Decision ID: 1527d98f-4dc0-4c9c-a28d-84bfc76538f6
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law
Law Sub-area: nan
Label: dismissal

Facts:
Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1990, war über ihre Arbeitgeberin
Y._
AG bei der Helsana Zusatzversicherungen AG (nachstehend: Helsana) kranken
taggeldversichert (
vgl.
Urk. 13/
7
; Urk. 13/12
).
Die Arbeitgeberin kündigte am 6. Juni 2018 das Arbeitsverhältnis
unter Einhaltung der vertraglich vereinbarten Kündigungsfrist
per 31. Juli 2018
und stellte die Versicherte mit sofortiger Wir
kung frei
(Urk. 2/
5 Ziff. 3.3; Urk. 2/
6).
Die Arbeitgeberin meldete
am
14. November 2018 eine Arbeitsunfähigkeit der
Versich
erten von 100 % vom 30. Juli
bis 31.
August 201
8
(Urk. 1
3
/7).
Die Helsana erbrachte im Zeitraum 30. Juli bis 31. August 201
8
Taggeld
leis
tungen von insgesamt 3 Tagen im Betrag von jeweils Fr. 175.34
, total Fr. 526.05
(Urk. 13/35).
Mit Schreiben vom
8. (Urk. 13/27) und
15. Februar (Urk. 13/28)
sowie 25. März 2019 (Urk. 13/31)
verneinte
die Helsana
eine darüber hinaus gehende L
eistungs
pflicht, namentlich
für
eine geltend gemachte Arbeitsunfähigkeit ab dem 1. Novem
ber 2018.
2.
2.1
Die Versicherte erhob am 1. September (Urk. 1)
,
ergänzt am 29. September 2020 (Urk. 7)
,
Klage gegen die Helsana und beantragte, diese sei zu verpflichten, ihr
ab
31. August 2018
Krankentaggeld von monatlich Fr. 4'812.16 während 24 Mona
ten, insgesamt Fr. 115'491.84
,
zu bezahlen, basierend auf einer andauernden Arbeitsunfähigkeit von 100 % (Urk. 7 S. 2 Ziff. 1
und S. 3
).
Die Helsana beantragte mit Klageantwort vom 27. November 2020 (Urk. 12) die Abweisung der Klage.
2.2
Mit Verfügung vom 7. Dezember 2020 (Urk. 14) wurde den Parteien Gelegenheit eingeräumt, dem Gericht im Rahmen einer schriftlichen Stellungnahme mitzu
teilen, falls sie die Durchführung einer mündlichen Hauptverhandlung wünschen. Zudem wurde der Klägerin antragsgemäss (vgl. Urk. 1
S. 2 Ziff. 3) die unentgelt
liche Rechtsvertretung bewilligt und Rechtsanwal
t Urs P. Keller, Zollikon
, als unentgeltlicher Rechtsvertreter für das vorliegende Verfahren bestellt.
Nachdem die Parteien sich hierzu nicht äusserten, wurde ein zweiter Schriftenwechsel an
geordnet (Urk. 17). Die Klägerin verzichtete in der Folge auf die Einreichung einer Replik (vgl. Urk. 19).
Das Gericht

Considerations:
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Streitigkeiten aus einer Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversi
cherung unterstehen gemäss Art. 2 Abs.
2 Sa
tz 2 des Bundesgesetzes vom 26.
September 2014 betreffend die Aufsicht über die soziale Krankenversicherung (Krankenver
si
che
rungsaufsichtsgesetz, KVAG) dem Versicherungsvertragsgesetz (VVG). Sie sind privatrech
tlicher Natur (BGE 138 III 2 E.
1.1). Kollektive Krankentaggeld
versicherungen werden vom Bundesgericht wie alle weiteren Taggeldversiche
rungen in ständiger Praxis unter den Begriff der Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicheru
ng subsumiert (BGE 142 V 448 E.
4.1).
1.2
Das Sozialversicherungsgericht ist als einzige kantonale Gerichtsinstanz für Kla
gen über Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversiche
rung nach dem Bundesgesetz über die Krankenver
sicherung (KVG) zuständig (Art.
7 der Schweizerischen Zivilprozesso
rdnung ZPO, in Verbindung mit § 2 Abs. 2
lit
.
b des Gesetzes über das Sozialversicherungsge
richt,
GSVGer
; BGE 138 III 2 E.
1.2.2), ohne dass vorgängig ein Schlichtungsverfahren durchz
uführen ist (BGE 138 III 558 E.
4).
Die von der Klägerin dargelegte sachliche und örtliche Zuständigkeit des Sozial
versicherungsgerichts des Kantons Zürich zur Beurteilung der eingereichten Klage
(Urk.
1) wurde von der Beklagten nicht bestritten (vgl. Urk
. 12
). Weitere Ausfüh
rungen hierzu erübrigen sich.
1.3
Gemäss Art. 243 Abs. 2
lit
.
f ZPO werden Ansprüche aus einer Zusatzversi
che
rung zur sozialen Krankenversicherung nach dem KVG ohne Rücksicht auf den Streitwert im ve
reinfachten Verfahren nach Art.
243
ff. ZPO beurteilt. Gemäss Art. 247 Abs.
2
lit
.
a in Verbindung mit Art. 243 Abs. 2
lit
.
f ZPO stellt das Ge
richt im Verfahren betreffend Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozia
len Krankenversicherung nach dem KVG den Sachverhalt von Amtes wegen fest.
2.
2.1
Vorab
stellt sich die Frage nach der
Aktivlegitimation der Klägerin, da die Kläge
rin am 9. Januar 2019 eine Abtretungserklärung der Sozialkommission
Z._
hinsichtlich ihre laufenden und rückwirkenden Krankentaggelder unterzeichnet hat (Urk. 13/18).
2.2
Die Grundlage für eine Abtretung von Forderungen des Hilfesuchenden an die Fürsorgebehörde findet sich
in § 19
des kantonalen Sozialhilfegesetzes (
SHG
; in der damals geltenden Fassung)
. Dabei handelt es sich grundsätzlich um eine ordentli
che Abtretung im Sinne von Art.
