Decision ID: 5a3d1c9a-f559-44e0-86fd-12cfa60a469b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 13. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl
nach (Akten der Vorinstanz 1175503 / N 779750 [SEM-act.]1).
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Euro-
dac"-Datenbank ergab Treffer für Bulgarien (Datum des Aufgreifens nach
illegaler Einreise: 10. März 2022, Datum des Asylgesuchs: 31. März 2022)
und Kroatien (Datum des Aufgreifens nach illegaler Einreise: 3. Juni 2022,
Datum des Asylgesuchs: 3. Juni 2022) (SEM-act. 8).
C.
Am 30. Juni 2022 fand das persönlichen Gespräch nach Art. 5 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO, ABl. L 180/31
vom 29.6.2013) statt (nachfolgend auch: Dublin-Gespräch).
Dem Beschwerdeführer wurde die Gelegenheit gegeben, sich zu einem
allfälligen Nichteintretensentscheid, zur möglichen Überstellung nach Bul-
garien beziehungsweise Kroatien und zu seinem Gesundheitszustand zu
äussern. Die Sachverhaltsaufnahme zu den einzelnen Punkten (rechtli-
ches Gehör Bulgarien, rechtliches Gehör Kroatien und medizinischer
Sachverhalt) wurde jedoch aus Zeitgründen jeweils abgebrochen und die
beim Gespräch anwesende Rechtsvertretung des Beschwerdeführers auf
die Möglichkeit einer schriftlichen Ergänzung hingewiesen.
D.
Mit zwei Eingaben vom 30. Juni 2022 und 14. Juli 2002 ergänzte die
Rechtsvertretung die Ausführungen des Beschwerdeführers anlässlich des
persönlichen Dublin-Gesprächs (SEM-act. 20, 25).
E.
Am 7. Juli 2022 gelangte die Vorinstanz an die kroatischen und bulgari-
schen Behörden und ersuchte gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-
VO um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers (SEM-act.21, 23).
Die kroatischen Behörden, bei denen der Beschwerdeführer mit dem Ge-
burtsdatum 1. Januar 1999 registriert ist, lehnten das Gesuch am 21. Juli
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2022 ab. Zur Begründung führten sie aus, das kroatische Zuständigkeits-
prüfungsverfahren sei nach wie vor hängig. Der Fall werde pendent gehal-
ten und die Vorinstanz sobald als möglich über den Ausgang des Verfah-
rens orientiert (SEM-act. 26).
Die bulgarischen Behörden stimmten dem Wiederaufnahmegesuch am
21. Juli 2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO zu. Die Vor-
instanz wurde bei gleicher Gelegenheit darüber informiert, dass der Be-
schwerdeführer in Bulgarien als Z._, am (...) 1996 geborener ma-
rokkanischer Staatangehöriger, registriert sei (SEM-act. 27).
F.
Mit Verfügung vom 26. September 2022 (eröffnet am 30. September 2022)
trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR
142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte
dessen Wegweisung nach Bulgarien und forderte ihn auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte
sie die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, dass
einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende
Wirkung zukomme (SEM-act. 31).
G.
Mit Beschwerde vom 7. Oktober 2022 gelangte der Beschwerdeführer an
das Bundesverwaltungsgericht (Akten des BVGer [Rek-act.] 1).
In der Sache beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung und das Eintreten auf sein Asylgesuch, eventualiter
die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks Neubeurteilung. In
prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege mit Verzicht auf die Erhebung von Verfahrenskosten und ins-
besondere eines Kostenvorschusses, ferner um Gewährung der aufschie-
benden Wirkung mit entsprechender Anweisung an die Adresse der kanto-
nalen Behörden und schliesslich um superprovisorische Aussetzung des
Wegweisungsvollzugs.
H.
In einer Zwischenverfügung vom 10. Oktober 2022 setzte das Bundesver-
waltungsgericht den Vollzug der Überstellung in Anwendung von Art. 56
VwVG superprovisorisch aus (Rek-act.2).
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Seite 4
I.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Oktober 2022 gewährte der Instruktions-
richter der Beschwerde antragsgemäss die aufschiebende Wirkung, hiess
das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gut
und teilte mit, dass über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung zu einem späteren Zeitpunkt befunden werde (Rek-act. 3).
J.
Mit Vernehmlassung vom 26. Oktober 2022 beantragte die Vorinstanz die
Abweisung der Beschwerde (Rek-act. 5).
K.
Der Beschwerdeführer hielt mit Replik vom 18. November 2022 an seinem
Rechtsmittel fest (Rek-act. 7).
L.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit erheblich, in den Erwägungen
eingegangen.

Considerations:
Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 ff. VGG ist das Bun-
desverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet
des Asyls zuständig und entscheidet in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3. Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
daher einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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Seite 5
3.
Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe seinen Anspruch auf
rechtliches Gehör verletzt, indem sie das Dublin-Gespräch vorzeitig abge-
brochen (vgl. oben Prozessgeschichte Bst. C) und es auf Paschtu geführt
habe, einer Sprache, die er nicht vollständig beherrsche.
3.1. Das aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör fliessende Recht auf
vorgängige Anhörung (Art. 29 VwVG) wird im Verfahren auf Bestimmung
des nach Massgabe der Dublin-III-VO zuständigen Mitgliedstaates im Rah-
men eines persönlichen Gesprächs nach Art. 5 Dublin-III-VO ausgeübt.
Denn dieses dient nicht nur der Ermittlung des für die Zuständigkeitsbe-
stimmung erheblichen Sachverhalts, sondern soll der antragstellenden
Person die Möglichkeit geben, allfällige Einwände gegen die Zuständigkeit
dieses Mitgliedstaates als solche und gegen die Überstellung dorthin vor-
zutragen (vgl. dazu BVGE 2017 VI/5 E. 7.2; vgl. auch Urteile des BVGer
F-3788/2022 vom 20. September 2022 E. 3.4.2 und F-2619/2022 vom
24. Juni 2022 E. 5.3 m.H.).
3.2. Das persönliche Gespräch nach Art. 5 Dublin-III-VO ist grundsätzlich
in Form einer persönlichen Anhörung durchzuführen, auf die unter Vorbe-
halt der in seinem Abs. 2 genannten Ausnahmetatbestände nicht verzichtet
und die nicht durch eine schriftliche Stellungnahme ersetzt werden kann
(Urteile F-3788/2022 E. 3.4.2; F-2619/2022 E. 5.3 m.H.; anders Urteil des
BVGer D-3233/2021 vom 21. Juli 2021 E. 4.3). Das persönliche Gespräch
hat zeitnah, in jedem Fall aber vor dem Entscheid über die Überstellung
des Antragstellers in den zuständigen Mitgliedstaat stattzufinden (Abs. 3).
Es ist in einer Sprache abzuhalten, welche die antragstellende Person ver-
steht oder von der vernünftigerweise angenommen werden darf, dass sie
sie versteht und in der sie sich verständigen kann. Erforderlichenfalls ist
ein Dolmetscher beiziehen (Abs. 4). Auf ein persönliches Gespräch kann
verzichtet werden, wenn die antragstellende Person flüchtig ist (Abs. 2
Bst. a), oder wenn sie die sachdienlichen Angaben bereits gemacht hat,
sodass der zuständige Mitgliedstaat auf andere Weise bestimmt werden
kann. Im letzteren Fall gibt der Mitgliedstaat, der auf das Gespräch verzich-
tet, dem Antragsteller Gelegenheit, alle weiteren sachdienstlichen Informa-
tionen vorzulegen, bevor eine Entscheidung über seine Überstellung in den
zuständigen Mitgliedstaat ergeht (Abs. 2 Bst. b).
3.3. Der Verzicht auf die Durchführung eines persönlichen Gesprächs,
ohne dass einer der in Art. 5 Abs. 2 Bst. b Dublin-III-VO genannten Tatbe-
stände erfüllt wäre, ist rechtsprechungsgemäss als schwerwiegende Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs zu werten. Da das persönliche Gespräch,
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Seite 6
wie oben ausgeführt, nicht durch eine schriftliche Stellungnahme der an-
tragstellenden Person ersetzt werden kann, wird die Gehörsverletzung
auch nicht dadurch geheilt, dass die antragstellende Person die Möglich-
keit zur schriftlichen Äusserung gegenüber dem SEM erhält (davon wird im
Urteil D-3233/2021 noch ausgegangen). Dazu müsste das persönliche Ge-
spräch nachgeholt werden. Dieselbe Feststellung gilt für das Rechtsmittel-
verfahren, wobei hier einer Heilung der Gehörsverletzung zusätzlich die
eingeschränkte Kognition des Bundesverwaltungsgerichts entgegensteht.
Als Folge der Gehörsverletzung ist die angefochtene Verfügung ungeach-
tet der Verfahrensaussichten in der Sache zu kassieren (vgl. Urteile
F-3788/2022 E. 3.4.4, F-2619/2022 E. 5.7 m.H.; Urteil des BVGer
F-5279/2020 vom 11. Februar 2021 E. 5.4 und E. 6).
