Decision ID: 7981f60c-0595-5b6b-9daf-c8ab47fcb87d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) Oktober 2015 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 2. Novem-
ber 2015 und der Anhörung vom 21. März 2016 mit Rückübersetzung vom
18. April 2016 machte er im Wesentlichen Folgendes geltend:
Er sei in B._ geboren und habe seit seinen Schuljahren in
C._ – beide in der Provinz Sulaimaniya und somit der Autonomen
Region Kurdistan (ARK, engl. KRG) – gewohnt. Bis auf (...), die in der
Schweiz lebe, sei seine ganze Familie und Verwandtschaft in der Provinz
Sulaimaniya wohnhaft. Sie hätten familiäre Probleme gehabt, da sein Vater
seine Mutter betrogen und sowohl sie als auch ihn und seine Geschwister
geschlagen und bedroht habe. Die Familie habe ihn daher verlassen und
die Mutter sich von ihm scheiden lassen, weshalb sein Bruder und er be-
reits früh für den Unterhalt der Familie hätten aufkommen müssen. Dafür
habe er parallel zum Schulbesuch begonnen, unter anderem für (...) zu
arbeiten. Durch seine Arbeit in dem (...) habe er viele einflussreiche Per-
sonen kennengelernt, wie etwa Journalisten, Schriftsteller und Lehrer, die
für die Organisation D._ tätig gewesen seien. Dadurch habe er sich
mit E._ angefreundet, der ihm erklärt habe, dass die Organisation
die Tätigkeit der Behörden beobachte sowie allfällige Korruptionsfälle me-
dial veröffentliche. Da er selbst unter der dort herrschenden Scharia gelit-
ten habe, habe er anerboten, sich freiwillig für die Organisation zu enga-
gieren. Zwanzig Tage danach habe er seinen ersten Auftrag erhalten, wo-
nach er in mehreren Parks habe prüfen müssen, ob die zu deren Erhaltung
bezahlten Gelder bestimmungsgemäss eingesetzt worden seien. Nach
zwei Aufträgen und einer familiär bedingten Pause habe er einen Korrupti-
onsfall betreffend (...) gemeldet. Diese habe sich bei der (...) beworben,
habe jedoch – wie viele andere qualifizierte Personen – keine Stelle be-
kommen. Stattdessen seien Personen ohne entsprechende Ausbildung
und Berufserfahrung eingestellt worden. Er habe sich daher erkundigt und
herausgefunden, dass der Direktor fünfzehn bis siebzehn Personen ange-
stellt habe, die fast alle mit ihm verwandt seien oder ihn bestochen hätten.
Darüber habe er die D._ informiert, welche ausserdem in Erfahrung
gebracht habe, dass die (...) Gelder veruntreut habe. Sie hätten den Direk-
tor daher angezeigt, woraufhin dieser verurteilt worden und nach
F._ geflohen sei. Die zu Unrecht eingestellten Personen seien alle-
samt entlassen worden. Diese hätten seinen Freund E._ ausfindig
gemacht und ihn geschlagen. Dieser habe daraufhin die Schuld auf ihn
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geschoben. Zwei der Personen seien in der Folge zu ihm gekommen und
hätten ihn nach dem Grund seines Handelns gefragt und ihm mit Rache
gedroht. Der Nachbar habe ihm gesagt, sollte er seine Tätigkeit nicht nie-
derlegen, würde bald die ganze Stadt über ihn sprechen wie über seinen
Vater, was ihn sehr verletzt habe. Aufgrund der Drohungen und der Krän-
kung habe er seine Aktivitäten für die D._ eingestellt und sei nach
B._ gegangen. Da die Drohungen fortgedauert hätten, habe ihn
seine Mutter aufgefordert, das Land zu verlassen, weshalb er am (...) 2015
ausgereist sei.
Als Beweismittel legte er seinen Reisepass, seine Identitätskarte, den Na-
tionalitätenausweis und den Führerauswies im Original, eine Kopie des
Scheidungsurteils seiner Eltern, eine Bestätigung der Organisation
D._ betreffend die Straftaten der (...) (Kopie mit Stempel) sowie
zwei Arbeitsbestätigungen des (...) und des (...), in welchem er gearbeitet
habe, zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 18. September 2017 verneinte die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte dessen Asylge-
such ab. Gleichzeitig ordnete sie seine Wegweisung aus der Schweiz und
den Vollzug an.
C.
Mit Beschwerde vom 19. Oktober 2017 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der seit Oktober 2017 durch den rubrizierten Rechtanwalt ver-
tretene Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei vom Vollzug der allfälligen
Wegweisung abzusehen und die vorläufige Aufnahme in der Schweiz an-
zuordnen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um die Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als unentgeltli-
chen Rechtsbeistand. Ferner ersuchte er das Gericht, die Mutter im Nord-
irak unauffällig zu den Bedrohungen zu befragen.
Der Beschwerde legte er zwei Anstellungsentscheide betreffend 16 Perso-
nen bei der (...) vom (...) 2015 als Kopie mit beglaubigten Übersetzungen
(BM 1 und 2), eine Bestätigung der Organisation D._ betreffend die
Vetternwirtschaft und Veruntreuung vom 29. März 2015 als Kopie und als
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weitere Kopie mit Originalstempel und Unterschrift sowie eine beglaubigte
Übersetzung (BM 3), zwei Vorladungen des Gerichtsrats der Kurdistan Re-
gion für den (...) 2016 als Kopie und als Kopie mit Unterschrift und Stempel
sowie beglaubigte Übersetzungen (BM 4 und 5), eine Erklärung von
G._ im Original und beglaubigter Übersetzung (BM 7), einen Haft-
befehl des Gerichtsrats der Kurdistan Region vom (...) als Kopie mit Stem-
pel und Unterschrift sowie einer beglaubigten Übersetzung (BM 8), die zu-
gehörigen Umschläge und Lieferscheine (BM 9 bis 11) sowie die Vollmacht
(BM 12) bei.
D.
Mit Verfügung vom 23. Oktober 2017 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde und stellte fest, dass der Beschwer-
deführer den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten
könne. Am selben Tag reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestä-
tigung des Kantons Luzern (BM 13) nach.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 30. November 2017 hiess die damals zustän-
dige Instruktionsrichterin des Bundesverwaltungsgerichts das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung
gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte den
rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein.
F.
Mit Schreiben vom 11. Juli 2018 reichte der Beschwerdeführer ein Arzt-
zeugnis in englischer Sprache im Original ein, welches die Verletzungen
belegen würde, die seine Mutter durch einen Angriff nach seiner Flucht er-
litten habe (inkl. Umschlag, BM 14 und 15).
G.