164
des Obligationenrechts
(
OR;
vgl.
auch
das
Sozialhilfe-Behördenhandbu
ch
des Kantons Zürich
, Ziff. 6.2.06.2). Da
nach kann
ein Gläubiger
bzw. H
ilfesuchende
r bestehende oder künftige
vermö
gensrechtliche Ansprüche gegenüber Dritten bis zur Höhe der empfangenen Leis
tung an die Fürsorgebehörde
abtreten
, sowei
t eine Abtretung zulässig ist.
2.3
Gemäss Art.
87 VVG steht demjenigen, zu dessen Gunsten eine kollektive Unfall- oder Krankenversicherung abgeschlossen worden ist, mit dem Eintritt des Unfalls oder der Krankheit ein selbständiges Forderungsrecht gegen den Versicherer zu. Dieser Anspruch kann, sobald der Schadensfall eingetreten und der Anspruch somit entstanden ist, von der versicherten Person jemand anderem abgetreten werden (Peter Stein, in: Basler Kommentar zum Schweizerischen Privatre
cht, VVG, Basel 2001, N 1
6
zu Art. 87 VVG
). Auch wenn es sich bei einer privaten Unfall- oder Krankenversicherung um eine Schadensversicherung handelt, richtet sich die Abt
retung von Leistungen nach Art.
73 VVG, welcher bei den besonderen Bestimmungen über die Personenversicherung eingeordnet ist (Moritz Kuhn in: Basler Kommentar zum Schweizerischen Privatrecht, VVG, Basel 2001,
N 20 zu Art.
73
VVG
; Kuhn in: Basler Kommentar, VVG, Nachführungsband, Basel 2012,
ad N 20 zu Art.
73
VVG
). Gemäss Art.
73 Abs. 1 Satz
2 VVG bedarf die Abtretung zu ihrer Gültigkeit der schriftlichen Form und der Übergabe der Police sowie der schriftlichen Anzeige an den Versicherer. Am Erfordernis der Übergabe der Police kann bei der Abtretung ein
es Forderungsrechts gemäss Art.
87 VVG nicht festge
halten werden, weil der Versicherer nach dem Gesetzeswortlaut von Art.
11
Abs
.
1 VVG und nach Meinung der Mehrheit der Lehre einzig dem Versi
che
rungs
nehmer und nicht der versicherten Person eine Police auszuhändigen hat (
Hasen
böhler
, in: Basler Kommentar zum Schweizerischen Privatrecht, VVG, Basel 2001,
N 10 zu Art.
11
VVG
; vgl. auch Kuhn, VVG-Kommentar,
N 27 zu Art. 73 VVG
; vgl. zum Ganzen Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kant
ons Zürich KK.2015.00032 vom 8. März 2016 E.
2.3 mit diversen Hinweisen auf weitere kantonale Urteile).
2.4
Am 9. Januar 2019 unterzeichnete die als versicherte Arbeitnehmerin anspruchs
berechtigte Klägerin
ein Dokument mit dem Titel «Abtretung der Krankentag
gelder»
(Urk.
13/18). Darin verpflichtete sie sich, gemäss § 19 SHG ihre laufenden und rückwirkenden Krankentaggelder aus dem Kollektivvertrag Nr.
«...»
mit Helsana Versicherungen AG in vollem Umfang und bis zum Widerruf an die Sozial
kommission
Z._
abzutreten.
Ebenfalls wurde um sämtliche Korre
spon
denz in Kopie an den Sozialdienst
Z._
gebeten.
Die Abtretung wurde der Beklagten
gleichentags
zur Kenntnis gebracht (Urk. 13/20).
2.5
In Anbetracht dessen, dass weder Gesetz noch Vereinbarung noch die Natur des Rechtsverhältnisses der Abtretung entgegenstanden
(vgl. vorstehend E. 2.
3
)
, dass die Höhe der von der Beklagten auszurichtenden Taggelder im Zeitpunkt der Abtre
tungserklärung feststand
beziehungsweise
die künftigen Taggelder mittels der jeweils attestierten Arbeitsunfähigkeit bestimmbar waren (
Urk. 13/35;
vgl. dazu
Daniel
Girsbeger
, in: Basler Kommentar zum Schweizerischen Privatrecht, OR I, N 36 zu Art. 164 OR
) und auc
h die Formvorschriften von Art. 73 Abs.
1
VVG eingehalten wurden, indem die
Gemeinde
Z._
die Beklagte mit Schrei
ben
vom
9. Januar 2019
(
Urk. 13/20)
über die erfolgte schriftliche Abtretung informierte und ihr die Abtretungserklärung vom
9. Januar 2019
zukommen liess,
hat
die Klägerin ihre
Ansprüche aus der Taggeldversicherung
grundsätzlich
rechts
gültig an die
Gemeinde
Z._
abgetreten
. Dies lässt die Aktivlegitimation der Klägerin bezüglich eines allfälligen Taggeldanspruches als fraglich erscheinen.
2.6
Angesichts dessen, dass
laut
§ 19 Abs. 1 des SHG in der damals geltenden Fassung die Leistung wirtschaftlicher H
ilfe davon abhängig gemacht werden kann
, dass
der Hilfesuchende bestehende oder künftige vermögensrechtliche Ansprüche ge
gen
über Dritten bis zur Höhe der empfangenen Leistungen an die Fürsorge
be
hörde abtritt, mithin eine Abtretung von Versicherungsansprüchen an die Ge
meinde
Z._
nur bis zur Höhe der von dieser geleisteten Sozialhilfe möglich
ist
, und dass der Betrag der eingeklagten Taggelder die Unterstützungsleistungen der Gemeinde
Z._
übersteigt (vgl. Urk. 2/19)
, sowie angesichts Art. 25.1 der Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) der Beklagten für die Business
Salary
Kollektiv-Taggeldversicherung nach VVG, wonach die rechtswirksame Abtretung von Leistungen die Zustimmung des Versicherers benötigt (Urk. 13/1), erscheint die Aktivlegitimation der Klägerin nicht von vornherein verneint wer
den zu können. Zumal die Beklagte, welcher die Abtretung am 9. Januar 2019
zwar angezeigt worden war (Urk. 13/20), sich damit nicht ausdrücklich einver
standen erklärte, die spätere Korrespondenz auch mit der Klägerin direkt führte (vgl. Urk. 13/31, Urk. 13/34) und die Aktivlegitimation der Klägerin auch im vorliegenden Verfahren nicht bestritt.