3.4. Diese skizzierte Rechtsprechung ist auf die vorliegende Streitsache
nicht übertragbar. Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass ein persönliches
Gespräch nach Art. 5 Dublin-III-VO zu allen für die Zuständigkeitsbestim-
mung relevanten Punkten durchgeführt wurde, die befragende Person je-
doch die Anhörung zu einzelnen Punkten aus Zeitgründen jeweils unter-
brach, die antragstellende Person auf die Möglichkeit einer schriftlichen Er-
gänzung hinwies und die Anhörung zu anderen Punkten fortsetzte. Es liegt
auf der Hand, dass die Gesprächsleitung die Möglichkeit zu einem solchen
Vorgehen haben muss, wenn sie rechtsfehlerfrei zur Überzeugung gelangt,
dass der für die Zuständigkeitsbestimmung erhebliche Sachverhalt ausrei-
chend erhoben wurde und die antragstellende Person genügend Gelegen-
heit hatte, sich zur Sache zu äussern. Die Situation ist mit der in Art. 5 Abs.
2 Bst. b Dublin-III-VO geregelten Konstellation wertungsmässig vergleich-
bar, in der kein persönliches Gespräch durchgeführt werden muss, wenn
die antragstellende Person die sachdienlichen Angaben bereits gemacht
hat, sodass der zuständige Mitgliedstaat auf andere Weise ermittelt werden
kann, und ihr die Möglichkeit eingeräumt wird, alle weiteren sachdienstli-
chen Informationen vorzulegen, bevor eine Entscheidung über ihre Über-
stellung in den zuständigen Mitgliedstaat ergeht.
3.5. Auf der Grundlage der vorstehenden Erwägungen ist festzuhalten,
dass die Vorgehensweise der befragenden Person nicht beanstandet wer-
den kann. Der Sachverhalt wurde in Bezug auf die mögliche Zuständigkeit
der anderen in Frage kommenden Mitgliedstaaten ausreichend erhoben
und der Beschwerdeführer hatte ausreichend Gelegenheit, sich zur Zu-
ständigkeitsfrage und allfälligen Überstellungshindernissen zu äussern.
Die Gesprächsführung durfte daher ohne Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs die Anhörung jeweils unterbrechen und den Beschwerdeführer auf die
Möglichkeit ergänzender Vorbringen in Schriftform verweisen.
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Seite 7
3.6. Es tritt hinzu, dass die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers bei
dessen persönlichen Einvernahme anwesend war und das Vorgehen der
Gesprächsführung zu keinem Zeitpunkt beanstandete. Erst zusammen mit
der schriftlichen Eingabe vom 14. Juli 2022 führte sie in allgemeiner Weise
aus, dass auch Gesuchsteller mit längeren Reisewegen oder komplizierte-
ren Gesundheitszuständen das Anrecht hätten, diese auf mündlichem Weg
den Behörden mitteilen zu können. Ein förmlicher Antrag auf erneute
mündliche Anhörung wurde auch bei dieser Gelegenheit nicht gestellt
(SEM-act. 25). Verfahrensfehler sind mit Blick auf den Grundsatz von Treu
und Glauben und das Verbot von Rechtsmissbrauch (Art. 5 Abs. 3 BV) so
bald als möglich zu monieren, ansonsten die Möglichkeit verwirkt wird, sich
auf sie zu berufen (vgl. etwa BGE 143 V 66 E. 4.3 m.H.). Unter den gege-
benen Umständen muss die erst auf Beschwerdeebene erhoben Rüge ei-
ner Verletzung des rechtlichen Gehörs durch Unterbrechung der Anhörung
und Verweis auf die Möglichkeit einer schriftlichen Eingabe, selbst wenn
sie begründet wäre (was nicht der Fall ist), zurückgewiesen werden.
3.7. Die Rüge des Beschwerdeführers, sein Anspruch auf rechtliches Ge-
hör sei auch dadurch verletzt worden, weil die Anhörung in Paschtu durge-
führt worden sei, einer Sprache, die er nur eingeschränkt beherrsche, er-
weist sich als zum vorherein unbegründet. Es ist darauf hinzuweisen, dass
der Beschwerdeführer anlässlich des persönlichen Gesprächs ausdrück-
lich bestätigte, dass er die Dolmetscherin gut verstehe. Er bestätigte auch
unterschriftlich, dass ihm seine Aussagen von seiner Rechtsvertretung
Satz für Satz vorgelesen und durch die Dolmetscherin in eine für ihn ver-
ständliche Sprache übersetzt worden seien, ferner, dass er die Aussagen
verstanden habe und dass das Festgehaltene seiner freien Äusserung ent-
spreche. Hinzuweisen ist schliesslich darauf, dass die beim persönlichen
Gespräch anwesende Rechtsvertretung des Beschwerdeführers keine Ein-
wendungen erhob. Im Übrigen gilt auch hier, dass entsprechende Bean-
standungen so bald als möglich in das Verfahren hätten eingebracht wer-
den müssen, was nicht geschehen ist.
3.8. Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist festzuhalten, dass sich die
Rüge einer Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör als unbegrün-
det erweist und zurückzuweisen ist.