Mit Verfügung vom 7. Februar 2019 lud die neu zuständige Instruktions-
richterin die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. Die Vorinstanz kam dieser
Aufforderung mit Schreiben vom 14. Februar 2019 fristgerecht nach, wo-
raufhin die Instruktionsrichterin den Beschwerdeführer zur Replik einlud.
H.
Nach diversen Fristerstreckungen äusserte sich der Beschwerdeführer mit
Schreiben vom 22. Juli 2019 zur Vernehmlassung der Vorinstanz und
reichte weitere Dokumente ein (Wortlaut eines Fernsehberichts vom (...)
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2015 mit Übersetzung und Bildschirmfoto [BM 16], Ausweis 2019 der Über-
setzerin [BM 17], Ausdruck eines Zeitungsartikels vom (...) 2019 [BM 18],
Mitgliedsbestätigung der D._ vom 3. März 2019 mit Übersetzung
[BM 19], persönlicher Brief von E._ vom 3. März 2019 mit Überset-
zung [BM 20], psychiatrischer Bericht von Dr. H._ vom 6. März 2019
[BM 21], Brief der Mutter des Beschwerdeführers vom 9. März 2019 mit
Übersetzung [BM 22], Umschlag [BM 23]). Ausserdem beantragte er, der
Sachverhalt sei mit Hilfe der Schweizerischen Botschaft und die Men-
schenrechtssituation durch die Human Rights Watch (HRW) genau abzu-
klären.
I.
Am 7. August 2019 reichte der Rechtsvertreter eine Kostennote ein.
J.
Aufgrund der umfangreichen Replik mit zahlreichen Beilagen lud das Bun-
desverwaltungsgericht die Vorinstanz mit Verfügung vom 8. August 2019
erneut zur Stellungnahme ein. Dieser Einladung kam die Vorinstanz mit
Vernehmlassung vom 21. August 2019 nach. Daraufhin gewährte die In-
struktionsrichterin dem Beschwerdeführer das Recht zur Triplik, welches
dieser nach einer Fristerstreckung mit Schreiben vom 15. Oktober 2019
wahrnahm. Bei dieser Gelegenheit reichte er das Original eines am (...)
2018 angeblich gegen ihn ergangen Urteils mit beglaubigter Übersetzung
und Umschlag (BM 24 bis 26) zu den Akten. Der Rechtsvertreter legte
seine Kostennote vom 15. Oktober 2019 bei und beantragte erneut eine
eingehendere Abklärung des Sachverhalts.
K.
Aufgrund der erneuten Beibringung von Beweismitteln wurde die Vo-
rinstanz ein weiteres Mal zur Stellungnahme aufgefordert. Diese reichte sie
mit Schreiben vom 20. Dezember 2019 ein. Mit Quintuplik vom 21. Januar
2020 beantragte der Beschwerdeführer die Vornahme weiterer Abklärun-
gen. Dem Schreiben lag eine aktualisierte Kostennote bei.
L.
Am 1. Mai 2020 (Eingang 6. Mai 2020) leitete das SEM ein Schreiben des
Geschäftsleiters der I._ vom 29. April 2020 an das Bundesverwal-
tungsgericht weiter, wonach sich der Beschwerdeführer vorbildlich in der
Schweiz integriert habe und hervorragende Arbeit leiste.
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M.
Mit Instruktionsverfügung vom 27. Mai 2020 wies die Instruktionsrichterin
den Beschwerdeführer darauf hin, dass er gemäss dem ihn betreffenden
Eintrag im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) seit Septem-
ber 2018 für die I._ tätig sei, was Letztere mit Schreiben vom 29.
April 2019 bestätigt habe. Das Gericht gehe folglich davon aus, dass sich
seine finanziellen Verhältnisse verändert hätten und er nicht mehr bedürftig
sei. Zur Abklärung seiner Bedürftigkeit forderte die Instruktionsrichterin den
Beschwerdeführer auf, das Formular «Gesuch um unentgeltliche Rechts-
pflege» innert Frist ausgefüllt einzureichen. Dem kam der Beschwerdefüh-
rer am 30. Juni 2020 nach.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen wor-
den.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit
ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus
einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung
als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57
E. 2.5; 2010/44 E. 3.4).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz
aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden Probleme mit Privat-
personen betreffen. Die Behörden im Nordirak würden prinzipiell als
schutzwillig und schutzfähig eingestuft, weshalb davon auszugehen sei,
dass es ihm möglich gewesen wäre, bei den irakischen Behörden um
Schutz zu ersuchen. Diese Annahme werde dadurch gestützt, dass die (...)
im erwähnten Gerichtsverfahren von den Justizbehörden zur Rechenschaft
gezogen worden sei. Der Beschwerdeführer habe nicht plausibel erklären
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können, warum er die Vorfälle nicht gemeldet habe. Es sei daher nicht er-
sichtlich, weshalb diese Justizbehörden ihm nicht auch weiterhin Schutz
gewähren sollten. Ausserdem müssten hinreichende Anhaltspunkte für
eine konkrete Bedrohung vorliegen, die auf einer objektiven Betrachtungs-
weise und nicht auf dem subjektiven Empfinden des Betroffenen fussen
würden. Der Beschwerdeführer sei den Drohungen der zwei Personen
nachgekommen, indem er seine Tätigkeit niedergelegt habe, weshalb es
aus objektiver Sicht nicht wahrscheinlich sei, dass ihm aus den eher nie-
derschwelligen Drohungen asylrelevante Nachteile entstanden wären. Der
negative Einfluss des Vaters auf das Ansehen der Familie sei kein
Asylgrund gemäss Art. 3 AsylG und daher als asylirrelevant einzustufen.
4.2 Auf Beschwerdeebene macht der Beschwerdeführer geltend, die Situ-
ation sei heute etwas anders als im Zeitpunkt der Flucht. Er habe nicht nur
Probleme mit Privatpersonen. Die Behörden in seiner Heimatregion seien
nicht schutzwillig und schutzfähig gegenüber den schweren Bedrohungen,
welchen er ausgesetzt gewesen sei. Die Behördenmitglieder hätten sogar
gerne dabei zugesehen, als er bedroht worden sei, da sie die Entlassenen
gekannt hätten. Ausserdem sei der nach F._ geflohene ehemalige
Direktor der (...) inzwischen wieder in den Nordirak zurückgekehrt, wo er
wieder grosse Macht habe. Seine Familienmitglieder würden weiterhin
durch die Entlassenen und weiteren Angehörigen des ehemaligen Direk-
tors der (...) sowie durch Behördenmitglieder bedroht. Einmal seien Perso-
nen, von denen er nicht wisse, ob sie eine staatliche Funktion hätten oder
nicht, bei seiner Mutter aufgetaucht und hätten sie geschlagen und verletzt.
