., 143 V 409, 143 V 418, 141 V 281;
Urteile des BGer 8C_170/2017 vom 13. Oktober 2017 E. 5.2 m.H.,
9C_143/2017 vom 7. Juni 2017 E. 4.1) durchgeführten Abklärungsverfah-
ren herausstellen sollte, dass sich die behauptete Veränderung nicht oder
nicht in rentenbeeinflussendem Ausmass verwirklicht hat. Entgegen der
Einschätzung der RAD-Ärzte Dres. med. B._ und F._ kann
ohne weitergehende Abklärungen somit nicht einfach davon ausgegangen
werden, dass keine anspruchsrelevante Verschlechterung des Gesund-
heitszustands eingetreten ist.
6.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin im Neu-
anmeldeverfahren eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes
rechtsgenüglich glaubhaft gemacht hat, weshalb die Vorinstanz auf die
Neuanmeldung hätte eintreten müssen. Die Beschwerde wird daher gut-
geheissen, die Verfügung vom 28. Mai 2020 aufgehoben und die Sache
zur umfassenden materiellen Prüfung der Neuanmeldung an die Vo-
rinstanz zurückgewiesen.
7.
Zu befinden bleibt noch über die Verfahrenskosten und eine allfällige Par-
teientschädigung.
7.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis i.V.m.
Art. 69 Abs. 2 IVG), wobei das Bundesverwaltungsgericht gemäss Art. 63
Abs. 1 VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei
auferlegt. Da eine Rückweisung praxisgemäss als Obsiegen der be-
schwerdeführenden Partei gilt, sind der Beschwerdeführerin keine Verfah-
renskosten aufzuerlegen (vgl. BGE 132 V 215 E. 6.1). Der Vorinstanz sind
ebenfalls keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
C-3317/2020
Seite 22
7.2 Die obsiegende, anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat gemäss
Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteientschädi-
gung zu Lasten der Vorinstanz. Da keine Kostennote eingereicht wurde, ist
die Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 Satz 2
VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensausgangs, des gebotenen
und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung der Streitsache und der
Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens ist eine Partei-
entschädigung von Fr. 2'800.- (inkl. Auslagen, ohne Mehrwertsteuer; Art. 9
Abs. 1 in Verbindung mit Art. 10 Abs. 2 VGKE) angemessen.
7.3 Bei diesem Verfahrensausgang ist das Gesuch der Beschwerdeführe-
rin um unentgeltliche Rechtspflege als gegenstandslos geworden abzu-
schreiben.