4.
4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
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Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2. Als staatsvertragliche Grundlage für die Zuständigkeit eines anderen
Staates gelangt vorliegend die Dublin-III-VO zur Anwendung. Führt die
Prüfung der in ihr festgelegten Kriterien zur Feststellung, dass ein anderer
Mitgliedstaat zuständig ist, tritt das SEM, nachdem dieser Mitgliedstaat ei-
ner Aufnahme oder Wiederaufnahme der asylsuchenden Person zuge-
stimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (Art.1 und Art. 29a Abs. 1 und 2
der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]; vgl.
BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.3. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.4. Im Fall des Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge), geregelt in
Art. 21 und Art. 22 Dublin-III-VO, sind zur Bestimmung des zuständigen
Mitgliedstaates die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Krite-
rien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zustän-
digkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden. Dabei ist
von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen, in dem der Asylsu-
chende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat (Art. 7
Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.5. Im Fall des Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back), geregelt in
Art. 23–25 Dublin-III-VO, findet grundsätzlich keine Zuständigkeitsprüfung
nach Kapitel III statt, da diese von einem anderen Mitgliedstaat bereits
durchgeführt wurde (Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d Dublin-III-VO) oder durchzu-
führen ist (Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO). Die Zuständigkeit beziehungs-
weise die Verpflichtung zur Wiederaufnahme ergibt sich direkt aus Art. 18
Abs. 1 Bst. b–d beziehungsweise Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO (vgl. Urteil
des EuGH [Grosse Kammer] vom 2. April 2019, H. und R., C 582/17 und
C-583/17, EU:C:2019:280 [nachfolgend: Urteil des EuGH H. und R.], Rn.
61, 67, 80, 84; BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
5.
Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer vor seiner Einreise in die
Schweiz zunächst in Bulgarien und später in Kroatien je ein Asylgesuch
eingereicht hatte. Als mögliche Zuständigkeitskriterien kamen daher Art. 18
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Abs. 1 Bst. b–d beziehungsweise Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO in Betracht,
die vom SEM im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens zu verfolgen
waren. Nachdem Kroatien einer Wiederaufnahme unter Hinweis auf ein ei-
genes, nicht abgeschlossenes Zuständigkeitsprüfungsverfahren abgelehnt
und Bulgarien anschliessend einer Wiederaufnahme gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO zugestimmt hat, steht die grundsätzliche Zu-
ständigkeit Bulgariens fest. Nachfolgend ist zu prüfen, ob Gründe für einen
Übergang der Zuständigkeit auf die Schweiz vorliegen.
6.
Als mögliche Rechtsgrundlage für den Zuständigkeitsübergang von Bulga-
rien auf die Schweiz kommt Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO in Betracht:
6.1. Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO regelt, wie zu verfahren ist, wenn es sich
als unmöglich erweist, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig
bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für
die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen
für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen auf-
weisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be-
handlung im Sinne des Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta, ABl. C 364/1 vom 18.12.2000) mit sich
bringt. In einem solchen Fall setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat.
6.2. In seinem Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 hat sich
das Bundesverwaltungsgericht ausführlich mit dem bulgarischen Asylsys-
tem und der Situation asylsuchender Personen in diesem Land auseinan-
dergesetzt. Es hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die
Aufnahmebedingungen zwar Mängel aufweisen würden, diese aber nicht
systemischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach Bulgarien
grundsätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien nicht sys-
tembedingt unmöglich. Die tiefe Anerkennungsquote gegenüber Staatsan-
gehörigen gewisser Länder rechtfertige es nicht, keine Überstellungen
mehr vorzunehmen. Betroffene Personen könnten gegen einen negativen
Asylentscheid ein wirksames Rechtsmittel einlegen. Zudem seien die Be-
dingungen in den Aufnahme- und Haftzentren zwar prekär, könnten jedoch
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Seite 10
nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert werden (vgl. Refe-
renzurteil F-7195/2018 E. 6.6.1 und 6.6.7).
6.3. Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner Rechtsprechung trotz
der aktuellen Belastung Bulgariens durch ukrainische Kriegsflüchtlinge
weiterhin nicht von systemischen Mängeln im bulgarischen Asylverfahren
aus. Für eine Änderung der Rechtsprechung besteht auch in Würdigung
der vom Beschwerdeführer gemachten Äusserungen zu seiner Behand-
lung in Bulgarien keine Veranlassung und auch der zitierte Bericht der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 13. September 2022 «Polizeigewalt
in Bulgarien und Kroatien: Konsequenzen für die Dublin-Überstellungen»
sowie die weiteren erwähnten Berichte und Quellen zur Situation in Bulga-
rien vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern (vgl. etwa Urteil
des BVGer E-5296/2022 vom 28. November 2022 E. 6 m.H.; D-4840/2022
vom 31. Oktober 2022 E. 6.3 m.H.). Unter diesen Umständen ist die An-
wendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
7.