Einer der Entlassenen habe ihn bei der Polizei angezeigt, woraufhin er so-
wohl polizeilich als auch gerichtlich vorgeladen worden sei. Eine Kopie die-
ser Vorladungen sei seiner Verwandtschaft inzwischen zugestellt worden.
Sein Schwager sei danach zur Behörde gegangen und habe mit einem
Stempel auf den Kopien die Echtheit der Vorladungen bestätigen lassen.
Am (...) 2017 habe der Gerichtsrat der Kurdistan-Region einen Haftbefehl
gegen ihn ausgestellt. Aufgrund dieser Dokumente sei offensichtlich, dass
er in der ARK sowohl privat als auch staatlich verfolgt werde, ihm ein un-
rechtmässiges Verfahren und ein Freiheitsentzug, allenfalls auch die Hin-
richtung, drohe. Die Gefahr dauere daher trotz der Niederlegung seiner Tä-
tigkeit für die D._ weiterhin an. Der Präsident der D._ habe
sich brieflich bei ihm dafür entschuldigt, dass er nichts für ihn machen
könne.
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4.3 In ihrer Vernehmlassung vom 14. Februar 2019 stellte die Vorinstanz
fest, dass weiterhin davon auszugehen sei, dass die nordirakischen Behör-
den prinzipiell als schutzwillig und schutzfähig einzustufen seien. Der Um-
stand, dass die (...) und somit eben gerade diejenigen Personen, welche
als Verfolger dargestellt würden, von den Justizbehörden im Rahmen eines
Gerichtsverfahrens zur Rechenschaft gezogen worden seien, zeige den
Schutzwillen und die Schutzfähigkeit auf. Betreffend den geltend gemach-
ten Angriff auf die Mutter des Beschwerdeführers sei darauf hinzuweisen,
dass keine konkreten Hinweise vorliegen würden, aufgrund derer davon
auszugehen wäre, dass dieser Übergriff aus einem asylrechtlich relevan-
ten Motiv erfolgt sei, zumal konkrete Hinweise auf die Täterschaft oder zum
Tatmotiv fehlen würden. Den eingereichten Gerichtsakten komme einer-
seits lediglich ein geringer Beweiswert zu, andererseits vermöchten diese
keine asylrelevante Verfolgungssituation darzulegen. Das eröffnete Verfah-
ren untermauere die Einschätzung, wonach die Behörden im Nordirak als
schutzwillig und schutzfähig einzustufen seien. Es seien somit keine hin-
reichenden Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden.
4.4 In seiner Replik bemängelt der Beschwerdeführer, dass es nicht nach-
vollziehbar sei, dass die Vorinstanz trotz der eingereichten Dokumente und
der ergänzenden Ausführungen davon ausgehe, dass keine neuen erheb-
lichen Tatsachen vorliegen würden, und den Dokumenten nur einen gerin-
gen Beweiswert zuspreche. Auch Dokumente aus Kurdistan hätten einen
Beweiswert. Ausserdem sei die Menschenrechtslage in der ARK nicht so
gut, wie von der Vorinstanz behauptet, es könne nicht prinzipiell von der
Schutzfähigkeit und Schutzwilligkeit der nordirakischen Behörden ausge-
gangen werden. Es sei erneut darauf hinzuweisen, dass der ehemalige Di-
rektor der (...) in den Nordirak habe zurückkehren können und dass ein
Verfahren gegen ihn (den Beschwerdeführer) laufe, weshalb nicht nach-
vollziehbar sei, dass die Vorinstanz davon ausgehe, er könne sich an die
Behörden wenden. Das Arztzeugnis belege ausserdem den Knochen-
bruch, den die Mutter durch den Angriff erlitten habe, und die Depressio-
nen, an welchen sie seit seiner Aktivität für die D._ leide. Die Mutter
halte in einem Brief an ihn fest, dass sie nichts mehr für ihn tun könne, um
das Urteil zu ändern, was darauf schliessen lasse, dass inzwischen eine
Verurteilung gegen ihn ergangen sein müsse. E._, Organisations-
leiter der D._, halte in einem Schreiben vom 3. März 2019 fest, dass
er (der Beschwerdeführer) ein ehrenamtliches Mitglied der Organisation
gewesen sei, heute keine Verbindungen mehr zur Organisation pflege und
dass sie nichts für ihn tun könnten. In einem persönlichen Brief lege
E._ dar, dass die Mutter des Beschwerdeführers ihn zwei Mal um
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Hilfe gebeten habe und sie sehr unter der Situation leide. Ausserdem wür-
den die Machthaber im Nordirak über dem Gesetz stehen und sich an ihm
(dem Beschwerdeführer) rächen wollen. Aus einem Fernsehbericht über
den ehemaligen Direktor der (...) gehe hervor, dass dieser Verwandte an-
gestellt und Gelder veruntreut habe. Diese Verwandten hätten laut diesem
Bericht nach deren Entlassung gegen Parlamentarier und einen Beamten
der (...) sowie gegen einen TV-Sender Anzeige erstattet. Die Regierung
der ARK sei mit dem ehemaligen Direktor der (...) vernetzt, weshalb sie ihn
(den Beschwerdeführer) nicht beschützen würde.
4.5 Die Vorinstanz hält in ihrer Duplik fest, die neu eingereichten Doku-
mente seien nicht geeignet, neue und konkrete Hinweise auf eine Verfol-
gung im Sinne von Art. 3 AsylG zu liefern. Diese würden sich vornehmlich
auf die Vorkommnisse in Zusammenhang mit dem Leiter der (...) sowie der
Organisation D._ beziehen und vermöchten weder eine asylrele-
vante Verfolgungssituation noch eine besonders exponierte Rolle des Be-
schwerdeführers im Rahmen dieser Vorkommnisse zu belegen. Der Erklä-
rungsversuch des Beschwerdeführers betreffend seine angebliche Verur-
teilung vermöge nicht zu überzeugen, zumal davon auszugehen wäre,
dass er sich eingehend darum bemühen würde, zusätzliche Informationen
zu einer allfälligen Verurteilung einzuholen. Es sei somit nicht von einer
Verurteilung durch die heimatlichen Behörden auszugehen. Ungeachtet
dessen bleibe anzumerken, dass der Hinweis auf eine Anzeige / Verurtei-
lung alleine noch keine Verfolgung aus einem asylrelevanten Motiv zu be-
gründen vermöge. Vorliegend seien auch keine weiteren Abklärungen an-
gezeigt. Es sei nicht Aufgabe der entscheidenden Behörde, im Herkunfts-
staat nach potenziellen Verfolgungselementen zu forschen, welche selbst
vom Beschwerdeführer nicht als Fakten bestätigt oder belegt werden könn-
ten.