Aufgrund der nach
stehenden
Erwägungen braucht dies indes nicht
näher
geprüft zu werden,
da selbst bei Bejahung einer Aktivlegitimation der Klägerin
von der Beklagten
kein
e
Krankentaggelder im eingeklagten Zeitrahmen
geschuldet
sind
.
3.
3.1
Gemäss Art.
8 des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB) hat, wo es das Gesetz nicht anders bestimmt, derjenige das Vorhandensein einer behaupteten Tatsache
zu beweisen, der aus ihr Rechte ableitet. Demgemäss hat die Partei, die einen
An
spruch geltend macht, die rechtsbegründenden Tatsachen zu beweisen, während
die Beweislast für die rechtsaufhebenden bzw. rechtsvernichtenden oder rechts
hin
dernden Tatsachen bei der Partei liegt, die den Untergang des Anspruchs be
hauptet oder dessen Entstehung oder Durchsetzbarkeit bestreitet. Diese Grund
regel kann durch abweichende gesetzliche Beweislastvorschriften verdrängt wer
den und ist im Einzelfall zu konkretisieren (BGE 128 III 271 E.
2a/
aa
). Sie gilt auch im Bereich des Versicherungsvertrags. Nach dieser Grundregel hat der An
spruchsberechtigte - in der Regel der Versicherungsnehmer, der versicherte Dritte oder der Begünstigte - die Tatsachen zur «Begründung des Versicherungs
an
spruches» (Marginalie zu Art.
39 VVG) zu beweisen, also namentlich das Bestehen eines Versicherungsvertrags, den Eintritt des Versicherungsfalls und den Umfang des Anspruchs. Den Versicherer trifft die Beweislast für Tatsachen, die ihn zu einer Kürzung oder Verweigerung der vertraglichen Leistung berechtigen (z.B. wegen schuldhafter Herbeiführung des
befürchteten Ereignisses: Art.
14 VVG) oder die den Versicherungsvertrag gegenüber dem Anspruchsberechtigten unver
bindlich machen (z.B. wegen betrügerischer Begründung de
s Versicherungsan
spruches: Art.
40 VVG). Anspruchsberechtigter und Versicherer haben im Streit um vertragliche Leistungen je ihr eigenes Beweisthema und hierfür je den Haupt
beweis zu e
rbringen (BGE 130 III 321 E.
3.1).
3.2
Es obliegt der versicherten Person zu beweisen, dass sie (weiterhin) arbeitsunfähig ist und daher Anspruch auf Taggelder hat, wenn die Versicherung zunächst Tag
gelder ausbezahlt hat und sodann geltend macht, die Umstände hätten sich geändert oder die Leistungen seien von vornherein zu Unrecht erbracht worden und die versicherte Person sei (wieder) a
rbeitsfähig (BGE 141 III 241 E.
3.1).
3.3
Da der Nachweis rechtsbegründender Tatsachen im Bereich des Versiche
rungs
vertrags regelmässig mit Schwierigkeiten verbunden ist,
genoss
der beweispflich
tige Anspruchsberechtigte insofern eine Beweiserleichterung, als er in der Regel nur eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für das Bestehen des geltend ge
machten Versicherungsanspruchs darzutun
hatte. Gemäss neuerer Rechtspre
chung
des Bundesgerichts gilt jedoch das Beweismass der vollen Überzeugung (vgl. das zur Publikation vorgesehene Urteil des Bundesgerichts 4A_117/2021 vom 31.
August 2021 sowie das Urteil 4A_144/2021 vom 13. September 2021)
. Aller
dings kann der Versicherer im Rahmen des Gegenbeweises Indizien geltend machen
, welche die Glaubwürdigkeit des Ansprechers erschüttern oder erhebliche Zweifel an seinen Schilderungen erwecken. Gelingt der Gegenbeweis, dürfen die
vom Anspruchsberechtigten behaupteten Tatsachen nicht als überwiegend wahr
scheinlich und damit nicht als bewiesen anerkannt werden. Der Hauptbeweis ist vielmehr
gescheitert (BGE 130 III 321 E.
3.4).
3.4
Nach Art. 168 Abs.
1 ZPO sind als Bewei
smittel zulässig: Zeugnis (
lit
.
a)
, Urkunde (
lit
. b), Augenschein (
lit
. c), Gutachten (
lit
. d), schriftliche Auskunft (
lit
.
e) sowie Parteibe
fragung und Beweisaussage (
lit
.
f). Diese Aufzählung ist abschliessend; im Zivilprozessrecht besteht insofern ein
numerus
clausus der Beweismittel, v
or
behalten bleiben nach Art. 168 Abs.
2 ZPO lediglich die Bestimmungen über Kinderbelange in familienrechtlichen Ange
legenheiten (BGE 141 III 433 E. 2.5.1). Art. 168 Abs. 1
lit
.
d ZPO lässt einzig vom Gericht eingeholte Gutachten als Be
weismittel zu. Privatgutachten sind zwar zulässig, aber nicht als Beweismittel, sondern nur als Parteib
ehauptungen (BGE 141 III 433 E.
2.5.2).
3.5
Parteibehauptungen, denen ein Privatgutachten zugrunde liegt, werden indes me
ist besonders substantiiert sein. Entsprechend genügt eine pauschale Bestrei
tung nicht; die Gegenpartei ist vielmehr gehalten zu substantiieren, welche einzelnen Tatsachen sie konkret bestreitet. Wird jedoch eine Tatsachenbehauptung von der Gegenpartei substantiiert bestritten, so vermögen Parteigutachten als reine Parteibehauptungen diese allein nicht zu beweisen. Als Parteibehauptungen mögen sie allenfalls zusammen mit - durch Beweismittel nachgewiesenen – Indi
zien den Beweis zu erbringen. Werden sie aber nicht durch Indizien gestützt, so dürfen sie als bestrittene Behauptungen nicht als erwiesen erachtet werden (BGE 141 III 433 E. 2.6).
