Decision ID: 13645318-dffc-4d36-9741-8809a7132b2c
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt
A.
Im Oktober 2002 meldete sich B._ (nachfolgend: Versicherter) infolge eines
Bandscheibenvorfalls für Hilfsmittel bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen
(nachfolgend: IV-Stelle) an (IV-act. 1). Mit Verfügung vom 31. Januar 2003 erteilte die
IV-Stelle Kostengutsprache für invaliditätsbedingte Änderungen am Motorfahrzeug des
Versicherten (IV-act. 14).
A.a.
Im August 2004 erfolgte infolge Verschlechterung bzw. Ausweitung der
Bandscheibenprobleme eine erneute IV-Anmeldung (IV-act. 15). Der Versicherte hatte
zuletzt als C._ beim D._ gearbeitet, war jedoch seit dem 18. Juni 2004
krankgeschrieben (vgl. IV-act. 15-5, 30 und 32). Nachdem die IV-Stelle verschiedene
Berichte eingeholt hatte (vgl. IV-act. 22 ff.), gab sie bei der Z._ AG, ein medizinisches
Gutachten in Auftrag (vgl. IV-act. 78), in welchem dem Versicherten für die Tätigkeit als
C._ eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert wurde. Optimal leidensangepasste
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeiten (mittelschwere Arbeiten unter Vermeidung von Zwangshaltungen, wobei
sitzende Positionen und Arbeiten über Kopf über den Tag verteilt nicht länger als drei
Stunden vorkommen sollten) wurden jedoch als zumutbar erachtet (IV-act. 78-14). Im
Schlussbericht zur Eingliederung vom 13. September 2006 hielt der damalige
Berufsberater fest, der Versicherte beabsichtige, als freier Mitarbeiter als C._ auf
Abruf und als Y._ selbständig tätig zu werden, wodurch sich die Möglichkeit zur
Wechselbelastung ergebe (vgl. IV-act. 90). Mit Mitteilung vom 20. September 2006
erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für die Umschulung zum E._ inklusive F._
für die Zeit vom 1. August 2006 bis 31. März 2007 (IV-act. 94). Nachdem der
Versicherte der IV-Stelle mitgeteilt hatte, dass er die Umschulung zum E._ nicht in
Angriff habe nehmen können, da er zu viele Arbeitsaufträge habe und sein aktuelles
Einkommen sein früheres Valideneinkommen übersteige (vgl. IV-act. 96), widerrief die
IV-Stelle mit Verfügung vom 10. September 2007 die Mitteilung vom 20. September
2006 und wies das Begehren um berufliche Massnahmen ab (IV-act. 102).
Im Juli 2014 meldete sich der Versicherte erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an (vgl. IV-act. 104). Er befand sich zu diesem Zeitpunkt in stationärer
Behandlung in der Psychiatrischen Klinik G._ (vgl. IV-act. 104-1 und 116 f.). Im
Austrittsbericht vom 16. Oktober 2014 wurde festgehalten, dass der Versicherte vom
13. Mai bis 3. Oktober 2014 hospitalisiert gewesen sei. Er sei am 13. Mai 2014 von
seinem Hausarzt aufgrund einer depressiven Episode mit Suizidgedanken der
Akutstation zugewiesen worden. Am 28. Mai 2014 sei der Übertritt auf die offen
geführte Therapiestation erfolgt. Als Diagnosen nannten die Behandelnden eine
rezidivierende depressive Störung (aktuell mittelgradige Episode: mit somatischem
Syndrom), eine Persönlichkeitsakzentuierung mit emotional instabilen und leicht
schizoiden Anteilen sowie eine Agoraphobie mit Panikstörung. Weiter erklärten sie, der
Versicherte sei bei Austritt weiterhin zu 100 % arbeitsunfähig. Um eine anhaltende
Stimmungsstabilisierung zu erreichen, bedürfe es noch einer teilstationären
Behandlung. Nach erfolgter Zustandsstabilisierung sollte die Wiedereingliederung ins
Arbeitsleben schrittweise in geschütztem Rahmen und in den Beschwerden
angepassten Tätigkeiten erfolgen (IV-act. 117; vgl. ferner IV-act. 116). Per 30.
November 2014 verlor der Versicherte seine seit dem 1. November 2013 laufende
Anstellung als N._ bei der O._AG (IV-act. 104-5, 106-1, 113-1 f. und 130-2). In
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einem Bericht der Tagesklinik der Psychiatrischen Klinik G._ vom 16. Dezember 2014
wurde ausgeführt, dass eine Abnahme der depressiven Symptomatik sowie der
Angstsymptome zu beobachten sei. Der Versicherte zeige aber weiterhin ein stark
schwankendes Zustandsbild. Es präsentierten sich vor allem bei Stress und
Belastungssteigerung starke Stimmungsschwankungen, eine rasch auftretende
negative kognitive Verarbeitungstendenz und impulsiv einschiessende massive
Suizidideen mit schneller und konkreter Handlungsplanung. Es gelinge dem
Versicherten aber zunehmend besser, diese Verhaltensmuster zu beeinflussen und
alternative Ersatzstrategien anzuwenden. Bei einem weiteren positiven Verlauf sollte die
Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit anfangs 2015 möglich sein (IV-act. 124-3; vgl.
ferner IV-act. 125-1).