Als eine weitere potentielle Rechtsgrundlage für einen Zuständigkeits-
übergang auf die Schweiz ist Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO zu prüfen.
7.1. Gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat abwei-
chend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten Antrag auf inter-
nationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung
festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist. Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser
Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen
auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder-
nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
7.2. Bei der Beurteilung eines Selbsteintritts gilt es zu beachten, dass Bul-
garien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30)
sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301)
ist. Ferner wird Bulgarien durch die Richtlinien des Europäischen Parla-
ments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen
Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
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Seite 11
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) so-
wie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) gebunden.
7.3. Mangels systemischer Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
kann vermutungsweise davon ausgegangen werden, dass Bulgarien sei-
nen völker- und gemeinschaftsrechtlichen Verpflichtungen nachkommt und
insbesondere die Rechte respektiert und schützt, die sich für schutzsu-
chende Personen aus der Verfahrens- und der Aufnahmerichtlinie ergeben
(vgl. Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.1; ferner statt vieler Urteile des
BVGer E-5529/2022 vom 5. Dezember 2022 E. 6.2; E-5296/2022 E. 6.3).
Diese Vermutung kann zwar im Einzelfall widerlegt werden. Hierfür bedarf
es aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die vom Betroffenen glaubhaft
darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017
vom 6. März 2018 E. 5.3.1).
8.
Der Beschwerdeführer beruft sich auf eigene Erfahrungen in Bulgarien. Es
ist nachfolgend zu prüfen, ob diese geeignet sind, die Vermutung zu er-
schüttern, dass Bulgarien ihm gegenüber seinen völker- und gemein-
schaftsrechtlichen Verpflichtungen nachkommt.
8.1. Im Verfahren vor dem SEM und dem Bundesverwaltungsgericht
brachte der Beschwerdeführer zusammenfassend vor, er habe insgesamt
drei Mal erfolglos versucht, von der Türkei nach Bulgarien zu gelangen.
Jedes Mal sei er aufgegriffen und in die Türkei abgeschoben worden. Das
vierte Mal sei ihm die Einreise gelungen. Er sei jedoch im Land in eine
Verkehrskontrolle geraten und festgenommen worden. Anschliessend
habe er 24 Stunden in Polizeihaft verbracht, bevor er in ein geschlossenes
Camp überführt worden sei, wo er 21 Tage inhaftiert gewesen sei. An-
schliessend sei er einem Gericht vorgeführt und wegen illegaler Einreise
bestraft worden. Schliesslich sei er in ein offenes Asylzentrum transferiert
worden. Nachdem er mit seiner Verwandtschaft habe Kontakt aufnehmen
können und diese ihm Geld habe zukommen lassen, habe er Bulgarien
verlassen und sei über Kroatien in die Schweiz gelangt. Eigener Darstel-
lung zufolge war der Beschwerdeführer während seines Aufenthaltes in
Bulgarien exzessiver Gewalt, erniedrigender Behandlung und Schikanen
seitens der Grenzbehörden, der Polizei und der Mitarbeiter des geschlos-
senen Camps sowie des Asylzentrums ausgesetzt gewesen – der Be-
schwerdeführer spricht auf Rechtsmittelebene von Folter – und habe unter
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Seite 12
prekären räumlichen und hygienischen Verhältnissen, unzureichender Er-
nährung und Diskriminierung infolge seiner afghanischen Herkunft gelitten.
Zudem sei er im Asylzentrum in seiner Religionsausübung behindert wor-
den.
8.2. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass der Beschwerdeführer in
Bulgarien schwierigen Verhältnissen ausgesetzt war. Ob seine Vorbringen
tatsächlich Erlebtem entsprechen, erscheint jedoch schon deswegen frag-
lich, weil er in Bulgarien als marokkanischer Staatsangehöriger und mit ei-
nem anderen Geburtsdatum registriert ist (vgl. oben Bst. E). Daraus muss
geschlossen werden, dass er die bulgarischen Behörden über seine Iden-
tität täuschte, was nicht nur seinen Klagen über die eigene Diskriminierung
als Afghane die Grundlage entzieht, sondern darüber hinaus seine persön-
liche Glaubwürdigkeit und damit zugleich die Glaubhaftigkeit seiner Vor-
bringen beschädigt.
Davon unabhängig ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in Bulga-
rien am 10. März 2022 bei seiner illegalen Einreise aus einem Drittland
polizeilich aufgegriffen wurde. Das Asylgesuch stellte er 21 Tage später am
31. März 2022 (vgl. oben Bst. B). Anlässlich des erstinstanzlichen Verfah-
rens beklagte er sich jedoch nur über die Behandlung während den diver-
sen Pushbacks bei den drei erfolglosen Einreiseversuchen und den sich
an die erfolgreiche vierte Einreise anschliessenden Aufenthalt in Polizei-
und Administrativhaft, also über Verhältnisse vor der Einreichung des Asyl-
gesuchs, das er nach eigener Aussage gar nicht in Bulgarien stellen wollte.