4.6 Der Beschwerdeführer hielt daraufhin in seiner Triplik fest, seine Ver-
wandten hätten zwischenzeitlich ein Exemplar des Urteils vom (...) 2018
erhältlich machen können, aus welchem hervorgehe, dass er in Abwesen-
heit – aber vertreten durch einen Rechtsanwalt – zu einer zweijährigen
Freiheitsstrafe verurteilt worden sei. Allenfalls handle es sich dabei nur um
eine Bestätigung eines früher ergangenen Urteils. Somit sei erstellt, dass
er im Nordirak in grosser Gefahr wäre, da er diese unberechtigte Strafe
absitzen und auch nach deren Vollzug mit Repressalien rechnen müsste.
4.7 In ihrer Quadruplik führt die Vorinstanz aus, dass aus dem eingereich-
ten Urteil keine asylrelevante Verfolgungsmassnahme abgeleitet werden
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Seite 11
könne. Den eingereichten Dokumenten seien keinerlei Begründungen oder
Argumente zu entnehmen, woraus sich ein asylrechtlich relevantes Verfol-
gungsinteresse ableiten liesse. Weiter könne den Dokumenten kein kon-
kretes Delikt des Beschwerdeführers entnommen werden. Zudem sei nicht
ersichtlich, ob die Strafe bedingt, unbedingt oder teilweise bedingt verfügt
worden sei. Des Weiteren falle auf, dass gemäss eingereichter Überset-
zung der Gerichtsdokumente unter Punkt 1 von einem rechtskräftigen Ur-
teil ausgegangen werden müsse, weiter unten jedoch auf ein Berufungs-
recht hingewiesen werde. Es sei demnach nicht ersichtlich, inwiefern dem
Beschwerdeführer aus dem eingereichten Urteil überhaupt unmittelbare
Konsequenzen erwachsen würden.
4.8 Dem entgegnete der Beschwerdeführer in seiner Quintuplik, indem er
ausführte, dass das eingereichte Urteil seine Verurteilung zu einer zweijäh-
rigen Freiheitsstrafe aufzeige. Er wisse nicht, ob im Nordirak auch be-
dingte, unbedingte und teilbedingte Strafen verfügt würden, dies müsse
von Amtes wegen abgeklärt werden. Das Urteil lege jedoch nahe, dass es
sich um eine unbedingte Strafe handle, da darin stehe, dass dieses voll-
streckt werden müsse und der Verurteilte verhaftet werden könne. Ein ers-
tes Lesen der Übersetzung könne zum Eindruck führen, dass Berufung
eingelegt werden könne, das Urteil aber rechtskräftig sei und vollstreckt
werden könne. Dies könne, müsse aber kein Widerspruch sein. Das Urteil
sei offenbar veröffentlicht worden, wobei im Zeitpunkt der Veröffentlichung
des Urteils – und vermutlich Eröffnung an den Rechtsvertreter – vermutlich
eine Rechtsmittelfrist zu laufen begonnen habe, welche inzwischen abge-
laufen sei. Er sei gemäss Urteil vertreten worden, habe aber nie Kontakt
gehabt zu diesem Rechtsvertreter. Es sei nicht ersichtlich, weshalb das
SEM ohne weitere Abklärungen und ohne detaillierte Stellungnahme da-
rauf schliessen könne, dass aufgrund dieses Urteils keine asylrelevante
Gefährdung vorliege. Er sei seiner Mitwirkungspflicht umfassend nachge-
kommen, weshalb es angemessen sei, von Amtes wegen weitere Abklä-
rungen zur Verfolgungssituation und dem Urteil zu tätigen. Die Menschen-
rechtslage habe sich im Nordirak seit letztem Herbst weiter verschlechtert.
5.
5.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
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Seite 12
werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeit-
punkt des Asylentscheids noch aktuell sein. Massgeblich für die Beurtei-
lung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entschei-
des, wobei die erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise beste-
hende begründete Furcht vor Verfolgung – im Sinne einer Regelvermutung
– auf eine andauernde Gefährdung hinweist. Veränderungen der Situation
zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der
asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2;
2009/51 E. 4.2.5; 2007/31 E. 5.2 f., je m.w.H.). Aufgrund der Subsidiarität
des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlings-
eigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Hei-
matland keinen adäquaten Schutz finden kann, weil dort keine Infrastruktur
besteht, die ihr Schutz bieten könnte (sog. Schutztheorie, vgl. BVGE
2011/51 E. 7, m.w.H.), oder weil der Staat ihr keinen Schutz gewährt, ob-
wohl er dazu in der Lage wäre (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.1 und E. 7.4
S. 1017 f. m.w.H.). Zudem besteht ein Schutzbedürfnis auch dann, wenn
die bestehende Schutzinfrastruktur der von Verfolgung betroffenen Person
nicht zugänglich ist oder ihr deren Inanspruchnahme aus individuellen
Gründen nicht zuzumuten ist. Über das Bestehen eines Schutzbedürfnis-
ses ist im Rahmen einer individuellen Einzelfallprüfung unter Berücksichti-
gung des länderspezifischen Kontextes zu befinden, wobei es den Asylbe-
hörden obliegt, die Effektivität des Schutzes vor Verfolgung im Heimatstaat
abzuklären und zu begründen (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.4 S. 1018 m.w.H.).
Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung im Heimatstaat ist als ausreichend
zu qualifizieren, wenn die betreffende Person effektiv Zugang zu einer
funktionierenden und effizienten Schutzinfrastruktur hat, unabhängig von
persönlichen Merkmalen wie Geschlecht oder Zugehörigkeit zu einer eth-
nischen oder religiösen Minderheit, und ihr die Inanspruchnahme eines sol-
chen innerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar ist (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.4 sowie statt vieler Urteil des BVGer E-2918/2018 vom