In einer Aktenbeurteilung vom 5. Januar 2015 kam der regionale ärztliche Dienst
(RAD) zum Schluss, dass aus medizinisch-theoretischer Sicht sowohl in der bisherigen
als auch in einer adaptierten Tätigkeit von einer zumutbaren Präsenzzeit von
mindestens 50 % auszugehen sei bei einer noch zu evaluierenden Leistungsfähigkeit,
schrittweise steigerbar auf Vorniveau. Aufgrund der Persönlichkeitszüge empfehle sich
eine Tätigkeit mit geringem zwischenmenschlichem Konfliktpotential und möglichst
ohne erhöhten Zeit- und Leistungsdruck. Aus psychiatrischer Sicht sei der Versicherte
in der Stellensuche eingeschränkt (IV-act. 125-4).
A.d.
Gestützt auf einen am 23. April 2015 unterzeichneten Eingliederungsplan (IV-act.
134) gewährte die IV-Stelle dem Versicherten mit Mitteilung vom 30. April 2015 einen
vom 1. Mai bis 31. Oktober 2015 dauernden Arbeitsversuch (zu Beginn im Pensum von
50 %) in der Psychiatrischen Klinik G._ (IV-act. 136). Per 1. Juni 2015 und im Juli
2015 konnte das Pensum leicht gesteigert werden (vgl. IV-act. 164-2 f.). Anlässlich
eines Standortgesprächs vom 30. Juli 2015 hiess es, dass die Medikamente zwei
Wochen zuvor in Absprache mit dem Arzt reduziert worden seien, woraufhin sich der
Zustand massiv verschlechtert habe. Der Versicherte habe wieder Suizidgedanken
bekommen und sich sehr niedergeschlagen gefühlt. Dennoch sei er zur Arbeit
gekommen. Die Medikamente seien auf die doppelte Menge als üblich erhöht worden,
sodass sich der Versicherte zwar psychisch wieder besser, gleichzeitig jedoch sehr
müde und erschöpft fühle, was sich auch bei der Arbeit bemerkbar mache. Es sei
daher beschlossen worden, das Pensum ab dem 3. August 2015 wieder auf 50 % zu
A.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
reduzieren (IV-act. 164-3). Mit Mitteilung vom 5. August 2015 erteilte die IV-Stelle
Kostengutsprache für einen vom 21. bis 23. August 2015 dauernden Kurs mit (...) (IV-
act. 148; zum Eingliederungsplan vgl. IV-act. 146). Anlässlich einer
Standortbestimmung vom 26. August 2015 wurde geschildert, dass die Medikamente
wieder auf die normale Dosis reduziert worden seien, wodurch der Versicherte weniger
müde sei. Es bestünden noch immer eine innere Unruhe, Versagensängste und
Existenzängste (IV-act. 164-3). Im Rahmen einer Standortbestimmung vom 7. Oktober
2015 wurde von einem weiterhin schwankenden Zustand berichtet, weshalb die
Medikamentendosis wieder erhöht worden sei. In der Klinik gehe es dem Versicherten
gut. Sobald er sich jedoch ausserhalb der Klinik aufhalte, träten Schwierigkeiten auf. Er
fühle sich gestresst, nervös und es bestehe eine innere Unruhe. Vor allem unter vielen
Personen oder im Strassenverkehr fühle er sich sehr unwohl. Teilweise würden auch
Panikattacken auftreten. Seitens der IV-Stelle wurde dem Versicherten kommuniziert,
dass er sich Gedanken machen müsse, wie es ausserhalb der Klinik weitergehen
könnte. In einem Telefonat vom 14. Oktober 2015 teilte der Versicherte der IV-Stelle
mit, dass er zwischenzeitlich Kontakt mit der Stiftung H._ gehabt habe und allenfalls
die Option für einen Arbeitsversuch bestehe (vgl. IV-act. 164-4; zur Bezeichnung als
Stiftung vgl. IV-act. 158). Mit Mitteilung vom 30. Oktober 2015 sprach die IV-Stelle dem
Versicherten einen vom 1. November 2015 bis 30. April 2016 dauernden
Arbeitsversuch (zu Beginn mit einem Pensum von 50 %) bei der Stiftung H._ zu (IV-
act. 152; zum Eingliederungsplan vgl. IV-act. 150). Ab Februar 2016 konnte der
Versicherte das Pensum um eine Stunde pro Tag ausdehnen (vgl. IV-act. 164-5). Ab
dem 1. Mai 2016 trat der Versicherte eine bis zum 31. Dezember 2016 befristete
Anstellung bei der Stiftung H._ in einem Pensum von 60 % an (IV-act. 158). Mit
Mitteilung vom 9. Mai 2016 bewilligte die IV-Stelle die Übernahme eines
Einarbeitungszuschusses während der Anlern- bzw. Einarbeitungszeit bei der Stiftung
H._ vom 1. Mai bis 31. Oktober 2016 (IV-act. 161; vgl. dazu auch IV-act. 164-5; zum
Eingliederungsplan vgl. IV-act. 159). In einem Telefonat vom 1. Dezember 2016 teilte
der Versicherte der IV-Stelle mit, dass sich die gesundheitliche Situation verbessert
habe, sodass er die psychotherapeutische Behandlung habe beenden können. Das
befristete Arbeitsverhältnis werde per 1. Januar 2017 in eine unbefristete Anstellung
umgewandelt, wobei er auch zukünftig in einem Pensum von 60 % arbeiten werde (IV-
act. 164-6). In einer gleichentags verfassten Stellungnahme bezeichnete der
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsverantwortliche der IV den Versicherten als optimal eingegliedert (IV-act.