Die Verhältnisse im offenen Asylzentrum, in das er nach Einreichung des
Asylgesuchs verlegt worden war, thematisierte er ohne nachvollziehbaren
Grund erst auf Rechtsmittelebene. Unter den gegebenen Umständen
drängt sich der Verdacht auf, dass er seinen ursprünglichen Vorbringen
durch nicht erlebte, nachgeschobene Sachverhaltselemente Nachdruck
verleihen will.
8.3. Den Akten kann entnommen werden, dass der Beschwerdeführer in
Bulgarien ein Asylgesuch gestellt hatte, über das inhaltlich noch nicht be-
funden wurde. Denn die Zustimmung der bulgarischen Behörden zu einer
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers erfolgte ausdrücklich gestützt
auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO. Gemäss den Erkenntnissen des
Bundesverwaltungsgerichts hätte er daher nach einer Überstellung nach
Bulgarien Zugang zum Asylverfahren, das wieder aufgenommen oder fort-
geführt würde, und er würde einem ordentlichen Aufnahmezentrum zuge-
wiesen (vgl. Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.6.4). Die Vorbringen des Be-
schwerdeführers, die sich – soweit überhaupt glaubhaft vorgetragen – auf
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die Verhältnisse vor der Überstellung in das offene Asylzentrum beziehen,
sind daher nicht geeignet, die Vermutung einer konventions- und gemein-
schaftsrechtskonformen Behandlung einer in Bulgarien asylsuchenden
Person ernsthaft zu erschüttern. Im Übrigen ist daran festzuhalten, dass
sich der Beschwerdeführer bei einer allfälligen vorübergehenden Ein-
schränkung der ihm zustehenden Aufnahmebedingungen an die Behörden
wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern kann (vgl. Art. 26
Aufnahmerichtlinie).
9.
Der Beschwerdeführer beruft sich ferner auf seinen gesundheitlichen Zu-
stand, der einer Überstellung nach Bulgarien entgegenstehe.
9.1. Der gesundheitliche Zustand einer asylsuchenden Person kann ge-
mäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO der Überstellung in den zuständigen Mit-
gliedstaat entgegenstehen, wenn diese eine Verletzung von Art. 3 EMRK
zur Folge hätte. Das ist nur ganz ausnahmsweise der Fall. Von einer
EMRK-Verletzung geht die Rechtsprechung etwa dann aus, wenn sich die
asylsuchende Person in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krank-
heitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung
mit dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unter-
stützung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die
damalige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
[EGMR]). Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft schwer-
kranke Personen, die durch die Abschiebung – mangels angemessener
medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfron-
tiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlech-
terung ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensi-
vem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung füh-
ren würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember
2016, Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
9.2. Bulgarien verfügt über eine grundsätzlich ausreichende medizinische
Infrastruktur. Zudem wird Bulgarien durch die Aufnahmerichtlinie verpflich-
tet, antragstellenden Personen die erforderliche medizinische Versorgung,
die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behand-
lung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu-
gänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie). Antragstellenden
Personen mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische
oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psycholo-
gischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Da
das bulgarische Asyl- und Aufnahmesystem keine systemischen Mängel
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im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO aufweist, ist vermutungsweise an-
zunehmen, dass es den genannten Verpflichtungen nachkommt. Diese
Vermutung kann im Einzelfall widerlegt werden, wofür es konkreter und
hinreichender Hinweise bedarf, die vom Betroffenen glaubhaft darzutun
sind. Darauf wurde bereits weiter oben eingegangen (E. 7.3).
Gemäss dem mehrfach zitierten Referenzurteil stellt sich die Situation bei
besonders vulnerablen Personen mit Blick auf die prekären Verhältnisse in
den bulgarischen Haft- und Asylzentren wie folgt dar: Zwar wird die Über-
stellung von Personen, die in diese Kategorie fallen, nicht per se in Frage
gestellt. Bei Vorliegen entsprechender Indizien ist jedoch abzuklären, ob
tatsächlich eine solche Vulnerabilität besteht, welches die konkreten Be-
dürfnisse der Betroffenen sind und ob diesen in Bulgarien angemessen
entsprochen werden kann. Um die Zulässigkeit einer Überstellung sicher-
zustellen, sind von den bulgarischen Behörden gegebenenfalls individuelle
und konkrete Garantien einzuholen (Referenzurteil F-7195/2018 E. 7.4.2).