3.6
Auch Berichte von Fachärzten, welche die Taggeldversicherer beraten, sind als blosse Parteibehauptungen zu qualifizieren (Urteil des Bundesgerichts 4A_571/2016 vom 23.
März 2017, E.
3.2 am Ende).
3.7
Das Arztzeugnis wird beweisrechtlich den Zeugnisurkunden, denen im Beweis
verfahren mit einer gewissen Zurückhaltung zu begegnen ist, zugeordnet und gilt im Bereich des Zivilprozessrechts gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts als Privatgutachten (BGE
140 III 24 E. 3.3.3; 140 III 16 E.
2.5). Nach der Lehre beweisen Arztzeugnisse grundsätzlich nur, dass die Erklärung von der ausstel
lenden Person abgegeben wurde. Aufgrund des Fachwissens der ausstellenden Person sowie der
strafrechtlichen Sanktion (Art.
318 des Schweizerischen Straf
gesetzbuches, StGB) kann zunächst von der Richtigkeit eines Arztzeugnisses aus
gegangen werden. Der Beweiswert kann jedoch durch irgendwelche Beweismittel und Umstände erschüttert werden, wenn beispielsweise der Arzt den Patienten nicht untersucht und ausschliesslich auf dessen Aussagen abgestellt hat ober bei
widersprüchlichem Verhalten des Patienten während bescheinigter Arbeitsun
fähigkeit.
Solchenfalls
hat der Beweisführer bei unveränderter Beweislast den vollen Beweis für die mit dem Arztzeugnis bescheinigten Tatsachen zu erbringen (Heinrich Andreas Müller, in: Schweizerische Zivilprozessordnung, ZPO, Kom
men
tar, Brun
ner/Gasser/Schwander, Hrsg., 2.
Auflage, Zürich 2016,
Rz
9 zu Art.
177
ZPO
; Annette
Dolge
in: Basler Kommentar zur Schweize
rischen Zivilpro
zessordnung, 3.
Auflage, Basel 2017,
Rz
13 zu Art.
177
ZPO
).
4
.
4
.1
Die Klägerin stellte sich zusammengefasst auf den Standpunkt (Urk. 1), sie
sei
seit dem 17. Oktober 2016 bei der
Y._
AG angestellt gewesen. Nach erfolg
t
er Kündigung am 6. Juni per 31. Juli 2018 sei sie am 30. Juli
2018
arbeitsunfähig geworden.
Damit habe sich die Kündigungsfrist um 90 Tage erstreckt (Art. 336c
lit
. b OR), zumal die 100%
ige
Arbeitsunfähigkeit bis Ende August 2018 und ab 1. Oktober 2018 anerkannt sei. Ebenso bestehe mit überwiegender Wahrschein
lichkeit auch im September 2018 zumindest im Rahmen von 25 % eine Arbeits
unfähigkeit (S. 3
, S. 7). Nach einer Wartefrist von einem Monat sei demnach Krankentaggeld ab dem 31. August 2018 während 730 Tagen,
mithin
bis 31. August 2020 geschuldet. Bei einem monatlichen AHV-pflichtigen Bruttolohn von Fr. 6'015.20 resultiere ein Krankentaggeld von monatlich Fr. 4'812.16, insge
samt Fr.
115'491.84 (Urk. 7 S. 3).
4
.2
Demgegenüber vertrat die Beklagte im Wesentlichen die Ansicht (Urk. 12),
es
werde bestritten, dass die Klägerin ab dem 30. Juli 2018 arbeitsunfähig gewesen sei, da
es
einerseits auffällig sei, dass sie just einen Tag vor Eintritt der Kündi
gungswirkung erkrankt sein soll
te
,
und andererseits
dem ärztlichen Erstbericht zu entnehmen sei, dass – wenn überhaupt – lediglich eine Arbeits
platzproblematik bestanden habe
. Damit liege keine Arbeitsunfähigkeit infolge K
rankheit vor, da eine Arbeitsunfähigkeit ausschliesslich in Bezug auf die bisherige Arbeitsstelle bestanden habe, nicht jedoch in derselben, angestammten Tätigkeit bei einem anderen Arbeitgeber (S. 3). Da bei der Klägerin im Zeitpunkt der Beendigung des Arbeitsverhältnisses per 31. Juli 2018 keine krankheitsbedingte Arbeitsunfähig
keit bestanden habe, sei sie für allfällig später eingetretene Krankheiten und/oder Rückfälle nicht versichert (S. 4).
Selbst wenn ab dem 30.
Juli
2018 eine Arbeits
unfähigkeit ausgewiesen wäre, hätte u
nter Berücksichtigung der Sperrfrist von 90 Tagen das Arbeitsverhältnis am 30. September 2018, mithin im Zeitpunkt, als keine Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen sei
, geendet
. Für eine allfällige, ab dem
1. Oktober 2018 eingetretene Arbeitsunfähigkeit
hätte
demnach keine Versiche
rungs
deckung
bestanden
(S. 5).
4
.3
Strittig
ist die Leistungspflicht der Beklagten
ab dem 31.
August
2018.
5
.
5
.1
M
it
Arbeitsunfähigkeitszeugnissen
vom 31. J
uli
, 10. August und 22. Oktober 20
18
attestierte Dr. med.
A._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, jeweils eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vom 30. Juli bis 4. August, vom 6. bis 17. August und vom 17. bis 31. August 2018 (Urk. 2/10
= Urk. 13/2, Urk. 13/3, Urk. 13/5
).
5
.2
Dr. med. univ. B._
von der
Psychiatri
schen
Klinik C._
attestierte mit Zeugnis vom 6. November 2018 (Urk. 13/6) eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit der Klägerin für den Monat November
2018
.
5
.3
Dem ärztlichen Erstbericht
von Dr.