164-6). Im Abschlussbericht vom 9. Januar 2017 des Ambulatoriums des
Psychiatrischen Zentrums I._, wo der Versicherte vom 5. November 2015 bis 9.
August 2016 ambulant behandelt worden war, wurden als Diagnosen eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode ohne somatisches
Syndrom, eine Agoraphobie mit Panikstörung sowie eine Persönlichkeitsakzentuierung
mit emotional instabilen und leicht schizoiden Anteilen genannt. Die depressiven
Symptome seien vollständig zurückgegangen. Nach der letzten Konsultation vom
9. August 2016 habe kein Therapiebedarf mehr bestanden. Deswegen sei die Therapie
beendet worden, wobei man so verblieben sei, dass sich der Versicherte jederzeit
wieder melden könnte (vgl. IV-act. 166-6 f.). In einer E-Mail vom 12. April 2017 fragte
die Stiftung H._ an, ob die IV-Stelle bereit wäre, einen Teil des Salärs des
Versicherten in Zukunft zu übernehmen. Diesfalls könnte sich die Stiftung eine
Weiterbeschäftigung des Versicherten vorstellen. Ansonsten wäre eine
Weiterbeschäftigung eher nicht möglich, da der Aufwand zu gross sei (IV-act. 168). In
einem Telefonat vom 24. April 2017 informierte der Versicherte die IV-Stelle darüber,
dass er die Anstellung verloren habe und sich seit dem 11. April 2017 wieder stationär
in der Psychiatrischen Klinik G._ aufhalte (IV-act. 169).
In einem Verlaufsbericht vom 29. Juni 2017 hielten die Behandelnden der Psychia
trischen Klinik G._ fest, neben der depressiven Symptomatik (Antriebslosigkeit,
Freudlosigkeit, Interessenverlust, Stimmungstief bis hin zu Suizidalität, Konzentrations-
und Gedächtnisprobleme) bestünden Probleme im sozialen Kontakt mit
wiederkehrenden Konflikten, die bis zum Arbeitsplatzverlust führen könnten. Es seien
ein Schwarz-Weiss-Denken, eine Impulsivität sowie eine geringe Flexibilität im Denken
und Handeln vorhanden. Der Versicherte verstumme in schwierigen
zwischenmenschlichen Situationen oder in Leistungssituationen und er habe schon
mehrfach impulsive Durchbrüche erlebt. Aktuell sei die bisherige Tätigkeit nur in
geschütztem Rahmen zumutbar, zunächst eventuell auch in einem zeitlich reduzierten
Umfang (IV-act. 171). Im Austrittsbericht vom 24. Juli 2017 nannten die Behandelnden
der Psychiatrischen Klinik G._ als Diagnosen eine rezidivierende depressive Störung
(gegenwärtig mittelgradige Episode), kombinierte Persönlichkeitsstörungen mit
emotional instabilen und narzisstischen Anteilen, eine Agoraphobie mit anamnestisch
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorbekannter Panikstörung sowie eine nichtorganische Insomnie. Der Versicherte zeige
einen schwankenden Verlauf. Er habe sich zwar relativ rasch stabilisiert, was mit einer
Verminderung der chronisch hohen Anspannung und einer Verbesserung der
Stimmung einhergegangen sei. Allerdings präsentiere sich vor allem bei einer
Belastungssteigerung und dem Auftreten unvorhergesehener Stressoren im Alltag ein
weiterhin stark instabiles Zustandsbild mit starken Anspannungszuständen und
Stimmungsschwankungen. Als Hauptauffälligkeiten hätten sich neben der depressiven
Symptomatik deutliche Probleme im sozialen Kontakt gezeigt. Die Verdachtsdiagnose
einer Persönlichkeitsstörung habe sich erhärtet. Der Versicherte zeige eine stark
erhöhte Empfindlichkeit auf Kritik, eine leichte Kränkbarkeit und eine subtile Abwertung
anderer in Interaktionen. Er habe genügend psychische Stabilität erreicht, um den
Alltag zu meisten. Die Arbeitsfähigkeit sei bei Austritt allerdings 0 % gewesen. Der
Versicherte führe die klinikinterne Beschäftigung im geschützten Bereich weiter mit
Aussicht auf eine Anstellung in geschütztem Rahmen. Auch erfolge eine ambulante
psychotherapeutische Nachbehandlung (IV-act. 172). In einer Aktenbeurteilung vom 11.
August 2017 hielt der RAD fest, dass nicht ersichtlich sei, warum der Versicherte
zwingend auf den geschützten Rahmen angewiesen sei. Aus
versicherungspsychiatrischer Sicht sei aufgrund der medizinischen Unterlagen in einer
der Persönlichkeitsstruktur bzw. Persönlichkeitsstörung angepassten Tätigkeit von
einer vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen, wobei sich ein Einstieg mit einem Pensum
von 50 %, rasch steigerbar, empfehle. Sollten im weiteren Verlauf der beruflichen
Eingliederung Probleme auftreten, sei eine Begutachtung angezeigt (IV-act. 174).