Bei der Beurteilung der Frage, ob nach einer Überstellung nach Bulgarien
den konkreten Bedürfnissen des Betroffenen angemessen entsprochen
werden kann, kommt es zentral auf den Stand des bulgarischen Verfahrens
an. Denn wurde sein Asylgesuch in Bulgarien bereits inhaltlich behandelt
und abgelehnt, muss der Betroffene damit rechnen, in einem Haftzentrum
untergebracht zu werden, in dem namentlich der Zugang zur ärztlicher Ver-
sorgung limitiert ist (Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.6.3).
9.3. Der Beschwerdeführer berichtete während des Dublin-Gesprächs und
im Rahmen der ergänzenden Stellungnahme von verschiedenen psychi-
schen Problemen (Stress, Reizbarkeit, innere Unruhe, Angstzustände, An-
triebs- und Appetitlosigkeit, Einschlaf- und Durchschlafprobleme, Alb-
träume im Zusammenhang mit auf der Flucht Erlebtem), die er auf ein
Trauma zurückführte (SEM-act. 18, 25) und derentwegen er am 23. Juni
und 7. Juli 2022 interne Arzttermine in Anspruch nahm. Es wurden ihm bei
dieser Gelegenheit die Medikamente Trittico (ab. 23. Juni 2022) und Ser-
tralin (ab 7. Juli 2022) zur täglichen Einnahme verschrieben (SEM-act. 32).
Am 10. August 2022 hatte er einen Termin auf der Akutambulanz der
B._ Kliniken (...). Eine Diagnose wurde bei dieser Gelegenheit nicht
gestellt, indessen festgehalten, dass die vom Beschwerdeführer geschil-
derte Symptomatik zu einer PTBS passe (SEM-act. 32, Eintrittsbericht der
B._ Kliniken vom 10. August 2022, Beilage zu Rek-act. 5). Ein für
den 26. August 2022 abgemachter Folgetermin bei den B._ Kliniken
fiel aus und einen auf den 13. September 2022 angesetzten Ersatztermin
nahm der Beschwerdeführer unentschuldigt nicht wahr (Telefonnotiz vom
28. Oktober 2022, Beilage zu Rek-act. 5). Das gleiche gilt für den ebenfalls
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auf den 13. September 2022 angesetzten Termin beim Hausarzt des Bun-
desasylzentrums. Erst nach Erhalt der angefochtenen Verfügung meldete
er sich wieder bei Medic-Help. Da er jedoch die verschriebenen Medika-
mente trotz entsprechenden Hinweises verschreibungswidrig nur spora-
disch einnahm, wurde für ihn von Medic-Help kein weiterer Arzttermin ver-
einbart (SEM-act. 32, Mail von Medic-Help vom 24. Oktober 2022, Beilage
zu Rek-act. 5).
9.4. Gemäss Eintrittsbericht der B._ Kliniken vom 10. August 2022
als dem inhaltlich aussagekräftigsten medizinischen Aktenstück wurde an-
lässlich der Vorstellung des Beschwerdeführers die bereits weiter oben auf-
geführte Symptomatik erhoben, die gemäss behandelndem Arzt in seiner
Rückmeldung an Medic-Help einer PTBS zugeordnet werden kann. Auf
entsprechende Frage war der Beschwerdeführer offenbar nicht in der
Lage, nähere Angaben zu seiner Medikation zu geben, sodass eine An-
frage an die Medic-Help des Bundesasylzentrums notwendig wurde. Im
Rahmen des psychischen Befundes hielt der behandelnde Arzt fest: «23-
jähriger, bewusstseinsklarer, allseits orientierter Patient in gepflegtem Er-
scheinungsbild. lm Kontakt freundlich zugewandt, offen erzählend. lm Ge-
spräch kein Anhalt für Auffassungs- und Aufmerksamkeitsstörungen oder
Beeinträchtigungen des Gedächtnisses. lm Affekt ratlos wirkend, schwin-
gungsfähig. Nonverbal normaler Blickkontakt, keine psychomotorische Un-
ruhe. Der Antrieb wurde als leicht vermindert beschrieben. lm formalen Ge-
dankengang geordnet. Keine Hinweise für wahnhaftes Erleben/inhaltliche
Denkstörungen, Halluzinationen und lch-Störungen. Albtraumbedingte Ein-
und Durchschlafstörungen. Appetit wechselhaft mal vermindert, mal sehr
ausgeprägt. Patient verneint klar und glaubhaft Lebensüberdruss, Sui-
zidgedanken und Suizidpläne. Zukunftsorientiert: berichtet von seinen
Hoffnungen und Zielen im Leben. Keine akuten Eigen- und Fremdgefähr-
dungsaspekte. Anamnestisch kein selbstverletzendes Verhalten.» Als wei-
teres Prozedere wurde ein Folgetermin zwecks Abklärung des Krankheits-
bilds vereinbart. Ansonsten wurde eine Psychoedukation zur PTBS sowie
die Fortsetzung und allenfalls Anpassung der medikamentösen Behand-
lung empfohlen.