12. August 2019 E. 5.1).
5.2 Der Beschwerdeführer machte geltend, einmal von zwei der sechzehn
entlassenen Personen in der Stadt angehalten und bedroht worden zu
sein. Danach sei er jeweils über den Nachbarn bedroht worden. Diese
erste Begegnung ist gemäss eigener Darstellung des Beschwerdeführers
ohne Gewalt abgelaufen, selbst er habe diese Drohung nicht sehr ernst
genommen (vgl. A12 F117). Die Ausführungen zu den nachfolgenden Dro-
hungen via den Nachbarn sind – wie dies die Vorinstanz korrekt darlegt –
sehr oberflächlich und unsubstantiiert ausgefallen. Er sei auch nur auf
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Drängen seiner Mutter ausgereist (vgl. A12 F73 und F117). Darauf weist
auch seine Gewichtung der Vorbringen anlässlich des freien Berichts in der
Anhörung hin. Dort nimmt die Darstellung seiner privaten Probleme mit sei-
nem Vater einen viel grösseren Raum ein als die Probleme aufgrund seiner
Meldung des Korruptionsfalls an die D._ (vgl. A12 F67). Hinsichtlich
der gesundheitlichen Probleme der Mutter des Beschwerdeführers kann
auf die zutreffende Argumentation der Vorinstanz verwiesen werden. Dass
der ehemalige Leiter der (...) mit der Regierung der ARK vernetzt sein
solle, ist eine unbelegte Behauptung auf Beschwerdeebene. Auch die An-
gaben zu dessen Rückkehr bleiben vage und unsubstantiiert. Ein vom Be-
schwerdeführer aus einer subjektiven Perspektive wahrgenommenes Be-
drohungsgefühl reicht für sich alleine nicht aus, um eine asylrelevante
Furcht zu begründen. Objektiv gesehen mangelt es den Vorbringen des
Beschwerdeführers an der nötigen Intensität, um eine asylrelevante Ver-
folgung zu belegen. Der Vollständigkeit halber ist zudem darauf hinzuwei-
sen, dass die nordirakischen Sicherheitskräfte schutzfähig und -willig sind
(vgl. BVGE 2008/4 sowie Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-
3737/2015 vom 14. Dezember 2015 [als Referenzurteil publiziert]). Es ist
folglich nicht vom Vorliegen asylrelevanter Vorfluchtgründe auszugehen.
Aufgrund des beigebrachten Urteils vom (...) 2018 ist im Folgenden aber
zu prüfen, ob es dem Beschwerdeführer gelungen ist, allfällige objektive
Nachfluchtgründe darzutun.
5.3 Flüchtlingen wird nach Art. 54 AsylG kein Asyl gewährt, wenn sie erst
durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ih-
res Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG
wurden (subjektive Nachfluchtgründe). Stattdessen werden Personen, wel-
che subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen kön-
nen, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
Ist die Gefährdung demgegenüber aufgrund von äusseren, nach der Aus-
reise eingetretenen Umständen, auf die der Betreffende keinen Einfluss
nehmen konnte, entstanden, liegen objektive Nachfluchtgründe vor; in die-
sem Fall erfolgt kein Asylausschluss (vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
5.3.1 Art. 3 Abs. 2 AsylG konkretisiert den Begriff der ernsthaften Nach-
teile: Der Begriff umfasst Gefährdungen des Leibes, des Lebens oder der
Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck
bewirken. Der Beschwerdeführer macht geltend, zu Unrecht zu einer Haft-
strafe von zwei Jahren verurteilt worden zu sein. Dies würde klarerweise
eine "Gefährdung der Freiheit" und damit einen Nachteil im Sinne des Ge-
E-5986/2017
Seite 14
setzes darstellen. Aufgrund der Dauer der ausgesprochenen Freiheits-
strafe wäre auch von einer flüchtlingsrechtlich relevanten Intensität des
Nachteils und damit von der "Ernsthaftigkeit" der Nachteile auszugehen.
5.3.2 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Echtheit des eingereichten
Strafurteils zumindest anzuzweifeln ist, auch wenn es in seinen Kompo-
nenten und im formalen Aufbau mit vergleichbaren Dokumenten überein-
stimmt. Das Strafurteil gegen den Beschwerdeführer verweist auf Art. 433
Abs. 1 des irakischen Strafgesetzbuchs (Verleumdung) und soll in seiner
Abwesenheit ergangen sein. Dieses Vorgehen entspräche Art. 147 der ira-
kischen Strafprozessordnung (I-stopp, GJPI - Global Justice Project Iraq:
Amendments to Criminal Procedure Code No. 23 of 1971 in the Kurdistan
Region of Iraq, 21. September 2009, http://gjpi.org/2009/09/21/amend-
ments-to-criminal-procedure-code-no-23-of-1971-in-the-kurdistan-region-
of-iraq/ mit Link zur I-StPO, abgerufen am 8. Dezember 2020), welcher
vorsieht, dass ein Strafverfahren in Abwesenheit des Angeklagten stattfin-
det, wenn dieser flüchtig ist oder ohne rechtswesentliche Begründung vom
Prozess abwesend bleibt. Allerdings fällt auf, dass die Vorladungen des
Gerichtsrats der ARK bereits ein Jahr vor dem Asylentscheid des SEM er-
folgten, diese jedoch erst mit der Beschwerde vom 19. Oktober 2017 ins
Recht gelegt wurden (vgl. Beilage BM 4 und 5). Der eingereichte Haftbefehl
wurde nur wenige Tage nach dem negativen Asylentscheid ausgestellt ([...]
2017), und erst mit der Triplik vom 15. Oktober 2019 wurde schliesslich das
erwähnte Urteil zu den Akten gereicht, obwohl dieses bereits am (...) 2018
ergangen sein soll (vgl. BM 24). Ergänzende Dokumente sind immer erst
eingereicht worden, wenn das SEM die Echtheit oder Beweiskraft ange-
zweifelt und an seinem Entscheid festgehalten hat. Das Mosaik aus
Schwarzweisskopie, Farbkopie und Originalfarben in der beigebrachten
Vorladung (BM 4) sowie dem Haftbefehl (BM 8) lassen ebenfalls Zweifel
an deren Echtheit aufkommen. Dem eingereichten Urteil kann weder das
Geburtsdatum des Verurteilten noch ein Sachverhalt beziehungsweise
eine Begründung entnommen werden. Es ist daher nicht eruierbar, in wel-
chem Zusammenhang dieses Urteil steht und ob dieses zu Recht oder zu
Unrecht ergangen ist. Dass der Name des Klägers mit dem Namen einer
der Personen auf der eingereichten Liste des Anstellungsentscheids der
(...) (vgl. Beilage BM1 und 2) übereinstimmt, vermag daran nichts zu än-
dern, zumal es sich beim besagten Dokument lediglich um eine Kopie han-
delt, die keinerlei fälschungssichere Merkmale aufweist. Dazu kommt der
generell geringe Beweiswert entsprechender Dokumente, da diese käuflich
leicht erhältlich sind. Da der Beschwerdeführer selbst darlegt, während des
http://gjpi.org/2009/09/21/amendments-to-criminal-procedure-code-no-23-of-1971-in-the-kurdistan-region-of-iraq/ http://gjpi.org/2009/09/21/amendments-to-criminal-procedure-code-no-23-of-1971-in-the-kurdistan-region-of-iraq/ http://gjpi.org/2009/09/21/amendments-to-criminal-procedure-code-no-23-of-1971-in-the-kurdistan-region-of-iraq/
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Seite 15
Verfahrens in seiner Abwesenheit vertreten gewesen zu sein, ist nicht er-
sichtlich, weshalb über diesen Rechtsanwalt keine aussagekräftigeren Do-
kumente hätten erhältlich gemacht werden können. Unerklärlich ist auch,
dass der Beschwerdeführer als einziger verurteilt worden sein soll, obwohl
er den Fall nur der D._ gemeldet haben will und diese den ganzen
Prozess in Gang gebracht habe.