Mit Mitteilung vom 6. Dezember 2017 gewährte die IV-Stelle dem Versicherten
eine berufsberaterische Abklärung (IV-act. 179). Mit Mitteilung vom 6. April 2018 sprach
sie ihm einen vom 1. Mai bis 31. Oktober 2018 dauernden Arbeitsversuch in der J._,
zu Beginn mit einem Pensum von 50 %, zu (IV-act. 190; zum Eingliederungsplan vgl.
IV-act. 187). Per 1. November 2018 konnte der Versicherte eine unbefristete Anstellung
als Allrounder in einem Pensum von 50 % bei der J._ antreten (vgl. IV-act. 196),
wobei die IV-Stelle mit Mitteilung vom 31. Januar 2019 für die Zeit vom 1. November
2018 bis 31. Januar 2019 Kostengutsprache für einen Einarbeitungszuschuss erteilte
(IV-act. 203; vgl. dazu auch IV-act. 199). Mit Mitteilung vom 20. Februar 2019
informierte die IV-Stelle den Versicherten darüber, dass kein Anspruch auf weitere
A.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berufliche Massnahmen bestehe, da er gemäss dem IV-Eingliederungsverantwortlichen
aktuell optimal im ersten Arbeitsmarkt eingegliedert sei (vgl. IV-act. 205; vgl. dazu auch
IV-act. 200-6).
In einem Verlaufsbericht der Psychiatrie K._ vom 3. Juli 2019 wurde geschildert,
dass es beim Versicherten anfangs 2018 phasenweise zu depressiven Einbrüchen,
jeweils abhängig von externen Auslösern und Belastungsfaktoren, gekommen sei.
Teilweise habe der Versicherte dann offenbar übermässig Alkohol konsumiert, wobei
sich auch in Phasen guter Stimmung eine Tendenz zu täglichem Alkoholkonsum von
1.5 bis 2 Litern Bier gezeigt habe. Im Frühling habe der Versicherte einen
Arbeitsversuch (...) begonnen, was zu einer psychischen Stabilisierung geführt habe.
Nach eigener Aussage sei der Versicherte seit ca. April 2018 alkoholabstinent. Ab ca.
Spätsommer 2018 sei eine deutliche Verbesserung eingetreten. Es sei zu einer
Festanstellung gekommen und die Psychotherapie sei per 28. November 2018
einvernehmlich abgeschlossen worden. Die Arbeitsfähigkeit sei nicht valide beurteilbar.
Aufgrund des bisherigen langjährigen Verlaufs und der Mehrfachdiagnosen sei mit
Rückfällen oder erneuten depressiven Krisen zu rechnen (IV-act. 212).
A.h.
Am 6. November 2019 erstattete Prof. Dr. med. L._, FMH Psychiatrie und
Psychotherapie, FMH Neurologie, M._ GmbH, im Auftrag der IV-Stelle ein
monodisziplinäres psychiatrisches Gutachten (IV-act. 220). Als Diagnose mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er eine rezidivierende depressive Störung
(im Verlauf mit mittelgradiger Ausprägung; gegenwärtig remittiert) und als Diagnose
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine Persönlichkeitsakzentuierung (IV-act.
220-57). Sodann kam Prof. L._ zum Schluss, dass die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
N._ nicht mehr zumutbar sei. In einer optimal angepassten Tätigkeit sei maximal ein
Arbeitspensum von 60 % in Bezug auf ein Pensum von 100 % zumutbar. Möglich seien
nur noch Tätigkeiten mit geringem zwischenmenschlichem Konfliktpotential ohne
Arbeiten mit erhöhter Verantwortung und erhöhtem Zeit- und Leistungsdruck
(Akkordarbeit). Auch Wechsel- oder Nachtschichten seien nicht leidensadaptiert. Die
aktuell im J._ ausgeübte Tätigkeit entspreche dem Zumutbarkeitsprofil, sodass der
Versicherte diese zu 60 % in Bezug auf ein Vollpensum ausüben könne. Die
psychiatrische Erkrankung habe ihren Beginn im Mai 2014 genommen. Seither gelte
die attestierte Arbeitsfähigkeit, wobei während der stationären und teilstationären
A.i.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Aufenthalte definitionsgemäss eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden habe (vgl.
IV-act. 220-65 f.). In einer Stellungnahme vom 8. November 2019 hielt der RAD fest,
dass das psychiatrische Gutachten von Prof. L._ formal und inhaltlich den
Konventionen entspreche, denen ein Gutachten zu genügen habe (vgl. IV-act. 223).
Nach einer interdisziplinären Fallbesprechung vom 26. Mai 2020 (vgl. IV-act. 224)
stellte die IV-Stelle dem Versicherten mit Vorbescheid vom 19. Juni 2020 die
Zusprache einer befristeten halben IV-Rente für die Zeit zwischen dem 1. Mai 2016 und
30. April 2018 sowie einer unbefristeten halben IV-Rente ab dem 1. November 2018 bei
einem Invaliditätsgrad von 51 % in Aussicht (IV-act. 228).
A.j.