9.5. Auf Rechtsmittelebene äusserte sich der Beschwerdeführer zur Nicht-
wahrung der Arzttermine und Nichtbefolgung der Medikation: Vom auf den
13. September 2022 angesetzten Ersatztermin bei den B._ Kliniken
habe er nichts gewusst. Die B._ Kliniken hätten ihm sodann einen
zweiten Termin zwecks Ersteinschätzung und korrekter Medikamentenein-
stellung gegeben. Es sei daher nachvollziehbar, dass er erst einen weite-
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ren Termin bei dem Psychologen/Psychiater möchte, bevor er die Medika-
mente einfach zu sich nehme, welche allenfalls gar nicht richtig eingestellt
seien. Dies sei umso mehr nachvollziehbar, da er sein Vertrauen in den
Staat verloren habe, zumal er in Bulgarien durch Staatsvertreter erniedrigt
und gefoltert worden sei. Diese Erklärungsversuche überzeugen nicht. Ge-
mäss Auskunft des Medic-Help werden Asylsuchende jeweils am Vorabend
anlässlich des Abendessens über bevorstehende Arzttermine informiert.
Ferner ist eine Liste mit den Arztterminen auf dem Infoboard zu finden (Mail
des Medic-Help vom 24. Oktober 2022, Beilage zu Rek-act. 5). Dass das
beim Beschwerdeführer nicht der Fall gewesen war, ist nicht anzunehmen.
Als ohne jeden Wirklichkeitsbezug konstruiert und schlicht nicht nachvoll-
ziehbar erscheint die Erklärung des Beschwerdeführers zu den Gründen,
die ihn veranlasst hätten, seine Medikamente nicht entsprechend der Ver-
schreibung einzunehmen. Es sei in diesem Zusammenhang darauf hinge-
wiesen, dass der Beschwerdeführer nicht bildungsfern ist (nach eigener
Aussage studierte er Informatik an der Universität Kabul), sich im erstin-
stanzlichen Verfahren explizit über Verzögerungen bei der Medikamenten-
ausgabe beklagte und schliesslich über die Bedeutung der regelmässigen
Medikamenteneinnahme für die Aufgleisung einer wirksamen Therapie ge-
naue Kenntnis habe musste.
9.6. Es wurde bereits weiter oben dargelegt, dass das Asylverfahren des
Beschwerdeführers in Bulgarien inhaltlich noch nicht abgeschlossen wurde
und er deshalb nach einer Überstellung dorthin in die ordentlichen Asyl-
strukturen integriert würde. Das heisst insbesondere, dass er nicht in einem
geschlossenen Haft-, sondern in einem offenen Asylzentrum mit den ent-
sprechenden Leistungen untergebracht würde (vgl. oben 8.3). Ferner ist in
Würdigung der Medizinalakten und des aktenkundigen Verhaltens des Be-
schwerdeführers auch ohne eine abschliessende medizinische Diagnose
auszuschliessen, dass seine Überstellung nach Bulgarien eine Verletzung
des Art. 3 EMRK zur Folge hätte. Sein Gesundheitszustand vermag daher
eine Unzulässigkeit im Sinne der restriktiven Rechtsprechung nicht zu
rechtfertigen. Die aktenkundigen gesundheitlichen Probleme sind auch
nicht von einer derartigen Schwere, dass aus humanitären Gründen von
einer Überstellung abgesehen werden müsste.
10.
10.1. Was den Selbsteintritt aus humanitären Gründen angeht, ist festzu-
halten, dass Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 dem SEM einen Ermessensspielraum
verleiht (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitionsbeschränkung durch
die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Streichung der Angemessen-
heitskontrolle durch das Bundesverwaltungsgericht gemäss aArt. 106
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Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanzlichen Verzicht
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Angemessen-
heit hin. Es beschränkt seine Beurteilung nunmehr im Wesentlichen auf die
Frage, ob das SEM den Sachverhalt korrekt und vollständig erhoben, allen
wesentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen Ermessensspiel-
raum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
10.2. Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens
zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang
weiterer Äusserungen. Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine
Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Voll-
ständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsu-
chenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber
auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
11.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten
und hat in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht die Wegwei-
sung nach Bulgarien angeordnet.
12.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
13.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da er bedürftig ist
und sein Rechtsmittel nicht als zum Vornherein aussichtslos beurteilt wer-
den konnte, ist seinem Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege in Gestalt
der Befreiung von den Verfahrenskosten zu entsprechen (Art. 65 Abs. 1
VwVG).
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