A._
zuhanden der Beklagten vom 12. Januar 2019 (Urk. 13/22)
ist zu entnehmen, dass die Klägerin erstmalig am 31. Juli 2018
(Ziff. 1)
wegen eines Schwangerschaftsverdachts
(Ziff. 2)
und den psychischen Diagnosen ICD-10 F32.0
(leichte depressive Episode)
und
ICD-10
F43.0
(akute Belastungsreaktion
)
behandelt w
orden sei
(Ziff. 3)
. Ebenso
nannte der Arzt als (nicht-medizinischen) Grund
das Arbeitsumfeld
der Klägerin, welches
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
habe
(Ziff. 7)
,
und
hielt fest,
dass eine neue Arbeitsstelle bei einem anderen Arbeitgeber zumutbar und möglich sei (Ziff. 7.2). Die Arbeitswiederaufnahme sei ab 1. September 2018 geplant gewesen (Ziff. 8).
5
.4
Dr. med.
D._
,
Oberarzt
an
der
Psychiatrischen Klinik C._
,
berichtete am 29. Januar 2019 dem vertrauensärztlichen Dienst der Beklagten (Urk. 2/13
= Urk. 13/26
).
Er stellte die folgenden Diagnosen (S. 1 Ziff. 1):
-
m
ittelgradige depressive Episode mit 100%iger Arbeitsunfähigkeit (ICD-10
F32.1); Differentialdiagnose: rezidivierende depressive Störung, gegen
wärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
-
Opiatabhängigkeit mit Substitution, ohne
Beikonsum
(nach eskalierter Schmerztherapie im Rahmen des Morbus Bechterew), ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
Anamnestisch führte er aus,
die depressiven Beschwerden mit Exazerbation vor
bestehender Schlafstörungen,
labilem, gereiztem und
klagsame
m
Affekt und An
triebsstörung hätten
seit zirka September 2018
im Rahmen einer belastenden
Situa
tion am Arbeitsplatz (Überforderung, Abwertung durch Arbeitgeber, intrans
parente oder fehlende Lohnauszahlung) begonnen. In der Folge sei
es
zum Arbeits
platzverlust, Überforderung mit persönlicher finanzieller Situation, Exazerbation
der Depression mit Schuld, Scham, Insuffizienzgefühlen, sozialem Rückzug, massi
vem Antriebsmangel
und
vegetativen Beschwerden gekommen. Im Januar 2019 sei mit antidepressiver Therapie begonnen worden (S. 1 Ziff. 2).
Aktuell und bis auf weiteres würden wöchentliche psychiatrisch-psychologische Einzelsitzungen abgehalten. Zusätzlich erhalte die Klägerin administrative Unterstützung durch hausinterne Sozialarbeiter (S. 2 Ziff. 4.1). Subjektiv äussere die Klägerin Befürch
tungen bezüglich Wohnungsverlust, dauerhafter Arbeits
losigkeit, Trennung vom Partner und
Schulden. Ebenso leide sie subjektiv an Überforderung, Kraftlosigkeit und Antriebsmangel (
S.
2
Ziff. 6). Die Klägerin schlafe bis zu 14 Stunden am Tag. Sie könne ihre administrativen und sonstigen Pflichten nur mit Unterstützung erfüllen, könne den Haushalt nicht erledigen. Die Beziehung leide, da das klä
ge
rische Leiden im Vordergrund
stehe
. Es bestünden keine Tagesstruktur und massi
ve Konflikte mit den Eltern (
S.
2
Ziff. 7). Eine Anpassung der Tätigkeit im Vertrieb von
Medizinalprodukten
sei nicht notwendig, die bisherige berufliche Tätigkeit könne bei einem anderen Arbeitgeber zugemutet werden (
S.
2
Ziff. 9 und 10). Retrospektiv bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit aufgrund der depressi
ven Beschwerden sicher ab Oktober 2018, als sich die Klägerin erstmals in diesem Zustandsbild vorgestellt habe. Anamnestisch hätten die Beschwerden im Septem
ber 2018 begonnen, was gut mit der Eskalation mit dem Arbeitgeber zusammen
passe, jedoch aufgrund versäumter Visiten nicht habe objektiviert werde können. Verlaufsanamnestisch fänden sich bereits im Juli 2018 depressive Beschwerden, die jedoch damals (noch) nicht arbeitsrelevant gewesen seien und nicht im Zu
sammenhang mit einer Depression, sondern als adäquate Reaktion auf die Belastungen am Arbeitsplatz interpretiert worden seien (
S.
2
f.
Ziff. 11).
5
.5
Mit Zeugnis vom 19. Februar 2019 (Urk. 13/29) attestierte Dr.
D._
eine seit 1. Oktober 2018 bestehende und noch voraussichtlich für weitere zwei Wochen andauernd
e
vollständige A
rbeitsunfähigkeit, welche
von ihm
am 1. Oktober 2019
rückwirkend seit 1. Oktober 2018 und
für
künftig
weitere fünf Wochen verlängert wurde (Urk.
2/15 = Urk.
13/41).
5
.6
Am 13. November 2019 beantwortete Dr.
A._
Fragen des Rechtsvertreters der Klägerin (Urk.
2/11 = Urk.
13/42). Er nannte als Diagnose eine Reaktion auf schwere, nicht näher bezeichnete Belastung (ICD-10 F43.9) und führte aus,
die Klägerin sei am 30. Juli
(richtig: 31. Juli)
2019 bei ihm in Konsultation gewesen. Das primäre Symptom sei ein rezidivierendes Erbrechen
sowie
Durchfall gewesen. Es habe kein
somatischer
Grund dafür eruiert werden können, sodass das Erbre
chen psychosomatisch gewertet worden sei. Schon während der Anamnese sei aber auch zum Vorschein gekommen, dass die Klägerin vom Chef arbeitstech
nisch und arbeitszeitlich belastet und trotz guter Arbeit im Verlauf dann freige
stellt worden sei. Der Grund habe darauf beruht, dass sie eine Präsentation habe vorbereiten müssen, welche sie tagelang nur drei Stunden habe schlafen lassen. A
l
s diese dann endlich fertig gestellt gewesen sei, hab sie buchstäblich die Prä
sentation verschlafen, was als klares Zeichen einer Überlastung zu werten sei. Des Weiteren h
ätt
en sie schon damals Ängste aufgrund des Jobverlustes und die da
mit verbundenen Einnahmeverluste und der dadurch vorprogrammierte
Woh
nungs
verlust gequält. Es habe sich
deshalb eine Reaktion auf schwere Belas
tun
gen
gezeigt
, welche sie
gehindert habe
, zu arbeiten. Im weiteren Verlauf hätten die Belastungssituationen bei bestehender Arbeitsunfähigkeit deutlich zugenom
men.