Dagegen erhob die A._, bei welcher der Versicherte während seiner Anstellung
als N._ bei der O._ AG vom 1. November 2013 bis 30. November 2014
berufsvorsorgerechtlich versichert gewesen war (vgl. IV-act. 104-4 f., 106-1, 113-1 ff.,
120-1 und 130-2), am 22. September 2020, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. A.
Gnädinger, Einwand (IV-act. 241).
A.k.
Nach Einholung einer Stellungnahme ihres Rechtsdienstes (vgl. IV-act. 243) sprach
die IV-Stelle dem Versicherten mit Verfügung vom 23. Oktober 2020 für die Zeit ab dem
1. November 2020 eine halbe Invalidenrente zu (vgl. IV-act. 252; zum Beschluss vom
16. Oktober 2020 über die Invalidität vgl. IV-act. 248 f.). Mit Verfügung vom 17.
November 2020 sprach sie ihm die halbe Invalidenrente rückwirkend für die Zeit vom 1.
Mai 2016 bis 30. April 2018 sowie vom 1. November 2018 bis 31. Oktober 2020 zu (vgl.
IV-act. 258).
A.l.
Gegen diese Verfügungen erhob die A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin),
weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt Gnädinger, am 30. November 2020
Beschwerde (act. G 1). Sie beantragte, die Verfügungen der Vorinstanz vom 23.
Oktober und 17. November 2020 seien aufzuheben. Die Rentenberechtigung des
Versicherten sei zu verneinen. Eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zur
rechtskonformen Abklärung zurückzuweisen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
zulasten der Vorinstanz (act. G 1).
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Considerations:
Erwägungen
1.
Im vorliegenden Fall hat die Beschwerdeführerin ein schutzwürdiges Interesse an der
Aufhebung oder Abänderung der angefochtenen Verfügung, da diese für sie
hinsichtlich des festgelegten Invaliditätsgrades und des Beginns der einjährigen
Wartezeit nach Art. 28 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20) Bindungswirkung entfalten kann (vgl. Art. 59 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]; BGE 133 V
69 E. 4.3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 16. November 2018, 9C_431/2018, E. 3.2;
vgl. auch Ulrich Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 49 zu Art. 59). Sie ist
demnach zur Beschwerde legitimiert. Nachdem auch die übrigen
Prozessvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
Mit Schreiben vom 8. Dezember 2020 wurde der Versicherte (nachfolgend:
Beigeladener) seitens des Versicherungsgerichts als mitinteressierte Partei zum
Prozess beigeladen (act. G 2).
B.b.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 12. März 2021 beantragte die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
B.c.
In ihrer Replik vom 27. Mai 2021 hielt die Beschwerdeführerin an den in der
Beschwerde gestellten Anträgen fest (act. G 11).
B.d.
In ihrer Duplik vom 25. Juni 2021 hielt die Beschwerdegegnerin am in der
Beschwerdeantwort gestellten Antrag fest (act. G 13).
B.e.
Mit Schreiben vom 8. Juli 2021 stellte das Versicherungsgericht dem Beigeladenen
die Eingaben der anderen Parteien zu und gab ihm Gelegenheit zur Stellungnahme
unter Hinweis darauf, dass der vom Gericht zu fällende Entscheid ungeachtet einer
Beteiligung am Verfahren auch für ihn Rechtswirkung entfalten werde (act. G 14).
B.f.
Mit Schreiben vom 9. August 2021 beantragte der Beigeladene sinngemäss die
Abweisung der Beschwerde (vgl. act. G 15).
B.g.
In einer Stellungnahme vom 24. August 2021 hielt die Beschwerdeführerin
vollumfänglich an den bisherigen Vorbringen fest (act. G 17).
B.h.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Zwischen den Parteien umstritten und vorliegend zu prüfen ist der Rentenanspruch
des Beigeladenen gegenüber der Beschwerdegegnerin.
2.1.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art.
8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit wird in Art. 7 Abs. 1 ATSG als der
durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichen Arbeitsmarkt definiert. Die Invalidität ist grundsätzlich durch einen
Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen kann, in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Art. 16 ATSG).
2.2.
Um den Arbeitsfähigkeitsgrad bestimmen zu können, ist die Verwaltung - und im
Beschwerdefall das Gericht - auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es dabei, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Aussagen eine
wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen einer
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4; BGE 115 V 134 E. 2).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweis).
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Die Beschwerdegegnerin hat eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit des Beigeladenen in
leidensangepassten Tätigkeiten gestützt auf das aus ihrer Sicht beweiskräftige
Gutachten von Prof. L._ anerkannt und infolgedessen im Rahmen eines
Einkommensvergleichs einen Invaliditätsgrad von 51 % ermittelt (vgl. IV-act. 248 f.).