Wie nachfolgend aufgeführt, ist jedoch auch bei Annahme der Authenzitität
des Urteils nicht von einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsge-
fahr auszugehen.
5.3.3 Die Flucht vor einer rechtsstaatlich legitimen Strafverfolgung im Hei-
matland bildet grundsätzlich keinen Grund für die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft und für die Asylgewährung, zumal die irakischen Behör-
den ein legitimes Interesse daran haben, strafrechtlich relevante Taten zu
ahnden (vgl. BVGE 2011/10 E. 4.3 m.w.H.). Flüchtlingsrechtlich relevant ist
die Verurteilung des Beschwerdeführers nur, wenn es sich dabei nicht –
oder nur teilweise – um eine legitime Strafverfolgung handelt, die ihm dro-
henden ernsthaften Nachteile vielmehr vollständig oder in Form einer
Schlechterbehandlung einem flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungs-
motiv entspringen. So etwa, wenn die Strafnorm die Verfolgung einer Be-
völkerungsgruppe wegen unverzichtbarer äusserer oder innerer Merkmale
geradezu bezweckt, wenn einer Person eine gemeinrechtliche Tat unter-
geschoben wird, um sie wegen ihrer äusseren oder inneren Merkmale zu
verfolgen, oder wenn die Dauer oder Art der Strafe oder die prozessuale
Stellung des Täters, der ein gemeinrechtliches Delikt tatsächlich begangen
hat, aus einem solchen Motiv in bedeutender Weise erschwert wird. Eine
solche Erschwerung der Lage aus einem äusseren oder inneren Merkmal
(sog. Politmalus) ist insbesondere in drei Fällen anzunehmen: Erstens
wenn das Strafverfahren rechtsstaatlichen Ansprüchen klarerweise nicht
zu genügen vermag, zweitens, wenn der asylsuchenden Person in Form
der Strafe oder im Rahmen der Strafverbüssung eine Verletzung funda-
mentaler Menschenrechte, insbesondere Folter oder unmenschlicher Be-
handlung, droht, oder drittens, wenn die Strafe der betroffenen Person ge-
genüber anderen Straftätern erhöht wird (Malus im relativen Sinn) bezie-
hungsweise wenn die Strafe im Verhältnis zur Ernsthaftigkeit der konkreten
Tat per se unverhältnismässig hoch ausfällt und damit als exzessiv er-
scheint (Malus im absoluten Sinne). Auch in den letztgenannten Fällen liegt
jedoch nur dann eine für die Entstehung der Flüchtlingseigenschaft aus-
schlaggebende Verfolgung vor, wenn die unverhältnismässige Bestrafung
auf einer flüchtlingsrechtlich relevanten Motivation beruht (vgl. BVGE
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Seite 16
2013/25 E. 5.1 sowie BVGE 2014/28 E. 8.3). Berichte zur allgemeinen Si-
tuation im Nordirak zeigen aber, dass trotz der behaupteten Bemühungen
der irakischen Regierung, ihre nationalen und internationalen Menschen-
rechtsverpflichtungen zu erfüllen, und trotz relativer Verbesserungen der
Sicherheitslage der Schutz der Menschenrechte im Irak nach wie vor fragil
ist (vgl. UN Assistance Mission for Iraq (UNAMI), Report on Human Rights
in Iraq: July to December 2017, 8. Juli 2018, https://www.refworld.org/
docid/5b6afc544.html, S. 1; Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten
Nationen (UNHCR), UNHCR-Erwägungen zum Schutzbedarf von Perso-
nen, die aus dem Irak fliehen, Mai 2019, https://www.unhcr.org/dach/wp-
content/uploads/sites/27/2019/09/UNHCR_Schutzerwägungen_Irak_Mai_
2019-1.pdf, S. 35 f., beide abgerufen am 8. Dezember 2020, vgl. auch UN-
HCR-Erwägungen zum Schutzbedarf von Personen, die aus dem Irak flie-
hen, a.a.O. S. 53). Das Strafjustizsystem ist Berichten zufolge schwach
und erfüllt nicht die internationalen und nationalen rechtlichen Verpflichtun-
gen in Bezug auf Festnahmen, Inhaftierungen und die Standards hinsicht-
lich fairer Gerichtsverfahren (vgl. UNHCR-Erwägungen zum Schutzbedarf
von Personen, die aus dem Irak fliehen, a.a.O. S. 53).
Der Beschwerdeführer hat nachvollziehbar dargelegt, dass die Meldung
seines Verdachts der Vetternwirtschaft an die D._ zur Aufnahme ei-
nes grossen Korruptions- und Vetternwirtschaftsverfahrens gegen die (...)
und letztlich zu zahlreichen Entlassungen geführt hat. Dies zieht auch die
Vorinstanz nicht in Zweifel. Das Problem der weitverbreiteten Vetternwirt-
schaft und Korruption im Nordirak ist durchaus bekannt (vgl. etwa Michael
RUBIN [American Enterprise Institute AEI], The Continuing Problem of KRG
Corruption, in: Micheal M. Gunter, Routledge Handbook on the Kurds, 1.
Aufl. 2019, Kapitel 24).
Bei Annahme der Authentizität des Urteils wäre auch nicht völlig auszu-
schliessen, dass eine der sechzehn Personen tatsächlich zu Unrecht ent-
lassen worden ist, weshalb eine Anzeige gegen den Beschwerdeführer we-
gen Verleumdung nicht unberechtigt erscheinen muss. Um von einem Po-
litmalus auszugehen, liegen vorliegend aufgrund der zweijährigen Freiheit-
strafe jedoch keine handfesten Hinweise vor. Ausserdem ist dem Urteil –
wie bereits dargelegt – kein Zusammenhang zwischen der angeblichen
Verurteilung des Beschwerdeführers und der Anzeige seines Verdachts bei
der D._ zu entnehmen. Das Element der Illegitimität des Urteils auf-
grund einer flüchtlingsrechtlich relevanten Motivation ist in casu folglich
nicht gegeben beziehungsweise nicht in der notwendigen Intensität. Die
Frage, ob dem Beschwerdeführer die Straftat untergeschoben, die Strafe
https://www.refworld.org/docid/5b6afc544.html https://www.refworld.org/docid/5b6afc544.html https://www.unhcr.org/dach/wp-content/uploads/sites/27/2019/09/UNHCR_Schutzerwägungen_Irak_Mai_2019-1.pdf https://www.unhcr.org/dach/wp-content/uploads/sites/27/2019/09/UNHCR_Schutzerwägungen_Irak_Mai_2019-1.pdf https://www.unhcr.org/dach/wp-content/uploads/sites/27/2019/09/UNHCR_Schutzerwägungen_Irak_Mai_2019-1.pdf
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nicht verhältnismässig oder das Strafverfahren klarerweise rechtsstaatli-
chen Ansprüchen nicht genügte beziehungsweise im Rahmen der Strafver-
büssung eine Verletzung fundamentaler Menschenrechte droht, kann da-
her offen bleiben. Es ist somit nicht davon auszugehen, dass sich die Straf-
verfolgung des Beschwerdeführers auf ein flüchtlingsrechtlich relevantes
Motiv stützt.