5
.7
Mit Zeugnis vom 4. Dezember 2019 (Urk.
2/16 = Urk.
13/43) informierte med.
pract
.
E._
, Assistenzärztin
an
der
Psychiatrischen Klinik C._
,
dass
sich
die Klägerin seit dem 25. November 2019 in stationäre
r
Behandlung befinde, welche bis voraus
sichtlich zum 6. Januar 2020 daure
,
und attestierte der Klägerin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit vom 25. November bis einschliesslich 15. Dezember 2019.
Mit Zeugnis vom 6. Januar 2020 bestätigte der zuständige Arzt der
Psychiatrischen Klinik C._
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bis 19. Januar 2020 (Urk. 2/17).
5.8
Dr.
A._
führte am 20. August 2020 gegenüber der Fachstelle Erwachsenen
schutz des Bezirks Meilen aus, dass die Klägerin ihn zum ersten Mal am 31. Juli 2018 wegen Schlafstörungen und einer Mobbing-Situation am Arbeitsplatz
au
f
gesucht habe
. Die zweite Konsultation
am 10. August 2018
sei wegen einer Harnwegsentzündung erfolgt. Jedoch hätten sie auch damals primär über ihre Schlafstörungen und Zukunftsängste nach Arbeitsverlust gesprochen, weshalb er ihr schon damals empfohlen habe, psychologische Unterstützung aufzusuchen (Urk. 2/12).
5
.9
Aus dem Arztzeugnis vom 14. September 2020 von
Dr.
D._
geht hervor, dass die Klägerin seit dem 21. Mai 2014 in Behandlung
st
ehe
und wegen Krank
heit und im Rahmen der stationären beziehungsweise teilstationären Behandlung vom 20. Januar bis inklusive 30. September 2020 vollständig arbeitsunfähig
ge
wesen sei
(Urk. 6).
6
.
6
.1
Wer aus einer behaupteten Tatsache Rechte ableitet, ist für deren Bestehen bewei
spflichtig (vgl. vorstehend E.
3.1
f.
). So obliegt der versicherten Person der Beweis für eine
behauptete Arbeitsunfähigkeit
.
6
.2
Die Beklagte
bestreitet eine
Arbeitsunfähigkeit der Klägerin infolge
Erkrankung
ab 30. Juli 2018
beziehungsweise weist auf den fehlenden Nachweis einer Arbeitsunfähigkeit für den Zeitraum September 2018 hin
(vgl. vorstehend E. 4.2)
.
6
.3
Die Taggeldversicherungen nach VVG sind nicht an die Definition von Art. 6
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
gebunden, sondern können die Arbeitsunfähigkeit grundsätzlic
h frei in ihren AVB definieren (Kurt
Pärli
/Julia Hug, Freiwillige Taggeldversicherung nach KVG und VVG, in: Sabine Steiger-
Sackmann
/Hans-Jakob
Mosimann
(Hrsg.), Recht der Sozialen Sicherheit, Basel 2014, S. 551 N. 15.66
). In der Praxis verwenden sie oft Formulierungen, welche die Arbeitsunfähigkeitsdefinition von Art. 6 ATSG über
nehmen
(
Stephan
Fuhrer
, Kollektive Krankentaggeldversicherung - aktuelle Fra
gen, in: Jahrbuch SGHVR 2014 S. 71 und 78
).
Gemäss vorliegender Versicherungspolice hat die Beklagte mit der Arbeitgeberin der Klägerin eine Krankentaggeldversicherung «Business
Salary
» abgeschlossen
(Urk. 13/12; Allgemeine Versicherungsbedingungen, AVB,
Urk. 13/1). Die Versi
che
rungsleistung besteht in der Ausrichtung von Taggeld unter anderem bei krank
heitsbedingte
r Arbeitsunfähigkeit (vgl. Art.
1 AVB). Krankheit ist jede Beein
trä
ch
tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit, die nicht Folge eines Unfalls ist und die eine medizinische Untersuchung oder Behandlung erfor
dert oder eine Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat (Art. 3.1 AVB). Arbeitsun
fähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Ge
sundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Auf
gaben
bereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zu
mutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 3.4 AVB). Bei teilweiser Arbei
tsunfähigkeit von mindestens 25
% wird das Taggeld entsprechend dem Grad der Arbeit
sunfähigkeit ausgerichtet (Art.
1
2.1
AVB).
6
.4
6.4.1
Nach Lage der Akten
konsultierte
die Klägerin wegen rezidivierend
em Erbrechen und Durchfall am 31
. Juli 2018
ihren Hausarzt
Dr.
A._
. Da der Arzt
bei anfänglich beste
hendem Schwangerschaftsverdacht
kein
en somatischen
Grund eruieren konnte, wertete er die Beschwerden der Klägerin
in späteren Stellung
nahmen
als psychosomatisch und verwies auf eine Überlastungssituation am Arbeitsplatz (vgl. vorstehend E. 5.1
,
E. 5.3,
E. 5.6
, E. 5.8
).
Dies steht auch im Ein
klang mit der Beurteilung
durch
Dr.
D._
, welcher ebenfalls anfänglich von
einer Überforderung und einer Abwertung durch den Arbeitgeber berichtete (vgl. vorstehend E. 5.4). Insbesondere hielt Dr.
A._
in seinem ärztlichen Erstbericht vom 12. Januar 2019 fest, dass eine neue Arbeitsstelle bei einem anderen Arbeit
geber zumutbar und möglich sei und das Arbeitsumfeld der Klägerin
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gehabt habe (vgl. vorstehend E. 5.3). Demzufolge schloss die Beklagte auf eine Arbeitsplatzproblematik, mithin auf keine Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit (vgl. vorstehend E. 4.2).