3.1.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, Prof. L._ habe keine nach dem
anerkannten Klassifikationssystem ausgewiesene Diagnose mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit gestellt. Er habe lediglich eine rezidivierende depressive Störung sowie
eine Persönlichkeitsakzentuierung diagnostiziert, wobei er die rezidivierende Störung
als vollständig remittiert bezeichnet habe. Bei der Diagnose einer
Persönlichkeitsakzentuierung handle es sich um eine Z-Diagnose, welcher keine
invalidisierende Wirkung beigemessen werden könne. Die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung habe Prof. L._ ausdrücklich verworfen. Rein spekulativ sei
Prof. L._ davon ausgegangen, dass beim Beigeladenen eine epigenetische
Umprogrammierung oder ein Alkoholabhängigkeitssyndrom vorliegen könnten. Reine
Spekulationen oder Verdachtsdiagnosen könnten jedoch nicht zur Annahme eines mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ausgewiesenen
Gesundheitsschadens gereichen. Bei der vorgebrachten epigenetischen
Umprogrammierung handle es sich nicht um eine Diagnose nach einem anerkannten
Klassifikationssystem. Im Übrigen sei der in der Kindheit des Beigeladenen
angenommene Stressor nicht fundiert abgeklärt worden. Prof. L._ habe sich
diesbezüglich lediglich auf die subjektiven Angaben des Beigeladenen gestützt und
diese keiner objektiven Prüfung unterzogen. Schliesslich fehle eine fundierte
Begründung dafür, weshalb die angeblich im Kindesalter ausgelöste
Umprogrammierung erst im Jahr 2014 aufgetreten sein sollte. Hinsichtlich der
möglichen Alkoholabhängigkeit habe Prof. L._ selber festgehalten, dass eine solche
nicht genügend abgeklärt worden sei. Die labortechnische Untersuchung habe sodann
zu keinen weiteren Abklärungen Anlass gegeben. Folglich sei auch eine
Alkoholabhängigkeit nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
erstellt (vgl. act. G 1 S. 11 ff.). Demnach fehle es an einem ausgewiesenen
Gesundheitsschaden, welcher zu einer Arbeitsunfähigkeit und infolgedessen zu einer
Invalidität führen könne. Die Annahme eines solchen setze nämlich eine fachärztlich auf
die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus.
Weiter ist die Beschwerdeführerin der Ansicht, dass selbst bei Annahme eines
Gesundheitsschadens keine Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen wäre. Weder Prof. L._
noch die Beschwerdegegnerin hätten sich eingehend dazu geäussert, weshalb
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorliegend eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % in leidensangepasster Tätigkeit vorliegen
sollte. Eine eingehende Ressourcenprüfung im Rahmen des zwingend
vorzunehmenden strukturierten Beweisverfahrens sei nicht durchgeführt worden. Bei
der Prüfung des funktionellen Schweregrades wäre unter anderem zu diskutieren
gewesen, dass nicht von einem austherapierten psychischen Leiden gesprochen
werden könne. Bezüglich Konsistenz wäre zu beachten, dass der Beigeladene keine
psychiatrische Therapie in Anspruch nehme, die medikamentöse Behandlung nicht als
ausgeschöpft gelten könne und er trotz angeblicher Alkoholprobleme nicht zu einer
entsprechenden Therapie motiviert sei (vgl. act. G 1 S. 16). Im Übrigen beschreibe der
Beigeladene eine wesentlich höhere Arbeitsfähigkeit, als sie von der
Beschwerdegegnerin angenommen werde. Nach seinen eigenen Aussagen arbeite er
im J._ fünf bis sechs Stunden pro Tag, ohne dabei eine Pause einzulegen. Daneben
besorge er den Haushalt und betreue drei Hunde. Die Einschätzung von Prof. L._,
wonach lediglich eine 60%ige Arbeitsfähigkeit vorliege, vermöge auch vor diesem
Hintergrund nicht zu überzeugen. Die Beschwerdegegnerin sei hinsichtlich des
Gutachtens ihrer Plausibilisierungs- und Kontrollpflicht nicht nachgekommen.
Zusammenfassend sei eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % nicht ausgewiesen (vgl. act. G
1 S. 15 f.).
Zwar ist es richtig, dass Prof. L._ in seinem psychiatrischen Gutachten als
Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit lediglich eine rezidivierende depressive
Störung aufgeführt hat, die er im Begutachtungszeitpunkt als remittiert bezeichnet hat
(vgl. IV-act. 220-57). Aus der im Zeitpunkt der Begutachtung festgestellten Remission
der depressiven Episode kann jedoch nicht geschlossen werden, dass fachärztlich
keine Gesundheitsschädigung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostiziert
worden sei. Eine rezidivierende depressive Störung zeichnet sich gerade durch einen
schwankenden Gesundheitsverlauf aus, sodass vorübergehende Remissionen nicht
ohne Weiteres mit vollständiger Genesung und uneingeschränkter Leistungsfähigkeit
gleichzusetzen sind. Prof. L._ hat der diagnostizierten Störung jedenfalls Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit beigemessen (vgl. IV-act. 220-57). Dazu passend ist auch im
Verlaufsbericht der Psychiatrie K._ vom 3. Juli 2019 festgehalten worden, dass
aufgrund des langjährigen Verlaufs und der Mehrfachdiagnosen mit Rückfällen oder
erneuten depressiven Krisen zu rechnen sei (vgl. IV-act. 212). Bereits im Bericht der
Tagesklinik der Psychiatrischen Klinik G._ vom 16. Dezember 2014 ist ausgeführt
worden, dass der Beigeladene ein stark schwankendes Zustandsbild zeige und sich
vor allem bei Stress und Belastungssteigerung starke Stimmungsschwankungen, eine
rasch auftretende negative kognitive Verarbeitungstendenz und impulsiv
einschiessende massive Suizidideen mit sehr schneller und konkreter
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Handlungsplanung präsentierten (IV-act. 124-3; vgl. ferner IV-act. 125-1). Im
Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik G._ vom 24. Juli 2017 ist ebenfalls
festgehalten worden, dass der Gesundheitszustand des Beigeladenen einen
schwankenden Verlauf zeige. Er habe sich zwar relativ rasch stabilisiert, was mit einer
Verminderung der chronisch hohen Anspannung und einer Verbesserung der
Stimmung einhergegangen sei, allerdings präsentiere sich vor allem bei einer
Belastungssteigerung und dem Auftreten unvorhergesehener Stressoren im Alltag ein
weiterhin stark instabiles Zustandsbild mit starken Anspannungszuständen und
Stimmungsschwankungen (vgl. IV-act. 172). Auch im Rahmen des IV-unterstützten
Eingliederungsprozesses haben sich eine psychische Labilität und ein schwankender
gesundheitlicher Verlauf gezeigt (vgl. dazu v.a. Sachverhalt A.e). So ist es
beispielsweise zu einem psychischen Einbruch mit erneuter Hospitalisation gekommen,
nachdem sich abgezeichnet hatte, dass sich für den Beigeladenen bei der Stiftung
H._ keine längere berufliche Perspektive ergeben würde (vgl. IV-act. 169 und 171 f.).