5.3.4 Unter diesen Umständen besteht für das Gericht auch kein Anlass
zur Anordnung der auf Beschwerdeebene beantragten Abklärungen bei der
Schweizerischen Botschaft und dem HRW im Heimatstaat des Beschwer-
deführers sowie der Befragung seiner Mutter. Die entsprechenden Anträge
sind abzuweisen.
5.4 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asylgesuch zu Recht abge-
lehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Ist der Wegweisungsvollzug nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht mög-
lich, regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen
Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über
die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich der Gel-
tendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss ständi-
ger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn
der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu ma-
chen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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Seite 18
8.
8.1 Die Vorinstanz führte betreffend den Vollzug der Wegweisung aus, es
würden keine Anhaltspunkte vorliegen, wonach dem Beschwerdeführer im
Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Er
stamme aus einer der vier von der kurdischen Regionalregierung kontrol-
lierten nordirakischen Provinzen, wo nicht generell von einer konkreten Ge-
fährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG für die einheimische kurdische
Bevölkerung gesprochen werden könne. Zudem würden im vorliegenden
Fall auch keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs sprechen. Seine Familie halte sich nach wie vor in
C._ auf, weitere Onkel seien in B._. Er verfüge folglich über
ein Beziehungsnetz, das ihn bei seiner Rückkehr empfangen und bei der
Wiedereingliederung unterstützen könne. Des Weiteren verfüge er über
eine Schulbildung und sei bereits an mehreren Orten arbeitstätig gewesen.
Es könne deshalb angenommen werden, dass er sich erneut Zugang zum
Arbeitsmarkt verschaffen könne und in der Lage sein werde, für seinen Le-
bensunterhalt selbständig aufzukommen, wobei er notfalls auf die Unter-
stützung seiner Familie zählen könne. Im Übrigen sei er ein alleinstehen-
der, junger Mann bei guter körperlicher Gesundheit. Der Wegweisungsvoll-
zug sei daher zulässig, zumutbar und möglich.
8.2 Der Beschwerdeführer machte geltend, dass ihm bei einem Wegwei-
sungsvollzug eine konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG
drohen würde, da sich die Situation nach dem Referendum vom Septem-
ber 2017 verschlechtert habe. Ausserdem müsse jederzeit mit kriegeri-
schen Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran gerechnet
werden.
9.
9.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AuG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein
Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr
läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
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Seite 19
Strafe (FoK, SR 0.105) und Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950
zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101)
darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe
oder Behandlung unterworfen werden.
9.1.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend
darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement
nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.).
9.1.2 Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in der Autonomen Re-
gion Kurdistan (ARK) lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen. Bereits in BVGE 2008/5 hatte das
Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass der Vollzug der Wegweisung
eines Kurden in dieses Gebiet nicht generell unzulässig sei und hat diese
Einschätzung seither beibehalten (vgl. etwa das Urteil des BVGer
E-5757/2017 vom 13. Juli 2020 E. 8.2.4).
9.1.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, ihm drohe bei einer Rückkehr
in sein Heimatland eine zweijährige Haftstrafe unter unmenschlichen Be-
dingungen, weshalb der Vollzug seiner Wegweisung in sein Heimatland
gegen Art. 3 EMRK verstossen würde. Das Gericht hat zu prüfen, ob es
eine unmenschliche oder erniedrigende Strafe im Sinne von Art. 3 EMRK
darstellen würde, müsste der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in sein
E-5986/2017
Seite 20
Heimatland tatsächlich die geltend gemachte Freiheitsstrafe von zwei Jah-
ren verbüssen.
Art. 3 EMRK enthält ein absolutes Verbot von Folter sowie von unmensch-
licher und erniedrigender Strafe oder Behandlung. Damit eine Strafe als
unmenschlich oder erniedrigend zu bezeichnen ist, muss das Leiden oder
die Erniedrigung, die mit der Strafe einhergehen, über das Ausmass hin-
ausgehen, mit dem strafrechtlich legitime Bestrafungen zwangsläufig ein-
hergehen (Urteil des EGMR Soering gegen das Vereinigte Königreicht vom
7. Juli 1989, 14038/88, § 101). In die Beurteilung, ob dieses Mindestmass
an Schwere erreicht ist, müssen alle relevanten Umstände des Einzelfalles
einbezogen werden, insbesondere die Art und die Umstände der Behand-
lung oder Strafe, die Art und Weise ihrer Ausführung, ihre Dauer, deren
physische und psychische Auswirkungen und in gewissen Fällen das Ge-
schlecht, das Alter und der Gesundheitszustand der betroffenen Person
(Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte [EGMR] Soe-
ring gegen das Vereinigte Königreicht vom 7. Juli 1989, 14038/88, § 100,
m.w.H.).
Nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts sind die Bedin-
gungen in den staatlichen Gefängnissen des Nordiraks grundsätzlich ge-
nügend. Auch Unterkunft und Essen sind zufriedenstellend. Hingegen sind
die Gefängnisse teilweise überfüllt und die Hygienestandards werden nicht
immer eingehalten. Vorwürfe von Misshandlungen sind jedoch selten (vgl.
USDOS – US Departement of State, 2019 Country Reports on Human
Rights Practices: Iraq, https://www.state.gov/reports/2019-country-reports-
on-human-rights-practices/, EASO, Informationsbericht über das Her-
kunftsland – Irak, Akteure, die Schutz bieten können, S. 70,
https://www.ecoi.net/en/file/local/2009867/2019_03_EASO_Actors_of_
Protection_DE.pdf, alle abgerufen am 8. Dezember 2020). Damit muss
nicht davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr in sein Heimatland – bei Wahrunterstellung der Authentizität des
Urteils vom (...) 2018 – aufgrund der Haftbedingungen seines zweijährigen
Freiheitsentzugs einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung
ausgesetzt wäre.