6.4.2
Eine arbeitsplatzbezogene Arbeitsunfähigkeit liegt vor, wenn die Arbeitnehmerin nur in Bezug auf ihre konkrete Stelle an der Arbeit verhindert ist, im Übrigen aber ganz normal einsatzfähig und auch in ihrer privaten Lebensgestaltung (zum Beispiel Freizeit, Hobbys, Mobilität)
kaum eingeschränkt ist sowie ein neuer A
rbeitgeber aufgrund der die neue Stelle nicht tangierenden Arbeitsverhinderung keinen Anlass hätte, die betroffene Arbeitnehmerin deswegen nicht einzustellen. In diesen Fällen muss gemäss herrschender Lehre der Kündigungsschutz gemäss
Art. 336c OR entfallen (
Streiff
/von
Kaenel
, Rudolph, Praxiskommentar zu Art. 319-
462 OR, 7. Aufl.,
N 8 zu
Art. 336c OR
; vgl. auch Brühwiler, Einzelarbeitsvertrag, Kommentar zu den Art. 319-346 OR, 3. Aufl., N 3 zu Art. 336c OR).
Solche Konstellationen treten in der Praxis fast immer im Umfeld von psychischen Belastungssituationen am Arbeitsplatz auf (zum Beispiel Konflikt, Mobbing)
, wo
rüber vorliegend sowohl Dr.
A._
als auch
Dr
.
D._
berichteten.
Gemäss den AVB der Beklagten ist
Arbeitsunfähigkeit
definiert als
durch eine Beein
träch
tigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbere
ich zumutbare Arbeit zu leis
ten (vgl. vorstehend E. 6.3), womit vorliegend
überhaupt
fraglich ist, ob
die arbeits
platzbezogene Arbeitsunfähigkeit bei dieser Definition greift.
U
nter
Berücksich
tigung des Umstandes, dass die Klägerin am 6. Juni 2018 die Kündigung erhielt und gleichzeitig von der Arbeit freigestellt wurde (Urk. 2/6),
erscheint jedenfalls
ihre Erkrankung am zweitletzten Tag der Kündigungsfrist
- mithin fast zwei Monate später -
aufgrund einer Arbeitsplatzproblematik
beziehungsweise Über
las
tung
doch
etwas merkwürdig.
Auch helfen die Ausführungen der behandeln
den Ä
rzte nicht weiter, da zumindest Dr.
D._
erst von beginnenden Be
schwerden seit zirka September 2018 im Rahmen einer belastenden Situation am Arbeitsplatz berichtet
e
(vgl. vorstehend E. 5.4) und auch Dr.
A._
auf eine
Belastung am Arbeitsplatz
hinwies
, indes aber die Freistellung erwähnt
e
und die damit zunehmenden Ängste aufgrund des Jobverlustes, der damit verbundenen
fehlenden Einnahmen und des drohenden Wohnungsverlustes
medizinisch berück
sichtigt
e
(vgl. vorstehend E. 5.6).
Ausserdem nannte Hausarzt Dr.
A._
als
primäres Hauptsymptom rezidivierendes Erbrechen und Durchfall (vgl. vorste
hend E. 5.6)
beziehungsweise einen Schwangerschaftsverdacht (vgl. vorstehend E. 5.3)
sowie auch eine Harnwegsentzündung vom August 2018 (vgl. vorstehend E. 5.8).
Damit lagen
-
zu Gunsten der Klägerin
-
doch auch medizinisch ausgewie
sene Einschränkungen vor
, die si
ch
auch in ihrem privaten Lebensbereich
ein
schränkend auswirkten (
vgl. auch
der spätere
Hilfebedarf für administrative Pflichten, fehlende Haushaltführung und
Tagesstruktur;
vorstehend E. 5.4)
, die nicht ausschliesslich auf eine isoliert betrachtete (nicht zu berücksichtigende) arbeitsplatzbezogene Arbeitsunfähigkeit fussten.
Wie es sich damit aber genau verhält
beziehungsweise ob eine reine arbeitsplatzbezogene Arbeitsunfähigkeit der Klägerin vorgelegen hat
, kann vorliegend mit nachstehender Begründung
ohnehin
offen gelassen
werden.
6.5
Die Klägerin erhielt am 6. Juni 2018 die Kündigung per Ende Juli 2018 (Urk. 2/6).
Die vertraglich vereinbarte einmonatige Kündigungsfrist (vgl. Urk.
2/5 S. 8 Ziff. 3.3
) ist ab dem Vertragsende durch Rückwärtsrechnung zu bestimmen (BGE 134 III 354), mithin dauert
e
die Kündigungsfrist vom 1. bis 31. Juli 2018. Da die Klägerin
erst
am 30. Juli 2018 erkrankte, war die Kündigung gültig
(Art. 336c Abs. 2 OR)
und 29 Tage der Kündigungs
f
rist liefen ab 1. Juli 2018. Die Arbeits
unfähigkeitszeugnisse von Dr.
A._
vom 31. Juli und 10. August
2018 (Urk. 13
/2
und Urk. 13/3) wiesen eine vollständige Arbeitsunfähigkeit für die Zeit
vom 30. Juli bis 4. August und vom 6. bis 17. August 2018 aus.
Ein weiteres A
ttest von Dr.
A._
v
om 22. Oktober 2018 (Urk. 13/5)
bescheinigte eine Arbeitsun
fähigkeit v
on 100 % vom 17. August bis 31.
Oktober 2018. Dieses wurde jedoch erst Monate nach
dem
betreffenden beziehungsweise attestierten Zeitraum
aus
gestellt
. Die Glaubwürdigkeit dieses Arztzeugnisses wird dadurch erheblich redu
ziert, dass es einige Zeit später rückwirkend und damit nicht echtzeitlich ausge
stellt wurde. Gemäss Empfehlungen zur Ausstellung von ärztlichen Zeugnissen der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich sind rückwirkende Zeugnisse nur in Ausnahmefällen gerechtfertigt, wobei die Rückwirkungsdauer in jedem Fall eine Woche nicht überschreiten sollte (www.aerzte-zh.ch, unter Informationen, dann Merkblätter). Das Zeugnis vom
22. Oktober 2018
entspricht diesen Vorgaben keineswegs, zumal die Arbeitsunfähigkeit für eine längst vergangene Zeitperiode bescheinigt wurde.