Prof. L._ hat in seinem Gutachten den Eingliederungsprozess eingehend dargelegt
(vgl. IV-act. 220-59 f.) und die arbeitspraktisch ermittelte Verringerung der Belastbarkeit
mit reduzierter Stress- und Frustrationstoleranz als nachvollziehbar bezeichnet, sich
den Mechanismus, wie es zu diesen handicapierenden Einschränkungen komme,
jedoch nicht genau erklären können (vgl. IV-act. 220-61). Dass er diese Unsicherheiten
offengelegt, gleichwohl aber mögliche Erklärungsansätze diskutiert hat (vgl. IV-act.
220-61 f.; vgl. auch IV-act. 220-55 ff., wo Prof. L._ differentialdiagnostisch an eine
verkappte Suchtproblematik gedacht hat), spricht gerade für die Glaubwürdigkeit der
gutachterlichen Einschätzung. Die Kritik der Beschwerdeführerin, wonach die
Erklärungsansätze spekulativ seien (vgl. act. G 1 S. 12 f.), geht somit fehl. Es ist für die
Invalidenversicherung als finale Versicherung letztlich auch nicht entscheidend, welche
genauen Ursachen einer ärztlich festgestellten gesundheitlichen Störung mit plausibel
begründeter Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zugrunde liegen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 5. August 2020, 8C_207/2020, E. 5.2.2 mit Hinweisen). Dass der
Beigeladene an Störungen auf dem psychiatrischen Fachgebiet mit Krankheitswert
leidet, hat Prof. L._ in seinem Gutachten unmissverständlich festgehalten. Er hat
erklärt, dass er von einer Minderung der psychischen Resilienz ausgehe mit einer auch
arbeitspraktisch nachgewiesenen Minderung der Belastbarkeit bei Stressintoleranz und
erhöhter Erschöpfbarkeit, die sekundär bei emotionaler Instabilität zu depressiven
Einbrüchen und maladaptivem und selbstschädigendem Verhalten führe. Infolge einer
Persönlichkeitsakzentuierung seien auch nachvollziehbare Schwierigkeiten im
interpersonellen Umgang beschrieben worden (vgl. IV-act. 220-63). Selbst wenn die
Diagnose "Persönlichkeitsakzentuierung" für sich allein möglicherweise keine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zeitigen würde, so kann sie zusammen mit anderen
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Befunden die psychische Stabilität und somit auch die Arbeitsfähigkeit gleichwohl
erheblich beeinträchtigen, worauf Prof. L._ auch unter Verweis auf die Feststellungen
der behandelnden Fachpersonen hingewiesen hat (vgl. dazu IV-act. 220-57). Diesem
Umstand trägt das in BGE 141 V 281 entwickelte strukturierte Beweisverfahren
Rechnung, indem es eine ergebnisoffene Gesamtbetrachtung der Leiden in
Berücksichtigung von Wechselwirkungen vorsieht und damit einer Aufteilung von
einzelnen Leiden, wie sie die Beschwerdeführerin andenkt (vgl. act. G 1 S. 12 f.),
grundsätzlich entgegensteht (vgl. BGE 143 V 430 E. 8.1). Nach dem strukturierten
Beweisverfahren beurteilt sich das Vorliegen einer rechtlich relevanten Arbeits- und
Erwerbsunfähigkeit anhand von systematisierten Indikatoren, die - unter
Berücksichtigung von leistungshindernden äusseren Belastungsfaktoren einerseits und
von Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits - erlauben, das tatsächlich
erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (vgl. BGE 141 V 281 und 143 V 418;
Urteil des Bundesgerichts vom 22. Juni 2018, 9C_680/2017, E. 5.1).