9.1.4 Nach der Rechtsprechung des EGMR verstösst die Rückführung ei-
ner Person in ihr Heimatland auch gegen Art. 3 EMRK, wenn ihr dort eine
deutlich unverhältnismässige Strafe droht ("grossly disproportionate sen-
tence", "peine nettement disproportionnée"), dies obwohl die Angemessen-
heit von Strafen grundsätzlich nicht in den Schutzbereich der EMRK fällt.
https://www.ecoi.net/en/file/local/2009867/2019_03_EASO_Actors_of_Protection_DE.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2009867/2019_03_EASO_Actors_of_Protection_DE.pdf
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Seite 21
Die Schwelle für die Annahme einer solchen deutlichen Unverhältnismäs-
sigkeit der Strafe liegt jedoch hoch, so dass diese nur in seltenen und ein-
zigartigen Konstellationen überschritten ist, was nur in sehr aussergewöhn-
lichen Fällen der Fall ist und daher in casu nicht in Frage kommt.
9.1.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.2.1 Im Urteil BVGE 2008/5 hat sich das Bundesverwaltungsgericht ein-
lässlich mit der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die
drei damaligen kurdischen Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil und Su-
leimania) auseinandergesetzt. Es hielt diesbezüglich fest, dass sich sowohl
die Sicherheits- als auch die Menschenrechtslage in dieser Region im Ver-
hältnis zum restlichen Irak relativ gut darstelle. Gestützt auf die vorgenom-
mene Lageanalyse kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass
ein Wegweisungsvollzug in die kurdischen Provinzen dann zumutbar ist,
wenn die betreffende Person ursprünglich aus der Region stammt, oder
eine längere Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz (Familie, Ver-
wandtschaft oder Bekanntenkreis) oder aber über Beziehungen zu den
herrschenden Parteien verfügt, wobei bei alleinstehenden Frauen, Fami-
lien mit Kindern, Kranken sowie Betagten grosse Zurückhaltung ange-
bracht sei (vgl. E. 7.5, insbesondere E. 7.5.1 und 7.5.8). Diese Praxis
wurde in den folgenden Jahren durch das Bundesverwaltungsgericht be-
kräftigt. Im Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 wurde die
Lage im Nordirak und die Zumutbarkeitspraxis neuerlich überprüft. Festge-
stellt wurde, dass in den vier Provinzen der ARK aktuell nach wie vor nicht
von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG
auszugehen ist. An dieser Einschätzung, welche jeweils auf die aktuell
herrschende Lage fokussiert, ändert auch das am 25. September 2017 in
der ARK durchgeführte Referendum nichts, in dem offenbar eine Mehrheit
der Kurden für die Unabhängigkeit vom Irak votierte. Den begünstigenden
individuellen Faktoren – insbesondere denjenigen eines tragfähigen fami-
liären Beziehungsnetzes – ist angesichts der Belastung der behördlichen
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Seite 22
Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene (Internally Displaced Per-
sons [IDPs]) gleichwohl ein besonderes Gewicht beizumessen (vgl. E.
7.4.5 und aktuell etwa das Urteil des BVGer E-5757/2017 vom 13. Juli
2020 E. 8.3.2).
9.2.2 Der Beschwerdeführer stammt aus C._, der ARK-Region, wo
er bis kurz vor seiner Ausreise gelebt hat. Wie sich aus den Akten ergibt,
lebt auch seine Familie noch in dieser Region (vgl. A12 F8 ff.). Vor diesem
Hintergrund ist von einem tragfähigen familiären Beziehungsnetz sowie ei-
ner gesicherten Wohnsituation auszugehen. In diesem Zusammenhang
kann auf die ausführlichen und überzeugenden Erwägungen des SEM ver-
wiesen werden. Wie erwähnt steht es dem Beschwerdeführer zudem offen,
sich bei allfälligen Problemen an die örtlichen Sicherheitskräfte zu wenden.
Gesundheitliche Probleme, die dem Vollzug entgegenstehen könnten, ge-
hen aus den Akten nicht hervor. Auch in finanzieller Hinsicht ist davon aus-
zugehen, dass die Existenz des Beschwerdeführers bei einer Rückkehr
gesichert ist. Der Beschwerdeführer schloss die Maturität ab und arbeitete
bereits an diversen Orten und trug so wesentlich zum Unterhalt der Familie
bei (vgl. A12 F20, F32, F37, F39 ff. und F67 ff.).
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung insgesamt
als zumutbar.
9.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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Seite 23
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens wären dem Be-
schwerdeführer die Verfahrenskosten aufzuerlegen (vgl. Art. 2 und 3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16
Abs. 1 Bst. a VGG). Indessen wurde der mit der Beschwerdeschrift ge-
stellte Antrag auf unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 30. November 2017 gutgeheis-
sen. Aufgrund der zwischenzeitlich aktenkundig gewordenen Erwerbstätig-
keit des Beschwerdeführers wurde dieser mit Zwischenverfügung vom
27. Mai 2020 aufgefordert, dem Gericht eine aktuelle Fürsorgebestätigung
beziehungsweise das Formular „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“
einzureichen. Mit Eingabe vom 30. Juni 2020 bestätigte dieser die Er-
werbstätigkeit und legte sein monatliches Einkommen seinen Auslagen ge-
genüber. Gemäss dieser Zusammenstellung ist nach wie vor von der pro-
zessualen Mittellosigkeit des Beschwerdeführers auszugehen.
11.2 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
ebenfalls mit verfahrensleitender Verfügung vom 30. November 2017 als
amtlicher Rechtsbeistand im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG bei-
geordnet worden ist, ist er für seinen Aufwand unbesehen des Ausgangs
des Verfahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwendig war
(vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreter hat in seiner
Kostennote datierend vom 21. Januar 2020 einen Aufwand von 23.2 Stun-
den (6.7h bis Ende 2017 und 16.5h ab 2018) zu einem Stundenansatz von
Fr. 220.– sowie zusätzliche Auslagen von Fr. 94.– (Fr. 29.– bis Ende 2017
und Fr. 65.– ab 2018), somit Gesamtkosten von total Fr. 5'594.80 ausge-
wiesen. Bei amtlicher Vertretung wird praxisgemäss von einem Ansatz von
Fr. 220.– für anwaltliche Vertreter ausgegangen (vgl. Urteil des BVGer E-
2879/2014 vom 16. November 2015). Der geltend gemachte zeitliche Auf-
wand ab dem Jahr 2018 erscheint angesichts der zahlreichen Wiederho-
lungen in den Ausführungen und der konkreten Verfahrensumstände als zu
hoch. Es sind anstatt der geltend gemachten 16.5 lediglich 10 Stunden zu
vergüten. Das vom Bundesverwaltungsgericht auszurichtende Honorar be-
läuft sich damit auf einen Betrag von Fr. 4'063.– (inkl. Auslagen und Mehr-
wertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE).
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E-5986/2017
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