Aus diesem Grund vermag dieses Zeugnis mangels echtzeit
li
cher fachärztlicher Bescheinigung nicht den Beweis für eine vorliegende Arbeits
unfähigkeit der Klägerin in dieser Zeitperiode zu erbringen. Aus fachärztlicher Sicht attestierte Dr.
D._
erst ab 1. Oktober 2018 eine vollständige Arbeits
unfähigkeit (vgl. vorstehend E. 5.5), wobei er darauf hinwies, dass verlaufsanam
nestisch bereits im Juli 2018 depressive Beschwerden bestanden h
ätt
en, die
jedoch damals noch nicht arbeitsrelevant gewesen seien (vgl. vorstehend E. 5.4).
Daraus folgt, dass mit echtzeitlich ärztlicher Bescheinigung nur eine lückenlose Arbeitsunfähigkeit der Klägerin bi
s 17. August 2018 ausgewiesen war
, wobei der 5. August 2018 auf einen Sonntag fiel und demzufolge vom Hausarzt nicht als
Kr
ankheitstag ausgewiesen wurde.
Demzufolge liefen die
restliche
n zwei
fehlen
de
n
Tag
e
der Kündigungsfrist ab dem 18. August 2018 und somit bis zum 19. August 2018 (Art. 336c Abs. 2 OR). Gemäss Art. 336c Abs.
3
OR
erstreckte sich das Arbeitsverhältnis bis Ende August 2018.
Zu diesem Zeitpunkt schied auch die Klägerin aus dem versicherten Personenkreis aus
(Art. 9.3
lit
. a AVB).
Da Dr.
D._
nachvollziehbar darlegte, dass die depressiven Beschwerden mögli
cher
weise im September 2018 begonnen und sicher ab Oktober 2018 zu einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit geführt hätten und zuvor lediglich eine nicht im Zusammenhang mit einer Depression stehende adäquate Reaktion auf die Belastungen am Arbeitsplatz bestanden habe (vgl. vorstehend E. 5.4)
,
und auch
aus der Anmeldung zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung hervor
geht
, dass
die gesundheitliche Beeinträchtigung erst ab September 2018 einge
treten sei (Urk. 13/24 Ziff. 6.1)
, lag folglich
im Zeitpunkt des Ausscheidens aus dem Arbeitsverhältnis
keine Arbeitsunfähigkeit der Klägerin
vor
.
Damit erlosch auch der Versicherungsschutz der Beklagten
per Ende August 2018
(Art.
9.3
lit
.
a AVB)
mit der Konsequenz, dass
für eine später eingetretene Arbeitsunfähigkeit keine Versicherungsdeckung
besteht
.
Da bei der Klägerin im Zeitpunkt der Beendigung des Arbeitsverhältnisses
-
wie erwähnt
-
keine krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit
(mehr)
bestand
und eine solche frühestens ab Oktober 2018 ärztlich
überwiegend wahrscheinlich
ausge
wiesen war (vgl. vorstehend E. 5.4 f.)
,
besteht
auch
keine Nachleistungspflicht der Beklagten (Art. 9.4 AVB)
. Ebenso wenig
ist
die Klägerin für allfällig später eingetretene Krankheiten und/oder Rückfalle gemäss Art. 17.2 AVB
versichert, zumal
auch ein Wechsel in die Einzelversicherung
gemäss Art. 11 AVB
weder
dokumentiert
noch von den Parteien erwähnt
wurde
.
Aufgrund der 30-t
ägigen Wartefrist
(vgl. Urk. 13/12 S. 2)
hätte
überdies auch
kein Anspruch auf ein Taggeld für die
ausgewiesenen
Kran
kentage im Juli und August 2018 bestanden.
Diesfalls
greift
gegebenenfalls
der gesetzliche Lohnfort
zahlungsanspruch der Klägerin gegenüber ihrer
ehemaligen
Arbeitgeberin ge
stützt auf Art. 324a OR.
6.6
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Klägerin den ihr obliegenden Beweis für die von ihr behauptete
,
ab
Ende August
2018 fortbestehende vollständige Arbeit
sunfähigkeit nicht erbracht hat.
Dies führt zur Abweisung der Klage.
7.
7.1
Das Verfahren ist kostenlos
(vgl. Art. 114
lit
. e ZPO
i.V.m
. § 33 Abs.
1
GSVGer
und das Urteil des Bun
desgerichts 4A_680/2014 vom 29. April 2015 E.
2.1; vgl. auch BGE 142 V 448 E.
4.1).
7.2
Die Beklagte wurde nicht durch einen externen Anwalt vertreten. Sie hat somit praxisgemäss - mangels eines besonderen
Aufwandes (vgl. BGE 110 V 72 E.
7) - keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (
BGE 133 439 E. 4;
Urteil des Bundesgerichts 4A_3
55/2013 vom 22. Oktober 2013 E.
4.2).
7.3
Nach § 34 Abs.
3
GSVGer
bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Pro
zesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert. Nachdem Rechtsanwalt
Urs P. Keller
keine Honorarnote eingereicht hat, ist die Entschädigung nach Erm
essen festzusetzen (vgl. Urk. 19
Dispositiv-Ziffer 2). In Berücksichtigung der vorstehend genannten Kriterien ist die
aus der Gerichts
kasse zu erbringende
Entschädigung von Rechtsanwalt
Urs P. Keller
bei Anwen
dung des gerichtsü
blichen Stundenansatzes von Fr.
220.-- (zuzüglich Mehrwer
t
steuer) ermessensweise auf Fr.
2‘6
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwert
steuer) festzusetzen.
Die
Klägerin i
st auf § 16 Abs.
4
GSVGer
hinzuweisen, wonach sie zur Nach
zahlung der Gerichtskosten und der Auslagen für die Vertretung verpflichtet werden kann, sofern sie dazu in der Lage ist.