Entgegen den Ausführungen der Beschwerdeführerin hat sich Prof. L._ bei seiner
Beurteilung am vom Bundesgericht grundsätzlich für alle psychischen Erkrankungen
als anwendbar erklärten strukturierten Beweisverfahren (vgl. BGE 143 V 418) orientiert
und sich namentlich auch mit den Ressourcen sowie den Belastungsfaktoren des
Beigeladenen auseinandergesetzt (vgl. dazu namentlich IV-act. 220-63 f.). Was die von
der Beschwerdeführerin angesprochene Therapierbarkeit der Leiden betrifft (vgl. act. G
1 S. 16), ist festzuhalten, dass Prof. L._ das Störungsbild zwar noch als nicht
austherapiert eingestuft hat, gleichzeitig jedoch festgehalten hat, es könne nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit behauptet werden, dass eine weitere Therapie zu
einer Besserung des Störungsbildes beitragen werde (vgl. IV-act. 220-63). Im Übrigen
steht ein vorhandenes Verbesserungspotential in der medizinischen Behandlung dem
Eintritt einer rentenbegründenden Invalidität nach Ablauf des Wartejahres grundsätzlich
ohnehin nicht entgegen (vgl. BGE 143 V 414 ff. E. 4.4 f.; Urteile des Bundesgerichts
vom 15. Februar 2018, 9C_590/2017, E. 5.1, und vom 2. September 2014,
9C_395/2014, E. 4.5). Dass der Beigeladene zu einer Behandlung nicht motiviert wäre,
erschliesst sich aus der Aktenlage entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerin
nicht (vgl. act. G 1 S. 16). Vielmehr hat er sich bereits zweimal in stationäre Behandlung
(vgl. Sachverhalt A.c und A.f) sowie einmal in eine tagesklinische Behandlung begeben
(vgl. Sachverhalt A.c). Ausserdem hat er auch während langer Zeit an einer ambulanten
psychiatrischen Behandlung teilgenommen (vgl. IV-act. 166-6 f. und 212). Prof. L._
hat sodann ausgeführt, dass der Beigeladene behandlungs- und
eingliederungsanamnestisch compliant gewesen sei (vgl. IV-act. 220-62). Weiter hat
Prof. L._ festgehalten, dass keine Hinweise auf einen sekundären Krankheitsgewinn
3.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Gegen die von der Beschwerdegegnerin mittels Einkommensvergleichs
vorgenommene Berechnung des Invaliditätsgrades hat die Beschwerdeführerin, soweit
ersichtlich, keine Einwände vorgebracht (vgl. act. G 1 und 11). Die herangezogenen
Vergleichseinkommen sowie der errechnete Invaliditätsgrad von gerundet 51 % sind
denn auch nicht zu beanstanden (vgl. IV-act. 113-3, 227 f. und 248 f.). Gleiches gilt für
den unter Berücksichtigung des Wartejahres (vgl. Art. 28 IVG) und in Abstimmung mit
den erbrachten Taggeldzahlungen (vgl. dazu Art. 29 Abs. 2 IVG und IV-act. 134, 136,
141, 150, 152, 154, 187, 190 und 192) verfügten Anspruch auf eine halbe
Invalidenrente für die Zeit vom 1. Mai 2016 bis 30. April 2018 sowie auf eine
unbefristete halbe Invalidenrente ab dem 1. November 2018 (vgl. IV-act. 248 f., 252
und 258). Da vorliegend ein vor dem 1. Januar 2022 beginnender Rentenanspruch im
Streit liegt, finden die am gleichen Tag in Kraft getretenen Anpassungen im IVG sowie
in der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) keine Anwendung
oder eine Selbstlimitierung bestünden (vgl. IV-act. 220-62 f.). Schliesslich kann der
Beschwerdeführerin auch nicht gefolgt werden, wenn sie behauptet, der Beigeladene
habe eine wesentlich höhere Arbeitsfähigkeit beschrieben, als im Gutachten und von
der Beschwerdegegnerin angenommen worden sei; er führe auch noch den Haushalt
und kümmere sich um Hunde (vgl. act. G 1 S. 15 f.). Mit der Beschwerdegegnerin ist
davon auszugehen, dass kein Widerspruch darin zu erkennen ist, dass der Beigeladene
zwar seinen Haushalt führen und einem Hobby nachgehen kann, gleichzeitig aber nicht
in der Lage ist, ein Arbeitspensum von 100 % zu bewältigen. So ist er beim
Arbeitsprozess namentlich einem ganz anderen Druck ausgesetzt, als dies in der
Freizeit der Fall ist (vgl. die Ausführungen der Beschwerdegegnerin in act. G 7 S. 11).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die von der Beschwerdeführerin angeführten
Gründe der gutachterlich ermittelten Arbeitsunfähigkeit nicht entgegenstehen.
Das Gutachten von Prof. L._ beruht auf eigenen Abklärungen. Die medizinischen
Vorakten sowie die vom Beigeladenen beklagten Beschwerden sind darin beachtet
worden. Weiter bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche
Gesichtspunkte im Rahmen der Begutachtung nicht berücksichtigt worden wären (vgl.
IV-act. 220). Die ab dem Mai 2014 (abgesehen von stationären und teilstationären
Aufenthalten mit 100%iger Arbeitsunfähigkeit) attestierte 60%ige Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten leuchtet in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein (vgl. IV-act.
220-64 und 220-66 f.). Folglich ist es nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin für ihre Rentenberechnung darauf abgestellt hat.
3.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(siehe das Kreisschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen über Invalidität
und Rente in der Invalidenversicherung, gültig ab 1. Januar 2022, Rz. 9100 ff.).
5.